E. L. Bulwer's Werke Aus dem Englischen. Irveinndneunzigstes Bändchen. Nacht und Morgen. Fünftes Bändchen. Stuttgart. Verlag der I. B. Metzler'schen Buchhandlung. 1841 . Nacht und Morgen. Ein Roman von dem Verfasser des „Pelham," „Eugen Aram," „Nienzi," „Paul Clifford" re. Aus dem Englischen von Gustav Pfizer. In sieben Bändchen. Fünftes Bändchen. Stuttg art. Verlag der I. B. Metzler'schen Buchhandlung. 18 41 . Viertes Auch. Hin zu einem großen Meere Trieb mich seiner Wellen Spiel; Vor mir liegt'» in weiter Leere, Näher bin ich nicht dem Ziel. Schiller. Der Pilgrim. Erstes Kapitel. Oh! welcher holde Sonnglanz auf dem See! Wilson'» Pcststadt. Wenn Du Leser, je durch ein Sonnenmikroskop die Ungeheuer in einem Tropfen Wassers gesehen hast, hast Du Dich vielleicht bei Dir selbst verwundert, daß so gräßliche Wesen Dir bisher unbekannt geblieben — Du hast einen Ekel empfunden vor dem klaren Element, das Du bisher so rein geglaubt, Du hast Dir halb und halb vorgenommen, gar kein Wasser mehr zu trinken; aber am andern Tage hast Du das unheimliche Leben vergessen, das vor Dir zuckte in diesem schwängern Tropfen mit seinen zahllosen Gebilden; und durch Deinen Durst verleitet, bist Du nicht zurückgcbebt vor dem lügenden Krystall, obgleich Myriaden von den schrecklichen Unsichtbaren sich drängen, stoßen, verschlingen und sättigen in der Flüssigkeit, die Du so ruhig einschlürfst; so geht es auch mit dem alten Urelement, dem Leben. Zn Deine glatte Behaglichkeit eingehüllt und auf dem Sopha Deines offenen Bewußt- seynS Dich dehnend — wenn Du vielleicht zum erstenmal durch das Glas der Erkenntniß Ein schauerliches Kügelchen 8 anschaust in den Mastern, welche ringsum andrängen — die mit ihrer Feuchtigkeit die Poren der Erde anfüllcn, die jeden unsrem Auge sichtbaren, sür unsere Berührung greifbaren Atom benetzen — bist Du erstaunt und erschrocken; Du sagst im Geiste: „Kann eS dergleichen Dinge geben? Ich habe mir dergleichen nie im Traume gedacht! Ich glaubte, was für mich unsichtbar, das sey gar nicht in der Wirklichkeit vorhanden — ich will mich dieses furchtbaren Experiments erinnern/' Am andern Tage ist das Experiment vergessen. — Der Chemiker kann das Wasscrkügel- chen filtriren — kann das Wissen die Welt reinigen? Wenden wir uns jetzt zu der gefälligen Oberstäche, im Ganzen betrachtet, die dem gewöhnlichen Auge offen und freundlich sich darbietet. Wer würde Gottes große Absichten richtig fassen, wenn er keinen Waffertropfen, der am Rosenstrauch zittert, oder in der Sonne funkelt, ohne sein Sonnenmikroskop ansehen könnte? Es find zehn Jahre verflossen seit der Nacht, in welcher William Gawtrey umkam: ich versetze Dich, Leser, in die lieblichsten Gegenden Englands — Scenen, die durch die einzige ächte Pafloralpoesie, die uns bekannt ist, der Betrachtung und dem Frieden geweiht sind. Der Herbst hatte angefangen, das Laub auf den Höhen von Winandermere zu verfärben. Es war ein Sommer von seltner Wärme und Schönheit gewesen, und Wer in diesem Jahre die englischen Seen besuchte, der konnte von Zeit zu Zeit unter den Gruppen von glücklichen Müs- siggängern, denen man begegnete, zwei Personen besonders 9 ins Auge fassen, als Gegenstände des Interesses oder vielleicht des Neides; zwei, die einem als ganz besonders harmonirend mit diesen stillen, zurückgezogenen, friedlichen Plätzen erscheinen konnten, Beide jung — Beide schön. Liebende hätte man in ihnen vermuthen mögen; aber solche Liebende, wie Fletcher etwa sie unter die Obhut seiner „Heiligen Schäferin" hätte stellen können — Gestalten, die sich hätten niederlaffen können bei Dem güt'gen Quell, um dessen Blumenhöhe Die nebelsüß'qen Elfen ihren Neigen Im blassen Mondschein tanzen. Denn in der Liebe dieser Personen schien eine Reinheit und Unschuld zu liegen, die Wohl zu ihrer Jugend und zum Charakter ihrer Schönheit paßte. Vielleicht entsprang bei dem Mädchen die Liebe mehr aus jenen Gefühlen, die der Lenz des Lebens nach Oben empvrhebt, wie der Frühling der Erde seine Blumen, als aus jener innigen und tiefen gänzlichen Versenkung von Seele in Seele, welche allein ewige Dauer und Hingebung verheißt, und deren die erste Liebe, oder vielmehr die erste phantastische Neigung oft weniger empfänglich ist, als diejenige, welche aus der besonneneren Zärtlichkeit reiferer Jahre erwächst. Und doch war er, der Liebende, von so seltner und cigen- thümlicher Schönheit, daß er wohl geeignet scheinen konnte, im höchsten Grade die Liebe zu erregen, die das Herz durch das Auge gewinnt. Doch um mit dem Anfang anznfangen — Eine Dame von feinem Ton hatte im Herbst vor dem Jahre, in welchem 10 unsere Erzählung wieder beginnt, mit ihrer Tochter, einem Mädchen damals von etwa achtzehn Jahren, die Reise an die englischen Seen gemacht. Entzückt von der Schönheit von Winandermere war sie, da sie eines der bequemsten Landhäuser auf seinen Ufern zum Vermiethen auSgesetzt fand» den ganzen Winter über dort geblieben. Im Anfang des Frühjahrs hatte eine ernstliche Krankheit die ältere Dame befallen, und da sie sich nach langsamer Erholung nicht fähig fühlte, die Lustbarkeiten einer Londoner Saison mitzumachen, und vielleicht auch nicht ungencigt war, — da sie selbst ihrer Zeit eine Schönheit gewesen — den äebut ihrer Tochter noch um ein Jahr hinauszuschieben, hatte sie mit kurzen Unterbrechungen, wo sie abwesend war, ihren Aufenthalt auf ein ganzes Jahr ausgedehnt. Ihr Gemahl, ein vielbeschäftigter Mann der Welt, mit vielfacher Thätigkeit kn London und schönen Gütern auf dem Lande, besuchte sie nur gelegentlich, und war froh, der stillen Schönheit von Landschaften bald wieder entfliehen zu können, die ihm keine Renten einbrachten, und daher in seinen Augen keinen Reiz hatten. Im ersten Monat ihrer Ankunft in Winandermere hatten Mutter und Tochter eine folgenreiche Bekanntschaft in folgender Weise gemacht. Eines Abends, als sie lustwandelten auf ihrem Nasenplatze, der sich gegen den See hinzog, hörten sie den Ton einer Flöte, die mit so ausgezeichneter Kunstfertigkeit geblasenwurde, daß sie sich, überrascht und bezaubert, an das User hingezogen fühlten. Der Musiker war ein junger 11 Mann in einem Boote, das er unter den Bäumen ihres Wohnsitzes angebunden hatte. Er war allein, oder vielmehr er hatte Einen Gesellschafter, einen großen neu- foundländer Hund, der wachsam am Steuer des BooteS saß, und so viel Gefallen an der Musik zu finden schien, als sein Herr. Als sich die Damen dem Orte näherten, heulte der Hund, und der junge Mann hörte auf zu blasen, doch ohne noch die schönen Gegenstände des Mißfallens seines Gesellschafters zu sehen. Die eben untergehende Sonne schien voll auf sein Angesicht, als er sich umsah, und dies Antlitz war eines, wie es den Nymphen von Delos mochte erschienen seyn — das Antlitz Apollos — nicht als Held, sondern als Hirte — des Apollo, nicht mit dem Bogen, sondern mit der Lyra — nicht des PythontödterS, sondern des jungen Träumers an schattigen Plätzen — dessen, den der Bildhauer gemeißelt, wie er sich müßig an den Baum lehnt — des Götterknaben, dessen Heimath noch auf Erden ist, und dem das Orakel und die Sphären noch unbekannt sind. In diesem Augenblick sprang der Hund aus dem Boote, und die ältere Dame stieß einen schwachen Angstschrei aus, welcher die Aufmerksamkeit des Musikers erregte und ihn auch ans Land zog. Er rief seinen Hund zurück, und entschuldigte sich mit einer nicht ungefälligen Mischung von Schüchternheit und Zuversicht wegen seines eigenmächtigen Besuchs. Er hatte nicht gewußt, daß der Landsitz bewohnt sey — es war ein Lieblingsplatz von ihm — er wohnte in der Nähe. Der ältern Dame gesiel seine 12 Ansprache, und seine Erscheinung setzte sie in ein angenehmes Erstaunen. Wirklich lag in seinem Wesen und Benehmen jener unbeschreibliche Reiz, der mehr Anziehendes hat, als die bloße vortheilhafte äußere Persönlichkeit, und der sich weder nachahmen noch erwerben läßt. Sie trennten sich jedoch, ohne eine förmliche Bekanntschaft zu schließen. Einige Tage nachher trafen sie sich beim Essen in einem benachbarten Hause und wurden mit Nennung der Namen vorgestellt. Der des jungen Mannes schien den Damen fremd, — nicht so ihm der ihrige. Er wnrde blaß, als er ihn hörte, und blieb den übrigen Abend schweigsam und entfernt. Sic trafen sich wieder — trafen sich oft; und einige Wochen — ja sogar Monate — schien er so viel als möglich die unter so günstigen Vorbedeutungen begonnene Bekanntschaft zu meiden; allmälig aber schien die Schönheit der jüngern Dame über sein Mißtrauen oder sein Widerstreben zu siegen. Ausflüge in die benachbarten Berge führten sie zusammen, und am Ende ergab er sich willig dem Zauber, dem er anfänglich zu widerstehen entschlossen gewesen war. Dieser junge Mann wohnte ans der gegenüberliegenden Seite deS SeeS in einer ruhigen Familie, deren Abgott er war. Sein Leben war in beinahe mönchischer Reinheit und Ruhe verflossen; sein Geschmack war höchst gebildet, sein Charakter schien sanft und mild; aber unter dieser friedlichen Außenseite brachen manchmal Blitze der Leidenschaft hervor — eine glühende und reizbare Dichternatur. Er hatte kaum jemals, seit seiner frühesten Kindheit, diese 13 stillen Gegenden verlassen; er wußte Nichts von der Welt außer aus Büchern — Poefieen und Romanen. Die, mit denen er zusammenlebte, seine Verwandten,'ein alter Junggesell und dessen Schwestern, alte Jungfern — schienen ebenso unschuldig und unerfahren. Es war eine Familie, welche die Reichen achteten und die Armen liebten — harmlos, mildihätig und in guten Umständen. Er schien zum Erbe ihres gesammten, vermuthlich nicht unansehnlichen Vermögens bestimmt. Der Name dieses jungen Mannes war Charles Spencer; die Damen waren MrS. Beaufort und ihre Tochter Camilla. MrS. Beaufort bemerkte, obwohl eine feine Frau, anfänglich keine Gefahr in der wachsenden vertrauteren Bekanntschaft zwischen Camilla und dem jünger» Spencer. Ihre Tochter war nicht ihr Liebling — nicht der Gegenstand ihres beständigen Denkens und Ehrgeizes. Ihr Herz und ihre Seele waren ganz aufgegangen in ihrem Sohn Arthur, der meist im Ausland lebte. Gescheut genug, um, wenn er Lust hatte, für befähigt zu ausgezeichneten Erfolgen zu gelte», hübsch und wohlaussehend genug, um für schön zu gelten bei Allen, die begierig auf eine vortheil- haste Partie warteten, gutmüthig genug, um beliebt zu seyn bei der Gesellschaft, unter der er lebte, nach allen Seiten ohne Grenzen Geld ausstreuend, — hatte Arthur Beaufort mit dreißig Jahren sich auch jenen glänzenden und bald schwindenden Ruf erworben, wie er, für einige wenige Jahre, den Ehrgeitz des feinen Gentleman lohnt. ES war gerade die Art von Ruf, welchen die Mutter zu Bulwer'S Romane. Xvll. 2 14 schätze» wußte, und den selbst der inehr ans Ersparen bedachte Vater insgeheim bewunderte, während Mr. Robert Beaufort, in seinen Redensarten immer auf das Solide haltend, gegen Andre sich anstelite, darüber mißvergnügt zu seyn. Dieser Sohn, sage ich, war ihnen Alles; um ihre Tochter kümmerten sie sich vcrgleichungsweise wenig. Wie konnte eine Tochter den stolzen Namen der Beauforts aufrecht erhalten? Wie vortheilhast sie auch heirathen mochte, es war dann doch immer ein andres Hauö, nicht das ihrige, dem ihre Anmnth und Schönheit zur Zierde gereichte. Ueberdieß, je besser die Heirath die sie treffen konnte, desto größer mußte natürlich die Mitgift seyn — die Mitgift, die dann aus der Familie kam! Und Arthur, der arme Junge, hatte so kostspielige Neigungen, daß er in der That jeden halben Schilling wohl brauchen konnte! Das war das Raisonnement des Vaters. Die Mutter dachte der Sache weniger nach. Mrs. Beaufort, verblichen und mager, mit Blonden und Cashmirshawls prangend, war eifersüchtig auf die Reize ihrer Tochter; und da sie selbst, wie bei einfältigen Frauen häufig, mit vorrückenden Jahren sentimental und weinerlich wurde, hatte sie sich überzeugt, daß Camilla ein Mädchen ohne Gefühl sey. Miß Beaufort besaß wirklich eine ganz eigenthümlich ruhige und friedliche GemüthSart; es war die Gemüths- art, die vielleicht die Männer in dem Verhältniß bezaubert, als sie selbst kräftig und leidenschaftlich sind. Sie war streng auferzogen worden — man hatte ihre Gefühle sehr frühe gedämpft und erkältet, daher bewegten sie sich jetzt leicht und gefällig auf der heitern Bahn ihrer Pflichten. Sie hegte vor ihren Eltern, besonders vor ihrem Vater, eine ehrerbietige Scheue, und ließ sich nie von der Möglichkeit träumen, einem ihrer Wünsche, geschweige denn ihrer Befehle, Widerstand zu leisten. Fromm, freundlich, zart, von sanfter und nie verstörter Gemüthsart versprach Camilla, eine vortreffliche Tochter, auch eine nicht minder vortreffliche Gattin zu werden; man lonnte sich auf ihre Grundsätze verlassen, wenn man auch je Grund haben sollte, an ihrer Herzensneigung zu zweifeln. Wenige Mädchen waren mehr geschaffen, Liebe eiuzuflößen. Man hätte sich kaum wundern dürfen über die größte Thorheit, den ärgsten Wahnsinn, den selbst ein vernünftiger Mann ihretwillensich hätte zu Schulden kommen lassen mögen. Dieß beruhte nicht auf ihrer Schönheit allein obgleich sie ausnehmend lieblich mehr »och als schön war, und jene Art Liebenswürdigkeit besaß, welche allgemein bezaubert; die Gestalt, besonders was Arme, Hals und Busen betraf, war ausgesucht; um den Mund hatte sie Grübchen, blendend weiße Zähne — Augen von jener Sammtweichheit, daß hineinschauen — lieben ist. Sondern ihr Zauber bestand i» einer gewissen Holdseligkeit des Wesens, einer ausnehmenden Unschuld, gemischt mit der gewinnendsten, weil unbewußten, Koketterie. Bei dem Allen war eine Frische, eine Freudigkeit, eine jungfräuliche und bezaubernde Offenheit in ihrer Stimme, ihrem Lachen — man konnte beinahe sagen selbst in ihren Bewegungen. So war Camilla Beaufort in diesem Alter. So erschien sie Andern 2 -- 18 Ihren Eltern war sie nur ein großes Mädchen, ihnen halb und halb im Wege. Für MrS. Beaufort war sie eine Nebenbuhlerin, für Mr. Beaufort eine das Vermögen belastende Zugabe. Zweites Kapitel. Der Mond Goß Trauer in die feierliche Nacht, Doch jene Trauer, womit sich der Hauch Des ungestörten Friedens mischt. Wilson. Die Peststadt. Sagt inir sein Schicksal. Sagt mir: er lebt, wo nicht, sagt: er ist todt! Nur sagt mirS, sagt es! — * » « Ich seh ihn nickt — ihn hüllen Wolken ein. Ebendaselbst, Eines Tags, als, beinahe ein Jahr »ach ihrer ersten Bekanntschaft, Camilla und Charles Spencer mit einer Gesellschaft von Bekannten durch jene wildromantischen Landschaften ritten, welche zwischen dem sonnigen Winan- dermere und dem dunkeln und sinstern Westwater liegen, siel ihr Gespräch auf Gegenstände, die sie mehr persönlich berührten, als bisher der Fall gewesen, denn wenn sie Liebe empfanden, so hatten sie bis jetzt noch nicht davon gesprochen. 17 Der schmale Pfad gestattete nur, je zu Zweien neben einander zu reiten, und die Beiden, auf welche sich hier unsre Erzählung beschränkt, waren die Letzten des kleinen Zuges. „Wie sehr wünschte ich, Arthur wäre hier!", sagte Camilla. „Gewiß, Ihr würdet Gefallen an ihm finden." „Glaubt Ihr? Er lebt viel in der Welt — der Welt, von der ich Nichts weiß. Sind wir denn Charaktere, die für einander paffen würden?" „Er ist der freundlichste, der beste der Menschen," sagte Camilla, etwas ausweichend, aber mit mehr Wärme, als sonst ihre sanfte und leise Stimme vcrrieth. „Ist er so freundlich?" versetzte Spencer nachfinnend. „Nun, es mag so seyn. Und Wer sollte nicht freundlich sehn gegen Euch? Ach! es ist ein so schönes Band, das zwischen Bruder und Schwester — ich habe nie eine Schwester gehabt!" „Habt Ihr denn einen Bruder?" fragte Camilla mit einiger Neberraschung, und heftete ihre offenen Augen voll aus ihren Begleiter. Spencer» stieg die Nöthe ins Gesicht — bis an die Schläfe! seine Stimme zitterte, als er antwortete: „Nein, keinen Bruder!" Dann, in schnellem, hastigem Tone sprechend, fuhr er fort: „Mein Leben ist ein seltsames, einsames gewesen. Ich bin eine Waise. Ich bin wenig mit Solchen von meinem Alter umgegangen; meine Knaben- und Jünglingsjahre habe ich in diesen Gegenden verlebt; meine Erziehung war so, wie die Natur und die Bücher sie 18 gewähren können, fast ohne Führer oder Lehrmeister, außer meinem Pflegevater — dem theuren, alten Mann! So erscheinen mir die Welt, der geschäftige Lärm der Städte, Ehrgeiz, Unternehmungsgeist — Lilles als Dinge, die einem fernen Land angehören, in das ich nie reisen werde. Doch habe ich meine Träume gehabt, Miß Beaufort; Träume, von welchen diese Einsamkeiten einen Theil bilden — aber diese Einsamkeiten nicht ohne getheilt zu werden von Andern. Und neuerlich habe ich gedacht, diese Träume könnten Wohl prophetisch sehn. Und Ihr — liebt Ihr di-Welt?" „Jch habe, wie Zhr, ste kaum versucht," sagte Camilla mit holdem Lachen. „Aber ich liebe das Land mehr, oh! weit mehr, als das Wenige, was ich bisher vom Stadtlebe» kennen gelernt. Aber daß Ihr," fuhr sie fort, mit einem bezaubernden Zögern, — „der Mann ist ja so verschieden von uns — daß Zhr vor der Welt zurückscheut, Ihr, so jung und talentvoll — ja, das muß ich gestehen, scheint mir seltsam!" „Es mag so seyn, aber ich kann Euch nicht sagen, welche Gefühle von Bangigkeit — welche unbestimmte Ahnungen von Angst mich erfassen, wenn ich mit meinen Gedanken über diese stillen Plätze hinausschweife. Bielleicht mein guter Beschützer —" „Euer Oheim?" unterbrach ihn Camilla. „Ja, mein Oheim — mag dazu beigetragen haben, Gefühle in mir zu nähren, die in meinem Alter seltsam erscheinen mögen; aber dennoch—" IS „Dennoch was?" „Meine frühere Kindheit," fuhr Spencer fort, und athmete schwer und ward blaß, „brachte ich nicht in der glücklichen Heimath zu, deren ich mich jetzt erfreue; sie verstoß mir in einer frühen, schweren Schule des Leidens und der Schmerzen. Die Erinnerungen davon haben einen dunkeln Schatten in meiner Seele zurückgelaffen, und dieser Schatten fällt auf jeden Gedanken, der auf das geschäftige und mühevolle Streben und Treiben andrer Menschen gerichtet ist. Aber," fuhr er nach einer Pause mit tiefer, ernster, beinahe feierlicher Stimme fort, „aber am Ende — ist dies Feigheit oder Weisheit? Ich finde keine Einförmigkeit, keinen Neberdruß an diesem ruhigen, stillen Leben. Liegt nicht eine gewisse Sittlichkeit — eine gewisse Religion in dem Geist eines abgeschlossenen, ländlichen Lebens? In diesem wissen wir Nichts von den schlimmen Leidenschaften, welche Ehrgeiz und Streit, wie man sagt, entzünden. Ich fühle nie Neid oder Eifersucht gegen andre Menschen; ich weiß nicht, was Haffen heißt; mein Boot, mein Pferd, unser Garten, Musik, Bücher, und, wenn ich so sagen darf, die festliche Heiterkeit und Freude, die aus der Hoffnung eines andern Lebens entspringt — das Alles füllt mir jede Stunde mit friedlichen, glücklichen und wolkenlosen Gedanken und Bestrebungen aus, bis neuesten-, wo —" „Wo waS?" fragte Camilla unschuldig. „Wo ich den Wunsch, aber nicht den Muth hatte. 20 ein andres Wesen zu fragen, ob, ein solches Loos mit mir zu theilen, fie befriedigen würde?" Er heftete bei diesen Worten seine sanften blauen Augen voll auf das erröthende Antlitz seiner Begleiterin, und Camilla lächelte halb und halb seufzte sie, — »Unsre Begleiter sind uns weit voran," sagte fie, ihr Antlitz abwendend; „und seht, die Straße ist jetzt glatt und gut!" Sie setzte mit diesen Worten ihrPferd in einen rascheren Schritt; und Spencer, zu wenig bekannt mit den Frauen, um die Art, wie sie seinen Worten und Blicken auswich, günstig zu deuten, versank in ein tiefes Schweige», das während des ganzen übrigen Ausflugs dauerte. Als er gegen Abend seinen einsamen Weg nach HauS einschlug, schwoll sein Herz von Bewegungen und Leidenschaften, die seinem Leben bisher fremd geblieben, und von denen, wie er fälschlich gewähnt, ein so ruhiges Leben immerdar hätte verschont bleiben sollen. „Sie liebt mich nicht," murmelte er halblaut; „fie wird mich verlassen, und was wird dann all die Schönheit der Landschaft in meinen Augen sehn? Und wie darf ich auch wagen nach ihr empor zu sehen? Selbst wenn ihre kalte, eitle Mutter — ihr Vater, ein Mann der Formen und der Bedenklichkeiten, wie man sagt, einwilligten: würden sie nicht genau nach meiner eigentlichen Herkunft und Geburt sich erkundigen? Und wenn sie über die eine Mackel wegsähen, bliebe dann nicht die andere? Seine frühen Angewöhnungen und Laster — ach! meines eignen Bruders! — seine unbekannte Lebensbahn, die vielleicht 21 einmal mit Schmach, mit Verbrechen, mit öffentlicher Knndmachnng, mit dem Galgen endet — werden sie das übersehen?" Wie er so sprach, stöhnte er laut, und gleichsam ungeduldig, sich selbst zu entfliehen, spornte er sein Pferd, und rastete nicht eher, als bis er den Gürtel von zierlich gestutzten, nüchternen immergrünen Gewächsen erreichte, der seine bisher glückliche Heimath umgab. Der junge Mann ließ sein Pferd selbst seinen Weg in den Stall suchen, und er schritt durch Zimmer, die er leer fand, auf den Rasenplatz auf der andern Seite, der sich zu den glatten Wassern des Sees herabzog. Hier fand er unter dem Einen großen Baum, welcher den Stolz des Rasenplatzes ausmachte, über den er seinen Schatten weithin und dicht verbreitete, seinen Pflegevater fitzen, müßig brütend über einem oftgelesenen Buch, einem jener Bücher, für welche literarische Träumer leicht eine fanatische Neigung fassen — den Büchern von alten englischen Schriftstellern voll Phrasen und Einfällen, die halb witzig halb erhaben find, durchwoben mit Lobpreisungen des Landlebens, getränkt mit einer mehr poetischen als orthoooren Religio», und geschmückt mit einer sonderbaren Mischung von mönchischer Gelehrsamkeit, und von Aphorismen, die aus der mühseligen Erfahrung des wirklichen Lebens gesammelt sind. Links, bei einem Gewächshaus, zwischen dem Haus und dem See gebaut, sah man das weiße Kleid und die hagere Gestalt der ältesten ledigen Schwester, der die Pflege der Blumen angewiesen war— denn sie hatte früh 22 eine unglückliche Liebe gehabt; in einer kleinen Entfernung von ihr saßen die andern zwei an ihrer Arbeit, und besprachen sich, in flüsterndem Tone, um ihren studirenden Bruder nicht zu stören, ohne Zweifel von ihrem Neffen, der ihr Alles und Alles war, ES war die friedlichste Stunde des Abends, und das Ruhige aller dieser Gestalten, ihre einfachen und harmlosen Beschäftigungen — wenn man es Beschäftigungen nennen konnte— das unbewegte, im vollen Neichthum des Hochsommers prangende Laub; im Hintergrund das altmodische Hans anspruchslos aber nicht ärmlich, dessen offene Thüren und Fenster einen Blick auf die behagliche Ruhe im Innern zu werfen gestatteten; im Vorgrund der See, von keiner Welle gekräuselt, und den Glanz der Abendwolken flüchtig spiegelnd — Alles zusammen bildete ein Gemälde jener vollendeten ruhigen, friedlichen Stille, welche uns manchmal erquickt und tröstet, manchmal uns betrübt, je nachdem wir in der Stimmung find, nach Zufriedenheit zu trachten und zu streben! Der junge Mann schlich zu seinem Pflegevater hin und berührte seine Schulter. „Sir! kann ich mit Euch sprechen? Still! sie soll- tenunsjetzt nicht sehen! Nur mit Euch möchte ich sprechen!" Der ältere Spencer stand auf; und das Buch noch in der Hand, trat er mit seinem Neffen unter den Schatten des Baumes, und in einen Gang rechts, der eine kurze Strecke weit am Rand des See'S hin führte, und die verschlungenen Zweige eines dichten Gehölzes im Rücken hatte. „Sir!" sagte der junge Mann, der zuerst und mit LZ sichtbarer Anstrengung sprach, „Eure Warnungen sind vergeblich gewesen! Ich liebe dies Mädchen —diese Tochter der hochmüthigen Beauforts! Ich liebe sie — liebe sie mehr als mein Leben!" „Mein armer Junge," sagte der Oheim zärtlich und mit unbefangener Zärtlichkeit den Arm über des Jünglings Schulter legend, „glaube nicht, ich sey im Stand Dich zu schelten — ich weiß was es heißt, unerhört lieben!" „Unerhört! —warum denn unerhört?" riefderjunge Spencer mit einer Heftigkeit, die ebenso viel Oual als Trotz in sich hatte. „Sie kann mich ja lieben — sie wird mich lieben!" und beinahe zum erstenmal in seinem Leben sprach das stolze Bewußtseyn seiner seltnen persönlichen Vorzüge aus seinem stammenden Auge, seiner aufgerich- tetcn Gestalt. „Sagt man nicht, die Natur sep gütig gegen mich gewesen? — Welchen Nebenbuhler Hab' ich hier? Ist sie nicht jnng? Und, (— hier sank seine Stimme, bis sie beinahe wie Musik säuselte,) ist nicht die Liebe ansteckend?" „Ich zweifle nicht daran, daß sie Dich lieben mag — Wer sollte es nicht? Aber — aber — die Elter» — werden die je einwilligen?" „Ja!" versetzte der Liebende, der jetzt mit jener, der Leidenschaft eigenen Inkonsequenz, hartnäckig die Befürchtungen bei einem Andern bestritt, denen er so eben erst selbst in sich Raum gegeben, — „Ja! — bin ich nicht am Ende doch von ihrem Blut?— Stamme ich nicht vom altern Zweig ab? Wuchs ich nicht in gleichem Ueberflnß 24 und mit höher» Hoffnungen heran? — lind meine Mutter — meine arme Mutter — behauptete sie nicht bis ans Ende unsre rechtmäßige Geburt, ihre eigene Ehre? — Hat nicht der Zufall oder das Gesetz ungcrcchterweise uns unserS gebührenden Ranges beraubt? — Ziemt es uns nicht, die Beraubung zu verzeihen? — Bin nicht in Wahrheit ich derjenige, der herabsteigt, — der die Unbilden der Todten — die Erbschaft der Lebenden vergißt?" Der junge Mann hatte noch nie in diesem Tone gesprochen — hatte noch nie gezeigt, daß er ans die Geschichte seiner Geburt mit den Gefühlen der Erbitterung, mit der Erinnerung erlittenen Unrechts zurückblickte. Es war ein Ton — ganz das Gegentheil seiner gewöhnlichen Ruhe und Zufriedenheit — er machte seinen Pflegevater lebhaft betroffen — und der ältere Spencer schwieg eine Weile ehe er versetzte: „Wenn Ihr so fühlt, (und es ist dies natürlich,) so habt Ihr nur um so mehr Ursache, gegen diese unglückliche Neigung zu kämpfen." „Ich habe das selbst gefühlt, Sir," versetzte Spencer kummervoll — „Ich habe gekämpft — und ich sage noch einmal, es ist umsonst! So biete ich denn den Hindernissen die Stirne! Meine Geburt— laßt uns annehmen, daß die Beauforts darüber hinweg sehen. Sagtet Ihr mir nicht, Mr. Beaufort habe Euch geschrieben von dem plötzlichen, trotzigen Besuch meines Bruders — von seinem Entschluß, dies nie zu vergessen? Ich meine mich dessen zu erinnern. schon vor vielen Jahren." „Es ist wahr," sagte der Pflegevater, und das 25 Betragen dieses Bruders ist in der Thai der einzige Grund, warum Ihr nie Euer» eignen Namen wieder annehmen dürft! ihn nie kund machen, selbst nicht der Familie, mit der Ihr durch Heirath Euch verbindet; vor Allen aber den Beauforts nicht, die schon aus diesem einzigen Grund Eure Bewegung zurückweise» würden." Der junge Mann seufzte tief — bedeckte sich mit der einen Hand die Augen, und faßte mit der andern krampfhaft seines Pflegevaters Arm, als wollte er ihn abhalten, weiter zu reden; aber der gute Mann, seine Meinung nicht errathend, und ganz inseinen Gegenstand vertieft, fuhr fort die von ihm berührte Wunde noch mehr zu reizen. „Bedenkt! Euer Bruder, als Knabe noch — in den Sterbestunden seiner Mutter kaum dem Verbrechen des Diebstahls entgehend, entflieht einer wohlmeinenden Verfolgung in Gesellschaft eines anerkannten Verworfenen; nachher, in einen unehrenhaften Handel mit einem Pferdsverkauf verwickelt, weist er Alles zurück — jede Hand, die ihn hätte retten können, und ergibt sich mit freier Wahl beharrlich der niedrigsten Gesellschaft und der gemeinsten Lebensweise, Verschwindetaus dem Lande, und wird zuletzt, vor etwa zehn Jahren, ehe noch der Bart an seinem Kinn keimt, in Gesellschaft eben jenes oben genannten Verworfenen in Paris gesehen; ungefähr einen Tag, ehe sein Genosse, ei» Falschmünzer — ein Mörder — durch die Hand der Polizei fiel. Ihr erinnert Euch, daß ich, als Ihr in Eurem siebzehnten Jahr einiges Verlangen zeigtet. Euer» Namen wieder anzunehmen, ja sogar jenen schuld- 26 belasteten Bruder wieder aufzusucheu, ich Euch — eine traurige und schreckliche Pflicht für mich! — Die Zeitungen vorlegte, welche die einzelnen Umstände von dem Tod und den frühern Abenteuern jenes elenden Spießgesellen, deS berüchtigten Gawtreh, enthielte»; daß ich Euch sagte, Mr. Beaufort habe vor langer Zeit schon mir in einem Briefe gemeldet, daß sein Sohn und Lord Lilbnrne Euer» Bruder mit dem Bösewicht, gerade ehe diesen sein Schicksal ereilte, gesehen — ja, daß er aller Wahrscheinlichkeit nach eben der in den Berichten beschriebene Jüngling gewesen, welchen man in dem Zimmer gefunden und welcher der Verfolgung sich entzogen — »nd ich fragte Euch, ob Ihr jetzt diese Maske ablegen, ob Ihr dem Schutz entsagen wolltet, unter dem Ihr für immer sicher sehn würdet vor dem Hohn der Welt, vor der Schande, die früher oder später Euer Bruder auf Euern Namen bringen muß!" „Es ist wahr! Es ist wahr!" sagte der angebliche Neffe im Ton großer Seelenangst und mit zitternden, blutlosen Lippen. „Entsetzlich, in seine Vergangenheit, wie in seine Zukunft zu sehen! Aber — aber — wir haben nicht weiter von ihm gehört — Niemand hat je sein Schicksal exfahren! Vielleicht — vielleicht — (und er schien freier zu athmen) — lebt mein Bruder nicht mehr!" Arme Katharine, armer Philipp — war es dahin gekommen? Fühlte der eine Bruder einen Trost, eine Freude bei der Vermuthung von dem Tode — vielleicht dem gewaltsamen, schmachvollen Tode — seines Mitwaisen ? Mr. Spencer schüttelte zweifelnd den Kopf, antwortete 27 aber Nichts. Der junge Mann seufzte tief auf und schritt einige Schritte seinem Beschützer voran; dann, sich plötzlich umwendend, legte er ihm die Hand auf die Schulter. „Sir!" sagte er mit leiser Stimme und niedergeschlagenen Augen, „Ihr habt Recht! die Maske —dieser falsche Name, muß für immer beibehalten werden! was brauchen denn die Beauforts je zu wissen, Wer und Was ich bin? Warum sollte ich nicht als Euer Neffe — Neffe eines so geachteten und eremplarischen Mannes — meine Bewerbung versuchen und meine Sache führen?" „Sie sind stolz — sagt man — und weltlich; — Ihr wißt, meineFamilie trieb ein Gewerbe; dennoch — aber—" und hier versank Mr. Spencer aus dem Ton des Zweifels in den der Muthlosigkeit, „aber, bedenkt, obgleich Mrs. Beaufort sich vielleicht des Umstandes nicht mehr erinnert, haben doch ihr Gemahl und ihr Sohn mich gesehen —- kennen meinen Namen. Werden sie, wenn sie einmal Eure Bekanntschaft gemacht, nicht die von uns eingeschlagene Kriegslist argwohnen? — Ja, habt Ihr nicht eben aus Bcsorgniß hievon gewünscht, daß ich die Bekanntschaft der Familie meide? Mr. Beaufort sowohl als Arthur haben Euch als Kind gesehen, und wenn einmal der Verdacht in ihnen rege geworden, dürften sie Euch sogleich wieder erkennen; Eure Züge sind entwickelt, aber nicht ganz verändert. Kommt, kommt! mein angenommener, mein lieber Sohn! schüttelt bei Zeiten diese Phantasie ab; laßt uns den Aufenthaltsort ändern; ich will mit Euch reisen — mit Euch lesen — gehen, wohin —" L8 „Sir, Sir!" rief der Liebende, und sein Herz blutete, „Ihr seyd immer gütig, mitleidig, großmüthig; aber raubt — oh! raubt mir nicht die Hoffnung. Ich habe, dank Euch! nie, außer in augenblicklicher Niedergeschlagenheit, den Fluch meiner Geburt empfunden. Jetzt — wie schwer lastet er ans mir? Wo soll ich Trost suchen?" Wie er so sprach, tönte der Hall einer Glocke über die durchsichtige Luft und den schlummernden See; es war die Glocke, die jeden Abend und Morgen diese unschuldige und fromme Familie zum Gebet rief. Des alten Mannes Angesicht veränderte sich, als er sie hörte — nahm statt seiner gewöhnlichen indolenten, abwesenden, zerstreuten Miene einen Ausdruck von Ernst, sogar von höherer Belebung an. „Horch!" sagte er aufwärts deutend, „Horch! sie schilt Dich! Wer darf sagen: Mo soll ich Trost suchen? so lange Gott im Himmel ist?" Der junge Mann, an den Glauben und die Uebun- gen der Religion gewöhnt, bis sie seine ganze Natur durchdrungen, senkte reuig das Haupt; ein paar Thränen stahlen sich aus seinem Auge. ' „Ihr habt Recht, Vater!" sagte er zärtlich, und legte einen besondern Nachdruck ans den wohlverdienten, innigen Namen. „Ich fühle mich schon getröstet und gestärkt." So schlichen schweigend und geräuschlos neben einander der Jüngling und der Alte in das Hans zurück. Als sie das friedliche Zimmer erreichten, wo die Familie Lg gewöhnlich zusammenkam, waren die Schwestern und das Gestnde schon um den Tisch versammelt. Sie knieten, als die später Kommenden eintraten. Es war die gewohnte Obliegenheit, des jünger« Spencer, die Gebete zu lesen; und wie er dies jetzt that — sein liebliches Antlitz etwas umflort, die wohllautvolle Stimme ernster als gewöhnlich in ihrem Ton — Wer, der ihn hörte, hätte geahnt, daß das Herz in seinem Innern von so stürmischen Leidenschaften erschüttert war! Oder ward es nicht in dieser Stunde — in dieser feierlichen Gemeinschaft — erleichtert und getröstet in seinem Leid? O gütiger Schöpfer! du, der du allen Völkern der Erde den Trieb zu beten eingepflanzt, hastdu uns nicht, in diesem göttlichsten Instinkt, die beglückendste Gabe verliehen? Drittes Kapitel. Bertram. Ich meine, derHandel ist nicht zu Ende, da ich fürchten muß, spater wieder davon zu hören. Erster Soldat. Kennt Ihr diesen Kapitän Dumain? Ende gut, Alles gut. Eines Abends, einige Wochen nach dem Zeitpunkt des vorigen Kapitels, saß Mr. Robert Beaufort allein in seinem Hause in Berkeley-Square. Er war diesen Morgen Bulwer'S Romane XVIl. I 3 « * von Beaufort Court, auf dem Wege nach Winändermere, wohin er durch einen Brief von seiner Frau berufen worden war, angekommen. ES war dies Fahr eine bewegte und folgenreiche Epoche für England; und Mr. Beaufort hatte neuerlich das Treiben und Getümmel einer Wahl durchgemacht — die freilich nicht bekämpft wurde, denn seine Popularität und sein Besitz schloßen in seiner Grafschaft jede Mitbewerbung aus. Der reiche Mann hatte eben gespeist, und saß in behaglichem Nichtsthun am Feuer, das er weniger der Wärme wegen — obgleich es September war — als zur Gesellschaft, so zu sagen, angezündet hatte; er war beschäftigt, seinen Madeira vollends auSzutrinken, und mit halbgeschloffenen Augen seine überzuckerten BiscuitS zu kauen. „Gewiß," murmelte er in seinem Selbstgespräche dabei, „ich weiß selbst nicht recht, was thun; — meine Frau sollte die Sachen entscheiden, die das Mädchen betreffen ; der Sohn das ist etwas Anderes; dafür ist die Frau da; — hm!" „Sir," sagte ein fetter Bedienter »nd öffnete die Thüre, „ein Gentleman wünscht Euch in ganz besondern Geschäften zu sprechen." „Geschäften! zu dieser Stunde! Weist ihn zu Mr. Blackwell." „Ja, Sir." 3t „Halt! vielleicht ist es ein Wähler, SimmonS! Frag' lh», ob er aus der Grafschaft ist/' „Ja, Sir." „Ein großes Besitzthum ist eine große Plage," murmelte Mr. Beaufort; „so auch eine große Wählerschaft. ES ist am Ende doch angenehmer, im Hause der Lords zu sitzen. Ich glaube ich könnte, wenn ich wollte; aber dann hat man auch manchen Verdruß. Ich will Lilburne zu Rathe ziehen. Hm!" Der Bediente erschien wieder. „Sir, er sagt er sey aus der Grafschaft." „Führ' ihn herein! — Was für eine Art Mann?" „Eine Art Gentleman» Sir das heißt," fuhr der Kellermeistern eingedenk der fünf Schillinge, die ihm der Fremde in die Hand gedrückt, fort, „ganz ein Gentleman." „Dann mehr Wein her — schürt das Feuer!" Nach wenigen Augenblicken wurde der Fremde inS Zimmer geführt. Es war ein Mann zwischen fünfzig und sechzig, aber noch nach dem Aussehen der Jugendlichkeit trachtend. Sein Anzug deutete auf militärische Ansprüche hin; er bestand aus einem blauen Rock, bis ans Kinn zugeknöpft, schwarzer Cravatte, weiten Beinkleidern von dem Schnitt der sogenannten Kosackenhosen, und metakl- nen Sporen. Er trug eine Perrücke, stattlich, kastanienbraun von Farbe und mit üppigemGelocke; großcnBacken- bart von derselben Farbe, an den Wurzeln leicht gra« gefärbt. Bei dem unvollkommnen Licht im Zimmer bemerkte man nicht, daß die Kleider etwas fadenscheinig 3 * 32 waren, und daß die auf der Seite klaffenden Stiefeln Strümpfe von nicht eben blendender Weiße sichtbar werden ließen. Mr. Beaufort, mit Widerstreben von seinem behaglichen Sitz sich erhebend, und gern wieder darauf zurücksinkend, deutete auf einen Stuhl, und zwang sich zu einem traurigen und zweifelhaften bewillkommnenden Lächeln. Der Diener stellte den Wein und die Gläser vor den Fremden — der Wirth und der Besuch befanden sich fetzt allein. „So, Sir," sagte Mr. Beaufort etwas matt, „Ihr seyd von-shire; ich denke wegen des Kanals — darf «ch Euch ein Glas Wein anbieten?" „Schätze mich höchst glücklich, Sir — Eure Gesundheit!" und derFremde stürzte mit sichtlichem Behagen ein Glas hinunter zu einem so komplimentösen Toast. „Wegen des Kanals?" wiederholte Mr. Beaufort. „Nein, Sir, nein! Ihr Parlamentsherren müßt fürchterlich viel Unruhe auf dem Hals haben — ein sehr schönes Besttzthum, das Eurige, Sir, wie ich höre. Sir, erlaubt mir zu trinken auf die Gesundheit Eurer guten Lady!" „Ich dank' Euch, Mr. — Mr.— Wie sagtet Ihr doch, daß Euer Name sey? Bitte tausendmal um Verzeihung !" „Ganz und gar nicht vonnöthen, Sir; keine Umstände mit mir gemacht! — das ist fürtrefflicher Madeira!" „Darf ich fragen, wie ich Euch dienen kann?" sagte Mr. Beaufort schwankend zwischen der Empfindung von 33 Verdruß, und der Furcht, unhöflich zu seyn. „Und bitte, wurde mir die Ehre Eurer Stimme bei der letzten Wahl?" „Nein, Sir, nein! ES ist viele Jahre her, seit ich nicht mehr in Eurer Gegend gewesen, obwohl ich doch dort geboren bin." „Dann sch' ich eigentlich nicht—" begann Mr. Beaufort und hielt mit Würde inne. „Warum ich Euch besuche," ergänzte der Fremde> mit seinem Rohr an seine Stiefeln klopfend; dann aber, als er den Riß bemerkte, streckte er beide Füße unter den Tisch. „Das sage ich nicht — aber zu dieser Tageszeit habe ich selten Muße — nicht als ob ich nicht jederzeit zu den Diensten eines Constituentcn, das heißt, eines solchen, der für mich gestimmt hat, stände! Ich mache einen Unterschied zwischen Beiden; es ist die Pflicht eines Parla- mentSgliedeS; — Mr. — Ich bitte um Verzeihung, ich habe mir Euer» Namen nicht gemerkt." „Sir," sagte der Fremde, sich ein drittes Glas Wein einschenkend, „diese Gesundheit noch Eurem jungen Volke! Und jetzt zu Geschäften." Hier rückte der Besuch seinen Stuhl dem des WirthcS näher, nahm eine ernstere Miene an, ließ etwas nach in seiner affektirten Aussprache und fuhr fort: „Ihr hattet einen Bruder?" „Nun ja, Sir," sagte Mr. Beaufort mit einem ganz veränderten Gesicht. „Und dieser Bruder hatte eine Frau!" Wäre eine Kanone vor dem Ohr Mr. Robert 34 Beauforts abgebrannt worden, es hätte ihn nicht ärger erschüttern und betäuben können, als das einfache Wort, womit sein Gesellschafter seinen Satz schloß. Er sank in seinen Stuhl zurück — offenen Mundes, die Augen auf den Fremden starrend. Er bemühte sich zu sprechen, aber seine Zunge klebte am Gaumen. „Diese Frau hatte zwei Söhne in der Ehe geboren!" „Das ist falsch!" schrie Mr. Beaufort, endlich seine Stimme wieder findend, indem er aufsprang, „lind Wer seyd Ihr, Sir? Und was meint Ihr mit —" „Still!" sagte der Fremde, gänzlich gleichmüthig und die Würde seiner affektirtcn Aussprache wieder annehmend, „laßtdoch lieber die Diener Nichts höre»! Ich für meinen Theil glaube, die Diener haben das längste Paar Ohren unter allen Sterblichen, die Esel nicht ausgenommen; ihre Ohren erstrecken sich vom Gesindezimmer bis in daS Besuchszimmer. Still, Sir! — fürtrefflicher Madeira, das!" „Sir," sagte Mr. Beaufort, mit sich selbst kämpfend, seine Fassung zu behaupten oder vielmehr wieder zu gewinnen, „Euer Benehmen ist außerordentlich sonderbar^ aber erlaubt mir zu bemerken, daß Ihr ganz irrthümlich berichtet seyd. Mein Bruder hat nie geheirathet; und wenn Ihr Etwas zu sagen habt in Betreff der jungen Leute — seiner natürlichen Söhne — so verweise ich Euch an meine» Advokaten, Mr. Blackwell ln LincolnS Znn. Zch wünsche Euch einen guten Abend." „Sir! — Ich Euch desgleichen —ich will Euch nicht 35 länger belästigen — es war nur aus Wohlwollen, daß ich Euch besuchte — ich bin nicht gewohnt, so behandelt zu werden — Sir, ich stehe in Sr. Majestät Diensten — Sir, Ihr werdet finden, daß der Zeuge der Trauung hervortritt; dann werdet Ihr an mich denken, und vielleicht mit Leidwesen. Aber ich bin fertig — Euer unthänigster Diener, Sir!" Und mit einer Schwenkung seiner Hand wandte sich der Fremde nach der Thüre. Beim Anblick dieser Entschiedenheit von Seiten seines seltsamen GasteS ergriff den Mr. Beaufort eine kalte, unbehagliche, unbestimmte Ahnung. Es tauchte in ihm, nicht wie ein Blitz, sondern vielmehr eiskalt, die Erinnerung an seines Bruders lebhafte, aber von ihm nicht geglaubte Versicherungen auf—anCatharinens hartnäckige Behauptung der Rechte ihrer Sölme — an ihren damals hoffnungslosen Prozeß, hoffnungslos, weil der Zeuge, auf den sie sich berief, nicht zu finden war. Mit dieser Erinnerung drängte sich ein furchtbarer Zug schattenhafter Schreckgestalten heran: Rechtsstreit, Zeugen, gerichtlicher Spruch, Auslieferung, Vermögensberaubung, Rückstände, Ruin! Der Mann, der die Thüre erreicht hatte, wandte sich um und schaute ihn an, ein selbstgefälliges, triumphirend höhnisches Lächeln in seinem unverschämten, frechen Gesicht. „Sir," sagte jetzt Mr. Beaufort mild, „ich wiederhole, Ihr thätet besser, mit Mr. Blackwell zu sprechen." Der Versucher sah seinen Triumph. „Ich habe ein Geheimniß mitzutheilen, welches hübsch sauber zu halten, SS für Euch das Gerathenste ist. Wie viele Leute wünscht Ihr, daß ich deßhalb sprechen soll? Kommt, Sir, hier braucht es keinen Advokaten; oder wenn Ihr es meint, sagt es ihm selbst. Jetzt oder nie, Mr. Beaufort!" „Ich habe durchaus Nichts dagegen, Alles anzuhö- reu, was Ihr mir zu sagen haben möget, Sir," sagte der reiche Mann, noch milder als zuvor, und fuhr dann mit einem erzwungenen Lächeln fort: „obgleich meine Rechte schon zu fest stehen, als daß sie irgend einen Zweifel könnten aufkommen lassen." Ohne die letzte Behauptung zu beachten, kehrte der Fremde kaltblütig wieder um, nahm seinen Sitz wieder ein, stemmte beide Arme auf den Tisch, schaute Mr. Beaufort scharf ins Gesicht und fuhr fort: „Sir, bei der Trauung von Philipp Beaufort und Eatharine Morton waren zweiZeugen anwesend; der Eine ist todt, der Andre ging außer Lands; dieser Letztere lebt noch!" „Wenn dies ist," sagte Mr. Beaufort, dem es von Natur nicht an Verstand und Schlauheit fehlte, und der jetzt jede Geisteskraft wunderbar geschärft fühlte und entschlossen war, die Gründe zu Besorgnissen ganz genau zu erfahren— „Wenn dies ist, warum erschien der Mann — es war ein Diener, Sir, ein Diener, aus welchen MrS. Morton sich berief, nicht bei der Prozeßverhandlung?" „Weil er, wie ich gesagt, außer Lands und nicht zu finden war, oder weil die Nachforschung nach ihm nicht 37 recht ihren Gang ging, wegen ungeschickter Behandlung und Mangel an Geld." „Hm!" sagte Mr. Beaufort — „Ein Zeuge — Ein Zeuge, bemerkt, es ist nur ein einziger! — macht mir nicht viel Sorge. Es fragt sich nicht, was ein Mann angibt, sondern was eine Jury glaubt, Sir! Ueberdieß, was ist aus den jungen Leuten geworden? — Man hat seit Jahren nicht mehr von ihnen gehört. Sie find wahrscheinlich todt; wenn dies, so bin ich gesetzlicher Erbe." „Ich weiß jedenfalls, wo Einer von Ihnen zu finden ist." „DerAeltere? Philipp?" fragte Mr. Beaufort ängstlich, und im besorgtem Andenken an den von seinem Neffen sehr frühe schon an den Tag gelegten kräftigen und gewaltsamen Charakter. „Verzeiht! Ich darf diese Frage nicht beantworten." „Sir! ein Prozeß dieser Art, gegen einen im Befitz Befindlichen, ist sehr zweifelhaft, und," fügte der reiche Mann hinzu, indem er sich aufrichtete, „und vielleicht, sehr kostspielig." „Dem jungen Manne, den ich meine, fehlt es nicht an Freunden, die mit dem Geld nicht knausern." „Sir!" sagte Mr. Beausort aufstehend und mit dem Rücken gegen das Feuer fich kehrend, „Sir! was ist Euer Zweck bei dieser Mittheilung? Kommt Ihr von Seiten des jungen Mannes, um einen Vergleich vorzuschlagen? Wenn dieß ist, so sprecht frei heraus!" „Ich komme aus eigenem Antrieb. ES steht bei Euch zu erklären, ob die jungen Leute je davon Etwas erfahren sollen." „llnd was begehrt Ihr?" „Fünfhundert Pfund jährlich, so lange das Gehetm- niß bewahrt wird." „Und wie könnt Ihr beweisen, daß überhaupt ein Geheimniß hier ist?" „Indem ich den Zeugen auf den Platz bringe, wenn Ihr es wünscht." „Wird er sich mit Euch in die fünfhundert Pfund jährlich theilen?" fragte Mr. Beaufort schlau. „Das ist meine Sache, Sir," antwortete der Fremde. „Was Ihr sagt," begann Mr. Beaufort wieder, „ist so außerordentlich — so unerwartet — und scheint mir dermalen noch so unwahrscheinlich, daß ich Zeit zurUeber- legung haben muß. Wenn Ihr mich in acht Tagen besuchen, und Eure Beweise darlegen wollt, will ich Euch meine Antwort geben. Ich bin nicht der Mann, Sir, daß ich wünschen sollte, irgend Einem seine wahren Rechte vorzuenthalten, aber andrerseits will ich auch nicht einem Betrüge nachgeben." „Wenn Ihr ihnen ihre Rechte nicht vorenthalten wollt, so thue ich am besten, ich gehe hin und sage den Gentlemen Alles," sagte der Fremde mit kalter Unverschämtheit. „Ich sage Euch, ich muß Zeit haben," wiederholte Beaufort, aus der Fassung gebracht. „UeberdieS habe ich 39 nicht ans mich allein zu sehen, Sir!" setzte er mit würdevoller Emphase hinzu; „ich bin Vater." „Von heut- über acht Tage will ich Euch wieder besuchen. Guten Abend, Mr. Beaufort." Und der Mann streckte mit freundschaftlich herablassendem Wesen die Hand hi». Der achtbare Mr. Beaufort wechselte die Farbe, zögerte, und überließ endlich zwei seiner Finger dem Griff und Druck seines Besuchs, den er von Herzensgrund in jenes Land wünschte, aus dem kein Besucher wiederkehrt. Der Fremde lächelte, schritt auf die Thüre zu, legte den Finger an den Mund, nickte und winkte listig, und verschwand — Mr. Beaufort von solchen Gefühlen von Mißbehagen, Schrecken und Angst gepeinigt, verlassend, wie ein Mensch empfinden mag, den, auf einem schlüpferigen Felsen, zwei Zoll breit, plötzlich die Fluthen ereilt haben. Einige Augenblicke blieb er ganz stumm, und wie er sich dann in dem dämmernden geräumigen Zimmer umsah, blieb sein Auge haften ans all den Zeugnissen von LuruS und Reichthum, die eS darbot. lieber dem mächtigen Wandtisch, der an festlichen Tagen seufzte unter der zusammen- gchäuften Wucht des Familien-SilbergeschirrS der Beauforts, hing in vergoldetem Nahmen ein großes Gemälde des Familienfitzes, mit den prächtigen Portalen, dem herrlichen Park — den Gruppen von Hirschen; und an der Wand umher, abwechselnd da und dort mit den Portraits der Vorfahren, Ritter und Damen, die längst zur Ruhe versammelt waren, hingen Meisterwerke der italiänischen 40 und flamändischen Kunst, von Generation zu Generation langsam angehäuft, bis die Sammlung der Beauforts das Thema der Kenner und das Studium der jungen Talente geworden war. DaS stille Zimmer, die stummen Gemälde, sogar der schwerfällige Wandtisch, schienen eine Stimme zu bekommen, und hörbar zu ihm zu sprechen. Er steckte die Hand in die Falten seiner Weste und griff konvulsivisch in sein eignes Fleisch; dann, im Zimmer auf-und abschreitend, suchte er seine Gedanken wieder zu sammeln. „Ich darf Mrs. Beaufort nicht zu Rathe ziehen," murmelteer; „nein — nein — sie ist eineThörin! lleber- dieS ist sie nicht um den Weg. Keine Zeit ist zu verlieren — ich will zu Lilburne gehen." Kaum war ihm dieser Gedanke durch den Kopf geschossen, als er auch eilte, ihn in Ausführung zu bringen. Er klingelte um seinen Hut und Handschuhe, und eilte zu Fuß zu Lord Lilburne in Park Lane — die Entfernung war klein, und die Ungeduld macht lange Schritte. Er wußte, daß Lilburne in der Stadt war, denn dieser Mann liebte London um seiner selbst willen; und selbst im September würde er mit dem alten Herzog von Queensbury gesagt haben, als Jemand bemerkte, daß London sehr leer sey: „Ja, aber eS ist doch voller als das Land!" Mr. Beaufort fand Lord Lilburne auSgestrcckt auf einem Sopha neben dem offnen Fenster seines Gesellschaftszimmers, und in der Ferne sah man die ersten Sterne über den schimmernden Bäumen und dem silbernen Rasen des verlassenen Parks glänzen. Ganz anders als bei dem einfache» Nachtisch seines achtbaren Schwagers, war der kleine Tisch neben seinem Sopha mit den köstlichsten Früchten, mit den edelsten französischen Weinen besetzt; und als der starre Mann der Förmlichkeit und Methode durch die eine Thüre in das Zimmer trat, schien ein rauschendes Seidenkleid, das durch eine andre verschwand, ein töto- ü-tete zu verrathen, welches vermuthlich für Lilburne angenehmer war als das, von welchem allein unsere Erzählung zu berichten hat. Es wäre ein merkwürdiges Studium für Solche gewesen, die gerne die dunkeln und heimtückischen Züge der menschlichen Natur beobachten, Zeuge zu seyn des Con- trastes zwischen dem Erzähler und dem Zuhörer, als Beausort mit vielen Umschreibungen und Umschweifen, viel erheuchelter Verachtung und wirklicher Angst das sonderbare und unheildrohende Gespräch erzählte, das zwischen ihm und seinem Besuche statt gehabt hatte. Der Diener, welcher Mr. Beaufort hineinführte, hatte auch mehr Lichter gebracht; und die Kerzen beleuchteten jetzt mit vollem Glanze Mr. Beauforts Angesicht und Gestalt. Alles an diesem Gentleman stand so ganz im Einklang mit den Formen und den geltenden Meinungen der Welt, daß schon in seinem Anblick beinahe etwas Moralisches lag! Seit seinem Glück war er weniger blaß und mager; die Ecken in seiner Gestalt waren auSgefüllt. Auf seiner Stirne war keine Spur von jugendlicherer Leidenschaft. Kein Laster des schlauen Talents hatte je den Ausdruck schärfer — kein erschöpfendes Laster die Linien tiefer gemacht. Er war das Ideal eines Grafschaftsmitglieds; so glatt, so gelassen, so geschäftsmännisch, und doch so zierlich, so sauber, so gar der Gentleman! Und jetzt lag eine Art von Pathos in seinen grauen Haaren, seinem angegriffenen Lächeln, seinen unruhig bewegten Händen, dem raschen und unbehaglichen Wechsel seiner Stellung, dem Zittern seiner Stimme. Er wäre Solchen, die ihn nur sahen, aber nicht hörten, leicht als der rechtliche Mann in Unruhe erschienen. Kalt, bewegungslos, sprachlos, dem Anschein nach gleichgültig, in der That aber scharf beobachtend, hörte ihm Lord Lilburne, noch auf dem Sopha auSgestreckt, den Kopf zurückgeworfen, aber Ein Auge auf seinen Gesellschafter geheftet, die Hände vor sich gefaltet, zu; und in dieser ruhige» Lage — welch eines verschiedenen Lebens und Charakters Geschichte konnte man aus seinem Angesicht, ja selbst aus seiner Person lesen! Welcher angeborne Scharfblick in dem lauernden Auge! Welche harte Entschlossenheit in den vollen Nüstern und den festen Lippen! Welche sardonische Verachtung von Allem in den verschlungenen Linien um de» Mund! Welche Fähigkeit und Neigung zum physischen Genuß aller Dinge, die er doch so verachtete, in dem feinorganisirten Nervensystem, das, neben ursprünglicher Kraft und Lebhaftigkeit der Constitution, sich noch in den Adern der Hände und Schläfe und in dem gelegentlichen Zucken der Oberlippe verrieth. Er hatte den Körperbau, wie er vor allen andern am 43 meisten zum Genuß befähigt —mit hoher Brust, gedrungen, sehnigt, aber mager bis zur Dürrhsit — zart im Gewebe und in den Extremitäten bis zum Weibischen. Die Ungezwungenheit seiner Lage, selbst seine Art sich zu kleiden — zwar nicht schlecht, aber bequem, weit, nachläßig — schien des Mannes DenkungSweise und Leben — seine gründliche Verachtung alles Aeußerlichen z» verrathen. Erst nachdem Beaufort geendet, änderte Lord Ltlburne seine Lage und öffnete den Mund; er wandte sein ruhiges Gesicht nach seinem Schwager hin, und sagte trocken: „Ich glaubte immer, daß Euer Bruder die Frau ge- heirathct; er war der Mann, so Etwas zu thun. Zudem, wie sollte sie sich zu einem Prozeß entschlossen haben, ohne eine Spur von Beweis, wenn sie nicht von ihrem Recht überzeugt war? Der Betrug geht nie so weit, ohne Zeugnisse. Die Unschuld, wie ein Narr so zu sagen, bildet sich ein, sie habe nur zu sprechen, um Glauben zu finden. Aber zur Unruhe ist kein Grund vorhanden." „Kein Grund! — Und doch glaubt Ihr, daß die Ehe wirklich geschloffen geworden sey?" „ES ist ganz klar," fuhr Lilburne fort, ohne die Unterbrechung zu beachten, „daß der Mann, was auch sein Zeugniß sey, nicht genügende Beweise hat. Hätte er sie, so gienge er eher zu den jungen Leuten, als zu Euch; eS ist augenscheinlich, daß sie ihm eine unendlich höhere Belohnung versprechen würden, als er von Euch erwarten kann. Die Menschen sind immer großmüthiger mit dem, was sie erwarten, als was sie haben. Alle Spitzbuben 4t wissen dies. Es ist die Regel, nach welcher die Juden und Wucherer mehr an Erben als an Besitzern sich erholen; eS ist die Philosophie der kost-obits. Ich glaube fast, der Mann hat den wahren Zeugen der Trauung aufgefunden, aber auch in Erfahrung gebracht, daß das Zeugniß dieses Zeugen nicht hinreichen würde. Euch aus demBesitz zu vertreiben. Er könnte für unglaubwürdig erklärt werden — reiche Leute haben manchmal Mittel, arme Zeugen als unglaubwürdig erscheinen zu machen. Bedenkt, er sagt Nichts von der verlornen Abschrift des Kirchenbuchs, was auch der Werth dieser Urkunde seyn mag, was zu beur- theilen ich nicht genug Rechtskundiger bin — Nichts von Briefen Eures Bruders, worin er die Heirath gestände. Bedenkt —das Kirchenbuch selbst ist zerstört — der Geistliche todt. Pah! laßt Euch die Sache nicht anfechten!" „Wahr!" sagte Mr. Beaufort; „was für ein Ge- dächtniß Ihr doch habt!" „Natürlich. Eure Frau ist meine Schwester — ich Haffe arme Verwandte — und ich interessirte mich daher sehr für Eure Erbschaft und Euren Prozeß. Nein — Ihr könnt ganz ruhig seyn über diese Sache, so weit es sich von einem glücklich ablaufenden Prozeß handelt. Die nächste Frage ist: wollt Ihr überhaupt einen Prozeß auf den Hals bekommen? und verlohnt es sich, diesen Kerl zu erkaufen? das kann ich nicht beantworten, wenn ich ihn nicht selbst sehe." „Ich wollte zu Gott, Ihr thätet das." „Herzlich gerne; es ist Etwas, das mir Freude macht ,43 — ich verkehre gern mit Spitzbuben — es belustigt mich. Heute über acht Tage? Ich werde in Eurem Hause sepn — Euer Stellvertreter; ich werde die Sache bester behandeln als Blackwell. Und da man Euch, wie Ihr sagt, nach den Seen bescheidet, geht hin und überlaßt mir Alles." „Tausend Dank! Ich kann nicht sagen, wie verpflichtet ich mich Euch fühle. Ihr seyd doch gewiß der gefälligste und gescheuteste Mann ans der Welt," „Ihr könnt nicht schlechter von der Gefälligkeit und dem Verstand der Welt denken, als ich," war LilburneS etwas zweideutige Antwort auf das Compliment. „Aber warum verlangt meine Schwester, Euch zu sehen?" „Ach! ich vergaß! Hier ist ihr Brief. Ich wollte Euch auch hierüber um Nath fragen." Lord Lilburne nahm den Brief und überflog ihn mit dem raschen Blick eines Mannes, der gewohnt ist, in Allem den Kern und Mittelpunkt zu treffen. „Ein Hetrathsantrag an meine hübsche Nichte — Mr. Spencer — fordert kein Vermögen — sein Oheim will ihm all seine Habe übergeben — (der arme, einfältige Alte!) Alles! Ha, das sind nur 1000 Pf, jährlich. Ihr fragt darnach nicht viel — he? Wie meine Schwester Euch auch nur darüber befragen kann, macht mich stutzig," „Ha, seht Ihr, Lilburne," sagte Mr, Beaufort ziemlich verlegen, „hier wird nicht nach Vermögen gefragt — Nichts entgeht der Familie; und wahrhaftig, Arthur ist so verschwenderisch; und wenn sie gut heirathet, könnte ich ihr nicht weniger als 15 oder 20,000 Pf. geben." Bulwer'S Roman-, xon. H 46 „Aha! — Ich sehe! — Jeder nach seinem Geschmack: hier eins Tochter — dort eine Mitgift. Ihr seyd verteufelt aufs Geld hinein, Beaufort. Ewas Vergnügliches um den Geiz? he?" Mr. Beaufort erröthete stark über die Bemerkung und die Frage, und sagte mit einem erzwungenen Lächeln: „Ihr seyd streng. Aber Ihr wißt nicht, was es heißt, der Vater eines jungen Menschen zu seyn." „Dann haben mir eine Menge junge Frauen arge Lügen gesagt! Aber Ihr habt Recht in Eurem Sinne. Nein, ich hatte nie einen offen hervortretenden Erben, Gott scy Dank! Keine Kinder, die das Gesetz mir aufbürdete — natürliche Feinde, die die Jahre zählten zwischen der Glocke, die ihre Volljährigkeit verkündet, und die um meinen Tod läutet. Es genügt mir, daß ich einen Bruder und eine Schwester habe — daß meines Bruders Sohn meine Güter erben wird — und daß er inzwischen mit jedem Picken der Uhr mir grollt und mich beneidet. Was ists? Wäre er mein Oheim gewesen, so hätte ich dasselbe gethan. Inzwischen sehe ich ihn so selten, als die gute Lebensart gestattet. Im Gesicht des Erben eines reichen Mannes steht des Reichen moinonto mori geschrieben! Aber revenous ä NOS Moutons. Ja, wenn Ihr Eurer Tochter kein Vermögen gebt, wird Euer Tod für Arthur um so vortheilhafter seyn." „In der That, Ihr betrachtet die Sache in einem sehr sonderbaren Lichte," sagte Mr. Beaufort über die 47 Maßen verblüfft und gekränkt. „Aber ich sehe, Zhr seyd kein Freund von der Ehe; vielleicht habt Ihr Recht." „In der That, ich habe keine Stimme und Wahl in der Sache; ich mische mich nie ein zwischen Väter und Kindern. Wenn ich aber selbst Kinder hätte, will ich Euch, zu Eurem Trost, sagen, daß sie ganz nach eignem Gefallen heirathen könnten — ich würde ihnen nie durch den Sinn fahren. Ich würde mich zu glücklich schätzen, sie nur aridem Wege zu haben. Wenn sie gut heiratheten, hätte man alle Ehre davon; wenn schlecht, so hätte man einen Vorwand, sie nicht anzuerkennen. Wie ich eben gesagt, ich Haffe arme Verwandte. Wiewohl, wenn Camilla, als vermählt, an den Seen lebt, ist es nur dann und wann ein Brief, und das fällt Eurer Frau zur Last, nicht Euch, Aber Spencer — was für ein Spencer?— welche Familie? War das nicht ein Mr, Spencer, der in Winandermere wohnte, — der —" „Der mit uns die Nachforschungen nach den Knaben betrieb, allerdings. Sehr wahrscheinlich derselbe — ja, er muß es seyn. Ich dachte mir das sogleich." „Gehtmorgen nach den Seen, Ihr hört wohl etwas von Euren Neffen;" bei diesem Wort stampfte Mr, Beaufort, „Es ist gut, sich im Voraus zu rüsten," „Vielen Dank für allen Euren Nath," sagte Beaufort aufstehend, und froh los zu kommen; denn obgleich er und seine Frau Lord LilburneS Rath in höchsten Ehren hielten, zuckten und krümmten sie sich doch immer unter den ruhig und gleichgültig beigebrachten Stichen, welche den Honig 4 » 48 begleiteten. Lord Ltlburne war ganz eigen darin, — er gab Jedem, der ihn darum ansprach, besonders aber einem Verwandten den besten Rath, den er vermochte; und Niemand gab bessern, das heißt, mehr weltklugen Rath. So leistete er oft, ohne das mindeste Wohlwollen, die grüßten Dienste; aber er konnte nicht anders, als den Trank mit so viel Aloe und Galläpfeln als möglich zu mischen. Sein Verstand ergötzte sich daran, sich, selbst uneigennützig, in seiner Schärfe und Fülle zu zeigen. Sein Herz ergötzte sich ebenso an der einzigen Grausamkeit, welche das verfeinerte Leben seinen Tyrannen gegen Ihresgleichen übrig läßt — daß sie die Gefühle mit Nadeln stechen, und die Eigenliebe aufs Rad flechten. Aber als eben Mr. Beaufort seine Handschuhe angezogen hatte, und unter der Thüre stand, schien dem Lord Lilburne ein neuer Gedanke sich aufzudrängen. „Beiläufig bemerkt," sagteer, „Ihr begreift, daß, wenn ich versprach, den Versuch zu machen, die Sache für Euch ins Reine zu bringen, ich nur so viel meinte. daß ich erfahren wolle, welche Gründe zur Besorgniß einerseits, oder zu einem Vergleich mit dem Burschen andrerseits Ihr habt. Wenn das letztere räthlich erscheint, so wißt Ihr Wohl, daß ich mich nicht einmischen kann. Ich könnte in eine Klemme kommen, und Beaufort-Court ist nicht mein Besitzthum." „Ich verstehe Euch nicht ganz." „Ich rede doch deutlich genug. Wenn Geld gegeben werden soll, so wird es gegeben, um zu Schanden zu machen. 49 was man das Recht nennt — um diesen Euren Neffen ihr Erbtheil «orzuenthalten. Nun'hätte dies, wenn es je ans Licht kommen sollte, ein garstiges Ansehen. Die die Schande wagen, müssen die Leute seyn, denen das Befitzthum gehört." „Wenn Ihr es für unehrenhaft oder unredlich haltet —" sagte Beaufort unschlüssig. „Ich! Ich kann nie einen Rath ertheilen, was die Gefühle betrifft; ich kann nur rathen, was die Klugheit anlangt. Wenn Ihr nicht an das Vorhandenseyn einer Ehe glaubt, kann es doch für Euch mit,der Ehrlichkeit verträglich seyn, der Unannehmlichkeit eines Prozesses vorzubeugen." „Aber wenn er mir beweisen kann, daß sie vermählt gewesen?" „Pah!" sagte Lilburne, die Brauen hinaufzlehcnd, mit einem leisen Ausdruck verachtender Ungeduld, „eS hängt ganz von Euch ab, ob er es zu Eurer Befriedigung beweist, oder nicht. Ich meines ThellS, als unpariheü- scher Dritter, bin überzeugt, daß die Trauung stattfand. Mer wenn Beaufort-Court mein wäre, würde meine Ueber- zeugung sich für das Entgegengesetzte entscheiden. Ihr versteht mich. Zch schätze mich sehr glücklich, Euch dienen zu können. Aber von Niemand kann man erwarten, daß er seinen Ruf aufs Spiel setze oder mit dem Gesetz tändle, wenn es nicht sein eignes persönliches Interesse gilt. Dann natürlich muß er für sich selbst entscheiden. Adieu. Ich 50 erwarte einige Freunde — Fremde — Carlisten — zum Whist. Ihr wollt nicht bleiben?" „Ich spiele, wie Ihr wißt, nie. Ihr schreibt mir wohl nach Winandermere; und in jedem Falle haltet Ihr den Mann hin, bis ich zurück bin?" „Gewiß!" Beaufort, den der letzte Theil des Gesprächs weit weniger erbaut hatte, als der erste, zögerte, und drehte die Thürschnalle drei oder viermal in der Hand herum; aber wie er seinen Schwager aublickte, sah er in diesem kalten Gesichte so wenig, was ihn auf einige Sympathie bei seinem Kampf zwischen Interesse und Gewissen hoffen ließ, daß er fürs Beste hielt, sofort abzuziehen. Sobald er weg war, berief Lilburne seinen Kammerdiener, der seit vielen Jahren bei ihm, und sein Vertrauter in all den galanten Abenteuern war, womit er noch immer den Herbst seines Lebens erheiterte. „Dykeman," sagte er, „Ihr habt die Frau Hinausgelaffen?" „Ja, mein Lord." „Ich bin nicht zu Hause, wenn sie wieder kommt. Sie ist dumm; sie kann das Mädchen nicht noch einmal zu sich locken. Ich werde Euch beauftragen in einem Abenteuer — Dykeman, einem Abenteuer, das Euch an unsre jungen Tage mahnen wird. Dies reizende Geschöpf — ich sage Euch, sie ist unwiderstehlich — selbst ihre Narrheiten bezaubern mich. Ihr müßt, nun — Ihr seht unruhig aus- Was wolltet Ihr sagen?" St „Mein Lord, ich habe Mehr über sie erfahren — unb — und —" „Weiter, weiter." Der Kammerdiener trat näher und flüsterte seinem Herrn etwas ins Ohr. „So sind die blödsinnig, die das sagen," versetzte Lilburne. „Und," stotterte der Mann, mit der Schamröthe der Menschlichkeit im Gesicht, „sie verdient Euer Lordschaft Beachtung nicht — eine arme —" „Ja, ich weiß, sie ist arm; und aus diesem Grunde kann die Sache keine Schwierigkeiten haben, wenn sie recht eingeleitet wird. Ihr habt Wohl nie von einem gewissen Philipp, König von Makedonien, gehört; ich will Euch sagen, was er einmal äußerte, so gut ich mich dessen erinnere: „Belade einen Esel mit einem Korb voll Gold; schicke den Esel in die Thore einer Stadt, und alle Schildwachen werden davonlaufen." Arm! — wo Liebe, da ist auch Mildthätigkeit, Dpkeman. Zudem —" Hier nahm Lilburncs Gesicht Plötzlich den Ausdruck finstrer und zorniger Leidenschaft an — er brach rasch ab, stand auf, und schritt, vor sich hin murmelnd, im Zimmer auf und ab. Plötzlich blieb er stehen und legte die Hand an die Hüfte; ein Ausdruck von Schmerz veränderte wieder den Charakter seiner Züge. „Die Hüfte schmerzt mich noch immer. Dykeman — ich war kaum — einundzwanzig — als — ich für immer ein Krüppel wurde." Er schwieg, holte tief Athem, lächelte, 52 rieb sich leise die Hände und fuhr fort: „Fürchtet Nichts! Ihr sollt der Esel seyn; und so fängt Philipp von Makedonien an, den Korb zu füllen." Und er warf seine Börse dem Kammerdiener in die Hand, dessen Gesicht bei der Berührung des Goldes seine ängstliche Verlegenheit zu verlierenschien. Lilburne warf ihm einen ruhigen, höhnischen Blick zu: „Geht! — ich will Euch meine Befehle beim Auskleiden geben!" „Ja!" fuhr er fort, mit sich selbst sprechend, „die Hüfte schmerzt mich noch immer. Aber er ist todt! — erschossen, wie man eine Elster oder einen Iltis todschießt! Ich habe die Zeitung noch in dieser Schiebladc. Er starb als ein Ausgcstoßener — ein Miffethätcr — ein Mörder: lind ich habe seinen Namen gcbrandmarkt — seine Geliebte verführt — und ich — bin John Lord Lilburne!" Gegen zehn Uhr kamen ein Halbdutzend jener muntern Liebhaber Londons, die, wie Lilburne, den Reizen der Stadt treu blieben, wenn die gemeineren Verehrer ihren sonnverbrannten Straßen den Rücken wandten — meist ledigeMänner — die Meisten von mittlerem Alter. Bald darauf traten auch drei oder vier vornehme Fremde ein, welche dem verbannten und unglücklichen Karl X. nach England gefolgt waren. Ihre Mienen, traurig und stolz zugleich, ihre aufwärts gestrtchnen Schnurrbärte, ihre langen Bärte, machten zuerst einen lebhaften Contrast mit den glatten, lustigen Engländern. Aber Lilburne, ein Freund von französischer Gesellschaft, der, wenn er wollte, wohl artig und angenehm zu sehn verstand, versetzte die Ver- 53 bannten bald in gute Laune; und in der Aufregung des hohen Spiels verschwanden rasch alle Unterschiede der Stimmung und Laune. Der Morgen graute am Himmel, ehe sie sich zum Souper niedersetzten. „Ihr seyd heute Nacht sehr glücklich gewesen, Mylord!" sagte Einer der Franzosen in neidisch beglückwünschendem Tone. „Aber gewiß," sagte ein Andrer, der, weil er eini- gemale seines WirthS Partner gewesen, Viel gewonnen hatte, „Ihr seyd der feinste Spieler, Mylord, der mir je vorgekommen." „Jederzeit ausgenommen, Monsieur DeSchapelles und ««»»,„ oersetzte Lilburne gleichgültig. Und den Gegenstand des Gesprächs ändernd, fragte er einen der Gäste, „warum er ihn noch nicht mit einem französischen Offizier von Verdienst und Auszeichnung bekannt gemacht habe; — mit welchem Ihr," sagteer, „wie ich höre, sehr vertraut steht, und von welchem Eure Landsleute häufig sprechen." „Ihr meint de Vaudemont. Armer Junge!" sagte ein Franzose mittleren Alters, von ernsterem Aussehen als die klebrigen. „Aber warum sagt Ihr: armer Junge! Monsieur de Liancourt?" „Er stieg so rasch vor der Revolution. ES war kein tapfrerer Offizier in der Armee. Aber er ist ein Glückssoldat und seine Laufbahn ist geschloffen." 54 „Bis die Bourbons zurückkehren!" sagte ein andrer Carlist, mit seinem Schnurrbart spielend. „Jhr erweistmirinWahrheit eine große Ehre, wenn Ihr mich mit ihm bekannt macht," sagte Lilburne. „De Vaudemont — eS ist ein guter Name — vielleicht spielt er auch Whist." „Aber," bemerkte Einer der Franzosen, „ich bin gar nicht so überzeugt, daß er das allerbeste Recht auf den Namen hat. Es ist eine gar seltsame Geschichte." „Darf ich sie hören?" fragte der Wirty. „Gewiß. Sie ist kürzlich die: es lebte ein alter Vi- komte de Vaudemont in Paris; von guter Geburt, aber ausnehmend arm — ein mauvais sujct. Er hatte schon zwei Frauen gehabt und ihr Vermögen durchgebracht. Da er alt und häßlich war, und Männer, welche zwei Frauen überleben, unter den heirathSsählgen Damen in Paris in schlimmem Rufe stehen, fand er Schwierigkeiten dabei, eine Dritte zu bekommen. Verzweifelnd an der noblessc, machte er sich mit jener Hoffnung unter die bour^coisie. Seine Familie schwebte in beständiger Angst einer lächerlichen Mesalliance. Unter diesen Verwandten war Madame de Merville, von der Ihr vielleicht gehört habt." „Madame de Merville! Ach, ja! Schön, nichtwahr?" „Ganz recht. Man wußte, daß Madame de Merville, deren Schwäche Stolz war, mehr als einmal die Heirathsgelüsten des verliebten Vikomte abgekauft hatte. Plötzlich erschien in ihren Kreisen ein sehr schöner junger Mann. Er ward ihren Freunden förmlich vorgestellt als 85 der Sohn des Vikomte de Vaudemont aus seiner zweiten Ehe mit einer englischen Dame, in England erzogen, und jetzt erst öffentlich anerkannt. Ein nachtheiliges Gerücht kam im Umlauf—" „Sir," unterbrach ihn Monsieur de Liancourt sehr ernst, „das Gerücht war von der Art, daß alle Leute von Ehre es brandmarken und verachten mußten — es kam, als letzter Quelle, aus dem Mund eines lügnerischen Lakaien — ein Gerücht, daß der junge Mann gleich am ersten Tage seiner Ankunft in Paris der Liebhaber einer Frau von fleckenlosem Ruse gewesen! Ich bürge für die Falschheit des Gerüchts. Aber ich gestehe, baß dies Gerücht nicht nur Madame de Merville, eine empfindliche —- nur allzu empfindliche Frau, sondern auch meinen Freund, den jungen Vaudemont zu einer Heirath bestimmte, bei welcher die Vermögensungleichheit zu groß war, als daß nicht sein Hochsinn sich dagegen hätte sträuben sollen." „Nun," sagte Lord Lilburne, „also heirathete dieser junge de Vaudemont Madame de Merville?" „Nein!" sagte Liancourt in traurigem Tone, „es war nicht so beschlossen; denn Vaudemont vermöge eines Gefühls, das den Ehrenmann bewährt, und das ich achte, wünschte, so innig und dankbar er der Madame de Merville zugethan war, doch wenigstens erst sich selbst irgend eine ehrenvolle Auszeichnung zu erringen, ehe er Anspruch an eine Hand mache, nach welcher Männer von weit glän- zenderep Ilmständen umsonst gestrebt. Ich schäme mich nicht," fuhr er nach einer kleinen Pause fort, „zu bekennen, SS daß ich Einerder verschmähten Bewerber gewesen, und daß ich noch das Andenken Eugcmens de Merville Hochhalte. Der junge Mann sollte denn in mein Regiment treten. Ehe er jedoch eintrat, während er glücklich war in der vollen Blüthe und Glut der Liebe eines jungen Mannes für eine Frau, die geschaffen war, die stärkste Neigung zu erregen, war sie — sie —" des Franzosen Stimme zitterte, und er setzte mit erkünstelter Fassung von Neuem an — „Madame de Merville, die das beste und Wohlwollendste Herz hatte, das je in einer menschlichen Brust schlug, erfuhr eines TagS, daß eine arme Wittwe auf der Bodenkammer des Hotels, das sie bewohnte, gefährlich krank darnieder liege — ohne Arznei und ohne Nahrung — da sie ihren einzigen Freund und Beschützer an ihrem Gatten einige Zeit zuvor verloren. In der Aufwallung des Mitleids Pflegte Madame de Merville selbst diese Wittwe — wurde von dem Fieber, daS an ihr zehrte, angesteckt —lag zehn Tage krank — und starb, wie sie gelebt hatte, Andern dienend und sich selbst vergessend. — So Viel, Sir, von dem Gerücht, dessen Ihr erwähnt habt." „Eine Warnung," bemerkte Lord Lilburne, „daß man nicht leichtsinnig seine Gesundheit ans Spiel setze aus Eitelkeit, mit einem guten Herzen Staat zu machen, die man Menschenliebe nennt. Wenn die Menschenliebe, mon ollei-, im eignen Hause anfängt, so ist es im Gesellschaftszimmer, nicht in der Dachstube!" Der Franzose sah seinen Wirth mit einiger Verachtung an, biß sich in die Lippe und schwieg. 57 „Aber dennoch," fuhr Lord Lilburne fort, „dennoch ist cs ja so wohl möglich, daß Euer alter Vikomte einen Sohn hatte; und ich begreife so ganz, warum er wünschte, so lang als möglich der Verlegenheit mit demselben überhoben zu sehn, daß ich nicht begreife, warum man Zweifel hegte gegen des jüngern Vaudemonts Abstammung." „Weil," antwortete der Franzose, welcher die Erzählung begonnen hatte, „weil der junge Mann es ablehnte, die gesetzlichen Schritte zu thun, um seine Geburt bekannt zn machen und sich als Franzose naturalistren zu lasten; weil er, sobald Madame de Merville todt war, den Vater verließ, den er so kurz erst entdeckt hatte — Frankreich verließ, und mit einigen andern Offizieren unter dem tapfern in die Dienste eines der eingebornen Fürsten von Indien trat." „Abervielleicht war er arm," bemerkte Lord Lilburne. „Ein Vater ist etwas ganz Gutes und Schönes, und ein Vaterland auch, aber ein Mann muß doch Geld haben; und wenn der Vater nicht viel für Einen thut, so folgt das Land gewöhnlich dem Beispiele." „Mein Lord," sagte Liancourt, „mein Freund hier hat vergessen zu erzählen, daß Madame de Merville dem jungen Vaudemont die Maste ihres Vemögens hinterlicß, und daß dieser, als er fich einigermaßen aus der dumpfen Betäubung seines Schmerzes aufgerafft, ihre Verwandten um sich versammelte, erklärte, ihr Andenken sey ihm zu theuer, als daß Reichthum ihn über ihren Verlust zu trösten vermöge, sich nur eine bescheidne, für die gewöhnlichen 58 Bedürfnisse eines Gentleman nur eben hinreichende Summe vorbehielt, das Nebrige unter sie vertheilte, und sich in den Orient begab, nicht nur um durch die Neuheit und die Unruhe eines bewegten Lebens seinen Kummer zu überwinden, sondern auch um mit eigener Hand den Ruf eines ehrenhaften und tapfern Mannes zu erringen. Mein Freund gedachte des längst begrabenen Skandals — vergaß aber die edle Handlung." „Euer Freund, seht Ihr, mein lieber Monsieur de Liancourt," bemerkte Lilburne, „ist mehr ein Mann der Welt als Ihr!" „Und ich wollte eben bemerken," sagte der eben erwähnte Freund, „daß gerade diese Handlung das Gerücht zu bestätigen schien, daß hinter diesem unerwarteten Zuwachs zu dem Namen der de VaudemontS irgend ein kleines Manveuvre gesteckt habe, denn wenn er selbst, obschon noch so entfernt, mit Madame de Merville verwandt war, woher solche Bedenklichkeiten, das Vermächtniß anzu- nehmen?" „Eine sehr scharfsinnige Bemerkung," sagte Lord Lilburne, den, der sie gemacht, mit einiger Achtung betrachtend, „und ich gestehe, daß es ein sehr unerklärliches Betragen ist, dessen, glaubeich, weder Ihr noch ich uns je schuldig gemacht hätten, nun, und der alte Vtkomte?" „Lebte nicht lange!" sagte der Franzose, sichtlich geschmeichelt durch seines WirthS Compliment, während Liancourt in ernstem Mißfallen sich in seinem Stuhl zurückwarf. „Der junge Mann blieb einige Jahre in Indien, 59 und als er nach Paris zurückkam, nahmen unser Freund hier, Monsieur de Liancourt, damals in Gunst bei Karl X. und der Madame de Merville Verwandte ihn auf. Er hatte sich schon in den ausländischen Diensten einen Ruf erworben und er bekam ein Amt am Hof und eine Stelle unter den königliche Garden. Ich gebe zu, daß er gewiß eine Carriere gemacht haben würde ohne die drei Tage. So aber seht Ihr ihn in London, wie uns Andre, als Verbannten!" „Und vermutlich ohne einen Sou?" „Nein, ich glaube, er hatte in Indien den Antheil, den er sich von der Madame de Merville Vermächtntß vor- behielt, erhalten und sogar noch vermehrt." „Und wenn er nicht Whist spielt, sollte er es spielen," sagte Lilburne. „Ihr habt meine Neugier rege gemacht; ich hoffe, Ihr werdet mir seine Bekanntschaft verschaffen, Monsieur de Liancourt. Ich bin kein Politiker, aber erlaubt mir, diesen Toast vorzuschlagen: Glücklichen Erfolg denen, die den Witz zu Entwürfen, und die Kraft zur Ausführung besitzen! Mit andern Worten: das göttliche Recht!" Bald darauf entfernten sich die Gäste. so Viertes Kapitel. Rosenkranz. Glücklich ist er das zwcitemal zu ilmen gekommen. Hamlet. ES War der Abend nach dem, an welchem dis im letzten Kapitel berichteten Gespräche statthatten, ein Abend in der ruhigen Vorstadt H-. Die Verlassenheit und Stille der Metropole im September hatte sich auch auf die benachbarten Flecken ausgedehnt; ein Dorf im Herzen des Landes konnte kaum stiller erscheinen; die Lampen waren angezündet, viele Läden bereits geschloffen, einige wenige der ehrsamen Paare und der zurückgezogen lebenden alten Jungfern des Ortes sah man wohl da und dort nach ihrem Abendspaziergang langsam heimwandeln; zwei bis drei Hunde spielten, trotz der an den Mauern angeschlagenen Verbote der Ortsbehörden, (Manifeste, welche allen solchen Vagabunden mit dem Tode, und allen Einwohnern mit der Wuth drohten!) in der Hauptstraße, von Zeit zu Zeit gestört, wenn die langsame Kutsche, die zwischen der Stadt und der Vorstadt fuhr, über das Pflaster holperte, oder die raschen Posten vorübersausten, angekündigt durch Staubwolken und das tönende Horn des CondukteurS. Allmälig verschwanden anch diese Spuren von Leben — die Spaziergänger wurden unsichtbar, die Posten waren vorüber, die Hunde wichen den späteren, verstohleneren Lustwandlungen ihrer Nachfolger, der Katzen, „die den Mond lieben." In sparsamen Zwischenräumen strömten die bedeutenderen Läden der Leinwandhändler, der Apothekerund der Branntweinpallast über die schattige Straße aus noch nicht geschloffenen Fenstern ihr Licht aus. Aber mit diesen Ausnahmen standen die Geschäfte des Orts still. -Um diese Zeit trat aus dem Haus einer Putzmacherin (ein Laden war es, nach dem äußern Ansehen, nicht, und bewies seine Vornehmheit und seine Erhabenheit über dte Kapelokratie, um einen gewissen klassischen Neologismus zu gebrauchen, durch eine Metallplatte über einer eichenen Thüre mit der Inschrift: „Miß Semper, Kleider- und Putzmacherin, von Madame Devy"), um diese Zeit, sage ich, und aus diesem Hause trat die leichte und anmuthige Gestalt eines junge» Frauenzimmers heraus. Sie hatte ln der linken Hand einen kleinen Korb, dessen Inhalt (denn er war leer,) sie allem Anschein nach eben abgegeben; und wie sie über die Straße schritt, fiel das Licht der Laternen auf ein Angesicht in der ersten Blüthe der Jugend, das einen charakteristischen Ausdruck kindlicher Unschuld und Offenheit hatte. Es war ein regelmäßiges, ausgesucht liebliches Angesicht, aber doch lag Etwas darin, was Einen traurig machte; man wußte nicht warum, denn es selbst war nicht traurig; im Gegentheil, der Mund lächelte und die Augen strahlten. Wie sie jetzt mit leichtem, raschem Schritt über die nächtliche Straße schwebte, trat ein Mann, der bisher durch das Portal von eines Advokaten Hause versteckt gewesen, verstohlen hervor und folgte ihr in geringer Entfernung. Ahnungslos, daß man ihr uachspüre und dem Anschein nach durchaus keine Gefahr jfürchtend, Bulwkr'S Romane. XVIl. g 82 eilte das Mädchen rasch weiter, schwang ihr Körbchen lustig hm und her, und summte mit leiser aber musikalischer Stimme einige Verse, die mehr der Ammenstube, als dem Alter anzugehören schienen, das die schöne Sängerin erreicht hatte. Als sie an eine Ecke kam, das die Hauptstraße mit einem schmalen und nur theilweise erleuchteten Gäßchen machte, sah ein hier ausgestellter Polizeimann sie scharf an und berührte dann seinen Hut mit einem Ausdruck von Achtung, worin auch etwas Mitleid zu liegen schien. „Gute Nacht Euch!" sagte das Mädchen an ihm vor- beigehend, in offenem, munterem Tone. „Soll ich Euch nach HauS begleiten, Miß?" sagte der Mann. „Wofür? Ich bin ja ganz wohl!" antwortete das junge Geschöpf mit dem Ton und der Miene unschuldigen Erstaunens. Gerade in diesem Augenblick erreichte der Mann, der ihr bisher gefolgt war, die Stelle, und bog in das Gäßchen ein. „Ja," antwortete der Polizeimann, „eS wird aber dunkel, Miß." „So ist es jede Nacht, wenn ich heimgehe, außer wenn Mondschein ist. Lebt wohl. Der Mond," fuhr sie im Wei- tergehn fort, vor sich hin redend, „ich fürchtete den Mond als ein kleines Kind; und dann nach einer Pause summte sie leise: 63 »Der Mond, der ist ei» irrer Geist, Zur Strafe wandelnd nächtlich; Wie traurig ist der irre Mond, Obgleich er scheint so Prächtig; Als jung ich ihm in die Augen sah. Bis das Hirn mir ging im ÄrciS, Und jetzt denll oft mit Weinen ich: ES kommt nie mehr i»S Gleis!" Als das Summen dieser Worte in der Ferne des Gäß- chcnS verhallte, in welchem das Mädchen verschwunden war, schüttelte der Polizeimann, der horchend stillgestanden, traurig den Kopf, und sagte im Weitergchen: „ArmeS Ding! Man sollte sie nicht immer allein umherlausen lassen; und doch — Wer sollte ihr ein Leid thun?" Mittlerweile schritt das Mädchen weiter in dem Gäß- chen, das von kleinen aber nicht ärmlichen Häusern eingefaßt war, bis eS in einen Kreuzsteig auslief, der in einen Kirchhof führte. Hier hing die letzte Laterne, die den Pfad beleuchtete, und einige wenige dämmernde Sterne schienen bleich herab auf das lange Gras und die zerstreuten Grabsteine, ohne den tiefen Schatten zu dnrchdringen, den die Kirche über einen großen Theil des geweihten Grundes warf. Gerade als sie über den Steig ging, näherte sich der Mann, dessen wir oben erwähnt, und der, wie auf Jemand wartend, sich an den Zaun gelehnt hatte, und sagte in sanftem Tone: „Ach, Miß, das ist ein öder Platz für Jemand, der so schön, wie Ihr, um allein zu sehn. Ihr solltet nie zu Fuße gehen!" 5» 64 Das Mädchen blieb stehen und schaute voll, aber ohne irgend eine Besorgniß in ihrem Blick, dem Manne ins Gesicht. „Geht weg!" sagte sie in halb unmuthigem, halb freundlichem Ton des Befehlens. „Ich kenne Euch nicht!" „Aber ich bin abgeschickt, mit Euch zn sprechen, von Einem, der Euch wohl kennt, Miß — von Einem, der Euch bis zum Wahnsinn liebt — er hat Euch schon gesehen bei Mrs. West. Er ist so betrübt, wenn er denkt, daß Ihr zu Fuß gehen sollt — Ihr, die Ihr, wie er sagt, jeden LuruS haben solltet — daß er Euch seinen Wagen geschickt hat, Er steht auf der andern Seite des Kirchhofs. Kommt jetzt!" und er faßte sie jetzt, obwohl ganz leicht, am Arme. „Bei Mrs. West!" sagte sie; und jetzt erst zeigte ihre Stimme und Miene Furcht. „Geht sogleich weg! Wie wagt Ihr, Fanny anzurühren?" „Aber, meine liebe Miß, Ihr habt gar keine Vorstellung davon, wie sehr mein Auftraggeber Euch liebt und wie reich er ist. Seht, er hat Euch all dies Geld geschickt; es ist Gold, gutes Gold. Ihr könnt haben, was Ihr wollt, wenn Zhr nur kommt. Nun schd nicht einfältig, Miß!" Das Mädchen gab keine Antwort, sondern eilte mit einem plötzlichen Sprung an dem Manne vorbei, und lief leicht und rasch den Pfad entlang, in der entgegengesetzten Richtung von der, wohin der Versucher gedeutet, als er ihr den Wagen anbot. Der Mann, überrascht aber nicht irre gemacht, holte sie im Augenblick wieder ein und faßte sie bei den Kleidern. „Halt! Ihr müßt kommen — Ihr müßt!" sagte er drohend; und ihr Halstuch fahren lassend, schlang er seinen Arm uni ihren Leib. „Laßt mich!" schrie das Mädchen flehend, und dem Anschein nach eingeschüchtert, ihr schönes, sanftes Gesicht gegen den Verfolger wendend und die Hände faltend. „Laßt mich in Frieden! Fanny ist einfältig! Niemand ist hart gegen die arme Fanny." „ES wird auch Niemand hart gegen Euch seyn, Miß," sagte der Mann, anscheinend gerührt. „Aber ich darf nicht ohne Euch kommen. Ihr wißt nicht, was Ihr ausschlagt! Kommt;" und er versuchte sie sanft zurück zu ziehen. „Nein, nein!" sagte das Mädchen, vom Flehen zur Entrüstung übergehend und die Stimme zu lautem Kreischen erhebend, „nein! ich will —" „Nun dann!" unterbrach sie der Mann, indem er sich ängstlich umsah; und mit einer raschen und geschickten Bewegung warf er ihr ein großes Tuch über den Kops, und während er es ihr mit der einen Hand fest auf den Mund hielt, hob er sie vom Boden empor. Noch immer heftig sich sträubend, wußte das Mädchen sich des Tuches zu entledigen, und wieder ertönte ihr Angstschrei durch das entweihte Heiligthum. In diesem Augenblick hörte man eine laute, tiefe Stimme: „Wer ruft?" und eine große Gestalt schien wie aus dem Grabe sich zu erheben und aus dem Schatten der 66 Kirche emporzutauchen. Noch ein Augenblick und eine gewaltige Faust packte die Schulter des Räubers. „WaS soll das? lind noch dazu auf Gottes geheiligtem Grunde? Laß sie loS, Elender!" Der Mann, zitternd, halb vor abergläubischem, theils auS körperlichem Schrecken, ließ seine Gefangene loS, die sogleich ihrem Befreier zu Füßen fiel. „Thut mir doch Nichts zu Leid!" sagte sie, indem ihr die Thränen aus den Augen stürzten. „Ich bin ei» armes Mädchen und mein Großvater ist blind." Der Fremde beugte sich herab und hob sie auf; dann, als er mit einem Auge, dessen dunkles Feuer durch die Dämmerung leuchtete, sich nach dem Angreifer umsah, bemerkte er, wie die Memme sich fortschlich. Er verschmähte eS, ihn zu verfolgen. „Mein armes Kind," sagte er mit jener Stimme, welche die Starken gegen die Schwachen annehmen — oder der Mann gegen ein verwundetes Kind — die Stimme der zärtlichen Ueberlcgenhsit und des Mitleids, „es ist jetzt kein Grund zur Furcht mehr. Tröstet Euch. Wohnt Ihr in der Nähe? Soll ich Euch heim geleiten?" „Dank Euch! Das ist gütig! Bitte, thut es!" Und mit einem kindlichen Vertrauen ergriff sie seine Hand, wie ein Kind die eines Erwachsenen; so gingen fie mit einander weiter. „Und," sagte der Fremde, „kennt Ihr diesen Mann? Hat er Euch sonst schon mißhandelt?" 87 „Nein — sprecht nicht von ihm; vvln inv kalt mal!" Und fie legte die Hand an die Stirne. Sie sprach das Französische mit einem so französischem Accent, daß der Fremde mit einiger Neugier einen Blick auf ihre einfache Kleidung warf. „Ihr sprecht gut Französisch." „Ich? Ich wollte nur, ich wüßte mehr Wörter; ich erinnere mich nur weniger. Wenn ich recht glücklich, oder recht traurig bin, fallen sie mir ein. Aber jetzt bin ich glücklich. Ich mag Eure Stimme — ich mag Euch. Oh! ich habe mein Körbchen fallen lassen." „Soll ich zurück gehen und es suchen, oder Euch ein anderes kaufen?" „Ein anderes! Ach nein! kommt zurück, es zu suchen. Wie gütig Ihr scpd. — Ach, ich sehe es!" und sie eilte fort und lief hin, es aufzuheben. Als fie es wieder hatte, lachte sie — sie redete zu ihm — sie küßte es. Ihr Begleiter lächelte, indem er sagte: „Jemand Liebes muß Euch das Körbchen gegeben haben — es scheint doch nur ein gewöhnlicher Korb zu seyn." „Ich habe es seit— oh, immer seit — ich weiß nicht, wie lang! Es kam mit mir von Frankreich — cs war voll kleiner Spielsachen. Die sind hin — dasthutmirso leid!" „Wie alt sepd Ihr?" „Ich weiß nicht." „Meine hübsche Kleine," sagte der Fremde, mit dem Ton tiefen Mitleids in seiner klangvollen Stimme, „Eure Mutter sollte Euch zu dieser Stunde nicht allein auSgelien lassen." „Mutter! — Mutter!" wiederholte das Mädchen im Ton des Erstaunens. „Habt Ihr keine Mutter?" „Nein. — Einen Pater hatte ich einmal. Aber er starb, so sagen sie. Ich sah ihn nicht sterben. Ich weine manchmal, wenn ich denke, daß ich ihn nie — nie wieder sehen soll! Aber," sagte sie, vom Ton der Melancholie beinahe in den der Freude übergehend, „er soll ein Grab hier bekommen, wie der andern Mädchen Vater — einen schönen Stein darauf — und das Alles von meinem Gelde!" „Eurem Gelde, mein Kind?" „Ja, dem Geld, daS ich verdiene. Ich verkaufe meine Arbeit und bringe das Geld meinem Großvater; aber ein Wenig lege ich jede Woche zurück zu einem Grabstein für meinen Vater." „Wird der Grabstein auf diesenKirchhofkommen?" Sie waren jetzt in einer andern Gaffe, und im Sprechen hielt der Fremde sie aus, beugte sich, um ihr ins Gesicht zu sehen, herab, und murmelte vor sich hin: „Ist eS möglich? — Ja, es muß seyn — es muß!" „Ja! ich liebe diesen Kirchhof — mein Bruder hieß mich hier Blumen streuen; und Großvater und ich sitzen im Sommer hier ohne zu sprechen. Aber ich schwatze überhaupt nicht viel, ich singe lieber: 69 „WaS gut und froh und harmfoS lebt, Kann singen hell und frisch, DaS Mädchen, das an der Arbeit weilt. Der Vogel im Gebüsch; Die Kleinen betend in der Kirch', Im Himmel die Engelein — Doch minder die, wenn geboren ei» Kind, Als wenn ein Greis schlief ein." Und unbewußt der verborgnen Moral, traurig oder tröstlich, je nachdem wir den Werth dieses Lebens anschlagen, die in der letzten Zeile des Verses lag, wandte sich Fanny gegen den Fremden nnd sagte: „Warum sollten denn die Engel sich srenen, wenn die Greise entschlafen?" „Weil sie erlöst sind aus einer falschen, ungerechten und erbärmlichen Welt, in welcher der erste Mann ein Nebell und der zweite ein Mörder war!" murmelte der Fremde zwischen den Zähnen, mit denen er im Reden knirschte. Das Mädchen verstand ihn nicht; sie schüttelte leise den Kopf und antwortete Nichts. Nach wenigen Augenblicken blieb sie vor einem kleinen Haus stehen. „Das ist meine Heimath," «Es ist so," sagte ihr Begleiter, das Aeußere des Hauses mit ernstem Blicke prüfend; „und Euer Name ist Fanny." „Ja — Jedermann kennt Fanny. Kommt herein;" und das Mädchen öffnete die Thüre mit einem Schnallen- schlüffel. Der Fremde bückte sich bei seiner stattlichen Höhe, als 70 er über die Schwelle schritt, und folgte seiner Führerin in ein kleines Wohnzimmer. Vor einem Tisch, worauf trüb, mit ungepflegtem Docht eine einzige Kerze brannte, saß ein Mann von vorgerückten Jahren; und als er sein Gesicht nach der Thüre wandte, sah der Fremde, daß er blind war. Dar Mädchen hüpfte an seinen Stuhl, schlang die Arme um des Alten Hals und küßte ihn auf die Stirne; dann zu seinen Füßen sich schmiegend und ihre gefalteten Hände an seine Kniee lehnend, sagte sie: „Großpapa, ich habe Euch Jemand gebracht, den Ihr lieben müßt. Er ist so gütig gegen Fanny gewesen!" „Und Keines von Euch erinnert sich meiner mebr!" sagte der Gast. Der alte Mann, dessen stumpfes. Gesicht anzudeuten schien, daß er kindisch geworden, erhob sich halb bei dem Ton der Stimme des Fremden. „Wer ist das?" sagte er mit schwacher und mürrischer Stimme. „Wer will Etwas von mir?" „Ich bin der Freund Eures verlornen Sohnes. Ich bin der, der vor zehn Jahren Fanny unter Euer Dach brachte und Eurer Obhut übergab — Eures SohnS letzter Auftrag, lind Ihr habt Euren Sohn gesegnet und ihm verziehen, und gelobt, der Vater seiner Fanny zu seyn." Der Alte, der jetzt langsam aufgestanden war, zitterte heftig und streckte die Hände aus. „Kommt näher — näher — laßt mich meine Hände auf Euer Haupt legen. Ich kann Euch nicht sehen; aber 7t Fanny spricht viel von Euch, und betet für Euch: und Fanny — sie ist mir ein Engel gewesen!" Der Fremde näherte sich und kniete halb, während der Alte, unvernehinlich murmelnd, die Hände über sein Haupt breitete. Mittlerweile betrachtete Fanny blaß wie der Tod — mit offenem Munde — mit einem lebhaften, peinlich gespannten Ausdruck im Gesicht — forschend das dunkle, scharfgezeichnete Antlitz des Fremden und Zoll um Zoll zu ihm hinschleichend, berührte sie furchtsam seine Kleider, seine Arme, sein Gesicht. „Bruder!" sagte sie endlich, zweifelnd und schüchtern, „Bruder ich glaubte, ich könne Euch nie vergessen! Aber Ihr seht meinem Bruder nicht gleich! Ihr seyd älter — Ihr seyd — Ihr seyd — nein! nein! Ihr seyd nicht mein Bruder!" „Ich bin sehr verändert, Fanny, und Du auch!" Er lächelte bei diesen Worten; und dies Lächeln — mild und mitleidig — änderte gänzlich den Charakter seines Gesichts, der gewöhnlich streng, ernst und stolz war. „Jetzt kenne ich Dich!" rief Fanny im Ton ungestümer Freude aus. „Und Du kommst zurück aus jenem Grab! Meine Blumen haben Dich endlich zurückgebracht! Das wußte ich wohl! Bruder! Bruder!" Und sie warf sich an seine Brust und brach in leidenschaftliche Thränen aus. Dann, plötzlich sich zurückziehend, legte sie ihren Finger auf seinen Arm und sah bittend zu ihm empor: „Bitte, sagt mir jetzt, ist er wirklich todt? Er, mein 72 Vater! — auch er war verloren, wie Ihr! Kann er nicht auch wie Ihr zurückkommen?" „Grämst Du Dich also immer noch um ihn? Armes Mädchen!" sagte der Fremde ausweichend und setzte sich. Fanny erwartete noch immer eine Antwort auf ihre rührende Frage; aber als sie sah, daß keine erfolgte, schlich sie sich in eine Ecke des Zimmers, lehnte ihr Gesicht an ihre Hände und schien nachzudenken — bis endlich, wie sie so da saß, die Thränen ihr die Wangen herunter zu rieseln begannen, und sie, jedoch still und unbemerkt weinte. „AberSir," sagte der Gast nach einer kurzen Panse, „was ist denn dies? Fanny sagt mir, sie ernähre Euch mit ihrer Arbeit. Seyd Ihr denn so arm? Ließ ich Euch ja doch Eures Sohns Vermächiniß da; und auch von Euch hatte ich gehört, Ihr seyet, wenn schon nicht reich, doch nicht dürftig." „Es ruhte ein Fluch auf meinem Gold," sagte der Alte finster. „Es ward uns gestohlen." Wieder trat eine Pause ein; Simon unterbrach sie. „Und Ihr, junger Mann — wie ist es Euch ergangen? Gut und glücklich, hoffe ich?" „Ich bin, wie ich Zahre lang schon war — allein in der Welt, ohne Verwandte und Freunde. Aber, Gott sey Dank, ich bin kein Bettler!" „Keine Verwandte und Freunde!" wiederholte der Alte. „Keinen Vater — keinen Bruder — kein Weib — keine Schwester!" „Nichts! Niemand, der sich kümmert, ob ich lebe 73 oder sterbe," antwortete der Fremde mit einer Mischung von Stolz und Wehmnth in seinem Tone; „aber, wie das Lied sagt: „Ich frage nach Niemand, »ei», fürwahr! Denn Niemand fragt nach mir!" ES lag ein gewisses schmerzliches Pathos in der höhnischen Art, womit er die bekannten Zeilen hersagte, obgleich er dabei sich in die Brust warf, wie im Bewußtsehn des Trostes und der Kraft, die er besaß in den Hülfsquellen, welche nicht von Andern abhingen, und die er in seinem eignen ehernen Körper und seinem männlichen Herzen gefunden. In diesem Angenblick — fühlte er einen leisen Druck seiner Hand, und sah Fanny, die ihn durch ihre noch strömenden Thränen hindurch anblickte. „Zhr habt Niemand, der sich um Euch kümmert? Sagt das nicht! Kommt und lebt mit uns, Bruder. Wir wollen für Euch sorgen. Ich habe nie die Blumen vergessen — nie! Kommt! Fanny wird Euch lieben. Fanny kann für Drei arbeiten!" „Und man nennt sie blödsinnig!" brummte der Alte, mit einem nichtssagenden Lächeln um den Mund. „Meine Schwester! Du sollst meine Schwester seyn! Verlorene, die selbst die Natur betrogen und verrathen hat! Schwester! — wir Beide Waisen! Schwester!" rief der finstere, strenge Mann leidenschaftlich und mit gebrochener Stimme; und er öffnete seine Arme, und Fanny, ohne ein Erröthen oder einen Gedanken von Beschämung, 74 stürzte an seine Brust. Er drückte auf ihre Stirne einen Kuß, der in der That rein und heilig war wie der eines Bruders; und Fanny fühlte, daß auf ihrer Wange eine Thräne zurückgeblieben, die nicht die ihrige war. „Nun," sagte er mit veränderter Stimme und ergriff des alten Mannes Hand, „was sagt Ihr? Soll ich meine Wohnung bei Euch nehmen ? Ich habe etwas Geld; ich kann Euch Beide schützen und unterstützen. Ich werde oft abwesend seyn — in London oder sonstwo — und will Euch nicht zu viel belästigen. Aber Ihr blind und fie —" (hier brach er plötzlich den Satz ab und fuhr fort) — „Ihr solltet nicht allein bleiben, lind diese Nachbarschaft, derBegräbnißplatz, ist mir thener. Auch ich, Fanny, habe eine Mutter verloren, und dies Grab —" Er hielt inne und fügte dann mit zitternder Stimme hinzu: „lind Du hast Blumen auf dies Grab gestreut?" „Bleibt bei uns," sagte der Blinde; „nicht unsert- sondern Euretwillen. Die Welt ist ein schlimmer Ort. Ich bin längst der Welt überdrüssig. Ja, kommt und wohnt in der Nähe des BegräbnißplatzeS — je näher dem Grabe, je sicherer seyd Ihr; — und Ihr habt etwas Geld, sagt Ihr?" „So will ich denn morgen kommen. Jetzt muß ich zurück. Morgen, Fanny, sehen wir uns wieder." „Müßt Ihr gehen?" sagte Fanny zärtlich. „Aber Ihr wollt wieder kommen. Ihr wißt, ich pflegte Jedermann todt zu glauben, wenn er mich verließ. Jetzt bin 78 ich klüger. Aber dennoch ist es wahr, daß, wenn Ihr mich verlaßt, Ihr für Fanny sterbt!" In diesem Augenblick hatten die drei Personen, so wie sie gruppirt waren. Jedes eine Stellung und einen Ge- stchtsausdruck angenommen, die ein Maler von gehöriger Einsicht und Geschicklichkeit wohl gerne studirt hätte. Der Besuch hatte die Thüre erreicht, und wie er hier stand, da machte sei» edler, hoher Wuchs, die herrliche Kraft und Gesundheit seiner in erster Blüthe stehenden Mannheit einen auffallenden Contrast ebenso mit der beinahe ge- spenstcrhaften Schwäche des höchsten Alters, wie mit der reizenden Zartheit Fannys, die halb Mädchen, halb Kind war. Er hatte etwas Ausländisches in seinem Wesen und dem halb militärischen Anzug, gehoben durch das rothe Band der Bourbon'schenRitterschaft. Seine Gesichtsfarbe war dunkel, wie die eines Mauren, nnd sein Nabenhaar umwallte in dichten Locken sein stattliches Haupt. Der Soldatenschnurrbart, dicht aber glänzend wie Seide, beschattete die feste Lippe; und der zugespitzte Bart, den die verbannten Carlisten trugen, erhöhte noch den Eindruck der starken, stolzen Züge, und den martialischen Ausdruck des Gesichts. Aber als Fannys Stimme verhallend sein Ohr traf, wandte er dies stolze Angesicht ab; und die dunkeln Augen — in ihrem Glanz und ihrem tiefen Schatten beinah orientalisch — zeigten sich saust und feucht. Und da stand Fanny in einer Stellung voll so unbewußter Traurigkeit — so kindlicher Unschuld — die Arme herabgesunken — 78 das Antlitz wehmüthig erst das seinige suchend — und ein halbes Lächeln um die Lippen, das die auf den Wangen noch nicht getrockneten Thränen noch rührender machte. Und daneben — mager, gebrechlich, schattenhaft, mit weißen Haaren und durchfurchten Wangen, starrte der alte Man» mit seinen Augen ohne Sehkraft ins Leere; und sein Gesicht, gewöhnlich nur ans der Lethargie der über- handnehmenden kindischen Schwäche zu einiger Belebung gebracht durch einen gewissen ungeduldigen Murrsinn, wurde jetzt plötzlich ernst und sogar sinnend, als Fanny vom Tod sprach! Fünftes Kapitel. Ulysses. Die Zeit hat einen Ouersack auf dem Rücken, Almosen fürs Vergessen drein zu stecken. * * * Beharrlichkeit, mein guter Herr, Hält rein der Ehre Glanz. Troll US und Cressida. Ich habe mir keine Mühe um jenes Interesse geringerer Art gegeben, welches wohl aus dem Geheimniß der Namen und der Personen sich hätte mit leichter Mühe ziehen lassen mittelst ein wenig Schlauheit in dem frühern Theile dieser Erzählung. Wie der Leser in Charles Spencer auf den ersten Blick Sidney Morton entdecken konnte, so hat er gewiß auch in Philipp de Vaudemont (dem Fremden, welcher Fanny befreite,) den Helden meiner Erzählung 77 augenblicklich erkannt; aber da die beiden jungen Männer ebenso wenig ein Recht auf den aufgegebenen als auf den neu angenommenen Namen haben, wird es einfacher und bequemer seyn, sie mit den Namen zu bezeichnen, unter welchen sie jetzt der Welt bekannt waren. Wirklich war Philipp de Vaudemont kaum dasselbe Wesen wie Philipp Morton. Bei dem kurzen Besuch, den er dem altern Gaw- trey gemacht, als er Fanny seiner Obhut übergab, hatte er keinen Namen genannt; und den, welchen er jetzt annahm, (als er am nächsten Tag gegen Abend wieder in Simons Haus zurückkehrte,) hörte der Alte zum erstenmal- Wieder in seine gewöhnliche Apathie versunken, zeigte Simon kein Erstaunen darüber, daß ein Franzose das Englische so gut verstehe — er bemerkte kaum, daß der Name französisch war. Simons Alter schien ihn täglich dem Zustand näher zu bringen, wo das Leben bloser Mechanismus wird, und die zum Abschied sich rüstende Seele sich nicht mehr um ihre Hülle kümmert, welche schweigend und vernachläßigt in den einsamen Staub zusammenfinkt. Vaudemont kam mit wenig Gepäck (denn er hatte auch eine Wohnung in London,) und ohne Diener; ein einziges Pferd ward in den Stall eines benachbarten Wirthshauses eingestellt, und er schien, wie Soldaten oft, mehr für die Bequemlichkeit des Thieres als seine eigene besorgt. Es war nur Eine Dienerin in der bescheidnen Haushaltung, welche alle gröberen Geschäfte verrichtete; denn Fannys Fleiß konnte das bestreiten. Die einzige Dienerin und die Haus- Bulwer'S Romane. Xvll. tz mannskost genügten dem einfachen, hartgewöhnten Abenteurer. Fanny mit einem vor Freude strahlenden Gesicht ergriff seine Hand und führte ihn in sein Zimmer. DaS arme Kind, mit jenem weiblichen Instinkt, der sie nie verließ, hatte sich den ganzen Tag abgemüht, das Zimmer nach ihren Begriffen von Behaglichkeit einzurichten. Sie hatte ihrem kleinen Schatze so viel entwendet, um davon einige kleine Einkäufe zu machen, worüber das Orakel der Vorstadt war zu Nathe gezogen worden. Und mit Blumen auf dem Tisch und einem Feuer im Kamin erschien das Zimmer ganz einladend. Sie beobachtete ihn, als er sich umsah, und empfand den Verdruß getäuschter Erwartung, als er nicht die von ihr gehoffte Bewunderung äußerte. Unmuthig endlich über die Gleichgültigkeit, die ihm in der That in Bezug auf äußere Bequemlichkeit zur Gewohnheit geworden war, zupfte sie ihn am Aermel und sagte: „Warum sprecht Ihr nicht? Ist es nicht hübsch? Fanny that ihr Möglichstes!" „Und ich sage Fanny tausend Dank! ES ist Alles, was ich wünschen konnte." „Dort ist noch ein Zimmer, größer als dies, aber das verruchte Weib, das uns beraubte, hat dort geschlafen; und zudem habt Ihr gesagt, Ihr liebet den Kirchhof. Seht!" und sie öffnete das Fenster und deutete auf den Kirchthurm, der dunkel gegen den Abendhimmel emporstieg. ,DaS ist besser als Alles!" sagte Vaudemont; und er schaute zum Fenster hinaus in stummer Träumerei, welche Fanny nicht störte. Und jetzt hatte er einen festen Sitz! Nach einer so wilden, unruhigen, wechselvollcn Laufbahn rastete der Abenteurer in diesem bescheidnen Winkelchen! Aber Ruhe ist nicht Friede — Dunkelheit nicht Zufriedenheit. Ost wenn er Morgens und Abends nach der Stelle schaute, wo seiner Mutter Herz, nicht Liebe und Gram mehr fühlend, moderte, verscheuchten die empörten und bittcrn Gefühle des mißhandelten Verstoßenen und des Sohns, der seiner Mutter Namen nicht zu reinigen vermochte, die milde und ergebene Melancholie, zu welcher die Zeit in der Regel den Gram um dic .Todten sänftigt, miss mit welcher die Meisten von uns der fernen Vergangenheit und der einst fröhlichen Kindheit gedenken! Zn dieses Mannes Brust lagen, verborgen durch seine äußere Ruhe, Erinnerungen und Wünsche, die so stark sind wie Leidenschaften. 2» seinen früher» Jahren, als er sich hatte harten Kämpfen um seine Ernsten; unterziehen müssen, hatte er keine Muße gefnnden zu stetigem, brütendem Nachdenken über die Entziehung von Rechte», über die Verläumdung des Namens seiner Mutter, welche zuerst die Nacht in seinen Morgen gebracht hatten. Seine Erbitterung gegen die Beauforts war allerdings immer eine heftige, aber eine unregelmäßige, stoßweise kommende Leidenschaft gewesen. Genau in dem Verhältniß als vermöge seltner und romantischer Ereignisse und Zufälle, welche die Fiktion nicht erfinden kann, und welche die Erzählung mit 6 * Mißtrauen aus der großen Schatzkammer des wirklichen Lebens entlehnt, er auf der socialen Leiter höher emporgestiegen war, genau in demVerhältntß wurde ihm Alles, was seine Kindheit verloren, Alles was die Räuber seines Erbes gewonnen hatten, die Größe und Macht des Reich- th nms, vor Allem aber das stündliche, ruhige Glück eines steckenlosen Namens deutlicher und so zu sagen handgreiflich fühlbarer. Er hatte Eugenten geliebt, wie ein Knabe zum erstenmal eine hochbegabte Frau liebt. Er betrachtete sie, die so Feinfühlende und Gebildete, so Zarte und so Begabte mit den Gefühlen, die man einem Wesen höherer Art schuldig ist, mit einer unauslöschlichen Erinnerung an den helfenden Engel, dessen Antlitz ihm geleuchtet, als er am dunkeln Abgrund stand. Sie war die Erste, die seinem Geschick eine versöhnende Wendung gegeben — die Erste, die ihn auf den rechten Pfad geführt — die Erste, die den Wilden in seiner Brust gezähmt hatte; er war wie der junge Löwe, der zauberisch beherrscht wird durch das Auge von Einer! Die Skizze seiner Geschichte war bei Lord Ltlburne richtig erzählt worden. Trotz seines Stolzes, der sich empörte gegen solche Verpflichtungen, die er gegen einen andern Menschen, gegen eine Frau haben sollte — welcher sich sträubte und kämpfte gegen eine Maske, die ihn auf einmal und allein sicherte gegen die Entdeckung des Vergangenen und gegen die Schrecknisse der Zukunft — hatte er doch ihr, der Weisen und Edeln, sich gefügt und nachgegeben, da er in ihrllrtheil keinenZwötsel setzen konnte; und in der That hatten die verläumderischen Lügen 8l des Lakaien, dessen Verschwiegenheit und Zuverläßigkeit Eugente, in der Nacht von GawtrehS Tod, lieber ihre eigne Ehre, als das Leben eines Andern hatte anvertrauen wollen, Philipp, wie Liancourt richtig angab, keine andre Wahl gelassen, als zu thun, was Madame de Merville für ihr Glück oder für ihren guten Namen am zuträglichsten fand. Darauf war ein kurzer Frühling gefolgt — der Festtag seines Lebens — der Mai der jungen Hoffnung und der Leidenschaft, der glänzenden Aussicht und der Wonne — schließend mit jenem plötzlichen Tod, der ihn wieder einsam in der Welt zurückließ. Als er aus dem Schmerz, der »ach EugenieuS Tod sich seiner bemächtigte, erwachte und sich unter den fremden Gesichtern und den aufregenden Sceuen eines orientalischen Hofes fand, wandte er sich mit harter, wtderwilliger Verachtung ab von Genuß und Lust, als einer Untreue gegen die Todte. Der Ehrgeiz beschlich ihn — sein Geist stählte sich, wie seine Wange unter jener brennenden Sonne sich bräunte — sein abgehärteter Körper, seine früh geweckte Thatkraft, seine natürliche Verachtung der Gefahr machten ihn zu einem tapfern und geschickten Soldaten. Er erwarb sich Ruf und Rang. Aber mit der Zeit nahm sein Ehrgeiz einen höhern Flug — er fühlte sich in seiner Sphäre eingeengt; die orientalische Trägheit, welche die langen Zwischenräume zwischen den Thaten ausfüllte, nagte au seinem rastlosen Temperament; er kehrte nach Frankreich zurück; sein Ruf, Liancourts Freundschaft, und Eugeniens Verwandte, dankbar, wie oben angedeutet, für die Großmuth, 82 womit er ihnen den größten Theil ihrer Verlaffenschaft übergab — eröffnete ihm eine neue, aber eine peinliche und bittere Laufbahn. An dem indischen Hofe war von seiner Geburt nicht die Rede gewesen. Ein Abenteurer war dort den Andern gleich. Aber in Paris forderte ein Mann, der emporzustcigen strebte, allen Sarkasmus des Witzes, alle Verlästerungen der Parteien heraus; und im verfeinerte», civilistrten Leben — was ist da die Slärke der Waffen gegen ein Witzwort? So nagten im Land der Civilisation wieder alle die Leidenschaften, die aus gede- müthigter Eigenliebe und gekränktem Emporstrcben entspringen. an seiner Brust. Er erkannte da, daß, je mehr er sich aus dem Dunkel emporrang, desto schärfer die Nachforschungen nach seiner wahren Herkunft werden würden; und sein unter O-ualeu zuckender Stolz stach seinen Ehrgeiz beinah zu Tod. Durch regelmäßige Mittel im Leben vorwärts zu kommen war in der That für diesen Mann schwer. Immer scheu zurückbebend vor dem Namen, den er trug — immer noch stark in der Hoffnung, das wieder zu erlangen, worauf er ein volles Recht zu haben überzeugt war — jenen Nationalstolz hegend, der den Sohn eines freien Staates nie verläßt, wie hart auch sein mütterliches Land sich gegen ihn gezeigt haben mag, und besonders trotz seines Ehrgeizes und seiner Leidenschaften beseelt, gerade in Folge des Unglücks, das er erduldet, von einem unbesiegbaren Glauben an die endliche Gerechtigkeit des Himmels, hatte er es abgelehnt, die letzten Bande zu zerreißen, die ihn an sein verlorenes Erbe und sein verlassenes 83 Heimathland knüpften, sich geweigert, sich naturaltsiren zu lassen und sich ein gesetzlich unbestreitbares Recht auf den Namen, den er trug, zu erwerben — er begnügte sich, ein im Lande lebender Ausländer zu seyn. Auch war Vau- demont nicht eigentlich geschaffen für die Krisis in der socialen Welt, wo die Männer der Journale und der Zunge die Männer der That beiseite drängen. Er hatte die Literatur nicht kultivirt — er besaß kein Bücherwiffen — die Welt war seine Schule, das strenge Leben sein Lehrmeister gewesen. Dennoch, ausgezeichnet in jenen körperlichen Fertigkeiten und Talenten, welche die Menschen bewundern und wornach der Soldat strebt, ruhig und voll Selbstbeherrschung in seinem Wesen, im Besitz ausgezeichneter Persönlicher Vorzüge, des glücklichsten Talentes und einer geübten Beobachtung der Charaktere, bekämpfte er fortwährend die ihn umgebenden Hindernisse und wußte sich in Gunst zu setzen bei den Inhabern der Gewalt. Es war bei einem Mann, der so ausgewachsen und in solchen Verhältnissen war, natürlich, daß er keine Sympathie für die sogenannte Volkssache hatte. Er war kein Bürger in dem Staat, er war ein Fremder in dem Lande. Er hatte zu viel geduldet, und duldete noch, von den Mensche», um jene Philanthropie zu haben, die, manchmal überschwenglich, aber immerhin edel, in der That meist ihren Grund hat in den Studien, die wir, nicht auf dem Markt des Lebens, sondern im einsamen Gemach, treiben. Ach! die Menschen verlieren nur zu oft den demokratischen Enthusiasmus in dem Verhältniß, als sic Ursache finden, ihr Geschlecht mit 84 Mißtrauen oder mit Verachtung anzusehen. Und gäbe es nicht Hoffnungen für die Zukunft, welche uns einzuflößen dies harte, praktische Alltagsleben nicht genügt: der Nim- bns und die Glorie, welche dem großen Glauben an die Volkssache angehören, würden gedämpft und getrübt unter der Ungerechtigkeit, den Thvrheiten und den Lastern der Welt wie fie ist, zu der lauen Sektirerei vorübergehender Parteisucht erbleichen. UeberdieS war Vaudemonts Denk- und Anstchtsweise die des Lagers, und bestärkt worden durch die ihm im Orient geläufig gewordenen Systeme. Er betrachtete das Volk wie in der Regel der für Zucht und Ordnung eingenommene Soldat. Daher waren seine Theorien, oder vielmehr seine Unbekanntschaft mit dem, was in der Theorie gesund ist, für Karl X. bei seinen Uebergriffen, aber nicht für die Zaghaftigkeit, durch welche jene Ueber- griffe mit Entthronung und Schmach endeten. Im innersten Herzen ergrimmt, von stolzem Schmerz genagt, gehorchte er den königlichen Befehlen und folgte dem verbannten Monarchen; seine Hoffnungen in Frankreich waren gefallen, seine Laufbahn für immer vernichtet. Aber als er England betrat, gewann sein zuversichtliches, an Hülssquelien reiches Gemüth neue Nahrung. In dem Land, wo er keinen Namen hatte, konnte er vielleicht das Gebäude seines Glücks wieder gründen. Es war eine schwierige Aufgabe, eine unwahrscheinliche Hoffnung; aber die auf der Brücke von Paris gehörten Worte — Worte, die ihn oft während seiner Verbannung ln Mühsalen und Gefahren, welche wir in unsrer Erzählung nicht alle zu schildern brauchen, getröstet und gestärkt hatten, — klangen wieder in seinem Ohr, als er an die Küste seiner Heimath sprang: „Zeit, Glaube, Thatkraft!" Wenn dies sein Charakter war in den größer» und entfernteren Beziehungen des Lebens, waren in den engern Kreisen der Geselligkeit und Freundschaft viele seltne und edle Eigenschaften sichtbar. Zwar war er streng, vielleicht herrisch — von einer Gemüthsart, die immer zu befehlen trachtete; aber er besaß eine innige Empfänglichkeit für Wohlwollen und Freundlichkeit, und wenn die ihm Entgegenstehenden ihn fürchteten, so liebten ihn dafür seine Untergebenen. In seinem Charakter war jene Mischung von Zartheit und Trotz, welche man in den alten Schilderungen der Krieger findet. Obgleich in der Literatur so wenig bewandert, hatte ihm doch das Leben eine gewisse Poesie der Empfindung und der Gedanken Leigebracht, — mehr Poesie vielleicht in den stummen Gedanken, welche in seinen glücklicheren Augenblicken seine Einsamkeit erfüllten, als in der Hälfte der Blätter, die sein Bruder an dem träumerischen See gelesen und geschrieben hatte. Eine gewisse Gedankengröße, ein Adel auswallenden Gefühls machten ihn oft in dem Sinne handeln, wovon die Buchmänner dichten. Bei all seiner Leidenschaftlichkeit verachtete er dieZngellosigkeit; bei all seinem ehrgeizigen Streben nach der Macht, die der Neichthum gibt, verschmähte er seinenLuruS. Einfach, männlich, streng, enthaltsam, war er von dem Gepräge, welches in früher» Zeiten den glücklichen Männern der That aufgedrückt war. Aber zu erfolggekrönter That ist die Gunst der Umstände unentbehrlicher, als zu erfolgreichem Studiren. ES war zu erwarten, daß er, je mehr er an ein reineres und edleres Leben sich gewöhnte, mit um so größerer und innigerer Demüthigung auf seine frühere Genossenschaft mit Gawtrey zurückblickte. Er war in dieser Hinsicht strenger gegen sich, als irgend ein Andrer von gewöhnlichem Gerechtigkeitssinn und Ehrlichkeit gewesen scyn würde, bei unparteiischer Erwägung der Umstände, des Mangels, des Hungers, der Verzweiflung, die ihn unter GawtreyS Dach getrieben, der Unvollkommenheit seiner frühem Erziehung, des knabenhaften Zutrauens und der Neigung, die er gegen seinen Beschützer gefühlt, und seiner Unwissenheit und Unschuld in Bezug auf alle die schlimmeren Streiche des unglücklichen Verbrechers. Aber dennoch, wenn mit der nunmehr erlangten Einsicht der Mann ruhig zurückschaute, so glühte seine Wange vor reuevoller Schaam über seine unbesonnene Lheilnahme an einem so zweideutigen und gewissenlosen Leben, dessen wahre Beschaffenheit damals nicht begriffen zu haben, dem Knabe» unter den von uns geschilderten Umständen verziehen werden konnte. Zwei Vortheile indeß ergaben sich aus der Verirrung und Neue; erstens die Demüthigung, die er empfand, beugte einigermaßen einen Stolz, der sonst leicht anmaßend und unfreundlich geworden wäre; und sodann, wie ich oben angcdeutct, seine innige Dankbarkeit gegen den Himmel für seine Befreiung aus den Schlingen, die seine Jugend bedroht hatten, gab seiner 87 Zukunft den Leitstern eines ernsten und herzlichen Glaubens. Erließ im Leben durchaus keinen Zufall gelten. WaS auch seine Kämpfe, seine Schwermuth, sein Gefühl in der Welt erlittenen Unrechts — er verzweifelte nie; denn Nichts konnte jetzt seinen Glauben an die Alles lenkende Vorsehung erschüttern. Baudemonts Gewöhnungen und Lebensweise stimmten wohl zusammen mit der ruhigen Haushaltung, in welcher er jetzt ein Gast war. Wie die meisten Männer von starker Constitution, die an ein thätiges Leben, nicht an Studiren gewohnt sind, stand er früh auf; und gewöhnlich ritt er nach London, von wo er spät Mittags zu ihrem frugalen Mahlzurückkehrtc. Und wenn er, vielleicht um die Stunde, wo Simon und Fanny sich zur Ruhe begaben, oft noch einmal nach London ritt, öffnete ihm sein eigner Hauptschlüssel, zu welcher Zeit er zurückkehren mochte, das Haus, ohne daß er die Familie im Schlaf störte. Manchmal, wenn die Sonne zu sinken begann, und die Luft warm war, schlich der Alte, auf diesen kräftigen Arm gestützt, hinaus durch die benachbarten Gäßchen, und kehrte immer über den einsamen Begräbnißplatz nach Hause zurück, oder wenn der blinde Hausherr an seinem Kamin sitzen blieb und sich zu einem Schlaf zurechtsetzte, eilte Philipp mit Fanny fort, und an den Tagen, wo sie ausging, ihre Arbeit zu verkaufen, oder ihre kleinen Einkäufe zu machen, begleitete er sie immer pünktlich. Ilnd ihre Wange flammte von Stolz, wenn sic ihn ihr Körbchen tragen, oder in sinnender Geduld draußen warten sah. 8S während sie ihre Geschäfte in den Läden abmachte. Obgleich in der That Fannys Verstand innerlich reifte, täuschte doch oft die Oberfläche das Auge hinsichtlich der Tiefe. Es war mehr das, daß irgend Etwas die Geisteskräfte in ihrem WachSthnm zurückhielt, als daß sie selbst gefehlt hätten. Ihre Schwäche war mehr die einc-s Kindes, als eines mit unheilbarem Schwachsinn behafteten Geistes. Zum Beispiel, sie führte den kleinen Haushalt mit Geschick und Klugheit; sie konnte das für ihre einfachen Verhältnisse Erforderliche im Kopfrechnen so schnell wie Vaude- mont selbst; sie kannte den Werth des Geldes, was bei manchen von uns klugen Leuten nicht der Fall ist. Ihre schon in ihrer Kindheit bemerkenswerthe Geschicklichkeit in verschleimen Zweigen weiblicher Handarbeit war nicht nur durch Beharrlichkeit, sondern auch durch Erfindungs- geist und ein eigenthümliches Talent zu einer wunderbaren, ausnehmenden Vollkommenheit gediehen. ZhreSticke- rei, zumal in der damals seltneren Gattung, Blumen auf Seide zu sticken, war sehr gesucht bei den großen Modistinnen von London, zu welchen sie immer ihren Weg fand durch die Vermittlung der Miß Semper. So daß dies Alles sie Jahre lang in Stand gesetzt hatte, alle Lebensbedürfnisse für sich und ihren blinden Beschützer zu bestreiten. Und ihre Sorgfalt für den Alten war schön in ihrer ängstlichen Aufmerksamkeit. Wo ihr Herz Antheil nahm, da zeigte sich nie eine Geistesschwäche. Vandemont war gerührt, als er sah, wie viel liebevolle und mitleidige Achtung sie in der Nachbarschaft, zumal unter den geringem 89 Massen, zu genießen schien — selbst der Bettler, der an den Ecken herumzog, bettelte nicht von ihr, sondern wünschte ihr, wenn sie vorüberging, Gottes Segen; und der rohe, mißvergnügte Arbeiter, wich an der Mauer aus und er- wiederte mit erheiterter Stirne das Lächeln, womit die Harmlose seine Artigkeit freundlich vergalt. Wirklich wurde das Gewinnende und Einnehmende, was sie ihrer Zugenb, ihrer Schönheit, ihrem Unglück und ihrem rührenden Fleiße verdankte, erhöht durch manche kleine Züge von Menschenliebe und Freundlichkeit; manches kranke Kind hatte sie gepflegt, und mancher Tisch ohne Brod hatte dem für ihres Vaters Grab beiseite gelegten Schatz etwas entzogen. „Meint Ihr nicht," flüsterte sie einmal Vandemont ins Ohr, „daß Gott uns mehr liebt, wenn wir gut sind gegen die Kranken und Hungernden?" „Gewiß, so lehrt man uns glauben." „Nun, ich will Euch ein Geheimniß anvertrauen — sagt es nicht weiter. Großpapa sagte einmal, mein Vater habe böse Dinge gethan; wenn nun Fanny gut ist gegen diejenigen, denen sie helfen kann, so denke ich, wird Gott sie freundlicher erhören, wenn sie ihn bittet, ihrem Vater zu verzeihen, was er gethan. Glaubt Ihr das auch? Sagt es — Ihr sehd so klug!" „Fanny, Ihr seyd klüger als wir Alle, und ich fühle mich bester und glücklicher, wenn ich Euch reden höre." Es gab in der That viele Augenblicke, wo Vaude- mont der Ansicht war, ihre geistigen Mängel hätten längst 90 können gut gemacht und ausgeglichen werden durch gewandte geistige Pflege und durch regelmäßigen Umgang mit ihren AlterSgenossinnen; aber vor diesem Umgang hatte Fanny selbst in der Schule zurückgeschauert. Zu andern Zeiten wieder hatte fic etwas so Abwesendes und Zerstreutes, oder so Phantastisches und Unznsanimenhängendes in ihrem Wesen, daß Vaudemont, mit dem harten, weltlichen Auge des Mannes nur traurige Verwirrung darin las. Dennoch, wenn auch das Gewebe der Ideen verworren, war doch jeder Faden für sich ein goldner. Fannys großer Zweck — das große Ziel ihres Ehrgeizes — ihre einzige Hoffnung, war ein Grab für ihren vermeintlichen Vater. Rührte dies nun von jener frühe eingesogneu Religion, welche sich an das Grab knüpft, die man vielleicht am meisten in katholischen Ländern fühlt, und welche ihr im Kloster war eingeflößt worden, oder von der Nähe ihrer Wohnung beim Kirchhof, und der Neigung und Liebe her, womit sie den Platz betrachtete, — was immer der Grund seyn mochte, sie hatte seit Jahren, so wie andre junge Mädchen den Wunsch nach dem Altäre hegen, den Traum von dein Grabstein gehegt. Aberder Schatz wuchs so langsam an; bald war der alte Gawtrey von einer Krankheit befallen; —bald trat eine Schwierigkeit in Einziehung des MiethzinseS ein — bald eine Schwankung im Preise der Arbeite»; und bald, was am öftesten der Fall war, eine Bitte und ein Anspruch an ihre Mild- thätigkeit, wodurch die frommen Ersparnisse gehemmt und gemindert wurden. Dies war eine Gesinnung, worin ihr St neuer Freund innig mit ihr sympathisirte; denn auch er erinnerte sich, daß er mit seinem ersten Gold den bescheidnen Grabstein erkauft hatte, der noch das Gedächtniß seiner Mutter auf Erden erhielt. Mittlerweile verstrichen die Tage, und keine neue Gewaltthat bedrohte Fanny. Daudemont erfuhr ganz all- mälig — denn Fannys Bericht war sehr verwirrt — die eigentliche Beschaffenheit der Gefahr, in die sie gerathen. Es schien sich so zu verhalten, daß eines TageS Fanny, durch das schöne Wetter auf die Straße gelockt, welche aus der Vorstadt weiter ins Land führte, von einem Gentleman in einem Wagen war angehalten worden, der sie, wie sie sagte, sehr freundlich anredete; nach einigen Fragen, die sie mit ihrer gewöhnlichem, arglosen Unschuld beantwortete, ihre Beschäftigung erfuhr, darauf bestand, einige Arbeiten, die sie eben in ihrem Körbchen hatte, ihr abzukausen, und ihr eine beständige Abnahme Unterwelt bessern Bedingungen zu verschaffen versprach, als sie bisher gehabt, wenn sie in dem Hause einer MrS. West, etwa eine Meile von der Vorstadt London zu, ansragen wolle. Dies versprach sie zu thün, und that es auch nach der Adresse, die er ihr gab. Sie ward zu einer Frau geführt, die weit auffallender geputzt war, als Fanny je zuvor eine Dame gesehen hatte — der Gentleman war auch anwesend — Beide überhäuften sie mit Complimenten, und kauften ihre Arbeiten zu einem Preise, der alle Hoffnungen des armen Mädchens, den Grabstein für William Gawtrey betreffend, verwirklichen zu wollen schien — als ob sein schlimmes Geschick diesen ungestümen Mann noch jenseits des Grabs verfolgte, und sein Denkstein sogar mit dem Gold des Verführers erkauft werden sollte! Dann wies die Frau sie an, wiederzu kommen; in der Zwischenzeit aber begegnete sie Fanny auf der Straße, und wie sie mit ihr redete, traf es sich zum Glück, daß Miß Semper die Putzmacherin des Weges kam — sich umwandte, die Frau sehr scharf ansah, fie mit sehr zornigen Worten anließ, Fanny bei der Hand ergriff und sie wegführte, während die Frau forthuschte, und dem Mädchen erzählte, die besagte Dame sey eine sehr schlimme Frau und Fanny solle nie wieder mit ihr sprechen. Fanny versprach dies sehr gerne. Und in der That kam die Frau, den Pöbel oder die Behörden scheuend, ihr nie wieder nahe. „Und," sagte Fanny, „ich gab das Geld, das ste mir Beide gegeben, der Miß Semper, welche sagte, sie wolle es zurück schicken." „Ihr thatet recht, Fanny; und wie Ihr der Miß Semper ein Versprechen gäbet, so müßt Ihr mir auch eines geben: nie wieder ohne mich oder sonst Jemand aus dem Hause zu gehen. Oder nein, mit Niemand — nur mit mir! Ich will alles Andre unterlassen, um Euch zu begleiten." „Wollt Ihr? Ach, ja, ich verspreche es! Ich ging sonst gerne allein, aber das war ehe Ihr kämet, Bruder!" Und da Fanny ihr Versprechen wirklich hielt, hätte das ein kecker Held der Galanterie seyn müssen, der es 93 gewagt hätte sie zu belästigen, an der Seite eines so stattlichen und kräftigen Beschützers. Sechstes Kapitel. Timon. Alles, hört, treibt Dieberei; Gesetz, Euch Peitsch' und Zaum, stiehlt trotzig selbst. Und ungestraft. Die süße Folg', die schnell die Welt dein bietet, Der frei darf winken jedem Reiz, der ihm Gehorcht. Timon von Athen. An dem Tag und zu der Stunde, welche zu der Besprechung mit dem Unbekannten, der den Mr. Beaufort besucht hatte, festgesetzt waren, saß Lord Lilburne in der Bibliothek seines Schwagers; und vor seinem Nrmstuhl, in den er sich nachläßig gestreckt hatte, stand unser alter Bekannter Mr. Sharp, der Held von Bow-Street. „Mr. Sharp," sagte der Peer, „ich habe Euch rufen lassen, um mir einen kleinen Gefallen zu erweisen. Zch erwarte hier einen Mann, der vorgibt, meinem Schwager, Mr. Beaufort, Nachweisungen in Betreff eines Prozesses geben zu können. Es ist nöthig, den Werth seines Zeugnisses genau kennen zu lernen. Ich wünschte, daß Ihr Bulwer'S Romane, xoil. 7 alle seine Verhältnisse genau erkundetet. Seyd so gut und setzt Euch in den Pförtnersstuhl im Vorsaal; faßt ihn beim Hereintreten, selbst unbeobachtet, ins Auge — aber da er Euch vermuthlich unbekannt ist, faßt ihn noch schärfer ins Auge, wenn er das Haus verläßt; folgt ihm in einiger Entfernung; bringt heraus wo er wohnt, mit Wem er umgeht, wo erBesuche macht — alle Namen und Adressen — was sein Charakter und Beruf ist, kurz Alles was Ihr könnt, und stattet mir jeden Abend Bericht ab. Spürt ihn recht auf, verliert ihn nie aus dem Gesicht — Ihr werdet schon bezahlt werden. Ihr versteht mich?" „Ha!" sagte Mr. Sharp, „laßt mich nur machen, mein Lord. Bin auch schon von Euer Lordschaft Schwager in Anspruch genommen worden. Weiß wohl, wie es damit ist." „Ich zweifle nicht daran. Auf Euer» Posten! Ich erwarte ihn jeden Augenblick." Und in der That hatte sich Mr. Sharp kaum in den Pförtnersstuhl geworfen, als der Fremde anpochte — im nächsten Augenblick ward er zu Lord Lilburne geführt. „Sir," sagte Se. Lordschaft ohne auszustehen, „seyd so gut und nehmt einen Stuhl. Mr. Beaufort sah sich genöthigt, die Stadt zu verlassen, er bat mich, mit Euch zu sprechen — ich bin ein Verwandter von ihm — seine Frau ist meine Schwester — Ihr könnt gegen mich so offen seyn wie gegen ihn, — vielleicht noch mehr!" „Ich bitte Euch um die Gunst, mir Euern Namen zu 93 sagen, Sir," sagte der Fremde, seinen Kragen zurecht rückend. „Zuerst den Eurigen — Geschäft ist Geschäft." „Nun denn, Kapitän Smith." „Von welchem Regiment?" „Auf Halbsold." „Ich bin Lord Lilburne. Euer Name ist Smith — hm!" fuhr der Peer fort, und blickte ans einige Aufzeichnungen, die vor ihm lagen. „Ich sehe, das ist auch der Name des Zeugen, aus den fich MrS. Morton berief — hm!" Auf diese Bemerkung nnd noch mehr auf den sie begleitenden Blick hin gerieth das zuvor unverschämte und selbstgefällige Gesicht des Kapitän Smith in sichtliche Verlegenheit; er räusperte sich und sagte mit einigem Zögern: „Mein Lord, dieser Zeuge lebt!" „Ohne Zweifel! Zeugen sterben nie, wo es fich um Vermögen handelt und ein Betrug im Werke ist." In diesem Augenblick trat ein Diener ein und legte ein zierlich gefaltetes Billet vor Lord Lilburne hin. Er sah es mit Ueberraschung an, öffnete es, und las Folgendes, mit Bleistift geschrieben: „Mein Lord! ich kenne den Mann; nehmt Euch in Acht mit ihm; es ist ein so dicker Spitzbube als je einer athmcte; er ward vor etwa drei Jahren deportirt, und wenn ihm nicht seine Zeit vom Ministerium abgekürzt worden, so ist er ohne Urlaub abwesend. Wir Pflegten ihn Dashing Jerry zu nennen. Der Junge, dem wir aus Mr. 7 * Beauforts Wunsch nachsetzten, war ein Spießgeselle von ihm. Entschuldigt die Freiheit, die ich mir nehme. I. Sharp." Während Lord Lilburne diese Mittheilung gegen das Licht hielt und zusammenbuchstabirte, fuhr Kapitän Smiih, seine Fassung wieder gewinnend, also fort: „Betrug, mein Lord, Betrug! Ich verstehe Euch in der That nicht. Eure Lordschaft scheint wirklich so argwöhnisch, daß es ganz unleidlich ist. Mir gilt es freilich ganz gleich ; und wenn Mr. Beaufort es nicht für geeignet hält, mich selbst zu sprechen, so thue ich wohl am besten, mein Compliment zu machen." Und Kapitän Smith stand auf. „Wartet einen Augenblick, Sir. Was Mr. Beaufort thun mag, kann ich nicht sagen; aber so Viel weiß ich: Ihr seyd eines sehr schweren Vergehens angeklagt, und wenn Euer Zeuge oder Eure Zeugen — Ihr mögt meinethalb fünfzig haben — ebenso schuldbelastet find, — dann desto schlimmer für fie!" „Mein Lord, ich begreife in der That nicht." „Dann will ich offener sprechen. Ich klage Euch an, eine infame Lüge anzuzettelu, in der Abficht Geld zu erpressen. Laßt Eure Zeugen vor dem Gerichtshof auftreten, und ich verspreche Euch, daß Zhr, fie und der junge Mann, Mr. Morton, dessen Ansprüche fie behaupten, angekiagt werden sollen wegen Complottes — eines ComplotteS der schwärzesten Art, wenn, wie der Fall ist bei Euer» Zeugen, begleitet, von Meineid. Mr. Smith, ich kenne Euch, und vor morgen um zehn Nhr werde ich auch wiffen, ob Ihr Sr. Majestät Urlaub hattet, dieColonien zu verlassen. Ha! ich bin aufrichtig genug, wie Ihr seht!" Und Lord Lilbnrne warf sich in seinen Stuhl zurück und betrachtete ganz kalt das kreideweiße Gesicht und den bestürzten Ausdruck des kleinlaut gewordnen Kapitäns. Nach einer Pause voll Verwirrung, Erstaunen und Furcht, machte der Ehrenmann mit einer drohenden Geberde unwillkürlich einen Schritt ans Lord Lilburne zu; der Peer legte kaltblütig die Hand an die Glocke. „Noch einen Augenblick," sagte der Letztere; „wenn ich diese Glocke ziehe, so ist es, um Euch in Haft bringen zu lassen. Laßt Mr. Beaufort Euch nur noch einmal hier sehen, ja! laßt ihn nur noch ein Wort von diesem vorgeblichen Prozeß hören, so wandert Ihr wieder nach den Colonien zurück. Pah! runzelt die Stirne nicht so gegen mich, Sir! Ein Beamter von Bow-Street ist im Vorsaal. Fort! — Nein, bleibt noch einen Augenblick und nehmt eine Lehre fürs Leben mit. Versucht es nie wieder, Leuten von Rang und Vermögen zu drohen. Um jeden Neichen zieht sich eine Mauer herum — rennt lieber nicht mit dem Kopfe dagegen an!" „Aber ich schwöre aufs Feierlichste," rief der Schurke mit einer so überraschenden Emphase, daß sie ganz das Gepräge der Wahrheit trug, „daß die Trauung wirklich stattfaud." „Und ich erkläre nicht minder feierlich: Jeder, der dies vor einem Gerichtshof beschwört, soll wegen Meineids 88 verfolgt werden! — Ha/Ihr seyd ein trauriger Svitzbube eigentlich!" Und mit einer Miene voll der gründlichsten, halb mitleidigen Verachtung wandte fich Lord Lilburne weg und schürte das Feuer. Kapitän Smith murmelte noch einen Augenblick und spielte mit seinen Handschuhen — dann zuckte er die Achseln und schlich sich hinaus. In dieser Nacht empfing Lord Lilburne wieder seine Freunde, und unter seinen Gästen kam auch Vaudemont. Lilburne liebte das Studium von Charakteren, insbesondere der Charaktere solcher Männer, die mit der Welt zu kämpfen und zu ringen hatten. Ganz frei von jeder Art Ehrgeiz, schien er sich mit seiner Apathie dadurch zu versöhnen, daß er die Unruhe, die Kränkungen, das Herzweh und die Kämpfe derer studirte, welche das Schicksal der Ehrgeizigen sind. Wie die Spinne in ihrer Höhle beobachtete er mit hungriger Wonne die in dem Gewebe sich zerarbei- tenden Fliegen durch dessen schleimgesponnenes Labyrinth er mit bequemer Sicherheit wandelte. Vielleicht war ein Grund, warum er das Spiel liebte, weniger die Freude am Gewinnen, als das philosophische Wohlbehagen, wor- mit er sich an den Gemüthsbewegungen der Verlierenden weidete. Er war immer heiter und, ausgenommen in seinen Ausschweifungen, lcidenschaftlos; — Magendie, wenn er wissenschaftliche Erperimente an den Todesqualen eines gemarteten Hundes anstellte, konnte nicht inniger in seine Wissenschaft vertieft und gleichgültiger gegen den Hund sehn, als Lord Lilburne, wenn er ein Opfer zu Grund richtete, in die Analyse menschlicher Leidenschaften versunken, und voll stoischen Gleichmuths gegen die schmerzlichen Zuckungen des Unglücklichen, den er ruhig secirte. Er wünschte Geld zu gewinnen von Vaudemont — diesen Mann zu ruinire», der sich herausnahm, großmüthiger zu seyn als Andere — einen kecken Abenteurer dem Rade For- tunaS unterliegen zu sehen, das in einem Kartenspiel regiert; — und das Alles natürlich ohne den mindesten Haß gegen den Mann, den er jetzt zum erstenmal sah. Im Gegentheil, er empfand Achtung für Vaudemont. Wie die meisten weltlichen Menschen hatte Lilburne ein günstiges Vorurtheil für Solche, die im Leben emporzusteigen suchen; und wie Männer, die in männlichen und athle- thischen Hebungen sich ausgezeichnet, war er auch im Voraus eingenommen für Solche, die geeignet schienen, sich auch in dergleichen hervorzuthun. Liancourt nahm seinen Frennd beiseite, während Lord Lilburne mit seinen andern Gästen sprach: „Ich brauche Euch, der Ihr nie spielt, nicht davor zu warnen, Euch Lord Lilburne'S Gnade und Barmherzigkeit zu überlasten; bedenkt, eristein trefflicher Spieler!" „Nein," antwortete Vaudemont, „ich muß diesen Mann kennen lernen, ich habe Gründe, die allein mich veranlassen, sein Haus zu betreten. 2ch kann schon Etwas aufs Spiel setzen, weil ich zu erfahren wünsche, und ich Etwas für eine mir sehr theure Person gewinnen kann. Und im klebrigen (murmelte er) — kenne ich ihn zu gut, als daß ich nicht auf meiner Hut seyn sollte." Damit 100 näherte er sich der Gruppe Lord Lilburne'S, und nahm die Einladung an den Spieltisch an. Beim Souper sprach Baudemont mehr als gewöhnlich, er richtete das Worc hauptsächlich an seinen Wirth, und hörte mit großer Aufmerksamkeit Lilburne'S kaustischen Bemerkungen über jeden Gegenstand, welcher nach und nach auf die Bahn gebracht wurde, zu. Und mochte dies nun von de VaudemontS Geschick herrühren, oder von dem Interesse, welches Lord Lilburne empfand, einen ihm neuen Charakter zu studiren, oder daher, daß, da Beide in allen männlichen Fertigkeiten und Künsten sich auSzeichneten, ihr Gespräch mehr für ste ausschließlich Anziehendes enthielt: kurz, eS traf sich, daß ste noch miteinander plauderten, während schon das Tageslicht durch die Fenstervorhänge lugte. „Und ich bin länger geblieben als alle Eure Gäste," sagte de Vaudemont, sich in dem leeren Zimmer umsehend. „Das beste Compliment, das Ihr mir machen konntet. Ein andermal können wir unser ietc ä löte mit Ecarts beleben, obgleich es mich überrascht, Monfieur de Vaude- mont, daß Ihr in Eurem Alter und bei Eurem Anssehen ein Freund-vom Spiel seyd; ich hätte geglaubt, Ihr würdet nicht in einem Spiel Karten nach Herzen blicken! Aber vielleicht seyd Ihr in Beziehung ans das beau sexs schon frühe blase." „Aber Eure Ergebenheit gegen dasselbe ist vielleicht noch so groß, wie immer!" „Die meinige? — nein, nicht wie immer. Verschiedenen Altern verschiedene Abstufungen. In Eurem Alter 101 warb ich, im meüügen kaufe ich — das bessere Theil eigentlich; es erfordert nicht halb so viel Zeit!" „Eure Ehe, Lord Lilburnc, war, glaubeich, nicht mit Kindern gesegnet. Vielleicht empfindet Ihr manchmal den Mangel derselben?" „Wenn das wäre, könnte ich fie dem Dutzend nach haben. Andre Damen find in dieser Beziehung freigebiger gewesen, als die weiland Lady Lilburne, Gott Hab' fie selig!" „lind," sagte Vaudcmont, die Augen mit einigem Ernst auf seinen Wirth heftend, „wenn Ihr wirklich überzeug! wäret, ein Kind, ober auch einen Enkel zu haben — die Mutter einer Geliebte Eurer ersten Jugend — ein liebevolles, schönes Kind, und ganz besonders Eurer Sorge und Eures Schutzes benöthigt: würbet Ihr nicht dies Kind, obgleich ein unrechtmäßiges, Euch den Mangel kindlicher Liebe und Zuneigung ersetzen lassen?" „Kindliche Liebe und Zuneigung, man die,'!" wiederholte Lord Lilburne; „meiner Sorge und meines Schutzes benöthigt! Pah! Mit andern Worten: ob ich einem jungen Vagabunden Kost und Wohnung gäbe, der die Güte hätte, sich für den Sohn Lord Lilburne'S auszugeben?" „Aber wenn Ihr überzeugt wäret, daß das An- sprnchmachende Euer Sohn wäre, oder vielleicht Eure Tochter — ein zärtlicherer Name und der Anspruch größerer Hülflosigkeit?" „Mein lieber Monsieur de Vaudemont, Ihr seyd ohne Zweifel ein galanter Mann und ein Mann der Welt. 102 Wenn die Kinder, die Einem das Gesetz aufhalst, neunmal unter zehn so verdammte Plagen find: bedenkt und urtheilt selbst, ob man wünschen kann, der Vater von solchen zu seyn, welche zu verläugncn das Gesetz gestattet. Natürliche Kinder sind die Paria's der Welt, und ich — bin Einer von den Bramanen!" „Aber," beharrte Vaudemont, „verzeiht mir, wenn ich die Frage weiter verfolge. Vielleicht suche ich in Eurer Weisheit eine Anleitung für mein eignes Verfahren; — gesetzt denn, ein Mann habe die Mutter geliebt und ins Unglück gebracht; gesetzt er sehe in dem Kind ein Geschöpf, das, ohne seinen Beistand, jedem Fluche preisgegeben wäre, wovon die Paria'S (ganz wahr, die Parias!) der Welt nur zu oft heimgesucht werden, und das mit seinem Beistand im Verlaufe der Zeit seine Gesellschafterin, seine Pflegerin, seine Trösterin werden könnte —" „O still!" unterbrach ihn Lilburne mit einiger Ungeduld; „ich weiß nicht wie unsre Unterhaltung auf solche Gegenstände gerieth — aber wenn Ihr wirklich meine Anficht zu haben wünscht in Bezug auf einen Fall im praktischen Leben, so sollt Ihr fle haben. Seht denn, Monsieur de Vaudemont, kein Mensch hat die Kunst glücklich zu sepn, gründlicher studirt als ich; und ich will Euch das große Geheimniß sagen: habt so wenig Bande als möglich, die Euch fesseln! Wärterin! pah! Ihr oder ich, wir könnten «ine tausendmal nützlichere und sorgfältigere, als ein lästiges Kind wäre, wochenweise jederzeit miethen. Trösterin! — ein Mann von Geist braucht nie Trost! Und es gibt überhaupt keinen Kummer, so lange wir Gesundheit und Geld haben, und uns um keinen Menschen aus der Welt einen Strohhalm kümmern. Wenn Ihr Andre lieben wollt, kann ihre Gesundheit und ihre Verhältnisse, wenn beide schief gehen, Euch belästigen; das eröffnet viele Möglichkeiten der Unlust. Nie allein gelebt, aber immer allein gefühlt! Ihr haltet das für nicht menschenfreundlich; möglich. Ich bin kein Heuchler, und gebe mir nie die Mühe etwas Andres zu scheinen, als der ich bin — John Lilburne." Wie der Peer so sprach, betrachtete ihn Vaudemont, an die Thüre gelehnt, mit einer seltsamen Mischung von Interesse und Abneigung „Und John Lilburne gilt für einen vornehmen Mann, und William Gawtrey war ein großer Spitzbube. Ihr verhehlt Euer Herz nicht? — nein, ich verstehe. Vermögen und Macht bedürfen der Heuchelet nicht; Jhrseyd der Mann des Lasters — Gawtrey war der Mann des Verbrechens. Ihr sündigt nie gegen das Gesetz — er war ein Miffethäter durch sein Gewerbe. Und der Miffethäter rettete vor dem Laster das Kind und vor der Armuth die Enkelin (Euer Fleisch und Blut,) die Ihr verläugnet: welchen wird der Himmel als den schlechter» Mann ansehen? Nein, arme Fanny! Ich sehe, ich irrte mich. Wenn er Dich auch anerkennen wollte, ich würde Dich nicht ausliefern an eine so eiskalte Seele! — besser der blinde Mann, als das erstorbene Herz!" „Nun, Lord Lilburne," sagte de Vaudemont laut' sich aus seiner Träumerei aufraffend, „ich muß gestehen» 104 daß Eure Philosophie mir die weiseste zu seyn scheint für Eure Person. Für einen armen Mann wäre es ein Anderes — die Armen brauchen Liebe." „Ja, ja, für die Armen ist das, gewiß !" sagte Lord Lilburne mit einer Miene gönnerhafter Offenheit. „Und ich will auch noch gestehen," fuhr de Vaude- mont fort, „daß ich gerne mein Geld verloren habe, für die Belehrung, die ich dafür aus Eurem Gespräch geschöpft und gewonnen." „Ihr seyd sehr gütig. Kommt nächsten Donnerstag um Revenge zu nehmen. Adieu!" Wie Lord Lilburne sich entkleidete und sein Kammerdiener ihm an die Hand ging, sagte er zu diesem Ehrenmann : „Also habt Ihr den Namen des Fremden nicht erfahren können — des neuen Bewohners von dem Ihr mir sagt?" „Nein, mein Lord. Es heißt nur, es scy einsehr stattlich aussehender Mann." „Ihr habt ihn nicht gesehen?" „Nein, mein Lord. Was soll ich jetzt weiter thun?" „Hm! Im Augenblick Nichts! Ihr macht Eure Sachen so ungeschickt; Ihr könntet mich in eine Klemme bringen. Ich thue nie Etwas, dessen sich das Gesetz, oder die Polizei oder auch nur die Zeitungen bemächtigen könnten. Ich muß auf eine andre Art und Weise denken — hm! Ich gebe nie einen Plan auf, Dpkeman, — oder doch! Wenn das Leben der Mühe Werth wäre, die sich Thoren l 105 damit machen — der Arbeit und des Ehrgeizes — so wäre ich, glaube ich, ein sehr vornehmer, wichtiger Mann mit einer sehr schlechten Leber geworden — ha, ha, ha! Ich allein auf der Welt habe gefunden, wozu die Welt gut ist! Zieht die Vorhänge, Dhkeman!" Siebentes Kapitel. Org. Willkommen Eis, das ihm ums Herz sich thürmt! Dich macht nie Hitze thaue»! Fond, Das g-brochne Herz. Nearch. Ehrenhafte Ehrlosigkeit, Ebendaselbst, Ampk. Ihr sanftes Herz verdiente keine Härte, Also verstört z» werden vom Geschick, Arm, Ihr gebt ihm ein- falsche D-utnng, Herr! Laßt mich mit Gunst ansprechen, was Apollo In trüben: Sinn dämmernd umwölkt. Ebendaselbst, Wenn Vandemont in Betracht von SimonS Alter und Armuth es für seine Pflicht gehalten hatte, zu sehen, ob der zwar nicht in höherem Grade gesetzliche, wohl aber natürliche Beschützer Fannys wirklich der unverbesserliche und hartgesottene Egoist sey, als welchen Gawtrey 106 ihn geschildert, so genügte die Unterhaltung Einer Nacht, ihn für immer den Gedanken aufgeben zu machen, ihre Ansprüche an Lord Lilburne vorzubringen. Aber Philipp hatte noch einen andern Grund, seine Bekanntschaft mit diesem Manne fortzusetzen. Der Anblick von seiner Mutter Grab hatte in ihm das Bild jenes verlorenen Bruders wieder hervorgerufen, über welchen zu wachen er gelobt hatte. Und trotz des tiefen Gefühls schnöde mißhandelter Liebe, mit dem er noch des grausamen Briefes gedachte, der ihm die letzten Zeitungen von Sidneh gebracht, hing doch Philipps Herz mit unauslöschlicher Zärtlichkeit an jener lieben Gestalt, welche mit all den glücklichen Erinnerungen aus der Kinderzeit verknüpft war; und sein Gewissen ebenso wie seine Liebe fragten ihn, so oft er an dem Kirchhof vorbeiging: „Willst du keinen Versuch machen, der letzten Bitte der Mutter nachzukommen, die ihren Liebling deiner Obhut empfahl?" Vielleicht wenn Philipp in Dürftigkeit, oder der Name, den er trug, durch sein Thun befleckt gewesen wäre, wäre er davor zurückgebebt, den Bruder aufzusucheu, dem er nur schaden, aber nicht dienen konnte. Aber obwohl nicht reich, besaß er doch mehr als genug für eine so einfache und harte Lebensweise, wie kaum je ein Glückssoldat zu führen sich freiwillig begnügte. Und er sagte sich mit einem Gefühl gerechten und edeln Stolzes, daß er den von Eugenien ihm aufgedrungenen Namen so fleckenlos wie das Hermelin bewahrt habe in all den Prüfungen und Schicksalswechseln, 107 die er durchgemacht, seit er ihn angenommen. Sidney konnte ihm Nichts geben, und daher war es seine Pflicht, Sidney auszusuchen. Nun hatte er immer in seinem Herzen geglaubt, die Beausorts seyen mit einem Geheimniß bekannt, welches zu ergründen sein Herz schmachtete. Er wollte, um Sidneys willen, seinen Haß gegen die Beauforts unterdrücken; er wollte die Bekanntschaft mit ihnen nicht zurückweisen, wenn sie sich ihm aufdrängte; ja, durch seinen Namenwechsel und die Veränderung seiner Gesichtszüge gegen jeden Verdacht don ihrer Seite gesichert, wollte er diese Bekanntschaft suchen, um seinen Bruder zu finden und Catharinens letzten Geboten zu genügen. Sein Berkehr mit Lllburne mußte ihn nothwendig auch leicht mit LilburneS Familie in Berührung bringen. Und in dieser Voraussicht wies er die ihm dringend zugesandten Einladungen nicht zurück. Auch empfand er ein düsteres und hinreißendes Interesse daran, einen Mann zu studiren, welcher für sich die wahre Inkarnation der Welt war — der Welt des Truges und der List — der Welt wie der Prediger sie schildert, — der hohlen, sinnlichen, scharfblickenden und in Selbstsucht verhärteten Welt — der Welt, die Alles ist für dieses Leben, und an keine Zukunft und an keinen Gott denkt! Lord Lilburne war in der That ein Studium für tiefere Beobachtung; ein Studium, das den gewöhnlichen Denker irre machen, und die Analyse eines tiefem Nachdenkens anfS Aeußerste beschäftigen und üben konnte. Wil- 108 liam Gawtrey hatte nicht gemeine Talente besessen; er hatte entdeckt, daß sein Leben Eine große Verirrung gewesen; — Lord Lilburnes Verstand war weit schärfer als GawtreyS, und er hätte nie, und wäre er so alt geworden wie der alte Parr selbst, er hätte nie eine solche Entdeckung gemacht. Er kämpfte nie an gegen ein Gesetz, obgleich er durch alle Gesetze fich durchwand! lind er kannte keine Reue, denn er kannte keine Furcht! Lord Lilburne hatte frühe eine Dame von Vermögen, die Tochter des damaligen Premierministers, die beste Parthie seiner Zeit, ge- heirathet, die er lange überlebte. Und während einer sehr kurzen Zeit seines Lebens hatte er sich auf das Gebiet der Politik verlocken lassen — der einzige Ehrgeiz, den er mit Männern von gleichem Rang theilte. Er zeigte.Talentc, die einen von den Umständen so Begünstigten hätten hoch empor heben können, und kehrte dann auf einmal zu seinen alten Lebensgewohnheiten und seinem System des Genusses zurück. «Ich wollte eine Probe machen," sagte er einmal, «ob der Nufnur Ein Kopfweh Werth ist, und ich habe mich überzeugt, daß derjenige, der den Knochen, den er im Munde hat, dem Schatten des Knochen im Wasser opfern kann, ein Narr ist." Von dieser Zeit an besuchte er das Haus der LoddS nicht mehr, und erklärte, daß er es weder mit dieser noch mit jener politischen Ansicht halte. Dennoch hatte die Welt im Allgemeinen eine hohe Meinung von seinen Talente», und mit Widerstreben stimmte Vaude- mont der Meinung der Welt bei. Und doch hatte er Nichts 109 gethan — hatte nur Wenig gelesen, lacht- der Welt ins Gesicht — und das war am Ende das hauptsächliche Ge- heimniß seines Ansehens und Einflusses bei denen, die er in seine Kreise zog. Diese Verachtung der Welt legte ihm die Welt zu Füßen. Seine sardonische, glatte, weltmännische Gleichgültigkeit, sein offen gestandenes moralisches GlaubenSbekenntniß, daß er kein andres Leben als das seinige einiger Sorgfalt und Rücksicht Werth halte, seine Entfernung von aller Heuchelei, Vorurtheil und Maöke, die kalte Glätte, mit welcher er den Fessel» des Conventionellen sich entwand, so oft es ihm beliebte, ohne doch das Dekorum zu verletzen, dessen Organ das Ohr ist, und das nicht durch die That, sondern nur durch den Lärm empört wird — das Alles hatte das Mark und Wesen eines Syste« mes an sich, welches bei der Menge triumphirte; denn kleine Geister geben dem Mann eine Wichtigkeit, dem Nichts als wichtig gilt. Lord LilburneS Autorität nicht nur in Sachen des Geschmacks, sondern auch, was die Welt Urtheil und gesunden Sinn nennt, galt als ein Orakel. Er kümmerte sich nicht einen Strohhalm um die Armseligkeiten und Spielereien, die gewöhnlich seinen Stand reizen; er hatte eine Beförderung in der Peerschaft und den Hosenbandorden ausgeschlagen, und dies ward oft zu seiner Ehre angeführt. Aber man erprobt die Tugend eines Menschen erst, wenn man ihm Etwas anbietet, wornach ihn gelüstet. Die Grafcnwürde und der Hosenbandorden waren für Lord Lilburne so wenig versuchende Lockungen, als Bulwer's Romane XVII. g 110 eine Puppe oder ein Sprungsail; hätte man ihm ein unfehlbares Heilmittel für das Podagra, oder ein Antido- ton gegen das Alter gegeben, man hätte ihn, wie einen Lakaien, zu jeder Bedingung erkaufen können. Lord Lil- burneS nächster Erbe war der Sohn seines einzigen Bruders; ein Mensch, der gänzlich von seinem Oheim abhing. Lord Lilburne gab ihm jährlich 1000 Pf. und hielt ihn immer außer Lands in einer diplomatischen Stellung. Er sah seinen Nachfolger als einen Mann an, dem es nur an der Macht, nicht an der Lust fehlte, ihn meuchlerisch zu morden. Obgleich Lord Lilburne kostbar lebte und sich Nichts abgehen ließ, war er durchaus kein Verschwender; man konnte ihn in der That für sparsam halten; denn er wußte, wie viel Genuß und Ansehen er seinem Geld verdankte, und schätzte es demgemäß; er kannte die besten Spekulationen und die besten Arten es anzulegen. Wenn er sich bei einem amerikanischen Kanal betheiligte, konnte man sicher seyn, daß die Aktien bald den doppelten Werth haben würden; wenn er eine Besitzung an sich brachte, so war es gewiß ein vortheilhafter Handel. Sein Takt und Glück in Geldsachen erhöhten natürlich den Ruf seiner Klugheit. Er war im früher» Leben ein glücklicher Spieler gewesen, und es waren verdächtige Gerüchte hinsichtlich der Redlichkeit seines Spielen- im Umlauf gewesen; aber, wie man in neuesten Zeiten gesehen hat in dem Fall eines Mannes von gleichem Rang wie Lilburne, obwohl viel- 111 leicht von minder scharfem, wenn auch gebildeterem Geiste, es dauert lang, bis die Taube sich gegen einen Falken von achter Zucht und Schule wendet. Die Gerüchte waren in der That so unbestimmt, daß sie kein Gewicht hatten. Zn der Mitte seiner Laufbahn, in der besten Blüthe seiner Gesundheit und seines Glücks, hatte er dem Spieltisch entsagt. Zn später« Jahren, als sein vorgerücktes Mer ihn schwerfälliger machte, hatte er jene Unterhaltung wieder aufgenvmmen, ganz mit seinem früheren Glück. Der Geldmarkt, die Tafelfreuden, das andre Geschlecht waren die andern Beschäftigungen und Zerstreuungen, womit Lord Lilburne seine rosenfarbne Muße ausfüllte. Ein andrer Grund, warum dieser Mann den Nuf großer Talente sich gewonnen, war der: er maßte sich nie an, von einem Zweig des Wissens etwas zu verstehen, von dem er Nichts wußte, so wenig als eine Tugend, die ihm fehlte. Die Ehrlichkeit selbst konnte nicht freier seyn von Quacksalberei und Täuschung, als dies eingefleischte, wandelnde Laster. Wenn auch die Welt ihn zu achten beliebte: er erkaufte ihre Meinung nicht durch Betrug. Kein Mensch sah je Lord Lilburncs Namen in einer öffentlichen Unterzeichnung für eine neue Kirche, oder eine Bibelgesellschaft, oder eine nothleidende Familie — Niemand hörte je, daß er eine großmüthige, wohlthätige, menschenfreundliche Handlung ausgeübt, — Niemand ward je überrascht durch einen philanthropischen, frommen oder verbindlichen Ausspruch aus diesem höhnischen Munde. Trotz all diesem 8 - 112 stand Lord Lilburnesnicht nur in Achtung, sondern auch in Gunst bei der Welt, und ward auf den Stuhl ihrer Nha- damantusse gehoben. Mit Einem Wort, er erschien Vau- dcmont, und so war es auch, als ein glänzendes Beispiel von der Macht der äußern Umstände — als eine Probe davon, welchen Nuf und Einstuß ein reicher Mann von hoher Geburt sich verschaffen kann, dem sein Wille ein Königreich ist. Ein wenig Genie — und Lord Lilburne hätte seinen Lastern und Mängeln eine auffallende, in die Augen springende Oeffentlichkeit gegeben; ein wenig Herz — nnd seine Lebensgewohnheiten hätten ihn in zahllose Thorheitenund mißliche, unehrenhafte Verlegenheiten gestürzt. Das Blei und der Stein, die er, wie jener dürre Dichter bei einem Sturm, mit sich führte, waren es, die ihn immer im Gleichgewicht erhielten, von welcher Seite her auch immer der Wind wehen mochte. Aber alle seine positiven und negativen Eigenschaften würden ihm Nichts genützt haben ohne die Stellung, die ihn in Stand setzte, stchs in dem Gasthose der Welt, ganz bequem zu machen— welche jeder Entdeckung des Mangels an innerem Adel an ihm die tadellose Respektabilität eines hohen Namens, ein glänzendes Haus und ein Pachtregister ohne Fehl entgegenstellte. Vaudemont zog Parallelen zwischen Lilburne und Gawtrep, und er begriff endlich, warum der Eine ein gemeiner Schurke, der Andere ein vornehmer Mann war. Obgleich erst wenige Tage seit ihrer ersten Bekanntschaft verflossen waren, war doch Vaudemont schon zwei- 113 mal bei Lord Lilburne gewesen, und sie standen schon auf einem ganz bequemen Fuß, als eines Nachmittags der Erste«, wie er durch die Straßen H-zuritt, dem Peer begegnete auf einem kräftigen Pferd, das durch seine Kraft und Symmetrie, rein englische Zucht und ausnehmend feine Schule an jenen Geschmack für die Hebungen der Jagd und des Feldes erinnerte, wodurch Lord Lilburne in jüngeren Jahren sich ausgezeichnet hatte. »Ei, Monsieur de Vaudemont, was führt Euch in diese Gegend der Stadt? Neugierde und Forschungslust?" „Das möchte bei mir natürlich genug seyn; aber Ihr, der Ihr London so gut kennt, was führt Euch hieher?" „Ha, ich komme zurück von einem langen Ritte. Ich spürte Symptome von einem Anfall des Podagras, und versuchte es mir durch Leibesübung vom Leib zu halten. Ich war in einem Landhause, das mir gehört, einige Meile» von der Stadt entfernt — beiläufig bemerkt, ein ganz hübscher Sitz -— Ihr müßt nächsten Monat kommen und mich dort besuchen. Ich werde das Haus füllen für eine battuo. Ich habe einige erträgliche Wildplätze — Ihr seyd ein guter Schütze, denk' ich?" „Ich habe mehrere Jahre keine Hebung gehabt, als mit der Büchse." „Das ist Schade; denn da ich eine Woche Schießen fürs Jahr genug halte, dürfte zu meinem Bedauern Euer Besuch bei mir in Fernside nicht lang genug seyn, um Eure Hand cinznüben." „Fsrnstde?" „Ja! Ist Euch der Name bekannt?" „Ich meine, ihn gehört zu haben. Hat Euer Lordschaft es gekauft oder geerbt?" „Ich habe es gekauft don meinem Schwager. ES gehörte seinem Bruder — einem lustigen, wilden Gesellen, der den Hals brach, als er über ein hohes Thor setzte; — durch dies Thor spazierte mein Freund Robert desselben Tages in eine sehr schöne Besitzung!" „Ich habe davon gehört. Der verstorbne Mr. Beaufort hinterließ also keine Kinder?" „O ja, zwei. Aber sie kamen auf die Welt in jener primitiven Weise, wie Mr. Owen wünscht, daß wir Alle kämen — zu natürlich für den dermaligen Gesellschaftszustand, und Mr. Owens Parallelogramm war für ste nicht bereit. Beiläufig bemerkt — der eine Sohn verschwand in Paris, — vermuthlich ist er Euch nie aufgestoßen?" „Unter welchem Namen?" „Morton." „Morton! — hm! Welchem Taufnamen?" „Philipp?" „Philipp! — nein. Aber that Mr. Beaufort Nichts für die junge» Leute? Ich meine einmal gehört zu haben, daß er sich des Einen erbarmte?" „Habt Ihr? Ha, mein Schwager ist einer der trefflichen Männer, von welchen die Welt immer gut spricht. Nein; er hätte sehr gerne eines oder beider Knaben sich 115 angenommen, aber die Mutter schlug alle Anerbietungen aus und fing, glaub' ich, einen Prozeß an. Der ältere der Bastarde wurde ein schlimmer Kamerade, und der jüngere — ich weiß nicht genau, wo er ist, aber ohne Zweifel bei einem Verwandten seiner Mutter. Zhr scheint Euch für natürliche Kinder zu interessiren, mein lieber Vaudemont?" „Vielleicht habt Ihr gehört, daß die Leute den Verdacht hatten, ich sey ein natürlicher Sohn?" „Ha! Jetzt versteh' ich. Aber Ihr geht dort hinaus? Ich hatte gehofft, Ihr würdet mit mir umkehren, und —" „Ihr seyd sehr gütig; aber ich habe eine bestimmte Verabredung und komme schon zu spät. Guten Morgen, Lord Lilburne." Siduey bei seiner Mutter Verwandten! Vielleicht zurückgekehrt zu den Mortons? Wie, war er nie znvor auf eine so naheliegende Vermuthung verfallen? Er wollte sogleich hin! — noch in dieser Nacht wollte er nach dem HauS eilen, aus dem er seinen Bruder entführt hatte. Wenigstens, und im schlimmsten Falle, würde er dort auf eine Spur geleitet werden. Lebhaft erfüllt von dieser Hoffnung und diesem Entschluß ritt er eilig nach H-, um Simon und Fanny anzukündigen, daß er vielleicht erst in zwei bis drei Tagen zu ihnen zurückkehren werde. Als er in die Vorstadt einritt, hielt« sein Pferd an bei dem Bildhauer, bei dem er seiner Mutter Grabstein gekauft hatte. 116 Der Mann des traurigen Gewerbes war in seinem Hof an der Arbeit. „He, da!" sagte Vaudenwnt, über das niedere Geländer schauend, „ist der Grabstein, den ich bestellt, bald fertig?" „Ha, Sir, da Ihr so Eile habt, und es lange Zeit erfordern würde, einen neuen zu fertigen, dachte ich Euch diesen anzubietcn, der ganz fertig ist bis ans die Inschrift. Er war für Miß Deborah Primine bestimmt; aber ihr Neffe und Erbe besuchte mich gestern, mir zn sagen, da die arme Dame um 5000 Pf. ärmer gestorben sey, als er erwartet, werde ein hübsches hölzernes Grabmal dieselben Dienste thun, wenn ich ihm dies anbringen könnte. Es ist eine Pracht, Sir. Es wird sich so heiter ansnehmen —" „Gut, das wird recht seyni und Ihr könnt es jetzt da aufstellen, wo ich Euch gesagt." „Innerhalb drei Tagen, Sir." „So sey es." Und er ritt weiter und murmelte: „Fanny! dein frommer Wunsch wird erfüllt. Aber Blumen — werden die zu diesem Stein paffen?" Er gab sein Pferd ab und schritt durch die Straßen nach Simons Hause. Als er sich dem Hause näherte, sah er Fannys glänzende Augen am Fenster. Sie wartete auf seine Rückkehr. Sie eilte, ihm die Thüre zu öffnen, und der Pilger der Welt fühlte, welche Musik in den Schritten, welcher Sommer tm Lächeln derer liegt, die Eine» Willkommen heißen. 117 „Meine liebe Fanny," sagte er, gerührt von ihrer freudigen Begrüßung, „das Herz wird mir warm, wenn ich Euch sehe. Ich habe Euch ein Geschenk von der Stadt mitgebracht. Ich erinnere mich aus meinen Knabenjahren, daß meine arme Mutter gern einige einfache Lieder sang, die, ich weiß selbst nicht wie, mir einfallen, wenn ich Euch sehe und höre. Ich denke mir, Ihr würdet sie wenigstens ebenso sehr verstehen und lieben wie ich — denn weiß der Himmel, (sagte er vor sich hin,) mein Ohr ist im Ganzen stumpf genug gegen das Reimgeklingel." Nnd er gab ihr ein kleines Bändchen jener ausgesuchten Lieder in die Hand, worin Burns die Natur in Musik gesetzt hat. „Oh! Ihr seyd so gütig, Bruder!" sagte Fanny, mit Thränen in den Augen, und küßte das Buch. Nach ihrem einfachen Mahl eröffnete Vaudemont Fanny und Simon sein Vorhaben, für einige Tage zu verreisen. Simon hörte es an mit der stummen Apathie, welche mit seltenen Ausnahmen die beständige Stimmung seines Lebens war. Aber Fanny wandte Ihr Angesicht ab und weinte. „ES ist nur aus einen oder zwei Tage, Fanny." „Eine Stunde ist manchmal sehr—sehr lang," sagte das Mädchen, den Kopf schüttelnd und traurig. „Kommt, ich habe noch ei» wenig Zeit übrig, und die Luft ist mild; Ihr seyd heute noch nicht draußen gewesen— wollen wir, einen Gang —" „Hm!" unterbrach ihn Simon, sich räuspernd und 118 anscheinend zu plötzlicher Belebung sich aufraffend; „war' es nicht gut, wenn Ihr Kost und Wohnung berichtigtet, ehe Ihr geht?" „Oh! Großvater!" schrie Fanny aufspringend, mit einem starken Erröthen auf der Wange. „Nein, Kind," sagte Baudemont lachend, „Euer Großvater kommt nur meinem Gedanken zuvor. Aber sprecht nicht von Kost und Wohnung; Fanny ist mir eine Schwester, und unsre Börse ist gemeinschaftlich." „Ich möchte gern eine Guinee befühlen — nur b e- fühleu," murmelte Simon in einer Art von entschuldigendem Ton, der in der That pathetisch war, und als Vaudemont einige Geldstücke auf den Tisch warf, raffte der Alte sie auf, vor sich hin kichernd und schwatzend; und mit großer Lebhaftigkeit aufstehend, tappte er eilends aus dem Zimmer, wie ein Rabe, der einen schlauen Diebstahl in seinen Versteck schleppt. Das war für Vaudemont so belustigend, daß er ohne Weiteres in ein unbezwinglicheS Gelächter ausbrach. Fanny sah ihn einige Augenblicke gedemüthigt und erstaunt an; dann schlich sie zu ihm, legte ihm die Hand sanft auf den Arm und sagte: „Lachtnicht—eS thut mir Weh. Es war nicht hübsch von Großpapa; aber — aber, es bedeutet Nichts. Es — es — Lacht nicht! Fanny wird so betrübt zu Muthe!" „Ja, Ihr habt Recht. Kommt, setzt Euren Hut auf, wir wollen ausgehen." 119 Fanny gehorchte, aber mit minder bereitwilliger Freude als gewöhnlich. Sie machten ihren Spaziergang durch Wege) über welchen in der kühlen Luft noch die Blätter des gelben Herbstes hingen. Fanny brach zuerst das Schweigen. „Wißt Ihr," sagte ste schüchtern, „daß die Leute hier mich für sehr einfältig halten? seyd auch Zhr dieser Meinung?" Vaudemont war betroffen über die Unbefangenheit dieser Frage und besann sich. Fanny schaute ihm ängstlich und forschend in sein dunkles Angesicht. „Nun," sagte sie, „Ihr antwortet nicht." „Meine liebe Fanny, es gibt Dinge, in welchen ich Euch minder kindisch, und vielleicht minder bezaubernd wünschen möchte. Die seltsamen Bruchstücke von Liedern zum Beispiel-" „Was! Habt Ihr es nicht gern, wenn ich singe? ES ist meine Art zu sprechen." „Za, singt immer, Holde! Aber singt Etwas, das wir verstehen können — singt die Lieder, die ich Euch gegeben habe, wenn Ihr wollt. Und jetzt, darf ich fragen, warum Ihr diese Frage an mich gethan?" „Ich Hab' es vergessen," sagte Fanny, abwesend vor sich hinstarrend. Und in diesem Augenblick, als Philipp Baudemont sich über die ausnehmende Anmuth dieses jugendlichen Gesichts hinbeugte, durchzuckte ein plötzlicher Schauer sein Herz, und auch er wurde schweigsam und versank in Sinnen. War es möglich, daß in sein Herz ein wärmeres, ein heftigeres Gefühl für dies Geschöpf sich einschlich, als das des zärtlichen Mitleids? Er war betroffen, als dieser Gedanke ihm durch die Seele fuhr; er bebte davor zurück als einer Entweihung — einem Verbrechen — einem Wahnsinn. Er mit seinem so unsicher», durchkreuzten Schicksal — er sich knüpfen an ein so hülfloses Geschöpf! — er die Poesie, welche selbst der geistigen Stimmung dieses reinen Wesens «»haftete, entwürdigen mit Gefühlen, wie sie jedes hübsche Gesicht jedem rohen Herzen ein- siößen kann — er Fanny lieben! Nein, es war unmöglich! Denn was konnte er an ihr lieben, als Schönheit, welche der Geist in seinen Schutz zu nehmen vergessen hatte? Und sie — konnte sie auch nur wissen, was Liebe sey? Er verachtete sich selbst, daß er nur einen solchen Gedanken in sich auskommen ließ; und mit der seinem Geist eigenen, eisernen und harten Kraft beschloß er, streng auf der Hut zu seyn gegen jede Phantasie, welche die feenhafte Grenze überschreiten wollte, die Fanny von der Welt der Weiber schieb. Er ward aus diesem stummen Zwiegespräch mit sich selbst aufgeweckt durch einen plötzlichen Ausruf seiner Begleiterin : „Oh! jetzt fällt es mir ein, warum ich die Frage an Euch that. Es ist Etwas, das mich immer irre macht — ich möchte gern, daß Ihr es mir erklärtet. Warum hängt denn Alles im Leben vom Geld ab? Ihr seht, wie selbst mein armer Großvater vergaß, wie gut Ihr gegen uns Beide seyd, als — als — Ach! ich verstehe es nicht — es thut mir weh — es macht mich irre!" „Fanny, schaut dorthin — nein, links — Ihr seht das alte Weib in Lumpen, das sich mühsam hinschleppt; jetzt wendet Euch rechts — Ihr seht das schöne Haus, das durch die Baume glänzt, mit dem Wagen mit vier Pferden vor der Thüre! Der Unterschied zwischen dem alten Weibe und der Besitzerin, dieses Hauses ist — Geld; und Wer wollte Euren Großvater schelten, daß er das Geld liebt?" Fanny verstand ihn; und während der kluge Mann so moralisirte, eilte das Mädchen, das er selbst in seinem Mitleiden so hochmüthig verachtete, zu dem alten Weibe hin, um nach ihren schwachen Kräften ihr Möglichstes zu thnn, um jene Ungleichheiten zu mildern, die durch Klugheit und Moralisiren nicht um ein Sandkorn vermindert werden! Vaudemont fühlte dies, als er sie zu der Bettlerin hineilen sah; aber als sie zu ihm zurück hüpfte, hatte sie seine Abneigung gegen ihre Lieder vergessen, und summte in der Freude ihres durch eine gute That erheiterten Herzens eine ihrer improvifirten Melodien. Vaudemont wandte sich ab. Die arme Fanny hatte unbewußt seinen Sieg über sich selbst entschieden; sie ahnte nicht, was in ihm vorginz, aber sie besann sich plötzlich, was er ihr über ihre Lieder gesagt hatte und glaubte ihn mißvergnügt. 122 „Ach, ich will eS nie wieder thun. Bruder, wendet Euch nicht weg!" „Aber wir müssen nach Haus. Horch! die Glocke schlägt sieben — ich habe keine Zeit zu verlieren. Und Ihr versprecht mir, nie auszugehen, bis ich zurück bin?" „Ich werde kein Herz zum AuSgehen haben," sagte Fanny traurig; und dann fuhr sie in fröhlicherem.Tone fort: „Und ich werde die Lieder singen, die Euch gefallen, bis Ihr wieder zurück kommt!" -0-A-EeA-O-