Wissenschaftliche Beilage zum Programm des Falk-Realgymnasiums zu Berlin. Ostern 1886. Denknisse und Erinnerungen aus der Zeit der Erniedrigung Preufsens. Aus Th. G. von Hippels handschriftlichem Nachlasse mitgeteilt von Di*. Theodor Bach. 1886. Programm Nr. 96. BERLIN 1886. R. Gaertners Verlagsbuchhandlung Hermann Heyfelder. <0 94- 6 0-oo^Sfi^ttb Vorbemerkung. Herr Oberlehrer Dr. Güth, welcher die wissenschaftliche Abhandlung für das diesjährige Osterprogramm übernommen hatte, ist vor Weihnachten so schwer erkrankt, dafs er dieselbe nicht hat druckfertig herstellen können. Als Ersatz biete ich in den folgenden Mitteilungen weniger ein Stück eigener wissenschaftlicher Arbeit, als ein aus den hinterlassenen Papieren meines Grofsvaters unmittelbar sich darbietendes Bild der Verhältnisse, wie sie sich im Anfange dieses Jahrhunderts in Preufsen gestaltet haben, da die Stützen und Formen des alten Staatsgebäudes wankten und zerbrachen und die Besten der Nation sich allmählich um ihren König sammelten, um Staat und Vaterland neu aufzurichten. Und Theodor Gottlieb von Hippel gehörte selbst zu diesen Männern, welche an Preufsens Wiedergeburt treu und einsichtig mitgearbeitet haben. Im Jahre 1863, als wir das Jubiläum der Befreiungskriege feierten, hielt ich mich als Enkel für berufen eine Biographie dieses um König und Vaterland hochverdienten, aber damals nicht genügend gekannten und geschätzten Mannes herauszugeben. Ursprünglich gedachte ich ein nur wenige Blätter umfassendes Lebens- und Charakterbild zu veröffentlichen, aber die Arbeit wuchs mir unter den Händen, da mir nun — zum Teil leider sehr spät — von Verwandten so viel handschriftliches Material zuströmte, dafs ich es kaum bewältigen konnte und manches für spätere gelegentliche Veröffentlichung aufsparen mufste. Auch trat einer dieser Verwandten, mein Vetter Karl von Schleinitz l ), welcher sehr wertvolle Papiere besafs, als selbständiger Mitarbeiter ein. Das Buch erschien denn im Sommer 1863 unter dem Titel: „Theodor Gottlieb von Hippel, der Verfasser des Aufrufs: „An Mein Volk". Ein Gedenkblatt zur fünfzigjährigen Feier der Erhebung Preufsens, herausgegeben von Dr. Theodor Bach" (Breslau, Verlag von Eduard Trewendt). Aber auch nach dem Erscheinen des Buches sind mir von Verwandten noch manche schätzenswerte Beiträge übergeben worden, aus deren Mitte ich die nachfolgenden Veröffentlichungen herausgreife, da sie mir gerade ein ergreifendes Bild des Leidens und des Ringens a ) Karl von Schleinitz war den 14. November 1823 in Konitz als der älteste Sohn des damaligen Landrats, späteren Oberpräsidenten von Schlesien geboren. Seine Mutter war eine Tochter des Verfassers des Aufrufs. Nachdem er in Bromberg und Koblenz seine Gymnasialbildung vollendet hatte, bezog er die Universitäten Berlin und Heidelberg, um Jura et Cameralia zu studieren. Io Heidelberg fand er Eingang in das Haus des berühmten Historikers Schlosser, dessen Anregungen er es verdankte, dafs er neben seinen Fachstudien für sein weiteres Leben sich eine Vorliebe für die Geschichte bewahrte. Nachdem er sich in Bromberg, Strehlen und Breslau der juristischen Laufbahn gewidmet hatte, trat er 1854 in den Verwaltungsdienst über. Er arbeitete mehrere Jahre als Assessor und Regierungsrat in Gumbinnen und Magdeburg und wurde 1863 nach Trier versetzt, wo er im Herbste des folgenden Jahres plötzlich an einem Herzschlage starb. Von ihm rührt der gröl'ste Teil des VIII. Abschnittes (S. 133—199) der Monographie über Hippel her. Sein Name ist dort nicht genannt; es ziemt sich daher seinen Anteil hier ausdrücklich hervorzuheben. 1* nach neuer und besserer Gestaltung der vaterländischen Verhältnisse zu bieten scheinen. Hat uns aber das Andenken und Erbe des hingebenden Arbeitens und Schaffens jener Männer in den Kämpfen und Kriegen der jüngst verflossenen Zeit mit zum Siege verholfen, so bleibt es doppelte Pflicht für uns, diese Erinnerung wach zu erhalten, der wackeren Männer nicht zu vergessen, die, ihr Pfund benutzend, zum Dienst des Vaterlands gekehret ihre Kräfte. Zu ihnen zählt die Geschichte auch Hippel. Er gehörte, wie Beitzke sagt, jenen einsichtsvollen, redlichen, charaktervollen, mutigen und patriotischen Staatsmännern und hohen Staatsbeamten an, welche uns durch weise Gesetze und Anordnungen fähig machten, in dem grofsen Kampfe gegen den fremden Eroberer zu siegen. Theodor Gottlieb von Hippel wurde am 13. December 1775 zu Gerdauen in Ost- preufsen geboren, wo sein Vater Prediger war. In dieser ländlichen Zurückgezogenheit und in Arnau bei Königsberg, wohin sein Vater versetzt ward, wuchs der Knabe auf, bis ihn sein Oheim, der als humoristischer Schriftsteller wohl bekannte Geheime Kriegsrat und Oberbürgermeister Theodor Gottlieb von Hippel (geb. 1741, gest. 1796) zu sich nach Königsberg nahm. Im Hause dieses geistig so bedeutenden, originellen Marines, den Kant selbst einen „Plan- und Central- kopf" nannte, erhielt der Neffe zwar eine sehr strenge Erziehung 1 ), aber auch die mannigfachste geistige Anregung; denn neben Kant verkehrten hier u. a. auch Hamann und Scheffner. Die freudigen wie die schmerzlichen Empfindungen seines Herzens teilte er seinem vertrauten Freunde mit, der kein Anderer war als der nachmals unter dem Namen „Teufels-Hoffmann" so berühmt gewordene romantische Schriftsteller E. Th. A. Hoffmann. Beide bezogen die Universität Königsberg, um sich dem Studium der Bechte zu widmen. Hier hörte er auch Kant, von dem er den philosophischen Idealismus gewann, welcher der Leitstern seines Wollens und Handelns geblieben; denn gerade an einer so bevorzugten Natur wie Hippel hielt dieser ideale Aufschwung für das ganze Leben vor und es bewährte sich auch an ihm, was man von Kants Einwirkung sagt: „Die Gesinnung, welche aus dieser erhabenen Lehre sich herausbildete, das Pflichtgefühl, welches diese grofs gezogen, ist das charakteristische Merkmal jener Zeitperiode und hat mächtig dazu beigetragen, diejenige Kraft zu erzeugen und zu beleben, welche es vermocht hat den preufsi- schen Staat aus seinem tiefen Falle, der nicht zum mindesten von gesinnungsloser französischer Philosophiererei verschuldet worden war, wieder aufzurichten und auf der gesunden Grundlage zu befestigen, auf welcher er nunmehr begründet ist." In den Vorlesungen von Kraus sog er wie Auerswald, Schroetter, Schoen die volks- und staatswirtschaftlichen Grundsätze ein, welche für seine ganze spätere staatsmännische Thätigkeit bestimmend wurden. Hippel schlofs seine Universitätsstudien im Frühjahr 1795 ab, um sich dann nach Marienwerder zu begeben und bei der dortigen Kriegs- und Domänenkammer seine Beamtenlaufbahn zu beginnen 2 ). Als er von dem Oheim bewegten Abschied nahm, offenbarte dieser, der sonst *) Vergleiche meine Biographie Hippels S. 5—25. „Er überwachte seine Studien wie ein Geheimpolizist und seine leibliche Pflege wie ein Turnwart" — bemerkt vom Oheim ein Recensent meines Buches. s ) Die 38 Quartseiten umfassende gedruckte Doktordissertation Hippels ist vor einigen Jahren in meine Hände gekommen. Das Titelblatt lautet: Ommissionem sollennitatum in conficiendo et accipiendo testa- 5 — kein Freund von feierlichen Abschiedsscenen war, eine tiefe Rührung und sprach: „Hier hast du ein Andenken, das ich dir lange aufbewahrt. Es sind Briefe deiner Mutter. Werde, wie sie war. Lege die Briefe dir so, dafs du sie oft vor Augen hast. Sie können dir ein Amulet sein, wenn dir etwas Dummes in den Sinn kommt." Und nachdem er den Neffen mit heftiger Innigkeit an sein Herz geprefst, sagte er zu ihm mit segnender Gebärde die Worte: „Du sollst fortan mein Sohn sein, ja du wirst es sein. Gott segne dich!" 1 ) Er sollte den Oheim nicht wiedersehen; denn dieser starb bereits 1796. Er vermachte seinem Neffen ein Vermögen von 90 000 Thlr., welches in liegenden Gründen in Form eines Fideikommisses angelegt werden sollte. Der Testamentsvollstrecker Stägemann kaufte die Leistenau'schen Güter im Marienwerder'schen Kreise an; sie wurden damals auf 160 000 Thlr. geschätzt. Mit Landschaftsschulden übernommen, durch schlechte Wirtschaft von Inspektoren und Pächtern heruntergebracht, in den Kriegszeiten, wie wir sehen werden, furchtbar heimgesucht, haben sie dem Eigentümer wenig Genufs bereitet und gingen ihm endlich ganz verloren. Bald nach dem Tode Friedrich Wilhelms II. wurde er Landrat des Michelau'schen und Kreisjustizrat des Marienwerder'schen Kreises. Als solcher beschäftigte er sich eingehend und eifrig mit staatswirtschaftlichen und staatswissenschaftlichen Fragen und legte die Frucht seines Nachdenkens und Beobachtens in Aufsätzen nieder, die uns z. T. noch erhalten sind 2 ). Mächtig erregte und erschütterte ihn die Leidenszeit nach 1806. Aber freudigen und thätigen Anteil nahm er an den Plänen und Arbeiten zur Neugestaltung des preufsischen Staates 3 ). Im Jahre 1811 wurde er als Vertreter der westpreufsischen Ritterschaft zur Ständeversammlung nach Berlin gesandt, in welcher er sich so auszeichnete, dafs der Staatskanzler Hardenberg ihn als Staatsrat in sein Kabinet berief und ihm nicht nur alle ständischen und einen grofsen Teil der Finanzsachen, sondern auch die militärischen Angelegenheiten, soweit sie sein Ressort betrafen, übertrug. Es kam die Zeit des Umschwungs und der Erhebung. Hippel folgte mit Hardenberg dem König nach Breslau, wo er durch die dauernde Theilnahme an allen Mafsregeln zur Neubildung und Ausrüstung des Heeres in ein sehr freundschaftliches Verhältnis zu Gneisenau und Scharn- horst trat und wo er auch der Urheber und Verfasser des Aufrufs „An Mein Volk" wurde. Als Hardenbergs Begleiter folgte er dem Heere bis nach Paris im „schreibenden Hauptquartier". Nach dem Kriege erbat er sich das Präsidium der Begierung in Marienwerder, das er 1823 mit dem Oppelner vertauschte, nachdem er über 8 Jahre in seiner Heimatsprovinz segensreich gewirkt und wiederholt an den Sitzungen und Arbeiten des Staatsrats in Berlin teilgenommen hatte. Im Jahre 1837 nahm er den Abschied und siedelte nach Bromberg über, wo er am 10. Juni 1843 starb. Ich habe das Glück gehabt während seines letzten Lebensjahres dort mit meiner Mutter und meinen Geschwistern dem trefflichen Manne zur Seite zu sein. mento judiciali hodierno praeter formam protocolli judicialis adtribendamm in casu necessitatis excusari in- deque testamentum non infirmari. Praeside viro illustrissimo, viro jureconsultissimo, D. Dan. Christoph. Reidenitz, illustriss. Regiin. Pruss. Orient, assessore juriumque antec. ordinario, h. x. a. m. die XIX Mart. 1795 contra opponentes Leopoldura Manitium Regiom., Frideric. Pohl Gilgeb. Bor; Daniel Lindenau Rastib. Bor; jur. cult., defendet Theodor. Theoph. de Hippel, jur. cult. Regiomonti, typis G. L. Hartungi, typogr. reg. et academ. ') Vergleiche meine Biographie Hippels S. 36. 2 ) Vergl. Biographie S. 56—57 u. S. 62—82. ') Vergl. Biographie S. 98-125. - 6 — Um uns nun in den Anfang unseres Jahrhunderts, in jenes Jahrzehnt der schwersten Leiden und Verluste unseres Landes zurückzuversetzen, um aber auch die Stellung zu kennzeichnen, welche Hippel in dieser Zeit eingenommen, und damit diese und jene Ergänzung zu der in meinem Buche gebotenen monographischem Darstellung zu bieten, sei es mir gestattet hier aus Hippels handschriftlichem Nachlasse einiges zu veröffentlichen. Es ist einem Fascikel von Briefen entlehnt, die er an seinen Vetter, den damaligen Kammergerichtsrat von Tettau in Berlin, gerichtet und denen er selbst im Jahre 1837 die Aufschrift gegeben hat: „Briefe an Tettau mit etwas Zeit- und Lebensgeschichte". Sie umfassen die Zeit vom November 1805 bis zum März 1814. Der erste der vorhandenen Briefe ist am 26. November 1805 von Leistenau aus geschrieben, wohin sich Hippel zurückgezogen, als er 1804 auf den Landratsposten verzichtet hatte, um sich der Bewirtschaftung seiner Güter zu widmen. Nach langem Schwanken hatte Preufsen infolge der Verletzung seines fränkischen Gebietes durch französische Truppen sich der Koalition Englands, Bufslands und Österreichs in einer Weise zugewandt, dafs an eine völlige Aussöhnung mit Napoleon nicht mehr zu denken war, dafs man vielmehr von den Truppenmärschen nach der Westgrenze der Monarchie einen harten Zusammenstofs mit den Franzosen erwartete. Hippel schrieb damals: „Im allgemeinen gehe ich von meiner Überzeugung nicht ab, dafs unser Staat eine langwierige Spannung nicht aushalten kann, wenn nicht der Krieg sehr schnell und glücklich im feindlichen Lande nach Art der französischen Feldzüge geführt wird. Das Beispiel des siebenjährigen Krieges pafst nicht mehr auf uns. Friedrich kriegte und siegte durch sein Genie und durch die in Ephra- imiten verwandelten Guineen. Unser Papiergeld wird die letzten ersetzen; wer das erste? Welches Land die Milchkuh — Sachsen? Mein Hauptargument ist, dafs ich in der Mitte der Provinz wohne und täglich vermittelst meiner Augen und Ohren Erfahrungen zu sammeln Gelegenheit habe, währenddem Du Durchmärsche, Einquartierungen (7 Tage lang täglich neue bei den Übergängen über die Weichsel bei Thorn und Graudenz 1 ), Lieferungen gar nicht oder nur von der Revue her kennst. Verzeih' diesen Einwand ad modum Buddenbrockii 2 ). Dir geht es aber wie vielen gelehrten Statistikern. Stimmt das schön berechnete Facit auf dem Papiere, so ist die Sache richtig. Für mich ist der Geh. Registr. Krug eine warnende Lehre, in welcher tiefen Wiegenkindheit noch die preufsische Statistik sein mufs, wenn ein Werk bis in den Himmel erhoben wird, wovon ein Teil auf (ich wage nicht zu entscheiden, ob fehlerhaften) Theorieen, ein Teil auf das Resultat der kameralistischen Lügentabellen und ein Teil auf die Analogie nach beiden gegründet ist. — Ich erwarte stündlich eine genaue Nachricht, welchen Weg das Grenadierbataillon Below geht. Spätestens in 8 Tagen mufs es in der Nähe von Thorn sein. Die letzten Truppen werden erst in der Mitte des künftigen Monats an der Weichsel erwartet. Ich hoffe sehr wenig von der Mission des Min. H. 3 ) Dafs der russische Hof nicht anders unterhandeln ') Es wurden bekanntlich die ursprünglich an der russischen Grenze aufgestellten Truppen nach Westen vorgeschoben. 2 ) Buddenbrock war damals Präsident der Marienwerderschen Regierung. s ) Es ist wohl die Sendung von Haugwitz' nach Wien (November 1805) gemeint. Vergl. die Darstellung der Ereignisse und Verhandlungen bei L. Häusser, deutsche Geschichte vom Tode Friedrichs des Grofsen. II Bd. S. 638 ff. (IV Aufl.); meine Biographie Hippels S. 84 ff. — 7 — will als auf den Grundlagen des Luneviller Friedens, hat die Mission von Novosilzoff 1 ) geniig gezeigt. Dafs Napoleon aber nach seinem siegreichsten Feldzuge 2 ) den wichtigsten Hafen am mittelländischen Meere herausgeben sollte, läfst sich bei seiner Unbiegsamkeit wohl durchaus nicht erwarten. Mir scheint es also vorzüglich auf die Neigung des Wiener Hofes zum Frieden anzukommen, der übrigens, wie gewöhnlich, nicht anders als erniedrigend ausfallen und den Samen neuer Kriege enthalten kann. — Gott verleihe unsern Truppen und ihren Pferden nur gesunde Beine, um es mit der Schnellfüfsigkeit der Franzosen aufzunehmen. Für ihren Mut und ihre Arme fürchte ich nicht das mindeste." Der nächste Brief, welcher vom 12. Juni 1806 (aus Leistenau) datiert ist, bespricht nach Erledigung von Familienangelegenheiten die Verhältnisse der Landwirtschaft und die Lage des Landes: „Ungeachtet Du aus deinem Beisewagen viel schöne Saaten gesehen zu haben glaubst, so wäre ich noch heute sehr froh, wenn Du meine Boggenfelder mit 3 und meine Weizenfelder mit 4 Körnern garantieren wolltest. Noch mehr, ich gehe diesen Handel für den ganzen Cul- mischen, den ganzen Michelau'schen und % des Marienwerder'schen Kreises ein. Alle Gutsbesitzer — vielleicht ein paar ausgenommen — würden von dem Gewinn, den sie durch Deine Grofsmut dabei machten, mir selbst noch etwas zufliefsen lafsen. Ebenso ist's im gröfsten Teile von Ost- dreufsen. In der Gegend von Königsberg und Preufs. Holland fiel am letzten Mai seit 3 Wochen der erste Begen. In unserer Gegend hat es seit 3 Wochen nicht geregnet, und die Witterung ist seit dem Anfange Mai entweder drückend heifs — so wie seit einigen Jahren wieder — oder heftig kalt von austrocknenden Nordwinden begleitet gewesen. Die Boggenblüte wird schlecht, weil eben wieder Nordoststürme anfangen, und ebenso schlecht die Erwartungen vom Sommergetreide. Wer Dir von unserer Provinz etwas Anderes sagt, täuscht Dich vorsätzlich oder ist selbst getäuscht. Die Folgen des verflossenen Jahres fangen schon an sich zu zeigen. — Mich, der ich mich von meinem alten Patriotismus noch immer nicht losreifsen kann, drückt und ängstigt noch immer die schwankende Stellung des Staates. Gott gebe wenigstens bald Buhe und Frieden dem Handel, wenn schon ein Losreifsen von Frankreich nicht mehr möglich ist, dem unser Staat nun seine Seele einmal verschrieben hat. — Doch genug von odiosis!" Am 23. Oktober 1805 hatte Graf Finkenstein, der preufsische Gesandte in Wien, an seinen König geschrieben: „Eure Majestät kennen den Charakter Napoleons hinlänglich, um nicht zu wissen, dafs er die letzten Vorgänge 3 ) nie verzeihen wird, nachdem er so fest auf ihre Friedfertigkeit gezählt, dafs er es es gewagt hat, mit unverschämter Dreistigkeit Ihr Gebiet zu verletzen. Sie müssen darum auf einen Krieg gefafst sein, sobald er Österreich vollends zu Boden geschlagen hat." Österreich hatte am 26. Dezember 1805 den Frieden zu Prefsburg geschlossen, Haugwitz war am 15. Februar auf den für Preufsen so demütigenden Vertrag von Schönbrunn eingegangen. Die Zeit eines Krieges nahte heran, während noch die Lasten der vorjährigen Mobilmachung das Land drückten. „Du fragst mich über unsern Handel — schreibt Hippel am 12. Juli 1806 — ich weifs weiter nichts, als dafs es seit den schwedischen Blokaden in unsern Ostseehäfen keinen mehr *) Über die Sendung und das beleidigende Auftreten dieses russischen Unterhändlers in Berlin s. Häusser a. 0. II S. 551. s ) Es ist Ulm und Austerlitz gemeint. 8 ) Es ist die Kriegsdrohung Preufsens infolge der Ansbacher Verwickelung gemeint. giebt. Dafs Auerswald den Auftrag hatte der Kaufmannschaft jene 2 Millionen anzubieten, erfuhr ich in Königsberg; dort war darüber allgemeiner Jubel. — So viel ist in Betreff unseres Handels gewifs, dafs der Krieg mit England nur unsern Schiffen, nicht unserm Absatz durch dänische und schwedische Schiffe schaden würde; denn England hat mit uns gleiches Bedürfnis, den Handel mit uns nicht zu vernichten; aber der kleine Heldenkönig 1 ) verdirbt alles. In Pillau hat die schwedische Fregatte oder Kanonenschaluppe mit 18 Kanonenschüssen einen englischen Kauffahrer bis in den Hafen verfolgt und sich nicht eher zurückgezogen, als auf einige vernehmliche Zurückweisungen von den Landbatterieen. — Uns steht nach des Ministers v. Schroetter und wahrscheinlich Höherer Willen eine neue Operation bevor, die in der Absicht sehr gut ist, beim Adel aber ungeheuren Lärmen erregt — eine neue Klassifikation zum Behuf künftiger Kriegslasten. Ich bin von unserm Kreise zum Deputierten bei der Kammerkonferenz gewählt 2 ). Unser Kreis wird es wahrscheinlich ehrlich meinen, ganz Westpreufsen aber nicht. — Es eröffnet sich mir bei dieser Gelegenheit wieder eine Aussicht zum Eintritt in den Dienst. Ob ich davon — besonders bei den trüben — und lange trüben Aussichten des Landmannes Gebrauch machen soll und werde, davon binnen 4 Wochen." , Am 22. August 1806 kommt der volle patriotische Groll gegen Bonaparte zum Ausdruck: „Dein lieber Brief war mir eine sehr ersehnte Erscheinung. Je dunkler die Gewitternacht, desto erwünschter ist ein Wegweiser, und dieser war mir Dein Brief, ungeachtet ich ziemlich genau alles vorausgesehen und getroffen habe, wie es gekommen ist und kommen mufste. Nach meiner Überzeugung giebt es gegen die Anmafsungen des ungeheuren Bäubers nur ein Badikalmittel d. h. ein Krieg um die Existenz. Palliativmittel führen uns nur zur Auszehrung, zu immerwährenden Büstungen und Anstrengungen. Nie in meinem Leben bin ich ein besserer Patriot gewesen, als jetzt. Gern ziehe ich daher einen Schleier über alles, was nach meiner Überzeugung besser hätte sein können, um mit Wort und That in die Mafsregeln unserer Begierung einzustimmen. Du wirst es nicht für leere Worte halten, wenn ich Dich versichere, dafs ich mit meinem Tode gern den Sturz des Bäubers erkaufte, damit Europa und mein Vaterland diese Geifsel los wäre und meine Kinder wenigstens bessere ruhigere Zeiten erlebten, als uns zu Teil werden. Denn ich habe es schon längst als entschieden angenommen, dafs seine Habsucht — da seine Projekte auf England vereitelt sind, — die Kunst- und Geldschätze von Dresden und Berlin sowie ihre Arsenale gelüsten. Ich hoffe zur Vorsehung, dafs seiner Baub- und Bachgier, die uns und Sachsen die imposante Bewegung vom vorigen Herbst nicht vergeben kann, nun endlich ein Ziel gesestzt werden wird. Nur durch Preufsen, Deutsche kann er besiegt werden 3 ). Uns steht freilich ein trauriges Los bevor. Den 11. dieses hatte ich — der erste in dieser ganzen Gegend — zu ernten angefangen; den 13. traf die Nachricht der Mobilmachung ein. Den 23. hoffe ich mit dem Boggen erst fertig zu sein; alle meine Nachbarn sind viel weiter zurück. Weizen, Gerste, Erbsen, meistenteils auch Hafer ist noch lange nicht reif und höchst wahrscheinlich, weil wir erst seit vorgestern zwei Tage ganz ohne Begen gehabt haben, wird die ') Der König von Schweden Gustav IV. s ) Vergl. meine Biographie Hippels S. 85. s ) Auch in Berlin, in der Bevölkerung und in der Presse, war ein kriegerischer und patriotischer Ton angeschlagen worden. Am 7. August war die kriegerische Wendung entschieden, am 9. August kam die Mobil- machungsordre heraus. Vergl. Häusser II., 708 ff. 9 — Ernte bis Michael dauern. — Ich könnte Dir detaillieren, dafs mich — weil Lieferungen schon im Anzüge sind — jedes Kriegsjahr 4 bis 5000 Thlr. kosten mufs an direkten und indirekten Aufopferungen. Hätte ich denn nun so sehr Unrecht, wenn ich mein geringes Geschäftstalent, das mir Gott und meine Erziehung verlieh, das mir wenigstens der Krieg nicht rauben kann, dazu verwendete, um im Notfall mir und meinen Kindern die Subsistenz zu sichern? Ich dächte nicht. Doch ist diese Aussicht jetzt vorüber. — Dauert der Krieg einige Jahre, so geht jeder Gutsbesitzer zu Grunde, der an seinen Gütern nicht mehr als die Hälfte besitzt; denn alle Lasten werden auf den ganzen Wert gelegt. Ich gehöre auch zu jenen, doch wünsche ich den Krieg als Patriot." Mit dem nächsten (5.) Briefe, welcher am 10. September geschrieben ist und über welchem eine gewisse Gewitterschwüle gelagert scheint, teilt Hippel dem Freunde die Abschrift eines Aufsatzes mit, den ihm „sein Patriotismus gröfstenteils schon vor der neuen Rüstung in und durch die Feder gegossen hatte" und welcher den Gebildeten der Nation die neuen grofsen Aufgaben, die Preufsen zu lösen habe, ans Herz legen sollte. Der Freund sollte ihn drucken lassen, wenn er ihn zur Verbreitung für geeignet hielte und einen patriotischen Buchhändler ausfindig machte. „Ich schicke ihn Dir, sagt er', eigentlich nur für den Fall, dafs wirklich der Krieg ausbricht; denn sonst ist er zu grob. Scheint Dir das ganze Ding unpassend — ich kann darüber nicht urteilen, weil ich als Preufse nur Leidenschaft bin — so schicke es mir zurück. Meiner Absicht nach sollte es für den Gebildeten sein, was der „Korbflechter" für den minder Gebildeten ist 1 )." Es wäre höchst schätzenswert, wenn wir diesen Aufsatz des Verfassers des Aufrufs von 1813 noch besäfsen, um beide mit einander vergleichen zu können. Unwillkürlich regt sich auch der Wunsch in uns, dafs dieser Aufsatz oder Aufruf an die Gebildeten damals in das Kabinet des Königs gedrungen wäre und das von Lombard verfafste und von Gentz verbesserte Manifest vom 9. Oktober verdrängt hätte, das, wie englische Blätter bitter sagten, die Sprache einer Verführten war, die ihrem Verführer alle Schwachheiten vorwirft, die sie für ihn gehabt hat. Sieben Jahre später hat der König, sagt Häusser 2 ), in seinem berühmten Aufruf den rechten Ton angeschlagen, der zu dem Herzen drang; auch jetzt hätte die kurze und einfache Anrede aus der Feder von Gentz genügt, die der König erliefs. Aber die Staatsmänner, die Preufsen so tief herabgebracht, wollten, wie es schien, ihm keine Demütigung ersparen. Mit der Nachricht von der Jena-Auerstädter Niederlage kam des Manuskript zurück und wurde im Forst vergraben, wo es später wieder aufgefunden, aber unleserlich geworden war 3 ). Hippel fragt am Schlüsse seines Briefes: „Wird diesmal denn Knobelsdorff wieder der weise Minister sein, der uns eine zehn- monatliche Buhe erkomplimentiert? Oder gebraucht man sonst noch jemand zu den Negotiationen?" Charakteristisch ist noch eine andre Stelle des Briefes, welche sich auf die Truppenbewegungen bezieht. „Den 2. sah ich das Begiment Herzberg über die Weichsel gehen. Es ist wirklich schön und voll Mut. Der General hat beim Ausmarsch seiner Escadron bittere Thränen ') Mit einem Briefe vom 27. September (N. 6) sandte Hippel noch einige Abänderungen und Zusätze, doch bittet er im Falle des Druckes um Verschweigung seines Namens. „In meinen hiesigen Verhältnissen mag ich keinen Namen von Schriftstellerei, und am wenigsten Urteile darüber veranlassen. Hülf es nur hie und da etwas zu einer richtigen und festen Stimmung, so war ich schon überschwenglich belohnt." 2 ) Siehe Deutsche Geschichte II, 735. 3 ) Vergl. Hippels Beiträge zur Charakteristik Friedrich Wilhelms III. S. 23 und meine Biographie Hippels S. 86. F.-K.-G. 1886. 2 — 10 geweint 1 ). Hier kündigt das Gerücht, wahrscheinlich aus Südpreufsen, uns zwei russische Reserve-Armeen an, eine bei Elbing, eine bei Warschau, jede von 40 000 Mann — beide, denk' ich, vom Kampfplatz zu weit." An einer anderen Stelle berichtet Hippel dem Freunde: „Gewifs weifst Du schon, dafs durch eine Kabinettsordre, vom 14. August glaub' ich, die Lieferung zur 8 monatlichen Verpflegung aufs neue nach den nämlichen Grundsätzen befohlen ist wie voriges Jahr. Das weifst Du aber gewifs nicht, dafs ich mich — wahrlich diesmal sehr ungern — wieder habe überreden lassen beim Kabinett einzukommen und um eine vernünftige Repartition, an der am Ende doch das meiste liegt, zu bitten. Ich komme mir dabei wie die Katze vor, mit deren Pfote man die Kastanien aus dem Feuer holt. Mein Vorstellen mufs entweder sehr wahr oder sehr ungeziemend — welches doch sonst meine Weise nicht ist — sein, weil der Minister v. S., dem es mitgeteilt worden ist, zum grofsen Ärger des Kanzlers sehr bittere Bemerkungen darüber macht, z. B. von unzeitiger Kritik der obersten Staatsbeamten, welche leichter wäre, als Bessermachen u. s. w." Der folgende Brief vom 27. September 1806 besagt: „In der Anlage erhältst Du Dein Dimissoriale. Es fängt in dieser Verbindung 2 ) eine Lauheit hier an, die uns sonst unbekannt war. Zum Teil hat sie in der allgemeinen bangen Erwartung einer verhängnisvollen Zukunft ihren Grund, zum Teil auch in der aufs neue zunehmenden Teurung aller Bedürfnisse, die so manchem seine Teilnahme an unserem Institut erschwert. Ich bin gerade heute willens, dort die Errichtung eines Comites vorzuschlagen, welches die Einrichtung von Gesellschaften zur Unterstützung hilfloser Soldatenfamilien für unsere Provinz übernehmen soll. Vielleicht gelingt es mir, meinen guten Willen auch anderen einzuflöfsen. Darin sind Gott Lob auch hier alle einig, dafs jetzt nur durch die Anstrengungen unseres Staats der letzte Rest der Freiheit von Europa noch zu retten ist. Fiele unsere Monarchie — man erschrickt vor dem blofsen Gedanken —, so bricht Barbarei und Despotismus auch über uns herein. Doch ich hoffe viel, sehr viel Gutes. Nur bin ich mit der Langsamkeit unserer Vorschriften nicht zufrieden. Entscheidende Streiche müfsten ausgeführt werden, ehe die französischen Armeen zum Sammeln und zur Besinnung kommen. Es ist ja wohl klar, dafs das französische Kabinett mit tiefer Absicht zögert." Das grofse Unglück des Staates, welches durch die Niederlage von Jena-Auerstädt gekennzeichnet ist, die Selbstauflösung der Armee, die Ohnmacht des Beamtentums, die Apathie des Volkes, die trostlose Niedergeschlagenheit der Bessern, wie sie u. a. Häusser so ergreifend schildert, sie machten unseren Briefschreiber eine Zeit lang verstummen, vor allem aber wirkte so die schnelle Verschiebung des Kriegsschauplatzes in den Osten der Monarchie. „Schätze Dich glücklich, mein liebster Bruder, schreibt Hippel am 14. März 1807 von Marienwerder aus, dafs Du fern von dem Schauplatz der Greuel des Krieges in Deinem Vaterlande wohnst. Du wirst Dein Vaterland nicht mehr wiedererkennen. In Kurzem wird das Land zwischen der Weichsel und dem Pregel eine menschenleere Wüste sein. Der gröfste Teil ist es jetzt schon. Du wirst mich keiner Übertreibung beschuldigen, wenn Du erwägst, dafs in diesem Teile Preufsens die beiden Staaten- J ) Ein preußischer Heerführer, der beim Auszuge seiner Truppen weint! — Auch ein Zeichen der Zeit. Über die Unzulänglichkeit der damaligen Armee Napoleon gegenüber siehe Häusser II, S. 714 ff. a ) Es ist wohl die Loge in Marienwerder gemeint. ») Siehe a. O. IL, S. 749. Hippels Biographie S. 87 ff. — 11 — kolosse auf einander gestofsen sind und ihre Armeen nun seit drei Monaten darin hausen. — Das Elend Sachsens und der Marken ist dagegen, was das Soldatenspiel der Knaben oder eine Revue gegen den wirklichen Krieg ist, sowie die Schlacht von Preufs. Eylau die fürchterlichste sein soll, die vielleicht seit einem Menschenalter vorgefallen, mit der die von Marengo, Austerlitz, Jena nicht zu vergleichen sind. — Mit Beurteilung und Unterscheidung gelesen, werden die Zeitungen Dir schon Licht geben. Wir wissen hier selbst kein Detail. Über Leistenau (Hippels Gut) geht jetzt auch eine Militärstrafse, weil eine andere nähere schon ganz und gar verödet ist, Mit Königsberg ist schon lange alle Postkommunikation unterbrochen und noch nicht hergestellt. — K. und wir haben das Glück in unserem Hause ausgezeichnet gebildete französische Offiziere zur Einquartierung zu haben, fast immer von der Artillerie oder dem Corps de Genie. Einer von ihnen hat uns erzählt, dafs eine bedeutende Anzahl gefangener Offiziere ausgewechselt wird." Acht Tage darauf, am 21. März, berichtet er dem Freunde: „Seit meinem letzten Briefe ist die Lage unseres Kreises und unserer Provinz noch trauriger geworden. Da alle übrigen Gegenden ausgezehrt sind, unterhält unser Kreis und die Weichselgegend von Marienwerder bis Elbing die ganze französische Armee, und es ist nun nicht mehr nach Wochen, sondern nach Tagen zu berechnen, wie lange noch Brot, nicht für den Armen —, sondern für uns alle hinreichen wird. Aufserdem hat die Weichsel bei Mewischfelde schon vor einigen Wochen den Damm durchbrochen, wodurch bis Marienwerder zu alle Ländereien unter Wasser gesetzt und alle Wintersaaten ersäuft sind. Mehr über diese Aussichten in die Zukunft zu sagen erspare ich Dir und mir. Nun, mein lieber, treuer Bruder, will ich dir, du willst es ja, eine treue Schilderung meines Lebens oder vielmehr Vegetierens während der letzten vier Monate geben. Mit dem Monat November gingen unsere moralischen und physischen Leiden erst an; denn durch die Ankunft der vornehmen und hohen Versprengten lernten wir den Umfang unseres Unglücks — auch für die Zukunft — erst recht kennen. Mit Deinem trefflichen Bruder habe ich zu dieser Zeit manche unterhaltungs-, aber traurig-ahndungsreiche Stunden in Graudenz zugebracht 1 ). Gegen das Ende des November stieb von Graudenz alles weiter, und auch meine Frau bezog, müde der beständigen Unruhen, unser Winterquartier in Marienwerder. Bis zum 16. Dezember hielt mein Körper die beständigen Durchmärsche und Einquartierungen notdürftig aus; nun aber befand ich mich auf einmal zwischen den französischen und preufsischen Vorposten, so dafs ich Tag und Nacht den Besuchen der Patrouillen und ihren Gefechten ausgesetzt war. Da überdies auch für die Landschaft gesorgt werden mufste und ich noch der einzige war, der diesen Posten wahrnehmen konnte, so ging ich auch hierher, um so mit denen, die mir auf der Welt die Liebsten sind, gleiches Schicksal zu teilen. Hier haben wir manche böse und trübe, aber im ganzen doch Tage verlebt, die wenigstens durch freundliche und freundschaftliche Teilnahme erträglich gewesen sind. Zu den erstem gehört vorzüglich der 11. Februar, als Rouquette mit 300 Mann Kavallerie sich auf eine sehr alberne Art dem ganzen Lefebvreschen 2 ) Korps bei der Papiermühle entgegen- *) Hippel ritt während des Aufenthalts des Königs in Graudenz einen Tag um den andern dorthin, um zu fragen, zu raten und zu nützen. Vergl. meine Biographie Hippels S. 89.; Hippels Beiträge zur Charakteristik Friedrich Wilhelms III. S. 22—23. J ) Lefebvre zog damals zur Belagerung von Danzig heran, dessen Fall ihm den Herzogstitel einbrachte. 2* — 12 — stellte und seinen Rückzug durch die Vorstadt unser Haus vorbei so ungeschickt machte, dafs er vor Baldram eingeholt wurde und zwischen 100 bis 200 Gefangene, worunter auch Graf Lehndorff war, und einige Tote verlor — und dadurch die Stadt der gröfsten Gefahr aussetzte. Seit jenem Tage ist alle Gemeinschaft mit Danzig und Ostpreufsen jenseits der Passarge aufgehoben. So arm ich an Neuigkeiten sonst bin — wir haben natürlich keine Rönigsberger Zeitungen und die paar, die wir erhielten, waren unter aller Kritik elend geschrieben —, so will ich doch noch einige Ergänzungsworte hersetzen. Man fürchtet für die Gegend von Preufs. Eylau ansteckende Krankheiten; denn dort sind 36 bis 40 000 Leichen liegen geblieben und schlecht begraben. — Nach dem Zeugnis französischer Offiziere schlagen die Russen und Preufsen sich sehr gut, und um glänzende Vorteile zu erlangen, fehlt ihnen nur das ungeheure Genie ihres grofsen Gegners. — Marienwerder.bat jetzt eine Schiffbrücke über die Weichsel und am Brückenkopf wird rastlos gearbeitet, welches eine ganze Zahl Häuser und schöner Obstgärten kostet, von Busers Hause ab. — Noch ein Zeugnis bin ich mir schuldig, dafs ich nicht schönere und wahrere Soldaten gesehen habe, als das Lefebvre'sche Corps. Noch habe ich an Beyme 1 ) nicht schreiben können. Dieser als auf seiner Reise von Graudenz im November Mittag bei mir. Ich lieh ihm den Seneca, um die Abhandlung de consolatione zu lesen. Leistenau ist jetzt zugleich eine Post- halterei von 60 Pferden. Sie hat das Gute, dafs ich Gensdarmes zur Sauvegarde habe — leider zwei Monate zu spät. Meine sechsjährige Arbeit ist nun vernichtet 2 ). Gott helfe uns die Zukunft überstellen!" Man vergegenwärtige sich die Folge der Ereignisse und die Lage der.Dinge, wie sie so lebendig und ergreifend in Hobrechts altpreufsischen Geschichten geschildert ist: Nach der verhängnisvollen Doppelschlacht vom 14. Oktober die zerstreuten Abteilungen des geschlagenen Heeres zur Waffenstreckung genötigt, die bedeutendsten Festungen übergeben, Napoleon am 27. Oktober in Berlin, von wo aus er die Kontinentalsperre verhängt und schnell gegen die Weichsel anrückt, um die Polen zu insurgieren, sich hier mit den Russen zu messen und Winterquartiere (in Warschau) zu beziehen; Stein (am 4, Januar 1807) in Ungnaden entlassen, die preufsisehe Heeresmacht nur noch in Trümmern vorhanden, der Feind überall in raschem Vordrängen, England und Österreich ohne Teilnahme, nur bei Rufsland noch Hilfe, die eigene Macht auf 25 000 Mann und auch den Raum von Thorn und Graudenz bis Königsberg eingeschränkt; nach den blutigen und hartnäckigen, aber unentschiedenen Kämpfen bei Pultusk (25/26. Dez. 1806) der Rückzug Lestocqs, des preufsischen Oberbefehlshabers, hinter die preufsischen Seen; dann endlich am 7. und 8. Februar jenes furchtbare Ringen bei Preufsisch Eylau 3 ), das mit Erschöpfung beider Teile endete, jene altpreufsischen Gegenden aber immer härter und länger die erdrückende Wucht der Winterquartiere und Heereszüge empfinden liefs. Wie dies Elend immer weitere Kreise schlug, geht aus dem nächsten Briefe hervor, welcher aus Marienwerder vom 11. April 1807 datiert ist: „So wenig Tröstliches. Erfreuliches oder auch nur Neues ich Dir •) Über Kabinetsrat Beyme, den damaligen eigentlichen Leiter der auswärtigen Angelegenheiten, siehe u. a. Hausser III, S. 52 ff. 2 ) Der auf den Leistenau'schen Gütern 1806—7 angerichtete Kriegsschaden ward von der Landschaft auf 66 000 Thlr. geschätzt, eine Taxe, die von manchem für zu niedrig erachtet wurde. s ) Über dieses siehe Häusser II, S. 70 ü". — 13 — schreiben kann, so sehr ist es mir Bedürfnis Dir mitzuteilen, was ich Dir über unser Schicksal irgend mitteilen kann. Unsere Lage ist seit meiner letzten Zuschrift nicht eben anders, aber ein jeder Morgen gesellt neue Übel zu den alten. Wir, die wir uns von ihnen gedrückt finden, werden so stufenweise daran gewöhnt, dafs wir ihre Last erst dann recht empfinden, wenn wir die jetzige Zeit mit einer entfernten so vor zwei Monaten vergleichen, als wir uns auch schon unglücklich fanden. Und nun — welch ein Unterschied! Dafs die Regierung zum Lazarette eingerichtet wird, dafs dazu noch mehrere Gebäude, z. B. die vom Landgestüt, genommen werden sollen aufser der Schule, die schon seit 4 oder 6 Wochen dazu dient, dafs Litschen, Arensdorff und andere grofse Landhäuser ebenfalls zu Lazaretten dienen sollen, wird Dir aus Briefen von K. bekannt sein. Mir ist das Traurigste von allem, meine Leute elend zu sehen und durchaus nicht helfen zu können. In Leistenau wüten Ruhr, Faulfieber — Folgen des Elends; täglich sterben Menschen, und ich kann nicht helfen. Gesunde Lebensmittel sind nicht mehr zu schaffen, und wären sie irgendwo, so ist keine Sicherheit des Transports. Dies alles zusammengenommen wird mich dahin bringen müssen, meine Frau und Kinder in irgend einen ruhigem Winkel der Erde vor Krankheit und Hunger bei Zeiten sicher zu stellen. Wundere Dich daher nicht, mein teurer Bruder, wenn Du nach einigen Wochen Nachricht über mich aus Galizien oder Ungarn erhältst oder wenn Du mich gar in Berlin siehst, um eine Bauernhütte in Holstein zu beziehen. Alle meine Freunde sind hierüber eins mit mir, nur werden die meisten durch ihr Eigentum oder andere Fesseln gehalten. — Am 8. dieses habe ich endlich auch den merkwürdigsten, gröfsten Menschen unseres Jahrhunderts gesehen. Er hielt gegenüber dem Reuter'schen Hause in seiner bekannten einfachen Kleidung wenigsten 3 Minuten lang so unbefangen und so entblöfst von allen Garden und aller Umgebung, die ihn wegen seiner ungeheuren Schnelligkeit erst erreichte und doch in einiger Entfernung blieb, als er wieder im Begriff war abzureiten, dafs ihn männig- lich sehen und betrachten konnte und auch mir seine Züge auf immer eingeprägt sind. Er hat mehr die Mienen eines Gelehrten und grofser Bonhommie als die eines Helden und Eroberers. Er wartete auf Limonade aus dem Buddenbrock'schen Hause, die ein ungeschickter französischer Bedienter dreifsig Schritte von ihm zur Erde warf. Nun wandte er den Schimmel und ritt mit eben der ungeheuren Eile davon. Am 4. hätte ich ihm in Finkenstein vorgestellt werden können, wenn mich nicht besonders das Bewufstsein des Mangels an französischer Sprachfertigkeit abgehalten hätte, Mitglied einer Deputation zu sein, die ihn bewillkommnete, zugleich aber die Lage der Provinz schilderte und um Erlafs der geforderten Lieferungen, die für die Provinz — diesseits der Weichsel — uuerschwinglich sind, bat. Er ist äufserst gnädig gegen sie gewesen, hat gänzlichen Erlafs aller baren Kontributionen, auch einige Erleichterung der Naturalleistungen versprochen und hat sich überhaupt länger als eine Stunde mit ihnen unterhalten. Er hat sich dabei der merkwürdigen Äufserung bedient: „Ihre Provinz ist höchst elend, höchst unglücklich; ich weifs das alles, mehr als Sie selbst wissen und kennen". Graf Groben auf Neudörfchen, Dein Onkel Schleinitz und Begierungsrat Hüllmann waren Deputierte. (Alexander) Graf Donna, der Kammerdirektor, war als Sohn des abwesenden Besitzers zufällig dabei. Sie sind von der Anmut des Kaisers — das ist strenge Wahrheit — bezaubert. Ein sehr possierlicher Vorfall ist dabei der, dafs Dein Onkel, der um 9 Uhr mit den Übrigen bestellt gewesen, sich in Rosenberg — nach gewohnter Weise — verspätet und den Kaiser 1% Stunden auf sich warten lassen. Ich habe das Verdienst, wenn irgend etwas Gutes dadurch gewirkt worden, diese ganze Deputation — 14 — in Gang und zu Stande gebracht zu haben 1 )." — Am Schlüsse des Briefes kommt Hippel noch einmal auf die Not des Grofsgrundbesitzes zu sprechen: „Der dritte Teil aller Güter werden nach meiner innigen Überzeugung zum Konkurse kommen und ihre Besitzer Bettler. Daran ist auch die Landschaft Schuld; denn ohne die Leichtigkeit Schulden zu machen wären weniger Güter verschuldet. Und der dadurch bewirkte Wohlstand ist mit einem Male dahin. Das ersetzen Englands Subsidien nicht. Den vollen, übervollen Beweis sollst Du zu gelegener Zeit erhalten. Ich habe Memoires über diesen Gegenstand jetzt machen helfen und habe die Daten dazu unter Händen gehabt. Meine sechsjährigen Bemühungen sind alle verloren. Fink rechnete seinen Verlust vor 14 Tagen auf 40 000 Thaler, und seine Güter sind ungefähr nach der Taxe des Landrats V mehr wert als die meinigen. So geht es uns allen." Am 25. April 1807 setzt er seinen Bericht fort: „Colomb sprach ich sowie den General Blücher, seine Söhne und Lieutenant Eysenhardt in Bosenberg am 15. und 16. d. M. Ich hielt mich dort VA Tage auf, um in Finkenstein mit Schleinitz dem Minister Berthier ein Memoire — als Supplement des Vorstellens an den Kaiser — über die hilf- und trostlose Lage Westpreufsens diesseits der Weichsel zu übergeben. Konnte ich als Preufse es nun wohl versäumen, einen ächten Preufsen zu sehen und ihm zu huldigen? Vierzehn Tage — bis zur Ankunft des Generals Victor — haben sie in Bosenberg verweilt und sind erst den 23. zur preufsischen Armee gegangen. — Wir sind hier noch in der alten Lage, mir hat jeder neue Tag immer mehr der Plagen als der vergangene, wie bisher. Natürlicher Weise hat jede Anstrengung und Ausschöpfung ihr Ziel — Erschöpfung, woran der gröfste Teil schon und in wenigen Tagen auch das Ganze ermattet. Die Gewitter ziehen, wie es scheint, schon zusammen; wie und wo die Explosion erfolgen wird, weifs Gott, immer in unserer Nähe. — Drei schlesische Deputierte an den Kaiser hab' ich vor Kurzem gesprochen, Graf Bethusy, Malzahn und den Weihbischof von Breslau. Schlesien ist jetzt ein Paradies gegen unser Vaterland. — Dafs ich in Finkenstein gewesen bin, habe ich schon erwähnt; dafs ich da gesehen habe, was zu sehen ist, kannst Du denken, nämlich Parade, Garden, Prinzen, Musikanten, Minister, Pferde, Generale u. s. w. Dabei aber die höchste Stille und Buhe." Der folgende Brief vom 16. Mai 1807 zeigt wiederum eine Steigerung der Leiden jener Gegend vor der Schlacht bei Friedland (14. Juni): „Wenn Du plötzlich hierher versetzt würdest, würdest Du unsere Ansicht sehr milde finden, da jede neue Stufe des Elends das alte uns zur Alltäglichkeit, das neue zur Gewohnheit macht. Brot wird auf dem platten Lande auf der Höhe immer seltener. Immer mehr Gutsbesitzer, Wirtschafter, Pächter verlassen ihre Wirtschaften, weil alles Brot fehlt und alle Mittel, z. B. die Pferde, zur Betreibung der Wirtschaft. Was an Vieh die Konsumtion übrig läfst, wird Opfer der echten Viehseuche, die schon im Michelau'schen und in und bei Münsterberg, Finkenstein, Biesenburg, Bosenberg, Falkenau, Fauler, Schömberg und im Deutsch-Eylau'schen verheerend wütet. Die alte gute Ordnung, die sonst dergleichen ') Über diese Audienz ist von mir in Hippels Biographie S. 90—92 ausführlicher berichtet. Hippe] hatte die Vorstellung verfafst, Graf von Finkenstein sie ins Französische übersetzt. Den Eindruck, welchen Napoleon auf Dohna gemacht, gab er Hippel in den Worten wieder: „Sie haben Ihren Eigensinn, dafs Sie nicht mitkamen, zu bereuen. Sie würden Tausende darum geben, alles angehört zu haben. Der Kerl ist ein Tyrann, versteht es aber so liebenswürdig — so liebenswürdig zu sein, dafs man fast aufhören könnte ihn zu hassen." Siehe auch Hippels Beiträge S. 30. 15 Übel im Entstehen erstickte, ist jetzt unanwendbar, weil das Militär keine solche Einrichtung beobachten kann und die Leidenden selbst abgestumpft erstarren. In vielen Gegenden, z. B. in Naumburg, Strafsburg\ herrschen ansteckende Faulfieber und Fleckfieber. Wenige Sommerfelder sind ganz, keine gut bestellt. Die Wintersaaten sehen vortrefflich aus; ich selbst habe seit den 10 Jahren meines Besitzes in Leistenau nie ähnliche gehabt; aber schon werden Sicheln zum Grünfouragieren der Kavallerie verteilt, schon hüten die Trainpferde darauf, und wo Vieh zur Armee getrieben wird, geht's auch darüber her. Vor ungefähr 8 Tagen war mein bestes Wintersaatfeld bei Leistenau, weil es das oberste ist, zur Bevue ausersehen, die Prinz Murat über eine Kürassierdivision, die in jener Gegend noch ruhig kantonniert, halten sollte. Du kannst denken, mit welch beklommenem Herzen ich des vornehmen Besuchs wegen hineilte. Denke Dir aber auch meine freudige Überraschung, als ich mein Feld leer sah. Die Sache war abgeändert und Bischofswerder ward dies Los zu Teil. — Mich hält die Überzeugung aufrecht, dafs diese ungeheuren Übel einen grofsen Zweck haben, und das Vertrauen auf mich selbst, dafs — die Vorsehung mag über mich verhängt haben, was sie wolle — ich im Stande zu bleiben hoffe, mir, wo es auch sei, durch Thätigkeit meinen und der Meinigen notdürftigen Unterhalt zu erwerben. — Du hast sehr recht, teurer Freund, dafs Pflicht für meine Leute zu sorgen mich hier zurückhalten mufs. Die Armeen mögen weiter oder zurück gehen, so wird immer der Zeitpunkt eintreten, wo vielleicht durch einige Scheffel Getreide, die sich dann am Ende doch in Bufsland, Gallizien, Danzig oder Königsberg werden auftreiben lassen, ganze Dörfer vom Hungertode zu retten sind. Traurig ist's, dafs nur dann und dann erst Hilfe möglich ist. Früher ist keine denkbar. — Vor einigen Tagen habe ich Fink in Schöm- berg gesehen. Die Veranlassung war das Viehsterben bei ihm. Er war heiter. Bei ihm kantonnieren die Mameluken, die sich durch Menschlichkeit, ja Gemütlichkeit sehr vorteilhaft auszeichnen. Ist dies nicht die ärgste Satire auf unsre hochgepriesene Kultur? — In der Nähe der Armeen sind die Dörfer schon Gerippe — Scheunen und Ställe abgedeckt und das Stroh verbraucht. Der Schlufs des Briefes ist der Belagerung von Danzig gewidmet, dessen förmliche Ein- schliefsung durch Lefebvre am 12. März begann und mit der Übergabe der Festung am 26. Mai endete 1 ). „Wie sehr uns das Schicksal Danzigs interessiert, — heilst es da — wirst Du aus Deiner eigenen Teilnahme abnehmen. Wie sehr viel näher uns, die wir eine Zeitlang hindurch bei stiller und günstiger Luft das Abfeuern erner jeden Batterie, vielleicht jedes einzelnen Geschützstückes hören konnten. Näheres wissen wir nichts, als — aus dem Munde französischer Offiziere; wo sollten andre Nachrichten herkommen? — dafs es sich meisterhaft verteidigt. Wenn es möglich wäre, den niedrigen Schimpf der übrigen preufsischen Festungs-Gouverneure und Kommandanten in Lorbeeren — wenigstens um sein Haupt — zu verwandeln, so thut es Kaikreuth und Hamberger. Alle Stürme — es scheint, als wenn es nicht auf die gewöhnliche langweilige Art mit den 3 Parallelen, sondern ä coups de genie genommen werden soll — sind abgeschlagen und das Belagerungscorps hat vielleicht schon mehr verloren als in der furchtbarsten Schlacht 2 ). Die Sachsen allein haben an einem Tage 22 Offiziere verloren. Seit einigen Tagen sind nach französischen Nachrichten endlich Bussen gelandet. Die Zahl variiert zwischen 10 bis 25 000 3 ). ») Vergl. Häusser a. 0. III, S. 87—91. J ) Die treffliche Haltung Kaikreuths uud das naturalistische Ungestüm Lefebvres sind auch sonst vielfach historisch bezeugt. s ) Es sind die 5300 Russen und 1300 Preufsen unter Kaminskoi (dem Jüngeren) gemeint, welche in diesen Tagen bei Neufahrwasser landeten. - 16 — Auch soll gestern schon die englische Transportilotte sich auf der Rhede gezeigt haben. Französischerseits sind vor einigen Tagen die Grenadiere von Oudinot und heute hier durch ein Paar 1000 Mann gegen Danzig gegangen. Soviel ist nun wenigstens gewifs, dafs alles von Danzig abhängt. Das Gerücht setzt Blücher an die Spitze der Entsatzarmee. Gott weifs es. Viele Anzeichen deuten oder scheinen darauf zu deuten, dafs sowie in unserem Rücken, so auch vor uns der Ball beginnen wird. Wir wünschen und hoffen — ich wenig — Gott weifs den Ausgang! — Von Graudenz erfahren wir selten durch ein Paar Kanonenschüsse, dafs dort eine Festung existiert. Bis jetzt nützt und schadet sie keinem. Nur von Übergabe hört der alte Courbiere auch nicht gern. Nur der Hunger kann sie zu diesem Extrem zwingen; da sie aber gut mit allem versehen sein soll, so scheint dies Ziel noch ferne." Am 20. Mai fügt Hippel hinzu: „Ich habe gestern in Rosenberg, wo die kaiserliche Armeedruckerei sich befindet, zwei Bulletins gelesen, wonach die Angriffe der gelandeten Russen, den Holm und die Kalkschanze wiederzunehmen, abgeschlagen, auch den über die Nehrung vorgedrungenen Preufsen 8 bis 900 Gefangene abgenommen sind 1 ). Dies ist ganz wahr und diese lange erwartete Landung scheint wieder nur halbe Mafsregel, sowie das meiste, was ihrer und preufsischer Seits geschieht. — Übrigens sind die Corps schon in Lager gerückt und die Gegenden umher werden zur Wüste. Aus vier Schömberg'schen Dörfern ist alles Vieh mit einem Male weggetrieben. So kommt es bald auch an unsere Gegend, ungeachtet mein regelmäfsiger Verlust schon gegen 300 Stück beträgt." Am 10. Juni, also am Tage des Treffens von Heilsberg und wenige Tage vor der Schlacht bei Friedland, schildert Hippel seinem Freunde die Lage folgendermafsen: „Mit wirklich pochendem Herzen harren wir hier auf den Ausgang blutiger Begebenheiten, auf die sich die beiden Staatenkolosse nun aufs neue seit 3 Monaten mit furchtbarer Anstrengung vorbereitet haben. Heute ist der Ausgang vielleicht schon entschieden, ungeachtet er uns noch verborgen ist, die wir nichts Anderes als nur Bruchstücke aus dem Munde französischer Blessierten über die Begebenheiten des 5. Juni wissen, nach welchen die ganze französische Armee, besonders aber bei Gutstadt das Corps von Ney plötzlich angegriffen und von Kosacken umschwärmt worden ist 2 ). Seit dem 6. sind alle Beserven — gestern der Rest unserer Garnison von Hessen — aufgebrochen, an deren Spitze, wie es scheint, der Kaiser steht. Uns ist diese Blitzesschnelle um so unerwarteter, da man uns von allen Seiten mit der nahen Friedenshoffnung schmeichelte und es uns aus Gründen bekannt war, wie ernstlich Napoleon es dieses Mal meinte. Auch so viel wufsten wir, dafs der preufsische Staat ganz und, wie es hiefs, mit besseren Arrondissements restituiert werden sollte. Die Nebenbedingungen müssen von der Art gewesen sein, dafs der ganze Friedensplan aufgegeben worden ist. Ich hoffe unser Heil — nicht das meinige, sondern das Heil des Staats — allein von einem Frieden, der uns uns selbst wiedergiebt. Man mufs ein Ultrapatriot sein und nicht sehen können oder sehen wollen, um bei der Barbarei, mit welcher jetzt die Kriege geführt werden, die Rettung unseres Staates von zertrümmerten Städten und Dörfern und menschenleeren Einöden zu erwarten. Ich resigniere auf alles Glück dieser Art und hoffe und wünsche ') Es war der Angriff der 3000 Preufsen unter dem wackeren Biilow. a ) Man vergleiche den Gang der Ereignisse, wie er bei Häusser III, S. 100 tf. geschildert ist. 17 - nur, dafs die Leichensaat, die höchst wahrscheinlich in dieser Woche gesäet wird, J uns den Frieden als Ernte geben möge. Ich hoffe es fest; denn auf die namenlose Erbitterung, mit der gewifs geschlagen wird, wird vielleicht allgemeine Erschlaffung und Sehnsucht nach Frieden folgen." Im letzten Teile des Briefes beschäftigt uns wieder das Schicksal von Danzig, dessen tapferer Besatzung von Napoleon freier Abzug mit allen kriegerischen Ehren gewährt worden war. Hippel berichtet: „Von Danzig hat Dir K. das Merkwürdigste geschrieben. Nur einiges kann ich ergänzen und hinzusetzen. Nur 30 Millionen Francs sind anfänglich als Kontribution gefordert. Auf 20 Millionen ist sie festgesetzt und soll zur Hälfte in Waren, Getreide, Tüchern, Wein und Bum, zur Hälfte bar gegeben werden. Deshalb war auch auf alle Warenlager dieser Art Beschlag gelegt. An Getreide sind aber nur ungefähr 9000 Last Weizen, sonst keine andere Getreidegattung vorrätig. Danzig leidet sehr viel. Der Wert der abgebrochenen und zum Behuf der Verteidigung abgebrannten Häuser der Vorstädte beträgt allein 2 800 000 Thlr. An die Erstattung ist nicht zu denken. Auf jedem Schritte begegnet man Bettlern; 20 Einwohner sind in der Stadt getötet, 44 verwundet. Der Schaden von zerstörten und zerschossenen Gebäuden war noch nicht zu übersehen. — Was ich Dir schreibe, ist authentisch. Vieles habe ich selbst gesehen. Nur aus der Beschreibung kenne ich sonst ähnliche Greuel der Verwüstung, als ich hier selber sah. Ganze Strafsen, von geschäftigen Menschen bewohnt, sind Hügel von Trümmern wie der Stolzenberg; vom Hagelsberge und in den Trancheen umgiebt einen der fürchterlichste Leichengeruch. Hier und da liegen noch Hüte, sogar eine Titusperücke fand ich. Kein Fufs breit Erde auf dem Ilagelsberge ist, der nicht von einer Kugel durchlöchert oder von Bombenstücken bedeckt, wo nicht ein Braver gefallen wäre. Keine Kanone ist da, deren Bohr nicht beschädigt wäre. — Seit dem siebenjährigen Kriege ist Danzig das erste Monument preufsischer Tapferkeit. Schade nur, dafs der Erfolg sie so schlecht belohnte. Seit dem Verluste des Holms war keine Kommunikation mit dem Hafen mehr möglich, und jenen verloren die Bussen dadurch, dafs sie durch ihren viertägigen Branntweingenufs berauscht, aller Offiziere beraubt, die in den Bordells in Danzig, also jenseits des Flusses waren, sich ohne alle Gegenwehr überfallen liefsen. Die Garnison war in der stärksten Periode nur 22 000 Mann stark und bis auf 7000 Mann geschmolzen, worunter aber über 2000 Mann Kavallerie und Kosacken waren, welche — besonders die Dragoner — Artilleristendienste sehr zweckmäfsig thaten; denn es sind zuletzt nur noch 150 Kanoniere übrig gewesen. 22 Offiziere sind geblieben, 60 verwundet, darunter einige noch sehr krank. Von den 7000 Mann Garnison ist kaum die Hälfte ausmarschiert, weil man ihnen beizubringen gewufst hat, dafs sie gegen die Türken ziehen würden. Die Polen haben Dienste genommen, die Pommern und Deutschen sind nach Hause gegangen. Von der rühmlichsten Seite haben sich ausgezeichnet die Bataillons Bembow-Füsiliere und Schmeling - Grenadiere und das Begiment Dierike, am schlechtesten das Begiment Hamberger, sonst Beinhardt. Täglich hat man zuletzt Musik auf dem Hagelsberge gehabt; der Tote ist gleichgültig aus den Beihen geworfen und nie ist wohl die Bekanntschaft und Verachtung des Todes weiter getrieben als hier. Die traurigste Erfahrung war mir der Anblick der Anlagen auf dem Holm, bei der Minde und am Damme nach Neufahrwasser hin. Nichts als Todesstille und Trümmer, aus denen hier und da ein Schornstein hervorragt. Nur in Fahrwasser sind noch Gebäude. — Übrigens ist es wahr, was das französische Bulletin sagt. Die französischen Sappeurs haben sehr viel gethan "und F.-H.-G. 1886. 3 — 18 — ungeachtet ihres Verlustes sich in der Erde bis in den bedeckten Weg des Hagelsbergs hineingearbeitet." Am 7.—9. Juli 1807 ist der Frieden zu Tilsit geschlossen worden, in welchem Preulsen seine Provinzen auf dem rechten Eibufer zurückerhielt, aber das Herzogtum Warschau und die Länder zwischen Elbe und Rhein abtreten mufste, und nach welchem, abgesehen von anderen Erniedrigungen, noch ein Besatzungsheer von 157 000 Mann in den preufsischen Landen zurückblieb, bis (am Ende des Jahres 1808) eine Kontribution von 120 Millionen Francs gezahlt war. Als Hippel seinen nächsten Brief am 11. Juli schrieb, waren ihm die demütigenden Bedingungen dieses Friedensschlusses noch nicht bekannt geworden. „Als Bürgern — sagt er — kehrt uns nun ja die Hoffnung besserer Tage zurück. Du wirst Dich meines letzten Briefes vom 10. Juni erinnern, worin ich hoffte, wünschte und prophezeite, was nun ganz eingetroffen ist, Frieden, als die Folge allseitiger Ermüdung und Erschlaffung, als das Ziel der Wünsche aller fechtenden Armeen. Zwar schwebt über dem Inhalt des Friedens das tiefste Geheimnis; wir haben aber Gründe genug zu erwarten, dafs unsere Nation nicht zu sehr dadurch erniedrigt wird. Über die Veranlassung, über den Gang zu jenem Besultate will ich Dir mitteilen, was mir nach Erzählungen französischer Militärs und deren Vergleichung mit den Erfahrungen unserer armen Landbewohner Wahrheit dünkt — die gewöhnlich in der Mitte liegt und die man nur ergründet, wenn man sich auf den Standpunkt des Weltbürgers stellt und sein Vaterland vergifst. Der 5. Juni 1 ) hätte sehr glücklich für die preufsische und russische Armee ausfallen können, wenn die russische Armee wahre Disciplin hätte und wenn ihnen ein anderer Feldherr, als der grofse, rastlose und unermüdliche Kaiser gegenüber gestanden wäre. Ihr Überfall auf alle Kantonnements und Lager, besonders auf das Ney'sche Corps war so still, kühn und glücklich ausgeführt, dafs einige Regimenter noch halb schlafend ihrer Feinde erst gewahr geworden und zur Zeit des Angriffs schon Kosacken im Rücken der französischen Corps gewesen sind. Statt aller weiteren Folgen haben die Russen aber nur die Lager geplündert. Den 6. und 7. waren alle französischen Reserven schon zusammen, die Russen mufsten in ihre frühere Stellung zurück. Den 10. wurde zu viel gröfserem Nachteil der Armee nach der Aussage ihrer eigenen Offiziere bei Heilsberg geschlagen. Zu gleicher Zeit wurde aber das Lestocq'sche Corps von den Russen getrennt und durch dies die letztern im Rücken bedrohende Manöver jenes nach Königsberg, diese nach Friedland gedrängt, wo sie mit dem Verluste von 60—80 Kanonen, aber wenig oder gar keinen Gefangenen geschlagen sind. Von da sind sind sie denn über den Pregel und Niemen, wie es jedoch heifst, mit Ordnung zurückgezogen, um Reserven an sich zu ziehen. Lestocq hat sich bei und in Königsberg — besonders nach der verlorenen Schlacht, von Friedland — gegen das vielleicht dreifach stärkere Soult'sche Corps unmöglich behaupten können und hat sich bekanntlich den 15. abends — wie es heifst halb im Wege des Parlamentierens — in musterhafter Ordnung zurückgezogen. Lestocq wird überhaupt ebenso sehr von seinen Landsleuten geliebt und von seinen Gegnern geachtet, als Rüchel gehafst und lächerlich gemacht wird, z. B. wegen der Don- quixoterie die Windmühlen vor dem Friedländer Thore abzubrennen. — Über das Unglück oder dessen Ursache der in Ostpreufsen — wo man seit 4—5 Monaten zu ihrer Bekanntschaft Ge- ') Es beziehen sich diese Mitteilungen auf die Gefechte an der Passarge. Häusser III., S. 100. — 19 — legenheit gehabt hat — fast allgemein gehafsten Russen ist man selbst auch nicht mehr im Dunkeln. Sie sind kärglich: ihre geringe Zahl — man schätzt sie nach allen Verstärkungen nicht höher als auf 80—100 000 am 5. Juni. Nach der Schlacht von Eylau weifs man nun gewifs, dafs sie nur 30 000 Mann gehabt haben. Das Phlegma und Alter ihres Feldherrn 1 ), eines zweiten Daun, die Feilheit und das Kabalenwesen ihrer übrigen Generale, die schlechte Verpflegung ihrer Armee, die durch den bodenlosen Eigennutz ihrer Lieferanten oft dem Verhungern nahe gewesen ist. Jenen Mängeln nun gegenüber der gröfste Feldherr seiner Zeit und die französische Armee mit ihren bekannten Eigenschaften — so konnten die Folgen nicht anders sein, als sie gewesen sind. Die wahre Bravour der Russen ist übrigens ihrer Würdigung wert. — Nach übereinstimmenden Nachrichten hat sich ja auch unsere Königin diesem Kaiserkongrefs angeschlossen. Es ist ein erhebender Gedanke: zwei Männer beisammen zu wissen, die Europa in Händen haben, sie einverstanden zu glauben über das Wohl der Menschheit, das Glück der Erde, eine Konstitution von Europa. Gerne sage ich: Amen." Ein kurzer Brief vom 15. Juli belehrt uns, dafs die hauptsächlichsten der schmerzlichen Friedensbestimmungen nun auch in Marienwerder bekannt geworden. Es heilst da: „Gestern ging der Kaiser — es giebt ja nur einen, der es zu sein versteht 2 ) — hier durch. Heute folgen ihm Berthier, Talleyrand. Das Licht, welches uns allmählich über den Frieden aufzugehen anfängt, ist eben nicht sehr glänzend, aber man mufs Gründe suchen sich zu trösten. Durch Neuost- und Südpreufsens Verlust geht uns für die Gegenwart an intensiver Macht wohl wenig verloren. Danzig bedeutet wohl mehr. Doch war Preufsen mächtiger ohne Danzig, als nach all diesen Besitznahmen. — Da wir nun alle mehr auf inneres stilles Wirken beschränkt werden, so wünsche ich nur — einen wenigstens 20jährigen Frieden und unserm Herrn einen Kopf zur Seite, der andern Köpfen gewachsen ist und der sein Vaterland mehr liebt als sich selber. Es giebt dergleichen ungeachtet des Zeitalters des Egoismus in unserm Staate vielleicht mehr als in irgend einem, Gott gebe nur den Suchern und Spähern Spürkraft sie zu finden. Dann, wenn aus den Trümmern der bisherigen eine neue Administration — besonders mehr Simplicität — hervorgeht, kann die Unglücksschule uns besser und glücklicher machen. — Meine Voraussetzungen sind aber von der Art, dafs ich sie selber nicht erwarte, und dies macht mich traurig, mifsmütig, hoffnungslos über den Zustand meines Vaterlandes. Wenige Monate nach dem Frieden werden uns belehren, ob ich Becht oder Unrecht habe." Auch der folgende vom 12. August 1807 datierte Brief ist reich an Betrachtungen und Mitteilungen über die Zeitverhältnisse. Hippel schreibt: „Seit beinahe 14 Tagen bin ich abwesend von hier gewesen, teils in Königsberg, teils in Leistenau. Dorthin war ich gegangen, um lang entbehrte Gönner und Freunde, z. ß. den Kanzler (v. Schrötter), wiederzusehen und über die neuen An- und Aussichten unseres reduzierten Vaterlandes unterrichtet zu werden. Den Kanzler J ) Benuigsen war 1745 geboren und hat noch 1813 bei Leipzig entscheidend mitgefochten. 2 ) Es bedarf kaum der Erwähnung, dafs diese Zwischenbemerkung keineswegs im Widerspruch mit sonstigen Äufserungen Hippels oder anderer Patrioten wie z. B. Schleiermachers steht, der an die Dauer der Napoleonischen Triumphe nicht glaubte, weil „dieser Sieger zu wenig den Sinn eines Königs hat." Eine Schmeichelei gegen Alexander von Rulsland und Franz von Ostreich ist sie allerdings auch nicht. 3* -r- 20 fand ich so wie viele andere zwar traurig, aber doch in dem Gleichmute, der von ruhigem Selbstbewufstsein, von einem gewissen Alter voll Erfahrungen und von Charakterfestigkeit unzertrennlich ist. Auch ich hoffe mir diesen Gleichmut zu erringen. Was jene Aussichten betrifft, so habe ich statt der Hoffnungen und Erwartungen, die ich hinbrachte, Resignation eingetauscht. Wenn man gewohnt ist sein ganzes Streben, alle seine Handlungen als unzertrennlich von seinem Vaterlande zu betrachten, so ist diese Resignation allerdings schwer, allein schicklich erweise giebt und erleichtert die Zeit, was die Notwendigkeit gebietet. Wenn es keine Stütze mehr giebt, auf die man sicher bauen kann, wenn jeder auf sich selber allein stehen mufs, so ist eigene feste Unabhängigkeit das Ziel aller Wünsche, nach dem auch ich strebe. Ein Glück ist's, dafs die Zeit, ohne dafs man's gewahr wird, an alles, auch an das Unglück gewöhnt. So ging's mir mit diesem Frieden. Durch die Güte eines Freundes erhielt ich dessen Mitteilung acht Tage eher, als er öffentlich bekannt wurde. Ich war trostlos über unsere Erniedrigung, nach 8 Tagen aber im Stande andern Trost zuzusprechen. — Meinen letzten Nachrichten über das Ende des Feldzugs weifs ich nichts Redeutendes hinzuzufügen, da ich auch in Königsberg die Restätigung meiner Ansichten erfahren. Resonders wird dort die Schlacht bei Heilsberg als entscheidend siegreich angenommen und der Rückzug der russischen Armee um so unerklärlicher. Lächerlich sind übrigens die Rüchel'schen Anlagen zur Verteidigung von Königsberg, dessen Refestigung durch etliche Feldschanzen ebenso wenig als das unnütze und barbarische Abbrennen der Windmühlen und etwa 100 Häuser die Resitznahme kaum um einen Tag verzögert haben. Nur die Klugheit Lestocqs und die Menschenliebe und das Interesse Soults haben Königsberg vom physischen Untergange gerettet. — Sehr ungerecht ist die Herabsetzung der preufsischen Tapferkeit im Vergleich mit der russischen, an der auch nur ein Teil der französischen Armee teilnimmt. Die preufsische Tapferkeit ahnt der französischen, ist Folge des Befehls, der Anführung, des Successes, übertrifft vielleicht die französische in einzelnen Fällen durch das Gefühl von eigener physischer Kraft. Die russische ist Folge der Bestialität, die keinen andern Befehl, keinen andern Zweck kennt, als totschlagen und totgeschlagen zu werden; daher ihr Morden und Verteidigen, wenn sie sich schon in ihrem Blute wälzen. Was die Anführung bei Preufsen vermag, hat das sonst verrufene Regiment Auer, jetzt Ziethen, bei Heilsberg gezeigt, wo es Wunder der Bravour gethan. Das Gegenteil haben die Gardes du Corps bei Königsberg bewiesen. Die russische Tapferkeit ist daher jedem minder bestialischen Feinde, als sie selbst sind, höchst fürchterlich, und träte ein Herrscher und Feldherr zugleich wie Napoleon an ihre Spitze, so ist Europa ihr leichtes Spiel. — Über Königsberg lagerte noch eine unerträgliche physische und moralische Gewitterschwüle ungeachtet seiner Befreiung — es war den 2., 3.—4. August. — Den Geburtstag des Königs hörte und sah ich feiern durch eine vortrefflich ausgeführte Hymne, eine recht gute, hochpoetische Rede des Raron Schrötter, jüngsten Sohnes vom Kanzler, ein Paar selten schöne Gedichte von zwei jungen Preufsen — alles in der deutschen Gesellschaft — und durch Illumination. — General Scharnhorst organisiert die Armee. Sehr geachtet dienen unter ihm Major Grollmann und Louis Tiedemann im Generalstabe. Die innere Einrichtung der Armee wird ganz der französischen ähnlich, Brigadegenerale, Divisionsgenerale u. s. w. Die äufsere Form russisch, Gemeine und Offiziere kurze knappe Röckchen, Schakos u. s. w. Auch der König trägt Stutz- baKt und Schako. 21 — Unsere Ernte vernichtet aufs neue die Kalkreuth'sche Konvention 1 ). Überall stehen bis zum 20. d. bei uns Truppen, in meinen Gütern 2000 Mann. Das überreife Getreide verdorrt auf dem Felde; was da ist, wird für sie — auch zum Mitnehmen — gedroschen. Menschen und Vieh werden von Seuchen dahingerafft. Bei mir steht in Gottschalk ein Viehpark, der so durch und durch verpestet ist, dafs täglich 40 bis 50 Stück krepieren und von 500 noch etwa 100 leben. Der ganze Krieg ist nicht so fürchterlich für uns als jetzt seine Folgen im Frieden." Das Bild der eigenen Notlage, zugleich ein Abbild des allgemeinen Elends, wird im nächsten Briefe vom 1. Oktober 1807 noch weiter ausgemalt. „Überhaupt, mein teurer Freund, — lesen wir da — um auf meine Lage, wiewohl ungern, zu kommen, habe ich nicht geglaubt, dafs unser Elend den gegenwärtigen Grad erreichen könnte, und dennoch kann es sehr viel höher steigen, wenn die französische Einquartierung noch lange bleibt. Um es zu kennen und zu beurteilen, mufs ich Dir doch einige Beispiele anführen. Ich wähle mich selber, da ich die übrigens ähnliche Lage anderer so genau nicht kenne. Von 12- bis 1300 Stück Rindvieh, die ich mit meinen Bauern und übrigen Einsassen vor dem Kriege besafs — mir gehörten ungefähr 800 — sind auf's ganze noch 15 Stück übrig, und auch diese ^ind uns noch nicht gewifs, weil noch einige an der Seuche krank sind. Am 13. August wurden 415 Stück auf ein Mal durch 8 Kompanien Infanterie weggetrieben. Der mit grofser List gerettete Überrest ist seitdem teils geschlachtet, teils krepiert. Fleisch von diesem halbkranken Vieh hat seit 6 bis 7 Wochen zu unserer täglichen Nahrung gehört, •— es giebt nichts Anderes. Der wird unser Wohlthäter, der aus dem benachbarten Warschau'schen uns Butter, Federvieh u. s. w. zum Verkauf bringt. Seit dem 20. August haben wir einen Brigadelieutenant von den Dragonern mit Adjutanten, 12 Domestiken und 21 Pferden im und beim Hause, der mir täglich, auf's billigste gerechnet, 43 Thlr., die Hälfte an Naturalien, die Hälfte bar kostet, ungerechnet die ebenso kostbare Einquartierung der Thymau'schen Vorwerke und die Einquartierung der Bauern. Dabei ist fast kein Haus mehr, wo nicht Kranke oder Leichen wären. Ja ganze Familien sind schon ausgestorben. Das gewöhnliche Verhältnis der Toten seit dem Anfange Augusts ist, dafs in einem Monat so viele sterben als sonst in einem Jahre. An der Passarge sollen schon ganze Dörfer leer sein. Die einzige helfende Arznei, Befreiung von Kummer und bessere Nahrung, kann niemand den Armen reichen. — Ich setze meine höchste Ehre darein, mit meinem Schicksal redlich zu kämpfen. In den meisten Fällen bin ich Sieger geblieben; gebe Gott, dafs ich es bis zum letzten und im letzten Gange bleibe. Oft zwar ist es zum Verzweifeln; ich hatte mir z. B. mit unsäglicher Mühe so viele Pferde gekauft, um meine Beackerung fortzusetzen: seit beinahe 3 Wochen verhindert das fortwährende Regenwetter fast alles Ackern und Säen. Ich hatte in Polen schon wieder ein Paar Hundert Kühe zu billigen Preisen auf der Spur: jetzt bei der fortwährenden Einquartierung kann ich sie nicht nehmen, und sie werden nach Littauen weggekauft und meine Leute bleiben ohne Milch, der Acker ohne Dünger. Zum Glück aber kommt nicht alles Ungemach auf ein Mal ') Der wackere Verteidiger von Danzig hatte als preul'sischer Bevollmächtigter die Tilsiter Verhandlungen geführt und zugelassen, dal's die Räumung des Landes und der Festungen von der Zahlung der gesamten Kriegsschuld abhängig gemacht wurde, dal's also das ganze preufsische Gebiet von Napoleons Truppen auf unbestimmte Zeit besetzt blieb. Siehe Treitschkes deutsche Geschichte des XIX. Jahrhunderts. I, S. 267 (3. Auflage). 22 — und meinem Mute zu schwer. Nur an der Erreichung eines Wunsches nage ich, den ich, wiewohl ungern, aufgebe, nämlich mein unglückliches Vaterland zu verlassen, dessen Wunden wieder aufbrechen werden, währenddem und bevor sie heilen, dessen Glück für unsere Generation vernichtet ist. Ich fürchte, möge meine Prophezeihung zu Schanden werden, dafs wir noch gewaltsamere Konvulsionen zu überstehen haben, ehe die grofse Föderation unter dem Alleinherrscher vollendet ist. Darauf deutet alles — alles hin, die neue Schöpfung uns zur Seite, die uns umklammert. Wie gerne spräche ich Dich einmal, um Dir alles zu sagen, was ich auf dem Herzen habe. Aber ich schreibe in diesen Tagen wieder, was ich sehe, glaube, ahnde, auch als Vermächtnis für Dich. Hier kann ich mich niemand mitteilen; denn die gemeine Gewohnheit ist's hier, auf den irdischen Exekutor der Vorsehung oder auf unsern armen König zu schimpfen. Eins ist so albern wie das andere." Schon im Eingange dieses Briefes war Hippel auf die staatlichen Verhältnisse zu sprechen gekommen und hatte auf die „merkwürdigen Worte des grofsen Siegers" verwiesen, welche dieser in Tilsit gesagt haben soll und welche das traurige Urteil aussprechen: „Es war mein Vorsatz, den König von Preufsen zu meinem Freunde zu machen, allein es ist ihm anzusehen, dafs er nichts als Rache gegen mich im Herzen trägt. Ich mufs ihm daher die Kraft nehmen uns zu schaden." Die Mafsregel, alle Minister zu verabschieden, billigt er. „Wozu braucht unser verschrumpfter kleiner Staat mehr als drei Minister, einen der Justiz, der Finanzen und des Innern, d. h. der Polizei, Kultus u. s. w. und höchstens, wenn die Generaladjutantur nichts taugt, noch einen Kriegsminister. Nur darin magst Du recht haben, dafs dieses Ätzmittel wohl erst hätte angewandt werden dürfen, wenn der Staat frei ist." — Der Tilsiter Frieden war für die nächste Zeit noch drückender als der Krieg 1 ). Hippel sah dem Zeitpunkt entgegen, wo seine Einkünfte auf Null herabgesetzt sein würden, wenn „unsere Gäste bei uns Winterquartiere halten." Wenn er dem hinzufügt: „Dann wird sich meine Bestimmung weiter finden", so deutet dieses wohl auf seinen Plan im äufsersten Falle wieder eine Stellung im Staatsdienste zu suchen. In der für seine nächsten Verwandten und Freunde i. J. 1833 niedergeschriebenen „oberflächlichen Skizze der wichtigsten Momente seines Lebens" erzählt er: „Der Kammerpräsident von Buddenbrock vertraute mir sein Abschiedsgesuch zur Abgabe in die Hände des Königs. Ich gab es weiter in die Hände des Kammerdirektors, Grafen Dohna, der es in Memel Sr. Majestät übergab. Graf Dohna drang in mich ihn zu begleiten und schien mich Sr. M. besonders empfehlen zu wollen. Ich lehnte alles ab, um meine zerrüttete Wirtschaft zu retablieren." In den folgenden Briefen mehren sich die Strahlen der Hoffnung auf eine bessere Zeit. So heifst es in einem Briefe vom 4. November 1808: „Mit unserem Vaterlande müfst' ich eigentlich jetzt schliefsen. Da dies aber der Politik unterthan ist, die man nicht gerne berührt, so will ich ihm nur fromme Wünsche weihen. Darin wirst Du mir recht geben, dafs uns für die innere Verwaltung mancherlei Hoffnungen aufgehen. Wenigstens nähert sich vieles meinem Ideale — vorzüglich in der Militärverfassung —, worüber wir uns in besseren Zeiten manchmal unterhalten haben und worüber ich Dir manche Skizze, die seit 3—4 Jahren in meinem Schreibtisch ruht, •) Siehe Treitschke a. 0. I, S. 264ff. — 23 — vorlegen könnte, wenn meine Lage mir dazu Mufse und Gemütsruhe gewährte. Möge nur die Vorsehung dem rechtlichsten Staate der Erde Ruhe und Unabhängigkeit genug bald gewähren, um wenigstens in seinen inneren Einrichtungen sich dem vorgesteckten Ziele der Vollkommenheit nähern zu können." Von den 52 Briefen Hippels an Tettau sind im Voranstehenden nur aus den 17 ersten diejenigen Stellen mitgeteilt, welche zur „Zeit- und Lebensgeschichte" gehören. Die Veröffentlichungen aus jenem Briefwechsel werden für dieses Mal hier abgebrochen, denn der für eine Programmarbeit gewährte Raum ist erschöpft, und der Tilsiter Frieden bietet einen, wenn auch recht trüben, so doch geschichtlich begründeten Abschlufs. — 23 vorlegen könnte, wenn t Vorsehung dem rechtlichst wenigstens in seinen inj] nähern zu können.' - Von den 52 Brief. diejenigen Stellen mitget lichungen aus jenem Bri Programmarbeit gewährte recht trüben, so doch gesl ruhe gewährte. Möge nur die eit genug bald gewähren, um ten Ziele der Vollkommenheit nden nur aus den 17 eisten hte" gehören. Die Veröffent- ebrochen, denn der für eine rieden bietet einen, wenn auch