Aus dem Englischen. Zweiundzwanzigstes Bändchen. Die Pilger deS Rhein S. Drittes Bändchen. Stuttgart, Verlag der I. B. Meyler'schcn Buchhandlung. 1 ü 5 4. Die Milger des Rheins. Ein Roman von dem Verfasser des Eugen Aram, Devereux re. Aus dem Englischen von Friedrich Notier. 2» vier Bändchen. Drittes Bändchen. st u ttg ar t, Bering der 2- B. Mctzlcr'jchen Buchlm»dlu>i>i. 18 3 4. Sechzehntes Kapitel. Gertrud. Spaziergang nach Hammerstein. Gedanken. Am folgenden Tag besuchten fle die Umgebun- gen von Brohl. Gertrud war gegen ihre Gewohnheit schweigsam, denn in der Regel strömte ihr von Natur Helles, sonniges Gemiith auf Alles was sie sah seinen Glanz aus. Ach wie leicht war einst dieser Schritt gewesen! —^ wie lebenwogend die jungen Grazien dieser Glieder! — wie froh hatten einst die Loben um diese lachenden Wangen gegan- kelt! — Aber mit noch innigerer Zärtlichkeit, als sonst, klammerte sie sich an Trcvylyans markige Gestalt, und noch aufmerksamer hing sie an seinen Worten. Ihre Hand suchte die scinige, und oft driikte sie dieselbe an die Lippen und seufzte wenn sie so that. Etwas, das sie nicht sagen wollte, schien in ihr vorzngehen, und verernstete das kindlich spielende Gemiith. Jedoch war es ein auffallender Zug in Gertrud, das; Alles was ihre Heiterkeit minderte, ihre Liebesfähigkeit mehrte. Die Schwäche des Körpers theilte sich der Seele nie mit. Sie war freundlich, sanft, zärtlich bis zum lezten Augenblik. Sie hatten sich ans das jenseitige Ufer sezen lassen, nm das SchloßHammcr stein zn bcsnchen. Der Abend war dnrchsichtig klar, und noch hing die Sonnenmärme an der Lnft, obwol als ihr Kahn ans einem Unweg nach dem Dorf znrükkchrte, die Dämmerung bereits geendet hatte nnd der Mond am Himmel stand. Breit und gerad strömt der Rhein an dieser Stelle seines Bettes. Ans der einen Seite liegt, von Waldung umschattet, das Dorf Namedy, der Weiler Fornich als Vorgrund der krenzborner Ley (Fels) nnd die Berge, welche das geheimnisvolle Brohl schirmen; ans dem jenseitigen Ufer sahen sie den mächtigen Felsen von Ha mm er stein mit seinen grünen, tod- tenfarbigcn Ruinen im schwermüthigen Mont-licht schlafen. Zwei Thürme stiegen hoch über das niedre, mehr zerfallene Getrümmer ans. Welcher Wechsel, seit abwechselnd die Fahnen der Schweden und der Spanier in jenem groscu Krieg, worin der schimmernde Wallenstcin seine Lorbeeren gewann, von diesen Wällen geweht! Und in seiner mächtigen Ruhe floß der Vater Rhein dahin, den Nachen ans den glattem Spiegel znrükstralend; oben warf der Mond, von dünnen, schattenhaften Wolken nmgür- tet, seinen Dämmerglanz auf umgrünte Felsen nnd hob in ruhiger Ferne die Doppelthürme Andernachs in verschwimmendem Licht hervor. „Wie schön ist diese Stunde!" sprach Gertrud mit leiser Stimme. „Wahrhaftig wir leben nicht ge- 7 liug in der Nacht, — die balde Schönheit der Welt wird verschlafen. Was am Tag kvmmt der heiligen Ruhe, der Lieblichkeit und Stille gleich, die der Mvnd jezt auf die Erde giest? Das," fuhr sie Trevvlyans Hand drükend fort, „sind Stunden für das spätere Andenken, und Du, — wirst Du sie je vergessen?^ In der Nachempfindung solcher Zeiten unddOrte liegt Etwas, das dem gewöhnlichen Leben nicht anzugehören scheint, sondern eher eine Abschweifung in dessen Geschichte bildet; sie gleicht einer Wanderung in eine idealere Welt, verbindet sich mit unfern gemeiner« Erinnerungen nickt, sondern ruht geschieden und vereinzelt in uns, um dort ewig als hoher Schaz zu liegen, aber nickt leicht zur Sprache gebracht z» werden. Es lebt Niemand, dem wir ihn an- vertraneu können: — Wer vermag sich in Das zu versezcn, was wir damals gesuhlt? Solche Angedenken sind es, die den Dichter, die das Buch macken — das Buck das wir als Vertrauten für die Gedanken, die ans unserer Brust lasten, uns Hervorrufen. Wir schreiben, denn das Geschriebene ist unser Freund, das leblose Papier unser Beichtiger; wir strömen auf dasselbe die Gefühle aus, die wir keinem lebenden Ohr mittbeilcn können, und sind erleichtert, — sind getröstet. Und hat der Dichter ein schöneres Vorrecht als die übrigen Menschen, so ist es das Vermögen die Todten zu ehren — die Schönheit, die Tugend die nicht mehr sind, ins Le- 8 ben zurükznrnfen; Kränze, die den Tag überdauern, um die kirne zu miudcu welche die Welt sonst vergessen würde. Klagt er in unsterblichen Liedern um die Verstorbenen, so glaubt nicht daß irdischer Ruhm seiner Seele vorschwebe! — sie ist mit Gedanken, mit Empfindungen gefüllt, welche alles Lebende von ihr ansschliesten. Er flüstert seinem Genius — jenem einzigen und ewigen Freund, der von der Wiege an mit ihm anfwnchs — Schmerzen zu, die zu zart sind für menschliches Mitgefühl. Uebergibt er dieses Geständniß später der Menge, so geschieht es allerdings in Hoffnung auf Ehre, — aber Ehre nicht für sich selbst, sondern für das Wesen das nicht mehr ist. Siebzehntes Kapitel. Brief Trevylpans an —. Koblenz. Ich danke Dir, theurer Freund, für Deinen Briefen dessen Beantwortung mir im Lauf unserer raschen Reise bisher wirklich die Zeit, vielleicht der Mnth gefehlt. Hier jedoch werden wir uns einige Tage verweilen, und so schreibe ich Dir jczt am frühen Morgen, eh noch irgend Jemand sonst 9 in nnserm Gasthof wach ist. Sprich mir nicht von Wagnissen, von Politik, von Jntriken; meine Natur bat siel» umgcändert. Sv lebcvoll und glänzend Dein Schreiben mar, legte ich es doch mit krankem, abstrebenden Herzen weg. Jezt aber bin ich etwas, minder niedergeschlagen. Gertrud befindet sich besser — wirklich besser; ein hiesiger Arzt gibt mir Hoffnung; ich laß es meine Sorge sein, daß sie beständig unterhalten und nie ermüdet wird; daß ihre Gedanken nie auf ihr selbst verweilen. Denn ich habe mir in den Kopf gesezt, Krankheit könne sich, wenigstens in der unerschöpften Kraft unserer Jahre, nicht unheilbar bei uns cinnistcn, wenn wir sie nicht durch unfern eigenen Glauben an sihr Dasein nähren. Menschen vom zartesten Körperbau sieht man in der regsten Bcrufthätig- keit; sie haben im wörtlichen Sinn nickt Zeit zum Kranksein. Nimm ihnen ihre Beschäftigung, — laß sie um sich selbst besorgt werden — an ihre Gesundheit denken — und sie sterben! Der Rost trist den Stahl welchen der Gebrauch frisch erhält. Und, dank Gott, obwol Gertrud einmal während unserer Reise durch eine einfältige, unentschuldbare Gemüths- bcwegnng von meiner Seite einigen Verdacht über ihren Zustand zu schöpfen schien, so ging Das doch bald vorüber; denn selten denkt sie an sich selbst; — ich bin beständig in ihren Gedanken und fehle selten ans ihrer Seite; zudem weist Du wie Kranke ih rer Art überhaupt immer voll guter Hoffnung sind! —- Wirklich jedoch hoffe ich jezt selbst stärker als seit unserer ganzen bisherigen Bekantschaft. Als ich nach einem aufgeregten, ercignisvollcn Leben, das innerhalb weniger Jahre durch so vielt Wechsel gegangen, im Echos eines abgelegnen, einsamen Thcils des Landes zur Nnhe kam und Gertrud nebst ihrem Vater meine einzigen Nachbarn waren, befand ich mich in jenem Gemnthrznstand, worin das Herz, durch die Einsamkeit verjüngt, für die rcincrn, göttlicher» Regungen empfänglich ist. Ich wurde von CK'vtrnds Schönheit betroffen; die Einfachheit ihres Wesens entzüktc mich. Mich von Brauch und Sitte der Welt Abgegebenen bezauberte, rührte die Unerfahreuhcit, die gläubige Hingabe, die Kindlichkeit ihrer Seele. Als ich jedoch das Gepräge unserer Nationalkrankheit in ihrem strafenden Ang, aus ihrer durchsichtigen Wange bemerkte, erkältete sich lueiue Liebe, während meine Tbeilnabme sich vergröserte. Ich hielt mich für sicher und begab mich täglich in die Gefahr; ich bildete mir ein, ein so reines Liebt könne nicht brennen, und iÄ ward verzehrt. Erst als meine Sorge um sie in Schmerz, meine Theilnahme in Schrekeu überging, wurde mir das Geheimnis; des eigenen Herzens bcwust. und im Angenblik wo ich dieses Geheimnis; entdckte, machte ich anch die Entdekung das; Gertrud mich liebe! Welches Schiksal stand vor mir! welche Seligkeit, aber auch welches Elend! Gertrud gehörte mir — aber wie laug? Ich 11 durste diese weiche Hand berühren, — durfte das zarteste Geständnis; dieser Silberstimme hören, — durfte meine Küsse ans ihre würzigen Lippen drü- ken; — während jedoch mein Herz von Leidenschaft sprach, flüsterte meine Vernunft mir von Tod. Du weist daß ich für eine kalte, beinah verhärtete Natur gelte, daß ich nicht leicht znm Affekt anfzuregcn bin, aber gerade mein Stolz beugte mich hier zur Schwäche hinab. Mein Schuz ward so sanft erfleht, meine Angst so unablässig in Anspruch genommen! Du meist, meines Vaters jaches Temperament bflennt in mir, ich bin heis, streng und eigenwillig; aber ein einziges rasebes Wort, ein einziger Gedanke an mein Selbst wären hier unverzeihlichgewesen. Eine so kurze Zeit mochte ihrer Glükse- ligkeit ans Erden noch eingeränmt sein: — konnte ich einen einzigen Angenblik davon verbittern? Eben jenes Gefühl der Unsicherheit, das, hätte mich blos Klugheit geleitet, meine Liebe gehemmt haben müste, steigerte sie zn einer fast unnatürliche» Ueber- macht. Was Mütter, wie man sagt, für ihr einziges Kind fühlen wenn cs krank ist, fühl ich für Gertrud. Ein Dasein für mich selbst Hab ich nicht; nur in ihr bin ich vorhanden! Zn Hans nahm ihr Uebelbcfinden zn; man empfahl ihr zu reisen. Sie wälte die Gegend ans, und glüklichcrweis mar mir dieselbe; so bekant, daß ich ihr den Weg.vielfach zn erheitern vermochte. Stets bin ich ans der Lauer, daß sie keine trübe ir Stunde beschleiche; fast würdest Du lächeln, wenn Du sähest wie ich mich von meiner gewöhnlichen Schweigsamkeit aufgewckt habe; wenn Du zuschautest, wie der entwürfevolle Manu des praktischen Lebens in die Märchenwelt seiner Knabenjahre zurükge- sunken ist und Gertrudens kindliche Freude mit erfundenen Sagen und Geschichtchen vom Rhein nährt. Indessen glaub ich damit meinen Zwek erreicht zu haben; wen» aber nicht, was liegt mir dann noch am übrigen Leben? Gertrud befindet sich besser! Welche Gesichte der Hoffnung dämmern in diesem Wort auf mich herab! Ich wollte Du jhättcst sie vor unserer Abreise aus England gesehen; Du würdest dann meine Liebe zu ihr begreifen. Nicht als hätten wir in den schimmernden Grosstädtcn Europas unsere kurzen Huldigungen niemals Gestalten von noch reicherer Schönheit: fülle dargebra>ht; — nicht als wären wir nie von einem noch qlänzcndcrn Geist, einer noch taktvollen: Grazie cntzükt worden. Aber in Gertrud liegt etwas, das ich früher niemals sab: rin Verein von Kindlichkeit und Geisteskraft, eine ätherische Einfachheit, ein Gcmüth, das sich nie verdüstert, eine Zärtlichkeit.o Gott! las; mich nicht von ihren Eigenschaften sprechen, denn diese sagen mir nur wie wenig sie der Erde angehört! Du wirst mir nach Mainz schreiben, wohin uns unser Weg jezt führt, und Deine Freundschaft 15 wird cs mir Nachsehen, daß mein Brief nnr in so geringem Grad eine Antwort ans den Dcinigen ist. Dein aufrichtiger Freund A. G. Trevylyan- Achtzehntes Kapitel. Koblenz. — Ausflug nach dem Taunusgebirg. — Römer- »hurm im Thal von Ehrenbrcüstein. — Für die Lust beim Reisen gilt jungen Menschen etwas Anderes, alS alten. — Der Heidelberger Student. — Seine Kritik der deutschen Literatur. Wirklich hatte sich Gertrud während ihres Aufenthalts in Koblenz scheinbar erholt, und ein in der Stadt ansässiger französischer Arzt, der eine besondere, bereits mit nicht gewöhnlichem Glsik in Anwendung gebrachte Heilart der Schwindsucht befolgte, sprach die Versicherung der endlichen Wiedergenesung gegen de» Vater und Trevylyan mit sehr zuversichtlichem Ton aus. Die Zeit, die sie innerhalb der weißen Mauern von Koblenz zn- brachteu, war daher der gluklichste und heiterste Abschnitt ihrer Pilgerfahrt. Sie besuchten die verschiedenen Punkte der Umgegend; der Ausflug, welcher Gertrud die meiste Freude machte, ging nach den Bergen des Taunus. 14 Eine» schönen Scptcmbertag benüzend begaben sie sich auf das jenseitige Ufer nnd begannen ihre Tonr von Thal Eh r e» bre i tstei n aus. Einen Augenblick hielten sie noch in der Niederung an, um die Ueberbleibsel eines Rvmerthurms zu besichtigen; denn jene ganze Gegend trägt häufige Spuren von den alten Besiegern der Welt. Noch jezt durchkreuzen das Taunnsgebirg Straßen, welche von den Römern nach den Silbermincu desselben geführt wurden. Häufig findet man an diesen Orten römische Urnen und Steine mit Inschriften. Steine mit gänzlich nubekanten Namen beschrieben : — ein Bild der Unsicherheit des Ruhms! — Urnen aus welchen der Staub verschwunden ist: — ein Hohn auf das Leben! Einsam, grau, verwittert ragt jener Thurm aus dem Thal empor, und der stille Bane lächelte als er an der Stätte, die einst den Klang der Rö merwaffen zursikgeworsen, die blaue Uniform eines modernen Preußen mit wcchcm Bandelier und erhobenem Bajouet bemerkte. Der Soldat machte für einige Minuten einem Landmädchen den Hof, deren Strohhut und Banernkleid die Eitelkeit ihres Geschlechts keineswegs unterdrükt hatten. Diese ungeschlachten Elemente der Galanterie au einem solchenOrtgaben ihrer scitscine Moral weiter in der Geschichte der menschlichen Leidenschaften ab. Oben schauten die Mauern einer neuen Befestigung düster auf den öden Thurm herunter, wie in d.m eireln 15 Uebermnthwomisigcgenwärtige Macht auf vergangene Herrlichkeit, der Lebende ans die Grvse der Vorfahren blikt. Und hier wirklich mit Recht! denn die neuere Zeit hat kein Gegenbild zu jener Entadelnng der Menschenwürde, wie sie ans der alte» Welt während der langen Herrschaft des „Weibes ans den sieben Hügeln" lastete, das, in sich selbst nichts als Sklaverei, für die Erde die höchste Tyrannei war und, wie jene Mcffalina, als Bnlerin und Hcrr- jcherin zugleich anftrat. Sie zogen an den alten Bädern von Ems vorüber, und gelangten, die Ufer der romantischen Lahn verfolgend, nach Holzapfel. „Ach," rief eines Tags Gertrud, auf einem Abstecher zu den Quellen des karolingischen Wiesbadens, „fortwährendes Reisen mit Denen welche wir lieben müste der seligste Zustand sein! Hat die Heimat ihre Annehmlichkeit, so bat sie auch ihre Sorgen; hier aber ist die Natur unser Hans, und die unbedeutenden Uebel verschwinden wieder, fast eh sie uns recht zum Gefühl kommen." „Gewiß," entgegnete Trevylyan, „wir entgehen jener Kleinlichkeit, die der Finch unseres Le- *1 „Die Karolinger hatten hier eine Pfalz, worin schon Kar! der Grosc sich manchmal anfgehalten," bemerkt Schreiber, dessen >nS Englische üöersezteö Handbuch für Reisende am Rhein unser Berfancr bei seinen Bemerkungen über die Rheinqegenden allenthalben zu Grund gelegt zu haben schein-, Ter Uebcrsezcr. 16 bens ist, de» winzigen Sorgen die uns anfzehren, den Plakereien des Tags. Wir nähren den göttlichsten Theil unserer Natur, den Trieb zur Bewunderung." „Von allem Ermüdenden,» bemerkte Baue, „ist jedoch eine Folge von Abwechselungen das Ermü- denste. Zu der Manigfaltigkeit selbst liegt eine Einförmigkeit. Wie das Aug Schmerz empfindet, wenn es laug auf die neuen Gestalten eines Kaleidoskops blikt, leidet das Gemiith unter der Spannung eines fortwährenden Wechsels von Gegenständen, und mit Freude kehren wir zur Ruhe znrük, die für das Leben ist was das Grün für den Boden." Während ihres Aufenthalts in den verschiedenen Tannusbädern kamen sie zufällig mit einem Studenten ans Heidelberg zusammen, der eine jener, bei seinem Stand so beliebten, Fnßreisen machte. Geschlachtcr und sanfter als die grose Herde dieser jungen Wanderer, zog er unsre Gesellschaft durch sein begeistertes Wesen sehr an, weil nichts Erkünsteltes darin lag. Er mar in England gewesen und drükte sich in dessen Sprache fast mit der Geläufigkeit eines Eingebornen ans. „Unsre Literatur," bemerkte er eines Tags in einer Unterhaltung mit Baue, „hat zwei Fehler: sic ist zugleich zu verstiegen und zu sehr im gewöhnlichen Leben sich bewegend. Einerseits wenden wir uns nicht genug an den gemeinen Menschenverstand, 17 und machen ans Fleisch und Blut abstrakte Begriffe. Unsre Kritiker haben Ihren Hamlet zu einer Idee umgemandclt; selbst Shakespeare» wollen sie es nicht gestatte», Menschen zu schildern, sondern bestehen darauf er verkörpere nur gewisse Vorstellugen. Sie machen die Poesie zu einer Metaphysik und die Wahrheit dünkt ihnen schal, wenn aus der Tiefe nicht irgend eine hineingelegte Symbolisation hcr- aufschimmert. Andrerseits verbinden wir mit unser» santaslereichstcn Werken eine Hervorhebung des gemeinen Lebens, die uns rührend scheint, die aber in Wahrheit nur komisch ist. Wir fallen ewig- vvm Erhabenen ins Lächerliche; — es fehlt uns Gesetz mak." „Doch wol nicht der französische Getchmak!" cntgegucte Trevylyan. „Nimmer dürfen Sie einen Görhe, ja nur eine» Jean Paul, nach dem Maßstab eines Boileau beurthcilen." „Nein; Doilean'S Gcsclnnak war falsch. Menschen die nn Ruf eines guten Geschmaks stehen, erlangen denselben oft blos durch den Mangel an Genie. Unter Geschmak versteh jedoch ich das schnelle Gefühl für den Znsammenklang eines poetischen Werkes, die Kunst das Ganze in Einstimmung mit seinen Thcilen zu bringen, die Rundung. — Schiller ist der Einzige unter unfern Dichtern, der diese Eigenschaftbesizt. Doch stehen wieder Besserung nah; ans unserer langenJagd nach Schatten sind wir endlich der Wirklichkeit zugesührt worden. Unsere bis Bulwir's Romane XXII. 2 18 herigc Literatur ist für uns was die Astrologie! für die Wissenschaft war: falsch aber erhebend und zu der wirkliche» Sprache des Gcisterhimmcls leitend. Ein anderes Mal, als die mit zalrcichcn Klöstern durchstrcute Gegend auf ein Gespräch über das Monchsleben und die verschiedenen Znsäze, welche die Zeit an die Religion anhängt, gebracht hatte, sagte der Deutsche: „Eine Religiomsgeschichte ist vielleicht eines derjenigen Werke, die der Welt noch am meisten abgehen. Zwar haben wir mehrere Bücher über diese Materie, aber noch keines, das dem Mangel von dem ich hier spreche, abhülfe. Ein Deutscher sollte es schreiben, denn nur ein Deutscher besäße wahrscheinlich die dazu erfoderliche Gelehrsamkeit. Zudem durste wol nur ein Deutscher den gewaltigen Gegenstand mit Geistesfreiheit und doch mit Ehrfurcht behandeln, ohne die schale Ge- schwäzigkeit des Franzosen und die furchtsame Sekten- dieneret des Engländers. Es würde eine edle Aufgabe sein , die Labyrinthe alter Jrrthümer zu verfolgen; den ersten Flimmerblik der göttlichen Wahrheit zu enthüllen; Iehovahs Wort von Menschen-, saznng zu trennen; uns den Ailbarmhcrzigcn aus dem dunkeln Glaube» voll Mord und Angst zu retten;, ans den Ansgang des wahren Sterns am. grosen Himmel der Vernunft zu harren und ihm, wie die Weisen ans Morgenland, nachznziehcu bis er vor dem wirklichen Gott stehen bleibt. — Ohne Ansprüche aus eine solche Arbeit zu machen," 1V fuhr der Deutsche mit leichtem Erröthen fort, „trage ich einen schwachen Versuch bei mir, der nur einen Theil dieses erhabenen Gegenstandes behandelt, und, einem fähiger» Geist die Geschichte der wahren Religion überlassend, als diejenige einer falschen Religion, als die Geschichte eines Glaubens wie ihn das Christenthum im Norden vorfand, oder wie er vielleicht bei noch ganz ungebildeten Wilden vvrkommt, betrachtet werden Mag. Das Ganze ist, wie leicht zu erachten, erdichtet; indessen Hab ich cs durch fortwährende Beziehung auf die ältesten Urkunden des menschlichen Wissens saus wirklich Geschehenem zusammen zn sezen gesucht. Wenn Sie es anhören mögen — es ist sehr kurz." >,Nichts könnte uns- angenehmer sein!" ent- gegnete Baue; und der Deutsche zog ein sauber geheftetes Mannseript aus der Tusche. „Nachdem ich mit eigenem Mund die Gebrechen unserer Schriftsteller so schouunglos gerügt," sprach er lächelnd, „haben Sie ein doppeltes Recht die Fehler eines so tief stehenden Schülers derselben zu rügen. Jedoch werden Sic wenigstens finden, daß ich, obwol eben' falls mit Allegorischem oder Ucbernatnrlichem beginnend, wenigstens das Ueberstiegene in der Idee und das Unznsammenhäligende im Plan vermieden habe, das ich bei den Regelloseren unter unfern Autoren tadle. Was den Seil betrift, so wünschte ich denselben dem Gegenstand anznpasse»; irr ich mich nicht, so mnsce er ranhkantig und massiv 20 sein, wie anS dem Fels der Ursprache gehauen. Ader Sie, mein Fräulein: ohne Zweifel ist Ihnen die deutsche Sprache nicht betaut?" „Ihre Mutter war eine Oestreichcrinantwortete Baue. „Sie kennt die Sprache immerhin genug, um Sic zu verstehen. Wollen Sie nur anfangen." Ohne weitere Einleitung begann sofort der Deutsche die Geschichte, welche der Leser im folgenden Kapitel üdcrsezt finden wird.*) Neunzehntes Kapitel. Der gefallene stern, oder Geschichte einer falschen Religion. „Die Sterne saßen jeder ans seinem goldenen Stuhl, und saben mit schlaflosem Ang hinab auf die Erde. Es mar die Nacht, worin das neue Jahr beginnt, eine Nacht, in welcher jeder Stern von dem Erzengel, der dann das ganze Firmament durchfliegt, seine besond-rn Befehle erdiilt. Die Schik- sale der Menschen uad Reiche für das kommende »1 Nichtsdestoweniger bitte ick, >.ls ausgemacht anzunehmen, daß der Student ein Betrüger ist. Hat!' er nur irgend eine andere Geschichte entwendet. so wollt' ich in,es haben gefalle» lasse»; aber eine von meinen besten " — ^I, rcolorat! LI Jahr werden ansgetheilt, und ohne daß wir darum wissen lesen die Sterne unser Verhängnis'. Eine stille, feierliche Nacht ist es, worin steh die schwarzen Thore der Zeit aufthnn, den Geist des todten Jahres zu empfangen, und der junge, stralende Fremdling aus dem unwölkten Schos der Ewigkeit hervorspringt. In dieser Nacht, Heist es, haben die Geister, die wir nicht sehen, Freiheit und Gewalt; die Todten werden in ihren vergessenen Gräbern aufgestört, und die Menschen trinken und laelwii, während Dämon und Engel um ihr Los streiten. Es war Nacht am Himmel; Alles war in lautloses Schweigen versenkt; die Mnstk der Sphären hatte aufgehört und kein Ton ging aus von den Engeln der Sterne; und Derer, die auf den glänzenden Stühlen saßen, waren drei tausend und zehn, Jeder dem Andern gleich. Ewige Jugend scbmükte ihre stralende» Glieder mit himmlischer- Schönheit, und ans ibrem Antliz stand der Scbrs- ken der Ruhe, jene furchtbare Stille, die zu den Geschiken, über welchen sie brütet, kein Gefühl und keinen Herzschlag hat. Krieg, Sturm, Pest, das Steigen und Fallen der Reiche ordnen und begrenzen sie ohne Jubel, ohne Schmerz. Die blutigen, herzdurchrieselnden Frevel, die Nachts umherscblci- chcn wenn die Welt schläft; der Vatermörder mit leisem Schritt und starrem Haar und erhobenem Messer; die gattenlose Mutter die hinansschlüpft und znrükblikt und beim Iurükbliken schaudert, und ihr Kindlci» in den Fluß wirft und beim Hören de» Gewimmers kein Mitleid fühlt, beim Geplatsch nicht zittert: dieseu schauen die Sternenfürstcn ;n, diesen leiten sie den nnbewusten Schritt; aber die Sünde bleicht ihren Glanz nicht, kein Brrwnrs welkt ihre saltentose Jugend ab. Jedweder Stern trug ein königliches Diadem, um die Lenden batte Jedweder einen Gürtel, worauf manigfache, erhabene Zeichen eingegraben standen; der Fuß eines Jeden ruhte auf einer brennenden Kugel, und der rechte Arm lag auf dem Knie. Kein Glied und keinen Zug des Antlizes regten sie, als den Zeigefinger der rechten Hand, der langsam deutend sich bewegte und die Sänksale der Menschen leitete, wie die Hand der Sonnenuhr den Lauf der Zeit angibt. Nur Einer von den drei tausend und zehn hatte nicht dasselbe Ansehen, wie seine gekrönten Brüder; ein Stern, kleiner als die übrigen und minder stralcnd. Dem Gesicht dieses Sterns war nicht die furchtbare Ruhe der Andern eingedrükt, sondern Mismnth und Unzufriedenheit stand auf seiner mächtigen Stirn. Und dieser Stern sprach zu sich selbst: „Siehe! ich bin minder herrlich geschaffeng als meine Gesellen, nud der Erzengel theilt mir keine so erhabene Geschike zu. Nicht für mich sind die Lose der'Könige und der Dichter, der Beherrscher der Menschenreiche nnd der noch edler» Bewältiger und Be- 25 schwichtiger der Seelen. Träg sind die Geister und gemein die Schiksale der Menschen, d>e ich durch ei» dumpfes Leben zu einem rühmlosen Grab zu- siihrcn habe. Und weshalb? ist cS mein Fehler, oder ist cs ein Fehler der nicht mir zugercchnet werden kann, daß ich aus minder glanzvollen Erraten gewoben ward als meine Bruder? Eiche, wenn der Erzengel kommt will ich mein gekröntes Haupt seinen Befehlen nicht beugen. Ich will sprechen wie in der Urzeit Lucifer sprach: er empörte sich wegen seines Glanzes, ich wegen meiner Dunkelheit; er aus der Fülle seines Stolzes, ich aus Uumuth daß ich nichts habe um stolz zu sein." Dieweil der Stern also mit sich sprach, zerrissen die ober» Himmel wie durch einen langen Lichtstrom, und schnell und lautlos kam der Erzengel zum Besuch der Sterne den Strom herab. Seine Rieseuglicder schwammen in dem Hellen Schimmer und seine ansgcbreitcten Schwingen, jede Feder die Glorie einer Sonne, trugen ihn geräuschlos dahin; aber dichte Wolken verhüllten seine Klarheit vor den Angen der Sterblichen, und während oben Alles in die Helle seiner Erscheinung gebadet war, brachen unten Sturm und Schneegestöber' über die Erdenkinder herein: „Er fuhr herab und Finsterniß war unter seinen Füßen." Und noch stiller ward die Stille auf dem Ant- liz der Sterne und die Furchtbarkeit sank ein zur Furcht. Gerad über ihren Stühlen hielt der Erz- engel in seiner Bahn an, nnd seine Schwingen dehnten sich von West nach Ost, umzeichnenv mit dem Zeichen des Lichts die Unermeslichkeit des Raums. Dann begann die donnernde Musik seiner Stimme durch die leuchtende Stille zu rollen und, das Gebot Gottes erfüllend, theilte er jedem Stern Pflicht und Geschäft zn. nnd jeder Stern beugte sein Haupt als er den Befehl empfing, noch tiefer, während sein Stuhl vor der Majestät des Wortes schütterste nnd bebte. Zulezt, nachdem jeder der lichtern Sterne der Reihe nach bedeutet morden und die Statthalterschaft über die Völker der Erde, den Purpur und die Diademe der Könige erhalten hatte, wandte sich der Erzengel zu dem kleinern Stern der weiter entfernt von den Genossen saß. „Sieh/' sagte der Erzengel, „die rauhen Geschlechter des Nordens, die Fischer des Stroms nnd die Jäger der Forsten, welche die Berggipfel in ikre grüne Nacbt hüllen, sie seien dein Geschäft und ihr Schiksal deine Sorge. Und glaube nicht, o Stern der trüben Stralen, daß dein Amt minder ruhmvoll sei, als das Amt deiner Brüder; denn der Landmann ist vor dem Herrn der über dich nnd mich gebietet nicht geringer als der Fürst, nnd das Gc- schik der Völker hängt nicht mehr von dem Beherrscher als von der Herde ab. Die Leidenschaften und das Herz sind das Gebiet der Sterne, ein mächtig Reich, so mächtig unter dem Fell das den Schäfer umhüllt, als unter dem jnwelenschimmern- deu Mantel des Königs der Mvrgcnlande." Da hob der Stern sein bleiches Haupt von der Brust und antwortete dem Erzengel: „Sieh," sprach er, „Aconen sind oergangen und jedes Jahr hast du mir dasselbe unedle Amt zugc- wicsen. Erlöse mich, ich flehe darum, von Pflichten die ich verachte; oder wenn Du willst das; das geringere Menschengeschlecht mein Znkomme» sei, so theile mir die Sorge für Einen, nicht für Viele, zu und las; mich ihm die Sehnsucht einhauchen, welche die Tiefen des Lebens anfrcgt und seine Höhen erklimmt. Sind die Niedrigen mir zngc- wiesen, so las; Einen unter ihnen sein, den ich ans einer Bahn führen möge, welche die Stolzen beschämen soll; denn sieh, o Bestimmer der Sterne, ich der seit ungczälten Jahren ans meinem einsamen Thron size und sinne über die Dinge unter mir, habe Weisheit gesammelt ans den Wechseln die da unten Vorgehen. Ans die Geschlechter der Erde blikend Hab ich fnnden wie die Menge zn beherrschen ist und bin ans die Schritte gekommen, welche die Schwäche zur Gewalt bringen, und gern möcht' ich der Führer eines Solchen sein, der ans der Niedrigkeit zur Herrschaft anfstrebt." Wie eine plözliche Wolke über dem Antliz des Mittags war der Wechsel ans der Stirn des Erzengels. »Stolzer, düsterer Stern," sprach der Bote des 28 Himmels, „dein Wunsch führt Krieg mit der Babn des unsichtbaren Geschikes, das von fernem, beben Thron ans Alles beherrscht und ordnet; mit der Quelle, ans welcher die einzelnen Srrömc des Schiksals ewig durch daS Herz des Alis sprudeln. Denkst du deine Weisheit allein vermöge den Landmann znm König zu erheben?" Und der gekrönte Ster» sah unvcrwirrt in das Antliz des Erzengels und antwortete: „Ja! gesteh mir nur Eine Probe zu!" Eh der Engel erwiedern konnte, zerriß der innerste, fernste Mittelpunkt des Himmels wie durch einen Bliz, der göttliche Herold bedekte sein Gesicht mit den Händen und eine leise, süße, im Bc- wnstscin ewiger Macht milde Stimme sprach zu dem trauernden Stern: »Die Zeit ist gekommen, wo du deines Wunsches gewährt werden sollst. Unter dir, ans jener einsamen Ebene, sizt ein Sterblicher, düster wie du, der, unter deinem Einfluß geboren, nach deinem Willen geformt werden kann." Die Stimme schwand wie die Stimme eines Traumes. Schweigen ruhte über dem See des unendlichen Raums und der Erzengel, von Neuem in die Höhe getragen, entschwebte langsam nach dem entlegener» Himmel, den göttlichen Wille» den Sternen entfernterer Welten zu künden. Aber die Seele deS nnmuthigen Sterns jubelte in sich und 27 sprach: „vom Thal der Hirten hervor will ich einen König rufen, dev die Könige meiner Genossen niedertreten und den Schilling des verflossenen Sternes glorreicher machen soll, als die Lieblinge seiner begünstigten Brüder: so will ich die Verachtung rächen — so will ich mein Anrecht an das Grose auf Erden erweisen!" »»»*»» » » ch «- » -i« Obwol die Erde damals schon durch Jahrtausende hingcrollt und der Pilgerlanf des Menschen schon durch manigfache Znstände gewandelt war, von welchen unser dämmerndes, sagenbafteö Wissen keine Kunde ansbeinahrt hat, stand doch unser Geschlecht um jene Zeit in den Ländern des Nordens noch ans der Stufe, die wir, nach unserer unvollkommenen Ansicht, für eine der frühesten halten- Neben einer rohen, mächtigen Steinschichte, dem Werk vergessener Hände, fast um Mitternacht ein einsamer Mann» den Blik zum Himmel gewandt. Ein Sturm war eben vorüber- die Wolken hatten sich weggewälzt und die hohen Sterne blik- tcn herab ans die schnellen Wogen des Rheins; und kein Laut ward um die Steintrümmcr gehört als das Brausen der Wellen und das Träufeln des 2L Regens von den mächtigen Bäumen; die weißen Schafe lagen zerstreut auf der Ebene, und auf ih» neu Schlummer. Jener wachte bei der Herde, damit ein feindlich Nachbarvolk sich nicht unversehens ihrer bemächtige, und also sprach er zu sich selbst: „Der König fizt ans seinem Thron und wird geehrt von einem Kriegergcsckleckt, und der Krieger jubelt über die gewonnenen Sicgesmale; kühn ist der Schritt des Jägers auf der Bergfirstc und sein Name wird Nachts bei den Tanncnfcnern gesungen vom Munde des Sängers; und dem Sänger selbst wird Ehre in der Halle. Ich aber, der nickt zum Geschlecht der Könige gehöre; ich dessen Glieder nickt schnell genug sind zur Eile des Kriegs, die nicht erklimmen können den Horst des Adlers oder das Lager des hurtigen Hirsches; ich dessen Hand die Harfe nicht zu rühren vermag und dessen Stimme rauh ist für den Sang: ich habe weder Ehre noch Herrschaft, und die Menschen beugen das Haupt nicht, wo ich vorüber wandte. Und doch trag ich i» mir das Bewnstsein einer grosen Kraft, die meines Gleichen beherrschen, nicht ihnen gehorchen sollte. Mein Aug durchdringt die geheimen Herzen der Menschen — ich sehe ihre Gedanken eh ihre Lippen sie anssprechen, und ick verachte diese Schwächen und Gebrechen die ich sehe und an welchen ich nie Theil hatte. Ich lache über den Wahnsinn des Kriegers — ich höhne' in meiner Seele die Tyrannei der Könige. Gewiß gibt cs in der Meuschen- 29 natnr noch etwas Geeigneteres zur Herrschaft — noch etwas Würdigeres für den Ruhm, als die Sehnen des Arms oder die Schnelligkeit der Füße, oder den Zufall der Geburt." Während Morden, der Sohn Osla's, also bei sich nachsanu, das Ang noch stets auf den Himmel gerichtet, sah der Einsame einen Stern jählings aus seiner Stelle schießen und durch die stille Luft dahin eilen, bis er eben so plvzlich gerad über dem dunkeln Strom stehen blieb, dem Hüter des Steinhaufens eben gegenüber. Beim Anblik des Sterns überkamen Jenen langsam wunderbare Gedanken. Ertrank ans seiner Erscheinung den Mntk mächtige» Unternehmens. Eine schnell über der Erde hinstreifende Wolke entzog den Stern seinem Ang, ließ aber seinem erwachten Gcmüth die Gedanken nnd den anfdämmern- den Entwurf, die im Hinaufblikcn über ihn gekommen. Bei Sonnenaufgang loste ihn einer seiner Brüder von der Hut über die Herde ab, nnd er ging fort, aber nicht nach dem Hans seines Vaters. Sinnend vertiefte er sich in die dunkeln, entblätterten Gründe des winterlichen Forsts nnd gestaltete sich ans seinen wirren Vorstellungen deutlicher nnd klarer die Grnndzüge seines kühnen Höffens. Während er also brütete, vernahm er ein gros^s Geräusch in dem Wald und bestieg, in der Besorgniß der feindliche Stamm der Aloen möchte von dieser Seite her 50 cingedrungen sein, eine der höchste» Tannen, deren ewiges Grün anch im Winter das Schirmdach bot, das er suchte. Von ihren Zweigen gedekt spähte er sorgsam nach der Richtnug hin, von welcher das Geräusch gekommen. Und cs kam — es kam mit Stampfen und Krachen und zermalmendem Tritt aus die Reiser und das Blättergeflecht das den Boden dekte; — es kam das Ungeheuer, das die Welt jczt nicht mehr sieht, der mächtige Mammuth des Nordens! Langsam schritt er in seiner gewaltigen Kraft vor und seine brennenden Augen snnkeltcn durch das Schartendnnkel; die offen stehenden Kinir- baken zeigten die Mahlzähne, womit er die jungen Eiche» des Waldes zcrstnkte; und die langen Hauer, die sich bis zur Mitte seiner riesigen Glieder hinab- krnmmten, glänzten weiß und grauenhaft und erstarrten das Blut Dessen, der in der Folge einer der furchtbarsten Beherrscher der Menschen werden sollte. Die geisterhaften Augen des Ungethüms fasten die Gestalt des Hirten selbst in der dichten Finster- niß der Tanne. Es stand still, es starrte ihn an — der Rachen öffnete sich, und ein gedrnkter, tiefer Laut, wie der erste Donner, schien dem SohnOsla's der Ruf in ein grauenhaftes Grad. Nachdem das Thier ihn jedoch eine Zeit lang angestiert, ezte.es seinen schrekenvollen Weg von Neuem ruhig fort, die Zweige mit jedem Schritt zermalmend, bis der 51 lezte Ton seines schweren Fußes im Ohr des Horchenden erstarb.") Eh jedoch Morven den Muts, gefast vom Baum zu steigen, sah er durch die naktcn Gesträuche Waffen schimmern und gleich darauf kam ihm eine kleine Schar der feindlichen Aloen zu Gesicht. Er selbst blieb ihnen gänzlich nnbcmerkbar und hörte wie im Vorbeiziehen Einer zum Andern sagte: „Verbirgt doch die Nacht Alles; warum sie bei Tag angreifen?" Und Der, welcher das Haupt der Schar zu ein schien, crwiedertc: „Recht! Bei Nacht, wenn sie schlafen in ihrer Stadt, wollen wir an sie. Siehe! sie werden des Weines voll sein und wie Lämmer unter unfern Händen fallen." „Aber wo, o Führer," hob ein Dritter aus der Schar an, „sollen wir uns den Tag über verbergen? denn viel sind der Jäger unter der Jugend des, Oesenvolks; die könnten uns im Forst gewahr werden und ihren Stamm gegen unfern Angriff in die Waffen rufen." „Dafür Hab ich vorgesehen," entgegnete der Führer. „Ist nicht Odurs dunkle Höhle in der *) Der Kritiker wolle bemerken daß obige Beschreibung eine« Thiers, dessen Geschlecht jezt ansgcstorbcn iss, lediglich beabsichtigt die entfernte Wcitpcriode anzu- deuten, worein diese Geschichte fällt. Nähe? Wird sie uns nicht deken gegen die Ang^n unsrer Feinde?" Da lachten die Männer und zogen jubelnd den Wald entlang. Als sie weg waren stieg Morren vorsichtig herab, und eilte ans einem brcitern Pfad nach einem Thal zwischen dem Wald und dem Strom, worin die Stadt lag, in welcher der Fürst des Landes wohnte. AlS er an den Kriegern vorüber kam, Riesen jener Tage, welche sich in den Straßen (wenn das WortStraße zu gebrauchen ist)drängten- lose, anfklaffende Gewänder um die mächtigen Glieder, Köcher ans den Rüken und Jagdspeere in den Händen — lachten und spotteten sie und riesen, ans ihn weisend: »MorvcnDn Weib, MorrenDn Krüppel, was thnst Du unter Männern?" Denn der Sobn Osla's war klein von Gestalt und von geringer Stärke, und sein Fnß hinkte von Kindheit an; aber ohne ihrer zn achten ging er durch die Krieger. Am Ende der Stadt gelangte er zu einem hohen Thnrm, worin einige alte Männer zusammen kamen, die den König beriethen, in Zeiten der Gefahr, oder wenn Miswachs, Hnngers- noth oder Ucderschwcmmnng den Herrscher befangen machten und die wilden Stirnen seiner Krieger nm- wölkten. Sie gaben den Rath der Erfahrung, und wenn Erfahrung ihnen adging, entnahmen sie in gläubiger Unkundc Zeichen und Deutung aus den Win- den des Himmels, den Wechseln des Monds, dem Flng der wandernden Vögel. Durch die Stimme der Elemente und die manigfache» Geheimnisse die einander ans dem Antliz der Welt ewig folgen, aber ungelöst bleiben durch das Staunen das keine Ruhe hat, die Furcht die glaubt, und die ewige aller Erfahrung zu Grund liegende Vernunft, welche für Ursachen eine Wirkung sucht, — durch all Dies mit der Vorstellung höherer Mächte erfüllt, kamen sie ihrem Wiffeusmangel durch die Vermuthungen ihres Aberglaubens zu Hilfe. Aber nichts wüsten sie non List und übten keinen vorsäzlichcn Trug; sie zitterten zu sehr vor den Räthseln, ans welchen ihr Glaube hervorgegangen, um sich ihrer zur Lüge zu bedienen. Sie ertheilten Rath nach ihrem beste» Dafürhalten, und so alte, ergraute Menschen hatte nie der verwegene Traum durchzukt, ihre Krieger und Könige durch die Macht der Täuschung zu regieren. Der Sohn Osla's betrat das Gemäuer mit furchtlosem Schritt und näherte sich dem Ort am obern Ende der Halle, wo die Greise versammelt saßen. „Ha, niedrig gcborncr Feigling" ries der Ael- teste, in srühern Tagen ein gefeierter Krieger: „wagst Du ungemeldct in den geheimen Rath der weisen Männer zu treten? Weist Du nicht, Aus- wurs, daß der Tod hierauf steht ?« „Töktc mich, wenn Du willst," entgegucte Mor- Bulwer's Nomane XXI! ^ vett, „aber höre mich! Als ich vergangene Nacht n der zertrümmerten Burg unserer alten Könige saß und nach dem Gebot meines Vaters die umher grasenden Schafe hütete, damit nicht das wilde Volk der Aloen vom Gcbirg unbemerkt ans die Herde herabsteige, kam ein Sturm finster, daher und als der Sturm vorüber und ich zum Himmel hinauf blikte, sah ick' einen Stern von seiner Höhe gegen mich herab gleiten, und eine Stimme ans dem Stern rief: „„Sohn Osla's verlaß deine Heerde und suche den Rath der Weisen und sag ihnen, daß sie dich ausnehmen als Einen ihrer Zahl oder ihr und der Ihrigen Untergang werde jach hereinbrechen."" Aber ich hatte Math der Stimme zu antworten, und ich sprach: „„Spotte nicht de» armen Sohn des Hirten. Sieh, sie werden mich tödte», wenn ich ein so kühnes Wort spreche, denn ich bin arm und werthlos in den Augen meines Stammes, und nur Di-, welche grase Thaten vollbracht und grau von Haaren find, sizen im Rath der Weisen."" Da sprach die Stimme: „ „Thu wie ich dir befehle und ich will dir ein Zeichen geben, daß dich die Machte entboten, welche die Zeiten des Jahrs beherrschen und aus den Fittichen des Windes se- gcl». Sage den Weisen, daß wenn sie dich nicht unter sich anfnehmen, noch heute Nacht das Um glük über sie fallen und der Morgen in Blut auf- gehen soll."« Damit schwieg die Stimme und eine Wolke ;; zog bin über den Stern» und ich hielt Rath bei mir Und kam trauernd zu Euch, o strenge Väter; denn ich fürchtete ihr würdet mich schlagen wegen frecher Zunge und mich zum Tod vcrurtbeilen, weil ich sodere, was kaum' den Söhnen der Könige zugestanden würde." Da sahen die strengen Alten einander au und waren sehr erstaunt und wüste» nicht, was sie dem Sohn des Hirten antworten sollten. Endlich begann Einer rou den Weisen: „Offenbar mnß Wahrheit ans Osla'sSohn sprechen, denn er würde cs nicht wagen auf die grosen Lichter des Himntels zu lügen. Hätl' er die Worte des Sternes einem Menschen in den Mund gelegt, so könii, ten wir mit Recht an der Wahrheit derselben zweifeln. Aber Wer wird dieRache der Nachtgötter aus sich laden wollen?" Und die Greise nikten beifällig mit den Häup- terni aber Einer antwortete und sprach: „Sollen wir des Hirten Sohn als unseres Gleichen anfnehmen? Nein!" Der Name des Mannes, der also- gesprochen, war Darvan und seine Worte gefielen den Greisen. Aber Morve» erwiederte: „Wahrlich, o Bera- thcr der Könige, ich sehe nicht darum aus, daß ich Eures Gleichen sein könnte. Genug wenn ich die Pforten Eures Hanfes verschließe und Euch diene, wie der Sohn Osla's dienen kann." Und demüthig verneigte er sein Haupt. 50 Da entgegnete der Oberste der Alten, denn er war weiser als die klebrigen: „Aber wie willst Dn uns von demkluglük erlösen, das über uns kommen soll? Ohne Zweifel hat Dir der Stern den Dienst genannt, den Dn uns leisten kannst, wenn wir Dich in unsere Halle aufnehmcn, so wie das Weh, das auf uns fallen soll, wenn wir Dich nicht aufnehmen." Morven erwiederte in Demuth: „Gewiß wird der Stern, wenn Dn Deinen Diener ausnimmst, idm anzeigen, waS Dein Lolin sein soll; für jezt aberweis; er blos, was er bereits gesagt." Da hießen ihn die Weisen abtreten und sie beredeten sich, und sehr verschieden waren ihre Be- dünken; aber obwol kühne Männer und muthig gegen den Schlachtruf eines menschlichen Feindes, schauderten sie über die Verkündung des Sternes. So beschlossen sie denn den Sohn Osla's ausfuueh- men und ihn zum Pförtner des Rachsaales zu machen. Er vernahm den Beschluß und beugte sein Haupt und ging zn der Thür und seztc sich still bei ihr nieder. Und die Sonne sank hinab im Westen und die ersten Sterne der Dämmerung fingen an zu flimmern, als Morven von seinem Si; auffnbr und ein Zittern schien seine Glieder zu fassen. Seine Lippen schäumten, Zulnng und Angst kam über ihn; er krümmte sich wie ein Mensch dem der Speer ei- »es Feindes eine tödliche Wunde beiqebracht, und fiel plözlich auf sein Anliz auf dein Steinboden nieder. Die Greise nahten ihm; oerwundert hoben sie ihn auf. Langsam kam er wie aus einer Ohnmacht zu sich. Seine Augen rollten wild. „Vernähmet Ihr nicht die Stimme des Sternes?" fragte er. Und der Oberste der Alten antwortete: „Nein, keinen Laut haben wir gehört." Da seufzte Morven tief. „Nur an mich erging also das Worti Bietet sogleich, o Berather des Königs, bietet sogleich die Bewaffneten und die ganze Jugend des Volks auf, und Heist sie Schwert und Speer nehmen und Eure» Diener folgen. Denn siehe! der Stern hat ihm oerknndet, der Feind werde in unsre Hände fasle», wie die Thiere des Waldes." Der Sol,» Osla's sprach mit der Stimme eines Herrschers, und die Greise standen betroffen. „Was zaudert Ihr?" rief er. „Lugen die Götter der Nacht? Auf mein Haupt falle die Verantwortung wen» ich Euch betrüge." Da beriethc» die Greise nochmals, und sie gingen und boten die Bewaffneten ans und die ganze Jugend des Volks; und Jeder nahm Schwert und Speer, und so auch Mvroen. Und Osla's Sol,n ging oorans, stets empvrblikcnd zu dem Stern; und er bedeutete sie still zu sein und leisen Schrittes anszntreten. So zogen sie durch das mildeste Dikig des Waldes, dis sie zum Eingang einer grosen, mit alte», verflochtenen Bäumen verwachsenen Höhle gelangten, welche die Odurshöhle genant war. Und er hieß die Führer die Bewaffneten zli beiden Seiten der Höhle stellen, rechts und links ins Gebüsch. So hielten sie schweigend Wache bis die Nacht tiefer dunkelte; und sie vernahmen ei» Geräusch in der Höhle und den Hall von Tritten, und heraus kam ein Bewaffneter. Der Speer Moronis dnrch- borte ihn und er sank todt am Eingang der Höhle nieder. Ein Zweiter und ein Dritter, und Beide fielen abermals! Da ertönte laut und lang der Schlachtruf der Aloen und hcrvorschoß, wie ein Flus; über ein enges Bett, der Strom der Krieger. Und die Söhne der Oescn fielen auf sie und der Feind war in groser Noth und Entsezen über daS unvcrmnthcte Gefecht und die Dunkelheit der Nacht, und cs war ei» mächtig Schlachten. Und als der Morgen kam zälten die Kinder der Lesen die Erschlagenen »nd fanden den Führer der Aloen und die Ersten des Volks unter ihnen, und gros war darüber die Freude. Sicgpranqend kehrten sie,zur Stadt zurnk und trugen Osla's tapfer» Sohn auf den Schultern und jubelten: „Ehre dem Diener des Sternes." Und Morven kam in den Rath der Weisen. Nun hatte der König des Volks eine Tochter, und sie war lieblich unter den Weibern und schön Ll> anznsehen. Und Morven blikte auf sie mit Auge« der Liebe, aber er wagte noch nicht zu sprechen. Der SohnOsla's lachte heimlich über dieThor- heit der Menschen. Er liebte dieselben nicht, denn sie hatten ihn verhöhnt; er achtete sie nicht, denn er hatte die Weisesten unter ihren Greisen getäuscht. Er mied ihre Feste und Lustbarkeiten und lebte einsam für sich. Die Strenge seines Lebens vermehrte die Ehrfurcht, die sein Verkehr mit dem Stern ihm gewonnen, und der Kühnste unter den Kriegern neigte sein Haupt vor dem Liebling der Götter. Eines Tages wandelte er am Ufer des Stroms und sah einen gewaltigen Raubvogel vom Wasser aufstvßcn und auf einen Habicht Jagd machen, der noch nicht die volle Kraft seiner Schwingen erlangt hatte. Vvn Kindheit an hatte der einsame Morven in den grosen Wäldern und an den Ufern des mächtigen Stroms gern ans die Art der Wesen geachtet, welche von der Natur dem Mensche» unterworfen worden sind. Jezt sprach er, ans die Vögel blikend, zu sich selbst: „So geht es immer; durch List oder durch Gewalt sucht jedes Wesen seines Gleichen zu bcmeistern." Während seiner Betrachtung hatte der grose Vogel den Habicht nie- dcrgestoßen, und erschrvken und keuchend stürzte dieser zu Moronis Füßen. Er hob den Habicht auf, und über ihm schrie der Geier und umzog in nähern und nähern Kreisen seine entrissene Beute. Aber Morven scheuchte ihn fort und stektc den Harscht in 40 seinen Busen und trug ihn nach Hans und pflegte sein mit Sorgfalt und fütterte ihn aus feiner Hand, bis er wieder zu Kräften gekommen. Und der Habicht kannte ihn und folgte ihm nach wie ein Hund. Und lächelnd sprach Morven zu fiel» selbst: „Siehe, die leichtgläubigen Thoren um mich her halten auf den Flug und die Bewegung der Vögel. Ach will diesen armen Habicht meinen Zweken zu dienen lehren." So zähmte er den Vogel und richtete ihn seiner Natur gemäß ab; aber er verbarg ihn sorgfältig vor den Andern und äzete ihn im Geheimen. Der König des Landes war alt und konnte nicht mehr lang leben, und die Angen des Volks waren auf seiue beiden Söhne gerichtet, und es wüste nicht, welcher der Würdigere sei für die Herrschaft. Als eines Abends Morven durch den Wald ging sah er den Jüngern von Beiden, der ein groser Jäger war, gramvoll unter einer Eiche sizen und mit sinnenden Augen auf den Bode» bliken. „Was sinnest Du, o schnellfüßiger Seiror?"- fragte Osla'sSohn, „und weshalb bist Du traurig." „Du kannst mir nicht helfen!" antwortete der Königssohn streng. „Geh Deines Weges." „Ha." entgegnete Morven, „Du weist nicht, was Du sprichst. Bin ich nicht der Liebling der Sterne?" „Hinweg! ich bin kein Granbart den die Nähe des Todes zum Schwachkops macht. Sprich mir nickt von den Sternen. Ich weiß blos von Dem was mein Aug sieht, mein Ohr hört." 41 „Still!" entgcgnete Morven feierlich, und bc- dcktc sein Antliz; „still, damit der Himmel Dein rasches Wort nicht rache. Siehe, die Sterne haben mir die Gabe verliehen die geheimen Herzen der Andern zn durchschauen, und ich kann Dir die Gedanken des Deinigcn sagen." »Sage sie, Ausgeburt der Niedrigkeit!" „Du bist der Jüngere und Dein Name ist minder bekant im Krieg, als der Name Deines Bruders: glcichwol möchtest Du gern höher als er gesezt werden, möchtest aufden hohen Stuhl Deines Vaters sizen.« Der Jüngling ward bleich. „Du hast Wahrheit in Deinem Mund," sprach er mit wankender Stimme. „Nicht von mir, sondern von den Sternen kommt die Wahrheit." „Können die Sterne meinen Wunsch erfüllen?" „Sie können es; treffen wir uns morgen wieder." Damit wandte sich Morven in den Wald. Am folgenden Mittag kamen sie wieder zusammen. »Ich Hube die Götter der Nacht befragt, und sie haben mir die Gewalt gegeben, um die ich gebeten; aber unter Einer Bedingung." „Nenne sie." „Daß Du Deine Schwester ans ibren Altären opferest. Du must einen Steinhaufen erbauen und Deine Schwester in de» Wald nehmen und sie ans die Steine legen nnd Dein Schwert in ihr Herz enken. Nur also kannst Du znr Herrschaft gelangen." Der Königsfohn schauderte und sprang auf und schwang seinen Speer vor Morvens bleicher Stirn. „Zittere!" rief der Sohn Osla's mit lauter Stimme. „Höre ans die Götter, die Dich mit Tod 'bedrohen, weil Du gewagt Deinen Arm gegen ihren Diener zu erheben!" Während er also sprach, rollte oben der Donner, denn eben war eines der häufigen Gewitter des beginnenden Sommers am Ausbruch. Der Speer fies dem jungen Fürsten aus der Hand; er saß nieder uud heftetet die Auge» auf den Boden. „Willst Du das Gebot der Sterne vollziehen uud herrschen?" fragte Morren. „Ich willS!" rief Scirvr mit der Entschlossenheit der Verzweiflung. „So bring sie diese» Abend, wenn die Sonn« sinkt, hieher; Du allein; ich kann Dich nicht begleiten. Jczt laß uns die Steine hänfen." Schweigend beugte der Jäger seine gewaltige Kraft zu den Felsenstnken, die Morven ihm andeutete, und sie bauten den Altar und gingen ihres Wegs. Schön ist das Verscheiden der grölen Sonne, wenn der lrzte Sang der Vögel in den Schvs der Stille versinkt, wenn die Wolkengcfilde in Licht gebadet sind und der erste Stern über dem Grab des Tages hervvrtrit. „Wohin führst Du mich', mein Bruder," sprach 4 - Orna, „weshalb zittert Deine Lippe? und warum wendest Dn Dein Gesteht ab? „Ist der Wald nicht schön; lvkt er uns nicht weiter und weiter, meine Schwester?" „Ur.d wozu sind diese Steine gehäuft?" „Laß Andere antworten, ich häufte sie nicht." „Dn zitterst, Bruder, wir wollen umkehren." „Nicht doch! bei den Steinen dort liegt ein Vogel, de» mein Speer heut durchbort hat; ein Vogel oon schönem Gefieder, den ich für Dich tödtctc." „Wir sind bei dem Steinhaufen; wo hast Du den Vogel hiugelegt?" „Hierhin!" rief Seiror und faste das Mädchen in die Arme, warf sie auf den rauhen 'Altar und zog sein Schwert, ihr das Herz zu durchstoßen. Gerad über den Steinen erhob sich eine riesige Eiche, ein Gewächs ungezälter Jahrhunderte; und von der Eiche oder vom Himmel herab scholl eine laute feierliche Stimme: „Durchstoße sie nicht, Sohn der Könige, die Sterne nehmen ihren Ansspruch znrnk; Dn sollst das Mädchen nicht erschlagen und sollst dennoch herrschen über den Stamm von Oese, und Orna sollst Dn dem Liebling der Sterne als Braut geben. Steh ans und geh Deines Weges." Die Stimme schwieg; Ornas Schreken hatte für eine Weile die Bande des Lebens überwältigt; Seiror trug sie in seinen starken Armen durch den Wald nach Hans. „ Ach!"^sprach Morden, als er am folgenden -II Tag mit dem aufstrebenden Fürsten wieder zusammen kam; „ach! die Sterne haben mir ein Los bestirnt, das mein Herz nicht wünscht; denn ich, einsiedlerisch im Leben und verkrüppelt an Gestalt, bin unempfindlich für die Flammen der Liebe, und stets Hab ich, wie Du und Dein Volk weiß, die Angen der Weiber gemieden, denn die Mädchen lachten über meinen hinkenden Tritt und meine grämlichen Züge, und so lernte ich schon früh alle Gedanken an Liebe ans mir verbannen. Seitdem mir aber die Sterne (durch ihre Erklärung an Dich) kund thaten, daß Du, geliebter Fürst, nnr durch diese Heirat Deines Vaters befiederte Krone erhalten kannst, nnterwerf ich mich ihrem Willen." „Aber," sagte der Königsohn, „erst wenn ich König bin kann ich Dir meine Schwester zum Weib geben; denn Du weist, daß mein Vater mich zu Staub trcren würde, wenn ich ihn bäte die Blnme unseres Stammes dem Sohn des Hirten O-la zu bringen." „Du sprichst Worte der Wahrheit. Geh heim und fürchte nichts; aber wen» Du König bist, muß das Opfer gebracht und Orna die Meine werden. Ach! wie kann ichs wage», dis Angen zu ihr zu erbeben? Aber so gebieten die furchtbaren Könige der Nackt! — Wer darf ihrem Wort widersprechen?" „Der Tag der mich als König ficht, sieht Orna als die Deine," crwiederte der Fürst. Morven wandelte, wie er zu thnn Pflegt, allein 45 weiter ^ »»d sprach zu sich selbst: „Der König ist alt, doch kann erzwische» mir und meiner Hoffnung noch lang stehen." Und er begann es in seinem Haupt nmzuwälzcn, wie er die Zeit abkürzen möchte. Also in Gedanken vertieft wanderte er so achtlos weiter, daß die Nacht herannakte »nd er seinen Pfad im dichten Gehölz verloren hatte nnd nicht wüste, wie er wieder nach HanS kommen sollte. So legte er sich denn ruhig unter einen Banm und schlief bis der Tag graute. Da ward er hungrig und suchte im Gebüsch nach schlickten Wurzeln, womit er, denn immer war er gleichgiltig gegen Speise, in der Regel das Verlangen der Natur stillte. Unter bekantern Wurzeln und Kräutern fand er auch rothe Beeren von süßlichem Geschmak, : die er früher nie gesehen. Er aß einige wenige davon, war aber nicht weit im Wald gekommen, als es ihm vor den Angen schwindelte und eine tödliche Schwäche idn befiel. Mehrere Stunden lang lag er in Krämpfen am Boden nnd vermeinte zu sterben. Aber die zähe Saftlosigkeit seines Leibes nnd seine unabänderliche Mäßigkeit siegten über das Gift, nnd langsam nnd nach groser Angst erholte er sich wieder. Mit schwachen Schritten kehrte er zu dem Ort zurük, wo die Beeren wuchsen, pflükte mehrere, barg sie in seinem Busen und kehrte mit cin- hrechender Nacht in die Sradt zurük. Am folgenden Tag ging er zu den Heerden sei- »es Bakers, griff ein Lamm und zwängte ihm einige von den Beeren in den Magen; Mid das Lamm rannte dahin und stürzte tvdt nieder. Sofort nahm er etwas mehr von den Beeren und kochte sie nnd mischte den Saft mit Wein und gab den Wein heimlich einem der Knechte seines Vaters, und der Knecht starb. Nunmehr ging er zu dem König und nachdem er allein vor sein Angesicht gekommen, sprach er: „Wie geht es meinem Herrn?" Der König saß auf einem Lager aus Wolfs- häuteu und sein Aug war starr nnd trüb, aber mächtig waren die greisen Glieder und gewaltig seine Gestalt, und er war um einen Kopf länger gewesen als die Kinder der Menschen, und Keiner lebte der den Bogen zu spannen vermochte, den er in seiner Jugend gespannt. Gran, abgemagcrt, verkommen, wie Riesengebeine die bisweilen ans der Erde gegraben werden; — ein Ueberrest aller Kraft! Und der König erwiedertc schwach' und mit grausigem Lachen: „Männern von meinen Jabren geht es schlimm. Was hilft mir meine Stärke ? War ich doch als ein Krüppel geboren worden, wie Du, so dürfte ich in meinen alten Tagen um nichts Verlorenes klagen." Eine schnelle Rötbe flog über Morvens Gesicht; aber er neigte sich demüthig: „O König, wie wenn ich Dir Deine Jugend zurükgebcu könnte? wie, wenn ich die Kraft wie- der brachte, die Dich zeichnete unter de» Söhnen der Menschen, als die Krieger, der Alven wie Gras vor Deinem Schwert fielen?" Da erhob der König seine dämmernden Augen und sagte: „Wie meinst Du Das,> SohnOsla's? Wol Hab' ich schon Manches vernommen von Deiner gresen Weisheit und wie Du nächtlich mit den Sternen sprächest. Können die Götter der Nacht Dir das . Geheimxiß mittheilen das Alter wieder zu jiingen?" „Reize sie nicht durch Zweifel," entgeglieteMor- ven ehrfnrchtvoll. „Jedes Ding ist den Beherrschern der. /schwarze» Stunde möglich, und siehe, der Stern der Deinen Knecht liebt, hat um Mitternacht mit ihm gesprochen und gesagt: „ „Stehe auf »nd geh vor den König, und sag ihm daß die Sterne den Stamm der Oesen Hochhalten und daran gedenken wie der König seinen Bogen gespannt bat gegen die Söhne der Alven; deshalb fleh nach unter dem Stein, der zur Rechten Deines Hauses liegt neben dem Tannenbaum, und Du wirst ein Gefäß von Erde sehen, und in dem Gefäß wirst Du eine» süßen Saft finde», der wird machen daß der König, dein Herl-, sein Alter auf immer vergisset."" Und so, mein Herr, ging ich hinaus als der Morgen kam und sah unter dem Stein und fand das Gefäß von Erde und Hab es hicher gebracht zu meinem Herrn, dem König," 48 ^„Schnell — Knecht — schnell! baß ich trinken möge und meine Jugend wieder gewinnen!" „Nein! höre, o König: also sprach der Stern zu mir weiter: „„Nnr bei Nacht, wenn die Sterne Gewalt haben, wirkt diese Gabe; deshalb muß der König warten bis zur Stille der Mitternacht, wenn der Mond hoch steht: dann mag er den Saft mischen mir seinem Wein. Und Keinem darf er entdeken, daß er die Gabe ans der Hand des Dieners der Sterne erhalten. Denn heimlich thnn sie ihr Werk und wenn die Menschen schlafen; darum lieben sie nicht das Geplapper der Mäuler, und Wer ihre Gaben ausschwazt muß sterben." „Furchte nichts," sprach der König und griff nach dem Gefäß. „Niemand soll etwas erfahren — und siehe, morgen wcrd ich hervorgehen, und meine beiden Söhne, die »m meine Krone hadern. wahrlich ich werde jünger sein denn sie." Damit lachte der König laut und dankte dem Diener der Sterne kaum, und sagte ihm keinen Lohn zu; denn in jenen Tagen dachten die Könige an wenig — als an sich selbst. Und Morven sprach zu ihm: „Soll ich meinem Herrn nicht behilflich sein? denn ohne mich möchte der Trank vielleicht seine Wirkung verfehlen." „Ja," sagte der König, „bleibe hier." „Nein," antwortete Morven, „Deine Knechte würden sich wundern und viel darüber reden, wenn 4S sie den Sohn Osla's in Deinem Hans weilen sähen. Sv könnte vielleicht das Missallen der Götter der Nacht erregt werden. Gestatte daß die Hinterthür Deines Palastes unverriegelt bleibe, damit ich zur nächtlichen Stunde, wenn der Mond mitten am Himmel steht, unbemerkt tu Dein Gemach schleichen möge und den Saft mit Deinem Wein Mische." „Sei es so," sprach der König. „Du bist weise wenn auch Deine Glieder gekrümmt und kurz sind, und die Sterne einen länger» Mann hätten aus- wälen können." Und abermals lachte der König, und auch Mvrven lachte; aber in der Freude des Sohnes Osla's war Gefahr. Die Nacht hatte angefangen zu dunkeln und die Bewohner waren in tiefen Schlaf begraben, als eine gellende Stimme durch die Straßen rief: „Weh, weh! wacht auf, ihr Söhne der Oescn — weh!" Und wild, bleich, erschrekl, den Speer in der Hand, stürzten die riesigen Söhne des alten Stammes hervor, und sie sahen eine» Mann auf einer Erhöhung mitten in der Stadt, der schrie: „Weh!" und es war Morven, der Sohn Osla's! Und als sie sich um ihn her gesammelt, sprach er: „Männer und Krieger, zittert vor Dem was Ihr hören werdet. Der Stern des Westens hat zu mir geredet, und so sprach der Stern: „Unglük wird fallen ans das Kömghans der Oese» noch eh der Morgen graut, deshalb geh Du jammernd durch die Straße» Bulwer'S ploniane XXII- H 5t) und weke di« Bewohner zur Klage."" Und ich stand auf und that wie mich der Stern geheissen." Noch sprach Morven, als ein Knecht ans dem Hans des Königs auf die Menge zngerannt kam, der schrie laut: „der König ist todt." Da gingen sie in den Palast und fanden den König erstarrt ans seinem Lager, und seine mächtigen Glieder zn- sammengezogen und gekrümmt durch den Todcs- schmcrz, und seine Fäuste geballt wie zur Drohung gegen einen Feind; — den Feind alles Lebens! Und Furcht kam über die Schauenden und sie blikten auf Morven mit tieferer Ehrerbietung, als der kühnste Krieger hätte Hervorrufen können, und trugen ihn znrük in den Rathssaal der Weisen, klagend und ihre Waffe» zum Zeichen des Schmerzens zn- sammcnschlagend, und riesen von Zeit zu Zeit: „Ehre sei Morven dem Seher!" Und das war daö erstemal daß das Wort Seher in jenen Gegenden gebraucht ward. Am dritten Mittag nach des Königs Tod kam Seiror zn Morven und sprach: „Siehe! mein Vater ist nicht mehr und das Volk trit diesen Abend um Sonnenuntergang zusammen, seinen Nachfolger zu wälen; gewiß aber werden die Krieger und die jungen Männer meine» Bruder küren, denn er ist bebauter im Krieg. Halt mir also Wort." „Still, Knabe!" sprach Morven streng; „wag es nicht die Zusage der Götter der Nacht in Zweifel zn ziehen." 51 Denn Morven fing jezt an sich eine Macht heranszunehnien unter dem Volk, und zu sprechen wie Herrscher sprechen, selbst zu de» Söhne» des Königs. Und seine Stimme brachte den ungestümen Seiror zum Schweigen und er wägete nicht zu antworten. „Sich," sprach Morven lind nahm einen farbigen Federbusch hervor, „trag diesen ans Deinem Haupt und laß Dein Antliz mnthig sein, denn die Menge liebt ein unverzagtes Gemüth, und geh hinab mit Deinem Bruder zum Ort, wo der neue König erwält wird und überlaß das Andre den Sternen. Aber vor Allem vergiß diesen Federbusch nicht; er ist gesegnet von de» Göttern der Nacht." Der Königsohn nahm den Busch und kehrte nach Hans znrnk. Es war Abend, und die Krieger und Obersten des Volks waren versammelt an dem Ort, wo der neue König gewillt werden sollte. Und die Stimmen der Mehrheit begünstigten Voltoch, den Bruder Seirors, denn er hatte zwölf Feinde mit seinem Speer getödtet, und in jenen Tagen galt so Etwas für eine grose Tugend an einem König. Plözlich erhob sich ein Geschrei in den Straßen und das Volk rief: „Plaz für Morven den Seher!" Denn das Volk hatte noch grösere Ehrfurcht vor Osla's Sohn als selbst vor den Obersten. Und seit er zu Ansehen gekommen, hatte Morven eine Hoheit in seine Miene gelegt, die der Sohn der- H ^ ' Hirten selbst nicht geahnet in seinen früheren Tagen, und odwol seine Gestalt klein war und sein Fuß hinkte, so erschien doch sein Antliz ernst und voll Würde. Nur er unter dem ganzen Volk trug ein Kleid das den Boden rührte, und sein Haupt war blos, und das lange schwarze Haar reichte bis zum Gürtel, und selten bemerkte man Veränderung oder menschliche Leidenschaft auf seinem ruhigen Neuster». Er schmauste nicht und trank keinen Wein, und zeigte sich nicht oft in den Straßen. Nie lachte er und nie lächelte er, ausser wenn er allein im Wald, und dann lachte er über die Thor- heit seines Volks. So ging er larchsam durch die Menge, und wandte sich als das Volk ihm Plaz machte, weder zur Rechten noch zur Linken, und er stüzte seine Schritte mit einem Stab von der Stechpalme. Und als er zu dem Ort gekommen, wo die Obersten versammelt waren, und die beiden Köuig- svhne in der Mitte standen, hieß er das Volk Stille gebieten. Dann stieg er auf einen hohen Felsblok und sprach also zu dem Hansen: „Fürsten, Krieger und Barden! Ihr, greise Berather, und Ihr Jäger des Waldes, und Ihr Beschleicher der Fische in den Wassern, hört auf Morven, den Sohn Osla's. Ihr wist daß ich niedrig von Geschlecht und schwach von Gliedern bin,- aber Hab ich nicht den Stamm der Aloen in Eure Hände gegeben und erschlüget Ihr sie nicht im 55 Dunkel der Nachtblind war nickt gros das Schlachten ? Ihr selbst müsset wissen, daß der Sohn des Hirten so etwas nicht von sich selbst gcthan hat; offenbar war es nur der Diener der Hellen Götter, welche die Kinder der Oescn lieben. Ward nicht vor drei Nächten, als Schlaf ans der Erde lag, mein Ruf gehört in den Straßen? Verkündete ich nicht Weh dem Könighause der Ocsen? und bereits hat der dunkle Arm die Brust des Mächtigen getroffen, der nicht mehr ist! Soll ich so etwas blos geträumt haben, oder war ich nicht jvielmehr die Stimme der Hellen Götter, die über das Geschlecht der Oesen wachen? Darum, o Männer und Oberste, verachtet nicht den armen Hirten, sondern merket ans seine Worte; denn spricht nicht die Weisheit der Sterne ans demselben? Siche, gestern Nacht saß ich allein im Thal und die Bäume schwiegen und kein Lüftchen regte sich. Und ich sah nach dem Stern, der den Sohn Osla's berathet, und sprach: „„Erhabener Besieger der Wolke, Du der Deine Schönheit badet in den Strömen und mit Deinem Antliz dringt durch die Tannenzweige, sieh Deinen Knecht in Be- trübniß weil der Mächtige dahin geschieden ist und manigfache Feinde die Häuser meiner Brüder umstehen; und cs wäre gut, daß sie einen tapfern und im Kampf glüklichen König hätten, einen Liebling der Sterne. Daher, o Stern, wie Du die Krieger der Aloen in unsre Hände gegeben und uns den Fall der Eiche unsres Stammes voraus per» 51 kündiget hast, also fleh ich Dich an dem Volk ein Zeichen zn geben, das; es Den zum König küre, welchen die Götter der Nacht lieben."" — Da säuselt« eine leise Stimme, süßer als das Saitcnspiel der Barden, durch die Stille: „„Deine Liebe zn Deinem Volk ist den Sternen der Nacht angenehm. Geh denn, Sohn Osla's, und trit zn der Wahl- rersamlnng der Obersten nnd des Volks, und sag ihnen sie sollen Dich nicht verachten, weil Du zu langsam für die Jagd und wenig bekant im Krieg bist; denn für all Das gaben Dir die Sterne Weisheit zum Ersaz. Sage dem Volk, daß wie die Alten des Rathes ihre Weisungen dem Flug der Vögel entnehmen, also soll ihnen durch Vögcl- flug ein Zeichen werden, und hicnach sollen sie ihren König erwälen. Denn, spricht der Stern der Nacht, die Vögel sind Kinder der Winde; sie ziehen hin und her im Meer der Luft und besuchen die Wolken, welche Dienerinnen der Götter sind. Und ihr Sang ist nur die zerstükte Melodie, die sie den Harfen dort oben entnehmen. Sind sie nickt Bosten des Sturms? Wisset Ihr nickt noch eh der Strom gegen das Ufer gischt und der Regen herab- fällt am Klageruf der Vögel und ihren nieder» Kreisen über dem Boden, daß ein Ungewitter in der Näh« ist? Daher achtet Ihr mit Recht die Kinder der Luft seien die geeigneten Mittler zwischen den Söhnen der Menschen und de» Herren der Welt droben. Sage also dem Volk nnd den Ober- 55 stcn sie sollen 'ans den Tauben, die im Dach des Köniqbauses nisten, eine weiße Tanbe anslesen und sollen sie in die Luft fliegen lassen und die Göller der Nacht werden die Tanbe als ein Gebet anschen, das vom Volk kommt, und werden einen Bolen senden das Gebet zu erfüllen und dem Geschlecht der Oese» eine» König zu gebe», der seiner würdig ist.'" „Hierauf sprach der Stern nichts mehr." Da mnrreteu die Freunde Voltochs bei sich und sprachen: „Soll dieser Mensch uns vorschreibc», Wer König werden darf?" Aber das Volk und die Krieger riefen: „Hört auf den Stern: beginnen oder meiden wir die Schlacht nicht nach dem Flug der Vögel? sollen wir nicht nach dem gleichen Zeichen De» wälen, von welchem die Schlacht geleitet wird?" Und die Sache dünkte ihnen natürlich, denn sie war nach dem Brauch des Volkes. Sv nabmen sie denn eine der Tauben, die im Dach des Königbanses bauten und brachten sie an den Ort, wo Morven stand, und er blikte zu den Sternen ans und flüsterte vor sich hin und ließ den Vo-- gel los. Zn geringer Entfernung von dem Ort mar ein Anflug von Gehölz, und als die Taube aussticg, schoß plözlich ein Habicht ans dem Anflug hervor und verfolgte die Taube. Und die Taube war er- schrckt und schwebte in Kreisen hoch über der Menge, als, flehe da! der Habicht sich einen Augenblik auf seinen Schwingen wiegte und dann mit einem plöz- 66 liehen Stoß herabsticß und von seiner Beute wich und sich auf das befiederte Haupt Scirors vic- dcrsczte. „Sehet," rief Morvcn mit lauter Stimme, „sehet Euer» König." »Heil, Heil dem König!" jubelte das Volk. „Heil dem Erwälten der Sterne." Da erhob Morven die rechte Hand und der Habicht verließ den Königssohn und sezte sich auf Morvens Schulter. „Vogel der Götter," sprach er ehrerbietig, „bast du nicht eine geheime Botschaft für mein Ohr?" Da wandte derHabicht den Schnabel nach Morvens Ohr und Morven beugte sein Haupt demüthiglich.. Und der Habicht blieb bei Morven von diesem Angenblik und wollte sich nicht verscheuchen lassen. Und Morvcn sprach: „Die Sterne haben mir diesen Vogel gesandt, ans daß wir zur Tageszeit, wenn ich sie nicht sehe, nicht ohne einen Berather im Ungemach seien." So ward Seiror König, und Morven, der Sohn Osla's, ward genöthigt durch des Königs Willen Orna zum Weib zu nehmen, und Volk und Oberste ehrten Morvcn den Scher vor allen Weisen des Stammes. Eines Tages sprach Morven nachdenklich zu sich selbst: „Bin ich nicht schon jczt dem König gleich? ja ist nicht der König mein Diener? Hab ich ihn nicht über die Häupter seiner Brüder ge- sezt? taug ich deshalb nicht mehr zum Herrscher, als er? Soll ich ihn nicht non seinem! Siz stoßen? Es ist ein mühvoll und stürmisch Amt zu herrschen über die wilden Männer von Oese, zu zechen in der vollgcdrängtcn Halle und die Krieger zum Kampf zu sichren. Zech ich aber nicht und ziel, nicht in de» Krieg, so konnten sie sagen: das ist kein König, sondern Morven der Krüppel; und Die vom Geschlecht Sciros könnten mich heimlich morden. Allein kann ich nicht dennoch viel gröscr sein, als die Könige sind, und sie fortwährend erwälen und leiten, und'dabei wie jczt nach meinem Bebagen leben? Wahrlich die Sterne sollen auch mir einen Palast und viele Unterthanen einbringen." Unter den Weise» des Rathcs war Darvan; und Morven fürchtete ihn, denn sein Aug ging den Bewegungen des Sohnes Osla's oft nach. Und Morven sprach: „dieser Mann hilft mir mehr als Vertrauter denn als Verblendeter, denn wirklich geht mir ein Gehille und ein Freund ab." Darum sagte er zu dem Weisen, als er allein dem Untergang der Sonne znsab: „Mir dünkt, o Darvan, wir sollten zu Ehren der Sterne einen grvsen Thurm bauen, und der Thurm müste herrlicher sein als alle Häuser der Obersten und als das Haus des Königs. Denn sind nicht die Sterne unsere Herren? Und Du und ich sollten die Hauptbewohner in diesem neuen Palast sein, und wir wollen den Göttern der Nacht -dienen uud ihre Altäre mit dem Auserlesensten aus 58 unfern Herden, und den frischesten von den Fruchten der Erde nähren." Und Darvan sprach: „Dn sprichst wie cs dem Diener der Sterne ziemt. Ader wird das Volk den Thurm bauen helfen? denn es ist ein kriegerisch Geschlecht und liebt die Arbeit nicht." Morven antwortete: „Ohne Zweifel werden die Sterne selbst gebieten, daß das Werk geschehe. Sei unbesorgt." „In Wahrheit Du bist ein wunderbarer Mensch und Deine Worte treffen immer ein," erwicderte Darvan, „und ich wollte, Freund, Du lehrtest mich die Sprache der Sterne." „Dienst Du mir, so sollst Du sie kennen lernen," antwortete der stolze Morven, und Darvan war im Stillen ergrimmt, daß der Sohn des Hirten von eine n Acltern und Häuptling Dienste foderte. Als Morven zn seiner Gcmalin zuriikkehrte, fand er, daß sie sebr weinte. Sie aber liebte den Sohn Osla's mit der höchsten Liebe, denn er war njcht wild und raub, wie die Männer die sie bisher gekaut, und sie mar stolz ans seinen Leumund unter dem Volk. Und er uabm sie in die Arme und käste sie und fragte, weshalb sie weine. Da sagte sie ihm, ihr Bruder der König sei bei ihr gewesen und habe bittere Reden geredet über Morven. „Er stiehlt mir die Liebe meines Volks," hatte Seiror gesagt, „nnd blendet es mit Lügen. Da er 59 mich zmn König gemacht, kann er mir die Königs- würde nicht anch wieder nebmen? Wabrlich eine »cne Geschichte von den Sternen könnte die alte anfhebeii.«' Und der König hatte ihr befohlen ans Morvcns Geheimniß zu lausche» und zn sehen ob Wahrheit in ihm sei, wenn er sich seines Verkehrs mit den Mächten der Nacht rühme. Aber Orna liebte Morden mehr, als Seiror, deshalb sagte sic ihren Genial Alles. Und Morden empfand den Undank des Königs übel und ward sehr beunruhigt, denn ein König ist ein mächtiger Feind. Aber er tröstete Orna und hieß sie sich verstellen und auch ihrerseits beim Bruder über ihn klagen, damit Seiror ihr arglos vertrauen möge, was er etwa gegen Morden im Schild führe. Neben Morvens Hans war eine Höhle worin er den heiligen Habicht bewabrte und worin er für künftige» Nothfall noch andere Vögel heimlich anszog und Lzte, und die Thür der Höhle war beständig verschlossen. Als er eines Tages sich dort zn thun machte, bemerkte er gegenüber eine Spalte in der Wand, die er früher nie wahrqcnommen, und gaukelnd kam die Sonne herein. Während er noch hillschaute wurde der Sonnenstral verdunkelt und gleich drauf sah er ein Menschenantliz herein bli- ken. Und Morven zitterte, denn er erkante, daß er belauscht worden. Heftig stürzte er aus der Höhle, aber der Belauscher war bereits mUer den Päumen verschwunden, und Morren ging straks in Darvaus Gemach und sezte sich nieder. Und Darran kehrte erst spät am Abend zurük, und als er Morren sah, fuhr er zusammen und ward blaß. Aber Morren grüste ihn als einen Bruder und bat ihn zu einem Fest, das er, zum erstenmal, am nächsten Vollmond gebe» wolle zu Ehren der Sterne. Und von Darvaus Gemach kehrte er zurük zu seinem Weib und hieß sie das Haar raufen und mit Tagesanbruch zum König, ihrem Bruder, gehen und bitterlich klagen über die Art, wie sie von Morren behandelt würde, auf daß sie also die schwarzen Entwürfe aus des Königs Brust lvkete: „Denn gewiß," sprach er, „hat Darvan gelogen gegen Deinen Bruder und irgend ein Unheil steht mir bevor, das ich gern voraus wissen möchte." So ging denn Orna am nächsten Morgen zum König und sprach: „Des Hirten Sohn hat mich geschmäht und harte Worte zu mir gesprochen: werd ich nicht gerächt werde» ?" Da stampfte der König mit den Füßen und schüttelte sein mächtig Schwert. „Gewiß sollst Du gerächt werde», denn ich Hab von einem der Weisen etwas vernommen waS mir zeigt, daß der Mensch das Volk belügt und der Niedriggcborne soll sterben. 2u, sobald er wieder allein in den Wald geht, wollen mein Bruder und ich über ihn fallen und ihn erschlagen." Mit diesem Trost schikte Sei« ror Orna wieder fort. 6t Und Orna warf sich zu den Fußen ihres Ge- mals. „Flieh schnell, mein Geliebter, flieh in den Wald weit weg von meinen Brüdern, sonst endigt das Schwert Seirors Deine Tage." Da kreuzte der Sohn Osla's die Arme und schien in schwarze Gedanken verloren; und achtete nicht ans Orna's Stimme, bis sie ihn wieder und wieder um die Flucht angefleht. „Fliehen?" sprach er endlich. „Nein, ich bedachte welclw Strafe die Sterne auf nnscrn Feind herabsenden würden. Mögen Krieger fliehen. Morden der Seher siegt durch stärkere Waffen als Las Schwert." Nichtdestoweniger war Morven verwirrt in seiner Seele und wüste nicht wie er sich retten sollte vor der Rache des Königs. Während er also hoff- nnnglos nachsann, hörte er ein Rauschen von Wassern, und siehe, der Strom — denn es war jczt am Ende des Herbstes — hatte die Ufer gebrochen und tosete durch das Thal gegen die Häuser der Stadt. Und die Männer des Volks und die Weiber und Kinder rannten mit Angslgeschrei zu Moronis Haus und riefen: „Siehe, der Strom ist auf uns eingebrochen; rctt uns, o Diener der Sterne." Da kam ein plözlicher Gedanke über Morven und er beschloß sein Schiksal an einen verzweifelten Entschluß zu sezcn. Und still und traurig trat er auS dem Haus und sprach: „Ihr wist nicht, was Ihr fodert: ich 6r kan» Euch aus dieser Gefahr nicht retten; Ihr selbst habt sie über Gnch gebracht." Und sie riefen: „wie, o Sohn Osla's? wir sind unsres Vergehens nicht kundig." Und er antwortete: „Geht hinab zur Burg des Königs und wartet ans mich, und bald will ich Euch Nachfolgen und Ihr sollt erfahren wodurch Ihr diese Strafe bei de» Göttern verwirkt habt." Und brausend, wie ein ebbend Meer, wälzte sich die Menge zurük, und als sie weg war ging Morvcn allein nach dem Haus Darvans, das dem senügen zunächst lag. Und Darvan war sehr erschroken, denn er war hoch betagt und batte weder Kinder noch Freunde, und fürchtete er könne sich ans eigner Kraft nicht retten vor dem Wasser. Und Morgen sprach tröstend zu ihm: „Siehe! das Volk liebt mich und ich will sorge» das; Du gerettet wirst, denn wahrlich Du bist freundlich gegen mich gewesen und hast mir grosen Dienst ge- than beim König." Und als er Dies gesagt öffnete Morven die Hansthür und schaute hinaus und sah das; sic ganz allein waren; da faste er den alten Mann bei der Kehle und ließ nicht ab von seinem Griff bis er todt war. Und er lies; den Leib des Weisen ans dem Bode» liegen, und schlich aus dem Hans und verschloß die Thür. Als er zu seiner Höhle kam, dachte er eine kurze Weile nach, und als er das mächtige Getös der Wasser näher kommeu hörte und fernher das Geschrei der Weiter, hob er sein Haupt ans und sagte stolz: „Nein! in dieser Stunde soll »nr der Schreken mein Diener sei»; ich will keine Kunst brauchen als die Macht meiner Seele." Er schloss das Thor und ging ans seinen Stab gelehnt hinab zur Burg. Und es war jeztAbend und viele der Männer hielten Fakcln, damit sie einander in die Gesichter sähen bei der allgemeinen Furcht. Roth spielten die zitternden Flammen ans den dunkeln Gewändern und der bleichen Stirn Morvens; und er schien stärker als die klebrigen, weil sein Antliz allein ruhig war in der Bewegung. Und lauter und wilder kam das Gebrüll des Wassers, und schnell huschten die Schatten der Nacht über die eilende Flnth. Und Moroni sprach mit strenger Stimme: „wo ist der König und weshalb fehlt er dem Volk in der Stunde des Schrekens?" Da öffnete sich das Thor der Burg, und siehe! Seiror saß in der Halle am großen Tannenfener und sein Bruder neben ihm und seine Obersten um ihn her, denn sie achteten es nicht genehm auf die Foderung deS Hirtensohnes unter das Volk zu kommen. Da stellte sia, Moroni ans einen Fels zu Hänpten des Volks (denselben Fels, von welchem er den König ansgeruseu) und sprach: „Ihr wolltet wisse», o Kinder Oese's, weshalb der Strom seine Ufer überwältigt hat und diese Gefahr auf Euch gekommen ist. Wisset denn daß die Sterne als de» schnödesten aller Menschenfrevel eiue Verhöhnung ihrer Diener und Boten ansehe». Ihr Alle kennt das Leben Moronis, den Ihr den Seher genant habt. Keinem Menschen und keinem Thier thut er ein Leid; er lebt einsam, und fern von den wilden Freuden des Kriegerstamines verehrt er in Furcht und Demuth die Mächte der Nacht. Deshalb vermag er Euch von der kommenden Gefahr zu unterrichten — deshalb vermag er Euch vom Feind zu retten. Deshalb sind Eure Jäger schnell und Eure Krieger kühn, und deshalb bringen Euch Eure Herden Junge und die Erde ihre Früchre. Was verlangt Ihr zu hören? Wisset, Männer von Oese, man hat meinem Leben Schlingen gelegt und es sind Solche unter Euch die das Schwert geschärft haben für die Brust, die nur mir Liebe für Euch Alle erfüllt ist. Darum haben die strengen Herrscher des Himmels dem Strom seine Bande gelöst, — darum bedroht Euch dieses Uebel. Und nicht eher wird es vorübergehen, bis Die, welche die Grube gegraben haben für den Diener der Sterne, selbst in derselben begraben sind." Da blikten. erhellt vom rothen Fakclschein, die Gesichter der Männer wild und drohend, und zehntausend Stimmen riefen: „Neune sie, die sich verschworen haben gegen Dein Leben, heiliger Seher, und Glied für Glied sollen sie zerrissen werden." Und Morven wandte sich und sie bemerkten, daß er bitterlich weinte; und er sprach: 65 „Ihr habt mich gefragt und ich habe geantwortet; jezt aber werdet Ihr kaum glauben welchen Feind ich mir erwekt. Und bei den Himmeln selbst schwör ich, daß wenn mein Tod ihren Zorn versöhnen könnte und nicht auf Euch und Euere Kinder die Rache der mächtigen Sterne hcrabriese, ich meine Brust mit Freuden dem Messer darböte. Ja," rief er mit erhabener Stimme, seine dünnen Arme gegen die Halle ansstrekend, wo der König am Tannenfeuer saß „ja Du, den aus meine Stimme die Sterne vor Deinem Bruder erkoren haben — ja, Seiror, Du Sünder, nimm Dein Schwert und komm hieher, — tödte, wenn Du das Herz hast, den Scher der Götter." Der König sprang auf und die Menge schwieg in schaudernder Stille. Morren hob von Neuem an: „Wisset denn, o Männer von Oese, daß Seiror und Voltoch, sein Bruder, und Darvan, der Aelteste unter den Weisen, beschlossen haben Euer» Seher zu .tödten zur Stunde wenn er, allein die Schatten des Waldes sucht um ans neue Wolthaten für Euch zu sinnen. Der König leugne es wenn er kann!" Da tratVoltoch mit den riesigen Gliedern hervor aus der Halle, und sein Speer schlitterte in seiner Hand. „Recht hast Du geredet, niederer Sohn des Hirten meines Vaters, und allerdings sollst Du sterben für Deinen Frevel. Denn wenn Du von Deiner Macht bei den Sternen sprichst, lügst Dn BuIwr'S Nemaiie XXII 5 66 und lachst über die Thorheit Derer, die auf Dich hören. Darum so tödtet ihn!" Da schlugen die Oberste» in der Halle ihre Waffen zusammen und stürzten vor, den Sohn Osla's zu tödten. Er aber, seine unbewaffneten Arme erhebend, ries: „Hört ihn, ihr Furchtbaren der Nacht — hört seine Lästerung!" Da griff da» Volk das Wort auf und rief: „Er lästert — er lästert gegen den Seher." Aber der König und die Obersten, welche Morren haßten wegen seiner Macht beim Volk, drangen in die Menge; und die Menge war unentschlossen und wüste nicht, was sie thun sollte, denn nie hatte sie sich noch anfgelehnt gegen ihre Obersten und fürchtete den Seher und den König in gleichem Grad. Und Seiror rief: s „Entbietet Darvan zu uns, denn er hat die Schritte Morvens bewacht und soll den Schleier lüften von meines Volkes Angen." Da rannten drei der Schnellfüßigen nach dem Haus Darvans. Und Morven rief ans mit lauter Stimme: „Höret, so spricht der Stern der, eben durch jene Wolke ziehend, in mein Aug bricht: „„für die Lügen die der Alte geredet gegen meinen Knecht soll der Fluch der Sterne aus ihn fallen."" Gehet hin und wie Ihr ihn findet, wöget Ihr die Feinde Mor- venS und der Götter jederzeit finden." Eine kalte, eisige Furcht kam über die Menge und selbst Seirvrs Wange ward blaß; und Morven stand regunglos, mit gekreuzten Armen, boch und dunkel über den wogenden Fakeln. Und horch, näher und näher kamen die Kriegsroffe der Wellen, — sie hörten sie ans Land steigen und ihre weißen Mähnen im heulenden Sturm wehen. „Seht, während Ihr hinhörcht!" sprach Morven ruhig, „fährt der Strom heraus; eilt, denn die Götter wollen ein Opfer, seis Euer König oder Euer Seher." „Sklave!" schrie Seiror und sein Speer flog ans seiner Hand, und schoß zischend über den Häuptern der Menge an der dunkeln Gestalt Moronis vorüber, und drang in den Stamm der Eiche hinter ihm. Da stieß das Volk, ergrimmt über die Gefahr seines geliebten Sehers, ein wildes Geschrei ans, und sammelte sich um ihn mit gezükten Schwertern, dem König und den Oberste» entgegen. Aber in diesem Angenblik, noch eh es zum Kampf gekommen, kehrten die drei Krieger zurük und trugen Darvan auf ihren Schultern und legten ihn zu den Füßen des Königs und sprachen zitternd: „So' haben mir de» Weisen funden mitten in seinem eigenen Hans." Und das Volk sah, daß Darvan eine Leiche und die Verkündung Moronis erfüllt war. „So verderben die Feinde Moronis und der Sterne!" ries der Sohn Osla's.- Und das Volk wiederholte den Ruf. Da stieg die Wuth Seirors auf den höchsten Grad, und sein Schwert üver dnn Haupt schwin- 68 gend drang er in die Menge: „Dein..Blttt, Staub- geborner, oder das meine!« „Sei es so!" crwiederte Morven ohne zu beben. „Männer, todtet den Lästerer; horcht wie der Strom auf Eure Kinder und Herden einstürzt. Aus ibn, auf ihn, oder ihr seid verloren." Und Seiror fiel, durchbort von fünfhundert Sperren. „Tödtet, tödtct!" rief Morven, als die Edeln des königliche» Hanfes sich um den König drängten. Und das Klirren der Schwerter und das Bli- zen der Sperre und das Geschrei der Sterbenden und der Tumult des niedertretenden Volks mischten sich mit dem Gebrüll der Elemente und den Stimmen des brausenden Gewässers- Dreihundert von den Edeln fielen diese Nacht von den Schwertern ihres eigenen Volkes. Und der lezte Rnf der Sieger war: „Morven der Seher, — Morven der König! " Und als der Sohn Osla's die Wasser sich jezt über daS Thal ausbrciten sah, führte er Orua sein Weib und die Männer von Oese, ihre Weiber und Kinder, auf einen hohen Berg, wo sie den Aufgang der Sonne erwarteten. Aber Orua sezte sich fern und meinte bitterlich, denn ihre Brüder waren nicht mehr und ihr Geschlecht war geschwunden von der Erde. Und vergebens suchte sie Morven zu trösten. Als der Morgen kam, sahen sie daß der Strom 69 den gröscrn Theil der Stadt überschwemmt batte, und jezt seinem Waebsrhum etn Ziel sezte in den Höhlen des Thals. Da sprach Morven zum Volk: „Die Sterne sind gerächt »nd ihr Zorn ist gestillt. Wartet hier bis das Wasser abgelanfen ist in die Spalten der Erde." Und am vierten Tag kehrten sie nach der Stadt znrnk, und Niemand wagte einen Andern König zu nennen, als Morven. Ader Morven zog sich znrnk in seine Höhle und saun lang »ach, und versammelte dann das Volk und gab ihm neue Geseze und gebot ihm einen Tempel zu bauen zu Ehren der Sterne, und hieß darin ansvänfen Alles, was das Volk für das Kostbarste erachtete. Und er nahm zu sich fünfzig Kinder von Len Angesehensten im Volk und nahm auch zehn von den Männern, die ihm am besten gedient, und befahl daß sie den Sternen in dem grvscu Tempel dienen sollten; — Und Morven war ihr Haupt. Und er wies die Krone ab, die sie ihm ansdrängten und kürete unter den Acltcsteu einen neuen König. Und befahl daß fortan nur die Diener der Sterne im grosen Tempel den König und die Obrigkeiten kuren und Rath schlagen und Krieg erkären sollten: aber er gestattete daß der König zeche und jage und sich lustig mache im Eelaghaus. Und Morven baute Altäre in dem Tempel und war der Erste, der im Norden vierfnßige Thiere und Vögel, und später Mcnschcnfleisch auf den Altären opferte. Und er entnahm Vorzeichen aus den Gcwaiden deg 70 Opfers und gründete Schulen derSeherwissenschast. Und Morvens Frömmigkeit war das Wunder des Volks, weil er es ausgeschlagen König zu sein; und Morven der Hohepriester war zehntansendmal mächtiger als der König. Er lehrte das Volk die Erde pflügen und Kräuter säen, und durch seine Weisheit und den Mnth, den seine Verkündungen den Menschen einflösten, besiegte er alle Nachbarstämme. Und die Söhne der Ocsen breiteten sich aus zu einem grosen Reich und mit ihnen verbreiteten sich Morvens Name und Geseze. Und in jedem Gau, den er eroberte, befahl er den Sternen einen Tempel zu bauen. Aber ein schwerer Kummer fiel aus die Jahre Morvens. Seirors Schwester beugte ihr Haupt und überlebte den Untergang ihres Geschlechts nicht lang. Und sie ließ Morven kinderlos. Und er klagte bitterlich und wie von Sinnen, denn sein Herz hatte nur sie zu lieben Macht gehabt. Und er saß und bedekte sein Antliz und sprach: „Sieh, ich habe gerungen und gearbeitet und nie hat ein Mensch vor mir bezwungen was ich bezwungen habe.W ahrlich das Reich der eisernen Sitten und riesigen Glieder ist nicht mehr! ich Hab eine neue Macht gegründet, die fortan dem Land befehlen wird; das Reich eines sinnigen Geistes und beherrschenden Gemüths. Aber steh! mein Schiksal ist öd und bereits fühl ich, daß es weder Frucht »och Baum als Schuz für mein Alter treiben wird. Einsam und allein werd ich in mein Grab gehen. O Orna, meine Schöne, meine Geliebte, Keine glich Dir und Deiner Liebe dank ich meinen Ruhm lind mein Leben! Wären doch um Deinetwillen, Du süßes Vögelchen das in der dunkeln Höhle meines Herzens nistete, — wären um Deinetwillen Deine Brüder erhalten worden, denn wahrlich mit meinem Leben hätt' ich das Deinige erkaufen mögen. Ach! erst nachdem ich Dich verloren, fand ich daß Deine Liebe mir theurer war als die Furcht der Andern!" lind Morvcn trauerte Nackt und Tag und Niemand vermockte ihn zu trösten« Aber von dieser Zeit an gab er sich einzig den Sorgen seines Berufs hin, und seine Natur und sein Herz und Alles was noch weich in ihm geblieben, wurde hart wie Stein, — und er war ein Mensch ohne Liebe und verbot den Priestern Liebe und Ehe. Und in seinen spätcrn Jahren erhoben sich andere Scher, denn die Welt war weiser geworden eben durch Morvens Weisheit; und Einig- sprachen zu sich selbst: „Siehe, Morven, des Hirten Sohn, ist ein König der Könige; Das haben die Sterne für ihren Diener gethan; wollen wir nicht auch Diener der Sterne sein?" Und sie trugen schwarze Gewänder, wie Morven, und gingen umher verkündend was die Sterne ihnen gesagt. Und Morven war höchlich ergrimmt, denn besser, als irgend ein anderer Mensch, wüste er selbst daß die Seher lügen. Deshalb zog er mit den Tcnipcldienern gegen sie ans nnd griff sie und verbrannte sie an einem langsamen Feuer; denn also redete Morvcn zu dem Volk: „Ehre dem wahren Seher; aber nur ich bin ein wahrer Seher; alle falsche Seher soll der Tod treffen." Und das Volk ries der Frömmigkeit des Sohnes Osla's Beifall. Und Morvcn unterrichtete die weisesten unter den Kindern in den Geheimnissen des Tempels, so daß sie als seine würdigen Nachfolger aufwnchsen. Und er starb hochbetagt und hochgeehrt, und sie hauten sein Bild in einen mächtigen Stein vor dem Tempel, nnd das Bild erhielt sich tausend Menschenalter hindurch »nd Wer es anschante, zitterte; denn ans dem Gesicht stand die Nnhe unaussprechbarer Schrekensgcwalt. Und Morven war der erste Sterbliche des Nordens, der die Religion zum Schrittstein der Herrschaft machte. — Gewiß war Morven ein groser Mann! Es war die lezte Nacht des alten Jahrs und die Sterne saßen, jeglicher ans seinem goldenen Stuhl, und sahen mit schlaflosem Aug hinab auf die Erde. Die Nacht war dunkel und unruhig, die Stürme waren los und schnell und dicht jagten die Wolken unter den Thronen der Könige der Nacht 7 ; dahin. Und dann und wann znkten feurige Meteore durch die Tiefen des Himmels und wurden wieder verschlungen vom Grab der Finsternis;. Aber weit von seinen Brüdern, und mit einem bleichen Nebel um seinen Kreis, saß der mismnthige Stern unter dessen Obhut die Jäger des Nordens standen. Und über den untersten Abgrund des Weltraums war dichte, mächtige Nacht verbreitet, aus welcher, wie aus einem Kessel, Säulen wirbelnden Rauchs aufstiegen; und so oft die Stürme einen Augenblik ruhten auf ihren Pfaden, wurden Stimmen der Klage und des Hvhngelächters, verbunden mitAngstrnf, gehört, die ans dem Abgrund in die obere Luft empor tönten. Und um Mitternacht stieg langsam eine mächtige Gestalt ans dem Abgrund und ihre Schwingen verbreiteten Finsterniß über die Welt. Hoch bis zu dem Thron des mismuthigcn Sterns schwebte die furchtbare Gestalt, und der Ster» zitterte auf seinem Thron als das Wesen Angesicht gegen Angesicht vor ihm stand. Und die Gestalt sprach : „Heil, Bruder, Heil!" „Ich kenne Dich nicht," erwiederte der Stern. Du bist nicht der Erzengel, der zu den Königen der Nacht kommt." Und die Gestalt lachte laut. „Ich bin der gefallene Morgenstern — bin Lncifer, Dein Bruder! Hast Du nicht, o düsterer König, mir und den Mess uigen gedient? — Hast Du nicht die Erde dem 74 Herrn der da oben thront, entwunden und sie mir gegeben, indem Du die Seelen mit der Religion der Furcht verdunkeltest? Deshalb komm Bruder, komm — ein Thron ist Dir bereitet neben meinem eigenen in der stammenden Tiefe. Komm! der Himmel ist nicht mehr für Dich." Da erhob sich der Stern von seinem Thron und stieg hinab an die Seite Lucisers. Denn immer hat der Geist des Mismuths eine Verwandschaft gehabt zu dem Geist des Stolzes. Und langsam sanken sie hinab in die Kluft der Finsternis;. Es war die erste Nacht des neuen Jahrs und die Sterne saßen, jeglicher ans seinem goldenen Stuhl, und sahen mit schlaflosem Ang aus die Erde. Aber Kummer trübte das helle Antliz der Könige der Nacht, denn sic trauerten in Schweigen und Furcht um einen gefallenen Bruder. Und die Thore des Himmels der Himmel flogen aus mit goldenem Klang und der schnelle Erzengel schwebte herab auf seine» stillen Schwingen ; und der Erzengel theilte wie sonst jedem Stern das Gebot seines Herrn mit, und jedem Stern ward sein besonder Amt. Und als die Botschaft vollzogen schien, kam ein Gelächter aus dem Abgrund des Dunkels, und halb aus der Kluft erhob sich die finstere Gestalt Lucifers, des Feindes. „Du zälst Deine Herde schlecht, o stralender Hirte. Siehe! ein Stern fehlt unter den Dreitausend und zehn." 75 «Jnrük in Deine Nackt, lügnerischer Lncifer, der Thron Deines Brnders ist wieder eingenommen !" Und siehe! während der Erzengel sprach, er- bliktcn die Sterne einen jnngen, stralendcn Fremdling auf dem Thron des irrenden Sterns, und sein Antliz war so mild, daß das sckwächste Menschen- aug unverlezt ans seinen Glanz hätte schaue» können; nur der dunkle Feind allein wurde durch die Glorie geblendet, und mit einem Zornruf, der die flammenden Pfeiler des Weltalls erschütterte, sank er zurük in das Dunkel. Da ertönte fernher, süß aus den unsichtbaren Hallen die Stimme Gottes: „Siehe! auf dem Thron des unzufriedenen Sternes sizt der Stern der Hoffnung, und Der, welcher den Menschen die Religio» der Furcht einhauchte, hat zum Nachfolger Den, welcher die Erde die Religion der Liebe lehren wird." Und auf ewig weilt der Stern der Furcht be- Lucifer und der Stern der Liebe wacht am Himmel! Zwanzigstes Kapite l. Gelnvausen. — Tic Macht der Liebe einen Ort zu weihen. — Ein Bild van Friedrich Barbarossa. — Die Ru»m- liebe der Männer findet in den Frauen keinen entsprechenden Anklang. „Sie haben mich mehr als Einmal für Eie zittern gemacht/' sagte Gertrud zu dem Studenten. „Ich fürchtete Sic würden auf einen geheiligten Boden Überspringen, aber ihr Ende macht Alles wieder gut." „Die falsche Religion sucht immer Kleid, Sprache, Aensserlichkeit der wahren nachznahmen," erwiederte der Deutsche. „Ans diesem Grund ließ ich durch meine Erzälung absichtlich die Furcht und Besorg- niß erregen, von welcher Sie sprechen, überzeugt daß am Schluffe des Ganzen das zarteste Gewissen sich befriedigt finden würde." Dieser Deutsche war von einer neuen Schule, von welcher England bis jezt noch nichts bekant ist. Wir werden dereinst sehen, welche Erzeugnisse sie hervorbringt. Der Student verließ sie in Friedberg, und unsere Reisenden zogen weiter nach Gelnhausen, einem ansprechenden Ort für Liebende, denn hier 77 ward Kaiser Friedrich der Erste durch die Sclwnheit Ge las überwältigt, und baute mitte» aus einer Insel sein kaiserlich Haus zu Ehren der Dame seines Herzens. Die Stelle ist an sich wirklich sehr gut gewält. Das Roh negebirg*) mitder grünen Nacht seiner Wälder, und die glänzenden Wasser der Kinzig schließen sie ein. „Wo wir uns Hinmenden," bemerkte Trevylyan, „finden wir stets daß Liebe sich mit der Sage verwebt; daher die Geschichte den Orten nicht dieselbe Weihe mittheilt, wie die Poesie." „Sonderbar," bemerkte Vane moralisirend, „daß die Liebe, die doch nur einen geringen Theil unseres wirklichen Lebens ansmacht, den Hanptschlüffel zu uiisern Fantasien bildet. Die Härtesten von uns, Menschen die über jene Leidenschast lachen, wenn sie dieselbe in der Wirklichkeit vor sich sehen, werden'durch eine verwischte Sache vom Dasein der Liebe in der Vergangenheit angczogen. Es ist als ob das Leben wenig Gelegenheit böte, gewisse Eigenschaften in uns zur Entfaltung zu bringen, so daß sie fortwährend klanglos in uns schlummern, bemerkbar für die geistige Wahrnehmung, aber taub für den Ruf zur eigenen Thatkraft." *) Der Verfasser, der in Benennung der in vorliegendem Werk zur Sprache kommenden Oertlichkeiten »iberhauvt sehr vielfache Verstoße begeht, gibt im ikrr- zinal fälschlich das Ryeingebirg an. Der Ucbcriezer 78 „Sie nehmen die Sache zu spizfindig und illusorisch," entgegncte Trevylyan lächelnd. „Kein Mensch trägt irgend eine Fähigkeit, irgend eine Leidenschaft in sich, die, wenn er auch nur einen Tag lang wirklich geliebt hat, nicht zur Entfaltung käme." Gertrud lächelte, Trevylyan schlang ihren Arm in den seinigcu und überließ es Vane über die Leidenschaft zu philosophiren; — eine geeignete Beschäftigung für Den, der sie nie gefühlt hat. „Hier last uns stillhalten," sagte Trevylyan. nachher, als sie die Ueberbleibsel der alten Kaiserburg besuchte» und die Sonne hell auf die Stätte niederglänzte, „hier last uns ruhen, die alten Rittertage des heldenhaften Rothbarts zurükzuru- feu. Stellen wir ihn uns am Beginn der lczten grosen Unternehmung seines'Lebens vor; denken wir ihn uns beim Aufbruch in's heilige Land. Rufen wir Vor unsere Fantasie wie er auf seinem weißen Roß auS diesen Mauern zieht, sein flammendes Ang etwas von den Jahren getrübt und sein Haar gebleicht, aber edler eben durch das Gepräge der Zeit; Waffenklang, Pferdestampfen, fliegende Fahnen, Trompetengeschmetter von Hügel zu Hügel, rothe Kreuze und nikende Federn, die Sonne wie' jezt auf jene Bäume scheinend und dort von den blanken Harnischen der Kreuzfahrer wiederstralend; doch Ge- la — 74 „Ach," bemerkte Gertrud, „sie sollte nicht mehr sein, denn sie würde ihre Schönheit jezt überlebt und gefunden haben, daß die Ruhmbegierde nun auf keine Nebenbulerin mehr in Friedrichs Brust stoße. Ruhm entschädigt die Männer für den Tod Derer die sie liebten, aber Ruhmsucht ist eine Treulosigkeit gegen die Lebenden." „Nicht so, geliebte Gertrud," entgegnete Tre^ vylyan schnell; „mein Lieblingstranm von künftigem Ruhm ist die Hoffnung seine Kränze zu Deinen Füßen zu legen! Und sollt ich mich in kommenden Tagen je über die Menge erheben, so würde ich dabei nur forschen, ob Dein Schritt stolz, Dein Herz erhoben sei." »Ich hatte Unrecht," erwiederte Gertrud mit Thränen in den Angen; „um Deinetwillen kann auch ich ehrgeizig werden." Vielleicht irrte sie sich hierin gleichwol, denn cs ist eine gewöhnliche bittere Erfahrung unserer Herzen, daß die Frauen so selten ein verwandtes Gefühl für unser besseres, edleres Emporstreben haben. Ihre Ehrliebe geht nicht auf gross Dinge; sie vermögen jene Sehnsucht nicht zu begreifen, „welche die Freude verachtet und mühsame Tage begehrt." Lieben sie uns, so fodern sie in der Regel zu viel. Sie sind eifersüchtig auf die Ruhmbegierde, der wir so vielfache Opfer bringen und die eine Scheidewand zwischen uns und ihnen zieht; sich abwendend, verweisen sie jene strenge Lust groser Ge- 80 mnther in eine Einsamkeit, welche allein unter allen Abgeschiedenheiten vom Herzen nicht getheilt werdenkann. Einporstreben Heist allein sein! Ei n nn d z w a n z ig st es Kapitel. Ansicht von Threnbreitslein. — Neue Schreken in Bezug auf Gertruds Gesundheit. — Trarbach. Ein andermal zogen unsere Wanderer von Koblenz nach Trier, den Lauf der Mosel verfolgend. Sie hielten ans dem jenseitigen Ufer, unter der Drnke, welche Koblenz mit dem Petersberg verbindet, an, nm bei der herrlichen Ansicht von Eh r e n b rei tstei n, die sich von dort aus darbietct, zu verweilen. Es war eine jener lautlosen Mittagstnnden, die ihre Helle, labende Stille in unser Gemsith übertragen. Dort lehnte sich ein alter Hirt auf seinen Stab und das ruhige Vieh stand bis ans Knie im vornbergleitenden Wasser. Nie warf ein anfterer, hellerer Fluß die Bilder des Hirtenlebcns zurük, als die Fläche der Mosel zu jener Stunde. Unten fielen die dnnklcrn Schatten der Bruke und der Mauern von Koblenz tief ans die Wellen nnd Las bnnte Gemisch der hohen Segel über den im 81 Hafen ankernden, Barken. Aber klar stiegen die Tkürme und Dächer von Koblenz gegen die Sonne auf, als Vvrgrund manigfacher, gegen den Sehkreis hin geneigter Berge. Hoch, dunkel, massiv Hobe» sich jenseits deS Rheins die Werker und der Felsen von Ehrenbreitsteiu, ein Abbild >eneS grosen Nlttergeistes, — der Ebne, die der FelS als seinen -> Namen anspricht, — die so viele Opfer von Blut und Thronen sodert, im unruhigen Herzen des Mannes aber stets eine weit tiefere Tbnlnahme erregt, als die friedlicher» Lebensbilder, von welchen sie in buntem Eegcn-saz umgeben ist. Immer wieder wendet sich das Ang vom stillen Wasser und der Stätte gemcimr Muhe und alltäglicher Lust in die Höhe; immer wieder fällt uns beim Hinblik auf diesen steilen, uralten Felsen Hunger und Belagerung ein, und wir gestehen daß den kühner» Unthaten der Menschen ein seltames Vorrecht zukommt gerade dem Ort, den sie vernichtet haben, eine Weihe zu geben! In der Tiefe mischten sich die abstnseudcn User in grünen Krümmungen und scheinbaren, von Gras Überhängen«! Buchten mit dem Gewässer, und eben am Ende d-r Brüke gab eine einsame, dicht und dunkel im kräftigen Schatte» stehende Baumgruppe der Landschaft jenen.schwermüthigeii Zug, der dem Einen nächtigen Gedanken gleicht, der sich oft in unsre sonnigsten Stunden eiudrängt. Die Zweige der Gruppe rührten sich nicht; keines Vogels Stimme unterbrach die Stille in ihrem lichtlosen Grün; das Bnliver'S Romane. XXIl, g Aug wandte sich von ihnen ab, wie von dev düstern Schlußlehre unseres irdischen Daseins. Auf dem Weg nach Trarbach ward Gertrud abermals von einer jener Ohnmächten befallen, welche Trevylyan früher so sehr crschrekt hatten. Man hielt ein bis zwei Stunden in einem kleinen Dorf an, die Leidende erholte' sich aber mit so auffallender Schnelligkeit und bestand so dringend' auf der Weiterreise,. daß ihre Begleiter, halb gegen den eignen Willen,, die Fahrt fortsezten- Der Vorfall würde gleichwol eine Wolke auf den Wanderzng geworfen haben, hätte sichs Gertrud nicht zum Geschäft gemacht, den Eindruk wieder zu verwischen, uud so leicht,,so heiter war ihre Stimmung» daß ihr Bemühen, wenigstens für den Augenblik, gelang.- Spät am Mittag, kamen sie in Trarbach an. Dieses jezt kleine', bescheidene Städtchen soll der Thro n us Barchi der Alten gewesen sein. Von dem Ort, wo die Wanderer hielten, um eine Totalanschauung von der Stadtzu bekommen,, sahen sie die kleine Schenke,. eine ärmlichePrätendentin anfdenThron des Bacchus, mit' einem roh gearbeiteten Bild der heiligen Jungfrau über der Thür, vor sich. Das Giebeldach,- die eingesunkenen Fenster, die grauen Mauern, unterbrochen von rohen Holzbalken, wie man sie bei grmeinerit Häusern auf dem Kontinent so häuffg trist, boten eine t>übe, uneinladend« Ansicht. Gerad über dem Wirthshaus erhob sich die Stadtkirche mit ihren gothischeu Fenstern und ihrem ehrwürdigen Thurm, und vom Gipfel eines grünen, beinah senkrechten Bergs schauten die Trümmern einer jener mächtigen Burgen düster herab» welche den nie fehlenden Dunkelblik einer deutschen Landschaft bilden. Der Eindruk des Ganzen war'still und schwer- müthig. Die ausnehmende Klarheit des Tags hob, mit einer fast unangenehmen Helle, die Armuth deS Städtchens, die Dünnheit der Bevölkerung und die wilde Gröse der Ruinen hervor- welche über die Hauptstadt des untcrgegangenen Stammes der kühnen Grafen von Sp o n h eim herabhängen.' Man brachte die Nacht in Trarbach zu und feste die' Reise am'andern Tag fort. In Trier befand sich Gertrud einige Tage lang ernstlich un- wol, und bei der Rükkunft »ach Koblenz war ihre Krankheit augenscheinlich aus eine schnelle- beunru-° higende Art angewächsen. Zwei u n dz w a n z igfte s K a p itel. Das Doppelleben. — Trevylväns Schiksal/— Schmerz, der Bater des RuhmS. — Niederlahnsieln. — Träume. Jeder'von uns hat zwei Leben die zugleich, aber kaum mit einander verbunden, dahin fliesen! — 6 ' Las handelnde Leben und das Leben unseres Ge- müths, die äussere und die innere Geschichte; die Thätigkeit der Sinne und das tiefe, rastlose Wirke» des Herzens. Die welche geliebt habe», wissen daß cs ein Tagebuch der Seele gibt, das wir jahrelang halten können ohne Veranlassung zu finden die äussere Oberfläche des Lebens, unsre lärmenden Beschäftigungen, das Mechanische im Fortgang unserer Existenz, auch nur zu berühren. Glcichwvl werden wir nach dem Leztcrcn bcurtheilt, während das Erster- nie betaut wird. Die Geschichte enthält die Thaten der Menschen, ihre» äusserlichen Ka- raktcr, aber nicht die Menschen selbst. Es gibt ein geheimes Selbst, das sein eigenes „von einem Traum umschlossenes/' unerforschtes, ungeahne- tes Leben führt. Was ging Stunde um Stunde in Trevylyan vor, als er dem Verfall der Kräfte in dem einzigen Wesen zusah, das zu lieben sein stolzes Herz je bestimr war! Seine wirkliche Rech, iiung der Zeit wurde durch jedes Wölkchen auf Gertruds Stirn, jedes Lächeln ihres Angesichts, jede, selbst die unbedeutenste Veränderung in ihrer Krankheit bedingt; dem änssern Ansehen nach aber hätte Niemand ans diesen dunkeln Strom wechselnder, erejgni.svoller Bewegung geschlossen. Mit gewohnter Regelmäßigkeit erfüllte er Alles was dem Leben seine äussere Färbung gibt, lächelte und ging wie andere Menschen. Denn mit jenem Heldensinn, womit die wahre Liebe das eigene Selbst besiegt, 85 trachtete er blos, das junge Herz, welchem er sein Asses dahin gegeben, Ln erheitern nnd aufznmnthi- gen, und bewahrte den dunkeln Sturm seiner Augst für die Einsamkeit der Nacht. Dies war die eigeuthüiiilichc Bestimmung die ihm das Scbiksal gesezt hatte: als ihn dasselbe in später» Jahren auf das grvsc Meer desStaats- lebcus hinaus warf, schien es entschlossen aus seinem Herzen jede Sehnsucht nach dem Land ausrcisscn zu wollen. Für ihn sollte es kein grünes, heimliches Pläzchen im Thal des häuslichen Glükes geben. Seine Barke sollte keinen Hasen, seine Seele nicht einmal den Wunsch nach §inhe kennen. Denn Thä- .tigkeit ist der Lethe in welchem wir allein unsere früheren Träume vergessen, nnd das Gemnth das, zu kräftig um nicht den Kampf mit dem Weh der Vergangenheit zu versuchen, dasselbe zu unterjochen strebt, darf sich zu einem Znrükblik keine Zeit lassen. Wer weis; welche Schmerzen des Wolthätcrs manche der Welt dargcbrachte Woltbatcn zum Ursprung gehabt haben mögen! Wie die Ernte welchd den Menschen in der Sonne des Herbstes erfreut, durch die Regen des Lenzes hervvrgernsen ward, also mag oft der Gram der Jugend den Ruhm des Mannesalters schaffen. Entzükt von der Schönheit des Stromes wünschte Gertrud die Reise bis Mainz fortznsezen. Der reiche Trevylha» vermochte den Arzt, der die Leidende in Koblenz behandelt hatte, sich.der Gesellschaft anzn- 8g .schließen, und noch einmal machte man sich den Gestaden des mittelalterlichen Rheins entlang ans den Weg. Denn was die Tiber für die antike Zeit, das ,ist der Rhein für.die Zeiten des Ritterthnms. Der steile Fels und der graue, geschleifte Thurm, das Kernhafte und.ranh.Malerische des Feudalismus bilden die Grundzüge des Schanplazcs, und fast .könnte man sich im Dahinsegeln verstellen, man fahre den Strom der Zeit zurük .und die Denkmale alter Pracht.und Kraft stiegen, eins ums andere, an sei- .nen Ufern auf! Däne und.Du--e, der Arzt, .unterhielten sich im Hintergrund des Fahrzeugs von Steinen und Erdschichten mit jener wunderlichen Pedanterie der Wissenschaft, welche die Natur zu einem Geripp entfleischt und, unbewust der lcdendigen Schönheit der Welt, unter ihren Todtenbeinen nach Beute .sucht- Sie überließen Gertrud und Trevylyan einander selbst, und, „über die plätschernde Wand gelehnt," gaben Diese sich schweigend dem Trübsinn hin, der Beide erfüllte. Denn Gertrud fing, vbwol nur zweifelnd und vorübergehend, an zum Gefühl zu erwachen, welch kurze Spanne ihrem Lebe» noch gestattet sei, und der Lieblichkeit ihres Wesens drükte sich jezt noch jene düstere, unaussprechbare Anziehungskraft ans, die aus dem Borgefühl des eignen Todes entspringt. Sie kamen an der fruchtbaren Insel Oberwert,. ..dem, seiner rothen Trauben wegen 87 berühmten Dorf 5?orchheim vorüber, und sahen die Lahn aus ihrem Bergbette ihren Zoll an Obst nnd Korn in den Schaz des Rheins tragen. Stolz stieg der Thurm von Niederlahnst.ei n empor, und tief lag sein Schatten auf dem Strom. Es mar spät am Mittag; das Vieh hatte sich von der schrägen Sonne in die Schatten znrükgezogen nnd drüben erhob die heilige Markusburg ") ihre Zinnen über rebenbekränzte Hügel. Auf dem Wasser waren zwei Boote neben einander hiugezogen und von dem einen aus, das jezt ans Land stieß, unterbrach der Ruderschlag die weite Stille der Flnth. Neben einem alten Thurm machten sich Fischerleute zu thnn, aber der Schall ihrer Stimmen erreichte das Ohr nicht. Es war Leben, aber schweigendes Leben, der Mittagsruhe angemessen. „Im Reisen liegt Etwas,-" bemerkte Gertrud, „was uns fortwährend, selbst au den abgelegensten Orten, die Ganzheit desLebens vor die Seele bringt. Wir kommen in diesen stillen Winkel und finden ein Geschlecht von dessen Dasein wir nie geträumt haben. Auf seinem nieder» Pfad fühlt es dieselben Leidenschaften, geht dieselbe Bahn wie wir selbst. Die Berge schließen es ab von der grosen Welt, aber sein Dorf ist für sich eine Welt. Es weiß *) Die Bezeichnung heilig scheint ans dieBcncnmmg dieser Feste nach dem heiligen Markus ansticlcn zu sollen. Der Ucbersczer. 88 und braucht nickt mehr von den stürmische» Austritten ferner Städte, als unser Planet sick um die Bewohner entlegener Sterne kümmert. Was also ist der Tod, als neben der allgemeinen Unbckant- schast unserer Existenz im grosen Weltall noch das Verschwinden ans ein paar Herzen? Die Wasserblase zerspringt lautlos in der weiten Wüste der Lust.« „Warum vom Tod sprechen?" fragte Trevylyan mit verzerrtem Lächeln: „diese sonnigen Bilder sollten keine so düstere Vorstellungen Hervorrufen." „Düster," erwiederte Gertrud mechanisch. „Ja der Tod ist in der That etwas Düsteres, wenn man geliebt wird !" Sie verweilten einige Zeit in Niederlahnstein, denn Däne wünschte die Mineralien zu untersuchen welche die Lab» in den Rhein schwemmt, und die Sonne neigte sich zum Untergang als man die Reise wieder fortsezte. Im langsamen Wcitersahrcn sagte Gertrud: „Wie traumartig ist eine solche Empfn - dung unseres Daseins, wo jeder Scenenwechsel ohne Mühe oder Bewegung von unserer Seite vor unS gebracht wird; und bin ich bei Dir, Geliebter, so kommt mir Alles nicht minder wie ein Traum vor, denn leztcr Zeit Hab ich mehr als je von Dir geträumt, und Träume sind ein Theil meines Lebens selbst geworden." „Beim Träumen fällt mir ein", bemerkte Trevylyan im Verlauf ihrer Unterhaltung über diesen S9 gebeimnisvvllen Gegenstand, „daß ich während meines früher» Aufenthalts i» Deutschland einmal mit einem seltsamen Schwärmer znfammcntraf, der sich, wie ers nannte, ein „Träumesystem" ansqcdacht batte. Als er mir daran sprach, bat ich um nähere Erklärung was er darunter versteife, und er willfahrte mir ungefähr in folgenden Worten. Dreinndzwanzigstes Kapitel. Tas Traumleben. „Ich bin," sprach er, „mit vielen Empfindungen eines Dichters geboren, aber die Sprache zum Aus- druk derselben fehlt mir. Fortwährend wurden meine Gefühle durch den Verkehr mit der wirksteben Welt unterdrükt; meine Verwandten, echte Deutsche ohne Regsam'eit und Leidenschaft, boten keinen Anhaltpnnkt für mich, und eben so wenig fand ich bei Jemand ausser meiner Familie bessern Anklang. Freundschaften stießen mich bald zurük, denn ihre Wärme wechselte nach der unbedentensten Veränderung 1 Liebe täuschte meine Erwartungen, denn die Wirklichkeit kam meinem Ideal nie gleich. Mir früh am Busen derVoeste Genährten, in das Wilde und Abenteuerliche Verliebten, erschien das gemeine 9Ü Leben unsäglich zahm und unergniklich. Und gleich-' wol sprach mich die dem dichterischen Karakter angemessene Thatlosigkeit mehr an, als fcne scharfe, unkontemplativc Rührigkeit, die allein dem Leben grose Erfolge abzngewinnen vermag. .Sinnen war mein natürliches Element. Ich brachte den Mittag gern an irgend einen .schattigen Bach gelehnt zu, .wo ich in halbem Schlummer Bilder ans den glänzenden Sonnenstralen gestaltete; eine nebelnde, unwirkliche Art der Philosophie, die meiner Nation cigenthümlich angchört, war die Lieblingsbeschäftigung meines Geistes. Unter dem Dunkeln und Verborgenen suchte ich die Abwechslung und Aufregung die ich im Alltäglichen nicbt fand. Da ich aus diese Weise stets die Wirksamkeit der inner» Seelenkräfte beobachtete, fiel mirs znlezt ein, es sei, sofern der Schlaf seine eigene, wenn auch noch rohe und zerrissene Welt habe, vielleicht möglich aus seinem Kaos all die Vorstellungen von Schönheit, Kraft, Herrlichkeit und Liebe zur Erscheinung zu bringen, welche mir in der Welt, worin meine Leiblichkeit wandelte und ihr Wesen hatte, versagt waren. Sobald dieser Gedanke über mich gekommen, nährte und pflegte rch ihn und brütete darüber, bis die Einbildungskraft das gewünschte Wunder zu verwirklichen begann. Indem ich vor Schlafengehen mit aller Kraft meiner Seele über eine bestimte Gedankenreihc, über irgend eine Schöpfung meines Innern nachsann; in .91 dem ich meinen Körper den ganzen Tag über vollkommen still und ruhig hielt; indem ich jedes Be- gcgniß ans dem änssern Leben, dessen Nachklang in den Bilderstrom, den .ich in die Wildniß des Schlafs anszugiesen wünschte, verwirrend hätte eingrcifen dürfen, von mir abschloß, entdekte ich endlich daß ich ein von dem Tagleben völlig geschiedenes Traumleben, daS lediglich seinem eigenen Bereich angehörte, führen könne. Thürme und Paläste, ans- schlicslich mein Erbe und.meine Herrschaft, stiegen ans den Tiefen des Schlummers vor mir auf; in jnwelenfunkelnden Bechern schlürfte ich den Falerner ans Kaiserkellern; Musik himmlifch tönender Harfen klang ans den Wolkenriffen, und über Alles hin blühte wie Sonnenlicht das Lächeln unsterblicher Schönheit. So gewann ich das Wunderbare und Herrliche, das ich für mein wachendes Leben nicht zu erhalten vermochte, im Schlaf. Ich wanderte mit Greifen und Gnomen.; ich stieß vor bezauberten Thoren ins Horn; ich siegte in den ritterlichen Schranken; ich Pflanzte meine Fahne auf Zinnen so hoch wie der Thurm von Babel. Aber ich fürchtete mich eine sol cbc Erscheinung hcr- vorznrNfen, in deren Lieblichkeit ich die ganze verborgene Leidenschaft m einer Seele ausströmen konnte. Ich besorgte der Schlaf möchte mir ein Bild verführen, zu dessen Wiedcrbringung ihm später die Kraft fehlte, so daß nach dem ersten Erwachen selbst die mir neu erschaffene Welt für immer eine Oede 92 bliebe. Ich zitterte eine Gestalt aiiznbeteii, welche der erste Morgenstral ins Grab werfen konnte. In diesem Gedankcnzng fing ich an zu überlegen ob cs nicht wol möglich sein dürfte, Träume mit einander zu verbinden, den fehlenden Faden zu ersezen, die folgende Nacht die Geschichte des voran- qeqangcncn sortlciten zu lassen, also daß die alten Formen und Seenen wieder znfammcnträfen und so nicht nur in der einen Dascinshälste, sondern auch in der reichern und herrlicher» andern, ein zusammenhängendes, harmonisches Leben zu führen. Nicht sobald mar dieser Gedanke in mir hervorgetreten, als ich mich mit Feuer auf seine Realisirnng warf. Bereits hatt' ich die Erfahrung gemacht, daß der Glaube der gross Schöpfer ist; daß mit Inbrunst glauben den Glauben verwirklichen heisse. So ließ ich denn m-iuem Gemüth keinen Zweifel an der Ausführbarkeit seines Vorhabens zu. Ich schloß mich den Tag über ei», las kein Buch, floh die Sonne selbst und zwang alle meine Vorstellungen (und Schlaf ist der Spiegel Dessen was wir denken) in Eine Richtung, die Richtung meiner Traume, damit die Fantasie von Nacht zu Nacht den Faden ihrer Wirksamkeit fortfezen und ich mich voll von dem lezten Traum und vertrauend auf den nachfolgenden niederleqen könnte. Nicht nur für Einen Tag oder einen Monat befolgte ich dieses Verfahren, sondern seztc es mit beharrlichein Eifer so lang fort, bis es endlich Erfolg zu brin- 93 ge» begann. Wer," rief der Schwärmer — »och seh ich ihn vor mir mit seinen tiefen, glänzenden, eingesunkenen Augen uud dem wilden, von der Stirn zurükgeschobenen Haar! — „Wer vermöchte mein Entzüken zu beschreiben, als ich zum erstenmal jenen Zusammenhang, den ich in meine Träume gerufen, schwach und undeutlich mabrnahm. Anfänglich fand nur eine theil- und sprungweise Verbindung statt; mein Aug erkante gewisse Gestalten, mein Ohr gewisse Töne die mir in früheren Träumen vorgekommen. Allmäliq nakmen diese an Zahl zu uud bekamen bestirntere Umrisse. Endlich brach ein schönes Antliz ans den rändern Formen hervor, zeigte sich Nacht um Nacht einen Augenblik unter ihnen und verschwand dann, eben wie der Seefahrer bei umwölktem Himmel den Mond durch den Wol- kenstor scheinen und schnell wieder w-ggeden sieht. Meine Neugier war mächtig augeregt; das Gesicht mit seinen straleudeu Augen und engelhaften Zugen brachte all die Empfindungen in mir zum Ausbruch, die noch keine lebendige Gestalt hcrvvrgerufen batte. Ich ward in einen Traum verliebt und was dem Piqmalion seine Statue, ward meine Schöpfung für mich. So hatte ich in dieser innigen, fortdauernden Leidenschaft endlich meinen Lohn errungen. Mein Traumbild ward faßbarer; ich sprach mit ibm, kniete vor ihm; meine Lippen drükteu sich auf die seinigen; mir wechselten Schwüre der Liebe lind der Morgen trennte uns nnr mit der GewiS- heit daß wir Nachts wieder Zusammentreffen würden. „Ans diese Weise," fuhr mein Visionär fort, „begann ich denn eine von den Begebenheiten der Außenwelt gänzlich getrennte Geschichte, die, abwechselnd mit der rauhen, erstarrenden Geschichte des Tags, eben so regelmäßig und in einander greifend wie jene sortlief. Und was war, fragen Sie, diese Geschichte? Mir kam es vor, ich sei ein Fürst ans einer südlichen Insel, die keinen Zug gemein hatte mit dem kältern Norden meines Geburtlandes. Tags blikte ich auf die' dumpfen Mauern einer deutschen Stadt und sah hansbakene oder schmuzige Gestalten vor mir vvrüberwandeln; der Himmel war bleich und die Sonne unerquiklich. Da kam die Nacht mit ihren tausend Sternen, und brachte mir den Thau des Schlafs. Dann erstand' plözlich eine neue Welt; die üppigsten Früchte hingen in gvldnen'und purpurnen Büscheln von den Bäumen. Paläste in der wunderlichen Art der wärmeren Himmel, mit gewundenen Minarets und glänzenden Kuppeln, spiegelten sich in grosen, von Palm-en und Bananen nmkränzten Seen. Die Sonne schien eine andere Bahn zu geheni so sanft und prachtvoll waren ihre Stralen. Vögel und geflügelte Wesen aller Farben flatterten in der lichten Lust. Züge und Tracht der Menschen pasten nicht zu den nordischen Weltgegenden und ihre Stimmen redeten eine mir anfangs fremde Sprache, bre ich aber all- mälig verstehen lernte. Bisweilen führte ich Krieg V5 mit benachbarten Königen; bisweilen jagte ich den geflekten Pardel dnrch die tiefe Nacht orientalischer Wälder; mein Leben war zugleich heldenhaft nnd prächtig. Doch über all Das ging die Geschichte meiner Liebe! Es kam mir vor, als stellten sich mir tausend Schwierigkeiten in den Weg um in den Best; der Geliebten zu gelangen Viel waren der Felsen die ich zu erklimmen, der Kämpfe die ich zu bestehen , der Burgen die' ich zu stürmen hatte, um sie als Braut davon zu tragen. Endlich aber," fuhr der Schwärmer fort, „ist sie gewonnen, ist sie mein! Inder bunten Welt die ich Nachts besuche, geht die Zeit nicht so langsam wie in der wirklichen, und eine Stunde kann dort so viel thun, als hier ein Jahr. Diese Kontinuität der Existenz, diese an einander hängende Reihe von Gesichten, die von dem' zerrissenen Durcheinander in den Träumen anderer Menschen so verschieden sind, besängt mich oft mit seltsamen, unheimlichen Gedanken. - Wie, wenn dieser herrliche Schlaf das wirkliche Leben und dieses dumpfe Wachen eigentlich die Ruhe wäre? Warum nicht? Was ist im einen der Wirklichkeit angemessener als im andern? Und im ersten, Hab ich alle Wonnen, die zu empfinden ich fähig bin, beisammen. In dieser Tagswelt such ich keine Freude, — knüpfe keine Bande; schmause, liebe, crlnstige mich nicht — ich harre blos auf die Stunde wo ich wieder in mein Königreich eintrcten und mein erneuertes Entzüken an der Brust meines geliebten 86 Ideals ausschütten kann. Dort Hab ich Alles ge- funden was die Welt mir versagt; dort Hab ich die Sehnsucht und daS Streben in mir verwirklicht; dort Hab ich die unausgesprochene Poesie meines Innern zu Gefühl und Gestalt ausgeprägt." „Diese Angaben," fuhr Trevylyan fort, „bestätigten sich durch die Erkundigungen die ich über das Wesen des Visionärs einzvg. Er floh die Gesellschaft, vermied jede unnöthige Bewegung oder Aufreizung. Er aß mit der strengsten Mäßigkeit und schien nur froh zu werden, wenn der Tag Abschied nahm und die Stunde der Rükkehr in sein eingebildetes Königreich herannahte. Pünktlich legte er sich stets zu einer bestirnten Stunde zu Bett und schlief so fest, daß ciue unter seinen Fenstern abgeseucrte Kanone ihn nicht erwekt haben würde. Nie, was seltsam scheinen dürste, sprach oder bewegte er sich wenn er schlief, sondern war ausgezeichnet ruhig, so daß er säst das Ansehen von Leblosigkeit hatte. Da er jedoch einmal eutdckte, daß er im SMlas beobachtet worden war, so pflegte er fortan sein Zimmer gegen Zudringlichkeit sorgfältig zu verwahren. Sein Sieg über dcu natürlichen Unzusammenhang des Traums dauerte zur Zeit als ich ihn zuerst kennen lernte, schon seit einigen Jahren; möglich, daß was zunächst die Einbildungskraft hrrvorgeruscn durch die Gewohnheit sortgesezt wurde." „Wenige Monate nach M-ttheilung seiner Ge- ständliiffe sah ich ihn wieder, wo er mir denn sehr verändert erschien. Seine Gesundheit war gebrochen und sein träumerisches Wesen hatte sich zu Schwer- muth verdüstert." „Ich fragte ihn über die Ursache der Verändern»«, er antwortete mir aber nur mit grosem Widerstreben." „„Sie ist todt,"" sprach er, „mein Reich ist verwaist! Eine Schlange stach sie, und sie starb in diesen Armen. Umsonst rief ich mir zn als ich mit Grauen und Verzweiflung von meinem Schlaf anf- fnhr: „Das ist blos ein Traum. Ich werde sie Wiedersehen. Ein Traumbild kann nicht sterben! Hat es Fleisch das verwest? ist es nicht ein körperloser, unzerfallbarer Geist ?" Mit welcher entsezlichen Angst harrte ich der Nacht entgegen! Ich schlief wieder ein und wieder lag das Traumbild vor mir — todt und verwelkt. Selbst das Geistige kann untergehen. Ich wohnte dem Begräbniß bei; ich legte sie in die Erde; ich führte das Frazzenwesen eines Denkmals über ihren Leib auf. Seitdem hat sie oder etwas ihr Aehnliches meine Träume nie wieder besucht. Nur wachend sei) ich sie; solches Wachen Heist in der That Träumen! Aber,"" fuhr er mit feierlicher Stimme fort: „„ich fühle daß ich in Kurzem von dieser Welt scheide, und fühl cs mit angstvoller Freude, denn ich denke es möchte wol ein Land jenseits des Lands der Träume geben, wo ich sie wiederfinde! — ein Land wo selbst ein Traumgesicht neues Lebe» erhalten kann."" Bulwcr'S Romane XX1l> 7 88 „Und wirklich," schloß Trevylya», „starb der Mann knrz darauf plözlich im Schlaf; eine von jenen seltsamen Erscheinungen, die dann nnd wann die Geschichte der Menschen -nrch ikre dunkeln Zaubergestalten wirren, und welcher für seine Person in der That, wie das Schiksal in bildlichem Sinn bei so Vielen, sein Dasein, seine Liebe, seine Kraft und seinen Tod zu Erzeugnisse» eines Wahns, zu Schöpfungen eines Traumes machte!" „Ts gibt wirklich wunderliche Abarten im Leben," bemerkte Bane, der den späten: Thett von Lre- vylyans Geschichte mit angehört hatte> „und hätte der Deutsche uns seine Kunst mittheilen können, welche Freistätte von den Uebeln der Erde wurden wir besizen! Kerker, Krankheit, Armuth, Kummer, Scham würden nicht mehr die Tyrannen unseres Geschikes sein; auf den Schlaf würden wir unsere Lebensgeschichte beschränken und unsere .Gefühle übertragen." „Vor Allem," erwiederte Trevylyan, „verdiente diese Kunst von einem Dichter erlernt zu werden, da dessen ganze Natur ein Sehnen ist nach dem Idealen, nach Dem was die Welt nicht hat, nach Dem was jener Träumer fand. — Ach Gertrud" — lispelte der Liebende, „was ihm sein Königreich und seine Braut waren, das bist Dn mir!"