b. L. Bulwe r' s e Aus dem Englischen. nt'undvier) igstes Sändche n. Falklaub. Erstes bis drittes Buch. Stuttgart, Verlag der I. B. Mehler'schen Buchhandlung. 1 8 3 5 . Kleine Erzählungen u n d n o v e l l e ir von dem Verfasser Eugen Aram's, des Verstoßenen rc. Aus dem Englischen von Gustav P f i ) e r. — ^ Erstes Bändchen, entvaltend: Falkland. Erstes bis drittes Buch. Stuttgart, Verlag der I. B. Metzler'schen Bnchhandlnng. 1 8 3 5 . „Sie k-nne» auf nicht viele Nachahmer zählen." „„Vel 6uo vei nemo."" Vorrede zur neuen Heloise. h o r 1V o r t. Ich lebe der Zuversicht, man werde mir, wenn ich für diese Miktheilung den Namen eines Rdmans ablehne, dieß nicht als eine Geringschätzung desselben auslegen. Ich fühle im Gegentheil wohl, daß sie für die Mehrzahl der Leser weniger als ein Roman, und darf mir kaum schmeicheln, daß sie für einige Wenige mehr seyn wird. Der einen Claffe wird mein Werk zu frivol, der andern zu langweilig erscheinen. Die Kühlen werden darüber mißvergnügt seyn und die Sanguinischen sich getauscht sehen; jene wegen Schilderungen von Empfindungen, welche sie nicht als wahr anznerkennen vermögen, die letzter« durch Betrachtungen über das Leben, welche mit der von ihnen ergriffenen Filosofie im Widerspruch stehen. Was immer mich bewogen haben mag zur Veröffentlichung dieses Werks: die Erwartung einer günstigen Aufnahme war es gewiß nicht, und wahrscheinlich hat nie Jemand bei einem ähnlichen Versuche mit mehr Aufrichtigkeit das Verdienst angesprochen: mißtrauisch gegen den Erfolg gewesen zu seyn. Vielleicht hat die erste Idee dieser Erzählung, freilich verändert zum Behufe der Veröffentlichung, ihren Grund in einer wirklichen Thatsache; vielleicht sind unter den Briefen, die jetzt der Welt in der Hoffnung übergeben werden: sie könnten wohl eine moralische Wahrheit einschärfen, manche, welche ursprünglich nicht die Bestimmung hatten, eine Erzählung zu zieren; aber für meine Person würde dieß nur als leere Behauptung erscheinen, und für Andre die Nachforschung unfruchtbar seyn. Auch wäre damit denjenigen nicht geantwortet, welche die Charaktere unnatürlich und die Gefühle übertrieben finden, wenn ich wirklich versichern könnte, diese Charaktere haben in der That existirt und diese Empfindungen seyen wirklich erlebte; in einem gesellschaftlichen Zustand, wo Alles künstlich ist, erscheint nichts so sehr falsch als was wirklich geschieht. 7 Ich habe einige Besorgniß, es werde von denjenigen Lesern, welche aus einem Theile das Ganze beurtheilcn, die Tendenz dieses Werks getadelt werden, weil sie nicht recht verstanden wird. Ich habe einige Besorgniß, es möchten gelegentliche Beschreibungen als mit zu lebendigen Farben ausgemalt, oder Schilderungen von ^Gefühlen als zu naturgetreu gezeichnet erscheinen: aber ehe man mich verdammt, möge man bedenken, daß es keinen größer», wiewohl gewöhnlichen Mißgr'ff im Gebiet des Sittlichen gibt, als den: eine Buße aufzuerlegen, ohne das Vergehen erläutert zu haben; und wenn ich i» Schilderung der Strafe mich getreu an die Wahrheit gehalten habe, so war es unerläßlich bei Aufzeichnung des Verlaufs der Leidenschaften nach demselben Maßstab zu verfahren. Aber, obgleich ich gestehe nach Aehnlichkeit gestrebt zu haben, habe ich mich doch sorgfältig vor Verschönerung gehütet; nie Hab' ich im Gemälde der Schuld ihr Elend zu liberfirnißen, ihre Schmach zu übertünchen gesucht. Wenn meine Erzählung sich auf die Verirrungen des Herzens gründet, so ist dieß darum, weil die fruchtbarsten moralischen 8 Wahrheiten aus den Folgen von jenen geerntet werden können. Im Charakter Falklands wünschte Ich zur Anschauung zu bringen: wie alle Tugend schwach und alle Weisheit ohnmächtig ist, wo kein fester und durchgreifender Grundsatz einerseits den Maßstab für jede neue Veränderung in unsrer Handlungsweise abgibt und andrerseits die Gewährleistung für die Verfolgung des Einmal mit Bestimmtheit Ergriffenen. Auch habe ich nicht blos in der allgemeinen Schürzung des Knotens, sondern auch in den zerstreuten Beobachtungen, welche er in sich enthält, dasjenige auszuführen mich bestrebt, was der große Gegenstand aller menschlichen Werke seyn sollte. Sollte dieses Buch so glüklich seyn, Diesem und Jenem in die Hände zu fallen, bei welchen die Leidenschaften die Erzieher des Nachdenkens waren; welche der Ansicht huldigen: Betrachtungen über unser eignes Wesen, wenn gleich an sich selbst irrthümlich, seyen doch immer der Wahrheit förderlich, und welche meinen : mehr Kenntniß des geheimen Herzenö lasse sich oft in einen einzigen Gedanken zu- s sammendrangen, als über tausend Begebenheiten hi» verbreiten: sollte dieß Buch so glücklich seyn Solchen in die Hände zu fallen — so übergebe ich es Diesen furchtlos mit der Ueberzeugung, nicht eben daß sie es seiner Ausführung wegen loben, aber daß sie es wenigstens um der guten Absicht willen entschuldigen werden. Nun bleibt nur noch übrig hinzu zu fügen, daß der Verfasser, indem er seine Laufbahn ohne die Beweggründe und den Ehrgeiz seiner Mitbewerber betritt, auch die volle Zuversicht hegt, mit dem Vorwurfe der Anmaßung verschont zu bleiben, wenn er nicht die Sprache der Hoffnung oder Besorgniß zu sprechen vermag, welche man bei Andern gewohnt ist: Männer, welche sich auf die Erfahrung und nicht auf den Flug des Genius verlassen, sind weit weniger in Gefahr sich über den Umfang ihrer Verdienste zu verrechnen oder gegen die allgemeine Ansicht über die Ausdehnung derselben empfindlich zu seyn. Wenn der Verfasser in seinen Betrachtungen geirrt har, so ist es, weil die Ereignisse ihn veran- laßten, lieber seine eignen Ansichten darzustel- len, als die von Ander» zu entlehnen; wenn er in seiner Schilderung der Gefühle gefehlt hat, so ist es, weil er nach keinem andern Modell als nach der Erinnerung arbeitete; und wenn er jetzt kein sehr lebhaftes Interesse am Erfolg seines Versuchs zu empfinden vermag, so ist dieß darum, weil er in Folge seiner Bekanntschaft mit den Menschenkindern, sich selbst ein Reich gebildet hat, das ihr Lob nicht erweitern kann, und ihr Tadel zu zerstören ohnmächtig ist. London 7. März 18-7. F a l k l a n d Erstes Such. Erasmus Falkland Esq. an de» Ehren- werkhen Friederich Monkton. L — — den — Mai 1822. Sie sind im Jrrrhum, mein Heber Monkton! Ihre Schilderung des fröhlichen Lebens der Saison macht keinen aufregenden Eindruck auf mich. Sie reden von Vergnügen: ich wüßre keine Anstrengung die für mich so ermüdend wäre; Sie verbreiten sich über die Mannigfaltigkeit dess-lben: kein Einerlei dünkt mich so einförmig. Sparen Sie also Ihr Mitleiden für Solche, welche desselben bedürftig sind. Don der Höh« meiner Filosofie herab brdaure ich vielmehr Sie! Niemand ist so eitel als ein in Zurückgezogenheit Lebender, und Ihre Scherze über mein Einsiedlerleben und meine Einsiedelei vermögen nicht die Falten einer Selbstgenügsamkeit zu durchdrungen, welche Ihnen weder Ibre Malzeiten in D-Hans, noch selbst Ihre Walzer mir Eleonore - - deneidrt. ir Es ist mehr.eine Ruine als ei» HauS, was ich bewohne. Ich bin seit meiner Rückkehr vom Ausland nicht in L-gewesen, und während dieser Jahre ist dieser Ort mit raschen Schritten dem Verfall zugeeilt; er paßt vielleicht eben darum nur desto besser für mich. — Wie der Herr, so das Haus. Unter allen meinen Besitzungen ist diese die an sich werthloseste, und diejenige, welche am wenigsten Anziehendes von de» Erinnerungen der Kindheit entlehnt, — denn ich brachte in L — — von jener Periode kein- Stunde zu. Dennoch habe ich es zu meiner dermaligen Behausung erkoren, weil ich hier allein nicht persönlich bekannt bin, und deßhalb wahrscheinlich auch wenig werde gestört werden. In der That ich sehne mich nicht nach den Unterbrechungen, welche man als Höflichkeiten bezeichnet; lieber löse ich von mir, Gelenk um Gelenk, die Ketten ab, welche mich mit der Welt verknüpften; ich flnde in meiner eignen Gedankenwelt de» Wechsel und die Unterhaltung, welche Sic nur aus dem Verkehr mir Andern ziehen; und ich lasse wie der Chinese meine Landkarte des Universums aus einem Kreis in einem Viereck bestehen — der Kreis ist mein eignes Reich des Gedankens und Jchs und in die armseligen Ecken» welche der Kreis übrig läßt, verbanne ich, was den übrigen Menschenkindern «»gehört. Ungefähr eine Meile von L -— ist die reizende Villa E-des Herrn Mandeville, inmitten von 1 » grünen Triften, die einen entzückenden Contrast zu der wilden und kecken Landschaft bilden, welche sie einschließt. Da das Haus im jetzigen Augenblick ganz unbewohnt ist, habe ich mir durch den Gärtner freien Zutritt in die Besitzungen ausgewirkt und ganze Stunden bringe ich hier zu, gleich dem Helden des Lutrin „heiligem Müßiggang" mich hingebend, horche einem ziemlich geräuschlosen Bache zu, und lasse meine Gedanken beinah so müssig und zwecklos um- herschweifev, wie die Vögel unter den mich umschattenden Bäumen. Ich konnte wahrlich wünschen, dieß Bild möchte in jeder Beziehung treffend seyn — diese Gedanken möchten nicht nur so ungebunden — such so glücklich seyn als di« mit ihnen verglichenen Wesen; sie möchten, wie diese, nach den Streifzügen des Tags, am Abend zu einer Ruhestätte zurückkeh- ren und da rasten. Wir sind die Narren und die Opfer unsrer Empfindungen; während wir uns derselben bedienen, von den Aussendingeu die Schätze rinzusammeln, welche wir im Innern aufspeichern, haben wir keine Ahnung von den Strafen, welche wir uns selbst bereiten, als da sind: Erinnerung welche uns stachelt, Hoffnung die uns betrügt, Leidenschaften welche uns Entzücken verheißen und uns mit Verzweiflung lohnen, und Gedanken welche, wie sie einerseits die kräftige That erzeugen, andrerseits die fieberhafte Aufregung in der Seele verursachen. Welcher Kranke hat nicht in seinem Delirium Dinge 14 geträumt, welche untre Filosofen auch gelehrt? *) Aber ich verfalle iu meine alle Gewohnheir liübsin- nigen Betrachtungen nachznbLligen, und es ist Zeit zu schließen. Ich glaubte Ihnen einen so leichten und munter» Brief zu schreiben wie der Ihrige war; wenn er mir mißlang so ist es kein Wunder. „Unser Herz ist ei» mangelhaftes Instrument, eine Leyer, an welcher Saiten fehlen, wo wir gezwungen sind die Noten der Freude durch die drin Seufzer gewidmeten Töne auszudrücken." Derselbe an Denselben. Sie bitten mich um eine Skizze meines Lebens und des bei lnoocko dessen ich sobald satt wurde. Die Menschen lassen selten die Gelegenheit hinaus von sich selbst zu sprechen, uiw ich bin nicht abgeneigt, die Vergangenheit einer neuen Prüfung zu unterwerfen , sie wieder mit der Gegenwalt zu verknüpfen, und aus der Betrachtung beider abzunehmen, was noch von Hoffnungen und Erwartungen mir für die Zukunft übrig bleibt. Weine Berichterstattung hat es jedoch mehr mit Gedanken und Empfindungen als mit Handlungen zu thun; die meisten Personen deren Schicksal mit dem meinigen verflöchte» war, sind noch am Leben und ich mochte auch nicht einmal gegen Sie das Siegel der Verschwiegenheit brrchen, unter welchem billig *) t^llick segrotos uu^usra somniavir, b>Io- soxtrorum ali s-daal, sondern cs kann auch die gewaltsamste Auftcgun; nicht als Nederraschnng ::ud Reizmittel ans mich wirten. Ich habe gl-ichstur in Leidenschaften geschwelgt; ich habe das zu meiner täglichen Nahrung gemacht, was in solcher Stärke und Maßlosigkeit, für Audic Gift wäre; ich habe meinen Geist des Geschmacks für die ordeniiichen natürlichen Speisen berankt; ich habe Lnrch allznfrsthe Verschwendung mein« Hülfsquellen und Vermögen erschöpft, bis ich mein Herz ohne Gegenmittel und ohne Hoffnung preisgcgeben sah allen Unordnungen, zu welchen seine eigne Uucnthallsanikeit den Samen ausgestreut. Derselbe a» Denselben. Als ich die Anstalt des Lr.-verließ, ward - ich zu einem Privatlehrer in D --e geschickt. 21 Dort verweilte ich ungefähr zwei Zabre. Während dieser Zeit begab sich, was-doch, was mir damals begegnete, taugt für kein lebendrqes Obr. Die Züge dieser Geschichte sind iu mein Herz mit Flammeuscherfr gegraben, aber eS ist eine Sp>ache, welche zn lesen Niemand ausser mir die Befugnis har. Zum Bednf me ner Bekenntnisse genügt »S zu bemerken, daß die Ereignisse jener Periode nur dem erste» Erwachen der machtigNen unrer den menschlichen Leidenschaften in Begehung stancen und daß, was immer inr Anfang gewescu seyn mag, ivr Ende Verzweiflung war! und sie — der Gegenstand dieser Liebe — das einzige Wesen auf Erden, das je da» Geveimnig und den Z uideischlnssel meines Wesens besaß — ihr Leben war die Bitte, keit, und der sfie- berrraum ei eS zerstvrteu Herzens — ihre Ruhestätte ist das Grab — Aion la conobde il eoonfls roentre I'ehbe t^onrchhi I'io, die a zxaager c^ui rimaai *). Diese Neigung war nicht svivolil ein el!i,eli!eS Vreig- utß, als vielmehr das erste Glied einer laiwen Kette, welche sich um mein Herz schlang. Es wäre widerlich und schmerzlich, wenn es mir auch gestattet wäre, Ihne» von all de» Sünden und Unglücks, fällen zn erzählen, mit welchen im spälcrn Leben jene Leidenschaft zusammenhing. Ich will nur vou *) Die Welt hat nicht gekannt sie, nur besessen, Ich kannte sie und blieb, sie zu beweinen. rr der zwar geheimsten aber allgemeinsten Wirknng sprechen, welche sie ans meinen Geist geübt; obgleich von Natur allerdings zu einer kränkelnden und schwermüthigen Lebeusanficht und Denkweise geneigt, hätte er doch, dieß ist mehr als wahrscheinlich, ohne diesen Vorfall, nie Anlaß zur Entwicklung dieser Anlage gefunden. Früh unter die Menschen geworfen, hätte ich früh ihre Empfindungen eingesogen, und wäre durch die Macht der Gewohnheit geworden wie sie. Ich würde nicht eine unab- läßige Erinnerung mit mir herumgerragen haben, welche mich, wie Faust, in der Wissenschaft nur ihre Unfruchtbarkeit, in der Hoffnung nur Täuschung finden ließ und mir, wie Jenem, im Glücke der Jugend und unter den Lockungen des Vergnügens, den Fluch und die stete Gegenwart eines Feindes zu tragen gab. Derselbe an Denselben. ' Nach dem ersten heftigen Sturme von Kummer in Folge der Verkettung von Umständen, welche ich nur mit so dunkeln Worten anzudeuten genöihigt bin, fing ich an mich mit Ernst ans die Bücher zu legen. Tag und Nacht widmete ich mich unabläßig dem Stu- diien, und von diesem Heißhunger wurde ich nur durch die lä ge und gefährliche Krankheit, die er erzeugte, befreit. Ach! es gibt keinen größer» Thoren als den der sich um Wissenschaft bemüht! Nur durch Leiden leinen wir Nachdenken, und den Honig der Weisheit fürdas Leben in der Welt sammeln wir nicht von Blumen, sondern von Dornen. grsocka Passion wsliieureuse est uu wo^en äume des Ehrgeizes — Alles das hat m>ch der Reihe nach in Anspruch ge^ nommen, und Alles hak mich auf gleiche Weise gs- täoscht; aber wie die Wittwe in der Geschichte Vok« taire's, habe ich zuletzt der Trösterin Zeit einen Teins pel gebaut. Ich bin mit den Jahren ruhig pewvrdess und habe zu seufzen aukgebört, und wenn ich seht mich von den Menschen znrückzlehe, so habe ich ive- 24 nigstens von der ursprünglich durch Gram mir ange- wöhnten Einsamkeit den Voriheil gezogen: daß ich, während mein Wohlwollen gegen Andre gewachsen ist, da» Glück »nr i» mir selbst suche. Diejenigen allein sind nnadhängig vom Schicksal, die sich eine von der Welt gesonderte Existenz zu bereiten wissen. Derselbe an Denselben. Ich kam auf die Universität mit einem großen Schah allgemeinen Wissens, und der Gewöhnung an beharrlichen Fleiß. Mein Oheim der, ohne eigne Kinder, seinen Ehrgeiz in mich zu sehen anfing, machte sich von meiner Laufbahn in Oxford große E> Wartungen. Ich blieb drei Jahre dort nud that Nichts! Ich gewann keine» einzigen Preis, und machte auch gar keü e» Versuch mich nur über den Grad des Allergewöhnlichsten zu erheben. Die Wahrheit ist, daß mir Nicht» »ich des Ringens nach Erfolg zn ve>lohnen schien. Ich ging mit Solchen um, welche des ausgezeichnetsten akademischen Rufes ge- noßen, und lächelte mit einem Bcivußlscon der Ueber- legeuheit über die Maßlosigkeit ihrer Eitelkeit und die Seichtigkeit ihier Ansichten. Die Grenzen der Auszeichnung, welche ihnen zu Theil geworden, dünkten sie so umfassend als der ausgebreitelste Ruhm und das Bißchen Gelehrsamkeit was sie sich in der Jugend «»geeignet, erschien ihnen nur als Entschuldigung für die Unwissenheit und Trägheit reiferer r; Jahre. Sollte ich mich austrengen, es diesen gleickznthun? Ich fühlte, daß ich ihnen schon vor- angecilt war. So''-:» ich ihren, oder, war noch schlimmer gewesen, ihrer Bewundrer Beifall zu gewinnen trachten? Ach! ich hatte zu lange gelernt mir selbst zu leben, als daß ich batte in der Acknung von Hohlkopfen, die ich verachtete, ein Gluck finden können. Im Alter von -- Jahren verließ ich Lrford. Zeh trat die weirläusti en Befihnngen meines Erbes an, und zum ersten Wale empfand ich die der Jugend so natürlicheEmlkeit als ich »ach London mich begab, die Freuden der Hauptstadt zn geniessen, und meine Wirtel geltend zu macken, mich in den Strudel oller lieber Freuden und Genüsse zu stürzen. Ich fand das gesellschaftliche Leben eingerichtet wie den Tempel der Juden; Jedermann wird in die Vorhalle zugclassen, aber nur den Meistern der Lehre steht das innere Heiligthum offen. Jung, reich, mit einem alten und geachteten Namen, das Vergnügen mehr als eine nothwendige Anregung, denn als gelegentliche Beschäftigung aufsuchend, angenehm den Genossen d<-e ich am mich sammelte, weil meine Freigebigkeit ihre Lustigkeit erhöhte, und meine Gemürhsart zu ihrer Unterhaltung beitrug — sah ich mir von vielen gehuldigt, und Niemand wich mir aus. Bald entdeckte ich, daß alle Höflichkeit nur die Maske der Abüchtlichke t ist. Ich lächelte über die Artigkeit der Barer, welche 28 ans die Kunde bin, daß ich Talente besitze und wohl wissend, daß ich reich scy, nach meiner Unterstützung sich umsahen, je nachdem sie sich einer politischen Farbe zugewendet hatten. Ich sah in den Billelchen der Mütrer ihre ängstliche Sorge für die Unterbringung ihrer Töchter und ihre Achtung vor meinen Hufen Landet, und in -der Herzlichkeit der Söhne, welche Pferde zu verkaufen und kouge er noir- Schulden zu bezahlen hakten, entdeckte ich alle mögliche Verehrung für mein Geld, neben aller möglichen Verachtung gegen den Besitzer selbst. Von Natur beobachtend und durch Unglück sarkastisch geworden, untersuchte ich die verschirdnen Färbungen det gesellschaftlichen Lebens mit prüfendem und filosofischem Auge; ich entwirrte das Geflechte, welches Niederträchtigkeit und Hochmuts,, Nichtswürdigkeit und Prahlerei zusammenkuppelt; und zu ihren Quellen verfolgt« ich die durchgängige Gemeinheit innerlicher Gesinnung und äusseren Benehmens, welche mir in allen Elasten die einzige sich gleich bleibende unter- scheideude Eigenthüml'chkeit unsrer Landsleute aus» zumachen scheint. Im selben Derhältuiß als meint Menschenkenntuiß zuuahm, zog ich mich mir gesteh gerrer Täuschung und Niedergeschlagenheit auf die Hülfsquellen meines eignen Innern zurück. Der erste Augenblick wahren Glückes, den ich binnen einem ganzen Jahr hatte, war der, wo ich im Begriffe stand unter dem Einfluß eines andern Himmels nie ausgebreitetere Bekanntschaft mit meinem Geschlecht 27 aufznsnchen, die mich entweder mit engern Banden an dasselbe ketten, oder mich wenigsten« mit den bereit« vorhandenen Verbindungen wieder aussöhncn sollte. Bei meinen Abenteuern im Ausland will ich nicht verweilen; «ine Erzählung, welche in der eignen Brust kein Interesse weckt, kann Andre wenig ansprechen. Ich suchte Weisheit und erwarb mir nur Kenntnisse. Ich dürstete nach der Wahrheit, der Zärtlichkeit der Liebe, »nd fand nun ihre Fieberunruhe und Falschheit. Wie die beiden Florimel bei Spenser, nahm ich in meinem Wahnsinn das täuschende Gebilde der Ginne für die göttliche Wirklichkeit de« HerzeoS, und ich erwachte nur an« meinem Selbstbetrug, wenn das Trugbild daS ich geschaffen wie Schnee zerschmolz. WaS ich unternahm dem theilte sich die Kraft, ja die Heftigkeit meine« Gemülhs mit; wenn ich mich heute in das lärmende Treiben der Stadt warf, und morgen, mit meinem Herzen allein in die Einsamkeit der un- bevölkerten Natur; bald in die wildesten Ausschweifungen mich stürzte, bald mit peinlicher und unermüdlicher Forschung die Geheimnisse der Wissenschaften verfolgte; wechselsweise Andre beherrschte und unter der Tyrannei meii^r eignen Leidenschaften schmachtete — ich ging durch alle Proben ohne zu beben nud ohne Schaden. „Die Erziehung die das Leben gibt," sagt oie Frau von Stael, „vervollkommnet den denkenden Geist und verschlimmert den 28 Leichtsinnigen." Ich will nicht untersuchen, Monk- ton, zu welcher von diesen beiden Elaste» ich yehöre; aber ich füble nur zu wohl, daß obwohl meine Seele nicht entartete, sie doch nur in der Schule des Unglücks Vollkommenheit lernte, und daß, was auch die Erwerbungen späterer Jahre scyn mögen, sie dock dnrck Nichts die Verluste unsrer Jugend aufzuwägen vermögen. Derselbe an Denselben. Ich kehrte nach England zurück. Ich betrat wieder die Schaubühne seiner Welt, aber ick nnschte m>ch letzt mehr in die größer» als die kleinern Bestrebungen. Ick faßte mehr dir Masse als den Sauerteig ins Auge, und wahrend ich die Wenigcn, welche ick kannte, mit Abneigung betrachtete, glühte ich von Menschenfreundlichkeit gegen die Menge die ich nicht kannte. Wohlwollens wird man, wenn man die Menschen in der Ferne betrachtet. Wenn wir mir ihnen verkehren, leiden wir unter der Berührung und «erden, wo nicht böswillig in Folge von erlitken-m Unrecht, doch wenigstens selbstsüchtig in Folge der Umsicht, zu welcher unsre eigne Sicherheit uns nötbigt; aber wr n wir unsrer Verbindung uns bewußt sind, ohne durch das Bano verletzt zu werden: wenn nicht E fersuchi, noch Neid, noch Empfindlichkeit g-reitzt sind: dann haben wir nichts gegen jene angenehmeru und mttleren Gefühle einzuwenden, welche durch rs frühe Eindrücke nnserm Hecken natürlich geworden sind. Wir mögen im Haß die Menschen meiden, wenn Ae nns verletzt haben, aber die Wirkung erlischt mit der Ursache; Niemand wird gern lange über biitern Gerankt» brüten. Und so können wir, während wir. in dem engen Kreit worin wir uns bewegen, täglich von nulcrn Umgebungen zu leiden haben, t>vl> nnlrcr Erbitterung gegen diese von allgemeinem Wohlwollen gegen eie weiter» Kreise, welchen wir ferner stene», enifl rmmk sey», uns während nurer dem Werrarl, der Freundschaft, dem Stachel des Undanks, der Treulosigkeir der Lrcbe unser He-z blutet, würden wir beinah unser Leben der Realislrung irgend einer vergötterte» Theorie der Gesetzgebung aufopfern; und so gibr es Tauiei.de, w lch: im Privatleben M'ßlrauisch, berechnend, selbstsüchtig — mit leichtgläubigem Kanaris muß sich als Opfer vor dem danklosen Moloch uiederwerfeii, den sic das allgemeine Beste nennen. Indem ich nnn so viel für mich selbst lebte, aber viel auf die Welt mein A»ge »nd meinen Sinn richtete, lernte ich die Menschen lieben. Menschenliebe rief den Ebrgeitz hervor, aber ich war ehcgeitzrg, nicht im Inte-ehe meiner eignen Vergrößerung, sondern im Die sie Andrer —d-r Atmen, der Gedrückte», derHe-abgcwinNgten; dien war der Theil meiner Mtgcsüöp'e den ich am meisten liebte, denn diese waren mit mir durch d:e allerdanerhaftesteo und festesten Bande von der Welt verknüpft — durch LV Unglück! Ich fing an auf die Iutriguen des Staats mich einzulasscn; ich dehnte meine Beobachtungen und Forschungen von den Individuen auf Nationen aus; ich prüfte die Geheimnisse der Wissenschaft, welche in den jüngsten Tagen ihr Haupt erhoben hat, um die Weisheit der Vergangenheit Lügen zu strafen , die Feinheiten der SkaatSwissenschaft auf einfache Probleme zurückzuführen, uns von der Falschheit des System» zu überzeugen, welches durch Beschränkung regierte und den Wahn nährte, das Glück der Nationen beruhe auf dem beständigen Eingreifen der Regenten, und uns zu zeigen, daß die einzige, untrügliche Politik darin bestehe, den verborgnen Kräften und der Vorsehung der Natur eine freie ungeyemmte Entwicklung z» gestatten. Aber nicht blvs die theoretische Forschung über das Wesen des Staats beschäftigte mich. Ich verkehrte, obwohl nur insgeheim, mit den Bewegern seiner Federn. Während ich allein auf Vergnügen gestellt schien, hegte ich in meinem Herzen das Bewußtseyn und die Eitelkeit der Macht. Unter den leichten Tändeleien und Spielen der Lippe verhehlte ich die Arbeit und die Einsicht des Hirns; und ich blickte wie mit gefey- tem Auge auf die Geheimnisse der verborgnen Tiefen, während ich mit dem übrigen Schwarm wie ein Tagdicb auf der Oberfläche des Stroms hinzu- schwimmeu schien. Was hatte ich mich zu beklagen, wenn ich nnr meine Hand ausstreckeu und nach jedem Gegenstand greif«» durfte, woruach mein Ehrgeiz gelüstete? Acd! immer war etwa» in meinem Herzen, etwas zu Zärtliches als daß cs sich hätte mit dem Ziel und Zweck meines Geistes befricdigen können. Ich fühlte, daß ich di« jungen Jahre meine« Lebens in einem verworrenen und mühseligen Streben vergeudete. Was wäre für mich, der ich die Eitelkett überlebt hatte, die Bewunderung des großen Haufens gewesen? Ich seufzte nach dem Mitgelünl Eines Wesens, und ich beste gramvoll zurück vor der Ausflcht auf Ruhm um mein Herz über die Wahrhaftigkeit der Liebe zu befragen. Zudem, io welcher Abstcht hatte ich mich dem Dienste der Meirichen gewidmet? Je mehr ich die Muhe «mpfano, welche die Der ol- gung von individuellen Zwecken kostet, desto mehr sah ich die Unfruchtbarkeit ihrer Aueführung ein. Das große gleichsam lebendige System der Ereignisse können wir vielleicht in seinem Vorwartsschreiteu verzögern, aber nicht aufhultcn und wenn wir es zu beschleunigen suchen, geben wir ihm nur einen gefährlichen und unnatürlichen Anstoß. „Osr, wenn ich im Fieber der Mitternacht in meinen eiusamen und untröstlichen Studien inue hielt, um auf das Tod verheißende Pulstren meines Herzens *) zu horchen, wenn ich in seinen schmerzlichen und unregelmäßigen Schlägen das Leben in mir erlöschen und ersterben *) Falkland litt von früher Jugend au viel a» eioem Herzüdel. ;s fühlte, that es niir in der innerste» Seele weh, zu denken, daß unr-r Allen, zu deren Bestem ich Gesundheit und Ju,>endgemiß aufopfer,e, o:ellwcht auch nicht Eurer sey, der an meinem Leb n Anheil nehme oder der meinen Tod durch eine Thräne ehren würde. Chalmers bat eine schone Grelle über den Mangel an Mitgefühl, von welkem wir in der Weit die Erfahrung machen. Don meiner früheren Jugend an hatre ich Eine, riefe, :»i>* b-.r-rrrscheNde, yrstig' Schiisüchr — zu li.beu und gelicb- zi: werden. Ich fand, als ich noch zu jung war, die Erfüllung dresce Traumes - er ging vorüber und nie habe ich ihn wieder gefunden. Die E.fahrnng langer uns bittrer Jahre lelrt mich mir Mißtrauen diese ferne Erinnerung der Vergangenheit betrachten und bezweifeln ob diese Erde wirklich ein Welen, eine Gestalt rrrvo:- bringen konnte, befriedigend die Ahnungen und Wünsche eines Herzens, das unter den kindischen Schöpfungei! der Fantaste so lange verweilt, das in sich ein erdichtetes Idol geformt harre, ausgestattet mit Allem was die Natur an Schönheit besitzt, und ihm eingehaucht den reinen aber biennendni Geist jener tiefsinnigen Liebe, der es sein Dasein verdankte. Wahr ins, mein Manuesalter hak meiner Jagend den Soleier der Täuschung abgenommen, und m.iu Nachdenken über - Tftarsachen der Wirklichkeit hat mich von dem träume ischcn Brüten über Fantasie- gebildrn losarrisscn; aber welchen Ersatz fand ich >n 5 der Wirklichkeit? Wenn jener Vers des Saty- rikers! ') 8ouvcnt cke lous vos ivsux I» r»i5uii est le pir«. auch nicht wahr ist, so glaubt ich doch, wie der >, Tolle von dem er spricht, einem Begebniß wenig Dank schuldig zu seyn, das, „wenn es mich ans einem Irrthum zog. mich auch zugleich meines Paradieses beraubte." Ich nähere mich dem Schluß meiner Bekenntnisse. Menschen, welche durch keine Bande an dir Welt geknüpft find, und flch an die Einsamkeit gewöhnt haben, empfinden bei jeder neuen Täuschung in jener, eine gesteigerte Sehnsucht nach den Freuden , welche diese bietet. Tag sür Tag versenkte ich mich mehr in mich selbst: „ich hatte kein Gefallen am Manne und auch nicht am Weibe." Bei meinem Ebrgeitz fand ich mich nicht hinsichtlich der Mittel, wohl aber des Zweckes getäuscht. Bei meinen Freunden hatte ich mich nicht über Verrath, aber über Unverstand zu beklagen; und nicht weil ich bei vertraulicheren Verbindungen verlassen, sondern weil ich derselben überdrüssig wurde, empfand ich am Ende keine Lust mehr, mich um ihre Liebe zu bewerben, und keinen Trimnf wenn ich sie wirklich gewann. Und so faßte ich nicht in augenblicklichem Verdroß, sondern in der Rohe der Uebersättigung den Entschluß mich zurückzuziehen, den ich jetzt ausgeführt habe. *) Boileim. Dnlwer'S Roman«. Xl.V. 2 54 Scheu vor meinem Geschlecht, aber zu jung um ganz für mich selbst zu leben, habe ich einen neuen Bund mit der Natur gemacht; ich bin hieher gekommen, ihn zu besiegeln. Ich bin wie ein Vogel, der in die Ferne weggezogen war, aber zuletzt zu seinem Nest zurückgekehrt ist. Aber Ein Gefühl lebt in mir, das seine Entstehung dem Leben in der Welt verdankt, und das mich auch jetzt begleitet, das meine Erinnerungen au die Vergangenheit heiligt, welches dazu beiträgt der Einsamkeit der Gegenwart ihre düstre Farbe zu benehmen — fragen Sic mich nach dem Wesen dieses Gefühls, Monkton? Es ist meine Freundschaft zu Ihnen. Derselbe an Denselben. Ich wollte, ich könnte Ihnen, mein lieber Monkton, auch mir die schwächste Vorstellung von der Wonne des Müssiggaugs geben. Sie gehöre» zu der Elafse, welche unter allen die geschäftigste obwohl die am wenigsten thätige ist. Männer des Vergnügens haben nie Zeit zu irgend etwas. Kein Rechts, gelehrter, kein Staatsmann, kein drängender und treibender, rastloser Diener am Rechentisch oder au der Börse ist so ewig beschäftigt, wie ein Pflastertreter in der Hauptstadt. Er ist an die Arbeit gefesselt durch eine Kette von unbeschreiblich viele» Nichts. Seine Unabhängigkeit und Geschäftlosig- keit dienen nur dazu ihn zu verstricken und zu verwickeln , und seine Muße scheint ihm unter der Be- LS dinguug gewährt, nie einen Augenblick für sich selbst zu haben. Ich wollte Sie könnten mich in diesem Augenblick scheu, in dem üppigen Wohlbehagen meines Sommersltzes, umgeben von Bäumen, von Wassern, von wilden Vögeln, von dem Gesumme, dem Farbenglanz, dem Jubel, welcher sichtbar und hörbar an einem Sommernachmittag durch die Schöpfung flutbet. Ich bin durch keine Aufdringlichkeit gestört. Ich bin durch kein Geschäft in Anspruch genommen. Ich lasse einen Augenblick in den andern hinüberglei- ten, ohne den Gedanken, daß der nächste durch ein geschäftiges Vergnügen oder einen ermüdenden Genuß ausgefüllt werden müße. Hier fühle ich alles Vermögen, hier versammle ich in Eins alle Hülfs- qnellen meines Geistes. Ich rufe mir meine Erlebnisse unter den Menschen zurück) und nicht irre gemacht durch die Leidenschaften und Vorurtheile, welche uns in der Einsamkeit zu verfolgen aufhöreu, weil ihre Wirksamkeit eigentlich auf dem Verkehr mit Andern beruht, suche ich meine Kenntniß des menschlichen Herzens zu vervollkommnen. Wer diese ächte Wissenschaft sich aneignen will, der muß in der Zurückgezogenheit die im große,. Leben gemachten Erfahrungen ordnen und zergliedern. Ach, Monktou, wenn Sie oft Ihr Erstaunen aussprachen über den Trübsinn, der meiner Gemüthsart so sehr anhängt: fiel Ihnen nie ein, daß meine Bekanntschaft mit der Welt ein genügender Erklärnngsgrund dafür sey? — Diese Kenntniß taugt weder für den Tngendhaftey noch für 3 * 2 « den Glücklichen. Wer kann Pech anrührcn und sich nicht besudeln? Wer kann die Wirkungen des Scknnerzevs ansebcn und sich freuen, oder mit der Schuld sich verbünden und rein bleiben? Mein Verkehr mit Menschen nicht allein in ihrem gewöhnlichen Treiben, sondern auch in ihren bewegten Stimmungen hat mich sie kennen gelehrt. Ich stieg hinab in die Schlupfwinkel des Laster«; ich habe Lehrstunden genommen im Bordell und im Spiclhaus; ich habe die Empfindung in ihren unbewachten Ausbrüchen beobachtet, und aus der raschen That des Augenblicks Schlüffe gezogen, welche eine ganze frühere Handlungsweise Lügen straften. Aber jede Kenntntß gibt uns Verdruß und Unmuth, und diese Kenntniß am meisten — der Ueberdruß am Guten, die argwöhnische Ahnung des Schlechten, das Hinsterben unsrer jungen Träume, die zu früh eintretende Eiskälte des Alters, die theilnahmlose, zwecklose, freudlose Gleichgültigkeit, welche der übermäßigen, fieberhaften Aufregung folgt - das ist das Loos der Menschen, welche für den Erwerb von klarer Einsicht die Hoffnung anfgaben, und indem sie die Triebfedern des menschlichen Handelns kennen lernen, Personen und Sachen verachten lernen, welche fie vordem als göttlich entzückten. Derselbe an Denselben. Ich schrieb Ihnen, mein lieber Monkton, in meinem ersten Briefe von meinem Lieblingsanfcnthalt ia den Besitzungen des Herrn Mandeville. Ick habe eine solche Vorliebe dafür gefaßt, daß ich de» größten Theil des TagS dort zubringe. Ich gehör« nicht zu den Leuten, welche nicht anders spazieren gehen können als mit einem Buch in der Hand, als ob weder die Natur noch ihre eignen Gedanke» ihnen eine vernünftige Unterhaltung zu bieten vermöchten. Ich wandte hier mehr in der Eigenschaft eine» Mitssig- gäugcrs, als in der eines Gelehrten umher; ein kleines Bächlein das durch die Fluren rieselt. mündet zuletzt in einen tiefen, klaren, durchsichtigen Fee. Da verbreiten Föhren. Ulmen und Eichen ihre Z neige über de» Rand, und unter ihrem Schatten verbringe ich alle Nachmittagsffunden in dem Wohlbehagen eines fantastischen Traumlebens. Wahr ist es indeß, daß ich nie weniger müssig bin als wenn ich es am meisten scheine. Ich bin wie Prosper auf seinem öden Eiland und umgebe mich mit Geistern. Ein Zauber bewegt daS zitternde Laub, jede Welle rauscht mit ihrer eignen Musik gegen mich heran, und ein Ariel scheint die Geheimnisse jedes Lüftchens anszuplandcrn, welches mit den Wohlgerüchen des Westens beladen um meine Srirne spielt. Aber glauben Sie nicht, Monkton, cs seyen lauter gute Geister, welche die Schlupfwinkel meiner Einsamkeit heimsncken. Um das Bild bis zur Uebert-eibung durchzuführen: Erinnerung ist meine Sycorar und Trübsinn ist der Ealiban, welchen sie gebiert. Aber lassen Sie mich von meiner Peison anf meine minder eiteia Beschäf- S8 tigungen übergehen — ich habe neuerer Zeit meinen Gedanken einigermaßen eine andre Richtung gegeben durch die Wiederaufnahme eines Studiums, welchem ich einst besonders ergeben war: der Geschichte. Haben Sie wohl schon die Bemerkung gemacht, daß Leute, welche am meisten für sich selbst leben, am meisten ihre Aufmerksamkeit auf Andre richten, und daß wer in Milte von Millionen lebt, nie an Jemand sonst denkt als das Eine Individuum - sich selbst? Filosofen, Moralisten, Historiker, deren Nachdenken, Arbeit und Leben der Betrachtung der Menschheit oder der Untersuchung geschichtlicher Ereignisse gewidmet war, haben gewöhnlich eine auffallende Vorliebe für die Einsamkeit und Zurückgczogeuheit gehabt. Wir sind wahrhaftig so an unsre Mitgeichöpfe gekettet, daß, wofern uns nicht das thätige Leben an sie fesselt, der Gedanke uns zu ihnen hiuführt und mit ihnen verbrüdert. Ich habe so eben meines Lieblings Bolingbrvkc Betrachtungen über die Geschichte deenlügt. Ich kann ihm hinsichtlich ihrer Nützlichkeit nicht dei- stimmen. Je mehr ich darüber nachdunke, desto mehr überzeuge ich mich, daß das Studium derselben im Ganze» der Menschheit verderblich gewesen ist. Durch jene Erzählungen die immer ebenso unpassend sind rücksichtlich der daraus abgeleiteten Schlüsse, als sie offenbar hinsichtlich ihre- historischen Wahrheit zweifelhaft bleiben, werden Parreiincht und allgemeines Borurtheil unterstützt und erhalten. Da ist kein IS Mißbrauch, kein« Unduldsamkeit, kein Ueberbleibsel von alter Barbarei und Unwissenheit, noch heut zu Tage bestehend, welche nicht gerechtfertigt und wirklich bestätigt würden durch eine unbestimmte Hinweisung und Berufung auf die Bigotterie eines unwissenschaftlichen Chrvnikenschreibers, oder die Dunkelheit einer unflchern Legende. Durch die beständige Berufung auf unsre Vorfahren überliefern wir Heil- lostgkeit und Unrecht uusern Nachkommen; um ein aus der Gegenwart stammendes Uebel in Kraft zu erhalten würden wir die klarsten und bündigsten Beweise verlangen; aber die armseligste Verthe«digung genügt für einen durch die Barbarei der Vorzeit uns vermachten Uebelstand. Wir nrtheilen von dem aus, was selbst in alten Zeiten zweifelhaft war, als ob wir von Sätzen ausgingen, welche in unsrer Zeit über jede Anfechtung erhaben seyen. Und so haben wir es dahin gebracht, daß eS keint so mächtige Bestätigung für Mißbräuche gibt, als die Geschichte und keine so gefährliche Feinde für die Gegenwart als — die Vergangenheit. Lady Emilie Mandeville au Mrs. St. John. Endlich, meine liebe Julie, bin ich in meinem reizenden Wohnsitz eingerichtet. Mrs. Daltvn und Lady Margarete Leslie stnd die einzigen, welche ich vermochte mich zu begleiten. Herr Mandeville ist »oll von den Korngesetzen. Er ist zum Präsidenten 4 « eines besoudern Ausschusses im Unterhaus gewählt worden. Er murmelte im Schlaf von landwirthschaft- lichen Uebelständen, und als ich ihn einmal gelegentlich bat zu mir herab zu kommen, fuhr er aus seiner Träumerei auf und rief: „Nie, Herr Sprecher, als ein begüterter Landbesitzer, nie werde ich meine Zustimmung zu meinem eignen Ruin geben!" Mein Knabe, mein beständiger, mein lieblicher Begleiter ist bei mir. Ich wollte Sie könnten sehen, wie schnell er laufen und wie gescheut er sprechen kann. Welch eine hübsche Figur er hat, für sein Alter! sagte ich dieser Tage zu Herrn Maudeville. „Figur? Alter?" sagte sei» Vater, „im Hause der Gemeinen wird er in jedem Alter eine Figur machen!" Ich weiß daß Sie nicht zufrieden seyu werden, wenn ich Ihnen in meinem Brief nicht recht viel von mir schreibe. Ich will also noch hiuzusetzen, daß ich mich in Folge der Last und der Reiseanstren- gung, der Unterhaltung mit meinen zwei Gästen und vor allem der beständigen Gesellschaft meines lieben Kindes viel besser fühle. An seinem letzten Geburtstag war es drei Jahre alt. Ich denke, daß ich, ai Jahre alt, das weniger kindische von uns beiden bi». Ich bitte Sie, mich allen in der Stadt in Erinnerung zu bringen, welche mich nicht ganz vergessen haben. Bitten Sie Lady-an Elisabeth eine Subskriptionskarte zum Almack zn schicken — und — o da ich von Almack schreibe, ich meine die 41 Augen meines Sohnes seyen noch blauer und schöner als die der Lady 8 — —. Adieu meine liebe Julie Immer u. s. w. E. M. Lady Emilie Mandeville war die Tochrer deS Herzogs von Lindvale. Sie heirathete, -L Jahre alt, einen Manu von großem Vermögen und einiger parlamentarischen Bedeutung. Weder in Person »och in Charakter stand er viel über oder unter dem gewöhnlichen Menschenschlag. Es war eines der Meisterstücke der Natur in der Manier Macadams. Sein größter Fehler war seine Gleichheit und Eben- heit; man sehnte sich nach einem Hügel, trotz der Mühe, ihn zu ersteigen oder nach einem Stein, mochte er auch im Wege liegen. Die Liebe heftet sich au etwas Hervorragendes, sollte es auch Etwas leyn, was Andre hassen. Schwerlich kann man für Mittelmäßigkeit starke Gefühle haben; die wenigen Jahre, welche Lady Emilie vermählt war, hatte» ihren Charakter nur wenig verändert. Rasch von Empfindung obgleich in ihrer Gemüthsart gemäßigt; munter, weniger aus Leichtsinn als in Folge jener ersten Schnellkraft eines Herzens, das nie irgend einen Anlaß zur Schwermuth erlebt hatte; schön und rein wie der Traum eines Schwärmers vom Himmel, aber im Innern die geheime, mächtige Leidenschaft der Erde hegend, legte sie in Alles eine Unbefangenheit und Unschuld, welche ihre so frühe Vermählung «2 und das nüchterne Wesen ihres Gemahls eher zu vermehren als zu vermindern geeignet waren. Sie besaß viel von dem was man Seelenadrl nennt — die warme Aufwallung, die lebhafte Empfänglichkeit — die Bewunderung für das Große, die Liebe zum Guten und jene gefährliche Derachtuug gegen alles Gemeine und Unwürdige — eine Gesinnung deren unbeschränkte Aeufferung schon als rin Sünde gegen die Gewohnheiten der Welt gilt. Ihre Neigungen jedoch waren zu weiblich und sittsam nm sie je das richtige Maß überschreiten zu lassen; sie waren mehr geeignet die geheimen Tiefen ihres Wesens zu verhehlen als zu offenbaren, und unter dieser dem Auge sich darstellenden Oberfläche des Betragens, welche sie mit ihren Standesgenvssen und Freundinnen gemein hatte, verbarg sie die Schätze einer Goldgrube, die kein menschliches Auge geschaut hatte. Ihre von Natur zärtliche Gesundheit hatte kürzlich durch die Londoner Vergnügungen sehr gelitten, und auf den Rath ihrer Aerzte war sie jetzt nach E-gekommen hier den Gommer zuzubringen. Lady Margaretha Leslie, alt genug um der Launenhaftigkeit der Gesellschaft satt zu seyn und Mrs. Dalion, so eben durch den Tod ihres Gemahls beraubt und deßhalb für den Augenblick von den geselligen Lustbarkeiten ausgeschlossen, hatten sich dazu verstanden, sie in ihre Zurückgezogenheit zu begleiten. Keine von beiden vielleicht paßte recht für Emiliens LZ Gemüthsart, aber Jugend und Frohsinn machen, daß man beinah mit Jedem auekommt; erst mit den Jahren, weiche unsre Gewohnheiten verstärken und mir den Betrachtungen, welche unfern Geschmack verfeinern, tritt der Fall ein, daß es leicht ist, bei Einem anzustoßen uud schwer Einem zu gefallen. Am dritten Tag nach Emiliens Ankunft in E- saß sie nach dem Frühstück bei der Lady Margaretha und Mrs. Dalton. „Bitte," begann jene, „kamen Sie noch nie mit meinem Verwandten, Herr Falkland, zusammen? er wohnt in Ihrer allernächsten Nachbarschaft." „Nie, obgleich ich sehr begierig wäre ihn zu sehen; die schöne alte Ruine jenseits des Dorfes gehört, glaube ich, ihm." „Go ist es; Sie sollten ihn kennen leinen, er würde Ihnen sehr gefallen!" „Gefallen!" wiederholte Mrs. Dalton, eine der Personen von Ton, welche obgleich in der Gesammtheit Alles, als Einzelne, — Nichts sind - „Ihnen gefallen? unmöglich!" „Nun!" sagt« Lady Margaretha aufgebracht, „er hat doch alle Erfordernisse zum Gefallen — Jugend, Talente, ein bezauberndes Benehmen und große Weltkeuntniß." „Nun gut," versetzte Mrs. Dalton, „ich kann nicht sagen, daß ich solche Vollkommenheiten an ihm entdeckt hätte. Mir schien er eingebildet und satyrisch und — und - kurz sehr unangenehm - aber es ist wahr, ich habe ihn auch nur Einmal gesehen." „Ich habe viele Urtheile über ihn gehört," sagte Emilie, „alle von einander abweichend; ich meine jedoch die all- 41 gemeint Meinung der Leute neige sich mehr zur Ansicht der Mrs. Dalton als zur Ihrigen, Lady Margaretha!" „Das kann ich wohl glauben. Gehr ,clten nur setzt er sich in Unkosten um zu gefallen; aber wenn er es thut so ist er unwiderstehlich. Inzwischen ist nur sehr Weniges von ihm allgemein bekannt. Seit er ins männliche Alter trat, war er viel im Ausland, und, wenn auch in England, ,mischte er sich nie mit vi-l Neigung in die Gesellschaft. Man nimmt von ihm an er habe ganz ausserordentliche Talente, welche neben einem «roßen Vermögen und einem alten Namen ihm ein Ansehen und einen Rang geben, wie selten ein so junger Mann genießt. Er hatte wiederholte Anerbietungen, ins Staaksleben einzutreten, auegelchlagen, aber er ist sehr vertrant mit Einem der Minister, der, wie man sagt, so klug und gewandt war, aus seinen Talenten großen Wortheil zu ziehen. Alle andere ihn bet>essenden Nachrichten sind äusserst ungewiß, lieber seine Persönlichkeit und sein Benehmen thun Sie am besten selbst zu urthcilen, denn ich bin gewiß, Emilie, daß meine Bitte, ihn hieher einzuladen, bereits gewährt ist." „Allerdings," antwortete Emilie. „Sie können nicht begieriger seyn ihn zu sehen als ich." Und hiemit verlief sich das Gespräch. Lady Margaretha ging in die Bibliothek, Mrs. Dallon setzte sich auf die Ottvmanne und rheilte ihre Aufmerksamkeit zwischen dem neusten Roman und einem italienilche« Windspiel, und Emilie verließ das 45 Zimmer um ihre früher» Lieblingsxlätzche» wieder zu besuchen. Ihr kleiner Sohn war ihr Begleiter, und sie ließ es sich nicht am'echtcn, daß fle keinen ander» hatte. Um die Erzieherin ihres Kindes zu seyn, sollte eine Mutter dessen Gespielin werden; und Emilie war vielleicht weiser als sie sich vorstellte, wenn sie mit lächelndem Auge und leichtem Fuß über das Gras hinlief, und sich beinah eben so ernstlich als ihr Kind diesen kindischen Ecgöhlichkciten hingab. Als sie durch das Gehölz kamen, das zu dem See im Mittelpunkt der Ländereien führte, blieb der Emilien voranlanfende Knabe plötzlich stehen. Sie eilte hastig auf ihn zu, und kaum zwei Schritte vcr sich, obgleich halb versteckt durch das steile User des Sees unter welchem er sich nicdergelcgt, sah sie einen Mann augenscheinlich im Schlaf. Ein Band von Shakspeare lag neben ihm, das Kind hatte ihn gefaßt. Als fle ihm das Buch abnahm um cs wieder an fernen Ort zu legen, blieb ihr Auge auf der Stelle haften, welche der Anade zufällig anfgeschlagen hatte. Wie oft nr später» Tagen trat diese Stelle wie eine Vorbedeutung vor ihre Seele! es war folgende: Weh mir! nach Allem was ich jemals las. Und jemals hört' in Sagen und Geschichten, Rann nie der Strom der treuen Liede sanft. Sommernachtstranm. Als sie das Buch leise hinleztc, warf sie einen flüchtigen Blick auf das Angesicht des Schläfers; nie 4S vergaß sie den Ausdruck welchen es trug — finster, stolz, trübsinnig selbst im Schlummer! Sie wartete sein Erwachen nicht ab. Sie eilte durch die Bäume nach Haus. Diesen ganzen Tag war sie schweigsam und zerstreut; jenes Angesicht schwebte ihr wie ein Traum vor. So seltsam dieß erscheinen mag: sie sprach weder der Lady Margaretha nach der Mrs. Dalton von ihrem Abenteuer. Warum wohl? Haben unsre Herzen ein Vorgefühl ihres künftigen Unglücks? Am folgenden Tag wurde Falkland, der die Einladung der Lady Margaretha erhalten und angenommen, zum Essen erwartet. Emilie empfand eine heftige aber verzeihliche Neugier einen Mann zu scheu, von dem sie so viele und widersprechende Erzählungen vernommen hatte. Sie war im Saal Mein, als er eintrat. Auf den ersten Blick erkannte ße in ihm die Person, welche sie Tags zuvor am See getroffen hatte, und erröthete heftig als sie seinen Gruß erwiederte. Zu ihrem großen Trost traten nach wenigen Minuten Lady Margaretha und Mrs. Dalton ins Zimmer und das Gespräch wurde allgemein. Falkland hatte in seinem Betragen wenig von dem was mau Lebhaftigkeit nennt; aber sein Witz, obwohl er selten das Gewand der Freude annahm, war sarkastisch und doch fein und die Lebendigkeit seiner Einbildungskraft warf einen Glanz und ein Gepräge von Neuheit auf Bemerkungen, welche im 47 Mumde Andrer vielleicht schaale Gemeinplätze gewesen wären. Das Gespräch drehte sich hauptsächlich um die Gesellschaft; und Emilie, welcher Lady Margaretha gesagt hatte, daß Falkland nur wenig in das eigentliche Wesen und Treiben davon sich eingelassen, war dennoch eben so sehr durch seine genaue Keuntniß der Menschen, und die Gerechtigkeit seiner Urthcile über ihr Betragen überrascht. Mit seiner Satyre vermischte sich auch gelegentlich ein Zug von schwcrmü- thiger Empfindung, was Emilien um so rührender vorkam, als cs immer unerwartet und »»gesucht war. Nach einer solchen Aeufferuug getraute sie sich zum erstenmal das Anziehende und Eigenthümliche im Angesicht des Redenden genauer zu untersuchen. Es war darüber der gemischte Ausdruck von That- kraft und Schlaffheit verbreitet, welcher audeutet, daß der Inhaber viel Stürme von Gedanken oder Sorgen, Leidenschaften oder Thaten durchgemacht, ihnen jedoch widerstanden habe; daß er davon ermattet jedoch nicht unterlegen sey. Auf der breiten und edlen Stirne, in dem feingeschnittenen Mund und der melancholischen Tiefe des ruhigen und sinuendeu Auges wohnte eine Entschlossenheit und eine Kraft, die obwohl düster, doch nicht ohne Stolz waren, und die, wenn-sie das Aergstc erduldet, ihm doch Trotz geboten hatten. Trotz der fremden Herkunft seiner Mutter war seine Gesichtsfarbe schön und blaß, und sei» lichtnußbraunes Haar fiel in reichen Locken alter- 48 thümlich über seine Stirne. Diese Stirne '/«achte wirklich den auffallendsten Zug seiner Gesichts bilbung aus. Nicht alleiu in ihrer Höhe oder Mächtigkeit bestand ihre ausnehmende Schönheit; we'.in je der Geist zur Erzeugung, der Muth zur Ausführung hoher Plane verkörpert und sichtbar war, so trug diese Stirne deren Stempel davon. Falkland blieb nach dem Essen nicht lange; aber der Lady Margaretha versprach er hinsichtlich der Länge und häufigen Wiederholung seiner künftigen Besuche Alles was sie verlangte. Als er das Zimmer verließ, trat Emilie unwillkürlich aus Fenster, um ihn Weggehen zn sehen, und diese ganze Nacht klang ihr seine tiefe und sanfte Stimme im Ohr, gleich der Musik eines verworrenen nnr halb im Gedächtniß gebliebenen Traumes. Herr Mandeville an Lady Emilie. Meine liebe Emilie! Geschäfte von großer Wichtigkeit für das Land haben mich abgehalten Ihnen früher zu schreiben. Ich hoffe Sie haben sich fortdauernd wohl befunden seit ich zuletzt von Ihnen hörte, und thnn Alles was in Ihrer Macht ist, um fortwährend unnöthige Ausgaben einzuschränken, und auf eine umsichtige Sparsamkeit jene Aufmerksamkeit zu verwenden, welche eben so sehr Pflicht der Individuen wie der Nationen ist. In der Voraussetzung daß Sie sich in E- sehr langweilen und immer darauf bedacht, Sie eben 4 ? so sehr zu unterhalten als zu belehren, schicke ich Ihne» einen trefflichen gedruckten Aufsatz von Herrn Tooke, *) nebff meinen eignen zwei letzten Reden, von mir selbst korrigirk. In der Hoffnung bald von Ihnen zu hören, bin ich unter herzlichen Grüßen an Henry mit aller Zärtlichkeit der Ihrige John Mandeville- Erasmus Falkland Esq. an den Ehren- werthen Friedrich Monkton. ") Nun, Monkton, ich bin in E — — gewesen; dieß wichtige Ereigniß in meinem Mönchsleben ist vorüber. Lady Margaretha war redselig wie immer; und eine Mrs. Dallon» eine Bekannte von Ihnen, wie ich merkte, erkundigte sich sehr angelegentlich nach ihrem Pudel und Ihnen. Aber Lady Emilie! Ja, Monkton, ich weiß nicht reckt, wie ich diese Ihnen beschreiben soll. Ihre Schönheit zieht nicht weniger an als fle blendet. In jedem Wort und jeder Handlung von ihr liegt jene tiefe und beredte Santtmukh, die unter allen Reizen der gefährlichste ist. Doch ist sie mehr scherzhafter als schwermüthiger und stnniger Gemüthsart, wie doch meist neben sol- ch'r Zartheit des Benehmens sich findet; aber ihr Charakter ha t nichts Leichtsinniges und ihre Mnvter- *) Staatswirtbschastlicher Schriftsteller. Ein Brief Falklands worin er der Lady Margaretha Einladung erwähnt, blieh weg» Dulwer's Roman«, X,l»V. 4 so keit des Geistes geht nie bis zu dem Grade, welchen wir als Lustigkeit bezeichnen. Sie scheint, wenn ich diesen Gegensah machen darf, zu gefühlvoll um lustig und daneben zu unschuldig, um trübsinnig zu seyn. Ich erinnre mich mit ihrem Gemahl häufig zusam- mengekommen zu seyn. So kalt und feierlich ist er, so ohne Alles was die Einbildungskraft anspricht oder die Neigung gewinnt, daß ich mir kein Wesen denken kann, das weniger geistesverwandt wäre seiner schönen, gemüthvollen Frau. Aber sie muß ausnehmend jung gewesen seyn als sie ihn heirathete und wahrscheinlich begreift sie noch nicht, wie sehr sie zu bemitleiden ist, daß sie noch nicht das Vermögen der Liebe in sich hat kennen lerne«. veggio in kionle »mor coino in suo seggio 8ul crin, uegli ooclii — su le labe» »inore 8ol ä'iotoruo »I suo cuore smor uou v«Mo. *) Ich bin seit meinem ersten Besuch in ihrem Hause zweimal dort gewesen. Ich höre gern diese sanfte, bezaubernde Stimme und flüchte gern aus dem trüben Dunkel meiner Gedanken, in die lichtglänzende Unschuldswelt der ihrigen. In meinen frühem Tagen würde dieser tröstliche Genuß von Gefahr begleitet gewesen seyn; aber man wird hart durch das Uebermaß der Empfindungen. Wir können *) In Stirn' und Haltung seh' ich Liebe, wohne» Seh' ich im Haar, im Aug' sie, aus der Lippe, Und nur im Herzen seh' ich sie nicht thronen. St die Asche nicht wieder entflammen! Ich kann ihre traumartige Schönheit berrachien, ohne anch nur Ein Verlangen zu fühlen, das die Reinheit meiner Verehrung befleckte. Ich horche ihrer Glimme zu, wenn sie in Uebkoscnder Weichheit hinscdmilzt bei ihren Vögeln, ihren Blumen oder mit tiefeier Innigkeit, bei ihrem Kinde; aber mein Herz ge,äkh nicht in Aufruhr bei der Holdseligkeit dieser Töne. Ich berühre ihre Hand und der Pulsschlag der mci- nigeii bleibt so ruhig wie zuvor. Sattheit an der Vergangenheit ist die beste Schuhwache gegen die Versuchungen der Zukunft, und die Gefahren der Jugend sind vorüber sobald sie es zu dem Stnmpf- sinn und der Fühllosigkeit gebracht hat, welche der ausschließliche Besitz des empfindungslosen Alkers seyu sollten. Ließ waren Falklands Ansichten zur Zeit wo er schrieb. Ach! was ist so trügerisch als unsre Neigungen! Unsre Sicherheit ist unsre Gefahr — unser verachtender Trotz unsre Niederlage. Tag für Tag ging er nach E-, den Morgen brachte er zu mit Ausflügen in Gesellschaft Emiliens in der wildromantischen Gegend, welche sie umgab; und in der gefährlichen aber köstlichen Stille der Sommerabend- Dämmerungen belauschten sie die ersten leisen Stimmen ihrer Herzen. In seiner Verwandtschaft mit Lady Margaretha fand Falkland eine Entschuldigung für seine häufigen 4 * rr Besuche; und selbst Mrs. Dalton war so bezaubert durch sein hinreißendes Wesen, daß sie, trotz ihrer früheren Mißbilligung, zu untersuchen vergaß, in wiefern seine tägliche Anwesenheit in E-im Widerspruch stehe mit den von ihr angebeteten Schick- lichkciksgesetzen der Welt, oder in welchem Grad fle flch auf ihre eigne Person beziehe. Ich kann mich dessen überheben, durch alle Windungen und Krümmungen das Entstehen einer Neigung zn verfolgen, deren später» Verlauf ich zu erzählen im Begriffe bin. Was ist so überirdisch, so schön, als die Liebe des Weibes in ihrem ersten Entstehen? die Himmelsluft ist in ihrem Wallen und Weden nicht reiner, das Sonnenlicht in seiner Wärme nicht heiliger! O, warum muß sie ihrem Wesen nach entarten, während sie an Stärke zunimmt? Warum muß der Fußtritt, welcher dem Schnee ein Bild eindrückt, ihn auch verunreinigen? Wie oft, wenn Falkland diesem schuldlosen, aber aufgeregten Auge begegnete, das ihm jene innern Geheimnisse enthüllte, welche Emilie, zu ihrem Glücke, noch eme Zeitlang selbst nicht wußte; wenn, wie eine Quelle unter Blumen, ihre Herzensgüte über die Anmnth ihres Benehmens gegen ihre Umgebungen, und über ihr thätiges Wohlwollen gegen Untergebene sich verbreitete: wie oft wandte er sich ab mit einer Verehrung, zu tief für die Selbstsucht menschlicher Leidenschaft, mit einer Zärtlichkeit, zu heilig für ihre Wünsche. In dieser Stimmung , dem frühesten und .. - I H, iMsUMl'N' unfruchtbarsten Vorzeichen achter Liebe, schrieb er folgenden Brief: Erasmus Falklaud Esq. an den Vhren- werthen Friedrich Monkton. Ich habe zwei bis drei Mahuungsschreiben von meinem Oheim erhalten. „Der Sommer," so schreibt er mir, „rückt vor und du bleibst fest in deiner trägen Ruhe sitzen. Noch hast du einen großen Theil Vmopas nicht gesehen; und da du weder in die Gesellschaft treten willst, um eine Gemahlin zu suchen, »och ins Haus der Gemeinen, um Ruhm zu gewiu- uen, so verwende doch wenigstens dein Leben so lange du noch frei und ohne Fesseln bist, zu khätigen Bestrebung,«, welche nachher die Muße versüßen werden, ober zu jenen Beobachtungen und dem Lebensgenuß unter Andern, wodurch du deine inner« Hülfs« quellen vermehrst." Das Alles klingt recht schön; aber ich habe mir schon mehr Kenntnisse erworben als ich sür mich ober Andre je brauche und ich bin nicht geneigt, hier die Ruhe aufzngeben, um der Möglichkeit willen anderswo Vergnügen zu finden. Vergnügen ist in der That ein Sonntagsgefühl, daS Einem im alltäglichen Leben nicht begegnet. Wir verlieren einen jahrelangen Frieden, wenn wir dem Entzücken einer Stund« nachjagen. Ich weiß nicht ob Sie je schon das Gefühl hatten, wie das Daseyn dahin fiuthet ohne seinem ganzen Gehalte nach ausgebeutet worden zn se?n; ich 54 für meine Person bin mir nie des Lebens bewnßt, ohne zugleich mir auch dessen bewußt zu seyn, daß ich mich nicht im höchsten, möglichen Graoe desselben erfreut habe. Da« ist «in schmerzliches Gefühl und da« bitterste daran ist unsre Ohnmacht, cs los zu werden. Meine Trägheit will und kann ich nicht vertheidigen» und doch ist sie mehr Folge der Nolh- wendigkeir als der Wahl; es scheint mir es gibt nichts in der Welt was mich daraus erwecken könnte. Ich wünsche mir Tätigkeit, aber ich finde keinen Beweggrund, mächtig genug mich darein zu versetzen: lassen Sie mich also in meinem Müsstggang, wo ich Loch nicht wie es in der Welt der Fall ist, unthärig und dabei von Andern abhängig bi»; wo ich welligsten» das Fehlende durch einen gewissen Fchein von Freiheit ersetze, welchen allein die Zurückgezogenheit verleihen kann. Meine Abgeschlossenheit ist nicht mehr Einsamkeit, doch schätze ich ste deßhalb nicht minder. Ich bringe einen großen Tkeil meiner Zeit in E- zu. Einsamkeit ist für Menschen von nachdenklichem Geiste anziehend nicht sowohl weil ste an ihren eignen Gedanke» Freude haben, als weil ste an denen Andrer keine Freude haben. Die Einsamkeit hört auf ein Genuß zu seyn, sobald wir nur ein Wesen finden dessen Smvfindungen und Gedanken uns angenehmer find als unsre eignen. Ich habe Ihnen glaub' ich nr-ch nicht die Persönlichkeit der Lady Emilie beschrieben. Eit ist groß und leicht, aber schön gebaut. LS Die Krankheit, welche sie Mitten in der Saison nöthigte, den Aufenthalt in London mit S-zu vertauschen, hat ihrer Wange eine zartere Färbung gegeben als sie, denke ich, von Natur hat. Ihre Augen sind hell, aber die Augenwimpern lang und dunkel; ihr Haar ist schwarz und üppig und sie trägt et aus eine ihr eigene Art; aber ihr Benehmen, Monktv»! wie kann ich Ihnen den bezaubernden Reiz desselben schildern? so einfach und deßhalb so tadellos, so bescheiden und doch so innig, scheint sie, indem sie die Erfahrungen des Weibs machte, nur die Reinheit des Kindes vervollkommnet zu haben; und jetzt nach Allem was ich Ihnen gesagt, empfi ide ich mir noch tiefer die Wahrheit von Bakons Bemerkung, daß ,,da< Beste an der Schönheit Dasjenige ist, was kein Gemälde ausdrücken kann." Ich bin in Verlegenheit diese Schilderung zu beendigen, weil mich dünkt ich habe kaum angefangen; ich fühle kein« Last sie fort;usetzen, weil mir jedes Wort klarer die Geheimnisse meines Herzens zu enthüllen scheint, welche ich gerne vor mir selbst verhehlt hätte. Noch liebe ich nicht; denn die Zeit ist vorüber wo ich leicht in Leidenschaft gericth; aber ich will mich nicht dieser Gefahr ausseyen, deren Wahrscheinlichkeit vorauszusehen ich Profet genug bin. Nie soll dieß reine und unschuldige Herz durch «inen Mann entweiht werden, der sein Leben Hingabe, um ihm das leichteste Mißgeschick zu ersparen. Ich L« finde in mir einen mächtigen Anwalt für die Wünsche meine« Oheim«. Nächste Woche werde ich in London seyn, bi« dahin leben Sie wohl. E. F. W-iin das Eprückwort sagt: „Jupiter lacht bei cines Verliebten Gelübden," so beabsichtigt es, rück- sichtlich des gewöhnlichen Laufs der Dinge, nicht ihre Ungu richkigkcit, sondern ihre Unbeständigkeit zu verspotten. Andre betrügen wir weit weniger als Uns selbst. Was waren für Falkland Entschlüße, welche ein Wort, ein Blick umstotzcn konnte ? Ja der Welk hätte er seine Gedanken zerstreuen können; in der Ewsamkeir drängte er sie auf Einen Punkt zusammen; denn die Leidenschaften lassen sich, wie die Stimmen der Natur, allein in der Einsamkeit vernehmen. Er beschwichtigte seine Seele gegen die Vorwürfe seines Gewissens; er ergab sich selbst der Berauschung eines so goldne» Traumes; und in dieser herrlichen Landschaft stiegen wie ein Opfer an deu Svmmei Himmel, die Weihiauchgluten zweier Herzen empor, welche eben durch diese an sich selbst so strafbaren Flammen, jedes andre in ihnen entstehende Gefühl gereinigt und geadelt hatten. Das Land hat Gott, der Mensch die Stadt gemacht, sagt die viclbernfene Stelle; und die in beiden geweckten Gefühle sind eben so je nach d-m Genius des Orts verlchieden. Wer möwte die zerstückelten und getheilteu Neigungen, welche in Städten entstehen, mit tenjenigen vergleichen, welche kein Menschen- ^ 7 ^ 5 / gewühl durch dargebotne Versuchungen trennen, keine Zerstreuung mit ihren Leichifertigkeiten beflecken kann? Ich habe oft gedacht: wäre die Ausführung der Atala der Anlage gleich gekommen, kein menschliches Werk hätte dieß an Großartigkeit übertroffen. Welches Gemälde ist einfacher und zugleich erhabner als die ungeheure Einsamkeit einer menschenleeren Wild» niß, die Wälder, die Berge, die ganze Fyffoguomi« einer Natur, in die frische und doch gigamische Form einer neuen und unrntweihmi Welt gegossen, und in diesen stillsten und erhabensten Tempeln des großen Gottes nur der Geist der Liebe waltend und Licht über Alles hinverbreikend? Zweites u c h. ES ist gefährlich für Frauen, so weise es bei Männern seyn mag, „mit ihren eignen Herzen z« verkehren und sich stille zn verhalten." Fortwährend die Tborheiten der Welt mitzumachen — daran hätte Emilie viel klüger gethan, als sie zu fliehen; inne halten, sich von dem Schwarme trennen — das hieß die Leere ihres Dascyns entdecken, fühlen nnd darübermurren; und es mit den Empfindungen erfüllen, welche es nun ungestüm verlangte, das hieß für sie nichts Anderes als Stoff zur Verzweiflung anhäufen. Vermählt, noch «he sie einen Schritt in der Kittern Schule der Selbstkenntniß gethan, mit einem Manne welchen zn lieben unmöglich war, und doch von der Natur mit einer Seele so voll Zärtlichkeit ausgestattet, daß sie alles was ihr nahe war damit überströmte, konnte sie dem Bewußtseyn des Elends nur so lang entgehen, als das Gefühl in ihr schlummerte. Die Geburt ihres Sohn« hatte ihr rin neues Feld von Empfindungen eröffnet und sie entlehnte den besten Reih für ihr eignes Daseyn von dem Leben, das sie einem Wesen gegeben hatte. Hätte sie Falkland nie gesehen — all die tiefer» Quellen der Zärtlichkeit hätten sich in ein einziges, rechtmäßiges S9 Brite ergossen; aber wen Er zu fesseln und zu bezaubern wünschte, der hatte nie seiner Macht widerstanden und die Neigung, welche er einflößte, stand im Vcrhälkniß zu her Stärke lind brennenden Heftigkeit seines eignen Wesens. E« war für Emilie Mandeville unmöglich, einen Mann wie Falkland zu liebe», ohne sich bewußt zu werden, daß von diesem Augenblick an ihr besonderes und selbstisches Dasey» aufgehört hatte. Unsre Sinne können uns durch den Zauber der Schönheit gefangen nehmen; aber einen so oberflächlichen Eindruck kann die Entfernung in Vergessenheit bringen, oder die Vernunft überwinden. Unsre Eitelkeit kann durch hohen Stand bestochen werden; aber die Neigungen der Eitelkeit sind in Sand gezeichnet; Wer aber kann den hohen und edeln Geist lieben, ohne zu empfinden, daß die durch ihn erweckten Gefühle an seiner eignen Stärke und Unsterblichkeit Antheil haben? Er erhebt, verstärkt, steigert alle unsre Empfindungen, selbst die feinsten und verborgensten. Liebst du das Gemeine — so können alltägliche Gegenstände ein Gefühl verdrängen oder zerstören, weiches durch einen alltäglichen Gegenstand geweckt wurde. Liebst du aber was Einem in der Armseligkeit und Abgeschmacktheit des gewöhnlichen Treibens nicht wieder vorkommk; wie kann man sich dann nach einem neuen Gegenstand umsehen, um den zu ersetzen, der auf Erden nicht mehr seine« Gleichen bat? Das Erwachen aus einem solchen Wahnsinn ist wie die so Rückkehr an« dem Feensand; und noch voll von der fri chen Erinne, ung an einen Hellen, unverwüstlichen Himmel, wie können wir die Langweiligkeit des irdischen Daleynt ertragen, zu dem wir forthin verdammt sind? Einige Wochen waren eS, d>ß Emilie an Mrs. St. Jodn geschrieben haue, und ihr letzter Brief, worin sie FalklanvS erwähnte, halte von ihm mit einer Zurückhaltung gesprochen welche ihre Freundin mehr leunruhigie als täuschte. MrS. Et. John hatte in der Tbat einen sta-ken, geheimen Grund zur Furcht, F-Island war der Gegenstand ihrer eignen, frühsten Neigung gewesen und sie kannte wohl die eigemhümliche, geheimmßoolle Macht, welche er, wenn er wollte, auf das Gemüth ausüble. Zwar batte er ihre Gefühle für ihn nie erwiedert, ja n-cht einmal erfahren, und während der Jahre, iu wel ' en sie ihn nicht mehr gesehen und vnier den neuen Verhältnissen, welche ihre Vermählung mit Herrn St. John für sie h-rbeigeführt, harte sie ihre frühere Neigung beinahe vergessen, als der Brief von Lady Emilie jenes Andenken wieder auffrilchtc. Sie beantwortete ihn mir einer leldenschaftlicheu und herzlichen Warnung a» ihre Freundin. S-e sprach sich, nachdem sie sich über Emiliens neuerliches Still-chweigen beklagt, MlhbiUlgend über Falklands Charakter aus und warnte vor seinen Verlockungen; sie versuchte zu gleicher 3e,k die Tuaend und den Stolz aufzu- bieteu, welche verbündet so oft triumfireu» während St sie vereinzelt so leicht unterliegen. Vermuthlich bildete sich Mrs. St. John ein, hier ganz nur vvu Freundschaft geleitet zu werden; aber bei den besten Handlungen mischt sich immer etwas Unreines in die Triebfedern; und die Selbstsucht einer, wenn gleich hoffnungslosen, doch nicht ganz überwundnen Eifersucht nberwog vielleicht die uneigennützigeren Empfindungen. welche sie sich allein gestand. Es ist meine Absicht gewesen in diesem Buch den Fortschi ilt der Leidenschaften zu schildern; den Verlauf einer Geschichte mehr durch Gedanken und Gefühle als durch Ereignisse und Begebenheiten hindurch zu verfolgen, und die kleinern und feinem Labyrinthe und Geheimnisse de» menschlichen Herzens aufzudecken, deren E>ötternng mau in neuern Werken so sparsam findet. In dieser Absicht habe ich von Zeit zu Zeit den Faden der Erzählung abgebrochen, um die darin enthaltnen Chaiaktere lebendiger hervortreten zu lassen, und da ich selbst keinen ehr- geitzige» Anspruch auf die Palme der Erzähler vom Fach mache, habe ich mir gestattet nach Belieben von der Art und Weise, welche sie befolgen, abzn- wrichen. Dieß der Grund und die Entschuldigung für die Aufnahme der folgenden Auszüge und gelegentlicher Briefe. Sie schildern den innern Kampf, während die Erzählung nur auf das äußere Ereigniß zu sehen pflegt, und verfolgen den Blitz bis zu seiner „Wolkenwiege" inreß die Geschichte nur die Stelle anmekkt, wo er zündete oder zerstörte. er Auszüge' aus dem Tagebuch der Lady Emilie Mandeville. Dienstag. — Seit mehr als sieben Jahren habe ich ditß Tagebuch angefangen. So eben Hab' ich es von vorn herein dnrchgesehen. Diel und mannigfaltig sind die Gefühle, welche es zu schildern versucht; Aerger, Kränkung, Kummer, Hoffnung, Bergungen, U-berdruß, Langeweile; aber nie, nie Demülh'gung und Gewissensbisse! Diese waren mir in den Hellen Jahren meiner frühsten Jugend vom Schicksal nicht zugedacht. Wie soll ich sie jetzt schildern? Ich habe einen langen Brief von Julie erhalten, habe ,hn, so weit meine LHränen es mir gestatteten, gelesen. Wahr ist es, ich habe nicht den Muth gehabt ihr zu schreiben — wie soll ich ihr jetzt darauf antworten? Sie hat mir den Zustand meines Herze» enthüllt; ich habe ihn zuvor schon mehr als geahnt. Hätte ich vor zwei Monaten, vor sechs Wochen mir davon träumen lassen können, daß ich je eine Empfindung in meinem Innern hegen würde, deren ich mich zu schämen hätte? Er ist so eben da gewesen - Er — der Einzige auf der Welt, denn die ganze Welt scheint mir in ihm ansgegangen. Er bemerkte meine Traurigkeit, denn ich sah ihn an, und meine Lippe» zitterten und meine Augen staudeu voll Thrä- nen. Er näherte sich mir, setzte sich neben mich, flüsterte von seiner Tbeilnahme, seiner Besorgniß — und war das Alles? Hab' ich geliebt, eh' ich wußte, 85 daß ich geliebt war? Nein, Nein! die Zunge war stumm, aber das Auge, die Wange, das Benehmen — ach! diese waren nur zu beredt! Mittwoch. - Es war so süß, seiner tiefen und zärtlichen Stimme zuznhören, den Ausdruck seines Angesichts zu beobachten — die Luft zu trinken die er athmete. Aber jetzt, da ick weiß, warum es so süß war, fühle ich, daß dies» Lust ein Verbrechen ist und ich bin elend sogar, wenn er in meiner Nähe weilt. Heute ist er nicht La gewesen. Es ist drei vorüber. Wird er kommen? Ich stehe von meinem Sitz anf- ich gehe ans Fenster, Athem zu schöpfen — ich bin unruhig, umgetriebcn, verstört. Lady Margaretha spricht mit mir — ich antworte ihr kaum. Meiu Ki„d — ^ ja mein Lheurrr, theurcr Henry kommt, und ich fühl-, daß ich wieder Mutter bin. Nie will ich dieser Pflicht untreu werden, wenn ich auch eine eben so geheiligte, obwohl minder theure, vergaß. Nie soll mein Sohn Ursache haben, für seine Mutter zu erröthcn: Ich will fliehen von hier — ich will ihn nicht mehr sehen! Erasmus Falkland Esq. an den Ehreu- werthen Friedrich Monkto». Schreiben Sie mir, Monktou — erinnern Sie, mahnen Eie mich, oder verlassen Sie mich für immer. Ich bin glücklich und doch ein Elender; ich gehe im Wahnsinn eines tödtlichen Fiebers umher, in welchem ich Traumbilder eines glanzvolleren Lebens schaue, «4 aber jedes derselben bringt mich nur dem Tod näher. Tag um Tag Hab' ich hier gezögert, bis Wochen verflossen waren - und warum? Emilie ist nicht wie die Weiber der Welt — Tugend, Ehre, Treue sind ihr nicht bloße gesellschaftliche Verabredungen. „Da ist kein Verbrechen," sagt Lady A>, „wo daS Geheimniß beobachtet wird." Dieß ist nicht daS Glaubenobekennkniß von Emilie Mandeoille. Sie wird die Schuko nicht unter dem Leichtssun der Welt »der unter der MaSke deS tiefen Gefühls verbergen. Sie wird elend seyn und für immer. Ich sehe das Schicksal ihres künftigen Lebens, und bin niederträchtig genug noch zu zweifeln» ob ich sse retten »der vernichten soll. O wie fürchterlich, wie selbstsüchtig, wie entwürdigend ist unrechtmäßige Liebe! Sie wissen von meinem theoretischen Wohlwollen gegen Alles was da lebt; sie haben oft über diese Eitelkeit gelächelt. Jetzt sehe ich, daß Sie Recht hatten; denn rs erscheint mir als beinah übermenschliche Tugend, das Wesen, welches wir auf Orden das theuerste ist, nicht zu Grund zu richten. Ich besinne mich, Ihnen vor einigen Wochen von meinem Vorsatz nach London zu kommen, geschrieben zu haben. Wenig kannte ich damals die Schwäche, meines Herzens. Ich sprach ihr von meinem Entschluß abzureisen. Sie wurde blaß, sie zitterte, aber sie sagte mchts. Diese Anzeigen, welche meine Abreise hätten beschleunigen sollen, haben mich sogar der Kraft, nur daran zu denken, beraubt. 65 Ich bin noch hier. Ich gehe jeden Tag nach E-. Manchmal sitzen wir schweigendda; ich getraue mir selbst nicht zu sprechen. Wie gefährlich sind solche Augenblicke! ^mnrutisoon lio^ue parlan I'slwe. *) Gestern ließ man uns allein. Wir hatten mit Lady Margaretha von gleichgültigen Dingen gesprochen. Eine Pause von ewigen Minuten entstand. 2ck> sah ans; Lady Margaretha hatte das Zimmer verlassen; das Blut überlief mir die Wangen, mein Auge begegnete dem Emiliens, ich hätte Welten darum gegeben, mit dem Munde wiederholen zu dürfen, was diese Augen gesprochen- Ich konnte nicht einmal reden — ich fühlte mich von kämpfenden Bewegungen übermanut. Kein Athemzug unterbrach die Stille; ich hörte mein Herz schlagen. Gin Bli- wäre ein Trost gewesen! O Gott! wenn es einen Fluch gibt, so ist das einer: von Gefühlen brennen» schwellen, rasen, deren Verheimlichung du geordnet hast; das heißt wahrlich: „ein Kannibale sryn gegen das eigne Herz." **) Gs war di« Zeit des Sonnenuntergangs. Emilie war allein auf dem Rasenplatz, der sich gegen den See hiuabzog, und die blauen Gewässer unten brachen, in glänzenden Abschnitten, durch die zerstreuten, *) Die Zungen verstummen, die Seelen sprechen. **) Bakon. Bulwer's Romane. Xk>V. b öS vergoldeten Bäume. Mit ticfsinnenden, thränenvollen Augen sah sie stehend dem Untergang der Sonne zu. Ihre Seele war voll Trauer in ihr. Das Grün des Efeus, womit die Liebe zuerst ihr Werk überkleidet, war schon verblichen und sie sah jetzt nur die zerfallenen Ruinen, welche jener verhüllt batte. Dahin war für sie jene Frische des uuentweihten Gefühls, das Alles mit einem ewigen Morgen von Sonnenschein» Weihrauch und Thau umwebt. Das Herz kann den Fall oder den Bruch einer schuldlosen und erlaubten Neigung überleben — „die Narbe bleibt, aber die Wunde heilt!" — aber die Liebe, die ein Kind der Nacht und der Schuld ist, gräbt sich mit unauslöschlichen, ewigen Zügen ins Herz ein. Jene, dem Blitze gleich, blendet häufiger als sie zerstört, und göttlich selbst in ihrer Zerstörungskraft, heiligt sie, was sie versengt; *) aber die andre gleicht dem sichern, tödtlichen Feuer, das auf die Srädte des Alterthums fiel, und in die Schauer einer Wüste, die es schuf, das Andenken und die Ewigkeit eineS Fluches einzeichnete. Eine leise, ans Herz dringende Stimme stahl sich in Emiliens Ohr. Sie wandte sich um — Falkland stand neben ihr. „Ich fühlte mich unrnhig und unglücklich," sagte er, „und kam Sie aufzusuchen- Wofern, sagt ern Kirchenvater, ein Gchuldbelasteter und Elender auch nur einige Minuten das Antlitz eines Engels schauen könnte: eS würde dessen Ruhe und Herrlichkeit sich so tief in ') Nach jenem Glauben der Alten. sein Herz senken, daß er mit Einemmal über die Kluft vergangener Jakre in den unentweihten Urständ der Reinheit und Hoffnung zurückkehrte; vielleicht dachte ich an diesen Ausspruch, als ich zu Ihnen kam." „Ich weiß nicht," sagte Emilie, bei dieser Anrede tief errötheno, und darin bestand ihre ganze Antwort auf die darin enthaltne Artigkeit, „ich weiß nicht, woher es kommt: aber für mich hat diese Stunde immer etwas Schwermüthiges, — etwas Trauriges, wenn ich den schönen Tag mit all seiner Pracht und Musik, seinem Sonnenglanz und Vogelgesang sterben sehe." „Und doch" versetzte Falkland, „hat, wenn ich mich in die Zeit zurückdcnke, wo meine Empfindungen mehr mit den Ihrigen gleichgestimmt waren, doch hat die Schwermut!), welche Sie empfinden, eine unbestimmte, unaussprechliche Süßigkeit in sich, die man gegen keine heitere Laune vertausche» möchte. Die Melancholie, welche nicht aus unsrem eignen wunde» Gemüth hervorgeht, ist wie Musik — sie bezaubert uns im Verhältniß ihrer Wirkung auf unser Gefühl. Vielleicht liegt ihr hauptsächlichster Reiz (aber freilich um diesen beschreiben und ermessen zu können, bedarf es erst der Schuldbefieckung späterer Jahrein der Reinheit der Quellen woraus sie entspringt. Unsre E-npfindngen können noch nicht sehr curweiht und verdorben seyn, so lange sie noch den letdenschastloscn und ursprünglichen Eympathieen mit der Natur entspreche»; und die Traurigkeit, wo- 5 » 68 von Sie sprechen, ist so rein von aller Bitterkeit, so engverKunden mit den edelsten nnd köstlichsten Empfindungen, deren wir uns erfreuen, daß ich mir einbildrn möchte: die Eckigkeit des Himmels sogar habe mehr von der Melancholie als von der Freude." Hier entstand eine Pause von einigen Augenblicken. Selten spielte Falkland auch nur so leicht ans dir Zukunft in einer andern Welt an, nnd wenn er es that, so geschah es nie in gleichgültigen, verbrauchten Ausdrücken, sondern mit einem Tone, der sich tief in Emiliens Herz senkte. ».Sehen Sie," sagte sic endlich, „diesen schönen Srern! der erste und glänzendste! Ich habe oft gedacht, er gleiche der Verheißung drS Lebens >cnseits des Grabes — ein Pfand für uns, daß auch in dem tiefen Dunkel der Mitternacht di« Erde ein üner- lo cheues und nie erlöschendes Licht vom Himmel haben werde!" Emilie wandte sich bei diesen Worten gegen Falkland und ihr Antlitz leuchtete von dc-r Begeisterung, welche sie beseelte. Aber sein Angesicht war todesblaß. Es lief darüber, wie eine Wolke, der Ausdruck eines vieldeutigen, unaussprechbaren Gedankens hin; und dann plötzlich verschwindend ließ er seine Züge ruhig nnd klar wieder heroortreten, in all ihrer edel:;, geistigen Schönheit. Ihre Seele verlangte, «IS sie ihn betrachtete, nach ihm mit der Zärtlichkeit einer Schwester. Sir gingen langsam dem Hanse zu. „Zch bin oft," sagt« Emilie mir einigem Zöger», ,,«rstasnt, daß Sie so wenig Begeisterung zeigen, selbst bei Gegenständen, hinsichtlich welcher Sie doch eine feste Ueberzeugung habe» müßen." „Ich habe mir die Begeisterung wetz ed acht!" versetzte Falkland, „der Verlust der Hoffnung trieb mich zur Reflexion, und in dieser verlernte ich die Empfindung. Wollte Gott, es wäre mir schwerer geworden, das wieder ins Leben zu rulen, was ich für immer verloren glandte!" Falk lands Wange errvthete als er dteß sagte und Emilie seufzte leise, denn sie verstand seinrr Worte Ginn. In ihm hatte diese Hindeutung «nt leine Liebe eine ganze Sitzaar gefährlicher Erinnerungen herauf- belchworen; denn die Leidenschaft ist die Lawine für das menschliche Herz — ein einziger Hauch kann es ans seiner Ruhe aufstörcn. Sie blieben stumm; denn Falkland getraute sich nicht zu sprechen bis er beim Haus angelangt, seine Entschuldigung, warum ec nicht mit hineingeb«» könne, herstoiterte und wegging. Er wandte sich seinem einsamen Hause zu. Die Güter in E — — waren in klassischem und kostspieligem Geschmack angelegt, welcher stark abstach gegen die wilde, unvcr- knnstelke Natur der umgebenden Landschalt. Sogar der kleine Raum zwischen dem Haus das Herrn Wandeville und L-machte eiven so großen nn d entschied»«» Wechsel im Charakter der Gegend sicht- 70 bar, als man nur von einer großen Strecke hätte erwarten sollen. Falklands alte, zerfallende Burg, mit ihren zertrümmerten Bogen und moosbewachsenen Brustwehren, lag auf einem sanften Abhang umgeben von dunkeln Ulmen und Lerchenbänmen. Sie trug noch einige Spuren ihrer früher» Wichtigkeit an sich, so wie der Gefahren, welchen eben diese Wichtigkeit sie ausgesetzt hatte. Eine breite Vertiefung, von Gestrüpp überwachsen, zeigte noch Spuren eines gewesenen Schloßgrabens, und mächtige, rothe, zerstreut umherliegende Steine verkündigten die Außen- werke, welche die Befestigung in alten Zeiten besessen hatte und den harinäckigen Widerstand, welchen sie während der Parlamentekriege den trotzigen Mannen Jretons und Fairfar's geleistet. Der Mond, der Schmeichler der Zerstörung, schüttete seine reiche und sänstigende Schönheit über eincn Ort ans, der in der That ohne dieß öde und freudenlos gewesen wäre und verstlberte mit seinen Küssen die langen, regungslosen Schlingpflanzen, welche in Zwischenräumen ans de» Ruinen bervorwuchsen. gleich falschen Parasiten gefallener Größe. Aber für Falkland hatte die Landschaft keine Anziehungskraft, keinen Reiz nnd er wandte sich mit gleichgültigem, achtlosem Auge seinem gewöhnlichen Aufcnlhattszimmer zu. Es war das einzige mit Reichrhum, sogar mit Behaglichkeit eingerichtete im ganzen Hanse. Große Bücherkästen, eingelegt mit sonderbarem Elfellbeinschnitzwerk) Büsten der wenigen öffentlichen Charak- 71 tere, welche nach Falklauds Ansicht unter allen, welche die Welt hervor«ebracht, die Huldigung der Nachwelt verdienten; kunstreich gearbeitete Tapeten von flamändischeu Webcstühlen, französische Armstübl« und Sofa's von reichem Damast und massiver Vergoldung (Reliquien au« den prächtigen Tagen Ludwigs XIV), »erriechen »ine ausgesuchte Pracht, welche mehr mir Falklauds Reichtbum als mtt der gewöhnlichen Einfachheit seines Geschmacks in Ucbereivstim- mnng stand. Ei» großer Schreibtisch war bedeckt mit Büchern in verichiednen Sprachen, und die widerspr-chendsten Gegenstände betreffend. Briefe und Papiere waren darunter zerstreut; Falklcwd beugte sich gleichgültig über letztere hin. Eine der brieflichen Mittheilungen war von Lord-, dem-. E> lächelte bitter als er die übertriebnen Komplimente darin las und durchschaute bis auf den Grund die seichte List, welche sie verheblen sollten. Er stieß den Brief weg, öffnete die herumliegenden Bücher, eines ums andre mit jener Schlaffheit und Sattheit, die Männern gemein ist, welche im Lesen so viel gethan haben, daß sie sich bewußt sind, wie viel sie schon gelernt haben und wie wenig sie wissen. „Wir bringen," dachte er, „unser Leben damit hin, zu säen, was wir nie ernten Perd-n. Wir streben einen Thurm aufzurichten , der bis an den Himmel reichen soll, um einem Fluche zu entrinnen; und siehe da! wir werden von einem andern betroffen. Wir möchren uns über ein 72 allgemeines Uebel erheben, und von Stund' au sind wir durch eine besoudere Sprache von unsrem Ge- schlechk getrennt. Gelehisamkcit, Wissenschaft, Fcko- soste, di« Welt der Menschen und der Einbildung Hab' rch dmchwühlt — uud warum? Ich zog all mein Glück in den Belitz der Weisheit zusammen. Ich blickte auf die Beftiebunge» Andrer mit verächtlichem und ecklem Auge. Im stiftete Gemeinschaft mit den Männern, welche vor nnr dahingegangen sind; ich wohnte unter den Denkmälern ihres Geistes und machte mich mit ihren Gedächtnißbilde, u vertraut wie mit Freunden; ich drang i» de» Sclwoß der Natur und verfolgte die gedeimeo Elemente bis in ihre H imath; ich ließ die Sterne vor mir Ausziehen uud lernte die Regel und dar Gestcimniß ihrer Bahne»; ich befragte den Sturm um seine Grenze uud erforschte von den Winden ihren Pfad. Dieß war nicht genug, meinen Durst nach Wissenschaft zn stillen, und ich strebte in dieser niedrigen Welt nach neuen Quellen ihn zu befriedigen. Ungesehen und undeargwohut sah ich und setzte in Bewegung die Triebfedern des Auromats, das wir die Seele neunen. Ich fand einen Schlüssel zu dem Labyrinthe menschlicher Tnrbfederu und durchlchaure die Herzen meiner Umgebungen als wären sie nur hinter Glas. Eitelkeit der Eitelkeiten! Was Hab' ich gewonnen? Ich habe mich von meinem Geschlecht lvsgcmacht, aber nicht von den schlimmsten Feinden, meinen eignen Leidenschaften. Ich habe aus meiner Seele eine - ^ 75 Einöde gemacht, aber ihr nicht den Hvhnnamen: Friede *) gegeben. Indem ich dem Menfchcnschwarm entging, bin ich mir selbst nicht entflohen; wie der verwundete Hirsch trug ich den Schaft in mir, diesem konnte ich nicht entrinnen!" Mil diesen Gedanken eurwand er sich seinem Tiefsinn, und versuchte noch einmal seinen Geist durch Gedanken andrer Art j» fesseln, durch jene, welche zu mit vom Frieden sprechen sollten, weil sie ans die Blätter von Tobten geschrieben sind; aber seine Versuche waren so fruchtlos wie zuvor. Gerne Gedanken waren noch aut der Flucht und verworren, nud er konnte fle weder beruhigen noch sammeln; er las, aber er unterschied kaum eine Seite von der andern; er schrieb — die Ideen sträubten sich auf seinen Ruf sich eiuzusteUrn; und das Ewzige, was endlich seiner Austrenaung, seine Empfindungen zu verknüpfen, iheilweise gelang, waren folgende Verse, welche ich tin Beg-iff bin dem Leser mitzutheilen. Es ist eine anerkannte Eigenschaft der Poesie, wie unvollkommen auch Ecnem die Gabe derselben verlieben ftyn mag, daß sie die Herzen Andrer in dem Maß anspricht, als die durch fle ausged-ückten Gefühle wirklich von uns erlebte sind; und ich gebe nuten die Skrofen, welche das Datum dieses Abends tragen, in der Hoffnung, daß fle mehr als viele Blätter den krankhaft verstimmten ab-r originellen Charakter ihrer Urheber« ins Licht setzen werden, >o wie auch die be-oudcrn Eigeu- *) Lolitastinem tscilllll, pscsm Spoliant. Isnitus. 74 thümlickkeiten seiner Empfindungsweise, woraus fle die fle durchdringende Bitterkeit scdöptteu: Das Wissen. KrAo flonunnm ^enus inaassuin krustrac^ue ladorst Lewster, et in euris eonsuwit insoibnz sevuw. 's ist Mitternacht! die Lampe leise Mit schwachem Glan» mein Zimmer schmückt, Und »m ste liegt der Kram im Kreise, Der unfern frühsten Traum entzückt: Den Traum — den Durst — das wilde Ringe« Das göttlich-rasende — nach Licht! Au schweife» rings, hinauf zu dringe» Auf zu des Aethers höchster Schicht'. Den dunkeln Jstsschleier streifen Von Himmel, Erde, Stern und Flut; Und daun mit glühendem Aug' ergreifen Das Rä'thsel das im Mensche» ruht. Was frommt's, in Mitternächten glühe« Zum Fieberwahns;«» überwacht? O schnöde Hoffnung, eitles Mühen Das «ns zu dopxelt-Blinden macht! Was lehrt die Vorzeit uns? das alte Gelep'r von Ruhm und Schuld und Fluch! Die Zukunft fragt' ich — ach es schallte Kein Wort aus dem verschloßnen Buch! Die Sonne schwieg — die Wellen schwiege«. Die Lust ein Säuseln nur mir bot; Mild war die Erd': es ist entstiegen Dem Trab die ew'ge Antwort: Tod! Und das war Alles! BrauchtS noch Weise Zu finden diesen Sine» Satz? O Thoren die um solche Preise Vergeude» ihrer Jugend Schatz! Der Wissenschaft wir abverlanaeu Was welkes Alter bringt mit Fug: Den malten Puls, die Fieberwangen, Der Lebensgeister lahmen Flug. O! Denken heißt nach Schmerzen wühlen! Heißt döhuen lerne», was die Welt Vergöttert, und sich einsam fühlen Auf öder Küste hingestellt. Heißt selbst das letzte Baud zerschneiden G-wahrt uns von barmherziger Hand, Von Glaube, Liebe, Hoffnung scheiben. In der Verzweiflung Nacht verbannt. Ich gebe zu einem stürmischen Zeitabschnitt meiner Geschichte über. Die Leidenschaft, bisher nur erst durchs Auge verrathen, sollte nun auch von der Lippe bekannt werden, und der Ort, welcher Zeuge des ersten Geständnisses der Liebenden war, war würdig des endlichen Ausgangs ihrer Liebe! E — — lag ungefähr zwölf Meilen von einer bekannten Klippe der Seeküste, und Lady Marga« retha gelüstete schon lange nach einem Ausflug an diesen Ort, merkwürdig sowohl wegen den Natur- umgebungen als wegen der daran haftenden Volks- sagen. Ei» Tag ward endsich zur Ausführung dieses Plans festgesetzt. Falkland war von der Gesellschaft. 78 Als er etwas in den Taschen des Wagens suchte, bege riete leine Hand der Emiliens nnd unwillkürlich drückre er sie Hastig zog sie sie zurück aber er fühlte sie zitreni. Er wagt« nicht anfznblickeu; diese Eme Berüdrung harre idm ein neues lieben initgethrilt; berauscht von den köstlichsten Empfindungen lehure er sich schweigend zurück. Ein Fieber hatte seine Adern ergriffen - der elektrische Schlag der Berührung war wie Feu-r in sein ganzes Wesen gedrungen — fern ganzer Körper war wie Ein Nerv geworden. Lady Margaretha schapr vom Wetter und von der Aussicht, wunderte sich, wie wett man schon gekommen und tadelte die Wege, dis sie sich endlich, wie ein Kuid, in Schlaf schwatzte. MrS. Dalron las den Guy Manneriug; aber weder Emilie noch ihr Geliebter »heilten irgend eine Umerhaltung, irgend ei»,» Gedanken mit ihrer Reisegesellschaft; schweigend nnd in sich versunken waren sie nur empfänglich für den lebendigen Eindruck der Gegenwart. Wenn eg fnr uns Menschen, die wir beständig im Fall« sind, vorwärts oder rückwärts schauen zu müssen, wenn es für uns eine Grunde gibt, wo wir nn- das Jetzt fühlen, wo wir gleichsam handgreiflich fühlen, dag wir leben, und daß diese Augenblicke der Gegenwart erfüllt sind von der Wonne, vom Entzücken des Datei),,s: so ist dieß daun, wenn wir wir rem Einen Wesen znsammen sind, dessen Leben nnd Geist Haupkbestandkhcil und 77 Bedingung des unsrigen geworden ist. Sie erreichten den Orr ihrer Bestimmung — eine kleine Hcrberg« nah« bei der Küste. Hier blieben ste kurze Zerr und dann schleuderten sie über den Sand nach der Klippe. Seit Faikland Ennlie kennen gelernt, Halle sich ihre Grmüthsart sehr verändert. Sechs Wochen vor der hier belchriebnen Zeit, war sie an Munterkeit und heitrer Laune beinah ein Kind; jetzt waren diese Spuren eines noch nicht erwachte» Herzend in schmelzender Weichheit untergegangen, voll von jener Melancholie, welche i» rührend und heilig ist eben um der köstlichen Sanftheit willcu, welche sie athmet und einsiößt. Aber an diesem Tag schien sie, ssy eS nun aus einer allen Frauen gemeinsamen Cognetterie oder and einem bei ihr natürlicheren Grande, munterer alS Falkl.".ud sie je gesehen zu haben sich erinnerte. Sie lief über den Gand, laS Mnschel- schaalen auf und versuchte di- Wogen mit ihrem kleinen Feeenfuße; Ihn wagte sie nicht anzublicken und doch sprach sie manchmal zu ihm in raschem, leichtem Tone, der ihn überraschte und verletzte, obwohl er dir Tiefe ihrer Gefühle kannte, welche sie weder vor ihm noch vor sich selbst verhehlen konnte. Allmälig wurden seine Ancwmten und Bemerkungen kalt und sarkastisch. Emilie stellte sich gekränkt, und a!S man erfuhr, daß die Klippe beinah noch zwei Meilen entfernt sey, erklärte sie nicht mehr eine gehen zu können. Lady Margaretha beredete sie endlich mitzngeheu und sie schritten so verdrießlich weiter, als eine englische 78 Lustpartie nur seyn kaun, bis sie »och dreiviertel Meilen von dem Orrwaieo, wo denn Emilie erklärte, sie sey so müde, daß sie in der That nicht weiter könne. Falkland sah sie, vielleicht mit einem nicht sehr freundlichen Ausdruck in seinen Zügen an, bemerkte aber, daß sie wirklich blaß und «rmaitet aussah; und als der Blick seiner Augen sie traf, traten in die ihrigen Thränen. „Wirklich, wirklich, Herr Falkland," sagte sie lrbhaft, „das ist keine Ziererei. Ich bin sehr müde, aber eh' ich Ihnen den Spaß verderbe, will ich lieber versuchen weiter zu gehen." „Unsinn, Kind," sagte Lady Margaretha, „Sie sehen wirklich ermüdet aus. Mrs. Dalton und Herr Falkland sollen zu dem Felsen gehen und ich will hier bei Ihnen bleiben." Von diesem Vorschlag wollte jedoch Lady Emilie nichts hören; sie bestand darauf allein znrückzubleiben. „Es wird mich doch Niemand forr- tragen, und ich kann mich mit Muschelauflesen recht gut unterhalten bis Sie zurück sind." Nach langen, jedoch fruchllosen Gegenvorstellungen ging man zuletzt auf diesen Plan ein. Mit widerstrebendem Herzen machte sich Falkland mit seinen zwei Gesellschafterinnen auf den Weg; aber nach dem ersten Schritt wandte er sich und schaute zurück. Er begegnete ihrem Auge und empfand von diesem Augenblick an, daß ihre Versöhnung versiegelt war. Endlich erreichten sie den Felsen. Seiue Höhe, seine Höhlen und das romantische Interesse, welches die ihn betreffenden 79 Volkssagen rinflößteu, entschädigte die beiden Damen reichlich für die Strapazen der Wanderung. Falkland dagegen war ovne Bewußlsryn alle« dessen, was um ihn her war und vorging, er war voll von „süßen und birtern Gedanken." Umsonst war es, daß der Mann, welchen sie hier sei» Wesen treiben fanden und der die Rolle des Wegweisers spielte, sein Ohr mtt wunderbaren Geschichten und kräftig erhabnen Ausrufungen betäubte. Die ersten Worte, welche ihn au« seiner Skarrsncht weckten, waren die: „Ihr dürft Euren guten Srera segnen, mit Euer Ehren Bergung, daß Ihr gerade der Fluth aus dem Wege gekommen seyb; erst letzt« Woche wurden drei arme Leute, wie sie bieder gehen wollten, fortgeriffcn; so wie es jetzt stehr mußt Ihr um den Felsen herum heim gehen." Falkland war wie vom Donner gerührt; er fühlte baß sein Herz still stand. „Guter Gotr!" rief Lady Margaretha, „was wird aus Emilien werden?" Sie befanden sich in diesem Augenblick in einer der Höhlen, wo sie schon zu lange verweilt hatten. Falkland stürzte hinaas auf den Sandboden. Die Flnlh brauste mit dumpfem, hohlem Rauschen heran, dar seine Seele wie eine Todteuglocke traf. Er sah zurück auf den Weg wo sie hergekommen; nicht hundert Schritte fehlten, daß das Wasser schon den Pfad bedeckte! Eine Ewigkeit würde kaum das Entsetzen dieses Augenblicks auiwägen! Eine Haupteigenschaft Falklands war seine Geistesgegenwart» Er wandte sich zu dem Main, der neben ihm stand — kalt und genau beschrieb er ihm die Grelle wo sie Emilien gelassen. Er forderte ihn auf mit aller möglichen Schnelligkeit nach Hau« zu eilen — da« Boot ariszusetzrn uud an die beschrieb»« Stelle zu rudern. „Seyd rasch," seilte er hinzu, „so müßt Ihr zur rechten Zeit noch eint» essen; ist dieß der Fall, so sollt Ihr in Eurem Leben nicht« mehr von Armuth wissen!" Im nächsten Augenblick war er schon viele Schrille von dem Punkte weg. Er lief, oder vielmehr flog bis er durch die Wasser sich gehemmt sah. Er stürzte hinein; sie beeeckren eine Vertiefung zwischen zwei Felsen, sie reichten ihm schon bi» au die Brust. ,,ES ist »och Hoffnung," dachte er, alt er diese Stelle zurückg-legt hatte und den glatten Sand vor sich sah. Einige Minuten lang war er sich kaum des Lebens bewußt, und danu fand er sich athcmlos zu ihren Füßen, Aul der andern Seite, gegen T-zu (dem kleinen Wirthshause wovon die Rede war), hatten die Wogen schon den Fuß der Felsen erreicht und all- Hoffnung dorthin zurückzu- kebren, abgcschnitten. Die einzige Aussicht die ihnen blieb, war die Möglichkeit, daß das Wasscr den Durchgang durch die Schlucht, welche Faikland so eben durchwatet, noch nicht unmöglich gemacht habe. Er sprach kaum, wenigstens war er selbst völlig ohne Bewnßtseyn dessen was er sprach. Er riß sie mit sich fort, arhemlos und zitternd; das Rauschen der wogenden Wasser scholl ihm ins Ohr, die Wellen 81 erreichten schon seine Füße. Sie kamen an der Schlucht an. — Ein Blick genügte ihn zu überzeugen, daß ihre einzige Hoffnung dahin war. Das Wasser, das ihm zuvor bi« an die Brust ging, war beträchtlich gestiegen; er konnte nicht schwimmen. Er sah in diesem Augenblick, daß sie von schleunigem, schrecklichem Tod umringt waren. Wird man glauben, daß mit dieser Gewißheit seine Angst verschwand? Er sah in das blasse aber ruhige Antlitz seiner an ihm hängenden Begleiterin, und eine sonderbare Beruhigung, Freude sogar zog in ihm ein. Ihr Athem berührte seine Wange, ihre Gestalt lehnte sich an ihn — seine Hand faßte die ihrige — wenn sie sterben mußten sollte eS s o scyn! Was konnte ihm das Leben Köstlicheres gewähren? „In diesem Augenblick," sagte er und kniete während er zu ihr sprach, „darf ich dir sagen, was sonst nie über meine Lippen gekommen wäre. Ich liebe dich — ich bete dich an! Wende dich nicht so von mir ab. Im Leben waren wir von einander getrennt; wenn unsre Herzen im Tode vereinigt werden, dann wird der Tod süß seyn." Sie wandte sich um — ihre Wange war nicht mehr blaß! Er stand auf — er preßte sie an seine Brust; seine Lippen waren auf die ihrigen gedrückt. O! dieser lange, tiefe, brennende Druck! Jugend, Liebe, Leben, Seele - Alles drängte sich in diesen Einen Kuß zusammen. Aber die Veranlassung, welche das Geständniß herbeiführte, Bulwer'« Romane. XL>V. 6 8 » heiligte zugleich auch die Trunkenheit seines Herzens. Was hatte die erst beim Herannahen des Tode» ein- gestandne Leidenschaft mit den irdischeren Wünschen des Lebens zu ihun? Eie schauten zum Himmel auf — er war ruhig und wolkenlos; der Abend umschwebte ihn mit seinen Balsamgerüchen und die Luft war ruhiger als ihre Seufzer. Sie wandten sich gegen da» schöne Meer das ihr Grab werden sollte; die wilden Vögel flogen frohlockend darüber hin, die fernen Schiffe schienen fröhlich ihre Bahn zu verfolgen. Alles war voll vom Hauch, von der Herrlichkeit, vom Leben der Natur; und in wie vielen Minuten sollte das Alles seyn wie Nichts? Ihr Loos sollte dem von Schiffen gleichen, die im Meer uuter- gegangcn sind, unter dem Lächeln des Elements das sie zerstörte. Sie sahen einander inS Auge und drängten sich noch inniger zusammen. Ihre Herzen, zur Zeit der Sicherheit von einander abgeschlossen, vermählten sich in der Gefahr und wurden Eines. Minuten verstoßen und die großen Wellen brausten gegen sie heran. Sie standen auf der höchsten Höhe, welche sie zu erreichen vermochten. Dir Brandung brach sich an ihren Fußen, die Wellen stiegen und stiegen — sie waren sprachlos. Er glaubte ihr Herz schlagen zu hören, aber ihre Lippen zuckten nicht. Sieh da, ein dnnkler Punkt! Ein Boot! ,,Schau auf, Emilie, schau auf! Sieh wie es die Wasser dnrch- schneidet! Näher — näher — noch ein wenig weiter und wir sind gerettet! Es ist nur wenige Schritte s; entfernt vom Felsen — es nähert sich ihm — es erreicht ihn!" Ach was war von nun an für sie der Werth des Lebens, wenn der Augenblick wo sie leine Wonne zuerst empfanden, für sie auch der Anfang des Elends wurde, und der Tod, dem sie entrannen, das einzige Mittel gewesen wäre ihre Vereinigung zu versiegeln ohne ihre Schuld zu vollenden? Erasmus Falkland Esc,, an den Ehren- werthen Friedrich Monkton. Ich schreibe Ihnen spätestens morgen. Ereignisse sind eingetreten, welche vielleicht die ganze Entwicklung der Zukunft anders gestalten. Ich gehe jetzt zn Emilien um ihr die Flucht vorznschlagen. Wir sind nicht solche ge-,8 >iu monäe, die durch den Verlust der öffentlichen Meinung zu Grnnde gerichtet sind. Sie hat gefühlt, daß ich ihr weit mehr seyn kann, alS die Welt; und ich — zu welcher That würde ich mich nicht verstehen um eine einzige Berührung ihrer Hand! Auszüge aus dem Tagebuch der Lady Emilie Mandeville. Freirag. - Seit ich gestern in diesen Blättern die Geschichte unsrer Rettung anfzeichneke, Hab' ich nichts gethan als über jene nur zu theure und darum zu gefährliche Augenblicke nachgedacht; aber zuletzt Hab' ich mein Herz gestählt; ich habe meiner 6 * 84 Schwäche zu lang nachgegeben — ich schaudre vor dem Abgrund dem ich entronnen bin. Noch kann ich fliehen. Er wird heute hieher kommen — er soll mein Lebewohl empfangen. Samstag Morgens 4 Uhr. Ich bin seit eilf Uhr allein in diesem Zimmer gesessen. Ich kann meinen Gefühlen nicht Luft machen; ste scheinen wie von einer Last niedergedrückt, unter der ste sich nicht erheben können. Er ist fort und für immer! Ich sitze da, wiederhole mir diese Worte und verstehe kaum ihren Sinn. Ach wenn Morgen kommt und der nächste Tag und der übernächste und ich ihn immer nicht sehe: 0 dann wahrlich! werd' ich erst zum ganzen TodeSschmerz meines Verlustes erwachen. Er kam her — er fand mich allein — er flehte mich an mit ihm zu fliehen. Ich wagte nicht seinen Augen zu begegnen; ich verhärtete mein Herz gegen seine Stimme. Ich wußte, welchen Entschluß ich zu fassen hatte; ich habe ihn gefaßt—aber welche Kämpfe, welchen Jammer hat er mir nicht verursacht! Wer hätte gedacht, daß eS Einem so schwer werden könnte, tugendhaft zu seyn! Seine Beredsamkeit trieb mich aus einem Bollwerk ins andre, und zuletzt hatte ich keine Zuflucht mehr als seine Barmherzigkeit. Ich schloß mein Herz auf, ich zeigte ihm seine Schwäche, ich flehte ihn an um Schonung. Meine Thränen, meine Qualen überzeugten ihn von meiner Aufrichtigkeit. Wir schieden schmerzlich, aber, dem Himmel sey Dank! nicht schuldig. Er bestürmte mich um die 1 85 Erlaubniß mir zu schreiben. Wie konnte ich sie ihm versagen? Aber ick mag nickt, ick kann nickt ihm wieder schrecken. Wie könnte ich meinem Herzen gestalten, eine seiner Empfindungen in Erwiederung kund werden zu taffen? und wurde ein Wort des Leides, Tin Ausdruck der Zärilrckkcit seyn, wovon nicht meine innerste Seele wiederhallen würde? Sonnrag. Ja, dieser Tag — aber ich darf nicht daran denken, sogar meiner Religion darf ich mick nicht hingede». O Gott, wie elend bin «ck! Sein Besuch war immer das große Ereigniß des Tags; er beschäftigte alle meine Hoffnungen, bis er kam und meine ganze Erinnerung, wenn er weg war. Jetzt sitze ich da, und starre auf den Platz hin, den er einzunehmen pflegte, bis ick die Thräne» still über meine Wangen rollen fühle; sie kommen ohne Mühe — sie fließen ohne mir Erleickterung zu sckaffev. Montag. Henry fragte, mich, wohin Herr Falkland geganaen sey; ich bückte mich nieder zn ihm, um meine Verwirrung zu verbergen. Wann werde ich von ihm hören? Morgen? O daß es schon morgen wäre! Ich habe die Ubr vor mich hingestellt und zähle pünktlich die Mimiken. Er ließ ein Buch hier; es ist ein Band von Melmorh. Ich habe jedes Wort darin gelesen, und so oft ich an ein Bleistiftzeichen von ihm kam, hielt ich innc, um über dieß vielsagende und beredte Angesicht, den sanften tiefen Ton seiner zärtlichen Stimme zn fanrasiren, bis das 88 Buch meinen Händen entfiel und ich Mack auf um mich in der gänzlichsten Verlassenheit zu finden. Erasmus Falkland Esq. an Lady Emilie Mandeville. London. Zum erstenmal in meinem Leben schreibe ich Ihnen! Wie meine Hand zittert —wie meine Wange d.ennt! tausend, tausend Gedanken bestürmen mich, und ersticken mich beinahe durch die verworrene, bunte Masse von Empfindungen, die sie erwecken. Ich bin unruhig zugleich durch die Wonne Ihnen zu schiciben und duich die Unmöglichkeit die Gefühle auszudrücken, die ich uicht einmal mir selbst recht klar zu deuten weiß. Sie lieben mich, Emilie, und doch floh ich von Ihnen und das auf Ihr Geheiß; aber der Gedanke, daß ich, wenn schon abwesend, doch nicht vergessen bin, hilft mir Alles überwinden. Ein fieberhaftes Gefühl von Ueberdruß und Pein empfand ich, als ich diesen Sammelplatz menschlicher Schlechtigkeit betrat. Ich empfand auf Einmal die Uofruchibarkeit dieses vielentweihken Bodens, so unfähig ächte Liebe zu nähren, und preßte Ihr Bild um so inniger in mein Herz. Eie find es, die mich als rch des Lebens am übo drüsstgsten war, mit neuem Leben begabten! Sie hauchten mir einen Theil Ihres eignen Geiste» ein, meine Seele fühlt dieses geistige Einströmen und wird heiliger. Ich habe mich von den fadeu Mü>siggängern losgeriffen, welche mich 87 belästigen würden; eine» Tempel Hab' ich in meinem Herzen erbaut; ich habe darin eine Gottheit eingesetzt und die Eitelkeiten der Welt sollen nicht die Ihnen geweihte Stelle entheiligen. Unser Abschied, Emilie — denken Sie dessen noch? Wie Ihre Hand haftete in der weinigen, wie Ihre Wange, obwohl nur einen Augenblick, an meiner Brust ruhte, und der Tbränen, welch« die Liebe hervorrief, aber die Tugend gleich an der Quelle heiligte? Nie waren sich Herzen so nah und doch so getrennt; nie gab es eine so zärtliche und doch so gefahrlose Stunde. Leidenschaft, Gram,, Wahnsinn Alles versank beim Klang Ihrer Stimme, Md lag rnh'g wie ein tiefer See in meiner Seele, ll'u abbia vcckuto il Icons arninsvsarsi all» »ola tun voce! ') Ich riß mich von Ihnen los; ich eilte durch das Gehölz; ich stand am See, an dessen Ufern ich so oft mit Ihnen gewandelt bi», ich öffnete meine Brust den Winden, ich badete meine Schläfe mit dem Wasser. Thor der ich war! das Fieber, das Fieber war innen! Aber nicht so, nicht so meine augebetete, schöne Freundin, sollte ich Sie trösten und aufrichten! Eben während ich schreibe, schmilzt dir Leidenschaft zur Zärtlichkeit und verbreitet sich sanft über Ihr Andenken. Eine Tugend — so zart und doch so *) Aus den letzten Briefen von Jacopo Ortis: ,,Du sahst den Löwen beim bloßen Laut deiner Stimme sein« Mildheit ablegen." 88 streng — Gefühle so weich und doch so heilig — die Thräneu, welche über die Entscheidung stoßen, die Ihre Lippen aussprachen — da« sind die Erinnerungen, welche wie ein Thau über mich kommen. Lassen Sie, meine Emilie, Ihr eignes Herz Ihren Lohn seyn! und wissen Sie, daß Jbr Geliebter nur vergißt, daß er Sie anbctet, um sich zn erinnern, daß er Sie hochachtet! Derselbe an Dieselbe. -Park. Ich konnte den wüsten Lärm und das Getreide von London nicht anshalten. Ich seufzte nach der Eiusamkeit, um ungestört mich dem Andenken an Sie zu ergeben. Gestern kam ich hier an. Es ist das Haus meiner Kindheit. Von allen Seiten brn ich umgeben von Scenen und Bildern, geheiligt durch die noch frischen Erinnerungen meiner unentweihten Jahre. Dieje sind nicht verändert. Die kommenden nnd scheidenden Jahrszelten machen die Zerstörungen , die fle anrichten, wieder gut. Wenn der December verwüstet, belebt der April wieder; aber der Mensch hat nur Einen Frühling und die Verödung des Herzens nur Einen Wmter! In eben diesem Zimmer saß ich und brütete über Träumen und Hoffnungen, welche-aber nein! — jene Träume vermochten nie mir eine Erscheinung vor die Seele zu rufen, die Ihnen gleichgekommen wäre. noch jene Träume mir ein Glück zu verheißen» so köstlich als Ihre Liebe! Erinnern Sie sich noch, oder vielmehr, können Sie je vergessen den Augenblick, in welchen die tiefsten Tiefen unsrer Seelen sich aufschloßen? Ach es war nicht unter Umständen, unter welchen wenn ein solches Gestäudniß in Ihr Ohr geflüstert wurde, Ihre Zärtlichkeit über die Erwiederung zu er- rölhen brauchte! Die von Dunkel umhüllte Leidenschaft offenbarte sich in der Gefahr; und die Liebe, für Las Leben verboten, war unser Trost unter den Schrecken des Todes. Und jener lange und heilige Kuß, der erste, der einzige Moment wo unsre Lippen die Vereinigung unsrer Seelen theilten! sagen Eie mir nicht cS sey Unrecht ihn zurückzurufen! sagen Sie nicht: ich sündige, wenn ich die Stunden, wo ich allein da sitze, Ihnen weihe und den Traum dieser wonnevollen Erinnerung hege. Die Empfindungen, welche Sie in mir erweckt haben, können mich elend aber nicht schuldig machen; denn Liebe zu Ihnen kann das Herz nur adeln; es ist ein Feuer, welches den Altar auf dem es brennt, heiligt. Ich fühle, daß seit der Stunde wo ich liebte, meine Seele reiner geworden ist. Ich hätte nie geglaubt- daß ich einer so unirdischen Zärtlichkeit fähig wäre, oder daß die Liebe des Weibes diese Gökterwürde der Tagend besitzen könnte, welche ich au der Ihrigen verehre. Die Welt ist keine Pflegemutter für unsre jungen Träume von Leidenschaft und Reinheit; ich SS verwickelte mich in ihre Bestrebungen und wurde bekannt mit ihren Genüssen; während die letztern mich mit Unerlaubtem sättigten, machten mich jene ungläubig gegen reine Tugend. Ich b-trachiete Ihr Geschlecht als ein Näthsel, als eine Aufgabe, weiche meine Erfahrung bereits gelöst habe. Gleich den französischen Filosofen, welche unter dem Bestreben die Wahrbeit zu cvncentriren, sie verlieren, und welche aus Ehrfurcht vor den Marimen an der Moral freveln, faßte ich meine Kenntniß der Weiber in Aforismen und Gegensätzen zusammen; und ließ mir nichts von den Ausnahmen träumen, wenn ich mich nur in der allgemeinen Behauptung nicht getäuscht fand. Ich gestehe, daß ich irrte; ich entsage von Stund' au den kältern Reflerionen meines Mannes- alters, den Früchte« einer schmerzlichen Erfahrung, der Weisheit eines wahrheirsuckeuden aber stürmischen Lebens. Ich kehre mit Entzücken zu meinen frühsten Träumen von Schönheit und Liebe zurück, und ich weihe sie auf dem Altar meiner Seele Ihnen, — denn Sie haben sie ja verkörpert, gestaltet und ihnen das Leben eingehaucht! Auszüge aus dem Tagebuch der Lady Emilie Mandeville. Montag. Das ist der freudloseste Tag in der ganzen Woche, denn er kann mir keinen Brief v°n ihm bringen. Ich stehe mißmnthig auf und lese und lese wieder den letzten Brief den ich von ihm 91 erhielt — überflüssige Mühe — er ist ja schon in mein Herz eingegraben. Ich sehne mich nur, der Tag möchte vorüber seyn, weil ich vielleicht morgen wieder von ihm hören werde. Wenn ich Nachts aus meinem verstörten, unruhigen Schlummer erwache, sehe ich ob der Morgen nahe ist; nicht weil er Licht und Leben schenkt, sondern weil er mir Zeitung von ihm bringen kann. Wenn man mir seinen Brief bringt, lasse ich ihn einige Minuten uneröffnet — ich wride meine Angen an der Handschrift — ich untersuche das Siegel — ich bedecke es mit meinen Küssen, ehe ich mir die Wonne, ihn zu lesen, erlaube. Dann berge ich ihn an meiner Brust, wo ich ihn nur hervorhole um ihn wieder und wieder zu lesen — ihn mit Thräncn der Dankbarkeit und Liebe zu befeuchten — ach! auch mit Thränen der Reue und Geivissensunrnhe I Was wird das Ende dieser Neigung seyn? Ich darf weder hoffen, daß sie fort- dauern, noch, daß fl- aufhören werde; in beiden Füllen bin ick für immer elend. Montag Nachts Uhr. Man ist aufmerksam auf meine Blässe, aus die Thräaen die in meinen Augen zittern, auf mein zerstreutes, niedergeschlagenes Wesen. Ich denke Mrs. Daiton errälh den Grund. Gedemüthigt und ernrediizt in meinem eignen Gemüth, suche ich, Falkland! Zuflucht bei dir. Deine Liebe kann mich nicht in meinen früher» Zustand zurückversetzen, aber sie kann mich anssöhnen mit — nein» nicht «»»söhnen, aber mir erträglich 92 mache» meine» jetzigen. Dieser theure Brief, ich küsse ihn wieder — o daß Morgen schon gekommen wäre! Dienstag. Wieder ein Brief — so freundlich, so zärtlich, so ermulhigend: wollte Gott ich verdiente diese Lob spräche! ach ich sündige ja, indem ich sie lese. Ich weiß, ich sollte mehr gegen meine Empfindungen ankämpfen — Einmal versuchte ich's; ich flehte zum Himmel um Stärke; ich entfernte von mir Alles was mich an ihn erinnern konnte — drei Tage lang wollte ich seine Briefe nicht öffnen. Dann konte ich nicht mehr widerstehen, und meine Schwachheit wurde durch die Ohnmacht meines Kämpfen nur erhöht. Ich besinne mich, daß er uns eine« Tags von einer schönen Stelle bei einem Alten redete, worin der bitterste Fluch gegen die Lasterhaften ausgesprochen, der ist: sie sollten die Tugend vor Augen haben, und nicht im Stande seyn, sie zu erreichen *)» — das ist meine Strafe! Mittwoch. Mein Knabe ist bei mir gewesen; ich seh' ihn jetzt vom Fenster aus Feldblumen pflücken und jedem Sommerfalter nachjagcn, der ihm in den Weg kommt. Früher war er mein ganzes Glück, meine ganze Unterhaltung; jetzt ist er mir theurer als je; aber er nimmt nicht mehr alle meine Gedanken in Anspruch. Ich duich aufe die Blätter dieses Tagebuchs; ehmals enthielt es alle die kleinen *) Perslns. Vorfälle des Tags; jetzt gibt es nur Zeugniß von der Einförmigkeit meiner Echwermnth. Er ist nicht hier — er kann nicht kommen! Welches Ereigniß sollte ich denn in diesem Buch anmerken! Erasmus Falkland Esq. an Lady Emilie Mandeville. *) Wenn Eie wüßten wie ich mich sehne, wie ich schmachte nach Einem Wort von Ihnen — Einem Wort, das mir sagte, daß Sic gesund seyen und mich nicht vergessen haben — aber ich will Sie nicht betrüben. Sie werden meine Gefühle errathen und den Zwang den ich denselben auserlrge, Gerechtigkeit widerfahren lassen, wenn ich keinen Versuch mache zu Erschütterung Ihres Entschlusses, mir nicht zu schreiben. Ich weiß daß er gerecht ist und ich beuge mich unter meinen V-rdammnngsspruch; aber können Sic mich tadeln, wenn ich unruhig bin und in beständiger, schmerzlicher Sehnsucht? Es ist zwölf vorbei; ich schreibe Ihnen immer Nachts. Dann, o meine Vielgeliebte! trägt mich meine Fantafle leichter zu Ihnen hinüber; dann hält mein Geist zärtlichere, ungestörtere Zwiesprache mit Ihnen. Bei Tag kann flch die Welt oft meinen Gedanken aufdrängen, und ihre Armseligkeiten die Stelle flch *) Sehr viele Briefe Falklands an Lady Emilie Man- deville hielt ich für angemessen z« unterdrücken. A. d. H. -.»4 anmaßen, die ich „dem Himmel nnr und dir bewahren möchte/' aber bei Nacht ruft mir Alles lebendiger Sie vor die Seele; die Stille des «nmuthigen Himmels, die schmeichleusche Milde der lautlosen Luft, die Sterne, so heilig in ihrer Holdseligkeit — Alles spricht und flüstert mir von Ihnen. Ich wähne Ihre Hand in der meinigen ruhend; ich trinke wieder die leise Musik ihrer Stimme und schlürfe wieder in der Luft den Hauch, der von Ihren Lippen gewürzt ist. Ich bilde mir ein, Eie stehen in meinem einsamen Zimmer, in der Verklärung und Ruhe eines Geistes, der ar:f die Erde gekommen, um uns die Botschaft von der Liebe zu bringen, welche man im Himmel fühlt. Ich kann, glauben Sie mir, ich kann diese Trennung nicht lang aushalten; es muß mehr werden oder weniger. Sie mäßen die Meinige werden für immer, oder unser Abschied muß ohne eine Milderung bleiben, welche mehr «ine grausame Qual als ein Trost ist. Wollen Sie mich nicht begleiten, so verlasse ich allein Ließ Land. Ich muß mich nicht allmälig von Ihrem Bilde losschälen, sondern auf Einmal den Zauber brechen. Und, Emilie, wenn ich wieder in der weiten Welt bin, wenn keine Zeitungen von meinem Schicksal Ihr Ohr erreichen, und die Zeit ungestört ihre ganze Macht der Entfremdung und Entwöhnung geltend machen kann; dann, wenn Sie mich zuletzt vergessen haben, wenn der Frieden Ihrer Seele wiederhergestellt seyn wird, und Sie, lli frei von den Kämpfen des Gewissens, nichts von den Stacheln der Reue mehr werden zu dulden haben: dann, Emilie, wenn wir wirklich getrennt sind, dann lassen Sie uns der Umgebungen, welche Zeugen unsrer Leidenschaft waren, der Briefe, welche mein Gelübde aussprachen, des Unglücks, das wir erduldet und der Versuchung die wir überwunden, lassen Eie uns Alles dessen in unsrem Alter uns erinnern, und indem wir vor dem Himmel erklären, daß wir schuldlos waren, hinzusetzeu — d aß wir geliebt haben. Don Alfouso d'Aguilar au Don - London. Unsre Sache gewinnt täglich mehr Boden. Der große, in der That der einzige ostensible Zweck mei- ner Sendung ist beinah erreicht; aber ich habe noch eine andre Obliegenheit und einen andern Zweck, worüber ich mich Ihnen jetzt erklären will. Sie wissen daß meine Bekanntschaft mit der englischen Sprache und dem englischen Land sich von der Vermählung meiner Schwester mit Herrn Falkland herschreibt. Nach der Geburt ihres einzigen Kindes begleitete ich sie nach England; ich blieb drei Jahre bei ihnen und zähle noch jene Tage zu den hellsten meines unruhigen uns bewegte« Lebenslaufes. Ich kehrte nach Spanien zurück; ich wurde in die Unruhe und Mißhrlligkeiten verwickelt, welche mein unglückliches Vaterland zerrissen. Jahre verstoßen — wie 86 brauche ich Ihnen nicht zu sagen. Einmal, bei Nacht, gab man mir einen Brief in die Hand — er war von meiner Schwester auf ihrem Todenbette geschrieben. Ihr Gemahl war plötzlich gestorben. Sie liebte ihn wie eine Spanierin liebt und konnte seinen Verlust nicht überleben. Ihr Brief an mich sprach von ihrem Vaterland und ihrem Sohn. Bei de» neuen Verbindungen, welche sie in England angeknüpft, hatte sie nie das Land ihrer Väter vergessen. „Ich habe schon," schrieb sie, „meinen Knaben gelehrt, daß er ein zweifaches Vaterland hat; daß das eine, glücklich und frei, ihm seine Genüsse gewähren kann, während das andre, von Kämpfen zerrissen und herabgewürdigt, von ihm die Erfüllung seiner Pflichten fordert. Wenn er, zu dem Alter herangereift, wo do seinen Charakter beurtheilen kannst, in Achtung steht nur wegen seines Standes und geschätzt wird nur wegen seines Vermögens: wenn weder sein Kopf noch sein Herz ihn für unsre Sache nützlich machen: so laß ihn ungestört in seinem Wohlbehagen hier; aber wenn er, wie ich ahne, würdig werden wird des Bluts das in seinen Adern rollt: dann beschwöre ich dich, mein Bruder, ihn daran zu mahnen, daß er von mir auf meinem Sterbebett dem heiligsten Altar der auf der Welt i , zugeschworen worden ist." Vor einigen Monaten als ich in England ankam, beschloß ich, noch eh' ich ihn persönlich aufsuchte, Erkundigungen über seinen Charakter eiuzuziehen. 97 Wäre er gewesen wie die jungen, reichen Leute gewöhnlich sind — wäre Zerstreuung ihm zur Gewohnheit und Frivolität ihm zur andern Natur geworden: dann wäre ich bei dem ersten Auftrag meiner Schwester und zwar viel lieber stehen geblieben, als ich jetzt dem zweiten Folge leisten werde. Ich finde daß er vollkommen mit unsrer Sprache vertraut ist, daß er eine große Summe in unfern Fonds hat, und daß die Freistuiiigkeit seiner Grundsätze im Allgemeinen eben so sehr hoffen läßt: er werde unsrer Sache sich anschlicßeu, alt der große Ruf seiner Talente et gewiß macht, er werde ihr, in jenem Fall, große Dienste leisten. Ich bin deßhalb nun im Begriff ihn aufzusuchen. Ich höre daß er iu völliger Zurückgezogenheit in der Grafschaft - - lebt, in der nächsten Nachbarschaft des Herrn Mandeville, eines Engländers von beträchtlichem Vermögen, und unsrer Sache mit Wärme ergeben. Herr Mandeville hat mich eingeladeu, ihn einige Tage anf seine Besitzungen zu begleiten, und ich bin zu begierig meinen Neffe» zu sehen, als daß ich nicht bereitwillig diese Einladung annehmen sollte. Wenn ich Falkland bereden kann uns zu helfen, so wird dteß geschehen durch den Einfluß seines Namens, seine Talente und sein Vermögen. Don ihm können wir nicht die mühselig«, geschäftsvolle Aufopferung verlangen, zu welcher wir selbst uns verbindlich gemacht haben. Die Treulosigkeit der Freunde, die Bulwer'S Romane. XI.V. 7 98 Wachsamkeit der Feinde, die Heftigkeit der Der. wegnen, die Feigheit der Bedenklichen - Hader im Cabinet, Verrath in der Versammlung, Tod auf dem Schlachtfeld — das ist das Loos zu deffen Uebcr- uahme wir uns geweiht haben. Nur wenig ahnt, wer es nicht selbst mitmacht, von dem Leben, zu welchem alle diejenigen verurtheilt sind, welche die Kämpfe eines aufgeregten und zerrissenen Landes theilen; aber wenn sie unfern Kummer und Schmerz nicht kennen, können sie auch nicht von unsrem Trost träumen. Wir haben, wie in jenem Gleichnis vom Glauben, ein unfruchtbares und wüstes Land; Felsen, Dornen und Natternstiche bedrohen unsre Füße; aber wir drücken zum Trost das Kruzifir an unser Herz und richten unser Auge znm Himmel in Hoffnung! Auszüge aus dem Tagbuch der Lady Emilie Mandcville. Mittwoch. Seine Briefe haben einen andern Ton angenommen; sie vermehren meine Betrübniß statt sie zu lindern; aber ich verdiene Alles — Alles was über mich ergehen mag. Ich habe einen Brief von Herr Mandeville bekommen. Er kommt auf einige Tage hieher und hat im Sinn einige Freunde mitzubringeu; er erwähnt vorzugsweise eines Spaniers, des Oheims von Herrn Falkland und fragt mich ob ich diesen gesehen? Der Spanier ist gar sehr begierig seinen Neffen zu SS sprechen; er weiß also nicht, daß Falkland fort ist. Es wird mir einiger Trost seyn, Herrn Mandeville allein zu sehen; aber auch so — wie soll ich ihm entgegen treten? Was soll ich sagen, wenn er meine Bläffe und mein verändertes Aussehen bemerkt? Ich fühle mich ganz zu Boden gedrückt. Donnerstag Abends. Herr Mandeville ist augekommen ! zum Glück wurde es später Abend bis er kam, und die Finsterniß ließ ihn meine Verwirrung und übles Aussehen nicht bemerken. Er war freundlicher als je. O wie bitter rächte ihn mein Herz! Er brachte den Spanier Don Alfonso d'Aguilar mit; ich glaube eine schwache Familienähnlichkeit zwischen ihm und Falkland zu bemerke». Herr Mandeville brachte auch einen Brief von Julie. Sit wird übermorgen hier seyn. Der Brief ist kurz aber freundlich; sie erwähnt seiner nicht; seit einigen Tagen Hab' ich nicht mehr von ihm gehört. Erasmus Falkland Esq. an den Ehren- werthen Friedrich Monktou. Ich habe mich entschlossen, Monktou, wieder zu ihr zu gehen! Ich bin überzeugt, daß es für uns beide besser ist, wieder zusammenzukommen, uns vielleicht für immer zu vereinigen. Niemand, wer mich geliebt hat, kann mich vergessen. Ich sage das nicht aus Eitelkeit, denn ich habe dieß nicht meiner Erhabenheit über Andre, sondern meiner Verschiedenheit von Andern znzuschreiben. Ich bin gewiß, 100 daß die Reu« uud der Kummer, welch« sie jetzt empfindet, viel größer ist als sie zu erdulden haben würde, selbst wenn sie schuldiger, aber bei mir wäre. Dann hätte sie wenigstens eine Seele sie zn trösten und mitzufühlen Alles was sie erdulde» muß. Für eine so rciur Seele wie Emilie ist das Verbrechen schon so gut wie ganz begangen. Die Unschuld legt kein Gewicht ans die feine Grenzlinie, welche die Moral zwischen dem Gedanken und der That zieht; solche Unterscheidungen verlangen Reflerion, Erfahrung, Uebcrlegnng, Klugheit des Kopfes oder Kälte des Herzens; aber das sind die Eigenschaften nicht des Schuldlosen, sondern des Wrltkindcs. Die Neigung, nicht die Person einer tugendhaften Frau zn gewinnen, ist schwer; diese Schwierigkeit ist die Schutzwache ihrer Keuschheit; diese Schwierigkeit Hab' ich in diesem Fall überwunden. Ich habe versucht ohne Emilie zu leben — aber umsonst. Jeder Augenblick der Trennung von ihr überzeugte mich nur von der Unmöglichkeit. In vicrundzwanzig Stunden seh' ich sie wieder. Bei diesem Gedanken schon fühle ich meinen Puls fieberhaft sich heben. Leben Sie wohl Monkron. Mein nächster Brief soll, so hoff' ich, in-inen Trinmf melden. Drittes Such. Auszüge au« dem Tagebuch der Lady Emilie Mandeville. Freitag. Julie ist hier und so liebreich! Sie har seinen Namen nicht genannt aber fle seufzte so tief, als sie mein blasses. eingefallenes Angesicht sah, daß ich mich i» ihre Arme warf und schluchzte wie ein Kink. Es bedurfte keiner weitern Erklärung unter im»; diese Thränen sprachen zugleich mein Schnldgeständniß und meine Reue aus. Kein Brief von- ihm seit mekrcreu Tagen! Er wird doch nicht knank seyn? Wie unglücklich macht mich dieser Gedanke! Samstag. So eben bringt man mir ei» Billet von ihm. Er ist zurückgrkommen — hieher! Guter Himmel, welch unbesonnenes Unternehmen! Ich bin so unruhig, daß ich nicht mehr schreiben kaun. Sonntag. Ich Hab' ihn gesehen! Ich muß diese Worte wiederholen. Ich Hab' ihn gesehen! O dieser Augenblick! Vergütete er mir nicht Alles was ich gelitten? Ich getraue mir nicht alles nie- derzuschreiben was er sagte, aber er bat mich, zu fliehe» mit ihm — mit ihm — welches Glück, aber auch welche Schuld schon in diesem Gedanken! O dieß wahnsinnige Herz — wollte Gott es bräche! Ich fühle nur zu gut die Spitzfindigkeit seiner Gründe, und doch kann ich ihnen nicht widerstehen. Er scheint mich mit einem Zauber umgarnt zu haben, der selbst meine Anstrengungen ihm zu entfliehen, vereitelt. Montag. Herr Maudeville hat einige Leute aus der Gegend zum Essen auf morgen gebeten und Abends soll ein Ball seyn. Falkland ist natürlich auch «ungeladen. Wir werden uns also sehen — und wie? Ich bin so wenig daran gewöhnt meine Empfindungen zu verhehlen, daß ich davor zittre, vor so vielen Zeugen ihn zu sprechen. Herr Maudeville ist heute so rauh gegen mich gewesen; wenn Falkland mich je so ansähe, oder Ein solches Wort zu mir sagte, mein Herz würde wahrlich breche». Ist cs Alfieri, der vou den zwei Gesalcen spricht, deren Beute er immerdar scy? I.U wcole e il cor in Perpetua lite. Ach! zu Zeiten erwach' ich aus meiner Träumerei mit einem so lebhaften Gefühl der Bangigkeit nnd Schaam! Wie tief, wie tief bin ich gefallen! Dienstag. Er wird heute hieher kommen und ich werde ihn setzen! Mittwoch Morgens. Die Nacht ist vorbei, dem Himmel sey Dank! Falkland kam spät zum Essen, alle Andern waren schon versammelt. Mit welcher Anmnth er eiotrat! wie erhaben er schien über die ganz« Schaar die ihn umringte. Es war wie wenn er sich wieder entschlossen Härte Zauberkräfte geltend zu machen, welche er zuvor verschmäht hatte. Ec nahm Theil am Gespräch, und ließ da nicht allein seinen Geist glänzen — auch sein Benehmen war so gefällig und herzgewinnend! Kein Hohn war auf seiner Lippe, kein Hochmuth auf seiner Stirne — nichts, was auch nur einen Augenblick das Bewußt- seyn seiner unermeßlichn Ueberlegeuheit über alle Anwesende verrathen hätte. Nach dem Essen, als wir uns zurückgezogen, traf mich sein Auge. Welche Fülle znrückgcdrängrer Beredtsamkeit lag darin! Und daun mußte ich seinem Lob zuhören und durfte nichts sagen! Ich fühlte Verdruß sogar in meiner Wonne. Wer außer mir hatte das Recht so gut von ihm zu reden? Der Ball begann; ich fühlte mich erschöpft und muthlos. Falkland tanzte nicht; er setzte sich neben mich — er drang in mich zu-O Gott! O Gott! ich wollte ich wäre tobt! Erasmus Falklaud Esq. an Lady Emilie M a n d e v i l l e. Wie befinden Sie sich diesen Morgen, meine angebetete Freundin? Sie schienen mir blaß und krank als wir uns letzte Nacht trennten, und ich bin ganz unglücklich bis ich etwas von Ihnen höre. O Emllic! als Sie mir mit solchen thränenschwereu, niedergeschlagnen Augen zuhörten; als ich Ihre Brust sich bei jedem Work heben sah, das ich Ihnen ins Ohr flüsterte; als ich bei einer zufälligen Berührung Ihrer Hand, sie unter der meiuigen zittern fühlte: 10 » o! war in diesen Augenblicken nichts in Ihrem Herzen, was beredter als Worte für mich sprach? Rein und heilig wie Sie sind, kennen Sie freilich nicht die Gefühle, welche in mir brennen und toben. Wenn Sie an meiner Seite sind, glüht Ihr« Hand nicht, wenn sie auch bebt; Ihre Stimme, wenn gleich gedampfter, zittert nicht von Empfindungen, die sie nicht aussprechcn dürste; Ihr Herz ist nicht, gleich dem meinigen, von einer sengenden, verzehrenden Flamme ergriffen; Ihr Schlaf ist nicht durch unruhige stürmische Träume aus einer Werjüngnngsquelle des Lebens in ein Gift verwandelt. Nein Emilie! Gott verhüte es, daß Eie die Schuld, den Kampf empfinden sollten, welche an mir zehren; aber doch in der tiefen und edlen Zärtlichkeit Ihres Herzens müßen Sie eine Stimme finden, welche zum Schweigen zu bringen, schwer ist. Mit all den erdichteten Banden und Vorspiegelungen der Kunst könne» Sie doch aus Ihrem Buse» die unüberwindlichen Triebe der Natur nicht verbannen. Was ist es, was Sie fürchten? Sie werden antworten: die Schande! Aber können Sie ein Gefühl davon haben, Emilie, wenn Sie sie mit mir theiien? Glauben Sir mir, daß die unter Schaam nnd Kummer erwachsene Liebe v»n tieferer und heiligerer Art ist, als die im Stolz groß gezogene und in Lust und Genuß gepflegte. Aber wenn nicht die Schande, so ist es vielleicht die Schuld, weiche Sie fürchten? Sind Sie denn jetzt noch so schuldlos? Der Ehebruch des Herzens 105 ist nicht weniger ein Verbrechen als der wirklich beuangenc und — doch ich will Eie nicht lauschen — es ist wirklich Sünde, wozu ich Sie bereden möchte! es ist ein Fall von der stolzen Höhe die Sie jetzt behaupten. Ich gestehe dieß und ich habe Ihnen dafür keinen andern Ersatz zu bieten cos meine Liebe. Liebten Gw so wie ich, so würden Sie fühlen, daß ein gewisser Stolz und Trinmf in dem Gedanken liegt: Alles zu wagen, selbst das Verbrechen, um der Einen Wesens willen, gegen welches Alles nichts ist. Was mich b.trifft — ich weiß, wenn mir eine Stimme vom Himmel geböte, Eie zu verlassen: ich würde Sie nur um so fester an mein Herz drücken? Ich tage Ihnen, Geliebte meiner Seele, wenn Ihre Hand in eer weinigen liegt, wenn Ihr Haupt au meiner Brust ruht, wenn diese sausten, ans Herz dringenden Augen inimer auf die meimgel! gerichtet scyn werden, wenn jeder Seiff-er ssch mit meinem Alhem nnschen wir:, und jede Thräne im Augenblick ihres Entstehens von mir weggcküßt werden: ich sage Jhnrv, daß Sw dann einzig und allein fühlen werden, wie jeder Stachel der Vergangenheit und jede Besorguiß der Zukunft nur einen neuen Ring an der un» verbindenden Kette bildet. Emilie, mein Leben, meine Liede, Sie können nicht, auch wenn Eie wollten, mich verlassen. Wer kann die Wasser scheiden, die einmal vereinigt sind, oder die Herzen 106 trennen, die sich gefunden und in Eint verschmolzen haben? Seit sie sich wieder gesehen, harte Falkland, wie man bemerkt haben wird, einen neuen Ton im Ausdruck seiner Leidenschaft gegen Emilie angenommen. Ei» neues Blart mit kiefern und brennenderen Charakteren beschrieben, war im Buch der Schuld um- geschlageu worden. Er versäumte keine Gelegenheit die irdischeren Gefühle zum Beistand seiner Sache aufzubieten. Er schmeichelte ihrer Fantasie mit der gvldnen Sprache der Poeüe und trachtete die geheimen Gefühle ihres Geschlecht« durch den sanften Zauber seiner Stimme und den leidenschaftlichen Inhalt seiner G-sprächc zu wecken. Aber manchmal überfiel ihn ein tiefes, heftiges Gefühl der Reue, und als sein erfahrenes und geübtes Auge eben den Augenblick des Triumfes herannahen sah, fühlte er daß vir Erfüllung seines Wunsches, woran er seine und ihre Seele wagen wollte, ihm wohl ein augenblickliches Entzücken aber kein dauerndes Glück bringen wurde. Zwischen der Liebe des Mannes und des Weibes ist immer der Urnerschied: der diesem verschlingt fle, wenn sie einmal aufgekommen ist, alle Quellen des Gedankens ui d schließt Alles außer sich aus; aber beim Mann vergleicht sie sich mit allen früher» Ansichten und Gefühlen, dem Veimächtniß der vergangnen Zeit, und kann, wie mächtig auch ihr Wesen ist, doch nicht den ganzen Inbegriff unsres 107 Glücks oder Unglücks ausmachen. Die Liebe des Mannes in reifer« Jahren ist in der Tbat nicht sowohl eine neu« Empfindung, als vielmehr eine Wiederbelebung und Zusammendrängung aller seiner frühern Neigungen, und die tiefe und mächtige Leidenschaft Falklands für Emilie war mit den Erinnerungen an Alles was ihm früher theuer und lieb gewesen, verkettet; sie berührte, sie erweckte eine lange Kette von schwärmerischen Jugendgefühlen, weiche vielleicht nur um so frischer ans ihrem Schlummer erstände». Wer ist, wenn er wieder zu seinen ersten, zärtlichsten Erinnerungen zurückkehcte, wen» er nach einander die Schichten von Erde und Steinen wegwälztc, welche über dem Andenken der Vergangenheit sich anhäufteu und verhärteten: wer ist nicht erstaunt über die Entdeckung, wie frisch und unangegriffen diese vergrabnen Schätze wieder in seinem Herzen zu Tage kommen? Sie sind aufbewahrt worden in dem Schatzhause der Zeit: sie sind nicht nntrr- gegangen; gerade ihre Verborgenheit hat sie geschützt! Wir schaffen die Lava weg, und die Welt der vergangnen Tage liegt vor uns! Der Abend des Tags, an welchem Falklaud obigen Brief geschrieben, war rauh und stürmisch. Die verschiedurn Flüsse, an denen die Gegend sehr reich war, waren durch die letzten Regen zu ungewöhnlicher, reißender Breite angcschwolleii, und ihr Tosen vermischte sich mit dem lauten Sausen des Windes, und dem fernen Rollen des Donners der 1Ü8 endlich in ein leises Murmeln versank. Die ganze Landschaft nm L — — hatte jenen wilden, «der erhabnen Charakter, der ganz zu der Wuth der aufgeregten Elemente paßte. Dunkle Wälder, große Strecken uneingehegter Haiden, plötzliche Abwechslungen von Hügel und Thal und ein trüber ungleicher Horizont über unmtterbroch-ieil Bergketten machte« die Hanptzüge dieser romantischen Gegend aus. Erfüllt von den Erinnerungen seiner Jugend und an das wilde Entzücken, das er damals aus den Zuckungen und dem -Wkchsel der Natur schöpfte, trieb sich Falkland diesen Abcnd nm. Die dämmernden Schatten oon Jahren, gcschaarr mir geheime» Ereignissen und nagrnden Gedanken, versammelten sich um seine Seele und die Düsterheit und der Sturm der Nacht berührte ihn wie daS Litgesühl eines Freundes. Er kam an einem Trupp cr-chrockener Landleute vorbei; sie drängten sich unter eine» Baum zusammen. Der älteste verbarg sein Angesicht und schauerte., aber der jüngste sah immerfort dein Blitze zu, der in jäher Wiederkehr über dem Bergstrom hinzncktr, welcher zn ihren Fußen vvrbeiranschte. Falkland stand neben ihnen, unbeachtet und stumm, mit verschränkten Armen und höhnischem Munde. Für ihn waren Natur, Himmel und Erde krinr Gegenstände der Furcht, wohl aber der Betrachtung. In der Jugend, dachte er, indem er die Furcht, die mau im eine» Lebensalter empfindet, zusamrueastellte mit der Sorg- lvsigkeit eines andern, gibt es so Vieles was das Leben zertheilt und zerreißt, daß mau kaum zu dem Gesammtbervußtscyn des Lebens kömmt. Wir verliere» de» Ginn für das was ist durch den beständigen Gedanken an das was werden soll. Ader die Alten, welche kerne Znknnft zu erwarten haben, sind den Eindrücken der Gegenwart lebhafter zugänglich und fühlen de» Tod mehr ^ weil sie einen sicherer,, und vollständigcrn Eindruck v»m Leben hoben. Gr verließ die Gruppe und ging allein am Rande des sich krnmmeudcn, angeschwvllnen Stromes hin. „Im Kampfe der Ratnrkräfte" sagt ein gewisser Filosof, „fühlt der Mensch seine Kleinheit am meisten/' Wie alle allgemeinen Gäbe ist auch dieser nur theikweise wahr. Der Geist, der seine ersten Eindrücke von der Wahrnehmung empfängt, muß anch seine Stimmung von dem Lharaktrr der wahr- genvmmenen Gegenstände erhalten. Indem unser Geist sich mit den mächtigen Elementen vermischt, nimmt er an ihrer Erhabenheit Theil; der Gedankt erwacht aus den verborgnen Tiefen, wo er schlummernd laz, unsre Gefühle werden ss aufgeregt, daß sie nickt in uns eingekerkcrt bleiben können; sie eile» sich mit de» gewaltigen Mächten der Außenwelt zu vereinigen; und wie bri stürmischen Bewegungen in der Menschenwelt das Individuum ans sich selbst heranstritt, um ein Theil der Masse zu werden: so werden wir durch dir krampfhaften Erschütterungen der Natur aus unsrem kleinen Selbst hrransgersittelt, 110 um uns iu der Größe des uns umgebenden Kampfs zu verlieren. Falkland folgte noch immer der Spur des Flusses, dieser waud sich durch Manvevilles Besitzungen und mündete zuletzt in den, seiner Erinnerung so heiligen See. Er blieb an diesem Ort einige Augenblicke stehen, und blickte gleichgültig über den weiten Wasserspiegel hin, der bald schwarz war wie die Nacht, bald unter dem leuchtenden Glanz der Blitze zu einer großen Fenerfläche aufflammte. Die Wolken zogen in gewaltigen Säulen dahin, dunkel und aufwärts strebend, Len weiten Himmel verhüllend, gleich Schatten menschlicher Zweifel, wenn sic sich an ihm aufrollren. O wie schwach, wie schwach zeigte sich jener Ausspruch des Filosofen! Ein Gefühl des Stolzes erweckt der Sturm, der, »ach seiner Lehre, uns dcmülhigen sollte; eine ermuthigende Musik lebt in seinem Sausen, eine wilde Freude alhmet seine Zerstörung sogar; denn wir können jubeln indem wir seiner Macht Trotz bitten, während wir seinen Triumf theilen, im Bewußlseyn eines der Außenwelt überlegnen Geistes in uns. Wir können spotten über die Wnth der Elemente, denn sie sind weniger schrecklich als die Leidenschaften des Herzens; über die Verwüstungen des ergrimmten Himmels, denn sie sind minder verheerend als der Grimm des Menschen; über die Zuckungen der Natur um uns her, weil sie keine Gefahr, kein Schreckniß für die Seele hat, welche nnzerstörlichrr- ist und ewiger als die Natur 11t selbst. Falklaud wandte sich gegen das Haus, das seine Welt umschloß, und als der Blitz abwechselnd die weißen Säulen der Halle s.hen ließ, und in Feuerstrvme die hohen und schwankenden Bäume, wie einen Gespensterschwarm, hüllre, welche im Kreis umher standen, und dann so plötzlich verschwand und die gähnende Finsterniß die Scene verschlang: da verglich er, mit jener schmerzlichen Alchimie der Empfindung, welche Alles in dem Schmelzttegel Eiues Gedankens auflöst, diesen Wechsel von Licht und Schatten mit der Geschichte seiner eignen sündhaften Liede — dieser Leidenschaft, welche geboren ward im Schosse der Nacht, im Schutze der Ftnsterniß, »mgeben von Stürmen und die uur einen vorübergehenden Lichtglanz vom zornigen Himmel erhaschte, schrecklicher noch als ihre sonstige Düsterheit. Als er in den Saal trar, kam ihm Lady Margaretha entgegen. ,,Mein lieber Falkiand," sagte sie, ,,wle gut ist cs von Ihnen in einer solchen Nacht zu kommen! Wir haben den Wolken zugeschen, bis Emilie sich vor den Blitzen fürchtete; früher ge- rieth sie darüber nicht in Angst." Damit wandte sich Lady Margaretha weg gegen Emilie, ganz unbewußt des Vorwurfs den sie ausgesprochen. Wandte sich nicht auch Falklands Blick nach dieser Stelle? Lady Emilie saß bei der Harfe,, welche Mrs. St. John zu spielen ernstlich beschäftigt schien; ihr Angesicht war vorwärts geneigt und brannte unter der Rölhe, welche der auf ihr, wie sie fühlte, haftende Blick herovrrief. > Vs lag in Falklands Charakter, daß er einen desondern Widerwillen empfand gegen alles zur Schau Tragen von lieferen Empfindungen. Er hatte nichts von der Eitelkeit der meisten Männer bei gemachten Eroberungen; er hätte es nicht leiden können, wenn nur ein menschliches Wesen gewußt hätte, daß er geliebt war. Er hatte Recht! Kein Altar sollte so ungesehen und unverleftlich seyn, als das menschliche Herz! Auf Einmal sah und hob er die Verlegenheit, weiche er verursacht. Mit der ihm eignen außerordentlichen, herzgewinnenden Anmuth entschuldigte er sich gegen Lady Margaretha wegen seines unordentlichen Anzugs, er bezauberte seinen Oheim, Do» Alfvnso, durch ein Eirak aus Lopez de Dega; er erklinbigte sich aufs zarteste bei Mrö. Dalion »ach der Gesundheit ihres italienischen Windspiels, und dann — daun erst wagte er es, sich Emilien zu nähern und sprach mit ihr iu jenem sanfte» Ton, den, wie die Feeensprache, nur die angeredcte Person versteht. Mrs. Et. John stand auf und verließ die Harfe; Falkland nahm ihren Sill ein. Er beugte sich herab, Emilien zuznflüsteui, sei» langes Haar berührte ihre Wange, eS war noch feucht vom Nacht- rhau. Sie sah auf als sie es empfand, und begegnete seinem B!ick; bester war' cs für üe gewesen die Welt zn verlieren, als zn trinken das Gift der Seele ans diesem Auge, wenn es zur Sünde versuchte. iir Mrs. St. John stand in einiger Entfernung; Don Alfonso sprach mit ihr von seinem Neffen und von seiner Hoffnung, ihn zuletzt für die Sache seines Vaterlands von mütterlicher Seite zn gewinnen. „Sehen Sie nicht," crwiederte Mrs. St. John und ihre Farbe wechselte rasch, „daß so lang solche Magnete ihn hier festhalten, Ihre Hoffnungen eitel sind?" „Was meinen Sie?" versetzte der Spanier; aber sein Auge war der ihm angegebnen Richtung gefolgt und die Frage kam blot von seinen Lippen. Mrs. St. John zog ihn in eine noch entlegnere Ecke des Zimmers, und in der nun zwischen ihnen an- gesponnenen Besprechung verbanden sie sich für den Zweck, Emilien von ihrem Geliebten zu trennen — „Ich um meine Freundin, und Sie, um ihren Verwandten zu retten;" sagte Mrs. St. John. So ist es mit der menschlichen Tugend bestellt: der gute Schein und die edle That von außen, die Eine ewige Triebfeder der Selbstsucht»im Innern! Der Spanier hatte während seines Besucht in E-Falkland hinlänglich kennen gelernt, um den großen Nahen zu begreifen, den er vermöge seiner vollkommnen Bekanntschaft mit der spanischen Sprache, seiner ausgezeichneten Fähigkeiten, und vor Allem vermöge seines großen Reichthums der Sache derjenigen Partei schaffen konnte, welche Alfonso selbst ergriffen hatte. Dcßhalb beschränkte sich sein Wunsch nicht mehr darauf, Falklands Verwendung und Beistand in England Dulwer's Romane. XI.V, 8 »4 zu gewinnen; er hoffte seine persönliche Hülfe in Spanien zu erwirken; und gerne verband er sich mit Mrs. St. John, um seinen Neffen von einem Bande losznreißcn, welches ihn wahrscheinlich dem Dienste entziehen mußte, für den Don Alfonso ihn anzuwerben wünschte. Mandcville hatte au diesem Morgen E- verlassen; er argwohnte nichts von Emiliens Neigung. Dirß war bei ihm weniger Vertrauen als Gleichgültigkeit. Er gehörte zu den Menschen, di« von keinem Daseyn außer sich wissen; seine Empfindungen gingen alle einwärts; fle erzeugten nichts als Selbstsucht. Sogar das Haus der Gemeinen war ihm nur darum ein Gegenstand des Interesse, weil er es sich als einen Theil seiner Person, nicht umgekehrt, sich als einen Lheil von jenem dachte. Er sagte, mit dem Jnsekr am Wagenrad, „bewundert unsre Schnelligkeit!" Aber hoben die Mängel seines Charakters die Schuld der Lady Emilie aus? Nein! und das war zu Zeiten ihr schmerzlichstes Bewußtseyn. Wer in diesem Buch eine Entschuldigung der Sünde zu finden glaubt, der ist im Jrr- thum. Es enthält in flammenden Zügen die Berichte von den Leiden, der Reue und der Strafe derselben. Wenn in der Geschichte eines Weibes ein vor andern ausgezeichnetes Vergehen ist, so ist es der Ehbruch. Es ist in der That das einzige Verbrechen, welches sie, im gewöhnlichen Verlauf der Dinge, begehen kann. Der Mann hat tausend Versuchungen zur Sünde — 115 das Weib nur Eine; wenn sie dieser nicht widerstehen kann, .so verwirkt sie den Anspruch auf unser Mitleid. Der Himmel ist gerecht, ihre Schuld selbst ist ihre Strafe! Sollten diese Blätter in diesem Augenblick, Einer Frau unter die Augen kommen, die der Mittelpunkt eines Kreises von Elend und Schande geworden ist, ihr Haus entweiht, ihre Kinder entehrt hat — einerlei wie sie ihr Verbrechen entschuldigen imag, — einerlei welche Milderungsgrüude in ihrer Stellung liegen — in den Armen ihres Geliebten, in dem Nehe der neuen Bande, welche sle sich erwählt hat, fordre ich ste auf mir zu antworten, ob die zärtlichsten Augenblicke des entzückten Rausches frei sind von Demüthigung, wenn ste auch die Reue vergessen haben; und ob die Leidenschaft des Geliebten selbst nicht eben so sehr die Strafe, wie der Lohn ihrer Schuld geworden ist? Aber in der Stunde, die ich jetzt beschreibe, war weder in Emiliens noch in ihres Verführers Herzen ein Gedanke an ihre Sünde. Diese Herzen waren zu voll für Gedanken, ste hatten Alles vergessen außer einander. Ihre Liebe war ihre Welt — außer ihr war Alles Nacht — Chaos — Nichts! Lady Margaretha nähert- sich ihnen. „Sie werden uns doch diesen Abend singen, Emilie? es ist so lang, daß wir Sie nicht mehr gehört haben!" Vergeblich versuchte es Emilie; die Stimme versagte ihr. Sie sah Falkland an und konnte kaum ihre Thränen zurückhalkeu. 8 * IIS Noch hatte sie nicht die letzte Kunst gelernt, welche nns die Sünde lehrt — ihre Verheimlichung. „Ick will der Lady Emilie Stelle vertreten," sagte Falkland. Seine Stimme war ruhig und seine Stirne heiter; die Welt hatte ihn nichts mehr zu lehren. „Wollen Sie die Melodie spielen," sagte er zu Mrs. St. John, „die Sie nns vor einigen Abenden gaben? Ich will sie mit Worten begleiten." Nie Hand der Mts. St. John zitterte als sie nach seinem Verlangen that. Lied. Weil jung wir, laßt uns lieben doch! Der Sommer nicht begebet! Weh dem der im December noch Nach Maienblnmen gehet! Laßt lieben uns, weil unsre Glut Die Zeit noch nicht gekühlet; Ach, bald zu Eis erstarret ruht WaS warm ein Her, gefühlet. Es wird, entstehn der schalen Welt, Sin Paradies Gewinn uns. Und wenn's uns da nicht mehr gefällt: Die reichste Welt ist in unS! Man predigt: Lcidenschast verglüht: Lust ist wie Schaum zerronnen ! Doch wenn so kur, die Blume blüht: Tauch' rasch in ihre Wonnen! O warte nicht, bis den Verstand Die blöde Welt gefunden! Ein einz'ger Held zersprengt das Band, Das Tausende gcbundeu. Weil jung wir, laßt uns lieben doch; Der Sommer nicht bestehet; Weh dem der im December noch Nach Maienblumen gehet! Am folgenden Tag stand Emilie krank und mit einem Fieber auf. In Falklauds Abwesenheit erwachte ihre Seele immer zum vollen Bewußtseyn der Schuld-die fle ans sich geladen. Sie war in den strengsten, sogar in den ängstlichsten Grundsätzen erzogen worden, und ihr Wesen war so rein, daß ein bloßer Jrrrhum schon ihr wie eine Verwandlung ihres DaseynS erschien; wir ein Eintreten in eine neue, unbekannte Welt, vor welcher sie erschrocken in sich selbst zurückdebte. Man urtheiie nun, ob sich ihr Gemüth leicht in ihre jetzige Erniedrigung sinden konnte. Sie saß an diesem Morgen blaß und zerstreut da; ihr Buch lag unaufgeschlage» vor ihr; ihr« Augen, schwer von unterdrückten Thräuen, waren auf den Boden geheftet. Mrs. St. John trat ein; Niemand sonst war im Zimmer. Sie setzte sich neben sie und ergriff ihre Hand. Ihr Angesicht war beinah eben so farbloS wie daS Emiliens, aber die Züge waren ruhiger und leibenschafiloser. ,,Es ist noch nicht zu spät, Emilie," sagte sie, „Sie haben viel getha» waS Sie zu bereuen haben — Nichts was die Reue abschnitte. Verzeihen Sie mir, wenn ich mit Ihnen von dieser Sache spreche. Es ist Zeit — in wenigen Tagen wird Ihr Schicksal entschieden seyn. Ich habe zugesehen, obgleich ich bisher geschwiegen habe; ich habe jenes Auge beobachtet, wie es aufJhne» ruhte; ich habe jene Stimme gehört, wie sie an ihr Herz sprach. Niemand widerstand lang ihrem Eindrücke; meinen Sie die erste zu seyn, welche Kraft dazu in sich gefunden? Verzeihen Sie mir, verzeihen Sie mir, ich bitte Sie, meine thenerste Freundin, wenn ich Ihnen wehe thue. Ich habe Sie von Kindheit an gekannt und wünsche nur Sie bis in Ihr Alter von allen Flecken rein zu bewahren." Emilie weinte ohne zu antworten. Mrs. St. John fuhr fort ihr Musctzen und Vorstellungen zu machen. Was ist so schwankend wie die Leidenschaft! Als endlich Mrs. St. John aufhörte, und Emilie an ihrem Busen die heißen Tbränen der Seelenangst und Reue vergoß, da meinte sie ihr Entschluß scy gefaßt und sie hätte beinah ewige Trennung von ihrem Geliebten geloben können; Falkland kam an diesem Abend und sie liebte ihn rasender als je zuvor. Mrs. St. John war nicht im Saal als Falkland eintrat; Lady Margaretha las die wohlbekannte Geschichte von der Lady T-und der Herzogin von M — —, in welcher das Versprechen war gegeben und gehalten worden, daß diejenige, welche zuerst stärbe, der Ueberledenden noch einmal er- scheiueli sollte. Als Lady Margaretha lachend von dieser Anekdote sprach, ward Emilie, welche Falklands Miene beobachtet«, betroffen über den plötzlichen dunkeln Schatten, welcher dieselbe überzog. Ec ging schwelgend an das Fenster wo Emilie saß. „Glauben Sie," sagte ste mit einem schwachen Lächeln, „an die Möglichkeit eines solchen Ereignisses?" „Ich glaube, aber verwerfe auch — Nichts!" verfehle Falkland, „aber ich gäbe Wellen für einen solchen Beweis, daß der Tod nicht vernichtet." „Gewiß," sagte Emilie, „wollen Sie doch nicht den Beweis von unsrer Unsterblichkeit läugnen, welchen wir aus der Schrift schöpfen — gilt diese nicht so viel als die Stimme eines Tobten gelten müßte?" Falkland schwieg einige Augenblicke; er süneu die Frage zu überhören; seine Augen starrten hinaus ohne auf einem Gegenstand zu haften; und als er endlich sprach, so war es mehr ein Selbstgespräch als eine Antwort an Emilie. „Ich habe," sagte er in leisem, hohlem Tone, „über dem Grabe gewacht; ich hätte gerne meine Seele in «inen Zaubcrspruch aufgelöst, Härte mir dieser für eine», nur für einen Augenblick das Wesen heraufbeschworen, das einst der Gecst meines Lebens gewesen. Ich war gleichsam verzückt von der Innigkeit meiner eignen Beschwörung; ich habe in die leere Luft geschaut und meiner Seele Gewalt angethan, um sie mit Waimgestalren zu erfüllen; ich habe laut in die Winde gerufen und meinen Geist angestrengt, 120 ihr Schweigen zu einer Antwort zu vermögen. Alles blieb eine Einöde, eine Stille, eine Unendlichkeit ohne einen Wandrer oder eine Stimme! Die Tobten antworteten mir nicht, als ich sie aurkf; und in den stillen Nachtwachen schaute ich von dem dichten Gras und den moosigen Steinen auf zu dem ewigen Himmel, wie man von der Zerstörung weg uach der Unsterblichkeit schaur! Odiose schauerliche Herrlichkeit der Ruhe! dieser lebendige Schlaf! diese atb,tuende aber nichts offenbarende Göttlichkeit, chie über dies« stille Westen ausgegoffen war! Zn ihnen also lenkte ich drn Strom meiner Gedanke» — aber nur in einem Flüstern! Ich wagte nickt die undeilige Pein meiner Seele laut anfjunthmen zur Majestät der unfühlcnden Sterne. In der unermeßlichen Ordnung der Schöpfung — mitten unter dem Ungeheuern System des allgemeine» Lebens murmelte ich meine Zweifel und Fragen — eine Stimme, rufend in der Wildniß, ohne Wioerhall und unbeantwortet zu mir selbst zurnck- kehrend!" Das belle Licht des sommerlichen Mondes fiel auf Falklands Antlitz, das Emilie betrachtete, indem sie beinah zitternd seinen Worten zuhörte. Seine Stirne war gerunzelt und farblos uns große Tropfen rieselten langsam darüber herab, ansgepreßr gleichsam von der mächtigen, aber fruchtlosen Spannung der Gedanken darin. Ennlie ruckte uahrr zu ihm — sie legte ihre Hand auf die seinige. „Hören Sir mich," 121 sagte sie, „wenn ein Herold q»S dem Grabe ihren Zweifel schweigen könnte, ich wollte gern sterben um Ihnen erscheinen zu können." „Hüten Sie sich," sagte Faikland mit bewegter aber feierlicher Stimme, „die jetzt so leichthin ge- sprochueu Worte könnten droben ins Buch eingetragen werdenl" „Gey eS so!" versetzte Emilie eutschloff-n und sie fühlte was sie sagte. Ihre Liebe reichte über das Grab hinüber und sie würde hier auf Alles verzichtet haben, um drüben der Bereinigung thnlhaft zu werden. „In meiner frühesten Ingens," sagte Falkland, ruhiger als er die her geredet, „fand ich in der Gegenwart lind Vergangenheit dieser Welt genug, was wein« Aufmerksamkeit auf eine andre, künftige richten konnte; wen» ich inchr mit dem Schwärmer Alles glaubte, stumme ich noch auch nicht mit dem Spötter überein; ich s-tztc Mich hin um selbst zu prüfen und nachzniieiiken > ich brütete über de» Büchern der Fttosofen sowohl wie der Theologen; ich ließ mich weder durch iure Spitzfindigkeiten irre wachen, noch durch >hre Widersprüche abschrcckrn. Wie die Menschen sich zuerst durch Beobachtung der Hunmelezeichrn sichre geografische Kenakniß von der Erde gewannen, so huldigte ich dem unbekannten Gott und suchte oon diesem Gorterdienst aus die Gedanken und Meinungen der Menschenkinder zu erforschen. Ich beschränkte mich nicht auf Bücher — alle beseelten und leblosen Wesen machten mein r2r Studium aus. Selbst vom Tod suchte ich sein Ge- heimniß zu erpressen; und ganze Nächre bin ich gesessen in den ungefüllten Freistätten der Sterbenden und beobachtete das Aufflackern und Erlöschen des letzten LebenSfunken, die Menschen sterben weg wie im Schlaf, obne Anstrengung, ohne Kampf, ohne erschütternde Bewegung. Ich habe ihr Antlitz betrachtet im Augenblick vor dem Tod und die Heiterkeit der Ruhe lag darauf und nahm nur um so mehr zu, je näber der Schlummer herannahte der nicht mehr unterbrochen wird; der Athem wurde schwächer und schwächer bis die Lippen, aus welchen er kam, auseinander sanken und Alles verstummte, daS Licht war von der Wolke gewichen, aber die Wolke selbst, so grau, kalt und verändert sie nun erschien, war wie zuvor. Sie starben und gaben kein Zeichen. Sie hatten das Labyrinth verlassen ohne unS den Schlüssel dazu zu vermachen. Umsonst habe ich meinen Geist ins Land der Scharten gesaudc — er hat kein Zengniß seuier Forschung mit zurückgcbracht. Wie Newton vou sich leibst sagte: „Ich las einige Schaaleu an der Meereefläche auf, aber der große Occan der Wahrheit lag uneutdeckr vor mir." Jetzt entstand eine lau e Pause. Laoy Margaretha hatte sich niedergesetzt mit dem Spanier eine Partie Schach zu spielen. Kein Auge beobachtete die Liebenden; ihre Augen fanden sich und mit diesem Einen Blick war der ganze Gang ihrer Gedanken verändert. DaS Blut, daS einen Augenblick zuvor 12Z Falklauds Wange so farblos gelassen, strömt« wieder in sie zurück. Die Liebe, welche sein ganzes Wesen so durchdrungen und erfüllt harte, und welche so eben vor abstruseren und kälteren Gedanken verstummt war, ergoß sich jetzt wieder mit verdoppelter Stärke durch Nerv und Blut. Wie von einer blinden, beide beherrschenden Macht gezogen begegneten sich ihre Lippen, er schlang seinen Arm um sie; erdrückte sie au seine Brust. ,,Meine Gedanken sind so schwarz," flüsterteer, ,,und mein Leben ist so schlimm gewesen: aber willst da nicht jene erheitern und diesem eine Führerin werden? Meine Emilie, meine Liebe! du Himmel des stürmischen Meers meiner Seele, willst du nicht die Meiutge werden — einzig — ganz mein uud auf e-vig?" Sie antwortete nicht, sie entzog sich seiner Umarmung nicht. Ihre Wange flammte als sein Atkem darüber hinwehte und ihr Busen hob sich unter dem Arm der Ließ ihm so ergebene Reich umflochten hielt. „Sprich ein Wort, ein einziges Wort," fuhr er fort zu flüstern, „willst du nicht die Meine werden? Bist du nicht im Herzen schon in diesem Augenblick mein?" Ihr Haupt sank auf seine Brust. Die tiefen und beredten Augen schauten durch ihre dunkeln Wimper zn den seinigen empor. „Ich will die Deinige seyn," lispelte sie, „ich ergebe mich willenlos dir! ich habe hinfort kein anders Daseyn als in dir! Meine einzige Furcht ist, ich könnt» aufhören, deiner Liebe würdig M seyn!" Falkland preßte noch einmal seinen Mund auf den ihrigen; es war seine einzige Antwort und das letzte Siegel für ihren Bund. Da sie vor dem offnen Gitterfenster standen, schaute der stille schuldlose Mond nieder auf dieses Zeichen der Schuld. Keine Wolke stand am Himmel, die seine Reinheit getrübt hätte; die Nachtwinde hatten sich gelegt, um ihm zu huldige»; alles war schweigend außer ihren Herzen. Sie standen unter dem heitern, heiligeu Himmelsgewölbe, ein schuldiges und entzündetes Paar; ein fürchterlicher Contrast der Sünde und Unruhe dieser stürmischen Erde gegen die leidenschaft- lose Heiterkeit des ewigen Firmaments. Dieselben Sterne, welche vor unergründlichen Jahrtausenden auf die Wechsel dieser niedern Welt herabgcschaut hatten, schimmerten jetzt blaß und rein uud unbewegt auf dieß brennende aber vergängliche Liebesgelübde. Was mochte wohl in wenigen Jahre» voo dem Fluch ober den Urknndspersoneu dieses Gelübde» noch übrig seyn? Don andern Lippen wurden vielleicht an dieser Stelle Eide geschworen, neue Pfänder unwandelbarer Treue gewechselt, und Jahr für Jahr werden dieselben Sterne bei jeder Veränderung von Zeit und Umständen von dem geheimnißvvllen Heiligthum ihrer une> gründeten, undurchdringlichen Hei- marh herabschauen, um «Die jetzt durch ihre Wandcl- lostgkcit die Veränderungen und flüchtigen Scharten der Menschenkinder zu verhöhnen. ISS Erasmus Falkland Esq. an Lady Emilie Mandeville. Endlich also sollst du die weinige werden! du hast eingewilligt mit mir zu fliehen. Zn drei Tagen verlassen wir dieß Land und haben kein« Heimath, keine Welt mehr als Eins das Andre. Wir werden, meine Emilie, in jene gvldnen Länder gehen, wo die Natur, die einzige Gesellschaft, die wir dulden, wie eine Mnttcr uns an die Freistätte ihres Busens winkt, wo die Lüftchen matt hinweheu unter dem Liebesgesang des wollustvollen Himmels, und wo das Pmxurlicht, das Alles mit seiner Glorie umhüllt, an Zärtlichkeit und Weihe allem dem Geiste weicht, den wir milbringen. Ist nicht, meine Emilie, zwischen der äußern Natur, welche in der Schöpfung waltet und der menschlichen in «ns zum Bewußrseyn kommenden Natur ein geheimes Einverständniß, eine geheime Anziehung? Sind nicht die Eindrücke von j-ner wie Zaubersprüche für die Leidenschaften dieser? und wenn mir die Holdseligkeit um uns her betrachten, ist es nicht als ob wir daun in unseru Herzen einen Zuwachs des Verlangens und der Sehnsucht der Liebe gewännen und anhäuften? Was können wir von der Erde uns wünschen als ihre Einsamkeit? was vom Himmel als seine mieutweihte Luft? Alles was andre von beide» verlaugen könnten, finden wir in uns selbst. Neichthum, Ehre, Glückseligkeit — alle Gegenstände des Ehrgeitzes und der Sehnsucht sind für uns nicht vorhanden außerhalb des Bereichs irs unsrer Arme! Ader der Aufenthaltsort der uns aofnimmt, soll auch nicht unwürdig seyn deiner Schönheit und unsrer Liebe. Unter Myrten und Reden, in den Thälern wo der Sommer schläft, bei den Flüssen, welche das Gedächtuiß und die Sagen der Vorzeit murmeln, unter den Hügeln und freundlichen Lichtungen, bei den Silberquellen, immer noch so schön als ob die Nymfen und die Geister eine irdische Heimath dewovnren und schmückten; unter diesen Umgebungen wollen wir unser Brautlager auf- schlagen, und der Mond des italienischen Himmels soll über unsere Ruhe Wache halten. Emilie! Emilie! wie so gern wiederhole ich und bewundre diesen schönen Namen! Wenn dich sehen, dich anreden und vor Allem, dich berüyren ein Entzücken war: welches Wort kann ich im Wörterbuch des GlückS finden, um auszudrücken mein Gefühl über die Erfüllung der Hoffnung, wovon ich jetzt brenne — unsre Zugend in Einem Strom zu vereinigen, wohin dieser auch fließen möge! gleichsam Ein Stamm zu werden und iu Ein Leben die Gefühle, die Wünscht, das Wesen beider zn verschmelzen! Heut Nacht werde ich dich wieder sehen; laß noch Einen Tag hinfließen und dann — ich kann den Gay nicht vollenden. Wie ich schon geschrieben habe: das stürmische Glück der Hoffnung hat mich übernommen und verwirrt und begräbt alles Andre. Zu diesem Augenblick klopft mein Puls fieberhaft, das Zimmer schwimmt mir vor den Augen, Alles wird 1L7 mir ununterschieden und verworren — ein Chaos von Empfindungen. O daß da» Glück je solche» lieber- maß haben kann! Al» Emilie diesen Brief erhielt und au ihrem Herzen barg, fühlte sie nichts dem Geiste, welchen derselbe arhmete, Verwandle». Mit dem raschen Uebergang und Unbestand der Empfindung, welcher so gewöhnlich bei den Frauen ist, und worauf eben so oft ihre Rettung als ihre Gefahr beruht, hatte ihre Seele schon die Schwachheit de» letzten Abend» bereut und war iu die Unentschlossenheit und den Schmerz ihrer früheren Gewissensangst zurückgefallen. Nie war in einer menschlichen Brust ein gewaltigerer Kampf zwischen Gewissen und Leidenschaft — wenn ander» wirklich die so äußerst sanfte, obwohl mächtige, Anhänglichkeit Emilien» Leidenschaft heißen konnte; e» war mehr eine Liebe, welche durch den Anwachs ihrer Stärke verklärter wurde; es lag ihr nur die Schuld zur Last, fle Anfang» in sich aufgenommen zu haben, eine Schuld von welcher jeue Ordnung von Engeln, deren Wesen ganz Liebe ist, ste gerne gereinigt haben würde. Ihn sehen, mit ihm leben, den Wechsel seiner Mienen und seiner Stimme zu beobachten, zuweiten beim Tage seine Hand berühren und seinen Scklunimer bewachen: das war der Inbegriff ihrer Wünsche, in diesen Grenzen war ihre Sehnsucht eingeschlosseu. Den Versuchungen der Gegenwart trat die ganze Vergangenheit ihre» Lebens 128 entgegen. Ihr Geist schwankte, haltlos und elend, vom einen zum andern hinüber, wie der Augenblick ihm gerade die Richtung gab. Sie harre in der Thar keinen kräftigen Charakter; Erziehung und Lebensweise hatten eine von Natur schon zu weiche Gemüthsart schwach gemachr, indem sie die weibliche Zartheit steigerten. Jede Erinnerung an ihre frühere Reinheit sprach zu ihr mit der lauten Stimme der Pflicht als Warnen» vor der großen Schuld, womit sie sich belasten wollte, und so oft sie an ibr Kind dachte — diesen Mittelpunkt zärtlicher, sündivser Empfindungen, einst der ganze Schatz ihres Herzens — schmolzen ans Einmal ihre Gefühle, adlaffend von dem Gegenstand der sie so gewaltig wie mir einem Zauberbann gefesselt gehalten hatte, und lösten und verloren sich in der großen, heiligen Quelle der Mutterliebe. Als Falkland diesen Abend kam, saß sie in einer Ecke des Saals dem Anschein nach mit Lesen beschäftigt, aber ihr Auge war auf ihren Knaben geheftet, welchen MrS. Et. John am andern Ende des Saals zu unterhalten sich bemühte. Das Kind, das Falkland liebte, ging bei seinem Eintritt auf ihn zu; Falkland lxngte sich hinunter cs zu küssen; und Mcs. St. John sagte mit leiser Stimme, welche eben noch sein Ohr erreichte: „auch Judas küßte, eh er verriekh! ^ Falkland wechselte die Farbe, er fühlte den Stachel der in die Worte gelegt mar. Diesem Kind, da» ihn jetzt so unschuldig liebkoste, stand er wirklich im Begriff das empfindlichste und unheilbarste Lebensnuglück, das er konnte, zn bereiten. Aber wer hw.t in der Leidenschaft auf die Stimme der Vernunft? Er verbannte die peinliche Empfindung, ebenso schnell als sie aufgestjegeo war, aus seinem Herzen, und neben Emilie sich setzend, suchte er ihr einen Theil der ihn beMenden Freude und Hoffnung irs einznflößen. Mrs. Et. John beobachtete sie mit eifersüchtigem und ängstlichem Auge; sie hatte schon bemerkt, wie fruchtlos ikr,früherer Versuch geblieben, EmtlienS Gewisse» erfolgreich gegen ihren Geliebten zu waffnen; aber sie beschloß, weniastens den damals gemachten Eindruck zu erneuen. Die Gefahr war drohend und das Heilmittel mußte rasch wirken; und es war schon etwas, eine Vereinigung zu verzögern, sollte auch das endliche Zerreiffen derselben mißlingen, gegen welche eben so sehr di« empörten Gefühle der Eifersucht alS die bessern Empfindungen der Freundschaft sich auflehnten. Emiliens Auge glänzte schon bei den Worten, welche ihr Falkland ins Ohr flüsterte, als Mrs. St. John sich ihr näherte. Eie setzte sich auf einen Stuhl neben ihnen und ohne Falklands gerunzelte, mißmuthige Stirne zu beachten, suchte sie eine allgemeine, gleichgültige Unterhaltung herbei- zusühren. Lady Margaretha hatte zwei oder drei Personen ans der Nachbarschaft eingeladen, und als diese ankamen, wurden gleich Musik und Karten herbeigeschafft, mit jener englischen Artigkeit, welche sobald wie möglich die Gelegenheit ergreift, zu zeigen, daß die Unterhaltung mit unfern Freunden das letzte ist, um dessen willen wir sie einladen. Aber Mrs. Et. John wich nicht von den Liebenden, und endlich als Falkland in Verzweiflung über ihre Hartnäckigkeit aufstand um an den Spieltisch zu gehen, sagte sie: „Ich bitte Sie, Herr Falkland, waren Sie nicht zu einer gewissen Zeit vertrauter Freund von-, der mit Lady-floh?" „Ich kannte ihn nur oberflächlich." sagte Falkland und setzte dann mit höhnischem Lächeln hinzu: „die einzigen Male da ich ihu sah, waren in Ihrem Hause." MrS. John, ohne den SarkaSmu« zu beachten fuhr fort: „Welch eine „»glückselige Geschichte war das! sie hatten iu srühern Bulwer'« Vom«»«. XI.V. 9 i;o Jahren sehr an einander gehangen — die einzige Entschuldigung vielleicht für eine Frau, wenn sie ihr späteres Gelübde bricht. Sie en-flohen. Da« U-brige ibrer Geschichte ik bald erzählt: e« ist die gewöhnliche Geschichte derer, welche der Leidenschaft Alles auf- oplern und nicht bedenken, daß sie unter Allem am kürzesten dauert. Ec der ihr seine Ehre zum Opfer brachte, opferte hinwiederum sie einer Andern zu lieb. Sie konnte seine Untreue nicht ertragen; aber wie konnte sie ihm darüber Vorwürfe machen? In dem Augenblick wo sie seiner Liebe sich hingab, war sie derselben unwürdig geworden. Sie machte ihm keine Vorwürfe; sie starb am gebrochnen Herzen! Ich sah sie gerade vor ihrem Tode noch, denn ich bin ihr weitläufig verwandt, uns konnte sie auch in ihren Sünden nicht ganz verlassen. Da sprach sie mit mir nur von dem Kind aus ihrer frühem Ehr, das sie in den Jahren verlassen, wo es ihrer Gorge am meisten bedurfte; sie erkundigte sich bei mir nach seiner Gesundheit, seiner Erziehung, seinem Wachs- thllm; den kleinsten Umständen versäumte sie nicht nachzufragen. Die Nachrichten von ihm waren das Einzige was ihrer Seele wieder eine Ahnung von Freude und Spannkraft gab. Ich bracht« eines Tags das Kivd zu ihr; das Kind harte wenigstens sie. nie vergessen. Wie bitterlich weinten beide als sie sich trennen mnßcen! und sie — die arme, arme Ellen — eine Stunde nach der Trennung war sie nicht mehr l" Hier entstand eine Pause von einigen Minuten. Emilie war tief erschüttert. Mrs. St- John halte die Wirkung, welche sie hervorbrachte, geabnt und bot Allem auf, sie noch zu verstärken. ,,Sonderbar!" begann sie wieder, „am Abend vor ihrer Entweichung wurden ihr einige Verse von unbekannter Hand zugestkllt — ich glaube nicht Emilie, daß sie Ihnen schon bekannt sind? Soll ich sie Ihnen jetzt singen? nud ohne die Antwort abzuwarten setzte sie sich an's Klavier; mit leiser aber angenehmer Glimme, durch den außerordentlichen Aufdruck ihres Doitrag« aufs vortheilhafttste gehoben, sang sie folgende Verse: An- Verlassen willst du dieses Haus Wo dich ersreut des Himmels Huld? Ach deute, eh du stiebst daraus: Ob schöure Hütten »aut die Schuld? Der Vogel wandert wobl und kehrt Mit reiner Schwing' ins alte Nest-, Dem Weib di» Hiimath bleibt verwehrt Das Einmal frevelnd sie verläßt! Wohl manchmal dürsten mag nach Rub Auf Rosenbaftnen selbst, ei» Herz; Aus sichrer Freistatt scheidest Du In einer Welt voll Dorn und Schmerz! Gedenk' der reinen Kinderzeit! Vergangenheit lacht froh dich an! » Dan« weude dich, schau, welche- Leid Der Schuld'ge» Zukunfr bringen kan»! Nicht Zeit, nicht Hoffnung trösten mag Ein Weib, das seldst den Ruhm sich nahm; Manch Herz, gebeugt von keinem Schlag, Erliegt dem leise» Hauch der Schaam! Wenn, nach dem gräßlichsten Verlust Früh fühlt dein Kind des Lebens Harm: Soll fließen dann an Söldliugsbrust Die Thräue, statt im Mutterarm? i;r Wen« deinen Namen lallt sein Mund (Der Zunge frühester Versuch!) Soll dann dem Armen werden kund» Daß dran nur Sünde Haft' und Fluch? Wenn Krankheit dann sein Bett beschleicht, O wer erfüllt dann deine Pflicht? Auf tritt deS Miethlings Fuß so leicht. Wie die besorgte Mutter, nicht. Genug! noch ist'» zu meiden Frist Den Kelch, drein Gift du selbst gepreßt! Den« offen noch di« Kette ist; Noch hält da» Schiff der Anker fest. Bleibt deines Lebens Theil der Schmerz: So stirb von jeder Mackel frei! O besser bricht zumal dein Herz, Als daß die Pflicht gebrochen sey! Es wäre ein vergeblicher Versuch Emiliens Empfindungen, als der Gesang aufhörte, beschreiben zu wollen. Verworren und dunkel schwamm ihr Alle« vor den Augen. Die Heftigkeit ihrer Bewegung, welche sie zu verhehlen rang, drohte sie fast zu ersticken. Sie stand aut, sah Falkland mit einem Blick an — so voll Eeelenpeiu und Verzweiflung, daß er ihm das Herz erstarren machte, und verließ das Zimmer ohne ein Wort zu sprechen. Nach einem Augenblick hörte man «in Geräusch — einen Fall. Man rannte hinaus, Emilie lag ausgestreckt, dem Anschein nach leblos, auf dem Boden. Ein Blutgefäß war ihr zersprungen!