E. L. Bulwer's W er k e Aus dem Englischen. Siebemmdachtzigjtes Nan-chen. Geld. Ein Lustspiel. Stuttgart. Verlag der I. B> Metzler'schen Buchhandlung. 1841 . G e t d. Gin Lustspiel in süns Akten. Dom Verfasser der „Lyoneserm", des „Richelieu", des „Seekapitäns" re. re. Aus dem Englischen von Dr. Georg Uicotans Bürmann. Stuttgart. Verlag der I. B. Metzler'schen Buchhandlung. 18 41 . - Geld. Ein Lustspiel in fünf Akten. «In einer gar guten Welt wir leben. Zu leih'n. zu verihuu. oder weqzugeben: Doch bettelt, borgt oder fordert man Geld. So ist diese Welt die absebeulickste Welt." Alter Spruch. «Und es herrscht der Erde Gott, das Geld. F. v. Schiller. Personen Lord Glossmore. Sir John Vesey, Baronet, Ritter des Guelphen- ordeus, Mitglied der Königlichen Societät und der Antiquarischen Vergesellschaftung. Sir Frederick Blount. Stout. ' GraveS. Evelyn. Capitän Dudley Smooth. Sharp. Toke. Franz, Schneider. Tabouret,' Tapezier. Mac Finch, Juwelier und Goldarbeiter. Mac Stncco, Architekt. Kite, Pferdehändler Crtmson, Portraitm aler. Grab, Verleger. Patent, Wagenfabrikant. Mehrere Mitglieder des "*-Club. Diener. Lady Franklin, Sir John Vesey's Halbschwester. Georgina, Sir Johns Tochter. Clara, Evelyns Base und Gesellschafterin der Lady Franklin. Ort der Handlung: London. Zeit: 1840. E r st e r Akt. Erste Scene. (Zimmer mit Flügelthüre» in Sir John V.e s e h'S Hause. Rechts ein Tisch mit Büchern, Zeitungen ». dgl. z links ein Sopha- Schreibtisch.) Sir John. Georgina. Sir John (der in einen schwarzgeränderten Brief sieht). Um zwei Uhr Präeise, schreibt er. (Lesend.) „Lieber Sir John, La seit dem Tode meiner wohlseligen Maria" — Hm! das war seine Fra». Sie machte ihn zum Märtyrer; dafür nennt er sie jetzt eine Wohlselige. Georgina. Nun, was denn seit ihrem Tode^ Sir John (lesend). „— Ich kein Haus mehr mache, so kann ich nicht Wohl Damen zu mir ctnladen. Ich bitte Sie daher zu erlauben, Mr. Sharp, den Rechtsanwalt mitzubringen, um das Testament des verstorbnen Herrn Mordaunt, dessen Erecutor ich bin, in Ihrem Hause zu verlesen, weil doch Ihre Tochter die nächste Verwandtin des Testators ist. Ich werde um zwei Uhr präcise bei Ihnen scyn. Henry Graves." 8 Georgina. Und Du glaubst allen Ernstes, Vater, daß Mr. Mordaunt mich zu seiner Erbin einsetzte? Sir John. Ja, zur reichsten Erbin in England. Kannst Du daran zweifeln? Bist Du nicht seine nächste Verwandte? seine Nichte? war er nicht Deiner guten Mutter leiblicher Bruder? Unterließen wir jemals, so lange er in Indien war, um sein ungeheures Vermögen zusammenzuschlagen, ihm kleine Erinnerungen an unsere uneigennützige Liebe zu schicken? Als er das letzte Mal England besuchte, und Du kaum so hoch warst, fand er da nicht in meinem Hanse seine Heimath? Zog ich mir durch seine mitgebrachten, eingemachten ausländischen Früchte nicht eine schwere Unoerdaulichkeit zu? Schmauchte er nicht — der ekelhafte — will sagen, der liebe alte Mann — seinen Hukah in meinemPrachtzimmcr? und sprachst Du jemals mit ihm, ohne ihn Deinen hübschen Herrn Onkel zu nennen — weil der liebe selige Herr so eitel wie ein Pfauhahn war? Georgina. Ja, und so häßlich. Sir John. Der hochwcrthe Todte! Ach, in der That, er sah aus wie einKänguruh, das die Gelbsucht hat. Und wenn, nach allen diesen Beweisen von Anhänglichkeit, Du nicht seine Erbin bist; nun, dann stnd die zartesten Regungen der Natur, die Bande des Blutes und die Grundsätze der Gerechtigkeitsliebe uns um nichts und wieder nichts ins Herz gesenkt — Georgin a. Schön gesagt, Vater! Kam der Satz nicht in Ihrer letzten Rede vor, den Sie bei Gelegenheit der großen Schornsteinfegerfrage im Freimaurer-Tavern hielten? Sir John. Allerweltsmädel! was für'» herrliches Gedächtnis; sie hat! — Setz' Dich, Georgy. Bei diesem höchst glücklichen — will sagen höchst trauervollen Ergebniß fühl' ich, daß ich Dir ein Geheimniß vertrauen muß. Du siehst dies schöne Hans — unsere zahlreiche Dienerschaft — unser kostbares Silbergeschirr — unsere prächtigen Gast- gebvte; so daß Sir John Besch männiglich für einen reichen Mann angesehen wird. G e o r g i n a. Bist Du denn nicht reich, Papa? Sir John. Nicht im Geringsten —- Eitel Fopperei, Kind; eitel Fopperei, bei meiner Seele! Gleichwie Du mit einer Elritze an der Angel eine Forelle fängst, so werden durch eine zu rechter Zeit ansgeworfene Guinee deren hundert herangeholt. Es gelten zwei Regeln im Leben, nämlich: Erstens, die Menschen werden nicht nach dem geschätzt was sic sind, sondern nach dem was sie zu seyn scheinen. Zweitens, fehlt es Dir selber anVerdienst oder Geld, so mußt Du mit dein Verdienst und dem Gelde Anderer wuchern. Mein Vater gelangte znm Baronets- 10 titel durch seine Dienste in der Armee und starb ohne einen Heller zu hinterlajsen. In Folge seiner Dienstleistungen ward mir ein jährlicher Gnadengehalt von 400 Pfund. — In Folge meiner jährlichen 400 Pfund ward mir Credit für 800 Pfund. In Folge eines Jahreinkommcns von 800 Pfund heirathete ich Deine Mutter mit 10,000 Pfd. In Folge eines Vermögens von 10,000 Pfund hatte ich Credit für 40,000 Pfund, und zahlte wöchentlich drei Gninea's an Dick Gossip, daß er überall mich den „knickerigen Jack" nannte. G e o r g i n a. Hihihi! Ein widerlicher Spottname. Sir John. Aber ein werthvoller Ruf. Wird Einer knickerig genannt, so ist's eben so gut als nennte man ihn reich; und wird Einer reich genannt, so ist er ein aller Orten hochgeehrter Mann. In Folge meiner Refpektabilität schmeichelte ich mich bei der Wahlbürgerschaft ein, änderte meinen politischen Glauben, und überließ meinen Parlamentssitz einem Minister, wofür dieser einem Manne, der in so hohem Ansehen wie ich im Lande stand, nichts Geringeres als eine Sinccure bieten konnte, die zweitausend Pfund jährlich abwirft. Sieh, so hilft man sich im Leben vorwärts. Eitel Fopperei, Kind; eitel Fopperei, bei meiner Seele! Georgine,. Ich muß sagen, daß — 11 Sir John. Daß ich die Welt kenne. Nun, was Deine Zukunft betrifft, so habe ich all das Meinige verthan, und kann Dir daher nichts hinterlassen; dennoch hast Du, Deinen Onkel gar nicht mit eingerechnet, jederzeit für eine reiche Erbin insofern gegolten, als es Deine Anwartschaft an den reichen Nachlaß des „knickerigen Jack" betrifft. Derselbe Fall gilt von Deiner Erziehung. Ich habe nichts gespart, um den Schein zu bewahren — habe nimmer Dir den Kopf mit Historien und Homilien vollstopfen lassen; wohl aber lerntest Du singen und malen und tanzen und Dich mit Anstand im Gescllschaftssaale bewegen, und das ist der rechte Weg zur heutigen Bildung junger Fauenzimmer, so daß sie zum Stolz ihrer Aeltern und zur Segnung ihrer Gatten gereichen — das heißt, wenn sie einen Gatten erwischt haben. Apropos eines Gatten: du weißt, wir dachten an Sir Fredcrick Blount.. Georgina.' Ach ja, Papa, er ist so allerliebst — SirIoh n. Er war's, liebes Kind, bevor wir um Deines thcu- ren Oheims Absterben wußten; eine Erbin Deiner Art jedoch sollte sich nach einem Herzog umsehen. — Wo zum Wetter steckt Evelyn nur heute morgen? Georgina. Ich habe ihn nicht gesehen, Papa. Ein seltsamer Mensch, der Evelyn — so sarkastisch; dennoch kann er angenehm seyn. 12 Sir John. Ein Humorist, ein Cyniker! Man weiß nie, wie man mit ihm daran ist. Er ist mein Privatsekretär — ein armer Vetter, hat keinen Schilling im Vermögen, und doch will ich mich hängen lassen, wenn er nicht uns Alle in einer Art von Respekt hält. Georgina. Warum aber läßt Du ihn bei uns wohnen und leben, wenn nichts dabei zu gewinnen ist, Papa? S i r I o h n. Nichts zu gewinnen? Fehlgeschossen, Kind; er besitzt Talent, arbeitet meine Reden aus, verfaßt meine Flugschriften, sieht mein Rechnungswesen durch. Mein jüngster Commitee-Bericht hat mir viel Ehre eingetragen und mich an die Spitze eines zweite» Commitec's gestellt, zudem ist Evelyn unser Verwandter — bekommt keinen Jahrgehalt. Freundlichkeit gegen arme Verwandte verschafft uns immer einen guten Namen in der Welt, und Wohlthäiigkeit ist eine nützliche Tugend, zumal wenn sie sie uns nichts kostet. Mit unserer Verwandtin Clara ist's ganz etwas Anderes — ihr Vater ließ sichs cinfallen, mich zu ihrem Vormunde zu ernennen, obschon er ihr keinen Heller hintcrließ — eine nutzlose Last war sie mir also, und ich veranstaltete demnach, daß meine Halbschwester, Lady Franklin, die Clara zu sich nahm. Georgina. Wie lange wird Lady Franklin zum Besuche bei uns bleiben? 13 Sir John. Ich weiß es nicht, Kind; jedoch je länger, desto besser, denn ihr Gemahl hat ihr ein ansehnliches Vermögen hinterlaffen, worüber sie nach Gefallen verfügen kann.— Ah, sie kommt. Zweite Scene. Lady Franklin. Clara. SirJohn. Georgina. Sir John. Liebste Schwester, soeben sprachen wir zu Deinem Lobe. — Aber wie? Du trauerst nicht? Lady Franklin. Warum soll ich für einen Mann trauern, den ich niemals kannte? Sir John. Nun, er könnte Dir doch ein Legat ansgesetzt haben. Lady Frankl in. Dann hält' ich um so weniger Ursache zu trauern; Hahaha! Lieber Sir John, ich gehöre zu denen, die die Gefühle für eine Art von Kapital halten und dasselbe niemals unter falschem Vorwände angreifen. Slr John (bei Seile). Einfältige Frau! Du, Clara, zeigst Dich inzwischen aufmerksamer gegen das Herkommen; vbschon Du sehr, sehr, sehr entfernt mit dem Verstorbenen verwandt bist — im dritten Grade dünkt mich. Clara. Mr. Mordaunt ist meinem Vater einmal von wesent- 14 lichem Nutzen gewesen, und ich kann ihm durch nichts, als durch diese ärmlichen Tranerkleider, meinen Dank beweisen. Sir John. Dank? Hm! (Für sich.) Am Ende bildet die sich ein, auch etwas von der Erbschaft zu bekommen. Lady Franklin. Mr. Graves also ist Testamentsvollstrecker? Der nämliche Mr. Graves, der immer schwarz gekleidet geht? Der nämliche, der immer sein Mißgeschick und seine wohlselige Maria beklagt, bei der er ein Hundeleben führte? Sir John. Der Nämliche. Seine Livercien sind schwarz — sein Wagen ist schwarz — er reitet beständig einen schwarzen Klepper, und wahrhaftig, ich glaube, sollte er jemals wieder heirathen, so zeigt er seine Ehrfurcht für seine wohlselige Maria dadurch, daß er eine schwarze Frau nimmt. Lady Franklin. Hahaha! wir werden sehen. (Bei Seite.) Der liebe Graves; er gefiel mir schon lange: gab er doch einen ercellenten Ehemann ab! 1§vrkl)ll (tritt ein, und setzt sich unbemerkt an de» Tisch, von welche», er ei» Buch ausuimmt und liefet). Sir John. Welch eine Menge von Verwandten werden durch dies Testament ans Licht gebracht; da ist Mr. Stount, der politische Oekonom; dann Lord Glossmore -— 15 Lady Franklin. Dessen Großvater aus Pfänder lieh, so daß der Enkel ganz natürlich alles Populäre, alles Emporkömmliche, alles Plebeje durchweg verachtet. Sir John. Ferner Sir Frederick Blount — Lady Franklin. Sir Fwedwick Blount, der de» Buchstaben R als einen zu wauhen verwirft, und dafür ein W spricht — einer von den modernen, klugen jungen Herrn, denen es an Muth und Körperbeschaffenheit zu den derben Ausschweifungen ihrer Vorväter mangelt, und die deswegen sich in die Würde eines mädchenhaften Schmachtens hineinzwängen. Ein Mann nach der Mode im vorigen Jahrhundert war wild und unbändig — heut zu Tage ist er schleichend und egoistisch. Er thnt niemals etwas Thörich- tcs und spricht niemals etwas Vernünftiges. (Zu Gcor- gma.) Verzeihe mir, Liebe, mir fällt erst jetzt ein, daß Sir Frederick Dein Verehrer ist; wohl verstanden, wenn er zuvor nicht einsieht, „was es ihm schaden könnte," sich in Deine Schönheit und Deine Erwartungen zu verlieben. Dann ist da unser armer Vetter, der Studirte — Ah, sind Sie da, Mr. Evelyn? Sir John. Evelyn? Ha, Sie wollt' ich eben haben. Wo steckten Sie denn den halben Tag lang? Haben Sie jene Papiere durchgesehen? Haben Sie mir eine Grabschrist auf den hochwerthen Mordaunt verfaßt — Sic wissen, in 16 lateinischer Sprache soll sie sepn! Haben Sie meine Rede in Ereter-Hall in die kritischen Blätter besorgt? haben Sie die Debatten über die Zölle geprüft? und vor Allem, haben Sie im Stndirzimmer die stumpfen Federn corrigirt? Georgina, Und haben Sie mir die schwarze Flogseide mitgebracht? Haben Sic bei Storr nach meinem Ringe gefragt? und, da wir bei diesem trostlosen Vorfälle nicht ausgehen können — haben Sie bei Hookham die jüngsten Hefte des „H. B," und des „komischen Jahrbuches" abgefordert ? Lady Franklin, Und haben Sie nachgesehcn, was meinem braunen Pferde eigentlich fehlt? Besorgten Sie mir die Opern- Loge? Haben Sie einen Kreisel für mein Karlchen gekauft ? Evelyn (der fortwährend laö). Ja, ja, Paley hat völlig Recht in diesem Punkte; denn man stelle de» SyllogiSm so — l'Aufl'lickend.) Madam — Sir — Miß Vescy, was wünschen Sie von mir? Paley bemerkt, daß selbst Denen beizustehcn, die es nicht verdienen, zu besserer Feststellung unseres Miileidsgefühls hinwirkt. — Keine Entschuldigungen — ich bin gänzlich zu Ihren Diensten, Sir John. Es fährt ihm einmal wieder eine von seinen Grillen durch den Kopf, Lady Franklin. Sie gestatten ihm, sich seltsame Freiheiten herauszunehmen, Sir John. Evelyn. ES wird dies Sie weniger Wunder nehmen, Madam, wenn ich Ihnen sage, daß Sir John mir weiter nichts als das gestattet — Ich stehe jetzt im Begriff sein Wohlwollen in Anspruch zu nehmen. Lady Franklin. Um Verzeihung, Sir, und Ehre Ihrem Verstände. Sir John, ich sclss ein, ich werde hier störend, denn ich weiß, Ihr Wohlwollen ist so zart, daß Sie niemals Jemanden gestatten, dasselbe wahrzunehmen. (Sie geht bei Seite.) Evelyn. Ich konnte heute Ihre Aufträge nicht ausrichten — ich besuchte eine arme alte Frau — die meine Amme und meiner Mutter letzte Freundin war. Sie ist sehr arm, sehr krank, dem Tode nahe, und sechs Monate WohnzinS schuldig ! Sir John. Sie wissen wie herzlich gern ich Alles für Sie thue; jedoch die Amme — (bei Seite) Es gibt Leute, die fortwährend kranke Ammen haben — (laut) — man Hort von so vielen Betrügereien — Lassen Sie uns morgen weiter davon reden. Durch diese traurige TestamentServffnung wird all meine Aufmerksamkeit in Anspruch genommen. (Auf die Uhr sehend.) Hilf Himmel! schon so spät? Ich BulnierS Romane. UXXXVIl. 2 Hobe Briefe zu schreiben, und — keine einzige Feder haben Sie corrigirt? (Ab.) Georgina (die ihre Geldbörse hcrnimmt). Ich mögt' ihm geben was er wünscht — Jcdoib wenn ich am Ende die Erbschaft nicht bekomme? Papa hält mich so knapp — und dann muß ich mir durchaus jene Ohrringe kaufen — (Sie legt die Börse wieder hin.) Mr. Evelyn, wie lautet die Adresse Ihrer Annne? Evelyn (der die Adresse aufschreibt und hingibt). Sie hat doch ein gutes Herz bei allen ihren Schwächen. Ach, Miß Vesey, hätte jene arme Frau nicht meiner unglücklichen Mutter die Augen zugedrückt, so würde Alfred Evelyn nicht bei Ihrem Vater gebettelt haben. Clara (blickt verstohlen in die Adresse). Georgina. Ich will zuverlässig für die arme Frau sorgen (bei Seite) — sobald ich die Erbschaft bekomme. Sir John (draußen rufend). He! Georgy! Georgina. Ich komme schon, Papa. (Ab.) Evelyn (hat sich wieder an den Tisch drüben gesetzt, und stützt sei» Gesicht auf seine Hände.) Clara. Sein edler Geist so tief herabgebeugt! — Nun, in diesem Falle kann ich ihm einigen Tost reichen. (Sic setzt sich zum Schreiben.) Aber er wird meine Handschrift erkennen. — 19 Lady Franklin. Willst Du eine Rechnung bezahlen? Du hast ja da eine Banknote? Clara. Still. — O Lady Franklin, Sie sind das freundlichste aller menschlichen Wesen! Dies Geld ist für eine arme Frau — ich mögte, daß diese nicht erführe, von wem ihr die Sendung kommt, denn fie würde dieselbe dann zurückweisen. Wollten Sie? — Aber nein — Ihre Handschrift kennt er ebenfalls. Lady Franklin. Ob ich will? WaS denn? das Geld selbst überbringen? Mit Vergnügen. Arme Clara, dies hier umfaßt ja alle Deine Sparpfennige — und ich bin so reich. Clara. Nein, nein, ich wünsche dies Alles allein zu thun — es liegt ein Stolz, eine Pflicht, eine Freude darin, und ich habe so wenige Freuden! Nur leise; dort hinein! lSie geht mit der Lady i» das geöffnete Vorzimmer, wo sie leise mit ihr spricht.) Evelyn. So mnß ich denn mein elendes Leben Hinschleppen! Ich bin ehrgeizig, nndArmuth.zerrt mich niederwärts! — Ich besitze Gelehrsamkeit, und Armuth macht mich zum Packesel der Narren! — Ich liebe, und von meinem Altäre schreckt Armuth wie ein Gespenst mich zurück! Doch nein, nein— wenn ich , wie ich glaube,-wieder geliebt werde, so will ich — ja, so will ich-Was denn? 2 * Opium-Esser werben und von dem Paradiese träume», in das ich nimmer eintreten darf! Lady Franklin (verkommend, zn Clara), Ja, ja, mein Kammermädchen soll dies abschreiben und adresstren. Sie schreibt gut und ihre Handschrift wird Niemand erkennen. Ich besorge es auf der Stelle. (Ab.) Clara (setzt sich vor», zur Seite). Evelyn (liest). Sir Frederick Blount (tritt -in, Dritte Scene. Clara. Evelyn. Sir Frederick Blonnt. Blount (der statt des Buchstaben R durchgängig den Buch- staben W spricht). Niemand im Zimmer. — Ah! Miß Douglas. Bitte, lassen Sie sich durch mich nicht stören. Wo ist Miß Ve- scy — Georgina? (Er nimmt den Stuhl Clara'S, als diese aufsteht.) Evelyn (der aufblickte, stellt einen andern Stuhl für Clara hin, und setzt sich wieder bei Seite). Insolenter Geck! Clara. Soll ich ihr sagen, daß Sie hier find, Sir Frederick ? Blount. Um die Welt nicht — (bei Seite) Ein recht hübsches Mädchen, diese Gesellschafterin! Clara. Wie unterhielten sie sich neulich im Panorama, Vetter Evelyn? Evelyn (lesend). „Bisamgemch verdirbt die Zimmcrlilft. Die feinen Modeherrn sind eikl. Duft." Recht hübsche Verse, diese! Blount. Me, Sir? Evelyn (ihm das Buch anbietend). Meynen Sie's nicht auch? — Cowper sagt es. Blount (das Buch ablehnend). Cowper? Evelyn. Cowper. Blount (achselzuckend zu Clara). Sonderbarer Mensch, der Herr Evelyn! — gleichsam ein Charakter. — In der That, das Panorama gibt Ihnen keine deutliche Vorstellung von Neapel — einer köstlichen Stadt. Ich besuche sie regelmäßig ein Jahr um das andere. Ich bin leidenschaftlich für das Reisen eingenommen. Vielleicht ziehen Sie Nom vor — Rom hat zwar schlechte Gasthöfe, aber sehr schöne Weine; so daß man diesen daselbst ordentlich Geschmack abgewinnt. Evelyn (lesend). »Wie mancher Duus, der in der Fremd' umhergewühlt, Äst ärg'rcr Duus als der, den man zu HauS behielt!" Der Kerl, der Cowper, sagt ja ganz kuriose Dinge! Jedoch — es ist unter meiner Würde mich zu zanken. (Laut.) Die Verlesung des Testaments wird ja wohl nicht lange mähren. Der arme alte Mordaunt! — Ich bin sein nächster Verwandter. Er war arg überspannt. Beiläufig, Miß Douglas, bemerkten Sie meine Kalesche? Ich bringe durch sie die Kaleschen hier in die Mode. Wie würd'S mich freuen, wenn Sie mir erlaubten, Sie einmal spazi- ren zu fahren —- ja, ja, freuen würd's mich — auf mein Wort! (Er will Clara's Hand fassen.) Evelyn (auffahrend). Eine Wespe — eine Wespe! — fie will steh just setzen. Nehmen Sie sich vor der Wespe in Acht, Miß Douglas. Blount. Wespe? wo? Jagen Sie sie nur nicht hieher. Einige Leute machen sich nichts aus den Wespen; mir aber sind sie ganz besonders zuwider — sie stechen teufelmäßig. Evelyn. Um Verzeihung — es ist nur eine Bremse. Ein Diener (cintr-tend). Sir John wünscht Sie in seinem Studirzimmer zu sehen, Sir Frederick. (Ab.) Blount. Schon gut. Auf mein Wort, das Mädchen ist ganz allerliebst. Freilich liebe ich Georgina, — doch wenn diese Kleine mir wohlwollte — (wie in Gedanken) Hm, ich 23 sehe nicht ein, was mir das schaden könnte. — ^u plai- sir! (Ab.) Vierte Scene. Evelyn. Clara. Evelyn. Clara? C lar a. Netter? Ev elyn. Und auch Sie sind abhängig! Clara. Nur von Lady Franklin, die Alles aufbietet, es mich vergessen zu machen. Evelyn. Ganz gut; aber kann die Welt es vergessen? Diese freche Herablassung — diese geckenhafte Bewunderung — erbitternder als die Arroganz der Verachtung! Sehen Sie's nur ein — Behängen Sie die Schönheit mit Seidengewändern und Kaschemirshawls — heben Sie die Tugend in ihren Staatswagen — huldigen Sie den Launen Beider — verhülle» Sie sie gegen den Wind — umzäunen Sie sie mit einem goldenen Kreise — und Tugend und Schönheit sind Göttinnen sowohl für den Bauer, wie für den Prinzen. Entkleiden Sie sie aber jener llm- und Anhängsel — lassen Sie Schönheit und Tugend arm, abhängig , vereinsamt und wehrlos durch die Welt wandern — o ! wie ganz anders zeigt sich Ihnen da die Verehrung; 24 umringt zwar werden sie von den nämlichen Haufen von Narren, Gecken und Ausschwciflingen — jedoch nicht um angebetet zu werden, sondern um ihnen zum Opfer zu fallen! Clara. Vetter, Sie sind grausam. Evelyn. Vergeben Sie mir. Steht es um eines Mannes Herz besser als um sein Vermögen, so mischt sich Bitterkeit selbst in seine Herzensregungen. Kränkung, die mich selber trifft, vermag nicht mehr mich zu erzürnen. Ich kann spotten, wo ich ehedem grollte. Aber Sie, Sie, so zart gebaut und gepflegt — trifft S i e eine Geringschätzung — nur Ein rücksichtloser Blick — nur Ein schmähender Laut— o! da fühl' ich den eigentlichen Fluch des Armen. Ihm verleiht sein Stolz zwar eine Rüstung für die eigene Brust; aber dieser Stolz hat keinen Schild, um Andere damit zu decken. Clara. Aber ich habe auch meinen Stolz — auch ich kann über nichtssagende Frechheit lächeln — Evelyn. Lächeln? und er ergriff Ihre Hand! — O Clara, Sie kennen die Martern nicht, die ich täglich erdulde! Wenn Andere — Jugendliche — Schöne — gleiche — die geschniegelten Lieblinge der Welt sich Ihnen nähern, da schmäle ich sogar auf Ihre Schönheit — zur Folter wird mir jedes Lächeln, das Sie spenden. Nein — reden 25 Sie nicht! — mein Herz hat sein Schweigen gebrochen, und Sie sollen das Weitere Horen. Um Ihretwillen erdulde ich die lastende Knechtschaft dieses Hauses — das Thoren-Geschwätz — das Miethlings-Hohnlächeln — das Brot, das ich durch Mühseligkeiten erkaufe, die mir zu kühneren Zwecken verhelfen sollten. Ja, um Sie zu sehen — Sie zn hören — eine und dieselbe Luft mit Ihnen zu athmen — Ihnen stets nah zu seyn, damit wenn Andere Sie verletzen, Ihnen mindestens von Einem die Wonne der Hochschätzung geboten würde — darum, darum blieb ich hier, litt und duldete hier. O Clara, wir stnd Beide verwais't — Beide freundlos; Sie find mir Alles auf der Welt — Wenden Sie sich nicht ab — mein Innerstes spricht aus meinen Worten — ich liebe Sie! Clara. Nein — Evelyn — Alfred — nein! Sagen Sie das nicht — denken Sie es nicht! Es wäre Raserei. Evelyn. Raserei? Mit Nichten; hören Sie mich. Ich bin arm — so arm, daß ich um Brot für eine sterbende Pflegerin betteln mußte. Wahr! Aber ich habe ein Herz von Eisen! Ich besitze Kenntnisse — Geduld — Gesundheit — und meine Liebe zu Ihnen verleihet mir endlich Ehrgeiz. Ich habe bisher meine Kräfte unbenutzt gelassen, denn ich verachtete Alles, bevor ich Sie liebte. Mit Ihnen vereint für Sie arbeite»—Ihre Schritte unterstützen, Ihren Pfad ebnen dürfen — und ich — ich, ich, der arme Alfred Evelyn — ich verspreche, für Sie mir Ruhm und 26 Vermögen zu erringen! — Ziehen Sie Ihre Hand nicht zurück — diese Hand — soll sie nicht mein werden? Clara. Ach, Evelyn! Niemals — niemals! Evelyn. Niemals? Clara. Vergessen Sie diese Thorheit; »nsere Verbindung ist unmöglich, und von Liebe rede», hieß' uns Beide bethören — Evelyn (mit Bitterkeit). Weil ich arm bin? Clara. Und-weil ich es ebenfalls bin. Ein Ehe des Ent- behrens — der Dürftigkeit — reich an Tagen, von denen jeder seinen Nachfolger fürchtet — Ich habe solche Ehen gekannt. K ommen Sie nie wieder hierauf zurück. Evelyn. Genug — ich gehorche Ihnen. Wie täuschte ich mich — Hahaha! bildete ich mir doch Gegenliebe ein; ich, dessen Jugend schon zur Hälfte unter Mühen und Sorgen dahinschwand — dessen Gemüth grämlich ward — den Niemand lieben kann— oer Keine hätte lieben sollen! Clara (bei Seite). Und wäre es auch, damit nur ich allein leide, und vielleicht daran verkümmere! — O, was soll ich sagen? (Saut.) Evelyn — Vetter — 27 Evelyn. Madam? — Clara. Alfred — ich — ich — Ev elyn. Sie verwerfen mich? Clara. Ja! Es ist vorüber! (Ab.) Evelyn. Laß mich Nachdenken. Gestern war's, daß ihre Hand zitterte, als sie die meinige berührte. Und die Rose, die ich ihr reichte — ja, sie drückte sie an ihre Lippen, als sie mich nicht zu sehen schien. Aber es war eine Falle — eine Schlinge — denn ich war gestern so arm als ich es heute bin. Das wird nun Allen großen Spaß machen! Nun, Muth; erbärmlich nur ist ein Herz, das durch einer Kokette Verachtung brechen kann! Und jetzt, da ich für Niemanden zu sorgen habe, sey mir die Welt nichts als ein großes Schachbret, und ich will mich allen Ernstes hinsetzen und mit der Glücksgöttin spielen! (Ein Diener fährt de» Lord Glossmore herein.) Diener. Ich werde Mylord gleich bei Sir John melden. (Ab.) Evelyn (nimmt eine Zeitung zur Hand). Glossmore. Der Secretär — hm! — Schön Wetter, Sir. Gibt's Nenes aus dem Morgenlande? 28 Evelyn. Ja! — alle Weisen haben sich dahin zurückbegeben. Glossmore. Hahaha! nicht alle, denn hier kommt Mr. Stout, der große politische Oekonom — Fünfte Krone. Stout. Glossmore. Evelyn. Stout. Guten Morgen, Glossmore. Glossmore. „Glossmore!" — der Parvenü! Stout. Ich fürchtete, schon zu spät gekommen zu seyn — ward in der Kirchspielsversammlung aufgehalten. Es ist zum Erstaunen, wie unwissend die englischen Armeitsind! Anderthalb Stunden Zeit kostete es mich, einer dummen alten Wittwe mit neun Kindern einzutrichtern, wie cs gegen alle Grundsätze der öffentlichen Moralität streitet, ihr wöchentlich drei Schillinge zukommen zu lassen. Evelyn. Herrlich! — bewundernswürdig! — Ihre Hand, Sir! Glossmore. Wie? Sie billigen solche Doctrin, Mr. Evelyn? Sind alte Frauen denn nur da, um zu verhungern? Evelyn. Verhungern? Populäre Verblendung! Bemerken 29 Sie, Mylord — Geld an Hnngerleidende verabreichen, heißt nichts weiter, als der Hnngcrleiderei Vorschub thun. Stout. Das ist ein scharfsichtiger Mensch! , Glvssmore. Scheußliche Grundsätze! Schaffen Eie mir die guten alten Zeiten zurück, in denen es den Reichen Pflicht war, den Bedrängten beizustehen. ' Evelyn. Wohl erwogen, Mylord, haben S i e Recht. Auch ich kenne eine arme, kranke, sterbende, nothleidende Frau. Soll s i e ebenfalls umkommen? G l o ssm o r e. Umkommen? Gräßlich! — in einem christlichen Lande. Umkommen? Das verhüte der Himmel! Evelyn (die Hand hinstreckend). Was wollen Sie ihr denn geben? Glossmore. Hem! — Sir, die Pfarrgemeinde muß ihr geben. Stout (sehr heftig). Nein! — Nein — nein. Zuverlässig nein! Glossmore. Nein, nein? Ich aber sage ja, ja! Und weigert die Gemeinde sich, die Armen zu unterstützen, so bleibt einem Manne von Festigkeit und Entschlossenheit nichts übrig, als an den Grundsätzen fcstzuhalten, denen ich nachlebe, und der Einrichtung unserer Vorväter gemäß zu verfahren; so folglich der Pfarrgemeinde die Armen dadurch aufzuzwingen, daß man ihnen auch nicht Einen Heller gibt. Sechste Scene. Sir John. Blount. Lady Franklin. Geor- gina. Glossniore. Stont. Evelyn- Sir John. Wie steht's, wie gchts, meine Herren? Wir haben hier eine traurige Zusammenkunft abzuhalten. Der liebe Hochselige! Was für ein Mann war er! Blount. Ich erhielt nach ihm den Name» Frcderick. Er war mein leiblicher Vetter. Sir John. Und Georgina seine leibliche Nichte — ein ercellcn- ter Mann, wiewohl ein wenig wunderlich — viel Herz, aber keine Leber! Zweimal im Jahre schickte ich ihm dreißig Dutzend Krüge Chelicnhamcr Brunnenwasser — Es ist tröstend, bei dieser Gelegenheit solcher kleinen Aufmerksamkeiten gedenken zu können. S t o u t. Von mir erhielt er regelmäßig die Parlamentsdebatten — schön in Kalbsleder gebunden. Er war mein Vetter im zweiten Gliede — ein gefühlvoller Mag»; dabei ein Anhänger von Malthus; er heirathete nie, um nicht die überzählige Bevölkerung zu vergrößern und sein Geld an seine Kinder zu versplittcrn. Jetzt — 31 Evelyn. Jetzt erntet er die Segnungen des Cölibates in der auSstchtreichen Dankbarkeit jedes Vetters, den er auf Erden jemals hatte. ^ ' Lady Franklin. Hahaha! Sir John. St! St! der Anstand, Lady Franklin; der Anstand! Diener (meldend). Mr. Graves — Mr. Sharp. Sir John. Ah steh! Mr. Graves — und hier Sharp, der Rechtsanwalt, der das Testament aus Calcutta mitbrachte. Siebentc Scrnr. Die Vorigen. Graves. Sharp. Sir John. Glossmore. Blonnt und Stout. Ah, Sir — Ah, Mr. Graves! Gcorgina (hält ihr Tuch NN die Augen). SirIo h n. Betrübende Angelegenheit — G rave S. Ist doch Alles in der Welt betrübend! — Beruhigen Sie sich, Miß Vesey. Wahr ist's, Sie haben eincnOheim verloren ; ich aber — ich verlor eine Gattin — und was für eine Gattin! — die Erste ihres Geschlechts — und des Verstorbenen Muhme im zweiten Glieds. Entschuldigen 32 Sie mich, Sir John; allein beim Anblick Ihrer Trauer bluten meine Wunden von Neuem. Diener (reichen Wein n»d Gebackene» herum). Sir John. Nehmen Sie eine Erfrischung — ein Glas Wein. Graves. Vielen Dank! — (Ercellenter Xerez!) Ach, meine arme, wohlselige Maria! sie trank auch gern Xerezwein; Alles erinnert mich an Maria. Sieh da, Lady Franklin — Sie kannten sie. Nichts im Leben kann jetzt mich mehr reizen. (V-! Seite.) Eine wunderschöne Dame, diese Lady. ' Sir John. lind jetzt ans Geschäft. Evelyn, Sie mögen sich entfernen. Sharp (in seine Papiere blickend). ' Evelyn? verwandt mit Alfred Evelyn? Evelyn. Alfred selbst. Sharp. Des Verstorbenen Vetter im siebenten Gliede. Setzen Sie sich, Sir; es könnte sich für Sie ein Legatchen finden. Alle — auch die entferntesten Verwandten sollten wohl zugegen seyn. 'Lady Franklin. Dann fehlt Clara noch. Ich rufe sie. (Ab.) G e o r g i n a. Wohlan, Mr. Evelyn, ich hoffe, Sie erhalten auch 33 Etwas aus dem Testamente — einige Hunderte — vielleicht mehr noch. Sir John. Stille! St! St! — Hem, hem! Aufmerksam! (Während Sharp das Testament öffnet, treten Ladt) Franklin und Clara ein.) Sharp. Das Testament ist von wenige» Worten, da es fich auf selbsterworbenes Eigenthunr bezieht. Der Verstorbene war «in Mann, der jederzeit zur Sache zu kommen wußte. Sir John. Ich wollte, es gäbe mehrere seines Gleichen! . (Sr seufzt und schüttelt de» Kopf.) (Die übrigen Verwandten thun dasselbe.) Sharp (lesend). „Ich, Frederick James Mordaunt, zu Calcutta, der ich mich am heutigen Tage bei vollkommen gesundem Verstände, jedoch krankem Körper befinde, gebe, vermache und hinterlaffe durch Gegenwärtiges — erstens meinem zweiten Vetter, Benjamin Stout, Esq. zu Pall-Mall in London — (Die Verwandten zeigen lebhafte Aufregung.) Sharp lfortfahrend). — „den Betrag der Parlamentsdebatten, mit deren Zusendung er vor längerer Zeit mich behelligte — nach Abzug des Porto'S, das zu bezahlen er jedesmal vergaß; Bulwer's Romane. I X.X.XVII. 2 34 also die Summe von vierzehn Pfund, zwei Schillingen und vier Pfennigen. (Die Verwandten schürfen tief Athen,.) S t 0 u t. Wie? was? Vierzehn Pfund! Hol' der Geier den alten Geizhals! Sir John. Anstand, Anstand! — Fahren Sie fort, Sir. Sharp (lesend). „Ferner, dem Sir Frederick Blount, Baronet, meinem nächsten männlichen Verwandten — (Die Bcrwandten zeigen wieder lebhafte Aufregung). Blount. Armer alter Junge. (Georgine, legt ihren Arm anfBlountS Stuhllehne). Sharp (fortfahrend). „— da derselbe, wie ich vernehme, unter allen jungen Herren in London die Kunst sich zu kleiden am besten versteht, und zu Anerkennung dieses Verdienstes, als des einzigen das er besitzen soll, die Summe von fünfhundert Pfund, zum Ankauf eines Toilettekästchens. (Die übrigen Verwandten athnien tief auf.) (Georgina faßt einen Blick ihres Vaters auf, und zieht ihren Arm von der Stuhllehne zurück.) Blount (betroffen lachend). Hahaha!-Armseliger Witz — gemein! — sehr, sehr gemein! Sir John. Stille! St! Weiter! 35 Sharp (l-s-nd), „Ferner: An Charles, Lord Gloffmvre, weil er behauptet, mit mir verwandt zu seyn, meine Sammlung aufgenadelter Schmetterlinge, und den bis zur Zeit Königs Johann hinausreichenden Stammbaum der Familie Mordaunt — (Die Verwandten, wie vorhin,) Glvssmore. Schmetterlinge? Stammbaum? Ich sage mich lvS von dem Plebejer. Sir John (ärgerlich). Auf mein Wort, diese Unterbrechungen werden zu arg! — Anstand! — Weiter. Sharp (lesend), „Ferner: dem Sir John Vesey, Baronet, Ritter vom Guelphen-Orden und mehrerer gelehrten Gesellschaften Mitglied — (Die Verwandten, wie vorhin.) Sir John. St! Jetzt wird's wirklich interessant. Sharp (fortfahrend), der meine Schwester ehelichte, und mir alljährlich Cheltenhamer Brunnenwasser schickt, durch welches ich beinahe den Tod genommen hätte, vermache ich — die leeren Krüge. Sir John, Ha! der undankbare, schändliche, alte — S* 38 Alle Verwandte. Anstand, Sir John, — Anstand! Sharp (lesend). „Ferner: An Henry Graves, Esq.— (Die Verwandten, wie vorhin.) Graves. Pah, meine Herren! Wie gewöhnlich werd" ich kein Glück haben — nicht einmal ein Ring kollert für mich heraus; geben Sie Acht. Sharp (fortfahrend). „— die Summe von fünftausend Pfund in den Drei per Cents. Lady Franklin. Ich wünsche Ihnen Glück. Graves. Glück? Pah! Drei per Cents — Erlöschendes Staatöpapicr! Wär's ein Grundstück — wär's nur Ein Morgen Landes — aber es ist ganz so wie mein Glück. Sharp (leiend). „Ferner: Meiner Nichte Georgina Vesey — (Die Verwandten, wie vorhin.) Sir John. Aha, jetzt kommt'S! Sharp (fortfahrend). „— die Summe von zehntausend Pfund indisch Kapital, das, nebst den berühmten Ersparnissen ihres Vater-, 37 für sie, als für ein unverehelichtes Frauenzimmer, völlig hinreichenh ist. S i r I o h n. Was, zum T " * l! fängt denn der alte Narr mit all seinem Gelds an? . Alle Verwandte. Fürwahr Sir John, diese Unterbrechungen werden zu arg' — Anstand! Stille! Sharp (forlfahrend). „Vorbehaltlich obiger Legate und Ausnahmen vermache und hinterlasse ich mein Gesainmtvermogen in indischen Kapitalien, Schuldscheinen, Schatzanweisungen. Drei perCentS, Fünf per Cents Consols und in der Bank zu Caleutta, (indem ich ihn znm alleinigen Erben und in Gemeinschaft mir vorbenannten, Henry Graves zum Ere- cutor dieses Testamentes ernenne) an Alfred Evelyn — jetzigen oder ehemaligen Studenten auf dem Trinitäts- Cvllegio zu Cambridge — (Allgemeine Aufregung.) Sharp (fertfabrcnd ) „— indem derselbe, gleich mir, ein wunderlicher Kauz seyn soll, und der einzige.meiner Verwandten ist, welcher mir niemals speichelleckte, und der, weil er Entbehrung kennen lernte, um so besser mit vielem Gelde zu wirthschaften wissen wird." (Aufsteh-nv.) Und nun, Sir, habe ich Ihnen Glück zu wünschen und Ihnen von dem Verstorbenen diesen Brief zu überreichen, der, wie ich» glaube, von Wichtigkeit ist. Evelyn (nach Clara hinnberblickend). O Clara! hättest D» mir doch Gegenliebe geschenkt. Clara (sich abwenbend). . Ach, mehr noch als seine Armnth,.trennt sein Neich- thum uns für immer. Alle (umringen Evelyn um ihn zu beglückwünschen). Sir John lzn Georgina). Geh, Kind — mach' gute Miene zum bösen Spiele — er ist eine ungeheure Partie! (Zu Evelyn.) MeinJunge, ich wünsche Dir Glück; Du bist jetzt ein großer, ein sehr großer Mann! Evelyn (bei Seite), lind nur i h r Mund verstummt! Glossmore. Wenn ich Ihnen irgend von Nutzen seyn kann — Stout. Oder ich, Sir — Blount. Oder ich! — Soll ich Sie in die Clubs einführen ? Sharp. Sie werden einen Geschäftsführer nöthig haben — ich besorgte alle Geldangelegenheiten Mr. Mor- daunt'S — Sir John. Gemach! Mr. Evelyn ist hier wie zu Hanse — 39 stets betrachtete ich ihn wie einen Sohn! Nichts gibts auf der Welt, was wir nicht für ihn thäten — nichts! Evelyn. Leihen Sie mir zehn Pfand für meine alte Amme. Die Verwandten (greifen IN ihre Taschen — der Vorhang fällt.) , Ende des ersten Akts. Zweiter Akt. Erste Scene. tEin Vorzimmer in Evelyns neuem Hause. Seitwärts hinter einem großen Schirme sitzt Sharp an einem Pulte und schreibt; Bücher und Schriften liegen vor ihm. — Erimson, der Porträtmaler; Grab, der Verleger; Mac Stncco, der Architekt; Tabouret, der Tapezier; Mac Finch, der Juwelier; Patent, der Wagenfabrikant; Kitc, der Pferdehändler »nd Franz, der Schneider. —Diener in Liverei gehen ab und zu.) Patent (der eine Zeichnung zeigt, zu Franz). Ja, ja, Sir; dies nennt man das Evelyn-Vis-a- vis. Keiner ist so sehr Mode als Mr. Evelyn. Geld macht den Mann. Franz. Der Schneider, der Kleibcrmacher aber macht den vornehmen Mann! Ich, Mr. Franz, von Saint James'S — ich bins, der ihm das Maß nimmt, und ihm den Frack zuschneidet; ich mache die feinen hübschen Edelherrn, wenn Väter und Mütter nichts als häßliche nackte Jungen machen. MacStucco. Eun Mann von Geschmack ist Herr Evelyn. Er spricht davon eune Wühla (Villa) zu kaufen, blvS um sie 41 niederzureußen und wieder aufzubauen. Ah, steh da, Mr. Mac Finch — wohl eune Zeuchnung zu eiuem Silberservice? he? Mac Finch (eine Zeichnung abrollend). Ja wul, Sir, der Schild Alexanders des Grüßen, um Eisbecher und Ltmunadengläser zu tragen; er wird tausend Pfund kusten. Mac Stucco, Und dennoch spottwohlfeul seyn? Sie sind eun Schottländer? Mac Finch. Aberdunshire — Kakeln Sie wie ich, so gackere ich wie Sie. . (Die Thür II» Hintergründe wird geöffnet.) ^ EvelhN (eintretend). Ein Lever — wie gewöhnlich. Guten Tag. — Ah, Tabouret — Ihre Zeichnung von den Drccherieen; recht hübsch. Und was begehren Sie, Mr. Crimsou? Criin so n. Sir, wenn ich Sie porträtiren darf, so ist mein Glück gemacht. Jeder sagt, Sie sind der feinste Gemäldekenner. Evelyn. Gemäldekenner? ich? Sind Sie überzeugt, daß ich ein Gemäldekenner bin? Crimson. Ei, freilich! Kauften Sie nichtde» großen Correggio für viertausend Pfund? 42 Evelyn Nichtig — ich seh's ein. Also viertausend Pfund machen mich zu einem vollendeten Gemäldckenncr. Ich werde Sie rufen lassen, Mr. Crimson; guten Morgen. Mr. Grab — oho! Der Buchhändler, der mir früher fünf Pfund für mein Gedicht verweigerte. Sie hatten Recht; es war eine trübselige Schülerarbeit. Grab. Schülerarbeit? Mr. Evelyn, das Gedicht war erhaben ! Aber damals waren's schlechte Zeiten. Evelyn. Ja wohl, sehr schlechte Zeiten für mich. Grab. Jetzt aber, Sir, wenn Sie mir das Gedicht zum Verlag geben, bring' ich's in die Welt — weit in die Welt. Ich verlege nur Gedichte vornehmer Personen, Sir — und ein Mann Ihres Standes sollte in alle Welt gebracht werden. — Fünfhundert Pfund Honorar für das Gedicht, — Sir. Evelyn. Fünfhundert, da ich ihrer nicht bedarf, und keine Fünf, als diese mir ei» ungeheures Kapital gewesen seyu würden! „Seitdem ich reich geworden, welch Gewicht Als witzig und als fein hat mein Gedicht!" (Er wendet sich, die übrige» treten ihm entgegen.) Kite. Dreißig junge Hengste aus Uorkshire, Sir — .Patent (seine Zeichnung zeigend). DaS Evelyn-Vis-ü-vis! Mac Finch (ebenso). Das Evelyn-Platin (Plateau). Franz («er seinen Bündel öffnet, mit Würde). Sir, ich bringe den Frack — den berühmten Evelyn- Frack. Evelyn. Ei geht zum-will sagen, geht nach Hause. Macht mich mit Vis-a-vis und Plateaur und Möbeln und Kleidern so.berühmt, wie ich es bereits als Gemälde- Kenner bin, und es binnen Kurzem als Poet seyn werde. Ich überantworte mich Euch — Geht. (Alle, außer Evelyn, ab ) Evelyn. Stout. Evelyn (zu Stont, der eintritt). Stout, Sie sehen so erhitzt ans! Stout. Ich höre so eben, daß Sie das große Grundeigen- thum Groginhole an sich gekauft haben — Evelyn. Ganz recht. Sharp meynt, es war' ein guter Kauf. Stout. Nun denn, mein Freund Hopkins, der Mitglied für Groginhole ist, kann nicht bis nächsten Monat leben — inzwischen gestatten die Interessen der Menschheit kein Mitleid für Individuen. Der Patriot Popkins denkt 44 denkt an Hopkins Stelle zu gelangen, sobald dieser todt seyn wird — Ihre Verwendung wird ihm seine Wahl sichern! Jetzt ist Ihre Zeit da; tragen Sie der Aufklärung das Panier voran! — Bei Allem was Geistesblindheit heiße» kann, — hier koinmt Gloffmore! Zweite Scene. Stout. Gloffmore. Evelyn. Sharp (»°ch immer an seinem Schreibpult sitzend). Gloffmore. Ich Wünsche mir Gluck, Sie zu Hanse anzutreffen. Hopkins, Mitglied für Eroginhole, ist dem Tode nahe. Popkins, der Brauer, sucht bereits und zwar sehr gentlemanswidrig, unter der Hand für sich zu arbeiten. Schenken Sie Ihre Verwendung dem jungen Lord Cipher * — einem höchst schätzenswerlhen Kandidaten. Wir stehen an einem schauerlichen Moment — von der Wahl CiPherS hängt die Constitution ab — Voliren Sie für Cipher ! Stout. Popkins ist Ihr Mann. Evelhn lsimund). Cipher und Popkins — Popkins und Cipher! Aufklärung und Popkins — Cipher und die Constitution! Ich bin ganz betäubt. — Stout, man kennt mich nicht in Groginhvle. * Die wörtliche Ucbers. von „Cipher" würde .Null" seyn. Anin. d. Hebers. 48 Stout. Ihr Besitzthum kennt man dort. Evelyn. Aber die Reinheit des Wählens — die Jndependenz des Votirens — Stout. Freilich, Ciphcr besticht auf schmähliche Weise. Vernichten Sie seine Anschläge — bewahren Sie die Freiheiten des Boroughs — werfen Sie jeden Insassen zu seinem eigenen Hanse hinaus, sobald er gegen Aufklärung und PopkinS stimmt! Evelyn. Recht so! nieder mit denen, die sich die Freiheit nehmen , eine andere Freiheit als die unserige- anzubeten — darin liegt wahre Freiheit! Glossmore. Cipher hat Grundeigenthum im Lande — er will 50 000 Pfund jährlich haben— Cipher wird niemals ein Votum abgeben, ohne vorher zu erwägen, inwiefern Leute mit 50,000 Pfund jährlich von der Motion berührt werden ! Evelyn. Recht so! denn da es ohne Gesetz kein Grundelgenthum geben würde, so ist, wenn das Gesetz für das Eigenthum ist, dies die einzige eigentliche Eigenthümlichkeit des Gesetzes — darin liegt wahres Gesetz. Stout. PopkinS ist durchweg für Oekonomie — die öffent- 46 lichen Gelder werden kläglich verschleudert — dem Sprecher gibt man jährlich fünftausend Pfund, während ich einen Bruder habe, der mir im Vertrauen versichert, er würde das Amt des Sprechers für die Hälfte jenes Einkommens übernehmen! Glossmvre. Genug, Mr. Stout. — Mr. Evelyn hat zu viel auf dem Würfel, um für einen Aufklärer zu votiren. Stout. lind zu viel Verstand, um es für einen GeisteSbliu- denzuthun! Evelyn. Mr. Evelyn gehört zu gar keiner politischen Partei. — Spielten Sie jemals, was der Spanier „Batador" nennt? Glossmvre und Stout. „Batador?" Evelyn. Za, „Batador!"' Das ist ein Kampf zwischen zweien Parteien, von denen jede mit absonderlicher Geschicklichkeit etwas umherwirst — bald fliegt's hoch — bald weniger hoch — bald bleibt's niedrig — bald sausets hiehin — bald dorthin — bald überallhin — bald nirgendwohin! Wie ernsthaft sind dabei die Spielenden! wie gaffen die Umstehenden! welchen Lärm macht daS „Batador"! Fällt das Ding nun zu Boden — stellen Sie sich vor, da ist'S eitel Kork und Feder. Spielen Sie, meine Herrn; aber verlangen Sie nicht mich zum TheilNehmer. Stout (bei Seite). Trübselige Unwissenheit! — Ein Aristokrat! Glossmore. Herzlose Principien! — Ein Glücksritter! S t o n t. So verfahren Sie also nicht gegen uns? Morgen will ich Popkins herbringen. Glossmore. Bleiben Sie unentschieden, bis ich Ihnen Cipher vorstelle. Stout. Ich mnß Nachsehen, wie's uni Hopkins steht. Pop- kinS' Wahl wird eine Aera in der Geschichte abgeben. tAb.) ' Glossmore. Ich muß in den Club — des Landes Augen haften an Grogtnhole! fällt Cipher durch, so ist's um die Constitution geschehen. (Ab.) Evelyn. Einer wie der Andere! Das Gelb versus den Menschen ! — Sharp, kommen Sie her — ich muß Sie betrachten. Sie stnd mein Agent, mein Anwalt, mein Geschäftsführer. Ich halte Sie für rechtschaffen — aber was ist Rechtschaffenheit? — wo eristirt ste? — in welchem Theile von uns? Sharp. Sir, ich sollte meynen im Herzen. 48 Evelyn. Mr. Sharp, sie eristirt in den Hosentaschen. Sehen Sie her! Ich lege dies Stückchen gelber Erde ans den Tisch — ich betrachte es — ich betrachte Sie — dort den Menschen — hier das Gold! Wohl gibt eS manchen Mann da draußen auf den Straßen, der redlich ist, wie Sie es sind, der eben so gut sich bewegt, denkt, fühlt und folgert als wir es thun; der trefflich von Gestalt, unvergänglich von Seele ist, und der dennoch, wenn seine Tasche drei Tage lang leer bliebe, seine Vernunft, sein Denken, seinen Leib und obendrein seine Seele für diese« kleine Münzstück verkaufen würde! Ist das die Schuld des Menschen? Nein, es ist die Schuld der Menschheit! Gott machte den Menschen; schauen Sie, was durch die Menschheit-zum Gott gemacht worden ist! Als ich arm war, haßte ich die Welt; jetzt, da ich reich bin, verachte ich sie! Narren — Schurken — Heuchler! — Beiläufig, Sharp, schicken Sie hundert Pfund an den armen Maurer, dessen Häuschen gestern abgebrannt ist. Graves (tritt auf). Evelyn. Ah, Graves, mein theurcr Freund! Was ist das für eine Welt! Welche Welt — eine Hündin von Welt, die ihrem Herrn schmeichelt und den Bettler beißt. Haha! jetzt schmeichelt sic m i r, denn der Bettler hat die Hündin gekauft! GraveS. Es ist eine fürchterliche Welt! Inzwischen wollen Astronomen wissen, es gebe einen Kometm, durch den ste 4g eines Tages in Brand gesteckt werden wird — und darin liegt einiger Trost! Evelyn. Jede Stunde führt ihre düstere kehre mit sich — das Gemüth wird grämlich — die Neigungen verkümmern — das Herz verhärtet zu Stein! Zum Wetter, Sharp ! was stehen Sie denn da und gaffen? Haben Sie kein Gefühl im Leibe? Warum besorgen Sie nicht Ihr Geschäft bei dem Maurer? Sharp tg-tzt ab). Dritte Scene. Graves. Evelyn. Evelyn. Graves, unter allen meinen Freunden — und ihr Name ist Legion — sind Sie der Einzige, den ich schätze. Wir sympathistren mit einander — wir hegen gleiche Lebensansichten. Ich bin herzlich erfreut, Sie zu sehen. Graves (ächzend). Ah! wie mögen Sie sich freuen, einen so elenden Menschen zu erblicken? Evelyn. Weil ich selber elend bin! Graves. Sie? Possen! Sie würben nicht dazu verdammt eine Frau zu verlieren. Evelyn. Aber zum Wetter, Mann, ich könnt« dazu verdammt Wulw-r's Romane, rxxxvil. 4 seyn eine Frau zu nehmen! — Sehen Sie sich und hören Sie mich an. Ich bedarf eines Vertrauten! Ich war noch ein Knabe als mein Vater starb, und meine Mutter darbte sich's vom Munde ab, um mir Erziehung zu geben. Irgend Jemand hatte ihr gesagt, Gelehrsamkeit wäre besser als HauS und Hof — das war eine Lüge, Graves. Graves. Eine schändliche Lüge, Evelyn! Evelyn. In Folge jener Lüge gab man mich in die Schule — schickte mich auf die Universität als einen Seiser. Wissen Sie was ein Seiser ist? Einer der zu Cambridge auf der Hochschule auf öffentliche Kosten mit Brot und Bier versorgt wird — an Stolz ist er ein Gentleman, an Wissen ein Student. So läuft er unter Gentlemen und Stu- dircnden in der Liverei eines Armen umher. Ich trug die höchsten Preise davon — ich ward ausgezeichnet. Ich trachtete nach einer Lehrerstelle — nach Brot für mich und meine Mutter. Eines Tages beleidigte mich ein junger Lord — ich gab ihm die Beleidigung zurück — er schlug nach mir — weigerte mir Entschuldigung, weigerte mir Genugthuung. Warum weigerte er, ich war ein Seiser! ein Paria! ein Ding das da wäre um geschlagen zu werden. Nun denn! wenigstens war ich ein Mann, und karbatschte den Lord im Vorsaal, Angesichts der ge- sammten Collegenschast, tüchtig durch. Die Züchtigung, die Mylord erhalten hatte, war nach einigen Tagen vergessen; ich aber sah mich Tags darauf relegirt — sah 51 meine ganze Carrivre gestört. Sehen Sie da den Unterschied zwischen Reichthum und Armuth; ein Wirbelwind ist nöthig um Ersteren nur zu bewegen, durch einen Odemzug aber kann letztere entwurzelt werden! Ich kam nach London. So lange meine Mutter lebte, hatte ich eine Person für die ich mich abmüdete; — und ich that'S — und hoffte — und rang, um zu Etwas zu komme». Meine Mutter starb, und — ich weiß nicht wie'S kam — mir sank der Muth. Ich überließ mich meinem Schicksale; die Alpen über mir schienen mir zu hoch zu seyn, als daß ich sie erglimmen könnte; ich hörte auf, mich darum zu bekümmern, was aus mir werden würde. Endlich gab ich mich dazu her, den armen Verwandten — das Anhängsel — den Gentleman-Lackei Sir John Vesey's zn spielen. Dabei verfolgte ich aber einen Zweck — denn in dem Hause lebte ein Wesen, das ich beim ersten Erblicken lieb- gewonncn hatte. Graves. Und wurden Sie wieder geliebt? Evelyn. Ich wähnte es, und fand, daß ich mich täuschte. Kaum eine Stunde früher als ich mein jetziges ungeheures Vermögen erbte, gestand ich meine Liebe und ward abgewiesen, weil ich arm war. Nun merken Sie auf! Sie erinnern sich des Briefes, de» Sharp nach Verlesung des Testamentes mir überreichte — Graves. Freilich. Was enthielt der Brief? 4 " 52 Ev elpn. Nach einigen halb ironisch, halb ernstlich gemepnten Winken, Andeutungen und Ermahnungen — Ach! der gute Mordaunt hatte die Welt gekannt — äußert der Brief; — doch ich will ihn Ihnen vorlesen: — „Da ich Dich zu meinem Erben ausersehen habe, weil ich Geld für ein Unterpfand halte, das in Hände gelegt werden muß, die am besten damit umzugehen wissen, will ich jetzt Dir — keine Bedingungen machen , wohl aber eine Bitte ans Herz legen. Hast Du kein anderes und unauflösbares Herzensbündniß geschloßen, so wünschte ich wohl auf deine Wahl einer Gattin einzuwirken. Meine beiden nächsten Ver- wandtinne» sind meine Nichte Georgina und meine Base im dritten Gliede, Clara Douglas, die Tochter eines mir theuren, verstorbenen Freundes. Könntest Du eine von diesen zu Deiner künftigen Lebensgefährtin erwählen, so würde das eine Heirath seyn, die ich Wohl zu Stande bringen mögte, wenn ich lange genug lebe um nach England zurückzukehren." Sehen Sic, lieber Freund, dies ist keine testamentliche Vorschrift, denn die Erbschaft verknüpft sich nicht damit; dennoch brauch' ich wohl nicht zu sagen, daß mein Dankgefühl dies als eine moralische Verpflichtung betrachtet. Mehrere Monate find verflossen, seitdem ich diese Willens- meynung des Verstorbenen vernahm, — ich sollte Wohl endlich über dieselbe zu einer Entscheidung kommen. Sie 83 hörten die Namen — Clara Douglas ist das Mädchen, welche mich verwarf. Graves. Jetzt jedoch wird sie Sie annehmen. Evelyn. So halten Sie mich für einen so elenden Sklaven der Leidenschaft, daß ich meinem Golde das verdanken mögte, was meiner Herzensneigung verweigert ward? Graves. Inzwischen müssen Sie aus Dankbarkeit Eine von Beiden wählen, ja, ja, das müssen Sie wohl. Zudem befinden Sie sich fast beständig in dem Hause jener beiden jungen Damen — die Welt beobachtet dergleichen; auch müssen Sie in Einer von Beiden Hoffnungen erregt haben. Ja, ja, es wird Zeit zu entscheiden, welche von Beiden Sie lieben, welche Sie nicht lieben. Evelyn. Nun denn, am liebsten heirathcte ich da, wo ich ain wenigsten Ansprüche zu machen hätte. Eine Ehe, zu der beide Theile geziemende Hochschätzung und ruhige Werthachtung mitbringen, kann Zufriedenheit, wenn auch nicht Glückseligkeit gewähren. Doch ein Frauenzimmer zu ehe- lichen, die man anbeten mögte und deren Herz uns verschlossen ist — sich nach dem Schmucke zu sehnen und nur dessen Kästchen zu erhalten; eine Bildsäule zu lieben, die man nimmer zum Leben erwärmen mag — o! solche Ehe würde eine um so schrecklichere Hölle seyn, indem man dabei das Paradies vor Augen hat. 54 Graves. Gcorgina ist hübsch, aber eitel und leichtsinnig. — (Bei Seite.) Inzwischen hat ergarkeinRechtwählerisch zu seyn, denn er hat niemals meine Maria gekannt. (Laut.) Ja, ja, mein Freund, ich sehe es jetzt klar ein. Sie werden eben so elend sehn als ich es bereits bin. Sind Sie verehelicht, so wollen wir mitsammen seufzen und klagen. Evelyn. Vielleicht beurtheilen Sie Georgina falsch; sie mag edlerer Natur seyn, als sie es obenhin scheint. An demselben Tage, an welchem das Testament eröffnet ward, doch eine Stunde vor der Vorlesung, gelangte ein von fremder oder verstellter Hand geschriebener, mit der Unterschrift: „Von einer unbekannten Freundin Alfred Evelyns" versehener Brief, der eine für ein junges Mädchen bedeutende Geldsumme enthielt, an eine arme Frau, für die ich das Mitleid Anderer in Anspruch genommen, und deren Adresse ich einzig und allein Georginen vertraut hatte. Graves. Warum überzeugten Sie sich nicht? Evelyn. Ich wagte cs nicht, denn bisweilen, selbst gegen meine Vernunft, habe ich gehofft, Clara hätte jenen Brief geschrieben ! (Indem er einen Brief hervorzieht und ihn betrachret.) Doch nein! ich erkenne ihre Handschrift nicht darin. Graves, ich verabscheue das Mädchen. Sä Graves. Welche? Georgina? Evelyn. Nein; Clara! Inzwischen habe ich mich, Dank sey dem Himmel! schon einigermaßen an ihr gerächt. Hören Sie nur. (Leiseren Tones.) Ich habe Sharp bestochen, zu sagen, daß Mordaunt's Schreiben an mich ein Cobicill enthielte, durch welches Clara Douglas zwanzigtansend Pfund aus meiner Erbschaft zukämen. GraveS. Und dem war nicht so? Wie sonderbar denn, ihrer im Testamente keine Erwähnung gethan zu haben! Evelyn. Eine seiner Grillen; zudem hatte Sir John ihm geschrieben, daß Clara von Lady Franklin adoptirt worden wäre. Mich aber freut es — ich habe das Geld auS- gezahlt — Clara ist nicht mehr abhängig. Keiner kann sie jetzt schmähen — sie verdankt ihr Vermögen mir, und ahndet nichts davon, Freund — ahndet nichts davon! verdankt es mir, den ste verwarf; — mir, dem armen Studenten. Hahaha! Darin liegt einiger Hohn? wie? GraveS. Sie sind ein schmucker Gesell, Evelyn, und wir verstehen einander. Aber am Ende hat Clara die Adresse zu Gesichte bekommen, und jenen Brief diktirt — Evelyn. Meynen Sie das? — Ich will gleich zu Vesey'S gehen. 56 Graves. So? Hm! Da geh ich mit Ihnen. Lady Franklin ist eine hübsche Frau. Wäre sie nicht so lustig, so glaub' ich, ich könnte — Evelyn. Nicht doch, nicht doch! Denken Sie nicht dergleichen Dinge; die Weiber sind'noch schlechteüals die Männer! Graves. Wahr; Liebe ist Raserei eines Knaben! Evelyn. Empfinden heißt leiden. GraveS. Hoffen heißt getäuscht werden. Evelyn. Ich bin mit dem Roman des Lebens zu Ende. Graves. Der meinige ward mit Maria begraben. Evelyn. Wenn Clara doch dies geschrieben hätte? Graves. Eilen Sie, sonst treffen wir Lady Franklin nicht zu Hause an. O Thränenthal! o Thränenthal! Evelyn. Thränenthal — sürwahr! (Beide ab.) Graves (kehrt zurück und holt seine» Hut). Hab' ich doch meinen Hut zurückgelaffen! Ganz so wie mein Glück. Wäre ich Hutmacher geworden, so würden die Knäbchen ohne Köpfe zur Welt kommen.' (Ab.) Vierte Srene. (Die Zimmer bei Sir John Vesey, wie im ersten Akt.) Lady Franklin. Clara. Ein Diener. Lady Franklin. Zwei llhr vorüber, und ich habe mich noch an so manche Oerter zu begeben. — Mein Wagen soll Vorfahren — gleich. Diener. Um Verzeihung, Milady; der Kutscher sagte mir, ich sollte Ihnen melden, das junge Pferd wäre lahm geworden und könnte heute nicht vorgespannt werden. (Ab.) Lady Franklin. Hm! Wohl erwogen, ist das ein Glück. Jetzt habe ich eine Entschuldigung, eine Menge langweiliger Besuche nicht abzustatten. Zu dem Balle heut Abend muß ich mir Sir John's Vorspann erbitten. O Clara, meinen neuen Turban von der Carson mußt Du sehen — der hübscheste Kopfputz von der Welt und wie er mich kleidet! Clara. Ach, Lady Franklin, es wird Sie bekümmern, aber — aber — * Düsen melambolischen Scherz verdankt Mr. Graves einem arme» iialienischen Poeten. Anm. d. Werst 38 L a d y F r a n k l i ii. Nun? was? Clara. Welch ein Mißgeschick! Die arme Smith schwimmt in Thränen. Ich versprach ihr, es Ihnen beizubringen. Ihr kleiner Charley hatte sei» schriftliches Pensum gemacht und Dinte auf den Tisch verschüttet. Die gute Smith sah dies nicht, und als sie nun den Turban hernahm, um ihn mit den vvn Ihnen gewünschten Perlen zu schmücken- Lady Franklin. Ha! ha! legte sie ihn auf den Tisch und die Dinte verdarb ihn. Ha! ha! ich kann mir das Gesicht vorstellen, das die Smith dabei machte. Wohl erwogen ist's jedoch im Ganzen ein Glück, denn mich dünkt in meinem schwarzen Federhute sehe ich am Ende am besten aus. Clara. Theure Lady Franklin, Sie haben wahrlich das liebreichste Gemüth — Lady Franklin. Ich hoffe es; denn es ist der schmückendste Turban, den ein Frauenzimmer tragen kan». Denke daran, wenn Du heirathest. Da wir von Heirath sprechen — ich habe zuverläßig an Mr. Gravesvine Eroberung gemacht. Clara. An M. Graves? Ich meynte, der wäre untröstlich. Lady Franklin. lieber seine wohlselige Maria? Der arme Mann! nicht zufrieden, ihn bei ihren Lebzeiten zu Plagen, ängstet sie ihn noch nach ihrem Tode. Clara. Aber warum beklagt er sie so? Lady Franklin. Warum? weil er Alles besitzt um glücklich zu seyn — Vermögen, Gesundheit, guten Ruf. Da cs aber seine Wonne ist, unglücklich zu seyn, so nimmt er den einzigen Vorwand dazu her, den die Welt ihm gestatten will. Uebrigens ist das Art und Weise der Wittwer; nämlich wenn sie wieder auf Heirath denken. — Aber beste Clara, Du scheinst so zerstreut zu seyn — stehst so blaß, so unglücklich aus — Thränen sogar? Clara. Nein — nein, keine Thränen. Nein! Lady Franklin. Seitdem Mr. Mvrdaunt Dir zwanzigtausend Pfund hinterließ, bewundert Dich Jedermann. Sir Frederick ist dis zum Verzweifeln in Dich verliebt. Clara (mit Geringschätzung). Sir Frederick! Lady Franklin. Ah! Clara, sey getrost — ich kenne Dein Geheim- niß, und bin überzeugt, daß Evelyn Dich liebt. Clara. Einst — jetzt nicht mehr. Er mißverstand mich, als er arm war: und jetzt, da er reich ist, steht es mir nicht zu ihm Aufklärung zu geben. Lady Franklin. Liebes Kind, Glückseligkeit findet sich zu selten, um einer Grille aufgeopfert zu werden. Warum kommt Evelyn so oft hieher? Clara. Vielleicht Georginens wegen! lSir John tritt auf und sucht unter den Büchern und Papieren auf dein Tische.) Lady Franklin. Bah! Georgina ist meine Nichte; sie ist hübsch und besitzt Talente — doch ihres Vaters Weltsinn hat ihre Natur verderbt — sie ist Evelyns nicht Werth. Hinter dem Humor seiner Ironie befindet sich etwas Edles — etwas das noch zu Großem werden kann. Sowohl um seinetwillen als um Deinetwegen laß mich wenigstens — Clara. Mich seinem Mitleiden empfehlen? Ach Lady Franklin! hielte er nach Vorschrift um mich an, würde ich ihn abermals abweisen. Nein, kann er nicht in meinem Herzen lesen, so mag dies unerkannt brechen. Lady Franklin. Du mißverstehst mich, theures Kind. Laß mich ihm bloß sagen, daß Du jenen Brief diktirtest — daß Du jenes Geld an seine alte Amme schicktest. Arme Clara — es war Deine ganze damalige kleine Habe! Mindestens wird er dann erkennen, ob Geiz Dein Fehler seyn kann. 61 Clara. Er würde es errathen haben, wenn seine Liebe der ineinigen geglichen hätte. Lady Franklin. ES errathen? Unsinn! Die Handschrift ihm unbekannt — jeder Grund vorhanden zu glauben der Brief kam von Georgina — Sir John (bei Seite), Wie? kam von Georgina? Lady Franklin. Komm, laß mich ihm dies sagen. Ich weiß, welche Wirkung es aus seine Wahl haben wird. Clara. Wahl? o des demüthigenden Wortes! Nein, Lady Franklin, nein! Versprechen Sie mir's! Lady Franklin. Aber — Clara. Nein! versprechen Sie — aufrichtig — heilig. Lady Franklin. Nun denn, ich verspreche. Clara. Sie kennen das Furchtsame in meinem Charakter — ein Kind kann nicht scheuer seyn als ich es bin. Kriecht «ine Spinne am Fußboden hin, so lachen Sie oft, wenn Sie mich davor erbleichen und zittern sehen; und dennoch könnte ich mir diese Hand abhauen lassen — könnte baarfuß über die Pflugschaar des alten Gottes- 62 urtheiles schreite», uni nur Alfred Evelyn eines Augenblicke» Schmerz zu ersparen. Ich habe mich jedoch geweigert, seine Armuth mit ihm zu theilen, und würde vor Scham vergehen, wenn erdächte, ich hätte mich jetzt in seine Rcichthümer verliebt. Meine gütige Freundin, werden Sie Ihr Versprechen halten? Lady Franklin. Weil cs seyn muß — ja. Clara. Herzlichen Dank. Ich — ich — entschuldigen Sie — mir ist nicht wohl. (Ab.) Lady Franklin. Was für Närrinnen doch die Mädchen sind! Sie wenden eben so viele Mühe an einen Gatten zu verlieren, als eine arme Wittwe sich gibt einen zu bekomme». Sir John. Hast Du die heutige Zeitung nicht gesehen? Wo, zum Wetter! ist sie? — Ich finde sie nicht. Lady Franklin. Ich glaube, sie liegt in meinem Zimmer. Soll ich sie holen? Sir John. Liebste Schwester — Du bist das beste Geschöpf von der Welt. Thu' es. Lady Franklin (ab). Sir John. Ha! Du unnatürliche Rebellin gegen Deine eigene 63 Familie. Was ist das mit dem Brief? Ah, ich entsinne mich eines Umstandes. GeorgiN«! (austr-lcnd). Papa, mir fehlt — Sir John. Ja, ich weiß zur Genüge, was Dir fehlt. Sage mir — bist Du davon unterrichtet daß Clara Geld an die alte Amme schickte, um derentwillen Evelyn am Tage der TestamentSeröffnung uns so lästig fiel? Georgina. Nein. Er gab mir die Adresse, und ich versprach, wenn ich —'— Sir John. Gab Dir die Adresse? — Das ist herrlich. Still! Ein Diener (meldend). Mr. Graves — Mr. Evelyn. Fünfte Scene. Graves. Evelyn. Sir John. Georgina. Lady Franklin. Lady Franklin (zurückkommend). Hier ist die Zeitung. Graves. Recht so! Lesen Sic die Zeitungen, die werden Ihnen sagen, woraus diese Welt gemacht ist. Tägliche Verzeichnisse von Schelmerei und Jammer. Hier Ankündigungen von Quacksalbern, Geldverleihern, wohlfeilen Kaufläden und stickigen Jungen mit zweien Köpfen. So 64 Viel von Betrogenen und Betrügern. Blicken Sie auf die andere Columne — Polizetrapporte, Bankrotte. Schwindelet, und Verfälschung, und eine biographische Skizze, von dem stumpfnasigen Manne, der zu Pentonvilie seine eigenen drei Kinderchen ermordete. Bilden Sie sich ein, dies wären nur Ausnahmen von der allgemeinen Tugend und Gesundheit der Nation? Wenden Sie sich dem leitenden Artikel zu, und Ihnen wird das Haar zu Berge stehen bei der scheußlichen Gottlosigkeit, oder dem melancholischen Idiotismus jener Hälfte der Bevölkerung, die anders denkt als Sie denken. Ich habe Zeit meines Lebens schon achtzehn Krisen, sechs Annullirungen der Agrikultur und des Handels, vier Umstürze der Kirche, und drei letzte, endliche, schauerliche und unabzuhelfende Vernichtungen der gesammten Constitution gesehen! Und solch «in Ding, solch eine Zeitung nennt sich ein Neuigkeiten- Llatt! Lady Franklin. Haha! Ihre gewöhnliche Art sich auszusprechen! rmmer so belustigend und so froh gelaunt! Graves (mit gerunzelter Stirn, und sehr ärgerlich). Ma'am — froh gelaunt! Lady Franklin. Ja doch, Sie sollten beständig jenes angenehme Lächeln zeigen; sie sehen um so viel jünger und hübscher aus, wenn Sie lächeln. 65 Graves (besänftigt). Ma'am-tbei Seite) eine allerliebste Person, auf mein Wort! Lady Franklin. Haben Sie das jüngste Heft von „H. B." gelesen? ES ist ercellent; ich glaube, es wird Sie lachen machen. Doch, beiläufig, ich glaube nicht, daß Sie lachen können. Graves. Ma'am, ich habe nicht gelacht seit dem Tode meiner Ma — , Lady Franklin. Ha! und der höhnische Sir Frederick sagt, Sielachen niemals, weil — Aber Sie werden sich ärgern? Graves. Nergern? Pah! Ich verachte Sir Frederick viel zu sehr, als daß irgend etwas was er sagte, den geringsten Einfluß auf mich haben könnte. Er sagt also, ich lache nicht, weil — Lady Franklin. Weil Sie Ihre Vorderzähne verloren haben. Graves. Meine Vorderzähne verloren? Ans mein Wort, hahaha! Das ist zu drollig — ist kapital! hahaha! (lacht überlaut.) Lady Franklin. Hahaha! (Beide ziehen sich in das anstoßende Zimmer zurück.) Dnlwer's Romane. I,xxxvil. 5 66 Evelyn (für sich)- Also Clara erscheint nicht? Wie gewöhnlich weicht sie mir aus. Doch was kümmert das mich? — was ist sie mir? Nichts. — Mögt' ich doch schwüren, dies sey ihr Handschuh! Niemand anders im Hause hat solche kleine Hand. Sie wird ihn vermissen — ja, ja! Man beobachtet mich nicht — ich will ihn behalten, bloß um sie zu necken. Sir John (zu Georgina). Schon gut; laß mich nur machen. Du maltest sein Porträt, wie ich Dir es sagte? Georgina. Ja, aber ich konnte die Aehulichkeit nicht treffen; Clara half nach — Sir John. Das Mädchen ist beständig im Wege! Capitän Dudley Smooth (tritt auf). Guten Morgen, lieber John. Ah, Miß Vesey, Sie haben keinen Begriff von den Eroberungen, die Sie gestern Abend bei Almack machten. Evelyn (der Smooth mustert, während dieser mit Georgina sprich». Der dort also ist der berühmte Dudley Smooth? Sir John. Gemeinhin „der tüdtliche Smooth" genannt — der trefflichste Whist-, Ecartö-, Billard-, Schach- und Pi- quet-Syieler von hier bis zu den Pyramiden. Dabei hat er die angenehmsten Manieren — nennt Jeden bei seinem 67 Taufnamen. Hüten Sie sich nur Karte» mit ihm zu spielen. Evelyn. Er betrügt doch nicht, will ich hoffen? Sir John. St! Nein; aber gewinnt immer. Ein Paar Lords und ein halbes Dutzend Gardeoffiziere verzehrt er während jeder Season, und schluckt eines Mannes Vermögen wie eine Eur Karlsbader Brunnenwassers hinunter. Ein ungewöhnlich gewandter Mensch! Evelyn. Gewandt? Ja wohl. Stiehlt ein Armer ein Brot, so schreien wir die Schurkerei nieder — lenkt Einer seines Nachbars Mühlwasser ab, um mit demselben das eigne Korn zu mahlen, so schreien wir die Gewandtheit in die Höhe! — lind alle Welt huldigt dem Kapitän Dudley Smooth! Sir John. Ei, wer mögte ihn beleidigen? den wohlerzogensten höflichsten Mann — und dabei den geübtesten Schützen von der Welt. In allen drei Königreichen gibt es keinen gewandteren Mann. Evelyn. Eine Studie — eine Studie! — lassen Sie mich ihn genauer betrachten. Solche Menschen sind lebendige Sa- tyren auf die Welt.' Smooth (der nachlässig den Arm über S!r Jechips Schultern hinstreiktl. Lieber John, wie Sie so wohl anssehen! Neuer 5 * 68 Lebensmnth scheint Sie zu beseelen. Stellen Sie mich doch dem Herrn Evelyn vor. Evelyn. Sir, diese Ehre habe ich mir schon lauge sehnlich gewünscht. (Sie verbeuge» sich und reichen einander die Hand.) Sir Frederick Blount (anstr-iendi. Nun, wie geht's, Sir John? — Ah, Evelyn — wie verlangte mich danach, Sie zu sehen! Evelyn. Es gereicht mir zum Mißgeschick, daß ich sichtbar bi»! Blount. Kommen Sie ein wenig bei Seite. Sie wissen vielleicht, daß ich mich srüher um Miß Besey bewarb; jedoch seit dem vertrackten Testament läßt sie mich links liegen und spielt aus eine frühere Neigung an, die (lriseren Lon-s), wie ich weiß, erheuchelt ist. Evelyn. Eine frühere Neigung? (Er erblickt Clara, welche ein- tritt.) Ha! Clara! — Ein andermal, lieber Blount. Blount. So warten Sie doch einen Augenblick — Ich wünsche, daß Sie mir eins Gefälligkeit in Bezug auf Miß Douglas erweisen. Evelyn. Miß Douglas-? Blount. 2a. Begreifen Sie, obwohl Georgina große Erwartungen zn hegen hat, und der knickerige Jack ihr sein kg ganzes Vermögen hinterlassen wird, so besitzt sie für den Augenblick doch nichts als ihr Legat von zehntausend Pfund, das obendrein auf ihren Namen geschrieben stehen bleiben muß. Clara hat Zwanzigtausend; und mich dünkt, Clara liebt mich ein wenig. Evelyn. Sie? Ich kann mirS denken. Blount. Das Gerücht geht. Sie bewerben sich um Georgina; ja, Sir John gab deutlich zn verstehen, dies eben wäre die frühere Neigung. Evelyn. Wirklich? Blonnt. Da Sie nun Alles in Allem bei der Familie sind, und wenn Sie mir ein wenig bei Miß DouglaS das Wort reden wollten, so sehe ich nicht ein, was mir das schaden könnte. cBel S-lte.) Ich will Georgina für ihre Treulosigkeit bestrafen. Evelyn. Alle Tausend, Herr! sprechen Sie für sich selbst. Sie sind ganz der Mann, an dem junge Damen Wohlgefallen finden; sie verstehen Sie — Sie sind'gleichsam ihres Gleichen. Weg mit Ihrer übertriebenen Bescheidenheit ! Sie bedürfen keines Vermittlers. Blount. Bester, Sie schmeicheln mir. Nun ja, ich mag so 70 mit hingehen; Sie aber, Sie würden Alles vor sich daniederwerfen — Sie sind so teufelmäßig reich. Evelyn lsich an Clara wendend). Miß Douglas, was halten Sie von Sir Frederick Blount? Betrachten Sie ihn. Er ist wohl gekleidet, jung, leidlich hübsch — (Blount vertrugt sich.) Evelyn. Er verbeugt sich mit Anstand — weiß allerliebst von Kleinigkeiten zu reden — besitzt Alles, was da fesselt. Dennoch meynt er, daß wenn er und ich sich um dieselbe Dame bewürben, ich den Sieg davon tragen würde, weil ich reicher als er bin. Was sagen Sie dazu? Ist die Liebe eine Auction? und gibt ein Mädchen ihr Herz dem Meistbietenden? Clara. Ihr Herz? — Nein! Evelyn. Aber ihre Hand — ja! Sie wenden sich ab. Ha! Sie wagen es nicht, diese Frage zu beantworten! G e o r g i n a. (Bei Seite.) Sir Frederick macht Clara den Hof? Zch will ihn für seine Treulosigkeit strafen. — Sie sind der Letzte, der so redensollte,Mr. Evelyn; Sie, dessen Neich- thum Ihr geringster Vorzug ist; Sie, den Jeder bewundert; Sie, der Sie so geistreich sind, so feinen Geschmack, so seltene Talente besitzen! — Ah, ich bin recht albern! 71 Sir John (schlägt Evelyn auf die Schulter). Sie sollen meinem Mädel nicht den Kopf verdrehen. Eh ei! Sie sind mir ein schlimmer Gesell! — Apropos, ich muß Ihnen doch Georginens Zeichnungen zeigen. Sie hat wundersame Fortschritte gemacht, nachdem Sie ihr Unterricht in der Perspective gaben. Georgina. Nicht doch, Papa! Bitte, nicht doch! Sir John. Possen, Kind! —- Es ist kurjoS, aber fie hat mehr Scheu vor Ihnen als vor jedem Andern. Smooth (schnupfend, zu Blount). Ein vortrefflicher Vater, unser lieber John, der sogar Mutterstelle bei seiner Tochter vertritt! (Er wendet sich zu Lady Franklin und GraveS.) (Evelyn und Georgina sehe» sich und betrachte» eine Mappe voll Zeichnungen.) (Sir John bückt sich über sie.) (Sir Frederick unterhält sich mit Clara.) Evelyn (der bald die Zeichnungen betrachtet, bald aufBlount und Elara blicki). Herrlich! eine Ansicht von Tivoli — (Wahrhaftig! sie senkt den Blick, während er zu ihr spricht.) Ist hier im Coloriren nicht ein kleiner Fehler begangen worden? (Ja gewiß, sie crröthet!) Aber dieser Jupiter ist köstlich. (Verwetterter Geck, der er ist!) Ja, t-r steht auf,) zuverlässig liebt sie ihn. O, ich kann auch anderswo lieben 72 — kann auch auf einer Andern Gesicht Lächeln und Erreichen sehen! Georgina. Ist Ihnen nicht wohl? Evelyn. Doch, doch; um Verzeihung. Ja, Sie haben in der That Fortschritte gemacht, Wer wäre auch so gebildet wie MißVesey? ' ' (Er rafft die Zeichnungen auf, und erweiset in, stummen Spiele Georginen viele Artigkeit). Clara. Ja, Sir Frederick, das Coneert war sehr zahlreich besucht.— (Bei Seite.) Ich sehe es, daß Georgina ihn wegen der Vergangenheit tröstet; für sie hat er nur Lob; für mich nichts als Hohn. B l o u n t. Ich wollte. Sie bedienten sich am künftigen Sonnabend meiner Opernloge — sie ist die beste im ganzen Hause. Ich bin nicht reich, allein ich genieße das was ich besitze. Es ist nun so meine Grille, Alles auf das Beste zu haben — beste Opernloge — beste Hunde — beste Pferde — das beste Haus in seiner Art. Zu Vervollständigung meiner häuslichen Einrichtung fehlt mir nichts als die beste Frau. Clara (in Zerstreuung). Die wird sich bald finden, Sir Frederick. Evelyn. O, sie wird sich finden — wird sie? Georgina schlug 73 den Hasenfuß aus — sie läßt sich seine Süßreden gefallen. (Er nimmt ein Bildnis auf.) Wie? was ist daS? Mein Porträt? G e o r g i n a. O das dürfen Sie nicht anschn — nein, nein das nicht! Ich wußte gar nicht,.daß es in der Mappe lag. Sir John. Was Ihr Porträt, Evelyn! — Wie Kindchen? wußte ich doch nicht, daß du auch porträtirst. Das ist ja ganz etwas Neues! Auf mein Wort — treffend ähnlich! Georgine,. L nicht doch; eS läßt ihm durchaus keine Gerechtigkeit widerfahren. Geben Sie eS her; ich will cs zerreis- sen. — (Bei Seite.) Der abscheuliche Sir Frederick! Evelyn. Nein, das sollen Sie nicht. Clara. So also liebt er sie? O Elend! Aber er soll nichts merken — o! ich kann auch stolz seyn. — Ha! Ha! Sir Frederick — trefflich! herrlich! Sie sind so unterhaltend, so — hahaha! (Sie lacht krampfhaft.) «, Evelyn. O über die Affektation der Koketten! nicht einmal natürlich lachen können sie. (Clara blickt vorwurfsvoll aufEvclyn und geht mit Blonnt zur Seite.) Evelyn. Aber wo ist denn die neue Guitarre, die Sie zu kau- 74 fen gedachten, Miß Vesey — die mit Schildpatt ausge- lcgte? Seit einem Jahre schon trugen Sie Verlange» nach ihr, und ich sehe sie noch immer nicht. Sir John (ihn vertraulich bei Seite nehmend). Die Guitarre? O, lassen Sie sich ein Geheimniß entdecken. Georgina verwendete das Geld, das ich ihr dazu gab, vor einigen Monaten zu einem wohlthätigen Zwecke — gerade an dem Tage, an welchem das Testament verlesen ward. Ich sah den Brief, mit dem Geld darin, auf dem Tische liegen. Sagen Sie ihr ja kein Wort davon — sie würd' es mir nimmer vergeben. Evelyn. Brief? Geld?^An wen lautete die Adresse? doch nicht an Stanton? Sir John. Ich erinnere mich wirklich nicht. Evelyn (de» Brief hervorziehend). Dies ist nicht ihre Handschrift? Sir John. Nein. Ich bemerkte damals, daß es nicht ihre Handschrift war, brachte jedoch aus ihr heraus, daß sie sticht wünschte, man mögte um die Sache wissen, weshalb sie denn auch den Brief von einer dritten Person hatte kopi- rcn lassen. Darf ich diesen Brief sehen? — Ja, mich dünkt, so war jener auch abgefaßt. Inzwischen darf ich Ihnen nicht sagen, wem das Geld zukommen sollte. Ich versprach meiner Tochter, verschwiegen zu sehn. Wie 75 jedoch erfuhr sie die Adresse der armen Stanton? Mir gaben Sie sie nie. Evelyn. Ich gab sie ihr, Sir John. Clara (in einiger Entfernung). Ja, Ich will in die Oper gehen, wenn Lady Franklin milgeht. Gehen Sie mit, liebe Lady — also am Sonnabend, Sir Frederick. Evelyn. Sir John, einem Manne wie mir ist diese einfache Handlung prunkloser Wohlthätigkeit mehr als alle Talente der Welt werth. Gutherzigkeit, Zartgefühl, stille Wohlthätigkeit, Bescheidenheit, die vor ihrer eigenen Trefflichkeit crröthet, eine Neigung zu dem was erhabener als der Mammon ist — das sind die wahren Talente, durch welche die Schönheit ewig jung erhalten wird. Solche Vorzüge habe ich in derjenigen gewünscht, die ich znr Lebensgefährtin wählen mögte; — solche Vorzüge fand ich — ach! wo sie zu finden ich mir nicht träumen ließ! — Miß Vesey, ich will redlich seyn, und sage also freimüthlg — (als Clara näher kommt, erhebt er seine Stimme und firirt Clara) — ich habe eine Andere herzlich, innig, wahr, bitterlich — vergebens geliebt. Nicht kann ich Ihnen wie Jener die zarte erste Liebe des menschlichen Herzens in all ihrer Blüthe und Frische darbieten; wenn jedoch Hochschätzung— wenn Dankbarkeit — wenn ernster Entschluß, jede Erinnerung, die mich von Ihnen ablenken könnte, zu bezwingen; — wenn dies Alles Sie geneigt machen kann, meine Hand und mein Vermögen anzunehmen , so soll all mein Denken und Thun darauf gerichtet seyn, Ihr Vertrauen zu verdienen. (Clara steht regungslos, faltet die Hände und setzt sich dann langsam.) Sir John. Dies ist der glücklichste Tag meines Lebens. (Clara kehrt wie ohnmächtig zurück.). Evelyn (hastig zu Clären hin; hei Seite). Sie erblaßt, ste wird ohnmächtig! Was habe ich gethan? O Himmel! Clara! Clara (anfstehend, mit Lächeln). Seyn Sic glücklich Vetter, glücklich! Aus vollem Herzen sag' ich es — seyn Sie glücklich, Alfred Evelyn! Ende des zweiten Akts. Dritter Akt. Erste Scene. (Die Zimmer in Sir John Deseh'S Hause.) Sir John. Georgina. Sir John. Und er drang nicht in Dich, den Tag der Vermählung festznsetzen? ' - Georgina. Nein; und seitdem er um mich anhielt, kommt er nur selten her, nnd blickt immer so düster. Ja, ja! der gute Sir Frederick war zwanzigmal unterhaltender. Sir John. Aber Evelyn ist sünfzigmal reicher. Georgina. Sir Frederick kleidet sich so hübsch. Sir John. Dich werden prächtige Diamanten schmücken! Inzwischen hör' ein ernstes Wort an. Ich sah Dich gestern auf der Promenade mit Sir Frederick; das darf nicht wieder Vorfällen. Ist ein junges Mädchen einem Manne versprochen, so stellt sich nichts so ungeziemend heraus, als wenn sie sich von einem Andern den Hof machen läßt. 78 Ich sag's, höchst ungeziemend ist'S, und könnte sogar Deiner Heirath hinderlich werden. Georgina. Sey unbesorgt, Papa — er macht mir'S wett, bei Clären. S i r I o h n. Wer?- Evelyn? Georgina. Sir Frederick. Hu! ich Haffe die verschmitzten Mädchen. Sir John. Der Ehekontrakt wird glänzend seyn! Wenn irgend etwas geräth, so kann nichts hübscher als Dein Leibge- ding seyn. Georgina. Mein gütiger Vater weiß doch Alles so anmuthig ins Licht zu stellen! Aber fürchtest Du nicht, er mögte es entdecken, daß Clara den Brief schrieb? Sir John. Nein. Zudem werd' ich Clara aus dem Hause schassen. Ganz etwas anderes beunruhigt mich. Du weißt, daß Evelyn, sobald er die Erbschaft erhoben hatte, wie ein Prinz zu leben anfing, und solches Leben forttreibt. Sein Haus in London ist ein Palast, und überdies hat er ein großes Landgut gekauft. Betrachte seine Lebensweise — Bälle — Schmausereien — schöne Künste — Musiker — milde Gaben, — kurz der Teufel ist los! 79 Georgina. Ei, er kann es bestreiten. Sir John. Nun ja, so lange er noch dabei blieb, Hegteich keine Besorgniß; allein seit er um dich anhielt, treibt er es ärger denn jemals. Es heißt, er habe sich dem Spiel ergeben, und er ist beständig in Gesellschaft des CapitänS Smooth. Gegen den tödtlichen Smovth kann kein Reichthum bestehen. Geräth Evelyn in eine Klemme, so könnte das schlimm auf den Ehekontrakt zurückwirken. Wir müssen die Vermählung beschleunigen. Georgina. O weh! Armer Frederick! — Du glaubst nicht, Papa, daß er Clara wirklich liebt? Sir John. Auf mein Wort, ich kanns nicht sagen. Nimm Deinen Hut und komm mit nach Storr und Mortimers Magazin um die Juwelen auszusuchen. Georgina. Die Juwelen — ja, die Fahrt wird mir wohl thun. — So willst Du also Clara fortschicken? — sie ist so hinterlistig. Sir John. Sey unbesorgt — sie soll fort. Sag' ihr, sie mögte zu mir herunter kommen. (Georgina ab.) 80 Sir John. Ja; ich muß diese Heirath beschleunigen. Georgina hat nicht Witz genug ihn zu lenken — wenigstens nicht eher als bis er ihr Mann ist; denn dann segeln alle Weiber in glattem Wasser. Diese Heirath wird mich zu einem ungeheuer wichtigen Manne machen! ich hoffe, er wird ihre zehntausend Pfund mir überlassen. Daß er sich dem Spiele hingibt, ist mir ein unerträglicher Gedanke, denn ich liebe ihn wie meinen Sohn — und betrachte sein Geld wie mein eigenes. Zweite Scene. Clara. Sir John. SirIoh n. Meine liebe Clara — Clara. Sir? Sir John. WaS ich Dir sagen werde, Beste, dürfte ein wenig rauh und unfreundlich klingen; aber Du kennst meine Offenherzigkeit. Zur Sache also: Mein armes Kind, ich merkte Deine Neigung für Mr. Evelyn — . Clara. Sir! meine Neigung? Sir John. Sie wird allgemein bemerkt. Lady Kind sagt, Du magerst ab. Nrmes Mädchen, ich beklage Dich, fürwahr. 8l ich thu's." „Sieh, Du schriebst da einen Brief an seine „alte Amme — das ist irgendwie ruchbar worben — und „die Welt ist so bösartig. Ich weiß nicht, ob ich Recht „daran that; allein nachdem er um Georgy angehalten „hatte (eher nicht, wie stch von selbst versteht,) hielt ich es „für nachtheilig, daß man Dich, ein junges Mädchen, iu „Verdacht einer Handlung hätte, die Bezug auf einen jun- „genMann hat, mit dem Du in keiner Verbindung stehst ; „und so ließ ich denn die Vermuthung rege werden, Georgy „selbst hätte den Brief geschrieben. Clara. „Sir, ich weiß nicht mit welchem Rechte Sie — Sir John. „Sehr wahr, liebes Kind; und ich habe d'rum gemacht, ob eS vielleicht besser wäre, wenn ich Mr. Evelyn „sagte, daß jener Brief von Dir herrührt. Soll ich das? Clara. „Nein, Sir, Das sollen Sie nicht thun. Ich — „ich —" (Sic weint.) SirJohn. Liebe Clara, hänge dem nicht weiter nach. Ich würde um die Welt nicht so sprechen, wäre ich nicht in Etwas um mein eigenes Kind besorgt. Georgina fühlt * Die mit , dezeichneten Zeilen sind bei der Aufführung de? Stücke? ausgelassen worden. Anni. d. Lerf Vulwer's Romani. I.XXXVII. 6 82 sich so unglücklich über das, was Jedermann Von Deiner Neigung spricht — Clara. Jedermann? O Folter! Sir John. Es nagt ihr am Herzen — es entrüstet sogar ihr Gemüth. Du siehst selbst, daß Mr. Evelyn, obschon die Heirath so zu sagen unverzüglich vor fich gehen soll, nicht so oft hieher kommt, als er es billig sollte. Mit Einem Worte, ich fürchte, diese kleinen Eifersüchteleien und Besorgnisse könnten der künftigen Ehe einige Bitterkeit einfloßen — ich bin Vater — vergib mir. Clara. Ihre Ehe verbittern? O, nimmer! Was soll ich thun, Sir? Sir John. Je nun, Du bist jetzt unabhängig. Lady Franklin scheint entschlossen zu seyn in London zu bleiben. Sie wird, denk' ich, nicht so thöricht seyn, durch eine alberne Neigung für Mr. Graves ihr Geld der Familie entziehen zu wollen, obwohl Graves fortwährend ums Haus herum schleicht und ächzt, wie ein schwarzer Kater, der den Schwindel hat. Was meynst Du dazu? Clara. Sir, die Rede war von mir— von mir, der unglücklichen — Sir John. (Bei Sein-.) Wie schlau! — (Laut.) Ganz recht, was 83 ich sagen wollte, war dies: Lady Franklin besteht auf Hierbleiben; Du bist Deine eigene Herrin. Mrs. Carlion, die Tante meiner verstorbenen Frau beabsichtigt eine kleine Reise und würde eö höchst erfreulich finden, wenn Du fie begleitetest. Clara. Eben um diese Gunst habe ich Sie bitten wollen. (Bei Seite.) Wenigstens entrinn' ich so dem Kampfe und der öffentlichen Nachrede. Wann reiset die Dame? Sir John. Binnen fünf Tagen — künftigen Montag. Du verzeihest mir? Clara. Sir, ich danke Ihnen. Sir John lde» Tisch schiebend). Wenn D» selbst einige Zeilen an Mrs. Carlton schriebest, und die Sache sofort abmachtest? Ein Diener (cintretend). Es ist vorgefahren, Sir John. Miß Vesey erwartet Sie. Sir John. „Einen Augenblick. Soll ich Evelyn sagen, daß „Du jenen Brief schriebst? Clara. „Nein, Sir, ich bitte Sie. Sir John. „Allein es würde nachtheilig für Georgine, seyn, „wenn es entdeckt würde. 6 * 84 Clara. „Es soll nimmer entdeckt werden. Str John. „Nun, wie Du'S willst. Ich weiß, einem jungen „Mädchen, die Stolz und Zartsinn besitzt, könnte nichts „peinlicher seyn." — James, wenn Mr. Serious, der Geistliche kommen sollte, so sag' ihm, ich wohnte der großen Sitzung in Ereterhall bei. Kommt Lord Spruce, so metznst Du, ich wäre in die Singeprobe der Oper Aschenbrödel gegangen. Und sollte Mac Finch kommen, Mac Finch, der mir allwöchentlich dreimal zur Last fällt, so sagst Du ihm, ich wäre nach Garrawaps geeilt, um auf das große Landgut Bulstrode zu bieten. Eine Karte von Herzog von Lofty, wenn sie eingereicht wird, wirfst Du nachläßig auf den Tisch im Vorsaal. Dann, James, erwarte ich kurz vor dem Mittagessen zwei Herren, — Mr. Squab, den.Radicalen und Mr. Qualm, Mitglied der großen Marplebone Cvnservative-Affociation. Führe Squab in's Cabinet, und sorge dafür, daß er die Zeitung „4VoekI)- llwuo 8nn" in die Hände bekommt. Qualm wird ins Hintcrzimmer geführt, wo er die „llllmos" und die „Roi'iiinZ l>ost" vorfinden muß. In dieser Welt kommt es nur darauf an, die Leute zu nehmen wie sie sind. Eitel Fopperei! auf mein Wort eitel Fopperei! (Ab., Clara (den Brief, den sic schrieb, zusammenlegend). So wär's denn entschieden. Noch wenige Tage und wir find für immer getrennt; — noch wenige Wochen, und eine Andere wird seinen Namen führen, wird seine Gattin seyn! O der Glücklichen! sie wird das Recht haben zu ihm zu sagen, „ich bin Dein," auch wenn die ganze Welt es hörte. Und ich sollte ihr Loos verkümmern? ich ihre Freudensonne verdüstern? Nimmer! O Alfred, wenn sie nur Dich liebt — Dich kennt — Dich schätzt und Dir, wenn Du ihr Unrecht thatesi, so vergeben kann, wie ich Dir vergebe; o! so werde ich in der Ferne sie segnen, und wie Dich auch sie in mein Gebet einschließen. Evelyn (draußen). Miß Vesey so eben ausgefahren? Nun so werde ich eine Zeile schreiben. Dritte Srcnr. Evelyn. Clara. Evelyn. (Bei Seite.) Ah! Clara! (Laut.) Lassen Sie sich durch mich nicht stören, Miß DouglaS. Clara (gehend). Keineswegs — ich habe geendigt. Evelyn. Ich sehe es, daß meine Gegenwart Ihnen jedesmal zuwider ist. Aus diesem Grunde komme ich so selten h ieher. Doch seyn Sie getrost, Madam. Ich bin nur hier um meinen Hochzeittag festzusetzen, und begebe mich dann aufs Land bis — bis — Kurz, dieser mein Besuch wird 86 der letzte seyn, der Sie durch mein Kommen aus diesem Zimmer vertreibt. Clara (bei Seite). Der letzte Besuch! und wir sehen dann einander nicht wieder. Aber so in Groll — in Hohn von einander zu scheiden — ich kanns nicht ertragen '.(Ihm näher tretend.) Alfred, Vetter, ist'S wahr, daß wir einander jetzt zum Letztenmale sehen? Ich traf meine Vorkehrungen, England zu verlassen. Evely n. England zu verlassen? Clara. Ehe ich aber reise, empfangen Sie meinen Dank für Ihre mir so vielfältig erwiesene Freundlichkeit, die von einer Waise nicht so leicht vergessen werden kann. Evelyn (lallende» Tones). England zu verlassen! Clara. Gern hätte ich cs längst gethan; doch genug von mir. Evelyn, jetzt, da Sie einer Anderen verlobt sind — jetzt könnte, ohne der Vergangenheit weiter zu gedenken, ohne Furcht vor beiderseitigem Mißverstehen — jetzt könnte uns wenigstens ein Theil unserer vormaligen Freundschaft zurückkehren. Geschähe dies, so hätte ich wohl etwas auf dem Herzen, was ich als eine Freundin, — als eine Schwester Ihnen sagen mögte. 87 Evelyn (gerührt). Miß Douglas — Clara — wenn ich im Stande wäre, etwas für Sie zu thun, während Hunderte — Fremde — Bettler mir sagen, daß ich, durch Qeffnen oder Verschließen dieser meiner nnwürdigen Hand, die Macht besitze, Kummer in Freude zu verwandeln öder Armuth zur Verzweiflung zu treiben — wenn — wenn mein Leben — mein Herzblut Ihnen einen solchen Dienst leisten könnte, als mein Geld ihn Andern leistet — o! so reden Sie; und die Vergangenheit, auf die Sie hindeuteten — ja, selbst jene bittere Vergangenheit will ich als vernichtet ansehen und sie vergessen! Clara (ihm die Hand reichend). So sind wir Freunde, denn? Sie sind wieder mein Vetter? mein Bruder? Evelyn (der ihre Hand sinken läßt). Bruder? O! reden Sie. Clar a. Ich will reden, und als Schwester ; selbst sie, die Schwache, Unerfahrene, Unwissende, Unbedeutende darf zu einem Bruder reden, den sie auf der Bahn der Ehren zu erblicken wünscht. O Evelyn! als Sie Ihr jetziges, unermeßliches Vermögen erbten, fühlte ich mich glücklich in der Vorstellung von der Art und Weise, wie Sie die Ihren Händen anvertraute Macht anwendeu würden. Ich kannte Ihr Wohlwollen — Ihre Geistesfäyigkeit — Ihr Genie — die Seelengluth, die unter dem kalten Sarkasmus eines lange Zeit geäfften Gemüthes verborgen liegen 88 mußte. Ich s"h, wie endlich sich Ihnen eine edle und glänzende Laufbahn eröffnete, und oft dachte ich mir, wie in späteren Jahren ich fern von hier — wie ich denn bald fern von hier seyn werde, — Ihren Namen vereint — nicht mit dem was Vermögen dem Niedrigdcnkenden zuwenden kann, sondern mit dem vereint würde nennen hören, was irgend große Zwecke und edles Thun heißen mag; denn dem Edlen gilt Neichthum nur als ein Mittel und Werkzeug; — oft dachte ich, ich würde dann unter Vergießung stolzer und köstlicher Thränen zu meinem eigenen Herzen sagen können: „Und dieser Mann hat mich einst geliebt!" Evelyn. Nichts mehr, Clara! O Himmel! nichts mehr. Clara. Gestaltete es sich aber so? Sinv Sie Ihrem Selbst getreu geblieben? Prunk — eitler Schein — Ueppigkeit — Vergnügungen — Thorheiten! durch diese mögen Andere sich anszeichnen, dem Ehrgeiz und der Seele Alfred Evelyns können sie nur geringfügig seyn. O! verzeihen sie mir — ich bin zu dreist — ich peinige, ich beleidige Sie. Ach! ich würde diese Aeußerungen nicht gewagt haben, wenn ich nicht bisweilen geglaubt hätte, daß — daß — Evelyn. Daß diese Thorheiten, diese Nichtigkeiten, dies Tändeln mit einem höheren Geschick — Ihr eigenes Werk waren! Sie glaubten das, und Sie hatten Recht! Viel- 89 leicht, nachdem ich eine bis an die Lippen in den Dsop nnd die Galle der Dürftigkeit getauchte Jugendzeit verlebte, hätte ich wohl hochherzig wünschen mögen, den ganzen Werth jener blendenden und ruhmvollen Lebensweise zu erkennen, zu der ich auf der Leiter unterster Stufe unwillig und von fern hinblickte. Ein einziger Monat — eine einzige Woche würde hingereicht haben, jene Erfahrung ins Leben treten zu lassen. Erfahrung? O, wie bald erkennen wir, daß die Herzen so kalt, die Seelen so eng sind — gleichviel ob die Sonne den Edelgebornen in seinem Palaste bescheint, oder ob der Regen die Lumpen des Bettlers durchnäßt, der sich unter die Schloßpsorte flüchten mögte. Die Ertreme des Lebens weichen nur darin von einander ab, daß oben das Laster lächelt und schwelgt, und daß unten das Verbrechen grollt und darbt. Sie aber — verwarfenSie mich nicht, weil ich arm war? Verachten Sie mich, wenn ich vielleicht eine unwürdige Rache ansüben wollte, denn ich bestrebte mich Ihnen die lleppigkeit, den Tand, den Glanz darzulegen, der, wie ich glaubte, Ihnen so wohl gefiele — mich mit denjenigen Attributen zu umringen, um derentwillen Ihr Geschlecht, wie cs scheint, am meisten diejenige Stellung schätzt, die Sie, wenn Sie mich geliebt hätten, würden haben einueh- men können. Jedoch auch das vergebens — vergebens war mein Reichthum, wie meine Armuth eS war. In keinem von beiden Fällen liebten Sie mich, und mein Geschick ist entschieden. 9N Clara. Ei» beglückendes Geschick, Evelyn — Sie lieben! Evelyn. lind werde endlich geliebt. (Nach einer Pause sich plötzlich zu ihr wendend.) Bezweifeln Sie es? Clara. Nein, ich glaube es znversichilich. (Bei Seite.) Wäre es ihr möglich, ihn nicht zu lieben? Evelyn. Georgina ist vielleicht eitel — leicht und — Clara. Nein, denken Sie das nicht! Entfernten Sie sie erst aus der weltlichen Atmosphäre der Nathschläge ihres Vaters, so wird sie sich heranbilden und sich zu Ihnen erheben. Sie ist noch jung, besitzt Schönheit, heitern Sinn und gutes Gemüth; das klebrige werden Sie ihr zuwenden, sobald Sie nur sich selber Gerechtigkeit widerfahren kaffen wollen. Ilnd jetzt, da nichts Unfreundliches mehr, nicht einmal Bedauern mehr und (lächelnd) zuverlässig, lieber Vetter, kein Nachegefühl mehr zwischen uns obwaltet, so werden Sic sich zu Ihrem edleren Selbst emporschwinge» und somit — leben Sie wohl! Evelyn. Nein; bleiben Sie — einen Augenblick. Sie fühlen noch immer Theilnahme an meinem Schicksale. Bin ich getäuscht worden ? O, warum — warum wiesen Sie das Herz dessen zurück, der Ihnen so innig seine Huldi- 8l I gung zu Füßen legte? Konnte» Sie noch — jetzt noch-? Raserei! ich weiß nicht, was ich sage! Gab ich nicht einer Anderen mein Wort? Tauschte ich nicht mein Gelübde gegen das ihrige aus? — Gehen Sie, Clara; cs ist so am besten. Inzwischen werden Sie Jemanden mehr als mich vermissen— Jemanden, gegen dessen Thorhciten Sie sich nachsichtiger zeigten—Jemanden, dem Sie einen zärtlicheren Namen als den eines Bruders gestatten mögten — Clara (bei Seite). Vielleicht fühlt er sich glücklicher, wenn er bei dieser Meinung verharrt! — (Laut.) Denken Sie so, wenn Sie es wollen; aber lassen Sie uns in Freundschaft scheiden. Evelyn. In Freundschaft? Und das ist Alles? Sehen Sie da was das Leben ist! Vergessen sind nach einer kurzen Frist die Augen, deren Blicke jede Sorge hinwegscheuchten, vergessen die Hand, deren leisestes Berühren unser Innerstes durchzuckte, vergessen der gesellige Umgang, der dem Mondlichte gleich sein heiligendes Licht auch auf die geringfügigsten Gegenstände warf — vergessen, so daß wir nach einem Jahre — einem Monate — nach einem Tage schon über den so nichtigen Traum lächeln, den wir haben träumen können. Aller holde Zauber, den man nur Einmal erkennt, schwand aus der Welt, um nimmer wiederzukehren! und die Eine, die am ehesten vergißt, die Eine, die unserer Erde für immer den Sommer raubt — sie kommt und spricht mit achtloser Lippe: „Lassen Sie 92 unS in Freundschaft scheiden!" — Gehen Sie, Clara, gehen Sie, und sehn Sie glücklich wenn Sie können! Clara (weinend). Gransam — grausam bis zuin letzten Augenblicke! — Gott vergebe Ihnen, Alfred! (Ab.) Evelyn. Gemach! Laß mich ihre Worte, ihren Redeton, ihre Blicke mir zurückrufe». Liebt sie mich? Sie verthei- digt ihre Nebenbuhlerin — sie läugnete es nicht, als ich ihr eine Neigung zu einem Andern zuschrieb; und doch, doch sagt eine Stimme im Herzen mir, daß ich der vorschnelle Sklav eines eifersüchtigen Grolles gewesen bin. — Jedoch meine Wahl ward getroffen — ich muß dem Ausgange Stand halten. Graves (von einem Diener hercingcführt, tritt auf). Der Diener. Lady Franklin ist in ihrem Ankleidezimmer. Graves. Gut; ich werde warten. (Der Diener ab.) Vierte Scene. Graves. Evelyn. GraveS (für sich). Sic war eS Werth, meine wohlselige Maria gekannt zu haben. Wie zartfühlend ist es von ihr, mich hieher zu bescheiden — nicht mich zu trösten, denn das wäre 93 unmöglich; sondern sich der Wonne der Betrübniß hinzn- geben. Es wird eine trauervolle Scene darbieten. (Evelyn erblickend.» Sind Sie hier, Evelyn? Sv eben höre ich, daß endlich die Mitglicdsstelle für Groginhole vacant geworden ist. Warum melden Sie sich nicht dazu? Bei Ihrem Vermöge» dringen Sie wohl ohne alle persönliche Verwendung durch. Evelyn. Ich, der ich diese Debatten über die Farbe eines Strohhalms, diesen ewigen Kampf der Autorität gegen den Menschen verabscheue? Ich sollte Einen der Ringer abgeben? Nimmermehr! GraveS. Sie haben vollkommen Recht, und ich bitte um Verzeihung. Evelyn (bei Seite). Doch sprach Clara von Ehrgeiz. Es würde ihr Freude machen, wenn sie mich ausgezeichnet wüßte. — (Laut.) Bei alldem, GraveS, ist es, da die Menschheit sich nun einmal so verderbt zeigt, unsere Pflicht, mindestens den Versuch zu machen, sie ein wenig zu bessern. Ein Engländer hat seinem Vaterlande etwas zu verdanken. Graves. Freilich, freilich; das hat er. (An den Fingern zählend). Ostwinde, Nebel, Rheumatismus, Lungenbeschwerden und Steuern. (Evelyn geht mnuhig umher.) 94 Graves. Sie scheinen aufgeregt zu seyn. Gab's ein Zänkchen mit der Zukünftigen? O, find Sie erst einen Monat ver- heirathet, so werden Sie ohne das gar nicht leben können. Evelyn. Sie find ein lustiger Tröster. Graves. Verdienen Sie einen Tröster? Eines Morgens sagen Sie mir, daß Sie Clara lieben, oder wenigstens sie verabscheuen, welches einerlei ist — Sagte die wohlselige Maria doch oft zu nur, daß sie mich verabscheute! — und an demselben Nachmittage tragen Sie Georginen Ihre Hand an. Evelyn. Dank scy dem Sir Frederick —Clara wird sich leicht zu trösten wissen. Graves. Sir Frederick ist jung — Evelyn. Bon hübschem Acnßern — Graves. Ein Zierpüppchen — Evelyn. lind eben deswegen unwiderstehlich. GraveS. Nichtsdestoweniger hat Clara so Übeln Geschmack gezeigt, ihn abzuweisen. Ich weiß es von Lady Franklin, 95 der er seine Verzweiflung vertraute, indem er seine Halsbinde zurechtschob. Evelyn. Lieber Freund! ist das möglich? Graves. » Aber was haben Sie denn? Sie müssen Georgina heirathen, die, wenn der Lady Franklin zu glauben ist, eine aufrichtige Neigung zu — Ihrem Gelde fühlt. Gehen Sie hin und hängen Sie sich, Evelyn; Sie sind von den Mädchen geäfft worden. Evelyn. Geäfft? von ihnen? Bah! ward ich es, so ward ich es durch mich selbst. Jst's nicht seltsam, daß in Vernunft- sachen — in der Arithmetik und Logik des Lebens, wir so scharfsichtig, so schlau, so behutsam sind? Berühre man dagegen unser Herz, errege man unsere Leidenschaften, entziehe man uns nur für einen Augenblick der starren Zuversicht weltlicher Berechnung — und siehe! der Philosoph ist dummer als der Thor. — Geäfft? Könnt' ich's denken ? Graves. Zuverlässig. Als Sie arm waren, prüften Sie Clara — kluges Erperiment würd' es seyn, wenn Sie jetzt, da Sie reich sind, Georgina prüften. Evelyn. Ha! DaS ist wahr; sehr wahr. Weiter! 96 Graves. Sie werden einen herrlichen Schwiegervater bekommen. Sir John weint positiv, so oft er von Ihren Renten spricht. Evelyn. Sir John? kannseyn; aber Georgina? Graves. Treibt Nachmittags Liebesspiel mit Ihnen, nachdem Sie es Vormittags mit Sir Frrderick übte. Evelyn. Bei Ihrem Leben, Sir, sprechen Sie ernsthaft! Was wollen Sie da gesagt haben? Graves. Daß auf meinem Wege hieher ich Georgina oft mit Sir Frederick begegnete. Evelyn. Ha! Ist dem so? GraveS. WaS denn? Der Mensch wird geboren, um sich getäuscht zu sehen. Sie sind aufgeregt. Ihre Hand zittert — das kommt vom Spielen. Man sagt, daß Sie in den Clubs sehr hoch spielen. Evelyn. Haha! sagt man das? Ein Paar Hundert gewonnen oder verloren — ein wohlfeiles Opiat, um das Gedächt- ntß nothdürftig tn Schlaf zu lullen. Der Arme trinkt und der Reiche spielt — Beide aus gleichem Beweggründe. 37 Aber Sie haben Recht — es ist ein gemeines HülfSmit- tel — ich will nicht mehr spielen. Grases. Das freut mich herzlich; denn durch Ihren Freund, Capitän Smooth, sind die Hälfte der jungen Erben Londons zu Grunde gerichtet worden. Mit ihm spielen, heißt sich für bankrott erklären. Sogar Sir John wird dadurch beunruhigt. Ich traf ihn so eben unterwegs; er redete mich an und beschwor mich, Ihnen Vorstellungen zu machen., Noch Eins, was ich bald vergessen hätte. Haben Sie Kapitalien bei den Wechslern Flash, Brisk, Credit und Compagnie? Evelyn. Also Sir John ist beunruhigt? (Bei Seite.) Geschnellt also hätte mich der fuchsschwänzige Charlatan? Aber schon gut; am Ende schlag' ich ihn noch mit seinen eigenen Waffen. (Laut.) Ob ich Gelder bei Flash habe? Warum fragten Sie danach? G raves. Weil Sir John, der gehört hat, daß es übel mit jenem Wechselhause steht. Sie durch mich darauf aufmerksam machen will, damit Sie nöthigenfalls Ihre Maßregeln treffen. Evelyn. Werde schon! Also mein Spielen beunruhigt Sir John? Dulwer's Romane. I.xxxvII. 7 »8 Grave Ganz entsetzlich. Er äußerte sogar, heut Abend den Club besuchen zu wollen, um Sie zu beobachten. Evelyn. Mich beobachten? Gut. Ich werde dort seyn. Graves. Aber nicht um zu spielen. Sie versprechen mir da«? Evelyn. Nein; denn ich muß spielen. Ich suhle, daß ich es unmöglich aufgeben kann. Graves. Nicht doch, nicht doch! Zum Wetter, Mann! seyn Sie so elend als es Ihnen beliebt; lassen Sie Ihr Herz brechen; was hat das ans sich? Aber, hol's Dieser und Jener, wahren Sie ihre Taschen! Evelyn. Ich werde dort seyn — werde mit dem Capitän Smooth spielen — will verlieren so viel mir beliebt — Hunderte — Tausende — eine Million! und meynt Sir John meine Verluste zu belauern, so soll mich Dieser und Jener, wenn ich nicht Sir John obendrein verliere! (Seht; kehrt zurück.) Ich bin so zerstreut! Wie hießen die Wechsler, die Sie nannten? Flash, Brisk und Credit? Bei'm Himmel! Das ist fatal! Zu spät ist'S heute Gelder herauszuziehen. Sagen Sie dem Sir John, ich wäre ihm sehr verbunden, und er würde mich bis Tagesanbruch SS zuverlässig tüchtig bei der Arbeit mit meinem Freunde Smooth finden. (Ab.) Graves. Er ist gänzlich konfus! Doch nimmt mich das nicht Wunder. Was den Hunden die Herankunst der Hundstage ist, das ist dem Menschengeschlecht das Herannahen der Flitterwochen. Ein Diener (auflreteiw). Lady Franklin läßt sich Ihnen empfehlen, und wünscht Sie bei sich in ihrem Boudoir zu sehen. Graves. 2>n Boudoir? Geh! geh! ich komme gleich. (Der Diener ab.) GraveS. Mein Herz pocht — das muß von der Betrübnis) herrühren. Arme Maria! (Er holi ->„ farbiges Taschen- ,uch hervor.) Nicht einmal ein weißes Tuch in der Tasche —- überall und in Allem Hab' ich doch Unglück. Ich besuche eine Dame, um mit ihr von einer theuern Hingeschiedenen zu plaudern, und habe nichts als ein verwettert buntes, grellbuntes ostindischeS Tuch in der Tasche, das ein trostloser Wittwer eigentlich niemals hcrvorziehen sollte. Ach! die Glücksgöttin hört nimmer ans, die Empfindsamen zu quälen. Jn'S Boudoir — haha! ins Boudoir! lAb.) 7 * 100 Mnfte Scene. (Ein Boudoir in demselben Hause.) Lady Franklin. Ich fühle so lebhaftes Mitleiden für den armen Mann, der entschlossen ist, sich elend zn machen, daß ich nicht minder festen Vorsatz gefaßt habe, ihn glücklich zu machen. Wohlan! gelingt mein Plan, so soll er lachen und singen und — — Aber still! er kommt. Graves (eiutrctcud, seufzend). Ah, Lady Franklin! Lady Franklin (seufzend). Ah, Mr. Graves. (Beide setzen sich.) Entschuldigen Sie mich, daß ich Sie so lange warten ließ. Jst's nicht köstliches Wetter? Graves. Ma'am, es streicht ein kalter Ostwind! allein Ihnen erscheint Alles anmuthig — köstliche GemüthSstimmung! — Arme Maria! sie war auch von Natur heiter. Lady Franklin. Ja wohl, und dabei besaß sie eine Lebhaftigkeit — GraveS. Lebhaftigkeit? Ganz recht. Durch nichts konnte die gedämpft werden. Die arme Wohlselige ging nun einmal so ihren eigenen Gang. Ach! ihr kam Keine gleich. Lady Franklin. Und wie hübsch sah sie aus, wenn sie so recht bei Laune war — wie glänzten dann ihre Augen — 101 Graves. Nicht wahr? jAH! ah! Hahaha! Und erinnern Sie sich, wie sie so ganz eigenthümlich mit dem Fuße stampfte — dem lieblichsten kleinen Fuße, den es je hat geben können? Mich dünkt, ich sehe sie noch — O ! dies Gespräch ist höchst erquickend. Lady Franklin. Wie herrlich spielte sie ans Ihrem Privat-Theater! Graves. Erinnern Sie sich ihrer „Eifersüchtigen Frau?" Hahaha! wie trefflich war sie in d er Nolle — ha! ha! Lady Franklin. Ja wohl! Ha! ha! gleich in der ersten Scene, wenn sie mit den Worten auftrat: (»achahm-nd) „Ihre Rohheit und Barbarei wird mein Tod seyn." Graves. Nein — nein; so warS nicht. Energischer! (nach, ahmend.) „Ihre Rohheit und Barbarei wird mein Tod seyn!" Ha! ha! Ich muß ja wissen, wie sie betonte, denn sie Pflegte ja täglich zweimal Probe Lei mir zu machen. Ach! armes, süßeS Lamm! (Er trocknet seine Augen.) Lady Franklin. Und wie schön sang, wie gefällig komponirte sie! Wie hieß doch das französische Liedchen, das sie so gern trällerte? Graves. Ha! ha! muntres Liedchen! nicht wahr? Lassen Sie mich Nachdenken — 102 Lady Franklin (trällernd,) Tum ti — ti tum — ti —ti — ti. Nein, das ist'S nicht. Graves (trällernd). Tum ti — tum ti — ti — tum — tum — tum. Beide. Tum ti — tum ti — ti — tum — tum — tum! Haha! Graves (im Stuhle zurnekgelehnt). Ach! welche Nückeriunerungen erweckt dies. Es ist zu ergreifend. Lady Franklin. Ergreifend ist es; aber wir Alle sind sterblich. (S-uf. zend.) lind ihre Wcihnachtsbälle — erinnern Sie sich, wie Maria den schottischen Wirbler mit Capitän Mac- naughten tanzte? Graves. Ha! ha! ha! ja wohl, ja wohl. Lady Franklin. Erinnern Sie sich noch des Trittes? etwa so? (tanzend.) nicht wahr? Graves. Nicht doch, ganz anders — bitte, stehen Sie einmal da. Jetzt (trällernd) La — lalala — La la u. s. w. (Sic tanzen.) Das ist herrlich! ercellent! Lady Franklin (bei Seite), Jetzt ist er im Zuge. 103 Sir John, Blount und Georgina (treten ein und stehen verwundert). (Lady Franklin tanzt weiter.) Graves. Bezaubernd! unwiderstehlich! Als ob ich Maria vor mir sähe. So — so — setzt den Walzer — Alle Teufel! Da haben wir wieder mein Glück. (Sr steht dicht vor Sir John still.) (Lady Franklin rennt ab.) Sir John. Auf mein Wort, Mr. Graves — Georgina und Blount. Da Capo, da Cap»! Bravo! bravo! GraveS. Bloßer Mißverstand! Ich — ich — Sir John — Lady Franklin wollte — Sie sehen ein, das heißt — ich — Wohlselige Maria, Du bist wenigstens dieser Trüb, sal überhoben! Georgina. Bitte, fahren Sie doch fort. Blount. Wir wollten Sie nicht unterbrechen. GraveS. Mich unterbrechen? Ich muß sagen, diese Unzartheit — diese plumpe Unziemlichkeit, die Bekümmernisse eine» armen beraubten Dulders zu belauern, der Trost bei einer 104 mitfühlenden Freundin sucht-Aber so ist die menschliche Natur — Georgina (hinter ihm her). Aber Mr. GraveS! GraveS. Herzlos! Blonnt (wie Georgina). Liebster Mr. GraveS! GraveS. Leichtfertig! Sir John (wie GeorginaE Bleiben Sie bei uns zum Esten. GraveS. Gefühllos! Hahaha! Ungeheuer! Alle Drei. Graves. Gesegnete Mahlzeit! * (Ab, die klebrigen folge» ihm.) ' Die ursprüngliche Idee zu dieser Scene verdankt der Au< tor einem Sprichwortspielc, das, wie er meint, niemals öffentlich aufgeführt worben ist. Anm. d. Verf. 10S Sechste Seene. (Die Zimmer des -Club. Es ist Abend. Lichter brennen. Kleine Sopha-Tischc mit Büchern, Zeitungen, Thec, Caffee u. s. w. Mehrere Mitglieder am Kamin; Einer die Beine über die Stuhllehne, der Andere über den Tisch, der Dritte am KaminstmS hingestreckt. Links vorn ein altes Mitglied, welches hinter einem runden Tische die Zeitung liesct. Rechts vorn ein Spieltisch, hinter welche», Capital, Dudlcy Smooth Limonade schlürft. Im Hintergrunve ein anderer Spieltisch.) Glossmore. Stont. Glossmore. Sie besuchen den Club nicht oft, Stont. Stont. Nein; Zeit ist Geld. Eine Stunde im Club zugebracht, ist ein todtes Capital. Altes Mitglied (in der Zeitung lesend). Aufwärter! — die Dose her. (Aufwärter bringt sic.) Glossmore. So hat Evelyn sich denn dem Spiel ergeben? Ich sehe, wie der tödtliche Smooth „in grimme Ruh versenkt auf seine Beute lauert." Gewichtig Werk, meyn' ich, soll's heute Abend geben, denn Smooth trinkt nur Limonade — hält sich den Kopf leicht —— ein höllisch gewandter Kerl. Evelyn (tritt ein, grüßt und reicht IUI Hill- und Herzchen mehreren Mitgliedern die Hand). 108 Evelyn. Wie geht's Ihnen, Gloffmore? Und Ihnen Stout? S i e spielen nicht, dünkt mich. Staats-Oekonomie spielt niemals Karten? he? hat zu nichts Frivolerem Zeit al« zu Renten und Gefällen, Lohn und Arbeit, hohen und niederen Preisen, Korn- und Armengesetzen, Zehnten, Diskont, Dividenden, Steuern, Räthseln und Hudeleien! Smooth ist mein Mann. Sieh da, Smooth! Piquet? He? Sie find mir Nevenge schuldig. (Die Clubmitglieder winken einander bedeutend zu; Stent geht mit der Tabaksdose zur Seite, das alte Mitglied blickt ihm grimmig nach). Smooth. Lieber Alfred, ich bin ganz zu Ihren Diensten. lSetzt sich mit Cvelvn zum Spiel.) Altes Mitglied. Aufwärter! die Dose. (Aufwärter nimmt sie aus Stouts Hände» und bringt sie dem alten Mitglied!.) BloUNt (tritt ein). Sieh, fiel)! Evelyn schon wieder hinter dem Tische — nun Gloffmore? Glossmore. 3«, ja, Smooth bängt wie ein Blutegel an ihm. Gewandter Kerl, der Smooth. Blount. Machen Sie einen Rubber mit? 107 Glossmore. Haben Sie zwei Mitspieler? B l o u n t. 2a; Flat und Green. Glossmore. Schlechte Spieler. Blount. Ich habe es mir zur Richtschnur gemacht, nur mit schlechten Spielern zu spielen. Es trägt fünf pro Cent Vortheil für mich. Ich Haffe das Spiel; jedoch ein stilles Whist, wenn man von den Vieren einer der besten Spieler ist, kann Einem nicht schaden. Glossmore. Gewandter Kerl, der Blount! ^ (Blount nimmt die TabackSdosc »nd geht mit ihr hin und her; das alte Mitglied sieht ihn, grimmig nach. Blount, Gloss- morc. Flat und Green setzen sich im Hintergründe zum Spiel.) Sm voth. Tausendmal um Verzeihung, lieber Alfred — ich gewann Partie. Evelyn (ihn, eine Banknote reichend). Partie! Ehe wir weiter spielen, eine Frage. Heut ist Donnerstag. Wie viel rechnen Sie bis nächsten Dienstag mir abzugewinnen? Smooth. 6e eilen .tzlkneä — wie schnurrig er ist'. Evelyn (im Taschcnbnche rechnend). Vierzig Partie?» jeden Abend — vier Abende, 108 weniger den Sonntag — unser gewöhnliches Spiel — so würd' es heranskomme», dacht' ich. Sniooth (in die Rechnung blickend). 2a, ja, so! das heißt, wenn ich Alles gewinne, welches an Unmöglichkeit streift. Evelyn. Es soll möglich seyn, daß Sie das Doppelte gewinnen; jedoch unter Einer Bedingung. Können Sie ein Geheimniß bewahren? Smooth. Lieber Alfred, ich habe mich selber bewahrt. — Ich erbte niemals einen Heller — verzehrte nie weniger als viertausend Pfund des Jahrs und habe nie einem Menschen gesagt, wie ich das anstellte. Evelyn. So hören Sie denn — ein Wort in's Ohr. (Er flüstert mit Smooth.) Altes Mitglied. Aufwärter! die Dose. (Aufwürter holt sie von Blonnt her u. s. w.) Dir John (tritt auf). Evelyn. Haben Sie mich verstanden? Smooth. Vollkommen, und stehe willig zu Diensten. Evelyn (abhebend.) Sie haben zu geben. (Spielt fort mit Smooth.) ' -— —^ -- . 109 SirIohn (kläglichen Tones). Da fitzt mein kostbarer Schwiegersohn — das heißt mein künftiger — verthut meine Bedeutendheit und macht sich selber zum Narren. (Nimmt die Dose! das alte Mitglied blickt ihn, grimmig nach.) B l 0 U n t. Ich gewann den Wettsatz, Flat. So ist's recht. (Kommt vor und zählt sein Geld.) Nun, Sir John, Sie spielen nicht? Sir John. Spielen? nein! Alle Wetter — er hat schon wieder verloren. Evelyn. Zum Teufel! — doppelter Einsatz! Smooth. Wie es Ihnen gefällig ist. — Abgethan. Sir John. Ja wohl, abgethan! Altes Mitglied. Aufwärter! die Dose. (Aufwärter holt sie von Sir John, n. s. w.) Blount. Ich habe acht Points und den Wettsatz gewonnen. Ich verliere niemals — spiele niemals nach des tödtli- chen Smooth Manier. (Er nimmt die Dose, das alte Mitglied wie vorhin.) 110 Sir John (über Smooth hin in die Karten sehend). Gott erbarme sich! Smooth hat eine Septime.— Wie hoch steht das Spiel? (»», de» Tisch her»»,.) Evelyn. Störe» Sie uns nicht — ich habe nur eine Quarte. — Wie hoch, Sir John? Ungeheuer hoch! — hat man je solch Glück gesehen? — Treten Sie zurück, Sir John, ich sänge an hitzig zu werde». Altes Mitglied. Aufwärter! die Dose. (Anfwärter bringt sic ihm.) Blvunt. Hundert Pfund aufs nächste Spiel, Evelyn? Sir John. Unsinn — Uusiuu — stören Sie ihn nicht. Alle Fische beißen an diesen Köder! Haifische und Elritze knaupeln alle an meinem Eidam! Evcly n. Hundert Pfund, Blount? Ha! der feinste Gentleman ist nimmer ei» zu feiner Gentleman, um ein Goldstück aufzuheben. Es gilt. Dreifach den Satz Smooth I Sir John. Ich bi» wie auf der Folter. (Die Dose' nehmend.) Kaltes Blut, Evelyn; sehen Sie sich vor, lieber Sohn — thnn Sic'S nicht — ja nicht! Evelyn. Wie —was? vier Damen haben Sic? Quinte von 111 V- --,v König? Zum Teufel mir den Karten — ein anderes Spiel her! (Er wirst die Karten hinter sich über Sir John weg.) Altes Mitglied. Aufwärter! die Dvse. (Mehrere Mitglieder versammeln sich UNI die beiden Spielenden.) Erstes Mitglied. Noch nie zuvor sah ich Evelyn so außer Fassung. Er muß ungeheuer verlieren. Zweites. Ja, ja, 's ist interessant Sir John. Interessant? Zum Erbarmen ist es. Erstes. ArmerKerl! binnen einem Monat wird er ruinirt seyn. Sir John. Der kalte Schweiß bricht mir aus. Zweites. Sinooth ist ein wahrer Satan. Sir John. Satan ist ciu Spielwerk für ihn. Glossmorc (der Sir John auf die Schulter schlägt). Ein gewandter Kerl, der Smooth? He, Sir John? (Nimmt die Dose auf; altes Mitglied wie vorhin.) Hundert Pfnnd auf dies Spiel, Evelyn? Evelyn (halb gewendet). Ah! Sie sind's, die Constitution? Ja wohl hundert Pfund. iir Altes Mitglied. Aufwärter! die Dose. S t o u t. Ich meync ich will's wagen. Zweihundert Pfund auf dies Spiel, Evelyn? Evelyn (sich ganz herum wendend). Ei, ei, ei! Aufklärung und Constitution endlich auf einer und derselben Seite der Frage! O Stont! Stout! große Glückseligkeit der größten Zahl — größte Zahl, Nummer Eins. Es gilt, Stout — zweihundert Pfund! Hahaha! — Ich gebe, Stout. Wohl gethan, Du politische Oekonomie — Hahaha! Sir John. Sein Lachen ist krampfhaft — er faselt! — Schämen Sie sich nicht vor sich selber? — Seine eigenen Vettern sogar sind gegen ihn verschworen — Alle eine einzige Rotte! (Mehrere Mitglieder zeigen Unwillen.) Stout. Still doch! Er ist im Begriff Sir Johns Tochter zu heirathen. Erstes Mitglied. Wie? die Tochter des knickerigen Jack? A l l e M i t g l i e d e r. Ei, ei! ei, ei! Altes Mitglied. Auswärter! die Dose. 113 Evelyn (der in heftiger Bewegung anfsieht). Nichts mehr — nichts mehr! Ich habe genug — Völlig genug! — Glofsmore, Stunt, Blouut — ich werde morgen bezahlen. Ich — ich — Zum Wetter! das ist Ruin! (Rafft die Tose auf, altes Mitglied wie vorhin,) Sir John, Ruin? Sagt'ich's doch! — Wie viel hat er verloren? Wie viel hat er verloren, Smooth? Nicht viel? He? he? (Alle versammeln sich um Smooth,) Smooth. Pah! eine Kleinigkeit, lieber John, Aber entschuldigen Sie mich; man plaudert nie seinen Gewinnst aus. (Zu Blount.) Wie geht's, Fred? (Zu Mrsimore.) Apropos, Charles, wollten Sic nicht Ihr Haus in Gros- venorsquare verkaufen? — Zwölftauseud Pfund? wie? Glossmorc. Ja, und mit dem Ameublement nach Taxation. — Etwa dreitausend Pfund mehr. Smooth (leine Brieftasche durchsehend). Hm! hm! davon läßt sich reden. Sir John. Zwölf und drei sind fünfzchntausend Pfund — O der kaltblütige Halunke! — fünfzehntausend Pfund, Smooth? Dulwer'S Romane. l-XXXVII. 8 114 Smooth. Pah, bas Haus selbst ist eine Lumperei; aber die innere Einrichtung desselben — ich rechne nach, ob ich sie werde bestreiten könne», lieber John. Alles Mitglied. Aufwärter! die Dose. (Er empfängt sie und schabt mit bei» Finger darin herum! saucrtvs'sisch.) Alles heidi! (Gibt sie den, Aufwärter, den, er winkt, sie zu füllen.) Sir John (sich wendend). Alles heidi! Evelyn (auffahrend, krampfhaft lachend). Ha! ha! Alles heidi? Nicht die Probe davon. Smooth, hier im Club ist's so geräuschvoll—Sir John, Sie sind überall im Wege. Kommen Sie in mein Haus mit mir, Smooth. Ein gebratenes Hühnchen und Champagner soll's geben. Wer nicht wagt, der gewinnt nicht! Das Glücksrad m u ß sich drehen, und beim Jupiter, ich will mir eine tolle Nacht daraus machen. Sir John. Eine tolle Nacht? Ilms Himmelswillen, Evelyn — Evelyn! Bedenken Sie, was Sie Vorhaben! Bedenken Sie Georginens Bekümmcruiß! — gedenken Sie Ihrer armen dahingeschiedenen Mutter! bedenken Sie der noch ungebornen Kindlein! gedenken Sie — Evelyn. Ich will an gar nichts denken. Sapperment! Sie wissen nicht was ich verloren habe, und zwar durch Ihre Schuld, Herr, weil Sie mich fortwährend störten. Doch 113 Possen, das! Aus meinem Wege da! — .Kommen Sir» Smovth. Haha! eine tolle Nacht soll's geben, Caine- rad! eine tolle Nacht! lAb mit Smeoth.) Sir John. Nicht doch, nicht doch! Evelyn — lieber Evelyn! Er ist betrunken — er ist toll! Will denn Niemand nach der Polizei schicken? Mehrere itglieder. Hahaha! der arme knickerige Jack! Altes Mitglied tstcht jktzt zmn 8'rstenmale auf und ruft zornmüthig). Aufwärter! die Dose. Ende des drittenAkts. 8« Vierter Akt. Erste Scene. (Vorzimmer bei Evelyn wie im zweiten Akt.) Tabouret. Mac Finch. Franz und mehrere Gewerbslcute. Tabouref (zu M' Finch, halb flüsternd). Jst's denn wahr, was man hart? Mr. Evelyn ist ein Spieler worden? Selisame Reden werden darüber geführt — ich weiß nicht, was ich draus machen svll. Wir müssen scharf aufvassen, Mr. Mac Finch, wir armen Handwerköleute; müssen Heumad halten, wenn die Sonne scheint. Mac Finch. Ich wusste die Spiclhäuser hultc dcr Deuwel! 'S ist 'ne Sünd' und Schande für die vurnehmcn Herren sich einander zu zwicken und zu ruiniren, da wirs an ihrer Statt mit um su großer» Purtheil für die Gewerke und den Handel des Landes thun könnten. (Die Uebrigen nicken bejahend.) Smvoth (aus einem Seitenzimmer, Schrcibtafcl und Bleistift in der Hand). (Umherschauend). Hm! ja, ja! schöne Gemälde! 117 (Er befühlt die Draperien.) Von dem neumodischen Sammet — hm! Gutproportionirte Zimmer. Ja. dies Haus ist bester als das Gloffmorehche. — Sich da, Mr. Tabouret, der Tapezier — Sie deeorirten diese Zimmer. Alles miss Beste? wie? Tabouret. Freilich auf's Beste, Sir. Mr. Evelyn ist kein Knickerer, Sir. Smooth. Das ist er wahrlich nicht. Sie sind bezahlt worden^ will ich hoffen, Tabouret? Tabouret. Nein, Sir — nein. Neichen Kunden schick ich niemals eine Rechnung. — (Bei Seite.) Rechnungen sind wie Bäume, je länger sie stehen, desto höher wachsen sie. Smoot h. Hm! Nicht bezahlt? Ei, ei! (Die Handwerker näher» sich ihm.) Mac Finch. Mir gefällt sein „Hm!" nicht — es klingt sehr verdächtig. Tabouret tzn den Ilebriqen). Es ist der große Kartcnspieler, Capitän Smooth — der feinste Spieler t» Europa — hat den Herzog von Silly Val rein auSgebeutet — ein ungemein gewandter Herr! Smooth (als ob er das Zimmer mit Schritten anSmäsic). Sechsunddreißig und achtundzwanzig Fuß — hm! 118 Ein Bogenfenster dort angebracht, würde eine Verbesserung seyn. Sollte sich das leicht machen lassen, Ta- bouret? Mac Finch. Wenn Mr. Evelyn wünscht, sein Haus neu aufge- bant zn sehen, su gibts dazu keinen bessern Mann als meinen Freund Mac Siuccu. Smoot h. Evelyn? Ich sprach von mir selber. — Mr. Mac Stucco? Hm! Tabouret. Sie selbst? Haben Sie dies Haus gekauft, Sir? Smooth. Gekauft? Hm! hm! CS gehört-So seyd Ihr nicht bezahlt worden? Keiner von Euch? — hm! hm! Tabouret. Nein, Sir. Was gibl's denn? Mr. Evelyn ist uns sicher genug — hoho! Alle. Hoho! (b-sorgllch) Was gibt's denn? Mac Finch (rer Smeoth bei Seite nimmt). Ja, Sir, was gibts denn? Ich bin ein armer Mann der sieben lebendige Kinder hat. — Nuch weiter weg, Capitän. Sie wissen. Sie stehen bei mir nuch mit 'nein Rest zu Buche; ich streich ihn ganz und gar durch, wenn Sie mir sagen, was Ihr „Hm! hm!" zu bedeuten hat. Smooth. Mac Finch, mein Bester, zwingen Sie mich nicht. 11g Ihnen meinen Rohrstock fühlbar zu machen, nicht um die Welt mögte ich Mr. Evelyn betrübt haben. Armer Freund! er bekommt immer schlechte Karten. — So seyd Ihr also nicht bezahlt worden? Ich ralh' Euch doch, Eure Rechnungen jedenfalls einzureichen — vergeht'« nicht! — Ja, ja, mit einigen Abänderungen gefällt mir dies HauS recht wohl. — Gott befohlen, Alle! — hm! hm! (Er geht ab, indem er umherblickt und die Tische und Stühle ». s. w. betrachtet.) T a b o u r e t. ES ist klar wie der Tag — Er hat dies sein Hau« auf eine unglückliche Karte gesetzt und verloren. Zweite Seene. Die Handwerker. Sharp. Sharp (hastig und aufgeregt aus dem Seiteuzimnicr). O Himmel, o Himmel! wer hätte das gedacht? Karten sind des Teufels Bibel. — John — TomaS — Harris! (Er zieht die Glocke.) Zwei. Diener (trete» ein). Sharp. Tom, diesen Brief an Sir John Besetz. Ist er nicht zu Hause, so such ihn auf — er wird Dir eine Anweisung auf seinen Wechsler geben, die Du augenblicklich versilberst. Hurtig! Fort mit Dir! 120 Tabouret (rockt den Dienert. He! Du da! was gibt's? was ist's? Wie stehis um Mw Evelyn? Diener. Schlimm, sehr schlimm; saß die ganze Nacht mit dem Capitän Smooth auf. (Ab.) Sharp (zum zweiten Diener). Jawohl, Harris, Dein armer Herr! O Elend! o Jammer! Dies Bittet bringst Du an den belgischen Minister Pvrtlandplace. Paß nach Ostende! Dann soll der Wagen zu jedem Augenblick bereit stehen. Mac Finch (den Diener anfbaltcnd). Paß? Hulla. Diener! will Dein Herr das salzige Meer zwischen uns und das Silbergcräth bringen? Diener. Haltet mich nicht auf. Mein Herr hatBrustbeschwer- den — bedarf einer Luftveränderung — das kommt von dem Nachtwachen und — vom Capitän Smooth her. (Äb.) Sharp (bin nnd her). Und wenn die Wechsler fallirten — schon sallirt hätten, und er nichts mehr herausziehen könnte — eS dem Capitän verschrieben hätte? Tabouret. Wechsler? welche Wechsler? Sharp. Flash und Compagnie — Flash, der Schwager des Kapitäns Smooth. Habt Ihr etwas gehört? Wie? 121 T l> b o ii r e t. Daß Jeder eilt, sein Geld von Flash wegzuschreiben — Sharp. So muß ich fort. Geht, geht, Mr. Evelyn ist heut« nicht zu sprechen. Tabouret. Meine Rechnung, Sir — Mac Finch. Ich habe sieben liebe Kinder und nur Ein« kleine Nuta — (Nota) Franz. Bester Herr Sekretär — vornehme Herren denken immer zuerst an ihren Kleidermacher — Sharp. Kommt wieder — Neujahr kommt Alle wieder. Die Wechsler — die Karten! die Karten — die Wechsler! O Elend! o Jammer! (Ab.) Tabouret. Die Wechsler! Mac Finch. Der Paß! Franz. Und von dem modernen Evelyns-Frack soll nichts zu sehen kommen als das Hintertheil? Donner und Hagel! ich lass ihn verhaften — ich streu ihm Salz auf den Schwalbenschweif. 122 Tabouret (bei Seite). Ich will doch gehen und horchen wie's bei den Wechslern aussieht. Mac Finch (bei Seite). Ich muß mich Naths erhulen bei meinem Uhm, dem Advokaten. Uns bleibt nichts übrig, als Gedulo zu haben, Mr. Tabouret. Tabouret. Ja, ja, und Zusammenhalten müssen wir. — Gleiche Brüder, gleiche Kappen; das ist so meine Weise, Sir. Alle. Gleiche Brüder, gleiche Kappen. (Nb). Dritte Scene. Diener. Glossmore. Blount (treten auf). Diener. Meinem Herrn ist unwohl, Mylord; dennoch will ich Sie melden. (Ab.) Glossmore. Bin ich doch neugierig, das Resultat dieses Spielduettes zu erfahren! Blount. Oho! er ist so erschrecklich reich, daß er sogar ein Duett mit dem tödtlicheu Smovth singen kann. Glossmore. Der arme knickerige Jack! — Hatten Sie nicht Absichten auf Georgina? 123 B l o u n t. Jawohl, ich liebte das Mädchen wirklich; obschon ich aus Groll mich ihrer Base anirug. WaS vermag jedoch ei» Mensch gegen das Geld ? tEvelv» tritt aus) Hätt S nicht Zwiespalt gegeben, so würden Sie sehen, wemGeor- gina den Vorzug gäbe; allein sie wird von ihrem Vater geopfert. Mindestens sagte sie mir das. Evelyn, Sieh da, meine Herren — wir haben noch eine kleine Rechnung abzumachen — hundert Pfund Jedem — Beide, Sprechen Sie nicht davon, Evelyn. Gut, so will ichS auch nicht thun. — tBlount bei Seite nehmend,) Hahaha! Sie werden's kaum glauben, doch mögte ich nicht gern jetzt Ihnen meine Schuld bezahlen; mein Geld liegt fest und auf die Groginhole- Einkünfte muß ich, wie Sie wissen, noch warten. Statt daß ich also eiuhundkrt Pfund zu zahlen habe, nehmen Sie an ich wäre Ihnen fünfhundert Pfund schuldig. Für die Vierhundert können Sie mir eine Anweisung geben, jedoch kein Wort darüber gegen Glossmore zu äußer»! B l o u n t. Gegen Glossmore? den ärgsten Schwätzer in London? -— Recht gern! — (Bei Seite,) ES kann niemals schaden einem reichen Manne Geld Vvrzustrecken; man bekommt's schon wieder. Beiläusig, Evelyn, können Sie 124 mein graues Gigpferd gebrauchen, so lass ichs Ihnen für zweihundert Pfund — dann wärcns Siebenhundert — Evelyn (bei Seite). Das ist Modewucher. Unsere Freunde nehmen keine Zinsen von uns, aber ste verkaufen uns ihre Pferde. — (Laut.) Abgemacht, Blount. Blount (die Anweisung schreibend, sinnend). Nein, nein, ich wüßte nicht was mir das schaden könnte; der Grauschimmel ist und bleibt ja doch vernagelt. Evelyn (zu Glrssmerc). Die hundert Pfund, die Sie von mir zu fordern Haien, fallen mir in diesem Augenblick etwas lästig. Zch muß eine große Summe für den Ankauf von Groginhole zusammenbringen; vielleicht leihen Sic mir noch sünf- oder sechshundert Pfund dazu, um mir jenes Geschäft zu fördern? Glossmore. Zuverlässig! Hopkins ist todt — Ihre Fürsprache für Ciphcr würde — Evelyn. Hm, das kann ich in diesem Augenblicke nicht unbedingt versprechen. Als geringen Beweis meinerFreund- schaft und Dankbarkeit aber nehmen Sie von mir ein herrliches graues Gigpferd an, das ich heute kaufte und welches zweihundert Pfund kostete. Glossmore (bei Seite). Heute erst gekauft? Dann bin ich sicher. (Saut.) Lieber Evelyn, Sie zeigen sich doch immer Prinzlich! 125 Evelyn. Unsinn! Schreiben Sie die Anweisung, und — hören Sie! keine Sylbe davon an Blount! G l o ssm o r e. An Blount? den Neuigkeitsträger? (Seht sich zum Schreiben.) Blount (der die Anweisung an Evelyn gibt). Ransom — Pall-mall, Ostseite. Evelyn. Ich danke Ihnen. — So also haben Sie sich der Miß Douglas angetragen? Blount. Zum Wetter, ja! Ich hätte drauf schwören mögen, daß sie mir geneigt wäre; ihr Benehmen z. B. an eben dem Tage, an welchem Sie um Miß Vesey anhielten — sonst hätte ich Georgina —- Evelyn. Die nur die Hälfte von dem besitzt, was Miß Douglas hat — Blount. Sie vergessen, wie viel der knickerige Jack hinter der Hand haben muß. Aber ich bitte um Ihre Verzeihung — Evelyn. Gleichviel; nur kein Wort an Sir John, er bildet sich sonst ein, ich sey ruinirt. Glossmore (vir Anweisung au Evelyn gebend). Ransom — Pall-mall, Ostseite. Sagen Sie mir doch, gewannen oder verloren Sic in vergangener Nacht? 126 Evelyn. Gewonnen! verloren! O nichts mehr davon, wenn ich Ihnen Werth bin. (Beide Scheine betrachtend.) Ich muß gleich zn dem Wechsler schicken. Glossmore (bei Seite). Wie? hat er von Blount auch geborgt? Blount (bei Seite). Das ist ja eine Anwei'ung von Lord Glossmore! Evelyn. Entschuldigen Sie, ich muß mich umkleiden, habe keinen Augenblick zu verlieren. Vergessen Sie nicht, daß Sie heute bei mir essen — um sieben llhr. Sie werden Smooth bei mir treffen. (Bekümmerten Tones.) Es dürfte das Letztemal seyn, daß ich Sie hier begrüße. Mein — doch was sag' ich? — Purer Scherz! — Gott befohlen! ja, Gott befohlen. (Schüttelt ihnen herzlich die Hand nnd kehrt in das Seitenzim- mer zurück.) Blount. Glossmore! Glossmore. Blount! Blount. Ich fürchte hier ist nicht Alles richtig. Glossmore. Ich theile diese Meinung mit Ihnen. Blount. Inzwischen Hab' ich meinen Grauschimmel verkauft. 127 Glossmore. Grauschimmel? Sie? Was ist das Thier wirklich Werth? B l o u n t. Da es verkauft ist, will ich es Ihnen sagen — kein Sechspfennigstück. Glossmore. Kein Sechspfennigstück? und er hat es mir geschenkt? Evelyn (an der Thür, erthcilt durch Gebilden einem Diener Befehle). Blount. Das war teufelmäßig unzart! Wissen Sie Wohl, daß ich mich angegriffen fühle? Glossmore. Angegriffen? Lassen Sie uns eilen und der Auszahlung unserer Geldscheine Vorbeugen. Blount. Hallo! John! wohin so eilig? Diener (in Hast). Um Verzeihung, Sir Frederick; ich muß schleunig nach Pallmall, Ostseite, zu dem Wechsler Ransom. Blount (feierlich). Glossmore, man hat uns übers Ohr gehauen. Glossmore. Sir, die ganze Stadt soll es erfahren. (Ab mit Blount.) 128 Vierte Srene. Toke und andere Diener (trete,> auf). Toke. Hurtig, hurtig! rührt Euch! wir haben keine Zeit zu verlieren. In diesem Zimmer sollen die Shawls abgelegt werden. Die Crump und die übrigen Dienerinnen des Hauses haben hier dieDamen zu bedienen, bevor diese sich hinauf in den Gesellschaftssaal begeben. Das Setzpult dort weg; seyd nicht so träge! und gebt mir die Zeitung her. (Tote setzt sich.) (Die Diener zeigen sich geschäftig.) Toke (für sich). Seltsame Gerüchte werden über meinen Herrn laut! und der Jockei besorgt den Paß. Franz (der ei» Bündel trägt, tritt auf). Mr. Toke, mein bester Mr. Toke, ich bringe Ihnen hier ei» kleines Geschenk. Toke. John und Charles — verschwindet! (Die Diener ab.) Tvke (bei Seite). Ich will nicht, daß die Kerle lernen, sich durch Handwerker bestechen zu lassen. Franz (der ein Beinkleid und eine Weste auspackt, die von Take betrachtet werden). Ihr Herr ist ein Bettler! Er will davon laufen; 129 Wir Alle sind — wie sag' ich'S doch? — wir Alle treiben auf leckem Boote, Mr. Toke, Lassen Sie meinen Freund, Mr. Clutch über die Hintertreppe herauf, so arretire ich Ihren Herrn noch heute, Toke, Die Weste nehm' ich mit Dank an; doch haben Sie vergessen die Taschen derselben einznfaffen. Franz, So wahr ich lebe, das Hab' ich. Hier! (Gibt ihm eine Banknote,) Toke. Die Thür zur Hintertreppe soll offen sehn; nur thun Sie'S mit Ruhe — kein „ti-aeas" wie der Franzmann sagt, Franz, Gut, gut, Mr, Toke, Morgen will ich auch die Bein- kleidertaschen einfaffeii, (Ab.) Toke, Mein Herr will mir gar nicht behagen. Ein Lakci (tritt ei»). Welche Leuchter sollen heut Abend gebraucht werden, Mr, Toke? Es wird spät. Toke. Stör' mich nicht — ich Hab' was überzulegen — Ja, ja, die Sache ist nicht zu bezweifeln! — Du, ist die Thür zur Hintertreppe offen? Bulwer'» No,»an-, I.XXXVII, 9 130 Laka i. Neben der der große Stlberschrank steht? Ich will laufen und sie zuschließen. Tote. Keinen Schritt! Du läßt sie offen. Lakci. Aber — Tobe tunt Gravität). Ich sage Dir sic bleibt offen — wegen frischen Luftzuges ! (Beide gehen ab ) Fünfte Scene. (Prächtiger Saal in Evelyns Hause.) Evelyn. Graves. Graves. Sie haben Ihre Gelder bei Frash und Brisk weg- geschrieben? Ev elyn. Nein. Graves. Nein? Nun, dann — Sir John. Lady Franklin und Georgina (treten ein). Sir John. Sie haben die von mir verlangten fünfhundert Pfnnd doch richtig erhalten? Ich bin zu glücklich. Ihnen — 13l Evelyn (ihn unterbrechend). Nehmen Sie meinen Dank — meinen wärmsten Dank. Solche Freundlichkeit von Ihnen und so zu gelegener Zeit! — Jene fünfkundert Pfund — Sie kennen gar nicht den Werth jener fünfhundert Pfund. Nie werd' ich Ihr großmülhigeS Benehmen vergessen. Sir John. Dank? Großmuth? (Bn Sein-.) Ich bi» doch nicht etwa hinters Licht geführt worden? Evelyn. Und das im Augenblick solcher Bedrängniß! — Sir John (bei Seile). Solcher Bedrängniß? Er klaubt an den garstigsten Wörtern im ganzen Lerikon herum. Evelyn. Mit Smooih bin ich fertig, doch fühle ich mich noch ein wenig geklemmt, und muß Sic um zweite Gunst bitten. Bis jetzt Hab' ich für das Gut Groginhole nur zehn pro Cent von der Ausbezahlungssumme entrichtet, muß jedoch den Rest diese Woche, ja, ich fürchte, schon morgen auskehren. Meine Staatspapiere habe ich bereits versilbert und daö Geld steht bei den Wechslern, so daß ich es nicht gleich bekommen kann. Zahle ich nicht am festgesetzten Tage, so verliere ich das Landgut und das Geld- was ich schon auf die Hand gab. Sir Job». Soll mich doch verlangen wo hinaus Eie damir wollen? 9 * Evelyn. Georgmens Vermögen betrögt zehntansend Pfund. Immer war ich Willens, lieber Sir John, Ihne» mit jener geringen Summe ein Geschenk zu machen — Str John (sich die Augen trocknend). O Evelyn! Ihr Edelsinn ist zuverlässig herzerschütternd. Evelyn. Das Gerücht von meinen Verluste» gereichte jedoch meinen Gewerksleuten zum Schrecken, und so habe ich in diesem Augenblicke so viele Zahlungen zu leisten, daß — — daß — doch ich sehe Georgina beobachtet uns; und ich will daher ihr eröffnen, was ich zu sagen habe. SirJohn. Nein, nein;— nein, nein. Mädchen verstehen nichts . von Geschäften. Evelyn. Eben deswegen will ich mit ihr darüber sprechen. Dies ist keine Geschäfts- sondern eine Gefühls-Angelegenheit. Stout, Zeigen Sie doch dem Sir John meinen Correggio. Sir John (bei Seite). Der T"l hole seinen Correggio! Der Mann lebt bloS um mich zu quälen. Evelyn. Thenre Georgina, was Sie auch von mir sagen hörten, schmeichle ich mir doch, daß Sie Zutrauen in mein Ehrgefühl setzen. 133 Georg, na. Können Sie daran zweifeln? Evelyn. Ich gestehe, daß ich in diesem Augenblick in Verlegenheit bin. Ich war schwach genug, Geld im Spiele zu verlieren, und habe jetzt große Summen zu zahlen. Empfangen Sie mein Versprechen, daß ich niemals in meinem Leben wieder spielen will. Meine Angelegenheiten können noch geordnet werden, doch dürfte für die ersten Jahre unserer Ehe es nöthig sehn uns einzuschränken. G e o r g i n a. Einzuschränken? Evelyn. Vielleicht beständig auf dem Lande zu leben. Georgina. Beständig auf dem Lande? Evelyn. Uns mit einem mäßigen Einkommen zu begnügen. Georgina. Mäßiges Einkommen? dacht' tch'S doch, daß etwas Entsetzliches herauSkommen würde! Evelyn. So, Georgina, steht es jetzt in Ihrer Macht, mich für den Augenblick von schwerer Sorge zu befreien und vor Demülhigung zu bewahren. Mein Geld liegt fest — meine Ehrenschulden müssen bezahlt werden — Sie sind mündig — Ihre zehntausend Pfund befinden sich in Ihren Händen — 13t Sir John (der wie Stcut zuhörte). Ich stehe auf glühenden Kohlen. Evelyn. Wenn Sie sie mir für einige Wochen leihen wollten — Sie stutzen? O, glauben Sie dem Ehrenworte des ManneS, den Sie Angesichts aller Verläumdungen jener Thoren, die man mit dem Namen die Welt belegt, Ihren Gatten nennen werden! Wollen Sie mir diesen Beweis Ihres Vertrauens geben? Bedenken Sie, was ist die Ehe ohne Vertrauen? Sir John (heimlich zu Georg',»«). Thu's nicht. (Laut, den Correggio deutend.) Ir, ja das Gemälde mag recht hübsch seyn. S t o u t. Aber der Gegenstand desselben gefällt Ihnen nicht? Georgina (bei Seite). Vielleicht will er mich nur prüfen. Am besten ist'S, ich überlasse es meinem Vater. Evelyn. Nun — Georgina. Sie — Sie sollen morgen von mir hören. — (Bei Seite). Ah! da ist der liebe Sir Frederick! (Sic geht zu Blouut. > Gkofsmore und Smooth (treten auf; sie werden von Evelyn begrüßt, der sich gegen den Eapitün sehr uutcribänig bezeigt). 135 Lady Franklin (zu Grave»). Hahaha! Gestern so gestört zu werden — wars nicht drollig? Graves. Kommen Sie nie wieder auf dies demüthigende Thema zurück. G lossmore (zu Stout). Sehen Sie, wie Evelyn dem Capitän schmeichelt. S t o n t. Wie gemein von ihm — Smooth — ein Spieler von Profession, ein Mensch der von seiner Fertigkeit lebt! Unter keiner Bedingung mocht' ich mit solchen Menschen umgehen. Smooth (zu Giossmore). Hopkins ist todt und Sie wünschen, daß Cipher sür Groginhole in die Vacanz einirüt, wie? G l o s s m o r e. Was? könnten Sie's bewirken? Smooth. 6o olior oimrlvs! — Ich bin ganz zu Ihren Diensten. Stout. Groginhole? Was hat denn der mit Groginhole zu schaffen? — Giossmore, stellen Sie mich doch dem Capitän vor. Giossmore. Wie? dem Spieler — dem Menschen, der von seiner Fertigkeit lebt? Stont. Hm! seine Fertigkeit scheint ein ungewöhnlich einträgliches Capital zu seyn. Ich werde selber mich ihm vorstellen. — Wiegeht'S, Capitän Smovth? Mich dünkt wir trafen im Club zusammen — ich bin erfreut, Ihre Bekanntschaft in einer Privatgesellschaft zu machen. Was halten Sie von den Angelegenheiten der Nation, Sir? Schlimm, sehr schlimm steht'ö damit! — keine Aufklärung ! — arge Verminderung der Revenuen! — mangelhaftes Finanzwesen! Nur Einen Mann gibt es, der das Land retten kann — und der heißt PopkinS! Sm ooth. Ist er Parlamentsmitglied? — Beiläufig, wie heißt Ihr Taufname? S t o n t. Benjamin. Nein; die Wahlbehörden find so unwissend, wissen den Werth jenes Mannes nicht zu schätzen. Er ist kein Redner — er stammelt sogar; besitzt aber teufelmäßige Kenntnisse. Könnten wir ihn nicht für Gro- ginhole einbringen? Smooth. Lieber Benjamin, die Sache ist in Bedenken zu nehmen. Evelh N (vortrcteiN). Meine Freunde — setzen Sie sich. Ich wünsche Ihre Meinung zu vernehmen. Heute vor einem Jahre gelangte ich zu einem ungeheuren Vermögen, und sicherte mir an eben demselben Tage, wie durch ein glückliches 137 Zusammentreffen, Ihre Hochachtung; so mögte ich jetzt denn Sie fragen, ob ich mein reiches Einkommen auf würdigere Weise als ich es that, hätte verzehren können? Glossmorc. Unmöglich! Ercellentcn Geschmack— schönes Haus! Blount. Herrliche Pferde! tlielmlich zu Glossmore) besonders der Grauschimmel. Lady Franklin. Köstliche Gemälde! Graves. Und einen perfekten Koch, Ma'am. Smooth (die Hände in seine Taschen schiebend). Meiner Meinung nach — nnd ich bin ein Kenner — hätten Sie Ihr Geld nicht besser anwenden können, Alfred. Alle (außer Sir John). Sehr wahr. Evely n. Was sagen Sie, Sir John? Sie halten mich vielleicht für ein wenig verschwenderisch; dennoch wissen Sie, daß, wenn man in dieser Welt durchweg respektabel erscheinen will, man einen durchweg respectabeln Schein annehmen muß. Sir John. Gewiß — gewiß! — Nein, Sie hätten nicht besser thun können. — (Bei Seile.) Ich weiß nicht was ich daraus machen soll. 138 Georgi na. Gewiß! (Schmeichlerisch.) Keine Einschränkung, lieber Alfred! Glossmore. Einschränkung? höchst plebej. S t o u t. Plebej, Sir? — schlimmer als das; es ist gegen alle Regeln der öffentlichen Moralität. Jedermann weiß heutzutage, daß Verschwendung zum Wohle der Bevölkerung gereicht — daß sie die Künste ermuntert, die Arbeiter beschäftigt — die Wollspinnereien vervielfältigt — Evelyn. Sie richten mich auf! Ich gestehe Ihnen, daß ich dachte, ein Mann, der so aufrichtiger Freunde Werth ist, hätte etwas Besseres thun sollen als bloS schmausen — sich hübsch kleiden — zeche» — spielen — Glossmore. Unsinn! wir haben Sie deshalb nur um so lieber. tVei Seite.) Bei alldem wollt' ich, ich hätte meine sechshundert Pfund wieder. Evelyn. So sind Sie also jetzt eben so sehr meine Freunde wie damals, als Sie mir zehn Pfund für meine arme Amme anboten — Sir John. Wir sind «S tausendmal mehr, liebster Junge! (Alle pflichten dem bei.). 1S9 Sharp (tritt auf). Smooth. WaS für ein Gesicht kommt denn da? Evelyn. Derselbe Mann, der mir die erste Nachricht von dein Reichthum brachte, den ich, wie Sie einräumen, so Wohl angewendet habe. Was solls denn geben, Sharp? (Sharp flüstert mit Erclyn.) Evelyn (laut). Die Wechsler sind bankrott? Sir John. Bankrott — welche Wechsler? Evelyn. Flash, Brtsk und Compagnie. Glossmore (zu Smooth). Und Flash ist Ihr Schwager! ES thut mir leid — Smooth (schnupfend). Mir gar nicht, Charles: ich hatte dort niemals Gelder stehen. Sir John (;u Evelyn). Sie aber! Ich warnte Sic — haben Sie weggeschrieben? Evelyn. Leider nein! S i r I o h n. Leider? Sie haben doch nicht viel Geld dort stehen? Evelyn. Nun, ich sagte Ihnen', daß die Kaufsumme für Gro- 140 ginhole bei meinen Wechslern stände — Aber nicht doch, sehen Sie nur nicht so erschrocken aus! Sie stand nicht bei Flash; sie steht bei Hoare — fürwahr! Ich versichere Ihnen, eS ist so, wie ich Ihnen sage; bloße Kleinigkeit bei Flash — auf mein Wort. — Morgen, Sharp, wollen wir weiter davon reden. Heute noch — wenigstens Einen Tag noch gelte cs Fröhlichkeit! S i r I o h n. Uh! allerliebste Fröhlichkeit! B l o u n t. Und er borgte mir siebenhundert Pfund ab. G l o ssm o r e. Und mir sechshundert! Sir John. Und mir fünfhundert! S t o u t. Wahrhaftig! ein kompleter Schwindler. Smooth (zu Sir John). John, wissen Sie wohl, daß ich für dies Haus, so wie es da steht — mit Möbeln, Silbergeräth, Gemälden Büchern, Büsten und Statuen ein honettes Geldgebot an- nehinen inögte? Sir John. Ihr himmlischen Mächte! Stout eine gute Tochter gibt eine gute Gattin ab. Essen Sie bei mir um sieben Uhr, und wir wollen den Contrakt besprechen. Blount. Recht so. Aus Gelde mach ich mir nichts, jedoch die zehntausend Pfund — Sir John. Die zehntausend Pfund bleiben auf GeorginenS Namen geschrieben; das versteht sich von selbst. Blount. Alle zehntausend, Sir? Fürwahr ich — Sir John. Was denn, mein Herzchen? Ich hintevlaffe Ihnen und Georginen all' mein Erspartes; und Sie wissen, wie'ö mit mir steht, he? — „der knickerige Jack?" he? Am Ende macht doch das Kapital den Mann! Smooth. Und je mehr Kapital ein Mann hat, ein desto kapitalerer Mann wird er seyn müssen ! (Ab ) Blount (für sich). Hm! er hat weiter kein Kind — Georgina mnß alle seine Ersparnisse erben — ich sehe nicht ein, was mir das schaden könnte. Dennoch brauche ich jene zehntausend 149 Pfund. Wollte Gcorgina sich nur von mir entführen lassen, so wiche ich dem Ehekontrakt aus. StoNt (sich die Stirn trocknend, tritt ein »nd nimmt Sir Jolm bei Seite). Sir John, wir sind genarrt worden. Mein Secre- tär ist ein Bruder des Buchhalters bei Flash. Evelyn hat dort nicht dreihundert Pfund stehen. Sir John. Herr des Lebens — Sie erschrecken mich, daß mir der Athen, stillsteht! Aber doch — der todtliche Smooth — der Berhaftsbesehl — die-Ei was! er muß ja ruinirt seyu. S t o u t. WaS den Capitän betrifft, so ist der, wie Sie wissen, „allweg zu Diensten." Verlassen Sie sich drauf, das Ganze war eine Finte, Smooth hat mich bereits angeführt, denn Evelyn ist Parlamentsmitglied für Grogin- hole. Mir ward eine Staffelte von PopkinS, der in Verzweiflung ist; nicht seinetwillen, sondern des Landes wegen, Sir John. Was soll aus dem Lande werden? Sir John. Aber welchen Zweck konnte Evelyn haben? Stvut. Zweck? Setzen Sie Zwecke bei solchem Grillenfänger voraus? Ein Mann, der nicht einmal eine volitische Meinung hat — Zweck? Vielleicht um die Heirath mit Ihrer Tochter abzubrechen. Aufgepaßt, Sir John, sonst entgeht Ihrer Familie das Landgut! Sir John. Hm, hm! ich wittere Etwas. Doch ist's noch nicht zu spät. S t o u t. Meine Bemühungen für Popkins hatten mich znm Lord Spendquick, dem vorigen Besitzer Groginhole'S eilen lassen, um ihm zu sagen, daß Evelyn den Nest der Kaufsumme nicht würde zahlen können; allein der Lord sagte zu mir — Sir John. Was? S t o u t. Evelyn hätte bereits bezahlt. Für Popkins gab es da keine Hoffnung mehr — England wird diese Wahl bewehklagen. SirIoh n. Georgina soll ihm ihr Geld leihen — ich will ihm — mein ganzes Haus soll ihm leihen; ich fühle wieder was es heißt ein Schwiegervater seyn. (Bei Seite.) Doch halt! Behutsam! Stout kann mit ihm unter Einer Decke stecken — es kann eine Falle seyn; — nicht wahrscheinlich ! Erst will ich selbst zu Spendquick gehen. — Sir Frederick, entschuldigen Sie mich — Sie können heute nicht bei mir essen. Auch sehe ich »ach reiflichem Erwägen ein, daß es unzart seyn würde, den armen Evelyn im Unglücke zu verlassen; ich mag's gar nicht denken, mein Junge, mag's gar nicht denken; fühle mich höchlich geehrt und glücklich, Sie als Freund dann und wann bei 151 mir zu sehen. — Aufwärter! Vorfahren. — Hm, hm! was wollte man denn mit Dir, Schlaukopf-Knicker-Jack? Et, ei! ein guter Spaß das, wahrhaftig! (Ab.> B l v u n t. Mr. Stout, was haben Sie zu Sir John gesagt? gewiß etwas meinem Charakter NachtheiltgeS. Leugnen Sie's nur nicht! Sir, ich werde mir Genugthuuug dafür ausbitten. Stout. Genugtynung, Sir Fredertck? Als ob ein Mann von Aufklärung Genugthuung durch einen Zweikampf erhalten könnte! Nicht einmal Ihres Namens gedacht ich; wir sprachen von Evelyn. Denken Sie nur, er ist so wenig ruinirt, als Sie es find. Blount. Nicht ruinirt? Aha, jetzt versteh' ich. So, so — halt still! lassen Sie mich sehen — (Eine sehr klein- Ubr hervorziehend.) Georgina wollte mich auf der Promenade treffen — Stout (eine sehr große Uhr heroorziehend). Ich muß nach der Halle. (Ab ) Blount. ES ist just Zeit — zehntausend Pfund! Sapperment' mir kocht das Blut. So lasse ich mich nicht von ihm behandeln, und wäre er auch zehnmal der knickerige Jack. (Ab.) 152 Zweite Scene. (Die Zimmer in Sir John Vcsey'S Hanse.) Lady Franklin. Graves. Graves. Nun, nun, ich weiß gewiß, daß der arme Evelyn noch immer Clara liebt; Sie jedoch können mich nicht überzeugen, daß Clara ihn wieder — Lady Franklin. Doch! ihr bricht beinahe das Herz, seitdem sie von seinen Unglücksfällen hörte, und ich bin überzeugt, nm ihn von den Folgen seiner Thorheit zn retten, würde sic Alles was sie hat hergeben. Graves (halb vor sich). Ja, ja, sein eigenes Geld würde sie ihm zurückge- beu, wenn sie cs thäte. Ich mögte mich davon überzeugen. Lady Franklin (klingelnd). Das sollen Sie, ich nehme so innigen Antheil an ihr, daß ich Ihrem Freunde Alles, nur nicht den Antrag verzeihe, den er Georginen machte. (Zu drin Diencr, der eintrat.) Wo sind die jungen Damen? Diener. Miß Vesey ist, wie ich glaube, noch auf der Promenade. Miß Douglas kam so eben nach Hause. Lady Franklin. , Wie? ging sie nicht mit Miß Vesey? 153 Diener. Nein, Mylady; ich wußte sie zmn Wechsler Drum- niond begleiten. (Ab.) Lady Franklin. Drummond? Clara «tritt auf.) Lady Franklin. Aber, Kind, was um aller Welt willen hast Du zu dieser Tageszeit denn bei Drummond zn schaffen? Clara (verwirrt.) O — ich? — ich wüßte nicht — Ah, sieh da Mr. Graves! Wie steht es um Mr. Evelyn? Wie erträgt er sein plötzliches Mißgeschick? Graves. Mit einer schauerlichen Ruhe. (Die Hand an der Stirn.) Ich fürchte, es ist hier nicht ganz richtig mit ihm. In der Stadt heißt es er müsse von hier weg — vielleicht heute schon —, Clara. Don hier weg? heute? Graves. Jedoch seine Gläubiger wollen bezahlt seyn; und er scheint nur Besorgnis zu hegen, ob Miß Desey ihm in seinem Unglücke treu bleibt. Clara. Ha! so liebt er fie denn innig? GraveS. Hm! Die Frage weiß ich nicht bestimmt zu beantworten. Clara. Georgina sagte mir gestern Abend, Mr. Evelyn hätte fortwährend behauptet, zehntausend Pfund reichten hin, ihn von allen seinen Verbindlichkeiten zu befreien — war das nicht die Summe? wie? Graves. Ja wohl; eben so spricht auch Evelyn. Wird Miß Vesey ihm das Geld leihen? Lady Franklin (bei Seite). Thut sie'S, so mögte ich Arges von ihrer Mutter denken, und Georgina nicht für Sir Johns leibliche Tochter halten. GraveS. Ich überzeugte mich gern, daß mein armer Freund nichts von derÄroßmuth eines Frauenzimmers zu hoffen hat. Lady Franklin. Reden Sie höflich! Sind denn die Männer minder geldgierig? GraveS. Einen Mann wenigstens kenn' ich, der, als er arm war, von einem eben so armen Mädchen abgewiesen ward, und plötzlich zu großem Vermögen gelangt, seinen Advokaten ein Codicill schmieden ließ, an welches der Testator nie dachte, und wodurch er dem Mädchen, das ihn ausgeschlagen hatte, ein ansehnliches Kapital zuwendete. 155 Lady Franklin. Und das ohne dem Mädchen etwas davon zu sagen? Graves. Ohne! Bei den Gerichten ward kein solches Codicill registrirt, verlassen Sie sich darauf. — Sie scheinen ungläubig zu seyn, Miß Clara? Gott befohlen. (Ergeht.) Clara (ihm nach). Ein Wort — aus Erbarmen! Verstehe ich Sie recht? O, wie könnt' ich denn so blind seyn? Edelmüthiger Evelyn! GraveS. S i e preisen ihn und Georgina wird ihn aufgeben. MißDouglaS, erliebtSienoch immer. — (Bei Seite.) Ob ichs wohl lassen kann? ob ich mich nicht fortwährend um die Angelegenheiten andrer Leute bekümmere, wie wenn sie'S werth wären? — Hol's der Geier! (Ab.) Clara. Georgina ihn aufgeben? Sind Sie auch dieser Meinung? — (Bei Seite.) Ja! er wird bald entdecken, daß sie nimmer jenen Brief schrieb. Lady Franklin. Sie sagte mir gestern Abend, sie würde Evelyn nie wieder sehen. Inzwischen muß ich ihr nachsagen, daß sie weniger eigennützig als ihr Vater ist, und einen Andern liebt insofern sie lieben kann. Obschon mit Evelyn versprochen, sieht man sie doch oft mit Sir Frederick auf der Promenade; ja eben jetzt — 156 Clara. Und er ist allein — betrübt — verlassen — zu Grunde gerichtet! Und ich, die durch ihn bereichert ward — ich das Geschöpf seiner Freigebigkeit — ich, einst das Mädchen seiner Liebe— ich stehe hier müsfig und begnüge mich mit Weinen und Beten? O Lady Franklin, haben Sie Mitleid mit mir — mit ihm! Wir sind Beide mit ihm verwandt — als Verwandte haben wir ein Recht ihn zu trösten; lassen Sie uns hin zu ihm — geschwind! Lady Franklin. Nicht doch! das geht nicht — schickt sich nicht — was würde die Welt davon sagen? Clara. Alle verlassen ihn? So will ich allein hin. Lady Franklin. Sie, die Stolze? die Feinfühlende? Clara. Was Stolz! Er bedarf der Freundschaft. Lady Franklin. Er ist unglücklich durch eigene Schuld — ein Spieler! Clara. Können Sie jetzt an seine Fehler denken? Ich habe kein Recht das zu thun. Alles was ich besitze ist sein Geschenk — und ich, ich ließ mir das niemals einfallcn! Lady Franklin. Wenn nun aber Georgina ihn wirklich aufgab — es 157 LZ ihn bereits wissen ließ; was wird er dann Anderes von Dir denke», als — ^ Clara, l ! Was als? daß wenn er mich noch liebt, ich hinrei» ! chcnd für ihn und mich habe, daß ich ihm znr Seite bin! Doch daS ist ein allzu lichter Traum, Er sagte zu mir, ich mögte ihn Bruder nennen! nun denn! wo sollte jetzt seine Schwester eigentlich sehn? — Aber ich — ich zittre —! Wenn am Ende — wenn — Will ich zu Dreistes? die Welt — mein Gewissen können dies bcantwor- ,ten — glauben Sie aber, daß er mich würde verachten l können? Lady Franklin, ^ Nein, Clara, nein! Deine reine Seele liegt zu offen da, als daß selbst AuSschweiflinge sie verkennen könnten. Mir sagt eine innere Stimme, daß durch solche Zusam- i menkunft das Glück Beider herbeigeführt werden mögte. Allein kannst Du nicht gehen. Mein Beiseyn rechtfertigt Alles. Gib mir die Hand, wir wollen mitsammen hin. tBcive ab.) Dritte Scene. (Ein Zimmer in ErclynS Hanse.) Evelyn. Ja. ja, Alles geht selbst über meine Erwartung gut. Auf Smooth kann ich mich verlassen — auch Sharp ist gehörig von mir gestempelt worden; meine Wahl wird wie ein Entwischen aus dem Gefängnisse anznsehen seyn. Hahaha! Freilich, lange kanns nicht anhalten; jedoch ich 158 bedarf ja nur einiger Stunden, und während derselben denk ich ganz und gar ruinirt zu seyn. (Zu Graves, der ein- trlw) Nun, Graves, was sagen die Leute von mir? Graves, Alles nur erdenkliche Böse. Evelyn. Bor drei Tagen ward ich allgemein geachtet; und heute früh erwach' ich, um mich höchst seltsam infam zu finden — dennoch bin ich derselbe Mensch. Graves. Hm! Einer der spielt —- Evelyn. Schnickschnack! Es war kein Verbrechen daß ich spielte, es war ein Verbrechen, daß ich verlor. Kein Wort! Wollen Sie's ableugnen, daß wenn ich statt meiner den Capitäu ruinirt hätte, man sich noch dienstfertiger an mich gedrängt haben, und aller Mund mir unter« thänigen Glückwunsch gelächelt haben würde? Freund, Freund! Ich bin nicht umsonst reich und arm gewesen! Die Laster und die Tugenden stehen in einer Sprache niedergeschrieben, auf deren Entzifferung die Welt sich nicht versteht; sie liest fie in schlechter llebersetzung, und die Uebersctzer heißen Mißlingen und Gelingen. — Sie allein, GraveS, blieben unverändert. Graves. Darin liegt kein Verdienst, denn ich bin nun einmal so, daß ich in aller Welt Thräne» mitweinen muß. tB-i Seite.) Ich weiß, ich bin ein Narr, aber ich kann'« nicht helfen. (Laut) Hören Sie, Evelyn! Sie sind mir Werth — ich bin reich; und alles was ich thnn kann, um Ihnen aus der Klemme zu helfen, wird mir Vorwand geben, den Nest meines Lebens mit Knurren hinzubringen. So! nun ist'S heraus. Evelyn (mit Rührung). Bei alldem ist doch etwas Gutes in der menschlichen Natur. Lieber Freund, bedürfte ich Ihrer Hülfe, so würde ich sie aunehmen; allein ich kann mich noch selbst herauswinden. Meynen Sie nicht, Georgina wird gleiches Zutrauen zu mir hegen? Graves. Würd's Ihnen das Herz brechen, wenn sie es nicht thäte? Evelyn. Nicht leugnen kann ich, daß ich noch immer Clara liebe. Mein letztes Gespräch mit ihr erneuerte Gefühle in mir, die zu bekämpfen ich alle meine Scelenkräfte würde aufbieten müssen. Inzwischen bin ich keiner von jenen Sybariten der Sentimentalität, die den Menschen für unfähig halten, die Leidenschaft der Liebe zu besiegen, und die ihre eigene Schwäche für die Stimme unabwendbaren Schicksals halten. Damit mögen kläglich genug daS Mädchen, die ihre Ehre preisgab, der Ehebrecher, der seinen Freund perrieth, sich entschuldigen! Nein, daS Herz ward der Seele zum Bundesgenossen gegeben, nicht aber soll es zum Verräther an ihr werden! 160 GraveS. Wofür bestimmen Sie sich? Evelyn. DaS sollen Sie hören: Bewahrt Georgina mir ihre Anhänglichkeit, die ich auf keine alizuharte Probe stellen will; kann sie den Hinblick, nicht auf Nuin und Nrmuth, — denn in dieser Beziehung thut das Gerücht mir Unrecht, — sondern auf ein mäßiges Auskommen ertragen; mit Einem Worte, liebt sie mich um meiner selbst willen, so will ich Clara aus meine» Gedanken verbannen. Ich habe mich Georginen zugesagt, und will zum Altäre ein Gemüth bringen, das entschlossen ist, ihre Liebe zu verdienen und sein Gelübde zu erfüllen. GraveS. Und wenn Georgina Sie ausschlägt? Evelyn (mit Freudigkeit). Thut sie'S, so bin ich ja wieder frei; und dann — dann will ich, was ich ohne Schande thun kann, es wagen Clara zu fragen, ob sie Vergangenes zu erklären und Zukünftiges mir zu segnen vermag. (Ein Diener überreicht einen Brief.) Evelyn (nachdem er ihn las). Der Würfel ist geworfen — der Traum vorüber. — Edles Mädchen! O Georgina, ich werde dich dennoch verdienen! Graves. Georgina? ist's möglich? 181 Evelyn. Und welche Zartheit, welche Weiblichkeit, welche Himmlische Anmuth! Wie sehr verkennen wir die Tiefe des menschlichen Herzens! Wie vergessen wir über dem Stroh, das die Oberfläche deckt, die Perlen die darunter verborgen liegen mögen! Hätte ich sic doch dieser Innigkeit nicht fähig gehalten! G rave s. Ich auch nicht. Evelyn. Unwürdig war' es, wenn ich noch eine Minute lang diese Prüfung fortsctzte. (Letzt sich und schreibt.) Zch will sofort die Edelmüthige enttäuschen. Graves. Tausend Pfund häti' ich drum gegeben, wenn die Kleine, die Clara, der Anderen zuvorgekommcu wäre. Aber S'ist just so wie mein Glück; mogtc ich einen Freund mit dem Einen Mädchen zusammenbriugen, kann ich sicher seyn, daß er um mich zu ärgern eine Andere hcirathet. (Cvelvn rlingelt.) Ein Diener ttn« Dies Billet sogleich an Miß Vcsey, und sage dabet, in einer Stunde würd' ich mein Aufwartung machen. (Dinier ab.) Evelyn. Auf Clara hält' ich somit für immer verzichtet. Wie mir das Herz schlägt! Warum, o warum, wenn ich auf «ulwcr'i Romane. I.xxxrn. 11 162 künftiges Geschick Hinblicke, sehe ich nur Erinnerung an dag Vergangene? G r a v e S. Sa haben Sie sich abermals Georgine» zngesagt? Evelyn. Unwiderruflich! Marie Scene. (Ein Diener meldet Ladl) Fraukli-l und Misi Dvuglas.) Lady Franklin. Clara. Evelyn. Graves. Lady Franklin. Lieber Evelyn, vielleicht finden Sie in diesem Augenblick unfern Besuch sonderbar; indessen ist hier zu Förmlichkeiten keine Zeit übrig. Wir find Ihnen verwandt — man spricht davon, daß Sie England verlassen wollen — wir kommen um Sie freimüthig zu fragen, inwiefern wir Ihnen dienen können. Evelyn. Madam, ich — Lady Franklin. Geschwind, geschwind; zögern Sie nicht, uns zu vertrauen. Clara ist Ihnen noch minder fremd als ich es bin, und Ihr Freund hier erlaubt mir wohl, mich mit ihm zu berathen. (Bei Seite zu Graves.) Lassen wir Sie ungestört mit einander reden. Graves. Sie find ein Engel von einer Wittwe, aber 163 Sie kamen zu spät, wie gewöhnlich alles Gute zu spät kommt (Er zieht sich mit Ladp Franklin IN den Hintergrund zurück.) Evelyn. Miß DouglaS, Wohl mag cs mir an Worten fehlen, Ihnen zu danken — diese Güte, diese Theilnahmc — Elara (sich ihrer Empfindung überlassend). Evelyn, Evelyn! reden Sie nicht so. Was Güte? was Tkeilnahme? Ich habe Alles, Alles erfahren. Au mir isl'S, von Dankbarkeit zn reden. In dem Augenblicke, in welchem ich Sie so schwer verletzte — als Sie mich für eigensüchtig und kaltherzig hielten — als Sie glaubten, ich wäre verblendet und kleindenkend genug, um Sie nicht nach Ihrem wahren Werthc zu schätzen — in eben dem Augenblicke waren Sie nur auf mein Wohlergehen — auf mein zeitliches Glück bedacht! Ihnen, nur Ihnen verdankt die arme Waise eö, daß sie der Abhängigkeit und Knechtschaft entrissen ward! Während Sie bittere Worte im Munde führten, übte Ihr Herz die edelste That! O hochherziger Evelyn, das also war Ihre Rache? Evelyn. Sie sind mir keinen Dank schuldig, Miß; jene Rache war ja süß! Meynen Sie eö war nichts, zu fühlen, daß meine Gedanken Sie, auch ohne Ihr Wissen, umschweben würden, daß an den kleineren wie größeren Dingen, die für jenes Gold eingehandelt werden konnten — daß an den Juwelen, mit denen Sie sich schmücken, daß an dem Kleide, in welchem Sie den Blicken Anderer noch schöner 11 * 161 «scheinen — daß an Allem, woran Sie eines Mädchen- jugendliche und unschuldige Freude haben mögten — ich meinen Anlhell hätte? daß selbst, wenn wir für ewig getrennt — Sie eines Anderen wären — in fernen Jahren — vielleicht in beglückender Umgebung — Sie süßen Stimmen lauschten, die Ihnen den Namen „Mutter" zulallten — daß selbst dann die Verwendung jenes MetalleS ein Lächeln auf Ihre Lippen bringen, und daß jenes Lächeln dann mir — inir, als eine heilige Schuldzahlung gehören würde, die Sie der Hand, welche Sie ausschlugen, der Liebe, die Sie verwarfen, zu leisten hätten? Clara, Ich? verwarf? Erkennen Sie den Beweis, ob ich Sie verwarf! Sehen Sie! in dieser Stunde, in welcher Sie sagen, daß Sie wieder so arm sind, als Sie es ehemals waren, vergesse ich die Welt — meinen Stolz — vielleicht gar die Ehre meines Geschlechtes, und denke nur an Ihre Bckümmerniß, Ich bin hier! Evelyn (bei Seite), Himmel, stärke mich, daß ich es ertrage! (Laut,) Und dies ist dieselbe Stimme, die, als ich zu Ihren Füßen knieete und flehete, mich nur Einen Tag hoffen zu lassen, Sie mein nennen zu dürfen, nur von Armnth sprach und dann antwortete: „Nimmer?" Clara. Weil ich Ihrer Liebe unwerth gewesen scy» würde, wenn ich Ihr Elend vergrößert hätte. Evelyn, hören 165 Sie mich an! Gleich Ihnen war mein Vater arm und edelherzig; gleich Ihnen mit Genie und Ehrgeiz begabt; gleich Ihnen und bis zn seinem letzten Hauche empfindlich gegen die leiseste Verletzung. Er heiralhete, wie Sie es gethan haben würden, ein Mädchen, deren Morgengabe in Armnih und Sorge bestand. Alfred, ich sah, wie jenes Genie sich selbst zum Fluche ward — sah jenen Ehrgeiz verzweifelnd verwittern— sah des stolzen Mannes Kampf, Demüthigung und Seelengual — sah das bittere Leben das er führte, sah seinen frühen Tod, und hörte, wie an seiner Leiche meine Mutter Vorwürfe gegen sich selber ächzte! Alfred Evelyn, jetzt reden Sie! Durfte das Mädchen, das Sie so edelherzig liebten, ein solches Verhängnis über Sie bringen? Evelyn. Clara, wir würden es mit einander getheilt haben! Clara. Getheilt? Nimmer wolle ein Weib, das wahrhaft liebt, Ihrer Eigensucht durch solche Täuschung schmeicheln ! In dergleichen Ehen kann die Gattin die Last nicht tragen helfen; er ist's, der Gatte, der sorgen, ringen, arbeiten, ausdauern, und endlich doch beim Drehen des erbärmlichen Rades an Herz und Körper verkümmern muß! Die Gattin, ach! kann den Kampf nicht theilen, kann nur Zeuge der Verzweiflung seyn; und deswegen, Alfred, wies ich Ihre» Antrag zurück. 166 Evelyn. Jetzt jedoch erscheine ich Ihnen eben so arm, als ich damals war. Clara. Aber ich bin nicht arm — wir sind noch nicht arm! Von jenem Vermögen, das ganz und gar Ihnen gehört, und durch dessen Hälfte, wie ich höre, alle Ihre Schulden getilgt werden können, bleibt uns denn doch noch die zweite Hälfte übrig, Evelyn! Es ist keine große Summe, aber sie schützt gegen Dürftigkeit. Cv elyn. O! hören Sie auf! Sie wissen nicht, wie Sie mich foltern. Hätten Sie mir doch Hoffnung gegeben, als es noch Zeit dazu war ! Hätten Sie meinem Herzen nur geboten zu harren und glücklicheren Tagen entgegenzusehen! Clara. lind hätte dann an solcher Hoffnung Ihr ?ebe» sich bis ins hohe Alter Hinschleppen lassen — hätte Sie an einer glücklicheren Wahl verhindert, Ihnen glänzendere Aussichten verfinstert, Ihnen ein Gelübde anfgezwungen, das um so peinlicher, um so lastender für Sie hätte werden müssen, als meine Jugend und deren ärmlicher Reiz geschwunden seyn würden — ich hätte dann Ihr ganzes Dasey» in einem einzigen laugen Harren erhalten; nein, Evelyn! selbst jetzt kennen Sie mich noch nicht. Evelyn. Sie kennen? Holder Engel! zu lieblich um von de« Mannes rauherer Natur verstanden zu werden — sey es 167 mir wenigstens vergönnt, zu verehren! Warum erklangen so himmlische Worte mir nicht früher? Warum tönen sie mir jetzt — jetzt, da eS zu spät ist? O Himmel, zu spät! Clara. Zu spät? Was habe ich denn gesagt? Evelyn. Neichthum! was ist er mir ohne Sie? Mit Ihnen verbunden erkenne ich seine Macht; — jedem Ihrer Wünsche zuvorznkommen — Ihren Pfad zu ebnen — Alles was das Leben von der Schönheit und Anmuth entlehnen kann, zu Ihrem Geleit und Dienste herbeizickchaf- ssn , und dann in diese Augen zu blicken, und in deren Strahlen die Schätze eines Herzens schimmern zu sehen, das an Werth Alles übertrifft, was Könige zu spenden vermögen — das, ja, dag wäre im Stap.de, Gold für- wahr zu dem Range einer Gottheit zu erheben! Jetzt jedoch ist's vergebens — vergebens — vergebens. Gebunden bin ich durch alle Bande der Zusage, der Dankbaikeit, der Treue, der Ehre — an eine Lindere! C l a r a. Eine Andere? Blieb sie Ihnen denn treu in Ihrem Mißgeschicke? Das wußte ich nicht — in der That, das nicht! lind nun habe ich mich verrathen? — O Schmach! wie wird er jetzt mich verachten! 168 Fünfte Scene. Die Vorigen. Sir John (Kitt aus). Graves und Lady Franklin tkommen wilder zurück). Sir John tmit Würde u»d Offenheit). Evelyn, ich zeigte mich hastig gestern. Sie werden cinräumen, daß es natürlich war, wenn ich mich so zeigte. Georgina aber hat Ihnen so lebhaft das Wort geredet, daß — (da er merkt, daß Lady Franklin auf ihn horcht) Schwester, zieh doch den Thürstügel ein wenig an, sey so gütig!-daß ich dem Mädchen nicht widerstehen kann. WaS ist Geld ohne Glückseligkeit? Sv also geben Sie mir Ihre Verschreibung, denn meine Tochter besteht darauf, Ihnen die zehntausend Thaler zu leihen. Evelyn. Ich weiß.es, und habe die Summe schon empfangen. Sir John. Schon empfangen? — Treibt er Spaß? Wahrhaf- haftig, seit vorgestern ist mir'S, als brächt ich mein Leben zwischen Ndolphv'S Geheimnissen zu! — Schwester! sahst Du Georginen? L ady Franklin. Seitdem sie auf die Promenade ging, nein. Sir Jo h n