E. L. Bulwer's Werke Aus dem Englischen. Achtzigstes Nän-chen. Gvdolphin. Viertes Bändchen. Stnttg art, Verlag der I. B. Metzler'schen Buchhandlung. 1840 . G o d o l p h i n Ein Roman von E. L. B rr l w e r. Aus dem Englischen von Nr. Georg Nikolaus Värmann. In fünf Bändchen. Viertes Bändchen. Stuttgart, Verlag der I. B. Metzle rächen Buchhandlung. 1840 . Vierzigstes Kapitel. Tivoli. — Dic Höhl- der Syrenc. — Das Bckennt»i>>. Die tödtliche Campagna, einen langweiligen und trostlosen Weg an einer Reihe von elenden schmutzigeil Häusern entlang, verfolgt man seinen Pfad und erblickt alsdann Tivoli. „Sehen Sie! sehen Sie!" rief Constanze entzückt, indem sie auf den brausenden Bergsturz wies, der unter verschlungenen Bäumen und über felsige Abhänge herniederdonnerte. Erstaunt über das Schweigen Gvdolphins, der sonst von herrlicher Landschaft sä ungewöhnlich hingerissen zu werden Pflegte, wendete sie sich hastig, und fühlte mächtig ihr Herz klopfen, als sie die trostloseste Niedergeschlagenheit auf seinem Antlitz erblickte. „Wie?" sagte sie nach kurzer Pause, indem sie ein scherzhaftes Lächeln erzwang — „wie seltsam ist doch dies! Sonst entschlüpfte Ihnen kaum ein alltäglicher, mit einem alten Bamne bepflanzter grüner Fleck, oder ein Bach, Bulnier's Noinanc. I^XXX. 2 6 über den sich ein Weidenbaum neigt. Sie verlangten dann daß man Ihr Entzücken theilte — mit Ihnen das Malerische bewunderte; und jetzt, da einer der göttlichsten Schauplätze der Erde vor uns liegt, da selbst Lady Charlotte rwn Wonnegefühl überfließt, und Mr. Saville über den Anblick sich selber vergißt — sind Sie ln Schweigen und Erstarrung versunken? Den Grund davon. Sir wenn er nicht gar zu abstruß ist?" „Er ist hier!" sagte Gvdolphin schmerzlich, und legte die Hand ans sein Herz. Constanze wendete sich zur Seite; sie hegte die Ansicht, er deute aus frühere Ergebnisse hin, und verzweifle demnach an der Zukunft. Sic bezog seine Traurigkeit ans sich, und wußte, daß ln diesem Falle sie dieselbe würde verscheuchen können. Durchdrungen von diesem Gedanken, und erheitert durch die Schönheit des Morgens und durch die Wunderpracht der Natur, ließ sie allen Zauber ihrer Unterhaltungsgabe walten. Als so ihr strahlender Geist jeden Gegenstand erhellte, über den er sich verbreitete, vergaß Godolphin und fühlte Godolphin wechselsweise dle Grüße des Opfers, das er bringen wollte. Jeder aber kennt jenes Gefühl, durch das, wenn wir unglücklich sind, unser äußeres Wesen von der Wildheit unserer inneren Verzweiflung gleichsam durchleuchiei wird — jene Achtlosigkeit, die der Rausch unseres Kummers ist. Allmälig kam Godolphin von seiner Verschlossenheit zurück. Er schien an Constanzens Gluth zu erwärmen; er wiederholte — bestätigte die Wonnebemerkungen seiner 7 schönen Reisegefährtin; er veranlaßte diese zu neuen Ergießungen über das Schöne in der Natur. Sein cm Schätzen des Alterthnmö reicher Geist verknüpfte irgend eine längst vergangene Begebenheit mit jeglichem Gegenstände, der sich ihnen zeigte. Der Wasserfall, die Ruine, die Höhle, das steile mit Olivenhainen bekränzte Ufer, der schwebende Tempel, der Cypresscn dunkles Grün und das Brausen des wilden AnivflnsscS — all Dieses berührte er mit dein Zanbcrstabe des Vergangenen — kleidete es in die Glorie der Geschichte oder der kegende, und schmückte es dann und wann mit den Blüthen der ewigen Poesie, die noch heutiges Tages, um ihre Kinder trauernd, zwischen den Wcinstöcken und Wasserfällen des alten Tibnr wandelt. Und während Constanze ihn anhörte, versank sic in Wonnegefühl, bis sic, ohne es zu wissen, ihrerseits schweigsam ward und sonder Rückhalt sich dem höchsten Genüsse der Liebe — dem Stolz aus den geliebten Gegenstand hiugab. Noch nie hatte das seltene und umfassende Genie Godol- phins ihr der Bewunderung so Werth geschienen, und als er aufhörte zu reden, war ihr, als ob plötzlich eine Lücke ür der Schöpfung entstanden wäre. Godolphin nnd die junge Gräfin befanden sich um einige Schritte vor der kleinen, sie begleitenden Gesellschaft voraus, und schlugen jetzt den Weg zu der Höhle der Syrene ein. Der Pfad, der zu dieser denkwürdigen Stätte leitet, ist fortwährend so schlüpfrig, daß um festen Fuß zu behalten man sich an die Büsche klammer» muß, die dem Abgrunde entlang wachsen. 2 * 8 „Beurlauben wir unfern Führer," sagte Godolphin. „Ich keime jeden Fleck des Weges, und bin überzeugt. Sie theilen meine» Widerwillen gegen diesen abgedroschenen Andcnter und starren Wegweiser der Bewunderung, lieberlassen wir ihn der Lady Charlotte und dem Freunde Saoille. Erlauben Sie mir, Ihnen Cicerone zur Höhle zu seyn." Bereitwillig genug gab Constanze ihre Zustimmung, und man ging weiter. Saville, dem der beschwerliche und gefährliche Pfad keineswegs gefiel, machte bald Halt und wußte die Lady zu vermögen ein Gleiches zu thun: denn diese fand Behagen an dem Witze ihres Gefährten, wenn er über das Malerische in Landschaften sprach, und „zudem," sagte sie, „hätte sie die Höhle schon gesehen." So harrten Beide der Rückkehr der abenteuerlicheren Gräfin und deren Führers. Ohne daß Constanze, die wegen der Aufmerksamkeit, welche jeder Schritt erforderte, kein einzigesmal hinter sich blickte, von dem Zurückbleiben der Beiden etwas wußte, setzte sie ihren Weg fort. Und wie herrlich erschien ihr dieser rauhe Weg, als jeden Augenblick GodvlphinS Sorgfalt, Godolphins unterstützende Hand nothwendig war, und er dagegen, begeistert, entglüht durch ihre Gesellschaft, durch die Milde in ihrem Wesen, durch die Innigkeit ihrer Aufmerksamkeit-doch nein! »ein! noch war Lucilla nicht vergessen. Sie standen jetzt in der Höhle der Syrcne. Nur von dieser Stätte ans kann man jenen fürchterlichen Was- 9 sersturz schauen, der gleich einem hcrniederkommenden Gotte zur Tiefe brauset. Die Felswände um sie her tröpfelten, der Sturz fiel ihnen zu Füßen herab — herab unter immerwährendem Donner stürmte das betäubende Element; oben eitel Grimm, unten eitel Granen: dort der Cataract, hier der Abgrund, Keines Augenblickes Pause in dem Grimme, keines Augenblickes Schweigen in dem Gebraus; fort bis zum letzten Strahle der Sonne sollen der Fluch des Herabstürzens und das Bcwußtseyn unbeschreiblicher Gewalt an diesen Wassern haften! Ein in alle Ewigkeit gequält bleibender Dämon, der seine Schauer- Wohnung mit der ruhelosen und gespenstischen Stimme seines Zorns und seiner Verzweiflung erfüllt, ist der alleinige Typus, durch den der Geist des Wasserfalles bezeichnet werden kann, lind dort nun — inmitten dieser schauerlichen und furchtbaren Ewigkeit des Kampfes und der Macht, — standen zwei Wesen, deren momentanes Daseyn von der Hauptleidenschaft der Menschheit erfüllt war. Und diese Leidenschaft war dort dennoch hörbar; die änßcre Natur vermogte nicht die innere zu bewältigen. Selbst unter dem eisigen Schauer des herabsprützcnden Wafferschaumes, unter welchem einem Anderen das Blut in den Adern Härte gefrieren mögen, fühlte Gvdolphin das Lodern seines Herzens, Constanze aber war ganz und gar in einem Wirbel und Chaos von Schauer und Bewunderung verloren, so daß sie kein Wort hcrvorbringen konnte. Inzwischen lag es in der Natur ihres wunderlichen Geliebten, 10 nur durch vollkommenes Bewußtseyn seiner Kräfte und Leidenschaften unter den selteneren und wilderen Aufregungen des Lebens sich erweckt zu fühlen. Wildtobcndes Gefühl bemächtigte sich jetzt seiner — ein Anflug von jener stürmischen lleberspanntheit des Geistes, die zn dem eben so denkwürdigen als bestrittenen Spruche vcranlaßte — „Wenn du am Rande eines Abgrundes mit deiner Geliebten stehst, und das Verlangen fühlst, dich mit thr tu die Tiefe zu stürzen, so sey gewiß daß du liebst!" Allerdings ist dieser Spruch überspannt, allein es gibt Zeiten, in denen auch die Liebe überspannt ist. Ilnd jetzt, und ohne es zu wissen, klammerte Constanze sich immer fester an Godvlphin. Erst ward sie von seiner Hand, dann von seinem Arme gehalten, und endlich zog er durch einen unwiderstehlichen, stnnebctänbcnde» Antrieb stean seine Brust und flüsterte mit einer Stimme, die sich Constanzen selbst durch den Donner des Niesengewästers hindurch hörbar machte: — „hier, hier meine frühere, meine einzige Geliebte, fühl' ich Wider meinen Wille», daß ich noch nie zuvor dich so innig, so brünstig liebte als jetzt!" 11 Einundvierzigstes Kapitel. Lucilla.— Die Einsamkeit.— Der Zauber. — Der Traum und der Entschluß. Während die erwähnten, für Lucilla so verhängniß- vollen Ergebnisse sich zu Rom zutrugen, hielt die Tochter Volkmans einen schmerzlichen Verkehr mit ihrem leidenschaftlichen und ruhelosen Herzen, an dem User des See's, dessen ruhiger Silberspiegcl eben dem Gemüthe Hohn sprach, das in glücklicheren Momenten von ihm zurückge- worfen worden war. Lucilla hatte nun die Folterlast der Zeit durch den Winter hindurchgeschleppt, und der frühe und linde Frühling uahete heran, sänftigte die Fluthen der Gewässer und winkte Leben in die Aeste und Zweige. Früher hatte diese Jahrszeit einen geheimnißvolien und ernsten Reiz für Lucilla gehabt; — jetzt waren für diese alle Stimmen des Lenzes stumm. Der Briefe Godolphins an sie waren so wenige, und sie gaben sich in Vergleichung mit seinen früheren Zuschriften so gezwungen in ihrer Abfassung, daß die für jedenJmpnlS stets empfängliche, und für abgeschlossene Hoffnungen untüchtige Tochter des Sterndeuters in ihre thränenvvllc und muthlvse Niedergeschlagenheit keine andere Abwechslung, als die Paro- rhsmen des Zweifels, der Eifersucht und der Verzweiflung, zu bringen wußte. Es ist die alltäglichste Erscheinung von der Welt, daß, wenn wir einmal ansingen einem Menschen Unrecht zu 12 thun, wir, angetricben durch eine gewisse Verdrossenheit, womit das Gewisse» das Andenken an den betheiligten Gegenstand oerbindet, in solchem Unrecht immer weiter gehen. So fühlte Godolphin, im Kampfe mit der Rückkehr zu seiner früheren und nievergeffcnen Liebe, eine nnr selten von ihm mit Erfolg niederzuringende Abneigung, den Heuchler gegen Lucilla zu spielen. Selbst seine Reue machte ihn unfreundlich gegen sie; der Gedanke, daß er oft hätte schreiben sollen, machte daß er selten schrieb, und das Bcwußtseyn, daß er Lucillcns innige Liebesergüsse hätte erwiedcrn sollen, ward Ursache, daß er in dieser Erwiederung sich ohne es zu wollen linkisch und unbeholfen gab. Dies Alles ist für uns sehr natürlich und begreiflich; Lucilla jedoch suchte tausend Mysterien aus und hing ihnen nach, die ihr ungleich annehmlicher schienen, als irgend eine Mnthmaßnng der Wahrheit der Sache es ihr hätte seyn können. Mittlerweile nährte sie um so eifriger jene nichtigen Forschungen, womit sie sich noch die Zeit Vertrieb, und wodurch ihre Imagination geschmeichelt ward. Bei einer so trügerischen und unersprießlichen Wissenschaft kam es zum Glücke wenig darauf an, ob die Schülerin mit Erfolg in derselben arbeitete oder nicht; inzwischen brauche ich wohl Keinem von denen, die jemals die verworrenen Berechnungen und seltsamen Zeichnungen der Kunst der Astrologen überblickten, noch zu.sage», daß die Fortschritte der Tochter in der Gelehrsamkeit ihres Vaters höchst gering waren. Bei alldem gewährte es sänftigenden Trost, hin- auf zum Firmaments zu blicken, und eine Muthmaßung aus der Sprache der Gestirne herzulcitcn. Vor Allem dachte Lucilla dabei, eben weil sie iu die Zukunft spähete, ihres Geliebten. Jedoch Tag nach Tag verging, und cs kam kein Brief, oder es kam einer der schlimmer als keiner war, so daß Lucilla endlich über allen Ausdruck ungeduldig an einem Gluthfieber des Erwartens litt, und in ihrer unaussprechlichen Verlassenheit von jenem unvcrtilgbaren Gefühle der Reizbarkeit ergriffen ward, das, wie ich irgendwo gelesen habe, jener Raserei voranzugehen pflegt, welche durch abgesonderte Kerkerhaft nicht selten bei Verbrechern erzeugt worden seyn soll. Am Tage, an welchem sie den von mir mitgetheilten Brief an Gvdolphin schrieb, war ihre Nervenaufregung zu einem besonders hohen Grade gestiegen. Es trieb sie an, irgendwohin zu fliehen; einige Male kam ihr sogar der Gedanke, Nom wäre nicht so sehr weit, und sie konnte Wohl eher als ein Brief von ihr dorthin gelangen. Constanze schwieg. Der Zauber des Sonnenunterganges war vorüber. Man ging gedankenvoll, und etwas kühl gegen einander nach Hanse. An einem anderen Tage, an welchem es zu rcgnig war, als daß man hätte ansgehcn können, sagte Godolphin, nachdem er lange schweigend und sinnend dagcseffen hatte, zu Constanzen, die ämsig an ihre politischen Freunde Briefe schrieb, in denen sie Italien und die Liebe vermied, dagegen aber über das geschäftige England und dessen endlose Politik sich ergoß — Bulwer's Romane. I.xxx. 5 54 „Mögtest Du mir etwas verlesen, Constanze? Ich bi» heute so sehr traurig gestinimt; es mag von, Wetter herrühren." Constanze legte ihre Cvrrespondenz weg und nahm eines von den rieten Büchern, die auf dem Tische lagen. Es war ein Band von einem der beliebtesten vaterländischen Dichter. „Mir ist alle Poesie zuwider," ließ Godolphin sich läßig vernehmen. „Hier ist Macchiavcl's Geschichte des Fürsten von. Lueea," sagte Constanze lebhaft. . „Recht so, die lies und erkenne, wie gehässig der Ehrgeiz ist." Und Constanze las, erglühte aber für das, worüber Godolphin höhnisch die kippe aufwarf. Das Thema weckte ihn inzwischen ans seiner Apathie; und sofort begann er mit all der Beredsamkeit, die er anfbieten konnte, sobald er einmal angeregt war, die Lehrsätze seiner besonderen Philosophie zu verfechten. Constanze hörte ihm zu und ward hingerissen: sie sympathtsirtc nicht mit der Denkweise, aber sie war entzückt von dem Genius, der dieselbe bekleidete. „Ha!" sagte sie, „warum sollten diese strahlenden Worte so gesprochen sehn und für immer verloren gehen? Warum sie nicht ans die lebendige Blattseite tragen, oder warum sie nicht in jenem Rednersaal erschallen lassen, der sie glorreich und Deine Worte unsterblich machen würde?" „Allerliebst!" rief Godolphin lachend; „das Haus — 55 der Gemeinden würde sich lebhaft für Philosophie in- tcrcssiren." Dennach hatte Eonstanze im Ganzen Recht. Allein der Fluch eines Lebens des Vergnügens ist dessen Widerwille gegen nützliche Thätigkeit. Geschwätz rwn dem Genie, das verdüstert und zermalmt unter Armuth ächzet! Reichthum und Rang haben ebenfalls ihre stummen Dichter und unrerherrlichten Geschichtschreiber. Ach! wie so viele hohe und ächte Weisheit treffen wir unter den Kleinigkeitskrämern der Welt au : wie so Vieles, was auf den ernsteren Mittelwegen des Lebens Ruhm errungen haben dürfte, verwittert unbeachtet in der ansmcrgelndcn Stickluft höherer Stände! Hierin begegnen sich die beiden Er- trcme — die jedesmalige Zerstörung geistiger Gaben. Gv- dolphin war eines unter den vielen Beispielen, die zeigen, welchen schlimmen Einfluß eine indolente Aristokratie sogar auf ihre Lieblinge hat. dreunuudvierzigstes Kapitel. Rückkehr »ach Landein — Der Täuschung ewige N-nnr. — Fannv Millinger. — Ihre Abendgesellschaften. Es war inmitten des Frühlings und gegen Abend, als unsere Reisenden in London ankamen. Nach einer längeren Abwesenheit fühlt man beim,Wiedereintritt in das Gewühl und den Tumult jener ungeheuren Stadt eine 56 seltsame Aufregung. Dieses Getös, diese Lebendigkeit, dieser Neichthnm — Zeichen der Ehrsucht nnd des Verkehrs im Volke — haben eine unbeschreiblich aufregende Gewalt über uns, nachdem wir die verhältnismäßige Oede und majestätische Stille der Fcstlandssiädte hinter uns ließen. Constanze lehnte sich ruhelos zum Fenster des Wagens hinaus, als dieser durch die Gassen der Hauptstadt rollte. „O daß.ich ein Mann wäre!" sagte sie mir Innigkeit. „Und weshalb?" fragte Godolphin lächelnd. „Weshalb? Betrachte diesen geräumigen Schauplatz allgemeinen Ehrgeizes, nnd erkenne das Warum. Welche glorreiche nnd manchfaltige Laufbahn liegt jedem Bürger dieser freien Stadt offen da? Sieh dort drüben das ehrwürdige alte Parlamcntshans, hvchberedt in erhabenen Rückerinnerungen!" „Und daneben die Gruft," bemerkte Godolphin mit einem Spvttlächeln. „Ganz recht, aber die Gruft großer Männer," sagte Constanze lebhaft. „Die die Opfer ihrer Größe wurden." Es entstand eine Panse. Dann nahm Constanze wieder das Wort: „Und Du fühlst keine Aufregung, Pereh, in dem Gesumm und Gewühl—in dem Lichterscheinen und Pomp Deiner Gebnrtsstadt?" „O ja, ich befinde mich auf dem Markte, an welchem alle Genüsse käuflich sind." 57 »Pfui!" Godvlphin zog seinen Mantel nin sich, nnd schloß das Wagenfenster, „Diese verwünschten Ostwinde I" „Sehr wahr, — sie sind in der That der Finch des Landes," Der Wagen hielt vor dem stattlichen Portikus von Haus Erpingham, Godvlphin fühlte sich ein wenig ge- demüthigt, durch ein Weib eine so glänzende Wohnung bekommen zu haben : Constanze aber, die dies Gefühl in ihm nicht ahnete, eilte die breite Treppe hinan, und sagte, indem sic auf eine Thür zeigte, die in ihr Boudoir führte: — „In jenem Zimmer sind Cabinete gebildet und erschüttert worden," Godvlphin lachte; ihm leuchtete auö dieser Bemerkung nur die Eitelkeit des Rühmens hervor, weil er den Eifer in derselben nicht theilte. Dieser aber war Constanzens schwache Seite; ihr dunkles Auge flammte. Nichts ist einem Manne widerwärtiger als jene Art von unbehaglicher Ruhe, die nach einer Reise folgt, Go- dolphin nahm seinen Hut, streckte sich gähnend, nickte Constanzen zu, nnd schritt zur Thür, Man befand sich in Constanzens Ankleidezimmer, „Wie? Percy? Du willst doch jetzt nicht ansgehen?" „Doch, doch, meine Liebe," „Wohin denn, in's Himmels Namen?" „Auf's Kaffeehaus, um Neues über Oper und Ballet zu hören," 58 „Ich klingelte eben nach Lichtern, um Dir das Haus zu zeigen," sagte Constanze, die sich getäuscht suhlte, mit halbem Vorwurfe, „Habe Dank, Constanze, Feuchte Zimmer und Ostwinde sind mir znvicl, Haus? Nun, was kann denn in diesen engländischen Gesellschastsälcn zu erblicken seyn, nachdem man die Marmor-Palläste Italiens sah? Hast Du etwas zu besorgen?" „Nichts," sagte Constanze, und sank mit Thränen in den Augen auf ihren Stnhl, Godolphin bemerkte die Thränen nicht; ihm mißfiel der kalte Ton, mit dem fie geantwortet hatte, und er zog die Thür hinter sich zu, indem er murmelte: „Sah man je so unzarte Großthuerci!" „So also," dachte Constanze mit Bitterkeit, „kehre ich nach England zurück : srenndlos, ungeliebt, vereinsamt mit meinen Plänen und in meinem Herzen, wie ich cs zuvor war? Schwäche, böse Schwäche in mir, daß ich diesen Mann liebe, trotzdem-Nun, nun! noch bin ich nicht so tief gesunken, daß ich klagen könnte," Damit wischte sie die Thränen aus den Wimpern, und wendete sich mit Anstrengung von diesen ihren milderen Gedanken ab. Das Haupt ans ihre Hand gestützt, den Blick gesenkt, gab sie sich ernsteren, sinnenderen Betrachtungen hin, die ihr Wiedereintritt in den Kreis ihres alten Ehrgeizes ihr erweckte. Mittlerweile schlendert? Godolphin zwischen vornehmen Müssiggängern und behandschnhetcn Politikern umher, In London gibt es zwei Klassen Volksbelicbter; den 59 »runter», fröhlichen, heitergelaunten Haufen, und de» gelassenen, vornehmen, sarkastischen Troß, Der Erstere enthält «erweitert gute Kerle; der Letztere vcrwettert vornehme Leute, Zn Letzteren gehörte Godolphin. Da er niemals ein Buch geschrieben, auch nicht sich für ein Genie ansgegeben hatte, so gestand inan schweigend zn, daß seine Talente seinen guten Qualitäten keineswegs tm Wege ständen, . In den Augen jener jungen Herren, die für den Ruf ihrer Zeitgenossen wirken, kann die Sünde, irgendwie sich ausgezeichnet zn haben, durchaus nicht gesühnt werden, „Er ist so »erst — langweilig mit seinen Büchern und seiner Poesie!" sagte ein Erzdandy von Byron, als dessen „Childe Harold" anfing den Weibern die Köpfe zn verdrehe». Im Kaffeehause befand sich ein Nudel versammelt, als Godolvhin eintrat. Man bewilikommte ihn lebhaft. „Sey gegrüßt, alter Zunge!" sagte Einer. — „So wahrGottlcbt, Godolvhin! ich freue mich Dich zn sehen!" rief der Andere. — „So hast Du also Lady Erpingham monopvlisirt— Glückshund, der Du bist!" flüsterte ein Dritter. Godvlphin, dessen Eitelkeit sich durch diesen Empfang geschmeichelt fühlte, brachte den Abend im Clnbb zn. Bald ward Gewohnheit daraus — Godvlphin brachte viele seiner Abende im Clubb zu. Constanze, die Besuche in der Reihe herum zn machen hatte, war zn stolz um sich zu beklagen. Vielleicht auch würde Klage nichts gebessert haben: allein ein einziges Wort der Zärtlichkeit von ihr. 60 oder ein einziger Blick des Sehncns nach seiner Gesellschaft würde ihn nimmcr das Kaffeehaus wieder haben betreten lassen! Godolphin ärgerte sich heimlich über eben den Gleichmuth Constanzens, den er früher beinahe überschätzt hatte! „Lieber Godolphin," flüsterte eines Abends ihm ein junger Lord zu; „wir essen heute Abend beider kleinen Schauspielerin, der Millinger. Du erinnerst Dich ihrer doch? Bist ja ihr alter Favorite! Sie wird sich freuen. Dich zu sehen — Eitel Unschuld! versteht sich. Lady Er- pingham braucht nicht eifersüchtig zu seyn." —- Eifersüchtig ! Constanze eifersüchtig auf Fanny Millinger! — „Eitel Unschuld! Komm, ich fahr' Dich hin; mein Cabriolet hält vor der Thür." „Immer besser als eine Vorlesung über den Ehrgeiz," dachte Godolphin und fuhr mit. Godolphins Freund war ein lebhafter junger Edelmann, von jener gutherzigen, leichten und arglosen GemüthSart, die einem gebildeten, empfänglichen und indolenten Mann oft besser zusagt, als Genossen von höherer Bildung es können, weil er nicht nöthig hat in der Genossenschaft von seinem eigentlichen Wesen nachznlassen. Lord Falconer schwatzte, als man durch die glänzenden Straßen fuhr, über tausenderlei Dinge, wovon Godolphin so viel anhörte als lhm beliebte: und Faleoners Alter und Wesen war von der Art, die leicht eines Zuhörers entbehren kann. Man kam in einer kleinen Billa zu Bromptvn an. Um das Haus her befand sich ein Gärtchen, in dessen einer 61 Ecke eine Laube stand — Alles wies sich sauber. Das Haus war erst srisch weiß übertüncht worden, hatte seine Bcranda und seine Spiegelglasfenster mitMahagvni-Vor- satzrahmen. Hie und da war, „um Geschmackes willen," eine gothische Verzierung angebracht; und durch eines der Fenster im Untergeschoß zeigten sich im Lichterschein kar- moisin seiden mit Gold überzogene Lehnstühle und dahin gehörender Schmuck — Ludwig der Vierzehnte in einer Nußschale! Der Leser wird jetzt das Hans so genau kennen, als ob er selbst in demselben gewohnt hätte. Damen von Fanny Millingers Zuschnitt haben jederzeit dieselbe Art von Wohnung. Es ist zum Erstaunen, welchen übereinstimmenden Geschmack sie besitzen: und junge Lebemänner neunen es ebenfalls „Geschmack," und abmen die Mode in ihrem kleinen Tnscnlum in der Capellenstraße nach. Nachdem unsere Beiden vom Cabriolet eine gothische Vorhalle, von zweinnddrcißig Geviertfuß und ein ovales Treibhauszimmcr, mit einem Flnßgott in seiner Mitte, durchschritten hatten, standen sie vor Fanny Millinger. Godvlphin war allerdings nicht wenig neugierig gewesen, das hübsche, offene und lachende Gesicht wieder- znsehen, das so freundlich in seine Knabenzcit geblickt hatte, und Erinnerung rief ihm jenen Svmmcrabend zurück, an welchem er, der junge Abenteurer, mit so ganz anderen Pnlsschlägen als jetzt in seiner Abspannung, und einem, vom Stolze der ihm so neuen Unabhängigkeit hochklopfenden Herzen sich zum ersten Male hinaus in die Welt 62 begab. Unwillkürlich fuhr er zurück, als er jetzt die Schauspielerin erblickte; sie hatte ihr früher gegebenes Versprechen gelöset: sie war geründeten Körpers worden. In ihrer Kleidung wies sich etwas Theatralisches, jedoch nichts Unstatthaftes; ihre schönen Anne und Hände waren mit Geschmeide geschmückt, und jenes unbeschreibliche Wesen, das von der Bühne Zengniß giebt, war jetzt »»gleich mehr als ehedem an ihr bemerkbar; immer aber sah man sie frei, frohsinnig und leichtherzig wie sonst, und noch immer klang ihre Stimme silbernlieblich, als sie den Lord begrüßte, und ihn wcgendes von ihm mitgcbrachten Freundes befragte. Gvdvlphin ließ seinen Mantel fallen, und im nächste» Augenblick hatte die Schauspielerin mit einem allerliebsten natürlichen, und doch bühnenhaft hervorge- stoßencn Schrei steh ihm in die Arme geworfen. „Doch halt! ich vergaß, Du bist—Sie sind jetzt verheirathet," sagte Fanny mit einer scherzhaften ehrerbietigen Verneigung. „Seit wie vielen Jahren sahen wir einander nicht; dennoch Hab' ich Ihrer nicht vergessen, obwohl das Nvllenlernen unser Einem das ganze Gedächtnis in Anspruch nimmt. Ach! Ihr Haar — cs war so schön! es hat die Hälfte seiner Locken eingebüßt nnd ist viel dünner worden. Ich sollte das nicht sagen, allein ich rede stets die Wahrheit, und bei Ihrem Anblick erwärmt sich mir das Herz so sehr, daß all' meine Gedanken aufthanen." „Nun," sagte Lord Falconer, der unterdessen mit einem eben nicht hübschen Schovßhnnde gespielt hatte — „werden Sie endlich auch an mich denken?" 63 „An Sie? An Sie denkt man mir wenn Sie sprechen , und dann thut inan es nur — um nach der Nhr zu sehen/' „Schon gut, Fanny, schon gut! Wird Windsor bald hier seyn? Ich glaubte ihn schon hier zu sehen. Sagen Sie mir, mögen Sic ihn denn wirklich leiden?" „Leiden mag ich ihn über die Maßen — es ist dies das rechte Wort für ihn, so wie für Euch Alle. Würde jedoch Liebe in den Strom des Lebens geworfen, so würde mein kleines Fahrzeug bald kippen. Auch bleibt mir bei dem endlosen Umkleiden und Spielen und allem gravitätischen Lebensverkehr keine Zeit zur Liebe. Und wie Hab' ich mich gebessert, Godolphin! Fragen Sie nur Falconer, ob ich nicht wie ein Engel singe, obwohl meine Stimme kaum Kraft genug hat, um einen Kartenspieltisch hermn- znkommcn; ans dem Theater lernt man jedoch aller Vorzüge entbehren. Diese erdichtete Existenz neben der wirklichen ist ein seltsam Ding! Wir leben wie verzaubert, Percy, und genießen das was die Poeten ersehnen." Den träumerischen Godolphin überraschte diese Bemerkung. Auch wunderte es ihn, zu sehen, daß Fanny sich gleich geblieben, daß sie durch ein Leben Voll Munterkeit nicht herabgewürdigt worden war. Endlich trat auch Tom Windsor, ein Irländer von fünfnndvierzig Jahren herein, der seinen Landsleuten in Allem, mir nicht im Witz und Scharfsinn unähnlich war. Klein, mager und runzelig, aber bis an die Ohren voll Weltkenntnis!, hatte er beständig einen Scherz auf der 64 Zunge. Er war reich und fröhlich, allgemein beliebt, und hatte sein Bischen Leben vollauf genossen, ohne dabei zum Halunken worden zu seyn. Nach ihm kam der hübsche Franzos, De Danville, dann ein junger Spieler, Namens St. John; endlich vervollständigten zwei Schauspielerinnen die Gesellschaft. Das Abendessen war Wiedas Haus, recht hübsch, und entsprach dem Geschmacke der Billa — vom besten Weine, von den besten Speise»! Fanny war reich worden. Witz, Lärm, Munterkeit, Anekdotenjagd gesellten sich zu dem Champagner; und Gvdolphin, durch Freude verjüngt, bildete sich nochmals ein, ein Jünger des Vergnügens zu seyn. Fünfzigstes Kapitel. Godolphins Selbstgespräch. — Perch wirb ein Vergnngensmcnsch und el» Beschützer der Künste. Ein neuer Charaklrr schillert durch, denn in unsere»! Fortschreiten so im Leben wie ln dessen Repräsentation zeigen die Charaktere sich immer schwächer und unklarer, als e« auf unserer früheren Laufbahn geschah. „Ja/' sagte Gvdolphin anderen Tages zu sich selbst, als er allein bei seinem Frühstücke saß; — allein, denn die Tagseintheilung der rastlosen Constanze war nicht die des wohllebenden und gemächlichen Gvdolphin; so daß die Gattin schon im Wagen, ja, wohl gar schon mit einer lntrignirenden Gesandtin im Cabinette saß— „Ja, ich habe zwei Lebcnszeiträume zurückgelegt; der erste war der 63 des Romans, der zweite war der der Betrachtung. Ehemals war mein Lteblingsstudium Poesie — dann Philosophie. — Jetzt, in meine Heimath znrückgekehrt, jung noch, reich und häuslich eingerichtet, steigen mir neue Zwecke auf; nicht thnt'S jener beschwerliche Nlltagsehr- geiz, der uns das Leben zur Qual macht, und auf den Evnsianzc zielt, sondern ein wärmeres und lebhafteres Daten» ist's, als das, in welchem ich früher hintränmtc. Wohlleben und Vergnügen sollen mir jetzt das sehn, was ehedem Einsamkeit und Nachdenken für mich waren. Ich habe zn lange den Nnachoreten gespielt; ich will lerne» gesellig zu sehn." In Folge dieses Entschlusses wendete Godvlphiu sich mit Gier zu den Genüssen der Welt zurück. Man machte ihm den Hof, dafür machte er der vornehmen Welt wieder den Hof. Seit Jahren schon war Hans Erpingham gern besucht worden: wie diel lieber besuchte mau cs jetzt, da dessen Besitzer so viele Verfeinerungen in seine Zirkel zn bringen wußte! Durch eine zarte und richtige Auffassung der schönen Künste hatte Godolphin sich von jeher charak- terisirt; jetzt begann er jenen Eifer eines Sammlers an- znnehmen, wie er sich bei begüterten Kunstliebhabern zu finden Pflegt. Aus seinem geliebten Italien ließ er die schönsten Bildsäulen koinmcn, — seine Kästchen wurden mit seltenen Denkmünzen gefüllt, — seine Zimmerwände glänzten von den Trinmphen der Malerei. Das prunkende aber heterogene Geräth in Haus Erpingham wich einem klassischen und vollkommeneren Geschmacke. Dieselbe Frei- 66 sinnigkcit, durch die er sich m Herzensangelegenheiten ausgezeichnet hatte, ließ xr auch in seinem neuen Treiben blicken: er zeigte dieselbe Sehnsucht nach dem Idealen, dieselbe Verehrung des Schönen, dasselbe Streben nach dem Vollkommenen. Es lag nicht in Constanzens Natur, diesem geringere» Ehrgeiz in sich Kaum zu geben. Ihr Geschmack war geläutert, aber nicht krittlich: sie ließ sich nicht zur Philosophie der Etnzelnheiten herab. Doch srcnte es sie zu sehen, daß Godvlphin zu einem thätigcn Zwecke ausgerüttelt worden war: und obwohl sie cs besenszte, daß sein edles Genie sich in den Geringfügigkeiten des Knnsitenners oersplitterte, — obwohl sie insgeheim das Verschleudern ihres Reichthnms, der dem politischen Ehrgeiz so oiele Vortheile gewährte, an todten Marmor und an Dinge beklagte, die sie mit ziemlichem Rechte für Leichtfertigkeiten hielt, ward sie doch den Grillen GvdolphinS nicht hinderlich, da sie wußte, wie ein einziger Einspruch in seine Wünsche, in Bezug aus Gcldansgabcn, ihn an das erinnert haben würde, woran sie wollte, daß er niemals denken mögte, nämlich daran, daß die Mittel zu seinen verschwenderischen Ausgaben sich von ihr herleiteten. Constanze hoffte, sein einmal erwachter Geist würde bald des Anhausens von Spielereien überdrüssig werden, , und sich höheren Zwecken zuwenden. Mittlerweile versenkte sie selber sich in ihre Parteleomploltc und Ehrgeizintrignen. Hans Erplngham, berühmt schon durch die Schönheit seiner Königin und seiner politischen Schmausereien, l>7 crhöhcte seinen Ruhm jetzt durch die Knnstschätzc und die GeisteSanmuth, womit Gvdolphin dasselbe schmückte. Unter der Menge seiner Gäste befand sich Einer, der von des Hauses Eignern besonders ausgezeichnet ward. Stainfvrth Radclpffe zählte noch lange nicht Dreißig, war aber dennoch schon ein bedeutender Mann. Im Seminar hatte er sich ausgezeichnet, auf der Hochschule hatte er sich ausgezeichnet, und jetzt in der Welt der Wissenschaften zeichnete er sich ebenfalls ans. Unter einem ruhigen, kalt- milden Acußern barg er den entschlossensten und rastlosesten Ehrgeiz, der die herrschendeThätigkeit seines Geistes war. An kleine Gegenstände dersplitrcrte er seine Energie nicht, denn er ging wenig in allgemeine Gesellschaft, und suchte inseinen Studien besonders nach solchen Gegenständen, dis den Geist »erdig und stark machen. Er war ein scharfer Denker, ein genauer Financier, ein Richter in den Spitzfindigkeiten der Moral und der Gesetzgebung ; denn zu seiner Buchergelchrsamkeit gesellte er eine ihm inwohuende Menschenkenntnis!; und mengte er don Zeit zu Zeit sich unter die Menschen, so suchte er sich diejenigen don ihnen aus, die sich in den Studien, die er selber trieb, hervor- gethan hatten, um »ach ihren Ansichten die seinigen zn berichtigen. Nichts Schwankendes oder Unentschlossenes war in ihm; sein Thun ging beständig ans Berechnung hcrdvr, und hatte jederzeit einen Zweck; und schien cs den Oberflächlichen, als lenkte er don derjenigen Straße ab, die don ihrer .kilugheit eingeschlagcn worden scpn würde, so that er es nur, um auf dem sichersten und kürzesten 68 Wege zu seinem Ziele zu gelange». Indessen war sein Ehrgeiz nicht der bloße gemeine Durst nach Fortkommen in der Welt: ihn kümmerte wenig ein kümmerliches Amt oder eine armselige Machthaberci, worin sogenannte ein porstrebcndc junge Männer ihren reichsten Lohn zu finden pflegen. Seine Klarsicht erschauete alle Gegenstände, die für alle Anderen in Dunkel gehüllt waren, und nur auf solche umfassende und hervorragende Gegenstände richtete er sein Augenmerk. Kleine und vorübergehende Belohnungen galten ihm für nichts : so hatte er keine Fremde an den kleinlichen Ehren, um derentwillen man ihn beneidete, und ans die man ihn stolz zu seyn wähnte. Stets beschäftigt nnd gedankenvoll, begab er, wie gesagt, sich selten in die fröhliche Welt: und befand er sich darin, so pflegte er nicht in ihr zu glänzen, denn Geringfügigkeiten verlangen eben so sehr als Dinge von Wichtigkeit den ganzen Menschen. Es mangelte ihm weder an Witz noch an Abgeschliffenheit, allein er wendete seine Kräfte zu ernst an große Zwecke, als daß er bei kleineren sich nicht zu Zeiten unbeholfen gezeigt hätte; fühlte er sich jedoch irgendwo heimisch oder aufgeregt, so war er nicht ohne — nnd welcher Mann von Genie wäre dies? — seine besonderen lln- terhaltnngsgaben. In diesem jungen, düstern, ernstbrütenden Alaune lag Etwas, wofür Constanze ans den ersten Blick eingenommen ward: sie glaubte in ihm ein ihr gleichendes Wesen zu erkennen, und Radelpffe's unternehmender Geist ergötzte sich an der Genossenschaft mit dem ihrigen. Beider politische Ansichten kamen überein, und Beider 69 allendliche Zwecke waren einander nicht sehr ungleich; ihr gemeinschaftlicher Ehrgeiz aber versah sie mit einer Fülle von Gesprächsstoff und Plänen. Radclhffe war Eonstan- zensGast: bald jedoch gewann auch Godolphin den junge» Politiker lieb, obwohl er über dessen Meinungen die Achseln zuckte. In seiner Jugend war Godolphin Tory gewesen, und war jetzt, wenn er überhaupt etwas war, noch Torh. Solche politische Tendenz war vielleicht das natürliche Resultat seines philosophischen Lehrglaubens. Eonstanze, aus Grundsatz den Whigs, und in Wirklichkeit den Ultraliberalen zugethan, verlieh noch immer ihrem Hause ihren politischen Eharakter, und der bequeme Godolphin hielt die Politik für die kleinlichste Kleinlichkeit, die ein Mann gar wohl der Gebieterin seines Haushaltes überlassen könnte. Wir möge» uns daher leicht vorstelleu, wie behaglich Godolphin sich an den Weishcitslehreu Ra- dclpffe's und an den Declamationen Constanzens belustigte. „DaS ist eine gefährliche, ränkesüchtige Frau," sagte die Herzogin von * " * zu ihrem hochgestellten Gemahl, als Eonstanze sie eines Vormittags besucht hatte. „Unsinn! Weiber sind niemals gefährlich." Bulwer'S Romane. I.xxx 6 7 » Einnndfüiifzigstes Kapitel. GodotvbinS Lebensweise. — Einfluß der Meinung und des Verspotten» auf die Gemüthcr der bevorrechteten Stände. Lady ErpinghamS Freundschaft mit Georg den, Vierten. Dessen Lebensweise. Godolphins jetzige Lebensweise war genau diejenige, welche ein sehr reicher und gcistpoller Mann ganz natürlich zu verfolgen hat; sie war üppig, aber verfeinert. Go- dolphin war zu dem Alter gelangt, in welchem die Poesie des Herzens immer mehr schwindet. Geld stand ihm fast sonder Maß zu Gebote : zu Anstrengung hatte er durchaus keinen Beweggrund, und er suchte jetzt im Vergnügen das, was er früher von der Nomantik verlangt hatte. Indem er, wie wir gesehen haben, jeden Ehrgeiz verachtete, konnten seine Fähigkeiten und Talente sich in keinem anderen Kreise als dem bewegen, den die „vornehme Welt" darbot; und allmälig wurden diese Welt und deren Beifall und Rücksichtnahme ihm wichtiger, „als seine Philosophie es sich träumen ließ." Zn welchem Kreise wir auch leben mögen, stets wird, ob früher oder später, die öffentliche Meinung solchen Kreises einc Controle über uns erlangen. Aus diesem Grunde werden auch die stärksten Geister endlich durch das Vergnügen frivol gemacht. Der Rechtsverweser, der Volksvertreter, der Gelehrte—-Alle miteinander werden unmerklich durch das llrthcil desjenigen Kreises, dem sie angehören, und durch den Kreis, in welchem sic sich bewegen, geleitet, gebildet und umgesvrmt. 71 Noch mehr ist dies der Fall mit den Müssig-gängern der großen Welt, unter denen der Gespräche Hauptgegenstand fortwährend das „Ich" ist. In diesem letztgenannten Troß ist Verspottung eine ungleich strengere und furchtbarere Göttin, als fie cs unter denen seynkann, die sich zu ernsteren Lebcnsbeschästigungen halten; und indem sie beständig die Furcht ihr zu verfallen reg erhält, nöthigt sie Jeden, der in jenem Kreise lebt, zu eintönigerer und regelmäßigerer Fügsamkeit in das Urtheil der Anderen. Verspottung erstickt alle Energie bei denen, auf welche sie wirkt. Sobald eines Mannes Stellung in der Vergesellschaftung sich stätig gemacht hat, sobald er zu einem gewissen Alter gelangt ist, wagt er sich an keine in- tellectuelle Unternehmung, durch die die allgemeine Hochachtung oder Beliebtheit, deren er genießt, irgendwie geschädigt werden könnte. Nicht setzt er ein Durchfallen im Parlament, nicht eine kaustische Kritik in der Literatur aufs Spiel; nicht wagte er's sich neue Neider zu erwecken, und da, wo er jetzt gefällige Untergeordnete vorfindet, sich aufgebrachte Nebenbuhler hervvrznrnfen. Die berühmtesten Autoren, die geachtetsten Parlamentsmitglieder betrachteten Godolphin jetzt als einen Mann von Witz und Geist; als einen Mann, dessen Hans, dessen Reichthum^ dessen Weib ihm einen Einfluß verschafften, wie wenige Individuen sich dessen erfreuen. Weßhalb durch herausfordernde Vergleichung diese Hochachtung aufs Spiel setzen? Warum ans der erste» Reihe heraustreten, um 6 * 72 höchstwahrscheinlich Gefahr zu lausen, i» die zweite Reihe zurückgedrängt zu werden? Dies Mstiv, van welchem geheim die Hälfte — die geschcidtere Hälfte der Aristokratie, also die Schlaueren und Geschätzteren, regiert werden, und welches den Einfältigen und Eitlen eine oerachtete und unzubeneidende Auszeichnung überläßt, gab der philosophischen Gleichgültigkeit Godvlphins gegen den Ehrgeiz erhöhet« Stärke bei. Wäre seine Lage minder glänzend gewesen, oder wäre er bei jenem Hange zur Einsamkeit verharrt, den die Jugend als besten Ernährer — Polnische Sage der Parteien und der Lady Erringham. Der Tod Königs Georgs des Vierten war dioGeburt einer neuen Aera. Während der letzteren Lebensjahre jenes Monarchen hatte ein stiller Geist sich auf da's Land herabgesenkt, und sich sogar in die Mauern der Abgeschiedenheit des Königs geschlichen. Nicht zu läugnen ist, daß die verschiedenen Verschleuderungen unter seiner Rcgixrnng, die nicht mehr durch die jugendliche Anmuth des Herrschers und durch die militärischen Triumphe des Volks verdeckt und beschönigt wurden, weit mehr als theoretische Speeü- lationen zu dem Wunsche nach politischer Umgestaltung hingewirkt hatten. Den kürzesten Weg .zur Freiheit zeigen leere Geldbeutel an. Während des Königs letzter Krankheit, einer der traurigsten Perioden, die mau jemals in einem Palaste kannte, befand Constanze sich oft zu Windsor. Die Me- moirenschrciber der Regierung des prachtliebenden Ludwigs des Vierzehnten werden am besten dein Leser einen Begriff von den letzten Tagen Georgs des Vierten bei- 97 bringen: denn dieser war, gleich jenem großen Könige, in sich selbst der Repräsentant einer besonderen Periode, und behielt viel von dem Wesen seiner Jugend und viel von der daran sich knüpfenden persönlichen Beliebtheit während ^ des traurigen Abnehmens seiner Tage bei. Es war trübselig, den, der eine so hohe und ritterliche Laufbahn zu- rückgelegt hatte, so sein Leben verhauchen z» sehen: und es ward das Düster dieses Anblickes keineswegs durch das öftere Durchblitzen einer schönen ursprünglichen Natur inmitten Krankheit und Gebrechlichkeit erhellt, Georg der Vierte starb: sei» Bruder bestieg den Thron, und die Welt Englands begann leichter zu athmcn, freier umhcrzuschancn, und zu fühlen, daß die längst her- annahcnde Umwandlung würde eintrctcn müssen. Die französische Revolution, das neue Parlament, Lord Brong- hams und Mr, Hnme's Wiedereintritt für Porkshirc und Middlescr, der Ausbruch erstaunenvoilen Unwillens über des Herzogs von Wellingtons denkwürdige Worte gegen die Reform — dies Alles deutete auf das Reifen der Anzeichen eines neuen Jahrhunderts, Das W>gh-Mi»istc- rinm constituirte sich inmitten des Mißvergnügens inner- balb der Stadt, des Argwohns unter den Volksfrcnnden und der Aufregung und Empörung in den Provinzen Eonvulsionen gab es nach Außen hin, Unruhen im Innern, Eonstanzens Lage bei diesen Wechselfällen war ziemlich seltsam, Ihr vertrauter Umgang mit dem verstorbenen Könige war keine Empfehlung bei dem Whig-Gou- vcrnement seines Nachfolgers, Ihre Macht hatte, wie es der Mach! der Modepartei jederzeit in stürinischen Zcitcu geht, einen Stoß erlitten, und da Constanze zeithcr ein weiu^ von dem Hanptcvrps der Whigs geschieden gewesen war, so theiite sie nicht sogleich deren Emporkoiiinicn, und tonnte nicht sofort Nnsvruch darauf machen, zn deren Per- bnndetenz» gehören, Sie verharrte daher in schweigender Zernhaltnng; ihre Gesellschaftszirkel waren glänzend niw zahlreich besticht, wie immer: allein die kleinen eomplot- tirenden Zusammenkünfte politischer Zntrigiiciispicler hai- len anfgehört, Gchcimiiißvoll deutete sie aus die Noih- wenvigleit des Pausirens hin, um zn sehen, welche Reform die neuen Minister anempfehlen und welche Staatsökonomie sic bewirken würden, Die Tories, besonders rie gemasigten derselben, fingen an sich ihr zu nähern: und die von ihrem rriumphe hingenommcncn Whigs, zu geschäftig um an Frauenzimmer zu denken, begannen sie zu vernachläßigen. Dieser letztere Umstand war für Constanze empfindlich : doch betrachtete sie ihn mehr mit Hohn als mit Unwillen; durch die Zeit war ihr geheimer Widerwille gegen alle aristokratischen Satzungen gefestigt worden, und indem sie eher auf das was die Whigs gewesen waren, als ans das blickte, was ans ihnen, durch die Zeit bedrängt, geworden war, betrachtete sie sie nur so, als spielten sic mit demokratischen Zahlpsennige» uni aristokratischen Hohnes willen, Sie vergalt die Vcrnach- iäßignng derselben durch Verachtung, und die schweigsame Neutrale ward bald von ihnen als eine geheime Feindin angesehen. !)g Inzwischen war Constanze Weib genug, sich gekränkt nur verletzt durch das zu fühlen, was zu verachten sie sich den Schein gab. Kein Hofamt war ihr von ihren früheren strennden angeboten worden: die Vertraute Georgs des Vierten hatte anfgehörr, die Vertrante des ?ord Greh zn sepn. Den: Zeitpunkte genaht, in welchem die Schönheit, wenn auch noel> einnehmend, doch nicht mehr ihres Zaubers gewiß in, suhlte Gräfin Crpinghan: den Verfall ihres persönlichen Einflusses als eine ihr zngcsügte per- sünlikbe Beleidigung: und so gereizt, verwundet und beunruhigt inmitten ihrer haufbahn, war Constanze mehr denn jemals empfindlich für die absonderlichen Verdrießlichkeiten, die weiblicher Ehrgeiz zn gewärtigen hat: so daß sic öfter denn zuvor sich seufzend den Erinnerungen an jene eheliche hiebe hlngab, die sic für immer verloren :n haben glaubte. Witt den, mehr äußeren nnd wahrnehmbaren Sturme der politischen Bedrängnisse mengte sich, wie das stets geschieht, ein geheimer Nnstrom mehr theoretischer nnd abgeschlossener Meinungen. Während die praktischen Politiker ihre augenblicklichen Rollen spielten, wurden von Planmachern nnd Speenlanten nach allen Nichlungen hehren verbreitet, von denen: dieselben lieh ganz ehrlich einbildeten, sic würde:: zu unsterblichen Zwecken führen. Constanze begann, sich mit einiger Nengicrdicsen Marktlchrciern oder Weisen znzuwcnden. Die klargeistige Gräfin hörte deren Gesalbadcr an, erwog deren Deinonjtrationcn nüd sann über deren Hoffnungen nach. Allein sie hatte zu sehr 100 auf der Oberfläche der wirklichen Welt gelebt, ihre Denkweise war zu weltsinnlich, nni durch brhrbcgriffe nmge- wandelt werden zu können, die in ihren endlichen Ausgängen so abschreckend waren. Sie wendete sich nochmals zu sich selbst zurück , und harrte in trauernder und gedankenvoller Stille des Fvrtschreitcns der Dinge — von deren Nichtigkeit sie nur allzu sebr überzeugt war. Sechsundfünfzigstes Kapitel. Sarille. — Neuigkeiten. -— Eine Wahrsagerin. Mittlerweile trieb der vielgcschmeichelte Godviphin ans der besonnten Flnth seines guten Geschickes. Er verkehrte vorzugsweise mit einem Nudel epikurischer Zeitver- trödler, die er sich ans den Witzigsten und Gcmüthlichsten der vornehmen Welt Londons heransgesncht hatte. Ein Diktator der Schaubühnen. — ein Gönner der Oper. — das Drakel in Musik, — der Spiegel aller Aufwand machenden Gastmahlsgeber — das war s, wozu sein natürliches Genie und seine ehedem so träumerische Gcmüths- ^kimninng sich Herabgelaffen hatten! Fortwährende Zerstreuung ließ ihm jedoch keine Zeit um Betrachtungen än- znstellcn: und er glaubte (vielleicht nicht mit Unrecht), der beste Weg, das beglückende Gleichgewicht des Herzens zu bewahren, seh dec, die Empfänglichkeit des letzteren abzustumpfen. Gleichwie die eckigsten Gebilde, wenn sie in 101 steten und raschen Umschwung gebracht werden, vollkom- inen kreisrund erscheinen, so verliert, sobald es in eine Laufbahn gebracht worden ist, die keinen Stillstand gestattet, unser Leben ebenfalls seine Kanten, und gleitet in glatter und gerundeter Leichtigkeit nntcr falschen Aspee- ten dahin, die symmetrischer als die Wahrheit erscheinen. Eines Tages stattete Godolphin einen Besuch bei Saville ab, der jetzt alt, abgezehrt und dem Grabe zn- wandelnd, am Rande desselben noch wenige Blumen pflückte, und mit Grämlichkeit sein eigenes Abstcrben bewitzelte. Godolvhin fand die Schauspielerin, die ebenfalls den Mann des Vergnügens besuchte, wie sie am Fenster saß, und in ihrer gewohnten Lebhaftigkeit schwatzte, während sie, um ihre Aufmerksamkeit zu verdoppeln, an einer Geldbörse strickte. „Der Himmel allein weiß," sagte Saville, „was diese Zeit ansbringen wird. Mir schwindelt in dem betäubenden Umschwünge der Begebenheiten. — Fanny, lange mir meine Schnupftabaksdose her. Nun, mich dünkt meine letzte Stunde ist nicht mehr fern; doch hoffe Ich mindestens als ein Mann von Welt zu sterben. Großen Widerwillen heg' ich gegen den Gedanken, in einen saturier' hineinrevolntionirt zu werden. Dies ist die einzige Art von Revolution, von der ich keinen Begriff habe. Was sagst Du zu dem Allem, Godolphin? Jeder wird jetzt Politiker; der junge Sunderland mit brocatencr Weste fährt täglich um vier Uhr in's Parlament, ißt kaltes Rindfleisch zu Mittage, und schwatzt Von nichts als von Vnlwer's Romane. I,xxx. .... 102 Sir Roberts verwetten guter Rede! Umwälzung! für- wahr, Umwälzung ist schon du. Umwälzungen verändern nur die Außenseite der Vergesellschaftung; ist diese nicht während der jüngsten sechs Monate genug verändert worden? Bah! ich glaube, Dich hat die Sucht ebenfalls angesteckt." „Mich nicht! So lauge ich lebe, soll die gemeine- Mühwaltnng des Ehrgeizes mich nicht anwerbcu. Mögen Andere den Staat regier-n oder rninircn; ich mach es, wie der Herzog von Lanznn, der, während das Beil der Guillotine geschliffen ward, und au Austern und Champagner dachte." „Ein edler Lchrglanbc,!" sagte Fanny lächelnd; „mag die Welt in Trümmer gehen; mir bringe man meinen Zwieback! Das ist GodolphinS Wahlspruch." „Es ist des Lebens Wahlspruch." „Ja — des Lebens eines Weltmannes." „Still, Fanny! keine Satire in Deinem Munde! Du, die Du, geziemend gesprochen, nicht einmal eine Tragikern! bist! Inzwischen ist, inmitten dieser lärmenden Zänkereien, an deinem Gewerbe etwas Erhaben-Malerisches. Die Stürme der Station erschüttern nicht die Volksbühne ; Du bist wie in ein anderes Leben gekleidet; die Atmosphäre der Poesie umgürtet Dich. Du gleichst den Elfen, die unter Menschen leben, nur bei Nacht sichtbar sind, und ihre phantastischen Schnurren inmitten der sie umringenden Leidenschaften — der Sorgen, des Verbrechens, des Gcitzes, der Liebe, des Grimmes, der Ueppig- keit und der Hungersnoth, spiele», die mitsammen das Eigenthum der gröberen Erdbewohner sind. Du bist zu beneiden, Fanny." „Mit Nichten, denn ich werde alt." „Alt?" rief Saville. „Sprich mir nicht davon! — llf — Uf! Bersi— Husten! Doch zum Geier mit Politik! Sic erweckt stets widerwärtige Betrachtnngcn. — Mich frcut's, mein alter Zögling, zu sehen, daß Du in Deiner glorreichen Verachtung gegen diese albernen Nachtreter beharrst, die Insekten gleich tu dem ungeheuren Strome der Ergebnisse keuchend nmherpatschen, um darin zu ersaufen, nachdem sie kaum hineingeplnmpt sind." „Oder Fischen gleich, denn Sic werden von ihren eigenen Leidenschaften verschlungen," sagte Godolphin. „WasNeues!" ricfSaville; „was Neues? Schneide mit Deiner Schecre alle Politik aus der Zeitung, Fanny, und dann lies mir das klebrige vor." Fanny gehorchte — ,,'Feuersbrnnst in Marylebone!'" „Das ist nichts Neiees — geh' drüber weg," „'Brief von Radlcal? " „Wischwasch! Was sonst?" „'Auswanderung. Nicht weniger als acht und sechzig —. „Halt! um Barmherzigkeit willen! Was soll ich, der ich zur Welt hinaus muß, mich um Leute kümmern, die blos zum Lande hinausziehen? Komm, Kindchen, gieb 8 - 104 die Spalten an Godolphin; der weiß genau, was einem verständigen Manne bchagt." „'Verkauf der Weine des Lords Lysart —'" „Herrlich !" riefSaville — „das ist Neues! d as ist interessant." Fanny's hübsche Hände griffen wieder nach der Strickerei. Als die Weine Leplaudert worden waren, stieß man auf folgenden Artikel: „Es wandert durch die Zeitungen ein seltsames Ge- schichtchen über Lord Grey und dessen Vision. Letztere befindet sich nur in den Köpfen der Erfinder des Ge- schichtchens, und das Gespenst wird wohl keinen Vernünftigen erschrecken. Nebenher sep bemerkt, daß gegenwärtig eine berühmte Zeichendcuterin oder Wahrsagerin großes Aufsehen in London macht. Sic ist gerade zu rechter Zeit angelangt, um das Durchgehen der Reformbill zu prophezeihen, ohne daß sie zu fürchten hat, hinterdrein für eine Lügnerin zu gelten." „Ei ja," sagte Saville, „ich horte Wunderdinge von dieser Here. Sie prophezeiet mit seltsamer Genauigkeit, und alle alten Weiber beiderlei Geschlechtes fahren truppenweise in Miethkutschen zu ihr, und machen sich heute zu Närrinnen, nur morgen weise seyn zu wollen. Du hast sie gesehen, Fanny?" Sehr ernsthaft bejahete die Schauspielerin und setzte hinzu: „Sie hat mich in der That erschreckt. Ihr Gesicht ist so ausdrucksvoll, ihr Blick so wild, und in ihrer Redeweise liegt so Viel Schwärmerisches, daß sie mich 105 Wider meinen Willen mit sich fortriß. Glauben Sie an Astrologie, Pcrey?" „Früher einigermaßen," antwortete der Gefragte mit einem halben Seufzer. „Zieht diese Seherin denn die Astrologie dem Kartenlegen Vor? Durch Letzteres spielt man doch dem Publikum weit sicherer auf der Nase." „Ei, dieses Frauenzimmer ist keine gemeine Wahrsagerin, das versichr ich euch," cntgcgnete Fanny. „Sie hat viel mit dein Magnetismus zu schaffen, besieht aus Mitwirkung unserer Einbildungskraft, und verwirft alle Marktschreiercien ; kurz, sic hat entweder ein neues Mittel, die Zukunft'zu enthüllen, entdeckt, oder irgend eine vergessene Weise, das Publikum zu täuschen, wieder anfgesnn- dcn. Gehen Sie doch diese Tage einmal zu ihr, Godolphin." „Nicht doch, mir behagen dergleichen Betrügereien nicht," antwortete Godolphin, indem er sich abwendete. Dann Versank er schweigend in eine düstere Träumerei. Siebcnuttdfünfzigftcs Kapitel. Der Aberglaube und dessen wundersame Wirkungen. Es verhielt sich wirklich so, daß in London eine Person erschienen war, die während der jüngsten zwei Jahre ans dem Festlande großes Aufsehen durch die seltsamste Kühnheit gemacht hatte, mit welcher sie die wildesten Lehren und das vermeinte Eintreffen promulgirtc, das ihren Weissagungen gefolgt wäre. Sie bekannte sich znin Glauben an alle Dogmen, die dem Morgenrothe der modernen Philosophie vorangingen, und die fremdartige und lebhafte) jedoch düstere Beredsamkeit, die ans ihren Worten scholl, verlieh den Theorien Nachdruck, welche, während Viele sie nicht verstehen konnten, desto anlockender für Wenige waren. Keiner wußte dieses Frauenzimmers Geburtsland, doch glaubte man, sie stammte aus dem Norden Eurovas. Ihre Lebensweise gab sich zurückgezogen, ihre Lebensweise ercentrisch: sie mied allen Umgang mit Menschen, war schön, aber besaß nicht jene irdische Schönheit, welcher der Mann zu huldigen Pflegt; sic selbst auch gab sich als erhaben über den Bereich menschlicher Leidenschaften. Wirklich war die seltsame Liehbur — so nannte sich dieProphetin, die vor ihren Namen den französischen Titel „Madame" angenommen hatte — keine Betrügerin, sondern eine Fanatikern!. Die Saiten ihres Hirns waren berührt worden, und gaben einen irrenden und unvollkvmm- nen Klang zurück. Sie war toll, aber in ihrer Tollheit war eine gewisse Methode; ein kalter, überirdischer und schauerlicher Geist wohnte in ihr und sprach ans ihr und vor der Stimme desselben schauderte sie selber zurück, so daß sie von ihren Orakeln tiefer als ihre Zuhörer erschüttert ward. In Wien und Paris hatte sie einen großen, ja einen furchtbaren Ruf erlangt. Die Angesehensten in jenen Hauptstädten hatten sich Raths bei ihr erholt und von ihren Satzungen mit einer gewissen Ehrfurcht gesprochen; 107 sie waren von dem Wahnsinn der Prophetin durchschaucrt Warden, ahne dessen Ursache erkannt zn haben. Wildem hatte sie in ihren Principicn nicht Unrecht! sie wirkte aus die Imagination, und diese war cs, durch welche die ausgesprochene Weissagung sich hinterdrein erfüllte. Jeder weiß, was für Düsteres durch unsere eigenen phantastischen Einreduugen bewirkt werden kann; durch den Glauben wird den Wundern Bedeutung verliehen. Ein Mensch bildet sich ein, zu einer gewissen Stunde sterben zu müssen; die Stunde naht heran, und der Traum verwirklicht sich. Die gewaltigsten Zauberkräfte sind minder mächtig, als die Phantasie selbst es ist. Macbeth ward ein Mörder, nicht weil die Heren es weissagten, sondern weil durch deren Weissagungen der Gedanke an den Mord in Macbeth erweckt worden war. Dies Princip der Thätigkeit war unserer Prophetin sattsam bekannt, und an dies uns Allen, so dem Weisen wie dem Thoren, gemeinsame Attribut appellirte sic und sactc in diesen fruchtbaren Boden ihre Prophezcihungcn. In London gicbk's jederzeit Menschen, die allem Neuen nachlaufen, und Madame Liehbur war mit cinem- male Mode. Ich selbst habe gesehen, daß ein Minister, die Nase in seinen Mantel gesteckt, dem Hauke der Prophetin entschlich; und einer der kältesten unter den Weisen des Tages bekennt, sie hätte ihm Dinge erzählt, die er glauben müßte, und die sich doch nimmer durch menschliche Mittel hätten erkunden können. Eitel Täuschung! Mein welches Jahrhundert ist frei von ihr? DaS Ge- 108 schlecht des neunzehnten rühmt sich seiner Aufklärung, und läuft dennoch hinter jeder Albernheit eben so her, als die Vorväter im achten Jahrhunderte cs gcthan haben mögen. Was sind die St, Simonistischen Prophczeihungen weiter als eine Art von Hererci? Warum mehr an das äußere als an das innere Wunder glauben? Nur wenige Gäste befanden sich bei Ladh Erping- ham, und als Nadclyffe zu ihnen eintrat, war Madame Liebuhr der Gegenstand des allgemeinen Gespräches, Anekdoten wurden erzählt, mit dem was wahr zu sepn schien mischte sich so viel Falsches, daß Lady Erpinghams Neugier rege gemacht ward, und sic sich entschloß, bei erster Gelegenheit diese moderne Cassandra zu besuchen. Go- dolphin saß in einem Nebenzimmer und spielte ruhig eoai'te, hörte also nichts von diesen Verhandlungen, Constanze blickte dann und wann verstohlen zu dem Gatten hinüber, und als sic einmal sich seufzend wieder von ihm abwendcte, sah sie, wie Radclyffe's scharfer und prüfender Blick an ihr haftete. Die stolze Gräfin erröthete, vbschon sie kaum wußte weshalb. -o-Zl-GE-o