E. L. Bnlwer' s e r k e. Ans dem Englischen. Füntundswanzigstes Bändchen Paul Ellfford. Zweites Bändchen. Stuttgart, Verlag der I. B. Metzler'schen Bnchhandlnng. 18 3 4 . Aaul Cliffsrd. Ein Roman von dem Verfasser des Pelham, Eugen Ararn u. s. rv» Aus dem Englischen von Gustav Pfizer. In sieben Bändchen. Zweites Bändchen. Stuttgart, Verlag der I. B. Metzler'schen Buchhandlung. 1 8 ä. Siebentes Kapitel. Bon seiner Sklaven Schaar nmstelkt, Im Schmucke, wie es liebt der Held Im Divan Giaffcr stpt der eilte! » * » * -> » Mir abnt, es schaff' in spätrer Zeit Der Bube mir noch Herzeleid. Braut von AbydoL. Der gelehrte und scharfsinnigeJokam; Schweighäuser (ein Name, leicht zu bncl stablien für einen englischen Mund und honigmild zum anssprechen), erfreut sich in seinem Appendix conlinon.-i particulam cloetrillLL cle mente Immana, welcher den Band seiner Opuscula ^caelemica schließt, an der Beobachtung, daß — wir führen seine Worte nur aus dem Gedächtnis; 'UN — daß unter der unendlichen Mannigfaltigkeit von Dingen, die auf dem Schauplatz der Welt dein Blicke des Menschen begegnen, oder in irgend einer Weise auf seinen Körper oder seinen Geist cinmirkeu, bei weitem der größte Theil so beschaffen ist, daß sie ihm eher ein Gefühl der Lust, denn des Schmerzeus und Ünbehagcns geben. Wir 6 nehmen an, das; dies; im Allgemeinen richtig ist, bei gesunden, tüchtigen Naturen, und zeichnen als auffallendes Beispiel den Fall des cingekerkerte» Paul aus; denn obwohl dieser Jüngling dermalen in keiner angenehmen Lage war — und obwohl keine ermnthi- genden Gestalten ihm von den Zinnen der Zukunft znlächelten: trotz dem fand er, sobald er nur wieder das Bewnßtseyn erlangt und sich mit einem Ruck aufgerafft hatte, eine unmittelbare Quelle des Vergnügens in der Endeckung, erstlich, das; einige Herren und Frauenzimmer ihm in seiner Gefangenschaft Gesellschaft leisteten, und zweitens darüber, das; er einen mächtigen Wasserkrng in seinem Bereiche wahrnahm, den er, da seine erste Empfindung beim Erwachen ein brennender Durst war, auf Einen Zug leerte. Dann dcbnte er sich, sah sich mit nachdenklichem Ernste um, und entdeckte einen ihm zu- qekebrten Rücken auf dem Boden liegend, welcher schon auf de» ersten Blick ibm bekannt schien. „Für- wahr" dachteer, „ich kenne diesen rauhhaarigcn Rock und die eigentbümlichc Krümmung dieser schmalen Schultern." Unter diesem Selbstgespräch erhob er sich, streckte den Fuß aus und versetzte der ansgestreckten Gestalt einen leichten Stoß. Schwere Flüche murmelnd wandte sich die Gestalt um, und indem sie sich ans den ungastfreundlichen Thcil des Körpers zurecht setzte, dessen Berüh- nng durch fremde Füße nichts weniger denn als eine Ehre ausgenommen wird, heftete er seine 7 stumpfen, blauen Augen auf das Angesicht des Ruhestörers, öffnete sie allmälig mehr und mehr, bis sie sich in dem Verhältnis; erweitert hatten, als erforderlich war, um die wichtige sich ihnen aufdrängende Wabrheit einziiscülinqen, und dann kamen aus dem Munde dieses Wesens folgende Wort hervor: „Ich will keine Linser im Kopf haben, wenn das nicht der kleine Paul ischt." „Ja, Dumnne, da bin ich! Hat nicht laug gedauert, bis man mich in den Stock gelegt hat, wie Ihr seht! das Leben ist kurz; wir muffen die Zeit aufs Beste benützen!" Auf dies; raffle sich Herr Dummaker, (denn keine andere als diese achtbare Person war es,) vom Boden auf, setzte sich aus die Bank neben Paul und sagte in kläglichem Tone: „Ha, die Pescht über mich, menn Ihr nicht über den Kopf gehauen worden scyd; Eure Perrücke ist so blutig, wie der Kopf eines Grunzers, wenn man ihm den Hats abgeschnitten." „Das ist nur das Kriegsglück, Dummie, und eine blose Kleinigkeit; die Köpfe, die in Thames Court gefertigt werden, lassen sich nicht leicht aus dem Gleise bringen. Aber sagt mir, wie kamt Ihr hieher?" ') Für Haar. 8 „Nun, ich hatte tiefin das Schnapsglas hineingeguckt — —" „Bis es Such hell im Kopse wurde, he? und Ihr in die Gosse fielet?" „Nun ja!" . „Meine 'Angelegenheit ist schlimmer als diese,, furchte ich," und hiemit erzählte Paul mit leiser Stimme dem getreuen Dummie die Reihe von Ereignissen, die ihn in sein dermaliges Asyl gebracht hatten. Dnmmie's Angesicht verlängerte sich bet diesem Berichte; jedoch als die Erzählung zu Ende war, bemühte er sich, mit allen ihm einfallenden Trostgründen Paul zuznsprechen. Er stellte ihm fürs erste die Möglichkeit vvr : der Gentleman nehme sich vielleicht nicht die Mühe, zu erscheine»; zweitens die Gewißheit, daß bei Paul keine Ubr gefunden worden; und drittens, den Umstand, daß nach der eigenen Angabe des Gentleman Paul nicht der wirkliche Thäter gewesen; viertens, wenn Alles schief gehen sollte, was den» die Gefangenschaft von ein paar Wochen oder Monaten sey?" „Schlag mich dieser und jener!" sagte Dummie, „wenn der Aufenthalt dort nicht so kurzweilig ischt, als ein Bursche, der Freund von kommlicher Ruhe ischt, sich nur wünschen kann!" Diese Bemerkung war nicht sehr tröstlich für Paul, der mit all der mädchenhaften Sprödigkeit eines Menschen, dem solche Verbindungen etwas Fremdes sind, vn- einem Ebebnnde mit der kommli- 9 chen Ruhe des Zuchthauses znrnckbebte: Mehr vertraute er aus eine andere Trosiqnelle; mir Einem Wvrte, er hegte die schmeichelnbe Hoffnung, der lange Ned werde, wenn er iune werde, daß Paul statt seiner gefangen gesetzt worden, den Edelmnth haben, sich zu stellen und ihn von der Anklage frei zu machen. Als er gegen Dummie etwas von diesem Gedanken fallen liest, konnte dieser vollendete Mann der Stadt eine Zeitlang gar nicht glauben, das; irgend ein Einfaltspinsel so ganz und gar mit der Welt unbekannt scyn sollte, um im Ernste eine so lächerliche Vorstellung zu hegen, und wirklich ist es einigermaßen auffallend, das; eine solche Hoffnung je mit ihren schmeichelnden Mahrchen das Ohr eines Menschen sollte bezaubert baben, der im Hause der Mrs. Margaretha Lvbkins aufgezogen worden war. Aber Paul batte, wie wir gesellen, viele seiner Begriffe ans Büchern genommen, und er hatte dieselben schönen Theorien von moralischen Schelmen, wovon die Gemnthcr junger Patrioten eingenommen sind, wenn sie ans dem Collegium anstretend und zuerst ins Unterhaus kommend, Unbescholtenheit für etwas Kostbareres halten als Aemter. Herr Dummaker drang ernstlich in Paul, eine so unznverläßigc und kindische Einbildung aus seinem Herzen zu verbannen, und lieber darüber nach- zndenken, auf welche Art er seine Vertbeidignng am besten würde führen können. Als endlich dieser 10 Gegenstand erschöpft mar, kam Pank auf Mrs. Lob- kinS zu sprechen und erkundigte sich, ob Dummie diese Dame i» neuster Zeit mit einem Besuch beehrt babe. Herr Dummalkcr erwiedcrt«, er habe, obwohl mit grosser Schwierigkeit, ihren Zorn gegen ihn wegen seiner vermeintlichen Aufhebung zu Paule Ausschweifungen, begütigt, und sic habe in nenrer Zeit verschiedene Besprechungen mit Dummie über nnsern Helden gebabt. Bei weiterem Ausfrage» Dummie's erfuhr Paul die Gründe, warum die gute Matrone nicht den besorgten Eifer für seine Rückkehr an den Tag gelegt babe, wie unser Held mit Recht es erwartet hatte. Die Sache war die, das; ibr, weil stein seine Hülfsquellen, unabhängig von ihr, nickt das mindeste Vertrauen fehle, gar nicht um eine Gelegenheit bange war, de» Stolz, der sie so empört batte, wirklich und nachdrücklich, wie ste hoffte, zu dcmüthigen; und ste vergnügte ihre Eitelkeit schon im Voraus mit dem Gedanke» , wie einmal Paul, durch Darben zur Unterwürfigkeit gebracht, reuig und freudig wieder das Obdach ihres Hauses aufsnchcn, und durch seine Erfahrungen zahm gemacht, nie wieder gegen das Joch stch sträuben würde, daS ihre mütterliche Klugheit ihm anf- zulcgen für gut befände. Sie begnügte sich also damit, von Dummie den Aufschluß zu erhalten, daß unser Held unter Mae Grawlers Dach sey und also vor dem Schlimmsten 11 gesichert; und da sie die scharfsinnigen Geistes««- strenguiigen nicht vorausschen konnte, wodurch Panl sich znui „lVobilltm," desAsinänm emporschwanq nnd sich dadurch den ärgsten Mangel vom Leide hielt: -so war sie, nach ihrer Charaktcrkenntniß, völlig überzeugt, der erleuchtete Mac Krawler werde nicht in die Länge ihrem widerspenstigen Pflegsohn den Schul) verwilligen, der, nach ihrer Meinung, allein ihn davor bewahrte, Taschen fegen oder Hungers sterben zu müssen. Sie kannte Pauls gründlichen und nüchternen Widerwillen gegen eine solche artige Wahl, nnd war also wegen seiner Sittlichkeit und seines Lebens wenig angefochten, wenn sie ihn auch eine Weile dem Spiel des Geschicks überließ. Jede Aengstlichkeit, welche sonst noch wohl ihr Gemüth hätte gnälen wögen, wurde durch die gewöbnliche Trunkenheit erstickt, welche bei der gute» Frau mit dem Alter überhand nahm, nnd welche, wiewohl sic zu Zeiten zu all ihrer eigenthümlichen Heftigkeit sich anfraffen konnte, doch meist ihre Besinnung in einer lethei? schen Starrsncht, oder um höflicher zn reden, in einer poetischen Entfremdung von den Dingen der äußern Welt befangen dielt- „Aber," sagte Dummic, wie er so allmälig die Auflösung vvn dem Benehmen der Dame dem horchenden Obr seines Gesellschafters mitiheilte; „aber ich hoffe, wenn Ihr seht ans dieser Klemme daraus seyd, kleiner Paul, laßt Jhr's Euch zur Warnung dienen lind gebt Herrn Pepper den Laufbaß —muß ohnehin sagen, 's war mir nie wohl nmS Herz, wenn ich ihn Euch ansühren sah, — und gebt heim in de» Krug und biedct der alten Strunze! die Hand, d-nn sie sieht sich selber gar nicht mehr gleich, seit Ihr fort seyd. Sie hat ein oordrefflichcs Herz, die Piggy Lob!" Eine so geeignete Lobrede ans Mrs. Margareta LobkinS würde wobt zu einer andern Zeit Pauls Lachmuskeln nicht in Rnbe gelassen haben; aber in diesem 'Augenblick fühlte er wirklich Beklemmungen wegen der unmanierlichen Art, wie er sie verlassen vatte, und die Weichheit reuevoller Zärtlichkeit verwarte sogar das Bild der Piggy Lob mit ihren verschönernden Farben. Unter Gesprächen so geistreichen und bänslichcu Inhalts verfloß die Nacht und der folgende Morgen, bis Paul sich in der unheimlichen Nähe des Richters Bnrnflat fand. Einige Fälle wurden vor dem seinigen erledigt, und unter andern erhielt Herr Dummie Dummakcr seinen Abschied, doch nicht ohne eine strenge Rüge wegen der sich zu Schuld gebrachten Sünde eines Rausches welche ohne Zweifel einen tiefen Eindruck ans das offenberz-ge Ge- müth dieser nobel» Person machte. Endlich kam die Reihe an Paul. Er hörte, als er seinen Platz einnahm, ein allgemeines Geflüster. Aniänglich bildete er sich ein, es gelte seiner eignen, Tbeilnahme erregenden Erscheinung, aber als er die Augen er- hob, merkte er, das; es dem Eintritte des Gentleman galt, der als sein Ankläger auftrat. „Bscht!" sagte Jemand in seiner Nähe, „es ist der Advokat Brandon. Ha! das ist ein schlauer Gesell! Es wird dem von ihm Angeklagten hart gehen!". Unser Held besaß einen trcffljchen Schatz geistiger Spannkraft, und obgleich ihm das Gluck nicht ein unheilbar krankes Herz bcscheert hatte, ein Umstand, der nach den Dichtern und Filosvfen der jetzigen Zeit dem Menschen einen wunderbaren Math einffößen, und ihn gegen alles Mißgeschick unempfindlich machen soll: so hielt er sich doch unter seiner gegenwärtigen, peinlichen Lage mit wunderbarem Math aufrecht, und wurde durch die so eben gehörte Bemerkung, obwohl sie ihn ein wenig beengte, doch keineswegs niedergedrückt. Herr Brandon war wirklich ein Rechtsgelehrter von ansehnlichem Rnf und Stand, in hoher Achtung bei der Welt, nicht allein wegen seiner Talente, sondern auch wegen großer Sittenstrenge, die, obgleich ein wenig mit herber Rauhheit gegen die Fehler Andrer vermischt, doch deßbalb nur um so preiswitrdiger erschien, da es,'wie Leute von Erfahrung ohne Zweifel wohl wissen, in der ersten Classe der Sittlichkeit zwei Abtheilungen giebt: erstens, ei» großer Ingrimm gegen die Laster des Nsbenmen- sche» , und zweitens, der Besitz eigner Tugenden.' Herr Brandon wurde von dem Richter Bnrnfiat mit großer Höflichkeit empfange», und da er mit einer (entlehnte») Uhr i» der Hand kam, und sagte: seine Zeit gelte jeder Augenblick 5 Guineen, so schritt der Richter unverzüglich zur Sache. Nicbts konnte klarer, kürzer und befriedigender seyn, als die Aussage von Herrn Brandon. Das bestätigende Zeugnis;, des Wächters schloß sich daran an, und dann wurde Paul zur Verthcidigung ausgerufen. Sie war eben so kurz wie die Anklage, aber ach! sie war nicht eben so befriedigend. Sie bestand in einer festen Erklärung seiner Unschuld. Gei» Kamerade, gestand er, möge die Uhr gestohlen haben, aber er erinnerte bescheiden daran, daß dieß eben der Grund sey, warum Er sie nicht könne gestohlen haben. „Wie lang, Bursche," fragte der Richter Burn- flat, „kennt Ihr schon eucrn Begleiter?" „Ungefähr ein halbes Jahr!" „Und was ist sein Name und Gewerbe?" Paul stockte und weigerte sich zu antworten. „Ein böses Stück Arbeit!" sagte der Richter in trübseligem Tone und mit bedeutungsvollem Kopfschütteln. Der Sachwalter war mit jenem Ausruf ganz zufrieden, aber init erhabener Großninth bemerkte er, wie er nicht wünsche mitHärte gegen den jungen Man» zu verfahren. Seine Jugend spreche zu seinen Gunsten und seine That sey wahrscheinlich die Folge schlimmer! Gesellschaft. Er schlug daher vor: da 15 Paul vou dem Aufenthaltsorte seines Freundes gewiß unterrichtet sein müsse, so solle er vollständige Verzeihung erhalten, wenn er unverzüglich dem Beamten diese Mitteilung machen wolle. Zum Schluß fügte er mit ausgezeichneter Menschenfreundlichkeit hinzu: nicht die Bestrafung des Jünglings, sondern die Wi ederaussindnng seiner Uhr sey es was er wünsche. Der Richter Burnslat wiederholte jetzt, nachdem er die uneigennützige und christliche Bar > Herzigkeit des Klägers und die gewichtige Verbindlichkeit, welche ihm Paul dafür schuldig sey, unsrem Helden gebührend an's Herz gelegt, mit verdoppelter Fcyer- lichkeit die Fragen nach' Wohnung und Namen des langen Ned, ans welche unser Held zuvor die Antwort verweigert hatte. Mit Leidwesen gestehen wir, daß Paul, undankbar und völlig unempfindlich gegen die schöne Groß- mnth des Sachwalters Brandon, ans seiner festen Weigerung, seinen Kameraden anzngeben, verharrte und mit gleicher Hartnäckigkeit fortfnhr, seine Unschuld und die mackekose Unbescholtenheit seines Charakters zu bcthenern. „Eier Name, junger Mann ?" sagte der Richter. „Euer Name ist Paul, sagt Ihr — Paul wie weiter? Ihr habt gewiß manche sonstige Namen, darauf will ich schwören!" Hier stockte der junge Mann wieder; endlich antwortete er: i.Paul Lobkius, Euer Gestrengen!" „Lobkinr," wiederholte der Richter, „Lobkius! kommt her Sannders! haben wir den Namen nicht in unfern schwarzen Büchern?" „Euer Gestrengen zn dienen," sagte ein kleiner, stämmiger, dem Festus der Polizei) in vielen Beziehungen sehr nützlicher Mann, „cs gibt eine Peggy Lobkius, die ein Wirthsbaus besitzt, eine Art von Gannerhei berge, genannt der Krug, in Thames- Conrt, gehört nicht eben ganz in unfern Bereich, Ihr Gestrengen." „Hoho," sagte der Richter Bnrnflat, und winkte Herrn Branden, „wir müssen dies; ein wenig svndi- ren. Scyd so gnt, Herr Panl Lobkius, in welchem Verwandschastsvcrhältniß steht die gute Wirthin vom Krng, in Thamee-Court, zu Euch?" „In gar keinem, Sir!" jagte Paul rasch, „Sie ist nur eine Freundin." Ans dies; erhob sich ein Gelächter in der Gerichtsstube. „Stille!" gebot der Richter, „und ich darf an- nehmen, Herr Panl Lobkius, daß diese Eure Freundin für die Unbescholtenheit Eures Cvarakters, auf welche Ihr Euch zu berufen beliebt, bürgen werde?,, »Ich zweifle nicht daran, Sir!" antwortete Paul; und hier enstand wieder ein Gelächter. „Und habt Ihr noch einen ebenso vollwichtigen und preiswürdigen Freund, der Euch denselben Gefallen thnn würde?" 17 Paul stockte; aber in diesem Augenblick drängten sich zum Erstaunen des Gerichts, aber vor Allem zum höchsten, überraschendsten Erstaunen Pauls selbst, zwei Gentlemen, nach der höchsten Mode gekleidet, vor, und indem sie sich gegen den Richter verbeugten, erklärten sie sich bereit für die gänzliche Unbescholtenheit und den mackellosen Ckarakter des Herrn Paul Lobkins zu bürgen, den sie, wie sie sägten, schon viele Jahre kannten und vor dem sie die größte Achtung hegten. Während Pani das Acuffere dieser gefälligen Freunde musterte, die er im ganzen Verlaufe seines Lebens nicht sich erinnerte gesehen zu haben, flüsterte der Sachwalter, ein ganz schlauer Kops, dem Beamten etwas ins Ohr; diese würdige Person nickte beistimmend, faßte die Ankömmlinge ins Auge und erkundigte sich nach den Namen von den Zeugen des Herrn Lobkins. „Herr Enstace Fitzherbert und Herr William Howard Ruffel," lautere die Antwort. So aristokratisch klingende Namen erregten allgemeines Aufsehen. Aber der unempfindliche Richter rief den nemlichen Herrn Saunders, an den er sich zuvor gewendet hatte, und forderte ihn auf die Gesichter der Freunde des Herrn Lobkins genau zu prüfen. Wie der Alguazil die Züge des denkwürdigen Don Rafael und des berühmten Manuel Morales ins Auge faßte, als der erstere dieser trefflichen Männer cs angemessen fand, die Würde eines ira- LnNoer's Romane XXV. 2 18 lienischen Prinzen ans Reisen, eines Sohnes des Fnrsten der Thäler zwischen der Schweiz, Mailand und Savoyen anzunchmen, indes; der letztere sick:da- mit begnügte für den Diener von blun.-wigneur le prince zu gelten: ebenso, mit weit mehr Ernst als Ehrfurcht beaugenscheinigte Herr Sannders die Ge- sichtszüge dieser hochgebornen Gentlemen, der Herren Eustace Fitzherbert und William Howard Rüssel; aber nach einer langen Prüfung wandte er die Augen ab, machte gegen den Beamten eine verneinende, seine Unzufriedenheit ansdrückende Gcberde und sagteMit Genchmhaltnng Eurer Gestreugen, sie gehören nicht zu meinem Strich; aber Bill Trvutling kennt diese Art von feinen Kameraden besser." „Laßt Bill Trvutling erscheinen!" war der lakonische Bescheid. Bei Nennung dieses Namens würde man wohl eine gewisse bescheidne Verwirrung in den Gesichtern der Herren Eustace Fitzhcrbcrt und William Howard Ruffel gelesen haben, wäre nicht die Aufmerksamkeit des Gerichtshofs in diesem Augenblick auf einen andern Fall gelenkt worden. Eine arme Frau war aus 7 Tage ins StrashauS gesprochen worden auf die Beschuldigung unordentlichen Wandels. Ihr Mann, die bei der Sacke am meisten betbeiliqte Person, erschien nun um die Anklage zu entkräften; nud mit Hülfe seiner Nackbarn gelang es ihm wirklick. „Das ist Alles sehr wahr," sagte der Richter Buruflat, „aber da Eure Frau, mein guter Freund, in 5 Tagen wieder los kommt, so ist es kaum der Mühe wcrth, sie jetzt freizulaffeu."') Eine so einsichtsvolle Eutscheid'ung musste noth- wendig den Ehmaun zufrieden stellen und die Zuhörenden wurden von diesem Angenblick an über eine sehr merkwürdige Wahrheit aufgeklärt: daß nemlich 5 Tage von 7 ein. ganz ausnehmend kleiner Theil sind im Verbältnssß z„ den übrigen zwei; und daß die Leute in England eine so unbegreifliche Liebe zum Strafen haben, daß, während mau es nicht der Mühe werth findet, ein unschuldiges Weib fünf Tage früher aus dem Gesängniß zu entlassen, als im andern Fall geschehen wäre, man es für gar sehr der Mühe werth hält, sie auf sieben Tage eiuzu- sperrrn. Als der Ehmaun, die rauhe Hand vor die Augen haltend, und eine oder die andre gemeine Grobheit murmelnd, wcgqegaugcn war, sagteHerr Saunders: „Hier ist Bill Troutling, Ihr Gestrengen!" „Ah, gut!" sagte der Richter, „und nun, Herr Eustace Fitz — holla, wo ist er? Wer sab zuletzt Herrn William Howard Ruffel und seinen Freund Herr Eustace Fitzherbert?" Und spottend sprach das Echo: Wer? Diese vornehmen Herren, denen es natürlich *) Eine Thatsache, die sich i,n Jahr I8UY wirklich begeben Han Alan sehe den Morning Herald. 20 mißfiel,, mit einer so niedrige» Person wie Herr Bill Trontling confrontirt zu werden, hatten in dem Augenblick, wo die allgemeine Aufmerksamkeit von ihnen abgelenkt war, sich in der Stille von einem Schauplatz fortgemacht, wo ihr hoher Rang so wenig berücksichtigt zu werden schien. Wenn Du, mein Leser, begierig seyn solltest, zu erfahren, von welchem Theileder Weither diese vorübergehenden Gestalten aufgestiegen waren, so wisse, es waren Geister von dem unnachahmlichen Zauberer, dem langen Red, abgesandt, theils um Bericht zu erstatten wie die Sachen im Gerichtshof abliesen; denn Herr Pepper war in Gemäßheit der alten Politik, welche lehrt, daß je näher der Fuchs den Jägern ist, desto mehr Wahrscheinlichkeit für ihn da ist, übersehen zu werden, unmittelbar nach seiner plötzlichen Trennung von Paul, in ein Hans in derselben Straße geschlüpft, in der er seine Schlauheit entfaltet hatte, worin Austern und Ale jede Nacht eine Gesellschaft anlockten und vergnügten, welche, um unparteiisch zu reden, mehr zahlreich als auserlesen war; hier hatte er erfahren, wie ein Beutelschneider wegen ungesetzlicher Neigung zur Uhr eines andern Mannes festgenommen worden scy, und hier hatte er, während er gernhig seine Austern würzte, mit seinem eigenrhümlichen Scharfstnn die feste Ueberzcn- gung gewounen: daß der verhaftete Unglückliche kein Andrer als Paul sey» konnte. Theils also aus Vorsicht für seine eigne Elcherseit, um bald Naclh- 21 richt zu erhalten, wenn Pauls Verteidigung eine Veränderung des Wohnsitzes rathsam machen sollte, und theils aus kameradschaftlicher Freundschaft, um seinen Genossen mit so vieler Hülfe zu unterstützen als das günstige Zeuqniß von zwei wohlgekleidetcn, in der Stadt wenig gekannten Personen verleihen konnte, hatte er diese himmlischen Wesen abgeordnet, welche -unter den sterblichen Namen Eu- stace Fitzherbert und William Howard Rüssel vor dem Reichstage des Richters Bnrnflat erschienen waren. Nun wir so das Erscheinen, (denn das Verschwinden bedarf keiner Erklärung) von Pauls Freunden erläutert, kehren wir zu Paul selbst zurück. Trotz den Gefahren, wovon er umringt war, kämpfte sich unser junger Held anfs Aeusserste durch; aber der Richter war durchaus nicht gemeint, Herrn Brandon sich mißfällig zu erzeigen; und da er bemerkte, wie während Pauls Vertheidigung ein ungläubiges und heissendes Hohnlächeln nicht von des Gentleman Lippe wich, konnte er nicht umhin seine Entscheidung gemäß der wohlbekannten Scharfe des berühmten Anwalts zu fällen. Paul wurde demnach verurtheilt, sich ans 5 Monate in das zu Bridewell gelegene Landhaus zurückzuziehen, in welches die undankbaren Diener der Gerechtigkeit oft ihre thätigsten Bürger verbannen. Sobald der Spruch gefällt war, erklärte Branden, dessen lebhaftes Auge keine Hoffnung sah, de» verlorenen Schatz wieder 'zu entdecken : der Bösewicht habe ganz den Old-Bailcy'S-Schnitt im Gesicht, und er zweifle nicht, wenn er je es erleben sollte, Richter zu werden, daß er auch noch ein ganz anderes Urtheil über den Thäter zu fällen bekommen werde. Nach diesen Worten entschloß er sich, keine Zeit mebr zu verlieren und verließ sehr eilfertig das Amthans, ohne einen andern Trost als denWedan- ken mitzunehmen, daß er doch in jedem Fall einen Knaben an einen Ort geschickt hatte, von wo, er mochte jezt auch noch so unschuldig seyn, er gewiß mit einer solchen Neigung zum Verbrechen herans- kommen mußte, wie seine Freunde nur wünschen mochten, wozu noch solche moralische Betrachtungen kamen, wie die Tragödie von Bombaster Furioso ihm darbieten mochte in folgendem gedankenreichen und gediegenen Verse: „Weg qieng die Uhr — Nun, Uhren sollen gehe n." Mittlerweile wurde Paul mit Gepränge nach seinem Aufenthaltsort abgeführt, in Gesellschaft von zwei andern Misiethätern, der Eine ein Mann von mittleren Jahren, obgleich eine sehr alte Feile, der verurtheilt worden, weil er Geld unter falschem Vorgeben eingenommen, und der Andre ein kleiner Junge, der des Verbrechens schuldig befunden worden, unter einer Säulenhalle geschlafen zu haben; denn cs ist die Danptschönheitder eng lischen Gesetze, daß sie zwischen Laster und Unglück ni cht die abge- 2 ; fchmackten, feinen Schattirnngcn und Unterschiede gelten lassen, und ihr Hauptmittel, die ehrlichen Leute zu schützen, besteht darin, möglichst viele Schurken in möglichst kurzer Zeit zu ziehen. Achtes Kapitel. Gesunder Menschen-Verstand.f, Was ist der Zweck der Strafe hinsichtlich der bestraften Individuen? verkommen. Sie zu bessern. Gesunder Menschenverstand. Wie bestraft Ihr jung« Misscthätcr. die vermöge ihrer Zugcnds für das Beispiel Scsonders empfänglich sind und die deswegen Iciä'ter ganz zu verderben oder zurecht zu bringen find, als Personen von reifem Alter? Herkommen. Wir schielen sie ins Zuchthaus unter dt« heillosesten Bösewichtcr des Landes. Gespräch zwischen dem qesuudciss Menschen» verstand und dem Herkommen. (Sehr selten.) Da es ziemlich spät war, als Paul in Bride- welk als Neuling ankam, so brachte er diese Nacht im Enlpfaiig-Zimmer zu. Am nächsten Morgen, sobald er vo>d Chirurgus untersucht und mit der üblichen Uniform bekleidet worden war, wurde er, seiner Classeneintheilnng gemäß, bei der guten Ge. sellschaft eingeführt, deren Schuld unter den viel- umfassenden Namen: gemeine Vergehen, fiel. Hier kam LN, großer Mann auf ihn zu und redete ihn in einer gewissen Sprache an, welche man die Frei- 21 Maurersprache der Gauner nennen könnte. Paul, obwohl er nicht jedes Wort verstand, faßte doch den Sinn der Anrede ricbtig ans, welche die Frage enthielt, ob er ein durchtriebener Schnrke und vollendeter Bösewicht scy. Er antwortete halb bestürzt, halb zornig, und seine Antwort vereitelte jeden günstigen Eindruck, den er sonst ans den Frager hatte machen können, so sehr, daß der letztere ihn ins O'or kneipte und laut anfschrie: kraut ihn, kraut ihn! Ans dieses bedeutungsvolle und entsetzliche Worte fand sich Paul in einem Nu von einem ganzen Schwarm sinnreicher Peiniger umgeben. Einer zerrte ihn an diesem Theil des Körpers, der Andre an jenem; Einer knuffte ihn vornen und ein Andrer stauchte ihn von hinten. Als Zwischenspiel unter diese anmuthige Beschäftigung hinein beraubten sie ihn auch noch der wenigen Sachen, die er bei seinem Kleiderwechsel behalten. Einer riß ihm sein Taschentuch heraus, der Zweite das Halstuch, und ein Dritter, glücklicher als Beide, setzle sich in Besitz von einem Paar karneolcncr Hemdkuöpfe, welche Paul von einem jungen Frauenzimmer, einer Orangen- Verkauferin beim Tower, als Liebespsand erhalten hatte. Es war ein Glück, daß che diese Viustauds- Fcyerlichkcit, mit dem Knnstausdruck: Krauen genannt, die an allen Neneintretendcn, welche noch einen Funken von Anstand in sich zu baben scheinen, vorgenommen wird, die Knochen Pauls, der sich mit Zähnen und Nägeln wehrte, in Bittererde auf- gelöst hatte, ein Mann von ernstem Anssehen, der bisher rnhig sei» Werg gezupft hatte, plötzlich anf- stand, sich zwischen das Opfer und seine Angreifer drängte und letztere, wie in Kraft eines überlegnen Ansehens, anfforderte, sie sollten den Jungen in Ruhe lassen und zum Teufel gehen. Dieser Vorschlag, sich an einen andern Ort zur Belustigung zu begeben, obwohl in sehrernstcm und ruhigem Tone gemacht, hatte die augenblickliche Wirkung, welche Ermahnungen großer Spitzbuben ans kleine gemöbnlich ansüben. Die Herrn Krauer gaben ihre Ergötzlichkeit ans, und der Reigenführer der Rotte, der Paul einen tüchtigen Puff auf den Rücken gegeben, erklärte er sey ein ganzer Kerl, und es sey nur getätschelt gewesen, und er hoffe ihm damit kein Leid gethan zn haben. Paul hatte noch die Faust, gebal-lt und wollte eben nickt sehr friedfertig antworten, als ein Schließer, der sich im mindesten nicht darum kümmerte, wie viele Leute er wegen eines Vergehens einsperrte, aber dem die Muhe bei einem von seiner Truppe uachzuschen, nm ein Vergehen zn verhüten, ganz und gar zuwider war, jetzt plötzlich in dem Kreise erschien, nnd nachdem er sie wegen des unerträglichen Werdrnßes den sie ihm verursachten, ausgescho'ltcn, zwei der Armseligsten von der Rotte zu besondrer Einspcrrung absührte. Natürlich traf eS sich, daß gerade diese Zwei nicht entfernten Anthcil an dem Unfug genommeu hatte». Als dieser Auftritt vor- 26 über war, kehrte die Bande wieder zum Wergzupferi' zurück --- denn die Tret-Mühlen, diese wunderbare, angemessene Erfindung, bei welcher ein kräftiger Mensch keine Anstrengung hat, und ein schwächlicher seine Gesundheit auf Zeitlebens verliert, waren damals in unfern trefflichen Anstalten zu Besserung der Verbrecher noch nicht eingcsührt. Mit Schmerz, und mit vielen finstern und zornigen Empfindungen, wobei das Gefühl der Ungerechtigkeit seiner Strafe allein ihn unter den Demütlstgnngen, welche er zu erdulden hatte, aufrecht erhielt; mit Schmerz und mit schwellendem Herzen, in welchem die Gedanken, die zum Verbrechen führen, sich schon den Weg durch einen plötzlich erwärmten und ihrem Wachsthum günstigen Boden brachen, machte sich Paul an seine Arbeit. Er fühlte sich am Arm berührt, wandte sich um, und sah das; der Ehrenmann, der ihn so freundlich von seinen Plagegeistern befreit hatte, jetzt neben ihm saßi Paul betrachtete lang und ernstlich seinen Nackbar, kämpfte mit dem Gedanken, dieses listige, feine Gesicht in glücklicher» Zeiten schon gesehen zu hassen, obgleich es leider! verändert war, uickt allein durch die Zeit und das Leben, sondern auch durch jenen Anflug von Ernst, welchen die Sorgen der Menschheit allmnlig auch dem Gesicht des Gedankenlosesten mitthcilen, — bis alle Zweifel sich zerstreuten, und er ansricf: „Seyd Jbr's Herr Tomlinson ? Wie froh bin ich, Euch hier zu sehen „Und ich," sagte der weiland Mörder in den Zei- 27 tungen mit scharfem näselndem Ton, «wäre sehr froh mich irgendwo sonst zu sehen." Paul antwortete nicht, undAugustus fuhr fort: „Einem weifen Manne gelten alle Orte gleich, hat man schon gesagt. Ich glaube das nicht, Paul ich glaube es nicht. Nur ein ruhiges Plätzchen zum Nachdenken. Ich erkannte Euch wieder, sobald ich Ench sah, obgleich Ihr erstaunlich gewachsen seyd. Was mackst mein Freund Mac Grawler? Immer noch rüstig an der Arbeit beim Asluänm?" »Ich glaube so," antwortete Paul verdrießlich lind eilte das Gespräch zu ändern, „aber sagt mir Herr Tomlinsvn, wie kommt Ihr hieher! Ich horte, Ihr seyd nach dem nördlichen England abgereist nm ein gewinnreichcs Geschäft zu übernehmen? „Möglich! die Welt entstellt immer die Handlungen derjenigen, welche beharrlich sich in ihr um- trcibeu." „Sehr wahr!" sagte Paul, „und ich habe mir das Reinliche hundertmal beim Asinänm gesagt, denn wir waren in diesem trefflichen Journal mit unfern Wahrheiten nie zu verschwenderisch. Es ist erstaunlich, wie weit man mit drei Ideen kommen kann " „Ihr erinnert mich an mich selbst und meine Zcitungsarbciten," versetzte Angnstus Tomliuson; „ich bin dessen nicht ganz gewiß, ob ich auch nur mit drei Ideen Hans zu halten hatte- denn, wie Ihr sagt, es ist erstaunlich, wie weit man mit dieser Anzahl kommt, wenn man sie recht zu handhaben 28 weiß. Es ist bei Schriftstellern wie bei wandernden Schauspielern — dieselben drei Ideen, die in Einer Scene fiir Türken paßten, paßen in der nächsten für Holländer; aber Ihr müßt mir dieser Tage eure Geschichte erzählen und sollt dafür die meinige hören." „Ich würde Euch für Euer Vertrauen unendlich verbunden seyn," sagte Paul, „und ich zweifle nicht, Eure kebcnsgcfchichte muß ausserordentlich unterhaltend seyn. Die meinige war bisher ohne Geschmack und Würze. Das Leben von Gelehrten hat keinen Ucberflnß an Abenteuern, und ich frage, ob nicht jeder Mitarbeiter am Asinäum. so ziemlich das gleiche Daseyn geführt hat, wie ich selbst es dahinschleppte." Mit Gesprächen dieser Art unterhielten sich unsre neu znsammengebcachten Freunde den Rest des Tages bis halb 5 Uhr, von wo die Gefangnen den Anfang der Nacht rechnen müssen und wo sie in ihren Schlafzimmern eingeschlossen werden. Tom« linsvn, erfreut, einen Menschen wieder zu finden, der ihn in seinen bessern Tagen gesehen hatte, sprach ins Geheim mit dem Kerkermeister und die Folge dieser Besprechung war, daß Paul und Tom- linson in dieselbe Kammer zusammen kamen — eine Art von steinernem Kasten, den gewöhnlich drei Bewohner einnahmcn und der 8 Fuß lang und 6 breit war, denu wir habe» diesen Kerker so gut LS gemessen, als wir die Zelle des Gefangenen von Chillon würden gemessen haben. Wir beabsichtigen nicht, Dir o Leser! mit dick- aufgctragenen Farben nnd langweiliger Ausführlichkeit die moralische Verschlimmerung unsres Helden zu schildern; den» wir haben aus Erfahrung gelernt, daß eine solche Mühe von unsrer Seite uns von Dir nur Tadel unsrer Abgeschmacktheit, statt Lob für unsre Sorgfalt cinträgt. Wir wollen deßwegen unsre Moral nur in seine» Winken und kurzen Fingerzeigen preis geben, und wollen uns für seht damit begnügen Dich zu erinnern, daß Du bisher Paul in den allergcfährlichsteu Lagen und Umständen ehrlich befunden hast. Trotz der ansteckenden At- rnosfiire des Krugs, trotz seinen Gesellen in Fish- lane, trotz seinem vertrauten Umgang mit dem langen Ned, hast Du ihn der Versuchung widerstehen und um eine andere Laufbahn als die der Näuberey und des Betrugs sich bemühen sehen. Za selbst in seiner Hülflosigkeit, vertrieben von dem Sitze seiner Kindheit, sahst Du wie er, statt eine vergnüglichere und ungebundenere Lebensweise anizusuchen, sich zu dem unwirthlichen Dache und den abgeschmackten Beschäftigungen Mac Grawlers deg iemte; und lieber ehrlich seinen Unterhalt im Schweiße seines Hirnes verdienen, als zu einem der mannigfachen Wege, ans andrer Leute Kosten zu leben, greisen wollte, womit ihn doch seine Bekanntschaft um dem schlechrcreu Theil der Gesellschaft ZS mußte vertraut gemacht haben und die, um das Wenigste zu sagen, für einen Jüngling und Abenteurer mehr Lockendes haben, als die dornigten Pfade literarischer Geschäfte. Es war in der That, um Dich in ein Geheimnis; cinzuweihcn, Pauls kühner Ehrgeiz; darauf gerichtet gewesen, sich zu einem würdigen Mitglied der Gesellschaft emporznarbeiten. Seine gegenwärtige Lage aber legte, wie man nachher sehen wird, in ihm den Grund zu einer großen Veränderung in seinen Wünschen, und die Unterredung, die er in dics-r Nacht mir dem gewandten nnd abgefeimten Angustus batte, trug mehr dazu bei, ihn zum Heloen dieses Buchs zu stempeln, alS alle Neigungen seiner Kindheit oder die Auftritte seiner früher» Jugend. Junge Leute sind zu dem irrthümlichen Glauben geneigt: es sey etwas so Schlimmes, ein verruchter Mensch zu seyn. Das Kvrrektivnshans wird so genannt, weil es ei» Ort ist, wo eine so lächerliche Vorstellung für immer korri- girt wird. Am nächsten Tag wurde Paul durch einen Besuch von Mrs. Lobkins überrascht, welche durch den freundschaftlichen Dnmmic von seiner Lage und deren Ursachen gehört nnd vom Richter Buruflat einen Einlaßbefehl heranszuschlagen gewußt hatte. Wie Pyramns und Thisbe kamen sie, eine Mauer, oder vielmehr ein eisernes Gitter zwischen sich, zusammen nnd Frau Lobkins brach, nach einem Erguß der 51 Verzweiflung über das trennende Hinderniß, weinend in den pathetischen Vorwurf aus: „O Paul, Du hascht deine Säue auf einen säubern Markt gebracht!" „Es ist ein geeigneter Markt für Schweine, meine liebe Frau!" sagte Paul, welcher zwar mit einer Thräne im Auge, einen eben so bittern als »«zierlichen Scherz nicht verschmähte, „denn, was eine Hauptsache ist, dieß ist der Ort wo Einer lernt, auf seinen Speck Achtung geben." „Halt Dein Maul!" rief die Dame erzürnt, „was hascht Du dann solches Zeug zu schwatzen, während Dn in der Hölle da bischt?" „Ach, liebe Frau!" sagte Paul, „mir können diese Hoppeln und Unebenheiten aus unsrem Wege zur Beförderung nicht vermeiden!" „Ja ans dem Wege wo der Deufel exdraboscht fährt!" ries die Dame. „Ich sage Dir, Kind, Dn wirschts noch erleben, gehängt zu werden trotz all meiner Sorge und Obacht auf Dich, und trotz dem, daß-ich Dich wie einen Gelehrten erzogen habe, und immer gehofft Dn werdeschr, wen» Du groß geworden, Ehre mache» Deinem —» „König und Vaterland," unterbrach sie Paul. „Wirredcn immer davon : dem König und demLaud Ehre machen, und das bedeutet: reich werden und Stenern zahlen. Je mehr Stenern Einer zahlt, desto mehr Ehre macht er beiden, wie Anqnstus sagt. Nun, liebe Frau, Alles zur rechten Zeit." ;2 „Was! Du tischt lnsckdig, bischt Du? Warum heulscht nicht? Dein Herz ist so hart wie Backstein. Es ist ganz unnatürlich und hyänenartig so zu sprechen: ichkümmre mich den Densel darum!" Bei diesen Worten rollten die Thränen der guten Frau so bitterlich wie die der verzweifelnden Pari- sina. „Nein, nein," sagte Paul, der obgleich innerlich weit schmerzlicher leidend, doch den Schmerz viel leicbtmüthiger als seine Beschützerin ertrug. „Durch Schreien könne» wir die Sache nicht besser wachen. Versucht einmal und seht, was für mich-zu thun ist. Ich darf wohl sagen ihr werdet den Spruch des Richters durch ein wenig Palmenöl schon zu mildern im Stande seyn, und wenn Ihr mich heraus- kriegcn könnt, eh' ich ganz verderbt bin — und dazu kann ein oder zwei Tage in diesem tzöllen- loch schon Rath schaffen, — verspreche ich Euch, nicht nur selbst ehrlich zu leben, sondern auch zu Leuten mich zu halten, die ebenso leben." „Küß mich, Paul!" sagte die zärtliche Mrs. Lobkins, „küß mich! o ich vergesse das Gidder! Ich »vill sehen was zu dnhn ischt. Und hier, mein Junge, ischt was für Dich in der Zmiscüenzeit. Ein Dropsen von der Gvttesgabe, Deinen arme» Magen wieder einzurichdcn. Bscht! schmuggle es durch oder sie sehen's!" Hier versuchte die Dame eine steinerne Flasche durch sie Scabc des Gitter» zu schieben; aber ach! Z; der Hals gieng zwar durch, aber der Bauch sträubte sich und die Dame mar genöthigt die Goddes- gabe zurückzuziehetl. Auf dicß erneuerke-das zartfühlende Weib sein Schluchzen und so versunken war sie in ihre» Schmerz, daß sie, ganz vergessend, wie er schien, zu welchem Zweck sie die Flascht mit- gebracht, dieselbe an ihren Mund setzte und mit diesem Lebenselipier, das sie ursprünglich für Paul bestimmt hatie, sich selbst tröstete. Dies; stärkte sie wieder ein Wenig; und nach einem sehr rührenden Auftritt taumelte die Frau mitden schwankenden Schritten, welche dem Schmerz eigenthümlich sind, fort, und versprach beim Abschied, men» Zärtlichkeit oder Geld Pauls Haft ab- kürzen könnten, so solle es an keinem fehle». Wir wären in großer Verlegenheit, wenn wir mit Genauigkeit angeben sollten, wie viel Einfluß das erstgenannte von jenen zwei Mitteln, geltend gemacht von der anmnthigen Margaretha, auf den Richter Burnflat wohl würde ansgcübt haben. Als die gute Frau sich entfernt hatte, eilte Pauk wieder an sein Wrrgznpfen und zu seinem Freund. Er traf den würdigen Angnstns, wie er eben insge- beim kleine, anständige Lnxuswaaren, als Tabak, Branntwein und schmackhaftere Fleischportionen, als der Kerker sie zugestand, verkaufte; denn Angnstns, der mehr Geld hatte, als seine übrigen Genossen, wnßre vermöge der Freundschaft des «Kerkermeisters solche, den Gefangnen besonders werthe Bedürfnisse Bulwcr'L Roman,. XXV. 3 heimlich ciiiznkaufen und mit einem Gewinn von etwa inst Prozent wieder an Mann zn bringen.^) — „Ein Beweis, sagte Augustns trocken zu Paul, „daß durch Klugheit und Betriebsamkeit Einer sogar an diesen Orten, wo man sich kaum regen und legen kann, doch sein Geld gut auzulegen, Mittel findet. Neuntes Kapitel. Erzähle denn, o göttergleicher Gast! Wie ward durch griech'sche List die Stadt betrogen? Aene iS. S» stiegen sie herunter und entflohen. Ebendaselbst. Mit dem Charakter Augnstns Tomlinsons war, seit Paul mit diesem berühmten Man» zulcyr zusammen gewesen war, eine große Veränderung zn seinem Vortheil vorgegangen. Damals hatte Au- ») Einein den Zuchthäusern sehr gewöhnliche Speculation. Der Lberaufseher von Cold-Baths-Fields, ein sehreln- stchtSvoller und thätigcr Mann, wie cs scheint, und in jedemBeiracht geeignet zu einem so schwierigen Amte, erzählte uns in der einzigen Unterredung deren wir uns mit ihm zu erfreuen hatten, er glaube in seinem Gebiete diesen gesetzwidrigen Handel ganz oder beinah ganz nusgeronct zu haben; einen Handel der für den Kerkermeister sehr gcwi,inreich ist, und demgemäß ohne Zweifel nach dem vortrefflichen Grundsatz der englischen Perfaffung, daß je mehr die Negierenden einnchmen, desto besser es für die Regierten sey, für das -Publikum ausnehmend wohlthäng setz,: muh. 55 gnstus den Mann des Vergnügens gespielt, den gelehrten Pflastertreter, den vollendeten Perikles der Zeitungen, — bald hatte er ans Horaz citirt, bald eine Fliege von Lord Dunshunners Borderpferd weggeklascht; mitEinemWort eine Art von Mittelding zwischen Lord Dndley und dem MarquiS von Worccster. Jetzt hatte ein ernsteres aber darum nicht Minder hochmnthiges Wesen stch in seinen Zügen ausgeprägt; die Anmasinng des guten TonS hatte der Anmaßung der Weisheit Platz gemacht; nnd ans einen, Mann des Vergnügens war Angttstus Tomlinson ein Filosof geworden. Aber mit dieser Erhöhung war er noch nicht zufrieden, er verschmolz den Filvsofen mit dem Politiker und der schlaue Schurke that sich besonders gern etwas darauf zu Gute: Ein gemäßigter Whig zu seyn. „Paul," so pflegte er stch ausznsprechen, „glaubt nur! gemäßigter Whiggism ist ein vortreffliches Glanbensbekenntniß. Er schmiegt sich an jeden möglichen Wechselfall, an jede nur denkbare Umwandlung der Verhältnisse an. Es ist die einzige Politik für uns, die Aristokraten der freisinnigen Art, welche gegen tyrannische Gesetze stch empören; denn, zum Kncknk, ich bin kein Demokrat. Kerker und Kerkermeister mögen da seyn für die gemeinen Spitzbuben, welche Kleider von den Zäunen rapsen, daran sie zum trocknen hängen, oder einem silbernen Löffel zu lieb in ein Haus sich cinschlcichen; aber Zuchthäuser sind nicht gemacht für Männer, o die eine aufgeklärte Erziehung genossen, die kleine Diebstähle so sehr als irgend ein Friedensrichter verabscheuen, von denen man nie sagen sollte, sie trieben ein unehrliches Gewerbe, sondern, wenn man sie je entdeckt: sie seyen unglücklich in ihren Spekulationen.*) Eine saubre Sache in der That, daß bei allen andern Gliedern der Gesillschaft Rang-Unterschiede seyn sollen und nur bei uns nicht! Wo bleibt die gerühmte brittische Verfassung? Ich wäre begierig zn erfahren — wo bleiben die Privilegien der Aristokratie, wenn ich, ein gcborner Gentleman, der Latein versteht und in der besten Gesellschaft gelebt hat, in diesen abscheulichen Ort mit einem schmutzigen Gesellen znlammengeworfen werde, der in einem Winkel geboren ist und sich nie mehr auf Einmal erwerben konnte als um eine Bratwurst zu kaufen. Nein, nein! weg mit diesen Nivellirungs - Grundsätzen! Ich bin liberal, Paul, und liebe die Freiheit) aber, dank dem Himmel, ich »erachte die Demokraten!" So pflegte dieser gemäßigte Whig, halb im Ernst und halb einen natürlichen Hang zum Spott verschleiernd, während der langen Nächte, die um halb 5 Uhr anfiengen und wo er und Paul einander Gesellschaft leisteten, stundenlang fvrtznplandcrn. Eines Abends, da Tomlinson so gründlich zur *) Ein Ausdruck der van Einem gebraucht wurde, welcher wegen Vermttrcuung öffentlicher Gelder berüchtigt war. 27 Weitschweifigkeit aufgelegt war, daß Paul selbst sich Lurch de» Strom seiuer Beredsamkeit einigermaßen ermüdet fühlte, erinnerte unser Held, sehnlich eine Aendernng des Gesprächs wünschend, Angustus an sein Versprechen, seine Geschichte ihm mitznthcilen, und der filosofifche Whig» der sich's nie verdrießen ließ von sich selbst zu sprechen, räusperte sich und begann: Geschichte Angustus Tomlinson's. Man frage nicht wer mein Vater oder was mein Geburtsort war! Mein erster Ahne war Tommy Linn, (sein Erbe wurde Tom Linus Sohn,) Ihr kennt die Ballade ihm zu Ehren: Tommv Linn ist als ein Schotte geboren. Sein Kopf ist kahl und sein Bart geschoren; Eine Kappe von Hasenfell schmücket ihn! Ein ältlicher Mann ist Tommy Linn ! u. s. m. Siebe Ritsons Liederbuch des Nordens. In der Schlnßstrose dieser Ballade war eine Art von Profezeihung über die Nachkommen meines Ahnen dunkel angedentet: .Tommy Linn, sein Weib, ihre Mutter zusammen Kielen sie alle in die Flammen; Den Untersten wurd' es gar heiß darin, „Wir sind nicht genug!" sprach Tommy Linn/ Ihr seht die Profezeihung; sie paßt sowohl auf vornehme Schelmen als auf gemäßigte Whigs, denn beide sind in der Welt die Untersten und beide schreien unablässig: Wir sind nicht genug. Ich will meine eigne Geschichte mit der Bemerkung anfangcn, daß ich in eine Schule ZI im Norden des Landes kam, wo ich wegen meiner Anstelligkeit im Lernen und meiner Geschicklichkeit im Gesangenschafts-Spiele gerühmt wurde; auf mein Wort, ich wollte kein Wortspiel machen! Ich war für die Kirche bestimmt; ich wünschte mich bei Zeiten in den Cercmonien zu unterrichten und überredete meines Schulmeisters Dienstmädchen, Mir bei Vollziehung einer Taufe behülflich zu seyn. Mein Vater sah diese vorzeitige Liebe zu den heiligen Gebräuchen nicht gerne. Er nahm mich nach Hans zurück und von dem Wunsche beseelt, meinem geistlichen Eifer eine andere Richtung zu geben, bereitete er mich ans das Schreiben von Predigten dadurch vor, daß er mir täglich ein Dutzend vorlas. Ich wnrde dessen überdrüssig, so sonderbar Euch dieß Vorkommen mag. „Vater," sagte ich eines Morgens, „ohne langes Gerede, ich werde nicht in die Kirche treten — das ist einmal ansgemachte Sache. Gebt mir Euer» Segen und ivn Pfund; damit will ich nach London gehen und ein Mann der zn leben hat, P werden, statt ein Pfarrverweser." Mein Vater tobte, aber zuletzt setzte ich cs durch. Ich sprach davon, Privatlehrer zu werden, schwur, ich habe gehört es sey die leichteste Sache von der Welt; das Einzige woran es fehlen könnte, seyen Zöglinge, und der einzige Weg solche zu bekommen, *) lUng heißt zugleich Lebensunterhalt und Pfründe. Do» Doppelsinn ist nicht zu iiberschcu. sey: nach London zn gehen und meine Gelehrsamkeit bekannt werden zn lassen. Mein armer Vater! nun, er ist todt »nd ich bin jetzt froh darüber! (die Stimme zitterte dem Redenden,) ich wurde Meister, sage ich, und gieng in die Hauptstadt wo ich einenBnch- Händler znm Verwandten hatte. Durch seine Vermittlung schrieb ich ein Buch: Reisen in Aethiopien, für den Sohn eines Grafen, der ein Wunder der Welt werden sollte, und eine Abhandlung über die griechischen Partikeln, dem erste» Minister gewidmet, für einen Dekan, der Bischof zn werden wünschte, da das Griechische, zunächst dem Einfluß, der beste Weg zur heiligen Mütze ist. Diese beiden Werke wurden freigebig bezahlt; ich nahm eine Wohnung im ersten Stock und entschloß mich zu einem kecken Streich um eine Frau zu bekommen. Was meint Ihr, daßstch that? Nein, laßt das Rathen, es würde ganz umsonst scyn. Zuerst gieng ich zu dem besten Schneider und ließ mir meine Kleider aus dem Rücken nähen, fürs zweite lernte ich den hohen Adel und seine Stammbäume auswendig; drittens marschierte ich eine» Abends mit der allerkühlsten Ueberlegnng in das Hans einer Herzogin, die einen ungeheuer» Rout") gab. Die Zeitungen hatten mir diese Idee eingegeben. Ick hatte von dem ungeheuer» Gewühl gelesen, „welches eine Dame zu Hause um sich zn versammeln bemüht war." Ich hatte von gedrängt vollen Treppen gelesen und von ») Gesellschaft «o Ladys die man ohnmächtig fortgetragen, »nd mein gesunder Menschenverstand sagte mir, wie unmöglich es sey, daß die schöne Wirthin um die Ncchtmäßig- keit Aller Gäste wissen sollte. Ich beschloß also mein Glück zu versuchen und schwärzte den Leib des Augnstns Tomlinson, wie eine gestohlene Waarc, ein. Freilich in der ersten Nacht war ich schüchtern ; ich war wie an die Treppe geheftet, und liebäugelte mit einem alten Frauenzimmer von Stand, die ich als Lady Margaretha Sinclair anknndigen hörte. Ohne Zweifel hatte noch Niemand mit ihr Liebes- blicke gewechselt; und sie war offenbar ganz entzückt über die weinigen. In der nächsten Nacht las ich von einem Ball bei der Gräfin von-. Mein Herz schlug mir, als sollte ich gepeitscht werden, aber ich raffte meinen Mnth zusammen und erschien bei der gnädigen Lady. Hier sah ich wieder die göttliche Lady Margaretha, nnd'weil ich beobachtete, daß sie bei meinem Anblick gelb wurde, was bei ihr das Errvthen vertrat, kam mir der Portwein, den ich als Ermuthignnqsmittel zu meinem Gang getrunken hatte, zu statten, so daß ick auf die aller- zierlich-modischste Weise auf sie zntänzclte, die gnädige Lady daran erinnerte, daß ich einmal bei dem Herzog von Dashwell die Ehre gehabt, ihr vorgestellt zu werden, und sie um ihre Hand für den Nächsten Cotillon bat. O Paul! denkt Euch meinen Trinmf, das alte Fräulein sagte mit einem Seufzer: Sie erinnere sich meiner recht gut, ha: 41 ha! ha! und ich führte sie zum Cotillon wie ein zweiter Thesens der eine zweite Ariadne entführt. Um über diesen Theil meines Lebens nicht zu weitschweifig zu werden, ich gieng Nacht für Nacht aus Bälle und Rout's, zu welchen die Hälfte der feinen Welt in London mit ihre» Ohren wohl gern den Zutritt erkauft hätte. Und ich benützte meine Zeit so gut bei der Lady Margaretha, die ihre eigne Herrin war und 5000 Pfund hatte —ein verdammt schmaler Bissen für Manchen, aber für mich doch nicht zu verachten — das; ich schon daran dachte, auf wann der glückliche Tag sestzusetzen scyn möchte. Inzwischen war ich, weil Lady Margaretha mich mit einigen ihrer Freunde bekannt machte und meine Wohnung sich sehen lassen konnte, mit einigen wirklichen Einladungen beehrt worden. Die einzigen zwei Fragen, die mir immer in nachläßi- gem Tone vorgelegt wurden, waren: ob ich der einzige Sohn sey? und auf meine wahrhafte Antwort: Ja! erfolgte mit etwas mehr Wärme die andre: Aus welcher Grafschaft ich sey? Zum Glück war meine Grafschaft ansehnlich — Uorkshire; und wenn meine artigen Frager etwa bei diesen und jenen dorther Gebürtigen sich nach mir erkundigten, so erhielten sie natürlich die Antwort: ich sey von einem andern Theile der Grafschaft." „Nun, Paul, ich wurde durch den glücklichen Erfolg so keck, daß mir der Teufel eines Tags in den Kops setzte zu einem großen Essen bei dem Herzog von 4 ! Dashwekl zu gehen. Ich ging hin, speiste mit; »s gieng Alles gut; ich gieng wieder weg und am nächsten Morgen las ich in den Zeitungen: „Ein räthselhafter Vorfall — ein Individuum das sich seit einiger Zeit blicken läßt — die ersten Häuser — höchst fashionable Gesellschaften — Niemand kennt ihn — bei Herzog von Dashwell gestern — der Herzog will keine Störung herbeiführcn — da eine Hoheit anwesend. Das Journal sank mir aus der Hand. In diesem Augenblick übergab mir das Mädchen vom Hause ein Bittet von Lady Margaretha; sie erwähnte darin des Zeitungsartikels, wunderte sich, wer doch der Fremde seyn möchte, hoffte mich diesen Abend bei Lord A-zu sehen, zu dessen Gesellschaft ich eine Einladung zu haben vergab — dann könne man genügender von den berührten Gegenständen sprechen, kurz, mein theurer Paul, ein zärtlicher Brief. Alle große Männer sind Fatalisten; ich bin anch einer; das Schicksal machte mich zu einem Wahnsinnigen; im Angesicht dieses Unglnckweissagenden Artikels bot ich meinen Muth auf und gieng diese Nacht zu Lord A-. Die Sache verhielt sich so: meine Angelegenheiten waren in Unordnung; ich steckte tief in Schulden, ich sah die Nothwendigkeit ein, meinen Sieg über Lady Margaretha bald möglichst zu vollenden; und bei Lord A-schien der beste Ort für dieses Vorhaben sich darzubieten. Ja ich hielt, nach diesem verfluch« 45 ten Artikel, den Verzug für so gefährlich, daß Ein Tag mich entlarven konnte, und glaubte es deßhalb angemessener, die Beendigung dieses Stücks: der Fremde, auch nicht um eine Stundedurch die Posse: derHonigmonath, aufzuhalten. Und so stellt Euch denn vor, wie ich bei Lord A-Lady Margaretha zum Tanze führte; stellt Euch vor, wie ich ihr die süßesten Sachen ins Ohr flüsterte; denkt Euch, wie sie meinen Anzug lobte und mich sauft schalt, daß ich von Gretna Grün gesprochen. Stellt Euch dich Alles vor, mein guter Gesell, und eben wie ich auf dem Gipfel meines TriumfeS angekommen war — reißt die Augen Eurer Einbildungskraft auf und schaut: wie die stattliche Gestalt des Lord A-meines edlen Wirthes auf mich zukam, während eine Stimme, die, obwohl leise und ruhig wie ein Abendlüftchen, mir doch das Herz in die Schuhe fallen machte, zu mir sagte: „Ich glaube Sir, Sie haben von Lady A-keine Einladung bekommen?" Nicht ein Wort könnt' ich »orbringen, Paul! — nicht ein Wort. Wäre es ans der Landstraße gewesen, statt im Ballsaal — ich hätte laut genug reden wollen; aber ich war wie von einem Zauber gebannt. „Hm, Hm." stotterte ich endlich, „hm, ehem, — ein Miß — griff, ich — ich —" hier stockte ich. „Sir," sagte der Graf und betrachtete mich mit finstrem Ernst, »Siethäteg wohl, sich zu entfernen." 44 „Gott steh' mir kek! Was soll das heißen?" rief Lady Margaretha, lies; meinen gelähmten Arm fahren, nnd iah mich aii als erwartete sie,, ich würde wie ein Held sprechen. „Oh," sagte ich „hm — hm, ich will morgen Ans—schlnß geben, hm — hm," bannt gieng ich der Thüre zn; alle Angen im Saal schienen in Brcnngläser verwandelt und versengten mir die Haut im Angesicht. Ich hörte, als ich das Zimmer verließ, einen leise» Schrei; Lady Margaretha in Ohnmacht, vermnthlich! Hiemit endete meine Bewerbung und meine Abenteuer in der besten Gesellschaft. Ich wurde über das Mißlingen meines Planes schwermüthig. Ihr müßt gestehen, eS war ein trefflicher Anschlag. Welch ein moralischer Muth! Ich bewnndre mich selbst, wenn ich daran denke. Ohne eingeführt zu seyn, ohne eine Seele zu kennen, verschaffeich mir durch meine Entschlossenheit freien Zutritt in den vornehmsten Häusern in London, tanze mit Grafentvchter», und es fehlt nichts, als daß ich selbst eine Grafentochter als Gemahlin heimsührte. Wäre dicß geschehen, so hätten meine Freunde etwas für mich thun müssen; und Lady Margaretha Tomlinsvn hätte wokl leicht den jugendlichen Genius ihres Angnstus ins Parlament oder ins Ministerium einführen können. O, welch ein Sturz vom Himmel mar das! und doch wahrhaftig, ha! ha! ich konnte trotz meinem Verdruß mich des Lachens nicht erwehren, wenn ich mich 45 erinnerte, wie ich drei Monate lang mich bei diesen delikaten Exclusiven im Auseden erhalten und von vielen derselben förmlich eingeladen worden war, welche die jüngern Söhne ihrer eigne» Vetter nicht würden zu sich gebeten haben, und das nur deßwegen, weil ich in einer guten Straße wohnte, mich für einen einzigen Sohn ansgab und von meinen Besthungen in Dorkshire sprach. Ha! Ha! wie bitter mußten es die lohn- süchtigen Narren empfinden, als die Entdeckung gemacht wurde! welch eine Pille war es für die guten Matronen, welche schon mein Bild mit dem ihrer Töchter Jane oder Mary vermählt hatten! Ha, ha, ha! der Triumf war beinah die Beschämung werth. Jndeß ich wurde, wie schon gesagt, schwer- müthig darüber; besonders als meine Gläubiger drohende Mienen annahmen. So gicng ich denn zu meinem Vetter, dem Buchhändler, mich bei ihm Raths zu erholen; er empfahl mir für die Journale zu schreiben und verschaffte mir einen Antrag. Ich machte mich eine Zeitlang geduldig ans Werk und schloß einige angenehme Freundschaften mit Gentlemcn, mit denen ich regelmäßig in St. James zusammenkam. Aber noch waren meine Gläubiger, obgleich ich sie in kleinen Abfchlagssummen bezahlte, die Plage meines Lebens; ich gestand dies; einem meiner neuen Freunde. „Kommt mit mir," sagte er, „eine Woche nach Bath, und Ihr sollt so reich wie ein Jude von dort znrückkvmmcn." , Ich nahm 4S das Anerbieten an und fuhr im Wagen meines Freundes nach Bath. Er legte sich den Namen LordDnnshunner bei, ein irländischer Peer, der nie über Galway hinausgekvmmen war, und deßhalb in Bath schwerlich bekannt war. Er miethete auch ein Hans für ein Jahr, füllte es mit Weinen, Büchern und Silbergeschirr; während er unbestimmt von seiner Abreise in die Hauptstadt, zur Parla- mentssipnng, sprach, kaufte er diese Maaren von Len Leuten in der Stadt um ihrem Handel einen Aufschwung zu geben; ich besorgte heimlich die Fracht nach London und den Verkauf, und da wir sie 50 Procent unter dem wahren Werth losfchlngcn, so waren unsre Abnehmer, die Pfanderleiher, nicht sehr zudringlich in ihren Fragen. Wir führten ein paar Monate in Bath ein lustiges Leben; in einer Nacht reisten mir ab und überließen unsrem Hans- desiyer die Beantwortung aller Anfragen. Wir hatten die Vorsicht beobachtet, unkenntlich machende Kleidungen zu tragen, hatten uns ansgepolstert und die Farbe unsrer Haare verändert, mein edler Freund war in diesen Verwandlungskünsten ein Adept, und obgleich die Polizei) bei dem Handel nicht schlief, erwischte sie uns doch nie. Ich bin besonders froh, daß wir nicht entdeckt wurden, denn ich liebe Bath ausnehmend, und beabsichtige dieser Tage dahiy zu- rückznkehren und mich mit einer Erbin von der Welt znrückznziehcn. Nun, Paul, bald nach diesem Abenteuer machte 47 ich Eure Bekanntschaft. Ich setzte znm Schein mein literarisches Treiben fort, aber blos als eine Maske für die Geschäfte, die ich nicht gestehen durfte. Ein Umstand nöthigte mich London ziemlich übereilt zu verlassen. Lord Dnnshnnncr traf mit mir in Edinburgh zusammen. Verdammt! statt dort etwas einzuthun, wurden wir selbst eingetban. Der ärgste Igel, der je durch die Hocbstraße kroch, ist dem grüudlichst gebildeten und durchtriebnen Engländer mehr als gewachsen. Bei uns ist cs Kunst; bei den Schotten ist es Natur. Sie fegen uns die Taschen ans, ohne die Finger zu brauchen, und kommen der Vergeltung zuvor, weil sie nichts haben, das man rapsen könnte. Wir verließen Edinburgh mit sehr langen Gesichtern und in Carlisle fanden wir es nothwendig uns zu trennen. Ich meines Theils gieng als Kammerdiener zu einem Edelmann, der eben in Carlisle seinen vorigen durch ein Fieber verloren hatte: mein Freund gab- mir die trefflichsten Zeugnisse. Mein neuer Herr war ein sehr gescheuter Manu ; er seyte die Leute beim Diner mit den Impromptus in Erstaunen, die er beim Frühstück vorbereitete, mit Einem Wort, er war ei» witziger Kops. Bald sah er, denn er war selbst gelehrt, daß ich eine klassische Bildung genossen und er nahm im Vertrauen meine Fähigkeiten iuAl>spruch,Citate für ihn auszusiudeu.Ich vrduere diese nach dem Äisabet und unter drei Haupt- klaffeu: Panamnnarssciie, Lireransche, Geselsschafr- 48 liche; dies« batte» wieder Unterabtheilunqen: Vornehme, gelehrte, scherzhafte, so daß mein Herr aus Einmal wußte, wo er Geist, Weisheit und Witz zu suchen hatte. Er war sehr entzückt über die von mir in seine Geistesthätigkeiten gebrachte Ordnung. Um mich ihm gefällig zu erweisen, widmete ich der Politik mehr Aufmerksamkeit als früher; denn er war ein entschiedener Whig, und in Allem, ausser tm Geld, ungemein liberal. Daher stammen, Paul, meine politischen Grundsähe, und dem Himmel sey Dank, es qiebtjetzt keinen Schelmen in England , der ein beßrer, das beißt ein gemäßigterer Whig märe, als Euer unterthäniger Diener. Ich blieb beinah ein Jahr bei ihm. Er verabschiedete mich wegen eines Fehlers der meines Genius würdig war; andre Diener bringen ihren Herrn etwa um eine Uhr, einen Rock; ich spielte ein größeres Spiel und brachte ihn um seinen: Privat-Charakter." „Was meint Ihr damit?" „Nun, ich war in eine Dame verliebt, die mich als Herrn Tomlinsou nicht wurde angesehen haben; so nahm''ich denn meines Herr» Kleider und gelegentlich senie» Wagen und machte meiner Nymfe als Lord-den Hof. Ihre Eitelkeit machte sie unbesonnen und geschwätzig. Die Tory-Blätter bekamen Wind davon; und bei einem Ministcrwechsel erklärte Georg UI von meinem Herrn, er sey: zu leichtsinnig zu einem Kanzler der Schatzkammer. Ein alter Gentleman, der von e.uer Frau wlc eine Gorgo fünfzehn Kinder hatte, wurde statt meines Herrn erkoren, und obgleich der neue Minister m seinen Fähigkeiten als Staatsmann ein Narr war, so war doch das moralische Publikum wegen seiner häuslichen Tugenden vollkommen wohl mit ihm zufrieden. Mein Herr wurde wnthend, stellte die strengsten Untersuchungen an, kam mir uns die Schliche und jagte mich aus dem Hans, Ein Whig anffer Diensten hat das Recht, mit der Verfassung unzufrieden zu seyn. Mein Unfall machte mich beinah zum Republikaner; aber, getreu meinem Glaubensbekenntnis muß ich gestehen, daß ich nur nach Oben zu nivellirt- hätte. Besonders war ich der ungleichen Verrheilnng des Reichthums seind; bei jedem Wagen, der vorbeirollte, blickte ich finster; wie ein zweiter Catilina runzelte ich die Stirn« beim Dampf ans der Küche eines Gentleman. Meine letzte Stelle war nicht einträglich gewesen; in meinem Eifer für Politik, hatte ich meine Mden- einküufte versäumt. Mein Herr weigerte sich auch, mir ein Z-nqniß zu geben — wer sollte mich ohne rin solches nehmen? Diese traurig« Frage legte ich mir selbst eines Morgens vor-, als ich plötzlich einem von den vornehmen Freunden begegnete, mit welchen ich in meiner alten Gesellschaft ui St. James gewöhnlich verkehrte. Sein Name mar Pepper, „Proper!" rief Pani. - BuNrrr'S Slvmane- XXV. st.' Lg Ohne den Aufruf zu beachten fuhr Tomlinsvn fort: „Wir giengen in eine Schenke und tranken mit einander eine Flasche. Der Wein machte mich mittheilsam, auch meinem Kameraden schloß er das Herz auf. Er forderte mich auf diese Nacht mit ihm einen Ritt »ach Hounslow zu machen; ich that es und fand eine Börse." „Welches Glück! Wo denn?" „In der Tasche eines Gentleman. Ich mar so erfrerrt über meinen guten Stern, daß ich jede Woche zweimal dieselbe Straße einschlug um zu sehen, ob eS noch mehr Börsen aufznlesen gebe. Das Schicksal begünstigte mich und sch lebte lauge Zeit das Leben eines Lieblings der Götter. O Paul, Ihr wißt nicht, nein, Ihr wißt nicht, was es für ein superbes Leben um das Leben eines Hvchstraßen- manneS ist; aber Ihr sollt es dieser Tage zu kosten bekommen, das sollt Ihr, ans meine Ehre." „Jetzt lebte ich mit einem Club ehrbarer Gesellen; wir nannten uns selbst die Exclusiven, denn wir waren über die Maßen wählerisch mit unser» Genossen und nur die, welche das Geschäft ans einem hohen Fnß betrieben, erhielten bei unserer Gesellschaft Zutritt. Ich für meinen Theil jedoch fand, bei all meiner Liebe für mein Gewerbe, mehr Gefallen an der List als an der Gewalt und zog, waS der Pöbel schnellen nennt, sogar der Hochstraße vor. Bei einer Unternehmung dieser Art ritt ich 21 einmal in eine Landstadt und sah in einem Theile der Stadt ein Menschengewühl versammelt: ich näherte mich, und denkt Euch meine Empfindungen! ich sah meinen alten Freund, den Viscount Dun- shunner eben im Begriff gehängt zu werden. Ich ritt davon, so schnell ich konnte. Ich meinte Meister Rothmantel mir aus de» Fersen zu sehen. Mein Pserd warf mich gegen einen Zaun und ich brach das Schlüsselbein. In der Absperrung von der Welt, welche die Folge davon war, tauchten düstre Gedanken in mir auf. Ich mochte nicht gern gehängt werde»; deshalb bot ich VernMiftgründe gegen meine Verirrungen auf und bereute sie. Langsam genas ich, kehrte in die Hauptstadt zurück und stellte mich meinem Vetter, dem Buchhändler vor, die Wahrheit zu sagen, ich hatte ihm einen kleinen Streich gespielt; durch ein 'Versehen einige seiner Schulden eingezoge» — eine sehr natürliche Folge der Verwirrung bei meinen Unfällen. Er war jedoch äus- serst unartig gegen mich und das Versehen, so natürlich es war, hatte mir seine Bekanntschaft gekostet. Jetzt gieng ich zu ibm in dem Düßeraufzug des verlornen Sohns und wahrhaftig, Er stellte nicht übel das gemästete Kalb dar, welches meiner Rückkehr zu Ehren hätte geschlachtet werden sollen; so wohlbeleikt sab er aus und so niede geschlagen. „Uir- dankbarer Verworfner," empficiiq er mich,„Euer armer Water ist todt," Ich war ausserordentlich erschrocken, 4 « 52 aber — nein Paul! fürchte nicht», ich werde gewiß nicht pathetisch. Mein Vater hatte sein Vermögen unter seine Kinder getheilt, mein Antheilbetrug 500 Pfund, der Besitz dieser Summe machte meine Rene in den Augen meines guten Vetters weit aufrichtiger; und nach einer sehr pathetischen Scene nahm er mich wieder in seine Gunst auf. Ich gieng jetzt mit ihm über die beste Art, mein Kapital anznlegen und meinen guten Namen herzustellen zu Rath«. Bei der ersten Besprechung machten wir noch keinen Plan ausfindig, aber als ich ihn zum zweitenmal sprach, sagte mein Vetter mit freudeglänzender Miene: Freue dich Augustus, ich habe eine Stelle für Dich gefunden. Herr Asgrave, der Bankier, will Dich'zum Schreiber nehmen. Er ist ein sehr würdiger Mann, und da er eine ausgebreitete Gelehrsamkeit besitzt, so wird er deine Kenntnisse schätzen. Noch an diesem Tage wurde ich dem Herrn Asgrave vorgestellt, einem kleinen Manne mit einem feinen, kahlen, wohlwollenden Kopfe und nach einer langen Unterredung, welche er mit mir zu halten geruhte, wurde ich einer seiner Federfuchser. Ich weiß nicht wie cs zuging, aber allmälig stieg ich in meines Herrn Gnade; — ich machte ihn , so bilde ich mir «in, durch Anlegung meiner 500 Pfund nach seinem Rathe, mir geneigt; er lieh sie für mich wie er sagte, mit unermeßlicher Sicherheit auf einen Grundbesitz aus. Herr Asgrave war ein gar umgänglicher Mann, er hatte ein stattliches Haus und treff- siche Weine. Da er in seiner Gesellschaft nicht sehr wählerisch war, und sein Ehrgeih ihn nicht in die großen Cirkel trieb, zog er mich oft an seinen Tisch nnd vergnügte sistss lange Erörterungen über die Alten mit mir aiiznstellcn. Bald kam ich darauf, daß mein Herr ein tüchtiger Moral-Filosof. war, und da ich selbst einer schwachen Gesundheit genoß, des gewöhnlichen Treibens der Welt, worin meine Erfahrungen meinen Jabren vorausgecilt, nberdrüßig nnd von Natur naebdeiiksamer Gemüthsart war, so richtete ich meine Aufmerksamkeit auf die moralischen Studien, die meinen Brodherrn so wunderbar ansprachen. Ich las nenn Büchcrständer voll metafystscher Schriften durch und wußte genau, über welche Punkte diese berühmten Denker mit einander zum großen Nutzeinder Wissenschaft stritten. Mein Herr nnd ich pflegten manches lange Gespräch über das Wese» des Guten und des Bösen zu halten und vermöge seiner wohlwollenden Stirne und seiner lauten, mürrischen Stimme erschien er unfern Zuhörern immer als der Weisere und Bessere von Beiden ; er hatte deßhalb an unfern Streitübungen großes Vergnügen. Dieser Ehrenmann hatte eine einzige Tochter, eine gräßliche Keiferin mit einem Gesicht wie die Nacht so häßlich; aber Filosofen setzen sich über körperliche Ucbelstände weg; und da ich nur an die Wohlthaten dachte, welche meinen Mitmenschen zu erweisen mich ihr ansehenliche's Vermögen in Stand setzen würde, beehrte ich, sie heimlich 54 mit meiner Liebe. Ihr werdet sagen, das heiße meinem Herrn seine Güte mit einem Schurkenstreich erwiedern — keineswegs! mein Herr hatte mich überzeugt, daß es keine solche Tugend wie Dankbarkeit gebe. Es scy ein Jrrthum der gemeinen Moralisten. Ich gab seinen Gründen nach und heirathcte zuletzt seine Tochter in der Stille. Den Tag, nachdem dieß stattgefnnden, berief er mich auf sein Arbeitszimmer und sagte sehr miid: „So Angnstus, Ihr habt jetzt meine Tochter geheirathct; nein, Ihr dürft darüber nickt bestürzt sci>n; ich sah lange voraus, daß Ihr dieß thnn würdet und freute mich darüber." Ich versuchte etwas wie Dank hervorzustammeln. „Unterbrecht mich nicht!" sagte er. „Ich habe zwei Gründe mich darüber zu freuen: erstlich weil meine Tochter die Plage meines Lebens war und ich mir sehnlich Jemand wünschte, der sie mir abuäbme; zweitens, weil ich Eueru Beistand in einer eignen Sache bedurfte, und doch nicht wagen konnte, Euch darum anznsprechen, bevor Ihr mein Schwiegersohn wäret. Kurz, ich wünsche Euch zu meinem Han- delsgenosseu anzunehinen." „Zum Handelsgenossen!" rief ich und fiel ans die Knie, „edler großmüthiger Mann!" „Wartet ein Wenig," fuhr mein Schwiegervater fort. „Welche Fonds glaubt Ihr. daß zur Führung einer Bank erforderlich seyen? Ihr blickt verdutzt? Nicht ein Schilling! Ihr werdet gerade so viel ein- legen, als ich selbst; ja sogar noch mehr. Denn Ihr SS Mt einmal Sv-Pfund eingelegt, die schon langst verwendet sind. Ich schieße keinen Schilling von meinem Eignen her. Ich lebe von meinen Clienten und biete Euch bereitwillig die Hälfte davon an." Denkt Euch, lieber Paul, mein Erstaunen, meinen Verdruß! Ich sah mich mit einer schändlichen Keiferin vcrtcirathet, Schwiegersohn eines Schurken, der keinen Pfennig besaß, und um mein ganzes Vermögen betrogen. Vergleicht diesen Stand der Sache mit dem, der mir ins Auge gestochen, als ich der Schwiegersohn des reichen Herrn Asgrave zu seyn wabnte! Ich tobte im Anfang. Herr Asgrave ergriff: Baton über die Fortschritte der Gelehrsamkeit, und antwortete nicht, bis ich durch den Ausbruch abgeknhlt war. Ihr begreift leicht, daß ich, sobald die Leidenschaft sich gelegt hatte, nvthwendig einsehcn mußt?, wie mir nichts Andres übrig blieb, als meines Schwiegervaters Vorschlag anzunehmen. So wurde ich durch das schlimme Schicksal, das über mir waltete, eben in der Zeit, da ich mich zu bessern dachte, mit Gewalt in die Schurkerei hinein geschleudert und durch den Zufall, daß ich der Schwiegersohn eines großen Moralisten war, ge- rivthigt eine ungeheure Menge Menschen zu betrügen. Da Herr Asgrave ein träger Mann war, der seinen Morgen mit Spcculativnen über die Tugend hinbrachte, so lastete eigentlich alles Geschäft aus mir. Ich brachte den Tag auf der Börse zu, und -SC wenn ich, mich zu erholen, nach Hause kam, kratzte mir meine Frau die Augen aus." „Aber erkannte man Euch in Eurer neuen Eigenschaft nicht als den Fremden oder als den Ab cnt e u rer ?" „Nein! denn natürlich nahm ich bei allen Veränderungen meiner Lage andre Namen und Marken an. Und um Euch die Wahrheit zu sagen, mein Ehstand veränderte mich so, daß ich in einem Tabakfarbigen Rock, einer braune» Stutz-Perücke und einer Feder hinter dem rechten Ohr anssah, wie die grstandne Ehrbarkeit selbst. Mein Gesicht wurde jeden Tag um einen Zoll länger. Nichts ist so Achtunggebietend als ein langes Gesicht und ein gedrückter Zug in der Miene ist das untrüglichste Zeichen von Handelsglück. Nun, cs gieng uns etwa ein Jahr ganz glänzend. Mittlerweile machte ich in der Filosofie wunderbare Fortschritte. Ihr habt keinen Bcgnff davon, wie ein zänkisches Weib den Geist erhöbt und läutert! der Donner reinigt die Lust, wißt Ihr! " Endlich starb meine Frau, zu-m Unglück für meinen Ruhm, (denn ich beabsichtigte eine prächtige moralische Geschichte der Menschheit, die, wenn sie noch ein Jahr lebte, vollendet worden wäre) im Wochenbette. Mein Schwiegervater und ich, besprachen uns über das Ereignis-, und klagten dcßhalb die Civilifation mit ihren entnervenden Gewohnheiten an, in Folge deren die Weiber an ihren L7 Kindern sterben, statt st« ans die Welt zn bringen, ohne nur etwas davon zu wissen — als meinem Handelsgenossen ein schief gesiegeltes Papierchen übcrbracht wurde; er überlicf es brach die Erörterung ab und sagte mir dann, unsre Bank habe ihre Zahlungen eingestellt. „Jetzt Angustns," sagte er, die Pfeife mit dem Papier anzündend, „seht Jbr, wie gut es ist, wenn man Nichts zu verlieren hat." Wir zahlten keinen halben Schilling für das Pfund; aber mein Handelsgcnosse galt bei dem brittischen Publikum für so dedauernswerth, daß es eine Subscriptiou für ihn ervffnete und er sich sehr geachtet und bemitleidet mit einer Jabresrente zurückzog. Da ich mir keinen solchen Ruf als Moralist erworben hatte, auch nicht den Vortheil eines kahlen, wohlwollenden Hauptes besaß, so geschah für mich Nichts, und ich war wieder auf die weite Welt angewiesen, um über die Wechselfälle des Schik- sals zu moralisiren. Mein Vetter, der Buchhändler, lebte nicht mehr, und sein Sohn sagte sich von mir los. Ich miethcte in Warmick-Court eine Dachstube, und mit einigen Büchern, meinem einzigen Trost, suchte ich mein Gemüth gegen die Zukunft zu stählen. Damals, Paul, brachten mir meine Studien wahrhaften Gewinn. Jckl dachte viel und wurde ein achter d. h. ein praktischer Filosof. Meine Handlungen waren vou nun an durch Grundsätze geregelt, und ich SS will Euch irgend einmal beweisen, daß dcrPfadder ächten Sittlichkeit von den Taschen unserer Neben- mcuschcu sich durchaus nicht ferne hält. Sobald mein Geist die große Entdeckung gemacht hatte, worin Herr Asgrave mir zuvorgekommen war: daß man nach einem System leben mäße, — denn wenn du unrecht handelst, so ist es das System, das irrt, und nicht du — begab ich mich auf die Landstraße, ohne einen der Gewissensbisse, die mich bisber bei solchen Abenrenern belästigt batten. Ich schloß mich an eine auserlesene Bande oon Frey>Agenten an, mit welchen ich Euch nächster Tage bekannt machen will, und setzte mich bei ihnen bald in Ansehen. Aber vor nngcfäbr 6 Wochen — wie ich denn immer noch ein größerer Liebhaber der Schleichwege als der Landstraße blieb, versuchte ich mich in den Besitz eines Wagens zu setzen, den ich billig verkaufen wollte. Ich ward von der Anklage der Felonie freigesprochen, aber vom Richter Burnflat wegen gemeinen Vergehens bisher geschickt. So weit, mein junger Freund, ist bis jetzt das Leben von Augustus Tomlinson fortgeschritten." Die Geschichte dieses Ehrenmanns machte 'auf Paul einen tiefen Eindruck. Dieser wurde noch durch die nachkerigen Unterredungen mit Augustus verstärkt. Dieser Held war ein gefährlicher und feiner Verführer. Er hatte wirklich Viel von der Geschichte und Einiges aus der Moral gelesen; und er besaß eine scharfsinnige Weise, seine schlimme» Kniffe mit Schlüssen ans der letzter» und Beispielen aus der ersten: zu rechtfertigen. Diese seine Theorien bekräftigte er gleichsam durch Beziehung derselben auf die bestehenden politischen Meinungen des Tages. Solche, die unter falschen Vorwänden das Publikum betrogen, beliebte er gemäßigte Whigs zu nennen; diejenigen, welche trotzig die Börse forderten, Hoch-Tvry's, und Diebstähle pon Banden ausgesübrt, nannte er Wirkungen des Partbeigcistes. Zwischen Angustus Tvmlinson und dem laugen Ned war der Unterschied: Ncd war der handelnde, Tomlinso» der räsonircnde Spitzbube; und wir werden daher durch ein Wenig Nachdenken uns überzeugen, daß Tvmlinson ein weit gefährlicherer Gesellschafter war, als Pepper; denn glänzende Theorien sind für den aufgeweckten Jüngling immer weit verführerischer als lockende Beispiele, und die Eitelkeit der jungen Leute bewirkt, daß sie sich lieber von einer Sache überzeugen, als dazu antreiben lassen. Ein paar Tage nach der Erzählung des Herrn Tomlinson erhielt Paul wieder einen Besuch von Mrs. Lobkius; denn die Maßregeln gegen häufige Besuche wurden damals noch nicht so streng gehand- habt, als, wie wir Horen, jetzt der Fall ist, und die gute Frau kam, um den schlimmen Erfolg ihrer mit dem Richter Durnflat gehabten Unterredung, zu bejammern. Wir ersparen dem zartfühlenden Leser die genaue Schilderung der rührenden Unterredung, welche so folgte. In der Thai, es war Mir eine Wiederholung der öden schon erzählten. Wir führen,,nur als Beweis von Pauls Zärtlichkeit an, daß, alSer von der guten Matrone Abschied nahm und ihr Gottes Segen wünschte, seine Stimme zittert« und ihm die Thränen im Auge standen, wie cs Georg dem III. geschah, wen» dieser treffliche Monarch voll An- mnth die Wiederholung des Loci save tlio L-illg begehrte. „Ich will mich hängen lassen," so redete unser Held bei sich selbst,.als er mit langsamem Schritte zu dem feinen Angustus znrückkehrte, „ich will mich hängen lassen, (halt! der Ausdruck könnte'profetisch sey» !> wenn ich nicht gegen die alte Frau für ihre Sorgfalt um mich so innige Dankbarkeit fühle, als hätte sie mich nie übel behandelt. Was meine Eltern betrifft, so glaube ich ihnen wenig Dank schuldig zu scyn, und- wenig Ursache zum Stolz zu haben. Meine arme Mutter scheint allen Berichten zufolge, kaum auch nur die instinktartige Tugend mütterlicher Zärtlichkeit gehabt zu haben, und aller menschlichen Wahrscheinlichkeit nach werde ich nie erfahren, ob ich Einen Vater oder fünfzig hatte. Aber was thnt das ? So habe ich doch den Vor- theil unabhängig zn sey»; und dann Alles zusam- mengenommen: was haben nenn Zehnthcile von uns je von ihren Eltern bekommen, als einen befleckten Namen und Räthe, deren Befolgung unser Elend und deren Missachtung unsre Enterbung noch floh zieht.". Sich selbst tröstend mit diesen Gedanken, dt« Vielleicht'ihren filofofischen Anstrich seinen Gesprächen mit Tomlinson in de» letzten Zeiten verdankten und die sich.in der gemurmelten Melodie „Was sollten wir ranken um Schätze?" Luft machten, erschien Paul wieder bei seiner gewöhnlichen Beschäftigung. In der dritten Woche der Gefangenschaft unsres Helden, theilte ihm Tomlinson eine» Plan zur Flucht mit, der seinem erfinderischen Kopfe sich dargeboten hatte. In dem Hof, der zur Ergötzlichkeit, der Herren, die sich ein Vergehen hatten zu Schulden kommen lassen, eingerichtet war, befand sich eine- Wasserleitung, welche die Mauer cinfaßte und über eine Thüre ging, durch welche die frommen Gefangnen alle Morgen auf ihrem Gang in di« Kapelle kamen. Durch diese schlug Tomlinson vor zu entfliehen; denn die Wasserleitung, die von der Thür dis zur Mauer in einer schiefen, bequemen Richtung gieng, hatte eine Art von Schirmdiele, und ein flinker gewandter Mann konnte leicht mit Hülfe dieser Diele sich die Wasserröhre entlang fortarbeiten, bis der Fortgang dieses nützlichen Leiters a»z senkrechte, so daß ein Mann die Füße einer Fliege haben müßte, um daran hinanfznklimmen." „Närrchen!" erwiederte Tonilinso»-, „Ich will Euch zeigen, wie mau die stärkste Mauer in der Christenheit erklimmen kann, wenn man nur reines Feld hat — der Wächter, der Wächter ist es — wir müssen —" „Was?" fragte Panl, als er bemerkte, daß sein Camerade den Satz nicht vollendete. ES währte einige Zeit, bis der weise Angnstns antwortete; dann sagte er in nachdenklichem Tone: „Ich habe mich besonnen, Panl, ob es sich mit der Tugend vertragen würde und mit dem strengen Moral-Gesetz wodurch alle meine Handlungen geregelt werden — die Wache zn — tödten." „Guter Himmel!" rief Paul von Abscheu ergriffen. „Und ich habe entschieden," fuhr Angnstns feierlich fort, ohne den Ausruf zu beachten', „daß die That sich ganz wohl rechtfertige« ließe." 65 ,»Elender!" rief Paul aus, und wich an das entgegengesetzte Ende des steinernen Kastens aus (denn es war bei Nacht,) in dem sie eingesperrt waren. „Aber," fuhr Angustus fort, der mit sich selbst zu sprechen schien, und dessen Stimme, kalt und nachdenklich, wie die Poungs in dem berühmten Monologen in Hamlet, verrieth, daß er die unhöfliche Unterbrechung nickt beachtete, „aber die Theorie übt nicht immer ihren Einfluß ans das Verfahren, und obgleich es tugendbast sepn mag, die Wache zu ermorden, so Hab ich doch nicht das Herz dazu. Ich hoffe, ich werde in meiner künftige» Geschichte von einsichtsvollen Moralisten nicht allznstreng wegen einer Schwäche getadelt werden, wegen welcher nur mein fyfisches Temperament anznklage» ist. Trotz dieser Wendung des Selbstgesprächs dauerte es doch lange Zeit, bis Paul sich zu einem weitern Gespräch mit Angnstns verstand, und nur weil er glaubte, der Moralist habe die Ader des Scherzes springe» lassen, nahm er endlich wieder die Berattmng auf. Die Vcrfchwornen brachten jedoch in dieser Nacht ihren Plan noch nicht zur völligen letzten Entscheidung. Am nächsten Tage wurden Angustus, Paul und einige Andre von der Gesellschaft zur Ar' beit in den Garten geschickt, und hier bemerkte Paul, daß fein Freund, der ganz nabe bei dem Ort wo die Wache stand, eiuen Karren schob, diesen mit S4 Allem was darin war, umststrzte. Der Wächter war gutherzig genug, ihm denn Wiedereinfüllen des Karrens behülffich zu seyu und Tomlinson benützte die Gelegenheit so gut, daß er des Nachts Paul die Nachricht bringen konnte, sie würden von der Wach» samkeit des Wachtpostens nichts zu fürchten haben. „Er hat/' sagt Augustns, ans gewisse Vorstellungen hin, versprochen, sich von mir zu Boden schlagen zu lassen; er hat auch versprochen, so stark beschädigt werden zu wollen, daß er sich nicht ruh» ren könne, bis wir über die Mauer hinüber sind. Unsre Hanptschwierigkeit ist also der erste Schritt — nämlich unbemerkt die Wasserleitung zu erkiese tern." „Was das betrifft ," sagte Paul, der bei dem ganze» Anschlag einen Scharfsinn, eine Keckheit und einen erfinderischen Geist entwickelte, die seinen Freund bezauberten und gewiß eine glänzende Laufbahn ihm verbürgten, „was das betrifft-, ich meine, wir werden das erste Erklimmen mit weniger Gefakr bewerkstelligen, als Ihr Euch vorstellt; die Morgen sind in der letzten Zeit sehr trübe gewesen; cs ist beinah noch Nacht zu der Stnnve, wo wir in die Kapelle gehen. Ihr und ich, wir müssen die letzten im Zuge feyn; die Waffer-Rvkre geht gerade über der Thnre hin, wir können sie, wie wir schon versucht, mit den Händen erreichen, und ein L,chwnuz mit mäßiger Gelenkigkeit ansgesührt, wird uns in Stand setzen, ans der Wasserleitung und der Schirm- diele festen Fuß zu fassen, dann ist das Fortklettcrn leicht, und mit Hülfe des dichten Nebels und unsrer Behendigkeit soll es uns, hoffe ich, nicht allzu schwer werden den Garten zu erreichen. Die einzigen Vorsichtsmaßregeln, die wir zu beobachten babcn, sind: daß wir einen reckt dunkeln Morgen abwarten, und daß wir ja gewiß die letzten im Zuge sind, daß. keiner hinter uns Lärm machen kann — " „Oder unsrem Beispiel zu folgen versucht und mit einer überflüssigen Pflaume die Pastete verderbt," fügte Tomlinson hinzu. „Ihr wißt trefflichen Rath zu geben, und werdet nächster Tage, ich wage eS zu behaupten, wenn Ihr nicht gehängt werdet, ein großer Logiker werden." Der nächste Morgen war hell und kalt, aber der darauf folgende Tag war nach Tomlinsons Vergleichung: so dunkel, als ob alle Neger von Afrika in der Luft geschmort worden wären. Man hätte können den Nebel mit Messern zerschneide», wie das Sprüchwort sagt. Paul und Augustus konnten nicht einmal wahrnehmen, wie vielsagend sie einander ansahen. Es war ein bemerkenswcrther Zug der kühnen Gemütbsart des ersteren, daß er, so jung er war, doch der Verabredung gemäß das Wagniß leiten und anfübren sollte. Zu der gewöonlicheu Gottesdienst-Stunde, g engen die Gefangnen wie immer Lurci) die Thüre. Als die Reihe an Paul kam, zog er sich »nt den Händen zu der Röi-re hinauf, krocy Buttvxr's Romane XXV, L «6 dann in ihrem gewölbten Bauche fort ulid gewann die Mauer, ehe er noch Athem geholt hatte. Etwas unbeholfener folgte Augustus ,dem Beispiel seines Freundes; einmal glitt sein Fuß ans und er wäee beinahe gestürzt. Unwillkührlich strebte er die Hände ans und erwischte Paul beim Bein. Zum Glück hatte aber unser Held schon die Mauer erreicht, an welcher er sich festkiclt und so hätten wir hier einen Fall, wo ein Schelm sich selbst dnrchhals, ohne einen andern über Bord zu werfen. Wir sehen jetzt Paul und Tomlinson einen Augenblick ans der Mauer sitzen, um Athem zu holen; dann liest der erstere — der Abstand vom Boden war nicht sehr beträchtlich — seinen Körper an den Händen herab und sprang in den Garten. „Beschädigt?" fragte der kluge Augustus mit einem heisern Flüstern eh' er von seiner luftigen Höhe herunterkam; denn er war Willens lieber Die gegenwärt'gcu Uebel zu ertragen Als unbekannten sich in Arm zu werfen, ohne zuvor jede Vorsicht, die in seiner Macht war, zu beobachten. „Nein!" war die Antwort in demselben Tone, und Augustus sprang hinab. Sobald dieser Ehrenmann von der Erschütterung des Falls sich erholt hatte, verlor er keinen Augenblick dem .andern Ende des Gartens znzuciien. Paul folgte. Unterwegs hielt Tomlinson bei einem Haufen Schutt an, und Hob einen.mächtigen Stein 67 auf; als fle an dem Theile der Mauer aukameu, wo sie hinüberzusteigen verabredet hatten, fanden sie den Wächter, wegen dessen sie, beiläufig gesagt, sich nicht hätten bekümmern dürfen; denn wäre es nicht so abgemacht gewesen, daß er ihnen begegnen sollte, so hätte sie der dichte Nebel in der That seinem Blicke ganz entzogen; diesen zuverläsiigen Wächter strekte Angnstns nieder — nicht mit dem Stein, sondern mit zehn Guinee»; dann zog er ans seinen Kleidern ei» dickes Seil hervor, das er sich vor einigen Tagen vom Kerkermeister verschafft hatte, befestigte den Stein an einem Ende und warf die st Ende über die Mauer. Nuü hatte die Mauer, wie Mauern von großer Dicke es meist haben, zu beiden Seiten eine Art von hervorragender Zinne und der Stein, hinübergelchlendert und dann-an dem Seile, an welchem er befestigt war, wieder heranfgezogen, stemmte sich nothwendig gegen diesen Vorsprung an; und so war das Seil gleichsam an der Mauer festgemacht und Tomlinson dadurch in den Stand ger seht, sich bis ans die Höhe der Mauer hinanszn- ziehen. Er führte diese That mit gymnastischer Gewandtheit aus, wie einer der in dergleichen eine Hebung hat; obgleich der verschwiegene Abenteurer in seiner Erzählung gegen Paul früherer Gelegenheiten zu diesem Kunstgriff nicht erwähnt hatte. Sobald er die Höhe der Mauer gewonnen hatte, warf er das Seil seinem Begleiter zu und in Betracht von Pauls Uubekanntschaft mit dieser Kletter- 5 «° weise, verstärkte er die Sicherheit des Stricks noch dadurch, daß er selbst auch ihn hielt. Langsam und mit Mühe arbeitete sich Paul hinaus; daun wurde der Stein auf die andere Seite der Mauer hinnuter- gelassen, wo er natürlich einen gleichen Anhaltpnnkt gab, und so unsre beiden Abenteurer in Stand setzte, nach einander hinunter zu gleiten und ihre Flucht ans dem Zuchthaus zu vollenden. „Jetzt folgt mir!" sagte Angnstns, indem er Fersengeld zu geben begann, und Paul eilte hinter ihm her durch ein Labyrinth von Gängen und Eäß- cheu, die er kreuz und quer mit einer immer die Richtung wechselnden und doch sich nie verirrenden Schnelligkeit dnrchraiintc, so daß, hätte sich nicht Paul dicht hinter ihm gehalten, er sehr bald, zumal bei dem Nebel, den Äugen seines jungen Verbündeten würde entzogen worden seyn. Zum Glück verhinderte der frühe Morgen, die Abgelegenheit der Straßen durch die sie kamen, und vor Allem die ausnehmende Trübe der Atmossäre die Entdeckung und Festnehmung, der sie im andern Fall in ihrer Gefängnißkleidung sicherlich nicht entgangen wären. Endlich fanden sie sich ans freiem Feld, schlichen sich an den Zäunen fort, vermieden sorgfältig die Heerstraße und setzten ihre Flucht fort, bis sic einige Meilen weit ins Jnnre des Landes vorgedrnngcn waren. Jetzt begann auch der Magen des Angnstns Tomlinson seine Forderungen zu machen, und dieser setzte auscinander, wie wünschenswert!) es fey, daß 69 sie den ersten besten Bauer, ans den sie stoßen würden, ergriffen und ihn veranlaßten, mit einem der Flüchtlinge die Kleider zu wechseln, damit dieser dann in ein Wirthshans sich wagen und für ihre beiderseitigen Bedürfnisse sorgen konnte. Paul genehmigte diesen Vorschlag; sie paßten ihreGeleqen- .heit ab und haschten einen Banersmann. AugustuS streifte ihm Rock, Hut und wollene Strümpfe ab und Paul, durch die Roth und durch seine» Gesellschafter hart gemacht, half de» armen Landmann an einen Baum binden. Dann wunderten sie noch ungefähr eine Stunde weiter und als die Schatten des Abends sie umgaben, entdeckten sie ein Wirths- hans. Angustus gieng hinein und erschienen wenigen Minuten wieder, mit Brod, Käse und einer Flasche Bier beladen. Die Gesängnißkost knrirt Einen von der Lcckerhaftigkcit und so verspeisten die beiden Flüchtlinge diese eben nicht köstlichen Lebensmittel mit großer Zufriedenheit. Dann setzten sic ihre Reise fort und kamen endlich, von den Anstrengungen ermüdet, an einem einsamen Heuschober an, wo sie ein paar Stunden anszuruhen beschloßen. 7V Zehentes Kapitel. Ungleich dem Wüstling, der voll Frechheit spafit. Das Festmal schändet und verletzt den Gast. Steigst du herab von Größe und Reichthum gern. Vergessen lassest du im Freund den Herrn; Um deinen Tisch ei» froh Gesinde wandelt. Mit freundlicher Herablassung behandelt; Gern der gescll'gcn Pflichr der Herr sich beugt. Weil Liebe — Lieb', und Achtung — Achtung zeugt. Lu kan an Pis«. Schlichtern glänzten die verschämten Sterne au unsre Abenteurer herab, als sie, nach einem kurzen Schlummer hinter dem Henschvber sich wieder dehnten und streckten und einander ansehend nnwilk- kührlich in ein fröhliches Gelächter über den glücklichen Ausgang ihres Wagestüks ansbrachen. Bisher waren sie zuerst durch die Flucht selbst, dann durch Hunger und endlich durch Müdigkeit zu sehr in Anspruch genvmmen gewesen, um sich zu beglückwünschen; jetzt rieben sie die Hände und scherzten wie schwänzende Schulkuaben über ihre Flucht. Allmälig lenkten sie ihre Gedanken von der,Ver- gangenheit ans die Zukunft, und Augnstns sprach: „Sagt mir, mein weither Gesell, was denkt ihr zu 7k thun? Ich hoffe Euch längst überzeugt zu habe!?, -aß es keine Sünde ist n n sern Fr e u n d e n zu dienen und unsrer Panther treu zu se» n> und so hoffe ich, Ibr werdet Euch für das Gewerbe ans der Landstraße entscheiden," „Es ist sehr einfältig^ antwortete Paul, „dass' ich nach Eure» Vorlesungen über den Gegenstand noch Bedenklichkeiten haben kann; aber ich gesteht Euch frei heraus, daß ich doch noch hin und wieder' Zweifel hege, ob das Stehlen in der That die ehrs lichste Handthiernng ist, der ich mich widmen könnte." „Hort mich an, Paul," antwortete ÄngustnS' und seine Antwort ist der Beachtung nicht unwürdig: „Alles Verbrechen und alle Trefflichkeit sind von einer guten Wahl der Worte abhängig. Jäh seh Euch verblüfft; ich will mich erklären. Weint Ihr Geld vom Publikum nehmt und sagt, Ihr habb geplündert, so habt Ihr ohne Zweifel ein großes Verbrechen begangen; aber wenn Ihr dasselbe thut und sagt: Ihr habet den Bedürfnissen der Armen abgcholfen, so habt Ihr eine vortreffliche Tbat ge- than; wenn Ihr bei der nachyerigen Theilnng des Geldes mit Euren Geführtem sagt: Ihr habet die Beute qetbeilt, so habt Ibr Euch gegen die Gesetze unsres Landes versündigt; aber wenn Ihr es so darstellt: Ihr habt mit Enern Freunden den Gewinn Eurer Betriebsamkeit getheilt, so habt Ihr eine der edelsten Thgten von der Wett verrichtet- Einem Menschen den Kopf einschlagen, ist an sich weder tugendhaft noch sündlich; es hängt vom Ausdruck ab, den man von der That braucht, um sie entweder zu einem Mord oder zu einem rubmvollen Heldenstück zu stempeln.'') Warum nicht lieber sagen also, Ihr habt den Mnth ebnes Helden bewährt, statt: die Grausamkeit eines Spitzbuben? Dich ist vollkommen klar, oder nicht?" „Es scheint so," antwortete Paul. „Es ist so einleuchtend durch sich selbst, daß es :der Weg ist, den alle Regierungen einschlagen. Wenn Ihr einen Mißbrauch abznschaffen verlangt, so nennen Euch die Machthaber mißvergnügt. Unterdrückung heißt Ordnung, Gewaltthätigkeit ist eine durch die Neligiou g e h e i l i g t e Einrichtung und Stenern sind der Segen der Vers a s sn n g. Dcßbalh, mein guter Paul, thun wir nur, was alle andre Gesetzgeber auch khnn. Wir sind keine Schelmen, so lang wir uns selbst ehrliche *! Wir finden in einem Artikel einer amerikanischen Zeitung, der im heutigen Mornliig Chronikle ohne Connnentar abgedruckt ist, einen auffallenden Beleg der Wahrheit von Tomlmsons Mosesie. „Here Rowland Stesstnsonso lautet der Auszug, „der berühmte englische Bankier hat eine beträchtliche Strecke Landes angetanst." O filosofischer Artikelschreiber! „der berühmte englische Bankier" dieser Satz ist eine bessere Erläuterung von den Täuschungen der Worte, als alle Abhandlungen Benthams zusani- men, „Berühmt!" OMerkur! welch ein geschmeidiges Beiwort! Bursche nennen und wir begehen kein Verbrechen, so lang wir es als eine Tugend betiteln können. Was sagt Ihr jetzt? Paul lächelte und schwieg einige Augenblicke eh' er antwortete: „Vs ist wobl ausser Zweifel, dasi Ihr Unrecht habt; aber wenn Jbr Unrecht babt, so ist es bei der übrigen Welt auch so. Es ist nicht gut das einzige weiße Sedans in der Heerde zu «dyn. Darum, mein thenrer Lomlinsvn, will ich in Znknnftein trefflicher Bürger werden, den Bedürfnissen der Armen abhclfen und den Gewinn meiner Betriebsamkeit mit meinen Freunden theilen." „Bravo!" rief Tomlinfon, „und nun dies; ins Reine gebracht ist, müßt Jbr, je eher je besser, eingcweiht werden. Bei dem Lichte der Sterne sehe ich, daß ich an einem Orte bin, wo ich sehr gut bekannt seyn sollte; oder wenn Jbr argwöhnisch seyn wollt, mögt Ihr glauben, ich kabe Euch absichtlich in dieser Richtung gefübrt; aber laßt mich zuerst fragen, ob Jbr großes Verlangen traget, die Nacht in diesem Heuschober znznbriugen, oder ob Euch Gesang und diePnnschbowle wohl beinah eben so lieb wäre als die frische Luft nebst der Möglichkeit, in einem Wisch Heu von einer hernmstreifcnden Kuh verschlungen zu werden?" «Ihr könnt meine Wahl crrathcn," antwortete Paul. »Gut denn, hier in der Nähe ist ein trefflicher 74 Geselle, der ein Wirthshaus besitzt und ein treuer Verbündeter und großmüthiger Gönner der Bursche von den Kreuzwegen ist. Zn gewissen Zeiten halten sie wöchentliche Zusammenkünfte in diesem Hause, heut ist eine solche Nacht. Was sagt Ihr? Soll ich Euch bei dem Club einsührcu?" „Ich werde sehr erfreut seyn, wenn Sie mich zulassen wollen!" erwicdcrte Paul, den der Drang kämpfender Gedanken eiusylbig machte. „O, deßhalb se»d unbesorgt! unter meiner Leitung. Euch die Wahrheit zu sagen, obgleich wir eine tolerante Sekte sind, bewillkommn, wir doch jeden neuen Glaubensgenossen mit Enthusiasmus. Aber seyd Ihr müde?" „Ein wenig; das Hans ist nicht weit entfernt, sagt Ihr?" „Ungefähr eine Meile," antwortete Tomlinson; „Führt Euch an mir." Jetzt verließen unsre Wandrer den Heuschober und gieugen über einen Thcil des Finchley^ Gemeinde- Angers querfeldein, denn der Sitz des würdigen Gasthofiuhabcrs mar glücklich gelegen, und der Ort wo seine Gäste ihre Festlichkeiten feierten, war nahe beiden, Schauplatz ihrer häufigen Heldcnthaten. Im Weitergehenchefragte Paul seine» Freund über Namen und Charakter dcS Herrn Wirths und der Alles wissende Augustus Tomlinson antwortete ihm, wie ein Quäcker mit einer Frage: 75 »Habt Ihr nie vom Gentleman George reden gehört?" „Was! von dem bekannten Inhaber eines Gauner« Wirthshauses auf dem Lande? Ja wohl, und oft; meine arme Pflegemutter, Frau Lobkins pflegte zu sagen, er sey der am vortheilhaftesten bekannte Mann in der Handthierung." „Ja, das ist er immer noch. In seiner Jugend war George ein sehr schöner Bursch, aber ein größerer Liebhaber von Mädchen und von der Flasche als seinem Vater gefiel, einem sehr gesetzten alten Gentleman, der Sonntags in einer Stutzperncke und mit einem goldbeschlagenen Stock umhergieng und an Wochentagen ein weit besserer Bauer als Vorsteher eines öffentlichen Hauses H war. George war ein ausgezeichnet gewichster Bnrsche und das ist er noch jezt. Er hat viel Witz, ist ein sehr guter Whistspieler, hat einen Ausbund von Keller, und hat eine solche Freude daran, feine Freunde berauscht zu sehen, daß er vor einiger Zeit ein großes Zinn« gefäß kaufte, worin sechs Männer aufrecht stehen können. Die Mädchen oder.vielmehr die alten Weiber, gegen welche er noch weit höflicher zu seyn ») Mir machen denLeser aufmerksam, dag aufdem Doppelsinn von pulili,- Iw».,,; und pnklic. WirthshauS und Gemeinwesen oder Staat, ein qroßer Theil, der in diesem Buch verkommenden, auf Hope Personen sich beziehenden Witze beruht. 7S pflegte, liebten ihn immer; sse sagen: es gebe nichts so Vornehmes, als seine vornehmen Neben und fle geben ihm den Titel: Gentleman Eevzge. Er ist ein feiner, zartfühlender Mann in vielen Dingen, aber jezt wird er zusehends pr-ßbaft. Gebe der Himmel, daß wir ihn nicht vernnssen, wen» er abgcht. Und ich denke, wir werden nicht in den Fall kommen, denn sein Bruder, der arme Kerl., der lange Zeit im Wassergraben gesteckt ist, ist ein schlauer Hund ans seinem Weg und wird ihm Nachfolgen. Auf jeden Fall wird, hoffe ich, Bill Sgnareyards oder Marinen Bill, (so nennt man den Bruder) gewissenhafter mit dem öffentlichen Schap umgehen, als Gentleman George, der die Wabrbeit zu sagen, aus unserem gemeinschaftlichen Beutel einen sehr gentlemanmäßigen Autheil nimmt. „Was! ist er geizig?" „Gerade das Geaenrbeil; aber er ist so rasend aufs Bauen hinein, daß er all sein Geld in Häuser steckt und von uns dasselbe verlangt; und da ist ein verwünschter Hund von Maurer, der ihm furchtbare Rechnungen anschreibt — ein Kerl, Cunuing Nat genannt, der eben so gewandt ist, den Boden herunter- wie den Bodeuzius hinaufznbringen." „Was meint Ihr?" „Ach, das hangt mit eincr.Eeschichte zusammen. Aber wir sind jczt dem Ort nahe; Ihr werdet eitlen sonderbaren Club zu sehen bekommen." Als Tomlinson dies: sagte, näherte sich das Paar 77 einem Hause, das einzeln und dem Anschein nach ohne eine andere Gebäulichkeit in der Nachbarschaft dastand. Es war in seltsamem groteskem Styl ge» baut, weiß angestriche», mit einem gothischen Camin, einem porzellanenen Schilbhalter (ans dem Schild war ein fischender Gentleman gemalt, niit der Inschrift: der fröhliche Angler), »nd einem Portal, das griechisch gewesen seyn würde, wäre es nicht holländisch gewesen. Das Hans stand in einem kleinen Ente, das nach hinten einen Zaun und vor sich den Gemeindeanger hatte. Angnstus blieb vor der Thüre stehen, und während er lauschte, hörte man von innen lustiges Gelächter erschallen. „Ach, dis muntern Bursche!" murmelte er, „mich verlangt recht, bei ihnen zu seyn," und dann pochte er mit geballter Faust viermal an die Thüre- Nun entstand eine plötzliche Stille, die ungefähr eine Minute dauerte und zuletzt durch eine Stimme von innen unterbrochen wurde, welche fragte, Wer da, sey? Tomliuson antwortete mit einigen eabalisti- schen Worten^ die Thnre wurde geöffnet und sofort stellte sich ihnen ein kleiner Knabe dar. „Gut, mein Junge!" sagte Angnstus, „und was macht dein Herr? kerngesund m d munter, wenn ich nach seiner Stimme nrtheilen darf." „Ja, Meister Tommy, ja, er zecht in dem hintern Gesellschaftszimmer tüchtig drauf los, mit Herr Pepper und Haudegen Aktie, und noch einem Halt» 78 duzend. Er wird gewaltig erfreut scyn, Euch zu zu sehen, dafür steh ich!" „Zeige diesem Herrn den Weg in die Schenkstube," «rwiederte Augustus, indeß ich hingehe und dem ehrlichen George meine Achtung bezeuge." Der Knabe machte eine Art Verbeugung, führte unfern Helden in die Schenkstnbe ,nnd überließ ihn der Sorge deS lüsternen Schenkmädchens, Sally, welche auf den Geschmack des Wirtbs ein günstiges Licht avarf und Paul mit merklicher Auszeichnung und einem Glas Branntwein empfing. Paul hatte nicht lauge den Galanten zu spielen, als Tomlinlon wieder mit der Nachricht kam: Gentleman George werde sich sehr glücklich schätzen, ihn im hintern Gesellschaftszimmer zu sehen, und er werde dort einen alten Freund, in der Person des Herrn Pepper treffen. „Was! ist der hier?" rief Paul, „der elende Schurke! mich statt seiner in den Käfig stecken zu lassen !" „Ruhig, ruhig! keine falsche Anwendung der Ausdrücke!" sagte Augustus; „das war nicht Schurkerei, das war Klugheit, die größte von allen Tugenden und die seltenste. Aber kommt hinüber und Pepper soll sich morgen erklären." Durch eine Gallcrie oder einen Gang führte Augustus unfern Helden, öffnete eine Thüre und liest ihn in ein langes, niederes Zimmer eintreten, 7S wo UM einen Tisch, Mt'tPfeifsn und Getränk beseht, zehn bis zwölf Männer saßen; an der Spitze der Tafel führte in einem Armsessel Gentleman George den Vorsitz. Dieser Ehrenmann war ein stattlicher Mid anmnthiger Herr mit einem gescheuten Blick lind einer walliser Perücke, die er, wie der Mor- ning Chronikle von dem Hut seiner Majestät sagt: in einer ungezwungenen Weise ans die eine Seite gesetzt hatte. Da er vom Podagra geplagt war, so ruhte sein linker Fuß ans einem Stuhl, und dies« Lage ließ, trotz lammwollenen Strümpfen, die Reliquien eines ausnehmend wohlgcformten Beines sehen. Da Gentleman George eine Person von majestätischer Würde unter den Rittern vom Kreuzweg war, so halten wir es für keine Verletzung der Ehrfurcht, wenn wir einige Worte, womit obgemeldetcr Morning Chronikle seine Majestät schilderte, an dem Tage, wo er den Grundstein zum Denkmal seines Vaters legte, in die Beschreibung von Gentleman George aufnehmcn. ") „Er trug einen schönen blauen * 1 Da ein betrübende? Ereiomfi «ns Gentleman George entrissen hat, wird man diese Skizze desselben ohne Zweifel mehr mit dem Interesse der Geschichte als der Klatscherei betrachten. Wir würden es in der That anaeinenener gefunden haben, die Schilderung aanz auszumercen. wäre nicht der nusserordent- liclu' Kummer aller Nitter vom Kreuzweg durch ihre ausserordentliche g-'reudc über die Nachfolge des Bill Sguareyards sogleich verdrängt worden. Wirersparen 20 Rock und weisc Weste," und ferner: „er lachte in -er besten Laune," als er, zu Augustus Tvmlinson gewandt, ibu also begrüßte: „So, dieß ist der Jüngling, den Ihr uns vor» stellt. Willkommen im lustige» Angler! Gebt uns die Hand junger Herr! ich werde mirs zum Vergnügen rechnen, mit Euch Wolken zu blasen." „Mit aller schuldigen Unterwürfigkeit," sagte Tvmlinson, „dächte ich doch, es wäre das beste, fürS erste meinen Zögling und Freund mit seinen künftigen Genossen bekannt zn machen." „Ihr sprecht wie ein kluger Gesell!" rief Gentleman George, und sich in seinem Armsessel um- wendend stellte er seine Gäste der Reihe nach Paul vor : „Hier," tagte er, und wies ans einen herzhaft ausschenden Matrosen in selner Standeskleidnng, mit gefälligem, englischem Gesicht, „hier ist mein Bruder Bill; er ist einst mein Nachfolger ans dem fröhlichen Angler. Du brauchst nicht so schmunzelnd darnach zn sehen, Bill — es ist eine ziemliche Last und Plage die Sorge für ein Publikum, wenn einmal der Reiz der Nenbeit an dem Ding vorüber ist. Aber hier, Junker! hier zn meiner Recblen das ist ein ganzer Kerl," u vcr Beregn» Seichen finden, welche nichl lüstern na») der Zn tunst fchlcit. sr> schäbigen Reitfracke und mit einem gebieterischen, trotzigen, adlerartigen Gefickt, das aber etwas abgetragen aussah,) „ein alter Soldat, Haudegen Attie^) uennen wir ihn; er ist ein Teufelskerl ansder Landstraße. Halt! — gebt Feuer — sollt und müßt — kann nicht und will nicht—thut wie ich euch bitte, oder fahrt zum Teufel — das ist Atties ganze Be- rcdtsamkcit, und bei Gott! sie trifft den Nagel wunderbar auf den Kopf. Indes; die Schwärmer lieben ihn nicht und wenn er das Geld des Volks ciu- uimmt, sollte er nicht so ungeberdig gegen dasselbe sich benehmen. Aktie! laßt mich Euch einen neuen Kumpanen vorstellen." Paul machte seine Verbeugung- „Macht's Euch bequem, Mann!" sprach der Veteran, ohne die Pfeife aus dem Munde M nehmen. Dann fuhr Gentleman George fort und nachdem er vier oder fünf von der Gesellschaft ausgezeichnet (unter welchen unser Held zu seiner lieber« xaschung seine alte» Freunde, Herrn Eustaee Fitzher- Serl und Herrn William Howard Ruffel entdeckte,) kam-er zuletzt an einen mit ciuenr sehr rotben Ge-° sicht und von tüchtigem Körperbau. „Dieser Herr," sagte er> „ist-ScarletJem, cingefährlicker Bursche für ein Pressen un Gedräuge> obwoyl er sagt, er »j Arthur. Der Leser errätst leicht den diesen Vornamen führenden Helden- Scharlach Iakov. Bulwer'S Romane. XXV. Z §2 raube jetzt lieber ganz allein, denn das Pressen ist jetzt überhaupt nicht mehr so oortheilhaft als es früher zu sey» pflegte. Ihr habt keinen Begriff davon, welch ein Schlankopf Scarlet Iem im Verkleiden ist. Er hat eine alte Perücke, in welcher er für gewöhnlich seine Geschäfte warbt; nnd Ihr würdet ihn sicher nicht wieder erkennen, wenn er sich unter der Perücke") versteckt. Oh, cs ist ein kostbarer Schelm, der Scarlet Iem! Was den Kameraden auf der andern Seite betrifft/' fuhr der Gastwirth znm fröhlichen Angler fort, indem er ans den langen Ned deutete, „so ist Alles was ich von ihm sagen kann, Gutes, Schlimmes oder Gleichgültiges, nur so viel, das; er einen Ausstich von Haarbvdcn besitzt; und nun Junker, da Ihr ihn kennt, so dacht' icb, Ihr gieriger per nnd setztet Euch zu ihm, damit er Euch mit den klebrigen bekannt macht; denn meine Perücke soll bersten (Gentleman George war ziemlich zur» Fluchen geneigt,) wenn ich nickt müde bin nnd so trink' ich ans Cure Gesundheit; und wenn Euer Name Paul ist, so mögt Ihr immer den Peter") plündern, um damit Paul zu bezahlen." Dieser Witz des Wirthcs wurde mit ansneh- *) Es wirnmelt diese ganze Stelle po» Wertspielen; so läßt sich nicht im deutschen wieder geben. Vrig Heist Perücke, ist aber auch ziemlich gleichlautend mir *») Mantelsack. mii-em Beifall ausgenommen und Paul gieng, unter, allgemeinem Gelächter hin, den Platz neben dem langen Ncd einzunehmen. Dieser lange Herr, der bisher in tiefer Stille Wolken versammelt hatte, wie Homer von Jupiter sagt, wandte sich setzt mit der wärmsten Herzlichkeit zu Paul, erklärte seine überschwengliche Freude seinen alten Freund wieder zu sehen, und wünschte ihm zu seiner Funchr ans Bridewcll so wie zu seiner Aufnahme in den hohen Rath Gentleman George's Glück. Aber Paul, eingedenk des Stückchens von Klugheit von Seiten des Herrn Pep- per, vermöge welcher er ihn seinem Schicksal und der Barmherzigleic des Richters Bur»flat überlassen hatte, nahm seine Frcundlichkeir sehr mürrisch ans. Diese Kälte brachte de» langen Ned, der von Natur reiybar war, sv ans, das; er unsrem Helden den Rücken wandte und in seinem aristokratischen Stolze etwas murmelte von Emporkömmlingen und gemeinen Sä nbsackfegeru vder Beut-äschiiei- dern, die man in Lle Gesellschaft anständiger Tvby- männer zugelasscn. Dieses Gemurmel rief alles Blut in Pauls Wangen, denn obgleich er als Beutelschneider gestraft morden war, wußte doch Niemand besser als der lange Ned, ob er schuldig oder unschuldig gewesen; und ein Vorwurf von diesem erschien ihm als doppelte Ungerechtigkeit und Härte. In seiner Wuth faßte er Herr Pepper beim Ohr 6 « 81 und fordert« ihn, indem er ihn einen! schädige» Schuft nannte, zum Zweikampf heraus. Da diese j freundliche Einladung nicht sorro voce, sondern in einem, der Wichtigkeit des Vorschlags entsprechenden Tone oorgebracht worden war, so hörten es Alle am Tische, und noch ehe der lange Ned antworten konnte, donnerte die volle Stimme von Gentleman George: „Haltet Frieden da, junger Herr! Was, eben seyd Ihr erst zu unfern Lustbarkeiten zugelassen worden und müßt schon Unfug anfaugen? Seht Ihr Herrn, ich bin schon vorher mit Eurem Gezanke genug geplagt gewesen, und der erste Kame- radc, der den gegenwärtigen Frieden des fröhlichen Anglers stört, soll über Hals und Kopf hiuausge- wvrfen werden; soll er nicht, Attic?" „Rechtsum kehrt Euch, marsch!" versetzte der Hssd. »Ja, das ist ein Wort, Attie," sagte Gentleman George, „und nun Herr Pepper, wenn zwischen Euch und dem jungen Mann noch irgend böses Blut ist, wascht es mit einem Becher Schnaps ab und laßt uns nichts mehr davon hören!" »Ich bin dazu bereit," rief der lange Ned mit dem nachgiebigen Wesen eines Höflings und reichte Paul di« Hand hin. Unser Held, einigermaßen in Verlegenheit wegen der N-uheit seiner Lage und der Zurechtweisung von Gentleman George, nahm, obgleich mit 8S einigem Widerstreben, die entgegenkommende Artigkeit an." Als so die Ordnung wieder hergestellt war, begann das Gespräch der Tischgesellschaft eine rcitzen- dere Wendung zu nehmen. Sie redeten mit unendlichem Behagen von den Summen, die sie vom Volk erhoben hatten und von den Unterschleisen die sie z,um Besten des Wohls der Gemeinschaft, wie sich der Eine, oder der bestehenden Ordnung, wie sich der Andre ausdrückte, und worunter sie sich selbst verstanden, begangen hatten. Es war leicht zu sehen, in welcher Schule der scharfsinnige Augustus Tomlinson die Bedeutung der Worte gelernt batte. Es hatte etwas gar Erbauliches, diesen Schelmen zuzuhören. So fein war ihre Sprache, und so redlich ihr Enthusiasmus für ihre eignen Interessen, daß man sich hätte einbilden können, man höre einer Versammlung von Cabinets - Ministern zu, die über Steuern sich bericthen oder über die Nebengefälle stritten. „Langes Leben und Gedeihen den Gemeinen!" rief der witzige George indem er sein Glas füllte, „durch chie Gemeinen werden wir fett, und mögen sie nie von der Hand der Cnltur berührt werden!" „Drei mal drei!" brüllte der lange Ned und der Toast wurde so getrunken wie Herr Pepper vorgeschlageu. „Eine kleine, gemäßigte Cnltur der Gemciit- wesen, um frei zu sprechen/' sagte Augnstns Tom- linsvn bescheiden, „könnte nichts schaden, denn sie würde die Leute zum Glauben verlocken, sic können sicher reisen; und Alles erwogen, ei» Zaun oder ein Gersienfeld ist für uns so gut wie eine unfruchtbare Heide, wo wir kein Obdach haben, wenn wir einmal verfolgt werden." „Jvr redet Unsinn, Ihr Einfalts-Pinsel!" rief ein angesehener Räuber, Namens Baqshot. der weil er alt und eines Anwalts Lansbnrlch gewesen war, bisweilen der alte Sack genannt wurde. „Ihr redet Unsinn ; diese Nenbrüchc sind unser Verderben. Jeder Getreidehalm ist ein Eingriff in die Verfassung und die Rechte der Herren Hochstraßcnmänner. Bin jetzt alt und werde die Sachen nicht mehr erleben; aber merkt Euch meine Worte: es wird eine Zeit kommen, wo ein Mann von Lonn'on bis Johny Groat reisen kann, ohne durch Unsereincn auch nur einen Heller zu verlieren; wo Hnnlow sicher und Finchly ungefährdet scyn wird. O du meine Zeit, wie schlimm wird es dann mit uns stehen !" Der ehrwürdige alte Mann verstummte plötzlich und die Thränen traten ihm ins Auge. Gentleman George hegte einen tiefen Absehen gegen üble Laune und besonders bchagtemthm alle unangenehme Gegenstände gar nicht. „Donner und Wetter, alter Sack!" murrte, der 87 Wirts, vom fröhlichen Angler, „das wird nie geschehen; wir sind alle hiebergckommcn um lnstiq zu seyn lind nickt nm eurem melancholiscken Golcner znzndören. Ich sage, langerNed, wie will's . Ihr tiscktct uns ein Lied ani, und ich will mit deu Knöckcln den Tackt daz» schlag,»." Der lange Ned nahm die Pfeife aus dem Munde und versuchte, wie Lady Heron, ein paar kleine Entschuldigungen; als diese durch allgemeines Gebrnlle verworfen wurden, gab der hübsche Peutelschnei- der folgendes Lied preis, nach der Weise: „Die Zeit verdünnte das Haar mir nicht." Das Lied des langen Ned. Die Handschuh mmd'stens.sauber sind. Klebt auch das l^old an der Hand, Und fette» sah man ein Menschenkind In solchem flottem Gewand. D Publikum, das du zahlest Tribut Au unsres Gewerbes Betrieb: Jst's Dir kein Trost, zu steuern dein Gut An einen so stattlichen Dieb? Stets, wenn eine Kutsche ich plünderte aus,' Ich galant wie ein Liebhaber war; Und war den Leuten mein Thun ein Graus: Sie muhten doch loben mein Haar! John Bull, harmlosen Scherzen hold. Grinst gern auch gegen mich: Hab' ihrem Lacken nie gegrollt. Denn wer gewinnt — bin ich! John Bull hat Geld im Kasten sein Und hat im Kopf viel Grill?; Ich i>b> an Bull meine Schlauheit fein Und er an mir seinen Wiy! SS „Und Er an mir seinen Witz! trefflich!" ries Gentleman George seine Pfeife anzündend uud Attie winkend, „ich höre daß ihr ein so superber Kerl mit den Weibsbildern seyn sollt?" Ned lächelte und antwortete: „Niemand soll prahlen, aber —" er hielt bedeutungsvoll inne, warf dann einen Blick auf Attie und sagte: „da wir von Frauenzimmern sprechen, die Reihe ist an mir, einen Gentleman zu. einem Gesang aufzufordern und ich fordre den Haudegen Attie auf." .»Ich singe nie," versetzte der Kriegsmann. „Verrath, Verrath," rief Pepper, „es ist ein Gesetz und Ihr mußt dem Gesetz gehorchen — so fangt an." „Es-ist wahr, Attie," sagte Gentleman George. Gegen des ehrlichen Gastwirths Befehl gab es deine Einrede, und wie cs denn Attie's Lieblingssatz war, daß je weniger Worte, desto kleiner der Schaden, so sang auch jetzt der Krieger in - rascher und lakonischer Weise wie folgt: Haudegen Attie's Lied. (Nach der Weise: Hochberühmt durch Waffentyaten.) ,,Auf um stchs.gespeist um zwei — Leute geplündert ohne Geschrei! Ließ mein Evangelium — Zweifelt Ihr ob eS klug? rechtsum! (Er winkt einem blaßgelben Gentleman anfder- selben Seite des Tisches die Bowle herauszusendcu.) ,.Gebt verum den Stoff, herauszu mir, Ihr knurriges, knuffiges, muffiges Thier!" 8S (Der blaßgelbe Gentleman mit heiserer Stimme:) Attie, die Kanne ist jetzt bei mir, Ich kann sie nicht missen, sehet Ihr!" (Attie die Bowle fassend:) „Gebt her, gebt her! entsagt dem Gelüst (Er reißt sie ihm weg und sieht stolz den blaß» gelben Gentleman an.) „Ihr habt entsagt jetzt und Ihr müßt!" C h o.r li s. „Ihr habt entsagt jetzt nnd Ihr müßt!" Während der Chor, über den überwundenen Zecher sich lustig machend, die cmfatischen Worte des heidenmäßigen Attie fortbrüllte, leerte diese Person dir Kanne auf einen Zug, nahm wieder seine Pfeife und forderte mit so kurzen Worten als nur angieng, Bagshot zum Singen auf. Der treffliclse alte Higlttvayman gehorchte mit großem Widerwillen der Forderung, räusperte sich nnd stimmte eine Arie an, etwa in der Melodie : „Alte Weiber!" Lied des alten Sack. „Sind die Tage dahin, wo ans Hounslorv Gcflld Wirken Klepper gejagt" Vor der stimme des Sacks, von Furcht erfüll^ Jedes Herz gezagt? .Me ließ ich mein Werk nur halb gethan. Nie ward ich ertappt; Bedächtlich war ich, doch blieb sch darau. Bis ich Alles erschnappt. ChoruS. Bis ich Alles erschnappt. Hielt die Kutsche und stürmten die Herren heraus: Ich trotzte der Macht! Und kein andres Wörtchen stieß ich nuS AlS: sacht«, nur sacht!" so O nie verqefi ich der fröhlichen Zeit, Doch der Trunk ist last! Wenn ich todt bin, noch einen Becher weiht Tcm armen, alten Sack!" Chorus. Tcm armen, alten Sack!" „Ja das wollen wir, mein lieber Bagshvt," rief Gentleman George mit leidenschaftlicher Zärtlichkeit; aber als er im Ange des guten alten Gesellen einc Tln'äiie sad, scptc er hinzu: „Hellauf! Was dal Hellauf!" die Zeiten werden sich bessern, und die Vorsehung kann uns schon noch ein gutes Jahr be- schecren, wo Jbr Euch so gut befinden werdet als je. Jbr schüttelt den Kopf. Nun scyd nur nicht doskollerig, sondern fordert einen Gentleman ans!" Den Tropfen der Empfindsamkeit abwischend, forderte der Veterane den Gentleman George selbst , auf. „O verhrnkert!" sagte Gentleman George, „mich sollte es überspringen, weil ich ansschenke, aber sey's drum." Gentleman George's Lied. „Ich bin der Kneivwirth, der lustige alte Kneipwirth, Gerühmt und besungen nickt wenig. Und ein durstiger Kneipwirth der vcm Saufen beleibt wird. Ist so viel als ein nüchterner König. Chorus. Ist so viel als ein nüchterner König. Was thut der Allarm von dem tobenden Schwarm Wenn sie in der Schenkstuke rechen! Was Krclip, der Allarm macht mir keinen chgrw So lange die Schufte nur blechen. 91 Chorus. So lange die Schufte nur blechen. Ist fremder Credit meines Häuschens Kitt: Wer denkt drum von mir geringer? Wem marm schlägt das Herz, für Gemeinwohl und Wchmer,;, Sieht dem Wirthschaster leicht durch die Finger, Chorus. Sieht dem Wirthschaster leicht durch die Finger. »Da, Ihr Herr» sagte der Hansinhaber keuchend, »das ist das Mark der Vcrsekunst, und meine Perücke soll bersten, ich bin jczt ganz ausser Athem. So, gebt den Branntwein herum, Au- gnstns — ihr schlauer Hund! Ihr behaltet Alles für Euch!" Mittlerweile war das ganze Couclave mehr als halb seekrank geworden, oder wieAugnstus Tomlin- son sich ausdrückte : „ihre herberen Eigenschaften waren durch eine anmntnige und harmlose Weichheit gemildert." Pauls Augen gingen im Kreis herum nud seine: Zunge verirrte sich. Nach und nach ging das Zinr« mer mit ihm um, die Gesichter seiner Kameraden verwandelten sich und das Antlitz des alten Sacks nahm ein unheimliches und drohendes Wese» an. Er meinte, der lange Ned beleidige ihn, und der alte Sack ergreife die Parthie des Angreifenden, balle die Fäuste, und drohe den Kopf des Klägers vors Gericht zu bringen, wenn er die Ruhe der Gesellschaft störte. Verschiedene andere eingebildete Unglücksfälle schwebten ihm vor. Er glaubte einen Postwagen in Gesellschaft des langen Ned geplündert zu haben, Tomlinson klage ihn an und Gentleman George gebe Befehl ihn zu hängen! kurz er litt an einem vorübergehende» Wahnsinn, verursacht durch den plötzlichen Glücksumschlag — von Wasser zum Branntwein, und das letzte, wovon er noch eine Erinnerung behielt, eh er in Gesellschaft des langen Ned, des Scharlach Jem und des alten Sack unter den Tisch sank, war: daß er an den Schlußzeilen eines Liedes mit gesungen hatte, welches, ihm ein Chorus von Sterbgedanken und Geständnissen zu sein schien, was aber in der Thai ein zu Ehren des Gentleman George gedichtetes Lied 'war und von seine» dankbaren Gästen zum Beschluß der Festlichkeit gesungen wurde. Es lautete also: Der große Räuber-Toast. Eine» Becher mit blauem Tod schenkt mir ein! Zapfe rothes Getränt wem's besagt! Doch was auch der Stoff —- randvoll muß er sein. Wer weiß, wann der Trunk uns versagt? Und jeyt in das Bett, wo der Schelm liegt gern» Weil er denkt die Verborgenheit nütz' ihn! Ein Tropfen im Mnnd und am Augenstern, Hoch Gentleman George! Goit schütz ihn! Gott schütz' ihn» Gott schütz' ihn! Hoch Gentleman George! Gott schütz' ihn! Bei des Prinzen Gelag ist's » so hör ich, der Brauch» Eh' sie machen dem Trinken «in End'» Curacao man gießt in der Bowle Bauch» Daß der Stoff desto wcidl icher brennt. Nicht rühm' ich den Stoff; doch wer nicht sein GilaS S5 Gern leeret — der Teufel besitz' Ihn! Aufreckit ihr Jungen, laßt'? kreisen baß! Hoch Gentleman George! Gon schütz' ihn! Gott schütz'ihn! Gott schütz' ihn! Hoch Gentleman George! Gott schütz' ihn I Seht,der Ehrenmann wird jetzt schwach auf dem Strumpf» Helft' Schuft', ihm zum sicheren Stand! Ihr reget Euch nicht, wie seyd ihr so stumpf!' Tapfrer Atlie, leiht ihm die Hand! st jetzt viele Jahre, daß W ll Ein Herz und Eine Seele mit dem er hat etwas Zieräffiges an sich) Lord iManlevercr ist; was denkst Du von seiner Lordschast?" „Bon Lord Mauleverer ? Wahrhaftig ich betrachtete ihn kaum, aber erschien mir ein hübscher Mann und war sehr artig. Mrs. Warner sagte, er sey als jung ein sehr schlimmer Mensch gewesen, jabcr jetzt scheint er ziemlich gutmüthig, Papa." „Beiläufig," sagte der Sguirc, „seine Lord« schaft ist so eben (dies; neue Ministerium scheint dem alten sehr unähnlich zu sey», was mich in einige Verlegenheit bringt; denn ich halte eS für meine Schuldigkeit, siehst Du, Lucie, immer für die Regie, rung seiner Majestät zu stimme»; besonders wenn ich bedenke, daß Hugo Brandon bei Entdeckung der Pnlverschwöriing mitwirkte, und cs ist wenigstens ein Bischen widerwärtig, wenn mau das jcyt für gut halten soll, was man vorher immer für abschiu- lich hielt,) zum Lordstatthalter der Gra,,chast er, NMiut worden." «Lord Mauleverer unser Lordstatthalter?" „Ja, Kind, und da seine Lordschaft ein so gramer Freund von meinem Bruder ist, sollte ich mei» neu, in Betracht besondere, welch eine alte Familie in der Grafschaft wir sind, — nicht daß ich wünschte mich einzudrängen, wo ich nicht für eben so vornehm gelte als die Andern, er werde gegen uns aufmerksamer sehn, als Lord-cs war; aber das, meine liebe Lucie, erinnert mich an Pillum, und so giengst Du vielleicht gerne zu dem Pfarrer, da es ein hübscher Abend ist. John soll Dich dann um 9 Ubr abooleu mit (der Mond ist da noch nicht aufgegaugen) der Laterne." Aus seiner Tochter gefälligen Arm gestützt, erhob sich der gute alte Manu' und wandelte heim; und Lucie, sobald fle seinen Armsessel herbeigerollt, das Brettspiel auf den Tisch gestellt, und dem alten Herrn einen leichten Sieg über seinen (crwar-! teten Gegner, de» Apotheker, gewünscht batte, band sie ihre Haube fest und begab sich in das Pfarrhaus. Als sie in der geistlichen Wohnung ankam und in das Gesellschaftzimmcr trat, mar sie überrascht, die Frau des Pfarrers, eine gute, einfache, schläfrige, alte Dame dem Anschein nach in großer Aufregung auf sich losstürzen zu sehen, indem sie rief: „O meine liebe Miß Brandon! welchen Weg kommen Sie? Ist Ihnen ans der Straße Niemand begegnet? O ich bin so erschreckt, dieser Zufall, dem armen lieben Doktor Slopperton begegnet! Auf 112 der königlichen Landstraße angehalten, das Zehntgerd ihm geraubt, das er eben vom Pachter Sloiv- forth empfangen hatte; wäre nicht dieser theure Engel, der gute junge Mann gewesen: Gott allein weiß, ob ich letzt nicht schon eine trostlose Wlttwe wäre." Während die erschütterte Matrone so sich aus- schüttete, entdeckte Lnciens durch das Zimmer schweifendes Auge in eine» Armsessel die runde und ölichte kleine Person des Doktor Slvppertvn, mit einem Antlitz, ans welchem alle Lebcnssarbe, ausgenommen eine» ringsörmigcn Abschnitt um die Nase, welche gleich der letzten Rose des Sommers in ihrer Blüthe unversehrt geblieben war, zur jämmerlichsten Blässe verblichen war; der kleine Mann versuchte ein Lächeln heranszubeschwvren, wäbrend seine Frau sei» Mißgeschick erzählte und einige gleichgültige Worte herznstammeln ; aber mit all seiner erkünstelten Mannhaftigkeit sah er so verstört ans, daß Lncie wider ihren Willen in ein unzeitigcs Gelächter ansgebrochen wäre, hätte nicht ihr Auge auf die Gestalt eines jungen Mannes sich geheftet, der neben dem hochwürdigen Herrn gesessen hatte, der aber bei Lncicns Eintritt anfgestanden war, und sie aufmerksam, aber mit sehr ehrfurchtsvoller Miene betrachtete. Tief und unwillkürlich erröthend wandte sie da« Auge hastig weg, näherte sich dem guten Doktor und erkundigte sich nach dem gegenwärtigen Zustand seiner Nerven in einem ernsteren Tone, 11.3 als sie noch vor einer Minute sich zugetraut hätte, in ihrer Gewalt zu haben. „Ach wein gutes junges Fräulein!" sagte der Doktor, indem er ihr die Hand drückte: „Ich, ja ich darf sagen, die Kirche, denn bin ich nicht ihr Diener? schwebte in großer Gefahr; aber dieser treffliche Herr verhütete den Frevel am Heiligen, wenigstens großcutheils. Ich verlor inur einiges von meinen Einkünften — meinen rechtmäßige» Einkünften — wofür ich mich mit dem Gedanken tröste, daß der ruchlose nnd verworfene Vösewicht später dafür büßen wird." „Darüber kann nicht der mindeste Zweifel statt finden," sagte der junge Manu; „Härte er nur den Postwagen geplündert, oder wäre er in das Haus eines Gentleman eingebrvchcn, so könnte das Verbreche» noch gesühnt werden; aber einen Geistlichen, einen Rektor noch dazu, ausplüuderu! O der trm- pelräuberische Hund!" „Eure Wärme ehrt Euch, Sir," sagte der Doktor, der sich jetzt zu erholen aufieug, „und ich bin sehr stolz daraus, die Bekanntschaft eines Gentleman von so religiöse» Gesinnungen gemacht zu haben." „Ach!" rief der Fremde, „meine Schwäche, Sir, wenn ich so sagen darf, ist eine Art von enthusiastischem Eifer für die protestantische Kirchcn-Einrich- tung. Ja, Sir, ich gehe nie durch das Schiff einer Kirche, ohne eine unbeschreibliche Rührung zu em- Bulwer's Romane. XXV. Z 111 pfinden, eine Art von Sympathie gleichsam mit — mit — Ihr versteht mich, Sir, ich furchte mich unrecht anszndrücken." „Durchaus nicht, durchaus nicht!" rief der Doktor. „Solche Gesinnungen sind selten bei solcher Jugend." „Sir, ich lernte sie schon frühe bei meinem Freund und Lehrer, Herr Mac Grämler, und ich hoffe bis zu meinem Todestag dabei zu beharren." Hier trat des Doktors Diener ein und brachte den Thec-Apparat und Mrs. Siopperton, die jezt die Oberaufsicht über denselben übernahm, erkundigte sich mit mehr Fassung, als ihr Benehmt» bisher gezeigt hatte, welchem Geschöpfe denn der Spitzbube glcichgesehen habe? „Ich nullDir'S erzählen, meine Liebe, ich will cs Ihnen erzählen Miß Lucie, den ganzen Hergang. Ich ging von Herr Slowsorth, mit dem G-ld von ihm in der Tasche, nach Hanse, und dachte daran, Dir, meine Liebe, das Topas-Kreuz zu kaufen, da's Du dir wünschest." „Lieber, guter Mann!" rief Mrs. Sloppertvn, „welch' ein böser Feind muß cs gewesen seyn, der ein so treffliches Wesen plünderte!" „Und," fuhr der Doktor fort, „eS fiel mir auch ein, daß der Madera ans die Neige geht — den Madera mit dem rothen Siegel mein' ich, und ich dachte es wnide kein Fehler seyn, einen Theil des Gelds zum Ankauf von frischen sechs Dutzenden zu verwenden; und deu Rest, meine Lute, ungefähr ein 115 Pfund und achtzehn Schillinge könnte ich, so dacht' ich, vertheileu — denn wer de» Armen gicbt, leiht dem Herrn, — unter die dreißig armen Familien der Gemeinde, das heißt, wenn sie sich gut hielten, und die Aepfel imHintergarteu nicht frevelhaft gestohlen würden." „Vortrefflicher, menschenfreundlicher Mann!" unterbrach ihn Mrs. Slopperton. s „Während ich so nachdachte, Hub ich meine Augen aut und sah zwei Männer vor mir— der eine von erstaunlicher Größe mit einem großen Haar-Neichthnm um die Schultern; der andere war kleiner und trug den Hut ins Gesicht gedrückt; es war ein sehr großer Hut. Meine Aufmerksamkeit wurde durch das Haar des großen Mannes gefesselt und während ich über dessen Fülle lächelte, hörte ich ihn zu seinem Begleiter sagen: „Nun Augustus, da Ihr so ein moralischer Hund scyd — er ist in Eurem Strich, nicht in meinem, und so überlasse ich ihn Euch!" Ich ließ mir nicht träumen, daß diese Worte mich angchen könnten. Sobald sie ausgesprochen waren, sprang der große Spitzbube über einen Zaun und verschwand; der andre Kerl gieng ans mich zu, fragte mich sehr sanft um den Weg zur Kirche, und als ich ihm auseinander sestre, er müße sich zuerst rechts und dann links schlagen und so fort, denn der beste Weg hat, wie Ihr wißt, außerordentlich viele Krümmungen, faßte mich der heuchlerische Schnrke denn Kragen und rief: Euer Geld oder 8 '* 116 euer Leben! Ich verflchre Euch, in meinem Leben zitterte ich nicht so, und das, meine liebe Miß Lucie, nicht sowohl um meinetwillen, als wegen der dreißig armen Familien in der Gemeinde, deren Noth ich zu erleichtern im Sinn gehabt hatte. Ich lieferte, da ich fand, daß,Bitten und Einwendungen umsonst waren, mein Geld aus, und dann sagte der Hund, indem er einen mächtigen Knittel über meinem Haupte schwang; — Welch eine abscheuliche Sprache! — »ich denke, Doktor! ich will einem Da- scyn ein Ende machen, das Euch selbst nachtheilig und Andern nutzlos ist.« Zn diesem Augenblick sprang der junge Herr neben mir über denselben Zaun, über welche» der Schelm verschwunden war, und schrie: Halt Schurke ! Beim Anblick meines Erlösers stutzte die Memme und eilte in ein nahes Gehölz. Der gute, jnnzr Gentleman verfolgte ihn einige Minuten; aber dann kehrte er, um mich zu unterstützen, um, und führte mich nach Lause. Und wie wir in der Schule zu sagen pflegten: Ich recliirrc incoluiriciii gausieo; was verdollmetscht so viel heißt — (Sir, verzeihen Sie ein Wortspiel, ich bin versichert, ein so warmer Freund der Kirche versteht Latein,) daß ich sehr froh bin, mit heiler Laut zu meinem Tkee zurück zu kehren, He, de! Und nun, Miß Lucie, mäßen Sie dem jungen Öerrn danken, daß crZbrem geistlichen Lehrer das Leben gerettet, eine That, deren sicherlich am großen Gerichtstag gedacht werden wird!" Als Lucie gegen den Fremden gewendet, ihm irgend eine Artigkeit sagte, bemerkte sie ein flüchtiges nnd gleichsam verdecktes Lächeln in seinem Angesicht, welches unverzüglich, wie durch Sympathie, ein solches auch bei ihr hervorrief. Der Held des Abenteuers jedoch erwiderte ihr Compliment in sehr ernstem Tone und unter einer tiefen Verbeugung: „Sprechen Sie nicht davon, Fräulein. Ich wäre des Namen eines Britten und eines Mannes nicht werth, wenn ich über die Straße gehen könnte, ohne einem Mi tgeschöpf in seiner Noth beizusprin» gen oder seine Bürde zu erleichtern. Und," fuhr der Fremde nach einer augenblicklichen Pause fort, unter dem Sprechen erröthend, und schloß mit der schwülstigen, damals üblichen Galanterie: „mich dünkt, es wäre eine hinreichende Belohnung, hätte ich die Kirche selbst, statt eines ihrer kostbarsten Glieder gerettet, den Dank von einer Dame zu empfangen, die ich mit Recht für eines der himmlischen Wesen ansehen könnte, deren Obhut, wie ein frommer Glaube uns lehrt, die Kirche ausdrücklich übergeben ist." Mochte auch dieses übertriebne Compliment, zumal in seiner Verbindung mit Doktor Slopperivns Rettung, in der That lächerlich seyu: in dem Mund« eines Mannes, den Lucie für den schönsten hielt, der ihr je vor Augen gekommen, dünkte es sie nichts ns weniger als abgeschmackt, und noch lange nachher bebte ihr Herz vor Freude, wenn sie sich erinnerte, daß die Wange des Redenden unter seinem Sprechen geglüht und seine Stimme gezittert habe. Das Gespräch lenkte sich jetzt von Räubern im Besonder» ab und blieb bei Räubereien überhaupt stehen. Vs war erbaulich, die tugendhafte jEntrü- stnng zu sehen, womit der Fremde von den zügellosen Freibeutern redete, von welchen das Land, in den Zeiten der Makheath's, beunruhigt wurde. „Ein Pack schändlicher Spitzbuben!" sagte er zornglühend, „welche ihre Uuthaten durch das Beispiel ehrlicher Leute zu rechtfertigen suchen, und die behaupten: sie thuen nicht mehr als Anwälte nnd Aerzte, Soldaten, Geistliche und Minister. Erbärmliche Täuschung, oder vielmehr: schamlose Heuchelei !" „Das kommt Alles von der Erziehung der Armen,* sagte der Doktor. „Sobald sie sich heraus nehmen, die Handlungsweise von Leuten die mehr sind als sie, zu beurtheilen, ist es mit aller Ordnung aus. Sie sehen nichts Heiliges mehr an den Gesetzen, obgleich wir die Hunde rasch weg anfknüp- fen; und selbst die Peers des Landes, geistliche und weltliche, hören auf, ihnen ehrwürdig zu erscheinen." „Da von Peers die Rede ist," sagte Mrs. Slop- psrton, „ich höre Lord Mauleverer soll heute Nacht diese Straße kommen auf dem Weg nach,Mauleverer Park. Kennen Sie seine Lordschaft, Miß Lucie ? Er ist mit Ihrem Oheim sehr vertraut." »Ich habe ihn nur Einmal gesehen," antwortete Lucie. „Sind Sie dessen gewiß, daß seine Lordschaft auf dieser Straße kommt?" fragte der Fremde nachlässig, „ich hörte diese» Morgen etwas daran, wußte aber nicht, daß es ausgemachte Sache scy." „O ganz gewiß!" versetzte Mrs. Sloppertvn. „Der Kammerdiener seiner Lordschaft bestellte Postpferde für seineLordschastin Wybnrn, niiqesälir drei Me>len jenseits vom Dorfe, auf 1v Uhr Nachts. Seine Lvrdschaft ist gar ungeduldig bei Verzögerungen." „Bitte," sagte der Doktor, der dieser Wendung des Gesprächs wenig Aufmerksamkeit geschenkt hatte, und jetzt mit gastlichen Sorgen beschäftigt war: „Bitte, Sir, wen» cs nicht nnbeschelden ist, sind Sie auf Besuch oder ansaßig in der Nachbarschaft, oder wollen Sie bei uns ein Bett annehmen?" „Sie sind ausnehmend gütig, mein lieber Herr, aber ich fürchte, ich muß Ihne» bald guten Abend wünschen. Ich habe nach einem kleinen Gut zu sehen, das ich einige Meilen von hier besitze nnd das mich auch in diesen Theil der Welt zscfnhrt hat." „Gut? — in welcher Richtung, Sir, wen« ich fragen darf?" sagte der Doktor, „ich ke»»e das Land aus Meilen weit." 120 „So kennen Sie cs, in der That? Wo mein Ent sey, fragen Sie! „Nnn, es ist ziemlich schwer zu beschreiben und ist überhaupt nur eineKleinigkeit; es ist nur ein Stück Gemein-Land neben der Landstraße, und ich kam her nm einen Versuch zu wagen, es riuznzäunen und trocken zu lege n." „Ein guter Plan, wenn man Capital hat und nicht eine rasche Ernte verlangt." „Ja! aber man hat doch gern gute Zinsen, wenn man so viel aufs Spiel seht und eine rasche Ernte ist immer wünschenswerth, obgleich es freilich oft mit Gefahr verbunden ist.« „Ich hoffe, Sir," sagte der Doktor, „da Sie uns so bald verlassen müssen, Ihr Gut wird Sie oft in unsre Nachbarschaft bringen." „Sie überwältigen mich mit so viel unerwar» teter Güte," antwortete der Fremde. „Aufrichtig gesprochen: nichts kann mir größeres Vergnügen machen, als mit denjenigen wieder zusammen zu kommen, die mir einmal eine Verpflichtung auser- legt haben!" „Vielmehr, welchen Sie Verpflichtungen auf- erlegt haben," rief Mrs. Slopperton und setzte, Lucien laut ins Ohr flüsternd, hinzu: „Wie bescheiden! Aber so ist es immer beim wahren Muth!" „Ich verstchre Sie, Madame," erwiedcrte der wohlwollende Fremde, „daß ich nie zweimal an die kleinen Gefälligkeiten denke, die ich meinen Mit» 1L1 geschvpfen erweisr; mein« Hoffnung ist nur, fle wer« den eben so leicht vergessen, wie ich." Bezaubert von einer so unerkünstelten, natürlichen Gntmüthigkeit stimmten jetzt der Doktor und Mrs. Slopperton eine Art von Duett zum Preise ihres Gastes an; nachdem er ihre Lobsprnche und Complimente einige Minuten lang mit «drehenden und schüchternen Geberdcn ertragen hatte, schien endlich dem Fremden in seiner Bescheidenheit dieses Ue« bermaß von Dankbarkeit peinlich zu werden; erwies also ans die Uhr, welche bald I Uhr anzeigte und sagte: „Ich denke, mein geehrter Wirth uud meine bewunderte Wirthin, ich muß Sie jetzt verlassen» Ich habe weit zu gehen." „Aber fürchten Sie sich nicht vor den Landstraßen« Rittern?" rief Mrs. Slopperton ihn unterbrechend. „Den Landstraßen-Rittern?" sagte der Fremde lächelnd. „Nein! die fürchte ich nicht, und zudem Hab' ich Wenig was des Raubens werth wäre." „Bewirthschasten Sie Ihr Gut selbst?" sagte der Doktor, der seinen Landbesitz verpachtete und abgeneigt, sich von einem so angenehmen Gast z» trennen, ihn beim Knopf festhielt. „Selbst bewirthschasten? nein nicht eigentlich. Es ist da ein Bailiff, *) dcssen Ansichten nicht mit den meinigen zusammenstimmen, und der mir dann und wann viel Unlust macht." Bedeutet zugleich Amtmann und Unterverwalter. 122 „Warum geben Ne ihm dann nicht sogleich den Abschied?" „Ach, ich wollte es ließe sich thun! aber eS ist rin notbwendiges Ucbel. Wir Landeigenthnmcr, mein lieber Herr, mäßen immer ov» etwas der Art heimgesucht werden. Ick für meinen Tbcil habe gefunden, diese verdammten Bailiffs rafften gern all die kleinen Besitzthnmer aus, die man sich zu sammeln gesucht hat. Aber," und hier nahm sein Betragen ans Einmal eine große Sanftheit an, „durfte ich wohl meine Dienste und meine Begleitung der jungen Dame anbicten? Wollte Sie mir erlauben, sie nach Haus zu begleiten und diesen Tag dadurch meinem Eedäcbtniß als einen der wonnevollsten, die ich erlebt, einpriigcn?" „Dank Ihnen, lieber Herr," sagte Mrs. Slopperton, indem sie für Lucie antwortete, „es ist sehr vorsorqend von Ihnen und wahrhaftig, meine Liebe, ich könnte nicht daran denken, Sie nach einem solchen Abenteuer, wie es dem guten alten Doktor begegnet, mit dem allen John allein heimgehen zu lassen." Lucie fieng eine Entschuldigung an, welche die gute Frau nicht Horen wollte. Ader da der Diener, welchen Herr Brandon mit der Laterne schicken sollte nm seine Tochter nach Hans zu begleiten, noch nicht eingetroffen war, und Mrs. Slopperton, trotz ihres günstigen Vvrnrtheils für den Retter ihres Gemahls, doch nicht einen Augenblick daran dachte, 126 daß er ohne eine weitere Begleitung ihrer jungen Freundin zu dieser unheimlichen Stunde über Feld Gesellschaft leisten könne: sah sich der Fremde ge- uöthigt, für jetzt sich wieder zu sehen; ein offnes Klavier in einer Ecke des Zimmers gab ihm Veranlassung zu einer Bemerkung über die Musik; dieß führte eine Lobrede auf Luciens Stimme von Seiten der Mrs. Slopperton herbei und das Ende derselben war nothmendigerweise eine Bitte an Miß Brandou, den Fremden mit einem Gesang zu erfreuen. Nie hatteLucie, die kein schüchternes Mädchen war, — sie war zu unschuldig um verschämt zu seyn, — bisher sich beklemmt gefühlt, wenn sie vor einem Fremden singen sollte; aber jetzt zauderte und bebte sie und durchlief eine ganze Reihe kleiner natürlicher Affektationen, ehe sie das Gesuch erfüllte. Sie wählte ei» Lied das einigermaßen in derMeise der alten englischen Schule gedichtet war, die damals wieder in Aufnahme zu kommen begann. Das Lied, obgleich cs eine Art witzigen Einsall enthielt, war doch vielleicht nicht ganz ohne Zartheit; es war ein Lieblinqslicd von Lucie, sie wußte selbst kaum, warum? und lautete also: Lucien's Lied. Was Mast ihr Blumen mein. Wenn Abendlüste wehen? Wenn die Sterne schlürfen die Seufzer ein Von Winden, lockend de» Feen? 124 DaL Locken ist voll Wey ; Ts gleicht der Taube Stöhnen, Und der Flöte, wenn sie den stillen See Dom Kahn überschüttet mit Tönen. Was schlaft ihr Blumen mein. Wenn ihr uns wärt so nölhig? Es ist der Himmel, voll Sehnsuchtsxein, Euch wach zu küssen, erbötig. Der Thau, der Tust, das Licht Und alles Sanfte schmückt euch; Doch Alles befriedigt die Seele nicht/ Weil der Schlummer, o Blumen! drückt euch. Wacht ihrnoch nicht, o weh! Hin eilt die Zeit auf Flügeln. — Halt eitler Träumer! in Blumen ich seK Dein eignes Schicksal sich spiegeln. So oft der Sterne Lauf Dir Göttertaqe schenket: Lu rufest schlummernde Blumen auf — Ihr Schweigen das Herz dir kränket. Als Lucie endigte, war das Lob des Fremden weniger laut, als das des Doktors und seiner Gattin» aber wie viel süßer war es! uud zum ersten» mal in ihrem Leben machte Lucie die Entdeckung» daß das Auge so gut, als der Mund, im Loben beredt seyn kann. Wir unseres Orts haben oft gedacht, diese Entdeckung mache im Leben Epoche. Jetzt sprach Mrs. Slopperton ihre volle Ueber» zengung aus, daß der Fremde selbst auch singen könne. „Er habe etwas in seinem Wesen," sagte^fle, „das ihr keinen Zweifel übrig lasse." »In Wahrheit, liebe Frau," sagte er mit seinem gewöhnlichen unaussprechlichen, halb sreimüthigen, 125 halb versteckten Lächeln, „meine Stimme ist nur so, so, und mein Gedächtnis; so untren, daß ich selbst in den leichtesten Stücken leicht stecken bleibe. .Meine besten Töne habe ich in der Fistel und was meine Ausführung ") betrifft — aber davon wollen wir Sicht sprechen." „Nein, nein, Sie sind zu bescheiden!" sagte Herr Slopperton, „ich bin gewiß, Sie könnten uns den Gefallen thun, wenn Sie nur wollten." . „Ihr Befehl," sagte der Fremde, sich dem Klavier nähernd, „ist allvermögeud, und da Sie, mein Fräulein (zu Lucie sich wendend) ein Lied nach der alten Schule gesungen haben, so darf ich wohl aus Verzeihung rechnen, wenn ich das Gleiche tbue. Meine Wahl ist freilich ans einem ungesetzlichen Liederbuch genommen und gilt für eine Ballade von Robin Hood oder doch von einem seiner lustigen Leute; eine ganz andere Art von Freybentern als die Schufte, welche Sie angriffen, Sirl" Nach dieser Einleitung sang der Fremde nach einer wilden aber muntern Melodie mit erträglicher Stimme folgenden poetischen Erguß: Die Liebe zu unsrem Gewerbe oder das Räuberleben. De? RäubcrK Leben trägt auf dem Fluß Ter Welt die fröhlichste Welle: Bald stürmt er ans Licht in des Kampfes Genuß, Bald birgt sich's, spottend der Helle. Vor der Pforte deS Liebchens da macht er Halt; Wie rubia sein Renner da stehet« *p Lrooutiou bedeutet zugleich Hinrichtung. (Doch ruhig dm, Wind gleich, der mit Gewalt Die drohende Wolke schon blähet.) Gebogen den Heils, das Gebiß beschämtst. Mit dem Auge des Hirsches, des scheuen. Mit de», Feuerqeist, der von Kämpfen träumt. Und den ehernen Muskeln des Leuen. 2» des Lebens Nöthen, wenn Alles ihn flieht. Bleibt getreu dieser einzige'Knecht noch, Kürwahr, wer geächtet die Welt durchzieht. Hat zum trefflichsten Rosse ein Recht doch. „Nun fort. Herzliebster, ich hör' ihren Tritt!" — „So nimm den Kuß noch, mein Schätzchen, Wenn ich wieder komme, bring iw dir mit Für dem Haar von Golde ein Nctzchen!" „Hurrah! z„m Raube, jetzt hurrah mein Roß, UebcrBusch undGestrüpp michqetragen! Meine Pfade beschaut der Mond, mein Genoß, Wie m> n eigner, Mi ch,-» mir Zagen." Mit klingendem Beutel der Pfaffe trabt. Eintreibend de» Segen der Fluren, Der Höfling in goldener Kutsche stch labt. Bezahlet von Sinekuren. In seinem Sinn stch der Rechtsmann erbaut Am Verbrechen, das kürzlich geschehen! Und die Dame, mit ihren Karten vertraut» Ueberzählt den Gewinnst an Guineen. „He Dame, und Mann, der Sünden baar l Meine Wünsche müßt Ihr erhören: Plündern ehrliche Leut' ihre Nächsten — fürwahr So muß cs den Räuber empören." Der Dame Wa»g' übcrströmt Incarnat, Schön drehte der Rechisman» die Sätze: Der Pfaffe fluchte, der Höfling bat. Und der Räuber trug fort seine Schätze. „Hurrah, z,»n Feste jetzt, hurrah mein Roß, Uever Busch und Gestrüpp mich getragen! Es ist iugendhaft, was gesteuert der Troß, üu verschwenden bei lust'ge» Gelage»." 127 Nicht; gleichet dem Leben der Räubers — allstund Keck, lustig und frei wie die Götter, lind daß Ende— das Aaii-bzen deS-Volkes im Rund Und ein Sprung vom Baum ohne Blätter! Als dieses sehr moralische Lied zu Ende war, erklärte Mrs. Slopperton, es sei) vortrefflich, obwohl sie gestand, die Grundsätze scheinen ihr etwas locker. Vielleicht lasse sich der Herr bewegen, sie mit einem Lied von feinerem und modernerem Ton zu erfreuen, kurz — mit etwas Rührendem. Mit einem Blick auf Lncie erklärte der Fremde: er kenne nur Ein Lied von der Art wie Mrs. Slopperton sie bezeichnet, und es fei) so kurz, daß er durch Erfüllung ihres Verlangens ihre Geduld zu ermüden nicht befürchten müsse. In diesem Augenblick schimmerte der Fluß, den man von den Zimmerfcnstern aus bequem erschauen konnte, in dem Sternenlicht auf; und das Auge auf das Wasser gerichtet, als ob dieser Anblick ihm die Verse, die er sang, eiugegeben hätte, sang er die folgenden Strafen in einem sehr gedämpften und wohllautenden Tone und mit weit- reinerem Geschmack als vielleicht nach dem vorigen, wüsteren Lied zu erwarten war. Der Wunsch. W:nn unten saust der Abend träumt, gaalt oben Wacht sei» Sterngcbild, Mit seinem Glan- die Fluch sich säumt. Wie Freundschaft, die zur Lieb' erfchwillt. - 128 O wäre deine Brust ein See, Den jungfräulich die Lust umzieht. Und ich der Stern, der aus der Höh Sein Bild in diesem Spiegel sieht!" Kaum war der Gesang zu Ende, als die Ankunft des Dieners der Miß Brandon gemeldet ward; ihr auserkorner Begleiter fuhr auf, war ihr mit Artigkeit beim Anziehen des Mantels und Hutes behülflich, und pries sich ohne Zweifel glücklich, einigermaßen den überlästigen Complimenten seiner Wirthslente zu entgehen. „Aber," sagte der Doktor, als er seinem Retter die Hand schüttelte, „unter welchem Namen soll ich des Herr» gedenken und (indem er seine ehrwürdigen Angen erhob) für ihn beten, dem ich so sehr verpflichtet bin?« „Sic sind sehr gütig, sagte der Fremde, mein Name ist Clifford. Fräulein, (zu Lncie gewendet,) darf ich Ihnen die Treppe hinunter die Hand reichen?" Lncie nahm die Höflichkeit an und der Fremde war halb die Treppe hinunter, als der Doktor seinen kurzen Hals dehnend, ihm nachrief: „Guten Abend, Sir, ich hoffe wir sehen uns wieder!" „Seyn Sie ohne Furcht," sagte Herr Clifford fröhlich lachend, „ich bin ein so rüstiger Reisender, daß dies durchaus nichts Unmögliches ist. Gebe» Sie Acht, Fräulein, noch eine Stufe!" Die Nacht war ruhig und ziemlich hell, obgleich der Mond »och nicht herauf war, als Lncie 1LS und ihr Begleiter die Felder durchschnitten, indem der Diener in kleinem Abstand mit der Laterne ihnen vorgieng. Nach einer ziemlich langen Panse sagte Clis- sord mit einigem Bedenken! „Ist Miß Brandon ein« Verwandte des berühmten Rechtsgelehrten gleichen Namens?" „Er ist mein Oheim," sagte Lncie, „kennen Sie ihn?« „Nnr Ihr Oheim?" sagte Clifford mit Lebhas» tigkeit nnd nmgieiig Lnciens Frage. „Ich fürchtete, hem — hem — das heißt, ich dachte, er könnte ein näherer Verwandter seyn." Hier entstand wieder eine kürzere Paule, worauf El fford mit gedämpfter Stimme wieder anfieng: „W rd mich wohl Miß Brandon für unbescheiden batten, wenn ich sage, daß ein Angesicht, wie das ihrige, einmal gesehen, sich nie wi der vergißt, nnd daß ich glaube vor einigen Jahren Sie in London im Schauspielhaus gesehen zu haben?'Nur einen flüchtige» Blick von Ferne konnte ich damals gewinnen, und doch," setzte er bedentniiqsvoll Hinz», „war cs genug." „Ich war nnr Einmal im Theater, während meines Aufenthalts in London vor einigen Jakren," sagte Lncie ein wenig verlegen, und ein unangenehmer Zufall, der meinemOheim in dessen Gesellschaft ich war, begegnete, hat mir in der That die Erinnerung daran fest eingeprägt." »Ha — und was war es denn?" Bnlwer'L Romane. XXV. 9 „Nun, beim Herausgehen aus dem Schauspiel- Haus wurde il>m seine Uhr von einem gewandten Taschendieb gestohlen." „Wurde der Schelm gefaßt ?" fragte der Fremde. „Ja, und am folgenden Tag nach Bridewell geschickt. Mein Obcim sagte, er scy sehr >Ulig und doch ganz verstockt gewesen. Ich besinne mich noch, daß ich närrisch genug war, als ich von dem Spruch hörte, meinem Obeim dringend auzullegcn, er möchte sich für ihn verwenden, aber liinsvnst." „Wirklich, verwendeten Sie sich für ihn?" sagte der Fremde in so ernstem Tone, daß Lucie zum zwauzigstenmal in dieser Nacht die Farbe wechselte, ohne daß doch irgend ein Grund zum Erröthell vorhanden war. Cufforb fuhr in »lurrrr'M Tone fort: „Nun, es ist auffallend, wie Spitzenden Unter siech zusauimkiihäugcn. Es würde mich nicht sehr überraschen, wenn die Person, die Ihren Okeim beraubte, zu derselben Bande gehörte wie der Bösewicht, der Ihren würdigen Freund, den Doktor, so in Schrecken setzte. Aber ist dieser schöne'alte Ort Ihre Heimath „Dieß ist meine Heimath," antwortete Llicie, „aber es ist ein sonderbarer altvaterischer Ort und wenige Leute, denen er nicht durch Erinnerungen theuer ist, würden ihn für schön halten." „Verzeihen Sie," sagte Lucicns Begleiter stille stehend und betrachtete mit Bucken worin sich großes Interesse aussprach, das sonderbare Gebäude 13L aus Elisabeth's Zeiten, das jetzt ganz nahe vor ibm stand; sein dunkles Gemäuer, seine Giebel, seine csenbewachsenen Mauern die vom Sternenlicht des Himmels anqestrablt wurden, und dann de» Fluß, der schweigend unten hinströmte und einen artigen G'ntraft bildete. Die Läden an dem große» Kreuz- stsckssnster in dem Saal, worin der Squire gewöhnlich saß, waren noch nicht gelchlossn, und das stete, warme Licht des 'Gemachs leuchtete und wars einen Schimmer selbst ans die sanften Wasser des Flusses im neuilichen Augenblick ließ sich auch das freundschaftliche Bellen des Haushundes, als Willkomm' vernehmen^ und daraus folgte das Zeichen der große« Glocke, welche d-c Stunde der letzten Mahlzeit- der altvaterischen und gastlichen Familie anküuvigce. „Sr - ist doch ein süßes Gefühl darum!" sagte der Fre u,"- unwillkürlich und mi, einem halben Seufzer, ich wünschte ich hätte eine Heimat»." „Und habe» Sie denn keine Heimarh?" s>-ß^ Lucir naiv. „Sv gut ei» uunggesell eine haben kann , melleicht;" antwortete Cuffvid, der ohne Anstrengung jetzt wieder feine Munterkeit und die Gewalt über, sich selbstgcwann. „Aber Sie wissen, wir pilgernde Leute dürfen uns nicht des gleichen Glücks rühmen, wie die Lieblinge des Himmels, wir senden unsre Herzen aus nach einer Heunath, und verlieren das eine, ohne das anvre zu gewinnen. Aber ich halte 152 Sie in der Kälte hin, und wir sind seht an Ihrer Lhüre. „Siekommen doch mit herein, natürlich!" sagte Miß Brandoa und thcilen nnscr Abcudbrvd." Der Fremde bedachte sich einen Augenblick und sagte dann in raschem Tone: „Nein, vielen — vielen Dank! es ist schon spät. Will Mis- Brandon meinen Dank entgegen nehmen für ibre Herablassung, die Begleitung eines ihr Unbekannten gestattet zn haben?« Mit diesen Worten beugte sich Clifford tief herab aus die Hand seiner schönen Schnybcsohlenen; Lncie wünschte ihm gute Nacht und eilte mit leichtem Schritte an ihres Vaters Seite. Clifford blieb inzwischen noch eine Minute stehen, und nachdem die Thüre vor ihm geschlossen worden, wandte er sich plötzlich weg; er murmelte etwas bei sich selbst und eilte mit raschen Schritten -ur Aussnhrung des Plans, den er im Auge hatte..