Aus dem Englischen. Sechsundviersigstrs Gändchen. Hat klaub. Viertes Buch. Arasmaues. Stuttgart, Verlag der I. B. Metzler'schen Buchhandlung. 18 3 5 . Kleine Erzählungen und Novellen von dem Verfasser Eugen Aram's, des Verstoßenen rc. Aus dem Englischen von Gustav Pfizer. Zweites Bändchen, enthaltend: Falkrand. Vierte« Buch. Ara«»aneS. Stuttgart, Verlag der 2- B. Metzler'scheu Buchhandlung. 1 8 3 5 . viertes Such. Mrs. St. John an Erasmus Falkland E s q. Endlich kann ich auf Ihre Briefe günstiger« Antwort gebe». Emilie ist jetzt ganz außer Gefahr. Seit dem Tag, da Sie sich mit so uneigennütziger Rücksicht für ihre Gesundheit und ihren guten Ruf in das Zimmer der Kranken drängten , wurde sie (Dank Ihrem schonenden Betragen!!) allmälig besser. Ich hoffe in wenigen Tagen soll sie im Stande seyn, Sie zu sehen. Ich hoffe dieß um so mehr, alt ss« jetzt fühlt und entschieden hat, daß e« das letztemal seya muß. Sie haben zwar ihr Glück auf Zeitlebens vergiftet, aber ihre Tugend ist, Dank dem Himmel, noch unverletzt; und obgleich Sie sie elend gemacht haben, wird eS Ihnen doch, so hoffe ich, nicht gelingen sie verächtlich zu machen. Sie fragen mich mit einigermaßen drohenden und mehr noch klagendem Tone, warum ich so bitter sey gegen Sie? Ich will es Ihnen sagen. Nicht nur kenne ich Emilie und empfinde, kraft dieser Keuntniß, mit Zuverläßigkeit, daß Nichts ihr die Dorwütfe ihres Gewissens vergüten kann, sondern 6 ich kenne auch Sie, und biu überzeugt, daß unter allen Männern Eie zuletzt sie glücklich machen könnten. Ich setze für den Augenblick alle Anforderungen der Religion und Sittlichkeit überhaupt bei Seite und spreche zu ihnen, um mich d-s abgedroschnen, verbrauchten Auedrucks zu bedienen, ohne Dor- urtheil nur mit Rücksicht auf diesen einzelnen Fall. Emiliens Gemüthsart ist sanft und empfindlich, die Ihrige launig und aufbrausend im höchsten Grade. Die kleinste Veränderung oder Laune bei Ihnen, die ein minder zartes Gemüth gar nicht beachtete, würde ihr ins Herz schneiden. Sie wissen, daß eben die Sanftheit ihres Wesens aus einem Mangel an Stärke entspringt. Bedenken Sie einmal einen Augenblick, ob sie die Demüthignug und Schande ertragen könnte, welche so schwer die Fehltritte einer englischen Frau treffen? Sie ist iu den strengsten Begriffen von Sittlichkeit erzogen worden, und in einem von Natur nicht kräftigen Gemüth kann nichts die Eindrücke der Erziehung vertilgen. Eie ist nickt — wahrlich nicht gemacht für ein Leben voll Kummer und Entwürdigung. Bei einem andern Charakter möchte eine andre Derfahrungswcise empfehlenswerth seyn; aber in Rücksicht auf sie, halten Sie inue, Falklaud, ich bitte Sie, eh' Sie einen neuen Versuch wache», sie für immer zu verderben. Ich habe Alles gesagt. Leben Sie wohl. Ihre und vornemlich Emiliens Freundin. 7 Erasmus Falkland an Lady Emilie Mandeville. Dn wirst mich sehen, Emilie, da du jetzt so weit hergestellt bist, um dieß ohne Gefahr zu thu». Ich verlange dieß nicht als eine Gunst. Wenn meine Liebe etwas um die deinige verdient hat, wenn frühere Erinnerungen mir einen Anspruch dir gegenüber geben, wenn mein Wesen nicht den Zauber verwirkt hat, den es sonst auf das deine ausübte, verlange ich es als «in Recht. Der Ueberbringer dieses wartet auf Antwort. Lady Emilie Mandeville an Erasmus Falkland Esq. Eie sehen Falkland! Können Sie daran zweifeln? Können Eie einen Augenblick glauben, daß Ihre Befehle ie anfhören könnten mir Gesetze zu seyn? Kommen Sie hieher, wann Sie mögen. Wenn man Sie während meiner Krankheit zurückhielt, so geschah es ohne mein Wissen. Ich erwarte Eie; aber ich wünsche, daß diese Unterredung die letzte seyn möge, wenn ich irgend Ansprüche auf Ihre Barmherzigkeit habe. Erasmus Falkland Esq. an Lady Emilie Mandeville. Ich habe dich gesehen Emilie und zum letztenmal! Meine Augen sind trocken — meine Hand zittert nicht. Ich lebe, gehe umher, athme wie « zuvor, nud doch habt ich dich zum letztenmal gesehen! Da sagtest mir, während tu dich an meine Brust lehntest, während dein Mund an den weinigen gepreßt war, du sagtest mir (und ich sah wie e- drin Ernst war) ich solle dich schonen und dich nicht mehr sehen. Du sagtest mir, du habest keinen eignen W llen, kein eignes Sch cksal mehr; wenn ich fortfahre es zu wünschen wollest dn Freunde, Ehre, Heimat- verlassen um meinetwillen; aber du verhehltest mir nicht, daß du eben damit auch vom Glück dich scheiden würdest. Du verhehltest mir nicht, daß ich deine ganze Welt zu seyn nicht vermöge; du warfst dich, wie schon früher einmal meinem sogenannten Edelmmh in die Arme; du hast dich damals, du hast dich auch jetzt nicht gelauscht. In vierzehn Tagen verlasse ich England, wahrscheinlich für immer. Ich habe noch ei» anderes Vaterland, durch seine Drangsale und Erniedrigung meinem Herzen noch theurer. Die Baude der Anhänglichkeit im Staatslcden sind ihrem Wesen nach wenig von denen des Privatleben verschiede»; und dieß Geständniß des Vorzugs den ich dem gedemü- thigteu Lande vor dem stolzen und glücklichen gebe, wird zugleich als Antwort auf die Behauptung der Mrs. St. John dienen: wir Männer könnten im Unglück nicht so lieben, wie im Zustand der Ehre und des Glücks. Genug von diesem. Wegen der Wahl die du getroffen, meine arme Emilie, kann ich dir keine Vorwurfe machen. Du hast weis«, g recht, tugendhaft gehandelt. Dn sagtest diese Trennung müße mehr von mir als von dir ausgehen; du wollest die Meivige werden, im Augenblick wo ich es verlangen würde. Ich will nicht jetzt, nicht irgend je dieß Versprechen annehmen. Niemand, am wenigsten ein Wesen, da« ich so -nnig, so wahrhaft liebe wie dich, soll je von meinen Händen Schande empfangen, wenn sie nicht selbst fühlte, daß diese Schande ihr theursr wä>e als jede andre Herrlichkeit, daß das bloße Loos: mein zu seyn, nicht sowohl eine Entschädigung als eine Belohnung sey u«d troy aller HerabwüidignnA und Beschimpfung, nach dem Urtdeil der Welt, all ihre Träume von Glück und Stolz erfüllen und übertreffen würde. Ich habe dir jetzt noch mein Lebewohl zu sagen. Mögest du, ich saae dieß ohne Rückhalt und von ganzem Herzen, mögest du bald vergessen, wie heiß du mich liebtest und noch liebst! Zu diesem Brhnf kannst du keine bessere Gesellschaft haben als Mrs. Gt. John. Ihre Ansicht von mir ist laut ausgesprochen und vermuthlich wahr; in jedem Fall wirst du weise daran thun, ihr Glanben zu schenken. Du wirst mich von vielen angrelfcn und schelten hören. Zch längne die Anklagen nicht ab; du weißst am besten, was ich von Dir verdient habe. Gott segne dich Emilie! Wohin ich gehe, nie werde ich authören dich so zu lieben wie ich jetzt thne. Mögest tu Glück finden in deine Kind und deinem Gewissen. Noch einmal, Gott segne dich! und lebe wohl! 10 Lady Emilie Mandeville an Erasmus Falkland Esq. O Falkland! du hast geflegt! Ich bin die Deinige! - einzig die Deinige — ganz und auf ewig! Als dein Brief ankam zitterte meine Hand so, daß ich ibn einige Minuten nicht öffnen konnte; vnd als ich es tdat, war mir als ob mir die Erde unter den Füße» entschwunden wäre. Du wolltest weg aus deinem Baterlande! solltest für mich auf immer verloren seyn! Ich konnte nicht länger mich zurnckhalten; Tugend und Stolz verließen mich auf Einmal. Ja, ja, da bist wirklich meine Welt. Ich will fliehen mit dir in die weite Welt, wohin es auch sey. Nichts ist mir mehr fürchterlich, als dich nicht sehen! ich wollte eine Dienerin, Sklavin, ein Hund seyn, so lang ich nur um dich bleiben könnte, Emen Ton deiner Stimme hören und den Blick deines Auges erbaschen. Ich sehe kaum das Papier vor mir, so unstet und verworren sind meine Gedanken. Schreib mir ein Wort Falklaud, Eia Wort! ich will es an mein Herz legen und glücklich seyn. Erasmus Falklaud an Lady Emilie Manbcyille. London. Ich eile zu dir Emilie — meine heiß > und einzig Geliebte! dein Brief bat mir das Leben wieder gegeben. Morgen treffen wir uns! Mit gemischte» Empfindungen, halb getrübt und verbittert, trotz der glühenden Hoffnung, welche unter allen die mächtigste war, kehrre Falkland nach E-zurück. Er wußte, daß er der Eifüllung seiner heißesten Wünsche nahe war) daß er schon seine Hand anSstrcckcn konnte nach dem Preise, welcher für ihn all die tausend Gegenstände bei Ehrgeizes einschloß, auf welche bei andern Menschen die vielfachen Wünsche gerichtet sind; die kühnsten Träume, die er vor Jahren zu träumen wagte, sollten jetzt in Leben verwandelt werden. Er hakte allen Grund glücklich zu scya; er fühlte sich, das ist die Unbeständigkeit der menschlichen Natur, beinahe elend. Dir kränkklude Schwermuth, die ihm immer eigen war, verbreitete ihre Färbung über alle seine Empfindungen und Gedanken. Ec kannte die GemüthS- art deS Weibes, deren Herz und Neigung er verführt hatte, und er zitterte beim Gedanken an das Schicksal zu welchem fie zu verdammen er im Begriff stand. Damit überfiel seine Seele eine lange Reihe dunkler, peinigender Erinnerungen. Emilie war nicht die Einzige, an deren Untergang er gearbeitet. Allen, welche ihn geliebt, hatte er mit Verderben gelohnt; und Einer, der Ersten, der Schönsten, der Geliebtesten - mit dem Tod! Diese letzte Erinnerung drang sich ihm bitterer als alle andern auf. Man wird sich erinnern, daß Falkland in den Briefen, welche diese Erzählung beginnen, da wo er auf die Verbindungen zu sprechen ir kam, welche er nach dem Verlust seiner ersten Liebe angeknüpft, selbst sagt: die Sinne, mcht das Herz, seyen dabei betheiligt gewesen. Wirklich war auch seit ih-em Tod, bis er Emilien sah, sein Herz ihrem Andenken nie untres geworden. Ach! nur diejenigen, welche in ihrer Seile ein theureS Bild von Todren bewahren; welche darüber lang«, bittre Jahre in Heimlichkeit und Wehmulh gewacht haben; welche empfanden, daß es gleichsam eine heilige, gcister- besuchte Stelle scy, die kein Auge außer dem ihrigen entweihen dürfe; die Alles mit Erinnerungen wie mit einem Zauber erfüllt, und bas Universum zu einem großen Mausoleum für dir Verlorne» gemacht haben: — nur Liese können das Geheimniß jener schmerzlichen Wehmuth vrrstchen, welche über jede »achhrrige Leidenschaft, sey sie auch glühender und inniger, ausgegvssen ist; jenes dem Bewußtseyn des Tempelraubs ähnliche, nuheimliche Gefühl, womit wir in den verborgnen Nischen des Geistes, ein neues, dem Leben angehöriges Götterbild anfstellen, und die letzte Handlung der Untreue begehen gegen die degrabne Liebe, welche uns der Himmel, der sie nun aufgenommen, und die Erde wo wir sie einst schauten, miltelst der zahllosen Stimmen der Natur mit dem Weihranchopfer unsrer Treue zu verehren gebieten. Sei» Wagen hielt au dem Waldhäuschen; die Frau, weich« dir Thore öffnete, gab ihm nachstehendes Billet: i; „Herr Mandeville ist zurückaekommen; ich befürchte beinah er argwöhnt unser Verhältnis. Julie sagt, wenn du wieder nach E-kämest, würde sie ihn von Allem unterrichten. Ich kann dich, thcuerster Falkland, nicht hier sehen. War ist zu thun? Ich bin sehr krank und habe Fieber, mein Gehirn brennt so, daß ich nichts deuten, fühlen und fassen kann, als den Gedanken, das Gefühl, die Gewßheit: trotz der Schande und trotz der Schuld im Leben und im Tod die Deinige zu seyn. E. M." Als Falkland diese Zeilen las, verdoppelte sich seine unsägliche und überwältigende Liebe zu Emilien mit jedem Wort; einen Augenblick zuvor halte die Gewißheit sie zu sehen seine Seele nach tausend Richtungen sich zerstreuen lassen; jetzt versammelte die Ungewißheit wieder ihre ganze Thätigkejt auf Einen Punkt. Er schlug einen andern Weg nach L-, ein und fertigte von dort ein kurzes Briefchen an Emilie ab, worin er sie für diesen Abend um eine Zusammen- kunfr am See anflehte, um die Anstalten für die endliche Flucht zü besprechen. Ihre Antwort war kurz, von ihren Thränen verwischt, aber einwilligcnd. Während diese, ganzen Tags, wenigstens seit dem Augenblicke des Empfangs von Falklauds Brief, war Emilie beinah nicht im Staude einen Gedanken zu fassen; sie saß still und regnnglos -a, starrte mit Bnlwer's Romane. XI.Vl, 2 14 Augen ohne Gehkraft hinaus, und sah in ihrer Seele so wie in den sie umgebenden Gegenständen eine fürchterlich« Leere. Ginn, Gedanke, Empfindung sogar Gewissensangst war erstarrt und erkältet; die Flmh der iunern Bewegungen ging noch fort, aber sie war in Eis verwandelt. Als Falklands Diener außen gewartet hatte, um das Billet an Emilie besorgen zu lassen, hatte ihn Mrs. St. John bemerkt; ihr Schrecken und Ueberraschong dienten nur ihre Geistesgegenwart zu steigern. Sie fing Emiliens Antwort auf unter dem Vorwand sie selbst an Falklands Diener bestellen zu wollen. Sie las sie und ihr Entschluß war gefaßt. Nachdem sie sie sorgfältig wieder gesiegelt und dem Diener zn- gestellt halte, ging sic plötzlich zu Herrn Mandeville und enthüllte ihm der Lady Emilie Neigung zu Falkland. Zu dieser verrätherischen That war sie allein durch ihre Leidenschaften angetrieben worden, und als Mandeville aus seiner gewöhnlichen Unempfindlichkeit znm unbändigsten Zorn sich aufraffend, ihr immer und immer wieder für ihre edelmüthige Freundschaft dankte, die, wie er wähnte, sie allein zu dieser Miltheilnng veranlaßt hatte, da ahnte er nichts von der heftigen, uubczwinglichen Eifersucht, die selbst die Schande beneidete, welcher ihr Be- kenntniß Vorbeugen sollte. Mit Recht sagt der französische Schwärmer: ,,daß das dem Anschein nach heiterst« Herz dem ruhigen und glänzenden Quell gleiche, der die Ungeheuer des Nils im Schoos seiner 15 Wasser hegt." Welchen Lohn sich Mrs. Et. John für ihre Handlungsweise versprochen hauen mochte — sic trug die ihr gebührende Vergeltung davon. Die Folgen ihres Derraihe, welche ich mich beeile zu erzählen, haben für Andre aufgehört — für sie blieben sie. Unter ben Zerstreuungen des Vergnügens vergiftet Ein Gedanke ihr Gemüth; Eine dunkle Wolke ist geblieben zwischen der Sonne und ihrer Seele; wie dem Mörder bei Ghakspeare hat die Festlichkeit wohin sie floh um sich zu vergessen, sie mit dem Gespenst der Erinnerung erschreckt. O du unzähmbares Gewissen! das du nie schmeichelst, daS dn ein Menschenherz nicht schlummern und schlafen läffest, dn nimmst uns die Gegenwart, schneidest uns die Zukunft ab und schmiedest die ewige Kette, welche uns an den Felsen und die Geier der Vergangenheit fesselt! Der Abend kam heran — still und dunkel; eine stumme, schwei« Ahnung schien durch die Luft zerstreut; große, dichte Wolken lagen regungslos am trüben Firmament, zwischen welchen in weiten, unregelmäßigen Zwischenräumen die blaffen Sterne hrrabschauteu; ein doppelter Schatten schien die düstern Banmgrnppen einzuhüllen, welche ohne sich zu rühren am melancholischen Horizont standen. Die Gewässer des See'« lagen tief und ohne Bewegung da, wie Todesschlaf und die gebrochnen Spiegelbilder der steilen, gewundenen Ufer ruhten auf ihrer 2 « 18 Brust, wi« die traumartige Erinnerung eines früher» DasennS. Die verabredete Ftunde war gekommen; Falkland stau» an rem Orre und starrte auf den vor ihm liegenden See, seine Wange flammte, seine Hand wcr versengt und trock-n von dem ihn innerlich verzehrenden Feuer. Sern Puls war voll und heftig; der Dämon schlimmer Leidenschaften lag auf seiner Seele. Ec stand so in seine Geeaoken verloren, daß er einige Augenblicke das zärtliche und ihränenschwere An^e nicht wahrnahm, das auf ihn geheftet war — aif d ese Stirne und diesen Mund, die, obwohl immer sitön und herrlich, jetzt so göttlich erschienen, daß ihre Ruhe zn stören fast wie Entweihung eines Heiligtkums war; und obgleich Emilie mit leichtem, hastigem Schritte ans ihn zu eilte, blieb sie doch uuwillkührlich stehen und schaute das edle Angesicht an, welches ihre frühsten Fantastegestalten von der Schönheit und Majestät der Liebe zu verwirklichen schien. Er wandte sich langsam um und wurde ihrer ansichtig; er ging mit dem ihm eignen Lächeln ans sie zu, er drückte fle schweigend an seine Brust, er preßte seine Lippen auf ihre Stirne; fle lehute sich au seine Brust und vergaß Alles außer ihm. O! wenn es Ein Ge'ühl gibt, das die Liebe, selbst die schuldige Liebe, zn einer Gottheit macht, so ist es das Bewußt- seyn, daß mitten in dieser lauten lärmenden Welt sie in einsamer Abgeschlossenheit herrscht, und daß die mit ihrer Verehrung Beschäftigten nichts wissen 17 von der Armseligkeit, dem Ha^er, dem Gewükle, welches die gewöh. Inden Ertedewokner befleckr und umrreibk. Was galt ihnen, wie sie so all-,» stanken in der tiefe» Grille der Narur, All's was sie in Anspruch genommen karre, ehe sie sich begegne,«n und Indien? Auck in ihrer Seele sogar »raren die Gedanken an Schuld und Unglück zurück, sie war nur für Eines empfän.lich: für die Gegenwart des Wesens das neben «kr stand — Des Oceans für ihrer Seele Ströme! Sie setzicn sich unrcr eine Eiche; Aalkland beugte sich, die kalke und bleiche Wange za küssen, die noch an seiner Brust ruhie. Seine Küsse waien wie Lava; die trüben, stunnischen Elemenre rer Sllnk-e uud des Verlangens waren bis zur chgsere> in itm aufgeregt. Er drängte sie enger an seine Brust; ihre Lippen begegneten den seiuigeni ihre Äugen wa en halb geschlossen; wilo wo^le der Buse» der an sein schlagendes, brennendes Heiz gepreßt war. Die Wolken wurden dunkler und du-kler, so wie die Nacht sie überschlich; >in leise« Rollen des Donners brach in der verhängren, schweien Lufr aus — sie hörren es nichr; u»o doch war e« die Todrenglocke für Frrede, Tugend, Hoffnung - welche verloren waren, verloren auf immer für ihre Seelen! ****»»»* »*»***»» Sir schieden wie sie noch nie von einander geschieden waren. Zn Ernüienr Brust war eure ,8 schauerliche Oede, eine ungehrure Leere, worüber eine dumpie, tiefe Stimme wie die eines Geistes hinhallte — ein verworrener und sonderbarer Ton, der eine Sprache redete, die ge nicht verstand, aber empfand, daß ge sprach von Web, Erduld, Verdammung. Jbre Sinne waren betäubt; die Lebenskraft ihrer Emrfi >du»geu gelahmt und erstarrt, der erste Herold der Verzweiflung ist Unempfindlichkeit. ,,Mo,gen also," sagte Falkland, unv seine Stimme klang ihr znm erstenmal rauh und hart, ,,werde« wir für immer von hier fliehen; mir Tagesanbruch treffen nur uns, der Waren wird uns erwailen — wir können uusr« Vereinigung >eht nicht zu sehr be chleuniaen — ick wollte wir wären in diesem Augenblick schon gerüstet." .,Morgen," wiederholte Emilie, ,,mit Tageea, brnch!" und als ge ihn umfaßte fühlte er wie ge schauerte, , morgen, ja, morgen!" noch ein Kuß, eine Umarmung, eine Lebewohl und ste nennten sich. Falkland ging nach L-zurück. Eine düstre Abnung lastete auf seiner Seele; jene dumpfe, un- beichreidliche Furcht, die kein menschlicher Verstand, keine Ursache der Welt erklären kann — jene« innere Erveben, jeue unbestimmte Angst vor der Zukunft — jenes Ringen gleich!«,« mck einem unbekannten Schatten — jenes Schweifen des Geistes — wohin? — jener kalte, kaltuberrieselnde Schauer — vor was? Al« er t»s Haus trat begegnete ihm sein vertrauter Diener. Er gab iym Befehle, die mor- 19 geude Flucht betreffend uud zog sich dann in sein Schlafgemach zurück. Es war ein alterthümliches, großes Zimmer; das Getäfel war von Eichenholz und ein breites und Hobes Fenster beherrschte die weite darunter sich hinstreckende Landschaft. Ec setzte sich schweigend bei einem Fensterflügel nieder und öffnete ihn; di« dumpfe Luft kam seiner Stirne entgegen, nicht ei» Gefühl der Erfrischung gebend, sondern, wie die sengende Atmvsfäre des Ostens, belastet mit bleierner Niedergeschlagenheit, welche sich tief in seine Seele senkte. Er wandte sich um', er warf sich auf das Bett und legte die Hand auf seine Stirne. Seine Gedanken waren in tausend verworrene Gestalten zersplittert; aber vor allen andern trat eine wildentzückende Vorstellung hervor und diese bestand darin: daß der morgende Tag ihn für immer mit ihr verbinden sollte, deren Besitz sie ihm nur noch theurer gemacht hatte. Jndeß verstoßen die Stunden und als er so schweigend und ruhig dalag, schlug die Glocke der fernen Kirche mit klarem, feierlichem Ton au sein Ohr. Es war eine halbe Stunde »ach Mitternacht. In diesem Augenblick durchlief ein eiskalter Schauer, der sein Blut stocken machte, durch seine Adern. Sein Herz, wie in Ahnung dessen was folgte, schlug heftig und blieb dann stehen; das Leben selbst schien hiuzuschwindcn; kalte Tropfen standen aus seiner Stirne; selne Augenlieder zitterten und die Augen rollten und starrten wie die eines Sterbenden; ein« tödtliche Furcht so überkam ihn, so daß sein Fleisch erbebte, und jedes Haar auf s-inem Haupte rin eignes Leben bekommen zu haben schien; das Mark in seinen Gebeinen gerann und sein Blut wurde dicker und dicker, und gleichsam zu einer stehenden geronnenen Masse. In wilder unauSiprecblicher Angst starrte er hinaus: da stand am fernsten Ende deS ZimmerS ein dämmerndes dünnes Gebilde wie Mondlicht, ohne bestimmten Umriß und Gestaltung , ruhig, unkenntlich, schatten- hafr. Er stierte eS an', sprach - und bewegungslos; seine Sinne und Geisteskräfte schienen in unnatürlicher Verzuckung geschlossen. Aümälig wurde daS Gebilde Heller und Heller vor seinem starren weit- aufgeribnen Auge. E> sah wie durch einen fluihenden nebelartigen Schleier EmilienS Züge, aber wie verwandelt! eingefallen, farblos und erstorben, die viederhängende Lippe, von der ein dunkelrother Tropfen wie Blut zu rinnen schien; daS bleierne, leblose Auge; die starre, schauerliche, gchrimnißvolle Ruhe, die über der Erscheinung der Todten schwebt — Alles das wuchs gleichsam aus der umschließenden Nebelwolke für einen kurzen Augenblick voll TodeS- schauer hervor und verschwand dann eben ss plötzlich. Der Zauber wich von seinen Sinnen. Mit einem lauten Schrei sprang er »om Bett auf. Alles war ruhig. Keine Spur war übrig von der Erscheinung» die er gesehen. DaS schwache Sternenlicht beichten noch die Stelle, wo die Erscheinung gestanden hatte: auf dieser Stelle stand auch er jetzt. Er stampfte auf den Fußboden — er war fest unter seinen Füßen. Er betastete seinen Körper mir der Hand — er war wach — er war nicht verändert; E>de, Luft, Himmel um ihn waren wie zuvor. Was hatte seine Seele übernommen, daß solche« Grause» und solche Schwäche sie heim suchte? Auf diese Fiagea wußte seine Vernunft keine Antwort zu finden. Kühn von Natur und skeptisch vermöge seiner Filowste, fand sein Geist allmälig wieder seine gewohnte Stimmung; ergab keinen Bermuchungen Raum; er bemühte sich, es sich aus dem Sinne zu schlagen; er sucht« durch natürliche Ursachen die Erscheinung, die er gesehen oder sich eingebildet, zu erkläre»; und als er sein Blut wieder in gewohnter Weis« durch seine Adern rollen fühlte und die Nachtluft seinen fieberglühendeu Körper anwehke, lächelte er mit irvtziger, höhnischer Bitterkeit über den Sct>> ecken der seinen Geist so erschüttert, über die Einbildung die ihn so geäfft hatte. Gibt es nicht ,,mehr Dinge im Himmel und auf Erden als sich unsre Filosofie träumen läßt?" Ein Geist waltet vielleicht in der Luft, die wir athme»; die Tiefe Misker geheimsten Einsamkeit kann von Unsichtbaren Wesen bevölkert seyu; unser Aussicht» und unser Ntederlegen mag vo» Zeugen au» dem Grab beobachtet weiden. Bei unser» Wanderungen können die Tobten hinter uns her.iehcn: bei unser» Festmahlen können sie mit zn Tisch« sitzen, und der frostige Hauch des Nachtwindes, der in de» Vor- hängen unsres Bettes wühlt, kann uns eine unser» Sinnen uvvernehmltche Botschaft dringen von Lippen, welche einst manchen Kuß auf die nnsrigen preßten. Warum übersckileicht uns zu Zeiten ein Schauer, eine Augst, so nberwäliigend und doch so unbeschreiblich? Warum erbeben wir ohne Ursache und fühlen LaS warme Lebeneblut in seinem Laufe still stehen? Sind uns dann die Tobten nahe? Be,üh en uns im Dorüberschwirren überirdische Fittige? Pflegt unsre Seele einen Verkehr, den der Leib nicht tbeilt, obwohl er ihn empfindet, mit der übernatürlichen Welt — wird sie theilhaftig geheimnißvoller Offenbarungen, unbegreiflicher Gemeinschaft, in einer schauerlichen, gewaltigen Sprache, die bis ius Innerste die fleischliche Scheidewand erschüttert, die den Geist von seinen Etammgenoffen trennt? Wie fürchterlich ist das Leben selbst das wir leben! Unser Wesen ist wie unter einer Wolke und wir sind ein Wunder für uns selbst. Es gibt keinen einzigen Gedanken, der seine festgesteckten Grenzen hätte. Wie Kreise im Wasser werden unsre Nachforschungen schwacher je weiter sie gehen, und verschwinden am Ende in dem unermeßlichen, unergründlichen Raum der Ungeheuern Sfckre wo unser Wissen auigeht. Wir sind wie Kinder im Dunkeln; wir zittern in einer schattenhaften, schrecklichen Leere, von unfern Einbildungen bevölkert; das Leben ist für uns wahrhafte Nacht, und der erste Schiin« 2Z mer des Morgens der uns Gewißheit bringt, ist der Tod. Falkland saß den Rest der Nacht am Fenster, und sah den Wolken zu wie sie grauer wurden, als die Dämmerung anbrack und das erste Lüfrchcn der» selben sich erhob. Er hörte unten das Stampfen der Rosse) er warf seinen Mantel um und stieg hinab. An einer Wendung der Straße jenseits des Pförtnerhäuschens bestellte er, daß der Wagen warte» sollte und dann ging er der verabredeten Stelle zu. Emilie war noch nicht da. Mit unruhigem hastigem Schritt ging er hin und her. Der Eindruck von der Nacht her war großentheilS wieder in seinem Gemüth ausgelöscht und er ergab sich ohne Bedenke» den heißen, sanguinischen Hoffnungen, die zu hegen er allen Grund hatte. Auch dachte er, ans Augenblicke, an jenen freundlichen Himmel m ter welchem er ein Asyl zu suchen beabsichtigte, wo die Luft lauter Musik ist und das Licht in lauter Lieber färben schimmert, und er dachte sich die Wonneseufzer einer bcidersiitigen Entzückung in Verbindung mit den Dritten der Myrtden und dem sanfren Hauch des toskanischen Himmels. Die Zeit verstrich. Längst war die Stunde vorüber und Emilie kam noch nicht! die Sonne ging auf und Falkla-d kehrte sich in ärgerlichem, fiusterm Mißmut» von ihren Strahlen ab. Mit jedem Augenblick stirg seine Ungeduld uud endlich konnte er sich nickt wehr halten. Ec ging auf das Hans zu. Einige Zeit hielt er sich in der Entfernung; aber da alles ri noch in tiefer Rübe -ingewiegt schien, schlich er sich näher und väker hin bis er die Tbüre erreichte; zu seinem E staunen war sie offen. Ec sah Gestalten rasch durch die Hülle eilen. Er ho-te eni verworrenes, undeutliches Geflüster. Endlich wurde er auf eineu Augenblick der Mrs. Sk. John ansichtig. Er konnte sich nicht mehr bemeisteru. Er eilte vor, ging dnich das Thur, durch die Halle und faßte sic bei einem Stück ihrer Kleider. Er konnte nicht sprechen, aber sein Äugest nt saate Alles, wogegen seine Zunge sich sträubte. M-S. St. 2ohn brach bei seinem Anblick in Tkranen aus. „Guter G°rr!" saue sie, „wie kommen Sie hxher? Zst's möglich, daß Sie schon erfabren haben-?" Die Stimme versagte ihr. Falkland hakte inzwischen wieder Fassung gewonnen. Er wandte sich zu den Dienstleuren, welche um ihn her schwankten. „Sprecht!" sagte er kalt. „Was ist vorhecallen?" „Mylady — Mylady!" jammerten auf Einmal mehrere Zungen. „Was ist ihr?" fragte Falklanb mit erbleichter Wange aber unveränderter Stimm». ES irat eure St>llc ein. In dieüm Augenblick ging ein Mann, in welchem Falkland den Arzt der Nachbarschaft erkannte, aus der entgegengesetzten Seite durch den Saal. Ein Licht, ei» betäubendes lind »nertiägliches Licht ging ihm auf. „Sie stirbt — sie ist vielleicht tobt!" sa^te er in leisem Grabesront uvd ließ ,eiu Auge nn Kreise herumgebeu, bi« er alle Umstehenden geprüft harte. Niemand antwortete. Er schwieg einig« Augenblicke, wie von rs einem plötzlichen Schsage gelähmt, und sprang dann die Treppe» hinauf. Er ging durchs Ank eide,immer in das Gemach wo Emilie ichlicf. Dre Laden waren nur halb geschloffen; ein schwaches Licht drang herein und fiel auf das Belt; daneben kauerten zwei Frauen, diese sah und berück ichirgte er gar nicht. Er zog die Vorhänge zurück. Er erblickte, was er in der Erscheinung dieser Nacht schon gesehen — das entstell'«, leblose Angeficht von Emilie Mandcville! Das Antlitz, noch voll zarter Schöndelt, war rhril- wsise ihm zugekehrt. Euiige dunkle Tropfen auf dem Mund und dem Hals sagten, wie sle gestorben: das flüher gesprungene Blutgefäß war wieder anf- gedrochen. Die liebevollen, sanften Augen, die für ihn immer nur Einen Ausdruck gehnbt hatten, waren geschlossen und kie laugen Ivsgegangeneu Locken verhüllten halb und hoben durch ihre Schwärze die Brust, die erst in der letzten Nacht an der seinigen zu beben gelernt hakte. Glücklicher in ihrem Loos als sie verdiente, schieb sie aus diesem bitrern Lebeu, ehe die Strafe ihrer Schuld begonnen hatte. Sie ward nicht dazu verdammt, unter dem nagenden Kummer der Schande oder der Kälte entfremdeter Neigung hinzuwelken. Von dem Mann, den sie so verehrt, durfte sle doch nicht Kränkung ober Wechsel in der Gesinnung gegen sie erfahren. Sie starb während seine Leidenschaft in ihrer Vollkraft — ehe eine Blüthe, ein Blatt verblichen war, und fle sank in die Arme der Ruhe «ährend sein Kuß noch auf 26 ihrer Lippe brannte, und ihr letzter Athemzng war beinah noch mit seinem Seufzer vermischt. Für ein Weib das sich vvm Weg der Tugend verirrte» hat das Leben nichts» was einem solchen Tove vorzn- ziehen wäre. Falkland stand stumm und starr; nicht Ein Wort des Jammers oder Entsetzens entfloh seinem Munde. Zuletzt bückte er sich nieder. Er ergriff die über das Bett herabhängende Hand und drückte sie; sie erwiederte de» Druck nicht, sondern entfiel kalt und schwer der seinigeu. Er legte seine Wange an ihren Mund; nicht der schwächste Hauch drang hervor, und jetzt erst trat auf seinem Antlitz ein Wechsel «in; er drückte diesem Mund einen lan» gen und letzten Kuß auf und verließ ohne ein Wort, ohne eine Geberde, ohne «ne Thräne das Gemach. Zwei Stunden nachher fand man ihn bewußtlos aas der Erde liegen; es war auf der Stelle wo er in der Nacht zuvor mir Emilien zusammengekommeu. Wochen lang wußte er nichts von dieser Erde — er war umgeben von den Gespenstern eines schrecklichen Traums. Alles war Verwirrung, Finsterniß, Entsetzen — eine Reihe und ein ewiger Wechsel von Qualen. Bald ward er von einem feurigen Stern entraffr und durch den Himmel geschleppt, von oben, von unten, und rings von unauslöschlichen aber ihn nie verzehrenden Flammen umgürtet. Wohin er ans seiner Wanderung durch sein ungeheures, loderndes Gefängniß lief, war geschmolzenes Feuer sein Boden »nd glühender Qualm seine Luft. Blumen, Bäume r? und Hügel waren in dieser Welt wie in der unsrigen, aber aus einem düster», unerträglichen Licht gerormt und rings herum zerstreut erhoben sich riesenhafte Palläste und Tempel von dieler lebendigen Flamme, wie die Behausungen der Höllenstadt. Mit jedem Augenblick schwebten schaiteohafie Gestalten vorüber, auf deren Gestchtern unaussprechliche Pein einge- grabcn war, aber kein Schrei, kein Gewiusel erklang in der rorhen Luft; denn den Verdammten, welche die Flammen unterhielten und bewohnten, war der Trost der Sprache verboten. Darüber nun brütete unbeweglich und schwarz «ine feste, undurchdringliche Wolke — die Nacht zu einer Masse gefroren und in der Mitte wehte ein Banner von blassem trübseligem Feuer mit der Inschrift: Auf ewig. Sin Strom rauschte heftig an ihm vorüber. Er bückte sich um die Todespein seines Durstes zu lindern — die Wellen waren Feuerwellen, und als er vor dem Hollentrank znrückfnhr, wollte er laut aufschreien und vermochte es nicht. Dann warf er Blicke der Verzweiflung nach oben um Erbarmung, und erblickte das fahle regungslose Banner: Auf ewig! Verwandelt ward jetzt seines Traumes Geist! Er ward plötzlich von den Winden und Stürmen zu den Meeren wo der ewige Winter thront, getragen. Er stürzte gelähmt und widerstandlos aus die ebbelosen trägen Wellen nieder. Langsam und schwer stiegen sie über ihm empor als er versaukr !8 dann kam die verlängerte erstickende Qual dieses Waffe, rode-; das ohnmächtige krampfhafte Ringen mit den bedeckenden Fluthen — das Keuchen, das Würgen, das Brechen des ei stickenden Athems — die Bangigkeit des Herzens, sein Todes kampf und sein Srillestehen. Er kam wieder zu sich. Er war tausend Kla ler tief unter dem Meer, an «inen Felsen gekettet um welchen die schweren Gewässer wie ein Wall sich auf hürmten. Ec fühlte sein Fleisch verwesen und faulen und stückweise vom Leid abfallen; er sah LieKorallenbänke, deren Bildung Jahrtausende erfordert, a»S ihrem schleimigten Bett langsam anf- steigcn, und Stäubchen um Stäubchen sich aus- dehneu, bis sie eine Wohnung für den Leviathan bildeten: ihr Wachsthum war ihm das einzige Merkmal der Ewigkeit; und immer und immer, um ihn her und über ihm kamen ungeheure, mißgestaltete Wesen hervor — die Ungeheuer der geheimsten Tiefen; die Meerschlange, die ungeheure Chimära des Nordens, nahm ihren Ruheplatz an seiner Seite ein und glotzte ihn mit gelbem tödtlichem Auge an, fahl und doch noch brennend wie eine ersterbende Sonne. Aber überall, bei jedem Wechsel, in jedem Augenblick dieser Unsterblichkeit war ihm gegenwä-tig Ein blasses, regungsloses Antlitz, das sich nie von ihm abwandte. Die höllischen Feinde, di« Ungeheuer des verborgnen Meer», hatten für ihu nichts so Entsetzliches und Schauderhaftes wie das LS Neu schenantlitz der Todten die er geliebt hatte. Das Wort seines Verdammungsurtheiles war gesprochen. Gleicherweise während seines Fiebcr- wahnsinus nnd der schrecklicheren Pausen seines Erwachens , für Vergangenheit und Zukunft, während des freudlos durchwachten Tages nnd der unter- brochnen Träume der Nacht lag ein Zauber auf seiner Seele — eine Hölle wüthele in ihm; und der Fluch seines Urtheils war — nie zu vergessen! Als Lady Emilie in jener schuldbelasicteu, ver- hängnißvollen Nacht nach Hause zurückkam, stahl sie sich schnell in ihr Zimmer; sie entließ ihre Dienerin und warf sich auf den Boden in jener dumpfen Verzweiflung, die auf dieser Erde von keiner Hoffnung mehr weiß. Hier lag sie ohne die Macht zu seinen, und ohne den Muth zu beten - wie lang wußte sie selbst nicht. Wie die Periode vor der Schöpfung war ihre Seele ein Chaos von streikenden Elementen und wußte nichts von der Bildung der Gedanke« und der Eintheilung der Zeit. Als sie wieder aufstand hörte sie an der Thüre leise pochen und ihr Gemahl trat ein- Ihr Herz ahnte das Schlimmste und als sie ihn sorgfältig die Thüre schließen sah, eh er sich ihr näherte, war ihr als ob sie in i>ie Erde versinken könnte sowohl au« innerer Scham, als aus Furcht wegen der Entdeckung. Bulwer's Roman«. XLVI. S Herr Maudevillc war ein schwacher, alltäglicher Charakter, gleichgültig in gewöhnlichen Angelegenheiten, aber wie die meisten schwachen Geister, heftig und wüthend in der Aufregung. „Ist dieß, Madame, an Sie gerichtet?" schrie er mit einer Donnerstimme, indem er ihr einen Brief vorlegte (der von Falkland war), „v und dieß und dieß Madame?" fuhr er in noch viel lauterem Tone fort, indem er einen nach dem andern aus ihrem Schreibtisch schleuderte, den er aufgebrochen. Emilie sank zurück und kämpfte Athem zu holen. Mandeville stand auf und faßte ste, wild lachend, beim Arm. Er umklammerte ihn mit all seiner Kraft. Sie stieß einen schwachen Schrei des Entsetzens aus; er beachtete es nicht; er schleuderte ste von sich weg und als ste zu Boden stürzte, floß das Blut stromweise über ihre Lippen. Im plötzlichen Wechsel des Gesühls, welchen der Schrecken bewirkte, hob er ste in seinevn Armen auf; — Sie war eine Leiche! In diesem Augenblick schlug die Glocke mit erschreckendem, feieilichem Hall an sein Ohr: es war eine halbe Stunde nach Mitternacht! Das Grab ist jetzt geschloffen über diesem sanften, verirrten Herzen und sein schuldvollstes G-Heimniß blieb uuenthüllt. Sie kam in das letzte Haus mit gesegnetem, unverkümmertem Namen; denn ihre Schuld war nicht bekannt und ihre Tugenden leben noch fort im Gedächtniß der Armen ausgezeichnet. 31 Man setzte sie bei in dem stattlichen Grabgewölbe ihres alten Geschlechts und ihre Bahre ward durch die Thränen von Herzen geehrt, die deßhald nicht weniger erschüttert waren, weil ihr, obgleich heftiges Leid, nur kurz währte; die Verstorbnen haben viele Leidtragende, aber nur Ein Denkmal — die Brust, die sie am innigsten liebte. Die Stelle wo der Leichen» zug hielt, der grüne Rasen unken, die umgebenden Bäume, der graue Thurm der Dorfkirche und die stolzen, drüben sich erhebenden Hallen — alle waren Zeugen gewesen von der Kindheit, der Jugend, dem Hochzeittag des Wesens dessen letzte Ehren und Feierlichkeiten sie heute mitansahen. Die nämliche Glocke, welche bei ihrer Geburt erklang, war auch bei ihrer Vermählung geläutet worden; und jetzt wurde sie bei ihrem Tod angczogen. Es war nur eine kleine Frist, daß sie das Haus ihrer jungen, unumwölkten Tage verlassen hatte, unter den Zurnfungen und Segenswünschen Aller, als Braut, geziert mit dem Ehrenschmnck bräutlicher Festlichkeit — iu der ersten Blüthe ihrer mädchenhaften Schönheit — in der ersten Unschuld ihres noch unerwachten Herzens, weinend nicht über die Zukunft, welcher sie entgegeo- ging, sondern um die Vergangenheit, von der sie scheiden sollte, und durch die Thränen lächelnd, als ob die Unschuld nichts zu schaffen hätte mit dem Leide. Auf derselben Stelle, wo er damals sein Lebewohl zugewnnken, stand der Vater jetzt. Auf 3 * sr dem Grasplatz, den sie damals eingenommen, standen die Truppen der Landleute, deren Bedürfnissen sie in den Tagen ihrer Jagend abgehvlfcn; neben demselben Geistlichen, der ihre Ehe eingesegnet, kniete der Brämigain der das Gelübde derselben abgelegt. Kein Baum, kein Grashalm war gewelkt. Der Tag selbst war hell und herrlich, eben so wie jener, welcher dem Dermählungsfest leuchtete. Und sie — sie — vier kurze Jahre und.all ihre Jngenbunschuld war verdunkelt und die irdische Schönheit Staub geworden! Ach! nicht sowohl sie war zu beklagen, als der Unglückliche, den sie zurückließ! Im Tod ist auch die Liebe vergeffcn; aber im Leben ist kein so bitterschmerzliches Gefühl, als sich sagen müßen: daß Alles unverändert ist, und nur das Eine Wesen fehlt, das die Seele von Allem war, zu wissen, daß die Welt dieselbe ist aber ihre Sonne hinunter! » * * * » * * * ******** * * * * * * * *' Der Mittag war still und schwül. Die engen Straßen des kleinen Dorfs Jodar entlang wogte die ermüdete aber noch undezwungne Schaar, welche in dieser Gegend Spaniens die letzte Hoffnung und Kraft der Freiheit in sich trug. Die Gesichter der Soldaten waren mager und niedergeschlagen, sie zeigten sogar noch weniger von der Munterkeit des Kriegs, als ihre Rüstung die Zeichen von dessen sr Gepränge und Eigenthümlichkeit trug. Und doch waren ihre Kleiner so beschaffen, daß Bauein fle würden verschmäht haben; mir Blut und Staub bedeckt und in rausend Lumpen zerrissen halten sie kein Merkmal der Ritterlichkeit als die Ausdauer des Ungemach»; sogar die zerschlissenen und schmutzigen Fahnen hingen traurig an ihren Schäften herunter, als ob die Winde selbst Schooskinder des Glücks geworden wären, irnd es verschmähten die Panmere derer zu schwellen, welche von seuem verlassen waren. Die stolze Schlachtmusik schwieg, der Scharten der Eutmuthigung über ein fehlgeschlagnes Unternehmen schien über der ganzen Schar zu lie-en. „Dem Himmel sey Dank!" sagte der Anführer der den letzten Zug schloß, als er am Zr-le seiner armseligen Erquickung und kurze? Ruhe ankam, ,,Lem Hemmet sey Dank! wir sind wenigstens außer dem Bereich der Verfolgung und die Berae, diese letzte Zuflucht der Freiheit, stehen uns offen!" „Wahr, Don Rafael," versetzte der >üngere von den zwei Offiziere», die an der Seite des Befehlshaber« ritten, „und wenn wir uns bis zu M«na Bahn breche«, können wir noch die Fahne der Constitution i» Madrid aufpflauzen." „Ja," setzte der ältere Offizier hinzu, „und die Riegve-.Hymne auf dem Eskurial- platze fingen!" , Unsre Kinoer vielleicht - aber für uns — ist alle Hoffnung verloren I Wären wir vereint , wir könnten kaum den Heeren Frankreichs die Spitze bieten, und so getheilt wie wir find ist eS 3t «in Wunder, daß wir uns nur so lang durchgeschlagen haben. Don Feindeseinfall sind wir civgeschloffe», aber unsre größten Feinde sind wir selbst gewesen. So heftig war die Feindseligkeit, welche der Partei- geist zwischen Spaniern und Spaniern erzeugte, daß wir den Franzosen wenig zu verderben übrig gelaffen zu haben scheinen. Wir können nicht die Freiheit gründen, wenn die Menschen Sklaven seyn wollen. Für uns ist keine Hoffnung, Don Alfonso — keine Hoffnung — außer die des Todes!" Alt Ricgo diese verzweifelnde Antwort schloß, die so wenig mit seiner gewöhnlichen Begeisterung zusammenstimmte, ritt der jüngere Offizier unter die Soldaten und sprach ihnen mit aufmnnternden, tröstenden Worten zu, ordnete einige Abtheilungen, ermahnte sie jeden Augenblick auf's gegebne Zeichen gefaßt zu seyn und schärfte ihnen dringend jene kleinen aber wesentlichen Punkte der Disciplin ein, deren Derna»läßigung man einer spanischen Truppe schon zutrauen konnte. Als Riego und sein Begleiter in die kleine, elende Hütte gingen, welche als Hauptquartier an diesem Ort dienen mußte, blieb dieser dritte Reiter noch außen; und erst nachdem er die Gurten seines An- balusischen Rosses anfgeschnallt und ihm das unleckere Futter vorgeschüttet, welches der Stall darbot, dachte er daran den Verband fester zu binden um einen tiefen und schmerzhaften Säbelhieb im linken Arm, den er seit einigen Stunden ganz vernachläßigt. Der 55 Offizier den Riego mit dem Namen Alfonso angrredet, trat an« der Hütte heraus eben als sein Kamerade sich vergeblich mühte mit den Zähnen und Einer Hand den Verband wieder in Ordnung zu bringen. Ihm helfend sagie er: „Ibr wißt nicht, mein theu- rer Falkland, wie bittere Vorwürfe ich mir selbst mache, Euch je für eine Sache geworben zu haben, wo der Kampf keine Hoffnung, die Gefahr keinen Ruhm zu haben scheint." Falkland lächelte bitter. „Täuscht Euch nicht, mein theurer Oheim!" sagte er, „Euer Zureden würde fruchtlos geblieben seyn, wären nicht meine eignen Wünsche demselben zu Hülfe gekommen. Ich gehöre nicht zu den Schwärmern, die Eurer Sache beitraten mit hvchfliegendeu Hoffnungen und ritterlichen Entwürfen; ich suchte nur Vergessenheit und Aufregung — dieß Hab' ich gefunden. Ich möchte nicht Eine erduldete Drangsal mit dem vertauschen, was das Vergnügen Andrer ausmacht; doch genung davon. Wie viel Zeit, meint Ihr, haben wir zur Ruhe?" „Bis Abend, "antwortete Alfonso, „dann wiro unser Marsch vermuihlrch in die Sierra Moreua gerichtet seyn. Der General ist außerordeinlich schwach und erschöpft und bedarf einer läugern Rübe als uns zu Theil werden wird. Es ist auffallend, daß er bei einer so schwachen Gesundheit ein solches Uebermaß von Drangsal und Anstrengung aurhallen kann!" Unter diesem Gespräch traten ste in die Hütte. Riego war schon im Schlaf. L6 Als sie sich zu den elender, Muudvorräthe» des Ortes uiedersetzteu, hörte man ein fernes verworrenes Geräusch. Es traf anfänglich ihr Ohr wie das Entstehen des Bergwindes — leise, heiser und tief; allmäliz wurde es lauter und lauter und mischte sich mit andern Tönen, die sie nur zu gut unterschieden — das Tosen, das Wiehern, das Stampfen von Pferden, den von allen Seiten zurückgeworfncn Widerhall vom schnellen Anmarsch Bewaffneter! Eie hörten und erkannten, daß der Feind auf sie anrückte — noch ein Augenblick und die Trommel schlug zu den Waffen. „Bei St. Pelagio," rief Riego der aus seinem leichten Schlaf beim ersten Laut der heran- vahenden Gefahr aufgesprungen war, und noch nicht an ihre Wirklichkeit glauben wollte, „es kann nicht seyn! die Franzosen sind weit zurück!" doch dann, als die Trommel wi-bclte, änderte sich plötzlich seine Stimme: „der Feind, der Feind! D'Äguilar, zu Pferd?" und mit diesen Wo tcn stürzte er aus der Hütte. Die Soldaten, die kaum erst sich zu zerstreuen angefangen, waren bald wieder gesammelt. Inzwischen lieg der französische Befehlshaber d'Ar- gout, den Vonheil der Ueberraschung benützend, seine Truppen, allein aus Kavallerie bestehend, uu- geirrt und nuaufgehalten durch das Feuer der Posten, sich entwickeln. An rückten sie wie eine rasche Wolke, mit Donner geladen, neuen Grimm sammelnd während sie auf die Zuschauern loszieht, ehe sie im L7 Gewitter sich auf sie niederstürzt. Sie hielten nicht au, als bis sle das äußerste Ende des Dorfes erreichten; hier hatte sich die spanische Jnfamerie bereits in zwei Vierecken ausgestellt. „Halt!" rief der französische Anführer; die Truppen hielten plötzlich an und machten Front gegen das erste Viereck. Eine kurze Pause entstand — der Augenblick vor dem Sturm! „Sturm!" rief d'Argout, und das Wort scholl die ganze Linie hinunter zu dem klaren, freundlichen Himmel hinan. Auf flammten die Schwertklingeu, wie Blitze; austürmten die Truppen gleich dem Andrang von tausend Wellen, auf welchen die Sonne schimmert; und che die Reiter dreimal Athem geholt begann das Krachen, der Stoß, bat Gemetzel der Schlacht. Die Spanier leisteten der Heftigkeit des Angriffs nur schwachen Widerstand; sie wichen auf allen Seiten vor der Gewalt des Anfalls, wie die schwachen Wehren eines reißenden, angeschwvllnen Stroms; und die französischen Truppen drangen, nach einem kurzen aber blutigen Sieg, mit einer zweiten Schwadron des Nachlrabs vereinigt, geradezu auf die spanische Cavallerie ein. Falkland war an Riego's Seite. Als die Truppen verrückten, da wäre es anziehend gewesen, den Eon- trast des Ausdrucks in beiden Gesichtern zu beobachten die Züge des Spaniers flammten auf in dem kühnen Feuer seiner Natu» , jede Spur der vorherigen Schlaffheit und Erschöpf«»- verschwand vor der L8 uubezwinglichen Seele, die um so glänzender hervortrat, je schwächer der Körper war; seine Stirn war gerunzelt, das Auge leuchtete, der Mund zuckte — und dicht neben ihm dann die kalte, finstre, eiden- schaftlose Ruhe, die über der strengen aber edeln Schönheit von FalklandS Zügen sich lagerte. Ihn reizte die Gefahr zum Hohn, nicht zur Begeisterung; er verachtete sie mehr als daß er ihr trotzte. „Dir Memmen! sie wanken!" sagte Riego mit dem Ton der Verzweiflung als seine Truppen beim Angriff der Franzosen zu weichen begannen; und mit diesen Worten sprengte er sein Roß in die vorderste Reihe. Der Kampf war länger, aber nicht minder entscheidend als der eben erst beendigte. Die Spanier, durch den ersten Stoß in Verwirrung gebracht, erholten sich nicht wieder. Falkland der in seinem Eifer die Soldaten zu sammeln uud zu ermuthigen mit zwei andern Offizieren über die Reihen hinaus geritten war, wurde bald von einer Abtheilnng Dragoner umringt; di« Wunde seines linken ArmS gestattete ihm kaum die Führung seines RoffeS; er schwebte in der drohendsten Gefahr. In diesem Augenblick brach sich d'Aguilar, an der Spitze seiner nächsten Begleitung, Bahn in den Kreis und deckte FalklandS Rückzug; eine zweite feindliche Abtheilnng kam heran und sie wurden zum zweitenmal umringt. Inzwischen floh das HauptcorpS der spanischen Ca- vallerie in allen Richtungen und man hörte von Zeit LS zu Zeit, während alles in Ranch - und Gtaubiaulen eingehüllt war, Riegos tiefe Stimme, welche sie vergeblich znsammcnrief und aufmuuterte. D'Agnilar und sein armseliges Häufchen durchbrach nach einem verzweifelten Handgemenge, wieder die ihren Rückzug aufhaltende feindliche Linie, diese schloß sich hinter ihnen wieder, wie Wasser über dem davon versunknen Gegenstand; Falkland und seine Gefährten waren wieder umringt, er sah seine Cameraden vor sich niedergehauen. Er riß plötzlich sein Pferd auf, schlug mit einem verzweiflungsvollen Hieb den Dragoner, mit dem er angebunden hatte, nieder, setzte dann seinem Pferd die Sporen bis an die Räder in die Flanken und durchbrach mit Sincmmal den Ring seiner Feinde. Seine außerordentliche Geistesgegenwart und die Stärke und Klugheit seines Pferdes begünstigten ihn. Drei Säbel zucken vor ihm und glitten unschädlich an seinem erhabnen Schwert nieder, wie Blitze in's Wasser. Der Kreis war durchbrochen. Als er Riego zu galoppirte, scheute sein Pferd an einem Leichnam der ihm im Wege lag. Sr hielt es einen Augenblick an, denn das nach oben gewendete Angesicht gemahnte ihn wie ein Bekannter. Wir groß war sein Entsetzen, als er in diesem fahlen und verzerrten Antlitz die Züge seines Oheim« erkannte. Die dünnen, ergrauten Haare waren mit Blut und Hirn besprüht und das Blut quoll noch aus der Stelle, wo die Kugel durch dir Schläfe ge- gangen war. Falkland hatte nur kurze Frist für sein Leid; die Verfolger waren dicht hinter ihm, er horte das Schnauben des vordersten Pferde«, ehe er dem seinigen wieder die Sporen einsetzte. Riego hielt mit seinen vornehmsten Offizieren in der Eile eine Berathnng. Als Falkland außer Akhem sie erreichte, hatten sie sich über die zu ergreifenden Maßregeln entschieden. Sie führten das noch übrige Infanterieviereck gegen die Bergkette, an welche das Dorf sich gle-chsam ar lehnte, und hier zerstreuten sich die Leute in allen Richtungen. „Für uns," sagte Riego zu seinen berittenen Begleitern, welche sich um ihn sammelten, „für uns versprechen die Berge noch ein Obdach. Wir müßen reiten, meine Herrn, um unser Leben zu retten — Spanten kann desselben noch bedürftig seyn!" Ermüdet und erschöpft wie sie waren, floh diese kleine r eue Schaar den ganzen übrigen Tag in die Schluchten des Berges — zwanzig Mann noch von den zweitausend, die in Jodar Halt gemacht. Als der Abend hereinbrach, kamen sie in ein schmales Tkal; die hohen Berge stiegen zu beiden Seiten empor, gekrönr mit der Herrlrchkeir der sinkenden Sonne, als ob die Natur sich freute, ihre Bollwerke zu einem Schirm der Freihcir zn machen. Ein kleiner, heller Fluß durchlief das Thal und funkelte o m letzten Lächeln de» scheidenden Tags, und dann und wann drang aus den Büschen und gewürzigen 4t Kräutern die Abendmusik der Vögel und das Summen der Waldbienen herüber. Vor Durst lechzend und schweißtriefend vou Anstrengung eilten die Wanderer mit einem gleichzeitigen Freudenschrei auf die sxieaelhclle, frische Fluth los, welche ihnen so unverhofft sich darbvl, und man beschloß ewige Stunden an einem Ort zu bleiben, wo Alles zu der ihnen so dringend nöthigen Rast einlnd. Sie warfen sich alle sofort aufs Gras nieder, und so groß war ihre Erschöpfung, daß ihre Ruhe fast augenblicklich in Schlaf überging. Falkland allein konnte uicht sogleich sich im A>me der Ruhe vergessen; das Antlitz seines Oheims, geisterhaft und entstellt, drängte sich ihm schaurig vor die Augen, so oft er sie schloß. Eben war er jedoch im Begriff von einem unruhigen, schreckhaften Schlummer überwältigt zu werden, als er Schritte sich nähern hörte, er fuhr auf und bemerkte zwei Männer, der eine ein Bauer, der andre wie ein Mönch gekleidet. Es waren die ersten menschlichen Wesen, welche den Flüchtlingen begegneten; und als Falkland Ricgo der neben ihm schlief, ein Zeichen gab, wurde sogleich vorgeschlagen, sie als Führer in die Btadt Carolina festzuhalten, wo Riego kräftigen Beistand oder Mittel zur Flucht zu finden hvffce. Der Mönch und sein Begleiter sträubten sich mit großer Heftigkeit gegen den ihnen angesonn-nen Dienst; aber Riego befahl sie mit Gewalt festzuhalten. Er hatte nachher Grund, diese Nöthigung bitter zu berenen. »r Die Mitternacht kam in all der glänzenden Herrlichkeit des südlichen Himmels und unter ihren Sternen setzten sie die Wanderung fort. Als Falkland »eben Nlego hinritt, sagte dieser zu ihm mit leiser Stimme: „Es ist noch Rettung möglich für Euch und meine Begleiter, für mich keine; man hat einen Preis auf meinen Kopf gesetzt und im Augenblick wo ich diese Berge verlasse, gehe sch meinem Untergang entgegen." „Nein, Rafael!" entgegncte ihm Falkland. „Ihr könnt noch nach England entkommen, diese Zuflucht der Freien, obwohl verbunden mit dem Despotismus, dem Mitschuldigen der Tyrannei und dem Obdach ihrer Opfer!" Riego antwortete in demselben leisen, niedergeschlagnen Ton. „Ich frage jetzt nicht darnach, waS aus mir wird! Ich habe allein für die Freiheit gelebt, ich habe sie zu meiner Hoffnung, meinem Traum, zu meiner Herrin gemacht; ich habe kein Leben alS in ihr. Mit dem letzten Aufschwung meines Landes laßt auch mich nntergehen." Ich habe in meinem Leben die Freiheit nicht nur überwunden, sondern verhöhnt gesehen; habe gesehen wie mau ihre Anstrengungen, statt sie zu unterstützen, verspottete. In meinem eignen Lande wurden uur diejenigen geschützt, welche sie verfälschten, welche sie als Deckmantel für ihren Ehrgeitz brauchten. Bei andern Nationen sahen die Freien von ferne müßig zu alS die Lharte ihrer eignen Rechte durch den Eingriff in 45 die mistigen verletzt wurde. Ich kann es nicht vergessen, daß die hohe Versammlung Englands, wo Ihr mir eine Heimath verheißt, in empörendem Beifall ausbrach, als ihr Staatsmann seinen Spott über unsre Schwäche, statt sein Mitgefühl für unsre Sache aussprach; und ich — ich — ein Fanatiker, ein Schwärmer, ein Träumer, wie man mich wohl nennt, dessen ganzes Leben ein unabläßiger Kampf war für die von mir angenommue Meinung, bin wenigstens nicht so verblendet von meiner Bethörung, daß ich nicht sehen sollte, welchen Spöttereien ich preisgegeben bin. Wenn ich morgen auf dem Schaffst sterbe, werde ich vom Märtyrerthsm nichts davon tragen als die Verurtheilung — aber nicht den Triumf, den Weihrauch, die Unsterblichkeit im dankbaren Andenken der Völker; ich würde um mich in einem solchen Augenblick aufrecht zu erhalten, keine Hoffnung haben, geschöpft aus der Herrlichkeit der Zukunft — nichts als eine finstere xrofetische Ueber- zcugung von der Nichtigkeit einer solchen Tyrannei, welche mir das Todesnrtheil spräche." Ricgo schwieg einen Augenblick eh' er wieder fvrtfuhr und sein blasses, lcichenhaftes Angesicht gewann einen schauerlichen, uuuatürlicheu Glanz durch die Heftigkeit der in ihm nagenden und brennende» Gefühle. Seine Gestalt erhob sich in ihrer vollen Länge und seine Stimme klang durch die einsamen Hügel mit tiefem und hohlem Ton, der etwas profctisches an sich hatte, 44 alt er so fortfuhr: ,,Es ist umsonst, dag man sich der Meinung entgegenstemmt; Alles andre mag man unterdrücken. Wind und Wasser und die Natur selbst mag man überwältigen, aber gegen den Fortschritt dieses verborgenen, feinen, durchdringenden Geistes kann ihre Erfindungskraft keine Schranke ersinnen, ihre Macht keine aufführen) die Vertheidiger derselben mögen sie greifen und verderben; sie selbst kann man nicht berühren. Wenn man sie an Einem Ort aufstört, so dringt sie an einen andern; sie können doch keine Mauer um die ganze Erde bauen, und könnten sie es auch: sie würde über den Kranz derselben wegfliegen. Ketten können sie nicht binden, denn sie ist unkörprrhaft; Kerker sie nicht ein- schließen, denn sie ist allverbrcitet. Ueber Faschinen und Blutgerüste, über die blutenden Leichname ihrer Vertheidiger, die man gegen sie aufthürmt, schreitet sie mit geräuschlosem aber wachsendem Schritte daher. Bietet man Heere gegen sie auf, so bietet sie ihnen keinen greifbaren Gegenstand des Angriffs dar. Ihr Lager ist die Welt, ihre Freistätte ist die Brust ihrer Verfechter. Laßt sie nach allen Richtungnn hin nach Gefallen die Erde entvölkern und verwüsten: aber so lang sie selbst noch einen Bundesgenossen haben, so lang sie noch Einen übrig lassen, in dessen Brust dieser Geist einziehen kann: so lang werden sie immer diesen Kampf zu wiederholen, denselben Feind zn bewältigen haben." Als Riego endigte betrachtete ihn Falkland mit einer Mischung von Mitleid und Bewunderung. So verwildert und nüchtern der Geist dieses hoffnungslosen und mit der Welt zerfallenen Manne« war, fühlte er doch etwas von verwandter Glut bei der ergreifenden, heiligen Begeisterung des Patrioten, dem er zugehört hatte; und obgleich es im Wesen seiner Fiwsofie lag, die Reinheit der menschlichen Triebfedern in Zweifel zu ziehen und die lebhafteren Aufwallungen, welchen er selbst abgestorben war, zn belächeln: beugte er doch huldigend seine Seele vor den Grundsätzen deren Heiligkeit er anerkannte, und vor der brennenden und rastlosen Hingebung, womit ihre Vertheidiger sie hegten und behaupteten. Falk- laud hatte sich den Sonstitutionellen mit Achtung aber ohne Eifer für ihre Sache, angeschlossen. Er verlangte Aufregung: woher sie kam, daran lag ihm wenig. Er stand in dieser Welt — rin Wesen das in alle ihre Wechsel hineingezogen wurde, alle ihre Pflichten durchmachte, und wie von einer höher» blinden Macht nmfortgcrissen, an allen Ereignissen einen beherrschenden Antheil nahm, aber dessen Gedanken und Seele wie einem andern Planeten entstammt waren, in menschliche Bildung cingekerkert und verlangend nach ihrer Heimath. Im Weiterreiten fuhr Riego fort mit jenem unklugen Mangel an Zurückhaltung zn sprechen, wie ihm die Offenherzigkeit und Wärme seines Wesens Dnlwer's Romane. XI-VI. 4 zur Gewohnheit machten; kein Wort entging dem Mönch und dem Bauer (der Lopez Lara hieß), während sie auf zwei Maulthieren hinter Falkland j und Rte«o ritten. „Gedenke," flüsterte der Mönch seinem Begleiter zu, „der Belohnung!" „dar thu > ich," murmelte der Bauer. Diese ganze unheimliche Nacht über ritten die Flüchtlinge ununterbrochen fort, und befanden sich mit Tagesanbruch in der Nähe eines Pächrerhaules; es war das Lara angehörende. Sie ließen den Bauer Lara pochen; sein Bruder öffnete die Thüre. Die > Entdeckung fürchtend, welche eine so zahlreiche Schaar herbeiführe» konnte, gingen uur Riego, ein andrer ^ Offizier (Don Luis de Sylva) und Falkland in das ^ Haus. Der letztere, den Nichts müde und achtlos > machen zu können schien, heftete sein kaltes, finstres Auge auf die beiden Brüder, schloß, als er sie einige Zeichen wechseln sah, die Thüre und verhinderte so ihre Flucht. Einige Stunden ruhten sie mit ihren Pferden in den Ställen, die gezognen Schwerter neben sich. Beim Erwachen fand es Riego unumgänglich nothwendig, sein Pferd beschlagen zu lassen. Lopez wurde aufmerksam und erbot sich, es zu diesem Behuf nach ArguillaS zu führen. „Nein," sagte »- Riego, der, obwohl von Natnr unvorsichtig, doch in diesem Falle Falklands Argwohn theilte, „Euer Bruder soll gehen und de» Schmied hieher holen." Demgemäß ging der Bruder weg und kehrte bald zurück. „Der Schmied," sagte er, „sey schon unterwegs." Riego uud seine Begleiter vor Hunger fast ohnmächtig, setzren sich zum Frühstück nieder; aber Falkland, der zuerst fertig war und den Mann seit seiner Zurückkunft mit der schärfsten Aufmerksamkeit ins Auge gefaßt hatte, ging ans Fenster, schaute durch ein Fernrohr das sie mit sich führten, von Zeit zu Zeit hinaus, und drängte sie voll Ungeduld ein Ende zu machen. „Warum?" sagte Riego, „ausgehungerte Männer sind zu nichts tüchtig, weder zum Fechten noch zum Fliehen — und wir müßeu den Schmied erwarten." „Wahr," sagte Falkland, „aber —" er stockte plötzlich. Sylya sah ihm in diesem Augenblick gerade ins Gesicht. Falkland wechselte plötzlich die Farbe und kehrte sich mit einem lauten Schrei um. „Auf! auf! Riego! Sylva! Wir sind verloren — die Soldaten kommen über uns!" „Waffen!" schrie Riego auffahrend. Zu diesem Augenblick ergriffen Lopez und sein Bruder ihre Carabiner und legten auf die verralhnen Constitutionellen an. „Der erste der sich rührt," schrie jener, „ist ein Mann des Todes!" „Narren!" sagte Falkland mit kalter Bitterkeit und ging be- dächtlich auf sie zu. Nur drei Schritte machte er — da feuerte Lopez. Falkland schwankte ein paar Schritte zurück, dann erholte er sich wieder, sprang dann auf Lara los, spaltete ihm auf Einen Schlag den Schädel bis an den Schlund, und fiel mit seinem 4 * 48 Opfer zugleich leblos zu Boden. „Grunz!" sagte Riego zu dem noch übrigen Bauer, „wir sind deine Gefangne; binde uns!" In den nächsten zwei Minuten drangen die Soldaten ein und sie wurden nach Carolina geführt. Zum Glück war Falklaud in Paris mir einem französischen Offizier hohen Rangs bekannt worden, der damals in Carolina war. Er wurde in das Quartier dieses Franzosen gebracht. Aerztliche Hülfe wurde sogleich herbeigeschafft, die erste Untersuchung seiner Wunde war entscheidend; Rettung war unmöglich! , » » » « » »»»»»»»» Die Nacht brach wieder herein mit ihrer Pracht son Lichtern und Schatten; die Nacht auf welche für Falklaud kein Morgen folgte. Eine einiame Lampe brannte in dem Zimmer, wo er lag mit Gott und seinem Herzen allein. Er hatte verlangt, daß man sein Bett ans Fenster stellen nnd daß die Wärter sich entfernen möchten. Die milde balsamische Lnft umsäuselte ihn so frei und freundlich, als ob er sie ewig akhmen sollte; und das silberne Mondlicht drang schimmernd durch das Gitterfenster nnd spielte auf seiner blassen Stirne, wie eine zärtliche Braut, die ihn in die Ruhe küssen wollte. „Zn wenigen Stundendachte er, als er so dalag nnd die hohen Sterne betrachtete, die so stille Zeugen eines ewigen «nd unergründlichen Geheimnisses schienen, „in 4S wtmat» Stunden wird entweder dieser fieberhafte, rastlose Geist für immer zur Rübe seyu, oder er wird ein« neue Laufbahn in einem noch unerprobten, unsrer Einbildungskraft unerreichbaren Dasey» be» «innen. In wenige» Stunden kann ich bei jenen Sternen seyu, die ich jetzt von unten anschaue — ein Tveil ihrer Herrlichkeit — ein neues Glied in einer neuen Reihe von Wesen — arhniend «n deu Elementen einer lichteren Welt — ausgerüstet mit den Attributen einer reinern und göttlicheren Wesenheit, — rin Wandrer durch die Planeten — ein Genosse der Engel — rin Augenzeuge der Geheimnisse des großen Gottes, befreit, wiedergrboren, unsterblich, oder — Staub!" ,,Kcin Oedipu» löst das Räthsel des Lebens. Wir find — woher kamen wir? Wir sind nicht — wohin gehen wir? Alle Dinge, die uns in unserm Da>eyn Vorkommen, haben ihren Zweck; das Daseyn selbst har keinen. Wir leben, bewege« uns, erhalten unsre Gattung, sterben — und wozu? Wir befragen die Vergangenheit um ihre Lehre; wir forschen bei deu verflossenen Jahren nach dem Grund unsres Wesen«, und aus den Wolken von tausend Ge- schlechiern kommt uns keine Antwort. Leben wir nur um zu keuchen unter dieser mühseligen Last, zu si chen von dieser Sonne, alt zu werden, wie Blätter in ras Grab sinken, und unfern Erden die abgetragnen Kleider von Mühe und Arbeit zu vrr- so machen, die wir zurücklassen? Um immer in dieselbe See zu steuern, denselbeo Ocean der Zeit mit neuen Furchen pflügend und seine Wellen mit neuen Trümmern nährend, v"er —" und seine Gedanken stockten, beraubt und verwirrt. Wohl kein Mensch, in dem nicht der Geist schon durch den Verfall de« Körpers gebrochen ist, ist mit vollem Bcwufltseyn, wie Falkland in diesem Augenblick, dem Tod entgegen gegangen und hat nicht mit Ernst a» den Wechsel oedackt, der ihm bevorstehe; und dockr, welche neue Entdeckungen über dieses Räthsel sind uns von irgend wem überliefert worden? Hier sinkt die zügelloseste Einbtlduna»kraer von der Höhe ihrer Erfindung-kraft und Originaität zur Alltäglichkeit herab; jchier sind alle Gemüther, der Frivole wie der E nste, der A-beitsane wie der Müssiggäuger auf denselben Pfad, dieselben Grenzen der Gedgvken besch aukt Ueder dieser unbekannten, stummen Kluft der Forschung brütet rin ewiger und undurchdringlicher düstrer Nebel; kein Windhauch weht darüber, keine Welle unterbricht die tiefe Ruhe: den feierlichen Todlenfrieden unterbricht kein Wechsel, der zum Wagestück einladet — kein Sckriff zieht aue auf Entdeckungen das nicht gelähmt und zertrümmert wieder auf den Strand zurückgctrieben würde. Der Mond stieg empor auf seiner Bahn. Die Mitternacht schwebte langsam über die Erde — diese 51 schöne, mystische Stund«, getränkt von tausend Erinnerungen, geheiligt von lausend Träumen, «Heuer durch das Andenken an die Gelübde, welche unsre jugendlichen Seelen unter ihren Srernen stammelten, und feierlich durch die alten Sagen, die sich au ihre friedliche Majestät anknüpfen — die Stunde in welcher Menschen sterben sollten; der Isthmus zwischen zwei Welten, der Gipfel des vergangnen Tages, der Saum des kommenden; die uns rinhüllt im Schlaf nach der mühseligen Arbeit, und uns einen Morgen verheißt, der seit der Geburt der Schöpfung nie ausgeblieben ist. Wie die Minuten verstoßen fühlte sich Falkland allmälig schwächer und schwächer werden. Der Schmerz seiner Wunde hatte anfgehürt aber eine tödtliche Mattheit beschlich sein Herz; das Zimmer schwankte ihm vor den Augen und die dumpfe Kälte stieg von seinen Füßen hinauf — hinauf bis zur Brust in der das Lebensblut schwer und dick wurde. Als der Zeiger der Uhr auf halb Ein nach Mitternacht wies, vernahmen die in dem Nebenzimmer verweilenden Wärter einen leisen Schrei. Sie stürzten hastig in Falklaads Gemach; sie fanden ihn mit halbem Leibe außer dem Bette ausgestreckt. Seine Havd war gegen die andre Seite der Wand erhoben; sie sank, wie sie sich näherten, allmälig herab; seine Sttrne, anfangs finster und gerunzelt, verklärte sich in leisen Uebergängen zu ihrer gewöhn- sr lichen Heiterkeit. Aber der dämmernde Nebel legte sich fest auf sein Auge und die Kälre des Lodet auf seine Glieder. Er suchte sich aufzurichren, wie um zu sprechen; die Kraft versagte ihm und er fiel starr aufS Angeflchr nieder. Einige Augenblicke standen sie schweigend um daS Bett; endlich hoben sie ihn auf. An seinem Herzen lag eine aufgcgangne Locke von schwarzen Haaren, welche er mit einer Hand noch krampfhaft an sich preßte. Sie sahen ihm int Gesicht — (Em Blick war hinreichend) — et war ruhig — stolz — leibenschaftlot — das Siegel bet Tobet war ihm aufgedrückt! Arasmanes. Erstes Kapitel. Es war in den weiten Ebenen Cbaldäa's, daß der ehrwürdige Ckosfor, Keiner der Unberühmtesteu unter jenen Hirten-Weisen, von welchen unsre frühste Keuntniß der Himmelslichter herstammt, sein Alter flch dem G abe zuneigen sah. Auf seinem Todteu- bctte sprach er »sch zu seinem einzigen Sohn, dem jungen Arasmanes, in dessen kindlrcher Ergebenheit er selbst in dieser trüben Stunde noch einen Trost und einen Eeaen fand; und dessen wachsender Ras wegen seiner Weisheit and StL-k« den matten Puls des erlöschenden Lebens noch durch das Gefühl väterlichen Stolzes schwellen machte. „Arasmanes," begann er, „ich stehe im Begriff, dir das einzige Geheimniß milzuthrilen. das ich nach achtzigjährigen Bemühungen die Geheimnisse der Weisheit zu enthüllen, würdig erachte es auf meinen Sohn zu vererben. Du weißt, daß ich die fernsten Weltgeqenden durchwandert und nnier ver- schiednen Wechselfällen manche Freuden und viele Genüsse des Lebens gekostet habe. Aut meinen Li Erfahrungen lern«, daß die Erd« nicht« besitzt, was da« Bestreben belohnen» den Wunsch befriedigen könnte. Wenn du die Sterne auf« Wasser nieder- sch-inen siehst, so schaust du ein Bild von dem traum- arcigen Glanz der Hoffnung; da« Licht funkelt auf der Welle, aber weder erwärmt sein Schimmer, noch kann e» nur einen Augenblick den Strom in seinem Lauf hemmen nach dem dunkeln Abgrund, welchem er zuerst, sich darin zu begraben und nuterjugehen. Erst in meinem hohen Aster drang sich diese Ueber- zeuqung meiner Seele auf, und um diese Zeit ent- deckce ich in einem der heiligen Bücher, auf welche ich damals meine Forschung richtete, da« Geheimniß, welche« ich jeyr deinem Ohr anverrrauen will. Wisse, mein Sohn, an der äußersten Grenze Asiens ist ein Garren, in welchem der Herr des Weliall« den ersten Estern der Menschen ihren Aufeurhalt anwie«. In diesem Garten geht die Sonne nie unter, und nie »erweckt die Schönheit des Frühlings. Dort ist weder Eh> geitz, noch Habsucht, noch falsche Hoffnung mit ihrer Tochter Reue. Dort ist weder Alter noch Schwachheit; die Krankheiten sind von jener Luft verbannt; ewige Zuaend und die Heiterkeit eine« uu- untei brochnen G>ück« sind das Vorrecht aller dort akhmeude» Wesen. Ewer geheimnißvollen, uube- kannren Stinte wegen wurden unsre ersten Eltern aus jenem glücklichen Gebiete verbannt, und ihre Kinder über dce weite Erd« zerstreut. Uebermensch- liche Wesen sind an den Pforten desselben anfgestellt, 55 und Wolken und Dunkel verhüllen es vor dem Allste der gewöhnlichen Menschen. Ader dem Tugendhaften, dem Kühnen ist der Zugang in die Nähe Gottes nicht verwehrt; Er kann das Dunkel durchdringen, dir furchtbaren Wächter erweichen, und durli die Pforten des göttlichen Landes schreiten. Dorthin also mein Sohn, dorthin lenke, überzeugt, daß die übrige Erde von Kummer und Sorgen bedeckt ist, auf Glück deinen Pilgerlauf. Wohl hätte ich ge- wünscht, daß ich in meinen kräftigeren Jahren, wo weine Glieder noch meinem Willen untertnan gewesen, dieß he>l«ge Geheminiß entdeckt und glücklich wieder aufgefunden hätte die Heimatk unsrer Ahaen. Mache du dir meine Kenntniß zu Nutzen, und ich werde, mit der Hoffnung deines Glückes , zufrieden sterben." Der fromme Sohn drückte die Hand senieS Vaters und versprach seinem letzten Willen zu gehorsamen. „Aber. o mein Vater!" sagte er, ,.w>e werde ich erfahren, in welcher Richtung ich meinen Weg verfolgen oll? Wer wird iu jenes Land mein Fuh er sey» und wo mein Schlüssel? Kann ei» Schiff von Menschenhänden erbaut au seiner Küste ankern, oder können wir zu dem Kameltreiber sagen: du näherst dich dem Ziele?" Der Alke deutete nach Osten. „Von Osten," sagte er, „taucht die Sonne auf, rin Vorbild vom Hoitschritt des geistigen Lichte«; vom Osten stammt alle Wissenschaft, die wir haben. Suche du, im schwülen Mitiellande geboren, nur bi» znm äußersten Sode vvrzudringen , und dich nach den Srerueu des Himmelt immer in Einer Richtung haltend, erreichst bn zuletzt da« Eden da« dich für aue deine Mühseligkeiten »«lohnen wird.^' Und Cho«for starb und ward begraben bei seinen Vätern. Nach kurzer, der Trauer gewidmeten Zeit nahm Ara«manes Abschied von seinen Freunden, und wanble sich nach Osten und suchte die Thore des Paradiese«. Er pilgert- einige Wochen lang, weit weg uud allein und nur die Sterne waren seine Fahrer. Allmäii«, wie er weiter zog, fand er, daß das Vvrhaiikenstyn von Eoeu mehr und mehr eine anerkannte Sache war. Von seiner Kindheit her an die Gciellichait der Weisen gewovnt, luchte der Wandrer in leder Stadt und jedem Lager wo er dmchkam, ihre Wohnungen auf. Durch sie ward er in seinem Eller bestarkr; tenn alle bestätigten die dämmernde, ferne alle Uederlieferung von einem schonen Lande im fernsten Osten, an» welchem die Geschöpfe der Erde oeiiaat worden seyen, und da» die geflügelten Geister Gotte« eis rsuchiig gegen jede unheilige Annäherung hüteten. Aber wenn er Einem sein kühnes Do-Habe» ni ltdeiite. so hakte er die Kränkung, sich nur inrr dem Lachei» de» Sponc», oder dem ungläubigen Blick re» S anne»» geaniwoitrl zu sehen; Einige dielten rhu für einen Narren, Andre für einen Betrüger; so laß er zuletzt klüglich »i« der 87 Offenbarung seiner «bsichten au sich hielt und sich begnügte, die Kenntnisse Andrer aufzusucheu und ihre Vermukhungeu auznhören. Zweites Kapitel. Endlich arbeitete sich der Wanderer aut einem mächtigen Walde hervor, durch welchen er während einiger Tage seine mühsesige Reile verfolgt harre, nud herrlich über alle Begriffe war die Landschaft, die sich jetzt vor seinen Blicken aulthat. Eine Ebene, mit dem reichsten Grün b dickt, lag vor ihm; durch die Baume, welche da und dort den smaragdnen Grund überschat-etcu, waren Alleen gehauen, überwölbt von Gehängen bunlfarbiqcr Blumen, de>en Farben durch bat glänzende Laub schimmerten nud deren Wohlgeräche die Lnfc gleichsam zu einem Bad nmschufen. Ern Bach, klar wie Kiystall, floß über gvlduenSand; und wo der Rasen am grünsten war, da lötre er sich in köstliche Spnnubrnnnen auf und warf seinen glitzernde» Quell empor, gleichsam um der Umarmung der Sonne thnlhaftig zu werden, deren Strahlen ihn mit Entzücken küßten. Der Wanderer blieb, vor Wonne außer sich, stehen; ein Gelühl wüllustigen Taumrl«, wie er noch nie empfunden, schlich sich in seine Seele. „S>ehe da!*' murmelte er, ,,meine Ansgar« ist nunmehr gelöst und Eden, das Land der Glückseligkeit und Jugend liegt vor mir!" SS Während er so sprach, antwortete eine holdselige Stimme: „Za, o km glücklicher Wandrer! deine Aufgabe ist gelüst, da« »st das Land der Glückseligkeit und Jugend!" Er wandte sich um und eiu Mädchen von blendender Schönheit war an seiner Seite. „Genieße die Gegenwart," sagle sie, „und so kannst du der Zukunft Trotz bieten. Ehe die Welt war, brütete die Liebe über der formlosen Oberfläche, bis unter dem Schatte» ihrer Frttige das Leben der jungen Schöpfung hcrvorbrach. So ist denn die Liebe der wahre Gott und wer ihr dienet, dem gestartet sie den Zurrrkt zu den Geheimnissen eines Tempels, älter denn die Srerne. Siehe! jetzt betrittst du die Eckwclle dieses Tempels; du bist im Land der Glückseligkeit und Jugend!" Bezaubert durch diese Worte ergab sich Arasma- nrs der süßen Berauschung, in welche sie seine Seele versetzten. Er ließ sich von der Nymfe tiefer in das Thal hrnei» führe», uud jetzt traten in tausend Ansichten des Waldes Wesen hervor, theils von fantastischer, theii» von der allerharmonischsten Gestaltung. Da waren der Satyr und der Faun uud der jugendliche Bacchus, vermrscht mit den vielgestalleten Gottheiten Indiens, und den wüsten Gegenständen der egyrtischen Kultur; aber zahlreicher als alle waren die Nymfenchöre, welche die Wirklichkeit vergeistigt darflelittn, indem sie die Träume von Schönheit verkörperten; und wohin er immer blickte, da schien Ein lächelndes Antlitz n»ter dem glänzenden Laubwerk heroorzulauschen und durch seinen freudigen, anmulhigen Anblick Freude und Anmurh über Alles auszuschütten; und er fragte, wie dieß Wesen, das die Macht zu haben schien sich nach Belieben zu vervielfältigen, heiße? und sein Name war Eros. Ein« Zeitlang - wie lange? wußte er selbst nicht, denn in diesem Land gab es keine Zeitmessung — stand Arasmanes in dem vollen Glauben, er habe wirklich Eden erreicht. Er fühlte seine Jugend gleichsam handgreiflich, Alles war ihm neu, sogar in der Gestalt de» Laubs und im Flüstern der würzigen Lüfte fand er etwas zn bewundern und Gross zum Erstaunen. Zn Liebe entbrannt zu dem Mädchen das ihn zuerst angeredet, war er auf ihren leisesten Wunsch (und sie war voll liebenswürdiger Launen) bereit, den dunkelsten Winkel des ThaleS zu durchforschen, das ihm setzt grenzenlos erschien. Nie ermüdete er auch nur eine Stunde lang und es däuchte ihn unmöglich, Ucber- druß zu empfinden und jeden Augenblick wiederholte er bei sich selbst: „Ich weile im Laude der Glückseligkeit und Jugend!" Eines Tags als er sich mit seiner Geliebten unterhielt und ihr Angesicht beschaute, erstaunte er zu bemerken, daß seit er eS das lepremal betrachtet, eine Runzel ans der Elfenbeinglätte ihrer Stirne sich eingestellt i,atre, nud während er die Zuverlaßigkeit seines Auges halb bezweifelte, schienen allgemach neue Runzeln auf der Stirne sich zu bilden und die 60 durchsichtigen Rosen ihrer Wangen zu welken und zu verbleiben! Er verbehlte, >o gut er konnte, seinen töbtlichen Schrecken und Verdruß über dieser seltsamen Erscheinung und unfähig den Anblick eines Angesichts länger auszohalten, das ihm zuvor wie eine durststillende Quelle des Entzückens gewesen, suchte er einen Vorwand sich von ihr zu trennen und wandelte verwirrt und bestürzt in seinen Gedanken, in den Wald. Die Faunen, die Dryaden und das jugendliche Antlitz des Bacchus und der lachende Eroskopf kamen ihm von Zeit zu Zeit in den Weg; aber das bewundernde Erstaunen, das fle mit einem Zauberrciy umkleidet, war iu seiner Brust erstorben. Ja er meinte, der arme Weiugvtt habe in seinem Wesen etwas einigermaßen Gemeines uud dem EroS gähuke er beinah hörbar iuS Gesicht. Und jetzt, s» oft er mir seiner Liebltngsnymfe zusammenkam, welche als die Königin des Thals galt, halte er den Verdruß zu bemerken» wie sich die Runzeln jedesmal tiefer eingegraben hatten; die Jugend lchien in reißender Eile fle zu verlassen, und der Gegenstand seiner verzweifelten Liebe war nunmehr statt eines kaum der Kindheit entwachsenen Mädchens, eine alte Coquetic. Eines TagS konnte er sich nicht enthalten zu ihr, obwohl mit einiger Verlegenheit, zo sagen: ,,Jch bitte dich, Theuerste, ist es viele Jahre her, datz du dieß Thal bewohnst?" „O freilich, gar viele!" antwortete fle lächelnd. 6l „Also bist du nicht mehr sehr jung!" versetzte Arasmanes unhöflich. „Was!" rief die Nymfe und wechselte die Farbe — „fängst du an, in meinem Angesicht das Alter zu entdecken? Hat sich schon ein« Runzel auf meiner Stirne gezeigt? Du schweigst! O grausame« Schicksal, willst du mir auch diesen Geliebten nicht gönnen?" und die arme Nymfe brach in Tbränrn aus. „Meine theure Geliebte," sagte Arasmanes in tödtlicher Verlegenheit, „es ist wahr die Zeit beginnt dich zu beschleichen; aber meine Freundschaft soll ewig dauern." Kaum halte er diese Worte ausgesprochen, als die Nymfe aufstand, eine» langen, kummervollen Blick auf ihn heftete, und dann mit einem lauten Schrei ihm aus dem Gesicht verschwand. Dicke Finsterniß sank, wie ein Schleier, ans den Thalgrund; der Zugeudrritz des Lebens mit seiner Begleiterin , Poesie, war für immer von den Schritten des Wanderers gewichen. Ein plötzlicher Schlaf überwältigte seine Sinne. Er erwachte verwirrt und uneiquickl und ein langer sanftansteigender Abhang, doch über sehr grüne Berge, non vielen die Höhe herabrauschenden Strömen gewäss-rt, dehnte sich vor ihm. Von dem Thal das er irrig für Eden angesehen, war nicht eine Spur geblieben. Er stand wieder auf der wirklichen, festen Erde. Dulwer's Romane. XftVI. 5 sr Drittes Kapitel. Emire Ta.e mißmuthig und unglücklich verfolgte der junge Abenteurer seinen Weg, noch immer nur nach Osten strebend nnd noch immer bemüht stch über die holdseligen Täuschungen der Vergangenheit durch die Hoffnung de« in der Zukunft ruhenden Eben zu trösten. Der Abend war still uud hell; der Abendstern glänzte auf di« Ungeheuern Ebenen herab, frei vom Anbau und den Behausungen der Menschen, wie noch j tzt der Charakter der östlichen, jüngsten Welt ist; ein seichter Bach, aus dem Spalt einet kleinen mit Moos bedeckten Felsen sich hervoraib-icend, funkelte unter d>m Licht det feierlichen Himmels und stoß in weiter Ferne, b s er stch in der Düsterheit «inet mächtigen Palmenwaldes verlor. An der Quelle dieses Stroms saß ein bejahrter Mann und eine junge Frau. Und der alte Mann veitraute dem Ohr seiner Tochter — denn in diesem heiligen Verwandtschaft, verhältniß stand Ajiaaf zu Ochtor — die eiste« Leh>en von der Weisheit der Wige Ebene dtg>enz>«nr und dieser selbst kam auch, eirunder und ericköpft von der laugen R-ise, an den Bach, um seinen brennenden Duist zu stillen, und den Staub von seiner Stirne zu waschen. Er bemerkte,eyk erst die Anwesenheit des alten Mannes und des Mädchens; d-nn sie waren halb veisteckk unter dem Schalten de» Fellen, aus welchem der Fluß hei kam. Aber der alte Mann, eine- jener Ecemilen der Vorzeit, bei welchen die Weisheit cie Tochter der Emlamkeit war, und der, einer streitenden und wilden Welt überdiüsstg, sich längst in «ioe Höhle nicht fein von der Quelle d«S Flusses zurückgezogen hatte und einsam Mir der Natu» verkehrte, mi> den Erinnerungen an eine verstörte Vergangenheit und der Betrachtung einer gebeimnißvoUeu Zukunft — der alte Mann, sage ich, gewohnt den selienrn Rei ende», welche von Zeit zu Zeit dit Hnael herabkamen und die Städte des Ostens luchren, Nahrung und Obdach gastlich zu gewähren, war der erste, der das Schweigen brach. Araemancs nahm dankbar die Anerbietungen de« E enijken an und wurde für diese Nacht Ochtors Gast. Es waren viele Gemächer in der Höhle, die rnlwedcr das Werk der Natur oder von Hubern Bergjägern war, und io eine- von dielen führte der Alte den Fremdling, nachdem sich der Shaldäer mit 5 « 64 den einfach«!! Vorräthen der Einsiedelei crqu'ckt harie; sie war brccckr mit getrockneten, wohlriechenden Moosen; und der Schlaf de« Arasmanes war lang und er träumte viel anmulhize Träume. Als er am nächsten Morgen auistand, fand er seine Wiühe nichr in der Höhle. Er schaute sich um un» entdeckte sie mied r an der Quelle des Baches, ans welche die Morgensonne schien und welche umrauscht war von den Flügeln der glücklichen Waldvögel. Der Fremde suchte seine Wirthe an der Stelle auf, wo sie Morgens und Abends zur Gottheit zu deren gewohnt waren. „Du hast doch nicht die Absicht uns bald zu verlassen," sagte der Eremit, „denn wer von jenen Bergen heradkommt, der muß einen mühsamen Weg zurückgclegt hadeu und seine Glieder mäßen der Rast bedürfen." Arasmanes, den Blick auf der Azraaf Schönheit geheftet, antwortete: „In Wahrheit, befruchtete ich nicht, deine ehrwürdige» Betrachtungen zu stören, die Kühle der Ebene und die Ruhe der Höhle und mehr als Alles dein Umgang und dein freundliches Antlitz würden mich vermögen, mein Baker, viele Tage bei dir zu verweilen." „Schau wie die wandernden Vögel dem stillen Bach Leben und Freude geben!" sagte der Weise, „und so sind für den einsam Wohneiuen die Fußtrite seines Geschlechts." Und Aratmanrs verweilte bei Lchior dem Greise. 65 Viertes Kapitel. „Das also ist Leine Erzählung," sagte Ochtvr, „und du glaubst noch an das fabelhafie Eden von deines VatcrS Träumen? Obne Zweifel gab »r ein solches Land einmal zur Zelt unsrer glücklicheren Väter; wie bewah re sonst die Ueb«rllefcrung seiu Andenken für ein Geschlecht, das es nicht mehr steh«? Aber Schotte» hüllt «S jetzt ein und der Engel bewacht eS. Verschwende nicht dein Leben an die Verfolgung eines Ziels, wozu dir jeder Leiifaden fehlt und das du nie erreichen kannst. Vcilicre nicht den Rciy der Erde, indem du den Freuden p«S Paradieses nachjagest. Bleibe bei uns, mein Sohn, in dieser stillen Zurückgezogenheit. Dleß ist daS wahre Eden, von dem drin Vattl chcn HereenS. Bleibe bei unS, mein Sohn, und vergiß dir Lehren, die dein Pater, satt der Welt, die zu verlassen er doch nie den Muth hatte, dir ertkeilte ans der falschen Weisheit deS llnzufciebneli Geistes!" „Du hast Recht, ehrwürdiger Ochtor!" rief ArakmaneS mir warmer Begeisterung, ,,sseb mir nur dein« Tochter, so frage ich nach keinem Eoen außer diesen Wieseiigilinden." «8 Fünftes Kapitel. Sechsmal kakle die Sonne ihren Lauf wiederholt, und Arasmane« weilt« »och in der -Me Ochtors. In dem schönen Antlitz seiner Azraaf entdeckte er kein« Runz-ln — ihre unschuldiae Liebe rrkaltere nickt über ihm; die majestätiiche Ruhe der Na>ur hauchte ihren eignen Frieden in seine Seele und die Belehrungen Ochtors e>füllten ihn mir heiligem Eaktücken. Er fand in seiner Weisheit etwas, das zugleich die Leidenschaften besänftigte und die Gedanken begeisterte. Zu Zeilen jedoch, und seit kmz-m mehr als früher, empfand er noch eine hef- tiae Sehnsucht nach dem Eden, bas er so vergeblich ausgesucht- Er empfand jenen Fluch der Einförmigkeit, das unau'bleidliche Erzenaniß der Ruhe. Am Ende des sechsten Jahres, als sie eines MoraenS vor der Thuie der Höhle standen und ihre Herden ruhig um sie herweid sie hatte» jedoch nicht Ursache zur Furcht; d>e Fremdlinge wünschten nur Eiquickung und Ruhe. Das Haupt dieser Schaar war eln bejahrter Manu von maj-stätisckem Auss-Hen, gekleidet in die reichsten Gewände de« Osten». Weit umwallte ihn sein Pnrpurkleld und hell schimmerten die Edelsteine 87 am Gürtel, der sein Schwert hielt. Alt er auf Ochtor znging, ihn auzureden, da matte sich auf der M ene beider alten Männer Zweifel, Erstaunen, Wiebererkeiinen und Freude. „Mein Bruder!" ent- fchvll beider Munde und de» aire Häuptling stützte an Ochrors Brust und weinte laut. Die Brüser blieben den ganzen Tag allein und mit Anbruch eer Nacht schieden fle unter bäustg-n Tbränen; und Zamielides, der Sohn des Häuplings (der unter der Schaar war), kniete vor Ochtor und Ochror segnete ihn. Ieht, als Alle weg waren und tiefe Stille wieder ans der Ebene rubte, aing Ochtor allein aus und Azraaf sagte zu ihrem Gatten: ,,M'i»e» Vaters Gemüth scheint beunruhigt und beoübt; gehe hin, mein Geliebter, ich bitte dich, und tröste in»; der Than liegt dicht auf dem Grase und mein Vater ist sehr alt " Am Strande des Flusse« stand Ochtor mit auf der Brust gekreuzte» Armen; die Fiubpferve höite man in der Ferne schnauben und die wilden Zebra kamen an da« Wasser, um zu trinken; die Nähe der wilden Thiere machte die Einsamkeit des alten Mannes noch ergreifender. „Warum b>st du beunruhigt, mein Vater?" fragte Arasmanes. „Habe ich n«cht Abschied genommen von meinem nächste» Blut-freund?" „Aber du hattest gar keine Hoffnung gehabt, ihn «8 wieder zu sehen; und sind dir nicht deine Kinder -«blieben?" Ochtor schüttelte mit ungewohnter Ungeduld die -and. „Höre mir zu, Arasmanes. Wisse, Zamiel und ich waren Brüder. Jung und feurig strebten wir beide nach der Herrschaft unsres Stamms und jeder von uns bildete sich ein die Eigenschaften zu besitze», welche die Herrschaft sickern; aber, merk' ans, mein Arm war stärker auf dem Schlachtfeld und mein Verstand war feiner im Rathe. Wir strebten und machten Entwürfe und stieaen zu hoher Achtung im unsrem Stamm; aber der Neid war geschäftig gegen unsre Namen. Unsre Herden wurden geraubt — wir waren von der Höhe unsres Standes herabgeriffen, wir sahen uns unfern Sklaven gleich gestellt. Da faßte ich Widerwillen gegen mein Geschlecht, ich verließ ihre Städte, und in diesen weiten Einöden vergaß ich im Schoß der Zufriedenheit den Ehrgcitz. Aber mein Bruder hatte ein hoffnungsreicheres Herz; unter geduldiger Stirne ba-g er den Grimm den er empfand. Siehe! er ist belohnt worden! Seine Stunde kam — er versammelte seine F eunde im Etllleo — er überfiel die Feinde in der Todesstille der Nacht; und am Morgen, siehe, ward er als Oberhaupt des Stammes begrüßt. Heute Nacht retttt er mit seinem Sohn zum König der Stadt der golknen Palläste, mit dessen Tochter dieser Sohn sich vermählen soll. Hätte ich nicht schwachhcrzig mich von meinem Stamm losgesagt, wäre ich nicht hieher ««flohen: dieß ruhmvolle Loos wäre das weinige gewesen; ich wäre der Beherrscher meines Stamms geworden, und hätte meine Tochter mit Königen vermählt. Wunderst du dich jetzt noch, daß ich unruhig bin und daß mein Herz bekümmert ist in mir?" Und Arasmanes sah, daß der Weise nur darum sich über die Welt gestellt hatte, weil er von der Welt gekränkt war. Und Ochror nährte den Mißmulh, den er gefaßt, bis zu seinem Todestag; und binnen drei Monaten von dieser Nacht begrub ihn Arasmanes an der Quelle des einsamen Flusses. Sechstes Kapitel. Lchtors Tod und sein demselben vvrangegangnes Geständniß erschütterten Arasmanes tief. Er wachte gleichsam aus einem langen Schlaf anf. Die Einsamkeit hakte ihren Zauber verloren unv er empfand, wie U»lhäkigkc>t für sich schon die Mutter der Reue seyn kann. „Wenn," dachte er. ,.ein so weiser und tiefer Geist wie Oä tor, so empfindlich war für die Elinuerungcn des Ehrgeitzes — wenn er am Rande der Gruft so bitter die Einsamkeit beklagte, in welche er seine Jchre begraben hatte, und auf die erste Botschaft aus der Welt hin, füblie, daß er die Verheißungen und Kräfte seines Lebens verschwendet habe, um wie viel mehr wüüie ich solchen Gefühlen 70 zugänglich seyn, in der Blnthe des Mannrsalters, und »he ich das Eine große Ziel, deffen Verfolgung ich meinem Vater zugeschworen, erreicht, ohne daß ich den Versuch dazu gemacht habe. Wahrlich es geziemt mir keine Zeit mehr in diesen unbewohnten Wüsten zu verlieren, sondern mich aufzumache», meine Lenden zn gürten und mit Azraaf meinem Weibe das Eden zu suchen, in das wir zusammen «inziehen wollen!" Diese Gedanken reiften bald znm Entschluß, und um so schneller, als seil Ochtors Tode Arasmaues keine «hkilnehmende Seele mehr für seine erhabeneren und ernsteren Gedanken hatte. Azraaf war schön und edel; aber sobald ec von den Sternen zu sprechen anfing, gähnte sie ihm unverhohlen ins Gesicht. Eie mar ganz mit der Einsamkeit znf jeden, denn sie wußte von keiner andern Welt, und die Herden und der Bach und jeder alt« Busch um die Höhle galten ihr als Gesellschaft; aber ihre Zufriedenheit war, wie Araemanes z» entdecken begann, die der Unwissenheit und nicht die der Weisheit. Azraaf weinte bitterlich als sie die Höhle verließen ; aber allmälig, als sie langsam weiter reisten, söhnte sie die Neuheit dessen war sie sahen, mit der Veränderung au«; und sie hört« auf, ausgenommen tri Nacht, wenn ihr« Lebenkgeister erschöpft waren, ihr Heimweh nach dem Bach und der ruhiqen Höhle zn äußern. Sie «änderten einige Wochen lang ostwärts und begegneten unterwegs keinem, lebenden 7t Wesen, außer einigen Schlangen und Truppen wilder Pfeide. Endlich eine« Abend« befanden fle sich in den Umgebungen einer glänzenden Sradt. Als sie sich den Thoren näherten, taumelten sie zurück, geblendet von dem Glain, denn di« Tdore waren von polirtem Gold, da« funkelt« und blitzte in dem sonnenhellen Licht von den Naftülarnpen, welche in großer Menge an den mächtigen Mauern hingen. Eie erkundigten sich als sie durch« Thor gingen, nach dem Namen der Stadt und hörten mit einiger Uederraschung und noch größrer Freude sie sey genannt: die Stadt der gvldnen Palläste. „Nun hier," rief Azraaf, „werden wir wohl ausgenommen werden, denn meines Vaters Bruders- sohn ist mit der Tochter des Königs vermählt." ,.U»d hier wird e« auch viele Welse geben," dachte Arasmanes, „welche ohue Zweifel Kenntniß von der wahien Lage Edens besitzen werden." Eie waren, wie fl« weiter du-ch die Straßen gingen, sehr erstaunt über das Treiben, und Leben und die Munterkeit, welche sogar in dieser späten Stunde noch überall herrschten. Mit der Unbefangenheit, welche Menschen natürlich >st, die so lang in der Einöde gelebt, fraqten sie sofort nach dem Pallast de« Königs. Zuerst f.agre Arasmanes einen jungen Herrn, der, sehr kvsib-r gekleidet, die Straße entlang ging, und sich sorgfältig io Acht »ahm um nicht den Saum seines Kleide« zu beschmutzen. Der 72 junge Herr sah ihn mit ernstem Erstaunen an und ging vorüber. Dann fragt« er einen raohen Bauer, der ein Bündel Holz auf den Schultern daher- schleppte. Der Bauer lachte ihm in» Gesicht und Araemanes, empört über die Beleidigung, streckte ihn zu Boden, dann kamen sie an einem Richter vorbei und Arasmaner tbat an ikn dieselbe Frage. „Des Königs Pallast!" sagte der Richter, „und was sucht Ihr iu de« Königs Pallast?" „Seht, des König« Tochter ist vermahlt mir dem Vetter meiner Frau." „Eurer Frau Leiter! Du bist ein Narr, daß dn so sprichst; aber halt, du siehst arm aas, guter Freund! (hier runzelte der Richter entsetzlich die Stirne) Deine Kleioer sind vertragen und abgeschabt. Ich bilde mir ein, du hast weder Silber noch Gold?" „Du hast Reckt." versetzte Arasmanes, „ich besitze keines von B-iden." ,.Ho ho," rief der Richter, „er gesteht seine Schuld; er bekennt, daß er weder Silber noch Gold hat. Hieher, Soldaten, greift diesen Wann und diese Frau. Fort mit ihnen ins G'fängniß; und laßt sic morgen zur Fällung des Todesurtheils vor- sühren: wir wolle» da»» entscheiden, ob sie gehängt werden oder Hungers sterben sollen. Die Elenden haben wahrhaftig wed-r Silber noch Gold; und waS noch schlimmer ist, sie gestehen es!" 7 ; „Zst's möglich!" rief die Volksmenge und ein Schauer des Einsetzens durchrieselte alle Umstehenden. „Weg mit ihnen, weg mit ihnen! Langes Leben dem Richter Kaly, dessen Auge nie schläft und der uns immer vor den Armen bewahrt." Der Richter ging weiter. Thränen deS tugendhaften Entzückens vergießend üb-r den Ruf den er sich »rwo-ben. Arasmanes und Azraaf wurden ins Gcfängniß wcggeschleppt, wo Azraaf sich selbst in Schlaf heulte und Arasmanes, mit verschränkten Annen und ge> senktem Haupte seiner Betrachtungen nachhing über die wirklich seltsamen Begriffe vom Verbrechen, welche alle Söhne der Stadt der gvldnen Palläste zu hegen schienen. Am nächsten Morgen wurden sie durch lauten Lärmen unter den Fenstern ihres Kerkers gestört. Nichts konnte dem Geschrei gleich kommen das sie hörten; aber es schien ein Freudenge- schrei. Wirklich war an diesem Morgen die Prinzessin, welche Azraafs Vetter geheirathet, glücklich ihres ersten Kindes genesen; und groß war die Freude und der Jubel in der ganzen Stadt. Nun war in dieser Stadt die Sitte, daß so oft ein Glied der Köuigsfamilie dir Bevölkerung der Welk zu vermehren geruhte, der Vater deS Kindes in allen Gefängnissen der Stadt herumging und die Gefangnen frei ließ. Welches Glück für Arasmanes und Azraaf, daß die Prinzessin entbunden wurde, che sie gehängt waren! 74 Und näher und näher unter Cymbeln - und Pauk-nschlag, mit Fahnen und Sperren über und um ihn her, kam der junge Vater zu dem Kerker, wo unser unglückliches Paar eingesperrt war. „Habt ihr außerordentliche Verbrecher in Eurem Gefängniß?" fragte der Fürst den Oberschließer; denn er machte flchs damals zum Anliege», leutselig zu st,n. „Nur Einen Mann, mein Gebieter, der lehte Nacht aufgegriffen wuide; und der rund heraus gestand, bei kaltem Blut und ohne Tortur, er habe weder Silber noch Sold. Es ist tausendmal Schade, daß ei» solcher Böiewichr soll steigelaffe» werden!" ,,2br habt Reckck, ' sagte der Prinz, „und welche Unverschämtheit, sein Verbrechen zn gestehen! Ich möchte gern einen so außerordentlichen Mann sehen!" Mit diesen Worten stieg der Prinz ab und folgte dem Schließer zu der Zelle, worin Arasinanes und seine Gattin eingesperrt waren. Sie erkannte» sofort ihren Verwandten; denn in jenem frühen Weltalter hatten die Leute, die in Nvth waren, ein wunderbar behendes Geoächtniß, mächtige Verwandte wieder zu erkennen. Azraaf eckte sich an des Prinzen Hals zu werfen (was die Wächter rasch verhinderte«), und der stolze Arasmaues begann, seinen kräftigen Dank >ür den Besuch auszusprechen. „Diese Leute sind toll," rief der Piinz hastig. „Laßt sie los aber zuerst muß ich mich losmacheu." 75 So sagend sprang er so rasch die Treppen hinunter, daß er fast den Hat« brach; da»» stieg er zu Pfeid, und verfolgte unter dem Jauchzen de- Volk« seinen Weg in die andern Gefängnisse. Arasmanes und Azraaf waren jetzt wieder auf die Straße entlassen. Eie waren außerordentlich hungrig; sie gingen in den nächsten Bäckerladen, den sie sahen und baten um Erfüllung der Pflichten der Gastfreundschaft. „Recht gern; aber zuerst euer Geld!" sagte der Bäcker. Arasmanes, durch Erfahrung gewitzigt, hütete sich wohl zu sagru er habe kein Geld, „aber ich habe et," sagte er, „iu meiner W'hnung liegen lassen. Gib mir jetzt das Brod und stehe, ich will dich morgen bezahlen." „Sehr wohl," sagte der Bäcker, „aber dicß Euer Schwert hat einen schönen Griff; laßt eS mir hier, bi« Ihr mit Eurem Geld wieder kommt." So nahm den» AraSmanes das Brod und ließ das Schwert da. Sie waren jetzt erquickt und beschlossen eine so gefährliche Stadt sobald als möglich zu verlassen, als ste gerade wie ste einer engen Straße zu gingen, plötzlich von sechs Soldaten ergriff-n, geknebelt, ihnen die Augen verbunden und sie so foitge chlerpt wurden, ste wußten nicht wohin. Endlich me treu ste, daß ste eine Treppenflucht hinauf geführt wurden. Wenige Augenblicke später wurden Kr ebcl und Binden aus Mund und vom Auge genommen und ste sahen sich in einem glänzenden Saale, ganz allein bei dem Prinzen ihrem Vetter. Ec umarmte sie zärtlich. „Verzeiht mir," sagte er, „daß ich mich stellte Euch vergessen zu haben; aber er stand mein ganzer Ruf in dieser Stade auf dem Spiele, wen» ich De, wandte anerkannte, welche gestanden weder Silber noch Golv zu besitzen. B-im Bart meines Großvaters, wie konntet ihr so unklug seyn? Wrßc ihr nicht, daß ihr in einem Lande seyd, wo alle Leute nur Eine Gottheit verehren, den Gott der edlen Metalle? Keine edlen Metalle haben heißt keitle Tugend haben; eS gestehen heißt «in Aiheist seyn. Keine Macht hätte Euch vom Tod entweder am Galgen oder durch Hunger gerettet, wenn nicht die Prinzessin, meine Gattin, zn gutem Glück heute entbunden worden wäre." „Welch sonderbares — welch barbarisches Land!" rief ArasmaneS. „Barbarisch," rief der Prinz ihm nach: „daS ist das civilisirtcste Volk auf der ganzen Welt — ja, dicß ist von der ganzen Welt anerkannt. In keinem Land ist daS Volk so reich und deßwegen so glücklich. Für die, welche kein Geld haben, ist rS freilich ein schlimmer Aufenthaltsort; für die, welche Geld haben ist eS das Land der Glückseligkeit selbst. Ja, eS ist daS wahre Eden." „Eden! WaS, habt ihr auch von Eden gehört?" „Gewiß! und hier ist eS — das Land der Freiheit, der Glückseligkeit, dcS GoldeS!" rirf der Prinz mit Begeisterung, „bleibt nur bei uns und seht zu!" „Ohne Zweifel,"daÄte Arasmanes, „Ließ Land liegt im fernsten Osten, es hat mich Anfangs ungastlich empfangen; aber vielleicht war die G-fahr, der ich entrann nur daS Sinnbild und allegorische Andeutung des Engels mir dem Schwerte von dem die Uebcrlieferung sprach. Aber," sagte er laut, „ich habe kein Gold vnd kein Silber, o mein Prinz!" „Kümmert Euch deßhalb nicht," antwortete der gütige Zamielides, „ich habe genug für Alle. Ihr sollt gleich für diesen Tag damit versorgt werben." „Aber werden die Leuts nicht in mir den armen Fremdling wieder erkennen?" Der Prinz lachte einige Minuten so laut, Laß sie fürchteten er möchte in Krämpfe verfallen. „Was für ein Schlag von Mensch bist du, Arasmanes?" sagte er, nachdem er sich wieder so weit erholt hatte um zu antworten. „Weißt du nicht, daß die Leute in dieser Stadt nie wissen was Einer früher war, wenn er nur Einmal reich ist? Erscheine morgen in Puipur und sie lassen sich nicht davon träumen, daß sie dich gestern iu Lumpen sahen." Siebentes Kapitel. So führte denn de? gütige Zamielides seine Verwandten in sein eignes Zimmer, und ließ sie daselbst, um die glänzenden Kleider anznlegen, welche Bulwer's Romane. X.OVI 6 78 er für sie hatte zurüsten lassen. Er gab ihnen einen Pallast und große, reiche Waarenhäuser. „Schau," sagte er, indem er Arasmanes auf die Spitze eines mächtigen Thurmes führte, welcher das Meer beherrschte, „schau jene Schiffe, die wie ein Masteu- wald in jenem geräumigen Hafen emporsteigen! die sechs Fahrzeuge mit grünen Flaggen sind dein. Ich will dich die Geheimnisse des Handels lehren und bald wirft du so reich seyn als ich selbst." „Und was ist der Handel, mein Gebieter?" fragte AraSmancs. „Es ist der Gottesdienst, womit die Leute dieses Landes ihre Gottheit verehren," antwortete der Prinz. Achtes Kapitel. Man bewarb sich von allen Seiten um Aras- maues; ein so weiser, so dezauberuder Mann war nie in die Stadt der goldncn Palläste gekommen; und was die Schönheit der Azraaf betraf, so wurde sie für das Meisterwerk der Natur erklärt. Berauscht von der ihnen erwiesenen Huldigung, und dem Glanz in dem sie lebten, verstrichen ihnen die Tage in einem Taumel wollustvollen Entzückens. „Recht hast du, v Zamielides!" rief Arasmanes aus, als seine Schiffe mit neuen Schätzen beladen znrückkehrten: „die Stadt der golduen Palläste ist das wahre Eden!" 79 Neuntes Kapitel. Drei Jahre halte jrtzt Arasmanes in der Stadt zngebracht, und man kann sich denken, daß ein großer Wechsel mit seiner Person vorgegangen war; die Farbe der Gesundheit war auf seinen Wangen erblichen; seine Stirne war von Sorgen gefurcht, sein Schritt langsam, sein Mund eingekniffcn. Er meinte nicht mehr, im wahren Eden zn seyn, und doch hätte er kaum nm Edens willen die Stadl der goldnen Palläste verlassen. Ganz und allein durch das Geschäft: Geld zu erwerben und zu ver chwenden, in Anspruch genommen, ward er verzehrt von der beständigen Furcht sein Vermögen zu verlieren und der beständigen Sorge es zu vermevren. Er zitterte bei jeder schwärzer» Wolke die am Himmel schwebte; erwürbe blaß bei jeder ungestümmercn Wette, welche das Meer bewegte. Er lebte ein Leben der glänzenden Sorge, und die Vergnügungen, welche es heben sollten, waren ermüdend wegen ihrer Eintönigkeit. Seine einst vergötterte Azraaf sah er nur wenig. Ihre Beschäftigungen trennten sie von ihm. In einem so civiliflrteu Laude konnten sie nicht immer beisammen seyn. Wenn er von seinen Schiffen sprach, langweilte er sic zum Steibe»; wenn sie von den Festen redete, welche sie geschmückt, war ihm diese Erzählung eben so zuwider. 6 * 80 Zehntes Kapitel. Der Hof war in Traner versenkt. Zamislides war von einem Fieber ergriffen worden. Alle Weisen besuchten ihn; aber er wandte sich mit dem Gesicht gegen die Wand und starb. Arasmanes betrauerte ibn aufrichtiger als irgend Einer; Leun abgesehen davon, daß Araemanes große Ursache hatte, ihm dankbar zu scyu, wußte er auch, daß wen» ein Unfall seine Schiffe Näfe, er keinen so bereitwilligen Freund finden würde, ihm den Verlust zu ersehen. Dieß machte ihn ängstlicher als je um Sicherstellung seines Vermögens. Ein Jahr nach diesem Ereigniß erachtete es der König der Stadt der goldnsu Palläste angemessen, in den Krieg zu ziehen. Der Krieg daueite vier Jahre, zwei Millionen Menschen wurden auf beiden Seite» geiödtet. Im zweiten Jahre wohnte Arasmanee einem glänzenden am Hof gegebnen Feste bei. Ein Bote kam keuchend und athsm- lvs au. Eine große Seeschlacht war geschlagen worden. Zehntausend von des Königs. Unterthanen waren getöbtet. „Aber wer gewann die Schlacht?" rief der König. „Eure Majestät?' Die Ln fr erscholl von Frsudejauchzeu. „Nur Ein kleiner Unfall," fuhr der Herold fort, „begab sich am nächsten Tags. Drei von den zerstreuten Kriegsschiffen deS FcindeS stießen auf dir 8! Schiffe einiger unsrer Kanfleute, welche mit Schätze,, beladen von Opinr zurück k-krten, und zur Rache verbrannten und versenkte» sie dieselbe»." ,,Waren meine Schiffe darunter?" fragte Aras- maves mit zitternder Stimme. „Von deinen Schiffen sprach ich eben," antwortete der Bo e. Aber kein Mensch dachte an Arasmancs oder an die zehntausend «eködtetcn Uatertbaneu. Die Stadt war vor Freude darüber, daß Gerne Majestät den Steg dai-oitgeiraien, ganz außer sich. „Web. ich bui in zu Grande gerichteter Mann!" sagte A,aSmm es unv saß da, Äsche auf dem Haupt. „Und wir können keine Feste mcyr gebe»," seufzte seine Frau. „Und Jedermann wird uns mit Füßen treten," sagte Arasments. „Und wir müssen unscrn Pallast aufgeben," wimmerte di- sanft- Ai.raaf. „Aber C n Sch'ff bleibt mir!" rief ArasmaneS auffahrend; „er ist jetzt im Hafen. Ich will selbst sein Eapitän werden. Ich will selbst damit nach Ovhir segeln. Ich will mei > Vermögen reiten, oder bei dem Versuch nnicru-den." „Uns ich will dich begleiten, mein Geliebter," rief Azraaf ans sich ibm um den Hai- werfend, „denn ich ka « das Mitleiden der Frauen nicht ertragen, die ich sonst ausgcstochen." 8r Die See war ruhig uud der Wind günstig, als das unglückliche Paar thr letztes Schiff destieg; und eine ganze Woche laug drehte sich die Klatscherei bei Hofe nm d e Lhv-Heii des Äraemanes und die treue Ergebenheit seiner Gattin. Eilftes Kapitel. Wenige Wochen waren sie auf der See, als ein widriger Wind sich erhob, der sie ganz von ihrer vorge etzten Lahn verlchlug. Umsonst läimt« der Sreuei mann und donnerte Arasmanes; sie wll'den ostwäris getrieben und endlich gestanden auch die ältesten und criahrensteu Seeleute, sie seyen in Gewässer geran-en, die ihnen gänzlich unbekannt wären. Erlchopit und enimulhigt entdeckten sie endlich, als eben ihr Wasser aus nnd ihre Vorräthe auf der Neige waren, Land, nnd mit Einbruch der Nacht warf das Schiff an einer grünen, anmuthigen Küste Anker. Die Bewohner, halv nackc und kaum dem ersten, wilden Naturzustand entwachsen, eilten herbei sie zu begrüßen und zu unke,stutzen; an mächtigen Feuern trockneten die Seeleute ihre uaffen Kleider und vergaffen die ausgestaodnen Müftiale. Sie blieben einige Lage bei den gastfreundlichen Wilden, besserten ihr Fahrzeug aus und versahen sich mit neuen Vgrräthen. Aber was hauptsächlich Araema- ne« Aufme kiamkeit auf sich zog, das war der Anblick einiger köstlichen Diamanten, die der Häuptling der Wilden in eurer rvhgearbeireren Kivne auf dem 8 ; Kopfe trug. Sr erfuhr durch leichtverständliche Zeichen, daß diese Diamanten im Uederfluß sich vor- sänden auf einer gewissen Insel im äußersten Osten, und daß von Zeit zn Zeit große Feldstück«, worin sse eingeschlosscn wären, an den Strand geworfen werden. Als aber Arasmanes seine Absicht, diese Intel auf- znsuchen, zu erkennen gab, suchten ihm die Wilden durch Gebcrden des Entsetzens und Widerwillens die Gefahre» anzudrutru, welche das Unternehmen bedrohten und ihm den Versuch abzurathen. Von Natur kühn und verzehrt vom Durst nach Reichthum ließ sich der Chaldäer von diesen Zeichen nur wenig anfechreii, und an einem schönen Morgen trat er wieder die Reise an. Beständig gegen Osten strenerud und vom Winde begünstigt wurden sie am zehnten Tag einet gewaltigen Felsen ansichtig, der fernher über das Wasser mir so schimmerndem Glanz Hinstrahlte, daß er die Augen der Seeleute blendete. Diamanten und Rubinen, Smaragden und Karfunkel blitzten auf dem schwarzen Boden des Felsen und schmeichelten dem Herzen des niedrigsten Seemannes mit der zuversichtlichen Hoffnnng unermeßlicher Reich- thümer. Nie sah man Menschen so vor Freuden außer sich, wie diese ganze Schiffemannschaft, als das Fahrzeug sich der Küste näherte. Die See war an vieler Stelle seicht und eingeengt; man sah auf die gegenüberliegende Küste — sie war schwarz, uneben und unbewachscn, voll spitzer Felsen, um welche die Wellen ihren weißen Gischt emporschleuderteu, « die gefährliche Annäherung verwehrend; das beachteten aber jene auf der entgegengesetzten Seite wenig, als ihre Augen nach der Insel der köstlichen Steine sich hiurichteten. Sie waren in der Mitte der Meerenge, als plötzlich die Gewässer unruhig nod stürmisch wurden; das Schiff schwankte herüber und hinüber; etwas Glänzende« erschien unter der Meereifläche und endlich entdeckten sie deutlich die Schuppen und den Schwanz einer Ungeheuern Schlange. Darob ergriff ein plötzliches Entsetzen die ganze Mannschaft; sie erkannten die Wahrheit der Sage, die damals alle Seeleute wußten, daß im äußersten Osten die ungeheure Meerschlange lebe, deren Lager sich noch kein Fahrzeug nnzerschmettcrt nahte. Alle Geranken an den Diamantfelsen waren ihren Seelen entschwunden. Sie fielen mit Einemmal auf dir Kniee und stammelten bewußtlos ihre Gebete. Aber hoch über allen ragte die schlanke Gestalt des Aras- maues empor, wenig kümmerte er sich um Schlange und Sage. Nus, Vermögen und Leben waren auf Einen Wurf gesttzt. ,,Srch ans!" sagte er, den Steuermann aufrüktelnd, ,,vder wir treiben auf die gegenüberliegende Küste! Siehe, die Insel mit unerschöpflichem Reichthum schimmert uns entgegen." Kaum waren diese Worte über seine Lippen, als mit einem langsamen und fürchterlichen Ruck die Schlange des Ostmeers ihr Haupt aus dem Ocean erhob. Dunkel und ungeheuer wie die gewaltigste Höhle worin je Eulen und Molche hausten war Ser sr Abgrund seines Schlundes und die gleißenden, schreck- lichlii ngen überglänzten sogar den Schimmer des Diamantfelsen. „Ich biete dir Trotz!" rief Arasmanes, sein Schwert über dem Haust schwingend, als plötzlich das Schiff um und um gewirbelt wurde; der kühne Chaldäer ward mit Gewalt ans» Verdeck geschleudert; er suhlte wie die Wasser über ihm brausten und dunkelten; und daun verließ ihn alles Gefühl des Lebens. AlS Arasmanes wieder zn sich kam, lag er auf dem heißen Gand der der Diamanteninsel gegenüber liegenden Küste^ Trümmer des Fahrzeugs waren zerstreut um ihn her, und da und dort die Leichname der Seeleute. Adcr zu seinen Füßen lag, auf- getrieben und verzerrt, die Gestalt seiner schönen Azraaf; Meergras hatte ihre Glieder umspounrn nnd mißgestaltete Gchaalthiere dnrchkrochen ihre schönen Haare. Thränen traten dem Chaldäer ins Auge, und seine ganze frühere Liebe zu Azraaf kehrte zurück, und er warf sich nieder, neben ihrem entstellten Leichnam und raufte sein Haar; die Entwürfe seiner letzten Jahre waren aus seinem Gedächtniß wie Traumbilder entschwunden, und er erinnerte sich nur noch der einsamen Höhle und seiner betenden Braut. Die Zeit verfloß und Azraaf ward im Sand begraben; Ll'asmanrs riß sich von dem einsamen Grabe los, und in das Innere des Küstenlandes eindringend. 86 suchte er wieder die Wohnungen von Menschen aufzufinden. Er reiste weit unter eiuer brennenden Sonne; bei Nacht umgab er seine Lagerstatt mit einem Kreis von Feuer, denn die reißenden Thiere und gewaltigen Schlangen waren in der Nähe; armselig und ungesund war die Nahrung von Beeren und groben Wurzln, die sich hie und da in den furchtbaren Einöden zeigten, welche er durchwanderte; und auf dieser Reise voll Mühseligkeit und Drangsalen hielt er Zwiesprach mit seinem eignen Herzen. Er fühlte sich von den schlimmen Leidenschaften wie für immer geheilt. Die Habsucht schien aas seiner Brust gewichen und er träumte: , kein unhril-ger Wunsch könne ihren zertrümmerten Thron je wieder «inuebmcn. Eines Tags, tief in der Wüste, wurde er eines glänzenden Retterzngs aüflchtig — glänzend im eigentlichen Sinne, denn die Reiter waren in Waffen von Erz und S-ahl gehüllt, und die glühende Sonne ließ ihre Strahlen dm auf abprallen, daß cs war wie der Lauf einet Lichtstrvmes. Arasmanes stand stille und sein Herz schwoll hoch auf in ihm, als er über die weiten Ebnen hin die kriegerischen Klänge der Trommete und des Gongs schallen hörte und die Pracht und Herrlichkeit des Kriegs erkannte. Der Reiterzug kam heran, und der Anführer der an der Seche der Schaar ritt, hielt sein Pferd au, indem er ve wundern» die edlen Glieder, den stolzen Wuchs und das nnerschroclue Auge des Chaldäers betrachtete. Der Anführer ließ seine Dolmetscher kommen, und da in jenem Zeitalter die Sprachen des Ostens nur wenig verschieden waren, konnte der Anführer der Krieger leicht mit dem Pik ger verkehren. „Wisse," sagte er, , wir sind auf dem ruhmvollsten Unternehmen begriffen, das je Menschenkindern in den Sinn gekommen. Im fernsten Osten ist ein Land von welchem dir vielleicht dein Vater gesagt haben mag — ein Land der ewigen Jugend und Glückseligkeit und sein Name ist Eden." Arasmanes staonte, er konnte kaum seinen Ohren trauen. Der Krieger fuhr fort: „Wir sind von dem Stamme der dem Osten zunächst liegt, und jenes Land ist deßwegen ein Erbtheil, auf welches wir unter allen Sterblicheu am meisten Anspruch haben. Einige von unfern Jünglingen haben zu verschiednen Zeiten versucht i» dasselbe vorzudringen, aber übernatürliche Kräfte haben ihren Versuch vereitelt. Und nun, da ich auf den Thron meiner Väter gelaugt bin, habe ich beschlossen mit Waffengewalt es anzugreifen und zu erobern. Betrachte meine Schaar. Sahst du je, o Chaldäer, Männer von solchen Gliedern und Wuchs, mit solchen Angriffswaffen und Schilde» zur Berthetdigung? Kannst du dir Männer denken, würdiger eines solchen Tri- mnfes und sicherer, ihn za erringen? Auch du hast Körperverhälrn-sse, welche über gewöhnliche Män- uerkraft hmausgrhrn — dn verdienst einer der Unsri- gen zu seyn. Komm, sprich dein Wort und die 8 » Gcwaffiickcn sollen dich in Stahl kleiden und dn sollst -u m iner Rechten reiren!" Das Wiehern der Pferde, der Schall der Mnstk und die stolze Glimme des Anführers — alles entflammte dem ArasmaneS das Blut. Er bedachte nicht »re Gottlosigkeit des Angriffs; er dachte nur an den Ruhm; das Ziel seines ganzen Lebens schien ihm jetzt handgreiflich nahe gerückt. Ec ergriff mit Begierde die Einladung des Kriegers; die Gewaffue- ten hüllten ihn in Stahl, Straußenfedern wallten ihm von der Stirne, und er ritt zur Rechten des Krirgs fürsten. Zwölftes Kapitel. Der reisige Zug war nicht ohne Führer, denn da sie so nahe dem Aufgang der Sonne wohnten, war, was bei Andern nur Gage war, bei ihnen Einsicht; und viele unter ihnen waren schon der Gegend von Eben zugereist und hatten die schwarze Welke gesehen, die es eivhüllk und gezittert vor dem Ton der rauschenden aber unsichtbaren Flügel, welche darüner schwebten. Arasmanes vertraute dem Krieger seine ganze Geschichte; sie schworen sich ewige Freundschaft, und die Heerschaar sah auf den Chaldäer als einen Mann den ihnen Gott zum Beistand gesandt. Denn was das sonderbarste war, nickt Einer von der Schaar schien von Ferne daran z» denken, daß etwas Unheiliges und Frevelhaitcs sey an der kühne» Unter- 89 nehmnng, za '.velcker sie sich verbindlich gemacht hauen: gewohnt, Blutvergießen wie eine Tnoend zu betrachten, wie hatte» sic ei» Verbrechen darin erblicken sollen den Garten des Paradieses mit Gewalt zu erobern? Durch Wüsten und Einöden führte sie ihr Weg, und obgleich ibre Zahl täglich dünner wurde, durch die Mühseligkeiten, und Mangel an Lebensmiuela und den Gluthauch der heißen Winde, schienen sie doch in ihrem Vifer nicht nachzulaffen oder Reue zu fühlen bei den Widerwärtigkeiten, welche sie erduldeten. Dreizehntes Kapitel. Finsterniß breitete sich an» wie eine Mauer! Dom Himmel sank auf die Erde herunter dir Handgreifliche, dicke Nacht, welche daS Bollwerk deS Landes Eden war. Kein Gegenstand glänzte durch diese undurchdringliche Schwärz«; von diesen endlosen Mauern wehte kein Banner; kein sterblicher Kämpfer trat zürnend dem traurigen Anzug entgegen; Alles wäre in Todekstille geblieben, hätte man nicht von Zeit zu Zeck das stattliche Rauschen wie eines gewaltigen Waffrrs vernommen; und sie wußten Laß es das Rauschen der geflügelte» Wächter war. Der Zog machte halt vor dem Dunkel, stumm und schanerersültt; ihre Augen schenken zurück vor dem Küstern Anblick und hackeke» auf ihres Führers «mpvrragendem Helm mit schneeweißen F-dern. Und 9 » er gebot ihnen die Naftafackeln, welche sie mitgebracht, anzlizünbcii und ihre Schwerter zn ziehen; und auf das gegebne Zeichen brachen Reiter und Roß ein auf die Mauern der Nacht. Einen Augenblick blitzte« und funkelten die Fackeln durch die Finsterniß und erloschen dann plötzlich; aber durch die Schatten kam eine riesenhafte Hand, ein Flammenschwert schwingend und wohin sie sich wandte, da erschlug jeder den ihm Nächststeheuden, der Bater fand den Tod von der Hand des Sohnes—der Bruder fiel röchelnd unter dem Todesstreich des Btuderü; Geschrei und Gekreisch und das Stampfen der scheugeworduen Pferde erscholl durch die gespaltnen Schatten — gespalten uur durch Las mächtige Schwert, wenn es von Reihe zu Reibe schwebte und die Nacht vor seinen Strahlen zurückwich. Vierzehntes Kapitel. Bis zum Abend war das Werk vollbracht; nur ei« schwacher Rest von Kriegern, dem allgemeinen Gemetzel entronnen, lag erschöpft an der Erde, vor der dunkeln Schutzmauer Edens. Arasmanes hielt noch zuletzt in dem gräßlichen Dunkel aus; denn alt er kämpfend in dem Gedränge der Sterbenden und Tobten lag, schien das Dunkel hinwegzurollen, und in ferner Tiefe erhaschte er einen flüchtigen Blick von der wundervollen Herrlichkeit Edens. Ueber Thä- ler, mit der grünsten Pflanzenfülle bedeckt und gewässert von welleulosen Bächen, ergoß sich wärmend sr ein purpurnes, aumuthiges Sonnenlicht, friedlich und wolkenlos, denn cs war das Lächeln Gottes. Und da waren Gruppen glücklicher Wesen überall zerstreut, auf deren Angesicht sich die Heiterkeit unaussprechlicher Freude aussprach; schon beim bloßen Anschauen ihrer Glückseligkeit spiegelte sich ihre Glückseligkeit in der Seele des Chaldäers ab, trotz dem Grausen, dem Entsetzen und der Trostlosigkeit dieser Stunde. Er streckte flehend seine Arme ans und das Gesicht entschwand für immer seinen Angen. Fünfzehntes Kapitel. Der König und alle Hanptanführer des Heers waren nicht mehr; und mit allgemeiner Zustimmung ward Arasmancs zum Führer erkoren. Kummervoll und niedergeschlagen führte er den betrübten Rest der Truppe zurück durch die Wüsten in das Land, das sie so voll frohen Muths verlassen. Dreimal auf ihrem Heimweg wurden sie von feindlichen Stämmen angegriffen, aber durch Arasmancs Stärke und Klugheit entkamen sie der Gefahr. Bei der Ankunft in ihrer Heimath fanden sie, daß der Bruder ihres Fürsten die Zügel der Regiernng ergriffen hatte. Das Heer, das ihn haßte, erklärte sich für den fremden Führer, der ihren Rückzug geleitet. Und Arasmancs, hingerissen durch die Aussicht auf Macht, willigte in in ihr Begehren. Eine Schlacht erfolgte; der Usurpator wurde gelödtet und Arasmanes, ein neuer Usurpator, bestieg statt seiuer deu Thron. Zs Sechzehntes Kapitel. Der Chaldäer war nicht mehr jung; die in. der Wüste erduldeten Drangsale, verbunden mit des Sorgen, welche währe d seines Aufenthalts in der Stadt der goldneu Palläst- an ihm genagt, hatreu seiner Stirne und seinem Herzen die tiefen Spuren vorzeitigen Alters eingedrückt. Er fand sich im Besitz aller Hülst'quellet» des Genusses in einer Zeit, wo man nicht mehr genießen kann. Er suchte sich jedoch zu unterbauen durch die Geschäfte des Richrerstnhls, von welchem Jedermann mißvergnügt sich entfernte, und durch Festmahle, bei welchen die Höflinge über Mangel au Pracht und das Volk über heillosen Aufwand klagte. Durch die Erfahrung gewitzigt befestigte er seine Krone dadurch, daß er dem Heer schmeichelte; und umgeben vou Ueppigkeit fühlte er sich geschützt durch die Gewalt. Da kam an de» Hof des ArasmaneS ein sonderbarer Reisender; ein kleiner, alter Mann, von einfachem Aussehen aber großer Weisheit; in der That war er Einer der berühmtesten Weisen des Ostens. Seine Unterhaltung obwohl schwirmüthig, hatte den größten Reitz für Arannaues, der es liebte sich gegen ihn über die Mühen des Königthums und die Abgeschmacktheit seines Lebens zu beklagen. „Ach wie viel glücklkcher sind die NiedrigKehenden!" sagre der König, „me viel glücklicher war ich in der Wüsten- Höhle, da ich Meiner Herden wariete und der süßen s; Stimme meiner Azraaf horchte. Ich wollte, ich könnte jene Tage zurückrufen!" „Ich kann dich dazu in Stand sehen, großer König!" sagte der Weise, „schan diesen Spiegel! fleh hinein, so oft du den Wunsch empfindest, die Vergangenheit znrückzurnfen; und welchen Abschnitt der Vergangenheit du vor dein Auge zu beschwören dich sehnest, der soll vor dir erscheinen!" Siebenzehn tes Kapitel. Der Weise täuschte Arasmanes nicht. Der Spiegel zeigte alle Scenen aus dem vergangnen Leben des Chaldäers; jetzt lag er zu den Füßen Chvsfors — ein glücklicher Knabe - jetzt trat er mit schwellenden Hoffnungen in das bezaubernde Thal der Nymphe, ehe er noch erfahren, daß ihre Jugend auch hinschwinden könne — jetzt stand er an der Quelle des kleinen Flusses, und sah beim Licht des frühsten Sternes seiner Azraaf ins Angesicht: welche von diesen Gcenen er wieder zu durchleben wünschte, die spiegelte sich in dem Zauberspiegel ab. Umgeben von einer Gegenwart voll Pracht und Ueppigkeit fand er seine» einzigen Trost in der Vergangenheit. „Du flehst daß ich Recht hatte," sagte er z» dem Weisen; „ich war viel glücklicher in jenen Tagen; woher sonst Ließ Verlangen, sie mir wieder z« vergegenwärtigen?" „Weil du, o großer König," sagte der Weise mit einem bitter» Lächeln, „sic jetzt erblickst ohne Butwer's Romane. Xl.Vi. 7 dir auch der Empfindungen wieder bewußt zu werden, welche du damals neben jenen äußern Verhältnissen im Innern hegtest; da betrachtest die Vergangenheit mit den Gefühlen der Gegenwart und Alles was dir damals die Auestcht umwölkts, ist durch die mildernde Zeit weggewischt. Urtheile selbst vb ich wahr rede!" Damit hauchte der Weise auf den Sviegel, und bat Arasmanes wieder hineinznschauen. Er sah dieselben Scene», aber der täuschende Reitz war davon gewichen. Er war wieder Knabe, aber mit Unruhe und Angst und tausend kleinen Sorgen auf dem Herzen, er war wierer mit Azraaf in der Höble, aber insgeheim mißmuthig über die ermüdende Ein- förmigkeir seines Leben; bei allen diesen Lebenslagen, die er jetzt für die glücklichste» hi-lt, merkte er, daß er nicht die Gegenwart genossen hatte; er hatte vorwärts in die Zukunft geschaut, »nd der Traum von dem unerreichbaren Eden war in seinem Herzen. ,,Ach," sagte er, den Spiegel in Stücke zerschmetternd, „ich war im Irrthmn und du o Weiser! hast mir die Lust an der Vergangenheit zerstört!" Achtzehntes Kapitel. Arasmanes vergaß nie den flüchtigen Blick, den er auf jenem frechen Kriegszug in das Land Eden hineiugethan hatte; und jetzt da die Erinnerung für ihn ihren Neitz verloren hatte, kehrte der Wunsch das unrrsberke Land noch zu erreichen mächtiger als je in sein« Seele zurück. Er befragte den Weisen über die Möglichkeit. ,,Du kannst nur noch Einen Versuch machen," antwortete der Weise, „und darin kann ich dir keinen Beistand leisten; aber Einer, der, weun ich weggegangeu, dich besuchen wird, soll dir seine Hülfe leihen." 95 „Kann der Weise nicht kommen als bis da fort bist?" fragte Ararmanes. „Nein, nicht bis zu meinem Tode,"/ antwortet« der Weise. Diese Antwort, versetzte die Seele des Arasmanes in große Verwirrung. Zwar fand er an Nichts io viel Vergnügungen als an der Gesellschaft seines Freundes — iie war sein einziger Trost; aber wenn er Eden, den Gegenstand seines ganzen Lebens, nicht besuchen sollte, als bis dieser Freund todt war, so war ihm dieser Gedanke höchst schmerzlich. Er fing an den Weisen al« einen Feind, als ein Hinderniß, das ibn ovu dem Besitz seiner Wünsche trennte, zu betrachten. Er erkundigte sich j>den Morgen nach der Gesundheit des Weisen; sie schien ganz unverschämt dauerhaft. Zuletzt stiegen dem Chaldäer an« dem Verlangen nach dem Tode des Weisen schwarze Gedanken auf und er brsäuoß, ihn zu beschleunigen. Eines Nachts fand man ihn todt in seinem Bette; er war auf Befehl des Königs erwürgt worden. Neunzehntes Kapitel. Gleich am nächste» Tage, als der König in seinem Divan saß, hörte man einen großen Lärmen vor d«r Thüre, und s-fort brach ein; Here, in wc ße Kleider von fremdem Zuschnitt, mit einem häßlichen und widerwärtigen Gesicht aus dem Hanfni hervor und eilte auf den König zu: „Sie wollten mich nicht zu dir lassen, weil ich alt und nicht schön bin," sagte sie mit schrillender und mißtönender Stimme, „aber ich bin schon früher an einem Köuigshvfr gewesen — „Was begehrst du, Weib," sagte Arasmanes und fühlte bei dieser Frage einen Schauer sein Herz beschleichen. 7 * „Ich bin der Besuch, von dem der Weise sprach," sagte sie, ,,und ich möchte dich allein sprechen." AraSmane« fühlte sich wie von einer mächtigen Gewalt getrieben, der er nicht widersteken konnte, er stand von seinem Tkion auf, die Versammlung ging erstaunt auseinander und die H-re wurde mit dem König allein aelaff-n. „Du willst Eden wieder aufsuchcn, das Land der Glückselige«! und Wahrheit?" sagte sie mit unheimlichem Lächeln. „Ja," sagte der König und seine Knie bebten zusammen. „Ich will dich dahin bringen." „Und wann?" „Morgen, wenn du willst!" und die Here lachte laut auf. Es lag im Beiraaen, in der Stimme, in der Erscheinung dieses Gelchöpfs etwas für Arasma- neS so mißfällig-s, daß er eS nicht länger auLhalten konnte. Selbst Eden schien ihm mir einer folchen Führerin und Begleiterin nicht wünschenewerth. Obne eine Antwo-t abzuwarren, eilte er aus dem Zimmer und trug den Wachen auf die Here nicht mehr in die Nähe seiner königlichen Person zu lassen. Arasmanes schlief in dieser Nacht ungewöhnlich tief und wachte auch am folgenden Tag erst spät »ach Mittag auf. Von dieser Stunde an füblte er wie eine sonderbare Umwälzung in feinem Gemülh ringetreten war. Er empfand kein Verlangen mehr, Eden aufzusucheu. mochte ihm nun die Erscheinung der Here eine» Widerwillen auch gegen Eden beigebracht haben, oder wie dem war — gewiß ist, daß er die Sehnsucht seiner ganzen Lebens völlig aus seiner Brust verschwunden fühlre; und sein einziger Wunsch bestand jetzt darin: so laug und herzhaft 97 als er vermochte, die ihm z» Gebote stehenden Der» Stützungen zu genießen. „Welcher Thor war ich," sagte er laut, „daß ich so viele Jahr« mit dem Wunsche, die Erde zu verlassen, verlor! Erst in meinem Alter fang' ich au zu merken, wie viel Angenehmes die Erde gewähren kann?" „Komm, komm, komm!" rief eine schrillende Stimme und ArasmaueS fuhr auf und wandte sich um und sah das fürchterliche Angesicht der Here. „Komm!" sagte fle mit dem Fuß stampfend; „ich bin bereit dich nach Ecen zu führen!" „Elende," sagte der König mit bebenden Lippen," wie trotzest du meinen Wachen? Aber ich will sie alle erwürgen lassen!" „Du hast genug gewürgt," antwortete die Strunscl mit boshaftem Glotzen. „Hast du nicht deinen liebsten Freund erwürgt?" „Was? trotzest dn mir?" rief der König und ging mit erhobnem Säbel auf di« Here los; die Klinae durchschnitt die Luft, die Here war dem Streich autgewichen; und «> demselben Augenblick trat sie hinter den König, umklammert« ihn um den den Leib und grub ihre langen Näael in seine Biust; durch das Purpurkleid, durch die Juweleuhüll« drangen diese Geierkralleu, und Araoinanes schrie laut auf vor Angst und Schmerz. Die Wachen eilten auf sein Geschrei herbei. „Schurken!" sagte er, indem kalte Tropfen ihm auf die Stirne traten. „Wollt ihr mich hier ermorden lassen? Haut jene Höllenhere nieder, ihr Tod allein kann euch das Leben retten." „Wir sahen sie nickt h-reintommeu, o König," sagte der Oberst« der Wächter, erstaunt, „aber sie soll jetzt de« Tobe« sterben." Die Soldaten drangen alle mit Einmmale auf die Alte ein, die sie wir eine gehetzte Tigerin anstierte. „Narren," sagte fle, „wißt daß ich steigere Mauern wie bewaffnete Männer verlache!" Sie hörte» die Stimme — sie sahen nicht woher fle kam — die Here war verschwunden. Zwanzigstes Kapitel. Die Wunde, welche die Nägel des scheuslichen Besuchs in die Brust des Königs gekratzt, wollte nicht heilen, fle machte ihm peinigende Schmerzen. Die Aerzte behandelten ihn umsonst, umsonst auch predigten ihm die Weisen Geduld und Hoffnung. Was ihn noch mehr als der Schmerz empörte, war die erduldete Beleidigung — daß eine so eckelda'te und häßlich« Strunsel gewagt hatte, au der Person eines Königs fl» zu vergreifen! — der Gedanke war nicht zu ertragen. Aber was das Tonderbarste war: je mehr Schmerzen der König litt, um so mehr suchte er das Vergnügen ans; das Leben schien ihm nie so reihend, als in dem Zeitpunkt wo es unerträglich wurde. Seine Lieblings Hofleute, welche früher seiner Schwäche zu schmeicheln, mit ihm von dem Glücke Adens und der Möglichkeit hinzugelan» gen, zu sprechen gewohnt waren, machten die Entdeckung, daß schon die leise Berührung dieses Gegenstands ihren königlichen He>rn in einen Anfall von Wuth versetzte. Er schäumte schon beim Namen Eden —er wünschte, ja er bemühte sich zu glauben, daß es in der ganzen Welt keinen solchen Ort gebe. Einundzwanzigstes Kapitel. Zuletzt versickerte ein Arzt, sanauinischer als die Uebrigen, den König: er sey im S>and di« Wunde zu heilen und den Schmerz zu heben. sr> „Wisst, o König," sagte er, „im Strom Athron, der durch das Thal Mytkra fließt, ist eine geheimniß- volle Tusend, alle Krankheireu der Könige zu heilen. Du darfst nur die goldne Barke besteigen, und den Srrvm zwanzig Rnrhen weit hinab schwimmen, und dein Opfer von Myrrhen und Weihrauch auf da« Wasser ausstreuen, um wieder zu genesen. Laug lebe der König!" Zweiundzwanzigftes Kapitel. Es war ein dunkler, tiefer, beinah willenloser Strom, und die Höflinge, und die Weiber, und die Wachen, und die Weisen waren am Ufer herum zerstreut; und der König, auf den Arzt sich lehnend, bestieg die goldne Barke und der Arzt allein trat mit ihm in das Fahrzeug — „denn," sagte er, ,,der Gott des Eklvmes liebt es nicht, durch die gemeine Menge entweiht zu werden; nur für Könige besitzt er die heilende Tugend." So setzte sich den» der König mitten im Fahrzeuge nieder, und der Arzt nahm die Nauchpfanne mit köstlichen Wohlgerüchen, und die Barke glitt den Strom hinunter, während das Volk am Ufer weinte und betete. „Entweder täuschen mich meine Augen," sagte der König mit schwacher Stimme, „oder der Strom scheint sich übernatürlich iwszubreiken wie zu einem großen Meer, und die Ufer auf beiden Seiten in weiter Ferne zu verschwinden." „Es ist so," aniworle der Arzt, „und siehst du jene« Bogen aus schwarzen Felsen über die Flnrh sich wölben?" „Za," antwortete der König. „Er verkündigt die Nähe des Landes, das zu erreichen du so oft dich sehntest — es ist der Eingang »ach Eden." „Hund!" schrie der König ergrimmt, „nenne mir nicht das verhaßte. Wort!" Während er sprach, schrumpfte die Gestalt des falschen Arztes zusammen; die Kleider sielen ad, und der König sah statt desselben die Zwerggestalt der verfluchten Here. Das Fahrzeug glitt fort, und die Menge am Ufer sah jetzt, wie die Here den König mit ihrer Umarmungzusammenschnurte, sein Schrei scholl über das Wasser,^ während das schimmernde Fahrzeug mit seinen seidenen Wimpeln upd vergoldeten Borden pfeilschnell durch den schwarzen Felsendogen fahr. Als die Barke, verschwand, schloß sich die gähnende O-ffnung des Bogens und die zusammcngefngten Felsen boten den Anblick eines festen Bollwerks dar. Aber mit Schaudern hörte mau das durch das Bollwerk dringende Lachen der Here, «je sie das Eine Wort ausrief: Nimmer! Und von dieser Stunde an ward der König nickt mehr gesehen. Und Ließ ist die wahre Geschichte von ArasmanrS dem Chaldäer.