E. L. B u l w e r' s Werke. Aus dem Englischen. Sechsunhwanzigstes öändchm. Paul Clifforb. Drittes Bändchen. Stuttgart. Verlag der I. B. Metzler'scheu Buchhandlung. 1 8 3 4 . Paul Gtikkord. Ein Roman ' von dem Verfasser des Pelham, Eugen Aram re. Aus dem Englischen von Gustav ptirer. In sieben Bändchen. Drittes Bändchen. Stuttgart, Verlag der I. B. Metzler'schen Buchhandlung. 1 8 3 4 . r Zwölftes Kapitel. Erhebt Euch, 's gilt der Beute Ihr lustigen, munteren Leute, Johanna Baillie. Ms der Mond in dieser Nacht aufging, da war, ungefähr zehn Meilen von Warlok eine Stelle, auf die er blässer herunter schien, eine Stelle welche der gewarnte Reisende wvl nicht gern hatte pafftrcn mögen, aber die kein unwürdiges Studium für Künstler gewesen wäre, welche von dem kühnen Maler der Apenntnen die Liebe für das Wilde und Abenteuerliche gelernt haben. Dunkle Bäume, weit und breit über einen durchbrochenen aber grünen Nasen zerstreut, bildeten den Hintergrund; der Mond schimmerte durch die Zweige, als er langsam aus seinem Wolkenschloß hervortrat und ergoß einen breiteren Stral auf zwei Gestalten, die eben hinter den Bäumen hervorkamen. Ein Reiter, durch den Mond in ein helleres Licht gesezt als sein Begleiter, in einen kurzen Mantel gehüllt, der kaum das Kreuz des Pferdes bedekte, betrachtete die Pfanne einer grosen Pistole, welche er so eben aus der Halfter gezogen hatte. Ein tief ciugedrükter Hut und eine Mas- Bulwer's Romane. XX Vt. z ke von schwarzem Krepp verstärkten noch den Verdacht gegen dle Absichten des Reiters, welchen jene Bewegung natürlich erregte. Sein Pferd, ein schöner Schwarzschimmel, stand ganz regungslos mit gebognem Halse, seine kurze Ohren rasch hin und her bewegend, ein Zeichen von der scharfen, ahnenden Aufmerksamkeit, welche dieses edelste aller zahmen Thicre auszeichnct; man hätte die Ungeduld des Rohes aus nichts crrathcn können, als ans dem meisten Schaum, der um das Gebiß sich ansezte und dem gelegentlichen nicht häufigen Schütteln des Kopfes. Hinter diesem Reiter und zum Thcil in dem dunkeln Schatten der Bäume war ein zweiter, ähnlich gekleideter Mann beschäftigt, den Gurt eines sehr kräftige» und gewaltigen Pferdes auznzichcn. Unter dieses hinein sum- te er mit nicht unmusikalischem Gemurmel die Weise eines beliebten Trinklieds. „Zum Henker, Ncd," sagte sein Kamerade, der einige Zeit in schweigende Träumerei versunken war, „zum Henker, was könnt ihr denn Eure Liebe zu den schönen Künsten nicht einmal in einem Augenblik wie dieser untcrdrükcu? Dein Gcsumse da wird mit jedem Augenblik lauter; ich erwarte noch daß es am Ende in ein volles Gewichcr ausbricht; bedenke doch, wir sind jczt nicht beim Gentleman George!" „Um so mehr ist es Schade, Augustus!" antwortete Ncd. „Heda, kleiner Jvyni Holla 3 Bursch! eine hübsche lange Nacht wie diese ist ganz fürs Trinken gemacht. — Wollt Ihr, Sir? Haltet still denn!" „Der Mensch ist nie glüklich, sondern immer im Begriff es zu werden," sagte der mvralisircnde Tomlinsvn, „so, seht Ihr, sehnt Ihr euch jezt nach einem andern Ort, da wir doch eine so schöne Nacht und die Aussicht auf eine Beschcerung vor uns haben." „Ja die Nacht ist schön genug, " sagte Ned, der ein unzusricdner Krittler war, als er nach Vollendung seiner Reitkncchtsgcschäfte sich aufs Pferd geschwungen. „Verflucht, Oliver, ") macht ein so breites Maul, als ob er schwatzen wollte. Ich meines Theils lobe mir eine dunkle Nacht, mit einem Stern hier und dort, der uns zublin- zclt, als wollte er uns sagen: „ich seh Euch Kinderchen, aber ich möchte kein Wort davon sagen, und einen kleinen, rieselnden, stäubenden, geschwätzigen Regen, dervcrhindert, daß man die Hufe von Klein-John nicht hört und Einem gleichsam den Nükzug dekt. Zudem, wenn man ein wenig durchnetzt wird, ist es immer nöthig mehr zu trinken, um sich die Kälte vom Magen abzuhalten, wenn man heim kommt." „Oder mit andern Worten," sagte Augustus, Der Monb. 4 der eine Marimc über Alles liebte, „eine leichte Nctzung verlangt eine gründliche Nctzung." „Gut!" sagte Ned gähnend, „zum Henker damit! ich wollte der Hauptmann käme. Wißt Ihr, welche Stunde cs ist? Nicht sehr weit von elf, denk' ich?" „Ungefähr so, bscht! ist das ein Fuhrwerk? nein, es ist nur eine plötzliche Regung im Wind." „ Sehr eigenmächtig vom Herrn Wind , daß er wagt, ohne unsre Hilfe sich zu regen!" sagte Ned; „beiläufig, wir gehen natürlich in die rothe Hohle zurük?" „2», so sagt der Hanptmann Lovett — sagt mir, Ned, was haltet Ihr von dem neuen Gesellen, den Lovellt in die Höhle gebracht hat?" „O, da Hab' ich sonderbare Bedenklichkeiten," antwortete Ned, sein prachtvoll-behaartes Haupt schüttelnd, „ich habe nur halbe Freude daran; bedenkt, die Höhle ist unser fester Haltpunkt und sollte nur bekant werden-" „Männern von erprobter Tugend" unterbrach ihn Tomlinson. „Ich stimme Euch ganz bei. Ich muß Lovett' dahin zu bringen suchen, daß er diesen sonderbaren I'eorügh, wie der Franzose sagt, verabschiedet." „Bei Gott, Augustus, wie kamt Ihr zu so viel Gelehrsamkeit? Ihr könnt alle Dichter auswendig, um nichts vom Latein und Französischen zu sagen." „O zum Kukuk, ich ward wie der Hauptmann, zu einem gelehrten Beruf erzogen." „Das macht, daß Ihr so fett mit ihm seid, denk' ich. Er dichtet (und singt auch) ein erträgliches Lied und ist gewiß ein verhenkert gescheuter Kerl. Wie ist er in der Welt gestiegen! denkt Euch noch, was für ein armer Teufel er war, als er bei Gentleman George eingeführt wurde, und jczt ist er der Hauptmann bei der Bande." „Der Bande! Kompagnie, wollt Ihr sagen. Bande, fürwahr! Man sollte meinen, Ihr sprecht von einer Rotte Taschendieben. Ja, Lvvctt ist ein gescheuter Kerl, und dank mir, ein sehr anständiger Filosof!" (Wir können unmöglich unsrem Leser die ernste, wichtige Miene beschreiben, womit Tomlinson sich selbst dieses Lob zum Schluß ertheilte. „Ja," sagte er nach einer Pause „er bat eine kecke, gerade Weise, die Sachen anzuse- hcn, und wie Voltaire wird er ein Filosof, weil er ein Mann von Sinn und Verstand ist. Vicht! sich die Ohren meines Pferds I Jemand kommt, obgleich ich noch nichts höre; paß auf!" Die Räuber verhielten sich still, der Schall fernen Hufschlags ließ sich undeutlich vernehmen, und als er näher kam, hörte man ein Geraschel von Strauchwerk, als ob eine Hecke durchritten würde, und im Augcnblik beleuchtete der Mond malerisch die Gestalt eines Reiters, der durch das Buschholz im Rüken der Räuber sich näherte. 6 Jezt war er in dem Krümmungen des Waldweges halb sichtbar, jezt bet sich seine volle Gestalt dem Auge dar, jezt war er ganz verborgen — daun wieherte sein Pferd ungeduldig; jezt wurde er wieder sichtbar und in einem Augenblik darauf erreichte er das Paar. Der Ankömmling war von großem, nervigem Wüchse und in der ersten Blüte des Mannesalters. Ein schwarzgrüncr Rok, mit schmalen Silbcrborten verbrämt und vom Hals bis in die Mitte zugeknöpft, stand ganz gurj zu einer stolzen Miene, breiter Brust und einem schlanken aber gerundeten Leib, welcher der Zusammcnpres- sung durch den Schneider nicht bedurfte. Ein kurzer Reitmantcl, mit einer silbernen Hafte am Hals befestigt, hieng malerisch über die eine Schulter. Seine Beine waren mit militärischen Stieseln bekleidet, die, obwvl sic über das Knie herauf- rcichten, doch den kräftigen Schenkeln des Reiters offenbar weder lästig noch beschwerend waren. Der Zeug des Pferdes. Gebiß, Zügel, Sattel, Halftern, war nach der neusten besten Mode gearbeitet, und das Pferd selbst war im besten Stand und von ausgezeichneter Schönheit. Die Haltung des Reiters war aufrecht und trozig; ein kleiner aber kohlschwarzer Schnurrbart erhöhte den entschlösse» neu Ausdruck seiner kurzen, gekrümmten Lippe, und unter dem breiten Hut, der über seine Stirne hcreinragte, wallten seine Haare hervor und wehten schwarz durch die frische Nachtluft. Reiter 7 und Roß zusammen hatten ein stattliches, und sogar rittermaßiges Aussehen, welches die Zeit und der Ort zu einer dramatischen und romantischen Wirkung verstärkten. „Ha, Lovctt!" „Was macht Ihr, meine lustigen Leute? so lautete die wechselseitige Begrüßung. „Was Neues?" fragte Ned. „Wackre Neuigkeiten! paßt auf! der Lord und sein Wagen kommen in höchstens i° Minuten." „Habt Ihr aus dem Pfaffen, den ich so superb in Angst jagte, noch etwas Weiteres hcraus- gcbracht?" fragte Angustus. „Nein! davon nachher mehr. Jezt an unsre neue Beute!" „Seid Ihr gewiß, daß unser edler Freund so bald erscheinen wird?" sagte Tomlinson, sein Pferd tätschelnd, das jezt in aufgeregter Munterkeit scharrte. „Gewiß! Ich sah ihn die Pferde wechseln; ich war gerade im Hof beim Stall; er stieg für eine halbe Stunde auS, um zu essen, denke ich; glaubt mir, ich habe ihm in der Zwischenzeit einen Streich gespielt!" „Wie stark?" fragte Ned. „Er und sein Bedienter." „Die Postknecbte?" „Ja, die vergaß ich. Das macht nichts; Ihr müßt, sie in Schrecken jagen." 8 „Vorwärts!" rkef Ned, und sein Pferd bäumte sich unter seiner bewaffneten Ferse. „Einen Augenblik," sagte Lovett, „ich muß meine Maske anlegcn — ruhig/ Robin, ruhig! Jezt darauf! Vorwärts!" Nasch verschwanden die Bäume hinter den Reitern und sie gewannen in raschem Galopp eine große Streke wüstes Land, da und dort von Gräben und geflochtenen Zäunen durchschnitten, worüber ihre Pferde mit der Leichtigkeit daran ganz gewohnter Thiere scztcn. Gewiß in einem solchen Augenblik, vergegenwärtigt man sich die frische Luft, das abwechselnde Mondlicht, das bald mächtig hervorbricht, bald in einer vorüberzichcnden Wolke sich verliert, die er- muthigendc Bewegung, und die rasche, lebendige Wallung des Bluts, welche jede That, sei sie ihrem Wesen nach bös oder edel, in unsren Adern erregt, bedenkt man dies Alles, so kann man nicht umhin diesem gcsczlosen Leben einen ganz neuen Zauber znzugestchen: einen Zauber der so weit geht, daß einer der bekanntesten Herren Hochstra- ßen-Ritter jener Zeit, der noch dazu eine treffliche Erziehung genossen und sich nie mit gemeiner Gesellschaft abgegeben hatte, als er schon den Strik um den Hals harte und der gute Geistliche ihn zur Reue über sein übelangcw endet es Leben ermahnte, gesagt haben soll: „Ue bel ange- y wendet', ihr Hund! Gott, (und dadel schmazte er mit dem Mund) es war ganz köstlich!" „Pfui, pfui, Herr — —, erhebt Eure Gedanken zum Himmel I" „Aber ein kurzer Galopp über einen Gcmein- deangcr, oh!" murmelte der Verbrecher, uud seine Seele galoppirte in die Ewigkeit hinüber. So gewaltig schlug dem Führer unter den Dreien das Herz, daß, als sie der Hauptstraße ansichtig wurden, und das ferne Rollen eines Wagens ihnen ins Ohr raffelte, er die rechte Hand mit einer freudigen Gebcrde erhob und in einen knabenhaften Ausruf der Lustigkeit und Wonne ausbrach. „Bscht, Hauptman!" sagte Ned, mit angenommenem Ernst seine eigne Freude dämpfend, „wir müssen uns wie Gentlcmen betragen, nur für gemeine Bursche ziemt sich in die Freude so verwünschte Ausgelassenheit; Männer von Welt wie wir, müssen Alles wie mit gebrochenem Herzen verrichten." „Melancholie *) ist immer im Bunde mit der Erhabenheit, und der Muth ist etwas Erhabenes," sagte Angustus mit der Feierlichkeit eines Sentenzenschmieds. ') Ein Grundsaz, an welchem Frau von Stael. welche die Filososie in edle Gefühle seztc. ihre Freude gehabt hätte. Im Leben des Lord Byron, das so eben von Herrn Moore herausgege- 10 „Jczt aus aus dem Gehege vorgebrochc»!" rief Lovctt, auf das Gespräch seiner Kameraden nicht achtend, und sein Pferd sezte auf die Straße. ben worden, stellt der ausgezeichnete Biograf eine ähnliche Behauptung auf. wie die des weisen Augustus: ..Wann entsprang je ein erhabener Gedanke in der Seele, ohne daß nicht die Schwermut!). wenn gleich verborgen, in seiner Nachbarschaft sich befunden hätte? ^ Nun wahrlich, mit aller schuldigen Ehrerbietung gegen Herrn Moore, das ist eine sehr kränkelnde Aus, gebürt des Unsinns. ebne ein Atom von Wahrheit das ihm zur Unterlage dienen könnte. ..Gott sprach: es werde Licht! und es ward Licht!" wir wären begierig zu erfahren, wo das Melancholische an diesem erhabenen Spruch zu finden sein soll? ..Die Wahrheit" sagt Plato. ..ist der Leib Gottes und das Licht ist sein Schatten." Im Namen des gesunden Menschenverstandes fragen wir: in welchem Winkel, in welcher Falte lauert, neben diesem erhabenen Bilde, bas gelbsnchtigte Antliz'der ewigen bLes noirs des Herrn Moore? Ferner, in jener erhabensten Stelle des Erhabensten der lateinischen Dichter des Lucretius. wo er in ehrendes Lob des Evikur ansbricht D — ist da etwas, das nach Schwermut!) anssieht? Im Gegenlheil! in den drei Stelle», auf die wir uns beziehen. Zu diesen Beispielen möchte» wir besonders noch die Gesänge von Pjndar. Horaz und Campbell hjnzusüge». Dle drei Männer hatten sich je;t gan; still und ohne Regung längs dem Gehege in Schlachtordnung gestellt. Die breite Straße lag vor ih- besondcrs in den zwei zuerst angeführten. ist etwas glänzend Strahlendes und Wonnevolles. Die Freude ist oft eine reiche Quelle des Erhabenen; das Uebcrraschende ihrer Ausbrüche schon würde sie dazu machen. Was kann erhabener sehn, als die triumsirenden Psalmen Davids. trunken von einerbeinah verzückten Begeisterung ? Selbst in den düstersten Stellen der Dichter, wo wir die Erhabenheit anerkenne«, finden wir nicht oft die Melancholie. Wir werden vom Schrecken erschüttert, vom Entsetzen gebleichr, aber selten schmelzen wir in sanfter Webmuth hin. Gewiß, die Melancholie gehört eher einer andern Art von Emvsindnngen an. als denjenigen, welche durch eine erhabne Stelle geweckt werden oder welche eine solche eingebcn. Einerseits wollen wir einen Critiker hcrausfors dern. in den erhabensten Geistesflügen Homers, Miltons und Shakspeare's jene gallichte Kränklichkeit aufzufinden. welche Herr Moore zur Verherrlichung jenes Sicchthums anwenden könnte. Anderseits: wo ist der Beweiß, daß die Melancholie die Scclenflimmung dieser göttlichen Männer gewesen? Von Homer wissen wir nichts; von Sbakspeare und Milton haben wir Itrsacye zu glauben, ihr Gemüth habe in der Regel einer freudigen Gesundheit genossen. Der lehterc rühmte sich dessen. Tausend Fälle, alle einer Behauptung widersprechend, gegen welche zu streite» es sich nicht der Mühe lohnte, wäre ir neu, und bildete zu beiden Sekten eine Krümmung, wodurch sie sich dem Auge entzog; der Boden erstarrte unter einem frühen Anflug von Frost sie nicht so allgemein verbreitet, durch so hohe Gewährsmänner vertheidigt und von so unab- sehlichem Nachtheil für alles Mannhafte und Edle in der Literatur, drangen sich unserm Ge- dächtniß auf. Aber wir glauben schon genug ci- tirt zu haben, um den Satz zu entkräften, de» der berühmte Biograf selbst in mehr als zwan, zig Stellen entkräftet hat, die, wenn er selvst sie zu vergessen beliebte, die Nachwelt, dem Himmel sey Dank, nicht vergessen wird. Da wir einmal bei dieser Lebensbeschreibung sind, die in manchen Beziehungen so trefflich ist, so können wir die Bemerkung nicht unterdrücken, daß wir die ganze Richtung der Filosofie darin, für gänzlich eines so hochgebildeten Geistes, wie der Verfasser ist, unwürdig halten; diese Filosofie besteht in einer unverzeihlichen Verzerrung allgemeiner Wahrheiten, den Eigcnthümlichkriten eines Individuums znlieb, eines führwahr edlen, aber durch sein krankhaftes und ercentri- sches Wesen zum Sprücbwort qewordnen Mannes. Ein schlagender Beweiß hievon begegnet «ns in der geschraubte» Bebauvtung: daß Dichter im Familienleben unglükliche Charaktere seye». Wie! weil man Lord Byron nachgesagt, er sey ein schlimmer Gatte gewesen — war (um nicht weit nach Beispielen zu gehen,) war Walter Scott ein schlimmer Gatte? oder Campbell? oder Herr M»orc selbst? Wie im Namen der Gerechtigkeit, wollte man geltend machen, Mil- und der Helle Ton sich nahender Hufschläge schallte den Räubern ins Ohr — eine Vorbedeutung vielleicht vom Klang eines Mcralls mit stärkerer Anziehungskraft, das, wenn die Hoffnung sie nicht mit Mährchcn täuschte, ihre Beute werden sollte. Ebenjezt erschien das lang erwartete Fuhrwerk, um die Wendung der Straße, herumbiegend, und rollte mit Eile dahin von vier flüchtigen Postpserdcn gezogen. „Ihr, Ncd, mit eurem mächtigen Roß haltet die Pferde an. Ihr, Augustus, sczt die Postkucch- te in Angst; mir überlaßt das Uebrige" sagte der Hauptmann. „Sehr wohl!"' vcrseztc Ncd, lakonisch. „Jczt, seht einmal mich an!" und hiemit sprengte der eitle Hochstraßcn-Nittcr sein Pferd aus seinem ton sev ein schlimmer Gatte gewesen, wenn, so weit man über die Sache urtheilen kann, Mrs. Milton ein böses Weib war? Und wie, Pa! wie kommt Herr Moore, ein Mann dem es, nach CapitänRock und dem Epikuräer zu urthei- len, weder an Gelehrsamkeit noch an Fleiß fehlt, wie kommt er dazu uns mit besondrer Emfase zu sagen: Lord Bakon habe nie geheirathct, da Lord Bakon nicht nur verlicirathet war, sondern da seine Ehe sogar so glüklich war, daß sie einen Wendepunkt in seiner Lebensbahn bildete? Wahrlich, wahrlich man fangt an zu glauben, es gebe in der Welt gar nichts dergleichen wie eine geschehene Tharsache! 14 Versteck. So blizähnlich waren die Operationen dieser erfahrenen Taktiker, daß Lovctts Befehle in beinah noch kürzerer Zeit vollzogen waren, als sie ihn zn geben gekostet hatten. Der Wagen wurde angehaltcn und die Postknechte erbleichten und zitterten bei dem Anblik von zwei drohenden Pistolen, die ihnen Augustus und Peppcr verhielten; Lovett stieg ab, öffnete den Wagenfchlag und redete den Imsaßcn in sehr höflichem Tone und in anmuthigcr Weife also an: „Beunruhigen Sie sich nicht, mein Lord! Sie sind vollkommen sicher; wir verlangen nichts als Ihre Uhr und Börse." „In der That" antwortete eine noch sanftere Stimme als die des Räubers, während ein scharf gezeichnetes und etwas französisches Gesicht, mit einer Pclzmüze gekrönt, sich dem Angreifer offenbarte — „In der That, Sir, Ihre Forderung ist so bescheiden, daß cs mehr als grausam wäre, sie Ihnen abzuschlagen. Meine Börse ist nicht sehr voll, und Sie mögen sie so gut hinnehmen als einer meiner schuftigen Gläubiger; aber meine Uhr — ich habe eine besondere Vorliebe — und — " „Ich verstehe Sie, mein Lord," unterbrach ihn der Hochstraßen-Ritter, „wie hoch schlagen Sie ihren Werth an?" „Hm! für Sie mag Sie etliche und zwanzig Guineen werth sein." „Wollen Sie mich sie sehen lassen?^ 15 „Ihre Neugier ist mir ausserordentlich schmeichelhaft , " versetzte der Edelmann, indem er mit großem Widerstreben eine goldne Repetiruhr, nach dem Geschmak der damaligen Zeit in kostbare Steine gefaßt, hervorzog. Der Highwayman warf einen leichten Blik auf das Kleinod. „Ihre Lvrdschaft," sagte er mit großem Ernst, „war in der Schatzung zu bescheiden — Ihr Ge- chmak wirft ein glänzenderes Licht auf Sie; erlauben Sie mir zu versichern, daß Ihre Uhr fünfzig Guineen werth ist — wenigstens für uns; zum Beweis, daß dies meine aufrichtige Ansicht ist, will ich sie entweder behalten, und wir spre- chcn daun nicht weiter von der Sache; oder ich will sie Ihnen zurükgeben auf Ihr Ehrenwort, daß Sie mir einen Wechsel auf 5o Guineen ausstellen wollen, zahlbar bei Ihren wirklichen Bankiers auf Sicht. Entscheiden Sie sich, mir gilt es ganz gleich." „Auf Ehre, Sir," sagte der Reisende mit einiger Ueberraschung, die auch in seinen Zügen sich kund gab, ,, Ihre Kälte und Selbstbeherrschung sind ganz bewuudernswerth. Ich sehe, Sie kennen die Welt." „Ihre Lordschaft schmeicheln mir!" erwiederte Lvvett mit einer Verbeugung. „ Was ist Ihr Entschluß?" „Nun, ist es denn möglich, Wechsel zu schreiben, ohne Tinte, Feder und Papier?" lS Lovctt zog sich zurük und während er in seinen Taschen nach den Erfordernissen zum Schreiben suchte, die er immer bei sich führte, benutzte der Reisende die Gelegenheit, riß plötzlich eine Pistole aus der Wagentasche und zielte mitten auf den Kopf des Räubers. Der Reiscude war ein treflicher, geübter Schütze, er war beinah nur eine Armlänge von seinem Opfer entfernt, seine Pistolen waren von allen seinen irländischen Freunden beneidet. Cr drückte los, das Pulver verlo- dertc auf der Pfanne und der Highwapman, ohne auch nur die Miene zu verziehen, zog eine kleine Tintcnflasche hervor, tauchte eine stählerne Feder hinein, händigte sie dem Edelmann ein und sagte mit unvergleichlicher Äaltblütigkcit, „belieben Sie, mein Lord, auch die andre Pistole zu versuchen? wenn dies ist, so ersuche ich Sie rasch zu zielen, da Sie die Nothwendigkeit scheu, die Sache ins Reine zu bringen. Wo nicht — hier ist die Nük- seite eines Briefs, worauf Sie Leu Wechsel schreiben können." Der Reisende war nicht der Mann, der leicht über etwas in Verlegenheit kam, ausgenommen seine Eeldverhältniffe; aber sicherlich fühlte er sich einigermaßen verwirrt und aus der Fassung gebracht, als er das Papier nahm und einige halbe Worte murmelnd, die Anweisung schrieb. Der, Frciritter warf einen Vlik darauf, sah ob sie in aller Form geschrieben war, gab dann mit einer 17 kalten, achtungsvollen Verbeugung die Uhr zurück, und schloß die Wagenthüre. Mittlerweile war der Bediente, vor Furcht zitternd, in der einsamen Vorderloge gesessen, die nicht eben sehr zierlich Bock genannt wird. Ihn redete jetzt der Räuber kurz an: „Was habt Ihr bei Euch, das Eurem Herrn gehört?" „Nichts als seine Pillen, Ihr Ehren, die ich vergaß in die — " „Pillen! gebt sie mir herüber!" der Kammerdiener zog zitternd aus seiner Seitentasche eine kleine Büchse, die er herunterwarf und die Lovett mit der Hand auffieng. Er öffnete die Büchse und zählte die Pillen. „Eine, zwei, vier, zwölf, aha!" Er öffnete wieder den Wagcnschlag. „Sind das Ihre Pillen, mein Lord?" Der verdutzte Acr, der schon wieder in der Ecke seines Wagens sich cinzurichten begonnen hatte, antwortete bejahend. „Mein Lord, ich sehe, Sie haben starkes Fieber; Sie waren in einem kleinen Delirium so eben, als Sie die Pistole auf Ihren Freund ab- drücktcn. Erlauben Sie mir Ihnen ein Gegenmittelzu empfehlen; verschlucken Sie alle diese Pillen!" „Mein Gott!" rief der Reisende, der ernstlich erschrack; „was meinen Sie? zwölf solche Pillen würden einen Menschen umbringcn." Lulwer'S Romane, XXVI. r >8 „Hört Ihr's?" sagte der Räuber, sich zu seinen Kinneraden wendend, welche laut auflachten. „Was! me!» Lord, Sie wollten sich gegen Ihren Arztauflehnen? Pfui, pfui, lassen Sie sich bereden!" Und mit einer znsprechenden Gebcrde steckte er das Pillcnschächtelchcn der sich sträubenden Nase des Reisenden hin. Aber dieser war, obgleich er so gut als Einer gute Miene zum bösen Spiel zn machen verstand, ganz besonders für seine Gesundheit besorgt, und wo diese betheiligt wurde, so hartnäckig, daß er sich lieber der sichern Wirkung einer blauen Dohne, als der möglichen Wirkung einer Ertra-Pille ausgcsekt hätte. Mit heftiger Entrüstung riß er deswegen die ihm noch vorgehaltene Büchse dem Räuber aus der Hand, schleuderte sic auf die Straße und sagte mit Würde: „Thut das Aergste, Böscwichtcr! Aber wenn Ihr mich leben laßt, so sollt ihr die Beleidigung bereuen, die Ihr einem von seiner Majestät Haushalt angethan!" Dann, als ob er das Lächerliche fühlte, in seiner gegenwärtigen Lage sich ein solches Ansehen geben zu wollen, setzte er mit verändertem Tone hinzu: „und jezt um Gottcswil- lcn, schließt die Thüre! uud wenn Ihr Jemand tödtcn müßt — da sitzt mein Bedienter auf dem Bock; er ist dafür bczalt." Diese Worte brachten die Räuber zu einem unmäßigen Gelachter/ und Lovett, der einen Witz ly sogar einem Beutel verzog, schloß unverzüglich die Wagcnthüre und sagte: „Adieu, mein Lord! lassen Sie mich Ihnen noch einen Rath geben: wenn Sie in einer Herberge auf dem Laude ausstcigen und sich während des Pfcrdewechsels eine halbe Stunde verweilen, so nehmen Sie Ihre Pistolen mit heraus, oder Sie laufen Gefahr, daß die Ladung hcransgezogen wird." Nach dieser Ermahnung entfernte sich der Räuber, und da er sah, wie der Kammerdiener ihm eine lange grüne Börse entgegcnhielt, sagte er, vornehm den Kopf schüttelnd: „ Schelme sollen sich nicht unter einander berauben, mein guter Freund. Ihr plündert Euern Herrn — das thun wir auch — jeder behalte was er bekommen hat." Dann bestiegen der lange Ned und Tomlinton wieder ihre Pferde und der Wagen wurde frcigc- lassen; die Postknechte fuhren mit einer Eile davon, die weniger Schonung für das Leben zu zeigen schien, als selbst die Räuber bewiese» hatten. Indessen bestieg der Hauptmann lein Pferd wieder und die drei Verbündeten sprengten mit anmuthigcr Gewaudheit über das Gehege, durch welches sie zuvor die Straße gewonnen hatten, galoppirten in derselben Richtung, in der sie gekommen, davon; der Mond setzte bin ,und wieder 20 ihre verschwindenden Gestalten in ein Helles Licht, und der Ton manchen fröhlichen Ausbruchs von Lachen erschallte in der Ferne durch die kalte Luft. Dreizehntes Kapitel. Was find ich hier? Gold? Ha! solche Fülle macht den Mohren weiß. Und schön aus garstig. Timon von Athen. Da kam ein Herr daher, nett, schön geputzt. Frisch wie ein Bräutigam. Heinrich IV. Ich kenne Niemand, den ich eher miede Als diesen hagern Caffius. Er liest Viel. Er ist ein großer Prüfer und durchschaut Das Thun der Menschen ganz; Er lächelt oftmals, doch in solcher Weise Als spott' er sein, verachte seinen Geist, Den irgend was zum Lächeln bringen könne. Julius Cäsar. Als am nächsten Tag, spät Nachmittags, Lucie neben ihrem Vater saß, nicht wie gewöhnlich mit einer Arbeit oder mit Lesen beschäftigt, sondern dem Anschein nach ganz müßig ihren hübschen kleinen Fuß auf den Podagraschemel des Sguire's gesetzt und die Augen auf den Teppich geheftet!, während sie ihre Hände (keine Hand war so sanft und klein wie die Luciens, obwohl sie an Meiste vielleicht übertroffen werden konnte,) leicht in einander gefallet und nachdenklich auf ihren Kniecn ruhen hatte, trat plötzlich der Chirnr- gus des Dorfs mit einem Gesicht voll Neuigkeiten 2l und Entsetzen ein. Der alte Squire Branden war einer von den Leuten, die immer die Neuigkeiten, welcher Art sie seyn mögen, später Heren als ihre Nachbarn und erst nachdem alle Klatschmäuler der Umgegend den Knochen der Sache ganz glatt genagt hatten, wurde er jetzt durch die Vermittlung des Herrn Pillum davon in Keuntniß gesetzt: daß Lord Maulevcrer in der letztverfloß- nen Nacht von drei Hecrstraßcn-Nirtcrn auf dem Weg nach seinem Landsitz angesallcn und ziemlich ansehnlich beraubt worden sey. Da das Gerücht von dem Mißgeschick des würdigen Doktor Sloppeton schon lange vorher weit und breit ausposaunt worden war, so wurde natürlich die ganze Umgegend in heftige Bestürzung versetzt. Gerichtspcrsonen wurden herbeigeholt, große Hunde entlehnt, Büchsen gereinigt und eine Subscription im Kirchspiel für Aufstellung einer Streifwache eröffnet. Es schien ziemlich unzweifelhaft, daß die Thätcr bei beiden Vorfällen Mitglieder derselben Bande sepen, und Herr Pillum war in seinem Sinne- vollkommen überzeugt, daß sie ihm in sein Gewerbe cinzugreifcn und alle Besitzer in der Umgegend zu ruiniren beabsichtigten, bei welchen es sich der Mühe verlohnte. Die nächste Woche verstrich unter den sorgfältigsten Bemühungen, die Räuber zu entdecken und zu fassen von Seiten der benachbarten Behörden und der Bürgermannschaft; aber ihreAnsirengunMLwa- rr rcn ganz fruchtlos, und ein Friedensrichter, der sich besonders thätig erwiesen, wurde selbst ganz und gar ausgezogcn von einem alten Gentleman, der unter dem Namen Bagsbot — ein ziemlich verdächtiger Name *) — sich erbot, den arglosen Beamten an den Ort binzuführen, wo die Bose- wichtcr gefaßt werden konnten. Kaum jedoch hatte er den armen Richter von seiner. Begleitung weg anfcincnabgelegnen Thcil derStraße geführt, so -zog er ihn bis aufs Hemd aus. Er ließ seiner Gestrengen nicht einmal die flanellncn Hosen, obgleich das Wetter so schlimm war als in den Hundstagcn von 1829. „Es ist nicht mein Brauch " sagte der ungeschliffne Böscwicht, als der Richter wenigstens das letztgenannte Kleidungsstück ihm zu lasten bat, „'s ist nicht mein Brauch; ich gehe langsam aus Werk, aber dann bin ich gründlich — drum nur 'runter mit euern Lumpen, alter Schelm!" Dieß war jedoch der einzige weitere Fall von Feindseligkeiten in der Nachbarschaft des Herrenhauses von Warlock; und allmälig, als der Herbst sich zu Ende neigte und keine weitere Greucltha- ten verübt wurden, begannen die Leute sich nach neuen Gegenständen der Unterhaltung umzusehen. Ein solcher wurde ihnen zu Thcil durch einen un- Ueberseizt etwa Sackschrot. 2 Z erwartete» Glücksfall, dessen sich Lucie Branden zn erfreuen hatte. Mrs. Warner, eine alte Dame, mit der sie entfernt verwandt war, und bei der sie wahrend ihres einzigen kurzen Besuchs in London gewohnt hatte, starb plötzlich und erklärte in ihrem Testament Lucie zu ihrer einzigen Erbin. Das Ver- mögen, das in der Bank stand, und sich auf üc>,ooc> Pfund belief, sollte von Miß Brandon, unmittelbar nachdem sie ihr ein und zwanzigstes Jahr erreicht, angctrctcn werden; bis dahin sollten die Testaments-Vollstrecker der jungen Erbin jährlich 600 Pfund auszahlen. Die Freude, welche diese Neuigkeit im Herrcuhaus Warlvck erregte, kann man sich leicht denken. Der Squire machte Plane hier zn Verschönerungen und dort zu Ausbesserungen, und Lucie, das gute Kind, die für ihre Person nicht wußte, was mit dem Geld anfangeu, ausser etwa einen andern Zelter anschaffcn oder ein Kleid von London, unterstützte mit zärtlichem Vergnügen alle Vorschläge ihres Vaters und entzückte sich an dem Gedanken, daß diese schönen Plane, welche die Familie Brandon größer machen sollten, als sic je zuvor gewesen, mit ihrem, ihrem Geld sollten auSgefükrt werden. Zu eben dieser Zeit war cs, daß der Adel in der Nachbarschaft eine gleichzeitige, große Entdeckung machte, die ncmlich von den erstaunlichen Verdiensten und von dem gar gesunden Verstand des Herrn Josef Brandon. 24 Es sey Schade, bemerken sie, daß er von so verschlossener und schüchterner Gemüthsart sey — es schicke sich dieß nicht für einen Edelmann von so alter Familie. Aber wie hätten sie sich nicht Mühe geben sollen, ihn aus seiner Abgeschlossenheit mehr in die größer» öffentlichen Kreise hcrcinzuziehen, welchen er ohne Zweifel zur großen Zierde gereichen mußte? Sobald also der erste Trauermvnat verstrichen war, langten unterschiedliche Kutschen, Wagen, Chaisen und Pferde, die man früher nie im Herrenhaus Warlock gesehen hatte, nacheinander in der allerfreundschaftlichsten Weise die man sich nur denken kann an. Ihre Besitzer bewunderten Alles das Haus war eine so schöne Reliquie von allen Zeiten! — sie waren ganz besondre Freunde eichener Treppen! und die hübschen alten Fenster! und welch ein prächtiger Pfau! und der herrliche Kastanienbaum, Gott segne ihn! war allein einen ganzen Wald werth! Herr Branden ward aufgcfordert, an den Jagden der Grafschaft Theil zu nehmen, nicht daß er selbst noch gejagt hätte, sondern weil sein Name der Sache gar ein großes Ansehen geben müßte! Miß Lucie sollte auf eine Woche zum Besuch bei ihren lieben Freundinnen, den ehrcnwerthcn Fräulein Sans- terre kommen! Augustus, ihr Bruder, hatte so ein sanftes Damcnpferd! Kurz der gewöhnliche Wechsel, der in der Schätzung der Leute cintritt. 25 wenn sie zu einem Vermögen gelangt sind, trat auch bei Herr Branden und seiner Tochter ein, und wenn die Leute auf Einmal liebenswürdig werden, so ist es kein Wunder wenn sie auch auf Einmal eine große Erwerbung an Freunden machen. Aber Lucie war, obgleich sie noch wenig von der Welt gesehen, doch nicht ganz blind ; und der Squire, obwohl ziemlich beschrankt, war doch kein ganzer Dummkopf. Wenn sie gegen ihre neuen Besuche nicht grob waren, so zeigten sie doch auch keine übcrströmende Erkenntlichkeit für die herablassende Güte derselben. Herr Branden lehnte es ab, zu der Jagd zu unterschreiben und Miß Lucie lachte dem Ehrenwcrthcn Augustus Sanster- re ins Gesicht. Unter ihren neuen Gästen war jedoch Einer, der mit großer Wcltkenntniß ausnehmende und sogar glänzende Feinheit des Benehmens verband, welche die Falschheit, wenn auch nicht ganz verhüllte, doch des Unangenehmen beraubte — dieß war der neue Statthalter der Grafschaft, Lord Maulevcrer. Obgleich im Besitz unermeßlicher Güter in diesem Landestheile hatte sich Lord Maulevcrer bisher wenig auf seinen Ländereien aufgehalten. Er war einer der fröhlichen Lords, die setzt eine Seltenheit in unsrem Lande geworden sind; welche, nachdem sie zum reifen Mannesaltcr gekommen, noch ein leichtes und wüstes Leben führen, lieber mit Schmarotzern als Ihresgleichen umgehen und doch, vermöge eines gefälligen Benehmens, natürlicher Talente und einer gewitzen anmuthigen und leichten Geistesbildung (um so gefälliger, wenn sie gewöhnlich eine Färbung von Weltlichkeit und von mehr belustigender alS kränkender Eitelkeit an sich trägt,) nie die ihnen gebührende Stellung, in der Gesellschaft verlernen; die in Kleidern, Eguipagcn, Kochkunst und Schönheit als Orakel gelten, und trotzdem datz sic selbst keinen Charakter haben, durch ein einziges Wort über den Charakter Andrer zu entscheiden im Stande sind. Und so war auch Mauleverer, wiewohl er mehr das zügellose Leben eines jungen Edelmanns führte, welcher die Gesellschaft ergötzlicher aber zweideutiger Schönen langweiligen Herzoginnen vorzieht , als daß er die anständige Haltung bewahrt hätte, wie sie seinem gesetzten Alter und seinem großen Einfluß im Lande zustand, — bei Hof, wo er eine Stelle in der königlichen Haushaltung bekleidete, ebenso beliebt wie im Garderobc-bim- mcr, wo er jede Schauspielerin diesseits den Vierzigen bezauberte. Ein Wort von ihm reichte in den privilcgirtcn Quartieren der Macht weiter als die Rede eines Andern; .und selbst die Prüden — wenigstens alle diejenigen, welche Töchter hatten — gestanden: daß seine Lordschaft ein sehr interessanter Charakter scp. Gleich Branden, seinem vertranten Freund, war er in der Welt gestiegen, (vom irländischen Baronet zum 27 englischen Grafen,) ohne je seine Politik, (er war Ultra Tor»,) zu ändern; und wir brauchen nicht zn versichern, daß er, wie Branden, als ein Muster der Unbescholtenheit im öffentlichen Leben galt. Er besaß zwei Stellen von der Regierung, sechs Stimmen im Hause der Gemeinen und, acht Pfründen bei der Kirche; und um seinen loyalen und religiösen Grundsätzen Gerechtigkeit widerfahren zu lassen, müssen wir hiuznsehen, daß die bestehende Einrichtung in den drei Königreichen keinen wärmeren Freund hatte, als ihn. Wenn ein Edelmann nicht hcirathet, so suchen die Leute seinen Charakter anzutasten. Lord Maul- cverer hatte nie gcheirathct; die Whigs waren darüber sehr bitter gewesen; sie spielten sogar im Unterhaus darauf an, dieser keuschen Versammlung, wo es eine unerschöpfliche Quelle von Vorwürfen gegen Herrn Pitt war, daß er kein zur Liebe geneigtes Gemüth besaß; aber bisher hatten sie gegen die Ehelosigkeit des standhaften Grafen nichts ausgerichtet. Wahr ist's, wenn ihm eine Gemahlin abgieng, so hatte er für diesen Mangel sich reichlich zu entschädigen gewußt; sein Gewerbe war das eines galanten Mannes; und wenn er den Töchtern aus dem Wege gieng, so geschah cs nur um seine Liebe den Müttern zuzuwenden. Aber seine Lordfchaft hatte jetzt ein gewisses Alter erreicht, und unter seinen Freunden hatte sich kürzlich das Gerücht verbreitet, er habe im Sinne sich nach einer Lady Mauleverer umzusehen. „Sparen Sie Ihre Liebkosungen!" sagte sein Leibschmarotzer zu einer gewissen Herzogin, welche drei Erbtheillose Töchter hatte, „Mauleverer hat geschworen, nicht in Ihrem Stande seine Wahl zu treffen; Sie kennen seine hohe Politik und Sie werden sich über seine Erklärung nicht wundern: daß er in der Ehe eben so wie in der Moral der Gütergemeinschaft abhold scy." Die Kunde von des Grafen Heirathsplancn und die Verbreitung dieser Anekdote setzte alle Pfarrerstöchtcr in England in Feuer und Flammen vor Erwartung; und als Mauleverer, nachdem er mit der Statthalterwürdc beehrt worden, nach -shire kam, seine Besitzungen zu besuchen und um die Freundschaft seiner Nachbarn sich zu bemühen: da war keine alte junge Dame von Vierzig, welche Filet strickte und höchstens einmal acht Tage lang in London gewesen war, welche sich nicht gerade für die rechte Person gehalten hätte, um seine Lordschaft zu fesseln. Es war spät Nachmittags, als der Nciseiva- gcn dieses ausgezeichneten Mannes, zwei Vvrrei- tcr in der schlichten dunkelgrünen Livree des Grafen vorauf, vor dem Thore von Warlock Haus anfuhr. Der Squire war im eigentlichen und uneigentlichen Sinn zu Haus, denn es kam ihm nie in den Sinn, sich vor irgend Jemand, 2Y Edelmann vd er Bettelmann, verläugnen zu lassen. Als die Wagenthüre geöffnet war, stieg ein kleiner unscheinbarer, reichgekleideter Mann, (denn Verbrämung und seidene Kleider waren damals, obwohl schon allmählig in Abnahme kommend, noch nicht ganz verbannt,) von einnehmendem und mehr ausgezeichnetem als würdigem Wesen, aus. Seiner Jahre schienen mehr zu seyn, als er in der Lhat hatte, denn ein Gesicht, zwar schön, war scharf gezeichnet, und zeigte die Spuren eines leichtsinnigen Lebens; und dem Lord Maulevercr konnte leicht die unwillkommne Bezeichnung: ältlich, zu Theil werden, obwohl er in der Lhat noch nicht über das mittlere Alter hinaus war. Sein Schritt jedoch war fest, sein Gang aufrecht, und seine Gestalt bei weitem jugendlicher als sein Gesicht. Nachdem die ersten gewöhnlichen Begrüßungsreden vorüber waren, und Lord Mauleverer sein Bedauern ausgedrückt hatte, daß seine vielfache, lange Abwesenheit von der Grafschaft ihn bisher des Vergnügens der Bekanntschaft mit Herr Brandon, dem Bruder eines seiner ältesten und geschätztesten Freunde beraubt habe, wurde das Gespräch von beiden Seiten beschwerlich und peinlich. Herr Brandon brachte zuerst die Unterhaltung aufs Wetter und auf die Rüben, und erkundigte sich, „ob seine Lvrdschaft nicht ein großer Freund sc» von dem Vergnügen (er seines Theils sey es früher gewesen, aber ueurcr Zeit setze ihn die 3 ° Gicht ausser Stand; er hoffe seine Lordschaft sei) verschont von dies er Plage,) desSchi essend?" Der Graf hatte nur die lebten Worte aufgefaßt; denn zu der gräßlichen Verworrenheit in den Sätzen des Squire hin, litt Mauleverer auch noch ein wenig an dem aristokratischen Uedcl der Taudheit, und er antwortete mit einem Lächeln: „Plage des Schiessens! sehr gut, in der That Herr Brandon; ich hade selten einen so witzigen Ausdruck gehört; nein ich bin von dieser Seuche nicht im mindesten heimgesucht. Es ist in dieser Grafschaft ein sehr vorherrschender Ucbclstand." „ Mein Lord !" sagte der Squire, ein wenig verdutzt, und als er dann bemerkte, wie Maule- vercr nicht weiter fortfubr, hielt er für angemessen, einen andern Gegenstand ans die Bahn zu bringen. „ Es betrübte mich ausnehmend, zu Horen, daß Euer Lvrdschaft auf der Reise nach Mauleve» rer-Park — (es ist ein sehr häßlicher Weg durch das wüste Land; die Straßen in dieser Grafschaft sind im Allgemeinen hübsch und gut; wenn Ich ein Beamter wäre, ich würde in diesem Punkt ans strenge Ordnung halten) ausgcvlündcrt wurden. Und Sie sind, glaub' ich, noch nicht auf die Spur gekommen von — (ich meines Orts, obgleich ich mich nicht rühme, ein großer Politiker zu senn, meine, in diesen Räubergeschichten habe ma)i sich großenthcils zu beklagen über die Unthätigkeit bei den Ministern) — den Schurken?" „Unser Freund ist vor den Kopf gestoßen morden!" dachte der Lvrdstatthaltcr, im Wahne der letzte schmähende Ausdruck gelte den achtbaren in der Klammer genannten Personen. Maulcverer verbeugte sich mit einem feinen Lächeln gegen den Squire, und antwortete laut, es thne ihm ausnehmend leid, daß ihre (der Minister, wollte er sagen) Handlungsweise nickt des Beifalls Herrn Vrändon's sich zu erfreuen habe. „Nun!" dachte der Squire, „das heiß' ich einmal ernstlich den Hofmanu spielen!" Meines Beifalls sich zu erfreuen haben!" sagte er mit Wärme: „Wie kann Eure Lvrdschaft meinen, ich sey — (denn ob ich gleich kein Heiliger bin, bin ich doch hoffentlich ein guter Christ; ein ganz vortrefflicher, nach Ihren Worten zu schließen, ist gewiß auch EuerLvrdschaft!)parth episch für das Verbrechen gesinnt!" „Ich parthcpisch für das Verbrechen gesinnt!" erwiederte Mauleverer, vermeinend er sey unver- muthet einem unmäßigen Demokraten in den Weg gelaufen; lächelnd jedoch und sanft wie sonst fuhr er fort: „Sie beurtheilen mich hart, Herr Branden! Sie müssen mir mehr Gerechtigkeit widerfahren lassen und das wird nur möglich werden durch nähere Bekanntschaft." Die unglückliche Antwort, welche der Squire Zr vielleicht schon im Munde hatte, wurde durch das Eintreten Lucicns abgeschuitten; und der Graf, heimlich erfreut üdcr diese Unterbrechung, stand auf, ihr seine Huldigung darzubringen und sie daran zu erinnern, daß er schon früher einmal so glücklich gewesen scy, ihr bekannt zu werden, mittelst der Freundschaft des Herrn William Branden, „eine Freundschaft" sagte der galante Edelmann, „der ich schon vorher oft verpflichtet war, aber die mir nie einen angenehmer» Dienst erwies." Hierauf antwortete Lucie, welche, so peinlich ihre Verlegenheit wahrend ihres Ausammcnscyns mit Herrn Clifford gewesen, in der Gegenwart einer um so viel höher» Person eben keine ausserordentliche Schüchternheit verspürte, mit lachcn- chendem Munde und der Graf erwiederte ihr mit einem zweiten Complimente. Jetzt war das Gespräch keine Anstrengung mehr, und Mauleverer, der vollendetste Epikuräer, welchen ohne gebührende Voranstaltcn einzuladen, selbst eine königliche Hoheit gezittert hätte, folgte, von dem treuherzigen Squire aufgesordcrt, an ihrem Familicnmahle Theil zu nehmen, gerne der Einladung. Seit langer Zeit waren die ritterlichen Mauern von Warlvck- Haus nicht mehr durch den Besuch eines so hohen Gastes beehrt worden. Der gute Squire überhäufte seinen Teller mit einer ungeheuren Masse gesottenen Rindfleisches und während der arme Graf mit Bangigkeit die aufgcthürmten .Alpen, 33 die'er verschlingen sollte, betrachtete, raffte der graue Schenke ängstlich besorgt ihn r.asch zu bedienen , den überladncn Teller weg und lieferte ihn sofort wieder zurück, noch fürchterlicher belastet mit einer weitern Welt — aus einem Gemachte von Steinfarbe und schweißtreibendem Aussehen bestehend, in welchem der Graf, nachdem er es einige Augenblicke mit stummer Aufmerksamkeit betrachtet hatte und es dann sorgfältig, so gut er vermochte, auf den äußersten Rand seines Tellers schob, ein Nieren-Pudding erkannte. „Sie essen nichts, mein Lord !" rief der Squire, „lassen Sie mich Ihnen (dicß ist mehr aus der Mitte/O und hier faßte er zwischen Messer und Gabel ein fürchterliches scharlachrothes Stück, das seine blutigen Locken schüttelte, und hielt es in der Luft, — „ein andres Stück vorlegen!" Schnell wie der Blitz fuhr auf Maulevercrs Teller der Harpyen-Finger und der unbarmherzige Daumen des grauen Schenken. „Keinen Bissen mehr!" rief der Graf, mit dem mörderischen Bedienten kämpfend. „Mein theurer Sir, entschuldigen Sie mich ; ich versichre Sie, ich habe nie bisher ein solches Diner eiuge- nommen —, nie!" „Nein! das geht nicht an!" sagte der Squire, der sich nicht zufrieden geben wollte, („die Luft ist so frisch, daß Euer Lvrdschaft Ihrem Axpe- Bulwer's Romane. XXVI. I 24 xctit ganz nachgebcn sollten, und dom Rath der Aerzte folgen,) nichts zu essen!" Wieder batte lhn Maulevercr falsch verstanden. „ Die Aerzte haben Recht, Herr Branden," sagte er, ,,sebr Recht und ich sebe mich genöthigt, ganz entbaltfam zu leben; in Wahrbelt, ich zweifle , ob ich, wenn ich an Ihrer gastlichen Tafel meiner Mäßigkeit vergessen, und Alles was Sie mir znmntben, bewältigen wollte, cs je verwinden würde. Sie müßten sich nm einen neuen Statthalter für diese reibende Grafschaft nmsehcn, und auf den Grabstein des lebten Maulevercr würde der heuchlerische und gleichgültige Erbe die Worte setzen: Gestorben am Genuß des Rindfleisches, John, Graf u. s. w." Jedem Andern würde der Sinn dieser Rede klar genug gewesen sevn, aber der Squire lachte über den schwächliche» Appetit des Redenden, und gab der Meinung Raum, es müfie ein trefflicher Geselle sevn, da er so launig über seine eigne Kränklichkeit scherze. Aber Lucie hatte den sichern Takt ihres Geschlechtes; die klägliche Lage des Grafen', obgleich sie dieselbe sicherlich nicht ihrem ganzen Ilmfang nach begriff, jammerte sie, und sie gieng mit so viel Anmuth und Leichtigkeit in das Gespräch ein, das er zwischen ihnen in Gang zu bringen bemüht war, daß Maulevercrs Kammerdiener, durch den Eifer des grauen Schenken bisher ganz auf die Seite gedrängt, eine Gelegenheit fand, als einmal der Squire lachte und der Schenk vor sich hinsticrte, den überladenen Teller unbe- argmohnr und ungesehen wegzustchlcn. Trotz diesen Unbequemlichkeiten jedoch bei Tische war Mauleverer mit seinem Besuch ausnehmend zufrieden und beschloß ihn nicht eher, als bis die Schatten der Nacht heccinzubrechcn begannen und dieEntfernung seines Wohnsitzes, verbunden mit einer gemachten Erfahrung, ihn an die Möglichkeit erinnerte, daß die Frechheit eines Landstraßcn-Nitters sich sogar an den Wagen Lord Mauleverers machen konnte. So stieg er denn mit Widerstreben ein, empfahl dem Postknecht so rasch als möglich zu fahren, wickelte sich in seinen Mantel und theilte seine Gedanken zwischen Lucie Vrandon und den I>o,n->rä ->u Aratin, womit er sich unmittelbar nach seiner Rückkunft zu trösten gedachte. Aber das Schicksal, das unsre liebsten Hoffnungen zu Nichte macht, fügte cs, daß bei der Ankunft in Manleverer-Park der Besitzer plötzlich von Mangel an Appetit, Frost in den Gliedern, Schmerzen auf der Brust und allerlei sonstigen Vorzeichen einer drohenden Krankheit befallen wurde. Lord Mauleverer legte sich stracks zu Bette, blieb einige Tage liegen und als er sich wieder gebessert, empfahlen ihm die Aerzte nach Bath .zu gehen. Die Methodisten unter den Whigs, die ihn haßten, schrieben seine Krankheit der Vorsehung zu; seine Lordschaft selbst blieb Z.. 36 steif und fest auf der Meinung: sie rühre von dem Fleisch und Pudding her. Wie dem auch sey — für jetzt war cs um die Hoffnungen der jungen Damen von Vierzig und um die beabsichtigten Festlichkeiten in Maulcvercr-Park geschehen. „Guter Gott!" sagte der Graf, als die Näder seines Wagens von seinem Thore wegrollten, „welcher Verlust kann für die Kanfleute auf dem Land aus einem Stück Rindfleisch, das nicht gar ist, zumal gebraten, erwachsen!" Ungefähr vierzehn Tage waren seit Manlcve- rers metcorähnlichem Besuch in Warlock Haus verstrichen, als der Squire von seinem Bruder folgenden Brief erhielt: „Mein lieber Josef! Du kennst meine unzähligen Abhaltungen und bei dem Drang von Geschäften, welche auf mir lasten, wirst Du mir gewiß verzeihen, daß ich ein sehr nachlässiger und saumseliger Bricfschreibcr bin. Dennoch, ich verführe Dich, kann Niemand aufrichtigern Antheil nehmen an dem Glück, das meiner reihenden Nichte zugefallen und wovon Du mich neulich in Kenntniß gesetzt, als ich cs thue. Ich bitte, versichre sie meiner zärtlichen Liebe und sag' ihr, mit welch freudiger Ungeduld ich dem glänzenden Eindruck entgegen sehe, welchen sie hcrvsrbringen wird, wenn ihre Schönheit auf den Thron erhöht scyn wird, der sic sicherlich über kurz oder lang verherrlichen wird. Du weißst vielleicht nicht, mein lieber Josef, daß ich einige Zeit in sehr schwachen und herun- tcrgebrachten Gcsundheitsumständen war. Das alte Ncrvenübcl im Gesicht hat mich neuerlich heftig ergriffen, und die Qual ist manchmal so groß, daß ich sie kaum aushalten kann. Ich glaube, die großen Ansprüche, welche mein Beruf an einen, nie sehr kräftigen Körper, der zudem vor der Zeit die Schwächen des Alters zu fühlen beginnt, macht, sind die Hauptnrsachc meiner Leiden. Am Ende jedoch muß ich nothgcdrungcn meine Taschen es entgelten lassen und durch eine kurze Erholung vom Geschäft meinen Neigungen nachgebcn. Die Aerztc, geschworene Freunde der Advokaten wie Du weißst, weil sie gemeinschaftliche Sache gegen die Mcusä'hcit machen, haben mir strenge befohlen, muffig hinzuliegen, und mir frischer Luft, Bewegung, geselligen Vergnügungen und den Wassern von Bath eine kleine Cur durchzumachen. Zum Glück ist jetzt Ferienzeit bei den Gerichten, und ich kann schon das Einkommen von einigen Wochen in die Schanze schlagen, um mir vielleicht manches Lebensjahr damit zu erkaufen. Ich habe denn beschlossen, gleich in der nächsten Woche mich an diesen trübseligen Sammelplatz der Freude zu begeben, wo die Leute aus dem Leben hinaustanzen und sich über den Styl geigen lassen. Mit Einem Wort, ich will einen der Abenteurer abge- bcn, die auf Gesundheit ausziehcn, und die Göt- tin in König Bladud's Badesaal suchen. Willst Du mit der lieben Lucie dort mit mir Zusammenkommen? Ich erbitte mir es von Eurer Freundschaft und bin ganz und gar versichert, daß Keines von Euch vor dem Vorschlag. Euren kranken Verwandten zu trösten, erschrecken wird. Während ich meine Gesundheit wieder erlange, soll meine hübsche Nichte den Pluto schadlos halten, indem sie seinem Sccpter manchen bessern und jünger» Helden an meiner Statt weihet. Und für mich wird es ein doppeltes Vergnügen scyn, zu sehen wie alle Herzen u. s. w. Ich breche ab, denn was kann ich hierüber sagen, daß die kleine Kokette nicht selbst schon crriethe? Es ist hohe Zeit, daß Lucie die Welt sehe; und wenn auch in Bath, mehr als an andern Orten, Viele seyn mögen, für welche die Erbin Gegenstand eigennütziger Bestrebungen se»n wird, so giebt es doch auch in dieser von Menschen wimmelnden Stadt, Manchen, der ihrer Aufmerksamkeit durchaus nicht unwerth ist. Was sagst Du lieber Josef? Aber ich weiß schon! Du weigerst Dich nicht, mir wahrend meines kurzen Feycrtags Gesellschaft zu leisten, und Luciens Augen glänzen schon beim Gedanken an neue Hüte, Milsom Street tausend Anbeter und den Badesaal. Jmcr, lieber Josef Voll Zärtlichkeit Dein Bruder, William Branden."' Z9 „Nachschrift. Ich erfahre, mein Freund Lord Mauleverer ist in Bath; Ich gestehe, dieß ist ein weiterer Beweggrund der mich hinzicht; aus einem Briefe, den ich dieser Tage von ihm erhielt, ersehe ich daß er bei Euch einen Besuch abgestattet hat und jetzt von seinem Wirth und der Erbin ganz eingenommen ist. Ha, Miß Lucie, Miß Lucie? solltest Du eine Eroberung an dem Manne machen, den ganz London länger als ich anzugeben vermag, (doch nicht sehr lang, denn Mauleverer ist noch jung,) vergebens bestürmte? Antworte mir!" Dieser Brief erregte in Warlock Haus eine lebhafte Bewegung. Der alte Squire liebte seinen Bruder ausserordentlich und es that ihm in der Seele weh, daß er so entmuthigend über seine Gesundheit schrieb. Auch bedachte sich der Squire keinen Augenblick, den Vorschlag einer Zusammenkunft mit seinem ausgezeichneten Blutsverwandten in Bath anzunehmcn. Auch Lucie, — welche für ihren Oheim, vielleicht wegen seiner freigebigen und doch nicht unzarten Schmeicheleien, große Achtung und Theilnahme hegte, wenn gleich sie ihn nur wenig gesehen hatte — drang in den Squire, ohne Zeitverlust die Anstalten zur Abreise zu betreiben, damit man dem Advokaten zuvorkomme und Alles für seine Ankunft vorbereiten könne. Da Vater und Tochter so eines Sinnes waren, gab es keinen Anlaß zur Zögerung; eine 4o Antwort auf den Brief des Kranken gieng mit der Post zurück und am vierten Tag nach Empfang besagten Schreibens wurden der gute, alte Squire, seine Tochter, ein Landmädchcn als eine Abigail, der grauköpfige Schenke und zwei oder drei lebendige Lieblinge, deren Größe und Lebensweise am besten für die Reise paßte, in dem ungeheuren Bauch der Familicn-Kutsche auf dem Weg nach jener Stadt svrtgeschlcppt, die damals wenigstens lustiger, wenn auch weniger glanzvoll war, als die Hauptstadt selbst. Am zweiten Tag nach ihrer Ankunft in Bath, traf Brandon, (so wollen wir In Ankunft, um Verwirrung zu vermeiden, den jüngcrn Bruder nennen und dem altern den patriarchalischen. Titel Squire lassen) bei ihnen ein. Er war ein Mann, der dem Anschein nach viel auf den Prunk hielt, obwohl er innerlich ihn verabscheute und verachtete. Er fuhr vor ihrer Wohnung, die eben nicht im allerbesten Stadttheil gewählt war, in einem Wagen mit sechs Pferden an, aber nur von Einem vertrauten Diener begleitet. Sie fanden ihn besser ausschend und besser gelaunt, als sie vcrmuthct; wenige Menschen konnten angenehmer seyn als William Brandon, wenn er nur wollte; aber zuweilen mischte sich in seine Unterhaltung ein bittrer Hohn, wahrscheinlich eine Gewohnheit die er seinem Berufe verdankte, oder auch gelegentlich ein Anstrich von mürrischem und vornehmem Mißmuth, vielleicht eine Folge seiner Kränklichkeit. Doch schien sein Leiden, das sich einigermaßen jenem qualvollen Uebel, dem Gesichtsschmcrz näherte, obgleich die Anfälle seltner, als sie-bei diesem Uebel gewöhnlich sind, sich cinstelltcn, nie auch nur einen Augenblick auf seine Stimmung, wie diese scyn mochte, Einfluß zu haben. Dicß Uebel wirkte unvermerkt; kein Muskel seines Angesichts schien sich zu verziehen; das Lächeln um seinen Mund verschwand nie, der Wohllaut seiner Stimme wurde nie vom Schmerz gedämpft, und mitten unter den heftigsten Qualen bcmeistcrte sein entschlossener und trotziger Geist jedes äussere Anzeichen, und der aufmerksamste Fremde hätte den Augenblick nicht bemerkt, da ihn sein Uebel befiel oder verließ. Es war an dem Manne etwas Unergründliches. Man fühlte, daß man seinen Charakter auf Treu und Glauben aber nicht aus eigner Kenntniß gelten ließ. Nach einer Jahrelangen Bekanntschaft würde man über seine Tugenden und Fehler noch eben so sehr im Dunkel geblieben seyn. Er veränderte sich oft, aber bei jeder Veränderung blieb er gleich uncr- sorschlich. Spielte er eine Reihe von Rollen durch, oder war cs der natürliche Wechsel in der eignen Gcmürhsart, was man an ihm erblickte? Im Ganzen mild, ruhig, aufmerksam, schmeichelhaft in geselligen Verhältnissen, war er im Parlament 42 und bei den Gerichtshöfen wegen seiner kalten Härte und kaustischen Bitterkeit berufen — sv daß selbst ans diesen Kampfplätzen es ihm kaum Jemand gleich that. Es war als ob er den herberen Empfindungen, welche er im Privatleben nieder- hiclt, im öffentlichen die Zügel schießen zu lassen sich freute. Aber auch hier überließ er sich keinem augenblicklichen Muthwillen, keiner aufwal- lcndcn Leidenschaft; Alles erschien bei ihm als systematischer Hohn oder zur Gewohnheit geword- ne Herbigkeit. Er verltzte keine hergebrachte, gesellige Form. Er verwundete, ohne des Stachels in seinen Worten sich bewußt zu scheinen; und sein Gegner krümmte sich eben so sehr unter der zermalmenden Verachtung, die in seiner Selbstbeherrschung lag, als unter der Geißel seiner Satire. Kalt, schlagfertig, bewehrt und verthcidigt aus allen Punkten, gesund in seinem llrtheil, sicher in seiner Beobachtung, ebenso vollendeter Meister in Sofismen, wenn er selbst deren benöthigt war, als geübt, bei Andern sie aufzudccken; jkeincn Kunstgriff, auch den mühseligste» nicht, verachtend; keine noch so lästige Arbeit scheuend — pünktlich im Kleinen, aber deßhalb nicht minder rasch in Auffassung des richtigen Gesichtspunkts im Große» — in diesen Ruf hatte; sich seinem öffentlichen und gerichtlichen Charakter nach William Brandon gefetzt, und mit diesem Namen verband er eine gänzliche Unbescholtenheit hinsichtlich seiner Mora- 43 litat. Aber bei seinen Freunden erschien er nur als der angenehme, geistreiche, lebhafte, und wenn wir den Ausdruck im guten Sinn gebrauchen dürfen, weltliche Mann, der nie eine höhere Reinheit oder übertriebne Aengstlichkeit für äußere Formen, wichtige Fälle ausgenommen, affektirte, und der die Strenge seiner Sitten dadurch nur um so mehr zum Gegenstand der Bewunderung machte, daß er ihnen so gar nicht den Mantel der Schein- Heiligkeit umhieng. „Nun," sagte Brandon, als er nach Tisch allein bei seinen Verwandten saß und die Augen seines Bruders zum gewohnten Schlummer sich schließen gesehen hatte; „sage mir, liebe Lu- cie, was denkst Du von Lord Mauleverer? Findest Du ihn angenehm?" „Sehr! nur zu sehr, in der That!" „An sehr! das ist ein seltner Fehler, Lucie; oder willst Du damit vielleicht zu verstehen geben, Du findest ihn zu angenehm für die Ruhe Deines Gemüths?" „O nein ! da ist wenig zu befürchten; was ich damit sagen wollte ist nur dieß: er scheint cs zum einzigen Geschäft seines Lebens zu machen, angenehm zu seyn; und man kommt auf den Gedanken er habe dieß Ziel mit Darangabe gewisser Eigenschaften erreicht, die man noch lieber an ihm sehen würde." „Hm — und was wären das für Eigenschaften?" „Wahrheit, Aufrichtigkeit, Unabhängigkeit und Rechtlichkeit." „Meine liebe Lucie! es ist die Aufgabe und der Beruf meines Lebens gewesen, den Charakter der Menschen, besonders soweit die Wahrheit in Betracht kommt, in so kurzer Zeit als möglich zu ergründen; aber Du übcrtriffst mich kn rascher Anschauung, wenn Du bei der ersten Ausammcn- kunft sagen kannst, ob im Charakter eines Hofmanns Aufrichtigkeit sep." „ Demungcachtct bin ich von meiner Ansicht fest überzeugt," sagte Lucie lachend, „und ich will Ihnen einen Beweis anführcu, den ich unter hundert mir gemerkt. Lord Maulcvercr ist ziemlich taub und er meinte im Verlauf des Gesprächs, mein Vater habe etwas gesagt — es war ein ganz gleichgültiger Gegenstand — die Rede eines Parlaments-Gliedes, (der Advokat lächelte,) wovon mein Vater gerade das Gegcnthcil sagen wollte. Lord Mauleverer stimmte ihm aufs Aller- wärmste bei, schien ganz und gar seiner Meinung, klatschte seinen Ansichten Beifall und wünschte dem ganzen Land seinen Geist. Auf einmal nahm mein Vater das Wort, Lord Mauleverer horchte hin, und erfuhr daß die Ansichten, welche er so gepriesen, gerade diejenigen waren, welchen mein Vater am wenigsten hold ist. Sobald er diese Entdeckung gemacht, drehte er, ich muß sagen, mit Gewandtheit und Anmuth die Sache herum, verdammte Alles was er zuvor erhoben, und erhob Alles, was er zuvor getadelt hattet „Und das ist Alles, Lncie?" sagte Brandon mit einem lebhaften: spöttischen Lächeln um die Lippe, als der Anlaß zn rechtfertigen schien. „Nun, das ist etwas, das Jedermann thnt, nur der Eine ernsthafter als der Andre. Maulcvcrcr in der Gesellschaft, ich vor den Schranken; der Minister vor dem Parlament, der Freund gegen den Freund, der Liebhaber gegen die Geliebte; die Hälfte von uns ist damit beschäftigt zu sagen: Weiß ist Schwarz, und die andre Halste, zn beschwören: Schwarz ist Weiß. Nur ist ein Unterschied, meine liebliche Nichte, zwischen dem gescheuten Mann und dem Thoren; der Thor sagt etwas Falsches, weil die Farben ihn blenden und täuschen, aber der gescheute Mann nimmt so zu sagen einen Pinsel und verwandelt im buchstäblichen Sinne Schwarz in Weiß und Weiß in Schwarz, che er seine Behauptung ausstellt, die daun wahr ist. Der Thor ändert seine Meinung und ist ein Lügner; der kluge Mann läßt die Farben sich ändern und ist ein großer Geist. Aber das ist noch nicht für Deine jungen Jahre, Lucic!" „Aber ich kann doch die Nothwcndigkcit nicht einsehen, immer den Leuten bcizustimmcn," sagte Lucic unbefangen, „gewiß ließen sie cs sich ebenso 4ü gern gefallen, wenn man lhnen höflich und achtungsvoll widerspräche?" „Nein, Lucie," sagte Branden, immer noch lächelnd, „um sich gefällig zu machen, dazu ist nichts so unumgänglich nothwcndig, als den Leuten nach dem Munde zu reden; lügen, betrügen, jedes Wort zu einer Schlinge und jede Handlung zu einer Falschheit machen — das Alles darf man — aber nie widersprechen. Gieb den Leuten immer Recht, so bereiten sie Dir eine Stätte in ihrem Herzen. Du kennst die Geschichte von Dante und dem Lustigmacher. Beide wurden an dem Hofe des eitlen Pedanten, der sich selbst Fürst Skaliger nannte, Unterbalten; der erste nur dürftig, der zweite ganz stattlich." ,/Wie kommt's," sagte der Spaßmacher zum Dichter, „daß ick so reich bin und Ihr so arm sepd ?" „Ich werde so reich fern, wie Ihr," war die beißende und treffende Antwort, „sobald ich einen Gönner finden kann, der mir so ähnlich ist, wie Fürst Skaliger Euch!" „ Aber meine Vögel," sagte Lucie, indem sie dem Goldflnk liebkoste, der sich an ihrem Busen einschmciwclte, „sind mir nicht ähnlich und doch liebe ich sie. Ja, ich denke oft, ich könne diejenigen nur um so mehr lieben, die am meisten von mir verschieden sind. Ich fühle das auch bei Büchern — wenn ick zum Beispiel einen Roman oder ein Lhealcrstüct lese; und Sie, mein Oheim, 47 liebe ich beinah in dem Verhältniß, als ich in mir selbst nichts finde, was mir mit Ihnen gemein wäre." „Ja" sagte Branden, „Du hast mit mir die Liebe für alte Geschichten von Sir Hugo und Sir Rupert und all die andern Sir's unsers zerfallenen und vergangenen Stammes gemein. Und so sollst Du mir die Ballade von Sir John de Bran- don fingen und dem Drachen den er im heiligen Land erschlug. Wir wollen uns ins Gesellschafts- Zimmer begeben, um Deinen Vater nicht zu stören." Lucie erklärte sich bereit, nahm ihres Oheims Arm, gieng mit ihm in das Gesellschafts-Zimmer, setzte sich an das Klavier und sang nach einer begeisternden, obwohl etwas ungcstümmen Melodie, die von ihrem Oheim verlangte Familienballade. Es müßte ergötzlich gewesen se»n, in dem strengen Gesicht des eingefrorenen, gesetzten Mannes, der so friedlich unter Pergamenten hinlebte, einen gewissen Enthusiasmus zu beobachten, der hin und wieder, wenn die Verse der Ballade bei einer Anspielung auf das ritterliche Haus Branden und seinen alten Ruhm verweilten, über seine Wange leuchtete. Cs war ein früh eingesogenes Vorurthcil. das gegen seinen Willen hervorbrach; ein Charaktcrblitz der dem harten ihn umschiessen- dcn Gestein entlockt wurde. Man hätte denken sollen, daß die einfältigste Art von Stolz, (denn 48 der Geldstolz, obgleich gemeiner, ist nicht so sinnlos) der Familicnstolz die letzte Schwäche gewesen wäre, welche damals der verhärtete und schlaue Rechtsmann wenn auch nur sich selbst gestanden hätte. „Lucie," sagte Vrandon, als das Lied zu Ende war und sein Auge mit einem gewissen Stolz auf dem Anblick seiner schönen Nichte verweilte, — „mich verlangt Zeuge Deines ersten Auftretens in der Welt zu scyu. Dies Logis, meine Liebe, ist nicht passend — aber verzeih mir! was ich sagen wollte, ist nur dieß: Dein Vater und Du seyd auf meine Einladung hier und in meinem Hause müßt Ihr wohnen; Ihr seyd meine Gäste und nicht ich der Eure. Ich habe dcßwcgen schon meinen Diener angewiesen, mir eine Wohnung zu schaffen und für die ndthigc Einrichtung zu sorgen; und ich zweifle nicht, da er ein flinker Bursch ist, daß binnen drei Tagen Alles bereit sepn wird; dann mußt Du der Magnet meines Hauses sepn, Lucie, und in der Zwischenzeit mußt Du das meinem Bruder anseinandersetzen und machen daß er sich dabei beruhigt, denn Du kennst ja seine eifersüchtige Gastlichkeit." „Aber" ficng Lucie an. „Aber mir keine Aber," sagte Brandon rasch und mit dem heftigen Ton des Eigensinns, „und nun, da ich mich von meiner Reise sehr ermattet 49 fühle, mußst Du «nlr erlauben, mein eignes Zimmer zu suchen." „Ich will Sie selbst dahin begleiten," sagte Lucie, begierig dem Bruder ihres Vaters die Sorgfalt und Umsicht zu zeigen, welche sie in den Anordnungen zu seiner Bequemlichkeit verschwendet. Drandon folgte ihr in ein Zimmer, worin sein Auge auf Einen Blick die Spuren der hier thätig gewesenen weiblichen Anordnung erkannte, die das, was die Männer als unbedeutend übersehen, so gut zu benützen weiß; und er dankte ihr mit aus- sergewbhnlicher Freundlichkeit für die Güte womit sie ihre Einrichtungen ersonnen und die Anmuth mit der sie dieselben ausgeführt hatte. Sobald er sich allein sah, rollte er seinen Lehnstuhl dem großen, helllodernden Feuer näher und das Ge-' ficht auf die Hand gestützt, in der Stellung eines Mannes, der sich gleichsam anschtckt dem Spiel seiner Gedanken sich hinzugeben, murmelte er vor sich hin: „Ja, diese Weiber sind erstlich, wozu die Natur sie macht, und das ist gut, und dann das wozu wir sie machen, und das ist schlimm! Könnte sch mich jetzt davon überzeugen, daß wir so bedenklich seyn sollten in der Art wie wir diese armen Puppen behandeln und gebrauchen: so würde ich zurückbcben vor dem Gedanken, das Geschick, das ich diesem Mädchen bestimmt habe, zu beschleunigen. Aber das ist eine jämmerliche Betrachtung, Bulwee's Romane. XX VI. 4 5o und der ist ein einfältiger Spieler, der sein Geld verliert, um seine Rechenpfennige zu sparen. Und so muß denn die junge Dame als eine neue Staffel auf der Glückslciter William Brandon's dienen. Und Alles wohlerwogen: Wer leidet darunter? Sie nicht! Sie bekommt Mcichthum, Rang, Ehre; ich werde leiden bei dem Bewußtfcpn, einen so köstlichen und reinen Edelstein hinzngebcn an die Krone von — Koth! Wie verachte ich diesen Hund! und wie müßte ich ihn erst hassen, zerreißen, zermalmen, könnte ich denken, daß Er mich verachtet! War' es möglich daß er das thäte? Ha, wenn! Aber nein! ich Hab' cs bei mir ausgemacht; es ist unmöglich. Nun, hoffen wir, d,i'c- se Heirathssachc werde ins Reine kommen; und jetzt will ich mich bedenken, welche weitere Schritte ich für mich selbst thun soll — mich selbst! . ja, nur für mich selbst! Mit mir stirbt beruhte männliche Svrößling der Familie Brandon. Aber das Mt soll nicht unter dem Scheffel erlöschen!" Nach diesem Selbstgespräch versank der Redende in eine noch tiefere, stumme Träumerei, aus welcher er durch den Eintritt seines Dieners aufgestört wurde. Brandon, der nur in der Einsamkeit ein Träumer war, brach auf Einmal seine Gedanken ab. „Du hast meine Befehle vollzogen, Barlow?" fragte er. „Ja, Sir >" antwortete der Diener, „ich ha- ;i be das beste noch unbesetzte Haus gemicthet und wenn MrS. Roberts (Brandvns Haushälterin) von London ankommt, wird, so hoffe ich, Alles genau nach Ihren Wünschen scon." „ Gut; und du hast mein Billet an Lord Maulcvcrer abgegeben?" „Eigenhändig, Sir! Seine Lordschaft wird Sie morgen den ganzen Tag zu Hause erwarten." „Ganz recht; und nun Varlow, sorge daß dein Zimmer so ist daß dich mein Ruf erreichen kann — (Glocken waren, obwohl nicht unbekannt, doch damals noch nicht üblich,) und gicb vor, ich sc» zu Bette gegangen und wolle nicht gestört werden. Welche Zeit ist es?" „Gerade auf de» Punkt zehn Uhr, Sir!" ,, Stelle auf diesen Tisch meinen Briefkasten und das Tintengefäß, lim halb zwei sich bei mir nach, um mich auszukleiden; um diese Zeit werde ich zu Bette gehen. Und — halt — sorge ja gewiß dafür, daß mein Bruder glaubt, ich se» für diese Nacht zur Ruhe! Sr kennt meine Lebensweise nicht und konnte sich beunruhigen, wenn er denkt, ich sc» in meinem dcrmaligcn Gcsnndheits- znstand so lange auf." Der Diener rückte den Tisch mit dem Schreib» bedarf seinem Herrn näher und überließ sich wieder seinen Gedanken oder seinen Beschäftigungen. 5r Vierzehntes Kapitel. Diener. Geht mir doch weg mit der lumpigen Glocke! Punsch. Eine Glocke nennt JI,r dieß? (Er schlägt sie an.) Es ist eine Orgel, Diener. Ich sag' es ist eine Glocke — eine lumpige Glocke. Punsch. Ich sage es ist eine Orgel. (Schlägt ipn damit.) Was sagt Jl>r jetzt daß es ist? Diener. Eine Orgel. Herr Punsch. Tragische Comddie von Punsch und Judy. Am nächsten Morgen hatte Branden, ein großer Frühaufsteher, noch ehe Lucie und ihr Vater ihre Zimmer verlassen hatten, schon den üppigen Maulcverer aus seinem ersten Schlummer aufgestört. Obgleich der Hofmann ein Landhaus einige Meilen von Math befaß, zog er doch eine Wohnung in der Stadt vor, theils weil sie wärmer war, als ein fetten bewohntes Gebäude auf dem Lande, theils weil sie für einen trägen Mann bequemer gelegen war für die Lustbarkeiten und die Wasser der heilkräftigen Stadt. Sobald der Graf sich die Augen gerieben, sich gedehnt und zu der nnzeitigen Besprechung angeschickt hatte, brachte Branden seine Entschuldigungen wegen der Stunde, die er für seinen Besuch gewählt hatte, vor. „Erwähnen Sie dessen nicht, mein lieber Branden," sagte der 'gutmüthige Edelmann mit einem Seufzer, ,,ich freue mich zu jeder Stunde, Sie zu sehen und bin dessen ganz gewiß, daß, was Sie mir mitzutheilen haben, in alle Wege der aufmerksamen Beachtung werth seyn muß." „ Nur wegen einer Staatsangelegenheit, obwohl wichtigerer Art als gewöhnlich, wagte ich Sie zu stören," antwortete Brandon, indem er sich neben das Bett setzte. „Diesen Morgen, vor einer Stunde, erhielt ich durch eine besondere Stafette einen Brief von London mit der Nachricht, daß zuverläßig im Cabinet eine Veränderung Vorgehen solle, ja sogar mit Angabe der einzelnen Namen und Beförderungen; ich gestehe daß ich, da sowohl mein Name als der Ihrige unter den Ernennungen vorkommt, begierig war, theils Ihre Kenntniß von der Sache, die ohne Zweifel sehr genau ist, theils Ihren Rath in Anspruch zu nehmen." „In Wahrheit, Brandon," sagte Mauleve- rcr mit einem halb mürrischen Lächeln, „jede andre Stunde des Tags wäre gut genug gewesen für die Angelegenheiten der Nation, wie die Zeitungen das mühselige Possenspiel benennen , das wir durchmachen; und ich hatte mir eingebildet, Sie würden meine Nachtruhe nur einem Gegenstand von wirklicher Wichtigkeit zu lieb unterbrochen haben — etwa wegen der Entdeckung einer neuen Schönheit oder der Erfindung einer neuen Schüssel." „Weder das Eine noch das Andre konnten Sie von mir erwarten, mein theurcr Lord," versetzte Branden, „Sie kennen die trocknen Armseligkeiten, über welchen sich das Leben eines Advokaten verzehrt, und Schönheiten und neuerfundnc Schüsseln haben für uns keine Anziehungskraft, es wäre denn daß jene vcrlaßne Damen wären, und bei letzter» Eingriffe in Patente staltfänden. Aber bei Alle dem sind meine Neuigkeiten wohl des Anhörens wcrth, wenn Sie anders nicht sie schon vorher wissen." „Ich? nein! aber ich denke, ich werde im Lauf des Tags davon hören- Verhüte her Himmel, daß man mich nicht holen lasse, um irgend einer lästigen Berathung anzuwohuen. Fangen Sic an!" „Fürs erste: Lord Dubcrly ist entschlossen ab- zutrctcn, wenn nicht die Friedens-Unterhandlung zur Cabinetsfrage gemacht wird." „Pah! laßt Den abdaukcn! Ich habe mich dem Frieden so lang widcrsctzt, daß davon nicht mehr die Rede scyn kann. Natürlich wird Lord Wanstrad nicht daran denken — und er kann auf meine Flecken rechnen. Frieden! welcher schmähliche, nichtswürdige, feigherzige Vorschlag!" „Aber, mein lieber Lord, mein Brief sagt, diese unerwartete Festigkeit von Seiten Lord Du- 55 berly's habe so tiefen Eindruck gemacht, daß der König, im Gefühl der Unmöglichkeit ohne ihn ein Cabinet, das Bestand hätte, zu bilden, in die Unterhandlung gewilligt hat und Dubcrly bleibt!" „Der Teufel! Was weiter?" „Raffden und Sternhold machen für Baldwin und Charlton Platz, und in der Hoffnung, daß Sie Ihnen Beistand leihen werden-" „Ich!" sagte Lord Maulcvcrer sehr erbittert. „Ich meinen Bestand leihen dem Baldwin dem Iakvbitcu und Charlton, dem Sohn eines Bierbrauers ?" „Sehr wahr!" fuhr Branden fort, „aber in der Hoffnung, Sie würden sich überreden lassen, die neuen Einrichtungen mit nachsichtigem Auge zu betrachten, sind Sie an die Stelle des Herzogs von-bezeichnet für den vakanten Hosenband- Orden und das Amt des Obcrkammcrherrn." „Es ist nicht Ihr Ernst ! " rief Maulcverer, und sprang aus seinem Bett auf. „Einige wenige andre Beförderungen, (aber wie ich höre vornemlich nur bei der Justiz) sollen noch vvrgenommen werden. Unter andern soll mein gelehrter Amtsbrudcr, der Demokrat Sarsdcn, den scidnen Rock bekommen; Cromwcll soll Kron- Anwalt werden und — unter uns — mir hat man eine Nichtcrstellc angeboren." „Aber das Hoscnbaud! " sagte Maulcverer, die übrigen Neuigkeiten des Advokaten beinah 56 überhörend, „der Hauptzweck, Streben und Chr- geitz meines Lebens. Wie gütig von dem König! Alles wohlbedacht" fuhr der Graf lachend und sich rücklings aufs Bett werfend fort, „die Ansichten sind wandelbar — die Wahrheit hat mehr als Eine Gestalt — die Zeiten ändern sich, nicht wir — und wir müssen den Frieden statt des Kriegs uns gefallen lassen." „Ihre Grundsätze sind unbestreitbar und der Schluß auf den sie führen, ist vortrefflich," sagte Branden. „ Ey nun, Sie und ich, mein guter Freund," sagte der Graf, „die wir die Menschen kennen und unsre ganze Lebenszeit in der Welt verlebt haben, müssen hinter der Scene über das Gesindel lachen, das wir in Goldstoff hüllen und hervor- schicken um über die Bühne zu stolziren. Wir wissen wohl, daß unser Corivlanus, das Muster von Unbescholtenheit der Torp's, ein Corporal ist, den ein Freudenmädchen eingezogcn hat, und der liberale Brutus der Whigs ein Kammerdiener, der wegen Löffeldicbstähle aus dem Dienst gejagt worden — aber das brauchen wir der Welt nicht zu sagen. So müssen Sic, Branden, mir eine Rede für die nächste Sitzung ausarbeitcn — und daß ja gewiß eine Fülle von allgemeinen Grundsätzen darin vorkommt und sie mit den Worten schließt: mein blutendes Vaterland!" Der Advokat lächelte. „So willigen Sie also 57 kn die Ausstoßung von Stcrnhold und Raffden? denn das ist eigentlich die Frage. Unser brittl- schcs Schiff, wie die verdammten Metaferu-Schmi- de den Staat nennen, führt das Staatsgut wohlverwahrt wie Branntwein im Kiclraum, und nur wenn Furcht, Sturm oder der Teufel die Schelme selbst hintereinander hetzt und die Fässer aufbricht, bekommt man einmal einen tüchtigen Humpen voll. Wir würden ewig unsmit der übrigen Welt haben hcrumschlagcn müssen, wenn die Minister sich nicht selbst in die Haare gekommen wären." „Was Sternhold betrifft," sagte der Graf, „das ist ein gemeiner Hund und hat zudem für Finanzreformcn gestimmt. Ich kenn' ihn nicht — er mag zum Teufel gehen, mich ficht es nicht von ferne an; aber mit Raffden muß glimpflich verfahren werden, oder, dem Hosenband zum Trotz, fall' ich ab und gehe zu den Whigs über, die doch immerhin erträgliche DIncr's geben." „Aber warum, mein Lord! soll Raffden besser behandelt werden als sein mitaustrctender Amts- gcnossc?" „Weil er mir, auf die artigste Weise, die man sich denken kann, ein Fuder von dem köstlichen Madera geschickt hat, den ich, wie Sic wissen, als die Perle meiner Keller betrachte, und einen Antrag zu einer Canal-Schiffarth aufgab, wodurch seine ganze Grafschaft bereichert worden wäre, nvcil er erfahren hatte, -aß meine Besitzungen .dadurch 58 beeinträchtigt Müxdcn. Rein, Brandou, zum Kuckuck mit dcniWväsche ven Staatswohl, wir wisst»/ was das ist. Aber wir siud Gcutlcmcn, und unsre Freunde im Privatleben dürfen nicht so zum Teufel geworfen werden, oder cs muß wenigstens auf die möglichst höfliche Weise geschehen." ,,Fürchten Sie nichts," sagte der Anwalt, „Sie dürfen nur ein Wort sprechen, so wärmt das Cabinct eine Gesandschaft in Owhpen wieder ans, und schickt Naffdcn dahin mit einer Besoldung von fünf tausend Pfund jährlich." „Ha! das ist ein guter Gedanke! oder man könnte ihm auch ein Gnadengeschenk machen mit ein hunderttausend Hufen in einer der Colvniccn, oder Kronlandereicn um achtzig Procent unter dem Preise ihm zu kaufen geben. So wäre das im Reinen." „Und nun, mein thenrcr Freund," sagte Brandon, „will ick Ihnen frei heraus sagen, warum ich so früh komme; man hat von mir eine schleunige Antwort wegen des mir gcthanen Antrags einer Nicbtcrstelle verlangt. Ihre Meinung?" „Eine Richtcrstelle! Sie ein Richter? Was! Ihre glänzende Laufbahn aufgeben einer so geringen Würde zu lieb! Sie scherzen!" „Durchaus nicht! Hören Sie mich an. Sie wissen, wie lebhaft ich mich diesem Frieden entgegengesetzt und welche erbitterte Feinde ich unter den neuen Freunden der-Verwaltung habe; einer Seits dringen diese Feinde darauf, mich anfzu- vpfern; und andrerseits, wenn ich im Uutcrhause bliebe und für das spräche, was ich früher bekämpfte, so würde ich die Unterstützung eines großen Theils meiner eignen Parthcy verwirken; von der einen Hälfte gehaßt und von der andern beargwöhnt habe ich kein Interesse mehr, einen Sitz im Unterhaus cinzunehmen. Man hat vorgeschlagen, ich solle das Amt eines Richters übernehmen, mit dem ausdrücklichen und verbürgten, obwohl noch geheimen Versprechen seiner Majestät und des ersten Ministers, mir die erste erledigte Stelle unter den Oberrichtern zu geben. Die Stelle eines Oberrichters, oder Oberbaron ist in der Thar die einzige passende Entschädigung dafür, daß ich den Gewinn meines Berufs aufgcbe und meine parlamentarische und gerichtliche Laufbahn verlasse; der Titel kann (wenigstens durch Geltendmachung des Einflusses) auf den ältesten Sohn, meiner Nichte übergehen, im Fall daß sie einen Gemeinen heirathct: oder" setzte er nach einer Pause hinzu, „auf ihren zweiten Sohn, wenn sie sich mit einem Peer vermählen sollte." „ Ha ! das ist wahr!" sagte Maulevcrer rasch und wie von einem plötzlichen Gedanken ergriffen, „und Ihre reitzende Nichte, Brandon, ist gewiß für sich selbst oder ihre Kinder jeder Ehre werth. Sie wissen nicht, wie sehr sie mich eingenommen hat; es ist etwas so Aumuthiges in ihrer Natur- 6o lichkeit, und !n ihrer Art, die kleinen Unebenheiten von Warlock-Haus auszugleichen, lag eine so unbefangne und edle Würde, daß ich erkläre, ich fühlte mich beinah wieder jung und der Selbsttäuschung fähig, mich für verliebt zu halten. Aber, o Branden! stellen Sie sich mich vor an Ihres Bruders Tisch! mich, für den Ortolane eine noch zu materielle Speise sind / und der ich beim Au^ treten die seichteste Erhöhung auf den Teppichen von Tournay empfinde! Denken Sie sich, mein lieber Brandon, mich in einem schwarze», getäfelten Zimmer, stvvrin auf allen Seiten die Bilder Ihrer Ahnen in braunen Perücken und Blumensträußen in den Knopflöchern, hängen — ein ungeheures Feuer auf der einen und ein Luftzug auf der andern Seite — eine unermeßliche Masse Rindfleisch vor mir rauchend wie der Vesuv und zweimal so groß — ein Tellervoll (der Teller war von Zinn; oder giebt cs nicht ein Metall das so heißt!) von diesem Gemenge aus Flammen und Lava mir unter die Nase hingcrückt und ich, bei Strafe, ungezogen zu erscheinen, dazu verdammt, es mit eignem Munde zu verschlingen; ein alter Kammerdiener in Barchent-Hosen und gewobenen Strümpfen, der den Mundschenk vorstellt und mir eine Kanne Ale cinschenkt — und Ihr würdiger Bruder fragt mich, ob ich nicht Porter vorziehe — ein schmutziger Lakei in einer Livcree (das eine Liveree, ihr Götter!) von Scharlach, Blau, 6l Gelb und Grün, wle ein übelgcrathencr Regenbogen, steht auf der andern Seite des Tisches und stiert den Herrn an, Augen und Maul gleich weit aufgerissen und groß genug um mich zu verschlingen ; und Ihr trefflicher Bruder selbst oben an der Tafel — glänzend durch den Dampf des Rindfleisches, wie die aufgehende Sonne auf einem Wirthshausschild — und dann Brandon, von diesem Bilde weggewandt, sehen Sie neben mir die aumuthigc, zarte, aristokratische und doch einfache Liebenswürdigkeit Ihrer Nichte und — aber Sie sehen unwillig aus — ich habe Sie beleidigt!" Es war hohe Zeit, daß Mauleverer diese Frage that; denn während der ganzen Schilderung des Grafen, hatte das dunkle Angesicht seines Gesellschafters im buchstäblichen Sinne gebrannt vor Wnth; und wir können hier bemerken, wie überhaupt die Selbstsucht, die den Mann von Welt macht, denn doch ihren Eigner, vermöge eines seltsamen Widerspruchs hindert, es darin zur höchsten Vollkommenheit zu bringen. Denn Manleve- rer, ganz beschäftigt mit dem Vergnügen, das er über seinen Witz empfand und nie mit jenem magischen Vermögen begabt, in die Gefühle Andrer sich zu versetzen, was den unabläßigen lebhaften Beobachter macht, hatte keinen Augenblick daran gedacht, daß er den geheimen Stolz des Advokaten aufs Empfindlichste beleidige. Ja, so wenig vermuthete er von Brandon's wirklicher Schwache, 6r daß er ilw für einen Filosofen hielt, welcher ebenso über Leute wie über Grundsätze lache, wie nahe ihn auch jene angehen und wie wichtig letztere scvn mochten. Mit einer einzigen Willensanstrengung, welche seiner Wange wieder ihre gewöhnliche, ruhige Farbe gab, bemeistertc Branden die äußern Zeichen seines llnmuths und crwiederte: „Mich beleidigt! keineswegs, mein lieber Lord. Ich wundre mich nicht darüber, daß Ihr Zustand in einem alten Landcdclmanns-Hause peinlich und unangenehm scyn mag, das seit Jahrhunderten nicht mehr der Schauplatz von auffallenden, der Gegenwart eines so ausgezeichneten Gastes wcrthc» Begebnissen ist. Nie mehr, darf ich sagen, seit der Zeit, da Sir Charles de Branden Elisabeth in Warlock bewirthete; und Ihr Vorfahr, John Mauleverer, (Sic kennen ja meine alten, muffigen Forschungen über diese Punkte der dun» kein Vorzeit,) ein bekannter Goldschmied in London, lieferte das Service bei jener Gelegenheit." „Gut hetmgegebcu!" sagte Mauleverer lächelnd; denn der Graf hegte zwar große Verachtung gegen niedrige Herkunft bei Andern, aber ln Beziehung auf seine Familie war er von allem Stolz frei. „Gut heimgegcbcn; aber ich wollte ja gar nichts als über Ihres Bruders Haushaltung meine Freude haben, ein S aß, der wahrhaftig einem Mann gestattet se»n sollte, dessen ekle, übertriebne Weichlichkeit in diesen Dingen 63 längst ein stehender Gegenstand des Scherzes ist. Aber, beim Himmel, Branden, um diese Dinge jetzt zu verlassen, Ihre Nichte ist das hübscheste Mädchen das ich seit zwanzig Jahren gesehen, und wenn sie vergessen könnte, daß ich der Abkömmling von John Mauleverer, dem bekannten londoner Goldschmid bin, so könnte sie Lady Mauleverer werden, sobald es ihr gefällt." „Nun ja, lassen Sie uns jetzt ernsthaft reden und von der Nichterstelle sprechen," sagte Branden, der sich die Miene gab, als behandle er den Antrag wie einen Scherz. „Bei der Seele des Sir Charles de Bran- don, es ist mein Ernst!" rief der Graf, „und zum.Beweiß hievon: ich hoffe Sie erlauben mir, Ihrer Nichte heute meine Achtung zu bezeugen, — noch nicht mit meinem Antrag in der Hand, — denn es muß eine Neigungs-Partie seyn von beiden Seiten," und in den Spiegel gegenüber schauend, der seine etwas abgelebten aber einnehmenden Züge unter einer sammtnen, mit Spitzen besetzten Nachtmütze, zurückwarf, lachte er halb triumfirend zu diesen Worten. Ein höhnisches Lächeln flog über Brandons Lippen und verschwand augenblicklich wieder; indeß fuhr Mauleverer fort: „Und was die Nichterstelle betrifft, lieber Brandon — so rathe ich Ihnen, sie anzunchmen, obgleich Sie selbst das am besten verstehen müf- 64 sen; und ich denke Niemand hat eine schönere Aussicht ans die Oberrichtcrstcllc, oder gar — wenn es auch einigermaßen ungewöhnlich ist bet Advokaten aus den Gemeinen — ans den Woll- sack selbst? Wie Sie sagen, der zweite Sohn Ihrer Nichte kann dann die Pecrswürde erben." „Gut/ ich will mich beifällig darüber erklären," sagte Brandon und bald darauf ließ er den Edelmann allein, damit er wieder zu seiner unterbrochenen Ruhe komme. „Ich kann über den Mann nicht lachen," sagte Manlcvcrcr bei sich selbst, wie er sich im Bette umkchrtc, „obgleich er so Vieles an sich hat, worüber ich bei einem Andern lachen würde; und wahrlich cs ist da eine Kleinigkeit um deren willen ich ihn verachten könnte, wenn ich kein Filosof wäre. Seine Nichte ist ei» bildhübsches Mädchen, und bet geeigneter Anleitung könnte man mit ihr Ehre aufheben; zudem besitzt sie sechszigtanscnd Pfund baar Geld, und wahrhaftig! ich habe keinen Schilling zu meinem Vergnügen, obgleich ich sünfzigtausend Pfund jährlich zum Behuf meiner Einrichtung habe, oder, ach leider! hatte. Aller Wahrscheinlichkeit nach erbt sie auch den Advokaten und der muß wenigstens eben so viel sich gemacht haben, als sie Vermögen hat; auch steckt er, der arme Teufel, in keiner besonders guten Haut. Und wenn er sich gar zur Pecrswürde em- porfchwingt! und der zweite Sohn-nun gut! e; es wird keine so schlimme Partie für den Abkömmling des Goldschmtds werden." Unter diesen Gedanken entschlummerte Lord Mauleverer wieder. Nachmittags stand er auf, kleidete sich mit ungewöhnlicher Sorgfalt und wollte eben der Miß Brandon seinen Besuch machen, als er sich plötzlich besann, daß der Oheim ihm weder ihre noch auch seine Wohnung genannt habe. Cr wollte sich aus dem Brief des Advokaten vom vorigen Abend Raths erholen — aber keine Adresse war angegeben und so sah sich Maulc- verer zu seinem großen Verdruß genöthigt, für diesen Lag dem Vergnügen zu entsagen, das er sich versprochen hatte. Der schlaue Advokat, der, wie schon gesagt wurde, Prunk und äußern Pomp so sehr als irgend Einer verachtete, war trotz dem gegen ihre Wirkung, selbst bei einem Liebhaber, nicht blind; und zudem war Lord Mauleverer ein Mann, dessen Lebensweise auch einen Menschen von wenig Beobachtungsgeist veranlassen mußte, dem Punkt eines glänzenden Haushalts eine gewisse Aufmerksamkeit zu widmen. Dcßwegen stand es bei Brandon fest, daß Lucie von ihrem Bewunderer nicht eher besucht werden sollte, als bis der Umzug in ihre neue Wohnung bewerkstelligt wäre; auch em- pfleng erst am dritten Tag nach der erzählten Unterredung zwischen Mauleverer und Brandon der Graf von dem Advokaten einen Brief, der Bulwer's Romane. XXVI. L 66 dem Anschein nach nur politische Gegenstände betraf, der aber Angabe der Straße und des Hauses in bester Form enthielt. Manlcverer antwortete in Person. Er fand Lucie zu Hause und schöner als je; und von diesem Tage an war sein Herz, wie die Mütter sagen, gefangen und seine Besuche kehrten regelmäßig wieder. Fünfzehntes Kapitel. Das Glück eines Erbadels — der ehrenvolle Beruf eines Anwalts. Gemeinplätze. Da ist ein irest. bei welchem Ritter, Damen Und wem Geschlecht und Neichtbnm einen Namen Verlieh, erscheint- Er ist's! wie kam er per? was macht er da? Lara. Es giebt zwei gar anmutbiqe Lagen im weiblichen Leben; die eine: die erste Blüthe und Frische der Schönheit verbunden mit einem großen Erbe, die zweite: jugendlicher Wittwcnstand mit einem ansehnlichen Witthum. Luciens guter Stern ließ sie wenigstens das erstgenannte Glück genießen. Sobald sie nur erst recht in das Gewühl der fröhlicke» Welt cingcfübrt war, wurde sie der Gegenstand allgemeiner Huldigung. Ein gedrängter Haufe umgab sic überall wohin sicgieug; ma-n sprach/ träumte von Nichts, trank und wettete auf Nichts als Lucie Vraudon, Selbst ihre Natürlichkeit und gänzliche Unbekanntschaft mit den Künsten des feinen Lebens erhoben noch den Glanz ihres Rufs. Wie cs nun auch zu erklären sevn mag — junge Leute vom zarten Geschlecht sind selten unmanierlich, selbst in ihren Sonderbarkeiten, und die Unerfahrenheit hat oft eine ganz eigene Anmuth. Ihr Oheim, ihr beständiger Begleiter, der selbst keine geringe Anziehungskraft besaß beobachtete ihre Erfolge mit einer trlnmfircndcn Zufriedenheit, die er jedoch vor Niemand als seinem Bruder und vor Lucie selbst sich anmerkcn ließ. Mit der gelassenen Kälte seines Wesens würde alles eher vereinbar geschienen haben, als Stolz auf die Berühmtheit, die durch eine weibliche Schönheit gewonnen ward, oder Freude über irgend eine Gunstbczcugung, die in der Laune des Tons und der Mode ihre Quelle hatte. Was den guten alten Sguire betrifft, so hätte man weit eher ihn als seinen Bruder für den preßhaften Cnrgast nehmen können. Er wurde kaum irgendwo gesehen: denn obgleich er überall hin gieug, gehörte ec einmal zu den Leuten, die, wenn sic in ein Zimmer treten, sich augenblicklich in einer Ecke niederlassen. Wer ihn nun 5 .. 68 in seinem Winkel ausfindig machte, hob die Hände empor und rief: „Guter Gott! Sie hier! Wir haben Sic seit einem Mcnschcnalter nicht gesehen!" Dann und wann, wenn in einer dunkeln Zimmervcrtiefung ein Spieltisch aufgestellt war, arbeitete sich der würdige Gentleman mit einer unansehnlichen Partie Whist ab; häufiger jedoch saß er mit incinandcrgelcgten Händen und offnem Munde da, berechnete die Zahl der Kerzen im Saal oder dachte sich ans: „Wann doch die verdammte Musik zu Ende scpn wurde." Lord Maulevcrer, ein so seiner und höflicher Mann er war und so sehr sein Hauptzweck der sepn mußte, sich bei dem Vater seiner gewünschten Braut in Gunst zu sehen, hatte doch einen Abscheu gegen die Langeweile, der alle andern Gefühle seiner Seele überwvg. Er konnte es also nicht über sich gewinnen, sich der trübseligen Pflicht zu unterziehen, einen Zuhörer von des Squires verschlungnen, lang ausgezogncn Sieden abzngcbcn. Er schlüpfte immer an, dem Sitze des guten Mannes, anscheinend in ausnehmender Eile, vorbei mit einem: „Ah, mein lieber Sir, wie geht es Ihnen? Wie freut es mich, Sic zu sehen! und Ihre unvergleichliche Tochter? O, da ist sie! Entschuldigen Sie mich, weither Sir — Sie sehen welcher Magnet mich zieht! au xlaislr!" Lucie zwar, dis Niemand, (als gelegentlich sich selbst) vergaß, suchte ihren Vater, so oft es ihr möglich war, in seiner Zurückgezogenheit au f aber man bewarb sich so unabläßig um sie, daß sobald sie einen Tänzer verloren hatte, sie sogleich von einem zweiten angegangen und aufgezogen wurde. Der Sguire ertrug jedoch seine Verlassenheit mit erträglicher Harmlosigkeit, und erklärte immer: ,,cr unterhalte sich ganz gut; obgleich Bälle und Concerte nothwendigerweise einigermaßen langweilig für einen Mann se»n müssen, der von einem hübschen, alten Orte wie das Herrenhaus von Warlock, herkomme und natürlich haben die jungen Damen nicht an denselben Dingen Geschmack, (denn für sie möge das Geigen und Kichern bis zwei Uhr Morgens ein ganz gutes Mittel scvn, die Zeit nmzübringen) wie ihre Väter." Was Lucicns Namen noch um ein Beträchtliches gcfeyerter machte, war die sichtbare Aufmerksamkeit und Bewunderung eines in Rang und Ton so hoch stehenden Mannes wie Lord Maule- vcrcr. Dieser Mann, der noch viel Jugendliches in seinem Geist und seiner Laune hatte, und seinem Wesen nach eher gleichgültig als vornehm war, beobachtete in seinem Verkehr mit der schwärmenden Gesellschaft in Bath wenige oder gar keine Standes-Rücksichten. Cs war ibm gleichgültig, wohin er gicng, wenn er nur im Gefolge der jungen Schönheit war; und der ekelste Edelmann am englischen Hose war an dem Badeort in Cirkcln 7 <- zweiten und dritten Rangs zu sehen, als Begleiter , als schmachtender Ritter und oft als Gegenstand deS Spottes der Tochter eines unbekannten und beinah bedeutungslosen Landcdelmanns. Trotz der Ehre eines so ausgezeichneten Liebhabers und trotz all der Ncnhcit ihrer Lage, war doch der gesunde Kopf Luciens bis jetzt nicht im Mindesten verrückt worden; und was ihr Herz anlangt — so rührte der einzige Eindruck den cs je in sich ausgenommen, von jenem wandernden Gast beim Dorf- Geistlichen her, den sie seitdem nicht wieder gesehen hatte, aber der noch ihrer Einbildungskraft vorschwcbtc, nicht allein mit den Ncitzen ausgcstat- tet, die er als ein ausgezeichnet schöner Mann wirklich besaß, sonder» auch mit solchen, auf die er nie ein Recht konnte geltend machen, die aber für ihre Gemüthsruhc nur um so gefährlicher waren, als sic nur in der Fantasie des Mädchens und nicht in seinen Verdiensten gegründet waren. Sie hatten jetzt einige Zeit in Bath zugebracht und Brandvns kurze Erholungssrist war beinah abgclaufen, als ein öffentlicher Ball von ungewöhnlicher und mannigfaltiger Pracht angckün- digr wurde. Er sollte, nicht nur durch die Anwesenheit aller Familien in der Umgegend, sondern auch durch Personen aus der königlichen Familie verherrlicht werden; und cs ist ja eine anerkannte Thatsache, daß die Leute weit besser tanzen und 71 sich ihr Essen weit besser schmecken lassen, wenn ein Verwandter des Königs zugegen ist. „lieber diesen Ball muß ich noch bleiben, Lu- cie," sagte Branden, der, nachdem er den Tag mit Lord Maulevcrer zugebracht, in ungewöhnlich fröhlicher Stimmung nach Hause kam. „Ich muß noch über diesen Einen Ball bleiben und Zeuge von Deinem vollständigen Triumph seyn, obgleich es dringend norhwendig ist, daß ich Euch dann gleich am folgenden Morgen verlasse." „Sv bald!" rief Lucic aus. „So bald!" wiederholte der Oheim mit einem Lächeln, „wie gut bist Du, so mit einem alten siechen Mann zu sprechen, dessen Gesellschaft Dich zum Sterben muß gelangwcilt haben ; nein! keine artige Betheurungcn des Gcgenthcils! Aber der Hauptzweck meines Besnchs an diesem Ort ist erreicht; ich habe Dich gesehen, ich war Zeuge Deines Austritts in der großen Welt mit, ich darf cs wohl sagen, mehr als väterlichem Jubel, und ich kehre zu meinen trocknen Geschäften mit dem befriedigenden Gedanken zurück, unser alter und verwelkter Stammbaum habe wieder eine Blüthc getrieben, die seiner frischesten Lage nicht nnwcrth ist." „Oheim!" sagte Lucie im Tone des Vorwurfs und erhob den Zeigefinger mit einem schalkhaften Lächeln, wozu sich ein Erröthen gesellte, in dem die weibliche Eitelkeit, ihr selbst unbewußt, sich aussprach. „Und was soll dieß heißen, Lucie?" fragte Branden. „Weil — weil — ach, nichts mehr davon! Sie sind für den Beruf erzogen worden, in dem, wie sie selbst sagen, die Leute Unwahrheit reden für Andre, bis sie für sich selbst alle Wahrheit verlieren. Aber lassen Sie uns von Ihnen sprechen, nicht von mir; ist Ihnen wirklich so wohl, daß Sie uns verlassen dürfen?" So einfach und sogar kalt die Worte in Ln ciens Frage auf dem Papier erscheinen mögen: in ihrem Munde nahmen sie einen so zärtlichen, freundlich besorgten Ton an, daß Brandon, der keinen Freund, kein Weib, keine Kinder, kurz Niemand in seinem Hanse hatte, bei dem Theilnahiue für seine Gesundheit und sein Wohlseyn etwas Natürliches gewesen wäre, und der daher an die Sprache der Zärtlichkeit durchaus nicht gewöhnt war, sich plötzlich gerührt und ergriffen fühlte. „Nun wahrlich, Lucie," sagte er mit minder erkünsteltem Ton als worin er gewöhnlich sprach, „ich würde gerne noch Deiner Sorgfalt genießen und in Deiner Gesellschaft meine Schwächen und Leiden vergessen, aber ich kann nicht; die Fluth der Ereignisse, wie die der Natur, richtet sich nicht nach unsrem Vergnügen." „ Aber wir können doch selbst unsre Zeit uns 73 ersehen, um unter Segel zu gehen," sagte Lucie. „Ja, das kommt dabei heraus, wenn man tu Bildern spricht," sagte Branden hierauf lächelnd, „wer damit anfängt, kommt immer am schlechtesten weg. Mit klaren Worten, liebe Lucie, ich kann nicht mehr Zeit auf meine Unpäßlichkeit verwenden. Ein Advokat kann wahrend der Gerichtssitzung nicht den Müssiggänger spielen ohne-" „Ein paar Guineen zu verlieren," unterbrach ihn Lucie. „Mehr als das — seine Praxis und seinen Namen I" „Lieber noch Ließ als die Gesundheit und Ge- müthsruhe." „Ha! nicht doch — Nein!" sagte Brandon rasch und beinah zornig. „Wir lassen es uns die Frische und das Mark unscrs Lebens kosten, um eine recht glänzende Knechtschaft zu gewinnen, und wenn sie errungen ist, dürfen wir nicht meinen, eine dunkle Unabhängigkeit wäre doch besser gewesen. Wenn wirje diesen Gedanken in uns aufkom- men lassen: welche Thoren, welche verschwenderische Thoren sind wir dann gewesen! Nein," fuhr Branden nach einer augenblicklichen Pause in milderem und heitrerem Ton fort, der jedoch für die eiserne Hartnäckigkeit des Mannes nicht minder charakteristisch war, „nachdem ich die Genüße der Jugend und die behagliche Muße des Mannesal- terS hingegeben habe, damit der.Geist, der alles überwältigende Geist im Alter endlich sich eine Bahn breche zum Lob und Beifall der Menschen, wäre ich wahrlich ein elender Weichling, wenn ich, so lange noch diese streitenden Elemente meines Körpers zusammenhalten, oder so lang ich noch die Macht besitze, über diese Glieder zu gebieten, zngäbe, daß dieser schwächliche Körper die Mühe und Arbeit der bessern und cdlern Hälfte meines Wesens vereitle und was zum Dienen und Gehorchen bestimmt ist, herrsche." Lucie wußte nicht, als sie ihrem sonderbaren Verwandten halb mit Furcht, halb mit Verwunderung zuhörte, daß gerade wahrend er sprach, sein llcbcl aufs fürchterlichste an ihm nagte, ohne ihm doch nur das geringste äussere Zeichen des Schmcrzens auspreffen zu können. Aber cs bedurfte auch ihre Thcilnahme und Zärtlichkeit für diesen Mann keines weitern Zuwachses, der vielleicht eben in Folge davon, daß für gewöhnlich das Gepräge des Weltmanns und ein kaltes Gemüth sich in ihm ansfprachen, immer einen unauslöschlichen Eindruck auf alle diejenigen machte, welche je unter dieser Gemüthsruhe tiefere, obwohl vielleicht schlimmere Gefühle, hatten hervorbrechcn sehen. „Wirst Du zu dem Rout der Lady — — gehen?" fragte Brandon, der mit Leichtigkeit auf gewöhnliche Gegenstände übcrzugehen wußte, „Lord Maulcvercr trug mir auf, Dich zu fragen. „Das hängt von Ihnen und meinem Vater ab," sagte Lncie. „Wenn von mir, dann antworte ich ja!" sagte Brandon. „Ich höre Mauleverer gerne zu, besonders bei Leuten, die ihn nicht verstehen; durch die Gemeinplätze seines Gesprächs zieht sich ein seiner, künstlicher Spott durch, der die armen Narren verwundet, wie das unsichtbare Schwerdt in der Fabel, das Köpfe abschnitt, ohne deren Ei- genthümern eine andre Empfindung, als ein angenehmes, schmeichelndes Kitzeln zu verursachen. Wie unendlich ist er in Benehmen und Anstand Allen überlegen, die man hier trifft; macht er keinen angenehmen Eindruck auf Dich?" „ Ja — nein — ich kann das eigentlich nicht sagen," versetzte Lncie. ,,Jst dieß die Verwirrung der Zärtlichkeit?" dachte Brandon. „Mit Einem Wort," fuhr Lncie fort, „Lord Mauleverer ist ein Mann, den ich für angenehm halte ohne zu fesseln, und für unterhaltend ohne hinznreißen. Offenbar hat er einen gebildeten Geist und ein anmuthiges Benehmen, und bet alledem ist er die uninteressanteste Person, die ich je sah." „Die Frauen haben selten so von ihm geur- thcilt," sagte Brandon. — „Ich kann mir nicht vorstellen, wie sie anders urtheilcn sollten." 76 Ein gewister mit Verachtung verwandter Ausdruck spielte über Vrandons harte Züge. Es war ein bemerkenswcrthcr Zug an ihm, daß er, während doch sein eifriges Bestreben dahin gicng, Lücken eine vortheilhafte Meinung von Lord Maule- vcrcr einzustößen, doch nie ganz eine gewisse Zufriedenheit bei irgend einem Scherz auf Kosten des Grafen, oder bei einem ilrthcil, das feine Liebenswürdigkeit gegenüber von dem andern Geschlecht in Zweifel zog, zu verbergen im Stande war; aber sobald diese Zufriedenheit in ihm zum Bewußtseyn kam, wurde sie auch augenblicklich wieder durch den Verdruß bekämpft, welchen er darüber empfand, daß Lucic seinen Wunsch, sie mit dem Hofmann zu vermählen, gar nicht zu thcilcn schien. Es schien in dieser Beziehung in seiner Seele ein Kampf obznwalten, zwischen dem Interesse einerseits, und persönlicher Abneigung oder Verachtung andrerseits. „Du beurthcilst die Weiber falsch!" sagte Branden. „Frauen kennen sich einander nie. Von allen Menschen ist Mauleverer am meisten gemacht sie zu gewinnen und die Erfahrung recbt- scrtigt meine Behauptung. Der stolzeste Ruhm, den ich mir für ein Weib denken kann, wäre: die gänzliche Eroberung Lord Maulcvercrs; aber cs ist unmöglich. Er kann galant scyn, aber ..ic wird er sich zu Füßen legen. Cr verachtet die ganze 77 weibliche Welt und das mit Reckt und ungestraft. Genug von ihm. Sing' mir, liebe Lucie." Die Zeit des Balls rückte heran und Lucie, ein reihendes Mädchen, das aber nichts vom Engel an sich hatte, war wohl in so weit Freundin von der Fröhlichkeit, vom Tanz und von der Bewunderung , daß sic ihr Herz vor Erwartung der Dinge, die kommen sollten, pochen fühlte. Endlich erschien der Lag. Brandon speiste allein mit Maulcverer und hatte die Verabredung getroffen, daß er mit dem Grafen seinen Bruder und seine Nichte auf dem Ball finden wolle. Maul- evcrcr, eiu Feind des Prunks, ausgenommen bei großen Gelegenheiten, wo aber dann Niemand cs ihm an Geschmack zuvvrthat, liest seine Diener ule bei Lisch aufmarten, wenn er allein oder mit einem vertrauteren Freunde speiste. Die Dienerschaft war ausserhalb des Zimmers und wurde mittelst einer Glocke, die neben dem Wirth lag, wenn man ihrer bedurfte, berufen. So war die Unterhaltung ganz ungezwungen. „Ich bin ganz überzeugt, Brandon, sagte Lord Maulcverer, „daß, wenn Sie nur auch etwas besser leben wollten, es mit Ihrem Nervenleiden bald besser werden würde. Es ist nichts als Mangel an Blut, glauben Sie mir! Noch ein Wenig, von den Finnen? nicht? oh zum Kuckuck mit Ihrer Enthaltsamkeit! cs ist verdammt unfrcundschaftlich, so wenig zu essen. Da wir 78 von Finnen und Freunden sprechen — der Himmel verhüte, daß ich je wieder mit einem pedantischen Epikuräcr mich cinlassc, zumal wenn er Wortspiele macht." „ Nun was hat denn ein Pedant mit Finnen zu schaffen?" „Ich will es Ihnen sagen sah, dieser Madera!) ich brachte den Lord Dareville, der den Feinschmecker spielen will, auf den Gedanken, welch herrliches Ding cs um ein Gericht von lauter Finnen (Stcinbutteu-Finnen) scpn müßte. "Herrlich!" rief cr'eutzückt aus, "Speisen Sie morgen bei mir" iGcrne! sagte ich. Am folgenden Tag, nachdem ich den ganzen Morgen einer an- muthigen Träumerei über die Art und Weise nach gehängt war, wie Darcville's Koch, der nicht ohne Geist ist, die große Aufgabe losen werde, kam ich pünktlich meinem Versprechen nach. Werden Sie cs glauben? Als der Deckel abgenvmmen war, hatte der frevelhafte Hund von einem Amfitrnon 610000 clo 6iHbus in die Schüssel gelegt. "Hier ist ein Werk von lauter ?i»cs!" sagte er." „Gräßlicher Scherz!" rief Brandon fcyerlich. „Nicht wahr? Wenn je die Gastronomen ein Jnquisitionsgcricht nicdcrsctzcn, so werden sie hoffentlich all die gottlosen Bösewichte braten, welche das göttliche Geheimniß leichtfertig behandeln. Ein Wortspiel machen mit der Kochkunst! 79 es ist zu arg! Apropos bei Dareville — er soll auch in die Verwaltung kommen!" „Sie setzen mich in Erstaunen!" sagte Brandon, „davon Hab' ich nie etwas gehört; ich kenne ihn nickt. Er hat sehr wenig Einfluß, hat er Talente?" „Ja, ein sehr großes, obwohl nur erworbenes !" „Worin besteht es?" „Eine schöne Frau!" „Mein Lord!" rief Brandon überrascht und halb von seinem Sitz sich erhebend, aus. Mauleverer sah rasch auf und erröthete heftig als er den Ausdruck auf dem Angesicht seines Lischgenvssen sah; cs herrschte einige Augenblicke Stillschweigen. „ Sagen Sie mir, " sagte Brandon gleichgültig, indem er sich etwas Gemäße vorlcgte, denn er rührte selten Fleischspeisen an und man konnte sich keinen ergötzlicheren Contrast denken, als den zwischen dem ernstlichen Epikuräismus Mauleve- rers und der sorglosen Verachtung gegen die erhabne Kunst, welche sein Gast an den Tag legte, „Sagen Sie mir, der Sie nothwcndig Alles wissen müssen, ob das Cabinet jetzt in der That ganz besetzt ist, ob Sie das Hosenb-nd bekommen, und ich — (man merke den Unterschied) — die Richterstclle?" „ Nun so wird es, glaub' ich, eingerichtet wer- 8 ° den, das heißt, wenn Sie darein willigen, die Schurken aufzuhängen, statt niit den Narren zu leben." - „Man kann beides verbinden!" erwiederte Branden, „aber ich glaube überhaupt, cs verhält sich umgekehrt. Denn wir leben mit den Schurken und nur die Narren sind wir im Stande zu hängen. Sie fragen mich ob ich die Richterstclle annehme? Ich würde es nicht thun — nein, ich würde mir lieber die Hand abhauen — (der Advokat sprach mit großer Bitterkeit,) — als meine gegenwärtige Laufbahn, trotz allen Hindcrnißcn, die sich mir in den Weg stellen, ausgebcn: wenn ich dächte, dieser hinfällige Körper werde mir auch nur noch zwei Jahre lang erlauben, sic zu verfolgen." „Sie erschrecken mich!^ sagte Maulcverer, ein wenig ergriffen, aber dcmungcachtct mit gewohntem unfehlbarem, seinem Takt den Cayenne- Pfeffer auf die Gurken streuend, „Sie erschrecken mich; aber Sic sind'doch beträchtlich besser als früher?" „Nichr daß ich" fuhr Branden, mehr mit sich selbst als mit seinem Freunde sprechend, fort: „Nickt daß ich ausser Stand wäre die Qualen zu überwältigen und die verzagten Nerven zu bcmeistcrn; aber ich fühle , wie ich durch die beständige Anstrengung meiner noch übrigen Kräfte schwächer und schwächer werde, und ich werde ster- 8l ben, eh' ich meine Plane zur Hälfte erreicht habe, wenn ich nicht die Arbeiten verlasse, die mich im wahren Sinne des Worts in Stücke reissen." „Aber," sagte Lord Mauleverer, der trägste Mensch unter der Sonne, „die Nichterstelle'ist keine so bequeme Sinekure!" „Nein! aber in diesem Amt ist doch der Geist weniger in Anspruch genommen, als in meiner jetzigen Stellung;" und hier hielt Brande» inne, eh' er fortfuhr: „Aufrichtig gesprochen, Maulcve- rcr, glauben Sie nicht, man wollte mich hintcrge- hen? meinen Sie nicht die Absicht sep, mich zu diesem politischen Tode zu verdammen, ohne auf den Schild am Sarge zu schreiben: i-osungsm?" „Sie dürfen nicht!" sagte Mauleverer, sein viertes Glas Madera hinunterstürzend. „ Gut ich bin über den Wechsel in meinem Lebcnsplan entschieden," sagte der Advokat mit einem leichten Seufzer. „Und ich über den Wechsel in meinen Ansichten," stimmte der Graf mit ein. „Ich will Ihnen sagen, womit die Ansichten zu vergleichen sind." „Womit?" fragte Branden zerstreut. „Mit Bäumen," antwortete Mauleverer witzig, „wenn sie, so lange sie stehen, nutzbar sind, so bricht man kein Neis davon ab, aber wenn sie die Hohe erreicht haben, die gut bezahlt wird, oder wenn sie eine schöne Aussicht verdecke», so Bulwer's Romane. XXVI, c> 8r haut man sic um und scbgfft sie auf jede mögliche Welse fort, lind jetzt zum zweiten Gang!" „Ich wäre begierig," sagte der Graf, als unsre chrcuhaften Staatsmänner wieder allein waren, „zu wissen, ob cs je einen Minister gab, der sich nur drei Stecknadeln um das Volk bekümmerte — um seine Parthcy bekümmert sich Mancher, aber um das Land!" „Es sind lauter Possen!" setzte der Advokat mit mehr Nachdruck als Anmutb hinzu. „Recht! es sind lauter Possen, wie Sie cs treffend ausdrückcn. König, Verfassung und Kirche für immer! das beißt verdollmctscbt: erstens König, oder Einfluß der Krone, Richtcrstcllcn und Hosenbandorden; fürs zweite die Verfassung — oder Advokaten-Gcbübreu, Stellen für den Staatsmann, Gesetze für die Reichen und Jagd-Gesetze gegen die Armen; drittens die Kirche, oder Pfründen für die jüngcrn Söhne und den Hungertod für ihre Pfarr-Vcrwescr!" „Ha, ha!" sagte Branden mit sardonischem Lächeln, „wir kennen die menschliche Natur!" „Und wie man mit ihr umspringen muß," setzte der Höfling hinni. „A»f die Gesundheit Ihrer Nichte, und möge es nickt lang anstehen, bis Sic sie als die BrautJhrcs Freundes begrüßen!" „Braut ct cetoi-n," sagte Brandon mit einem höhnischen Lächeln worin sich sein geheimer Triunif anssprach. „Aber, hören Sie mich an, «z lieber Lord, sepcn Sie Ihrer Sache nicht zu gewiß ! es ist ein eignes Mädchen und besitzt mehr Unabhängigkeit als sonst die Weiber. 'Sie wird bei ihrem Urtheil über Sie Rang nnd Stand in keinen Anschlag bringen; sie wird nur den Mann ins Auge fassen, und verzeihen Sie mir, wenn ich Ihnen, der Sie das Geschlecht so gut kennen, einen Plan an die Hand zu geben wage, nach welchem zu verfahren nicht unräthlich seyn dürste: beugen Sie der Einbildung von ihrer Seite vor, Sic scyen ganz und gar der ihrige; erwecken Sie ihre Eifersucht, reitzen Sic ihren Stolz, bringen Sie ihr die Meinung bei, Sie seyen unüberwindlich und wenn sie nicht allen Weibern unähnlich ist, so muß sic wünschen, Sie zu erobern." Der Graf lächelte. „Ich muß mein Heil versuchen," sagte er mit zuversichtlichem Tone. „Der verwitterte Geck!" brummte Brandon zwischen den Zähnen: „jetzt wird seine Thorhcit Alles vereiteln." „ Und dies; erinnert mich," fuhr Maulevcrcr fort, „daß die Zeit schwindet und das Diner noch nicht vorüber ist; lassen Sie uns nichts übereilen, aber verhalten wir uns stille, um dessen besser zu genießen — diese Trüffeln in Champagner — kosten Sie sie einen Tobten müßten sie wieder ins Leben rufen!" Der Advokat lächelte und ließ den guten Willen gelten, obwohl er die Leckerey unberührt 6 .. ließ; und Manleverer, dessen Seele auf seinem Teller war, bemerkte die herzlose Zurückweisung nicht. Inzwischen hatte die junge Schönheit bereits den Schauplatz der Lust betreten und saß neben dem Squire am obern Ende des halbgefüllten Ballsaals. Eine muntere Dame nach der Mode der damaligen Zeit und von dem Halbrang, dem die Aristokratie von Bath angehörte, eine der sonderbaren Personen, wie sie uns in den trefflichen Novellen der Miß Burney unter der Classe der seinen Damen begegnen, gesellte sich als dritte Person und zu unsrer Erbin und ihrem Vater und bezeichnete ihnen die verschiednen Leute, welche in die Zimmer traten, mit Namen. Sie war noch im besten Strom der Klatscherey, als ein ungewöhnliches Aufsehen in der Nähe der Thür sich kund gab; drei Fremde von ausgezeichneter Gesichtsbildnng, in bunter Kleidung und mit einem Wesen, das, obgleich bei Jedem wieder verschieden, bei allen durch eine Art prunkender Zuversicht hervorstach, traten ein. Einer war ungewöhnlich groß und hatte einen ausserordentlich stattlichen Haarwuchs; der zweite hatte ein harmloseres und anspruchloseres Aussehen; demungeachtet hatte sein Antlitz einen hochmüthigen obwohl nicht widerwärtigen Ausdruck; der dritte war ziemlich viel jünger als seine Begleiter, auffallend schön von 8 ; Wuchs und Gesicht, war auch in einem bessern Geschmack gekleidet und besaß ein Benehmen, das obwohl nicht minder keck, doch nicht ebenso durch Unverschämtheit und derbes Auftreten sich bemerklich machte. „Wer mag das scpn?" sagte Luciens Freundin in verwunderndem Tone, „ich habe sie noch nie gesehen — es müssen angesehene Leute seyn — sie haben alle das Wesen von Männern von Stand! Gott! wie ungeschickt, daß ich sie nicht kennen soll!" Während die gute Dame, die wie alle gute Damen dieses Schlags, meinte, Leute von Stand haben ein bcsondres Wesen an sich, sich also beklagte, daß sie die neuen Ankömmlinge nicht kenne, ging bereits ein allgemeines Geflüster, denselben Gegenstand betreffend, durch den ganzen Saal: „Wer sind sie?" und die Antwort war immer: „Kann es nicht sagen, — sah sic noch nie." Unsre Fremden schienen mit dem sichtbaren und raschen Eindruck den sie gemacht, keineswegs unzufrieden. Sic standen in dem am meisten in die Augen fallenden Theile des Saals und unterhielten mit einander ein leises Gespräch häufig von Gelächter unterbrochen, lauter Zeichen, wie wir kaum zu bemerken brauchen, von ausserordentlich feiner Lebensart. Die schone Gestalt des jüngsten Fremden und die einfache, wie cs schien, ungcsuchte Anmnth seiner Haltung waren indcß 84 der Bewunderung, die sie erregten, nicht unwerth, und selbst sein Lachen, so unfein es in der That war, enthüllte eine so glänzende Reihe Zähne und war von so strahlenden Augen begleitet, daß, che zehn Minuten vergingen, kaum eine junge Dame unter Ncununddreissig im Saale sich befand, die nicht geneigt gewesen wäre, sich in ihn zu verlieben. Anscheinend gleichgültig gegen die verfchiednen ihr Ohr erreichenden Bemerkungen, schleuderten unsre Fremden, nachdem sie von ihrer Stellung auS zur Genüge die Schönheiten des Balls gemustert, Arm in Arm durch die Gemächer. Nachdem sie den Tanzsaal und die Spielzimmer durchwandert, gingen sie durch die Thüre, welche zum Eingang führte und betrachteten mit andern Hcrum- lungercrn, die neuen Ankömmlinge wie sie die Treppe herauf kamen. Hier erneuerten die zwei jungen Fremden wieder ihre flüsternde Unterhaltung, während der größte, unbekümmert an die Wand gelehnt, einige Augenblicke damit beschäftigt war, die Hand durchs Haar zu streichen. Mit diesem Geschäfte fertig, sah unser Ehrenmann seine Aufmerksamkeit von dem eigcnthümlichen Zustand seiner Manschetten in Anspruch genommen; nachdem er ein paar Augenblicke einen ärgerlichen Riß an der rechten Manschette beobachtet, murmelte er einige unverständliche Worte, welcke lauteten wie: der Hahn der verwünschten Pistole! und schob dann den verunstalteten Putz mit einer 87 ausnehmend flinken Bewegung der Finger seiner linken Hand hinauf; in der nächsten Minute brauchte der Fremde, von einer neuen Sorge belästigt, seine Fingerspitzen dazu, eine ausserordentlich glänzende Brustuadel an seinem Hemde zu befestigen und zurcchtzurücken, dessen grobes Gewebe sonderbar gegen die Pracht des Zicrrathes und die Feinheit der einen Krause abstach, die unser neuer Hppcrion unter seinem zimmtfarbigen Nockärmcl hervorhängen ließ. Nachdem diese kleinen Verrichtungen an seiner eignen Person beendigt waren, und er eine glänzende Tabacksdvse aus seiner Scitcutaschc hervorgeholt, dreimal darauf gepocht und sie um zwei Prisen ihres kitzelnden Schatzes erleichtert hatte, wandte jetzt der Fremde mit dem wachsamen Auge der Freundschaft, einen forschenden Blick auf den Anzug sei« ucr Freunde. Hier schien alles der strengsten Prüfung Trotz bieten zu können, nur freilich, daß, wie der vornchm-aussehende Fremde eben seine Handschuhe hcrausgczogen hatte, das Futter seiner Rocktasche, das zum Uebcrfluß noch ziemlich schmutzig war, nicht wieder, wie sich gebührte, nach innen znrückgckchrt war. Der große Fremde sah diesen kleinen Ucbelstand, fuhr dienstfertig mit drei Fingern rasch und leicht in die Tasche seines Freundes und bewältigte glücklich die Schamlosigkeit des vorwitzigen Futters. Sobald der hochmü- thige Fremde die Berührung fühlte, drehte er sich rasch um und flüsterte gegen seinen gefälligen Ge- färthen: „Was, Ncd, unter Freunden! Pfui doch! bezwinge die Natur in Dir nur wenigstens Eine Nacht!" Ehe der mit den wallenden Haaren Zeit zur Antwort fand, trat der Ceremonicnmcister, der in den letzten drei Minuten die Fremden durch sein Augenglas beobachtet, mit einer gewandten Verbeugung vor und der schöne Gentleman, der das höhere Ansehen und den Vertritt vor seinen Begleitern behauptete, war der Erste, der die Höflichkeit crwicdcrte. Er that dieß mit so viel Anstand, und einem so gefälligen Gcsichtsausdruck, baß der Richter der Bücklinge auf einmal ganz eingenommen ward und mit einer zweiten noch ehrerbietiger» Begrüßung, ihn mit sich und seinem Amte bekannt machte. „Sie würden vielleicht gerne tanzen, meine Herrn," fragte er mit einem Blick auf Alle, aber seine Worte waren an den gerichtet, der den günstigen Eindruck auf ihn gemacht harte. „Sie sind sehr gütig," versetzte der einnehmende Fremde, „ich für meinen Theil werde Ihnen für die Ausübung Ihrer Macht zu meinen Gunsten sehr verpflichtet scyn; erlauben Sie mir, mit Ihnen in den Lanzsaai zurnckznkchren, wo ich ihnen dann die Gegenstände meiner besonder» Bewunderung anSzcichncn werde." 89 Der Ceremonien-Meister verbeugte sich wie zuvor und schleuderte mit seinem neuen Bekannten, gefolgt von dessen zwei Begleitern, in den Ballfaal. „Sind Sie schon lange in Bath, Sir?" fragte der Ball-Monarch. „Nein, in der That, wir kamen erst diesen Abend an." „Von London?" „Nein! wir machten einen kleinen Streifzug durch das Land." „Ah, sehr angenehm bei diesem heitern Wetter!" „Ja, besonders an den Abenden." „Oh — ein romantischer Schwärmer!" dachte der Ball-Mann und versetzte laut: „O ja die Nächte sind angenehm und der Mond ist uns besonders günstig." „Nicht immer," sagte der Fremde. „Wahr, wahr — die vorletzte Nacht war finster; aber sonst schien der Mond sehr hell." Der Fremde war schon im Begriff zu antworten, aber er unterdrückte die Antwort und neigte nur zustimmcnd das Haupt. „Ich bin neugierig, wer sie seyn mögen," dachte der Ceremonicn-Mcister. „Bitte, Sir," sagte er leise, „ist dieser Herr, der große Herr, irgendwie mit Lord-verwandt? Ich kann yo nicht umhin zu glauben, ich entdecke eine Familienähnlichkeit an ihm." „Nicht entfernt mit seiner Lordschaft verwandt," antwortete der Fremde, „aber er ist aus einer Familie, die in der Welt Lärmen gemacht hat, obgleich er, wie mein andrer Freund nur ein G e- mein er ist," und auf dieß Wort legte er beson- dcrn Nachdruck. „Nichts kann achtungswcrther seyn, Sir, als ein Gemeiner von guter Familie," versetzte der höfliche Herr * * * mit einer Verbeugung. „Ich stimme Ihnen bei, Sir," erwicdcrte der Fremde auch mit einem Bückling. „Aber, o Himmel!" der Fremde fuhr auf. Denn in diesem Augenblick entdeckte er zum erstenmal im fernen Ende des Saals das jugendlich leuchtende Antlitz von Lucic Brandon. „Sch' ich recht, oder ist dieß nicht Miß Lucie Brandon?" „Es ist wirklich diese liebenswürdige junge Dame" sagte Herr-. „Ich wünsche Ihnen Glück dazu, daß Sie diese bewunderte Schönheit kennen. Ich denke, da Sie sich dieser Bekanntschaft zu erfreuen haben, ist die Förmlichkeit des Vorstellcns überflüssig?" „Mag scyn!" sagte der Fremde ziemlich kurz und unhöflich. „Doch nein! vielleicht ist cs doch besser, Sie stellen mich vor." „Mit welchem Namen werde ich die Ehre haben, Sir?" fragte der Namcnkcnncr bescheiden. „Clifford!" antwortete der Fremde, ,, Capital! Clifford!" Auf dich lenkte der Ober-Ccremonien-Meistcr seine Schritte durch den jetzt dichtgedrängten Saal und näherte sich Lucien, um Herrn Cliffords Verlangen zu erfüllen. Dieser Gentleman jedoch blieb, eh' er dem Schutzgcist des Ortes auf dem Fuß nachfolgte, stehen und sagte zu seinen Freunden in gleichgültigem Ton, doch nicht ohne gebietenden Nachdruck: „Hort Ihr Herrn, rhut mir den Gefallen und seyd so still und artig, als Euch möglich ist, und drängt Euch nicht zu mir, wie Ihr zu thun pflegt, so oft Ihr keine Gelegenheit erseht, mir diese Ehre nur mit dem geringsten Anstrich von Schicklichkeit anzuthun." Mit diesen Worten, ohne eine Antwort abzuwarten, eilte Clifford dem Ceremonien-Meistcr nach. „Unser Freund wird gewaltig bcfchlshabcrisch!" sagte der lange Ned, den unsre Leser bereits in dem großen Fremden erkannt haben. „So ist es immer mit den hochstrcbenden Geistern," sagte der moralisirende Augustus Tom- linson, „ ich denke wir gehen in das Spielzimmer und machen einen Nobber?" *) „Ein guter Gedanke," sagte Ned gähnend — was er in Gesellschaft zu thun sehr geneigt war. Partie Whist. SS „und ich wünsche denen, welche unsre Rodder *) versuchen, nichts schlimmeres, als daß sie von ihnen fein säuberlich ausgczvgen werden möchten." Nach diesem Witz marschierte der Colossus der Landstraßen, mit einem Blick in den Spiegel, sich brüstend und Arm in Arm mit seinem Begleiter, in das Spielzimmer. Während dieser kurzen Besprechung hatte die Erneuerung der Bekanntschaft zwischen Cliffvrd (dem Fremden vom Pfarrhaus und Befreier Herrn Sloppertons) und Lucie Branden Statt gehabt und die Hand der Erbin war schon gemäß der Sitte jener Zeit, für die zwei folgenden Tänze ihm zugefagt. Ungefähr zwanzig Minuten nachdem diese Vorstellung Statt gehabt, traten Lord Mauleve- rer und William Vrandon in den Saal und das Geflüster, das beim Eintritt des bekannten Pairs und des ausgezeichneten Anwalts entstanden war, hatte sich kaum gelegt, als die königliche Person, deren Gegenwart die festliche Scene (wie die Zeitungen einen großen, mit übel ausschendcn Leuten angefülltcn Saal nennen,) verherrlichen sollte, ankam. Die widerwärtigsten wie die einnehmendsten Personen in Europa sind in der königlichen Familie Englands zu finden. Seine jetzt regio- Im Englichen Wortspiel von Rubber die Spielpartie, mit Robber Räuber. 9Z reude Majestät, zum Beispiel, repräsentlrt die eine Classe und die andre — was sagt man wohl zu seiner königlichen Hoheit, dem Herzog von-; einem Mann, von dem man Schmeichelei) sagen darf: er verbinde das Aeuffere eines Hunnen mit der Seele eines Vandalen. Die hohe, in Barl) anwesende Person gehörte mehr der angenehmen Classe der königlichen Familie an, und in Folge gewisser politischer Verwicklungen wünschte sie vornehmlich zu jener Zeit, sich so populär als möglich zu machen. Nachdem die Hoheit bei den alten Lady's herumgegangen und sic, wie das Hof- Journal bei alten Damen noch bis auf diesen Tag thut, versichert hatte: sie seyen Morgensterne und Schwanengleichc Schönheiten, spürte sie Brain- don auf und winkte ihm sogleich mit einer vertrau- UchcnGeberde. Der ruhige, aber finster aussehende Advokat näherte sich der königlichen Hoheit mit dem ihn auszeichncnden Wesen, das in nicht ungefälliger Mischung, eine Art Steifheit, die bei der Menge für natürliche Unabhängigkeit galt, mit de- müthigcr Schmiegsamkeit verband, die man insgemein als das Zeichen eines im Grunde wohlwollenden Gemüths ansah. Wirklich war in Bran- dons Benehmen etwas, das den Großen nie mißfiel, und sie fanden nur um so mehr Geschmack an ihm, weil er, obgleich er nicht für müssige politische Streitfragen war, wo bloße um ein Haarbreit abweichende Verschiedenheit in der Betrach- -4 tungsweise statt findet, wie z. B. die Korngcsetze, die katholische Frage, Aendcrungcn in der Kirche oder Parlamentsrcfvrm, doch stets, ausgenommen mit Lord Maulcvcrer, so wie ein Mann von Ehre sprach; daß seine Höflichkeit wie Neigung sür die Personen, und seine Nachgiebigkeit gegen die Machthaber wie ein Opfer seiner persönlichen Ansichten erschien, wodurch er seinen Freunden sich gefällig erzeigen wollte. „Ich bin wirklich sehr erfreut," sagte die fürstliche Person, „Herrn Branden in so viel besserem Aussehen zu finden. Nie war die Krone seiner Dienste mehr benöthigt und wenn das Gerücht wahr spricht, so sollen sie bald für einen andern Geschästskrcis als der bisherige Beruf in Anspruch genommen werden?" Branden verbeugte sich und erwicderte: „Euer königlichen Hoheit zu dienen, sie werden immer dem Willen eines Königs zu Gebote stehen, von dem ich so viel Huld erfahren, für welchen Posten auch seine Majestät sie passend finden möge." „Es ist also wahr!" sagte die königliche Hoheit mit Bedeutung; „Ich wünsche Ihnen Glück! das ruhige Ehrenamt der Gcrichtsbank muß Ihnen nach einer so gcschäftvollcn, unruhigen Laufbahn als ein großer Wechsel erscheinen?" „Ich fürchte, es Anfangs so zu empfinden, Euer königliche Hoheit!" antwortete Vraudon, „denn ich liebe auch die Beschwerden meines Berufs und in diesem Augenblick, wo ich in lebhafter Praxis stehe, mehr als je — aber (indem er sich auf einmal bezwang,) die Wünsche seiner Majestät und meine Genugthuung, mit ihnen übercin- zustimmcn, sind mehr als hinreichend um ein augenblickliches Bedauern zu beseitigen, das ich sonst wohl dürfte empfunden haben beim Abschied von Beschäftigungen, die mir zur andern Natur geworden sind." „ Es ist möglich," versetzte die königliche Hoheit, „daß seine Majestät den bedenklichen Gesundheitszustand in Betracht zog, den zu meinem und des ganzen Publikums Bedauern, die öffentlichen Blätter einer der ausgezeichnetsten Zierden der Gcrichtsschrankcn bcigelcgt haben," „Euer königlichen Hoheit zu dienen," antwortete Brandon kalt und mit einem Lächeln, in welchem das durchdringendste Auge wohl nicht die Maske des eben an seinen Nerven nagenden Höl- lcnschmcrzcs erkannt hätte, „es liegt im Interesse meiner Nebenbuhler die kleine Unpäßlichkeit einer schwachen Constitution zu übertreiben. Ich danke dem Himmel, daß ich jetzt ganz hergestellt bin, und zu keiner Zeit meines Lebens fühlte ich mich tüchtiger — soweit meine natürlichen und geistigen Mängel überhaupt mir erlauben — die Pflicht tcn eines auch mühevollen Berufs zu erfüllen. 2«, wie das Thier sich an die Mühle gewöhnt, 96 so habe ich mich ganz in mein Geschäft hincinge- lebt — und selbst die kurze Erholung, die ich mir jetzt gegönnt habe, scheint mir eher verdrießlich «IS erfreulich." „Es freut mich, Sie so reden zu hören;" antwortete die königliche Hoheit mit Wärme — „und ich hoffe, wir werden noch viele Jahre und" fügte er in leiserem Tone hinzu, „in höheren, mit dem Mittelpunkt des Staaics unmittelbarer zusammenhängenden Aemtcrn, von Ihren Talenten Nutzen ziehen. Tie Zeiten sind von der Art daß manche Gelegenheiten Vorkommen, welche jeden treuen Anhänger der Verfassung verpflichten, geringere Geschäfte dem Einen großen, dem Lan- dcswehl gellenden zu lieb, aufzugcbcn, das uns Alle, den Höchsten wie den Niedrigsten augcht; und —" hier wurde die fürstliche Stimme noch gedämpfter, „ich finde eine Gcnugthuung darin, daß ich Sie versichern darf: die Stelle eines Obcr- richtcrs wird von seiner Majestät noch nicht als eine zureichende Entschädigung für Ihre Großmuth angesehen, womit Sie Jhke.dcrmaligen glänzenden Aussichten der ictwierigen Lage der Regierung zum Opfer bringen." Brandvns stolzes Herz schwoll, und in diesem Augenblick hatte er wohl selbst die Qualen der Hölle kaum gefühlt. Während so der hochstrebende Planmacher aufs Angenehmste unterhalten war, schlüpfte Maule- S7 verer mit der Me, Alte und Junge bezaubernden Anmuth durch das Getümmel, richtete an alle seine Bekannte ein munteres oder zärtliches Wort und drängte sich durch die Tänzer, in deren Mitte er Luciens ansichtig geworden war. „Ich möchte wissen" sagte er, „mit Wem sie tanzt. Ich hoffe cs ist der lächerliche Kerl, Mos- sop, der lustige Geschichten über sich selbst erzählt; oder der hübsche Schaafskopf, Belmont, der seine eignen Beine beschaut, statt sich die Miene zu geben, als habe er nur für seine Tänzerin Augen. Ha! hätte Tarquinius die Weiber so gut gekannt, wie ich: er würde keine Ursache gehabt haben, mit Lukrezia so plump zu verfahren. Es ist tausendmal Schade, daß die Erfahrung bei den Weibern, wie in der Welt, Einem erst kommt, wenn sie Einem nicht mehr viel Nutzen gewähren kann!" Unter diesen moralischen Betrachtungen erreichte Mauleverer die Tänzer und sah Lucic mit uiedergesenktem Auge und offenbar erglühenden Wangen einem jungen Mann zuhören, in dem Mauleverer auf den ersten Blick einen der hübschesten Bursche erkannte, die er je gesehen. Das Gesicht des Fremden war, trotz seiner ausnehmend dunkeln Färbung, vermöge der großen Regelmäßigkeit der Züge, einigermaßen weichlich; aber auf der andern Seite verriet!) sein obwohl schlanker und anmuthiger Wuchs einem geübten Auge leicht eine ausserordentliche Muskel- und Sehnenkraft; Bulwer'S Romane. XXVI. 7 98 und selbst der Anschein von Weichlichkeit kn seinem Gesickr war von einem so männlichen und freien Wesen begleitet und so ganz ohne alle Geckerei oder Einbildung, das; der günstige Eindruck seiner Erscheinung dadurch nicht im mindesten geschwächt wurde. Ein bittrer, giftiger Stich drang Manle- verer in den Tbcil seines Leibes, den der Graf, in Ermanglung eines andern Namens, sein Herz zu nennen beliebte. „Wie verflucht vergnügt sie aussieht" murmelte er. „Beim Himmel! dieser verstohlene Blick unter dem linken Augenlicd, ebenso schnell wieder gesenkt als er sich gehoben! und Er— ha! wie fest er die kleine Hand hält. Ich meine ich sehe ihn sie tätscheln! und daun des Hunds ernsten, eifrigen Blick — und sic lauter Blut und Glut, obgleich sie nicht wagt aufzu- sehen und seinem Blick zu begegnen, den sic durch innre Anschauung empfindet! O die spröde, bescheidne, verschämte Heuchlerin! Wie stumm sie ist! Mit mir kann sie genug plaudern! Ich gäbe mein vcrsprochnes Hoscnband drum, wenn sie nur mit ihm spräche! Sprechen, sprechen, — lachen, — plaudern — nur lächeln in Gottes Namen, so will ich glücklich scpn! Aber dieses verschämte, er- rothcndc Schweigen — es ist unerträglich! Dank dem Himmels der Tanz ist zu Ende; noch einmal dem Himmel sei Dank! Ich habe keine solche Qualen mehr ausgestanden, seit ich das letztem«l Las Alpdrücken hatte nach dem Essen bei ihrem Vater I" Mit einem Angesicht voll Lächeln, aber mit einer Haltung in der weit mehr Würde lag, als er gewöhnlich annahm, schritt jetzt Maulcvcrer auf Lucie zu, die sich auf ihres Tänzers Arm lehnte. Der Graf, ein Manu von großem Takt, wo seine unermeßliche Eigenliebe ihm keinen Streich spielte, wußte wohl wie er den Liebhaber zu spielen hatte, ohne sich der lächerlichen Thorheit schuldig zu machen, als ein abgeschmackter Fraueuknccht zu er« scheinen. Er suchte mehr lebendig als empfindsam sich zu geben und den Bewerber unter der Maske des Witzes zu verstecken. Nachdem er also mit leichter Galanterie seine ersten Complimcnte angebracht, gicng er in ein so lebhaftes Gespräch ein, durchflochten mit so vielen naiven, aber handgreiflich treffenden Bemerkungen über die Charaktere der Anwesenden, daß er sich vielleicht nie in einem glänzenderen Lichte gezeigt hatte. Endlich, als die Musik eben wieder anhe- ben wollte, sagte Maulcvcrer mit einem gleichgültigen Blick auf Lncicns Tänzer: „Will mir Miß Branden jetzt die angenehme Dienstleistung erlauben, sie zu ihrem Vater zu begleiten?" „Ich glaube," antwortete Lucie, und ihre Stimme wurde auf Einmal schüchtern, „daß ich nach den hiesigen Ballgesetzcn an diesen Herrn für noch einen Tanz versagt bin." 7 -. Ivo Clifford antwortete mit zuversichtlichem und unbefangnem Tone bejahend. Als er sprach, beehrte ihn Mauleverer mit einer genaueren Betrachtung als er ihm bisher gewidmet hatte; und mochte nun wirklich in seinem Blick ein Ausdruck von Verachtung oder hcrabsehcndem Hochmuth liegen, oder nicht — er reichte hin die Nöthe des Zorns auf Cliffords Wangen zu jagen. Er erwiedcrte den Blick mit Nachdruck und sagte zu Lncie: „Ich glaube. Miß Branden, der Tanz beginnt jetzt," und Lucie, dem Winke folgend überließ den aristokratischen Mauleverer seinen eignen Gedanken. In diesem Augenblick kam unter Verbeugungen der Ccremonienmcistcr herbei, halb bange, eine so große Person wie Mauleverer anzureden, aber mit der Absicht, durch die Liefe seiner Bücklinge die Größe seiner Ehrfurcht an den Tag zu legen. „Ah, mein lieber Herr-!" sagte der Graf, beide Hände dem Lykurg des Ballsaals ent- gegcnstreckcnd, „Wie geht es Ihnen? Bitte, können Sie mir Aufschluß geben, wer dieser junge — Mann ist, der eben jetzt mit i Lucie Bran- j>on tanzt?" „Das ist — warten Sie — Oh das ist Ca- pitan Clifford, mein Lord, ein sehr artiger Mann, mein Lord. Hat ihn Eure Lordschaft noch nie gesehen?" io! „ Nie! wer ist er? Etwa ein Ihrer Obhut besonders Empfohlener?" sagte der Graf lächelnd. „Nein, fürwahr!" sagte der Ceremvnienmek- ster mit einem einfältigen Lächeln geschmeichelter Eitelkeit. „Ich weiß kaum wer er ist; der Capi- tän zeigte diese Nacht zum erstenmal hier. Er kam mit zwei andern Herren; ah, da sind sie und hiemit wies er des Grafen forschende Aufmerksamkeit auf die zierlichen Gestalten der Herren Angustus Tvmliuson und Ned Pcpper, die eben aus den Spielzimmern hcrvvrtauchtcn. Der stratzcnde Gang des letzten, Ehrenmanns hatte eine so eigcnthümliche Wichtigkeit, daß Maulcvercr, so verdrüßlich er war, kaum das Lachen halten konnte. Der Cercmvnienmeistcr bemerkte des Grafen Miene und äusserte: „ Dieser vornehm aussehende Gentleman scheine geneigt zu seyn, sich etwas breit zu machen." „Nach des Herrn Aussehen zu urtheilcn," sagte der Graf trocken, (die Wahrheit zu sagen, so trug Ncds Antlitz wirklich die Spuren seiner Neigung zur Flasche,) sollte ich meinen, er sep mehr gewohnt sich voll zu machen." „Ha," erwiederte der »rliiter olegantisuum, der Maulevcrcrs Bemerkung überhört hatte, weil sie sehr leise gesprochen worden war, „ha, sic sind recht gut hcrausstaffirt!" „Hcrausstaffirt" — wiederholte Maulcvcrer, „ja wie Hntsiafficre!" loz Jetzt meinte der lange Ned, der vermöge seines Gewerbes am Spieltisch erträgliche Geschäfte gemacht hatte, er habe sich daS Recht erworben mit sich selbst in den Säälen Staat zu machen und den Damen zu zeigen, welche stattliche Person sich aus einem Pcpper machen lasse. Der lange Abenteurer lehnte sich mit der linken Hand ans Tomlinsons Arm, bediente sich seines Rechts sich selbst mit seinem mächtigen 6lmi,e,->uk>>i>s gewaltig zu fächeln und marschirte so gemächlich herum, warf jetzt das eine Bein nachlässig von sich und jetzt das andre, und beäu- gclte die Damen mit einer Art von irländischem Blick, nemlicb mit einem Mittelding von Zwinkeln und Anglotzen. Von Cliffords Gegenwart befreit, der seinen Genossen einigermaßen Zügel anlegte, erregte Ned durch sein Betragen ein so auffallendes Aufsehen, daß, wo er vorübergicng, ein allgemeines Flüstern ihm folgte. „Wer mag cs scyn?^ sagte die Wittwe Ma- temorc; cs ist ein närrischer Bursch, aber welch ein Haarwuchs!" „Ich für nieinen Theil," antwortete Fränlen Sneerall, „ich halte ihn für einen verkappten Leineweber, denn ich hörte ihn mit seinem Begleiter von Schnaps und Flachs reden. „Gut, gut" dachte Maulevcrer, „die Freundschaft erfordert cs, daß ich Branden auffuche und loZ ihm einen Wlnk gebe, in welche Gesellschaft seine Nichte geratheu zu scyn scheint." lind mit diesem Gedanken schlüpfte er in die Ecke, wo der Rechts-Anwalt mit einem grauköpfigen alten Politiker die Angelegenheiten Enrvpa's überlegte. Inzwischen war der zweite Tanz zu Ende gegangen und Cliffvrd führte Lucic an ihren Sitz, Beide bezaubert von einander. Plötzlich fühlte er sich von hinten berührt, und als er sich unmuthig umdrehte, denn solche Berührungen waren ihm nicht unbekannt, sah er das kalte Gesicht des langen Ncd , einen Finger pfiffig an die Nase gelegt. „Was giebts?" sagte Clifford mit übereinander gcbissncn Zähnen, „Hab' ich Dir nicht gesagt, Du sollest Dich mit Deiner plumpen Masse so fern als möglich von mir halten?" ,,Oho„ grunzte Ncd, „ist das mein Dank, so kann ich meine Freundschaft für mich behalten; aber wißt, mein Junge, daß der Advokat Branden hier ist und eben in diesem Augenblick durch das Gewimmel seine Blicke laufen laßt, um dieses Weihes, mit dem Du verkehrst, ansichtigzu werden." „Ha!" antwortete Clifford in raschem, heftigem Tone, „fort, denn! ich will sogleich ausserhalb des Saals zu Euch stoßen." Jetzt wandte sich Clifford zu seiner Tänzerin, verbeugte sich sehr tief, in der That um sein Angesicht dem scharfen Auge zu entziehen, das er schon einmal im Gcrichtssaal des Stichlers Buen- flat gesehen, und sagte: „Ich hoffe, Fräulein, ich werde die Ehre haben, Sie wieder zu sehen — Sind Sie, wenn ich mir die Frage erlauben dars, in Gesellschaft Ihres gcfeycrten Oheims hier? oder — " „Mit meinem Vater," antwortete Lucie, den Satz ergänzend, welchen Clifford nicht geendigt hatte, „aber mein Oheim ist bei uns gewesen; doch fürchte ich, er verläßt uns morgen." Cliffvrds Augen funkelten. Er antwortete nicht, aber mit einer neuen Verbeugung trat er in das Gedränge zurück und verschwand. Manchmal schauten in dieser Nacht die glanzvollsten Augen in Svmmcrsctshirc mit verlangender Neugier in den Säälcn nach unscrm Helden umher, aber er war nicht mehr zu scheu." Auf den Treppen traf Clifford seine Camcra- den, nahm beide beim Arm und erreichte ohne ein bemcrkcnswerthcs Abenteuer die Thüre; nur daß der mvralisirendc Angustus Tomlinsvn, der den gemäßigten Whigs dicEhre anthat, ihrer Fahne zu folgen, einige Augenblicke durch das Gedränge auf- gehalten, einen großen Stock mit goldncm Knopf aufnahm, und ihn zwischen den Fingern wägend sagte: „Ach bei unfern Beiständen treffen wir oft auch so schwere Knopfe, nur von einem ganz andern Metall!" Sobald das Gedränge es gestattete, entfernte sich Angustus mit seinen Gcfärthcn und in der Abwesenheit des Geistes welche Filosofcn cigcnthümlich ist, nahm er unwillkürlich den goldgekrönten Gegenstand seiner Gedanken mit fort, als ein derber Lakei auf ihn zutrat und sagte: „Sir, meinen Stock!" „Stock Bursche!" sagte Tomlinson." „Ach, ick bin so abwesend! da ist Dein Stock; denkt nur Ncd, ich nahm dem Mann da seinen Stock mit, ha! ha!" „Abwesend wahrhaftig !" brummte ein schlauer Sänftenträger, indem er die sich entfernende» Gestalten der drei Männer beobachtete. „Meiner Seele, der Stock war es, der abwesend zu werden Gefahr lief." Sechszehntes Kapitel. Wbacknin. „Meine lieben Schelme, liebe Jungen, Blusicr und Dingboy! J1>r seyd die bravsten Bursche die je in der Welt lierumfegten." Estadwells Herumfeger. Cato der Tliesfalier pflegte zu sagen: Manches kdnne so qetban werden, daß es für unrecht, und Vieles so, daß es für recht gelte. Lord Bacon (als Rechtfertigung für jede Schurkerei).) Obgleich unsre drei Helden eine glänzende Wohnung in Milfvm-Street gemiethet hatten, io5 und zwar, Ned zu Gefallen, über einem Haarkräuslers-Laden, kehrten sie doch nicht dahin zurück oder begaben sie sich in solche Gasthöfc, wie sie für ihre Tracht und modischen Auszug schicklich scheinen mochten, sondern sie verschwanden auf Einmal aus den belebte» Stadttheilen und rasteten nicht, bis sie ein gcmcinausschcndcs Bierhaus in einer gelegenen Vorstadt erreicht hatten. Die Thnre ward ihnen von einer ältlichen Frau geöffnet und Clifford, seinen Gcfärthen in ein Gemach im Hinterthcile des Hauses voran- schreitcnd, erkundigte sich, ob die andern Herrn schon gekommen scycn. „ Nein! " antwortete das Weib. „Der alte Herr Sack kam vor etwa zehn Minuten; aber auf die Nachricht, daß es noch etwas zu thun gebe, gieng er wieder aus." „Bring' den Trunk und die Pfeifen, alte Here!" rief Ned sich auf die Bank werfend, „wir sind nie wegen Gesellschaft in Verlegenheit." „In der That, das könnt Ihr nie seyn, da ihr mit dem Gegenstand Eurer Bewunderung immer unzertrennlich verbunden seyd," sagte Tom- linson trocken und nahm eine alte Zeitung auf. Ned, der obfchon reitzbar doch ein tüchtiger Kerl war und eine» Scherz auf seine Kosten ertragen konnte, lächelte, zog eine kleine Schecre heraus und fieng an sich die Nagel zu beschneiden. „Straf mich Gott!" sagte er nach einem io? kurzen Schweigen, „wenn dicß nicht ein Millionenmal bcßrer Zeitvertreib ist, als den feinen Gentleman in dem großen Saal spielen mit einer Mose im Knopfloch. Was sagt Ihr Meister Lo- vett?" Clifford, (so wollen wir von nun an unfern Helden, trotz seinen manchen andern Namen, benennen,) der sich der Lange nach auf eine Bank am entgegengesetzten Ende des Zimmers gestreckt hatte, und in trübe Träumerei versunken schien, sah jetzt einen Augenblick auf. drehte sich bernm, wandte Ned die Rückseite seines Körpers zu und murmelte: „Bscbt." „Hört, Meister Lovctt!" sagte der lange Ned die Farbe wechselnd, „ich weiß nicht, was Euch neuerlich angekommcn ist; aber ich wollte Ihr hattet gelernt, daß Gcntlemen auf Höflichkeit und feines Betragen Anspruch haben; und so seht Ihr, wenn Ihr gegen mich auf den höchsten Gaul sitzt, so muß ich Genugthunng haben, oder ich will mich maffakrircn lassen." „Bsch, Mann, sepd ruhig," sagte Tomlinson mit filosofischem Gleichmut!) die Kerzen putzend, „Wenns unter Freunden Händel setzt. Ist gänzlich die Moral verletzt " - Seht Ihr nicht, daß der Capitän in Träumereien begriffen ist? welcher ehrliche Mann läßt sich je gern in seinen Gedanken unterbrechen? selbst Alfred der Große konnte daS nicht ertragen. lo8 Vielleicht sinnt der Hauptmann mit der treuen Vorsorge seines würdigen Chefs in diesem Augen» blick Etwas zu unserm Besten aus!" „ Hauptmann, freilich, " murmelte der lange Ncd und schoß einen wüthcnden Blick auf Clifford, welcher Herrn Peppcrs Drohung keine Aufmerksamkeit zu schenken würdigte, „ich meines Theils kann nicht begreifen, was damals an uns war, als wir diesen grünen Setzling von Galgenbaum zum Hauptmann des Distrikts wählten. Zwar Anfangs that er gute Dienste und die Plünderung des alten Lords war nicht übel angelegt, aber in neuerer Zeit — " „Ja, Ja// sagte Augustus den riesigen Griesgram unterbrechend, „die menschliche Natur ist zum Mißvergnügen geneigt. Gesteht, daß unser dermaliger Anschlag, den muntern Lothariv auszn- pflanzcn*) und unser Heil in Bath mit einer Erbin zu versuchen, Lvvctts Gewandtheit eben so viel als unserer Erfindung verdankt// „Und was wird dabei Gutes hcrauskommcn?" versetzte Ned, indem er die Pfeife anzündete, „antwortet mir darauf? War ich nicht so stattlich geputzt wie ein Lord und marschirte ich nicht dreimal den großen Saal auf und ab, ohne daß cs mir Nagclsgroß genützt hätte?// Den Vornehmen zu spielen. I0Y „Ha — Ihr wißt aber nicht, wie manche geheime Eroberung Ihr gemacht habt; Ihr könnt eine Beure dadurch noch nicht gewinnen, daß Ihr sie nur anseht?" „Hm — " brummte Ned, mißvergnügt mit seiner Pfeife sich beschäftigend, die nicht brennen wollte. „Was des Capitäns Tänzerin betrifft," hob Tvmlinson wieder an, der eine boshafte Freude empfand, die Eifersucht des stattlichen Steuer- cin treib ers zu erregen- (denn diesen Namen fand Augustus geeignet, sich und seinen Genoffen beizulegen,) so will ich ein Tory werden, wenn sie nicht schon halb in ihn verliebt ist; und hörtet Ihr den alten Gentleman, der bei unfern, Robber die Karten zog, sagen, welch treffliches Glück er habe? Wahrlich, Ned, es ist ein Glück für uns beide, daß wir verabredeten, bei unfern Hciraths- Speculativnen uns in den Gewinn zu theilcn; ich bilde mir ein, der chrenwcrthe Hauptniann denkt, er habe da einen schlechten Handel geschlossen." „Dessen bin ich nicht so gewiß, Herr Tvmlinson," sagte der lange Ned, seinen Cameradcn sauer anschcnd. „Manche Weiber lassen sich wohl durch eine feine Haut und zierliches Benehmen bestechen; aber wahrhaft männliche Schönheit — Augen, Farbe und Haar, Herr Tonilinson, müssen doch am Ende das Feld behaupten — gebt mir nur jetzt den Branntwein und haltet Euer Maul." no „Gut, gut," sagte Tomlinson, „Ich will Euch einen Lrinkspruch geben : das hübscheste Mädchen in England — und das ist Miß Branden!" „ Ihr sollt keinen solchen Lrinkspruch geben, Sir!" sagte Clifford, von seiner Bank auffahrend — „Was zum Teufel geht Euch Miß Branden an? Und nun, Ned, " er sah wie der lange Held ihn mit unfreundlichen Blicken maß, „hier ist meine Hand, verzeiht mir, wenn ich unhöflich war. Tvm- linson wird Euch in einem Grundsatz beweisen, daß die Menschen veränderlich sind. Trinkt auf Eure Gesundheit und es soll nicht mein Fehler scyn, wenn wir keinen lustigen Abend bekommen." Diese Rede, so kurz sie war, erhielt den vollen Beifall der zwei Freunde, und Clifford daö Präsidium führend, nahm einen mächtigen Stuhl oben am Tisch ein. Kaum batte er diesen Ehrenplatz inne, als die Thürc sich aufthat und ein halb Dutzend der Verbündeten etwas lärmend ins Aimnier stampfte. „Gemach, gemach, meine Herrn," sagte der Präsident, der wieder ganz seine natürliche Lustigkeit gefunden habe, sie jedoch mir einem leichten Hcrrscherton verband, „Achtung für den Präsidentenstuhl, wenn cs Ihnen gefällig ist! das ist der Brauch so bei allen Versammlungen, wo die Gelder des Gemeinenwescns der Gegenstand des innigsten Jntcresse's sind." „Hort ihn!" rief Tomlinson. m „Nun, mein alter Freund Sack!" redete diesen der Vorsitzende an, „Ihr kommt gewiß nicht mit leerer Hand, darauf schwor' ich; Euer redliches Angesicht ist wie ein Aushängeschild mit Angabe der Schätze in Euren Taschen!" „Ha! Capitän Clifford!" sagte der Vctcrane, seufzend und sein ehrwürdiges Haupt schüttelnd: „Ich habe den Tag gesehen, da kein Junge in England so lange und so umfassende Finger hatte, als ich. Aber wie König Lear in Common Garden sagt: „Bin halt jetzt alt!" „Aber Euer Eifer ist so jugendlich wie immer, mein trefflicher Gesell!" sagte der Capitän tröstend, „und wenn Ihr das Publikum nicht mehr so säuberlich und gründlich auszicht wie ch- mals, so liegt der Fehler nicht an Eurem guten Willen." „Nein, wahrlich nicht!" riefen die Stcucr- Eintreibcr cinmüthig. „Und wenn irgend eine Tasche hübsch ruhig und nachdrücklich gefegt werden soll," setzte der höfliche Clifford hinzu, „so kenne ich bis auf den heutigen Tag in allen drei Königreichen keine hübschere, ruhigere und tüchtigere Finger als die des alten Sacks!" Der Veteran verbeugte sich ablehnend und nahm unter den herzlichen Glückwünschen der Gesellschaft seinen Sitz ein. „Und nun, Ihr Herrn," sagte Clifford, sobald nr die schwärmenden Gäste sich mit ihren gewöhnlichen Lurusarrikcln zum Trinken und Rauchen versorgt hatten, „ wollen wir unsre Abenteuer preis geben und unsere Augen an ihrem Ertrage weiden. Der galante Attie soll den Anfang machen — aber vorher einen Trinkspruch: Mögen diejenigen, welche über die Hecken sprengen, nie von einem Baume springen!" Als dieser Toast mit begeistertem Beifall getrunken war, begann Haudegen Attie die Erzählung seiner Geschichte. „Ihr wißt schon, Cap'tän" sagte er, eine martialische Stellung annchmend und sah Clifford voll ins Gesicht, „daß ich kein Freund von vielem Geschwätz bin. Wenig Geschrei und viel Wolle, das ist mein Motto. Um zehn Uhr Vormittags wurde ich des Feinds ansichtig — in Gestalt eines geistlichen Doktor's. „Schlag mich dieser und jener," sagt' ich zum alten Sack, „ich will mich an seine Ehrwürdcn machen!" „Schlag mich dieser und jener" sagte der alte Sack, „Ihr dürft nicht, Ihr liefert uns Alle an den Galgen, wenn Ihr die Kirche anrührt." „Geist meiner Großmutter!" sagt' ich. Der Sack crzählts den andern Gesellen, Alle schlagen einen Lärm darüber auf — was küuimcrts mich? Ich lege eine hübsche Kleidung an und gehe zu dem Doktor als ein heruntergekommener Soldat, der die Läden mit Drechsler- Arbeit versehe. Seine Ehrwürden, ein so lustiger. HZ fetter Hund als man nur einen sehen kann, saß zu Lisch an einem hübschen, gebratuen Ferkel. Ich sag' ihm, ich habe zu Haus Maaren für ihn zum Kauf. Hol mich der Henker, wenn der Docker nicht meinte er habe eine gute Beute gemacht! er fuhr in seine Stiefel und gieng mit mir nach Haus. Aber als ich ihn in einem Seitengäßchen hatte, zog ich meine Zuspr e ch e r heraus. „Gieb heraus, Doktor" sagte ich, „Andre Leute müssen jetzt auch am Kirchengut Theil haben." Ihr habt keinen Begriff davon was er für einen Spektakel machte; aber ich that cs einmal und damit war's aus." „Bravo Aktie!" rief Clifford und das Wort hallte von allen Seiten des Tisches wieder. Aktie legte einen Beutel auf den Tisch und der folgende Gentleman ward zur Beichte aufgerufen. Es fleckt und frommt nicht, freundli- cher Leser, alle die einzelnen Erzählungen die jetzt auf einander folgten, zu berichten. Der alte Sack besonders behauptete seinen wohlerworbnen Ruf, indem er sechs Taschen ausgeleert hatte, die mit allen möglichen Sorten und Arten von Kostbarkeiten angefüllt gewesen. Bauern und Fürsten schienen durch einander ihm zu Händen gekommen zu sehn; und vielleicht hatte der gute alte Maun in Einer Stadt für die Herstellung der Vermogeusgleichheit unter den verschiedenen Stän» den mehr gewirkt als alle Reformer von Cromwell Buiwcr's Romane, XXV!» L 114 bis Carlisle. Aber so heftig war seine Begierde nach diesem Zeitvertreib, daß der alte Eigen- thnmsjäger in Helle Thräncn ausbrach, daß er nicht mehr erfingcrt hatte. „Ich liebe einen so warmen Enthufiasmus,"rief Clifford, die beweglichen Güter cinstrcichend, und sah mit einem zärtlichen Blick den alten Bcutel- schneidcr an, „Mögen Ms nie neue Fälle des alten Sacks vergessen machen!" Sobald dieser gefühlvolle Trinkspruch gebührend getrunken war und Herr Bagshot seine Thrä- nen getrocknet und sich seinem Lkeblingsgetränke — blauer Tod, beiläufig gesagt, zugewandt hatte, schritt man zum Werke der Theilung. Die Bescheidenheit und llnvarthevlichkcit des Hauptmanns hei diesem schwierigen Zweige seines Amtes erwarb ihm allgemeine Bewunderung, und nachdem jeder der Herren seinen Antheil sorgfältig einge- vackt, ränsocrte sich der jugendliche Präsident dreimal und die Gesellschaft bekam folgende Rede an- zuhörcn. „Gentlemen!" begann Clifford und sein Haupt« bekstand, der weise Auqustus ließ ein Hort! erschallen, „Gentlemen, Ihr Alle wißt, daß als Ihr beliebtet, vor einigen Mouathen, theils auf Anrathen von Gentleman George, Gott segne ihn! — theils in Folge einer allzugünstigcn Meinung von mir, welche meine Freunde aussprachcn, mich zu der hohen Ehre des Befehlshabers in diesem Di- HZ strikts zu berufen: ich selbst keineswegs einen Ehr- geitz hatte, diese Würde, welche weit über mein Verdienst, wie ich wohl weiß, hinaus ist, und eine Verantwortlichkeit zu übernehmen, die wie ich eben so gut weiß meine Kräfte weit übersteigt. Eure Stimmen jedoch trugen den Sieg über die meine davon und wie Herr Muddlcpud, der große Metafirsikcr, in der trefflichen Zeitschrift, Ast- näum genannt, zu bemerken pflegte, die ange- bornen, unberechenbaren und ewigen B ildungsk e im c der Eitelkeit in meiner Brust, waren unendlich mächtiger als die schnöden Einflüsterungen der Vernunft, dieses lächerlichen Dings, das alle weisen Männer und einsichtsvolle Asinä- ums-Frcunde eifrig zu ersticken bemüht sind." „Die Pest über den Mann, von was schwatzt er denn!" sagte der lauge Ncd, dessen heftige Gcmüthsart wir schon kennen gelernt haben, flüsternd zu dem alten Sack. Dieser schüttelte den Kopf. „Mit Einem Wort, Gentlemen" fuhr Clif- sord weiter fort: „Eure Güte überwältigte mich, und trotz dem daß die kältere Uebcrlegung abrieth, nahm ich Euer» schmeichelhaften Antrag an. Seither habe ich, soviel in meinen Kräften stand, gestrebt, Euer Interesse zu befördern; ich habe ein wachsames Auge auf alle meine Nachbarn gehabt; ich habe von Grafschaft zu Grafschaft Verbindungen mit zahlreichen Corrcspvndenten angeknüpft, 8 .. Ii6 und unsre Unternehmungen wurden mit einer Ge- wandheit ausgeführt, welche einen glücklichen Erfolg sicherte. „Gentlemen, ich mochte mich nicht gern brüsten, aber in diesen Nächten der regelmäßigen Zusammenkünfte, wenn jedes Vierteljahr uns zusam- lneubringt um de» Bund zu erneuern, wenn wir Pri- vat-Iusammenkünfte halten um die öffentlichen Angelegenheiten zu erörtern, unfern Gewinn gleichsam in geheimer Berathung aufweisen, und ihn freundschaftlich gleichsam im Cabinet theilen (Tvmlinson: Hört, hört!) ist es Sitte daß der jeweilige Haupt- mann Euch an seine Amtsführung erinnert, wegen seiner Fehler eure Verzeihung erbittet so wie eure guten Wünsche für seine künftigen Unternehmungen- ^Gentlemen! konnte man je Paul Lovctt 'nachsagen, daß er von einer Beute gehört, und vergessen habe, Euch die Kunde mitzuthcilcn? (Nein, nein! lauter Beifall-) Ließ er sich je nachsagen, er habe Andre geschickt, um den Raub zu holen und er sey zu Hause geblieben; um nachzudenken, wie man ihn verwenden solle? (Nein, nein! wiederholter Beifall-) Ließ er sich je Nachsätzen, er habe jan Eurer Gefahr weniger und an Euer» Guineen mehr Antheil genommen als ihm zustand? (Verneinendes Rufen, verbunden mit heftigem Beifall.) Gentlemen, ich danke Euch für diese schmeichelnden, lauten Beweise Eurer Zufriedenheit mir mir; aber die von mir berührten II? Punkte, so nothwendig sie für meine Ehre seyn mögen, beweisen für meine Verdienste wenig; es mögen an einem Cameradcn achtungswerthe Eigenschaften seyn; von Eurem Anführer verlangt Ihr gewichtigere Dienstleistungen. Gentlemen! hat sich je Paul Lovctt nachsagen lassen, er habe wackre Männer auf verlorene Posten gesandt? Er habe Eure Köpfe aufs Spiel gesetzt, bei vorschnellen Versuchen Bildnisse von König George zu erwerben? kurz, daß sein Eifer größer gewesen, als seine Vorsicht? oder daß seine Liebe zu einem Quid *) ihn je gleichgültig gegen euren gereckten Abscheu vor einem Qued **) machte? (Einstimmiger Beifall.) „Gentlemen, seit ich die Ehre habe, über Eurer Wohlfarth zu wachen, ist das Schicksal, das dem Kühnen hold ist, gegen Euch niKt ungültig gewesen. Aber drei unsrer Gefärthen vermissen wir bei unfern friedlichen Festen. Einen, Gentlemen, stieß ich selbst aus unsrem Corps, wegen nn- gentlemanmäßigcr Kunstgriffe; er stahl Taschentücher aus den Taschen — es war ein gemeines Treiben. Manche von Euch, Gentlemen, haben dasselbe zum Spaß gethan; Jack Littlefork machte ein Gewerbe daraus. Ich verwies es ihm öffentlich und privatim; Herr Pepper gab den Umgang *) Guineen. Gefängnist. Ulkt ihm auf, Herr Tomlinson las ihm eine Abhandlung über wahre Seelengröße vor; Alles umsonst. Er wurde vom Pöbel wegen des Diebstahls eines Taschentuchs mit Schlüsselblumen beschimpft; mit dem Fehler hätte ich Nachsicht gehabt, die Entdeckung war unverzeihlich — ich stieß ihn aus. Wer ist hier so niederträchtig daß er ein Taschentüchcrjäger scpn mochte? Ist Einer hier, der rede, denn ihn habe ich beleidigt! Wer ist hier so gemein, daß er nicht ein Gentleman se»n wollte? Ist Einer da — Er rede, denn ihn habe ich beleidigt! Ich schweige — ich erwarte eine Antwort! Wie, keine? Nun dann Hab' ich Niemand beleidigt! (Lauter Beifall!) Gcntlcmeu, ich darf kühnlich hiuzusctzen: ich habe Jack Little- fork nickt mehr gethan, als Ihr Paul Lovett dürftet. Die nächste Lücke in unser» Reihen wurde durch den Verlust von Patrick Blunderbull veranlaßt. Ihr kennt, Gcntlcmen, die kräftigen Bemühungen, die ich zur Rettung dieses irregeleiteten Geschöpfs machte, dessen Belehrung ich mir nicht minder ernstlich angelegen se»n ließ. Aber er ließ sich beigehen, unter dem Namen des Eh- renwerthcn Capitän Smico Geschäfte zu treiben; die Peerschaft strafte ihn auf Einmal Lügen, sein Vergehen war von erschwerenden Umstanden begleitet und er war so auffallend häßlich, daß er keine Theilnahme einflößte. Er verließ uns und wanderte in ferne Verbannung, und wenn ich ihn als Mensch beklage, so gestehe ich Euch, Gcntle- men, daß ich als Stcucr-Eintreiber, Euch sehr leicht zu trösten weiß. Unser dritter Verlust muß Euch in frischem Andenken seyn. Peter Popwcll, ein so kecker Bursch, als je gcathmet hat, ist nicht mehr." (Bewegung in der Versammlung.) — „Friede sey mit ihm! Er starb auf dem Schlachtfeld, todt geschossen von einem schottischen Oberst, den der arme Pvpwell mit einer ungcladnen Pistole ausplündcrn wollte, der aber nichts hatte. Sein Andenken, Gcntle- men, — in schweigender Fcycr! Dieß ist die Ucbcrst'cht unsers Verlustes," begann der jugendliche Präsident wieder, sobald Peter Popwclls Andenken mit dem rvthen Pokal gekrönt war, „ich bin stolz, trotz meiner Vetrnbntß, bei dem Gedanken, daß der Vorwurf dieser Verluste nicht auf mir lastet. Und nun, Freunde und Genossen, Gcutlcmen von der Landstraße, der Gasse, dem Theater und der Hütte! Ihr Helden, Ritter und Knappen vom Kreuz — gemäß de» Gesetzen unsers Ordens lege ich in Eure Hände die Gewalt nieder, die ihr mir für zwei Vierteljahre anvertraut, bereit in Eure Reihen als Camcrade zurückzutretcn und nicht abgeneigt auf die mühevolle Ehre zu verzichten, die ich getragen, — getragen zwar mit vieler Schwachheit, aber wenigstens mit dem aufrichtigen Wunsch der 120 Sache zu dienen, mit der mich Euer Vertrauen beauftragt hat." Mit diesen Worten verließ der Präsident den Lehnstuhl unter dem lärmendsten Beifall, und sobald der erste Ausbruch sich theilweise gelegt hatte, stand Augustus Tomlinson, die eine Hand in der Hosentasche und die andre ausgestreckt haltend aus und sprach: „ Gentlcmen, ich trage darauf an, daß Paul Lvvett für die nächsten drei Monathe wieder zu unserm Hauptmann gewählt werde." (Betäubender Beifall) „Viel könnte ich sagen von seinen ausserordentlichen Verdiensten, aber warum bet dem verweilen, was offenkundig zu Tage liegt? das Leben ist kurz, warum sollten die Reden lang scyn? Unser Leben ist vielleicht kürzer, als das Leben andrer Menschen; warum sollten wir nicht in unfern Vorträgen einer angemcßnen Gedrängtheit uns befleißigen? Gcntlemen, ich will nur Ein Wort zu Gunsten meines trefflichen Freundes sagen — meines Freundes, sage ich ? ja des meinigen wie des Emsigen. Er ist der Freund von uns Allen. Ein erster Minister ist seinen Anhängern nicht nützlicher, und dem Publikum nicht beschwerlicher und aussätziger als, ich sage cs mit Stolz, Paul Lovcrt. (Laute Zustimmung.) Was ich zu seinen Gunsten geltend machen will, ist einfach dieß. Der Mann, in dessen Lob die entgegengesetzten Partheyen sich vereinigen, muß wahrlich 121 hervorragende Verdienste besitzen. Von allen unfern Genossen, Genttemen, ist Pani Lovctt der einzige, der auf dieses Verdienst Anspruch zu machen hat. (Beistimmung.) Ihr wißt Alle, Gent- lemen, daß unsre Verbrüderung lange Zeit in zwei Partheyen getrennt war, jede auf die andre eifersüchtig, jede begierig, sich emporzuschwingen und jede wetteifernd, welche am meisten Finger in den Beutel des Publikums hincinzubringen wisse. In der Sprache des gemeinen Volks würde die eine Parthey Gauner, die andre Landstraßen-Rit- ter geheißen haben. Ich, Genttemen, ein Freund der Auffindung von neuen Namen für die Gegenstände und Personen und ein Stück von einem Politiker, ich nenne die Einen Whigs und die Andern Tory's. (Geschrei und Beifall.) Ich gelte für ein Einflußreiches Mitglied der erstern Classe! Herr Sack wird mit Recht als die glänzendste Zierde der zweiten Faklion betrachtet. Herr Attie und Herr Eduard Pcpper können kaum ganz zu Einer von beiden gerechnet werden; sie vereinigen in sich die guten Eigenschaften beider: brittische Mischlinge werden sie von Einigen genannt; ich nenne sie liberale Aristokraten! (Beifall.) Und nun ruf' ich Jeden auf, er sey Whig oder Gauner, Lory oder Landstraßen-Ritter, brittischer Mischling oder liberaler Aristokrate: ich fordre Jeden auf, mir Einen Mann zu-nennen, in dessen Wahl Alle zusammenstimmen?" Alle: „Lovett für immer." „Gcntlcmcn," fuhr der listige Augnsrus fort: „dieser Ausbruch ist hinreichend; ohne ein weiteres Wort: ich schlage alS Euern Capttän Herrn Paul Looett vor." „Und ich unterstütze den Vorschlag!" sagte der alte Herr Sack. Unser Held, auf diese Weise wieder durch die ciumüthigc Zustimmung seiner Verbündeten auf den Amtsstuhl erhoben, stattete in einer wvhlgc- sctztcu Rede seinen Dank ab, und Scharlach Jcm erklärte mit großer Fcycr'lichkeit, sie mache seinem Kopf und Herz gleich viel Ehre. Nachdem die Donner der Beredsamkeit verhallt waren, kreisten lustig die flammenden Leuchtkugeln- oder, wie der gemeine Mann sich ansdrückt, die Glaser mit Genever; der gute alte Herr Sack aber blieb bei seinem blauen Tod, und Attic bei der Schnaps-Flasche; einige, worunter Clifford und der weise AnguStus, verlangten Wein, und Clifford, der sich die äußerste Mühe gab, in seiner Stellung anfs pflichtschuldigste die Fröhlichkeit zu befördern, war dafür besorgt, daß der Gesang dem Vergnügen der Becher Abwechslung gebe. Von den vorgetragncn Liedern sind wir nur zwei mitzntheilcn im Stand. Das erste ist von dem langen Ned, und obgleich wir bekennen, Wenig daran zu finden, machte es doch (vielleicht wegen einer besonder» Anspielung, die uns natürlich unbekannt ist,) einen wunderbaren Eindruck. Es lautete also: Das Schclnien-Recept. Willst Du den größten Schelmen zieh» Aus einem ehrlichen Thoren: Stell' zwischen zwei tüchtige Schelmen ihn Hinein — er ist verloren! Die Tugend einem Haushahn gleicht. Der unter Kampfhahnen sich schämet; Der wildste Elepbant wird leicht Von zweien zahmen gezähmt. Die zweite Poesie, womit wir nnsern Lesern anfzuwartcn das Vergnügen haben, ist ein sehr belustigendes Duett, das von Haudegen Attie und einem großen dürren Räuber aufgcführt wurde, der ein gefährlicher Bursche unter einem Pöbel- Haufen war, und deßwegen Pöbel Francis genannt war; der Letztere begann: Pöbel-Francis. Der trefflichste aller brittencn Herrn Ist Haudegen Attie. der Landstraße Stern; O Arthur, mein Held, Dn entlchnt'st, wie ich sah Einen strogenden Beutel heut Morgen; Und weil meine Quell' dem Versiegen ist nah. Möcht' ich gern einen Goldsvogel borgen. O Arthur, Du rüst'ger. Du Kecker, Du List'ger Wir Alle rufen es aus: Die Meister und Jünger im Handwerk der Finger Sticht bei weitem der Kriegsmann doch aus! Haudegen Attie. Halt Deinen Stand Dn list'ger Preller! 124 Ich leide ohne Pfand Einen Fuchs? Keinen Heller! Pöbel-Francis. 2 welch ein Scheusal die neidische Katze, Die für sich selbst nur kratzt und scharrt! Mdcht' alter Sünder! dir bläuen die Fratze, Weil Dn mir gönnst am Gold keinen Part. Hast kein Herz für den allgemeinen Jammer, Dich kümmert der Sturz nicht unsrer Partliei, Und führte nicht Scharlach Jem Hammer und Klammer So wär es bald mit uns Allen vorbei. O ! Scharlach Jem, das ist ein Kerl znm Entzücken! Den sticht sein Gewissen wie dcnSchadelPerücken'. Doch ich muß verachten die Bursche die trachten Nur immer sich selber zu füllen den Ranzen, Den Soldaten, der ohne Rücksicht für die Krone Und sich selbst sticht, soll man als Bcrrättzcr ku- ranzen. Diese derbe Antwort des Pöbel-Francis störte nicht im Mindesten die ursprüngliche Ruhe und Kälte Haudegen Attie's ; aber der umsichtige Clif- ford sah, daß Francis seine gute Laune verloren hatte, und aufmerksam auf das kleinste Zeichen von Störung in der Gesellschaft, verlangte er sogleich ein neues Lied und Pöbel-Francis rief brummend den alten Sack auf. Die Nacht war schon weit vorgeschritten und so auch der Witz der ehrlichen Steuer Cintreibcr, als der Präsident Stille gebot und die Zecher in Kenntniß setzte, daß ihr Chef ihnen für das nächste Ziel Verhaltungsbefehle erthcilen wolle. Nichts 125 konnte besser am Platz seyn, als solche Anweisungen, wahrend die Lustigkeit noch herrschte und che die Vergeßlichkeit sich der Köpfe bcmcisterte. „Gentlemen," sagte der Hauptmann, „ich will jetzt mit Eurer Genehmigung Euch allen die Plane nuttheilen, die ich für Jeden entworfen habe. Ihr Aktie, sollt nach London gehen; laßt die Windsor-Straße und die Umgegenden von Pim- lico Eurer bcsvuderu Sorge empfohlen scpn- Seht diese Briefe an, mein Held! sie werden Euch viel Arbeit auwciscn, ans Schweigen brauche ich Euch nicht erst zu erinnern. Wie die Auster thut Ihr den Mund nie auf, als zu einem gewissen Bchu- fc. Ehrlicher alter Sack, ein reicher Vichmästcr wird am Donnerstag in Smiethfield sepu; sein Name ist Hvdges, und er wird etwa iooo Pfund in i seiner Lasche haben. Er ist grün, frisch und habgierig; erbietet Euch, ihm seine Nachbarn in einem Handel betrügen zu helfen, und ruhet nicht, bis Ihr ihm das angethan habt, was er Andern anthun wollte. Sepd, trefflicher alter Mann, wie der Froschfisch, der mit zwei Hörnern, die wie Köder ansschen, nach andern Fischen angelt; die Beute fahrt auf die Hörner los und im nächsten Augenblick ist sie in seinem Rachen! Für Dich, theuerstcr Jem, enthalten diese Briefe die Ankündigung einer Beute: fett ist der Pfaffe Pliant, voll seine Börse und er reitet am Freitag von Henley nach Orford; ich brauche nicht mehr zu sa- irS gen. Was Click andern Herrn betrifft, auf diesem Papier seht Ihr Eure Besiiiiiiiiung verzeichnet. Ich verbürge mich dafür, Ihr findet zu thun genug bis wir uns r-on heute über drei Mvnathe wieder treffen. Ich, Augnstus Tvmlinfon und Ned Peppcr, wir bleiben in Math; wir haben ein Geschäft cing efädelt, ihr Herrn, von ausnehmender Wichtigkeit; solltet Ihr uns zufällig begegnen, so begrüßt uns nicht als Bekannte; wir sind hier In- cognito; wir sind auf einer hohen Jagd begriffen und stecken Falken-Fcdern auf um der Rolle treu zu bleiben — Ihr versteht mich; aber der Fall kann schwerlich eintreteu, denn keiner von Euch bleibt in Bath; bis morgen Nacht wird Euch schon die Landstraße aufnehmen. Und nun Gcntlcmen! rasch die Gläser gefüllt und ich will Euch einen Denkspruch geben um Euren Eifer auzuspornen: Gelber Honig ist süß und I>old, Aber süßer ist gelbes Gold!" Der Spruch unsres Helden wurde mit all dem Enthusiasmus ausgenommen, welche angenehme Wahrheiten gewöhnlich erzeugen. Der alte Herr Sack stand auf, um eine Rede gegen den Präsidentenstuhl zu halten; zum Unglück für die Erbauung der Zuhörer glitt der Fuß des Veteranen eh er über die Worte: Herr Präsident, binaus- gckommcn war; er stürzte gewissermaßen taumelnd zu Boden — IL7 Gleich einem schießenden Stern um nimmer aufzustch'n! Sein Körper gab einen trefflichen Schemel für den bequemen Pcppcr ab. Jetzt gaben sich Augustus Tomlinson und Clifford, nachdem sie einige Blicke gewechselt, alle crsinnlichc Mühe, die Fröhlichkeit dcö Abends zu steigern und che die dritte Stunde des Morgens geschlagen hatte, ward ihnen schon die Gcnugthuung von der Wirkung ihrer wohlwollenden Bemühungen an den ausgcstrcckten Gestalten ihrer Zechbrüder sich zu überzeugen. Der lange Ned, der natürlich mehr vertragen und fassen konnte als die klebrigen, unterlag zuletzt. ,, Des Baumes Blätter" begann der Vorsitzende, die Hand schüttelnd „Des Baumes Blätter sind ein Bild vom Menschenkind Jetzt frisch beschaut, jetzt welk, ein Spiel dem Wind." „Gut gesagt, mein Hektor der Landstraßen!" rief Tomlinson, langte nach dem Wein, indcß seine Beine beschäftigt waren, die ausgcstreckten Schciiilcichname von Scharlach Jcm und Lang Ned zu entfernen, und setzte das homerische Citat mit bombastischem und selbstgefälligem Ton fort: „So blühen diese noch, wenn jene schon verdorrt!" „Wir haben uns unsrer Freunde zu entledige» gewußt," begann Clifford. 128 „Wie Whigs die in Aemtcr keninien," un terbrach ihn der Politiker- „Recht, Tomlinson, vermöge der gelindem Eigenschaften unscrs Getränks und vielleicht auch der kräftigeren Beschaffenheit unsrer Äöpfe. Und nun sagt mir, mein Freund, was denkt Ihr von der Wahrscheinlichkeit des Gelingens? Werden wir eine Erbin Haschen oder nicht?" „Je nun, freilich," sagte Tomlinson, „die Weiber sind wie die Berechnungen in der Arithmetik, wo man nie auf ein gan; reines Resultat ohne Nest kommt. Ich für meinen Theil will meine Waden polstern und mich nach einer Witt- we umschen. Ihr, mein guter.Geselle, scheint ganz gut zu stehen mit Miß-" „ O, nennt den Namen nicht!" ries Cliffvrd, errothcnd, daß man cs selbst durch die Glut, welche der Wein über sein Angesicht verbreitet, hindurch bemerkte. „Wie cs sich immer verhalte, von unsrem Munde soll ihr Name nicht gehaucht werden; und wahrhaftig, wenn ich an sie denke, so thu' ich cs ohne einen Namen.". „Wie, habt Ihr auch schon.vvr diesem Abend an sie gedacht?" „Ja, seit Monathcn," antwortete Cliffvrd. „Ihr erinnert Euch, wie Ihr vor einiger Zeit, als wir den Plan zur Plünderung Maulcvercrs entwarfen, mehr zum Spaß als um des Gewinns willen den Doktor Sloppcrton von Warlvck auö iry plündertet, worauf ich mitleidig den alten Herrn nach Hause begleitete. Nun, im Hanse des Geistlichen traf ich Miß Brandon; bemerkt/wenn ich sie beim Namen nenne, müßt Ihr es doch nicht thnn — und beim Himmel, doch ich will nicht schwören — und begleitete sie nach. Hans. Ihr wißt die Plünderung Mauleverers machte Lärm eh noch der Tag anbrach und ich fürchtete Euch Alle in Gefahr zu bringen, wenn ich in der Nähe des Orts wo die That geschehen war, mich blicken ließe. Seither zerstreuten Geschäfte meine Gedanken; wir entwarfen den Plan, eine HeirathS- Spcculation in Bath zu versuchen. Ich kam hie- her; denkt Euch meine Ucberraschung als ich sie sah! „Und Euer Entzücken," setzte Tomlinson hinzu, „bei der Kunde, daß sie eben so reich als schön ist." ,,Ncin!" antwortete Clifford rasch, „dieser Gedanke macht mir kein Vergnügen — Ihr stutzt. Ich will versuchen mich zu erklären. Ihr wißt, lieber Tomlinson, ich bin eben kein Empfindler, und doch bebt mir das Herz, wenn ich das unschuldige Gesicht ansche, und die sanfte, angenehme Stimme höre und denke, daß meine Liebe zu ihr nur Verderben und Kummer über sie bringen kann ; ja, daß meine Anrede schon eine Befleckung und mein Blick gegen sie eine Beleidigung ist." „Et der Tausend!" sagte Tomlinson, „seyd Bnlwer's Romane. XXVI. y Ihr bei mir in die.Schule gegangen und habt die wahre Geltung der Worte erlernt und könnt noch irgend Scrupcl über einen so leichten Gewis- scnsfall haben? Wahr ists, Ihr könnt cs Betrug nennen, wenn Ihr Euch ihr vorstellt als einen unabhängig lebenden Gentleman und so ihre Neigung gewinnt; aber warum dicß Betrug nennen, da Geist zur Jntrigue ein weit passenderer Ausdruck ist; eben so, falls Ihr die junge Dame heirathet, wenn Ihr sagt, Ihr habet sie zu Grund gerichtet, so verdient Ihr mit Recht, vernichtet zu werden, aber warum nicht sagen: Ihr habet Euch gerettet; und dann, mein guter Freund, ist Eure That die aller- rcchtmaßigstc von der Welt.^ „Bscht, Mensch!" sagte Clifford verdrießlich, „keine Sofismen und Spöttereien." „Bei der Seele Sir Eduard Coke's, cs ist mein Ernst — aber seht Ihr, mein Freund, dies; ist keine Sache, wo cs passend ist^ ein allzuzartes und delikates Gewissen zu haben. Ihr seht die Bursche, die da ans dem Boden liegen! Alles kluge Gesellen und so fort, aber Ihr und Ich, wir sind von einer andern Art. Ick habe eine klassische Erziehung gehabt, die Welt gesehen und bin in anständige Gesellschaft gekommen; und Ihr wart nicht lang ein Mitglied unscrs Clubs, so zeichnetet Ihr Euch vor Allen aus. Das Glück kachelte Eurer jugendlichen Kühnheit. Ihr schaff- IZI tct Euch schöne Pferde und Kleider au, besuchtet öffentliche Gesellschaften, und da Ihr cln verdammt hübscher Bursche mit einem angcborncu vornehmen Wesen und von einiger Bildung seyd, wurdet Ihr so wohl ausgenommen, daß Ihr Euch in kurzer Zeit Betragen und Ton eines — was soll ich sagen — eines Gentleman und Geschmack an angemeßncr Gesellschaft erwarbet. Das ist auch mein Fall. Trotz unfern Bemühungen für das Gemeinwohl, merken die undankbaren Hunde, daß wir mehr sind, als sie.; ein einziges neidisches Herz ist genug uns dem Henker zu überliefern; wir sind darüber einverstanden, daß wir in Gefahr sind, und eben so darin, daß wir einen ehrenvollen Rückzug bewerkstelligen müssen; das können wir nicht thun ohne Geld; Ihr kennt den unter Unsersgleichen bekannten Vers; Nichts kann wahrer scyn: Es ist am Galgen lungern Noch besser als Verhungern. „Ihr wollt nichts von dem Gemeingut entwenden, obgleich ich denke, Ihr könntet cs mit vollem Recht, in Betracht, daß Ihr so Viel cin- gcbracht habt; was sollen wir nun anfangcn? Arbeiten können wir nicht; betteln mögen wir nicht! und unter uns gesagt, wir führen ein sehr verschwenderisches Leben. Was bleibt uns übrig als eine Heirath?" „ Wahr ist's," sagte Clifford mit 'einem halben Seufzer. „Ihr dürft wohl seufzen, mein guter Gesell; die Ehe ist im besten Fall ein Jammerleben; aber hier ist kein andrer Ausweg, und nun da Ihr eine Neigung gefaßt habt zu einer jungen Dame, die so reich ist, wie ein weiblicher Crvsus und eine so glanzend vergoldete Pille, wie die Kutsche des Lordmajors, was Teufels habt Ihr da noch mit Scrupeln zu schaffen?" Clifford antwortete nicht und cs entstand eine lange Pause, vielleicht hätte er sich nicht so freimüthig hcrausgclafscn, als er that, wenn nicht der Wein ihm das Herz ausgeschlossen hätte. „Wie stolz" ficng Tomlinsou wieder an, „die gute alte Matrone in Thames Court seyn wird, wenn Ihr ein Fräulein heirathet! Ihr habt sic in neuster Zeit nicht gesehen?" „Seit Jahren nicht," antwortete unser Held, „arme alle Seele I ich denke sie befindet sich wohl, und ich trage Sorge, daß sie nicht ohne Vaar- schaft ist." „Aber warum besucht Ihr sie uicht? Vielleicht schämt Ihr eüch,, wie alle'große Männer, besonders von liberaler Gcistcsrichtung, der alten Freunde, he?" „Mein guter Freund, sieht das mir gleich? 'Ihr wißt ja doch, wie die Stutzer unter unserm Orden mich scheel ansehcn, weil ich auf meine Würde nicht Atting halte, nicht immer in Gesellschaft von wohlgeklcidetcn Gcntlemen ranbe und unter dem Namen des Neffen eines Lords betrüge; nein, meine Gründe sind diese: fürs Erste müßt Ihr wissen, die alte Dame hatte sichs zur Hcrzens-Angelcgenheit gemacht, daß ein ehrlicher Mann aus mir werden sollte." „Und das scyd Ihr geworden!" unterbrach ihn Augustus. „Ehrlich gegen Eure Parthcy; waS wollt Ihr mehr von irgend einem Gauner oder Politiker?" „Ich glaube" fuhr Clifford, die Unterbrechung nicht beachtend, fort, „meine arme Mutter verlangte vor ihrem Tod, ich mochte doch ehrlich auf- crzogen werden; und so seltsam cs euch verkommen mag, aber — Frau Lobkins ist eine gewissenhafte Frau auf ihre eigne Weise, — ihr Fehler ist es nicht, wie ich das geworden bin , was ich wurde. Nun weiß ich wohl, es würde sie schmerzlich betrüben, wenn sie mich in meiner jetzigen Gestalt sähe. Fürs zweite, mein Frennd, könnt Ihr Euch wohl denken, daß bei meinen angenommenem Namen — Jackson und Howard, Ruffel und Pigwiggin, Villiers und Gotobed, CavenLisch und Salomons, die guten Leute in der Nachbarschaft vonThamcs Court nicht entfernt einen Verdacht hegen, der abenteuerliche und vollendete Schelm, dermalen Hauptmann dieses Bezirks mit dem neuen Namen Lovett, sey in der Thar kein >o4 Andrer als der unbekannte, namenlose Paul vom Krug. Nun hatten wir, Ihr und Ich, Angustus ! in der menschlichen Natur, obwohl im schwarzen Buch, gelesen, und ich weiß wohl, daß, wollte ich in Thames Court erscheinen, und würde die alte Dame das Gehcimniß meiner Ankunft ausschwatzen. (was sie gewiß thäte, nicht ans Unzartlichkcit sondern aus Unmäßtgkeit — nicht daß sie mich weniger sondern weil sic den Magcntrost mehr liebt,) - " „ Ihr könnt Euch leicht denken, " unterbrach ihn der lebhafte Tomlinson, „daß die Identität Eurer frühcrn Niedrigkeit mit Eurer jetzigen Größe bald würde ausgcspürt werden, Neid und Eifersucht Eurer frühcrn Freunde erwachen würden; ein Wink von Eurem Aufenthalt und Eucrn falschen Namen könnte der Polizei gegeben, Ihr selbst bcigefaht werden mit der naheliegenden Aussicht auf eine hänfene Beförderung." „Ihr crrathct ganz meine Gesinnung!" antwortete Clifford. „Die Wahrheit ist, daß ich beobachtet habe, wie unter zehn Fällen immer neunmal unsre bravsten Gesellen durch die Verrathcrci eines frühcrn Busenfreundes oder den Neid eines Kameraden von der Knabcnzeit her aufgehoben wurden. Meine Bestimmung ist noch nicht entschieden; ich verdiene ein besseres Schicksal, als im Karren zu fahren mit einem Blumenstrauß in der Hand; und ob ich gleich nach dem Tod an und für sich nicht viel frage, bin ich doch entschlossen, wo möglich nicht als Landstraßen-Nitter zu sterben ; daher meine Vorsicht und die flugc Sorgfalt für Geheimhaltung und sichre Frcvstätteu, worin Menschen, die nicht so weise sind wie Ihr, so oft einen unnatürlichen Widerspruch mit meiner Handlungsweise auf der Landstraße gefunden haben." ,, Narren ! " sagte der filosofische Tvmlinson. „Was hat die Tapferkeit eines Kriegers damit zu schaffen, daß er sein Haus vor Feuergefahr sicher stellt?" „Jndcß," sagte Clifford, „schicke ich meiner guten Pflegemutter dann und wann ein hübsches Geschenk, um sie von meinem Wohlbefinden zu überzeugen, und erhalte mich obwohl abwesend doch ihrem Gcdacbtniß durch Präsente gegenwärtig — verzeiht das Wortspiel." „Und scyd Ihr nie von Einem Eurer weiland Kameraden ansgefunden worden?'^ „Nie! bedenkt, in welch höhere Sfäre des Lebens ich mich geworfen habe; und wer würde auch den Springinsfeld Paul mit der Barcbent- Jacke in Gentleman Paul mit verbrämter Weste erkennen? Zudem habe ich sorgfältig alle Orte vermieden, wo ich möglicherweise solchen begegnen konnte, die mich in meiner Kindheit sahen. Ihr wißt, wie wenig ich die Gaunerhcrbergcn besuche, und wie bedenklich ich bei der Aufnahme neuer Verbündeter in unsre Gesellschaft bin; Ihr und IZ6 Peppcr send die einzigen zwei von mcincii Genossen (meinen Schützling ausgenommen, wie Ihr ihn nennt, der die Höhle nie verläßt,) die um meine Identität mit dem verlornen Paul wissen; und da Ihr beide den furchtbaren Eid des Schweigens abgelegt habt, den zu brechen, eh'ich im Kerker oder am Galgen bin, beinah so viel ist, als sich dem sichern Tod aussetzen, halte ich dafür, daß mein Gchcimniß schwerlich, ausser mit meiner eignen Zustimmung an den Tag kommen kann." „Wahr!" sagte Angnstus winkend, „noch ein Glas und dann zu Bett, Herr Präsident." „ Ich thu' Euch Bescheid, mein Freund; unser letztes Glas soll in menschenfreundlichem Sinne geschlürft werden:,Me Narren, und möge Ihr Geld ihnen bald abgcnommen werden!" „Alle Narren!" rief Tomlinson und füllte einen Tummler, „aber ich fechte die Weisheit Eures Trinkspruchs an; mögen die Narren reich seyn, so werden die Schelme nie arm scyn. Ich wollte mir ans einem reichen Narren eine bessere Rente verschaffen als aus einem Landgut." Mit diesen Worten stürzte der beschauliche und immcrscharfsinnige Tomlinson seinen Tummler hinab und beide stiegen, nachdem sic mittelst ihrer Füße, den Körper des langen Ncd säuberlich in eine ruhige, sichre Ecke des Zimmers befördert hatten, Arm in Arm die Treppe hinunter, um nach ihrer Bequemlichkeit die Ruhe der Nacht zu genießen.