E. L. B u l w e r' s Aus dem Englischen. Siebenundvierzigstes Händchen. Drittes Bändchsu. Stuttgart. Verlag der I. B. Metzler'scheu Buchhandlung. 1 8 3 5 . Kleine Erzählungen UNd Novellen von dem Verfasser Eugen Aram's, des Verstoßenen rc» Aus dem Englischen von Friedrich Natter. Drilles BLnbche». Stuttgart, Verlag der I. B. Metz ler'schen Buchhandlung. 18 2 5 . Vorbemerkung des Aeberse^ere. Die Erzälungen, Abhandlungen rc., welche hier mit dem Titel: „Kleine Erzälungen und Novellen, drittes und viertes Bändchen," gegeben werden, erschienen in England unter dem Gesamttitel der Gelehrte (rlieZtuäent), weil das bedeutendste unter diesen kleinen moralischen Gemälden, „die Gespräche über menschliche und göttliche Dinge," einen Gelehrten zur Hauptperson hat. Eben leztere Abhandlung wurde im Deutschen etwas abgekürzt. da es die Nichtigkeit, aber nicht wol die Ausführlichkeit ihrer Bemerkungen gewesen sein dürfte, was diesen Gesprächen die besondere Gunst des englischen Publikums eintrug, auf welche sich der Verfasser in einem einleitenden Vorwort berufr. Das H a f t g e s e z. Sine wahre Geschichte. In Hamburg lebt» einmal ein gewiffrr Kaufherr mit Namen M?ycr, — ein guter, kleiner Mann, wol'hätig gegen die Armen, gastfreundlich gegen seine Bekantcn, und so reich daß er troz seiner Gntmüthizkeit in ungemeinem Ansehen stand. Unter demjenigen Theil seines Vermögens, der in andrer Leute Händen war und „Ausstände" hieß, befand sich auch die Summe von fünfhundert Pfund, die ihm der Kapitän eines englischen Fahrzeugs schuldete. Diese Schuld Hinz schon so lange, daß der ehrliche Meyer sein Kapital wo anders anznlegen wünschte. Er beschloß daher einen Abstecher nach Portsmouth zu machen, wo Kapitän Jones damals wohnt«, und sich die Freiheit zu nehmen, Li-, meiner Ansicht nach, in einem freien Land nie gestattet werden sollte, d. h. die Freiheit sein Geld zu fsdern. An einem schönen Morgen lief er in Portsmouth ein. Er war fremd in der Stadt, aber nicht ganz mibckant mit der englischen Sprache. So verlor er denn keine Zeit sich zu Kapitän Jones anf den Weg zu machen. „Und was," fragte er einen Mensche», den er gebeten ihn nach dem Haus des Kapitäns zn bringen, „was ist das für ein schönes Schiff dort?" „Der Royal Salley," erwiederte der Mann; „nach Kalkutta bestimt; - segelt morgen ab. Ader hier ist Kapitän Jones Wohnnng, mein Herr; Der kan» Ihnen alles Nähere darüber sagen." Der Kaufmann verbeugte sich und pochte an ein Haus von rvthen Baksteinen mit grüner Thür und messingenem Thürklopfer. Kapitän Gregor Jones war ein langer Mann mit einer blauen Jakke ohne Schöße, hohen Bakkenknvchen, kleinen Angen, und seine ganje Erscheinung drükte aus, was man gemeinhin „die rauhe Ehrlichkeit des Seemanns" zu betiteln pflegt. Der Kapitän schien etwas verlegen, als er seinen Freund gewahr wurde. Er bat um etwas längere Frist. Der 'Kaufmann zog rin bedenkliches Gesicht — drei Jahre waren bereits um. Der Kapitän führte Einsprache; — der Kaufmann drängte; — der Kapitän polterte; — der Kaufmann ward hizzig und fing an zu drohen. Auf einmal änderte sich Hr. Jones Benehmen: er schien in sich zu gehen, bat um Verzeihung, versicherte er rönne das Geld leicht schaffen, hieß den Kaufmann in seinen Gasthof zurükkehren, und versprach sich noch während des heutigen Tags bei ihm einzufinden. Herr Meyer ging nach dem Gasthof und bestellte ein vortreflicheS Mittagmal. Die Zeit verstrich — sein Freund kam s uicht. Er ward ungeduldig, griff nach dem Hut und wollte eben ausgehen, als der Kellner die Thür öfnete und zwei Herren meldete. „Ah, da kamt das Geld," dachte Meyer. Die Herren näherten sich und der Grösere fuhr mit einem Papier heraus, das Jener für einen Empfangschein hielt. „Ah, ganz recht, ich will gleich unterzeichnen, ganz recht." „Zn unterzeichnen ist nnnöthig, mein Herr. Sie werden die Güte haben uns zu begleiten. Dies ist ein Schuldschein; mein Haus bietet alle Bequemlichkeiten; — Herren vom ersten Rang frequentiren es; — überdies sehr billig, nur eine Guinee täglich; — finden Ihren eigenen Wein." „Ich — verstehe — Sie — nicht," erwiederte der Kaufmann mit freundlichem Lächeln. „Ich bi» hier sehr gnt logirt; ich dank' Ihnen." „Kommen Sie, kommen Sie," rief der andere Herr, der hiemit erst das Stillschweigen brach; „kein langes Geplauder, Müsse; Sie sind unser Gefangener: dies ist ein Schein für 10,000 Pfund, die Sie dem Kapitän Gregory Joues schuldig sind." Der Kaufmann starrte ihn an - runzelte die Stirn — aber so war es. Kapitän Gregory Jones, der Herr« Meyer 5 oo Pfund schuldete, hatte Herrn Meyer wegen 10,000 Pfund verhaften lassen; denn, wie allgemein bekaut, kann uns Jederman verhaften , der gewissenhaft genug ist darauf zu schwören, daß wir ihm Geld schuldig find. Wo sollte Herr Bukwer's Roman«. Xl-VIl. 2 10 Meyer in der fremden Stadt einen Bürgen her bekommen? Herr Meyer begab sich ins Gefängniß. „Das nenn' ich mir eine seltsame Act die Leute zu bczalen!" sprach er. Um sich die Zeit zu vertreiben, trachtete Herr Meyer, der von höchst geselliger Natur war, Be- kantschaft mit einigen seiner Mitgefangenen zu machen. „Warum sind Sie im Gefängniß?" fragte er einen stämmigen Mann von respektabel», Aussehen, der sehr erbost zu sein schien. „Was ist Ihr Verbrechen ?" „Verbrechen, mein Herr, ich?" rief der Gefangene. „Ich wollte nach Liverpool reise» um meine Stimme bei der Wahl abzugeben, als ein Freund des entgegenstehenden Kandidaten mich wegen -oo» Pfund verhaften ließ. Eh ich einen Bürgen bekomme, ist die Wahl vorüber I" „Was Sie mir sagen! Sie zu verhafte», um die Stimme nicht geben zn können, die Ihnen nach Fug und Recht gebürt! Ist das Gerechtigkeit?" „Gerechtigkeit? nein!" rief der Freund, „es ist Haftgesez." „Und warum sind Sie im Gefängniß?" fragte der Kaufmann mitleidig ein abgemagertes, leichen- ähnliches Wesen, das dann und wann ein von Thrä- nen zerfressenes Schnupftuch an di- Augen hielt. „Ein Advokat erbot sich gegen einen meiner Freunde ihm einen Wechsel zu diskontiren, fallt er einige Namen zur Jndosffruug erhalten tönte. Ich 11 indvsstrte, die Verfallzeii kam und Tags darauf ließ der Advokat Alle verhafte», deren Nameu auf dem Wechsel standen. Wir waren unserer achte. Das Gesez gestattet ihm für Jede» zwei Guineen anzu- rechncn; macht sechzehn Guineen für den Advokaten; aber ach, meine Familie wird verhungern bis ich loskomme. Herr, es gibt einen Schlag Leute, die man diskontirende Advokaten nenr; sie machen eiu Gewerb daraus, arme Teufel in die Schlinge zu ziehen und festnehmen zu lassen." „Aber mein Gott! ist Das Gerechtigkeit?" „Ach nein, mein Herr, es ist Wechselrecht!" „Aber," fragte der Kaufmann, und wandte sich gegen einen Advokaten, den der Teufel verlassen hatte und der jezt mit den Opfern seines Gewerbes zusammen war, „man sagt mir in England gelte Einer so lang für unschuldig bis seine Schuld erwiesen ist. Hier jedoch bin ich wegen der Bezüchtuug eines Matrvsenhauptmanns, der mir fünfhundert Pfund schuldet und einen Eid drauf thut, ich schulde ihm zehntausend — hier stek ich, lediglich wegen des einzigen Eids dieses Schuftes, in einem Loch. Heist Das für unschuldig gelten bis die Schuld erwiesen ist, mein Herr?" „Herr," entgegnete der Advokat verständig, „Eie sprechen da von Kriminalfällen; har aber Jemand das Unglük in Schulden zu geraihen, so ist Das eia ander Ding: Wir sind härter gegen die Armnth als gegen das Verbrechen!" 2 * „Aber mein Gott, ist Das Gerechtigkeit?" „Gerechtigkeit? Pah, Haftgesez ist es!" er- wiederte der Advokat, und drehte stch auf dem Ab- saz um. Unser Kaufmann wurde befreit; kein Zeuge für die Schuld, um derentwillen er verhaftet war, erschien. Er flog zu einem Friedensrichter; er berichtete ihm seinen Fall; er verlangte Gerechtigkeit gegen Kapitän Jones. „Kapitän Jones?" fragte der Friedensrichter und nahm eine Prise; „den Kapitän Gregor Jones meinen Sie." „Ja, mein guter Herr, Diesen." „Ist gestern nach Kalkutta abgesegelt. Er kom- mandirt den Royal Sally. Augenscheinlich hat er ans diese Schuld geschworen, um Ihre Federung los zu werden und Ihnen den Mund so lange zu schliefen, bis Sie seiner nicht mehr habhaft werden konten. Ein pfiffiger Kerl, Gregor Jones!" „Zum Teufel! Aber gibt es keine Hülfe für den armen Kaufmann?" „Hülfe? o ja — Anklage auf Meineid!" „Aber was bringt mir die ein? Sie sagen er sei seine zehntausend Seemeilen von hier weg;" „Das spricht allerdings gegen die Klage." „Und kann ich mein Geld wirklich nicht bekommen?" „Nicht daß ich wüste." „Und ich bin statt seiner arretirt worden?" „Das sind Sie." „Herr, ich habe Tie uur ein einziges Wort zu fragen: — ist Das Gerechtigkeit?" „Das weiß ich nicht, Herr Meyer, aber Haft- gesez ist'S," crwicderte der Friedensrichter, und komplimentirte den Kaufmann zur Thür hinaus. F i - H o - T 1 oder die Annehmlichkeiten der Celebrität. Sine chinesische Erzälung. Fi-Ho ti galt für einen jungen Mann von Talenten; er führte ein glükliLes, behagliches L-ben in Pekiu. In der Blüte der Jugend, Mitglied einer sehr hochgeachteten Familie, im Genuß eines sehr zureichenden Auskommens, erfreule er sich einer ausnehmenden Popularität unler den Herren, die er an seinem Tisch zu bewinhen pflegte, und unter den Damen, welche eine» Antrag vou ihm nicht für unwahrscheinlich hielten. Obwol die Chinesca im Allgemeinen nicht gastfrei sink, halte Fi-ho-ti doch die Aufbringung vou Gesellschaften gewagt, in welchen Förmlichkeit gegen Frohsinn ausgekaulchk wurde. Alle Lebenswürzen standen zu seinem Gebot. Er trank, obwol ohne Uebermaß, den Becher der Freude, aß, lachte und lieble die Fülle. Kein Mensch in Pekiu wacht« mehr während des Tages, oder genoß eines gesündern Schlafe wahrend der Nacht. In einer bösen Stunde mnste Ft ho-ti entdekken, daß er sich im Besiz der vorerwähnten Talente befand. Ein Philosoph — der, da er zugleich sein'Oheim war, das Doppelrccht der Philosophie und der Verwandschaft hatte, ihm alles Unangenehme zn sagen — sezte sich's in Kopf sehr ungehalten über das glük- liche Leben zu sein, das Fi-Hv ti so gemächlich führte. D-m gemäß besuchte er an einem schönen Morgen unfern jungen Chi» - Epiknräer. Er fand ihn in seinem Sommerhaus auf üppige Polster aus- gestrekt, den köstlichsten The« in den schönsten Por- zclanraffeu trinkend, einen chinesischen Roman lesend, und seine Lektüre bisweilen durch leichte Unterhaltung mit einer jungen Dame belebend, die zu seinem Besuch gekommen war. Unserem Philosophen gereichte der Anblik von so viel Behaglichkeit zu ausnehmendem Aergerniß. Nichts konte »»philosophischer sein; denn da eS die Pflicht der Philosophie, uns den Zauber des Lebens fühlen zu lassen, so bestrebt sie sich zunächst uns dasselbe zu einer Bürde zu machen. D>« Gottheit freut sich der Geduld, verwirft aber den Genuß. Unser Weiser war e>n höchst unbeliebter und höchst angesehener Mann. Fi ho li erhob sich von seinem Kissen, etwas beschämt in einem so angenehmen IS Nichtsthun überrascht worden zu sein, und erinnerte sich zum ersten Mal des Grundsazzes der chinesischen Gittenlehre, wonach es höchst unziemlich für eine» Herrn gilt, wenn man ihn mit einer Dame zusammen trist. Der Roman fiel aus seiner Hand, und die junge Name, erschrokken über den langen Bart und die langen Nägel des Philosophen, wäre davon gelaufen, hätten ihre Füße es gestattet; wie die Umstände waren, blieb ihr nichts, als ihre Bedienten zu rufen und zu ihren Freundinnen zu eile», denen sie klagte, wie die angenehmsten Töte - a - Tscc's verderbt werden könten, wenn junge Männer das Unglük hätten Philosophen zu Oheimen zu haben. Sobald der Mandarin — denn keine geringere Würde kam Fi-hv-tis Besuch zu, und er hatte das Recht eine blaue Kugel auf seiner Mnzze zu tragen — das Feld frei sah, räusperte er sich und begann seine avnnknlarischen Ermahnungen. „Schämst Du Dich nicht, junger Mann," fraare er, „über das Leben das Du führst? — schämst Dn Dich nicht so unlhätig und so glükltch zu sei»? Du besizzest Talente, sichst in der Blüte der Zugend, hast bereits den Grad eines Keu-dscdin *) erlangt: bist Du taub gegen die edle Stimme des Ruh r.s? Dein Vaterland ruft Dir zu Deine Kräfte zu versuchen; — strenge Dich an Deinen Name» hervor zu thnn; — erinnere Dich des Beispiels des Kvnfu- *) Sin Universitätsgrad, der die damit Verleidete» zu Staatsämleru wählbar macht. 16 cius; — widme Dich de» Studien, — sei weise und sei gros." Noch weit mehr über diesen Gegenstand sagte der Mandarin, denn er hörte sich gerne sprechen, nnd gleich allen bevorrechteten Rathgebern glaubte er ausnehmend beredt zu sein. Im vorliegenden Fall täuschte ihn seine Eitelkeit nicht, denn er hatte sich an die Eitelkeit eines Andern gewandt. Fi-Hmti ward gerührt; er empfand welch ein Thor er gewesen, so lange glüklich zu sein. Träume von Unruhe und Ehre schwammen vor ihm: er hörte mit Aufmerksamkeit auf die Ermahnungen des Philosophen; er beschloß sich auszuzeichnen und weise zu sein. Der Mandarin war entzükt über den Erfolg seines Besuchs. Kein kleiner Triumph so viel Genuß gestört zu haben! Er ging nach Haus und begann eine Abhandlung über die Vortheile der Philosophie. Jedcrman weiß, daß in China mir Gelehrsamkeit den Schlüssel zu den Staatsämtern gewährt; was Rang und Vermögen in andern Ländern, wirkt in dem himmlischen Reich die Wissenschaft. Fi-ho-ti ergab sich den Studien. Er zog sich in eine einsame Höhle nahe bei Kaüfon-dschn zurük, füllte seine Klanse mit Büchern und Werkzeugen des Wissens, entsagt« allem geselligen Verkehr, nnd die Kräuter des Feldes und das Wasser der Quelle genügten dem Gaumen, der bjiher an die köstlichsten Gerichte Pekins gewöhnt gewesen. Der Liebe und des Vergnügens vergessend weihte er drei der schönsten Jahre 17 seines Daseins ununterbrochener Arbeit. Er unterrichtete sich selbst — «r bildete sich folglich ein die Fähigkeit zur Unterrichtung Anderer zu besizzen. Entflamt von wächsernem Ehrgeiz kehrte unser Gelehrter »ach Pekin zurük. Er faste ein Werk ab, das, obwol leicht und wizzig genug um die Weltkinber zu bezaubern, «ine neue philosophische Schule gründete. Es war in gleichem Grad kühn und glatt, und der älteste Mandarin, wie die jüngste Schönheit von Pekin, konte cs i« gleichem Grad würdigen und gcniesen. Mit Einem Wort, Fi-Ho- tis Buch machte Furore; Fi-ho-ti ward der Autor des Tags. Erfreut über den bisher ungrkanten literarischen Beifall ergab sich unser junger Gelehrte mehr als je literarische» Bestrebungen. Er schrieb aufs Neue und gewann aufs Neue die allgemeine Gunst; — Jederman erklärte Fi-ho-ti habe sich seinen Ruf auf ewig gegründet, und er erhielt die blendende Auszeichnung eines Biu-szi. War Fi-ho-ti glüklicher durch seinen Ruhm? Man urtheile. Er machte seinem Oheim, dem Mandarin, einen Besuch, überzeugt D cser werde über den Erfolg seiner Ermahnungen sehr erfreut sein. Der Philosoph empfing ihn mit einer kalten Umarmuna, sprach vom Wetter und dem Kaiser, — dem lezren Pagodenfest und der neuesten Art der Theetaffen; kein Wort von 18 Sen Sämften des Neffen. Fi-ho-ti war pikirt; er brachte die Sache auf seine eigene Fällst zur Sprache. , Ach ja," erwiederte der Philosoph trvkkcn; „ich höre Du habest was geschlichen, da« Beifall bei den Weibern findet; bei vermehrter Einsicht wirst D» ohne Zweifel noch solid werden. Doch nm auf die Theekaffen znrük zu kommen-" Ft-ho-ti war bekümmert; er hatte die Zuneigung des gelehrten Oheims für immer verloren; denn er galt je-t für gelehrter als dieser Oheim selbst. Eine sehr gewöhnliche Kränkung beim Glük, das wir in der Welt machen, ist, daß unsere »igene Familie uns dafür hast. „Mein O^eim liebt mich nicht mehr," dachte er, als er seinen Palankin wieder bestieg; „das ist ein Unglük." — Ach! es war die Folge der Berühmtheit! Ft-ho-tis Herz war von Natur liebevoll und anhänglich; hatte auch der Durst nach Vergnügen in seinem Blut versiegt, so nährte er doch noch immer den Wunsch nach Freund chaft. Von Neuem bat er die Gefährten seiner Jugend zu sich; er glaubte, sie mindestens würden sich fieuen, ihren Freund ihrer Liebe würdig zu finden. Mir offenen Armen empfing er sie; — sie erwiderten den Grus scheu und mit einer unbeholfenen Äffetkation der Zärtlichkeit; — ihr Ge »räch floß nicht mehr frei; — sie fürchteten sich, sich einem so verständigen Ma >n dlos zu stellen; — sie fühlten, daß sie es ntcdt mehr mit einem Mensche«! ihres Gleichen zu thnn halten, nnd doch wollten 19 sie eine» Höher» in ihm nicht anerkennen. Mit unbeschreiblichem Kummer nahm Fi-ho-»i die Mauer wahr, die zwischen ihm und den Gesellen früherer Jahre aufgebaut worden; ihre Bestrebungen, ihre Empfindungen waren nicht mehr dieselben. Sie waren nicht stolz auf seinen Erfolg — sie waren eifersüchtig; — die Freunde seiner Jugend waren dir Rrcrnsentrn seines Maunesalkers geworden. „Noch ein Unglük!" dachte Fi-ho-ti, als er sich Nachts auf sein Lager warf. — Allerdings I — es war die Folge der Berühmtheit! „Hab' ich aber die alten Frcnnde nicht mehr, so will ich neue gewinnen," dachte der Gelehrte. „Männer von einerlei Beschäftigung werden auch verwandte Seele» haben. Ich bestrebe mich ein Weiser zn werden: um die Freundschaft der Weisen will ich werben!" Das war ein edler Entschluß Fi-Ho tis. Er umgab sich mit den Autoren, den Schöngeistern und den Weisen Pekius. Sie aßen an seinem Tisch, - sie gaben ihm ihre Manuskripte zum Lesen — (nnd eine Handschrift ist im Chinesischen keine Kleinigkeit!) sagten ihm er sei ein wunderovllrs Genie, und zogen ihn jede Woche grimmig in den Journalen Pekins durch; denn China ist vielleicht das einzige despotisch regierte Land in der Welt, wo die Presse einer gänzlichen Freiheit geniest. Fi h»-tis nach Freundschaft schmachtcnres Herz erfand es als eine Unmöglichkeit unter den Literaten Chinas auf einen ro einzig«» Freund zu hoffen; alle waren viel zu sehr mit sich selbst beschäftigt, nm an Zuneigung für einen Andern zn denken. Sie harten keine Reden, Gedanken oder Empfindungen, alt solche, die Liebe zu ihren eigenen Werke» und Haß gegen di« Werke ihrer Zeitgenossen antdrükten. Einet Tagt hatte Fi-ho-ti das Unglük ein Bein zu brechen. Der Vertrauteste unter seiner literarischen Bekautschaft fand ihn auf seinem Bette ant- gestrekt, wie er eben die Operation des Einrichtcus, die ein französtscher Wundarzt menschenfreundlich an ihm vollzogen, durchgemacht hatte. „Ach!" sagte der Schriftsteller, „welch groser Unfall, welch cntsezlichet Unglük!" „Ich bin Ihnen für Ihre Thcilnahme sehr verbunden," erwiederte Fi-ho-ti, gerührt durch die augenfällige Bewegung des Besucht. „Ja, et ist besonders ein Unglük, daß dieser Fall Sie gerade in diesem Moment treffen mutte, denn ich hätte Sie gern über eine Stelle in meinem neuen Buch zu Rath gezogen, eh ich et morgen dem Publikum übergebe." Der Beinbruch des Freundet erschien dem Schriftsteller nur alt eine Unterbrechung bet Vergnügens, sein Werk vorzulesev. Vor Allem jedoch fand et Fi-ho-ti unmöglich in Menschen zu vertrauen, welche sich selbst unter einander den möglichst schlechten Karaktcr beilegten. Glaubte man den Literaten selbst, so war nie ein so ri neidischer, boshafter, nicht-würdiger, grundsazloser Schlag Leute erschaffen worden, als eben die Literaten Pekins. Jeder neue Bekante erzälte ihm ein Geschicht- chen von einem alten Betauten, daß ihm die Haare zu Berg standen. Fi-hv-ti wurde allgemach ängstlich. Er beschränkte mehr und mehr den Kreis seiner Gesellschaft und beschloß der Vorstellung von Freundschaft unter Menschen von gleicher Beschäftigung zu entsagen. Selbst in den entlegensten Provinzen des himli- schen Reichs fanden die Schriften Fi ho-tis grosc» Beifall. Die Herren citirten ihn beim Thee und die Damen hätten gar zu gern gewust, ob er hübsch sei; aber dieser Beifall, dieses Interesse erreichten nie Fi-hv-tis Ohr. Es sah das Lächeln, das er durch seinen Wiz, die Thräuen, die er durch sein Pathos hervor ries, nicht: Alles, was er von de» Folgen seines Rufs zu Gesicht bekam, war seine Misshandlung in den Journalen Pekius. Dort las er. wöchentlich und monatlich, wie er nur ein sehr ärmliches Geschöpf sei. Ein Journal nante ihn einen Narren, ein anderes einen Elenden; ein drittes erklärte ganz ernsthaft, er habe einen Hökker; ein viertes behauptete kein einziger von seinen Grnndsäzzen finde sich in den Werken des Konfucius. In Pekin gilt jede Hindeutnng auf Originalität für ein Anzeichen der unverzeihlichsten Sünde. Andere Blätter verlästerten ihn nicht sowol, als daß sie ihn falsch sr auffastev. Er fand, daß seine Lehrsäzze in alle mögliche Gestalten gezwängt wurden. Vertheidigeu konte er sie nicht, — denn es ist gegen die Würde, dem ganzen Jonrnalhaufen Pekms zu antworten; aber seine Schmeichler versicherte» ihn, die Wahrheit werde endlich siegen und die Nachwelt ihm Gerechtigkeit wiedcrfahren lassen. „ Ach!" dachte Fi-ho-ti, ,,soll ich mein ganzes Leben hindurch für einen Schuldigen gelten, um nach dem Tod los- gesprochen zu werden? gibt es keine Gerechtigkeit für mich, bis ich die Macht der Bosheit hinter mir habe? Das ist doch gewiß ei» Unglük!" — Allerdings; - es war die nothwendige Folge der Berühmtheit ! Fi-ho-ti fing jezt an zu fühlen, daß der Wunsch nach Ruhm eine Chimäre sei; aber er war noch leichtgläubig genug, einer anderen eben so trügerischen Chimäre zu folgen. Er sprach zu sich selbst: „Es war ärmlich und eitel von mir scheinen zu wollen. Ich will mein Herz zu einer cdlern Ehrbegicrde erheben; ich will blos den Wunsch hegen Andere zu belehren." Voll von diesem stolzen Gedanken nahm Fi-ho-ti einen fester», erustcru Sinn an. Er ward streng gewissenhaft in der Abfassung seiner Werke, er wollte nicht mehr schreiben was glänzend» sondern entdekken was wahr ist. Ohne Gnade strich er das lebendigste Bild, die glänzendste Bemerkung, wenn nur ein leiser Zweifel an ihrem sittlichen Werth seine» Geist durchfuhr. Er sezte aufs Neue zwei Jahre vom kurzen Sommer der Jugend daran, mid legte die Früchte seiner Mühen der Welt in einem Buch voll der durchdachtesten Forschungen, dessen einziger Jwek die Erleuchtung seiner Landsleute war, vor. „Dies können sie mindestens nicht verlästern," dachte er, als er die lezte Zeile viedergeschrieben hatte. Ach wie sehr irrte er sich wieder! Ohne Zweifel weiß es das Publikum in andern Ländern einem Schriftsteller groftn Dank, wenn er seine Bsrurtheile berichtigt, seine Schwächen bekämpft; greife aber in China einen orthodoxen Jrr- thum an, beweise den Leuten, Laß Du sie bessern «ud erheben willst, und verzichte für Dein ganzes übrige Leben auf alles Glük, alle Ruhr! Fi-ho-tis Buch wurde von den Philosophen mit der kältesten Gleichgiltigkeit ausgenommen, erstens weil die pckiner Philosophen Schwebler sind, und er sein System nicht auf Schwebcleieu gründete; sodann weil sie auf Fi-ho>tis Aussichten neidisch waren. Aber von seinen alten Freunden, den Journalisten von Perin, oFohl — mit welchen Schmähungen, welchen Verleumdungen, welchen Schimpfworten wurde er beehrt! Er hatte der Freund seiner Nebenmenschen sein wollen — er wurde als ihr gräulichster Feind gebrandmarkt. Jede Art geheimer Absichten wurde ihm untergeschoben, die bemalten Pantoffeln der Mandarine schwebten in Gefahr, nud offenbar hatte 24 er bezrvckt alle Glökche» der grosen Pagode zu nm- wikkeln! — Ach Niemand wolle ein Heiliger sein, wenn er nicht bereit ist ein Märtyrer zu werden. „Ist Das Gerechtigkeit?" rief Fi-ho-ti seine Schmeichler an. „Nein," erwiederten sie alle mit Einem Wund, „nein, Fi-ho-ti, es ist Berühmtheit!" Seiner Ehrbegierdc gänzlich überdrüssig beschloß Fi-ho-ti sich wieder dem Vergnügen zu weihen. Do» Neuem hörte er Musik, schmauste, liebelte mit den Weibern. Umsonst! der Reiz, die Lust waren vorbei. Die ernsteren Beschäftigungen seiner späteren Jahre hatten seinen Geist der Empfänglichkeit für frivolen G-'vnß berankt. Ec hatte eine Kluft gegraben zwischen sich und seiner Jugend: — sein Herz vermochte nicht mehr jnng zu sein. „Eine treue Brust soll mich für Alles trösten," dachte er. „Iang-i-s! ist schön und lächelt auf mich,- ich will um sie werben und sie gewinnen." Fi-ho-ti gab seine ganze Seele der neuen Leidenschaft hin, die er gefast. Iang-i-si gönte ihm ein günstiges Ohr. Er konte sich nicht über Grausamkeit beklagen: er glaubte sich geliebt. Mit der edcln, unselbstischen Wärme, die dem Karakter seiner Jugend angehört hatte, und die besonders in China so selten ist, weihte er seine künftigen Jahre dem Gegenstand seiner Liebe und verschwendete vor ihm den ganzen Schaz seines Herzens. Mehrere Wochen lang genoß er «inen Wonnctraum; aber nur zu bald sollte er erwachen. Sine Nebeubulerin wünschte den reichen, SS grosmüthigen §i-ho-ti an sich zu fesseln. „Warum," fragte fle eines Tags, „werfe» Sie sich an Iang-i-fl weg? glauben Sie, Sie seien von ihr geliebt? Sie irren sich: fle hat kein Herz; nur ihre Eitelkeit m/.cht es ihr genehm, daß Sie als ihr Sklave erscheinen." Fi-ho-ti war ungläubig und entrüstet. „Lesen Sie diesen Brief," sprach die Rivallu. „Jang-i-sl schrieb ihn mir vor einigen Tagen." Fi-ho-ti las wie folgt: „Wir hatten gestern Abend ein bezauberndes Souper bei dem fröhlichen Autor nnd vermisten Sie sehr. Sie müssen mich über meine Neigung zu ihm nicht spotten; ich liebe ihn nicht; aber et macht mir Spas über seine Huldigungen gebieten zu können; mit Einem Wort, meiner Eitelkeit schmeichelt der Gedanke, einen der ausgezeichnetsten Männer in Petin au mich zn ketten. Aber Liebe — ach! das ist ganz was Anderes." Fi ho-ti gingen die Augen auf. Er erinnerte sich tausend kleiner Einzelheiten, die bewiesen» daß Jang-i-fl nur in seinem Ruhm verliebt gewesen. Er sah auf Einmal den grosen Fluch der Auszeichnung. Sei berühmt, und du wirst nie nm deiner selbst willen geliebt! Wie du nicht wegen deiner schlimmen Eigenschaften, sondern wegen deines Enc- ceffes gehast wirst, wirst du nicht wegen deiner Talente, sondern wegen ihres Rufs geliebt. Ei» Mann von grosem Namen gleicht einem Thurm, dessen Höhe nach der Länge seines Schattens ermessen wird. Dnlwer'S Romane» Xl.VII» 3 r§ Fi.ho-tis zartfühlendes, hochgesinles Gemüth überließ sich einer düster« Niedergeschlagenheit. Mis- verstanden, verleumdet, verlästert und im Gefühl, daß er nur aus Eitelkeit geliebt werde, daß er mit seiucu Feinden allein in der Welt stehe, ward er die Beute des Menschenhasses und ewiger Argwohn nagte an seiner Brust. Er mistraure dem Lächeln der Andern. Die Gesichter der Menschen schienen ihm wie Larven; überall sah er die Gegenwart des Trugs. Und doch hatten diese Gefühle nicht zu seinem früheren Karakter gehört, der von Natur offen, freudig und zutraulich war. Lag ein Unglük in der Veränderung? Möglich; aber es war die Folge der Berühmtheit! Um diese Zeit fing Fi-ho-ti überdies au die Folgen der strengen Studien zu fühlen, denen er sich unterzogen; seine Gesundheit ließ nach; seine Nerven waren erschüttert; er befand sich in jener schreklichen Umwälzung, wo der Geist — dieser rachsüchtige Arbeiter — seinen Unmuth an dem geschwächten Aufseher, dem Körper, ausläst. Ec wandelte nur noch als das Gespenst seines früheren Selbsts umher. Eines Tages stand er nachdenklich an einem der Bäche, welche die öffentlichen Gärten von Pekin durchschneiden, und murmelte im Hinblik auf das Wasser seine bitter« Träumereien aus. „Ach," dachte er, „warum war ich je des Glükkes überdrüssig? ich war jung, reich, heiter, das Leben S7 mir ein beständiger Festtag; meine Freunde herzten mich, meine Geliebte liebte mich um meiner selbst willen. Niemand haste, höhnte, beneidete mich. Wie jenes Blatt auf dem Wasser tanzte meine Seele fröhlich auf den Wellen des Daseins. Aber Mnth, mein Herz! ich habe mindestens etwas Gutes gethan: Wolwollcn muß Dankbarkeit erzeugen. Der junge Pst-dsching zum Beispiel — Der wenigstens, kann ich mit Freude denken, muß mich lieben; ich habe sein Glük gemacht; ich habe ihm aus der Dunkelheit zu einem Namen verhelfen; denn noch immer gehört es zu meinem Wesen, auf Andere nicht eifersüchtig zu sein!" Pst-dsching war ein junger Dichter, der Fi-hv-tis Sekretär gewesen. Der Gelehrte hatte Genie und unersättliche Ehrbegierde an dem jungen Mann ent- dckt; er hatte seine Studien geleitet und berathen; hatte ihn zu Glük und Beachtung erhoben, hatte ihn in Stand gesezt, das Mädchen, das er liebte, zu heiraten. Pst-dsching gelobte ihm ewige Dankbarkeit. Während sich Fi ho-ti also mit der Vorstellung von Pst-dschings Zuneigung tröstete, gingen Pst- dsching und einer der Philosophen des Tages, den die allgemeine Stimme dem Fi-ho-ti unterordnete, an den Ufern des Baches spaziren. Ein Baum entzog Fi-ho-ti ihrem Blik; flr unterhielten sich sehr angelegen und Fi-ho-ti hörte zu wiederholten Malen seinen eigenen Namen aussprechen. 3 * »8 „Ja," sagte Psi-dsching, „der arme Fi-ho-ti kann nicht mehr lange leben; seine Gesundheit ist gebrochen; Sie werden durch seinen Tod einen furchtbaren Nedenbuler verlieren." Der Philosoph lächelte. ,,Ja, da wird uns allerdings ein Stein aus dem Weg geräumt sein. Sie kommen noch immer sehr häufig zu ihm?" „Ja wvl. Er ist ein gar liebenswürdiger Mann; eigentlich aber halte ich, da ich sehe, daß er nicht mehr lange leben kann, ein Tagbuch über seine lezte Zeit; kurz, ich werde die Geschichte meines berühmten Freundes schreiben. Ich glaube es ist rin glüklicher Wurf, der einen sehr bedeutenden Absaz finden wird." Die Sprechenden wandelten vorüber. Fi-ho-ti starb nicht so bald als man erwartet hatte und Pfi-dsching gab das Journal nie heraus, von welchem er so grose» Vortheil erwartete. Aber Fi ho-ti hörte auf, sich durch da« Wolwsllen seines Herzens und die Menschenfreundlichkeit seiner Bestrebungen auszuzeichneu. Eher war er durch die Bitterkeit seines GemütheS und die Schärfe seines Spottes berufen. Allmälig kam er zu hohen Würden und bei der Thronbesteigung eines neuen Kaisers ward er auf- gefodert, sich irgend eine Gunst ausznbitten. Das Amt eine» Tsung-tu (Dicekönigs) der reichen Provinz Tschi-king war eben erledigt. Athemlos harrten die Höflinge, daß er um die erledigte Stelle ein- rs komme» werde. Der Kaiser lächelte gnädig — eben diesen Posten hatte er selbst im Geheimen dem Fi-hv-ti bestimt. „Sohn des Himmels nnd Herr von zehntausend Jahren," «ntgegnete der Günstling, „erlaube denn Deinem Diener sich in eines der Klöster von Karbon-gn zu-ntzuziehen, und seinen Namen zu verändern!" Die lezte Friedeushofnung die für Fi-ho-ti übrig blieb, war eine Flucht von seiner Berühmtheit. Ueber die Neigung zum Universal i sm us. In jünger« Jahren beherrschte mich eine Sucht nach universeller Ausbildung, wie sie bei einer geschmeidigen, lebhaften Fantaste, die sich leicht alles Dessen bemeistert, an was sie sich wendet und daher die Arbeit nur als einen Triumph ihrer Selbstschäzzung angreift, nicht selten vorkomt. Ich hielt es für einen Glaudentsaz, daß der Geist in seiner höchsten Vollendung mit keinem Zweig des menschlichen Wissens oder Könnens ganz unbekanl sein dürfe, und daß der Körper als ein Theil von uns und zwar als der hersortretendste, der sichtbare Theil, ebenfalls ein Recht auf sorgfältige Erziehung habe. Die Idee von einer solchen geistigen und körperlichen Gesamtbildung ist sehr alt. Sie gab die Basis zu der so Formation der antiken Karaktere, besonders der Athener. Alcibiades und Perikles waren die Jndi« vidnalisirung des allgemeinen Genius ihres Landes. Aber damals war die Aufgabe auch leichter, der Kreis des Wissens beschränkter und in körperlicher Bezirhnng eignete sich das Leben der Alte» sehr zur Dervollkomnung jeder Fertigkeit und zur Begabung mit jeder Anmuth. Bäder und Gymnasien dienten zur Kräftigung, zur Verschönerung, zur harmonischen Gestaltung. Wiederum trugen die Gesezzc, die in Athen ganz in den Händen des Volks ruhten, dazu bei, dessen Aufmerksamkeit nicht io sehr den genieinen Nothwendigkeitcu, als den höheren Künsten und Ausschmükkungen des Lebens znzuwrnden. Den Neueren ist bei ihrem gewaltigen Umfang der Civilisatisn ein« solche Universalbildung unmöglich; das jugendliche Streben danach bleibt jedoch nicht ohne Nuzzen für das ganze Leben. Es ist erstaunend, welche Förderung ein rühriger Geist selbst ans der unbedeutendsten Erweiterung seiner Kentnisse ziehen kann. Gibbon crzält uns mit Behaglichkeit von den Vortheilen, die er für sein unsterbliches Werk — hinsichtlich der dort zur Sprache kommenden Belagerungen und strategischen Grund- säzze — aus seinen früheren Kriegsdiensten entnommen. Ein noch höheres Beispiel der Anwendbarkeit einer solchen allgemeinen Bildung liefe» Miltou: Welch eine wunderbare Fülle des scheinbar buntesten, unzu- sammenhängeudsten Wissens in seinem grosen Gedicht! ri Dieser strenge Republikaner stellte seiner früher» Richtung nach ganz de< Ideal eines Ritters und Hofmanns dar. Niemand war je wieder nach Seele und Leib so ganz das Musterbild eines feinen Weltmanns. Schön von Gestalt, fein im Benehmen, gewandt in Führung der Waffen, Meister jeder ritterlichen wie jeder sanstern Kunst, geübt i» der Musik, den Sprache», der bewunderte Günstling der Damen und Ekeln Italiens vereinigte er Alles was unsre Fantasie in das Wesen eines Troubadours legt. In späteren Jahren greift der hochstnuige Vaterlandsfrennd mit ritterlichem Stolz eben so gut zum Schwert als zur Leier, und sein Brief an Samuel Hartlieb würde selbst den ehrgeizigsten jungen Manu unsrer Tage in Schrekken sczzcn. Nach der voraus» geschikten Erklärung, daß er nur Das eine vollständige und edle Erziehung nenne, ,,was eine» Mann geeignet mache, richtig, gewandt und hochherzig alle Pffchten des Friedens wie des Kriegs auezuüben," g bt er daselbst einen allgemeinen Studienumriß für junge Herren zwischen zwölf und einundzwanzig Jahren: G-ammatik, Arithmetik, Landbau, Naturgeschichte, Geometrie, Sternkunde, Erdbeschreibung, Befcstigungsknnst, Architektur, Mechanik, Schiffahrt, Geschichte der Meteore, Mineralien, Pflanzen und lebenden Geschöpfe, Anatomie und Heilkunde." All Dies soll durch „nüzlichr Er- fahrnngen von Jägern, Vogelstellern, Fischern, Schäfern, Gärtnern, Apothekern, Baukünstlern, rr Mechanikern, Minirern, Anatomisten unterstüzt werden," und zwar eh der Schüler zu den „ländlichen Gedichten Virgil'« übergeht." Kommen sofort Ethik, Theologie, Politik, Gesezkund« von Mose« und, „soweit man sich ans menschlich« Einsicht verlassen darf, von Lykurg, Solon, Zaleukn«, Eha« ronda« an," hinüber zu den „römischen Edikten und Tafeln" mit ihrem Justiniau, und sofort bi« zu dem sächsischen und gemeinen Recht England« und seinen Statuten. Dem wird noch Französisch, Italienisch, Lateinisch, Griechisch, Hebräisch beigesellt, „welchem noch den kaldäischen und syrischen Dialekt beizufügen keine Unmöglichkeit wäre." Also ansgestartet sollen die Zöglinge Dichter, Redner, Schriftsteller werden, und in ihren Spielstunden statt mit dem Kolbenschlagen sich zn unterhalten, „die Anfangsgründe de« Soldatenwesen» erlernen, nach der ganzen Kunst der Schlachtordnung, de« Marschirens, Lagern«, Befestigen«, Belagern« und Beschiesensj" überdies nach den zwei oder drei ersten Jahren, nach welchen, wie Milton ernst erklärt, er nicht mehr sso sehr auf« Studiren dränge, Ausflüge auf die Flotte, um eine praktische Kcutuiß von der Schiffahrt und den Seegefechten zu erlangen. Indessen sezt uns da« Streben nach allgemeiner Bildung beim grosen Haufen unabänderlich dem Vorwurf der Oberflächlichkeit und Frivolität au«, Beschuldigungen, die jener Hang am lezte» verdient. Vielleicht ist Niemand oberflächlicher in seinen An- sichten, als Der, welcher nur einen einzigen Zweig des Wissens kultivirt; vielleicht Niemand minder oberflächlich, als Der, welcher die allgemeinen Umrisse von vielen Wissenszweigen kent. Rur durch ewige Vergleichungen der Wahrtzeit mit der Wahrheit gelangen wir zn richtige» und tiefen Folgerungen- Vs gibt ein« Srfahrung der Vernunft so gut wie der Beobachtung, welche durch ansschiiesliche Vorliebe für bestirnte Theile der Vrkentniß und in beschränkten Grenzen nie gehörig erreicht werden kann. Daher finden wir in den tiefsten Beherrschern des menschlichen Herzens oder Geistes rin auffallendes Streben nach Bildung aller Art, gros und klein. Macchiavclli schrieb neben dem „Fürsten" auch Lustspiele und einen Roman,, eine Abhandlung über die Kriegskunst und Gedichte ohne Zahl. Göthe war eben so wsl Botaniker als Dichter und Philosoph. Shakespeare scheint Alles sorgfältig erlernt zu haben, was sein Zeitalter einem Mann darbot der sein eigener Lehrer ist und nicht zeitig genug in den alten Sprachen und physikalischen Wissenschaften unterrichtet wurde. Gleichwvl hatte er sich selbst von den lezkern etwas angeeignet. Man findet Metaphern bei ihm, welche den mechanischen'Künsten entnommen sind. *) Ein weitverbreitetes Halbwissen verhalf *) SS möge dem individuelle» Urtheil überlasse» bleiben, ob nicht Tiek die richtigere Ansicht hat, wen» er z. D. io Bezug auf die im Sturm vor- 24 ihm zur Tiefe. Nicht minder universell war Bacon, den man den Shakespeare der Philosophie nennen kan». Mit der Feder, di» den Scholasticismus um- stöst, schreibt er auch eine Abhandlung über die Grsezze, eine Heilung der Fnßgicht, die Urbersezzung eines Psalms nnd einen Versuch über Pflanzungen. Menschen im Gcgenthcil, welche das Oberflächliche so ängstlich zu meiden suche», — die nur Einer Quelle des Wissens nachgraben und glauben daß man bei diesem Geschäft sich keine Zeit abmüßigcu dürfe, um mit andern Quellen zn tändeln, sind in der Regel seichte, eigensinnige Grübler. Sie wandeln ewig in einem engen Kreis herum, ohne je den Ausgang zn entdekken. Ein solcher Mensch war jener von Boyle angeführte Pedaat, der sein ganzes Leben auf das Studium eines einzigen Minerals verwandt hatte nnd endlich gestand, daß er nicht den hundertsten Theil von dessen Eigenschaften ergründet habe. Dergleichen Menschen sind nicht nur oberflächlich — sie eben sind die eigentlich Frivolen: sie verschmelzen sich endlich so mit ihrem Studium, daß die kleinlichsten Einzelheiten desselben in ihren Augen Gröse kommende nautische Gelehrsamkeit bemerkt, jeder Kommentator könne wol annehmen, das, Shakespeare sich jene Ausdrlikke zum Behuf seiner Stükkes erst von Seeleuten habe lehren und erklären lassen. Freilich scheint unser Vers, zunächst nicht den Sturm im Gesicht zu haben. Der Uebersezzer. rr erlangen. Sie brüten über den Milben in einem einzigen Blatt vom Baum der Erkentniß. Gewöhnliche Geister verwechseln oft mit Frivolität was nur Anzeichen einer gewissen Verfeinerung des ganzen Menschen ist, die ihr Gepräge dem Kleinen wie dem Grosen anfdrükt. Bei den meisten ausgezeichneten Männern ist irgend eine Leidenschaft der Intelligenz mit besonderer Stärke entwikkelt, die dann ihren Gegenstand bis ins Eiuzelste verfolgt. Sv sprach sich bei Göthe jener vorherrschende Hang zur Ordnung und Harmonie, der ihn zum grösten literarischen Künstler aller Zeiten machte, in der Sauberkeit seiner Handschrift, in der Sorge für gefällige Anordnung seines Geräthes und seiner Papiere, in seinem Widerwillen gegen einen einzigen Tintenflek auf einem Manuscript aus. Diese Beachtung von Kleinigkeiten war keine Frivolität — sie war ein Zng seines Sclbsts, gehörte dem Künstler an: ohne fle würde Das, wodurch er zu Dem wurde was er war, nicht zur Gewohnheit des Geistes in ihm geworden sein. Dieselben Züge kann man in geringerem Grad bei Pope wahrnehmen. Bei ihm war es minder Liebe zur Ordnung und Harmonie, als zur Sauberkeit — (einem Theil der Ordnung). In den meisten Dichtern ist Liede zum Schönen die stärkste geistige Leidenschaft und deutet sich dann häufig durch die Eleganz der häuslichen Einrichtung an. * * * * * der durch den Wurf eines Vorhangs schwer zu befriedigen ist, ist nicht frivol: erzeigt !6 blos denselben Geschmak, der auch seine Verse zum höchsten Wohlklang glättet. Indessen ist die Sucht nach universeller Bildung allerdings weder klug noch sicher, wenn wir nicht Sin Studium über alle andere sezzcn, und diese nur znDieuern oder zur Folie von jenem machen. Wenu wir ein Wrnig von Allem wissen, so thnt es deshalb noch nicht gut auch über Alles zu schreiben; — lesen wir aber diejenige Bahn unserer Fantasie oder unseres Denkvermögens aus, für welche wir uns am geeignetsten fühlen, und machen diese zu unserem Hauptzwek, so wird Alles, was wir sonst noch wissen »der woran wir uns erfreuen, jeneu Hauptsirebepuukt erweitern und in helleres Licht sezzen. Ferdinand Fitzroy, ober: Zn hübsch für irgend was. „Theuerste Freundin," sagte ich neulich zu einer Mutter, die ihre Besorgniß darüber ausdrükte, daß ihr Sohu nicht so hübsch werden dürfte, als sie selbst — „glauben Sie mir, daß wenn Schönheit ein verhängnisvolles Gut für Fraueu, sie ein schädliches für Männer ist. Gin schönes Gesicht wird rin groses Hinderniß für einen jungen Menschen, der sich irgend einem amtlichen Beruf widmet. Ein L7 Rechtsgelehrter fast schon einen instinktartigen Wider willen gegen einen Adonis von Advokaten. Welcher verständige Mann möchte den Antinous zu seinem Hausarzt? Die Eifersucht unseres Geschlechts (die weit stärker ist als die des Ihrigen) keut die Weisheit nicht an, wenn sie keine Stülpnase hat. Als Apoll auf die Erde kam, war das höchste Amt, zu welchem «r's brachte» das eines Schäfers!" „Pah," erwiederte meine schöne Freundin, „hat man nicht mit Fug gesagt, ein schönes Gestcht sei ein Empfehlungsbrief?" „Ein Uriasbrief, Madame, der in die Empfehlung einen Verrath legt. Erlauben Sie mir, Ihnen die Geschichte von Ferdinand Fihroy zu erzälen." Ferdinand Fihroy war eines jener Musterbilder der Vollkommenheit, wie fle menschliche Eltern nur ein einzigetmal hervorzubriugen vermögen — Ferdinand hatte deshalb keine Geschwister. Er war ein so ausnehmender Liebling seiner beiden Eltern, daß sie beschlossen seine Verderber zn werden. So wurde er den» überaus verwöhnt, nie mit dem Anblik eines Buch- gelangweilt, und hatte stets so viel Rosinenkuchen, als er nur essen konte. Wirklich für Ferdinand, hält' er ewig Rosinenkuchen essen können und wär' er ein Kind geblieben. „Nie," sagte der griechische Dichter, „preise einen Menschen glüklich, so lauge Du nichts von seinem Ende vernommen hast!" Ferdinand Fitzrvy war wirklich ein frappant schönes Geschöpf. Welche Auge» — welches Haar — welche L8 Ahne — welche Gestalt - welches Benehmen .bendrein — und was für eine unwiderstehliche Art sein Halstuch zu knüpfen! Als er ungefähr sechzehn Jahre zälte, stellte ein saurer alter Onkel seinen Eltern die Nothwcndigkeit vor, Ferdinand das Lesen und Schreiben zu lehren. Lbwol nicht ohne Schwierigkeit überzeugte er sie dennoch, denn er war ausnehmend reich, und Reichthmn an einem Onkel hat eine wunderbare Beweiskraft hinsichtlich der Erziehung eines Neffen, dessen Eltern ihm nichts zu hinterlassen haben. Unser Held wurde also in die Schule zeschikt. Er war von Natur ein schnell anffaffender, verständiger Knabe, und machte erstaunende Fortschritte im Lernen. Des Schnlhalters Frau liebte schöne Kinder. „Was für ein Genie wird Junker Ferdinand Fihroy werden, wenn Du Dir Mühe gibst," sprach sie zu ihrem Mann. „Es verlohnt sich nicht, mein Schaz, sich Mühe mit ihm zu geben." „Und weshalb, mein Freund?" „Weil er viel zu hübsch ist, um je ein Gelehrter zu werden." „Dafür sprechen Beweise, mein Lieber," seufzte des Schulhalters Frau. So blieb den« Ferdinand Fihroy, weil er zn schön znm Gelehrten war, der Lezte in der vierten Klasse! Man nahm ihn aus der Schule. — „Welchem Beruf soll er sich weihen?" fragte die Mutter. SS „Mein nächster Vetter ist der Lordkanzler," erwiedcrte der Vater; „lasten wir ihn Jurist werden." Der Lordkanzler aß an jenem Tag bei ihnen: Ferdinand wurde ihm vorgestellt. Seine Herrlichkeit war ein kleiner, rauhhaariger Mann mit buschigen Brauen und harten Zügen, der Schönheit und Faul- lenzerei für Einerlei, und eine Pergamentfarbe für die legitime Haut eines Advokaten hielt. „Jurist werden!" rief er; „nein, nein, daraus würde nie etwaS! — Macht ihn zum Soldaten; er ist viel zu hübsch für einen Rechttgelehrten." „Dafür seh ich freilich Beweise, Mylord," entgegnet« die Mutter. So kaufte man denn Ferdinanden eine Kornetstelle in dem — Dragonerregiment. Kein Gelehrter fällt vom Himmel. Ferdinand war in der Schule nie geritten, als auf der Bank unter der geschwungenen Waffe deS Schulmeisters; er war deshalb ein sehr schlechter Reiter. Man sandte ihn auf die Reitbahn und Jederman lachte ihn ans. „Der Junge ist ein Esel!" sagte Körnet Rvß- kopf, der sehr häSlich war. „Ein schauderhafter Eek!" bemerkte Lieutenant Schielauge, der noch häSlicber war. „Reitet er nicht besser, so macht er dem ganzen Regiment Schande," rief Rittmeister Eigenduust, der sehr gut auSsah. „Reitet er nicht besser, so wollen wir ihn drükken, bis er fort- 4 » läuft!" sagte Obrist Stallstöber, ein furchtbarer Freund der Disciplin. „Hören Eie einmal» Sattelknopf" (zum Bereiter) „sorgen Sir, daß der Junge nicht reitet wie eia MSllersak." „Pah, Herr Obrist, Der wird nie besser reiten!" „Und weshald, zum Teufel, wird er nicht?" „Mein Gott, Herr Obrist, er ist viel zu hübsch für einen Kavallerieoffizier." „Allerdiugt!" sagte Körnet Roßkopf. „Ganz gewiß !" bemerkte Lieutenant Schielauge. „Müssen ihn drükken," rief der Obrist. Und so wurde denn Ferdinand Fitzroy gedrükt. Unser Held besaß Ehrgefühl; er quittirte und federte den Obrist. Der Obrist ward erschossen! „Welch rohr« Benehmen von Ferdinand Fitzroy," schrien die Verwandten des Obrist«. „Sehr wahr!" sagte die Welt. Die Eltern befanden sich in Verzweiflung! Sie waren nicht reich, unser Held aber ein einziger Sohn, und deshalb zapften sie de» säuern, alten Onkel tüchtig an. „Er hat sehr viel Verstand," versicherten Beide, „und kann noch wa« werden." Auf diese Art borgten sie einige Tausende von dem Onkel und kauften seinem schönen Neffen einen Siz im Parlament. Ferdinand Fitzroy war rnhmliebend und wünschte seinen Ruf wiederherzustellen. Er arbeitete wie «in »1 Schanzgräber, brütete über Broschüren und Monatblätter» , lernte den Ricardo auswendig nnd machte Noten über die englische Verfassung. Er erhob sich zu einer Rede. „Welch ein hübscher Kerl!" flüstert« ein Mitglied des Hauses. „Welch ein Hasenfuß!" sagte ein Aüderer. „Bringts nie znm Redner!" bemerkte ein Dritter ziemlich vernehmbar. Und die Herren auf den Bänken gegenüber lächelten höhnisch und riefen ihr: „Hört!" — Niemand wird an Einem Tag zum Redner. Entmuthigt durch seine Aufnahme gerieth Ferdinand etwas ins Gtokken. „Hab's Euch ja gesagt!" sprach Einer von seine» Nachbarn. „Tüchtig dnrchgefüllen!" sagte ein Anderer. „Liebt sein Haar zu sehr, um was in seinem Kopf zn haben!" bemerkt rin Dritter, der für einen Wizling galt. „Hört! hört!" riefen die Herren auf den Oppo- fltionsbänken. Ferdinand sezte sich: er hatte nicht geglänzt, aber, um gerecht zn sein, er halte eben so wenig eine Niederlage erlitten. Mancher Redner vom ersten Rang hatte einen glanzlvscrn Anfang gemacht, nnd mancher Repräsentant einer Grafschaft war mit nur halb so viel Verdienst als ein künftiger Phönir aus- geschrien worden. Dulwer's Romane. Xl-Vll. 4 Aber so dachten die Männer der Kornbille nicht. „Ein Adonis wird nie «in Redner!" sagte ein berühmter Deputirter mit einer Stnznase. „Und eben so wenig ein Geschäftsmann," ent- gegneie der Präsident eines Kvmmittes mit einem Gesicht wie ein Käugarnh. „Der arme Teufel!" sprach der Gelindeste von der Schaar. „Er ist tausendmal zu hübsch für Geschäfte. Bei Gott! da nimt er wieder das Wort - Das geht nun und nimmermehr; wir müssen ihn herunterhnsten!" Und Ferdinand Fihroy ward demgemäß herab- tzehuster. Unser Held war jezt sieben bis achtuodzwanzig Jahre alt, schöner als je, und die Bewunderung aller jungen Damen bei Almak. *) „Wir können Dir nichts hinterlasse»sagten die Elter», die ihr Vermögen längst ausgegeben hatten und von dem Kredit seines ehmaligen Besizzes lebten. — „Du bist der schönste Mann in London; Du must eine Erbin heiraten." „Gerne," erwiederte Ferdinand. Miß Helena Convvlvnlus war eine bezaubernde junge Dame mit einer Hasenscharte und jährlichen sechstausend Pfunden. Der Miß Helena Convolvu- lus brachte unser Held seine Huldigungen dar. ») Almaks Bälle bilde» die Hauptversamlung der loudner hohen Welt, zu welcher nur dir feinste Gesellschaft Zutrit hat. Der Uebersezzer. 43 Himmel! welchen Lärm schlugen ihre Verwandten auf. „Es wäre leicht solche Absichten zu durchschauen," sprach Sine; „ein hübscher Glüksritter, der seine körperlichen Reize als Kapital anlegeu möchte." „Hübsch ist, wer hübsch handelt," sagte die Aadere. „Wurde von der Armer gejagt und hat seine» Obristen umgebracht! — nichts Schlimmeres als einen Stuzzer heiraten!" bemerkte eine Dritte. „Kann nur sich selbst bewundern, — wird so und so viel Damen den Hof machen I" rief eine Vierte. „Hält Dich in ewiger Eifersucht," sprach eine Fünfte. „Bringt Dein Bermögen durch," sezte eine Sechste bei; „und bricht Dir's Herz," eine Siebente. Miß Helena ConvolvuluS war klug nud vorsichtig. Sie sah manches Gegründete in dem Gesagten, und fühlte sich mit ihrer Freiheit und jährlichen sechstausend Pfd. hinlänglich zufrieden, um nicht übermäßig nach einem Ebmann zu verlangen. Aber unsere Heldin hatte keine Abneigung gegen einen Liebhaber, besonders gegen einen so schönen Liebhaber wie Ferdinand Fihroy. Demgemäß nahm sie ihn nicht geradezu an, wies ihn aber auch nicht völlig ab, sondern hielt ihn in Hofnung und ließ ihn sich bei seinem Schneider und seinem Wagenmacher in Schulden stekkeo, auf die Basis hin einst Herr Fihroy Convolvulus zu werden. Die Zeit verstrich und Ausflüchte und Verzögerungen fanden sich leicht. Indessen gab unser Held den guten Glauben nicht so bald auf, und eben so wenig rhaten Dies seine 4 * 44 Eltern. Ein Frühstük in Chiswick und rin Faulfieber raste die Leztrru in Einer Woche weg, doch nicht ohne daß sie zuvor noch Ferdinand gesegnet und sich über seine schönen Aussichten erfreut hätten. Dieser hing denn jezt lediglich von dem sauer» alten Onkel und Miß Helena EonvolvulnS ab. Ersterrr, obwol Baronet und Satiriker, war ein Bankier und Geschäftsmann: er sah sehr miSliebig ans Ferdinands Hyperionlokken und weiße Zähne. „Sez ich Dich zu Meinem Erben ein," sprach er, ,,so erwarte ich, daß Du die Bank fortführest." „Versteht sich, lieber Oheim," sagte der Neffe. „Hm!" brumte der Onkel, „ein sauberer Zeisig, für einen Bankier!" Die Gläubiger wurden drängend gegen Ferdinand und Ferdinand drängend gegen Miß Helena. „ES ist eine gefährliche Sache," sprach fle furchtsam, „um eine Heirat mit eiuem so allgemein bewunderten Mann; — werden Sie immer treu sein?" „Beim Himmel!" rief der Liebend». „Ach!" seufzte Miß Convvlvulus, als Lord Rufus Pumilill eintrat und das Gespräch eine andere Wendung nahm. Aber der Tag der Vermälung ward frstgesezt und Ferdinand kaufte einen neuen Wage». Beim Apoll! wie schön er sich darin auSnahm! Vier Wochen vor dem Hochzeittag starb der Onkel. Miß 45 Helena war bei ihren Beileidsbezeugungen ungemein zärtlich. „Ermutdigen Sie sich, Ferdinand", sprach sie, ,,nm Ihretwillen Hab ich Lord Rufus Pumilio abgewiesen!" „Bnbetungwürdigr Herablassung," rief unser Held. „Freilich ist Ru'us nur vier Fuß zwei Zoll hoch, und hat Haare wie eine Gichtrose." „Nicht Jedrrman ist so reizend wie Ferdinand Fitzrvy", war die Antwort. Ferdinand ging weg um der Eröfnung des »heimlichen Testaments beiznwohnen. „Ich vermache," schrieb der Erblasser (der besagtermaßen stets ein wenig den Satiriker gemacht hatte), „meinen Antheil au der Bank und mein ganzes Vermögen mit Ausnahme der Legate an" (— hier wischte Ferdinand Fitzrvy seine schönen Augen mit einem fein gestikten Batistschnupftuch) — „meinen natürlichen Sohn, John Spriggs, einen fleisstgen, arbeitsamen jungen Menschen, welcher dem Geschäft Ehre machen wird. Edmals hatte ich die Absicht meinen Neffen Ferdinand zum Erben einzu- sezzrn, aber ein solcher Lokkenkopf kann für Rechnungen kein Talent haben. Ich brauche einen Geschäftsmann zn meinem Nachfolger, keinen Adonis, und Herr Ferdinand Fitzrvy ist um Vieles zu schön für eineu Bankier; sein gutes Aussehen wird ihm ohne Zweifel jede Erbin in der Stadt gewinnen. Unterdessen vermach' ich ihm zur Anschaffung einer Toilette tausend Pfu-nd." 46 ,.Tausend Teufel!" rief Ferdinand aus dem Zimmer stürzend. Er flog zu seiner Geliebten. Eie war nicht« zu Haus. „Lügen," sagt das italienische Sprichwort, ,,haben kurze Beine;" aber Wahrheiten, besonders unangenehme, haben entsezlich lange! Den folgenden Tag ei hielt Ferdinand einen sehr höflich abgefasten Absagebrief. „Ich wüuiche Ihnen jedes Glük," sagte Miß Helena Lonvolvulus am Schluß, ,,abec meine Freun- dinneu haben Recht; Sie sind viel zu schön für einen Ehemann." Und in der nächsten Woche wurde Miß Helena Convolvnlns Lady Rufus Pumilio! „Ach, mein Herr", sagte der Gerichtspedekl, als er einen o'er zwei Ta«r nach Auslösung de« Parlaments mit Ferdinand F'tzroy in emem Miethwagen nach Kings Beuch rollte, — „ach, wie Schade, einen so schönen Herrn ins Gefängniß führen zu müssen!" 47 Gespräche über menschliche und göttliche Dinge mit einem dem Tod nahen Menschen. 7- A'üv «rr« elnkv o n(x) rü ^anerns; xal Tiwg ßre^kür«; i)öLWg i'äc «xs<7«r/lt. PIst. kliaefl. Nachstehende Gespräche über verschiedene Gegenstände haben als individuelles Abzeichen blos die schwermüthige Färbung, wie sie für ein Gemälde, das den Tod im Hintergründe hat, past. Sollten sie in ihrer Form bald zu blumenreich, bald zu nachlässig erscheinen, so kann ich blos sagen, daß sie den bezeichnenden Ton der Hauptperson genau wieder- geben. Diese flüchtigen Erinnerungen sind der einzige Nachlaß von meinem Freund; kein Denkmal, aber wenigstens — einige Blätter auf sein Grab. A. Ich sehe, Sie lehnen sich da auf das „Leben Lord Herberts von Cherbury." Wollen Sie die von mir gezeichnete Stelle aufschlageu und lesen; ist sie nicht schön? B. Sie ist ein Beweis, daß der Verfasser jenes unbestimte Etwas gefühlt hat, das uns über 4 » die sichtbare Welt hinaus trägt. Einen Beleg für dieses Gefühl zu finden, ist eines meiner ersten Geschäfte beim Studium eines grosen Schriftstellers. Wie erhaben durchglüht es den Shakespeare! mit welch trauernder, strenger Gröse, bebt es Lurch dennoch gött- lichern Milton! Wie eigrnthümlich hat es sich den Werken unserer Dichter — einem Wordsworth, Shelley uud selbst den mehr irdischen Beisaz haltenden, sinnlichem und weniger freundlichen Gesäugen Byrons eingedrükt. Dagegen trit es in den Dichtern des Festlandes nur selten hervor, ausser, wenn ich recht berichtet bin, bei den Deutschen. A. Ja, Göthe hat es. Für mich liegt etwas sehr Geheimnisvolles und Geistiges in Göthe's Genius: - selbst jener tüchtige, einfache Hausverstand, in welchem er, übereinstimmend mit allen grosen Geistern, uns so oft Lehren ertheilt, und der kn seinen Denkwürdigkeiten besonders hervortrit, wird um so wirksamer durch eine zarte, feine Schönheit der Empfindung, mit welcher man ihn stets gepaart findet. B. Ich erinnere mich einer sehr sinnigen Bemerkung von ihm im Wilhelm Meister, einem Buch das «inen sehr bedeutenden Einfluß auf meinen eigenen Geist geübt hat. So alltäglich diese Bemerkung auch scheinen könt«, gehört sie doch einer Göthe sehr eigenthümlichen Sphäre an: ,,Wenn wir," sagt er, „einem Freund einen Brief gesandt haben, der, 49 weil er Jenen nicht traf, uns znrükgebracht wird, welches seltsame Gefühl ergreift uns, wenn wir mm unser eignes Siegel erbrechen und uns mit unserem Ich wie mit einer dritten Person unterreden." A. Es liegt etwas Unheimliches in einer solchen Unterhaltung; etwas als verkehre man mir seinem eigenen Gespenst. B. Sie sehen sich in Scotts Werken vergebens nach einer solchen Bemerkung um. A. Ist diese Anklage billig? So sehen Sie sich auch im Wilhelm Meister umsonst nach den schimmernden G-mälden Jveohoe's nm. Indessen gesteh ich, daß ich kein blinder Verehrer der Waverley- Rvmanr bin, und kann es keineswegs als richtig ausrhen, wenn man sie über die wundervolle Poesie, die ihnen vorherging, erhebt. Scotts Vorzüge scheinen mir ausdrüklich in seiner Eigenschaft als Dichter zu liegen; nimt man seine prosaischen Schriften vor, so trist man auf dieselben Empfindungen, dieselben Bilder, dieselben Scenen, mit dem augenscheinliche» Nachtheil, daß sie hier einer ausgezeichnet markigen, glühenden und originellen poetischen Einkleidung beraubt sind. Wo in all seinen Romanen ist eine Schilderung, die an Raschheit, Kraft und dem wahren Dichterbliz, wenn ich mich dieses Ausdrnks bedienen darf, der jezt so oft angeführten Stell« aus dem Rockeby gleich käme, wo Bcrtrand Risingham in die Kirche trit: so Die dravffen hörten einen Klang Wie über Steine Rosse« Gang «. s. w. Rockeby, Ges. 6, Stanz. 52» Tine wegen ihrer Gedrängtheit und kühnen Pinselstrichen sehr berühmte Scene findet sich in der Braut von Abydosr Mit Sinem Sprung gewint er Land u. s. w. Ges. 2, St. 24. Bergleichen Sie beide Stellen. Wie beffimt fällt die Vergleichung zu Scott'« Gunsten ans. Kurz, Dieser vereinigt in seiner Poesie alle Vorzüge seiner Prosa, und die Flekkeu der leztern, die abgedroschene Moral, die glutlose Liebe, der Mangel an Sympathie mit der grosen Masse der Menschen, die Vornrtheile für Aristokratie und Königspracht verschwinden entweder in der Poesie oder nehmen ein gefälliges, malerisches Gewand an. Ich wage die Prophezeiung, daß die Welt noch erkennen wird, wir sie eine Frucht seines mächtigen Genius über- schäzt hat, während sie gegen die andere ungerecht war. Seine Poesie ist es, die mit eigenem Licht leuchtet. Ein Recensent im Edinburgh Review bemerkt, „dem Geist nach, so verschieden auch die Form sei, gäben Shakespeare und Scott die beste Idee von Homer." Eine Ähnlichkeit Shakespeare's mit Homer vermag ich wirklich nicht nachzufühlen; aber die Sehnlichkeit Scott's mit dem Griechen Hab' auch ich wieder und wieder bemerkt. Homer würde S1 von Scott treflich übersezt worden sein, -und zwar in seinem eigenen Balladrnstil. »»»»»»»» B. Don allen Schwärmern scheint mir der Maler Blake der merkwürdigste gewesen zu sein. Mit welch inniger Ueberzeugung glaubte er au seine Gabe Geister zu sehen und mit den Tobten zu sprechen. Und welche freudcbringende Quelle der Wahnsinns war das für ihn! — zu welch herrlichen Versen hat sie ihn begeistert! A. Und zu welchen Zeichnungen! Noch vor wenigen Tagen sah ich ein Eremplar von Uouugs Nachtgedanken, die ihm zu so grotesken und doch so erhabenen Darstellungen, bald zu einer so buchstäblichen Auslegung, bald wieder einer so weit herge- holten und unzusammenhängenden Reihe von Erfindungen Stoff gaben, daß das Ganze zu den erstaunenswürdigsten und seltsamsten Eczeugniffen gerechnet werden darf, die je zwischen Auffassung de» Genies und Tobe» des Wahnsinns in der Mitte schwebten. Ich erinnere mich einiger dieser Zeichnungen, die jedoch noch nicht einmal die merkwürdigsten sind. Zu den zwei schönen Zeilen: „Weist ist- z» fragen die vergangnen Stunden Welch »ine Botschaft st« dem Himmel brachten;" hat er dat Bild eines stzzenden Menschen geliefert, der sich ernsten Gesichts mit einer kleinen, schattenhaften Gestalt auf seinem Schoß unterredet, «ährend sr andere Gestatten von gleichem Ansehen nach dem Himmel entschweben, jede mit einer Rolle in den Händen. Die Wirkung ist höchst impouirend. Die Zeile: „Bis Tod. der mächt'ge Jäger, Alle einscharrt" wird durch einen grimmigen Wilden mit gewaltigem Speer versinnlicht, der bösartige, gespensterhafte Hunde anhezt; einer derselben hat einen unglükiichen Flüchtling eben niedeigerissen und bei der Kehle ge- pakt. Das Gesicht des Thieres hat etwas unaussprechlich Todtenhaftes. Der Vers: „Natur ist eine Spanne länger, als Wir glauben." erhält eine bis zum Lächerlichen wörtliche Darstellung. Ein bärtiger Mann von riesenhafter Gröse will ein Kivd mit Zeigefinger und Daum umspannen. Fast eben so buchstäblich, aber imposanter ist die Zeichnung zu folgenden Zeilen: Wenn von der Kette der Vernunft gerissen Der Geist wild hinjagt und von falschem Frieden Sin Lied singt, bis das Bahrtuch es «rstikt. Mau sieht eine junge Wilde mit langen Lotten in freudigem Taumel dahin wandeln, während über ihr zwei körperlose Hände ein mächtiges Bahrtuch ausdreiten, das auf die ahnunglos Jubelnde nieder- jufallen scheint. S! B. Uoung war glüklich. Er scheint beinah der einzig^ Dichter, von welchem blosc Metaphern bnrch sinnliche Darstellung verkörpert wurden. A. Welch wundervolle Metaphern sind es aber auch; bald gewöhnlich, familiär, abgedroschen sogar , — bald übertrieben und fantastisch, aber wie oft auch unaussprechlich erhaben! Miltou selbst hat sie nicht übrrtroffen. Uebrigens ist unsrem Äsung bei all seiner Popnlantät noch nicht sein volles Recht widerfahren. Noch hat sich's kein Kritiker zum Geschäft gemacht, seine eigenthümlichcn, kraftvollen Schönheiten zu entwikkeln und unter die Menge zu bringen. B. Den Plaz eines solchen Kritikers können wir freilich nur ungenügend aussüllen, aber lassen Sie uns dieser Tage seine ,,Nachtgedanke»" auf- schlagen und unsere Kommentare machen. A. Das würde mir ein groses Vergnügen gewähren. Nonng unter allen Dichtern sollte von einem Menschen, der tm Begriff ist die goldnen Ketten der Welt zu brechen, -am meisten studirt werden. ******** ***:***** A. Warum ist keine Menschennatur der andern gleich? warum sehnen wir „ns unter allen Segnungen des Himmels am meisten nach einem gleichge- fltmten Herzen? und doch ist es gerade dieses Glük, das Niemand (oder der Ausnahmen sind mindestens so unendlich wenige, daß sie nicht gezält werden könne»), das, sag ich, Niemand der die Erfahrung mehrerer Jahre und die Erprobung durch den täglich'.» Umgang durchgemacht hat, besessen zu haben behaupten kann. Milton, dessen Lebensschiksal eine Reihe fehlgeschlagener Hofnungen iu Privat - wie in Staattvrrhältnissen war, — Milton, der auf die urtheillose Nachwelt als ein bei aller Erhabenheit mindestens strenges und rauhes Gemüth gekommen ist, drükt in einem seiner früher», lateinischen Gedichte dieses Gefühl in einem wehmüthigen Ton der Sentimentalität ans, den man ln der gvldneu, platonischen Fülle seiner jugendlichen Ergüsse in englischer Sprache nicht oft findet: Vi» sibi Huis^ue psrour ebe zur Tugend ist nur der Wunsch nach allgemeinem Glük; tugendhafte Handlungen sind solche, welche zu diesem allgemeinen Glük beitragen. In die er klaren und schönen Definition lösen sich alle Widersprüche; «ine Handlung kann in dem einen Land gelobt, i» dem andern verdamt weiden, aber jene Erklärung bleibt stets richtig. Was iu China zum allgemeine» Besten dient, dient vielleicht auf den Hebriden nicht dazu; so lauge wir jedoch das allgemeine Wol be- zwekken, sind unsere Milchten, wir mögen uns befinden wo wir wollen, immer tugendtzaft. Dieser Erklärung des Ziels der Tugend hat denn auch Ben- tham seine Definition des Ziels eines Staates entnommen. Beide beabsichtigen das allgemeine Wol, oder, breiter ansgedrükt, das giöste Glük der «lösten Zahl. Es ist ein betrachtnngwerlhcr Umstand, daß das Ziel der Tugend und das Ziel einer guten Staatsverwaltung nur ans dieselbe Weise erklärt werde» können. Die Beschäftigung mit Helvetius führte mich nicht unmittelbar auf neue Studien, aber sie gab meinem bisherigen Wissen eine solidere Richtung. Bisher war ich, wie schon gesagt, abstrakten Spekulationen ergeben gewesen, die jedoch von ziemlich wildem, unwi kiichem Schlag waren. Iezt sucht« ich mein« Philosophie auf der Grundlage des gemeinen Menschenverstandes aufzuführen. Ich begann also einen neue» strengen Kars meiner metaphysischen Studien, wobei ich den Spizfiutigkeilen, welche den Gelehrte» in der Regel in Anspruch nehmen, weniger Beachtung scheukle, als jenen allgemeineren Grundsäzzen, rou welchen das Benehmen der Menschen und unsere täglichen Handlungen heimlich abhangen. Praktische Philosophie ist die gröste aller Wiff-»schafleu: Metaphysik, abgezogen von der praktischen Philosophie, ist eine in eben so hohem Grad scholastische als frivole Beschäftigung. Und gewiß ist der Mann verrnkt, „or»ll> wiiiotUi rerum Aber bald ließen mich die Materialisten kalt und unbefriedigt. Helvelius bezanberte meine Fantaste, schärfte meinen Verstand, erfüllte aber nicht mein Gemürh. Auch Locke, Condillac entsprachen meiueu Erwartungen nicht, »nd wagten auf meine Fragen entweder nicht zu antworten, oder wichen denselben auf entmutdigende Weise aus. Kamen sofort die schottischen und nach die en, so weit sie mir zugänglich waren, die deutschen Denker mit ihren weit erhebenderen Ansichten; — die poetische, sternbeglänzte Nacht der Leztercn, die edle Wärme, der ernste, reiche Glaube der Ersteren. Ater ich vermochte die Augen vicht zuzuschließeu gegen die Haarspaltereien und Kubtilitäten, die Marktschreiern und den Fanatismus der Einen, gegen die Utsereilung, die unlogischen Sprünge der Andern. Gelbst Plato mit all S8 feinen Daumen schien mir bündiger, als diese, seine tezteu Nachfolger. Allo von meinen Führern auf dem weiten, unbegrenzten Feld allein gelassen, er- fchrekt und niedergeschlagen durch meinen eigenen Zweifel, beschloß ich endlich nicht zu verzweifeln, denn Plö-lich fühlte ich, daß ich nicht allein sei. Meine Bücher blieben stumm und versiegelt, aber um mich her war da« Weltall, und das Leben der Dinge wurde meine Lehrerin. Glnklich Wessen Zweifel sich, wie die meiuigen, in diese fromme, vertrauend?, un- materielle Hofunng anflösen, die unserem beschränkten Begriffsvermögen hieniedrn am angemessensten, die beste Siüzze nuferer Tugend und die mächtigste Erheberin unserer Seelen zu sein scheint. Ich, für meine Person, harte so lange kein überzeugendes Gefühl von der Kraft meines eigenen Herzens, kein Pfand, daß es seine menschlichen Irrthümcr, seine stündlichen Gorgen überwältigen werde, bis ich das Geburtsrecht ans dir Unsterblichkeit hell vor mir sah. Es gibt eine vielfach erstrebte, aber noch nicht erreichte Philosophie, — eine Philosophie, welche unser Jahrhundert aus der Alche des Materialismus des vorigen hervor rufen sollte: — die Philosophie des Glaubens! Langsam und widerstrebend wandt ich mich von der Moral der Geschichle zu, und wirklich sollte die Geschichte stets in der Stimmung des forschenden Zweifels stndirt werden. Durch Zweifel werden alle Geisttsvermvges anfgrregt — wir prüfen, wäge«, VS sichten; - jede« Blatt wird «in Probirstein für die Kräfte unserer Urtheilsfähigkeit. Dieser Instand de« Zweifel« ist r«, den »in Kur« in der Philosophie natürlich zur Folge hat, nnd eist nach derselben sollte mau daher dir Geschichte vornehme», keineswegs aber soll ein Geschichtschreiber den Philosophen machen. Besser, wir denken seldst, als daß Andere für un« denken. Ein Philosoph hat ein System; er steht die Dinge nach seiner Theorie an; er wird stet« parteiisch sein, und uamenilich in unserer englischen Literatur haben di« philosophischen Geschichtschreiber grölen Schaden gethan. Niemand kann die Geschichte aus einem unrichtiger» Gesichtspunkt darstellen, als Hnme und Gibbon. Hume gibt uns die Geschichte von Fakrionen und Gibbon die Geschichte von Oligarchien — da« Volk, das Volk ist von Beiden vergessen; denn Beide haben zu wenig mit der Masse der Menschen verkehrt, vm zu fühlen, daß Geschichte etwa« mehr sein muß, als eine, wenn auch mit noch so viel Verstand abgefaste, Kronik »on Dynastien. Sie sind vornehme, anmuthig« Gelehrte- ihr natürlicher Hang wendet sich den bevorrechteten Genüssen des Lebens zu. Die menschliche Natu» ewig nur skizzirend geben sie uns vielleicht ein recht erträgliche« Geripp; — Fleisch nnd Blut aber vermögen sie nicht hinein zu bringen: ihre Sympathien sind für die hofgerechten Menschen, ihre Gcwütb-r waren nicht stark genug zu einer Tbeilnahme an der krönen- und lorbeerlosru Menge. Jeder von Beiden macht auf Das dir meisten Ansprüche, was ihm am meisten abgebt. Hume mit seiner glatten Affektation der Aufrichtigkeit ist nie aufrichtig, und der ewig philosophirende Gibbon ist selten philosophisch. Taci- tut und PolhbiuL haben die Welt in stürmischem Zeiten gesehen; die Keutniß ihrer Mitmenschen war ihren Herzen nicht in leichten Buchstaben, sondern in tiefen, grauenhaften Furchen eingedrükt. So gewann der Megaiopolitaner jene Masse von Beobachtungen, jene wunderbare Intuition in den wahren Geist der Thatsachen, jene Kraft das Unwahrscheinliche mit Einem Blik zn bemerken, und durch alle Wolken und Nebel hindurch die Wahrheit mit Einem Griff zn pakkeu, wie Dies das bezeichnende Merkmal seiner grosen Geschichte ist. Und wenn uns die düster« Kraft der Färbung an die Gemälde des noch gröscren Römers fesselt; — wenn Frevel auf Frevel io der ganzen lebendigen Schwärze jener furchtbaren Tag« vor uns aufsteigeu; wenn in seinen hingeworfe- ncn Lakonismen die blutigen Geheimnisse der Könige enthüllt vor uns liegen; wenn wir jedem Gedanken «ine schauderhafte Thatsache beigegebeu, in jedem Karakter eia Wunder und doch einen Spiegel seiner Zeit sehen: so fühlen wir wie diese Kraft und Treue der Darstellung nothweudig von der Furchtbarkeit und dem Schmerz der Erfahrung nuterstüzt worden sein muß. Doch vou dieser Kritik über die Geschichte zu den Wirkungen zurütkehrend, welche die Geschichte 101 vachzieht, kann ich nicht umhin anznnrhmen, ihre gewöhnliche Folge auf tat Herz sei eine Verhärtung gegen dal Menschengeschlecht. Ihr« lange, anhaltende, unveräaderliche Erfahrung scheint eine stille, unabweisbar« Anklägerin der Menschheir. Dir Menschen haben die höchste Sorgfalt angewandt, den unversöhnlichste» Zeugen gegen sich stets bei Kraft zu erhalten. Alle RegierungSformen, so feindlich sie auch unter einander selbst sein mögen, stimmen in Einem Punkt, der Niederträchtigkeit der Regierten, liberein. Worin unterscheidet sich endlich daS gepriesene Griechenland von dem verachteten Persien? Ersteres brachte einige hundert Namen hervor, denen leztcreS nichts Aehuliches an die Seite zn stellen vermag. Recht! Ader was siud ein paar Stäubchen gegen den Band am Meer? — was einige grose Mänuer gegen daS Glük der Masse? Bestelt nicht die griechischen Schriftsteller, die gliechischcu Weisen, mehr als irgend Andre, Verachtung deS HanfenS um sie her? Bilden nicht der Betrug, der Undank, die Gewultthätigkeit, di« E'.meiuheit, das Elend ihrer Mitgeschöpfe das Lieblingsthewa der antiken Satire und Beredsamkeit? Und selbst unter ihren grosen Männer» — wir Wenige über deren Dortreslichkeit dir Geschichte nnnmwunden entscheiden darf! — wie Wenige unbefirkt selbst vom Unheil ihrer eignen Zeitgenossen! — Nor duich die allgemeine Pbilan- thrvpie, eine moderne Empfindung, wird es uus vielleicht möglich, zn der Geschichte der Vergangenheit «inen gefälligern Nachtrag zu liefern. Nur fle vermag die Verzweiflung an einem Fortschreiten des Menschengeschlechts, weiche die Geschichte sonst her« verrufen müste, zu beschwichtigen. Nur durch Zuflucht zu den Träumen der Enthusiasten für die Zukunft können wir dem Einfluß vergangener Ereignisse in uns entgegenwirken; nur durch Anklammerung an den einen oder andern dieser Träume, und durch die wenn überhaupt gegründete, mindestens durch kein Beispiel aus früherer Zeit bekräftigte Hvfnung, daß mit der wachsenden Ausbildung der Intelligenz die Menschen sich jener politischen Vollkommenheit nähern werden, die nicht blos von der Blüte der Industrie oder dem Fon schritt der Wissenschaften, nicht blos von Palästen, Straßen, Tempeln und ein Paar tönenden Namen bedingt, sondern von der grosen Masse, d. h. der Majorität des Volkes, empfunden wird — empfunden in der grösern Behaglichkeit ihres Daseins, in der Erleuchtung ihres Geistes, in der Stätigkeit ihrer Tugenden, Wirkungen die bis jezt noch nie hervorgerufen worden sind. Warum studireu wir die Geheimnisse der RegiernngSkunst, wenn wir damit blos die Lage von Oligarchien zu verbessern vermögen? wenn sie Purpur uud Paläste nur Wenigen gewährt, die rntwürdigtkn Dielen aber in jedem Staat der Mühe vnd dem Schweis, dem harten, dürren Kampf für die uakte Lebenserhaltung überlassen muß; — ihre Fähigkeiten schon in der Wiege erstikt; Fremdling« für Alles, was veredelt, verfeinert, erhebt? Soll dieser Zustand ewig dauern auf Erden, warum dann noch ringen um eine Freiheit, die doch nur Wenige gcviescn; um eine Aufklärung, die nur «in paar Lichtfunkeu in eine dichte Nacht zu werfen vermag; um eine politische Elükseligkeit, die eineu Thron stüzt, einem Triumphwagen die Rosse vorschirrt und den Worten der Redner Flügel ansezt, all diese Herrlichkeiten aber gleichwol als kleine Ausschnittchen der Welt zurüklätt, die keinen Grau aufwägen von der unendlichen Summe des menschlichen Elends? Ist Dies das ewige Los der Sterblichkeit, dann last uns unsere Bücher fchli sey und wie Auakreon mit dem Leben tändeln; last uns von Wein und Rosen träumen, und dehnen wir, da unsre ernstlichsten Bemühungen so wenig für das Wol Anderer vermögen, unsre Hofmrngeu und Genüsse nicht über den engen, sichern Kreis unsres Ichs hinaus. Blikt hin auf die Bewegung und Gährnng der jezzigen Welt. Unter welchem Vorwand kann Der, welcher in der angegebnen Beziehung dir Vergangenheit für den Spiegel der Zukunft hält, sich einem Interesse für irgend eine Sache oder ein Princip hingrben, als sofern sein eigner, unmittelbarer Dortheil davon abhäugt? Ist er gründlich und ehrlich mit der Geschichte und dem Fortschritt der Menschheit bekant, wie eitel müssen ihm die Kämpfe und Bestrebungen der Menge erscheinen! Warum macht sich das Volk ein Trugbild? Warum die Hvfnung und der Streit 101 des triumphirenden Franzosen? warum das leise, Ausbruch kündende Gemurmel durch Italiens schöne Auen? Warum muste Blut vergossen werden an der Weichsel, oder warum der Belgier in Waffen um Regierung und König hadern? Warum müht sich England um «inen Namen, ein eingebildetes Gut ab? Diese Reden, diese Pergamente, diese Versamluugen, Drohung«», Bitten des Volks, dieses Geschrei um Reform, welch ärmliche Frazze müssen sie für Den sein, der da glaubt die Masse der Menschen sei verdamt immer „Holzhauer und Wasserträger" zu bleibe»! Für sie ist es dann einerlei, ob dieses Gesez durchgeht, dieses Schiff vom Sraxel läuft, dieser Palast erbaut wird. Das glük- lichste Zusammentreffen der Umstände und des Wissens bringt für sie nur eine znverläßigere Gewisheit der Mühen. Ein Freistaat entfesselt sie" nicht von der Arbeit, noch vermehrt dieselbe ein Despotismus. So lavg die Sonne ans und uiedergeht müssen sie ihr Brod im Schweis ihres Angesichts erwerben. Ein weiser, wvl unterrichteter Mann kann daher unmöglich aufrichtigen, uneigennnzzigen Aatheil am allgemeinen Wol nehmen, wenn er nicht glaubt, Gesezze und zunehmende Aufklärung werden endlich, wenn auch langsam, einen Weg ausfindig machen, um die grose Masse den Wenigen an Behaglichkeit und Bildung mehr anzuuäheru; nicht glaubt, die Meuschenuatur sei eines Grads der Verbesserung fähig, den sie bis jrzt uoch nie erreicht bat, und 10i Verbesserung werde von der Oberfläche bis in die Tiefe des gposen Meers der Gesellschaft, über welcher der Geist schweben wird, gefühlt werden. Es ist ein ausgezeichnet lieblicher Ort, an welchem A. wohnt. Vielleicht gehört die Umgebung Londons zu den maleiischesteu Gegenden in England, und als ich neulich, in der später» Hälfte des Aprils, den stillen Hekkenweg entlang ritt, der von der Hauptstraße nach dem Landstz abbeugt, schien mir der Frühling nie auf eine lieblichere Ansicht gekachelt zu haben. Da« Jahr war wie mit einem plözlicheu Freudensprung iu seine Jugend hiueingehüpft. Kurze Zeit zuvor hatte ich denselben Weg gemacht — Alles war »och dumpf und winterlich gewesen, — der Märzwind hatte dir dürren Hckkeu und entlaubten Bäume gefegt, — die einzigen Vögel, denen ich damals begegnete, waren zwei trübselige Sperlinge mitten in der Straße gewesen, zu entkräftet um auch nur zu zirpen. Jezt aber war eine Herrlichkeit über die Erde hingezogen; die Bäume hatte jenes zarte, lebendige Grün umkleidet, auf das wir nie blikken, ohne daß eine gewisse Frische unser Herz beschleicht. Hie und da brachen dichte Blütenballe» in schweren Büscheln aus dem duftenden Hag, und der Weißdorn (wie ein mit der Perükke und den Manschetten seines Grosvaters aufgestuzter Schul» knabe) schien des entflohenen Winters durch Anlegung seinet Gewandes zu spotten. Oben, unten, rings Bulwer'« Romane. XL.VH. 8 tos umher Alles in Bewegung, in Fortgang, in Freude; die Vögel, die mir schon oft die Boten der Erde an den Himmel schienen, Träger der Anbetung und Dankbarkeit der Natnr, und mit der beredtesten aller erschaffenen Stimmen zur Vollziehung dieses Amtes begabt, - die Vögel tanzten auf jedem Zweig, ihre Musik in jedem Lüftchen. An einer Stelle wo sich die Hekke zu meiner Linken öfnete, sah ich den Fürsten der englischen Flüsse seine heitere Silberbahn dahin ziehen, und in dem Thal am jenseitigen Ufer blikten Dorf, Thurm, PLchterhaus und, in dünnerer doch immer noch zahlreicher Reihe, Sizze der Pracht und Ueppig- keit aus den wuchernden Blüten und dem lebendigen Grün, das sie umgab, hervor. Eine durchaus englische Scene; denn ich war immer der Meinung, daß das bezeichnende Merkmal einer englischen Sce- uerie kn einem gewissen Ausdruk von behaglicher Zufriedenheit liege. Ein glüklicherrs Lächeln schwebt auf dem Autliz einer englischen Landschaft, als ich es je selbst in den Ländern des Süden« gesehen; ein glüklicherrs, wenn auch minder wollüstiges Lächeln - als wäre die Natur hier mehr zu Haus. Gleich darauf gelangte ich zu der Windung der 'Gaffe, die unmittelbar auf As. Haus zuführt, und in wenigen Minuten befand ich mich vor dem Gatter. Innerhalb desselben gewiut das Gut, obwol von keiner grosen Ausdehnung, doch einen Schein von Gröft. Die Bäume sind sehr hoch und der Rasen wird durch vielfache Höhle» und Grotten unterbrochen, was dem Ganzen ein romantisches, parkartiges Ansehk gibt. Das Haus ist von einer wunderlichen, alten Bauart, weder gothisch, noch im Stil Elisabeths; es scheint in der spätern Regierungsperiode Jakobs des Ersten begonnen worden zu sei» und verschiedene Veränderungen erfahren zu haben, deren späteste in die Zeit Annas fallen dürfte. Die alten, gebräunten Bak- steine sind dicht mit Jasmin und Epheu bedekt, und das Zimmer, worin A. in der Regel seinen Tag zn« bringt, hat die Aussicht auf eine Baumgruppe, zwischen welcher, bei jedem Dnrchblik, sich kleine Büschel und Gelände von Blumen zeigen. An diesem Flek, der zwischen Gehölz und Garten die Mitte hält, fand ich den Freund, durch die Wärme und Schönheit des Tags seinen Büchern entlokt, auf einer rauhen Bank flzzen, umgeben von den zahlreichen Hunde», die er, in alle» Arten und Gestalten, in gleicher Gunst und — gleichem Müßiggang hält. „Ich habe," sagte er, indem er von diesem Gefolge sprach, „gern thierisches Leben um mich» Das reine Gefühl und Bewustsein des Daseins ist in Thieren viel gröser als in uns, ihre Freude a» Luft und Sonne so lebendig und rege, daß ich — (nach dessen Ansicht wir zu allen Dingen eine Verwandschaft fühlen würden, wollten wir «ns nur herab- laffen, alle Dinge zn bemerken) — dnrch ihren offenen 8 « 108 Sinn für angenehme Empfindungen mit einer Aufheiterung der eigenen Lebensgeister angestekt werde. Und wie beglükkend ist in der That die Empfindung de« Lebens! — welch herrliche Stille alhmen wir in der warmen Gonne ein! — welch entzükkcnde Freudigkeit in dem frischen Wind! — welche tiefe Betrachtung und Wonne in dem Schweigen der Sterncnuacht! — wie ganz würde schon die äussere Natur hiurcichen, uns selig zu machen, wären die ewigen Sorgen nicht, die wir uns selbst erschaffen. „Die Welt ist vollkommen überall, wo der Mensch nicht hinkomt mit seiner Qual." Die einsamsten Menschen hatten stets am wenigsten zu leiden." „Doch ich kehre zu unserer frühern Unterhaltung zurük. So wenige Historiker wekken lebendige Gefühle in uns, und so Wenig in der Geschichte er- muthigt uns, unsere besten Jahre an die Berichterstattung von Dingen zn verschwenden, die, au sich endlich geringfügig, dem Samler doch so viele Mühe machen, daß ich wenig Lust zur Abfassung irgend eines geschichtlichen Werks empfand. Dagegen öfnete mir die Fantasie ihre reiche Wnndcrwelt; ich kehrte zu den Empfindungen meiner Jugend zurük. Die schimmernden Schäzze der Poesie lagen «eit gedehnt vor mir, und ich wünschte ihren Besiz, wünschte ihre Vermehrung durch eigene Kraft. Es gibt ein nordisches Märchen von einem Mann, der allen Lokkungen widerstanden hatte, welche die Erde zn bieten vermochte. Da öfnete der Dämon seinem 109 Dlie die Wunder unter der Erde. Bäume blizzeud von diamantene» Früchten, Pfeiler von Gold und kostbarem Gestein, Springqnelle in millionfacher Färbung, und über das Alles hin eine strömende, herrliche Musik als Atmosphäre. Der Versucher siegte: Neid und Begierde wurden in der Brust erschaffen, die bisher ruhig gewesen. — Diese Schwäche gibt ein Eleichniß für die meimge. Ich wurde von den Werke» um mich her nicht nur bezaubert, sondern ich beneidete auch das Vntzükken welches, meiner Vorstellung nach, dir Schöpfer derselben genossen haben niurten. Ich rief wir Las innige, glui- athmende Bild zurük, welches die Stai-l tu ihrem Versuch über den Enthusiasmus von der Wonre gibt, die ein Autor uicht bei der Veröffentlichung, sondern bei der Erschaffung seines Werkes empfindet. „Hätte," rief ich, „Shakespeare dem Ruhm diesen mächtigen Tempel errichten können, ohne in eigener Person die Begeisterung zu fühlen, die seinen Altar jezt umschwebt? Muste er nicht mehr als irgend ein snderer Mensch jedes Gelächter, Las von Fallstaffs Lippe» schüttertr, jede moralische Betrachtung des melankolischrn Jacques geniesrn? Muste er nicht die fremdartige» ätherische Woaue nichtirdischer Wesen empfinden, wenn er Prosperos Insel, Kali- bau, Ariel herauf beschwor? Muste er uicht von eiuem leichtern, zärkero Eatzükken, einer feinern, volleren Empfindung, als irgend «me der harte» Eidenfreuden einzuflösen vermag, berauscht seiu, als 110 seine Fantasie im sommerlichen Mittag mit Titania unter den grünen Zweigen weilte und dem vom Blu» menknß bethautcu Elfenreigen zusal, ? Und war kein Genuß für ihn in den dunkeln, gespenstischen Schaudern, mit welchen er die unheimlichen Drei, „so «ingeschrnmpft, so wild in ihrer Tracht" anrief, die Makbeths blutiges Geschik durch Voraussagung desselben erschufen? Weit entkernt von der Ansicht, daß bas Genie zur Trauer und Niedergeschlagenheit geneigt sei, schien mir lebendige Empfänglichkeit für die Freude eine Lebensbedingung des Genies. Derv Dichter in Prosa wie in Versen — der Schöpfer — ^ kann seine Bilder nur in dem Derhältniß mit Kraft hervortrcten lassen, als er sie selbst lebhaft empfunden, feurig fortgenährt und lange in sich herumgetragen hat. Nun aber spiegeln die meisten Schriften, welche sich bleibend in der Welt erhalten, weit eher die Hellen, als die dunkeln Farben des GemLths zurük! Homer, Virgil, Ariost, Voltaire, Göthe, Cervantes, und, auf vielleicht niedrigerer Stufe, Scott, Fiel- ding, Le Sage, Meliere — welche heitere, gesunde Freudigkeit, ja welch frischer, kräftiger Lebensdrang trit in Allen deutlich hervor! Mit sehr verkehrtem Urtheil haben sich Einige an die wenigen Ausnahmen «on der Regel gehalten und versichern wollen, die Düsterkeit eines Byron, die kränkliche Reizbarkeit -eines Rousseau seien Abzeichen, nicht einzelner Individuen, sondern der ganzen Gattung! Ja selbst im Temperament dieser Individuen würden wir meiner 111 Ansicht nach, wäre uni genauere Prüfung ver- gönt, eine bedeutend vorherrschende Genußfähigkeit rotdekken, die ihnen ihren Gram zu einer Schwelgerei machte. Wer weiß ob Rousseau, wenn er seine „Träumereien" hin warf, oder Byron, wenn er Child Harolds Pilgsrbahn abstekte, die Herrlichkeit seines Werkes nicht i» weit stärkerem Grad empfand, als den Schmerz den es verewigen sollte? Müssen sie nicht durch die Schönheit ihrer Ideen, die Melodie ihrer Klagen, die Wunder ihrer Kunst mit einer fast göttlichen Seligkeit erfüllt worden-sein? Vielleicht fänden wir» daß Rousseau im Genuß seiner jugendlichen Fußwanderungen endlich kein tieferes, wenn auch ein lebendiger gefärbtes Vergnügen empfand, alt wenn er in seinen alten Tagen und seinem verfinsterten aber geistervollen Gcmuth die Einsamkeit mit vermeintlichen Feinden füllte und das Echo selbstrrschaffeuer Leiden von dem geliebten See wie- dertöneu ließ." „So hegte ich denn den falschen oder richtigen Glauben, daß ich durch Anbau meiner Fantasie mein Glnk anbaoen würde. Ich beneidete nicht so sehr den Ruhm der Stimmführer in der Literatur, alt den Genuß, den sie bei Erwerbung desselben empfunden haben mutten. Vielleicht die gehofte Schwelgerei wäre mir wirklich zu Thcil geworden, aber meine Lehrzeit wurde plözlich unterbrochen. Als ich an einem schönen Junitag allein in meinem Zimmer saß wekte mich aus meinen Träumen auf Einmal ei» 11 » scharfer Stich in der Brust» der mit einer vorübergehenden Bewustlvflgkeit endigte. Die Sache beunruhigte mich eia wenig, doch dachte ich frische Luft würde mich Herstellen. Ich ging aus und erstieg einen kleinen Hügel hinter der Wohnung. Da meine Aufmerksamkeit jezt auf mich selbst gerichtet war, so wachte ich nicht ohne Schrekken die Bemerkung, daß mein Athcm so schwer ging, daß ich beim Anfsteigeu einigemal anhalreu mutte. Ein leiser, kurzer Husten, den ich früher nicht beachtet, schien mir jezt eine Mahnung, der ich nachzukommen hätte. Als ich an jenem Abend seit mehreren Wochen zum erstenmal mit etwas gröserer Genauigkeit in den Spiegel sah, bemerkte ich daß meine Betrachtungen durch den Wechsel in meinem Aeusseru bekräftigt wurden. Meine Wange« waren eingefallen und mitten in ihrer Bläffe entdeckte ich jenen hektischen Flek, dessen Zeichen nie trügt. Ich sah daß meine Tage gezält waren, und legte mich mit dem Entschluß zu Bett, mich auf den Tod vorzubereiten. Als ich am folgenden Morgen beim Ueberblik meiner zerstreuten Papiere die groseo Entwürfe, die ich au- gefaugen, vor mir schaute und mich der laugen, tiefen Ansprache all meiner Geiste«fähigkeiten erinnerte, welche dlos dieser Anfang erfodert hatte, ward ich von einer Art Verzweiflung ergriffen. Offenbar koute ich etwas Groses jezt nicht mehr unternehmen, und Kleinigkeiten — sollten diese den Geist Dessen beschäftigen, der bereits das Grab im Aug hatte? Es gab blos Eine Antwort auf diese Frage. Ich warf meine Fragmente ins Feuer, und nun kam wirklich eine Niedergeschlagenheit über mich, wie ich fle bisher nie empfanden. Ich sah mich in der Lage eines Menschen, der nach vielen Mühen in der Welt endlich eine» friedlichen Winkel gefunden, ein Hau« gebaut hat, und nun im Augenblik, wo er zu seinem Herzen sagt: ,,jezt soll Dirs gut werden," sich hinweggerufcn sieht. Ich hatte ein Ziel gefunden — eS ward mir entrissen, mein Stab war gebrochen, und es blieb mir blos noch, mich ins Grab zu schleppe», ohne die Peinlichkeit des Wegs durch irgend ein Linderungsmittel mildern zu können. Nach keinem ärmlichen Gegenstand hatk' ich gezielt, hatte meine Bestrebungen nicht zum Staub und Schmuz der gewöhnlichen Menschenwünsche herabgcbeugt, hatte di« Freuden meines Daseins auf diese einzige kühne H-fnuug begrenzt, ohne dieselbe auf der schwanken Grundlage jugendlicher Unerfahrenheit auf« zuführen; — hatte gelernt', gedacht, gearbeitet, «h ich zu erschaffen wagte. Und jezt gähnte zwischen mir uud der Erfüllung meiner Entwürfe, der ich so mühsam zugestrebt, und zu welcher ich als einer nicht unverdienten Belohnung empor geschaut, die Kluft der Ewigkeit. Es war mir, als sei ich verkamt aus dem Leben zu scheiden im Mvment, wo ich dem Leben seine» Zwek gefunden hatte. In diesen Gedanken lag eine Bitterkeit, der sich nicht leicht begegnen ließ. Umsonst sprach ich zu meiner 114 Seele: „Warum grämst Du Dich? der Tod selbst schrekt Dich nicht- und was kann Dir endlich das stolzeste Ziel des Lebens Besseres bringen als Ruhe?" - Zvlezt jedoch lernen wir unser Schiksal durch genaue Untersuchung desselben ertragen: Kein Schmerz, der nicht durch festen Entschluß über» wältigt werden könte. Als ich mich denn so von Tag zu Tag hinfälliger werden sah, wandt ich mich jenen erhebendem, minder irdischen Betrachtungen zu, die uns gleichsam Flügel geben, wenn die Füße nns^ versagen. Sie sind mir thenrer geworden, als die Träume, die ihnen vorher gingen, und sie flüstern mir von einer Hellern Unsterblichkeit, als derjenigen des Ruhmes." Don dieser Zeit an sah ich A. täglich, denn seine Krankheit nahm rasch zu, und ich mochte nicht gern einen Stral der Sonne verlieren, die so bald untergeben sollte. Täglich ward er restgnirter in sein Schiksal; doch kann ich nicht längnen, daß es Momente gab, wo sein alter Ehrgeiz von Neuem vorbrechen wollte, — wenn die Welt um ihn her last wurde, wenn Thatkraft, Unternehmung hell an sein Herz sprachen; Momente, wo er fort zu leben wünschte und die tiefe Ruhe des Grabes ihm kalt und vorzeitig dünkte. „Ich erinnere mich," sagte er einet Abends, als wir im Gespräch in seinem Acbeitzimmer saßen, der Sopha vorgerükt, die Vorhänge niedergelassen, der IIS Tisch vor uns gesezt, und dir stillen Vorbereitungen für die Nacht gemacht waren — „ich erinnere mich, von den lezten Stunden eines alten Bekanten gehört zu haben, eines Rechtsgelehrten, der eben angefangen hatte, einen bedcntenden Ruf in seiner Amts- thätigkeit zu erlangen. Er war ein entschlossener, fester, entwürfevoller, ehrgeiziger Maun, der in der Blüte des Lebens von einer plözlichen Krankheit ergriffen wurde; der kalte Brand erfolgte; es blieb keine Hofnung; er sah noch sechs bis sieben Stunden Lebens vor sich, und nicht mehr. Er hatte vollkommenes Dewustsein über sein Schiksal, aber durchaus keine Ergebung in dasselbe. „Kommen Sie her," sprach er zu dem Arzt, und hielt ihm de» Arm hin (er war ein Mann von ausgezeichneter Körprrstärke); „fühlen Sie diese Muskeln; sie sind nicht durch Krankheit zerstört; noch in diesem Augeu- blik steh' ich in der vollen Mannrskraft, und Sie sagen mir, ich müsse sterben." Er knirschte mit den Zähnen. „Hören Eie, ich ergebe mich darein nicht; ich will mit diesem Feind kämpfen." Damit richtete er sich auf, ließ Speis' und Weiu bringen, und starb unter demselben wilden Widerstand und grimmigen Ringen, das er in einer Schlacht einem körperlichen, greifbaren Feind entgegen gesezt haben würde. Vermögen Sie sich in seine Empfindungen zu vrrsezzen? Ich vermag es vollkommen. Ja," fügte A. nach einer kurzen Pause hinzu: „ich muß es mit tiefem Dank erkennen, daß mein Gemüth 1t« durch die allmälige Abnahme meiner körperlifflen Kräfte mit dem Unvermeidlichen versöhnt wurde; der Geist wird nicht plözlich und gewaltsam an« seiner Behausung geworfen, sondern dal Hau« selbst wird gebrechlich und der Bewohner hat Zeit sich für ein andere« vorzubereiken. Wen« ich indessen Euch Andere in kräftiger Lebensfülle um mich sehe, ist mir wie einem Menschen zu Math, der mitten ans einem Weg, in dessen schönste Umgebung er erst komme» soll, aufgehalten wird. Doch da« sind keine Gedanken, Lenen ich nachhäugen darf, und fände ich einen besser» Stoff um denselben zu entgehen, al« in einer Unterhaltung mit Ihnen über da« Gedicht hier, da«, so düster und einförmig es uns in der Fülle de« Leben« erscheint, doch unter allen moderne» Werken Denjenigen den heiligsten Trost bietet, für welche die Gegenstände des Leben« kein Iatereffe mehr haben sollen. B. Sie meinen Uonng« Nachtgedanken? Ja, diese« merkwürdige Gedicht, da« so viele Käufer und so wenige Beurtheilcr aufweisen kann, ist einer Besprechung werth, besonder« wenn wir die Zeit seiner Erscheinung und die Poesie, welche ihm uach- folgte, in Erwägung ziehen. A. Es -ist auffallend, welch groser Unterschied in der englischen Poesie de« vorigen Jahrhundert« vorwaltct, je nachdem sie sich der reimlosen oder der gereimten Bersart zum Mittel ihrer Darstellung bedient. In der gereimten Dichtart war der Ton entschieden franzSstrend und gekünstelt»- Glätte, Eleganz, epigrammatische Spizzung sind ihre Haupt» Merkmale; in den reimlosen Jamben dagegen, jener edeln von Surrey eingefnhrlea und von Shakespeare vervvllkomneten Dersart, scheint der alte Geist der englischen Porste hartnäkkig und entschlossen Stand gehalten zu haben. Im nämlichen Jahr, wo Pope die Dnnziade herausgab, erschien der „Sommer" von Thomson. Zwei Jahre früher, 1716, war als Erstling der Jahrszeiten der Winter zu dem Schaz der englischen Porste gefügt worden, anfänglich unbemerkt, bald aber durch Whatekey, vielleicht den besten Kritiker, hervorgehoben und durch seine Bewunderung derjenigen des grösern Haufens empfolen. Die Jahrszeiten sind ein durchaus nationales, durchaus englisches Gedicht, wobei jedoch Thomson so wenig als irgend ein englischer Dichter grosen Namens der Affektation, antiken Vorbildern nachzu- haschen, gänzlich entging. Wirklich findet stch diese Künstelei selbst unter denjenigen Dichtern, welche den nationellen Karakter am reinsten in stch tragen, gar nicht selten. Nikolas Grimoald, nach Surre» der zweite englische Dichter in reimlosen Versen, — eben so wol Uebersezzer als selbstschaffender Genius — ist rin merkwürdiges Beispiel dieses Vereins von englischem Geist mit lateinischer Schule. So folgen in seinem Gedicht auf die Freundschaft nach den Seilen: 1t8 Unter alle» Himmelsgaben, die ein sterblich Herz begehrt. Welcher Schaz ist gleich zu achten einem Freund an stcherm Werth? Jugeudkraft ist bald zerfallen, irdisch Tut ist leicht und schwach. Oft zerbrach die Macht des Starken, oft erlitt die Ehre Schmach *). gleich auf diese Zeilen, sag ich, folgen Beziehungen auf Scipio und Lälius, Cicero und Attikus;. und beiläufig werden Theseus und Pirithous, oder, wie er leztern Name» abzukürzen beliebt, Pirith, zum Vehikel eine« jener schlauen Seitenhiebe wunderlicher Satire gemacht, welche die alten Dichter so gern anbrachten: Theseus stieg zur Höll' hinab. Sucht« seinen Freund Pirith, Ach daß «in Weib zu unsrer Zeit Für den Mann that' solchen Schritt **)! *) Ok all ll,o desvonl/ gilt; tliat inortal men commeoil, >VIiat lruit^ lresrure in tlie rvorlcl can counter- veil a krionä? Our Iwaltli i, roon clecs^'ä, xoocls cssual^ liglit ancl vsin, Lrol^e Iiave rre seon tke korce ok poreer anst lionour sulkers etain» ") Horen 'Hieseus vvent to hell, kiritli, iiis kriencl, to Lncl; Oli r/mr r/,s viue», ln t/r«re our le i/ielr mater aa IIS Die Anmuth und Eleganz von Elisabeths Zeit, alter half dieser Verkehrtheit deS GeschmakS nicht ab; Christenthnm und griechische Götterlehre, irrendes Nitterthum und StoiciSmus, golhische Eigenschaften und römische Namen, Alles vereint sich zum übermnthigstrn Hohn gegen den gesunden Menschenverstand. *) Die Arkadia des so feinen Siducy (ein Gedicht, sofern auch der Telemach ein Gedicht genant wurde) ist das grotcSkeste all dieser poetischen Zn dieser Hinsicht macht Tick nachstehende Bemerkung zu den Worten der Frau Page (in den tust. Weid. ». Winds.): „„lieber möcht' ich eine Riesln sein und «ater dem Berg Pelion liegen:"" „So viel auch bei «ns Deutschen und den Engländern in neuern Zeiten gelesen wird, würde mau es doch unnatürlich nennen müssen, wenn «in Dichter eine einfache Vürgersrau so gelehrt wollte sprechen lassen, wie es hier geschieht, und wie anderswo Shakespeare und seine Zeitgenossen jüngere und ältere Frauen mit Anspielungen aus Fabel «nt Mythologie reden lassen. Die Engländer haben es auch oft, aber ohne hinreichende« Grund, getadelt. Denn mau muß nicht vergessen, daß bei allen Feierlichkeiten und Auszügen in den Städten und auf dem Lande, in den gelesenen Romanen, in Komödien, Puppenspielen immerdar der Stoff oder einzeln« Figuren auS der Mythologie entlehnt waren. Die Anspielungen waren daher verständlich, und Vieles was jezt selbst dem Halbwissenden dunkel sein mag, sprichwörtlich geworden." iro Architektnrgemenge; Shakespeare entgeht der allgemeinen Sucht nicht; Marlowe stürzt sich hinein; Ben Jonson mir all seiner tiefen Gelehrsamkeit und seinem gewiß korrekten Geschmak schildert seine eigene Zeit sehr getreu, bedckt das Kostüm aber mit römischen Juwelen. Als Geschmak pflanzte sich di« Sache fort; die Heiligkeit von Miltsns Gegenstand und die Strenge der religiösen Sekre, welcher er ange- hörtr, vermochten von seinen ehrwürdigen Blättern „Osiris, Isis, Horns und ihr Volk" nicht ausznschlieseu. Den antiken Göttern werden ihre Sizze in der modernen Hölle zugewiesen: „Des Himmels Erstgeborner, Titan, ward Mit seiner Riesenbrnt und seinem Recht Vom jüngeren Saturn gefesselt, der Vom mächt'gern Sohn das gleiche Los erfuhr - So herrschte JeuS, ein Throiienräuber, erst Aus Kretas Id», dann ans kaltem Haupt Des schneeige» Olymps!" Selbst in dem hebräischen Paradies „Führt Vater Pa» Mit Horen und mir «Srazien im Tanz De» ew'gen Frühling au." Der höchste Ausdrnk für die Schönheit in Raphaels Erschenuug lautet: „Er stand gleich Majas Sohn." Und der Ewige selbst borgt Homers Wagschalen, um in dem Kampf zwischen Eatan und Engel den Ausschlag zu geben: iri ,,Di« goldne Wag« schwebt noch jezt Inmitten des Skorpions und der Asträa." Selbst die eleganten Schöngeister unter Karl H legen den anererbten Anstrich nicht ab. Sedleys Huldinneir sind lauter Urania's und Phylliffe. Bald borgt er eine Marnne von Lykophron und bald versichert er uns in einem seiner niedlichsten Lieder: Dem Amor blieb stets was vom Meer, Dem sein« Mutier einst entstieg. Dryden, dessen Vorzug sonst nicht in der Reinheit seines Geschmakkes liegt, obgleich seine prosaischen Schriften beweisen, daß er die Theorie wol kante während er die Praris vernachlässigte, zeigt weniger mühsam« Antiquität und ungehörige Mvthologie, als man wol erwarten dürfte; ^wie denn überhaupt die poetische Schule von seiner Zeit an sich nach durchdachteren Giundsäzzen an die Nachahmung antiker Muster hielt und eben deshalb mit dem antiken Brigemisch sparsamer verfuhr. Pope ist der am meisten römische — vbwol am mindesten griechische — von all'» englischen Dichtern, und dennoch verlezter durch seinen Romanismus am mindesten. Dies Alles sei zum Beweis angeführt» daß wenn wir in denjenigen Dichtern des vorigen Jahrhunderts, die ich mir die Freiheit nehme vorzugsweise englisch zu nennen, vieles Entlehnte, ängstlich Entlehnte finden, wir dieses Fehlers halber sie nicht für minder national halten dürfen; ja daß im Gegrntheil eben jene Fertigkeit sich Fremdes anzueignen, eben Bulwer'S Romane. XH.VH. 9 122 jenes Streben dem ihnen vorliegenden Gegenstand die wideistrebenden Zurate eines von der Heimat gänzlich abweichenden Landes beizumcngen, beinah ein Beleg von der Tiefe ist, womit sie der Geist ihrer volksgerechtesten Vorgänger durchdrungen harre. Zn den Hauptmerkmalen der englischen Poesie gehören grvse Treue und Genauigkeit in ländlichen Gemälde»; — eine tiefe Schwermut- in der moralischen Weltansicht, verbunden mit einer starken, geistreichen Fähigkeit die Süßigkeiten des Lebens in eben dem Grad zu genieseu, wie über seine Bitterkeiten zu trauern; — eine reiche Fülle, ein kühner Muth des bildlichen Ausdruks und eine wunderliche Neigung zu plözlichrm Wechsel in Gedanken und Sprache, so daß Epigrammatisches und Erhabenes, Spashaftes und Ernstes, Feierliches und Komisches sich oft in der sonderbarsten und überraschendsten Nebeneinander- strllung beisammen finden. Der höchstmögliche Ge- gensaz mit der strengen Einfachheit der echt antiken Schule, der sein Wwderbild blos zufällig und blos in diesem Punkt in der italienischen findet! Um die Mitte de« vorigen Jahrhunderts sind Akenfide, Thomson und Aoung die drei grösten Dichter in der reimlosen Versart. Von diesen Dreien möchte wol der Leztere am meisten von engliichem Geist durchdrungen sein; jedoch besizzen, mit Ausnahme jenes eben erwähnten Hangs zur Vereinigung von Gegensäzzen, auch die beiden Ersten die grosen Züge ihres Nativnalstammes. Popes Hirtengedichte wurden in einem so jugendlichen Alter verlast, dag es unbillig wäre, sie mit ThomsonS Jahrszeitcn in Vergleichung zu bringen, hätten sich Pope« ländliche Befchre bungen später je dem Geist und der Anlage nach in dem Verhältniß umgeändert, worin er dem korrekten Ohr seine» jüngeru Jahre die Kühnheit der Wendungen, den seinen Geschmak, das unvergleichliche Salz und selbst (Zeuge sei sein Prolog zum Kalo) de» Adel der Gedanken und die Erhabenheit der Bilder beifügte, welche die Poesie seiner reifer» Jahre schmükken; allein so sehr sich Pope in jeder andern Beziehung verbesserte, blieb doch seine Idee von landschaftlichen Gemälden stets beinahe dieselbe, d. h. so beschränkt als möglich. Und dieses persönliche Gebrechen blieb auch das Gebrechen seiner ganzen Schule — das hervonreteude Gebrechen der französischen Schule bis auf diesen Tag. Hat sich Pope den Herbst zur Jahreszeit eines kleinen Hirtengedichts auserlesen, so wählt er sich den „ton- vollen Hylas" zn seinem Sänger, und nachdem er uns erst gesagt: Zur milden Ruh sank Phöbus Angesicht Und flok'ge Wolken säumte Purpurlicht wird weiter berichtet, der tonvolle Hylas Eutlvkt den Felsen und den Berge» Zäbren. Schon bellt Arktur die hochg-schoßnen Aehren; Vom schweren Zweig scheint goldner Früchte Glut, Die Traube schnullt von Weines holder Flut, 9 * 124 Durch gelbes Laub die Beere rosig greifen: Soll nur der Liebe nie Erwiedrung reifen? *) Diese Zeilen sind sehr geglättet und flir das Alter, in welchem sie verfast wurden, zum Verwundern korrekt. Sie können es vielleicht mir jeder Stelle in Delille's ,,Gärten" aulnehmen, aber von englischer Poesie ist keine Spur darin. Thomson würde sie in keinem Alter geschrieben, Pope aber sie nur noch mehr polirt haben, hätte er sie zur Zeit verfast, als er die Duuziade heransgab, d. h. wie gesagt, in demselben Jahr, als Thomson den „Sommer" erscheinen ließ. Der Verfasser der Jahreszeiten begint seinen Herbst also: ^ Weil mit der Sichel und der Waizengarbe Der Herbst jezt nikkeud ob der gelben Flur Sich lustig naht » » » » * * * * hängt drunten breit und braun Die weite Saat das überschwer? Haupt. Reich, schweigend, tief — so steht sie! den» kein Hauch Rollt ihre leichten Wellen durch das Feld: — Di« Ruh der Fülle; — bis die Luft jezt säuselnd *) ll?auglit roeirs to rree)> snll malle the mouutsius groan. kiorr hoi^Iit ^.returns glalls ehe teeminA graia, diore goillen kouiis ou ioallell boanelaes »lilne, Ha>ll o-arekul elusteos srreli wird üoolls os reine) Rorr hsu^Iiing derries ^»lnt llie gellere grcoe: lluat golls! sliall all tlii»»» ^ielll returus Hut leve? 1L5 Aus ihrem Gleichpunkt fällt und weht im Zug. Zerrissen ist des Himmels vlies'ger Mantel, Verschieden flieh'n die Wolken und die Sonne Beglänft in Hellen Stößen jach das Feld, Und schwarz in Stößen schweben Schatten hin. Ein freudig, buntes, herzerwciternd Bild, Denn wo das Auge kreisend um sich greift Steht endlos wogend ein« Flut »,vn Korn. *) Wordsworth stellt die Natur nicht getreuer dar. Thomson sagt von den Herbstnebelu: Weit gedehnt Verschlingt die riesige Dämm'rung leis das Feld; Der Wald verschwand; im Duusilicht scheint der Strom Verdrossen, trüg di« qualm'ge Flut zu rollen. Selbst auf der Mittagshöh bedrükt, erglänzt Die Sonn» matt ...... .Undeutlich auf der Srde Durch schwülst'g« Luft gesehen wird der Dinge Gestalt zum Unmaß und ein Riese schreitet Der Schäfer durch die Hai»e — bis zulezt. Trüb umgewirbelt, stets in tieseru Kreisen Der Nebel nach und nach in festem Schluß *) Lioeen'st Vkitli rlie siegle anst tlre velieiNen sl>e»s, VViiile autnwn noeielinA o'er ll>e ^eilore plain, Lowes zorist on " * * »-*»»»** * * * l>ro»ä, brovrn, delon- Is.rtensive Iiarvests Iisno llle lleael, Li/ent, e/eez>, t/ie^ st»,!-// sor not Legale kolls >;» Ugllt hillorrs o'er rlie denstinF s>!»in, ^ eu/,n o/° / etc. irs Sich ans die Welt legt und ein dicht Gemeng In formlos grauem Chaos Alles d-kt. *) Das ist Beschreibung! — und Das ist national — ist englisch! lrvz Dem, daß es der Tweed war „Deß Hirtenstrand sein dorisch Rohr vernahm," Wi-derum englisch ist jene Neigung sich vom Ernsten zum Niedrigen herabzu'aften, die bei Thomson weniger oorkoml als bei Uonng. Ein Fucht- jägersgelag, sezt glühend an Anm ernsten Trunk » * » * * * droben wirr Von Gläsern, Flaschen, Pfeif' n»d Zeitnngsdlatt, Als ob di« Tafel seldst betrunken war'. Liegt »aß ein Trümmerbil», und drunten weit *) LasisncllNA ksr Ilio lrnAS llnslr Arsclasl srvsllorvs Ns> tlre s>Iain, Vsnislr'ch tlre voosts-llrs cliin seou river seems 8nllen »ncl slorr to roll tlre oaist^ Leen in tlie IreiAlit os nooa op^rcst, tlre sun 8Irecls rreslt.. .Instisiinct on esrtlr 8ecn tlrrou^Ir tlie tninicl nie, betonst tlre Ille Olr^eots as>s>esr, sncl eeililer'rl o'er rire resste Tire «I>e>>!,er>l vrsllr» ^iAsnlio-tili st Isst Wrestliest stun sronnst,'in steeper eiroles still 8ncoessive, elosin^ sils tlie gensrsl to^ Lnlrounstest o'er tlre rvorlst, snst, irriu^lioß tliielr, X tormles» Arezr oonkusion eovers all. 1S7 Gehäuft des Festes Leiche», weil gespreizt Des Schlemmers Kraft in schmuz'gem Siege prahlt. Vielleicht ein Dokior schrekenvolle» Wanst s. Furchtbar und tief, ein schwarzer Weine s- abgrnnd, Strekt All« nieder. * *) Dir» sind Stellen, die in der Art wie sie das Ernste mit dem Burlesken vermischen, bei einem Gedicht gleichen Inhalts schwerlich in irgend einer andern Sprache gefunden würden, und wirklich unterscheidet sich der Geist, welcher in diesen reimlosen Verleu weht, gänzlich von demjenigen, der in den g-reimten Dichtungsarten jener Zeit herrschte. Jene dnrchhauchk Leben, Handlung, frische Luft, ein beschaulicher Abeadspaziergang in den Feldern oder NachtS der trauliche Kamin. Der Geist des Reims dagegen wohnte in London, plauderte mit Hofleuten, liebte und wizzelte in Einem Athen,, schwazte von grünen Fluren in einem staubigen Kabinet, und *) 8et arüent in kor serious ürinlring * * * » » » » * . » » * * * conkusest »Hove Llasses soll botties, sii^es snü garelteers, s^s if liie tsdle even irselt was rlrunlr, kie s wer drolren scene, .inst wirle delow 1s liea^i'll ,l,e sooial slattjchler, wliere usrriüs klie I»l>der siower in lilftr)^ rrium>il> sits. . , elo. keilia^is snme üocror of tremenc/ous ^wkul ar>ü <1ees>, a klaclr sd^ss ok «irinlr, Ourlives rliem all! 1S8 wandelte nie ohne Perükkc und Degen in die Druk» krrp-effe. Die Jahrszeiten wurden im Zabr 17-0 vollendet. Vierzehn Jahre sväter erschienen AkensideS ,,Ar-uden der Fantasie" (pleasnres oklmsginsti'on); eingrosarti- ge« Gedickt; aber Akcnlide's Gemülhsrichkung, seine Pedanterie und Steilheit pasten nickt zu dem erwählten Stoff. Sein Werk ist in unendlichem Grad zu schulmäßig und kan» io keiner Hinsicht Uoangs oder Thomson« Schösslingen an die Seit« gestellt werden. Weichwol findet man, weun man seine reimlosen Verse mit seinen eigenen gereimten oder mit denjenigen in Johnson« London (rat seck« oder sieben Jahre früher erschien) vergleicht, die nationale Weise her- vortretender, freier i» jenen als in diesen. Johnson sei hier ausdrnklich erwähnt, weil der Genius beider Echriftstcllir scholastisch und didaktisch war. Beide entnehmen ihre Gedanken den Alten — der Eine kopirte den Jnvenal, der Andere holte seine Bilder au» Lukrez. Die nachfolgenden Stellen sind ganz in antikem Geist gehalten; allein die eine gehört der alienglischen Act antiklsirender Beschreibung an, ist von Spenser und M>ltvn durchhaucht; die ankere der antinationalen , nen-n, geborgte,», verwa ckenen antiken Be>chretbnng, welche da« Niedrige der Alten ohne ihre shülle stiehlt. D>e eine niml das Kleid, die anrre die Jnwelen. Also Johnson: Begnügst v» Dich von Park und Spiel getreut Am schönen Saum des Severn oder Trent, So findst Du D>r wol einen Ruhst; aus, Wol eines feile» Slaalsnianns ödes Laus, Und kaufst den Anbllk auf ein lächelnd Land Um Mindres als ein Kerkeiloch am Strand. Brich Wege, richte Blum>n aus vom Staube Leit' Bäche, winde Acste Dir zum Laube, Und weil Dein Boden beut ein nüchtern Mal Veracht' des Gönners seilen S.'eiscsaal; Vom Liede der Natur erklingt hier jed-r Strauch, Gesundheit schwebt in jedes Lüftchens Hauch, Auf jede Stunde lächelt Sicherneit, Beglükt des Abends Lust, des Morgens Mübezeit.*) Nun zu Akeustde. Er ist in eine Apostrophe au die Schönheit auegebrochen (der Jodnson wlirn' es die Denn« gewesen sein!) und nachdem er gefragt, ob sie, Des Herbst- Gesellin, zu atlant'schen Inseln eutst'eaeu wolle, fügt er hinzu: *) Loulstst liioir resign llie parle allst pla)l, content, kor llle fair llanilS os 8averu or <>s front; liiere miglilst llion Lust some elegant retreat, 8ome iiirelinß Senators steseriest seat, ^nst sirelcii lil^ prospeel» o'er tlle smiling laust loriess lllau reut tlle stungeons ot >Iiv 8traust; Allere prune liiv vrallts, supporl lii^ stropping storvers, Oireet liizl rivuiets, allst lvrine ti>)- Iiorrers, ^nst vilile :!>)> grouusts a elleap repast aüorst, Despiso tlle stainlies os s vonal lorst. Ulere ever^ husli «illl nalure's miisic ring«, 'Hiere ererz, il'eere Ilears Ileallii »pon ils viugs: On »!I tilz- Iiours seeuri t^ silail smile, sollst die«! tiliue rveuing rrallt anst moruing toil. 1Zl> Willst du den Wanderflügel lieber senken Wo gleitend durch der Tochter holde Schatten Peneus mild in der kristallnen Flut DeS rosigen TemxeS Li-blichteiten spiegelt? Reizvolles T-mxe, Lust der MaldeSmächte, Der Faun' und Nymphen, wo in goldner'Zeit Sie heimlich spielten an dem scbatt'gen Saum Mit Vater Pan, weil ihrem Chor chritt ringS Die junge» Stunden und die freud'gen Lüste Mit ew'aen Händen Blüt' und Düfte streuten, AmbroS'schen Thau und sel'ge LenzeSblumeNr Hier ist Alles klassisch — antik — griechisch j eS könte eine Uebersezziing aus EnripideS sein. Wie verschieden daS Leben in diesen Versen von der kalten Erwekkunz »rokkenen Gebeins bei Johnson! Johnson, der die schönen Balladen, die de» Keim zu allem Lebendigen und Edeln in der englischen Poesie in sich tragen, verachtete, vermochte freilich den Unterschied zwischen dem echt Antiken und seiner Arazze nicht zu begreifen. Beide Dichter haben ihre Urnen au» BlandusiaS Quell gefüllt, aber daS Gefäß deS Einen ist eine errurtsGe Vase, daS des Andern ein irdener Krauktopf von Fleet-Street. Nach diesem Rük - und Seirenblik auf di« englische Literatur gehen wir ausführlicher z» Äsung über, einem Mann, den die GroSartigkeit seiner Gedanken, die Erhabenheit seiner Sprache, die wunderbare Macht ganze Bücher in eine ei zige Zeile zusammen zu drängen, unserer Meinung nach weit über de» Bereich >einer sämtlichenZeilgenoffen hwauS- steken und ihn befähigen, die eigenthnmlicheu Vorzüge der Prosa und Poesie zu vereinigen und zu ihrem höchsten Auedruk zu bringen; — ihn befähigen bald in der Königsprachk seiner Bilder ein n Milton, dach in dem «hrnen Griff seines Verstandes einen Turnus zu erreichen. In Uoungs Gemüth scheint eine anfallende Tendenz zum Ehrgeiz gelegen zu haben; mindestens denken seine Poesie wie sein Lebe» in gleichem Grad auf jenen hohen Flug des Verlangens und jenes Streben nach Effekt, das wir beim Künstler wie beim Menschen ehrgeizig nennen, und es gehört zu den Knriosis in der Gelrkrrciigeschjchte, daß der strenge Uonng unter den Anspicien jenes lüderliche» Auswürflings aller öffentlichen und persönlichen Moral, Philipps, Herzogs von Wdarkon, P in dar Parlament zu kommen suchte. Wäre-Dies gelungen, welche Verschiedenheit dürfte es nicht nur in DonngS Leben, sondern auch in seinem Karakter zur Koiqe gehabt haben! Et ist nicht verbrieft, daß der gröste aller theologischen Dichter (weder Milton noch Da t« sind wirklich theologische Dichter, obwol sie oft so Kenant werden,) nicht in jener verderbten, schachernden Periode der parlamentarischen Geschichte ein kriechender Gläksrirrcr oder rin ränkevollec Srellen- hascher geworden wäre. Mindestens ist diese Annahme nicht hart, wenn man auf sein späteres reden bllkr und seine Umtriebe um kirchliche Beförderung P Dergl. Devereur. 4 Dbchu, S. 115. 13S betrachtet; und so dürfte wol die Hälfte der erhabenen Echweimulh des Dichters auf die Unzufriedenheit des W-ttmanuS kommeu. Die e> habende Gesinnung, da» vollste Gemüth, die inbrünstigst« Andacht reichen nicht immer zur Verschenchung jener ärmlichen, kleinlichen Gefühle hin, die sich, in unserem künstlichen Zustand der Gesellschaft, au da« Herz klammern und oft die niedrigen Ursachen der herrlichsten Leistungen de« Genius sind. Die Kränkung eines selbstsüchtigen Ehrgeizes rief Swifts Gulliver hervor, urd es ist nicht unmöglich, daß die nämliche Ursache AonugS D-rsen eine so dunkle Farbe anldrnkte. Eine kränkelnde Unzufriedenheit, eine Schwäche der Konstitution hauchte ilne Nacht in Johnson« RaffelaS und Byron« Chrlde Harold. Flicht der Dichter vor einem von der Welt ihm zugebrachten Gram zu seiner tröstenden Kunst, so weiß er nicht, aus welch jämmerlichem Boden die ihn begeisternde Trauer nur zu oft anfichiest. Kurz, die Quellen der Inspiration sind so wunderlich und zulämmengesezt, die Schlotten und das Gold so vollständig und fein mit einander gemischt, daß, eine so eigene Lust für den Metaphysiker es auch gewähren möchte, hier Gutes und Böses zu analvsirtN, zu wägen und zu sichten, ein solches Unternehmen doch nicht eben weise für uns wäre. Mögen u»sre Seelen die tiefen Gedanken, die erhabene» Verse Lukrezens schlürfen, ohne zu fragen, welcher Theil davon auf den Zanbertrank und welcher ans das Genie komme. irr Bei den Alten wendet sich die Betrachtung der Dichter in der Regel einem heitern Ergebnis; zu, und sucht eine rptkmäsiwe Moral zu gewinnen; ihre Trauer ist mild, n'chi daster, und erhellt sich meistens gegen den Schluß zu: Viua lingnes et spst'o drevi 8pem longam reseoes; stum loguimne fngerit invlsts ^elss; csrsie stiem ^uam Minimum crestula pozrero, Gentese die Gegenwart und vergiß die Zukunt: dies ist die Hauptlehre der alten Poesie, wie m.-,n sich ihr unter unter einem südlichen Himmel wol bequemen mag. Indessen trit diese liebliche Form der Weh- muth doch mehr bei de» Römern, als bei den Giie- chen hervor. Durch alle philosophische Doktrinen der Leztern windet sich die dunkle, trübende Lehre von einem unwiderstehlichen Fatum wie eiu bitterer Strom, und unter den minder populären Uever- dleibscln der griechischen Poesie bildet eine trostlose, tiefe Schwermuth oft einen überraschenden Gegensaz zu der fröhltchern Moral der allgemeiner bekamen Stükke. Man wende sich von Anakreon zu den Fragmenten des Mimnermus, und man hat sich von den Rosen zum Grab gewandt: „Dar Leben ist kurz; — wir lernen von de» Göttern weder Gates noch Schlimmes; — das schwarze Schiksal steht vor uns; — Alter und To'o sind nahe; — kein Sterblicher, auf den Zeu« nicht Schmerzen häuft rc." Aus dieser dunklen Quelle der Betrachtung begeistern sich auch die meisten kontemplativen Schriftsteller 13t Englands. Lord Sackville gibt in seinem „Spiegel der Obrigkeit' einen sprechenden Beleg, bis zn welch übertriebenem Grad Ne S-bwennuih bei uns gehen kan». Er stellt dort den Dämon des Grams in der Hölle dar, wie er dem Leser die Hauptka- raktere unserer Geschichte vorführt! Mit d«, Autoren jener Zeit war Uonng innig vertraut und verstckte denn auch seine Plagiate unter allen grosen Dichtern am wenigsten. Drummond sagt: „Die Welt ist eine Jagd; Das Wild der Mensch; und Tod der grimm« Nimrod." Uonng erniedrigt und erhöht das Bild zugleich: Ich seh der lauten Menschen weite Jagd Wsgsezzen über Damm und Zaun des Rechts, Versorgend und verfolgt, sich selbst zur Beute — Bis Tod, der mächt'g« Jäger, Alle einscharrt. Die Neigung zu alltäglichen, nieder« Bildern ist sehr auffallend bet Uoung. Prüfen wir jedoch die Werke der grösern Dichter insgesamt, so werden wir zu unserem Erstauuen finden, daß dieselbe Fantasie, die eine Ueberfülle der erhabensten und weilherge- holtesten Bilder beut, unabänderlich auch die niedrigsten liefert. Dem Geist dem die leztern fehlen, gehen auch die erstem ab. Sobald wir Shakespeare aufichlageu, dürfen wir versichert sein die erhabenste Metapher hart neben Dem zu finden, was man bei jedem andern Dichter unbedenklich gemein nennen würde: 1LL Au morgen und zu morgen und zu morgen Krieche so der kleine Schritt von Tag zu Tag Aur lezten Silbe in der Zeit Abiör, Und alle unsre Gestern führten Narren Deu Pfad des staub'gen Tods. — Aus! kleines Licht! »> Es ist ein sehr allgemeiner Schrei gegen Vouugs Genius, daß er zu bombastisch, aufgeblasen, weit- *) So etwa die wörtliche Uebersezzung folgender Stell« aus Macbeth: Io luorrorv gnst to rnorrotv sn(s to morrove Lreepk in litis ziaae scom tc> e« Genie kann doch nie was sagen wie andre Leute!" Und gewiß «st bemerkenrwerkh, daß in der ganzen moderne» Literatur es aerade dte erhabensten Geister sind, welche die zahlreichsten Beispiele von Uebertrei- bung vnd grotesker Wizzelei liefern. Wie sehr dieselben unter den Italienern vorhekrscheu, wissen wir Alle. Aber auch die kalte Gemessenheit der französtschen Tragödie schiltst sie nicht au«, uud Corneille, noch jezr der über alle Vergleichung gröstt franzößsche Dichter, liebt auch die Ueberrreibnngen am meisten: „dln plus stouce espersoce est äo perstre I'espoir." ist eine unter Tausenden. Tad r^e »raaeAe, kreaLs it to llie Lit. "*) ile's at rLe stnor InHiäiouK DearL-sLoulst Li- strong Laust arrert, reis rLe prisoner treo. irs in höherem Grad an, als irgend einem später« Dichter. To wenn er ausruft: Grose Schäze zu — Wie wenig können Menschen sie geniesen! Sie gängeln höchstens uns an ew'gem Spiel. Oder, ein schöneres Beispiel: „Die mein'ge" (Freude) „starb mit dir, dein lczter Hauch Zerbrach den Zauber; die entlenzte Erde Verlor den Glanz. Wo ihre goldncn Thürine, Die lichten Berge wo? verdüstert all Zu «akter Wüste, öder Schlucht der Jahre. Der grose Magier ist todt! Hier drängt sich der ganze Inhalt der vorhergehenden Zeilen, die ganze Macht der Freundschaft, der ganze Sieg des Todes in die Worte zusammen: Der grose Magier ist todt! Wirklich ist das ganze Gedicht hindurch nichts so brmerkenswerth als diese Kraft des Zusammendrängens. Er sammelt einen mächtigen Schaz von Gedanken und prägt das Ganze zu einer einzigen unschäzbaren Sentenz aus. Er komprimirt die Porosität der Sprache und legt eine ganze Welt von Sinn in einer einzigen Zeile nieder. Seltsam wen« einen Schriftsteller, der diese Gabe in einem so einzig hohen Grad tesizt, mit Recht der Borwurf des Schwulsts treffen sollte. Welchen Plaz sollen wir aber Uoung in unserer Literatur anweisen? Gegenwärtig ist seine Stelle 10 * vag und unbestin,t. Wie bei vielen unserer Dichter sind seine Verdienste aurrkant, aber sein Rang unentschieden. Sollen wir ihn über Pope stellen? Popes Bewunderer würden über eine solche Anmaßung nicht wenig losfah:en. Unter Goldsmith? Wenige werden das „verlassene Dorf" für ein grö- scres Gedicht amprcchen, als die „Nachtgedanken." Wohin gehört Uonng also? Ich gestehe, daß ich geneigt di», ihm eine sehr hohe Stufe anzuwcisen; gerade heraus: ich betrachte die Nachtgedanken gern als das schönste didaktische Gedicht in englischer Sprache. Den höchsten Rang in der Poesie gestehen wir Alle dem Epos und dem Drama zu. Ob unmittelbar nach diesen die lyrische oder die didaktische Dichtungsart kommen sell, wüste ich in der That nicht zu entscheiden; gewiß aber weiß ich, daß in England der didaktischen der Vorrang gebürt. Keiner unserer Lyriker ist unser» grosen didaktischen Dichtern gleich gekommen, ja die Sphäre des Lyrischen erhebt sich bei uns überhaupt selten über das ilos Anmuthige oder Niedliche. Doch darf man dabei nicht vergessen, daß oft ein groser Unterschied zwischen dem Rang des Dichters und demjenigen des Gedichts stattfindet; viele Werke von groser Treflichkeit können höhere Ehre cinbringen, als ein vereinzeltes Werk von der grösten Treflichkeit. Voltaire und Scott verdanken ihren Ruhm nicht nur der Qualität, sondern auch der Quantität ihrer Erzeugnisse. Auf den Verfasser des Waverley lassen sich füglich die 14t Worte anweudc»: ,,«r hätte so Grases nicht vollbracht, wären seine Verstöße nicht so zahlreich gewesen." Go bin ich denn, obwol ich die Nachtgedanken als ein Werk betrachte, das seine Stelle unmittelbar nach dem ,,verlornen Paradies" finden sollte, weit entfernt Uoung als einen Dichter aus- zugebcn, dessen Rang unmittelbar nach Milton käme. Ich halte die Nachtgedanken für ein gehalteneres, erhabeneres «nd gewaltigeres Ganze, als den Ehilde Harold; rufe ich mir aber alle We.ke zurük, welche Gefährten des Lezteren sind, Erzeugnisse desselben kühnen, reichen Geistes — die düstere Geschichte von Lara, die Zartheit des Gefangenen von Chillon, die trozzige Gröse Kains, und vor Allem den reichen, nervigen Humor, die tiefe Kentniß der Welt, welche die Gestalten Don Juans zu lebenden Personen macht, so erkenne ich Byron gern als größeren Geist und grösern Dichter an, denn Uoung. B. So halten sie denn die Nachtgedanken wirklich für ein schöneres Gedicht, als den Chilbe Harold. A. So sehr, daß ich zweifle, ob sich nicht die schönsten Partien Chiide Harolds, die prachtvollsten seiner Deklamationen in denjenigen Stellen finden, die, vielleicht unbewnst, von Uonng entlehnt wurden» Childe Harolds Fehler liegen in dem Werk als Ganzem. Es fehlt ihm Gröse in der Anlage. Die täglichste Novelle könte dem Helden und dem Plan nach etwas Aehnliches liefern. Ein misvergnugter, übersättigter und abgetriebener junger Edelmann, 142 der auf Reisen geht: — wenden Sie den Gedanken um, wie Sie wollen, zulezt läuft er, nüchtern und schlicht betrachtet, immer auf Dies hinaus. Aber diesen dürftigen, abgedroschenen Stoff hat der Dichter in ein so prächtiges Gewand gekleidet und mit einer so reichen Verschwendung von Edelsteinen geschränkt, daß jener Umstand für das Vergnügen und Interesse des Lesers von geringem Belang wird. Beurtheilen wir ihn jedoch als ein grsses Gedicht, so dürfe» mir nicht vergessen, daß er gerade in dem für ein solches Gedicht wichtigsten Theil mangelhaft bleibt. Dagegen ist die Anlage der Nachtgedauken für ein didaktisches Poem unaussprechlich gros. Ein bejahrter, verwaister Traurender steht allein neben den Tvdten, das Grab seine Aussicht, die Nacht seine Dekke, und Zeit, Tod, Ewigkeit, die dunkelsten und erhabensten Gegenstände der Meuschen- hofnung und des Menschengeistes bilden den einzigen Stoff seiner Betrachtungen. An solchem Ort, zu solcher Stunde, sein Lied mit einer seinem Ziel entsprechenden Hohheit beginnend, beschwört er: „Stille und Finsterniß, erhabnes Zwillingpaar Der alten Nacht, das des Gedankens Knospe Aufreist zn Geist, und baut auf Geist Entschluß. Die Säule echter Majestät im Menschen! Komm mir zu Hüls! ich danke dir im Grab, Im Grabe, deinem Reich — — — Dem Strom seiner dunkeln Begeisterung folgend last er sofort, im Angesicht der Sterne und über 145 dem Schlummer der Tobten, die Pracht und Herrlichkeit der Welt, die verschleierten, schattenhaft«» Gestalte» der Hofnung, die dämmerige» Schaaren der Erinnerung vor seinem prüfenden Blik vor. überziehen. Es komt der Geist von jeder todten Stunde Mit Sugelslätieln oder Furienzürnen. Er steht auf dem Grab, die Schöpfung zweier Welten um ihn her, und die grauen Haare des Tran- reudcn umzieht der Heiligenschein des Propdeten. Zeit uud Lrt, die er zu unserer Bekehrung erwählt hat, geben seinen Worten heilige Weihe. Es ist nicht blos Menschenspruch, was von seiner Lippe tönt. Die Umgebung adelt das Werk und behält ihre Majestät bei jedem Wechsel und Umschwung des Gedichtes bei. Und so dunkel, furchtbar, streng sein Stoff ist, so verkäst denselben doch niemals die Hofnung! Es ist ein tiefes, schwarzes Wasser, allein die Sterne funkeln aus seinem Echos. Je schmerzlicher d-e Fragen der Welt sind, um so be- tzristerter überträgt thke Auilvort LtN'. HiHUllt!- Unsere Gifte wie unsere Gegengifte liegen vor ihm, uud er reiht blos rje Dinge der Zeit vor dem Rich- tcrstuhl der Ewigklit ans. Ich weiß nicht ob ich zuweit gehe, wenn ich dieses gros« Gedicht einen würdigen Anhang zu dem „verlorenen Paradies" nenne. Es ist der Trost auf die dort erhabene Klage. Ein Greis, Einer von dem gefallenen und verbauten Geschlecht, steht zwischen l44 den Gräber» seiner Väter und hält uns mit zitternden Händen die einzige Tröstung entgegen, welche die Erde für ihre Schmerzen und Wurden noch gefunden har — eie Beziehung auf den Himmel. Ist aber die Anlage der Nachtgedanken gros, so ist fle auch gleichförmig diuchgefnhrt. Nie ermalten die gewal- ligen Schwingen der Begeisterung. Selbst Scherze und Wizspiele sind aus Einem S-ük mit dem feierlichen Ganzen, wie die grotekken Masken auf den Mauern gothischer Kirchen, welche de» strengen Regeln des Geschmaks Troz bieten und doch so unerklärlich mit dem Gebäude übereinstimmen. Zudem ist der Schmerz des Dichteis weder selbstsüchtig, noch schwächlich. Es ist der grvse, allgemeine Schmerz der Menschheit, die liefe, des Weisen würdige Trauer, die aus einer gründlichen Kentniß unseres Wesens und des Ortes, welcher demselben zuge- wiesen ist, entspringt. Die gleiche Kentniß bringt, je nachdem fle auf verschiedene Gemächer wirkt, verschiedene Ergebnisse hervor. In Voltaire sprühte 5- zn «pirirn des Wizze« illlfj in Göthe nahm sse' die liefere Farbe einer Ironie an, die arrs Erhabene grenzt; inUoung erzeugte fle dieselbe tiefe, erhabene Echwermuth, welche die Sprüche des Sohnes Sirachs und den kräftigsten Theil der Philosophie Plaros Hervorruf. So ist es denn der Gedanke, wie der gleich fortgeführte Flug, was diesem Werk einen so hohen Rang in unserer Literatur einräumt. Wenden Sie sich von ihm zn irg»nd einer andern didaktischen Poesie, und Sie werden durch den Abstich von demselben ergriffen, von seiner Gröse erstaunt sein« Thomsons „Iahr»zeiten" schrumpfen zu einem bloseu Hirtengedicht ein; Popes „Versuch über den Menschen" wird französtrend und gekünstelt; selbst Words- wor-hs',,Spaziergang' bekomr etwas Kindisches und GeschwjzzigeS, sobald man ihn in Vergleichu'g mit der erhabenen, strengen Majestät de-- Nachtgedanken bringt. Ein anderer Vorzug des Werkes, abgesehen von seiner grosen Lehre, ist daß es tausend kleinere enthält« Man öfne es aufs Gerathewol, und seine Bemerkungen, seine Gedanken, seine Welrkentniß könten dem grossen Weitling Unterricht geben. Wirklich ist es seltsam , ans derselben Seite die Erhabenheit Miltons und die Schärfe La Brnyeres zu finden. In dieser Beziehung kenne ich ausser der Odyssee kein Gedicht, welches dem genanten den Vorzug strittig machte. Welche reiche Fülle einzelner Schönheiten'! Die Gleichnisse und die Anmnth des Ausdrnks, die überall durch das Werk bin zerstreut ist, zeigen den ganzen Schaz der niedrigem Erfindungskraft. Wie schön, der dlosen Sprache nach, die Anrede an die Blumen: „Gekrönte Villen, und du buntes Volk Das wohnt im Feld und lebt der Götter lieben." Wie finnig das kurze Gleichniß: — — — gleich unfern Schatten Wächst unser Wunsch, wenn unsre Sonne sinkt." Z43 Hier nur »och ein Wort über den Verfasser selbst. Ehrgeiz besäst er unwidersprechlich, und dieser hielt in ihm bis znm Tode an. Die Liebe zur Auszeichnung verstärkte vielleicht, in seinen weiser» Augen- blikkeu, seine Verachtung der Welt, denn in der Regel müssen wir, bevor wir verachten, in unser» Hofnungen getäuscht werden. Die reine Quelle der Begeisterung aber scheint er das ganze Leben hindurch mit heiliger Glut gefühlt zu haben. Auf der Universität zeichnete er sich durch deu siegreichen Eifer, mit welchem er den Unglauben Tindals bekämpfte, aus. In der Literatur waren schon einige seiner Erstlingswerke dem Altar Gottes geweiht. Auf der Kanzel, wo er in der Regel ein gewaltiger und überwältigender Redner war, soll er einst bei der Wahrnehmung, dast er die eigene Inbrunst nicht in die Herzen seiner weltlich gesintcn Inhörcr überznhauchen vermöge, in Thränen ansgebrochcn sein. Von Natur eitel entsagte er bei seinem Eintrit in die Kirche dem Drama, in welchem er bereits einen so groscn Ruf erworben, und obwol er als habsüchtig verrufen mar, schenkte er, als sein Schauspiel „die Brüder" anf- geführt wurde, nicht den wirklichen Abwurf des Slükkes (denn cs machte kein sonderliches Glük), sondern was er sich als den ungefähren Abwurf vor- gestellt hatte (tausend Pfund) in die Misslonsgesell- schaft. Ein religiöser Schwung zeichnete seine Unterhaltung im gesunden Mannesalter, wie seine Betrachtungen im Schmerz und seine Gedanken beim Herannaheu des Todes aus. Hoffen wir mit ihm, daß das Weh des Herzens der Beweis für ein Jenseits, Daß Gram mir unsre Hol,eit in Verkleidung, Und Sehnsucht ist Unsterblichkeit. Während wir schaudernd und athcmlos auf seine Beschwörung der Nacht hören: — — — „Vorsahrin Der Natur, des Tage« LItre Schwester Besinnt das stücht'ge Licht zu überleben." mögen wir stets auf seinen freudebringendcn, heiligen Trost znrükkehren: Manch beil'ges und erhabnes Feld durchzog Mein Lied, und schaute manchen Meuschcnschinrrz, Und viel des Wahns und Truges, den der Pilger Aus diesem nieder» Wege nie vcrmist; Verstorbne Freunde hat es heis beweint; Von Gottes Lieb' die Wunder aufgezalt; Unsterblich uns gezeigt; der Freude O.uell Snrhttllt; den grosse» Richterstuhl erhöht; Dem Gram die Grenzen angewiesen; kurz Die Muse bat ein lehrend Bild gegeben. Was in dem Land der Mühen und der Hoffnung Die Schwäche glauben oder wirken muß Für Erdcfrieden oder Himmelsaussicht. » * * * » A. Wir können nicht leugnen, daß in Allem, was dem Leben angehört, eine gewisse ermüdende, schale, unerspricsllchc Plattheit liegt, und was noch schlimmer, jemehr wir uns bemühen, uns oon dem nieder» Grund zu erheben, um so getäuschter werden unsere Hosnungen. So haben uns denn wahre Weise sehr 148 richtig angerathen, eher Las Denkvermögen als das Gefühl ausznbilden, denn das Denkvermögen versöhnt uns mit den täglichen Gegenständen des Daseins, unsere Gefühle dagegen bringen in nnö eine Sehnsucht nach dem Fernen, Schweren, Unsichtbaren hervor, ,, Um dle gemeine Deutlichkeit der Dinge Den gvldnen Duft der Morgcnrölhe wehend."*) Aber der goldne Duft schwindet, je weiter der Tag vorschreitct; - unsere Fantasie ist Opium für unser Leben: Eutzükkcu und herrliche Gesichte — hierauf Abspannung und Angst. Betrachten wir jedoch die Sache näher, welch seltsames Verhängnis; ist cs dann, das es zu einer Versiandcspflicht macht, unsere göttlichsten Regungen nicht zu nähren! Wir tragen in uns die Keime der Gröse; schiefen sie aber auf, so umschatten sie unfern Verstand und unser Glük! Man werfe einen Blik ans die Verirrungen der Menschheit: wie wunderbar, daß dieselben aus dem Streben herrorgehcn musten, gröser zu sein als sie ist! Wie der Baniancnbaum emporschicst, nur um wieder zu der Erde zurükzukehren, wollen wir den Himmel ersteigen, und finden uns wieder im Staub. So fühlten die früher» Menschen beim Aufblik zum *) Im Englischen lauten diese Worte Schillers: LlotliiuA tlic ^alpsdle auel tim täiuilrar Willi goieieu exlialations trom tim eiarvu. Der Uebers. gestirnten, mit den weiten Wüsten der unbevvlkerten Natur umgürteten Himmel, beim Rollen des Donners oder bei den tausend geheimnisvollen Stimmen, womit die mächtigen Winde ihre Herzen anfüllten, den Anhauch von Etwas, das über ihnen selbst stand; sie beugten sich dem dunkeln Anflug; sie nährten de» überirdischen Traum, und sic brachten hervor — was? — Aberglauben! Der schwärzeste und giftigste aller Dämonen entsprang ihrem Streben nach einem Gott, und ihre Nachfolger machten die Erde zu einer Hölle in ihrem Bemühen die Mysterien des Himmels zu erhalten und seine Gebote zu wiederholen. Wie schon und erhaben war das Streben des MenschenhcrzenS, welches zn den Träumen der Astrologie hinzog. Wer hatte wol zuerst den Gedanken, das grvse Buch des Himmels zu lesen? Wer dachte zuerst, in diesen stillen, kalten, melankolischcn Kreisen sei unsre Geschichte uiedergeschrieben? Wer es auch war, cs mnste eine kühne, nicht irdische Seele sei»; aber eben die Erhabenheit ihres Wesens trug der Welt Jahrhunderte der Täuschung, des Priestertrugs und des Jrrthums ein. Man verlasse für einen Angenblik die winzige Kette des Betanken, man gebe Lein Geiste Flügel: Was wird daS Ergebniß sein? Sehr selten Gewinn, in der Regel irgend eine glänzende Thorheit! Gleich Kindern, die Schwärmer gegen den dunkeln Himmel werfen, brent und steigt unser Ehrgeiz empor und erhellt für 150 einen Angenblik das düstere Gewölbe des unbegriffe- nen Weltraums, sinkt aber, seines Glanzes beraubt, wieder zn Boden — schimmernd aber nuzlos — aufstrebend aber nicht aufklärend - ein Spiel für Alle, für Niemand ein Licht. Eleichwol ist Das, was den oberflächliche» Beobachter ängstigt, nämlich der ewige Wechsel, gerade der eigentliche Beleber der Welt. In bewusklosem Gefühl dieser Wahrheit stellten die alten Egypter, wie Porphyrins crzält, ihre Götter als über dem Wasser schwebend dar, ewig ruhelos und die grose Reihe der Veränderungen hervorrufend. Allein Wer nimt die furchtbare Verantwortlichkeit, die gekrönten Meinungen seines Geschlechtes zu erschüttern, gern auf sich, wenn er bedenkt, daß Jahrhunderte vorüber gehen können, ehe das Gute, das seine Handlung zu Folge hat, das Bose, das sie nach sich zieht, auf- wägen wird? Diese Besorgniß, diese Schüchternheit ist cs, was uns zu Memmen umschaft, und grose Seelen, die Reformen herbciführen sollten, lhatlos und müssig macht, während die kleinen Geister, die Taglöhncr der Zeit, Zoll für Zoll Dem zukriechen, was die Nothwendigkcit verlangt, und die Mehrzahl Jahrhundert um Jahrhundert hinter jenem fernen Ziel zurük lassen, das die Wenigen in Herz und Geist stets erreicht haben. B. Eine von den seltsamen Erscheinungen, die sich täglich zutragen, ist, daß diejenigen Menschen, welche die Andern in die gröste Bewegung sezzen, 15k für sich selbst oft das stillste, abgemessenste Lebe« führen. Mit Erstaunen liest man, wie Kant, der den deutschen Geist in die dämmerigen Flammen des Mystizismus *) sczte, von Tag zu Tag als das reine Geschöpf seiner Gewohnheiten lebte, und beinah einem Uhrwerk glich, das in seiner ruhigen Regelmäßigkeit der blinden Menge einen Fingerzeig gibt, wie sie die kurze Spanne der Zeit in neue, wilde Träume ein- theilcn solle. So fast bei allen Philosophen und Diäp- tern! Welch wunderbarer Gegensaz zwischen der Ruhe ihres Daseins und den stürmische» Wirkungen,, die von ihnen ausgingen! Dies bildet vielleicht, ohne daß wir uns Dessen recht bewust werden, den grosen Reiz für uns, wenn wir die stillen Hciligthümer besuchen , von welchen die Orakel der Welt ausgingen- die Einsiedelei in Eunenonville, die Feste der Wartburg , wo ein Rousseau seine nnsterblichen Fantasten auebildetc, wo in Luthers Seele sich das Licht entzündete, das noch jezt die Welt erleuchtet. Welche Betrachtungen müssen die verwitternden Steine erregen, wenn wir der überstrvmenden Herzen ihrer alten Bewohner gedenken! *) B. scheint die deutsche Philosophie fast noch weniger zu kennen, als die deutsche Geographie, welche tnc englischen Original in den gleich nachfolgende« Zeilen mit einer Festung (sortro5s1 Wartendur g als Luthers Aufenthalt bereichert wirb. Der Uebersczzer. A. Wenige, a^ein Freund, denken an all die erhabenen Hofnnngenst welche der Glaube an Unsterblichkeit unk eröfner. Eine der reinsten von diesen Hvfnniigcn ist die Aussicht ans eine vollkommnere Erkeniiiiß, — auf die Fähigkeit, mit Allen, die vor uns gelebt haben, reden zu können, zu befragen die scrgangeuen Jahrhunderte und ihre dunkle Weisheit M enthüllen! Wie Niel stirbt in jedes Menschen Brust wortlos hinweg! Wie Wenig von Dem, waS der Weise weiß, theilt er mil! Wie viel Saiten der Leier in der Buist de« Dichter« waren stumm für das Ohr der Well! AU dieses Ungesagte, Unmit' gcthritte, Ungeahncre zu erfahren ist vielleicht das Vorrecht nuferer Unsterblichkeit. Nach dem Glauben der A,aber steter, diejenigen Orte, wo die ftükcsten Menlchen Gott verehrten, unter einer heiligen Hut; kein Naubvogcl weilt dort, kein wildeS Thier wandelt dahin : «S ist die ge epnete Stätte, auf welche da« Auge der Gottheit blikt, und welche im Andenken der Menschen fortlebt. Wie mit dem ältesten Ort der GotteSverehrnng, jo mit dem lezte» Hafen der Ruh«! — wie mit dem Flek, wo unsere erste unvollkommene Andacht anfstieg, unsere erste Ahnung von etwas Göttlichem begann, so sollte es mit der Stelle gehalten werden, wo unsere vollendete Erkewniß res höchst,ii Wesen« anfing, und von wo an wir einen Dank gegen dasselbe anssprelben können, der durch die Unruhe und den Schmerz der Erde nicht länger zmükgedrängt und verdüstert wird. Gewiß, wenn irgend ein Ort ans der Welt heilig sein darf, so ist es der kleine, grüne Hügel, in welchem die Trauer aufhort, und von wo ans, falle die Harmonie der Schöpfung, die Stimme in unserem Heizen, der Trieb, vermöge dessen der Mensch so leicht an Offenbarung glaubt, nnS nicht mir einer ewigen Lüge Hotten und höhne», wir auf den unrrmattbaren 15Z Schwingen schmerzloser Seligkeit aufsteigeu, Die, welche» unser Herz gehörte, um uns her; das Streben unserer Sehnsuchr erfüllt; unsere Natur zur vollkommene» Erkemniß gereift; unsere Atmosphäre ewige Liebe!" Unter Gesprächen dieser Art neigt« sich der Tag zum Schluß, und nie wird die Erinnerung dieses Abend» von mir schwinde»! Al» wir am Fenster saßen, die Sonne durch die stille Sommer- lu>t ntedersank, die Bäume ruhien und doch so voll Lebens waren, die Mükchen im Abendstral tanzten, die Vögel ihre Liede»lieber saugen und drunter hinein der Grashüpfer zirpte, war mirs alt wäre die Welt um zwei Jahrtausende jünger, und als gehörte der Manu vor mir, welcher im Begriff stand, der Erde Lebewvl zu sagen, nicht zu den Kindern dieser müden, dumpfen Zeit, sondern zu den Begeisterten jener Tag-, wo die Geheimnisse des Weltalls und des künftigen Lebens für deo lokkendsten G»aenstaud menschlicher Erkentnik galten, und die Sökue der Wrirheit steibeud ihr« Seelen dem grosen Geist zn- hanchten, von welchem sie ein Theil waren, und den ihr Glaube zum Beherrscher der Welt gemacht hatte. Dann ich bin überzeugt, daß die Meister der alten Philosophie weder in ihrem Lebcu noch in ihrer Denkweise von der Nachwelt gehörig gewürdiat worden sind. Sie besaßen mehr von der Kraft, Schönheit, Majestät und Begeisterung, welche die Ee»le ausmachen; fl« hatten mehr Geist und weniger Körper, als viele von den Mitralrägern, die den Erdenflnn des Heidenthums veripottet haben. ..Erinnern Sie sich." fragte A., „einer Geschichte in einer alten englischen Krvnik, wonach ein Vogel in dar Zimmer des König« fl»,, als Dieser sich eben mit einem Weisen über dle Natur der Seele Bulwir's Romane. Xl-Vll» 15t unterredetr? Siebe, sprach der Weise, sie ist wie dieser Vogel in Deinem Gemach; Du flehst seinen Flug und seine Bewegung, aber Du weist nicht woher er kam, noch kaust Du vermulhen, wohin er fliegen wird, wenn er diesen vorübergehenden Aufenthalt wieder verlädt." Wunderlich begab sich's, daß während A. noch sprach, ein Vögelchen, ich weiß nicht weß Namens oder Geschlechtes, sich plözlich auf den Rasen vor dem Haus nicderließ, und obwol alle seine Genossen bereits zur Ruhe gegangen waren, in einen langen, kanten, lieblichen Gelang ausbrach, der in der allgemeinen Grille fast crschrekkend au das Ohr schlug. „Armes Vögelchen," sprach A. nachdenklich, „rS ist vielleicht das Lebemol an Jemand, der Dir Futter für Deine Kleinen gegeben hat, und dessen Hand bald geschlossen sein wird. — Ich danke Dir, Natur," sezte er nach einer Panse hinzu, „daß Du bis zum lezten Bugcublik um mich her bleibst! In kein Bette gekerkert, von wo aus mein Aug, wenn es Bich sticht, nur di« dumpfen Wände, bas peinlichste Gefängniß des Sterbenden, sehen würde, soll mein lezrrr Seufzer zu dem grosen Lrbensquell aussirömen. Lebet wol Du und Deine tausend Boren und Kinder! jedes Blatt, bas am Zweig zittert, jeder Thau- tropfen der im Gras funkelt, jedes Lüftchen das die Adern der Erde erfrischt! Ledewol, v Natur; kan» ich nach unserer Wiedervereinigung Deine Macht» Deine Schönheit, Derne Gegenwart inniger fühlen, als ich sie hrenkden gefühlt?" ***»»»» *»»**»* Als ich zu Bett gehen wollte, bat er mich mit dedeutungvvllem Ton etwa» länger bei ihm zu bleiben. „Der Doktor zweifelt ob ich noch einen andern Tag petzen werde; ss harren Sie den« bei mir au«» bis ISS ich einschlafc. Ich meinesezte er lächelnd hinzu, „nicht im metaphorischen, sondern im wörtlichen Sinn." Demgemäß sezte ich mich als er sich zu Bette gelegt, neben idn, «nd wir führten unser Gespräch, vbwol nur stoßweise, fort. Er gab mir ver>ch,edene Aufträge über sein Begrübniß und zu einigen kleinen, in sein Testament nicht eingetragenen Vermächtnissen. Während er gleichgiitig gegen den Umgang rer Menschen gewesen, war er keineswegs undankbar gegen ihre Zuneigung. Die lezten Liebesdienste die ihm erzeigt worden, hatten ihn tief gerührt, und er wollte jezt im Tod darlrgen, baß er dieselben nicht vergessen habe. Wirklich Hab' ich bemerkt, daß je abgeschlossener von der Welt wir lebe», desto eher kleine Aufmerksamkeiten, die man im Getümmel der Menschen nicht beachtet hätte, zu groseil Freund- schaflbewcissn erhoben werden; freilich daß dieselbe Ueberschäzznng auch hinsichtlich unbedeutender Kränkungen oder willevloser Unbeachtnng eintrit. Das Herz gkwint nie die Unabhängigkeit des Verstandes. Vor dem Fenster schwankte» die dunkeln Gipfel der Bäume wehmükhtg hin und her, und über ihnen, in ergreifendem Gegensaz, stand der wolkenlose, stern- wtmmelnde Himmel. „Meine Augen werden schwer," sprach A.; „lassen Sie die Vorhänge herunter." Ich that lo nnd schlich leise in das nächste Zimmer, wo die Wärterin nikkend in einem grosen Stuhl neben LeM Kamin saß. „Schläft er?" fragte sie, bei meinem Eintrit erwachend. „In Kurzem wird er's," erwicderte ich. „Er scheint schläfrig zu sein." „Der arme Herr! seine Leiden werden bald zn Ende gehen!" sagte die Wärterin »uv nahm »ine -rose Prise Tabak. 15S Gott! was wir uns zu trösten wissen! „Enr gar guter Herr," nahm sie wieder das Wort, ,,und liebt die stummen Thiere so sehr. Sehen Sie, Cäsar liegt wie gewöhnlich umer'm Bette. Regt sich nickt. Sicherlich weiß so ein Best ob wir krank sind ober nicht. Ach was das Thier rin Lamento anfangen wird, wenn sie brach ab und wand!» sich wieder an ihre Tabaksdose. Ich suhlte mich nicht heimlich bei einem solchen Gespräch uns Mich bald ins anstoßende Zimmer zmüe. Weiche Sülle dort! Es war, als ob man sie grei'en könre. Stille ist nicht» Schweigendes, mindestens nicht für das Herz! A's. Hand ruhte auf dem Kissen. Ich fühlte sie leis an. Kaum regt« sich noch ein Puls. Ich wollte die Hand eben wieder loslassen, als A. sich halb herumwandte und diese Hand sanft die meinig« drükie. Ich hörte einen leichten Seufzer, und beugte mich, in der Meinung er wache auf, über sem Gesicht. Der Mond schien durchs Fenster hell herein und ich ward ergriffen, erschrekt fast, von der ausnehmenden Schönheit des Lächelns, das auf seinen Lippe» sa webte. Aber die Lippen waren auseinander gewichen! Wieder fühlte ich den Puls. Er war weg. Ich stürzte mit unsäglicher Beklommenheit fort und rief mit unterdrükter Stimme der Wärterin. Eie kam schnell, aber mir war« als verginge eine Stunde bis sie in die Thür trat. Von Neuem nahten wir dem Bett, und hier lag der arme Hund neben dem Gesicht seines Herrn. Still war er von seinem gewöhnlich«» Ruheplaz her» anfgekrochen, und als er uns den Vorhang wegzieheu sah, blikk« er uns so traurig an, daß-nein, ich vermag nicht fortzufahren. E» ist eine Religion im Tod eines guten Menschen, die wir nicht der ganzen Welt ausschwazzen können!