W e r k e Aus dem Englischen. Uennunddreißigstes Bündchen. Der Verstoßene. Drittes Bändchen. Stuttgart, Verlag der I. B. Metzle r'schen Buchhandlung. 18 3 6 . Der V e r s t s s s e rr e Ein Roman von dem Verfasser der letzten Tage Pompeji's, Eugen Aram's u. s. w. Aus dem Englischen von Friedrich Natter. In acht Bändchen. Drittes Bändchen. Stuttgart, Verlag der I. B. Mctzle r'schcn Buchhandlung. 18 3 6 . Sechzehntes Kapitel. Nul n'snrs woben: glänzend in den Aussichten und schon beim Beginn auf einer hohen Stufe öffnete sich ihm das Leben, und das Glück und der Mnth, die so gut für die Gegenwart gesorgt, waren das beste Omen und Vorzeichen für die Zukunft. Es bleibt zu betrachten, welchen Nutzen er aus den gewonnenen Vortheilen zog. Uns scheint es, das Schicksal sei weniger eigensinnig, als man sich verstellt, und beinah alle Sterbliche (so sonderbar die Behauptung auch lautet) stehen im Leben, jeder auf seiner eigenthümlichen Stufe, im gleichen Ver- hältniß der Gelegenheiten zum Glück; Der welcher dieselben zu fassen und zu verbinden, und durch schar- feu Blick und schnelle Erfahrung ihre Wiederkehr zn 51 berechnen vermag, ists, dem die Menschen ihren Beifall, Fortuna ihre Kranze in Bereitschaft halten. Eines Abends als der anrückende Herbst seine Nähe fühlbar machte, und Linden mit seinem neuen Vater allein bei einem lodernden Feuer saß, war eine längere Panse in ihr Gespräch eingetretcn. Talbot deckte das Gesicht mit den freundlichen Blättern der „Whitehall-Abendzeitung," wie um sich gegen die Hitze zu schützen, und hob an: »Ich sagte neulich, ich wollte Dir mit nächster Gelegenheit einen kurzen Abriß meiner Geschichte geben. Dieses Vertrauen gebürt Dir als Erwiederung des Deinigen, und da Du mich bald verlassen wirst, und ich ein alter Mann bin, dessen Leben nicht zu berechnen ist, so kann ich wohl den jetzigen Moment zur Ablegung meiner Geständnisse wählen." Clarence drückte durch Wort und Blick seine Spannung aus, und der Alte begann folgendergestalt. Geschichte eines eiteln Mannes. „Ich war der Liebling meiner Eltern, denn ich war gelehrig in meinen Lektionen und mein Vater sagte, ich hätte mein Genie von ihm geerbt; meine hübsche Gestalt und mein einnehmendes Aussehen dagegen leitete meine Mutter von sich her. So er« blickte das ehrliche Paar in seinem ältesten Sohn die Vereinigung der eigenen Vorzüge und glaubte sich selbst gegenseitig hoch zu stellen, wenn es seine Liebkosungen au mich verschwendete. Sie hatten noch einen zweiten Knaben - armer Arthur, mir ists als LL ständ' er leibhaftig vor mir! Er mar ein schüchternes, stilles, unterwürfiges Kind, von sehr häßlichem Aeuffcrn. Meine Eltern waren eitle, schanstellende, ehrsüchtige Weltleute, die sich meines Bruders schämten, während sie in mich ihren Stolz setzten. Gleichwohl zeichnete er sich später im Kriegsdienst, in welchen er getreten, höchlich aus. Er starb in einer Schlacht und hinterließ eine einzige Tochter, die, wie Du weißt, einen Edelmann von hohem Rang heirathete. Ihr weiteres Schicksal zn berichten wäre hier nnnöthig. Von Kindheit an gehätschelt und verweichlicht wuchs ich mit der tiefsten Uebcrzengung von meiner Vortrefflichkeit, und mit der fieberhaften, prikelndcn Sucht, in Jedem der mir in den Weg kam, die gleiche Vorstellung zu erregen, auf. Sir William Temple stellt irgendwo den Sah auf, dessen Wahrheit ich oft schmerzlich empfunden habe: „Ein rastloser Trieb im Menschengemüth etwas zn seyn, was man nicht ist, und etwas zu haben was man nicht hat, ist die Wurzel aller Jmmoralität *)." In der Schule war ich nach allgemeinem Geständuiß der geschickteste Junge meiner Klasse, und, was ich beinah eben so hoch anschte, ich war unter den eilf besten Ballspielern der Beste. Dort also, wirst Du meinen, sey meine Eitelkeit gänzlich befriedigt gewesen: — keineswegs! Den Platz neben mir in der ') lind alles Guten. Der Verfasser. 53 Schule nahm ein Knabe ein, der zugleich mein Zimmer theilte; wir standen also stets mit einander in Berührung. Er war ein großer, dummer, tölpischer Bengel, über welchen sich die Lehrer in gleichem Grad lustig machten, wie er den Knaben zum Mis- fallen gereichte: Würdest Du glauben, daß dieser Mensch den ausdrücklichen und fast einzigen Gegenstand meines Neides blidete: Er warmehr als mein Nebenbuhler, er war mir geradezu überlegen, und ich haßte ihn mit der ganzen, durch Nichts versüßten Bitterkeit meiner Seele." »Ich sage er war mir überlegen — er wars nur in einem einzigen Punkt. Er konnte einen Stock, ja ein Rakett, ein Schüreisen ans dem Kinn balanciren, und Das konnte ich nicht; Du lachst und ich vermag jetzt auch zu lachen, damals aber nahm ich die Sache keineswegs lächerlich. So unbedeutend sie Dir scheinen mag vergiftete sie mir meine Freuden. Der Knabe bemerkte meinen Neid, denn ich vermochte ihn nicht zn verbergen, und da alle dumme Menschen boshaft und die meisten Dummen prahlsüchtig sind, so gereichte es ihm zu besonderem Stolz und Vergnügen seine Geschicklichkeit spielen zu lassen und meinen Mißmuth an Tag zu bringen. Du kannst Dir nicht vorstellen bis zu welchem Grad diese kleine Tücke mich peinigte und jagte. Selbst in meinem Schlaf trieben mich die plumpen, grinsenden Züge dieses Plagteufels wie ein Gespenst vor sich her; meine Träume bestanden aus nichts als Kinnen und Bulwer's Romane. XXXIX. 5 54 Raketten, Spazierstöcken die auf menschliche» Auswüchsen balancirtcn, und Schüreisen die auf einer Nasenspitze nach dem Dudelsack tanzten. Ich versickere Dich, daß ich mich ganze Stunden allein einschloß und es meinem verhaßten Stnbenburschcn gleich zu thun suchte, so daß mein Gesicht — wie doch eine Eitelkeit mit der andern in Streit kommen kann! — wenig besser aussah, als eine Landkarte aus blauen Malern und unterlaufenem Blut." „Wirklich entleidete mir Alles dermaßen, daß ich nach Haus schrieb und um Zurücknahme ans der Schule bat. Ich hatte damals etwa sechzehn Jahre und mein nachsichtiger Vater gewährte mir nicht nur meinen Wunsch, sondern meinte auch, ich sei schon zu alt und zu vorgeschritten in meinen Studien um noch irgend eine andere wissenschaftliche Anstalt, als gerade die Universität selbst zu beziehen. Am Tag vor meinem Abgang gab ich, der Sitte gemäß, all meinen Freunden ein Frühstück, und sah mich, da mein Peiniger dasselbe Zimmer mit mir bewohnte, genöthigt ihn ebenfalls einzuladen. Indessen war ich bei guter Laune und da ich von meinen Kameraden allgemein gern gesehen wurde, gelang mirs — was stets ein Ziel meines gesellschaftlichen Ehrgeizes bildete — den Tisch zu lautem Jubel Hinzureißen. Und als ich vollends später, gegen das Eizde des Festes, ausdrücklicher meiner bevorstehenden Abreise zu erwähnen anhob, schmeichelte das leicht wahrzuneh- mende Bedauern meiner sämmtlichcn Gefährten und 55 die Glückwünsche, die sie mir auf den Weg gaben, meiner Eitelkeit — weil mein Herz weit größeru Antheil nehmen konnte — noch weit mehr. Noch stets steht diese Stunde als eine der stolzesten und glücklichsten meines Lebens vor mir; aber die Schattenseite folgte ihr auf dem Fuß nach. Ein böser Engel gab meinem Folterer ein, meiner Eifersucht einen Abschiedsstich zu bereiten. Ein großer Regenschirm stand zufällig im Zimmer; Crompton, so hieß mein Stubenbu.rsche, griff danach. „Sieh einmal, Talbot," sprach er mit seinem höhnischen, häßlichen Grinsen, „Das kannst Du doch nicht;" damit setzte er die Spitze des Schirms auf die Stirn, gerad über der Augbraue, und machte allerhand Gaukeleien vor uns umher." „Ich stand in diesem Moment am Kamin, mit zwei Knaben im Gespräch begriffen, denen ich vor allem Andern gern einen günstige» Eindruck zurückzn- laffen wünschte. Meine alberne Reizbarkeit auf jenen einzigen Punkt war oft bemerkt worden, und wie ich mich jetzt mit plötzlicher ängstlicher Verlegenheit von den Kunststücken meines Gesellen abwandtc, sah ich die beiden Freunde lächeln und sich Blicke znwerfen. Von Natur bin ich nicht leidenschaftlich und besaß selbst in jenem Alter bei gewöhnlichen Fällen viele Selbstbeherrschung; allein diese Wahrnehmung und die Ursache derselben nahm mir jeden Halt. Sobald wir gänzlich unter der Herrschaft irgend einer Empfindung stehen, kann man uns den 56 Besitz der Vernunft nicht znschreiben: ich glaube in jenem Moment buchstäblich von Sinnen gewesen zu sein. Was, mitten in der Glorie des letzten Triumphs, den dieser Ort mir je darbieten konnte, mitten unter den Abschiedsschmerz meiner Jugendfreunde hinein, denen ich ein langes, glänzendes Andcnhm zu hinterlassen mir schmeichelte, so von einem verächtlichen Mitbewerber gefoppt und von einer kläglichen aber immerhin beleidigenden Ueber- macht besiegt zu werden! die Tranerbezeugnngen über meinen Abgang mit Gelächter zu enden, die Schlußfeier meiner Laufbahn mit Spott ausgehen, als letzte Erinnerung eine Lächerlichkeit an die Stelle des bewundernden Zurückblicks gesetzt zu sehen, und all Das vollends durch einen so lang gehaßten Menschen, einen Menschen welchem gegenüber mir allein unter allen Wesen der Genuß der Verachtung versagt blieb? Ich vermocht' es nicht zu tragen; die Beleidigung, der Beleidiger waren zu empörend. Als der unglückliche Spasmacher mir nah kam, und sein verzerrtes Gesicht dem meinigen entgegenstreckte, packte ich ihn und stieß ihn mit einem kurzen Fluch und einer kräftigen Hand auf die Seite. Die Spitze des Schirms glitt aus; mein Stoß gab ihr Kraft und Wucht; sie dnrchdrang sein Auge und — schenke, schenke mir das klebrige." Der Alte beugte sich abwärts, und fuhr erst nach geraumer Zeit weiter fort: 57 „Crompton verlor sein Auge, aber meine Bestrafung war so schwer als die seinige. Sehr eitle Menschen sind in der Regel auch sehr feinfühlend, denn Wer irgend Etwas recht scharf empfindet, wird auch für alles Andere die gleiche Empfindung haben. Jahre, ach viele Jahre lang verfolgte mich die Erinnerung an meine Thorheit mit der bittersten, rastlosesten Rene. Hätt' ich einen Mord begangen, mein Gewissen hätte mich kaum strenger in Anspruch nehmen können. Ich gewann meine Selbstachtung nicht wieder, bis ich das begangene Unrecht gut gemacht. Lang nach jener Zeit lag Crompton in großer, überwältigender Roth im Schuldthurm. Ich machte mich selbst arm um ihn anszulösen, erhielt ihn und seine Familie bis das Glück meine Hilfe nnnöthig machte, und nie war mir ein Triumph süßer, als die Opfer die ich bringen mußte um ihn wieder in günstige Umstände zu versehen." „Es ist eine natürliche Hoffnung, jener Vorfall werde mindestens die Heilung meines Fehlers zur Folge gehabt haben; allein mau muß entweder selbst ein praktischer Philosoph sein, oder praktische Philosophen zn Berathern haben, wenn man aus der Reue Nahen für die Zukunft ziehen will. Wie tonnt' ich meinen Fehler verbessern, wenn ich ihn nicht einmal gewahr ward? Wund von den Wirkungen forschte ich nicht nach der Ursache und rechnete dem Jähzorn und der Rachsucht zu, was einen tiefen; und gefährlichen; Ursprung hatte." S8 „Auf der Universität gab es trotz der günstigen Lage, welche mir Geburt, Vermögen, Gesundheit und geistige Ausbildung sicherten, neben jener einen Feindin, der Reue, noch gar Manches, was meine Seelenruhe störte. Ich konnte mich darauf verlassen, daß ich irgend Jemand finden würde, der mich in irgend Etwas überträfe, und Dies reichte hin, den Frieden meines Gemüths zu verbittern. Unser Zeitgenosse Goldsmith ist mein Lieblingsdichter und vielleicht verehre ich unbewußter Weise den Genius um so mehr, weil ich in den Schwächen des Menschen etwas mir Verwandtes finde. Ich fühle die Wahrheit der Anekdoten, die man sich von ihm erzählt, aufs Tiefste an mir selbst. Buch ich hätte auf eine Puppe eifersüchtig werden können, dis einen Sponton zu handhaben vermochte; auch ich hätte unglücklich scyu können, wenn zwei Damen im Theater mehr als ich Gegenstand der Aufmerksamkeit gewesen wären. Du, Clären«, wirst mich um dieses Geständnisses willen nicht verachten, wohl aber Wer mich weniger kennt als Du, Thoren! gibt es doch keinen so großen Mann in welchem nicht irgend eine Kleinheit noch mehr vorschlüge, als Alles was groß an ihm ist! Unsre Tugenden sind die Düpe's, ja oft mir die Spielzeuge unsrer Narrheiten." „Ich trat in die Welt — mit welchen Vortheilen und mit welcher Begierde! — ich lächle, aber es ist ein schmerzliches Lächeln, wenn ich auf jene Tage zurückblicke. Obwohl reich, von guter Geburt und einnehmendem Aenßern besaß ich doch nicht Eine von diesen drei Eigenschaften in jenem hohen Grad, der meiner Liebe zur Superiorität und meiner Sucht nach Effekt genügte. Dieser etwas demüthigende Umstand entging mir keineswegs, denn obwohl eitel war ich doch nicht eingebildet. Und in der That ist Eitelkeit das eigentliche Gegengift gegen ein eingebildetes Wesen, denn während erstere uns der Meinung der Andern gegenüber zu einem blosgelegten, zuckenden Nerven macht, ist letzteres mit der eigenen Meinung vollkommen zufrieden." „Jener Umstand also entging mir nicht, und wie Pope beschloß, wenn er nicht der größte Dichter sein könne, mindestens der regelrechteste zu sein, bestrebte ich mich, da ich nicht der Schönste, Reichste und Vornehmste unter meinen Zeitgenossen sein konnte, sie wenigstens insgesammt in der Anmuth und Vollendung des Benehmens zu übcrtreffen, und nach unglaublicher Mühe, nach fleißigen Lehrjahren in der Welt und emsigen Studien im geheimen Zimmer, schmeichelte ich mir endlich es in diesem Punkt zu dem gewünschten Erfolg gebracht zu haben. Unter Allem was uns gelingt, so lang wir noch in der Blüthe der Jugend stehen, und die Fähigkeit besitzen dieselve zu genießen, kann ich mir keinen berauschenderen und befriedigendern Triumph denken, als den Succeß in der Gesellschaft, und Niemand wird leugnen können, daß ich den Triumph eines solchen Eclats mehrere Jahre lang genoß. Die beneidetsten und in ihrer Wahl eckelsten Zirkel in England und selbst in Paris machten mir den Hof, gingen mir nach, schmeichelten mir, suchten mich auf; denn die Gesellschaft, die gegen ihre Verächter so kalt ist, überschüttet Diejenigen, welche sich zu ihrer Unterhaltung -ergeben, mit verschwenderischer, wenn auch kurzer Dankbarkeit. Opfer der Einerleiheit und Langenweile seht sie, wie jener übersättigte römische Schwelger, einen Preis für ein neues Vergnügen aus, und so lang unsre Dienstbcflissenheit oder unser Talent dieses Vergnügen zu gewähren im Stand sind, ist der Preis unser. Damals erntete ich denn wirklich den vollen Lohn meiner Anstrengungen; Fehlschlagnng meiner Aussichten und Quälereien kamen in einer spätern Zeit." „Ich gelange jetzt zu dem Hauptabschnitt meines Lebens —der Liebe. Unter meinen Bekannten befand sich Lady Mary Walden, eine Wittwe aus gutem Haus, verbunden mit Familien von hohem Rang, wenn auch nicht von besonderem Einfluß. Sie lebte etwa zwanzig Meilen von London auf einem reizenden Landsitz, und ohne daß sie eigentlich reich war, setzte sie doch ihr durch eine verständige Wirtschaft ansehnlich gewordenes Witthum in Stand, ihrer Liebe zur Gesellschaft Genüge zu thnn. Ihr Haus war stets so voll, als seine Große erlaubte, und ich gehörte zu den willkommensten Gästen. Sie hatte eine einzige Tochter: — selbst jetzt, durch den dämmerigen Nebel der Jahre, steigt die schöne, feenhafte Gestalt still und glänzend vor mir auf, ungetrübt von Schmerzen, unverwelkt von der Zeit. Karoline Waiden war der Gegenstand allgemeiner Bewunderung, und die Mutter, welche die Begierde womit ihre Einladungen von allen Witzköpfen und Elegants des Tags ausgenommen wurden, den Reihen ihrer eigenen Unterhaltung zuschried, ließ sichs nicht einfallen, daß das Gesicht und der Geist der Tochter der ziehende Magnet waren. Ich dachte damals keineswegs ans Heirathcn, geschweige daß ich einen solchen Gedanken wirklich hätte festhaltcn können, es müßte denn etwa dieser Schritt meinen Rang und meine Aussichten bedeutend gehoben haben." „Die arme, einflußlose Karoline war somit die letzte Person ans welche ich, nach dem üblichen Ausdruck der Mutter, „ernsthafte Absichten" hatte. Gleichwohl ergriff mich ihre ausnehmende Lieblichkeit, während ihr lebhaftes Wesen mir Spaß machte; überdies ward meine Eitelkeit durch die Hoffnung aufgeregt, all meine Mitbewerber um das Lächeln der jungen Schönheit zu verdrängen. Demgemäß legte ichS aufs Gefallen an, und versäumte keine von jenen zarten, beinah geheimen Aufmerksamkeiten, welche unter allen Schmeicheleien die feinsten und ersolgbringendsten sind — und der Erfolg entging mir nicht. Karoline liebte mich mit dem ganzen Ernst und der ganzen Hingabe, welche die Liebe eines Weibes bezeichnen. Nie fiel ihrs ein, daß ich mit Neigungen, die zu gewinnen mein so heißer sr Wunsch zu sein schien, nur ein Spiel treibe. Sie wußte, daß mein Vermögen groß genug war, um über die Nothwendigkeit eines Beibringens meiner Frau wegsehen zu können, und ihrer Geburt nach wäre fle selbst Männern von höheren Ansprüchen als ich gleich gestanden. Zudem halten sie lang fortgesetzte Huldigungen-ihrer Reize bewußt, obwohl nicht eitel, gemacht, und mit gläubigem Ohr horchte fle auf die wohl angebrachten Schmeicheleien für deren Einflüsterung ich so wohl eingeübt war." „Nie — und wurde ich noch einmal so alt als jetzt — werde ich den Stoß, die Wildheit der Verzweiflung vergessen, womit sie den selbstsüchtigen Grund meiner Annäherungen zuerst entdeckte; womit sie sah, daß ich mit ihrem schlichten Vertrauen nur Spott getrieben, und fand, daß mährend sie die reichsten Schätze ihres Herzens auf dem flammenden Altar der Liebe verschwendet' hatte, meine Göttin die Eitelkeit und meine Anerbietungen Lügen gewesen. Sie entzog sich muss festeste meiner Gegenwart. Jede Unterredung mit mir ward verworfen; all meine Briefe kehrten uneröffnet zu mir zurück, und obwohl ich in der Zerknirschung meiner Seele fle bat, fle anflehte, Schwüre, die jetzt nicht mehr falsch seien, anzunehmen, ward ihr Stolz ihre wie meine Strafe, in einem Augenblick bitterer, verzweifelnder Empfindung nahm fle die Anträge eines Andern au und machte den Ehebund zur unwiderruflichen Schranke jeder Versühnung und Vereinigung zwischen uns Beiden." 65 „O! wie ich jetzt meine Bethörung verfluchte! wie glühend ich die Vergangenheit zurnckrief! wie kalt ich mich von der hohlen, falschen Welt, deren Dienst ich mein Glück geopfert, abwandte, um über die Aussichten die ich mir zerstört, das liebende, edle Herz, das ich von mir gestoßen, zu brüten und fast wahnsinnig zu werden! Ach, was ist endlich fo undankbar als eben diese Welt, nm derentwillen wir so Vielem entsagen? Ihre Anhänger gleichen den alten Gymnosophisten: während sie versichern das Vergnügen zu ihrem Hauptzweck zu machen, sehen wir blos daß sie sich jeder Qual und Pein aussetzen." „Lord Merton, der Mann den Karoline jetzt Gemahl nannte, gehörte zu den reichsten Verschwendern seines Standes. Zwei Jahre nach unserer Trennung sah ich das Opfer meiner Unwürdigkeit wieder, in der Fülle beinah königlichen Glanzes, die Anführerin bei jedem ihrer Feste, der Leitstern all' ihrer Umgebungen. Da wir in den gleichen gesellschaftlichen Kreisen auftraten, trafen wir unaufhörlich zusammen und Karoline setzte ihren Stolz darein, eine Gleichgültigkeit gegen mich an,Tag zu legen, die sie, wenn sie nicht in ihrem Herzen war, wenigstens künstlich vorzuhängen gelernt hatte. Diese Gleichgültigkeit war ihr Verderben. Die Tiefe meiner zerstörenden Leidenschaft ward wieder aufgeregt und ich beschloß ihren Stolz zu demüthigen und die Kälte zu besiegen, welche der krankhaften Empfindlichkeit meiner Selbstliebe bis ins Mark cinschnitt. Wieder reihte ich mich dem Gefolg ihrer Bewunderer an — bückte mich vor ihr bis in den Staub. Was war für mich ihre frostige Erwiederung, ihre verachtende Höflichkeit? nur ein stärkerer Reiz zur Ausdauer." „Ich erspare Dir und mir den mähligen Fortschritt meiner Anschläge. Immerhin kann eine Frau ihre erste Leidenschaft verwinden, aber dann muß sie dieselbe mit einer zweiten ersehen. Diese zweite blieb Karolinen versagt; sie hatte nicht einmal Kinder, die ihre Gedanken beschäftigt, ihrem überreichen Herzen einen Stoff gegeben haben würden, und die Lustbarkeiten der Welt, die für Viele ein Zweck sind, waren für sie nur eine Zuflucht." „Clarence, mein Triumph kam! Lady Walden (die von unserem Geheimniß nie etwas in Erfahrung gebracht) lud mich in ihr Landhaus ein. Karoline befand sich dort: An derselben Stelle wo wir früher so oft gestanden, und wo sie mir ihre erste Liebe unbewußt zu erkennen gegeben, an derselben Stelle umschlossen sle meine Arme und ich entlockte ihren bleichen, zitternden Lippen das Bekenntniß ihrer Schwäche, der neu erwachsenen, überwältigenden Macht meines Andenkens." „Aber Karoline war ein stolzes, tugendhaftes Weib. Ihr Herz war an ihr zum Verräther geworden, aber ihr Verstand leistete Gegenwehr, und noch im Geständnis; ihrer unbesiegten Neigung entsagte sie mir, stieß sie mich auf ewig von sich. Trotz meiner 65 Eitelkeit gingen mir die Empfindungen der Gros- muth nicht ab; aber meine Grosmuth erwies sich eigensinnig, befleckt, unvollkommen. Eine Trennung hätt' ich endlich ertragen, hätte mich von ihr los- reiffen, hätte ans äusscrste Ende der Welt fliehen können; hätte meine geheime aber unauslöschliche Liebe dorthin versteckt und Karolinens Ruhe nicht durch das leiseste Flüstern gestört: allein dann müßte der Entschluß zur Trennung von mir ausgegangen seyn. Meine Eitelkeit vermochte nicht zn ertragen, daß ihr Mund mich von sich weiseu, daß nicht der Edelmuth des Opfers, sondern unterwürfige Resignation meine Rolle seyn sollte. Gleichwohl war mein besseres Gefühl aufgeregt, und so verbarg ich wenigstens meinen selbstischen Schmerz, wenn ich ihn auch nicht zu ersticken vermochte. Wir schieden: sie kehrte nach der Stadt zurück; ich begrub mich aufs Land, und suchte durch literarische Studien, denen ich, wenn auch nur in einzelnen Anfällen und gleichsam stoßweise, leidenschaftlich nachhing, meine unglückschwangere, schuldige Liebe zu vergessen." „Aber ich war damals zu sehr an die Welt gebunden, um nicht fortwährend von Allem, was dar. in vorging, Kunde zu erhalten. Gelegentliche Einkehr aus London füllte meinen Zufluchtsort; Neuigkeiten und Skandale des Tags mischten sich unter meine Bücher. Jedermann sprach mir von Lady Mer- ton, nicht, wie ich selbst sic mir gern vormalte, als einer Bleichen, Kummervollen, meinem Bild Nach- hängenden, sondern aks einem fröhlichen, in ewiger Zerstreuung begriffenen, lächelnde Blicke austheilen- den Weltkind, als dem Vorbild und der Gottheit der Freude. Ich hielt diese Schilderung der trüben Schwermuth meiner eigenen Brust gegenüber, und betrachtete als eine Beleidigung gegen mich waL mir, als eine Ableitung ihrer Gedanken, um ihretwillen hätte Freude machen sollen." „In dieser ärgerlichen, grollenden Stimmung kehrte ich nach London zurück. Schnell war meine Herrschaft wieder erlangt, und nun, Linden, kommt der peinlichste Abschnitt meiner Bekenntnisse. Eitelkeit ist eine wachsende, unersättliche Krankheit; was ihrem Verlangen heut noch als Neichthum erscheint, verwirft sle morgen als eine Aermlichkeit. Anfangs genügte mir das Bcwußtscyn der Gegenliebe; in langsamer aber sicherer Stufenfolge kam ich zu dem Wunsch, daß auch Andere von derselben wissen sollten. Ick) sehnte mich meine Macht über die gefeierte, umhuldigte Lady Merton an Tag zu bringen und meinem Ruf, meiner Wichtigkeit die Krone aufzusehen. Der Neid der Andern ist das Futter unsrer Selbstliebe. O Du weißt, Du träumst nichts von den bittern Kränkungen, welchen ein stolzes Weib, deren Liebe aber den Stolz noch überbietet, unterworfen ist. Ich legte Karolinen die demüthigendsten, die quälendsten Gesetze auf; sie durfte nur diejenigen Menschen sehen, die mir recht waren, keinen Ort besuchen, zn welchem ich meine Einwilligung nicht 67 gegeben, und ich säumte nicht meine Gewalt über ihr Herz um so auffallender in Anwendung zu bringen, je größere Publieität die Gelegenheit darbot." „Würdest Du indessen glauben, daß ich bei all dieser Kleinlichkeit Karolinen mit der heißesten, überwältigendsten Leidenschaft liebte? Ich hielt hinter ihr an, um den Boden zu küssen, auf den sie getreten; nachdem ich den Tag über Stundenlang in ihrer Gesellschaft gewesen, stand ich noch ganze Nächte unter ihrem Fenster, um einen Schimmer ihrer vor- überstreifendcn Gestalt aufzufangen; und obwohl mich meine Liebe wie ein Feuer durchglühte und verzehrte athmete ich doch nicht das leiseste Verlangen gegen ihre Unschuld, noch benützte ich meine Macht über sie je zu Erlangung Dessen, was, wie mir ihr Stolz und ihre Tugend sagten, keine Sühne wieder gut gemacht haben würde. So voller Widersprüche ist das Herz und so bewahren diese uns, während sie unsre Vollkommenheit hindern, vor gänzlicher Verworfenheit. Nie, selbst in meinen wildesten Tagen, war ich blind gegen die Erhabenheit der Tugend, aber erst in meinen letzten Jahren gewann ich die Kraft, diese Empfänglichkeit mir zu Nutze zu machen. Ich glich dem Maulwurf, der nach Boyle wohl einen Sinn für das Licht hat, aber die Gegenstände, auf welche es scheint, nicht zu unterscheiden vermag." „Unter den mannigfachen Ausgeburten meiner Hanptsünde war auch eine Weltmenschen ziemlich gewöhnliche Schwäche. Während ich die Liebe, 68 die ich erregte, prunkend zur Schau trug, vermocht' ich es nicht die Liebe, die ich fühlte, merke» zu lassen. In unserem Land und vielleicht, wenn auch in minderem Grad, in jedem andern sehr künstlichen Zustand der Gesellschaft, ist der Enthusiasmus, ja überhaupt Gefühl irgend einer Art, etwas Lächerliches, und ich konnte den Gedanken nicht ertragen, daß'meine heimlich bewahrten Schätze aus ihrem Versteck hervortreten sollten, um „von jedem bartlos, eiteln Gleichnißschmid" bekrittelt und bespöttelt zu werden. Diese Schwäche führte die Katastrophe meiner Liebe herbei, denn merke Dir, Clarence, durch unsre Schwächen werden unsre Laster bestraft. Eines Abends hatte ich mich auf eine Maskerade begeben; während ich in einem entfernten Winkel saß näherten sich mir drei Masken, die ich, ohne daß sie es bemerkten, erkannte, und neckten mich über meine romantische Anhänglichkeit an Lady Mertvn. Die eine derselben war eine Frau von boshaftem, eindringendem Witz; die beiden Andern waren Männer die ich nicht leiden konnte, weil ihr Metier das meinige durchkreutzte: Salonsgäste und Anekdotenkrämer! Ins Innerste getroffen von ihren Sarkasmen und ihrem Gelächter antwortete ich halb hoch herab, halb scherzhaft; zuletzt sprach ich verächtlich von der fraglichen Person, und diese unheiligen, falschen Lippen wagten nicht nur jede Liebe zu dem Wesen, das mir mehr war als Himmel und Erde, in Abrede zu stellen, 69 sondern die Geliebte sogar ins Lächerliche zu ziehen und mich höhnisch über ihre Neigung zu äußern." „Mitten in dieser Unterhaltung wandt' ich mich um und bemerkte auf Hörweite eine Gestalt, die ich im nämlichen Moment erkannte. O Gott! die brennende Scham und Todesqual dieses Blickes! — Sie erhob die Maske — ich sah die erblaßte Wange und zitternde Lippe, und ich wußte daß ihr wirklich das - Schwert in die Seele gedrungen!" H „Clarence, ich sah fle lebend nicht wieder! Eine U Woche nachher war sie eine Leiche! Sie hatte viel H getragen, viel gelitten und nicht gemurrt; aber die- F ser Schlag traf zu hart, z» grimmig aus der Hand ! Dessen, dem fle Alles geopfert haben würde! Ich I stand neben ihrer Leiche, ich sah mein Werk, und ^ ich wandte mich ab, ein Wanderer und Pilgrim über das weite Antlitz der Erde! Wahrhaftig es ward volle Vergeltung an mir genommen!" Heftig ergriffen hielt der Alte inn, und Cla- ! rence, der ihm keinen Trost zu bieten vermochte, ^ brach das Schweigen nicht. Nach einigen Minuten ! fuhr Talbot fort: „Seit jenem Augenblick war mir das Lächeln I eines Weibes nichts mehr; ich schien an einem ein- > zigen Tag alt geworden zu sein. Das Leben verlor jedes Strebeziel für mich. Eine schreckhafte, öde Leere dehnte sich vor mir aus; die Töne der Schöpfung hatten für mein Ohr nur Eine Stimme, — Vergangenheit und Zukunft nur Ein Bild. Zwanzig Bulwer's Romane XXXIX. 6 70 Jahre lang kehrte ich nicht in mein Vaterland zurück und lebte, ein müssiger, hoffnungloscr Mensch, an den verschiedenen Hofen des Kontinents." „Als ein Fünfziger kam ich wieder nach England; die Wunden der Vergangenheit waren nicht verschwunden, aber vernarbt, und ich sehnte mich, wie meine Mitmenschen, nach irgend einer Beschäftigung. In diesem Alter werden wir, wenn wir viel von der Welt gesehen und das Talent besitzen, unser Wissen zu unserem Bortheil anznwenden, entweder der Klasse der Politiker oder derjenigen der Philosphen anhcimfallen. Für leztere war mein« Zeit noch nicht gekommen und so entschied ich mich denn für crstere; allein diese Bahn blieb mir ebenfalls verschlossen, denn meine Eitelkeit hatte nur eine andere Gestalt angenommen. Zwar kümmerte ich mich nicht länger um den Ruf, den Weiber zu gewähren vermögen, aber ich dürstete nach dem Beifall der Männer, ohne daß mir die lange Mühe, die zur Erreichung desselben nothwendig ist, Zusagen wollte. Ich wünschte einen kurzen Weg zu meinem Ziel, und schlug begierig jeden Pfad, nur den rechten nicht, ein, in der Hoffnung derselbe werde mich meinem Zweck schneller zuführen." „Das bezeichnende Merkmal eines citeln Menschen, im Gegensatz mit einem ehrsüchtigen, und das ewige Hinderniß für einen hohen, ehrenvollen Ruf desselben ist, daß der Eitle für jede Anwendung von Mühe einen zu schnellen Lohn fordert; er kann nicht 71 Jahre lang zusehen und Schritt um Schritt einem hochgestellten Strebepunkt zuklimmen; was er ins Aug faßt muß er auf einen einzigen Griff packen. Ueber- dies ist er der ausschließlichen Richtung auf Einen Zweck unfähig; die Allseitigkeit seines Begehrens gibt sich nicht zufrieden wenn sie nicht Alles verschlingt; und so bleibt er fortwährend verdammt seine Kräfte zu zersplittern, indem er nach den unbedeutenden Epielwerkcn in seinem Bereich greift und jene werthlosen Früchte sammelt, die ein einziger Tag zeitigen kann." „Solches war mein Fehler und die Ursache meines Mißlingens. Ich vermochte mich weder dem Finanzfach hinzugeben, noch mich durch die verwickelten Angelegenheiten des Handels durchzuwinden: selbst der gewöhnliche parlamentarische Handwerksdienst beharrlicher Aufmerksamkeit und später Stnu- den war mir unerträglich, und so hatte ich denn nach zwei oder drei „glänzenden Redenwie meine Freunde sie nannten, genug an den Trompetenstößen der Zeitungschreiber und schloß meine politische Laufbahn. Damit sah ich mich zum Schöngeist und Mann der mündlichen Unterhaltung reducirt. Bei einer geläufigen Zunge und vielseitigen Bildung waren dies leicht zu gewinnende Auszeichnungen, und die Popularität an einem Mittagtisch oder der Beifall eines literarischen Kränzchens trösteten mich für den allgemeineren und dauerhafteren Applaus, auf welchen ich verzichtet." - 52 „Allein selbst dieser Genuß hielt nicht lange au; ich ward unwohl, und die Freunde, die sich um den wizigen Kopf gesammelt, flohen vor dem Kränkler. Dies verdroß mich, und nach hinlänglicher Wiederherstellung begab ich mich abermals aus das Festland. Indessen hatt' ich jetzt einen Anfall von Meuschenhaß und Einfledlerthum, und so wandt ich mich diesmal nicht den Höfen und Großstädten, den Schauplätzen früherer Lustbarkeiten zu; im Gegentheil ich miethete ein Haus an einem der abgelegensten Schweizerseen, und gab mich, die Lebenden vermeidend, dem Verkehr mit den Verstorbenen ohne Unterbrechung oder Gegengewicht hin. Ich umstellte mich mit Büchern und drang mit wißbegierigem, spähendem Aug in diejenigen Werke ein, die ausdrücklich von den Menschen handeln. Meine Leidenschaften waren vorüber, meine Liebe zum Vergnügen und zur Gesellschaft hatte versiegt, und nichts hinderte mich jetzt mehr weise zu sein; ich entsagte den Grundsätzen, die mir das Mannesalter aufgedrückt, und fing als Greis an ein Philosoph zu werden; Religion lieh mir ihren Beistand und durch ihre heilige Leuchte wurden meine Studien geleitet, meine Klause erhellt." „Es gibt Karaktere, die in der Welt schlimm, in der Abgeschiedenheit gut sind: Rousseau, den ich wohl kannte, gehört hicher. Solche Menschen haben eine kränkliche Reizbarkeit, die durch den Umgang mit Ander» stets verletzt wird; mit Einem Wort, sie stehen unter der Herrschaft der Eitelkeit, und diese 7Z nie befriedigte, in Le» verschiedenen Bestrebungen der Gesellschaft rastlos umhergeworfcne Eitelkeit bringt Neid, Bosheit, Haß und jede Art von Her- zenshärtigkeit hervor. In der Einsamkeit dagegen haben die guten, wohlwollenden Neigungen, denen keine Selbstliebe weiter in den Weg tritt, Raum zur Eutfaltnng und Zeitigung, ohne durch entgegenstehende Interessen verkrüppelt zu werden: Dies dürfte manchen scheinbaren Widerspruch des Karakters lösen. Auch gibt es Menschen, bei welchen das hohe Alter die Stelle der Einsamkeit vertritt; Rousseaus Antagonist und geistiger Gegenfüßler, Voltaire, zählt in dieser Reihe. Der freche, bösartige, anmaßende, verlästernde Schriftsteller der jungen und Mittlern Jahre wird als Greis zum milden, wohlwollenden, ehrwürdigen Philosophen. Nichts ungereimter als den Ka- rakter großer Männer unbedingt nach dem Wort eines Biographen anzunehmen, und nichts leichter erklärlich als unsre ewigen Streitereien über Individuen, denn kein Mensch ist das ganze Leben hindurch das gleiche Wesen und jeder Abschnitt unseres Daseins widerspricht den bezeichnenden Merkmalen der voransgcgangenen Periode." „In meiner Einsamkeit und meinem Grciscnal- ter kam ein neuer Geist über mich. Das Spiel woran ich mit so viel Heftigkeit Theil genommen, war vorüber und ich fügte zu der Erfahrung eines Spielers die Kaltblütigkeit eines Zuschauers; nicht länger kämpfte ich mit meinen Nebenmenschcn und un- 74 vermerkt fing ich an sie zu lieben. Ich errichtete Schulen, stiftete milde Anstalten und wandte Kraft uud Wunsch auf einen verborgenen aber emsigen Dienst der Menschheit." „Von dieser moralischen Besserung an rechne ich den Frieden des Gemüths und die Schwungkraft des Geistes, die ich jetzt genieße, und das Glück, daS ich als Jüngling und Mann so heiß obwohl so fruchtlos verfolgte, hat sich im Greisenalter meiner Brust ungefordert zugewandt." „Vor fünf Jahren kehrte ich nach England zurück, um in dem Land das mich geboren, dereinst den letzten Athem anszuhauchen. Ich zog mich auf mein Familiengut zurück, suchte mich mit landwirthschaftlichen Verbesserungen zu unterhalten, und mein Einkommen ging in Spekulationen auf. Das gefiel mir nicht lang. Ich suchte Gesellschaft — Gesellschaft in Yorkshire! Du kannst Dir den Erfolg vorstellen. Ich befand mich außer meinem Element; schon die blose Trennung von der Hauptstadt, von jedem gebildeten Umgang erfüllte mich mit einer kränkelnden Empfindung von Verlassenheit und Oede: zum erstenmal in meinem Leben fühlte ich mein Alter und mein Hagcstolzenthum. Noch einmal kehrte ich in die Stadt zurück, ein Lungenübcl befiel mich, die Aerzte riethen mir die Luft in der Gegend hier und ich wählte die Wohnung, die ich jetzt inhabe. Ohne eigentlich in London zu sein, kann ich über dessen Vortheile gebieten und mir Gesellschaft als eine 75 Erholung verschaffen, ohne sie durch auferlegten Zwang erkaufen zu müssen.- Ich sehne mich nicht mehr nach neuen Gesichtern und will nicht länger Aufsehen machen; deshalb genügte mir mein alter Diener, für die Zukunft will ich jedoch Deiner Be- sorgniß uachgeben, eine mehr gesicherte Wohnung beziehen und eine zahlreichere Wache annehmen. Auf jeden Fall ist es ein Glück für mich, daß das Schicksal, indem cs mich hieher warf und einem Bischen Gefahr aussetzte, mir in Dir einen Freund für meine alten Tage geschenkt und aus der Welt von Fremdlingen ein Wesen ausgesondert hat, um mein Herz zu überzeugen, daß cs die Liebe nicht überlebt habe. Meine Geschichte ist zu Ende; mögest Du aus ihrer Moral Nutzen ziehen." Wenn Talbot sagte, unsre Karaktere unterlägen einer gänzlichen Umänderung, so hätte Dies unter dem Vorbehalt geschehen sollen, daß die herrschende Leidenschaft bis zum Tod andaucrt; allerdings verändert sie sich, aber fle verläßt uns nie, und diese Veränderungen sind es hauptsächlich, welche für den mit uns selbst vorgehenden Wechsel die bestimmende Bahn brechen; oder, wie es Helvetius schön ausgedrückt hat, wir gleichen jenen Schiffen, welche, wenn der Nordwind zu wehen aufgehört hat, doch von den Wogen immer noch nach Süden getrieben werden. Allein im Alter wird diese Leidenschaft ans Mangel an Nahrung bisweilen schläfrig und träg; dann erheben sich unsre guten Eigenschaften, als 76 wäre ein Alp von ihnen weggewälzt, und bekommen die Oberhand. Indessen sind dergleichen Fälle eben nicht häufig und Talbot war ein merkwürdiges Beispiel eines solchen Falles, denn er war ein merkwürdiger Mensch. Sein Geist hatte während der Vorschritte deS Alters nicht geschlafen, und somit die Fesseln seiner früher» Leidenschaften und Vorurtheile wirklich gesprengt; aber wenig ließ er sich in der Blindheit der Selbsttäuschung einfallen — was für Clarence so sehr auf der Hand lag, daß er hätte lächeln mögen, wären ihm nicht Thränen über die menschliche Schwäche noch näher gestanden — wenig ließ er sich einfallen, daß die Eitelkeit, die ihm so viel gekostet, weder durch Philosophie, noch Religion, noch Reue ihres Thrones eutseht, stets noch als Herrscherin zurückblieb, und, durch die Umstände von jedem größer» und gefährlicher» Feld ausgeschlossen, ihre Kraft an Kleinigkeiten, die der geistigen Vermögen ihres Dieners unwürdig waren, und an Kindereien, die sein Alter entehrten, verschwendete. Thorheit ist «ine Buhlerin, die wir selbst aufsuchen, deren Gunstbezeugungen wir um einen Ungeheuern Preis erkaufen, und die, wie Lais, fast eben so oft Philosophen als andere Menschen vor ihrer Thür findet. 77 Einundzwanzigftes Kapitel. „Fräu Trinket. Was kaufen Sie mir ah, was krauchen Sie, meine Herren? Handschuhe, Bänder und Essenzen — Bänder, Handschuhe »nd Essenzen?" Eth er ege. „Und so sagt man denn, mein Schatz," befragte Herr Grünspan eines Morgens seine Fran, das rechte Bein über das linke geworfen, während die rechte Hand ein gewaltiges Stück Butterkncden zum Maul führte — „und so sagt man denn, mein Schatz, der alte Narr werde dem Hasenfuß sein ganzes Vermögen hinterlassen?" „So sagt man, Herr Grünspan. Was mich betrifft, so fangen die Kniffe des jungen Menschen an, mir unausstehlich zu werden; ich behaupte ohne Weiteres ich weiß wo der Herr her ist; er hatte immer ein abgefeimtes Aussehen und ich denke wohl es mag mehr hinter dieser Räuberei stecken, als Sie oder ich uns cinfallen ließen, Herr Grünspan. Schade," fuhr Frau Grünspan fort, ihren Eheherrn mit echt gattenhafter Liebe und Gerechtigkeit über die Folgen Dessen scheltend, was er ans ihren Rath getha» — „Schade, Herr Grünspan, daß Sie sich 78 weigerten ihm die Pistolen zum Beistand des alten Kerls zu leihen, denn Wer weiß ob »Ich ste dadurch nicht in italienische für meine Tasche verwandelt hätte," unterbrach sle Herr Grünspan, „die ihr Schrot nicht umsonst haben, mein Kind — ha, ha, ha!" >,O Gott, Herr Grünspan, aus Allem müssen Sie doch einen Spaß machen!" „Nein, mein Schatz, denn bisweilen mach ich auch aus Nichts einen Spaß!" „Ist es doch wahrhaftig eine Schande," ries Frau Grünspan, ihren eigenen entrüsteten Gedankenzug immer weiter verfolgend, „nachdem er Adölph- chen und Alles so vor Augen gehabt!" „Vor Augen, mein Schatz? bloße Worte!" gab ihr Herr Grünspan zurück. „Bloße Worte, wie ein Windrad das viel Gebläse macht, aber nie einen Sturm erregt. Müssen deshalb den Mund zu keiner Pfanne verziehen, mein Schaz, denn die Doktoren sagen, Grünspan an einer Pfanne sei Gift." In diesem Augenblick meldete de Warens, die Thür aufstoßend, Herrn Braun an, der sofort mit bescheidener aber lebensfroher Miene eintrat. „Ihr Diener, Madame Grünspan; brauchen kein Tischzeug? Herr Grünspan, wie gehts? Kann Ihnen einen Wink über die Fonds geben. Junker Adolph, haben ein recht wackeres Aussehen: glauben Sie nicht, er brauche ein paar neue Läzchen, Madame? Aber Herr Clarence Linden, wo ist er? gewiß noch 79 zu Bett? Ach, die jetzige Generation ist ein Geschlecht von Langschläfern, wie seine würdige Tante, Frau Minden zu sagen Pflegte." „Ich kann Sie versichern," erwiederte Frau Grünspan mit verächtlichem Kopfschntteln, „ich weiß nichts von dem jungen Menschen. Er ist weggezogen; ein sehr mysteriöser Handel, Herr Braun! und ich kann mich nicht enthalten Ihnen zu sagen, daß uns Ihre Introduktion keineswegs zu sonderlichem Vergnügen gereichte. Beiläufig gesagt, die Stühle die Sie uns neulich in der Versteigerung kauften, waren eine rechte Bcutelschueiderei; so leicht daß Herr Wallroß zwei davon durchs blose Niederfltzen zerbrach." „Was Sie sagen, Madame!" rief Herr Braun mit sich rechtfertigendem Ernst. „Aber freilich ist Herr Wallroß sehr wohlbeleibt. Aber der junge Herr, wie ists mit Dem?" fuhr der Trödler fort, von der Streitfrage listig abbcugend. „Um Gott, Herr Braun, fragen Sie mich nicht: es war der unglücklichste Schritt den wir je gethan, einen solchen Menschen in den Schoß unsrer Familie aufzunehmen. Einefleibhafte Schlange, ich versichere Sie; aß dem armen Adölphchen sein Vermögen weg!" „Gott steh uns bei!" entgegnete Herr Braun, „Wer hätte Das gedacht; so ein hübscher junger Mann!" „^sia," rief Herr Grünspan, der bisher, mit seinem Blechwecken beschäftigt, geschwiegen hatte, „ich muß fort. Thomas — sag ich de Warens — hat Er die Kutsche angehalteu?« „Ja, Herr.« «Welche Kutsche ists?« „Die Jacht, Herr." „Ah, sehr gut. Nun Herr Braun, nachdem ich Jagd auf meinen Wecken gemacht, laß ich mich von der Jacht wecken. —Ha! ha! ha!« — „Ans jeden Fall,« dachte Herr Grünspan, indem er die Treppe Hinabstieg, „hat er Das bis jetzt nicht gehört.« „Ha! ha!" lachte Herr Braun laut auf, „was für ein spaßhafter, munterer Mann, der Herr Grünspan! Aber diesen undankbaren jungen Menschen, Herrn Linden, anlangend, Madame?« «Ach halten Sie mich nicht auf, Herr Braun, ich muß nach dem Gesinde sehen. Fragen Sie den alten Kniker Talbot im Nebenhans, den Awahr, wie die Franzosen sagen." „Ei! ei!« bemerkte Herr Braun, während er die gute Dame die Treppe hinab begleitete — „Das thut mir leid! — und wenn ich gar bedenke, daß er Frau Mindens Neffe ist." Aber Herr Brauns Neugier war nicht so schnell befriedigt; da er wahrnahm, daß Herr de Warens sich aus dem Thor lehnte und der abfahrendcn Jacht mit ernsthaften Blicken nachsah, stand er still, redete ihn an und befand sich bald im Besitz der Thatsacheu, „daß der alte Talbot beraubt und ermordet worden, Herr Linden ihn aber wieder ins Leben gebracht, 81 und daß der alte Talbot ihm hundert tausend Pfund geschenkt und ihn an Kindesstatt angenommen habe, und wie Herr Linden mit Nächstem in die Fremde geschickt werden würde als ein Gesandter oder Gouverneur oder vornehme Standesperson, und wie Herr and Frau darüber ganz mit ihm abgebrochen hätten." All diese getreulich in Herrn Braune Gemüth niedergelegte Einzelheiten führten zu dem unver- weilten Wunsch, bei dem Junker eiuzusprechen, „der, nichts zu sagen von der nahen Verwandtschaft mit seiner alten Kundin, Frau Minden, stets ein so großer Liebling von ihm, Herrn Braun, selbst gewesen." Demgemäß wurde Clarence als er eben in Gedanken über seine nah bevorstehende Abreise vertieft saß, durch die Erscheinung Herrn Brauns etwas aufgeschreckt. „Einen recht schönen Tag, mein Herr, einen recht schonen Tag!" rief Madame Mindens Freund. „Wollte nur eben cinsprechen, Ihnen meinen Glückwunsch zu machen. Ich habe einige Artikel, mein Herr, um Ihnen damit ein Geschenk za machen — wahre Raritäten, ich versichere Sie — und so gut als Geschenke, darf ich sagen. Ich kriegte sie bei einer Versteigerung der werthvollsten Gegenstände aus dem Besitz Lady Watteliebs selig weg. Eben Sachen wie sie ein Herr, der auf eine fremde Mission geht, braucht. Ein sehr merkwürdiges elfenbeinernes Kästchen mit einem indischen Vorlegschloß zur Aufbewahrung vertrauter Briefe; — gehörte .W 8S ehedem dem Großmogul. Eine schöne Diamantdose, mit einem wnnderherrlichen Gemälde Ludwigs XIV darauf; wird sich sehr loyal ausuehmen. Und haben Sie einige alte Tanten in der Provinz, denen Sie ein Abschiedpräsent schicken möchten, so besitz ich einige scharmante Stücke Batist, einen prächtigen dresdener Theeservice, und ein liebenswürdiges Aeffchen von der Lady Wattelieb selig selbst ausgestopft." „Mein guter Herr," hob Elarence an. „O keinen Dank, mein Herr, nimmermehr; allzuglücklich einem Verwandten Frau Mindens dienen zu können; — immer stolz Familienkonnexionen aufrecht zu halten! Sind wohl morgen um eilf Uhr Uhr zu Haus, mein Herr? werde Nachsehen; — Ihr ganz gehorsamer Diener, Herr Linden." Und den eben cingetretenen Talbot beinah über den Hansen werfend verbeugte sich Herr Braun zur Thür hinaus. 85 Zweiundzwanzigstes Kapitel. Es saß das Herz uns auf der Jung, Wir sprachen treu und wahr. Wie Freunde thun, obwohl ich jung Und Matthes siebzig Jahr. Wordsworth. Unterdessen schritt der junge Künstler rasch mit seinem Gemälde voran. Verzehrt von seiner Begeisterung und gänzlich in Anspruch genommen von der sanguinischen Vorwegnahme eines Ruhmes, der ihm schon gewonnen dünkte, gestattete er sich keinen Augenblick der Erholung; seine Nahrung nahm er stückweise und ohne von der Staffelei wcgznkommen; sein Schlaf war unterbrochen und durch fieberhafte Träume abgekürzt; nicht mehr streifte er mit Clarence umher, wenn der Abend seine Schatten auf die Arbeit warf; Luft und Bewegung setzte er gänzlich hintan; in sein Kämmerchen verschlossen verbrachte er die Stunden in eifrigem, leidenschaftlichem Selbstgespräch, das sogar während der Feier vom Geschäft seine Gedanken nur um so fester an seinen Gegenstand anklammerte. Jeden Besuch, jede Störung sah er mit einer Ungeduld, einem Grimm, wovon seine nachdenkliche, sanfte Natur bisher das vollkommene Gegentheil geschienen. Selbst Clarence 84 fand sich vom Umgang seines Freundes ausgeschlossen; selbst seine Großmutter, welcher der Boden theuer war, den sein Fuß trat, blieb vom geheimen Heiligthum ihres Enkels verbannt; aus dem bescheidensten menschlichen Wesen schien Warner das mürrischeste geworden zu seyn. Ach, es gibt ein Fieber der Seele, gegen welches das Fieber des Körpers Eis ist; ein Fieber, das, dem brennenden Strom eines Feuer- bcrgs gleich, sich dann, wenn cs am wenigsten erwartet wird, aus dem Schoß des ruhigen Bodens erhebt, selbst im Zerstören erschafft und zu einer neuen Decke, die der Natur der ersteren gänzlich entgegengesetzt ist, verhärtet. Mangel an Ruhe, Enthaltung von Speise, Ungeduld des angespannten Geists und der abgematteten Nerven, Alles vereinte sich die Gesundheit des Künstlers zu zerstören, während es sein Genie steigerte. Ein sonst nie gesehener Scharlachfleck brannte auf seiner bleichen Wange; sein Auge glühte von einem glänzenden, unnatürlichen Feuer; seine Züge wurden scharf und abgezehrt; die Knochen schimmerten unter der weißen, durchsichtigen Haut hervor, und Körper und Seele, aus ihrem gehörigen, freundlichen Verband gerissen, schienen in grimmem Kampf zu ringen, wer von beiden die Oberhand und den Sieg gewinne. Doch weder feine neuen Aussichten, noch die Kälte des Freundes brachten Lindens warmes Herz von der Ueberlegung zurück, wie er vor seinem Abgang aus dem Land dem Maler am wirksamsten zu dienen vermöchte. Warnern war cs ein besonderer Gegenstand der Wunsche, daß der berühmteste Maler jener Zeit, ein Mann, der in näherem Umgang mit Taldot stand und, wie man allgemein wußte, mit dem Wohlwollen echter Meisterschaft sich für das Vorschreiren jugendlicher und weniger erfahrener Talente interesstrte, — cs war ein besonderer Gegenstand der Wünsche für Warner, daß Sir Io- sua Reynolds sein Bild vor der Vollendung sehen möge und Clarence, dieses Wunsches eingedenk, er- lnelt von Talbot leicht die Zusage seiner Erfüllung. Dies war jedoch noch der geringste Dienst, den er dem Künstler leistete. Talbot, von dem warmen An- thcil, den Clarence an dem Freunde nahm, gerührt, eifrig bemüht sich dem Erhalter seines Lebens in jeder Art gefällig zu erweisen, und überdies gar ") Dieser berühmte Künstler, geb. 1723, gest. 17S2 war seinem Haupttalent nach Portraitmaler, und verfertigte verhä'ltnißmäßig ziemlich wenige historische Stücke im enger» Sinn des Worts; eher noch mythologische und allegorische. Allein er war ein vielseitig gebildeter Geist, der in seinen akademischen Reden ausdrücklich als Leiter und Ermunterer junger Kunstzöglinge anftrat. Dr. Johnson sagt von ihm: „Mir ist kein Mensch bekannt, der auf seiner Lebensrcise einen reichern Schatz von Beobachtungen cingcsammelt hätte, als Josna Reynolds." Der Ueberseyer. Vulwer's Romane. XXXIX. 7 86 wohl zufrieden als Förderer des Verdienstes zu erscheinen, erbot sich bereitwillig Warnern Alles zuzuwenden, was hohe Geburt oder literarischer Rang durch ihre Aufmerksamkeit und Gunst gewähren können. „Was sein Bild betrifft," sagte Talbot, als am Abend oor Lindens Abreise Dieser den Gegenstand noch einmal in Anregung brachte, „so will ich selbst den Käufer machen, und zwar um einen Preis der unserm Freund hinlängliche Muße und Stndien- sreiheit zur Vollendung seines nächsten Unternehmens sichern soll. Aber ich gestehe Dir, selbst auf die Gefahr Deinem Gefühl für den jungen Mann zu nah zu treten und Deine Erwartungen zu täuschen, offenherzig, daß Warner meiner Ansicht nach viel- > leicht nicht sein Talent, wohl aber seine Handfertig- ^ Leit, nicht seine Fähigkeit später etwas Großes aus- zuführcn, wohl aber seine Kraft für die Gegenwart I überschätzt. Im Stolz auf sein Kunflvermögcn hat ! er mir mehrere seiner Entwürfe gezeigt, und ich bin ein Wenig ein Kenner : cS fehlt ihnen an Erfahrung, Bildung, Geschmack und vor Allem an tieferem Studium der italienischen Meister. Jnsgesammt haben sie den Fehler eines fieberhaften Kolorits, eines ehrsüchtigen Wunsches nach Effekt, einer verschwimmeu- dcn, unvollkommenen Zeichnung, einer zur Schau getragenen, unnatürlichen Energie von Schatten und Licht; sie deuten allerdings auf ein nicht gewöhnliches, aber auf ein ungeregeltes, unerfahrenes Talent, das blvs seinen eigenen Eingebungen als Mu- «7 ster folgt. Gleichwohl freut michs, daß er die Allsicht eines Mannes zu hören wünscht, der nothwendig der beste Richter ist. Er bringe das Gemälde bis Donnerstag her; auf diesen Tag hat mir mein Freund einen Besuch zugcsagt. Und jetzt laß uns von Dir und Deiner Abreise sprechen." Die Unterhaltung zwischen Menschen verschiedenen Alters hat ihrem Wesen nach etwas Ungleiches: sie wird von der einen Seite stets in einem mehr oder weniger berathenden, von der andern in einem unterwürfigen Ton geführt werden. Obwohl die leichte, »npcdantische Art in Talbots Gespräch seine Bemerkungen eher unterhaltend, als auf eine augenfällige Weise admonitorisch machte, erhielten sie doch nothwendig ihren Anstrich durch seine Erfahrung, ihr bestimmendes Gesetz durch seinen Antheil an dem Schicksal des jungen Freundes. „Mein liebster Clarence," sprach er herzlich, „wir sind daran, einander ein lange» Lebewohl zu sagen. Ich will Deine Hoffnungen, Deinen Vorgenuß nicht durch Hervorhebung des Umstandes trüben, wie sehr möglich es ist, daß Du mich nie wieder siehst. Dn trittst jetzt in die große Welt ein und hast den Wunsch und die Kraft in Dir, dort Dein Glück zu machen; gestatte mir die Sclbstschmeichelei, daß meine Erfahrung Dir einigen Nutzen bringen dürfte. Unter den Colloquien des Erasmus befindet sich ein sehr unterhaltendes Gespräch zwischen Apicius und einem Mann, der in der Absicht einer sehr großen 7 " 88 und gemischten Gesellschaft ein Mahl zu geben, sich bei dem Epikuräer über die besten Mittel Raths erholt, es Allen recht zu machen. Du sollst jetzt dieser Gpudäus (so, mein' ich, heißt er) und ich will Api- ciuS sein; denn die Welt ist endlich nichts mehr als ein großes Diner verschiedener einander fremden Personen von verschiedenem Geschmack und Alker, und wir müssen unser Selbst ihrer Sinnesart, unsere Würzen ihrem Temperament anpassen, wenn wir sie zu gewinnen oder auch nur zufrieden stellen wollen. Seltsam genug, daß ein freies Volk, wie das unsrige, bei dem es so wichtig ist, jeder Klasse zn gefallen, unter allen neueren Nationen gerad dasjenige sein muß, welches Benehmen und äußerliches Auftreten, Dinge, die, wie innerliche Bildung, oft mehr werth sind, als Haus und Land, nicht blos am meisten vernachlässiget, sondern beinah geflissentlich verwirft. Ganz anders im alten Athen, das jetzt so sehr Gegenstand der Besprechung und Nacheiferung ist! dort waren die gefeiertsten Bürger die feinsten Umgangs- menschen. Doch, um nicht abzuschweifen: da das Meer des äussern Benehmens zum großen Tbeil so unerforscht ist, erlaube mir Deine Aufmerksamkeit auf die Winke und Grundsätze zu lenken, die ich in dieser Schrift zn Deiner Belehrung niederzulegen mir den Spaß gemacht habe; nimm sie und durchlese sie nach Muße. Schreib mir von Zeit zn Zeit, und ich will Dir in meinen Antworten den besten Rath geben, der in meiner Macht steht. Im Uebrigen, 89 lieber Junge, verlang ich bloS Offenherzigkeit von Dir unv ich will Dir meines Theils versprechen, Laß wo ich nicht helfen kann, ich nie tadeln werde. Und jetzt Clarence, da es spat ist und Du uns morgen zu guter Stunde verlassest, will ich Dich nicht länger aufhalten. Gott segne und erhalte Dich. Du gehst dem Genuß des Lebens entgegen, ich den Vor- empfindnngen des Todes, und so kannst Du denn mir wenig Verwandtes in mir finden; aber, wie der gute Pabst zu unserem protestantischen Landsmann sagte, was immer für ein Unterschied zwischen uns stattfinden mag, so weiß ich, daß der Segen eines alten Mannes nie ohne Werth ist." Indem Clarence seinem Wohlthäter die Hand drückte, stürzten ihm die Thräncn aus den Augen. Gibt es ein Wesen, und war eS auch hart wie ein Fels gegen das Unglück, das durch Gute nicht erweicht würde? Was uns betrifft, so dünkt uns dieselbe, wenn sie von alten Personen ansgehet, eine doppelte Lieblichkeit und Wärme in sich zu tragen; in ihnen erscheint sie als das anfgcsparte, lang gereinigte Wohlwollen vieler Jahre; als hätte sie Niedrigkeit und Selbstsucht während dieser Probezeit überlebt und überwältigt; als hätten die Sturme, welche die äußere Gestalt gebrochen, vergebens gegen das Herz angetobt, und als sei den Winterfrvsten, welche das Blut erkälteten und die dünnen Locken bleichten, die Macht über die warme Fluth der Liebe abgegangcn. Es ist der Triumph der Natur über 90 die Kunst; die Stimme des Engels der noch in uns geblieben. Ja dies ist noch nicht Alles: die Zärtlichkeit des Alters umstrahlt eine doppelte Glorie, einmal durch ihre» Sieg über die Härte der einkru- stenden, abwelkenden Jahre; sodann weil ihr das Grab seine Heiligung anfdrückt; weil sie uns sagt das Herz treibe seine Blnthen noch am Rand des Sarges und weil sie uns mit der Unverbrüchlichkeit und Unsterblichkeit der Liebe schmeichelt. Dreiundzwanzigstes Kapitel. „Kann ich nicht schaffen. Nicht bilde», nicht aus ihrem Urstoff schlagen Mir eine andre Welt, ein Universum?" Keates. Als Clarence am folgenden Morgen ans der Stadt abfnhr, ließ er den Wagen (daS letzte und nicht das am mindesten annehmliche Geschenk Tal- bots) den Weg über Warners Wohnung nehmen. Obwohl die Sonne kaum aufgegangen, hatte die alte Großmutter doch bereits das Bette verlassen nnd öffnete dem frühen Besuch die Thür. Clarenee schritt mit kurzer Verbeugung an ihr vorüber, eilte die schmale Treppe hinauf und stand im Zimmer des Malers. Die Fenster waren dicht geschloffen, die Luft beengt und heiß. Einige Bücher, hauptsächlich der Geschickte und Poesie angehörend, standen in wirrem Durcheinander auf ein paar Brettern, dem Fenster gegenüber. Auf einem Tisch lag eine Flöte, einst die Lieblingserholung des jungen Mannes, jetzt seit Langem vernachläßigt und außer Gebrauch. Sei» Schlafrock, (das einzige Ueberkleid das er seit Wochen getragen) hing über einem Stuhl neben dem Bett, und dem Schlafenden gerad entgegen, so daß seine Augen gleich beim Erwachen auf sein Werk fallen mußten, stand das hochgehaltene, bereits über die Hälfte vollendete Bild. Clareuce neigte sich über das Lager. Die Wange des Künstlers ruhte in unabsichtlich malerischer Stellung auf dem einen Arm; der andere lag über die Decke ansgestreckt und der Hinschanende erschrack beim Gewahrwerden wie bleich und abgezehrt derselbe geworden. Dann und wann bewegten sich die Lippen des Schlafenden unruhig, und leise, unartikulirte Laute brachen aus denselben hervor. Zuweilen fuhr er plötzlich zusammen und eine Helle, aber schnell verschwindende Röthe zuckte über das welke, hohle Gesicht. Einmal streckten sich die Finger der dünnen, auf dem Bett liegenden Hand aus, und schloßen sich sofort plözlich wieder mit einem festen, beinah schmerzhaften Griff. Hier wurden die Worte des Künstlers zum erstenmal verständlich. „Ah, ah," sprach er, „endlich Hab ich Dich. Lange, sehr lange hast Dn wie Zunder auf meinem Herzen gebrannt, und mich gehöhnt und über meine nichtigen Bestrebungen gelacht; jetzt aber halt' ich Dich. Rnhm, Ehre, Unsterblichkeit, wie Dn immer heißen magst, ich habe Dich und Du kannst nicht entwischen; doch fast ist es zu spät." Wie von einem plötzlichen Schmerz erfaßt wandte er sich schwer auf die Seite, stöhnte hörbar und erwachte. „Mein Freund," hob Clarence in mildem Ton an und nahm ihn bei der Hand, „ich bin gekommen Dir Lebewohl zu sagen. Eben reis' ich nach dem Kontinent ab, kann aber England nicht verlassen, ohne Dich vorher noch einmal gesehen zu haben. Ueber- dies bring ich Dir gute Nachrichten." Damit wiederholte er Talbots Einladung, Warner möge das Gemälde am nächsten Donnerstag in sein Haus schaffen, damit Sir Zosua Einsicht davon nehme. Auch fügte er in Ausdrücken, die seine Freundschaft noch schmeichelhafter wiedergab, als sie ihm zugekommen, Talbots Wunsch bei, Käufer des Bildes zu werden. „Za," rief der Künstler mit einem entzückten Blick auf seine Arbeit, „ja, ich glaube wenn man es einmal gesehen hat, werden sich manche Liebhaber finden." „Ohne Zweifel," cntgegnete Clarence, „und aus diesem Grund kannst Du Talbot nicht tadeln, wenn er allen andern Mitbewerbern zuvor zu kommen wünscht." In diesem ermuthigenden Sinn setzte er das Gespräch fort, verbreitete sich über des Freundes neue Hoffnungen; bat ihn sich Zeit zu lassen. s; seine Gesundheit zu schonen, nnd sich und seinem Werk durch übertriebene Aengstlichkeit und Eile nicht zu schaden. Er schloß mit der Versicherung Talbots, daß Dieser sich unter allen Umstanden als Warners vertragsmäßiger Helfer und Freund betrachte. Mit einiger Ungeduld, obwohl nicht ohne Vergnügen, hörte der Maler auf all diese Angaben des warmherzigen, liebevollen Clarence, und schrieb im Stillen die glänzenden Aussichten, die sich vor ihm öffneten, weniger des Jünglings Dienstbeflissenheit oder Talbots Großmuth, als dem Uebermaß des eigenen Verdienstes zu. Die Gleichgültigkeit, die der von Natur so gut- müthige Warner beim Abschied von einem Freund an Tag legte, der stets so warmen Antheil an ihm genommen, und dessen Thräncn in diesem Augenblick mächtig gegen die unempfindliche Kälte seines eigenen Lebewohls abstachen, war ein merkwürdiger Beleg wie eine geschärfte Richtung der Lebensthätigkeit nach Einem Punkt hin, auf allen übrigen Punkten das Gefühl ertödtet. Einzig und glühend mit einem mächtigen Gedanken beschäftigt, der für ihn Liebe, Freundschaft, Gesundheit, Frieden, Reichthum war, vermochte der Maler sein von manigfachen, wilde» Kämpfen ermattetes und erschöpftes Gemnth nicht bei Gegenständen von geringerem Interesse aufzuwecken und freute sich vielleicht im Innern darüber, daß sein Sinnen und Arbeiten fortan selbst gegen die Freundschaft gesichert sein werde. S4 Tief ergriffe» — denn seine von jeder Selbstsucht freie Natur war in ausgezeichnetem Grad edelmüthig und fein fühlend — riß sich Clarence aus des Künstlers Armen, legte einen beträchtliche» Theil der Summe, die er von Talbot erhalten, in die Hände der Großmutter, stürzte nach seinem Wagen und befand sich alsbald auf der Heerstraße nach Schätzen, Vergnügen, Auszeichnung und dem Festland. Bon ihm scheiden wir jetzt auf einige Zeit: wenn er wieder vor uns erscheint, wird es aus einer neuen Bühne sein, wo die Kraft für die Ruhm- liebe, das Verdienst für die Ehre ein offeneres Feld bietet. Während jedoch Clarence einem Vergnügung- und zerstreuunglustigen Hof troy allen ihm entgegen win- kenden Vortheilen mit Empfindungen zueilte, in welchen sehnsüchtige Liebe zu den Menscheu, die er verlassen, seine Hoffnungen auf die große Welt trübte und sich des Jünglings sanguinischem Vorgeuuß störend beigesellte, brannte der arme, niedrig geborne, von Krankheit zerrüttete, freundlvse, durch seine Gemüthsart von den Vergnügungen seines Alters ausgeschlossene Warner von viel minder gemäßigten Erwartungen als Clarence, und fand in ihnen nickt nur einen Lohn für die Opferung aller übrigen, sondern sogar einen Triumph. Donnerstag kam. Warner hatte eine Forderung an Talbot gemacht, welche Dieser nur mit Schwierigkeit zugestand - daß nämlich er selbst ungesehen 9g Zuhörer der Kritik des großen Malers seyn dürfe, und Sir Iosua seiner Gegenwart durchaus unkundig bleiben sollte. Mit Schwierigkeit war ihm diese Forderung zugestanden worden, weil Talbot Warnern gern Len Schmerz erspart hätte, Bemerkungen zu hören, die, wie er wohl voraussah, der leichtgläubigen Selbsterhebnng des jungen Künstlers wahrscheinlich durchaus nicht entsprechen würden; das Zugeständuiß aber erfolgte, weil Talbot der Ansicht war, selbst in diesem Fall dürfte der augenblickliche Schmerz von den heilsame» Wirkungen mehr als überwoqen werden. Ach, Eitelkeit ist nur eine dürftige Berechners» fremder Eitelkeit! Welche Tugend würden wieder Schwäche abgewinnen, welch eine Welt von Qualen unfern Brüdern ersparen, wenn wir unsre eigene schwache Seite zum Maßstab der ihrigen aiinähmen! Donnerstag kam; das Gemälde ward von des Künstlers eigenen Händen in das günstigste kicht gestellt; ein hinter demselben befindlicher Vorhang diente als ein Schirm für Warnern, der in diesem Versteck sein Herz köstlichen Vcrmuthungen über das Erstaunen des Kritikers und goldenen Ahnungen über das künftige Schicksal seines Lieblingswerkes hingab. Keine Furcht trübte ihm den vollen, glatten Kelch des Genusses. Die ganze Nacht über hatte er in rastloser, freudiger Erwartung des Morgens wach gelegen. Mit Tagesanbruch war er vom Bett aufgefahren, hatte die Läden aufgeschlossen; war mit einer wo möglich noch größer» Trunkenheit, als er bisher empfunden, über seinem Bild gehangen. Wie einer Mutter kam es ihm vor, die eigene Vorliebe sey nur Theil einer allgemeinen Huldigung, und als die bejahrte Ahnin ihre dämmerigen Augen auf das Gemälde wandte und in unschuldiger Vergötterung nicht sowohl des Werkes, als des Künstlers lobte, besprach, verkündete, flüsterte sein Herz ihm zu: „Entlockt es der Einfalt solche Verehrung, was wird erst die Huldigung des Kenners seyn?" Wer zuerst den jetzt abgedroschenen Grundsatz anfstellte, Mißtrauen in sich selbst sey der Begleiter des Genies, kannte das Verfahren des menschlichen Herzens sehr wenig. Allerdings mögen einige wenige Beispiele hiefür vorgekommen seyn, wo dann in Bezug auf diese Behauptung, wie hinsichtlich so mancher andern, die Ausnahme zur Regel erhoben ward. Was aber könnte das Genie je aussöhnen mit seinen Leiden, seinen Opferungen, seiner fieberhaften Unruhe, mit der angestrengten Arbeit, die allein Das hervorzubringen vermag, was die flache Welt für die Niesengebnrt augenblicklicher Begeisterung hält, was könnte es mit all Dem je versöhnen, als das hohe, unerdrückbare Bewußtseyn innerer Kraft; als die mit der Stärke der Gewißheit genährte Hoffnung, daß der Lohn der Mühe gleich seyn werde; als die gläubige, stürmische Vorivcgnahme des Ruhms, welche die Grenzen von Zeit und Raum sprengt, und mit prophetischem Entzücken die unermeßlichen Gefilde der 97 Unsterblichkeit durchstreift? Beraubt das Genie seines Selbstvertrauens, seiner stolzen Selbstachtung, und ihr habt dem Adler die Schwingen abgeschnitten. Freilich hekt ihr damit den Wanderer, den ihr bisher nicht begreifen konntet, in den engen Kreis eurer Hausleidenschaften ein; ihr zieht und zähmt ihn zu dem Maßstab eures eigenen Urtheils herab, herab in den ummauerten, dürftigen Umkreis Eurer kleinen Alletagsmoral; aber ihr nehmt ihm die Kraft aufzusteigen, die Kühnheit die der Donnerwolke trotzte ruid ihren Horst auf den Felsen baute, um des stolzen Triumphes willen sich über seines Gleichen zu erheben und mit näherem Auge auf die Majestät des Himmels zu blicken. Gehört also eine gewisse Selbstschätzung zu dem eigentlichen Wesen des Genies, so war diese bei Warner doppelt begreiflich, denn noch stand er mitten in der Glut und dem Drang eines Entwurfs, dessen Mängel zu prüfen er bisher nicht Zeit gehabt, und kein Studium der Meisterstücke seiner Kunst hatte bis jetzt seinem Talent, dessen Lehrer und Muster lediglich er selbst gewesen, den Stachel der Nacheiferung oder den lähmenden Frost der Entmuthi- gung zugeführt. Nicht lang hatte er in seinem Schlupfwinkel gesessen, als er Schritte vernahm. Sein Herz schlug gewaltsam, die Thür ging auf und durch eine kleine Oeffnung, die er absichtlich in dem Vorhang angebracht, sah er einen Mann mit wohlwollenden, rin- nehmenden Ingen, den er angenblicklich für Sir Iosua Reynolds erkannte, in Talbots Gesellschaft in das Zimmer treten. Sie gingen ans das Bild zu; der Maler untersuchte es genau und in tiefer Stille. „Schweigen," dachte Warner, „ist der beste Zoll der Bewunderung;" aber er zitterte vor Verlangen, die Bewunderung durch Worte bestätigt zu hören. — Sie kamen nur zu früh. „Ohne Widerrede das Werk eines talentvollen Menschen," hob Sir Josua an; „doch" (fürchterliche Silbe!) „eines Menschen, der in den Grundlehren seiner Kunst durchaus unerfahren ist. Sehen Sie zum Beispiel hier und hier und hier." Damit hob der Beurtheiler, gänzlich unkundig der Folter, die er verursachte, die Fehler des Bildes hervor. O die Todesqual, die versengende Todesqual dieses Augenblicks für den ehrsüchtigen Künstler! Umsonst suchte er gegen das Urtheil anzukämpfen, umsonst sich zn überreden cs sey die Stimme des Neides, die in diesen kalten, gemessenen, erklärenden Worten wie Gifttropfen auf sein Herz fiel: er selbst empfand plötzlich, wie durch «inen Zauberschlag die Richtigkeit des Ausspruchs. Die Schuppen der Selbsttäuschung fielen ibm von den Augen; durch eine häßliche Frazze, eine Art furchtbarer Gaukelei schien seine Göttin auf ein einziges Wort, einen Athemzng in ein Ungeheuer verwandelt: sein Leben, noch eben in eine einzige Hoffnung zusammcngedrängt, schien SS ans einmal und für immer zu einer einzigen bittern Täuschung verkrüppelt, zerknickt und versengt. „Aber," erwiederte Talbot, (der bisher umsonst versucht die Kritik Reynolds aufzuhaltcn, da dieser ohnehin schwerhörende Mann, jetzt durch das befriedigende Gefühl, welches die Erörterung eines Lieblingsgegenstands stets gewährt, noch besonders in Anspruch genommen war) „aber," erwiederte er mit lauterer Stimme, „Sie gestehen daß sich ein großes Talent in dem Entwurf ansspricht?" „Ganz gewiß ist hier Talent," entgegnete Sir Josna im Ton ruhiger, nachgiebiger Gutmüthigkeit. „Aber was ist Talent ohne Bildung? Sie sagen der Künstler sey jung, sehr jung; er nehme sich Zeit; - ich sage nicht, er solle eine niedrigere Bahn einschlagen: möge er bei der erhabenen, die er erwählt, bleiben; — aber er thue zuerst jeden genommenen Schritt noch einmal zurück; er widme Tage, Monate, Jahre dem fleißigsten Studium der unsterblichen Meister der göttlichen Kunst, eh er wieder ein geschichtliches Gemälde (mindestens eines welches dem Publikum gezeigt werden soll) unternimmt. Er hat das Wesen der Erfindung gänzlich mißverstanden: schön Erfinden heißt nichts, als von einem schönen Muster auf eine feine Art abweichen oder dasselbe auf eine feine Art vervollständigen: Nachahmung, wenn sie edel und umfassend, sichert die Aussicht auf Originalität am besten. Vor Allem möge Ihr junger Freund, wenn er die Mittel dazu anfzubringen vermag, 2ta- lieu besuchen und in Rom die Meisterstücke kopiren, welche dieser Stadt eine größere Herrschaft gegeben haben, als ihre erste war — die Herrschaft über die Seele." „Die Mittel sollen ihm nicht abgehen," erwiderte Talbot freundlich; „er soll jeden Borthcil genießen, den ich ihm verschaffen kann. Indessen sehen Sie, ist das Gemälde nur halb vollendet — er könnte daran ändern!" „Er thäte besser cs zu verbrennen," erwiderte der Maler mit leichtem Lächeln. In gutmnthiger Verzweiflung drängte Talbot den Besuch aus dem Zimmer. Bald kehrte er zurück den Künstler zu trösten, aber Dieser war fort. Das verachtete, unselige Bild, das Glück und der Fluch so vieler angstvollen, verlorenen Stunden, war mit seinem Schöpfer verschwunden. 101 Vierundzwanzigstes Kapitel. '' „Was ist denn diese Seele? ^ Wo kam sie her? sie scheint mir nicht mein eigen; Ist nicht in Leidenschaft noch Wesen mein. Ha! dies muß furchtbar enden! — * So oft des Sterblichen verwegnes Trachten Die ihm gesetzten Schranken überschreitet. Trifft ihn der Tod." Keates. Beim Eintritt in seine Wohnung stieß Warner zum erstenmal in seinem Leben die alte, gute Großmutter, die, wie zum Hohn des unglücklichen Künstlers, zu Willkomm und Glückwunsch bereit stand, unehrerbietig auf die Seite. Sein Bild in den Armen stürmte er die Treppe hinauf, stürzte in sein Zimmer und verschloß die Thür. Hastig riß er das > Tuch weg, das über das Gemälde geschlagen war; hastig und zitternd stellte er es auf die Staffelei, die es bisher getragen, nnd mit einem langen, innigen, suchenden, spähenden Blick übersah er die einst so theure Gottheit seiner Andacht. Anmaßung, Eitel- . keit, übertriebene Selbstschätzung machen, wie man gewöhnlich annimmt, durch ihre Strafe einen komischen, keinen mitleidcrregenden Eindruck; aber es gibt ein Uebermaß der Empfindung, das uns, Dulwer's Romane. XXXIX. 8 lor , stamme es von welcher Ursache es wolle, gegen unfern eigenen Willen zur Sympathie mit fortreißt. Selbst die Furcht, der verächtlichste aller Affekte, wird tragisch sobald fle sich zur Todesangst steigert. „Gut, gut," hob endlich Warner sehr langsam an, „es ist vorüber — es war ein schöner Traum - aber er ist zu Ende — ich muß für die Lehre dank- I bar sein." Dann, Stimmung und Ton plötzlich umändernd, wiederholte er: „Dankbar! wofür? daß ich ein Elender biu, ein Elender; hoffnungsloser, jammervoller, verlassener als ein Mensch, der mit all ! seiner Habe, mit Weib und Kindern, mit dem auf- j gehäuften Schatz und Glück eines ganzen Daseins ein kleines, schwaches, werthloses Schiff betrachtet und, ! während er selbst noch am Ufer steht! dasselbe jäh- ! lings untergehen sieht! O war ich nicht ein Narr, l ein unsinniger Narr, ein eitler, anmaßlicher Narr — das eigentliche Wesen und der Brennpunkt der Narr- I heit, daß ich so süße Wunder von mir selbst glauben konnte? Was Mensch!" (hier hatte sein Aug im gegenüberstehenden Spiegel seine bleichen, von Krankheit und erschöpfenden Stürmen abgemagerten Züge erblickt,) „was Mensch! wolltest du dich mit nichts ! Geringerem zufrieden geben, als mit den Gaben eines Genies? — Du, den die Natur mit ihrem Fluch gezeichnet? Zwergenhaft und gekrümmt, niedrig in Gestalt und Zügen warst du in der That ! ein herrlich Ding um Anmuth und Schönheit, die erhabenen Träume der Kunst, zu verewigen! Ehre für dich? ja doch! — ha! ha! — Ruhm! -haha! Ein Platz neben Titian, Eorregio, Raphael? — ha! ha! ha! Du übcrbcscheidener, überkluger Narr! Doch diese jämmerliche Tüncherci, diese Besudelung der Leinwand, dies ekelhafte, unselige Denkmal deS Mißlingens; diesen merkwürdigen Bewerber um — ha! ha! — Unsterblichkeit! — ihn Hab' ich mindestens in meiner Gewalt!" Damit faßte er das Bild, schleuderte cs ans den Boden und trat es so lange mit Füßen auf den staubigen Brettern, bis die feuchten Farben nur noch einen verflossenen, schmutzigen Fleck erkennen ließen. Dieser Anblick schien ihn für einen Moment zu sich zu bringen. Er hielt inn, hob das Gemälde noch einmal auf und lgte es auf den Tisch. „Wie," , flüsterte er, „könnte dieser Kritiker nickt neidisch ; gewesen sein? weiß ich gewiß, daß er richtig — ehr- j lich geurthcilt? Die größten Meister haben scheel und E eifersüchtig auf die Arbeiten ihrer Schüler gesehen. ' ! Und dann wie langsam, wie kalt, wie teuflisch kalt, /! wie gleichgültig er sprach; sollte ihn doch schon die s Kunst an sich mehr erwärmt haben. Könnte er . . . ^ Nein, nein, nein: es war Wahrheit. Das Gefühl i derselben durchzuckte mich wie ein Pfeil — ein Pfeil von glühendem Eisen. Er verbrenne es — sprach H er; — ja verbrennen, den Augenblick soll es ge- ' schehen!" , Und zur Thür eilend schob er den Riegel auf. ' Er taumelte zurück als er seine alte, nächste Auge- 8 - hörige, die Mutter seines BaterS, auf dem Boden vor der Thür sitzen, und mit Schrecken ans die zer- stückten Laute ihres Enkels horchen sah, dessen Einsamkeit zu unterbrechen sie nicht den Muth hatte. Langsam und mühvoli stand ste bei seinem Anblick auf, schlang die welken Arme, die seine Kindheit gepflegt, um ihn und rief: „Mein Sohn! mein armer — armer Sohn! was ist Dir widerfahren? Du, sonst so sanft, so mild, so ruhig, bist nicht mehr der Nämliche; — und ach, mein Kind, wie übel Du ansflehst : Dein Vater sah so im Augenblick aus, eh er starb!" „Uebel?" fragte er mit einer Art furchtbarer Fröhlichkeit; „übel — nein — nie befand ich mich so wohl; — bis jetzt lag ich in einem Traum — endlich bin ich aufgewacht. Ja ich war still und scheu, will aber jetzt nicht mehr so sein Ich will lachen und sprechen und gehen und liebeln und Wein trinken und sein wie andere Menschen. O wir wollen lustig leben. Aber bleibe hier, ich will ein Licht holen." „Licht, mein Kind, wozu?" „Zu einem Leichenbegängniß!" schrie Warner, stürzte an ihr vorbei die Treppe hinab und kehrte beinah im Moment mit einem Licht zurück. In Schrecken und Angst war die arme alte Frau bewegungslos und unter heftigem Weinen zurückgeblieben. Jener schien ihre Thränen nicht zu bemerken; er drängte fle sanft ins Zimmer und begann bedächt- 105 lich, ohne eine Sylbe zu sprechen, das Bild in Fetzen zu schneiden. „Was machst Du, mein Kind? rief die Alte. „Du rasest; es ist Dein schönes Bild, das Du zerstörst!" ! Warner schritt ohne Antwort zu geben auf den Kamin zu, häufte mit bedachtsamer, ängstlicher Sorgfalt mehrere Stücke Papier, Reiser und Schwefel- II Hölzer zu einer Art Scheiterhaufen zusammen, legte 8 die Fetzen darauf, setzte das Licht an und unver- I weilt stand das Ganze in Flammen. I »Sieh! sieh!" rief er mit krampfhaftem Ton, I „wie es brennt und knistert und lodert! Welcher I Meister kam ihm so je gleich? kein Fehler mehr in ! diesen Farben — keine falsche Tinten in diesem Licht und Schatten! Sieh wie jene Flamme aufschnellt ! und wirbelt! — jene Flamme ist mein Geist! Sieh; > ist sie nicht ruhelos? — steigt sie nicht muthig em- I por! — ha alle andere Flammen sind Kriecherinnen I gegen sie! — und jetzt — was sichst Du nickt hin? — I jetzt schwankt — erlischt — sinkt sie — und — ha! I ha! ha! — arme Puppe! — der Zündstoff ist ver- I zehrt - und - sie ist Finsterniß!" I Indem Warner diese Worte aussprach, wälzten u sich seine Augen wild umher; das Zimmer schwamm I vor ihm; die Aufregung seiner zarten Nerven hatte b den höchsten Grad erreicht; die seit Wochen keimende Krankheit war zur Reife gekommen; ein paar Schritte zurücktaumelud stürzte er aus den Flur nieder, die 108 Beute eines von Fantasien umgejagten, tobenden Fiebers. Aber nicht so sollte der junge Künstler sterben. Er mar einem Tod aufbchalten, der, wie Warners wirkliches Wesen, mehr Milde und Poesie hatte. Miihlig erholte sich der Leidende und sein Geist kehrte, fast gegen seinen Willen, zu dem Beruf zurück, von welchem er ein seit vielen Jahren gewöhntes Sinnen und Dichten unmöglich abzuwenden vermochte. Nicht als hätte er Pinsel und Palette wieder ergriffen: im Gegentheil, er konnte sie nicht vor Angen dulden; sie schienen seinem schwärenden, wunden Gemüth fast ein Denkzeichen der Schande. Aber er nährte einen mächtigen, brennenden Wunsch im Herzen nach dem schönen Land zu pilgern, von welchem er so oft geträumt, dem Land das der unschuldige Zerstörer seines Friedens als Quell der Begeisterung und Pflanzschnle künftigen Ruhmes bezeichnet hatte. Die Aerzte die ihn auf Talbots Anweisung behandelten, sahen auf seine hektische Wange und abgezehrte Gestalt und gaben seinem Wunsch bereitwillig ihren Beifall; und Talbot, für den jungen Mann eben so sehr um dessen selbst willen interesslrt, als durch sein an Clarence gegebenes Versprechen gebunden, ließ ihn großmiithig die Liberalität fühlen, die daS werthvollste Vorrecht der Neichen ist. Troy ihrem hohen Alter bestand die Großmutter darauf den Künstler zu begleiten: im Herzen des Weibes liegt ein so tiefer Born der Liebe, daß kein Alter 107 denselben zuzufrieren vermag. Sie traten die Reise an, erreichten den Boden der Myrte und des Weines und zogen in die Kaiserstadt ein. Anfangs schien die Luft Roms heilsam auf die Gesundheit des englischen Fremdlings zu wirken. Seine Kraft nahm sichtbar zu, sein Geist weitete sich aus, und obwohl er in «ine noch größere Schweigsamkeit und Zurückhaltung gesunken, als er ursprünglich zeigte, wandte er sich doch mit augenscheinlicher Energie wieder zu den Schöpfungen des Pinsels, so daß Die, welche nicht tiefer als auf die Oberfläche sahen, die Wunde geheilt und den Grund zu künftiger Meisterschaft wirklich gelegt glauben konnten. Allein gerad im Moment wo Warner vor den Göttern der bildenden Welt am andächtigsten niedersank, wo das echte Wesen der hohen Kunst sich in vollster Glorie seiner Seele öffnete, langen Schaam und Niedergeschlagenheit am bittersten auf seinem Herzen, und während der Enthusiasmus des Künstlers aufflammte, verzweifelte der Ehrgeiz des Menschen. Doch fuhr er unablässig fort die Größe und Einfachheit der römischen Schule auf seine Leinwand überzutragen; mit unermattbarem Eifer, obwohl er den schleichenden Vorschritt der tödlichsten, gewisseusteu Feindin des Ruhmes gleichsam greiflich in sich empfand, arbeitete er an der technischen Ausbildung seines Talents weiter; immer noch fand ihn der Morgen an der Staffelei, und die Nacht brachte seinem einsamen Lager eher Nachdenken als Schlaf. 108 Das Feuer, die Reizbarkeit die er vor seiner Krankheit gezeigt, waren verschwunden, und die ursprüngliche Sanstmuth seines Gemüths war zurückgekehrt; er stieß keine Klage aus, verweilte ans keinem Vor- gennß des Gelingens. Hoffnung und Schmerz um die Vergangenheit schienen gleich todt für ihn, und nur wenn er in die liebevollen, frohen Augen seiner greisen Pflegerin sah, füllten sich seine eigenen mit Thriinen oder verdüsterte sich die Heiterkeit seiner Züge zur Trauer. So dauerte es einige Monate, bis man eines Abends den Maler am Fenster sitzen fand, ein unvollendetes Gemälde ihm gegenüber; noch hielt seine Hand den Pinsel; die Stille ruhiger Betrachtung lag noch auf seinen Zügen; der sanfte Hauch italienischer Dämmerung wehte ihm das Haar lebenathmend aus der Stirn; der erste Stern des Südhimmels lieh seiner Wange etwas von jenem unterdrückten Glanz, welchen sie im Anflug der Begeisterung zu zeigen pflegte. Aber das waren nur Scheinbilder deS Lebens: das Leben selbst war nicht mehr! In dem göttlichen Land worin zu wandeln er sich so gesehnt — in der heiligen Stadt, in welcher die Majestät seiner erhabenen Kunst wie auf einem Thron herrschte, — in der purpurnen Luft, worin Poesie und SchöpfungS- kraft sich mit dem gemeinen Odem und Dunstkreis des Lebens verbinden — verhauchte sein rastloser, nicht für diese Welt gebildeter Geist. Ikw Auf dem Friedhof der Fremden in Rom sind zwei Gräber hart neben einander; sie decken Menschen, deren ungleicher Lebenslange derselbe Monat ein Ende setzte. Das eine ist die Ruhestätte einer alten, unter der Last vieler Jahre gebeugten Frau; das andere umhüllt den nieder» Staub des ehrbegierigen Künstlers. Fünfundzwanzig ft es Kapitel. Erwäge meinen Schmerz Und wie gerecht es ist, daß ich entfliehe Um solch unsel'ger Heirath zu entgehn. Shakesp eure. „Wissen Sie aber auch gewiß," fragte General St. Leger, ein langer Mann widerlichen Aussehens mit einem Gesicht wie das Bett, worauf der große Billiers starb, d. h. „„Wo schimmernd Gelb mit schmutzgem Rothe stritt"" „wissen Sie auch gewiß, daß es sich so verhält?" „Gewiß!" rief Fräulein Diana St. Leger, eine Dame von etwa Fünfnndfünfzigen, mit bleichem, vcrschrumpften Antlitz, wilden schwnrzen Augen und einem prächtigen Rnbi» > Halbmond im purpurnen Kopfputz, was sie dem Bild das Shakespeare von der Widerwärtigkeit entwirft, auffallend ähnlich machte: 110 „ . . . . gleich der Kröte häßlich und voll Gift Ei» köstliches Juwel im Haupt sie trug." „Gewiß, General! Ich sah's mit eigenen Augen. Sie standen bei einander im Wäldchen, Abends nach Halbzehn Uhr. Lang schon hatt' ich meinen Verdacht gehabt, schlich hin und sah und hörte ste, und der Kerl," (v Algernou Mordaunt, was für eine Benennung für dich!) „hielt ihre Hand und küßte sle jeden Angenblick. Niemand hat je meine Hand Nachts um halbzchn Uhr geküßt, General St. Leger." „Glanb's!" murmelte der General. „Und da sagte ihm das Mädchen auch etwas über uns, aber sie sprach so leis, daß ichs nicht verstand; er dagegen antwortete laut genug, daß selbst Sie es in Ihrer Taubheit gehört haben würden, General." — („Bin nicht taub, alle Wetter!" brummte der General als Einschiebsel dazwischen.) — „Er sagte: mögen ste zu ihren Sklaven zurückkehren, ich ertrag' es nicht, daß Du länger das Opfer ihrer Brutalität seiest. Hören Sie wohl, General? Und dann nannte er mich — mich. Fräulein Diana St. Leger, eine alte Hexe!" „Ha! ha! ha! Das war zu arg!" rief der General und sank in seinen Stuhl zurück. „Und Sie einen tyrannischen Plebejer." „Verdammt sei der Schurke!" schrie Venera! St. Leger, trotz dem Podagra aufspringend. „Da 111 müssen wir einen Riegel vorschieben; müssen die Dirne züchtigen, mein Schatz." „Ja, lieber Bruder, Das müssen wir. Sie einen tyrannischen Plebejer nennen!" „Und Sie eine alte Hexe, mein Schatz! Sollen wir das Mädel cinsperren oder sle hungern lassen?" „Nein General, was Besseres." „Was, mein Schatz? sie mit Ruthen streichen?" „Dazu ist sie zu alt, Bruder. Wir wollen sie verheirathen." „Verheirathen!" „Ja, mit dem Glumford; Sie wissen er hat mehreremal um sie angehalten." „Aber sie kann ihn nicht leiden." „Wollen sie ihn schon leiden lehren, General St. Leger." „Wenn sie aber hcirathet, so Hab ich Niemand, der mich unterstützt, wenn mich das Podagra plagt, und ans den ich schelten kann, wenn michs nicht plagt." „O ja, Bruder: ich weis; ein niedliches kleines Mädchen, Martha Nichardson, unscrs Ander-Ge- schwisterkindes jüngste Tochter; Sie wissen der Mann hat vierzehn Kinder, und wenn Sie wollen können Sie alle, eins ums andere, haben." „Das ist wahr, Diana — lassen wir die Dirne den Glnmford heirathen." „Das soll sie," cntgegncte die Schwester, „den Augenblick will ich mich an den Handel machen, und einstweilen werd'ich dafür sorgen, daß ste ihren Anbeter nicht wieder zu sehen bekommt." Etwa drei Wochen nach diesem Gespräch erhielt Mordannt, der vergebens gesucht hatte Isabellen zu sehen, dem nicht einmal etwas über sie zu Ohr gekommen, dessen Briefe uneröffnet zurückgelaufen waren, uird der sich folglich in Verzweiflung befand, folgenden Brief: „Dies ist das erstemal, daß ich Dir zu schreiben im Stand bin oder wenigstens einen Boten für meinen Brief bekomme; cs ist ein fremder Mensch den ich dazu brauche, aber ich habe früher einmal seine Bekanntschaft gemacht, und da ich ihn dieser Tage zufällig sah, bestimmte mich das Entsetzliche meiner Lage ihm einen Auftrag zu geben, den ich keinem Andern anvertrauen konnte." — „Algernon sind obige Worte nicht mit bewundernswürdiger Ruhe geschrieben? sind sie nicht sehr deutlich? sehr zusammenhängend, sehr kaltblütig? Und doch mußt Du wissen, daß ich fest glaube wahnsinnig zu werden. Mein Kopf schwindelt und meine Hand brennt so, daß ich fast denke sie müsse, wie in unfern alten Ammenmährchen vom bösen Feind, daS Papier versengen, auf welchem ich schreibe. Und schlafend und wachend seh' ich seltsame Gesichter, die mich spotten und quälen und jagen, und wenn mich diese Gesichter anschauen seh' ich kein menschliches Erbarmen, nein! obwohl ich weine und mich auf die Knie werfe und sie beschwöre mich zu retten. Alger- non, meine einzige Hoffnung bist Du. Du weißt daß ich mich bis jetzt immer geweigert, Dich ins Verderben zu stürzen, und selbst jetzt, obwohl ich Dich anfiehe mich zu befreien, bin ich nicht so selbstisch um — um — ich weiß nicht was ich schreibe, aber ich will nicht Deine Gattin werden, Algernon, das wäre ein zu edles, zu erhabenes Loos für mich; Deine Magd, Deine Sklavin will ich werden, — Alles — Alles — nur nicht sein — o Gott! — nur nicht sein Weib! Nein; schleppt man mich in die Kirche, so soll es zu meinem Grab, nicht zu meiner Trauung seyn. Isabelle St. Leger." Als Mordaunt diesen Brief gelesen, den, trotz dem Mangel an Zusammenhang, die Angst ihm leicht erklärte, sprang er hastig auf und sein Auge fiel auf einen braun gekleideten Mann von nüchternem Aussehen. Stolze Menschen lieben keine Zuschauer ihrer Gemüthsbewegungen. „Wer sind Sie, Herr?" fragte er hastig. „Moriz Braun," erwiederte der Fremde kalt und höflich. „Brachte Ihnen diesen Brief, mein Herr; werde mirs zum großen Glück schätzen, Ihnen noch irgend sonst worin dienen zu könneu. Eben einen jungen Herrn als Gesandten ausgestattet, einen Neffen der Madame Minden, einer sehr alten Freundin ron mir. Sie haben da hübsche Marmortischchen, mein Herr, fehlen aber einige Spielereien darauf; werde sehr glücklich seyn, Sie damit zu fournircn; bekam neulich ein liebenswürdiges Acffchen, von Lady Wattclicb selig ausgestopft; würde sich neben diesem alten Schnitzwerk gar hübsch präscutiren: gäbe dem Zimmer ganz das Anssehen einer Knnstkammer." „Und Sie," fragte Mordannt, für dessen Ohr der Redestrom des Herrn Braun nur Einen Satz enthalten hatte; „und Sie brachten mir also dieses Billet und wollen meine Antwort mit zurück nehmen?" „Ja, mein Herr; thne Alles um Familienkonnexionen aufrecht zu halten; — kannte eine Lady Morden sehr gut — sehr gut, in der That, mein Herr — eine Verwandte von Ihnen, denk ich, nach der Namensähnlichkeit; machte ihr manche werthvolle Geschenke: werde mirs zum höchsten Glück schätzen, Dasselbe für Sie zu thun, mein Herr, wenn Sie verheirathet sind. Sie lassen, mein' ich wohl, das Haus neu meubliren? Laß sehen: — hübsches Ver- hältniß in diesem Zimmer, etwa sechsunddreisstg Fuß Länge ans achtnndzwanzig Fuß Breite; liefre all Das um zwanzig Procent wohlfeiler als der Kaufmann, und was das liebenswürdige Aeff „Hier," unterbrach ihn Mordannt, „nehmen Sie dieses Billet mit zurück und sorgen Sie, daß Fräulein Isabelle St. Leger dasselbe so bald als möglich bekomme; und hier, mein Freund, thun Sie mir den Gefallen diese Kleinigkeit anzunehmeu — in der That eine Kleinigkeit, verglichen mit meinem Dank falls dieses Billet glücklich an seinen Bestimmungsort kommt." 115 „Gewiß," crwiederte Herr Braun mit erstauntem Blick auf die Gabe, die er in nicht unwilliger Hand hielt, „gewiß, mein Herr, sind Sie sehr ge- nereux unv erinnern mich stark an Ihre Verwandtin, Lady Morden; und wenn Sie das liebenswürdige Aeffchcn als ein Geschenk wünschen — ich meine als wirkliches Geschenk — so sollen Sie's haben, Herr Mordaunt." Aber Mordaunt hatte das Zimmer verlassen, und der nüchterne Moriz Braun sagte umherschauend und die eigne Generosität abkühlend, zu sich selbst: „Immer gut, daß ers nicht mehr gehört hat; aber ich hoffe er heirathet die artige junge Dame; thu' ich doch den Menschen gern einen Liebesdienst. Das Haus muß neu meublirt werden — keine Dame wird mit diesen altmodischen Stühlen zufrieden seyn." 116 Sechsundzwanzigstes Kapitel. Squire und Narr sind hier Einerlei. F a r q h a r. In solcher Nacht Stahl Jessika sich von dein reichen Juden, Und lief mit einem ausgelaßnen Liebsten Bis Belmont von Venedig. Shakespeare. Die Quälereien welche Isabelle ansgestandcn, hatten wirklich ihre geistige wie ihre körperliche Gesundheit gefährdet, und in den kurzen. Ruhfristen von der Wuth des Oheims, den Schmähungen der Tante und, was schlimmer als Alles war, den Annäherungen des ihr bestimmten Bräutigams hielt sich ihr verletztes, aus den Fugen gebrachtes Gemüth die Leiden, die fle zu tragen hatte, mit solcher Heftigkeit vor, daß ihre stillen Betrachtungen wirklich Zuge des Wahnsinns annahmen. In einem solchen Moment hatte sie an Mordaunt geschrieben, und wir glauben wirklich, hätte der Kampf noch länger augedauert, die Vernunft des unglücklichen, gepeinigten Mädchens wäre gänzlich verloren gewesen. Sie war eine Person von scharfer, ja durchbohrender Seelenempfänglichkeit und die mangelhafte Art ihrer Erziehung hatte auf die Leitung oder 117 Korrektion dieser Eigenschaft sehr geringen Einfluß gehabt; da jedoch ihre Gewohnheiten rein und gut, so waren die Triebe, die ans Gewohnheit entspringen, bei ihr ebenfalls fleckenlos und erhaben, und wenn sie irrten, so „neigten sie sich auf die Seite der Tugend," und zeugten eher von einer romantischen, übersteigerten Großmuth, als von der Weichheit des weiblichen Wesens oder der Selbstsucht der Leidenschaft. Das ganze Elend, die Entwürdigung ihrer abhängigen Lage hatten sie nicht vermocht, sich Mordaunts leidenschaftlichem, drängendem Flehen zn fügen; ihr Herz war fest selbst gegen die Beredsamkeit der Liebe, so lang diese Beredsamkeit blos auf eine zeitliche Beeinträchtigung und Herabsetzung des Geliebten hinstrebte; aber die Art dieser neuen Verfolgung war gar nicht vorher zu sehen gewesen, und ihr Ziel gänzlich unertragbar. Einen Andern zu hei- rathen, — auf ewig von Dem gerissen zn werden, in welchem ihr ganzes Herz ruhte,— nicht nur zur Entsagung seiner Liebe, sonder» sogar zn dem Gefühl gezwungen sein, daß der blose Gedanke an ihn ein Verbrechen sei: all Dies, mit den zornigen, kränkenden Schmähungen ihrer Verwandten und der dunkeln, unbeweglichen Gemeinheit ihres Bräutigams im Hintergrund, der ihr aufrichtiges Geständniß in Betreff seiner mit verstockter Gleichgültigkeit und unveränderter neuer Bewerbung erwiederte, — all Dies häufte ihre Schmerzen zu einem Grad an, der weder mit Ergebung getragen, noch geduldig in Betrachtung Bulwer's Romane. XXXIX. 9 t18 gezogen werden konnte. Gleichwohl schwebte ihr mitten in der Bitterkeit ihrer Qualen und der wirren Verzweiflung, worin ihr Brief an Mordannt abgefaßt worden, ein undeutlicher Entschluß vor, daß der Geliebte nicht das Opfer ihrer Rettung sein solle. Noch sehr jung und eine mehr als kindliche Un- schuld noch immer im Herzen, durchschaute sie die gewagte Art ihres Vertrauens in Mordaunt, und die Folgen einer andern Verbindung mit ihm, als die heilige der Ehe, nicht deutlich; sie hatte nur von Frauen gelesen und gehört, die in ihrer edeln, zärtlichen Hingebung der Liebe Alles opferten, und sie beschloß innerlich, deren Zahl lieber zu vergröß-er», als dem Freund eine einzige Einbuße oder Entbehrung zuzuziehen. Zu opfern für Algernon Mordaunt — welche Seligkeit, welcher Stolz in diesem Gedanken! und dieser Gedanke versöhnte sie mit dem Brief, den sie schrieb, und der Bitte, die er enthielt. Armes Kind! sie dachte nicht daß in den Augen der Welt dieses Opfer, diese Selbstentäußerung das größte Verbrechen gewesen sein würde, dessen sie sich schuldig machen konnte. Sie saß, bald nachdem sie den Brief abgesandt, mit ihren beiden Verwandten, (denn diese ließen sie selten aus dem Gesicht) zusammen, als Herr Glumford gemeldet wurde. Herr Georg Glumford war ein Landedclmann aus einer Familie dritten Rangs in der Grafschaft. Er bezog jährlich etwa zwölfhun- dert Pfund, die ungeraden Pfunde, Schillinge und irv Pfennige nicht gerechnet, welche in seiner eigenen Erinnerung oder Schätzung keineswegs als etwas Verächtliches aufgeführt wurden; stammte von einem Geschleckt, das bis zu Karl H. hinaufreichte; war in einer Landschule mit sechzig andern, ihm an Rang größtentheils Nachstehenden erzogen worden, und hatte die letzte Vollendung in einem sehr kleinen Kollegium in Oxford erhalten. Als Zugabe zu diesen Vortheilen verdankte er der Natur eine fünf Fnß acht Zoll hohe und verhältnißmäßig breite Figur; ein sehr kurzes und sehr steifes Haar von rother Farbe, die selbst durch den Puder hindurch eine sanfte Glut warf; eine eigensinnige, hundeähnelnde Nase, die knorrig begann und koldig endete; kalte, kleine, graue Augen; einen sehr kleinen Mund, kar- pfenmäßig oder wie ein Westenknopfloch znsammen- gekniffen; sehr große, sommersprossige, doch ziemlich weiße Hände, deren Nägel jeden andern Tag (nur den Freitag — llies irse — ausgenommen) P pünktlich zugespiyt wurden mit einer Scheere, die sich, wie Herr Elumford oft rühmte, seit seinem achten Jahr in seinem Besitz befand, d. h. seit etwa zwei- und dreißig vollständigen Sonnencykeln. Er gehörte zu den Menschen, die in gleichem Grad knickig und unternehmend sind; die den Eklat *) 2» England ist der Freitag ein sehr verrufener Tag, an welchem man nicht gern etwas vernimmt, was irgendwie einen Aufschub zuläßt. Der Uibersetzer. 9 - iro einer kleinen Spekulation lieben, aber ausnehmende Sorgfalt anwenden, dabei, nach ihrem anmnthige» Ausdruck, „auf der bombenfesten Seite zu bleiben." In Folge dieser GemüthSart hatte er beschlossen, sich in Fräulein Isabelle St. Leger zu verlieben, denn bei ihrer abhängigen Lage konnte er sich seiner Uneigennüyigkeit gegen sie rühmen und der Hoffnung erfreuen, das; sie schon aus Dankbarkeit eine gute Wirthin sein werde. Nebenher aber war sie die nächste Verwandt;» deS reichen Generals St. Leger und dessen unverehlichter Schwester, und folglich schien alle vernünftige Wahrscheinlichkeit vorhanden, daß sie Haupterbitt jenes großen Vermögens werden durfte. Auf diese Grunde der Klugheit hin machte Herr Georg Glumford seinen Antrag. Als sofort Isabelle theilS auS kindlicher Aufrichtigkeit, theilS im leidenschaftlichen Drang der Verzweiflung ihm ihre Neigung zu einem Andern, ihren Entschluß nie aus freiem Willen die Seinige zu werden, gestanden, dünkte eS Herrn GlumfordS langsamem aber seines Kalküls keineswegs ermangelndem Verstand durchaus nicht erklecklich, seine Absichten anfzugeben, höchst wünschenswert!, aber, daß er diese Weigerung IsabellenS z„r Entschuldigung brauchen könne, um die Absickten deS OstiudierS und seiner Schwester etwas näher zu prüfen, und ihre dereinstige Großmuth für ihre Hinterbliebenen zu verstärken. „Das Mädchen ist mein nächstes Blut," antwortete der General, „und hinterlaß ich nicht ihr mein Vermögen, Wem zum Teufel sollt' ichS hin- tcrlassen, Herr?" Dabei blickte der AuSkunftgc- bende, der eben einen zornigen Anfall von Podagra hatte, den anspiclenden Frager so grimmig an, daß Herr Georg Glumsord, der kein Achill war, etwas crschrack und eS für gerathen fand keine weitere Anspielungen zu machen. „Mein Bruder," sagte Fräulein Diana, ,,'st sehr wunderlich, aber der großmüthigste Mensch. UeberdieS hat daS Mädchen Rechte auf ihn." Auf diese Erwiederungen hin hielt sich Herr Glnmford geborgen, und innerlich entschlossen, die Närrin für ihr mürrisches Wesen und ihren schlechten Geschmack zu bestrafen, sobald er eS rechtmäßig könne, setzte er seine täglichen Besuche fort und sagte seinem Jagdfreund er sei nicht mehr weit vom Ziel. Kevenou5 ii oos moinvlis! — Verzeihung für diese Vorbemerkungen und kehren wir jetzt zn Herrn Glumsord selbst zurück, den wir vor der Thür verlassen haben, wo er an dem Handschuh der seine Rechte bedeckte, zerrte und krumpelte um Miß Diana St. Leger die nackte Hand bieten zu können. Nachdem diese Ceremonie vorüber, näherte er sich Isabelle», rückte einen Stuhl neben sie und fing an mit ihr zu sprechen, wie der Oger mit dem gestiefelten Kater, d. h. so höflich als ein Oger es immer vermag. rir Diese Qual hatte nicht lang angedaucrt, als sich die Thür aufs Neue öffnete, und Herr Moritz Braun sich den Versammelten darstellte. „Ihr Diener, Herr General, Ihr Diener, gnädiges Fräulein. Ich nahm mir die Freiheit noch einmal zu kommen, mein Fräulein, weil ich vergessen, Ihnen ein paar überaus schöne Seidenzeuge zu zeigen — könnten keinen bessern Handel in der Welt machen — wahre Geschenke! Auch Hab ich da eine Eevresbowle, ein herrliches Stück aus dem Kabinet der Lady Wattelieb selig." Herr Braun war ein sehr alter Bekannter von Fräulein Diana St. Leger, denn es gibt eine, von unfern schönen Leserinnen zweifelsohne häufig bemerkte Klasse alter Jungfern, die mit einer großen Liebe zu Ausgaben eine große Liebe zum Schachern verbinden, und gewiß nie an ordentlichen Orten cin- kaufen, wenn sie irgend einen ausserordentlichen Verkauf aufzutreiben vermögen. Sie zeigen sich als große Freundinnen von Inden und Hausirern, stehen anfs Beste mit Schmugiern, sind dem Krämer seine „liebe Frau," lesen Ankündigungen und Fabrniß- verzeichnisse aufs fleißigste, und sind ewige Gant- nnd Versteigerungsjägerinnen. In dieser Klasse nahm Fräulein Diana einen sehr hervorstehenden Rang ein, wonach man urtheilen möge, wie angenehm ihr die Bekanntschaft mit Herrn Braun gewesen. Wirklich hatte dieser unermüdliche Allerlcihänd- ler zu einer Zeit, wo Trödler vielleicht seltener und geachteter seyn mochten, als jetzt, eine zahlreiche Landsitz-Kundschaft und dreimal jährlich hielt er eine Art Umgang bei all seinen Abnehmern und Konnexionen; daher sein früherer Besuch in St. Legers Hause, und daher die Gelegenheit für Isabellen ihren Brief ab- znschicken. „Sagen Sie mir doch," hob Herr Elnmford an, ir5 der durch Fräulein Diana viel von.Herrn Braun« Geschenken gehört hatte — „sagen Sie mir doch, meubliren Sie nicht Zimmer und Dergleichen?" (ein besonderer Lieblingsauödruck des verständigen Fragers). „Allerdings, mein Herr, allerdings, auf die solideste Art." „Ah, ganz gut; ich werde bald einige Piex'a meubliren lassen müssen; ein Schlafzimmer, ein Ankleidezimmer, und Dergleichen, verstehen Sie mich.^ So haben Sie denn vielleicht auch was in Ihrer Schachtel, das mir ansteht, Handschuhe oder Schnupftücher oder Dergleichen." " „Ja, mein Herr, Alles, ich verkaufe Alles," erwiederte Herr Braun, seine Schachtel eröffnend. „Ah, verzeihen Sie, Fräulein Isabelle, da ist mir mein Taschentuch vor Ihrem Stuhl hinuntergefallen; erlauben Sie, daß ich es anfhebe." Damit beugte sich Herr Braun unter den Tisch und erreichte listig seinen Zweck: unbemerkt von den klebrigen ward ein Briefchen in Isabellens Hand gedrückt, und unter dem Schein, als wolle sie sich ibenfalls bücke», gelang es ihr den Schatz au sichern. Ach, wohl sollte die Liebe rein seyn, da sie uns, selbst wenn sie ganz wahr, zu so Vielem verleitet, was eine Lüge ist! Herrn Brauns Schachtel stand unterdessen den Augen des schlauen Glumsords offen, der drei Paar Handschuhe auswählte, wofür er gerad die Hälfte der verlangten Summe anbot. Herr Braun erhob Hände und Augen. „Sie sehen," bemerkte der nnerschiitterlicke Käufer, „daß wenn Sie mir dieselben um diesen Preis lassen und sie sich dauerhaft zeigen und nickt unscheinbar werden und sanber bleiben, Sie mich bei der Ansmeublirnnq des Hauses und Zimmers und Dergleichen zum Kunden haben können." Von der Größe dieser Aussichten überwältigt gab Herr Braun nach und die Handschuhe wurden gekauft. „Der Narr!" dachte der edle George, ins Fäustchen lachend; „als ob ich das Haus je aus seiner Schachtel menblirte." Wunderlich daß einige Menschen stolz darauf sind, gemein z» seyn! 2»i Augenblick wo Isabelle entkommen konnte, um sich zum Mittagessen anznkleidcn *), öffnete sie den Brief des Geliebten. Der Inhalt war folgender: „Sey heut Abend um neun Uhr in Deinem Zimmer. Laß das Fenster offen. Pünktlich um diese Zeit werde ich mich bei Dir einflnden. Alles sott zu Deiner Flucht bereit seyn. Laß Dich von nichts abhalten, geliebte Isabelle, mich dort zu treffen, selbst wenn Dir Dein ganzes Haus nachfolgte, oder Dich begleitete. Aus Allen heraus will ich Dich tragen. O Isabelle, trotz dem Dunkel und dem Schmerz in Deinem Brief fühl ich mich unendlich glücklich, unendlich selig bei dem Gedanken, daß unser Schicksal endlich vereinigt werden soll, und daß diese Vereinigung nahe ist. Denk an neun Uhr. A. M." Liebe ist eine Empfindung, die so wenig mit der Welt zu thun hat, eure Leidenschaft, die von den bekannte» Gesetzen unserer nüchterner» und stätigern Gefühle so wenig geregelt wird, daß den Vorstellungen, welche sie erzeugt, stets etwas mehr oder minder UebertriebeneS und Romantisches anklebt. Dem geheimen Hang zu Abenteuern, der, wenn auch unterdrückt durch die Art seiner Beschäftigungen und Gewohnheiten , stets in Mordannts Brust glühte, gesellte der Gedanke, seine Geliebte und Braut aus *) Bekanntlich verlangt die englische Etikette, daß man zum Essen eine zweite, ziemlich umständliche Toilette macke. Der Uebcrsetzer. dem Haus und Hof ihrer falschen Freunde und wirklichen Feinde zu entführen, eine wilde Frende bei, während nach den Widersprüchen einer und derselben Leidenschaft Isabelle, weit entfernt sich über ihre bevorstehende Errettunq zu freuen, vielmehr über die Gefahr worein sie sich begab, zitterte und über ihre Verwegenheit erröthete; ja weibliche Angst und Scheu siegten beinah über den kurzen Kraftaufwand und den schwankenden Entschluß. Sieben undzwanzigst es Kapitel. Wir eilen zu — wir bringen den Erwählten; Mit ihr zog Liebe aus dem Väterdach, Und tiefe Wonnen schweigend sie beseelten, Wenn auch ihr Aug nicht mehr von Freude sprach. H e m a n s. „Hols der Teufel!" rief der General. „Die elende Kreatur!" schrie Fräulein Diana. „Dergleichen versteh ich nicht!" krächzte der bestürzte Herr Glumsord. „Wirklich und wahrhaftig fort!" sagte der tapfere General. „Wirklich!" brummte Fräulein Diana. „Fort!" bemerkte der Bräutigam; „nicht zu mir?" Und fort war sie! Nie verließ ein zärtlicheres, liebenderes Herz Alles, und schloß sich an einen ehrenhaftern, edlern Mann an. Der blaue Himmel war mit Wolken verschleiert, „Und schnell und selten sah ein dämmrig Sternlein Durch sie hindurch; mit lauter, unhcilkündender Stimme heulte der Wind, und mit schwachem, krankhaftem Lächeln kam der Mond ans seinem Nebelbctte hervor nnd schlüpfte dann wieder zurück nnd ward nicht wieder gesehen; aber in Mordaunts Brnst, die gegen Jsabellens angedrückte schwarze Locken hoch aufschwoll, klang weder Vorzeichen noch Furcht an. Wie sich der Glaube nm so fester an das Kreuz des Lebens klammert, je tiefer der Boden um seine Schritte her cinsinkt und die Natter» auf seinen Pfad hcrvorkricchen, so umfaßt die Liebe Das, was ihre Hoffnung und ihr Trost ist, um so inniger, wenn Einöden sie umgeben und Gefahren ihren Weg hemmen. Ein seltsamerer Streit fand jetzt zwischen den Beiden statt, als die Jahrbücher der Liebe dieser Welt je darbieten. Isabelle, obwohl sie Das, was fle verlangte, nicht ganz durchschaute, bestand darauf das beabsichtigte Opfer zu bringen, während Algernon eher im Geist hoher, ritterlicher Selbstverleugnung als aus Mangel an Vertrauen in die eigene Festigkeit den Vorschlag zurückwies und sich begnügte, alle Vorbereitungen zu einer Hcirath anznordnen, Sie waren nach London geflohen, und Isabelle war bei einer sehr entfernten und armen, obwohl aus sehr gutem Hans stammenden Verwandten Algernons untergebracht worden, bis die nothwendigen Vorkehrungen getroffen seyn würden und der letzte Bund geknüpft werden konnte. Viele Romane nnd Romanleser dürften das Ehr- gefübl in welchem Algernon handelte, für etwas sehr Alltägliches ansehen und in. seinem Thun nur eine gebieterische Pflicht, keinen verdienstlichen Grundsatz finden; allein so verhält es sich nicht. Ehre — wir sagen eS mit Bedauern — ist ein Gesetz, das Männer für Männer gemacht haben, während die Frauen bei Abfassung desselben gar nicht gefragt wurden. Es gibt Wenige, sehr Wenige, die einem Weib- 127 Alles opfern würden, wenn ihnen dieses Weib schon ohne Opfer znfiele. In der That ist strenge Ehre gegen die Frauen eine so leicht zn erschütternde Tugend, daß wir selbst von Mordannt nicht behaupten möchten, daß ihn unter den großen Versuchungen denen er ansgesetzt war, jene Tugend völlig rein erhalten haben würde, wäre ihm nicht die erhabene Natur seiner Liebe zu Hilfe gekommen. Wir wünschen einen großen, nicht einen vollkommenen Menschen zu zeichnen, und obwohl nicht eigentlich Mann von Welt hatte Mordannt doch zu viel Verkehr mit derselben gehabt, um nicht einigermaßen von ihrer Gewohnheit und Denkweise angesteckt zn seyn. Ueberdies war er sehr stolz und mehr ein gemüthliches Hinschleudern, als geradezu sein Geschmack, machten ihm Wohlleben und Aufwand werth. Vermögen war daher in seinen Augen ein Gut, das er nicht mit Geringschätzung betrachten oder ohne Kampf aufgeben konnte. Dazu kam noch eine feurige Rühmliche — ein Verlangen nach Macht — jene Macht wodurch der Mensch Gott ähnlich wird — der Macht auf umfassende, dauernde Weise Gutes zu thun, und so war es denn keineswegs Blindheit oder Glut der Leidenschaft, oder Unempfänglichkeit für die Aussichten, die Hoffnungen, auf welche er in Folge seiner Wahl verzichten mußte, was ihm zu Hilfe kam, als er um Jsabellens Hand warb, ihre großmüthigen Einwürfe und selbstverleugnenden Entschlüsse allgemach entkräftete und in seiner Beredsamkeit, seiner Bewerbung nicht nachlicß, bis der Tag der Trauung wirklich festgesetzt wurde und — kam. Heil und klar stieg der Morgen auf; der Herbst neigte sich seinem Ende z'u und schien dem Andenken au seine letzten Tage eher die Wärme und Milde des Sommers als die Strenge und Düsterkeit seines kalten Nachfolgers verweben zu wollen. 128 Und sie standen vor dein Altar und tauschten ihre Gelübde. Ein leichtes Zittern zuckte durch Algeruons Brust, ein leichter Statten trübte sein Antlitz; denn selbst in dieser bräutlichen Stunde dnrchfröstelte eiue eisige, schaudernde Ahnung sein Herz — sie ging vor- über — die Ceremonie war zu Ende und Mordaunt führte die erröthende, weinende Braut ans der Kirche. Sein Wage» wartete, denn da er nicht wußte, wie lang noch das Haus seiner Väter sein Eigcuthum seyn würde, trieb es ihn ungeduldig nach demselben zurück. Die alte Gräfin d'Arcy, seine Verwandtin, bei welcher Isabelle sich bisher ausgehalten, rief das Paar noch einmal zu sich, um ihm ihren Segen zu ertheilen, denn selbst in der Kälte ihres Alters ward sie von der Seltenheit solcher Liebe gerührt, von dem Adel solcher Herzen gewonnen. Auf Beide legte sie beim Abschied ihre abgewelkte, eiugeschrumpfte Hand, nnd Beide fuhren unwillkürlich zurück, denn die kalte, leichte Berührung schien wie von den Finger» eines Tobten zu kommen. Und wirklich war die Nachbarschaft von Tod und Leben, von Brautbett und Kirchhof furchtbar. — Noch in jener Nacht starb die alte Dame. Es war als habe das Schicksal auf eine so lang gehinderte Verbindung sein Siegel gedrückt und einen dunkeln Faden in daS Eheband gewoben. Wenigstens riß es von zwei Herzen, über welchen Wolken und Sturm in „zorniger Ruhe" lagen, daS letzte Obdach, das, wenn auch zerbrechlich und fern, auf der ungastlichen Erde noch für sic übrig geschienen hatte.