E. L. B u l n> e r' s e r k e Aus dem Englischen. Siebenundzwaiisigstes Sändchen. Paul Clifford. Viertes Bändchen. Stuttgart, Verlag der I. V. Metzler'schen Buchhandlung. 1 8 3 4 . Paul Ltiktord- Ein Roman von dem Verfasser des Pelham, Eugen Aram rc. Aus dem Englischen von Gustav Pki?er. In sieben Bändchen. Viertes Bändchen. Stuttgart, Verlag der I. B. Metzl er'scheu'Buchhandlung. 1 8 3 4. 5 Siebzehntes Kapitel. Den harten Mann, mit abgestorbnem Triebe, Und rub'qer Stirne, brütend finstern Plan: Dabei die reine Jugend, hold durch Liebe — Ich seh es gern, obwohl mit Schauder, an. G. Flctcher. Am Vormittag nach dom Ball stand der Wagen William Vrandons gepackt und gerüstet vor der Thür seiner Wohnung in Bath; der Advokat war indeß noch mit seinem Bruder eingeschloffcn; ,.Mcin lieber Josef," sagte der Anwalt, „ich verlasse Dich durchdrungen von dem Gefühl der Zärtlichkeit, die Du gegen mich an den Tag gelegt, theils dadurch, daß Du hicher kamst, ganz Deiner Lebensweise zuwider, theils daß Du mich überall hin begleitetest, auch wo eS nicht nach Deinem Geschmack war." „Sprich nicht davon, lieber William," sagte der gutherzige Squire, „denn Deine entzückende Gesellschaft ist für mich das Angenehmste — (und das kann ich von wenigen Leuten Deiner Art sagen, denn mir kür meinen Thcil ist sonst der Umgang mit den gescheutestcn Leuten das Unangenehmste,) v o n derWelt. Und besonders dün- s kcn mich die Advokaten — (wie verschieden freilich von Deine» Amtsgenossen bist Du) ganz und gar unerträglich!" „Ich habe jetzt," sagte Branden, der mit seiner gewöhnlichen krankhaften Lebhaftigkeit in raschen Schritten auf und ab im Zimmer gieng und seines Bruders Compliment kaum bemerkte, „ich habe jetzt noch eine Bitte an Dich — Sieh dieses Haus sammc Dienerschaft noch für einen oder zwei Mvnathc wenigstens als das Deinige an. Unterbrich mich nicht — es soll keine Artigkeit seyn, ich rede von dem Vorthcil unsrer Familie." Und nun setzte er sich neben seines Bruders Armsessel, denn ein Gichtanfall hielt den Squire in strenger Haft, und entwickelte ihm seinen Lieblingsplan, Lucic mit Lord Maulevercr zu vermählen. Trotz der beharrlichen Aufmerksamkeit des Grafen gegen die Erbin hatte sich doch der ehrliche Squire nie von einer ernstlichen Absicht träumen lassen, und er war vor Uebcrraschung ausser sich, als er die Erwartungen des Advokaten vernahm. „Aber mein lieber Bruder," begann er, „eine so große Partie für meine Lucie, der Statthalter, der Graf-" „Und was ist cs denn?" rief Branden stolz und unterbrach seinen Bruder, „ist nicht das Geschlecht der Branden, das seine Sprößlinge mit dem königlichen Blute vermählte, weit edler als 7 das des aufgcpropftcn Stammes der Mauleverer? Welche Anmaßung liegt in der Hoffnung daß die Tochter der Grafen von Suffolk einen verblichenen Namen mit ein wenig kostbarem Pulver der weiland Goldschmide von London vergolden sollte? Zudem" fuhr er nach einer Pause fort, „wird Lu- cie reich, sehr reich werden , und eh zwei Jahre verfließen kann möglicherweise mein Rang dem Mauleverers gleich sehn." Der Squire war vor Erstaunen sprachlos; und Brandon fuhr fort ohne ihm Zeit zur Antwort zu lassen. 'Es ist überflüßig, das Gespräch im Einzelnen zu berichten; es genügt zu sagen, daß der gewandte Advokat seinen Bruder nicht eher verließ, als bis er seine Absicht bei ihm erreicht harte; bis Josef Brandon versprach, zu Bath im Besitz des Hauses und der Einrichtung seines Bruders zu bleiben, der Bewerbung Mauleverers kein Hindernis' in den Weg zu legen, die Gesellschaft wie bisher zu besuchen, und besonders Lucie, welche offenbar den Lord Manleverer nicht ausschließlich begünstigte, durch keine Anspielung auf die Hoffnungen und Erwartungen ihres Oheims und Vaters zu beunruhigen. Jetzt nahm Brandon von seinem Bruder Abschied und gieng hinauf Lucicn aufzusuchen. Er fand sie, wie sie sich über den vergoldeten Käsig eines ihrer gefiederten Lieblinge beugte und zu dem kleinen Jusaßen in der anmu- thigen, tändelnden Sprache redete, in welche alle 8 unschuldige zärtliche Gedanken sollten gekleidet seyn. So schon war Lucie in ihrer mädchenhaften und liebkosenden Beschäftigung, und so wenig schien sie geeignet, das Werkzeug ehrsüchtiger Plane und das Opfer weltlicher Berechnungen zu werden, daß Branden plötzlich im innersten Herzen ergriffen bei ihrem Anblick verstummte; bald jedoch sammelte er sich wieder-, näherte sich ihr und sagte als feiner Weltmann: „Glücklich ist der, für welchen solche Liebkosungen und Worte aufgespart sind." Lucie wandte sich um. „Er ist krank" sagte sie auf den Vogel deutend, der mit steifen und gesträubten Federn dasaß, stumm und gleichgültig selbst gegen die Stimme, welche so musikalisch war wie seine eigne. „Armer Gefangner!" sagte Vrandon, „selbst ein vergoldeter Käfig und süße Tone können Dir den Verlust der freyen Luft und der wilden Wälder nicht ersetzen." „Aber" sagte Lucie ängstlich, „es ist doch nicht die Einsperrung die ihn krank macht. Wenn Sie das meinen, will ich ihn sogleich sreilassen." „Wie lang hast Du ihn schon?" fragte Branden. „Drei Jahre," antwortete Lucie. „Und es ist Dein liebster Liebling?" „Ja, er singt nicht so hübsch als die andern, aber er ist viel gescheuter und so zärtlich!" „Kannst Du ihn denn frcilassen?" fragte Branden lächelnd. „Wäre es nicht besser ihn in Deinem Gewahrsam sterben zn sehen als ihn leben lassen und nie mehr erblicken?" „O nein, nein!" sagte Lucie lebhaft, „wenn ich Jemand — ein Wesen liebe, so wünsche ich daß dieses glücklich se»,.nicht ich." Mit diesen Worten nahm sie den Vogel aus dem Käfig, trug ihn ans offne Fenster, küßte ihn und hielt ihn auf ihrer Hand in die Luft hinaus. Der arme Vogel sah sich mit mattem, kränklichem Aug' um, als ob der Anblick der Häusermassen und der geschäftigen Straßen nichts Vertrauliches oder Einladendes für ihn habe, und erst als Lucie mit zärtlicher Entschlossenheit, ihn sanft wegschüttclte, benutzte er die ihm gegönnte Freiheit. Er flog zuerst auf einen gegcnüberste- hcnden Balkon und dann nach einer kurzen Pause der Ueberrascbnng gleichsam sich erholend, umkreiste er in kurzem Fluge die Häuser, und nachdem er einige Augenblicke verschwunden war, flog er wieder zurück, flatterte um das Fenster, flog wieder herein, setzte sich wieder auf die schone Hand seiner Gebieterin und drängte sich an ihren Busen. Lucie bedeckte ihn mit Küssen. „Sie sehen, er will mich nicht verlassen," sagte sie. „Wer könnte es auch?" sagte der Oheim mit Wärme, für diesen Augenblick aus allen Gedanken, ausgenommen die Zärtlichkeit gegen das junge sanfte Wesen, das vor ihm stand, herauszezau- bert, „Wer könnte cs auch?" wiederholte er mir einem Seufzer, „als etwa ein alter, verwelkter Asccte wie ich. Ich muß Dich wahrlich verlassen ; sieh, mein Wagen ist vor der Thürc. Will meine schöne Nichte unter den sie umgebenden Lustbarkeiten sich herablassen, dann und wann des grämlichen Advokaten zu gedenken, und ihn durch eine Zeile von ihrem Glück und Wohlseyn versichern? Obgleich ich selten andre als Geschäftsbriefe schreibe, darfst doch Du wenigstens einer Antwort von mir gewiß sevn. Und sag' mir Lucie, ist wohl irgend Einer in dieser ganzen Stadt so thöricht zu glaube», diese nichtigen Edelsteine, nur dazu gut meinen Stolz auf Dich durch ein äußres Zeichen zu beurkunden, könnten einer Schönheit, die über allen Schmuck hinaus ist, auch nur den kleinsten weitern Reil; verleihen?" Mit diesen Worten brachte Brandon ein ledernes Kästchen hervor, berührte eine Feder und der überwältigende Schimmer von Diamanten, die manches patricischc Herz entzückt hätten, sprang blendend Luciens Augen entgegen. „Keinen Dank, Lucie!" sagte Brandon, seiner Nickte schüchterne und sich sträubende Dankbarkeit ablehnend, „ich ehre mich selbst, nicht Dich, und nun Gott segne Dich, liebes Mädchen. Lebewohl! Sollte sich eine Veranlassung ergeben, wo Du eines vertrauten, wohlmeinenden und weisen Rath- II gebers Lenöthigt wärest, so lege ich Dir, liebste Lucie, zum Abschied die Bitte ans Herz, kein Bedenken zn tragen, an Lord Mauleverer Dich zu wenden. Neben seiner Freundschaft für mich nimmt er großen Antheil an Dir und Du kannst ihn mit der größten Zuversicht und allem Vertrauen um Rath fragen, denn" hier lächelte der Advokat, „er ist vielleicht der einzige Mann auf der Welt, den meine Lucie nicht in sich verliebt machen kann. Seine Galanterie kann als Schmeichelei erscheinen, aber sie ist durchaus nicht mit der Liebe verwandt. Versprich mir, daß Du dieß ohne Bedenken thun willst." Lucie gab leicht das Versprechen und Branden fuhr in sorglosem Tone fort: „Ich höre, Du habest letzte Nacht mit einem jungen Gentleman getanzt, den Niemand kannte, und dessen Begleiter in sehr sonderbarem Aufzug erschienen. In einem Ort, wie Bath, ist die Gesellschaft so gemischt, daß die größte Behutsamkeit in Bekanntschaften durchaus nothwendig ist. Du mußst mir verzeihen, liebste Nichte, wenn ich Dir bemerke, daß eine junge Dame nicht nur sich selbst, sondern auch ihren Verwandten eö schuldig ist, in ihrem Betragen die strengste Umsicht zu zeigen. Es ist eine schlimme Welt und von der psirsichzarten Blüthe des Rufs ist leicht der Blüthenstaub abge- stoßeu. In solchen Punkten kann Dir Mauleverer von großem Nutzen scpn. Seine Charakterkennt- ir niß, sein durchdringender Scharfblick und sein Takt im Benehmen sind unfehlbar. Ich bitte, laß Dich von ihm leiten; vor Wem er Dich warnt, der ist sicherlich Deiner Bekanntschaft unwürdig. Gott segne Dich! Du wirst mir oft und freimüthig schreiben, liebe Lucie; vertraue mir Alles an, was Dir begegnet, alles was Dich anzichr, ja auch Alles was Dir zuwider ist." Hierauf schloß Brandon, der dem Anschein nach das Erröthcn nicht beachtet hatte, das wahrend seiner Rede Luciens Wangen überflog, seine Nichte in die Arme und eilte, wie um seine Empfindungen zu- verbergen, in seinen Wagen. Als die Pferde um die Straßenecke waren, wies er den Postillon an, vor Lord Maulcvercrs Wohnung zu halten. „Nun" sagte er bei sich selbst, „wenn ich diesen gescheuten Gecken gewinnen kann, daß er meine Plane unterstützt und meinem Spiele gemäß seine Karten ausspielt, nicht aber nach der Eingebung seiner Eitelkeit — so bekomme ich einen Ritter vom Hoscnband-Orden zum Neffen." „Indeß eilte Lucie, in Thrancn schwimmend, denn sie liebte ihren Oheim zärtlich, zu dem Squire hinab, ihm Brandons prächtiges Geschenk zu zeigen. „Ha!" sagte der Squire, „wenige Menschen wurden mit scheuern, edler» und größer» Eigenschaften geboren — (nur Schade daß sein Hauptverlangen immer war, in der Welt sich cmporzn- IZ schwingen; durch kein andres Bestreben wird man eingrößerer und herzloserer Schurke!) als mein Bruder William!" Achtzehntes Kapitel. Wie konnte sie ilni lieben? Frage nicht! Keimt Liebe denn aus Willkür oder Pflicht? Wenn er für sie nur edel war! Binnen drei Wochen von seiner Ankunft in Math an, war Capitän Clifford der bcwundcrtste Mann daselbst. Zwar hatten vielleicht die Männer, welche in der Schätzung ihres eignen Geschlechts einen weit schneller!, Takt besitzen, als die Frauen, ihn ei» wenig scheel angesehen, wenn er nicht selbst sorgfältig den Schein der Zudringlichkeit vermieden hätte und wirklich der Gesellschaft von Männern mehr ausgewichen wäre, als daß er sie aufsuchte; so daß er, nachdem er ein Duell mit einem Baronet, dem Sohn eines Schuhmachers, der von ihm als einem gewissen Clifford gesprochen, ausgefocbtcn hatte, und sich auf einem ge- tiegertcn Pferd sehen ließ, das für das schönste in Bath erklärt wurde, sich allmälig zu einer gewissen Anerkennung bei seinem eignen Geschlecht wie bei den Frauen zu allgemeiner Beliebtheit emporsprang. Was aber immer den Verdacht auf sich zog und rege erhielt, war sein vertrauter Umgang mit einem so sonderbaren und pomphaft aussehenden Gentleman, wie Herr Edward Peppcr. Man konnte sich über eine gewisse Frcimüthig- keit in Cliffvrds Benehmen wcgsetzcn, aber auch die Nachsichtigsten verloren die Geduld über der Unverschämtheit des langen Ned. Clifford jedoch war nicht blind gegen das Lächerliche, das an seinen Bekannten haftete und wußte es bald so einzurichten, daß er seinen Beschäftigungen allein nachgieng; ja er nahm eine bcsoudre Wohnung für sich und ließ den langen Ned und Augustus Lomliuson, tden letzter» um als niederschlagcndes Mittel auf den ersten zu wirken,) im ungestörten Genuß der Wohnung bei dem Haarkräusler. Er selbst besuchte alle öffentliche Lustbarkeiten, und sein Aeusseres, verbunden mit dem Anschein von Rcichthum, den er um sich zu verbreiten wußte, verschaffte ihm den Zutritt in einige Privatzirkel, welche darauf Anspruch machten, ausschließliche zu heißen. Als ob Leute mit Töchtern in England je ausschließlich scyn köünten! Nicht wenige waren es der zärtlichen Blicke, nicht sparsam die einladenden Briefchen, die ihm zu Theil wurden. Und wäre sein einziger Zweck gewesen, eine Erbin -5 zu heirathcn: er hätte ihn ohne Schwierigkeit erreicht. Aber er widmete sich ganz Lucie Branden und um Einen Blick von ihr zu gewinnen, hätte er auf alle Erbinnen der Welt verzichtet. Zum größten Glück für ihn war Maulevcrer, dessen Gesundheit sehr leicht zu erschüttern war, an dem Tag da Branden Bath verließ, krank geworden ; und seine Lordschaft ward somit verhindert, die Bewegungen Luciens zu beobachten, und die Fortschritte des Liebhabers zu untergraben oder ganz und gar zu vereiteln. Wirklich hatte Miß Branden Anfangs, gerührt über die Zärtlichkeit ihres Oheims und von dem Sinn seiner Warnung betroffen, (denn sie war kein eigenwilliges junges Fräulein, das sich einmal in den Ko»f setzte, zu lieben,) die Bemühungen des Capitän Cliffords mit einer Kälte ausgenommen, die nach ihrem Benehmen am ersten Abend, wo er sie in Bath getroffen hatte, ihm eben so überraschend als schmerzlich kränkend war. Er zog sich zurück und machte sich an den Squire, der geduldig und gclangwcilt wie gewöhnlich, in seiner Lieblings-Ecke abgeschnitten dasaß. Zufällig trat Clifford dem Squire auf seinen glchtkrankcn Zehen, und als er die Ungeschicklichkeit entschuldigte, ward er durch die Gutherzigkeit und die eigentbünuiche Ausdrucksweise des alten Herrn so eingenommen, daß er sich mit ihm, ohne ihn zu kennen, in ein Gespräch eiuließ. Clifford hatte eine Art von ansprechender Lebhaf- tlgkckt und Aufrichtigkeit, um nicht zu sagen, Witz, welche für altere Leute immer etwas Anziehendes hat, da diese die Freimüthigkeit mehr als alle Cardinaltugenden lieben, und so fand auch der Squire großes Wohlgefallen an ihm. Die einmal angcknüpfte Unterhaltung wurde, nachdem Clifford sich unterrichtet hatte, wer sein neuer Freund sey, wie sich von selbst versteht, ohne Schwierigkeit fortgesetzt; und am nächsten Morgen bei der Zusammenkunft im Brunnensaal, bat der Squire Clifford zum Essen. Da einmal der Zutritt ins Haus gewonnen war, so gab sich das klebrige leicht. Lang ehe Maulcvcrer wieder seine Gesundheit erlangt hatte, war das von seinem Nebenbuhler angerichtete Unheil schon beinah unheilbar, und das Herz der reinen, einfachen, zärtlichen Lucie war mehr als halb an den familien- und hcimathlosen-Rit- ter verloren, der als Held in dieser Erzählung auftritt. Eines Morgens machten Clifford und Augus- tus mit einander einen Spatziergang. „Wir wollen" sagte der letztere,, der in schwermüthiger Stimmung war, „die geräuschvollen Straßen verlassen und uns einem filvsofischen Gespräch über die menschliche Natnr hingcbcn, indcß wir im Frcyen ein wenig frische Luft genießen." Clifford stimmte dem Vorschlag bei und das Paar schleuderte gemächlich auf einen der Hügel, welche die Stadt Bladud's umgeben. 17 „ Es giebt gewisse Augenblicke, " segle Tom» linsvn nachdenklich auf seine Kersey-Hosen nicder- blickend, „wo wir sind wie der Fuchs in dem Am- mcnmährchcn: 'dem Fuchs that's weh, er wußte nicht wo'; man fühlt sich ausserordentlich unglücklich und kann nicht sagen, warum? eine finstere, trübe Schwermut!) übermannt uns; wir fliehen den Anblick der Menschen, wir hüllen uns in unsre Gedanken ein wie Seidenwürmer, wir murmeln Zeilen aus traurigen Liedern, Thräncn treten uns in daS Auge; alles Mißgeschick das uns je zugestoßen, fällt uns ein; mit gesenktem Haupt und die Hände in den Hosentaschen schleichen wir einher; wir sagen: Was ist das Leben? Ein Srein den man in die Pferdeschwemme werfen sollte. Wir schmachten nach einem verwaudren Herzen und haben ein juckendes Verlangen, Wunder was von uns selbst zu sprechen; alle andern Gegenstände erscheinen uns schaal, abgeschmackt und unersprießlich — es ist uns, als könnte eine Fliege uns nicdcrwerfen, wir sind in der Laune uns zu verlieben und ein gar schwermüthiges Stück Arbeit daraus zu machen. Aber trotz all dieser Schwäche hegen wir in solchen Augenblicken eine viel vornehmere Meinung von uns als je sonst. Wir» nennen unsre Migraine die Schwcrmuth einer erhabenen Seele, die unbehagliche Unruhe in Folge einer schlechten Verdauung betiteln wir als Sehnsucht nach Unsterblichkeit, ja sogar als einen Be- VuNvcr'e swni.me. XXVII. 2 i8 weis vom Wesen der Seele. Möchte ich doch einen Biografen finden, der solche Gemüthszustände recht versteht und möge er solche schmelzende Empfindungen als die Erzeugnisse eines poetischen Gcmüths *) geltend machen, die in der That nur das Erzeugnis' von einem Hammelsrippchcn sind." „Ihr scherzt doch munter genug über Eure üble Stimmung," sagte Clifford, „aber ich habe Grund zu der mcinigen." „Nun denn?" rief Tomlinson. „Um so leichter ist sie zu kurircn. Der Geist kann die Ucbel Man vergleiche bas Leben Buron's von Moore, wo znr Genüge darqethan ist, dag wenn ein Mann 48 Stunden fastet, dann drei Hummer verzehrt, und Gott weiß wie viele Flaschen Claret dazu trinkt; wenn er sich am nächsten Morgen beim Erwachen von der Hälfte der periodischen Blatter des Lands als einen Dämon verschrieen findet, wenn der Nachmittag unter Besprechungen mit seinen Gläubigern ober Mißhelligkeiten mit seiner Gattin hingelit; wenn er mit Einem Wort zerrüttet ist in seiner Gesundheit, ungeregelt in seiner Lebensweise, bedrängt in seinen Vermögens - Umständen und unglücklich in seinem Hause — und wenn er dann so ercentrisch seyn sollte, niedergeschlagen und menschenfeindlich zu werden , so ist seine Niedergeschlagenheit und sein Menschenhaß keineswegs diesen änsserst angenehmen Verhältnissen zuzn- schreibcn, sondern, Gott weiß warum? dem poetischen Gemüty! 19 Hellen, welche ans dem Gekst"cntspringen; er ist ein Thor, ein Quacksalber und Faselhans, wenn er sich rühmt, die ans dem Körper herrührenden heilen zu können. Meine blauen Teufel entspringen ans dem Körper; deßwegen kämpft mein Geist, der wie Euch bekannt, ein äußerst weiser Geist ist, nicht gegen sie an. Sagt mir frei heraus" fuhr Augnstus nach einer Pause fort, ,,plagt Euch je die Reue? Denkt Ihr je, wenn Ihr ein Aufwärter geworden wäret, mit einer Schürze um den Leib, würdet Ihr ein glücklicheres und besseres Mitglied der Gesellschaft seyn als jetzt?" „Reue?" sagte Clifford stolz und seine Antwort ließ einen tieferen Blick in das Geheimniß seines Herzens, seine Triebfedern, seine Denkweise und seine Eigcnthümlichkeit werfen, als sonst möglich war, „Neue! das ist das hohlste Wort in unsrer Sprache. Nein — sobald ich bereue, so bald ändre ich meine Handlungsweise. Nie kann ich cs als eine Buße für ein Verbrechen ansehen, wenn ich cs bloß bereue; meine Seele ließe mir nicht zu, zu bereuen ohne gut zu machen. Bereuen! nein, noch nicht. Je älter ich werde, je mehr ich die Menschen kennen lerne und die Beschäftigungen des gesellschaftlichen Lebens, desto mehr Eckel empfinde ich, ein offner Verbrecher, gegen die bemäntelte und verdeckte Ehrlosigkeit um mich her. Ich anerkenne keine Verbindlichkeit gegen die Gesellschaft. Von meiner Geburp 20 KN l'ls auf diese Stunde habe ich von ihren Einrichtungen und Gesetzen keine einzige Gunst empfangen ; offen trat ich ihr entgegen und geduldig will ich ihrer Rache mich unterwerfen. Ließ mag Verbrechen heißen; aber es wiegt nicht schwer in meinen Augen, wenn ich um mich schaue und zu allen Seiten die vcrlarvten Verräther sehe, welche große Verpflichtungen gegen die Gesellschaft zu haben anerkennen, welche sich rühmen, ihren Gesetzen zu gehorchen, ihre Einrichtungen zu verehren und vor Allem — o mit welchem Rechtsgefühl! — alle diejenigen anzugreifcn, welche die Gesellschaft angreifen — und die doch lügen und betrügen und veruntreuen und unterschlagen, im öffentlichen Leben alle Vvrthcile an sich reißen, im Privatleben jeden Nutzen wegkapcrn, Rene! wcßhalb? Ich trete arm und sreundlos in die Welt; ich finde eine Gesetz-Sammlung — feindselig gegen die Armen und Frcundloscn. Gegen diese mir feindseligen Gesetze bekenne ich denn auch meine Feindschaft. Zwischen uns ist das Vcr- hältniß eines offnen Kriegs. Wie sie eine Blöße geben — ich bediene mich meines Rechts, wenn ich den Vortheil benütze; wenn sie mich überwinden, so gestehe ich ihnen ihr Recht zu, mich zu verderben." Der Verfasser braucht Iioffentlich nicht zu erinnern, daß dicß die Ansichten Paul EliffvrdS sind und nicht seine eigne. 2 ! Leidenschaft" sagte Augustus kalt, „ist sonst gewöhnlich die Feindin der Vernunft; in Eurem Fall aber die Freundin." Das Paar hatte jetzt den Gipfel eines Hügels erreicht, der eine Aussicht auf die unten liegende Stadt beherrschte. Hier hielt Augustus, der etwas kurzathmig war, an, um Luft zu schöpfen. Ms er dieß gethan hatte, deutete er mit dem Zeigefinger auf die unter ihnen liegende Scene und sagte mit Begeisterung: „Welch ein Gegenstand für die Betrachtung!" Clifford stand im Begriff zu antworten, als sich plötzlich im Hintergrund der Ton von Gelächter und Stimmen vernehmen ließ. „Wir wollen fliehen" rief Augustus, „an diesem Tage des Mißmuths habe ich kein Gefallen am Mann, auch nicht am Weibe." „Halt!" rief Clifford mit zitterndem Tone; denn unter diesen Stimmen erkannte er eine, die bereits eine unwiderstehliche, bezaubernde Gewalt über ihn gewonnen hatte. Augustus seufzte und blieb mit Widerwillen regungslos stehen. Sofort ließ eine Biegung des Wegs eine Lust-Partie erblicken. Einige zu Fuß, Andere zu Pferd, noch Andre in kleinen Fuhrwerken, die noch heut zu Tag an Brunnen-Orten gebräuchlich sind, Fliegen oder Schwalben genannt. Aber in dem ganzen fröhlichen Zug war nur Eine, für die Clifford Augen halte. Mit jenem 22 elastischen Schritt, der so selten die erste Jugendzeit überlebt, zur Seite des schwerfälligen Wagens lstnwandclnd, worin ihr Vater gezogen wurde, strömte Lucie Vrandon mit ihrer holden Schönheit über die ganze Gruppe (so schien cs wenigstens ihrem Verehrer) einen zauberischen Glanz aus. Er blieb einen Augenblick stehen, um sein Herz zu besänftigen, das über ihren glänzenden Blicken und bei ihrem fröhlichen, nnschuldvollcn Lachen pochte; dann ermannte er sich und gierig langsam und mit einem gewissen Bewnßtscpn des Eindrucks, den seine auffallend schöne Persönlichkeit machen mußte, auf die Gesellschaft zu. Der gute Squire cmpficng ihn mit seiner gewöhnlichen Artigkeit, und belehrte ihn mit der lichtvollen Ordnung, der er so besonders hold war, über alle einzelne Umstände des Ausflugs. I" diesem Augenblick wäre wirklich die Scene der Skizze eines Künstlers nicht unwcrth gewesen — der alte Squire in seinem Wagen, sein wohlwollendes Antlitz gegen Clifford gekehrt, die Hände auf seinen Stock gestützt — Clifford sein stattliches Haupt neigend, um die Erzählung genau zu hören, auf der andern Seite des Wagens die schöne Tochter — ihr Gelächter plötzlich gestillt, ihr Schritt allmälig gesetzter und Röthe über Nöthc die holde, sanfte, pfirsichzarte Wange überfliegend, die gcsammte Gesellschaft von allen Größen, Altern und Aufzügen bot dem Carikaturen- Zeichner reiflichen Stoff, und die nachdenkliche Gestalt des Augnstus Tvm- linson, der, im Vorbeigehen gesagt, dem Schauspieler Liston ausnehmend glich,) stand abgesondert von den Uebrigcn, auf der Spitze des Hügels, wo Cliffvrd ihn verlassen hatte, und stellte, die eine Hand in der Weste, mit der andern sich das Kinn streichelnd, das langsam und einem Pendel gleich mit dem übrigen Kopf sich hob und senkte, moralische Betrachtungen über die bunte Gesellschaft an. Als diese den Gipfel des Hügels erreichte, war die Aussicht auf die Stadt unten so ergreifend, daß ein allgemeines Schweigen entstand, während jedes seine Augen weidete. Eine junge Dame insbesondre zog ihr Bleistift hervor und begann zu skizziren, während die Mama selbstgefällig zusah und zerstreut etwas kalten Braten verzehrte. In dieser Zeit, während des allgemeinen Schweigens geschah es, daß Cliffvrd und Lucie, der Himmel weiß wie! sich neben einander fanden und in gehöriger Entfernung von dem Squire und der übrigen Gesellschaft, um sich einigermaßen allein zu fühlen. Es entstand von beiden Seiten ein Stillschweigen, das keines zu unterbrechen wagte, als Lucie, die eine Blume, welche sie von dem Ort mitgebracht, den die Gesellschaft besucht hatte, betrachtete und damit spielte, sie zufällig fallen ließ; Cliffvrd und sie bückten sich im selben Augenblick darnach, um sie aufzuheben und ihre Hände begegneten sich. Unwillkürlich hielt Clifford die zarten Finger in den seinigen ; seine Augen, auf die ihrigen treffend, bezauberten und brannten diese so, daß sie zum erstenmal nicht vor seinem Blicke niedersanken; seine Lippen bewegten sich, aber vielfache und heftige Empfindungen erstickten seine Stimme so sehr, daß kein Ton hcrvvrkam. Aber das ganze Herz war in beider Augen; dieser Augenblick entschied für immer über ihr Schicksal. Eine neue Epoche war für sie angebrochen- von der an sieeinncuesLebenrechncten, ein Mittelpunkt war ihnen gegeben, um den ihre Gedanken, Erinnerungen, Leidenschaften sich drehten. Die große Kluft war übersprungen; sie standen jetzt beide auf Einem Ufer, und fühlten obwohl üvch jedes für sich unvercinigt, daß auf diesem Ufer kein lebendiges Wesen war als sie allein. Indeß brach Augustus Tomlinsou, umgeben von Personen die Lust zum Schauen und Hören hatten, seinen Trübsinn und seine Zurückhaltung. Er sach seine nächste Nachbarin voll an, schwenkte seine rechte Hand in der Luft, bis er sie in der Richtung gegen die Häuser und Kamine unten ruhen ließ, und wiederholte den moralischen Ausruf, den er an Clifford verschwendet hatte, mit feierlicherem und leidenschaftlicherem Ernst als zuvor. „Welch ein Gegenstand für die Betrachtung, Madame!" „Sehr richtig gesagt, in der That, Sir!" sagte die augeredete Dame, die von ziemlich ernsthafter Gemüthsstimmung war. „Ich sehe" fuhr Augustus kn lauterem Tone fort und sah sich rings nach Zuhörern um, „ich sehe nie eine große Stadt von der Spitze eines Hügels an, ohne an einen Apothekcrladcn zu denken !" „Herr, Sir!" sagte die Dame. Tomlinson's Absicht war erreicht, betroffen über den witzigen Einfall sammelte sich augenblicklich eine kleine Gruppe um ihn, um die weitere Ausführung mit- anzuhören. „An einen Apothekerladcn, Madame!" wiederholte Tomliuson. „Da unten liegen alle Heilkräuter, alle Purganzcn, - alle Hcrzstarkungen und Gifte; alles was heilt, stärkt und zerstört. Es sind Arzneiwaarcn genug da! um Sie alle zu retten und zu heilen; aber Keines von Ihnen weiß, wie sie gebrauchen, welche Arzneien verlangen, und in welchen Portionen sie nehmen? so daß der größte Thcil von Ihnen eine uuaugemcß- ne Gabe verschluckt und an dem Heilmittel stirbt!" „ Aber wenn die Stadt ein Apothekcrladcn ist, was stellt dann, nach Ihrer Vorstellungswcise, den Apotheker vor?" fragte ein alter Herr, welcher merkte, wo Tomliuson hinaus wollte. „Der Apotheker, Sir!" antwortete Augustus, der seine Idee von Clissord entlehnte und die Stimme sinken ließ, damit der wahre Eigen- rS thümcr ihn nicht hörte, „der Apotheker, Sir! ist das Gesetz! das Gesetz steht hinter dem Ladentisch und theilt Jedem zu, welche Gabe er nehmen soll. Dem Armen giebt cs schlechte Arzneien unentgeldlich, dem Reichen Pillen um den Appetit zu rcitzcn; dem letzter» Belohnungen sür die Schwelgerei) , dem ersten nur rasche Befreiung vom Leben. Ach! entweder ist der Apotheker nur ein unwissender Quacksalber, oder ist seine Wissenschaft noch in den Windeln- Er begeht so viele Mißgriffe als Sie selbst begehen könnten, wenn Alles Ihrer eignen Auswahl überlassen wäre. Diejenigen, welche sich an ihn zu wenden haben, sprechen selten rühmlich von seiner Geschicklichkeit. Er hilft Euch zwar — aber von Eurem Geld, und nickt von Eurer Krankheit; und die einzige Seite seiner Wissenschaft, worin er Adept ist, ist die, welche ihn in Stand setzt, Euch bluten zu lassen. O Menschenkinder!" fuhr Augustus fort, „welch edle Geschöpfe solltet Ihr seyn! Ihr habt den Schlüssel zu allen Wissenschaften, allen Künsten, allen Geheimnissen, nur Eines ausgenommen. Ihr habt keinen Begriff davon, wie regiert werden soll! Ihr könnt kein erträgliches Gesetz machen, um Leben und Seele nicht! Ihr macht Euch selbst das Leben so unbehaglich als cs nur mit allen Arten von verletzenden und quälenden Einrichtungen möglich ist und dann werft Ihr den Vorwurf auf das Schicksal! Ihr setzt Regeln fest, welche zu verstehen unmöglich ist, vielwcnigcr ihnen zu gehorchen, und Ihr nennt einender Ungeheuer, weil Ihr die Unmöglichkeit nicht dcmeistcrn könnt. Ihr erfindet alle Arten von Vergehungen unter dem Vorwand Gesetze zum Schutz der Tugend zu geben; und von den künstlichen Unregelmäßigkeiten der Handlungsweise, die Ihr selbst hcrvvrruft, sagt Ihr, sie seycn angeboren; Ihr macht eine Maschine auf die verkehrteste Art die man sich denken kann, und nennt sie mit einem Seufzer: menschliche Natur. Ein Heer trefflicher Anlagen in Eurer Brust bekämpfend, besteht Ihr darauf, Gottes Allmacht zu schmähen und zu erklären, er beabsichtige, Euch zu verworfnen Geschöpfen zu machen. Ja, Ihr nennt sogar den Mann frevelhaft und aufrührerisch, der Euch bittet und anflcht, um ein Jota besser zu werden, als Ihr scpd. O Menschenkinder! Ihr seyd wie ein Blumenstrauß, den man in Coventgarden holt. Die Blumen sind liebsjch, der Duft köstlich ; betrachtet die prächtigen Farben, bewundert die schwellenden Blätter — wie schön, wie Leben- und Natur - athmend, wie begabt mit dem Thau, dem Hauch, dem Seegen des Himmels scpd Ihr Alle! Aber das schmutzige Stückchen Bindfaden das Euch zusammenhält — man sollte meinen, Ihr habt es aus der Gasse ausgclcscn!" Mit diesen Worten wandte sich Tvmlinson um, wollte von dem Haufen weg und stieg fcpcr- 28 lich den Hügel hinab. Die Lustparthie folgte langsam und Clifford, der von dem Squire eine Einladung erhielt, an seinem Familienmahl Theil zu nehmen, gicng an Luciens Seite und fühlte seinen Geist wie von Edens Lüften berauscht. Ein andrer Squire, der sich unter den Lustbarkeiten von Bath beinah eben so verlor, wie Josef Brandon, nahm an der Gastlichkeit des Herrn von Warlock auch Theil. Als^die drei Herrn sich in das Gesellschaftszimmer begeben hatten, setzten sich die beiden älteren zu einem Brettspiel und für Clifford blieb der ungestörte Genu- von Luciens Unterhaltung. Sie saß neben dem Fenster, als Clifford zu ihr trat. Auf dem Lisch neben ihr lagen Bücher umher, deren Zauber (es waren hauptsächlich Pocsiecn) sie erst in neuerer Zeit empfinden gelernt hatte; auch waren vcr- schiedne kleine Meisterstücke weiblicher Kunstfertigkeit umher zerstreut, wozu die feingcformten Finger Luciens besondre Geschi cklichkeit besaßen. Die Schatten des Abends verdunkelten schnell die leeren Straßen und am wolkenlosen, durchsichtig klaren Himmel traten allmälig die Sterne, einer um den andern hervor, bis zuletzt „wie Wasser einen Schwamm, illr sanftes Licht den leeren, veil'gen, weiten Aetller füllte," Schoner Abend! (wenn wir, wie Augustus Tomlin- son, uns einer begeisterten Anrede überlassen dürfen,) schöner Abend! fürDich haben alle Dichter ein Lied gehabt und Dich mit Dachen und Wasserfällen, mit Blumen, mit Schaafeu, Fledermäusen, Schwermut!) und Eulen herausgeputzt; aber wir müssen gestehen, daß für uns, die wir in diesem gefühlvollen Zeitalter eine rührige, weltliche, hartherzige Person verstellen, die wir an unsre Nachbarn anrenncn, und uns auf dasselbe gefaßt machen; für uns bist Du nie so bezaubernd, als wenn wir Dir begegnen in Deiner grauen Haube, in den sich leerenden Straßen und unter den ersterbenden Tönen einer Stadt. Gerne empfinden wir da die Stille, wo zwei Stunden zuvor nichts als Geschrei war. Gerne sehen wir die schmutzigen Wohnsitze des Verkehrs und der Ueppigkeit, diese ruhelosen Patienten am ewigen Erdcnficber, beschämt und überwölbt von einem Himmel voll Reinheit, Ruhe und Frieden. Gerne füllen wir unsern Geist mit - Betrachtungen über den Menschen — und wäre es auch nur ein Semmel-Mann; lieber als mir leblosen Gegenständen — Hügeln und Strömen — Dingen, über die man wohl träumen, aber nicht Nachdenken kann. Der Mensch ist der Gegenstand einer weit höheren Betrachtung, weit glänzenderer Hoffnungen und weit reinerer und erhabnerer Gefühle, als alle Fluthen und Wasserfälle in der weiten Welt; und dieß, o holder Abend, ist Ein Grund warum wir cs lieber sehen, daß die ernsten und zarten Gedanken, die Du in uns hervor- rufst, an die Geschäfte und Spuren der Thätigkeit unscrs Geschlechts als an Schaafe, Fledermäuse, Melancholie und Eulen sich anknüpfen. Aber, o hvchgepricsener Abend, ob du uns auf dem Land oder in der Stadt entzückest: du weckst immer in uns die Neigung, Liebe zu fühlen und einzuflößen; du bist der Urheber von mehr Ehen und Ehschci- dungcn, als irgend eine andre Zeit in den vierundzwanzig Stunden des Tags. Augen, die sonst nur gewöhnliche Augen für uns waren, werden, von deinem zauberhaften, wunderbaren Schatten berührt, vergeistigt und predigen uns den Himmel. Sanftmuth thront auf den Zügen, die, so lang die Sonne schien, uns streng erschienen; ein schmelzender Liebesglan; ruht auf dem Antlitz, das wir bei Tag wohl fünf Faden tief in ein Meer des Waschwassers der Mrs. Gvwland getaucht hätten — und der Mund, ach ! — --Und welche Gefahren erst, du bescheidner Heuchler! und welches Paradies bringst Du denjenigen, welche schon lieben und innig lieben? Schweigend und den Athem niederhaltend, der die Brust beider rasch und krampfhaft hob, sahen Lucke und Llifford bei einander, die Straßen waren ganz verlassen und die Einsamkeit, wenn sie hinuntersahen, machte daß sie um so inniger nicht blos die Bewegungen empfanden, welche ihre Seelen schwellten, sondern auch die unaussprechliche, elektrisch wirkende Sympathie, welche sie verband, indem sie zugleich sie von der übrigen Welt ab- trennte. Die ringsum herrschende Ruhe wurde durch einen fernen Ton kunstloser Musik unterbrochen , und als diese näher kam, wurden zwei, nicht eben poetische Gestalten, sichtbar; die eine war ein blinder armer Mann, welcher seiner Flöte Töne entlockte, bei welchen die melancholische Schönheit der Melodie einigermaßen die unbedeutende Mangelhaftigkeit in der Ausführung vergütete. Ein Weib, viel jünger als der Musikant, deren Gesicht einige Schönheit verrieth, begleitete ihn und hielt, nachdenklich an den Fenstern der schweigenden Straße hinanfblickend, einen abgegriffnen Hut in der Hand. Wir sagten zwei Gestalten — wir begiengen das Unrecht, eine dritte zu vergessen; ein zwar rauher und einfacher Freund, aber welchen zu lieben doch der Barde und die Fra» viele und triftige Beweggründe hatten. Dieß war ein kleiner, rauher Dachshund, mit schwarzen, durchdringenden Augen, die lebhaft und klug unter den buschigen Zotten die sie bedeckten, nach allen Seiten umherschauten; langsam schritt das Thier vorwärts, sanft an dem Stricke ziehend, an dem cs festgehaltcn wurde und seinen Herrn leitete. Einmal wurde seine Treue in Versuchung geführt; ein andrer Hund lud ihn zum Spiel ein, der arme Dachs sah sich ängstlich und zweifelhaft um, stieß dann ein leises ablehnendes Geheul aus und verfolgte „Geräuschlos seine stille Bahn." Zr Der kleine Zug blieb unter dem Fenster ste, hen, wo Lacie und Clifford saßen; denn das lebhafte Auge der Frau hatte sie wahrgcnommen, sie legte ihre Hand auf den Arm des Blinden und flüsterte mit ihm. Er verstand ihren Wink und vertauschte seine Melodie mit der eines zärtlichen Lieds. Das Stück war zu Ende, ein neues folgte, von derselben Gattung 'ein drittes — das Thema blieb sich immer gleich — nun warf Clifford ein Goldstück auf die Straße, der Hund wedelte mit seinem gestutzten, verkümmerten Schweif, sprang vor, raffte eS mit dem Maul auf und das Weib tätschelte, mit zärtlicher Miene, den dienstfertigen Freund, sogar noch ehe sie dem Geber dankte; dann schob sie das Geld mit einem oder zwei Worten der Freude dem Blinden in die Tasche und die drei Wandrer setzten langsam ihren Gang fort. Gleich darauf kamen sie an eine Stelle, wo die Straße ansgebcssert worden war und die Steine zerstreut nmhcrlagen. Hier vertraute das Weib nicht mehr der Leitung des Hunves, sondern eilte besorgt zu dem Musikanten und leitete ihn mit augenscheinlicher Zärtlichkeit und ängstlicher Wachsamkeit über den unebenen Weg. Als sie die Gefahr Überstande» harren, hielt der Mann an, und ehe er die Hand, welche ihn geführt hatte, entließ, drückte er sic dankbar und dann bückten sich beide, der Mann und das Weib herab und liebkosten dem Hund, Diese kleine Hccnc, eine der kunstlosen Darstellungen von der Liebenswürdigkeit menschlicher Zärtlichkeit, deren so manche auf den Heerstraßen der Welt zerstreut sich finden, hatten beide Liebende unwillkürlich beobachtet; und als sie nun beide das Auge davon abwandten, da blieben diese Augen auf einander haften; Lucicns ihre schwammen in Thränen. „Um den Preis, geliebt und geleitet zu werden von dem Einen Wesen das ich liebe," sagte Cllfford mit leiser Stimme, „wollte ich blind und baarfuß über die weite Erde wandern." Lucie seufzte ganz leise, legte ihre zarten Hände in einander gefaltet aufs Knie, sah gedankenvoll darauf nieder und antwortete nicht. Clifford rückte seinen Stuhl naher und sah sie an, wie sie so da saß; die langen, schwarzen Wimpern senkten sich über die Augen und contrastirten mit den el- fcnbcinweißcn Liedern; ihr zartes Profil war halb von ihm abgckehrt und empfieng eine noch rührendere Schönheit von dem sanften Licht, das darauf ruhte, und ihr voller, aber noch kaum aufge- kcimter Busen schwoll von Gedanken, die sie nicht zergliederte, deren unbestimmtes Wonnegefühl sie sich zu empfinden begnügte; er sah sie an und seine Lippen zitterten — er strebte zu sprechen, strebte nur die Worte vvrzubrlugen, welche das enthalten, was ganze Bücher auszudrücken versuchte» und doch nur geschwächt und entstellt ausspra- chcn: die Worte, ich liebe! Wie er der Sehnsucht Bulwer's ptomane. XXVII. Z 34 seines Herzens widerstand, wissen wir nicht zu sagen — aber er widerstand — und Lncie nahm nach einer Pause der Verwirrung und Verlegenheit eine der Poesieen von dem Tisch auf und befragte ilm über einiges in der Stelle ans einer alten Ballade, auf die er sie einmal aufmerksam gemacht hatte. Die Stelle be>og sich auf einen Grenzhäuptlinq, Einen der alten Armstrongs, der von den Engländern gefangen und zum Tode ver- urtheilt, seinen letzten Gefühlen in einem leidenschaftlichen Abschied von seiner Heimath, seinem rauhen Thurm und seiner Neuvermählten Gattin den Lauf ließ. „ Glauben Sie " sagte Lucie, als das Gespräch in Gang kam, „daß ein so gesetzloser auf Blut und Raub erpichter Mensch, wie dieser Räuber geschildert wird, so sanfter, zärtlichen Empfindungen fähig war?" „Ich glaube es," sagte Clifford, „weil er sich nicht bewußt war der Verbrecher zu sepn, wofür Sie ilm halten. Wenn ein Mensch den Gedanken unterhält, daß seine Handlungen nicht schlimm sepen, so kann er in seinem Herzen alle bessern und edlcrn Empfindungen so gut bewahren, als ob er nie sich vergangen hätte. Der Wilde mordet seinen Feind, und wenn er nach Haus zurückkehrt, ist er seinem Freund nicht minder ergeben oder nicht weniger zärtlich für seine Ander besorgt. Daß die milden Gesinnungen verhärtet und erstickt werden, dazu gehört nicht bloS, daß man Z5 des Verbrechens sich schuldig macht, sondern auch daß man die Schuld fühlt. O, viele welche die Welt mit ihrem Fluche beladet, sind zu Handlungen fähig — ja, haben Handlungen ausge führt, die man an Andern verehren und anbeten würde. Will man wissen, ob das Herz eines Mannes der Macht der Liebe zugänglich ist, so frage man, nicht was er seinen Feinden, sondern was er seinen Freunden sei)? Und Verbrechen" fuhr Clifford, rasch und heftig sprechend fort, während seine Augen flammten und die dunkle Röche ihm in die Wangen stieg, „Verbrechen — was ist Verbrechen? die Menschen tragen ihre elendesten Vorurthcile, ihre schlimmsten Leidenschaften in ein bunt zusammengesetztes, widersprnchvolles Gesetzbuch zusammen und was diesem zuwiderläuft, das stempeln sie zum Verbrechen. Wenn sie keinen Unterschied machen in der Bestrafung, das heißt also in der Schätzung — die dem Mord und eben so demge- ringfügigcn Diebstahl, zu dem der Hunger den schwachen Willen trieb, zuerkannt wird, so brauchen wir nichts weiter um uns zu überzeugen, daß sie das wahre Wesen der Schuld verkennen und daß sie den Mangel der Weisheit mit wilder Grausamkeit ersetzen." Lucie blickte beunruhigt in die belebte und wilde Miene des Redenden: Clifford faßte sich nach einem augenblicklichen Stillschweigen wieder und erhob sich von seinem Sitz mit dem fröhlichen Z6 und unbefangnen Lachen, das zu seinen besonder» Eiqenthümlichkeiten gehörte. „ Es ist sonderbar mit den politischen Gegenständen, Miß Branden" sagte er, „ wie Sie gewiß schon oft die Beobachtung gemacht haben: daß ncmlich die'unbedeutendsten den größten Lärmen machen, und daß die Leute, welche ihre ruhige Gemüthsstimmung verlieren, hauptsächlich solche sind, die nichts dafür zu gewinnen haben." Als Clifford so redete, wurden die Thüren anfgeriffen und einige Besuche der Miß Brandon angemcldet. Der gute Squire war noch in die Wcchselfälle seines Spiels vertieft und die Aufgabe die fremden Herrschaften, wie sich die Kammermädchen ausdrückcn, zu empfangen und zu unterhalten fiel, wie gewöhnlich, Lncien zu. Zum Glück für sie gehörte Clifford zu den seltnen Menschen, die ein ausgezeichnetes gesellschaftliches Talent besitzen Sein heitres und gefälliges Wesen, begleitet von Gefühl und Lebhaftigkeit, harte viel von dem schönen Ideal der Ritterlichkeit, wie man cs gewöhnlich nur auf dem Festland findet — von Helden im Gesellschaktssaal wie auf dem Schlachtfeld. Aufmerksam, höflich, witzig und mit mannigfachen Eigenschaften ausgestattet, welche (die seltenste aller Verbindungen!) Lebhaftigkeit mit Anmuth vermählen, war er vorzüglich für die glanzende Welt gemacht, von der seine Verhältnisse ihn ausschließen zu wollen schienen. Unter andern Sternen hätte aus ihm ein — Pfui! wir verlieren uns in einen höchst trivialen Gemeinplatz — was könnte aus jedem Menschen unter andern Sternen werden, als unter denjenigen welche seine Lebensbahn bestimmten? — Bald trat die Musik an die Stelle des Gesprächs und Cllffords Stimme wurde natürlich in Anspruch genommen. Miß Branden batte sich eben von dem Klavier erhoben, als er sich setzte um der an ihn gemachten Forderung zu entsprechen, und sie stand unter der übrigen Gruppe neben ihm, während er sang. Nur zweimal stahl sich sein Auge an die Stelle, welche ihr Athen: und ihre Gestalt ihm heilig machten, das einemal als er sein Lied anfieug und dann wieder als er endigte. Vielleicht begeisterte ihn die Erinnerung an ihr Gespräch: gewiß schwebte es in diesem Augenblick seiner Seele vor, goß eine dunklere Nöthe auf seine Stirne und gab seiner Stimme eine ausdrucksvollere und herzinnigere Weichheit. Wenn ich scheide, bann forsche du nicht, was ich sey Für Andre, du Wesen voll Huld! Dir fern bin ich zwar von Sünden nicht frei:' Doch dir bleibe fremd meine Schuld! Mein Leben — ein Flug isi's und spiegelt den Strahl. Der von Oben so gütig drauf fällt; Er bleibt, sey das Ufer auch finster und kahl. Vom Licht deiner Liebe ervellt. Gebn die Wogen doch im nächtlichen Wind, Braust zürnend der Strom und wild r Aus den Wellen, wenn schon sie gebrochen sind. Auf allen »och zittert dein Bild! Während so diese gefährliche Liebe Cliffords und Luciens bei jedem Zusammentreffen und jeder Gelegenheit frische Nahrung fand, lag der un-- glückliche Maulevcrer, fest überzeug: daß seine Krankheit ein Rückfall von der war, die er War- lvcker Dispcxsia nannte, in fürchterlichem Kriege mit den Ucbcrrcsten von Dörrfleisch und Pudding, die, wie er seine Aerzte mit Thräncn im Auge versicherte, „in seiner Constitution verderblich lauerten." Da Manlcvercr, obgleich freundlich gegen alle seine Bekannte von welchem Stand sie seyn mochten, — wie die meisten Menschen von anerkannt hohem Rang — nur wenige Freunde besaß, vertraut genug um sein Krankenzimmer zu betreten, und von diesen nicht Einer in Bath war: so kann man sich leicht denken, daß er in gesegneter Unwissenheit über das wachsende Glück seines Nebenbuhlers lebte; und um nichts von der Wahrheit zu verhehlen: die Krankheit, welche die Gedanken deS Menschen gar sehr ans sein eignes Ich hinlcnkt, verscheuchte viele der zärtlichsten Ideen die sonst in seiner Seele sich um das Bild von Lucie Brandon drängten. Seine Pillen trugen es über seine Leidenschaft davon, und er empfand, daß es Schlücke in der Welt giebt — mächtiger in ihren Wirkungen, als die aus den Schalen des Mcidonis. *) Zwar dachte er oft, wie lieblich es Lucicn anstehen müßte, dicß Kissen zurecht zu machen und diese Arznei ihm anzurnhren; abcrMaule- verer hatte einen vortrefflichen Kammerdiener, der die Rolle zu spielen hoffte welche Gil Blas bei dem ehrlichen Licentiaten durchfnhrte, und während er seinen Herrn pflegte, an einem Vermächtnis' für sich selbst zu pflegen. Und der Graf, der ziemlich gut bei Stimmung war, konnte nicht umhin zu gestehen, cs wäre kaum möglich daß irgend ein Mensch besser verstände, wie er es gern habe als Smoothfon. So störte, während der Krankheit, die Gestalt seiner beabsichtigten Braut die Gcmüthsruhe des edeln Anbeters nur wenig. Und erst als er sich wieder im Stande sah, drei gute Mahlzeiten nach einander mit erträglichem Appetit zu verzehren, erinnerte sich Maulevcrer wieder, daß er heftig verliebt sey. Sobald diese Idee sich in seinem Gcdächtni» wieder ganz befestigt und der Arzt ihm erlaubt hatte, sich eine kleine muntre Gesellschaft zu vergönnen, entschloß sich Maulevcrer, eine oder zwei Stunden in den Tanzsaal zu gehen. Es kann bemerkt werden, daß die meisten vornehmen Herrn irgend einen Licblingsort haben, ein vorgezvgnes Bajä wo sie gerne das Gepränge Eleve Mavmontels artige Erzählung: die vier Flaschen. 4 ° des Standes ablcgen und den Wohlwollenden statt den Glänzenden spielen; und damals war Bath mit seiner Heiterkeit, seiner Behaglichkeit, der Mannigfaltigkeit der Charaktere, die sich in den dortigen Kreisen fanden, und durch die Gefälligkeit, womit solche Charaktere sich dem Spott Preisgaben, ein Platz — ganz eigens dazu gemacht, einem Manne, wie Lord Maulevcrcr zu gefallen, der es liebte, zugleich selbst bewundert zu werden und sich über Andre lustig zu machen. Er war deßhalb ln der Stadt Bladud's eine vergötterte Person und als er in den Saal trat, ward er von einem ganzen Strudel Nachahmer und Syko- fantcn umringt, alle entzückt seine Lordschaft so viel besser und nach eignem Geständniß ans dem Weg der Genesung zu sehen. Sobald der Graf hinlänglich sich verbeugt und gelachelt und Hände gedrückt hatte, um seinen guten Nus aufrecht zu erhalten, hüpfte er den Tänzern zu, um Lucie anf- zusuchcn. Er fand sie nicht nur auf der gleichen Stelle, wo er sie zuletzt gesehen, sondern auch gerade mit demselben Tänzer gepaart, der früher die ganze Eifersucht und Wuth des galanten Edelmanns gereitzt hatte. Maulcverer, obwohl sonst nicht gewohnt, seine Complimente lange vorher auszudeuken, halte doch eben auf eine wundersüße Anrede an Lucie gesonnen; aber sobald die Gestalt ihres Tänzers sein Auge traf, so entschwand die ganze Schmeichelei seinem Gcdachtniß» 41 Er fühlte sich selbst erblassen, und als Lncie sich umwandte und ihn, als er sich näherte, mit sanftem und freundlich besorgtem Tone, wie sie ihres Oheims Freund und seiner Wiedergencsung schuldig zu scyn glaubte, begrüßte, verbeugte sich Mauleverer verwirrt und stumm; und die grünäugige Leidenschaft, welche das Gemüth eines wahren Liebenden zerrissen hätte, verwirrte jetzt, die Art ihrer Wuth ei» wenig ändernd, nur das Benehmen eines Hvfmanns. In eine dunkle Stelle des Saals zurückgezogen, von wo er Alles sehen konnte, ohne selbst ins Auge zu fallen, beobachtete jetzt Mauleverer unabläßig die Bewegungen und Blicke des jungen Paars. Er war von Natur ein rascher und scharfsichtiger Beobachter und in diesem Falle schärfte noch die Eifersucht seine Talente; er sah genug um sich zu überzeugen, daß Lncie bereits eine Neigung für Clifford hatte, und da diese Ueber- zeugung ihn in dem Glauben bestärkte, daß Lucie zu seinem eignen Glück unumgänglich nvthwendig sey, beschloß er keinen Augenblick zu verlieren uird sofort den Capitän Clifford aus ihrer Nähe zu verscheuchen, oder wenigstens solche Untersuchungen über Verwandtschaft, Rang und Achtbarkeit dieses Herrn anzustellen, welche, wie er hoffte, die Verbannung desselben ans ihrer Nähe zur nvthwcndigcn Folge haben würden. Ganz eingenommen von diesem Plan, näher 42 tc sich Maulcvcrer aus seiner Zurückgezogenheit auf Einmal dem Squire, begann ein Gespräch mit ihm und fragte ihn mit platten Worten: „Mit wem Henkers Miß Braudon tanze?" Der Squire, ein wenig betreten über diese Derbheit, antwortete mit einer langen Lobrede auf Paul, und Maulevcrer, der ihm mit dem holdseligsten Lächeln bis ans Ende zugchört, sagte dem Squire sehr höflich, er scp überzeugt, die Gutmüthigkeit Herrn Brandcns habe ihn getäuscht. „Cliffvrd" sagte er und wiederholte den Namen, „Clifford! das ist einer von den Namen, welche Lcnte, die Niemand kennt, sich vorzugsweise beilegen, erstlich, weil der Name gut klingt und zweitens weil er gewöhnlich ist. Meine lange vertraute Freundschaft mit Ihrem Bruder macht mich, besonders ängstlich besorgt wegen einer Sache, die sich auf seine Nichte bezieht, und in der That, mein theurcr William hat mich, vielleicht meine Weltkcnntniß und meinen Einfluß in der Gesellschaft, aber gewiß nicht meine Freundschaft für ihn überschätzend, darum ersucht, mir die Freiheit zu nehmen, mich als einen Freund, ja als einen Verwandten von Ihnen und Miß Braudon anzu- sehcn, so daß ich hoffen darf, Sie werden meine Vorsicht nicht unbescheiden finden." Der geschmeichelte Squire versicherte ihn, er finde sich ausnemend geehrt und sep weit entfernt zu meinen, seine Lordschaft sep — (was bei so ausgezeichneten Männern ganz unmöglich wäre, besonders solchen, wie seine Lord schaft sei)) — unbescheiden. Lord Maulevercr, durch diese Antwort ermu- thigt, verfolgte seinen arglistigen Plan und erreichte seinen Zweck so weit, daß er zwar den Squire nicht davon überzeugte, der hübsche Capitän scy eine verdächtige Person aber ihn wenigstens überredete: die gewöhnliche Klugheit verlange, sich genaue Auskunft darüber zu verschaffen, wer der hübsche Capitän scy; um so mehr, als er wöchentlich dreimal bei dem Squire zu speisen und jede Nacht mit Lucie zu tanzen pflege. „Sehen sie'/ sagte Mauleverer, „er nähert sich Ihnen jetzt; ich will mich auf den Stuhl am Kamin zurückzichcn und Sic sollen ihn scharf era- miniren, ich zweifle nicht, Sic werden es mit der größten Zartheit thun." Nach diesen Worten nahm Maulevercr einen Sitz ein, wo ihm, etwas taub wie er war, das folgende Gespräch nicht ganz cntgicng, obgleich der Ort seiner Lauer ihn dem Auge entzog. Maulevercr galt als ein Mann von der pünktlichsten Ehrenhaftigkeit im Privatleben und hatte sich um Alles in der Welt nicht darüber betreffen lassen mögen, das Gespräch andrer Leute zu belauschen. Als Clifford sich näherte, räusperte sich der Squire mit einem bedeutenden Gesicht, setzte sich zurecht und begann kunstreich seinen Angriff. „Ah, 44 ha! mein guter Capitän Clifford, und wie geht es Ihnen denn ? Ich sah Sie — (und ich freue mich immer so sehr, mein Freund, als irgend Jemand, Sic zu sehen,) von der Ferne. Und wo haben Sie meine Tochter gelassen?" „ Miß Brandon tanzt mit Herr Muskwell, Sir!" antwortete Clifford. „Ah — so! Herr Muskwell, hm — eine gute Familie die Muskwells — kommen von Prim- rose Hall. Bitte, Capitän, nicht daß ich es um meinetwillen zu wissen begehrte, denn ich bin ein sonderbarer, guter Kerl, ich glaube und bin vollkommen überzeugt, (einige Leute find tadelsüchtig, aber andre, Gott sey dank! sind es nicht,) von Ihrer Achtbarkeit — von welcher Familie stammen Sie ab! Sie werden meine — meine Vorsicht nicht unbescheiden finden?" setzte der schlaue, alte Herr hinzu, diesen Ausdruck, der im Mund des Lord Maulevercr ihm so freundschaftlich verkam, von diesem entlehnend. Clifford wechselte eine» Augenblick die Farbe, versetzte aber dann mit ruhiger Schelmerei im Blicke: „Familie, o mein theurcr Sir, ich stamme von einer alten, sehr alten Familie in der That." „So dachte ich mir's immer; und in welchem Theile der Welt?" „ Schottland, Sir — unsre ganze Familie stammt aus Schottland; das heißt, alle die lang leben; die übrigen sterben jung." „Ja, gewitzen Constitutionen sagt nur eine gewiße Luft zu. Ich, zum Beispiel könnte nicht in jeder Grafschaft leben, nicht — Sie verstehen mich — im Norden." „Wenige ehrliche Leute können dort leben," sagte Clifford trocken. „Und" fuhr der Squire fort, durch seine ei- genthümliche Aufgabe und die kalte Zuversicht seines jungen Freunds ein wenig in Verlegenheit gesetzt „und ich bitte, Capitän Clifford, zu welchem Regiment gehören Sie?" „Regiment? O— zu den Scharfschützen!" antwortete Clifford („der Teufel plagt mich," murmelte er vor sich hin, „ich kann keinen Spaß hinauslaffen und wenn ich darüber den Hals brechen sollte!") „Ein sehr stattliches Corps!" sagte der Squire. „Ohne Zweifel, Sir!" versetzte Clifford. „Und meinen Sie, Capitän Clifford," hob der Squire wieder an, „ es sey ein gutes Corps um vorwärts zu kommen?" „Ein ziemlich schlechtes, um davon zu kommen," murmelte der Capitän und sagte dann laut, „Nun freilich Sir, wir haben wenig Einfluß bet Hof." „Oh, dann ist ein desto freierer Spielraum, (wie mein Bruder der Advokat sagt und Niemand versteht das besser,) für das Verdienst.- Ich darf glauben, daß Sie schon Manchen sich in die Höhe dienen sahen?" „Nichts gewöhnlicher alö ein solches Empvr- kommen; und so groß ist die Tugend in unsrem Corps, daß ich nicht Wenige kannte, welche diese Ehre gern ihren Kameraden gönnten." „WaS Sie mir da sagen!" rief der Squire aus und riß über solche uneigennützige Grvßmuth die Augen auf. „Aber sagte Cli fford, der zu fürchten begann, er könnte die Zweideutigkeit zu weit treiben und trotz seinen Späßen doch dafür hielt, cs lasse sich wohl eine angenehmere Ader der Unterhaltung anschlagen, „aber Sir, wenn Sie sich noch dessen erinnern, Sie haben das Jagdabentcner von Ihrer Jugend her noch nicht beendigt, da die Hunde in Vurnham Copfe die Spur verloren." „Ah, ganz recht" rief der Squire, seinen jüngsten Verdacht ganz vergessend, und sofort begann er eine Geschichte, die so lang zu werden drohte als die Jagd, wovon die Rede war. So bezaubert war er nach dem Schluß derselben von dem Charakter des jungen Gentleman der sie mit so viel Wohlgefallen angehört, daß er, als er Maulevcrcr wieder sprach, dem Grafen mit wichtiger Miene sagte, er habe den jungen Capi- tän scharf vorgcnommen und habe jetzt die vollste Ueberzeugung von der Trefflichkeit seiner Familie und von der Güte seiner Grundsätze. Maulevcrcr hörte ihm mit der Miene höflicher Ungläubigkeit zu; er hatte nur wenig von dem Gespräch zwischen den beiden gehört, aber als er den Squire über manche Einzelnheiten, betreffend Cliffords Geburt, Verwandschaft und Vermögen ausfragte, fand er ihn gerade so unwissend wie zuvor. Einsehend jedoch, daß ein weiteres Streiten vergeblich sey, begnügte sich der Höfling damit, den Squire auf die Achseln zu klopfen und mit gchcimnißvoller Artigkeit ihm zu sagen: „Ach, Sir! Sie sind zu gut!" Mit diesen Worten drehte er sich um und suchte, noch nicht aller Hoffnung entsagend, die Tochter ans. Er fand Miß Brandon eben vom Tanz befrcyt und mit einer Art väterlicher Ga, lanterie bot er ihr den Arm, um sie durch die Sääle zu führen. Nach einigen einleitenden Floskeln, und nachdem er, zum tausendsten Male seine Freundschaft für William Brandon gerühmt, redete ihr der Graf von dem „voruehmansschcnden jungen Mann der sich Capitän Clifford nenne." Zum Unglück für Maulcverer hatte er, als seine Empfindlichkeit über Cliffords Eindringen unter dem Reden wieder sich erhitzte, etwas zu wenig auf seine Worte Acht, und er ließ in seinem Verdruß ein paar Worte der Warnung fallen, welche das Zartgefühl der Miß Brandon ganz besonders beleidigten. „Mich hüten zu crmuthigcn, mein Lord!" 48 sagte Lucke, mit glühenden Wangen die Worte wiederholend, welche sic so empfindlich gekrankt hatten. „Ich muß Sic in der Thal bitten —" „Sie meinen, liebe Miß Branden," unterbrach sie Maulcverer, und drückte ihr mit achtungsvoller Zärtlichkeit die Hand, „Sie müssen mich bitten, mich wegen meines nnbedachtsamen Ausdrucks zu entschuldigen. Das thu' ich von Herzen. Fühlte ich weniger Theilnahme an Ihrem Gluck, glauben Sie mir, so wäre meine Sprache besonnener gewesen." Miß Branden verbeugte sich steif, und mit geheimer Wuth sah der Höfling, wie die ländliche Schönheit nicht einmal durch eine Entschuldigung des Lord Maulcverer sich so leicht zufrieden stellen ließ. „Ich habe Zeiten erlebt," dachte er, „wo junge, unvcrheirathcte Damen sich eine Grobheit von mir zur Ehre geschätzt hätten, lieber eine Entschuldigung wären sie in Ohnmacht gefallen!" Eli er Zeit halte, seinen Frieden zu schließen, trat der Squire zu ihnen, Lucie ergriff den Arm ihres Vaters und drückte den Wunsch aus, nach Haus zu gehen. Der Squire war über den Vorschlag ganz entzückt. Die Höflichkeit würde von Maulevercr verlangt haben, zu den kleinen Diensten, zu welchen der Abgang einer Dame vom Ball Gelegenheit giebt, seinen Beistand anzubic- ten. Er bedachte sich einen Augenblick. ,,Es hält Einen so lang in der verwünschten Zugluft auf," 49 dachte er schaudernd. „Zudem ist es ja auch möglich , daß ich sie nicht hcirathc; und es ist nicht rathsam, für Nichts einer Erkältung, zumal bei Anbruch des Winters sich auszusetzen." Von dieser klugen Berechnung durchdrungen überließ denn Maulevcrer Lucien ihrem Vater, flüsterte ihr ins Ohr — „Ihr Mißfallen mache ihn zum Unglücklichsten unter den Sterblichen," und schloß seinen Abschied mit einer reuig-anmuthigen Verbeugung. Ungefähr fünf Minuten nachher gieng er auch weg. Als er seinen kostbaren Leib in seinen Zobelpelz wickelte, ehe er sich in seinen Wagen versenkte, hatte er die tödliche Kränkung zu sehen wie Lu- cie, durch irgend eine Ursache mit ihrem Dacer in der Hausflur aufgehalten, von Clifford in den Wagen gehoben wurde. Hätte der Graf genauer beobachtet, als die ängstliche Sorgfalt die er sich selbst widmete, ihm zulicß, so würde er zu seinem Trost gesehen haben, daß Lucie ihre Hand mit fremder und kalter Miene gab und daß Clif- fords ausdruckvolles, schönes Angesicht eher Kränkung als Triumf vcrrieth. Er sah aber nichts weiter als die Dienstleistung selbst, und als er, Fackeln und Läufer voran, und den wachsamen Smoothsou zur Sette des kleinen Fuhrwerks, zu Haus angekommcn war, murmelte er vor sich hin von seinem Entschluß, mit der nächsten Post an Branden zu schreiben von seinem BuUvci'S Romane. XXVII. 4 ?c> Aerger über Lucie und seiner Eifersucht gegen den anscheinenden Liebhaber. Wahrend dieser tapfre Entschluß die große Seele Mauleverers in Bewegung setzte, erreichte Lucie ihr Zimmer, verriegelte die Thüre, warf sich auf ihr Bett und brach ln einen lange» Strom bittrer Tliränen aus. So ungewöhnlich waren diese Gäste ihrem glücklichen und harmlosen Gcmüth, daß die Heftigkeit und Hartnäckigkeit, womit sie jetzt stoßen, beinah etwas Beunruhigendes batte. „Wie!" sagte sie mit Bitterkeit, „habe ich meine Neigung einem Mann von unsichrcm Charakter zugcwendct! und ist meine Bcthvrung so am Tage liegend, daß ein Bekannter diese Unklugheit rügen darf? Und doch sein Benehmen! sein Ton! Nein, nein! ihn zn lieben kann mir keine Schande bringen!" und bei diesen Worten schnitt ihr die Kälte womit sie Clifford beim Abschied- nehmcn heute Abend begegnet war, ins Herz. „Bin ich" dachte sie, und weinte noch heftiger als zuvor, „so weltlich gesinnt, so niedrig, daß ich mich im Augenblick da ich eine S»lbc gegen ihn verbringen höre, mich gegen'ihn »»gestimmt fühlen sollte? Sollte ich nicht im Gegenthcil sein Bild mit um so größrcr Liebe umfassen, wenn er von Andern angegriffen wird! Aber mein Vater, mein theurcr Vater, und mein gütiger, kluger Oheim — Etwas bin ich ihnen schuldig, und es würde ihnen das Herz brechen, wenn ich Einen liebte, denn sie für einen Unwürdigen hielten. Warum sollte ich nicht meinen Muth zusammeu- nehmen und ihm von dem Verdacht sagen den man gegen ihn hegt? Ein aufrichtiges Wort würde ihn zerstreuen. Sicherlich verlangt es die Zärtlichkeit gegen ihn von mir, daß ich ihm Gelegenheit verschaffe, alle falsche und entehrende V§r- muthungen uiederzuschlagen. Und wozu diese Zurückhaltung, da er so oft, wo nicht durch ein off, ncs Gestandniß, doch durch Blick und Wink mir seine Liebe erklärt hat und weiß, wissen muß, daß er mir nicht gleichgültig ist? Warum spricht er nie von seinen Eltern, Verwandten nnd seiner Hcimath?" Und unter diesen Fragen zog Lucie aus einem Busen, der an Farbe und Gestalt sich mit dem vergleichen durfte, welcher Cymon zur Weisheit bekehrte, *) einen Schattenriß ihres Geliebten, den sie selbst hetmlicy entworfen und der, obgleich kunstlos und roh hingeworfen, doch aus der Begeisterung des Andenkens entsprungen war und die Züge und den Ausdruck an sich trug, die unauslöschlich einem Herzen sich elngeprägt hatten, das ein so beflecktes Idol nicht verdiente. Sie blickte das Bild an, als ob es ihre Fragen an das Original beantworten könnte und als sie es anschaute und immer anschaute, stillten sich allmälig ihre Drybeu'S Gedicht: Eymon und Isignema. 4 » » Thräuen und ihr unschuldvolles Antlitz gewann nach und nach seine gewohnte, beredte Heiterkeit wieder. Nie vielleicht wäre ein glücklicherer Augenblick gewesen, von Lucie selbst ein Bild zu entwerfen. Die unbewußte Anmuth ihrer Stellung, ihre gelüfteten Gewänder-, der bescheidne, jugendliche Reitz ihrer Schönheit, die zarte Wangch auf welche die jungfräuliche Vlüthe, eine Weile verscheucht , jetzt mit all ihrem Glanz zurückkehrte; die kleine, weiße, zarte Hand, worauf diese Wange sich stützte, während die andre das Bild hielt, an dem ihr Auge sich labte; das halbe Lächeln das jetzt an den vollen, rothcu, thauigcn Lippen hcran- zog, im Augenblick verschwand und dann wieder- kchrtc — alles dieß gab ein Bild von so bezaubernder Anmuth, daß wir zweifeln ob Shakspca« re selbst ein irdisches Wesen hätte erdenken können, mehr geeignet, Miranda's oder Viola's Tranm- gestalt zu verkörpern. Die ruhige, mädchenhafte Zierlichkeit des Gemachs verstärkten den Zauber; und es war etwas Poetisches selbst in dem schneeweißen Glanze des Nuhelagers, in den halb zuge- zvgnen Läden, die einen Strahl des silbernen Mondes hereinließen, in der einsamen Lampe, die mit dem rcinern Licht des Himmels stritt und ein. gemischtes und gemildertes Licht in dem Gemach verbreitete. Noch betrachtete sie den Schattenriß, als ein leiser Ton von Musik durch die Lüfte unter ihrem Fenster sich hereinstahl und allmälig an Stärke wuchs, bis sich bestimmt und deutlich der Ton einer Guitarre erkennen ließ, welche weit entfernt die stille Mondscheinnacht zu stören, ganz mit ihr im Einklang war. Die Galanterie und romantische Zärtlichkeit früherer Tage war, obwohl zu der Zeit, wo unsre Geschichte spielt, im Abneh- men, doch noch nicht ganz verschwunden und nächtliche Serenaden unter den Fenstern einer gefeuerten Schönheit gehörten keineswegs zu den Seltenheiten. Aber Lucie erröthete und erglühte mehr und mehr, als die Musik ihr ins Ohr strömte, als ob sie eine tiefere Saite ihres Herzens träfe, als gewöhnliche Galanterie. Sie erhob sich von ihrer liegenden Stellung auf einen Arm und beugte sich vorwärts, um den Ton mit größerer, unfehlbarerer Sicherheit aufzufassen. Nach einem Vorspiel von einigen Augenblicken begleitete eine klare und wohllautende Stimme das Instrument und die Worte des Gesangs lauteten wie folgt: Cliffords Serenade. O schöne Welt, wo jede Nacht Mein Geist mit deinem Zwiesvrach halt! Die unnennbare Hoffnung lacht. Ein Liebesstern, auf jene Welt! Schlaff! fremd erschein' ich selbst mir nun Im Leben, das der Tag empört; O schlaff! beseeligt magst du ruvn. In einer Welk, die mir gehört! 54 Als die Musik hinstarb, sank Lucie wieder zurück und drückte den Schattenriß, den sie in Händen hatte (mit glühenden Wangen, obgleich sie von Niemand beobachtet wurde,) an ihre Lippen. Und obgleich sie über den Charakter ihrcö Geliebten keinen Aufschluß erhalten hatte, obwohl sie selbst noch zu keinem bestimmten Entschluß gekommen war, ob sie ihn von den Gerüchten, die seinen Namen verunglimpften, in Kenntuiß setzen sollte: dennoch, so tröstlich war ihr der Gedanke an seine zarte Aufmerksamkeit und seine Liebe, daß ehe eine Stunde verflossen war, der Schlummer ihr Auge schloß. Der Schattenriß blieb, wie ein Talisman gegen den Kummer, unter ihrem Kissen und in ihren Träumen flüsterte sie seinen Namen, und zärtlich lächelte sie dazu, unkundig der Wahrheit und der Ankunft! Neunzehntes Kapitel. Kommt kommt! der Anschlag reift und neue Falten Des warmen ManrelstH c i m lich keit umhüllen uns. Und ihre Liebe ? Schaut das Siegel ist darauf. Banner von Tyburn. Wir dürfen nicht glauben, Cliffords Benehmen und Ton gegenüber von Lucie Branden scpen 55 so gewesen, wie sie Andern erschienen. Liebe verfeinert selbst die Rohheit, nnd die Redlichkeit die aus der Zärtlichkeit entspringt, ist nie rvn der Anmnth ganz verlassen. Wie auch die Lebensweise nnd Gesellschaft Cliffords beschaffen seyn mochten — er halte im Grund des Herzens manche gute und edle Eigenschaften. Zwar gaben sie sich nicht oft kund; erstlich, weil er von fröhlicher und sorgloser Gemüthsart war; fürs zweite weil er nicht leicht von ausser» Ereignissen ergriffen wurde, und drittens weil er die Klugheit besaß, unter seinen Hamcraden nur solche Eigenschaften zur Schau zu tragen, welche ihm seinen Einfluß bei ihnen sichern mußten, doch brach dieser beßre Genius hervor, so oft sich eine Gelegenheit darbot. Obgleich kein romantischer und unwirklicher buronischcr Cvrsar, kein vssiauischer Scdatren, dessen Verhältnisse um so riesenhafter werden, je mehr sie von der Wesenhaftigkeit verlieren, obgleich keine Lüge einer mächtigen Einbildungskraft, im Widerspruch mit den schonen Verhältnissen der mcnscrlichen Natur, sondern ein verirrter Mann in einer sehr prosaischen und gewöhnlichen Welt, verband doch Clif- scrd eine gewisse Großmuth und riiterliMen Hel- dcnsinn mit der Ausübung seines schlimmen Gewerbes. Obgleich der Name Lvvett, unter dem er hauptsächlich bekannt war, eine besonder Berühmtheit in den Annalen des Abenteuerlichen erlangt hat, verknüpften sich doch nie Sagen von 56 Grausamkeit oder frevelhaftem Hohn damit, und oft war er vergesellschaftet mit Zügen von Muth, Höflichkeit, Laune oder Schonung. Er war ein solcher Mensch, den eine achte Liebe zur Besinnung zu bringen und zu retten ganz geeignet war. Die Keckheit, Aufrichtigkeit, Uncigcnnützigkeit seines Gcmüths waren Bestandtheile seiner Natur, an welche» die Zärtlichkeit einen kräftigen und tiefgreifenden Halt hat. Zudem war Clifford gewandten und strebenden Geistes und dieselbe Ge- müthsart uud dieselben Eigenschaften, die ihn binnen sehr wenigen Jahren an Einfluß und Popularität weit über alle seine ritterlichen Genossen erhoben hatten, mit welchen er zusammcnhielt, konnten, wenn sie einmal durch eine edlere Leidenschaft entzündet waren, sehr leicht seinem Ehrgeitz einen Schwung geben, der ihn von seinem derma- ligcn Treiben entfernte und ihn, eh' cs zu spät wurde, zu einem nützlichen, ja ehrenwerthcn Glied der Gesellschaft umwandeln. Wir hoffen der Leser habe bereits die Bemerkung gemacht, daß trotz seinen frühem Verhältnissen, sein Benehmen und sein Betragen ihn der Liebe einer Dame nicht unwürdig machten. Diese verhältnismäßige Verfeinerung in seinem Aeußeru ist leicht zu erklären, denn er besaß ein angebornes, natürliches edles Wesen, eine Gabe der raschen Beobachtung, ein lebhaftes Gefühl für das Lächerliche und Schickliche, und diese Eigenschaften lassen sich dann leicht 57 vom Groben ins Feine arbeiten. Auch war er mit den Häuptern und Helden seiner Rotte in Verkehr getreten, deren manche von nicht nicde» riger Herkunft und in ihrem Wesen nicht gemein waren. Er stand inVerbindung mit den Barring- ton's der damaligen Zeit, Herren die in Nanelagh Bewunderung eincrnteten, und wenn sie vor dem peinlichen Gericht standen, Reden hielten, eines Cicero würdig. Er hatte seine Rolle an öffentlichen Orten gespielt und, wie Tomlinson in seiner ciceronianischcn Weise zu sagen pflegte, die Tri- umfe die auf dem Schlachtfelde errungen wurden, waren im Ballsaal ersonnen worden. Lurz er war einer der vollendeten, stattlichen Highwaymcn, von denen man noch Wunder liest und von denen geplündert zu werden, eine Lust seyn mußte; und sein richtiger Verstand, der unter seinen Freunden sich als Witz äußerte, kleidete sich gegenüber seiner Gebieterin in die milde Form der Gcmütl)- llchkcit. Zudem ist etwas in der Schönheit, (und Clifford hatte, wie wir schon gesagt, in seiner Persönlichkeit etwas ausserordentlich Anziehendes,) das einen Bettler gleichsam in den Adelstand erhebt , und ln seinem Gang und Blick lag etwas Ausgezeichnetes, das den Anstand der hohen Geburt und den Ton des Hofs ersetzte. Männer freilich wie Maulcverer, cingeweiht in die Feinheiten des Benehmens, konnten vielleicht ohne Mühe den Mangel jenes nicht zu beschreibenden 58 Wesens an ihm entdecken, das allein Leuten eignet, die in guter Gesellschaft ausgewachsen sind; aber da dieser Mangel von so vielen getheilt wurde, gegen deren Geburt und Vermögen sich nichts ein- wcnden ließ, so gereichte il»n dieß nicht zum be- svndern Vorwurf. Für Lucie zumal, die in der Einsamkeit erzogen war und in Warlock-Haus nichts sah, was darauf berechnet gewesen wäre, ihren Geschmack hinsichtlich der Haltung oder des Ausdrucks zum höchsten Grade ekler Vollendung zu steigern, war dieser Mangel ganz unbemerklich, sie sah in ihrem Geliebten nur eine Gestalt, mit der sich sonst Niemand messen konnte, ein Auge das immer von beredter Bewunderung glänzte, einen Gang von dem Anmuth unzertrennlich war, eine Stimme die in silbernen Tönen ebenso zart gedachte als poetisch ausgedrückte Schmeicheleien flüsterte; selbst eine gewisse Originalität des Geistes, der Ansicht, des Charakters, die sich gelegentlich dem Bizarren, aber eben so auch zu Zeilen dem Erhabenen näherte, übte einen Zauber auf die Einbildungskraft eines jungen und nicht un- poetischen Mädchens und stach eher vvrtheilhaft uls ungünstig gegen die langweilige Abgeschmacktheit derer ab, die sie gewöhnlich sah. Auch sind wir nicht ganz gewiß, ob nicht das Gcheimnißvolle das über ihm waltete, so peinlich es ihr war und so nachtheilig es ihm bei Andern ausgelegt wurde, nicht dennoch auch mithalf, ihre Liebe zu dem Abenteurer zu vermehren, und so verstäijte das Schicksal, das in seinem zauberischen Scbmclztie- gcl alle entgegengesetzten Metalle in das Eine verwandelt, das es einmal herauszubringcn entschlossen ist, die Macht einer unpassenden und ver- derbcndrobendeu Leidenschaft selbst noch durch diejenigen Umstände, welche ihr hätten cntgegcnwir- kcn und sie zerstören sollen. Wir beabsichtigen durch das Gesagte keineswegs, Clifford zu vcrtheidigen, sondern nur Lucie i» der Meinung unsrer Leser zu retten, daß sie so unweise liebte; und wenn sie ihre Jugend, ihre Erziehung, den Mangel mütterlicher oder sonstiger weiblicher Vorsorge, ja sogar einer wachsamen und unablaßigen Aufsicht eines Berathers vom andern Geschlecht bedenken wollen, so denken wir, es werde, was so natürlich war, nicht als unentschuldbar angesehen werden. Mauleverer erwachte am Morgen nach dem Ball in besserem Befinden als gewöhnlich, und demgemäß auch verliebter als je. -Seinem Entschluß von der letzten Nacht zufolge setzte er sich hin, einen langen Brief an William Brandon zu schreiben; er war belustigend und witzig, wie gewöhnlich ; aber der verschmitzte Edelmann wußte cS so cinzurichten, daß er unter dem Scheine des Witzes in Brandons Seele eine ernstliche Bedenklichkeit warf, sein Lieblingsprojekt mit der Het- rath könnte ganz und gar fehl schlagen. Der Be- 6o richt über Lucle und den Capitan Clifford, der kn dem Brief enthalten war, flößte gewiß eine doppelte Portion Bitterkeit in das schon durch seinen Beruf versauerte Gcmüth dcS Advokaten, und da es sich so traf, daß er den Brief las, gerade eh er in einem Falle, wo er der Anwalt der Krone war, auf den Gerichtshof gieng, empfanden die Zeugen auf der andern Parthey die volle Wirkung von der Übeln Laune des RcchtSanwaltS. Es war ein Fall, wo der Beklagte in betrügerischen Verkehr in sehr hohem Betrage verwickelt war — und unter seinen Agenten und Ge- hülfcn war ein Mensch, der den niedersten Ständen angehörte, aber der, weil er dem Anschein nach große Verbindungen unterhielt und natürlichen Scharfsinn und Gcwandheit besaß, von großem Nutzen bet der Empfangnahme und Unter- ! bringung von Gütern gewesen zu scyn schien, die auf betrügerische Weise genommen worden waren. Als Zeuge gegen letztere Person erschien ein Pfän- derlciher, der verschiedene Gegenstände vorbrachte, welche bet ihm zu verschleimen Zeiten von dem untergeordneten Agenten verpfändet worden. Nun wurde Branden in seinem Verhör des schuldigen Unterhändlers immer strenger, je mehr der Mann jene Miene der unbewußten Einfalt zeigte, welche die nicdcrn Stande schlauerweise aunchmcn, und die so besonders geeignet ist, die Herren der Gcrichtsschranken in Feuer und Harnisch zu jagen. 6l Als Branden zuletzt die hartnäckige Heuchelei des Angeklagten ganz zermalmte und erdrückte, warf ihm der Mann einen Blick zu, der die Mitte hielt zwischen Grimm und Flehen und murmelte: „Oho! wenn's so ischt, Herr Anwalt Braudon, wenn Sie wüßten was ich weiß, würden Sie nicht so über Einen hincinschreien." „Ey, sevd so gut, Bursche, was ist denn Das was ihr wißt, und das mich bewegen sollte Euch so zu behandeln, als hielte ich Euch für einen ehrlichen Mann?", Der Zeuge war wieder in seine Verstocktheit zurückgefallen und antwortete nur mit einer Art ^Brummen. Braudon, wohlbekannt mit den Mitteln einen Zeugen zur Mittheilsamkcit anzuspornen, setzte seine Fragen fort, bis der Zeuge, wieder in Zorn gesetzt und vielleicht zur Unbesonnenheit verleitet, mit leiser Stimme sagte: „ Fragen Sie 'mal den Herrn Sworpem (den Pfanderleihcr) was ich ihm, es ischt jetzt ge- rad drei und zwanzig Jahr her, am fünfzehnten Februar verkauft habe?" Braudon fuhr zurück, seine Lippen wurden weiß, er ballte die Hand mit krampfhaftem Zucken zusammen, und während alle seine Züge von ernster aber furchtbarer Erwartung verzerrt schienen, sprudelte er einen Strom so unzusammcnhängen- der und ungehöriger Fragen hervor, daß er sofort von seinem gelehrten Amtsgcnvsscu auf der Ge- 6r genparthe» zur Ordnung gerufen wurde. Aus dem Zeugen konnte nichts weiter herausgebracht werden. Der Pfänderleiher wurde wieder vernommen; dieser schien einigermaßen aus der Fassung gebracht als man seinem Gedächrniß zumuthcte, drei und zwanzig Jalire zurück zu gehen; aber nachdem er sich zum Besinnen Zeit genommen, wahrend welcher Frist die Bewegung des sonst so kalten und seiner so mächtigen Brandon dem Gerichtshof auffiel, erklärte er, sich auf keine Verhandlung irgend einer Art mit dem Zeugen aus jener Zelt erinnern zu können. Vergeblich waren alle Anstrengungen VrandonS, eine mehr Licht gebende Antwort zu erhalten. Der Pfanderleiher war nicht mürbe zu machen und der Advokat sah sich genöthigt, so ungern er es that, ihn zu entlassen. Sobald der Zeuge die Gcrichtsstubc verließ , versank Branden in eine finstre Träumerei — ec schien ganz das Geschäft und die Obliegenheiten des Gerichtshofes zu vergessen; und so nachläßig verfolgte und beendigte er den Rechts- sall, so zwecklos war das übrige Verhör und Gegenverhör, daß die Sache ganz verdorben wurde und die Geschworenen das Nichtschuldig aus- sprachcn. Sobald er den Gerichtssaal verlassen, eilte Brandon zu dem Pfänderleiher, und nach einer Besprechung mit Herr Swvppem, worin er den ehrlichen Handelsmann hinlänglich überzeugte, daß seine Absicht vielmehr sey zu belohnen als einzuschüchtern, gestand Swoppem, daß vor rz Jahre» der Zeuge mit ihm und noch zwei andern Männern in einem Wirthshaus in DcvereurCourt zusammengewesen und ihm verschleime Gegenstände in Geschirr, Zierrathen und dergleichen verkauft habe. Der größte Thell dieser Maaren hatte natürlich die Niederlage des Pfänderleihers längst wieder verlassen, aber er meinte ein paar verlaufene Putzsachen, nicht werthvoll genug um sie neu Herstellen und fassen zu lassen oder nicht modisch genug um gleich einen Käufer zu finden, seyen noch in seinen Schränken liegen geblieben. Hastig und mit zitternder Hand kramte Brandon unter dem bunten Inhalt der Mahagoni)-Schranke, die der Pfänderleiher jetzt seiner Nachforschung anheimgab. Nichts auf der Welt giebt einen wehmüthi- geren Anblick, als die Schublade eines Pfänderleihers! Diese kleinen, artigen, werthloscn Putzsachen, diese Schleifen treuer Liebenden, diese verzogenen Armbänder, diese verbogenen Ringe mit Anfangsbuchstaben oder einer kurzen Inschrift der Zärtlichkeit oder des Schmerzens geziert — welche Geschichten von vergangner Zärtlichkeit, Hoffnung, Sorge haben sie nicht zu erzählen! Aber Empfindungen so allgemeiner Art verdüsterten die harte Seele William Brandons nie, und weniger als je hätten solche Gedanken jetzt sich ihm aufdrängen können. Ungeduldig warf er den ehmals vielleicht 64 mit der zärtlichsten Sorgfalt behandelten Lrvdcl- kram ein Stück um das andre auf den Tisch, bis endlich seine Augen funkelten und mit krankhafter Hast ergriff er einen alten Ring, der mit Buchstaben eingefaßt war und ein Herz umschloß, worin Haare waren. Die Inschrift lautete einfach so: v. seiner üulia. Sonderbar und finster war der Ausdruck, den Brandons Gesicht annahm, als er dieses anscheinend wcrthlvse Stück betrachtete. Nachdem er es eine Weile angcstarrt, stieß er einen unverständlichen Ruf aus, schob den Ring in die Tasche und erneuerte seine Nachsuchungen. Er fand noch ein paar Kleinigkeiten von ähnlicher Art, ein schlechtes in Silber gefaßtes Miniaturbild mit einigen halb verwischten Buchstaben auf der Rückseite, aus welchen Brandon (kein andres Auge hatte es vermocht) augenblicklich die Worte zusammcnsctzte: 8ir Zolin sie Llnnclon I6Z5 Int. r8.; sodann einen Siegelring worein das edle Wappen des Hauses Brandon gegraben war: ein Stierkopf mit der Hcrzogskrone und gvldncr Rüstung. Sobald Brandon sich dieser Schätze bc- «nächtigt und die Ucbcrzcngung erlangt hatte, daß dieser Ort nichts mehr enthalte, versicherte er den gewissenhaften Swvppcm von der Sorge, die er für seine Sicherheit tragen wolle, belohnte ihn freigebig und schlug den Weg »ach Bvwstrcet ein, um einen Vcrhaftbcfchl gegen den Zeugen auszu- wirkcn, der ihn an den Pfändcrleihcr gewiesen hat- te. Aber auf dem Wege dahin drängte sich ihm ein andrer Entschluß auf: ,, Warum Alles öffentlich machen?" murmelte er vor sich hin, „wenn es umgangen werden kann und besser umgangen wird?" Er hielt einen Augenblick inne, schlug dann wieder den Weg zu dem Pfänderlcihcr ein und kehrte, nachdem er dem Herrn Sweppem ei-' ncn kurzen Auftrag gegeben, nach Hause zurück. Zm Verlauf desselben Abends wurde der fragliche Zeuge von Herrn Swoppem ins Haus des Advokaten gebracht, und hatte hier eine lange, geheime Unterredung mit Herrn Branden; der Erfolg davon schien eine beide Thcile befriedigende gütliche Ucbereinkunft, denn der Mann entfernte sich unangefochten mit einer schweren Börse und einem leichten Herzen, obgleich manche Schatten und Besorgnisse hin und wieder gewiß letzteres durchzuckten. Branden aber warf sich mit der tri- umfirenden Miene eines Mannes, der eine große Maasregel ausgcführt, in seinen Sessel zurück und sein finstres Angesicht verrieth in jedem Zug eine Freudigkeit und Hoffnung, die, man muß gestehen, in seinem Angesicht wie in seinem Herzen seltne Gäste waren. So ein trefflicher Geschäftsmann jedoch war William Brandon, daß er sich durch die Ereignisse dieses Tags nicht über diese Nacht hinaus in seinen eifrigen Plauen für die Verherrlichung seiner Nichte und seines Hauses stören ließ. Am andern Bunver'S Noma,,«, XXVII. 5 Morgen mit Tagesanbruch waren schon die Briefe an Lord Mauleverer, an seinen Bruder und an Lucie geschrieben. Der Brief an seine Nichte/ ganz im Tone der zärtlichsten Besorgtheit und der liebevollen auf Erfahrung sich gründenden Warnung geschrieben, war ganz gemacht, jenes auf Beschämung und Verwundung gemischte Gefühl zu erregen, das, wie der schlaue Advokat ganz richtig urtheilte, der wirksamste Feind einer auf- keimendcn Leidenschaft seyn mußte. „Ich habe" schrieb er, „zufällig von einem aus Bath zurückgekommnen Freunde gehört, welche in die Augen fallende Aufmerksamkeit dir Ca- pitän Clifford widme; ich will Dich, theuerste Nichte, durch die Wiederholung dessen, was ich dann weiter von Deiner Art ihm zu begegnen ge, hört habe, nicht verletzen. Ich kenne die Bösartigkeit und den Neid der Welt, und ich kann mir keinen Augenblick träumen lassen, daß meine Lucie, auf die ich mit so vielem Recht stolz bin, von einer kleinen Coquetterie verleitet, die Bewerbungen eines Mannes, den sie nie hcirathen könnte, begünstigen oder gegen einen Anbeter eine Neigung blicken lassen sollte, von der ihre Verwandten nichts wüßten und deren Gegenstand gewiß nie ihren Beifall gewinnen könnte. Ich messe den Berichten der müffigen Menschen keinen Glauben bei, meine liebe Nichte, aber wenn ich sie nicht glaube/ so darfst Du sie deßhalb nicht verachten. 6 ? Ich fordre Deine Klugheit, Dein Zartgefühl, Deinen Schicklichkeitssinn, und Dein Bcwußtscpn des Rechten auf, mit Eincmmale und wirksam allen unverschämten Gerüchten ein Ziel zu setzen; tanze nicht mehr mit diesem jungen Mann, laß ihn an keinen Bclnstignngsvrtcn, öffentlichen oder Privat- häusern, in Deiner Gesellschaft seyn; vermeide cs selbst ihn zu sehen, wenn cs Dir möglich ist, und lege in Dein Betragen gegen ihn jene cntschiedne Kälte, welche die Welt nicht mißdeuten kann!" Noch Vieles schrieb ihr der gewandte Oheim, aber Alles in demselben Sinn und zur Erreichung des ncmlichen Zwecks. Ter Brief an seinen Bruder war nicht weniger kunstreich. Er sagte ihm gerade heraus: der Vorzug den Lucie der Bewerbung eines hübschen Glücksjagers gebe, sey das Tagesgespräch und bat ihn ohne Zeitverlust das Gerücht zu ersticken. „Du kannst tzas leicht thun," schrieb er, „wenn Tu den jungen Mann meidest; und wenn^cr zudringlich werden sollte, so kehre plötzlich nach Warlock-Haus zurück; die Wvhlfarth Deiner Tochter muß Dir thcurcr seyn als Alles." Dem Lord Maulcvcrer antwortete Branden in einem Schreiben, das zuerst von Staatssachcn handelte und dann gleichgültig auf den Gegenstand der gräflichen Botschaft übergieng. Unter andern Ermahnungen, die er Maule- vcrcr zu geben sich erlaubte, verweilte er nicht ohne Grund bei dem Mangel an Takt, den der Graf sich darin hatte zn Schulden kommen lassen, daß er nicht den Pomp und Glanz an den Tag gelegt hatte, welchen sein hoher Rang ihm an die Hand gab. „Bedenken Sic" schrieb er ihm mit Nachdruck, „Sie sind nicht unter Ihresgleichen, unter welchen unnöthiges-Staatmachen schon nachgerade als prahlerische Gemeinheit angesehen wird. Das sicherste Mittel, Leute die unter uns stehen, zu blenden, ist der Glanz, nicht der Geschmack. Alle junge» Leute, besonders die Damen, werden durch den Schein gefesselt und durch die Pracht gewonnen. Treten Sie glänzender auf, so wird man mehr von Ihnen reden; und ein gefeierter Mann besticht ein Wcibcrhcrz mehr als Schönheit und Jugend. Sie haben, verzeihen Sie mir, zu lang den Knaben gespielt; eine gewisse Würde ziemt Ihrem Mannesaltcr; die Frauen werden Sie nicht achten, wenn Eie sich so an alle gemeine Gesellschaft wcgwcrfen. Sie gleichen einem Manne, der fünfzig Vortheilc voraus hat, und sich nn« Eines bedient, nm seinen Zweck zu erreiche», wenn Sic nur auf Ihre Unterhaltung und feine Lebensart sich stützen und die Hülfsmittcl Ihres Vermögens und Rangs unbenutzt liegen lassen. Ein gewöhnlicher Gentleman kann liebenswürdig und witzig sey»; aber ein gewöhnlicher Gentleman kan» zn seinem Beistand nicht die Aladdins-Lam- pe anrufen, in deren Besitz ein vermöglichcr Peer von England ist. Bedenken Sie dieß, mein thcu- rer Lord. Lucie ist im Grund des Herzens eitel oder sie ist kein^Weib. Also blenden müssen Sie sie — blenden! die Liebe mag wohl blind seyn, aber sie wird cs erst durch ein Uebermaß von Licht. Sie besitzen wenige Meilen von Bath ein Landhaus. Warum nehmen Sie nicht dort ihren Wohnsitz, statt in einem armseligen Haus in der Stadt? Geben Sie kostbare Unterhaltungen — machen Sie es für Jedermann zur Ehrensache dort zu erscheinen; Sie schließen natürlich den Capitan Clifford aus; dann sind Sie mit Lucien ohne Nebenbuhler zusammen. Gegenwärtig kämpfen Sie, Ihren Titel ausgenommen, auf gleichem Grund mit diesem Abenteurer, statt sich auf eine Höhe zu stellen, von der aus Sie ihn in einem Augenblick vernichten können. Ja, er hat etwas vor Ihnen voraus; er hat den Vortheil den ihm seine Partnerschaft beim Ball gicbt, wo Sie sich nicht mir ihm messen können; er ist, so sagen Sie, in der ersten Blüthe der Jugend, er ist schön. Ucberlegcn Sie es! Ihr Schicksal, sofern es Lucien betrifft, ist in Ihrer Hand. Ich gehe zu andern Gegenständen über u. s. w." Als Branden vor dem Siegeln den letztem Brief noch einmal durchlas, überflog ein bittres Lächeln seine barten, jedoch schönen Auge. „Wenn ich" sagte er nachdenklich, „wenn ich dieß durchsetze ; wenn Mauleverer das Mädchen heirathct — 7 ° NUN, um so besser, wenn sie einen andern, schönem und vorgczogncn Liebhaber hat. Bei der Menschcnverachtnng. die in meiner Brust herrscht, die mich in den Stand gesetzt hat, zu verspotten, was schwächere Geister aubctcn und die weltliche Ehre, woraus die Narren einen Thron machen, als Fußschemel zu gebrauchen, wäre cs mir süßer als Ruhm, ja süßer als Macht und Gewalt, wenn ich es erlebte, daß dieser feingesponnene Lord zum Gespött im Munde der Leute würde — ein Hahnrei — ein Hahnrei!" und bei diesem letzten Wort lachte Branden laut auf. „ Und er meint auch" fuhr er fort, meines Vermögens ganz gewiß zu seyn; sonst würde er, der Abkömmling des Goldschmids, unser Haus wohl kaum mit seinen Anträgen beehren; aber da könnte er sich irren, er könnte sich irren!" hier endigte Branden sein Selbstgespräch und zugleich den Brief mit den Worten: „Adieu, mein lieber Lord! Ihr zärtlichster Freund!" Den Eindruck, welchen Brandons Brief auf Lucie machte, kann man leicht erachten; er machte sie unglücklich; sie mochte einige Lage nicht ans- gchen; sie verschloß sich in ihrem Gemach und verbrachte die Zeit unter Thräncn und Kampf mit ihrem eignen Herzen. Bisweilen siegte das, was sie für ihre Pflicht hielt und entschloß sie sich, ihrem Geliebten abzuschwörcn; aber die Nacht vernichtete das Werk des Tages; denn bei Nacht, jede Nacht/ ließ sich die Stimme ihres Geliebten, von Musik begleitet, vernehmen, schmolz ihre Entschlüße weg und erweckte In ihr wieder alle Zärtlichkeit und Treue. Zudem waren die Worte, die er unter ihrem Fenster sang, ganz besonders geeignet, sie tief zu ergreifen; sie athmcten eine Schwcrmuth, die sic um so mehr rührte, als sie so mit ihren eignen Empfindungen im Einklang stand. Das cinemal sprachen sie Klagen über die Abwesenheit der Geliebten aus; das andrem«! deuteten sie auf Vernachläßigung hin; aber immer herrschte darin der Ton der Demürhigung nicht des Vorwurfs; sie verriethen das Gefühl der llnwürdigkeit von Sekten des Liebenden und bekannten, daß selbst seine Liebe ein Verbrechen scy; und in eben dem Verhältnis;, als sie den Mangel an Verdienst bekannten, bestärkte sich in Lucie der Glaube an den Werth ihres Geliebten. Der alte Squire wurde durch den Brief seines Bruders sehr ans der Fassung gebracht. Obgleich erfüllt von dem Bewufitseyn seiner eignen Wichtigkeit und von der Vorliebe für ein möglich reines Blut, welche den meisten Landedelleuten gemeinsam ist, hegte er doch eben keine chrgeitzige Absichten mit seiner Tochter. Im Gegenchcil, dasselbe Gefühl, das in Warlock ihn veranlaßte, seine Gesellschafter hinter Leuten geringem Standes zu suchen, machte ihn dem Gedanken an einen Schwiegersohn aus der Peerschaft abgeneigt. Trotz Maulevcrcrs Gefälligkeit war ihm doch eben das Entgegenkommen des Grafen lästig und er fühlte sich in seiner Gesellschaft nie recht heimisch. An Clifford fand er großes Gefallen, und da er sich selbst überzeugt hatte, daß an dem jungen Gentleman nichts Verdächtiges sc», sah er auf der Welt keinen Grund, warum ein so angenehmer Gesellschafter kein annehmlicher Schwiegersohn se»n sollte. „Wenn er arm ist" dachte der Squire, „obgleich cs nicht so aussicht, so ist dafür Lucie reich!" und diese einleuchtende Wahrheit schien ihm alle Einwürse zu widerlegen. Demun- geachtet besaß William Brandou einen großen Einfluß ans das schwächere Gcmüth seines Bruders, und der Squire entschloß sich, wiewohl mit widerstrebendem Herzen, seinem Rath Folge zu leisten. Er verschloß Clifford seine Thüre und wenn er ihm auf der Straße begegnete, gicng er, statt ihn mit der gewohnten Herzlichkeit zu begrüßen, mit einem hastigen: Guten Lag, Capitän! an ihm vorüber, und nach ein paar Tagen verlor sich auch dteß in eine Verbeugung aus der Ferne. Wenn gutmüthige Leute grob werden, und dazu noch ungerechter Weise, so treiben sie auch die Grobheit aufs Aensscrste. Es war dem Squire so peinlich, mit Clifford weniger vertrant scyn zu sollen als bisher, daß jetzt sein einziger Wunsch war, ihn ganz abzuschütteln; und diesem Ende der Bekanntschaft schien der allmälig immer mehr sich crkäl- 73 tende Gruß rasch entgegenzuführen. Jndeß begann Clifford, ausser Stand, Lucien zu sehen, von ihrem Vater gemieden und auf alle seine Fragen nur mit trotzigen Blicken von dem Bedienten abgewiesen, welchen zu Boden zu schlagen, ihn nur die entschlossenste Herrschaft über seine Muskeln abhielt, vielleicht zum erstenmal in seinem Leben zu fühlen, daß ein zweideutiger Charakter wenigstens kein zweideutiges Mißgeschick ist. Was seine widrige Lage vermehrte war, daß der Ertrag seiner früher n Betrt e bsamkeit, wir bedienen uns eines von dem weisen Tomlinson beliebten Ausdrucks, bei dem Aufwand in Vath immer mehr zusammenschmolz; und die murrenden Stimmen seiner Genossen begannen schon dem Häuptling wegen seines unrühmlichen Müßiggangs Vorwürfe zu machen und auf die Nothwendigkcit einer raschen That hinzuweifen. Zwanzigstes Kapitel. Whackum. Seht Ihr da. jetzt? Nun, ganz Europa kann keine Bande feinerer Schlanköpfe und braverer Gcntlemen aufweisen. Dingboy. Wahrhaftig, es sind die allerprächtig- ften Bursche. Shadwell's Herumfeger. Die Welt in Vath ward plötzlich aufs fröhlichste überrascht durch die Nachricht, daß Lord Maulcvcrer nach Veauville, (dem schönen Landsitz, den dieser Edelmann in der Nähe von Barh besaß,) abgcgangen sey, mit der Absicht dort eine Lieihe kostbarer Vergnügungen zu veranstalten. Die ersten Personen welchen der Graf dieses gastliche Vorhaben ankündigte, waren Herr Branden und seine Tochter; er besuchte sic in ihrem Haus und erklärte seinen Entschluß, nicht aus demselben zu weichen, bis Lucie, die auf ihrem Zimmer war, eiuwillige, ihn mit ihrer Gegenwart und dem Versprechen zu beglücken: sie wolle die Königin seines beabsichtigten Festes seyn. Lucie, von ihrem Vater bearbeitet, kam niedergeschlagen und blaß in das Gesellschaftszimmer herunter; der Graf, betroffen über die Veränderung in ihrem Aussehen, ergriff ihre Hand und erkundigte sich nach ihrem Befinden mit scheinbar so thcllnchmen- der und gefühlvoller Güte, daß der Vater zum erstenmal für ihn eingenommen und selbst die Tochter gerührt ward. Auch war seine Bitte, sie mochte sein Fest mit ihrer Anwesenheit beehren, so ernstlich und mit so gewandter Schmeichelei vorgebracht, daß der Squire es über sich nahm, in seiner Tochter Namen zuzusagen; und als sich der Graf, mit diesem Versprechen eines Andern nicht zufrieden, an Lucie selbst wandte, schmolz bald ihr anfängliches Nein in ein förmliches, obwohl mit Widerstreben ansgesprochnes Ja. Entzückt über das Gelingen seines Plans und von Luciens Liebenswürdigkeit, die durch ihre Blässe noch erhöht wurde, noch mehr eingenommen, als er je zuvor gewesen, verließ Maulevcrer das Haus und machte mit größerer Genauigkeit als er bisher gethan hatte, einen Ueberschlag des mnthmaßlichen Vermögens, das Lucie von ihrem Oheim bekommen würde. Sobald nur die Karten zu Lord Maulevcrers Fest ausgegeben waren, hörte mau in den Cirkeln, welche den Leuten in Bath die Welt zu nennen beliebte, von gar nichts Anderem mehr reden. — Hin und wieder beabsichtigen wir, mit größrer poetischen Freiheit als diese Blätter eigentlich gestatten, von den Ergötzlichkeiten und dem Treiben besagter Welt, in welchem Theile Englands sie sich vorsindcn möge, Kunde zu nehmen. Verleihe uns Geduld, o Himmel! — Kraft und Geduld, um den Leuten zu sagen, aus welchem Stoff der gute Ton gemacht ist; während andre Novellenschreiber die nichtswürdigen Erbärmlichkeiten einer alten veralteten Aristokratie rühmen, nachahmen, verherrlichen, welche jetzt das Alter erreicht hat, wo selbst die stattlicheren Sünden ihrer frühem Jugend in Faselei übergehen: verleihe uns die Geschicklichkeit, sie getreulich zu schildern und in ihrer Lächerlichkeit zu zeigen: so wollen wir auf das Glück verzichten, unfern Söhnen irgend eine andre Moral zu vermachen. In der Zwischenzeit nun machte man in Bath 76 Hüte und redete schöne Floskeln; und als man fand, daß Lord Maulcvcrer, der gutmüthige Lord Maulcverer! der gefällige Lord Maulevcrcr! wirklich entschlossen se» ausschlicssend zu werden und von tausend Bekannten nur acht hundert cin- zuladen: da verwandelte sich die Beliebtheit deren er genoß, mit erstaunlicher Schnelligkeit in tiefe Achtung. Jetzt kamen Bcsvrgniß und Triumf an die »Reihe; die Eingeladuc wandte der nicht Geladncn den Rücken, alte Freundschaften lösten sich auf; um ein Zcttclchen Papier schrieb der Unabhängigste Briefe — und wie denn England das frcvste Land von der Welt ist: alle Damen Crethi und Plethi baten sich die Freiheit aus, ihre jüngsten Töchter milbringcn zu dürfen. Ucberlasscn wir denn dem bcneidenswcrthen Maulcverer den göttlichen Genuß, Urheber von so viel Glück und Leid, Triumf und Niedergeschlagenheit zu scyn; Du aber o Leser! begleite uns jetzt in die zierlichen Zimmer über dem Haarkünstlers Laden, welche Herr Eduard Pepper und Herr Augustus Tomlinson inuc haben. Es war Abend, Capitän Clifford hatte mit seinen zwei Freunden gespeist, das Geschirr war weggcnvmmcn und das freie Gespräch waltete an einem Tisch, der mit zwei Flaschen Porter, einer Bowle Punsch die Herrn Peppers Aufmerksamkeit besonders in Anspruch nahm/ mit zwei Tellern Lambertsuüsscn, 77 elnem mit getcufeltem Zwieback und einem vierten, drei unreife Aepfel enthaltend, die Niemand anrührte, geziert war. Das Kamin war rein gekehrt, das Feuer brannte lustig und hell, die Verhänge waren niedergelassen und so das Tageslicht abgeschnittcn. Unsre drei Abenteurer mit ihrem Zimmer schienen das Bild der Behaglichkeit. So kam es auch dem Herrn Pepper vor; denn er sah sich im ganzen Zimmer um und sagte, die Füße auf demKamiugitter aufregend : „Wenn ich mich abkonterfcicn lassen sollte, Ihr Herrn, so ließe ich wich gerade so abreissen, wie ich jetzt bin." „Und" sagte Lomlinson, seine Haselnüsse aufknackend — Lomlinson war ein großer Freund von Haselnüssen, „sollte ich mir ein Haus heranssu- chen, so wäre cs ein solches wie dieses, in dem ich immer einqnartirt seyn mochte." „Ach! Ihr Herrn," sagte Clifford, der eine Zcitlang stumm da «gesessen hatte, „cs ist mehr als wahrscheinlich, daß Eure beiderseitigen Wün. sche erhört, werden und daß Ihr abgerissen und einqnartirt werdet und sonst noch etwas dazu, eben an dem Ort wo Ihr Cucrn Nachtisch verzehrt." „Nun" sagte Lomlinson fein lächelnd, „ich Mit Butter bestrichen und auf dem Rost gedörrt. 73 preise mich glücklich Euch mir wieder scherzen zu Hörem obgleich auf unsre Kosten." „Kosten!" wiederholte Ned! „Ja, da sitzt der Knoten ! Wer Henkers wird die Kosten unsrer Mahlzeit bestreiten?" „Und für unser Essen in der letzten Woche?" setzte Tvmlinson hinzu; „diese leere Nuß Ist ein bedenkliches Vorzeichen; sie hat wenigstens Ein Hauptmerkmal ganz mit meinen Taschen gemein." „O Jemine!" seufzte der lange Ned und kehrte das Innen seiner Westentasche heraus mit einer vielsagenden Geberde, während der hochgebildete Tomlinssn, ein großer Liebhaber der elegischen Poesie, auf die untröstlichen leeren Räume hlndeutend, deklamirte: Wenn uns die Mode lockt im schönsten Kleide, Fragt muthlos unser Herz, ist dieses Freude? In Wahrheit, Ihr Herrn" setzte er hinzu, feycr- lich seinen Nußknacker auf den Tisch uicderlcgend und wie pflegte, wenn er daran war, im Kopf erleuchtet zu werden, mit dem Finger der rechten Hand in der linken, „in Wahrheit, Ihr Herrn, unsre Lage wird ernsthaft und die Nothwendigkcit gebietet Mittel ausfindig zu machen, für ein anständiges Auskommen zu sorgen." „Ich werde verflucht von Mahnern gedrängt," rief Ned. „Und" fuhr Tomlinsvn fort, „kein Mann von Zartgefühl sieht sich gern der Unverschämtheit ?y so gemeiner Gläubiger preis gegeben; wir müssen deßwegen Geld zu Tilgung unsrer Schulden awfbringcn. Capitän Clifford oder Lovett, wie Ihr Euch nennen mögt, wir fordern Euch auf, uns bei einem so preiswerthen Plane zu unterstützen." Clifford sah zuerst den Einen, dann den Andern an, gab aber keine Antwort. „Inxi-imis." sagte Tomlinson, '„wollen wir Jeder sein gegenwärtiges Vermögen angeben; iich für meinen Theil gestehe frank und frei) — denn wie sollten wir uns einer Demuth schämen, der unsre Thätigkeit im Begriff ist sogleich wieder abzuhclfen, daß ich nur zwei Guineen, vier Schillinge und vierthalb Pfennige besitze." „Und ich" sagte der lange Ncd, holte ein Porzellan-Prachtstück vom Kamin herab und leerte seinen.Jnhalt aus, „bin in noch jämmerlicher» Umständen. Seht, ich habe nur drei Schillinge und eine falsche Guinee. Diese gab ich gestern dem Aufwärter im wcissen Hirsch; heut brachte sie mir der Hund wieder und ich war gcnvthigt sie ihm gegen mein letztes gutes Geld auszutauschen. Hole die Pest das Zeug! Ich kaufte sie von einem Juden um vier Schillinge und habe ein Pfund fünf Schillinge bei dem Handel verloren." „Das Schicksal vereitelt unsre weisesten Entwürfe", versetzte die moralisirende Augustus. 8 ° „Hauptmann, wollt Ihr auch die «rmsrllgen Trümmer Eurer Habe sehen lassen?" Clifford, noch immer stumm, warf eine Börse auf den Lisch; Augustus leerte sie sorgfältig aus und zählte fünf Gnincen auf; der Ausdruck großer Uebcrraschuug überzog Tcmlinsons nachdenkliche Stirne und das Geld Clifford hinbietcnd, sagte er iu schwcrmüthigem Ton: -das für Euer ganzer Schatz? der ganze sagt Ihr?" Ein Blick Cliffvrds beantwortete die gewichtige Frage. „Dicß also" sagte Tomlinsvn, das Gcsammt- vcrmögcn in der Hand wägend „dich also ist der Mest unsrer Schätze!" und unter diesen Worten ließ er trübsinnig das Geld in seiner Hand klingeln, betrachtete es mit einer LeichemMicne und rief aus: „Ach! wie unkundig des Geschicks die kleinen Opfer spielen!" ,, O, verflucht!" sagte Ned, „nur keine Empfindsamkeiten. Laßt uns auf Einmal zur Sache kommen. Euch die Wahrheit zu sagen, ich meines Orts bin dieser Erbinncn-Iagd herzlich satt und es kann Einer lcichr ein Vermögen bei der Hatze zusetzcn, eh' er eines gewinnt." „Ihr gebt also die Hoffnung auf die Wittwe förmlich auf, der Ihr so lang den Hof gemacht habt?" fragte Tomlinsvn. 8i „Ganz und gar" versetzte >Ned, dessen Bemühungen sich einzig und allein auf die Damen der mittleren Glasse beschränkt und der sich zu einer Zeit eingebildet hatte, einer theuern Rippe von Cheapside *), wie er sich witzig ausdrückte, gewiß zu seyn. „Ganz und gar! sie war Anfangs sehr artig gegen mich, aber als ich meinen Antrag machte, fragte sie mich mit Ercöthen nach meinen Zeugnissen. Zeugnissen, sagte ich, ey, cs ist mir um die Stelle Ihres Gemahls, nicht Ihres Bedienten zu thun. D>e Dame war unerbittlich, sagte, sie könne mich ohne Rang und Charakter nicht nehmen, gab mir aber Winke, ich sollte statt den Bräutigam, den Liebhaber machen; und als ich diesen Vorschlag mit Verachtung abwies und auf dem Geistlichen bestand, sagte sie mir von der Leber weg mit ihrer unglücklichen städtischen Aussprache: „Sie wolle mich durchaus nicht an den Halter^) begleiten. " „Ha, ha, ha!" rief Tomlinson lachend, „mau kann die gute Dame dcßwegcn nicht wohl tadeln. Die Liebe erträgt selten solche unauflösliche Bande. Aber habt Ihr kein anderes Frauenzimmer im Auge?" „Znm Heirathen nicht! Ueberallhin nur nicht in die Kirche." «) Ebeapstde beißt: wohlfeile Seite, Name eines minder gesuchten O.uartiers in London. '*) Verdorbene Aussprache von Altar; aber zugleich beißt es Galgen. Dulwer'S Romane. XXVIl. 6 8r Während dicß leichtsinnige Paar sich so unterhielt, hörte Clifford, an das Getäfel gelehnt, ihnen mit der schmerzlichen und bittcrn Empfindung der inner» Dcmüthigung zu, die bis auf die letzten Zeiten seiner Brust fremd geblieben war. Endlich ward er durch Ncd aus seinem Schweigen erweckt, der vortrat, seine Hand auf Cliffords Knie legte und sagte: „Kurz und gut, Hauptmann, Ihr müßt uns wieder zum Ruhm führen. Wir haben noch unsre Pferde und ich habe noch meine Maske neben meinem Kamm in der Tasche. Laßt uns morgen Nacht auf die Landstraße ziehen, durch das Land nach Salisbury fliegen, und nach einem kurzen Besuch in der Nachbarschaft bei einer Bande aller Freunde von mir — kecke Gesellen, die den Teufel selbst, wenn er über Stonehenge in Geschäften reiste, anfallcn würden —einen Ausflug nach Ncading und Henley machen und endlich uns nach London werfen. " „Wohl gesprochen Ned!" sagte Tomlinson zu- siimmend. „Jetzt, edler Hauptmann, Cure Meinung. " ,,bloss',vni-s" sagte Clifford, „ich billige Euern beabsichtigten Strcifzug höchlich, und bcdaure nur, Euch nicht begleiten zu können." „Nicht! und warum nicht?" rief Herr Pey- per erstaunt. „Weil ich hier Geschäfte habe, die cs unmög- 8Z lich machen; vielleicht stoße ich in kurzer Frist in London zu Euch." „Nein," sagte Tomlinson, „cs ist nicht gerade nothig, daß wir nach London gehen, wenn Ihr hier zu bleiben wünscht; auch brauchen wir jetzt nicht ein so verzweifeltes Auskuuftsinittcl wie die Landstraße zu ergreifen — ein wenig ruhige Betriebsamkeit iu Bath wird unserm Zweck genügen; und was mich betrifft, so wißt ihr wohl, ich liebe cs, meinen Witz eher bei andern Gelegenheiten leuchten zu lassen, die desselben würdiger sind, als die Hochstraße; — ein Gewerbe, das sich eher für einen Raufer als einen Mann von Geist ziemt. Laßt uns also, Hauptmann, einen Plan entwerfen, wie wir uns mit der Habe eines leichtgläubigen Handelsmanns bereichern könnten; warum zu so herben Maßregeln schreiten, so lauge wir noch gutmüthige Thoren finden?" Clifford schüttelte den Kopf. „Ich will Euch gerade heraus gestehen," sagte er, „daß ich dermalen an Euren Unternehmungen keinen Theil nehmen kann; ja als Euer Gebieter muß ich Euch den gemessenen Befehl ertheilen, aller Anwendung Eurer Talente in Bath Euch zu enthalten. Raubt, wo ihr wollt; die Welt steht Euch offen; aber diese Stadt ist geheiligt. " „Meiner Seel'," rief Ned,'die Farbe wechselnd, „aber das ist zu bunt. Ich lasse mir nicht auf diese Weise vorschreiben. " .6 . . 84 „Aber, Sir!" antwortete Clifford, der in seinem oligarchischen Gewerbe die Kunst zu befehlen gelernt hatte, „aber Sir, Ihr sollt, oder wenn Ihr murrt, so verlaßt ihr unsre Gesellschaft und dann hat der Henker die besten Aussichten auf Euch. Sagt einmal, Undankbarer, was wäret Ihr ohne mich? Wie oft habe ich schon Dein langes Skelet vom Strick gerettet und jetzt wollt Ihr die Niederträchtigkeit begehen, Euch zu empören? Fort mit Euch!" Obgleich Herr Peppcr noch ergrimmt war, biß er sich doch in mürrischem Schweigen in die Lippe und ließ seine Leidenschaft nicht heraus; Clifford stand auf und sagte nach einer kleinen Pause: „Seht, Herr Pepper, Ihr kennt meine Befehle, betrachtet sie als unverbrüchlich. Ich wünsche Euch gutes Glück und reichen Fang. Lebt wohl, Gent- lemeu!" „Verlaßt Ihr uns schon?" rief Tomlinsou. „2hr seyd beleidigt." „Sicherlich nicht!" antwortete Clifford sich der Thüre nähernd; „aber ein Geschäft sonstwo, wißt Ihr." „Ah, ich versteh'Euch," sagte Tomlinson, begleitete Clifford aus dem Zimmer und schloß die Thüre hinter sich zu." „Ja, ich versteh' Euch!" wiederholte er flüsternd, indem er Clifford oben an der Treppe auf- 85 hielt- „Aber sagt mir, wie steht Ihr mit der Erbin?" Die Empfindung in seinem Herzen bemeisternd, welche Clifford, so sorglos er war, jedesmal mit Wuth und Schaam erfüllte, so oft dem Munde seiner Kameraden eine Anspielung auf Lucie Vran- don entschlüpfte, antwortete der Anführer: „Ich fürchte, Tomlinson, der alte Squire hegt schon Verdacht gegen mich! Ganz plötzlich meidet er mich, verschließt mir seine Thüre. Miß Branden geht nicht ans, und wenn sie es auch thäte, was könn, te ich nach diesem plötzlichen Wechsel im Benehmen des Vaters von ihr erwarten?" Tomlinson sah anf dieß blaß und verstört ans; „aber," sagte er nach einem augenblicklichen Schweigen: „warum nicht eine gute Miene bet der Sache annehmen? dem Squire auf den Leib rücken und ihn um den Grund seiner Unhöflichkeit fragen?" „Ja, seht mein Freund; ich bin sonst gegen alle Menschen ziemlich keck; aber dieses Mädchen hat mich so verschämt gemacht, wie eine Jungfrau l in Allem, was sich ans sie bezieht. Ja cS gicbt Augenblicke, wo ich denke, alle selbstsüchtigen Gefühle überwinden und mich um ihretwillen freuen zu können, daß sie mir cntgicng. Könnte ich sie nur noch Einmal sehen — ich könnte, ja! Ich fühle — ich fühle: ich könnte ihr für immer entsagen." 86 „Hm!" sagte Tomlinson, „und was soll aus uns werden? In der Lhat, mein Hauptmann, Euer Pflichtgefühl sollte Euch zur Thätigkeit anspornen; Eure Freunde sterben vor Euer» Augen Hunger, wahrend Ihr mit Eurer Gebieterin Fa- ren macht. Habt Ihr kein Herz für Eure Freunde?" „Still mit diesem Unsinn!" sagte Cliffvrd unmuthig. „Es hat einen Sinn, einen nüchternen Sinn, und einen traurigen dazu ; " versetzte Tomlinson. „Ned ist unzufrieden, unsre Schulden sind gebieterisch. Nehmt nun einmal an, nehmt an, wir entwischen in einer schönen Mondschein-Nacht ans Bath — wird das ein günstiges Licht ans Euch werfen, den wir dahinten lassen? Und doch müssen wir das thun, wenn Ihr nicht Mittel ausfindig macht, unsre Börsen wieder zu füllen. Entweder also entschlicht Euch, uns bei einem Plan zu unterstützen, der unfern Bedürfnissen abhilft, oder bezahlt unsre Schulden in dieser Stadt, oder flieht mit uns nach London und cntschlagt Euch aller Gedanken an die Liebe, die so selten den Entwürfen des EhrgcitzcS günstig ist. " Trotz der Art und Weife, wie Tomlinson seinen dreifachen Vorschlag vortrug, konnte Cliffvrd nicht umhin, die darin enthaltene Wahrheit und Gerechtigkeit anznerkenncn; und ein einziger Blick reichte hin, ihm zu zeigen, wie verderblich füv 67 seinen Ruf nnd mithin auch für seine Hoffnungen die Flucht seiner Kameraden und das Geschrei ihrer Gläubiger scpn müßte. „Ihr habt Recht, Tomlinson " sagte er sich bedenkend, „ und doch kann ich um mein Leben nicht Euch bei Ausführung eines Plans bcistchen, dessen Entdeckung uns in Unannehmlichkeit bringen könnte. Nichts könnte mich mit dem Abscheu aussöhnen, den Miß Branden empfände bei der Entdeckung, wer und was ihr Anbeter war." „Ich verstehe Euer Gefühl," sagte Tomlinson, „aber so gebt mir und Pcpper wenigstens die Erlaubniß, uns selbst fortzuhclfen; vertrant meiner bekannten Klugheit: ich mache ein Mittel ausfindig, den Wind zu wecken ohne den Staub anfzujagen; mit andern Worten, (der verdammte Pcpper macht Einen so gemein!) dem Publikum eine Beute abznjagcn, ohne entdeckt zu werden." „Ich sehe keine andere Wahl," sagte Clifford mit Widerstreben, „aber wo möglich, verhaltet Euch noch für den Augenblick ruhig! haltet mit mir noch wenige Tage aus, gebt mir nur so viel Zeit, noch einmal Miß Branden zu sehen, so verpflichte ich mich, Euch aus Eurer Bedrangniß heraus zu ziehen." ,,DaS ist ein Wort, das Euch gleich sieht! frank und nobel!" versetzte Tomlinson. „Niemand hegt ein größeres Vertrauen zu Eurem Geist, wenn er einmal im Zuge ist, als ich. ^ Nach die- 88 sen Worten schüttelten sich Velde die Hände und trennten sich. Tomlinson gieng wieder zu Herrn Pcppcr. „Nun, habt ihr etwas ausgemacht?" fragte der letztere. „Nicht bestimmt; und obgleich Lvvett versprochen hat, binnen weniger Tage etwas auszu- führcn, so habe ich doch, da der arme Mann in Liebe und sein Genius unter einer Wolke ist, wenig Vertrauen zu seinen Verheißungen." „Und ich gar keines," sagte Popper, „zudem sind wir von der Zeit gedrängt. Wenige Tage! Ja, wenige Teufel! man hat uns gewiß hier schon ausgewittert und ich gehe hier herum wie eine Tonne Bier an Weihnachten, in stündliches Angst angezapft zu werden." „ Cs ist sehr sonderbar," sagte der filvsofische Augustus, „aber mich dünkt, die Handelsleute haben einen Instinkt, vermöge dessen sie einen Schelmen auf den ersten Blick herausfindcn; und ich kann (mag ich mich noch so gut kleiden,) bei meiner Wäscherin nicht mehr Credit bekommen, alS meine Freunde, die Whigs, bei dem Volk." „Kurz, also" sagte der lange Ncd, „wir müssen eben wieder auf die Landstraße zurückkommen, und übermorgen wird sich dazu eine herrliche Gelegenheit finden; der alte Graf mit dem schwerfälligen Name», giebt ein Frühstück oder Fest, oder irgend so eine Mummerei; ich höre, die Leute werden bis nach Mitternacht bleiben; laßt uns unsre Gelegenheit erpassen — wir sind trefflich beritten und ein Wagen, der sich hinter dem großen Zug verspätet, kann uns mit Allem versehen, wornach unser Herz gelüstet." „Bravo!" riefTomlinson und schüttelte Herrn Pepper herzlXH die Hand. „Ich wünsche Euch Glück zu Eurer Schlauheit, und Ihr mögt es mir überlassen, nachher mit Lovett unscrn Frieden zu schließen; ein Unternehmen das ihm großartig erscheint, ist er immer geneigt zu verzeihen, und da er keinen andern Zweig des Gewerbes bearbeitet hat, als die Landstraße, (weshalb ich ihn, ich muß gestehen, für thöricht halte,) wird er um so bereitwilliger seyn, bei Thaten dieser Art uns durch die Finger zu sehen, als bei andern mehr feinen als hcldenmäsigen Anschlägen," „Gut, ick überlasse es Euch, den Burschen zu versöhnen oder nicht, wie cs Euch gefällt; und nun wir den Hauptpunkt ins Meine gebracht haben, laßt uns mit dem Trinken zu Ende kommen." „Und" setzte Augustus hinzu, indem er ein Kartenspiel vom Kaminstück herablangte, „wir können verweile ein bescheidnes Spiel Mariage um einen Schilling machen." „ Topp! " rief Ned , und räumte den Nachtisch weg. Wenn die furchtbaren Herzen des Herrn Edward Pepper und des Ulysses unter Len Räubern, yo des Augustus Tomlinson, höher schlugen, als dle Stunden Lord Maulevcrers Fest hcrbeiführtcn, so sah auch ihr Anführer nicht ohne Bangigkeit und Erwartung diesem Ercigniß entgegen. Er war zwar zn der Lustbarkeit nicht cingcladcn, aber er hatte öffentlich sagen gehört: Miß Braudon, von ihrer Unpäßlichkeit wieder genesen, werde gewiß hinkommcn; und Clifford, von bangen Zweifeln zerrissen und verlangend, noch einmal, und sollte cs auch das letztemal sepn, das einzige Wesen zn sehen, das je in seiner tiefsten Seele das lebhaftere Gefühl seiner Verirrungen oder Verbrechen erweckt hatte, entschloß sich allen Hindernissen Trotz zu bieten, und sic bei Maulcvercr aufzusuchen. „Mein Leben," sagte er, als er allein in seinem Zimmer saß und die zerfallende, glühende Asche seines ruhigen, schwach brennenden Feuers betrachtete," nähert sich vielleicht bald seinem Ende; cs ist in der That gegen alle menschliche Wahrscheinlichkeit, daß ich lange dem mein Treiben bedrohenden Schicksal entgehen werde; und als ich — das letzte Aaskunftsmittel, aus meiner hoffnungslosen Lage wieder zn einem ehrlichen Namen und besserem Lebenswandel mich cmporznhe- ben — hichcr kam und darauf dachte, durch eine Heirath mir Unabhängigkeit zn erringen: war ich blind gegen die verfluchte Niederträchtigkeit dieses Beginnens! Ein Glück, bei dem Allem, daß meine Absichten sich auf ein Weib lenkten, das ich YI so bald und mit solcher Inbrunst lieben lernte. Hatte ich um Eine geworben, die ich weniger liebte — ich hätte mir kein Gewissen daraus gemacht, sie trüglich zur Ehe zu bewegen. Wie es jetzt steht — nun — jetzt ist es überflüssig bei mir, so meinen Entschluß zu bedenken da ich nicht einmal wehr eine Wahl zu treffen habe; da ihr Vater vielleicht schon den Schleier von meiner angemaßten Würde weggchobcn hat, und die Tochter schon bei meinem Nasen schaudernd zurückbebt. Und doch will ich sic sehen! Ich will noch Einmal in dieß Engels-Antlitz schauen; ich will von ihrem eignen Munde das Geständniß ihrer Verachtung hören, ich will sehen wie dieß leuchtende Auge Blitze des Hasses auf mich schießt, und dann kann ich wieder meinem heillosen Gewerbe mich ergeben und vergessen, daß ich je bereute es ange» saugen zu haben. Und doch, was hatte ick sonst für eine Wahl! Freundlos, Heimathlos, Namenlos — eine Waise, schlimmer als eine Waise — der Sohn einer Hure — mein Vater völlig unbekannt; zu meinem Unglück begabt mit frühem Ehr- geltz und Thatigkcitstricb, mit einem halben Schimmer von Gelehrsamkeit und einem ausgemachten Hang zu Allem, was unternehmend aussah — was Wunder, daß ich Alles eher erwählte, als saure Arbeit Tag für Tag und ewige Schande? Alles zeigt mir: die Schuld liegt am Glück und an der Welt, nicht an mir. O Lucie! wäre ich nur in 92 Deinem Kreise geboreni hätte ich nur Anspruch darauf machen können, Dich zu verdienen: was hätte ich nicht gcthan, gewagt und überwunden um Deinetwillen." So oder doch diesen ähnlich waren Cliffords Gedanken in der Zwischenzeit zwischen seinem Entschluß , Lucken zu sehen und dem Tage der Ausführung. Diese Gedanken waren ihrer Natur nach nicht reizend, aber aufregend; auch erwuchs ihm kein großer Trost durch die sinnreichen Betrachtungen, womit er sich selbst zu täuschen bemüht war: wenn er ein Landstraßcnrittcr geworden, so sey dieß ganz die Schuld der Landstraßen. Ein und zwanzigstes Kapitel. Traum. Laß mich sie nur sehen, lieber Leontius. Der humoristische Lieutenant. Hempskirke. Der Bursch war es, sicherlich. Wolfort. Was seyd ihr Kerl? Der Busch des Bettlers. O du göttlicher Geist, der Du kn ganz England jedes Herz entflammst, und Jeden mit dem erhabnen Verlangen anspornst: vornehm zu seyn! der du den Großen anregst, daß er sich klein macht, um noch größer zu erscheinen und die Herzogin veranlaßst, einer Auszeichnung zulieb einer Be, schimpfung sich auszusctzen! Du, der du in so vielen Gestalten, wechselnd, aber immer derselbe entzückst! Geist, der du den Hohen verächtlich machst und den Lord gemeiner als seinen Kammer- dicner! gleich groß, ob du einen Freund betrügst, oder einen Vater betrübst! der du alles was du berührst, mit glanzender Gemeinheit übertünchst, welche von deinen Priestern für Gold gehalten wird; der du die kleine Schaar zu fashionabeln Bällen und die große Menge zu fashionabeln Novellen führst; der du das Genie so gut triffst, wie die Thorheit, wenn du bewirkst daß die Günstlinge von jenem sich einer Bekanntschaft mit den Gnaden einer verschimmelten Peerschaft rühmen, die sie nicht haben, statt des Umgangs mit der Muse des unsterblichen Helikon, der ihnen gegönnt ist! der du in dem großen Ocean des geselligen Lebens keine trockne Stelle übrig läßst für, den Fuß der Unabhängigkeit; der du das ermattete Auge mit einem bewegten, kreisenden Panorama übertünchter Nichtswürdigkeit übersättigst und die Seelen sreigcbvrner Britten in Stäubchen zermalmst — kleiner als die Engel die zu Myriaden auf einem Stecknadelkopf tanzen. Geist, göttlicher Geist! führst du nicht unter dem Mantel der Y4 Leichtfertigkeit ein gewaltiges und scharfes Schwcrdt und beschleunigst du nicht, zur Verachtung übergehend, während Du dir das Ansehen gicbst, die fcycrliche Scheinpracht der Welt zu entfalten, für die große Familie der Menschheit den Zeitpunkt der Erlösung? Magst du, v Geist, dich Fashion, oder Ton, oder Ehrgeitz, oder Eitelkeit, oder Heuchelei , oder Lebensart nennen, oder mit sonst einem eben so erhabenen und hochtrabenden Namen — konnten wir nur von deiner Schwinge eine einzige Feder gewinnen! Wie schon wollten wir in paßltcher Weise die Festlichkeiten des denkwürdigen Tages beschreiben, an dem der freundliche Lord Maulevcrcr die bewundernde Welt von Bath bei sich empfleng und entzückte! Aber um minder poetisch zu reden, wie gs- wiße Schriftsteller sagen, wenn sie Unsinn geschrieben — aber um minder poetisch zu reden und desto genauer: der Morgen war, obgleich rief im Winter, hell und klar und Lord Maulcverer be. fand sich eben ausnehmend wohl. Nichts konnte besser ausgedacht sein, als seine ganze Einrichtung: unähnlich denjenigen, die meist ausdrücklich her- ausgesucht zu seyn scheinen, um in den schneidendsten Contrast mit unsrem Clima zu treten, waren sie bei Lord Maulcverer dnrchgehcnds einer Grönländer-Temperatur angemessen. Die Tempel und Sommerhäuser, womit der Rasen übcrsät war, hatte man theils in Csktniv's-Hütten, theils in Nus- sische Lusthäuser umgewandclt; Feuer wurden sorgfältig unterhalten; die Musiker, dafür trug Mau levcrcr Sorge, sollten so viel Wein bekommen, als sie mochten; sie waren geschickt an Orten un- tcrgebracht, wo sie unsichtbar blieben aber wohl gehört werden konnten. Ein paar Sääle waren aus dem Stegreif für die Liebhaber des Tanzes aufgeschlagcnworden; und daMaulcvcrer, inseinen Voraussetzungen vom innern Wesen der Menschen sich verrechnend, meinte: anständige Gcntlemcn würden eine Abneigung fühlen, ihre Geschicklichkeit zur Schau zu stellen, so hatte er Leute gemiethet, um auf seinen Sceen, auf Schlittschuhen Mcnuetcn und Achter auszuführen, zur Belustigung derer, welche Freunde dieser Hebung waren.. Alle Leute, welche sich willig zeigten, sonderbare Trachten an- zuuchmen und einen wilden Lärmen zu machen, Leu sie Gesang nannten, hatte der Graf eifrig angeworben und sie auf den besten Stellen auf- postirt, um ihnen ein noch sonderbareres Aussehen zu verleihen. Auch war eine Fülle von Cßwaarcn und Ue- berfluß an Getränke da. Maulcvcrer wußte wohl, daß unsre Landsmänncr und Landsmänninnen von jedem Stande gern in eine höhere Begeisterung sich versetzen. Kurz, das ganze Oüjoünü war so dcwuudernswcrth augcordnct, daß sich mit Wahrscheinlichkeit erwarten ließ: die Gäste würden während der Lustbarkeit nicht viel melancholischere Ge- ys Achter machen, als sie gethan haben würden, wenn sie etwa zu einem Leicbenbcgäugniß bestellt gewesen wären- Lucie und der' Squire waren unter den ersten Ankömmlingen. Mauleverer gieng auf Vater und Tochter mit seiner feinsten DcvonshireHaus-Lebensart zu, und bestand darauf, letztere unter seine eigene Obhut zu nehmen und ihr alle Anstalten als Cicerone zu zeigen. Als das Gedränge wuchs und man bemerkte, welche höfliche Aufmerksamkeit der Wirth Lucien bewies, da erhob sich unter den Gästen inaunig, sachcs, neidisches Geflüster. Die guten Leute, natürlich verstimmt bei dem Gedanken, daß zwei Personen sich heirathcn könnten, thcilten sich in zwei Parthcien; eine zog auf Lucie, die andere auf Lord Mauleverer los; jene tadelte ihre List, diese seine Thorhcit. „Ich dachte mirs doch, sie würde ihre Karten gut ausspielen—die eingebildete Creatur!" sagten die Einen- „Januar und May" brummten die Andern, „ der Mann ist sechzig alt!" Es war bcmcrkenswcrth, daß die Parthey, welche gegen Lucien war, hauptsächlich aus Damen bestand, die gegen Mauleverer aus Männern; das muß in der Lhat eine gehässige Aufführung scyn, die Einem dcu Unwillen des eignen Geschlechts zuzieht. Unbewußt ihrer Schuld bewegte sich Lucie mun- ter dem Gewühle, am Arm des galanten Grafen, und (denn ihr Herz war fern von hier) lächelte matt erschöpft bei seinen Bemühungen sie zu unterhalten. Selbst in der Unähnlichkeit des Paares lag etwas Interessantes; so gar rührend erschien die Schönheit des jugendlichen Mädchens mit den zartgefärbten Wangen, mädchenhaften Formen, gesenktem Augenlied, und ruhiger Natürlichkeit des Wesens, im Vergleich mit der weltmännischen Haltung und erkünstelten Liebenswürdigkeit ihres Begleiters. Nach einiger Zeit, als sie sich in einem Theile der Anlagen befanden, trat Maulevcrer, der bemerkte daß Niemand in der Nähe scp, in eine schmucklose Hütte und so bezaubert war er in diesem Augenblick von der Schönheit seines Gates und so paffend schien ihm die Gelegenheit zu einer Eröffnung, daß er nur mit Mühe das Ge- ständniß, das auf seinen Lippen schwebte, unterdrückte, und den klügeren Plan wählte, zuerst gleichsam den Weg zu sondircn und vorzubereiten. „Ich kann Ihnen nicht sagen, meine liebe Miß Braudon", begann er und drückte leicht die schöne Hand die auf seinem Arm ruhte, „wie glücklich ich bin, Sie als Gast, als Königin vielmehr in meinem Hause zu scheu. Ach! könnte die Blüthe der Jugend mit ihren Gefühlen wider- kehrcn! die Zeit ist nie so grausam als wenn sic, indem sie uns die Macht zu gefallen entzieht, das Vulwcr's Nomane XX VII. 7 unseelige Recht bezaubert zu werden, kn ungeschwächter Kraft läßt- " Vkanlevcrer erwartete mindestens eine erreichende Vestreituna des versteckten Sinnes eines so gefühlvoll ansqedrückten Gedankens; er täuschte fick. Lncie, weniger empfänqlkch als sonst füe das Zärtliche oder dessen Geaentheil, verstand den Sinn kaum und antwortete einfach: das sev sehr wabr. ,,Das kommt dabei heraus" dachte Maule- vcrer, ein wenig stutzend über die unerwartete Antwort, „wenn man, wie mein Freund Burke, seiner ist, als die Zuhörer cs vertragen können." „Und doch," begann er wieder, „möchte ich mein Vermögen zu bewundern, nudlos ja peinlich wie es mir ist, nicht anfgeben. Und eben jetzt, da ich Sie ansebe, sagt mir mein Herz, daß cs in Zh- rer Willkür steht, die Wonne die ich empfinde, mit Einem male und für immer in Elend und Gram zu verwandeln, aber eben während mir mein Herz dieß sagt, sehe ich Sie an." Lncie scklng das Auqe auf und etwas von Ihrer gewöhnlichen Schalkhaftigkeit spielte in ihre» Zügen. „Ich glaube, mein Lord!" sagte sie, die Hütte verlassend, „es wäre besser unsre Gäste aufzusuchen; die Wände haben Obren und welche Vorwürfe müßte sich der lebensfrohe Lord Maulcve- rer machen, wenn ihm wieder etwas zu Ohren käme -ren seinen zierlickjen Eompllnicnicn gcgcu-" 99 „b!e rcitzcndste Person kn Europa!" r!cf Maulcvcrcr heftig und faßte jetzt die Hand, die er zuvor leicht berührt hatte; in diesem Augenblick sah Lucie gerade ihr gegenüber, halb versteckt von einer Pflanzung Immergrün, die Gestalt Cliffords. Sein Gesicht, das blaß und eingefallen schien, >rar nicht gegen die Stelle gekehrt wo sie stand, und offenbar bemerkte er weder sie noch den Lord; aber so groß war der Eindruck den dieser flüchtige Anblick desselben auf Lucie machte, daß sie heftig zitterte, unwillkürlich einen leisen Schrei ausstieß und ihre Hand Maulcvercr entriß. Der Graf stutzte, beobachtete den Ausdruck ihrer Augen und wandte sich sogleich nach der Stelle, wohin ihr Blick gerichtet schien. Er hatte das Knistern des Gebüsches nicht gehört, aber mit seinem gewohnten Schncllblick sah er, daß es »och bebte, als wäre cs erst kurz zuvor bewegt worden und durch die Zwischenräume desselben erhaschte er noch den Schalten einer fliehenden Gestalt. Er eilte ihr nach mit einer Schnelligkeit, die gegen seine sonstigen Bewegungen sehr abstach; aber eh' er das Gebüsch erreichte, war jede Spur des Eindringlings verschwunden. Welche Sklaven des Augenblicks wir sind! Als Maulcvcrer sich wieder gegen Lucie wandte, die beinah bis zur Ohnmacht angegriffen an die nahe Wand der Hütte sich lehnte, hätte er sich eben so gut einsallen lassen mögen zu fliegen, als 7 .. loo ihr das edelmüthige Anerbieten seiner Person u. s. w. zu machen, das er noch vor einem Augenblick Lucicn zu eröffnen brannte. Eitle Leute sind immer verwünscht eifersüchtig, und Maulcve» rer, der wohl noch an Cliffords und Lucicne Er- röthcn dachte, als sie mit ihm tanzte, wußte sich sogleich ihre Bewegung und den Grund davon zu deuten. Mit sehr ernsthafter Miene näherte er sich dem Gegenstand seiner jüngst gespendeten Verehrung, und verlangte zu wissen, ob es nicht der plötzliche Anblick eines ungebetenen Gastes scy, der ihr den Schrecken verursacht. Lucie, kaum wissend was sie sagte, antwortete mit leiser Stimme: „Das war es, in der That!" und bat ihn dringend sie zu ihrem Vater zu bringen. Maule- vcrcr bot ihr mit großer Würde den Arm und das Paar betrat den besuchten Theil der Anlagen, wo Maulcvcrer wieder gegen alle Anwesenden von Lächeln und Artigkeit überströmte. „Er ist sicherlich erhört" sagte Herr Shrcwd zu Lady SImper. „Welch ungeheure Partie für das Mädchen!" war die Antwort der Lady Simper. Unter der Musik, dem Tanze, dem Gedränge und Gelärme wurde es Lucken leicht sich wieder zu fassen; so bald sie ihres Vaters ansichtig wurde, machte sie sich von Lord Maulevcrers Arm los, schloß sich an den Squire an und blieb eine geduldige Zuhörerin seiner Betrachtungen, bis spät 101 am Abend, wo man es als eine sich von selbst verstehende Sache ansah, daß die Leute in einen langen Saal sich begaben, um zu essen und zu trinken. Mauleverer, jetzt ganz durchdrungen von den Pflichten seiner Stellung und äußerst erbost gegen Lucie, söhnte sich leichter, als ohne dieß der Fall gewesen wäre, mit der Etiquctte aus, die ihm auferlcgte statt der Schönheit des Festes eine alte verwittwete Herzogin zum Gegenstand seiner gastlichen Höflichkeit zu machen; aber er war besorgt dem Squire die für ihn und seine Tochter bestimmten Plätze anzuweisen, die, obgleich in einiger Entfernung vom Grafen, doch im Bereich seines wachsamen Auges waren. Während Mauleverer die Herzogin Wittwe vergötterte und seine Lebensgeister mit einem jungen Huhn und einem ärztlichen Glas Madera wieder auffrischte, lenkte sich das Gespräch in der Nähe von Lucie, zu ihrer unbeschreiblichen Noth, auf Clifford. Einige hatten ihn in den Anlagen gestiefelt und in Rcitcrkleidung gesehen, (zu jener Zeit war es selten, daß die Leute in Kleidern von demselben Schnitt-tanzten und ritten), und da Mauleverer ein Mann war, der streng auf diese Kleinigkeiten der Ctiguette hielt, so gab diese Nachlässigkeit Cliffords allerdings einen Gegenstand der Erörterung ab. Allmalig gieng das Gespräch in die alte Frage über: wer denn dieser 102 Kapitän Clifford sey? und gerade als cs diese» Punkt erreicht hatte, erreichte cs auch das halb- taube Ohr des Lord Maulcvcrcr. „Bitte, mein Lord!" sagte die alte Herzogin, „da er Einer Ihrer Gäste äst, so können Sic, da Sie wisse», Wer und Was Jeder ist, uns wahrscheinlich über die wahre Familie dieses hübschen Herrn Clifford Auskunft geben?" „Einer meiner Gäste, sagten Sie?" antwortete Maulcvcrcr mit einer Erbitterung die sich sehr von seiner sonstigen, ruhigen Weise entfernte. „In der That, Euer Gnaden thun mir Unrecht. Er mag der Gast meines Kammerdieners sevn, aber sicherlich nicht der meinigc, und sollte ich ihm begegnen, so wollte ich cs meinem Kammerdiener überlassen ihm auch den Abschied zu geben, wie die Einladung." Maulcvcrcr hatte die Stimme erhoben, als er über den Lisch hinüber auf Lncicns Angesicht einen Wechsel von Mäße und Röthe bemerkte, der all die heftigeren Leidenschaften, die sonst in ;hm träg schlummerten, z» giftiger Wuth auf- stacheltc, dann, als er schloß, sah er sich mit vornehmer und sarkastischer Miene rings um. So laut war sein Ton, so nachdrüklich die Beschimpfung, und so tief die Tvdcsstille am Tisch gewesen, während er sprach, daß Jedermann begriff, die Beleidigung müsse uothwcndig Clifford zu Ohren gekommen scpn, falls er im Saale war» Und als Maulcvercr geschlossen hatte, herrschte eine allgemeine unheimliche und verworrene Spannung auf eine Antwort und einen Auftritt; Alles blieb still und bald war cs gewiß, daß Clifford nicht im Saale war. Als Herr Shrcwd sich von dieser Thatsache hinreichend überzeugt hatte, (denn in Clifford war ein kühner Geist, den wohl wenige gern gegen sich gereiht hatten) brach diese Person das Stillschweigen durch die Bemerkung, daß Niemand, der darauf Anspruch mache, ein Gentleman zu sepn, sich ungebeten und unwillkommen in einer Gesellschaft zudrängcn würde ; und Maulcvercr, der die Bemerkung aufgriff, sagte, zugleich mit Herrn Shrewd trinkend: ein solches Betragen rechtfertige im vollen Umfang die Gerüchte über Herrn Clifford und schließe ihn ganz und gar von dem Rang aus, den sich nur anzumaßen, er schon vorher mehr als verdächtig gewesen. Eine so aufgeklärte und befriedigende Ansicht von einer solchen Autorität einmal verbreitet ward unverzüglich mit allgemeinem Beifall crwledert, und lang eh das Mahl vorüber war, schien cs stillschweigende Ucbereinkunft: Capitän Clifford verdiene nach Coventry geschickt zu werden und wenn er über die Verbannung sich zu beschweren wage, so habe er weiter kein Recht zur Klage, wenn man ihn von da zum Teufel schicke. Der gute, alte Squire, eingedenk seiner frü- Hern Freundschaft für Clifford uud zur Windfahne nicht gemacht/, wollte eben bei der Veranlassung eine Rede beginnen, als Lncie, ihn beim Arm fassend, ihn anflchte zn schweigen, und so geisterhaft war die Bläffe ihrer Wange als sic sprach, daß das Auge des Squire, doch sonst ziemlich blöde, auf einmal in das eigentliche Geheimniß ihres Herzens drang. Sobald ihm dieß Licht auf- gegangen, wunderte er sich, als er sich Cliffords große persönliche Schönheit und seine Aufmerksamkeit gegen Lncie vergegenwärtigte, daß cs ihm nicht früher schon klar geworden: er lehnte sich auf seinen Stuhl zurück und versank in die aller- widerlichsten Träumereien, die ihm je in den Kopf gekommen waren. Auf ein gegebenes Zeichen fieng die Musik für die Tänzer wieder an, und auf einen zn dem Zweck von dem Wirth gegebenen Wink, standen die Gäste ohne Umstände auf, um zu andern Unterhaltungen sich zu wenden und andern, bisher vom Essen ausgeschlossenen Gästen dcnPlatz der Abtre- tcndcn cinzuräunicn. Während des Mahls war der Abend angebrochen und die Scene wurde jetzt wirklich ganz malerisch und feenarlig; an vielen Baumen hicngcn Lampen, welche das Licht durch die reichsten und mildesten Farben brachen, die Musik selbst schien noch musikalischer als den Tag über; Zigeuner-Zelte waren in wilden, abgelegenen Orten und im Gebüsch aufgeschlage» und die Hellen Holzseuer darin loderten lustig in der kalten aber heitern Luft der überhand nehmenden Nacht. Der Anblick war ganz neu und reihend; und da cs sich von selbst verstand, daß die Damen Pelze, Mäntel und Stiefel mitbrach- tcn, bildeten alle, welche in solcher Rüstung sich gut auszunehmen meinten, kleine Gruppen und zerstreuten sich in den Anlagen und in den Zelten. Diejenigen dagegen, bei welchen das Purpurlicht der Liebe durch die Kalte leicht von den Wangen in das mittlere Prachtstück des Angesichts getrieben wurde, oder die ein Feuer im Zimmer für eben so angenehm hielten als ein Feuer ln einem Zelt, blieben drinnen und betrachteten das Schauspiel durch die offnen Fenster. Lucie verlangte nach Haus zurück und der Squire war nicht abgeneigt, aber unglücklicherweise war es noch eine Stunde bis zu der Zeit, auf welche der Wagen bestellt war und so schloß sie sich blindlings einer Gruppe von Gästen an, welche den gutmüthigen Squire beredet hatten sein Podagra zu vergessen und sich hinausznwagen um das Feuerwerk mitanzusehen. Ihre Gesellschaft war bald durch andere verstärkt und die Gruppe wuchs allmälig zu einer Schaar an; der Schwarm blieb einige Minuten vor einem kleinen Tempel stehen, in welchem so eben Feuerwerke der Scene einen neuen Ncitz zu geben begonnen hatten. Diesem Tempel gegenüber wie auch im Hintergrund derselben hatte inan die Gange und Bäume absichtlich beinah ohne Beleuchtung gelassen, um die Wirkung des Feuerwerks zu erhöhen. „Ich erkläre" sagte Lady Simpcr *) mit einem Blick auf einen der Gänge, der sich in die Nacht hinaus zu verlieren lschicn, „Ich erkläre, dicß sieht ganz dem Pfad eines Liebenden gleich! wie gütig von Lord Maulevercr! solch eine zarte Aufmerksamkeit — " „Für Sie, gnädige Lady!" ergänzte Herr Shrcwd mit einer Verbeugung. Während Lucic, auch bei diesem Schwarm stehend, gedankenlos den langen Feuer-Streifen zusah, die von Zeit zu Zeit gegen den Himmel aufschosscn, fühlte sie sich plötzlich bei der Hand gefaßt, und im ncmlichcn Augenblick flüsterte eine Stimme: „Ilm Gottes willen, lesen Sic dieß jetzt und gewähre» Sie meine Bitte!" Die Stimme, welche aus dem tiefsten Herzen des Sprechenden herauf zu kommen schien, erkannte Lucic sogleich; sie zitterte heftig und lblicb einige Minuten stehen; kaum sich getrauend die Augen vom Boden zu erheben. Ein Brief« chen, das suhlte sie, war in ihrer Hand geblieben, und der ticfschmerzliche und ernste Ton dieser Stimme, die ihrem Ohr theurcr war, als ») Limper bedeutet im Englischen bas einfältige Lä» chetu, Liirevä Hecht schlau. die Fülle der Musik, flößte ihr heftiges Vckian- gen aber auch Furcht ein, es zu lesen. Als sie wieder Muth gefaßt hatte, sah sie sich um, und als sie bemerkte, daß Aller Aufmerksamkeit auf das Feuerwerk gerichtet war, und ihr Vater namentlich, auf seinen Stock sich stützend, das Schauspiel mit der ungetheiltcn Freude eines Kindes zu genießen schien, schlüpfte sie leise weg, trat unbemerkt in einen der Gänge und las beim Licht einer einsamen Lampe die an dessen Eingang brann« te, folgende Zeilen die mit Bleistift und hastiger Hand auf ein, wie cs schien, aus einer Brieftasche gcrißncs Blatt geschrieben waren. „Ich flehe, ich beschwöre Sie, Miß Branden, mich, wenn auch nur für einen Augenblick zu sehen. Ich habe im Sinn, mich von dem Ort, Ivo Sie sich aufhalten, loszurcisscn — Ins Ausland zu gehen — die Stätte zu verlassen, die durch die Berührung Ihres Fußes geheiligt ist. Von dieser Nacht an wird meine Gegenwart, meine Kühnheit Sie nicht mehr herabwürdigc». Aber in dieser Nacht, um der himmlischen Barmherzigkeit willen, sehen Eie mich, oder ich werde wahnsinnig. Ich will nur einen Augenblick mit Ihnen sprechen, das ist Alles was ich verlange. Wollen Sic mir diese Bitte gewähren, so wird der Gang links von da, wo Sie stehen, an dessen Eingang eine rothe Lampe brennt, ein passender Ort seyn für Ihre That der Barmherzigkeit. Wenige Io8 Schritte einwärts von diesem Gang will ich Sie treffen. — Niemand kann uns sehen oder hören. Wollen Sie mir das gewähren? Ich weiß nicht — sch wage nicht cs zu denken — aber in jedem Falk wird Ihr Name das letzte Wort auf meiner Lippe feyn. P. C." Als Lncie dieß hastige Gekritzel gelesen hatte, warf sie einen Blick auf die Lampe über ihr, und sah daß sie zufällig in den Gang getreten war, welchen das Briefchen bezcichncte. Sie stand still, sie zögerte, die Unschicklichkeit, die Sonderbarkeit der Bitte drängten sich ihr sogleich auf; auf der andern Seite — die angstvolle Stimme, die ihr noch im Ohre klang, die zusammenhängende Heftigkeit des Billet's, die Gefahr, der Tadel, dem Clifford sich ansgesetzt, einzig und allein — so flüsterte ihr Herz ihr zu — um sie zu sehen: alles dieß zusammcngcnommcn mit ihrem einfachen Gemütv, ihrer zarten Empfindung und ihrer Liebe für den Bittsteller, bewog sic darein zn willigen. Sie warf einen Blick rückwärts ; Alle schienen mit ganz andern Gedanken beschäftigt, als daß sie hätten von ihr Kunde nehmen sollen; sie schaute ängstlich vorwärts — da war Alles düster und verworren; aber plötzlich unterschied sie in kleiner Entfernung eine dunkle sich bewegende Gestalt. Sie fühlte ihre Kniee wanken und ihr Herz gewaltsam schlagen; sie trat einige Schritte vor- wärts, blieb wieder stehen und sah zurück; die Gestalt vor ihr schien sich ihr zu nähern, sie faßte wieder Muth und gicng vor; die Gestalt stand neben ihr. „Wie cdelmüthig, wie herablassend ist diese Güte von Miß Brandon!" sagte die Stimme, die so sehr mit geheimer mächtiger Bewegung zu kämpfen halte, daß Lucie darin kaum Cliffords Stimme erkannte. „Ich wagte nicht es zu hoffen; und nun — nun ich sie treffe —" Clifford hielt inne, als suchte er nach Worten, und Lucie bemerkte trotz der Finsterniß, daß ihr sonderbarer Gesellschafter heftig erschüttert war; sie wartete zu bis er fortfahre, aber da sie ihn schweigend bin und hcrgchen sah, sagte sie mit zitternder Stimme: „In Wahrheit, Herr Clifford l ich fürchte es ist sehr — sehr ungeeignet von mir, mit Ihnen so zusammcnzukvmmen; nichts als die heftigen Ausdrücke in Ihrem Brief und — und —kurz, meine Furcht, Sie möchten auf verzweifelte Schritte denken, die ich nicht errathen konnte, bewog mich Ihrem Wunsch einer Unterredung zu entsprechen. " Sie schwieg und als Clifford noch immer stumm blieb, setzte sie mit einiger Kälte im Ton hinzu: „Wenn Sie mir wirklich etwas zu sagen haben, so müssen Sie mir die Bitte erlauben, cs rasch auszusprcchen. Diese Unterredung sollte, das sagt Ihnen Ihr eigen Ge- no fühl, beinah eben so bald zu Ende fern, als sie aufangc." „Hören Sie mich also!" sagte Clifford seine Verwirrung bemcistcrnd, mit fester und Heller Stimme, „Ist es wahr, was ich so eben gehört habe, ist cs wahr, daß mau in Ihrer Gegenwart von mir in beleidigenden und beschimpfenden Ausdrücken gesprochen hat?" Jetzt war cs an Lucie, verwirrt und bestürzt zu sepu; bange zu kränken und dcch voll des heftigen Verlangens, Cliffcrd möchte von der Gering chrtznng und dem Verdacht, welche sein Ge- hcimthun auf seinen Ruf werfe, erfahren, um sie zu entkräften, schwankte sie zwischen diesen beiden Empfindungen und ohne den letztcru zu felgen , gelang cs ihr dcch nicht, das was sie im andern Falle befürchtete, abzulchncidcu. „Genug!" sagte Cliffcrd im Tone tiefer Kränkung als sein begieriges Ohr den Sinn ihrer stammelnden, verworrenen Antwort cinsog und ihn, noch dcmüthigendcr als er wirklich war, auslegte. „Genug! ich sehe, daß cs wahr ist und daß das einzige menschliche Wesen auf der Welt, dessen gute Meinung mir nicht gleichgültig ist, Zeuge war von der beschimpfenden Art und Weife, worin Andre sich über mich anszusprcchen erkühnten. " „Aber" sagte Lucie lebhaft," warum dem Neid oder der Klatscherei einen Verwand geben? Warum Ihre Herkunft uud amllie nicht öffentlich bekannt werden lassen? Warum sind Sie hier" (uud ihre Stimme wurde jetzt leifcr) „gerade heute, ungeladen, und dcßhald der Vcrläumdung aller derjenigen preis gegeben, welche eine Einladung für eine Ehre halten? Verzeihen Sie mir, Herr Clifford, vielleicht beleidige, kränke ich Sic, wenn ich so frcimüthig mit Ihnen rede; aber Ihr guter Name ist in Ihren Händen und Ihre Freunde können nur mit Kummer znfehcu, wie Sie damit spielen." „Mein Fräulein!" sagte Clifford, und Lu- cicus Augen, die sich jetzt an das Dunkel gewohnt hatten, bemerkte» ein bitteres Lächeln auf seinem Munde, „mein Name, gut oder schlimm, ist mir ein ziemlich gleichgültiger Gegenstand. Ich habe von ilosofcn gelesen, die darauf stolz sind, auf die Meinungen der Welt keinen Werth zu legen. Rechnen Sie mich unter diese Sekte; aber es ist, ich gesteh' cs, mein inniges Verlangen, daß Sie allein, in der ganzen Welt, mich nicht verachten möchten; und nun da ich fühle, daß Sie dicß thuu, thun müssen — ist Alles, was des Lebens oder der Hoffnung sich verlohnte, dahin!" „Sie verachten!" sagte Lncie und ihre Augen füllten sich mit Thräneu. „In Wahrheit, Sie thun mir und sich selbst Unrecht. Aber Horen Sie mich an, Herr Clifford! ich habe zwar nur wenig von der Weit gesehen, aber doch genug, nr um jetzt zu wünschen, ich hätte immer in der Zurückgezogenheit gel.bt; die seltenste Eigenschaft bei beiden Geschlechtern, obgleich es die natürlichste ist, scheint mir Gutmüthigkcit, und die einzige Beschäftigung der sogenannten fashiona- lbcln Welt scheint mir die: von Andern Schlimmes zu reden! nichts glcbt der Lästerung ein so erwünschtes Ziel, als das Gehcimniß; nichts entwaffnet sie so, wie Offenheit. Ich weiß, Ihre Freunde wissen, Herr Clifford, daß Ihr Charakter die Probe hält und ich für meinen Theil glaube von Ihrer Familie das Gleiche. Warum erklären Sie also nicht. Wer und Was Sie sind?" „ Diese Aufrichtigkeit würde in der That meine beste Vcrthcidigung sepn," sagte Clifford in einem Ton der Luciens Ohr mißfällig berührte, „aber, fürwahr mein Fräulein, ich wiederhole es, ich frage so viel als nach einem Tropfen dieses werthlvsen Bluts darnach, was die Leute von mir sagen; die Zeit ist vorüber und für immer; vielleicht war sie für mich nie eigentlich vorhanden — einerlei) I Ich komme hichcr, Miß Branden, nicht um nur einen Gedanken an diese nichtswürdigen Lhorheiten oder an die veralteten Hohlköpfe zu verschwenden, von denen sie ausgesprochen wurden. Ick kam hiehcr, einzig und allein, um Sie noch einmal zu sehen, Sie sprechen zu hören, Ihre Bewegungen zu beobachten, Ihnen zu sagen (hier zitterte dem Redenden die Stimme, daß man ihn kaum verstand), Ihnen zu sagen, wenn sich eine Gelegenheit zur Entdeckung darböre, daß ich die Kühnheit — den Frevel begieng — Sie zu lieben — zu lieben — o Gott! Sie anzubcten und dann Sie für immer zu verlassen." Bleich,zitternd, kaum vermittelst des BaumS, an den sie sich lehnte, sich aufrecht erhaltend, hörte Lucie dieß rasche Geständniß an. „Darf ich es wagen diese Hand anzurührcn?" fuhr Clifford fort, indem er niedcrkuiccnd, schüchtern und ehrerbietig sie faßte. „Sie wissen nicht, Sie können sich nicht träumen lassen, wie unwürdig der ist, der sich diese Kühnheit erlaubt — und doch nicht ganz unwürdig, weil er eines so tiefen, so heiligen Gefühls fähig ist, wie er gegen Sie hegt. Gott segne Sie, Miß Branden! — Lucie, Gott segne Sie! und wenn Sie iu Zukunft hören, daß mich ein noch schwärzerer Verdacht, eine noch strengere Untersuchung trifft, als jetzt auf mir lastet — wenn selbst Ihre Güte und Huld keine Verthcidigung für mich findet — wenn der Argwohn zur Gewißheit wird und die Untersuchung mit der Verdammung endigt: dann glauben Sie wenigstens, daß die Umstände mich aus meiner Natur hiuausgctriebcn haben, und daß unter einem bessern Stern ich ein Andrer geworden wäre, als der ich bin." Luciens Thränen träufelten auf Cliffords Hand als er sprach und als ihm däs Herz im Leibe zergehen wollte, wie er dieß Bulwcr's Romane. XXVII. 8 H4 fühlte und zugleich seine verzweifelte und rettungslose Lage empfand, setzte er hinzu: „Jedermann bewirbt sich um Sic — der Stolze, der Reiche, der Junge, der Hochgeborne — Alle liegen Ihnen zu Füßen! Sie werden Einen aus dieser Zahl zum Gatten erwählen; möge er über Ihnen wachen, wie ich es gcthan hätte — Sie lieben, wie ich, das kann er nicht! Ja, ich wiederhole es!" fuhr Clifford mit Heftigkeit fort, „das kann er nicht! Keiner unter der fröhlichen, glücklichen, seidenen Schaar Ihrer Standesgcnosscn und Anbeter kann für Sie die einzige und übermächtige Leidenschaft fühlen, die mir das ist, was Andern Vaterland, Macht, Neichthnm, Ehre, guter Name, Friede, öffentliche Sicherheit, der ruhige Genuß der Luft, die geringste und doch zugleich die höchste Segnung — zusammen sind. Noch einmal, möge Gott im Himmel über Ihnen wachen und Sic schützen. Ich reiste mich, indem ich Sic verlasse, von Allem los, was mich erfreut und bcseeligt und aufrichtet oder vielleicht würde gerettet haben. Leben Sic wohl!" Die Hand, welche Lucie ihrem sonderbaren Anbeter gelassen, ward heftig an seine Lippen gedrückt; dann ließ er sie rasch fahren und sic sah sich wieder allein. Clifford aber, mit äußerster Schnelligkeit durch die Bäume eilend, schlug den Weg zum nächsten Lhore ein, das aus Maulevercrs Besitzthum hin- i>5 aus führte; als er dieß erreichte, hatte eine Schaar der altern Gäste de» Eingang besetzt, und unter diesen war eine Herzogin von solcher Auszeichnung, daß Manlcvcrer trotz seiner Abneigung gegen ein überflüssiges Zusammentreffen mit der Nachkluft, sich verpflichtet gefühlt harre, sie an ihren Wagen zu begleiten. Er war in sehr übler Laune über seine nvthgcdrungene Höflichkeit, besonders da das Fuhrwerk ihn sehr lange warten ließ, bis er seiner Pflicht entledigt wurde, als er beim Lampenlicht Clifford nahe an sich vorbei und auf das Thor zugehen sah. Ganz seiner Weltklughcit vergessend, die ihn sollte abgehalten haben, einen Auftritt mit irgend Jemand, namentlich mit einem fliehenden Feind und mit einem Mann zu veranlassen, den zu besiegen, wenn anders seine Muthmassungen gegründet waren, nur wenig Ruhm brachte und noch weniger, mit ihm sich zu streiten — einzig an Cliffords Nebenbuhlerschaft und seinen Haß gegen ihn wegen seiner Kühnheit denkend, trat Mau- leverer, nach einer hastigen Entschuldigung gegen die von ihm geführte Dame vor, stellte sich Clifford in den Weg und sagte mit einer Verbeugung des ruhigen Hohnes: „Verzeihen Sie, Sir, haben Sie in Folge einer Einladung von mir oder von meinem Bedienten mich heute mit Ihrer Anwesenheit beehrt?" Cliffords Gedanken waren in dem Augenblick, da er so angeredet wurde, von der Beschaffenheit, 8 .. daß alles kleinere Mißgeschick davor in Nichts zu- sammcnschrumpfte; wenn er also auch einen Augenblick bei der Rede des Grafen stutzte, so vcrricth doch seine Antwort keine Verlegenheit, sondern rnit einer achtungsvollen Verbeugung und ohne die Beleidigung, welche in Mamcvcrcrs Worten lag, zu berücksichtigen, crwlcdcrte er: „Euer Lvrdschaft beliebe nur einen Blick aus meinen Anzug zu werfen, um sich zu überzeugen, daß ich nicht in der Absicht, auf Ihre Gastfreundschaft Anspruch zu machen, Ihre Besitzung betreten habe. Die Wahrheit ist, und ich erwarte es von Eurer Lvrdschaft Artigkeit, daß einer solchen Entschuldigung Raum gegeben wird, daß ich morgen diese Gegend und zwar auf längere Acit verlasse. Eine Person, die vor meinem Abgang zu sehen, mich sehr verlangte, befand sich unter Eurer Lordschaft Gästen; dicß hörte ich und wußte, daß ich keine andre Gelegenheit mehr finden würde, die fragliche Person vor meiner Abreise noch zu sehen; und jetzt muß ick es der wohlbekannten Artigkeit Lord Maulcverers anheim stellen, diese Freiheit zu entschuldigen, deren Grund ein Geschäft ist, das beinah den Charakter einer Norh- wendigkeit tragt!" Lord Maulevercrs Anrede an Clifford hatte sofort eine Menge begieriger, erwartungsvoller Anderer versammelt; aber so ruhig und wahrhaft vvrnehmanständig war Cliffvrds Haltung und Lou Hei seiner Entschuldigung, daß der ganze Schwarm sich plötzlich widerlich getäuscht fühlte, Lord Maulevcrer selbst, überrascht durch die Fassung und das Benehmen des ungebetenen Gastes, war einen Augenblick in Verlegenheit, und Clifford wollte eben diesen Augenblick benützen und sich fort machen, als Maulevcrer mit einer zweiten, höflicheren Verbeugung sagte: „Ich kann mich nur glücklich schätzen, Sir, daß mein armer Landsitz Ihnen eine Bequemlichkeit darbot, aber wenn ich nicht zudringlich erscheine, wollen Sie mir die Frage nach dem Namen des Gastes erlauben, mit dem Sie eine Zusammenkunft suchten?" „Mein Lord," sagte Clifford, sich aufrichtcnd, mit Nachdruck und Ernst, obgleich noch mit einer gewißen Ehrerbietung, „ich darf sicherlich Euer Lordschaft Einsicht und Gefühl nicht erst darauf aufmerksam machen, daß Ihre Frage einen Zweifel ansspricht und folglich eine Beleidigung und baß der Ton derselben nicht von der Art ist, um eine Nachgiebigkeit von meiner Seite, wie der von Ihnen geforderte weitere Aufschluß voraussetzen würde, zu rechtfertigen. " Kanin konnte ein ausgesprochener Hohn so bitter scyn, als der stillschweigende, den der Graf durch ein Lächeln an den Tag legte; und mit diesem schmeichelhaften Ausdruck auf seinen dünnen Lippen und seiner hohen Stirne antwortete Manle- vercr: „Sir, ich ehre die Gewandtheit, welche Ihre Antwort beurkundet; sie muß die Frucht gründlicher Erfahrungen in solchen Angelegenheiten scyn. Ich wünsche Ihnen, Sir, eine recht gute Nacht und das nachstemal, da Sie mich wieder mit einem Besuche beglücken, werden zuvcrläsig Ihre Beweggründe, mir diese Ehre zu schenken, nicht minder zu Ihren Gunsten sprechen als heute." Mit diesen Worten drehte sich Mauleverer um und suchte seine Dame wieder auf. Aber Clifford war ein Mann, der in kurzer Zeit Biel von der Welt gesehen hatte, und die Theorien der Gesellschaft wohl kannte, wenn auch nicht die Praris in ihre» Einzclnhciten; zudem war er von rascher, entschlossener Gemüthsart und diese natürlichen und erworbenen Eigenschaften sagten ihm, daß er jetzt in einer Lage sep, wo cs noth- wendigcr geworden war, hcrauözufordcrn als zu begütigen. Slatt also sich zurückzuzichen, gicng er mit Bedacht auf Mauleverer zu und sagte: „Mein Lord, ich werde dem Unheil Ihrer Gäste die Entscheidung überlassen, ob Sie als Edelmann, als Gentleman gehandelt haben, wenn Sie so, auf .Ihrem Grund und Boden einen Mann beleidigten, der Ihnen über seine Anwesenheit solche Erklärungen gegeben, welche ihn in den Augen aller einsichtsvollen oder artigen Leute vollständig entschuldigen würben. Auch überlasse ich ihnen die Entscheidung, ob der Ton Ihrer Frage mir gestattete, eine weitere Rechtfertigung zu versuchen. Ans mich selbst nehme ich cs, mein Lord, von Ihnen eine nnnmwundene Erklärung Ihrer letzten Worte zu verlangen." „Unverschämter!" rief Maulcverer, der vor Wnth die Farbe wechselte und beinah zum ersten mal in seinem Leben die Selbstbeherrschung gänzlich verlor, „wollt Ihr mit mir Worte wechseln? Fort mit Euch, oder ich gebe meinen Dienern Befehl, Euch hinanszuwcrfcn!" „Fort mit Euch, Sir, fort mit Euch!" riefen einige Stimmen, als Echo von Maulcverer, von den Leuten die es jetzt hoch an der Zeit glaubten, mit dem Mächtiger» Parthcy zu nehmen. Clifford behauptete seinen Platz und schaute mit einem Blick voll Zorn und herausfordernder Verachtung sich um, der, verbunden mit seiner athletischen Gestalt, seinem finstern und trotzigen Auge und seiner schweren Reitpeitsche, die er, wie unbewußt, halb aufgehoben hatte, in der That die Murrenden abhiclt, zur Gcwaltthatig- kcit zu schreiten. „Armer Prahler mit Bildung und Verstand!" sagte er, Verachtungsvoll zu Maulevcrcr sich wendend, „mit Einem Streich dieser Peitsche könnte ich Sie für immer bcschimpfcu, oder Sie ndthigen von der Hvhc.Zhreö Rangs zu mir hcrunterzustci- gen und dieses würde erst noch eine milde Erwiederung Ihrer'Sprache scyu! Aber ich will Sie lieber belehren als strafen. Nach meinem Glauben, mein Lord, ist der der Meister in Bildung, der am meisten Geduld hat; die Verachtung giebt mir die Kraft zur Geduld. Adieu!" Damit wandte sich Cliffvrd um und gieng seines Wegs. Ein Gemurmel, das sich einem Gebrumme näherte, von Seiten des jüngern oder einfältigeren Lheils der Schmarotzer, (die altern und vernünftigeren haben keine außerordentliche Bewegung zu äußern,) begleitete ihn als er sich entfernte. Zwei rin- zwanzigstes Kapitel. Räuber, Steht, Sir! und werft hin was Ihr bei Euch habt. Walentin. Halt Schurken, lagt ab von diesem rohen Beginnen. Die beiden Veroneser. Nachdem er den Schauplatz, wo er ein so unwillkommener Gast gewesen, verlassen, eilte Clifford in die kleine Herberge, wo sein Pferd geblieben wer. Er stieg auf und ritt heim nach Math. Seine Gedanken waren zerstreut und er ließ bewußtlos sein Pferd hingchcn, wo cs wollte. Das Thier strebte natürlich dem nächste» Quartier zu, dessen es sich erinnerte und dies! Quartier war in der glänzenden Herberge in der Vorstadt von Bath, worin, wie wir oben erzählten, Cliffvrds Wicdererwählnng zum Oberhaupt Statt gefunden hatte. Es war ein Haus von längst gegründetem Ruf, und hier konnte man immer von jedem der abwesenden Verbündeten Nachrichten cinziehen. Dieser Umstand, verbunden mit der Vvrtrefflichkcit seiner Getränke, seiner Behaglichkeit und die elektrische Kette früherer Gewohnheit machten cs zum Liebllngsplatz von Tvmlinson und Pcppcr, trotz ihrer dcrmaligcn galanten und modischen Lebensweise; und hier war Clifford, wenn er das Paar zu einer ungewöhnlichen Stunde aufsuchte, meist sicher sie zu finden. Als Cliffords Betrachtungen durch daö plötzliche Halten des Thiers vor dem wohlbekannten Schilde unterbrochen wurden, stieß er eine unnöthige Verwünschung gegen dasselbe ans und trieb es mit den Sporen an, seinem eignen Hause zu. Schon hatte er das Ende der Straße erreicht, als sein Entschluß sich zu andern schien; und bei sich selbst murmelnd: „Ja, ich könnte gleich in dieser Nacht noch unsre Abreise bewerkstelligen!" wandlc er sein Pferd um und ritt wieder vor die Wirthshausthüre. Er warf den Zaum über c!n eisernes Gitter, klapte mit einem cigcnthümlichcn Laut an die Thürc und ward alsbald eingelassen. „Sind — — und — — hier?" fragte er das alte Weib, als er cintrat und nannte die Spitznamen, unter welchen Tomlinson und Pcppcr bei ihren Freunden bekannt waren. „Sie sind beide heut Nacht auf den Strich gegangen," versetzte die alte Wirthin, und leuchtete mit schlauer Miene dem Fragenden mit ihrer trüb brennenden Kerze ins Gesicht. „Oliver *) ist schlafen gegangen und die Burschen wollen sein Nicken benützen." „Meint Ihr," antwortete Clifford in derselben Mundart, welche wir zu übersetzen uns die Freiheit nehmen, „sie scpcn wirklich auf ein Abenteuer aus?" „Sicherlich!" versetzte das Weib- „Wer nur auf der Landstraße hcrumtrcntclt, dem fehlt am Ende das Geld zum Abendessen." „Ha, auf welcher Straße?" „Ihr se»d ein prächtiger Kerl zu einem Haupt- manu!" versetzte die Wirlhin, mit gutmüthigcm Sarkasmus in ihrem Ton. „Ach, der Hauptmanu Glvak, der arme Teufel, der wußte jeden Schritt und Tritt seiner Leute aufs Haar und brauchte nie zu fragen, waS sie treiben? Ja, das war ein Kerl! Kein so zlmpfcrliches Milchsuppcngcsicht, das ) Der Mond. sich kn Fräulein verliebt; fürwahr — ein hübsches Weibsbild durfte sich nicht lang nach einem Kuß umfehcn, wenn er im Zimmer war, war auch ihr Rock nicht der feinste; das muh wahr Heyn! und seht nur, der Hanptmann war ein vernünftiger Mann und hatte eine Kuh so gern wie ein Kalb." „So, so auf der Landstraße sind sie?" rief Clifford in tiefem Sinnen und ohne den beabsichtigten Angriff auf seine Sittsamkeit zu beachten. „Aber gebt eine Antwort— was ist der Anschlag? beeilt Euch!" „Nun" crwiedcrte das Weib, „ein vornehmer Kerl von Lord gicbt heute einen Schlampamp, und die Bursche, die guten Seelen, denken einige Nachzügler abzufangcn." Ohne ein Wort zu erwiedern stürmte Clifford aus dem Hause, und saß wieder zu Pferd, che die alte Wirthin Zeit halte sich von ihrem Erstaunen zu erholen. „Wenn Ihr sie sehen wollt'" rief sie ihm nach, als er seinem Pferd die Sporen gab, „sie gaben mir ans ein Nachtessen bereit zu halten, um-" der Hufschlag des Pferdes verschlang die letzten Worte und sorgfältig die Thüre wieder verriegelnd und eine gchäßige Vergleichung zwischen Hanptmann Clifford und Hauptmann Gloak vor sich her brummend, kehrte die gute Wirthin wieder zu den Küchengeschastcn zurück, welche die irg Labsale für Tomlinsons und Peppers Herz zurü- stcn sollten. Kehren wir selbst zu Lucie zurück. Es traf sich, daß der Wagen des Squire zuletzt ankam; denn sein Kutscher, der unter den Schatten ren Warlock lang in die Zerstreuungen des fashiona- bcln Lebens uneingeweiht geblieben, vcrkiesrc sich bei seinem ersten Auftreten in Bath mit all der lebhaften Hitze gereifter Leidenschaften, die'zum erstenmal entfesselt werden, in das fröhliche Trci- den des Alehauscs; und da er einen mildern Herrn hatte als die meisten seiner Kameraden, so war in seiner Wagenlcnkere-Brust die Furcht vor Unannehmlichkeiten nicht so stark als seine Neigung zur Geselligkeit; so daß während dieser Ehrenmann sich gütlich lhat, Lucie volle Muße hatte, all die tausend und eine Erzählungen von dem Auftritt zwischen Maulcvercr und Cliffvrd dnrchznkostcn, womit ihr Ohr bcwirthct ward- Dcmmigcachtet, was auch ihre Empfindungen bei diesen artigen Erzählungen scvn mochten: ein gewißcs unbestimmtes Freudcngcfühl trat siegreich über alle hervor. Ein Mann fühlt sich verhältnißmäßig nur wenig beglückt, wenn er geliebt wird, falls diese Liebe hoffnungslos ist. Aber dem Weibe ist dieses einfache Bcwußtsevn genug um das Andenken an tausend Trübsalc zu vernichten, und erst, wenn sie ihrem Herzen tausend und aber tausendmal vorerzählt hat, daß sie geliebt werde, wird sie auch anfangen zu fragen, ob diese Liebe hoffnungslos scy. Zum Thcil waren am Himmel die Sterne sichtbar, aber die Nacht mar dämmernd und finster, denn der Mond war in den letzten paar Stunden von Nebel und Gewölk überzogen worden, als endlich der Wagen ankam, und Manle- vcrcr, zum zweitenmal an diesem Abend den Ee- leitSmann spielend, Lucien zu ihrem Fuhrwerk begleitete. Begierig zu erfahren, ob sic Clifford gesehen habe, oder von ihm angcredek worden ffev, verbreitete sich der feine Graf, als er sie aus Thor führte, ganz besonders über die Aufdringlichkeit dieses Menschen, und aus dem Zittern der Hand, die auf seinem Arm ruhte, zog er kein sehr tröstliches Vorzeichen für seine Hoffnungen. „Jndcß" dachte er, „der Mann geht ja morgen, und dann ist daS Feld rein ; das Mädchen ist noch ern Kind und ich verzeih' ihr die Thorheir." Und mit dem Anstand ritterlicher.Verehrung machte Maulevercr gegen die von ihm Begnadigte seine Verbeugungen noch in den Wagen hinein. Sobald Lucie sich mit ihrem Vater allein sah, machten sich die so lang in ihr verschlossenen Bewegungen gewaltsam Luft; sie lehnte sich in dem Wagen zurück und weinte, obwohl schweigend, Thräncn, brennende Lhränen der Sorge, der Wonne, der Erschütterung und der Bangigkeit. Der gute alte Squire merkte erst spät die Gemürhs- irS Bewegung seiner Tochter; sie wäre ihm ganz entgangen , hätte er nicht in Folge einer zärtlichen Aufwallung des Herzens gegen sie, welche ihren Grund in der frischen Ahnung ihre Liede zu Clif- ford hatte, den Arm um ihren Hals geschlungen. Diese unerwartete Liebkosung ergriff LucicuS Nerven so, daß sie sich an ihres Vaters Brust warf, und ihr Weinen, bisher so ruhig, laut und hörbar wurde. „Tröste dich, mein liebes, liebes Kind!" sagte der Squire, beinahe selbst bis zu Thräncn gerührt und seine Bewegung, die ihn aus seiner gewöhnlichen geistigen Dumpfheit aufrüttcltc, machte auch seine Worte weniger verwickelt und zivciden- tig alS sie sonst zu seyn pflegten. „Und nun hoffe ich, du werdest dich nicht selbst quälen; der junge Mann ist in der Thal — und ich vcrsichre dich, das war immer meine Ansicht — ein sehr artige« Gentleman, das ist gar keine Frage. Aber was können wir machen? du hörtest, was Alle von ihm sagen und es war, das müssen wir zugeben, sehr unschicklich von ihm, zu kommen, ohne ein, geladen zu seyn. Zudem, mein liebstes Kind, ist es sehr schlimm, sehr schlimm, Einen zu lieben und nicht wissen, Wer er ist; und — und — aber schlucyze nicht so, meine Liebe, schluchze nicht so! Alles wird noch gut werden, glaub' ich gewiß, ganz gewiß! Mit diesen Worten drückte der gute alte Mann seine Tochter enger an sich und als er mit der Hand auf etwas stieß, das sie verdeckt an sich trug, fragte er, mit einigem Verdacht, die Liebe möchte schon bis zu Liebcsgeschcnken vorgeschritten scyn, was es scy? „Es ist meiner Mutter Bild," sagte Lucie unbefangen und schob es bei Seite. Der alte Squire hatte seine Gattin zärtlich geliebt und als Lucie ihm diese Antwort gab, lebten all die zärtlichen und warmen Erinnerungen ans seiner Jugendzeit in ihm auf; zudem bedachte er, wie ernstlich diese Frau auf ihrem Sterbebette seinem wachsamen Auge ihr einziges Kind empfohlen habe, das jetzt an seiner Brust weinte; er erinnerte sich, wie sie ihm, von dem sprechend, was allen Frauen als die große Epoche des Lebens erscheint, gesagt hatte: „Nie laß mit ihrer Neigung spielen! nie laß dich durch deinen chrgcitzi- gen Bruder überreden, sie zum Heirathen zu veranlassen, wenn sie nicht liebt, oder ihr, ohne die triftigsten Gründe, entgegen zu scyn, wenn sie liebt; obgleich sie noch ein zartes Kind ist, kenne ich sie doch schon genug, um überzeugt zu scyn, daß wenn sie einmal liebt, ihre Liebe zu stark seyn wird, um sie glücklich zu machen, wenn sich auch Alles zu ihren Gunsten gestaltet." Diese Worte, diese Erinnerungen, verbunden mit dem Gedanken an den kaltherzigen Plan William Vran- dvns, den zu begünstigen er selbst eingewilligt 128 hatte, und seine eigene Gleichgültigkeit bei Ln- ^ cicns anftcimcndcr Neigung für Clifford, bis die ! Bekämpfung nvthwcndig aber zugleich zu spät war — Alles dicß peinigte sein Herz mit nagenden Sorgen und selbst laur schluchzend sagte er: „deine Mutter, Kind! ach daß sie noch lebte! sie würde dich nie so vernachläßigr haben, wie ich that!" Die Selbstanklagcu des Squire stillten Luci- cns Thräncn für den Augenblick; sie bedeckte ihres Vaters Hand mit Küssen, und antwortete nur mit heftigen Vorwürfen gegen sich selbst, und Lobpreisungen seiner allzugroßen väterlichen Güte und Zärtlichkeit. Dieser kleine Ausbruch von redlicher und einfacher Liebe auf beiden Seiten endigte mit einem Schweigen voll zärtlicher und vermischter Gedanken; und als Lucic noch an die Brust des alten Mannes sich schmiegte, der doch von sonderbarer Gcmüthsart, im Verstand sogar weniger als mittelmäßig und überhaupt eine Person war, j die nach Alter, Geist und Neigungen zum Vertranten der Liebe eines jungen, enthusiastischen Mädchens am allerwenigsten geeignet schien: da fühlte sie die alte, einleuchtende Wahrheit, daß es wenige Menschen gicbt, in dieser falschen Welt, auf die man sich in allem Mißgeschick so ruhig verlassen kann, wenige, die das Vertrauen so zartfühlend und gewissenhaft ehren, wie diejenigen, welchen wir das Daseyn verdanken. Vater und Tochter hatten einige Minuten ge- schwiege und jener war eben im Begriff zu sprechen , als der Wagen plötzlich dielt. Der Squire hörte eine raube Stimme vorne bei den Pferden; er schaute zum Fenster hinaus, um durch den Nachtnebel hindurch zu sehen, was es denn sepn könne und er begegnete bet dieser Bestrebung, dem vvrgehaltncn, blanken Lauf einer Sattelpistole ge- rade einen Zoll von seiner Stirne entfernt. Ohne einen Zweifel an seinem Muthe dürfe» wir wohl glauben, daß Herr Braudon sich mit aller möglichen Behendigkeit wieder in den Wagen zurückzog und im nemlichen Augenblick ward die Lhüre geöffnet und eine nicht drohende, sondern sanfte Stimme sagte: „Meine Damen und Herrn, es thut mir leid, Sie zu stören, aber die Noth ist gcdietrisch! Geben Sie mir gefälligst Ihr Geld, Uhren, Ringe und andere kleine Bequemlichkeiten ähnlicher Art!" Einer so anständigen Bitte hatte der Squire nicht das Herz zu widerstehen, um so mehr da er sich ohne Waffen zur Vertheidigung sah. Er zog also eine, man muß gestehen, nicht sehr volle Börse nebst einer ungeheuer großen Jagd Uhr an einem blauen Baude heraus und sagte brummend: „Hier Sir! erschreckt die junge Dame nicht!" Der höfliche Bittsteller, in der That kein andrer Mensch als der treffliche Auguscus Tvmlinson, steckte die Börse in seine Westentasche, nachdem er mit rs» BuIwer'S Romane. XXVII- 9 tzo schein, kundigem Finger ihren Inhalt geprüft. ,,Jhre Uhr, Sir!" sagte er und schob sie unter dem Sprechen gleichgültig, wie ein Schulkunde seinen Kreisel, in die Rocktasche, „ist schwer, aber auf meine Erfahrung bauend, da eine genaue Besichtigung mir unmöglich ist, fürchte ich, sie hatmehr Werth wegen des Gewichts als der Arbeit; doch, ich will Ihre Eitelkeit nicht beleidigen durch solche gesuchte Ausstellungen. Aber gewiß hat die junge Dame , wie Sie sie nennen, (denn ich erweise Ihnen die Artigkeit, Ihnen hinsichtlich des Alters derselben aufs Wort zu glauben, angesehen, daß die Nacht zu dunkel ist, um mir das Glück einer eigenen Besichtigung zu gönnen,) die junge Dame hat sicherlich.kleine Schmucksachen bei sich, womit sie uns eine Freude machen kann; die Schönheit ohne Schmuck, wissen Sie m s. w." Lucie, welche obwohl sehr erschrocken, doch weder die Besinnung noch die Geistesgegenwart verlor, beantwortete dieß nur damit, daß sie einen kleinen silbernen Beutel hervorzog, der noch weniger enthielt, als der lederne des Squire; diesem fügte sie noch eine goldne Kette bei; und Tomlinson, der es mit einem verbindlichen Händedruck und einer höflichen Entschuldigung in Empfang nahm, war eben im Begriff sich zu entfernen, als sein scharfes Auge plötzlich durch den Schimmer von Juwelen angczogen wurde. Lucie nemlich, als sie das Md ihrer Mutter, iu die wenigen ererbten Diamanten des Herrn von War- lock gefaßt, von seiner Stelle ruckte, es über ihre Kleider gehängt, und als sie sich vorwärts beugte, ihre andern Habseligkciten dem Räuber auü- znliefern, wurden auf einmal die Diamanten ganz sichtbar und schimmerten nur noch einladender durch die dunkle Nacht. „Ach, mein Fräulein," sagte Tomlinson, seine Hand ausstrcckcud, „Sic wollten mich hinter's Licht führen, das wollten Sie? Vcrrätherei sollte nie unbestraft bleiben. Treten Sie mir augenblicklich den kleinen Aierrath uw Ihren Hals ab." „Ich kann nicht, ich kann nicht!" sagte Lurie, mit beiden Händen ihr Kleinod umfassend, „cs ist das Bild meiner Mutter und meine Mutter ist, todt!" „Die Bedürfnisse Andrer, mein Fräulein," erwicdcrtc Tomlinson, der um sein Leben nicht unmoralisch plündern konnte, „sind immer unsrer Aufmerksamkeit würdiger, als Familien-Vorurthci- le. Ernstlich gesprochen, geben Sic cs her und das im Augenblick: wir haben Eile und Ihre Pferde schlagen ans wie Teufet; sic zertrümmern in einem Augenblick Ihren Wagen — beeilen Sie sich!" Der Squire war im Ganzen ein wackrer Mann, 9 .. obgleich kein Held, und die Nerven eines alten Fnchsjägers erholen sich bald von einem kleinen Schrecken. Das Bild seiner seligen Frau war ihm noch unschätzbarer als Lucicn und der Zorn stieg bei dieser neuen Forderung in ihm ans. Er ballte die Fäuste und auf seinem Sitz gleichsam vorrückend, rief er mit lauter Stimme: „Fort Schurke, ich gab dir, so denke ich meines Theils, schon zu viel, und bei Gott du sollst das Vild nicht haben." „Zwingen Sic mich nicht, Gewalt zu brauchen!" sagte Augnstns, setzte einen Fuß auf den Wagentritt und hielt die Pistole auf einige Zoll Entfernung Lucien vor die Brust, vielleicht richtig berechnend: der Anschein der sie bedrohenden Gr. fahr werde das sicherste Mittel seyn, den Squire einzuschüchtcrn. In diesem Augenblick aber sah sich der gewaltige Moralist plötzlich von einer mächtigen Hand bei der Schulter gepackt, und eine leise, vor Zorn bebende Stimme, flüsterte ihm ins Ohr. Was auch die Worte sepn mochten, die an seine Gehörorgane drangen — sie wirkten wie ein rascher Zauber; und mit Erstaunen sahen der Squire und Lucie ihren Angreifer plötzlich abzie- hen. Die Wagenthüre ward zugeschlagen und kaum zwei Minuten, nachdem der Räuber wieder zu Pferd gestiegen war, gab sein Begleiter, bisher bei den Pferden aufgestellt, seinem Pferde die Sporen und der willtommne Schall sich cmsernen- -33 der Hufschläge drang kn das verstörte Ohr von Vater und Tochter. Die Wagenthüre wurde wieder geöffnet und eine Stimme, welche Lucien blässer machte als der vvrangegangne Schrecken, sagte: „Ich fürchre, Herr Vrandon, die Räuber haben Ihre Tochter erschreckt. Jetzt ist aber nichts mehr zu fürchten, die Schurken sind fort." „Gott schütze mich!" sagte der Squire, „wie, ist das Capitän Clifford?" „Er ist es und er preist sich zu glücklich, Herrn Branden und seiner Tochter auch nur den kleinsten Dienst geleistet zu haben." Sobald er sich überzeugt hatte, dffß er wirklich Herrn Clifford für seine und seiner Tochter Sicherstellung, deren Gefahr er für weit größer gehalten hatte, als sie in der Thal war, (denn um den Leser wahrhaft zu berichten: die Pistole Lomlinsons war mehr zum Schein als zum Gebrauch eingerichtet, da sie einen ausserordentlich langen blanken aber leeren Lauf hatten, verpflichtet war: da wußte der Squire gar nicht, auf welche Weise er seine Dankbarkeit ausdrückcn sollte. Und als er sich an Lucien mit der Aufforderung wandte, selbst ihrem artigen Befreier zu danken, fand er, daß sie überwältigt von so mannigfachen Bewegungen, zum erstenmal in ihrem Leben in Ohnmacht gefallen war. „Gurer Himmel!" rief der bestürzte Vater, lZ4 „sie ist tobt, — meine Lucie, meine Lucke — sie haben sie gctödtct!" Die Wagcnthüre auf der Seite Lucicns öffnen, sie auf den Armen heraustragen, war für Clifford das Werk eines Augenblicks; ganz vergessend, daß sonst noch Jemand zugegen scy, nicht wissend sogar was er sagte, stieß er tausend wilde, leidenschaftliche, nur halb verständliche Reden aus; und als er sie auf eine Bank neben der Landstraße trug und sich selbst uiedersctzend, sie gegen seine Brust lehnte, da wäre es vielleicht schwer gewesen zu sagen, ob nicht auch Entzücken — brennendes und schauerndes Entzücken sich in seinen Schrecken und seine Angst mischte. Er erwärmte ihre zarten Hände in den seinigen; sein Hauch, zitternd und heiß, glühte auf ihrer Wange, und Einmal, nur Einmal näherten sich ihr seine Lippen und ruhten, die zerstreute Fülle der Locken weghau- chcnd, in einem langen, stummen Kusse auf den ihrigen. Mittlerweile stieg, mit Hülfe des Bedienten, der seine betäubten Sinne jetzt wieder gesammelt hatte, der Squire aus dem Wagen und nahte sich mit wankenden Schritten dem Ort, wo seine Tochter ruhte. Im Augenblick da er ihre Hand faßte, begann Lucie wieder aufzulcbcn und das Erste, was sie in der verstärkten Bewußtlosigkeit des Erwachens that, war: ihren Arm um deu Hals ihres Beistandes zu schlingen. r;5 Hätte man Alles was Clifford irgend wo und wie in seinem frühem Leben von Hoffnung, Luft, Freude empfunden hatte, in ein einziges Gefühl zufammenschmelzen und zufammcndrängen können: dicfi Gefühl wäre schaal gewesen gegen sein Entzücken bei Lucicns augenblicklicher, unschuldiger Liebkosung! Und in einer spätern, obwohl nicht fernen Zeit, als im Kerker des Missethäters die grimme Larve des Todes ihn angrinste, konnte noch die Frage seyn, ob seine Gedanken nicht weit häufiger bei der Erinnerung an diesen wonnevollen Augenblick, als bei der bittern Schmach des Herannahenden Vcrdammungsspruchcs verweilten. ,,Sie athmct, — sie bewegt sich — sie erwacht!" rief der Vater, und Lucie sagte, indem sie aufzustchcn versuchte, und die Stimme des Squire erkennend, schwach und leise: „Gott sey Dank, mein thcurer Vater, Sie sind nicht beschädigt! Und sind sie wirklich fort? und wo — wo sind wir?" Der Squire nahm Cliffvrd seine Last ab und faßte sein Kind in seine Arme, während er ihr in seiner lichtvollen Weise erläuterte, wo und in Wessen Gesellschaft sie sehen. Die Liebenden standen sich Auge in Auge einander gegenüber, aber welches köstliche Erreichen entzog die Nacht, welche nichts als den Umriß ihrer Gestalt sehen ließ, den Augen Cliffordsl Der ehrliche, gutherzige Vrandon war froh, lZ6 sich den wohlwollenden Gefühlen hingeben zu dürfen, die er immer gegen den verdächtigten und verleumdeten Cliffvrd gehegt; er wandte sich von Lucien weg und schüttete sein Herz gegen ihren Netter aus. Er faßte ihn mit Wärme bei der Hand und bestand darauf, er müsse sie im Wagen nach Vath begleiten und den Bedienten sein Pferd retten lassen. Dich Anerbieten stand noch in der Wage, als der Bediente, der inzwischen nachdem Befinden und Zustand seines Dienstgcnosssn gesehen hatte, die Gesellschaft mit kläglichem Tone ron etwas benachrichtigte, was sic in der Verwirrung und im Dunk.l der Nacht nicht bemerkt hatten — daß ncmlich Pferde und Kutscher — fort sepcn! „Fort!" sagte der Squire, „Fort! Nun die Schufte können sie doch nicht, (ich meines TheilS glaube, obgleich ich von solchen Wundern schon gehört, an dergleichen Streiche nicht,—) eingesackk haben!" Jetzt ließ sich ein leises Brummen vernehmen und der Bediente fand, einem sympathetischen Auge an den Ort, woher cs kam, folgend, die mächtige Gestalt des Kutschers vollkommen geborgen, das Gesicht gegen den Boden, mitten im Graben. Nachdem dieser Ehrenmann wieder auf die Beine gebracht worden war und sich wieder zur Besinnung cmporgcarbcitct hatte, vernahm man: als der Räuber die Pferde ungehalten, hatte der Kutscher, bei dem cs wenig bedurfte, um seine verwirrten Geisteskräfte zu überwältigen, den Kutschbeck (nach seiner eignen Aussage in Folge eines heftigen Schlags von dem Spitzbuben, aber vielleicht lag die Ursache noch näher,) mit dem Graben vertauscht; die Pferde wurden scheu, und als sie ausschlugen und tobten, bis der Räuber cs überdrüssig wurde, sich die Mühe zu geben, sic aufzuhaltcn, hieb er ganz ruhig die Erränge ab und jetzt konnten die Pferde gar wohl schon bei ihrer Stallthürc in Bath scyn. Der Bediente, welcher den Sgnire von diesem Mißgeschick unterrichtet, war, unähnlich den meisten Neuigkeits-Boten, auch der erste, der einen Trost wußte. „Es ist da ein prächtiges Wirthshaus" sagte er „ungefähr eine halbe Meile weit weg, wo Euer Ehren Pferde bekommen können; oder vielleicht, wen» cs Miß Lucicn, der guten Seele, schwach scyn sollte, so können Sie dort wohl über Nacht bleiben." Obgleich ein Gang von ungefähr einer halben Meile in finstrer Nacht und unter andern Umständen kein sehr lockender Vorschlag gewesen wäre, schien doch jetzt, wo die Einbildungskraft des Squire ihm nur die beiden Fälle vorgemalt hatte, entweder die Nacht im Wagen zuzubringen oder zu Fuß nach Bach zu keuchen, jene Beschwerde ganz unbedeutend, lind so faßte denn der Squire i;8 den Arm seiner Tochter in den (einigen, bat mit freundlicher Stimme Eliffvrd, sic auf der andern Seite zu unterstützen, befahl dem Bedienten mit Cliffords Pferd den Zug anzuführcu, und dem Kutscher hintendrein oder zum Teufel zu gehen, wie er wolle. Schweigend bot Clifford Lucien den Arm und schweigend nahm sie die Höflichkeit au. Der Squire war die einzige redende^ Person und der von ihm gewählte Gegenstand war ihr nicht unangenehm: cs war das Lob ihres Geliebten. Aber Clifford horte kaum zu, denn tausend Gedanken und Empfindungen kämpften in ihm, und der leichte Druck von Lucicus Hand auf seinem Arm wäre allein schon hinreichend gewesen, seine Aufmerksamkeit zu zerstreuen und zu verwirren. Die Dunkelheit der Nacht, die frische Aufregung, der geraubte Kuß, der noch auf seinem Munde brannte, die Erinnerung an Luciens für ihn so schmeichelhafte Bewegung bei seinem Gespräche mit ihr in Maulevcrcrs Landgut, die noch wärmere bei ihrer nuwillkührlichen Umarmung, die noch durch jeden Nerven seines Körpers zuckte — Alles das vereinigte sich mit der wonnevollen Empfindung, die er jetzt in ihrer Nähe genoß, ihn zu berauschen und zu entflamme». O diese brennenden Augenblicke in der Liebe, wenn die Schwärmerei eben in Leidenschaft hinnbergcschmolzcn ist, und ohne das Geringste von ihrer wonnevollen Uebcrfchwang- lkchkcit zu verlieren, die Begeisterung ihrer Träume, mit den »eigen Wünschender irdischen Wirklichkeit vermischt! Das ist die Zeit, wo die Liebe ihren Höhepunkt erreicht hat; wo alle Gefühle, alle Gedanken, die ganze Seele und der ganze Geist hingerissen und von ihr verschlungen sind; wo jedes Hindcrniß, in der ander» Schaale gewogen, leichter als Staub erscheint; wo Entsagung auf den geliebten Gegenstand das fürchterlichste und schwerste Opfer ist, und wo in so manchem Herzen, in welchem Ehre, Gewissen, Tugend weit stärker sind, als stein einem Verbrecher wie Clif- ford vcrmuthlich je waren, wo Ehre, Gewissen, Tugend mit Einemmale und plötzlich vor dieser mächtigen, unwiderstehlichen Flamme zu Asche vcrlodcrten. Der Diener, der früher schon mußte Gelegenheit gefunden haben, sich mit den Ocrtlichkeiten des Wirthshanses, wovon er sprach, bekannt zu machen, und der vielleicht mit seinem jüngst erlebten Schrecken so ziemlich durch die Hoffnung aus- gcsvhnt wurde, seine Bekanntschaft mit den Geistern der Vergangenheit zu erneuern, lenkte jetzt die Aufmerksamkeit der Reisenden auf eine kleine, gerade vor ihnen liegende Herberge. Der Herr Wirth hatte sich noch nicht zur Ruhe begeben rmd sic durften nicht zweimal anklopfen, bis die Thüre geöffnet ward. . Ein hclloderndcs Feuer, eine dienstfertige 14 » Wirthin, ei» theilnebmender Wirtb, ein warmes Geiränke nnd das Versprechen vortrefflicher Betten — Alles dieses schien dein Squire ein reichlicher Ersatz für die Kunde, daß die Herberge nicht die Erlanbniß habe, Postpferde zu halten, und als der Wirth versprochen hatte, sofort zwei kräftige Bursche mit einem Strick und Karren-Pferd auszusendcn, um den Wagen unter ein Obdach zu bringen — (denn der Squire hielt sein Fuhrwerke in Ehren, weil es zwanzig Jahr alt war,) und überdies das Geschirr wieder berstet len zu lassen, und die Pferde am andern Morgen bei guter Zeit bereit zu halten: da erhöhte sich die gute Laune des Herrn Vrandon zu wirklicher Fröhlichkeit. Lucic verfügte sich unter der schützenden Obhut der Wirkhin zur Ruhe und der Squire, der eine Bowle Bischof getrunken und an Clissord lausend neue Tugenden entdeckt hatte, uamcutlich die, daß er nie einen bei einer guten Geschichte unterbrach , klopfte dem Capitän auf die Schulter, versprach ihm, die Herberge nicht zu verlasse» ohne ihn noch einmal gesprochen zu haben, und suchte dann auch auf seinem Kissen die Ruhe. Clifford blieb unten, starrte noch eine Zeiilang zerstreut ins Feuer, und erst als ihn die schläfrige Kam- mermagd dreimal erinnert hatte, daß für sein Bett gesorgt scv, begab er sich auf sein Zimmer. Auch hier besuchte, wie cs scheint, seine Augen kehr Schlaf; denn ein reicher Mehmästcr > der im Zimmer unter ihm lag, beklagte sich am nächsten Morgen bitterlich über eine Person, die ihm über dem Kopfe hcrumgewandelt „in allen Arten von Schritte», so daß alle Welt cs für ein gestiefeltes Gespenst gehalten haben würde."