Johann Jakob Mtnins. (1687—1747.) Lein Lebe» und Wirken. Gedenkblütter zur 200 fachen Wiederkehr des Jahrestages seiner Geburt. Von A. I. Schilling in Darmstadt. Hamburg. Verlagsanstalt und Druckerei A.-G. (vorm. I. F. Richter). 1888. Das Recht der Uebersetzung in fremde Sprachen wird Vorbehalten. Für die Redaktion verantwortlich: vr. Fr. v. Holtzendorff in München. I Ä^it dem Wiedererwachen der Wissenschaften und Künste, welche fast ein ganzes Jahrtausend hindurch in einem todes- lihnlichen Schlummer befangen darniederlagen, brach auch für die 1 botanische Wissenschaft im Laufe des sechzehnten Jahrhunderts durch die erfolgreichen Arbeiten der deutschen Väter der Botanik, welche sich in kühnem Sprunge über die Haarspaltereien scholastischer Schulweisheit hinweggesetzt hatten, ein neues glückverheißendes Zeitalter an. Das so lange darniedergehaltene und nun endlich seiner Fesseln entledigte Naturgefühl begann in kurzer Zeit tiefe Wurzeln zu schlagen, und die Freude an den bisher unbeachtet gewesenen und nun in ihrer ganzen Schönheit wiedererkannten Schätzen des heimischen Bodens entfachte nun den Sammeleifer, welcher seine Wirkungen in der überraschenden Bereicherung des wissenschaftlichen Arbeitsstoffes, namentlich bei größeren Forschungsreisen in die neuentdeckten Welttheile, in hohem Maße äußerte. Auf diese Weise häuften sich die neu- cntdcckten Pflanzenarten in solcher Fülle auf, daß eine Uebersicht über dieselbe bald zur Unmöglichkeit gemacht war. Die Wissenschaft, welche bislang ihre Aufgabe einzig und allein in der Beschreibung der einzelnen Pflanzen und in der Untersuchung ihrer Nutzbarkeit für den Arzneigebrauch gefunden hatte, erblickte nun ein neues Ziel für ihre Bestrebungen in der Erreichung einer möglichst umfassenden Uebersicht über den gewonnenen Arbeitsstoff durch die Aufstellung zweckmäßiger Pflanzensysteme. Sammlung. N. F. III. 6«. (L» 1 ) 4 Während die Arbeit des siebzehnten und achtzehnten Jahrhunderts der Lösung dieser vielumstrittenen Zeitfrage gewidmet blieb, tauchen zu manchen Zeiten schon einzelne durch besondere Geistesgaben vor ihren Zeitgenossen bevorzugte Männer auf, welche, in kühnem Fluge dem Geiste ihrer Zeit voraneilend, berufen erschienen, den Bestrebungen ihrer Wissenschaft neue Wege und neue Ziele zu eröffnen. Unter diesen verdienstvollen Geistern des vorigen Jahrhunderts, welche jener geistig so ungemein regen Zeit angehören, welche dem epochemachenden Auftreten des großen schwedischen Naturforschers Linnö unmittelbar vorausgeht, und deren Bestrebungen durch diesen ihren glanzvollen Abschluß erreicht haben, begegnet uns ein Mann, dessen unermüdlichem Streben es gelang, die Wurzeln seiner mächtigen Schaffenskraft in ein neues, bis zu seiner Zeit noch fast unversuchtes Forschungsgebiet zu vertiefen und neue Anregung für seine Wissenschaft hervorgehen zu lassen, Johann Jakob Dillenius. Die hohen Verdienste dieses hervorragenden Gelehrten gipfeln vorzugsweise darin, daß neben dem Florentiner Naturforscher, Anton Pier Micheli, er derjenige war, welcher zum ersten Male und durchaus unabhängig von jenem die Kryptogamen einer wissenschaftlichen Bearbeitung unterwarf und den unter seiner Mitwirkung neu begründeten Zweig der Naturforschung durch seinen Scharfsinn in der Beobachtung, sowie durch seinen rastlosen Eifer im Einsammeln und der Durcharbeitung des Arbeitsstoffes zu seinem weiteren Ausbaue verhalf. Es mag wohl jetzt der geeignete Zeitpunkt sein, die Erinnerung an diesen vortrefflichen Gelehrten, den deutschen Begründer der wissenschaftlichen Kryptogamenkunde, bei der Nachwelt aufs neue wachznrufen, umsomehr als in das Jahr 1881 die zweite Säknlarfeier seiner Geburt fiel, welche für uns eine ( 602 ) 5 Mahnung sein sollte, ihm den Zoll des schuldigen Dankes und der gebührenden Achtung darzubringen. Dillenins entstammte einer angesehenen hessischen Beamtenfamilie, welche gegen das Ende des sechzehnten Jahrhunderts aus dem Waldeckschen nach Darmstadt, wo sein Urgroßvater die I Stellung eines Regierungssekretärs erhalten hatte, eingewandert war. Der nach der Sitte früherer Zeiten latinisirte Familienname hatte im Wechsel der Generationen verschiedene Umänderungen erlitten. Ursprünglich hieß er nämlich, wie aus einem Briefe von Dillenins selbst hervorgeht, Dill. Um nun eine bequemere Aussprache dieses Namens zu ermöglichen, beschloß sein Urgroßvater eine Umwandlung desselben in Dillen vorzunehmen, welche nunmehr durch die engen Beziehungen seiner nächsten Nachkommen zu der damaligen Gelehrtenwelt und zu der in diesen Kreisen geläufigen Weltsprache ihre lateinische I Form erhielt, die trotz der entgegenwirkenden Bestrebungen seines Enkels, des Vaters des Gelehrten, für die Folgezeit feststand. Am 16. August erblickte dieser als der ältere Sohn des älteren Kammerschreibers Justus Dillenins (1601—47) zu Darmstadt das Licht der Welt. Seine hervorragende geistige Begabung gab seinen Eltern die vollste Berechtigung zu den schönsten Hoffnungen. Sie übergaben ihn deshalb in seinem elften Lebensjahre dem Pädagogium seiner Vaterstadt, um ihn 1 zum Besuche der Universität vorbereiten zu lassen. Bis Win Jahre 1663 gehörte er dieser Anstalt an und bezog darauf die Hochschule in Gießen in der Absicht, sich dem Studium der Arzeneiwissenschaften zu widmen. Nach Ablauf seiner akademischen Lehrjahre, während deren er die Stelle eines Hofmeisters bei dem jungen Grafen Georg Ludwig von Schlitz genannt zu Görz nebenher versehen hatte, unterwarf er sich der Ausübung seines ärztlichen Berufes. Nicht sehr lange darnach schien dieses ( 003 ) 6 Leben seinen Wünschen nicht mehr zu entsprechen. Er ging daher mit der Absicht um, die Dozentenlaufbahn einzuschlagen und zu diesem Zwecke diejenige Universität, welcher er seine Heranbildung zum Arzte verdankte, um die Verleihung der medizinischen Lizentiatenwürde auzugehen. Allein es gelang ihm vorerst nicht, seinen Plan zur Ausführung zu bringen, da ihn seine Ernennung zum Hof- und Leibmedikus des Grafen Johann des Aelteren von Nassau-Wertheim daran hinderte. Er mußte deshalb von seinem Vorhaben Abstand nehmen. Nach dem Ableben des Grafen wandte er sich den Thürmen seiner Vaterstadt wieder zu und übernahm die Ausübung seines ärztlichen Berufes. Erst mit dem Jahre 1681 schien für ihn der geeignete Zeitpunkt gekommen, seinen langgehegten Wunsch zur Erfüllung zu bringen. Er ging nach Gießen und erhielt von der Universität die Würde eines medizinischen Lizentiaten, welche ihm ein Anrecht auf einen Lehrstuhl gab. Da man jedoch augenblicklich keine Verwendung für seine Dienste hatte, kehrte er wieder nach Darmstadt zurück, um seine Berufung abzuwarten. Am 15. Februar desselben Jahres vermählte er sich mit der zwanzigjährigen Tochter des Predigers Otto Daniel Funk in Pfungstadt, die ihm vier Söhne und vier Töchter schenkte, von denen ein Sohn und eine Tochter ihnen bereits in zarter Jugendblüthe vom Tode entrissen wurden. Im Jahre 1687, also nunmehr vor zweihundert Jahren, erblickte der zweite Sohn, welcher in der Taufe den Namen Johann Jakob erhielt, das Licht der Welt. Leider ist der Tag seiner Geburt offenbar schon dem Gedächtnisse seiner Mitwelt entfallen, da selbst nicht einmal in dem von seinem älteren Bruder herausgegebenen Chronologischen Ehrensaale, in welchem vom Verfasser auf die Ereignisse in seiner Familie besondere Rücksicht genommen ist, Angaben darüber niedergelegt sind. Bereits im darauffolgenden Jahre wurde durch das Ab- ceot) leben des Professors Laurentius Strauß ein Lehrstuhl an der Universität erledigt und Dillenius zum Nachfolger seines ehemaligen Lehrers berufen. Er siedelte mit seiner Familie bald nach seinem neuen Wohnsitz über, damit bereits am 29. März seine feierliche Einführung ins Amt erfolgen konnte. Er war endlich am heißersehnten Ziele seiner Wünsche angelangt und entfaltete eine segensreiche Wirksamkeit als eine der hervorragendsten Zierden der Gießener Hochschule? Im trauten Kreise der Familie wuchs Johann Jakob mit seinen übrigen Geschwistern heran und legte bereits in frühester Jugend eine seltene Vorliebe für die Schönheit der Natur an den Tag. Besonders waren es die schmucken Kinder Florens, welche Geist und Gemüth des jungen Naturfreundes an sich fesselten. Zum Knaben herangereift übergaben ihn seine Eltern mit seinen Brüdern zweifelsohne dem Pädagogium seiner Heimaths- stadt. Die Pflichten, welche ihm der Besuch dieser Anstalt auferlegte, boten für ihn wohl ebensowenig einen Grund zur Abhaltung von seiner Lieblingsbeschäftigung, als für den unter dem Drucke der ungünstigsten Verhältnisse schmachtenden Schuhmacherlehrling Karl Linus die Miene seines gestrengen Lehrherrn. Als er seine Laufbahn am Pädagogium beendet hatte und nunmehr an seine Berufswahl herantreten mußte, entschied er sich für das Studium der Arzneiwissenschaften, mit denen nach dem Gebrauche jener Zeit die Pflege seiner Lieblingswissenschaft, der Botanik, noch unzertrennlich verbunden war. Nach der Beendigung seiner erfolgreichen akademischen Lehrzeit wurde er wohl zunächst Physikus in Grünberg in Oberhessei? und trat später erst in die Stellung eines Stadtarztes in Gießen Poliatsr (lisssnsis) ein. Obschon ihn die Erfüllung seiner Berufspflichten zu einem großen Theile in Anspruch nehmen mußte, so blieb nichtsdestoweniger der größere Theil seiner- geistigen Interessen seinen botanischen Studien zugewandt. Seine 8 Wißbegierde und sein reger Sammeleifer führten ihn in die Umgegend von Gießen, in den Vogelsberg, die Wetterau und das nahe Rhein- und Maingebiet. Selbst eine Forschungsreise in die Alpen soll er unternommen haben. Durch seinen Fleiß und durch seine unversiegliche Ausdauer gelangte er bald in den Besitz einer solch umfassenden Pflanzenkenntniß, daß sich selbst die Aufmerksamkeit weiterer Kreise auf seine Person lenkte. So kam es denn auch, daß die Oassarsa Iwopolclina-Oaroliim ^.oacksnüa naturas euriosorum den jungen Naturforscher, welchem inzwischen von der medizinischen Fakultät der Universität Gießen die Würde eines Lizentiaten verliehen worden war, am 24. Juni 1713 unter dem Namen Glaucias zu ihrem Mitgliede erwählte. In der von ihr zur Veröffentlichung der in ihren Sitzungen vorgelegten Berichte und Abhandlungen herausgegebeuen Lpiw- insriäsir oder LlisesUansu, wie sie vor dem Jahre 1705 hießen, versuchte er sich zum ersten Male als naturwissenschaftlicher Schriftsteller. In der im Jahre 1715 erschienenen vierten Centurie veröffentlichte er seine erste, am 12. September 1713 vorgelegte Abhandlung: Da plantw Xovi-Ordis Vstsris spon- tansis st iuguiiinw kaetis. Im Verlaufe der beiden folgenden Jahre lieferte er noch mehrere kleine Aufsätze ein. Der jedenfalls bedeutendste, welcher in den Ephemeriden zum Abdruck kam, ist der im Dezember 1715 in seinem ersten Theile vorgelegte, dessen voller Titel: OwssrtÄtio spistoiarw cts propagatione inaxims eapillorum st museorum, eum ieonidus st cisserip- tiouidus llsrdarunr aliguot novarunr lautet. Der Verfasser widmete diesen Theil seiner Arbeit dem Vorsitzenden der Kaiserlichen Akademie und ersten Leibarzte vr. Lukas Schrödeck und dem Kieler Professor I)r. Wilhelm Huldreich Waldschmidt. Den folgenden Theil, der dem berühmten Tübinger Professor Rudolph Jakob Cammerarius gewidmet ist, lieferte er neun Monate später ein, und beide sind im Anhänge zur ( 606 ) 9 fünften und sechsten Centurie abgedruckt. Während die übrigen Beiträge des Dillenius der Form nach mehr flüchtig hingeworfenen Mittheilungen zu vergleichen sind, so unterscheidet sich die letztere Arbeit von diesen sehr wesentlich durch die Anlage und Durchführung. Einige wunderschön ausgeführte Zeichnungen tragen viel zum besseren Verständniß des geschriebenen Wortes bei- Jn dieser Schrift hatte er die Ergebnisse seiner an Farnkräutern und Moosen angestellten Untersuchungen niedergelegt. Von älteren Forschern war diesen Gewächsen der Besitz von Fortpflanzungswerkzengen abgesprochen worden, und zur Feststellung der Thatsachen hatte er sie schon seit fünf bis sechs Jahren zum Gegenstände seiner Beobachtung gemacht, Keimversuche mit den Sporen der elfteren führten ihn auf den Gedanken, daß auch hier, wie bei den Blüthcnpflanzen, die Fortpflanzung durch Samen bewirkt werde, während er die Sporen der Moose wegen ihrer Ähnlichkeit mit dem Blüthen- staub höherer Gewächse für solchen ausgab und die Mooskapsel, in welcher sie ihre Entstehung finden, als Staubkolben ansprach. Mit den Erfahrungen unseres Jahrhunderts, welchem eigentlich die Erlangung eines tieferen Verständnisses der Sexualität der Pflanzen mittelst geeigneter optischer Hülfsmittel Vorbehalten war, können die Erfolge seiner langjährigen Forschung nicht in Vergleich treten; dafür besitzen sie eine hohe historische Bedeutung, indem sie als eine wesentliche Erweiterung der in dem 1694 veröffentlichten „Sendschreiben an Valentin" niedergelegten Untersuchungen des Begründers der Sexnalitätslehre R. I. Cammerarius gelten dürfen. Diesem ist deswegen auch der zweite Theil der Abhandlung gewidmet. Der Gedanke, die Untersuchungen des Tübinger Gelehrten auch auf die Kryptogamen auszudehnen, war ein sehr naheliegender, immerhin konnte er erst zwei Jahrzehnte später zur Ausführung kommen, nach- (M7> 10 dem sie unter seinen Zeitgenossen keinen Zweifeln mehr begegnetein Unter Beschränkung auf die Betrachtung und Deutung des äußerlich Sichtbaren löste Dillenins diese Aufgabe, deren Bearbeitung sich zur selbigen Zeit Micheli unterzog. Beide befanden sich mit ihren Beobachtungen in Uebereinstimmung und errangen sich damit den Beifall Linnäs. Bald mußte jedoch ihre Ansicht einer besseren, durch das Mikroskop vermittelten Erkenntniß weichen. Jedenfalls gebührt Dillenins das hervorragende Verdienst, das Vorhandensein eines Befruchtungsvorganges bei den Kryptogamen nachgewiesen und die Wissenschaft damit einen bedeutenden Schritt in der Erkenntniß der Wahrheit vorwärts gebracht zu haben. In Deutschland erregte die Schrift des jungen Gelehrten einiges Aufsehen, Wirkungen von besonderer Nachhaltigkeit aber konnte sie keineswegs zur Folge haben, weil die Farren und Moose sich hier durchaus keiner besonderen Beachtung zu erfreuen hatten. Anders lagen die Verhältnisse in England, wo bereits einige Jahrzehnte auf diesem Gebiete vorgearbeitet worden war. Durch das im Jahre 1705 erfolgte Hinscheiden des bekannten englischen Naturforschers John Ray hatte aber die Kryptogamenkunde, wie überhaupt die gesammte englische Botanik ihren väterlichen Anwalt verloren und war bereits in solchen Rückgang gekommen, daß der durch diesen Todesfall erledigte Lehrstuhl an der Universität Oxford ganz aufgegeben worden war. Mit tiefer Betrübniß sahen daher die Freunde der Botanik, welchen zum Theil die glanzvollen Zeiten unter der umsichtigen Führung Rays in lebhafter Erinnerung fortlebten, in die Zukunft. Mit welcher Freude mußten sie nun das Auftreten eines jungen Gelehrten, dessen Namen zwar noch von keinem berühmten Klang, dessen Schrift für die Entwickelung der Wissenschaft so bedeutungsvoll war, begrüßen? William Sherard, welcher als Konsul der britischen Nation in Smyrna gelebt hatte und im Jahre 1718 aus dem Morgenlande in seine Heimath zurück- csos) ll gekehrt war, mußte sofort mit dem vielversprechenden angehenden Naturforscher einen brieflichen Gedankenaustausch anbahnen und ihn zur Verfolgung des von ihm mit so vielem Glück eingeschlagenen Weges anspornen. Dieser ging damals gerade mit der Absicht um, ein neues größeres Werk abzufassen, und die Rathschläge des gebildeten Engländers kamen ihm dabei wohl zu statten. Im Jahre 1719 erschien es in Frankfurt a. M. unter dem Titel: OataIoZu8 plautaruiu spouw eirea Oissaiu mseentiuin und war von ihm den Häuptern der Gießener Hochschule in dankbarer Gesinnung zugeeignet worden. Es schien dieses Buch einem in jener Zeit sehr fühlbaren Bedürfnisse nach einem übersichtlich geordneten Verzeichniß der in der Umgegend von Gießen wildwachsenden Pflanzen Rechnung tragen zu sollen. Schon im Hinblick ans die Widmung und die ganze Anlage des Werkes gewinnt es fast den Anschein, als ob der Verfasser zur Universität in näheren Beziehungen gestanden hätte. Es mag dies wohl auch der Grund sein, weshalb verschiedene Schriftsteller, welche seine Verdienste in ihren Geschichtswerken feiern, die unverbürgte Angabe machen, er habe Botanik an der Hochschule gelehrt. In der schlichtesten Weise findet sich diese Ansicht bei dem bekannten Geschichtsschreiber Kurt Sprengel^ die beiden Historiker der ersten Hälfte dieses Jahrhunderts Schultet und Winkler^ behaupten sogar, er sei Professor an der Universität^ gewesen. In unmittelbaren Widerspruch zu deren Berichten treten die Ephemeriden der Kaiserlichen Akademie, aus denen offenbar der englische Geschichtsschreiber Pulteney seine Angaben geschöpft hat; denn nach ihnen bekleidete er die Stellung eines Stadtarztes (Uoliater) in der Universitätsstadt. Eine gewisse Bestätigung erhält diese Angabe noch durch die im Jahre 1802 von der Universität Gießen heransgegebenen Aktenstücke, welche sich in sehr kurz gehaltener Bemerkung über sein Leben und Wirken ergehen, jedoch von einer näheren Beziehung zur Hochschule nichts erwähnen? «> 0 ») . 12 Dem Oatalogus Mntarwn war zunächst eine eingehende Besprechung der damals vorzugsweise in Gebrauch gewesenen Pflanzensysteme, welche er mit großer Gewissenhaftigkeit auf ihren wissenschaftlichen Werth prüfte, vorangesetzt. Seinem scharfen Urtheil verfiel zunächst das System des Leipziger Professors Augustus Quirinus Rivinus (1652—1725), welcher die deutsche Botanik in jener Zeit ganz und gar in seiner Beherrschung hatte. Bei der Aufstellung desselben hatte sich dieser Gelehrte von der absonderlichen Ansicht leiten lassen, daß, weil die Blüthe der Fruchtbildung der Zeitfolge nach voranginge, auf jene nur ein entscheidendes Gewicht zu legen sei. Er machte deshalb die Regelmäßigkeit oder Unregelmäßigkeit der Blumenblätter, sowie deren Anzahl zur Grundlage seiner Anordnung. Gerade den ungünstigsten Theil der Blüthe, welche erfahrungsmäßig am meisten Abänderungen unterworfen ist und daher am allerwenigsten sichere Anhaltspunkte bieten kann, hatte er sich für sein System ausgesucht, und es litt daher auch an Einseitigkeit. Außerdem hatten sich bei der Unterordnung der einzelnen Arten in Gruppen sehr viele Fehler und Versehen eingeschlichen, welche nun Dillenius der Reihe nach in der überzeugendsten Weise darzulegen wußte. Den Sporenpflanzen hatte Rivinus so gut wie gar keine Aufmerksamkeit geschenkt und denselben in seinem System auch keinen besonderen Platz angewiesen. Schon um deswillen konnte Dillenius diese Leistung des Leipziger Professors nicht gutheißen, da sie seinen Wünschen nicht Rechnung trug. Auch das System des französischen Naturforschers Josef Pitton de Tournefourt, welches aus demjenigen Rivins und Rays herausgebildet war, sowie das von Knaut entgingen seinem schonungslosen Urtheil ebenfalls nicht. Nur das System des englischen Botanikers John Ray entsprach den Wünschen des jungen Gelehrten am meisten. Zwar hatte er auch manches auszusetzen, im allgemeinen aber fand es seine Billigung. ( 610 ) 13 Der damals schon hochbetagte Rivinus konnte die Angriffe des jnngen Dillenius nicht so ohne alles Weitere hinnehmcn, und da er gerade mit der Abfassung seiner Introäuetio in rsm Ii6rbu.rig.in (Uff>8. 1720) beschäftigt war, so entschloß er sich kurz, in diese eine geharnischte Erwiderung ans dessen Einwürfe aufzunehmen und damit zur Veröffentlichung zu bringen. Aber auch sie entging ihrer Beantwortung nicht. In seinem Lxainen rssponsionis ^.uAusli (jnirini Uivini legte Dillenius die Nachtheile des Rivin'schen Systemes mit noch größerer Nachdrücklichkeit nochmals dar und schloß diese Gegenantwort mit dem vielbedeutenden Satze ab: Uullus gnogue 1116 obser- VU886 1 >IantU 8 6xi8timo, guri8 ffi86 Völ I 10 I 1 viäit, vei I 1 M 1 viäsbit. Die Ueberzeugnngstreue, welche aus dem Auftreten des jungen Naturforschers in diesem Federkrieg uns entgegentritt, hatte ihm zur Siegespalme verholfen, und seine Einwände gegen das System des Leipziger Professors fanden einen begeisterten Widerhall in den Reihen der deutschen Gelehrten. An die Besprechung der einzelnen Pflanzensysteme reihte er mm, das Verzeichniß der im Umkreise von ein und einer halben Meile um Gießen wildwachsenden Pflanzen, welche nach ihren Blüthezeiten geordnet waren. Von den höheren Gewächsen hatten ungefähr neunhundert Arten darin Ausnahme gefunden; den niederen, welche seit der Veröffentlichung seiner Abhandlung über die Fortpflanzungswerkzeuge der Farren und Moose besonders durch die Anregung und Unterstützung seines Gönners Sherard seine volle Aufmerksamkeit in Anspruch genommen hatten, widmete er einen besonderen Theil seines Buches. In dem Pinax von Kaspar Bauchin fand sich nur die geringe Anzahl von ungefähr fünfzig Moosarten aufgeführt, ein Beweis dafür, wie gering das Interesse an diesem Gegenstand noch zu jener Zeit gewesen war. Bis zum Erscheinen der ersten Auflage der Ray'schen Synopsis, welche im Jahre 1690 zur Herausgabe (6N) gelangt?, war ihre Zahl bis auf achtzig angewachsen. Jetzt erst kam das Studium der Moose in Aufnahme, und durch das rastlose Bemühen zahlreicher englischer Naturfreunde, unter denen an dieser Stelle Doody, Sherard, Vernon, Robinson, Petioir und Bowart nur genannt sein mögen, nahmen die Untersuchungen über diesen Gegenstand eine solche Ausdehnung an, daß in der nach sechs Jahren erschienenen zweiten Auflage der Ray'schen Synopsis einhundertundsiebzig Arten verzeichnet werden konnten. Dillenius nun war der erste Schriftsteller, welcher diese Gewächse mit der denkbar größten Genauigkeit beschrieb und ihre Merkmale feststellte. In der Umgegend von Gießen hatte er allein zweihundert Arten aufgefunden, von denen einhundert- undvierzig bis dahin noch nicht bekannt geworden waren. Außerdem führte er einhundertundsechzig Pilzarten auf, von welchen ungefähr neunzig in den Werken früherer Schriftsteller noch keine Erwähnung gefunden hatten. Die Ergebnisse seiner Nachforschungen, welche er nach der Vollendung des Werkes angestellt hatte, drängten ihm bald die Ueberzengung auf, daß dieses trotz seiner aufrichtigen Bemühungen doch nicht die von ihm angestrebte Vollendung erlangt hatte. Er ließ deshalb einen Nachtrag erscheinen, welcher noch mit dem Hauptwerke zusammen zur Veröffentlichung gebracht werden konnte. Ungefähr zwanzig Pflanzen hatte er nachträglich auf seinem abgesteckten Bezirk noch aufgefnnden und ging jetzt selbst noch über dessen Grenzen hinaus, um die Seltenheiten, welche er dort angetrosfen hatte, in seine Flora aufzunehmen. Für den praktischen Gebrauch erhielt sie dadurch einen erhöhten Werth. Im Anschluß daran entwickelte er die Gattungsmerkmale der einzelnen Pflanzengruppen. Auf die niederen Gewächse verwandte er hier wieder eine besondere Sorgfalt und legte mit diesem Theile seiner Arbeit den Grundstein zu ihrer Systematik. Sein großer Zeitgenosse Linnö nahm vielfach die von ihm fest- 15 Mellten Merkmale ohne jegliche Veränderung in sein Sexualsystem hinüber. Um seinen Ausführungen eine besondere Anschaulichkeit zu verleihen und sie dem Verständniß des Lesers dadurch näher zu bringen, hatte Dillenius ihnen eine große Zahl von Abbildungen auf sechzehn Kupfertafeln beigegeben, welche von seiner kunstfertigen Hand entworfen und in Kupfer geätzt waren. Mit dieser hervorragenden Leistung erntete der Verfasser den Beifall der gestimmten damaligen gebildeten Welt, aus deren Munde sich nur eine Stimme des Lobes erhob. Von den untersten Stufen hatte sich in redlichem Streben fein Geist nach kurzer Zeit zur allgemeinen Anerkennung seiner Mitwelt durchgernngen und mit der vollen Berechtigung zu den schönsten Hoffnungen blickte sie zu ihm empor. Am 22. Oktober des Jahres 1719 erhielt er zu gleicher Zeit mit seinen beiden Brüdern, von welchen der ältere, Friederich Leopold, Rechtswissenschaft, und der jüngere, Philipp Eberhard, ebenfalls Heilkunde stndirt hatte, von der medizinischen Fakultät der Universität Gießen den Doktorhut. Es war ein Ehrentag für die reichbeglückte Familie Dillenius und ein Freudentag für das hochbetagte Elternpaar, welches diese ehrenvolle Auszeichnung ihrer Söhne noch erleben durfte. Lange war ihnen der Genuß dieses Glückes nicht mehr beschieden, denn die Mutter starb bereits am 20. Januar des folgenden Jahres. Der hochbetagte Vater überlebte feine thenre Lebensgefährtin nur um wenige Monate. Er folgte ihr am 16. August ins Grab nach. Dillenius stand nun verwaist in der Welt. Mit tiefer Betrübniß schaute er in die Zukunft, denn sie eröffnete dem Armen noch immer keine so glänzenden Aussichten, wie er sie sich als Lohn für sein redliches Streben gewünscht haben mochte. Vermuthlichermaßen hatte er eine Anstellung an der Universität erhoffen zu können geglaubt, wann aber sich dieser Wunsch (013) 16 hätte verwirklichen können, war vorerst noch unabsehbar. Da kam im Jahre 1721 ans der Rückreise durch Holland, Frankreich und Italien sein Freund und Gönner, William Sherard, nach Gießen, um ihn, mit dem er bisher in Briefwechsel gestanden hatte, zu besuchen und näher kennen zu lernen. Der Engländer durchschaute bald den Ernst seiner Lebenslage, welche in jener Zeit eine besonders gedrückte gewesen sein mußte, und suchte ihn deshalb zu bereden, ihm nach England zu folgen, wo er ihm ein sorgenfreies Leben und die sichere Erfüllung seiner Wünsche versprechen konnte. Dillenius entschloß sich ans das verlockende Zureden seines Freundes hin, seine Heimath, seine Verwandten und Freunde zu verlassen und auf fremder Erde, wo seine Aussichten auf eine Dozentenstelle ebenfalls keine besonders glänzenden waren, sein Glück auf die Probe zu stellen. Im August 1721 setzte er seinen Fuß "auf den Boden seiner neuen Heimath. Mit seinem geistesverwandten Freunde begab er sich nach der britischen Hauptstadt und schlug in dessen gastlicher Behausung seinen Wohnsitz auf. Wiewohl sein Gastgeber ans seinem Posten als Konsul der britischen Nation sich durch seinen sparsamen Sinn in den Besitz eines nicht unansehnlichen Vermögens gebracht hatte, welches ihm einen kostspieligeren Aufwand wohl gestattet haben würde, so begnügte er sich doch mit den bescheidensten Verhältnissen. Dafür setzte er aber eine Ehre hinein, die botanischen Größen seiner Zeit in ihren Arbeiten auf alle Art und Weise zu fördern und zu unterstützen. Er theilte deshalb auch die ernstvolle Arbeit im Dienste der Wissenschaft mit seinem wahlverwandten Freunde. Umerbrochen wurde dieses Stillleben hin und wieder durch einen Landaufenthalt in Eltham in der Grafschaft Kent, wo sein Bruder James ein großes Landgut besaß und einen in jener Zeit weithin berühmten botanischen Garten unterhielt, dessen fachmännische Leitung in Dillenius' Hände gelegt war. ( 614 , 17 Kurz nach seiner Ankunft in England hatte dieser mit einem gesinnungsverwandten Botaniker vr. Martyn nach deutschem Muster eine botanische Gesellschaft ins Leben gerufen. Sie bestand zwar nur ans der geringen Anzahl von sechzehn Mitgliedern, unter welchen aber zum Theil die hervorragendsten Vertreter der botanischen Wissenschaft anzutrefsen waren. Ans ihrer Mitte empfing Dillenius die erste Anregung zur Umarbeitung und Herausgabe eines berühmten Werkes. Die L^nopsis stirpinni Lritaiinieoriim von John Ray war im Jahre 1696 zum letzten Male erschienen und entsprach in dieser Form dem Standpunkte der Wissenschaft von damals nicht mehr. Allenthalben sehnte man sich nach einer neuen Ausgabe dieses Werkes, aber unter den englischen Botanikern wollte sich keiner finden, der im Geiste des verewigten Verfassers diese Arbeit hätte durchführen können. Man suchte aus diesem Grunde den deutschen Forscher, welcher schon Proben seiner hervorragenden Begabung als Natnrbeobachter sowohl, als auch als Schriftsteller an den Tag gelegt hatte, für die Besorgung dieser Ausgabe zu gewinnen, in die er auch ohne weiteres einwilligte. Er ging sofort an die Bearbeitung des Ray'schen Werkes, dessen Anlage, wie es sie von seinem Schöpfer erhalten hatte, ihren Grundzügen nach erhalten blieb, während das System, welches dieser darin zu Grunde gelegt hatte, von ihm einigen durchgreifenden Veränderungen, welche er bereits in seinem 6ataIoZu8 plantaruni als unumgänglich erachtet hatte, unterzogen wurde. Zum Theil durch die bereitwillige Unterstützung seiner zahlreichen Freunde und Genossen, welche an dem Gelingen dieser umfangreichen Arbeit einen regen Antheil genommen hatten, mehr aber noch durch seine eigenen Entdeckungen erfuhr es wesentliche Erweiterungen, lieber zweihundert neuentdeckte Arten von auf dem Lande wachsenden Pflanzen und vierzig Wassergewächse, ungefähr einhundertundfünfzig bis dahin unbe- Sammlung. N. F. III. 66. 2 (615) 18 kannte Moosarten nnd etwa vierzig nenentdeckte Pilze waren seit dem Erscheinen der letzten Auflage hinzngekommen, so daß die Anzahl der in der neuen Auflage anfgeführten Arten sich auf 2200 belief. Ueber vierhundert davon schied späterhin Linne wieder aus, da Dillenius ihre Beschreibung von seine» Mitarbeitern auf Treue nnd Glauben hingenommen hatte, ohne sich über deren Richtigkeit versichern zu können. Schon im Jahre 1724 war die neue Ausgabe von ihrem Verfasser ihrer Vollendung entgegengebracht. Mit der lebhaftesten Spannung hatte man ihrem Erscheinen entgegengesehen nnd mit der denkbar größten Befriedigung wurde sie allenthalben ausgenommen, denn Dillenius hatte nicht nur allen gehegten Erwartungen entsprochen, sondern sie vielmehr übertroffen. Im Geiste John Rays wiedergeboren, war unter den bewährten Händen des deutschen Naturforschers das veraltete Werk, von dem sich die Freunde des verewigten Verfassers nicht trennen konnten, wiedererstanden und besiegelte von neuem den Ruhm des Herausgebers, dem nun aus allen Kreisen der Gesellschaft die aufrichtigsten Beweise unumwundenster Anerkennung entgegengebracht wurden. Aber trotz alledem dachte Dillenius nicht mit solcher Befriedigung von seiner Arbeit, wie man es hätte erwarten sollen, denn die große Verehrung für den Schöpfer der Synopsis hatte ihm an sehr vielen Stellen eine durchgreifendere Umgestaltung derselben zur Unmöglichkeit gemacht. Er ging deshalb mit dem Gedanken um, noch eine neue nach seinem eigenen Wunsche abgefaßte Ausgabe zu veranstalten, welche zugleich auch die beobachtete Blüthezeit der einzelnen Gewächse enthalten sollte. Diesen Plan gab er bald wieder auf und hoffte durch einen Nachtrag zu dem Hauptwerke den Uebelständen, welche er finden zu müssen glaubte, auf die bestmöglichste Art abhelfen zu können. Um für die Arbeit hinreichenden Stoff zusammenzn- ( 016 , 19 bringen, begab er sich mit seinem Freunde Bewcr auf eine größere Forschungsreise, welche ihn in das noch wenig durchsuchte Gebiet von Wales führte. Die wissenschaftliche Ausbeute, welche ihnen durch die Vermittelung eines sie führenden Geistlichen sehr erleichtert wurde, war außerordentlich ergiebig, so daß sich sein Reisegefährte Bewer entschloß, noch längere Zeit in diesem Bezirk zu verweilen und die seltenen Pflanzenstücke dieser Gegend einzusammeln, während er unterdessen mit dem Ergebniß seiner Forschungsreise nach seiner Heimath zurückkehrte und die weiteren Mundstücke seines im Dienste der Wissenschaft unermüdlichen Freundes, welcher sich während zweier Sommer in Bangor niedergelassen hatte, entgegennahm. Auch durch die Unterstützung seines hülfsbereiten Freundes vr. Richardsohn in Nord-Bierley in Jorkshire war er bald in den Besitz eines ^ so reichhaltigen Stoffes gelangt, daß er seine Arbeiten hätte j aufnehmen können, jedoch Entwürfe zu einem neuen großartigeren Werke, in welchem er die reichen Früchte seiner ersprießlichen Lebensarbeit niederzulegen gedachte, ließen alle übrigen Pläne ^ in den Hintergrund treten. Die Bearbeitung des Nachtrages zur Synopsis war damit ganz und gar aufgegeben, und ein weiteres Werk, das er bereits nach dem Erscheinen des Ray'schen Werkes im Jahre 1724 begonnen hatte, legte er ebenfalls bei Seite und verlegte sich jetzt einzig und allein ans die wissenschaftliche Durcharbeitung des in Hülle und Fülle anfgehänften Materiales. Mittlerweile, erst vier Jahre nach dem Erscheinen seines letzten Werkes, zeigt es sich, daß der Verfasser auch in seiner neuen Heimath den Anfechtungen von Gegnern nicht entgehen sollte, obwohl die Begeisterung für ihn und sein Werk in allen gebildeten Kreisen der englischen Gesellschaft eine nngetheilte war. Im Jahre 1727 nämlich veröffentlichte ein irischer Botaniker vr. Threlkheld ein Werk unter dem Titel: Lzmopsis coi7) 20 »tirpinin ttibornieorurn, in welchem er ihn in der empörendsten Weise angriff. Einen Grund dazu glaubte er zunächst in der großen Anzahl neuer Arten, welche von ihm ohne jegliche Veranlassung vermehrt worden seien, finden zu müssen, weiterhin aber auch in der überflüssigen Einführung neuer Namen. Wenn auch Dillenins über solche unbegründete Beschuldigungen in die höchste Entrüstung gerathen mußte, so verschmähte er es doch, mit dem Verfasser dieses Buches sich in nähere Auseinandersetzungen einzulassen, da dessen Auftreten ja ganz vereinzelt dastand und die ganze Angelegenheit an sich zu geringfügig war. In einem Briefe an einen Freund hat er seine Ansichten über das Werk Threlkhelds ausgesprochen, und hob vor allem hervor, daß er in dem ganzen Buche nur eine einzige Pflanze habe auffinden können, welche vorher noch nicht als in Irland einheimisch bekannt war. Sie anfgefunden zu haben, war noch nicht einmal das Verdienst des Verfassers, sondern er verdankte ihre Kenntniß einem ihm zugesandten Schriftstücke seines Freundes Heaton. Das Threlkheld'sche Werk war also nach dem Urtheile des Dillenins eine offenbar recht unbedeutende Erscheinung auf dem englischen Büchermärkte und konnte auf das Ansehen des geschützten Naturforschers keine besonders nachtheiligen Wirkungen zur Folge haben. Nach wie vor arbeitete dieser unter der rückhaltlosen Anerkennung seiner dankbaren Mitwelt am Ausbaue seiner Wissenschaft mit unerschöpflicher Ausdauer, bereits zwei neue Werke hatte er nun wieder in ihren Entwürfen fertig gestellt. Daneben arbeitete er mit seinem Freunde und Gönner an einem großen botanischen Nachschlagebuch, welches von Kaspar Banhin begonnen, aber durch dessen zu frühes Hinscheiden unvollendet geblieben war. Es hatte den Zweck, dem Botaniker ein Mittel zu bieten, um sich durch die gestammte Literatur seines Faches hindnrchznarbeiten. Es war um so nothwendiger, als durch die cms) 21 verschiedenen von einander abweichenden Beschreibungen und Benennungen der einzelnen Pflanzenarten eine Verwirrung im Laufe der Zeiten entstanden war, die dem Fortschritt der Wissenschaft hemmend in den Weg trat. Es war ein ungeheures Unternehmen, welches W. Sherard mit der Herausgabe und der Vollendung dieses großartigen Werkes unternommen hatte, und seine Kraft allein reichte nicht hin, um sie zu bewältigen. Dillenius mußte daher ihm bei dieser Arbeit seinen Beistand leisten, und beide gingen miteinander alle botanischen Schriftsteller durch, um deren Angaben über die einzelnen Pflanzenarten zu vergleichen. Dillenius schrieb darüber am 20. Dezember 1727 in einem Briefe an einen Freund: „Wir sind fast durch alle Schriftsteller durch, aber nun unsere Sammlung in Ordnung zu bringen und ins Reine zu schreiben, dazu dürften wir noch einige Jahre nöthig haben." Die glückliche Vollendung ihrer in gemeinsamem Streben unternommenen Arbeit sollten sie Beide nicht mehr erleben, denn am Herzen seines theuren Freundes, der Seele dieses großen Unternehmens, nagte schon der Keim des Todes. Eine schwere Krankheit hatte ihn aufs Krankenlager geworfen und schien sein theures Leben zum Opfer zu fordern. Für Dillenius stand nun eine sehr ernste Zeit bevor, denn über sechs Jahre hatte er nun schon in seiner neuen Heimath gewirkt und gestrebt, aber die verheißene Erfüllung seiner gehegten Erwartungen war bis jetzt noch immer nicht abzusehen. Nirgends gewahrte er Veranstaltungen zur Wiederanfrichtung des mit dem Ableben Rays aufgegebenen Lehrstuhles an der Universität Oxford. Trostlos muß daher seine Lage gewesen sein, in dem schmerzlichen Bewußtsein, seinen aufrichtigsten Freund verlieren zu müssen, welcher bisher in väterlicher Fürsorge seine Lebensschicksale geleitet hatte. Er war nun ganz auf sich selbst angewiesen und schmiedete Pläne für seine nächste Zukunft. Er ( 619 ) 22 sah sich deshalb zunächst um eine neue Heimath um. Bei seinen Freunden zog er deshalb Erkundigungen ein, und so können wir uns auch wohl den Inhalt eines Briefes an einen in Jorkshire lebenden Freund, hinter welchen wir zweifelsohne vr. Richardsohl, in Nord-Bierley vermnthen dürfen, erklären. Es heißt daselbst, „Melden Sie mir doch, mein Herr, wie sich's in Ihrer Gegend lebt. Wenn ich hier fertig bin und mein Plan auf Oxford mißlingen sollte, was leicht möglich ist, so könnte ich mich leicht entschließen, zu Ihnen zu kommen, um bei Ihnen einige Zeit, wenn nicht für immer zu bleiben." Der schmerzliche Gedanke an den nahen, für ihn so herben Verlust seines edlen Freundes trieb den Schwergeprüften von dessen Sterbebette fort in die Einsamkeit nach Barking Alley. Am 12. August 1728 war das Unvermeidliche geschehen, William Sherard hatte seine Augen für alle Zeiten geschlossen. In ihm war der uneigennützigste und hülfsbereiteste Gönner aller zu seiner Zeit lebenden Botaniker zu Grabe gegangen. Hatte er zwar außer wenigen kleinen Abhandlungen keine Werke von größerer Bedeutung zur Veröffentlichung gebracht, so gehörte ihm doch das nicht zu unterschätzende Verdienst, seiner Lieblingswissenschaft in England zu erneuter Blüthe verholfen zu haben. Jbren weiteren Bestand ans alle Zeiten zu sichern, hatte er in seinem letzten Willen eine Summe von dreitausend Pfund Sterling ausgesetzt, uni mit diesen Mitteln ihre alte Pflanz- und Pflegestätte an der Universität Oxford wiederaufrichten zu lassen. Schon bei seinen Lebzeiten hatte er am Eingänge des botanischen Gartens ein Gebäude anfführen lassen und vermachte der nunmehr darin zu errichtenden wissenschaftlichen Anstalt sein Herbarium, welches ungefähr 12000 Arten umfaßte, seine gesammte botanische Bibliothek und seinen Pinax, welcher leider ein Torso nur geblieben war. Mit Rücksicht auf den edlen Schenkgeber hatte natürlich die c„2n) 23 Universität von dem ihr zustehenden Rechte, den neugegründeten Lehrstuhl zu besetzen, Abstand genommen und es dessen freiem Ermessen anheimgestellt, einen für diesen Posten geeigneten Mann zu wählen. Es mochte ihm die Lösung dieser Aufgabe keine Schwierigkeiten bereitet haben, denn er hatte noch Verpflichtungen gegen seinen Freund Dillenius, welcher durch seinen Tod in eine schwierige Lebenslage gebracht worden wäre, zu erfüllen. Diesem übertrug er daher die Professur und zugleich auch die damit verbundene Leitung des botanischen Gartens. Ans diese Ernennung hin siedelte Dillenius sofort nach der alten Universitätsstadt über, um die so lange verschlossenen Lehrsäle wieder zu eröffnen, und begann seine segensreiche Lehrthätigkeit; denn aller Nahrnngssorgen enthoben, konnte er sich nun ganz der Pflege seiner Wissenschaft hingeben. Einen neuen Anziehungspunkt für die lernbegierige Jugend hatte die alte Pflegestätte der Wissenschaften durch die Sherard'sche Stiftung erhalten. In den Mittelpunkt des englischen Geisteslebens versetzt begann für Dillenius nun wieder ein neuer Zeitabschnitt schriftstellerischen Schaffens. Jetzt trat er an die Bearbeitung jener Werke heran, deren Entwürfe er kurz nach dem Erscheinen der neuen Ausgabe der Ray'schen Synopsis fertiggestellt hatte. Das erste hatte er im Jahre 1724 begonnen, aber nach kurzer Zeit wieder bei Seite gelegt, um sich einer anderen ihn mehr anziehenden Arbeit zuzuwenden. Jetzt nahm er seine Bearbeitung wieder auf und hatte es im Jahre 1732 soweit gefördert, daß er es der Öffentlichkeit übergeben konnte. Es führte den Titel: Uortus UItllain6N8i8 .lacolli Lllkrarcli, t'ratrm Onilelnii und bildete ein würdiges Denkmal an den herrlichen botanischen Garten, dessen Leitung lange Zeit seiner Obhut anvcrtrant war. Wie mehr oder weniger alle Vorsteher botanischer Gärten in jener Zeit, so wollte wohl auch er einer mit der Uebernahme der Leitung dieses Gartens von ihm der gebildeten Welt gegen- ( 021 ) 24 über übernommenen Verpflichtung damit Genüge leisten und einen Bericht über die Erfolge seiner Thätigkeit darin niederlegen. Vierhundertundsiebzehn Pflanzen hatte er in diesem Werke beschrieben und durch Zeichnungen, welche von ihm selbst zumeist in natürlicher Größe ansgefnhrt und radirt waren, veranschaulicht. Er hatte dabei vorzugsweise auf solche Gewächse Rücksicht genommen, welche damals noch sehr selten oder in England noch nicht lange eingcführt waren. Bei seinem Erscheinen wurde das herrliche Werk aus der Feder des fruchtbaren Verfassers mit hoher Befriedigung ausgenommen. Die jedenfalls glanzvollste Beurtheilnng erfuhr es durch den bekannten Naturforscher Karl von Limw. Sein beredtes Zeugniß faßte er zwar nur in wenige, dafür aber um so bezeichnendere Worte zusammen: „ast Opus botanicnin «,ne> absolut! u 8 inuuckus non vielit«. Bedauerlicherweise erschienen von ihm nur zweihundertund- fünfzig Stück im Verlag, und aus diesem Umstande mag es auch wohl zu erklären sein, daß es eben so selten geworden ist. Eine spätere Auflage, welche im Jahre 1774 in Leyden erschien, war nicht geeignet, dem gesteigerten Bedürfniß darnach Rechnung zu tragen, da sie den Stempel der Unvollstäudigkeit an sich trug. Ein holländischer Buchhändler brachte sich nämlich nach dem Tode des Verfassers durch Kauf in den Besitz der Kupferplatten und ließ Abdrücke davon anfertigen. Dem Texte, welchen Dillenius als Hauptsache seiner Ausgabe mit ans den Weg gab, schenkte er überhaupt keine Beachtung, sondern er begnügte sich nur mit der Beigabe eines Namensverzeichnisses. Trotz dieses Mangels erfreute sich diese Ausgabe bei der großen Seltenheit des ursprünglichen Werkes einer weiten Verbreitung. Selbst in unserem Jahrhundert hatte die hochgeschätzte Schöpfung aus der Feder des Dillenius noch manchen Freund gefunden, welcher sie um ihrer Vorzüge willen schätzte und hoch- ( 022 ) 25 achtete. Am schlagendsten beweist dies eine im Jahre 1856 erschienene Broschüre eines I)r. Klinsmann, welche den Titel Olavi« villoniana all Irortrnn lülUrainonsonr führt. Sie sollte die Aufmerksamkeit der Nachwelt ans das veraltete Buch wieder lenken und ihr das Verständniß für dasselbe aufs neue erschließen. Nach etwa siebenjähriger Wirksamkeit an der Universität empfing Dillenins am 3. April 1735 vom St. Johanniskolleginm die höchste Würde der Arzeneiwisfenschaft in Anerkennung seiner hohen Verdienste um die Förderung seiner Wissenschaft. Im darauffolgenden Jahre harrte seiner eine weitere Auszeichnung, es war der Besuch des damals noch an den Stufen seiner Nuhmeslaufbahn stehenden Botanikers Karl von Linno, welcher auf die Empfehlung des holländischen Botanikers Boerhave und seines Gönners Clifford nach England gekommen war, um die hier in Hülle und Fülle aufgespeicherten Schätze, sowie die hier wirkenden ersten Größen der Wissenschaft kennen zu lernen und den letzteren zugleich auch sein neues, seinem kurz zuvor herausgegebenen Werke: (lenera. Mntaruin zu Grunde gelegtes Sexnalsystem zu ihrer Begutachtung zu unterbreiten. Allein er erzielte hier nicht den gehofften Erfolg, denn die meisten empfingen ihn sehr kühl und keineswegs mit jenem Entgegenkommen, das man dem jungen Forscher Hütte entgegenbringen müssen. Auch Dillenins verhielt sich gegen seine Leistung, die späterhin seinen Namen in den Kranz der größten Botaniker- aller Zeiten einzureihen berufen war, sehr ablehnend, im übrigen aber setzte er eine Ehre hinein, seinem Gaste eine freundliche Aufnahme zu bereiten. Er legte ihm den Pinax, das unvollendete Werk Sherards vor, dessen vierten Theil ei- nachträglich bearbeitet hatte. Der junge Gelehrte trat dem großen Unternehmen des Verewigten mit aufrichtiger Theilnahme gegenüber und bedauerte es aufs lebhafteste, daß es ihm nicht vergönnt war, dieses zu jener Zeit vom Botaniker aufs em- 26 pfindlichste vermißte Werk zu Nutz uud Frommen der Wissenschaft seiner Vollendung entgegenzuführen. Der wenn auch kurze Umgang, welchen diese beiden Männer miteinander gepflogen hatten, übte einen so mächtigen Eindruck ans sie aus, daß sie ein inniges Freundschafts- bündniß miteinander schlossen und ihnen beim Abschied die Trennung so schwer wurde, daß Dillenius seinem liebgewonnencn Gaste das Anerbieten machte, bei ihm zu bleibeu, „um mit ihm zusammen zu leben und zu sterben"? Linne konnte diesen: Wunsche nicht willfahren und trat unverrichteter Dinge seinen Heimweg an. Er unterhielt indessen einen regen Briefwechsel und zugleich einen lebhaften Tauschverkehr der von ihm auf seinen Wanderfahrten aufgefundenen Seltenheiten mit seinem Freunde. Seiner hohen Meinung, welche er von dessen Persönlichkeit hegte, gab er in einem seiner Werke beredten Ausdruck in folgenden, sehr treffenden Worten: In ^ngiiu nntln8 68t, gut Muern enret vel iutellinat I>ra.6t6r 30 Es mag dies auch Wohl für den beschreibenden Theil dieses Werkes immerhin richtig stehen, aber die Ansichten des Verfassers über die Vefruchtnngswerkzeuge der Farnkräuter und Moose, welche er unverändert auch hierin aufrecht erhalten hat, erfuhren wenige Jahrzehnte später durch die unter Znhülfenahme des Mikroskopes angestellten Untersuchungen Schmiedels und Hedwigs schon eine wesentliche Umgestaltung. Eine volle Klärung des wirklichen Sachverhaltes ist erst unserem Jahrhundert gelungen und damit auch die Ansicht des Dillenius, welche in Linus einen begeisterten Fürsprecher fand, vor dem ausgehenden Lichte einer besseren Erkenntniß in den Schatten getreten. Nach der Vollendung seines unsterblichen Werkes ging der nimmerermüdende Forscher wieder von neuem an seine Arbeit, denn er beabsichtigte auch die Pilze in ebendemselben Umfange zu bearbeiten, wie es ihm mit den Moosen gelungen war. Schon bei seiner Uebersiedelung nach Oxford hatte er diesen Entschluß gefaßt und deswegen bereits längere Zeit mit seinem Freunde Deering, welcher sich mit den Pilzen sehr eingehend befaßt hatte, Briefe gewechselt. Inmitten dieser Arbeiten, im ersprießlichsten Wirken und Streben nahm ihm der Tod die Feder aus der Hand. Wahrscheinlich bildeten seine großen Anstrengungen die Ursache seines Plötzlich und leider zu früh erfolgten Hinscheidens. In den letzten Wochen des Monats März 1747 wurde er vom Schlag getroffen und gab am 2. April — alten Systemes — (13.) seinen Geist ans. Dillenius war nicht mehr! Diese unverhoffte Todeskunde rief allenthalben die tiefste Trauer hervor, ein Fürst im Reiche des Geistes hatte sein mächtiges Scepter aus der Hand gelegt. Mit dem großen Gelehrten war aber anch ein Mann von edlem Charakter aus der Mitte der Lebenden dahingegangen. Und wenn auch die Berichte über ihn in dieser Beziehung sehr spärliche sind, so besitzen wir immerhin doch soviel, um uns (M8) 31 sein Charakterbild zu entwerfen, dank der besonderen Hingabe des englischen Geschichtsschreibers Pulteney, welcher mit Rührigkeit und Vorliebe der dankenswerthen Aufgabe sich widmete, bei den älteren seiner Zeitgenossen, welche Dillenius aus persönlichem Umgang kannten, Erkundigungen einzuziehen und für die Nachwelt in seiner Geschichte der Botanik anfzubewahren. Nach diesen Berichten war Dillenius ein in bescheidenen Verhältnissen lebender Mann von sanftem Charakter, welcher durch sein ernstes und unablässiges Streben fast keine Zeit und Gelegenheit gefunden haben mochte, sich einen größeren Kreis von Freunden und Bekannten zu suchen. Er lebte daher in der Zurückgezogenheit und nur solchen war die Freude seines näheren Umgangs beschieden, deren Streben darauf gerichtet war, ihm zu begegnen und ihn näher kennen zu lernen. Schwere Schicksalsschlüge, welche bei seinem Erdenwallen als Gelehrter und Mensch über ihn hereingekommen waren, beugten ihn zwar im Anfänge tief danieder, späterhin setzte er sich mit philosophischer Gleichgültigkeit und Ruhe darüber hinweg. Ein Brief vom 13. Februar 1728, welchen Pulteney seiner Lebensgeschichte des Gelehrten beifügt, zeigt uns dieses im klarsten Lichte. Es heißt daselbst: „-Für die wenigen Jahre, welche ich gelebt hatte, sind mir ebensoviel Trübsal und Widerwärtigkeiten als irgend jemand Anderem widerfahren. Diese habe ich durch Uebung, Zerstreuung und durch das Lesen einiger stoischer Philosophen überwunden, und ich denke nun, daß mich kein Unfall mehr beugen werde. Viel Dinge, welche mir hier in England sowohl als in meinem Vaterlande begegnet sind, würden fast jeden Anderen niederwerfen. Nur vor zwei Tagen wurde mir der Tod eines sehr nahen Verwandten in einem Briefe gemeldet, welchem ich in seinem Unglücke mit Geld hatte beistehen müssen, um ihm wieder aufzuhelfen. (Es ist dies sein jüngerer Bruder ( 62 g) 32 Philipp Eberhard, der ehemalige Stadtphysikus in Wetzlar, welcher am 20. Dezember 1727 starb.) Dies ist alles nunmehr verloren und ich muß noch einiges zahlen, was für mich nicht wenig ist. Inzwischen rührt mich das alles nicht. Ich danke vielmehr Gott, daß es nicht noch schlimmer ist. Dies ist nur ein Schlag und ich habe noch härtere Streiche aussteheu müssen; auch steht mir noch manches bevor." Können uns nun auch diese wenigen Pinselstriche gerade kein nach allen Richtungen hin vollendetes Charakterbild geben, so mögen seine irdischen Züge, welche von Künstlerhand auf unsere Tage gekommen sind, das Fehlende entsprechend ergänzen. In der Gemäldegalerie zu Oxford befindet sich sein Bilduiß und zeigt seine Erscheinung in der akademischen Amtstracht: Es trägt die Inschrift: llaaobiw villonius, N. I). Uotanieus Urok. priinns in ueack. Oxonionsi. Leider finden sich keine Nachbildungen von ihm vor. Vier Wochen lang hatte die Universität den von Dillenius innegehabten Lehrstuhl offen gehalten, und erst am ersten Mai wurde eine Versammlung von Londoner Aerzten einberufen, aus deren Wahl vr. Shipthorbe als sein Amtsnachfolger hervorgnig. Die zahlreichen Hinterlassenschaften des Verewigten gingen zunächst in die Hände des von ihm zum Vollzieher seines letzten Willens ernannten Or. Seidel über, welcher sie größtentheils an seinen Amtsnachfolger veräußerte. Unter anderem befand sich eine Sammlung von Dillenius gezeichneter Abbildungen von Schwämmen darunter, welche nach der Herausgabe der neuen Auflage von Rays Synopsis entdeckt worden waren. Andere, jedoch unveräußerliche Hinterlassenschaften sind von ihm auf die Nachwelt gekommen, es sind die Erfolge seiner verdienstvollen Lebensarbeit, welche in das geistige Eigenthum der Menschheit übergegangen sind. In vollster Würdigung seiner hohen Verdienste um die Entwickelung der botanischen 33 Wissenschaft hat es daher auch Linns nicht versäumt, seinem großen Freunde ein bescheidenes Denkmal zu setzen. Seinem Andenken weihte er eine in dem malabarischen Garten unter dem Namen Lzmiitu geführte Pflanze, welche seit dieser Zeit die Bezeichnung „villsnig," führt. In den Schriften des großen Schweden findet schon unsere Botanisirbnchse unter der Bezeichnung „Vaseulum villsniunuin" entsprechende Erwähnung. Wiewohl nun auch durch die dan- kenswerthen Bemühungen einiger Forscher ^ eine nähere Veranlassung, welche Linus zu ihr geführt hat, nicht gefunden werden konnte, so mag doch wohl die Vermuthung gerechtfertigt erscheinen, daß unser Landsmann der Erfinder dieses für die Botaniker unentbehrlichen Geräthes ist. So verdanken wir ihm denn auch jene sinnreiche Erfindung, welche uns in unseren Knabenjahren unter dem brennenden Lichterbanme so hoch erfreut hat und uns nun auf unseren Wanderfahrten durch Wald und Feld folgen muß, um die aufgefundnen Schätze in ihre Obhut zu nehmen. Neben feinen geistvollen Zeitgenossen, welche ihre Wissenschaft in neue Bahnen gelenkt haben, wie die beiden Begründer der Pflanzenanatomie und Physiologie Marcello Malpighi und Nehemias Grew, sowie dem Entdecker der Bakterien Antony von Leenwenhoek und den Bahnbrechern auf dem Gebiete der Systematik Albr. von Haller und Karl von Linnü wird Dillenius ein nicht minder würdiger Ehrenplatz in der Geschichte der Botanik sicher fein als dem deutschen Begründer der wissenschaftlichen Kryptogamenkunde. In unserer Zeit, wo die Naturwissenschaft mehr und mehr in Vordergrund des allgemeinen Interesses getreten ist und deren Bedeutung für die Gegenwart schon früher von unserem berühmten Landsmanne Justus von Liebig in seinem bekannten Ausspruch: „Das Studium der Naturwissenschaften als Mittel der Erziehung ist ein Bedürfniß unserer Zeit", dargethan wor- Sammlung. N. F. III. 66. 3 (631) 84 den ist und in der jüngsten Zeit durch die Reden eines Dnbois Reymond, Haeckel und W. Preyer verfochten wird, sei es eine Ehrenpflicht für unsere Nation, den Schleier der Vergessenheit, welchen die wechselvolle Zeit über einen um die Förderung der Wissenschaft so hochverdienten Mann gebreitet hat, zu lichten und ihn aus Anlaß der 200fachen Wiederkehr des Jahrestages seiner Geburt^küeder zu Ehren zu bringen. So möge denn zur Wahrheit werden, was der Dichter singt: Ein edler Mensch lebt nie vergebens, Er geht, hemmt sich hier sein Lauf, Nach Sonnenuntergang des Lebens Als ein Gestirn der Nachwelt ans. Anmerkungen. * Die Nachrichten über den Vater I. I. Dillenius finden sich in Strieders Hessische Gelehrtengeschichte. " A. E Büchneri 4ea(teu,ias Laesarsas 4>soi>olclirms - 6aroling.e naturas euriosorum Ilistoria. Halle 1755. Neigcbaur: Geschichte der Kaiser- lichen Leopoldina - Carolinischen Deutschen Akademie der Naturforscher Jena 1860. ^ Kurt Sprengel, Geschichte der Botanik, 2 Bd. Altenburg 1817—1818. ^ Schuttes, Grundriß der Geschichte und Literatur der Botanik. Wien 1817. ^ Winkler, Geschichte der Botanik. Frankfurt a. M. 1854. ° Dies beruht jedenfalls auf eine Verwechselung mit seinem Vater Justus Friedrich Dillenius. ' Nebel, Lrotsi-sorum, gui in aoacisinis. Oisssnsi insäioinam äoane- runt eoiwpsetus. 6issas 1802. ^ Malmstsn, Gedächtnißrede auf Karl von Linn6. Sammlung gemeinverständlicher wissenschaftlicher Vorträge, Hrsg, von R. Virchow L Fr. von Holtzendorff, S. 12. ° vr. H. I. Kreutzer, Das Herbar. Wien 1864. Druck der VerlagSaustait und Druckerei A.-G. (vorm. I. F. Richter) in Hamburg. ( 632 , len eines Dubais vird, sei es eine ler Vergessenheit, ^e Förderung der hat, zu lichten des Jahrestages a möge denn znr Wissei und i! nius finden sich m Striedc Noläiiins - Oarounae Geschichte der Kaiser der Naturforscher natura lichen Jena t tenburg 1817—1818 ratur der Botanik M. 1854. g mit seinem Vater Justus n msäioinam äoone runt e me. Sammlung ge > R. Birchow L Fr memvc von H achter) m Hamburg