E. L. Bulwer's Werke Aus dem Englischen. Siel'emm'dsiebzigstes Bündchen. Godolphi». Erstes Bändchen. Stnttg art, Verlag der I. B. Metzler'schen Buchhandlung. 1840 . ... G o d o L p h i n» Ein Roman Non E. L. B u l w e r. Aus dem Englischen, von I)r. Georg Nikolaus Viirmann. In fünf Bändchen. Erstes Bändchen. Stuttgart, Verlag der I. B. Metzler'schen Buchhandlung. 1840 . Seire on tkx po^vers!" »Schlafe, Wollüft'gcr Cäsar, — wähne sicher Dich, lind unterliege'." B c ii Jrnsvn's. »Der Sturz d cS S e j a uns.- Erstes Kapitel. John Vernon'S Sterbcbott. — Dessen letzte Worte. — Beschreibung seiner Tochter, der Heldin. — Der Schwur. „Ist die Nacht still, Constanze?" „Sie ist schön. Der Mond ging auf." „Sv öffne die Fensterflügel weiter — so! Ja, die Nacht ist schön — o, wie schön! Komm zn mir her, Kind." Das reiche Mondlicht, das jetzt durch die geöffneten Fenster strömte, fiel auf wenige Gegenstände, denen es hätte poetischen Reiz verleihen können. Das Zimmer war klein, wiewohl nicht dumpfig, auch nicht unsauber in seinem Aussehen und seiner Einrichtung. Die Bettvorhänge von grobem Zitz wurden znrückgeschoben, und man erblickte nun die Gestalt eines Mannes, der über das mittlere Alter hinaus war, von Kissen unterstützt ward, und auf seinem Angesichte Zeichen herannahenden Todes wies. Was für ein Angesicht dennoch aber! Die hohe, breite, bleiche Stirn, die schöne, gerade, griechische 6 Nase, der feingeschnittsne Mund, das volle, ein Grübchen weisende Kinn — der Stempel des Genies ln jedem Zuge und jeder Miene: sie Alle trotzten noch der Krankheit, oder entlehnten vielmehr von der Schauerlichkeit derselben eine nur um so ansdruckvollere Majestät, Neben dem Bette stand ein mit Büchern bunten Charakters belegter Tisch. Hier ein abstruses System von Finanzbe- rechnnngen; dort ein Bändchen wilder baechanalischer Gesänge; hier das kühne Streben in Platos „Phaedpon," und dort die jüngste Rede irgend eines Grafschaftmitgliedes über die Malzsteuer. Alte Zeitungen uud Flugschriften vervollständigten den intclleetnellen Wirrwarr; und über diesen ragten, traucrvoll genug, die hohen gespenstische» Gestalten einer halbgclcerten Arzneiphiole und des mit seinem Dämpfer behelmten Handlcuchters empor. Mit leichten Tritten näherte cs sich dem Bette, und vor dem Todtkrankcn stand jetzt ein Mädchen, die unlängst ihr dreizehntes Jahr zurückgclegt. haben mvgte. Ihre Gesichtszüge von hoher, man könnte sagen von königlicher Schönheit, wiesen, ungeachtet der zarten Jugend des Kindes, sich so völlig entwickelt, wie die einer Zwanzigjährigen ; und keine Spur von der Blüthe oder Zartheit des kindlichen Alters konnte auf dem Antlitze wahrgenommen werden. Ihre Gesichtsfarbe war bleich wie reinweißer Marmor, aber klar und durchsichtig; und ihr rabenschwarzes, auf eine damals ungewöhnliche Weise gescheiteltes Haar erhöhetc die bildsäuienartige und klassische Wirkung ihres edlen Gesichtsausdruckes, der übrigens kalt, gesetzt 7 und etwas hart erschien, in gewissem Maße jedoch ihr Herz belogen haben dürfte; denn als das Mädchen sich dem Mondlichtc zuwendete, sah man, daß, obschon sie nicht weinte, ihr die Thränen in den Augen standen, und am Zucken ihrer Oberlippe hätte man wahrnehmen mögen, wie ein kleines Zaudern im Erwiedern einer von dem Kranken gemachten Bemerkung nur dadurch entstand, daß das Mädchen ihren Herzensregungen nicht gebieten konnte. „Constanze," sprach der Leidende nach einer Pause, während welcher er ruhigen Herzens zu dem milden Nachthimmel aufgeblickt zu haben schien, der blau und beredt von Sternen durch das Fenster gesehen werden konnte — „Constanze, die Stunde nahet heran; ich fühle es an unverkennbaren Vorzeichen. Ich werde in dieser Nacht sterben." ^ „O Gott! mein Vater — mein theurer Vater!" erscholl es von Constanzens Lippen; „rede nicht so — thu's nicht; ich will zum Arzt —" „Nicht doch, Kind, nicht! Ich Haffe, ich verabscheue jeden Gedanken an Hülfe. Man weigerte sie mir, als es noch Zeit dazu war. Man stellte es in meine Wahl zu verhungern, oder in einem Kerker zu verfaulen, oder mich zu erhängen! Man verließ mich wie einen Hund — und wie ein Hund will ich sterben!" Ein heftiger Brustkrampf hemmte hier das Reden des Kranken; und als durch einen Löffel voll Arznei und seiner Tochter Pflege und Fürsorge er sich wieder erholte, 8 fuhr er leiseren Tones und mindernngestüm fort: „Ist unten Alles ruhig, Constanze? Sind Alle zu Bett — die Hauswirthin — die Mägde — die Hausgenossen?" „Alle, mein Vater." „Nun dann, so werd' ich in Ruhe sterben. Dem Himmel seh Dank, daß Du meine einzige Wärterin und Pflegerin bist. Ich erinnere mich des Tages, an welchem ich nach einer ihrer plumpen Ausschweifungen erkrankte; nun! da sie am Abend jenes Tages meiner bedurften, um eine ihrer erbärmlichen Maßregeln -— ihrer parlamentarischen Maßregeln zu unterstützen,' nun stehe! da fühlte ein Prinz mir den Puls, ein Dutzend Grafen schickten mir ihre Leibärzte, und ein Herzog löffelte mir die Arznei ein. Ich war ihnen damals von Nutzen — ich Armer! Lies mir nochmal jenes Billet vor, Constanze —Flam- borvugh's Billet. Zauderst Du? Du sollst eS lesen, sag' ich." Bebend kam Constanze dem Befehl nach, und laS wie folgt: — „Mein lieber Vernon, Ich bin fürwahr »u «iese^poir über Ihre traurige Lage, und herzlich leid thnt es mir, Ihnen nicht bei- stehcn zu können. Sie kennen inzwischen meine beschränkten Umstände. Apropos, gestern sprach ich Se. Königs. Hoheit. „Der arme Vernon!" sagte er zu mir, „sollten hundert Pfund ihm wohl nützen können?" Sehen Sie, ino» ober, so vergessen wir Ihrer nicht. Ach! wie vermissen wir Sie im Beef- 9 stcak-Clubb! Nimmer werden wir einen so glorreichen ixinvivnnt unter uns haben. Sie würden lachen, wenn Sie hörten, wieL* sich abquält ihre alten Späße zu wiederholen. Allein die Zeit drängt, ich muß in die Sitzung. Sic wissen, was eine Motion ist. Wollte der Himmel, S i e brächten sie ein, und nicht der Schaafskopf T * *. Gott befohlen; ich wollte, ich könnte Sie besuchen, allein es würde mir das Her; brechen. Jst's Ihne» recht, wenn ich Ihnen Bücher aus der Leihbibliothek schicke? Für immer der Ihrige, Flambvrvug h." „Und diesen Menschen," sagte Vernvn, „machte ich zum Staatssekretär! Aber gut — ganz gut — recht gut! Laß Dich küssen, mein Mädchen. — Arme Constanze! Du wirst gute Freunde haben, wenn ich todt bin; sie werden Stolz darin suchen, für Vernons Tochter zu sorgen, sobald sie haben einsehen müssen, daß Vernons Tod ein Verlust ist. Du bist recht hübsch — hast ganz deiner armen Mutter Augen und Haar — ganz meines Vaters edle-Stirn und schwellende Lippe; und deine Gestalt—- wie so stattlich ist sie jetzt schon! Man wird Dir den Hof machen; Du wirst Barone und Grafen die Fülle Dir zu Füßen sehen, nimmer aber wirst Du dieser Nacht, nimmer der Angst deines Vaters im Sterben, nimmer das Weh vergessen, das sie ihm in's Herz gebrannt haben! Und jetzt, Constanze, lege mir die Bibel her, aus der Du des Morgens mir vorzulese» Pflegst — so ist's gut. Tritt weg 10 aus dem Mondlichte und hefte deinen Blick ans den mci- nigen, und höre mich an, als ob deine ganze Seele ln deinen Ohren wäre." „Als ich ein junger Mann war," fuhr der Vater Vernon fort, „und als Nechtsgclehrtcr vorsichtig, unermüdlich und vertrauensvoll mir ein Vermögen erringen wollte, kamen gewisse Lords, die gehört hatten, ich besäße Genie, und welche meinten, ich könnte wohl ihr Werkzeug abgeben, zu mir und redeten mir zu, Parlamentsmitglied zu werden. Ich sagte ihnen daß ich mittellos, seit Kurzem verehelicht wäre, und daß mein öffentlicher Ehrgeiz nicht ans Kosten meines Privatwohlergehens befriedigt werden dürfte. Sie antworteten, wie Sie mir Bürgen sehn würden, daß cs mir nicht an Geldmitteln gebrechen sollte ; da gab ich nach, gab mein Gewerb ans, fügte mich ihren Wünschen und ward ein berühmter, aber auch ein zu Grunde gerichteter Mann! Sie konnten nicht ohne mich zn Mittag, noch zu Abend essen, konnten nicht ohne mich sich bezechen, kein Vergnügen bchagte ihnen ohne meine Gesellschaft. Was kümmerte es sie, daß ich, während ich zu ihren Belustigungen mithalf, nothgedrun- gen immer mehr Schulden machte — mir Elend für kommende Jahre anfhäufle — bankrott ward, und der Schmach, der Sorge und der Bekümincrniß anheimsiel, so daß frühzeitiger Tod sich mir bereitete! Du hörst mich doch, Constanze? hörst Du mich ? hörst Du mich wirklich anfttlcrksam an? Jetzt merk' auf! Ich bin ein gerechter Mann, ich tadle deshalb meine adeligen Freunde, meine 11 hohen Gönner nicht; denn wenn ich meines eigenen Vor- theils über ihren Vergnügungen vergaß, wenn ich diese meiner Glückseligkeit und meiner Ehre Vorzug, so war das mein Verbrechen, und ich verdiene dafür die Strafe. Nun aber siel/s ein: die Zeit ging hin, und meine Kör- pcrkräftc nahmen ab; Schulden drängten mich, ich konnte nicht zahlen, die Leute mißtranetcn mir, mein Name ge- ricth in Verfall. Mit meiner Gesundheit schwand mir auch das Genie, ich war meiner Partei nicht mehr von Nutzen, ich verlor meinen Sitz im Parlament, und als ich nun ans dem Krankenbette lag— Du wirst Dich dessen erinnern, Constanze, — kamen die Häscher und schleppten mich vor Gericht wegen einer elenden Schuidfordernng, die der Belauf einer jener Nbendschmausercien war, welche ich ans Antrag des Prinzen diesem hatte geben müssen. Von der Zeit an kannten meine Freunde und Gönner mich nicht mehr, von der Zeit an hatten sie keinen Besuch, kein liebreiches Thun, keinen freundlichen Zuspruch mehr für den, mit dessen Tagen des Wirkens es ein Ende hatte. Des armen Vcrnvns ehrlicher Name war dahin — „anstößig vcrbrndclt — konnte seinen Gläubigern nicht gerecht werden — war immer so extravagant — ohne alle Grundsätze — man muß ihn aufgebcn!" „In solchen Redensarten liegt das Geheimniß ihres Benehmens. Ihnen fiel nicht ein, daß für sie, daß d ur ch sie mein guter Name verloren ging, meine Schulden gemacht wurden, mein Untergang hcrbeigeführt ward! Sic dachten nicht daran, wie ich ihnen gedient hatte, wie meine 12 letzten Jahre dazu verwendet worden waren, sie zu befördern, ihre Sache auf de» glcißnerischcn Blättern des Buches der Geschichte zu veredeln! An dies Alles ward nicht gedacht ; mein Leben beschränkte sich auf zwei Epochen — die ihnen zu nütze, und die ihnen nicht nützlich zn sehn. Während der ersteren ward ich geehrt, während der letzteren hätte ich verhungern — verfaulen können. Wer erlöset? mich aus dein Gefängnisse? wer unterstützt mich jetzt? Etwa Einer von meiner Partei? etwa meine edlen Freunde? meine achtbaren, hochachtbaren Gönner? Mit Nichten! ein Handwerksmann that es und,thut es; ein Handwerksmanu, dem ich in den Tagen meines Glanzes einen wesentlichen Dienst leistete; er allein in der weiten Welt nimmt sich meiner zur Zeit der Noth an. Du.siehst, Dankbarkeit und Freundschaft finden sich nur im Mittelstände; unter den Vornehmen gedeihen sie nicht! „llnd jetzt komm näher, denn das Reden fällt mir schwer, und ich möchte doch, daß Du mich deutlich hörtest. Kind und Mädchen zwar bist Du, dennoch dünkt mich, Du festst ansersehen meinen letzten glühenden Wunsch, meinen Fluch zu beherzigen und zu erfüllen! Hier lege ich meine Hand auf das heilige Buch, lege Du auf sie die Deinige und schwöre.—.— Wende mir nichts ein! schwören sollst Du — nachsprechen, was ich Dir vorsagen werde." — Constanze gehorchte. „Schwöre mir," fuhr Vcrnon fort, „in Gutem und Argem, in Schwachem und Kräftigem Dich zu bestreben, jene Partei zu demüthigen und zu stürzen, von der Dein 13 Vater Undank, Kränkung, Schmach nnd Tod erlitt! Schwöre mir keinen armen, machtlosen Mann zn ehelichen, der Dir nicht helfen kann die Zwecke jenes Wicder- vergeltens zn erreichen, um das ich Dich anflehe! Schwöre, daß Du trachte» willst Dich mit einem der Vornehmsten zn vermählen, und daß Du das nicht aus Liebe, nicht aus Ehrgeiz, sondern ans Haß und um der Rache willen thun willst! Du wirst streben emporzukommcn, um die zu stürzen, welche mich verrathen haben! Auf den Pfaden des gesellschaftlichen Lebens wirst Du ein Ergötzen darin finden, ihre Eitelkeit zu demüthigcn, nnd in Staatsintrigueu jegliche Maßregel treffen, um zu ihrem ewigen Sturze hinzuwirken. Zu diesem großen Ziele zu gelangen, wirst Dn jedes Dir mögliche Mittel anwenden, — „Wie? Dn stockst? Sprich nach!" — „Du wirst lügen, kriechen, höfelu und Laster nicht für Laster anschen, sobald es Dich nur um ein Härchen der Racheausübung nähcrbringen kann! Mit diesem meinem Fluche gegen meine Feinde verflechte ich meinen Segen über Dich, thcnre, innig geliebte Constanze; über Dich, die Du mir alles Liebes und Gutes erzeigtest, ob zwar Du mich nicht hast retten können. — Gott segne Dich, mein liebstes, mein einziges Kind!" Nud Vernvu brach in Thränen aus. Zwei Stunden nach diesem seltsamen Auftritte, und genau um die dritte Stunde nach Mitternacht, erwachte Vernon nach einem kurzen und unruhigen Schlummer' Schon begann der Tag, denn es war hohe Sommerszeit, 14 gegen die Schatten und gegen die Sterne der Nacht zn ringe». Ei» rauhes, trostloses Frösteln kroch über die Erde, nnd schwängerte die Lust in der Kammer des Sterbenden. Constanze saß am Bett ihres Vaters, ihr Blick hastete an ihm, und ihre Wangen erschienen im bleichen nnd freudlosen Morgenlichte nm so blasser. Als Vernon erwachte, stierte er mit dem Brechen nahen Augen seine Tochter an — es röchelte ihm in der Gurgel. Nur für einen Augenblick konnte seine Stimme vernehmbar werden; ein Lebensstrahl zuckte über sein Antlitz, als er seine letzten Worte sprach, — Worte, die gewaltig und für lebenslänglich in das Innerste des Herzens der Tochter fanden, — Worte, von denen ihr Leben beherrscht nnd ihr Schicksal bestegelt ward; die Worte: „Constanze, gedenke — Deines Schwures — Rache!" Zweites Kapitel. Bclraibtung über den Gehalt des CrdenlebenS. — Die Särge großer Männer werden selten rernachläßigt. — Constanze flüchtet sich zu Ladp Erpiugham — Der Heldin Talente und Charakter.— ManörrlreudcS Temperament. Wie seltsam geberdet sich dieses Erdcnlcben! was für Puppen sind wir! Welch ein fürchterliches Näthsel ist das Schicksal! Nimmer setz' ich meinen Fuß vor meine Thür, ohne daß das furchtbare Dunkel ans mich eiudringt, ! IS das über dein nächsten Moment hängt. Welch schauerliches Ergcbniß mag über unsere» Herzen schweben — das Schwert, ob gesehen, ob ungesehen, befindet sich fortwährend über unserem Haupte! Und mit diesem Leben sollen wir — mit diesem Wechselspiel von Dunkelheit und Bangen sollen wir — so möchten es einige Philosophen! uns so begnügen, daß wir kein anderes Leben wünschen und begehren? Constanze war ohne eine nahe Anverwandtin; allein ihr Vater hatte richtig vorhergesagt: Eitelkeit vertrat die Stelle der Blntsfreundschaft. Vernvn, der achtzehn Monate lang vor seinem Sterben mit den schwersten Sorge» des Mangels gekämpft hatte : Bcrnon, der im Leben von Allen vergessen worden war, ward mit den ihn gleichsam beschimpfenden Cercmonien des Pompes begraben. Sechs Edle trugen die Zipfel seines Bahrtuches : eine lange Reihe Tranerkutschen folgten seinem Sarge, die Zeitungsspalten füllten sich mit Skizzen zu seiner Biographie und mit Wehklagen über sein Hinscheiden. Man setzte ihn in der Westminstcr-Nbtci bei, und brachte Subscriptionsbogen in Umlauf, um ihm ein Denkmal vom köstlichsten Marmor zu setzen. Lady Erpingham, eine weitläufige Verwandtin des Verstorbenen, ladetc dessen Tochter ein, zu ihr ziehen, und natürlich willigte Constanze darein, denn Constanze hatte weiter keine Wahl. An dem Tage, an welchem sie in dem Hause der Lady Erpingham in der Hügelstraßc eintraf, waren mehrere Personen im Besnchzimmer anwesend. 16 „Ich fürchte," sagte Lady Erpingham, — denn man sprach von Constanzens erwarteter Ankunft, — „ich fürchte, das arme Mädchen wird unter so »icdcrschlagenden Umständen ganz beschämt seyn, wenn sie hier so Viele versammelt erblickt." „Wie alt ist sie?" fragte eine Schöne. „Etwa dreizehn Jahre, glaub' ich." „Hübsch?" „Ich sah sie seit ihrem siebenten Jahre nicht. Damals versprach sie wirklich schön zu werde»; doch war sic ein auffallend scheues, schweigsames Kind." „Miß Vernon!" meldete der Zimmerlakci, und öffnete die Flügclthüre. Mit dem langsamen Schritte und der ruhigen Miene einer gesitteten Jungfrau, allein mit viel hoffärtigerem und kälterem Wesen, als Mädchen in der Regel cs zu zeigen Pflegen, schritt Constanze Vernon durch das sehr lange Zimmer, und begrüßte ihre künftige Pflegemutter. Obgleich aller Angen an ihr hafteten, crröthete sie doch nicht; obgleich die Königinnen der vornehmen Welt Londons sie umgaben, waren doch ihr Gang und ihre Mienen gebieterischer als Gang und Mienen Aller. Alle Anwesenden spürten eine Gefühlsnmwandlnug, sic hatten sich auf Mitlcidsänßcrungen vorbereitet, hier lag jedoch kein Fall vor, in welchem Mitleid hätte geäußert werden können. Sogar aus Lady Erpingham'ö Lippen erstarken die Worte des SchutzverheißenS; denn Lady Erpingham, nicht Constanze, war die Beschämte. 17 Ich beabsichtige, im Fluge über die Jahre hinzu- ^ gleiten, die bis zu Constanzens Einführung in die Welt verstoßen. Werfe» wir einen einzigen Blick auf die Erziehung der Tochter Vcrnons. Dieser hatte sie nicht blas im Französischen und Italienischen unterrichtet; sondern auch als ein gründlich gebildeter, für die Wissenschaften erglühender Gelehrter, sie mit den Elementen der beiden Haupt- sprachcn der Vorwclt bekannt gemacht Späterbin gelangte Constanze durch eigenen Antrieb zu einer vollkommenen Erkcnntniß dieser beiden Sprachen. Lady Erpingham hatte eine einzige Tochter, welche sich verehelichte, als Constanze sechszchn Jahre zählte. Die Vorthcilc, die Lady Leonore Erpingham sich von ihren Lehrern und Lehrerinnen hcrlcitete, gingen auch ans Constanze über. Vliß Vernon zeichnete gut und sang zum Entzücken, machte jedoch nicht erhebliche Fortschritte im Spielen des Piano und der Harfe; sie mochte zu ernsten Gemüths und allzusehr anderen Dingen hingegcben scyn, als daß sie ans dieses so anhaltende llcbung fordernde Studium Zeit genug verwendet hätte. Unter allen ihren Vorzügen und allen Beweisen ihres emsgebildeten Geistes, trat nichts so außerordentlich hervor, als die Anmuth in ihrer Nntcrhaltungsgabe. Indem sie durchaus nicht des cvnvcntionellen Gängelbandes achtete, an welchem man den Geist junger Damen gewöhnlich zu leiten Pflegt, — des Gängelbandes, das man mit dem Namen „gebührender Anstand," und „geziemende Bescheidenheit" zu belegen pflegt, nahm Constanze niemals Bnlwcr's Nomanc. I.XXVII. 2 18 Anstand, Gespräche über die ernstesten und wichtigsten Gegenstände nicht blos zn führen, sondern sogar auf die Bahn zu bringen. Stoch weniger nahm sie Anstand, Alltagsdinge, um die die Unterhaltung sich fast beständig zu drehen pflegt, mit dem Schmucke witziger Bemerkungen auSznstatten, die selbst mit der väterlichen Quelle wetteiferten, aus welcher sie dieselben ererbt hatte. Wunderlich genug bedünkt es mich zuweilen, daß, während man jungen Mädchen auf das Eifrigste alle die Talente beibringt, ans die ein Ehemann nichts gicbt, man ihnen ntmmcr zn dem einen Talente vcrhilft, das dieser hochschätzen würde. Man lehrt die Mädchen Darstc >- lerinncnzn werden, und der Mann wünscht eine G e- fährti n. Er begehrt kein singendes Thier, kein malendes Thier, kein tanzendes Thier; er begehrt ein sprechendes Thier! Sprechen lernen jedoch die Mädchen nimmer; Alles waS sie sprechen ist Klatscherei, und dies unglückselige Talent wird ihnen leider angeboren. Constanze aber sprach schön; nicht pedantisch, nicht wie eine Blaue, nicht wie eine Französin. Ein Kind würde sich an ihren Reden ebenso wie ein Gelehrter ergötzt haben; Beide aber würden davon ergötzt worden sehn. Ihres Vaters Rednergaben waren auf sie übergegangen, nur daß bei ihm die Beredsamkeit gebieterisch, bei Constanze aber einnehmend war. Noch einen andern Cha- raktcrzug hatte sie mit ihrem Vater gemein. Vermin war, wie cs viele getäuschte Männer zn sehn pflegen, ungerecht gegen die Welt in seinen Anklagen gegen dieselbe ge- 19 Wesen. Nicht seine Armuth allein war Ursache gewesen, daß seine Partei theilnahmelos auf das Untcrstnken seiner Svnne blickte — man bezweifelte seine Aufrichtigkeit. Freilich hatte dieser Zweifel durchaus keinen Grund, denn kein moderner Politiker war je aufrichtiger als Verrinn. Vernon hatte trotz seiner Armuth jede Bestechung abgewiesen; allein er war wesentlich — und hierin steckt das Gchcimlüß — ein Intrigua n t. Erzogen in der alten Schule der Politik, hielt er manüvrircndc Weisheit und Achselträgerci für die Kunst zu regieren. Gleich dem Lstsander, von welchem Plntarch uns erzählt, liebte er das Complottmachcn, vernachläßigtc jedoch dabei seinen Vorthcil. Es gab dabei nie einen minder offenen und nie einen ehrlicheren Wann als Vernon. Dieser in allen Ländern so seltene Charakter findet sich am seltensten in England. Derbe britische Squires und verwegene Politiker begreifen ihn nicht. Sic gewahrten tn Vernon diejenigen Künste, durch welche Feinde getäuscht werden, und fürchteten daher, er würde auch sie täuschen, vbschon sic seine Freunde waren; und diesen Hang, der so nachthei- ligc Folgen für Vernon hatte, erbte dessen Tochter. Mit einem düster», kühnen und leidenschaftlichen Gemüthc, das einen Mann zu den größesten Unternehmungen hätte leiten mögen, verband Constanze des Weibes Liebe zum Heimlichthnn und zum Planmache». Um eine Redensart Plutarchs und Lysanders zu entlehnen : „Wo ihr das Fell des Löwen zu kurz ward, war sie ganz der Meinung, es müßte durch den Fuchsbalg verlängert werden." 2 ' 2 » Drittes Kapitel. Dir Held des Romans wird dem Leser voraeführl. — Gespräch zwischen ihn, und seinem Vater. —> Pcrcp Godol- phins Charakter als Knabe. — Die Katastrophe seines Schnllebens. „Percy, bedenke, daß Du morgen wieder in die Schule mußt," sagte Mr. Godolphin zu seinem einzigen Sohne. Percy schmollte und versetzte nach kurzem Schweigen: „Nein, Vater, ich denke zu Mr. Savitle zu gehen. Er hat mich eingeladcn, einen Monat bei ihm zuzubrin- gen; und er sagt ganz richtig, daß ich mehr bei ihm, als bei dem Doctor Schall lernen werde, wo ich bereits zu den Ersten in der Oberklassc gehöre." „Mr. Savitle ist ein Hasenfuß, und Du bist ebenfalls einer!" entgegnete der Vater, der in einem flauellueu Schlafrocke und einer abgetragenen Sammetmütze an einem verstimmenden Kaminfeuer gekauert saß, und keine üble Verkörperung von jener Mischung eines Halbhypochonders und eines Halbgcizigen abgab, aus der er wirklich bestand. „Schwaze mir nicht davon, daß Du nach der Stadt willst, Junge, sonst" — „Vater," unterbrach ihn Percy, in einem kalten und gleichgültigen Tone, indem er die Arme verschränkte und fest und verschlagen in des Alten Antlitz blickte— „Vater, verständigen wir uns mit einander. Mein Schulgeheu ist, glaub' ich, ein ziemlich kostspieliges Stück Arbeit?" 21 „Das magst Du Wohl sagen, Junge! Kostspielig, schrecklich, scheußlich, ruinircnd kostspielig ist es! Kostspielig ? Zwanzig Pfund jährlich für Tisch und Latein, fünf Guineen für Wäsche; noch fünf für Kalligraphie und Arithmetik, Bursche, hätte ich mir nicht vvrgesetzt, daß es Dir nicht an Erziehung mangeln soll, wiewohl es Dir an Vermögen mangelt, so würd' ich — ja, so würd' ich — Was willst Du, Schlingel? warum lachst Du? Ist das Deine Ehrfurcht, Deine Dankbarkeit gegen Deinen Vater?" Ein leichtes Düster zog über das sonst heitere und geistvolle Gesicht des Knaben hin, „Sprechen wir nicht von Dankbarkeit," sagte Perch traurig, „Gott weiß, wofür Sie und ich dankbar zu sepn haben. Das Schicksal hat Ihrem hochadeligen Namen nichts als dieses kahle Gemäuer und einige öde Morgen Landes gelassen, und mir gab es eines Vaters Liebe, jedoch nicht so wie diese von der Natur gereicht wird, sondern die durch Mißgeschick verkrampft und versäuert ward." Hier hielt Percp inne, und der Vater schwieg ebenfalls, denn er war betroffen und gerührt, „Lassen Sie uns," fuhr der sonderbare Knabe, der einige Monate über sein fünfzehntes Jahr hinaus war, in -, leichterem Tone fort — „lassen Sie uns sehen, ob wir nicht zu einem gegenseitig zufriedenstellenden Vertrage gelangen können. Es fällt Ihnen schwer das Schulgeld für mich aufzubringen, und ich bin entschlossen, die Schule nicht mehr zu besuchen, Saville ist unser Verwandter; 22 er hat mich liebgewonncn, hat sogar mich vermuthen lassen, er werde mich zu seinem Erben einsctzen, »nt> hat mindestens versprochen, mir Wohnung und Obhut so lange zuzuwcnden, als es mir gefallen mag, Geben Sie mir daher Erlaubniß, nach Lust und Laune zu gehen und zu kommen, so will ich mich verpflichten, Ihnen keinen Schilling mehr zu kosten, Soll der Vertrag gelten, Vater?" „Du thust mir weh, Percy," sagte der Vater, mit trauervollem Stolze in seinem Tone, „Das Hab' ich nicht verdient, vollends von Dir nicht verdient. Du weißt nicht, Knabe, wodurch mein Herz so verhärtet worden ist; doch ist's nicht gegen Dich verhärtet worden. Von Dir also Trotz erfahren zu müssen— v ! das ist einer Schlange Stachelzunge!" In dem nämlichen Augenblicke lag Percy zu den Füßen seines Vaters, faßte dessen beide Hände, und brach in ein krampfhaftes Schluchzen aus, „Vergeben Sie mir, mein Vater," sagte er in gebrochenen Worten — „Trotzen, nein, trotzen wollt'ich Ihnen nicht. Ich bin ein hirntvller Junge — schicken Sic mich in die Schule — machen Sie mit mir was Sie wollen, — was Sie wollen!" „Ach," sagte der Greis mit leisem Kopfschütteln, „Du weißt, welches Weh eines Sohnes bittere Worte dem Herzen eines Vaters zuführcn. Doch das ist ganz natürlich, ganz natürlich! Du mögtest mir Liebe zum Gelde vorwerfen, eine Sünde, gegen die die Jugend am 23 wenigsten nachsichtig ist. Doch wie? kann ich in der Welt nmhersehcn, ohne des Geldes Nutzen und Nothwendigkeit wahrzunehmcn? Jahr nach Jahr seit meinem männlichen Alter habe ich mich abgemüdet, um diese letzten llebcr- bleibsel des Stanungutes meiner Ahnen vor einem Verkauf im Anfstreich zu bewahren. Jahr nach Jahr hat die Glücksgöttin mir den Rücken zngekehrt gehalten, und ich stelle nach allen meinen Anstrengungen nnd nahe dem Ende meines Erdenlcbens am Rande der Nrmuth. Du aber kannst nicht sagen, und kein Mensch, der nicht vieler Jahre Erfahrung für sich hat, kan» sagen oder ermessen, welche Motive meinen Charakter zu dem machten, was er ist. Du jedoch," — nnd des Greises Stimme sänftigte sich, als er seine Hand ans das Haupt des Sohnes legte — „Du jedoch, der Jugendliche, der Frohmüthige, der Kühne, Dir soll von den Sorgen, die mich bedrängen, die Stirn nicht gerunzelt, Dein Auge nicht von den Bekümmernissen, die mich foltern, getrübt werden. Geh! ich will Dich nach der Stadt begleiten, will Saville selbst besuchen. — Ist er Einer, dem ich meinen Sohn in so zartem Alter anvertrauen kann, so magst Du bei ihm weilen, so lange es Dir und ihm beliebt." Percy wollte antworten, allein der Vater winkte ihm zu schweigen; und che noch der Abend dahin war, hatte Letzterer beschlossen, das Gespräch mit dem Sohne so bald zu vergessen, als es ihm nur möglich sehn würde. Der ältere Gvdolphin war einer von den Charakteren , ans die einen bleibenden Eindruck zu bewirken ein 24 vergeblicher Versuch ist. Sein Gemüth glich einem Gewässer. bas jedem plötzlichen Eindringen in dasselbe nach- giebt, sogleich aber seine Oberfläche wieder ebnet. Im frühen Jünglingsalter hatte man ihm eingcschärft, daß er eine reiche Erbin zu Aufrechtcrhaltung seiner Erbgüter ehelichen müßte. deren Verkommenheit abznbelse» er als den großen Zweck und als den eigentlichen Ehrgeiz seines Lebens anznsehen hätte. Seine Absichten waren seltsam getäuscht worden; je größere Hindernisse jedoch sich demselben entgegcnwarsen. desto hartnäckiger verfolgte er sie. Von Natur freundlich, edcldenkcnd und gesellig, war er nach und nach zu einem Anachoreten und Geizhälse herabgesunken. Alles Spccnliren zum Wiederherstcllen seiner vvrväterlichen Ehren war ihm mißlungen; inzwischen giebt cs Eine Specnlation, welche niemals mißlingt, und das ist die des Sparens. Dieser Speeulation gab der alte Godolphin sich nunmehr hin. Es traten zwar Augenblicke «in, in denen er seinen ehemaligen Gewohnheiten nachging; allein solcher Augenblicke waren wenige. Eine kalte, hartherzige, frostige Knickerei blieb sein vorherrschender Eharakterzng. Er hatte seinen Sohn mit einem Achtzehnpfennigstück in der Tasche in eine Schule geschickt, wo er jährlich zwanzig Pfund zahlen mußte, und wo sein Sohn nicht viel mehr als Nnfuganrichten nnd Nnheilstif- ten lernte ; dennoch wähnte er. sein Sohn schulde ihm endlose Verpflichtung. Znm Glücke für Percy war dieser ein besonderer Liebling eines gewissen, nzcht nnberühmten Charakters, Na- 25 mens Saville; und Saville schützte das Vorrecht einer Verwandtschaft mit ihm vor, um ihn mit Geld zu versehen und zu sich ins Haus zu nehmen. Ungestüm, leidenschaftlich und bis zum Uebermaaße vergnügenssüchtig, haschte der junge Godolphin gierig nach gelegentlichen Besuchen bei Saville, und ward dadurch noch ungestümer und leidenschaftlicher, und gierte immer mehr nach Zerstreuung. Schon war er Tonangcbcr in seiner Schule, eine Qual seinem Lehrmeister und der bnbcnhafte Liebhaber des Töchtcrcheus desselben. Er zählte erst fünfzehn Jahre, dennoch war er schon ein Charakter. Ein geheimer Stolz, eine geheime Erbitterung, kecker Witz und Achtlosigkeit im Wesen ließen ihn bei Allen mehr für einen mit Euer-' gie, als mit Tiesgefühl begabten Burschen gelten. Inzwischen verfehlte ein freundliches Wort niemals seinen Zweck bei ihm, und er würde sich an einem seidenen Faden haben lenken lassen, hingegen eine Kette zerbrochen haben. Dies waren jedoch Charaktcrzüge eines Knaben, die durch die Welt bald verändert wurden. Der Zweck des Besuches bei Saville war noch nicht berührt worden. Ein wenig Nachdenken zeigte dem Vater Godolphin, wie nichtig die Zusage eines Schulbuben war seinem Vater keinen Schilling mehr kosten zu wollen; auch wußte er, daß Saville's Haus eben nicht der Ort war, wo sich Oekonomie am besten studiren ließ. Er hielt cs deswegen für gerathe», den Sohn wieder in die Schule zu schicke». Zur Schule also ging Percy Godolphin, ward aber 26 nach etwa vier Wochen aus derselben verwiesen, Weiler nachdrücklich eine Maulschelle znrückgegebcu hatte, die ihm von seinem Lehrmeister verabreicht worden war. Anstatt zu seinem Vater zu gehen, schnürte Percy sein Bündel Kleider zusammen, ließ sich mit Hülfe der zerschnittenen Bettvorhänge durch das Fenster des Zimmers hinab, in welches man ihn, bis Botschaft von seinem Vater kommen würde, eingeschloffen hatte, nnd befand sich bald an einem heitern Svmmerabend auf der Heerstraße zwischen *** und London. Ilnabhängigkeitssinn im Gemüth und zehn Guineen (das jüngste Geschenk Saville's) in der Tasche. Viertes Kapitel. Das erste Abenteuer Percv's. Die Straße, auf welcher Percy Godolphin dahinzog, bot liebliche Landschaftansichten dar, auf die er jedoch weiter nicht achtete. Seine Seele war voll von Unternehmungsgeist und dem Muthe der llnerfahrciiheit. Er war mehrere Meilen weit gewandert, und es fing an dunkel zu werden, als er eine Stativnskutsche gewahrte, die sich vor ihm hin langsam hügelan schleppte, und neben welcher ein hochgewachsener Mann herging, der ziemlich heftige Geberden machte. Godolphin betrachtete ihn mit einiger Neugier; und der Mann, der sich plötzlich um- 27 wendete, bemerkte unser» jungen Reisenden, den er dann seinerseits ebenfalls aufmerksam betrachtete, „Holla heh!" sagte der Fremde hierauf in einem angenehmen, jedoch vertraulichen und nnnmständlichen Tone — „wohin wollen Sic denn noch so spät Abends?" „Das ist nicht Ihre Sache, Freund," sagte der Knabe, mit der kecken Lebhaftigkeit seiner Jahre; „kümmern Sie sich um Ihre eigenen Angelegenheiten," „Ei, ei, Sie reden scharf auf mich ein, junger Herr," entgegnete Jener; „indessen die Jugend gibt sich gern wortsir. Wissen Sie," und der Fremde runzelte die Stirn, „daß wir Wohl eher manche längere Gesellen als Sie um geringeren Vergehens, als Sie sich schuldig machen zu können scheinen, der Hinrichtung überantwortet haben?" Ein Lachen aus dem Wagen veranlaßte Godolphin zum Hinüberblicken. Er sah das Kutschenfenster geöffnet, und ein schelmisches, weibliches Gesicht nach ihm herschauen, „Sie scheinen sich über mich lustig zu machen, wie ich sehe," sagte Percy, „steigen Sie aus, meine Schöne, so mache ich Ihnen das Lachen vielleicht wett," Das Frauenzimmer lachte nnr um so lauter über die frühreife Galanterie des Reisenden; der Fremde aber ohne daraufzu achten, legte seine Hand aufGodvlphinsSchulter und fragte: „Sagen Sie mir doch, junger Herr, wohnen Sie in B**?" nnd er nannte die Stadt, welcher man sich jetzt näherte. 28 „Nein," antwortete Percy, und machte sich von dem Aufdringlichen los. „Vielleicht übernachten Sie dort?" „Vielleicht." „Sie sind zu jung, um allein zu reisen." „Und Sie zu alt, um solche dummdreiste Bemerkungen zu machen," entgegnete Godolphin, der puterroth von Aerger ward. „Traun, mir gefällt der kecke Muth, mein Heißsporn!" sagte der Fremde kaltblütig. „Wenn Sie wirklich inB** zu übernachten gedenken, so mein' ich, wir essen mitsammen zu Abend." „Und wer und was sind Sie?" fragte Percy dreist. „Nichts und Alles; mit andern Worten, ein Schauspieler." „Und die junge Dame?" „Unsere erste Liebhaberin; ja, mit Ausnahme des Kutschers enthält jener Wagen nur die Damen und Herren unserer Gesellschaft. Wir haben gute Rernte in A* gehabt, und begeben uns jetzt auf das Theater zuB "; ein hübsches Theater, das überdies eine Einnahme von einundsiebenzig Pfund und acht Schillingen machen kann." Hier versank der Schauspieler in ein Nachsinnen, und Percy, der sich dem Kutschensenster näherte, blickte zu der ersten Liebhaberin hinauf, die mit einem zwar koketten, jedoch zu leisen und wohlklingenden Lachen, als daß es für keck gescholten werden könnte, ihn wiederum ansah. „So ist der Herr dort, der sich so freien und ungezwungenen Wesens giebt, nicht Ihr Gemahl?" fragte Percy. „Das wolle Gott verhüten! Meinen Sie, er würde so lustig seyn, wenn er es wäre? Doch, pah! was können Sie vom Ehestandsleben wissenI Nein!" führ sie mit einer allerliebsten Miene erzwungener Würde fort; „ich bin die 'Kalista', die 'Clariffa' der Gesellschaft, erhaben über alle Aufsicht und allen Ehezwang, und verdiene drei und dreißig Schillinge die Woche." „Sind Sie wie über Ehemänner auch über Liebhaber- erhaben?" fragte Percy im Tone eines Frechlings, indem er Saville nachäffte. „Ei der Tausend! Ist das eines Knaben Frage? —Nein! dann aber müssen meine Liebhaber wenigstens eben so groß gewachsen, eben so reich, und ich sollte meinen auch wenigstens eben so alt als ich seyn." „Ohne Besorgnis-, meine Beste," versetzte Percy; „ich werde keinen Liebhaber bei Ihnen abgeben." „Werden Sie nicht? Nun, nun, wer weiß! Warum wollen Sie denn nicht mit uns zu Abend essen?" „Warum sollt' ich's auch nicht?" dachte Percy bei sich selbst, weil die Frage ihm jetzt einladender als zuvor gestellt ward. „Wenn Sie mich einladen," antwortete er dann laut, „so will ich." „Nun, so lade ich Sie denn ein," sagte die Schauspielerin. Der Heldenspieler der Gesellschaft kehrte sich jetzt Plötzlich herum, ging mit einem Theaterschritt auf 30 Percp zu, und sprach: „ Essen oder nicht essen? das ist die Frage." »Essen, Sir," antwortete Gvdvlphtn. „Sehr wohl; ich bin erfreut, das zu hören. Thäten Sie nicht besser eiuzustctgen und den Weg bequemer zu- rückzulegcn? Sie können meinen Platz etunehmcu. Ich studire derweil eine neue Nolle; es sind noch drei Viertelstunden bis B Percp nahm die Einladung au, und saß bald neben der schönen Schauspielerin. Die Pferde gingen allgemach in einen bequemen Trott über; und so zog der Sohn des asketischen Gvdvlphin und der Zögling des weltklugeil Saville, entzückt über sein Abenteuer, in die Stadt B" ein, und begann seinen ersten unabhängigen Feldzng in der großen Welt. Fünftes Kapitel. Die Biihncnsyieler. — Godolphin ist verliebt. — Die Wirkung, die Fanny Millinger auf ihn macht. — Zweierlei Anerbieten. — Godvlyhin verläßt die Komödianten. Unsere Reisenden hielten bei dem ersten Wirthshausc vor dem Thorc der Stadt an. Man wies sie hier in ein geräumiges, ausgesandetes Zimmer, in dessen Mitte ein großer Tisch stand; und ehe man das Abendessen anstrng, 31 hatte Percy Muße, die Personen in Augenschein zu nehmen, deren Genoß er geworden war. Zuerst war ein alter drei und sechszigjahriger Herrin einer Stntzperücke und rwn gedrungenem Körperbau da, der noch frisch weg die Liebhaber spielte, und einen eben so guten sinnenden „Romeo," als geschäftigen „Rapid" abgab. Er sprach nicht mehr ganz wohlklingend ans der Bühne, weil ihm alle Vorderzähne fehlten, weshalb er denn auch gern diejenigen Rollen von sich abwies, in denen der Darsteller viel zu lachen hat. Dann war ein kleines, etwa vierzehnjähriges Mädchen da , welches Engel, Feen und nebenbei trefflich alte Weiber spielte. Drittens sah Godolphin einen cavalier- mäßigen Gesellen von stattlichein Nenßcren, mit einer Steittvrstimme, der die Rolle der Tyrannen dnrchführte, und ein gar grimmiger „Macbeth" war. Viertens kam die Frau dieses Grimmigen, ein hübsches, vielplappcrn- des, stark geschminktes Weibchen, die als Vertraute oder Zvfe — als die „Emilia" der „Dcsdemvna" glänzte. Das fünfte Mitglied endlich war Percy's neue Jnamo- rata, ein Mädchen von etwa cinnndzwanzig Jahren, mit einem Stumpfnäschen, schönem, kastanienbraunen, stets etwas verwirrten Haar, hübschen Zähnen und einem niedlichen Grübchen, ungeschminkt; ein Persönchen, das Neigung zeigte, späterhin jene Rundung der Formen an-, zunchmen, die mehr dem Sinnlichen als dem Romantischen zusagt. Dieses Mädchen, das Fanny Millinger hieß, gab sich so offenherzig, so frohgelaunt und lebhaft, daß 32 sic das Idol der ganzen Gesellschaft, und ihre Vorzüglichkeit im Spiel durchaus kein Gegenstand des Neides für die klebrigen war. Schauspieler mögen nach ihrem Gefallen dies glauben oder nicht. „Ist denn dies die ganze Gesellschaft?" fragte Perey. „Nicht doch," versetzte Fanny, die den Hut abnahm, und vor einem trüben Spiegel ihre Haarflechten ordnete. „Die klebrigen sind mit den Lampenputzern schon voraus. Warum gehen Sie denn nicht ebenfalls zur Bühne? Ich wollte Sie thäten's; Sie würden einen allerliebsten — Pagen abgeben." „Wahrhaftig?" sagte Perey, der sich über die Maßen beleidigt fühlte. „Frisch, frisch!" rief die Schauspielerin, indem sic in die Hände klatschte, nnd Perey's üble Laune durchaus nicht beachtete; „warum Helsen Sic mir nicht den Mantel ablegen? Warum setzen Sie mir keinen Stuhl? warum schieben Sie mir diese große Schachtel nicht ans dem Wege? warum — Ei so helfen Sie mir doch!" und dabei stampfte sie allen Ernstes mit ihrem Füßchen: „Sie sind mir ein allerliebster Liebhaber!" „Aha! so gestehen Sie also, daß ich Ihr Liebhaber bin?" „Dummes Zeug. Beim Essen setzen Sie sich neben mich." Der junge Godolphin war von der muntern Schauspielerin ganz nnd gar bezaubert; nnd mit nicht geringer Theilnahme verschaffte er sich den folgenden Abend einen 33 ^ Platz in der Seitculoge des kleinen Theaters zu B", f um zu sehen, wie seine Fanny spielte. Das Haus war 1 ziemlich gefüllt, die Vorstellung fand rauschenden Bel- j fall; besonders aber gefiel Fanny Millinger, und Godol- § phin war stolz darauf, diejenige bewundert zu haben, die ,4 jetzt, wie es schien, von aller Welt bewundert ward. ? Als das Schauspiel zu Ende war, ging Pcrcy auf l die Bühne, und fühlte nun zum erstenmal, auf welche s Hohe das Talent zu erheben vermag. Das muntere ' Mädchen, mit der er gestern geschäkert hatte, und die j ihm, obschon er noch Knabe war, doch zu nichts Ande- : rem als znm Scherzen und Kvkcttircn nütz zu seyn ge- schienen hatte, sah er jetzt so plötzlich zn einer Hohe i erhoben, daß es ihn erschreckte und beschämte. Erwarb ü scheu und linkisch, und warf nur aus der Ferne einen i verstohlenen Blick auf Fanny , ohne den Muth gewinnen .1 zn können, sich ihr zu nähern und sie zu begrüßen, z Das hurtige Auge der Schauspielerin erspähetc die ^ Wirkung, die vou ihr hcrvorgebracht worden war. Es k behagte ihr dies ganz natürlich; sie trat zn Godolphiu, 4 berührte seine Schulter und sagte mit einem Lächeln, § das durch die noch nicht von den Wangen abgcwaschene Schminke um so lieblicher war: „Nun, Sie linkischer junger Herr — haben Sie keineiKchmcichelci für mich iu Bereitschaft? Fort mit Ihnen! Sie taugen nicht für mich; suchen Sie sich eine andere Hcrzenskönigin." „Sie haben mir so sehr gefallen, daß ich Sic hochschätze,"sagte Godolphiu. < Bnlwer's Remync. I.XXVII. 5 34 In diesem Ausdrucke lag ein Zartgefühl,' das der eigentliche Charakterzng des GcmntheS Pcrey's war, vb- schon dies Gcmüth sich noch nicht ansgebildct hatte ; nnv die hübsche Schauspielerin ward für den Augenblick lebhaft darum ergriffen, wiewohl sie, ungeachtet des An- mnthvollcn, das sie in ihrem Spiele gezeigt hatte, siel zu flüchtiger Natur war, als daß sie es überhaupt für vorthcilhast gehalten hätte, auf die Länge „hochgeschätzt" zu werden. Im Nachspiele war sie unbeschäftigt, und Gvdolphin geleitete sic daher zurück iu's Wirthshaus. So lauge seine zehn Guineen vorhielten — welches, wie der Leser wohl ermessen kann, eben nicht s c h r lange währte — blieb Percy bei der heitern Truppe, als der begünstigte Liebhaber der Hauptzicrde derselben. Er vertrante der lustigen Fanny seinen Namen und seine Geschichte. lieber die letztere lachte das Mädchen laut auf; denn sie war eine der ächten Töchter der Liebesgöttin, und wußte aus Allem Heiterkeit zu gewinnen. „Was. aber," sagte sic, und klopfte ihm liebevoll die- Wange — „was aber hindert Dich ein Weilchen bei uns zu bleiben? In drei Stunden lehr' ich Dich Komödie spielen. Merk' auf! Diese Kunst, die Dich so bewundernswürdig bedünkt, ist nichts als eine Reihe von Blendwerken." Godolphin ward verlegen. In ihm steckte eine Art von verborgenem Stolze, der es nimmer ertragen konnte!, sich dem Tadel Anderer blosgcstclit zn sehen. Er hatte kein Nachahmungstalcnt, und war in hohem Grade V 35 empfindlich gegen das Auslachcn. Diese so früh entwickelten Gcmüthseigcnthümlichkeiten, die späterhin ihm jederzeit hinderlich wurden, mit seiner natürlichen Gabe zu wuchern, indem er zn stolz znm Prahlen, zn philosophisch zum Glänzen war, leisteten ihn, bei dieser Gelegenheit einen trefflichen Dienst; denn fie schützten ihn gegen die Gesahr, ln die er sonst gcrathen scyn würde. Er konnte nicht znm Komödienspiclen gebracht werden, so daß die schöne Fanny den Versuch dazu verzwciflnngsvvll anfgab. „Dennoch bleibe bei uns," sagte Fanny, „und theile mein ärmliches Einkommen mit mir," Godolphin fuhr zurück; und vermöge der seltsamen Widersprüche, die sich im stolzen Mcnschenherzen vorzn- findcn pflegen, flößte dies großmüthigc Anerbieten der Schauspielerin ihm ein Mißbehagen, einen Widerwillen ein, wodurch ihm das Scheiden von Fanny beinahe leicht gemacht ward. Es schien, als erkannte er mit Eincmmale die zweideutige Lebensweise, der er sich hin- gegeben hatte, „Nein, Fanny," sagte er nach einer Pause, „Ich bin hier, weil ich beschlossen hatte unabhängig zu scyn; ich kann also nicht Abhängigkeit wählen," „Miß Millinger mögtc doch zur Leseprobe kommen," sagte die Kleine, welche die Genien und die alten Weiber spielte, indem sie ihr Köpfchen durch die Thüre steckte, „Potztausend! ist's schon sv spät?" rief Fanny, indem sie auffuhr, „Da muß ich gehen, Gott befohlen! Sprich bald wieder bei mir ein — hörst Du?" Godolphin aber ging trüb und gedankenvoll hinaus 3 " 3S auf die Straße, und siehe! das Erste was er erblickte, war ein Placat an der Mauer, worin seine Person beschrieben stand, und zwanzig Guineen Belohnung für seine Wiedererlangung versprochen wurden. „Er kehre zu seinem bekümmerten Vater zurück," schloß der Anschlagzettel, „und Alles soll ihm vergeben seyn." Godvlphin schlich in seine Kammer zurück, schrieb einen leidenschaftlichen Brief an Fanny, schloß demselben seine Taschenuhr, als das Einzige bei, was er wegzugeben hatte, fügte seine Adresse bei Saville hinzu, wartete die Dämmerung ab, und stahl sich dann in einer Stations- kntschc nach London, Milt leeren Taschen befand er bei Tagesanbruch sich unter dem Dache Saville's. Sechstes Kapitel» Percy Godolphiu als Savilir's Gast, — Er lammt Dienste bei der Leibgarde und lebt auf vornehmem Fuße, „So bist Du ihnen richtig entwischt?" sagte Saville lachend; „das ist herrlich! Uebrigens beneide ich Dir deine Abenteuer bei dem Schauspielervolke, Jemine! war' ich einige Jahre jünger, begäbe ich mich zu ihnen. Den Pertinar Macsykophant würde ich ercellent spielen; ich habe Anlagen zur Darstellkunst. Nun, und Du? was denkst Du anzufangcn? Bei mir zu bleiben — he?" 37 „Ich meine, es wird das Beste seyn, und ist zuver- läßig die beste Art und Weise meine Tage hinzubringen, allein —" „Nun, was denn?" „Ich mag kaum Ihre Artigkeit annehmen, es würde mich bald mißvergnügt machen. So will ich denn an meinen Vater schreibe», dem ich freundlich und wohlbedächtig gleich am Morgen nach meiner Ankunft in B " Nachricht von meinem Aufenthalte gab. Ich schrieb ihm, seine Briefe unter Ihrer Adresse zu schicken; allein mit Bedauern finde ich, daß er keine weitere Notiz von mir genommen hat, als jenes Placat zu erlassen, das mich so sehr erschreckte. Ich will ihm daher nochmals schreiben, und ihn bitten, mich Militär werden zu lassen. Mir be- hagt es zwar nicht sonderlich, allein was ist zu machen? Ich werde doch mein eigener Herr seyn." „Gut gesprochen!" antwortete Savtlle, „und ich glaube Dir hierin dienen zu können. Will dein Vater die herkömmliche Summe zahlen, so denk' ich Dir das Patent blos für diese zu verschaffen, was keine geringe Begünstigung ist." Godolphin war entzückt über diese Zusage, und schrieb deshalb sogleich und dringend an seinen Vater; Saville unterstützte in einem besonderen Schreiben das Gesuch. „Sie sehen ein," ließ Letzterer sich vernehmen — „Sie sehen ein, wertster Sir, daß Ihr Sohn ein kecker, verwegener Geselle ist. Durch Schulen und Eincarceriren richten Sie mchts bei ihm aus; bringen Sie ihn unter 38 die Mannszncht in des Königs Dienst, und verurtheilen Sie ihn, von seiner Löhnung zn leben. Bei all dem ist dies eine wohlfeile Art, einen Taugenichts gut nnter- znbringen; und da er das Glück hat, in so jungen Jahren Militär zn werden, so kan» er im dreißigsten Jahre wohl Oberst mit Vvllsold scyn, Allen Ernstes gesagt, dies ist das Beste, was Sie für ihn ihn» können — es wäre denn, daß Sie in Ihrer Familie eine Pfründe hätten," Der alte Godolphin war höchst ärgerlich über diese Briefe, so wie über seines Sohnes früheres Entlausen. Inzwischen konnte er leicht rwrhcrsehen, daß der Junge, wenn er demselben widerstrebte, noch weit ärgere Sprünge machen mögtc. Verlegenheit nach Verlegenheit, Acrgcr nach Aerger konnte daraus entstehen, und Geldansgaben würden vollends dabei nicht fehlen. Das diesmalige Anerbieten bot ihm eine günstige Gelegenheit dar, des Sohnes für längere Zeit ledig zu werden. Da er nun überdies täglich mehr und mehr sich an sein Einsiedlerleben und seine Knauserei gewöhnte, so freute es ihn, sich künftiger Störung nnd Aufdringlichkeit überheben, und sich ganz und gar seinem Lieblingstreiben, dem Sparen nämlich, widmen zu können. Nach vierzehntägigem kleberlegen nnd Zögern schrieb er kurzweg an Saville nnd an Pcrey, daß wenn das Patent wirklich für die genannte Summe zn kaufen wäre, er sich zn dem Opfer entschließen wollte, wofür er sich selber zwicken müßte; dennoch wollte er die Sache abmachen. Den Sohn rührte dieses Schreiben,. Saville aber lachte den Burschen und dessen Feingefühl ans. Bald nachher stand Pcrey Gvdolphin in der Regimcntsliste als Cornct bei der Leibgarde. Das Leben eines Soldaten in Friedenszeitcn ist, der Himmel weiß es, das eines FanllenzerS. Pcrcv fand Gefallen an seiner neuen Uniform und an seinen Pferden, die miteinander auf Credit gekauft wurden. Auch bchag- ten ihm seine neuen Genossen, und die Bälle, und das Conrmachein Hpdcpark mißfiel ihm non vier bis sechs Uhr keineswegs, und Erercier - und Paradeplatz machten ihm nicht viel zu schaffen. ES gereichte in der großen Welt ihm sehr znm Ansehen, daß er der eines Mannes war, der in so besonderem Rufe stand ein Ausschweifung und Spieler zu sedn, wie August Saville. Sv fand Pcrcy Gvdolphin unter solchen Anspielen sich mit eincmmale auf den Strom der „guten Gesellschaft" fiottgesetzt. Jung, voll Romanidccn, fcnerköpfig, mit den klassischen Zügen eines Antinvns, und einem hübschen Talent, schone Dinge zu sagen und Reime zu drechseln, ward Percy Gvdolphin, der eigentlich noch in den Jahren war, in denen er mehr der Kinderstube als der Welt hätte angchören sollen, bald der „lockige Liebling" jener jahlreichcn Klasse von vornehmen Damen, die nichts zu thnn haben, als um sich herum liebeln zu lassen, und die, selbst eitel Kunstgriff, diejenige Liebe für die süßeste halten, die aus der natürlichsten aller Quellen entspringt. 40 Sie lieben das zarte Jünglingsalter, wenn es nicht verschämt ist, und vvm fünfzehnten bis znni zwanzigsten Jahre braucht ein Don Juan * gar nicht erst nach Sevilla zu reisen, nin eine Dona Julia zu findein Liebe war jedoch nicht die geringste Gefahr, die den Knaben bedrohte. Saviile, der verführerischste aller Hofmeister— Saville, der in seinem Witz, in seinem b»n tan, in seiner Contrvle über die große Welt allen minder Erhöhet«! und minder Ansprnchvollen ein Gott zu sehn schien — Saville war Pcrcy's steter Gefährte, und dabei nicht blos ein Ausschweisling, sondern auch, wie gesagt, ein Spieler! Man mögte glauben, das Spiel sey dasjenige Laster, durch welches die Jugend am wenigsten verlockt wird, und dessen Geiz, dessen Gier, dessen scheuSlichc Selbstsucht und kaltherzige, berechnende Gemeinheit schreckten alle diejenigen zurück, die bereits anderen und milderen Gottheiten opferten: allein das Eigentliche an der Sache ist, daß die Jugend den Fehler hat, dem nicht widerstehen zu können was Mode Ist. Das Spiel ist in allen Ländern das Laster der Aristokratie. Die Jugend findet dasselbe bereits in den besten Zirkeln als festgcstcllt vor : sie wird durch die Gewohnheit der klebrigen angeregt, nimmt deren Gewohnheit an, und — sicht sich dadurch zu Grunde gerichtet. „Du siehst erhitzt aus, Percy," sagte-Saville, als er seinen! Zögling im Park begegnete. „Ich wundere ' M. s. Lord Bpronk Gedicht! »Don Ina». Ir Ges." Amu d. Ucbcrs. 41 mich nicht darüber, denn Du hast gestern Abend höllisch verloren." „Mehr als ich bezahlen kann," versetzte Percy mit zuckender Lippe. „Nicht doch! Du sollst'S gleich morgen bezahlen, denn Du spielst heut Abend mit mir zum Halben. Merke Dir's," setzte Saville flüsternd hinzu — „ich verliere niemal s." „Wie? Niemals?" „Niemals : ich thäte es denn absichtlich. Ich spiele kein Spiel, bei welchem nur der Zufall de» Vorsitz führt. Whist ist mein Lieblingsspiel — es ist nicht allgemein; das thut mir leid. , Sv spiele ich andere Spiele, weil ich mich dazu gezwungen sehe; allein selbst beim benswcise, zu welcher er dadurch gebracht wird. Dieses Ergebnis hatte einen großen Einfluß auf GvdolphiwS Lebensweise und, wie mich dünkt, in Folge dessen auch auf seinen Charakter. Perey erneuerte seine Bekanntschaft mit der munteren Schauspielerin. „Welch eine Umwandlung!" riefen Beide. ' „Die vagirende Komödiantin ward zur Berühmtheit erhoben!" 43 „Aus dem entlaufenen Knaben ist ein junger Modeherr worden!" „Du bist hübscher als du es jemals warst, Fanny," sagte Gvdvlphtn. „Ich gebe das Eompliment zurück," antwortete mit Verbeugung die Priesterin ThalienS. Jetzt lebte Godolphin fast nur tu dem Theater, und nahm so eine ganz andere Lebensweise als die bisher von ihm geführte an. In London gibt cs zwei Klassen don Müßiggängern; die eine besteht ans den Schmetterlingen der Bälle, aus den Umherschlendercrn ans den Boulevards der Mode, aus Leuten die tagtäglich zu Gaste gebeten, und also „alte Familieiigesichtcr" sind, die aller Orten gesehen werden und die Jeder kennt. Die zweite Klasse umfaßt ein wildes, achtloses, ungeregelteres Geschlecht, das wenig in Gesellschaften geht und Bälle für langweilig hält; dagegen lebt cs tnElubbs, besucht die Theater, fährt spät Abeyds in geheimnißvoll aussehenden Fuhrwerken und erfreut sich anSgebretteter Bekanntschaften unter den Aspa- sien des Vergnügens.« Diese Lenke sind zugleich die Kritiker der Theater. In schwarzer Eravattc und wohl- bestiefelt nehmen sie ihren Logenplatz ein und sprechen ihre llrtheile über die Knöchel der Tänzerin und über die Stimmfähigkeit des Sängers. Sie haben einen Anflug von literarischer Bildung nnd spicken ihre Rede gern mit französischen Brocken; auch besitzen sie einigen Hang zum Romantischen, nnd man weiß, daß Etliche von ihnen aus 49 Liebe heiratheten; kurz, in ihrem ganzen Wesen ist etwas, das dem abschweifenden, liberalen Continental-Charakter der Zerstreuung mehr entspricht, als der kaltherzigen, zahmen, grämlichen und zugesiutzten Indolenz nationalerer Auserlcsenheit eigen zu sei)» Pflegt. Aus der elfteren Klaffe ging Godolphin zu dieser letzteren über; und o! welche Morgenstunden bei der Schauspielerin, welche heitere Abendverkürznngen bei ihr oder mit ihr oerlebte er! o der Munterkeit, des Sprudclwitzes, worunter die Stunden oon Mitternacht bis zum Hahngeschrei so oft mit Rosenblättern geworfen und in Rheinwein ertränkt wurden! In dem Maße nun, wie Godolphin immer eifriger seine Besuche ans der Bühne fvrtsctzte, wurden durch das schöne intellectuelle Etwas, das bisher in seiner Seele geschlummert hatte, ihm Regungen erweckt, oon denen er fühlte, daß seine roheren Genossen dieselben nicht mit ihm zu theilen vermvgten. In theatralischen Vorstellungen liegt eben dasjenige verborgen, wodurch fortwährend das unserem Charakter etwa angehörende Romantische wach erhalten wird: die magische Beleuchtung, der Pomp der Scene, der Palast, das Feldlager, der Wald, die Felsenhöhle, das nachgeahmte Mondlicht auf dem Wasser, die Melodie des tragischen Rhythmus, das Anmuthige im Witze des Komikers, das Seltsame in der Kunst, wodurch auch dem leichtesten Worte des Poeten eine erhöhet» Bedeutung verliehen wird, — das schöne, trügerische, aufregende Leben, das Bulwee'r Romane, I.XXVII. H so sich vor uns abspinnt — das Znsammcnfasscn in kurzen dreistündigen Zeitraum alles dessen, wonach unserem geschäftigen Ehrgeiz nur verlangen kann — Liebe, Hochsin», Krieg, Ruhm, — die gluthmittheilende Uebertrci- bung der Empfindungen, welche der Bühne eigen ist — wie sie es uns selbst in unseren kühnsten Lcbensmomentcn tst: all diese Dinge nehmen nicht vergebens unsere zarteren Regungen in Anspruch. Unser Hang zum Ahnen, Träumen und Verzücktscyn verstärkt sich dadurch, und wir verschlucken ein geistiges Opium, das alle unsere übrigen Fähigkeiten in's Stocken gcrathen läßt, so daß wir uns nur dem Idealen zugcwcndet fühlen. Godolphin ward ganz besonders durch die Bühne geblendet; ihm war's Ergnicknng, sich von den Genossen wegzustehlcn, und allein und ungestört seine Seele an dem unwirklichen Strome des Dascyns schwelgen zn lassen, der so schöne, so liebliche Gebilde abspiegcltc. Und o! so lange wir jung sind, so lange noch der Thautropfcn am grünen Blatte des Lenzes hängt, so lange noch glänzendere, unternehmnngreichc Zukunft uns lächelt, so lange wir noch nicht wissen, ob nicht das wirkliche Leben eben so träumerisch und aufgeregt als das nachgeahmte scyn mögtc — o! so lange ist's ein reiches, unnennbares Entzücken, zu sehen, zu hören, zu fühlen, wie Shakspeare's Phantasicgebilde, wenn auch unvollkommen und nur für eine Stunde, verwirklicht werden! Liebliche Ardennen! sind wir denn in Euren „schattigen Hainen" und ans Euren „unbetretenenMatten"? Rosalind, Orlando, warst Ihr beim wirklich auf Erden? Ach! dies ist wahrhaftiger Zauber : und wenden wir uns zum Leben zurück, ach, so blicken wir von dem Wunderprisma weg, durch dessen Glas die Sonnenstrahlen selbst eine Mnterlandschast mit einer ihr von Natur fremdartigen Lieblichkeit schmücken! Neuntes Kapitel. Das Vermächtniß. — Eine neue Uiwvllkvmincnheit in Sa- viilc. — Das Wesen weltlicher Werbindimgen, — Gedol- phin verläßt England. Andererseits wird das Vcrliebtseyn in eine Schauspielerin nicht sonderlich dazu dicncu, uns in der tnr vorigen Kapitel erwähnten Täuschung zn erhalten; man kommt zuviel hinter die Cvulissen. Godolphin erkannte diese Wahrheit so lebhaft, daß ihm diejenigen Stücke, in welchen Fanny spielte, am wenigsten gefielen. Außerhalb des Theaters war im Charakter des Mädchens so wenig Romantisches, daß er in ihren romantischen Charakter vor den Bühncnlampen sich nimmer hineintäuschen konnte. Zum Glücke jedoch reichte Fanny nie zum Shak- speare hinan. Sie war unnachahmlich im Vaudeville, in der Posse und in der leichteren Komödie; klüglich jedoch hatte sie mit der Scheune auch die Tragödie hinter sich gelassen. Sie besaß viel Talent und Auffassungsvermögen, und gewahrte deutlich die Bahnen, die ihre Eitelkeit 4 « 52 wandern kannte, ahne sich verletzt zu fühlein In ihrem Wesen aber lag eine Einfachheit und Offenherzigkeit, wodurch sie zu einer überaus angenehmen Gesellschafterin gemacht ward. Die Anhänglichkeit zwischen ihr und Gvdolphin war nicht sehr lebhaft, sondern einem seidenen Bande gleich, das bei Gelegenheit hundertmal geknüpft und gelüset werden mogte, ohne daß den Herzen dadurch sonderliches Leid zugefügt würde. Gvdolphin ward durch diese Anhänglichkeit keineswegs beherrscht, während doch deren Wirkungen einen so wesentlichen Einfluß auf ihn hatten. Eines Abends, nach einer Abwesenheit von mehreren Tagen, die er außerhalb der Stadt zngebracht hatte, ging Gvdolphin vom Theater nach Hanse, und fand unter den an ihn etngelanfencn Briefen ein Schreiben von seinem Bater. Es war schwarz berändert und eben so versiegelt. Percy öffnete es zitternd und mit bangem Vorgefühle; dann las er Folgendes: — „Lieber Percy! „Ich habe eine Nachricht für dich, von der ich nicht weiß, ob ich sie gut, ob schlimm nennen soll. Dein Vetter, Harry Johnstone, die alte Wunderlichkeit, ist gestorben, und hat dir von seinem ungeheuren Vermögen die ärmliche Summe von zwanzigtausend Pfund ausgesetzt; doch bemerke es wohl! er that es unter den Bedingungen, daß du deine militärische Laufbahn aufgibst und entweder bei mir wohnst, oder London bis zu deiner Volljährigkeit verläffest. Weigerst du dich dieser Bedingungen, so bist du der Erbschaft verlustig. Es ist in der Thal seltsam, daß der wunderliche Kauz sich so viel mit deinem sittlichen Wandel zu schaffe» macht, und dabei mir keinen Schilling anSsctztc. Indessen ist Gerechtigkeit jetzt außer Mode; nur prunkende Tugenden sind an der Tagesordnung. Im Fall Du Dich entscheidest hie- her zu kommen, bitte ich Dich, mir nach beiliegender Probe zwölf Uards weißen Flanell mitzubringen; man kaufte ihn sonst in bester Qualität bei Snngg in der Orfordstraße. Recht hübsch hat der altcJohn- stone au Dir gcthan, aber denk' Dir nur, mich so ganz ans die Seite zu schieben ! Wie wardst du denn bekannt mit ihm? Ncbrigens werden die zwanzig- tanscnd Pfund unserem verschulvetcn Gute trefflich zu Statten kommen; geh sparsam mit ihnen um, Percy, hörst Du? recht sparsam. „Ich fühle mich zum crstcnmale von einem Gichtanfall ergriffen. Ich lebte noch viel zu gut. Bei erhöheterer Enthaltsamkeit denk' ich das Uebel in der Geburt zu ersticken. Meinen Gruß an den glattzüngigen Hallunken, den Saville. Dein liebevoller A. Godolphin. „N. S. Die alte Sara Hab' ich fortgejagt, weil sie mit den Metzgerkncchtcn liebelte; um dergleichen Liebeleien willen muß ich das Rindfleisch um so theu- rer bezahlen. Veß ist jetzt meine einzige Hausgenos- 54 sin; die Alte ausgenommen, die den Fremden die Ruinen unseres Stammhauses zeigt. Was für ein ercentrischer Kerl doch der Jvhnsionc war! Ich hasse alle ercentrischen Leute." Der Brief entsank der Hand Percy's. Dies also war der Ausgang des einzige» Zusammentreffens, das er mit dem alten Manne gehabt hatte! Und Ergebnisse gleich diesem, wunderliche und seltsame Ergebnisse, die Gvdvl- phins ganzen Lebenslauf durchkreuzten, waren es, die ihm einen starken Anflug von Aberglauben beigaben. Späterhin verhandelte er on» ninoie mit Schicksalsfügungen und geheimnißvollcn Einwirkungen. Der Leser kann überzeugt sepn, daß Pcrch, nachdem er diesen Brief gelesen hatte, die Nacht ziemlich schlaflos zubrachte. Früh am nächsten Morgen suchte er Sa- ville auf, nndsthcilte diesem die empfangene Nachricht mit. „Schnurrig genug!" sagte Saville gedehnt, und nicht wenig ärgerlich über diese seinem Zögling von einem Andern erwiesene Großmnth; denn gleich allen engherzigen Menschen war auch Saville neidisch — „Drollig genug! hm! und Du sahst ihn nur Einmal? und da schimpfte er auf mich? Das nimmt mich Wunder, denn ich ward seinem gemeinen Sohne doch wesentlich nützlich." „Wie? so hatte er einen Sohn?" „Ja, so eine zweibeinige, plumpe und knochenderbe Ereatur ließ sich mit eincmmale in London, wie ein Schneehuhn sehen. Der alte Johnstone befand sich auf dem Lande, um seine Frau zn Pflegen, die seit ihrem ersten SS und einzigen Kindbette den Gebrauch ihrer Beine eingebüßt hatte. Im angehenden Jünglingsalter kam, als einziger Sohn und Erbe, der Bengel nach London und ward bei mir eingeführt. Ich patronifirtc ihn, stutzte ihn ein Bischen für die Modenwelt zurecht, spielte ein wenig Karten mit ihm, gewann ihm etwas Geld ab, wollte nichts mehr von ihm gewinnen, ricth ihm, dem Spiele zu entsagen, bemerkte ihm, wie er dazu noch zu jung wäre; er aber achtete meines RatheS nicht, spielte fort, nnd hol' mich der T"* — schnitt sich eines Morgens die Gnrgel ab; der Vater aber schob, zu meinem nicht geringen Erstaunen, die Schuld davon mir in den Schuh." In sprachlosen: Abscheu stand Godolphin wie erstarrt da. Von dieser Secunde an hegte er kein Fünkchen Liebe mehr für Saville. „Wahr ist's," fuhr Saville leichten Tones fort, „der Junge hatte bedeutend verloren. Der Vater war ein finsterer strenger Mann, und der Sohn mogte wohl dessen Zorn fürchten. Ich muß glauben, der Herr Papa Hält mich für eine Art von moralischem Wehrwvlf,- der alle Jünglinge frißt, die ihm in die Hände gerathen, da er Dir zwanzigtanscnd Pfund unter der Bedingung vermachte, daß Du aus Deiner Huth sehn und mich und meinen Umgang meiden sollst. Schau! schau! wie schmeichelhaft für mich! Und wohin gehst Du nun? nach Spanien?" Percy ward von dieser Geschichte erschüttert. Er beklagte es von Herzen, daß er den des Sohnes beraubten 56 Vater nicht ausgesucht, und ihn: während seiner letzten Lebenslage nicht zu einigem Truste gereicht hatte. Innig empfand er alle die Theilnahme, all das Zartgefühl, wodurch der alte Mann zum Mitleidcn gegen das Lews der Verlassenheit seines jugendlichen Verwandten angeregt worden war, so daß derselbe sein Geschenk der Großmnth mit einer Bedingung verband, durch welche hoffentlich Perep's Trachten nach Unabhängigkeit gemäßigt und derselbe dem Schauplatze der Verderbtheit mW der Verführung entzogen werden würde. Schwcrmüthig und gedankenvoll begab Godolphin sich jetzt tu die Wohnung der nunmehr berühmten und bewunderten Miß Millinger. Fanny empfing Percy's Glücksnachricht mit etnem Lächeln, und weinte der Kunde von seinem Weggehen aus England ein Thränchen. Es gibt Verbindungen, deren Tiefe sich gleich und leicht ergründen läßt, und an denen man ohne Mühe wahrnimmt, wie der eine Theil niemals daraus bedacht ist von dem andern Theile'Opfer zu begehren, die ernsteren Herzensvereinigungen als unerläßlich bedünkcn. Fanny ließ es sich nicht ein einzigesmal einfallen, ihre theatralische Laufbahn zu verlassen und Godolphin zu begleiten, während Godolphin mit keinem Gedanken daran dachte, etwas dem Aehnliches von Fanny zu verlangen. Das sind die Verbindungen der großen Welt, lieber Leser — lerne aus ihnen die große Welt kennen. Bald war Alles abgemacht. Leicht entledigte sich Godolphin seines Cornetspatents. Sechshundert Pfund 57 jährlich wurden ihm von den Zinsen seiner Zwanzigtau- send während seiner Minderjährigkeit ausgesetzt. Damit konnte er eine anständige Rolle, wenn nicht als ei» englischer vornehmer Herr, doch als ein Weltbürger spielen. Kaum sechszehn Jahre alt, doch mit einem durch frühzeitige Unabhängigkeit halb ausgebildetcn, aber auch halb entnervten Charakter, sah der junge Godvlphin wie Englands Ufer hinter ihm zurückwichen und fühlte sich allein in der weiten Welt — Herr seines eigenen Geschickes. Zehntes Kapitel. Constanzen-? Ausbildung. Mittlerweile wuchs Constanze Vernon zur Jungfrau und Schönheit heran. Alles um sic her trug dazu bei, das düstre Erinnern, das ihr durch die Worte ihres sterbenden Vaters eingeflößt worden war, in ihr wach zu erhalten. Von Natur stolz, schnellanffaffcnd, und empfänglich, begegnete sie Verletzungen, , wie bloS zufällig diese oft auch sehn mogten, mit einem ticfwurzclnden, brütenden Grolle. Das verlassene und abhängige Mädchen mußte allerdings manchen bitter» Beweis erfahren, wie ihre Lage in einer Welt nicht vergessen worden war, in welcher Rang und Reichthnm für Cardinaltugenden gelten. Manches Geflüster, manches absichtliche Bciseite- wort drang in Constanzens hoffärtiges Ohr und ließ 58 Constanzens sonst blasse Wangen erröthen, Dadurch ward des Mädchens innere Bitterkeit nnr noch erhöht, der warme Strom ihrer jugendlichen Neigungen erstarrte durch dergleichen Erlebnisse: und ihr verhehlter Spotthaß war nnr um so mehr gegen eine Vergesellschaftung gesteigert, die ihr zu gleicher Zeit als frech und werth- los erschien. Sinnliche Genußsucht konnte unmöglich threr verfeinerten Geschmacksrichtung zusagend seyn; dies Auftreten heut als vornehm frech, und morgen als höfisch kriechend; diese stanbkiissende Ehrerbietung vor Allem was Macht heißen mag ; diese Gleichgültigkeit gegen Tugend, wodurch die Bildner und Lenker der vornehmen Welt sich charakterisiren — das Alles konnte bei Constanzen nur Verdruß und Gcringachtung erregen; so daß in den glänzenden Zirkeln, zu denen so Viele in thorigem Streben mit hoffnungslosem Ehrgeiz anfblicktcn, Constanze sich nnr bewegte, um zu verspotten, zu verabscheuen und zu verachten, ^ Dies Gefühl der Verachtung ward von der Tochter Vernon's so anhaltend genährt und gepflegt, daß cs mit gleicher Bitterkeit ihr auch dann noch eigen war, als sie Königin und Vorsitzerin derjenigen vornehmen Welt ward, in welcher sie glänzte — jedoch nur um zu blenden, nicht aber um zu herrschen. Was anfänglich eine überspannte, an Wahnsinn gränzende Bitte ihres Vaters geschienen hatte, ward für Constanze, als ihre Erfahrung reiste, zu einem ganz natürlichen und lobenSwcrthen Befehle, Sie gerieth ganz und gar in den Strom eben derjenigen 59 Partei, tu welcher Vernon anfänglich seine Freunde und sodann seine Verspotter gefunden hatte. Sie beschloß, die behelmte Anmaßung um sie her nicht sowohl aus eigenem Verlangen, als vielmehr in dem Wunsche zu dcmü- thigen, ihrem Vater gehorsam zu sehn und denselben zu rächen. Ans ihrer Verachtung gegen Rang erhob sich ihr natürlich ein Trachten nach Rang. Die junge Schöne beschloß, der Liebe Regung ans ihrem Herzen zu verbannen, sich nur Einem Zweck und Ziele zu widmen, Titel und Rcichthum zu gewinnen, um so im Stande zu sehn, ihrer Geringschätzung dieser Eigenschaften an Anderen Macht und Beharrlichkeit zu verleihen. Zn der Stille der Nacht wiederholte sie das Gelübde, durch welches sie ihren Vater aus dessen Sterbebette getröstet hatte, und legte sich den feierlichen Schwur ab, alle Liebe in ihrem Busen zu ersticken, und einzig und allein um Ranges, Ansehens und Macht willen sich zu vermählen. Als Tochter eines so berühmten Politikers war es ganz in der Ordnung, daß Constanze Theil an politischen Angelegenheiten nahm. Jeder Erörterung über Staats- gegcnstände widmete sie ein eifriges, ein durstiges Gehör. Mit männlichem Eifer gab sie sich denjenigen Gesinnungen hin, die danials für die äußerste Grenze von Liberalität galten, und hielt diejenige Laufbahn, auf welcher die Vergesellschaftung nur den Mann wissen will, als die edelste und trefflichste in der Welt. Geheim verwünschte sie ihr Loos, ein Weib, und als solche verhindert zu sehn, die Gesinnungen, denen sie sich so leidenschaftlich ergeben 60 hatte, in llusführnng zu bringen. Mittlerweile versäumte sie nicht, die glänzende Waffe ihres Witzes vorstn Roste zn bewahren; hellgeschliffen ließ sie beständig diesen ihren Stahl seyn, womit sie zn Zeiten dem innersten Groll ihrer Verachtung Luft machte. Der Insolenz setzte sie den Sarkosin entgegen; und frühzeitig befähigt, cinznsehen wie die Vergesellschaftung, gleich der Tugend, um ihren Wcihranchdnft steigen zu lasten, mit Füßen getreten werden müßte, gelangte sie bald zn allgemeiner Hochachtung, und zwar dies mehr noch durch das Hvffärtige in ihrem Wesen, durch die Schärfe ihrer Satyrc und durch die Unabhängigkeit ihres Geistes, als durch ihre verschiedenen Talente und ihre nicht zn verdunkelnde Schönheit. lieber Lady Erpingham hatte sie sich durchaus nicht zu beklagen. Bisweilen zwar ward sie durch Achtlosigkeit, -nimmer aber aus Absicht von dieser freundlichen,, bequemen, behaglichen und charakterlosen Beschützerin verletzt; denn die Greisin liebte und bewunderte ihre 'grotöxöe', und trachtete für diese nach einer glänzenden Hcirath, als ob Constanze ihre eigene Tochter gewesen wäre. Constanze dagegen liebte die Lady mit aufrichtiger und ernster Wärme, und war bemüht, alle die Alltäglichkeit und Kleinheit des Charakters zu vergessen, wovon die Seele ihrer Beschützerin erfüllt war; obwohl ohne ihre Schwächen Lady Erpingham gerade diejenige Person gewesen seyn würde, gegen die Constanze sich am wenigsten nachsichtig gezeigt hätte. 61 Elftes Kapitel. Gespräch zwischen Vary Erpinichiun und Noustauze. — Fernere Auskunft über Gedvlphin's Fainilieiinugckeqenheiten. Lady Erpingham war Wittwe und im Besitz eines sehr ansehnlichen Vermögens. Das stattlichste der Landgüter, das ihr verstorbener Gemahl besessen hatte, war ihr znm Wlttwensitz verschrieben worden; und die Lady besuchte dieses Gut pünktlich am ersten jeden Augusts, um es eben so pünktlich am achten jedes Jänners wieder zu verlassen. - Einige Jahre nachdem Gvdolphin England verlassen hatte, und im Sommer nach dem Frühlingc, in welchem Constanze in die Zirkel der großen Welt eingeführt worden war, wo sie so glänzend debütirt hatte, daß noch viele Jahre später man sich nicht nur der von ihr gemachten Sensation erinnerte, sondern auch viel von derselben sprach, mißfiel es Constanzen, ungeachtet ihres genossenen Trininphes, nicht, tn den Hainen von Wendover-Castle Zuflucht vor der sich ihr bietenden Huldigung zu suchen. „Wann/' sagte sie eines Morgens, als sic mit Lady Erpingham ans der Terrasse unter den Fenstern des Hcrrn- hauses spazieren ging, von wo ans man weithin die Gegend übersah — „wann besuchen Sie einmal, thenre Lady, mit mir jene Ruinen, von denen lch soviel und sooft rede» höre, und die zu besehen ich Sie niemals habe bewegen können? Sehen Sie! der Tag ist so heiter, daß 62 Wir von hier aus die Umrisse des alten Schlosses erblicken können — dort; rechts von jener Kirche weg! ES kann gar nicht weit von Wendvver sehn." „Die Godolphinsabtei ist drei Stunden Weges von hier," entgegnetc Lady Erpingham, „scheint jedoch näher zn seyn, da sie auf sehr crhoheter Stelle steht. Der arme Arthur Godolphin! er ist unlängst mit Tode abgegangen" — und Lady Erpingham seufzte. „Hört' ich Sic doch nie zuvor von ihm reden!" „Mein Schweigen mogtc Wohl seinen Grund haben, Constanze. Arthur war unter allen Männern, die ich sah, derjenige, der, als ich Deine Jahre zählte, mich am einnehmendsten bcdnnkte. Nicht, daß ich verliebt in ihn war, Constanze, oder daß er mir irgend Veranlassung gegeben hätte, mich in ihn anö Dankbarkeit für mir erwiesene Liebe zu verlieben. Es war bloö eine flüchtige, bald wieder entschwundene Mädchenphantasic — nichts weiter." „Und der junge Godolphin — der Knabe, der schon in zartem Alter durch sein crcentrischcs Leben außerhalb Landes sich so seltsam bekannt machte?" „Ist Arthurs Sohn, der gegenwärtige Eigenthümer jener Ruine», und, wie ich fürchte, von wenigem mehr; es mögtcn denn die Ueberbleibsel eines von einem Verwandten geerbten Vermächtnisses seyn." „War der Vater ein Verschwender?" ^ „Godvlphin's Vater war es nicht, allein der Vater dieses Vaters gelangte zu dem sehr verschuldete» Fami- 63 »licnerbthcil. Alle Ländereien, die wir von hier aus erblicken— jene Dörfer, jene Waldstrecken gehörten ehedem den Godolphins. Ihre Familie war eine der ältesten und angesehensten in diesem Theilc von England; allein die Güter schmolzen mit jeder folgenden Generation immer mehr hin, und als Arthur Godolphin — mein Go- dolphin, zu dem Nachlasse gelangte, war ihm nur Wahl zwischen den dreien Nebeln — einem Gcwcrb, der Armuth oder einer reichen Heirath gelassen. Mein Vater, von dem ich längst dem Lord Erpingham bestimmt war, gab zu verstehen, Mr. Godolphin wünschte in mir die zu ehelichende reiche Erbin zu finden, und daß ich seine etwaigen Anträge nur in diesem Lichte zu betrachten hätte. Ich glaube Wohl, daß Arthur bei mcinemVater, dem Herzoge, um mich anhielt; gegen mich jedoch schwieg er, vbschon er von mir gewiß eine minder abschlägige Antwort erhalten haben würde." „Was that er endlich?" „Er hcirathete eine Dame die für reich galt, hatte jedoch kaum deren Vermögen berührt, als es durch einen Prozeß angegriffen ward, den Arthur verlor, und dadurch verhältnismäßig in nackte Armuth gerietst. Dies Ergebnis nagte ihm am Herzen ünd verfeiirdete ihn mit der Welt. Er zog sich in jene Trümmer, oder vielmehr in das neben denselben sich erhebende Waldhäuschcn zurück wo er bis zu seinem Tode gesellschastscheu lebte, und gewiß ungleich weniger als sein Einkommen verzehrte." „Ich verstehe Sie; er ward sparsam." 6t „Bis zu einem solchen Uebermaße, daß seine Nachbarn ihn geizig schalten/' „Und seine Gattin?" „Armes Weib! sie war blvs eine vornehme Dame, und starb, wie ich glaube, an eben dem Verdrufse, der ihren Gatten so lebenslänglich hcrzenskrank machte/' „Hatten sie nur den Einen Sohn?" „Nur den gegenwärtigen Eigner der Trümmer des — Percy, ja, Perch heißt er, nach dem Familiennamen seiner Mutter — Percy Godolphin," „Und wie kam es, daß dieser arme Knabe so frühzeitig in die Welt gestoßen ward? War der Vater unzufrieden mit ihm?" „Ich glaube, nein; als jedoch Percy etwa fünfzehn Jahre zählte, verließ er die düstere Schule, die er besucht hatte, und hielt sich eine Zeitlang bei einem weitläufigen Verwandten, August Saville, auf, wo er sich, wie ich-mich wohl erinnere, ein ziemlich abgeschlossenes und zuversichtliches Wesen aneignete. Ein Vetter hinterließ ihm ein kleines Vermögen, und Percy ging nun allein in's Ausland," „Aber die Ruinen!" sagte Constanze, „Ungeachtet seiner Zurückgezogenheit gestattete der verstorbne Eigner derselben eiizem Jeden sie zu besehen ; nicht wahr?" „Er that's," antwortete Lady Erpingham, „Er war stolz auf das Aussehen, welches die Trümmer seines Familiensitzes so allgemein erregten; er ließ sie Jedem zeigen, der sie sehen wollte — ihn selbst sah jedoch Keiner. Das WaldhänSchen, das er bewohnte, steht zwar nahe. den Ruinen, doch ward Niemand in dasselbe gelassen: auch ist cs so ummauert, daß das unter unfern Euriositäten- Reiseuden so beliebte Fcustergucken sich durchaus nicht bei demselben anbriugcn ließ. Wie dem nun auch hat seyn mögen, so hatte ich während Arthurs Lebenszeit nimmer den Muth einen Ort zu besuchen, der für mich nur ein trostloser Schauplatz gewesen seyn würde. Jetzt dürfte ich weniger Schmerz bei solchem Besuche fühlen, und da Du es wünschest, so können wir ja morgen hinüber fahre». Es ist morgen ohnehin der dort übliche Tag des Besehens. „Nicht, theuerstc Lady, wenn cs Ihnen die geringste -" „Liebes Constanzchen," unterbrach Lady Erping- ham, als ein Diener hcrantrat und Besuchende anmeldete, „Willst du nicht in den Salon gehen, Constanze?" sagte die ältere Dame, als dächte sic noch an Liebe und an Arthur Godolphin, indem sic sich in ihr Ankleidezimmer begab, um frisches Roth aufznlegen. Einen allerliebsten Spaß würd' cs für einen der kleineren Teufel abgegeben haben, wenn während des früheren Romans in den Gefühlen der Lady Erpingham für Arthur Godolphin, er der Dame die Stunde rorherge- sagt hätte, in welcher sie erzählen würde, wie Arthur Godolphin als Geizhals starb — wie sic solches fünf Minuten früher erzählen würde, ehe sie sich an ihren Putztisch Vulwer's Romane, I XXVil, tz 86 begab, um die Wange des Alters für die achtlosen Blicke eines Alltagsbckannten miterheucheltcr Zugendfrische aufzuputzen. Das aber sind der Welt Wege! Ich meines Theils könnte mich anheischig machen, in den Dohlcn- „estern meinem Fenster gegenüber eine bessere Welt auf- zusiuden. Zwölftes Kapitel. Beschreibung des Hauses GodolphiüS. — Erste« Begegne». — Dessen Wirkung aus Constanze. „Aber," fragte Constanze, als sie folgenden Tages mit Lady Erpingham sich auf der Pilgerfahrt nach den Ruinen der Gvdolphinsabtei befand; „aber wenn der verstorbene Eigner jener Trümmer so überaus sparsam war, hinterließ er denn da dem Sohne nicht einiges Vermögen, außer dem Landsitze?" „Ich glaube wohl, daß er das that," meinte die Gefragte; „allein ist's bei alldem nicht wahrscheinlich, daß ein so junger Mensch wie Percy in seiner Lage Schulden machte und am Ende wohl machen mußte? Ist's nicht wahrscheinlich, daß er zu Wucherern Zuflucht nahm, die nun um so sicherer den Nachlaß des Vaters zu verschlingen gedenken ?" „Gewiß! Leider!" sagte Constanze, und das Gespräch ging nun ans geizige Väter und verschwenderische 67 Söhne im Allgemeinen über. Constanze war witzig über diesen Gegenstand, und Lady Erpingham lachte sich in die heiterste Laune hinein. Es war schon weit über Mittagszeit, als die Damen bei den Ruinen eintrafcn. Der Wagen hielt vor einen: kleinen Wirthshause an der Einfahrt des verwilderten Parks. Lady Erpingham und Constanze benützten die Gunst, des schonen Wetters, und schritten langsam der Abtei entgegen. Der Ort, dem sie sich näherten, wies sich in hohem Grade wild und malerisch. Ein breiter, glasiger See dehnte sich vor,ihnen; an dessen entgegengesetzter Seite standen die Trümmer. Das große Wölbfenster — der gothische Schwibbogen — die verfallene, dennoch majestätische Säule, Alles von Alter gebrannt und moosbewachsen, spiegelte sich in der wellenloscn, schweigsamen Fluth. Steinfragmente lagen weit umher, und dem Ganzen diente ein mit dunkeln Föhren bewaldeter, hügeliger Boden zum Hintergründe. Linksweg sah man den Strom, der dem See das Wasser zuführtc, dessen Ufer mit Weide» und Eichen bekränzt war. Aus einigen wenigen, fern- liegenden Hütten wirbelte ein dünner Rauch in die Lüste? Rechtshin brach sich die Ebene in tausend Thälchcn und Schluchten; das vom Reh so sehr geliebte Farrnkrant, der goldfarbige Ginster wiesen sich in Fülle, und über ihnen dichte Haine von Zwergholz oder, wiewohl selten, einzelne verwitterte, hochstämmige Bäume, die noch in ihrem Hinsterben grünten, obschon an Alles, was sich 5 " zeigte, die Zeit ihre zerstörende Hand mehr oder minder gelegt hatte, Als die Damen über eine kleine Brücke gingen, die zu beiden Seiten des Gewässers ans einem dichten Waldstücke hervorzuschießen schien, erblickten sic die kleine Wohnung unter den Ruinen. Sic zeigte sich über und über epheubedeckt, so daß sie den romantischen und großartigen Eindruck, den das verfallene Hauptgebäude machte, eher erhöhete als verringerte. Unsere Wandercrinnc» öffneten eine kleine Pforte am andern Ende der Brücke, und standen nach wenigen -Minuten am Eingänge der Abtei. Es war eine mit Nägeln beschlagene eichene Thüre. Zu beiden Seiten derselben schlängelte der Jasmin sich aufwärts, so daß die Damen Mühe hatten, zwischen den Blättern desselben die Glockenschnur zu finden. Endlich scholl der Helle Klang der Glocke durch die verödete Gegend mit einer Wirkung, die in ihrem Contraste etwas Erschreckendes und Eindrnckreichcs hatte. Im Hall einer durch eine wilde Naturscene hin ertönenden Glocke bebt etwas Feenhastds, zumal aber ist es da der Fall, wo die Zeit ihr Anrecht ans Herrschaft über die Landschaft geltend macht; denn in dem Klange ist etwas Geisterhaftes , als.erschalle ein Sturmgeläni für die Elfenschaa- ren, die durch den hcrannahcnden Fußtritt des Mensche» sich aufgcschreckt und gestört fühlen. Eine alte Frau, in der säubern Kleidung cngländi- schcr Landleute, wiewohl in der Mode derselben noch um 69 ein halbes Jahrhundert zurück, öffnete die Pforte. S!e war die einsame Führern! durch die Ruinen, hatte als kinderlose Wittwe seit dreißig Jahren hier gewohnt, und dürste unter allen ihres Gleichen, die ich gesehen habe, am besten die Heroine zu einer jener Schiiderungen des häuslichen Lebens abgegeben haben, die Wvrdsworth uns mit der patriarchalischen Zartheit seines Genie's entwarf. Man wandelte einen schmalen Pfad entlang, und kam in die Ruinen des großen Saales der Abtei. Die gothischen Schwibbögen desselben dehnten sich leicht zu beiden Seiten hin, und ließen in eine große Nische blicken, in welcher die Führerin die Handschuhe, den Helm, und den verwitterten Banner zeigte, welche'demjenigen Go- dolphin gehört hatten, der neben Sidncy focht, als dieser, dessen Leben, wie Campbell, der edelste der britischen Lyriker irgendwo sagt, „in Thätigkeit versetzte Poesie" war, seine Todeswunde ans dem Gefilde bei Zütphen empfing. Eine verfallene und bröckelnde Treppe hinan gelangte man in ein kleines Zimmer, wo die Besucher der Abtei gewöhnlich cingeladen wurden anszuruhcn, und den unten sich dehnenden Garten zu betrachten. Statt des Fensters gähnte hier eine große Oeffnung, die in phantastischer lleppigkeit sich mit Epheu umkränzt wies. Eine Art von Leiter führte aus dieser Oeffnung diejenigen hinab, die Lust haben mogten, auf diesem kürzeren Wege in den Garten und den Park zu gelangen. Und wie einladend waren dieser Garten und dessen Umgebung! Eine anmnthige, von Gesträuchen und Blumen eingefaßte, Rasenebcne hatte in ihrer Mitte einen Springbrunnen zur Zierde. Freilich sprangen die Wasser nicht mehr ; allein das Becken und der „Triton mit seiner bekränzten Muschel" waren noch vorhanden. Ein wenig rechts hin stand ein alter klösterlicher Somienzeigcr, und fern im Hintergründe über das Grün hinweg, sah man eine jener grauen grotesken Bildsäulen, durch welche der Geschmack der Tage Elisabeths den klassischen Meißel beschämte. Der ganze Ort athmete etwas Ruhiges und Ehrwürdiges; und als die alte Bäuerin Constanzen die Frage stellte, „ob Mylady nicht hinunterstcigcn und sich umsehcn wollte?" fühlte das Mädchen, daß sie keiner dringenden Aufforderung dazu bedürfte. Die minder romantisch gestimmte Lady Erpingham blieb in dem verfallenen Gemache, wo ihr natürlich genug, als der älteren Dame, die Bäuerin Gesellschaft leistete. Allein also stieg Constanze die ranhen Stufen hinab. Als sie an dem Brunnen stillstand, ward sie von einem unbeschreiblich köstlichen Ruhcgcfühl beschlichen, wie sie es selten oder nie empfunden hatte. Die Stunde, die Stille, die Umgebung — Alles vereinte sich, das Herz in jenes träumerische, seiner selbst nur halb bewußte Grübeln zu lullen, worein Poeten die Einsiedler früherer Zeit versunken dächten, wie sie ein müsstges, und am Ende doch wohl nicht unweises Leben führten, „Mir ist," flüsterte es in Constanzens Busen, „als 71 konnte ich an einem Orte wie dieser ist all meinen Lebenszwecken entsagen, alle meine Hoffnungen anfgeben, es vergessen, ehrgeizig zu seyn und mich erkünstelt zu geben, um liebend und geliebt die gewöhnlichen Pflichten des Weibes zu üben." Indem die stolze nnd rastlose Constanze, die die Liebe als die kleinlichste aller menschlichen Schwächen verachtete, obwohl eben diese am empfänglichsten für jede Gattung von Romantik ist, sich einer Stimmung hingab, in der sie noch nie zuvor sich befunden hatte, schritt sic ans der Ebene in einen jener Laubgänge, die in die angrenzenden Waldstrecken gehauen worden waren. Angclockt durch das Murmeln eines Baches, ging sieümter den Bäumen dem Schalle desselben nach, nnd gelangte endlich zu dessen Anblicke. Die Sonne, die nur hie und da durch das dichte Blättcrwerk zu dringen vermogte, spielte grillenhaft auf der kalten »nd schwarzen Flnth des hinwegglei- tenden Baches und versorgte, wie sie cs wohl an tausend Poeten verübt hatte, auch Constanze mit überreichem Stoffe zu einem Gleichnisse oder zu einer Moralsentenz. Als das Mädchen dem Bachufer nahe trat, gewahrte sie die Gestalt eines jungen Mannes, der an einen Baumstamm gelehnt stand nnd sich den nichtigen Zeitvertreib machte, Steinchen über die Fluth hinzuschleudcrn. Constanze sah nur das Profil des Jünglings; allein ein solcher Anblick, sobald ein schönes Gesicht ihn bietet, ist fast immer höchst überraschend und eindruckrcich. Für Constanzen wenigstens war er es diesmal in hohem Grade. 72 Der Fremde, der kaum dem Knabenalter entrannen zu seyn schien, war in tiefe Trauer gekleidet. Er schien fein und schlank von Wuchs zu seyn. Eine pelzverbrämte Ncise- mütze hinderte nicht sein reiches, schönes lichtbrannes Haar wahrnehmen zu lassen. Van Gesichtsfarbe war er blaß, ja fast bleich, und das Ganze in Form und Umriß des Kopfes gab sich geistvoll, und zeugte von einer Ge- fühlstiefe, die, an wem man sic auch erblicken möge, eine gewisse schwankende Neugier und Theilnahme erweckt. Wohl sind unsere innersten Regungen so gehcimniß- voll und wundersam, daß auch der leichtherzigste und Gedankenloseste unter uns sich durch ein in tiefes Nachdenken versunkenes Menschenantlitz gefesselt fühlen — daß er stillstehcn und betrachten, und versuchen muß, die Mysterien der inneren Welt zu erforschen — einer Welt, die von Natur die weitesten Grenzen hat, die aber oft durch Herkömmlichkeit unter den Menschen zu der eingeengtesten gemacht wird. Und dies mächtige Lehnen hielt auch Constanzen gefesselt. Eine Minute lang betrachtete sie das Antlitz des jungen Fremden; dann erröthete sie; — sie, die abgeschlossenste und an Eigenliebe reichste ihres Geschlechtes — wendete hierauf betroffen, wiewohl »»erblickt, sich leise ab, und hemmte ihren Schritt nicht eher, als bis sic wieder in dem alten Zimmer vor Lady Erpingham stand. Die Alte pries die Verdienste des verstorbenen Eigners der Godolphinsabtei, — „Denn," sprach sic, „nannten die Leute ihn auch 73 weltscheu und dergleichen, so war er doch vvllherzig gegen Jeden; nur sich selber ließ er es an Allem gebrechen. Na, der junge Squire, mein' ich, wird wohl nicht in des Vaters Fußstapfcn treten." „War Mr. Percy Godvlphin kürzlich hier?" fragte Lady Erpingham. „Er befindet sich eben jetzt im Waldhäuschen," antwortete die Führerin. „Erst vor zwei Tagen kam er hier an." „Gleicht er seinem Vater?" „Nicht doch; ist lange nicht ein so stattlicher Herr; sieht bleich aus und ist auch viel kleiner; scheint kränklich zu seyn — ja, ja, das Ausland thnt Keinem Wohl. Als er ein Knabe war, sah er recht schmuck aus; jetzt aber sieht er sich nicht mehr ähnlich." So war es also nnbczweifclt Pcrey Godolphin gewesen, den Constanze erblickt hatte, — der Eigner eines Stammsitzes ohne Geld; eines Landgutes ohne Insassen und Pachteinkünfte — der nämliche Percy Godolphin, von dem, ehe er noch das Alter Erreicht hatte, in welchem Andere die Schule kaum zu verlassen pflegen, bereits Alle, Einige vvrthcilhaft, die Meisten aber mit Lebhaftigkeit sprachen. Constanze fühlte, wie in ihrem Busen eine schwankende Theilnahme für den jungen Man» rege ward; sie unterdrückte sie jedoch, denn sie hielt es für Sünde, mit Theilnahme an einen Jüngling zu denken, der weder wohlhabend noch einflußreich war; und als sie mit Lady 74 Erpingham die Ruinen verließ, theilte sie der mütterlichen Freundin das Abenteuer mit, das sie im Park erlebt hatte. Inzwischen that sie es keineswegs unbefangen, denn obwohl Godolphin's Gesicht ganz von derjenigen Gattung war, die Constanzen am meisten gefiel, beschrieb sie den Jüngling doch ganz so, wie die Alte es gethan hatte; so daß Lady Erpingham sich ihn als einen kleinen, gclbangelauscnen Mann mit impertinentblvndem Haar und einer Stnlpnase dachte. O Wahrheit! wie so unbetreten bleiben deine Pfade! Bleibt man Wohl aus ihnen auch nur eine kläglich kurze Strecke weit in den alltäglichsten Geringfügigkeiten? — und doch wird'der Raum zweier Wände in meinem Bücherzimmcr von Gcschicht- werken angefüllt. Dreizehntes Kapitel. Ein Ball wird anglkündigt — Godolphi» besucht das Schloß Wendoucr. — Sein Benehmen und seine Unterhaltung. Außer ihrer Tochter, der an Mr. Klarer, ein Graft schastmitglied von großem Vermögen, verheirateten Lady Leonore, war Lady Erpingham auch mit einem Sohne gesegnet. Während der jüngst verflossenen zwei Jahre war der derzeitige Graf außer Landes gewesen. Nimmer, seitdem > er zu seinem Titel gelangte, hatte er Schloß Wendover 75 besucht; da ward der Lady, seiner Mutter, eines Morgens das Entzücken, von Dover ans ein Schreiben zu erhalte», worin der Sohn ihr ankündigte, wie er beabsichtigte, sie zu besuchen. Zu Ehren dieses Ergebnisses beschloß Lady Erpinghain einen glänzenden Bali zu geben. Allen Familien der Umgegend wurden demnach Einladungskarten geschickt, und Mr. Gvdolphin wurde dabei nicht übergangen. Am dritten Tage nach Empfang dieser Einladung ward Mr. Perey Godolphin gemeldet, als eben Lady Er- pingham und Eonstanze sich allein mitsammen im Salon von Schloß Wendvver befanden Evnstanze erröthete als sie anfblicktc, und die Lady ward durch den Adel in Perey's Anrede und durch die vollkommene Selbstbeherrschung in dessen Wesen überrascht: und dennoch konnte nichts so sehr als dieses Wesen verschieden von dem seyn, welches Lady Erpingham an den Auserlesenen des Tages zu bewundern gewohnt war. Das Gelassene, das Nachlässige, das erkünstelte Lächeln des Schmachtens, das fade und doch so beliebte Einerlei in dem Wesen der Engländer, wenn sie für höchstgebildet erachtet werden — das Alles war geradezu die Kehrseite von dem Wesen und Benehmen Godvlphin's; denn in Allem, was dieser sprach oder that, nahm man etwas Fremdartiges, etwas Unvcrtrau- liches wahr. In seinen Gesprächen gab er sich kurz abgebrochen und enthusiastisch. Sein Gesicht glänzte bei jeder Acnßernng über ernstere oder wichtigere Unterhal- tnngsgegenstände. Man fühlte in seiner Nähe, daß man es mit einem Manne von Geist, aber mit einem wunderlichen, einem verzogenen Manne zu ihn» hatte, der seine Gewohnheiten in der Einsamkeit, sein Anmuthiges in der Welt angenommen hatte. Das Gespräch berührte die Ruinen der Abtei, und Constanze äußerte ihre Bewunderung über deren romantische und malerische Schönheit. „Ja, ja," sagte Perch lächelnd i jedoch mit einem leichten Errothen, in welchem Constanze einigen Schmerz wahrzunehmen glaubte, „ich hörte davon, daß Sie meinen Steinhaufen besuchten. Meinem Vater galt das Aufsehen viel, das die Ruinen mache». Hat ein stolzer Mann keine Reichthümer, auf die er stolz seyn kann, so wird er sogar stolz auf dze Kennzeichen seiner Armuth. Dies war der Fall meines armen Vaters. Wäre er reich gewesen, so würden die Ruinen nicht vorhanden seyn; er würde das alte Herrnhaus neu aufgebaut haben. Da er arm war, rühmte er sich ihres Daseyns, und wähnte in jedem Movsklümpchen eine Großartigkeit. Allein alles Leben ist Täuschung; aller Stolz, alle Eitelkeit, alle Pracht ist eitel Trug. Gleich dem spanischen Hidalgo setzen wir eine Brille auf, wenn wir unsere Kirschen verzehren, so daß sic uns zehnmal größer erscheinen, als sie wirklich sind!" Constanze lächelte; und Lady Erpingham, die mehr Herzensgüte als Zartsinn besaß, fuhr in ihrer Lobrede auf die Abtei und die dieselbe nmgebende Landschaft fort. „Der alte Park mit seinen Wiesen und Gewässern," 77 sagte sie, „ist so schön! Ihm mangeln nichts als einige Rehe, die zahm genug sind, um sich den Ruinen zu nähern, nnd die Wildheit genug besitzen, znrückznschrecken, sobald man ihnen entgegen tritt," „Gefällt es Ihnen, einen Reiz von der Wohlha- bcndhcit zn entlehnen," versetzte Godolphin, der, was sonst den Engländern im Allgemeinen nicht eigen ist, sich darin gesiel ans seine Nrmnth anznspiclen, „so kommt es dem Eigner einer verfallenen Abtei nicht zu, die aristokratischen Genüffc der Köstlichkeit, die man das Malerische nennt, zu befragen. Ach! ich besitze nicht einmal das, womit ich ein Paar vereinsamte Rebhühner füttern könnte: und wie ich höre, wird man mich, wenn ich über den grünen Rasen meines Parks hinausgchc, zurückwar- ncn, weil mir keine Jagdgerechtigkeit mehr zustcht," „Sind Sic ein Freund von der Jagd?" fragte Lady Erpingham, „Ich denke, ich könnt'es seyn," antwortete Percy, „wiewohl ich in England solches Vergnügen niemals genoß, „So kommen Sie herüber," sagte Lady Erpingham, „und bringen Sie Ihre erste Septembcrwoche hier zu. Lassen Sie sehen! Der Erste nächsten Monats ist am künftigen Donnerstag! essen Sic also am Mittwoch bei uns zu Mittage, Wir haben hier Parkhüter und Hunde genug. Dank sey es meinem Robert! So also brauchen Sie mir ihr Jagdgewehr mitzubringen," „Sie sind sehr freundlich, thenrc Lady," versetzte 78 Godolphin mit Wärme; und ich nehme ohne Weiteres Ihre Einladung an. „Ihr Vater war ein alter Freund von mir," sagte Ladh Erpingham mit einem Seufzer. „Er war ein alter Verehrer," entgegnete Percy mit einer Verbeugung. Vierzehntes Kapitel. Gespräch zwischen Percy und Constanzen. — Sand- und Stadt-Leben. Am verabredeten Mittwoch erschien Godolphin. Er war an dem Tage gleichsam glänzend aufgeräumt. Lady Erpingham hielt ihn für einen entzückenden jungen Mann, und selbst Constanze vergaß, daß er keine Partie für sie war. Talentvoll und gebildet wie sie war, hörte sie dennoch nicht ohne Entzücken seine glühenden Schilderungen von Landschaften, die er gesehen hatte, mit an, und schien Behagen an seinen scherzhaften und zu gleicher Zeit schwermüthigen, ironischen Bemerkungen über Menschen und deren Treiben zu finden. Ihre besondere Gemüths- richtung war ganz von der Art, sie die letzteren lieber haben zu lassen, als sie im Stande war, die erster« zu würdigen; denn in ihrer Natur lag mehr Bitterkeit als Empfindung. Dennoch berührten in elfteren seine reiche Sprache und seine fließenden Nedesätze ihr Ohr und ihre 79 Phantasie, obwohl lhr Herz nichts dabei fühlte, und unmerklich gab sie sich einem Zauber hin, den sie an einem anderen Manne verachtet haben würde. Am folgenden Tage ward Constanze, die keine Früh- anfsieheriu war, durch den schönen Vormittag verlockt, die Reviere des Gartens zu durchstreife». Sie war überrascht, als sie hinter sich Godvlphin's Stimme hörte; sie wendete sich, und der junge Mann trat zu ihr. „Ich glaubte, Sie wären auf der Jagd?" „Ich war auf der Jagd, und bin znrückgckchrt. Ich zog mit Tagesanbruch aus, und ging wieder heim, weil ich hoffte, Sie auf Ihrem Spazierritt oder Lustgange begleiten zu dürfen." Lächelnd nahm Constanze das Complimcnt an, und während man die schnurgeraden Gänge des altmodischen und stattlich angelegten Gartens entlang schleuderte, keukte Godvlphin das Gespräch auf die Verschiedenheiten der Gartenansichten, auf die Dichter, von denen dieselben am Besten beschrieben worden sind, und auf den Unterschied zwischen Stadt-und Land-Leben, der von Allen aus der Brüderschaft der Poeten so glühend hcrvorgeho- ben worden ist. Bei diesem Gespräche machten gewisse Charakterverschiedcnhciten dieser beiden jugendlichen Personen sich auffallend bemerkbar. „Ich gestehe Ihnen," sagte Godvlphin, „daß ich zu der Ausdauer irgend einer von Städtebewvhnern für das Landleben geäußerten Anhänglichkeit wenig Vertrauen hege. Können wir unseren Geist einzig und allein mit den »ns umgebenden Gegenständen beschäftigen, genügen der Bach, der verdorrende Baum, der Sonne goldener Untergang, die Sommernacl't und das thicrische und einfache Leben um uns her unserer Betrachtung, und entheben sie uns trügerischen Träumen vom Zukünftigen; dann freilich kann ich völlig die Wirklichkeit jenes ruhigen und glückseligen Zustandes verstehen, den unsere ältere Dichter als dem Landleben eigcnthümlich beschrieben haben. Nehmen wir aber in die Schatten der Haine alles rastlose und aufgeregte Verlangen der Stadt mit, wenden wir die sich uns bietende Muße blos zu Plänen einer bewegten Zukunft an, — dann fliehen wir vergebens in die Ländlichkeit, und ahmen umsonst dem Eremiten nach. In dem Aue- gcnblick, in welchem das Grün der Fclderflur für uns den Reiz der Neuheit verliert, oder in dem, in welchem unsere Pläne entworfen sind, wünschen wir zu Ausführung derselben, in die Stadt zurückzueilen. Mit einem Worte, wir haben unsere Zurückgezogenheit nur zur Amme unserer dort gekeimte» Entwürfe gemacht, die des Versetzt- Werdens bedürfen." „Sie haben "recht," sagte Eonstanze lebhaft, „und wer mögte auch das Leben binbringcn, wie wenn es ein Traum wäre? Mich dünkt, daß wir nur richtig mit der Zurückgezogenheit umgehen, wen» wir sie unseren Zwecken in der Welt untcrordncn." „Ein seltsamer Lehrsatz für eine junge Schöne," dachte Godolphin, „die den Kopf voll von Blüthen- wäldchen und Liebe haben sollte." — Laut sagte er dann: 81 „In solchem Falle gehöre ich zu denen, die die Zwecke der Zurückgezogenheit mißbrauchen! denn bisher habe ich mir geschmeichelt, diese um ihrer selbst willen zu genießen. Trotz dem künstlichen heben, das ich führte, spricht doch Alles, was Natur heißt, mit einer Stimme zu mir, der ich selten zu widerstehen vermag. Welche in einer Stadt erregte Gefühle lassen sich mit denen vergleichen, die so leist und so unaufgefordert in uns anfstcigcn, sobald die Bäume und die Gewässer unsere alleinigen Gesellschafter, die alleinigen Quellen unserer Aufregung und Berauschung sind? Ist nicht stilles Betrachten besser als ehrgeiziges Streben?" „Können Sic das glauben?" fragte Constanze zweifelnd. „Ich glaube es." Constanze lächelte, und in ihrem Lächeln würde Verachtung gelegen haben, wenn Godvlphin sie nicht wider ihren Willen für sich eingenommen hätte. Fünfzehntes Kapitel. Constanzens »nd Godolpbin'S Gefühle für einander. — Unterschied ihrer Charaktere. — Bemerkungen über die Wirkungen der Welt auf Godoipbin. — Der Spazierritt — Dörfliche Beschreibungen. — Vorbedeutungen. — DaS erste unbestimmte Vekenntniß. Jeden Tag, zu der Stunde, in welcher Constanze sichtbar war, bestellte Godvlphin den Waldhüter ab, und Vulwcr's Romane. I-XXVN. 6 bot dem Mädchen seine Begleitung an. Cie ginge» und ritten mitsammen spazieren, und Abends lehnte der Jüngling hinter Constanzeiss Stuhl, und hörte ihrem Gesänge zu; denn obwohl sie, wie ich bereits erinnerte, keine ausgezeichnete Pianistin oder Harfenistin war, halte doch ihre Stimme einen ganz eigenthümlichen Wohllaut und Reiz. Lady Erpingham sah mit geheimer Freude das, was sie für eine wachsende Zuneigung hielt. Sie liebte Constanze um deren selbst, und Gvdolphin um seines Vaters Andenken willen. Ost dachte sie, was für ein so allerliebstes — hübsches— talentvolles Paar beide abgebcn würden, und wisperte Klugheit ihr des Jünglings Armnth ins Ohr, so fiel der freundlichen Gräfin ein, wie sie von ihrem reichen Wittwcncinkommcn längst eine Summe erspart hatte, die sie Constanzen zur Morgengabe bestimmte, und die sie, wenn Gvdolphin der Bräutigam wäre, mit zehnfach größerem Bergnügen hergebcn würde. Zu jenem. Vermögen, mit welchem beide wenigstens unabhängig würden leben können, rechnete sie in Vvllhcrzigcr Einbildung die Bedeutendheit, zu der Godvlphin sich endlich durch seine Talente würde erheben müssen, und glaubte, ihrer aristokratischen Schätzung nach, die geeignete Sphäre für jene Talente hätte sich in dem Wirkungskreise der Gesetzgebung zu finden. Sie ließ sich weder durch Wink noch durch Wort hierüber etwas gegen Constanze merken, stellte es jedoch der Natur, der Jugend und dem geselligen klmgäng anheim, ihre Gewalten zu üben. Und die Gefühle Godolphin's für Constanze Vernon 83 waren allerdings denen der Liebe ähnlich — waren Liebe selbst, wiewohl eher Liebe in ihrer Romantik, als in ihrer Wirklichkeit. Welche Gefühle nnn hegte Constanze für Percy? Zur Zeit wußte sie selbst cs nicht. Wäre sie nur von einein im Geringsten weniger ehrgeizigen oder minder gebieterischen Charakter gewesen, so würden ihre Gefühle Liebe, und Liebe von nicht alltäglicher Art gewesen seyn. Allein in ihrem grübelnden und befangenen Gemüthe und ihrer seltsamen Geistesrichtnng waren jeder Empfindung Schranken gesteckt, waren die Schwingen eines jeden Gedanken außer einer Gattung von Gedanken gefesselt, und diese Gattung gehörte nicht der Liebe an. In jeder Hinsicht waltete ein wesentlicher Unterschied zwischen den Charakteren Pcrcy's und Cvustanzen's ob, und seltsam genug war es, daß der des Mädchens minder romantisch, und ans den einfacheren Materialien zusammengesetzt war. Nm diese Zeit hatte ein Band Von Wordsworth's auserlesenen Gedichten die Presse verlassen. „Ist dieß nicht köstlich?" fragte Godolphin, nachdem er einige jener hochsiiegenden, veredelnden und subtilen Gedanken vvrgelescn hatte, durch die der am meisten idyllische und doch geistreichste aller neueren Poeten sich charakterisirt. Constanze kopfschüttelte. „Wie? Sie bewundern das nicht?" „Ich versteh« es nicht." „Welche Poesie bewundern Sie denn?" 6 " 84 „Diese." — Es warPoPe's llebersetznng der Jliade! „Nun ja," sagte Godvlphin ein wenig ärgerlich; „dergleichen bewundern wir Alle, aber was sonst?" Constanze zeigte auf eine Stelle in Drhdeists Gedicht „Palamvn und Arcite." Gvdolphin warf den Wordsworth hin. „Sic über- vvrtheilen mich nngroßmüthig," sprach er. „Nennen sie mir etwas, was Sie bewundern, dem zu widerspreche» ich einiges Recht haben kann; etwas, das Sie als allgemein »nanerkannt betrachten." „Ich bewundere wenige Dinge, die allgemein unan- erkannt sind," antwortete Constanze mit ihrem eindringlichen und stolzen Lächeln. „Der Ruhm drückt seinen Stempel ans jegliches Metall, das inner» Gehalt hat." In dieser Antwort lag eine klare Charakteristik Constanzens. Das Mädchen verehrte den Ruhm mehr als daö Genie, das denselben errang. „Wohlan," sagte Godvlphin, „sehen wir, ob wir jetzt zu einer Ilebereinstimmung der Empstndungen gelangen können;" und erschlug den „Komnö" von Milton auf. Niemand las Dichtungen schöner vor, als Perey; seine Stimme war so sanft und beugsam, und sein Ge- fichtsausdruck entsprach so sehr der Modulation seiner Töne! Constanze ward durch den Leser, nicht aber durch die Verse gerührt. Godvlphin war scharfsinnig genug, dieß zu merken, und ging zu den Reden Satans im „verlorenen Paradiese" über. Das edle Antlitz vor ihm begann sofort zu leuchten, die Lippe zuckte, das Auge fun- kelte; der Enthusiasmus Gvdolphin's war dem Constanzens gar nicht zu vergleichen. Die Sache war die, daß die starken und gewöhnlichen Regungen des intellectnellen Charakters die rechte Saite bei Constanzen anschlngen; den Muth, den Trutz, den Ehrgeiz begriff sic in deren ganzen Umfange, allein der tiefe Zartsinn der Gedanken auf den kalten und glänzenden Mattheiten des „Kvmus," der edle PlatunismnS — die hohe und seltene Liebe für Nb- stract-Gutes waren nicht „sunur und drommetenklingend" genug für das Herz derjenigen, die von der Natur zu einer Heldin oder Königin, nicht aber zu einer Dichterin oder Philosoph»! bestimmt seyn mogte. Hingegen alles Zarte, alles Halbcrkennbare, alles Abstruse in der Literatur hatte für Godolphin einen besonderen Reiz. Bon prüfendem und verfeinerndem Geiste hatte er frühzeitig gelernt, der Menschen alltägliche Regungen zu verachten; Ruhm rührte ihn nicht, und dem Ehrgeize hatte er sein Herz verschlossen. Bei ihm war die Liebe — obwohl er, und nicht mit Unrecht für eine» Mann der Galanterie und des Vergnügens gehalten worden war — bei ihm war die Liebe nicht ans den gewöhnlichen Elementen der Leidenschaften zusammengesetzt. Voll von Träumen, von Aufschwung und von inner» Abstrae- tionen war es eine Liebe, die nicht erfaßbar genug für die Dauer und von zu seltener Natur war, um gleichmäßige Gegenliebe hoffe» zu können. Und so zeigte es sich in seinem Umgänge mit Constanzen; Beide fühlten sich gegenseitig getäuscht. »Sie 88 fühle» nicht so," sagte Constanze. „Sie kann mich nicht verstehen," seufzte Godolphin. Indessen dürfen wir, bei all seinem Aufschwung und seinen Träumereien und seinem Hange zum Jntellcctuellen und Reine», nicht wähnen, Godolphin scy fehlerfrei an Charakter oder Gemüthe gewesen. Er war ein Mensch, der, von Natur reich an entschiedenen und ausgezeichneten, Eigenschaften, durch die besonderen Elemente unserer Vergesellschaftung zu einem zweifelhaften, buntscheckigen und unklaren Charakter gemacht worden war, dem diejenigen Schwächen anhingen, Weiche nnS in einem schwankenden Zustande zwischen Laster und Tugend erhalten. Die Energie, die er in seiner Knabenzeit gezeigt hatte, war durch die Indolenz im Weltleben verdumpft und verkrüppelt worden. Sein Umherstreifen seit einigen Jahren — der milde und poetische Anflug deö Südens hatten seinen natürlichen Hang zum Romantischen und jene Neigung zum Nachsinnen genährt, denen sich der geistreiche Vergnn- genSmcnsch so gern hingibt; denn das Vergnügen hat seine eiacnthümlichc Philosophie — eine traurige, phantastische und doch tiefe Ueberzengung von der Nichtigkeit aller Dinge, — ein Verlangen nach dem glänzenden Ideale — „Der Mücke Sehnsucht nach dem Sterne." Solomonis Hang znm Vergnügen diente seiner Weisheit zum Begleiter; Uebersättignng war die Tochter des ersteren, — Mißvergnügen die der letzteren. Wie verführerisch aber diese Philososchie auch ist, so ist sie doch 87 weder heilsam'iwch nützlich ! sie ist die Philosophie der Empfindungen, nickt der Grundsätze — des Herzens, nicht des Verstandes. So Godolphin: er war zu verfeinert in seinem Moralisiren, um dem anznhangen, was Moral war. Das einfache Gute und das einfache Bose ausfindig zu machen, überließ er uns schlichten Leuten. In der Politik war er ein Tory, in der Theologie ein Transcen- dcntaler. Die Lehren eines Sokrates oder Bentham reizten ihn nicht, weil sie für Jeden taugen; Wohl aber trug er im eigenen Gcmüth irgend einen dunkeln und schattigen Maßstab, nach welchem er die Handlungen Anderer würdigte. Er besaß Phantasie, Genie und sogar Ticfge- fühl; war jederzeit glänzend, bisweilen tief, anmuthig in Gesellschaft, jedoch selten gesellig; ein abgesonderter Mensch, und dennoch ein Weltmann: großmüthig gegen Individuen, eigensüchtig gegen die Masse. Wie so viele schöne Eigenschaften, mit denen schlimmer verfahren ward, als wenn sie weggeworfcn würden! Wer räumt nicht ein, daß er manchen Menschen unserer Art antraf —und wer wird nicht gern einem solchen Menschen bis an dessen Ende nachblicken? Eines Tages — es war am letzten deS verlängerten Besuches Godolphin's — als die Sonne sich zum Untergang neigte, und Alles umher sich ungewöhnlich mild und ruhig gab, kehrten Godolphin und Eonstanze langsam von ihrem gewohnten Spazierritte heim. Sie kamen an einer kleinen Herberge vorüber, die das gewöhnliche Aushängschild eines Würfelbrettes wies. Hin das Haus herum 88 stand ein Trupp Laudlente, die der gellenden Musik zuhörten, welche ein wandernder italienischer Knabe mit seiner Guitarre machte: die Scene gab sich überaus ländlich und malerisch, und als Gvdolphin sein Pferd anhielt, uni die Gruppe zn betrachten, ließ er sich nicht träumen, mit welchen ungestümen und schauerlichen Gefühlen, diese Stätte in späteren Tagen wieder zn besuche», er rwm Geschick ansersehen war. „Unsere Landlentc," sagte er, als er mit seiner schönen Gefährtin weiter ritt, „bedürfen irgend einer sie vermenschlichenden Erhelnng', der alte Maurentanz Englands ist ans dem Lande verschwunden, und statt, wie es ehedem geschah, für die Belustigung unseres Pflügers zn sorgen, blickt unsere Aristokratie mit Neid darauf hin, wenn er nur an irgend eine Ergötzlichkelt denkt. Sie kann es nicht leiden, daß der Bauer lustig ist. Lustigkeit und öffentliche Unordnung sind ihr gleichbedeutende Worte." „O dieser niedrigdcnkcnden, eigensüchtigen, frechen Aristokratie!" sagte Constanze mit Bitterkeit — „aber der Tag muß kommen, an welchem man sie moralisch zu Boden geworfen sehen wird. Sie hat ohne Würde gelebt, sie wird ohne Tapferkeit stürzen. Wie so schauerlich untergraben ist jetzt ihre Macht! Sie hat keine Vasallen, keine bewehrten Streitkrästc, nur von der Meinung wird sie noch cmporgehaltcn. Wendet diese Meinung sich morgen anders, so sind diese Helden des Tages schwach, wie die Kinder — sie sind die Drathpnppen, die Wetterhähne jeglichen Zufalles." 89 „Ihre Ansicht überrascht mich," sagte Gvdvlphin, der hierüber wirklich ei» wenig erschrack — „kommt solcher Sprach aus dem Munde der allgebietenden und allgehuldigten Miß Vernvn?" „Glauben Sie mir," versetzte Constanze mit Aufregung, „unter den Aristokraten selbst finden sich deren bitterste Bereichter. Wer tagtäglich unter einem Systeme seufzt, verachtet dieß weit eher und ärger, als die Masse es thut, die selten in unmittelbare Berührung mit demselben kommt. Des Systems unausgesetzte Erbärmlichkeit ist erschlaffender als dessen gelegentliche Gewalt." Gvdvlphin lächelte. „Sie sehen den Lauf der Welt minder mild an, als ich es thue," sagte er, indem er, wie Männer es gewöhnlich mit Damen machen, einem politischen Streite auswich. „Ich gewahre, daß Sie sich über Kleinlichkeiten ärgern; ich lache über dieselben. Ich kann beleidigt, jedoch nicht erbittert werden. Es steht in keines Menschen Macht, mich zu ärgern. Sie haben Hohn für die Thoren, ich habe nur Gleichgültigkeit für sie. Sie geben sich zu gefühlvoll gegen Steine und Stroh." Während dieses Gespräches ritt man durch eine schmale Furth des Gewässers. „Wir sind nicht weit von der Abtei," nahm Godol- phin wieder das Wort, und zeigte auf die Ruinen, die aus dem Grün des Walddistrictes sich dunkclgrau gegen den Abendhimmel erhoben. Constanze seufzte unfreiwillig. Es schmerzte sie an 90 die Dürftigkeit ihres Gefährten erinnert zn werden. Indem sie den Hügel hinan ritt, der sich am Flußufer erhob, zeigte sie, nm die Strömung ihrer Gedanken anders zn lenke», auf die blaue Strömung des Wassers, wie dieses sich an seinen vielbuchtigcn Ufern dahin wand. Und rauschend und tief und dunkel schoß, selbst in jener stillen Stunde, der Fluß zwischen den Aesten hin, die. sich seiner Oberfläche entgegenneigten. Hie und da wiesen die Ufer sich plötzlich abschüssig, und mengten sich mit den Wellen; dann stiegen sie, von dickem nnd verwachsenem Gebüsche beschattet, nm mehrere Fuß hoch über die Ebene der Strömung. »Wie seltsam ist es," sagte Gvdvlpbin, „daß, wenn wir gewisse Oerter betrachten, uns ein Gefühl beschleicht, durch welches die Scene vor uns entweder mit einem dunkel erinnerten und traumärtigen Bilde des Bergangenen, oder mit einem prophetischen und schauerlichen Ahnen des Zukünftigen verschwistcrt wird. So wie ich diese Stätte — diese User — dieses brausende Gewässer beschau«, ist mir, als ob mein Geschick ein gchcimnißvvlles Ucbercin- stimmen mit dem Schauplatze hier erheischte. Das Wann, das Wo, das Warum kenn' ich nicht, ahn' ich nicht; nur dieses unerklärliche, schattige, kältende Gefühl hat sich meiner bemächtigt. Jeder Wohl hat zu gewisser Zeit und an gewissem Ort ein ähnliches, seltsames, un- crklärbares Gefühl gehabt, nnd sich eben so untüchtig als ich gefühlt, dessen Ursache aufzuspüren; und bei alldem ist es sonderbar, daß die Poesie, die doch das Echo so vieler 91 innerster Empfindungen des Menschen geworden ist, noch niemals versucht hat, solches Vorgefühl zu beschreiben," „Weil Poesie," meinte Constanze, „am Ende nichts als ein abgedroschenes Nachplappern der alltäglichsten Gedanken ist, denen stc blos den Glanz des Verses anhaucht. Wie wenig wissen unsere Poeten! Sie erdichten blos, sie ahmen blos nach — darin bestehen alle ihre Geheimnisse," „Sic mögen Recht haben," versetzte Gvdolphin sinnend; „und ich, der ich oft eitel genug mir einbildete, poetischer Ergießungen fähig zu scyn, bin durch die Charak- terbeschaffcnheit der Dichter so erkältet und ernüchtert worden, daß ich mit einer Art von Geringschätzung dergleichen Hang in mir erstickte, Sv arbeitet in mir das Ideale, das sich nicht Luft zu machen weiß, und erzeugt mir tausenderlei unklare Träume und nicht wegzuschaffende Vorahnungen, so daß ich das Schattcnartige und Unbekannte liebe, und keine Genüsse in den kleinlichen Ehr- geizregnngen der Welt finden kann," „Sie werden später ans solchen Träumen erwachen," sagte Constanze ernsthaft, Gvdolphin kopfschüttelte und antwortete nicht, Ihr Weg führte sie jetzt über eine begrünte Ebene, die sich allgemach um eine Hügclgegcnd hernmwand, von der aus sich eine reiche und schöne Ansicht darbst, Hütten und Kirchthürme und Gehölze verliehen der Landschaft Lebe» — wiewohl ei» vereinzeltes und entferntes Leben, und der breite Fluß, dessen Wellen sich in der Ferne 92 sänftigten, glitt gleichsam ohne alles Wogenspiel, glühend tm Sonnenlichte dahin, bis er sich unter dnnkelm und üppigem Waldlande verlor. Nochmals, und wie durch einen gemeinsamen Impuls, hielten Constanze und Gvdvlphi» ihre Pferde an, und blickten hinaus, ohne mehr Worte miteinander zu wechseln. Endlich brach Gvdvlphi» das Schweigen, Die Scene erinnerte ihn an eine Landschaft des Südens, deren Lieblichkeit ein Claude auf die Leinwand, eine Staöl auf die Blattseitc hauchte. In der ihm eigenen leidenschaftlichen und ernsten Redeweise schilderte er Constanzen jene Landschaft und jenen Süden, Jeder Baum vor ihm diente ihm dabei entweder als Gleichniß oder als Gegensatz; und als Constanze seine zauberische Stimme hörte, und hörte, wie diese ein der Liebe gcwcihetcs Land pries — da lauschte sie mit strahlenden Angcn und mit einem Antlitze, das, wie er — der vollkommene Weiberkcnner — recht wohl gewahrte, Von Gedanken zeugte, von denen sie nichts wußte, die er jedoch bis auf den Buchstaben zu deuten verstand, „Und an solcher Stätte," fuhr er fort, indem er seinen brennenden, beseelten Blick auf das Mädchen heftete — „an solcher Stätte würde ich bis an inein Ende haben bleibe» können, wenn nicht ein Gedanke, ein Gefühl — das Gefühl, ich würde allzusehr allein sehn, mich davon abgemahnt hätte! In einem wilden oder großartigen, ja selbst öden Lande kann man einsam leben, und doch Stoff zum Denken finden; nicht aber in einer so mil- 93 den, so hcrzbewältigenden Gegend, wie die, welche ich sah und jetzi sehe. Wider unser» Willen beschleicht uns da die Liebe, nnd ich fühle — fühle jetzt" — nnd seine Stimme zitterte, als er sprach — „daß jegliches Geheimnis, welches wir bisher in der Brust verschlossen hielten, endlich sich in Worte gefaßt wissen will. Uns drückt das Verlangen, geliebt zn werden, nnd wir ersehnen den Muth, zu sagen, daß wir lieben." Obwohl Gvdolphin jederzeit gefühlvoll sprach, hatte er doch nie zuvor so deutlich über seinen Gemüthszustand zu Constanzen gesprochen. Sein Gesicht — sein Auge — seine Stimme — Alles sprach. Constanze fühlte, daß er ihr Liebe gestanden hatte. Und war sie nicht glücklich bei diesem Gefühle? Sic war es; sie lebte ihren glücklich-' sten Moment; allein in jenem schwankenden nnd unklaren Zurückbeben, mit welchem eine Jungfrau eine Liebeserklärung von den Lippen desjenigen anzuhören Pflegt, von dem sie dieselbe am liebsten vernimmt, murmelte sie einen verworrenen Versuch zu Ablenkung des Gesprächs, und setzte ihr Pferd in einen rascheren Trab. Godolphin vermaß sich nicht den so interessanten nnd gefährlichen Gegenstand weiter zu berühren, sondern sagte blos, als bei der Wegkrümmnng die Ansicht der Landschaft allmälig entschwand, mit leiser Stimme, und als ob er mit sich selber redete: „Wie lange, wie innig werd' ich dieses Tages gedenken." Sechszehntes Kapitel. Godplphiu !chrt mich Hause zurück. — Sc!» Gespräch »üt sich selbst. — Lord Erpiugham's Aukunst bei seiner Äiutler. — Beschreibung des Grafen. — Dessen Bericht über Godol- phin'S Leben in Nom. Leisen Schrittes ging Godolphin über die Schwelle seines ländlichen Vaterbauses. Er betrat ein kleines Zimmer, das dennoch das größte in der ganzen Wohnung War. Das ärmliche und spärliche Geräth, die alte, tonlose Harfe, der abgenutzte und durchlöcherte Teppich, der unbewohnte Vogelkäfig in einem Winkel neben dem Fenster, die Simse, die einige Dutzend wcrthloscr Bücher enthielten, das Ruhebett, das in neuerer Zeit durch einen Svpha vertreten zu werden Pflegt — Alles darin war »och so, wie sein Vater es verlassen, und begrüßte den Sohn, der es als Knabe so gekannt hatte, mit kaltem trostlosem,.wiewohl familienvertrantem Willkommen. Es war Abend. Godolphin ließ Licht bringen und Feuer lm Kamin anmachen; dann das Gesicht auf seine Hand gelehnt, den Vlick durch das verbogene, ärmliche Herdgitter ans die krampfhaft und mattanflvderiide Flamme gerichtet, saß er da, und hielt Zwiesprach mit seinem Herzen. „So liebe ich also dieses Mädchen?" sagte er zu sich selbst; „täusch' ich mich nicht? Sie ist arm — hat keine Connerione», besitzt nichts, wodurch meinem gesun- 95 kencn Vermögen ansgeholfen, mein väterliches Herrnhaus wieder anfgebaut, vder jene Ackcrstrecken wieder mein werden könnten. Ich liebe sie! Ich, der ich den Werth ihres Geschlechtes so genau kennen gelernt habe, daß ich oftmals zu mir sprach, wie ich selbst nicht mit einer Prinzessin mich für das ganze Leben binden mögte. Liebe kann sich über Besitz erheben, das ist wahr — nicht aber über die Zeit. Nach drei Jahren dürste Constanze keine Schönheit mehr scyn— und was könnt' aus mir werden? Mein zerrüttetes Vermögen kann, bei meinen geringen Bedürfnissen, mich allein Wohl ernähren: jedoch, wenn ich vermählt bin — wenn die hochsinnige Constanze meine Gattin ist-Nein, nein! es darf nicht seyn— ich darf es nicht denken. Ich, der Held von Paris! der Zögling Saville's! ich sollte mich so bethören, daß ich solche Raserei mir auch nur träumen ließe?" „Dennoch lebt in mir etwas, wodurch ich in der Welt emporkommen könnte. Wege dazu liegen vor mir — die Diplomatie, das Hans der Gemeinden. Wie? Percy Gvdolphin, bist dn einfältig genug, ehrgeizig zu werden? Willst du dich abmüden, abqnälen, ein Sclav scyn, an der Narren Gängelbande gehen, und endlich an brechend dem Herzen oder an einer dir verlorengegangcnen Amts- Würde sterben? Pah! ich, der ich die Staatsminister verachte, und mich kaum zu deren Lchrburschenschaft erniedrigen mögte! Das Leben ist zu kurz znm Fröhnen. Und wonach trachten die Menschen? Nach Genuß! Warum denn nicht genießen, ohne zu fröhnen? Und Eonstanzen entsagen? Nun, was ist's denn weiter? Bloser Verlust eines Frauenzimmers!" Sv endete das Gespräch, das ein Mensch mit sich selber hielt, der kaum zum Jünglingsalter gelangt war. Die Welt gibt »ns zeitig ihre letzten Lehren; dann aber, sobald nichts in uns ist, das uns ihre Weisheit uns aneignen läßt, Wender sie den Rest unserer Tage dazu an, uns Alles, was sic früher uns lehrte, vergessen zu machen. Mittlerweile uahcte der Tag heran, an welchem Lord Erpingham auf Schloß Wendover eintretcu sollte. Endlich war dieser Tag da. Voll von dem natürlichen Verlangen der Gesellschaft ihres Sohnes sich so ausschließllch als möglich zu erfreue», hatte Lady Erpingham für den Tag seiner Ankunft keine Gäste gebeten. Des Grafen schwerfälliger Reisewagen rollte donnernd über den Schloß- Hof, und nach wenigen Minute» stieg ein langer Mann, in der Blüthe seiner Jahre, aus, entlehnte eine seiner Gestalt zum Vortheil gereichende Wirkung von einem langen, pelzverbrämten Sammetmantel, trat in das Zimmer und — Lady Erpingham umarmte ihren Sohn, Das freundliche und vertrauliche Wese», womit er ihre Fragen beantwortete, und ihre Glückwünsche hinnahm, änderte sich ein wenig, als er plötzlich Eonstanze Vernon gewahrte, Lord Erpinghäm war ein kalter Mensch, und schämte, wie alle kalten Menschen, sich einer Aenßerung von Herzlichkeit, Er begrüßte Constanze sehr abgemessen und, wie es dem Mädchen vorkam, sehr obenhin; dennoch wendeten seine Blicke sich öfters zu ihr, als irgend ein 97 Freund Lord Erpingham's je zuvor gesehen haben mogte, daß Mylords große, runde, braune Augen an irgend Jemandem hasteten. Nachdem der Graf sich zurückgezogen hatte, nm sich umzukleiden, konnte Lady Erpingham, indem sie ihre Augen trocknete, nicht umhin, Constanzen znznrnfen: „Ist er nicht hübsch? Welche Gestalt!" Constanze schmeichelte gern ein wenig, wenn der zu schmeichelnde Gegenstand ihr gefiel, und stimmte auch diesmal gern in der Mutter Bemerkung ein; doch hatte sie bisher an Lord Erpingham nichts als dessen Körper- lange und Mantel wahrgenommen. Als er wieder hereintrat, nnd sie in den Spcisesaal führte, nahm sie ihn näher in Augenschein, that es jedoch nur zufällig und gelegentlich, Lord Erpingham war einer von denen, die von den Männern jederzeit als „verwittert hübsche Gesellen" bezeichnet werden. Er maß über sechs Schuh, war von starkem Körperbau, wiewohl weder schön geformt, noch zierlich in seiner Haltung, doch ganz so, wie einer von sechs Fuß Länge es seyn muß. Seine Gesichtsfarbe war gebräunt und gelb und roth. Er trug einen überaus großen, schwarzen, wvhlgestutztcn Backenbart, Seine Augen waren, wie ich bereits bemerkte, groß, rund und braun, also nichts sagend. Seine Zähne waren gut, und seine Rase wies sich, zwar weder römisch noch griechisch, doch immer wie eine stattliche Nase, Alle Hausmädchen bewunderten ihn; nnd wenn man ihn anblickte, mußte man mek- Bulwer's Romane. I.XXVII. 7 98 ' nen, es wäre Schade, daß er nicht als Grenadier in der Armee diente. Lord Erpingham war ein Whig alter Schule, und galt allgemein für einen gefühlvollen Mann. Er hatte Blackstvne, Montesquieu und Cowper's Gedichte gelesen, und ward jederzeit gern lm Hanse der Lords gehört. Von moralischem Charakter war er, was den Wein betraf, ein Lebenmann, und machte aus erlesenem Essen sich wenig. Er war gutherzig, aber verschlossen; tapfer genug, um nöthigenfalls einen Zweikampf zu bestehen, und religiös genug, nm einmal wöchentlich die Kirche — versteht sich auf dem Lande — zu besuchen. In so fern schien Lord Erpingham nach einem von Sir Walter's Heroen modellirt zn seyn. Wir müssen jetzt die Denkmünze umkehrc», und diejenigen Züge andcnten, kn denen er von jenen Mustern des Anstandes abwich. Gleich der Mehrzahl seiner Klasse dachte er vorzugsweise locker von den Frauenzimmern, wiewohl er deshalb ihnen noch nicht nachsielite. Seine Liebschaften hatten sich zwischen Operntänzerinnen nmhcrgctricben, „weil," wie er zu sagen Pflegt, „es bei ihnen nicht so verwettert langweilig znginge;" obschon er genug von seiner eigenen, Welt gesehen hatte, um zn wissen, daß auch vornehme Damen nicht durchgängig zn den Spröden gehören. Lord Erpingham ward stets für einen hochgesinnten Mann angesehen: die Leute ernannten bei Streitigkeiten ihn zu ihrem Schiedsrichter, und erzählten von ihm eine Geschichte — die auch wirklich sich so verhielt — wie er ein 99 Jahr lang ein Staatsamt bekleidet, und darauf bestanden hatte, die Emolumente desselben nicht zu behalten! Während des Mittagessens, bei welchem er, zum Entzücken seiner Mutter, einen herrlichen Appetit blicken ließ, hörte er der Erzählung von Lady Erpingham's Grafschaft- geschichtchen so aufmerksam zu, als Ort und Zeit es nur von ihm fordern konnten, und ließ es sich wohl gefallen, daß ihm lange Antworten auf kurze Fragen wurden, die er über alte Bekannte, ob sie lebten, über junge, ob sie verhcirathet wären, stellte; und als er vernahm, daß das Landgut überreich an Geflügel wäre, flog ein Ausdruck des Entzückens über sein Angesicht. Als die Bedienten das Zimmer verließen, und Lord Erpingham sein erstes Glas Wein trank, lenkte das Gespräch sich auf Percy Godolphin. „Er ist länger als vierzehn Tage bei uns gewesen," bemerkte Lady Erpingham, „und sagte, er hätte dich in Italien angctroffcn; deines Namens erwähnte er nach Verdienst." „In der That! Ließ er sich wirklich herab, mich zu loben?" sagte Lord Erpingham lebhaft; „denn b»i Godolphins anerkanntem Hochsinne war sein Lob eine Seltenheit und von Werth, wenigstens für eines Lords Ohren." „Ja, ja," fuhr Lord Erpingham fort, „er ist ein querköpfiger Gesell, und führte in Italien eine seltsame Lebensweise." „So hörte ich immer," versetzte die Lady. „Doch was für eine Weise war es? war er ausgelassen?" 7 - 100 „Das eben nicht; aber ihn umgab viel Geheim- nißvvlles. Er besuchte wenige Engländer, und unter diesen nur Leute, die hoch spielten. Es hieß, er besäße viel Gelehrsamkeit und dergleichen." „O, dann war er, wie ich vermuthe, von Münzcn- und Gemälde-Verkäufern nnd anderen Betrügern umgeben, die von denjenigen unserer Landsleute leben, welche mit Geschmack gesegnet oder von Genie heimgesucht worden sind," sagte Lady Erpingham, die mit den Witzköpfen und Rednern ihrer Zeit Umgang gehabt, und mechanisch deren Weise, einen Redesatz abzurunden, ausgeschnappt hatte. „Weit gefehlt," erwiederte der Graf. „Dazu ist Gvdolphin ein viel zu schlauer Bursch. Der läßt sich nicht leicht fangen; verlassen Sie sich darauf. Ich gestehe, daß er mir d'rum nicht weniger lieb ist." setzte der verschlossene Edelmann hinzu. „Er lebte vielmehr mit italienischen Doctoren und Gelehrten, und munterte zumal einen seltsamen Alten auf, der, wie ich glaube, vorgab, ein He.renmeister, oder so etwas dergleichen zu sehn. Go- dolphin wohnte in einer abgelegenen Gegend von Nom, und man erzählte mir, Laboratorien und Kessel und sonstiges Satanszeug wären dort in beständiger Thätigkeit." „Nnd doch," meinte Constanze, „halten Sie ihn für zu verständig, als daß er sich leicht fangen ließe?" „Ganz gewiß, Miß Vernon; und Beweis davon ist, daß Godolphin stets sehr behutsam zu Werke ging. Zwar spielt er, doch immer nur gelegentlich; obwohl in Geschick- 101 lichkeitsspielen, als Piguet, Whist und Billard, cs ihm keiner gleichthut, es möchte denn Saville seyn. Dann aber, entre »aus, soll Saville nicht immer ehrlich spielen." „Und D» weißt gewiß, daß Mr. Godolphin," sagte die gelassene Lady Erpingham, „nur der Geschicklichkeit sein Glück im Spiele verdankt?" Constanze schoß einen Feuerblick auf die Fragende. „Ei, freilich glaub' ich das. Ahn verklagte noch keiner eines unedlen oder gar verdächtigen Streiches; und wie gesagt, Niemand war mehr, als er, in Gesellschaften gesucht, obwohl er diese scheut; und er hat darin teufel- mäßig Recht, denn sie sind verwettcrt langweilig." „Mein lieber Robert, in deinem Alter—" rief die Mutter. „Indessen kann ein Mann, Miß Vcrnon," fuhr der Graf, zu Constanzen gewendet, fort, „seine schwache Seite haben; so daß der listige Italiener die schwache Seite Mr. Godolphins, so aalglatt dieser auch ist, dennoch ausfindig gemacht hatte; obwohl ich meines Thetis Ihnen freimüthig sagen mögte, daß ich glaube, er munterte den Graukops nur auf, um die Leute zu mystifieiren und betroffen zu machen, damit sie von ihm reden mögtcn; kurz — Eitelkeit regte ihn dazu an. Er ist ein ganz hübsches Männchen, dieser Godolphin? he?" fragte der Graf in dem Tone eines Menschen, der ein Nein auf seine Frage erwartet. „Recht hübsch! ein angenehmes Gesicht!" rief Lady Erpingham. 102 „Mer verteufelt blaß — he? und nicht die beste der Figuren — mager, schmalschulterig — he?" Godolphiirs Gestalt war schön verhältnißmäßig, allein unsere gespreizten Helden denken von einem Manne mittlerer Größe, so wie Mathematiker den Punkt defi- niren — sie erklären, er habe weder Länge noch Breite. „Was meinst Du? Constanze?" fragte Ladh Er- pingham mit Beziehung. Constanze, welche die Bedeutung der Frage verstand, entgegnete ruhig, daß Mr. Godolpin ihr hübscher als irgend Jemand erschiene, den sie zeither erblickt hätte. Lord Erpingham knaupelte an seiner Cravattc, und die Damen standen auf, um das Zimmer zu verlassen. „Verd_ hübsches Mädchen!" sagte Erpingham, als er die Thür hinter Constanzen zufallen ließ; — „aber auch verd— spitzzüngig!" setzte er hinzu, als er wieder hinter der Weinflasche Platz nahm. 10Z Siebenzehntes Kapitel. Constanze an ihrem Pntztische. — Ihre Gefühle. — Beschrei. bung der Art ihrer Schönheit — Der Ball. — Die Herzogin von WinSton» mit ihrer Tockter. — Weibliche Nebcnbuhlerci. — Eifersucht eines Liebenden. — Wieder- vcrgoltcnc aristokratische Impertinenz. — „Horcher hinter den Wänden" n. s. w. — Bemerkungen über die Belustigungen einer öffentlichen Asscmblce. — Das Abendessen.— Das Gleißnerische anscheinender Heiterkeit. -— Verschiedene neue und wahre Betrachtungen. — Was zwischen Godol- phin und Constanzen verfiel. Es war am Abend des Balles, der zu Ehren der Ankunft Lord ErpinghamS gegeben ward. Eonstanze, die wie zum Erobern sich geputzt hatte, saß allein in ihrem Ankleidezimmer: ihr Mädchen war so eben htnansge- gangen. Die Lichter brannten noch zahlreich in dem altmodischen, im ältesten Theiic des Schlosses gelegenen Gemache. Hell beschienen jene Lichter die hohe Stirn und die lieblichen Mienen Miß Bernon's. Als Eonstanze auf ihrem Sessel zurückgelchnt — das niedliche Füßchen ans den niedrigen altoätrischen Schemel gestellt, und die Hände nnthätig heradhängend dasaß, verrietst ihr Gesicht ein tiefes, aber keineswegs heiteres Nachdenken; und mit diesem Nachdenken mischte sich einige Unentschlossenheit und große, wirkliche Traurigkeit. Schon deutete ich an, daß man nicht glauben müffe- Constanzens Loos wäre bisher ein bencidenswerthes ge- « 104 wesen; obwohl sie die am meisten bewunderte Schönheit des Tages war, nnd ihr von den Hohen und Edlen und Hoffärtigen des Landes gehuldigt ward. Ost, im glänzenden Gewühl, das um sie herum war, sing ihr durch den Neid nnd den Stolz, die ihr inwvhnten, geschärftes Ohr Worte auf, durch welche ihr zu Schaam und Verdruß der Becher des Vergnügens nnd der Eitelkeit von den Lippen gerissen ward. „Wie?" flüsterte es um sie her — „diese Vcrnvnstvchter? Arme Creatur! Sic hängt ganz und gar von der Lady Erpingham ab. Pah! sie wird irgend einen reichen'raturior heirathcn, sollt' ich meinen." Solche Worte aus dem Munde mißgestimmter Witt- wcn und welkender Schönen, dienten nicht selten zur Unterbrechung von Evnstauzeus kurzen und ermüdenden Triumphen. Sic hörte, wie manövrirende Mütter ihre gelbschnäbeligen Sölinchen warnten; Söhncheu, die Eon- - stanze in den Staub geblickt haben würde, wenn sie sich unterstanden hätten, ihr auch nur die Hand zu berühren. Sie sah vorsichtige junge Grafen, die an dem einen Abend eitel llnterthäuigkeit, am andern eitel Kälte waren, je nachdem ihnen Kunde worden war, durch die ihre Herzchen wie Lämmerschwänzchen zum Wedeln gebracht oder von fernerer als vergeblich sich ausweisender Huldigung zurückgeschreckt wurden. Zu scharf hatte Constanze die herablassende Gönnerschaft von Herzoginnen und Cha- perons, deren verstohlene Winke, und die kitzliche und feine Unkerscheidung empfunden, wodurch in vornelnnen Zirkeln die Abstufungen des Ranges von einander geson- 105 dert werden, und wo Einem gestattet wird, sich zn ärger», ohne daß man ihm das Vergnügen gönnt und gewährt, sich wegen erlittener Beleidigung gerechtfertigt zu fühlen. Dies Alles, das in der Heiterkeit und Arglosigkeit der Jugend und in den Jubeltagcn der Anmuth non andern Mädchen kaum beachtet worden seyn würde, senkte tiefen Groll in das Gemüth der Tochter Vcrnons. Das Bild ihres sterbenden Vaters, dessen Leiden, dessen Klagen (deren gute Gründe sie keinen Augenblick lang bezweifelte), stiegen in den lichtesten Stunden des Tanzes und der Geselligkeit vor ihr auf. Sic gehörte inzwischen nicht zu jenen sanften und zarten Naturen, die Das fliehen, wodurch sie sich verletzt fühlen; — Constanze batte beschlossen, obzusiegen. Während sie Pracht und Glanz und Frohleben verachtete, trachtete und brannte sie nach Macht und Ansehen — nach einer Macht, in welcher sie die Verletzungen, die sie erduldet zu haben sich einbildcte, vergelten, unv der Vornehmen Herablassung in Huldigung verwandeln könnte. Dieser Zweck, der durch jedes zufällige Wort, jeden achtlosen Blick Anderer sich ihr nur noch immer tiefer cinprägte, leitete sich eine Art von Heiligkeit von den Jdecnverbindungen, womit sic denselben verknüpfte'—von dem Andenken an ihren Vater und dessen Sterbestunde her. In diesem Augenblicke, in welchem wir dem Leser einen Abriß von ihr gaben, war Constanze in diesen unruhigen, beklemmenden und hossartigen Gefühlen geschäftig; doch wurden diese selbst in ihrem heftigsten 108 Aufsturm durch einen einzigen milden und zarten Gedanken — durch das Bild Godolphins — Godolphins des leichthin lebenden Erben eines zertrümmerten Vermögens und eines gesunkenen Hauses bekämpft. Zu tief fühlte Constanze, daß sic den Jüngling liebte, und da sic seine mehr weltlichen Gesinnungen nicht kannte, glaubte sie, daß er sie mit aller Innigkeit jenes RomanschwungeS und mit allein Eifer jenes Genies liebte, woraus ihr sein Charakter gebildet zu sehn schien. Aber ans diesem Glauben enthob sich ihr jetzt keine wonnige Regung. Ilebcrzeugt, daß sie ihn würde verwerfen müssen, blickte sie voll Traurigkeit aus die Zwecke und auf de» Ehrgeiz hin, die sie bisher mit entzückendem Stolze betrachtet hatte. Sie rang um nichts weniger nach dem kühnen Ziele ihres Geschickes ; allein das Rühmliche und das Blendende daran war nicht mehr für Constanze vorhanden. Sic hatte einen Blick in ihre Zukunft gethan, mid fühlte, daß Genuß der Macht Verlust des Glückes für sie sehn würde. Dennoch entsagte sic dem Glücke und strebte nach Macht. Ach was sind unsere besten und weisesten Theorien, unsere Probleme, unsere Systeme — was ist unsere Philosophie! Das Wesen, Mensch genannt, wird nimmcrdar aufhören, die Mittel für den Zweck anzuschen, und unser Thun hängt, trotz den Dogmen der Weisen, nicht von unseren lleberzeugungen ab. Wagen nach Wage» war unter den Fenstern des Zimmers hingerollt, in welchem Constanze saß, ohne sich zu regen, bis endlich eine gewisse Fassung, als wäre sie das 107 Resultat eines Entschlusses, sich auf ihr Antlitz lagerte. Ihren Wangen kehrte die glänzende und durchsichtige Färbung wieder, und als sie nun aufgerichtet dastand, und auf Lippe und Stirn eine gewisse Ruhe und Energie . zeigte, hatte vielleicht nie zuvor ihre Schönheit sich so ausdrucksvoll und erhaben gewiesen, als sie es jetzt that. Constanze trat vor den Spiegel, der ihr Bild in Lebensgröße zurückwarf. Schönheit ist so ächte Waffe des WeibcS, daß cs dem Weibe unmöglich, selbst im Kummer unmöglich ist, deren Wirkung gänzlich zu vergessen, sowie der sterbende Krieger nicht vermag, gleichgültig auf das Schwert zu blicken, mit welchem er seine Siege erfocht und seine Triumphe errang. Auch war Constanze an diesem Abend gar nicht geneigt, gleichgültig gegen die Wirkung zu sehn, die sic Hervorbringen mögte; und sie blickte auf ihr Spiegelbild mit einem Gefühle des Triumphs, das keineswegs blose Folge der Eitelkeit war. lind wann gab jemals ein Spiegel eine Gestalt zurück, die des Studiums eines Perikles oder Apcllcs würdiger gewesen wäre? Obschon Constanze nur wenig über mittlere Größe hinausragte, schien sie dennoch höher gewachsen zu sehn, als sie es wirklich war. Eine gewisse Majestät in der Form des Kopfes, in dem Fall der Schultern, in der Höhe der Stirn, und in der unbeschreiblichen Ruhe ihrer Mienen, verlieh ihr ein Ansehen, wie ich es nie an einem anderen Weibe sah, und wie nur an der Pasta hätte wahrgenommen werden mögen, wenn diese eine Schönheit gewesen wäre. In jener Majestät aber lag nichts Hartes oder Harsches. Wie viel Männliches in ihrer Natur Constanze auch geerbt haben inogte, so war doch nur auserlesen Weibliches in ihrer Person wahrzunehiiien. Ihre Gestalt wies sich gerundet und genügend voll, nm zu zeigen, wie ihre Schönheit im mittleren Alter durch jene Fülle und Frische erhalten bleiben würde, die dem weiblichen Geschlechte durch mäßiges Zu- iiehmen der Proportionen jederzeit verliehen wird. Ihre Hände und Arme waren und sind es selbst diesen Tag noch, von einer nm so überraschenderen Schönheit, als diese sich selten findet. In allen europäischen Ländern ist nichts ungewöhnlicher, als ein an Form und Kolorit wirklich schöner Arm. Was für hageres Gebein, für spitze Etnbogen, für gcröthete Haut gewahren wir allenthalben unter jenen geräumigen Aermeln, die Häßliches nur noch widerwärtiger machen. Zur Zeit, von der ich rede, trug man dergleichen Acrmel noch nicht; und der runde, blen- dendweiße Arm Constanzens war fast bis zur Schulter entblößt, mit blendenden Edelsteinen umgürtet, durch die zu gleicher Zeit die natürliche Schönheit eines Theils hcr- vvrgehoben und anderen Theils zur Siegerin gemacht ward. Constanzens Haar war von dem glänzendsten Schwarz und ward anfeine damals ungewöhnliche, jedoch keineswegs bizarre Weise getragen, die jetzt von den fadesten Gesichtern nachgeäfft wird, obwohl sic sich nur für den höchsten Grad der Körperschöne eignet, — ich meine jene einfache und klassische Weise, für welche die Franzosen den Namen Kalypso entlehnt haben, wiewohl 109 mir dieselbe eher an einer geistreichen, als an einer wollüstigen Göttin Zusagen will. Ihre langen Wimpern, ihre zartgewölbten Brauen machten das tiefblaue Auge nur um so beredter, und die klassischen Umrisse ihres Antlitzes stellten dies als ein reingriechisches dar. Jene unerläßlichen Vervollständigungen jeglicher wirklichen Schönheit bei dem einen wie dem anderen Geschlechts, die kleine und gewölbte Oberlippe und thauige Unterlippe nämlich, fügten zu dem Edlen in Constanzens Schönheit jenen Reiz hinzu, der ausschließlich weiblich ist, Ihre Gesichtsfarbe wies sich grillenhaft, bald blaß, bald mit dem Roth der Seemnschel, bald mit dem des Rosenblättchens gefärbt, jedesmal aber so durchsichtig, daß man nicht wußte, welches von Beiden ihr am Besten stand, Z» diesen Reizen füge man einen Busen vom blendendsten Weiß und den vollendetsten Formen; einen Fuß, dessen Kleinheit seine geringste Schönheit war; und einen schlanken Wuchs — nicht schlank durch Zwang oder Pressung, sondern gerundet und ebenmäßig — und man erblickt die Person Constanzens in der Blüthe ihrer Jugend, Mit ruhigem und stattlichem Schritte ging sie durch ein anstoßendes Zimmer, in welchem wir stillstehen, weil es Constanzens Wohngemach war, wenn sie sich nicht bei Ladh Erpingham befand. Hier hatte Godolphin in seinem ausländischen, aber höflichen Benehmen, in seinem ritterlichen Wesen, sie oft besucht; hier hatte er geweilt, um sie noch einen Augenblick und abcrmal noch einen Augenblick von der Gesellschaft dadurch zurückzuhalten, daß er Iw süße Entschuldigung seines Bleibens in irgend einer Bemerkung über die Bücher fand, die ans dem Tische, oder über die Musikalien, die ans dem Piano lagen, oder aber, daß er die Waldseene den Fenstern gegenüber pries, durch welche jezi der Herbstinvnd, mit der ihm eigenen Art z» sänftigen und zu bewältigen, seine Strahlen warf. Als Constanze von diesen Erinnerungen erfaßt ward, wankten ihre Tritte, und die Rosen wichen von ihren Wangen. Sie stand einen Augenblick still, warf einen wehmüthigcn Blick durch das Zimmer, riß sich dann los, stieg die breite Treppe hinab, gelangte durch den melancholisch mit alten Panieren und rvstbedeckten Helmen geschmückten steinernen Saal, niü> trug ihre Schönheit und ihr geschäftiges Herz in das bunte und frendergriffcne Gewühl. Nochmals blickte sie nach der anmuthigen Gestalt Gvdvlphins umher — Percy war nicht sichtbar; und kaum hatte Constanze sich hievon überzeugt, als Lord Er- pingham, der Held des Abends, zu ihr trat und sic zum Tanze aufforderte. „Ich habe so eben meine Schuldigkeit beobachtet, und ersehne jetzt meinen Lohn dafür," sagte der Graf mit einer ihm nicht gewöhnlichen Galanterie; „ich tanzte mit Lady Midgecvmbe, und komme, Ihrer Zusage gemäß, mich mit Ihnen des zweiten Tanzes zu erfreuen." In diesen Worten lag Etwas, wodurch in Miß Berns» peinliche Erinnerungen aufstiegen. Lady Margarethe Midgecvmbe dürfte im Alltagsleben für ein gut aussehen- deS Frauenzimmer gegolten haben; sie war eines Herzogs 111 Tochter, und ward für eine Hebe angesehen. Ihr Naschen und ihre frische Farbe, sannnt ihrem albernen, jedoch nicht nnboshaften Lächeln, hielt man für bezaubernd; und jede Regellosigkeit der Gesichtszüge, und alles Fehlerhafte in der Gestalt wurde durch jenes so allgemein in Umlauf gesetzte abgeschmackte Lob — „ein oerwettcrt hübsches Mädchen, durchaus keine regelmäßige Schönheit!" zu Verdienstlichem herumgewendct. Nicht blos in der Grafschaft *"shire, sondern auch in London galt Ladh Margarethe Midgecombe für eine Schönheitsnebcnbuhlerin Constanzens; und Constanze, viel zu lieblich, zu kalt und zu stolz, um nicht Schönheit an Anderen anzuerkenneu, wo diese wirklich vorhanden war, fühlte sich nichts desto weniger durch eine so unwürdige Zusammenstellung verletzt; zu Zeiten verachtete sie sogar ihr eigenes Anrecht an Bewunderung, da man so unbeschreiblich geringere Ansprüche mit den ihrigen in die Wage legte. Zu diesem Widerwillen gegen Ladh Margarethe gesellte sich eine durch Lady Margarethens Mutter selbst erzeugte Abneigung gegen diese. — Die Herzogin von Winstoun war eine Dame von gewöhnlicher Abkunft, die Tochter eines schwer reichen, jedoch neu- geadelteu Peers. Inzwischen hatte sie einen der angesehensten Herzoge in der Peerschast geehelicht, — einen dummen, plumpen, prunksüchtigen Mann mit vier Schlössern, acht Jagdbezirken, einer Kohlengrube, einem Zinnbergwerk , sechs Wahlörtern und etwa dreißig Pfründen. Unthätig und zurückhaltend wie er war, sah man den Her- 112 zog selten öffentlich; die Sorge für Aufrechterhaltuug seines Ranges hatte er seiner Gemahlin überlaffen, und diese entledigte sich derselben mit so feierlicher Absichtlichkeit, als ob sie eines Käsckrämcrs Tochter gewesen wäre. Prunkend, frech und roh, — überall eingeladen — Jeden verletzend — gehaßt und geschmeichelt von Allen war die Herzogin von Winstoun ganz das, was vor ihr Vielleicht schon andere Herzoginnen gewesen sind. Man wolle bemerken, daß damals die Mode noch nicht zu demjenigen Despotismus gelangt war, dessen sie jetzt sich erfreut; sie nahm ihre Färbung von der Macht her, war jedoch nicht Aufseherin der Macht. Zu jetziger Zeit würde die Herzogin von Winstoun nicht das sehn können, was sic damals war: in der Mode steckt ein gewisser guter Geschmack, der den Rangstolz in seine Schranken weiset, der von den Personen verlangt, entweder angenehm, oder glänzend, oder mindestens originell zu seyn, der verdummte Herzoge auf richtiger Wage wägt, nnd pöbelhafte Herzoginnen für überflüssige Crea- turen hält. Damals jedoch, in Ermangelung dieser später sich herausgebildeten Autorität, dieses moralischen Scbastvkrators zwischen dem Herrscher und der Würde, die man der des Monarchen zunächst zu stellen Pflegte, übte die Frau Herzogin von Winstoun ungestraft die angemaßten Rechte ihrer Frechheit aus. Sie hegte einen absonderlichen Widerwillen gegen Constanze Vernon; — theils weil die wenigen competenten Schönheitsrichter, die sich weder um Rang noch um Gerücht kümmern, Miß 113 Vernon als weit erhaben über Lady Margaretha gestellt hatten; theils und hauptsächlich aber, weil Constanzens hoher Geist und scharfe Ironie mehr als Einmal der Herzogin Dumnidrcistigkeit einen so derben und so öffentlichen Stoß versetzt batten, daß diese mit Erstaunen und Ingrimm wahrnahm, wie cs in der Welt ein Frauenzimmer und noch dazu ein nnvermähltes Frauenzimmer gab, die im Stande war, die Rohheit der Herzogin von Wins- tvun zu strafe». Viel gehässige Dinge sagte die Herzogin von Miß Vernon, sobald diese nicht zugegen war; «nd hoffärtig über die Massen waren der Dame Kopfnicken und Redeton im Bciseyn Miß Wernons, Da nun Constanze der Herzogin zuwider war, so mögen wir glauben, daß Constanze kein Wohlgefallen an der Herzogin fand. Der bloße Name derselben regte ihr allen Unmiith und alles Selbstgefühl auf; so daß sie es mit streng weiblicher, jedoch nichts weniger als anmuthig weiblicher Empfindung anhörte, wie Lord Erpingham das Vorrecht — das freilich unerläßliche Vorrecht —- zuerst mit ihm zu tanzen, der Tochter dieser Herzogin hatte zusammen lassen. Als Constanze von Lord Erpingham zu ihrem Sitze geführt ward, folgten Bewunderung und Wohlgefallen ihren Schritten, Dies behagte dem Grafen noch mehr als Constanzen, Schon berauscht von ihrer Schönheit, war der Graf stolz auf die Wirkung, welche durch dieselbe hervorgcbracht ward, denn durch diese Wirkung ward seinem Geschmack ein Cömpliment gemacht. Er regte sich auf, um sich angenehm, ja, mehr noch, um sich Bulwcr's Romane. HXVII, g 114 einnehmend zu geben; er sprach in Flüstertönen und — armer Manu! — und versuchte zu schmeicheln. Die Herzogin und ihre Tochter saßen zurück auf erhöhetcr Estrade, wo sie ganz besonders deutlich die Huldigung wahrnehmen konnten, die einer der angesehensten Grasen des Landes der Tochter eines der größten Redner Englands darbrachte. Sie ärgerten sich über Mylords Mangel an aristokratischer Würde. Constanze bemerkte den Verdruß der Beiden, und lieh deshalb den Artigkeiten Lord Erpingham's ein um so willigeres Ohr; ihre Augen funkelten, ihre Wangen glühetcu, und die gutmüthigen Leutchen umher'glaubten, indem sie Lord ErpinghamS ungeheuren Backenbart bewunderten, Constanze sey in ihn verliebt. Ilm diese Zeit trat Percy Godolphin in den Saal. Obwohl Godolphins Persönlichkeit nichts Prunken-- des darstellte, fesselte sie doch jederzeit die allgemeine Aufmerksamkeit. Seine Miene, seine Haltung, seine langen schönen Locken, seine reiche und ausländische Art sich zu kleiden, die durch sein stattliches Wesen und durch sein geistreiches Gesicht von aller Stutzerhaftigkeit fern gehalten ward, verliehen miteinander seinem Erscheinen etwas Merkwürdiges und Ausgezeichnetes! und hiezu gesellte sich Theiluahme an seinen zerrütteten Glücksumständen und an seinem gesellschaftlichen Ruf wegen Genies und Ileberspauutheit. Von dem Gewühl der ihn umgebenden Menge, von den Verbeugungen der Vornehmen und dem Lächeln der Schöne» richtete Godvlphin seinen Blick, seine Kund- nahme, ja seine ganze Seele ab und der Stätte zn, die von Constanze Vernon ihm gleichsam geheiligt ward. Er sah das Mädchen mit einem reichen, angesehenen und hübschen Manne; er sah, daß sie ihren Gesellschafter mit erkennbarer Theilnahme anhorte — daß dieser mit ersichtlicher Bewnnderung zu ihr redete. Ihm sank das Herz, er fühlte sich schwach und krank; dann erfaßte ihn Verdruß — Kränkung — Angst — Verzweiflung. Alle seine früheren Entschlüsse, alle seine Klugheit- seine Weltansicht, seine Behutsamkeit wichen mit Einemmale von ihm; er fühlte nur, daß er liebte, daß er verdrängt, daß er vernichtet war. Die düstere und wilde Leidenschaftlichkeit seiner Jugend, einer an sich schon ungestümen und heftigen Natur, beraubte ihn auf der Stelle aller Entwürfe und Feststellungen jener flachen und kalten Philosophie, die er von der Welt entlehnte, und irrthümlich genug für die Weisheit des Stndirkabinetes gehalten hatte. Eine Hütte und eine Wüste mit Constanzen — Constanze ganz die Seinige mit Herz nnd Hand, das würde für ihn ein Paradies gewesen sehn; er würde dann keinen anderen Ehrgeiz genährt, keinen schöneren Lohn ersehnt haben. Von solcher Wirkung gibt Eifersucht sich uns zu erkennen. So lamge wir vertrauen, zögern wir eine Huld anzunehmen; sobald wir eifern, niögten wir für Erlangung dieser Huld das Leben hingeben. „Was für'» schmucker Gesell der Erpingham ist!" sagte ein junger Cavallerieoffizier. 8 * 118 Gvdolphin hörte cS und ächzte vernehmbar. „lind mit was für 'nein verwittert hübschen Mädchen er tanzt!" setzte ein anderer, aus Orford gebürtiger, junger Mensch hinzu. „Mist Bernon ist's," sagte belehrend ein Dritter. „Bei'm Jupiter! er scheint in ihr wegzuseyn. Nun, er würde ein kapitales Ding für sie abgebcu." „Und sie nicht minder für ihn!" rief der ritterlichere Orforder. „Hm!" brummte der Offizier. „Ich hörte," sagte der Orforder, „sie würde sich mit dem jungen Gvdolphin verehelichen. Er hielt sich vor Kurzem einige Tage lang hier auf, ritt und fuhr mit ihr. Glücklicher Kerl, der Godolphin! Für mein Leben gern mögt' ich ihn einmal sehen." „St!" sagte der Dritte und blickte auf Gvdolphin. Percy schritt weiter. So gebildet und so gesammelt er gewöhnlich auch war, konnte er doch nicht ganz die Hölle verbergen, die ihm im Busen glühete. Seine Stirn runzelte sich, er blickte düster und erwiderte kaum die Begrüßungen, die ihm entgegen getragen wurden. Indem er dem Gewühl entschlich, flüchtete er sich hinter einen große» Pfeiler, wo er, kaum von Jemanden gesehen, den Blick auf die Gestalt und die Bewegungen Miß Vernons heftete. Zufällig war er in die Nähe der Herzogin von Wins- toun gekommen, so daß er die Unterredung hören konnte, welche ich mitzutheilen habe. 117 Als der Tanz vorüber war, führte Lord Erpingham seine Dame zu einem Sitze dicht neben Margarethen. Die Herzogin hatte ihren Angriffsplan gemacht, stand, als sie Constanze in ihrem Bereiche gewahrte, auf und näherte sich ihr mit einer Miene erheuchelter Höflichkeit. „Wie geht's Ihnen, Miß Bernoii?" fing sie an. „Es freut mich, Sie so wohl ans zu sehen. Was für Wahres ist denn in dem Gerüchte? he?" und die Herzogin wieS ihre Zähne, das will sagen — sie lächelte. „Von welchem Gerüchte sprechen die Frau Herzogin?" „Je nun! bin ich doch überzeugt, Lord Erpingham hörte davon eben sowohl als ich, und ich wünschte um Ihretwillen, ja, Beider wegen, daß das Gerücht wahr sehn möge." „Abznwarten bis die Herzogin von Wliistvnn rein heraus spricht, würde ihre und meine Zeit verschwenden heißen," sagte die hochfahrende Constanze mit der Schroffheit, in der sie sich damals gefiel, und um derentwillen sie seitdem immer bekannter ward. Die Herzogin wollte jedoch nicht eher beleidigt sey», als bis sie ihr Manöver vollendet hatte. „Ich appellire an Sie, Sir," sagte sie zu Lord Erpingham. „Soll Miß Vernon nicht bald an Mr. Go- dvlphin verhelrathet werden? Gewiß" — setzte sie mit erheuchelter Gutherzigkeit und einem mitleidigen Wesen Hinz», daß es Constanze bis ins Innerste ihres Gemü- thes verdroß — „gewiß, es wird mich freuen, wenn es geschieht." 113 „Auf mein Wort, Sie setzen mich in Erstaunen, Herzogin," antwortete Lord Erpingham, indem er die großen, runden braunen Augen, und um derentwillen er mit Recht so berühmt war, weit aufriß. „Kein Wort hörst ich davon." „Ah so! Ein Geheimniß also?" eutgegnete die Herzogin — „Schon gut! ich verstehe mich darauf, ein Geheimniß zu bewahren." Lady Margaretha blickte vor sich hin und kicherte. „Bis jetzt," sagte Constanze mit ernster Fassung — „bis jetzt hielt ich Keinen für verächtlicher als Den, der leere Gerüchte zusammenschleppt; jetzt jedoch sehe ich ein. Laß ich mich irrte; denn unendlich verächtlicher noch ist eine Person, welche Gerüchte erfindet." Die plumpe, mit ihren eigenen Waffen geschlagene Herzogin erröthete zornwüthig durch ihre Schminke hindurch; Constanze aber wendete sich ab und fand, noch immer ans Erpinghams Arm gelehnt, einen andern — und zwar zufällig eben den Sitz, der dicht vor dem Pfeiler war, hinter welchem Gvdolphin Alles sehen und hören konnte. „Auf mein Wort, Miß Vernon," sagte Lord Erping- ham, „ich bewundere Ihre» scharfen Geist. Es geht nichts über die Lust, dergleichen abscheuliche Leute niederzusetzen , die Einen zwacken, und meinen, man müsse es geduldig hinnehmen. Allein darf ich, ohne unbescheiden zu seyn, wohl fragen, ob an diesem Gerücht irgend etwas Wahres ist?" 119 „Zuverlässig nichts/' sagte Coiistanze mit großer Anstrengung, aber mit klarer Stimme. „Dacht' ich's doch! dacht' ich's doch! Gvdolphin ist viel zn arm — viel zu arm für Sie. Miß Vernvn ist nicht zu einer Liebe im Hüttchen ansersehen — oder ist sie'ö?" Constanze seufzte. Zhr leiser, milder Seufzer drang tief in Pcrcy's Herz. Pereh beugte sich vorüber, hielt den Athcm an, sehnte sich nach einem Laut, einer Sylbe der Antwort aus Constanzens Munde, jedoch nichts der Art ward für den Augenblick hörbar. „Sie erinnern sich —" fing der Graf wieder an — „der Miß L * —; doch nein, das ist für Sie zu lange her. Nun! Miß L * heirathct den jungen S *, eben so ein Subject wie Godolphin. Er hatte keinen Schilling, lebte aber flott, machte ein Hans, gab Gastmahle, jagte in Melton — kurz, er spielte hoch. Miß hatte etwa zehntausend Pfund. Sie heiratheten einander und lebten zwei Jahre lang herrlich und in Freuden. Jeder beneidete sie; zwar fehlte es ihnen an vollständiger Equipage, doch fuhr S * seine junge Gemahlin in einem damals noch ungewöhnlichen französische» Cabriolet umher. Nichts von Prunk — doch Alles verwettert nett bei ihnen; immer aber Liebe im Hüttchen, bloß daß die Hütte in der Cur- zonstraße stand. Endlich jedoch wendete sich das Blatt. S* verlor Hab' und Gut, schuldete mehr als er jemals bezahlen konnte, und wir mußte» ihn fallen lassen. Sein Verwandter, Lord **, der das Jahr darauf in'S 120 Ministerium kam, verschaffte ihm eine Stelle bei der Accise. Jetzt wohnen sie in Brmnpton; er trägt einen braungesprenkelten Stock und sie eine Pübclkappe mit krapprothcn Bändern; sie haben fünfhundert Pfund jährlich, und zehn lebendige Kinder. Das war das Schicksal der Madame S*; gleiches Schicksal dürfte der Frau Godolphins werden. Gewiß, Miß Vcrnon wird diesen nimmermehr ehelichen!" „Sie haben Recht, Lord Erpingham," sagte Constanze mit Nachdruck; „doch nehmen Sie sich allzu große Freiheit heraus, indem Sie Ihre Meinung aussprechen." Che Lord Erpingham eine Entschuldigung stammeln konnte, ließ sich ein leises Geräusch hören; er und Constanze wendeten sich und erblickten — Gvdvlphin. Sein jederzeit zu ruhigem Ernste geneigtes Antlitz — denn das Nachdenken zeigt sich gemeiniglich von ernstem Acußeren — blickte ans Leide Personen so düster und bedeutungsvoll, daß der kecke Gras für einen Augenblick fühlte, wie ihm das Herz stillstand, und daß Constanze erblaßte, als ob sie die Erscheinung, nicht aber die wirkliche Gestalt ihres Verehrers sähe. Kaum hatten jedoch beide jenen Gesichtsausdruck wahrgcnommen, als dieser sich veränderte. Mit kaltem, höflichem Lächeln, mit wieder glatter Stirn und einer ungewöhnlich tiefen Verbeugung begrüßte Go- dolphin die Beiden, entglitt durch die Menge, und ward fürerst nicht mehr gesehen. Was für ein seltsam Ding ist am Ende so eine große Assembler! Eine ungeheure Masse Menschen, die ein- 121 ander im höchsten Grade gleichgültig sind; die zusam- menkommcn, um sich zu belustigen, während die bei weitem größte Mehrzahl non ihnen die entsetzlichste bangweile spürt. Wie geistlos, wie ganz eigentlich uncioilistrt ist solche Scene, sind solche Schauspiele! Welch ein Neber- rest aus barbarischer Zeit ist es, daß die beute tanzen, weil sie nichts zu reden wissen! Wäre im Tanzen nichts Lächerliches, so würde es nicht lächerlich sehn, weise Männer tanzen zu sehen. Inzwischen bleibt uns dabei eine Entschuldigung; wir besuchen solche Assemblcen, entweder um unsere Töchter an den Mann zu bringen, oder mit den Weibern unserer Nachbarn zu liebeln. Ein Balisaal ist nichts mehr und nichts weniger als ein großer Schönheitsmarkt. Ich meines Thcils, wenn ich ein Käufer wäre, handelte mein Bedürfnis? lieber an einem minder öffentlichen Orte ein. „Wohlan! noch ein Glas Champagner!" sagte der junge Lord Belvoir zu Gvdolphin, mit dem er hinter köstlich besetzter Abendtafel saß. „VonHerzen gern!" entgegncte dcrAngeredcte; doch nicht aus jener Flasche; wir müssen eine frische haben; denn das Glas, das ich jetzt trinken will, soll auf das Wohl der Lady Delmour getrunken werden, und muß also das sprudelndste aus dem Quell sehn. Nichts Zahmes, nichts Fades, nichts das seine erste Frische verloren hat, darf einer so Schönen und Jugendlichen dargebracht werden." Der Stöpsel knallte von der frischen Flasche, und 122 Gvdolphin brachte es der Schwester Lord Belvoir'S— einer Schone» und Blauen. Lady Delmvur bewunderte unseren Helden, und fühlte sich durch eine Artigkeit geschmeichelt, die Keiner, der mir in England erzogen ward, über einen zahlreich besetzten Tisch hinüber aus- zuspreche», den ritterlichen Muth gehabt haben dürste. „Sie tanzten schon?" fragte die Dame. „Nein." „Was dann?" „Was dann?" entgegnete Godolphin. „Ach, Lady Delmvur, frage» Sie nicht. Dem Blicke, der diese Worte begleitete, konnte eine beliebige Deutung gegeben werden. „Brauche ich erst zu sagen," fügte er mit gesenkter Stimme hinzu, „daß ich an die Schönste aller Anwesenden dachte?" „Pah!" sagte Lady Delmour, und wendete sich. Dies 'Pah' ist aber ein seltsam Wort. Auf den Lippen eines Geschäftsmannes drückt es Geringschätzung gegen das Romantische aus; im Munde des Politikers weiset es eine Theorie zurück. Ein Philosoph schlägt mit jener Einzel,isylbe eine Zrrthümlichkeit todt, und ein reicher Mann schafft sich mit ihr einen Bettler von der Tasche. Im Rosenmündchen eines Frauenzimmers aber schwindet den drei Lettern das Harsche, und das Abweisende in ihnen wird zur Aufmunterung. „Pah!" sagt die Dame, „wenn du ihr sagst, daß sie hübsch ist, und lächelt, wenn sie das Wörtchen ansspricht. Mit derselben Erwiderung empfängt sie deinen Liebesschwur, und crröthet 123 bei dem Empfangen. Bei Männern ist „Pah!" der ernsteste, bei Frauen der sanfteste Ausruf, den die Sprache aufzubringen vermag." „Pah!" sagte Lady Delmour, indem sie sich abwendete, und — Godolphin war in seltsamer Stimmung. Wie so sonderbar ist es doch, daß wir dergleichen Fröhlichkeit ans unserer Beknmmerniß herzulcitcn wissen! Sind die Nerven durch Eifersucht, durch Verzweiflung aufgeregt, so nimmt man am Stolzen dies nur durch die tolle Lustigkeit und durch das krampfhafte Lachen wahr, die der Stolz ihm erzeugt. Godolphin war entzückend wie ein Liebesgott, und die junge Gräfin fand Wonne in seiner Galanterie. „Liebten Sie jemals?" fragte sie ihn zärtlich, als sie nach dem Abendessen allein mit einander im Saale saßen. „Ach, ja wohl!" war seine Antwort. „Wie oft?" „Lesen Sic Marmontels Erzählung von den vier Fläschchen: Ich habe keine andere Antwort." ' „O, der schönen Erzählung! die ganze Geschichte eines Mannesherzens ist in ihr enthalten." Während Godolphin so mit Lady Delmour plauderte, befand seine ganze Seele sich bei Constanzen; nur an diese dachte er, nur an ihr wollte er sich rächen. Die Liebe läßt eine seltsame Erscheinung in sich wahrnehmen, welche darthut, wie viele Eitelkeit sich auch mit der edelsten Gattung von Liebe verflicht. Wenn deine Geliebte 124 dir einen Andern verzog, so verwandelt all deine Liebe sich in Haß; geschieht dies nun, weil dn die Geliebte verlorst, oder weil dn einem Ander» nachgcsetzt wurdest? Unstreitig wegen des Letzteren, denn geschähe es um des Ersteren willen, so würdest du blvS dich grämen. Eifersucht aber erzeugt keinen Gram, sondern Grimm; sie macht nicht betrübt, sondern wüthend. Und am Ende, wenn wir nun alt werden, und zurück ans die „herrschende Leidenschaft" blicken — wie lächeln wir über die Starren, die sie ans uns machte, — über die Wichtigkeit, die wir ihr beilegten — über die Millionen, die sich von ihr haben beherrschen und leiten lassen! Untersuchen wir die Leidenschaft der Liebe, so ist's ganz so, als erforschten wir den Charakter irgend eines großen Mannes — wir erstaunen, so viel Kleinliches in demselben wahrzunehmen, und fragen voll Verwunderung! „Wie kann solche Wirkung aus solcher Ursache hcrvorgehen?" Godvlphin fuhr fort, der Dame Delmvur Süßigkeiten zu sagen, bis ihr Gemahl, der sich nicht wenig auf seine Wagenpferde cinbildetc, herantrat, um sie an die Kutsche zu führen. Erfreut vielleicht, die Schöne los zu seyn, schleuderte Perry in den Ballsaal, wo die Menge sich zwar vermindert hatte, wo jedoch mit erhöhet» Lebhaftigkeit in dem Maße sortgetanzt ward, in welchem die Nacht vorrückte. Was mich anlangt, so blicke ich dann und wann zu später Stunde in einen Tanzsaal, der mir warnend das Flüchtige der Zeit predigt. Keine Belustigung außer dem 125 Tanze gehört mit Recht so wesentlich den Jugendlichen in ihrer ersten Blüthe, den Gedankenlose» nnd den Ausgeregten an, deren Blut ein Elirir ich Dort im Ballsaal erkenne ich mehr als an irgend einem anderen Orte die Kluft, die zwischen mir und meiner Jugend gähnt. „Ist Constanze Weib genug," sagte Gvdvlphin im Gehen zu sich selbst, „so will ich sie dennoch meinem Willen fügsam machen. Nicht habe ich die Kunst so lange Zeit gelernt, nm jetzt, im ersten Angenblicke, in welchem ich ernstlich vbznsiegen wünsche, geäfft zu werden." Als dieser Gedanke ihn erfasste nnd aufregte, nahm er in einiger Entfernung von Constanzen Platz, doch so, daß er von ihr gesehen werden konnte. Er trat zu Lady Margaretha Midgccombe, nnd redete sie an. Ungeachtet der Hoffart und Unwissenheit der Herzogin ward er doch von.dieser nnd deren Tochter Wohl ausgenommen. In allen Kreisen und zu allen Zeiten gab und gibt es Personen, die eine gewisse Hochachtung einflößen, welche weder durch Reichthum, noch durch Rang, ja nicht einmal durch den gewissenhaftesten moralischen Wandel erkauft werden kann. Sie erlangen dieselben durch den Ruf, den nur Talent ihnen erwerben kann, und welcher nicht jederzeit Ruf des Talents ist. Kein Mann erringt, selbst in den frivolsten Kreisen der Vornehmen, eine Huldigung, ohne gewisse Eigenschaften zu besitzen, die, wenn sie günstig geleitet worden wären, ihn zum Ruhme geführt haben würden. Wäre die Aufmerksamkeit eines Grammvnt, oder eines * * * *, frühzeitig auf das gerichtet worden, 126 was ihnen eigentlicher Zweck hätte sehn sollen, wer würde dann zweifeln, daß sie, statt Helden eines Gesellschaftzir- kels zu sehn, ihre Namen ruhmvoll aus die Nachwelt gebracht haben würden? Sv auch hatte das Genie Gvdolphins diesen mit einem Glanz umgeben, der selbst die Hoffärtigste» bereitwillig machte, seine Aufmerksamkeit anznuebmcu und zu crwiedern; und wirklich erröthete Lady Margaretha von Vergnügen, als sie von ihm zum Tanze aufgefordert ward. Ein ausländischer, damals in England nur obenhin oder theilweise bekannter Tanz sollte aufgeführt werden. Wenige nur, und nur solche, die außerhalb Landes gewesen Ware», verstanden sich auf denselben, und da die Bewegungen i» ihm besondere Grazie erforderten, schloßen selbst von diesen Wenigen sich noch etliche aus Bescheidenheit aus. Zu diesem Tanze nun ward Lady Margaretha von Godvlphin geführt. Alles versammelte sich um die Tänzer, um ihnen zuzuschen, und es fehlte nicht an Anmerkungen aller Art über das Fremdartige, Sonderbare oder Ungeziemende der Schaustellung. Als aber Godolphin begann, ließen sich ganz andere Aeußerungen vernehmen. Das Langsame und Stattliche im Taete eignete sich ganz dazu, das Aumuthige und Symmetrische seiner Persönlichkeit hcrvvrzuheben. Lady Margaretha war hinlänglich mit dem Tanze bekannt, um wenigstens ihn zu fördern, und das Paar übertraf so außerordentlich alle Mittänzer, daß diese, als fühlten sie es, nach und nach austraten. 127 Als Godolphin dies gewahrte, that er es ebenfalls, und die Zuschauer gaben ihren Beifall ungleich lauter zu erkennen, als es senst wohl in gebildeter Gesellschaft zu geschehen pflegt. Sobald Godolphin tnnehielt, begegneten seine Augen dem Blicke Constanzens. Es gewahrte in diesem nicht den Ausdruck, den er erwartet hatte; nichts sah er in ihm von dem Verdruß der Eifersucht, nicht die Unflätigkeit beleidigter Eitelkeit, auch nicht das Verlangen nach Aussöhnung nahm er in jenen großen, sprechenden Augen wahr. Ein tiefes, durchdringendes, trauervvllcs Forschen schien in des Mädchens Blick zu schmachten — schien sich ihm ins Herz zu senken, um zu entdecken, ob sie dort Macht hätte, zu verwunden, oder ob er und sie gleichmäßig getäuscht wären; so wenigstens deutete Godolphin sich Constanzens starren und wehmuthvollen Jmrigkeitblick. Godolphin wendete sich plötzlich von Lady Margarethen ab, und stand alsdann vor Constanzen. „Der heutige Abend muß entzückend für Sie seyn," sagte er bitter: „Wohin ich mich wende, hör' ich Ihr Lob. Jeder bewundert Sie-, und er, der Sie weniger bewundert, als verehrt — er allein fühlt sich unter Ihrer Beachtung; er, der Armgebvrene, darf freilich nicht nach dem hinaustreben, was betitelte und überreiche Dümmlinge fordern zu dürfen scheinen -— die Hand Constanze Bernons." Godolphin sprach dies in leisem und ruhigem Tone Constanze erbleichte; ihre Gestalt erbebte; doch antwortete sic nicht sofort. Sie wendete sich zu einem von der Menge etwas entfernten Sitze; Godolphin folgte ihr und nahm neben ihr Platz; dann erst sprach Constanze mit einiger Anstrengung: — „Sie hörten, was gesagt worden ist, Mr. Godvlphin, und es schmerzt mich, daran zu denken, daß Sie es hörten. Wenn ich Sie beleidigte, so verzeihen Sie mir; ich bitte Sie — bitte Sie aufrichtig und herzlich darum. Gott weist, wie ich selbst genug durch leere Worte und durch die leichtfertige Meinung litt, welche diese harte Welt von den Armen hegt; so daß ich Rene und Scham fühle, wenn ich aus ähnliche Weise irgend Jemanden — zumal aber" — und Constanzens Stimme bebte — „zumal aber Sic verwunde." Sie wendete sich bei den letzteren Worten zu Godvlphin, und ihre Augen schwammen in Thränen. Godol- phin war gerührt durch die Milde ihres Blickes und ihrer Stimme. War wirklich er es, den die hochsinnige Constanze in Worten der Freundlichkeit und des Entschuldigcns anrcdete? — er, dessen äußere Verhältnisse sie auf eine ihrer so unwürdige Weise, und doch, wie seine Vernunft ihm sigtc, mit so vieler Gerechtigkeit hatte beschreiben hören? „O, Miß Vcrnon," sagte er leidenschaftlich, — „Miß Vernon — Constanze, — theure Constanze! darf ich Sie so nennen? Hören Sie ein einziges Wort von mir. Ich liebe Sie mit einer Innigkeit, die mir keine Worte bietet, sic anszusprechen. Ich kenne meine Fehler, meine irs Armuth, meinen Unwerth; aber — aber — darf ich — darf ich Haffen?" Und o! wie jungfräulich crröthete Constanze bei dieser Eröffnung. Ihre Augen senkten sich, ihr Busen wogte- Wie sank jedes der abgerissenen Worte GodolphinS ihr tief ins Herz! Nimmer ward ein einziger Ton jener Worte von ihr vergessen. Der Sohn mag seiner Mutter vergessen. die Mutter sich ihres Kindes entänßern; nimmer jedoch schwindet aus eines Mädchens Seele das Andenken an das erste Geständniß der Liebe dessen, den fle zuerst liebt! Constanze blickte ans, sah wieder zu Boden, und blickte abermals auf: — ,.ES darf nicht sehn," sagte sie endlich; „nein! nein! Thorheit ist eö auf beiden Seiten!" „Nicht doch! reden Sic nicht so!" flüsterte Gvdvl- phin, dessen Stimme niemals hatte rauh klinge» können. „Es mag Thorheit, mag, wenn Sie wollen, Raserei zu seyn scheinen, wenn die glänzende, allvergötterte Miß Vernon den Huldigungen eines so unwürdigenVerehrers Gehör schenkt; indessen prüfen Sie mich — erforschen Sie mich, und gestehen Sie dann — ja, nach einigen Jahren werden Sie gestehen, — daß jene Thorheit ein Glück gewährt, welches weit über das Glück aller Klugheit nnd allen Ehrgeizes hinausreicht." „Hier," antwortete Constanze, die mit ihren Gefühlen rang — „hier ist weder der Ort noch die Stunde zu solcher Unterredung. Morgen — morgen — im Zimmer gegen Sonnenuntergang" — „Und wann morgen?" Bulwer's Romane. I.XXVH. 9 izo „Um zwölf Uhr/' „Und darf ich Haffen bis dahin?" Constanze erblaßte abermals, und mit Tönen, die kaum ihren Lippen entschweben wollten, und welche kalt und entnervend des Jünglings plötzliches und wonnevolles Vertrauen berührten, antwortete sie: — „Nein, Percy, es gibt keine Hoffnung — keine!"