Seebilder aus Vergil. Versuch einer im Goethisehen Sinne „identischen" Uebersetzung yoiu ord. Lehrer Dr. Karl Troost. "Wissenschaftliche Beilage zu dem Jahresbericht des Städtischen Kath. Progymnasiums zu Fraükeastein ijSchl. über das Schuljahr 1891 - 93. 1892. Progr. No. 180 J^ Frankenstein 1892. H. Lonsky's Buchdruckerei. Ciw) \4» ^DOtf Vorbemerkungen. „Auf eine gute deutsche Uebersetzung aus der Fremdsprache ist fernerhin.....ein weit grösseres Gewicht zu legen als bisher." — „Durch eine planmässige Pflege einer nicht blos richtigen, sondern auch dem Geiste unserer Sprache angemessenen deutschen Uebersetzung aus den Fremdsprachen, sowie durch die vorgesehenen regelmässigen deutschen Klassenarbeiten aus den meisten übrigen Fächern soll der Uebung im schriftlichen Ausdruck eine besondere Unterstützung gesichert werden." — Diese Bestimmung der neuen „Lehrpläne und Lehraufgaben für die höheren Schulen" (S. 73 und 71) wird gewiss jeder freudig begrüssen, dem es am Herzen liegt, dass der Geist der Denkmäler des Altertums der Jugend mehr als bisher erschlossen werde. Die verhältnismässig gute Aufnahme, welche einer dieses Ziel erstrebenden Uebersetzung des 1. und 3. Buches der Aeneis („Des Aeneas Irrfahrt von Troja nach Karthago" Berlin, Calvary 1888) zu teil geworden 1 ), hat mich daher zu neuen Versuchen auf demselben Gebiete veranlasst. — Das äussere Gewand jener Uebertragung jedoch, das Versmass der Oktave, habe ich aufgegeben. Nach den Ausführungen von J. Herzer a. 0., Legerholz (Berl. phil. Woch. 1888 S. 938 ff. 994 ff.), Tycho Mommsen („die Kunst des Uebersetzens fremdsprachlicher Dichtungen ins Deutsche" 2. A. Frankf. a. M. 1886), dem Ungenannten in Fleckeis. Jahrb. 1888 IL p. 395 und a. habe ich die Ueberzeugung gewonnen, dass nur die Uebersetzung im Versmass der Urschrift, die „identische", wie Goethe („Noten und Abh. z. west.-östl. Divan") oder „stilhafte", wie Tycho Mommsen sie nennt, eine allgemeinere Beachtung von Seiten der Schule zu erwarten hat. Der Hexameter hat sich das Bürgerrecht erworben, und bereits zur Zeit Bürgers ist ein lange geführter Kampf, ob Hexameter, ob Jamben, durchaus zu Gunsten des Hexameters entschieden worden, wie denn auch Bürger vom Jambus zum Hexameter überzugehen sich entschlossen hat. Dieser Streit ist genauer geschildert von 0. Lücke, „Bürgers Homerübersetzung" (Prog. v. Norden 1891). Was hier für Homer gilt, ist wohl auch für Vergil nicht unzutreffend. Für freiere Umdichtung — ein e solche ist auch Schillers Uebertragung — würde immerhin das von mir a. 0. Ausgeführte bestehen bleiben. 3. Ist denn eine solche Uebersetzung für die Schule ein Bedürfnis? — Während die meisten übrigen Schriftstellei' des Altertums vortreffliche, zum Teil klassische Uebersetzungen gefunden haben, fehlt bisher eine durchaus gute Verdeutschung der Vergilschen Aeneis. — Mag auch der Wert dieser Dichtung hinter Homer, Shakespeare, Goethe zurückstehen, — sollte bei ihm sogar die Gefahr nicht ganz ausgeschlossen sein, dass dem Leser hier und da vor der Schönheit des Kedestromes der Mangel hoher Gedanken entgehe: dass er Abschnitte voll herrlicher Poesie birgt, wenn er der Freundschaft und Liebe und dem Machtgefühl des Römers Worte verleiht, wenn er die Natur des Südens, den Brand der sinkenden Troja schildert und die alten Mythen vom hölzernen Rosse fesselnd erzählt, das hat ihm seit fast 2000 Jahren kaum jemand ernstlich bestritten. Dass dazwischen matte Episoden abergläubischer mythologisierender Art uns nicht mehr begeistern, ist ebenso wenig zu leugnen. Der leichten Uebertragung aber widersetzt sich die spröde, schwierige Sprache. Während sich die einfache sinnliche Welt Homers, soweit die Bedeutung der Beiwörter erschlossen ist, dem Leser von seihst aufdrängt, gipfelt bei Vergil in der richtigeu geschmackvollen Uebersetzung die Erklärung, das Verständnis, das gleichzeitige Erfassen sprachlicher Schönheit uud geistigen Inhalts. Wer mit Schiller, Wilh. v. Humboldt, M. Carriere 2 ) in der Sprache selbst ein bildendes Organ der Gedanken erblickt, dem wird Vergil nicht verständlich sein, so lange nicht das einzelne Wort Gestalt gewinnt vor seinem geistigen Auge. Sage jemand immerhin, dass darin kein Vorzug bestehe. Warum darüber strei- *) Besonders danke ich an dieser Stelle für ihre gütige Anerkennung und Belehrung dem gewandten Verfasser der „Dichterklänge aus dem Altertum" (Leipzig, Knaur, Herrn J. Herzer (Neue phil. Rundschau 1889, S. 81—83), sowie den Herrn Oberlehrern Dr. 0. Güthling (Jahresbericht über die Fortschr. des kl. Alt. v. Bursian und Müller 59, S. 162) und P. Deuticke (Zeitschr. f. Gymnasialwesen 1889, S. 349). Dagegen sind die in unruhig gereiztem Tone gehaltenen, in Lob und Tadel meist unzutreffenden Bemerkungen des Herrn Dr. Fr. Cauer (Wochenschr. f. klass. Phil. 1888, S. 1198), die überdies den Inhalt des beurteilten Buches mit rasch fertigen Worten entstellen, nicht geeignet, ihn als Schiedsrichter für aesthe- tische und poetische Erzeugnisse zu empfehlen. 2 ) Vergl. bes. „Materialismus und Aesthetik." Stuttgart (Krabbe) 1892, S. 15 ff. ten? Wer vergleicht die Alpen mit dem gotischen Dome? — Ebenso verschieden ist der Kunstdichter am Hofe des Augustus vom Erzähler der Odysseusniärchen des 8. bis 6 Jahrh. v. Chr. 1 ) — Gute Ue- bersetzung ist also für die Schule wichtiger als Text- und „Culex"-Forschung. Wer aber die metrische Uebersetzung von vornherein für Spielerei hält, der sollte demnach doch wenigstens einer guten Prosaübersetzung das Wort reden. Eine solche aber fehlt ganz und gar. Das ist leicht erklärlich; denn von guter, gewählter, im Wohllaut des Rhythmus 2 ) gehaltener Prosa bis zum reimlosen Verse ist nur ein Schritt. Trefflich bestätigen das die Schillerschen Worte: „Weil ein Vers dir gelingt in einer gebildeten Spraehe, Die für dich dichtet und denkt, glaubst du schon Dichter zu sein?" So seien also im Folgenden die vorhandenen Uebersetzungeu im Versmass der Urschrift, als für die Schule besonders wichtig, allein näher gewürdigt. 4. Homer hat in Voss einen trefflichen Uebersetzer gefunden, Vergils Aeneis mit nichten. Wie die Vossische Aeneis immer noch Lob ernten kann, ist mir nicht begreiflich. Ein Abschnitt aus Voss, den Schülern laut vorgelesen, übt annähernd dieselbe Wirkung wie der gleiche Abschnitt aus Blumauers Aeneis. Metrisch stören die im Uebermass angewandte Apostrophierung 3 ) (z. B. I, 82 „die Seit'", „die Wind' 4 "), die unreinen Daktylen und die oft angewandte Cäsur im letzten Versfusse (z. B. I, 84 „Grund auf", 105 „Gebirg ein", 125 „tief auf", 126 „hervor nun", 141 „gebiet' er" („er" betont), III. 557 „die Sand' um", 577 „Grund' auf" u. s. w.) Doch die metrischen Fehler sind verschwindend gegen die unerträglichen Misshandlungen der Muttersprache und die geschmacklosen Archaismen und Latinismen, von welchen die Uebersetzung wimmelt. Nur das Auffallendste aus den unten übersetzten Abschnitten sei hier hervorgehoben. Wir lesen I. 105 „es stürzt das gebrochene Wassergebirg' ein", 107 „es siedet der Schlamm auf, 108 drei Schiffe „entschwingt auf verborgene Felsen der Südwind", 109 „Felsen im Mittel des Meers", 110 Felsen, „schrecklich am Saum aufstarrend der Flut", 111 der Ostwind „malmt sie (die Schiffe) in den Abgrund", 113 „eins (ein Schiff), das Lycierfreund' hertrug", 124 „unterdes, dass", 126 „tief auf gähren die Sümpfe des Grunds" (des Meeres); III, 555 „geschlagene Felsen hören wir schon weither und gebrochene Hall' am Gestade", 557 „in den Brandungen strudeln die Sand' um", 560 „raffet heraus, o Genossen" (= fliehet, rettet uns), 563„sie drehen mit Wind die Barken", 564 „erhebt uns gebogener Strudel", 565 „senket uns, unten entrafft, . . die Woge". Doch genug der Beispiele, die der Reihe nach gewählt sind; solches Deutsch, solche Latinismen müssen freilich verderblicnen Einfluss gewinnen. Und doch ist die Vossische Uebersetzung des billigen Preises wegen die verbreitetste. Ueber Voss kaum hinausgekommen und im Ausdruck vielfach von ihm abhängig ist die Uebersetzung von Binder. Die metrischen Grundsätze beibehaltend, ist die wörtliche Art seiner Verdeutschung in ähnlicher Weise durch Geschmacklosigkeiten und Latinismen entstellt. Vergleiche J, 93 „beide der Hand' aufhebend", 95 „denen im Auge der Väter . . glückte zu leiden den Tod", 100 ingens Sarpedon „Sarpedon der Grosse," 125 Neptun bemerkt „den aufwärts gährenden Schlamm", 133 „unermächtigt von mir", 149 wenn „der gemeinere Pöbel daherrast"; III. 555 „gepeitschete Felsen hören wir", 560 „reisset, o Freund', uns heraus", 565 „jetzo rafft uns von unten die Well'", 566 dreimal schmettert Gebrüll zum gehöhleten Fels" u. s. w. —- Auch diese Uebersetzung hat bereits die 5te Auflage im Langenscheid- schen Verlage erlebt. — Die Uebersetzuugen von Voss und Binder sind die verbreitetsten und wahrlich trefflich geeignet, einen Dichter gründlich in Verruf zu bringen. Besser ist die Uebersetzung vou Neuffer (Stuttgart, Metzler, 1830); noch vortrefflicher aber heben sich von ihnen ab die Uebertragungen von W. A. B. Hertzberg (Stuttgart 1859) und E. J. Bock (Buch 1—6. Berlin, Issleib 1886). Auch Robert ') Einige Berührungsmomente mit Goethes Faust, die ich a. 0. aus Vergil hervorhob, sollten natürlich nur zeigen, dass wahre Dichtungen, seien sie auch noch so verschieden, dieselben Ziele verfolgen. Wenn Herr Fr. Cauer Recht hätte, der a. 0. Vergil auf dieselbe Stufe mit Tasso und Ariost stellt und es für ausgemacht hält, dass bei ihm die Formenschönheit den Inhalt verschleiere, so wäre es besser, Vergil von der wichtigen Stelle, die ihm auch der neue Lehrplan in unseren Schulen einräumt, zu verbannen. Das fortgesetzte Erheben der grössten Dichter auf Kosten nicht ganz ebenbürtiger kann erziehlich nur schaden. Ueberall das Gute anzuerkennen, sagt Goethe, zeuge von Wahrheitsliebe. 2 ) Die Bedeutung des Rhythmus hebt mit Recht hervor P. Klaucke „Wie sollen die antiken Dichter in der Schule übersetzt werden?" Fleckeis. Jahrbuch. 1885 IL S. 438 ff. S. bes. S. 445. 3 ) Bei der Verteidigung der Apostrophierung wird (z. B. v. Klaucke a. O. S. 149) oft ausser Acht gelassen, dass es ein grosser Unterschied ist, ob sie im Dativ Sing, oder im Nom. Plur., ob beim Imperativ oder beim Präteritum stattfindet. „Im Gebirg'" ist zulässiger als „Die Gebirg'", „lieb," „so lang'" zulässiger als „die Wind'" u. s. w. 4 ) Die Citate sind der neuen Bearbeitung von 0. Güthling entnommen. Diese hat wohl nur dem einmal bestehenden Uebel der allgemeinen Verbreitung der Vossischen Uebersetzung Rechnung getragen. Die zahllosen Schäden derselben zu entfernen, ist sie nicht im stände gewesen. '/ Gründler (1. Buch. Progr. von Tarnowitz 1886) ist ihnen weit überlegen. Hertzberg hat bei reinerem Versbau und grosser Treue weit geschmackvolleren und gewählteren Ausdruck; dennoch ist seiner Uebersetzung eine zweite Auflage nicht zu teil geworden. Die neuere Uebersetzung der ersten Hälfte der Aeneis von Bock hat, so viel ich sehe, noch nirgend eine Würdigung erfahren; ich gehe deshalb etwas genauer auf dieselbe ein. Die Verse sind gut gebildet und die deutsche Wiedergabe ist noch gewandter und fliessender als hei Hertzberg. So lautet bei ihm der Eingang: „Waffengeklirr erfüllt mein Lied, es singt von dem Helden, Der, ein Flüchtling, Troja verliess nach dem Willen des Schicksals Und, der erste des Ostens, Italiens Küste erreichte, Dort, wo er hart am Strande die Stadt Lavinium baute. Unversöhnlich verfolgte ihn Juno, mit wütendem Hasse, Trieb mit Göttergewalt ihn weit durch Meere und Länder, Trieb ihn in Sehlacht und Kampf, bis dass er die heimischen Götter Latiums Landen gebracht, bis Stadt und Reich er gegründet." Den unten behandelten Abschnitt 1. 81—87 übersetzt er also: „Aeolus sprach es und traf mit dem Schaft des Speeres den Felsblock, Welcher die Höhle verschloss; er hob sich — da brechen die Winde, Stürmendem Kriegsvolk gleich, hervor, durcheilen die Länder, Stürzen sich jauchzend ins Meer und wühlen es auf in der Tiefe; Eurus und Notus zumal und der stossweis stürmende Südwind Packen die Flut und wälzen dem Strand zu Woge auf Woge. Seemannsrufe erschallen, es knarren und knirschen die Taue, Wolken verhüllen den Tag, verhüllen den Himmel den Troern." Die Freiheiten, die der Uebersetzer sich gestattet, sind allerdings etwas grösser als bei Hertzberg. So weichen in vorstehenden Versen „den Eelsblock, welcher die Höhle verschloss" — „stürzen sich jauchzend ins Meer" und weiter V. 91 „in der Höh', in der Tiefe, hier, dort drohet der Tod" (praesentemque viris intentant omnia mortem), 110 „das tückische Riff" (immane dorsum) — „steuerlos treiben dorthin die Kiele . . . , wühlen sich knirschend hinein" [in die Sandbänke] (Eurus . . ur- guet . . inliditque vadis) — doch etwas von Vergil ab. Allein es bleibt bei kleinen Ergänzungen und Umschreibungen ; eigentliche Umdichtung findet sich selten. Treuer ist die Uebersetzung des 1. Buches von Grundier. Der Apostroph wirkt zuweilen störend, z. B. I, 101 „so viel Schild' und Helm' und" (zugleich drei wenig ansprechende Spondsen), der Versfuss könnte oft reiner sein. Trivial sind I. 87 „im Nu", 124 „währenddem"; die Wortstellung stört ziemlich oft, z. B. 128 „weit er da sieht", 130 „nicht ihrem Bruder entging", 140 „da, wo ihr haust, er gebeut" So sind also die Uebersetzungen von Hertzberg und Bock unter den „identischen" oder „stilhaften" vor allen der Beachtung würdig. Insbesondere atmet Bocks Uebertragung der ersten Hälfte an manchen Stellen Vergilsche Schönheit. Sie zu übertreffen ist nicht leicht; da wir aber dem Ziele einer durchaus guten, ja klassischen Uebersetzung um so näher kommen müssen, je mein- Interesse dieser Aufgabe gewidmet wird und je weniger neue Versuche und einsichtige Kritik ermatten, so erscheint der nachfolgende Versuch genügend berechtigt. Er ist es umsomehr, als die Thatsache, dass fast jeder Schüler jetzt eine schlechte Uebersetzung- benutzt, jedem Lehrer bekannt ist, der dem Leben der Schüler näher tritt: eine Thatsachs, welche die eifernde Entrüstung der Pädagogen ebensowenig leugnen als verhindern kann. Die einzig richtige Massregel, ihr vorzubeugen, enthält ebenfalls der neue Lehrplan S 24: „Die beste Erklärung ist und bleibt eine gute deutsche Uebersetzung des Schriftstellers. Dieselbe ist in gemeinsamer Arbeit von Lehrer und Schüler in der Klasse festzustellen und durch den Schüler zu wiederholen. Dadurch wird am wirksamsten dem Unfug der Benutzung von gedruckten Uebersetzungen vorgebeugt." Dieses Bestreben kann eine gute metrische Uebersetzung nur fördern. Darf sie sich einerseits von der getreuen Prosaübersetzung nur wenig entfernen 1 1, so will sie doch auch nicht als Ziel jeder Unterrichtsstunde betrachtet sein. Nur der Prosaübersetzung selbst gefälligeren Ausdruck zu leihen, hin und wieder ein Bild im Gewände des Rhythmus zu bieten, später aber dem Schüler freundliche Erinnerungen zu wecken: das ist der Dienst, den sie der Schule zu leisten sich eignen soll. ') Um einen Vergleich mit treuer Prosaübersetzung zu ermöglichen, habe ich eine solche zu 2 („der Aetna") hinzugefügt. — 6 6. Für den Versbau habe ich folgende Eigenschaften angestrebt. 1. Der reine Trochaeus und die Dehnung der Verbalformen durch eingeschobenes „e" sowie der Hiatus sind so spärlich als möglich verwandt. 2. Die Apostrophierung eines schliessenden „e" vor Konsonanten und fehlerhafte Inversion sind vermieden. 3. Bezüglich der Prosodie ist der neuerdings fast allgemein anerkannte Grundsatz innegehalten, dass der gedankliche oder begriffliche Wert einer Silbe ihren Tonwert bestimmt und ihren Zeitwert zu vergrössern oder zu verringern im stände ist. 7. Wenn die Handlung der Aeneis auch reich gegliedert und kunstvoll gefügt ist, so sind doch manche Teile von solcher Breite, dass der eigentliche Wert des Epos viel mehr in einzelnen Abschnitten als in der epischen Komposition des Ganzen zu suchen ist. Spannende dramatische Gestaltung und innere poetische Gerechtigkeit, welcher einzelne Teile durchaus nicht ermangeln, werden wir im grossen Gefüge des nicht zum letzten Abschluss gekommenen Ganzen häufig vermissen. Daher hat der neue Lehrplan mit Recht „in sich abgeschlossene Bilder" für die Lektüre vorgezeichnet. Diesem Umstände tragen auch die nachfolgenden Proben bereite Rechnung. — I. Der Seesturm. (Aen. I, 81—156.) Die Göttin Juno ist von Zorn ergriffen; denn die Orakel haben verheissen, es werde von Troja ein Held kommen und Karthago, der ihrem Herzen teuersten Stätte, jähen Sturz bereiten. Mit diesem Groll vereint sich alter, nie verhohlener Grimm gegen die Dardaner, die einem Sohne ihrer Nebenbuhlerin Elektra entstammt sind. Der Held aber, der Karthago stürzen soll, ist Aeneas. Aus dem sinkenden Troja hat er seinen Vater, seine Gefährten, seine Penaten gerettet. Eine neue Heimat ist ihm in Italien verheissen. Schon fährt er, seinem Ziele nahe, auf dem Tyrrhenermeere dahin; da erspäht ihn das Auge der zürnenden Göttin. Sie eilt zum Schlosse des Aeolus, der Burg der Winde auf den aeolischen Inseln, dass er seine Stürme aussende wider ihre Feinde. Der Beherrscher derselben erteilt gewährende Antwort, — Spricht es und wendet das Scepter und führt es mit wuchtigem Stosse "Wider des Berges Geklüfte 1 ): da thuen sich auf seine Thore; Stürmend brechen hervor wie gewappnete Scharen die Winde 2 ); Wirbelnd durchwehn sie die Lande und lagern sich über das Weltmeer. 85. Und es durchwühlen die Tiefen der Ostwind, die Böen des Mittags, Afrikas Würstenorkane 3 ) — und wälzen gewaltige Wogen.. Hin an den Strand. — Das Geschrei der Matrosen, das Ächzen der Wanten Folgt auf dem Fusse. 4 ) Dem Auge der Teukrer entziehen die Wolken Bingsum Himmel und Tag, und düstere Nacht ist gelagert ') Die alte Erklärung des „in latus" = „in die Seite" wird von Krausse (Progr. v. Rudolstadt 1890, S. 10) durch Hom. Od. IV, 506 und Verg. Aen. Xll, 507 (Aeneas Rutulum Sucronem . . . „excipit in latus") trefflich begründet. Vergl. ausserdem Aen. II, 51.) Mit Bährens (Fleckeis. Jahrb. 1884 I, p. 392) an einen Dreizack zu denken, verbietet schon V. 138. Ob ein Speer oder Scepter zu verstehen ist, wird sich schwer entscheiden lassen. V. 57 spricht für das letztere. Da, wie Geb- hardi hervorhebt, eine magische Berührung anzunehmen ist und Vergil auf grosse Genauigkeit der sinnlichen Anschauung kein Gewicht legt, so wird das Bemühen zu zeigen, dass der Vorgang bis ins Kleine bestimmt dargestellt sei, vergeblich sein. 2 ) agmen bezeichnet, wie aus V, 210 (s. unten Anni. zu 111, 561 und V, 210) hervorgeht, lediglich das einmütige Zusammenwirken (Vgl. 111, 561). Ähnlicher Bilder bedienen sich Heine „die Nordsee" Nro. 8: „Mein Rufen verhallt im tosenden Sturm, Im Seh lacht lärm der Winde." unb Platen „die Abassiden", 4. Gesang: „die Wellen Wälzen meilenlang beschäumte Kämme, Wie ein Heer zur Schlacht gereiht, dem Schiffskiel dumpf entgegen." 3 ) „creberque procellis Africus". — Es ist dem Afrikus wie auch andern Wüstenwinden aus der Sahara (z. B. dem „Leveche" in Spanien) eigentümlich, dass sie, sobald sie die Küste erreichen, „nicht in einem einzigen, grossen Kraftaufwande, sondern in einzelnen Stössen" hervorbrechen. Vgl. z. B. Klein, Witterungskunde. Leipzig 1882, S. 75 ff. - Diese Eigenschaft, die sich in der Ueber- setzung nicht kurz wiedergeben lässt, glaubte ich durch „Wüstenorkane" genügend zu bezeichnen. *) Bartholomaeus Heller (Reisen in Mexiko. Leipzig 1853) sagt über die Fahrt des engl. Dampf boots Tay in den Gewässern Biscayas: „Der Nordwestwind brauste über die erzürnten Fluten, Riesenwellen rollten mit ihren schaumbedeckten Häuptern, wütenden Hydren gleich, endlos dahin . . . Immer heftiger wurde die Wut der Elemente ... die Matrosen schrieen, dazwischen ertönte das Com- mandowort der Offiziere, der Sturm heulte durch die Stricke des kahlen Takelwerks in allen Tönen ____ " 90. Ueber die Weiten. 1 ) Mit Dröhnen erdonnert die Feste des Weltalls; Blitze auf Blitze durchzucken den Aether, und weit in der Runde Sehn sich die Helden umstarrt von des Todes gähnenden Schrecken. Und dem Aeneas löst 2 ) des Entsetzens Schauer die Glieder, Seufzend erhebt er die Hände empor zu den Sternen und klaget: 95. „Glücklich und dreimal beglückt, die ihr einst vor den Augen der Väter Durftet des Todes der Helden vor Trojas Mauern erliegen! Der du im Danaervolke der Tapferste warst, o Tydide, 0 dass du nicht auch mir auf Uiums Fluren zu fallen Und unter deinem Schwerte den Geist zu verhauchen vergönntest, 100. Da wo dem Aeaciden erlagen der schreckliche Hektor Und der gewaltge Sarpedon, — wo des Simois Welle Flutend verschlang der Gefallenen Schild und die Zierde des Helmes, 3 ) Wo sie von Meer zu Meere die Leiber der Helden dahinwälzt!" Kaum ist die Klage verhallt, kommt heulend der Nordwind geflogen, 105. Sausend erfasst er das Segel und bäumet die See zu den Sternen,*) Splittert die Ruder und bietet die Seite des Schiffes den Wellen. Nachstürzt, steil sich erhebend, zum Berge geschwollen, die Meerflut. Schwebend erschaust du dort auf dem Kamme der Wogen die Barken, Hier sie hinunterfahrend zur Tiefe klaffender Gründe, 5 ) 110. Wo in dem sandigen Boden wütet die Brandung. — Und siehe, Drei an der Zahl hat der Südwind erfasst und führt sie von dannen Hin auf verborgene Riffe, die meerumflutet ihr Felsgrat Mächtig erheben. (Der Italer nennt sie Altäre.) — Der Ostwind Drängt drei andere hin zu den Syrten — ein trauriger Anblick! — 115. Und auf die Watten geschmettert, um türmen sie Wälle von Triebsand. Dort das Schiff, das die Lycier trägt und den treuen Orontes, ') Vgl. Schiller, „Hero und Leander": „Auf des Pontus weite Fläche Legt sich Nacht." 2 ) „solvuntur" entspricht unserui „Schlottern" (Brosin). Die wörtliche Uebersetzung „löst" lässt sich in 1 . Deutschen jedoch wohl beibehalten. 8 ) „ubi tot Simois correpta sub undis scuta virum galeasque et fortia corpora volvit" lässt sich im Deutschen ohne Zwang des Ausdrucks nich: in 2 Verse drängen. Auch wird das „von Meer zu Meere" nicht als Gedankenerweiterung empfunden werden. 4 ) „fluctusque ad sidera tollit." Vgl. Shakespeare, „Jul. Cäsar," I, 3: Th' ambitious 0 cean swell and rage and foam, To be exalted with the threatening clouds. 6 ) Vgl. Schiller, „Spaziergang": „Auf der Fluten Gebirg wiegt sich eutmastet der Kahn." Heine, „Nordsee" 8: „Und es wogen lebendig die weissen Wasserberge, Und das Schifflein erklimmt sie, Hastig mühsam, Und plötzlich stürzt es hinab In schwarze, weitabgähnende Flutabgründe." Vgl. unten 111, V. 564 und dazu Brosins Vergleiche: Schiller, „Macht des Gesanges": „Er taucht es in das Reich der Toten, Er hebt es staunend himmelwärts", und Shakespeare, „Othello", 11, 1 : „Dann klimme, Schiff, die Wogenberg' hinan, Hoch wie Olymp, und tauch hinunter Tief zum Grund der Hölle." 9 — Trifft von der Höhe des Meeres — Aeneas sieht es mit Grauen') — Eine gewaltige Sturzsee, hebet den Bug 2 ) und schleudert Jäh in die Tiefe hinab den Piloten, und dreimal im Kreise 120. Wirbeln die Fluten das Wrack und schlingen es strudelnd hinunter. — Ringsum wogende Wüste — nur hier und da noch ein Schwimmer, Noch eines Helden Schild, eine Planke, ein troisches Kleinod. 3 ) Schon hat die Barke 4 ) des Ilioneus und des tapfern Achates, Schon auch den Abas der Sturm unterjocht und den greisen Aletes, 125. Und hat die Fugen der Spanten gelockert; — in gierigen Zügen 5 ) Schlürfen die klaffenden Risse der Boote die feindlichen Fluten. — Drunten gewahrt unterdessen das hohle Gebrüll der Gewässer 6 ) Und den entfesselten Sturm und hört aufschauern die Tiefen Heftig ergrimmend Neptun, und über die wogende Fläche 130. Hebt er sein friedliches Haupt und lässt er schweifen das Auge: Sieht des Aeneas Flotte versprengt auf des Oceans Weiten, Sieht überwältigt die Troer und stürzen die Schleusen des Himmels.') und es erkannte der Bruder die List der erbitterten Juno. Zu sich rief er den Ost und den West: „Hat euch das Bewusstsein 135. Göttlicher Abkunft also verblendet? Ihr wagt es, ihr Winde, Himmel und Erde mir ohne Geheiss zu empören; ihr wagt es, Also zu Beigen mir aufzubäumen die Fluten? — Ha. weh' Euch! — Nie sollt ihr fürder ein gleiches Beginnen so milde mir büssen! 140. Hebet euch eiligst von hinnen und kündet daheim dem Gebieter, Nimmer sei ihm des Oceans Scepter, der schreckliche Dreizack, Nein er sei mir durch des Schicksals Walten verliehen. Die Reiche Mächtiger Felsen sind sein, die ihr, o Eurus, bewohnet; Dort in seinem Palaste zu schalten, sei Aeolus' Sorge, ') „Aeneas sieht es mit Grauen" mit Bock. s ) „unam . . pontus . . in puppim ferit" „In puppim" übersetzen Voss „auf das Steuer", Hertzberg, Binder und Gründler „auf das Hinterverdeck", Bock „hinter dem Mast am Steuer". Allein die Sachlage fordert, hier dem gewöhnlicheren Sprachgebrauche gemäss mit Gehhardi zu erklären: „ut in puppim se vergat". Eine über das Deck hinfegende Woge hätte für den an überschlagende Seeen gewöhnten Steuermann kaum solche Folgen gehabt. Auch bliebe so unerklärt, warum das Schiff gleich darauf vollständig ein Spiel der Meereswirbel geworden. Vgl. z. B. das freilich weniger schöne Bild bei Heine „Nordsee" 9: „Unterdessen kämpft das Schiff mit der wilden, wogenden Flut; Wie ein bäumendes Schlachtross stellt es sich jetzt auf das Hinterteil, dass das Steuer kracht . ." 3 ) Wenn Brosin zu gaza bemerkt: „Habe" ; Schätze führten die flüchtigen Trojaner nicht bei sich —, so lehren V. 1, 647 ff. und Brosins Anm. zu denselben das Gegenteil. 4 ) Das leicht entbehrliche „validam" (navem) musste dem schwer gefügigen Eigennamen zum Opfer fallen. In solchen Fällen muss nach Lessing (Hamb. Dramat. 1, 8 vgl. „Aen. Irrf." S. XI) der Uebersetzer Mut genug haben, „hier einen Nebenbegriff wegzulassen, da statt der Metapher den eigentlichen Ausdruck zu setzen, dort eine Ellipsis zu ergänzen oder anzubringen" u. s. w. 5 ) Die Uebersetzung „in gierigen Zügen" scheint durch den Begriff des Verbs „accipere" und die durch „imber" bezeichnete Wasserfülle genügend gerechtfertigt. 6 ) „magno misceri murmure pontum" bezeichnet eine Vermengung von Ton- und Bewegungsbildern, welche wir nicht nachahmen können, ähnlich wie V. 154 „pelagi cecidit fragor". „Murmur" bezeichnet Laute der verschiedensten Stärke vom Summen der Biene bis zum Brüllen des Raubtiers. Hier fordern „magno" und „misceri" die Bezeichnung „Gebrüll." Der durch „misceri" geweckten Vorstellung von Wellen- Berg und -Thal vermag das „hohle" Gebrüll einigermassen Rechnung zu tragen. — Die folgende Schilderung des Dichters legte Rubens seinem Gemälde „Quos ego" zu Grunde. ') Vgl. Ch. 0. Lor. Hirschfeld. „Das Landleben." Bern 1776: „Auf einmal scheint sich das ganze Gewölbe des Himmels zu zerreissen .... die Schleusen des Himmels lösen sich von ihrer Last und stürzen in ganzen Fluten herab." — 10 — 145. Dort sein Scepter zu schwingen ob eurem Gefängnis, ihr Winde." Sagt es und schneller als Worte es künden, gebietet er Schweigen Rings den erregten Gewässern und lichtet die düsteren Wolken. Herrlicher strahlet die Sonne. 1 ) Von zackigen Rissen befreien Triton und Cymothoe mit kräftigen Armen die Schiffe, 150. Während er selbst mit dem Dreizack sie hebt. Die versandeten Syrten Räumt er und bändigt das Meer, und über den Spiegel der Welle Eilt er dahin mit dem leichten Gefährte. Nichts andres gewahrst du Oft in bevölkerten Reichen bei tobendem Aufruhr. Entfesselt Raset die wilde Begierde des Haufens, 2 ) und lodernde Brände 155. Sausen und Steine Die Waffen schmiedet die Wut. 3 ) — Da plötzlich Zeigt sich ein Mann von grossen Verdiensten und edler Gesinnung.*) Siehe, da schweigt die Empörung; sie stehen mit lauschendem Ohre, Und er gebietet dem Zorne und zähmet des Herzens Begierden. — So sank nieder des Oceans Brausen, als unter heiterem Himmel 160. Ueber das Meer der Gebieter mit herrschendem Auge dahinfuhr Und seine Rosse stoben, befreit von des Zügels Gehorsam. 2. Der Aetna, (in, 548 - 587.) Eine Prosaübersetzung geht der metrischen zum Vergleiche voraus. Und ohne Verzug brassen wir, sobald des Opfers Gebräuche vollendet, voll die Nocken der segelumflatterten Rahen, zu verlassen das verdächtige Gestade, das Hellas' Söhne bewohnen. Hier thut sich dem Blick der Busen Tarents auf — Herkules hat es, wenn wahr die Sage meldet, gegründet. Da drüben aber steigen auf der Tempel der Lacinischen Göttin, Caulonias Zinnen und das schiffezerschellende Squillace. Dann erblickst du, in der Ferne aus den Fluten ragend, den Trinakrischen Aetna, und das gewaltige Gebrüll felsenumtosender Wogen vernimmst du, und wie vom Gestade zurück donnert des Oceans Stimme. Auf spritzen die Fluten und empören brandend die sandigen Tiefen. Da ruft der alte An- chises: „Fürwahr, das ist die Charybdis, das sind die Felsenriffe voll Grauen, die Helen geweissagt. ') „soleuique reducit". Die transitiven Uebersetzungen des reducit bei Voss („klären"), Binder („heitern") und Gründler („zurückführen") sind im Deutschen wenig ansprechend. Daher geben es Hertzberg („scheint wieder") und Bock („strahlt wieder") mit Recht intransitiv wieder. In dem Comparativ (Gegensatz zu etwas vorher nicht Vorhandenem) „herrlicher" ist eine Abweichung von dem Sinne des Dichters nicht vorhanden. s ) „saevitque animis ignobile vulgus". Vgl. Schillers „Spaziergang": „Freiheit! ruft die Vernunft, Freiheit die wilde Begierde." s ) Vgl. „Hermann und Dorothea", Klio: „Schnell verwandelte sieh des Feldbaus friedliche Rüstung Nun in Wehre; da troff von Blute Gabel und Sense..... TJeberall raste die Wut und die feige, tückische Schwäche". 4 ) Vgl. mit diesem Bilde das Auftreten des Richters in „Hermann und Dorothea" Polyhymnia: „Da war um die Wagen Streit der drohenden Männer, worein sich mischten die Weiber Schreiend. Da nahte sich schnell mit würdigen Schritten ein Alter, Trat zu den Scheltenden hin; und sogleich verklang das Getöse, Als er Ruhe gebot und väterlich ernst sie bedrohte." — 11 — Flieht, ihr Gefährten, und legt aus zu scharfem Schlage die Ruder." — Und dem Befehle folgt schnelle That; Palinur zwingt nach links zum Meere den Bug, dass er stöhnt; nach links strebt die gesamte Schar mit Rudern und Brassen. Und zum Himmel empor hebt es uns jetzt auf Wellenbergen; bald klafft gähnend das Meer, und tief zu den Manen taucht es uns nieder; — dreimal ertosten in felsigen Grotten die Riffe, dreimal sahn wir den Gischt sich schäumend heben und droben die Sterne betauen. — Endlich legt sich der Wind und scheidet von uns Meeresmüden der sinkende Tag, da gleitet unser Kiel hin auf unbekannten Bahnen, — hin an den Strand der Cyklopen. Hier dehnt sich weit und unberührt vom Andrang der Stürme der Hafen -»- ; in der Nähe aber erkracht es schrecklich im Aetna vom Sturze donnernder Lasten. Bald stösst er in Rauchwirbeln zum Himmel empor sein düsteres Gewölk, von glühender Asche durchleuchtet, und hebt Flammengarben, die die Gestirne lecken; bald würgt er zerrissen hervor seine granitnen Geweide, — und stöhnend speit er ans Tageslicht die Ströme von Lava und gährt auf in den Tiefen seiner Gründe. Und drangvoll lastet, so geht die Sage, die Wucht des Berges auf dem Riesenleibe des Enceladus; versengend traf ihn der Strahl des Blitzes; — und seitdem haucht des Aetna gewaltiger Gipfel aus zerborstenen Schloten seinen Flammenodem. Und wenn der Riese ermattet die Seite wechselt, so erdröhnt Trinakria in dumpfem Beben und umzieht der Rauch den Himmel. — Tief im Walde verborgen, ertrugen wir jener Nacht schreckenvolles Grauen, ohne den Herd zu sehen, dem es entstamme. Denn es erstrahlte kein Stern, kein Schimmer erhellte den Aether; finster umhüllte der Rauch den Himmel, und nächtliches Gewölk hielt Mond und Stunden umfangen. 550. 555. Sonder Verzug — es sind kaum die Gebräuche des Opfers vollendet — Brassen wir voll die Nocken der segelumflatterten Rahen, 1 ) Um zu verlassen den Strand, den Hellas' Söhne umlauern. Und es eröffnet der Busen Tarents sich unseren Blicken; — Herkules hat es gegründet, dafern die Sage nicht trüget. Hoch da drüben erhebt sich Lacinias heilige Stätte, Ragen Caulonias 2 ) Zinnen und schiffbruchdrohend Squillace. Endlich erschaut in der Ferne dein Auge Trinakriens Aetna. Horch, da brüllt, mit Gewalt an die Felsen geschmettert, die Woge; Donnernd tönt das Gestade zurück des Oceans Stimme!') Himmelan spritzet die Flut und empört die sandigen Tiefen. Und Anchises, der Alte: „Fürwahr, das ist die Charybdis; ') „Vollbrassen" heisst (nach gütiger Mitteilung des Herrn Dr. E. Luebeck in Hamburg) die Rah (bez. die Nocken) so brassen, dass das Segel den Wind fängt, „obvertimus" aber kann hier nur diese Massregel bezeichnen. 2 ) Caulonia, südlich von Scylaceum, wird, wie ein Blick auf die Karte lehrt, von den Schiffern, die das Lacynische Vorgebirge umsegeln, eher erblickt als das im Winkel der Bucht liegende Scylaceum (Squillace, Schlacht unter Otto II.). Daher ist Caul. zuerst genannt. s ) „longe fractasque ad litora voces". Baehrens (Fleckeis. Jahrb 1887, I, p. 273) glaubt „fracti" (sc. pelagi) lesen zu müssen. Wenn auch zunächst die Woge sich bricht, so ist es doch nnr ein Schritt zur Metonymie: „der Donner, das Getöse bricht sich". Gebhardis „abgerissene, abgebrochene Töne" (wie Verg. Georg IV, 72) passen nicht zur Wirklichkeit der Meeresbrandung, fractus (vgl. fragosus, fragor) heisst vielmehr „krachend (vgl. „krachen" und „brechen") zurückgeworfen". Das „voces" lässt sich durch die Metapher „des Oceans Stimme" beibehalten Vergl. Schiller, „Braut von Messina" II, 1: „Ich höre fern das ungeheure Meer An seine Ufer dumpferbrandend stossen." — 12 — 560. Das sind die schrecklichen Riffe, die Felsen, die Helenus schaute. Freunde entflieht, und scharf setzt ein zum Schlage die Ruder. 1 ) Also geschiehts. Palinur zwingt südwärts den Bug, dass er stöhnet; Südwärts streben zumal die Matrosen mit Rudern und Brassen. Und zum Himmel empor bald hebt uns die schwellende Woge, 565. Bald zu den Manen hinab in den Abgrund taucht es uns nieder. Dreimal hallte der Fels in zerklüfteten Grotten, und dreimal Sahn wir es schäumend sich heben und droben die Sterne betauen. Endlich schont mit dem scheidenden Tage der Müden die Windsbraut, Und an den Strand der Cyklopen der Kiel, der irrende, gleitet. 570. Weithin dehnt sich die Bucht, vor der Winde Berührung geborgen. Doch da drüben erdonnerts im Aetna wie Schreckenslawinen ; 2 ) - Bald bricht pechschwarz auf zum Aether die wirbelnde "Wolke Düsteren Rauchs, durchleuchtet vom Feuer erglüheter Asche. — Bald entsendet er Garben von Flammen, die Sterne zu lecken; 575. Würgt des zerrissenen Kraters granitne Geweide gen Himmel, — Speit ins Gefilde die Lava und schmelzet mit Stöhnen die Felsen, Dass du das Gähren 3 ) vernimmst aus des Berges tief unterstem Grunde. Und es belastet, so kündet die Sage, sein mächtiger Gipfel Enceladus, den Giganten, versengt vom Strahle des Blitzes. 580. Ueber ihm türmt sich gewaltig der Aetna, hoch zu den Wolken Haucht er den flammenden Odem empor aus zerborstenen Schloten. Und wenn er müde sich wendet, der Riese, so beben mit Dröhnen Weit Trinakrias Festen, und Raucli verfinstert den Himmel ') „pariter insurgite remis". Voss: „Zugleich schwingt alle die Ruder". mit den Rudern g-erung'en". Hertzberg: „gleichmässig gestemmt auf die Ruder". Bock Binder: „rastlos und ziehet einmütig am Riemen". Diese üebersetzungen treffen nicht die vom Römer gut bezeichnete sinnliche Anschauung der Arbeit des Rojers. Das insurgere giebt offenbar die vornübergebeugte Haltung wieder, welche die Abbildungen der Alten dem heutigen Brauche entsprechend zeigen. Auf das gleich- massige Sichvorbeugen und Einsetzen des Riemens („Riemen" Seemannsausdruck für Ruder) kommt es aber bekanntlich beim Rojen an. („Auslegen" oder „Einsetzen" des Riemens und das „Durchziehen" desselben sind die beiden Thätigkeiten des Rojers.) Das Gleichmässige aber wird auch durch „scharf" bezeichnet. Vgl. Müller. „Der kleine Hydriot": Wies mir, wie man die Woge mit scharfem Schlage bricht". (Vgl. Anm. zu I. 83 und V, 210.) 2 ) „horrificis tonat Aetna ruinis". Bocks: „erscholl aus den berstenden Schlünden des Aetna dumpfes Getöse" ist schon wegen des in V 580 folgenden „ruptis caminis" hier zu viel gesagt. Binder: „donnert mit Schreck und Verderben der Aetna". Besser Hertzberg: „mit grausem Gekrach tobt donnernd". Voss: „mit grausen Verwüstungen donnernd" giebt zu wenig den Eindruck nach aussen. Statt der wörtlichen Uebersetzung „Einsturz" schien mir das sich ungefähr deckende Bild der Lawine gewählter. Dafür Messe sich freilich auch setzen: „wie schrecklicher Bergsturz", „erkracht es wie schreckliches Donnern", „wie stürzende Lasten". Vgl. Schiller „Spaziergang": „Hoch von des Berges Haupt stürzt sich die donnernde Last". Gall Morel, „Alpenstimmen" : „Da beganns zu brummen Im tiefen Basse, wie wenn ferne Donner rollen. Die Lauwe wars, die niederdonnerte, Dass weit an Flühn das Echo widerhallt". Spiller von Hauenschild „Cordula": „Hinunter prasselt und donnert und dröhnt, Was eben noch den Berg gekrönt, Felsblöcke, körniges Eis und Schnee, Ein stürzender Berg, ein strömender See". 3 ) Vgl. (mit Brosin) Schubart, „Der ewige Jude": „Doch Aetna gohr und spie in einem Lavastrom mich wieder aus". — 13 — Tief in des Waldes Gründen verging uns die erste der Nächte; 585. Schrecklich umgab uns ihr Grauen, verborgenem Herde entstiegen. Denn es erstrahlte kein Stern, kein Schimmer erhellte den Aether; Finstere Wolken umhüllten die weiten Bahnen des Himmels. Und der Schleier der Nacht hielt Mond und Stunden umfangen. 3. Di8 Schlacht hei Aktium. (vih, 671-728.) Aeneas erhält vor Beginn des Kampfes mit Turnus einen von Vulkan verfertigten, kunstvoll gearbeiteten Schild. Auf dem mittleren Felde desselben ist die Schlacht bei Aktium dargestellt. 671. Doch auf dem goldenen Grunde der Mitte, da woget das Weltmeer, Und auf azurner Flut schäumt weisslich gekräuselt die Wellp.'j Silbern erstrahlt eine Schar von Delphinen; die Tiefen durchschneidend, Ziehn sie dahin in Kreisen und peitschen die See mit dem Schweife. 675. Aber inmitten des Bildes erblickst du auf Aktiums Rhede Ehern zum Kampfe gerüstet die Flotten. Von Waffengetümmel Tost Leukate; vom Golde der Rüstungen leuchten die Fluten. — Dort führt Cäsar Augustus Italiens Völker zum Kampfe. Führt den Senat und die Römer und Romas Penaten und Götter 2 ). 680. Sieh, wie er ragt auf hohem Verdeck; um die heiteren Schläfen Sprühen ihm Zwillingsflammen, und über dem Haupte erstrahlet Glänzend der Stern seiner Väter. 3 ) Die hohe Gestalt des Agrippa Führet dort die Geschwader, der Liebling der Götter und Winde. Hell umstrahlt ihn die seltenste Zierde des Kriegers: die Krone 685. Schiffezerstörender Sporen. — Und ihnen entgegen beschwöret Siegreich Antonius her die barbarischen Horden des Aufgangs, Her von des Rotmeers Strande das bunte Gewimmel der Völker, Her von Aegypten die Scharen und Baktras fernste Cohorten. ') Vgl. Heine „die Nordsee" II, 8: „Wie schwarzgrüne Rosse mit silbernen Mähnen Sprangen die weissgekräuselten Wellen". ä ) In Shakespeares „Antonius und Kleopatra" 111, 6 sagt Oäsar (Octavian) zur Octavia: „Die hohen Götter Erwählten uns und die uns zugeneigt, Zu ihren Dienern, Recht zu schaffen dir"! 3 ) Schon dem Sohne des Aeneas, Julus, umstrahlen als Zeichen des hohen Schicksalsberufs der Nachkommen vor der Abfahrt von Troja 2 Flammen die Schläfen (Aen. 11, 684). Auch bei dem Taubenschiessen, welches der Trojaner Acestes veranstaltet, wird der Pfeil des Acestes glühend und fährt leuchtend durch die Lüfte. (Aen. V, 519 ff.) Nach Ovid endlich (metam. XV, 843. Vgl. Plin. nat. hist. 11. 24,94. Hör. carm. 11, 12,47) wurde der Diktator Cäsar nach seinem Tode in einen Kometen verwandelt zum Zeichen, dass Octavian sich göttlicher Abkunft erfreue. Die Seele Cäsars aber sieht aus dem Kometen auf die Thaten des vergötterten Sohnes hernieder und freut sicli seiner Grösse. Um die Jahreswende 44/< 3 war der Himmel voll seltsamer Zeichen, und zur Zeit als der Krieg gegen Kle opatra erklärt wurde, schwebte eine Fackel viele Jahre hindurch über dem griechischen Meere (Dio CassiusL, 8) und schoss dann in den Himmelsraum empor. Gut übersetzt Neuffer: „Ihm sprühen um die lachenden Schläfen Zwillingsflammen, Ihm glänzt das Vatergestirn auf die Scheitel". — 14 — Und in den Kampf zieht mit — o Schmach! — die aegyptische Buhle. 1 ) 690. Vorwärts drängen sie alle; und unter dem Schlage der Euder, Unter dem ehernen Dreizahn bäumt sich schäumend das Weltmeer. — Vorwärts drängt es zur Höhe; — als schwömmen, dem Boden entrissen, Ueber die Wogen einher die Cycladen, als wollten im Kampfe Feindlich die Alpen sich messen: so dringen ein auf die Feinde 695. Türmebeschwert die Kolosse. 2 ) — Des Pfeiles geflügeltes Eisen Sauset und flammendes Werg, und nimmer gesehenes Morden Rötet Neptunus' Gefilde. Die Fürstin entbietet zum Streite Laut mit der Isisklapper die Heere j — sie sieht nicht die Nattern Dräuen im Rücken. Die seltsamsten Wundergebilde von Göttern, 700. Allen voran Anubis, der Kläffer, sie schwingen die Waffen Wider Neptun und Venus und wider Minerva. — Es wütet Mars in dem wogenden Kampfe; — sein Bild ist aus Eisen getrieben. Nieder vom Himmel steigen die düsteren Diren. Frohlockend Schreitet die Zwietracht einher mit zerrissnem Gewände; Bellona 705. Folgt ihr mit blutiger Geissei. — Da schaut von Aktiums Höhen Nieder das Auge Apollos, gewahrt es; er spannt seinen Bogen: Siehe, da fliehen, von Schrecken erfasst, die Aegypter und Jnder, Fliehn mit Entsetzen der Araber Scharen und alle Sabäer. 3 ) — Sieh, wie befreundete Winde der Königin Flehen erhören, 1 ) Bei Shakespeare a. 0. sagt Canidius, der Feldherr des Antonius (III. 7): „Geleitet wird der Feldherr, und wir sind Nur "Weibersclaven." Und III, 9 macht Antonius der Kleopatra den Vorwurf: „Du wusstest nur zu gut, Aegypteriu: Mein Herz mit seinen Sehnen sei gefesselt An deinen Rudern, und dir nachzuziehn Sei ich gezwungen; wusstest zu genau, Wie unbegrenzt du meinen Geist beherrschest Und dass dein Wink von dem Gebot der Götter Mich abruft!" 2 ) Vgl. Schiller, „die unüberwindliche Flotte": „Sie kömmt — sie kömmt, des Mittags stolze Flotte, Das Weltmeer wimmert unter ihr; Mit Kettenklang und einem neuen Gotte Und tausend Donnern naht sie dir — Ein schwimmend Heer furchtbarer Citadellen . . . Zieht sie einher auf den erschrocknen Wellen . . . Mit majestätisch stillem Schritte Trägt seine Last der zitternde Neptun". Shakespeare a. 0. II, 6. Pompejus: „Und das ist's auch, Was mich bewog, die Flotte auszurüsten, Von deren Last das Meer erzürnet schäumt." IV, 12. Antonius: „Ich, der ich . . . auf Neptuns, des grünen, Rücken von Schiffen Städte baute". Nach Dio Cassius L, 23 und 33 glichen die Okteren und Dekeren des Antonius bei Aktium Burgen oder Felseninseln, welche der Feind von der See aus bestürmte. Die Moneren und Liburnen- biremen des Oktavian waren bedeutend niedriger. Vgl. Luebeck, „das Seewesen der Griechen und Römer". II. (Hamb. 1891 Progr.) p. 2 ff. Cicero nennt (in Verr. V, 34,89) schon eine quadriremis ,/urbis instar". Vgl. unten S. 18. 3 ) Vgl. die Inschrift auf der Siegesmedaille Elisabeths: „afflavit deus, et dissipati sunt", und Schiller a. 0. „Gott, der Allmächtige, blies, Und die Armada flog nach allen Winden' 15 710. 715. 720. 725. 730. "Wie sie die Segel entfaltet und lockert! 1 ) Erbleicht war ihr Antlitz Unter dem Morden der Schlacht, erbleicht vor dem drohenden Tode. Also treiben die Fürstin der Japygerwind und die Wellen Flüchtig dahin. — So schuf sie der feuergewaltige Künstler. — Trauernd weint ihr entgegen der riesengestaltige Mistrom, Lädt sie mit wehendem Kleide, 2 ) die Arme breitend, und bietet Dar der Besiegten den bläulichen Schooss und die schützende Strömung. Koma durchziehet indes im Triumphe Cäsar Augustus, Dreimal zieht er einher und gelobt ein unsterblich Gelübde: Dreimalhundert gewaltige Tempel zu weihen der Hauptstadt. Spiel und Frohlocken und lärmender Beifall erfüllen die Strassen, Festesaltäre umgeben die Tempel, umdrängt von Matronen; Und die Altäre benetzt das Blut der geschlachteten Rinder. — Cäsar, thronend am Thore des strahlenden Tempels Apollos, Nimmt entgegen die Gaben der Völker und heftet sie dankbar Hoch an die prangenden Säulen. — Es ziehn Nationen vorüber, Die er geschlagen. Wie lang sind die Reihen, verschieden die Zungen So wie das Antlitz, die Kleider und Waffen! Nomadische Völker, Afrer in losen Gewändern, die Carer und Lelegerstämme, Bogenbewehrt die Gelonen. — Gebändigt siehst du den Euphrat Trägeren Laufes dahinziehn; 3 ) siehst von den Enden der Welt die Moriner, Siehst auch das Delta des Rheins und die Daher, die nie unterjochten, Und den Araxesstrom, die Knechtschaft der Brücke verspottend. 105. 4. Die Regatta. (Aen. v, 104-285.) (Leichenspiele zu Ehren des Anchises.) Endlich erschien der erwartete Tag, und Phaetons Rosse Liessen den neunten Morgen in heiterem Glänze erstrahlen. Rings die Bewohner des Landes beschied das Gebot des Acestes, Lockte der Name des Fürsten. Es füllten die fröhlichen Scharen Weit das Gestade, zu sehn den Aeneas, zu streiten im Kampfe. ') „Um die Rah in ihrer Mitte am Mäste festzuhalten, so dass sie beim Heissen und Pieren ungehindert auf und niedergleiten, sich jedoch nicht von demselben freimachen konnte, diente das Rack, eine einfache oder, wie bei den Tetreren, doppelte, gekreuzte Tauschlinge, welche, Mast und Rah ura- schliessend, beide aneinanderfesselte." Es war mit aufgereihten hölzernen Kugeln versehen. Luebeck a. O. S. 16. Vielleicht ist aber hier nur vom Vorsegel die Rede, welches, da der Grossmast in der Schlacht umgelegt wurde, meist zum Rückzuge diente. Vgl. a. 0. S. 21. Vgl. Shakespeare a. 0. III, 7 „Sie floh ... der Kuh im Junius gleich, wenn sie die "Wespe sticht, mit ausgespannten Segeln". 2 ) Mit den Palten des Gewandes zu winken war Sitte des Altertums. 3 ) Aehnliche Bilder oft, z. B. Shakespeare, Julius Cäsar I, ]: „Erhobt ihr allgemeinen Jubel nicht, Dass selbst die Tiber tief in ihrem Bett Erbebte, wann des Schreiens Widerhall An ihren hohlen Ufern sie vernahm." Heinrich d. IV. I, 3: „Sie tranken dreimal Vertragsgemäss aus flüchtger Severnflut, Der dann aus Purcht vor ihren blutgen Blicken Erschrocken rann durch sein erbebend Schilf" 16 — Und zu Beginn entbeut man der AI enge das Schauspiel der Gaben: 110. Heilige Dreifussgeschenke und grünende Kränze und Palmen. Waffen und purpurgestickte Gewänder, als Preise der Sieger; Und zum Siege auch spornten Talente von Silber und Golde. Horch, da verkündet vom Bühl die Posaune der Spiele Eröffnung. Ein in den Wettkampf treten zuerst vier mächtige Boote, 115. Vier aus der Flotte vor allen erlesen. Den „Hai", den behenden, — Rüstige Roier erwarben ihm Ruf — lenkt Mnestheus. Der Ahnherr Ward er des Memmiusstammes dereinst in Italiens Gefilden, Gyas regiert den gewaltigen Bau der „Chimäre". Der Riesin Schwimmende CitadelleM bewegen der Dardaner Riemen, 120. Dreifach gereiht. 2 ) Auf dem gewaltigen „Cent au er" durchschneidet Sergestus die Fluten; Urahn ist er geworden des Sergischen Hauses. Die „Scylla-, die blaue, Leitet Cloanthus, deines Geschlechtes, Cluentius, Vorfahr. Drüben erliebt sich im Meere, nicht weit, von der brandenden Küste, 125. Ueber die Tiefe ein Felsen. So lange die Stürme des Winters Sterne und Himmel umdräuen, bedecken ihn schwellend die Fluten. Jetzt überragt er das sanfte Gewoge des schweigenden Meeres, Und, sich zu sonnen, erkiest ihn als Lieblingseiland die Möve. Dort errichtet Aeneas den Schiffern der grünenden Eiche 130. Prangenden Zweig zum Ziele, damit die Matrosen von hinnen Wüssten rückwärts zu lenken in länglich gewundenen Bahnen. Loose bestimmen die Stände; und prächtig erstrahlen die Führer Hoch auf der Schiffe Verdeck in umgoldetem Purpurgewande. Alle Genossen umkränzen das Haupt mit dem Laube der Pappel, 135. Und die entblösste Schulter erglänzt vom geschmeidigen Oele. Siehe, wie reiht sich die Schar! Mit den Fäusten die Ruder umschliessend, Horcht sie gespannt und erwartet mit klopfendem Herzen das Zeichen; Und die Begierde nach Ruhm lässt jagen die bangenden Pulse. — Horch, da erdröhnt die Drommete! Wie aus den Schranken sie fliegen 140. Sonder Verzug und zum Aether der Ruf der Matrosen empordringt, Und wie die Fluten schäumen, gepeitscht von nervichten Armen! Gleichhin ziehn sich die Furchen, und unter Rudern und Dreizahn Teilt sich gähnend das Meer. — So stürzet nicht in die Bahnen Rasenden Laufes das Doppelgespann; nicht brechen zum Streite 145. So aus den Schranken die Wagen hervor, wenn die wallenden Zügel Locker die Rosse fühlen und frei ihre Kraft sich entfaltet Unter der Geissei der Lenker, die vorgebogen 3 ) sie schwingen. — Dröhnend erklinget der Hain von den Beifallsrufen der Männer Und der Parteien Erregung. Es tragen die hohen Gestade 150. Weiter den Hall zum Gebirge, und Antwort schallen die Gipfel. Allen voraus sehwebt fliegend dahin durch die vorderen Wogen Gyas, umtost von der Menge Geschrei. Es folgt ihm Cloanthus. Schnellere Ruder bewegen sein Schiff, doch es hemmt ihn die Schwere. ') Vgl. oben S. 14, Anm. 2. 2 ) Auch bei Vergil bricht der Vers im 2ten Fusse ab. 3 ) „Vorgebogen" bezeichnet das rein Mechanische ebensogut wie „vorgebeugt". Vgl. Freiligrat „Zwischen den Garben" 142: „Froh kehrten sie zurück, den Nacken krumm gebogen von des Aegypters gelbem Korn". Chamisso 4, 123: „Da stand ich . . mit ausgestrecktem Arm vorgebogen". — 17 — Gleiche Entfernung trennet von ihm den „Hai" und „Centauer", 155. Beide den Vorrang erstrebend. Schon glaubt ihn der Hai zu erringen — Siehe, da eilt ihm zuvor alsbald der gewaltge Centauer, Bis ihre Höhe die gleiche und Bug an Bug sie entschweben. — Mächtige Furchen beschreiben die flutenzerteilenden Kiele. — Schon ist der Fels in der Nähe, es winket das Ziel: da ertönet 160. Mitten im Wogengebrause die Stimme des siegenden Gyas; Strafend ergeht sein Buf an den Lenker des Schiffes, Menoetes: ,,Was entweichst Du zur Rechten! Zu mir her lenke das Steuer. Halte den Strand; hart streife das Ruder die Felsen zur Linken! Anderen lasse die See!" So rief er; aber Menoetes 165. Fürchtet verborgene Klippen und wendet den Bug nach dem Meere. „Wiederum steuerst du abseits", so ruft er von neuem, „Menoetes, Halte die Felsen!" — so ruft er mit donnernder Stimme. — Da sieht er Dicht auf den Fersen Cloanthus die nähere Bahn sich erringen. Zwischen des Gyas Schiff und umbrandeten Klippen zur Linken 170. Steuert er hart am Gestade vorüber. Und siehe, vorüber Eilt er am Ziele und segelt dahin durch die sicheren Fluten. — Da durchwühlt gewaltiger Schmerz die Gebeine des Jünglings; Thränen des Zorns vergiesst er, und jegliche Würde vergessend, Achtet er nicht der Gefährten; — den säumigen Fährmann Menoetes 175. Wirbelt er hoch vom Verdeck in die Tiefe jählings hinunter. Selber ergreift er das Steuer, und selber befiehlt er den Rojern, Lenket das Fahrzeug und wendet den Steven dem Ufer entgegen. Kaum war indes mit Mühe zu Tage gestiegen Menoetes, Triefend in nassem Gewände, da kroch er empor auf die Klippen, 180. Schon von den Jahren gebeugt, und gewann den trockenen Felsen. Lachend begrüssten den Taucher die Troer und lachend den Schwimmer, Lachend sahn sie ihn speien des Meeres salzige Fluten. Neu war indessen den Letzten die fröhliche Hoffnung erglommen, Mnestheus zumal und Sergestus, den zögernden Gyas zu schlagen. 185. Und es gelingt Sergest, als der erste dem Felsen zu nahen. Doch nur die Länge des Bugs ist er vor: um die Wette Rudert der Hai und ereilt ihn zur Hälfte mit ehernem Sporne Siehe, da schreitet einher durch das Schiff mit mahnendem Rufe Mnestheus: „Jetzt ist es Zeit; jetzt hebet zum Schlage das Ruder, 190. Ihr, eines Hektor Genossen! Wohlan bewähret die Kräfte, Zeiget den Mut, den ihr einst in Gätuliens Syrien bewiesen, Im Joniermeer, in Maleas stürmenden Fluten. Nicht mehr der Sieg ist's, den ich erstrebe, die Palme des Sieges; Ha, sie nicht — sie kröne, wem immer Neptun es verliehen! 195. Aber verhindert, Genossen, die Schmach, als die letzten zu kehren, Sie nur verhindert; nach diesem Erfolge nur strebet im Kampfe!" Sieh, wie die Schar um die Wette sich beugt; von gewaltigen Schlägen Dröhnt das eherne Heck, und unter ihm fliehet der Boden. Hastiges Keuchen erschüttert die Rojer; mit lechzendem Munde 200. Fühlen die Glieder sie zittern, benetzt von strömendem Schweisse. Siehe da hilft zum erwünschten Erfolge den Männern der Zufall. Denn als Sergestus verwegen den Bug zu den Felsen gelenket, Trifft das Verhängnis ihn, dass er haftet aut tückischer Klippe. Krachend erdröhnt das Gestein, an dem zackigen Riff der Koralle — 18 205. Splittein zerschellend die Ruder, und fest läuft strandend das Fahrzeug. Auf fährt zornig der Ruderer Schar und verwünschet das Hemmnis. Eisenbeschlagene Hebel und Stangen mit eherner Spitze Holt sie hervor und sammelt im brandenden Meere die Trümmer. Froh eilt Mnestheus indessen, ermutigt vom raschen Erfolge, 210. Unter der Riemen einhelligem Schlage 1 ) und günstigem Fahrwind Fliegend dahin, von den Wellen des offenen Meeres getragen. So schlägt, plötzlich verscheucht aus der Höhle des lockeren Tufsteins, Wo sie das trauliche Nestchen in sichrem Versteck sich erbauet, Mächtig die Taube die Flügel; es schreckt sie die Angst aus dem Obdach Fort in die Flur; dann schwebet sie gleitend im ruhigen Aether, Ohne die Schwingen zu regen, hindannen auf luftigen Pfaden. So schwebt Mnestheus; so wird vom eigenen Schwünge getragen, So eilt fliegend der Hai auf krystallener Fläche zum Ziele; Eilt an Sergestus vorbei, der mühsam ringt mit den Felsen Und mit den Klippen der Tiefe. Vergeblich fleht er um Hülfe, Uebet vergeblich die Kunst, mit zerbrochenen Rudern zu fahren. Eilt auch an G-yas vorbei und dem Riesenbau der Chimäre — Da sie des Lenkers beraubt ist, so muss sie ihm weichen. — Nur einer Ist ihm zuvor und naht sich dem Ziele, Oloanthus. Ihn zu erreichen, Ihn zu besiegen mit aller Gewalt, ist jetzt sein Bestreben. Doppelt erbraust der Chor der Parteien, der Zuruf der Menge Spornt den Verfolger, und donnernd hallt in die Lüfte der Beifall. Jene befeuert der Ehrgeiz; die eben errungene Palme Wollen sie nimmer verlieren, und sollte das Leben es kosten. Diese treibt der Erfolg; das Vertrauen verdoppelt die Kräfte. 2 ) Wenig nur fehlte, so siegte ihr Bug zu derselben Sekunde. Aber Oloanthus erhob zum Meere die betenden Hände, Brünstige Bitten entströmten den Lippen und fromme Gelübde: „Die ihr die Meere beherrscht und den Ocean, den ich befahre, 235. Hier am Gestade gelob ich, den glänzenden Stier euch zu opfern Vor dem Altar, die Geweide den Fluten mit heiligem Salze Freudigen Herzens zu weihen und Spenden des perlenden Weines". — Und es erhört sein Gebet in den Tiefen der Reigen des Phorkus, Hören die Nereiden und Panopea die Jungfrau. 240. Kraftvoll erfasst mit der Faust der alte Portunus das Fahrzeug, Mächtigen Schwung ihm verleihend. Und mit der Schnelle des Südwinds Und des beflügelten Pfeiles eilt es dem Strande entgegen; — Und schon birgt es des schützenden Hafens ruhige Tiefe. — Laut durch des Herolds Mund verkündet alsbald, wie es Brauch ist, 245. Droben der Sohn des Anchises der Menge den Sieg des Oloanthus, Um mit des grünenden Lorbeers Kranz ihm die Schläfen zu krönen. Dann vergönnt er den Schiffen, sich je 3 Stiere zu wählen, Spendet auch Gaben von Wein und schwere Talente von Silber. Treffliche Ehrengeschenke gewährt er als Preise den Führern: 250. Goldig durchwirkt, umwallt den Sieger ein griechischer Mantel, 215. 220. 225. 230. *) Vgl. oben Anm. zu I, 83 und III, 561. '-) „possunt, quia posse videntnr". Umgekehrt heisst es vom Selbstmorde des Cassius bei Shakespeare, „Julius Cäsar" V, 3: „Mistrust of good success hath done this deed". „Misstrauen am Gelingen führte aus die Thai". — 19 Den euboeischer Purpur doppelt mäandrisch umbordet. Kunstvoll zeigt das Gewebe des Königssohnes Entführung. Jagend in Idas Wäldern, die schnellen Hirsche ermüdend, Atemlos eilend, stürmt er daher; da schwebet vom Ida 255. Jählings hernieder der Waffen gefähr te des Zeus - und ergreift ihn, Und mit umklammernden Fängen entführt er ihn hoch in die Lüfte. Himmelan heben vergeblich die greisen Begleiter die Hände, Himmelan dringet vergeblich der Rüden wütendes Heulen. Den, der die zweite Stelle als tapferer Führer errungen, 260. Krönte von güldenen Ketten ein dreifach geflochtener Panzer, Welchen Aeneas dereinst an des Simois wilden Gestaden Demoleos, dem Argiver, auf Ilions Fluren entrissen. Zierde im Frieden und Ehre, gereicht er im Kampfe zur Wehre. Mühsam trugen ihn nur Sagaris und Phegeus, die Diener; 265. Vielfach umwand ihre Schultern die Last, in welcher vor Zeiten Demoleos die Trojaner in eilendem Laufe verfolgte. Eherner Kessel ein Paar und aus Silber getriebene Schalen Waren das dritte Geschenk. — Die Pracht der errungenen Preise Füllte die Sieger mit Stolz; es umgabeii die purpurnen Binden 270. Prangend die Schläfen. — Indessen gewann nach langer Bemühung, Endlich befreit von der grausamen Klippe — gelähmt auf der Linken, Welche die Ruder verlor, das Wrack des Sergestus die Freiheit. Reichlicher Spott ist sein Lohn. — Du magst ihn der Schlange vergleichen, Die auf dem Damme des Weges das eherne Rad überfahren 275. Oder des Wanderers Schlag auf steinigtem Boden getroffen. Nahe dem Tode — zerquetscht, so Hess er im Staube sie liegen. Langhin sucht sie vergebens zur Flucht den Körper zu winden. Bäumt sich wütend mit sprühendem Auge und zischender Zunge. Aber es bannt sie die Wunde, wie sehr sie in Knoten sich ringelt, 280. Wie sie auch flicht ihre Glieder. — Nicht anders bewegte Lahm sich das Schiff, au den Rudern in gleicher Weise verstümmelt. Doch mit gehissten Segeln gelingt ihm die Fahrt in den Hafen. — Und auch Sergestus empfängt den verheissenen Lohn von Aeneas, Weil er gerettet die Barke zurückführt und die Genossen. 285. Ihm wird zu teil eine Sklavin, erfahren in weiblichen Künsten, Creta entstammt, Pholoe, mit Zwillingssöhnen am Busen.