Beilage zum Jahresbericht des Grossii. Ludwig-Georgs-Gymnasiums und der Vorschule der beiden Gymnasien zu Darmstadt. Ostern 1911. GERGOVIA Eine Cäsarstudie auf Grund eigener Anschauung von Oberlehrer Dr. Carl Ausfeld. I I 1 Mit einem Situationsplan. Cr^ä DARMSTADT G. Ottos Hof-Buchdruckerei 1911 1911. Nr. 917. 9 1? C4°)AA ) f/t M /f *^ D e% £? ^ & flösse mmmm Gfergovia. Eine Cäsarstudie auf Grund eigener Anschauung-. Von Oberlehrer Dr. Carl Ausfeld. Trotzdem sich manche Stimmen hören lassen, die Cäsar aus der Zahl der Schulschrift- steller für die Tertien streichen möchten, wird er doch hoffentlich noch lange von unseren Tertianern gelesen werden. Gerade das siebente Buch der Kommentare Cäsars wird besonders häufig und gern gelesen, da es in gar mancher Beziehung das allergrösste Interesse verdient. Hier wird uns einer der grossen Entscheidungskämpfe der Weltgeschichte vor Augen geführt, die Entscheidung, die durch die Vernichtung der Gallier als Nation die Möglichkeit geschaffen hat, dass die grosse Mittelmeerkultur zu den Germanen weiterdringen konnte; die Entscheidung, die uns eine Nation mit der letzten Kraft der Verzweiflung im Kampf um ihre Existenz zeigt und ihren Zusammenbruch mit notwendiger Härte des Schicksals uns mit erleben lässt; ein Stück Weltgeschichte, das uns zwei Persönlichkeiten als Führer der kämpfenden Parteien zeigt, wie sie sich in der Geschichte nicht oft gegenübergestanden haben, Cäsar und Vercingetorix; die Tragik der gallischen Nation und ihres Helden auf der einen Seite» Cäsar und seine siegreichen Truppen auf der andern Seite. Nie hat Cäsar seine Genialität glänzender beweisen können wie diesem gallischen Häuptling gegenüber, nie ist seine Feldherrnkunst, „die Spannkraft seines Genies" vor eine höhere Aufgabe gestellt worden wie in diesem Kampfe. Aber auch im einzelnen bietet dieses Buch soviel Interessantes, Kriegsgeschichtliches, Kriegstechnisches, das sich besonders eignet, Vergangenes mit Gegenwärtigem zu verbinden, gerade in einer Zeit, wo durch Jugendspiele, Sport u. dergl. der Sinn und das Interesse für Militärisches wächst und allseitig gefördert wird. In der Obertertia kann sich sehr wohl so viel Zeit erübrigen lassen, dass das Stoffliche mehr in den Vordergrund tritt. Im folgenden will ich auf Grund eigener Anschauung besonders den Kampf um Gergovia behandeln '. Es kommt mir vornehmlich darauf an, die militärischen Gesichtspunkte ins Auge zu fassen. Vielleicht kann die Darstellung auch dazu beitragen, dass die Schlachtenpläne anders gestaltet werden 2 . 1 Vgl. Cäsar, B. G. Vir, 32-53. 2 Ich füge einen Situationsplan bei, den der Oberprimaner W. Büchner nach meinen Angaben entworfen hat. Das Gelände ist in dem Text beschrieben; es kommt auf den Karten bei von Kampen etc. nicht so scharf zum Ausdruck. ■1 Von der reichen Einzelliteratur, die sich gerade mit Gergovia beschäftigt, habe ich besonders nur die mir als letzte Zusammenfassungen bekanntgewordenen sehr verdienstvollen Arbeiten von Jullian ] und Veith 2 benutzt s . Ende 5b v. Chr. Geb. hatte Cäsar Gallien, wie jedes Jahr, verlassen, um nähere Fühlung mit Rom zu nehmen, wo gerade in diesem Winter die Wogen der demagogischen Umtriebe besonders hoch gingen. Er lebte in der Gewissheit, keine ernstlichen Gefahren in seinem Rücken gelassen zu haben. Aber er hatte sich getäuscht: Eine nationale Erhebung aller- grössten Stiles, ein letztes Aufflammen der Begeisterung für ein geeinigtes Gallierreich, ein letzter verzweifelter Versuch, Gallien als Nation zu retten 4 , brachte insgeheim unter Führung der bedeutendsten Staaten, der Carnuten und Arverner, die meisten gallischen Stämme unter Waffen. Die Nachrichten aus Italien"' wirkten bestimmend mit, den Plan der Erhebung jetzt zur Ausführung zu bringen, denn man wähnte, Cäsar sei jetzt in Italien nicht abkömmlich (i . Das nächste Ziel war, den Feldherrn von seinem Heere zu trennen 7 . Rasch stand Ver- cingetorix trotz mancher Schwierigkeiten als Oberbefehlshaber an der Spitze der Verbündeten 8 . Er traf seine Anordnungen mit ganz bewunderungswürdigem Geschick. Die Hauptidee war zunächst: Cäsar darf nicht zu seinen Legionen. Zu diesem Zweck musste Cäsar schon in der Provinz aufgehalten werden, deshalb beorderte er den Lucterius in das Gebiet der Rutenen 9 . Zweitens dürfen die Heere selbst nicht aus ihren Winterquartieren heraus — ohne besondern Befehl unternahmen sie wohl nichts mehr nach den früheren Erfahrungen I0 . Zu diesem Zwecke wandte sich Vercingetorix selbst gegen die Bituriger 1 ', mit deren Unterwerfung er die Verbindung zwischen dem Arvernerland und den Carnuten und somit weiter mit dem Gebiet, wo die Legionen im Winterquartier lagen 12 , herstellen musste. Dabei hatte er drittens im Auge, mit dem Zuge gegen die Bituriger die Äduer zu treffen, auf deren Stellung zu dem Aufstand er besonderes Gewicht legte. Es gelang ihm, die Äduer in die missliche Lage zu versetzen, die Bituriger nicht schützen zu können und schon jetzt eine sehr zweideutige Rolle spielen zu müssen 13 . Cäsar überschaute sofort die Lage. Zweierlei war möglich: Entweder Hess er die Legionen nach Süden kommen, oder er begab sich zu seinen Truppen. Rasch entschied er sich für das letztere, ohne sich jedoch die .ungeheuren Schwierigkeiten zu verhehlen 14 . Hatte Vercingetorix seine Unternehmung unter drei Gesichtspunkten begonnen, so antwortete Cäsar ebenfalls mit drei Massnahmen: Im Süden legte er durch geeignete Mittel den Lucterius lahm 15 , gegen Ver- 1 Camille Jullian, Verkingetorix, übersetzt von Sieglerschmidt, Glogau 1905. C. Jullian, Histoire de la Gaule III, Paris 1909. 1 G. Veith, Geschichte der Feldzüge C. Julius Cäsars, Wien 1906. * Einzeldarstellungen zusammengestellt bei Juli. H. d. 1. G. III, 465, Anm. 3. 4 Vgl. Cäsar, B. G. VII, Kap. 1, 8; 66,4. 6 Vgl. Kap. 1 (ohne Buchzahl beziehen sich die Stellen auf Buch VII). 6 Kap. 1, 2. 7 Vgl. Kap. 1, 6. 8 Vgl. die interessanten und lehrreichen Kapitel bei J — S Verking. S. 73—116 und Juli. H. d. d. G. III, 419 folg. » Vgl. Kap. 5, 1. 10 Vgl. Kap. 1. 7. 11 Vgl. Kap. 5, 1. ia Vgl. VI, 44. '» Vgl. Kap. 5. " Vgl. Kap. 6. 15 Vgl. Kap. 7; 8. cingetorix operierte er durch seinen Übergang über die Cevennen, eine staunenswerte Leistung mitten im Winter; es war Februar 1 . Daran hatte natürlich niemand gedacht. Schnee und Eis der Cevennen galten als unbesiegbares Hindernis. Deshalb hatte man dorthin nicht gesichert. Der Erfolg war glänzend. Vercingetorix musste in sein Land zurück, Cäsar hatte richtig gerechnet mit der Angst der Bevölkerung, der Vercingetorix diesmal nachgab, obwohl er als Feldherr einen Erfolg für die Römer durch diesen Einfall nicht zu fürchten brauchte 2 . Somit war seine dritte Absicht erreicht, seine Legionen waren noch frei. Nun eilte der Prokonsul weiter. Tag und Nacht raste er durch das Äduerland und erreichte glücklich seine Legionen 8 . So überlegt der Plan des Arvernerfürsten auch ins Werk gesetzt war, der römische Feldherr hatte seinem genialen Gegner den ersten Erfolg unmöglich gemacht: Cäsar stand wieder an der Spitze seiner unüberwindlichen Legionen 4 . Sehr viel war für ihn damit gewonnen, doch stellten sich ihm sofort neue Schwierigkeiten entgegen. Die neue Sorge waren die Ädner. Vercingetorix belagerte Gorgobina, die Hauptstadt jener Boier, die Cäsar einst nach dem Helvetierkrieg den Äduern geschenkt hatte 5 . Liess Cäsar die Boier und somit die Äduer im Stich, so war keine Hoffnung, dass auch nur eine Völkerschaft ihm treu bleiben werde, und dann war es für Vercingetorix noch leichter, alle Stämme zu vereinen, denn Cäsar hätte bewiesen, dass er nicht mehr imstande sei, seine Bundesgenossen zu schützen. Andererseits aber machte ihm die Verproviantierung im Winter schweren Kummer. Auch jetzt entschied er sich für das Schwierigere, um seine Bundestreue zu beweisen G . In rascher Aufeinanderfolge nahm er die Senonenstadt Vellaunodumim, die Stadt der Carnuten Genabum und die Biturigerstadt Noviodunum'. Erst vor Avaricum musste er länger Halt machen, hier hatte er eine schwierige Aufgabe zu lösen s . Wenn Vercingetorix den Römer gezwungen hatte, von seinem Plan, den Winter ruhig in Agedincum zu bleiben, abzustehen, so war jetzt Vercingetorix gezwungen gewesen, die Belagerung von Gorgobina aufzugeben und Cäsar entgegenzuziehen. Noch stand es gut mit der Sache der Römer. Wir müssen staunen, wie Vercingetorix nach allen bisherigen Misserfolgen seine Truppen in der Hand hatte. Es gelang ihm auf diese Weise aber nicht, weiter zu kommen. Eine offene Feldschlacht wollte und konnte Vercingetorix nicht liefern, dazu hatte er zuviel aus den Geschehnissen der letzten Jahre gelernt. Die Reiterei, auf die er von vornherein den grössten Wert gelegt hatte 1 ', hatte bereits einmal versagt 10 . In einem Kriegsrat erklärte Vercingetorix, nachdem zum zweitenmal seine Pläne durchkreuzt waren, man müsse anders vorgehn und die Römer schlechtweg aushungern, indem man die Depots in den gallischen Städten vernichte 11 . Draussen auf dem Felde gabs noch nichts, es war erst März. Die Gallier fügen sich seinem Willen und an einem Tag gehen mehr als zwanzig Biturigerstädte in Flammen auf. Ebenso verfuhr man in Nachbargebieten 12 . Wir bewundern diese Opferfreudigkeit, aus ihr spricht einmal die Erbitterung, mit der man den Kampf aufnahm, dann die Zuversichtlichkeit, mit 1 Vgl. Juli. H. d. 1. U. III, 429. 2 Vgl Kap. 8. 8 Juli. H. d. 1. 6. III. 431, Anm. 6 rechnet 14 Tage von Narbonne bis Sens. * Vgl. Kap. 9. » Vgl. I, 28, 5. 0 Vgl. Kap. 9 und 10. 7 Vgl. Kap. 11 und 12. » Vgl. Kap. 14-31. 9 Vgl. Kap. 4, 8. 10 Vgl. Kap. 13, 2. '» Vgl. Kap. 14. » Vgl. Kap. 15, 1, 2. ,-'-_: Egg ;-"1: m .'''- . der man auf den Führer sah und dessen Massnahmen befolgte. Wie recht er gehabt hatte, zeigte sich gleich vor Avaricum, der einzigen Stadt, deren Schonung nach heissen Kämpfen dem Vercingetorix abgerungen worden war 1 . Noch einmal trat die Überlegenheit der römischen Waffen zutage, so schwierig die technische Aufgabe vor Avaricum, dem oppidum pa- lustre, auch war 2 . Nachdem Avaricum gefallen war und Cäsar sich von den Strapazen der fast 30tägigen Belagerung mit seinen Truppen in der reichen Stadt erholt hatte, wollte er aufbrechen, um die Feinde wieder zu stellen 3 . Abermals sind es die Aduer, die seine Pläne durchkreuzen. Sie erbaten seine Hülfe in einer inneren Angelegenheit. Er gab ihren Bitten nach und Hess sich vom Kriegsschauplatz und vom Feinde abziehen 4 . Was mag ihn wohl dazu bestimmt haben? Aus seinen Ausführungen geht hervor, dass er auch jetzt unter allen Umständen den Aduern gegenüber als Schutzherr gelten wollte; er durfte sie nicht ihren Zwistigkeiten überlassen, sonst waren sie ihm verloren, denn wie sehr sie in ihrer Treue wankend geworden waren — dazu wird das Gold des reichen Auvergnaten viel mitgeholfen haben — sollte sich bald zeigen. Vercingetorix wollte er unter keinen Umständen die Entscheidung in dieser Angelegenheit überlassen; so schlichtete er den Streit der Aduer auf einer Versammlung zu Decetia und verpflichtete sie sich durch diese Tat. Er brauchte sie notwendig; wer sollte seine Etappen- strasse decken, wenn er nach dem Süden zog, wer sollte ihm den Rücken frei halten, wer ihm Truppen, namentlich Reiter geben, wenn nicht die Äduer? Also das ganze Gelingen seines Feldzuges lag an ihrem Verhalten. Durch sein Eingreifen erreichte er vorläufig, allerdings unter grossen Versprechungen 5 , was er wollte. Wie gering aber Cäsar ihre Treue schon damals einschätzte, geht daraus hervor, dass er die vornehmsten Führer der zu stellenden Truppen gleich mit sich nahm 6 . Noch war es des Missgeschicks nicht genug; Cäsar musste seine Truppen teilen 7 und vier Legionen mit Reiterei dem Labienus nach Norden zu Hilfe schicken, während er nun mit sechs Legionen und dem Rest der Reiterei den Vormarsch auf Gergovia antrat 8 . Weitere Reiterei und 10 000 Mann der- Aduer sollten folgen. In Noviodunum (Nevers) waren seine Depots angelegt, von dort aus sollte, unter dem Schutz der Aduer, der Nachschub folgen. Auf Verproviantierung aus der Umgegend konnte er nicht rechnen, das wusste er durch die Erfahrungen in dem Biturigerland, und ausserdem war es noch zu früh im Jahre. Cäsar wollte jetzt zurück auf die linke Seite des Allier, aber Vercingetorix hatte sämtliche Brücken 1 Vgl. Kap. 14, 3, 4. 2 Man sieht noch heute ganz deutlich die Stelle, von der aus der Angriff erfolgte, noch heute trägt die Landschaft um Bourges sumpfigen Charakter: Hochragende Weiden geben der nächsten Umgebung das Gepräge. Ich sah, wie die Gärten in den Niederungen an den vielen Bächen und dem Kanal de Berry auch jetzt noch zum Teil mit Kähnen erreicht werden. 8 Vgl. Kap. 32, 2. * Vgl. Kap. 33, 1. 6 Vgl. Kap. 34. 1. 6 Veith 8. 177 vermutet, die ganze Angelegenheit sei ein Schachzug des Vercingetorix gewesen, um die Offensive Cäsars zu verzögern. Es lässt sich das nicht unbedingt behaupten, doch lag der Aufenthalt im Aduer-Gebiet durchaus im Interesse der Gallier, vorausgesetzt, dass Vercingetorix schon vorher beabsichtigte, als nächsten Punkt des Widerstandes Gergovia zu wählen. Vgl. auch Juli. H. d. 1. G. III,'457. 7 Vgl. Kap. 34, 2. 8 Cäsar wird wohl nicht aus Leichtsinn und unbedacht die Legionen geteilt haben, wie Veith Seite 177 vermutet (vgl. Juli. H. d. 1. G. III, 465/66). War es nicht gerade ein Zeichen kluger Vorsicht, wenn er im nördlichen Gebiet grössere Truppenmassen vereinte, die ihm unter Umständen, während er im Süden operierte, die Feinde vom Halse halten und möglicherweise, wenn er zurück musste, ihm den Weg nach Norden frei machen konnten? zerstören lassen. Das entsprach ganz seinem Plan, unter allen Umständen eine Schlacht zu vermeiden. Denn solange Cäsar auf dem rechten Ufer festgehalten wurde, konnte er ihn nicht stellen. Der Anmarsch auf Gergovia begann. Cäsar marschierte auf dem rechten, Vercingetorix auf dem linken Ufer. So zogen sie etwa drei Tage neben einander, grosse Strecken legten sie nicht zurück, denn der Weg am Elaver entlang, der durch die Schneeschmelze im Gebirge wohl noch Hochwasser führte, bot sicher grosse Schwierigkeiten. Ferner musste Cäsar die Meldungen seiner Aufklärungskavallerie abwarten, sie brachte ihm auch die traurige Nachricht, dass alle Brücken über den Fluss zerstört seien und der Uebergang durch eine Furt vor Herbst in der Regel ausgeschlossen sei'. Aber warten konnte Cäsar nicht, jeder Tag stärkte die Feinde und gab die Möglichkeit zu noch engerem Zusammenschluss der gallischen Staaten. Er benutzte also die erste Gelegenheit, wo das Gelände es ihm erlaubte, sein Lager gedeckt aufzuschlagen'-. Am andern Morgen lässt er zwei Legionen zurück und marschiert mit den übi'igen vier und der ganzen Bagage weiter. Dadurch, dass er die einzelnen Kohorten mit grösserem Abstand marschieren Hess, erreichte er angeblich, dass die Feinde das Fehlen der zwei Legionen nicht merkten. Als die vier Legionen auf der einen und die Gallier auf der andern Seite weitergezogen waren, lässt er von den beiden zurückgebliebenen Legionen die Brücke, deren Köpfe noch stehen geblieben waren, wieder herstellen, setzt über und bezieht ein befestigtes Lager 3 . Es ist wohl kaum wahrscheinlich, dass Vercingetorix weder selbst noch durch seine Patrouillen oder die Leute der Umgegend nichts von dem Bau der Brücke gemerkt habe. Er wollte einfach die Sache nicht hindern, sonst hätte er sich der Gefahr einer Schlacht ausgesetzt. Es wäre ihm doch sehr leicht gewesen, gleichzeitig mit Cäsars Truppen zurückzuziehen und ihnen den Übergang unmöglich zu machen. Seine Absicht war eben nur, Cäsar aufzuhalten, um ihn zu hindern vorauszuziehen, ihn zu stellen oder vor Gergovia abzuschneiden. Das war erreicht, und so Hess er ruhig die Römer auf das linke Ufer des Flusses gelangen. Er selbst gewann dadurch einen Vorsprung von fast zwei Tagen. Denn Cäsars Truppen werden im Lauf der Nacht an der Brücke eingetroffen sein; es dauerte geraume Zeit, bis etwa 16 000 Mann und die Bagage von sechs Legionen übergesetzt waren. An diesem Tage wird Cäsar nicht mehr viel weiter marschiert sein, während Vercingetorix sofort seinen Marsch fortsetzte, um vor Cäsars Eintreffen noch alles aufs beste in der Stadt zu organisieren. Nur langsam folgte Cäsar zunächst dem Flusse entlang, den sanft ansteigende Hügel begleiten. Seine Aufgabe war ihm gestellt, er musste sich mit dem Gedanken vertraut machen, vor Gergovia eine Entscheidung zu suchen. Wie schwierig diese Aufgabe war, sollte er bald erkennen. Am vierten Tage kam er etwa in die Gegend des heutigen Clermont-Ferrand. Hier sah er die Berge der Auvergne, davor als Abschluss nach Norden gegen die Ebene, aus der er anrückte, das Plateau von Gergovia, das 300 Meter aus der Ebene emporragt. Was er nicht sah, sagten ihm seine Patrouillen. Er erfuhr, dass der Anmarsch nur auf der 1 Vgl. Kap. 35. 2 Die Stelle wird verschieden angegeben, teils bei Moulins, 100 km von Gergovia, so von Göhler, Napoleon, Jullian, vgl. H. d. 1. G. III, 459, Anm. 6. Ich schliesse mich der Ansicht, wie auch Veith, an, den Übergang bei Varennes suchen zu müssen. 75 km von Gergovia, mit aus dem Grunde, weil er nach Moulins noch einen grössern Seitenfluss (Sioulet) hätte überschreiten müssen und der Marsch die nächsten fünf Tage sehr langsam weiterging. ' Vgl. Kap. 35, 5, ü. Ostseite des Berges möglich war; von Norden her an den Berg heranzuziehn und sich davor zu legen, hatte keinen Zweck, denn hier waren die Abhänge zu steil und ein Angriff ausgeschlossen. Westwärts um den Berg zu ziehen, war auch unmöglich, denn in die schmalen Täler und dichten Wälder konnte er sich mit seinen Legionen nicht wagen. Um den Berg herumzuziehen und sich gleich zwischen das Plateau und die Berge im Süden zu legen, war auch nicht ratsam, da Cäsar die Verbindung nach Norden frei haben musste. Von dort erwartete er die Äduer, und hier war auch seine Etappenstrasse, von der ihn sonst die Gallier leicht hätten abschneiden können. Also der gegebene Punkt für sein Lager war vorläufig im Südosten der Höhe, dort haben die Ausgrabungen den Platz ergeben. Cäsar spricht' nur ganz kurz über die Lage der Stadt, von der er sich an jenem fünften Tage selbst rasch einen Überblick verschaffte. Zwei Möglichkeiten standen ihm jetzt offen: Entweder er nahm die Stadt im Sturm, das erkannte er sofort als unmöglich, oder er richtete sich für eine Umlagerung ein. Auch das bot die grössten Schwierigkeiten und war nicht durchzuführen, solange er nicht über grössere Truppenmassen verfügte und die Verproviantierung nicht geregelt war. Soweit deutet Cäsar selbst seinen Plan an, geht dann aber sofort zur Beschreibung der feindlichen Lager über und gibt die Anordnungen an, die Vercingetorix zur Übung seiner Truppen traf. Er lenkt gewissermassen den Leser ab von den Schwierigkeiten, die er deutlich sah, und erwähnt rasch seinen ersten Erfolg. Aber wenn man an Ort und Stelle den Text liest, weiss man, was Cäsar damit ausdrücken will, wenn er sagt: horri- bilem speciem praebebat. Da kann man sich eine Vorstellung machen von der verzweifelten Lage, in der sich der Prokonsul damals befand. Am ersten Osterfeiertag 1908 besuchte ich von Clermont aus mit einem Studienfreunde Gergovia. Über Beaumont führte der Weg nach Romagnat über flache Erhebungen, durch Weinberge mit blühenden Pfirsichbäumen, die sich über Nacht mit dickem Schnee bedeckt hatten. Von Romagnat aus beginnt der Aufstieg auf das Plateau von Gergovia (744 Meter). Steil geht es hinauf auf schmalem Pfad in Serpentinen, durch Steingeröll; terrassenförmig baut sich das Ganze auf. Oben von dem flachen Plateau, das sich von Osten nach Westen 1500 m in einer Breite von 600 m erstreckt 2 , bietet sich ein wunderbarer Blick. Im Norden Clermont mit seiner die Stadt beherrschenden Kathedrale Notre Dame und weiterhin die Ebene, nach Süden hin das kleine Tal des Auzon, dahinter kulissenförmig hintereinander- geschoben die charakteristischen Kuppen der Auvergne, nach Osten das Tal des Allier, nach Westen und Nordwesten die tiefen Schluchten und die dicht sich anreihenden Höhen, die zum Puy de Dome bis zu 1465 m ansteigen. Hier auf diesem Plateau lag das alte Gergovia 3 . Schroff fällt der Berg ab nach Norden, Osten und Süden. Es muss ein erhebendes Gefühl gewesen sein für die Gallier, die in ihrer Bergfestung lagen, reich versehen mit dem Proviant der Umgegend, wenn sie da unten die Römer anrücken sahen, im Glauben, gegen diese Stadt mit ihren sechs Legionen etwas ausrichten zu können. Von dieser Stelle aus lässt sich auch die Sorglosigkeit des Nitiobrogenfürsten Teutomatus verstehen, von der weiter unten die Rede ist 4 . Andrerseits begreift man von dort oben aus leicht, wie entmutigend, ja geradezu demütigend Cäsar und seinen Truppen der Anblick von unten gewesen sein muss. Wie Spott musste ihnen der Anblick der Mauern erscheinen, die von Waffen starrten und in der Maisonne höhnisch blitzten und blinkten. 1 Vgl. Kap. 36, 1. 2 Vgl. Bädecker, Le Sud-Ouest de la France 1906, S. 160. 3 Das jetzige Dorf Gergovia liegt unmittelbar am Südabhang des Berges und ein Gut gleichen Namens etwas weiter östlich. 1 Vgl. Kap. 46, 5 und S. 11. So sah es aus, wenn Cäsar nach dem Feinde blickte; schaute er rückwärts nach seiner Etappenstrasse, nach den Verstärkungen der Äduer — mit seinen Truppen allein und dem, was er aus der Umgegend an Proviant etwa erbeuten konnte, war nichts zu erreichen —, so sah es ebenso trostlos aus. Trotzdem dachte er zuerst ernstlich an die Möglichkeit, die günstigsten Voraussetzungen, nämlich Proviant und Truppen der Äduer, angenommen, doch eine Um- lagerung durchführen zu können 1 . Jedenfalls suchte er zunächst in dieser Richtung nach Vorteilen, um wenigstens seinen Soldaten Hoffnung zu machen und den Feinden zu zeigen, dass er nicht untätig sein wollte oder sich nur auf die täglichen Reiterscharmützel zu beschränken vorhabe 2 . Er suchte einen Punkt zu gewinnen für eine einigermassen beherrschende Stellung; dieser Punkt war gegeben im Roche blanche, einem Felsen, der eine kleine Festung für sich bildet 3 . Nach Osten und Süden fällt der weisse Kalkfelsen schroff ab, so sah ihn Cäsar von seinem grossen Lager aus, von Westen her ist er zu erreichen und nach Nordwesten zieht eine verbindende Höhe nach der Westecke von Gergovia, nach dem Col des Goules 4 . Vercingetorix hatte natürlich die Wichtigkeit dieses Punktes auch erkannt und ihn besetzt, aber nur schwach, sodass Cäsar eines Nachts die Besatzung überrumpeln konnte. Er legte, wohl unter dem Schutze der Reiterei, sein kleines Lager dort an und verband die beiden Lager — immerhin eine Entfernung von 2—3 km — mit einem Doppelgraben 5 . Für den Augenblick war die Einnahme dieser Stellung ein grosser Erfolg, und wir müssen uns wundern, dass Cäsar so wenig darüber sagt. Vercingetorix hatte den Roche blanche nicht umsonst besetzt, als einzig vorgeschobenen Punkt ausserhalb seiner Befestigungslinie. Von hier aus sah man nämlich alles, was in Gergovia vor sich ging, von hier aus allein war in der Umlagerung nach Westen weiter zu kommen, von hier aus allein war der Zugang zu dem Sattel im Westen Gergovias, der für eine etwaige Einnahme der Stadt in Betracht kam, wenn man nicht weit ausholen wollte um die Höhen von Jussat und Risolles herum. Weshalb schützte Vercingetorix diesen Punkt nicht genügend? Hat er sich so ohne weiteres diese Stellung nehmen lassen? Hat er nicht versucht, die Verbindung mit dem grossen Lager zu hindern? Von alledem hören wir nichts, doch scheint gerade daraus her- vorzugehn, dass der Widerstand der Gallier nicht heftig gewesen sein kann. Vercingetorix rechnete eben damit, dass mit dem bevorstehenden Abfall der Äduer Cäsar doch verloren sein werde. Warum also noch Menschen opfern? Cäsar selbst? Er hat vielleicht später, als er das Kapitel schrieb, es nicht mehr für der Mühe wert gehalten, über diesen augenblicklichen Erfolg viel Worte zu machen, da die Besetzung dieses Punktes schliesslich doch die Bedeutung im Verlauf des Kampfes nicht gewonnen hat, die sie hätte haben können, wenn Cäsar die Umschliessung, wie anfänglich beabsichtigt, hätte durchführen können 6 . Was Cäsar als das Schlimmste befürchtet hatte für seine Kriegführung, war tatsächlich eingetroffen: Die Äduer waren seine Feinde. Vom ersten Moment an war es Cäsars hauptsächliche Sorge gewesen, sich die Bundesgenossenschaft der Äduer zu erhalten. Er hatte 1 Vgl. Kap. 36, 1 de obsessione non prius agendum constituit, quam rem frumentariam expedisset. * Vgl. Kap. 36, 4. 8 Vgl. Kap. 36, 5 Brat e regione oppidi collis sub ipsis radieibus montis egregie munitus atque ex omni parte circumeisus. 1 Wir erreichten auf unserer Wanderung den Roche blanche, indem wir vom Col des Goules die Schluchten des Jussat hinabstiegen bis ins Tal des Auzon, vom Dorfe Roche blanche uns dann wieder zur Höhe hinauf wandten. 6 Vgl. Kap. 36, 6, 7. 6 Vgl. Kap. 36, 1; Juli., H. d. 1. G. III, 470. sich, wie wir sahen, durch die Rücksicht auf sie schon im Februar-März zur Kriegführung verleiten lassen. Er hatte sich nach Avaricum vom Feinde und dem Kriegsschauplatz abziehen lassen, nur um ihnen zu Willen zu sein, denn es hing alles davon ab, ob sie treu blieben. Die Nachricht traf den Feldherrn schwer: magna affectus sollicitudine hoc nuntio Caesar'. So äussert er sich selten, und in der Tat bedeutete der Abfall der Äduer nichts anderes als: Labienus mit seinen Legionen abgeschnitten und verloren, seine Legionen ohne Proviant, seine Depots in Nevers und Sens der Vernichtung preisgegeben. Schleunigste Flucht durch die Cevennen nach der Provinz und damit ein klägliches Fiasko des ganzen Feldzugs war scheinbar der einzige Ausweg. Aber dazu konnte sich ein Feldherr wie Cäsar nicht entschliessen, ohne das Äusserste gewagt zu haben. Sein persönliches Erscheinen musste alles retten, und so Hess er nur zwei Legionen vor Gergovia und rückte mit den vier anderen und der Reiterei den Aduern entgegen. Er brachte es auch tatsächlich dahin, noch einmal auf gütlichem Wege Herr der Äduer zu werden. Vercingetorix war selbstverständlich von allem wohl unterrichtet, aber wunderbarerweise nutzte er die Abwesenheit Cäsars doch nicht genügend aus: Was inzwischen vor Gergovia geschah, erfahren wir aus dem Bericht der Reiter des Fabius — er leitete den Widerstand der zwei zurückgebliebenen Legionen gegen die Gallier. Er ist kurz .und läuft schliesslich riur darauf hinaus, die Stärke der Befestigung des Lagers und die ausdauernde Tapferkeit der Römer zu preisen' 2 . Indes scheint Vercingetorix an diesem Tage ihnen viel zu schaffen gemacht zu haben. Er hat vielleicht zunächst nur seine sichersten Truppen eingesetzt und einmal feststellen wollen, wie heftig der Widerstand der zurückgebliebenen Römer, deren Stärke er nicht kannte, sei. So verging der erste Tag, für den zweiten musste Fabius das Schlimmste befürchten, denn er hatte den Eindruck gewonnen, dass die Gallier ihren Angriff mit verstärkten Mitteln wiederholen würden. Deshalb bat er Cäsar um schleunigste Rückkehr. Vercingetorix rechnete wohl damit, dass der Abfall der Äduer Cäsar länger, wenn nicht überhaupt, von Gergovia fern halten werde, sodass er ohne grosse Mühe Herr der römischen Lager werden könne. Jedenfalls sah er das nicht voraus, dass Cäsar so rasch wieder zur Stelle sei. Wie schon oft, so hatte er sich auch diesmal verrechnet. Am andern Morgen, als Vercingetorix durch die Äduerflüchtlinge, an ihrer Spitze der Führer Litaviccus, wusste, dass der Anschlag für den Augenblick misslungen sei, war auch Cäsar mit seinen Legionen wieder zurück. Innerhalb 28 Stunden, eine dreistündige Ruhepause eingerechnet, hatte er mit seinen vier Legionen 75 km zurückgelegt, eine ganz staunenswerte Leistung. Mit seiner Rückkehr und dem Fehlschlagen der Pläne der Äduer war natürlich der Kampf um die Lager zu Ende. Wenn auch für den Augenblick eine schwere Gefahr beseitigt war, so wusste Cäsar doch, dass seine Lage vor Gergovia dadurch eigentlich nicht besser geworden war. Die Erhebung der Äduer war durch seine vorsichtige und schonende Behandlung für den Augenblick niedergeschlagen, und sie waren ihm anscheinend wieder als Bundesgenossen erhalten, aber jedenfalls war dem Prokonsul doch auch das klar geworden, dass allmählich die den Römern feindliche Partei unter den Äduern grossen Anhang gewonnen hatte und es nur eine Frage der Zeit war, wann der Abfall der Bundesgenossen völlig zur Tatsache werde. Dass Vercingetorix auch weiterhin alles aufbieten werde, um den Abfall zu beschleunigen, sagte sich Cäsar gewiss auch. Truppen und gesicherte Zufuhr, die beiden Dinge, auf die er sein ganzes Unternehmen gründete, fehlten nach wie vor. Daraus zog er nun den erforderlichen Schluss: Hier musste 1 Vgl. Kap. 40, 1. » Vgl. Kap. 41, 2, 3, 4. ■■■■ 9 er weg, um in sichere Verbindung mit seinen Depots zu Nevers und Sens zu treten und die Truppen wieder zusammenzuziehen, ehe der Zusammenschluss der gallischen Völker vollständig geworden war 1 . Aber wie sollte er von Gergovia wegkommen, ohne den Eindruck eines schmachvollen Rückzuges zu hinterlassen, der die Feinde ermutigte, die noch Schwankenden zum sicheren Anschluss an Vercingetorix trieb, den Seinen aber den letzten Mut nahm? 2 Den Sturm hatte er ja von vornherein aufgegeben, an eine Umschliessung, die er anfangs im Auge gehabt hatte, war auch nicht mehr zu denken, da sich die erforderlichen Bedingungen nicht erfüllt hatten. Er suchte daher nach einer Gelegenheit zu einem Handstreich. Eines Tages befindet sich Cäsar in seinem kleinen Lager auf dem Roche blanche, um die Schanzarbeiten zu besichtigen 3 . Da sieht er, dass Truppenverschiebungen beim Feinde stattgefunden haben. Der Südabhang 4 des Berges, wo zwischen den Mauern der Stadt und einer Verschanzung die Lager der einzelnen Kontingente waren, war plötzlich fast leer, vom grossen Lager aus hatte man nicht sehen können, was hinter den Steinwällen vorging, aber es ist doch zu verwundern, dass Cäsar nicht schon Kunde von dem Ausmarsch der Truppen erhalten hatte. Selbst bei der schlechtesten Beobachtung des Feindes konnte den Römern auf dem Roche blanche eine solche Massenbewegung nicht entgehen. Die Entfernung ist so klein, nicht zwei Kilometer Luftlinie, dass man die Verschiebung der Truppen nicht nur sehen, sondern auch hören musste. Dauernde Posten und Patrouillen scheint man doch nicht gehabt zu haben. Aber wenn Cäsar etwas vom Feinde erfahren wollte, standen ihm jederzeit die Auskünfte der Überläufer zu Gebote, die täglich in grosser Zahl sich bei ihm einfanden'. Von ihnen erfuhr er jetzt auch, dass Vercingetorix um den Col des Goules besorgt sei. Dies ist der Sattel zwischen dem Plateau von Gergovia und den Höhen von Risolles. Hier war der schwache Punkt der natürlichen Festung. Hier mündete die Mulde, die von dem Tal des Auzon aus in nordwestlicher Richtung sich hinaufzog, von hier zog eine Mulde hinab nach dem Dorfe Romagnat, von hier aus war auch das Tal bei Opme zu erreichen 6 . Wenn Vercingetorix diesen Punkt verlor, so büsste er damit die Verbindung mit der Ebene nach Norden und Süden ein. Dass der Gallier jetzt diese Besorgnis hegte, zeigt uns, dass er seinen ganzen Plan auf den Abfall der Äduer aufgebaut hatte, seine Lage jetzt nach dem Fehlschlagen des Abfalls für bedenklicher hielt und sich deshalb schleunigst und mit aller Macht dagegen sichern wollte, dass ihm dieser zweite wichtige Punkt in der Umlagerungslinie genommen werde. Wir sehen, in den Augen des Feindes war Cäsars Lage günstiger als vorher, man schenkte ihm wieder mehr Beachtung. Dass Cäsar jetzt wirklich noch beabsichtigt habe, sich jenes Sattels (Col des Goules) zu bemächtigen, halte ich für ausgeschlossen, aber er kannte natürlich die Bedeutung dieses Punktes genau und würde auch hier zuerst weiter- 1 Vgl. Kap. 43, 5 consilia inibat, quem ad modum a Gergovia discederet ac rursus omnem exercitum contraheret. Juli. H. d. 1. G. III, 473, Anm. 1 vermutet, Cäsar habe daraufhin sich mit Labienus in Verbindung gesetzt. 2 Vgl. Kap. 43, 5 ne profectio nata ab timore defectionis similis fugae videretur. 3 Es werden keine Erweiterungen gewesen sein, sondern nur Ausbesserungen, die sich nach dem Angriff der Gallier in Cäsars Abwesenheit als nötig erwiesen hatten, oder überhaupt Lagerarbeiten aller Art, die der Feldherr anordnete, um die Soldaten zu beschäftigen. * Vgl. Kap. 44, 1 nam cum in minora castra operis perspiciendi causa venisset, animadvertit collem, qui ab hostibus tenebatur, nudatum hominibus. Vgl. Juli. H. d. 1. G. III, 473, Anm. 7. 6 Vgl. Kap. 44, 2 admiratus quaerit ex perfugis causam, quorum magnus ad eum cotidie numerus confluebat. « Juli. H. d. 1. G. III, 473 flg.; vgl. Kap. 44, 3-5. J.-S. Verkin. S. 306/7. Hier wurde auch 1861 die einzige Strasse angelegt, die von Opme nach dem Plateau führt. 2 ■■I 10 gerückt sein mit seinen Verschanzungen, wenn er die Umlagerung noch hätte durchführen wollen. Auf diesem Sattel und der Höhe von Risolles also Hess Vercingetorix von fast allen Truppen schanzen, um eine sichere Abwehr gegen eine Umgehung von Westen her, von Opme, zu haben. Sofort ging Cäsar auf die Idee des Feindes ein und demonstrierte gewaltig gegen die Westseite, nach den Höhen von Risolles 1 . Cäsar gab sofort seine Befehle. Noch mitten in der Nacht verlassen Reiterschwadronen das Lager, sie lösen sich in kleinere Patrouillen auf und beunruhigen allenthalben die Posten der Gallier auf der Höhe von Risolles. Bei Tagesanbruch schickt er Trossknechte ab, wie Kavalleristen ausstaffiert, mit dem Auftrag, um die Hügel herumzureiten 2 . Ihnen werden wirkliche Kavalleristen beigegeben, die etwas näher an Gergovia heranreiten, um diese Manöver recht deutlich zu machen 3 . Während also die Trossknechte südlich der Lager herumreiten, damit sie in ihrer Verkleidung nicht erkannt werden, reiten die beigegebenen Kavalleristen nördlich um den Roche blanche herum und verschwinden dann erst in den Schluchten von Jussat und Risolles den Blicken der Gallier. Im einzelnen hat Cäsar den Weg nicht bestimmt, nur allgemein die Richtung mit Angabe des Zwecks, nämlich Beunruhigung der Feinde bei ihrer Schanzarbeit. Auch eine Legion wird abgesandt, die dieselbe Richtung einschlägt 4 . Von dieser Legion erfahren wir dann nichts mehr, scheinbar hat sie auch nicht in den Kampf vor Gergovia eingegriffen. Sie war vielleicht dazu bestimmt, eine etwaige Umgehung während des Kampfes zu verhindern. Nachdem so die Aufmerksamkeit der Feinde gänzlich von der Lagerseite abgelenkt worden war und Vercingetorix alle Truppen aus den Lagern zur Schanzarbeit gezogen hatte 5 , bereitete Cäsar den Angriff auf Gergovia von Süden her vor. Unmerklich zieht er die Legionen aus dem grossen Lager nach dem kleinen — nur etwa eine halbe Legion bleibt zur Bedeckung im grossen Lager. Dann setzt er den Führern seine Pläne auseinander 0 . Es erhebt sich die Frage, welches war eigentlich die Absicht Cäsars? Wollte er die Stadt doch nehmen? 7 Ich glaube nicht, dass er mit der Möglichkeit gerechnet hat. Wie hätte er mit den wenigen Soldaten den Galliern widerstehen können? Es war vorauszusehen, dass die Gallier sofort zurückkamen und sich auf sie warfen. Wenn wirklich schon einige hundert Mann in die Stadt eingedrungen gewesen wären, so wären sie doch unfehlbar verloren gewesen. Ebenso wäre es allen nachfolgenden ergangen. Was hätte Cäsar damit erreicht gehabt? Die Sache lag doch anders wie vor Avarikum. Nein, Cäsar wollte nichts weiter, als vor seinem Wegzug, zu dem er doch entschlossen war, noch irgend etwas leisten, um zu zeigen, dass er sich nicht ohne weiteres besiegt gebe. Der moralische Erfolg, den er, auch seinen Truppen gegenüber, erzwingen wollte und auch erzwang, war sehr wohl einige hundert Mann wert. 1 Die Beschreibung dieser Scheinmanöver nimmt einen breiten Raum ein im 45ten Kapitel. Es scheint, dass sich Cäsar seinen Lesern gegenüber damit etwas habe zugute tun wollen, wie wir überhaupt in der ganzen folgenden Darstellung immer wieder das Bemühen sehen, von seinen eigentlichen Misserfolgen abzulenken. * Vgl. Kap. 45, 2. Es sind die Höhen westlich des Roche blanche gemeint. * Vgl. Kap. 45, 3. * Vgl. Kap. 45, 5 Legionem unam eodem iugo mittit et paulum progressam inferiore constituit loco silvisque occultat. Vgl. .T. —S. Verkin. S. 306: ,.Dort sahen sie die Legion des Scheinangriffs, nachdem sie das Tal zwischen Gergovia und La Roche-Blanche hinaufgezogen war, links schwenken, in die Schlucht hinabsteigen und in den Wäldern hinter dem Puy de Jussat verschwinden". 6 Vgl. Kap. 45, 6 omnes illo ad munitionem copiae traducuntur. 8 Vgl. Kap. 45, 7 vacua castra hostium Caesar conspicatus .... raros milites .... ex maioribus castris in minora traducit legatisque .... quid fieri velit, ostendit. 7 Jullian, J.—S. Verkin. S. 172 und H. d. 1. G. III, 474, 76 scheint der Ansicht zu sein, Cäsar habe wirklich geglaubt, die Stadt nehmen zu können, ehe die gallischen Truppen von der Schanzarbeit zurück waren. 11 Die Befehle lauteten zunächst ganz allgemein; Cäsar wusste nicht, Avie weit der Angriff durchgeführt werden konnte, das hing von dem Erscheinen der Gallier ab. Je nach deren Eintreffen wollte er das Rückzugssignal geben. In diesem Sinn wird er mit den Legaten gesprochen haben. Die Schwierigkeit bei einem solchen Auftrag lag eben darin, die Truppen in der Hand zu behalten. Darum gemahnt Cäsar seine Unterführer besonders daran 1 . Tatsächlich verlieren schliesslich die Führer die Soldaten aus der Hand, sogar die Centurionen lassen sich nicht halten 2 . All das hatte Cäsar vorausgesehen und darnach, wie wir sehen werden, seine Massnahmen getroffen. Durch seine Ruhe und Überlegung wird schliesslich allmählich die Ordnung wiederhergestellt. Cäsar berichtet nun mit wenigen Worten, wie der Sturm auf die Verschanzungen verlief. Der Feldherr lässt das Zeichen zum Ausmarsch aus dem kleinen Lager geben, die Truppen kommen an die Verschanzungen heran, nehmen drei Lager 3 . Für uns erheben sich dabei mancherlei Fragen, auf die wir von Cäsar keine unmittelbare Antwort erhalten. Suchen wir uns den Vorgang klarzumachen. Der Angriff erfolgt vom kleinen Lager aus — auch hier war eine kleine Besatzung geblieben — mit den vier noch verfügbaren Legionen. Im Laufschritt gehts den Roche blanche hinab in die Senkung nördlich und nordöstlich des Berges, dieser entlang bis gegen das jetzige Dorf Gergovia, dann konnten sich die Truppen erst entfalten, d. h. nach rechts und links in die Schluchten oder besser Mulden einschwenken, die an die Verschanzungen heranführten. So ergibt sich der Vormarsch aus der Beobachtung an Ort und Stelle und die Angaben bei Cäsar lassen sich damit vereinbaren 1 . Die Überraschung gelang allerdings glänzend. Cäsar illustriert dies durch die Anekdote von der Überraschung des Teutomatus bei seinem Mittagsschläfchen 5 . Jedenfalls war die Besatzung der Lager sehr schwach; man lebte in der Gewissheit, dass man hier auf der Südseite hinter den Verschanzungen ganz sorglos sein könne, aber dass man gar nichts gemerkt haben soll von dem Anmarsch von Tausenden von Soldaten, das ist unmöglich. Indes der Widerstand ist gering gewesen und drei Lager wurden genommen 6 . Mit dem Angriff auf nur drei Lager hoffte Cäsar die Truppen mehr zusammenzuhalten. Sicherlich wurde der Sturm auch nur von drei Legionen 7 ausgeführt, die Xte mit Cäsar hat zuerst gar nicht in den Kampf eingegriffen. Seine Lieblingstruppe behielt er in der Hand, um sie in entscheidendem Moment zu energischem Eingreifen einsetzen zu können. Dazu bot sich bald Gelegenheit, wie der Feldherr wohl vorausgesehen hatte. Denn mit dem Sturm auf die Lager war ja dem Feinde gegenüber Cäsars Absicht schon erreicht, aber das Schwierigste war, beim Gegenstoss der Gallier wieder einiger- massen geordnet und ohne allzugrosse Verluste zurückzukommen 1 Vgl. Kap. 45, 8 jn primis monet, ut contineant milites, ne studio pugnandi aut spe praedae longius progrediantur; quid iniquitas loci habeat incommodi, proponit; hoc una celeritate posse mutari; occasionis esse rem non proelii. 2 Vgl. Kap. 47, 3. 3 Vgl. Kap. 46, 4 milites dato signo celeriter ad munitionem perveniunt earaque transgressi trinis castris potiuntur. * Vgl. Kap. 46, 1, 2 oppidi murus ab planitie atque initio ascensus reeta regione, si nullus amfractus intercederet, mille passüs CC aberat, quiequid huc cireuitus ad molliendum clivum accesserat, id spatium itineris augebat. Vgl. die Karte von Gergovia bei Veith, Beilage 15 u. S. 510 des Textes. 5 Vgl. Kap. 46, 5. 6 Juli. H. d. 1. G. III, 468, Anm. 2 meint, es seien hier nur drei Lager gewesen. Ich glaube, dass es mehr waren, so auch Sieglerschmidt, vgl. J.—S. Verking. S. 175 Anm. 7 Vgl. J.—S. Verking. S. 175 und H. d. 1. G. III, 479. Man muss dabei auch sehr bedenken, dass bei dem verhältnismässig kleinen Kaum drei Legionen schon sehr eng zusammengedrängt nebeneinander kämpften.. 12 Die Schilderung der nun folgenden Vorgänge hat zu verschiedenartigen Deutungen geführt, namentlich die Stellungen der Reserveabteilungen sind immer wieder anders angegeben worden 1 . Indes, glaube ich, kann man auf Grund der Angaben Cäsars, der Kenntnis des Terrains und unter Berücksichtigung der taktischen Absichten des Feldherrn zu einem ziemlich eindeutigen Ergebnis gelangen. Folgen wir Cäsars Angaben Kap. 47 ff. Cäsar war mit der zehnten Legion gefolgt, er muss einen Standpunkt eingenommen haben, der ihm einmal ermöglichte, die Seinen in den feindlichen Lagern zu sehen, dann aber auch die herannahenden Feinde von Westen her im Auge zu haben, nahe genug, um sofort eingreifen zu können. Mit diesen drei Gesichtspunkten scheint mir seine Stellung auf dem Höhenzug, der die vom Col des Goules herabziehende Mulde begleitet, bestimmt zu sein. Die Stellung war hinter dem linken Flügel seiner stürmenden Legionen. Hier gab er das Zeichen zum Rückzug, als er die drei Lager erstürmt sah und links die Gallier herbeiströmten 2 . Sofort stand die zehnte Legion; bei den übrigen aber trat nun das ein, was der Feldherr gefürchtet hatte und wovor er bei der Angabe seiner Direktiven die Unterführer besonders gewarnt hatte: Die Legionen Hessen sich nicht halten, so sehr sich auch die Tribunen bemühten, die strengen Befehle ihres Feldherrn durchzuführen 3 . Deshalb tadelt später Cäsar die Soldaten, dass sie auf eigene Faust gehandelt und nicht auf das Signal und die Befehle gehört hätten 4 . Zu gleicher Zeit gibt aber Cäsar auch eine Entschuldigung an, sie hätten das Signal nicht gehört, weil ein ziemlich bedeutendes Tal dazwischen gelegen hätte 5 . Diese beiden Ausführungen widersprechen sich: entweder die Soldaten hörten das Signal nicht, dann hörten es auch die Führer nicht und konnten sie nicht zurückzuhalten suchen; — warum dann die Vorwürfe? — oder sie hörten es so gut wie ihre Führer, waren aber so im Eifer, dass sie blindlings weiterstürmten. Wir müssen zunächst fragen, ob durch die Angabe, dass ein Tal dazwischen gelegen hätte, es genügend begründet wäre, dass das Signal überhört werden konnte. Meiner Ansicht nach ganz und gar nicht. Selbst wenn das Signal von einem weiter zurückliegenden Punkt gegeben worden wäre, musste der Schall hinüberdringen; von einem Tal kann gar nicht die Rede sein, und die Entfernung beträgt von Cäsars Stellung bis zu den kämpfenden Legionen keinen Kilometer 6 . Es war eben so, wie es Kap. 47, 3 auch dargestellt wird, im Siegestaumel und voller Wut stürmten sie weiter, froh, jetzt endlich an dem Feinde zu sein. Es folgen die Heldentaten einzelner, die aufgeregten Szenen der Weiber auf der Mauer der Stadt; immer zwischendurch Fortsetzung der Schilderung des Kampfes. Man sieht hier, wie an anderen Stellen, deutlich Cäsars Absicht, durch kleine Abschweifungen — bald weiss er von Ruhmestaten der Seinen zu berichten vgl. Kap. 46, 7; 50,3.4, bald malt er Szenen 1 Veith, S. 510 und Karte, Beilage 15, scheint miv im allgemeinen das Sichtige getroffen zu haben. Ich bin im wesentlichen zu demselben Ergebnis gekommen, als ich vom Roche blanche aus mir an der Hand des Textes die Situation klar zu machen versuchte, ohne Veiths Karte zu kennen. Alle übrigen Erklärer und Karten (vgl. Juli. H. d. 1. G. III, 476 flg.) begehen den Hauptfehler, die Reserven in der Rückzugslinie der Truppen selbst anzusetzen. 2 Nicht auf dem Roche blanche vgl. Juli. H. d. 1. G. III, 475. 3 Vgl. Kap. 47, 2 tarnen ab tribunis militum legatisque, ut erat a Caesare praeceptum, retinebantur. 4 Vgl. Kap. 52, 1 temeritatem cupiditatemque militum reprehendit, quod sibi ipsi iudicavissent, quo pro- cedendum aut quid agendum videretur, neque signo recipiendi dato constitissent neque ab tribunis militum legatisque retineri potuissent. 6 Vgl. Kap. 47, 2 non exaudito tubae sono, quod satis magna valles intercedebat. 6 Die Worte: ut erat a Caesare praeceptum darf man nach dem ganzen Zusammenhang nicht so deuten, als ob Cäsar im voraas den Augenblick angegeben hätte, wann er den Rückzug angetreten wissen wolle, sondern sie beziehen sich darauf, dass er die Führer ermahnt hatte, ihre Truppen jederzeit soweit in der Hand zu haben, dass sofort seine Befehle ausgeführt werden könnten. Deshalb entnehme ich neben Kap. 52, 2 auch dieser Stelle, dass die Unterführer und somit auch die Soldaten das Signal hörten. ^■■■^■■■^^^^^^^^^■^^^H ■■^^■H 13 aus wie Kap. 47,5; 48,3 — die Aufmerksamkeit von der schweren Bedrängnis der Römer abzulenken und möglichst zu beschönigen zu suchen. So mag auch der widerspruchsvolle Satz (Kap. 47, 2) in die Darstellung hineingekommen sein. Kehren wir zum Verlauf der Schlacht zurück. Cäsar hatte seine drei Legionen tatsächlich aus der Hand verloren. Hätte er jetzt seine Reserve nicht zur Verfügung gehabt, sondern wäre mit in das Getümmel verwickelt gewesen, so wären die Römer unfehlbar von ihren Lagern abgeschnitten worden. Die Gallier stürmten herbei — scheinbar haben sie etwas auf sich warten lassen 1 , teils in die Stadt, teils zwischen Mauer und Verschanzung und warfen sich auf die Römer. Was schon in die Stadt eingedrungen war, wird getötet oder hinausgeworfen, auf dem ungünstigen Terrain, wo die Lager standen, staut sich der Kampf, die Gallier drängen nach, ihre Zahl mehrt sich 2 , die Situation für die Römer ist verzweifelt. Da setzt Cäsar seine noch verfügbaren Truppen ein. Sollte er sie den Seinen, die jetzt aus den Verschanzungen herausgeworfen wurden, entgegen werfen? Das hätte das Durcheinander nur vergrössert und nichts genützt, die Truppen wären sich nur im Wege gewesen. Nein, er musste den nachdrängenden Feind aufhalten, ihn in der Flanke fassen, um den zurückgehenden Legionen die Möglichkeit zu verschaffen, sich zu sammeln. Die Mulde, die von NW. nach SO. vom Col des Goules unmittelbar am Berg Gergovia hinzieht, sich dann mehr südlich nach dem Fuss des Roche blanche und der Ebene wendet, war der gegebene Punkt, um die Feinde aufzuhalten. Hier stand ja auch Cäsar schon. Er nahm also die Feinde auf sich, die die Mulde herabkommen würden, und die Feinde, die den Römern unmittelbar nachdrängten, sollte Sextius am Fusse des Roche blanche stellen, mit der Front nach NO. gegen die Flanke des Feindes, gleichzeitig zum Schutz des kleinen Lagers 8 . Er selbst geht noch ein Stück auf dem Rücken, der die Mulde begleitet, vor, also noch näher an den Col des Goules, und wartet den weiteren Verlauf ab 4 . Noch müssen wir uns den Kampf am Berge tobend denken, da wird, angeblich durch das Erscheinen der Äduer, die Flucht auf der ganzen Linie allgemein 5 . Die Gallier stürmen gar nicht mehr durch die Lager, sondern gleich vom Col des Goules die Mulde hinab. Darauf hatte Cäsar gewartet, jetzt setzt er seine Zehnte zum Gegenstoss in die Flanke des Feindes ein. Er muss zunächst seine Truppen entwickeln, und zwar in die Mulde hinein, — paulo aequiore loco — die Front gegen die Flanke der Feinde' 1 . Er wird geworfen, er muss zurück, geht also auch die Mulde hinab, zurück in der Richtung auf den Nordabhang des Roche blanche. Hier steht Sextius links gestaffelt, nicht in der Mulde selbst, wo die Römer herunterkamen, sondern etwas erhöht, und nimmt die fliehende Zehnte auf, d. h. fällt seinerseits den Feinden in die Flanke 7 . So hat sich der Kampf allenthalben bis zur Ebene fortgesetzt und kommt nun zum Stehen. Durch den energischen Widerstand der Reserven waren die Legionen entlastet worden, hatten sich ruhiger vor den eigenen Verschanzungen im Tale sammeln können und waren bereit, den Kampf weiterzuführen, aber Vercingetorix 1 Vgl. Kap. 48, 1 primo exaudito clamore inde etiam crebris nuntiis incitati, oppidum a Romanis teneri, praemissis equitibus magno concursu eo contenderunt. 2 Vgl. Kap. 48, 1. * vgl. Kap. 49, 1, 2 praemetuens suis Titum Sextium legatum, quem minoribus castris praesidio reliquerat misit, ut cohortes ex castris celeriter educeret et sub inflmo colle ab dextro latere hostium constitueret .... * Vgl. Kap. 49, 3 ipse paulum ex eo loco cum legione progressus, ubi constiterat, eventum pugnae exspectabat. 5 Vgl. Kap. 50, 1. 6 Vgl. Kap. 51, 1 sed intolerantius Gallos insequentes legio decima tardavit, quae pro subsidio paulo aequiore lococonstiterat. 1 Vgl. Kap. 51, 2 hane rursus XIII. legionis cohortes exceperunt, quae . . ceperant locum superiorem. wESBBSSSm 14 zog seine Truppen zurück, da er eine regelrechte Schlacht vermeiden wollte 1 . Ferner hatte Cäsar dadurch sein kleines Lager geschützt und vermieden, dass die Feinde den Legionen in den Rücken fielen — auch das war nur möglich, wenn wir die Stellungen der Reserven so annehmen, wie eben dargelegt. So hatte Cäsar durch die geschickte Verwendung der geschlossenen Reserve, die hier zum erstenmal in der Kriegsgeschichte verwendet wird 2 , und zwar nach denselben Grundsätzen, die noch heute gelten, erreicht, dass dieser Handstreich nicht ganz misslang und der Rückzug nicht ganz in wilder Flucht endete und den Römern gar ihre Lager kostete. Es erübrigt jetzt noch festzustellen, welche Rolle die Äduer während dieses Kampfes gespielt haben. Als die Gallier von ihrer Schanzarbeit zurückgekommen waren und das Handgemenge in wildem Durcheinander sich zwischen den Mauern und den Wällen und am Abhang des Berges abspielte, da erschienen plötzlich von rechts die Äduer 3 . Die römischen Soldaten gerieten in grosse Bestürzung, sie glaubten, es seien verkleidete Feinde 4 . Weiter hören wir nichts von dem Anteil, den die Äduer am Verlauf der Schlacht genommen haben. Fragen wir zunächst nach dem Auftrag, den ihnen Cäsar gegeben hatte: Cäsar gibt an 5 , dass er zu gleicher Zeit mit den übrigen Legionen die Äduer abrücken lässt, mit der Weisung, an einer anderen Stelle rechts den Aufstieg zu bewerkstelligen, später 0 wiederholt er den Wortlaut unter Hinzufügung des weiteren Zwecks, nämlich „die feindlichen Scharen auseinander zu halten". Wir fragen weiter, wie entledigen sich die Äduer dieses Auftrags? Die Äduer sollten also den Angriff auf der Südseite des Berges nicht mitmachen, auch waren sie nicht als Demonstrationstruppen nach links verwandt worden, sondern rechts, d. h. an der ganz schroffen Ostseite des Berges sollten sie sich einen Aufstieg suchen. So wird der Auftrag verstanden und auch zunächst auszuführen versucht. Denn hätten sie die Angriffslinie der Römer nur im Südosten verlängert, dann hätten sie die Römer kaum aus den Augen verloren, sie wären eher da gewesen, und ein derartiger Schrecken hätte nicht eintreten können. Die Äduer rückten aus dem grossen Lager ab, erreichten die Südost- und Ostseite des Berges und sahen, dass hier schlechterdings ein Hinaufkommen unmöglich war, wahrscheinlich wollten sie dann weiter nach der Nordseite marschieren, da hörten sie den Lärm und das Getöse auf der Südseite, wandten sich um den Berg herum, tauchten plötzlich in der Nähe des heutigen Gutes Gergovie 7 auf und jagten so den Etömei-n den Schrecken ein. Hier konnte es leicht möglich sein, dass man sie erst bemerkte, als sie ganz nahe heran waren, das Gelände ist sehr unübersichtlich, und man kann sich nur schwer von der Ostseite durch die Schluchten noch heute an die Südseite heranarbeiten 8 . Trotzdem muss es uns Wundernehmen, dass das Auftauchen der Äduer solche Panik hervorrief. Wir werden wohl nicht fehlgehen, wenn wir annehmen, dass Cäsar hier stark übertreibt, um den fluchtartigen Rückzug der Seinen zu entschuldigen und zu beschönigen. Dazu passt auch, was er weiter in diesem Kapitel 50 über 1 Vgl. Kap. 51, 3, 4. 2 Vgl. Veith, S. 198. 8 Vgl. Kap. 50, 1 subito sunt Aedui visi ab latere nostris aperto .... Juli. H. d. 1. G. III, 474, 77—78 nimmt an, dass es Keiterei gewesen sei; ich gebe nur eines zu bedenken, dass der Auftrag für Reiterei doch ganz unausführbar gewesen wäre. 4 Vgl. Kap. 50, 2 . . . vehementer nostros perterruerunt .... 5 Vgl. Kap. 45, 10 ab dextra parte alio ascensu eodem tempore Aeduos mittit. 6 Vgl. Kap. 50, 1 quos Caesar ab dextra parte alio ascensu manus distinendae causa miserat. ' Vgl. J.-S. Verlang. S. 177 und 312. 9 Vgl. J.-S. Verlang. S. 304. 15 die Heldentaten einzelner Centurionen sagt 1 . Wenn der eine oder der andere auch in diesem Durcheinander im ersten Augenblick der Bestürzung in den Aduern auftauchende Feinde vermutete, muss sich doch jeder sofort durch ihr Verhalten von seinem Irrtum überzeugt haben. Selbst wenn man alsbald die Äduer erkannte, ihnen aber nicht traute, ist die Panik unerklärlich. Wir fragen nun, was beabsichtigte Cäsar, als er den Aduern den Auftrag gab? Er wusste ganz genau, auf der Ostseite kann man nicht hinauf; dort waren keine Lager, dann war ja nichts zu fürchten. Welche feindlichen Truppen sollten sie hier auseinanderhalten? Es waren ja keine Truppen mehr in den Lagern, nur noch wenige Leute, die gar keinen Widerstand hätten versuchen können 2 . Alles war draussen bei der Schanzarbeit. Es erscheint mir demnach als durchaus wahrscheinlich, dass Cäsar die Äduer gar nicht verwenden wollte. Sie sollten aus dem grossen Lager heraus, damit sie nicht etwa unterdessen die Besatzung niedermachten und plünderten, sie sollten mit den Seinen gar nicht in Berührung kommen, sonst wäre ja die Verwendung als Demonstrationstruppe noch möglich gewesen, er schickte sie nach einer Seite, wo gar nichts zu verderben war, wo sie auch an den Feind nicht herankonnten, um sich mit ihm zu verbinden. Cäsar traut ihnen nicht mehr nach den letzten Vorkommnissen, er spricht aber nichts davon, wie er sie überhaupt sehr schonend behandelt in seinem Bericht. Er handelt einfach so, dass sie durch einen Auftrag, den sie schlechterdings nicht ausführen können, für diesen Fall unschädlich gemacht sind. Es wird nicht in seiner Absicht gelegen haben, dass die Äduer noch auf dem Kampfplatz erschienen. Er rechnete wohl auch mit der Stimmung der Soldaten gegen die Äduer und wollte somit das verhüten, was nachher doch eintrat, dass ihr Erscheinen zum mindesten vorübergehend Schrecken einflösste. Der Kampf war zu Ende, Cäsar geschlagen, aber doch nur so, dass er immer auch noch einen Erfolg dabei für sich in Anspruch nehmen konnte, denn Vercingetorix nutzte den Sieg nicht weiter aus, indem er sich zurückzog und auch an den beiden folgenden Tagen, als Cäsar seine Truppen zum Kampf vor dem Lager aufstellte, die Schlacht nicht annahm. So hatte Cäsar seinen Soldaten gegenüber entschieden einen moralischen Erfolg errungen. Darauf war es ihm ja vor allen Dingen angekommen. Er brauchte das Vertrauen und die unbedingte Ergebenheit der Seinen jetzt mehr denn je, nie hatte er sich in einer gleich verzweifelten Lage befunden. Die Römer traten den Rückzug an nach Norden 3 . Cäsar sah die Gefahren deutlich vor Augen - Vercingetorix konnte ihm folgen und ihn vor dem Übergang über den Allier vernichten, die Äduer konnten von Norden her den Weg versperren — aber er musste alles daransetzen, die Verbindung mit Labienus zu erzwingen, womöglich auch seine Depots zu retten. Er kam glücklich über Allier und Loire, trotzdem die Äduer schon abgefallen waren, die Depots in Nevers rettete er zwar nicht mehr, aber Sens blieb ihm, er konnte Labienus mit seinen Legionen glücklich die Hand reichen, den Marsch nach Besancon antreten, von dort aus hatte er mehr freie Hand, entweder die Offensive wieder zu ergreifen, oder sich in die Provinz zurückzuziehen. Bei Dijon suchte ihm Vercingetorix den Weg zu verlegen, da trat die entscheidende Wendung ein: Durch die germanischen Reiter siegte Cäsar, Vercingetorix ging auf Alesia zurück. Sofort ergriff Cäsar wieder die Offensive, und durch den beispiellosen Erfolg der Belagerung von Alesia war Cäsars Sache gerettet, Galliens Schicksal besiegelt und damit auch das seines genialen Führers Vercingetorix, dieses wirklich 1 Vgl. oben S. 12, 13. a Vgl. Kap. 44,5; 45,7. s Vgl. Veith, S. 197. p HP! füll 16 grossen Mannes, in dem Cäsar einen ebenbürtigen Gegner gefunden hatte, dem auch er seine Anerkennung nicht versagte. Er hatte den Aufstand organisiert und mit grossem Geschick geleitet. Als er in Alesia seinen Plan gescheitert sah, seinem Volk die Freiheit nicht schenken konnte, da war er zu stolz, sich seine Freiheit durch die Flucht zu sichern. Er nahm die Demütigung auf sich, ergab sich, nach sechs Jahren wurde er, wie bekannt, im Triumph in Rom mitgeführt und dann enthauptet. Noch heute lebt sein Name im Gedächtnis des Volkes fort, die Bauern in der Umgegend von Clermont erzählten mit Stolz von ihrem Helden. Gerade in den letzten Jahrzehnten sind ihm Denkmäler errichtet worden, die die Erinnerung auch fernerhin erhalten 1 . Auf meiner Heise sah ich das Denkmal, das Napoleon 1863 auf der Höhe des alten Alesia errichten Hess. Den Blick nach Westen gerichtet, mit trotziger Miene, die Hand aufs Schwert gestützt steht der Held da, so, wie er von dort aus einst dem Ende seines Vaterlandes und seinem tragischen Untergang mutig entgegensah. Ein mächtiges Bronzestandbild, steht in Clermont, auf dem grossen Place de Jaude, 1903 errichtet. Auf wildem Ross jagt er dahin, gewissermassen, um die Gallier zum Aufstand zu sammeln. Ein drittes, eine aus unbehauenen Steinen aufgeschichtete Pyramide, un monument bizarre, wie es Bädecker treffend nennt, steht am Ostabhang des Berges von Gergovia, an der Stelle, wo der Feldherr mit höhnischem Blick die Römer das Tal des Allier heraufkommen sah 2 . 1 Interessant war mir, die Geschichte von Vercingetorix in den Geschichtsbüchern französischer Volksschulen ausführlich behandelt und illustriert zu finden. 2 Dr. Adami in Frankfurt a. M. macht mich ausserdem noch auf eine Nachbildung des Denkmals in Alesia auf der Terrasse in St. Germain bei Paris aufmerksam. m 16 grossen Mannes, in dem Cäsar einen ebenbürtigen Gegner gefunden hatte, dem auch er seine Anerkennung nicht versagte. Er geleitet. Als er in Alesia seinen konnte, da war er zu stolz, sie Demütigung auf sich, ergab sich) Rom mitgeführt und dann entha Noch heute lebt sein Name von Clermont erzählten mit Stol ihm Denkmäler errichtet worden 1 Heise sah ich das Denkmal, das Den Blick nach Westen gerichte der Held da, so, wie er von dort Untergang mutig entgegensah. grossen Place de Jaude, 1903 en| die Gallier zum Aufstand zu sam Pyramide, un monument bizarr Berges von Gergovia, an der Stel des Allier heraufkommen sah 2 1 Interessant war mir, die ties schulen ausführlich behandelt und illus 2 Dr. Adami in Frankfurt a. M. auf der Terrasse in St. fiermain bei P hatte den Aufstand organisiert un d mit grossem Geschick Freiheit nicht schenken sichern. Er nahm die )ekannt, im Triumph in auern in der Umgegend letzten Jahrzehnten sind I erhalten 1 . Auf meiner in Alesia errichten Hess. 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