E. L. Bulwer's Werke. Aus dem Englischen. Einnndnennzigstes Bändchen. Nacht und Morgen. Viertes Bändchen. Stuttgart. Verlag der I. B. Metzler'schen Buchhandlung. 1841 . Nacht und Morgen. Ein Roman von dem Verfasser des „Pelham," „Eugen Aram," „Rienzi," „Paul Clifford" ac. Aus dem Englischen von Gustav Pfizer. In sieben Bändchen. Viertes Bändchen. Stuttg art. Verlag der I. B. Metzler'schen Buchhandlung. 1841 . Fünftes Kapitel. Nach dem gewohnten Treiben ging der Schelm, Arglose Menschen lockend in sein Netz, Kluge bezaubernd,, wie zuvor gesagt; Doch als er sah in stattlichem Gewand Den ernsten, majcstüt'schen Ritter nahn. War bang und lang sein Angesicht. Thomson. Das Schloß des Müßiggangs. Der Morgen brach an, welcher Monsieur Goupille mit Mademoiselle ^tdele de Oourval verbinden sollte. Die Ceremonie war vorüber, und Braut und Bräutigam machten diese Feuerprobe mit geziemendem Ernst durch. Nur schien die elegante.Idole in einer ernsthafteren Aufregung, als Mr. Love sich gut erklären konnte; sie war in der Kirche sehr angegriffen und wandte die Augen oster nach der Thüre als nach dem Altar. Vielleicht hatte sie Lust zu entlaufen; aber dazu war es jetzt entweder zu spät oder noch zu früh. Nachdem die Trauung vollzogen, begaben sich das glückliche Paar und ihre Freunde in den Oadran bleu, zu dem bei den Festlichkeiten der guten Bürger von Paris so berühmten Idcstaurant. Hier hatte Mr. Love, auf des ögioiois Kosten, ein höchst geschmackvolles Gastmahl bestellt. 6 ^Saorö! aber Ihr habt nicht denOekonomen gespielt, Monsieur Love," sagte Monsieur Gvupilie tu ziemlich verdrießlichem Ton, als er einen Blick aus das lange, mit künstlichen Blumen geschmückte Zimmer, und die 'kable a elngnante couvorts Warf." „Bah!" erwiederte Mr. Love, „Ihr könnt nachher Euch einschränken. Denkt an das Vermögen, das sie Euch zubringt!" „Es ist eine hübsche Summe, allerdings," sagte Monsieur Goupille, „und der Notar ist vollkommen zufrieden." „Keine Helrath in ganz Paris macht mir mehr Ehre," sagte Mr. Love; und er trat vor, um die Komplimente und Glückwünsche anzunehmen, die ihn bei denjenigen Gästen erwarteten, welche um seine geleisteten guten Dienste wußten. Der Vicomte äe Vauücmont war natürlich nicht anwesend. Er hatte sich dem Mr. Love nicht genähert, seit Väclc den epieiei' erhört hatte. Aber Madame Bea- vor, in einem weißen Hut, mit Lila staffirt, hing sentimental am Arm des Polen, der ein sehr vornehmes Gesicht machte mit seiner weißen Herzenskönigin und Mr. Hig- gins war durch Mr. Love mit einer kleinen, schwarzen Kreolin bekannt gemacht worden, welche falsche Diamanten trug und sehr schmachtende Augen hatte; so daß dem Mr. Love wohl das Herz vor Zufriedenheit und Stolz schwellen mochte, bei der Aussicht auf die bevorstehenden Glückseligkeiten alle, welche ihm ihre Entstehung zu danken haben würden. In der That war dieser Erzpricster von Hymens Tempel nie größer als heute; nie schien sein Etablissement 7 fester gegründet, nie sein Ruf populärer, sein Vermögen gesicherter. Er war das Leben der Gesellschaft. Nachdem das Bankett vorüber, machten die fröhlichen Gäste Anstalt zu einem Ball. Monsieur Goupille, in engen, straffen Beinkleidern, noch enger als er gewöhnlich trug, von vorzüglichem, ganz neuem Nanking, mit gestreiften seidnen Strümpfen, eröffnet? den Ball mit der Dame eines reichen gätissier in demselben Faubonrg; Mr. Love zog die Braut auf. Der Abend rückte vor; und nach verschleimen andern Höflichkeitstänzen, glaubte sich Monsieur Goupille nunmehr auch berechtigt, einen der ehelichen Zärtlichkeit zn widmen. Ein Contretanz wurde verlangt, und der öpieier erbat sich die schöne Hand der vornehmen Läele. 11m diese Zeit waren zwei Personen, die man bisher nicht bemerkt, in aller Stille ins Zimmer getreten, und schienen in der Näherer Thüre stehen bleibend, die Tanzenden zn mustern, wie wenn sie Jemand suchten. Sie fuhren mit den Köpfen hin und her, aus und ab, jetzt bückte» sie sich, jetzt stellten sie sich ans die Zehen. Der Eine war ein großer Mann mit großem Backenbart und Hellen Haaren; der Andere eine kleine, magere, zierlich gekleidete Gestalt, die die Hand in den Arm ihres Begleiters legte und von Zeit zu Zeit ihm zusiüsterte. Der Herr mit dem Backenbart antwortete in einem Gutturalton, der seine deutsche Herkunft verrieth. Die eifrigen Tänzer bemerkten die Fremden nicht, wohl aber die Umstehenden, und ein neugieriges Gesnmme ging durch den Saal: Wer mochten sie sehn? — Wer hatte sie eingeladen? — Es waren 8 neue Gesichter im k'aubourx — vielleicht Verwandte von Allele? Zn hohem Entzücken schwebte die schöne Braut tanzend dahin, während Monsieur Goupille, sich vorsichtig die Stirne wischend, ihre Gewandtheit bewunderte, als, siehe da! der Herr mit dem Backenbart plötzlich von seinem Begleiter weg vortrat und schrie: „lm voilä! 8aore tonnorre ! " Bei dieser Stimme — dieser Erscheinung hielt die Braut inne, und zwar so plötzlich, daß sie nicht Zeit hatte, beide Füße ans den Boden zu setzen, sondern den einen hoch in die Luft hinansgestreckt flehen blieb, während der andere auf der leichten, phantastischen Zehe schwebte. Die Gesellschaft glaubte natürlich, dies sep ein Hauptkunststück, welches Beifall erheische. Monsieur Love, der hinter ihr herdonnerte, schrie: Bravo! und da der wohlgewachsene Herr eine Schwenkung zu machen hatte, um ihr Gleichgewicht nicht zu stören, stieß er mit seiner ganzen Wucht auf den Fremden mit dem Backenbart und schleuderte ihn zurück wie ein Racket einen Ball. „Ron vicu!" schrie Monsieur Goupille. „!>Ia äuueo amiv — sie ist ohnmächtig geworden!" Und in der That, nicht sobald hatte Adele wieder ihr Gleichgewicht gewonnen, als sie es von Neuem verlor, und dem erstaunten Polen, der zum Glück in der Nähe war, in die Arme sank. Inzwischen trat der Fremde aus Deutschland» der sich vor dem Fallen dadurch gerettet, daß er mit seiner 9 vollen Wucht dem Mr. Higgins auf die Zehen trat, wieder hervor, faßte die schöne Braut am Arme und rief: „Keine Gaukeleien, wenn's beliebt, Madame — sprecht! Was Teufels habt Ihr mit dem Geld gethan?" „In der That, Herr!" sagte Monsieur Goupille, seine Kravatte hinanfzichend, „das ist ein sehr ungewöhnliches Betragen! Was habt Zhr zu dieser Dame Geld zu sagen? — es ist jetzt mein Geld, Herr!" „Oho! Euer? wirklich? daö wollen wir bald sehen, ^pprocllerüone, Monsieur Kavari, taites votro äcvoir!^ Auf diese Worte schleuderte der kleine Begleiter des Unbekannten langsam heran, während auf die Nennung seines Namens und beim Ton seiner Schritte Alles rechts und links zurückwich. Denn Monsieur Favart war Einer der berühmtesten Anführer der großen Pariser Polizei — ein Mann, Werth Zeitgenosse des großen Vidocq zu seyn, „Valmcr-vous Messieurs; seyd ohne Furcht, meine Damen," sagte dieser Herr in der allermildesten Stimme, die man sich denken kann; und gewiß brachte nie Oel auf die Wellen geträufelt eine so beruhigende Wirkung hervor, wie dieser dünne, schwache, zarte Tenor, Der Pole insbesondere, der die schöne Braut in seinen beiden Armen hielt, schüttelte sich ordentlich, und schien im Begriff, seine Bürde allmälig auf den Boden sinken lassen zu wollen, als Monsieur Favart, ihn mit Wohlwollendem Lächeln anblickend, ansah: „ellla, man brave! c'est toi! Rester «lonc. Rester, tenant loujours la tlaine!" 10 Der Pole, hiemit verurtheilt, „immer die Dame zu haben," hob mechanisch die Arme empor, die er zuvor hatte sinken lassen, und der Polizeibeamte sagte mit einem beifälligen Kopfnicken: „lion! na bouxes goint, o'est §u!^ Monsieur Goupille, ebenso erstaunt als entrüstet, seine bessere Hälfte so, ohne Berücksichtigung seiner Gat- teugefühle, den Armen eines Andern übergeben zu sehen, war im Begriff, sic dem Polen zu entreißen, als Monsieur Favart, ihn mit dem kleinen Finger auf der Brust anrührend, mit der freundlichsten Art sagte: „Ronbourxeois, mengt Euch nicht in das, was Euch Nichts angeht." „Was mich Nichts angeht!" wiederholte Monsteur Gonpille, sich dermaßen hoch emporrichtend, daß es schien, als wolle er seine engen Beinkleider sprengen. „Erklärt Euch, wenn es Euch beliebt! Diese Dame ist meine Frau!" „Sagt das noch einmal — nur noch einmal!" schrie der Fremde mit dem Backenbart im gräßlichsten Französisch und mit einer wüthenden Geberde, indem er beide Fäuste dem öxioicr unter der Nase schüttelte. „Es noch einmal sagen, Herr," sagte Monsieur Goupille, keineswegs eingeschüchtert; „und warum sollte ich es nicht noch einmal sagen? Diese Dame ist meine Frau!" „Ihr lügt! es ist die meinigc!" schrie der Deutsche, und sich niederbückend, riß er die schöne Adele aus den Armen des Polen mit so wenig Umständen, als hätte 11 sie nie einen Marquis zum Großvater gehabt; und indem er ihr einen Puff gab, der Todte hätte erwecken können, donnerte er: „Sprecht, Madame Vihl? Seyd Ihr meine Frau oder nicht?" „ülonstro!" murmelte Adele, indem sie die Augen ausschlug. „Da hörtJhrs! Sie erkennt mich an!" sagte der Deutsche, mit triumphirender Miene sich an die Versammlung wendend. „It'est vrai!^ sagte die sanfte Stimme des Polizei- manneS. „Und jetzt, bitte, laßt Euch nicht länger in Eurem Vergnügen stören. Wir haben einen tmoi-e vor der Thüre. Bringt Eure Dame weg, Monsieur Vihl!" „Monsieur Love! Monsieur Love!" schrie, oder vielmehr kreischte der epimer, indem er durch das Zimmer stürzte, und den oliekam Rockflügel faßte, als er gerade halb zur Thüre hinaus war. „Kommt zurück! tzuolle mauvaisc plaisanterie me lickte« — vous iei? Sagtet 2hr mir nicht, das Frauenzimmer sey ledig? Bin ich verheirathet oder nicht? Stehe ich auf meinem Kopf, oder auf meinen Füßen?" „Still, still, man bon dourxeois!" flüsterte Mr. Love; „Alles soll morgen erklärt werden." „Wer ist dieser Herr?" fragte Monsieur Favart, sich Mr. Love nähernd, der, als er sah, daß man ihn in Anspruch nahm, plötzlich den epiciar von sich schüttelte, die Hände in seine Hosentaschen steckte, sein Kinn in seiner Kravatte begrub, die Augenbrauen hinaufzog, die Augen blinzend zusammenzog und die Wangen aufblies, so daß der erstaunte Monsieur Goupille sich in der That verhext glaubte, und tmbuchstäblichen Sinne das Gesicht des Ehen- siifterS nicht mehr erkannte. „WertstdieserHerr?" wiederholte der kleine Beamte, der neben, oder vielmehr unter Mr. Love stand, und vermöge des Contrastes so zwerghast erschien,'daß man glauben konnte, der Priester Hymens dürfe nur athmen, um ihn wegznblasen. „Wer sollte ersehn, Monsieur?" schrie mit großer Keckheit Madame Nvsalie Caumarti», mit der Großmuth ihres Geschlechts zur Hülfe herbeieileud — „das ist Monsieur Love —' -lmglais cclöbre. Was habt Ihr gegen ihn zu sagen?" „Er hat mir 500 Franks abgcnommen!" schrie der exioier. Der Polizeimann musterte den Mr. Love mit großer Aufmerksamkeit. „So seyd 2hr also wieder in Paris? — Hoi»! — Vous jouer tousours vvtrc rülo?" „Ma loi!" sagte Mr. Love keck, „ich verstehe nicht, lvas Monsieur meint; mein Charakter ist Wohl bekannt — geht und erkundigt Euch in London — fragt den Staatssekretär der auswärtigen Angelegenheiten, was man von mir sagt — erkundigt Euch bei meinem Botschafter — fragt meinen —" ^Votre xassv-xort, Monsieur?^ „Der ist zu Hause. Ein Gentleman führt seinen Paß 13 nicht in der Tasche mit sich, wenn er auf einen Ball geht," „Ich will einsprechen und ihn sehen — au rovoir! Nehmt meinen Rath an und verlaßt Paris; ich denke, ich habe Euch sonst schon gesehen!" „Und doch habe ich noch nie die Ehre gehabt, Monsieur zu verheiratheii!" sagte Mr, Love mit einer höflichen Verbeugung, In Erwiederung dieses Scherzes warf der Polizeimann dem Mr. Love Einen Blick zu — es war ein ruhiger, sehr ruhiger Blick; aber Mr, Love schien ungewöhnlich betroffen darüber; er sagte kein Wort mehr, und befand sich in einem Nn außerhalb des Hauses, Monsieur Favart wandte sich um, und sah den Polen, der sich so klein als möglich zu machen suchte hinter den stattlichen Proportionen der Madame Beavor, „Welchen Namen führt dieser Herr?" „So—vo—lofski, der heldenmüthige Pole!" rief Madame Beavor mit unheimlichen Ahnungen bei der unerwarteten Feigheit eines so großen Patrioten, „Hein! Nehmt Euch in Acht, meine Damen, Ich habe dießmal Nichts gegen diese Person. Aber Monsieur Latour hat seine Lehrjahre auf den Galeren dnrchgemacht, und ist so wenig ein Pole, als ich ein Jude." „Und das Vermögen dieser Dame!" schrie Monsieur Goupille pathetisch; „die Contrakte sind alle gemacht — die Notare alle bezahlt. Gewiß hier muß ein Mißver- ständniß obwalten." Bulwer's Romane, xvl. 14 Monsieur Bihl, der inzwischen seine verlorene Helena wieder zur Besinnung gebracht, schritt aus den öxioicr zu, die Dame mit sich hinschleppend. „Herr, hier ist gar kein Mißverständnis!! Aber wenn ich das Gelb wieder habe — falls Ihr Lust zu der Dame habt, seyd Ihr ihr willkommen." „idlonstro!" murmelte wieder die schöne ätlölo. „Kurz und gut, die Sache verhält sich so," sagte Monsieur Favart: „Monsieur Bihl ist ein bravo xaryo» und hat die halbe Welt als Courier durchreist." „Als Courier!" riefen mehrere Stimmen. „Madame war Kinderstuben-Gouvernantin bei einem englischen M^-Iorä. Sie heiratheten und entzweiten sich — nichts Arges daran, mos ainis; Nichts gewöhnlicher als das. Monsieur Bihl ist ein sehr treuer Kerl; pflegte seinen letzten Herrn in einer Krankheit, welche mit dem Tod endete, weil er mit seinem Arzt reiste. ül^Iorä hinterließ ihm ein schönes Legat — er zog sich vom Dienst zurück und wurde krank, vielleicht vom Müßiggang oder vom Bier. Ist die Geschichte nicht so, Monsieur Bihl?" „Er war immerfort betrunken, der Elende," schluchzte ^.äelo. „Nur um meinen häuslichen Kummer zu ertränken," sagte der Deutsche; „und als ich krank in meinem Bette lag, entlief Madame mit meinem Gelbe. Dank diesem Herrn, habe ich beide wieder gefunden, und ich wünsche Euch eine recht gute Nacht." 7,vanse?> touMirs, mos »mis/ sagte der Beamte 15 mit einer Verbeugung. Und Abelen und ihrem Gemahle folgend, verließ der kleine Mann das Zimmer, wo er bei Leuten von so breiter Brust und so stämmigen Gliedern etwa dieselbe Bestürzung hervorgebracht hatte, wie ei» kleiner Spürhund in einem Nest von Kaninchen zweimal so groß wie er. Morton war länger geblieben als Mr. Love. Wer er erachtete es für unnöthig, noch lange nach demWegge-- hen dieses Ehrenmannes zu verweilen ; und in dem allgemeinen Aufruhr, der nun folgte, schlich er unbeachtet fort und erreichte bald das Bureau. Er fand Mr. Love und Mr. Birnie bereits beschäftigt, ihre Habseligkeiten zusam- menznpacken. „Ei, wann ginget denn Ihr weg?" sagte Morton zu Mr. Birnie. „Ich sah den Polizeimann eintreten." „Und warum Henkers habt Ihr es uns nicht gesagt?" fragte Gawtrey. „Jeder ist sich selbst der Nächste. UeberdieS tanzte Mr. Love gerade," versetzte Mr. Birnie mit einem stumpfen Blick der Verachtung. „Philosophie!" murmelte Gawtreh, indem er seinen Staatrock tn seinen Koffer packte; dann plötzlich seinen Ton ändernd, rief er: „Ha! ha! es war doch im Grunde ein prächtiger Spaß — gesteht nur, ich spielte meine Nolle gut! Bei Gott! wenn er mir nicht jenen Blick zugeworfen, ich glaube ich hätte die Tische über ihn geworfen. Aber diese verdammten Kerls lernen von den Jrren- 2 * 16 ärzten, wie sie uns bändigen können. Wahrlich, das Herz fiel mir in die Schuhe — und doch bin ich keine Memme!" „Aber am Ende hat er Euch doch allem Anschein nach nicht erkannt?" sagte Morton, „und was hat er gegen Euch vorzubringcn? Euer Gewerbe ist ein seltsames, a' er kein unehrliches. Warum davonlaufen, als ob —" „Mein junger Freund," fiel ihm Gawtrey ins Wort, „mag nun der Polizeibeamte uns aufsuchen oder nicht, «nser Gewerbe ist ruiuirt; diese höllische Adele mit ihrer fabelhaften Aoanü' maman hat uns den Garaus gemacht. Goupille wird uns den Tempel über dem Kopf einstürzen machen. Da hilft Nichts — he, Birnie?" „Nichts!" „Geh zu Bette, Philipp; wir wollen Dich mit Tagesanbruch rufen, denn wir müssen aufgeräumt haben, ehe unsre Nachbarn die Läden öffnen. Nur halb entkleidet auf seinem Bette in seinem kleinen Cabinet liegend, überdachte Morton die Ereignisse dieses Abends. Der Gedanke, daß er nicht mehr jene weiße Hand und jenen schönen Mund sehen sollte, welche noch immer, als der Unbekannten angehörend, seiner Erinnerung vorschwebten, ließ ihn die von Gawtrey beabsichtigte plötzliche Flucht mit sehr ungünstigem Auge betrachten, während er (so groß war sein Glaube an diesen Mann, gegründet auf Achtung wegen zuversichtlicher Kühnheit gewesen, und so gänzlich furchtlos war Morton selbst,) seine Anhänglichkeit an den rn»ävlos, mit dem Tageslicht ringend, welches durch die halbgeschloffenen Vorhänge drang. Die Person 93 der Inhaberin war ganz in Harmonie mit dem Gemach. Sie zeichnete sich aus durch eine charakteristische Anmuth, welche die Schriftsteller, in Ermanglung eines bessern Prädikats, gern als klassisch oder antik bezeichnen. Ihre Gesichtsfarbe, in dieser Beleuchtung noch blässer erscheinend als gewöhnlich, war doch sanft und zart — die Züge schön geschnitten, aber klein und weiblich. Das Angesicht besaß jenen seltensten Zauber: die Bereinigung von Geist mit sanfter Güte — die dunkeln blauen Augen waren ernst, vielleicht schwermüthig, in ihrem Ausdruck; aber die langen dunkeln Wimper und die Form der Augen selbst, die mehr lang als voll waren, gaben dem daraus sprechenden Geist eine Sanftheit, die sich schmachtender Weichheit näherte, und dieser Ausdruck ward vielleicht noch verstärkt durch jenen leisen Schatten um die Angenringe und darunter, den man häufig bei Solchen findet, die den Geist oder das Herz zu sehr angestrengt. Der Umriß des Gesichts hatte, ohne scharf und eckigt zu seyn,boch etwas von der Rundung der ersten Jugend verloren; und die Hand, auf welche sie sich stützte, war vielleicht doch gar zu weiß, zu zart für die Schönheit, welche zur Gesundheit gehört; aber Hals und Büste waren von ausnehmendem Ebenmaß. „Ich bin nicht glücklich," murmelte Eugenie vor sich hin, „und doch weiß ich kaum selbst, warum nicht. Verhält es sich wirklich so, wie wir Romane schreibenden Frauen so lange gesagt und wiederholt haben, bis das Wort ganz abgedroschen geworden, daß die Bestimmung der Frauen nicht Ruhm sondern Liebe ist? Seltsam dann, daß ich, die Bnlwer's Romane. XVI. 7 94 ich so oft dargestellt/ was Liebe sehn sollte, sie nie selbst empfunden habe! Und jetzt—und jetzt," fuhr sie fort, halb aufstehend und mit einem natürlichen Schmerzgefühl — „jetzt bin ich nicht mehr in meiner ersten Jugend. Wenn ich liebte — würde ich wieder geliebt werden? Wie glücklich dies junge Paar schien! — sie sind nie allein!" In diesem Augenblick hörte man in einiger Entfernung das Krachen von Feuerwaffen — dann noch einmal! Eugenie fuhr auf und rief ihrem Diener, der mit einem für die Nacht gemietheten Aufwärter beschäftigt war, die Ueberbleibsel des Festes wegzuräumen und dabei auch zu kosten. „Was ist das — zu dieser Stunde? — öffnet das Fenster und schaut hinaus!" „Ich sehe Nichts, Madame!" „Noch einmal — daS ist das dritte Mal. Geht auf die Straße und seht nach — es muß Jemand in Gefahr sehn." Der Diener und der Aufwärter, Beide neugierig und nicht geneigt sich zu trennen, eilten die Treppe hinab und von da auf die Straße. Mittlerweile hatte Morton vergebens an Birnies Fenster gerüttelt, welches der Verräther zuvor geschloffen und verriegelt hatte, um seinem beabsichtigten Opfer die Flucht unmöglich zu machen, und kroch dann rasch das Dach entlang, durch die Brüstung nicht nur den Schüssen sondern auch dem Auge des Feindes entzogen. Aber gerade als er den Punkt erreicht hatte, wo das Gäßchen mit der anstoßenden breiten Straße einen Winkel machte, warf er einen 95 Blick über die Brüstung, und bemerkte, daß Einer der Polizeibeamten sich auf die furchtbare Brücke gewagt hatte; er war Verfolgt — Entdeckung und Gefangenneh- mung schienen unvermeidlich. Er blieb stehen und athmete schwer. Er, einst der voraussichtliche Erbe von solchem Vermögen, der Gegenstand solcher verwöhnenden Liebe! er, der gehetzte Mitschuldige einer Bande von Scheusalen! das war der Gedanke, der ihn lähmte — die Schmach, nicht die Gefahr. Aber er war dem Verfolger voraus — er eilte weiter — er wandte sich um die Ecke — er hörte ein Jauchzen hinter sich von drüben — der Polizeimann hatte die Brücke pasfirt— „Es ist bis jetzt nur Ein Mann!" dachte er, und seine Nüstern dehnten sich aus, und seine Hände ballten sich krampfhaft, während er weiter schlüpfte, und jedes Fenster prüfte, wo er vorbetkam. Während so Jugend und Kraft mit dem Gesetz ums Leben rang, war ganz in der Nähe der Tod geschäftig mit Drangsal und Krankheit. In einer elenden Dachkammer schied ein Arbeiter, noch jung, von einer langwierigen Krankheit ergriffen, die er sich durch die Ausübung seines Berufs zugezogen, langsam aus dieser Welt, in welcher über der Masse ihrer Bewohner der Fluch Kains immerdar waltet. Dieser Marm hatte aus Liebe geheirathet, und sein Weib hatte ih» geliebt; und die Sorgen dieser frühen Heirath waren es, die ihn bis auf die Knochen verzehrt hatten. Aber der äußerste Mangel, wenn er lange dauert, verzehrt auch, die Liebe, wenn er sonst Nichts mehr zu verzehren findet. 7 * Und wenn die Leute zu lang ini Sterben liegen, so fangen diejenigen, welche von ihnen geplagt und in Unruhe gesetzt werden, an jenes nur zu oft heuchlerisch gebrauchte Wort: „eine glückliche Erlösung!" zu denleu an. So bekümmerte sich jetzt die erschöpfte, halb verhungerte Frau keinen Strohhalm um den sterbenden Gatten, den sie vor ein paar Jahren zu lieben und zu hegen in kranken und gesunde» Tagen, gelobt hatte. Doch aber schien sie sich noch zu bekümmern, denn sie ächzte, und wimmerte und weinte, als der Athem des Mannes immer schwächer und schwächer wurde. „Ach, Jean!" sagte sie schluchzend, „was wird auS mir werden, einer armen, einsamenWittwe, die Niemand hat, der ihr ihr Brod verdient?" Und in diesem Gedanken geberdete sie sich noch jämmerlicher als zuvor. „Ich werde steif!" sagte der Sterbende, und ließ seine geisterhaften Augen überall umlaufen. „Wie heiß es ist! Oesfile das Fenster; ich möchte gern das Licht — das Tageslicht noch einmal sehen!" ^Ron viou! was für Einfälle und Launen er hat, der arme Mann!" murmelte die Frau, ohne sich zu rühren. Der Elende streckte seine knöcherne Hand aus und faßte seiner Frau Arni.' „Ich werde Dich nicht lange mehr belästigen, Marie! — Luft! Luft!" „Jean, es wird Dich kränker machen — zudem werde ich von einer Erkältung den Tod haben. Ich habe kaum 97 einen Lumpen an, aber ich will geschwind die Thüre auf- inachen." „Verzeih mir," stöhnte der Leidende. „Verlaß mich eben!" Armer Mensch! vielleicht quälte ihn in diesem Augenblick das Gefühl ihrer Unfreundlichkeit empfindlicher, als der heftige Husten, wo er bei jedem Anfall Blut auS- warf. Er hatte sie nicht gerne so nahe bei sich, aber er schalt sie nicht. Noch einmal sage ich: armer Mensch! Die Frau machte die Thüre auf, ging auf die qndre Seite der Stube, setzte sich auf einen alten Schrank, und fing an, ein altes Halstuch zu flicken. Das Schweigen war bald unterbrochen durch das Stöhnen des rasch dem Tode Entgegengehenden, der wieder, indem er sich herüber und hinüber warf, mit verzehrten, bleichen Lippen murmelte: „Ich ersticke! — Lust!" Dieser Bitte ließ sich nicht widerstehen; sie war sogar wie eine letzte! Das Weib legte die Nadel weg, warf sich das Tuch um den Hals und öffnete das Fenster. „Fühlst Du Dich jetzt leichter?" „Sey gesegnet Marie, ja; das ist gut — gut. Es erinnert mich an alte Zeiten — diese frische Luft; ehe wir nach Paris kamen. Ich wollte, ich könnte jetzt für Dich arbeiten, Marie!" „Jean! mein armer Jean!" sagte die Frau, und seine Worte und seine Stimme führten ihr sich verhärtendes Herz zurück zu den frischen Gefilden und den zärtlichen Empfindungen der Vergangenheit. Und sie schritt auf das 98 Wett zu und er lehnte seine Schläfe, feucht von trübem Schweiß, an ihre Brust. „Ich bin eine arge Last für Dich gewesen, Marie; wir hätten nicht so bald heirathen sollen; aber ich glaubte mich kräftiger. Weine nicht; wir haben, Gott sep Dank, keine Kinder. Es wird für Dich viel besser seyn, wenn ich dahin bin." So stieß er Wort um Wort mühsam heraus — dann hielt er plötzlich inne und schien in Schlaf zu fallen. Das Weib versuchte ihn saust wieder auf sein Kiffen zu legen — der Kopf fiel schwer zurück — die Kinnlade hing herab — die Zähne waren fest übereinander — die Augen standen offen und waren wie Stein — die Wahrheit drängte fich ihr auf! „Jean! Jean! O Gott, er ist todt! und ich war am Ende noch unfreundlich gegen ihn!" Mit diesen Worten sank fie über den Leichnam, zum Glück selbst bewußtlos. Gerade in diesem Augenblick lugte ein menschliches Antlitz zum Fenster herein. Durch diese Oeffnung sprang, nach einer augenblicklichen Pause, ein junger Mann leicht ins Zimmer. Er sah sich mit hastigem Blick um, bemerkte aber kaum die auf dem Bett ausgestreckten Gestalten. Es genügte ihm, daß fie zu schlafen schienen und ihn nicht sahen. Er stahl sich durch das Zimmer, dessen Thüre Marie, wie man fich erinnern wird, offen gelassen hatte, und Mg die Treppen hinunter. Er hatte beinah schon den Hosraum erreicht, in welchen die Treppen führten, als er unten am Pförtnerstübchen Stimmen hörte. 99 „Die Polizei hat eine Bande Falschmünzer entdeckt!" „Falschmünzer!" „Ja. Einer ist todtgeschossen worden, ich habe seinen Leichnam in der Gosse gesehen; ein Andrer ist über die Dächer geflohen — ein desperater Kerl! Wir sollen ihm aufpaffen. Gehen wir die Treppen hinaus aufs Dach und sehen da nach ihm!" AuS dem beifälligen Summen, welches auf diesen Vorschlag folgte, schloß Morton ganz richtig, daß er an einige Personen gerichtet worden, welche Neugierde und die Pistolenschüsse aus ihren Betten gezogen, und die sich um das Pförtnerstübchen gruppirt hatten. Was anfangen? — weiter gehen war unmöglich; war es etwa noch Zeit zum Rückzug? — Wenigstens war es das Einzige, was ihm übrig blieb; er sprang wieder die Treppen hinauf; er hatte eben die erste Flucht erreicht, als er Schritte herunter kommen hörte; da durchfuhr ihn plötzlich der Gedanke, daß er das Fenster oben habe offen stehen lassen — daß in Folge dieses unbesonnenen llebersehens der ihn verfolgende Polizeibeamte ihm auf die Fährte gekommen sey. Was war zu thun? — sterben, wie Gawtrey! lieber den Tod als die Galeren! Wie er diesen Entschluß faßte, sah er rechts die offene Thüre eines Zimmers, wo noch aufgesteckte, herabgebrannte Lichter brannten. Es schien leer — er trat sofort keck hinein, und schloß die Thüre hinter sich. Wein und Speisen, die noch auf der Tafel standen; vergoldete Spiegel, welche das finstere Antlitz des einsamen Eindringlings zurückwarfen; da und dort 100 eine gemachte Blume; eine Bandschleife auf dem Boden; lauter Spuren und Zeichen von der Fröhlichkeit und dem Reize genußreichen Lebens — Tanz, Schwelgerei, Festlichkeit — Alles dies in einem Zimmer! — oben, in demselben Hause, die Pritsche — der Leichnam — die Wittwe — Hunger und Kummer! So ist eine große Stadt! so, besonders, ist Paris! wo, unter demselben Dache, solche Gegensätze und Ertreme des socialen Zustandes bei einander sind! Daran war nichts Seltsames; aber seltsam und traurig war das, daß einander so nahe wohnende Menschen einander so wenig kennen, daß die Inhaberin dieser Zimmer, die ein so weiches Herz hatte für jede Roth, nichts wußte von dem Jammer und der Nvth so ganz in ihrer Nähe. Die Musik, die ihre Gäste entzückt hatte, war lustig emporgedruugen zu dem gequälten Ohr der Todesangst und des Hungers! Morton schritt durch das erste Zimmer — ein zweites — er kam in ein drittes — und Eugenie de Merville, in diesem Augenblick aufschauend, sah vor sich eine Erscheinung, die wohl das kühnste Herz erschreckt hätte. Sein Kopf war ohne Bedeckung — sein dunkles Haar beschattete in wilder, unordentlicher Fülle das blaffe Gesicht und Züge, die zwar schön waren, aber in diesem Augenblick von einer Schönheit wie sie ein Künstler einem jungen Gladiator geben würde — mit dem Gepräge des herausfordernden Trotzes, der Drohung und der Verzweiflung. Der unordentliche Anzug — das wilde Aussehen —- die dunkeln Augen, die im buchstäblichen Sinne durch das dämmernde Zimmer leuchteten — Alles 101 vereinigte sich, das Erschreckende einer so Plötzlichen Erscheinung zu steigern. „Wer seyd Ihr? — Was sucht Ihr hier?" sagte sie stammelnd, und legte bei diesen Worten die Hand an die Klingel. Diese zarte Hand faßte Morton mit der scinigen. „Ich suche mein Leben! Ich werde verfolgt! Ich bin Eurer Barmherzigkeit anheim gegeben! Ich bin unschuldig! Könnt Ihr mich retten?" Wie er sprach, hörte man die Thüre des äußern Zimmers öffnen, und Schritte und Stimmen sich nähern. „Ha!" rief er aus, und fuhr zurück, wie er ihr Angesicht wieder erkannte. „Und zu Euch also habe ich fliehen müssen?" Auch Eugenie erkannte den Fremden wieder, und es war etwas in ihrer beiderseitigen Lage — der eines Schutzstehenden und einer Beschützerin — was ihre Phantasie und ihr Mitleid ansprach. Ein leichtes Erröthen flog über ihre Wange — in ihrer Miene sprach sich Sanftmuth und Mitgefühl aus. „Armer Knabe! so jung!" sagte sie. „Still!" Sie entzog ihre Hand der seinigen, trat einige Schritte zurück, zog einen Vorhang weg, der eine Vertiefung bedeckte — deutete auf einen Nlcoven, mit einem Sophabett, wie sie in französischen Häusern gewöhnlich sind, und sagte in flüsterndem Ton: „Tretet hinein — Ihr seyd gerettet." 102 Morton gehorchte, und Eugenie zog den Vorhang wieder vor. Dreizehntes Kapitel. Guioniar. Sprecht, Wer ftyd Zhr? Rntilio. Hört mich, huldreiche Frau. Ich bin ein Fremdling. Damit habt Antwort Ihr auf alle Fragen. Der LandeSbranch. Eugenie zog den Vorhang wieder vor. Und kaum hatte sie dies gethan, als die Schritte von dem äußern Zimmer sich dem näherten, wo sie stand. Ihr Diener trat ein in Begleitung von zwei Polizeibeamten. „Verzeiht, Madame," sagte Einer der Letztem; „aber wir verfolgen einen Verbrecher. Wir glauben, er muß in dies Haus gedrungen seyn, durch ein Fenster oben, während Euer Diener auf der Straße war. Erlaubt uns nachzusuchen." „Gewiß," antwortete Eugenie, sich setzend. „Wenn er hereingekommen ist, so seht in den andern Zimmern nach. Dies Zimmer habe ich nicht verkästen." „Ihr habt Recht. Nehmt unsre Entschuldigung an." Die Beaniten kehrten um und durchsuchten jeden Winkel, wo der Flüchtling nicht war. Denn hierin glichen die Schergen der Gerechtigkeit ihrer Gebieterin; wann schaute je menschliche Gerechtigkeit auf den rechten Fleck?" 103 Der Diener blieb noch, um zu berichten, was er gesehen, was er gehört — als er in diesem Augenblick den Vorhang des Alkovens sich leicht bewegen sah. Er stieß einen Ausruf aus — sprang an das Bett — seine Hand berührte den Vorhang — Eugenie faßte seinen Arm. Sie sprach nicht; aber als er erstaunt seine Augen auf sie richtete, sah er, daß sie zitterte, und ihre Wange weiß wurde wie Marmor. „Madame," sagte er stockend, „in der Vertiefung ist Jemand versteckt!" „So ists. Schweigt!" Ein Verdacht zuckte durch die Seele des Dieners. Die reine, die stolze, die steckenlose Eugenie! „Jemand da! in dem Zimmer von Madame!" stammelte er unbewußt heraus. Eugeniens schneller Blick faßte den schnöden Gedanke» auf. Jbre Augen stammten, ihre Wangen wurden pur- purroth. Aber ihre erhabene, großherzige Natur bezwang selbst den Ausbruch der verachtenden Entrüstung, der ihr auf der Lippe schwebte. Die Wahrheit! — konnte sie dem Manne trauen? Ein Zweifel — und das ihr anvertraute Menschenleben konnte verrathen sehn. Sie wechselte die Farbe — die Thränen traten ihr ins Auge. „Ich bin gütig gegen Euch gewesen, Francois. Kein Wort davon!" „Madame vertraut mir — das ist genug!" sagte der Franzose sich verbeugend, und mit einem leisen Lächeln um den Mund; und er zog sich ehrerbietig zurück. Einer von den Polizeibeamten trat wieder ein. „Wir find fertig, Madame. Er ist nicht hier. Aha! der Vorhang dort!" „Es ist das Bett von Madame," sagte Francois, „aber ich habe schon dahinter nachgesehen." „Es thut mir sehr leid, daß wir Euch gestört haben," sagte der Polizeibeamte, mit der Antwort zufrieden. „Aber wir bekommen ihn schon noch." lind er zog sich zurück. Die letzten Schritte verhallten, die letzte Thüre der Zimmer schloß sich hinter den Polizeibeamten, und Eugenik und ihr Diener standen allein da, einander anstarrend. „Ihr könnt Euch jetzt entfernen," sagte sie endlich, nahm ihre Börse vom Tisch, und legte sie in seine Hände. Der Mann nahm sie mit einem bedeutungsvollen Blick. „Madame kann auf meine Verschwiegenheit bauen!" Eugenie war wieder allein. Diese Worte klangen ihr noch im Ohr — Eugenie de Mcrville sollte sich verlassen müssen auf die Verschwiegenheit ihres Lakaien! Sie sank auf ihren Sessel, und da auf die Aufregung Erschöpfung folgte, stützte sie ihr Angesicht auf ihre Hände und brach in Thränen aus. Sie ward aufgeschreckt durch eine leise Stimme, schaute auf, und der junge Mann kniete zu ihren Füßen. „Geht — geht!" sagte sie, „ich habe für Euch alles gethan, was ich kann. Ihr habt gehört — Ihr habt gehört — mein eigner Miethling dazu! Mit Gefahr meines guten Namens sehd Jhr gerettet. Geht!" 105 „Eures guten Namens!" — denn Eugenie bedachte nicht, daß Blicke, nicht Worte ihren Stolz so empört hatten — „Eures guten Namens!" wiederholte er; und wie er sich im Zimmer umsah — die Toilette, den Vorhang, die Vertiefung in der Wand, wo er verborgen gewesen, — Alles sah, was'das keuscheste Heiligthum eines keuschen Weibes verrieth, welches, für einen Fremden zu betreten, beinahe so viel ist als es entweihen — da begriff er den Sinn ihrer Worte. „Eures guten Namens! — EuerMicthliug! Nein, Madame! nein!" lind mit diesen Worten erhob er sich. „Für mich kein solches Opfer! Eure Menschenliebe soll Euch nicht so viel kosten! Heda! ich bin der Mann, den Ihr suchtet!" Und er schritt auf die Thüre zu. Eugenie war tief erschüttert von dieser Antwort. Sie sprang auf ihn zu — sie faßte ihn bei den Kleidern. „Still! still! um Gottes willen, was wolltet Zhr thun? Meint Ihr, ich könnte je wieder glücklich sehn, wenn das Vertrauen, das Zhr in mich gesetzt, verrathen würde? Scyd ruhig — verhaltet Euch still! Ich wußte nicht, was ich sagte. Es wird leicht seyn, den Mann zu enttäuschen — später — wenn Zhr gerettet sehd. Und Zhr seyd unschuldig — nicht wahr?" „Oh, Madame," sagte Morton, „von Grund meiner Seele sage ich es, ich bin frei — nicht von Armuth — Elend — Jrrthum — Schaam, aber frei vvn der Schuld eines Verbrechens. Möge der Himmel Euch segnen!" Und wie er ehrerbietig die auf seinen Arm gelegte Hand küßte. 106 da lag etwas so Rührendes in seiner Stimme, in seinem Benehmen Etwas, das so weit über seinem äußernZustand war, daß Eugenie sich ganz verlor in ihren Gefühlen des Mitleids, der Ueberraschung und vielleicht selbst der Bewunderung, die sich ihrem Erstaunen beimischte. „Und, oh!" sagte er leidenschaftlich, indem er sie mit seinen dunkeln, glänzenden Augen, feucht vor Bewegung, anblickte, „Ihr habt mir das Leben süß gemacht, indem Ihr mir es gerettet. Ihr — Ihr — von der ich seit dem ersten — beinahe dem einzigen Mal, daß ich Euch sah — so oft träumte und brütend sann! Hinfort, was mir auch zustoße, werden mir Erinnerungen bleiben, die — die —" Er stockte, denn sein Herz war zu voll für Worte; und dies Schweigen sagte Eugenien mehr, als wenn Ronsseaus ganze Beredsamkeit auf seiner Zunge gestammt hätte. „Und Wer und Was seyd Ihr?" fragte sie nach einer Pause. „Ein Verbannter — ein Waise — ein Ausgestoßener! Ich habe keinen Namen. Lebt wohl!" „Nein, bleibt noch; die Gefahr ist noch nicht vorüber. Wartet bis mein Diener zur Ruhe ist; ich höre ihn noch. Setzt Euch — setzt Euch. Und wohin wolltet Zhr gehen?" „Ich weiß nicht." „Habt Ihr keine Freunde?" „Keine." „Keine Heimath?" 107 „Nein!" „Und die Polizei von Paris so wachsam!" riefEuge- nie und rang die Hände. „Was ist zu thun? Ich werde Euch vergebens gerettet haben — Ihr werdet entdeckt werden! Wessen klagen sie Euch an? Doch nicht des Raubes — oder —" Und auch sie stockte jetzt, denn sie konnte nicht das schwarze Wort „Mord!" über den Mund bringen. „Ich weiß nicht," sagte Morton, die Hand an die Stirne legend, — „außer daß ich Freund war mit dem einzigen Mann, der mich beschützte — und ihn haben sie getödtet." „Ein andermal sollt Ihr mir Alles erzählen." „Ein andermal!" rief er lebhaft, „soll ich Euch wieder sehen dürfen?" Eugenie errothete bei dem Blick und der Stimme voll Freude. „Ja," sagte sie, „ja. Aber ich muß mich besinnen. Seyd ruhig — seyd still. Ha! ein glücklicher Gedanke!" Sie setzte sich, schrieb ein paar hastige Zeilen, siegelte und gab das Billet Morton. „Nehmt dies Billet, an Madame Dufour gerichtet und adresfirt; es wird Euch ein sichres Logis verschaffen. Sie ist eine Person, auf die ich mich verlassen kann — eine alte Dienerin, die bei meiner Mutter gewesen, und der ich eine kleine Pension gegeben. Sie hat ein Logis zu ver- miethen — es ist kürzlich leer geworden — ich habe ihr versprochen, für einen MiethSmann zu sorgen — geht 108 — sagt Nichts von dem, was vorgefallen. Ich werde sie sprechen und Alles in Ordnung bringen. Wartet — horch! — Alles ist still. Ich will zuerst gehen und sehen, ob Niemand Euch auflauert. Halt!" (und sie riß das Fenster auf und schaute in den Hof) „diePförtnerSthüre ist offen; daS° ist ein Glück! Eilt, und Gott seh mit Euch!" 2n wenigen Minuten war Morton in den Straßen. ES war noch früh, die Plätze waren noch leer, noch kein Laden geöffnet. Die Adresse des Billets bezeichnet« eine etwas entfernte Straße, auf dem andern Seineufer. Er ging über denselben guai, de» er nur vor wenigen Stunden erst betreten — über dieselbe prächtige Brücke, neu belebt, auf der er gestanden hatte, verzweifelnd sie zu verlassen — er erreichte die Iluo Idaubo»r§ 8t. Ilonore. Ein junger Mann in einem Cabriolet, auf dessen zarter Wange die hektische Rothe von durchwachten Nächten und unmäßiger Vergnügungssucht brannte, rollte gemächlich heim vom Spielhause, wo er noch mehr als sonst glücklich gewesen — seine Taschen waren beladen mit Banknoten und Gold. Er beugte sich vor, als Morton an ihm vorbeiging. Philipp in seine Träumerei versunken, bemerkte ihn nicht und setzte seinen Weg fort. Der Gentleman bog eine der Straßen links hinab, hielt an, und rief seinen Diener, der hinten auf dem Cabriolet schlummerte. „Folgt in aller Stille diesem Fußgänger — seht, wo er wohnt; findet ihn ja gewiß auf und benachrichtigt mich davon. Ich fahre ohne Euch heim." Damit fuhr er weiter. 10g Philipp, Nichts ahnend von dieser ospionaxo, gelangte zu einem kleinen Hause in einer stillen aber achtbaren Straße, und zog mehrere Male die Glocke, bis er endlich von Madame Dufour selbst, in ihrer Nachthaube, eingelassen wurde. Die alte Frau blickte die unerwartete Erscheinung fragend und erschrocken an. Aber das Billet schien sie sogleich zufrieden zu stellen. Sie führte ibn in «in Logis auf dem ersten Stock, klein, aber sauber und sogar elegant eingerichtet — cS bestand aus einem Wohnzimmer und einem Schlafgemach — und sagte dann ruhig: „Ist Monsieur damit zufrieden?" Sie erschienen Monsieur wie ein Palast. Morton nickte bejahend. „Und will Monsieur eine Weile schlafen?" „Ja." Das Bett ist gut gelüftet. Die Zimmer sind nur drei Tage leer gestanden. Kann ich Euch mit Etwas dienen, bis Euer Gepäck ankommt?" „Nein." Die Frau verließ ihn. Er legte seine Kleider ab — warf sich auf das Bett, und wachte nicht auf bis Mittag. Als er die Augen öffnete — und sein Blick auf dem friedlichen Gemach verweilte, mit dem gesunden, säubern, behaglichen Aussehen, da währte es lange, bis er sich überzeugen konnte, daß er wirklich wachte. Er vermißte die laute, tiefe Stimme GawtrehS — den Rauch von des Bulwer'i Romane. X0l. Z 110 Todteil Meerschaumkopf — die trübe Bodenkammer' — die klaffenden Wände — das verstohlene Geflüster des verhaßten Birnie; langsam dämmerte das in den letzten zwölf Stunden durchgemachte und das dahingegangene Leben seiner ringenden Erinnerung wieder auf. Er stöhnte und warf sich unruhig herum, als die Thüre leise geöffnet wurde und er heftig aufsprang. „Wer ist da?" „Nur ich bin'S, Herr," antwortete Madame Dufour. „Ich bin schon dreimal da gewesen, zu sehen, ob Ihr wach seyd. Da ist ein Brief, für Euch, glaub' ich, Herr, obgleich kein Name darauf ist," und fie legte den Brief auf den Stuhl »eben ihm. Kam er von ihr, dem rettenden Engel? Er ergriff ihn. Das Eouvert war nicht beschrieben; er war geflegelt mit einem kleinen Siegel wie von einem Ring. Er riß ihn auf und fand vier Bankbillets, fedeS zu 1000 Franks, etwa 180 Pf. Sterling. „Wer hat dies geschickt, die — die Dame, von der ich das Billct brachte?" „Madame de Merville? gewiß nicht, Herr," sagte Madame Dufour, die, mit dem Privilegium des Alters, jetzt ohne Bedenken die Waffergefäffe füllte und den Toilettetisch in Ordnung brachte. „Ein junger Mann sprach vor etwa zwei Stunden ein, nachdem Ihr zu Bette wäret; er beschrieb Euch und fragte, ob Ihr hier logirt, und was Euer Name sey. Ich sagte ihm, Ihr sehet eben erst angekommen und ich wisse Euren Namen nicht. So ging er 111 weg, und kam eine halbe Stunde später wieder mit diesem Brief, den er mir auftrug, Euch richtig zu übergeben," „Ein junger Mann? — ein Gentleman?" „Nein, Herr; es schien ein ganz flotter Bursch aber von gemeinem Stand," Denn die einfache Madame Du- sonr entdeckte in dem stmpcln schwarzen Frack und den Tuchgamaschkn des llsberbringerS dieses Briefs nicht die einfache Livree von dem Reitknecht eines englischen Gentleman. Von Wem konnte es kommen, wenn nicht von Madame de Merville? Vielleicht von einem Freunde des todten Gawtreh. Ein Gedanke an Arthur Beaufort durchzuckte ihn, aber er verwarf ihn mit Unwillen. Die Menschen nehmen selten gläubig an, was sie nicht gern glauben. Welche Güte hasiten die Beauforts bisher ihm gezeigt? — Sie hatten seine Mutter am gebrochnen Herzen sterben lassen — ihm seinen Bruder von der Seite gestohlen, und in diesem Bruder das einzige Herz erkältet und verhärtet, von dem er Dankbarkeit und Liebe zu erwarten das Recht hatte! Nein, es mußte von Madame de Merville kommen! Er schickte Madame Dufour fort nach Feder und Papier — stand auf — schrieb einen Brief an Eugenie — dankbar aber stolz, und schloß die Banknoten ein. Dann ries er Madame Dufour und schickte sie mit seinem Briefe fort. „Ach, Madame," sagte die ei-äevant banne, als sie bei Eugenie» angekommen war, „der arme Junge! wie 8 » schön er ist, und wie schmählich von dem Vikomte, ihn solche Kleider tragen zu lassen!" „Dem Vikomte!" „Oh, meine theure, gnädige Frau, Ihr müßt es nicht läugnen. Ihr schriebt mir in Eurem Billet, ich solle keine Fragen an ihn thun, aber ich errieth es sogleich. Der Vikomte sagte mir selbst, er werde den jungen Herrn in wenigen Tagen hier haben. Ihr dürft Euch seiner nicht schämen. Ihr werdet sehen, welchen Unterschied in seiner Erscheinung Kleider machen, und ich habe es auf mich genommen, den Schneider zu ihm zu bestelle». Der Vikomte muß mich bezahlen." „Kein Wort gegen den Vikomte für jetzt! Wir wollen ihn überraschen," sagte Eugenie lachend. Madame de Merville hatte den ganze» Morgen stu- dirt, um eine Geschichte zu erfinden, die ihr Interesse für den Miethsmann erkläre, und wie begünstigte ste jetzt das Glück! „Aber ist dieser Brief für mich ?" „Und ich hätte ihn beinahe vergessen," sagte Madame Dufour, und bot ihr ihn hin. So Manches in den Verhältnissen Mortons bisher schon daS Interesse Eugeniens erweckt und ihren romantischen Sinn angesprochen hatte: die Phantasie ward noch mehr angezogen durch den Ton des Briefes, den ste jetzt laS. Denn obgleich Morton, der mehr Uebnng im französisch Sprechen als im Schreiben hatte, sich mit weniger Genauigkeit, und in weniger gewählten und wohltönenden Phrasen ausdrückte, als die Autoren und elegnnts, welche ihre gewöhnlichen Correspondenten waren: so war doch in jeder Zeile seines Briefs ein angeborner, rauher Adel — ein starkes und tiefes Gefühl, was ihr Staunen und ihre Bewunderung noch vermehrte. „Alles, was ihn umgibt — Alles, was auf ihn Bezug hat, ist sonderbar und gcheimnißvoll," murmelte sie; und sie setzte sich nieder ihm zu antworten. Nachdem Madame Dufour mit diesem Brief weggegangen war, blieb Eugenie über eine Stunde in stummem, tiefem Nachdenken versunken. Mortons Brief lag vor ihr; und süß waren, bei aller Verworrenheit, die Erinnerungen und Bilder, die auf ihre Seele eindrangen. Morton, überzeugt durch die ernsten und feierlichen Versicherungen Eugeniens, daß sie nicht die unbekannte Geberin der wieder beigeschloffenen Banknoten seh, dachte, nachdem er sich vergebens den Kopf zerbrochen mit neuen Muthmaßungen, von welcher Seite sie doch kommen möchten, es wäre bei seinen dermaligen Verhältnissen eine Don Quiroterie, die Benützung und Verwendung dessen auszuschlagen, was die Vorsehung selbst, der er sich von Neuem vertrauend, anheimgegeben, ihm zu seiner Hülfe zugeschickt zu haben schien. Und es half ihm auch hinweg über alle Anerbietungen von Geldunterstützungen von einer Person, von welcher solche anzunehmen er am wenigsten hätte übers Herz bringen können. So willigte er denn in Alles, was der geschwätzige Schneider ihm vorschlug. Und cS wäre schwer gewesen, den wilden, verstörten Flüchtling 114 in der stattlichen und cmmuthigen Gestalt, mit der jugendlichen Schönheit und mit der Haltung des hochgebornen Stolzes wieder zu erkennen, welche am folgenden Tag an der Seite EugenienS saß. lind an diesem Tag erzählte er seine traurige, stürmische Geschichte; und Eugenie weinte; und von diesem Tag an kam er täglich; und zwei Wochen — glücklich, traumhaft, berauschend für Beide — verstrichen; und als am letzten Tage die Sonne unterging, da kniete er zu ihren Füßen, stammelte ihr, der bisher die Huldigungen des Witzes und Genie's und behaglichen Reichthnms vergebens waren dargeboten worden, das ungestüme, aufgeregte, köstliche Geheimniß derErstenLiebc vor. Er sprach und stand ans, um dann für immer zu scheiben — als ihr Blick und ihr Seufzer ihn znrückriefen. Am folgenden Tag, nach einer schlaflosen Nacht, ließ Eugenie de Merville den Vikomte de Vaudemont zu sich bitten. Vierzehntes Kapitel. Ein Silberbach klein Läßt «o» flüssig-» Krystalle» Süße Musik erschallen. Trillernd jungfräulich rein; Dazu die lustigen Vögelriu singen — Goldregistern silberne Takte entspringen. Sir Richard Fanshaw. Eines Abends, einige Wochen nach den eben erzählten Ereignissen, trat ein Fremder, ein Kind ander Hand führend, in den Kirchhof von H-. Die Sonne war noch nicht lang untergegangen, und die kurze Dämmerung des Hochsommers herrschte in dem ruhigen Aether; man hörte von den Bäumen über den Gräbern das Zwitschern eines muntern Vogels; was bekümmerte er, der Bürger des Himmels, sich um die Todten, die unten schliefen? — waS schlug er an, als das Grün und die Stille des Ortes — ob Garten oder Grab, galt ihm gleich! Wie der Mann und das Kind vorbeigingen, betrachtete das Rothkehlchen, kaum gestört durch ihre Schritte in dem langen Gras neben einem der Gräberhügel, ste mit seinem Hellen, frohen Auge. Es war ein prächtiger Ort für das Rothkehlchen — der alteKirchhof! dieser heimliche Vogel, „der Freund und Genosse der Menschen," wie ihn die Dichter genannt haben, fand eine treffliche Mahlzeit unter den Würmern. 116 Der Fremde, als er die Mitte des geweihten Grundes erreicht hatte, blieb stehen, und sah fich gedankenvoll um. Dann näherte er sich langsam und zögernd einer länglichten Tafel, worauf mit noch frischen und neuen Buchstaben folgende Worte eingegraben waren: Ikr 8okn. Dies, nebst Angabe von Geburts- und Todestag, war die Tafel, welche Philipp Morton über den Gebeinen seiner Mutter hatte setzen lassen; und ringS herum war eine einfache Schutzwehr, welche die Kinder abwehrte, die zuweilen, den Kirchhofhütern zum Trotz, über dem Staub des frühem Geschlechts spielten. „Dein Sohn!" murmelte der Fremde, während das Kind ruhig neben ihm stand, seine Freude hatte an den Bäumen, dem Gras, dem Gesang der Vögel, und nicht an Kummer oder Tod dachte, — „dein Sohn! — aber nicht dein begünstigter Sohn, dein Liebling, dein Jüngster; an welchem Platz der Erde schauen deine Augen herab auf ihn? Gewiß hat im Himmel deine Liebe den, den du auf Erden am zärtlichsten geliebt, bewahrt vor den Leiden und Prüfungen, die den minder begünstigten Ver- stoßnen heimgesucht haben! Oh, Mutter! Mutter! — es war nicht seine Schuld — nicht Philipps Schuld, daß er nicht bis aufs Letzte die ihm vermachte Aufgabe und Pflicht erfüllt hat! Vielleicht ist es so glücklicher gegangen! Und 117 oh! wenn dein Andenken so tief in meines Bruders Herz, gegraben ist, wie in das meinige, wie oft wird es ihn warnen und retten. Dies Andenken! — es ist für mich der gute Engel meines Lebens gewesen! Dir — dir verdanke ich es in deinem Tode selbst, wenn ich, zwar verirrt, doch kein Verbrecher bin — wenn ich mit den Aussätzigen gelebt habe, und noch nicht angesteckt bin!" Sein Mund verstummte jetzt, aber nicht sein Herz. Nachdem ihm so einige Minuten verflossen, wandte er sich zu dem Kinde, und sagte sanft und mit zitternder Stimme — „Fanny, man hat Dich beten gelehrt — Du wirst in der Nähe dieses Platzes wohnen — willst Du manchmal hieher kommen und beten, daß Du gut und unschuldig heranwachsest, und ein Segen werdest für diejenigen, die Dich lieben?" „Wird Papa immer kommen und mich beten hören?" Diese traurige, unbewußte Frage schnitt Morton ins Herz. Das Kind konnte den Tod nicht fassen. Er hatte gesucht, ihr ihn zu erklären, aber sie war gewohnt, ihren Beschützer als todt zu betrachten, wenn er abwesend von ihr war, und sie bestand noch immer darauf, daß er wieder lebendig werden müsse, lind dieser Mann des stürmischen wüsten Lebens und des Verbrechens, der ohne Reue, ohne Absolution, von der Sünde weg zum Gericht hinübergegangen: es war eine schauerliche Frage, ob der sie werde beten hören? „Ja!" sagte er nach einer Pause — „ja, Fanny, es ist ein Vater, der Dich beten hört; und zu ihm bete, 118 daß er gnädig sey denen, die gegen Dich freundlich gewesen. Fanny, Du und ich, wir sehen uns vielleicht nie wieder!" „Wollt Ihr denn auch sterben? üleoliant., Jedermann stirbt der armen Fannyund sich zärtlich an ihn hängend, kündete sie ihre Lippen um ihn zu küssen. Er nahm sie in seine Arme; und als eine Thräne auf ihre rosige Wange fiel, sagte sie: „Weine nicht, Bruder, ich liebe Dich ja!" „Wirklich liebst Du mich, Fanny? Dann, mir zu Liebe, wenn Du hieher kommst, und Jemand will Dir einige Blumen geben, streue sie auf diesen Stein. Und jetzt wollen wir zu Jemand gehen, den Du auch lieb haben mußt, und zu dem er, wie ich Dir erzählt habe. Dich schickt; er, der — komm!" Wie er so sprach und Fanny wieder auf den Boden setzte, erblickte er mit Staunen genau auf der Stelle, wo er früher die gleiche Erscheinung gesehen — auf dem Platze, wo der Vater den Sohn verflucht hatte, die regungslose Gestalteines alten Mannes. Morton erkannte gleichsam durch Instinkt mehr als durch die Kraft des Gedächtnisses die Person, an welche sein Auftrag bestimmt war. Erging langsam auf ihn zu; aber Fanny eilte Plötzlich von ihm weg, angelvckt von einer Motte, welche in der Dämmerung über die Gräber hinhuschte. „Euer Name, Sir, ist glaub ich Simon Gawtrey?" 11g sagte Morton. „Ich bin nach England gekommen, Euch zu suchen." „Mich?" sagte der alte Mann, halb aufstehend, und seine Augen, jetzt völlig blind, schweiften leer über Morton hin— „Mich? Warum? Wer seyd Ihr? — Ich kenne Eure Stimme nicht!" „Ich komme im Auftrag Eures Sohnes." „Meines Sohnes!" rief der alte Mann mit großer Heftigkeit. „Der Verworfene; der Entehrte! der Schändliche ! der Verfluchte —" „Still! Ihr schmäht einen Todten!" „Einen Todten!" murmelte der unglückselige Vater, auf den Sitz, von dem er aufgestanden, zurücktaumelnd, „einen Todten!" und der Ton seiner eignen Stimme war so voll innerer Qual, daß der Hund zu seinen Füßen, welchen Morton bisher nicht bemerkt hatte, mit einem mißtönenden Geschrei gleichsam das Echo davon machte, was Philipp an den entsetzlichen Tag erinnerte, wo er hatte den Sohn den Vater zum letztenmal auf Erden verlassen sehen. Dieser Ton führte Fanny auf den Platz zurück; und mit freudigem Lachen, das einen seltsamen Contrast dagegen bildete, warf sie sich auf das Gras neben den Hund und suchte ihn zum Spielen zu locken. So waren denn hier, an dieser Stätte des Todes, die vier Glieder der großen Kette zusammen gebracht: üppig blühendes Leben — trostloses, kindisches Alter — Kindheit, noch kaum der 12 » Seele sich bewußt, und das dumpfe Thier, das keine Bürgschaft eines Jenseits hat! „Todt! Todt!" wiederholte der Me, seine erstorbnen Sehorgane mit den welken Händen bedeckend. „Armer William!" „Er gedachte Euer bis ans Ende. Er bat mich Euch aufzusuchen — er hieß mich die Stelle des schuldbelastetcn Sohnes zu ersetzen mit einem Wesen — rein und unschuldig, wie er gewesen, wäre er in seiner Wiege gestorben — mit einem Kinde, das Euer Mer erheitern werde! Kniee, Fanny, ich habe Dir einen Vater gesunden, der Dich zärtlich lieben wird — (oh, das werdet Ihr, Sir, nicht wahr?) — wie der, den Du nicht mehr sehen wirst!" Es lag etwas so Feierliches in Mortons Stimme, daß der alte Mann und das Kind davon gerührt und erschüttert wurden; und Fanny, an den ihr so angewiesenen Beschützer sich schmiegend, und ihre Händchen zutraulich auf seine Kniee legend, sagte: „Fanny will Euch lieben, wenn Papa es gewünscht hat. Küsset Fanny." „Ist es sein Kind —seines?" sagte der blinde Mann schluchzend. „Komm an mein Herz! so — so! O Gott, vergib mir!" Morton hielt es nicht für recht, ihn in diesem Augenblick zu enttäuschen rücksichtlich des eigentlichen Verhältnisses des armen Kindes zu dem Todten; und er wartete schweigend bis Simon, nach einem Ausbruch von leiden- 121 schastlichem Schmerz und Zärtlichkeit aufstand, und, das Kind noch immer an seine Brust pressend, sagte: „Sir, verzeiht mir! Ich bin ein gar schwacher alter Mann — ich habe Euch vielen Dank zu sagen — ich habe auch Vieles zu erfahren! Mein armer Sohn! er starb nicht im Mangel — oder doch Die einzelnen Umstände von Gawtreys Schicksal, mit seinem wahren, seinen vielen angenommenen Namen, waren in den französischen Journalen erschienen, und zum Theil in die englischen übergegangen; und Morton hatte erwartet, baß ihm die peinliche Erzählung jenes fürchterlichen Todes werde erspart werden; aber die gänzliche Abgeschiedenheit des alten Mannes, sein körperliches Leiden und seine seltsamen Gewohnheiten hatten ihn die Kunde noch nicht erfahren lassen, die ihm jetzt mitzutheilen Philipps harte Aufgabe war. Mortvn bedachte sich ein wenig, ehe er antwortete: „Es ist jetzt spät; Ihr sepd noch nicht vorbereitet, dies arme Kind in Eurem Haus anfzunehmen, noch auch die einzelnen Umstände zu vernehmen, die ich Euch zu berichten habe. Ich komme erst heute in England an. Ich werde meine Wohnung in der Nähe nehmen, denn dieser Ort ist mir theuer. Wenn ich mich denn versichert halten darf, daß Ihr dies heilige und letzte Vermächtniß von Eurem unglücklichen Sohn an Euch aufnehmen und sorgsam hegen wollt, will ich Euch morgen das mir anbc- fohlene Kind bringen, und dann wollen wir ruhiger, 122 als es jetzt möglich ist, über die Vergangenheit uns besprechen." „Ihr antwortet mir nicht auf meine Frage," sagte Simon leidenschaftlich; „antwortet mir darauf, so will ich mit dem Uebrigen mich gedulden. Sie nennen mich einen Geizhals! Habe ich mein einziges Kind fvrtgeschickt, um Hungers zu sterben? Gebt mir darauf Antwort!" ' „Beruhigt Euch. Er starb nicht in Armuth; und er hat sogar ein kleines Vermögen für Fanny hintcrlaffcn, das ich Euch einhändigen sollte." „Und er dachte den alten Geizhals zu bestechen, baß er menschlich wäre! Gut — gut — gut! Ich will heimgehen." „Stützt Euch auf mich!" Der Hund sprang lustig an seinem Herrn hinauf, als dieser aufstand, und Fanny entschlüpfte Simons Armen, um auf ihre Weise dem Thier zu liebkosen und mit ihm zu schwatzen. Wie sie langsam über den Kirchhof gingen, murmelte Simon eine kleine Strecke weit unzusammenhängend vor sich hin, und Morton wollte ihn nicht stören, da er ihn doch nicht trösten konnte. Endlich sagte er ganz plötzlich: „Hat mein Sohn Reue gefühlt?" „Ich hoffe," antwortete Morton ausweichend, „daß er, wäre ihm das Leben gefristet worden, sich würde gebessert haben." „Geht mir weg, Sir! — Ich bin Siebzig vorüber; — wir bereuen — aber wir bessern uns nie!" Und wieder 123 versank Simon in seine trüben, unzusammenhängenden Träumereien. Endlich kamen sie an des Blinden Hause an. Die Thüre ward ihnen geöffnet von einer alten Weibsperson von unangenehmem, abschreckendem Aeußern, die viel zu auffallend herausgeputzt war für den Stand einer Dienerin, obgleich sie in dieser Eigenschaft im Hause galt; aber die Blindheit des Geizigen ersparte ihr die Gefahr von Ausstellungen über ihren Aufwand. Wie sie mit einer Kerze in der Hand unter der Thüre stand, musterte sie neugierig und mit nicht willkommen heißenden Blicken die Begleiter ihres Gebieters. „Mrs. Borer, mein Sohn ist todt!» sagte Simon mit hohler Stimme. „Nun und das ist recht gut, Sir!» „Pfui, Weib!» sagte Morton entrüstet. „ Ei der Tausend! Sir! Wen haben wir denn da?» „Jemand,» sagte Simon finster, „den Ihr mit Achtung behandeln werdet. Er bringt mir einen Segen, meinen Verlust zu erleichtern. Ein rauhes Wort gegen dieses Kind, und Ihr verlaßt mein Haus!» Das Weib sah aus wie vom Donner gerührt; aber sich wieder fassend, sagte sie in wimmerndem Tone: „Ich! ein hartes Wort gegen Jemand, der meinem theuern, gütigen Gebieter am Herzen liegt. Und, mein Himmel, was für ein hübsches kleines Geschöpf es ist! Komm her, meine Liebe!» 124 Aber Fanny scheute zurück und wollte Philipps Hand nicht fahren lassen. „Morgen also!" sagte Philipp, und er wandte sich um, allein plötzlicher Gedanke die Seele des alten Mannes zu durchkreuzen schien. „Halt, Sir, halt! Ich — ich — hat mein Sohn gesagt, ich sey reich? Ich bin sehr — sehr arm: Nichts im Hause, — sonst wäre ich längst beraubt worden!" „Euer Sohn trug mir auf, Euch Geld zu bringe», nicht, Geld zu verlangen!" „Geld verlangen! Nein, aber," fuhr der alte Mann fort, und ein Strahl schlauer Intelligenz schoß über sein Gesicht, — „aber er ist in schlechte Gesellschaft gerathen. Verlangen!— Nein! — Zieht die Thürkette hinauf, MrS. Dorer!" Mit Besorgnis; und Mißtrauen übergab Morton am folgenden Tag das Mädchen, das sich schon ins Innerste seines warmen Herzens geschmiegt hatte, der Obhut Simons. Nichts Geringeres, als jene abergläubische Achtung, welche alle Menschen den Wünschen der Tvdten zollen, hätte ihn bewegen können, dies Asyl für sie zu suchen; denn das Schicksal, das seine eignen Aussichten erheiterte und erhellte, hatte ihm eine Wahl eröffnet in dem Wohlwollen der Madame de Merville. Aber Gawtrcy hatte mit solchem Ernst von der Sache gesprochen, daß cS ihm war, als hätte er nicht das Recht, sich zu bedenken, lind war eS nicht eine Art Sühne für alle Fehler, die der 125 Sohn gegen den Vater mochte begangen haben, wenn er dem Herde des alten Mannes ein so süßes Pflegkind zuwies? Die Seltsamkeit und Eigenthümlichkeit von Fannys Gemüth und Charakter jedoch machten ihn noch ängstlicher, als er sonst wohl gewesen wäre. Gewiß verdiente sie die rauhe Bezeichnung: schwachsinnig oder blödsinnig, nicht, aber sie war verschieden von allen andern Kindern; sie empfand und fühlte schärfer als die Meisten ihres Alters, aber das Denken konnte man ihr nicht bei- Lringen. Es war etwas O.ueres oder Mangelhaftes in ihrem Geist, was die traurigsten Besorgnisse rechtfertigte; und doch, oft, wenn eine unordentliche, unzusammenhängende, unerklärliche Reihe von Ideen den Zuhörer aufs trübste stimmte, folgten darauf Einfälle und Phantasieen, so wunderbar ansprechend in ihrer Seltsamkeit, oder Gefühle, so herzgewinnend durch ihre Zartheit, daß sie plötzlich ebenso hoch über, wie unmittelbar vorher unter dem gewöhnlichen Maß kindischer Fassungskraft zu stehen schien. Sie war wie ein Geschöpf, dem die Natur in einer grausamen aber heitern Laune Alles gegeben, was zur Poesie gehört, aber Alles versagt hat, was zum gemeinen, im Menschenleben »öthigcn Verstand gehört; oder wie ein untergeschobenes Feenkind, freilich nicht nach dem gemeinen Aberglauben boshaft und mißgestaltet, sondern holdseliger als die Kinder der Menschen, umschwebt von dämmernden, kämpfenden Erinnerungen und Bildern eines zarteren und feineren DaseynS, aber gänzlich unfähig, Bulwcr'S Romane, X0I. g 126 die trocknen und harten Elemente zu lernen, welche das Wissen des wirklichen Lebens ausmachen. Morton suchte, so gut er konnte, Simon die Eigen- thümlichkeiten in Fannys geistiger Organisation zu erklären. Er stellte ihm dringend die Nothwendigkeit vor, sür ihren sorgfältigen Unterricht zu sorgen, und Simon versprach, sie in die beste Schule zu schicken, die man in der Nähe finden könne; aber wie der alte Mann so sprach, legte er solchen Nachdruck auf den von ihm vorausgesetzten Umstand, daß Fanny Williams Tochter sey, und mit seiner Reue, oder Zärtlichkeit, war ein nebenherlaufender Faden von Selbstsucht und Geiz so eng verflochten, daß Morton es für sein Interesse an dem Kinde gefährlich achtete, wenn er ihm seinen Jrrthum benähme. Er schwieg daher — vielleicht entschuldbar genug! — ganz hierüber. Gawtrey hatte bei der Priorin des Klosters neben dem Befehl, das Kind derjenigen Person auszuliefern, die «S von ihr unter seinem wahren Namen, den er ihr anvertraute, fordern würde, eine Summe von 300 Pfund übergeben, die, wie er feierlich schwur, ehrlich erworben waren, und die er in allen seinen Widerwärtigkeiten und Glücks- Wechseln nie berührte. Diese Summe, mit dem kleinen Abzug für das, was sie noch dem Kloster schuldete, händigte jetzt Morton Simon ein. Der alte Mann packte das Geld, das meist in französischen Goldstücke» bestand, mit konvulsivischem Griffe; und dann, als schämte er sich dieser Gier, sagte er: 127 „Wer Ihr, Sir — kan» irgend eine Summe — das heißt, eine billige Summe, Euch von Nutzen seyn?" „Nein; und wenn es auch wäre, das Geld gehört weder Euch noch mir — sondern ihr! Bewahrt es für sie, und fügt dazu was Ihr könnt." Während dieses Gesprächs war Fanny der Sorge der Mrs. Borer übergeben worden, und Philipp stand jetzt auf, um sie zu sehen und von ihr Abschied zu nehmen, ehe er weggiug. „Ich komme vielleicht wieder zum Besuch, Mr. Gaw- trey; und ich bete zu Gott, mich dann finden zu lassen, daß Ihr und Fanny gegenseitig einander ein Segen gewesen. Oh! vergeßt nicht, wie Euer Sohn sie geliebt hat!" „Er hatte ein gutes Herz, trotz aller seiner Sünden. Der arme William!" sagte Simon. Philipp Morton hörte dies, und seine Lippe verzog sich in trüber und gerechter Verachtung. Wenn der Vater, als William Gawtrey, neunzehn Jahre alt, das väterliche Dach verließ, bedacht hätte, daß das Herz seines Sohnes gut sey, so lebte wohl dieser Sohn noch, als ein ehrlicher und glücklicher Mann! Müßt Ihr nicht lachen, o Jhr alles hörenden bösen Feinde! wenn die Menschen die Todten preisen, deren Tugenden sie, so lang sie lebten, nicht entdecken konnten? Es kostet viel Marmor, das Grab zu bauen — wie wenig Latten und Kalk hätte hingereicht, die Kammer auszubessern! In ein kleines Zimmer tretend, das an das Wohnzimmer stieß, worin Gawtrey saß, fand Morton Fanny 9 * 128 traurig an einem trübseligen, rußigen Fenster stehen, das auf die todten Mauern eines kleinen Hofes sah; MrS. Borer, an einem Tische sitzend, war beschäftigt einen Hut zu garniren; und an Fanny Fragen zu richten mit jener zärtlichthuenden Diskantstimme, womit Leute, die nicht an Kinder gewohnt sind, sie gern aureden. „Und also, meine Liebe, man hat dich nie lesen und schreiben gelehrt? Du bist kläglich vernachläßigt worden, armes Ding!" „Wir müssen unser Bestes thun, das Versäumte nachzuholen," sagte Morton eintrctend. „Gerechter Gott, seyd Ihr es, Sir?" lind die Gouvernante fuhr auf und machte eine tiefe Verbeugung; denn Morton, jetzt ganz als Gentleman gekleidet, war nach Haltung und Person wohl der Mann, gemeiner Leute respektsvollen Blick auf sich zu ziehen. „Ach, Bruder!" sagte Fanny, denn mit diesem Namen hatte er sie angewiesen ihn zu nennen, — und sie eilte ans ihn zu. „Komm fort von hier — es ist hier häßlich — es macht mich so kalt." „Mein Kind, ich Hab' es Dir gesagt, Du mußt bleiben; aber ich hoffe Dich mit der Zeit wieder zu sehen. Wollt Ihr nicht freundlich seyn gegen dies arme Geschöpf, Madame? Verzeiht mir, wenn ich Euch vorigen Abend beleidigt habe, und erweist mir den Gefallen, dies anzunehmen, zum Beweis, daß wir Freunde sind." Mit diesen Worten ließ er seine Börse in des Weibes Hand gleiten. 129 „Ich werde mich immer verpflichtet fühlen für Alles, was Ihr für Fanny thun könnt." „Fanny will Nichts von irgend Jemand sonst; Fanny will nur ihren Bruder haben." „Das süße Kind! Ich fürchte, fie gewohnt sich nicht an mich. Wollt Ihr mich lieb haben, Miß Fanny?" „Nein, packt Euch fort!" „Pfui, Fanny! Du errinnerst Dich, Du mochtest mich Anfangs auch nicht leiden. Aber sie ist so gemüthvoll, Madame; sie vergißt eine ihr erwiesene Freundlichkeit nie." „Ich will Alles, was ich kann, thun, sie zufrieden zu stellen, Sir. lind also ist sie wirklich meines Gebieters Enkelin?" Die Frau heftete bei diesen Worten ihren Blick so scharf auf Morton, daß dieser einige Verlegenheit empfand, und sich, ohne zu antworten, damit zn schaffen »lachte, Fanny zu liebkosen und zu trösten, in welcher jetzt ganz das Bewußtseyn des ihr bevorstehenden Jammers zu erwachen schien; denn obschon fie nicht weinte — sie weinte sehr selten — zitterte doch ihr zarter Körper — ihre Augen waren geschloffen — ihre Wangen, ihre Lippen sogar, weiß — und ihre zarten Händchen hatten fest den Hals dessen umklammert, der sie jetzt an der Brust von Fremden lassen wollte. Morton war tief bewegt. „Einen Kuß, Fanny, und vergiß mich nicht, bis wir uns wieder sehen!" Das Kind drückte die Lippen an seine Wange, aber diese Lippen waren kalt. Er setzte sie sanft auf den Boden nieder; sie stand stumm und widerstandslos da. 130 „Erinnere Dich, daß er wünschte, daß ich Dich hier lasse!" flüsterte Morton, eines Zuspruchs sich bedienend, der seine Wirkung nie verfehlte. „Wir müssen ihm gehorchen — und so: Gott segne Dich, Fanny!" Er stand auf und ging an dicThürc; das Kind machte die Angen ans und starrte ihn mit gespanntem, schmerzlichem, flehendem Blick an; ihre Lippen bewegten sich, aber sie sprach nicht. Morton konnte diesen stummen Jammer nicht ertragen. Er versuchte, sie tröstend anzulächeln, aber das Lächeln wollte nicht kommen. Er schloß dic Thüre und eilte aus dem Hause. Von diesem Tag versank Fanny in eine Art fortwährender, trüber, lebloser Starrsucht, ähnlich der einerSom- nambule, die der Magnetiseur zu wecken vergißt. Bisher hatte in alle Ereentricitälcn oder Mängel ihres Geistes eine wilde und phantastische Lustigkeit hereingespiclt. Die war verschwunden. Sie sprach wenig — sic spielte nie — kein Spielzeug konnte sie reizen — selbst der arme Hund gewann ihr keine Aufmerksamkeit ab. Wenn man sie etwas thun hieß, starrte sie leer vor sich hin und rührte sich nicht. Sielegte jedoch eine Art stummer Achtung gegen den alten blinden Mann an den Tag; sie kroch an seine Kniee heran und saß da Stunden lang, selten antwortend, wenn er zu ihr sprach, aber unbehaglich, ängstlich und unruhig, wenn er sie verließ. „Wollt Ihr auch sterben?" fragte sic einmal; der Alte verstand sie nicht, und sie suchte sich nicht zu erklären. Eines Morgens früh, einige Tage, nachdem Morton weg 13t war, vermißte man fie; sie war nicht in dem Hause, noch in dem trübseligen Hof, in den man sie manchmal gehen und dort spielen hieß — was sie jedoch nie that. In großer Unruhe und Angst beschuldigte der alte Mann MrS. Borer, sie weggelockt zu haben, und drohte und donnerte so laut, daß das Weib, sehr ungern, fortging, sic zu suchen. Endlich fand sie das Kind auf dem Kirchhof, ernst sinnend an einem Grabe stehend. „Was macht Ihr hier, kleine Here!" sagte MrS. Borer, sie rauh am Arme packend. „Das ist der Weg, wo sie Beide einst wieder kommen werden. Ich träumte so." „Wenn ich Dich je wieder hier treffe!" sagte die Haushälterin; und sich mit der einen Hand die Stirne wischend, schlug sie sie mit der andern. Fanny war nie vorher geschlagen worden. Sie bebte in Angst und Bestürzung zurück; und zum ersten Mal seit ihrer Ankunft brach sie in Thränen aus. „Komm — komm — kein Geheul! und wenn Du's dem Herrn sagst, so schlage ich Dich halb todt!" Mit diesen Worten nahm sie Fanny auf ihre Arme; schritt, scheltend und drohend mit ihr auf und ab, bis sie vor Angst das Weinen unterdrückte, kehrte dann triumphirend ins Haus zurück, stürzte in das Wohnzimmer, und rief: „Das ist das liebe Herzchen, Sir!" Als der alte Simon erfuhr, wo das Kind gefunden worden, war er froh, denn es war seine beständige Gewohnheit, so oft der Abend schön war, auf diesen Kirchhof 132 zu schlüpfen — sein Hund war ihm Führer — und sich auf seinenLieblingsplatz zu setzen, der untergehenden Sonne gegenüber. Dies geschah nicht sowohl wegen der Heiligkeit des Ortes, oder der Betrachtungen, die er einflößen konnte, als weil es der nächste, der sicherste und der einsamste Platz tu der Nachbarschaft seines Hauses war, wo der blinde Mann freie Lust schöpfen und sich im Licht des Himmels wärmen konnte. Bisher hatte er das Kind nicht mitgenommen, weil er dachte, eS sey trübselig für sie; in der That war Fanny gewöhnlich um die Stunde seines einförmigen Spaziergangs ins Bett geschickt worden. Jetzt erhielt sie Erlaubniß, ihn zu begleiten; und der Greis und das Kind pflegten da neben einander zu sitzen, wie Alter und Jugend in den Gräbern unten neben einander ruhten. Das erste Merkmal von kindischem Interesse und Neugier, das man an Fanny bemerkte, ward durch das Leiden ihres Beschützers geweckt. Eines Abends, wie sie so da saßen, ließ sie sich von ihm den Jammer der Blindheit erklären. Sie schien ihn zu verstehen, obgleich er seine Klagen ihrer Fassungskraft anzubequemen sich nicht die Mühe gab. „Fanny versteht// sagte fie rührend; „denn sie ist auch blind, hier;" und sie preßte ihre Händchen an die Schläfe. Trotz ihrer Schweigsamkeit und ihrer sonderbaren Art, und obgleich Simon die ausnehmende Holdseligkeit nicht sehen konnte, womit die Natur, wie in reuigem Erbarmen, ihr Aeußercs verschwenderisch ausgestattet, lernte er sie doch bald inniger lieben, als er je bisher geliebt hatte; 133 denn die am kältesten gegen das Kind, find oft am zärtlichsten gegen den Enkel. Ihr gegenüber schlief selbst sein Geiz. Leckereien, zuvor nie gesehen auf seinem sparenden Tisch, wurden bestellt, um ihren Appetit zu reizen; — Spielzeugläden geplündert, um fle aus ihrer Gleichgültigkeit zu wecken. Lang jedoch stand es an, bis er es über sich vermochte, seinem Versprechen gegen Morton nachzukommen und sich ihrer Gegenwart zu berauben. Endlich jedoch, ermüdet durch der Mrs. Borer Wehklagen über ihre Unwissenheit, und selbst auch beunruhigt wegen einiger Anzeichen ihrer Ungeschicklichkeit, die ihn zittern machten bei dem Gedanken, was wohl ihre Zukunft werde» dürste, wenn fie allein im Leben stehe, brachte er sie in eine Elementarschule in der Vorstadt. Hier rechtfertigte Fanny eine geraume Zeit die stärksten Behauptungen und Klage» über ihre Dummheit. Sie konnte nicht zwei Minuten nach einander ihre Augen auf das Blatt heften, auf dem sie die Mysterien des Lesens erlernen sollte; Monate vergnügen, bis sie das Alphabet inne hatte, und nach einem Monat hatte sie es wieder vergessen, und die Arbeit begann von Neuem. Das Einzige, worin sie Talent zeigte, wenn man es so nennen darf, war die Handhabung der Nadel. Die Schwestern im Kloster hatten sie schon manche hübsche Stücke in dieser Kunst gelehrt, und als sie merkte, daß sie in der Schule bewundert wurden —- daß sie gelobt statt getadelt wurde — da ward ihre Eitelkeit geschmeichelt, und sie lernte so leicht Alles, was man sie in dieser nicht uneinträglichen Fertigkeit lehrenkonnte, daß Mrs. Borer schlauer- 134 weise insgeheim ihre Arbeiten verwertheie, und aus des armen Pfleglings Knnstfleiß eine wöchentliche Rente zog. Ein andres Vermögen, das sie, wie andere Personen von mangelhaftem Geist und wie die unter dem Menschen stehenden Geschöpfe, besaß, war: ein höchst genauer und treuer Ortssinn. Zuerst war Mrs. Borer pflichtlich Morgens, Mittags und Abends sortgeschickt worden, um sie in die Schule zu führen und sie abznholen; aber das war eine so große Beschwerde für Simons einzige Hausvogtin, und Fanny setzte dem altem Manne so schmeichelnd zu, er möchte ihr doch erlauben, allein hin und her zu gehen, daß man die Beiden unwillkommene Begleitung unterließ. Fanny'S Freude über diese Freiheit war groß; und fie versäumte nie, beim Hingchen und beim Heimweg über den Begräbnißplatz zu gehen, und nachdenklich nach dem Grab zu sehen, aus dem, wie sie immer noch glaubte, Morton eines Tages wieder erscheinen sollte. Neben seinem Andenken nährte fie auch das ihres frühen,, schuldhafteren Beschützers; aber es waren gesonderte Gefühle, die sie auf ihre Weise unterschied: „Papa hatte sic aufgegeben. Sic wußte, er hätte sie nicht weggeschickt, weit — weit über das große Wasser, wenn er im Sinne gehabt hätte, Fanny wieder zu sehen; aber ihr Bruder hatte sie nur gezwungen verlassen — er mußte eines Tages lebend wieder kommen, und dann würden sie miteinander leben." Eines Tages, gegen Ende des Herbstes, hatte die Schullehrerin, im Ganzen eine gute Frau, die aber nicht 135 so viel Einsicht hatte, um zu entdecken, welche Saiten angeschlagen werden mußten au dem Instrument, über welches sie mit ihrer ungeschickten Hand so plump hinfuhr — eines Tags, sagen wir, hatte sich zufällig die Lehrerin angekleidet zu einer Taufe in der Vorstadt, wozu sie gebeten war; und demgemäß wurden die Schülerinnen nach den Morgenstunden entlassen, und sollten Nachmittags Feiertag haben. Als jetzt Fanny, als die Letzte, kam, mit ihrem trostlosen NBCBuch, blieb sie plötzlich stehen, und ihre Augen hasteten voll Begierde auf einem großen Bouquet ausländischer Blumen, mit welchem die gute Frau (sie war mager) den Mittelpunkt des übereinander geschlagnen Tuches belebte, dessen gelbe Gaze züchtig jene» zarten Vestandtheil weiblicher Schönheit verhüllte, welchen schon Dichter mit Schneehügcln verglichen haben — ein frostiges Gleichniß! Es war Herbst, und Feld- und selbst Gar- tenBlumen wurden seltner. „Wollt Ihr mir wohl eine von diesen Blumen geben?" sagte Fanny, und ließ ihr Buch fallen. „Eine von diesen Blumen, Kind! warum?" Fanny antwortete nicht; aber eines von den älteren und verständigeren Mädchen sagte: „Ach, sie kommt von Frankreich, wißt Fhr, Madame, und die Römischen Katholiken streuen Blumen und Bänder und Sachen auf die Gräber; wißt Ihr, Madame, wir lasen gestern von pci-o-Ia-LImise?" „Nun, was weiter?" 136 „Und Miß Fanny will immer Alles für uns thun und arbeiten, wenn wir ihr Blumen geben." „Bruder hat mir gesagt, wohin sie streuen; — aber diese schönen Blumen — solche habe ich noch nie gehabt; die bringen ihn vielleicht zurück! Ich will so artig seyu, wenn Ihr mir eine geben wollt — nur Eine!" „WillstDu Deine Aufgabe lernen, wenn ich es thue, Fanny?" „Oh! ja! wartet einen Augenblick." lind Fanny schlich an ihren Pult zurück, legte entschlossen das verhaßte Buch vor sich hin, preßte beide Händchen dicht an die Schläfe; — Heureka! die rechte Saite war berührt; — und Fanny schritt im Triumphe dahin durch eine halbe Colonne feindlicher Doppelsylben! Von diesem Tag an wußte die Lehrerin, wie ste anfeuern, und Fanny lernte lesen; der Pfad des Wissens ward ihr so im buchstäblichen Sinne mit Blumen bestreut! Catharine! Deine Kinder waren fern, aber Dein Grab prangte in heiterem Schmucke! Es war ganz natürlich, daß jene kurzen und einfachen Reime, oft religiösen Inhalts, die in den Schulen zur Uebung des Gedächtnisses hergesagt werden, einen Theil ihrer Studien ausmachten; und nicht sobald hatte der Klang von Versen ihre Phantasie berührt, als auch dadurch aufs Neue alle ihre Sinnen und Empfindungen verwirrt und aufgestört zu werden schienen. ES war wie die Musik eines Lüftchens, nach welcher all die jungen Blätter einer wilden Pflanze tanzen und zittern. Schon im 137 Kloster hatte sie gar gerne die kindischen Reime hergesagt, mit welchen man sie in Schlaf zu lullen oder zu unterhalten gesucht, aber jetzt war dieser Geschmack noch stärker entwickelt. Sie brachte jedoch in sinnloser und bunter Unordnung die verschleimen Liederverse und Stücke, die ihr zu Ohren kamen, untereinander, und verwob sie auf eine Art, die ihr verständlich, allen Andern aber Kauderwelsch war; und oft, wenn sie allein durch die grünen Heckenwege oder durch die geräuschigen Straßen ging, wandten sich die Vorübergehenden halb mit Mitleid halb mit Besorgnis! um, zu lauschen, wie sie Verse — halb sang, halb murmelte, die nur einer verirrten und verwirrten Phantasie anzugehören schienen. Und da Mrs. Borer bei ihren Besuchen in de» verschiedenen Läden der Borstadt Sorge trug, ihr hartes Schicksal zu beseufzen, daß Ihr die Wartung und Pflege eines so offenbar mondsüchtigen Geschöpfs obliege, war es kein Wunder, daß das Wesen und die Gewohnheiten des Kindes, verbunden mit ihrer seltsamen Neigung, den Kirchhof zu besuchen, die man nicht selten bei Personen von schwachem und zerrüttetem Geist findet, diese Aussagen und Ansichten von ihr bestätigten. So wenn sie lustig und leicht über die Straßen und Plätze trippelte, pflegten die Kinder ihr auszuweichen und mit abergläubischer Furcht gemischt mit Verachtung zu flüstern: „Es ist das blödsinnige Mädchen!" Blödsinnig ! wie viel mehr himmlisches Licht war doch in dieser Wolke, als i» den Binsenlichtern, die, in schmutzigen Kammern flackernd, ans trübe Dinge den trüben Strahl ergoßen, und sich Sterne zu seyn dünkten! Monate — Jahre verstrichen — Fanny zählte dreizehn Jahre, als eine neue Aera in ihrem Daseyn anbrach. Mrs. Borer hatte nie ihre erste Abneigung gegen Fanny überwunden. Ihre Behandlung des armen Mädchens war immer hart und oft grausam. Aber Fanny klagte nicht; und da MrS. Borer im Gegenwart Simons sich immer schmeichelnd und liebkosend gegen sie anstellte, ahnte der alte Mann nie die Drangsale, die seine vermeintliche Enkelin durchmachte. Es waren vor einigen Jahren nachtheilige Gerüchte in der Vorstadt gegangen über das Berhältniß zwischen dem Herrn und der Haushälterin; und die flotte Kleidung der Letzter«, etwas Keckes in ihrem Blick und Wesen, und gewisse Sagen, daß ihre Jugend nicht eben der Vesta geweiht gewesen, bestärkten den Verdacht. Der einzige Grund, warum wir von der Falschheit des Gerüchts nicht überzeugt sind, ist dieser: Simon Gaw- trey hatte die früher« Thorheiten seines Sohnes so hart beurtheilt und behandelt! Gewiß hatte jedenfalls das Weib einen großen Einfluß über den Geizhals ausgeübt vor Fannys Ankunft, und sie hatte viel beigetragen, seine selbstsüchtige Härte gegen den unglücklichen William zu stählen, lind ebenso gewiß hatte sie zuversichtlich auf die Erbschaft der Ersparnisse des Geizigen', wie groß oder klein sie nun seyn mochten, gerechnet, sobald es der Vorsehung gefallen würde, seinen Tagen ein Ziel zu setzen. Sie wußte, daß Simon vor vielen Jahre» ein Testament zu ihren Gunsten gemacht, sie wußte, daß er dieß Testament nicht abgeändert hatte; ste glaubte daher, trotz aller seiner Liebe für Fanny, liebe er doch sein Gold viel zu sehr, um sich mit dem Gedanken zu befreunden, es Händen zu hinterlaffen, die zu unbeholfen wären, den Schatz zu hüten. Dies hatte die Haushälterin einigermaßen auSgesöhnt mit der unwtllkommnen HauSgenosstn, die ste dcmungeachtet haßte, wie ein Hund einen ander» Hund haßt, nicht nur wenn er ihm seinen Knochen nimmt, sondern wenn er ihn nur anfieht. Plötzlich aber ward Simon krank. Sein Alter machte seinen Tod wahrscheinlich. Er wurde bettlägerig — sein Athen, wurde schwächer und schwächer — er schien todt. Fanny, ohne alle weitere Gedanken, saß wie gewöhnlich an seinem Bett, und hielt den Athen, an, um ihn nicht aufzuwecken. MrS. Borer eilte nach dem Schreibtisch — ste schloß ihn auf—ste konnte das Testament nicht finden; — aber sie fand drei Säcke voll glänzender alter Guineen; der Anblick bezauberte ste. Sie leerte ste aus aus dem befleckten grünen Tuch deS Schreibtisches — ste fing an, sie zu zählen; und in diesem Augenblick wachte der alte Mann, als wäre ein geheimes magnetisches Verhältniß zwischen ihm und den Guineen, aus seiner Betäubung auf. Seine Blindheit ersparte ihm den Schmerz, der vielleicht tödtlich auf ihn gewirkt hätte, die unheilige Profanation zu sehen; aber er hörte das Klingeln des Metalls. Schon dieser Klang gab ihm seine Kraft wieder. Aber die Schwachen und Kranken sind immer schlau — 140 erließ mit keinem Hauch Verdacht merken. „Mrs. Borer," sagte er schwach, „ich glaube, ich könnte etwas Fleischbrühe nehmen." MrS. Borer stand in großem Schrecken auf, machte leise den Schreibtisch zu, und eilte die Treppen hinab, die Fleischbrühe zu holen. Simon ergriff die Gelegenheit, Fanny zu befragen; und sobald er die Operationen der ErbschastSaspirantin erfahren, hieß er das Mädchen den Schreibtisch zuerst abschließen und ihm den Schlüssel bringen, und dann zu einem Advokaten laufen, dessen Adresse er ihr angab, und ihn augenblicklich her zu bescheiden. Mit einem boshaften Lächeln nahm der alte Mann die Fleischbrühe aus den Händen seiner Dienerin. — „Arme Borer, Ihr seyd ein uneigennütziges Geschöpf," sagte er mit schwacher Stimme; „ich glaube, Ihr werdet jammern, wenn ich dahin bin." MrS. Borer schluchzte; und ehe sie sich erholt hatte, trat der Advokat ein. Noch an demselben Tage ward ein neues Testament gemacht; und der Advokat setzte MrS. Borer höflich in Kenntniß, daß man ihrer Dienste vom nächsten Morgen an nicht mehr bedürfe, wo er eine Krankenwärterin in das Haus bringen werde. MrS. Borer hörte dies und faßte ihren Entschluß. Sobald Simon wieder einschlief, schlich sie in das Zimmer — führte Fanny hinaus — schloß sie in ihrem Zimmer ein — kehrte wieder zurück, suchte den Schlüssel zu dem Schreibtisch, den sie endlich unter Simons Kopfkissen fand — setzte sich in Besitz von Allem, was sie unter die Hände bekommen konnte — und am folgenden Morgen war sie für immer verschwunden! SimonS Verlust war größer, als man hätte erwarten können; denn außer einer ganz geringen Summe in der Sparkasse hatte er, wieviele andre Geizige, Alles, was er besaß, in Noten oder baar Geld unter eignem Schloß und Niegel gehalten. Sein ganzes Vermögen war allerdings weit geringer, als man glaubte; denn Geld erzeugt kein Geld, wenn eö nicht auf Interessen angelegt wird; und der Geizhals betrog sich selbst. Was in Banknoten steckte, hatte MrS. Borer vermuthlich die Klugheit zu vernichten; denn den Nummern, deren Simon sich erinnern konnte, kam man nie auf die Spur; das Gold — Wer konnte darauf schwören? Die Kleinigkeit in der Sparkasse ausgenommen, und den ärmlichen Werth des Hauses, das er vermiethcte, war der Vater, der die Magd bereichert, und den Sohn verbannt hatte, ein Bettler in seinem kindischen Alter! Diese Kunde jedoch ward ihm sorgsam verhehlt auf den Nath des Arztes) den der Advokat aufseine eigne Verantwortlichkeit inSHaus gebracht hatte, bis er sich so weit erholt hatte, um ohne Gefahr den Schlag zu ertragen; und dieser Verzug begünstigte natürlich die Flucht der MrS. Borer. Simon blieb einige Augenblicke ganz betäubt und sprachlos, als man ihm diese Kunde eröffnet?. Fanny, voll Angst über seine zunehmende Bläffe, flog an seine Brust. Er stieß sie weg: „Geh — geh — geh, Kind!" Vuiwer'S Romane. XVI. ^0 sagte er, „tch kann Dich jetzt nicht mehr erhalten. Laß mich allein und Hungers sterben." „Hungers sterben!" sagte Fanny erstaunt; und sie schlich sich weg und setzte sich nieder wie in tiefen Gedanken. Dann stahl sie sich wieder zu dem Advokaten, als dieser daS Zimmer verlassen wollte, nachdem er seine Gemeinplätze von Tröstungen erschöpft hatte, und ihre Hand in die seinige legend, flüsterte sie: „Ich möchte mit Euch sprechen — hierher!" Sie führte ihn durch den Gang ins Freie. „Sagt mir," begann sie, „wenn arme Leute nicht Hungers sterben wollen, nicht wahr, dann arbeiten sie?" „Ja, meine Liebe!" „Die reichen Leute kaufen die Arbeit der Armen?" „Gewiß, meine Liebe, freilich." „Sehr gut, Mrs. Borer Pflegte meine Arbeit zu verkaufen. Fanny will den Großpapa ernähren! Geht und sagt ihm, daß er nie „Hungers sterben" soll!" Der gutmüthige Advokat war bewegt — „Kannst Du wirklich arbeiten, mein armes Mädchen? Nun, so setze deinen Hut auf und komm und sprich mit meiner Frau." Und das war die neue Aera in Fannys Daseyn! Ihr in die Schule Gehen hörte auf. Aber jetzt nahm sie das Leben in die Schule. Die Nothwendigkeit reifte ihren Verstand! Und manches harte Auge wurde feucht — und wenn man sie mit ihrem Körbchen mit Modearbeiten durch die Straßen schweben sah, immer noch ihre glücklichen