^r-c.. 3o^«ror- Mono»? /t/o, l>. Piirrüo»». Lum>. Leck. /. SSck. Auf einer'der Inseln, über deren Geschichte die unvergängliche Literatur und der Ruhm Athens noch ein melancholisches Interesse verbreiten, und welcher die Natur (in der Nichts melancholisch ist) noch immer eine Herrlichkeit der landschaftlichen Scenerie und deS Klima'S leiht, die gleich strahlend ist für den Freien und für den Sklaven — den Ionier, den Benetianer, den Gallier, den Türken, oder den rastlosen Britannier, hatte Zanoni den Wohnsitz seiner jungen Häuslichkeit aufgeschlagen. Hier trägt die Lust die Wohlgerüche der Ebenen meilenweit 7 n 68 auf das blaue, durchsichtige Meer hinein. * Bon eined ihrer grünen, sanstansteigenden Höhen aus gesehen, schien die Insel, die er sich gewählt. Ein köstlicher Garten. Die Thürine und Giebel ihrer Hauptstadt glänzten mitten unter Orangen- und Citronenwäldern; Weinberge und Olivcnwälder erfüllte» die Thäler und zogen sich an den Seiten der Berge hinauf, und Landhaus, Pachthof und Hütte waren überdeckt.mit üppigen Gewinden von dunkelgrünem Laub und purpurnen Früchten. Denn hier scheint die verschwenderische Schönheit noch halb jene an- muthigen Dichtungen eines Glaubens zu rechtfertigen; der, zu sehr von Liebe für die Erde erglühend, mehr die Gottheiten dem Menschen näherte, als den Menschen zu ihrem minder anlockenden und wollnstvollen Olymp.emporhob: »Durch'die Schöpfung floß da Lebensfülle!" »An der Liebe Busen sie zu drücken, Gab mau höher» Adel der Statur " Und noch lächelt den Fischern, die noch auf dem Sand ihre antiken Tänze schlingen, dem Mädchen, das noch mit mancher silbernen Spange die glänzend schwarzen Haare schmückt unter dem Baum, der ihre ruhige - Hütte beschattet, dieselbe große Mutter, die über dem Weisen von Samos, und über der Demokratie von Cor- cyra, der anmnthsvollen und tiefgelehrten Lieblichkeit von * Vergl. Dr. Hollands Reisen nach den ionischen Inseln u. s. w. S. 18. " Die Götter Griechenlands. Milet wachte, so freundlich als vor Jahrhunderten zu. Für den Norden sind Philosophie und Freiheit wesentliche Bestandtheile des menschlichen Glückes. I» den Ländern, welche zu beherrschen Aphrodite aus den Wellen emporstieg, während die Jahreszeiten Händ in Hand zu ihrer Bewillkommnung am Ufer standen, * ist die Natur all- genugsam. Die Insel, welche Zanoni gewählt hatte, war eine der lieblichsten in jenem göttlichen Meere. Seine Wohnung, etwas entfernt von der Stadt, aber nahe bei einer der Buchten der Küste, gehörte einem Venetianer, nnd-be- saß, obwohl klein, doch mehr Zierlichkeit, als die Eingeborenen gewöhnlich in ihren Häusern anzubringen sich angelegen seyn ließen. Ans der See, so daß man es im Angesicht hatte, lag sein Schiff vor Anker. Seine Indier besorgten, wie sonst, in schweigsamem Ernste den Dienst der Haushaltung. Kein Platz konnte schöner, keine Einsamkeit ungestörter seyn. Der geheimnißvollen Weisheit Zanoni's, der harmlosen Unwissenheit Viola's war die geschwätzige, prächtige Welt der civilisirten Menschen gleich wtnig beachtenswerlh. Der liebende Himmel und die liebliche Erde sind Gesellschaft genug für die Weisheit und für die Unwissenheit, so lange sic lieben! Obgleich, wie ich früher schon gesagt, in den zu Tage liegenden Beschäftigungen Zanoni's Nichts war, was einen Jünger der geheimen Wissenschaften verraihen konnte, war doch seine. Art und seine Lebensweise die * Homerischer HvmnnS. so eines Mannes, der in Erinnerungen und im Nachdenken lebt. Er liebte es, allein umherzustreifen, besonders mit Anbruch des Morgens, oder bei Nacht, wenn der Mond klar schien, und zumal, jeden Monat beim Aufgang des Vollmonds, bis Meilen weit hinein in die reichen innern Gegenden der Insel, um Kräuter und Blumen zu pflücken, die er mit eifersüchtiger Sorgfalt aufbewahrte. Manchmal in der Todtenstille der Nacht wurde Viola geweckt durch einen Instinkt, der ihr sagte, daß er nicht an ihrer Seite seh, und wenn sie die Arme ausstreckte, fand sie, daß der Instinkt sie nicht getäuscht. Aber sie merkte bald, daß er über seine eigenthümlichen Gewohnheiten zurückhaltend war, und wenn auch zu Zeiten ein Bangen, eine Ahnung, ein argwöhnischer Schauer sie beschlich, unterließ sie es doch, ihn zu befragen. Aber er machte seine Ausflüge nicht immer »«begleitet, er hatte auch Freude an minder einsamen Wanderungen. Oft, wenn das Meer wie ein See vor ihm lag, und die traurige Oede und Unfruchtbarkeit der gegenüberliegenden Küste von Cepha- lonia einen Contrast bildete zu den von ihnen bewohnten lächelnden Küsten, brachten er und Viola ganze Tage damit zu, langsam die Küste zu umkreuzen, oder auf den benachbarten Inseln Besuche zu machen. Jeder Fußbreit des griechischen Bodens, dieses schönen Fabellandes, schien ihm bekannt; und wie er von der Vergangenheit und ihren köstlichen Traditionen sprach, lehrte er Viola das Volk lieben, von welchem die Poesie und die Weisheit der Welt stammen. Je genauer Viola Zanoni kennen 91 ' lernte, um so mehr fand sie an ihm, was den Zauber, der sie von Anfang an ihn gefesselt hatte, verstärkte. Seine Liebe für sie war so zärtlich, so aufmerksam, und hatte jene beste und dauerndste Eigenschaft, daß sie mehr dankbar schien für das Glück in ihrer Sorgsamkeit, als eitel auf das Glück, das sie schuf und gewährte. Seine gewöhnliche Stimmung gegenüber Allen, die sich ihm näherten, war ruhig und sanft, beinahe bis zur Gleichgültigkeit. Ein zürnendes Wort kam nie über seinen Mund — ein zürnender Blick flog nie aus seinem Auge. Einmal waren sie einer, in jenen damals halbwilden Ländern nicht ungewöhnlichen Gefahr anSgeseht gewesen. Seeräuber, welche die benachbarten Küsten beunruhigten, hatten von der Ankunft der Fremden gehört, und die Seeleute in Zanoni's Diensten hatten von ihres Herrn Reichthum geplaudert. Eines Nachts, nachdem Viola sich zur Ruhe begeben, wurde sie durch ein leises Geräusch unten geweckt. Zanoni war nicht bei ihr; sie lauschte mit einiger Besorgniß. War das ein Stöhnen, was in ihr Ohr drang? Sie fuhr auf, sie ging an die Thüre; Alles war still. Schritte näherten sich jetzt langsam, und Zanoni trat ein, ruhig wie gewöhnlich, und schien ihre Besorgnisse gar nicht zu ahnen. Am nächsten Morgen fand man drei todte Männer an der Schwelle des Haupteingangs, dessen Thüre erbrochen war. Man erkannte sie in der Nachbarschaft als die blutdürstigsten und gefürchtetsten Küstenräuber — Männer, mit tausendfachem Mord befleckt, denen bisher noch kein Angriff mißlungen, wozu 92 sic die Raubgier getrieben hatte. Die Fußtapfcn von vielen Andern verfolgte man bis zur Küste. Es schien als müßten die Mitschuldigen nach dem Fall ihrer Führer geflohen sepn. Aber als der vcnetianische Proveditore, die oberste Behörde der Insel, kam, nm die Sachen zu untersuchen, nmhüllte das unerklärlichste Geheimniß die Art und Weise, wie die Bösewichter den Tod gesunden hatten. Zanoni hatte keinen Fuß aus dem Gemache gesetzt, wo er gewöhnlich seine chemischen Studien betrieb. Keiner der Diener war auch nur im Schlafe gestört worden. Keine Spuren von Gewaltthat waren an den Leichnamen zu entdecken. Sie starben und deuteten nicht. Von diesem Augenblick an war Zanoni'S Haus, ja, die ganze Nachbarschaft, wie geheiligt. Die benachbarten Dörfer, erfreut von einer schweren Plage befreit zu sevn, betrachteten den Fremden als einen Mann, den die Pagiana "(oder Jungfrau) unter ihren besonder» Schutz genommen habe. In der That bewahrten die lebhaften Griechen der Umgegend, leicht empfänglich für alle äußeren Eindrücke, und erstaunt über die eigenthümliche, majestätische Schönheit des Mannes, der ihre Sprache wie ein Eingeborener verstand, der sie oft in ihren kleinen Bekümmernissen aufrichtete, und dessen Hand sich nie bei ihren Bedürfnissen verschloß, noch lange nachdem er ihre Küsten verlassen hatte, sein Andenken in dankbaren Ueberlieferungen, und zeigten noch die hohe Platane, unter der sie ihn oft allein und nachdenklich, in der Hitze des Mittags hatten fitzen sehen. Aber Zanoni hatte auch Aufenthaltsorte, die 93 i den Blicken weniger offen dalagen, als der Schatten der Platane. Auf dieser Insel find die Erdharzquellen, von welchen Herodot erzählt. Oft sah ihn bei Nacht der Mond wenigstens ans den Myrten- und CystnSgebüschen hervortreten, welche die Hügel um den Sumpf bekleiden, der die Quellen mit dem entzündlichen Stoffe einschloß, dessen sämmtliche medicinische Anwendungen, in der Wirksamkeit ans die Nerven des organischen Lebens, die neuere Wissenschaft vielleicht noch nicht ergründet hat. Doch öfter noch verbrachte er seine Stunden in einer Höhle, ans dem einsamsten Thcil der Küste, wo die Stalaktiten beinahe wie von der Hand der Kunst geordnet scheinen, die der Aberglaube der Bauern in wenigen alten Sagen in Verbindung setzt mit den zahlreichen und beinahe unaufhörlichen Erdbeben, welchen die Insel so ganz besonders unterworfen ist. Was immer die Bestrebungen seyn mochten, welche ihn zu diesen Wanderungen trieben und diese Orte bei ihm in Gunst setzten : entweder standen sie in Verbindung mit — oder waren fle sonst untergeordnet Einem herrschenden Hauptwunsch, den jeder neue Tag, verlebt in der süßen menschlichen Gesellschaft Viola'S, bestärkte und bekräftigte. Die Scene, von welcher Glyndon in seiner Verzückung Augenzeuge gewesen, war der Wahrheit getreu. Und bald nach jener Nacht bekam Viola eine dämmernde Ahnung, daß ein Einfluß, sie wußte nicht welcher Art, Macht über ihr glückliches Leben zu gewinnen'rang. Ge- 94 sichte, undeutlich aber scheu, wie diejenigen, welche sie in ihren früheren Tagen gehabt hatte, aber beharrlicher und eindrucksvoller, begannen ihr bei Tag und Nacht vorzuschweben, wenn Zanoni abwesend war; in seiner Gegenwart erblaßten sie, und schienen weniger schön als diese. Zanoni befragte sie lebhaft und genau über diese Heimsuchungen, schien aber nicht befriedigt und manchmal betroffen über ihre Antworten. „Sage mir nichts," sagte er eines Tages, „von diesen unzusammenhängenden Bildern, diesen Verschlingungen sternheller Gestalte» in einem Chortanze, oder den köstlichen Melodien, welche Dir der Musik und Sprache der fernen Sphären anzngehören scheinen. Ist nicht Eine Gestalt Dir deutlicher und schöner erschienen als die übrigen — hat nicht Eine Stimme mit Deiner Zunge gesprochen, und Dir von seltsamen Geheimnissen und feierlicher Wissenschaft zngeflüstert?"- „Nein; Alles ist verworren in diesen nächtlichen oder wachen Träumen; und wenn ich beim Laut Deiner Schritte zu mir selbst komme, behält mein Gedächtniß-nur einen unbestimmten Eindruck von Glück. Wie verschieden — wie kalt gegen die Wonne, an Deinem Lächeln zu hängen, und Deiner Stimme zu lauschen, wenn sie sagt: Ich liebe Dich!" „Aber wie kommt es denn, daß Gesichte, weniger schön als diese, Dir einst so lockend erschienen? Wie kommt es, daß sie damals Deine Phantasie erregten und Dein Herz erfüllten? Einst sehntest Du Dich nach einem 95 Feenland, und jetzt scheinst Du mit dem gemeinen Leben zufrieden!" ^ „Hab' ich es Dir nicht zuvor schon erklärt? Ist ? cs denn das gemeine Leben, wenn man liebt, und mit dem Geliebten lebt? Mein wahres Feenland ist gewonnen! sprich mir von keinem Andern!" Und so überraschte sie die' Nacht an der einsamen Küste; und Zanoni, weggelockt von seine» erhabeneren Absichten, und sich über dieß zärtliche Antlitz hinbeugend, vergaß, daß in der harmoniellen Unendlichkeit, die sich ringsum ausdehnte, noch andere Welten sehen als Ein Menschenherz! Neuntes Kapitel, Es gibt ein Prinzip der Seele, erhaben über alle Statur, Lurch welches wir im Stande sind, über die Ordunngmnd die Systeme der Welt hin- auszugreifen. Wenn die Seele erhoben ist zu Naturen, vorzüglicher als sie selbst, dann ist sie ganz- lich getrennt von untergeordneten Staturen, dann vertauscht sie dieses Leben mit einem andern, und die Ordnung der Dinge, mit welcher sie verknüpft war, verlassend, verbindet und vermischt sie sich mit einer andern. , Jamblichus. „Adon - Äi! Adon - Ai! erscheine, erscheine!" Und in der einsamen Höhle, aus der einst die Orakel eines heidnischen Gottes erschollen, bewegte sich aus den 96 Schatten phantastischer Felsen hervor eine leichte und riesenhafte Säule/ glänzend und den Ort wechselnd. Sie glich dem glänzenden aber nebligen Schaum und Gischt, den ein Springbrunnen, von ferne gesehen, in einer sternhellen Nacht emporzusprudeln scheint. Der Glanz beleuchtete die Stalaktiten, die Felsen, die Bogen der Höhe, und goß ein blasses, zitterndes Licht über Zano- ni'S Züge. „Sohn des ewigen Lichtes," sagte der Beschwörer, „Du, zu deffechErkeuntniß ich, Stufe um Stufe, Geschlecht um Geschlecht, endlich auf den weiten Ebenen Chaldäa's gelangte — Du, von dem ich so Viel überkommen von der unaussprechlichen Weisheit, welche zu erschöpfe» doch die Ewigkeit nicht hinrcichte — Du, der mit mir gleich gestimmt, so weit die Verschiedenheit unseres Wesens gestattet, Jahrhunderte lang mein Freund und Vertrauter gewesen, — antworte und rathe mir!" Aus der Säule trat jetzt eine Gestalt von unsäglicher Herrlichkeit hervor. Ihr Angesicht war das eines Mannes in der besten Jugendkraft, aber feierlich ernst, wie vom Bewußtseyn der Ewigkeit und dem inner» Frieden der Weisheit: Licht floß, wie Sternenstrahlen, durch seine durchsichtigen Adern; aus Licht bestanden die Glieder selbst, und Licht schlängelte sich in unaufhörlichem Glanze durch die Wellen seiner blendenden Haare. Mit über der Brust gefalteten Armen stand er wenige Schritte von Za- noni entfernt, und seine Stimme flüsterte leise: „Einst waren Dir meine Räthe süß; nnd einst vermochte Nacht für Nacht Deine Seele meinen Schwingen zn folge» durch den ungestörten Glanz der Unendlichkeit. Jetzt hast Du Dich wieder an die Erde gebunden mit ihren stärksten Ketten, und die Anziehungskraft des Staubes ist mächtiger als die Sympathien, welche zu Deinem Zauber den Bewohner der Sternstrahlen und des Aethers herabzogen. Als das letzte Mal Deine Seele mir zuhörte, störten schon die Sinne Deinen Geist nnd verdunkelten Deine Sehkraft. Noch einmal komme ich zu Dir; aber selbst Deine Kraft, mich vor Dich zu fordern, erbleicht in Deinem Geiste, wie der Sonnenschein in der,Welle, wenn die Winde die Wolke zwischen das Meer und den Himmel jagen." „Ach, Adon-Ai!" versetzte der Seher traurig, „ich kenne nur zu wohl die Bedingungen des Daseyns, das sonst Deine Gegenwart zu lbeglücken pflegte. Ich weiß, daß unsere Weisheit nur entspringt ans der Gleichgültigkeit gegen die Dinge der Welt, welche die Weisheit beherrscht. Der Spiegel der Seele kann nicht Himmel und Erde zugleich zurückstrahlen; und Eins von Beiden verschwindet von seiner Oberfläche, sobald das Andere seiner Tiefe sich einprägt. Aber nicht, um mich wieder einzn- setzen in jene erhabene Abgezogenheit, worinder Geist, frei und körperlos, von einer Region zur andern emporsteigt bis zu den Sphären, habe ich Dich noch einmal, mit der Mühe und Todesqual geschwächter Macht, zu meiner Hülfe angerufen. Ich liebe; und in der Liebe fange ich an <- in den süßen Menschlichkeiten eines andern Wesens zu leben. Wenn auch noch weise in Allem, was 88 die mir drohenden Gefahren zu entwaffnen dient, oder auch diejenigen, welche Personen bcvvrstehen, auf die ich von der ruhigen Höhe gleichgültigen Wissens herab- znschauen vermag, bin ich doch blind wie der gewöhnlichste Sterbliche in Betreff des Schicksals desjenigen Geschöpfs, für das mein Herz in jener meinen Blick verdunkelnden Leidenschaft schlägt!" ,,WaS thuts!" antwortete Adon-Ai. „Deine Liebe kann doch nur ein Mißbrauch dieses NamenS seyn; Du kannst nicht lieben wie Jene, welcher der Tod und das Grab harrt. Eine kurze Zeit! -— wie ein Tag in Deinem nicht durch Zahlen zu erreichenden Leben, und die Gestalt, für welche Du schwärmst, ist Staub! Andere von der nie- dern Welt gehen Hand in Hand mit einander bis ans Grab; Hand in Hand steigen sie von der Stätte der Würmer zu neuen Kreisen des DaseynS empor. Für dich sind Jahrhunderte, für sie nur Stunden. Und für sie und für dich — oh Armer, aber Mächtiger! — wird es für Euch dereinst auch nur eine Verbindung geben? Welche Grade und Himmel des vergeistigten DaseynS wird ihre Seele schon hinter sich haben, wenn du, einsamer Nachzügler, von den Dünsten der Erde zu den Thoren des Lichts gelangst?" „Sohn des Sternenstrahls, glaubst du, dieser Gedanke begleite mich nicht beständig? und siehst du nicht, daß ich dich herausbeschworen habe, um mein Vorhaben anznhören und mir dabei zu helfen? Liesest du nicht in meiner Seele meinen Wunsch und Traum, ihr Wesen SS zu der Art des meiiügen zu erheben? Du, Adon-Ai, der du die himmlische Wonne, die dein Leben ausmacht, in den Meeren des ewigen Glanzes badest, du kannst nicht ahnen, außer durch die Sympathie der Erkenntniß, was ich, der Abkömmling von Sterblichen, fühle — ausgeschlossen schon von den Gegenständen des furchtbaren und erhabenen Ehrgeizes, die zuerst meine über den Staub sich erhebenden Wünsche bestügelten — wenn ich mich ge- nöthigt sehe, allein in dieser niedrigen Welt zu stehen. Ich habe unter meinem Geschlecht nach Genossen gesucht und umsonst. Endlich habe ich eine Genossin gefunden. Der wilde Vogel und das wilde Thier haben die Ihrigen; und meine Herrschaft über die boshaften Rotten des Schreckens kann ihre Larven verscheuchen von dem Pfade, derbste hinauf führen soll, bis die Luft der Ewigkeit den Körper fähig macht des Elirirs, das den Tod besiegt." „Und du hast die Einweihung begonnen und es ist dir mißlungen! Ich weiß es. Du hast die schönsten Gesichte ihrem Schlummer herauf beschworen; du hast die lieblichsten Kinder der Luft angerufen, ihrer Verzückung Musik vorzuflustern, und ihre Seele achtet ihrer nicht, und zur Erde zurückkehrend, entflieht sie ihrem Einfluß. Blinder, warum? Kannst du es nicht entdecken? Weil in ihrer Seele Alles Liebe ist. Da ist keine vermittelnde Leidenschaft, mit welcher die Dinge, durch welche du sie bezaubern wolltest, Zusammenhang und Verwandtschaft hätten. Ihre Anziehungskraft geht nur auf die Wünsche und Begehrungen des intellektuellen Wesens. Was haben 10 » sie gemein mit der Leidenschaft, die von der Erde ist, und der Hoffnung, die geradezu nach dem Himmel geht?" „Aber gibt es denn keine Vermittlung — kein Bin; deglied — worin unsere Seelen, wie unsere Herzen, vereinigt seyn können, so daß die meinige Einfluß hätte auf die ihrige?" „Frage mich nicht — du wirst mich nicht verstehen!" „Ich beschwöre dich! Rede!" „Wenn zwei Seelen getrennt sind, weißt du nicht, daß eine dritte, in welcher Beide sich begegnen und leben, das Bindeglied zwischen ihnen ist?" „3ch verstehe dich, Adon-Ai," sagte Zanoni mit einem Strahl von mehr menschlicher Freude in seinem Antlitz , als man je zuvor darauf gesehen; „und wenn mein Schicksal, das hierin meinem Auge dunkel ist, mir das glückliche Loos der Niedrigen gewährt — wenn ich je ein Kind an meine Brust drücken und mein nennen darf! — „Und darum hast du gestrebt, Mehr als Mensch zu seyn, um am Ende nur Mensch zu seyn?" „Nur ein Kind! eine zweite Viola!" murmelte Zanoni, kaum auf den Sohn des Lichtes achtend; „eine junge Seele frisch vom Himmel, die ich aufziehen kann vom ersten Augenblick an, wo sie die Erde berührt — deren Schwingen ich üben kann, den meinigen zu folgen durch die Herrlichkeit der Schöpfung, und durch welche die Mutter selbst über das Reich des Todes empor geführt werden kann!" 101 „Hüte— besinne dich! Weißt du nicht» daß dein schwärzester Feind im Reiche des Wirklichen haust? Deine Wünsche bringen dich immer näher der Menschheit!" „Ha, die Menschheit ist süß!" antwortete Zanoni. Und wie der Seher so sprach, zuckte ein strahlendes Lächeln über Adon-Ai'S Antlitz. Zehntes Kapitel. ^elorna aoternns ti iliuil, mortalla eonlert Uorlalis; llivina Veu5, perUura eackucu». vltti er. Ni »,/. Uonkn. 8i/»!»racr,!»tt. Urb. //. Auszüge ans Zanoni'S Briefen an Mejnour. Erster Brief. Du hast mir keine Nachrichten gegeben von den Fortschritten deines Lehrlings; und ich fürchte» so ganz anders gestalten die Verhältnisse den Geist der Generationen, welche wir nunmehr erlebt haben, verglichen mit den ernsteren und gesammelteren Kindern der früheren Welt, daß selbst deine sorgsamste und fleißigste Führung und Leitung ihres Zweckes verfehlen müßte, sogar bei erhabeneren und reineren Naturen» als der des Neophyten, den du in deine Thore ausgenommen hast. Selbst jener dritte Zustand des Seyns, den der indische Weise * mit Recht annimmt * Die Brahmincn sagen von Brahm: „Für den Allwissenden sind die drei Arten des DaseynS , Schlaf, Wachen und Vcr- Bulwer'S Romane. X6VIII. 8 102 zwischen dem Schlaf und dem Wachen, und ungenügend mit dem Namen „Verzückung" bezeichnet, ist den Kindern der nordischen Welt unbekannt; und fast Aste würden sich sträuben, ihr sich hinzugeben, indem sie ihre bevölkerte Ruhe für die Maja, die Täuschung des Geistes ansehen. Statt diese» ätherischen Boden zu reifen und anzubauen, aus welchem die Natur, richtig erkannt, so reiche Früchte und so schöne Blumen hervorlocken kann, streben sie nur, ihn von ihrem Blick auszuschließen; sie achten dieß Ringen des Geistes von der engen Menschenwclt weg nach der unendlichen Heimath des Geistes, für eine Krankheit, welche der Arzt vertreiben muß mit Arzneien und Mirtu- ren, und wissen nicht einmal, daß von diesem Zustand ihres DaseynS, in seiner ganz unvollkommenen und kindischen Form, Poesie, Musik, Kunst — Alles was einer Idee der Schönheit angehört, für welche weder Schlafen noch Wachen einen Urthpus gibt, noch damit wirkliche Ähnlichkeit hat — ihre unsterbliche Abkunft herleiten. Als wir, v Mejnour! in längst vergangener Zeit selbst Neophhten und begierige Jünger waren — da gehörten wir einer Claffe an, welcher die wirkliche Welt verschlossen und verriegelt war. Unsere Ahnen hatten keinen anderen Zweck im Leben als Erkenntniß. Von der Wiege au waren wir bestimmt und auferzogen zur Weisheit, als zu einem Priesterthum. Wir fingen da mit unserer Forschung an, wo die heutige Vermuthung ihre Zückung, nicht vorhanden,' womit deutlich genug die Verzückung als eine dritte, ebenbürtige DaschnSwcisc anerkannt ist. glaubenslosen Schwingen faltet. Und bei uns waren das die gemeinen Elemente des Wissens, was die Weisen von Heute als tolle Chimären verachten, oder woran sie, als an unergründlichen Geheimnissen, verzweifeln. Selbst die Fundamentalprincipien, die großen und doch einfachen Theorien der Elektricität und des Magnetismus, liegen trüb und dunkel da unter den Zänkereien ihrer verblendeten Schulen; und doch auch in unseren jungen Jahren — wie Wenige erreichten je auch nur den ersten Kreis der Brüderschaft, und nachdem sie mühselig die angestrebten hohen Vorrechte genossen, verließen sie freiwillig das Licht der Sonne, und sanken ohne Widerstreben ins Grab, wie Pilger in einer pfadlosen Wüste, der schauerlichen Stille ihrer Einsamkeit erliegend, und entsetzt über den Mangel eines Zieles. Du, in welchem Nichts zu leben scheint, als der Wunsch zu wissen — du, der du, gleichgültig ob es zum Heil oder zum Weh führt, dich Jedem widmest, der den Pfad der geheimnißvollen Wissenschaften betreten möchte, ein Buch in Menschengestalt, sühllos gegen die Lehren, die es ertheilt, — du hast immer noch Zuwachs für unsere Zahl gesucht, und ihn oft gesunden. Aber diesen Jüngern wurden immer nur theilweisc die Geheimnisse gewähr!; Eitelkeit und Leidenschaft machte sic der übrigen unfähig; und jetzt, ohne ein anderes Interesse als das eines Experiments in der Wissenschaft, ohne Liebe, und ohne Mitleid, setzest du diese neue Seele dem Wagniß der entsetzlichen Probe aus! Du denkst, ein so 8 - 104 wißbegieriger Eifer, ein so rücksichtsloser und unerschrockener Muth könne zum Siege hinreichen, der einem gediegeneren, härteren Geiste und reinerer Tugend so oft entging! Du meinst auch, der Keim der Kunst, der in des Malers Gemüth liegt, da er in sich schon ganz den Embryo der Kraft und der Schönheit enthalte, könne wohl zu der prächtigen Blume der goldenen Wissenschaft sich entfalten. ES ist für dich ein neues Experiment. Verfahre mild mit deinem Neophyten, nnd wenn seine Natur deine Hoffnungen auf den ersten Stufen des ProcesseS täuscht, entlaß ihn wieder zum Wirklichen, so lange es noch Zeit ist. das kurze, äußerliche Leben zu genießen, das in den Sinnen wohnt, und daS mit dem Grab zu Ende geht. Und wenn ich dich so ermahne, v Mcjuour, wirst du lächeln über meine unbeständigen Hoffnungen? Ich, der ich mich so beharrlich geweigert, Andere iu unsere Mysterien einzuweihen, ich fange endlich an zu begreifen, warum das große Gesetz, das den Menschen au seine Gattung bindet, selbst wenn er am meisten strebt, über ihren Zustand sich zu erheben, deine kalte und blutlose Wissenschaft zum Bindeglied zwischen dir und deinem Geschlecht gemacht hat; warum dn Lehrlinge und Convertiten gesucht hast, warum du, nachdem dn ein Leben nach dem andern freiwillig aus unserem sternhellen Orden sinken sähest, noch immer darnach trachtest, die Entschwundenen zu erneue», die Verlorenen zu ersetzen — warum du unter deinen Berechnungen, rastlos und nie stille stehend, wie die Räder der Natur selbst, vor dem Gedanken zurück- 105 bebst, allein zu sepn! So geht es auch mir, endlich suche auch ich Convertiten — meines Gleichen — auch ich schaudere davor, allein zu sehn! Wovor du mich gewarnt hast, das tritt ein. Die Liebe führt alle Dinge auf sich zurück. Entweder muß ich zu der Natur der Geliebten herabgczogen, oder muß ihr Wesen zum meinigen erhöht werden. Wie Alles, was der ächten Kunst angehört, immer uothwendig eine Anziehungskraft für uns gehabt hat, deren innerstes Wesen in dem Idealen besteht, woher die Kunst stammt, so habe ich in diesem schonen Geschöpfendlich das Geheimniß erkannt, das mich vom ersten Blick an sie band. Die Tochter der Musik wurde, indem die Musik in ihr Wesen überging, Poesie. Es war nicht die Bühne mit ihren hohlen Lügen, was sic anzog, —- es war das Land in ihrer eigenen Phantasie, das die Bühne zu concentrtrcn und darzustellen schien. Hier fand die Poesie eine Stimme — hier erkämpfte sie sich eine unvollkommene Gestalt, und dann, als dieser Boden sich ungenügend zeigte, fiel sie auf sich selbst zurück. Sie färbte ihre Gedanken, sie durchglühte ihre Seele; sie brauchte keine Worte, sie erschuf keine Wesen; sie erzeugte nur Empfindungen und verschwendete sich an Träume. Endlich kam die Liebe; und da, wie ein Fluß ins Meer, ergoß sie ihre rastlosen Wellen, und wurde stumm, tief und still — der ewige Spiegel des Himmels. Und kann sie nicht mittelst dieser Poesie, die in ihr liegt, in die große Poesie des Weltalls eingeführt werden? Ost höre ich ihrem sorglosen Geschwätze zu, und 106 finde Orakel seiner unbewußten Schönheit, wie wir wunderbare Tugenden in einer einsam blühenden Blume finden. Ich sehe ihren Geist unter meinen Augen reifen, und in seiner holden Fruchtbarkeit, welche ewig schwellende neue Gedanken! O Mejnour! wie Biele unseres Geschlechtes haben die Gesetze des Weltalls entwickelt, haben die Räthsel der äußern Natur gelöst — und das Licht aus der Finsterniß abgeleitet! Und ist nicht der Dichter, der Nichts studirt als das menschliche Herz, ein größerer Philosoph als fie Alle? Wissenschaft und Atheismus find unverträglich! Die Natur erkennen, heißt erkennen, daß ein Gott seyn muß! Aber braucht es das, um die Methode und die Architektur der Schöpfung zu erforschen? Mich dünkt, wenn ich ein reines Gemüth anschaue, wenn auch noch so unwissend und kindisch, ich sehe den erhabenen, körperlosen Einen klarer als in allen den sichtbaren Weltkugeln , welche auf Sein Geheiß durch den Raum kreise». Mit Recht ist es das Fundamentalgesetz unseres Ordens , daß wir unsere Geheimnisse nur den Reinen mittheilen dürfen. Der schrecklichste Theil der Prüfung liegt in den Versuchungen, welche unsere Macht dem Verbrecher entgegenführt. Wenn es möglich wäre, daß ein übelwollendes Wesen unsere Kräfte erlangte, welche Unordnung könnte es in der Welt anrichten! Ein Glück, daß cS nicht möglich ist. Die Bosheit würde die Macht entwaffnen. Auf die Reinheit Biola's baue ich, wie du eitler auf den Muth oder Genius deiner Zöglinge gebaut hast. Bezeuge es mir, Mejnour! Nie seit dem längst per- 107 gangenen Tage, wo ich in das Geheimste unserer Weisheit eindrang, habe ich je ihre Geheimnisse zu unwürdigen Zwecken zu mißbrauchen gesucht; obwohl, leider, die Ausdehnung unseres DaseynS uns Vaterland und Hci- math raubt; obwohl das Gesetz, das alle Wissenschaft wie olle Kunst, bedingt durch die Abgezogenheit von den lärmenden Leidenschaften und dem stürmischen Ehrgeiz des wirklichen Lebens, uns verbietet, Einfluß zu üben ans die Schicksale der Nationen, für welche der Himmel derbere und blindere Werkzeuge erwählt, habe ich doch, wohin immer mich meine Wanderungen geführt haben, Noth zu lindern, und von der Sünde zu bekehren gesucht. Meine Macht ist nur dem Schuldigen feindselig entgegengetreten; und doch mit all unserer Einsicht und Weisheit, wie sind wir bei jedem Schritte darauf beschränkt, nur die geduldeten Werkzeuge der Macht zu seyn, welche uns die unsrige blos zugesteht, um sie zu lenken. Wie schrumpft all unsere Weisheit in Nichts zusammen, verglichen mit derjenigen, welche dem geringsten Kraut seine Tugenden verleiht, und den kleinsten Tropfen mit der für ihn paffenden Welt bevölkert! Und während unS zu Zeiten ein Einfluß auf das Glück Anderer gestattet ist, wie geheimnißvoll verdichten sich die Schatten um unser eigenes künftiges Geschick! Können wir uns selbst nicht Propheten seyn? Mit welcher zitternden Hoffnung hege ich den Gedanken, meiner Einsamkeit das Licht eines lebendigen Lächelns erhalten zu können!. 108 Auszüge aus dein swcitcn Vricse. Mich selbst nicht rein genug erachtend, um ein so reines Herz einzuweihen, rufe ich zu ihrer Verzückung jene holdesten und zärtlichsten Bewohner der Lüste an, welche der Poesie, die die Schöpfung instinktartig errathet, die Ideen der Sylphen und Glendoveer's an die Hand gegeben haben. Und selbst diese waren minder rein, als ihre Gedanken, und minder zärllich als ihre Liebe! Sie könnten sich nicht über ihr menschliches Herz erheben, denn dieses hat schon seinen Himmel in sich. Ich habe sie so eben im Schlafe betrachtet! —ich habe sie meinen Namen hauchen gehört. Ach! was Andern so süß ist, hat für mich seine Bitterkeit; denn ich denke, wie bald die Zeit kommen kann, wo dieser Schlaf ohne einen Traum sehn — wo das Herz, das diesen Namen aussprechen heißt, kalt sehn wird, und die Lippen, die ihn aussprechen, stumm. Welche doppelte Gestalt hat doch die Liebe! Wenn wir sie nur in ihrem groben Wesen untersuchen — wenn wir nur ihre fleischlichen Bande ansehen — ihre augenblicklichen Genüsse — ihr stürmisches Fieber und ihre stumpfe Erschlaffung — wie sonderbar scheint es dann, daß diese Leidenschaft das höchste und letzte Triebrad der Welt seyn soll — daß sie es ist, die die größten Opfer eingegeben, und auf Gesellschaften und alle Zeiten gewirkt hat, daß ihr der erhabenste und liebenswürdigste Genius jederzeit seine Huldigung gewidmet hat; — daß es ohne Liebe keine Civilisation, keine Musik, keine Poesie, keine Schönheit, kein anderes als ein thierisches Leben gäbe. Aber man betrachte sic in ihrer himmlischeren Gestalt — in ihrer gänzlichen Selbstverlängnnng — in ihrem innigen Zusammenhang mit Allem, was nur zart und edel am Geiste ist — ihrer Macht über alles Schmutzige des Daseyns — ihrer Herrschaft über die Götzen eines niedrigeren CultnS — ihrer Macht, einen Palast aus der Hütte, eine Oase in der Wüste, im Eisland einen Sommer zu schaffen, wo sie athmet, befruchtet und glühen macht: und das Wunderbare wird vielmehr das, daß sie so Wenige in ihrem heiligsten Wesen erschauen. Was die Sinnenmenschen ihre Genüsse nennen, sind die geringsten ihrer Freuden. Wahre Liebe ist weniger eine Leidenschaft, als ein Symbol. Mejnonr, wird die Zeit kommen, wo ich Dir von Viola sprechen kann als von einem Geschöpf, das gewesen?. Auszug ans dem dritten Vricsc. Weißt Du wohl, daß ich mich in neuesten Zeiten manchmal gefragt habe: Ist keine Schuld in einer Erkenntnis die uns so von unserer Gattung geschieden hat'? Es ist wahr, je höher wir steigen, um so haffenswerther erscheinen uns die Laster der kurzlcbcnden Bewohner des Staubes; um so mehr durchdringt und durchglüht uns das Gefühl der Güte des Allgutcn, um so unmittelbarer scheint unser Glück von Ihm auszuströmen. Aber ande« 110 rerseitS, wie viele Tugenden müssen todt liegen, in Denjenigen, die in einer Welt des Todes leben und sich weigern zu sterben! Ist nicht dieser erhabene Egoismus, dieser Zustand der Abgezogenheit und träumerischen Beschaulichkeit, diese unabhängige, in sich selbst versunkene Majestät des Daseyns eine Verzichtleistung auf jenen Edelmuth, der unser Wohl, unsere Freuden, unsere Hoffnungen und Befürchtungen unauflöslich mit denen Anderer verschmilzt? Leben ohne Furcht vor Feinden, ungeschwächt durch Krankheit, sicher bei den Sorgen und frei von den Krankheiten des Fleisches — das ist ein Schauspiel, das unfern Stolz lockt. Und doch — bewunderst Du nicht den mehr, der für einen Andern stirbt? Seit ich sie liebe, Mcjnour, scheint «S mir beinahe Feigheit, sich dem Grabe zu entziehen, welches die Herzen verschlingt, die uns in ihren innersten Falten trugen. Ich fühle es — die Erde überwältigt meinen Geist — du hattest Recht; ewiges, heiteres, lei- denschaftlvseS Alter ist ein glückseligeres Gut, als ewige Jugend, mit ihren Wünschen und Begehrungen. Bis dahin, wo wir ganz Geist seyn können, muß die Ruhe der Einsamkeit — Gleichgültigkeit seyn. Auszüge aus dem vierten Briese. Ich habe deine Mittheilungen erhalten. Ha! ist es so? Hat dein Zögling deine Hoffnungen getäuscht? Ach, armer Zögling. Aber—. 111 (Hier folgen Betrachtungen über die Ereignisse in Glyndons Leben, die dem Leser schon bekannt sind, oder ihm sofort erzählt werden sollen, mit ernsten Beschwörungen anMejnour, dennoch über das Schicksal seines Schülers zu wachen.). Aber ich hege denselben Wunsch mit wärmerem Herzen. Mein Zögling! wie die Schrecknisse, welche sich um deine Prüfung drängen müssen, mich warnen, den Versuch nicht zu wagen! Noch einmal will ich den Sohn des Lichts aufsuchen. Ja, Adon-Ai, lang meinem Rufe taub, hat sich endlich dazu verstanden, meinem Auge zu erscheinen und die Herrlichkeit seiner Gegenwart in der Gestalt der Hoffnung mir zurückgelassen. Oh! nicht unmöglich, Viola! nicht unmöglich, daß wir noch, Seele mit Seele, vereinigt werden! Auszug nns dcm fünften Urieft. (Diele Monate nach dem Vorigen.) Mejnour! erwache aus Deiner Fühllosigkeit— freue Dich! Eine neue Seele wird der Welt geboren werden! Eine neue Seele, die michVater nennen wird! Ha, wenn sie, für welche alle Beschäftigungen und HülfSquellen des menschlichen Lebens vorhanden sind — wenn sie vor köstlicher, wonnevoller Rührung beben bei dem Gedanken, ihre eigne Kindheit wieder im Antlitz ihrer Kinder zu 112 begrüßen — wenn durch diese Geburt sie selbst wiedergeboren werden in die heilige Unschuld, welche der erste Zustand des Daseyns ist — wenn sie zu fühlen vermögen, daß dem Menschen beinahe die Pflicht eines Engels züsällt, wenn er ein Leben von der Wiege an zu leiten, eine Seele für den Himmel zu erziehen bekommt — welches Entzücken muß es für mich seyn, einen Erben all der Gaben zn bewillkommnen, die sich verdoppeln, indem man sie theilt.- Wie süß das Vermögen zu bewachen und zu behüten — Erkenntniß einzuflößen, Nebel abzuwenden, den Bach eines Lebens in einen reichern, breiter» und tiefer» Strom zurückzuführen, zum Paradiese von wannen er fließt! Und an diesem Bache sollen unsere Seelen sich begegnen, holde Mutter! Unser Kind soll die Sympathie ergänzen, die uns noch fehlt; und welche Gestalt sollte Dich heimsuchen, welches Schreckniß Dich entmiithigen, wenn Deine Einweihung geschieht neben der Wiege Deines Kindes! 113 Elftes Kapitel. So wird die Zeit vertriebe» und verträumt, Bis sich die Wuth des Sturms begann zu legen! Doch haben sic den vorigen Pfad versäumt. Wie sic zurück sich wähnen zu bewegen. Und wandern hin und her auf unbekannten Wegen, Spenser, Fcenkönigin I. I, lg. Ja, Viola, Dil bist ein anderes Wesen, als wie Dn an der Schwelle Deines HanseS in Italien Deinen dämmernden Phantasien durch das Schattenland folgtest, oder als Dn vergebens Stimme zu leihen suchtest einer idealen Schönheit ans den Brettern, wo die scenische Täuschung Himmel und Erde eine Stunde lang darstellt, bis der ermüdete Sinn, erwachend, nur noch die Flitter und die Maschinerie der Couliffen steht. Dein Geist ruht in seinem eignen Glück, Seine Wanderungen haben ein Ziel gesunden. In einem Augenblick ist da oft das Bewußtsein der Ewigkeit enthalten; denn, wenn innig glücklich, wissen wir, daß es unmöglich ist zu sterben. Wenn immer die Seele sich selbst fühlt, so fühlt sie ewiges Leben! Die Einweihung ist verschoben — Deine Tage und Nächte find mit keinen andern Gesichten beschäftigt, als mit solche», womit ein zufriedenes Herz eine harmlose Phantasie erfreut. GlendoveerS und Sylphen, verzeiht, wenn ich den Zweifel wage, ob diese Visionen nicht lieblicher sind als selbst Ihr! Wir stehen am Ufer und sehen die Sonne ins Meer 114 sinken. Wie lange weilen sic jetzt schon aus dieser Insel? Einerlei! — es mögen Monate, oder Jahre sehn — was liegt daran? Warum sollte ich, oder sollten sie Rechnung führen über diese glückliche Zeit? Wie im Traum eines Augenblickes Menschenalter zu verstreichen scheinen, so müssen wir Entzücken oder Leid messen nach der Länge des Traumes, oder nach der Zahl der Gefühle und Ge- müthsbewegungen, die der Traum in sich schließt! Die Sonne sinkt langsam hinunter; die Luft ist trocken und schwül; auf der See liegt das stattliche Schiff regungslos; auf der Küste bewegt sich kein Blatt auf den Bäumen. Viola drängte sich näher anZanoni; ein Vorgefühl, das sie nicht beschreiben konnte, machte ihr Herz rascher schlagen; und als sie ihm ins Gesicht sah, war sie betroffen über dessen Ausdruck, welcher ängstlich, zerstreut, verstört war. „Diese Stelle ängstigt mich," flüsterte sie. Zanoni schien sie nicht zu Horen. Er murmelte vor sich hin, und seine Augen sahen sich unruhig nach allen Seiten um. Sie wußte nicht warum, aber dieser Blick, der sich in den leeren Raum einzubohren schien, diese in einer fremden Sprache murmelnde Stimme belebten dunkel wieder ihren früheren Aberglauben. Sie war furchtsamer seit dem Tage, da sie wußte, daß sie Mutter werden sollte. Wunderbare Krise im Leben des Weibes und in ihrer Liebe! Ein noch UngeborneS sängt schon au ihr 115 Herz zu theilcn mit dem, der zuvor sein einziger König gewesen! „Sieh mich an, Zanoni," sagte sie, seine Hand drückend. Er wandte sich zu ihr— „Du bist blaß, Viola; Deine Hand zittert!" „Es ist wahr. Mir ist zu Muth, als schliche ein Feind in unsere Nähe." „Und dieser Instinkt täuscht Dich nicht. Ein Feind ist wirklich in der Nähe, ich sehe ihn durch die schwere Luft; ich höre ihn in dieser Stille — den Geisterhaften, den Verwüster — die Pest! Ach, siehst Du, wie die Blätter von Insekten wimmeln, die nur dem angestrengten Auge sichtbar sind? Sie folgen dem Hauche der Pest!" Wie er sprach, siel ein Vogel von den Zweige» zu Viola'S Füßen nieder; er flatterte, er zuckte einen Augenblick; und war todt. „Oh ! Viola!" rief Zanoni leidenschaftlich, „das ist der Tod. Fürchtest Du nicht zu sterben?" „Dich zu verlassen? Ach, ja!" „Und wenn ich Dich lehren könnte, wie man dem Tode trotzen kann — wenn ich für DeineJugcnd den Lauf der Zeit aufhalten könnte — wenn ich im Stande wäre—" Er hielt plötzlich iune, denn Vivla'S Auge verrieth nur Schrecken; ihre Wangen und ihr Mund waren blaß. „Sprich nicht so — schau nicht so drein," sagte sie, vor ihm zurückbebend. „Du erschreckst mich! Ach, sprich 116 nicht so, sonst muß ich zittern — nein, nicht um meinet- nber um Deines Kindes willen." „Deines Kindes willen. Aber würdest Du für Dein Kind eben diese herrliche Gabe verschmähen?" „Zanoni!" „Nun?" „Die Sonne ist unfern Augen niedergehend entschwunden, nur um den Augen Anderer aufzugehen. Ans dieser Welt verschwinden, heißt in der Welt über uns leben. O Geliebter! oh, mein Gatte!" fuhr sie fort mit plötzlicher Energie, „sage mir, Du habest bloß gescherzt, nur mit meiner Thorheit getändelt! In der Pest liegt mir weniger Entsetzliches, als in Deinen Worten!" Zanoni'S Stirne verfinsterte sich; er sah sie einige Augenblick schweigend an, und sagte dann, beinahe streng und rauh: „Was hast Du von mir erfahren, daß Du mir mißtraust?" „Oh! Verzeihung, Verzeihung! — Nichts!" rief Mola, sich an seine Brust werfend und in Thränen anS- brechend. „Ich will sogar Deinen eigenen Worten nicht glauben, wenn sie Dir zu nahe zu treten scheinen!" Er küßte die Thränen von ihren Augen, antwortete aber Nichts. „Und — ach!" begann sie wieder mit einem bezaubernden, kindlichen Lächeln, „wenn Du mir einen Talisman gegen die Pest geben willst, siehe, ich will ihn von 117 Dir annehmen." lind sie legte ihre Hand auf ein kleines, antikes Amulet, das er auf der Brust trug. „Du weißt, wie oft dieses mich eifersüchtig gemacht hat auf die Vergangenheit; gewiß eine Liebesgabe, Za- noni? Aber nein, Du hast die Gebcrin nicht so geliebt, wie Du mich liebst! Soll ich Dein Amulet stehlen?" „Kind!" sagte Zanoni zärtlich; „sie, die dieß um meinen Hals band, hielt es in der That für einen Talis- . man, denn sie war abergläubisch, wie Du, aber für mich ist es mehr als der höchste Zauber, — es ist eine Reliquie einer süßen entschwundenen Zeit, wo kein Herz, das mich liebte, mir mißtrauen konnte." Er sagte diese Worte in einem solchen Tone mclan- > cholischcn Vorwurfs, daß er Viola ins Herz schnitt; aber ! der Ton nahm dann eine Feierlichkeit an, welche die Auf- I Wallung ihrer Gefühle erkältend zurücktrieb, als er fort- fnhr: „Und dieß, Viola, werde ich vielleicht eines Tages von meiner Brust auf die Deinige übertragen; sobald Du mich besser verstehen wirst — sobald die Gesetze unseres DaseynS dieselben seyn werden!" Er brach leise auf. Sie kehrten langsam nach Hause zurück; aber noch war das Herz Viola'S voll Angst, obwohl sie sie abzuschütteln suchte. Sie war Italienerin und Katholikin — mit all den abergläubischen Meinungen des Landes und der Confessio». Sie schlich sich in ihr Gemach und betete vor einer kleinen Reliquie des San Gennaro, welche ihr der Priester ihres Hauses als Kind Bulwcr'S Romane. XOVIII. 9 gegeben und die sie auf allen ihren Wanderungen begleitet hatte. Sie hatte früher es nie für möglich gehalten, sich davon zu trennen. Jetzt aber, wenn es ein Talisman gegen die Pest war, — fürchtete sie die Pest für sich selbst? Am nächsten Morgen beim Erwachen fand Zanoni die Reliquie des Heiligen neben seinem mystischen Amulet an seinem Halse hängen. „Ha! jetzt wirst Du nichts von der Pest zu fürchten haben," sagte Viola, halb lächelnd, halb in Thränen; „und wenn Du wieder so zu mir sprechen wolltest, wie gestern Nacht, wird der Heilige es Dir verwehren." Nun, Zanoni! kann es je eine wirkliche Gemeinschaft des Gedankens und des Geistes geben, ausser unter Gleichen und Ebenbürtigen? Ja, die Pest brach aus — der Sitz auf der Insel mußte verlassen werden. Mächtiger Seher, Du hast nicht die Macht, die zu retten, die Du liebst! Fahre wohl, Dn bräutliches Dach! — süße Freistatt ohne Sorgen, lebe wohl! Ebenso"milde Climate mögen Ench begrüßen, Ihr Liebenden — ekst eben so heiterer Himmel, Wasser ebenso blau und ruhig. Aber diese Zeit — kann sie wiederkehren? Wer will behaupten, das Herz ändere sich nicht mit der Scene — dem Platz, wo wir zuerst mit dem Gegenstand unserer Liebe weilten? Jeder Punkt hier hat so viele Erinnerungen, welche der Ort allein ins Gedächtnis; zurückrufen kann. Die Vergangenheit, die ihn umschwebt, scheint solche Beständigkeit für die Zukunft zur Pflicht zu machen! Wenn ein 119 minder freundliches, minder zutrauensvolles Gefühl uns beschleichen will, versetzt uns der Anblick eines Baumes, unter welchem ein Gelübde ausgetauscht, eine Thräne wcggeküßt worden, wieder in die Stunden der ersten, göttlichen Entzückung zurück. Aber in einer Heimath, wo Nichts nnS von den ersten Wonnen der Ehe spricht, wo keine Beredsamkeit der Erinnerungen uns anweht, wo keine heilige Grabesstätten der Rührungen sind, deren Geister Engeln gleichen! — ja, Wer, der die traurige Geschichte der Liebe und Zärtlichkeit durch gelebt hat,'wird uns behaupten wollen, das Herz verändere sich nicht mit der Scene? Weht frisch, ihr günstigen Kinde! schwellt fröhlich, ihr Segel! Weg vom-Lande, wo der Tod cingebrochen ist, das Scepter der Liebe zu entreißen! Die Küsten gleiten vorüber; neue Ufer folgen auf die grünen Hügel und die Orangenhaine der Brautinsel. Von ferne schimmern jetzt im Mondschein dis noch stehenden Säulen eines Tempels, welchen die Athener der Weisheit weihten; und auf dem Schiffe stehend, das in dem frischen Winde dahintanzte, murmelte der Priester, der die Gottheit überlebt hatte, vor sich hin: „Hat die Weisheit von Jahrhunderten mir keine glücklicheren Stunden gebracht, als wie sie auch dem Schäfer und dem Hirten zu Theil werden, die keine Welt kennen außer ihrem Dorfe — keinen höher» Wunsch, als den Kuß und das Lächeln der Heimath?" Und der Mond, gleichmäßig sein Licht ergießend ! ILO über die Tempeltrümmer des entschwundenen Glaubens — über die Hütte des lebenden Bauern — über den seit Menschengedenken ragenden Berggipfel, und die vergänglichen Pflanzen» die seinen Abhang bekleiden, schien in verachtender Ruhe seine Antwort zuznlächeln dem Geschöpfe, das vielleicht den Tempel hatte erbauen sehen, und das in seinem unerforschlichen Dasehn, vielleicht noch den Berg von seinen Grundfesten sich loßreißen sehen sollte. ^1 !!'