E. L Bulwe r' s - r k e. Aus dem Englischen. Neunundsecl^igltcs Bändchcu. Alice, oder: Die Geheimnisse. Zweites Bündchen. Stuttgart, Verlag der I. B. Metzler'schen Buchhandlung. 18 3 8 . Alice, oder Die Geheimnisse. Fortsetzung von Ernst Maltravers. Von dcm Verfasser Pelham's, Engen Aram's, Nienzi's u. s. w. Aus dem Englischen von Gustav Pfizer. In sechs Bändchen. Zweites Bändchen. Stuttgart, Verlag der I. B. Mctzlc r'schcn Buchhandlung. 18 3 8 . fünftes Kapitel. Laßt diejenigen unter uns, welche Lust haben wieder Kinder zu seyn, wäre es auch nur auf eine Stunde, der süßen Berzanrcrung sich hingeben , welche den Geist beschleicht, wenn er in der Erinnerung früher, unschuldiger Freuden schwelgt. O. L- Richards»». Bei Tische ward Carolinens lebhafte Erzählung von ihren Abenteuer» mit vielem Interesse ausgenommen, nicht blos von der Familie Mcrton, sondern auch von einigen Mitglieder» des benachbarten Landadels, welche des Rektors Gastlichkeit sich zu nutze machten. Die plötzliche Rückkehr eines Laudcigcnthü- mcrs auf seinen alten Erbsitz nach einer langen Abwesenheit, macht immer einiges Aufsehen unter der Nachbarschaft in der Provinz. In diesem Falle — wo der Besitzer noch jung — »nvcrhcirathct — berühmt und schön war, steigerte sich natürlich, im Vcrhnltniß dazu, der hcrvorgcbrachte Eindruck. Caroline und 6 Evclinc wurden mit Fragen bestürmt, auf welche m,r die crstcrc bestimmte und klare Antworten gab. Carolinens Erzählung war im Ganzen freundlich und günstig, und schien allen vortheilhaft und verbindlich, mir Evclincn nicht, welche meinte: Caroline scp eine sehr schwache Porträtmalern,. ES trifft sich selten, daß ein Mann in seiner nächsten Umgebung selbst als ein Prophet gilt; aber st^al- travcrs hatte so wenig in der Grafschaft gelebt, und bei seinem früheren Besuch hatte er sich so cingczogen und abgeschlossen gehalten, daß man ihn als einen Fremden betrachtete. Er hatte weder die häusliche Einrichtung seiner Mitsqniren verdunkelt, noch ihre Jagdlnst beeinträchtigt; und im Ganzen ließe» fie seine Gewohnheit, in ferner Zurückhaltung zu leben, mit billigem Sinne gelte». Die Zeit und seine Zurückgezogenheit von der geschäftigen Scene der Welt, lang genug, daß man ihn wohl vermissen konnte, aber nicht so lang, daß neue Lieblinge schon hätte» seine Stelle ersetzen können, hatten gar sehr beigetragcn, seinen Ruf durch ein freundliches, milderndes Andenken zn befestigen, und seine Grafschaft war stolz darauf, daß er ihr angchortc. So ward (obgleich daö Maltravcrs nie geglaubt hatte, und hätte cs ihm auch ein Engel gesagt) hinter seinem. Rucken nicht übel von ihm gesprochen; tausend kleine Anekdoten von seiner Persönlichkeit und Lebensweise — von seiner Grofimnth — von der Unabhängigkeit seines Geistes und seiner Er- rentricität wurden erzählt. Evclinc hörte in trunkenem 7 Entzücken Alles an; nie hatte sie einen so vergnügten Abend verlebt; und sic lächelte beinahe dankbar den Rektor an — einen Mann, der immer mit dem Strome schwamm — als er mit milder Leutseligkeit sagte: „Wir müssen wahrhaftig unserem ausgezeichneten Nachbar jede Aufmerksamkeit erweisen — wir müssen nachsichtig scpn gegen seine kleine Grillen; seine Politik ist freilich nicht die mcinigc; aber ein Mann, der mit seinem Vermögen im Land angesessen ist, hat das Recht, seine eigene Meinung zu haben — das war jederzeit meine Marimc: — Dank dem Himmel, ich bin ein sehr gemäßigter Mann — wir müssen ihn unter uns ziehen; cs wird gewiß unsere eigene Schuld scpn, wenn er sich nicht ganz in der Rcktorei heimisch angcwöhnt." „Bei solchen Anziehungskräften — jal" sagte der dürre Pfarrvcrwcscr, sich schüchtern gegen die Damen verbeugend. „Es wäre eine hübsche Partie für Miß Caroline," flüsterte eine alte Lady; Caroline hörte cs und verzog ihren hübsche» Mund. Die Whisttischc wurden jetzt ausgestellt — die Musik fing a» — und von Maltravcrs blieb cS jetzt stille. Am nächsten Tage ritt Mr. Mcrton auf seinem Nößlcin hinüber nach Bnrleigh. Maltravcrs war nicht zu Hause. Er ließ seine Karte zurück, nebst einem Billct voll freundlicher Hochachtung, worin er Mr. Maltravcrs bat, das Ccrcmoniell fahren zu lassen und am folgenden Tag bei ihnen zu speisen. Einigermaßen 8 überraschend war cs für den Rektor, zu finde», daß der thätige Geist Maltravcrs' schon geschäftig war. Das lange vcrnachläpigtc Gut war voll von Arbeitern — die Zimmcrlcntc waren mit den Zäunen beschäftigt — im Hause lebte und wimmelte cs — die Reitknechte schulten die Pferde im Park — alles vcrricth die Rückkehr des Entfcrutgcwescncn. Dicß schien darauf hin- zndcutcn, daß Maltravcrs hier seinen bleibenden Aufenthalt zu nehmen beabsichtige; und der Rektor dachte an Caroline und freute sich bei diesem Gedanken. Am folgenden Tag war Cccilicns Geburtstag; und die Geburtstage wurden auf der Rcktorci Mcrton gefeiert — die Kinder der Nachbarschaft wurden ein- gcladcn. Sic sollten auf dem Rase», in einem großen Zelt, speisen, und am Abend tanzen. Die Gewächshäuser steuerten ihre frühen Erdbeeren, und die Kühe, mit blauen Bändern geschmückt, sollten Sillabub liefern. Die hübsche Caroline war nicht sehr entzückt über Feste dieser Art; — sie erschien freundlich beim Essen — küßte die hübschesten von den Kindern — legte ihnen zu Essen vor — und zog sich daun, nachdem sie ihre Obliegenheiten erfüllt, auf ihr Zimmer zurück, Briefe zu schreiben. Den Kindern war das nicht leid, denn sic fürchteten die große Caroline ein wenig; und sie lachten viel herzlicher und machten einen viel ärgern Lärme» als sie fort war, und die Erdbeeren und Kuchen erschienen. ! Evcline war in ihrem Element; sic hatte als Kind ! so wenig mit Kindern verkehrt — sic hatte sich so oft 9 nach Spiclgcnofscn gesehnt — sic war noch so kindlich; — zudem halte sic eine so große Freude an Cccilie — sic hatte diesen Tag mit nnschnldigcr Freude hcrbcigc- wünscht; nnd vor acht Tagen war sie im Wagen in die benachbarte Stadt gefahren und mit einem sorgfältig zugcdccktcn Korbe voll Spielsachen — Puppen — Bändern und Bilderbüchern zuriickgckommcn. Aber woher cs nun kommen mochte — cs war ihr an diesem Morgen nicht so kindisch zu Muthc wie sonst; ihr Herz war abwesend von dem bevorstehenden Vergnügen; nnd ihr Lächeln war von Anfang etwas erzwungen nnd matt. Aber in der Fröhlichkeit der Kinder liegt für die, welche die Kinder lieben, etwas so Ansteckendes; »nd jetzt, als die Gesellschaft sich über das Gras hin verbreitete, und Evclinc den Korb öffnete und mit vieler Ernsthaftigkeit sic sich ruhig verhalten und gute Kinder scpn hieß — da war sic die Glücklichste unter der ganzen Gruppe. Aber sic verstand es auch Freude zu machen; nnd der Korb wurde Cccilicn überreicht, damit die kleine Königin des Tags die Wonne kosten sollte, großmüthig zu sepn; und um keinen Neid nnd Eifersucht aufkommcn zu lassen, wurde das bekannte Auskunftsmittcl einer Lotterie beliebt. „Dann soll Evp die Fortuna scpn!" rief Cccilie; „Keines wird unmnthig scpn, wenn cs von Evp etwas bekommt — und wenn Eines »»zufrieden ist, soll cs keinen Kuß von Evp erhalten." Mrs. Mcrto», deren mütterliches Herz durch Evc- liucns Güte gegen die Kinder ganz gewonnen war, 10 vergaß alle Vorlesungen ihres Gatten, versah gerne die Preise mit Zetteln und schrieb die LooSnmmncrn auf sorgfältig zusanimengewickclte Papicrstreifcn. Ein großer alter indianischer Krug ward aus dem Gesellschaftszimmer herbeigeschlcppt und zur Schicksalsurnc bestimmt — die Loose wurden hinciiigcworfcn und Cc- cilia band das Taschentuch Evclincn um die Augen — während Fortuna sich schalkhaft wehrte, um nicht so blind zu werden, als sic eigentlich seyu sollte — und die Kinder, im Kreis hcrumsihcud, waren voll Freude und Erwartung — als — eine plöhlichc Stille cintrcit — das Gelächter verstummte und Cissp's kleine Hände rührten sich nicht mehr. — Was konnte Das sepn? Evclinc rückte die Binde weg — und ihre Augen ruhten auf Maltravcrs! „Nun wahrhaftig, meine liebe Miß Eaincrvn," sagte der Rektor, der au der Seite des neuen Gastes gegangen kam, und der ihn auch hichcr geführt hatte — „ich weiß nicht, was dieß kleine Volk noch wciicr mit Ihnen anfangen wird!" „Ich sollte eigentlich ihr Opfer werden," sagte Maltravcrs in guter Laune, „die Feen und Elfen bestrafen immer »ns großgcwachscnc Sterbliche, wen» wir ihre Feste stören." Während er.sprach, hafteten seine Augen — die beredtesten von der Welt — auf Evclincn, wie sic, um ihr Erröthen zu verbergen, Eccilicn in ihre Arme nahm »nd sonst auf Nichts zu achten schien — mit einem solchen Ausdruck von Bewunderung »nd Entzücken 11 wie etwa ein Sterblicher eine schone Fee betrachten durfte. Sophie, ein sehr keckes Kind, lief auf ihn zu. „Wie gcht'S Sir?" lispelte sic, indem sic ihr Gesicht- chen cmporhob, um sich küssen zu lassen, „Was macht der schöne Pfau?" Diese gelegene Keckheit half den Zauber, welcher gebrochen schien, wieder knüpfen, und den Ankömmling mit den Kindern in Bcrbindnng bringen. In einem Augenblick ward hier die Bekanntschaft gesucht und geschlossen. In der nächsten Minuten gehörte Maltravcrs auch zum Kreis — saß wie die klebrigen auf dem Rasen — ebenso munter und beinahe ebenso laut und lärmend — dieser gehärtete, stolze Mann, der die Armseligkeiten des Lebens so verachtetet „Aber der Herr mnß auch einen Gewinn hassen," sagte Sophie, stolz auf ihren großen neuen Freund; „was ist Ihr anderer Name? Warum haben Sic einen so langen, schweren Namen?" „Nenne mich Ernst," sagte Maltravers. „Warum fange» wir nicht wieder an?" riefen die Kinder." „Evy, kommen Sic, scpn Sic ein gutes Kind, Miß," sagte Sophie, als Evclinc, verwirrt und beschämt, und halb Willens zn schreien, sich gegen die Binde sträubte. Mr. Mcrton wollte mit seinem Ansehen dazwischcn- trctcn; aber die Kinder fingen 'an zu klagen und zu schreien, und Evclinc gab eilig nach. Das Amt 12 Fortuna's war, die Loose aus der Urne zu ziehen und sic demjenigen zu geben, dessen Namen aufgcrnfcn wurde; als die Reihe an Maltravcrs kam, verbarg die Binde nicht das Erröthcn und Lächeln der bezaubernde» Göttin; und die Hand des Gewinners zuckte, als sic die ihrige berührte. Die Kinder brachen in lautes Gelächter aus, als Cccilic ernsthaft Maltravers den schlechtesten Gewinn der ganzen Lotterie cinhändigtc — ein blaues Band — das jedoch Sophie durchaus mit großem Eifer haben wollte; Ernst aber wollte cs ihr nicht abtretcn. Er blieb diese» Abend in dem Ncktorshausc und nahm Thcil am Ball —ja, er tanzte mit Evclincn, er — Maltravcrs — von dem man seit seinem zwci- undzwanzigstcn Jahre nicht gehört hatte, daß er je getanzt! Das Eis war rasch gebrochen — Maltravcrs war bei Mcrton's wie zu Hause. Und als er seinen einsamen Gang zu seiner einsamen Hcimath antrat — über die kleine Brücke und durch den schattigen Wald — erstaunt vielleicht über sich selbst —da nannten alle Gäste, von den, Acltcstcn bis zu dem Jüngsten, seinen Namen mit Entzücken. Caroline Härte cs vielleicht einige Monate früher verdrossen, daß er nicht mit ihr tanzte; — jetzt aber war ihr Herz — so wie es war — von einem andern Gefühl in Besitz genommen. 13 Sechstes Kapitel. Der Geist des Menschen ist melir scharfeindrin- qend als konsequent und umfaßt mehr als er verknüpfen kann. VauvenargncS. Und setzt fand sich Maltravcrs beständig im Schooßc der Familie Mcrton ein; und er seinerseits hatte nicht nothig, sich wegen dieser Vertraulichkeit zu entschuldigen. Mr. Mcrton, hoch erfreut, sich mit seinem Entgegenkommen nicht abgcwicsen zu sehen, drängte ihm seine Freundschaft und sein Zutrauen auf. Eines Tags verbrachte man den Nachmittag in Burlcigh und Eveline und Caloline beendigten ihre Besichtigung des Hauses — der Tapeten, der Waffen, der Gemälde und so weiter. Dicß vcranlaßtc sie, auch den arabischen Pferden einen Besuch zu machen. Caroline ließ fallen, daß sic eine große Liebhaberin vom Reiten scy und gcrieth in Entzücken über eines der Thicre — natürlich desjenigen mit dem längsten Schweif. Am nächsten Tag stand das Pferd in den Ställen der Rektorci und ein galantes Billct entschuldigte das kostbare Geschenk. Mr. Mcrton nahm Anstand; aber Caroline hatte immer ihren eigenen Kopf; und so blieb denn das Pferd (ohne Zweifel sehr verwundert und mißmuthig über die schlechte Gesellschaft) bei des Rektors Klepper und den braunen Wagenpferden im Stall stehen. Das 14 Geschenk gab natürlich Anlaß zu Partien zn Pferde — cS war grausam, den Araber ganz von seinen Genossen zn trennen — nnd — wie hatte man sollen Evcline znrücklasscn? — Evcline — die noch nie ein nmthigercs Thier geritten hatte, als eine» alten Pony? — ein schönes kleines Pferd, das einer ältlichen Dame gehörte, die aber jetzt zum Reiten zn stark wnrdc, war ganz in der Nähe zn kanfcn. Maltravcrs machte den Schatz anSfiindig und setzte den Mr. Mcrton davon in Kcnnt- niß — er war zn delikat, um gegen die reiche Erbin den Freigebigen spielen zn wollen. Das Pferd ward gekauft; cs gab kein frommeres Thier; Evcline hatte gar keine Furcht. Man machte zwei oder drei kleine Ausflüge. Manchmal begleiteten nur Mr. Mcrton und Maltravcrs die jungen Damen; manchmal war die Gesellschaft auch zahlreicher. Maltravcrs schien Carolinen nnd ihrer Freundin gleiche Aufmerksamkeit zn widmen — doch war EvclincnS Unerfahrenheit in der Reitkunst ein Vorwand für ihn, immer an ihrer Seite zn scyn. Sic hatten tausend Veranlassungen sich zu unterhalten; nnd Evcline fühlte sich jetzt zutraulicher gegen ihn; — ihre milde Heiterkeit — ihr phantasie- voller und doch gebildeter Geist fanden eine Stimme. Maltravcrs entdeckte gar bald, daß unter der Hülle ihrer Einfachheit ein Schatz von Sinn, Urthcil nnd Einbildungskraft .verborgen lag. Unvermerkt nahm auch seine Unterhaltung einen höher» Flug. Vermöge der Freiheit, die seine reiferen Jahre nnd sein Ruf ihm gaben, ließ er beredte Belehrung mit leichteren 15 und geringfügigeren Gesprächen abwcehscln; er lenkte Evclincns ernsten nnd gelehrigen Geist nicht blos auf. neue Felder des Bücbcr-Wissens, sondern auch ans manche zarte oder erhabene Geheimnisse der Natur. Er besaß einen großen Schatz von wissenschaftlichem wie von literarischem Wissen; die Sterne, die Blumen, die Phänomene der physischen Welt boten Themata dar, worüber er sich mit der glühenden Neigung eines Dichters nnd der bequemen Sachkcnntniß eines Weisen cmSsprach. Wic Mr. Mcrton bemerkte, daß wenig oder nichts von Sentimentalität in diesen familiäre» Verkehr sich mischte, fühlte er sich ganz behaglich; und als er erfuhr, daß Mal- iravcrs sehr vertrant mit Lnmlcp gewesen, schloß er natürlich, er müsse von der verabredeten Verbindung zwischen Evelinc und seinem Freund wissen. Inzwischen schien Maltravcrs gar keine. Notiz davon zu nehmen, daß cs einen Menschen wie Lord Vargrave gebe. Es war nicht zu verwundern, daß die tägliche Anwesenheit — die feine Schmeichelei der Aufmerksamkeit von einem Manne wie Maltravcrs — einen starken Eindruck auf die Phantasie, wo nicht das Herz, eines empfänglichen Mädchens machte. Schon vorher für ihn eingenommen und ganz nicht gewohnt an eine Gesellschaft, welche so viele Annehmlichkeiten vereinigte, betrachtete ihn Evelinc mit unbeschreiblicher Verehrung; gegen die dunkler» Schatten seines Charakters war sic blind — ihr wurden sic freilich gar nicht sichtbar. Zwar ein paarmalc in gemischter Gesellschaft trat sein hoch- 16 müthigcs mid gebieterisches Wesen in rauhen und hastigen Acußerungcn verletzend hervor. Gegen Thorhcit — gegen Anmaßung — gegen Eigenliebe übte er wenig Nachsicht. Das ungeduldige Lächeln — der beißende Sarkasmus — das kalte Zurücksroßcn — was erbittern machte, aber nicht wohl offen geahndet werden konnte, — das Alles vcrricth, daß er ein Mann war, der sich von dem verfeinerten Zwang des geselligen Verkehrs zu befreien Lust hatte. Früher war er einmal zu ängstlich besorgt gewesen, keine Eitelkeit zu verletzen — jetzt war er in dieser Beziehung zu gleichgültig. Aber wenn zuweilen dieser unlicbcnswürdige Charaktcrzug, wo er gegen Andere hcrvortrat, Evclincn überraschte und erschreckte, so war dagegen der Eontrast seines Benehmens gegen sic eine zu köstliche Schmeichelei, als daß dadurch nicht alle andern Erinnerungen hätten ausgc- löscht werden sollen. Für ihr Ohr milderte sich immer der Ton seiner Stimme — zu ihrer Fassungskraft bc- qucmte sich jederzeit sein Geist wie durch Spmvathic — denn Herablassung war cs nicht; ihr, dem jungen, schüchternen, halbnnterrichteten Mädchen, ihr allein verschmähte er nicht alle Schätze seines Wissens auf- zuthun — die edelste» und glänzendsten Farben seines Geistes zu offenbaren. Sie verwunderte sich in aller Bescheidenheit über einen so sonderbare» Vorzug. Vielleicht konnte ein rasches, offenherziges Complimcnt, welches ihr Maltravcrö einmal machte, dieß erklären; eines Tags, als er freier und rückhaltsloscr als gewöhnlich mit ihr sich unterhalten, stürmte er unversehens 17 mit folgendem Ausruf auf sie ein: „Miß Camcron, Sie müssen von Kindheit an in der Gesellschaft edler °Gemüther gewesen scyn. Ich sehe schon, daß Sie von der Welt, so schnöd und elend wie sie ist, keine Ansteckung zu fürchten haben. Ich habe Sie über die mannigfaltigsten Gegenstände sprechen hören — über viele, worin Sic unvollkommene Kenntnisse besitzen; aber nie haben Sie einen niedrigen Gedanken, nie cm falsches Gefühl ausgesprochen. Sic scheinen im Besitz der Wahrheit wie durch Anschauung zu scyn." Wirklich war es diese ausnehmende Hcrzcnörcin- heit, die in den Augen des Wcltmüdeu den Hauptrciz von Eveline Camcron auömachte. Aus dieser Reinheit stammten, wie aus dem Herze» eines Dichters, tausend neue, vom Himmel cingcgcbcne Gedanken, welche voll eigentümlicher Wahrheit waren — Gedanken, die oft den ernsten Zuhörer in die Jugend zurück versetzten und ihn mit dem Leben aussöhntcn. Der weise Mal- travcrs lernte mehr von Evelincn, als Eveline von Maltravcrs. Noch war aber ein anderer Zug in Maltravcrs Charakter — tiefcrlicgcnd als jene Tcmperamcntscigcn- thümlichkeit — und welcher ihr, umgekehrt als bei letzterer, mehr als andern aufficl: seine Verachtung alles dessen, was ihr jugendlicher, frischer Enthusiasmus hatte schätzen lernen — des Ruhms, der ihn ihren Augen verklärte und heiligte — des ehrgeizigen Ringens und seines Lohnes. Er redete mit so bitterer Bulwer's Romane. l,XIX. 2 18 Verachtung von großen Namen und großen Thatcn — „Rur größer gewachsene Kinder waren sic," sagte er einmal in Erwiederung auf ihre Vcrthcidigung der Lichter und Zierden ihrer Gattung, „gelockt von Km. dcrtand, nicht minder armselig als die Klapper und das Puppcnhaus — wie Viele sind groß geworden, wie man cs nennt, durch ihre Fehler und Laster. Elende Schlauheit und Tucke gewannen dem ThcmistokleS seinen Einfluß und seine Macht. Um seinen Gläubigern zu entrinnen stellt sich der Wüstling Eäsar an die Spitze eines Heers und erkämpft seine Lorbeer». Der Aristokrat Brutus erdolchte seinen Freund und Gönner, damit wieder Patrizier auf den Nacken von Plebejern treten könnten und damit die Nachwelt von ihm spreche. Die Sehnsucht nach Ruhm jenseits des Grabes — was ist sie anders als eine eben so kindische Leidenschaft, namhaft zu werde», als die, welche einen Franzosen meiner Bekanntschaft bewog, 2000 Pf. für Zuckcrkiigelchen auszulcgen! — Von sich reden zu machen — welch ein armseliger Wunsch! Macht cs etwas aus, ob cs die Schwatzmänlcr dieser Zeit oder eines späten, Zeitalters sind? — Manche werden zum Streben nach Ruhm gespornt durch Armuth — das ist eine Entschuldigung für die Mühe die sie sich geben; aber Edles liegt eben so wenig in diesem Beweggrund, als in dem, der jenen armen Pflüger in der Glut des Phöbus schwitzen macht. Zn Wahrheit, der größere Thcil der ausgezeichneten Männer haben, statt von einem erhabenen oder wohlwollende» Streben begeistert zu scpn, ihrem Geschlecht Nützlich zu werde», oder den mcnschlichcii Geist zu bereichern , ihre Thatcn vollbracht oder ihre Werke geschrieben, ohne eine» bestimmten Zweck und Absicht, als: ei» unruhiges Verlangen nach Aufregung zu befriedigen, oder sich in Träumen eines selbstsüchtigen Ruhmes zu vergnügen. Und wenn edlere Bestrebungen sie entflammten, so war es nur zu oft zu wildem Fanatismus und blutdürstigem Verbrechen. Welche Narren des Ruhms waren je von innigerem Glauben, von höherem Ehrgeiz beseelt; als die wahnsinnigtrunkencn Anhänger Mahomcts? Und diese hatte man glauben gelehrt, cs sch Tugend die Erde zu verwüsten und sic sprängen vom Schlachtfeld ins Paradies hinauf I Religion und Freiheit — Vaterlandsliebe — was für herrliche Beweggründe zum handeln! — Und siche da; die Resultate, wenn diese Motive wirklich kräftig sind! — Man sehe an die Inquisition; die Tage der Schreckensrc- gicrung; — den Rath der Zehen, und die Kerker Venedigs!" Evcline vermochte kaum gegen diese melancholischen Sophismen zu kämpfen; aber ihr WahrheitSinstinkt gab ihr doch eine Antwort ein: „Was würde aus der Gesellschaft werden, wenn Alle dächten wie Sie und dieser Theorie gemäß handelten? Keine Literatur gäbe cs, keine Kunst, keinen Ruhm, keinen Patriotismus, keine Civilisation! Sic analhsiren die Triebfedern der Menschen — wie können Sie verbürgen, daß Ihr Urthcil richtig ist? Betrachten 2 * 20 Sie die Resultate — das daraus entspringende Gute, die Aufklärung! — Wenn die Resultate groß sind, so ist der Ehrgeiz eine Tugend, einerlei, welche Motive ihn erweckten. Ist cs nicht so?" Evclinc sprach crröthcnd und schüchtern. Maltravers war, trotz seiner eigenen Lehrsätze, entzückt über ihre Antwort. „Sic argumcntircn gut," sagte er mit einem Lächeln. „Aber woher wissen wir, daß die Resultate so sind, wie Sic dieselben schildern? Civilisation — Aufklärung — das sind unbestimmte Begriffe, hohle Worte! Fürchten Sic nie, die Welt werde so urthcilcn und schließen wie ich. Die Thätigkeit wird nie ins Stocken gcrathcn, so lange cs Dinge gibt wie Gold und Macht, das Schiff wird fortrückcn — überlassen Sie cs ganz den Galeerensklaven. Was ich vom Leben gesehen habe, überzeugt mich, daß der Fortschritt nicht immer auch Verbesserung ist. Die Civilisation bringt Uebel mit sich, die dem Zustand der Rohheit fremd sind und umgekehrt. In allen Zuständen und Staaten scheinen die Menschen ungefähr in gleichem Vcrhältniß des Glücks thcilhaftig gewesen zu sehn. Wir bcnr- thcilcn Andere mit einem Auge, das sich gewöhnt hat, nur ans unseren Verhältnissen zu verweilen. Ich habe den von uns bemitleideten Sklaven seinen Feiertag genießen sehen mit einer ausschweifenden Freude, wie sie dem ersten Freien ganz unbekannt ist. Ich habe diesen Sklaven durch das Wohlwollen seines Herrn freigelassen und bereichert gesehen; und er war nicht mehr lustig. Die Massen der Menschen gleichen sich in allen Ländern gar sehr. Wenn cs im harten Norden mehr Lcbcnsbcqucmlichkcit gibt, so vergönnt die Vorsehung einen fruchtbaren Boden und einen prachtvollen Himmel und eine für den Genuß und die Freude so empfängliche Seele, wie die Blume für das Licht, dem wollüstig lässigen Italiener oder der zufriedenen Apathie des Hindu. In der gewaltigen Durchcinander- schlingung von Gut und Ucbcl — was vermögen da wir eitle Individuen? die sich am meisten abmühcn — wie zweifelhaft ist ihr Nus! — Der will sagen, ob Voltaire oder Napoleon, Cromwcll oder Cäsar, Walpole oder Pitt mehr Gutes oder mehr Schlimmes gestiftet? Dieg ist eine Frage, worüber Casuistcn streiten mögen. Manche von uns meinen: Die Dichter scpcn die Wonne und die Lichter der Menschheit gewesen. Eine andere Schule von Philosophen hat sic als die Vergifter unscrs Geschlechts behandelt — als Verführer zum falschen Krlcgsnchm — zu einem weichlichen, weibischen Geschmack — zu einer vernunftwidrige» Hingabe an die Leidenschaften. Ja selbst Urheber von Empfindungen, welche das Aussehen der Erde verwandeln — der Druckerprcsse, des Schießpulvers, der Dampfmaschine — Männer die von dem gedankenlosen Haufen oder den vorgeblichen Weisen als Wohlthätcr gepriesen werden — haben nur früher unbekannte Nebel aufgebracht, welche das Gute fälschen und oft auf- wägcn. Jede neue Verbesserung von Maschinen beraubt Hunderte der Nahrung. Civilisation ist die ewige 22 Aufopferung einer Generation für die folgende. Ein schauerliches Gefühl von der Ohnmacht menschlichen Wirkens und Schaffens hat die erhabenen Träume von Streben für Mcnschcnwohl erstickt, in welche» ich einst schwelgte. Ich für mich schwimme fetzt ans den großen Wassern ohne Steuermann, ohne Nnder, und vertraue unthätig und geduldig de» Winden, welche der Athcm Gottes sind." Diese Unterredung ließ in Evclinen einen tiefen Eindruck zurück; sic flößte ihr ei» neues Interesse an einem Mann ein, in welchem so viele edle Eigenschaften in dumpfer Starrsucht lagen, und das in Folge einer sophistischen Selbsttäuschung, die, wie sie, ein einfaches Mädchen, fühlte, seiner Geisteskraft unwürdig war. Und dieser Jrrthum MaltravcrS war cs, der, seine Ueberlcgcnhcit schwächend, ihn ihrem Herzen näher brachte. Ach, wenn sic ihn seinem Gcschlcchte wieder zu schenken und nützlich zu machen vermöchte! — cs war ein gefährlicher Wunsch — aber er berauschte sie und erfüllte ihre ganze Seele. O! wie süß wurden diese schönen Abende verbracht — die Abende des glücklichen 2»nius! Und dann, als MaltravcrS sich von den Kindern beschwatzen ließ, daß er ihnen von den Wundern erzählte, die er in fernen Ländern gesehen — wie entfalteten sich da die milden und Liebe erweckenden Farben seines Charakters. Zn jedem ächten Genius ist so viel verborgene natürliche Heiterkeit und Munterkeit — cs ist als könnte der Genius nie alt werden. Die Züge, welche dic Zugcnd 23 auf die Tafel eines phantasicvollcn Gcmnths schreibt, werden in Wahrheit nie ganz ansgelöscht nnd verwischt — sie sind wie eine unsichtbare, sympathetische Schrift, welche allmälig am Licht und in der Wärme lesbar wird. Man bringe den Genius in vertranten Verkehr und Berührung mit der Jugend, und er wird jung wie sic. Dcßwegcn beachtete Evcline jetzt noch nicht die Ungleichheit der Jahre zwischen sich und Maltravers. Aber die Ungleichheit des Wissens und der Geisteskraft, diente für jetzt noch, ihr das süße Gefühl der geistigen Gleichheit zu verwehren — ohne welches die Liebe bei den Frauen selten eine sehr innige Scelenncignng ist. Nicht ebenso ist cs bei den Männern. Allmälig aber wurde sie immer vertranter nnd zutraulicher mit ihrem ernsten Freund; und in dieser Vertraulichkeit lag ein ge- fährlichcrZaubcr für Maltravers. Sie konnte ihn jeden Augenblick mit ihrem Lachen aus seinen trübsten Träumereien wecken — sie konnte, mit reizender Schalkheit, seinen liebsten Grundsätzen widersprechen — ja sogar ihn, mit entzückendem Ernst, schelten, wenn er nicht immer ans ihre Wünsche und Launen fertig und bereit stand. Für jetzt schien cs gewiß, daß Maltravers sich in Evelincn verlieben würde; aber eS blieb mehr eine Sache zweifelhafter Möglichkeit, ob Evelinc sich in ihn verlieben würde. 24 Siebentes Lnpitel. 6e>ntral>v vela, IÄ te littoribu« e.^mlia ;>ro;>Ingua vabak. „Hat nicht die Miß Cameron ein schönes Gesicht?" sagte Mr. Mcrtvn zu Maltravers, als Evcline, nichts ahnend von dein ihrer Schönheit gemachte» Compli- mcnt, in einer kleinen Entfernung von den Männer» dasaß, zu Sophien niederblickend, welche auf einem Schemel zu ihre» Füßen Maßliebchcnkränze flocht »nd der sic empfahl nicht laut zu sprechen — denn Mr. Mer- ton hatte Maltravcrs einige nützliche Winke in Betreff der Bewirthschaftnng seiner Güter gegeben; und Eve- line war schon gewohnt, sich für Alles zu interessiren was ihren Freund intcrcssirtc. Sic besaß eine an den Frauen überaus schätzbare Eigenschaft, diese Evcline Cameron; trotz ihrer himmelblau heitern und freundlichen Gcuiüthöart war sie still und ruhig; und unter dem Dach ihrer schweigsamen, sinnigen Mutter hatte sic sich unbewußt die Gewohnheit ungeeignet, Andere nie zu stören. Welch ein segensreiches Gchcimmittcl ist dieß in dem Verkehr des Häuslichen Lebens I „Hat nicht die Miß Cameron ein schönes Gesicht?" Maltravcrs stutzte bei dieser Frage — cs war eine wörtliche Ucbcrsctzung seines eignen Gedankens in diesem Augenblick; er dämpfte den Enthusiasmus, der sich in 25 Worten Luft machen wollte und wiederholte ruhig das Wort: „Ein sehr schönes, gewiß!" „Und so gutherzig und ungekünstelt — sie ist bewunderungswürdig erzogen. Ich glaube Lady Vargrave ist eine höchst musterhafte Frau. Miß Cameron wird in der That ein wahrer Schatz für ihren Verlobten seyn. Er ist zu beneiden." „Ihren Verlobten!" sagte Maltravers und wurde sehr blaß. „Ja, Lord Vargrave. Wußten Sie nicht, daß sie seit ihrer Kindheit her ihm so gut wie zugesagt ist? Es war der Wunsch, ja der Befehl des verstorbenen Lords, der ihr sei» ungeheures Vermögen wo nicht unter dieser Bedingung, so doch in dieser Voraussetzung vermachte. Haben Sic noch nie davon gehört?" Während Mr. Merton so sprach, dämmerte in Maltravcrs eine plötzliche Erinnerung auf. Er hatte Lumlcy selbst von dieser Verabredung sprechen hören — aber das war in Florcnccns Krankenzimmer — damals hatte er wenig darauf geachtet, und seither war cS durch tausend andere Gedanken und Scencn aus seinem Gedächtniß verdrängt worden. Mr. Merton fuhr fort: „Wir erwarten in Bälde Lord Vargrave hier. Er ist ein heißer Liebhaber , denke ich mir; aber das öffentliche Leben kettet ihn so sehr an London. Er hielt eine vortreffliche Rede im Hause der Lords letzte Nacht, wenigstens unsere Partei scheint sie so anzusehen. Sie -«ee» ie. , // 26 sollen sich hcirathcn, wenn Miß Camcron das Alter von achtzehn Jahren erreicht." An Erdnlduug von innerer Qual gewöhnt und geübt in der stolzen Kunst seine Bewegung zu verhehlen, vcrricth Maltravcrs dem Auge von Mr. Merton durch kein äußeres Zeichen irgend eine Ucbcrraschung oder einen Verdruß über diese Nachricht. Hätte der Rektor früher einen Verdacht gefaßt, daß Maltravcrs mehr als nur reine Bewunderung für die Schönheit empfand, sein Verdacht hätte fetzt verschwinden müssen, als er seine» Gast kalt crwiedern hörte: »Ich hoffe, Lord Vargrave werde sei» Glück verdienen. Aber um auf Mr. Justis zurückzukomme» — Sic bestärken mich in meiner eignen Meinung von diesem glattzüngigen Herrn." Das Gespräch kam wieder auf Geschäfte zurück. Endlich stand Maltravcrs auf um wegzugehcn. „Wollen Sie heute nicht bei uns speisen?" sagte der gastliche Rektor. „Vielen Dank — nein; ich habe in den nächsten Tagen zu Hause viele Geschäfte zu besorgen." „Küssen Sic Sophie, Mr. Ernst — Sophie ist heute gar ein artiges Mädchen. Ließ den hübschen Schmetterling fliege»; weilEvp sagte, cs sep grausam, ihn in ein Kartenhaus zu sperren — küssen Sic Sophie!" Maltravcrs nahm das Kind (dessen Herz er gänzlich gewonnen hatte) in seine Arme und küßte cS zärtlich — dann, sich Evcliuen nähernd, reichte er ihr die Hand hin, während sein Auge auf ihr mit einem 27 Ausdruck innigen und traurigen Interesses ruhte, den sie wohl verstehen konnte. „Gott segcne Sic, Miß Cameron!" sagte er, und seine Lippe bebte. Tage verstriche» und man sah von Maltravcrs nichts mehr. Er entschuldigte sich — das eincmal mit Geschäften, das anderemal mit andern angenonimcnen Einladungen, wen» er alle Einladungen dcö Rektors ablchntc. Mr. Mcnon, arglos, nahm die Entschuldigungen au, denn er wußte, daß Maltravcrs uoth- wcndig sehr viel zu thun haben mußte. Seine Rückkehr war setzt in der ganzen Gegend kund geworden und was von Standcsgcnosscn und Bekannten noch in B-shire war, beeilte sich, ihm Glückwünsche darzubringcn und ihm Gastfreundschaft anzubictcn. Vielleicht war cs der Wunsch: seinen Entschuldigungen in Mcrtons Auge den Schein der Wahrheit zu geben, was de» Besitzer von Burlcigh geneigt machte, den andern auf ihn eiustiirmcnde» Einladungen zu folgen. Aber das war noch nicht Alles — Maltravcrs erwarb sich in der Nachbarschaft auch noch den Nus eines Geschäftsmannes. Mr. JustiS ward ganz plötzlich entlassen — mit Hülfe des UntcraufschcrS wurde Maltravcrs sein eigener Verwalter. Die Ver- abschiednngssccnc mit jenem Man» war charakteristisch für die Mischung von Härte und Gerechtigkeit in Maltravers. „Sir," sagte er, als sie ihre Rechnungen abschloffcn, „ich entlasse Euch Euers Amts, weil Ihr ein Schurke 28 schd — darüber kann kein Streit scpn; — Ihr habt Enern Herrn geplündert, und dabei dennoch seine Pachter geschunden und die Armen vernachläßigt. Meine Dörfer sind voll von Dürftigen — mein Pachtcrtrag ist um ein Vicrthcil vermindert — und dennoch, wahrend ein Theil meiner Pächter nur dein Namen nach Pachtgeld zu bezahlen scheint — (warum, müßt Ihr am besten wissen!) sind Andere ärger gesteigert als die Pächter von irgend Einem i» der Grafschaft. Ihr schd ein Schuft, Mr. Jnstis, Euere eigenen Rcchnungsbüchcr beweisen das; und wenn ich sic zum Rechtsanwalt schickte, würdet Ihr eine Summe zu erschien haben, die ich sehr vorthcilhaft zur Verbesserung Euerer elenden Streiche verwenden könnte." »Ich hoffe, Sir," sagte der Verwalter, von seinem Gewissen geschlagen und tödtlich erschrocken, „ich hoffe Sic werden mich doch nicht ins Verderben stürzen; gewiß und wahrhaftig, wenn ich zum Ersaß vcrnrthcilt würde, müßte ich ins G'cfängniß wandern." „Beruhigt Euch, Sir. Es ist billig, daß auch ich leide, wie Ihr. Meine Vcrnachläßigung meiner Pflichten verleitete Euch zur Schurkerei. Ihr wäret ehrlich unter dem wachsamen Auge Mr. ClcvclandS. Packt Euch fort mit Euerem Gewinn; wenn Ihr ganz verstockt seyd, kann keine Strafe einen Eindruck ans Euer Gewissen machen; und wen» nicht, so ist es Strafe genug für Euch, mit grauen Haaren daznstehcn, einen Fuß im Grabe, Euch ciucn Schurken nennen zu hören und zu Wissen, daß Ihr Euch nicht verthcidigen könnt — geht!" > Sofort befaßte sich MaltraverS eifrig mit all den ! Geschäften, welche ein übel verwaltetes Bcsitzthum ihm anflnd. Er entledigte sich einiger Pächter — er gewährte Andern ziemliche Ermäßigungen — er gab vielen Arbeitern zu verdienen durch Vornahme von mannigfachen Verbesserungen — er widmete den Armen eine sorgfältige Aufmerksamkeit — nicht mit der Schwäche nachlässiger und nrthcilsloscr Mildthätigkcit, durch welche Popularität so wohlfeil erkauft und die Unabhängigkeit so leichtsinnig z-erstört wird. Nein, seine Hauptsorge ! war, den Fleiß anzuspornen und die Hoffnung zu ! wecken. Am Ehrgeiz und Wetteifer, die er an sich ^ selbst so eitel verschmähte, fand er seine nützlichsten ^ Hebel bei den armen Arbeitern, mit deren Charakter er sich vertraut gemacht hatte und in denen er das Verlangen zu beleben suchte, ihren Zustand zu bessern und zu heben. Ihm selbst unbewußt war seine ganze Praris von Anfang an auf die Widerlegung seiner Theorien berechnet. Die Mißbräuche der alten Armcngcsctzc waren in seiner Nachbarschaft zur vollen Reife gekommen; sein rascher Scharfblick und vielleicht seine etwas gcwaltthängc Entschiedenheit führten ihn auf manche der besten Bestimmungen des nunmehr in Wirksamkeit getretenen Gesetzes; aber er war zu weise/ um der pedantische Sklave eines Systems zu scpn. Er versuchte und bezweckte nicht zu viel; und er anerkannte Einen Grundsatz, den bis jetzt die Verwaltung des neuen Armcngcsctzcs noch nicht hinreichend gewürdigt hat. Ein Hauptzweck des neuen Gesetzes war, durch 30 Beschränkung der öffentlich geübten Mildthätigkcit, der individuellen Wohlthätigkcit einen größer» Spielraum zu geben. Wenn der Grundbesitzer oder der Geistliche in seinem eigenen nächsten Bereich einzelne Fälle von Härte, Strenge oder Unterdrückung findet, welche ein allgemeines, sonst wohlthätigcs Gesetz zur Folge hat, so sollte er, statt gegen das Gesetz zu schimpfen, den individuellen Fällen abznhclfcn suchen; Privatwohlthä- tigkcit sollte die Schaalcn im Gleichgewicht zu halten streben und die Ausgleichung übernehmen, wo die Nationalmildthätigkcit mit Recht noch etwas zu thun und zu wünschen übrig läßt. Das war cs, was Maltravcrs bei den mäßigen »nd klngbcrcchnctcn Einrichtungen, die er ans seinen Besitzungen cinznführen gedachte, ganz vorzüglich im Auge hatte »nd betrieb. Alter, Schwachheit, zeitweilige Noth, unverdienter Mangel — fanden an ihm einen beharrlichen, sorgsamen, unermüdlichen Freund. Bei diesen Bemühungen, die er mit außerordentlicher Raschheit und mit der Energie eines selbständigen Willens und eines Der Zweck der Parochialreform ist nicht bloS ein ökonomischer, nicht dlos der, die Armcntaren zu vermindern. Der Steucrzahlcnde sollte eingedenk seyn, daß, je melir er den Griffen und Kralle» des unverschämten Bettlers «bringt, desto mehr er der unverdienten Armuth znkommen lassen sollte. Ohne Milderungen durch Privattugend würde jedes Gesetz, auch das von den Wohlwollendste» beschlossene, streng und hart bleiben. 31 ernsten Geistes «»griff, kam Maltravcrs nothwcndig in Berührung und Verkehr mit den benachbarten Behörden nnd Landcdellcutcn. Er bekämpfte Ucbel, er förderte Zwecke, bei welchen Alle bethciligt waren; nnd sein kräftig lebendiger Verstand und sein früherer parlamentarischer Ruf, verbnnden mit der Achtung, welche in der Provinz sich immer an alte Geburt knüpft, gewannen seinen An- und Absichten unerwartete und allgemeine Gunst. 2» der Rcktorci hörte man fortwährend von ihm, nicht blos durch gelegentliche Besuche, sonder» auch durch Mr. Mcrton, der immer mit ihm znsammentras; aber er hielt sich fortwährend von diesem Hause entfernt. Jedermann, Mr. Mcrton ausgenommen, vermißte ihn; selbst Caroline, .deren begabter, obwohl weltlich gesinnter Geist seine Unterhaltung zu schätzen wußte; die Kinder klagten um ihren Spiclgcnoffc», der so viel leutseliger war als ihre Brüder mit den steifen Cravattcn je gewesen; und Eveline ward am Ende ernster und nachdenklicher, als sie je zuvor gewesen, und das Gespräch von Andern erschien ihr platt, langweilig nnd ermüdend. War Maltravcrö glücklich mit seinen neuen Bestrebungen? Sein damaliger Gcmüthsznstand ist nicht leicht zu cnträthscln. Sein männlicher Geist und sein stolzes Gcmüth kämpften und rangen hart mit einem Gefühl, das schnell zur Leidenschaft hatte hcranrcifen wollen; aber bei Nacht, in seinem einsamen nnd freudlosen Hause, drängte sich ihm unwiderstehlich ein Traum- gcflcht auf — zu köstlich, als daß er sich ihm hingcben durfte — bis er aus seiner Träumerei auffuhr und zu seinem rebellischen Herzen sagte: „Nur noch einige wenige Jahre und du wirst still scp». Was ist in diesem kurzen Leben ein Schmerz mehr oder weniger? Besser, wenn du für Nichts zu sorgen hast, so wirst du das Schicksal, den tückischen Feind, überlisten. Sey zufrieden, daß du allein bist!" Ein Glück war cs jetzt für Maltravcrs, daß er in seinem Heimathland war! nicht in Ländern, wo er die Aufregung mehr im Jagen nach Vergnügen und Genuß als in der Pflichterfüllung gesucht hätte! In der nüchternen und strengen Luft des freisinnigen Englands stählten und veredelten sich, ihm selbst zwar noch unbewußt, schon seine Wünsche und GcmüthSrichtungcn. Es ist der Stolz dieser Insel, daß der Sklave, dessen Fuß ihren Boden berührt, frei ist. Dieser Stolz darf sich noch größerer Dinge rühmen. Wo dem Volke so viel überlassen bleibt — wo das Leben der Civilisation — nicht cingcsperrt in der Tyrannei des ccntralisircn- dcn Despotismus — belebend, rastlos, glühend, durch alle Adern des gesunden Körpers sich verbreitet: da hat die entfernteste Provinz, das abgelegenste Dorf Ansprüche ans unsere Thätigkcit, unsere Pflicht, und zwingt uns zur Kraftanstrcngung und lebendigem Bür- gcrsinn. Der Geist der Freiheit, der dem Sklaven die Kette abnimmt — kettet den Freien an seinen Bruder. Das ist die Religion der Freiheit. Und darum sind die stürmischen Kämpfe freier Staaten mit den Früchten der Jugend, der Weisheit, des Genius gekrönt 33 worden — von . Ihm, der uns einander zu lieben gebot — nicht nur weil die Liebe an und für sich etwas Herrliches ist, sondern auch weil aus der Liebe, welche im weitesten Sinne der geistige Ausdruck für Freiheit ist, das Edelste in unserer geheiligten Natur abstammt. Bulwer's Romane. I.XIX. Drittes Such. xo^ov. Kolon. L1e§. Dos Rauhe glättet er und dämpft de» Stolz. Erstes Kapitel. Ihr seyd noch, der Ihr wart, Sir! Vvlpouc oder der Fuchs. Mit höchst beweglicher Gewandtheit dreht' er Sich hin und her; knttrfte und löste Knoten, Gab dvppelsinn'gcn Rath. Gbeudastlbst. Vor einem großen mitParlamcntspapicrcn bedeckten Tisch saß Lumlcp Lord Vargravc. Seine Farbe, obwohl noch gesund, hatte doch von jener Frische verloren, die ihn in seiner Jugend auszcichncte. Seine Ziigc, die immer scharf gewesen, hatten etwas noch Eckigtcrcü bekommen; seine Stirne schien sich nachdenklicher über die Augen hcrabzuscnkcn, die, obgleich ihr Glan; keineswegs schwächer geworden, doch tief in ihre Höhlen zuriickgctrcten waren und viel von ihrer rastlosen Beweglichkeit verloren hatten. Sein Charakter hatte angcfangen sich in seiner Physiognomie auszu- prägcn, besonders im Mund, wenn dieser ruhig war; — cs war ein Gesicht, das den auffallenden Eindruck des Verstandes — der konccntrirtcn Thatkraft machte — aber es stand etwas darin geschrieben, das Einem 33 zuricf: Hüte dich! Es hätte Jedem, der viel mit Menschen verkehrt, einen unbestimmten Verdacht und Mißtrauen cingcflöfit. Lnmley war immer sorgfältig, obwohl einfach, in seiner Kleidung gewesen; aber jetzt widmete er seiner äußern Erscheinung sichtbarere Aufmerksamkeit, als man je in jünger» Jahren an ihm bemerkt hatte, während etwas von des Römers berühmter Ziererei in der Geschicklichkeit lag, womit sein Haar auf der Stirne geordnet war, um entweder eine thcilwcisc Kahlheit der Schläfe zu verstecken oder zu heben. Vielleicht hatte sich auch in Folge des hohen Ranges, den er eingenommen oder seiner Angewöhnung, unter lauter vornehmen Leuten zu leben, »»merklich eine gewisse Würde über seine ganze Person verbreitet, die man in seinen frühem Jahren nicht eben an ihm fand, wo vielmehr ein Garnisonston in sein ungezwungenes Wesen hineinspieltc; — doch war auch jetzt noch die Würde nicht der vorherrschende Zug seines Wesens; und bei gewöhnlichen Vorkommnissen oder in gemischter Gesellschaft stand ihm noch immer eine unbefangene Frci- müthigkcit, eine vorthcilhafterc Art von Verstellung, zu Gebot. Zn der Zeit, von welcher wir jetzt reden, lehnte Lord Vargravc seine Wange auf die eine Hand, während die andere unbeschäftigt auf den methodisch vor ihm geordneten Papieren ruhte. Er schien seine Arbeit abgebrochen zu haben »nd in Gedanken vertieft zu scpn. I» der That war dicß ein kritischer Zeitpunkt in Lord Vargravc's Laufbahn. 39 Seit seiner Gclangung zum Pecrstitel war es mit dem Emporstcigcn von Lumlcp Fcrrcrs nicht mehr so rasch und stetig sortgegangcn, als er selbst wohl erwartet hatte. Anfänglich lag vor ihm Alles im Sonnenschein; er hatte sich seiner Partei nützlich zu machen gewußt — er hgttc sich auch persönlich beliebt gemacht. Mit der bequemen Unbefangenheit und Herzlichkeit seines glücklichen Benehmens verband er eine anscheinend kunstlose Frcimüthigkcit, die man so oft fälschlich für Ehrlichkeit nimmt; während er, da in seinen Talenten „nd seiner Beredsamkeit nichts Aufsehen Erregendes oder Glänzendes war — nichts, das sich sehr über die Ansprüche Anderer erhoben und durch Verletzung der Eigenliebe Neid erweckt hätte, nur wenig Eifcrsuchk selbst unter den Nebenbuhlern gegen sich rege machte, welchen er den Rang ablicf. Dcßhalb ging cs ihm eine Zeit lang ganz glatt vorwärts — er flieg immer höher in der Schätzung seiner Partei, und errang sich eine gewisse Achtung bei dem neutralen ^Publikum, durch anerkanntes, ausgezeichnetes Talent in dem Detail der Geschäfte. — Denn sein rascher, durchdringcn- gcr Verstand und ein durch Gewöhnung logischer Kopf setzten ihn in Stand, mit. meisterhaftem Erfolg die Einzclnhcitcn der Amtsgeschäftc oder bei Gcsctzcsar- bcitcn zu bewältigen und unter allgemeine Regeln und Begriffe zu bringen. Aber so wie die Bah» ebener wurde vor seinen Schritten, wurde auch sein Ehrgeiz sichtbarer und kecker. Von Natur gebieterisch und anspruchsvoll hatte er seine frühere Geschmeidigkeit Höheren 40 gegenüber jetzt mit einer eigenwillige» Hartnäckigkeit vertauscht, die oft den stolzeren Führern seiner Partei mißfiel und oft die Eitleren verletzte. Seine Ansprüche wurden mit eifersüchtigeren und weniger nachsichtigen Augen geprüft als im Anfang. Stolze Aristokraten fingen an sich zu erinnern, daß eine neu anfgcschofscne Pccrschaft nur durch ein armseliges Vermögen unterstützt war — die Männer von glänzenderem Genius fingen an den untergeordneten Minister als einen bloßen Geschäftsmann im Kleinen über die Achsel anzuschen; er verlor viel von der persönlichen Beliebtheit, die einst eines der Geheimnisse seiner Macht gewesen. Was ihm aber hauptsächlich in den Augen seiner Partei und des Publikums schadete, waren gewisse zweideutige und dunkle Umstände, die sich auf einen kurzen Zeitraum bezogen, während dessen er und seine Genossen aus dem Amte verdrängt gewesen waren. Damals war cS bcmcrkcnswcrth, daß die Journale der folgenden Negierung ganz besonders glimpflich und artig gegen Lord Vargravc waren, während sie alle seine College« mit Tadel und Schmähungen bedeckten; und cs war mehr als bloßer Verdacht, daß geheime Unterhandlungen zwischen ihm und dem neuen Ministerium im Gange waren, als plötzlich letzteres zusammcnficl, und Lord Vargrave's eigene Partei wieder ans Ruder kam. Der unbestimmte, gegen Vargravc rege gewordene Verdacht ward in den Augen des Publikums einigermaßen verstärkt dadurch, daß er anfänglich von der ncngcbildctcn Administration ausgeschlossen blieb; und als er später nach einer Rede, welche zeigte, daß er, wenn nicht zum Freunde gewonnen, gefährlich werden könnte, doch darein ausgenommen ward — so ward ihm gerade das früher von ihm bekleidete' Amt wieder übertragen — ein solches, das ihm keinen Sitz im Kabinct verlieh. Lumlcp, glühend von Erbitterung, hätte gern das Anerbieten abgclchnt — aber ach! er war arm — und was »och schlimmer war — verschuldet; — „seine Armuth, nicht sein Wille, gab die Einwilligung." Er ward wieder Mitglied der Negierung; aber obgleich er ungemeine Fortschritte als parlamentarischer Kämpfer gemacht hatte, empfand er doch, daß er als Staatsmann nicht vorwärts gekommen. Sein Ehrgeiz war noch entflammt durch sein Mißvergnügen, und so hatte er, seit seinem Wiedereintritt ins Amt, jeden Nerv angestrengt, um seine Stellung zu befestigen. Er begegnete den Sarkasmen über seine Armuth dadurch, daß er jetzt einen viel größer» Aufwand machte und überall von seiner Verlobung mit einer Erbin sprach, deren Vermögen, so groß cs war, er doch mit leichter Mühe noch vergrößerte; da sein altcö Haus in Grcat-Gcorge-Strcct — für das geschäftige Untcrhausmitglicd ganz gut passend —- doch für den fashionablcn Peer im Amt nicht mehr angemessen war, hatte er, sobald er den Titel geerbt, diese respektable Wohnung mit einem großen Hause in Hainilton-Placc vertauscht — und an die Stelle seiner nüchterne» Mahlzeiten traten prächtige Gastmahlc. Von Natur hatte er keinen Geschmack 42 an derlei Dingen; sein Geist war zu kräftig und seine Gemüthsart zu derb, als daß er an Ueppigkeit und Pracht halte Vergnügen finden sollen. Aber auch jetzt, wie immer, handelte er nach einem System. Lebend -in einem Land, das regiert war von der mächtigsten und reichsten Aristokratie der Welt, wo von der höchsten bis beinahe zur niedrigsten Klasse Prunklicbc durch Alles sich durchzieht — das eigentliche Mark und die Grundlage der Gesellschaft — empfand er, daß, in Pracht und Aufwand weit hinter seinen Nebenbuhlern zuriickblcibcn, so viel scy, als ihnen einen Vorthcil cinräumcn, den er nicht, weder durch den Einfluß seiner Verbindungen noch durch Großartigkeit und Schwung seines Charakters und Genius ersetzen und ausglcichcn konnte. Ein großes Spiel spielend und alle Konsequenzen wohl beachtend, machte er sich nichts daraus, sein Privatvcrmögen in eine Lotterie zu setzen, wo er einen großen Gewinn ziehen konnte. Um dem Lord Vargrave Gerechtigkeit widerfahren zu lassen — das Geld war ihm nie Zweck, sondern immer nur Mittel gewesen — er trachtete auf jede Weise darnach, aber er war nicht geizig. Wenn reichere Leute als Vargravc die Erfahrung machen, daß hohe Auszeichnungen in Staatö- nmtcrn sehr kostspielig und oft sogar für das Vermögen verderblich sind, so kan» man sich wohl denken, daß sein Gehalt, sammt einem so mäßige» Vermögen, zu der von ihm angenommenen Lebensart nicht ausrcichtc. Seine Einkünfte waren schon tief verpfändet und Schuld häufte sich auf Schuld. Auch hatte dieser Mann, der 43 die Staatsangelegenheiten so ausgezeichnet zn behandeln verstand, nichts von dem Talent, das ans dein Ncchtlich- kcitsstnn entspringt »nd.seinen Besitzer zu einem tüchtigen Verwalter seiner eigenen Angelegenheiten macht. Immer tief verstrickt in Jntrikcn nnd Entwürfen, war er viel zn sehr beschäftigt, Andere im Großen zn betrügen, als daß er Zeit gehabt hätte, sich selbst vor Betrag im Kleinen z» schützen. Er sah nie in Ncchnnngcn hinein, als bis er gcnöthigt war, sic zn bezahlen; und er berechnete nie die Größe einer Ausgabe, die irgend zur Erreichung seiner Zwecke erforderlich schien. Aber »och verließ sich Lord Vargravc ans seine Vermählung mit der reichen Evclinc, die ihn von alle» seinen Verlegenheiten erlösen sollte; nnd wenn je ein Zweifel über die Erfüllung dieser Aussicht in ihm aufsticg, so hatte ja das öffentliche Leben noch glänzende Preise. Ja, wenn cs ihm mit Miß Camcron mißglücken sollte, hoffte er sogar durch geschickte Operationen am Ende seinen Kollegen wünschcnSwcrth zn machen, seine Entfernung »m den »ngehcncrn Bcstechungspreis der Gcncralgonver- ncursstcllc von Indien zn erkaufen. Da die Beredsamkeit eine Kunst ist, bei welcher Ucbnng-nnd eine Einfluß und Würde verleihende Stellung unglaublich zn statten komme», hatte Lumlcp in neuern Zeiten im Hause der Lords Wirkungen hcrvor- gcbracht, deren man ihn früher nicht fähig gehalten hätte. Zwar kann Ucbung nnd Stellung den Menschen keine Eigenschaften geben, die ihnen gänzlich fehlen; aber alle Eigenschaften, die sic haben, können sich 44 dadurch im vorthcilhaftcstcn Licht darstcllcn. Dcn Glanz einer großarti-gen Einbildungskraft — dcn umfassenden Blick tiefer Staatswcishcit — de» Enthnsiasmus einer cdcln Natur — das Alles konnte freilich keine Ucbnng ans der Beredsamkeit Lnmlcy's, Lord Vargrave's, hcr- anscntwickcln — denn das besaß er einmal nicht; — aber ein kecker Geist, — fließende und kräftige Sähe — wirksame Anwendung der Parlamentslogik — Gewandtheit in der Erwiederung — einnehmendes Wesen, unterstützt durch einen Vortrag, der durch Leichtigkeit und Besonnenheit sich anszcichnetc — eine klare und tönende Stimme san deren einzigen Fehler: Steigerung ohne Leidenschaft — das Ohr der Zuhörer sich gewöhnt hatte), und ein Gesicht, das dcn lebhaften Eindruck kecken und beherzten Verstandes machte — dicß Alles hatte dcn vielversprechende» Redner zu einem kräftigen und furchtbaren parlamentarischen Kämpfer in voller Reife der Tüchtigkeit erhoben. Aber in eben dem Vcrhält»iß,z,in welchem seine Talente sich glänzender entfalteten, erweckte er Neid »nd Feindschaften, die bisher geschlummert hatten. Und cs muß auch an- gemcrkt werden, daß bc all seiner Schlauheit und Kälte Lord Vargrave oft ei» sehr gefährlicher und unglücklicher Sprecher für die Interessen seiner Partei war. Seine Kollegen hatten oft Grund zu zittern, wenn er sich erhob; ja selbst wenn das Bcifallsauchzcn seiner Anhänger die alten bemalten Wände erschütterte. Ein Mann, der keine Sympathie mit dem Publikum hat, muß viele und höchst nachthciligc Unklughcitcn 45 begehen, wenn nicht »nr seine Zuhörer, sondern auch daö große Publikum ihn zu beurthcilcn hat. Lord Var- grave'S gänzliche Unfähigkeit, einen Begriff zu bekommen von öffentlicher Moral — seine Verachtung gegen Alles, was auf sociales Wohlwollen sich bezog, verleiteten ihn oft zum Aussprcchcn von Doktrinen, die, wenn sic auch die Männer der Welt nicht befremdeten, zu welchen er sprach (da solche Lehren versüßt und glatt cingingen vermöge seines einschmeichelnden Wesens und der gefälligen Art seines Vortrags), doch tiefen Widerwille» bei Solchen, selbst von seiner politischen Gesinnung, hcrvorricfen, die in den Zeitungen die nackte Auseinandersetzung derselben lasen. Nie sprach Lord Vargravc einen jener großherzigen Gedanken aus, die, ob nun von einem Radikalen oder einem Torp vorgctragcn, tief ins Her; des Volkes sich senken, und der Sache, deren Interesse sie glänzend vertreten, bleibende Dienste leisten. Aber kein Mensch vcrthcidigtc einen, wenn auch noch so schreienden Mißbrauch, mit ritterlicherer Entschlossenheit, oder bot einem Wunsche des Volks mit kühnerem Hohn und Verachtung Trotz. Zu manche» Zeiten, wenn das antipopuläre Prinzip stark ist, mag ein solcher Führer nützlich scpn; aber in dem Augenblick, von welchem wir handeln, war er ein höchst bedenklicher Bundesgenosse. Ein beträchtlicher Thcil der Minister, an ihrer Spitze der Premierminister selbst, ein Mann von wohlerwogenen Ansichten und fleckenloser Ehrenhaftigkeit, hatte den Lord Vargrave mit Abneigung und Mißtrauen mischen gelernt — sie 46 wären wohl gerne seiner los geworden; aber er gehörte nicht zn den Leuten, die durch eine leichte Kränkung sich zum freiwilligen Zurücktretcn bewegen lassen; auch war der sarkastische und kalte parlamentarische Streiter ein Mann, dessen Erbitterung und Opposition nicht verachtet werde» durfte. Uebcrdicß hatte sich Lord Vargravc selbst einen Anhang geschaffen — einen Anhang, der furchtbarer war, als er selbst. Er kam häufig in Gesellschaft — er war der besondere Liebling der Diplomatinnen, deren Stimmen zn jener Zeit mächtige Hebel waren — und mit welchen der angenehme und artige Minister durch tausend Bande der Galanterie und Jntrikc ein geheimes Biindniß schloß. Alles was die Salons für ihn thun konnten, geschah.. Dazu kam noch, daß er persönlich bei seinem königlichen Herrn wohl gelitten war und der Hof ihm seine goldenen Meinungen lieh; während der ärmere, korruptere und bigottere Theil des Ministeriums ihn mit unverhchltcr Bewunderung betrachtete. Auch im Haus der Gemeinen und bei dcrBurcau- kratic besaß er eine nicht unbeträchtliche Stärke; denn Lnmlcy gewöhnte sich nie jenes persönlich barsche.und unhöfliche Wesen an, das man so häufig bei Männern von Einfluß und Macht findet, welche die Leute, die sich an sic mit Bitten und Gesuchen wenden, entfernt halten möchten. Er war freundlich und verbindlich gegen Menschen jeden Standes; sein Verstand und sein Sclbstgeniige» erhoben ihn weit über die kleinliche Eifersucht, welche hochstehende Männer oft gegen 47 Emporsteigende empfinden. Erntete irgend ein Anfänger die geringste Anszeichnung im Parlament, so suchte Niemand mit solcher Beflissenheit seine Bekanntschaft, wie Lord Vargravc; Niemand beglückwünschte, cr- muthigtc und „schob" die neuen, aufstrebenden Männer seiner Partei mit so herzlicher Thcilnahmc. Ein solcher Minister mußte nothwcndig ergebene Anhänger unter den tüchtigen, ehrgeizigen und eiteln Männern haben. Es muß auch bekannt werden, daß Lord Vargravc keine der gemeinen und minder zu rechtfertigenden Mittel zur Befestigung seiner Macht verschmähte, indem er sie ans den sichern Felsen der Selbstsucht gründete. Kein unredlicher Handel war ihm zu schmutzig. Er erlaubte sich schmachvolle Unvcr- antwortlichkcitcn in der Anwendung seines Patronats; und keine Vorwiitfe, keine Vorstellungen seiner Amts- brüder konnten ihn zurückhaltcn, daß er nicht die Ansprüche einiger seiner Kreaturen aus Bezahlung aus dem Beutel des Volks durchsetzte. Seine Anhänger betrachteten diese mildthätige Selbstsucht als die Beharrlichkeit und den Eifer der Freundschaft; und der Ehrgeiz von Hunderten ward verflochten mit dem Ehrgeiz des grnndsatzloscn Ministers. Außer dem aber, daß seine Korruption als Staatsmann eine anerkannte Sache war, waltete auch gegen Lord Vargrave der geheime Verdacht persönlicher Un- ehrcnhaftigkctt ob — der Verdacht, daß er Nachrichten, die er als Staatsmann erfuhr, an Slockjobber verkaufte — daß er selbst pekuniäres Interesse hatte bei 48 manchen der von ihm mit so zäher Hartnäckigkeit verfochtenen Ansprüche. Und obgleich nicht der kleinste Beweis von solcher gänzlicher Preisgcbung der Ehre vorlag, obgleich es wahrscheinlich nur ein vcrläumde- risches Gerücht war: so half doch schon der bloße Verdacht solcher Praktiken die Abneigung seiner Feinde schärfen und den Widerwillen seiner Nebenbuhler rechtfertigen. In dieser Stellung befand sich jetzt Lord Vargravc; unterstützt von intercssirte» und selbstsüchtigen, aber tüchtigen und einflußreichen Anhängern; gehaßt im Lande, gefürchtet von einem Thcil Derer, mit welche» >er im Amt war, verachtet von Andern, angesehen bei den klebrigen. Es war eine Lage, die ihn mehr belustigte und anfcncrtc, als nicdcrschlng; denn sic schien nothwcndig zu machen und zu entschuldigen jenen Hang zu Ränken, Jntrikcn und geheimen Entwürfen, der seinem schlauen und lancrndcn Geist eigentliche Nahrung war. Wie ein Grieche des Altcrthums liebte er Jntrikcn um der Jntrikcn willen. Hätten sic auch zn keinem bestimmten Zweck und Ziel geführt, so wären sic ihm doch als Mittel und Weg schon erwünscht gewesen. Er liebte cs, sich mit den verworrenste» Geweben und Maschen zu umringen; im Mittelpunkt einer Million von Knoten und Ranken zu sitzen. Ihn kümmerte cs nicht, wie frech und wild einige darunter scyn mochten. Er verliest sich ans seine Schlauheit, Gewandtheit, ans sein gewohntes Glück, jeder Feder, die er wirken ließ-, die Richtung auf die Bestimmung und 49 den Zweck der Maschine - die Förderung seiner Selbst, zu geben. Sein letzter Besuch'bei der Lady Vargravc und seine Unterredung mit Evelinc» hatte in seinem Ge- niüih nicht wenig Mißbehagen und Besorgniß zurück- gelassen. 2» den frühcrn Zeiten seines Umgangs mit ! Evclincn hatten seine gute Laune, seine Galanterie ! und seine Geschenke ihren Eindruck auf das Kind nicht ! verfehlt und sie für den angenehmen und freigebigen Gast eingenommen, den man sic als einen Verwandten aiizuschcn gelehrt hatte. Erst als sie zur Jungfrau hcranwnchs und die Natur des sic verknüpfenden Bandes begreifen lernte, fühlte sie sich von ihm abgcstoßcn und war ihr seine Vertraulichkeit zuwider; und da erst war ihm ein Zweifel an der Erfüllung von seines Oheims Wunsch aufgcsticgcn. Der letzte Besuch hatte diesen Zweifel zur peinlichen Besorgniß gesteigert; er sah, daß er nicht geliebt war; er sah, daß es große Gewandtheit und die Entfernung glücklicherer Nebenbuhler brauchte, wenn Evcline noch dic Scimgc werden sollte; und er verwünschte die Obliegenheiten und Rauke, die ihn nothwcndig von ihrer Nähe entfernt hielten. Er hatte daran gedacht dor Ladp Vargravc zuzurcdcn sie nach London zu schicken, wo er immer in der Nähe scpn konnte und da die Saison jetzt begann, mußten seine Vorstellungen in dieser Hinsicht als verständig und gerecht erscheinen. Aber dann auf der andern Seite hieß dicß größeren Gefahren sich anssctzcn, als die Bulwer's Romane. I,XIX. 4 50 waren, denen er entgehen Wollte. London! — eine Schönheit und eine Erbin, bei ihrem ersten Auftreten in London! — Welche furchtbare Bewunderer konnten sich nm sic her schaarcn! Vargravc schauderte bei dem Gedanken au die lustigen, schöne», wohlgckleidctcn, verführerischen jungen Elegants, welche für ein Mädchen von siebzehn Jahren weit bczaubcudcrc Bewerber scheinen mochten, als der Politiker von mittleren Jahren. Das war gefährlich, und das war noch nicht Alles; Lord Vargravc wußte, daß in London — in dem prächtigen, schwatzenden, gewissenlosen London — Alles, was er am meisten vor der jungen Lady geheim gehalten wünschte, auS Licht gezogen werden würde. Er war der Liebhaber nicht blos von Einer Frau, sondern von einem Dutzend gewesen, nm die er sich keinen Strohhalm kümmerte, aber deren Gunst ihn in der Gesellschaft befestigen geholfen hatte, oder deren Einfluß seinen Mangel an vererbten politischen Verwandtschaften, ersetzte. Die Art und Weise, wie er diese verschiedenen Ariadnc'n abzuschüttelu wußte, sobald es ihm nur rathsam schien, war keiner der verächtlichsten Beweise seiner diplomatischen Talente. Er trennte sich nie von ihnen als seinen Feindinnen. Nach seinen eigenen Aufschlüssen über dicß Gchcimniß, hütete er sich je den Galanten zn spielen gegen Dnlcinecn unter einem gewissen Alter — „Frauen von mittlerem Alter," pflegte er zu sagen, „unterscheiden sich sehr wenig von Männern mittleren Alters; sie scheu die Dinge vernünftig an und nehmen sic mit kalter Besonnenheit." Nun 5t konnte Eveline nicht drei Wochen, vielleicht nicht drei Tage in London seyn, ohne von einer oder der andern dieser liaisons zn hören. Welch ein Borwand — falls sic einen solchen suchte — mit ihm zu brechen! So war denn Alles zusammcngeuommcn Lord Vargravc in einer bittcrn Verlegenheit, obwohl keineswegs verzagend. EvclincnS Vermögen war ihm nvthigcr als je, und Evelincn zu erringe» war er fest entschlossen, da zu dem Vermögen die Besitzerin eine unabtrennbare Beigabe war. Zweites Kapitel. Ihr sollt Horaz seyn und Tibullus ich! Pope. Lord Vargravc ward aus seiner Träumerei anf- gcstört durch den Eintritt des Grafen von Saringham. „Sic sind willkommen!" sagte Lumlcy, „willkommen! Gerade der Mau» nach dem ich verlangte." Lord Saringham, der sich kaum verändert hatte, seit wir ihm das letztem«! in dem ersten Thcile dieses Werks begegneten, außer daß er etwas blässer und magerer geworden und daß sein Haar vom Eiscngran ins Schneeweiß übcrgcgangcn war, warf sich in den Armstuhl neben Lumlcy und sagte: „Vargravc, es ist 4 » 52 in Wahrheit höchst widerwärtig, daß wir uns immer so von unfern eigenen Parteigenossen eingeengt und gehemmt sehen müssen. Ich verstehe diese neu gebackene Politik nicht — dich Abzirkeln von Maßregeln, der Opposition zu gefallen, und dieß Hinwcrfen von Brocken, um das vielköpfige Ungeheuer, die öffentliche Meinung genannt, zu beschwichtigen. Ich bin gewiß, cs wird höchst unglücklich endigen." „Ich bin damit wohl zufrieden," versetzte Lord Vargravc. „Alle Kraft und Einheit scheinen von »ns gewichen zu scpn; und wenn inan die *** Frage gegen uns aufs Tapet bringt, weiß ich nicht, was da werden will." „Ich meines Thcils, ich werde abtrcten," sagte Lord Saringham mürrisch: „cs ist die einzige Wahl, die Männern von Ehre bleibt." „Sic irren Sich — ich weiß noch etwas Anderes." „Und Was denn?" „Daß Sic selbst ein Eabinct bilden. Sehe» Sic mein lieber Lord, Sic sind mißbraucht worden; Ihr hoher Charakter, Ihre lange Erfahrung werden verächtlich behandelt. Es ist eine Beleidigung für Sic — die Stelle die Sic jetzt innc haben. Sic Gehcimsic- gelbcwahrcr! — Sic sollten Premier scpn — ja und wenn Sic Sich von mir rathcn lassen, so sollen Sie Premier werden." Lord Saringham wechselte die Farbe und athmctc schwer. „Sie haben oft schon darauf angcfpielt Lumlcy; aber Sie sind so fren»dschaftlich-partcHsch." „Ganz und gar nicht. Sic lasen den einleitenden Artikel in der-- von heute? Zwei Abendblätter werden binnen fünf Stunden den ncmlichcn Ton an- stumncu. Wir sind stark bei der Presse, bei den Gemeinen, beim Hof — lassen Sie uns nur fest Zusammenhalten. Diese *** Frage, durch welche sie unserer los zu werden hoffen, wird ihnen den Hals brechen. Sie sollen Premierminister scyn, ehe das Jahr herum ist — beim Himmel, das sollen Sic! — und dann, hoffe ich, werde ich auch Zutritt im Cabinct erhalten!" „Aber wie — wie Lumlcy? — Sie sind zu rasch, zu verwegen!" „Das war mein Fehler bisher nicht; aber in unserer Lage ist Keckheit — Vorsicht. Wenn sie »ns jetzt hin- tuiSdrängcn, so sehe ich den unvermeidlichen Gang der Dinge voraus — wir werden neben draußen bleiben auf Jahre lang, vielleicht auf Zeitlebens. Das Cabinct wird sich mehr und mehr von unser» Grundsätzen, unserer Partei entfernen. Jetzt ist cs Zeit zu einem entschlossenen Standhaltcn — jetzt können wir uns zu Etwas machen oder uns den Hals brechen. Ich trete nicht zurück — der König ist auf unserer Seite — man soll unsere Stärke kennen lernen. Diese hochmnthigcn Schwächlinge sollen in die Grube fallen, die sic für uns gegraben haben." Lumlcy sprach warm und mit der Zuversicht eines vom Erfolg fest überzeugten Geistes. Lord Saringham 54 war aufgeregt — glanzende Traume gaukelten ihm vor — die Stelle des Premierministers — ein Herzog, thum. Und doch war er alt und kinderlos und seine Ehren und Titel erloschen mit dem letzten Lord von Saringham! „Sehen Sie," fuhr Lnmlcp fort, „ich habe nnsm HiilfSmittel fo genau berechnet, als ein Wahlnmtriebs- agcnt seine Stimmenlistc entwerfen kann. Von der Presse habe ich mich des-und des-versichert; bei den Gemeinen haben wir den schlauen- und die Kraft des->, und den populären Namen des-, und alle Flecken von-; im Cabinct haben wir den — —, und unsere Stärke bei Hof kennen Sie. Lassen Sie »ns unfern Augenblick wählen — ein rascher conx, — ein Gespräch mit dem König — eine Auseinandersetzung unserer Gcwiffcnsbcdcnk- lichkcitcn gegen diese abscheuliche Maßregel. Ich kenne den citcln, starren Geist des Premiers; er wird die ruhige Fassung verlieren — er wird seine Entlassung anbictcn — zu seinen, Erstaunen wird sie angenommen werden. Man wird Sic holen lasse» — wir lösen daS Parlament ans — wir strengen bei de» Wahlen alle Nerven an — wir dringen durch, ich weiß, wir dringen durch. Aber halten Sic inzwischen reinen Mund — scpcn Sic vorsichtig — lassen Sic sich kein Wort entschlüpfen — lassen Sic uns für geschlagen gelten- lullen Sic den Verdacht in Schlummer — lassen Sic uns über unsere Schwäche klagen und hindenten, nur hindciitcn anfnnscrn Austritt — aber mit Versicherungen j 55 g fortgesetzter Unterstützung. Ich weiß schon, wie sie verblenden, wenn Sic cs nur wir überlassen." Der schwache Geist des alten Grafen war wie eine Puppe in den Händen seines kecken Verwandten. Im einen Augenblick fürchtete — im andern hoffte er - jetzt suhlte sich sein Ehrgeiz geschmeichelt — jetzt sein Ehrgefühl beunruhigt. 2» Lumlcp's Plan, die Regierung zu stürzen, mit welcher er selbst im Amt war, lag etwas, das einen Anschein von Tücke und Niederträchtigkeit hatte, und was Lord Saringham, dessen persönlicher Charakter gerade und rein war, keineswegs billigen konnte. Aber Vargravc übcrschwatzte ihn mit meisterhafter Geschicklichkeit und als sie sich trennten, trug der Graf den Kopf zwei Zolle höher — er machte schon die Vorbereitung zu seinem politischen Steigen. „Das wäre gut - das wäre gut!" sagte Lumlcy sich die Hände reibend, als er wieder allein war; — „der alte Faseler wird mein Stellvertreter ffepn, bis Jahre und Nus mich befähige», sein Nachfolger zu werden. Inzwischen aber werde ich in der That scpn, was er dem Namen nach!" Hier trat Lord Vargrave's wohlgenährter Diener, der jetzt zur Würde eines Kammerdieners und Hausmeisters cmporgesticgcn war, mit einem Brief ins Zimmer. Der Brief hatte ein ungliickwcissagcndcs Aussehen — er war nnt einer Oblate gesiegelt — das Papier war blau, die Hand schrcibermäßig — kein >.i. Umschlag — cr trug den Stempel seiner höllischen Abkunft an der Stirne — cs war ein Mahnbrief! Lumlcy öffnete den Brief mit einem nnmnthigen Pah! Der Mann, ein Silbcrarbcitcr (Lumlep's Silbergeschirr ward sehr bewundert 0 hatte seit Jahren vergebens sein Geld gefordert; die Summe war groß — cr drohte mit Erckntion! — Erekution! — das ist eine Kleinigkeit für einen reichen Mann; aber für Einen der im Verdacht der Armnth stand — der in diesem Augenblick gerade nach einem so hohe» Ziel strebte — dem die öffentliche Meinung so unentbehrlich war — der wußte, daß nichts als sein Titel und der kaum ihn vor dem Namen und den Mißkredit eines Abenteurers schützten! Er mußte sich eben wieder an die Geldauslcihcr wenden — sein kleines Bcsitzthum war schon lange zu tief verschuldet, als daß cs noch Sicherheit hatte leisten können. Wucher, wieder Wucher! — cr kannte dessen Preis und senkte — aber was war zu machen? „Es ist nur noch um einige Monate, wenige Monate, und Evclinc muß die Meinigc scpn. Saringham hat mir schon geliehen was cr kann; aber cr ist selbst in Verlegenheit. Dieß verdammte Amt, was für eine Auflage das ist! und die Schufte sagen, wir scpcn zu hoch bezahlt! Und ich gar, der ich glücklich und vergnügt in einer Dachkammer leben könnte, wenn dieß bcutelstolzc England nur Einen nach seinem Einkommen leben ließe. — Mein Mitpflcgcr, der Bankier, meines Oheims alter Corrcspondcnt — ha! ein guter 57 Gedanke! Er kennt die Bedingungen des Testaments, er weiß daß ich im schlimmsten Fall 30,000 Pf. bekomme, wenn ich nur noch ein paar Monate lebe. Zn dem will ich gehen!" Drittes Lapitcl. .^MIMIM rinne Inie celvrein nimc ckivickit illuc- Vlrx. Der verstorbene Mr. Tcmplcton war ein Bankier in einer Provinzialstadt gewesen, welche den Mittelpunkt großer kommerzieller und landwirthschaftlichcr Thätigkcit und Unternehmungslust bildete. Er hatte den größten Thcil seines Vermögens in den glücklichen Tagen des Papiergeldes und Krieges gesammelt. Neben seiner Landbank besaß er auch einen ansehnlichen Antheil an einer ziemlich bedeutenden Bank der Hauptstadt. Zur Zeit seiner Vermählung init der jetzt verwitweten Lady Vargravc, zog er sich ganz von den Geschäften zurück und kam nie wieder in die Stadt, in welcher er seinen Ncichthum gesammelt hatte. Er hatte beständig einen vertrante» Verkehr mit dem Prinzipal und ältesten Thcilhabcr der genannten Mctropolitanbank unterhalten; denn er war ei» Mann, der immer gern von Geldsachen sprach mit Solchen, die sich darauf verstanden. Dieser Herr, Mr. Gustav Doucc, war neben 58 Lumlcp von Tcmplcton zum Pfleger von Lumlcp's Vermöge» ernannt worden. Sic hatten unbeschrankte Vcll- macht, cs in beliebigen Fonds anzulegcn, wie cs ihnen am sichersten und vorthcilhaftestcn schien. Die Pfleger schienen gut gewählt, da der Eine, bestimmt das Vermögen dereinst zu thcilcn, das größte Interesse bei dessen Sicherheit hatte, und der Andere, vermöge seines Berufs und seiner Kenntnisse de» trefflichsten Nach geben konnte. Den Mr. Gustav Doucc hatte Lord Vargrave selten gesehen; sic kamen nicht zusammen. Aber Lord Vargrave, in der Meinung, jeder reiche Mann könnte irgend einmal eine wiinschcuswerthc Bekanntschaft scpn, lud ihn regelmäßig jedes Jahr zum Essen ein, und zweimal hatte er zur Erwiederung bei Mr. Douce gespeist , auf einem der glänzendsten Landhäuser und auf einem der prächtigsten Silbergeschirre, die er je hatte sehen und bewundern dürfen; — so daß die kleine Gefälligkeit, die er sich zu erbitten im Begriff stand, nur eine geringe Erwiederung von Lord Vargravc's Herablassung war. Er fand den Bankier in seinem Privat-Hciligthum, seinen Wagen vor der Thürc — denn cs schlug eben vier Uhr — um welche Zeit Mr. Douce regelmäßig nach Cascrta fuhr, wie er seine obenerwähnte Villa etwas gesucht zu nenne» beliebte. Mr. Doucc war ein kleiner, nervöser Mann — er schien nicht völlig Herr über seine Glieder — wenn er sich verbeugte, schic» er Einem ei» Geschenk mit seinen Deinen machen zu wollen — wenn er saß, fuhr er zuerst auf diese, dann auf jene Seite hinüber; er steckte seine Hände in die Taschen, zog sic dann heraus und sah sie wie erstaunt an — dann ergriff er eine Feder, welche ihn zum Gluck beständige Beschäftigung gab. Mittlerweile betrachtete man an ihm ein ununterbrochenes Gesichtsspicl — wie man cs passend nennen konnte — zuerst lächelte er, dann sah er ernsthaft ans — zog jetzt die Augcnbraunc» hinauf, bis sic wie Regenbogen am Horizont seines fahlen, strohgelben Haars dastanden — und gleich darauf ließ er sie herab- schnappcn wie eine Lawine über die.zwinkcndcn, unruhigen, zuckenden, kleinen blauen Augen, die dann fast unsichtbar wurden. Mr. Doucc hatte wirklich ganz das Aussehen eines krankhaft schüchternen Mannes, was um so sonderbarer war, als er im Ruf der Unternehmungslust und selbst der Kühnheit in den Geschäften seines Berufs stand und gern in der Gesellschaft der Vornehmen lebte. „Ich komme zu Ihnen, mein thcurcr Sir," sagte Lord Vargravc nach den Begrüßungs-Präliminarien, „um Sic um eine kleine Gefälligkeit zu bitten, die Sie, wenn Ihnen die Erfüllung im mindesten unbequem scpn sollte, Sich ja nicht bedenken dürfen, mir abzuschlagcn; Sic wissen in welchem Vcrhältniß ich zu meiner Mündel, Miß Cameron stehe. In wenigen Monaten wird sic, hoffe ich, Ladp Vargravc sepn." j Mr. Doucc zeigte drei kleine Zähne; mehr hatte j ihm das Schicksal vorn im Munde nicht stehe» lassen; ^ und dann, wie erschrocken über die llnzarthcit, zu lächeln über einen solchen Gegenstand, rückte er seinen Stuhl vorwärts und zog seine löschpapicrfarbncn Beinkleider hinauf. „Ja, in wenigen Monaten hoffe ich wird sie Ladp Vargravc scpn; und dann, wissen Sic, Mr. Doucc, wird cS mir nicht an Geld fehlen!" »Ich hoffe — das heißt ich bin gewiß — daß — ich glaube, daß das nie der F—Fa—Fall scpn wird bei Euer Lordschaft," fiel Mr. Doucc mit schüchternem Stocken ein. Neben seinen übrigen guten Eigenschaften stotterte auch Mr. Donce nicht wenig beim Vortrag seiner Sätze. „Sic sind sehr gütig, aber cs ist eben jetzt der Fall; ich bin einiger tausend Pfunde, ans meine persönliche Sicherheit, sehr bcnöthigt. Meine Güter sind bereits ei» wenig belastet, und ich möchte nicht noch mehr Schulden ans sic häufen; zudem soll das Anlchcn nur ans kurze Zeit scpn; Sic wissen, daß wenn Miß Cameron, nach Erreichung ihres achtzehnten Jahres, mich auöschlägt — sein Fall, der außer aller Frage liegt, aber im Geschäft muß man auch die Unwahr- schcinlichkciten berechnen) , ich Anspruch habe auf die von ihr zu leistende Entschädigungssumme, 38,000 Pfund — Sic erinnern Sich." „Oh ja — das heißt — ans mein Wort — ich — ich weiß nicht genau — aber — Eure Lord— L—L— L—ordschaft weiß das am besten — ich bin so — st 6t beschäftigt gewesen — ich vergaß die genaue Summe — hm — hm!" „Wenn Sic mir im Testament Nachsehen wollen, werden Sic finden, daß cs so ist, wie ich sage. Nun, könnten Sie mir ohne Unbequemlichkeit einige wenige Tausend Pfund nur für kurze Zeit zur Verfügung stellen? — aber ich sehe, es ist Zh»en nicht genehm. Es thnt nichts; ich kann cs ja sonst wo bekommen ', nur, weil Sic meines guten Oheims Freund waren —" „Eure L— Lordfchaft mißversteht mich ganz," sagte Mr. Doucc mit zitternder Aufregung; „auf mein Wort; ja ein Paar tau—tau—tausend Pfund — ganz gewiß. Euer Lordschaft Bankier ist — ist —" „Drnmmond — widerwärtige Leute — so gar ungefällig. Gewiß werde ich mich an Ihr Hans wenden, wenn die Führung meiner Geldgeschäfte sich besser verlohnt." „Sic erweisen mir viel — viel Ehre; ich will eben — für einen Augenblick — hinaus — hinaus — und — und mit Mr. DobS sprechen; — aber Sic können Sich darauf verlassen — Entschuldigen Sic mich! Morning Chrou—Chron—Chroniclc, mein Lord!" Mr. Douce fuhr auf, wie galvanisirt, und lief zum Zimmer chinauö, während er, hin und her hüpfend versicherte, er würde keinen Augenblick weg scpn. „Ein guter kleiner Kerl das — ganz wie ein clck- trisirter Frosch!" murmelte Vargrave, indem er das Morning-Chronicle anfnahm, das ihm der Bankier so besonders empfohlen; und wie er den leitenden Artikel 62 suchte, fand cr eine» sehr beredten Angriff auf seine Person. Lumlep hatte in solchen Sachen eine dicke Haut — cr hatte cs gern, wenn man ihn angriff — cs zeigte, daß cr eine Nolle in der Welt spielte. Mr. Doncc kam sogleich wieder. Zu Lord Var- gravc'S Erstaunen und Entzücken kündigte cr ihm an, daß zehntausend Pfund unverzüglich dem Herrn Drummond cingchändigt werden sollten. Sein Empfangschein mit dem Versprechen, nach drei Monaten zu bezahlen — mit fünf Proccnt Interesse, scp ganz genügend; drei Monate scp et» kurzer Zeitraum, aber der Schein konnte auf dieselben Bedingungen von Vierteljahr zu Vierteljahr erneuert werden, bis Sr. Lvrdschaft ganz bequem scp, daö Geld hcimzuzahlcn. ' „Ob ihm Lord Vargrave die Ehre erzeigen wolle, nächsten Montag in Cascrta mit ihm zu speisen?" Lord Vargrave strebte Gleichgültigkeit zu erheucheln über diese ihm so plötzlich in die Hände gekommene große Summe baarcn Geldes; in der That aber verrückte sie ihm fast den Kopf; cr faßte nach Mr. Doncc's beiden magern, schwachen und zitternden Händen und war sprachlos vor Dankbarkeit und Entzücken. Diese Summe, welche seine kühnsten Erwartungen um das Doppelte überstieg, befreite ihn von allen seinen dringenden Verlegenheiten. Als cr wieder seiner Stimme mächtig war, dankte cr seinem lieben Mr. Doucc mit einer Wärme, welche den kleinen Mann schien in eine Nnßschaalc scheuchen zu wollen; und versicherte ihn, er wolle jeden Montag im Jahre bei ihm speisen, wenn 63 er cs verlange. Er wäre jetzt gern fortgcgangcn; aber er dachte nnt Recht, Weggehen sobald er seinen Wunsch erreicht, würde selbstsüchtig erscheinen; und so setzte er sich denn wieder und Mr. Doucc auch, und das Gespräch kam ans Politik und Neuigkeiten; aber Mr. Donce, der Alles mit einem kommerziellen Auge an- zuschcn schien, wußte, Vargrave wußte selbst nicht recht wie, dem Gespräch von dem französischen Minister- Wechsel eine Wendung ans den Stand des englischen Geldmarkts zu geben. „Es ist in Wahrheit, in der That, mein Lord — ich sage cs gewiß mit Grund — eine sehr schlimme Z—Z—Zeit für Geschäftsleute — freilich für Jedermann — so armselige Interessen bei den englischen Fonds — und doch sind Spekulationen so nnrathsam. Ich ricth meinem Freund Sir Gilcs Grimsby einiges Geld in den amerikanischen Cvnsols anznlcgcn; eine höchst schwierige Vcr—Vcr—Verantwortlichkeit für mich, darf ich wohl sagen; ich bi» vorsichtig im — im Rath- gcbcn; aber Sir Gilcs war ein alter Freund — ein Vcr—Verwandter darf ich sagen; aber zu gutem Glück schlug Gottlob Alles ein — d. h. cs fiel gut ans — wie ich gewiß hoffte — dreißig Prozent — und der Werth der Aktien verdoppelt. Aber solche Fälle sind sehr selten — wahre göttliche Schickungen, darf ich sagen!" „Nun, Mr. Donce, wenn ich je Geld ansznlcihc» habe, so muß ich zu Ihnen kommen und Sie um Rath fragen." 64 „Ich werde mich jederzeit sehr glücklich schätzen, Euer Lordschaft zu — zu rathcn; aber ich Lin stein großer Freund davon; — da ist der Miß Camcron Vermögen ganz in drciprocentigen und Schatzkammcr- schcincn — ha! cs hätte inzwischen eine Mil—Million werden können — wenn der gute alte Herr — ich bitte nm Verzeihung — der alte Edelmann, mein armer thenrcr Freund, noch lebte." „Wirklich!" sagte Lumlcp vergnügt und die Ohren spitzend; „er war ein guter Haushälter, mein Oheim." „Es gibt keinen bessern, keinen bessern. Ich darf wohl sagen, ei» Genie für Ge—Geschä — hm, hm! Miß Camcron eine junge Dame — versteht etwas von den Geschäften, mein Lord?" „Nicht gar viel, glaube ich — eine Million sagten Sic?" „Wenigstens — ja wohl! wenigstens — Geld so klemm — die Spekulation so sicher in Amerika — große Leute die Amerikaner — ein aufstrebendes Volk — Nie—Nie—Riesen—Niesen!" „Ich raube Ihnen Ihren ganzen Morgen — das ist sehr Unrecht von mir," sagte Vargravc, als die Glocke fünf Uhr schlug; „die Lords versammeln sich diesen Abend — wichtige Geschäfte — noch einmal tausend Dank Ihnen — guten Tag!" „Einen recht guten Tag Ihnen, mein Lord; erwähnen Sie cs doch nicht; jederzeit sehr erfreut Zhncn zu die—dienen;" sagte Mr. Doucc, Kratzfüße machend, sich verbeugend und tänzelnd nm den Lord Vargravc herum, als dieser durch das äußere Arbeitszimmer zu dem Wagen ging. „Keinen Schritt weiter; Sie werden Sich erkälten. Leben Sic wohl — am Montag also, um sieben Uhr. — Nach dem Haus der Lords." Und Lumlcy warf sich in bester Laune in seinen Wagen. viertes Kapitel. Oubliö «Is 'pnllie, et brave rlu Senat. Voltaire. Drutun äet. II. 8c. I. Im Hause der Lords war an diesem Abend die Diskussion sehr lebhaft und dauerte lauge — es war die letzte Partcidcbattc dieser Session. Die schlaue Opposition versäumte nicht, mit besonderem Nachdruck, obwohl nur beiläufig und zufällig, die Frage in Anregung zn bringen, über welche, wie man finsterte, im Kabiuct selbst einige Uneinigkeit herrschte und überhand nahm. Lord Vargravc erhob sich spät; sein Gcmiith war aufgeregt durch das Glück bei seiner heutigen Negoziation; er fühlte sich selbst als einen Mann von Wichtigkeit mehr als gewöhnlich, wie cs einem Mann in einigen Nöthen Wohl geschehen kann, wen» er eine große Summe bei seinem Bankier zur Verfügung hat; Bulwer's Romane. l,XIX. 5 06 überdicß war er gereift durch einige persönliche Anspielungen auf ihn selbst, geäußert von einem würdigen alten Lord, der seinen Stammbaum von der Arche Noah ablcitctc und so reich wie Erösus war. Deßhalb sprach Vargravc mit mehr als gewöhnlicher Lebhaftigkeit. Seine ersten Satze werden mit lautem Beifall begrüßt — er wurde warm — wurde heftig — er sprach die positivsten und unabänderlichsten Grundsätze über die berührte Frage aus — er überschritt gröblich die Grenzen der Mäßigung nnd Klugheit, innerhalb welcher die Häupter scincrPartci sich zu halten wünschten; — statt zu versöhnen ohne zu komproltiittircii, reizte, erbitterte nnd kompromittirtc er. Die zornigen lauten Rufe der Gegenpartei wurden laut crwicdcrt durch den Beifallsruf der Hitzigeren von seiner eigenen Seite. Der Premier jedoch und einige seiner Kollegen beobachteten ein dumpfes Stillschweigen. Einmal notirte sich der Premier etwas, setzte sich dann wieder und zog den Hut tiefer über die Stirne herab. Es war ein schlimmes Zeichen für Lumlcp, aber er sah der Opposition ins Gesicht und beachtete cs nicht. Er setzte sich triumphircud nieder; er hatte eine höchst eindringliche und zugleich höchst unglückliche Rede gehalten — ein sehr gewöhnliches Zusammentreffen. Der Führer der Opposition antwortete ihm mit bitterer Ruhe, und als er, einige seiner scharfen Sätze anführcnd, sich gegen den Premier wandte nnd fragte: „Sind diese Ansichten auch die des edcln Lords? — Zch erwarte eine Antwort — ich habe das Recht, eine Antwort zu 67 verlangen;" da bemerkte Lumley mit Erstaunen den Ton, in welchem der Chef des Kabincts das vielsagende bcdcntnngsvollc: Hört! hört! rief. Um Mitternacht rcassnmirtc der Premier die Debatte. Seine Rede war kurz und zeichnete sich durch Mäßigung aus. Er kam ans die ihm vorgclcgtc Frage — tiefe Stille herrschte im Hanse — man hätte eine Stecknadel fallen hören — die Gemeinen hinter dem Throne drängten sich, mit ängstlicher und lebhafter Neugier auf den Gesichtern, vor. „Ich bin anfgcfordcrt worden," sagte der Minister, „zu erklären, ob die von meinem cdcln Freund ausgesprochenen Ansichten auch die mcinigcn, als des ersten RathgcbcrS der Krone, sehen. Meine Lords, in der Hitze der Debatten darf nicht jedes Wort so ängstlich abgewogen, nicht so streng ausgclcgt werden." (Hört! hört! ironisch von den Oppositions- beifällig von den Schatzkammcrbänkcn.) „Mein edler Freund wird ohne Zweifel verlangend sehn, zu erklären-, was er zu sagen beabsichtigte. Ich hoffe, ja ich hege keinen Zweifel, daß seine Erklärung befriedigend sehn wird für den edel» Lord, für das HauS und für das Land. Aber da ich anfgcfordcrt bi» zu einer bestimmten Antwort auf eine bestimmt gestellte Frage, will ich gerade heraus sagen, daß, wenn jene Ansichten von dem cdeln Lord, welcher zuletzt gesprochen, richtig aufgc- faßt worden sind, dann jene Ansichten nicht die mcinigen sind, und nie die Handlungsweise irgend eines KabinctS 5 * leiten und beseelen werden, von welchem ich ein Mitglied bin." (Lang anhaltender Znruf von der Opposition.) „Zugleich bin ich überzeugt, daß die Meinung meines edel» Freundes nicht richtig verstanden worden ist; und bis ich von ihm selbst das Gcgcnthcil höre, erlaube ich mir Euren Herrlichkeiten zu erklären, was ich für den Sinn seiner Worte halte." Und hier entkleidete der Premier mit einem Takt, durch den sich zwar kein Mensch täuschen lassen konnte, aber den Jedermann bewundern mußte, die unglücklichen Sätze Lord Vargravc's jeder Sylbc, die irgend Jemand anstößig scpn konnte, und verwandelte so die spitzen Epigramme und die heftigen Anklagen in ein höchst harmloses Gewebe von Gemeinplätzen. Das Haus war sehr aufgeregt; man rief nach Lord Vargravc und Lvrd Vargrave erhob sich rasch. Es war ein solches Dilemma, aus welchem sich mit Gewandtheit heraus zu winden Lumlcy gerade der Mann war. Er hatte so viel männliche Frcimüthigkcit in seinem Benehmen — so viel schlaue Feinheit in seinem Geist! Er beklagte sich mit stolzer, ehrlich- schcincndcr Bitterkeit über den Sinn, den man seinen Worten aufgedrnngcn. „Wenn," setzte er hinzu (und kein Mensch konnte besser als er die rhetorische Wirksamkeit der Argumentation T» guogiie), „wenn jeder von dem edcln Lord in seinem Eifer für die Freiheit gesprochene Satz, in frühem Tagen wäre mit gleicher Strenge ausgclcgt oder mit gleichem Scharfsinn mißdeutet werden, so hätte der edle Lord längst als ein Brandstifter angcklagt, vielleicht gar als Vcrräthcr vcrurthcilt werden müssen!" Heftiger Beifallsruf von den ministeriellen Bänken — Ruf: zur Ordnung! von der Opposition. Ein kriegerischer Lord stand auf mit dem Verlangen, daß zur Ordnung gerufen werde, und wandte sich nach dem Wollsack. Lnmlcy setzte sich — wie erbittert über die Unterbrechung; — er hatte die von ihm beabsichtigte Wirkung hcrvorgcbracht — er hatte die anfänglich öffentliche Frage in eine» Privatstrcit verwandelt — eine neue Aufregung erhob sich — dem Hanfe ward Staub ins Auge gestreut. Einige Redner standen auf, die Sachen ins Gclcis zu bringen; und nachdem eine halbe Stunde der dem Staat gewidmeten Zeit glücklich verschwendet war, gaben sich der edle Lord auf der einen und der edle Lord auf der andern Seite die gebührenden Erklärungen, sagten einander gegenseitig die höchsten crsinnlichcn Komplimente, und Lnmlcp konnte seine Rechtfertigung beendigen, die jetzt nach der vorangcgangcncn Erplosion als etwas vcrglcichnngs- wcisc Laues und Unerhebliches erschien. Er erfüllte seine Aufgabe so, daß er dem Anschein nach alle Parteien zufrieden stellte — den» alle Parteien waren jetzt der Sache müde und sehnten sich zu Bette zu gehen. Aber am andern Morgen gingen Gerüchte in der Stadt — standen Artikel in verschiedenen Zeitungen, offenbar von kundiger Feder — war eine Freude unter der Opposition — und eine allgemeine Ahnung, daß, wenn auch die Regierung für diese Sitzung noch zusammen- 70 halte, der Zwiespalt in ihr doch noch vor dem nächsten Zusammentritt des Parlaments anSbrcchen würde. Als Lnmlcp nach dieser stürmischen Debatte sich in seinen Mantel hüllte, kam der Marquis von Raby, ein Peer von großen Besitzungen und Einer der ganz Lumlch's Ansichten billigte — ans ihn z», und schlug ihm vor, miteinander in seinem (Rabp's) Wage» nach Hanse zu fahren. Vargravc willigte gerne ein und schickte seine Leute fort. „Sic hielten sich vortrefflich! mein lieber Vargravc," sagte Lord Nabv, als sic in dem Wagen saßen; „ich stimme ganz mit allen Ihren Ansichten überein, ich gestehe, Mein Blut kochte, als ich-(den Premier) halb und halb seine Absicht anSsprechcn hörte, Sie über Bord zu werfen. Ihr Hieb ans *** war unbezahlbar; er wird cs einen Monat lang nicht verwinden; — und Sic zogen Sich trefflich heraus!" „Es freut mich, daß Sic mein Benehmen billigen — es ist mir ein Trost," sagte Lord Vargravc mit Gefühl; „ich sehe vollkommen alle Folgen voraus, aber ich kann Allem trotzen, wenn cs den Charakter und das Gewissen gilt." „Ich denke gerade so wie Sie!" versetzte Lord Nabp mit einiger Wärme, „und wenn ich mir denken könnte, daß-gesonnen sch, diese Frage fallen zu lassen, so würde ich mich gewiß seiner Verwaltung widersctzcn." Vargrave schüttelte den Kopf und schwieg, waS dem Lord Naby einen hohen Begriff von seiner besonnenen Verschwiegenheit beibrachtc. ' Nach einigen weitern Bemerkungen über politische Gegenstände lud Lord 8'abp Lumlep ein, ihm einen Besuch ans seinem Landsitz zu machen. »Ich gehe nächsten Montag nachKnarcsdean; Sie wissen, wir haben in dem Park Wettrennen — und in der That gibt es manchmal ein ganz hübsches Jagen — in jedem Fall ist cs ein hübsches Schauspiel. Bei den Lords wird jetzt nichts Vorkommen — das Ende der Sitzung ist ganz nahe; und wen» Sie abkommen könne», werden Ladp Nabp und ich höchst erfreut scpn, Sie bei nns zu sehen." „Sie dürfen versichert sepn, mein lieber Lord, daß ich Ihre Einladung nicht ausschlage; in der That, ich hatte im Sinne, Ihre Grafschaft in der nächsten Woche zu besuchen; Sic kennen vielleicht einen Mr. Merton?" „Charles Merton; — gewiß! — höchst respektabler Mann — Kapitalkcrl — der beste Pfarrer in der Grafschaft — kein heuchlerischer Schwätzer, aber durch und durch rechtgläubig; gewiß ist er cs, der seinen Bruder in der Ordnung hält, der, obwohl ein sehr thätigcs Mitglied, doch in manche» Fragen ist, was ich einen Schwcbler nenne. Kenne» Sie Merton schon lang?" „Ich kenne ihn bis jetzt gar nicht — meine Bekanntschaft erstreckt sich bis jetzt nur ans Gattin und Tochter, ein ganz artiges Mädchen im Vorbeigehen 72 bemerkt. Meine Mündel, Miß Camcron, hält sich bei ihnen auf." „Miß Camcron — Camcron — ah! ich verstehe; ich meine gehört zu haben, daß - aber die Klatschmäuler sagen nicht immer die Wahrheit." Lumley lächelte vielsagend und der Wagen hielt jetzt vor seiner Thiirc. „Vielleicht nehmen Sic am Montag eine» Sitz in unserem Wagen an?" sagte Lord Nabp. „Montag? — Leider bin ich schon sonst versagt; aber am Dienstag erwarten mich Eure Lordschaft." „Ganz gut — die Nennen fangen am Mittwoch an — wir werden ein volles Haus bekommen — gute Nacht!" Fünftes L a p i t c l. Hoinnnciili ijiianli -nint, anin recogilo. Es leuchtet ein, daß wir ans vielen Gründen kurz scyn müssen über die politische Jntrikc, in welche der ränkcvolle Geist Lord Vargravc's sich eingelassen hatte. Es würde in der That kaum möglich scpn, die erforderliche Mitte zu halten zwischen einer gar zu deutlichen Hinweisung ans historische Facta und einer zu verwickelten Maskirnng. Dcßhalb genügt cs wohl, ganz kurz zu 73 > j wiederholen, was der Leser schon aus dem Vorangc- I gangcncn sich abgcnommcn, nämlich daß die vorliegende I Frage eine solche war, wie sic oft unter allen Rcgic- , rungcn Vorkommen, — über welche das Kabinet gc- ^ theiltcr Ansicht war, und bei der die schwächere Partei die stärkere hinauszudrückcn und zu überlisten suchte. Die Mißvergnügten, vorausschcnd daß früher oder später der Körper der Administration aus den Fugen gehen würde, waren wieder unter sich gcthciltcr Meinung, ob sic freiwillig austrctcn, oder bleiben und ihre andersgesinnten-Kollegen zum Austritt zu zwingen suche» sollten. Die Reicheren und Ehrlicheren waren für den ersten Schritt; die Acrmcrcn und Abhängigeren für de» zweiten. Wir haben gesehen, daß die , letztere Politik die von Vargrave angenommene und ' empfohlene war — (denn obgleich nicht im Kabinet sitzend, wußte er doch immer irgendwie dessen Gehcim- j nissc auSznkundschaftcnsj, aber zugleich verwarf er auch l nicht die andere Sehne, um damit seinen Bogen zu beziehen. Wen» cs möglich war, seine Faction so zu z ordnen und zu verstärke», daß durch den Staatsstreich Z einer plötzliche» Resignation in ansehnlicher Masse die » ganze Negierung aufgelöst und eine neue gebildet wcr- den mußte aus denen, welche ausgetreten waren, so ^ blieb dicß offenbar der beste Plan. Aber dann zweifelte ^ ^ wieder Lord Vargravc a» seiner eigene» Stärke, und ^ befürchtete, seinen Kollegen in die Hände zu arbeiten, tz die vielleicht ohne ihn und seine Verbündeten sich besser ' behaupten, und durch Versöhnung der Opposition in k dcr politischen Bewegung einen Schritt vorwärts thm, konnten, welcher Lord Vargrave seines Amts und für viele kommende Jahre aller Macht, alles Einflusses beraubte. Er bereute selbst seine Raschheit in dcr letzten Debatte, — in der That auch nur eine vorschnelle Keckheit, entsprungen ans augenblicklicher Aufregung — denn dcr schlauste Redner ist bisweilen unklug. Er brachte die nächsten Tage abwechselnd damit z», dcr einen Partei beschwichtigende Erläuterungen zu geben, und die andere zu sondircn, zu vereinige», ;n befestigen. Seine Bemühungen in jener Richtung wurde» von dem Premier mit dcr kalten Höflichkeit eines beleidigten aber umsichtige» Staatsmannes cntgcgenge- nommcn, dcr eben so viel glaubte als er wollte, und lieber die ihm selbst gelegene Zeit zu einem Bruch mit seinem Untergebenen abwartctc, als durch Befriedigung seiner Gereiztheit und Erbitterung eine Nnklugheit wagte. In dcr letzteren Beziehung sah der scharfblickende Abenteurer, daß sei» Boden noch unzuverlässiger war, als er sich gedacht hatte. Mit Verdruß und geheimer Wuth entdeckte er, daß Viele von Denen, die am lautesten ihm Beifall gerufen, so lang er auf Seite» dcr Negierung stand, ihn alsbald verlassen würden, wenn er vom Amt käme. Beliebt als untergeordneter Minister, wurde er mit ganz andern Augen angesehen, sobald die Frage davon war, ob man, statt seinen Ansichten Beifall zu rufe», sich selbst seiner Leitung überlassen sollte. Die Einen wollten dcr Negierung nicht miß- 75 fällig werden; Andere wünschten sie nicht zu schwächen sondern auf bessere Wege zn bringen. Einer seiner kräftigsten Verbündete» im Hans der Gemeinen war ein Kandidat für eine Pccrschast — ein Anderer erinnerte sich plötzlich, daß er ein naher Verwandter des Premiers scp; — Manche lachten über den Gedanken einer Puppe von Premier in Lord Saringhams Person — Andere ließe» Lord Vargrave nicht undeutlich merken, daß er selbst nicht eben eine Stellung im Lande cinnchmc, welche der neuen Partei Achtung und Ansehen erwerben würde — der Partei, von der er, wo nicht das Haupt, doch der Wortführer werden wollte; — sic für ihre Person — sie kennten ihn — bewunderten ihn — vertrauten ihm; — aber die verwünschten Gcntlemcn vom Lande — und das abgeschmackte Publikum! Beunruhigt — erschöpft — und erbittert sah'sich jetzt der Jntrikant, für den Augenblick wenigstens, zur Unterwerfung gezwungen; — und mehr als je empfand er jetzt die Nothwcudigkcit, an Evclinens Vermögen einen Rückhalt für den Fall zu haben, daß der wechselnde Zufall der Karten ihn seines Gehalts berauben würde. Er war froh, für eine Weile Athcm schöpfen und den Verdrießlichkeiten »nd Verlegenheiten, die auf ihn einstürmtcn, entrinnen zu können, und er sah init dem lebhaften Verlangen eines elastischen und sanguinischen Geistes — der immer von einem Entwurf sich zu einem andern flüchtete — seinem Ausflug nach B-shirc entgegen. Auf Mr. Douce's Villa traf Lord Vargravc einen jungen Edelmann, der so eben ein Vermöge» ange- trcten hatte, das nicht nur in großem, unverschuldetem Grundbesitz bestand, sondern auch geeignet war, dem Besitzer in den Augen der Politiker Wichtigkeit zu verleihen. Die Güter Lord Doltimorc's, in einer sehr kleinen Grafschaft gelegen, gaben zuvcrläßig die Ernennung wenigstens Eines Repräsentanten ihm anheim, während ein kleines Dorf hinter seinen Parkanlagen die Rechte eines Wahlffcckcns hatte und zwei Mitglieder ins Parlament schickte. Lord Doltimorc, eben erst vom Festland znrückgckommcn, hatte noch nicht einmal seinen Sitz im Hause der Lords eingenommen; und obgleich seine Verwandtschaften, so wie sie waren — nicht sehr glänzend und keineswegs vom höchsten To» — für ministeriell galten, hatten sich seine politischen Ansichten noch nicht geäußert. Diesem jungen Edelmann erwies Lord Vargravc besondere Aufmerksamkeit; er war ganz der Mann, jüngere Männer als er war anzuzichcn, und mit seinen Bemühungen um Lord Doltimorc's Neigung glückte cs ihm trefflich. Seine Lordschaft war ein kleiner, blasser Mann, mit einem sehr beschränkten Anthcil von Verstand — hochmiithig in seinem Wesen — geschniegelt in seiner Kleidung — nicht bösartig au fand — und mit nicht Wenig vom englischen Gentleman in seiner GcmüthS- art; — das heißt, er war ehrenhaft i» seinen Ideen und Handlungen, so weit seine natürliche Beschränkt- heit und vcrnachlä'ßigte Erziehung ihm gestatteten klar zu erkennen sdurch den Nebel von Dornrthcilcn, durch die Vorspiegelungen Anderer und das falsche Licht der zerstreuten Gesellschaft, in welcher er lebte), was Recht und was Unrecht war. Aber seine Hauptcharaktcrzüge waren Eitelkeit und Einbildung. Er hatte viel mit jüngeren Söhnen gelebt, gescheuter als er, die sein Geld von ihm borgten, ihre Pferde an ihn verkauften und ihm im Kartenspiel abgcwanncu. Dafür aber erwiesen sic ihm alle jene Schmeicheleien, welche junge Männer mit einem so ernstlichen Anschein hcr;lich-ge- mcintcr Bewunderung zu erweisen verstehen. „Gewiß haben Sie die besten Pferde in Paris. — Sie sind in der That ein verteufelt tüchtiger, guter Geselle, Dol- tünorc. Oh, wissen Sic, Doltimore, was die kleine Dvsirbs von Ihnen sagt? Sic haben sicherlich dem Mädchen den Kopf verrückt." Diese Art von Schmeichelei von dem einen Geschlecht ward nicht ausgeglichen und verbessert durch große Strenge vom andern. Lord Doltimore, zwci- undzwanzig Jahre alt, war eine sehr gute Partie — und was auch sonst seine Gcistcsmängcl scpn mochten, so viel Verstand hatte er schon, um zu merken, daß man ihm viel größere Aufmerksamkeit widmete — sowohl von Seiten der Operatänzcr, die einen Freund, als tugendhafter junger Damen, die einen Gatten suchten — als irgend einem der Genossen, mit welchen er gewöhnlich lebte, so stattlich manche von ihnen ihrer äußern Erscheinung nach waren. „Sic wcrdcn nicht lange in der Hauptstadt verweile»/ nunmehr doch die Saison vorüber ist?" sagte Vargravc, als er nach Tisch und nachdem die Damen sich zurückgezogen, sich an Lord Doltimorc's Seite fand. „Nein, gewiß nicht; schon während der Saison gefällt cs mir in London nicht besonders. Paris hat mich ziemlich verwöhnt für andere Aufenthaltsorte." „Paris ist gewiß sehr angenehm — das Sichgehen- lassen des französischen Lebens hat einen Reiz, der unserem förmlicheren und prunkcndercn Wesen fehlt. Aber dennoch muß für einen Mann wie Sic London viel Anziehendes haben." „Nun ich habe viele gute Freunde hier; aber doch, nach Asket langweilt cs mich ziemlich." . „Haben Sic auch Pferde auf der Rennbahn?" „Noch nicht; aber Lcgard (Sic kennen Lcgard vielleicht — ein sehr guter Kerl), liegt mir sehr an, ich solle mein Glück versuchen. Ich war sehr glücklich bei de» Wettrennen in Paris — Sic wissen, wir haben dort auch Rennen eingcführt. Die Franzosen finden natürlich vielen Geschmack daran." „Ach wirklich — cs ist schon so lange, daß ich nicht in Paris war — eine höchst aufregende Ergötziichkcit! — L;>roz,o8 von Wettrennen — ich gehe morgen zu Lord Naby's — ich meine in einer der Morgenzcitun- gen gelesen zu haben, daß. man in Knarcsdean ein Pferd, auf das sehr Viel gewettet ist, habe cinschreibcn lassen?" „Ja, den Donnerer — ich denke den Donnerer 79 z„ kaufen. Lcgard — Oberst Lcgard — (er war Hauptmann bei der Garde, aber er verkaufte seine Stelle—) ist ei» guter Kenner und räth mir de» Kauf an. Wie sonderbar sich das trifft, daß Sic auch nach Knaresdcan gehen." „Seltsam, wahrhaftig — aber höchst glücklich! Wir können miteinander gehen , wenn Sie keine bessere Gesellschaft haben." Lord Doltimorc wurde roih und bedachte sich. Einerseits fürchtete er sich ein wenig, mit einem so gescheuten Manne allein zu scpn; andererseits war cs eine Ehre — cs war etwas, wovon er Lcgard sprechen konnte. Dcmungcachict trug cs die Scheue über die Eitelkeit davon — er entschuldigte sich — cs thue ihm leid, er habe sich verpflichtet, Legard dahin mitzunchmcn- Lumlcp lächelte und änderte das Gespräch; und so angenehm wußte er sich zu machen, daß, als die Gesellschaft auseinander gicng und Doliimorc eben mit dem Wirth die Hände geschüttelt hatte, Doltimorc auf ihn ;u kam und mit einiger Verwirrung sagte: „Ich denke ich kann mich von Lcgard losmache» — wenn — wenn Sic —" „Das ist herrlich! — Um welche Zeit wollen wir aufbrechcn? Wir werde» nicht sehr viel vor Essenszeit gehen dürfen — um ein Uhr?" „O ja! nicht allzulange vor Essenszeit — ein Uhr wird ein wenig zu früh sepn." „Zwei Uhr also. Wo haben Sie Ihre Wohnung?" 80 „Bei Fcnton." „Ich will Sic abholen — gute Nacht! — Ich bin begierig den Donnerer zn sehen!" Sechstes Kapitel. Die Gesundheit der Seele ist nicht zuverläßigrr als die des Körpers, und wie weit man auch außer dem Bereich der Leidenschaften zu stehe» scheint, ist man doch ebenso in Gefahr von ihnen hingerissen zu werden. als krank zu werden, wenn inan gesund ist. La Rochefoucauld. Trotz der Bemühung Maltravcrs', alle Gelegenheiten zn vermeiden, Evclincn zn sehen, wurden sie doch nothwcndig einigcmale znsammcngefnhrt in den Kreisen der Provinzialgastlichkcit; — und wirklich hätte, wenn Mr. Mcrton oder Caroline (die schlauere Beobachten« unter beiden), je einen Verdacht gefaßt hätten, daß Evclinc an Maltravcrs eine Eroberung gemacht, sein Benehmen bei solchen Gelegenheiten denselben gänzlich zerstreuen müssen. Maltravcrs war ein Mann, tiefen Gefühls fähig, aber nicht mehr ein Jüngling, der jeder verführerischen Aufwallung sich hingab. Ich habe gesagt, Scclcn- stärke scy seine Licblingstugcnd gewesen — aber Sce- lcnstärkc ist eine Tugend für seltene große Fälle! eine 81 andere Tugend aber war, ebenso wenig glänzend und in Gunst bei den Menschen, die er bei den Pflichten des täglichen berufsmäßigen Handelns sich zum Maßstab nahm — die Gerechtigkeit. Im früher» Leben hatte er sich in die konventionelle Florimcl verliebt, die wir Ehre nennen — ein fliehendes, schattcnartiges Gespenst, das nur der Nester der Meinung der Zeit und des Landes ist. Die Gerechtigkeit dagegen hat etwas Dauerndes und Gediegenes in sich, und aus der Gerechtigkeit entspringt die ächte, nicht die falsche Ehre. „Ehre!" sagte Maltravcrs — „Ehre verhält sich zur Gerechtigkeit, wie die Bliithc zub Pflanze — sic ist deren Entfaltung, Blume und Vollendung! Aber Ehre die nicht aus der Gerechtigkeit entspringt, ist nur ein bemalter Lappen, eine künstliche Rose, welche die männlichen Putzmacherinnen der Gesellschaft uns gern als natürlicher denn die ächten aufbindcn möchten." Dicß Gcrcchtigkcitsprinzip suchte Maltravcrs in Allem durchzufül-rcn — vielleicht nicht mit durchgängigem Erfolg, denn welche Praris vermöchte immer die Theorien zu realisircn? — aber doch blieb wenigstens sein Streben nach Erfolg sich gleich. Vielleicht war cs dieß, was ihn immer von den Ausschweifungen zu- riickgchalten hatte, zu welchen rcichbegabte und großsinnige Naturen so geneigt sind — von den Ucbcr- schwänglichkcitcn des Pscudogcnius. „Niemand" zum Beispiel pflegte er zu sagen, „kann Bulwer's Romane, l,XIX. 6 82 für seine Person sich in Geldverlegenheit und in zerrütteten Umständen befinden, ohne auch Andern Verlegenheiten zu bereiten. Wer kann gerecht scyn ohne eine vernünftige Sparsamkeit? Und was sind Mild- thätigkcit — Großmuth anders als die Poesie und .Schönheit der Gerechtigkeit?" Niemand durfte Maltravcrs zweimal um eine gerechte Schuld ansprcchcn, und Niemand durfte ihn je an die Erfüllung eines Versprechens mahnen. Man fühlte, daß mau, mochte kommen, was da wollte, sich auf sein Wort verlassen konnte. Auf ihn konnte man den witzigen Lobspruch anwcndcn, welchen Johnson einem gewissen Edelmann crthciltc: „Wenn er Einem eine Eichel versprochen hätte und die Eicheln wären in England nicht gcrathen, so hätte er eine in Norwegen holen lassen." So war cs denn nicht der bloße normannische und ritterliche Geist der Ehre, dem er in seiner Jugend gehuldigt hatte, als einem wesentlichen Thcil dcö Schönen und Ziemlichen, aber der in der Jugend der Versuchung unterlegen war, wie ein Gefühl immer einer Leidenschaft weichen muß — sondern cS war der härtere, überlegte, hartnäckige Grundsatz, die spätere Frucht tieferer und edlerer Weisheit, was in dieser Krisis seines Lebens Maltravcrs'Handlungsweise regelte. Gewiß ist, daß er nie geliebt hatte, wie er Eveline liebte und daß er doch nie so wenig der Leidenschaft sich hingcgcbcn. „Wenn sie mit einem Andern schon in einem 83 Vcrhältniß steht," dachte er, „so ziemt cs einem Dritten nicht, an der Auflösung dieses Verhältnisses zu arbeiten. Ich bin am wenigsten befugt und geeignet, ein richtiges llrthcil über die Stärke oder Schwäche der Bande zu fallen, welche sic an Vargrave ketten — denn meine Gefühle würden wieder meinen Willen mein llrthcil bestechen. Ich mag mir cinbildcn, daß ihr Verlobter ihrer nicht würdig ist — aber das zu entscheiden ist ihre Sache. So lange das Band besteht — Wer hätte das Recht, sic zur Zerreißung desselben zu versuchen?" Gemäß diesen Gesinnungen, welche die Welt vielleicht für überspannt auschcn mag, zog sich Maltravers, so oft er mit Evclincn zusammcntraf, hinter eine starre und beinah frostige Förmlichkeit zurück. Wie schwer war dicß bei einem so einfachen und offenherzigen Wesen! die arme Evclinc — sie glaubte ihn beleidigt zu haben, sie hätte ihn gerne um diese Beleidigung befragt — vielleicht in ihrem Bestreben seinen Genius aufzurcgcn und zu wecken, hatte sie ein geheimes Weh des Gemüths, eine verborgene Wunde der Erinnerung berührt? Sic rief sich alle ihre Gespräche mit ihm zu wiederholten Malen vor die Seele zurück. Ach! warum konnten sic nicht erneuert werden! Auf ihre Phantasie und ihre Dcnkkraft hatte Maltravcrs einen nie auszn- löschcndcn Eindruck gemacht. Sic schrieb häufiger als je an Lady Vargrave und der Name Maltravers fand sich auf jedem Blatt ihrer Briefe. 6 * 84 Eines Abends trat im Hanse eines Nachbars Miß Camera» smit der Familie Mcrton) beinah im ncm- lichcn Augenblick mit MaltravcrS in das Zimmer. Die Gesellschaft war klein und erst so Wenige angckominen, daß Maltravcrs, ohne auffallende Unart, unmöglich seine Bekannte von der Nektorci vermeiden konnte, und Mrs. Mcrton, sich neben Evclinc setzend, winkte verbindlich Maltravcrs, den dritten leeren Platz auf dem Sopha cinznnchmcn, in dessen Mitte sic selbst saß. „Wir murren Alle über Ihre Landgutsvcrbcsscrim- gcn, Mr. Maltravcrs, da sie uns Ihre Gesellschaft kosten. Aber wir wissen, daß unser einförmiger Kreis einem Mann langweilig »nd schaal erscheinen muß, der so Viel gesehen hat. Zcdoch hoffen wir bald einen Sic hcrlockendcn Gast zu bekommen an Lord Vargravc. Was für ein lebhafter, angenehmer Mann das ist!" Maltravcrs richtete seine Blicke, ruhig und durchdringend ans Evclinc bei den letzten Worten dieser Rede. Er bemerkte daß sic blaß wurde und unwillkürlich seufzte. „Er war sehr munter und lustig, als ich ihn kannte," sagte er, „und er hatte damals noch weniger Grund, sich glücklich zu fühlen." Mrs. Mcrton lächelte .und wandte sich ziemlich bedeutungsvoll gegen Evclinc. Maltravcrs fuhr fort: „Ich sah den verstorbenen Lord nie. Er hatte, glaube ich, nichts von der Lebhaftigkeit seines Neffen." „Ich habe gehört, er scy sehr streng gewesen, 85 sagte Mrs. Mcrto», ihr Glas auf eine Gesellschaft richtend, welche eben cintrat. „Streng!" rief Evclinc — „ach! wenn Sie ihn gekannt hätten! — der gütigste — der nachsichtigste Mann — Niemand hat mich je so geliebt wie er!" Sic hielt innc, denn Sic fühlte daß ihr Mund bebte. „Ich bitte Sie um Verzeihung, meine Liebe," sagte Mrs. Mcrto» kalt. Mrs. Mcrton hatte keinen Begriff von dem Scbmcrz, den mau Einem verursacht, wenn man Einem auf eine Empfindung tritt. Mal- travcrs war gerührt und Mrs. Mcrton fuhr fort:' „Kein Wunder, wenn er freundlich gegen Sic war, Evclinc — ein Barbar würde das scpn; — aber er galt allgemein für einen finstern Mann." „Ich sah nie eine finstere Miene — ich hörte nie ein rauhes Wort von ihm; ja, ich erinnere mich nicht, daß er sich je des Worts: Befehlen bediente!" rief Evclinc beinahe zornig. Mrs. Mcrton stand im Begriff zu antworten, als sie plötzlich einer Dame ansichtig ward, deren kleines Mädchen an den Masern krank gewesen; ihre mütterlichen Gedanke» bekamen jetzt schnell eine andere Richtung und sie rauschte fort mit jener Spmpathic, welche alle Häupter einer Heranwachsende» Familie unter sich verknüpft. Evclinc und Maltravcrs blieben allein. „Sic erinnern Sich, denke ich, Ihres Vaters nicht mehr?" sagte Maltravcrs. „Keines Vaters als des Lords Vargravc; so lang er lebte empfand ich den Verlust eines andern nie." 86 „Sicht Ihnen Ihre Mutter gleich?" „Ach, ich wollte ich könnte das glauben; cs ist das liebreichste Antlitz." „Haben Sic kein Bild von ihr?" „Keines — sie wollte sich nie dazu verstehen zu sitzen." „Ihr Vater war ein Canicron; ich habe Mehrere dieses Namens gekannt." „Keine Verwandte von nns — meine Mnttcr sagt, wir haben keine Verwandte mehr am Leben." „Und haben wir keine Hoffnnng, Lady Vargrave in B-shire zn sehen?" „Sic verläßt ihr Hans nie; aber ich hoffe bald nach Brook-Green zurückzukchrcn." Mältravers seufzte und das Gespräch nahm eine neue Wendung. „Ich habe Ihnen für die Bücher zn danken, die Sic so gütig waren mir zu schicken; — ich hätte sie Ihnen schon früher zurückscndcn sollen," sagte Evelinc. „Ich brauche sie gar nicht. Die Poesie hat ihren Reiz für mich verloren; besonders diejenige Gattung derselben, die mit der Methode und Symmetrie auch etwas von der Kälte der Kunst verbindet. Wie gefiel Ihnen Alficri?" „Seine Sprache ist eine Art von spartanischem Französisch," antwortete Evelinc, mit einem jener glücklichen Ausdrücke, welche dann und wann die Lebendigkeit ihres natürlichen Talentes offenbarten. „Ja," sagte Maltravcrs lächelnd; „die Kritik ist scharfsinnig. Armer Alficri! än scincm verworrenen Leben und in seinen stürmischen Leidenschaften verschwendete er die ganze Fülle seines Genius; und seine Poesie ist nur der Spiegel seiner Gedanken, nicht seiner Gefühle. Glücklicher der Mann von Genius, der nach seiner Vernunft lebt und seine Gefühle nur an seine Verse verschwendet!" „Sic glauben doch nicht, daß wir Gefühle an menschliche Wesen verschwenden?" sagte Evclinc mit anmuthigcm Lachen. „Legen Sie mir diese Frage vor, wenn Sic meine Jahre erreicht haben und auf Felder schauen können, an welche Sic Ihre wärmsten Hoffnungen — Ihre edelsten Bestrebungen — Ihre innigsten Neigungen gewendet haben — und Sic den Boden ganz unergiebig und öde sindcn. Hänge dein Herz nicht an die Dinge der Erde! sagt der Prediger." Evelinc war ergriffen von dem Ton, den Worten und dem melancholischen Ausdruck im Gesicht des Redenden. „Sic am wenigsten unter allen Menschen sollten so denken," sagte sic mit lieblicher Lebhaftigkeit; „Sic, der Sic so viel gcthan haben, die Herzen Anderer zu erwecken und zu sänfiigcn — Sic — der —" sie stockte und setzte ernster hinzu: „Ach Mr. Maltravcrs, ich kann nicht mit Ihnen streiten, aber ich will hoffen, daß Sic Ihre eigene Philosophie widerlegen werden." „Ginge Ihr Wunsch in Erfüllung," antwortete Maltravers, beinahe finster und mit einem Ausdruck 88 ticfcn Schmerzcns in seinem zusammcngczogcncn Mund, „so hätte ich Ihnen viel Elend zu danken." Er stand rasch auf und wandte sich weg. „Wie habe ich ihn beleidigt?" dachte Evclinc bekümmert. „Ich spreche nie, ohne daß ich ihn verletze — was Hab' ich gcthan?" Sie hätte in ihrer unbefangenen Herzensgute beinahe Lust gehabt, ihm zu folgen um Frieden mit ihm zu schließen; aber er befand sich jetzt in einem Schwall von Fremden, und verließ bald darauf das Zimmer und sic sah ihn Wochen lang nicht wieder. Siebentes Kapitel. stiilül 68t aliud magnum «piam mulla m'mul». Vrrt. üuct. Ein ängstliches Vorkommniß trübte den glatten Fluß heitern Lebensgenusses auf der Nektorci Mcrton. Als Eveline eines Morgens herunter kam, vermißte sie die kleine Sophie, welche sich das unbestrittene Vorrecht eines Stuhls neben der Miß Eamcron beim Frühstück zu erringen gewußt hatte. Mrs. Mcrton erschien mit ernsterem Gesicht als gewöhnlich. Sophie war unwohl, hatte Fieber; das Scharlachsieber war in der Nachbarschaft ausgcbrochcn. — Mrs. Mcrton war sehr angefochten. 89 „Es ist um so unglücklicher, Caroline," sagte die Mutter, zur Miß Mcrton sich wendend, „weil wir morgen, wie du weißt, auf einige Tage hätten nach Knarcsdcan gehen wollen, um die Wettrennen zu sehen. Wenn die arme Sophie nicht besser wird, fürchte ich, du und Miß Camcron müssen ohne mich gehen. Ich kann nach der MrS. Hare schicken, um Euere Gclcitsdamc zu scpn; sic wird cs mit Freuden thnn." „Die arme Sophie!" sagte Caroline; „cs thut mir sehr leid zu hören daß sie unwohl ist; aber ich denke, Taplor wird ihr alle mögliche Sorgfalt widmen; Sic brauchten sicherlich nicht hier zu bleiben, wenn sic nicht viel schlimmer wird." MrS. Mcrton, die, so gleichgültig sic schien, eine zärtliche und aufmerksame Mutter war, schüttelte den Kopf und sagte nichts; aber Sophie wurde vor Mittag viel schlimmer. Man schickte nach dem Arzt und dieser gab die Erklärung, daß cs das Scharlachsicbcr scp. Jetzt war nothwcndig, Maßregeln gegen die Ansteckung zu treffe». Caroline hatte die Krankheit gehabt »nd theiltc gern mit ihrer Mutter zwei oder drei Stunden den Liebesdienst der Pflege. MrS. Mcrton entsagte der Partie. Man schrieb an Mrs. Hare — (die Frau eines reichen Squire in der Nachbarschaft —) und diese Dame übernahm es willig, Caroline und ihre Freundin zu begleiten. Man hatte Sophie schlafend verlassen. Als Mrs. Mcrton zu ihrem Bett zurückkam, fand sic Evelinc 90 ganz ruhig neben ihr sitzend. Dicß beunruhigte sie, denn Evclinc hatte das Scharlachficbcr noch nicht gehabt und man hatte ihr das Krankenzimmer verboten. Aber die arme kleine Sophie war aufgewacht und hatte kläglich nach ihrer lieben Cvp verlangt; und Evy, die um das Zimmer hcruingcstrcift war, hörte von dieser Nachfrage durch die geschwätzige Wärterin und faßte den Entschluß hineinzngchc»; und das Kind sah sic so flehentlich an, als Mrs. Merton cintrat, und sagte so kläglich: „Nehmt mir doch Evp nicht fort!" daß Evc- line standhaft erklärte, sic furchte sich nicht im mindesten vor Ansteckung und sie muffe bleiben. Za, ihre Theilnahme an der Pflege würde um so nothwcndiger scpn, als Caroline am folgenden Tag nach Knarcsdcan gehe. „Aber Sic gehen ja auch hin, meine liebe Miß Camcron." „Wahrhaftig, ich könnte nicht; ich frage nichts nach Wettrennen, ich hatte nie den Wunsch hinzugchen; ich wäre viel lieber hier geblieben, und Sophie würde gewiß ohne mich nicht gesund — nicht wahr, Liebe?" „O ja, doch — wenn ich Sic von dem schönen Rennen abhaltc — ich würde schlimmer, wenn ich das denke» müßte." „Aber ich habe keine solche Freude an dem schönen Nennen, Sophie, wie deine Schwester Carrp; sic muß hingchcn; ohne sic ist das Ganze Nichts; — aber mich kennt Niemand und so werde ich nicht vermißt werden." „Ich kann davon nichts hören," sagte Mrs. Merton 91 mit Thronen im Auge; und Evcline sagte jetzt nichts mehr; aber am folgenden Morgen war Sophie noch übler auf, und die Mutter war zu angstvoll und betrübt, um noch an Ecrcmonien und Höflichkeit zu denken, — so blieb Evcline. Ein wchethucndcs Gefühl durchzuckte einen Augenblick Evcliucns Brust, als Alles ins Reine gebracht war; aber sie unterdrückte den Seufzer, welcher den Gedanken begleitete, daß sic die einzige Gelegenheit, die sich ihr vielleicht in Wochen darbot, Maltravers zu sehen, versäumt habe; dieser Möglichkeit hatte sic wirklich mit Interesse und scheuer Freude cntgcgcngc- fthen; — diese Möglichkeit war verloren — aber warum sollte sic das verdrießen! — was war er ihr? Earolinc'n schlug das Herz in -Sclbstvorwurf als sic in ihrem Lilakhut und neuem Kleide in das Zimmer trat, und die kleine Sophie, auf sic ihr Auge richtend, das, obgleich matt und krank, doch noch ein kindisches Vergnügen beim Anblick von Putz und schönen Kleidern ausdrücktc, auSricf: „Wie hübsch und geputzt du anssiehst, Earrp! — nehmt doch Evp mit — Evp ist auch so hübsch." Caroline küßte schweigend das Kind und blieb unentschlossen stehen; sie betrachtete ihren Anzug und dann Evp, die sic ohne einen Gedanken von Neid anlächeltc; und sic hatte halb schon im Sinn, auch zu bleiben, als ihre Mutter mit einem Brief von Lord Vargrave cintrat. Er war kurz; er werde bei dem Rennen in KnarcSdcan scpn — hoffe sic dort zu treffen und sic 92 dann nach Haus zu begleite». Diese Nachricht stimmte Carolinens Entschluß um und war eine Belohnung für Evcliuc. Nach wenige» Minuten kam Mrs. Hare an, und Caroline, froh vielleicht ihren eigenen Vorwürfen zu entgehen, eilte in den Wagen mit einem hastigen: „Gott behüte Euch Alle! - scpd nicht so angcfochten — Ich denke gewiß, sic wird bis morgen wieder gesund scpn — und sehen Sie zu, Evcline, daß Sic doch nicht auch das Fieber bekommen!" Mr. Merton sah ernst aus, und seufzte als er ihr in den Wagen half; aber als sie, darin sitzend, sich umwandte und die Hand gegen ihn küßte, da nahm sie sich so schön und vornehm aus, daß ein Gefühl väterlichen Stolzes seinen Verdruß über ihren Mangel an Gefühl besänftigte. Er selbst verzichtete auf den Besuch; aber einige Zeit nachher, als Sophie in einen ruhigen Schlummer verfiel, meinte er, er könnte cs doch wagen, nach dem Rennplatz hinüber zu galoppircn und zum Essen zurückkehrcn. Tage — ja eine ganze Woche verging — die Nennen waren vorüber — aber Caroline war noch nicht zurück. Inzwischen hatte Sophien ihr Fieber verlassen — sie konnte außer dem Bette, außer dem Zimmer seyn — sic konnte wieder die Treppen hinab gehen und die Familie war glücklich. Es ist erstaunlich, wie das geringste Leiden solcher kleinen Wesen die Räder des häuslichen Lebens hemmt. Evelinc hatte zum Glück das Fieber nicht bekommen; sic war blaß, und durch Anstrengung und Zuhausebleibc» .etwas angegriffen; 93 aber sic fand sich reichlich belohnt durch der Mutter schwimmendes Auge voll stiller Dankbarkeit — durch des Vaters Händedruck — durch Sophiens Genesung — und durch ihr eigenes gutes Herz. Sie hatten zweimal von Carolinen gehört, welche ihre Rückkehr hinausschob. Lady Naby war so freundlich, sic konnte nicht loskommcn, bis die Gesellschaft aufbrach; — sie war so erfreut über die Nachrichten von Sophie. Lord Vargravc war noch nicht zu einem bleibenden Besuch in der Rcktorci cingctroffcn, aber er war zwei Mal vorbcigcrittcu und hatte einige Stunde» verweilt. Er gab sich alle crsinnlichc Mühe, Evclincn zu gefallen; »nd sie — die, getäuscht durch sein äußeres Benehmen und unter dem Einfluß der Erinnerungen an eine lange, vertrauliche Bekanntschaft mit ihm, blind war über seinen wahren Charakter — machte sich bitterere Vorwürfe als je über ihren Widerwillen gegen seine Bewerbung und über ihr undankbares Bedenken, den Wünschen ihres Stiefvaters zu gehorchen. Gegen die Eltern Mcrton sprach sich Vargravc mit gutmüthigcnl Lob über Caroline ans; sic war so bewundert; sic war die Schönheit in Knaresdcan. Ein junger Freund von ihm namentlich, Lord Doltimore, war offenbar von ihr verwundet. Die Eltern dachten ernstlich den durch diese letzten Worte in ihnen erweckten Ideen nach. Eines Morgens machte die geschwätzige MrS. Hare — die Ncuigkcitskrämcrin der Nachbarschaft, einen Besuch auf der Rcktorci; sic war vor zwei Tagen von 94 Knarcsdca» zurückgekommcn, und auch sic wußte ihr Thcil von Carolinens Eroberungen zu erzählen. „Ich versichere Sic, meine liebe Mrs. Mcrton, hätten wir nicht alle gewußt, daß sein Herz schon von einem Gegenstand erfüllt war, wir hätten geglaubt, Lord Vargravc scy ihr größter Bewunderer. Ein ganz entzückender Mann, der Lord Vargravc! aber was den Lord Doltimorc betrifft, so war das eine förmliche Licbcständclci. Entschuldigen Sic mich — kein Skandal, wissen Sie, ha, ha! — ein hübscher junger Mann, aber steif und zurückhaltend — nicht das bezaubernde Wesen von Lord Vargravc." „Kehrt Lord Raby in die Hauptstadt zurück, oder bleibt er jetzt für den Herbst in Knarcsdcan?" „Er geht am Freitag, glaube ich. Sehr wenige von den Gästen sind noch dort. Lady A. und Lord B. und Lord Vargravc und Ihre Tochter, und Mr. Lcgard und Lord Doltimorc und Mrs. und MisscS Cipher; — alle Ucbrigcn reisten an Einem Tage mit mir ab." „Wirklich!" sagte Mrs. Mcrton mit einiger Ncbcr- raschung. „Ah, ich lese Ihre Gedanken; Sic wundern Sich, daß Miß Caroline nicht zurückgckommc» ist — ist cs nicht das? Aber vielleicht Lord Doltimorc — ha, ha! — keinen Skandal jetzt! — entschuldigen Sic mich!" „War Mr. Maltravcrs in Knarcsdcan?" fragte Mrs. Mcrton, ängstlich bemüht, den Gegenstand der Unterhaltung zu ändern und auf keine andere Frage sich besinnend. Evcliuc schnitt ein Pferd aus Papier 95 a„S, für Sophie, die — ihre muntere Laune gan; »erflogen — auf dem Sopha lag und den zierlichen Fingern bei jeder Bewegung aufmerksam folgte — plötzlich rief sic: „Böse Evy, Sie haben dem Pferd den Kopf abgcschnittcn!" „Mr. Maltravcrs — nein, ich glaube nicht; nein, er war nicht dort. Lord Raby bat ihn ausdrücklich und dringend zu kommen, und war, wie ich weiß, sehr verdrießlich, daß er nicht kam; — aber ü i>ro;>»8 von Mr. Maltravcrs: ich traf ihn vor noch nicht einer Viertelstunde, diesen Morgen, wie ich hicher kam. Sic wissen, er erlaubt uns durch seinen Park zu gehen, und da ich eben im Park war, ließ ich den Wagen halten „m ihn anzurcdc». Ich sagte ihm, daß ich hierher gehe und daß Sic das Scharlachficbcr im Hause haben, was der Grund scp, daß Sic nicht den Wettrennen angewohnt; und er wurde ganz blaß und sah so bestürzt aus. Ich sagte, wir fürchteten Alle, Miß Ca- mcron möchte cs bekommen; und — entschuldigen Sic mich — ha, ha! — kein Skandal, hoffe ich — aber —" „Mr. Maltravcrs," rief der Hausmeister, die Thürc aufstoßcnd. Maltravcrs trat mit raschem, sogar hastigem Schritt ein; er blieb stehen, als er Evclinc erblickte; und sein ganzes Antlitz ward augenblicklich von einem Ausdruck der Freude erleuchtet, der ebenso schnell wieder erstarb. „Das ist recht freundlich, gewiß," sagte Mrs. 98 Mcrton; „cs ist so lang, daß wir Sic nicht gesehen haben." „Ich bin gar sehr beschäftigt gewesen," murmelte Maltravcrs beinahe »»hörbar, und setzte sich neben Evclinc. „Ich hörte nur so eben erst —^vaß — daß Sic eine Krankheit im Hause hatten — Miß Camcron, Sie sehen blaß ans, Sic — Sic sind doch nicht unwohl gewesen, hoffe ich?" „Nein — ich bin ganz wohl," sagte Evcline mit einem Lächeln; und sic suhlte sich glücklich, daß ihr Freund wieder liebreich gegen sic sich erwies. „Nur ich bin cs, Mr. Ernst," sagte Sophie; „Sie haben mich vergessen!" Maltravcrs eilte sich gegen diesen Vorwurf zu vcrthcidigcn, und Sophie und er waren bald wieder die besten Freunde. . Mrs. Harc — welche die Ucberraschung dieser plötzlichen Begegnung bisher stumm gemacht hatte und die gern das gemeine Sprüchwort vom Wolf in der Fabel in eine elegante Paraphrase gekleidet hätte, öffnete jetzt wieder ihre Schleusen. Sic plauderte fort — zuerst an das Eine, dann an das Andere, dann an Alle hin, bis sic sich selbst außer Athcm geplaudert; — und dann war die orthodorc halbe Stunde verstrichen, und die Glocke ward gezogen und der Wagen bestellt, und Mrs. Harc stand auf, um wcgzugchen. „Kommen Sic doch an die Thürc, Mrs. Mcrton," sagte sic, „und besehen meinen Pony-Phaeton, er ist so hübsch — Lady Raby bewundert ihn so sehr; Sie 97 sollten gerade auch so einen haben." Während fie sprach', beglückte sic die Mrs. Mcrton mit einem bedeutungsvollen Mick, welcher so deutlich als mir immer ein Blick konnte, sagte: „Ich habe Ihnen etwas zu eröffnen." Mrs. Merton verstand den Wink und solgte ihr aus dem Zimmer. „Wissen Sie, meine liebe Mrs. Merton," sagte MrS. Harc in wisperndem Tone, als sic nnbclauscht im Billardzimmer waren, welches das Zimmer, das sic verlassen, von dem Vorsaal trennte, „wissen Sie ob Lord Vargravc und Mr. Maltravers eigentlich gute Freunde sind?" „Nein, wahrhaftig ich weiß nicht; warum fragen Sie?" „Oh, weil, als ich dem Lord Vargrave von ihm sprach, er den Kopf schüttelte; und in der That, ich erinnere mich nicht mehr, was Sc. Lordschaft sagten, aber cS schien mir zu lauten, als ob eine kleine Spannung waltete. Und dann erkundigte er sich sehr angelegentlich, ob Mr. Maltravcrs viel auf die Rcktorci komme, und er machte ein mißvergnügtes Gesicht als er hörte, daß Sic so nahe Nachbarn scpcn. Sic werden mich entschuldigen, Sic wissen — ha, ha! — aber wir sind so alte Freunde; — und wenn Lord Vargrave auf länger« Besuch hichcr kommt, möchte eine Begegnung unangenehm sepn — Sic werden mich entschuldigen. Ich nahm mir die Freiheit, ihm zu sagen, er brauche nicht eifersüchtig zu sepn auf Mr. Bulwer's Romane. I,XIX. 7 98 Maltravcrs — ha, ha! — kein Hcirathsmann das, gar nicht! Aber ich dächte, Miß Caroline ftp der Magnet — Sie entschuldigen mich — kein Skandal — ha, ha! Aber am Ende Lord Doltünorc muß der Mann ftp»; — min, guten Morgen. Ich dachte, ich müßte Ihnen doch einen Wink geben. Ist der Phaeton nicht hübsch? Meine schönsten Komplimente an Mr. Mcrton." Und die Dame fuhr ab. Während dieser leisen Unterhaltung blieben Mal- travcrs und Evclinc mit Sophien allein. Maltravcrs beugte sich noch immer über das Kind hin und schien seinem Geplauder zuzuhvrcn, während Evcline, welche aufgestandcn war, um mit Mrs. Harc die Hände zu schütteln, sich nicht wieder setzte, sondern ans Fenster trat und sich an einem Blumenständer in der Vertiefung zu schaffen machte. „Oh, sehr schön, Mr. Ernst," sagte Sophie — die diesen Taufnamen immer so aussprach, als ob er ein tl> am Schluß hätte — „Sic fragen doch recht viel nach uns, daß Sic so lange wcgblcibcn — ist cs nicht wahr, Evp? Ich habe große Lust, nicht mit Ihnen zu reden, Sir, ja das habe ich!" „Das wäre eine zu harte Strafe, Miß Sophie — nur würde sic, zum Glück, Sic selbst treffen; Sic konnten nicht leben ohne zu plaudern — plaudern Sie — plaudern Sic!" „Aber ich hätte gar leicht nicht mehr plaudern können, Mr. Ernst, wenn Mama und die liebe Evp 99 nicht so liebreich sich meiner angenommen hätten," und das Kind schüttelte traurig das Köpfchen, als ob sic Mitlcidcn mit sich selbst hätte. „Aber Sie werden nicht mehr so lange wegblcibcn, nicht wahr? Morgen darf Sophie spielen — kommen Sie morgen »nd schaukeln Sophie — kein hübsches Schaukeln war mehr, seit Sic weg blieben." Während Sophie sprach, kehrte sich Evcline halb herum, Maltravers Antwort zu hören; er zauderte und Evcline sagte: „Du mußt Mr. Maltravcrs nicht so zurcden und ihn quälen — Mr. Maltravcrs hat zu viel zu thun, als daß er zu uns kommen könnte." Nun war dicß eine sehr empfindliche Rede von Evcline, und die Wangen glühten ihr, wie sie sprach; aber ein schalkhaftes, herausforderndes Lächeln spielte »m ihre Lippen. „Es kan» nur für mich eine Entbehrung sepn, Miß Cameron," sagte Maltravcrs anfstchend und vergebens sich bemühend, dem Zuge zu widerstehen, der ihn zum Fenster hinriß. Der Vorwurf, der in ihrem To» und in ihre» Worten lag, that ihm weh und freute ihn zugleich; — und dann diese Scene — das kranke Kind — rief ihm wieder seine erste Begegnung mit Evcline selbst vor die Seele. Er vergaß für den Augenblick die verflossene Zeit — die neuen Bande die sie fesselten — seine eigenen Entschlüsse. . „Das ist ein schlechtes Kompliment für uns," ant- 7 * Ivo wortete Evclinc frcimüthig, „glauben Sic, wir sepen Ihrer Gesellschaft so wenig wcrth, baß wer sie nicht einmal zu schätzen wissen? aber vielleicht (fuhr sic, die Stimme sinken lassend, fort), vielleicht sind Sic beleidigt worden — vielleicht habe ich — ich — etwas gesagt, das — das Sie verletzte." „Sie!" wiederholte Maltravcrs mit innerer Bewegung. Sophie, welche aufmerksam zugchört hatte, fiel hier ein: „Schütteln Sie die Hände und machen Sie Friede mit Evp — Sie haben getrntzt, garstiger Ernst!" Evclinc lachte und schüttelte ihre sonnigbraunen Locken zurück. „Ich glaube Sophie hat Recht," sagte sie mit bezaubernder Einfalt; „lassen Sie uns Friede machen!" und sic bot ihre Hand Maltravcrs hin. Maltravers preßte die schöne Hand an seine Lippen. „Ach!" sagte er, ergriffen von mannigfachen Gefühlen, welche seine tiefe Stimme zittern machten; „Ihr einziger Fehler ist, daß Ihre Gesellschaft mir mein einsames Haus verleidet; und da Einsamkeit mein Schicksal im Leben scpn muß, suche ich mich bei Zeiten daran zu gewöhnen." Hier kehrte — ob im gelegenen Augenblick oder nicht, möge der Leser entscheiden — Mrs. Merton in das Zimmer zurück. Sie entschuldigte ihre Abwesenheit — sprach von Mrs. Harc und den kleinen Mr. Hares — hübsche Knaben — aber lärmend; und dann fragte sie Mal- 101 travers, ob er Lord Vargravc schon gesehen, seit Sc. Lordschaft in der Grafschaft sey. Maltravers antwortete kalt, er habe noch nicht die Ehre gehabt; Vargrave habe ihn dieser Tage ans dem Wege von der Rcktorei bcsnchcn wollen, er sey aber nicht zu Hanse gewesen nnd habe ihn seit einigen Jahren nicht gesehen. „Er ist ei» Mann von höchst einnehmendem Wesen," sagte Mrs. Mcrton. „Gewiß — höchst einnehmend!" „Und sehr gcschcnt." „Er besitzt große Talente." „Er scheint sehr liebenswürdig." Maltravcrs verbeugte sich und warf einen Blick ans Evcline, deren Angesicht jedoch von ihm abgewandt war. Die Wendung, welche das Gespräch genommen, war dem Bestich zuwider, nnd er stand ans, wcgzu- gchcn. „Vielleicht," sagte Mrs. Merton, „mögen Sic morgen beim Essen mit Lord Vargrave zusammen scyn ; er wird einige Tage bei uns zubringen — so lang er abkommcn kann." Maltravers mit Lord Bargrave zusammen scyn! mit dem glücklichen Vargravc, Evelincns Verlobten? Maltravcrs Zeuge scyn von dem Recht der Vertraulichkeit, von den entzückenden Vergünstigungen, die einem Andern zustande»! und dieser Andere ein Mann, den er Evelincns nicht für würdig halten konnte! Er 102 schauderte vor dem Bilde, das diese Einladung in ihm hcraufbcschwor. „Sie sind sehr gütig, meine liebe Mrs. Mcrton, aber ich erwarte einen Besuch in Burleigh — einen alten, thcncrn Freund, Mr. Clevcland." „Mr. Clcveland! Wir wurden uns sehr freuen, ihn auch bei uns zu sehen — wir kannten ihn vor vielen Jahren, während Ihrer Minderjährigkeit, wo er Burleigh jährlich zwei oder drei Mal zu besuchen pflegte." „Seitdem hat er sich sehr verändert; er ist oft unwohl. Ich furchte, ich kann nicht für ihn Zusagen; aber er wird, sobald er kommt, seinen Besuch machen und sich selbst entschuldigen." Darauf entfernte sich Maltravcrs eilfertig. Er getraute sich nicht mehr, als in einiger Entfernung gegen Evclinc sich zu verbeugen; — sie sah ihn vorwurfsvoll an. So war-cs also wirklich ein überlegter Entschluß sein Wegblciben von der Rcktorei — und warum? sie fühlte sich betrübt — beleidigt — aber mehr betrübt als beleidigt — vielleicht weil Achtung, Thcilnahme, Bewunderung nachsichtiger und milder sind als Liebe! 103 Ä ch 1 k s Kapitel. Arethusa. Es ist schon gut, Mylord. Ihr macht de» Frau'» de» Hof. Cleremont. Gewiß dieser Dame iii ein guter Dienst erwiese» worden gegen ihren Wille». Pl'ilaster. Im Frühstückzimmcr zu Knarcsdean tzißcii am nämlichen Tage und beinahe zur selbe» Stunde, wo die in unserem letzten Kapitel erzählte Scene und Unterredung in der Ncktorci statthatte. Lord Vargravc und Caroline allein. Die Gesellschaft hatte sich, wie gewöhnlich, gegen Mittag zerstreut. In einiger Entfernung hörte man den Ton der Billardbälle. Lord Doltimorc spielte mit Oberst Lcgard, einem der besten Spieler in Europa, der aber zum Glück für Doltimorc in jüngster Zeit sichs znm Gesetz gemacht hatte, nie um Geld zu spielen. Mrs. und die Misses Ciphcr und die meisten Gaste waren als Zuschauer im Billardzimmer. Ladp Nabp schrieb Briefe — und Lord Nabp machte einen Nitt durch das Hauptpachtgut. Caroline und Lnnilcp hatten eine Zeit lang eine angelegentliche und ernste Unterhaltung geführt. Miß Mcrton saß in einem große» Armstuhl — sehr bewegt — das Taschentuch vor den Augen. Lord Vargrave, mit dem Rücken gegen das Kaminstück. beugte sich hinab und sprach 104 sehr leise — während sein unstetes Auge hin und wieder von dem Gesicht der Dame weg nach den Fenstern — nach de» Thiircn spähte, »in gegen jede Unterbrechung gefaßt zu sepn. „Nein, meine thcure Freundin," sagte er, „glauben Sic mir, ich bin aufrichtig. Meine Gefühle für Sic sind wahrlich von der Art, daß keine Worte sie zu schildern vermögen." „Dann warum —" „Warum ich wünsche, daß Sic Sich mit einem Andern vermählen, warum ich selbst eine Andere hei- rathe? Caroline, ich habe Ihnen schon oft erklärt, daß wir hierin die Opfer eines unvermeidlichen Schicksals sind. ES ist unumgänglich nothwcndig, daß ich Miß Camcron hcirathe. Ich täuschte Sie nie, von Anfang an. Ich hätte sie geliebt, mein Herz wäre meiner Hand gefolgt — ohne Ihre allzuvcrführcrischc Schönheit, — ohne Ihren überlegenen Geist! — ja, Caroline, Ihr Geist fesselte mich noch mehr als Ihre Schönheit. Ihr Geist schien verwandt dem mcinige» — beseelt von dem ziemenden und klugen Ehrgeiz, der die Narren in der Welt als Puppen — als Zahlpfen- nigc — als Bauern im Schachspiel betrachtet. Was mich betrifft — ein Engel vom Himmel selbst könnte mich nicht bewegen, das große Spiel des Lebens auf- zngcbcn!-meinen Feinden zu weichen — von der Leiter zu springe» — das gesponnene Gewebe wieder aufzurcißcn. Thcilcn Sic mein Herz — meine Freundschaft — meine Entwürfe! Das ist die ächte und 105 würdige Neigung, die zwischen Seelen, wie die unse- rigcn, bestehen sollte — alles Ucbrigc ist das Vorurteil von Kindern." „Vargravc, ich bin ehrgeizig — wcltlichgcsinnt — ich gesteh' es — aber ich könnte Alles Ihnen zu lieb aufgcbcn!" „So meinen Sic — den» Sic kennen die Größe des Opfers nicht. Sic sehen mich jetzt dem Anschein nach reich, mächtig, angesehen und gesucht; — und dicß Schicksal wären Sic zu thcilen bereit; nnd dicß Schicksal sollten Sie mit mir thcilen, wäre cs wirklich eine Realität, was ich Ihnen bieten könnte..Aber nehmen Sic einmal die Kehrseite. Meines Amts verlustig — ohne Vermögen — von Schulden gedrängt — in offenkundiger Noth — i» schimpflichen und lächerlichen Verlegenheiten — ausgcsctzt der Mißachtung, welche der Armuth und dem fchlgeschlagencn Ehrgeiz folgt — ein Verbannter in einer Stadt des Auslands die armselige Pension verzehrend, zu der ich berechtigt bi» — ein von der Staatskasse unterhaltener Bettler; — und diese erst noch so verschlungen von Forderungen mtd Schulden, daß kein Krauler im nächsten Marktflecken ist, der die Einkünfte des abtrctendcn Ministers beneidete! Abgetreten — gefallen — verachtet in den besten Mannesjahrcn, im Zcnith meiner Hoffnungen I Setzen Sic auch den Fall, ich für mich könnte dicß ertragen — könnte ich es ertragen um Ihretwillen, die Sie geboren sind zu einer Zierde von Höfen? — Und Sic, kö-nnten Sic mich so sehen? — das Leben verbittert — die Laufbahn verloren — und fühlen, großmüthig wie Sic sind, daß Ihre Liebe auf mich, auf »ns beide, ans unsere Kinder dieß jammervolle Loos gewälzt habe? Unmöglich, Caroline! wir sind zu verständig zu einem solchen Roman! Nicht weil wir zu wenig lieben, sondern weil unsre Liebe unsrer gegenseitig würdig ist, verschmähen wir cs, die Liebe zu einem Fluch zu machen. Wir können nicht gegen die Welt kämpfen, aber wir können die Hände mit ihr schütteln und den Filz aus ihren Schätze» verjagen. Mein Herz soll immer Ihnen bleiben — meine Hand muß Miß Cameron's werden. Geld muß ich haben! — meine ganze Laufbahn hängt davon ab. ES heißt buchstäblich bei mir wie bei dem Landstraßcnrittcr — Geld oder das Leben!" Vargrave schwieg und ergriff Carolinens Hand. „Ich kann nicht mit Ihnen streiten," sagte sic; „Sic wissen, welche außerordentliche Gewalt Sic über mich erlangt haben, und gewiß, trotz Alle« was vor- gcgangen ist Hund Caroline wurde blaß) könnte ich doch Alles eher ertrage», als daß Sic mir später eine selbstsüchtige Nichtbeachtung Ihrer Interessen, Ihres gerechten Ehrgeizes sollten vorzuwcrfen haben." „Meine edle Freundin! Ich sage nicht, daß ich nicht tiefe und bittere Qualen empfinden werde, wenn ich Sic einen Andern heirathcn sehe; — aber ich werde mich trösten durch den Gedanken, daß ich Ihnen zu einer Stellung bchülflich gewesen bin, die Ihrer Verdienste würdiger ist, als die ick Ihnen bieten könnte. 107 Lord Doltimorc ist reich; Sic werden ihn seinen Mich- thnm gut anwcndcn lehren; — er ist schwach — Ihr Verstand wird ihn beherrschen; — er ist verliebt — Ihre Schönheit wird hinrcichcn, Ihnen seine Neigung zu bewahren. Ach, wir werden am Ende gute Freunde scpn." Noch mehr, eben dahin Zielendes, schwatzte dieser verschmitzte und schlaue Schurke Carolinen vor, die er abwechselnd beruhigte — anfrciztc — schmeichelte und empörte. Sic liebte ihn gewiß, so weit Liebe in ihr Raum finden konnte; aber vielleicht hatte sein Rang, sein Ansehen bcigctragen, ihre Neigung ihm zu gewinnen; — und unbekannt mit seiner bedrängten Lage, hatte sie die weltlich eitle Hoffnung zu nähren gewagt, er wurde seine Hand, wenn Eveline sic auSschlügc, ihr anbictcn. Zn dieser Voraussetzung hatte sie gctändclt — kokettirt — hatte mit der Schlange gespielt, bis sie sich um sic her ringelte und sic ihrer Verzauberung und ihren Ringen nicht mehr entfliehen konnte. Es war ihr Ernst — sic hatte um Lord Vargravc's willen aus Vieles verzichten können — aber das Gemälde, das er ihr entwarf, erschreckte und entsetzte sic. Für Verlegenheiten in einem Pallast hätte sic wohl »och den Math gefunden — vielleicht auch zu einige» Entbehrungen in einem schöne» Landhaus — nicht aber zn Mangel und Noth in einem Micthgnarticr! Sie horchte allmälig mit mehr Aufmerksamkeit auf Vargravc's Schilderung von der Macht und Huldigung, die ihr Zufällen würden, wenn sic Lord Doltimorc gewinnen 108 könnte — sie horchte — und fühlte sich zum Theil getröstet. Aber der Gedanke an Evclinc schoß ihr wieder unangenehm durch de» Kopf, — und vielleicht vermischte sich mit natürlicher Eifersucht auch einige Betrübnis, über das Loos, zu welchem Lord Vargravc so kalt ein so liebenswürdiges und unschuldiges Wesen zu verdammen schic». „Aber Vargravc," sagte sic, „scpcn Sie nicht allzu sangninisch. Cvclinc kann Sic auch ausschlagcn. Sie sicht Sie nicht mit meinen Augen an; — es ist nur ein Gefühl der Ehre, das ihr bis jetzt verwehrt, offen die Erfüllung einer Verbindlichkeit zu verweigern, vor welcher ihr, wie ich weiß, graut; — und wenn sic nein sagt — und Sie frei sind — und ich eines Andern Gattin —" „Selbst in diesem Fall," unterbrach sic Vargravc, „muß ich zu dem goldnc» Idol »sich wenden — mein Name und Rang müssen mir eine Erbin erkaufen, wenn auch keine so glänzende wie Evclinc, doch wenigstens reich genug, um von meinen Nädern den Hemmschuh nnehrenhaftcr Verschuldung wcgzunchmcn. Aber Evclinc — ich will nicht zweifeln an ihr! — ihr Herz ist noch nicht eingenommen — sic hat noch Niemand gesehen —sic kann noch Niemand gesehen haben im Hause Ihres Vaters." „Nein; bis jetzt ist ihre Neigung noch frei." „Und dieser Maltravcrs — sic ist schwärmerisch, bilde ich mir ein — schien er von ihrer Schönheit oder ihrem Ncichthnm gereizt?" 109 „Nein, ich glaube wirklich nicht; cr ist neuestcns sehr wenig mit uns zusammcngckominen. Er redete mit ihr mehr wie mit einem Kind — die Ungleichheit der Jahre ist so groß." „Ick bin mehrere Jahre älter als Maltravers," murmelte Vargrave verdrießlich. „Sic! — aber Ihr Wesen ist lebhafter, und dcßwcgcn jünger!" „Schöne Schmeichlerin. — Maltravcrs liebt mich nicht — ich fürchte seine Acußcrungcn über meinen Charakter —" „Ich horte ihn nie von Ihnen sprechen, Vargravc — und ich muß Evclincn die Gerechtigkeit widerfahren lassen, zu bezeugen, daß sie, obgleich sie Sie nicht liebt, doch schätzt und achtet." „Schätzt — achtet — das sind die Gefühle für ein kluges Ehcbüudniß," sagte Vargravc mit einem Lächeln. „Aber horch! ich höre die Billardbälle nicht mehr — man könnte uns hier finden — wir thäten gut uns zu trennen." Lord Vargravc schleuderte in das Billardzimmer. Die jungen Männer hatten eben zu spielen anfgchört und waren im Begriff, den Donnerer zu besuchen, der beim Wettrennen Sieger gewesen und jetzt das Eigcnthnm Lord Doltimore's war. Vargravc begleitete sic in die Ställe, und nachdem cr seine Unwissenheit hinsichtlich des Pferdefleisches so gut als möglich hinter einem Schwall von Lobeserhebungen über Vorhand, Hintcrgestcll, Zucht, Knochen, 110 Blut ». s. w. versteckt hatte, wußte er den Lord Doltimorc in den Hofranm zu ziehen, während Oberst Legard in eifrigem Gespräch mit dem Obcrreitknccht znrnckblicb. „Doltimorc, ich verlasse morgen Knarcsdcan; — Sic gehen nach London denke ich;'wollen Sic mir ein kleines Packet auf das Ministerium des Innern besorgen?" „Gewiß , wenn ich gehe; aber ich denke noch einige Tage bei Legards Oheim zu verweilen — dem alten Admiral — er hat ein Jagdhaus in der Nachbarschaft und hat »nS Beide zu sich cingcladcn." „Oh, ich merke den Magnet — aber gewiß cs ist ein sehr schöner — das hübscheste Mädchen in der Grafschaft; — schade daß sic kein Geld hat. „Ich frage nichts nach Geld," sagte Lord Dolti- more, crröthend und sich die Cravattc am Kinn zurecht ziehend; „aber Sie sind im Jrrthum; meine Gedanken gehen gar nicht dahin. Miß Mcrton ist ein sehr schönes Mädchen; aber ich zweifle sehr, ob sic sich «m mich kümmert. Ich möchte nie eine Frau hcirathcn, welche nicht sehr in mich verliebt wäre." Und Lord Doltimorc lachte ziemlich einfältig. „Sie sind mehr bescheiden als scharfsichtig," sagte Vargravc lächelnd; „aber beherzigen Sic mein Wort; ich prophczcihc, daß die Schönheit der nächsten Saison eine gewisse Caroline Ladp Doltimorc scpn wird!" Die Unterhaltung ward abgebrochen. „Ich denke, das wird sich gut machen lassen," sagte Lord Vargravc zu sich selbst, als er sich zum Essen 111 anklcidctc. „Caroline wird den Lord Doitimorc bekomme» und ich bekomme eine Stimme im Hause der Lords und drei bei den Gemeinen. Ich habe ihn schon in die geeignete Politik hineingcschwaßt — eine Kleinigkeit, das Alles, freilich, aber ich hatte sonst nichts zu meiner Unterhaltung und man muß nie eine Gelegenheit hiuauslaffcn. Zudem ist Doitimorc reich und reiche Freunde sind immer nützlich. Ich habe auch Caroline in meiner Gewalt und sie kann mir nützlich werden bei dieser Evcline, die ich, statt zu lieben, halb Haffe — sic hat mir meine Bahn durchkreuzt, mich des Vermögens beraubt — und jetzt — wenn sic mich ausschlagt — aber nein, ich will daran nicht denken!" Neuntes Kapitel. Die Götter, bergend künfl'gcr Zeit Ereignifl unserm Blick, tachen ob des Thoren Furcht, wenn ihm Ein Schelm weissagt sein Geschick. Letleo. Am folgenden Tag kehrte Caroline in der Lady Raby Wagen zurück, und zwei Stunden nach ihrer Ankunft kam Lord Vargrave. Mr. Mcrton hatte sich der vornehmsten Personen in der Nachbarschaft versichert zur Unterhaltung und Gesellschaft eines so vornehmen Gastes; und Lord Vargrave, darauf bedacht 112 in Evelincns Augen zu glänzen, bezauberte Alle mit seiner Leutseligkeit und seinem Geist. Evclinc schien ihm blaß und niedergeschlagen anszuschcn. Er widmete sich ihr beharrlich den ganzen Abend. Ihr reifender Verstand war mehr als bisher im Stande, seine Talente zu würdigen; innerlich aber stellte sic Vergleichungen an zwischen seiner Unterhaltung und der Maltravers', welche nicht zu des Ersten Gunsten aussiclcn. In Lord Vargrave'ö fließender Ncdcgabe war viel Unterhaltendes, aber wenig Anziehendes. Wenn er ans ernste Betrachtungen zu kommen suchte, ward er dürr und hohl; er war nur bei weltlichen Gegenständen und Gemeinplätzen zu Hause. Carolinens Laune war, wie gewöhnlich in der Gesellschaft, sehr munter und lebendig, aber ihr Lachen schien erzwungen und ihr Auge abwesend. Am nächsten Tag nach dem Frühstück spazierte Lord Vargravc allein nach Burlcigh; als er durch das Gebüsch kam, welches die Gränzc des Parks ausmachte, sprang ihm ein großer persischer Jagdhund laut bellend entgegen; und als er sei» Auge erhob, sah er die Gestalt eines Mannes, der langsam auf einem das Wäldchen durchschncidcnden Pfade dahin wandelte. Er erkannte Maltravcrs. Sie hatten sich bis jetzt nicht wieder gesehen seit ihrer Begegnung wenige Wochen vor Florcnccns Tod — und ein Gcwiffcnsbiß durchzuckte das kalte Herz des Ränkeschmieds. Jahre rollten zurück vom Bilde der Vergangenheit — er rief sich wieder vor die Seele den junflcn, großherzigen, 11Z glühenden Mann, den er — ehe der Charakter und die Laufbahn des Eine» oder des Andern sich cntschic- vcn — seinen Freund genannt hatte. Er erinnerte sich ihrer kecken Abenteuer und lustigen Thvrhciten in Ländern, wo sic einander Alles in Allem gewesen; — und der unbartige Jüngling, dessen Herz und Börse ihm immer offen standen, und den zu seinen jugendlichen Verirrungen unerfahrener Leidenschaft selbst, er, dcr Acltcrc und Klügere, verführt und angcleitct hatte, stieg vor seiner Seele auf im Contrast mit dem ernsten und melancholischen Wesen des vom Leben getäuschten und vereinsamten Mannes, der sich ihm jetzt langsam näherte — dessen stolze Laufbahn er hatte h,cn»»cn helfen _ dessen Herz er mit seinen Ränken und Tücken vor der Zeit verbittert hatte — der seine besten Jahre in der Fremde wie ein Verbannter verlebt hatte — ein Opfer für das Grab, das eine selbstsüchtige, unehrenhafte Bosheit gegraben! — Cäsarini, der Bewohner eines TollhanscS — Florcncc in ihrem Leichentuch — das waren die Bilder, welche der Anblick von Maltravcrs in ihm hcranfbcschwor. Und der Seele, in welcher die ungewohnte Reue für einen Augenblick erwachte, flüsterte eine ahnende Stimme zu: „Und glaubst du daß deine Entwürfe gelingen, deine Bestrebungen werden gekrönt werden?" Zum erstenmal in seinem Lebe» vielleicht fühlte der phantasielose Var- gravc das räthselhastc Gchcimniß einer warnenden Ahnung drohenden Unheils. Bulwer's Romane. l-XIX 8 114 Die beiden Männer trafen zusammen — und mit -einer Bewegung, welche aus achtem nnd redlichem Gefühl zu entspringen schic», streckte Lnmlcp schweigend seine Hand ans nnd wandte den Kopf halb weg. „Lord Vargravc!" sagte Maltravcrs mit ähnlicher Bewegung — „cs ist lange, daß wir uns nicht mehr begegneten." „Lang — sehr lang," antwortete Lnmlcp, mit Mühe nach Fassung ringend; „die Jahre haben uns beide geändert — aber, ich hoffe, sie habe» auch in Ihnen wie in mir die Erinnerung an unsere alte Freundschaft zuriickgclasscn." Maltravcrs schwieg nnd Lord Vargravc fuhr fort: „Sie antworten mir nicht, Maltravcrs — konnten polirischc Differenzen, entgegengesetzte LebcnSstrcbnngen oder der bloße Verlauf der Zeit eine nnübersteigliche Kluft zwischen uns schaffen? — Warum können wir nicht wieder Freunde scpn?" „Freunde!" wiederholte Maltravcrs — „in »nserm Alter spricht man dicß Wort nicht so leicht mehr aus — man knüpft dicß Band nicht mehr so gedankenlos, als da wir noch jüngere Männer waren." „Aber kann das alle Band nicht wieder erneut werden?" „Unsere Wege im Leben sind verschieden; und wollte ich Ihre Triebfedern nnd Laufbahn mit dem scharfspähcndcn Auge der Freundschaft prüfen, so möchte dicß nur uns noch weiter von einander scheiden helfen. Ich bin stbcrdrüssiig der großen Taschenspielern des 115 Ehrgeizes — und ich habe keine Sympathie mehr für die L-utc, die in eine Maßflaschc kriechen oder das blanke Schwert verschlacken." „Wenn Sie die Schaustellung verachten, nun dann lassen Sic uns miteinander darüber lachen, denn ich bin so cynisch wie Sic." „Ah," sagte Maltravcrs mit einem halb traurigen, halb bittcrn Lächeln; „aber sind Sic nicht auch Einer von den Betrügern?" „Wer wüßte die elcnstnischcn Mysterien besser zu benrthcilen, als ein Eingeweihter? Aber — ernstlich gesprochen — warum in aller Welt sollten politische Differenzen Privatfrcnndschaftcn trennen? Dank'dem Himmel, das war nie mein Grundsatz." „Wenn die Differenzen das Resultat ehrlicher lleberzcugnngcn ans beiden Seiten sind — nein! — aber sind Sic ehrlich Lumley?" „Meiner Treu, ich habe mir angewöhnt so zu glauben und die Gewohnheit ist eine zweite Natur. Jedoch, ich glaube säst, wir werden nnö noch in der Arena begegnen, und so darf ich meine schwachen Seiten nicht vcrrathcn. Wie kommts, Maltravers, daß man Sie so wenig in der Ncktorci sieht? Sie sind dort ein großer Liebling. Haben Sie eine Pfründe, welche Charlcy Mcrton noch mit der scinigcn vereinigen könnte? Sic schütteln den Kopf; — und was sagen Sic zu Miß Camcron, meiner Künftigen?" „Sie sprechen leichtsinnig. Vielleicht Sic —" 8 * // ' „Empfinden tief, wollten Sie sagen. Das ihm ich. Mit der Hand meiner Miindcl, Evcline Eameron, hoffe ich mit Einemmal die hänslichc Glückseligkeit zu gewinnen, die mir bisher fremd geblieben, so wie das zu meiner Laufbahn erforderliche Vermögen." Nach einer kleinen Panse fuhr Lord Vargravc fort: „Obgleich meine Bcrufsgcschäftc uns so viel getrennt gehalten, hege iw doch keinen Zweifel an ihrer fortdauernden Neigung — und ich darf beifügen, an ihrem Ehrgefühl. Sic allein kann wieder für mich gut machen, was sonst eine Ungerechtigkeit von meinem Oheim gewesen wäre." Dann fuhr er fort, die moralischen Verpflichtungen aus einander zu setzen, welche der verstorbene Lord Evclincn anferlcgt; Verpflichtungen, die er gewaltig übertrieb. Maltravcrs hörte ihm aufmerksam zu und sagte wenig. Und wenn man diese Verbindlichkeiien gehörig erwägt," setzte Vargravc mit einem Lächeln Hinz», „glaube ich, selbst wenn ich Nebenbuhler hätte, daß sic kaum mit Ehren den Versuch machen könnten, eine bestehende Verbindung anfzulöscn." „Gewiß nicht, so lange die Verbindung dauerte," antwortete Maltravcrs; „nicht als bis das Eine oder Andere die Vollziehung derselben verweigerte und dadurch beide frei machte; aber ich will glauben daß cs ein Bund sehn wird, bei dem die Neigung am wenigsten außer Acht bleibt — das Band der Ehre allein wäre ein rauhes »nd herbes." „Ganz gewiß," sagte Vargrave, und scheinbar 117 zufrieden mit dem Vorgcgangcnen gab er dem Gespräch eine andere Wcndnng — rühmte Bnrlcigh — sprach von den Grafschaftsangclegcnhcitcn — nahm wieder seine gewöhnliche Munterkeit an, die jedoch etwas gedämpft blieb — und verabschiedete sich endlich mit dem Versprechen seinen Besuch bald zu wiederholen. Maltravcrs setzte seinen einsamen Spaziergang fort, nnd sein Verkehr mit sich selbst war ernst und ticfgrüblerisch. „Und so," dachte er, „ist also dieser köstliche Preis Vargravc Vorbehalten. Warum sollte ich ihn des Schatzes unwcrkh achten? Kann er nicht in jedem Falle doch würdiger scpn, als dicß verbitterte Gemüth und dicß irrende Herz? Und er ist übcrdicß ihrer Neigung versichert! Warum diese eifersüchtige, schmerzliche Regung? Warum läßt sich der Born da drinnen nie erschöpfen? Warum habe ich, nach so vielen Ergebnissen und Qualen hier und dort, immer noch die eitle Tollheit meiner Jugend behalten — die quälende Empfänglichkeit für die Liebe? — dieß ist meine am längsten dauernde Thorhcit!" Viertes 6ucl). «/ik^vov. §imon!6e8. Nicht köstlicheren Schatzes wird ein Mann beraubt Als eines edlen Weibs. E r st e s Kapitel. Mißmnthig draußen, und zu Hause nicht vergnügt. :? rß * » Und Weisl'eit zeigt bas liebes, nicht die Heilung. .'-tniinn.'iid's Elegien. Zwei oder drei Tage nach dem Gespräch zwischen Lord Vargravc und Maltravcrs ward die Einsamkeit von Burlcigh durch die Ankunft von Mr. Elcvcland etwas belebt. Der gute alte Herr war, wenn frei von den Anfällen von Gicht, die sich jetzt etwas häufiger als früher ciustcllte, noch derselbe freundliche und geistreiche Mann wie immer. Freundlich, höflich, gebildet und wohlwollend — besaß Elcvcland in seinem Wesen gerade so viel Weltlichkeit, daß seine Ansichten verständig waren, so weit sic gingen, aber beschränkt in ihrer Ausdehnung. Alles, was er sagte, war so vernünftig — und doch war für ein Gcmüth, das mit Phantasie begabt war, seine Unterhaltung unbefriedigend und seine Philosophie etwas erkältend. „Ich kann nicht aussprcchcn wie erfreut und überrascht ich bin durch Ihre Sorgfalt für das schöne alte Bcsitzthnm," sagte er ;n Maltravcrs, als er, auf seinen Stock und seines ehemaligen Mündels Arm sich stützend, Alles beobachtend durch die Güter schwankte — „ich erkenne überall die Anwesenheit des Herrn und Gebieters." Und wirklich war dieß Lob verdient! — die Garte» waren jetzt in Ordnung — die verwüsteten Zaune waren wieder hcrgcstcllt — das Unkraut wucherte nicht mehr in den Gangen — die Natur ward eben recht von der Kunst unterstützt und gehoben, ohne durch allzu aufdringliche Dienstleistungen ihrer Magd unterdrückt zu werden. Zm Hause selbst hatten einige passende und geeignete Ausbesserungen und Verschönerungen, vcrniöge solcher Gegenstände und Gerathc, welche moderne Bequemlichkeit mit den alten und malerischen Gestaltungen einer früheren Mode verbanden — dem Hause alle» Anschein von Trübseligkeit und Vcrnach. läßigung benommen, während seinen hübschen Sälen und Gemächern doch noch der ihrer Architektur und den sich daran knüpfenden Erinnerungen entsprechende Charakter blieb. Es war überraschend, wie viel ein wenig Aufwand einfachen Geschmacks ins Werk gerichtet hatte. „Es freut mich, daß Sic billigen, was ich gemacht habe," sagte MaltravcrS. „Ich weiß nicht wie cs kam, aber die traurige Ocdc des Gutes war mir, als ich znrückkam, wie ein Vorwurf. Wir schließen Freundschaft mit Plätzen wie mit menschlichen Wesen und bilden uns ein, sie haben Ansprüche an uns; — wenigstens ist das meine Schwäche." „Und eine ganz liebenswürdige ist cs — ich thcile 123 sie. Was mich betrifft, ich sehe Templc Grove mit den Augen a» wie ein zärtlicher Gatte eine schöne Frau— ich bin immer darauf bedacht, cs zu schmücken — und so stolz ans seine Schönheit, als könnte cs meine parteiische Bewunderung verstehen und mir dafür danken. Wenn ich Sic verlasse, gedenke ich nach Paris zu gehen um einem Verkauf der Gemälde und Effekten des Herrn von — — anzuwohncn. Diese Versteigerungen sind für mich, was ein Goldschmiedsladen für eine» Liebenden; aber dann, Ernst — bin ich eben ein alter Junggcscll." „Und ich bin auch ein Arkadicr," sagte Maltra- verS mit einem Lächeln. „Ach, aber Sic sind noch nicht zu alt zur Reue. ES fehlt jetzt in Bnrleigh nichts mehr als eine Herrin." „Vielleicht bekommt cs bald diese Ergänzung — ich bin noch »»entschieden, ob ich es verkaufen soll." „Es verkaufen — Bnrleigh verkaufen — das letzte Andenken an die Ahnen Ihrer Mutter — den klassischen Sitz der edlen Digbh'S — Bnrleigh verkaufen!" „Ich war beinahe dazu entschlossen als ich hichcr kam — dann schwor ich wieder dieß Vorhaben ab — und jetzt kehre ich manchmal wieder kummervoll zu dieser Idee zurück." „Und warum, ins Himmels Namen?" „Meine alte Rastlosigkeit wandelt mich wieder an. So sehr ich mich auch hier beschäftigen mag, ich finde den Kreis für incinc Thätigkcit beschränkt und einförmig. Ich fing zu bald an, mich ans das weite Gebiet der 124 Literatur und des öffentliche» Lebens zu wagen, „»d die enge Proviuzialsphäre erscheint nur als ein trauriger Rückschritt im Leben. Vielleicht würde ich dieß nicht fühlen, Ware mein Haus weniger einsam; aber so wie cs nun ist — nein! der Wandertrieb ist wie ein Zauber iu mir — und ich sehne mich wieder nach den Landern der Abenteuer und der Aufregung." „Ich verstehe das, Ernst; aber warum ist Ihr Haus so einsam? Sic sind noch in dem Alter wo verständige und beglückende Verbindungen am häusigstc» geschloffen werden; Ihre Gcmürhsart neigt sich zur Häuslichkeit — Ihr reichliches Vermöge» und Ihr ernüchterter Ehrgeiz gestatten Ihnen, ohne Rücksicht auf weltliche Beweggründe zu wählen. Besehen Sic sich die Welt nmhcr — verkehren Sic wieder mit der Welt, und führen Sic in Burlcigh die Herrin ein, die ihm fehlt." Maltravcrs schüttelte den Kopf und scnfztc. „Ich sage nicht," fuhr Clcvcland fort, sich in das Interesse und das Anmuthige des Thcma'S vertiefend, „daß Sic ein junges Mädchen hcirathcn sollen — sondern eine liebenswürdige Frau, die, wie Sic, etwas vom Leben gesehen hat, und die mit seinen Sorgen sich zurcchtzufinden, mit scins» Freuden sich zu begnügen weiß." „Sie habe» genug gesagt," crwicdcrte Maltravers ungeduldig, — „eine erfahrene Frau von der Welt, deren Herzens- und Hvffnnngsfrische dahin ist! — Welch ein Gemälde! Nein! für mich liegt etwas 125 unaussprechlich Schönes in der Unschuld und Jugend. Aber Sic haben Recht — meine Jahre sind nicht diejenigen, welche eine Verbindung mit einem jungen Wesen wünschcnswcrth oder passend machen wurden. „Ich sage das nicht," sagte Clcveland, eine Prise Taback nehmend, „aber Sic sollten große Altcrsun- glcichhcit vermeiden — nicht um dieser Ungleichheit selbst willen, sondern weil damit auch Verschiedenheit der Gcmüthsstimmung — der Bestrebungen verbunden ist. Eine sehr junge, in der Welt neue Frau, wird nicht mit ihrem Haus allein zufrieden scvn; Sic sind einerseits zu zart, ihren Wünschen zu widerstehen, und andrerseits zugleich ein klein wenig zu ernst und zurückhaltend — (verzeihen Sic mir den Ausdruck), um ganz znsammcnzustimme» mit sehr großer und sanguinischer Jugend." „Es ist wahr," sagte Maltravcrs mit einem Ton der Stimme, welcher zeigte, daß er vvn dieser Bemerkung sich getrosten fühlte; „aber wie sind wir auf diesen Gegenstand gekommen? sprechen wir von etwas Anderem — ich habe gar keine Gedanken ans Heirathcn — die düstere Erinnerung an Florcncc Lasccllc kettet mich an die Vergangenheit." „Die arme Florcncc! — Früher hätte sic wohl für Sie passen mögen, aber jetzt sind Sic älter und würden eine Frau von sanfterer und geschmeidigerer Gcmüthsart brauchen." „Still, ich flehe Sic darum an!" Die Unterhaltung ward geändert — und um Mit- tag machte Mr. Merton, der von Clcvclands Ankunft gehört, einen Besuch in Burlcigh, nm die alte Bekanntschaft zu erneuen. Er lud sic ein, den Abend in der Rektoren znzubringcn, und als Clcvcland hörte, daß Whist daselbst eine regelmäßige Unterhaltung sch, nahm er die Einladung für sich und seinen Wirth an. Als aber der Abend kam, schützte Maltravers Unwohl- schn vor und Clcvclaud mußte allein hinaehcn. Ais der alte Herr gegen Mitternacht zuriickkam, fand er Maltravers, ihn erwartend, in der Bibliothek, und Clcvcland, der vierzehn Points gewonnen, war in sehr heiterer, lustiger Stimmung. „Sie verkehrter Eremit!" sagte er; „wahrhaftig, von Einsamkeit schwatzen, wenn man auf hundert Schritte Entfernung eine so angenehme Familie hat! Sic verdienen nichts Besseres als einsam zu scyn — ich habe keine Nachsicht mit Ihnen. Sic klagen bitter über Ihre Abtrünnigkeit, und sagen. Sie sehen anfangs wie das Kind vom Haus gewesen." „So gefallen Ihnen Mertonö? Der Geistliche ist gescheut, aber gewöhnlich." „Ein sehr angenehmer Mann, trotz Ihrer verächtlichen Benennung, und spielt eine gute Partie. Aber Vargravc ist ein Spieler ersten Rangs." „Vargravc ist noch dort?" „Ja, er frühstückt morgen mit uns — er hat sich selbst cingeladen." ,,Hml" „Er spielte Eine Partie; den übrigen Abend wid- 127 mete cr sich dem hübscheste» Mädchen, das ich je gesehen — Miß Camcron. Welch ein holdes Antlitz! — so bescheiden und doch so geistreich! Ich sprach viel mit ihr während des Kartcngcbens, wo ich unbeschäftigt war. Ich verlor beinahe mein Herz an sie." „So widmete sich also Lord Vargravc der Miß Camcron?" „Gewiß! — es ist Ihnen bekannt, daß sic sich bald vermählen sollen. Mcrton erzählte mirs. Sic ist sehr reich. Er ist der glücklichste Bursche, den man sich denken kann, dieser Vargravc! Aber cr ist viel zu alt für sic; sie scheint das auch zu glauben. Ich kann nicht angebcn, warum cs mir so vorkommt; aber aus ihrem feinen, zurückhaltenden Benehmen erkannte ich, daß sie den munter» Minister von sich entfernt zu halten suchte; cs wollte jedoch nicht gehen. Nun, wenn Sic zehn Jahrs jünger waren, oder Miß Camcron zehn Jahre älter, dann hätte» Sic wohl einige Aussicht gehabt, Ihren alten Freund auöznstcchcn." „So meinen Sic also, ich scy auch zu alt zu einem Liebhaber?" „Zum Liebhaber eines siebzehnjährigen Mädchens gewiß. Sic scheinen im Punkt des Alters empfindlich, Ernst." „Ich — gar nicht;" und Maltravcrs lachte. „Nicht! da war aber ein junger Gentleman anwesend, an dem, denke ich, Lord Vargrave wirklich einen gefährlichen Nebenbuhler finden könnte — ein Oberst Legard - einer der schönsten Männer, die ich 128 in meinem Leben sah; gerade von dem Schlag, um einem schwärmerischen jungen Fräulein den Kopf zu verrücken; eine Mischung von Wildheit und tüchtiger Bildung; schwarze Locken — prachtvolle Augen — und das sanfteste Benehmen von der Welt. Aber gewiß hat er sein ganzes Leben in der besten Gesellschaft gelebt. Nicht so sein Freund, Lord Doltimorc, der etwas zu viel von dem Gardcrobczimmcrton und von der französischen Kaffeehnnsmanicr an sich hat, — nach meinem Geschmack wenigstens." „Doltimorc — Lcgard — mir ganz neue Name»; ich traf, sic noch nie in der Rektoren" „Möglich; sic sind auf Besuch beim Admiral Lcgard in der Nachbarschaft. Miß Merton machte ihre Bekanntschaft in Kiiaresdcan. Eine gute alte Dame — die vollkommenste Mrs. Grundy, die man mir zu sehen wünschen kann — welche de» einsplbigen Namen Harc'-O führt (und als meine Gegenspielen» meinen König trumpfte 0, versicherte mich, Lord Doltimorc scp vcr- zwciflungsvoll verliebt in Caroline Merton. Nun, beiläufig bemerkt, das ist eine junge Dame von paffende»! Alter für Sic — schön und dabei gescheut." „Sic sprechen von Gegengiften gegen die Ehe: und so hat Miß Camcro» —" „Oh, nichts mehr von der Miß Camcron jetzt, oder ich bleibe die ganze Nacht ans; sic hat mir halb den Kopf verrückt. Ich kann nicht umhin, Mitleid niit D Wird einsptbig ausgesprochen und heißt Hase. ihr zu haben — vermählt werden mit einem so leichtsinnigen und wcltlichgesinnten Mann wie Lord Vargrave — so jung in den Strudel von London geschleudert werden. Das arme Geschöpf! Besser sic hätte sich in Lcgard verliebt; was sic, glaub' ich, am Ende auch noch thun wird. Nun gnte Nacht!" Zweites Kapitel. Die Leidenschaft, oft ward's erlebt, Zuleht i» Mißmuth sich begräbt; Drum, um das Glück nicht zn verpesten. Fort rannt' ich von den frohen Gästen. Matlhcw Green. Nymphen aus stohler Sich' enthüllen Des Schicksals Wechsel hier und Willen. Sbendaselbst. Seinem Versprechen gemäß frühstückte Vargravc am nächsten Morgen in Burlcigh. Maltravcrs kämpfte anfangs mit sich, um seine vertrauliche Herzlichkeit mit gleicher Freundlichkeit zu crwiedcr». Sich selbst tadelnd wegen früheren, nicht begründeten Verdachts, rang er gegen Gefühle, die er nicht zergliedern konnte oder wollte, aber die Lnmley zu einem ihm unwillkommenen Gast machten, und schmerzliche Gedanken, auf die Gegenwart und die Vergangenheit bezüglich, an seine Erscheinung knüpften. Aber cs gab Punkte, welche, Bulwcr's Romane. I^XIX. 9 130 bci Maltravcrs' durchdringendem Scharfblick, seine ungünstigen Vorurtheile nur rechtfertigen konnten. DaS Gespräch, hauptsächlich von Llcveland und Dargravc im Gang erhalten, fiel ans öffentliche Fragen; und wie sic sich in entgegengesetztem Sinn auö- sprachcn, da hatte Vargravc's Auseinandersetzung von Ansichten und Beweggründen so viel von der Selbstsucht des gewerbsmäßigen Stcllcnjägcrs an sich, daß cs wohl Jcdem, der nur den leisesten Anstrich von der hochsinnigcn Manie politischen Don-QuirotiSmus hatte, anstößig scpn mußte. Mit seltsam gemischten Empfindungen hörte Maltravcrs zu; im einen Augenblick wünschte er sich stolz Glück da;», daß er eine Laufbahn verlassen, wo solche Gesinnungen so gut ;n gedeihen schienen — im andern erweckten seine bessern und gerechtem Gesinnungen die lange schlummernde Streitlust, und er sehnte sich beinahe nach der stürmischen, aber erhabenen Arena, in welcher Wahrheiten verfochten und die Menschheit gefördert wird. Der Besuch diente nicht da;n, die Erneuerung der Vertraulichkeit zu fördern, wornach Vargravc zn verlangen schien; und Maltravcrs freute sich, als der Stcllcnja'ger Abschied »ahm. Lumlcy, im Begriff dem Lord Doltimore einen Morgcnbesuch abzustattcn, hatte Mr. Mcrtons Stan- hopc entlehnt, als besser geeignet denn die stattlicheren Fuhrwerke, schnell die Querstraßen zu durcheilen, welche zu Admiral Lcgards Behausung führten; und wie er sich in seinem Sitz neben seinem Bedienten zurecht- setzte, sagte er lachend: „Ich komme mir fast selbst wieder wie der armselige Mr. Lumley vor in dieser zweirädrigen Iungenhcrrnmuschcl von Fuhrwerk; nicht sehr anständig, aber schnell, he?" Und wie Lumley dicß sagte, lag in seinem Gesicht so viel offene Munterkeit, und sein Wesen schien so einfach unbefangen, daß Maltravers nur mit Mühe in ihm denselben Mann wieder erkennen konnte, welcher vor fünf Minuten noch Gesinnungen prcisgegcben, wie sic dem ältesten, kaltherzigsten Jntrikantcn Ehre gemacht hätten, der je im Treibhaus des Ehrgeizes auswuchs. Sobald Lumley weg war, liest Maltravers Clcvc- land allein, weil dieser — ein höchst musterhafter Pfleger einer sehr umfassenden Korrespondenz — Briefe zu schreiben hatte, und schleuderte mit seinen Hunden ins Dorf. Die Wirkung, welche die Erscheinung von Maltravers unter seinen Bauer» hcrvorbrachtc, war von der Art, daß sic selten verfehlte, seinen verbitterten und verstörten Sinn wieder zu erfrischen und zu erheitern. Sie hatten (denn die Armen sind scharfsichtig) allmälig seine Gcrcchtigkcitslicbe erkannt — eine bessere Eigenschaft als manche, die äußerlich liebenswürdiger erscheint. Sic empfanden, daß sein eigentlicher Zweck war, sic besser und glücklicher zu machen; und sic hatten cinschcn lernen, daß die von ihm gewählten Mittel in der Regel zum Ziel führten. Zudem war er, wenn schon manchmal streng und finster, doch nie launenhaft oder Gründen unzuga'ng- 9 ->- 132 lich; und dann konnte er auch geduldig sic anhorcn und ihnen freundlich rathen. Sic hatten einige Scheue vor ihm, aber diese Scheue half nur sic arbeitsamer und ordnungsliebender zu machen; die Faulen zu spornen, die Trinker zu bessern. Er war ein Begünstiger des Systems der kleinen Giitcrstückc — nicht als einer Panaccc, aber als eines trefflichen Sporns zurThätig- kcit und Unabhängigkeit; und die von ihm gewählten Belohnungen für gute Aufführung bestanden in solchen Gegenständen, welche dienten, unter diesen bisher trägen, verdrossenen und hoffnungslosen Menschen ein Verlangen nach Verbesserung und Steigerung ihrer Lebensweise zu wecken. Wie cS nun geschehen mochte — ohne eigentliche Almosen fand die Hausfrau, daß die kleinen Ersparnisse im zerbrochenen Thcctopf oder in dem alten Strumpf seit des Sqnirc's Rückkehr ansehnlich zngcnommcn hätten, während ihr Mann von seinem gemäßigteren Trunk im Ale-Haus nüchterner und in besserer Stimmung hcimkam. Daß man einmal etwas erspart hatte, war ein dringender Antrieb, in ehr zu ersparen. Auch die neue Schule ward bei weitem besser eingerichtet als die alte; die Kinder besuchten sic jetzt gern; und dann und wann wurden kleine Dorffcstc mit der Schulstnbc verbunden; Spiel und Arbeit waren aneinander mahnende Vorstellungen. Und Maltravcrs sah in seine Hütten hinein nnd sah den ansgcthciltcn Grund nnd Boden, nnd cs war ihm erfreulich, zu sich sagen zu dürfen: „ich bin nicht ganz nutzlos im Leben." Aber wie er seinen einsamen 133 Gang fortsctzre und der Schimmer der Selbstzufriedenheit mit den Umgebungen, welche ihn hcrvorgerufcn, erstarb: Da lagerte sich wieder die Wolke auf seine Stirne, und er fühlte wieder in der Einsamkeit die Leidenschaften an seinem Herzen nagen. Wie er so den grünen Pfad dahinwandcltc, und das Znscklcnlebcn des Sommers hörbar unter den schattigen Hecken schwirrte und in dem zu beiden Seiten aufschicßenden dichten Gras, stieß er plötzlich auf eine kleine Gruppe, welche seine Aufmerksamkeit fesselte. Es war ein in Lumpen gehülltes Weib, blutend und wie cs schien ohnmächtig in den Händen des Vogts des Kirchspiels und eines Arbeiters. „Was gibt cs hier?" fragte Maltravcrs. „Ein armes Weib ist nicdcrgcworfcn und überfahren worden von einem Gentleman in einem Gig, Ihr Ehren," versetzte der Vogt. „Er hielt vor einer halben Stunde an meinem Hause, um mir zu sagen, daß sic ans der Straße liege; und er gab mir zwei Goldstücke für sic, Ihr Ehre». Aber das arme Geschöpf! sic war mir zu schwer um sic sortzubringcn, und so mußte ich sic verlassen und Tom rufen, um mir zu helfen." „Der Gentleman hätte auch warten können, um zu sehen, was die Folgen seiner Unvorsichtigkeit scpcn," murmelte Maltravcrs, indem er die Wunde an der Schläfe untersuchte, aus der das Blut reichlich floß. „Er sagte, er habe große Eile, Ihr Ehren," sagte der ländliche Beamte, Maltravcrs' Acußcrungcn hörend. „Ich glaube, es war Einer von den vornch- 134 men Leute» im Pfarrhaus; denn ich kannte des Mr. Mcrtons Rothschimmcl — cs ist ein hitziges Thier!" „Lebt das arme Weib in der Nachbarschaft? — kennt Ihr sic ?" fragte Maltravers, sich wieder aus seinem Nachdenken über diesen neuen Beweis von Var- gravc'S selbstsüchtiger Herzlosigkeit anfraffend. „Nein; die Alte scheint hier ganz fremd — eine Landstreichcrin oder Bettlerin, denk' ich, Sir. Aber es wurde jetzt nichts helfen, wenn wir sic cinstecktcn; und wir können sic ins Gcmcindchanü führen-, droben im Dorf, Ihr Ehren." „WaS ist das nächste Haus — Eures?" „Ja, aber wir haben jetzt so viel zu jhun." „Sic soll nicht in Euer Haus geführt und dort vcrnachläßigt werden. Und das Gemeindehaus — dort ist es zu laut; wir müssen sic ins Schloß bringen." „Ihr Ehren!" stammelte der Vogt, die Augen aufrcißend. „Es ist nicht sehr weit; sic ist sehr bedeutend beschädigt. Holt eine Tragbahre — legt eine Matrazc darauf. Beeilt Euch, Beide! ich will hier bis zu Eurer Rückkehr bleiben." Das arme Weib ward sorgfältig auf das GraS an der Straße gelegt und Maltravers hielt ihren Kopf, während die Männer eilten, seinen Befehlen zu gehorchen.