E. L. Bulwer's Werke Aus dem Englischen. Mernndnennzigstes Bändchen. Nacht und Morgen. Siebentes Bändchen. Stuttgart. Verlag der I. B. Metzler'schen Buchhandlung. 1841 . Nacht und Morgen. Ein Roman von dem Verfasser des „Pelham," „Eugen Aram," „Niciizi," „Paul Clifford" rc. Aus dem Englischen von Gustav Pfizer. Zn sieben Bändchen. Siebentes Bändchen. Stnttg a rt. Verlag der I. B. Metzler'schen Buchhandlung. 1841 . Zwölftes Kapitel. Bakam. Die Mauern laßt bewachen meine Leute. Svana. Die meinigen Len Tempel. Die Jnselprinzessin. Während so Tage und Wochen ereignißreich für Philipp verstrichen waren, waren sie nicht minder folgenreich, hinstchilich des Innern Lebens, für Fanny verflossen. Sie hatte sich in ruhigem, beglückendem Nachdenken an dem Bcwnßtseyn geweidet, daß sie Fortschritte machte, daß sie seiner würdiger würde, daß er bei seiner Rückkehr dies bemerken werde. -Ihr Wesen war ernster, gesammelter — kurz weniger kindisch als früher, lind doch war, trotz dem Streben und der Unruhe des erwachten Geistes der Zauber ihrer wunderbaren Unschuld nicht verscheucht. Sie erfreute sich der alten, wiedergewonnenen Freiheit: auszugehen und heimzukommen, wann sie Lust hatte; und da das Wetter zu kalt war, um Simon je von seinem Kamin wegzulocken, ausgenommen etwa eine halbe Stunde vor Mittag, waren es hauptsächlich die Stunde» der Dämmerung, wo er sie am wenigsten vermißte, welche sie dazu benützte, zu der guten Lehrerin zu schleichen, und jeden Tag verständiger zu werden in Erkenntniß Gottes und seiner Geschöpfe. Bnlwer'S Romane. XVIV. 2 6 Die Schullehreriu war keine durch Geist glänzende Frau. Auch bedurfte Fanny nicht sowohl der Mittheilung hoher Kenntnisse, als der Ausschließung ihres Denkens und Ge- inüthes durch nützliche Bücher nnd vernünftiges Gespräch. Da alte ihre natürlichen Gefühle so schön waren, hatte die Lehrerin jetzt wenig Mühe, Gefühle zu der Würde von Grundsätzen heranznbtlden. Endlich erhielt Fanny, bisher geduldig in die Abwesenheit desjenigen sich fügend, der ihrem Herzen nie ferne war, von ihm den Brief, den er zwei Tage vor seiner Abreise von Beaufort-Court an sie geschrieben, — wieder einen Brief, einen zweiten Brief — einen Brief worin er sich entschuldigte, daß er nicht früher gekommen — einen Brief, der ihr seine Adresse angab, der eine Antwort verlangte. Es war ein Morgen unbeschreiblicher Wonne, die an Verzückung grenzte. Nnd dann die Aufregung, ihn zu beantworten — der Stolz, zeigen zu könne», welche Fortschritte sie gemacht, welche treffliche Hand sie jetzt schrieb! Sie schloß sich in ihremZimmer ein, sie ging an diesem Tage nicht aus. Sie legte das Papier Vor sich hin, und zu ihrem Erstaunen verschwand auf einmal Alles, was sie hatte schreiben wollen, aus ihrem Sinn. Wie sollte sie auch nur anfangen? Sie hatte ihn bisher immer „Bruder" genannt. Aber seit ihrem Gespräch mit Sarah fühlte sie, daß sie mit diesem Namen um Alles in der Welt nicht ihn wieder anreden könnte — nein, nimmermehr! Aber wie sollte — wie konnte sie ihn nennen? Er Unterzeichnete sich mit „Philipp." Sie wußte daß das sein Name war. Es dünkte sie ein musikalischer Name zum Auösprechen — aber ihn schreiben! Nein! ein Instinkt, den sie sich nicht erklären kannte, sagte ihr, es scy unschicklich — anmaßend, ihn: „Lieber Philipp!" zu nennen. Hatten die Lieder von Burns, — die Lieder, die er ihr unbedacht in die Hand gegeben und sie hatte lesen heißen — Lieder, welche die schönsten Liebespoeflen der Welt in sich begreifen — hatten sie ihr einige Geheimnisse ihres Herzens entdecken helfen? Und war mit der Erkenntniß die Schüchternheit gekommen? Wer wollte sagen — Wer er- rathen, was in ihr vorging? Auch verstand vielleicht Fanny selbst ihre Gefühle nicht, aber die Worte schreiben: „Lieber Philipp!" das konnte sie nicht. Und diesen ganzen Tag konnte sie, obwohl sie sonst an Nichts dachte, nicht die erste Zeile zu ihrer Zufriedenheit zu Stande bringen. Am nächsten Morgen setzte sie sich wieder hin. Es wäre so unfreundlich, wenn sie nicht unverzüglich antwortete; sie mußte antworten. Sie legte seinen Brief vor sich hin, sie fing entschlossen an. Aber Concept auf Concept ward gemacht und zerrissen. Und Simon fragte nach ihr — und Sarah fragte nach ihr — und Rechnungen waren zu bezahlen; und das Mittagessen war vorüber, ehe sie nur recht angefangen hatte. Aber nach Tisch begann sie mit großem Eifer: „Wie gütig von Euch, an mich zu schreiben," (die Schwierigkeit irgend einer Anrede ward umgangen; indem sie sie ganz wegließ,) „und von meinem lieben Großvater Nachrichten zu verlangen! Es ist so ziemlich im 2 » 8 Men bei ihm, doch geht er jetzt kaum je aus, und ich habe recht viele Zeit für mich. Ich glaube, es wird Euch Etwas überraschen und lächeln mache», wie Ihr zuerst zu thun Pflegtet, wenn Ihr zurück kommt. Ihr müßt mir nicht böse sehn,' daß ich sehr oft — ja, in der That jeden Tag, allein ausgegangen bin. Ich bin so sicher gewesen. Niemand hat sich herausgenommeu, wieder unartig zu sehn gegen Fanny," (das Wort Fanny hier ward sorgfältig mit einem Federmesser herausgekratzt und mich dafür gesetzt). Aber Ihr sollt Alles erfahren, wenn Ihr kommt. Und seyd Ihr gewiß wohl — ganz — ganz gesund? Habt Ihr nie das Kopfweh, worüber Ihr manchmal klagtet? Schreibt mir doch das! Geht Ihr spazieren — jeden Tag? Habt Ihr jetzt auch einen hübschen Kirchhof in der Nähe? Mit Wem geht Ihr spazieren? „Ich bin so glücklich gewesen, wenn ich die Blumen auf die zwei Gräber streute. Aber ich gebe noch immer dem Einigen die schönsten, obgleich das andere mir so theuer ist. Ich bin betrübt, wenn ich an das letztere komme, aber nicht, wenn ich das ansehe, das ich so lange schon ansah. Oh! wie gut Ihr wäret! Aber Ihr könnt es nicht leiden, wenn ich Euch danke." „Das ist sehr dumm!" rief Fanny, plötzlich ihre Feder wegwerfend, „und ich glaube, ich bin gar nicht weiter gekommen!" und sie weinte halb vor Nnmuth. Plötzlich stieg ein lichter Gedanke in ihr auf. In dem kleinen Zimmer, wo die Lehrerin ihr Privatunterricht ertheilte, hatte sie unter den Büchern einen kleinen Band gesehen, 9 von dem sie sogleich dachte, wie nützlich er ihr seyn würde, wenn sie je an Philipp zu schreiben hätte, betitelt: „der vollkommene Briefschreiber/' Sie wußte aus dem Titelblatt, daß er Muster für jede Gattung von Briefen enthielt, ohne Zweifel mußte sich darin auch genau bas finden, was für den vorliegenden Fall paßte. Sie fuhr auf bei dem Gedanken. Sie wollte hingehen — sie konnte wieder zurück seyn, um den Brief vor der Postzeit zu beendigen, (wenn sie sechs Pence dafür bezahlte). Sie setzte den Hut auf, ließ in ihrer Eilfertigkeit den Brief offen auf dem Tisch liegen, — und nachdem sie nur im Vorbeigehen einen Blick in das Wohnzimmer geworfen, um sich zu überzeugen, daß Simon schlafe, und der Dämpfer über dem Feuer sey, eilte sie zu der guten Schullchrerin. Einer der Nebel, wie sie im Herbst plötzlich über London und seinen Vorstädten sich lagern, umzog den sich zu Ende neigenden Tag mit ungewöhnlich früher Dämmerung. Es wurde, wie sie weiter ging, dunkler und dunkler, aber sie erreichte ungefährdet das Haus. Sie brachte eine Viertelstunde damit zu, ihre Freundin zu befragen über alle Arten von Briefen, nur nicht einen solchen, wie sie zu schreiben vorhatte, und nachdem sie sich fest eingeprägt, daß wenn der Brief an einen überall gebildeten und feinen Gentleman gerichtetsey, sie anfangen müsse: „Wertster Sir," und schließen mit: „Ich habe die Ehre zu verbleiben;" und daß er sich in alle Ewigkeit beleidigt fühlen würde, wenn sie nicht auf der Adresse seinen Namen „ESguire" beisetzte, (ras war eine wichtige Entdeckung!) 10 eilte sie mit dem kostbaren Buche fort und verließ das Hans. Es war da eine Mauer, welche, die Angehörigkeiten der Schule begrenzend, eine kurze Strecke weit in die Hauptstraße vorlief. Mit dem wachsenden Nebel kämpfte hier schwach der Flimmer einer einzelnen Laterne in einiger Entfernung. Gerade an dieser Stelle fiel ihr Blick auf einen dunkeln Gegenstand auf der Straße, worin sie mit Mühe einen Wagen erkannte, als sie sich bei der Hand ergriffen fühlte, und eine Stimme ihr ins Ohr sagte: „Ach ! Ihr werdet nicht so grausam gegen mich seyn, hoffe ich, als Ihr es gegen meinen Abgesandten wäret! Ich bin selbst gekommen, Euch zu holen!" Sie wandte sich in großer Bestürzung um, aber die Dunkelheit ließ sie das Gesicht dessen, der sie so anredetc, nicht erkenne». „Laßt mich gehen!" schrie sie — „laßt mich gehen!" „Still — still! Rein — nein! Kommt mit mir. Ihr sollt ein Haus — einen Wagen — Dienerschaft haben! Ihr sollt seidene Kleider und Juwelen tragen! Ihr sollt eine vornehme Dame sehn!" Während diese verschicdnen lockenden Anerbietungen rasch auf das immer erneute Sträuben Fannys folgten, sagte eine Stimme von dem Kutschbock in leisem Tone: „Nehmt Euch in Acht, mein Lord, ich sehe Jemand kommen — vielleicht der Polizeimann!" Fanny horte die Warnung und schrie laut um Beistand. „Steht es so!" murmelte der Angreifer. Und plötzlich fühlte Fanny ihre Stimme erstickt — ihren Kopf 11 verhüllt — ihre leichte Gestalt vom Boden aufgehoben. Sie widersetzte — sie sträubte sich gewaltsam — umsonst. Es war das Werk eines Augenblicks. Sie fühlte sich in den Wagen getragen — die Wagenthüre ward geschlossen — der Unbekannte saß ihr zur Seite und seine Stimme sagte: „Fahrt zu, Dykemali. Schnell, schnell!" Zwei bis drei Minuten, welche ihr in ihrer Angst wie Jahre erschienen, verstoßen, als der Knebel und der Mantel sachte weggcnommen wurden, und dieselbe Stimme, (sie konnte noch immer ihren Begleiter nicht sehen,) in sehr mildem Tone sagte: „Beunruhigt Euch nicht: Ihr habt keine» Grund dazu — wahrlich nicht! Ich hätte diesen Plan nicht gewählt, hätte es einen andern — einen milderen gegeben. Aber ich konnte Euch nicht aufsuchen in Eurem Hause — ich wußte kein anderes, wo ich Euch treffen konnte. Dies Verfahren allein blieb mir übrig — in der Thal, dieses allein, Ich verschaffte mir Kunde von Eurem Thun und Treiben. Tadelt mich darum nicht, daß ich Euren Gängen nachspürtc. Ich erwartete Euch die ganze vorige Nacht — Ihr kämet nicht. Ich war in Verzweiflung. Endlich finde ich Euch. Scyd nicht so in Angst; ich will nicht einmal Eure Hand aurühren, wenn Ihr cs nicht haben wollt." Unter diesen Worten jedoch machte er den Versuch sie zu berühren, und ward mit einer Heftigkeit zurückge- stvßen, die ihn etwas aus der Fassung brachte. Das arme Mädchen zog sich vor ihm in die äußerste Ecke dieses 12 Gefängnisses zurück — in sprachlosem Entsetzen, in dunkelster Verwirrung ihrer Gedanken. Sie weinte nicht, sie schluchzte nicht, aber ihr Zittern schien den Wagen sogar schüttern zu machen. Der Mann fuhr fort zu ihr zu sprechen, Vorstellungen zu machen, zu bitten, zu trösten. Sein Benehmen war achtungsvoll. Seine Betheurungen, daß er ihr um Alles in der Welt kein Leid thun möchte, nahmen kein Ende. „Seht nur erst zwei Tage, einen Tag, die Heimath, die ich Euch anbieten kann. Hört nur erst, wie reich ich Euch und Euern Großvater machen kann, — und dann, wenn Ihr es noch wünscht verlaßt mich." Noch viel, viel Mehr in diesem Sinne redete er au sie hi», ohne Fanny auch nur einen Laut abzugewinnen, außer ein Stöhnen, wie wenn sie nach Athen, ränge, und dann und wann ein leises Murmeln: „Laßt mich gehe» — laßt mich gehen! Mein Großvater— melu blinder Großvater!" lind endlich kamen, zu ihrer Erleichterung, Thränen, und sie schluchzte mit einer Leidenschaftlichkeit, die ihren Begleiter beunruhigte und vielleicht sogar rührte, so cy- uisch und eiskalt er auch war. Inzwischen schien der Wagen zu stiegen. So schnell als zwei Pferde, von edelster Zucht, beinahe im vollsten Jagen laufen konnten, wurden sie dahin gewirbelt, bis etwa eine Stunde, oder früher noch, nach dem Zeitpunkt, wo sie so war gefangen worden, der Wagen hielt. „Sind wir schon da?" sagte der Mann, den Kopf aus 13 dem Wagenfenster streckend; „so thut denn, wie ich Euch gesagt. Nicht vor die vordere Thüre — vor mein Arbeitszimmer." Nach zwei Minuten machte der Wagen wieder Halt vor einem Gebäude, welches weiß und geisterhaft durch den Nebel schaute. Der Kutscher stieg ab — öffnete mit einem Schnalienschlüffel eine Fensterthüre — trat einen Augenblick hinein, um die Lichter in einem einsamen Zimmer an einem Feuer anzuzünden, das ans dem Herde loderte — erschien wieder und öffnete den Wagenschlag. Mit einer Schwierigkeit, ans die ste schwerlich gefaßt waren, brachten ste Fanny aus dem Wagen heraus. Keine sanften Worte — keine ihr ins Ohr geflüsterten Bitten vor- mochten sie heraus zu locken; und mit nicht geringer Gewandtheit — denn ihr Begleiter suchte fich so zart und schonend zu benehmen, als nur immer die Nothwendigkeit, Gewalt zu brauchen, gestattete — machte er ihre Hände los von den Fensterrahmen — der Fütterung — den Kiffen, woran sie sich fest klammerte, um sie endlich ins Hans zu tragen. Der Kutscher schloß, als er sich entfernte, wieder das Fenster, und sie waren allein. Jetzt warf Fanny, halb bewußtlos einen wilden Blick aus das Gemach. Es war klein und einfach eingerichtet. Ihr gegenüber stand ein altmodischer Schreibtisch, worüber das Portrait einer Frau in der Blüthe des Lebens hing — ein Angesicht so schön, eine Stirne so ansrichtig, ein Auge sorein, ein Mund so lächelnd in Jugend und Freude, daß Fanny sich getröstet fühlte, daß ihr war, als ob sie eine lebendige 14 Beschützerin hier hätte, als ihr Blick auf diesen Zügen verweilte. Die Wände waren behängt mit Kupferstichen von Pferden und Jagden, und die Vorhänge waren von buntem und lebhaftem, doch etwas verblichenem Zitz. Das Feuer brannte hell und lustig; ein Tisch, zum Essen gedeckt, war nahe an dasselbe gerückt. Jedem andern Ange als dem ihrigen würde das Zimmer als ein Bild englischer Behaglichkeit erschienen seyn. Endlich hasteten ihre Blicke auf ihrem Begleiter. Er hatte sich mit einem langgedehnten Seufzer, der halb Erschöpfung, halb Befriedigung anssprach, ans einen der Stühle geworfen, und betrachtete sie, wie sic, sich nmschend, dastand, mit einer Mischung von Neugier nnd Bewunderung; sie erkannte auf einmal ihren ersten, ihren einzigen Verfolger. Sie schauderte zurück, und verbarg ihr Gesicht in den Händen. Der Mann näherte sich ihr: „Haßt mich nicht, Fanny! — wendet Euch nicht weg! Glaubt mir, obgleich ich solche Gewalt brauchen mußte, hier hat alle Gewaltthätigkcit ein Ende. Ich liebe Euch, aber ich werde mich nicht zufrieden geben, als bis Ihr mich auch wieder liebt. Ich bin nicht jung, und ich bin nicht schön, aber ich bin reich und vornehm, nnd ich kann diejenigen, die ich liebe, glücklich machen — so glücklich, Fanny!" Aber Fanny hatte sich weggewandt und war jetzt eifrig beschäftigt mit dem Versuch, die Thüre wieder aufzumachen, durch welche sie hereingekommen. Da ihr dies nicht gelang eilte sie plötzlich davon weg, öffnete die innere 15 Thüre, und eilte mit lautem Geschrei iu den Gang. Ihr Verfolger erstickte einen Fluch, sprang ihr nach und hielt sie zurück. Er sprach jetzt ernst, und mit Lächeln und Stirnrnnzelu zugleich: „Das istThvrheit! Kommt zurück, oder Ihr werdet es bereuen! Ich habe Euch versprochen als Gentleman, als Edelmann — wenn Ihr wißt, was das ist — Euch mit Achtung zu behandeln. Aber ich will weder mit mir spielen, noch mich beleidigen lassen. Hier darf kein solches Geschrei erhoben werden!" Sein Blick und seine Stimme imponirte Fanny, trotz ihrer Betäubung und ihres Abscheus, und sie ließ sich ohne Widerstand in das Zimmer zurückschleppen. Er schloß und riegelte die Thüre. Sie warf sich in einer Ecke des Zimmers auf den Boden und stöhnte leise, aber kläglich. Er sah, beim Feuer stehend, sie einige Augenblicke nachsinnend au; und endlich ging er an die Thüre, öffnete sie, und rief mit leiser Stimme: „Harriet!" Sofort erschien eine junge Frau, von etwa dreißig Jahren, sauber aber einfach gekleidet, und mit einemGesicht, das, wenn auch nicht sehr einnehmend, doch gewiß sehr schön genannt werden konnte. Er zog sie einige Augenblicke beiseite und hatte mit ihr in flüsterndem Ton eine Unterredung. Dann ging er ernst auf Fanny zu: „Meine junge Freundin," sagte er, „ich sehe, meine Gegenwart ist Euch diesen Abend lästig. Diese junge Frau wird Euch bedienen — sie wird Euch Alles anschaffen, was Ihr wünscht. Sie kann Euch auch sagen, daß ich nicht 16 der entsetzliche Mensch bin, wofür Ihr mich zu halten scheint. Ich werde Euch morgen sehen." Mit diesen Worten drehte er sich auf dem Absatz um und schritt hinaus. Fanny hatte wieder ein Gefühl wie von Freiheit — wie von Freude. Sie stand auf, und schaute der Frau so stehend, so ernst, so innig ins Gesicht, daß Harriet beschämt ihre kecken Augen wegwandte, und in diesem Augenblick schaute Dykeman selbst ins Zimmer. „Ihr sollt uns selbst das Essen hieher bringen, Oheim; und dann zu Mylord ins Besuchzimmer gehen." Dykeman machte ein vergnügtes Gesicht und verschwand. Dann trat Harriet heran, ergriff Fannys Hand, und sagte freundlich: „Nengstigt Euch nicht. Ich versichre Euch, die Hälfte der Mädchen in London würden, ich weiß nicht was darum geben, an Eurer Stelle zu seyn. Mylord wird Euch nie zwingen, Etwas gegen Euern Willen zu thun — das ist gar nicht seine Art; und er ist der gütigste und beste Mann; und so reich; er weiß nicht, was mit seinem Geld anfangen!" Auf all dies hatte Fanny nur Eine Antwort, — sie warf sich plötzlich der Frau an die Brust und schluchzte: „Mein Großvater ist blind — er kann nicht bestehen ohne mich — er wird sterben — sterben. Habt Ihr nicht auch Jemand, den Ihr liebt? Laßt mich gehen — laßt mich hinaus! Was kann man denn von mir wollen? Ich habe nie Jemand ein Leid gethan!" „Und Niemand wird Euch ein Leid thun; — ich schwüre es!" sagte Harrtet mit Ernst. „Ich sehe, Ihr kennt meinen Lord nicht. Aber da ist das Esten, — kommt und genießt Etwas, und ein Glas Wein dazu. Geht jetzt, Oheim, wir brauchen Euch nicht." Fanny konnte Nichts anrühren, als ein Glas Wasser, und dies erstickte ste beinahe. Endlich aber, als sie ihrer Sinne wieder mächtig wurde, beruhigten sie die Abwesenheit ihres Peinigers — die Anwesenheit einer Frau — die feierlichen Versicherungen Harriets, ste werde, wenn ste nach ein paar Tagen nicht bleiben wolle, wieder heimgehen dürfen, bis auf einen gewissen Grad. Ste achtete nicht auf die listigen und langen Lobpreisungen, womit sofort die Versucherin die Tugenden, die Liebe, die Großmuth, und besonders das Geld Mylords herausstrich. Sie wiederholte sich nur immer selbst: „In ein paar Tagen darf ich wieder fort!" Endlich schlug Harriet, nachdem sie gegessen und getrunken hatte, so Viel ste allein vermochte, nachgerade der so wenig fruchtenden Bemühungen müde, Fanny vor, sich zur Ruhe zu begeben. Sie öffnete eine Thüre rechts vom Kamin, und leuchtete ihr eine Wendeltreppe hinauf in ein hübsches und behagliches Gemach, wo sie sich erbot, ihr beim Ausklciden zu helfen. Fannys völlige Unschuld, und ihre gänzliche Unwissenheit, hinsichtlich der eigentlichen Beschaffenheit der ste bedrohenden Gefahr, die sie sich jedoch sehr groß und schrecklich dachte, ließ ste nicht ganz Alles verstehen, was Harriet mit ihren feierlichen Betheuruugen: ste werde nicht gestört und beunruhigt werden, meinte. Aber so 18 Diel wenigstens verstand fls, daß sie ihren verhaßten Kerkermeister vor dem nächsten Morgen nicht mehr sehen würde; und als Harriet, indem sie ihr gute Nacht wünschte, ihr einen Niegel an ihrer Thüre zeigte, empfand sie weniger Angst bei dem Gedanken, an diesem fremden Ort allein zu seyn. Sie horchte, bis die Tritte Harricts verhallten, und versuchte dann, mit Pochendem Herzen, die Thüre zu offnen; sie war von Aussen verschlossen. Sie seufzte tief auf. Das Fenster? — ach! als sie den Laden weggezogen, fand sich ein zweiter, von Aussen geriegelt, welcher auch hier alle Hoffnung abschnitt; es blieb ihr Nichts übrig, als ihre Thüre zu verriegeln; sie stand da, trostlos und betäubt über ihr Schicksal, und endlich fiel sie auf die Kniee nieder um zu beten, in ihrer einfältigen Weise, die jedoch seit ihren neuerlichen Besuchen bei der Schullehrerin verständiger und ernster geworden war, — zu Ihm, von dem die Stimme des menschlichen Herzens durch keine Schranken und Riegel abgehalten werden kann! Dreizehntes Kapitel. Lord Lilburne, vor einem Speisenbrett im Besuchzimmer sitzend, beendigte seine einsame Mahlzeit, undDy- keman stand dicht hinter ihm, angegriffen und aufgeregt. 19 Eine vieljährige Vertraulichkeit zwischen dem Herrn nnd dem Diener — die eigenthümliche GemüthSart Lord Lil- bnrne'S, welche jede Freundschaft mit Seinesgleichen auS- schloß, — hatten zwischen den Beiden jene Art von engem Verhältniß begründet, wie es sich so häufig fand bei dem Edelmann und dem Kammerdiener des alten französischen i-ögsimo; und in der Thal glich Lilburne in Vielem mehr den Männern jener Zeit und jenes Landes, als dem edleren und stattlicheren Wesen, das unsrem Lande eignet. Aber bis ans Ende der Zeiten wird, was lasterhaft, feingebildet und geistreich zugleich ist, eine gemeinsame Aehn- lichkeit haben. „Aber, mein Lord," sagte Dykeman, „bedenkt doch nur! dies Mädchen ist im Ort so gut bekannt; gewiß wird sie vermißt werden; und wenn irgend Gewalt gegen sie angewendet wird, so ist es ein Kapitalverbrechen, mein Lord — ein Kapitalverbrechen! Ich weiß, man kann einen vornehmen Lord wie Ihr seyd, nicht hängen; aber alle dabei Betheiligtcn können —" Lord Lilburne unterbrach den Redenden mit den Worten : „Gebt mir Wein und haltet das Manl!" Dann, nachdem er sein Glas geleert hatte, rückte er näher an das Feuer, wärmte sich die Hände, sann einen Augenblick nach, nnd wandte sich gegen seinen Vertrauten: „Dykeman," sagte er, „obgleich Ihr ein Esel und eine Memme seyd, nnd nicht verdient, daß ich so herablassend gegen Euch bin, will ich doch Eure Besorgnisse auf einmal heben. 2ch kenne das Gesetz besser als Zhr, denn 20 ich habe mein ganzes Leben hindurch immer eben nach meiner Lust und Neigung gehandelt, ohne mich je der Macht des Gesetzes zu überliefern, welches der Lust und Neigung andrer Leute oft störend Eintrag thut. Ihr habt Recht» wenn Ihr sagt» Gewaltthätigkeit wäre ein Kapitalverbrechen. Nu» ist aber der Unterschied zwischen Laster und Verbrechen dieser: Laster ist» wogegen die Pfaffen Predigten schreiben» — Verbrechen das» wogegen wir Gesetze machen. Ich habe in meinem ganzen Leben kein Verbrechen begangen, — im Alter zwischen fünfzig und sechzig will ich nicht den Anfang machen. Laster sind etwas Sicheres; ich habe vielleicht meine Laster so gut wie Andere; aber Verbrechen sind gefährliche Dinge — gesetzwidrige Dinge — Dinge» vor denen man sich sorgfältig hüten muß! Seht Zhr," (und hier brach der Redende» seinen verblüfften Zuhörer mit dem Auge firirend, in ein Grinsen erhabenen Hohnes aus,) „laßt mich annehmen, Zhr wäret die Welt, — die Welt, dieser kriecheiche Kammerdiener der Kammerdiener! — so würde ich so zu Euch sprechen: „Meine liebe Welt, Zhr und ich verstehen einander recht gut — wir sind für einander gemacht — Zhr kommt mir und ich Euch nie in den Weg. Wenn ich jeden Tag in meinem Zimmer mich betrinke, so ist das Laster — da könnt Ihr mir Nichts anhaben; wenn ich zum ersten Mal in meinem Leben ein GlaS zu viel trinke, und den Nachtwächter zu Boden schlage, so ist das ein Verbrechen» das mich, wenn ich reich bin, ein Pfund — vielleicht auch sünf Pfund kostet, — wenn ich arm bin» mich auf die Tretmühle bringt. Wenn ich fünfhundert alten Vätern das Herz breche, indem ich mit Gold oder Schmeicheleien die Umarmungen von fünfhundert jungen Töchtern erkaufe, so ist das Laster — gehorsamster Diener, gnädige Welt! Wenn Ein ungestümes Weibsbild mir das Gesicht zerkratzt, einen Lärm erhebt, und mit eherner Stirne nach Old-Bailey geht, um selbst ihre Schande zn beschwören — ha, so ist das Verbrechen, und meine Freundin, die Welt, zieht einen hänfenen Strick ans der Tasche. Versteht Ihr mich jetzt? Ja, ich wiederhole es," fuhr er mit veränderter Stimme fort, — „ich bin auch nicht einmal verklagt worden — habe nie einen Prozeß wegen unerlaubten Umgangs, wegen Verführung zu bestehen gehabt. Ich verstehe mich besser darauf, solche Sachen einzurichten. Ich war genüthigt, dies Mädchen zu entführen, weil ich kein anders Mittel hatte, mich um sie zu bewerben. Mich um ihre Gunst zu bewerben, ist Alles was ich jetzt im Sinn habe. Ich weiß ganz wohl, daß eine Klage wegen Gewaltthat, wie Ihr es nennt, noch unangenehmer wäre gerade wegen der Geistesschwäche, woran das Mädchen leiden soll — ein Gerücht, wovon ich kein Wort glaube. Ganz gewiß werde ich auch den entferntesten Schein vermeiden, der so gedeutet werden könnte. Aus diesem Grunde soll Niemand im Hause das Mädchen bedienen, als Ihr und Eure Nichte. Auf Eure Nichte, das weiß ich, kann ich mich verlassen; ich bin gütig gegen sie gewesen; ich habe ihr einen guten Mann verschafft, ich werde ihrem Man» einen guten Platz verschaffen— ich werde ihrem ersten Kind Pathe sehn. Aller- Bulwcr'S Romane. XVIV, z 22 dings werde» die ander» Dienstboten erfahren, daß ein Frauenziinmer im Hause ist; aber daran sind sie gewohnt; ich gebe mich nicht für einen Joseph ans. Sie dürfen nicht Mehr erfahren, wenn nicht etwa Ihr es ausplappern wollt. Nun denn, gesetzt, daß nach Verstoß einiger Tage, mehr oder weniger, ein junges Frauenzimmer, ohne alles heftige oder unartige Benehmen meinerseits, nachdem sie einige Juwelen, und schöne ölleider, und ein hübsches Haus gesehen, und es ihr recht gut ergangen, und sie die Gewißheit erlangt hat, daß für ihren Großvater gesorgt werden werde, ohne daß sie sich zu Tod arbeitet, von freien Stücken sich entschließt, mit mir zu leben: wo ist da ein Verbrechen, und Wer kann sich da einmischen?" „Gewiß, mein Lord, das ändert die Sache," sagte Tykeman, bedeutend erleichtert, „Aber dennoch," fuhr er ängstlich fort, „wenn eine Nachforschung angestellt wird — wenn man, ehe dies Alles ins Reine gebracht, herans- bringt, wo sie ist?" „Ha! dann ist ihr kein Leid geschehen — keine Gewalt ist ausgeübt worden! Ihr Großvater— kindisch und geizig, sagt Ihr, — wird sich mit Etwas Geld beschwichtigen lassen, und es wird Niemand angehen, und cs kann keine Klage angestellt werden. Still, Mann! Ich sehe immer vorher zu, ehe ich springe! Die Leute in dieser Welt sind nicht so menschenfreundlich wie Ihr glaubt! WaS ist natürlicher, als daß ein armes und hübsches Mädchen — nicht so klug wie die Königin Elisabeth! — sich verlocken ließe, einem reichen Liebhaber einen Besuch 23 zu machen? Alles was man von dem Liebhaber sagen kann, ist: er sey ein sehr lebenslustiger, oder ein sehr schlimmer Mann, und das heißt Nichts Neues von mir sagen. Aber ich glaube nicht, daß man dahinter kommen wird. — Holt mir doch diesen Schemel; — cs ist das ein sehr lästiges Stück Arbeit gewesen — hat mich ziemlich ermüdet — und ich bin nicht so jung, als ich war. Ja, Dpkeman, Etwas, das dieser Franzose Vauücmont oder Va»t->'ion, oder wie er heißt, einmal zu mir sagte, hat einen gewissen Grad von Wahrheit. Ich fühlte es bei meinem letzten Podagraanfall, als meine hübsche Nichte mir meine Kiffen zurecht machte. Eine Pflegerin, wenn man älter wird, kann Einem von Nutzen scyn. Ich wünschte, daß dies Mädchen Gefallen an mir fände, oder dankbar gegen mich würde. Ich denke an eine längere und ernstere Neigung als gewöhnlich — an eine Lebensgesellschafterin!" „Eine Lebensgesellschaftcrin, mein Lord, dies arme Geschöpf ! — so unwissend! so ungebildet!" „l!»> so besser. Diese Weil wird mir schaal," sagte Lilbnrne, in beinahe düsterm Tone. „Ich werde überdrüssig der erbärmlichen Charlatanerien, — der jämmerlichen Einbildungen, welche bei Männern, Weibern und Kindern „Wissen" heißen. Ich wünsche ehe ich sterbe einen Blick in reine Natur zu thun. Dies Geschöpf interessirt mich, und das ist schon Etwas in diesem Leben. Räumt diese Sachen weg und verlaßt mich." „Ja!" murmelte Lord Lilbnrne, indem er sich, nunmehr allein, über das Feuer hinbeugte, „als ich zuerst 2t hörte, daß dies Mädchen die Enkelin vvn Simon Gaw- trey sey, und somit die Tochter des Mannes, dem ich es zu danken habe, daß ich ein Krüppel bin — da war mir, als ob meine Liebe zu ihr ein Theil des Haffes wäre, den ich ihm schuldig bin — ein Segment im Kreise meiner Rache. Aber jetzt, armes Kind! vergesse ich das Alles. Ich fühle für sie nicht Leidenschaft, sondern, was ich nie zuvor empfunden — Zärtlichkeit! Ich fühle, daß, wenn ich ein solches Kind hätte, ich verstehen könnte, was die Menschen meinen, wenn sie von der Zärtlichkeit eines Vaters schwatzen. Ich habe nicht Einen unreinen Gedanken gegenüber diesem Mädchen — nicht Einen. Aber ich wollte Tausende geben, wenn sie mich lieben könnte! Seltsam ! — seltsam! — in all diesem erkenne ich mich selbst nicht wieder!" Lord Lilburne begab sich in dieser Nacht zeitig zur Ruhe; er schlief gesund; stand erfrischt und früher auf als gewöhnlich, und was er als einen Anfall von Taumel und Schwindel in der vorigen Nacht ansah, war vorüber. Er sah mit Verlangen einer Zusammenkunft mit Fanny entgegen. Stolz auf seinen Verstand, sich gefallend in allen jenen unheilvollen Anwendungen, welche davon zu machen ihm die Grundsätze nnd Gewohnheiten seines Lebens so lange gestattet, faßte er den Sieg über seine schöne Gegnerin mit dem Interesse an einem wissenschaftlichen Spiel, so zu sagen, ins Auge. Harrtet ging in Fannys Zimmer, um sie auf den Besuch des Herrn vom Hause vorzubereiten; und Lord Lilburne beschloß jetzt, seinen 23 eignen Besuch minder unwillkommen dadurch zu machen, daß er zu einem besonder» Geschenk einige ins Auge fallende, wenn auch nicht werthvolle Schmucksachen bestimmte, die für solche Zwecke nie fehlten in den Behältnissen der Villa, welche er für seine Vergnügungen eigens gekauft. Er erinnerte sich, daß diese Zierrathen in dem Schreibtisch des Arbeitszimmers lagen, worin er, weil derselbe ein Schloß von ausländischer, sehr künstlicher Arbeit hatte, gewöhnlich Alles verwahrte, was während seiner häufigen und langen Abwesenheit, wo das Haus nur von zwei Dienerinnen behütet war, die Habsucht reizen konnte. Als er erfuhr, daß Fanny ihr Zimmer noch nicht verlassen, hinkte er, während Harriet hinaufging sie zu bedienen und ihr zu predigen, in das Arbeitszimmer unten, schloß den Schreibtisch auf, und suchte in den Schiebladen als er oben die Stimme Fannys vernahm, etwas laut, wie Norstellungen machend oder flehend; und er hielt inne um zu horchen. Er konnte jedoch die Worte nicht vernehmen, und mittlerweile waren, ohne daß er recht darauf achtete was er that, seine Hände immer noch geschäftig, die Schiebladen auf und zu zu machen, in den Fächern herumzutasten, und nach einer TopaSbroche zu suchen, die, wie er glaubte, unfehlbar dem einfältigen Auge Fannys gefallen müßte. Eines der Fächer war tiefer als die übrigen; erdachte, die Broche könnte hier seyn; erstreckte die Hand hinein; und da das Zimmer halb dunkel war, weil man die untern Läden von Aussen geschlossen hatte, um jeden Fluchtversuch seiner Gefangenen zu vereiteln, 26 konnte er sich nur mit seinem Tastsinn helfen; da er die Brache nicht fand, tastete er immer weiter hinein, bis er an das Ende des Faches gelangte und plötzlich einen stechenden Schmerz empfand; das Fleisch schien gepackt zu werden, wie von einer Falle, er zog den Finger mit einem plötzlichen Ruck und einem halbunterdrückien Schrei zurück, und bemerkte, daß der Grund oder der Boden des Faches znrückwich, oder sich wegschob. Seine Neugier ward rege; er tastete wieder, behutsam und schlau hin und entdeckte eine sehr geringe Unebenheit und Erhabenheit am Ende des Faches. Er erkannte sogleich, daß hier eine verborgene Feder sepn müsse; er drückte mit einiger Kraft auf die Stelle, und fühlte die Diele nachgeben; er zog sie heraus an sich, und sie glitt plötzlich mit einem schnurrenden Getöse weg, und zeigte seinem Auge eine Vertiefung darunter. Er schielte hinein und zog ein Papier heraus; er öffnete es zuerst gleichgültig, denn sein Ohr horchte immer noch auf Fannps Worte. Sein Auge flog rasch über einige einleitende Zeilen, bis es aus Folgendem haften blieb: „Trauung. Jahr 18-. Nro. 83. Bl. 21. Philipp Beaufort, von diesem Kirchspiel A-, und CatharineMorton, vom Kirchspiel St. Botolph, Aldgate, London, wurden getraut in dieser Kirche, nach geschehenem Aufgebot, heute den 12. November, im Jahr Eintausend achthundert und-, von mir. Caleb Prtce, Pfarrer. 27 Diese Heirath ist feierlich geschloffen worden von uns Philipp Beaufort. Catharine Morton.- in Gegenwart von David Apreece. William Smith. Obenstehendes ist eine treue Abschrift aus dem Register der Trauungen im Kirchspiel?! — —, gefertigt den 19. März 18-von mir, Morgan Jones, Pfarrer in C — — Lord Lilburne warf noch einmal einen Blick auf die diesem überraschenden Dokument Vorgesetzten Zeilen, die wir, da es eben die auf Calebs Verlangen von Mr. JoneS an Philipp Beaufort geschriebenen sind, hier nicht zu wiederholen brauchen. In diesem Augenblick stieg Harnet die Treppen herunter und kam in das Zimmer; sie schlich auf den Zehen zu Lilburne und flüsterte: „Sie kommt herunter, glaube ich; sie weiß nicht, daß Ihr hier seyd." „Ganz gut — geht nur!" sagte Lord Lilburne. Und kaum hatte Harriet das Zimmer verlassen, als ei» Wagen in rasender Eile vor dem Thor aufuhr, und Robert Beaufort ins Zimmer stürzte. Vierzehntes Kapitel. ssort! und Niemand weiß es! Was jetzt? Was Neues? welche Hoffnungen Entdeckt, und welche Schritte? Beaumont und Fletcher. Der Pilger. Als Philipp in seiner Wohnung in London ankam, war es sehr spät, aber er traf dennoch Liancourt, welcher seine Ankunft erwartete. Der Franzose war voll von seinen Planen und Entwürfen, er war ein Mann von hohem Nus und großen Verbindungen; Unterhandlungen wegen seiner Zurückberufung waren in Paris angeknüpft worden; er schwankte zwischen Don Quirote'scher Loyalität und vernünftiger Klugheit; er theilte seine Zweifel Vaudemont mit. Beschäftigt mit so wichtigen und ihn selbst persönlich so sehr betreffenden Angelegenheiten, vermochte doch Philipp seinem Freunde geduldig znzuhören, und das Für und Wider mit ihm zu erwägen. Und nachdem sie Beide einig geworden, daß Loyalität und Klugheit am besten fahren würden, wenn man noch ein Wenig zuwarte, um zu sehen, ob die Nation, wie die Earlisten noch den guten Glauben hegten, bald, nachdem das erste Fieber vorbei, Thron und Purpur wieder dem Abkömmling des heiligen Ludwig anbieten werde, sagte Liancourt, indem er seine Cigarre anzündete, um heimzugehen: „Tausend Dank Euch, mein theurer Freund! und wie habt Ihr Euch bei 2g Eurem Besuch gefallen? Ich bin weder überrascht noch eifersüchtig, daß Lilburne mich nicht eingeladen hat, da ich nicht Karten spiele und ihm einige scharfe Sachen gesagt habe." „Ich glaube, bei mir werden dieselben Gründe gelten, die Einladung nicht zu wiederholen," sagte Vaudemont mit einem herben Lächeln. „Ich habe Euch in wenigen Tagen vielleicht Viel zu enthüllen. Für jetzt sind meine Neuigkeiten noch nicht reif, lind habt Ihr etwa Lilburne gesehen? Er verließ uns vor einigen Tagen. Ist er in London?" „Ja, ich ritt gestern mit unserm Freund Henri, der ein neues Pferd außerhalb des Pflasters probiren wollte, eine kurze Strecke aufs Land hinaus. Wir kamen durch -" und H-. Hübsche Orte, das. Kennt Ihr sie?" „Ja, H-kenne ich." „Und gerade um die Dämmerung, als wir unsere Pferde zur Rückkehr in die Stadt spornten — Wen sah ich da ans dem Fußpfad ncbeu der Landstraße spazieren? keinen andern Menschen als Lord Lilburne! Ich konnte kaum meinen Augen trauen! Ich hielt mein Pferd an, und nachdem ich mich bei ihm nach Euch erkundigt, konnte ich nicht umhin, mein Erstaunen zu äußern, ihn an einem solchen Ort, zu Fuß, z» treffen. Ihr kennt des Mannes höhnische Art. „Ein so galanter Franzose wie Monsieur de Liancourt," sagte er, „sollte nicht erstaunen über viel größere Wunder; das Eisen wird vom Magnet angezogen; ich habe hier ein kleines Abenteuer — Verzeiht, wenn ich 30 Euch bitte, weiter zu reiten/' Natürlich wünschte ich ihm guten Tag; und ein wenig weiter auf der Straße sah ich einen dnukeln, einfachen Wagen — ohne Krönchen,— ohne Wappen — ohne Läufer — nur der Kutscher auf dem Bock, aber die Schönheit der Pferde machte mich gewiß, daß er Lilburne gehörte. Könnt Ihr eine solche Thorheit begreifen bei einem Mann von diesem Alter — und dazu einem sehr gescheuten Manne? Aber wie kommt eS, daß man es nicht lächerlich findet an Lilburne, wie man doch thäte bei einem andern Mann zwischen Fünfzig oder SechSzig?" „Weil man ihn nicht lächerlich findet, sondern ihn verabscheut." „Nein; das ist es nicht. Die Sache ist die: man kann sich nicht denken, daß Lilburne alt ist. Sein Wesen ist jung — sein Auge ist jung. Nie sah ich einen Menschen mit so viel Lebenskraft! Das schlechte Herz und die gute Verdauung! Die zwei großen Geheimnisse des Wohlbefindens — he?" „Wo begegnetet Ihr ihm? — Nicht in der Nähe von H-?" „Ja — ganz in der Nähe. Warum? — Habt Ihr dort auch ein Abenteuer? Nein, verzeiht mir — es war nur ein Scherz. Gute Nacht!" Vaudemont versank in ein unruhiges Nachfinnen; er konnte sich nicht genau Rechenschaft ablegen, warum er unruhig sehn sollte; aber er war unruhig darüber, daß Lilburne in der Nachbarschaft von H-war. Es war 31 der Fuß des Entweihers, der das Heiligthum schändete. Ein unbestimmter Schauer durchzuckte ihn, als sein Geist die Bilder Lilburnes und Fannys in Verbindung brachte; aber es war kein Grund zu schlimmen Besorgnissen vorhanden. Fanny ging ja nicht allein aus. Ilnd dann ein Abenteuer — pah! Lord Lilburne mußte wohl einer freiwilligen Zusammenkunft entgegen sehen, höchst wahrscheinlich mit einer der gebrechlichen, aber auf Anstand haltenden Schönheiten in London. Lord Lilburnes neuere Eroberungen betrafen, so hieß es, Frauen, von seinem Rang; Vorstädte sind ganz paffend für solche Verabredungen. Jeder andre Gedanke war zu gransenhaft, um ihm Raum zu geben. Er warf einen Blick auf die Ilhr; es war drei llhr Morgens. Cr wollte frühe, noch ehe er Mr. William Smith anfsuchte, nach H-. Mit diesem Entschluß warf er sich — denn selbst sein eiserner Körper war erschöpft durch die Aufregung des Tags — auf sein Bett und schlief ein. Er erwachte erst um neun llhr, und hatte sich eben angeklcidet und sein frugales Frühstück rasch verzehrt, als der Diener des Hauses kam, ihm zu sagen, daß eine alte Frau, dem Anschein nach in großer Aufregung, ihn zu sprechen wünschte. Sein Kopf war noch voll von Zeugen und Prozessen; und er war in der unbestimmten Erwartung eines Besuchs, der sich auf den Hauptgegenstand seiner Gedanken beziehe, als Sarah ins Zimmer stürzte. Sie sah sich mit einem hastigen, argwöhnischen Blick im Zimmer um, und dann sich vor ihm auf die Kniee werfend 32 riefste: „Oh! wenn Ihr bas arme junge Ding fortgeführt habt, verzeih' es Euch Gott! Gebt sie wieder heraus. Es soll Alles vertuscht werden! Richtet sie nicht zu Grunde! thuts nicht! scyd ein guter, lieber Gentleman!" „Sprecht deutlich, Weib, — was meint Ihr?" rief Philipp und erblaßte. Wenige Worte genügten zur Erklärung: Fannys Verschwinden in der vorigen Nacht — die Unruhe Sarahs über ihr Ausbleiben — die Apathie des alten Stmons, der nicht begriff, was vorgefallen und ruhig zu Bette ging — die Nachforschungen Sarahs während der halben Nacht — die Kunde, die sie aufgetrieben, daß der Polizeimann auf seiner Runde eine weibliche Stimme in der Nähe der Schule hatte schreien hören, daß er aber Nichts weiter bei dem Nebel habe sehen können, als einen rasch an ihm vorbei fahrenden Wagen — die Bestärkung von Sarahs Verdacht gegen Vaudemont am Morgen, als sie beim Eintritt in Fannys Zimmer des armen Mädchens unbeendigten Brief neben dem seinigen sah — die Nachweisung seiner Adresse, die sein Brief enthielt — Alles dies faßte seine Beforgniß rasch auf und legte ihm das Besinnen eines Augenblicks aus, ehe sie noch selbst recht wußte, von was sie schwatzte; der Wagen, — Lilburne, den man am Tage vorher in der Umgegend hatte lauern sehen — der frühere Versuch gegen Fanny — Alles drängte sich ihm auf mit entsetzlicher, unerträglicher Klarheit. Während Sarah noch sprach, stürzte er aus dem Hause — er flog zu Lord Lilburne in Park Laue — er errang sich Fassung — er 33 erkundigte sich mitRuhe nach ihm. Seine Lordschaft hatte nicht zu Hause geschlafen — er war, so glaubte man, in Fernfide — Fernside! H-lag aus dem geraden Wege nach dieser Villa! Kaum zehn Minuten waren verflossen, seit er die Geschichte gehört, als er schon unterwegs war, mit einer Eile, wie sic nur immer die Zusage einer Guinee für die Meile den Sporen eines jungen Postillions, die sich in die Weichen von Londoner Poflpferden einbohrten, abgewiunen konnte. Fünfzehntes Kapitel. NxwIIü. j Als Harriet Fanny verlassen, hatte die Dienerin, in dem schlauen Wunsch, sie in LilburneS Nähe zu locken, ihr gesagt, das Zimmer unten sey leer, und die Seele der Gefangnen ergriff natürlich tm Augenblick den Gedanken an die Möglichkeit der Flucht. Nach einer kurzen Pause, wo sie tief aufathmete, schlich sie geräuschlos die Treppen hinab und öffnete leise die Thüre; und in eben diesem Augenblick trat Robert Beaufort durch die andre Thüre ein; sie zog sich erschrocken zurück, — aber wie groß war ihr Erstaunen, als sie einen Namen aussprechen hörte, der sie wie mit einem Zauber fesselte — einem Namen, den zu 34 hören, sie am wenigsten erwarten konnte; Lilburne nemlich, sobald er Beaufort blaß, hohläugig, voll Unruhe in das Zimmer stürzen, und die Thüre hinter sich zuschlagen sah, konnte nnr voraussetzen, daß Etwas von außerordentlicher Wichtigkeit, den gefürchteten Gast betreffend, vorgefallen sey, und schrie: „Ihr kommt wegen Vaudemonts! — Es ist Etwas vorgcfallen mit Vaudemont! — mit Philipp! — Was ist es? Beruhigt Euch!" Fanny streckte, als dieser Name so plötzlich genannt wurde, den Kopf wirklich zur Thüre hinein; aber als sie einen Fremden erblickte, zog sie ihn wieder zurück; und alle ihre Sinne bei Nennung dieses NamenS unnatürlich aufgeregt, horchte sie, während sie die Thüre beinahe ganz zuhielt, mit einer Spannung, daß man sagen konnte, ihre ganze Seele sey in ihrem Ohr gewesen. Die Blicke beider Männer waren von ihr abgekchrt und ihr theilweiseö Erscheinen war nicht bemerkt worden. ,,Ja," sagte Robert Beaufort, sich auf LilburneS Schulter lehnend, als fürchtete er, zu Boden zu sinken — „Ja; Vaudemont oder Philipp, denn sie sind Einer und derselbe; — ja, wegen dieses Mannes komme ich, mich mit Euch zu berathen. Arthur ist angekommen." „Nun?" „Und Arthur hat den Elenden gesehen, der uns besucht hat, und des Schurken Benehmen hat ihm so impo- nirt, hat ihn so überzeugt, daß Philipp der Erbe unseres ganzen Vermögens ist, daß er herübergekomnien ist — 35 krank — krank — ich fürchte" (fuhr Beaufort mit hohler Stimme fort), „sterbend, um — um—" „Um gegen ihre Machinationen Vorkehrungen zu treffen?" „Nein, nein, nein — um zu erklären, daß, wenn dies der Fall, weder Ehre noch Gewissen uns gestatten, seinen Rechten entgegen zu treten. Er ist so hartnäckig in dieser Sache; seine Nerven ertragen so wenig Erörterung und Widerspruch, daß ich nicht weiß, was thun-" „Schöpft Athem — fahrt fort!" „Nun, es scheint, daß dieser Mensch Arthur aufgefunden, beinahe sobald mein Sohn in Paris ankam — daß er Arthur überredete, er habe es in seiner Gewalt, die Heirath zu beweisen — daß er sich die Miene gab, sehr ungeduldig auf eine Entscheidung zu dringen — daß Arthur, um Zeit zu gewinnen, sich mit mir zu besprechen, Unschlüsstgkeit heuchelte — ihn mit nach Boulogne nahm; denn der Schurke wagt nicht nach England zurückzukehren, ihn dort zurückließ — und jetzt kommt mein eigner Sohn zurück als mein schlimmster Feind, um sich gegen mich, gegen mein Verniögen zu verschwören! Ich hätte meine Fassung nicht behaupten können, wenn ich geblieben wäre. — Aber das ist nicht Alles, nicht das Schlimmste. Vaude- mont verließ mich plötzlich am Morgen auf den Empfang eines Briefes hin. Beim Abschied von Eamilla ließ er Anspielungen fallen, die mich mir Furcht erfüllen. Nun — ich erkundigte mich, als ich hieher reiste, nach seinem Thun und Treiben; er hat in D-Halt gemacht, und 36 sich über eine Stunde eingeschlossen und besprochen mit einem Manne, dessen Namen der Wirth wußte, Weiler auf seiner Reisetasche stand — der Name war B arlow! Ihr erinnert Euch der Aufforderungen! Guter Himmel, was ist zu thun? Ich möchte nichts Unehrliches oder Unedles thun. Aber es bestand keine Heirath. Ich will nimmermehr glauben, daß eine Heirath bestand — nimmer!" „Es bestand eine Heirath, Robert Beaufort," sagte Lord Lilburne, und freute sich beinahe der Qual, die er dem Andern bereitete; „und ich habe hier in meiner Hand ein Papier, welches einen Augenblick in seine Griffe zu bekommen, Philipp Vaudemont, den», so wollen wir ihn noch nennen, mit seiner rechten Hand erkaufen würde. Ich habe es so eben in einer verborgnen Vertiefung in diesem Schreibtisch gefunden. Robert, von diesem Papier kann das Schicksal, das Vermögen, die Wohlfahrt, die Größe Philipp VaudemontS, oder seine Nrmuth, seine Verbannung, sein Ruin abhäugen. Seht!" Robert Beaufort warf einen Blick auf das ihm hingehaltene Papier — ließ es auf den Boden fallen — und taumelte auf einen Stuhl. Lilburne legte kaltblütig die Urkunde wieder in den Schreibtisch, und aufseinen Schwager zu hinkend, sagte er mit einem Lächeln: „Aber das Papier ist in meinem Besitz — ich will es nicht vernichten. Nein, ich habe kein Recht, es zu vernichten. UeberdieS würde es ein Verbrechen seyn; aber wenn ich es Euch gebe, könnt Ihr damit thun, was Euch beliebt!" 37 „O Lilburne, schont meiner, schont meiner! Ich dachte ein ehrlicher Mann zu seyn. Ich — ich —" und Robert Beaufort schluchzte. Lilburne betrachtete ihn mit Verachtung, Hohn und Erstaunen. „Fürchtet nicht, daß i ch schlimmer von Euch denken werde; und Wer sonst sollte es erfahren. Mich fürchtet nicht; nein; auch ich habe Gründe, diesen Philipp Vau- demont zu hassen und zu fürchten; denn Vaudemont soll sein Name seyn, und nicht Beaufort, trotz fünfzig solcher Fetzen Papier! Er hat einen Mann gekannt, — meinen ärgsten Feind — er hat Geheimnisse von mir in seiner Gewalt — von meiner Vergangenheit — vielleicht von meiner Gegenwart; aber ich lache über seine Bekanntschaft damit, so lang er ein unsteter Abenteurer ist; — ich würde davor zittern, wenn er sie in die Welt hinaus donnern könnte als Philipp Beaufort von Beaufort-Court! So seht, ich bin aufrichtig gegen Euch. Jetzt hört meinen Plan. Beweist Arthur, daß sein Besuch ein Miffethäter und Sträfling ist, indem Ihr augenblicklich die Diener der Gerechtigkeit nach ihm aueschickt — fort mit ihm wieder in die Colonien! Einem einzelnen Zeugen bietet Trotz — lockt Bandemont nach Frankreich zurück, und beweist von ihm (ich denke, ich will es beweisen, ich hoffe es, mit wenig Geld und wenig Mühe! —). beweist von ihm, daß er der Mitschuldige von William Gawtrey war, ein Falschmünzer und Mörder! Pah, nehmt das Papier dort! Thut damit, was Ihr wollt; behaltet es — gebt es Arthur — Bulwer's Romane. Xtüv. H gebt es Philipp Vaudemont, und Philipp Vaudemont wird reich und vornehm; der glücklichste Mann zwischen Erde und Paradies! Oder auf der andern Seite — kommt und sagt mir, daß Ihr es verloren, oder daß ich Euch nie ein solches Papier gegeben, oder daß nie ein solches Papier eristirt habe, — und Philipp Vaudemont lebt fort als ein Armer, und stirbt vielleicht als ein Galeerensklave! Verliert es, sage ich — verliert es—undberaihetEuch mit mir über das klebrige." Von Entsetzen überwältigt, angedonuert, starrte der schwache Mann ln das ruhige Gesteht des vollendeten Schurken, wie etwa der Gelehrte in der alten Fabel den Erzfeind angestarrt haben mag, der ihm hier weltliches Glück, und dort das Verderben seiner Seele vorlegte. Er hatte bis jetztLilburne nie in seinem wahren Licht gesehen. Er war entsetzt über das schwarze Herz, das offen vor ihm lag. „Ich kann es nicht vernichten — ich kann nicht," stammelte er; „und wenn ich es thäte, aus Liebe für Arthur — sprecht nicht von den Galeeren, -— von Rache — ich — ich—" „Die Rückstände der Renten, die Ihr genoffen, werden Euch auf Lebenszeit in das Schuldgefängniß bringen. Nein, nein! vernichtet das Papier nicht!" Beaufort stand mit verzweiflungsvoller Kraftanstrengung auf; er trat zu dem Schreibtisch. Fannys Seele schwebte auf ihrem Munde; — von dieser langen Unterredung hatte fie nur den Einen wichtigen Punkt gefaßt, 39 auf welchen Lilburne mit einem Nachdruck hingewiesen, der einem Kind hätte begreiflich seyn müssen; und wirklich betrachtete er in diesem Augenblick Beaufort als ein Kind; — Von diesem Papier hing Philipp Vau- demonts Schicksal ab, — sein Glück, wenn es erhalten, sein Verderben, wenn es vernichtet wurde, — Philipps — ihres Philipps! Und Philipp selbst hatte ihr einmal gesagt — wann hatte ste je seine Worte vergessen? — und wie leuchteten jetzt diese Worte in ihrer Seele auf! — Philipp selbst hatte ihr einmal gesagt: „Von einem Fetzen Papier, wenn ich ihn nur finden könnte, hängt vielleicht mein ganzes Vermögen, mein ganzes Glück, Alles ab, was mir im Leben am Herzen liegt." Robert Beaufort trat an den Schreibtisch, ergriff die Urkunde —- überlas sie noch einmal hastig, und ehe Lilburne, der keineswegs wünschte, daß sie in seiner Gegenwart vernichtet würde, seine Absicht erkannte, eilte er mit wankenden Schritten zum Herde, — wandte die Augen ab, und warf sie auf die Glut. Zn diesem Augenblick schoß etwas Weißes — er wußte selbst nicht was, es erschien ihm wie ein Geist, ein Gespenst — an ihm vorüber, und riß das Papier von der glühenden Asche weg! — Eine Pause folgte — nur der hundertste Theil eines Augenblicks — ein gurgelnder Ton des Erstaunens und Entsetzens drang ans Beauforts Mund — ein Ausruf ertönte von Lilburne — ein Lachen von Fanny, indem sie, ihre Augen Licht sprühend, ihr Körper sich stolz erhebend, das Papier fest an die Brust gedrückt, ihren triumphirenden 4 - 40 Blick vom Einen zum Andern schweifen ließ. Die Männer waren Beide für den Augenblick zu verblüfft, um rasche Maßregeln zu treffen. Liiburne aber faßte sich zuerst wieder und eilte auf sie zu; — sie entzog sich seinem Griffe, — sie eilte nach der Thüre des Ganges; als Lilbnrne, voll ernstlicher Vesorgniß, sie am Arm faßte: „Närrisches Kind! gib mir dies Papier!" „Nimmer, außer mit meinem Leben!" und Fannys Geschrei um Hülfe gellte durch das ganze Haus. „Dann —" das Wort erstarb ihm auf dem Munde, denn in diesem Augenblick hörte man dräußen einen hastigen Schritt — ein augenblickliches Ringen und Kämpfen — Stimmen in heftigem Wortwechsel; — die Thüre gab nach, wie wenn ein Sturmbock sie eingestoßen; — und weniger hereingestoßen, als wirklich ins Zimmer geschleudert, stürzte Dykeman mit schwerem Körper, wie ein Leichnam, zu Lord Lilburne's Füßen hin — und Philipp Vaude- mont stand auf der Schwelle! Liiburne ließ Fannys Arm fahren, und das Mädchen eilte mit Einem Sprung an Philipps Brust. „Da! da!" rief Fanny; „nehmt es — nehmt es!" und sie drückte ihm das Papier in dis Hand. „Laßt eS sie nicht wieder in die Hände bekommen! lest es — seht eS — kümmert Euch nicht um mich!" Aber Philipp, obgleich seine Hand iu- stinktmäßig der kostbare» Urkunde sicher sich bemäcktigte, kümmerte sich um Fanny; und in diesem Augenblick war ihre Sache die einzige für ihn auf der Welt. „Nichtswürdiger Schurke!" sagte er, auf Lilburne 41 zuschreitend, während Fanny noch an seiner Brust hing, „sprecht! — sprecht! — ist — fie — ist ste? — sprecht, Mensch, sprecht! Ihr wißt, was ich sagen wollte! Ste ist das Kind Eurer eignen Tochter, die Enkelin jener Mary, die Ihr entehrtet — Das Kind des Weibes, das William Gawkrey vor Entehrung schützte! Vor seinem Tode empfahl Gawtrey sie meiner Sorge! O Gott im Himmel! redet! komm' ich nicht zu spät?" Das Benehmen — die Worte — das Gesicht Philipps drängten dem Lord Lilburne die überraschende und (denn am Ende war er doch auch ein Mensch) entsetzliche Ueberzeugung der Wahrheit auf. Aber des Mannes schlaue Geistesgewandtheit, längst arg missbraucht, triumphirte selbst über die Reue wegen der gräßlichen That, mit der er umgegangen, über die Dankbarkeit dafür, daß ihm dies Verbrechen erspart worden. Er warf einen Blick auf Beaufort — aufDykeman, der jetzt, allmältg sich erholend, ihn mit Augen ansah, welche aus ihren Höhlen springen zu wollen schienen — und heftete endlich seinen Blick auf Philipp selbst. Drei Zeugen waren da! Geistesgegenwart war seine große Eigenschaft! „Und wenn, Monsieur de Vaudemont, wenn ich wüßte, oder wenigstens die festeste Ueberzeugung hätte, daß Fanny meine Enkelin sey, was dann? Warum sonst sollte fie hier seyn? — Pah, Str! ich bin ein alter Mann!" Philipp trat vor Erstaunen einen Schritt zurück; sein gerader Sinn ward getäuscht durch die kaltblütige Lüge. Er blickte nieder auf Fanny, welche Nichts von allem 4L Gesprochenen verstand, denn all ihre Geistesvermögen, selbst ihr Gehör und Gesicht waren verschlungen von ihrer ungeduldigen Besorgniß für ihn, und ausrief: „Kein Leid ist Fanny geschehen,— keines; nur ge- ängstigi. Lest! lest! rettet dies Papier! — Ihr wißt, was Ihr mir einmal sagtet von einem bloßen Fetzen Papier! Kommt fort! — kommt!" Er warf jetzt sein Auge auf das Papier in seinen Händen. Das war ein entsetzlicher Augenblick für Robert Beaufort— sogar für Lilburne! — die unheilvolle Urkunde dieser Faust entrissen! — ebenso gut hätten sie sie den Krallen eines Tigers entreißen mögen! Er schlug die Augen auf — sie weilten auf dem Bilde seiner Mutter! — ihr Mund lächelte ihm zu! Er wandte sich gegen Beaufort mit einer innern Bewegung, die zu jubelnd, zu selig war für gemeine Rache, — für gemeinen Triumph — beinahe für Worte. „Schaut dorthin, Robert Beaufort — schaut!" und er deutete auf das Gemälde. „Ihr Name ist fleckenlos! Ich stehe wieder unter meines Vaters Dach, der Erbe von Beaufort! Wir werden uns gegenüberstehen vor den Gerichtshöfen unserS Landes. Was Euch betrifft, Lord Lilburne, so will ich Euch glauben, — es ist zu gräßlich, auch nur zu zweifeln an Euren Absichten. Wenn ihr ein Leid zugefügt worben wäre: ich hätte Euch hier, wo Ihr steht, zerrissen, Glied für Glied. Und dankt ihr" (denn Lilburne gewann bei dieser Sprache den kecken Muth seiner Jugend wieder, wie er war, ehe Berechnung, Indolenz und Ausschweifungen seine Nerven abgestumpft hatten; und schritt, uneingeschüchtert durch die Größe, Mannhaftigkeit und Stärke des ihm drohenden Gegners hochmüthig auf ihn los), „dankt es Eurer Verwandtschaft mit ihr/' sagte Philipp, und stimmte seinen Ton zu einem Flüstern herab, „daß ich Euch nicht als Betrüger und Dieb brandmarke! Still, Schuft! — Still, Schüler von George Gawtrey! — Ich fechte keine Duelle aus als mit Männern von Ehre!" Jetzt wurde Lilburne weiß, und das trotzige Wort blieb ihm in der Kehle stecken. Im nächsten Augenblick hatten Fanny und ihr Beschützer das Zimmer verlassen. „Dykeman," sagte Lord Lilburne nach langem Schweige»; „ein andermal will ich Euch fragen, wie Ihr dazu kämet, diesen unverschämten Menschen hereinzulassen; — für jetzt geht und bestellt das Frühstück für Mr. Beaufort." Sobald Dykeman, vielleicht noch mehr erstaunt über seines Lords Kaltblütigkeit, als über alles Vorhergegangene, das Arbeitszimmer verlassen, trat Lilburne zu Beaufort hin, der wie von der Starrsucht gelähmt schien, und sagte, ihn derb und ungeduldig anrührend: „Gottes Tod! Mann! rafft Euch auf! Kein Augenblick ist jetzt zu verlieren. Ich habe schon entschieden, was Ihr thun müßt. Das Papier ist keinen Strohhalm Werth, wenn nicht der Geistliche, der es beglaubigte, den Umstand mit seinem Zeugniß erhärtet. Er ist ein geringer Pfarrer — ein Pfarrer in Wales — Ihr seyd noch Mr. Beaufort, — ein reicher und vornehmer Mann. Der Pfarrer, gehörig 44 bearbeitet, legt vielleicht ein entgegengesetztes Zeugniß ab, — und dann können wir sie wegen Fälschung und Complot- tes anklagen. Im schlimmsten Falle könnt Ihr ohne Zweifel den Pfaffen dahin bringen, die ganze Sache zu vergessen,— sich entfernt zu halten. Seine Addreffe war auf dem Certifikat — C-. Reist selbst nach Wales, ohne einen Augenblick zu zögern. Dann, wenn Ihr die Sache mit Mr. Jones ins Reine gebracht, eilt zurück — fahrt hinüber nach Boulogne, und erkauft diesen Verbrecher und seinen Zeugen — ja, erkauft sie! Dasist jetzt das Einzige. Schnell, schnell, schnell! Blitz, Mann, wenn es meine Sache, mein Vermögen wäre, ich fragte nicht eine Stecknadel nach diesem Wisch Papier; ich würde mich vielmehr darüber freuen! Ich sehe, wie man es gegen sie benützen könnte! Geht!" „Nein, nein! Ich bin der Sache nicht gewachsen. Wollt Ihr es in Eure Hände nehmen? wollt Ihr? — Mein halbes Vermögen — Alles! Nehmt es, nur rettet —" „Geht mir!" unterbrach ihn Lord Lilburne mit großer Verachtung. „Ich bin so reich als ich mir wünsche. Geld besticht mich nicht. Ich diese Sache in meine Hände nehmen? ich? — Lord Lilburne! — ich! Ha, wenn man dahinter käme — es ist Aufstiftung von Zeugen — persönliche Bloßstellung — Entehrung — Ruin. Wie nun? Ihr müßt Euch der Gefahr aussetzen, — denn Euch trifft das Verderben, wenn Ihr es nicht thut. Ich kann es nicht. Ich habe Nichts dabei zu gewinnen!" „Ich kann es nicht! ich darf nicht!" murmelte Beau- 45 fort, gänzlich gebrochenen Geistes. „Aufstifiung, Bloßstellung, Entehrung! und ich, so achtbar! — mein Charakter ! und dazu mein Sohn gegen mich! mein Sohn, in dem ich zum zweiten Mal lebte! Nein, nein! Mögen sie Alles nehmen! Mögen sie es nehmen! Ha, ha! mögen sie es nehmen! Ich wünsche Euch guten Tag!" „Wohin geht Ihr?" ' „Jchwill Mr. Blackwell zu Rath ziehen, und es Euch dann wissen lassen." . Und Beaufort ging mit wankenden Schritten zurück zu seinem Wagen. „Er geht zu seinem Nechtsgelehrten!" grollte.Lil- burne. „Ja, wennsein Rechtsanwalt ihm helfen kann, die Leute gesetzlich zu betrügen, so wird er nicht anstehen, sie zu betrügen. Das wird die achtbare Weise sevn, es zu thun! Hm! das kann ein häßlicher Handel werden für mich — das Papier hier gefunden — wenn das Mädchen Zeugniß ablegen kann über das, was sie gehört hat, und sie muß Etwas gehört haben! — Nein, ich glaube die Gesetze über wirklichen Besitz werden ihr Zeugniß schwerlich zulassen, und wenn auch — hm! — meine Enkelin! — ist es möglich? — Und Gawtrey bewahrte ihre Mutter, mein Kind, vor den Lastern ihrer Mutter! Mein Wohlgefallen an dem Mädchen kam mir doch ganz anders vor, als je in einem früheren Falle! — es war rein, ja, das war es! — es war Mitleid — Zärtlichkeit. Und ich darf sie nie wieder sehen — muß die ganze Sache vergessen! — Und ich werde alt — bin kinderlos — und allein!" Er 46 hielt inne, beinahe mit einem Stöhnen; dann aber veränderte sich der Ausdruck seiner Züge zu dem der Wuth, und er schrie: „Der Mensch drohte mir und ich war eine Memme! Was thun? Nichts! Die Defenfion ist mein Plan. Zch werde nie mehr spielen.— Ich greife Niemand an. — Wer will Lord Lilburne anklagen? Dennoch, Robert ist ein Narr. Ich darf ihn nicht sich selbst überlasten. Heda! Dykeman! — den Wagen! Ich werde nach London fahren." Ein Glück ohne Zweifel war es für Philipp, daß Mr. Beaufort nicht Lord Lilburne war. Denn die ganze Geschichte — öffentliche und Privat-Geschichte — Eroberer — Staatsmänner — schlaue Heuchler und entschlossene Ränkeschmide, — ja. Alle belehren uns, wie mächtig Ein Mann von großem Verstand und ohne Gewissen ist gegen das Recht von Millionen! Der Eine Mann bewegt — die Masse ist trag. — Die Gerechtigkeit fitzt auf dem Throne. — Spitzbüberei rastet nie. — Thätigkeit ist der Hebel des ArchimedeS. Sechszehntes Kapitel. lull. Mr. Robert Beaufort suchte den Mr. Blackwell auf, und lang abspriugend, unzusammenhängend war seine Erzählung. Mr. Blackwcll, nach einiger Ueberlegung, schlug vor, eben das vorzubereiten, was Lord Lilburne gera- thenhatte, sofortzu thun. Aber der Rechtsgelehrte drückte sich versteckt und gesetzlich aus, so daß es dem nüchternen Sinne des Mr. Beaufort gar nicht als derselbe Plan erschien. Er war nicht im Mindesten beunruhigt über Mr. Blackwells Vorschläge so sehr ihn LilburneS Zumuthungen entsetzt hatten. Blackwell wollte am folgenden Tage nach Wales reisen — wollte den Mr. Jones aussuchen — wollte ihn ausforschen! Nichts sey, bei Leuten von der delikatesten Ehre, gewöhnlicher, als eben einen Zeugen sich aus dem Wege zu schaffen! Geschieht es ja in Wahlpetitionen, z. B., jeden Tag ! „Wahr," sagte Mr. Beaufort, sehr erleichtert. Dann, nachdem dies abgemacht, wollte Mr. Black- well in die Stadt zurückkehren und nach Boulogne Hinüberschiffen, um diesen unverschämten Menschen zu sehen, welchem Arthur (junge Leute lassen sich so leicht bethören!) 48 wirklich Glauben beigemeffen. Er zweifelte nicht, Alles ins Reine bringen zu können. Robert Beaufort kehrte wirklich guten Muthes nach Berkeley Square zurück. Hier traf er LWurne, der bei weiterem Nachdenken einsah, daß Blackwell in jedem Falle dem Handel besser gewachsen war, als sein Schwager, und daher die Verabredung als zweckmäßig billigte. Demgemäß reiste Mr. Blackwell ab am nächsten Tage. Dieser nächste Tag vielleicht entschied Alles. Zwei Stunden, nachdem er in Besitz der so wichtigen Urkunde gekommen, hatte Philipp, ohne weitere künstliche Neberlegung und Berechnung, einfach vermöge der Entscheidung eines einfachen, scharfen Verstandes und gesunden Sinnes, dem Peer und dem Anwalt schon den Vorsprung abgewonnen. Er hatte Mr.BarlowS ersten Gehülfen nach Wales geschickt mit der Urkunde und einer kurzen Angabe der Art und Weise, wie sie entdeckt worden. Und ein Glück war es wirklich, daß diese Abschrift war gefunden worden; denn alle Nachfragen Mr. Barlows in A-waren fruchtlos gewesen, und wären es vermuthlich geblieben ohne einen solchen Leitfaden: denjenigen Mann ausfindig zu machen, der wahrscheinlicherweise als Caleb Prices Ama- nuensis fungirt haben konnte. Der Vorsprung von sechszehn Stunden, welchen Mr. Barlow über Blackwell gewann, setzten Jenen in Stand, Mr. JoneS zu sehen —ihm seine eigne Handschrift zu zeigen — von ihm ein schriftliches, beglaubigtes Zeugniß zu erhalten, welches der Pfarrer, wie arm und wie schwer versucht auch, nimmermehr 4g abläugnen konnte, — wäre er auch unredlich gewesen, was er nicht war, — des Inhalts: daß er sich vollkommen Wohl des Umstandes erinnere, wie er auf CalebS Verlangen einen Auszug ans dem Kirchenregister gemacht, obwohl er gestand, daß er die Namen, die er abgeschrieben, ganz vergessen gehabt, bis sie ihm wieder vorgclegt worden. Barlow bemühte sich eifrig, Mr.JoneS' Interesse für die Sache rege zu machen — verließ Wales — eilte nach Boulogne — sprach den Kapitän Smith — und ohne Bestechung , ohne Drohungen, einfach dadurch, daß er dem Ehrenmann bewies, er könne nicht nach England zurückkehren, noch seinen Bruder sehen, ohne augenblicklich fest- genommen zu werden; — seines Bruders Zeugniß sey schon ans die Seite der Wahrheit abgelegt; und nach der Erwerbung eines neuen Zeugnisses sey der glückliche AuSgang eines Prozesses außer Zweifel, — beiiahm er dem Kapitän alle Lust zur Treulosigkeit, überzeugte ihn, auf welcher Seite sein Interesse liege, und wartete ab, bis er nach Paris zurückkehrtc, wo er sehr bald darauf für immer aus dieser Welt verschwand, da er, sehr gegen seinen Willen, zu einem Duell gezwungen wurde, mit einem Franzosen, den er zu betrügen versucht hatte, und einen Schuß durch die Lunge bekam! So wurde ein Lieblingsgrundsatz von Lord Lil- burne bewährt: daß eS nemlich für geringe Leute in die Länge Nichts tauge, das große Spiel zu spiele»! An demselben Tage, wo Blackwell zurückkehrte, nach vergeblichen halben Versuchen, den Mr. Jones zu bestechen, und ohne daß ihm nur gelungen wäre, Mr. Smith zu entdecken, erhielt Mr. Robert Beaufort die Kunde von einer Klage auf Vermögensentsetzung, welche Philipp Beaufort bei den nächsten Asstsen Vorbringen würde. Und zu Vermehrung seiner Trübsale wurde Arthur, den er bisher durch eine zweideutige, trügerische Korrespondenz zu befriedigen gesucht, schlimmer in so beunruhigendem Grad, daß seine Mutter wegen des ärztlichen Beistandes mit ihm nach London kam. Man schickte natürlich nach Lord Lilburne; und nachdem er Alles erfahren, war er gleich mit seinem Rath zur Hand. „Ich habe Euch zuvor schon gesagt, der Mann liebt Eure Tochter. Seht, ob Ihr einen Vergleich zu Stande bringt. Der Prozeß wird häßlich, und wahrscheinlich verderblich seyn. Er hat das Recht, die Rückstände von sechs Jahren zu fordern — das heißt über 100,000 Pf. Macht Euch zu seinem Schwiegervater, mich zu seinem Oheim; und da wir die Wespe nicht tödten können, können wir doch wenigstens das Gift ihres Stachels mildern." Beaufort, noch immer verwirrt, unentschlossen, suchte seinen Sohn auf; und zum erstenmal redete er mit ihm offen — das heißt, offen — für Robert Beaufort! Er gestand ihm, daß die Abschrift aus dem Register von Lilburne in einem verborgenen Fach gefunden worden. Er stutzte die ihm von Lilburne selbst mitgetheilte Geschichte — (natürlich beharrte dieser bei der gegen Philipp ausgesprochenen oder angedeuteten Behauptung!) von Fannys Entführung und Einmischung aufs Beste zu, er sagte Nichts von seinem Versuch, das Papier zu vernichten. Warum 51 sollte er auch? Wenn er die Abschrift vor Gericht kommen und gelten ließ — falls man ihm dies rieth — konnte er Fannys Zeugniß ganz abschneiden; selbst ohne ein solches Zugeständniß konnte man möglicherweise ihr Zeugniß beanstanden oder eludiren. Er gestand, daß er fürchte, der Zeuge, der die Abschrift gemacht, und der Zeuge der Trauung sehen noch am Leben. Und dann sprach er Pathetisch von seinem Wunsche, zu thun was recht sey, von seiner Furcht vor Verleumdung und Mißdeutung. Er sagte Nichts von Sidney, und seiner lleberzcugung, daß Charles Spencer dieser Siduey sey, weil, wenn seine Tochter das Mittel werden sollte, einen Vergleich zu Stande zu bringen, es klar war, daß ihre Verlobung mit Spencer aufgehoben und verheimlicht werden mußte. Und zum Glück verhinderte Arthurs Krankheit und Camillas Schüchternheit, verbunden mit ihres Vaters Ermahnungen, Arthur in seinem gegenwärtigen Zustand nicht durch neue Veranlassungen zu Gemüthsbewegungen aufzuregen, die vertrauliche Mittheilung, welche sonst Wohl zwischen Bruder und Schwester stattgefunden haben würde, lind Camilla Hattein derThat kein Herz zu solchen Mittheilungen. Wie hätte sie, wenn sie Arthurs gläsernes Auge sah, und seinen hektischen Husten horte, ihm von Liebe und Heirath sprechen können? Was das Automat, Mrs. Beaufort, betraf, so versicherte sich Robert ihrer Verschwiegenheit. Arthur hörte aufmerksam seines Vaters Mittheilung an, und die Folge dieser Besprechung war folgender Brief Arthurs an seinen Vetter: »3ch schreibe an Euch ohneBesorgniß einer Mißdeutung ; denn ich schreibe Euch ohne Vorwiffen meiner ganzen Familie, und ich bin der Einzige, der kein Interesse haben kann an dem bevorstehenden Kampfe zwischen meinem Vater und Euch. Ehe das Gesetz entscheidet werde ich in meinem Grabe liegen. Ich schreibe dies auf meinem Sterbebette. Philipp, ich schreibe dies — ich, der ich an einem Sterbebette stand, das Euch heiliger ist als meines — ich, der Eurer Mutter letzten Seufzer enipstng. Und diesen Seufzer begleitete ein Lächeln, welches'blieb, als der Seufzer vorüber war; denn ich versprach, ihre Kinder zu beschützen, ihnen Freund zu sehn. Der Himmel weiß, wie eifrig ich dies feierliche Gelübde zu erfüllen suchte! Selbst schwach und krank, verfolgte ich Euch und Euer» Bruder mit keiner andern Absicht, keinem andern Gebet, als Euch umarmen und sagen zu können: Nehmt mich als einen weitern Bruder an! Ich erspare Euch die Demüthigung, denn für Euch ist eS eine, nicht für mich. Euch an das zu erinnern, was bei unsrer letzten Begegnung zwischen uns vorging. Dennoch suchte ich wenigstens Sidney zu retten, — der mir von seiner sterbenden Mutter ganz besonders ans Herz gelegt war. Er entging auf räthselhafte Weise unsrer Nachforschung ; aber wir hatten, nach einem Briefe von unbekannter Hand, Grnnd, ihn gerettet und versorgt zu glauben. Noch einmal begegnete ich Euch in Paris. Ich sah, Ihr wäret arm. Nach Eurem Begleiter urthei- lend, konnte ich mit Recht glauben, Ihr sehet entartet und gesunken.. Eingedenk Eurer Erklärung, nie von einem Beaufort eine Wohlthat annehmen zu wollen, und mit natürlicher Erbitterung der von Euch früher erlittenen Mißhandlung gedenkend, hielt ich es für vergeblich, Euch aufzusuchen, Euch Vorstellungen zu machen, — aber nicht für vergeblich, Euch zu helfen. Ich schickte Euch anonym so Viel, als wenigstens genügen mochte, falls gänzliche Armuth Euch auf schlechte Wege geführt hätte, Euch davon abzuziehen, wenn Euer Herz so gestimmt war. Vielleicht hat diese Summe, so gering sie war, Euern Pfad geebnet und Euch aus Eurer Laufbahn geholfen. Und warum ich Euch das jetzt sage? Um Euch abzurathen von Verfolgung von Rechten, die Ihr als gegründet anseht? — Das verhüte der Himmel! Wenn die Gerechtigkeit ans Eurer Seite ist, so ist es auch eine Pflicht gegen Eurer Mutter Namen. Nein, sondern einfach darum: daß Ihr, indem Ihr solche Rechte behauptet, Euch mit Gerechtigkeit— statt Rache — begnügt! daß Ihr, selbst rechtend, nicht Andern Unrecht thut! Wenn das Gesetz für Euch entscheiden sollte, so machen die Rückstände, die Zhr fordern könntet, meine Eltern und meine Schwester zu Bettlern. Das mag des Gesetzes Entscheidung sehn — Gerechtigkeit wäre es nicht; denn mein Vater selbst hatte die ernste Ueberzengnng — und alle anscheinende Wahrscheinlichkeit sprach zu seinen Gunsten — der wahre Erbe des an ihn gefallenen NeichthumS zu seyn. Das ist nicht Alles. ES sind Umstände mit der Entdeckung einer gewissen Urkunde verknüpft, die, wenn authentisch, nnd ich erlaube mir nicht dies in Zweifel zu ziehen, den Streit Bulwer's Romane. XVIV, H entscheiden kann sofern er auf Ausmittlung des wahren Thatbestands beruht; —- Umstände, die schwer auf dem guten Namen und der Ehre meines Vaters zu lasten scheinen dürsten. Ich verstehe mich nicht genug aufs Recht, um zu entscheiden, in wie weit diese öffentlich könnten geltend gemacht, oder, wenn geltend gemacht, durch den verleumderischen Scharfsinn eines Advokaten übertrieben und entstellt werden. Aber noch einmal sage ich: Gerechtigkeit und nicht Rache! Und damit schließe ich, und schließe Euch diese Zeilen, von Eurer eignen Hand geschrieben, bei, indem ich Euch die Entscheidung über ihren Werth anheimstelle. ' Arthur Beaufort." Die beigeschlossenen Zeilen, die wir hier zum zweitenmal dem Leser vorlegen, waren folgende: „Ich kann nicht errathen. Wer Ihr seyd; sie sagen, Ihr gebt Euch für einen Verwandten, das muß ein Miß- verständniß seyn. Ich wüßte nicht, daß meine arme Mutter so freundliche Verwandte gehabt hätte. Aber — Wer Ihr immer seyd — Ihr habt sie in ihren letzten Stunden getröstet— sie ist in Euren Armen gestorben, und wenn wir je in Jahren, langen Jahren uns treffen sollten, und ich kann Etwas thun, einem Andern beizustehcn, so stehen mein Blut, mein Leben, mein Herz und meine Seele Euch unbedingt zu Dienst und Willen. Wenn Ihr wirklich mit ihr verwandt seyd, so empfehle ich Euch meinen Bruder, er ist in-bei Mr. Morton. Wenn Ihr ihm einen Dienst leisten könnt, wird meiner Mutter Seele als 02 Schutzengel über Euch wachen. Was mich betrifft, ich verlange von Niemand Hülfe; ich gehe in die weite Welt und will mir selbst Bahn brechen. So sehr ist mir der Gedanke an Mildthätigkeit und Almosen von Andern zuwider, daß ich glaube, ich könnte Euch nicht so segnen, wie ich jetzt thue, wenn nicht Eure Güte gegen mich mit dem Stein auf meiner Mutter Grab sich schlöße. PH ilipp." Dieser Brief ward an die einzige den Beauforts bekannte Adresse Monsieur de Vaudemonts abgeschickt, d. h. in seine Wohnung in London; und er erhielt ihn nicht mehr an dem Tag, wo er abgeschickt wurde. Inzwischen machte Arthur Beauforts Krankheit reißende Fortschritte. Sein Vater, obgleich beim ersten Anblick Arthurs überwältigt von der traurigen Veränderung seines Aussehens, betrachtete, ganz versunken in seine selbstsüchtigeren Besorgnisse, seine Krankheit nicht mehr als tüdtlich. In der That war seine Zärtlichkeit für Arthur mehr die des Stolzes als der Liebe — lange Trennung hatte die Bande früherer Gewohnheit geschwächt. Er schätzte ihn mehr als seinen Erben, als daß er den Sohn in ihm geliebt hätte. Es schien beinahe, als ob iilinmehr die Erbschaft gefährdet war, der Erbe ihm weniger theuer würde — das war nur, weil er weniger an ihn dachte. Die arme MrS. Beaufort, nur erst theilwcise bekannt mit den Aeugsten ihres Gatten, hielt noch an der Hoffnung für Arthurs Leben fest. Ihre Zärtlichkeit für ihn rief aus der Tiefe ihres kalten und unbedeutenden Charakters Eigen- L * 86 schäften wach, die nie zuvor sich gezeigt hatten. Sie wachte bei ihm — sie wartete — sie Pflegte ihn. Die vornehme Dame war weg — Nichts als die Mutter blieb zurück. Bei einer zarten Constitution und einer Weichen Ge- müthsart, die dem Einfluß von Gesellschaftern zu viel nachgab, die ln Allem, außer in körperlicher Kraft und entschiedenerem Willen unter ihm standen, war Arthur Beaufort durch Glück und Wohlstand ruinirt worden. Seine Talente und Kenntnisse, wenn nicht das Höchste erreichend, doch weit über der Mittelmäßigkeit stehend, hatten nur dazu gedient seinen Geschmack zu verfeinern, nicht seinen Geist zu kräftigen. Seine wohlwollenden Neigungen, seine liebenswürdige Gemüthsart und sein angenehmes Temperament hatten nur dazu gedient, ihn zum Spiel und Narren der Schmarotzer zu machen, die von dem verschwenderischen Erben gezehrt hatten. Sein Herz, zerbröckelt und vertändelt in dem gewöhnlichen Wechsel leichtsinniger Jntriguen und hohler Genüsse, war zu satt und erschöpft geworden für das versöhnende Glück einer tiefen und edelu Liebe. Er halte so dem Genuß gelebt, daß er nie das Glück hatte kennen lernen. Mit einem Körper, gebrochen durch übermäßige Genüsse, an welchen seine bessere Natur nie Freude gehabt, kam er heim — um vom Ruin seines Hauses zu hören und zu sterben! ES war Abend in dem Krankenzimmer. Arthur war von dem Belt ausgestanden, das er seit einigen Tagen selbst vorgezogen, und lag auf dem Sopha neben dem Feuer ausgestreckt. Camilla beugte sich über ihn, hielt sich aber im Schatten, bannt er die Thränen nicht sehe, die sie nicht unterdrücken konnte. Seine Mutter hatte versucht ihn zu unterhalten—so wie sie sich selbst unterhalten hätte — indem sie eine der leichten Novellen des TageS laut las — Novellen, die das Leben der Hähern Clafsen als Einen prächtigen Feiertag schildern. „Meine liebe Mutter," sagte der Kranke verdrießlich, „ich habe kein Interesse an diesen falschen Schilderungen des Lebens das ich geführt. Ich kenne den Werth dieses Lebens — Ach! wäre ich zu einem Beruf, einem Geschäft angeleitet worden — hätte ich — nun — es ist eine Schwäche zu klagen. Mutter, sagt mir — Ihr habt Monsieur de Vandemont gesehen — ist er kräftig und gesund?" „Ja; fast nur zu viel; er hat nicht Deine Feinheit, lieber Arthur." „lind Du bewunderst ihn, Camilla ? Hat kein Andrer Dein Herz oder Deine Phantasie angezogen und gewonnen?" „Mein lieber Arthur," fiel MrS. Beaufort ein, „Du vcrgißst, daß Camilla kaum in die Welt kommt; und natürlich werden die Gefühle eines jungen Mädchens, wenn es wohl erzogen ist, durch die Erfahrung ihrer Eltern geregelt. ES ist Zeit die Arznei zu nehmen; sie bekommt Dir gewiß gut; Du hast heute mehr Farbe mein lieber, lieber Sohn!" Während MrS. Beaufort die Arznei eingoß, öffnete sich leise die Thüre, und Mr. Robert Beaufort ward sichtbar; 58 hinter ihm erhob sich eine höhere, stattlichere Gestalt, die aber gebückter, gedemüthigter, aufgeregter erschien. Beaufort trat näher. Camilla sah auf und erblaßte. Der Besuch riß sich von dem ihn am Arm haltenden Mr. Beaufort los; er trat näher, zitternd, er sank neben Arthur aufs Knie, faßte seine Hand und beugte sich darüber hin — schweigend — aber wie stürmisch war dies Schweigen! — eindringlicher als alle Worte — seine Brust hob sich, sein ganzer Körper bebte. Arthur crrieth sogleich Wen er vor sich hatte, und beugte sich leise vor, als wollte er den Besuch ausheben. „Oh! Arthur, Arthur!" rief jetzt Philipp. „Verzeih mir! Meiner Mutter Tröster! — mein Vetter — mein Bruder! Oh! Bruder! verzeih mir!" lind als er halb aufstand, streckte Arthur die Arme aus, und Philipp drückte ihn an seine Brust. Es wäre vergeblich, die verschleimen Gefühle der Zuschauer schildern zu wollen — die selbstsüchtigen Beglückwünschungen und geheimen Jubel Roberts, gemischt mit bessern und retnern Gefühlen — das starre Staunen der Mutter— die, ihr selbst unerklärlichen Empfindungen, welche Camilla wie angewurzelt dastehen machten. „Ihr erkennt mich also — Ihr erkennt mich an!" rief Philipp. „Ihr nehmt die Bruderschaft an, die meine tolle Leidenschaft einst verschmähte! Ilnd Ihr auch, Camilla, auch Ihr, die einst neben mir, unter eben diesem Dache gekniet, erinnert Ihr Euch meiner jetzt? O Arthur! — dieser Brief — dieser Brief! ja, ivahrlich, jene 59 Hülfe, die ich Jedem Andern — Verbrechern und Miffe- thätern eher zuschrieb als Euch — bezeichnet« den Anfangspunkt eines bessern Geschicks. Ich möchte dieser Hülfe die Wendung meines Schicksals zuschreiben, das mich bis hieher unverletzt geführt, den Namen sogar, dem ich keine llnehre gebracht. Nein, nein; glaubt nicht, Ihr könntet von mir eine Gunst erbitten — Ihr habt nur Euer Recht zu fordern. Bruder! — mein theurer Bruder!" Siebzehntes Buch. Warwick. Ausnehmend Wohl; zu End' ist litt sein Seid jetzt! Heinrich IV. Da die Aufregung dieser Scene Arthur bald überwältigte, bat Philipp, als er das Zimmer mit Robert Beaufort verließ, diesen Gentleman um eine Besprechung, und sie traten in eben das Zimmer, aus welchem der reiche Mann einst gedroht hatte, den hohläugigen Flehenden hinauSzujagen. Philipp sah sich in dem Zimmer um, und der ganze Auftritt wurde wieder in seiner Seele lebendig. Ec winkte Beaufort sich zu setzen, und begann nach einer Pause also: „Mr. Beaufort, laßt das Vergangene vergessen sehn. Wir bedürfen vielleicht gegenseitiger Verzeihung, und ich, der ich Eurem edlen Sohne so Unrecht that, bin willig KO und bereit, anzunehmen, baß ich Euch falsch beurteilte. Zwar kann ich diesen Prozeß nicht aufgeben." Mr. Beauforts Gesicht umwölkte sich. „Jchbindazunichtberechtigt. Jchbin der bevollmächtigte Vertreter von meines Vaters Ehre und von meiner Mutter Namen; beide muß ich vertheidigen; — ich kann diesen Prozeß nicht aufgeben. Aber so wie ich einmal mich Lequemte, in Euer Haus zu treten — damals nur erst mit der Hoffnung, wo ich jetzt die Gewißheit habe, mein Erbteil zu erlangen — da geschah es mit dem Entschluß, jedes Gefühl in Vergessenheit zu begraben, das über die gemäßigtste Gerechtigkeit hinausginge. Jetzt will ich Mehr thun. Wenn das Gesetz gegen mich entscheidet, so bleiben wir wie wir sind; wenn für mich — hört an: ich will Euch die Güter von Beaufort lassen für Eure und Eures Sohns Lebenszeit. Ich verlange für mich und die Meinigen nur so Viel von Eurem Reichthum, um mich, falls mein Bruder noch lebt, in Stand zu setzen, für ihn zu sorgen; und (falls Ihr die Wahl billigt, die ich vor Allem auf der Welt zu treffen mich sehne,) derjenigen, die ich meine Gattin nennen möchte, zu gewähren, was zu einem anmuthigsren und mit feineren Genüssen geschmückten Daseyn gehört, als wofür ich Sinn habe. Robert Beaufort, in diesem Zimmer bat ich Euch einst, mir daS einzige Wesen zurückzugeben, das ich damals liebte; jetzt stehe ich wieder flehend vor Euch; und diesmal habt Ihr es in Eurer Macht, meine Bitte zu erfüllen. Laßt Arthur in Wahrheit meinen Bruder seyn; gebt mir, wenn ich. wie ich nicht zweifle, mein Recht auf den Namen Nachweise, den mein Vater trug, gebt mir Eure Tochter zu meiner Gattin; gebt mir Camilla, und ich will Euch die Güter nicht beneiden, die ich für meine Person gern Euch überlasse; und wenn sie an meine Kinder fallen, so werden ja diese die Kinder Eurer Tochter seyn!" Das erste Gefühl Mr. Beauforts war, die ihm dargebotene Hand zu ergreifen, einen unzusammenhängenden Strom von Lobeserhebungen und Protestationen, von Versicherungen loSzulaffen, daß er von einer solchen Großmuth Nichts hören könne, daß was Recht sey. Recht seyn solle, daß er stolz seyn würde aus einen solchen Schwiegersohn, und dergleichen Mehr. Mitten unter diesem aber fiel Mr. Beaufort plötzlich ein, daß, wenn Philipps Sache wirklich so gut wäre, als er flo dafür ausgab, er doch nicht so kaltblütig davon sprechen konnte, das Vermögen, das er dadurch gewänne, abzutreten für die Dauer eines so außerordentlich guten und gesunden Lebens (Mr. Beaufort dachte an sein eigenes,) von Arthurs Leben Nichts zu sagen. Bei diesem Gedanken schien eS ihm räthlich, sich nicht zu tief einzulaffen; er hielt so schlau er konnte zurück, um zuvor mit Lord Lilburne und seinem Anwalt zu Rathe zu gehen, und sich auch besinnend, daß er in Beziehung auf Camilla und ihre frühere Neigung Viel zu berichtigen und vorzukehren hatte, sing er an, von seiner Bekümmerniß wegen Arthurs zu sprechen, von der Nothwendigkeit, ein wenig zu warten, ehe man mit Camilla rede, da sie in solcher Unruhe sey wegen ihres Bruders, von der ausnehmenden 62 Güte seiner Sache, wie ihn sein Anwalt versichere — nicht als ob er die Sache lieber ans dem Wege deS Gesetzes als der Billigkeit und Gerechtigkeit abmachen würde, und wie er, im Fall das Gesetz für ihn entschiede, nichts desto weniger (vorausgesetzt, daß er der Neigung seiner Tochter keine Gewalt anzuthun brauche, was er freilich nicht besorge,) sich höchst glücklich schätzen würde, ihre Hand seines Bruders Sohn zu gewähren, nebst einer solchen Mitgift, wie sie alle Parteien befriedigen würde. Es geschieht uns oft in dieser Welt, daß wenn wir zu Jemand kommen, unser ganzes Herz in der Hand — wenn wir einer edlen Aufwallung von Gefühlen den Lauf fassen — von Gefühlen so schwärmerisch und aufopfernd, daß ein dabei Stehender uns närrisch und donquirotisch nennen würde; — es geschieht uns, sage ich, oft, daß wir unser warmes Ich plötzlich zurückgeworfen sehen auf unser kaltes Ich, — daß wir uns gänzlich nicht verstanden sehen, und daß das Schwein, das die Eichel mit Begierde verschlungen hätte, nicht weiß was anfangen mit der Perle. Das plötzliche eisige Gefühl, von dem wir dann durchschaucrt werden, jener ausgemachte Ekel, jene Verzweiflung beinahe an der ganzen Welt, die wir für den Augenblick mit dem Einen Weltkind verwechseln, können diejenigen, die es selbst schon erfahren, sich wohl leicht als die Empfindungen Philipps denken. Er hörte Mr. Beaufort mit tiefem, verachtendem Stillschweigen zu, und erwiederte dann bloß: „Sir, in jedem Fall ist dies eine Frage, die das Gesetz 63 entscheiden muß, entscheidet es so, wie Ihr glaubt, so ist es an Euch zu handeln; wenn so wie ich glaube, an mir. Bis dahin will ich Euch nicht mehr von Euer Tochter noch von meinen Absichten sprechen. Inzwischen ist Alles, was ich verlange, die Freiheit, Euer« Sohn zu besuchen. Jchmöchtenichtverbannt seyn aus seinem Krankenzimmer!" „Mein lieber Neffe!" rief Mr. Beausort, wieder in Unruhe, „betrachtet dies Haus wie Eure Heimath." Philipp verbeugte sich und ging zur Thüre hinaus, und sein Oheim begleitete ihn verbindlichst. Zufällig waren Lord Lilburne und Mr. Blackwell derselben Ansicht in Betreff des von Mr. Beaufort jetzt ein- znschlagenden Verfahrens. Lord Lilburne lag nicht nur am Herzen, eine feindselige Klage in eine freundschaftliche Rechtsfrage verwandelt zu sehen, sondern er war in der That verlangend, daö Siegel der Verwandtschaft auf jedes ihn betreffende Geheimnis; zu drücken, welches zu enthüllen ein Mann, der 20,000 Pfund jährlich erben sollte, — ein tödtlicher Schütze und eine kecke Zunge, Lust haben möchte. Dies machte ihn ernster und eifriger, als er sonst vielleicht gewesen wäre, in andrer Leute Angelegenheiten seinen Rath abzugeben. Er sprach mit Beaufort als ein Mann der Welt — Blackwell als RechtSgelehrtcr. „Spießt den Mann an der Nadel seiner Großmuth," sagte Lilburne, „ehe er das Vermögen in Händen hat. Der wirkliche Besitz bringt eine große Veränderung hervor in der Schätzung des Gelds bei einem Manne. Am Ende habt Ihr doch keinen,Genuß von dem Vermögen, wenn 64 Ihr tobt seyd; er tritt es zunächst Arthur ab, der nicht verheirathet ist; und wenn Arthur etwas Menschliches znstößt, der arme Junge! nun — wenn eS dann an den Gatten und die Kinder Eurer Tochter fällt, so vererbt es sich ja ganz in der rechten Linie. Spießt ihn auf einmal fest! erwerbt Euch bei der Welt das Lob der edelsten und uneigennützigsten Handlungsweise, indem Ihr Euern Rechtsbeistand erklären laßt: sobald Ihr die verlorne Urkunde gefunden, habet Ihr den Wunsch gehabt, dem Beweise der Heirath kein Hinderniß in den Weg zu legen, und das Einzige, was zu erwägen, sey, ob der Beweis hinlänglich geführt sey; in diesem Falle würdet Zhr der Erste seyn, der sich freue u. s. w. Ihr kennt all diese Spiegelfechterei so gut als irgend Einer!" Mr. Blackwell ertheilte denselben Rath, obwohl mit andern Worten, und schlug als einen Mittelweg vor: die Prüfung der Thatsachen solle dem Privatschiedsgericht von dreien der ausgezeichnetsten Rechtsgelehrten übergeben, und nach ihrem Ausspruch die Bertheibigung entweder tapfer durchgefochten, oder mit edlem Anstand fallen gelaffen werden. Diese Idee ward von Beaufort lebhaft ergriffen. Man schlug Philipp das Schiedsgericht vor; und mit einigem Bedenken willigte Mr. Barlow ein. Die Schiedsrichter wurden erkoren, und sie vereinigten sich bald Alle in der Ansicht, die Heirath könne bewiesen werden, und Philipp seine Ansprüche begründen. Sobald dieser Bericht erstattet war, sprach Mr. Beaufort Philipp. Es ward verabredet, daß der Prozeß, 65 obgleich noch immer unerläßlich, eine bloße Formalität von Seiten des Beklagten seyn solle; und kurz, er gab Philipp zu verstehen, daß er seine Großmuth anerkenne und nicht abgeneigt sey, sie fich zu Nutze zu machen. Während dies vor sich ging, wurde Arthur allmälig immer schwächer. Philipp war beständig bei ihm. Der Leidende faßte eine wunderbare Neigung zu seinem lange gefürchteten Verwandten, dem Manne von Stahl und Eisen. In Philipp wohnte ein solches Leben, daß es Arthur war als läge Ln seiner Anwesenheit schon ein Widerstandsmittel gegen den Tod. Und Camilla sah so ihren Vetter Tag für Tag, Stunde für Stunde, in dem Krankenzimmer, mit der sanften Zärtlichkeit eines Weibes bemüht, die Schmerzen zu lindern, trübe Launen zu verscheuche», die Niedergeschlagenheit aufzuheitern. Philipp sprach ihr nie von Liebe; an einem solchen Ort wäre das unmöglich gewesen. Sie überwand bei ihrer beiderseitigen Betrübniß, die Verlegenheit, die sie früher in seiner Nähe empfunden; was auch sonst ihre Gefühle, sie konnte doch nicht umhin, mindestens dankbar zu seyn gegen den freundlichen Pfleger ihres Bruders. Drei Briefe von Charles Spencer waren, bei der Beirübuiß, die im Hause herrschte, nur mit ein paar Zeilen beantwortet worden. Jetzt benützte ste die Gelegenheit einer augenblicklichen, scheinbaren Besserung in Arthurs Befinden, ihm ausführlicher zu schreiben. Sie wollte, wie gewöhnlich, den Brief ihrer Mutter bringen, als Mr. Beaufort ihr begegnete und den Brief aus der Hand nahm. Er sah einen Augenblick verlegen aus, und hieß sie dann ihm in sein Arbeitszimmer folgen. Jetzt erfuhr Camilla zuerst deutlich und genau die Ansprüche und Rechte ihres Vetters; jetzt erfuhr sie auch, um welchen Preis der werthvollste Theil dieser Rechte geopfert werden solle. Mr. Beaufort legte ihr natürlich den Fall in der Form der aufs Aeußerste getriebnen Alternative vor. Er war ruiutrt — gänzlich ruinirt, ein armer Mann — ein Bettler, wenn Camilla ihn nicht rettete. Der Herr seines Schicksals verlangte die Hand seiner Tochter. Von Natur unterwürfig gegen jede Laune ihrer Eltern, ward sie durch den Verstand, die bittende und befehlende Art, womit jenes Verlangen an sie gestellt wurde, überwältigt. Sie antwortete nur mitThrä- nen; und Mr. Beaufort, ihrer Unterwürfigkeit gewiß, verließ sie, um nachzudenken, in welchem Ton er selbst an Mr. Spencer schreiben sollte. Er hatte sich zu dem Behufs hingesetzt, als er in Arthurs Zimmer gerufen wurde. Sein Sohn war plötzlich schlechter geworden; Krämpfe, welche unmittelbare Gefahr drohten, quälten und erschöpften ihn; und als diese gestillt waren, blieb er drei Tage so schwach, daß selbst Mr. Beaufort, dem jetzt die Augen ganz aufgegangen über den ihn erwartenden Verlust, keine Gedanken für weltliche Interessen hatte. In der Nacht des dritten Tages standen Philipp, Robert Beaufort, seine Gattin und seine Tochter um Arthurs Sterbebett. Der Kranke war eben vom Schlaf erwacht, und winkte Philipp, ihn aufzurichten. Mr. Beaufort fuhr zusammen, als er bei dem dämmernden Licht 67 seinen Sohn in den Armen des CatharinenS sah! und ein andres Sterbezimmer schien schattenhaft sich an die Stelle von diesem zu drängen. Worte, vor langer Zeit ausgesprochen, klangen in seinem Ohr: „Ihr werdet noch an einem Sterbebett stehen, wo Ihr das Gespenst von ihr, die jetzt so friedlich da liegt, Vergeltung fordernd aus dem Grabe werdet aussteigen sehen!" Sein Blut erstarrte — sein Haar sträubte sich empor — er warf einen hastigen, scheuen Blick in der Dämmerung des dunkel gemachten Zimmers umher, und mit einem schwachen Schrei bedeckte er sein weißes Gesicht mit den zitternden Händen! Aber auf Arthurs Lippen war ein friedliches Lächeln; er wendete seinen Blick von Philipp auf Camilla, und flüsterte: „Sie wird Euch vergelten!" — Eine Pause, und der Schmerzensschrei der Mutter gellte durch das Zimmer! Robert Beaufort erhob sein Gesicht aus seinen Händen; — sein Sohn war todt! Achtzehntes Kapitel. Jul. Und welchen Lohn habt Ihr zu bieten? Meine Liebe muß es sehn. Die Doppelheirath. Während diese dunkeln, stürmischen, hastigen Ereignisse die Familie seiner Verlobten betroffen, hatte Sidney Beaufort, wie wir ihn jetzt zu nennen berechtigt sind, sein 68 ruhiges Leben an den Ufern des lieblichen Sees fortgeführt. Nach wenigen Wochen überwog sein Vertrauen zu Camil- la's Treue alle seine Besorgnisse und Ahnungen. Ihre Briefe, obwohl nicht ohne Zwang wegen der Inspektion, der sie unterworfen wurden, gaben ihm unaussprechlichen Trost und Entzücken. Bald jedoch glaubte er zu fühlen, daß ihr Ton sich verändere. Die Briefe hatten die gleiche Länge, aber sie schienen den Einen Gegenstand zu vermeiden, gegen welchen alle andre wie Nichts waren — sie beschäftigten sich mehr mit den in Beaufort-Court versam- meltenGLsten; und ich weiß nicht, wie es kam — denn es war Nichts darin, was Eifersucht hätte erregen und rechtfertigen können — die wenigen Worte, die dem Monsieur de Vaudemvnt gewidmet waren, erfüllten ihn mit unruhigem und schrecklichem Verdacht. Er gab diesen Gefühlen Luft, so weit er nur immer zu thun wagte bei dem Bewußtseyn, daß seine Briese von Andern gelesen würden; und Camilla nannte den Namen Vaudemonts nicht mehr. — Ein langes Schweigen folgte — dann schrieb sie von ihres Bruders Ankunft und Krankheit — dann von Zeit zu Zeit ein paar hastige Zeilen — dann ein völliges, langes, entsetzliches Verstummen — und endlich kam, mit einem kohlschwarzen Rande und einem feierlich schwarzen Siegel folgender Brief von Mr. Beaufort: „Mein wertber Sir, — mit unaussprechlichem Kummer habe ich Euch und Eurem würdigen Oheim den uner- setzlichen Verlust zu melden, den ich durch den Tod meines einzigen Sohnes erlitten. Es ist heute ein Monat, daß er 69 aus diesem Leben schied. Erstarb, Sir, wie ein Christ sterben soll, deinüthig, ergeben, reuig, — die wenigen Fehler seines kurzen Lebens übertreibend, aber —" (und hier trat die Heuchelei des Schreibenden, so natürlich sie ihm geworden — vielleicht wußte er nicht, daß er ein Heuchler war? — wirklich zurück vor dem wirklichen, menschlichen Schmerz, für den eS kein Wörterbuch gibt! —) „aber ich kann diesen Gegenstand nicht weiter verfolgen! „Nur langsam wieder erwachend zum Bewußtsein der Pflichten, die mir noch zu erfüllen bleiben, kann ich unmöglich die wesentliche Verschiedenheit in den Aussichten meines einzigen noch übrigen Kindes verkennen. Miß Beaufort ist jetzt die Erbin eines alten Namens und eines großen Vermögens. Sie erkennt mit mir die Nolhwendig- keit an, diese neuen Rücksichten in Erwägung zu ziehen, welche jener so schmerzliche Fall ihrem Geist aufdrängt. Die kleine Phantasie — oder das Wohlgefallen (die Bekanntschaft war zu kurz für Mehr), welches sich ganz natürlich erzeugen konnte zwischen zwei jungen, liebenswürdigen Personen, die auf dem Land zusammentrafen, muß aus unser» Gedanken verbannt bleiben. Als Freund werde ich mich immer glücklich schätzen, von Eurem Wohlergehen zu hören; und solltet Ihr je auf einen Beruf denken, wo ich Euch dienen kann, so mögt 2hr über all meinen Einfluß und meine Kräfte gebieten. Zch weiß, mein junger Freund, was Eure erste» Gefühle seyn werden — wie geneigt Ihr seyn werdet, mich habgierig und selbstsüchtig zu nennen. Der Himmel weiß, ob das wirklich BulwcrS Sckm.nic, XVIV. g 70 mein Charakter ist! Aber in Eurem Alter verwischen fich Eindrücke leicht; und jeder welterfahrene Freund wird Euch versichern, daß ich unter den ganz veränderten Umständen keine andre Wahl habe. Mer Verkehr und Briefwechsel hört natürlich mit diesem Brief auf — wenigstens bis wir uns Alle wieder ohne andre Gefühle, als die der Freundschaft und Achtung sehen können. Ich bitte Eurem würdigen Oheim meine Empfehlungen zu machen, und MrS. und Miß Beaufort schließen sich an; gewiß wird es Euch glücklich machen, zu vernehme», daß meine Frau und Tochter, obwohl noch tief betrübt, in ihrer Gesundheit weniger gelitten haben, als ich zu hoffen gewagt hätte. Genehmigt die Versicherung, werther Sir, daß ich bin aufrichtig der Enrige Robert Beaufort." An Mr. Spencer. ESq. llun. Als Sidney diesen Brief erhielt, war er mit Mr. Spencer zusammen, und der Letztere las ihn über die Schulter des jungen Mannes, aufdenersich zärtlich stützte. Als sie an die letzten Worte kamen, wandte fich Sidney um mit stierem Blick und hohlen Lächeln. „Ihr seht, Sir," sagte er, — „Ihr seht—" „Mein Junge — mein Sohn — Du erträgst dies wie Dumußt. Verachtung wird bald erlöschen machen—" Sidney fuhr auf und sein ganzes Gesicht war verwandelt. „Verachtung! — ja, gegen ihn! Aber sie —sie weiß daS nicht — sie hat keinen Theil daran — ich kann 71 es — ich will es nicht glauben! Ich — ich —" und er stürzte aus dem Zimmer. Er blieb aus bis zum Einbruch der Nacht, und bei seiner Rückkehr suchte er ruhig zu scheinen, aber es war vergeblich. Der nächste Tag brachte ihm einen Brief von Camilla, ohne Wissen ihrer Eltern geschrieben, kurz zwar (und die in ihres Vaters Schreiben ausgesprochene Trennung bestätigend), und die stehende Bitte enthaltend, ihr nicht zu antworten: aber dennoch so voll zarten und bekümmerten Gefühls, so sichtbar diktirt von dem Verlangen, den Schmerz, den sie ihm zufügte, zu lindern, daß er ihn mehr als tröstete — daß er ihm sogar Hoffnung einflößte. Als Mr. Robert wieder seine gewöhnliche Gcmüths- stimmung so weit erlangt hatte, um den oben mitgetheil- ten Brief an Sidney zu schreiben, hatte er vollkommen die Nothwendigkeit empfunden, vor dem öffentlichen Prozeß die Heirath von Philipp und Camilla zu schließen. Die Verhandlung wegen der VermögenSentziehung konnte nicht statthaben vor dem nächsten März oder April. Er wollte die gewöhnliche Etikette der Zeit und der Trauer fallen lassen, um Alles vorher ins Reine zu bringen. Fürs erste konnte er so mittelst des Heirathskontrakis sofort alle Bedingungen am vortheilhaftesten für sich feststcllen; und fürs zweite lebte er in stündlicher Angst, Philipp möchte entdecken, daß er an seinem Bruder einen Nebenbuhler habe, und die Verbindung mit den daran für Beaufort hängenden Vortheilen abbrechen. Die erste Nachricht von einem solche» 6 * Prozeß in den Zeitungen konnte den Spencers zukvninien, und wenn der junge Mann, wie er nicht zweifelte, Sidney Beaufort war, so mußte er auf diese natürlich vortretcn und zuverläßig die gefürchtete Nusklärung herbeiführen. In solcher Angst und beständiger Berechnung sprach Robert Beaufort Philipp so viel, und anscheinend mit solchem Ernst und Eifer, von seinem Wunsche, sobald als nur immer möglich dem letzten Wunsche seines Sohns durch die «ingeleitete Verbindung zu genügen, -— er sprach anscheinend mit so viel Besonnenheit und Einsicht von der Vermeidung alles Skandals, und aller Mißdeutungen bei dem Prozeß selbst, dessen gänzlich unfeindselige Beschaffenheit durch die vorangegangene Vermählung des Klägers mit seiner Tochter sofort ins klarste Licht gestellt werden würde, daß Philipp, liebeglühend wie er war, nicht umhin konnte, jeder mit dem Anstand vereinbaren Beschleunigung seines ersehnten Glückes seinen Beifall zu geben. Was eine frühere Veröffentlichung mittelst der Zeitungen betraf, so war er mit Mr. Beaufort eines Sinnes, sie zu verbitten. Aber nun kam die Frage: Welchen Namen er inzwischen führen sollte? „Was dies betrifft," sagte Philipp mit einigem Stolz, „wenn ich nach dem Prozeß meiner Mutter ihr rieth, den ihr zwar gebührenden Namen Beaufort nicht zu führen — und wenn ich, für meinen Theil, ihren bescheidnen Namen Werth hielt, der, bet so ungünstigem Schein doch in der That fleckenlos war — so fleckenlos wie der vornehmere, den Ihr führt, und mein Vater führte; — so will 73 ich auch den Namen nicht wieder annehmen, welchen daS Gesetz mir absprach, bis ihn das Gesetz mir wieder zu- spricht. Das Gesetz allein kann das Unrecht auslöschen, das es mir angethan hat." Mr. Beaufort war mit dieser (ob zwar irrigen) Argumentation zufrieden, und hoffte jetzt, cs werde sich Alles ungestört abmachen lassen. Daß ein Mädchen in der Lage Camilla'S, und von einem weder energischen noch tiefen Charakter, aber unterwürfig, pflichttreu und schüchtern, dem Zureden und den Gründen ihres Vaters, dem Wunsch ihres sterbenden Bruders nachgab — daß sie sich nicht zn weigern getraute, das Mittel der Herstellung des Friedens in einer gespaltenen Familie, das rettende Opfer für ihres Vaters gefährdetes Vermögen zu werden — daß sie endlich, als beinahe einen Monat nach Arthurs Tod, als ihr Vater sie in das Zimmer führte, wo Philipp mit pochendem Herzen auf ihren Schritt lauschte, ihre Hand in die seine legte, und Philipp, auf die Kniee fallend, sagte: „Darf ich hoffen, diese Hand fürs Leben zu besitzen?" — daß sie da Worte stammelte, die er als eine nicht widerstrebende Einwilligung deuten konnte — daß Alles dies so geschah, ist so natürlich, daß der Leser schon darauf vorbereitet ist. Aber dennoch dachte sie mit bittern, reuevollen Gefühlen an ihn, der, so überlegt und treulos aufgegeben und zurückgewiesen ward. Sie fühlte, wie innig er sie geliebt — sie wußte, wie fürchterlich sein Kummer seyn würde. Sie sah ernst und traurig aus; aber ihres Bruders Tod genügte in Philipps Augen, 74 dies zu erklären. Das Lob und die Dankbarkeit ihres Vaters, für den sie Plötzlich der Gegenstand sogar noch größeren Stolzes, noch innigerer Zärtlichkeit als selbst Arthur zu werden schien, — der Trost eines großmüthigen Herzens, das selbst in dein Opfer, das es bringt, einen Genuß empfindet — die sie sreisprechende Stimme ihres Gewissens hinsichtlich der Beweggründe ihres Handelns — Alles dies äußerte doch allmälig seine Wirkung. Auch konnte sie, da sie Philipp in neuern Zeiten häufiger gesehen, nicht unempfindlich seyn für seine Neigung — seine vielen cdeln Eigenschaften — den Stolz, den die meisten Frauen bet seiner Bewerbung gefühlt haben würden, wenn sein Stand und Rang einmal bekannt war; und da ihr Charakter immer mehr von der Pflicht als von der Leidenschaft geleitet gewesen war, hätte Einer, der sehen konnte, was in ihrer Seele vorging, wenig Besorgnisse haben dürfen wegen Philipps künftigen Glückes, wenn er sie davontrng; — wenig Furcht, es möchte» ihre Gefühle, wenn einmal mit ihm vermählt, nicht ganz im Einklang mit ihren Pflichten stehen; er konnte hoffen: wenn sie der ersten Liebe sich noch erinnere, werde es mit einem Seufzer geschehen, der mehr einem romantischen Traum der Vergangenheit, als einer dauernden, schmerzlichen Sehnsucht gelte. Wenige, von beiden Geschlechtern, werden ja mit dem Gegenstand ihrer ersten Liebe verbunden; aber verheirathete Leute traben mit einander fort, und nennen einander „mein Lieber," und „mein Täubchen," trotz dem! Zwar wäre vielleicht Philipp kaum mit der Innigkeit geliebt worden, mit welcher er liebte, aber wenn Camilla's Gefühle im Stande waren, den glühenden und leidenschaftlichen dieser starken und heftigen Natur zu entsprechen — so waren solche Gefühle eben noch nicht bei ihr entwickelt — das Herz des Weibes konnte noch halb verhüllt sehn vom Schleier der jungfräulichen Unschuld. Philipp selbst war zufrieden; er glaubte sich geliebt; denn es ist die Eigenthümlichkeit der Liebe in einem großen und edeln Herzen, sich abzuspiegeln, und ihr eignes Bild in den Augen zu sehen, in die sie blickt. Wie der Dichter einem gewöhnlichen Evaskind ideale Schönheit und Trefflichkeit leiht, weniger das Wesen vergötternd, welches ist, als dasjenige, das er in seiner Phantasie gestaltet, so wirft die Liebe, die uns Alle eine Zcitlang zu Dichtern macht, ihr himmlisches Licht über ein vielleicht in der Thal kaltes Herz, und wird verblendet, zu einem wonnevollen, falschen Glauben verleitet eben durch den Glanz, womit sie ihren Gegenstand umgibt. Je mehr jedoch Camilla Philipp sah, je mehr sie (allmälig ihre frühere geheimnißvolle und abergläubische Scheue vor ihm überwindend), mit seiner eigenthümlichen Charakter- und Denkweise vertraut wurde, um so mißtrauischer begann sie zu werden gegen die Behauptung ihres Vaters: er habe durchaus ihre Hand als Preis — als Ersatz — als ^lequivalent für das Opfer einer grimmigen Rache verlangt. Und mit diesem Gedanken kam noch ein anderer. War sie dieses Mannes würdig? — täuschte sie ihn nicht? — sollte sie nicht wenigstens ihm bekennen, daß sie eine frühere Neigung gehabt, wie entschlossen sie 76 auch seyn mochte, sie zu bekämpfen? Oft zitterte das Verlangen, dies billige und ehrenhafte Bekenntniß abzulegen- auf ihrer Lippe, und ebenso oft ward es durch irgend einen zufälligen Umstand, oder durch mädchenhafte Furcht zurück- gedrängt. Trotz ihres Verhältnisses bestand zwischen ihnen noch nicht jenes köstliche Vertrauen, welches die Verlobung zweier Herzen und Seelen begleiten sollte. Die Trauer im Hause — der Zwang, den ein noch so frischer und so tief beklagter Todesfall selbst der Sprache der Liebe auferlegte, erklärte großentheils diese Zurückhaltung. Und zudem vergönnte ihnen der vorsichtige Robert Beaufort sehr selten und nur kurz die Gelegenheit allein zu seyn. Mittlerweile hatte Philipp, nunmehr überzeugt, daß die Beauforts Nichts von seines Bruders Schicksal wüßten, Mr. Barlows Thätigkeit in Anspruch genommen, Sidney auszukundschaften; und sein ängstliches Verlangen, den ihm so Theuern, so geheimnißvoll Verlornen zu entdecken, war das einzige peinliche Gefühl, von welchem die glänzende Zukunft möglicherweise getrübt werden konnte. Während diese, bisher fruchtlosen Nachforschungen angestellt wurden, geschah es, daß als London sich wieder zu füllen, das Geklatsche wieder aufzuleben begann, ein Gerücht in Umlauf kam, Niemand wußte wie (vermuthlich durch die Dienerschaft), daß Monsieur de Vaudemont, ein ausgezeichneter französischer Offizier, bald die Tochter und einzige Erbin von Robert Beaufort, Esq., M. I> ., au den Traualtar führen werde; und dies Gerücht fand bald seinen Weg in die Londoner Blätter; aus diesen ging es in die 77 Provinzialblätter über — es kam vor Sidneys Augen in seiner jetzt düstern und verzweiflungsvollen Einsamkeit. Am Tage, wo er es gelesen, verschwand er. Neunzehntes Kapitel. Jul. Liebt ihn, edles Fräulein! Es ist ein edler und rechtschaffener Herr. Ich fand ihn immer so. Liebt ihn nicht, minder, als ich that, und dient ihm; Und ftgn' Euch Gott — Ihr segnet meine Asche! Veaumont und Fleich er. Die Doppelheirath. Wir haben uns zu lange von Fanny entfernt — es ist Zeit, daß wir zu ihr zurückkehren. Die Freude, die sie empfand, als Philipp ihr begreiflich machte, welche Wohl- thaten, welche Segnungen ihr Muth, ja, ihr Verstand ihm gewonnen, — das erröthende Entzücken, womit sie (als sie nach H—- — zurückkehrten, an dem ereignißrcichen Morgen ihrer Befreiung, Seite an Seite — ihre Hand von der seinigen gefaßt, und oft dankbar an seinen Mund gedrückt,) seine Lobeserhebungen, seinen Dank, seine Angst um ihre Sicherheit, seine Freude über ihre Befreiung anhörte— Alles dies stieg bis zu einer Seligkeit, von der fie bisher nicht gedacht hatte, daß das Leben fie gewähren könne. Und als er fie verließ, um mit der entdeckten Urkunde 78 zu seinem Advokaten zu eilen, da dauerte seine Abwesenheit nur eine Stunde. Er kehrte zurück und verließ sie einige Tage nicht, lind in dieser Zeit bemerkte er ihre erstaunlichen, und wie ihm vorkam, wnnderähnlichen Fortschritte in Allem, was den Geist dem Geist ebenbürtig macht, — wunderähulich, denn er ahnte Nichts von dein Einfluß der Macht, welcher Wunder alltäglich sind. Und jetzt horte er ihr aufmerksam zu, wenn sie sprach;— er las mit ihr (obgleich das Lesen nie sehr seine Sache war), sein nicht verwöhntes Ohr war entzückt von ihrer Stimme, wenn sie jene einfachen Lieder sang; — und sei» Benehmen war, vermöge.seiner Dankbarkeit sowohl für den wichtigen Dienst, den sie ihm geleistet, als der Entdeckung, daß Fanny weder dem Geist noch den Jahren nach mehr ein Kindsey, obwohl nicht minder zart.als zuvor, doch minder vertraulich, weniger das einer überlegenen Person, achtungsvoller und ernster. Es war eine Veränderung, die sie in ihrer Selbstachtung hob. Ach! das waren rosenfarbne Tage für Fanny! Ein minder scharfsinniger Kenner und Beurtheiler der Charaktere als Lilbnrne, hätte vielleicht Zweifel gefaßt gegen die Beschaffenheit von Philipps Interesse für Fanny. Aber er begriff sogleich die brüderliche Theilnahme, die ein Mann wie Philipp wohl empfinden konnte für ein Geschöpf wie Fanny, wenn sie seiner Sorge empfohlen war von einem Beschützer, dessen Schicksal so entsetzlich gewesen, wie das, welches William Gawtreys Leben verschlungen. Lilburne hatte zuerst den Gedanken, sie für sich anzusprechen; aber da es nicht in seiner Macht stand, sie zn zwingen, bei ihm ihren Aufenthalt zu nehmen, wünschte er, bei genauerer Ueberlegung, nicht, wieder in Berührung mit Philipp zu kommen auf einem Gebiete voll so demütbigender Erinnerungen, wie das noch von den Bildern Gawtreys und Marys beschattete. Er begnügte sich damit, an Simon einen schlauen, seinersonnenen Brief zu schreiben, des Inhalts, daß er aus Fannys Aufenthalt bei Mr. Gawtrey und ans ihrer Nehnlichkeit mit ihrer Mutter, die er, nur als Kind gesehen, ihre Verwandtschaft mit ihm selbst vermuthet habe; nnd da er andre Zeugnisse hie- für in die Hand bekommen (welche oder woher, gab er nicht an), habe er keinen Anstand genommen, sie unter sein Dach zu entführen, mit dem Vorsatz, dem Mr. Simon Gawtrey am folgenden Tage Alles zu erklären. Dieser Brief war von einem zweiten von einem Advokaten begleitet, welcher Simon Gawtrey benachrichtigte, daß Lord Lilburne 200 Pf. jährlich in vierteljährlichen Raten, an ihn zahlen wolle; diesem war bcigefügt, daß der Lord, wenn das junge Frauenzimmer, das er so wohlwollend auferzogen, volljährig werde, oder heirathe, ihr auch eine genügende Ausstattung zu Theil werden lasten wolle. Simons Geist flammte auf bei dieser Nachricht, als man sie ihm vorlaö, obgleich er weder begriff, noch zu erfahren suchte, warum Lord Lilburne so großmüthig sey, oder was dieses Edelmanns Brief an ihn bewirke» sollte. Zwei Tage lang schien er wieder im Besitz kräftiger Besinnung; aber nachdem er einmal die erste vorausgemachte Zahlung in seine Hände bekommen, 80 schien die Berührung des Geldes ihn wieder in seine Lethargie zurückzuversenken; — die Aufregung des Verlangens erstarb im Gefühl des Besitzes. Und gerade um diese Zeit erreichte Fannys Glück sein Ende. Philipp erhielt Arthur Beauforts Brief; und jetzt folgten lange und häufige Abwesenheiten; und nach seiner Rückkehr jedesmal nur für eine Stunde oder so sprach er von Gram und Tod; und die Bücher wurden zugemacht und der Gesang verstummte. Alle Besorguiß um Fannys Sicherheit war natürlich — die Bedürfnisse für ihre Arbeiten — für ihre kleine Haushaltung stiegen. Sie ging nie ohne Sarah aus; aber sie hätte gewünscht, es wäre einige Gefahr für sie vorhanden gewesen, daß er davor auf der Hut hätte seyn müssen — oder eine Prüfung, daß sein Lächeln sie getröstet und gestärkt hätte. Seine öftere, lange Abwesenheit begann an ihr zu nagen — die Bücher in- teresfirten fie nicht mehr — kein Lernen füllte die traurige Leere — ihr Schritt wurde unstet — ihre Wange blaß — sie merkte endlich, daß seine Anwesenheit ihr zum Lebens- bedürfniß geworden war. Eines Tages kam er früher als gewöhnlich, und mit einem viel heiterer» und glücklicher» Ausdruck, als sein Angesicht in neuern Zeiten zu haben pflegte, nach Hause. Simon schlummerte in seinem Lehnstuhl, und sein alter Hund, jetzt kaum mehr vermögend zu bellen, schmiegte sich zu seinen Füßen. Weder Mann noch Hund konnten als Zeugen dessen, was gesprochen wurde, mehr gelten, als der lederne Stuhl oder der Kaminteppich, worauf der Eine und der Andere ruhten. Ein Umstand trug in der Wirklichkeit viel bei zu dem Interesse von Fannys sonderbarem Schicksal, de» ich aber in der Erzählung, wie ich wohl fühle, dem Leser nicht recht werde verständlich machen können. Und dies war ihr Verhältniß zu dem alten Manne und ihr Aufenthalt bei ihm. Ihr Charakter bildete sich, während der seinige dahin war; — hier das weiße Blatt, das sich füllte, — dort das beschriebene, das zum leeren Blatt verbleichte. Es war das gänzliche, völlige Lebendigtodtfeyn Simons, was, zum Sehen so ergreifend, es doch unmöglich macht, ihn dem Leser darzustellen in der ganzen Stärke des Con- trastes, den er der jungen Psyche gegenüber machte. Er sprach selten — oft vom Morgen bis in die Nacht nicht — er ging jetzt selten mehr aus. Es wäre vergeblich, das Unbeschreibliche beschreiben zu wollen, — möge der Leser sich selbst das Bild entwerfen. Und wenn er (wie ich hoffe, daß er manchmal thuu werde, nachdem er dies Buch zugeschlagen) daö Bild heranfbcschwört, daS sich ihm an den Namen der Heldin knüpft, dann denke er sich vor ihr, während sie durch das dürftige Zimmer schwebt, — während sie der Stimme dessen, den sie liebt, horcht-—wenn sie sinnend am Fenster sitzt, von wo gerade noch der Kirch- thurmgiebcl sichtbar — während Tag für Tag die Seele in ihr sich dehnt und verklärt — der Leser denke sich dann innerhalb derselben Wände, mit grauen Haaren, blind, stumpf gegen jedes Gefühl, eingefroren gegen alles Leben 82 — dies steinerne Bild der Zeit und des Todes! Dann kann er vielleicht begreifen, warum diejenigen, welche die wirkliche lebendige Fanny in dieser eiskalten und verschütteten Atmosphäre jugendlich blühen sahen, ihre Armuth, ihre Einfalt, ihre bezaubernde Schönheit durch den Con- trast gesteigert empfanden, und sie in Verbindung setzten mit Gedanken und Bildern — geheimnißvoll und tiefen Sinnes — die eben so viel Erhabenes als Liebliches hatten. , So saß der alte Mann da; und Philipp, der, obgleich er ihn anwesend wußte, redete, als ob er mit Fanny allein wäre, sprach, nachdem er verschiedene mehr zufällige Gegenstände berührt, also zu ihr: „Meine wahre, theure Freundin, Euch werde ich nicht nur meine Rechte und mein Vermögen, sondern auch die Wiederherstellung des reinen Namens meiner Mutter zu danken haben. Zhr habt nicht nur Blumen auf jenen Grabstein gestreut, sondern durch Euer Verdienst, unter der Leitung der Vorsehung, wird auch endlich der Name darauf geschrieben werden, der alle Verläumduug niederschlägt. Jung und unschuldig wie Ihr jetzt seyd, meine holde und geliebte Wohlthäterin, könnt Ihr noch nicht fassen, welch eine Seligkeit cs für mich seyn wird, diesen Namen auf den einfachen Stein graben zu lassen. Später, wenn Ihr Gattin, Mutter seyd, werdet Ihr begreifen, welchen Dienst Ihr den Lebenden und Tvdten geleistet!" Er hielt imze — kämpfend mit dem Stnrm von Gefühlen, die aus sein Herz eindrangen. Ach! denTodten! — 83 welchen Dienst können wir ihnen leisten? — was half es jetzt dem Staub drunten oder der unsterblichen Seele droben, daß die Narren und Schurken dieser Welt den Namen der Catharinc, deren Leben dahin, deren Ohr taub war, mit mehr oder weniger Achtung nannten? I» der Ver- läumdung liegt ein solches Gift, daß, auch wenn der Charakter und Ruf den Schimpf abschüttelt, doch das Herz unter den Folgen fortkrankt. Man sagt, die Wahrheit komme früher oder spater an den Tag; aber sie kommt selten, ehe die Seele, von der Qual und Pein zur Verachtung übergehend, gleichgültig geworden ist gegen das Nr- theil der Menschen. Verläumdet einen Menschen in der Jugend — schmeichelt demselben im Alter; — was lag dazwischen? Wird die Schmeichelei die Qual vergüten, oder die Verhärtung, welche endlich durch die Qual erzeugt wird? Und wenn, wie bei Catharinen (ein wie häufiger Fall!) die Wahrheit zu spät kommt; — wenn das Grab sich geschlossen hat, — wenn das Herz, das Ihr geneigt, nicht mehr gepeinigt werden kann — ha! dann ist die Wahrheit so werthlos wie die Inschrift auf einen vergessenen Namen! Eine solche geheime Ueberzeugung von der Hohlheit seiner eignen Worte schnitt Philipp, während er von dem den Todten geleisteten Dienste sprach, ins Herz, und hemmte den Erguß seiner Worte. Fanny, nur an sein Lob, seinen Dank, und die zärtliche Rührung seiner Stimme denkend, stand noch schweigend da — mit niedergeschlagnen Augen, gehobener Brust. Philipp fuhr fort, — 84 „Und nun Fanny, meine geehrte Schwester, möchte ich Euch meinen Dank sagen für noch mehr als dies, wenn es möglich wäre. Ich verdanke Euch nicht blos Namen und Vermögen, sondern auch mein Gluck. In Kraft der Rechte, zu denen Ihr mir verholfen, und welche bald öffentlich werden anerkannt werden, bin ich im Stande, um eine Hand zu bitten, nach der lang mich gesehnt — die Hand eines Wesens mir so thener wie Ihr. Mit Einem Wort, heute ist die-Zeit festgesetzt worden, wo ich Euch und diesem alten Mann eine Heimath anbieien — wo ich Euch eine Schwester vorstellen kann, die Euch schätzen wird, wie ich; denn ich liebe Euch so innig — ich verdanke Euch so viel — daß selbst diese Heimath ohne Euch nicht die Hälfte ihres Reizes besäße. Versteht Ihr mich, Fanny? die Schwester, von der ich spreche, wird meine Gattin seyn!" Das arme Mädchen, das diese Rede voll grausamer Zärtlichkeit hatte anhören müssen, fiel nicht zu Boden, ward nicht ohnmächtig, zeigte äußerlich keine Gemüths- bewegung, außer durch tödliche Blässe. Sie war wie in Stein verwandelt. Selbst der Athem blieb einige Augenblicke aus, und kam dann mit einem langen, tiefen Seufzer wieder. Sie legte ihre Hand sanft ans seinen Arm und sagte ruhig: „Ja — ich verstehe. Wrr sahen einmal eine Hochzeit. Ihr werdet heirathen — ich werde die Eurige sehen." „Das werdet Ihr; und später vielleicht sehe ich die Eurige. Ich habe einen Bruder. Ach! wenn ich ihn 85 nur finden könnte — jünger als ich — schön beinahe wie Ihr!" „Ihr werdet glücklich seyu," sagte Fanny immer nach ruhig. „Lang habe ich meine Hoffnungen von Glück auf eine solche Verbindung gesetzt. Halt! Wohin geht Ihr?" „Ich will für Euch beten," sagte Fanny mit einem Lächeln, worin etwas von der alten Leerheit lag, und sie schritt leise aus dem Zimmer. Philipp folgte ihr mit feuchtem Auge. Er halte keine Ahnung von ihrem Geheimniß, und ihr Benehmen jetzt hätte auch einen Eitleren täuschen können. Er verließ bald das Haus und kehrte nach London zurück. Drei Stunde» nachher fand Sarah Fanny ausge- fireckt auf dem Boden ihres Zimmers liegen — so ruhig — so weiß, daß die Alte einige Augenblicke wähnte, das Leben sey entflohen. Sie erholte sich jedoch allmälig; und nachdem sie die Hände vor die Augen gedrückt und eine Weile vor sich gemurmelt hatte, schien fie wieder so ziemlich wie sonst zu seyn s nur daß fie schweigsamer war, und ihre Lippen farblos blieben, und ihre Hände kalt wie Stein. Bulwer'S Romane. XVIV. 7 88 Zwanzigstes Kapitel. Wec. Ihr seht, was folgt, Herzog. O, guter Herr! noch einmal die Gestalt! Die Wechsel fälle. An diesem Abend kam Sidney Beaufort in London an. Es ist das Eigenthümliche der Einsamkeit, daß sie die Leidenschaften auf der Oberstäche ruhig erscheinen — in der Tiefe ungestüm macht. Sidney hatte sein ganzes Da- seyn auf Einen Gegenstand gesetzt. Als der Brixf ankam, der ihn seine Hoffnung aufgeben hieß, empfand er zuerst mehr die schreckliche, grausenhaste Leerheit — den „öden Abgrund," wozu plötzlich seine ganze Zukunft verdammt schien, als daß er in heftige, stürmische Aufregung ausge- brochenwäre. Aber Camilla's Briefhatte, wie wir gesehen, seinen Muth gehoben und sein Herz belebt. An den Gedanken ihrer Treue klammerte er sich mitten in der Verzweiflung mit dem Instinkt der Hoffnung an. Die Nachricht, daß sie wirklich mit einem Andern verlobt sey, und so kurz nach seiner Zurückweisung, entfesselte gänzlich seine finstereren und stürmischeren Leidenschaften. In einem Gemütszustand, der an Wahnsinn grenzte, eilte er nach London, sie zu suchen — sie zu sehen; mit welcher Absicht— welcher Hoffnung, wenn noch Hoffnung war — wußte er eigentlich selbst nicht. Aber welcher Mann, der glühend und wahrhaft geliebt hat, verstände sich dazu, den Urtheilsspruch ewiger Trennung aus einem andern Munde zu vernehmen, als aus dem der Angebeteten und Treulosen? Der Tag war bitter kalt gewesen. Gegen Abend siel der Schnee stark und dicht. Sidney war seit seiner Kindheit nicht mehr in London gewesen; und die unermeßliche Stadt, bedeckt von einem eisigen Winternebel, durch welchen die hastigen Fußgänger und die zur Langsamkeit gezwungnen Fuhrwerke sich gespensterhaft bewegten, die schlü- pferigen, traurigen Straßen entlang, empfing den Fremden eben nicht mit gastlich offnen Armen. Er wußte keinen Weg und Schritt — er ward hin und her gestoßen — seine kaum verständlichen Fragen mit Ungeduld beantwortet — der Schnee hüllte ihn ein— der Frost wühlte sich in seine Adern ein. Endlich verschaffte ihm ein Mann, freundlicher als die klebrigen, da er sah, daß er in London fremd war, eine Micthkutsche und wies den Kutscher in das entfernt liegende Quartier Berkeley Square. Der Schnee ballte sich unter den Hufen der Pferde — das ächzende Fuhrwerk ging den Schritt eines Leichenwagens weiter. Endlich, nach einer Frist voll solcher Gemüthsbewegung und Bangigkeit, daß Sidney in seinem spätem Leben nie ohne Schauder daran denken konnte, hielt die Kutsche — der erstarrte Kutscher stieg schwerfällig ab — der Ton des Thürklopfers gellte laut durch die trübe Lust — und das Licht aus Beauforts Vorsaal strahlte blendend den umnebelten schwindelnden Augen des Besuchs entgegen. Er stieß den Pförtner bei Seite und sprang in den Vorsaal. Zum Glück erkannte ihn einer der Bedienten, welcher Mr. 7» 88 Beaufort au die Seen begleitet hatte, und antwortete auf seine athemlose Erkundigung: „Eh, freilich, Mr. Spencer, Miß Beaufort ist zu Hause — oben im Vesuchzimmer, mit dem Herrn und der Frau und Monsieur de Vaudemont. Aber —" Sidney wartete nicht Mehr ab. Er sprang die Treppen hinauf, öffnete die erste Thüre, an die er kam, und stürzte, unangemeldet und unerwartet, unter die innen sitzende Gruppe hinein. Er sab nicht das erschrockene Ausfahren des Mr. Stöbert Beaufort — er achtete nicht auf den schwachen Ausruf der in allen Nerven erschütterten Mutter — er bemerkte nicht den dunkeln, verwunderten Blick des neben Camilla sitzenden Fremden — er sah nur Camilla selbst, und in einem Augenblick lag er zu ihren Füßen. „Camilla, ich bin hier! — Ich, der ich Dich so liebe! der ich Nichts auf der Welt habe als Dich! — Ich bin hier — um von Dir, und von Dir allein, zu hören, ob ich wirklich anfgegeben, verlassen bin — ob Du wirklich einem Andern angehören sollst!" Er hatte den Hut vom Kopfe geschleudert, indem er vorwärts sprang — seine langen, schonen Haare, feucht vom Schnee, fielen unordentlich über seine Stirne — seine Augen blickten starr, wie der Entscheidung über Leben und Tod harrend, auf Camilla'S blaffe, zitternde Lippen. Robert Beaufort, in großer Unruhe, weil er Philipps heftiges Temperament Wohl kannte, richtete seine Blicke, einen gewaltsamen, ungestümen Ausbruch vermuihend, aus seinen künftigen Schwiegersohn. Aber in dem Antlitz von diesem zeigte sich Nichts von Zorn und Stolz. Philipp war anf- gestandcn, aber sein Körper war vorgebeugt — seine Kniee schlugen einander — sein Mund stand offen — feine Augen starrten ans das Gesicht des Knteenden hin. Plötzlich stand Camilla, ihres Vaters Furcht thei- lend, selbst halb auf, streckte mit unbewußtem Pathos die eine Hand, wie zum Schuh, über Sidneys Haupt, und sah Philipp an. Sidneys Auge folgte dem ihrigen. Er sprang auf. „Wie, also ist es wahr? Und das ist der Mann, dessen willen ich bin ausgegeben worden? Aber wenn nicht Ihr — Ihr — mit Eurem eignen Munde — mir sagt, daß Ihr mich nicht mehr liebt — daß Ihr einen Andern mehr liebt — trete ich Euch nicht ab, als mit meinem Lebe»!" Er ging finster und ungestüm aufPhilipp zu, der zurückwich, als sein Nebenbuhler sich ihm näherte. Die Charaktere der Leiden Männer waren plötzlich wie ansgetauscht. Der schüchterne Träumer schien sich z»m furchtlosen Soldaten ermannt zu haben. Ter Soldat schien zn- rückzubeben — zu zagen — i» namenloser Angst. Sidncy faßte diesen starken Arm, während Philipp noch immer znrückwich, mit seinen schlanken, zarten Fingern —er faßte ihn heftig und drohend an; und finster in das Gesicht schauend, aus welchem das dunkle Blut verscheucht wgr, flüsterte er in hohlem Tone: „ Hört Ihr mich? Versteht Ihr mich? Ich sage, sie 90 soll nicht zu einer Heirath gezwungen werden, gegen die sich, soglaubeich noch, ihr Herz empört. Meine Ansprüche sind heiliger als die Einigen. Entsagt ihr, oder gewinnt sie nur mit meinem Blute!" Philipp schien die an ihn gerichteten Worte nicht zu hören. Alle seine Sinne schienen verschlungen von dein Einen Sinne des Gesichts. Er starrte fortwährend den Redenden an, bis sein Auge sich auf die Hand senkte, die noch seinen Arm gefaßt hielt. Und auf diesen Blick hin stieß er einen unartikulirten Schrei aus. Er ergriff die Hand mit der seinigen und deutete auf den Ring an einem Finger, blieb aber sprachlos. Mr. Beaufort näherte sich, und stammelte einige begütigende Worte gegen Sidney; aber Philipp winkte ihm zu schweigen; und endlich, wie mit einer gewaltsamen Anstrengung, sagte er, nicht zu Sidney, sondern zu Beausort: „Sein Name? — Sein Name?" „Mr. Spencer — Mr. Charles Spencer!" rief Beaufort. „Hört mich an — ich will Alles erklären — ich —" „Still, still!" schrie Philipp und zu Sidney sich wendend, sagteer, indem er ihm die Hand aus die Schulter legte und ihm scharf ins Gesicht sah : „HabtIhr nicht einen andern Namen gehabt? Seyd Ihr nicht — ja! es ist so — es ist — es ist so! Folgt — mir — folgt mir!" Und noch immer Sidney festhaltend und diesen, der jetzt eingeschüchtert — scheu, und eine Beute neuen, seltsamen Verdachtes war, mit sich führend, ging er sachte, Schritt für Schritt, weiter — die Augen auf dies schöne Antlitz geheftet — mit murmelnden Lippen — bis die Thüre sich hinter ihnen Beiden schloß, und sie den Augen der drei Zurückgebliebenen entzog; und mit welchen Ahnungen, Vermuthungen und Befürchtungen diese zurückblieben, kann sich der Leser eher vorstellen, als ich beschreiben. Philipp führte seinen Nebenbuhler in das anstoßende Zimmer. ES war erleuchtet nur von einer kleinen Stu- dirlampe, und von der Hellen, stetigen Glut des Feuers; und bei diesem Licht starrten Beide einander, wie von einem Zauber gefesselt, fortwährend in völligem Schweigen an. Endlich siel Philipp, von einem unwiderstehlichen Gefühl ergriffen, Sidney an die Brust, drückte ihn mit krampfhafter Heftigkeit an sich, und keuchte: „Sidney! Sidney! — Meiner Mutter Sohn!" „Was!" rief Sidney, gegen seine Umarmung sich sträubend und endlich sich befreiend; „Ihr also seyd es! Ihr — mein eigner Brnder! Ihr — der bisher der Dorn auf meinem Pfade — die Wolke in meinem Schicksal gewesen! Ihr, — der jetzt gekommen, mich auf Lebenszeit elend zu machen! Ich liebe dies Weib, und Ihr reißt sie von mir! Ihr — der Ihr mich als Kind schon Mühsalen ausgesetzt, und, ohne die Vorsehung, vielleicht mich als Züngling durch Euer Beispiel zu Schande und Verbrechen entwürdigt hättet!" „Halt ein! halt ein!" schrie Philipp mit einer in der Todesqual so gellenden Stimme, daß sie Allen im anstoßenden Zimmer ins Herz schnitt wie der Schrei einer verzweifelnden Seele. Sie sahen einander an, aber Keines hatte den Mnth, die Besprechung zn stören. Sidney selbst war über diesen Ton entsetzt. Er warf sich auf einen Stuhl, und überwältigt von ihm so neuen Leidenschaften — von so seltsamer Aufregung — verhüllte er sein Angesicht und schluchzte wie ein Kind. Philipp schritt einige Augenblicke hastig im Zimmer auf und ab; endlich blieb er Sidney gegenüber stehen, und sagte mit der tiefen Kälte eines verkannten und mißhandelten Gcmüths. „Sidney Beaufort, höre mich! Als meine Mutter starb, vertraute sie Dich meiner Sorge, meiner Liebe, meinem Schutz an. — In den letzten Zeilen, die ihre Hand niederschrieb, bat sie mich, weniger an mich zu denken, als an Dich — Dir ein Vater, nicht blos ein Bruder zn seyn. In der Stunde, wo ich diesen Brief las, fiel ich auf meine Kniee, und gelobte, diese Aufgabe zn erfüllen — mich selbst aufznopfern, wenn ich Dir Vermögen oder Glück verschaffen könnte, lind dies nicht blos Deinetwillen, Sidney! nein! sondern weil meine Mutter — unsre mißhandelte, unsre verläumdete, mit gebrochnem Herzen gestorbene Mutter — OStdney, Sidney, hastDu nicht auchThränen für sie?"' — er fuhr sich einen Augenblick mit der Hand über die Augen und fuhr dann fort: „sondern weil unsre Mutter, in diesem letzten Briefe mir sagte: „laß meine Liebe für ihn in Deine Brust übergehen," darum, Sidney, darum wähnte ich bei Allem, was ich für Dich thun konnte, meiner 93 Mutter Lächeln schaue auf mich herab, und indem ich Dir diene, gehorche ich meiner Mntter. Später vielleicht, Siduey. wenn wir von der Periode meines früher» Lebens sprechen, wo ich für Euch arbeitete, wo ich dis Herabwürdigung, von der Ihr sprecht (war doch keine Sünde daran!), freudig ertrug um Euretwillen — wo Ihr den Feiertag hattet und ich die Arbeit — später vielleicht werdet Ihr mir mehr Gerechtigkeit widerfahren lassein Ihr verließt mich, oder wurdet mir geraubt, und ich gab all das kleine Vermögen, das meine Mutter uns hinterlassen, hin um einige Nachrichten von Euch zu bekommen. Ich erhielt Euren Brief— Euren bitter» Brief — cS kümmerte mich jetzt nicht mehr, daß ich ein Bettler, weil ich ja allein war. Ihr sprecht davon, was ich Euch gekostet — Ihr! und jetzt verlangt Ihr von mir, daß — daß — barmherziger Himmel! laßt mich Euch recht verstehen; liebt Ihr Camilla? Liebt sie Euch? Sprecht — sprecht — erklärt Euch — welche neue Qual wartet meiner?" Jetzt erzählte Siduey, trotz allem feinem mehr selbstsüchtigen Kummer gerührt und gedemüthigt durch seines Bruders Sprache und Benehmen, so gedrängt als möglich die Geschichte seiner Neigung für Camilla, die Umstände ihrer Verlobung, und legte ihm zuletzt den Brief von Mr. Beaufort vor. Trotz aller Anstrengungen sich zu bezwingen war Philipps innere Pein so gewaltig, so sichtbar, daß Sidney, beim Anblick seiner heftig arbeitenden Züge, seiner zitternden Hände, all die irdischeren Elemente seiner Natur in 84 einen Strom großherziger Sympathie und Neue sich auf- lösen fühlte. Er warf sich an die Brust, vor der er zuvor zurückgebebt, und rief: „Bruder! Bruder! vergib mir! Ich sehe, welches Unrecht ich Dir gethan. Wenn sie mich vergessen hat, wenn sie Dich liebt — nimm sie und sey glücklich!" Philipp ecwiederte seine Umarmung aber ohne Wärme, und trat dann weg; von Neuem durchschritt er in großer Aufregung das Zimmer. Nur sein Bruder vernahm vereinzelte Ausrufungen, die ihm unbewußt zu entfallen schienen: „Man sagte mir, sie liebe mich! der Himmel gebe mir Stärke! — Mutter! Mutter! laß mich mein Gelübde erfüllen! — Oh, daß ich vor diesem gestorben wäre!" Er blieb endlich stehen, und große Schweißtropfen rannen ihm die Stirne herunter. „Sidney!" sagte er, „hier ist ein Geheimniß, das ich nicht verstehe. Aber mein Gemüth ist jetzt sehr verwirrt. Wenn sie Dich liebt — wenn! Ist es für ein Weib möglich, Zwei zu lieben? — Gut, gut, ich gehe, das Räthsel zu lösen. Warte hier!" Er verschwand in das nächste Zimmer, und beinahe eine halbe Stunde blieb Sidney allein. Er hörte durch die Wand flüsternde Stimmen; er unterschied deutlicher den Ton von Camilla'S Schluchzen. Die einzelnen Umstände dieser Besprechung zwischen Philipp und Camilla, die zuerst allein waren, (später wurde Mr. Robert Beaufort auch zugelaffen,) enthüllte Philipp nie, auch konnte Sidney selbst nie einen klaren Bericht von Camilla erlangen, die noch nach Jahren nicht ohne große Bewegung daran denken konnte. Endlich aber ging die Thüre auf, und Philipp trat herein, Camilla an der Hand führend. Sein Antlitz war ruhig. Und ein Lächeln um seinen Mund; eine größere Würde als die ihm überhaupt eignende war über sein ganzes Wesen ausgegoffen. Camilla hielt ihr Tuch vor die Augen und weinte leidenschaftlich. Mr. Beaufort folgte ihnen mit mißmuthiger, verstörter Miene. „Sidney," sagte Philipp, „es ist vorbei. Alles ist abgemacht. Ich weiche Euern früher», und daher bessern Ansprüchen. Mr. Beaufort willigt in Eure Verbindung. Er wird Euch zu einer gelegneren Zeit sagen, daß unser Geburtsrecht endlich aufgeklärt ist, und kein Flecke» auf dem Namen hastet, den wir künftig tragen werden. Sidney, umarmt Eure Braut!" Betäubt, entzückt und noch halb ungläubig, faßte und küßte Sidney Camilla'S Hand; und als er sie dann an seine Brust zog, sagte sie, auf Philipp deutend : „Oh! wenn Ihr mich liebt, wie Ihr sagt, seht in ihm den Großmüthigen, Edel»—" Neues Schluchzen erstickte ihre Worte, aber als Sidney wieder ihre Hand zu fassen suchte, flüsterte fie mit einem rührenden, ächt weiblichen Zartgefühl: „Oh! achtet und schont ihn! seht!" und Sidney, seinen Bruder anblickend, sah, wie, obgleich er noch zu lächeln versuchte, seine Lippe bebte, und seine Züge sich zusammenzogen, wie bei Einem, dessen Leib gefoltert wird, und der kämpft, um nicht zu ächzen. „Ich habe mein Gelübde erfüllt! Ich habe Euch 96 daS einzige Gut, das mein Leben mir zeigte, abgetreten. Genug! Ihr sehd glücklich, und ich werde eS auch sepn, wenn es Gvtt gefällt, diese Wunde zu lindern. Und jetzt müßt Ihr Euch nicht wundern, noch mich tadeln, wenn ich Euch, den so spät Gefundenen, für eine Weile verlasse. Erweist mir Eine Freundlichkeit — Ihr Stdney — Ihr, Mr. Beaufort. Laßt die Trauung statthaben in H-, in der Dorfkirche, bei der meine Mutter ruht; verschiebt sie, bis der Prozeß zu Ende ist; bis dahin hoffe ich Euch Allen — hoffe ich Euch, Camilla, entgegentreten zu können, wie es mir geziemt gegen meines Bruders Gattin; bis dahin soll meine Gegenwart Euer Glück nicht trüben. Sucht mich nicht auf — erwartet nicht, von mir zu hören. Still, Ihr Me! mein Herz ist noch zerschlagen und wund. O du ," und hier erhob er die Arme und seine Stimme wurde inniger, „du, der du meine Jugend vor Schlingen und Gefahren bewahrt, der du meine Schritte geleitet hast von dem Abgrund weg, dem ich entgegen wunderte, und unter dessen Hand ich mich jetzt beuge, geläutert und dankbar — nimm dies Opfer an und segne diese Verbindung : — Lebt Wohl!" Eimmdzwanzigstes Kapitel. Himmelstönc strömet die Harfe aus. Die man ewig zu hören sich sehnt! Sie verstummen! die Seel' ist ein schweigend Hau), Drin niemals Musik ertönt. Traum felgt ans Traum durch die lauge Nacht. Wilson. Die Vergangenheit. Die Selbstbeherrschung, welche Philipp eine Zeit- lang behauptet hatte, verließ ihn, als er außer dein Hause war. Cr fühlte seinen Geist in ein Chaos zertrümmert, — er eilte maschinenmäßig, zu Fuß, fort— er rannte durch Straße um Straße, — sie waren jetzt öde und einsam, während die Laternen ihr Licht auf den dichten Schnee warfen. Die Stadt blieb hinter ihm. Er hielt nicht inne, bis er athemlos und erschöpft am Geist, wo nicht am Körper, den Kirchhof erreichte, wo Katharinens Staub ruhte. ES fiel kein Schnee mehr, aber er lag dick auf den Gräbern— die Cibeubäume, in ihre weißen Todtenkleider gehüllt, schimmerten geisterhaft durch die Dämmerung. Auf dem Geländer, welches das Grab einsaßte, hing noch ein Kranz, den FannhS Hand hieher gebracht hatte. Ab.r die Blumen waren versteckt — es war ein Kranz von Schnee! Durch die Nisse der gewaltigen, ruhigen Wolken schimmerten ein paar schwermüthige Sterne. Die Nuhe selbst des heiligen Ortes erschien unsäglich traurig. Der Tod des ZahreS lastete auf dem Tod der Menschen. Und 98 als Philipp fich über das Grab hinbeugte, war in ihm und außer ihm Alles Eis und Nacht! Wie lang er an diesem Ort blieb, was seine Gefühle und Gebete waren, konnte er sich selbst nachher nicht erinnern, Lange nach Mitternacht horte Fanny seinen Schritt auf der Treppe, und seine Zimmerthüre mit ungewöhnlicher Heftigkeit schließen. Auch hörte sie einige Stunden noch einen schweren Tritt auf dem Boden, bis plötzlich Alles still ward. Als am andern Morgen Sarah zur gewöhnlichen Stunde eintrat, um die Läden zu öffnen und das Feuer anzumachen, ward sie erschreckt durch wilde Ausrufungen und noch wilderes Gelächter. DaS Fieber war ins Hirn gestiegen — er lag im Delirium. Einige Wochen schwebte Philipp in drohender Gefahr; einen bedeutenden Theil dieser Zeit war er bewußtlos; und als die Gefahr vorüber, war seine Genesung nur sehr langsam und allmälig. Es war die einzige Krankheit, die je seinen kräftigen Körper angegriffen; und das Fieber hatte ihn vielleicht mehr erschöpft, als der Fall gewesen wäre bei Einem, dessen Constitution der Krankheit weniger Widerstand entgegengesetzt hätte. Sein Bruder, der Meinung, er sey ins Ausland gegangen, wußte Nichts von seiner Gefahr. Niemand war an seinem Krankenbette thätig, als die gemiethete Wärterin, der bezahlte Arzt, und das unerkaufbare Herz des einzigen Wesens, dem der Reichthum und Rang des Erben von Beaufort-Court für Nichts galten. Hier war ihm die letzte Lehre des Schicksals Vorbehalten: von der Eitelkeit derjenigen menschlichen Wünsche, die auf Gold und Macht sich gründen. Wie viele Jahre hatte der Vertraute und Ausgestoßene entrüstet nach seinem Geburtsrecht geschmachtet! Siehe da! jetzt war es gewonnen — und damit kam das zermalmte Herz und der gebrochene Körper! Als er langsam Besinnung und Vernunft wieder erlangte, drängten sich ihm diese Gedanken lebhaft auf. Es war ihm, als wäre er mit Recht dafür gestraft, daß er in seiner früher» Jugend die in seinem Bereich liegenden Freuden verschmäht und gering geachtet hatte. War seine herrliche Gesundheit Nichts? — Nichts die unüberwindliche Hoffnung? Nichts ein Herz, das, wenn auch gequält und mißhandelt und schwer geprüft, doch frei wenigstens war von den grimmigsten Qualen der Leidenschaften, getäuschter und eifersüchtiger Liebe? Trotz der Gewißheit, falls er leben blieb, künftig reich, mächtig, Herr eines ehrenvollen Namens zu werden, durste er nicht von diesem Krankenbette seine frühere Vergangenheit beneiden? selbst die Zeit, wo er mit seinem verwaisten Bruder durch die einsamen Felder irrte, und empfand, mit welchen Kräften man begabt ist, wenn man Etwas zu schützen hat, oder wo er, liebend und geliebt, das Leben sich zulächeln sah in dem Auge EugenienS; oder wo er, nach diesem traurigen Verlust, kühn, Brust gegen Brust, mit dem Schicksal in einem fernen Land um Ehre und Unabhängigkeit rang? Es liegt Etwas in ernster Krankheit, zumal wenn sie in starkem Contrast zu der gewöhnlichen Kraft des Körpers steht, was oft den heilsamsten Einfluß auf den Geist hat, — was oft, durch die Leidenschaft des Körpers, uns freilich aus rauhe Art, von de» krankhaften Lctdeu des Herzens befreit, was uns fühlen macht, daß im Leben an sich schon, genossen wie die Gesunden und Kräftigen es genießen, GotteS große Kraft und Segen waltet und athmet. So erstehen wir vom Krankenbett sanfter und demüthiger, mehr geneigt, nach solchen Gütern uns umzusehe», die nnS noch zu Gebote stehen. Die Rückkehr Philipps, seine Gefahr, die Noth- wendigkeit ihm thätig beizuspringen, ihn zu Pflegen, hatten Fanny aufgerüttelt aus einem Zustand, der sonst leicht hätte bleibend gefährlich werde» können für ihren erst so kürzlich gereiften Verstand. Mit welcher Geduld, mit welcher Stärke, mit welcher unaussprechlichen Treue und Hingebung sie diese beste und heiligste Pflicht des Weibes erfüllte, möge sich derjenige Mann vorstellcn, dessen Kampf mit Leben und Tod begnadet war mit jener Wärterin, die wacht und rettet. Und in all ihrer Angst und Bangigkeit hatte sie Augenblicke des Glücks, welche sich selbst zu gestehen, ihr beinahe wie ein Verbrechen erschien ; denn selbst in seinem Delirium schien ihre Stimme einen beschwichtigenden Einfluß auf ihn zu üben und er war ruhiger, wenn sie da war. Und als er endlich wieder das Bewußtscyn erlangte, war ihr Gesicht das erste, das er sah, ihr Name der erste, den sein Mund aussprach. Wie er dann allmälig kräftiger wurde, und das Bett mit dem Sophavertauschte, hörte er sie lieber noch als früher vorlesen, was sie mit einem Gefühl that, welches Lehrmeister nicht lehren können. Und einmal, in einer Pause unter 101 dem Lesen, — sprach er offen mit ihr, — erzählte ihr kurz seine Geschichte — sein letztes Opfer. Und Fanny, unter Thränen, erfuhr, daß er nicht mehr einer Andern gehöre! Es wurde schon gesagt, daß dieser Mann, ursprünglich schon von rastlosem und ungeduldigem Temperament, wenig gewohnt war, die Hülfsquellen aufzusuchen, die man in Büchern findet. Aber in diesem Krankenzimmer ward es anders — es war Fannys Stimme — die Stimme derjenigen, über deren Geist er einst so hochmüthig geklagt hatte, die ihn zur Einsicht brachte, wie viel Hülfe und Trost die große Masse der Menschen aus dem unsterblichen Genius weniger, bevorzugter Geister schöpfen. Allmälig, Frist für Frist, Augenblick für Augenblick, wie sie so nahe zusammen lebten, und alle andre Gedanken ausgeschlossen waren, (und, wie zermalmend auch für den Augenblick der Schlag, welcher Philipp der Gesundheit und der Besinnung beraubte, doch war er nicht ein solcher Sklave einer strafbaren Phantasie, daß er hätte absichtlich all den Gefühlen nachhäugen, daß er sie nicht ernstlich hätte fliehen und meiden sollen, die noch mit unheiliger Sehnsucht zu der Verlobten seines Bruders sich hinwendeten —) allmälig, sage ich, und langsam traten jene fortschreitenden, köstlichen Epochen ein, welche einen Umschwung in den Gefühlen bezeichnen; — unaussprechliche Dankbarkeit, brüderliche Zärtlichkeit, die vereinte Stärke des Mitleids und der Ehrfurcht, die er für Fanny empfunden, schienen, so wieseine Gesundheit zunahm, in noch Bulwcr'S Romane. XOIV, Z 102 zartere und innigere Gefühle zu schmelzen. Er konnte sich nicht mehr mit einem nichtigen und gebieterischen Glauben täuschen, essey ein lückenhafter, unvollkommener Geist, den sein Herz in Schutz genommen; er begann wieder empfänglich zu werden für die seltene Schönheit dieses zarten Angesichts — noch lieblicher vielleicht durch die Bläffe, die an die Stelle der srühern Blüthe getreten War. Die Neigung, die er früher so gebieterisch unterdrückt, eh' er Camilla gesehen, kehrte wieder, und weder Stolz noch Ehre hatten jetzt das Recht, die sanften Flügel zu verscheuchen. Eines Abends, als er sich allein wähnte, versank er in tiefe Träumerei; er erwachte daraus mit einem raschen Auffahren, und dem Ausruf: „War es wahre Liebe, was ich für Camilla fühlte, oder Leidenschaft, Wahnsinn, Täuschung?" Sein Ausruf ward beantwortet mit einem Laut, der Freude und Schmerz zugleich zu verrathen schien. Er sah auf, und erblickte Fanny vor sich; daS Licht des eben aufgegangenen Mondes fiel voll auf ihre Gestalt; aber sie hielt die gefalteten Hände vors Gesicht — er hörte sie schluchzen. „Fanny! liebe Fanny!" rief er, und suchte sich vom Sopha herab ihr zu Füßen zu werfen. Aber sie zog sich zurück und floh aus dem Zimmer wie ein Traum. Philipp stand auf, und wandelte zum erstenmal seit feiner Krankheit, doch mit schwachen Schritte», im Zimmer auf und ab — mit wie ganz andern Gefühlen, als wo er das letztem«!, in heftigster, unerträglicher Qual, diesen 103 engen Raum durchmeffen hatte! Wiederkehrende Gesundheit ergoß sich durch seine Adern; eine milde, Wohlwollende, himmlische Freude überströmte sein Herz. War die Zeit schon gekommen, wo die alte Florimel zu Schnee zerschmolzen, wo die neue und ächte, mit ihrem warmen Leben, ihrer zarten Schönheit, ihrem jungfräulichen Lie- besreichthum, vor seinem hoffenden Auge anfgestiegen war? Er blieb Vor dem Fenster stehen; der Raum seines Zimmers schien ihm so eng, die Nacht draußen so ruhig und lieblich, daß er die noch nicht ganz geschwundene Krankheit vergaß, und das Fenster öffnete; die Luft spielte mild und frisch um seine Schläfe, und der Kirchihurm und seine Spitze schienen ihm jetzt zum erstenmal nicht so düster zum Himmel hinanzustreben. Selbst umKatharinenS Grabstein, halb im Mondschein, halb im Schatten, schien ihm ein Lächeln zu schweben. Das Andenken seiner Mutter hatte sich ihm mit der lebenden Fanny verknüpft. „Du bist gerechtfertigt — dein Siduey ist glücklich," murmelte er. „Ihr gebührt der Dank!" Freundliche Hoffnungen und süße Gedanken in seiner Seele, blieb er an dem Fenster stehen, bis die zunehmende Kühle ihn au die Gefahr mahnte, der er sich aussetzte. Am nächsten Tag, als der Arzt ihn besuchte, fand er wieder Fieber. Biele Tage war Philipp wieder in Gefahr — stumpf, bewußtlos selbst für Fannys Tritt und Stimme. Endlich erwachte er wie aus einem langen und tiefen Schlaf; erwachte so erfrischt, so neu belobt, daß er sogleich fühlte, eine große Krisis sey vorüber, und er 8 * lor habe sich endlich durchgekämpst an die sonnige Küste des Lebens. An seinem Bette saß Liancourt, der, lang in Unruhe über sein Verschwinden, endlich mit Hülfe Mr. Bar- lows ihn in GawtreyS HauS auSgekundschaftet, und seit einigen Tagen sich mit der armen Fanny in das Wachen bei ihm getheilt hatte. Während er noch dies Alles Philipp auseinander setzte, und ihm zu seiner sichtlichen Besserung Glück wünschte, trat der Arzt ein, und bestätigte den Glückwunsch. In wenigen Tagen war der Kranke tm Stande, das Zimmer zu verlassen, und nur eine Luftveränderung schien zu seiner völligen Genesung erforderlich. Jetzt sprach Liancourt, der seit zwei Tagen voll ungeduldigen Verlangens geschienen, sich einer Mittheilung zu entledigen, also zu ihm: „Mein theurer Freund, ich habe jetzt Eure Geschichte vernommen vöu Barlow, der während Eures Rückfalls mehrere Male da war, und der um so sehnlicher nach Euch verlangt, als die Zeit der Entscheidung Eurer Sache heranrückt. Je eher Ihr dies HauS verlaßt, um so besser." „Dies Haus verlassen? und warum? Ist nicht tu diesem Hause diejenige, der ich mein Vermöge» und mein Leben verdanke?" „Ja, und aus diesem Grunde sage ich; geht! Es ist die einzige Vergeltung, die Ihr für sie habt." „Pah! Sprecht deutlich!" „Das will ich!" sagte Liancourt ernst: „Ich habe mit ihr an Eurem Krankenbette gewacht, und ich weiß, was Ihr bereits ahnen müßt— ja, ich muß gestehen, sogar die alte Dienerin hat gewagt, mir davon zu sprechen. Ihr habt dem armen Mädchen Gesühle eingeflößt, die ihrem Frieden Gefahr drohen!" „Ha!" riefPhilipp mit solcher Freude, daß Liancourt die Stirne runzelte und sagte: „Bisher habe ich Euch für zu ehrenhaft gehalten, um —" „Ihr glaubt also, sie liebe mich ?" unterbrach ihn Philipp. „Ja; und was dann? Ihr, der Erbe von Beaufort- Court — von einer Rente von jährlich 20,000 Pf. — von einem historischen Namen — Ihr könnt doch nicht dies arme Mädchen heirathen?" „Nun, ich will mir überlegen, was Ihr sagt; und in jedem Fall will ich das Haus verlassen, um den Ausgang des Prozesses zu erwarten. Sprechen wir jetzt nicht weiter von der Sache." Philipp hatte Scharfblick genug um zu bemerken, daß Liancourt, der sehr gerührt und ergriffen war von der Schönheit, Unschuld und der schutzlosen Lage Fannys, sich nicht begnügt hatte, ihn zu warnen; daß er mit der ihm eigentümlichen wohlmeinenden Derbheit, und mit der einem Mann von vorgerückteren Jahren zustehendcn Freiheit, mit Fanny selbst gesprochen hatte; denn Fanny schien ihn jetzt zu meiden; ihre Augen waren schwer, ihr Benehmen verlegen. Er sah diese Veränderung, aber sie betrübte ihn nicht; er freute sich der Vorbedeutungen, die er daraus ableitete. 108 Und endlich gingen er und Liancourt fort. Er war drei Wochen abwesend, während welcherZeit die Förmlichkeit des freundschaftlichen Rechtsstreits abgemacht wurde; und das Publikum war außer sich über das edle und großherzige Benehmen Mr. Robert Beauforts, der, sobald er eine Urkunde aufgefunden, die er so leicht hätte in ewiger Vergessenheit begraben können, freiwillig sich entschloß, dem so lange behaupteten Besitz großer Güter zu entsagen, sein Gewissen höher achtend als den Gewinn. Einige Personen bemerkten, daß berichtet wurde, wie auch Mr. Philipp Beaufort großmüthig gewesen sch — er habe etn- gswtlligt, die Güter seinem Oheim auf Lebenszeit zu überlassen, und inzwischen nur den vierten Theil der Einkünfte zu beziehen. Aber das allgemeine Urtheil war: „Er konnte nicht Weniger thun!" Mr. Robert Beaufort war, wie Lord Lilburne einmal bemerkt hatte, ein Mann, dazu geboren, geschaffen und erzogen, sich die gute Meinung der Welt zu gewinnen; und es war ihm jetzt ein Trost, dem armen Mann! sich sagen zu können, daß sein Charakter so hoch geschätzt werde. Wenn Philipp hundert Jahre alt würde: er würde doch nie ein bei dem großen Haufen so geachteter und populärer Mann werden, wie sein würdiger Oheim. Aber was liegt daran? Philipp kehrte am Abend vor dem Tag, der zur Trauung seines Bruders und Camilia'S angesetzt war, nach H-zurück. Zweiundzwanzigstes Kapitel. Aus dem Schooße der Nacht entsproßt«: der Taz und der Aether. Hesiod. Die Sonne des Mai's schien heiter über die friedliche Vorstadt H-. Auf den Straßen herrschte bewegtes Leben. Es war Mittag — die Stunde wo der Handel belebt, die Straßen voll sind. Der alte Gewerbsmann, der sich zur Ruhe gesetzt, aufmerksam den dahinrollenden, oft Lnne haltenden Omnibus betrachtend, athmete die frische- würzige Lust in der breitesten und belebtesten Straße, wo man in der Ferne die Thurmspitzen der Hauptstadt sich erheben sah. Der aus der Schule entlassene Knabe eilte heim zum Essen, seine Tasche auf dem Rücken; die BÄ- ladensängerin ließ ihr unmelodisches Gestöhne durch die obskureren Gaffen ertönen, wo der Bäckerjunge, mit Puddings auf seinem Speisebrett, und die geputzte Dienstmagd, die nach Porter ausgeschickt war, lauschend stehen blieben. Und um die Läden herum, wo wohlfeile Shawls und Kattune das weibliche Auge lockten, hielt manches verzöger- liche Mädchen ihre ungeduldige Mutter hin, und äugelte nach den Preiszetteln, und berechnete ihre mit saurer Mühe gewonnenen Ersparnisse für den Sonntagsstaat. Und in den Straßenecken dampften die wandernden Küchen der Pastetenbäcker, und erhob sich der gellende Ruf: „Ganz heiß! ganz heiß!" vordem Ohre hungriger und zerlumpter Kinder. Und durch Alle rollte dahin die bequeme Kutsche eines alten Kaufmanns oder einer verwelkten Jungfer, die Nichts von irgend einem andern Leben wußten, als das durch ihre trägen und verknöcherten Adern kroch. Und vor dem Hause, wo Catharine gestorben, schlenderten viele müßige Leute herum, das Klatschpublikum des Fleckens, Abonnenten des anstoßenden Lesekabinets, sich verwundernd, und Vermnthnngen und schlaue Gedanken vorbringend über das lustige Läuten der Hochzeitglocken, das von der Kirche hinten erschallte. Endlich sah man auf der breiten Straße von der Hauptstadt her rasch drei Wagen daherfahren, in ihrer ganzen Erscheinung sehr verschieden von den in der Vorstadt üblichen. Sie näherten sich; rasch bogen sie um die Ecke nach der Kirche; die Huse der stattlichen Rosse ertönten lustig auf dem Pflaster, die weißen Bänder der Diener glänzten in der Sonne. Glücklich die Braut, auf welche die Sonne scheint! Und als die Wagen so verschwunden waren, flößen die zerstreuten Gruppen in Einen Haufen zusammen und Alle eilten nach der Kirche. Sie standen müßig außen ans demBegräbnißplatz; Viele von ihnen um das Gitter, welches CatharineuS.einsames Grab vor ihren Fußtritten schützte. Alles in der Natur war froh, erheiternd, und doch mild; eine freundliche Frische wehte durch die lane Lnft; nicht ein Wölkchen war am lächelnden Azur zu sehen; selbst die alten dunkeln Eibenbäume schienen glücklich in ihrem ewigen Grün. Die Glocke hörte auf, und jetzt wurde auch die Menge still; kein Laut ward 09 vernommen auf dem geweihten Platz, in dessen Bereich Geburt, Hochzeit und Tod gleicherweise fallen. Endlich kam aus der Klrchenthüre hervor die stattliche Gestalt eines rosenfarbnen Küsters. Nls er stch den Gruppen näherte, flüsterte er den Beffergekleideten und herrschte er den Zerlumpten zu, machte den Alten Vorstellungen, und hob seinen Stock gegen die Jungen auf; und das Ergebnis; von Allein war, daß der Kirchhof, nicht ohne Gemurr und Widerreden, geräumt ward, und die Menge auf den Platz hinter dem Haupteingang zurückwich, wo ste umherschlenderten, und gafften und plauderten um die Wagen her, welche die Hochzeitleute sort- führen sollten. In der Kirche selbst führte, als jetzt die Ceremonie vorüber war, Philipp Beaufort seines Bruders Gattin an der Hand das Schiff entlang. Auf seinen Stock gestützt, sein kaltes Hohnlächeln um die dünne Lippe, hinkte Lord Lilburne gleichen Schrittes mit dem Paar daher, obwohl etwas von ihnen entfernt, und warf von Zeit zu Zeit einen Blick auf Philipp Beauforts Antlitz, wo er einen Schmerz zu lesen gehofft, den er nun nicht darin entdeckte. Lord Lilburne hatte bis zu diesem Tage sorgfältig jede Zusammenkunft mit Philipp vermieden, und er kam jetzt nur zur Trauung, wie ein Arzt in ein Hospital geht um eine Krankheit zu beobachten, die man ihm als schwer und bedeutend geschildert; er täuschte stch aber. Dicht hinter ihnen folgte Sidney, strahlend in Freude, Jugendblüthe und Schönheit; und sein 110 wohlwollender Pflegevater, dem die Thränen aus de» Augen stürzten, murmelte Segenswünsche, indem er ihn ansah. MrS> Beaufort hatte abgelehnt, Zeugin der Ceremonie zu sehn — ihre Nerven seyen zu schwach — aber hinter den Genannten, in größerer Entfernung, kam Robert Beaufort , nüchtern, anständig, gefaßt wie immer dem äußern Anschein nach; aber ein scharfer Beobachter hätte bemerken können, daß sein Auge seinen gewohnten, selbstgefälligen, schlauen Ausdruck verloren hatte, daß sein Schritt schwerfälliger, seine Verbeugung freudloser war. Sein ganzes Wesen hatte etwas Kleinlautes, GedemüthtgteS. Das Bewußtseyn seiner Hufen Landes war aus seinem stattlichen Auftreten gewichen; er war nicht mehr ein Besitzer, sondern ein Pensionär. Der reiche Mann, der nach Lust und Neigung über das Glück Andrer entschieden hatte, war eine Null; er hatte kein Interesse mehr an irgend Etwas. Was war ihm die Heirath seiner Tochter jetzt? Ihre Kinder wurden ja nicht Erben von Beaufort. Als Camilla sich freundlich umwandtc, und unter seligen Thränen sein Herankommen erwartete, um seine Hand zu drücken, zwang er sich zu einem Lächeln, aber es war trüb und jämmerlich. Es verlangte ihn fort zu gehen und allein zu sehn. „Mein Vater!" sagte Camilla mit ihrer süßen, leisen Stimme; und sie riß sich von Philipp los und warf sich an ihres Vaters Brust. , „Sie ist ein gutes Kind," sagte Robert Beaufort gedankenlos; und sein trocknes Auge auf die Gruppe 111 heftend, half er sich instinktmäßig mit seinen gewohnten Gemeinplätzen: „Und ein gutes Kind, Mr. Sidney, gibt eine gute Gattin!" Der Geistliche verbeugte sich, als wäre das Compli- ment an ihn gerichtet; er war der Einzige unter den Anwesenden, den Robert Beaufort noch täuschen konnte. „Meine Schwester," sagte Philipp Beaufort, als sie sich wieder auf seinen Arm stützte, und sie vor der Kirch- thüre stehen blieben, „möge Sidney Euch lieben und Hochhalten wie — wie ich gethan haben würden und glaubt mir Beide, ich habe keinen Schmerz mehr, keine Erinnerung, die mich verwundet." Er lies ihre Hand los, und winkte ihrem Vater, sie an den Wagen zu führen. Dann seinen Arm in den Sidneys legend, sagte er: „Wartet bis sie weg find, ich habe noch ein Wort zu sprechen; geht zu, Ihr Herren!" Der Geistliche verbeugte sich und schritt über den Kirchhof. Lilburne aber blieb stehen — warf auf Philipp Beaufort einen prüfenden Blick, und sagte zu ihm, in flüsterndem Tone: — „Und so gehts mit dem Gefühl — der Narrheit! so mit der Großmuth — der Selbsttäuschung! Glücklicher Mann!" „Ich bin vollkommen glücklich, Lord Lilburne." „Seyd Ihr? — Dann war es weder Gefühl noch Großmuth; und wir wurden hiutergangen. Guten Tag!" Damit hinkte er langsam dem Thore zu. 112 Philipp antwortete nicht einmal mit einer Miene auf den SarkaSmuS. Denn in diesem Augenblick erhob der Pöbel draußen ein lautes Jnbelgeschrei, — sie waren der Braut ansichtig geworden. „Kommt, Sidney, hieher; ich darf Euch nicht lang aufhalten." Arm in Arm schritten sie aus der Kirche, und wandten sich nach dem ganz nahen Platz, wo ihnen von dem Stein auf ihrer Mutter Grab Blumen cnigegenlächelten. Die alte Inschrift war ausgelöscht, und der Name: Railuri'lne Leaukurt auf den Stein gesetzt worden. „Bruder," sagte Philipp, „vergiß dies Grab nicht — tu Jahren nicht, wenn Kinder um Deinen eignen Herd spielen. Bemerke, der Name Katharine Beaufort ist frischer auf dem Stein, als das Datum der Geburt und des Todes — erst heute ward dieser Name hier eingegraben — an Deinem Hochzeittage! Bruder, durch dies Grab sind wir jetzt wirklich vereint!" „Oh, Philipp!" rief Sidney in tiefer Rührung, die ihm dargebotue Hand ergreifend und drückend; „ich fühle, ich fühle, wie edel, wie groß Du bist — daß Du Mehr geopfert, als ich im Traume geahnt —" „Still!" sagte Philipp mit einem Lächeln. „Kein Wort hiervon, Ich bin glücklicher als Ihr glaubt. Geh zu, sie erwartet Dich!", „Und Du? — Dich verlassen? — allein!" „Nicht allein!" sagte Philipp, auf das Grab deutend. 113 Kaum hatte er dies gesagt, als man vom Thore her die gellende, klare Stimme Lord Lilburnes hörte: „Wir warten auf Mr. Stdney Beaufort!" Sidney fuhr mit der Hand über die Augen, preßte noch einmal seines Bruders Hand, und war in einem Augenblick an Camillas Seite. Noch einmal ertönte der Jubelruf — die Räder knarrten — die Hufe stampften — ein fernes Gemurmel und Gesumme — und Alles war still. Der Küster kam zurück, um die Kirche zu schließen — erbemerkte nicht, wo Philipp stand im Schatten der Mauer — und ging nach Hause, um von der fröhlichen Vermählung zu schwatzen, und sich zu erkundigen, um welche Stunde am folgenden Tage das Begräbniß einer jungen Frau, seiner nächsten Nachbarin, stattstnden solle. Es mochte eine Viertelstunde seyn, seit Philipp so allein geblieben — und er hatte sich nicht von der Stelle gerührt, als er sich leise am Ermel gezogen spürte. Er wandte sich, und sah das ernste Antlitz Fannys vor sich! „So wolltet Ihr also nicht zu der Trauung kommen?" sagte er. „Nein. Aber ich dachte mir, Ihr würdet hier allein seyn — und traurig." „Und Ihr wollt nicht einmal den Anzug tragen, den ich Euch schenkte?" „Ein ander Mal. Sagt mir, seyd Ihr unglücklich?" „Unglücklich, Fanny! Nein, sieh umher! den Be- gräbnißplatz selbst umschwebt ein Lächeln. Sieh den 114 Labnrnum, der über die Mauern wuchert, lausche den Bügeln auf den Eibenbäumen droben, und sieh dort! der Schmetterling selbst hat sich auf ein Grab gesetzt! — Ich bin nicht unglücklich." Wie er so sprach, schaute er sie ernst an, und dann ihre beiden Hände in die seinigen nehmend, zog er sie sanft an sich, und fuhr fort: „Fanny, erinnerst Du Dich noch, wie ich einst, aufdies Thor gelehnt, Dir von dem Glück der Ehe sprach, wenn zwei Herzen vereinigt sind. Nein, Fanny, nein, ich muß fortfahren. Hier auf diesem Platz, hier sah ich Dich zuerst nach meiner Rückkehr nach England. Ich kam, um die Todte zu besuchen, und ich habe seither gedacht, es sey meiner Mutter Schutzgeist gewesen, der mich hieyer zog, Dich zu finden — die Lebende! Und oft nachher, Fanny, kamst Du mit mir hieyer, wenn ich, blind und stumpf wie ich war, hier in finstrer Trauer brütete, nicht achtend der Schätze, die damals schon in meinem Bereich waren. Aber es war so am besten. Die Prüfung, die ich durchgemacht, hat mich um so dankbarer gemacht für den Preis, den ich jetzt zu hoffen wage. Auf diesem Grab hat Deine Hand täglich die Blumen erneut. Bei diesem Grabe, dem Band zwischen der Zeit und der Ewigkeit, bei diesem Grab, besten Lehren wir mit einander gelesen, willst Du hier einwilligen, unsre Gelübde auszntauschen? Fanny, Liebste! Holdeste! Zärtlichste! ich liebe Dich, und endlich so, wie Du allein geliebt werden'mußst! — ich werbe um Dich zur Gattin! Sey mein — nicht für eine kürze Zeit, sondern für immer — für immer, selbst wenn diese Gräber sich aufthun, und 115 die Welt zusammengerollt wird wie ein Pergament. Verstehst Du mich? — Horst Du mich? — oder habe ich geträumt, daß — daß —" Er hielt inne — Bestürzung erfaßte ihn bei ihrem Schweigen. Hatteer sich geirrt in seinem göttlichen Glauben? — seine Furcht dauerte nur einen Augenblick; denn Fanny, die zurückgetreten war, als er redete, trat jetzt, die Hände an die Schläfe drückend, ihn anstarrend, athemlos, mit offenem Munde, als ob wirklich ihr bescheidnes Ge- müth nur mit großer Anstrengung und Kampf die Möglichkeit des auf sie einstürmenden Glückes begriffe, schüchtern, ihr Antlitz mit Purpur übergoffen, auf ihn zu; und ihm ins Auge sehend, als wollte sie in seiner innersten Seele lesen, sagte sie in einem Tone, dessen Innigkeit zeigte, daß ihr ganzes Schicksal an seiner Antwort hing: „Aber ist dies nicht Mitleid? Man hat Euch gesagt, daß ich — kurz, Zhr seyd großmüthig — Ihr — Ihr — Oh! täuscht mich nicht! Liebt Ihr sie noch? — Könnt Ihr — liebt Ihr die niedrige, närrische Fanny?" „So wahr Gott mich richten wird, Holde, ich bin aufrichtig ! Ich habe eine Leidenschaft überlebt, die nie so süß, so zärtlich, so völlig war wie die, die ich jetzt für Dich fühle! Und oh! Fanny, höre dies wahre Geständniß! Du wärest es — Du, zu der mein Herz sich wandte, eh' ich Camilla sah! — Gegen diese Neigung kämpfte ich in der Blindheit eines hochmüthigen Jrrthums." Fanny stieß einen leisen, unterdrückten Schrei der 116 Freude und des Entzückens auS. Philipp fuhr mit Leidenschaft fort: „Fanny, mache das Leben glücklich und selig, das Du gerettet hast. Das Schicksal bestimmt uns für einan- j der. DaS Schicksal bat für mich Dein holdes Gemüth gezeitigt. Das Schicksal hat für Dich diesen meinen rauhen Geist gesänftigt. Wir haben vielleicht noch viel zu. tragen und viel zu lernen. Wir wollen einander trösten und lehren!" Er zog fie, indem er so sprach, an seine Brust — die Zitternde, Erröthende, Verwirrte, die sich aber nicht mehr ! sträubte; und hier, bei dem Grabe, das ein so denkwürdiger Platz gewesen in der Geschichte Beider, wurden jene Gelübde geflüstert, in welchen Alles, was diese Welt von menschlichem Glück enthält, enthalten und beschlossen ist — Liebs, die dem Leid den Stachel nimmt, und Treue, die der Liebe Ewigkeit verleiht. Alles war still, aber Alles heiter um fie! Droben der Himmel, — zu ihren Füßen das Grab: für die Liebe das Grab! für die Treue der Himmel! Letztes Kapitel. H or. Ich fühle, daß die Vorliebe, welche der Leser im Allgemeinen für die altväterische und jetzt etwas abgekommene 117 Gewohnheit hegt, ihm am Schluß eines Werkes die neuesten Nachrichten von den Personen zu geben, welche im Verlauf desselben seine Bekanntschaft in Anspruch nahmen, eine gewisse Berechtigung hat. Der schwache, aber wohlmeinende Smith, nicht mehr gedrängt durch den schlimmen Einfluß seines Bruders, hat seine Tage fortwährend behaglich und ehrenhaft verlebt mit dem Einkommen, das ihm Philipp Beaufort ausgesetzt. Mr. und MrS. Roger Morton leben noch, und haben so eben ihr Geschäft ihrem ältesten Sohn abgetreten, und fich auf ein kleines Landhaus in der Nähe der Stadt, wo sie ihr Vermögen erworben, zurückgezogen. Mrs. Morton ist sehr geneigt, wenn sie zum Thee in ein andres Haus geht, von ihrer geliebten verstorbnen Schwägerin der weiland MrS. Beaufort zu sprechen, und von ihrer eignen ausnehmenden Güte gegen ihren Neffen als kleinen Knaben. Sie bemerkte, daß in der That die jungen Männer Alles ihr und Mr. Roger verdankten; und wirklich, wenn schon Sidney nie eine dankbare GemüthSart zeigte und nie in ihre Nähe gekommen ist, so legt doch der ältere Bruder, der Mr. Beaufort seine Hochachtung gegen sie durch das jährliche Geschenk eines fetten NehbockS an den Tag. Dann stellt sie ihre Betrachtungen an über das Steigen und Sinken im Leben, und bemerkt, eS sep sehr Schade, daß ihr Sohn Tom den ärztlichen Beruf der Kirche vürgezogen.— Jhr Vetter,Mr. Beaufort, hat zwei Pfründen. Zu all diesem sagt Mr. Roger Nichts, als gelegentlich: „Dank demHimmel, ich brauche keines Menschen Bulwkr's Romane. Xviv. 9 113 Hülfe ! Es geht mir so gut wie Andern. Aber das liegt weder hier noch dort!" Einige Leser — solche» welche die Wahrheiten dieses Lebens nicht ganz richtig erwägen — werden noch fragen: „Aber wie ist Lord Lilburne gestraft?" Gestraft» ja, und wie? Die Welt» und nicht der Dichter, hat diese Frage zu beantworten. Verbrechen werden von Außen bestraft. Wenn das Laster bestraft wird, so muß die Strafe eine innere seyn. Die LilburneS dieser hohlen Welt dürfen nicht mit den weichen Rosen der poetischen Gerechtigkeit beworfen werden. Diejenigen» die fragen, warum er nicht gestraft ist. dürften die Ersten seyn, die den Hut abziehen vor der Equipage, in der er durch die Straßen rollt! Das einzige von ihm gewohnheitsmäßig geübte Vergehen, das, bei einer Entdeckung, ihm Strafe zuziehen konnte, gab er im Augenblick auf, wo er die Gefahr der Entdeckung wahrnahm; er spielte »ach Philipps Anspielung nicht mehr. Er war einige Jahre nachher Einer von denen, die am bittersten schalten über einen Edelmann, dem man falsches Spielen Schuld gab, von denen, die die Anklage, als erwiesen anuahmen, und deren Autorität allen Streit hierüber entschied. Aber wenn kein Donnerkeil auf Lord LilburneS Haupt fällt — wenn ihm bestimmt ist, noch fort zu essen und zu trinken und in seinem Bette zu sterben, so kann er doch noch die Asche der Frucht des todten Meeres zu kosten bekommen, die seine Hand gepflückt. Er ist alt geworden. Seine körperlichen Leiden nehmen zu; seine einzigen Quellen 119 des Genusses— die Sinne — sind versiegt. Für ihn haken köstliche Gerüche keinen Wohlgeschmack — ihm funkelt der Wein nicht mehr; er hat keinen Gefallen mehr am Mann, noch am Weibe. Er ist allein mit dem Alter, im Angesicht des Todes. Mit Ausnahme Simons, der wenige Tage nach Sid- neys Vermählung in seinem Stuhle starb, ist Robert Beausort der Einzige unter den wichtigeren, bei der letzten Scene unsrer Geschichte noch übrigen Personen, der unsre irdische Bühne verlassen hat. Nach der Hochzeit seiner Tochter siechte und verkam er. Er Pflegte zu sagen — denn, was er sagte, klang immer freundlich — er vermisse sein thcu- reSKind, zumal da er keinen Sohn mehr habe. Aber was ihm fehlte, war das Erbe von Beaufort-Court. Der letzte Strohhalm, an den er sich geklammert, die Hoffnung, daß Camilla den altern Bruder heirathen, und daß so seine Enkcl herrschen und schalten würden an seiner Statt, ihm entrissen,— versank er immer tiefer und tiefer in das trostlose Gefühl seines Nichts. Obgleich er noch das Haus und das Hauptvermögen für seine Lebenszeit iuue hatte — er war hier doch nur ein geduldeter Gast. Wo war das achtunggebietende, tröstliche, selbstgefällige Bewußtsepn von Rechten in so — von Besitz — von Eigenthum? Er wandelte freudlos im Park, ritt gedankenlos ans den -Pachtgütern herum; und saß schweigend in den Sälen; er war nur der Stellvertreter eines Andern. So siechte er allmälig unvermerkt dahin aus Armuth — moralischer 9 - Armuth — inmitten von wirklichem Reichthum, LuruS, Ueberfluß! Keine sichtbare Krankheit war vorhanden, mit der die Aerzte hätten ringen können. Sie konnten die Hufen Landes nicht in Pillen verwandeln, die er hätte verschlingen, die Wälder nicht in Dekokte auflosen, die er hätte trinken und genesen können. Camilla, ans die Kunde, daß er leidend sey, und ihre Gegenwart ihm vielleicht wohlthätig wäre, flog zu ihm. Aber jetzt ward sichtbar, daß sie in seinen Gedanken Nichts galt; und selbst als ihr erster Sohn geboren wurde, und in seinen Armen schrie, sah er ihn leer und interesselos an: „Mein Enkel! Ja, und sein Oheim hat für ihn, und auch für Dich, schön gesorgt — ich läugne es nicht; aber mein Enkel wird nie Parlamentsmitglied für die Grafschaft werden!" Dennoch beklagte er sich nicht, und haschte immer noch nach Gefühlen, die ihm Ehre machten: „Er habe nie etwas Andres verlangt, als waS gerecht sey; er hätte dem Prozeß Widerstand leisten können, aber er habe nie daran gedacht. Mr. Philipp sey ein ganz feiner, junger Mann, und wisse, er schätze sich glücklich, dies sagen zu können, seine Motive zu würdigen. Er habe nie zu viel sich um Geld bekümmert. Er danke dem Himmel — Habgier sey sein Fehler nicht!" Und so starb er. MrS. Beaufort nahm nach seinem Tod ihren Wohnsitz in London, und ließ sich nie bereden, Beaufort-Court zu besuchen. Sie nahm eine Gesellschafterin zu sich, die in ihren Augen Camilla'S Entfernung mehr als ersetzte. Und Camilla — Spencer — Sidney. Die leben noch an dem milden See, glücklich in ihren harmlosen Freuden und ihrer reizenden Muse; fliehend den Ehrgeiz mit seinen Prüfungen, das thätige Handeln mit seinen Wechseln; Niemand beneidend, Nichts begehrend — in der geschäftigen Welt gleichsam den alten pastoralischen und goldnen Festtag um sich her verbreitend. Wenn Camilla einmal in ihrer Anhänglichkeit an Sidney geschwankt hatte, so ist ihr gutes, einfaches Herz längst durch seine Hingebung wieder gewonnen worden; und wie sich bei ihrer GemüthS- art erwarten ließ, sie liebte ihn inniger nach der Vermählung als vorher. Philipp hatte härtere Prüfungen durchgemacht als Sidney; aber wäre ihr Schicksal umgekehrt gewesen, und der in der Jugend so hochmüthige und eigenwillige Geist in Behagen und Lurus großgezogen worden: wäre dann wohl Philipp ein besserer und glücklicherer Mensch? Vielleicht ist auch Philipp jetzt noch zu einem minder ruhigen Daseyn bestimmt, als sein Bruder; aber im Verhältnis! zu den Fügungen unserS Geschicks steht auch unsre Ruhe und unser Ringen; wer nie Leiden gekannt, empfindet auch die Freuden nur halb, das LooS des Edelsten auf der Erde fällt nicht in die Rosengärten deS EpikuräerS. Wir mögen den Mann beneiden, der genießt und ruht; aber das Lächeln des Himmels senkt sich Wohl eher auf den, der arbeitet und strebt. Und bedauerte Philipp je die Fügungen, die ihm 122 Fanny zur Genossin seines Lebens gaben? Manchen, die ihre Begriffe vom Idealen mehr von den konventionellen Regeln des Romans, als ihren eignen Beobachtungen der Wahrheit entlehnen, würde diese Erzählung wohl besser gefallen, wenn Philipp nie eine Andere geliebt hätte. Aber Alles, was am Ende zu dieser Liebe geführt, Haiti nur gedient, sie dauernder und inniger zu machen. Die stärkste und würdigste Neigung des Mannes ist seine letzte — ist diejenige, die alle seine früher» Träume von Trefflichkeit zusammenfaßt und verkörpert — diejenige, der die Hoffnung, durch frühere Täuschungen nur geläuterter und glänzender, entspringt — diejenige, in welcher die Erinnerungen am zartesten und reichsten sind, — diejenige, die, alle andere verdrängend, selbst von Nichts mehr verdrängt werden kann. llnd jetzt, ehe der Vorhang fällt, und das Publikum, welches die ausgetretenen Personen vielleicht eine Weile interessirt haben, sich zerstreut, um unter den Bestrebungen des wirklichen Lebens die Schatten zu vergessen, die sie eine Stunde unterhalten, sie eine Sorge vergessen gemacht, möge noch ein Gemälde von Glück ihrem Auge sich darbieten. Einige Jahre seit der Vermählung von Philipp und Fanny find verstrichen — Jahre, die sie meist auf Reisen zugebracht. — Es ist ein Sommermorgen. In einem kleinen altmodischen Zimmer in Beaufort-Court, die Fenster gegen den Garten offen, stand Philipp, der eben eingetre- 123 ten; und am Fenster saß Fanny, ihren Knaben neben sich. Sie war an der härteste» Arbeit der Mutter — dem ersten Unterricht des erstgebornen Kindes; und wenn der Knabe in ihr holdes, ernstes Angesicht schaute, mit einem intelligenten Lächeln in dem seinigen, so sah man auf Einen Blick, wie gut die Lehrerin und der Schüler sich verstanden. Ja, was der Jungfrau gefehlt haben mochte zur vollen Entwicklung des Geistes, das hatten die Sorgen der Mutter ergänzt. Als sie ein Wesen geboren, das sich an sie anlehuen, dessen Leben von ihrer Vorsehung abhängen sollte — da war Stunde um Stunde, Schritt für Schritt beim Vorschreiten der Bestimmung des Kindes, die Vernunft der Mutter mit dem Wachsthum des Kindes Heraugewachsen, sich nach jedem Bedürfniß richtend, für das sie sorgen mußte, und ihre Vollkommenheit und Vollendung schöpfend aus dem Lebenshauch der neuen Liebe! Das Kind sah Philipp eintreten, und rannte auf ihn zu, ihn zu umarmen. „Sieh!" flüsterte Fanny, die sich auch an ihn geschmiegt, und seltsame Erinnerungen an ihre eigne räth- selhafte Kindheit stürmten auf sie ein, „steh!" flüsterte sie mit einem Erröthen, halb beschämt, halb stolz: „das arme blöde Mädchen ist die Lehrerin Deines Kindes!" „Und," versetzte Philipp, „für Kinder oder Mutter, welcher Lehrmeister geht der Liebe vor?" Damit nahm er das Kind in seine Arme; und wie er sich über diese Nosenwangen beugte, sah Fanny an der 124 Bewegung seiner Lippen nnd seinem feuchten Auge, daß er Gott dankte und pries. Er blickte in der Mutter Antlitz, schaute auf die Blumen und das Laub des üppigen Sommers, und pries wieder Gott; und Außen und im Innern war es Licht und Morgen!