E. L. Bulwer's Werk e. Aus dem Englischen. Hundert und zehntes Viindchen. Der Letzte der Barone. Zehntes Bändchen. Stuttgart. Verlag der I. B. Metzler'schen Buchhandlung. 18L3. Drr Letzte dev Barone. Von dev» Verfasser „Rienzi's," „Eugen Arams" rc. Aus dem Englischen »0R Gustav Pfizer- ZehnteS Bändchen. Stuttgart Verlag der I. B, Metzler' schen Buchhandlung - 18 ^ 3 . Gilstes Buch. Dir neue Stellung des Königmacherö. Erstes Kapitel. Worin Master Adam ausbündiss belobt und befördert wird — und die Größe zur Weisheit sagt: „mein Schicksal setz baS Dcinige, Amen!" Die Chronisten melden uns, daß zwei oder drei Tage nach dem Einzuge Marwicks und Clarence'S, nämlich am 6. Oktober, diese beiden Anführer, begleitet von den Lords ShrewSbury, Stanley, und einem zahlreichen edeln Gefolge, den Tower in stattlichem Gepränge besuchten, und den König, in blauem Sammtkleid und die Krone aus dem Haupt, zu einem öffentlichen Dankgebet in die St. Paulskirche/ und von da nach dem Bischofs-Palast geleiteten, wo er fortan hauptsächlich residirte. Die Proklamation, welche die Veränderung der Dynastie verkündigte, ward durchs ganze Königreich mit anscheinender Zufriedenheit ausgenommen, und die Wiederherstellung der Lancastrischen Linie schien noch mehr gesichert und befestigt durch die schonende und nachsichtige Großmnth Marwicks und seines RatheS, Nicht Tin« 8 Hinrichtung, welche man als Folge von Privathaß und Rache hätte bezeichnen können, befleckte den Zeitraum der zweiten Herrschaft des friedfertigen Heinrich mit Blut. Nur Ein Haupt fiel auf dem Schaffst — das des Grafen von Worcester*. Diese einzige Hinrichtung, welche von allen Claffen als ein der Gerechtigkeit gebührendes Zu- geständniß betrachtet wurde, setzte die Milde des neuen Regiments in ein nur um so helleres Licht. In den ersten Tagen dieser plötzlichen Revolution schon fand Alwyn Gelegenheit, seinen Freunden im Tower zu dienen. Warwick war verlangend, alle Bürger zu gewinnen, sich geneigt zu machen, die entweder aufrichtig oder auch mit Verdruß sich seiner Sache angenommen hatte»; und er erfuhr bald, welche Nolle unter diesen in Guildhall der emporstrebende Goldschmid gespielt hatte. Er ließ Alwyn in sein Haus in Warwicklane berufen, und nachdem er ihn beglückwünscht zu seinem Vorwärtskommen in Vermögen und Ruf, seit der Zeit, wo NicholaS ihm die Schmucksachen geliefert für seine französische * Lord Warwick faß nicht selbst über Wertester zu Gericht. Er wurde untersucht und verurtheilt von Lord Orford. Obgleich einige alte Sünden von seiner Regentschaft i» Irland gegen ihn geltend gemacht wurden, waren es doch seine jüngeren Grausamkeiten, die ihn so verhaßt machten. Er hatte, (wie früher erwähnt wurde,) nach WarwickS Flucht »ach Frankreich zwanzig Personen spießen lassen. Die Chronik von Warkworth sagt: „Et war jederzeit, anch später übel verhaßt unter dem Volke, wegen dieser unordentlichen TodeSart, die er anwandte, den Gesetzen des Landes zuwider." 9 Gesandtschaft, bot er ihm die ausdrückliche Ernennung zum Goldschmid des Königs an. Der schlaue aber ehrliche Handwerksmann besann sich einen Augenblick in einiger Verlegenheit, ehe er antwortete : „Mein guter Lord, Ihr seyd edel und huldvoll genug, mich zu verstehen undinir zu verzeihen, wenn ich erkläre, daß ich beim ersten Beginn meiner Laufbahn die Kundschaft und Unterstützung des vorigen Königs Eoward und seiner Gemahlin besessen habe; und obwohl ich um des allgemeinen Vesten willen meinen Milbürger» gerathen habe, sich Eurem Einzug nicht zu widersetzen, möchte ich mir doch wenigstens nicht nachsagen lassen, mein Abfall habe meinen Privatvortheil gefördert." Warwick wurde roth und seine Lippe zuckte. „Still, Mann, nimm nicht den Schein von Tugenden an, welche nicht eristiren unter den Sühnen des Handels und Gewerbes, und überhaupt kaum, so viel ich weiß, unter den Söhnen Adams. Ich lese in Deiner Seele. Du achtest eS für nicht sicher, Dich offen der neuen Ordnung der Dinge anzuschließen. Sep ohne Furcht — wir stehen fest." „Nein, mein Lord," erwiedcrte Alwpn, „so ist es nicht. Aber es gibt viele bessere Bürger als ich, welche sich, erinnern, daß die Norkischen immer Freunde des Handels gewesen sind. Und Ihr werdet finden, daß nur durch sorgsame Pflege der Interessen unserer Gewerbe Ihr das Herz Londons gewinnen könnt, obgleich Ihr durch die Thore der Stadt eingezogen seyd." rc> „Ick werde gegen Alle gerecht seyn," antwortete der Graf trocken; „aber wenn die Flachkappen falsch sind, so sind Stahlhanben genug da, über der Rothen Rose zu wachen!" „Man sagt von Euch, mein Lord," erwiederte Alwyn keck und,derb, „daß Ihr die Barone, die Ritter, die Gentry, die Deomen und die Bauern liebt, aber die GcwerbS- männer verachtet — ich fürchte > das Gerücht sagt hierin die Wahrheit." „Ich liebe nicht den Handels- und GewerbSgeist, Freund — de» Geist der betrügt, kriecht, feilscht, Strohhalme spaltet um Pfennige, und Eier rostet bei der Feuersbrnust andrer Leute. Edward von Nork, wahrhaftig , war ein großer Gewerbsmann! Es war eine leidige Stunde für England, als solche Männer wie Ihr, Nick Alwyn, Eure grünen Dörfer mit Webestuhl und Bude vertauschtet. Aber dieß Hab' ich mit Euch gesprochen, als einem wackcrn Burschen und einem Mann auS dem Norden- Ich habe keine Zeit mit Schwatzen zu verlieren. Willst Du mein Anerbieten annehmen, oder mir sonst eine Gnade nennen, die in meiner Gewalt ist? Der Mann, der mir einen Dienst geleistet, kränkt mich, bis ich ihm wieder gedient habe." „Ja, mein Lord; ich will eine solche Gnade nennen; — ungefährdete Sicherheit, und wenn Ihr wollt» einige Gnade und Ehre für einen gelehrten Weisen, der jetzt im Tower ist — einen sichern Adam Warner, den —" „Jetzt im Tower! Adam Warner! lind der ohne 11 einen Freund, da ich doch nicht mehr in der Verbannung bin! das ist meine Sorge, nicht die Deinige, Gnade, Ehre — ja, nach seines Heikens Genüge, lind seine edle Tochter? sslorlviou! sie soll ihren Gatten unter den Besten in England wählen. Ist sie auch in der Feste?" ,,Ja," sagte Nlwyn kurz, dem die letzten Worte de- Grafen nicht behagten. Der Grak klingelte mit der Glocke auf seinem Tisch. „Schickt mir Sir Marmaduke Nevile." Alwpn sah seinen früher» Nebenbuhler eintreten, und hörte, wie ihm der Graf den Auftrag gab, seine eigne Sänfie mit einem angemessenen Gefolge nach dem Tower zu begleiten. „Und Zhr. Alwhn, geht mit Eurem Milchbruder, und bittet Master Warner und seine Tochter, meine Gäste zu sehn, wenn es ihnen genehm sey. Komm her, mein derber Nordmann, — komm. Ich sehe, ich werde in dieser Stadt viele geheime Feinde haben — willst nicht Du wenigstens Warwicks offner Freund sehn?" Nlwyn fand es schwer, dem Zauber des Benehmens und der Stimme des Grafen zu widerstehen, aber in seinem Geist überzeugt, daß das Zeitalter gegen den Grafen war, und daß der Handel und London unter seiner Regierung wenig gedeihen würden, ließ er sich vom Handelsgeist in seiner Brust bestimmen. „Mein huldvoller Lord," sagteer, seine Knie beugend, doch ohne knechtische Huldigung, „Wer meinem Stand Gutes?hut, hat über mich zu gebieten." Der stolze Edelmann biß sich in die Lippe, und ent- ließ die Milchbrüder mit einem stummen Winke der Hand. „Du bist doch eben ein grober Bauer/' sagic Mar- maduke, als die Thüre sich hinter den jungen Männern schloß. „Mancher Baron halte seines BaterS Schloß verkauft für solche Worte von des Grafen Lippen." „Mögen Barons die Freiheit ihres Handelns für schöne Worte verkaufen. Ich halte mich ungebunden, daß ich mich immer der Sache anschließen kann, die am besten den Markt füllt aiird das Gesetz regelt und handhabt. Aber sage mir, ich bitte Dich, Herr Ritter, was macht denn Warner und seine Tochter dem Grafen so lieb und theuer?" „Was! wißt Ihr es nicht? — und hat sie Euch nicht erzählt — Ha! was wollte ich sagen!" «Kann ein Geheim,riß obwalten zwischen dem Grafen und dem Gelehrten?" fragte Alwyn verwundert. „Wenn dieß der Fall ist, so ist cs an uns, es zu achten," erwiederte der Nevile, seinen Mantel zurechtlegend, „und jetzt müssen wir die Sänfte bestellen." Ungeachtet aller der drängenderen und aufregenden Angelegenheiten die auf ihn einstürmten, fand der Graf doch bald Zeit seine Gäste zu begrüßen. Seine Bewillkommnung Sybillens war mehr als höflich«— sie war väterlich. Wie sie sich ihm schüchtern näherte, und mit niedergeschlagenen Augen, trat er vor, legte ihr die Hand aus das Haupt und sagte: „Die heilige Mutter wolle Dich imm« in ihre Obhut 13 nehmen, Kind! — das ist der Kuß eines Vaters, junge Mistreß/' und dabei drückte er seinen Mund auf ihre Slirne, „und mit diesem Kuß, vergiß es nicht, vervfände und gelobe ich Dir Sorge für Dein Glück, Ehre Deinem Namen — mein Herz, Dir jeden Dienst zu leisten, meinen Arm Dich gegen llnbild zu schützen! — Wackerer Gelehrter, Dein Schicksal hat sich mit dem metnigen verflochten — Glücklich ist jetzt mein Geschick — mein Geschick sey das Deinige! Amen!" Hierauf wandte er sich zu Warner, und ohne weiter vergangener Vorfälle zu erwähnen, welche seinen stolzen Geist so tief erbitterten, ließ er sich von dem Gelehrten die Beschaffenheit seiner Studien erklären, Zm Geist jedes Mannes, der einen großen Theil seines Lebens in erfolgreicher Thätigkeit zugebracht hat, liegt eine gewisse, wenn wir so sagen dürfen, unerlernte Mathematik — besonders gilt dieß von denen, welche zur Kriegskunst herangebildet und darin ausgewachsen sind, Gin großer Soldat ist ein großer Mechaniker — ein großer Mathematiker, wenn er es auch nicht weiß; und daher begriff Warwick besser als mancher Gelehrte das Prinzip, worauf Adam seine Versuche gründete. Aber obwohl er auch einigermaßen die ungeheuren Resultate ahnte, welche herbeizuführen solche Versuche an sich geeignet waren, erkannte doch sein geübter gesunder Verstand noch deutlicher, daß die Zeit für solche erstaunliche Erfindungen noch nicht reif sep. „Mein Freund," sagte er, „ich begreife Dich so 14 ziemlich. ES ist mir klar, daß, wenn es Dir gelingt, das Weil der Menschenhände ebenso pünktlich, aber mit weif größerer Kraft und Schnelligkeit durch die Elemente verrichten zu kaffen, Du alle Erzeugniffe des GewcrbfleißeS vervielfältigen und eben dadurch wohlseil machen mußt — daß dadurch nothwcndig dieß Land der Markt der Welt wird — und daß Du die wahre Alchymie besäßest, die Alles in Gold verwandelt/' „Mächtiger Geist — Du ersoffest die Wahrheit!" rief Adam aus. „Aber," fuhr der Graf fort, mit einer Mischung von Einsicht und Vorurtheil, „das vollständigste Gelingen Deiner Bestrebungen vorausgesetzt, würdest Du dieß kecke Land der Mannhaftigkeit und der Veomanry in Ein Gemeinwesen von gierigen Krämern und kränklichen Handwerkern verwandeln, stlort Istivu! wir haben jetzt schon zu viel Handel und Kram — schon verläßt man den Bogen um zum Ellmeß zu greifen. Die Stadibevölkerungen sind immer dis schlechtesten im Krieg. England ist umgeben von gepanzerten Feinden; und wenn es durch Ein Verfahren Schätze «»häufen und seine Soldaten verlieren sollte, so würde es nur zu Einfällen einladen und seine Vcriheidiger entmanncn. Wahrhaftig, ich rathe Dir und beschwöre Dich, Deinen Witz und Deine Gelehrsamkeit einer männlicheren Beschäftigung zuznwcnden!" ,',Mein Lebe» kennt keinen andern Zweck und Gegenstand — tödte meine Arbeit, so vernichtest Du mich," sagte Adam im Tone düsterer Verzweiflung. „Ach, es 15 scheint, 'baß, wie auch immer die Gewalt wechsle, keine Veränderung die Aussichten und Hvffnungen der Wissenschaft in einem eisernen Zeitalter verbessert!" Warwick war gerührt. „Nunsagte er nach einer Pause, „sey glücklich auf Deine eigene Weise. Ich will wenigstens mein Möglichstes ihnn, Dich zu schützen. Morgen beginnen wieder Deine Arbeiten; aber heute wenigstens mußt Du mit mir essen." Und beim Bankett dieses TageS saß unter den Rittern und Baronen und Siebten und Krie'gern Adam auf der Erhöhung des Saales, neben dem Grafe», und Sybille bei „der Mcß" der Fronen der Herzogin von Cla- rence. lind ehe die Tischgesellschaft aufbrach, redete Warwick sie noch also an: ^Meine Freunde, obgleich ich und die Meisten von uns, im Schooße des Krieges ausgewachsen, wenig mehr Gelehrsamkeit besitzen, als womit auch unsre Väter vor uns sich begnügten, können wir doch in den freien Städten Italiens und am Rhein, ja, und auch in Frankreich unter seinem staatslluge» Könige, beobachten, wie ein Tag andämmert, wo neues Wissen unsre weiseren Söhne manches Wunder lehre» wirs. Daher ist es gut, daß ein Staat Männer hege, welche arbeitsame Nächte und heiße Tage der Förderung von Künsten und Wissenschaften widmen, zum Ruhm unserS gemeinsamen Vaterlandes. Ein würdiger Gentleman, der jetzt an diesem Tische sitzt, hat tiefsinnig Maschinen ersonnen, welche unser» englischen Handwerkern den Vorzug vor den flämischen verschaffen 16 können, die jetzt auf Kosten unsers GewerbfleißcS zehren, zur Verarmung des Königreiches. Und vor Allem, er beabsichtigt auch, eine Erfindung zu vervollständigen, welche unsre Seemacht zur bedeutendsten in Europa machen soll. Hievon sage ich für jetzt nicht Mehr; aber ich empfehle unfern ^sast, Master Adam Warner, Eurer Dienstwilligkeit, und bitte Euch vorzüglich, Hochwürdige Herrn von der Kirche, die Ihr hier anwesend, seinen guten Namen zu schirmen gegen die Beschuldigung, welche ehrliche Männer am meisten kränkt und gefährdet. Denn Ihr wißt wohl, daß die Gemeinen, aus Unwissenheit, Alle« von Zauberei ableiten möchten, waS über ihren Verstand geht. Nicht als ob Zauberei," fuhr der Graf fort, stch bekreuzend, „nicht greulich das Land vergiftete, und nicht in weitem Umfang getrieben worden wäre von Jacquetta von Bedford und ihren Genossen, Bungev und Andern. Aber unsre Sache bedarf keiner solchen Hülfe; und Alles, was Master Warner im Auge hat, ist zum Vesten des Volkes und steht im Einklang mit der heiligen Kirche. So diesen Becher auf seine Gesundheit und für sein Hau-!" Nachdem diese charakteristische Rede mit Achtung, obwohl mit weniger lautem Beifall ausgenommen worden war, als gewöhnlich die Worte des großen Grafen zu begrüßen pflegt-, fuhr Warwick in sanfterem und ernsterem Tone fort: „Und in dem schönen Fräulein, seiner Tochter, bitte ich Euch die theure Freundin meiner geliebten Tochter, Lady Anna, Prinzesfin von Wale» zu erkennen und zu ehren : und um Ihrer Hoheit willen, und in ihrem Namen maße ich mir das Recht an, mich mit Master Warner in dieses jungen Fräuleins Vormundschaft und Obhut zu theile». Wißt, meine tapfere Herren und stattlichen Squires, daß, Wem es gelingt, durch treuergebene Liebe oder durch kühne Thaten, wie einem Werber am besten geziemt, die Huld und Gunst meiner jungen Mündel zu gewinnen, aus meinen Händen ein Ritterlehen empfangen soll, mit so viel von meinem besten Land, als eine Stierhaut umspannen kann; und wenn der Himmel ungefährdete lieberfahrt der Prinzessin Anna und ihrem edeln Verlobten beschert, wollen wir auf Smithficld ein Turnier halten. St. George und unfern Damen zu Ehren, wo,Pardie! ich selbst mich arg versucht fühlen könnte, meine eifersüchtige Gräsin zu reizen, indem ich eine Lanze bräche für den Ruf und die Ehre dieses Fräuleins, deren holdes Antlitz gepaart ist mit einem edeln Herzen!" Diesen Abend, beim Tanze, richtete sich manches bewundernde Auge auf Sybille, und mancher junge, stattliche Mann seufzte, der Worte des Grafen eingedenk, ihre Gunst zu gewinnen. Es war eine Zeit, wo solche Ehre und Huldigung wirklich willkommen gewesen seyn würden; aber jetzt — Einer war nicht Zeuge davon, und so verloren fie allen Werth. Alles, wornach Sybillens Ehrgeiz, während ihrer frühern Mädchenjahre, sich gesehnt hatte, schien jetzt beinahe in Erfüllung gegangen — ihr Vater war geschätzt von dem ersten Edelmann des Landes, — und das nicht in der sich berab- Bulwerd Romane. VX. A lassenden und entwürdigenden Weise, wie die Herzogin von Bedford es gethan hatte, sondern in der Art, wie die Macht allein den Genius beschützen sollte — sich selbst ehrend, weil sie ihn ehrt; — sie sah ihre gute Geburt anerkannt — sah ihre Lage gehoben; das Glück lächelte ihr nach so herben Prüfungen; und Alle» war ohne Erniedrigung und Kriecherei gewonnen. Aber nunmehr ihr Ehrgeiz sich einmal erschöpft hatte in einer göttlicheren Leidenschaft, erschien ihr alle Aufregung ärmlich und geistlos, verglichen mit der Wonne des einsamen Harrens in dem bescheidnen PLchterhaus auf die Stimme und die Schritte Hastings? Ja, wäre nicht ihr Vater gewesen, beinahe wären ihr das Vergnügen. und die Pracht, und die Bewunderung und die Huldigung zuwider und verhaßt gewesen, welche ein Hohn schienen auf daS Geschick des flüchtigen Verbannt-». Der Graf hatte Sybille unter JsabellenS Frauen aufzunehmen beabsichtigt, aber das hochmüthige Wesen der Herzogin stieß das arme Mädchen erkältend zurück: und unter der Entschuldigung, daß ihres Vaters Gesundheit ihre beständige Pflege erfordere, erbat sie sich die Erlaubniß, bei ihm bleiben zu dürfen, wo immer er seine Wohnung nehme. Adam selbst wünschte, nunmehr die Herzogin von Bedford und der Mönch Bungey nicht mehr im Tower waren, daß ihm gestattet würde, an den Ort zurückzukehren, wo er am erfolgreichsten an der» geliebten Heureka gearbeitet hatte; und da auch der Tower ein sicherer Aufenthaltsort schien, als jedes Privathaus, gegen tg das Vorurtheil und gegen die Angriffe des Volkes, gab Warwick wohlwollend Befehl, daß für Vater und Tochter weit bequemere Zimmer, als sie bisher inne gehabt, in Bereitschaft gesetzt werden sollten. Einige Diener wurden ihnen zugewiesen, und niemals wurde ein Mann der Wissenschaft oder der Bücher mehr geehrt, als jetzt der arme Gelehrte, der bisher so «erfolgt und verachtet worden war! Und Wer vermöchle nun Adams heitere Wonne zu schildern! Alchymie und Astrologie ruhten—keine herrische Herzogin — kein verhaßter Bungey in der Nähe — sein freier Geist ganz den ihm gemäßen und lieben Studien znrückgcgeben! Und Sybille suchte, als sie sich wieder trafen, eine heitere Miene zu erzwingen, und bat ihn nur, ihr nie von Hastings zu sprechen. Der gute alte Mann, in seine gewohnte Existenz als Mechaniker zurücksinkend, hoffte, sie habe die rasch verfliegende Mädchenphantasie vergessen. Aber die ausgezeichnete Aufmerksamkeit, welche der Graf Warnern bezeigte, bestärkte die von Bungey auSge- fireuten Gerüchte: „ec sey wirklich ein furchtbarer Schwarzkünstler, der dem Grafen wichtigen Beistand bei seinem Unternehmen geleistet habe." Die Kunde von des Grafen Anrede an seine Gäste, zur Empfehlung Warners und Sybillens, von der hohen Achtung, womit der Gelehrte behandelt werde, erreickte selbst die Freistatt; den» die Flüchtlinge dort wußten leicht alles Geschwätze der Stadt zu erfahren. Man denke sich die Wirkung, welche diese 2 * ro Nachricht bei dem neidischen Bungep hervorbringen mußte — man denke sich, weiche darauf gegründete Vorspiegelungen er der leichtgläubigen Herzogin machte! ES war jetzt fürJacquetta eine so augenscheinliche Wahrheit, wie die Sonne am Mittag, daß Warwick den unglückweissagenden 'Astrologen belohne für viele dunkle und geheime Dienste, welche Bungep, wenn sie ihm ihr Ohr geliehen, hätte vereiteln können ; und sie versprach dem Mönch, wenn sie je wieder zum Besitz der Macht käme, sollten Warner und das Heureka gänzlich seiner Willkür und seinem Belieben preis gegeben werden. Der Mönch selbst jedoch, welcher des langweiligen Lebens in der Freistatt sehr überdrüssig wurde, und nach der vortheiihafien Lage gelüstete, in welcher Adam sich befand, sing an, daran zu denken, sich in die Zeit zu schicken, und sich der im Besitz der Gewalt befindlichen Partei in die Arme zu werfen. Kühn gemacht durch die Milde der Sieger, — vergewissert, daß kein Preis auf seine Beifahung, auSgesetzt worden, hoffend, der tapfere Graf werde den alten Frevel mit dem wächsernen Bild vergessen ober verzeihen, und sich wohl bewußt, daß ihm schon seine Mönchskutte und Kapuze ziemliche Sicherheit gewährleistete, beschloß er eines Tages, sich aus seinem Versteck hinauSzuwagen. Er schmeichelte sich sogar, Adam, von welchem er steif und fest glaubte, er sey im Besitze gewisser hoher und gewaltiger magischer Geheimnisse, aberden er im klebrigen als eine sehr schwache Ereatur verachtete durch glatte Worte dahin bringen zu können, sein früheres brutales Betragen zu vergessen, und den Grafen zu bitten, daß er ihn auch zu Gnaden und in Gunst aufnehnic. So verschaffte sich denn in der Dämmerung, mit Hülfe Eines der untergeordneten Beamten des Towers, den er sich früher zum Freund gemacht hatte, der Mönch Einlaß in Warners Zimmer. Nun hatie sich Adam, der seine eigene Art von Aberglauben hatte, neuerlich gerade in den Kopf gesetzt, all die verschiedenen Mißgeschicke, welche da- Heureka betroffen, so wie alle die kleinen Mängel und Fehler, welche noch ihre vollendete Construktion aufhielten, rührten von dem Mangel des in den mystischen Mondstrahlen gebadeten Diamanten her, welchen seine deutsche Autorität längst schon so nachdrücklich gefordert — und jetzt, da ihm ein Monatsgehalt, der weit seine Bedürfnisse überstieg, zur Verfügung stand, und da es-ihm geziemte, der Gönnerschaft des Grafen alle mögliche Ehre zu machen, beschloß er, der Diamant solle nicht länger bei den Operationen fehlen, auf welche er einen Einfluß zu übe« geeignet seyn sollte. Er verschaffte sich eine» von ziemlicher Größe und Glanz, setzte ihn die gehörige Zahl von Nächten dem Neumond aus, und hatte ihm schon seinen Ort in dem Heureka bereitet, indem er ihn mit feierlicher Freude betrachtete, als Bungey eintrat. „Mächtiger Bruder," sagte der Mönch, sich bis zur Erde verbeugend, „sey so barmherzig als Du stark bist l Wahrlich, Du hast Dich als Magier bewährt, gegen den ich nur ein armer Elender bin — denn stehe! Du bist reich und geehrt- und ich arm und geächtet! Geruhe Deinem L2 Feind zn Verzeihen, und nimm ihn zu Deinem Sklaven an nach dem Recht der Eroberung. Ob, Gottes Wunder! oh, Jemini! was für ein Juwel hast Du da in Händen!" „Mach Dich fort! Du störst mich," sagte Avam, in seiner Abwesenheit der eigentlichen Gründe seines Widerwillens vergessend, aber mit einem halbklaren Gefühl, daß ein sehr widriges und haffenswürdigcs Wesen in seiner Nähe sich befinde; und wie er sprach, fugte er den Diamant in keine Vertiefung ein. „Was! — ein Juwel! — sin Diamant! in der — in der — in ^er — Maschine!" stammelte der Mönch in tiefem Erstaunen, und der Mund lief ihm bei dem Anblick voll Wasser. Wenn das Heureka vorher schon seinen Neid erweckte — wie viel beneidenSwerther war es jetzt! „Wenn ich Dich je wieder in meine Hände bekomme, oh Dn häßlicher Talisman!" murmelte er in sich hinein, „so weiß ich jetzt schon, wo ich etwas Besseres zu suchen habe, als einen Topf Eier zu sieden!" „Geh, sag' ich," wiederholte Adam, sich endlich umwendend, und schaudernd, als er jetzt deutlich den Mönch erkannte, und sich seiner Bosheit erinnerte. „Erfrechst Du Dich wieder, mich zu belästigen?" Der Münch war niederträchtig genug, auf die äkniee zu fallen, und nach einem langen Eingang, vollreumüthi- ger Entschuldigungen, flehte er den Gelehrten an, sich zu seinen Gunsten bei dem Grasen zu verwenden. „Ich verlange nicht all Deine Ehren und Deine Beförderung, großer Adam, ich wünsche nur, Dir zu die- nen, Deinen Ofen zu unterhalten »nd zu besorgen, Dir Deine Werkzeuge zu reichen, und meine Lehrjahre unter Deiner Anleitung, großer Meister, zu beendigen. Was den Grafen betrifft, so wird er Dir sein Ohr leihen, ich weiß, wenn Pu ihm erzählst, ich habe das Vertrauen seiner Feindin, der Herzogin, besessen; ich könne ihm alle ihre verborgensten Geheimnisse mittheilen; ich —" „Pfui über Dich! Du bist schlimmer als ich geglaubt hatte, Elender! Als grausam und unwissend kannte ich Dich — und jetzt auch als niederträchtig und treulos! Ich mit Dir arbeiten! Ich dem Grafen einen Mann empfehlen, der als eine Schmach für den Namen eines Gelehrten auf der Erde wandelt! Nimmermehr! Wenn Du Brot und Almosen bedarfst, das kann ich Dir geben, wie ein Christ dem Bedürftigen Hilst; aber Vertrauen und Ehre und Ruf der Gelehrsamkeit und edle Beschäftigung — die find nicht für den Betrüger und den Vcrräther! da — da da!" Und er lief zu einem Kabinet, nahm eine Hand voll kleiner Münzen heraus, warf sie dem Mönch in die Hände, drängte ihn nach der Thüre, und rief den Dienern, sie sollten den Besuch zum Thore hinaus schassen. Der Mönch kehrte sich mit grollender Wuth um. Er wagte nicht, eine Drohung auszustoßen, aber er that ein Gelübde in seiner Seele und ging seines Weges. Es traf sich einige Tage nach diesem Vorfall, daß Adam, auf einem seiner tiefsinnigen Gänge in dem Umkreise des Towers herum, der jetzt, seitdem er nicht mehr als Palast bewohnt ward, seinen seltenen und aufs Ge- 24 rathewohk unternommenen Wanderungen ganz frei und offen stand, auf einige Arbeitsleute stieß, beschäftigt, eine Bombarde wieder herzustellcn; und da Alles, was nur auf Mechanik sich bezog, immer sein Interesse.erregte, blieb er stehen, und zeigte ihnen eine sehr einfache Verbesserung, welche nothwendig dazu dienen mußte, die Kugeln weiter stiegen und in geraderer Linie ihr Ziel treffen zu machen. Der oberste Arbeiter, dem seine Bemerkungen auffielen und einleuchteten, lief zu einem der Offiziere des TowerS; der Offizier kam, um dem gelehrten Mann zuznhören, begab sich dann zu dem Grafen von Marwick, und erklärte: Master Warner besitze die bewunderungswürdigste Einsicht in den Mechanismus der Kriegswerkzcuge. Der Graf ließ Warner zu sich rufen, begriff sogleich die sehr einfache Wahrheit, auf die er aufmerksam machte, in Betreff der passendsten Weite der Mündung, bezeugte ihm höhere Achtung als je zuvor, und stellte die Verfertigung von neuem Geschütz, das er Herstellen ließ, unter seine Oberleitung. Da dteß Geschäft nur wenig von seiner Zeit in Anspruch nahm, war Warner erfreut, dem Grafen seine Dankbarkeit beweisen zu können; er betrachtete die zerstörenden Kriegsmaschinen nur als mechanische Kunststücke, und dachte nicht entfernt daran, mit welchen neuen Schrecken er seinen Namen umgab. Bald vernahm die entrüstete, von ihrem Gewissen gequälte Herzogin von Bedford in der Freistatt, daß der heillose Herenmeister, den sie aus den Krallen Bungey'« gerettet, die furchtbarsten, unfehlbarsten, mörderischsten ?s Kriegsinstrumente ansertige', um der möglichen Rückkehr ihres Schwiegersohnes zu begegnen! Adam seinen Träumen und seinen Arbeiten überlas. send — durch welche er sich einen unheimlichen, grauenvollen Ruf erwarb — kehren wir jetzt zu der Welt auf der Oberfläche — zum Leben der That zurück. Zweites Kapitel. Glück nach dem äußern Schein — die Sorgen de« Innern Manschen. Die Stellung deS KönigmacherS war, für einen oberflächlichen Beobachter, von der Art, daß sie im höchsten Grade den Ehrgeiz und den Stolz des Mannes befriedigen zu müssen schien. Gr hatte einen der prächtigsten Fürsten und einen der kühnsten Krieger, der je auf einem Thron saß, aus dem Lande getrieben. Er hatte ohne einen Schwertstreich einen Dynastiewechsel bewirkt; waS auch eintreten mochte, so schien es gewiß, daß, vermöge der Heirathen, welche seine Töchter gemacht hatten, seine Nachkommen von der Einen oder von der Andern Könige von England werden würden. Die Leichtigkeit seine- Sieges schien durch fich selbst schon zu beweisen, daß die Herzen des Volkes aus seiner Seite seyen, und das Parlament, das er fich beeilte zusam- menzurufen, bestätigte gesetzlich die durch «in unblutige« Schwert bewirkte Revolution. Sk Auch im Ausland war Nichts, was den Frieden im Lande bedrohte, Briefe von der Gräfin von Warwick und von Lady Anna meldeten ihren Triumpheinzug in Paris, wo Margaretha von Anjou mit Ehren empfangen worden war, wie sie zuvor nur einer Königin von Frankreich erwiesen worden waren. Eine feierliche Gesandtschaft schickte fich mittlerweile an, von Paris nach London zu gehen, um Heinrich zu beglückwünschen, und einen ewigen Friedens- und Handelsvertrag abzuschließen; während Carl von Burgund selbst per einzige Verbündete, welcher Edward noch blieb) dringend um Fortsetzung der freundschaftlichen Verhältnisse mit England fich bewarb, fich darauf berufend, daß fie an- geknüpft worden sehen mit dem Lande, und nicht mit einer besonderen Person, welche die Krone getragen, und seinen Unterihanen durch eine Proklamation verbot, an einer Unternehmung Theil zu nehmen, welche etwa Edward wagen möchte zur Wiedererlangung seines Thrones. Das Benehmen Marwicks, welchen in Verbindung mit Clarence das Parlament zum Protektor des Königreichs während der Minderjährigkeit des Prinzen von Wales erklärt hatte, war des errungenen Triumphes würdig, Er zeigte jetzt eine größere Tüchtigkeit und Weisheit im Regieren, als er noch je an den Tag gelegt. Den» alle seine Leidenschaften hatten fich gewaltig dahin concentrirt, seinen Sieg zu vervollständigen und seine Geisteskräfte zu schärfen, Er verband Milde gegen die geschlagene Partei L7 mit einer Festigkeit, welche jeden Versuch einer Insurrektion zurückwies. Zm schroffen Contrast mit dem Glanz, welcher seine Tochter Anna umgab, meldeten alle Nachrichten von den Demüthigungen, welchen Carl von Burgund den verbannten König unterwarf; und in der Freistatt, unter Mördern und Räubern, gebar die Gattin des bestegten Feindes des Grafen ein Kind männlichen Geschlechtes, getauft und mit einem Namen begabt (scgt der Chronist), „wie der Sohn eines gemeinen Mannes," Dem Rächer und seinen Kindern ward königliches Ansehen und verschwenderischer Pomp zu Theil — dem Flüchtling und seinen Abkömmlingen das Brot der Verbannung oder die Zuflucht der Geächteten. Aber dennoch war des Grasen Glück hohl — eine Statue von Erz ans Füßen von Thon. — Die Stellung eines Mannes, mit dem Namen eines llnterthanS, aber mit der Autorität eines Königs, war eine in England nicht populäre Anomalie. In den vornehmsten GewerbS- und Handelsstädten war längst jene Erbitterung und Feindseligkeit gegen die Aristokratie anfgekeimt, deren sich Heinrich der Siebente bediente, um einen Despotismus zu gründen, und welche selbst noch in Nickern Tagen die hauptsächlichsten Parteikämpfe veranlaßt; aber die neue Revolution war eine solche, an welcher die Städte keinen An- theil gchabthatten. Es war eine Revolution, gemacht von dem Vertreter der Barone und seinen Anhängern. Sie hing mit keinem Fortschritt der Mittelklasse zusammen — sie erschien den Männern des Handels nur als die Ge- waltlhat einer ungestümen mißvergnügten Aristokratie. Selbst der WarwickS Anhängern gegebene Name schon war unpopulär in den Städten. Sie wurden nicht dir Lancastrier, oder die Freunde König Heinrichs genannt; ste hießen damals» und heißen noch so bei dem Chronisten: „des Lord'S Partei." Was nur immer vorzugsweise feudalistisch gesinnt war — die Stolzesten unter den Magnaten — die Derbsten und Rohesten von der Deomanry, — die kriegerischsten von den Rittern sanktionirten die Sache WarwickS durch ihren Beitritt und ihre Ergebenheit; und diese Sanktion gerade mißfiel dem aufstrebenden Geist der Städte. Zu allen Zeiten haben gesummte Cläisen oder Stände einen scharfen Instinkt für ihre besonderen StandcSinteres- sen. Die von dem Grafen durchgesetzte Revolution war der Triumph der Aristokratie, ihr natürliches Ergebniß mußte wohl nothwendig die Verstärkung ganz gewiß der moralischen und vermuthlich auch der politischen Macht seyn, welche dieser kriegerische Stand schon besaß. Daneue Parliament war ihre Schöpfung — Heinrich Vl. war eine Null — sein Sohn ein Knabe von noch unbekanntem Charakter, und den umlaufenden, weitverbreiteten Übeln Nachreden zufolge» seine rechtmäßige Geburt zweifelhaft, und dem Anschein nach war er mit Händen und Füßen gebunden und gefangen in den Garnen de« mächtigen Hauses des Erzbaronen; der Graf selbst hatte nie angcstanden, seinen Widerwillen zu erkennen zu geben LS gegen den Wechsel in der Gesellschaft , welcher allmählig eine ackerbautreibende Bevölkerung in eine gewerbe- und handeltreibende verwandelte. ES mag auch die Bemerkung hier eine Stelle finden, daß eine Mittelklasse sich ebenso selten mit den Idolen des großen Haufens, als mit den Häuptern einer Aristokratie ganz befreundet. Die blinde Anhänglichkeit des Landvolks und des Pöbels an den glänzenden und freigebigen Grafen erschien den Bürgern als das Zeichen einer barbarischen Clanschaft, im Widerspruch mit dem Fortschritt in der Gesittung, nach welchem sie halb unbewußt rangen. Und hier müssen wir einen raschen Blick auf das werfen, was, so weit ein staaiSmännischeS Auge zu blicken vermag, das muthmaßliche Resultat von WarwickS Macht und Regierung gewesen seyn würde, hätte flc Bestand und kräftige Wirkungen gehabt. Wenn schon durch Vor- «rtheil und Geburt an die Aristokratie gekettet, war er doch auch durch Ruf und Gewohnheit an die Volkspartei gekettet — an die Partei, welche noch mehr als die Mittelklasse das Volk in sich schloß — die Mehrheit — die Massen, — sein ganzes Leben war Gin Kampf gegen den Despotismus der Krone gewesen. Obwohl weit entfernt, solche Plane zu hegen, wie sie in ähnlichen Umständen dem tiefen Scharfblick eines italienischen Patriziers sich aufgedrungcn haben würden, im Interesse seines Standes ! hätte doch ohne Zweifel seine Politik ganz dieß Eine Ziel angesteckt: Beschränkung der Monarchie, durch die Macht einer Aristokratie, die, der ackerbauenden Bcvölke- 30 ru»g lieb und iheuer, von dieser Bevölkerung in ihrer kriegerischen Macht und Stärke abhängig, mit ihren Bedürfnissen und Beschwerden vollkommen vertraut, und geneigt war, jene zu befriedigen und diesen abzuhelfen; mit Einem Wort, der große Baron würde die Freiheit sicher gestellt und gefördert haben »ach den Begriffen eines Seigneur und eines Normannen, indem er den König nur zum ersten Edelmann des Königreichs gemacht hätte. Hätte diese Politik lang genug Bestand gehabt um durchzudringen, so würde der nachmalige Despotismus, welcher eine beschränkte Monarchie in eine absolute verwandelte, unter den TudorS, unmöglich gemacht worden seyn, nebst der ganzen blutigen Reaktion, deren Opfer die Stuarts wurden. Des Grafen Familie und sein eignes „großes, väterliches Herz" hatten sich immer Verfolgungen wegen derReligion widersetzt; und rechtzeitige Duldung derLoll- hartcn hätte vielleicht die lange verschobene Rache ihrer Nachkommen, der Puritaner, verhütet. Allmählig hatte vielleicht das System, dar er vertrat, und dessen gesummte Folgen ihm nicht zum Bewußtseyn kamen, die monarchische Reform in eine aristokratische umgewandelt, die jedoch auch auf einer breiten Unterlage volksihümlicher Institutionen hätte ruhen müssen; aber ohne Zweifel hätte sich auch die Mittelklasse, oder genauer die Gewerbe und Handel treibende Claffe, mit all den Mohlthaten, welche ihre Macht und Einfluß begleiten, viel langsamer gehoben, als wirklich in Folge davon geschah, daß sie jetzt schon zum Thci! unter Edward IV- und noch systematischer unter Hein- 31 rich VII. zum Werkzeug benützt wurde, um die Feudalaristokratie zu vernichten, und in Folge hievon für eine lange und traurige Zeit die Willkürherrschast eines einzigen Tyrannen zu gründen. WarwickS Widerwille gegen die Handelsneigungen Edwards war in der That nicht blo- ein patrizischeS Vorurtheil. Es erforderte keinen großen Scharfblick, um einzuschen, daß Edward eine Claffe zu heben beabsichtigte, die, obwohl mächtig, wenn gegen die Barone benützt, doch noch lange ohnmächtig bleiben mußte gegen die Anmaßungen der Krone ; und der Graf sah diese Claffe nicht nur als Feinde seine» Standes an, sondern auch als Werkzeuge zur Vernichtung der alten Freiheiten. Dahingestellt bleibe, welche Politik im Ganzen die glückbringendere für England gewesen seyn würde — diejenige, welche den Despotismus auf die Mittelklasse gründete, oder diejenige, welche eine Aristokratie auf die Neigung und Anhänglichkeit des Volkes sich stützen ließ — aber klar war den aufgeklärteren Bürgern der großen Städte, daß es zwischen Edward von Bork und dem Grafen von Warwick um ein umfassendes Prinzip sich handelte, und der dem Handel günstig gesinnte König schien ihnen ein natürlicherer Bundesgenosse als der feudale -Baron; nnd eben so klar ist uns, jetzt, daß der eigentliche Geist der Zeit für den falschen Edward und gegen den redlichen Grafen stritt. Warwick befürchtete jedoch keine ernstlichen Folgen von der passiven Abneigung der gewerdtrelbenden Städte. 32 Sein kriegerischer Geist ließ ihn den am wenigsten kriegerischen Theil der Bevölkerung verachten. Er wußte, daß die Städte sich nicht gewaffnet erheben würden, so lange ihre Freibriefe geachtet würden; und die langsam untergrabende Feindseligkeit, welche nur in der öffentlichen Meinung sich wirksam zeigt, war sein Verstand, so kräftig in augenfälligen und handgreiflichen Gefahren, nicht scharfblickend genug zu begreifen und zu würdigen. Eine nähere Veranlassung zu Besorgnissen würde ein argwöhnisches Gemüth gefunden haben in dem Benehmen des Eollegen des Grafen im Protektorat — des Herzogs von Clarence. GS war augenscheinlich WarwickS Politik, diesen schwachen aber ehrsüchtigen Mann zufrieden zu stellen. Der Herzog ward, wie zuvor verabredet worden, zum Erben der ungeheuren Besitzungen des Hauses Jork erklärt. Er ward mit dem Vicckönigthum in Irland bekleidet, verschob aber seine Abreise in seine Statthalterschaft bis zur Ankunft des Prinzen von Wales. Die ihm inzwischen bewilligten persönlichen Ehrenbezeugungen waren die einem Monarchen gebührenden; aber immer noch blieb des Herzogs Stirne finster, obgleich er, wenn der Graf e» bemerkte, sich zu anscheinender Heiterkeit aufraffte, und die Versicherungen seiner Treue und Freundschaft wiederholte. Isabellen» Betragen gegen ihren Vater war wechselnd und unsicher; das eine Mal hart und kalt, ein ander Mal, wie wenn geheime Reue sie in entgegengesetztem Sinn bewegte, warf sie sich ihm in die Arme, und bat ihn mit Thränen, ihr ihre eigensinnigen Launen zu verzeihen. Aber der Fluch der Stellung de- Grafen war, was er vor seinem Aufbruch von Ainboise vorausgesehen, und was, mehr oder weniger, immer denjenigen bevorsteht, die, aus welchen Gründen immer, plötzlich die Partei verlassen, mit der sie durch alle Erinnerungen des Ruhms oder der Freundschaft verbunden gewesen. Seine Rache gegen Einen hatte in ihren Folgen aus Viele sich erstreckt, die ihm noch lieb und theuer waren. Er war nicht bloS getrennt von seinen alten Waffengefährten, sondern auch die Ausgezeichnetsten derselben hatte er in die Verbannung getrieben. Er stand allein unter Männern, die in seinem Gemüthc, im Verlauf eines bewegten, thatenreichen Lebens, sich unauflöslich mit bitter» Empfindungen und Erinnerungen von Groll und erlittenem Unrecht verbanden. Unter der fürstlichen Umgebung, welche sich um ihn drängte, begrüßte ihn kein vertrautes Antlitz. Selbst Viele von denjenigen, welche Edward oder vielmehr die WoodvilleS, verabscheuten, traten zurück vor einem so auffallenden Uebergang zu dem Lancastrischen Feinde. Es war ein schwerer Schlag für ein schon verletztes und wundes Herz, als der feurige Raoul de Fulke, welcher Warwick so sehr vergöttert hatte, daß er, trotz seiner hohen Abstammung, dessen Abzeichen auf der Brust getragen hatte, ihn in der stillen Mitternacht aufsuchte und also sprach: „Lord von Salisbury und Warwick, ich erbot mich einmal. Dir als Vasall zu dienen, wenn Du mit dem wollüstigen Edward kämpfen wolltest um die Krone, die nur Bulwer« Romane. vx z 31 die Stirne eines Manne« tragen sollte; und wärest Du jetzt zurückgekehrt, wie einst Heinrich von Lancaster zurückkehrte, um das Scepter des Normannen mit der Hand des Siegers zu ergreifen: ich wäre der Erste gewesen, der gerufen hätte: 'Lang lebe König Richard — Namensbruder und Nacheiferer von Löwenherz!' Aber auf den Thron jene Mönchspuppe setzen und muthige Herzen auffordern zu huldigen einem Plapperer von Ave'S, und einem Rosenkranzbeter, — die Erbfolge in England dem Sprößling der ehebrecherischen Margaretha, *) der verbuhlten Schläch- terin, zuwenden — die Gewalt im Königreich den Männern geben, gegen welche Du selbst mich oft in den Kampf geführt hast mitLanze undSireitart, das heißt eineBahn eröffnen, welche nur zur Entehrung führt, und dahin folgt Raoul de Fülle selbst nicht den Schritten des Lords von " Einet der größten Hindcrnissc für die -Sache der Rothe» Rose war der allgemeine Glaube, daß der junge Prinz nicht Heinrichs Sohn sch. Wäre nicht diese Annahme weit verbreitet und fest geglaubt worden, so wären die Lords, welche im Oktober tllig als Schiedsrichter zwischen Heinrich VI. und Richard von Uodk ihren Spruch fällten, wohl schwerlich zu dem Beschluß gekommen, den Prinzen von Wales ganz bei Seite zu setzen, Heinrich die Krone auf Lebenszeit zu bewilligen und Richard von Vork zu seinem Erben zu erklären. Zehn Jahre früher, ehe der junge Prinz geboren und erwartet war, und wo der Vorschlag wirklich gerecht und vernünftig war, wurde im Hause der Gemeinen beantragt, Richard Herzog von Bork zum nächsten Erben »ach Heinrich zu erkläre», was er, nach dem Geburtsrecht wenigstens, gewiß war; aber der Antrag fand wenig Gunst. und der Antragsteller wurde in den Tower geschickt. 38 Warwick. Unterbrich mich nicht — sprich nicht! Wie Du Edward, so schwöre ich jetzt Dir die Treue ab, und sage Dir für immer Lebewohl!" „Ich verzeihe Dir," antwortete Warwick; „und wenn Du je solche Mißhandlung erfährst, wie ich erfahren habe, wird mich Dein Herz rächen. — Geh!" Aber als dieser stolze Besuch weg war, verhüllte sich der Graf das Angesicht mit den Händen und stöhnte laut. Dann folgte ein vielleicht noch schmerzlicher empfundener Abfall. Katharine de Bonville war des Grafen Lieb- lingsschwester gewesen; er schrieb ihr in das Kloster, in welches sie sich zurückgezogen hatte, uud bat sie zärtlich, nach London zu kommen, „um seinen gequälten Geist aufzuheitern, und die wahre, keinem Brief anzuvertrauende Ursache zu erfahren, die ihn zu Schritten getrieben, welche einst seinen Gedanken am fernsten gelegen." Der Bote kam zurück und brachte den Brief ungeöffnet mit, den» Katharine hatte das Kloster verlassen und war nach Burgund geflohen, ihrem eigenen Bruder, so glaubte Warwick, nicht trauend. Die Natur dieses löwenherzigen Mannes war, wie wir schon gesehen, ganz besonders freundlich, offenherzig und liebevoll; und jetzt, im kritischste», im änglichsten, im qualvollsten Zeitpunkt seines Lebens waren ihm Vertrauen und liebevolle Zärtlichkeit verweigert. Was halte er nicht darum gegeben, nur Eine Stunde in der tröstenden Gesellschaft seiner Gattin zubringen zu können , des einzigen Wesens auf der Welt, 3 * 36 dem sein Stolz den Kummer seines Herzens, oder die Zweifel seines Gewissen» hätte mittheilen können! Ach! nimmermehr sollte er in dieser Welt Liese sanfte Stimme wieder hören! Auch Anna, die zarte, kindliche Anna, war fern — aber sie war glücklich — sie erfreute und wärmte fich an dem kurzen Sonnenschein, und war blind gegen die finster drohenden Wolken. Seine ältere Tochter, mit ihren wechselnden Launen, vermehrte nur noch seine Unruhe und sein inneres Unglück. Warwick hatte nächst Edward vom ganzen Hause Vork den Herzog von Clären« am meisten geliebt; obwohl eine nähere, häusliche Bekanntschaft seine Neigung etwas geschwächt, weil seine Achtung vermindert hatte. Aber jetzt weiter in die Zukunft hinansschauend, erblickte er in dieser Vermählung den Saamen von vielen tiefwurzelnden und wuchernden Bekümmernissen. Je näher Anna und ihr Verlobter der Macht und dem Ruhm standen, um so bitterer ward die Eifersucht Clarence'S und seiner Gattin. So lag in den Verbindungen selbst, welche am meisten sein HauS verstärken zu müssen schienen, der Keim zu Allem, waS die heilige Einigkeit und den Frieden in Familie und Hei- math zerstören mußte. Der Erzbischof von Kork hatte vorsichtigerweise durchaus keinen Antheil an den Schritten und Maßregeln genommen, welche die Aenderung der Dynastie bewirkt hatten — jetzt kam er, um die Früchte zu ernten; er huldigt« Heinrich dein Sechsten, empfing das KanzlerSfiegel, und spann wieder Jntriken um den Kardinalshut an. 37 Aber zwischen dem kühnen Krieger und dem schlauen Priester konnte nur wenig von der Zärtlichkeit brüderlicher Liebe und Vertrauens herrschen. Mit Montag» allein konnte der Graf in rückhaltsloser Herzlichkeit stch besprechen, und ihre gleiche Lage, und gewisse Punkte der Uebereinstimmung in ihrem Charakter, die jetzt deutlicher und entschiedener hervortraten, machten jetzt ihre Freundschaft für einander fester und zärtlicher, während sie allen ^sonstigen Banden entfremdet wurden, als ste je früher gewesen war. Aber der Marquis sah stch bald genöthigt von London wegzugehen auf seinen Posten als Gouverneur der nordischen Marken; denn Warwick hatte nicht die übermüthige Zuversicht Edwards, und vernachläßigte keine Vorsicht gegen die Rückkehr des entthronten Königs. So stand denn der Königmacher einsam und allein da,— von Prunk und Macht umgeben — das Werk seiner Rache vollendet, sein Ehrgeiz befriedigt, aber das Be- dürfniß der Liebe ungestillt — mit wundem Herzen und furchtloser Stirne — unter alten Feinden, die er glücklich gemacht, und alten Freunden, ihm entfremdet und zu Grunde gerichtet; und mit jedem Tag zeigten sich mehr die allzufrühen Spuren von Gran in den rabenschwarzen Locken des starken Mannes. 38 Drittes Kapitel. Weitere Blicke in das Herz des Menschen, und in das Glück der Macht, Aber wehe jedem Manne, der zur Macht sich berufe» sieht mit übertriebenem Vertrauen zu seinem Vermögen, Gutes zu wirken! Wehe dem Mann, den der große Haufe als einen Kämpen des Volkes betrachtet hat, und der Plötzlich zum Hüter des Gesetzes wird! Die Gemeinen in England hatten die Verbannung des guten Grafen nicht bloS bejammert aus Sehnsucht »ach seinem reich besetzten Tisch, und ans Bewunderung seiner gewaltigen Streitart; nicht bloS Mitleid, oder sein Ruhm, war die Ursache, daß sein „Name in jedem Lied ertönte," und daß» nach dem starken Ausdruck des Chronisten, das Volk meinte, „die Sonne sey offenbarlich aus der Welt genommen, wenn er nicht da sey," Man kannte ihn als den Mann, der immer dem Mißbrauch der Gewalt zu wehren, das Unrecht, das die Armen erduldeten, gut zu machen gesucht hatte, der selbst im Kriege seinen Rittern verboten hatte, auf die Gemeinen einzuhauen. So ward er denn als ein Verbesserer des gesellschaftlichen Zustandes betrachtet; und wunderbar in der That, entsprechend seinem Rufe und seiner Popularität , waren die Dinge, die man von ihm geleistet zu sehen erwartete; und seine gründliche Kenntniß des englischen Charakters, seine genaue Bekanntschaft mit allen Klaffen — besonders den niedrigsten wie den höchsten — ver- 39 Lunden mit der Kraft und Lebendigkeit seines tüchtigen Verstandes, befähigten ihn ohne Zweifel, gleich von Anfang an den gesetzwidrigen Gewaltthätigkeiten Schranken zu setzen, welche die Negierung Edwards geschändet hatten. Die schändlichen Erpressungen der königlichen Vögte und Einnehmer hörten auf — die wahrhaft räuberischen Ercesse der roheren Barone und Adeligen wurden streng bestraft—das Land fühlte, daß eine starke Hand die Zügel der Macht hielt. Aber was ist Gerechtigkeit, wenn die Menschen Wunder verlangen? Der Bauer und der Arbeiter waren erstaunt, daß die Löhne nicht verdoppelt wurden — daß man nicht für einen Gotteslohn Brod bekam — daß die Ungleichheiten des Lebens dieselben, die Reichen noch immer reich, die Armen arm blieben. In den ersten Tagen der Revolution stellte sich Sir Geoffrey Gates, der Freibeuter, des Grafen nachsichtige Politik nicht begreifend, und seiner Gewohnheit nach begierig, von einem Sieg auch die herkömmlichen Früchte des Raubes und der Plünderung zu ernten, an die Spitze eines bewaffneten PübelhaufenS, marschirte von Kent nach den Vorstädten Londons, und fing an, verbunden mit einigen Nichtswürdigen aus den verschiedenen Freistätten, zu sengen und zu brennen, zu plündern und zu morden. Der Graf stillte diese Insurrektion mit Entschlossenheit und Raschheit, und groß war das Lob, darr dafür erntete. Aber allgewaltig ist das Mitgefühl, welches die Armen für die Armen empfinden! Und sogar als der Abschaum des Pöbels einmal WarwickS Schwert 40 fühlt« / muß der Enthusiasmus der Menge theilweise von ihm abgefallen sehn. Robert Hilyard, der einen so großen Antheil an der Wiedereinsetzung der Lancastrier gehabt hatte, nahm jetzt seine Wohnung in der Hauptstadt; und wie immer verlangend, den Gang der Ereignisse zum Vortheil des Volkes zu lenken, sah er mit der Wuth getäuschter Hoffnung, daß bis jetzt keine Partei außer den Edelleuten wirklich triumphirt hatte. Gr hatte gewünscht, eine Revolution zu bewirken, die man eine volksmäßige nennen könnte, und er hatte zu einer geholfen, die man „des Lords That" nannte. Die Neigung, die er für Warwick empfunden hatte, entsprang hauptsächlich daraus, daß er ihn als ein Werkzeug betrachtete, die Gesellschaft vorzubcreiten für die mehr demokratischen Veränderungen, die er einzufüh- rcn sich sehnte; und siehe da! er selbst war das Werkzeug gewesen zur Verstärkung der Aristokratie. Die Gesellschaft kam nach dem Sturm wieder zur Ruh — der Edelmann behielt sein Heer — der Demagog hatte seinen Pöbelhaufen verloren. Obgleich in ganz England schon die Grundsätze verbreitet waren, welche am Ende den Feudalismus vernichten sollten, und dahin gingen: die trotzigen Barone zu seidenen Lords zu erniedrigen — die Kirche zu reformiren — durch das Repräsentativsystem die Reife der Republik anzubahncn, so waren doch diese Grundsätze nur erst im Keime vorhanden; und wenn Hilyard sich unter die Kaufleute oder Handwerker von London mischte, und eine Partei zu bilden suchte, welch« Etwas von fester Politik und von einem bestimmten Zweck verstände, sah er sich von den Einen als träumischer Fanatiker, und von den Andern als gefährlicher Wagehals angsgafft. So seltsam cs klingt — Warwick war der einzige Mann, der ihm mit Aufmerksamkeit zuhörte; — der hinter der Zeit zurückbleibende, und der ihr voraneilende Mann haben immer einen Zollbreit Boden gemeinsam; Beide wünschten die Freiheit zu fördern; Beide liebten redlich und warm die Massen, aber Jeder in dem Geiste seines Standes ; Warwick vertheidigte die Freiheit, als drohte ihr vom Throne, Hilyard, als drohte ihr von den Baronen her Gefahr. Dennoch, trotz ihrer abweichenden Ansichten und Bestrebungen, war jeder von der Rechtlichkeit des Andern so überzeugt, daß es mir eines offenen Feindes im Feld bedurfte, um sie so wie früher zu vereinigen. Der natürliche Bundesgenosse des populären Baronen war der Anführer des großen Hausens des Volkes. Einige geringere, doch auch ernsthafte Verdrüßlich- keiten erschwerten noch mehr die Verlegenheit der Stellung des Grafen. Margarctha'S Eifersucht hatte ihm zur Pflicht gemacht, alle Belohnungen an Lords und Andere zu verschieben, und alle großen Regierungsakte, alle Verleihungen von Aemtern, Ländereien, Pfründen, andre lästige Weitläufigkeit einer vorherigen Genehmigung im StaatSrath gebunden. Und Wer kennt nicht die Erwartungen und Ansprüche der Menschen nach einer glücklichen Revolution! Die königliche Schatzkammer war so leer, daß selbst der gewöhnliche Hofhalt für eine Zeit laug 42 aufgehoben werden mußte; und da baareS Geld damals unglaublich rar war, reichten die gewaltigen Einkünfte Marwicks nur eben gerade hin, die Kosten des Zuges zu decken, durch welchen, aus seinen Mitteln, die Lancastrische Linie wieder auf den Thron gesetzt worden war. Eine harte Lage, für die Großmuth sowohl als für die Klugheit, gerechte Ansprüche und tapfere Dienste mit Entschuldigungen abspeisend hinauSzuziehen! Mit gespannter, sehnsüchtiger, ungeduldiger, qualvoller Erwartung sah der Graf der Ankunft Margaretha'S und ihres Sohnes entgegen. Die ihm während ihrer Abwesenheit auferlegten Bedingungen lähmten und schwächten alle seine HülfSquellen. Verschiedene selbst von den Lancastrischcn Gdelleuten hielten sich ferne, so lange sie keine andre Autorität wirksam sahen, als die Marwicks. Vor Allem baute er Viel auf den Eindruck, welchen die Anwesenheit des jungen Prinzen von Wales, seine Schönheit, seine Anmuth, sein offener Geist — mild wie der seines Vaters, kühn wie der seines Großvaters, auf die ganze träge und neutrale Masse des Publikums machen würde, dessen Gunst, einmal gewonnen, die feste und bleibende Stärke einer Regierung ausmacht. Schon die äußere Erscheinung dieses Prinzen, Hoffee er, werde sogleich die verleumderischen Gerüchte in Betreff seiner Geburt zerstreuen. Seine Ähnlichkeit mit seinem heldcn- müthigen Großvater werde hinreichen, ihm die Herzen Aller zu gewinnen, von welchen er, abwesend, alS ein Fremder, als ein zweideutiger Ausländer betrachtet wor- 4L den war. Wie oft seufzte der Graf: „Wenn nur der Prinz hier wäre, dann wäre Alles gewonnen!" Heinrich war schlimmer als eine Null — er war ein ewiges Hinderniß. Seine guten Abfichten, seine ängstlich gewissenhafte Frömmigkeit machten ihn immer geneigt, fich einzumischen. Die Kirche hatte schon fich seiner bemächtigt, «nd ihn getrieben, Proklamationen gegen die heimlichen Lollharten zu erlassen, welche ihm auf Einen Schlag die Herzen der Hälfte seinerNnterthanen geraubt haben würden. Dieß verhinderte Warwick, zum großen Mißvergnügen des redlichen Fürsten. Der Augenblick erheischte all den Zauber, den eine einnehmende Persönlichkeit und ein glänzender Hof ansüben konnten, lind Heinrich, froh über di« Armuth seiner Schatzkammer, hielt es für Sünde, mit irdischen Herrlichkeiten zu prunken. „Der Himmel wird mich wieder züchtigen," sagte er sanft, „wenn ich, eben befreit ans einem Kerker, meine unwürdige Person mit allen Eitelkeiten vergänglicher Gewalt vergolde!" Keine Sphäre war, die nicht durch den Frost der Tugend dieses armen Königs irgendwie wäre verdüstert worden. Die muntern Jünglinge, welche an dem verlockenden Hof Edwards des Vierten geschwärmt und fich lustige Tage gemacht hatten, hörten mit verachtendem Spott die ernsten Predigten Heinrichs an über die Länge ihrer Schmachtlocken und der Schnäbel an ihren Schuhen. Die tapfer» Krieger, die ihm um belobt zu werden vorgestellt wurden, unterhielt er mit Betrachtungen über die Sündhaftigkeit des Krieges. Selbst der arme Adam 44 ward belästigt und gequält durch Heinrichs fromm« Besorgnisse, er suche durch eitle Wissenschaft sich über den Willen der Vorsehung zu erheben. Und doch, so seltsam es klingt, der Graf gewann den König, obgleich dieser unaufhörlich seinen ungestümen Geist reizte und ärgerte, doch immer mehr lieb. Diese vollkommene Unschuld, diese Entfernung von aller Tücke und Selbstsucht, in einem Zeitalter, das von keinem je an Tücke, Falschheit und selbstsüchtiger Verstellungsknnst übertroffen wurde, erregte ebenso sehr WarwickS Bewunderung als sein Mitleid. Wa» nur immer «inen Contrast mit dem Wesen Edward» de- Vierten bildete, hatte einen Reiz für ihn. Er bemeisterte seine hitzige GemüthSart und dämpfte seine gewaltige Stimme in seiner heiligen Nähe; und die innige Ueberzeugung von der Hohlheit aller weltlichen Größe, welche durch den Besitz weltlicher Grüße selbst sich dem Gemüth des Grafen lebhaft aufgedrungen hatte, bewirkte eine einigermaßen verwandte Stimmung bei dem sanftmüthtgcn Heiligen und dem feurigen Krieger. Zum hundertsten Mal seufzte Warwtck, wie er Heinrich verließ: „Wäre doch mein wackrer Schwiegersohn gekommen! sein Geist wird bald das Regieren lernen, wo dann Marwick entbehrlich werden wird! Ich bin müde — arg müde der Ausgabe, die Menschen zu beherrschen!" „Heiliger St. Thomas!" rief derb und treuherzig Marmaduke, an welchen er diese traurigen Worte gerichtet hatte — „so oft Ihr den König besucht, kommt Ihr zu- 45 rück — verzeiht mir, mein Lord, den Ausdruck — mit dem Muth nur einer halben Mannes. Er würde Euch bald zu einem Mönch machen!" „Ach!" sagte Warwick nachdenklich, „es sind schon größere Wunder geschehen, als dieß wäre. Unsere kühnsten Väter starben oft als die sanftmüthigsten Kuttenträger. Wenn ich dieß Königreich so lauge regiert hätte wie Heinrich, — ja, wenn nur dieß Leben, wie ich es jetzt führe, noch zwei Jahre fortdauerte, mit seiner sieberhaften Unruhe und Aufregung, so könnte ich wohl die Süßigkeit des Klosters und der zurückgezogenen Ruhe mir mit Sehnsucht vorstellen. Wie ist der Wind? Noch immer ihnen zuwider — noch immer ihnen zuwider! Ich kann dieß unentschiedene Harren nicht ertragen!" Die Winde waren immer, wie es den Anschein hatte, Margarethen von Anjou feindselig und widerwärtig gewesen, aber nie mehr als jetzt. Ein so lange fortdauerndes stürmisches und ungünstiges Wetter hatte man seit Menschengedenken nicht erlebt; und wir glauben, es hat in der Geschichte kaum seines gleichen. Des Grafen Verheißung, König Heinrich wieder einzusetzen, war im Oktober erfüllt worben. Vom November bis zum April des nächsten Jahres mußte Margaretha, mit dem jungen fürstlichen Paar und der Gräfin von Warwick. eine« günstigen Windes harrend, im Hafen liegen bleiben. Dreimal stach sie, trotz aller Warnungen der Seeleute von Harsteur in die See, und dreimal wurde sie an die Küste der Normandie zurückgeworfen, und ihre 46 Schiffe sehr beschädigt. Ihre Freunde betheuerten, diese Bosheit der Elemente müsse durch Zauberet verursacht seyn — ein Glaube, welcher in England Boden gewann» dte Herzogin von Bedfort sehr erfreute, und Bungey neuen Ruf einbrachte, welcher sich alles Verdienst anmaßte, und dessen Wttterungslunde dteßmal in der That sich durch richtige Verkündigungen bewährte. Viele drangen in Margaretha, die Vorsehung nicht zu versuchen und sich nicht der See anzuvertrauen; aber die Königin blieb fest bei ihrem Vorhaben, und ihr Sohn lachte über Vorbedeutungen — aber noch immer konnten die Schiffe den Hafen nur verlassen, um wieder ans Land zurück getrieben zu werden. Tag für Tag war die erste Frage Marwicks, wenn die Sonne aufging: „Wie steht der Wind?" Nacht für Nacht seufzte der G«af, ehe er sich zur Ruhe begab: „der Wind steht schlecht!" die Stürme, welche die Ankunft der königlichen Familie hinderten, führten den wider Willen Säumenden einen Eilboten um den andern, einen Gesandten um den andern zu, und endlich begab sich Marwick, dem es unmöglich fiel, die schmerzliche, quälende Ungewißheit in der Entfernung zu ertragen, selbst nach Dover, und schaute dort von den weiße» Klippen allstünd- lich nach den Schiffen aus, welche 'Lancaster und sein Glück' bringen sollten. DaS wirkliche auf der Wache Stehen aber wurde ihm unerträglicher, als die Erwartung in der Ferne, und der Graf reiste bekümmert nach seinem Schloß Warwick ab, wo Isabelle und Elarence 47 sich damals befanden. Ach! wo blieb das alte Lächeln der trauten Häuslichkeit? Viertes Kapitel. Die Rückkehr Edwards von Kork. Nnd die Winde bliesen immer fort, und Sturm herrschte auf dem Meer, und Margaretha kam nicht» — als in dem ungestümen Monat März die Fischer am Hum» der ein einzelnes Schiff sahen, ohne Flagge nnd Fahne, und arg zngerichtet und zerzaust von widerwärtigen Winden, welches muthig gegen das Land heran kämpfte. Das Schiff war nicht von englischer Bauart, und glich in seiner Größe und Eonstrnktion denen, welche die Morgenländer bei ihrem Handel gebrauchte»; halb Kauffahrer, halb Kriegsschiff. Die Bewohner vom Dorf Ravenspur, — gegen dessen Bucht das Schiff jetzt aus allen Kräften heranstrcble, — in der Meinung es sey ein Handelsfahrzeug in Nöthen, drängten sich am Ufer zusammen und Einige setzten ihre Boote aus. Aber das Fahrzeug setzte seine Fahrt fort, und da das Wasser, von der.Fluth geschwellt, ungewöhnlich tief war, warf es in aller Stille dicht bei der Küste Anker, eine Viertelmeile von dem Menschenschwarm entfernt. Der Erste, der ans Land sprang, war ein Ritter von hohem Wüchse, und in vollständiger Waffenrnstung, reich 48 singelegt mit goldenen Arabesken. Ihm folgte ein Zweiter, auch in Stahlrüstung, und obgleich Wohl gebaut und von guten Kürperverhältniffen, doch von weniger majestätischem Aeußern. Und dann kamen nach einander aus dem Schooße dieses dunkeln Schiffes eine Anzahl bewaffneter Soldaten heraus, unendlich größer als man es nach seinem Aussehen hätte vermuthen sollen, bis der Ritter, der zuerst an's Land gesprungen, in der Mitte einer Truppe von etwa fünfhundert Mann stand. Dann wurden aus dem Schiffe, gerüstet und gezäumt, etwa acht Dutzend Pferde an's Land gesetzt; und zuletzt kamen die Matrosen und Ruderer, nur mit Stahlhauben und kurzen Schwertern bewaffnet, an's Land, bis nicht Eine Seele mehr an Bord war. »Jetzt," sagte der vornehmste Ritter, „sey Gott und St. George Dank gesagt, daß wir dem Wasser entronnen find, und nicht mehr mit unsichtbaren Winden, sondern mit leibhaftigen Feinden hinfort den Kampf zu bestehen haben." „Edler Sire," schrie ein Ritter, der unmittelbar nach dem ersten Sprecher an's Land gestiegen war, und der nach seiner Haltung und Rüstung von höherem Range schien als Diejenigen, welche ihm folgten— „Edler Sire, das ist ein kleine- Heer, um ein Königreich wieder zu erobern! Betet zum Himmel, daß unsre kühnen Genossen auch den Fluthen mögen entkommen seyn!" „Ha wahrhaftig, wir find freilich unserer nicht genug, um auch nur Einen Mann missen zu können," sagte der vornehmste Ritter in munterem Lone; »aber seht! cS fehlen nicht Leute, die uns willkommen heißen!" Und er deutete auf den Hausen der Männer aus dem Ort, welche sich jetzt langsam der kriegerischen Gruppe näherten, aber in einer kleinen Entfernung stehen bleibend, sie fortwährend mit einiger Unruhe und Angst betrachteten. „Heda, guten Leute!" schrie der Anführer, auf den Haufen zuschreitend, „welchen Namen gebt Ihr diesem Dorfe?" „Ravenspur, mit Euer Gestrengen Berlaub," antwortete Einer der Bauern. „Navenspur — hört Ihr das, Lords und Freunde? Nehmen wir die Vorbedeutung an! An dieser Stelle landete, von der Verbannung heimkehrend, Heinrich von Bolingbrok-, nachmals in unfern Annalen bekannt als König Heinrich der Vierte! Entblößt ist der Boden von Korn und von Bäumen — er verschmäht geringere Früchte; er trägt Könige! Horch!" der Ton eines Hifthorns ließ sich in einer kleinen Entfernung vernehmen, und nach wenigen Augenblicken sah man einen Trupp von etwa hundert Männern auf einer kleinen Anhöhe Auftreten, und wie die beiden Schaaren einander erkannten, begrüßten sie sich gegenseitig mit einem lauten Freudengeschrei. Wie diese neue Verstärkung herbei kam, wagten sich die Bauern und die Fischer, durch Neugier angelockt, und «rmuthigt durch das friedliche Gebahren der Gelandeten, näher, und mischten sich unter die zuerst Angekommenen. Butwer'» Roman: 61. 4 50 „Was für eine Art Leute sehd Ihr, und was begehrt Ihr?" fragte Einer von den Umstehenden, der etwas mehr Bildung zu haben schien als die Uebrigen, und der wirklich ein kleiner Freisaßc war. Keine Antwort ward ihm gegeben von Denjenigen, an welche seine Frage zunächst gerichtet gewesen war; aber der vornehmste Ritter hörte die Frage, und plötzlich seinen Helm losschnallend, und ihn Einem aus seinerUm- gebnng reichend, wandte er dem Haufen ein Gesicht von ausgezeichneter Schönheit, belebt und majestätisch zugleich, zu, und sagte mit lauter Stimme: „Wir sind Engländer wie Ihr, und wir sind hieher gekommen, unsere Rechte in Anspruch zu nehmen. Zhr scheint tüchtige und ehrliche Leute zu seyu. Standartenträger, entfaltet unsre Fahne!" Und wie der Fahnenträger plötzlich das Abzeichen enthüllte, eine Sonne, im azurblauen Felde, fuhr der Anführer fort: „Marschirt unter diesem Banner, und für jeden Tag, den Ihr dient, sollt Ihr einen Monatssold bekommen!" - „Wahrhaftig!" sagte der Freisaße mit argwöhnischem, finsterem Gesicht, „das sind große Worte. Und Wer sepd Ihr," Herr Ritter, der Ihr in König Heinrichs Königreich Mannschaft aufbieicn möchtet?" „AufEure Kniee, Bursche!" schrie der zweite Ritter. „Seht Euern wahren Fürsten und Oberherrn, Edward den Vierten! Lang lebe König Edward!" Die Soldaten stimmten in den Ruf mit ein, welcher kräftig und lustig wiederholt wurde von der kleineren 51 Truppe, die jetzt auf dem Platze ankam; aber keine Antwort erfolgte von dem Vvlkshausen. Sie sahen einander mit Bestürzung an, und zogen sich eilig ans der Milte der Truppen zurück. In der That war die ganze Umgegend Warwick zugeihan, und viele von den Bauern der Nachbarschaft hatten an dem früher» Aufstand unter Sir John Coniers Theil genommen. Der Freisaße allein zog stch nicht mit den klebrigen zurück; er war ei» kecker, gerader, tüchtiger Kerl, mit gutem englischem Blut in den Adern. Und als das Geschrei aufhvrtc, sagte er kurz: „Wir hier herum kennen keinen andern König als Heinrich. Wir fürchten. Ihr wollet uns täuschen. Wir können nicht glauben, daß ein großer Lord, wie der den Ihr Edward den Vierten nennt, mit einer Handvoll Männer landen würde, um sich mit den Heeren Lord Warwicks zu messen. Wir rathen Euch warnend, wieder Euer Schiff zu besteigen, und so schnell wieder zu gehen, als Ihr gekommen seyd ; denn der Magen Englands ist der Händel und Schläge satt: und was Ihr im Schilde führt, ist Hoch- verrath!" Aus der neu angckommenen Truppe trat ein Jüngling von kleinem Wüchse, nicht in einer Rüstung, und mit vielen Spuren übler Witterung an seinem prächtigen Anzug. Er legte seine Hand auf des Freisaßen Schulter und sagte: „Ehrlicher und aufrichtiger Gesell, Ihr habt Recht; entschuldigt die närrische Aufwallung dieser tapfer» Männer, die es noch nicht vergessen können, daß ihr Anführer die Krone,getragen hat. Wir kommen zurück, st * 52 nicht um die Ruhe dieses Königreichs zu stören, noch um irgend Etwas gegen König Heinrich zu unternehmen, welchen die Heiligen begünstigt haben. Nein, bei St, Paul, wir kommen nur zurück, um unsre ungcrcchterweisc eingezogenen Ländereien zurück zu fordern. Mein edler Bruder hier ist nicht König von England, wenn das Volk es nun nicht will, aber er ist Herzog von Kork, und er wird sich begnügen, wenn man ihm Titel und Ländereien zustchert, die ihm unser Vater hiiiteilaffen. Was mich betrifft, Richard von Gloucestcr genannt, ich verlange Nichts, als die Erlaubniff, meine Mannesjahre da zu verleben, wo ich meine Jugend verlebt habe, unter den Augen meines berühmten Pathen, Richard Nevile, Grafen von Warwick, Dieß könnt Ihr über nnS berichten. Wohin führt jene Straße ?" „Nach Port," antwortete der Frcisaße, trotz seiner bessern Einficht besänftigt durch die unwiderstehliche An- muth der Stimme, womit Obiges gesprochen wurde. „Dorthin wollen wir ziehen, mein Herr Herzog und Bruder, mit Eurer Genehmhaltung," sagte Prinz Richard ; „friedlich und als Bittsteller, Gott behüte Euch, Freunde und Landsleute t bittet für uns, daß König Heinrich und das Parlament uns unser Recht gewähren möge. Wir find nicht allzu reich jetzt, aber es kommen Wohl noch bessere Zeiten, Milde Gaben!" und beide Hände mit Münzen aus seiner Tasche füllend, warf er das-Geld unter die Landleule. „stlillo tonnerros! Was will er mit dem demülht- SS gen Geschwätz von König Heinrich und dem Parlament!" flüsterte Edward dem Lord Sah zu, während der Haufe fich um die Münzen raufte, und Richard sich lächelnd unter sie mischte und sich mit dem Freisaßen besprach. „Laßt ihn nur, mein Gebieter, ich bitt'Euch; ich errathe seine weise Absicht. Und jetzt zu unser» Schiffen! Was für Befehle für den Patron?" „Die andern Fahrzeuge mögen segeln oder Anker werfen wie sie wollen. Aber für das Schiff, das Edward, König von England, nach dem Land seiner Vorfahren getragen hat, gibt es keine Rückkehr." Der königliche Abenteurer winkte hierauf dem flämischen Schiffspatron, der mit allen Matrosen, die an Bord gelvesen, auch ans Land gestiegen war; und dis weilen Kleider der Seeleute machten einen seltsamen Contrast mit den Panzern der Krieger, unter die sie sich gemischt hatten. „Freund," sagte Edward auf Französisch, „Du hast gesagt, Du wollest mein Schicksal theilcn, und Deine guten Bursche sehen nicht minder frischen MutheS und von zuverlässiger Treue." „So ist es, Sire. Nicht Ein Mann ist darunter, der Dein Gesicht geschaut, und Dejne Stimme gehört hat, und der nicht dem zu dienen wünschte, auf dessen Stirne die Natur das Wort: 'König' geschrieben hat." „Und glaubtmir," versetzte Edward, „kein Prinz von meinem Blute soll mir theurer sehn als Ihr und di« Eu- rigen, meine Freunde in Gefahr und Roth. Und da dem 84 so ist, so sollte das Schiff, das solche Herzen und solche Hoffnungen getragen hat, wahrlich keine geringere Fracht mehr führen. Ist Astes bereit?" „Ja, Sire, wie Ihr befohlen habt. Der Pulverstreif zum Anzünden ist gestreut." „Auf denn, mit dem Feuersignal, und möge eS von Klippe zu Klippe, von Stadt zu Stadt verkündigen, daß Edward der Plantagenet, einmal zurückgckehrt nach England, es nur wieder verläßt um ins Grab zu steigen!" Der Patron verbeugte sich und lächelte grimmig.. Die Matrosen, welche vorbereitet waren auf die Verbrennung des Schiffes, die zuvor schon zwischen dem Patron und dem Fürsten verabredet worden war, und deren sorglose Herzen Edward ganz und gar für seine Person und seine Sache gewonnen hatte, folgten dem Ersteren z» dem Schiff und standen in schweigenden Gruppen am Ufer. Die Soldaten, weniger unterrichtet, gafften gleichgültig hinaus, und Richard trat jetzt wieder an Edwards Seite. „Bedenkt," sagte er, indem er ihn beiseite zog, „daß Heinrich von Bolingbroke, als er auf dieser Stelle landete, nicht erklärte, er marschire gegen den Thron Richards des Zweiten! Er gabvor, er fordere nur sein Herzogthum zurück — und die Leute ließen sich von der Gerechtigkeit des Anspruchs bestechen, bis sie Werkzeuge des Ehrgeizes wurden. Dieß sey auch Eure Politik; mit zweitausend Mann seyd Ihr nur Herzog von Dort; mit zehntausend Mann seyd Ihr König von England! Auf dem Wege hieher begegnete ich Vielen, und wie ich die SS Stimmung des Bezirks ausforschte, fand ich ihn noch nicht reif, Euer Wagniß zu theilen. — Aber die Welt reift schnell, wenn es gilt, dem Erfolg beizufallen!" „O glattes Antlitz des jungen Knaben! o tiefe Weisheit eines Greisen!" sagte Edward bewundernd; — „welch einen König hättest Du gegeben!" Eine plötzliche Glut flog über des Prinzen blaffe Wange, und ehe sie verschwunden, ward eine flammende Fackel hoch in die Luft geschleudert — sie fiel wirbelnd in das Schiff — ein Augenblick und ein lautes Krachen — ein Augenblick, und eine gewaltig lodernde Flamme! Vom Verdeck, die Segel entlang, sprang ein Feuermeer empor, „Ein Ricscnbart von Flammen;" es röthete die Küste — den Himmel weit und breit — es warf seine Gluten auf die Gesichter und die Stahlharnische des kleinen Heeres — es ward auf Meilen weit gesehen von den Wächtern manches Castells,,bemannt mit den Truppen von Lancaster — es brachte maqcheS Roß aus dem Stall, manchen Eilboten in den Sattel; — es setzte Alles in hastige Bewegung, wie in der alten Zeit das Signalfeuer, welches der Clytemnestra die Rückkehr des Königs von ArgoS verkündigte. Von einem Posten zum andern jagte mit RoffeSschnelligkeit die Feuerkunde, bis sie Lord Warwick auf seinem Schloß, König Heinrich in seinem Palast, Elisabeth in ihrer Freistatt erreichte. Wieder drückte der eiserne Schritt des furchtlosen Edward seine tiefen Spuren dem Boden Englands ein. 56 Fünftes Kapitel. Die Fortschritte des Plantagcnet. Wenige Worte genügen, um die oben berichtete gefahrdrohende Landung zu erklären. Obgleich der Herzog von Burgund durch eine öffentliche Proklamation seinen Nnterthanen verboten hatte, dem verbannten Edward Hülfe zu leisten: gab er doch am Ende, entweder bewegt durch die Bitten seiner Gemahlin, oder der Vorstellungen und Vorwürfe seiner Schwagers müde, unter der Hand dem entthronten Monarchen 50,000 Goldgulden, um sich Truppen zu werben, und miethete heimlich flämiiche und holländische Schiffe, um ihn nach England überzuführen. Aber so klein war die Streitmacht, welcher der kühne Edward sein Glück anvertraute, daß es beinahe schien, als habe ih« Burgund nur in seinen Untergang schicken wollen. Er segelte von der Küste von Seeland ab; die Winde, wenn auch minder unbändig, als diejenigen, welche den Hafen bestürmten, wo Margaretha und ihre Flotte günstiger Witterung harrten» waren doch immer ungünstig. Von der Küste von Norfolk zurückgescheucht durch die Wachsamkeit Marwicks und OrfordS, welche diesen Bezirk mit bewaffneter Mannschaft besetzt hatten, wurde er von Sturm und Unwetter endlich nach Humber-Head getrieben, wo wir ihn haben landen sehen, und von wo wir ihn weiter begleiten müssen. Die kleine Schaar trat den Marsch an und macht« 57 für die Nacht Halt in einem kleinen Ort zwei Mellen landeinwärts. Einige Männer wurden dann zu Pferde auS- geschickt, um Nachrichten von den andern Schiffen einzuziehen, welche den Rest des JnvasionsheereS bringen sollten. Diese hatten glücklich ihre Landung an verschiednen Punkten bewerkstelligt, und vor Tagesanbruch waren Anthony Woodviiie und die übrigen Truppen zum Anführer einer Unternehmung gestoßen, welche nur das tollkühne Wagestück der Verzweiflung schien, denn seine Streitmacht betrug im höchsten Fall, eingerechnet die wenigen Matrosen, welche die Fahne des Abenteurers angelockt hatte, etwa zweitausend Mann. Einste, ängstliche Berathung ward jetzt gepflogen. Hede der verschiednen Abiheilungen brachte die übereinstimmende Nachricht von der mürrischen Gleichgültigkeit der Bevölkerung, welche jede gesucht hatte zu Gunsten Edwards in Bewegung zu bringen. Leichte Reiter wurden in verschiednen Richtungen auSgcsandt, um noch weiter die Umgegend auszuforschen. Alle kehrten vor Mittag zurück, manche mit Wunden, und übel zugerichtet von den Steinen und Knütteln der Landleute, und nicht Eine Stimme hatte man den Ruf wiederholen hören: „Lang lebe König Edward!" Jetzt ward einstimmig die tiefe Schlauheit und Klugheit von GloucesterS listigem Rath erkannt. Richard schickte heimlich einen Brief an Clarence ab: und cs ward beschlossen, geradezu nach Uork zu marschiren, und überall unterwegs auszusprengen, der Flüchtling sey nur zurückgekehrt, um sein Privaterbe zurückzufordern, und dem Parliament Vorstellungen zu ma- 88 chen, welches das Herzogthum Uork seinem jünger« Bruder Clarencc ertheilt hatte. „Solch eine Gewalt," sagt die Chronik, „übt die Gerechtigkeit immer über die Menschen aus, daß Alle, von Erbarmen oder Mitleid bewegt, ihn entweder zu begünstigen begannen, oder ihm doch keinen Widerstand leisteten." Und so, das Lancastrische Abzeichen des Prinzen Von Wales, die Straußenfeder, tragend, und unterwegs rufend: „Lang lebe König Heinrich!" langten die Lügner mit eherner Stirne, vier Tage nach ihrer Ausschiffung, vor den Thoren von Kork a». Hier ward erst »ach langem Verzug und Unterhandeln Edward eingelassen, und nur als Herzog von Uork, und unter der Bedingung, daß er schwüre, ein treuer und loyaler Diener König Heinrichs seyn zu wollen; und an dem Thore, durch welches er einziehcn sollte, leistete Edward wirklich diesen Eid, und ein Priester war da, welcher die Messe sang zur Meßzeit, und nahm den Leib unserS heilige» Erlösers." Edward verweilte nicht lange in Uork; er eilte weiter. Zwei große Edelleute bewachten diese Distrikte — Montag», und der Graf von Northumberland , welchem Edward seine Ländereien und Titel wiedergegcben, und der, unter der Bedingung, sie behalten zu dürfen, wieder in dis Dienste von Laneaster geirrten war. Dieser Letztere, der es wohl verstand den Mantel nach dem Winde zu hängen und es schon mit allen Parteien gehalten hatte, erachtete es jetzt der Klugheit gemäß, neutral zu bleibe». * Aber Edward mußte auf nur wenige Meilen Entfernung am Castell Pontcfrakt vorbeizicheu, wo Montag» mit einer Macht lag, die ihn auf Einen Schlag vernichten konnte. Edward war auf den Angriff gefaßt, aber er hoffie den Marquis zu täuschen, wie er die Bürger von Bork getäuscht hatte, zumal vermöge der großen persönlichen Zuneigung, welche Montagu ihm jederzeit bewiesen hatte.' Wo nicht, so war er gleicherweise bereit, auf dem Schlachtfeld zu sterben, lieber als daß er wieder das bittre Brod der Verbannung gegessen hätte. Aber zu seiner unbeschreiblichen Freude und lleberraschunz blieb Montagu, wie Rorthum- berland, müsstg und unthätig liegen. Edward und seine kleine Schaar durchzogen ungefährdet den furchtbaren Paß. Ach! Montagu hatte an diesem Tage einen förmlichen Befehl vom Herzog von Clarence, als Mitprotektor des Königreichs erhalten, er solle Edward weiter ziehen * Dies! ist die günstigste Auslegung seiner Handlungsweise j nach einigen Berichten wäre er im Briefwechsel mit Edward gestanden, der seine Briefe gezeigt haben soll. " Unsre Historiker haben sich den klopf zerbrochen mit scharfsinnigen Vermnthungcn über den Grund von Montagu'S unseliger Unthätigkeit in diesem wichtigen Augenblick, und die einzige wahrscheinliche Lösung des Geheimnisses über- sehe», welche einfach genug in Stowe's Chronik sich gegeben findet: «Der Marqneß Montacnte würde mit König Edward gestritten haben, hätte er nicht Briefe vom Hcrzog von Clarence erhalte», er solle nicht fechten bis er käme." Diese Erklärung wird bestätigt durch die Chronik von Warkworth und andere, die, offenbar in der Person bO lassen, vorausgesetzt, daß seine.Streitmacht klein seh, und er dem König Heinrich den Eid geleistet, und nur den Titel eines Herzogs von Dork angenommen habe, „denn Euer Bruder der Graf hat Anwandlungen von Gewissensbissen gehabt, und würde gern Alles vergeben, was vorgefallen ist, um meines Vaters willen, und alle Parteien vereinigen durch Edwards freiwillige Thronentsagung — in jedem Fall bin ich aus dem Wege nach Northumberland, und Ihr werdet nicht eher fechten, als bis ich komme." Der Marquis, welcher die Gewissensbedenklichkeiten kannte, welche Marwick in seinen trüberen Stunden gehegt, welcher nicht berechtigt war, dem Mitprotektor den Gehorsam zu verweigern, der keinen Grund hatte, dem Schwiegersohn Lord Marwicks zu mißtrauen, und der nberdicß keineswegs darnach gelüstete, der Vollstrecker dcS IlrtheilS an Edward zu werden, den er einst so aufrichtig geliebt hatte — setzte, obwohl etwas verwundert über Marwicks Weichheit, kein Mißtrauen in den Brief, und schlug den freien Durchzug, den er den zmückgekchrtcn Verbannten gestattete, um so deS Empfängers deS-Briest sich irrend, angeben: Elarence habe an Warwick geschrieben, er solle nicht fechten, bis er gekommen. Clarence hätte nicht so an Warwick schreiben können, der, allen Berichten zufolge, seine Truppen in der Nähe von London zusammenzog, und nicht auf dem Wege war, Edward anzugreifen; auch hätte Elarence nicht die Macht und Befngniß gehabt, solche Befehle seinem College» z» erthcilen, noch würde dieser darauf geachtet haben, da wir die genügendsten Zeugnisse haben, daß Warwick alle seine Haupileute lebhaft drängte, Edward sofort anzugrcifcn. TeS Herzogs Befehl war somit offenbar an Montagu gerichtet. Si weniger hoch an, als er die geringe Zahl ihrer Truppen verachtete, und fest überzeugt war, daß, wenn der Graf für paffend erachtete, seine Absichten zu ändern, Evward um so sicherer in seiner Gewalt, je weiter er unter einer feindlich gesinnten Bevölkerung vorgerückt und je näher er den Heeren sep, welche die Lords Erster und Oxford bereits zusammenzogen. Aber dieser freie Durchzug galt Edward Alles! Er brachte die Leute auf den Glauben, Montag» begünstige ebenso wie Northumberland seine Unternehmung; das Wagestück scp weniger tollkühn und hoffnungslos, als es geschienen; Edward zähle darauf, seine mächtigsten Verbündeten nnter denen zu finden, welche man fälschlicherweise für seine Feinde halte. Die Beliebtheit, welche sich Edward-schlau berechnend unter den Hauptleuten von Marwicks eignen Truppen erworben hatte, auf dem Marsch nach Middleham, kam ihm jetzt zu statten. Viele von ihnen waren Ritter und Herren die in den Bezirken, wo er durchzog, ihren Sitz hatten. Sie schloßen sich ihm nicht an, aber sie leisteten ihm keinen Widerstand. Dann strömten rasch der „Sonne vvnUork" zu — erstens die Abenteurer und Cvndottieri, welche in Bürgerkncgeit um Sold sich auf jede Seite schlagen, sodann kamen die in ihren Erwartungen Getäuschten, die Ehrgeizigen und die Bedrängten und Armen. Die Zweifelnde» singen an sich zu entscheiden, die Neutralen Partei zu ergreifen. Jede Meile, welche die Völkischen Weiler vorrückten, erhob sie von der Eigenschaft von Bittenden, welche um Begna- 62 digung stehen, mehr und mehr zu der Würde von Verfechtern einer Sache. Dvncaster zuerst, dann Nottingham, dann Leicester — getreu dem oben geschilderten Städtegeist — öffneten ihre Thore dem die Gewerbe begünstigenden Fürsten. Oxford und Treter erreichten mit ihren Streitkräften Newark. Edward marschirte rasch auf ne los. Neber seine Stärke sich täuschend wurden sie von einem panischen Schrecken ergriffen und flohen. Wenn einmal der Feind flieht, dann schießen immer die Freunde aus der Erde auf! Erbliche Parteianhänger — Herren, Ritter und Edle — strömten jetzt dem Abenteurer zu. Dann kamen Lovell und Cromvell und d'Eyncourt, immer Pork getreu; und Stanley, nie einer Sache treu. Dann kamen die tapfer» Ritter Parr nnd NorriS, und de Burgh, und nicht weniger als dreitausend Vasallen von Lord Hastings - dem neuen Mann! — leisteten den Aufforderungen seiner Eilboten Folge und stießen In Leicester zu ihrem Häuptling. -Edward von March, der bei Ravenspur mit einer Handvoll Räuber gelandet war, sah jetzt ein königliches Heer unter seinem Banner versammelt. * Jetzt warf der » Die Verworrenheit und linzuverläßigkeit der Annalen dieser Zeit kann man daraus ersehen, daß zwei durch ihre For. schnng ausgezeichnete Historiker lLingard und Sharon Turner,) über die Zahl der Truppen, die sich Edward ange- schlossen, so weit von einander abwcichen, daß Lingard angibt, er sey bei Nottingham an der Spitze von fünfzig bis scchszig tausend Mann gestanden, und Turner ihm höchstens freche Meineidige die MaSkc ab; jetzt erging — nicht die Bitte des verfehmten Herzogs von Dorf, sondern die Proklamation des zürnenden Königs. England sah jetzt zwei Monarchen, mit gletchgewaltigen Heeren. Nicht mehr galt es eine Rebellion zu ersticken; es galt die Entscheidung um den Sieg einer Dynastie. Sechstes Kapitel. Lord Warwick mit dem Feind im Feld und dem Verräthcr an seinem Herde. Alle Vorstchtsmaaßregeln, welche menschliche Klugheit ersinnen konnte, hatte Lord Warwick getroffen, um einem feindlichen Einfall vorzubeugen oder ihn im Beginnen zu ersticken. Alle Küsten, wo eine Landung Edwards am wahrscheinlichsten war, wurden von starker Mannschaft bewacht. Und wenn der Humber ohne reguläre Truppen geblieben war, so hatte dieffffeinen Grund darin, daß nach allen Berechnungen der Klugheit, der sechs bis siebentausend gibt. Der Letztere scheint der Wahrheit näher zu fern. Wir müssen hier beklage» , daß Turners Vorliebe für das Haus Uork ihn verleitet, über Edwards abscheuwürdigen Meineid in Uork wegzuschlüpfen, und alle rhetorische Kunst anfzubieten, um Bewunderung wegen seiner raschen Fortschritte tu erregen, — zu Beeinträchtigung des heilsamen moralische» Abscheus, den wir empfinden sollten vor der entsetzlichen Treulosigkeit und Eidbriichigkcit, welcher er zu danken hatte, daß er im Anfang ungefährdet blieb, was seinen später» Triumph sicherte- 64 Ort, wo Edward wirklich landete, gerade derjenige war, den er eigentlich am wenigsten wählen konnte — wenn ihn nicht sein Schicksal ins Verderben führen wollte — inmitten einer feindlich gesinnten Bevölkerung, und im Angesicht der Heere NorthumterlandS und Montagu'S. Im Augenblick, wo der Graf von Edwards Einzug in Dork Hörle, schickte er — weit entfernt von der Schwäche, die der falsche Elarencc, schon im Briefwechsel mit Glou- cester, ihm andichtete — durch Marmaduke Ncvile die bestimmtesten Befehle, Edward den Weg zu vertreten und ihm eine Schlacht zn liefern, ehe er weiter gegen den Mittelpunkt der Insel Vordringen könnte. Wir werden alsbald erklären, warum dieser Bote bei dem Marquis nicht eintraf. Aber Clarence bekam einige Stunden vor ihm Nachricht und traf daher auch vor ihm sein- Maßregeln. Als sodann der Graf vernahm, daß Edward unangefochten Pontefrakl passirt und Doncaster erreicht habe, eilte er zuerst nach London, um es in Vertheidigungsstand zu setzen; er übergab Heinrich der Obhut dcS Erzbischofs von Uork, mutierte eine schon in der Umgegend der Hauptstadt einquartierte Streitmacht, und marschirte dann rasch zurück, Coventry zu, wo er Clarence mit siebentausend Mann gelassen hatte; während er neue Boten an Mon- tagu und Norihumberland abschickie, dem Ersteren strenge Vorwürfe machend wegen seiner Unthätigkeit, und ihm auftragend, in aller Eile zuanarschiren, um Edward im Rücken anzugreisen. Des Grafen Thätigkeit, Geistes- 65 ' gegenwart und Alle« überschauendes Feldherrntalent bilden einen traurigen Contrast mit den Fehlern, dem Klein- muth und der Verrätherei von Andern, welche bisher, wie Wirgesehen, alle seine weisesten Plane hatten scheitern gemacht. Trotz Clarence's mürrischem Wesen halte doch Warwick bis jetzt keinen Grund entdeckt, Zweifel in seine Treue zu setzen. Der Eid den er geleistet — nicht nur Heinrich dem Sechsten in London, sondern auch Warwick in Amboise — war der stärkste gewesen, der einen Menschen an Mensche» binden kann. Wenn der Herzog nicht Alles, was er gehofft, gewonnen hatte, so hatte er doch Biel zu verlieren und zu befürchten beim Abfall zu Edward. Er war der Lauteste gewesen mit kecken Reden und Versicherungen, als er von dem Ginfall gehört; und besonders hatte Jsabella, deren damaligen Einfluß über Clarence der Graf überschätzte, bei der Nachricht von einer so drohenden Gefahr für ihren Vater, all ihren Mißmuth vergessen und alle ihre Zärtlichkeit wieder angenommen. Während Marwicks kurzer Abwesenheit hatte Jsa- della wirklich ihr Möglichstes gethan, um ihr früheres Unrecht gut zu machen, und Clarence zu bewegen, daß er seinem Eide treu bliebe. Obgleich ihre Wankelmüthig- keit und Unentschlossenheit ihren Einfluß über den Herzog sehr geschwächt hatte, (denn Naturen wiedie seinige lassen sich nur lenken durch die Macht eines steten und ruhigen Willens), hatte sie doch insoweit gesiegt, daß der Herzog heimlich einen Eilboten an Richard abgesandt hatte, durch BuIwer'S Romane. VX. I 86 den er ihm zu wissen that, er habe stch endlich doch ent- schloffen, nicht von seinem Schwiegervater abzufallen. Dieser Brief kam Gloucester zu, als das Heer auf dem Marsch nach Coventry begriffen war, vor dessen starken Mauern der Herzog von Clarence in seinem Lager stand. Richard nach einem tiefen, stummen Nachfinnen, winkte seinen Vertrauten, Catesby, zu sich. „Marmaduke Nevile, den unsre Späher auf dem Wege nach Pontefrakt ergriffen haben, ist unverletzt, und wird dem Heere nachgeführt?" „Ja, mein Lord; Gefangene find uns nur eine Last; soll ich dem Profoß Befehl geben, seiner Gefangenschaft ein Ende zu machen?" „Immer dienstbereit, Catesby!" sagte der Herzog mit einem häßlichen Lächeln. „Nein — hört Ihr, Clarence schwankt; wenn er an Warwick fest hält, und diebeiden Heere fechten ehrlich gegen uns, so find wir verloren; andrerseits, wenn Clarence zu uns Übertritt, wird sein Abfall nicht nur alle Leute unter seinem Befehl uns zuführen, welche sämmtlich die Vasallen der Ländereien und des HerzogthumS von Uork find, und daher ohne eine besonders Vorneignng für den Grafen, nnd leicht zu ihrem rechtmäßigen Herrn zurückzulocken, sondern er wird auch ein Beispiel geben, welches unter dem Feind solches Mißtrauen und panischen Schrecken erregen, und unfern Leuten solche Hoffnung auf weitere Abfälle einflößen wird, daß uns dadurch so zu sagen die Schlüssel der Hauptstadt in die Hände fallen. Aber Clarence, wie gesagt, schwankt; seht Ihr, hier ist sein Brief von Amboise an König Edward; seht, seine Herzogin, Marwicks eigne Tochter, billigt die Zusage die er enthält! Wenn dieser Brief in Marwicks Hände kommt, und Clarence erfährt es, so bleibt ihm keine andre Wahl, als sich zu uns zu schlagen. Er wird dem Grafen nicht mehr unter'S Auge zu treten wagen, wenn einmal seine Zusage gegen Edward denr- selben offen vorliegt —" „Sehr wahr; eine wahrhaft juristische Feinheit, mein Lord," sagte der rechtskundige Catesbh, voll Bewunderung. „Ihr könnt uns hiebei dienen. Bleibt zurück; gesellt Euch zu Marmaduke Nevile; stellt Euch, als sympathisiret Ihr mit ihm, als hieltet Ihr es im Herzen mit dem Grafen; stellt Euch, als wolltet Zhr um Marwicks Gunst und Freundschaft unterhandeln, als wolltet Ihr uns ver- rathen, als hättet Ihr diesen Brief entwendet. Gebt ihn dem jungen Nevile, verhelft ihm mit List, wie ohne und gegen unser Wissen und Wollen, zur Flucht, und empfehlt ihm, keine Stunde, keinen Augenblick Zeit zu verlieren, den Grafen aufzusuchen, und ihm eine so wichtige Warnung zu überbringen, den von seinem Schwiegersohn beabsichtigten Verrath betreffend." „Ich will das Alles thun; aber wie wird der Herzog zu rechter Zeit erfahren, daß der Brief an Warwick unterwegs ist?" „Ich will den Herzog in seinem eignen Zelt besuchen." 68 „Und wie soll ich Sir Marmadnke'S Flucht einleiten?" „Schicke den Ofsizier hiehcr, welcher den Gefangnen bewacht; ich will ihm Befehl geben, Dir in allen Dingen zu gehorchen/' Das Heer marschirte weiter. Der Graf hatte inzwischen Warwick erreicht, eilte von dort weiter, um sich in das stärker befestigte Coventry zu werfen, vor dessen Mauern Clarence noch sein Lager hatte; Evward rückte gegen die so von Warwick geräumte Stadt vor; und Richard ritt bei Nacht allein in Clarence'S Lager. Am folgenden Tage war der Graf beschäftigt, seinen Lieutenants Befehle zu geben, weiter zu marschiren, fzu seines, eine Meile von den Mauern entfernt stehenden Schwiegersohnes Truppen zu stoßen, und gegen Edward Vorzurücken, welcher an diesem Morgen Warwick verlassen hatte — als Plötzlich Sir Marmaduke Nevile herbei stürzte, und mit dem stammelnden Ruse: „Hütet Euch, hütet Euch !" ihm den unseligen Brief einhäudigte, welchen Clarence von Amboisc abgeschickt hatte. Nie traf ein Schlag grausamer eines Mannes Herz! Clarence'S Treulosigkeit — die hätte er verachten können, aber die Zeilen am Schluffe, welche den Vcrrath einer Tochter enthüllten — des Vaters Höllenschmerz hierüber können keine Worte schildern. Der Brief entsank seiner Hand, Betäubung und Starrsucht ergriff seine Sinne, und ehe er sich wieder gesammelt hatte, stürzten bleiche Männer herbei, um zu 69 berichten, wie unter fröhlichem Trompetenschmeitcrn und mit wallenden Bannern Richard von Gloucester den Herzog von Clarence der brüderlichen Umarmung Edwards entgegen geführt habe. * Von diesen Neberbringern böser Botschaften, die ihn jetzt nicht mehr überrasche» konnten, riß sich der Graf los und schritt allein in seiner Tochter Zimmer. Er gab ihr den Brief in die Hände, kreuzte seine Arme über der Brust, und sagte: „Was sagst Du von diesem, Isabel von Clarence?" Der Schrecken, die Schaam, die Neue, welche die unselige Lady ergriff, die todtfahlen Lippen — der un- terdrückle Schrei — die augenblickliche dumpfe Erstarrung, worauf eine Aufwallung der Gefühle folgte, die sie ihrem Vater zuFüßen fallen und seine Kniee umklammern machte — sagte dem Grafen, wenn er vorher noch gezweifelt hatte^daß der Brief nicht log — daß Zsabella seinen Inhalt gekannt und gutgeheißen halte. Er schaute sie, wie sie sich zu seinen Füßen wand, mit einem Blick an, welchen ihr Auge wohl that zu vermeiden. * Hall. Der Chronist fügt bei: „Es war kein Wunder, daß der Herzog von Clarence auf so wenig Ileberredung und Zuspruch hin von des Grafen von Warwick Partei abfiel, denn, wie mau schon früher gehört hat, dieser Handel war eingeleitet, fortgeführt und zu einem Ende gebracht worden von einer Frauensperson, als der Herzog am französischen Hofe war, zum gänzlichen Verderben des Grafen." Hume begeht einen großen Jrrthum, wenn er den Abfall Ela- rence's erst zur Zeit der Schlacht von Barnet erfolgen läßt. 70 „Fluche mir nicht— fluche mir nicht!" schrie Isabel, durch sein Schweigen selbst iödtlich geängstet. „GS war nur ein kurzer Wahnsinn. Schlimme Räthe'— schlimme Leidenschaften! — Ich war vom Schmerz bethört, daß me!» Knabe eine Krone sollte verloren haben. Ich habe bereut — ich habe bereut — Clarence wird doch treu bleiben. Er hat es mir versprochen — es mir gelobt ; — er hat an Gloucester geschrieben, hat Alles zu- rückgenommen — hat —" „Weib! —Clarence ist in Edwards Lager!" Jsabella sprang auf und stieß einen so wilden, verzweiflungsvollen Schrei aus, daß dadurch ihres BaterS zerrissenem Herzen wenigstens der armselige Trost wurde, glauben zu können, baß sie doch an dem letzten Verrath keinen Nntheil gehabt. Ein sanfterer Ausdruck — des Mitleids, wo nicht der Verzeihung — kam über sein dunkles Antlitz. „Ich fluche Dir nicht," sagte er, „ich mache Dir keine Borwürfe. Deine Sünde trägt ihre Strafe in sich selbst. Eine böse Vorbedeutung schwebt über dem Herde der Fa- milienverräther! nie mehr wirst Du heilige Liebe in eines Gatten Lächeln erblicken! Sein Kuß wird vom Gifte de» JudaS angesteckt sehn. Aus seinen Armen wirst Du mit Entsetzen Dich losreißen, als aus denen deSVerrätherS Deines mißhandelten Vaters — vielleicht auch seines Mörders! Eine böse Vorbedeutung schwebt über der Wiege des Kindes, für das der Ehrgeiz der Mutter sorgen wollte um den Preis der Treulosigkeit als Tochter! Wehe 71 Dir, Weib und Mutter! Selbst meine Verzeihung kan» Dein Unheil nicht abwenden!" „Tödte mich — tödte mich!" rief Isabelle , auf ihn zu springend; aber wie sie sein abgewandtes Antlitz sah, die Arme über der Brust gekreuzt — dieser edeln Brust, an der sie nie mehr eine Zuflucht finden sollte, sank sie bewußtlos zu Boden. * Der Graf sah sich um, sich zu versichern, ob Niemand in der Nähe sei,, Zeuge seiner Schwäche zu sepn, nahm sie dann sanft in seine Arme, legte sie auf ihr Bett, und einen Augenblick sich über sie beugend, betete er zu Gott ihr zu verzeihen. * Da unsre Erzählung dar spätere Schicksal der Herzogin von Clarcnce nicht mehr umfaßt, wird uns der Leser verzeihen, wenn wir ihn in der Stürze daran erinnern, daß ihr Erstgeborner (der seines erlauchten Großvaters Titel als Graf von Warwick trug) bei der Thronbesteigung Heinrichs VIk, in den Kerker geworfen und nachmals auf Befehl dieser König» enthauptet wurde. Der Geburt nach war er der rechtmäßige Erbe des Thrones. Die unglückliche Isabel starb jung, fünf Jahre nach dem Zeitpunkt, bei welchem wir mit unsrer Erzählung stehen. Eine ihrer Dienerinnen ward angeklagt, sie vergiftet zu haben, und dcßwcgen hingerichtet. Elarence ließ e« nicht lange anstehen, ihren Platz wieder zu ersetzen. Er bewarb sich um die Hand Maria'S von Burgund, einzige Tochter und Erbin Carls de» Kühnen. Edwards Eifersucht und Furcht ließen ihn nichts wissen wollen von einer Allianz , welche, wie Lingard bemerkt, Elarence in Stand setzen konnte, „der Macht Burgunds sich zu bedienen, um die Krone von England zu gewinnen;" und daraus entsprangen jene Zwistigkeiten, welche mit der heimlichen Ermordung de» meineidigen Herzogs endeten. 72 Dann verließ er hastig das Zimmer — bestellte ihre Dienerinnen und ihre Sänfte, und während sie noch bewußtlos war, öffneten sich dieThorc der Stadt, und durch den gewölbten Thorweg wurde in der verschlossenen und verhangenen Tragbahre die unglückselige Herzogin in die neue Heimath getrogen, welche ihr Gatte bei ihres Vaters Feind gesucht hatte! Der Graf sah ihr von dem Fenster seines ThurmeS nach und sagte bei sich selbst — „Mein Geist wäre entmannt gewesen, hätte ich sie in denselben Mauern gewußt. Jetzt verbanne ich für immer von mir ihr Gedächtniß und ihr Verbrechen. Der Ver- rath hat sein AergsteS gethan, und meine Seele bietet jetzt allen Stürmen Trotz!" Gegen Nacht kamen Boten von Clarenee und Edward, der nach der Stadt Marwick zurückgekehri war, mit Anerbietungen von Verzeihung für den Grafe» — mit Zusicherungen von Gunst, Macht und Gnade. Edward würdigte der Graf keiner Antwort; dem Abgesandten von Clarenee ertheille er folgende: „Sage Deinem Herrn, ich wolle lieber immerdar mir selbst gleich bleiben, als wie ein falscher und meineidiger Herzog seyn, und ich sey entschlossen- vom Kriege nicht abzulaffen, bis ich entweder mein Leben verloren, oder meine Feinde ganz vertilgt und niedergeschlagen habe!" Nach diesem schrecklichen Abfall gestatteten Marwick seine noch übrigen Streitkräfte, der panische Schrecken unter ihnen, welchen der Uebergang deS Herzogs verursacht hatte, die Größe der Interessen, welche bei dem Er- 73 folg seiner Waffen auf dem Spiele standen, und die Berechnung des unersetzlichen VortheilS, welchen ein Gefecht auch nur von unentschiedenem AuSgang mit dem Grafen selbst Edward »erschaffen mußte, — dieß Aller gestattete Marwick nicht, den Erwartungen de- Feindes zu entsprechen, welche glaubten, seine Tapferkeit und sein Zorn würden ihn Hinreißen, unvorsichtig und übereilt ihnen sofort eine Schlacht zu liefern. Edward rückte, nach einem vergeblichen» prahlerischen Versuch, die Mauern Coventrp'S zu bestürmen, weiter gegen London. Dorthin sandte der Graf Marmaduke und gab dem Erzbischof vonPork und dem Lord Mayor auf, die Stadt nur drei Tage zu halten, dann wolle er ihnen mit einer Macht zu Hülfe kommen, welche den bleibenden Triumph sichern werde. Den» wirklich eilten schon seinen Bannern zu — Montag», brennend von Begierde, seinen Fehler gut zu machen — Orford und Ereter, sich erholend von ihrem früheren Schrecken und knirschend vor Schaam. Herbei führte sein Neffe Fitzhugh des Grafen eigene ClanSmänner von Middleham; zu ihm spornten Somerset vom Westen," und Sir Thomas Dymoke von Lincoln- shire, und der Ritter von Lytton mit seinen tüchtigen Dienstleuten von Peak. Der kühne Hilyard stand nicht * Die meisten Geschichtschreiber behaupten, Somerset sey damals in London gewesen, aber Sharon Turner zeigt aus handschriftlichen Quellen, daß er die Hauptstadt verlassen hatte, „um ein Heer in den westlichen Grafschaften aufzustellen," und zählt ihn auf unter den Feldherrn in der Schlacht von Warnet. 74 ferne von London, mit einem Heerhaufen gemischt aus Ueomen und Banditen, wie früher schon an Kriegszucht gewöhnt durch seine tüchtige That- und Willenskraft, und die militärische Geschicklichkeit des Sir John Coniers. Wenn London nur sich halten wollte, dis diese Streitkräfte sich vereinigen konnten, so blieb Edwards Untergang immer noch unvermeidlich. Zwölftes Duch. Die Schlacht von Barnet Erstes Kapitel. Ein König in seiner Hauptstadt hofft sein Königreich wieder zu gewinnen - eine Kran in ihrem Gemach fürchtet "das ihrige zu verliere». Edward und sein Heer erreichten St. Albans. Große Bewegung — große Freude herrschten in der Freistatt vonWestminster! Das Jerusalem-Zimmer daselbst wurde der hohe Berathungssaal der Freunde von Ubrk. Große Bewegung, große Angst herrschten in der Stadt London — der schüchterne Meister Stokton war zum Mayor gewählt worden; in entsetzlicher Angst, ob er es mit Edward oder mit Heinrich halten sollte, wurde oder stellte sich der schüchterne Meister Stokton krank. Sir Thomas Cook, ein reicher Bürger von großem Einfluß, Mitglied des Hauses der Gemeinen, war zu seinem Stellvertreter ernannt worden. Sir Thomas Cook bekam auch Angst und lief davon. So fiel die Gewalt iu der Stadt in die Hände Ursewikc'S, des Recorders, eines eifrigen Anhängers von Jork. Große Aufregung, großen Hohn erregte es fin den 78 Herze» der Menge, als der Erzbischof von Bork, in der Hoffnung, dadurch ihre Loyalität wieder zu entflammen, den König Heinrich auf ein Pferd setzte, und mit ihn» durch die Straßen yaradirte, von Chepeside nach Wal- brook, von Walbrook nach St. Paul; denn die Nachricht von Edwards Ankunft in der Nähe, und die plötzliche Aufregung und Erschütterung, die sie in seinem geschwächten Körper verursachte, hatten dem armen König einen der epileptischen Anfälle zugezogen, an welchen er von Kindheit an gelitten, und welche an seiner häufigen Schwachsinnigkeit Schuld waren; und jetzt eben sich erholend von einem solchen Anfall — mit stieren, leer hinausschauenden Augen — mit geisterbleichem Gesicht — herabhängendem Haupte — der Anblick eine« solchen Gegner«, verglichen mit dem kraftvollen Edward, erregte nur bei Wenigen Mitleid, bei den Meisten Spott. Zweitausend Bork'sche Gentlemen befanden sich in den verschiedenen Freistätten; unterstützt und angeführt von dem Grafen von Esser kamen sie bewaffnet und lärmend hervor, durchzogen die Straßen, und riefen ungestraft: „König Edward!" Edwards Popularität in London ward bei den Kaufleuten erhöht durch fürsichtige Erinnerungen an die gewaltigen Schulden, die er gemacht, und welche seinen guten Bürgern je wieder heimzuzahlen ihn nur der Sieg in Stand setzen konnte. Die Weiber, in einem solchen Augenblick immer thätige und nützliche Anhängerinnen, verließen ihren Herd, um alle starken Arme und männlichen Herzen für den schönen Weiberfreund zu werben. Der Borkisch gesinnte Erzbischof 79 von Canterbury that sein Möglichste« bei der Geistlichkeit — der Vorkisch gefilmte Recorder sein Möglichstes bei de» Flachkappen. Alwpn, treu seinen antifeudalistischen Grundsätzen, feuerte alle jungen Freibürger an, den kaufmännischen König — den Begünstiger des Handels — den Mann seiner Zeit — zu unterstützen. Die Behörde» der Stadt begannen ihren eigenen und den allgemeinen städtischen Vorneigungen nachzugeben. Aber immer noch hatte der Erzbischof sechstausend Soldaten unter seinen Befehlen, und noch konnte London für Warwick gerettet werden, wenn der Erzbischof mit Energie, Eifer und Treue handelte. Daß dieß ursprünglich seine Abficht war, erhellt daraus, wie er durch völlig Heinrichs Umzug die Loyalität des Volkes in Anspruch zu nehmen und zu Wecken suchte; aber als er merkte, wie wenig Eindruck diese Schaustellung gemacht hatte — als er, bei derRück- kehr in den Palast des Bischofs von London, die arglose und hülflose Puppe der streitenden Faktioncn, nach Athem ringend, kaum im Stande, ein vernehmliches Wort zu sprechen, vor stch sah: da wandte sich der herzlose Prälat weg, mit einem halblauten Ausruf der Verachtung. „Clarence wäre nicht abgefallen," sagte er bei sich selbst, „wenn er nicht auf der Seite König Edwards größer» Gewinn gesehen hätte!" Und dann begann er mit sich selbst und begann mit seinem College«, dem Prälaten von Canterbury, zu Rathe zu gehen; und inmitten dieses ZurathegehcnS kam CateSby an, beauftragt mit Botschaften an den Erzbischof von Edward — mit Botschaften voll 80 Verheißungen und Zärtlichkeit einerseits — voll Drohungen und Rachsucht andrerseits. Kurz — der Kelch der Bitterkeit für Warwick war noch nicht voll; in dieser Nacht hatten der Erzbischof und der Mayor von London eine Zusammenkunft, und der Tower ward Edwards Freunden überliefert; — am folgenden Tag zogen Edward und sein Heer unter dem Zujauchzen der Bevölkerung ein — ritt nach St. Paul, wo der Erzbischof ihm entgegenkam, Heinrich , wieder einen Gefangenen, an der Hand führend;" von da begab sich Edward in die Westminster-Abtet; und frisch von seinem abscheulichen Meineid in Uork herkommend, brachte er dem Himmel seinen Dank dar für seinen Triumph. Die Freistatt gab ihre königlichen Flüchtlinge heraus; und in Jubel-und Pomp führte Edward seine Gattin und ihr neugeborenes Kind, nebst Jacqnctta und seinen altern Töchtern nach BaynardS Castle. Am nächsten Morgen (am dritten Tag) marschtrte Warwick» seiner Zusage treu, mit seinem jetzt gesammelten gewaltigen Heere auf London zu. Der Verrath hatte sein Werk vollbracht — die Hauptstadt war übergeben, und König Heinrich im Tower. „Diese Umstände erwogen," sagt der Chronist, „erkannte der Graf, daß alle Berechnungen mit Nothwen- * Sharon Turner. Ein Trost ist es, zu erfahren, daß dieser Erzbischof zwei Jahre später von Edward IV. beraubt und dann eingcke'rkcrt wurd'e; auch erhielt er seine Freiheit nur wenige Wochen vor seinem Tode wieder, tt<5 lfünf Jahre nach der Schlacht von Barnet). digkeit jetzt darauf hinauSliefcn, baß die Entscheidung jetzt dem Wagniß und Zufall Einer Schlacht anheimgegebe» werden müßte." Gr machte daher bei St. Alban« Halt, um seine Truppen auSzuruhrn; und von da nach Barnet marschirend, schlug er seine Zelte auf der Hochebene auf, die damal« die Heide oder dar Jagdrevier vonGlad-moor hieß, und erwartete die Ankunft de« Feinde«. Auch wich Edward nicht lange diesem furchtbare» Zusammentreffen au«. Am 11. April in London einge, zogen, schickte er sich an, e« am 13. zu verlassen. Außer dem Heere, da« er mitgebracht, hatte er jetzt auch frische Truppen an seinen Parteigenossen au« den Freistätten und andern Verstecken in der Hauptstadt, während London ihm au« seinen muthigen jungen Leuten eine wackere Schaar mit Bogen und Streitäxten liefert«, welche Alwpn geworben hatte, und zu deren Hauptmann Edward mit Freuden Alwpn selbst ernannte; denn dieser hatte seine Unterwerfung unter Heinrich« Wiedereinsetzung wieder gut gemacht uud gesühnt durch die ausgezeichnetste Thätigkeit zu Gunsten de« jungen Königs, den er in die engste Verbindung setzte mit den Interessen seines Stande« und mit der Wohlfahrt der großen gewerbetreibenden Stadt, welche einige Jahre nachher seine Sorgfalt und Verdienste dadurch belohnte, daß sie ihn zu ihrem obersten Beamten wählte.* * Nicholas Alwhii, der Repräsentant derjenigen Generation, welche die auf Handel und Gewerdfleiß gerichtete und antifeudalistische Politik Edwards IV. und Richards III. unterstützte, und deren Vollendung unter ihren, Nachfolger aus Bulwer'S Romane. 6X, « 82 An eben diesem Tage war es, am 13. April, einige Stunden vor dem Aufbruch des Uork'schen Heeres, daß „Lord Hastings in den Tower kam, um Befehle zu erthei- len über den Transport des unglücklichen Heinrich, welchen Edward beschlossen hatte, auf seinem Marsch mit sich zu nehmen. Und wie er diese Befehle gegeben, und im Begriff stand, wieder zu gehen, kam Alwyn aus einem der innern Höfe hervor, näherte sich ihm in großer Aufregung, und sagte zu ihm: „Verzeiht, mein Lord, wenn ich in einer so ernsten Stunde Eure Aufmerksamkeit auf eine Person lenke, die Ihr vielleicht vergessen habt." „Ha! das arme Mädchen! aber Ihr habt mir bei der hastigen, kurzen Unterredung, die wir schon gehabt, gesagt, sie sey ungefährdet und gesund." „Ungefährdet, mein Lord — gesund nicht. Oh, Hort mich an. Ich bin im Begriff auszuziehen, um für Eure und EuerS Königs Sache zu kämpfen. Ein Gentleman aus Eurem Gefolge hat mich in Kenntniß gesetzt, daß Ihr Euch im Ausland mit einer edeln Dame vermählt habt. Wenn dieß so ist, so kann dieß Mädchen, das ich so lang und so aufrichtig geliebt habe. Euch vielleicht noch vergessen — kann noch die Meinige werden. Oh! gebt mir diese Hoffnung, die mich zum tapferen Soldaten machen wird." dem Hause Tudor begrüßte, stieg bis zum Lord-Mayor von London im fünfzehnten Jahre der Regierung Heinrichs VII. Fabyan. „Aber," sagte Hastings verwirrt, und die Farbe wechselnd, — „aber die Zeit drängt, und ich weiß nicht, wo das Fräulein —" „Sie ist hier," fiel ihm Alwyn ins Wort; „hier, in diesen Mauern — in jenem Hofraum dort. Ich habe fie so eben verlassen. Zhr, den sie liebt, habt sie vergessen. Ich, den sic verschmäht, habe an sie gedacht. Ich kam, um für ihre Sicherheit zu sorgen — ich rieth ihr, für jetzt sich ruhig zu verhalten, was sich auch ereigne, und bei jedem Wort, das ich sprach, unterbrach sie mich mit Einem Namen — es war Dein Name! Und als ich erbittert und in der Aufwallung des Augenblicks auSrief: 'Gr verdient diese Treue nicht! Man sagt mir, Sybille, Lord HaflingS habe in der Verbannung eine Gattin gefunden;' oh! welcher Blick! welcher Schrei! sie verfolgen mich immer noch. 'Beweise es — beweise es, Alwyn? schrie sie; 'Und,' unterbrach ich sie, 'und könntest Du noch, um Deines Vaters Willen, mein treues Weib werden?'" „Ihre Antwort, Alwyn?" „War diese: 'dann könnte ich um meines Vaters willen allein noch leben; und' — ihr Schluchzen hemmte ihre Worte, bis fie wieder rief: 'Ich glaube es nicht! Du hast mich getäuscht. Nur aus seinem Munde will ich mein Nr- theil hören.' Geht zu Ihr, männlich und offen, wie es Tuch geziemt, hoher Lord — geht! Nur einen einzigen Satz hast Du ihr zu sagen, und Dein Herz wird leichter, Dein Arm wird stärker werden durch diese redlichen Worte." 6 * Hasting» zog sein Barett über die Stirne und stand einen Augenblick wie in tiefen Gedanken; dann sagte er: „Zeige mir den Weg; Du hast Recht. Ich bin es ihr und Dir schuldig; und da meine Seele bis morgen um diese Stunde vielleicht vor dem ewigen Richtcrstuhl steht, mag die Verzeihung diese« armen Kinde« doch Eine Sünde von der großen Rechnung tilgen!" Zweites Kapitel. Scharf ist der skuj von des Falken Schnabel! Hasttng« stand vor dem Mädchen, welchem er Wort und Treue verpfändet hatte. Sie waren allein; aber im anstoßenden Zimmer ließ sich der eigenthümliche Laut vernehmen, welchen die Maschinerie des Heureka verursachte. Glückliche, leblose Maschinerie, die sich bewegt und arbeitet und sich müht, um das Geschick von Millionen zu ändern; aber nicht Ohr, nicht Auge, nicht Sinn und Herz hat — die Zugänge de« Schmerzen«, der Pein beim Menschen! — Sie hatte — ja, im buchstäblichen Sinne! — sie hatte seinen Schritt auf der Treppe erkannt; sie war auf einmal au« der stumpfen, eisigen Lethargie erwacht, womit Alwyn« Worte ihr Leben und Seele gefesselt hatten. Sie sprang vor, als Hastings eintrat — sie warf sich in besinnungsloser Freude an seine Brust. „Du bist gekommen Du bist da — Es ist nicht wahr! nicht wahr. Der Himmel segne Dich! Du bist gekommen!" Aber 85 plötzlich, wie ihre Bewegung, war auch das Zurückbeben. Sie zog sich zurück, sie starrte ihm lange in« Gesicht, und sagte: „Lord Hastings, man sagt mir, Deine Hand gehöre einer Andern. Zst es wahr?" „Höre mich an," sagte der Edelmann. „Als ich zuerst —" „Oh, Gott! vH, Gott! er antwortet nicht — er stammelt. Sprich, ist es wahr?" „ES ist wahr, ich bin mit einer Andern vermahlt." Sybille, sank nicht zu Boden, wurde nicht ohnmächtig, brach nicht in lauter, stürmischer Leidenschaft los. Aber die hohe Nöthe, welche vorher ihr Antlitz ungleich überzogen gehabt haite, verliest ihre Wange, welche fahl wie Asche ward: auch die Lippen zogen sich scharf zusammen, und ihre zarten, in einander geschlungenen Finger preßten sich jetzt mit krampfhafter Heftigkeit gewaltsam zusammen, so daß selbst an den Armen das Zucken sichtbar ward. In allem klebrigen schien sie gefaßt und ruhig, als sie sagte: „Ich danke Euch, mein Lord, für die einfache Wahrheit — Mehr bedarf er nicht. Der Himmel segne Euch und die Eurigsn! Lebt wohl!" „Halt! — Ihr sollt — Zhr müßt mich weiter an- hürcn. Du weißt nicht, wie innig ich in meiner Jugend Katharine Nevilc geliebt habe. In den männlichen Jahren verfolgte mich immer die Erinnerung dieser Liebe, aber durch Dein süßes Lächeln wähnte ich sic endlich ausgelöscht; — ich verließ Dich, um den König aufzusuchcn und seine Einwilligung zu unsrer Verbindung zu verlangen. 86 Ich spreche nicht von den Hindernissen, die sich damals erhoben : — inmitten derselben erfuhr ich, daß Katharine allein und verwiitwet — daß sie frei war. Auf ihre eigne Aufforderung suchte ich sie auf, und erfuhr aus ihrem Munde, daß sie mich immer geliebt hatte, mich noch liebte. Die Berauschung meines ZugcndtraumS kehrte wieder — Unglück und Verbannung folgten gleich darauf — Katharine verließ ihre glänzende Lage, ihr Vermögen, ihr Vaterland, und folgte dem verbannten Manne, und so vereinigten sich Erinnerung, Dankbarkeit und Ver- hängniß, und die Geliebte meiner Jugend ward mein Weib. Keine Andere hätte je Dein Bild verdrängen — keine Andere mich der Treue vergessen machen können, die ich Dir verpfändet. Der Gedanke an Dich hat mich immer verfolgt — wird mich bis ans Ende meines Lebens verfolgen. Ich darf nicht sage», daß ich Dich jetzt noch liebe, aber dennoch—" er hielt inne, fuhr aber dann rasch wieder fort: „Genug — genug — theuer bist Du mir, und geehrt — theurer, geehrter als eine Schwester. Dank dem Himmel und Deiner Tugend, daß wenigstens meine Falschheit Dich doch rein und unbefleckt läßt. Deine Hand kann »och einen würdigern Mann beglücken. Wenn unsre Sache triumphirt, soll Dein Glück, Deines Vaters Schicksal, meine angelegenste Sorge sehn. Nie, nie wird mein Schlaf erquickend und mein Gewissen ruhig sehn, als bis ich Dich, als geehrte Gattin — vielleicht als gesegnete und segnende Mutter sagen hören: 'Falscher, ich bin glücklich!'" 87 Ein kaltes Lächeln flog bei diesen letzten Worten über beS Mädchens Antlitz — das Lächeln eines gebrochnen Herzens — aber es verschwand, und mit jener wunderbaren Mischung von Sanftmuth und Stolz — mild und verzeihend, aber doch sich fühlend und fest — die ihrem Charakter so eigen war, ermannte sie sich zur letzten, schmerzlichsten Anstrengung, um ihre Würde zu behaupten, ihre Verzweiflung zu verhehlen. „Weitere Worte, mein Lord, sind eitel — Ich bin mit Recht gestraft für «ine stolze Thorheit. Weiber sollen nicht liebe» über ihren Stand. Denkt nicht mehr an mein Schicksal." „Nein, nein," unterbrach sie der reuevolle Lord, „Dein Geschick muß mich quälend verfolgen, bis Du einen Mann gewählt, der ein besseres Recht hat, Dich zu schützen." Bei der Wiederholung dieses versteckten Wunsches, sie auch an einen Andern zu übertragen, überwältigte eine edle Entrüstung die Ruhe, nach welcher sie bis jetzt nicht umsonst gerungen hatte. „Oh, Mann!" rief sie leidenschaftlich aus, „gibt mir Dein Betrug das Recht, einen Andern zu betrügen? Ich — ich heirathen! Ich — ich, am Altar geloben eine Liebe, die tobt ist, todt für immer— todt wie mein Herz! Was spielst Du höhnisch mit dem hohlen Wort: 'Du bist rein und fleckenlos!' Äst die Jungfräulichkeit der Seele noch da? Lassen mir die Thränen, die ich um Dich vergossen — das Schauern meines Herzens, wenn ich Deine Stimme gehört — der Kuß der Verlobung, der mir jetzt brennt auf der Stirne, hrennt ans der Lippe — läßt mir das Alles die Freiheit. 88 einer neuen Neigung die Kohlen und Asche einer Seele entgegenzutragen, die Du ihrer Blülhc beraubt und verwüstet hast? Oh! roher und grober Wahn der Männer, daß Nicht« zerstört sey, wenn nur die leibliche Gestalt rein ist! Die Frische der ersten Gefühle, der Duft de« sündlosen Gedankens, der Seufzer, da« Erröthen der treuen Hingebung — die nur Einmal, nur Einmal gefühlt wird — das, da« macht die wahre Mitgift, die ein Mädchen an den Herd mitbrinzen soll, dem sie als Weib naht. Oh, Kränkung! Oh, Beschimpfung! mir von Glück zu sprechen — vom Altar! Du wußtest nie, Lord, wie ich Dich in Wahrheit geliebt habe!" Und zum erstenmal erleichterte jetzt ein heftiger Thcäncnstrom ihr Herz. Hastings war beinahe ebenso überwältigt. So erfahren er war in solchen Abschiedsscenen, wo die Mädchen Vorwürfe machen, und die Galane um Vergebung stehen, aber doch — 'Leb wohl!' seufzen, fehlten ihm doch jetzt die Worte, um auf diesen Ausbruch «»bezwingbaren SchmerzenS zu antworten, und er fühlte sich gedemüthigt und erleichtert zugleich, als Sybille wieder mit mühsam erkämpfter Kraft, und einer Anstrengung, wie sie Jahre des Lebens erschöpft, und un« beinahe fühlloS gegen alle spätere LebenSprüsungen macht, die zornigen Thränen zurückdrängte, und mit unnatürlicher Sanftheit sagte: „Verzeiht mir, mein Lord, ich wollte Euch keine Vorwürfe machen — die Worte entschlüpften mir — denkt nicht mehr daran. Ich möchte gern wenigstens jetzt so von Euch scheiden, wie ich einst von Euch zu scheiden gehofft 83 hatte in der letzten Stunde de- Leben- — ohne Eine Erinnerung an Bitterkeit und Zorn, so daß mein Gewissen, was auch sonst seine Bekümmernisse, sagen könnte:'Mein Mund hat nie mein Herz Lüge» gestraft — meine Worte haben ihm nie weh gethan!' Und nun also, Lord Hastings, scheiden wir in aller Freundlichkeit. Lebt wohl, für immerundewig! Du hast einer Frau Dich vermählt, die Dich ohne Zweifel so zärtlich liebt, als ich gethan hätte. Ach! hege und pflege dieseZärtlichkeit! Es gibt Stunden, selbst bei Deiner Laufbahn, wo ein Wenig Liebe süßer ist, als viel Ruhm! Wenn Du glaubst, daß ich Dir Etwa» zu verzeihen habe, so bete ich jetzt von ganzem Herzen —> und dicß Gebet werbt ich flüstern, so lange mein Leben währt— 'Der Himmel vergebe diesem Mann, wie ich ihm vergebe! der Himmel mache sein Haus zu einer Stätte des Friedens, und fläße denen, die ihm jetzt nahe und theuer flnd, die Liebe und Treue ein, die einst ich—Sie hielt inne, denn die Worte erstickten sie beinahe, verhüllte ihr Angesicht, und streckte ihre Hand aus, zum Zeichen der Versöhnung und des Abschieds. „Ach, weim ich beten dürfte wie Du," murmelte Hastings, seine Lippen auf diese brenuende Hand drückend, „wie wollt' ich den Himmel bestürmen, durch zahllose Segnungen das Unrecht gut zu machen, das ich an Dir begangen habe. Und der Himmel wird — oh! gewiß, er wird cs thun!" Er drückte die Hand an sein Herz, ließ sie sinken, und war weg. Im Hofraum ward er von Alwyn angeredet — 90 „Du bist offen gewesen, mein Lord?" „Ja." „Und sie erträgt es, und —" „Sieh, wie sie verzeiht, und wie ich leide!" sagte Hastings, sein Gesicht seinem Nebenbuhler zuwendend; und Alwyn sah, , daß ihm die Thränen über die Wangen rollten — „Frage mich nicht weiter." Ein langes Schweigen trat ein — sie verließen die Umgebungen des Towers und befanden sich am Strom. Hastings, mit der Hand Alwyn zuwinkend, war im Begriff in das Boot zu steigen, das ihn zu dem in Baynards- Castle versammelten Kriegsrath führen sollte, als der GewerbSmann ihn aufhielt und mit ängstlicher Besorgniß sagte: „Glaubst Du nicht, daß für jetzt der Tower das sicherste Asyl für Sybille und ihren Vater ist ? Wenn es uns fehlschlägt, und Warwick kehrt zurück, so sind sie von dem Grafen beschützt; wenn wir triumphiren, wirst Du sie gegen alle Feinde sicher stellen?" „Gewiß; in beiden Fällen ist ihr jetziger Aufenthaltsort der sicherste." Die beiden Männer trennten sich jetzt; und nicht lange darauf befand sich Hastings, welcher die Vorhut führte, auf dem Wege nach Barnet : mit ihm zogen auch die Freiwilligen zu Fuß unter Alwyn. Das Heer von Uork war auf dem Marsch. Gloucester, dessen Wachsamkeit und Thatkrast die letzten Vorbereitungen und Anordnungen überlaffen waren, verließ deßhalb natürlich als 91 der Letzte der Anführer die Stadt. Und plötzlich, während sein Roß vor dcm Thore von Baynards-Castle stand, trat er, bewaffnet von Kopf bis zu Fuß, in das Zimmer, wo die Herzogin von Bedford mit ihren Enkeln saß, und sagte: „Madame, ich habe eine Gunst von Euch zu erbitten, die Euch, hoffe ich, nicht mißfällig seyn wird. Meine Lieutenants berichten mir, daß eine unruhige Be- sorgniß unter meiner Mannschaft sich verbreitet habe — eine religiöse Furcht und Scheue vor gewissen furchtbaren Bombarden und Geschützen, welche von einem Zauberer in Lord Warwicks Sold verfertigt worden. Euer berühmter Mönch Vungeh hat sich in Andacht mit ihnen besprochen, hat jedoch versprochen, die Nebel, welche jetzt über die Erde hinziehcn, würden die Nacht und den frühen Morgen über währen; und wenn er uns nicht täuscht, können wir unsre Leute so aufstellen, daß wir sie der feindlichen Artillerie entziehen. Aber da der Mönch eine so bekannte und einflußreiche Person ist, und da der Glaube so allgemein herrscht, daß die Winde, welche Margarethen zurückgetrieben, seinem Zauber gehorcht haben, schreien die Soldaten nach ihm, er solle uns begleiten, und auf dem Schlachtfeld selbst den Zauberkünsten des Lancastri- schen Herenmeisters entgegenarbeiten. Der gute Mönch, mehr gewohnt mit bösen Geister» als mit Menschen zu kämpfen, fürchtet sich und weigert sich. Da Viel davon abhängen mag, ob er uns seinen guten Willen zeigt, und unsre Leute glauben macht, auf unsrer Seite stehe die stärkere Zauberei, bitte ich Euch, ihm zu gebieten, daß er 92 un« begleite, und seinen Muth aufzufrischen. Er wartet draußen." „Ein höchst trefflicher — ein höchst Weiser Rath, geliebter Richard!" rief die Herzogin. „Mönch Bungeh ist in der That ein mächtiger Mann. Ich will ihn sogleich vermögen, Guern Willen zu thun;" und die Herzogin eilte au- dem Zimmer. Nachdem de« Mönch- Besorgnisse um Leib und Leben endlich durch dieVersicherung beschwichtigtwar, daß erwählend der Schlacht an einen vollkommen sicheren Ort gestellt werden sollte, und seine Habsucht kirre gemacht durch Verheißungen der reichsten Belohnungen, willigte er ein, die Truppen zu begleiten unter Einer Bedingung, daß nämlich der entsetzliche Zauberer, der so oft seine besten Sprüche und Künste vereitelt — eben der Zauberer, welcher die Verfertigung der verfluchten Bombarden geleitet, und Edwards frühere Flucht und Niederlage vorhergesagt, (abgesehen von der diabolischen Erfindung, in welcher sich alle Bosheit und Kraft seiner Zauberei zusammen gedrängt hatte,) sofort, den früher» Zusagen Jacguetta'S gemäß, seiner Willkür überliefert werde, und ihn an den Ort hin begleite, wo er de-Lancastrischen Beschwörer- Zaubereien entgegcnarbeiten und sie vereiteln sollte. Die Herzogin, froh genug, de« Mönch-Einwilligung zu so wohlfeilem Preise zu erlangen, willigte, zumal da zu ihrem abergläubischen Grausen vor Adam- Wissen in der schwarzen Kunst jetzt auch noch ein rein politischer Beweggrund kam, der sie wünschen machte, ihn au« dem Wege SS geschafft zu sehen — weil sie nämlich in der Freistatt am Ende das sch warz« Geheimniß von Elisabeth erpreßt hatte, das ihn zu einem für die Interessen und die Ehre Edwards sehr gefährlichen Zeugen machen konnte, — leicht und freudig in seinen Vorschlag. Ein« starke Wache ward sofort mit dem Mönch selbst in den Tower geschickt; und ein bedeckter Wagen folgte, welcher Bungcy und sein Opfer führen sollte. Inzwischen war Sybille, nachdem sie einige Zeit in dem Gemache geblieben, in welchem Hastings sie allein mit ihrem Kummer gelassen hatte, in da« Zimmer geschritten, wo ihr Vater i» stummem, eifrigem Verkehr mit seinem Heureka sich befand. Die Maschine war jetzt ganz vollendet; verbessert und vervollständigt, so weit nur immer die Kunst de« Erfindersreichte. Der arme Philosoph hatte, Weiler glaubte, das Vorurtheil dagegen möge wohl seinen Grund in ihrem rohen, abschreckenden Acußern gehabt haben, ihr jetzt eine gefällige und einnehmende äußere Erscheinung zu geben gesucht. Er hatte sie mit eigner Hand bemalt und vergoldet — sie sah ganz schmuck und glänzend aus in ihren heitern Farben; die äußere Gestalt war jetzt würdig des kostbaren, das Glück beschwörenden Juwels, das in ihrem Mittelpunkt verborgen lag. „Sieh, Kind, sieh!" sagte Adam; „ist es jetzt nicht schön und freundlich?" „Mein theurer Vater, ja!" antwortete das arme Mädchen, und suchte auch jetzt noch zu lächeln; dann, nach 94 einem kurzen Schweigen, fuhr sie fort: „Vater, mich dünkt in den letzten Zeiten habe ich Dich zu sehr vergessen; verzeih mir, wenn es so ist. Hinfort habe ich im Leben keine andre Sorge mehr als Dich — in Zukunft laß mich immer, wenn Du arbeitest, kommen und neben Dir sitzen! Ich möchte nicht allein sehn — ich darf nicht! Vater — Vater! Gott schütze Dein harmloses Leben! Ich habe Niemand ans der Welt zum Lieben als Dich!" Der gute Mann wandte sich ernst um, und erhob mit bebenden Händen das traurige Angesicht, das sich an seine Brust gedrückt hatte. Er blickte kummervoll seine Tochter an, und sagte: „Ein neuer Schmerz hat Dich betroffen, mein Kind. Mich dünkt, ich habe in dem Zimmer dort noch eine Stimme außer der Deinigen gehört. Ach! hat Lord Hastings —" „Vater, schone meiner! — Du hast nur zu sehr Recht gehabt — Du hast nur zu weise geurthcilt — Lord Hastings ist mit einer Andern vermählt! Aber sieh, ich kann doch noch lächeln — ich bin ruhig. Mein Herz wird nicht brechen, so lang es noch Dich hat, Dich zu lieben und für Dich zu beten!" Sic umschlang ihn, wie sie so sprach, mit ihren Armen, und er raffte sich wieder auf aus seiner außerirdischen Welt. Obgleich er keinen Trost zu bieten hatte, war doch für die Verlassene Etwas wenigstens in seinen LiebeSworten — in seinen mitleidigen Thränen. Sie setzten sich neben einander nieder, als der Abend dämmerte. Das Heureka war vergessen in der Stunde 95 seiner Vollendung! Sic bemerkten nicht die Fackeln, welche unten stammten, von Zeit zu Zeit die Wände ihres Zimmers rötheten, und eine Glut auf die heitre Vergoldung und die grellen Farben des bunten Modells warfen/ Und doch flackerten diese Fackeln um die Sänfte, welche Heinrich den Friedfertigen auf das Schlachtfeld bringen sollte, wo über die Dynastie seines Königreichs entschieden wurde! Die Fackeln verschwanden, und ans der dunkeln Feste wurde der gefangne König getragen. Die Nacht folgte aus den Abend — und wieder beleuchtete der rothe Schimmer das Heureka, und spielte in fantastischem Lächeln über seine grellen Farbe» hin — Schritte und Stimmen, und das Klirren von Waffen ertönten im Hof, auf den Treppen, tm anstoßenden Zimmer — und Plötzlich ward die Thüre aufgeriffen, und gefolgt von etwa einem Dutzend Soldaten, trat der fürchterliche Mönch ein. „Aha, Meister Adam, Wer ist jetzt der größere Nekromant? Packt ihn! Fort mit ihm! Und helft Ihr Master Sergeant, dieß Stück von der listigen Erfindung des bösen Feindes wegtragen! Ho, ho! seht Ihr, wie es jetzt aufgeputzt und glänzend angestrichcn ist — Alles für die Schlacht, dafür steh ich Euch!" Die Soldaten hatten schon Hand an Adam gelegt, der, betäubt mehr von Staunen als von Furcht, keinen Laut von sich gab und durchaus keinen Widerstand versuchte. Aber umsonst suchten fie ihn von Sybillen« ihn umschlingenden und schützenden Armen loszureißen. Eine SS übernatürliche Stärke, ihr eingeflößt durch eine Art Aberglauben: e« könne ihm kein Leid widerfahren, solange sie in seiner Nähe sey, durchdrang ihre zarte Gestalt, und so roh und wild die Soldaten waren, scheuten sie doch zurück vor wirklicher, brutaler Gewaltthätigkeit gegen ein so junges und holde» Geschöpf. Diese kleinen Hände klammerten sich so fest an, daß es schien, nur die Schärfe des Schwerte« könne des Kindes Arme vom Halse des Vaters trennen. „Thut ihm kein Leid — Ihr thut es auf Eure Gefahr, Mönch!" schrie sie mit flammenden Augen. „Reiß ihn von mir — und wenn König Edward die Schlacht gewinnt, so wird Lord Hastings Dein Leben fordern; wenn Lord Warwick stegt, so sind Deine Tage auch gezählt. Nimm Dich in Acht! weg!" ' Der Mönch erschrack. Er hatte in der Hitze seiner Rachgier Lord Hastings vergessen. Er fürchtete, wen» Sybille zurückbliebe, könnte fie ihm wirklich einen mächtigen Feind auf den Hals Hetzen am Liebhaber der Tochter, durch das, was fie ihm berichten könnte, — andrerseits falls Warwick siegte, welche Rache hatte er zu gewarten in Folge ihrer Berufung an den große» Beschützer ihre« Vaters! Er beschloß daher augenblicklich, Sybille sammt ihrem Vater mitzunehmen; und wenn das Schicksal des Tages ihm erlaubte, sich Warners zu entledigen, konnte ebenso leicht auch eine gute Gelegenheit sich darbieten, um für immer das Zeugniß Sybillens zum Schweigen zu bringen. Er hatte schon einen schlauen Anschlag gemacht in Betreff seines Verlangens, daß Warner ihn begleiten sollte; denn während er, im Falle von Edwards Triumph, die Hinopferung des verhaßten Warnas beschlossen hatte, konnte er doch, falls der Graf Sieger blteb, sich ein Verdienst daraus gegen Warner machen, daß er (der Mönch) sein Leben nicht nur geschont, sondern auch gerettet habe, indem er ihn zu seinem Begleiter gemacht. Im Einklang mit dieser doppelten Politik antwortete der Münch Sybillen mild: „Ruhig, meine Tochter! Vielleicht wenn Euer Vater dem König Edward treu ist, und meiner Kunst zu Hülfe kommt, statt fie zu hindern, kommt ihm die Reise, die er mitmachen muß, nur zu statten; und wenn Du gerne mit ihm gehst, so ist Raum genug in dem Fuhrwerk und die Fahrt nur um so lustiger. Thnt ihnen kein Leid, Soldaten — ohne Zweifel folgen sie Euch ganz ruhig." Wie er so sprach, hatten die Männer, nachdem fie sich erst bekreuzt, schon das Heureka aufgehoben, und al» Adam es aus dem Zimmer tragen sah, folgte er instinktmäßig'den Trägern. Sybille, gestärkt durch den Gedanken, daß st«, in Wohl oder Weh, wenigstens ihres Vaters Schicksal theilen sollte, und kaum eine große wirklich« Gefahr vermuthend von der Partei» auf welcher Hastings und Alwyn standen, versuchte keine weitere Vorstellungen. Das Heureka ward in das gewaltige Fuhrwerk gebracht — es diente als Schranke zwischen dem Mönch und seinen Gefangenen. Der Mönch selbst redete, sobald der Wagen im Gang DnIwcr'S Romane. VX 7 88 war, höflich genug seine Reisegefährten an, und versicherte sic, daß sie Nichts zu fürchten hätten, wenn nicht Adam sich einfallen tafle, seine Beschwörungen zu stören. Die Gefangnen antworteten nicht auf seine Reden, sondern sich eng an einander anschmiegend, und von Zeit zu Zeit Worte des Zuspruchs und Trostes tauschend, zogen sie sich so weit als möglich von dem Ertregetour zurück, der für eine ihm gemäßere Gesellschaft, in Gestalt einer großen ledernen Flasche, Sorge getragen hatte, und endlich in den stummen, behaglichen Schlummer sank, der gewöhnlich auf die Libationen, dem BromioS dargebracht, sich einstellt. Das Fuhrwerk bewegte sich, mit vielen andern dem Heere folgenden Bagage-Wagen, langsam und traurig weiter; die ganze Nacht blieb, die Wetterprophezeiung des Mönchs bestätigend, neblig und trüb; das Rumpeln des Wagens, die stampfenden Schritte der Soldaten, das Klirren ihrer Waffen, und dann und wann in der Ferne das Wiehern des Pferdes eines Ritters waren die einzigen Laute, welche die Stille unterbrachen, bis einmal Sybille, als sie sich dem Ort ihrer Bestimmung näherten, von ihres Vaters Brust auffuhr, und mit Schaudern den Helfern Gesang und die klingenden Glöckchen der unglück- rerkündenden Tamburinschlägerinnen wieder zu erkennen glaubte. Drittes Kapitel. Eine Pause. Im tiefen Dunkel der Nacht und im dichten Nebel halte Edward seine Mannschaft auf's Gerathewohl auf der Heide von GladSmoor ausgestellt/" und das Lager eilig mit Pallisaden und Gräben umziehen lassen. Er hatte die Absicht gehabt, unmittelbar dem Feinde gegenüber Halt zu mache», aber in der Dunkelheit hatte er sich über die Ausdehnung der feindlichen Linie getäuscht, und seine Truppen lagerten nur gegenüber dem linken Flügel der Streitmacht des Grafen, (gegen Hadley zu,) dem rechten aber standen keine Truppen entgegen. Höchst glücklich für Edward war dieß Versehen; denn WarwickS Artillerie und die neu angefertigten, mörderischen Bom- barden waren auf dem rechten Flügel des Heeres WarwickS aufgestellt; und der umsichtige Graf, natürlich vermuthend, Edwards linker Flügel stehe ihm hier gegenüber, befahl seinen Stückknechten die ganze Nacht fortzukanoniren. Edward, „als das Blitzen der Kanonen das Dunkel der Mitternacht von Zeit zu Zeit erhellte, erkannte den Vortheil seines unabsichtlichen Versehens; und um zu verhüten, daß nicht Marwick es entdecke, schärfte er wiederholt den Befehl der tiefsten Stille ein." " Rauh, kalt, unfreundlich brach der Morgen des vier- » Edward „hatte die an Zahl stärkere Mannschaft." Hall. " Eharon Turner, 7 * 100 zehnten Aprils, des Ostersonntags an. Bei dem Schicksal dieses Tages waren alle diejenigen Personen betheiligt, welche bisher, im Laufe dieser Erzählung in ganz gesonderten Bahnen von WarwickS feurigem Stern sich zu bewegen scheinen konnten. Jetzt, in dieser Stunde der Entscheidung erstreckte sich das gewaltige, gigantische Schicksal des großen Grafen aufAlle, auf welche sein Schatten oder sein Licht gefallen war: nicht nur aus den wollüstigen Edward, den meineidigen Elarence, die stolze Margaretha, ihren großherzigen Sohn, die sanfte Anna, die reuevolle Isabel, den arglistigen Gloucester, das steigende Glück des begabten Hastings, — sondern auf dem Geschick und Ausgang dieses Tages beruhten auch die Hoffnungen HilyardS und die Interessen des GewerbSmanneS, AlwynS, und der Bestand jenes kühnen, ritterlichen, tüchtigen, noch halb normannischen Geschlechts, dessen mittlerer TypuS Marmaduke Nevile war, und mit welchem ein entgegenstrebendes Prinzip wetteiferte, vertreten durch Alwyn und seine Sächsischen Standesgenoffen. Unerbittlich in den Wirbel dieses gewaltigen Schicksals wurde selbst das Leben des harmlosen Gelehrten — seines ergebenen, im Dunkel lebenden Kindes hineingezogen. Hier in diesem blutigen Ocean hatten alle zerstreuten Bäche und Ströme sich am Ende zu begraben geeilt. Aber großartiger und erschütternder als alle persönlichen Interessen waren andere, deren Entscheidung vom Glücke dieser, in den englischen Annalen so denkwürdigen Schlacht abhing; — der Ruin oder Triumph einer Dy- 101 nastie, —der Fall jener kriegerischen Baronenschaft, deren Personifikation, deren krönende Blume —; deren größter und letzter Vertreter Richard Nevile war, an die sich zwar die Erinnerung von manchen Ausschweifungen und Stürmen knüpfte, aber auch die stolzesten und herrlichsten Thaten in unsrer früher» Geschichte — die Erinnerung an alle, seit der Normannischen Eroberung errungenen Siege der Freiheit — an allen Ruhm, welcher die Insel verherrlichte— hier Runnymede, und dort Eressy! — Die Erhebung eines schlauen, ränkesüchtigen, herrschgierigen Despotismus, sich stützend auf die wachsende Sympathie von Handwerkern und Kaufleuten, und heranreifcnd einerseits zu der Tyrannei des Hauses Tndor, der republikanischen Reaktion unter den Stuarts, der Sklaverei, und dem Bürgerkrieg — aber andrerseits zur Concentri- rung aller Kraft und Lebendigkeit deö thätigen Geistes zu einer einzigen, starken Negierung, der Anmnth, der Kunstliebe, der Bilvung eines verfeinerten Hofes, zur Freiheit, zur Thaikrast, zu den Hülfsquellen einer Händel und Gewerbe treibenden Bevölkerung, bestimmt, sich über die Tyrannei zu erheben, zu der sie anfänglich die Hand lieh, und den emancipirten Sachsen die Märkte der Welt zu gewinnen. Bom Siege dieses Tages erwarteten alle diese streitenden Interessen — diese ungeheure Alternative der Zukunft— schwankend und zitternd ihre Entscheidung. Und darum weg mit dem gemeinen, ärmlichen Wunsche derer, die weder die gewaltigen Wahrheiten des Lebens, noch die Großartigkeit der idealen Kunst begreifen, und 102 Vom Dichter oder Erzähler die dürftige und kleinliche Moralität der „poetischen Gerechtigkeit" verlangen, — eine Gerechtigkeit, die nicht in unsrer Werktagswelt sich findet — die nicht in den Küstern Blättern der Geschichte vorhanden ist — nicht in den erhabeneren Schöpfungen von Männern, deren Genius gerungen mit den Rätbscln, welche nur Kunst und Poesie zu erfassen und zu ahnen vermag — die uns unbekannt ist auf den Straßen und dem Markt — unbekannt auf dem Schaffst der Patrioten, oder in den Flammen des Märtyrers — unbekannt im Lear und Hamlet — im Agamemnon und Prometheus, Millionen auf Millionen, Jahrhunderte auf Jahrhunderte werden nur als einzelne Summen eingetragen in die unermeßliche Rechnung, in welcher der aufzeichnende Engel die nie irrende Gerechtigkeit Gottes gegen den Menschen zusammenfaßt. Rauh, kalt, unfreundlich brach der Morgen des vierzehnten Aprils an. Und an eben diesem Tage landeten endlich Margaretha und ihr Sohn, und Marwicks Gattin und Tochter an der Küste von England,' Kamen sie zn Freude oder zu Leid, zu Siegesjubel oder Verzweiflung? Der Ausgang der heutigen Schlacht auf der Heide von GladSmvor wird es entscheiden. Schmücke prangend Deine Hallen, o Westminster, zum Triumph des Lan- eastrischen Königs, oder öffne Du Dich, o Grab, um den heiligengleichen Heinrich und seinen edeln Sohn zu em- * Margaretha landete bei Weymouth, Lady Marwick bei PsrtSmouth, pfangen. Der Königmacher zieht vor Euch her, heiligen- gleicher Vater und edler Sohn, um Euch Eure Throne unter den Lebendigen, oder Eure Wohnungen unter den Todten zu bereiten! Viertes Kapitel. Die Schlacht. Rauh, kalt und unfreundlich dämmerte der Morgen des vierzehnten Aprils. Der dichte Nebel verhüllte noch beide Heere, aber ihr Gesumme und Gebrause hörte man doch schon durch das Zwielicht, — das Gewieher von Pferden und das Raffeln von Panzern. Von Zeit zu Zeit ließ eine Bewegung der einen oder der andern Streitmacht das feindliche Heer dämmernde, in dem Dunst und Nebel riesenhaft erscheinende Gestalten und Gebilde undeutlich erblichen; und es lag etwas Gespenstisches und UeberirdischeS in diesen unheimlichen Gestalten, die in der trüben Atmosphäre plötzlich anftauchten und plötzlich verschwanden. Inzwischen hatte Warwick den Jrrthum seiner Stückknechte entdeckt. Denn dem rechten Flügel des Grafen gegenüber dauerte das Stillschweigen der Völkischen ununterbrochen fort, während links durch den dicken Nebelqualm oft plötzlich das heisere Brummen und da» leise Geheul des erwachenden Krieges brach. Der Graf verlor keinen Augenblick, den Jrrthum der Nacht wieder gut zu machen; seine Artillerie fuhr eilends vom rechten Flü- 10t gel hinüber, und plötzlich wie ein Sturm von Blitzen brach das Feuer des Geschützes durch die dichten, grauen Dünste, und riß, nicht weit von dem Platze, wo Hastings den seinem Befehl untergebenen Flügelaufstellte, eine tiefe Lücke in die geschloffenen Reihen. Der Tod halte seine festliche Orgie begonnen! In diesem Augenblick jedoch erhob sich vom Mittelpunkt des Vort'fchen Heeres her, kaum übertäubt durch den Donner des Geschützes, jenes tiestönige Jauchzen des Enthusiasmus, das dem, der es Einmal gehört — hervordringend gleichsam a»S dem einSgewordnen Herzen einer bewaffneten Menge — immer unvergeßlich bleiben wird als der prächtigste und entflammendste Ton, der je seinen Pulsschlag beschleunigte und sein Blut durchschauerte — denn an dieser Abtheilung des Heeres ritt jetzt König Edward vorüber. Sein Panzer war geschliffen wie ein Spiegel, aber sonst ohne Verzierungen, und glich demjenigen, welcher jetzt sein Bild im Tower schmückt, und die Schabracke seines NoffeS war mit silbernen Sonnen übersät, denn die silberne Sonne war das Abzeichen auf allen seinen Bannern. Sein Kopf war entblößt, und in der dunstigen Atmosphäre war es als ob seine üppigen Locken im buchstäblichen Sinn« leuchteten. Gefolgt von seinem Leibknappen mit Helm und Lanze, und den Lords in seiner nächsten Umgebung, seinen Befthlshaberstab in der Hand, ritt er langsam die feste Linie entlang, bis er haltend an einer Stelle, von wo aus er am weitesten hin 105 gehört zu werden glaubte, den Zügel seines Pferdes anzog und seine Hand erhob, worauf das Rufen- und Jauchzen der Soldaten verstummte, obwohl noch tmmer, auch während er sprach, von Warwlcks Bogenschützen ein Pfeilhagel sich ergoß, und die trübe Atmosphäre erhellt, die Stille unterbrochen ward von dem Blitz und dem Krachen der Bombarden. „Engländer und Freunde!" sprach der kriegerische Fürst, „zu kühnen Thaten gehören nur wenig Worte, der Feind steht vor Euch! Bon Ravenspur nach London bin ich marschirt — der Verrath floh vor meinem Schwert, die Loyalität sammelte sich zu meiner Standarte. Mit nur zweitausend Mann betrat- ich am 14. März England — am 14. April umfaßt meine Heerliste sünfzigtausend Mann. Wer kann denn nun sagen, daß ich nicht König sey, wenn Ein Monat dem Monarchen ein Heer schafft durch die bloße Liebe seiner Unterthancn? Und wohl wißt Ihr jetzt, daß meine Sache Eure und Englands Sache ist. Die uns entgegen stehen, sind Männer weiche herrschen möchten dem Gesetze zum Trotz — Barone, die ich mit Gunst überhäuf- habe, und die dieß schöne Königreich mit König, Lords und Gemeinen zur Appanage und zum Eigenihum für Eines Mannes maßlosen Ehrgeiz machen möchten— ja, wahrhaftig zum Park und Hofgut jür Lord WarwickS einzelnes Haus! Ihr Gentlemen und Ritter Englands, laßt sie und ihr Gesindel siegen — so wird Euer Eigenthum Euch geraubt — Euer Leben gefährdet 106 — alle Gesetze todt geschlagen werden. Worin ist Richard von Warwick verschieden von JackCade, außer daß, wenn sein Name edler, auch sein Hochverrath um so ärger ist? Gemeine und Soldaten Englands — Freibürger, wenn auch noch so gering — was verlangen und wünschen diese rebellischen Lords, welche im Namen Lancasters herrschen möchten? Euch wieder zu Leibeignen und Hörigen zu machen, wie Eure Väter es waren. Ihr verdankt die Befreiung vom Joch der Barone den gerechten Gesetzen meiner Borfahren, Eurer Könige! Gentlemen und Ritter, Gemeine und Soldaten, Edward der Vierte auf seinem Throne wird von einem Sieg keinen größer« Gewinn haben als Ihr! Dicß ist kein Krieg zierlicher und feiner Ritterschaft — es ist ein Krieg treuer Männer gegen falsche. Kein Quartier! Schont weder Ritter noch Pöbel! Warwick freilich pflegt nicht aafdie Gemeinen einzuhauen. Mit Recht nicht — derPübel ist ja sein Freund. Ich sage Euch —" und wie Edward inne hielt in der Aufregung und blutdürstigen Wuth seiner Tigernatur, sahen die Soldaten, wie er selbst zum Blutdurst erhitzt, seine Augen funkeln, sahen ihn mit den Zähnen knirschen, — als er mit tieferer und leiserer, aber nicht minder vernehmlicher Stimme fortfuhr: „Ich sage Euch, erschlagt Alle! Welche Ferse wird der Natterbrut schonen?" „Wir wollen! wir wollen es!" war die entsetzliche Antwort, die murmelnd und zischend unter Helmen und Stahlhauben hervortönte. 107 »Horch! auf ihre Bombarden!" rief jetzt wieder Edward. »Der Feind möchte gern von fern streiten, denn sie sind uns mit ihren Bogenschützen und Kanonieren überlegen, darum auf fie los! Hand gegen Hand — Mann gegen Mann! Vorwärts dis Banner. Laßt die Trompeten schmettern! Sir Oliver, meinen Helm! Soldaten, wenn meine Standarte fällt, schaut nach der Feder auf Eures Königs Helm. Zum Angriff!" Dann rückte mit einem Jauchzen, noch wilder und lauter als zuvor, trotz dem Hagel von Pfeilen, trotz dem Feuer der Bombarden, mehr rennend als marschirend, Edwards Ccntrum gegen den Heerhaufen Somersets an. Aber in einem Theil des Lagers, wo die Befestigung am stärksten schien, blieb ein kleiner Trupp» der allgemeinen Bewegung des Heeres nicht folgend, zurück. Links vom Kirchhof von Hadlep sieht der Beobachter heute noch eine niedere Mauer; auf der andern Seite dieser Mauer ist ein Garten, damals nur ein roher Bühl auf der GladSmoor-Heide. Auf dieser Stelle umgab eine Truppe in voller Waffenrüstung, auf ungeduldig scharrenden Streitrossen, einen Mann auf einem elenden Zelter, in einem blauen Rock — der Farbe des KönigthumS und der Knechtschaft — und dieser Mann war Heinrich der Sechste. Auf demselben Platze stand der Mönch Bungcy, den Fuß auf dem Heureka, Beschwörungen murmelnd, daß die Nebel, die er vorbergesagt,* und welche die Vork'schen Damit der Leser nicht wähne, die Wichtigkeit des Mönchs Bungey an diesem blutigen Tage sey von dem Erzähler 108 i während der Nacht gegen die Kanonen geschützt hatten, noch sortwähren möchten zum Verderben de« Feinde-, Und neben ihm, unter einem dürren, entlaubten Baum, einen Strick um den Hals, war Adam Warner, und Sybille, immer treu an seiner Sette, nicht zitternd vor den Pfeilen und Geschützen — all ihre Furcht nur znsammenge- drängt in die Angst um da- einzige Leben, das dem ihrigen noch Werth gab. Auf dieser Erhöhung also standen diese Zuschauer abgesondert. Und das Ohr des sanstmü- thigen Heinrich hörte durch den Nebel das verworrene, drohende, klirrende Getöse, — der Stahl hatte den Kampf mit dem Stahl begonnen, »Heiliger Vater!" rief der fromme König; »und heute ist der Ostersonntag, dein feierlichster Friedenstag!" »Schweig!" donnerte der Mönch, »du störst meine Zauber, Lsrabdarars — 8uiitl>inoa — h'oxgibus in- erescölxr — coiilusio immiei«— Oaralrliors, vszior et »ebli!" Wir müssen jetzt einen raschen Blick auf die Aufstellung des Heeres unter Warwick werfen. Auf dem rechten Flügel war das Commando dem Grafen von Orford und dem Marquis von Montagu anvertraut. Der Elftere die Reiterei dieser Abtheilung führend, war vorn aufgestellt; der Letztere, seiner Gewohnheit gemäß umgeben von einer übertrieben worden, müssen wir das Zeugniß des nüchternen Aldcrman Fabpan citiren I „Von de» Nebeln und andern Hindernissen, welche des Lords Partei trafen, vermöge der von dem Mönch Bungey angestellten Beschwörugcn, wie die Sage ging belangt mich nicht zu schreiben," 10g starken Leibwache von Rittern» und einer erstaunlichen Anzahl von Knappen als Adjutanten, blieb hinter dem Treffen, und leitete von da aus durch seine Befehle die gesammten Bewegungen, Auf diesem Flügel waren die meisten Lancastrier, eifersüchtig auf Marwick, und Mon- tagu'S Anführung sich nur gefallen lassend, weit ihr Lieblingsheld, Orford, sie mit ihm theilte. In der Mitte stand das Hauptcorps der Bogenschützen, mit einer tüchtigen Anzahl von Piken- und Streitartmännern, unter dem Herzog von Somerset; und auch diese Abtheilung war größtentheils Lancastrisch, und theilte die Eifersucht von OrfordS Soldaten, Der linke Flügel, hauptsächlich aus Marwicks Ueomen und Dienstleuten gebildet, wurde von dem Herzog von Ereter in Verbindung mit dem Grafen selbst befehligt. Beide Heere hatten eine ansehnliche Reserve hinter sich, und Marwick hatte außerdem aus seinen eigenen Dienstleuten eine Schaar auserlesener Bogenschützen gezogen, die er geschickt aufgestellt hatte am Saum eines Waldes der sich damals von Wrotham Park bis zu der Säule erstreckte, die jetzt noch von der Schlacht bei Barnet zeugt, an der Heerstraße nach Norden. Gr hätte die genannten Bogenschützen, wo sie von vorn den Reitern Edwards bloß gestellt waren, durch starke, hohe Barrikaden sicher gestellt, die nur eine so große Oeffnung frei ließen, daß ein Reiter auf einmal durchpassiren konnte, und mit einer furchtbaren Linie von Sperren diese schmale Oeffnung vertheidigten, welche im Notbfall «inen Zufluchtsort auf- thai. 110 Nachdem diese Anordnungen getroffen waren, ritt der Graf, ehe noch Edward gegen Somerset angerückt kam» vor die Fronte des unter seinem speciellen Befehl stehenden Flügels, und hielt, gemäß der Sitte der Zeit, die auch sein königlicher Feind beobachtet halte, eine Anrede an die Truppen. Hier standen die» die ihn wie einen Vater liebten, und ihn mehr wie ein höheres Wesen, denn als einen Sterblichen, verehrten— da die Dienstmanncn, welche mit ihm herangewachsen waren von seiner Kindheit an — die ihr» gefolgt waren ans seine ersten Schlachtfelder — die gelebt hatten unter dem Obdach seiner zahlreichen Schlösser, und sich in jener kunstlosen Gleichheit eines der Natur nach nähern Zeitalters, die er gerne beibehielt und pflegte, an seinem gastlich freigebigen Tische gesättigt hatten. Ilnd jetzt hielt Lord Marwicks kohlschwarzes Roß regungslos vor der Fronte. Sern Knappe hinter ihm trug seinen Helm, beschattet von dem Adler der Monthermer, dessen ausgebreitete Schwingen weit in schwarze Federn auslicfen; und als des Grafen edles Antlitz sich voll und ruhig den starrenden Linien zuwandte, da erfolgte nicht jenes gemeine Lärmen, welches die Erscheinung des jungen Edward begrüßte. Vermöge jener wunderbaren Sympathie, welche manchmal eine große Menge durchzuckt und mit einem gemeinsamen Gefühl erfüllt, ward die ganze Schaar dieser ihm bis zur Anbetung ergebnen Vasallen plötzlich inne, welch eine Verwandlung ein Jahr in dem Angesicht ihres Hauptes und Vaters bewirkt hatte. Sie sahen die grauen Streifen in seinen Jupiterslocken — die Furchen tll ln seiner hohen Stirne — die Vertiefungen in diesem männlichen, ehernen Gesicht, das ihrer rohen Bewunderung den Stempel der zwiefältigen Gottheit — der Huld und der Tapferkeit, an sich zu tragen geschienen hatte. Ei» Schauer der zärtlichen Theilnahme und der Ehrfurcht bebte durch Aller Adern — Thränen der hingebenden Treue traten in manches rauhe Auge. Nein — hier stand nicht der sühllose Hauptmann, der seine Schlächter- miethlinge anredete; hier stand der Herr und Vater, der Dankbarkeit, Liebe, Ehrfurcht um sich versammelt und aufgeboten hatte, zur Entscheidung seines sturmvollen Schicksals. „Meine Freunde, meine Gefolgsmänner und meine Kinder," begann der Graf, „das Schlachtfeld, das wir betreten haben, ist eines, von welchem eS keinen Rückzug gibt; hier muß Euer Anführer siegen oder sterben. Es ist nicht ein pergamentner Stammbaum, nicht ein Name, auS der Asche von Todten abgeleitet, was den einzigen Rechtsanspruch auf die Krone gibt. Wir Engländer wären nur Sklaven, wen» wir, Krone und Scepter einem Sterblichen wie wir selbst verleihend, nicht dafür auch königliche Tugenden forderten. Umgeben ehemals von schlimmen Rathgebern, ward die Herrschaft Heinrichs Vl. verfinstert, und das Wohl des Königreichs gefährdet. Die Unbilden, die ich selbst erduldet, schienen mir groß, aber das Mißgeschick meines Landes nicht kleiner. Ich hielt dafür, daß unter dem Geschlecht Uork England ein weiseres und glücklicheres Regiment zu Theil werden würde. !I2 Wie groß hierin mein Jrrthum war, wißtZhr zumTheil. Ein Fürst, zerfließend in Wollust und Lastern — ein Adel, entwürdigt durch Günstlinge und Blnisauger — ein Volk, geplündert von Vögten und Einnehmern, und ein Land, verstört durch Streit und Aufruhr! Aber Ihr wißt nicht Alles — Gott hat des Mannes Herd zu seinem Altar gemacht, — unsre Herde wurden befleckt — unsre Weiber und Töchter wurden als Huren betrachtet — undUnzucht regierte das Königreich. Eines Königs Wort sollte fest " sehn, wie die Säulen der Welt. Welcher Mann hat je Edward getraut und ist nicht betrogen worden? Selbst in diesem Augenblick steht der unritterliche Lügner unter den Waffen mit der Last eines Meineids auf seiner Seele. 2» seines Vaters Stadt Vork hat er, wie Ihr wißt, vor drei kurzen Wochen dem König Heinrich den Eid der Un- terthanentreue geleistet. Und jetzt ist König Heinrich sein Gefangener, und König Heinrichs heilige Krone ist auf seinem Verrätherhaupt! Verräther nennt er uns? Welcher Name ist dann schimpflich genug für ihn? Edward versprach, ein wackrer Mann zu werden, und darum habe ich ihm gedient. Er wurde ein niederträchtiger, ein falscher , ein sittenloser und grausamer König, und ich verließ ihn; mögen alle freie Herzen in allen freien Ländern so den Königen dienen, wenn sie Tyrannen werden. Ihr fechtet gegen einen grausamen und abscheulichen Usurpator, dessen tapfrer Arm ein schwarze« Herz nicht zu heiligen vermag — Ihr fechtet nicht nur für König Heinrich, den Sanftmüthigen und Tugendreichen — Ihr fechtet 113 nicht für ihn allein, sondern für seinen jungen, fürstlichen Sohn, den Enkel Heinrichs von Agincourt, der, wie mich alte Männer versichern, das Gesicht dieses Helden hat, und der, wie ich weiß, dieses Helden offene, königliche, edle Seele besitzt — Ihr fechtet für die Freiheit Eures Landes, für die Ehre Eurer Frauen, für Etwas, das besser ist als jedes Königs Sache — für Gerechtigkeit und Gnade, für Treue und alle Tugenden des Mannes, gegen Corruption in den Gesetzen, gegen Schlächterei auf den Schaffotten, Falschheit im Munde eines Herrschers, und schamlose Unzucht in den Rächen herzloser Gewalthaber. Den Befehl, den ich immer im Kriege gegeben, gebe ich auch jetzt; — wir führen Krieg gegen die Urheber des Unheils, nicht gegen ihre unglücklichen Werkzeuge — gegen unsre Unterdrücker, nicht gegen unsre irre geführten Brüder. Schlagt nieder jeden gefiederten Helm, aber wenn der Kampf vorbei ist, schont jedes Mannes von den Gemeinen! Horch, während ich spreche, höre ich den Marsch Eures Feindes! Die Standarten empor! blast Trompeten! Und jetzt, wie ich meinen Hesm schnalle, möge Gott un» Allen glorreichen Sieg oder ein glorreiches Grab gewähren, Drauf, meine lustigen Männer! zeigt diesen Londoner Fanten die tüchtigen Herzen von Warwickshire und Dorkshire. Drauf, meine lustigen Männer! Für Warwick! Für Warwick!" Wie er schloß, schwang er mit Leichtigkeit über dem Haupt die furchtbare Streitart, welche, wie GraS vor dem Mäher, die Ritterschaft manches Schlachtfelds hingestreckt hatte; und ehe der letzte Stoß der Trompeten erstarb, Bulwer'» Romane. VX. o i14 trafen die Truppen Marwicks und GloucesterS zusammen und wurden handgemein. Obgleich der Graf, als er die wirkliche Stellung des Feindes entdeckte, einen Thcil seiner Artillerie von dem rechten Flügel entsandte, blieb doch hier noch der größere Theil und die Hauptstärke seiner Macht. Hier ließ denn auch Montag» eine Truppe um die andere zur Unterstützung Oxfords nachrücken, und drückte so überwältigend auf die Soldaten unter Hastings, daß die Schlacht sehr bald ein für die Völkischen sehr ungünstiges Ansehen bekam. .Es schien wirklich, als ob das Glück, welches bisher immer Montagu'S kriegerische Unternehmungen begleitet hatte, ihm auch den krönenden Triumph gewähren wolle. Hinter dem Treffen haltend, wie schon gesagt, mit seinen leichtbewaffneten Knappen, auf flüchtigen Pferden, um sich, setzte er die Federn der Schlacht in Bewegung mit jenem kaltblütigen Scharfblick, den damals kein Anführer in beiden Heeren besaß. Hastings warb gänzlich überflügelt, und obgleich seine Leute mit großer Tapferkeit fochten, konnten fie doch dem Andrang überlegener Schaaren nicht widerstehen. Inmitten des Gemetzels im Centrum hielt Edward' sein Roß an, als er das Siegsgeschrei in den Lüsten hörte. „BeimHimmel!" rief er, „unsre Leute auf dem linken Flügel sind Memmen — fie fliehen! sie fliehen! Rettet zu Lord Hastings, Sir Humphrey Bourchier, heißt ihn hieher sich ziehen mit der ihm noch gebliebenen Mannschaft: und^etzt, ehe unsre Burschen recht inne werden, was.dort vorgcfallen ist, greifen wir an, Ritter und Gent- lemen, drauf! draus! durchbrecht Somersets Linie! drauf, drauf, gegen das Herz des rebellischen Lords!" Jetzt, mit geschloffenem Visir, die Lanze gesenkt, brach Edward mit seiner Cavallerie durch die Bogenschützen und Streitartmänner Somersets; in vollständige Stahlrüstun- gen gehüllt, undurchdringlich für die Waffen des Fußvolkes, metzelten sie Alles vor sich nieder, und ihre Bahn war von Leichnamen und Strömen Blutes bezeichnet. Der Wildeste und Rasendste von Allen war Edward selbst; als seine Lanze splitterte, und er seine knotige Keule aus der Schlinge am Sattelbogen zog — da, wehe Allen, die ihn aufseinem Pfad anfzuhalten suchten! Gleich wenig frommten da Stahlhelm oder Lederkappe, Wamms oder Stahlpanzer. Umsonst warf sich Somerset selbst in das Kampfgewühl. Im Augenblick, wo Edward und seine Reiterei durch die Linien einen Weg gebahnt hatten für sein Fußvolk, war das Schicksal des Tages halb entschieden, Nicht ein rascher Durchbruch war es, was er zu erzwingen wünschte, eine klaffende und sich wieder schließende Wunde — sondern einen Keil wollte er in die Eiche des Krieges treiben. Da, wie fest gewurzelt mitten in Somersets Truppen, auf beide Seiten sich wendend, nur vorüberziehend, um wieder zurückzukommen, wo Helme zu zerschmettern-und Männer niederzustrecken waren, erweiterte Edward mit seiner gewaltigen Stärke den Riß immer mehr und mehr, bis seine Schaaren immer rascher und rascher eindrangen, und das Centrum von Marwicks Heer zu 8 * kreisen und sich zu drehen schien um den sich immer erweiternden Niß durch seine Reihen — wie die Wellen nm einen gähnenden Spalt in einem Maalstrom. Aber inzwischen wurden die hartgedränglen Truppe» unter Hastings' Cvmmando zersprengt und zerstreut; aus dem Feld geschlagen flohen sic schaarenweise durch die Stadt Barnet; Viele machten nicht eher Halt, als bis sie London erreichten, wo sie die Nachricht von des Grafen Sieg und Edwards Verderben verbreiteten. * Durch den Nebel sah der Mönch Bungry die flüchtigen Vorkischen unter Hastings, und hörte ihr verzwelf- lungSvolleS Geschrei; durch den Nebel sah Sybille, dicht unter den Verschanzungen, welche den Platz, wo sie standen, deckten, einen bewaffneten Reiter mit dem wohlbekannten Busch und Zeichen Hastings' auf seinem Helm, der mit aufgeschlagenem Visir, mit der lauten Stimme der Wuth und Verachtung seine Leute zur Umkehr aufforderte. Und jetzt sprang sie selbst vor, und seine frühere Grausamkeit vergessend über seiner gegenwärtigen Gefahr, rief sie seinen Namen — Schwacher Schrei, der im Toben des Krieges verhallte! Aber der Mönch, jetzt fürchtend, er habe sich auf die falsche Seite geschlagen, fing an von seinen Beschwörungen abzulaffen, sich mit den niederträchtigsten Entschuldigungen an Adam zu wenden, ihn zu versichern, er wäre gewiß ohne die Dazwischenkunst des Mönchs im Tower niedergemetzelt worden; und der Strick um seinen Hals sey nur eine bedeutungslose Ceremonie, ' Sharon Turner. aus Rücksicht für die Vorurtheile der Soldaten beliebt. „Ach, großer Mann!" schloß er; „ich sehe jetzt, daß Du doch mächtiger bist als ich; Deine Zauber, obwohl Du schweigst, sind gewaltiger als die meinigen, von denen doch fast meine Lungen bersten I Lonlusio inimivis st'aiglo- rolri — ich will dem Grafen kein Leid wünschen — 6ar- rubors, nekli et mibss; Herr im Himmel, was wird aus mir werden!" Hastings mittlerweile, und eine kleine Truppe Reiter, die aus Rittern und Knappen bestehend, das Hauptziel der feindlichen Schwerer, mit dem Stolze von todverachtenden Gentlemen und der Wuth verzweifelter Soldaten fochten — schlugen sich, da sie es unmöglich fanden, die Flüchtigen zurückzurufen, durch Oxfords Reihen durch zum Mitteltreffen, wo sie dem schrecklichen Arm Edwards frische Verstärkung brachten. Fünftes Kapitel. Die Schlacht. Der Nebel war immer noch so dicht, daß Montag» keinen Ueberblick über das gesammte Schlachtfeld zu gewinnen vermochte. Aber ruhig und entschlossen auf seinem Posten ausharrend, unter den Pfeilen, die ihn umschwirrten, und oft sich abstumpfend, seine Rüstung von Mailänder Stahl trafen, empfing der Marquis die Meldungen seiner Adjudanten (man verzeihe das moderne 118 Wort!) wie fie Einer nach dem Andern aus dem Nebel zu ihm heranritten. „Gut," sagte er, als einer dieser Boten jetzt hsrbei- galoppirte; „wir haben Hastings und seine Söldner aus dem Felde geschlagen; aber ich sehe nicht den Silbernen Stern von Lord Orfords Banner. „Lord Oxford, mein Lord, hat den Feind, den er geworfen. bis zum äußersten Saum der Heide verfolgt." „Die Heiligen stehen uns bei! Ist Orford so übereilt? Er wird Alles zu Grunde richten, wenn er sich vom Schlachtfelde weglocken läßt! Reitet zurück, Sir! doch halt!" wie Lin andrer von den Adjudanten erschien: „Was für Nachiichicn von Lord Marwicks Flügel?" „Arg bedrängt, kühner Marquis. GloucesterS Schlachtlinie scheint unermeßlich; fle überflügelt schon den Grasen. Der Herzog selbst scheint von der Hölle begeistert und berauscht! Zweimal hat sein dünner Arm selbst des Grafen Streitart getrotzt, welche des Knaben schonte, aber seine Genossen in den Staub schmetterte." „Nun, und wie steht's im Centrum, Sir?" als ein Dritter ankam. „Dort tobt Edward in eigener Person. Er ist im ' Der Silberne Stern der de Vere'S hatte seinen Ursprung in einer Tradition, daß Einer ihrer Ahnen im heiligen ?ande kämpfend, einen fallenden Stern auf feinen Schild sich senken gesehen habe. Verhängnißvoll für Männer, edler noch als die de Vere'S, war dieser fallende Silberne Stern. rio Mittelpunkt eingedrungen. Aber Somerset hält sich noch tapfer." Montagu wandte flch zu dem ersten Adjudanten. „Reitet, Sir, schnell! dieß an Orford — Keine Verfolgung ! Heißt ihn mit all seiner Mannschaft auf de» linken Flügel eilen und Gloucester im Rücken angreifen. Reitet, reitet — es gilt Leben und Sieg! Wenn er nur noch zu rechter Zeit kommt, so ist der Tag unser!" ' Der Adjndant sprengte davon, und der Nebel verschlang Roß und Reiter. „BlaSt Trompeter zur Umkehr!" sagte der Marquis ; dann nach einem augenblicklichen Nachstnnen fuhr er fort: „Obgleich Orford unsre Hauptmasse von Reiterei weggezogen, bleiben uns doch noch einige tüchtige Lanzen! und Warwick muß Verstärkung haben. Auf, zu dem Grasen! Imissor nllor! Für Montagu! Für Montagu!" Und die Lanze gesenkt sprengten der Marquis und die Ritter in seiner unmittelbaren Umgebung, welche bisher keinen persönlichen Antheil am Kamps genommen, den Hügel in einem scharfen Galopp hinunter, und stießen jetzt auf eine stärkere Truppe als die ihrige, befehligt von den Lords d'Ehncourt und Sah. Um diese Zeit befand sich wirklich Warwick in derselben Gefahr, wie die der zersprengten Truppen Hastings' gewesen war; denn durch eine ähnliche Stellung hatten, da die Hauptstärke des feindlichen Heeres unter Gloucester beisammen war, des Herzogs Truppen ihn beinahe ganz ' Fabyan. umringt.' Und Gloucester selbst rechtfertigte zum Staunen daS Vertrauen, das seinem jugendlichen Arm die Blüthe deS Heeres von Dort zugewiesen hatte. Durch die Nebel schimmerten und leuchteten der blutrothe Mantel, den er über dem Harnisch trug, die grinsenden Zähne des Eberkopfs, der sein Helmschmuck war, überall wo seine Gegenwart am meisten noth hat, die Ermattenden zu ermuihigen, die Feurigen zu spornen. Und beiden Heeren schien etwas Gespenstisches und NebernatürlicheS in der wilden Tapferkeit und Stärke dieser kleinen, unansehnlichen, so seltsam aufgestntzten Gestalt zu liegen, die man immerfort den gellenden KriegSruf ausstoßen hörte: ..Gloucester hier! Zum Angriff! Nieder mit de» Rebellen, nieder !" Und dieser kühne Geist verschmähte es nicht, mitten in seinem Wüthen, die Wirkungen eines tapfern Armes noch zu steigern durch die List eines Kopfes, der nie aufhörte, auf die Thorheiten der Menschen Plane und Anschläge zu bauen. „Seht, seht!" schrie er, indem er wie ein Meteor von Glied zu Glied schoß, „seht, das sind keine natürlichen Dünste! Der mächtige Mönch dort, welcher die Segel der Margaretha aufhielt, läßt seine Beschwörung der Mächte ertönen, welche auf dem Sturme daherfahren. Fürchtet Euch nicht vor den Bombarden — ihre bezauberten Kugeln meiden die Tapfern! Die finstern Legionen der Luft fechten für uns; denn die Stunde ist gekommen, wo der höllische Feind seine Beute zerreißen ' Sharon Turner. wird!" Und teuflisch erschien die Gestalt, die so ihre Weissagungen unter dem grimmen Helm hervor kreischte» und dann, in das Meer von Lanzen sich stürzend und verschwindend, sich ihren blutigen Pfad bahnte. Aber immer noch botWarwickS unerschöpfliche Kraft dem Andrang der Schaaren Trotz, welche ihn zahllos umwogten. Durch den Nebel drohten seine schwarze Rüstung, seine schwarzen Federn, sein schwarzes Roß, wie Ein Donnerkeil inmitten des trüben Himmels. Das edle Streitroß trug den gewaltigen Reiter, der Alles beseelte und lenkte, mit solcher Leichtigkeit und Gewandtheit dahin, wie das Rennpferd seine leichte Last; und das Roß selbst war fast ebenso verderbenverbreitend, als des Reiters geschwungene Streitart. Es war gegen Pfeil und Lanze durch eine stählerne Rüstung geschützt, und die lange Spitze, welche an der ehernen Kopfbedeckung an der Stirne hervorragte, trof von Blut, wie es dahin rannte. Keine noch so fest geschloffene Linie von Männern vermochte dem Anlauf dieses Rosses und Reiters zu widerstehen. Und Nichts frommte selbst die Gegenwart des unerschrockenen Gloucester und sein gellender Schlachtruf, wenn man den gewaltigen Grafen durch den Nebel daherstürmen sah» und seine» freudigen Zuruf Hörle: „Meine lustigen Männer, frisch gefochten!" Zum drittenmal jetzt spornte Gloucester sein Roß aus dem Haufen seiner schon zurückweichenden Leute hervor, und sich tief über den Sattelbogen beugend, von seinem Schild gedeckt, stürzte er sich mit der zehnten Lanze 1L2 schon, (seine Lieblingswaffe, weil hier Geschicklichkeit «in ehesten die Stärke ersetzte,) gegen die Riesenwucht seines furchtbaren Feindes. Mit jener hartnäckigen Energie, jener raschen Berechnung, welche die Grundlage seines Charakters ausmachte, und welche immer durch alle Hindernisse hindurch auf das Eine sich warf, dessen Vernichtung die Vernichtung aller übrigen zur Folge hatte, ersah er sich in dieser, seiner ersten großen Schlacht, wie in seiner letzten, bei Bosworth, den Anführer zum Kampf aus, und rannte gegen den Riesen an, wie der Bullenbeißer gegen die Hörner und Wampen des Stiers. Marwick, in dem großen Kreise, den sein Arm in dem Gemetzel um sich her von Feinden rein gemacht hatte, hielt sein Pferd an, als er den Feind anrennen sah und das grimmige Abzeichen und den rothen Mantel seines Pathen erkannte. Und selbst in diesem Augenblick, wo all sein Blut erhitzt und in Wallung, sein Geist der Erinnerung an das erlittene Unrecht voll und er in dringender Gefahr war, empfand sein großmüthigeS, löwenartiges Herz eine warme Regung von Bewunderung bei der Tapferkeit des Knaben, den er in den Waffen geschult hatte — des Sohnes seines geliebten Uork. „Sein Vater ahnte nicht," murmelte der Graf, „daß dieser Arm Ruhm zu gewinnen suchen würde an seines alten Freundes Leben!" Und wie das halblaute Wort auf seinen Lippen erstarb, traf Glou- cesterS wohlgezielte Lanze voll auf seinen Helm, und machte den Grafen, trotz seiner Reiterkunst und Stärke tm Sattel Wanken, während der Prinz vorbeischoß, und 123 plötzlich unrkehrend, die zersplitterte Lanze wegwars, und nun ihn mit dem Schwert in der Faust angriff. „Zurück, Richard — zurück, Knabe!" sagte der Graf mit einer Stimme, die hohl unter dem Helm hervortönte; „nicht Dein Blut ist es, dessen Vergießung meine erlittenen Unbilden fordern — laß ab von mir!" „Nicht so, Lord Warwick," versetzte Richard mit nüchtern gefaßter, beinahe feierlicher Stimme, indem er einen Augenblick die Spitze seines Schwertes senkte, und sein Vistr lüstete, um besser verstanden zu werden, „auf dem Schlachtfeld müssen alle Erinnerungen, süß im Friede», verstummen und sterben! St, Paul sey mein Zeuge, daß ich selbst in dieser Stunde Euch innig liebe; aber ich liebe Ruf und Ruhm mehr. Auf der Spitze meines Schwertes sitzen Macht und Königthum, und was große Seelen am höchsten schätzen: Ehrgeiz; diese würden mich stark machen selbst zum Angriff aus meines Bruders Brust, stände diese Brust als Scheidewand zwischen mir und einer großen, ruhmvollen Zukunft, Du hast Deine Tochter einem Andern gegeben; ich zücke mein Schwert gegen den Vater, um meine Braut wieder zu gewinnen. Hau zu und schone nicht. Denn derjenige, der Dich am grimmigsten haßt, würde kein gefährlicherer und erbitterterer Feind für Dich sey», als der Mann, der sein Glück gegründet oder zerstört, seine Liebe zermalmt oder noch gekrönt sieht, je nachdem die heutige Schlacht mit Triumph oder Niederlage endet. Rebell, vertheidige Dich!" Keine Zeit blieb für weitere Reden, denn wie Ri- 124 chards Schwert zum Hieb sich senkte, stürzten zwei von GloucesterS Leuten, Parr »nd Milwater mit Namen, von den in der Entfernung haltenden Reihen heran, und eilten ihrem jungen Prinzen zu Hülfe, Zm nämlichen Augenblick sprengten von der entgegengesetzten Seite Sir Mar- maduke Nevile und der Lord Fitzhngh heran; und so er- muthigt, rückten die beiderseitigen Schaaren kühn vor, und das Gefecht wurde hitzig und allgemein. Aber immer suchte das Schwert Richards nur den Grafen auf, und immer schwang der Graf, seine Streiche parirend, seine Waffen gegen geringere Häupter. Zerschmettert von Einem Schlage der Streitart sank Milwater zu Boden — wie sie wieder durch die Luft sauste, fiel Sir Humphrey Bourchier, der eben bei Glouecster angekommen war mit Botschaften von Edward, welche in dieser Welt nicht mehr bestellt wurden. Vor Marmaduke'S Lanze fiel Sir Thomas Parr; und da diese drei Leichname eine Scheidewand bildeten zwischen Gloncester und dem Grafen, wandte sich der Herzog erbittert gegen Marmaduke, während der Graf, sein Roß herumwerfend, mitten in die feindliche Linie einbrach, welche rechts und links aus einander stoben. „Drauf, meine lustigen Männer, drauf!" ertönte es wieder durch die trübe, schwere Last. „Sie weichen, die Londoner Schneider — drauf!" und vor drangen mit freudigem Rufe die lustigen Minner vor Borkshire und Warwick, die kriegerischen Beomen! So von seinem großen Feinde geschieden, galoppirte Gloucester, nachdem er Marmaduke vom Pferde geworfen, dem Theil seiner Trup- 12S ste« zu Hülfe, welcher vor dem Anstürmen WarwickS und feiner Neiler zu wanken und zu weichen anfing. Zn der That war dleß das Regiment, welches die Loyalität Londons ins Feld gestellt hatte, und wenig gewohnt, darf man wohl glauben, waren diese Ehrenmänner und Helsen von Cockaigne an Kriegszucht und Waffendienst, noch auch geschult zu jenem hartnäckigen Widerstand, der, unter geschickten Anführern, die englischen Bauern zu den ausdauerndsten Soldaten macht, welche die Welt gesehen seit dem Tage, wo die römische Schildwache umkam unter den fallenden Säulen und den Lavaströmen Pompeji's, weil sie nicht, obwohl die Gesellschaft selbst sich auflöste, ohne Befehl ihren Posten verlassen wollte. „St. Thomas beschütze uns!" murmelte ein Ehrenmann von Schneider, der im stolzen Rausch und Hochgefühl seiner Tapferkeit, als er noch sicher in Eheste saß, eingewilligt hatte, den Rang eines Lieutenants anzunehmen — „es ist nicht billig, von Männern von Vermögen und Mitteln zu erwarten, daß sie sich zu Marmelade zermalmen und zu Wurstgut zerhacken lassen von Pferdchufen und Streitäxten! Rechts um kehrt Euch! stiehl!" und Schwert und Schild wegwerfend, gab der Lieutenant aus Leibeskräften Fersengeld, als er die Angriffskolonne, das rabenschwarze Pferd WarwickS an der Spitze, riesengleich durch den Nebel anrücken sah. Die Angst Eines Mannes ist ansteckend, und die Londoner wandten sich wirklich schon zur Flucht, als NicholaS Alwy» mit seiner gellenden Stimme und nordischem Accente -126 schrie: „Pfui über Euch! WaS werden die Mädchen in Eastgate und Chepe von unS sagen? Hurrah für die kühnen Herzen von London! — Schaart Euch um mich, tüchtige Lehrburschen! laßt die Knaben dis Männer beschämen! Diesen Pfeil für Cockaigne!" Und wie die Truppe unentschlossen schwankte, und Alwyns Pfeil von der Sehne flog, sahen sie einen Reiter an der Seite Marwicks im Sattel schwanken und auf einmal zur Erde sinken, und so hoch war unverkennbar der Rang des Gefallenen, daß selbst Warwick sein Pferd anhielt, und der Angriff, der eben beginnen sollte, eine Verzögerung erlitt. Es war kein Geringerer als der Herzog von Treter, den Alwyns Pfeil kampfuntüchtig gemacht hatte. Dieser Zufall, verbunden mit der herzhaften Anrede des tüchtige» GoldschmidS diente dazu, die Wankenden wieder zu er- muthigen, und als einen Augenblick darauf Gloucester auf einem Umweg bei ihrer Linie eintraf, schloßen sie ihre Reihen wieder, und ein Hagel von Pfeilen folgte ihrem lauten „Hurrah für die Stadt London!" Aber WarwickS Angriff war nur eine Weile verzögert worden, und während der verwundete Erster von seine» Knappen hinter das Treffen zurückgctragen wurde, stürzte er sich mitten unter die Londoner, brachte ihre ganze Linie in Verwirrung, und trieb sie, trotz aller Anstrengungen GloucesterS weit auf der Ebene zurück? Dieser zur rechten Zeit geführte Streich befreite den Grafen aus der hauptsächlichsten Gefahr seiner Stellung, und sich beeilend, seinen Vortheil zu verfolgen, schickte ervsofort zu den Re- serve» unter Lord St> John, dem Ritter von Lytton, Sir John ConierS, Dymoke und Robert Hilyard, mit dem Befehl, zu seiner Unterstützung vorzurücken. Um diese-Zeit war es Edward gelungen, nach einem höchst hitzigen und hartnäckigen Kampf, eine furchtbare Lücke in Somersets Flügel zu brechen; und die Rebe! währten noch immer so dicht und trübe fort, daß sein Feind selbst vom Schlachtfeld verschwunden schien, da Somerset sich klüglich zurückgezogen hatte, um seine zerrütteten Geschwader wieder herzustellen. Er machte jetzt Halt, und wie durch die graue Atmosphäre von verschiedenen Seiten her die gemischten Schlachtrufe jener feudalistischen Zeit ertönten, wornach er allein die Stärke oder Schwäche der entfernteren Schaarcn richtig schätzen konnte, da kühlte für den Augenblick seine kälter- Besonnenheit und Einficht als Feldherr, seine persönliche Wildheit als Ritter und Soldat ab. Er nahm den Helm vom Kopf, um mit mehr Sicherheit horchen zu können; und die Lords und Reiter um ihn herum waren sehr zufrieden, Athen, schöpfen und ruhen zu können nach dem ermüdenden Gemetzel. Das Geschrei: „Gloucester zum Angriff!" ward nicht mehr gehört. Schwächer und schwächer, zerstreut gleichsam, hatte sich da und dort der Ruf in den andern: „Gloucester zu Hülfe!" verwandelt. Weiterhin stiegen vermischt und wirr durcheinander die Rufe in die Lüste: „Hier Moniagu! Hier Montag»!" 128 und: „Haut ein für d'Gyncourt und König Edward!" — „Hier Say — hier Sah!" „Ha," sagte Edward ernst und nachdenklich, „bei dem kühnen Gloucester steht es falsch — Montagu kommt Warwick zu Hülfe — Say und d'Eyncourt vertreten ihm den Weg, Wils millions tonnerros! Unsre Aussichten sind schwarz! Reit, Hastings, reit! Stell Deine Lor- beern wieder her und führe die Reserve unter Clarence heran. Aber höre, weiche nicht von seiner Seite! er könnte wieder abfallen. Ho, ho! Wieder:'Gloucester zu Hülfe!' Ha, wie lustig ertönt das Geschrei'Warwick!' Bei dem stammenden Schwerte St. Michaels, wir wollen dieß hochmüthige Geschrei dämpfen, oder selbst für ewig stumm werden, ehe der Tag um eine Stunde dem ewigen Gericht näher gerückt ist!" Bedächtig schnallte Edward wieder seinen Helm zu, setzte sich im Sattel zurecht; seine Reiter ritten dicht an einander geschloffen, damit sie sich nicht in der Dunkelheit verlören; so erreichte er sein Fußvolk wieder, und führte eS nach dem Punkte, wo die Schlacht jetzt am wildesten tobte, um das schwarze Roß WarwickS und den blutrothen Mantel des feurigen Richards herum. Sechstes Kapitel. Die Schlacht. ES war jetzt kaum acht Uhr Morgens, obgleich die Schlacht schon drei Stunden gedauert halte; und bis jetzt neigte sich der Sieg so auf dis Seite des Grafen, daß nur «in ungeheures Mißgeschick die Wage zu seinem Nachtheil stellen konnte. Montagu hatte sich zu Warwick durchgeschlagen, Somerset hatte seine Schlachtlinie wieder hergestellt. Die frische Kraft, welche des Grafen Reserven mitbrachten, hatte beinahe seinen Sieg über Gloucesters Flügel vollständig gemacht. Das frische Fußvolk unter Hilyard, die un erschöpften Reiter unter Sir John ConierS und seinen ritterlichen Genossen, richteten eine fürchterliche Verwüstung an, indem sie die Ebene vom Feinde reinigten; und Gloucestcr, jeden Zollbreit Boden ver- theidigend, nicht mehr in der Ueberzahl, sondern in der Minderzahl, ward immer näher und näher gegen die Stadt hin getrieben, als plötzlich ein blasser, matter, ge» spenstischer Sonnenstrahl, mehr dem wässerigen Schimmer des abnehmenden Mondes gleichend, als dem Glanze der Fürstin des Lichts, durch die Nebel brach, und des Grafen kampflustigen Truppen Banner und Abzeichen eines neuen, auf den Platz rückenden Schlachthaufens zeigte. „Schaut!" schrie der junge Lord Fitzhugh, „die Standarte und das Abzeichen des Usurpators — eine silberne Sonne! Edward selbst ist in unsre Hände geliefert! Ans sie — Nulwcr'S Romane. 6X. g ISO Art undPite, Lanze und Schwert, Pfeil und Bolzen! Auf sie — und krönt den Tag!" Denselben unseligen Jrrthum theilte Hilyard, als er des anrückenden Haufens mit dem silbernen Abzeichen gewahr wurde. Er gab das Befehlswort, und alle Pfeile schwirrten non der Sehne. Zn demselben Augenblick, als Fußvolk und Reiterei zugleich den vermeintlichen Feind angrtffen, verschwand wieder die augenblickliche Helle am Himmel, die beiden Schlachthanfen wurden in dem finstern Nebel handgemein, als, nach einem kurzen Kampf, ein Plötzliches, fürchterliche» Geschrei: „Verrath! Ver- rath!" von beiden Schaaren ertönte. Der glänzende Stern von Orford, der von der Verfolgung zurückkam, war fälschlich für Edwards Abzeichen, die Sonne, gehalten worden. * Freund hieb ein auf Freund, und als der Jrrthum entdeckt wurde, glaubte jede Partei, die andere sep zum Feind übergegangen. Umsonst suchten hier Montag» und Warwtck, dort Orford und seine Hauptleute den Zauber der Verwirrung zu lösen, und diejenigen zu vereinigen, deren Blut gegen einander erhitzt worden war. Während noch Alles Zweifel, Verwirrung und Bestürzung war, brach gerade in das Centrum Edward von Dork selbst mit seinen Rittern und Reitern; und seine wallenden Banner, selbst jetzt kaum zu unterscheiden von OrfordS Sternen, vermehrten noch dte allgemeine Unsicherheit und den pantschen Schrecken. Laut in der Milte erhob sich * Cropland'sche Geschichten; Fabyan, Habington, H»me, Sharon Turner. 131 Edwards Trompetenstimme, während mitten durch, wie Eine Krone von Schaum auf einem tobenden Meer, seine schneeweiße Feder wallte. Horch! wieder, wieder — näher und näher — das Stampfen von Pferden, dar Klirren von Stahl, das Zischen und Schwirren von Pfeilen, das Geschrei: „Hastings zum Schlagen!" Frisch und nach Ruhm und Blut lechzend, rückte König Edwards gewaltige Reserve an; von allen Theilcn des Schlachtfeldes sprengten die Völkischen Ritter dahin, wo das Getöse und Gewühl, so viel ärger als je vorher, ihnen verkündigte, daß jetzt die Entscheidung des Krieges eingetreten. Dorthin strömten und drängten sie sich, wie Geier zu einem Leichnam; dorthin d'Eyncourt und Lovell, und Cromwells blutiges Schwert, und Say'S knorrige Keule; dorthin, seine vor kurzem halb geschlagenen Mprmidonen wieder sammelnd, der grimme Gloucester, mit zerschlagenem und verwüstetem Helm, aber die Eberszähne an der gräßlichen Helmzier immer noch knirschend in entsetzlicher Wuth. Aber, der Entsetzlichste und Haffenswürdigste in den Augen des noch unverzagten Grafen, kam, deutlich sichtbar, kaum ein Paar Schritte vor ihm vorüberreitend, mit dem Abzeichen von Cläre, das in seinen Mantel gewirkt war, und in allem Pomp und Prunk eines Fest- tagSaufzugS, dahergezogen der meineidige Clarence, Einen Kampf konnte man es jetzt kaum mehr nennen; ebenso gut hätte der Däne das Meer von seinem Fußschemel zurückvollen können, als Warwick und seine in Unordnung gerathencn Truppen, (immer und immer wieder geblendet d* 132 hier vo» O.rfordS Stern, dort von Edwards Sonne, blindlings Streiche gegen einander führend), dem allgewaltigen Wirbel und Strom des sie umschließenden Feindes hätten widerstehen können. Um die Verwirrung und Auflösung vollständig zu machen — Somerset und der Vortrab seines Flügels waren dem Grafen zur Hülfe herangerückt, gerade in dem Augenblick wo das Geschrei: „Verrätst!" ihnen in die Ohren gellte und Edwards Angriff erfolgte; diese Leute, beinahe Alle Lancastrier, und immer mißtrauisch gegen Montagu, wo nicht gegen Warwick, da sie die frischen Vorgänge von Clarence und dem Erzbischof vor Augen hatten, verloren auf einmal alles Herz. Somerset selbst gab seinen Truppen das Beispiel der Flucht. „Alles ist verloren! sagte Montagu, als er und sein Bruder Warwick neben einander dem Feinde die Spitze boten, und für einen Augenblick dessen Vordringen aufhielten. „Noch nicht," versetzte der Graf; „eine Schaar meiner nordischen Bogenschützen halten noch den Wald dort besetz! — ich kenne sie — sie werden fechten bis zum letzten Athemzug! dorthin denn, mit so viel Mannschaft als wir können. Zhr führt so unsre Soldaten, und ich will den Kückzug decken. Wo ist Sir Marmaduke Nevile?" „Hier." „Schon wieder zu Pferde, junger Vetter! — Ich gebe Dir einen gefährlichen Auftrag. Schlage den Weg ein den Hügel hinunter; die Nebel liegen dicht auf den Hohlwegen und verstecken Dich vielleicht. Suche Somerset einzuholen — er ist in westlicher Richtung geflohen — und sag' ihm von mir, wenn er nur noch Eine Schaar Reiterei wieder zusammenzubringen vermöge — nur Eine — und Edward plötzlich im Rücken angreifc, so könne er noch Alles wieder gut machen. Wenn er sich weigert, so komme das Verderben seines Königs, und der Tod der tapfer» Männer, die er im Stich läßt, über sein Haupt. Schnell — ü touts briäö, Marmaduke. Noch Ein Wort," fuhr der Graf in flüsterndem Tone fort, „wenn Du Somerset nicht bereden kannst, so komm Du nicht zurück, sondern eile in die Freistatt. Du bist zu jung zum Sterben, Vetter! Fort! — Halte Dich an die Hohlwege des Jagdreviers!" Wie der Ritter verschwand, wandte sich Warwick zu seinen Genoffen. „Kühner Neffe, Fitzhugh, und — Ihr tapfer» Reiter, schaart Euch um mich— so, wir find fünfzig Ritter! Eile Du Montag» nach dem Wald! — dem Wald!" So edel war, so Viel galt in diesem heldenmäßigen Zeitalter der einzelne Mann, selbst unter den Massen, welche der Krieg zusammengehäuft hatte, daß die Geschichte mit dem Roman wetteifert in Proben davon, wie da» Schwert eines Einzigen oder Weniger, wenigstens bis auf einen gewissen Grad das Schlachtenglück zu wenden vermochte. Während Montag» mit rascher Geschicklichkeit und mit einer Stimme, die noch Sieg verhieß, den Rest der Schlachtlinien zurück^og, und in geschloffenen Reihen nach dem Saume des Waldes marschirte, deckten Warwick und seine Nitterschaar diese Bewegung gegen die zahl- 134 lose Reiterei, welche aus Edwards wimmelnden, mit jedem Augenblick anschwellenden Reihen hervorsprengte. Jetzt sich trennend und einzeln angreifend — jetzt sich wieder vereinigend und Brust an Brust, wußten sie den ungeduldigen Feind zu täuschen, zu necken, zu verwirren. Und nie in allen seinen Kriegen, in all den früher» Groß- thaten seines unbezwinglichen Armes, hatte Warwick so wie in dieser ereignißreichen krönenden Stunde die kriegerische Ritterschaft seines Zeitalters übertroffen und hinter sich gelassen. Dreimal drang er, beinahe allein, bis mitten unter die Leibwache Edwards vor, im buchstäblichen Sinne Alles vor sich zu Boden schlagend. Da fielen von seiner Streitart Lord Cromwell und der gefürchtete Lord Sah, da wurde Gloucester — die alte Neigung und Schonung war jetzt vergessen — zu Boden gestürzt. Das letzte Mal drang er bis zu Edward selbst vor, schlug des Königs Standartenträger nieder, warf Hastings, der sich ihm in den Weg stellte, vom Pferd; und Edward, in wilder, finstrer Freude bei seinem Anblick mit den Zähnen knirschend, erhob sich in den Bügeln, und einen Augenblick trafen die Keule des Königs, die Streitart des Grafen zusammen, wie eine Donnerwolke mit der andern; aber dann eilten hundert Ritter zu Hülfe herbei und entzogen dem getäuschten Rächer seine Beute. So angreifend und sich zurückziehend, und mit jedem Angriff weiter und weiter zurücktreibend die gewaltige Menge, welche zu des Löwen Tod sich verschworen hatte, gelang es diesem großen Häuptling und seinen treu ergebenen Rittern, obwohl 135 furchtbar geschwächt an Zahl, Montagu'S geschickten Rückzug zu decken; und als sie den Saum des Waldes erreichten, und durch die schmale Oeffnung zwischen den Barrikaden sprengten, rechtfertigten die Bogenschützen von Norkshire ihres Lords Vertrauen, und begrüßten seine Ankunft mit einem Jauchzen wie bei einem Hochzeitfest. Aber ach! wenige seiner Genossen zu Pferde waren übrig nach dieser Wunderihat der Tapferkeit und Verzweiflung. Bon den fünfzig Rittern, welche die Gefahr des Heldenstücks getheilt hatten, erreichten nur elf den Wald; und obgleich unter diesen die Ausgezeichnetsten sich befanden (mit Ausnahme von Sir John Corners, der erschlagen oder geflohen war), so waren doch ihre Pferde, mehr auSgesetzt als die Reiter, zum größten Theil verwundet und zu weiterem Dienst untüchtig. In diesem Augenblick brach die Sonne wieder, und so plötzlich wie vorhin, hervor — aber jetzt nicht mit einem schwachen Flimmer, sondern mit starken, beinahe blendenden Strahlen, bei welchen man deutlicher, als den ganzen Tag bisher möglich gewesen, den Stand und die Aussichten der Schlacht übersah. Rechts und links sah man, was noch von WarwickS Reiterei übrig war, eilig fliehen — fort waren die Lanzen OrfordS, die Streitärte Somersets. Ereter, von Al- wynS Pfeil durchbohrt, lag kalt und bewußtlos da, fern vom Kampfplatz, und von seinen eignen Knappen verlassen. Gegenüber den Bogenschützen, und der Mannschaft, welche Montag» vor dem Schwert des Feindes gerettet, hielt da» ungeheure, murmelnde Heer Edwards, mit den tausend, in der plötzlich durchgebrochenen Sonne schimmernden Bannern; denn wie Edward die letzten Trümmer der Feinde in der Nähe deS Dickichts ausgestellt sah, machte ihn sein Verlangen, Steg und Rache vollständig zu machen, vorsichtig, und einen Hinterhalt fürchtend, hatte er plötzlich Halt geboten. Als die wenigen Leute des Grasen so die unermeßliche Macht erblickten, die zu ihrem Verderben aufgestellt war, und die Größe der Gefahr und ihres Verlustes erkannten — hier eine Handvoll, dort ein gewaltiges Heer — da ertönte ein gleichzeitiger Ausruf des Schreckens und der Muthlosigkeit auS allen Rethen. „Kinder!" rief Warwtck, „verzagt nicht! Heinrich hatte bet Agtncourt ein schlimmeres Spiel als wir!" Aber das Gemurmel unter den Bogenschützen , dem ergebensten Theil der Leute des Grafen, dauerte fort, bis ihr Hauptmann vortrat, ein grauer alter Mann, aber noch sehnigt und ungebeugt, der eherne, verschonte Zeuge von hundert Schlachten. „Zurück zu Euren Leuten, MarkForester!" sagte der Graf finster. Der alte Mann gehorchte nicht. Er trat zu Warwtck heran, und siel neben seinem Bügel auf die Kniee. „Flieht, mein Lord, es ist noch möglich für Euch und Eure Reiter zu entkommen. Flieht durch den Walv, wir wollen Euren Weg mit unfern Leibern decken. Eure Kin- 137 der, o Vater Eurer Untergebenen, Eure Kinder von Midd- leham wünschen sich kein besseres Schicksal, als für Euch sterben zu dürfen. Ist es nicht so?" und der alte Mann, sich erhebend, wandte sich zu dem Bogenschützen hinter ihm. Sie antworteten mit allgemeinem Zuruf. „Mark Forester spricht gute Worte," sagte Montag». „Auf Euch ruht die letzte Hoffnung Lancasters. Wir können »ns noch mit Orford und Somerset wieder vereinigen! dorthin, durch den Wald —kommt! und er ergriff de» Grafen Zügel. „Ritter und Herren," sagte der Graf absteigend, und das Vislr theilweise lüftend, während er sich zu den Reitern wandte, „möge, Wer Lust hat, mit Lord Montagu fliehen! Mögen diejenigen, die, für eine gerechte Sache, nie am Siege verzweifeln, und im schlimmsten Fall sich nicht scheuen, frisch vom ruhmvollen Tod der Helden vor ihrerS Schöpfers Angesicht zu treten, mit mir absteigen!" Alle Ritter sprangen von ihren Pferden, Montagu zuerst. „Kameraden," fuhr der Graf fort, jetzt zu seinen Dienstmannen sich wendend, „wenn die Kinder fechten für eine« Vaters Ehre, so flieht der Vater nicht vor der Gefahr, in welche er die Kinder hineingezogen hat. Was wäre mir das Leben, befleckt vom Blute meiner eignen geliebten Dienstleute, schmählich im Stich gelassen von ihrem Häuptling ? Edward hat verkündigt» daß er Keinen verschonen will. Der Thor! so gibt er uns nur die übermenschliche Kraft der Verzweiflung! Zu Euren Bogen! — Ein Pfeil, — wenn er durch die Fugen des Harnisches der Tyrannen 138 dringt — Ein Pfeil kann jenes Heer dort in alle Winde zerstäuben machen! Sir Marmaduke ist fortgeritten, um den edeln Somerset und seine Reiter wieder zu sammeln — wenn wir un« eine kurze Stunde nur halten, kann der Feind im Rücken angegriffen und die Schlacht noch gewonnen werden! Muth denn und fröhliches Herz!" Hier zog der Graf sein Bisir so weit als möglich empor und zeigte sein freudiges Antlitz — „Ist dieß das Angesicht eines Mannes, der alle Hoffnung verschwunden glaubt?" Während dieser Pause zeigte der plötzliche Sonnenschein dem König Heinrich auf seinem Platze die Zerstreuung seiner Freunde. Hinter den Pallisaden, welche den Punkt, wo er sich befand, schützten, sammelten sich schon die „Zuschauer, die keine Fechter waren," wie der Chronist Fabyan sagt, die, als die Kanonen verstummten, sich herbei wagten, um Neuigkeiten zu erfahren, und die jetzt den Kirchhof von Hadley füllend sich eifrig mühten und drängten, um Heinrich den Heiligen oder Bungey den Zauberer zu sehen. Unterste gemischt glänzten die grellbunten Kleider der Tamburinschlägerinnen, die näher und näher zu den Barrieren sich drängten, wie Wölfe, mit dem Instinkt des Blutes, immer näher rücken dem Kreise der Wachfeuer der Reisenden im Norden. In diesem Zeitpunkt sagte der Mönch, zu einer der Wachen sich wendend, die in seiner Nähe stand: „die Nebel sind jetzt nicht mehr nöthig — König Edward hat die Schlacht gewonnen — he?" „Gewiß, großer Meister," sagte der Soldat; „Nichts 13S fehlt jetzt mehr zu des Königs Triumph, als der Tod des Grafen." „Infamer Nekromant, hörst Du das?" schrie Bun- gey Adam an. „Was nützen jetzt deine Bombarden und Talismane? Hörst Du — sage mir das Geheimniß der letzten — der verdammten Maschine unter meinem Fuße, so schone ich vielleicht deines Lebens!" Adam zuckte die Achseln mit ungeduldiger Verachtung: „Wenn ich Dir nicht mein Wissen gäbe, nützte Dir mein Geheimniß Nichts. Schuft und Dummkopf, thue Dein AergsteS!" Der Mönch gab einem hinter Adam stehenden Soldaten ein Zeichen, und der Soldat zog schweigend das Ende des Strickes, der um Adams Hals geschlungen war, um einen Ast des entlaubten Baumes. „Halt!" flüsterte der Münch, „nicht eher als bis ich das Wort ansspreche. — Der Gras könnte sich wieder aufcaffen," fuhr er bei sich selbst fort. Und damit begann er von Neuem seine Beschwörungen zu plärren. Inzwischen hatte Sybille eine Weile ihren Blick von ihrem Vater weggewendet, denn der durchbrechende Sonnenschein, welcher das Thal unten erhellte, hatte ihr Auge plötzlich in der Ferne die Giebel des alten PächterhauseS erblicken lassen, mit dem noch winterlichen Obstgarten— ach! nicht mehr lächelnd mit sternhellen Blüthen. Weit hinter dem Schlachtfeld lag diese Stätte des Friedens — diese einst so glückliche Hcimath, wo sie der Ankunft des Falschen geharrt hatte! Erhabener und heiliger waren die Gedanken des dem '«MM., 140 Unglück geweihten Königes. Er hatte sein Angesicht von dem Schlachtfeld weggekehrt, und sein Auge war auf die Thurmspitze der Kirche hinter ihm geheftet, welche in den Himmel hinein zu ragen schien. Und wie er dahin schaute, begann das feierliche Geläute vom Glockenthurm. Es war jetzt nahe an der Stunde des Sabbathgebetes, und trotz dem Blutbad und Jammer in der Nähe ward der heilige Brauch nicht unterlassen. „Horch!" sagte der König schmerzvoll, „dieß Geläute ruft manche Seele vor Gott!" Während diese Scene auf der Anhöhe von Hadley sich dem Auge darbot, benützte Edward, umgeben von Hastings, Gloucester und seinen vornehmsten Hauptleuten, den unverhofften Sonnenschein, um den Feind und feine Stellung auszuspähen mit dem Auge eines Mannes, begabt mit einem intuitiven Genie für Alles, was zur Men- schenschlächterci gehört. „Dieser Tag," sagte er: „bringt keinen Sieg, sichert keine Krone, wenn Warwick lebend entkommt. Euch, Lovell und Ratcllffe, vertraue ich zweihundert Ritter an; — Eure einzige Aufgabe sey — der Kopf des rebellischen Grafen!" „Und Montagu?" sagte Ratcliffe. „Montagu? Nein — der arme Montagu, ich habe ihn einst geliebt wie meiner eigenen Mutter Sohn; und Montagu," murmelte er bei sich selbst; „den habe ich nie gekränkt, und kann ihm deßwegen verzeihen. Schont de« Marquis! — dieser Wald gefällt mir nicht; sie müssen 141 mehr Mannschaft darin haben, als die Handvoll außen am Saume vcrräih. Kommt her, d'Epncourt!" Und nach wenigen Minuten sahen Warwick und seine Leute zwei Abtheilungen Reiter den Haupthaufen verlassen, die eine rechts, die andere links sich wendend, gefolgt von langen Zügen Pikenmännern, welche sie deckten; und dann rückte der mittlere Schlachlhaufen langsam und fest gegen den an Zahl so schwachen Feind heran. Der Plan war leicht zu erkennen — den nach seinem letzten Zufluchtsort getriebenen Feind, dem kerne sonstige Hoffnung blieb, von allen Seiten einzuschließen. Aber Montag» und sein Bruder waren in der ihnen gegönnten Pause nicht müsstg gewesen; sie hatten den großer» Thcil der Bogenschützen geschickt zwischen den Bäumen vertheilt; sie hatten ihre Pikenmänner am Rand der Barrikaden ausgestellt, die aus spitzen Pfählen und gefallenen Baumstämmen bestanden, und wo das Bollwerk eine Lücke hatte, durch den für die Reiter frei gelassenen Durchgang, nahmen Hpliard und seine tüchtigsten Leute ihren Posten, die Lücke mit ihrer eisernen Brust ausfüllend. Und jetzt, als mit Hörnern und Zinken, mit einem Meer von Federn und Sperren und Fahnen die Menge der Würger heranrückte, stand Warwick, hochragend vor Allen, nicht eine Feder an seinem Helm mit dem Adler verletzt und geknickt, abgestiegen, sein Visir noch aufgeschlagen, neben seinem berühmten Roß. Einige der Männer hatten auf Warwicks Befehl den Panzer von der Brust des Thieres weggenommen, und das edle Thier, 142 befreit von dieser Wucht, schien so unerschüpft wie sein Reiter; nicht ein Haar war naß, außer wo der alldem Munde geschleuderte Schaum seine kohlschwarze Haut gefleckt hatte; und der Vortrab der Uorkischen hörte sein Schnauben, als fle langsam anrückten. Die beiden Gestalten, Roß unv Reiter, standen ganz vorn unter der kleinen Schaar. Nnd Lovell, an Ratclisfe'S Seite reitend, flüsterte: „Gott möge mtch strafen, ich wollte lieber, der Kö-ckg hätte meinen eigenen Kopf verlangt, als den de- tapfern Grafen!" „Still, Jüngling," sagte der unerbittliche Ratcliffe — „ich frage nicht darnach, aus was für Sprossen die Leiter meines Ehrgeizes gemacht sehn mag." Während sie so sprachen, wandte sich Marwick zu Montagu und seinen Rittern, nnd sagte: „Unsre einzige Hoffnung beruht auf dem Muth unserer Männer. Und wie ich bei Touton, als ich jenem falschen Mann dort den Thron gewann, mit eigner Hand meinen edel» Malech erschlug, zum Zeichen, daß ich auf jenem Platze siegen oder sterben wolle, und durch dieß Opfer die Soldaten so befeuerte, daß wir das Schicksal des Tages wandten — so jetzt — o Gentlemen, zu einer andern Stunde würdet Ihr meiner spotten, denn meine Hand versagt mir fast den Dienst — diese Hand, welche das arme Thier so oft gefüttert hat! Saladin, Letzter Deines Geschlechtes, diene mir jetzt im Tod wie im Leben! Nicht um meinetwillen, o edelstes Roß, das je einen Ritter trug — nicht um meinetwillen dieß Opfer!" Er küßte das Streitroß auf die Stirne, und Sala- din, als wie ahnend den Todesstreich, beugte demüthig sein stolzes Haupt und leckte seines Herrn stahlgekleidete Hand. So verbunden und an einander gekettet waren Roß und Reiter gewesen, daß das Opfer eines Menschen selbst die Umstehenden nicht tiefer halte erschüttern können. Und als der Graf dem Streitroß mit der einen Hand die Augen bedeckte, und sein Dolch glänzend und rasch herabfuhr — da ging ein tiefes Stöhnen durch die Reihen. Aber die Wirkung war unaussprechlich! Die Männer erkannten auf einmal, daß ihnen, und ihnen allein ihr Gebieter sein Glück und sein Leben «»vertraute — sie waren zu übermenschlichem Muth gestählt. Keine Flucht für Warwick — ha, so lebten und starben ste in und mit Marwicks Person! Auf Feind und Freund machte das Opfer einen Eindruck» der der letzten Zuflucht der Verzweiflung neue Stärke verlieh. Selbst Edward, als er vorn in seinem Heere heranritt, schaute und erkannte die Bedeutung der That. Der Sieg von Touton tauchte auf in seiner Erinnerung mit einem Schauer ganz eigener Angst und Reue. „Er will sterben, wie er gelebt hat," sagte Glouccster mit Bewunderung. „Wenn ich ein solches Schlachtfeld erlebe, schenke mir Gott einen solchen Tod!" Wie diese Worte über des Herzogs Mund flohen, und Warwick, einen Fuß auf dem Leichnam seines tobten Freundes, das Befehlswort sprach, raffelte eine mörderische Salve von den Bogenschützen im Walde gegen die 144 Linie der Völkischen, und der immer noch vorrückende Feind schritt über hundert Leichname dem Kampf entgegen. Trotz der ungeheuren Ueberzahl machten doch die Geschicklichkeit von WarwickS Bogenschützen, die Stärke seiner Stellung, die Hindernisse, welche die Barrikaden der Reiterei in den Weg legten, den Angriff äußerst gefährlich. Aber die Befehle Edwards waren rasch und kraftvoll. Er kümmerte sich nicht um den Verlust von Menschenleben, und wenn eine Reihe fiel, stürmte eine ! zweite heran. Hoch vor den Barrikaden standen Mon- ^ tag», Marwick und die klebrigen jener unbezwinglichen Ritterschaft, die Blülhe des Normännischen HeldcnthumS. ^ So vergeblich schlagen die Wellen an einen Felsen, als i die Reihen Edwards an diese geschloffene Mauer von Stahl anprallten. Die Sonne schien noch am Himmel, und noch immer war Edwards Sieg nicht gesichert. Za, ^ wenn Marmaduke noch die Truppen Somersets zu einem » Angriff im Rücken des Feindes zurück zu führen gelang, j! dachten Montagu und der Gras — könnte sich noch der > Tag für sie entscheiden. Und oft hielt der Graf inne, um ! nach dem Rufe „Somerset!" in der Luft zu horchen; und oft hob Montagu sein Bisir empor, um nach den Bannern und Sperren des Lancastrischen Herzogs zu schauen. Und immer, wenn der Graf horchte und Montagu das Feld durchspähte, schien Edwards Heer nur größer und gewaltiger sich auszudehnen. Das Regiment, welches Alwyn mit seiner hartnäckigen Energie an seiner Spitze hatte, war jetzt in Bewegung, und ermuthigt durch deS jungen Sachsen Kühnheit, rückten die Londoner an, nicht einge- schüchtert durch die Riedermetzlung ihrcrVorgänger. Aber Aiwyn, den von den Rittern vertheidigtcn Punkt vermeidend, marschirte ein Wenig links, wo sein scharfes Auge, an die nordischen Nebel gewohnt, die Schwäche der Barrikaden an der Stelle entdeckt hatte, wo Hrlpard ausgestellt war; und diesen Paß beschloß Alwyn, den Bogen ruhen lastend, mit der Pike anzugreifen, — der Waffe, welche unserm modernen Bajonett entspricht. Der erste Angriff, an besten Spitze er sich stellte, war so ungestüm, daß sie eindrangcn. Die Wucht der nachrückenden Schaa- rcn drängte die Vordersten vor, und Hilyard hatte nicht Raum genug, um das zweihändige Schwert zu schwingen, das heute schon gute Dienste geleistet hatte. Während hier der Kamps hitzig und unentschieden tobte, war der rechte Flügel, unter d'EpnconrtS Anführung in den Wald eingedrungcn, und griff, überrascht auf keinen Hinterhalt zu stoßen, die Bogenschützen im Rücken an. Die Scene bot jetzt einen unbeschreiblich furchtbaren Anblick dar; Geschrei und Stöhnen, und das nicht zu schildernde Gebrüll und Kreischen menschlicher Leidenschaft wieder hallte tn dämonischen Tönen durch den Schatten der entlaubien Bäume. Und in diesem Augenblick hatte Edward mit umsichtig raschem Feldherrnblick eine seiner schweren Bombarden aufführen lasten. Warwick und Montag» und die meisten Ritter wurden von den Barrikaden ab, den im Rücken angegriffenen Bogenschützen zu Hülfe gerufen. nur einen Augenblick ehe diese Verlheidigung durch Bulwec « Aomane LX 10 146 einen Schuß der Bombarde zerschmettert und auseinander gerissen ward. In der nächsten Minute strömten Reiter und Fußvolk durch die Lücke herein. Und unter all diesem Lärm hörte man die Stimme Edwards: „Haut et» und schont Niemand! der Tag ist unser!" — „der Tag ist unser! — Sieg! — Sieg!" wiederholten die Truppen hinten; von Schaar zu Schaar, von Glied zu Glied pflanzte sich der Ruf fort — er erreichte den gefangenen Heinrich und er hielt inne in seinem Gebet; er erreichte den fühllasen Mönch, und er gab dem Micthling neben ihm das Zeichen; er erreichte den Priester, wie er, unerschüttert, in die Kirche von Hadley trat. Und die Glocke, in rascheren und wehmüthigeren Klängen ertönend, forderte die Lebende» auf. sich zum Tod bereit zu halten, und die Seele zu erheben über die Grausamkeit und Falschheit, über die Lust und Pracht, über die Weisheit und den Ruhm dieser Welt! Und plötzlich, als das Geläute aufhürte, vernahm man von der ganz nahen Anhöhe herüber einen Schrei der Todesangst — einen weiblichen Schrei -— übertäubt von dem Donner einer Bombarde auf dem Schlachtfeld unten. Die Völkischen stürmten vor durch den von Alwyn erkämpften Paß. „Ergib Dich, tapfrer Kamerad!" riefder kühne Handwerker Hilyard zu, dessen hartnäckige Energie, der seinigen ähnlich, seine Bewunderung erregt hatte, und in welchem er an dem Accent, womit Robin seinen Männern zurief, einen Landsmann aus dem Norden erkannte; „ergib Dich, und ich will Sorge tragen, daß Du an Leib und Leben ungckränkt bleibest — schau um Dich — Ihr seyd geschlagen!" „Thor!" antwortete Hilyard, zähneknirschend, „das Volk wird nie geschlagen!" und wie diese Worte seinem Mund entflohen waren, zerschmetterte ihn der Schuß der wieder geladenen Bombarde in Stücke. „Drauf, für London und die Krone!" schrie Alwhn; „die Bürger find das Volk!" In diesem Zeitpunkt galovpirten, durch den großen Haufen der Borkischeu, Ratcliffe und Looell an der Spitze der ihnen zugeiheilten Ritter weiter, um ihre dar Ganze krönende Aufgabe zu erfüllen. Hinter der Säule, welche noch jetzt zeugt von der großen Schlacht jener Zeit, zieht sich jetzt ein dreiseitiger Strich Waidegrund hin, vor einem kleinen Hause liegend. Damals war dieser Platz wilder Waldboden, und wo jetzt im Gehege zwei kleine Bäume sich erheben, Tpp-n der verkleinerten Kinder unsrer kleinlichen und unedeln Civi- lisation, ragten damals zwei ungeheure Eichen, Zeitgenossen der Krieger der Normannischen Eroberung. Sie standen nahe bei einander, aber, obgleich ihre Wurzeln sich verschlangen, ihre Aeste sich vermischten, hatte doch keine der andern die Nahrung entzogen. Sie standen da, gleich an Höhe und Großartigkeit, die ZwillingSrieseu des Forstes. Vor diese» Bäumen, deren mächtige Stämme sie gegen die Schwerter in ihrem Rücken schützten, nahmen Warwick und Montag» ihren letzten Posten ein. Vor ihnen erhoben sich im buchstäblichen Sinne Berge von 10 * Erschlagenen, Freunden und Feinden; denn um sie hatte sich bis zum Ende das heftigste Schlachtgewühl gesammelt, und sie ragten jetzt, beinahe einsam, in der erhabnen Verzweiflung des KriegSmutheS unter den Trümmern der Schlacht, dem unwiderstehlichen Schritte des Schicksals sich entgegenstemmend. Wie sie Seite an Seite diese Stelle erreicht hatten, und der gemeine Haufe der Angreifenden sich zurückzog, die Leichen der Todten ihnen als letztes Bollwerk und Schutz gegen den Tod lassend, da kehrten sie sich in ihren Visiren gegen einander, wie zum letzten Lebewohl auf Erden. „Vergib mir, Richard!" sagte Montag» — „vergib mir Deinen Tod; hätte ich nicht Clarence's unheilvollem Befehl so blinden Glauben geschenkt: der wilde Edward wäre nimmermehr lebend durch den Paß von Pontefrakt gekommen!" „Klage Du Dich nicht an," versetzte Warwick. „Wir find nur die Werkzeuge in der Hand einer Hähern Weisheit. Gott segne Dich, mein Bruder. Wir lassen diese Welt der Tyrannei und dem Laster. Christ nehme unsre Seelen auf!" Einen Augenblick hielten sich ihre Hände gefaßt, und Latin trat elue schauerliche Stille ein. Weit und breit, vorn und hinten, dehnte sich im Glanze der Sonne das siegreiche Heer aus, und diese athemloie Pause zeigte genügend die Großartigkeit ihres Widerstandes — das erhabenste aller Schausviele, selbst in seiner schmerzlichen Hoffnungslosigkeit — den edel» Trotz muthvoller Herzen im Kampf gegen die blinde und rohe Gewalt der Masse. Wo sie standen, waren sie für Tausende sichtbar, aber kein Mann rührte sich, sic anzugreifen. Die Erinnerung an Marwicks frühere Thaten — der Gedanke an die heute von ihm verrichteten Wunder — all der Glanz seines Schicksals und seines Namens, erfüllten die Niedrigdcnkenden mit Furcht, ihn anzugreisen, und die Tupfern mit Scheue vor Mord. Der tapfere d'Nyncourt sprang von seinem Pferd und näherte sich dem Platze. Seine Begleiter thaten dasselbe. »Ergebt Euch, meine Lords — ergebt Euch! Ihr habt Alles gethan, was Männer thun konnten." „Ergib Dich, Montag»," flüsterte Marwick. „Edward kann Dir kein Leid thun. Das Leben ist süß; so sagt man wenigstens." „Aber nicht, wenn Macht und Ruhm dahin sind. Wir ergeben uns nicht, Herr Ritter!" antwortete der Marquis in ruhigem Tone. „Dann sterbt! und macht Platz für die neuen Männer, die Ihr so verachtet habt!" rief eine wilde Stimme; und Ratcliffe, der sich der Stelle genähert, stieg ab und hetzte seine Bluthunde an. Sieben Punkte mochte der Schatten auf der Sonnenuhr vorgerückt sepn, und durch Marwicks Streitart und Montagu's Sckwert waren sieben Seelen vor den Stuhl des Richters gesandt worden. In dieser kurzen Spanne Zeit tobte, unter dem allgemeinen starren, unheimlichen 150 betäubten Staunen der Umstehenden, auf einen so kleinen Kreis zusammcngedrängt. nach ein blutiger Krieg. Aber Schaaren auf Schaaren drängten heran, wie die Wulh des Kampfes auch die Lauen ergriff; Montag» sank von einem Schlag in die Kniec, Warwick deckte ihn mit seinem Leib — hundert Streitärte erdröhnten auf des Grafen gesenkten Helm — hundert Klingen zuckten um die Fugen seines Harnisches — ein gleichzeitiger Schrei aus vielen Kehlen ward gebürt: — über die Berge von Erschlagenen, durch das Gedränge der Lebenden, stürzte zu dem Schalten der Eichen GloucesterS Streitroß. Der Kampf hatte aufgehört — die Würger standen stumm in einem Halbkreise. Seite an Seite, Streitart und Schwert noch in ihren eisernen Händen fest gepackt haltend, lagen Montag» und Warwick. Der junge Herzog, das Vistr hinaufgeschlagcn, betrachtete schweigend die gefallnen Feinde. Dann stieg er ab und schnallte mit eigner Hand des Grafen Helm los. Durch die frische Lust einen Augenblick wieder belebt, öffneten sich die Augen des Helden, seine kippen bewegten sich, er erhob, mit schwacher Anstrengung, die blutige Streitart; und die bewaffnete Menge wich erschrocken zurück. Aber des Grafen Seele, mit dämmernd trübem Bewußtseyn, im Begriffe zu scheiden, war von der Secne des Kampfes, von den zuletzt gehegten zornigen und rachgierigen Empfindungen und Gedanken, geflohen zu sanfteren Erinnerungen, zu den Erinnerungen, welche am spätesten erbleichen und erlöschen in treuen und männlichen Herzen! 151 „Mein Weib! Mein Kind!" murmelte der Graf undeutlich. „Anna — Anna! Meine Geliebten, Gott stärke Euch!" Und mit diesen Worten entfloh der Athem — das Haupt sank schwer auf die mütterliche Erde herab — das Angesicht ward starr, aber ruhig und unoerzerrt, wie das Angesicht eines Soldaten seyn soll, wenn ein tapfrer Tod würdig gewesen eines tapfer» Lebens. „So," murmelte der finstre, nachstnnende Prinz, nicht denkend an die ihn umgebende Menge, „so geht das Geschlecht von Eisen zu Grunde! Am Boden liegt der letzte Baron, der den Thron beschränken und über daS Volk gebieten konnte. DaS Zeitalter der Gewalt erlischt mit dem Nitterthum und Waffenthaten. Und über der Leiche dieses großen Mannes sehe ich die neue Aera dämmern. Glücklich von nun an, Wer Ränke und Anschläge schmieden, Wer schmeicheln und lächeln kann!" Wie erschrocken dann aus seiner Träumerei erwachend, sagte der Meister in der Verstellung im Tone traurigen Vorwurfs: „Ihr seyd allzu hastig gewesen, Ritter und Gentlemen. Das HauS Kork ist mächtig genug, daß es so edle Feinde hätte schonen können. BlaSt, Trompeter! Brecht ab die Glieder! Platz da — Pl-tz! König Edward kommt! Lang lebe der König!" 152 Siebentes Kapitel. Die letzten Pilger im Zuge zu dem gemeinsamen Ziele. Der König und seine königlichen Brüder ritten unmittelbar nach dem Siege nach London zurück, um ihren Triumph zu vciküudigen. Das Fußvolk blieb noch zurück» um sich nach der harten Anstrengung zu erholen: und nach der Anhöbc bei der Kirche vonHadlev hatten sich die Bauern und Dorfbewohner des Distrikts mit schauernder Nengier und Bangigkeit gedrängt; denn auf diesem Platz war Heinrich, (der jetzt in schmerzlichem Zuge zurückge- führt wurde in ein Gefängniß, das er lebend nicht mehr verlassen sollte,) gestanden, um die Vernichtung des in seinem Namen gesammelten Heeres zu schauen, — und auf diesen Platz waren die Leichname Warwicks und Montagu's gebracht worden, während eine Tragbahre in Bereitschaft gesetzt wurde, um ihre sterblichen Reste nach London zu tragen* — und auf diesem Platz hatte der be- * Die Leichname Montagu's und des Grafen wurden mit entblößten Häupter» drei Tage lang in der St. Paulskirchc ausgestellt, .damit kein Vorgeben, daß sie noch am Leben sehen, später wieder «ine Rebellion erregen könnte;" — „dann wurde» sie nach der Priorei Bisham, in Berkshire gebracht, wo, unter ihren Vorfahren von mütterlicher Seite, (den Grafen von Salisbury,) die zwei unruhigen Brüder in Einem Grabe ruhen." — „Der große Strom ihres Blute», jetzt in viele Bäche zertheilt, fließt jetzt so klein, daß man ihn kaum mehr in seinen Windungen beachtet." Habington's Lebe» Edwards IV. 8ie traneit xlori» Mllixli l 1S3 rühmte Mönch die Nebel beschworen, — die gefeiten Kanonen erorcistrt — und die gräulichen Machinationen des Lancastrischen Zauberers zu Nichte gemacht. Und nach diesem Platz hin schritt durch das Gewühl ein jungerVorkischer Hauptmann mit einem Gefangnen, den er gemacht hatte, und den er zum Zelt des Lord Hafling« führte, des Einzigen unter den Befehlshabern, von welchem Gnade und Erbarmen zu hoffen war, und der zurückgeblieben war, nach dem Wegreiten des Königs und seiner Brüder, um Vorkehrungen zu treffen zur Wegbringung der erlauchten Todten. „Haltet Euch nur ganz nahe zu mir, Str Marma- dukesagte der Völkische; „wir müssen Hastings aufsuchen , um den König zu besänftigen; und wenn er nicht hofft, Eure Begnadigung zu erlangen, so kann er wenigstens nach einem solchen Sieg Einem Feind zur Flucht helfen." „Seyd unbekümmert um mich, Alwyn," sagte der Ritter; „als Somerset taub war gegen Alles außer seiner Furcht, kam ich zurück, um an meines Häuptlings Seite zu sterben, ach, zu spät, zu spät! Besser jetzt der Tod als das Leben! Was Freunde, Verwandte, Ehrgeiz, Liebe Andern sind, das war mir Lord Marwicks Lächeln!" Alwyn bezeigte freundliche Achtung vor seines Gefangenen treuem und ehrenhaftem Gefühl, und benützte dessen Gemüthsbewegung, um ihn von dem Platz wegzuführen, wo er Ritter und Krieger am dichtesten, in soldatischer Traurigkeit und Ehrfurcht um die Heldenbrüder 1S1 gedrängt stehen sah. Gr drängte sich mit ihm durch einen geringeren Haufen von Bauern, von Bürgern und Weibern mit Kindern an der Brust; und plötzlich sah er eine Truppe Tainburinschlägeriunen tankend um einen entlaubten Baum, und eine wilde, aber fröhliche und lustige Melodie stnaend. „Was für eine häßliche und unzeitige Lustbarkeit ist das?" sagte der Goldschmid zu einem gaffenden Ucoman. „Sie tanzen nur, die armen Mädchen, um den verruchten Zauberer herum, welchen der Mönch Bungep erdrosseln ließ, — und seine Here von Tochter." Eine fröstelnde, schauernde Atmung beschlich Alwpn; er sprang vor. Bauern und Tamburinschlägcrinnen mit seinem »och blutigen Schwert auseinandertreibend. Sein Fuß strauchelte über einige zerbrochene Trümmer — des armen Heureka, das am Ende zerschmettert worden, um den Diamant zu finden! WerlhloS für den großen Mönch, weil das Wissen des Schöpfers nicht auf seinen Mörder übergeben konnte, «erthlos waren der Mechanismus und die Erfindung. werlbloS die Arbeit und das Genre, aber der Aberglauben, und die Thorheit, und der Wahn hatten doch ibren Werth, und der Betrüger, der das Werk der Kunst zerstörte, raffte das Juwel an sich! An dem entlaubten Baum hing der entseelte Körper eines Mannes; darunter lag ein weiblicher Leichnam; ober ob bei diesem der Tod das Werk von Menschenhänden oder der Erbarmung des Himmels war. das war au» keinem Anzeichen zu ersehen; der Gelehrte und das Kind 135 — Wissenschaft und Unschuld! — Beide lagen kalt da; das grimmige Zeitalter hatte sie verschlungen, wie es immer die verschlingt, welche seinem Gang voraneilen oder dahinter Zurückbleiben, und in Einem gemeinsamen Untergang dis zu Harmlosen und die zu Weisen vermählt! „Was drängt Ihr Euch denn so, Ihr Leute?" sagte «ine gebieterische Stimme, „Ha! Lord Hastings! Kommt näher! Schaut!" rief Alwyn, „Ha, ha!" jauchzte Graul, indem sie an der Stütze ihrer Schwestern tanzend und kreischend und die Tamburine in die Höhe werfend von dem Platz sich entfernte — „Ha, die Herendirne und ihr Liebhaber! Ha, ha: Häst- lich ist schön! Ha — ha! Zauberei und'^Tod gehen Hand in Hand, wie Du am Ende erkennen magst, schnöder Freier!" Und vielleicht, als, lange Jahre nachher Anklagen der Zauberei, leichtfertiger Künste und des Verraths in das Ohr Hastings ertönten, und auf das von Gloucester gegebene Zeichen, die bewaffneten Henker hereinflürzien, wiederhallten diese ominösen Worte da in seiner Seele! Um diese Stunde wurden auch die Thvre des Towers für die Menge geöffnet. Unmittelbar nach seinem Siege war Edward mit seinen Brüdern in die St, PaulSkirche gegangen, um dem Himmel ihren Dank darzubringen (ne waren gar fromm, — diese drei Plantageneis!) und von da nach Baynards-Castle, um die Königin und ihre Kin- ISS der wieder zum Tower zu geleiten. Und jetzt brachte das Schmettern der Trompeten das fröhliche Toben der Menge zum Schweigen, denn auf dem Balkon des nach der Kapelle gehenden Fensters hatte so eben der Herold angekündigt, daß König Edward sich dem Volke zeigen wolle. Aus jedem Zollbreit Platz des HosraumS, an Mauern und Palisaden hinauskletlerud, wogten, klebten, murmelten, drängten sich, stampften Soldaten, Bürger, Diebe, Dirnen, — Alter, Kindheit, all die verschiedenen Stufen und Stände des vielgcstalteten Lebens — die Geschöpfe der kleinen Spanne Zeit! Hoch von den Zinnen gegen Westen flatterte Edwards Siegesfahne — eine Sonne in der Sonne glänzend. Wieder, und zum dritten Male ertönten die Trompeten, und auf dem Balkon, seine Krone auf dem Haupt, aber den Leib noch ganz von der Wosfenrüstung umhüllt, erschien der König, WaS fragte die Menge nach seiner Falschheit und Treulosigkeit — seiner Sittenlosigkeit und Grausamkeit? Alle Laster verschwinden jederzeit im Glück und Erfolg! Hurrah für König Edward! Der Mann des Zeitalters paßte für das Zeitalter, er besaß Tapferkeit für seine Kriege, Schlauheit und Verstand für den Frieden, und die Sympathie deS Zeitalters war für ihn! So stand denn der König da; Hu seiner Rechten Elisabeth, mit ihrem kleinen Knaben, dem Erben Englands, in ihren Armen, — über der Königin Schulter schaute daS stolze Angesicht der Herzogin hervor. Neben Elisabeth stand der Herzog von Gloucester, auf sein Schwert sich stützend. und zur Linken Edwards verbeugte der meineidige Clarence seinen schönen Kopf gegen das fröhliche Gedränge! Beim Anblick des siegreichen Königs, der schönen Königin, und besonders des jungen männlichen Erben, der der Linie Nork eine lange Dauer verhieß, brach die Menge in ein herzhaftes Geschrei auS: „Lang lebe der König und des Königs Sohn!" Jnsiinktmäßig wandte Elisabeth ihre feuchten Angen von Edward weg auf Edwards Brüder, und drückte plötzlich wie mit dem prophetischen sichern Vorgefühl einer Mutter ihr Kind fester an ihren Busen, als sie dem blitzenden, unheimlichen Auge Richards, Herzogs von Gloucester, begegnete — Works junger Held damals, und nachmals WarwickS grausamer Rächer!) — das auf dieß harmlose Leben seinen Blick heftete — das einzige Leben, (außer dem verachteten und ohnmächtigen Clarence, dessen Schicksal vorherzusehen wenig Weisheit erforderlich war,) das noch zwischen dem Eh> geiz eines fühllosen und rücksichtslosen Geistes und dem Erbe des englischen Thrones stand! Anmerkung zum siebenten Buche. Hume, Napin und Carte geben Alle die Geschichte von Edwards wirklicher Gefangenschaft in Middlcham auf, während Lingard, Sharon Turner uud Andere sic entschieden anuehiuen. Und doch, obgleich Lingard einige von Hume's Einwendungen mit Glück bekämpft hat, läßt er andere gänzlich unbeantwortet. Hume macht geltend, daß dieser >L8 Vorfall gar nichi erwähnt sich in Edwards nachmaliger Proklamation grgcn Elarcncc und Warwick, Lingard antwortet, nachdem er einen »»wesentlichen Jrrthinn in Hnmc'S Angaben berichtigt —: Die Proklamation habe ihn nicht erwähnen müssen, weil sie sich auf die Aufzählung von Vergehungen beschränkte, welche nach der allgemeine» Amnestie von ltkS fielen. Und daun führt er, gewiß nicht ganz folgerichtig, den gegen Elarcncc viele Jahre später ergangenen Urthcilssprnch an, wo der König unter seinen Vergehen aufzählt: „daß er des Königs königliche» Stand, Person lind Leben gefährdet, und ihn in arge Klemme gebracht, ihn bringend um all seine Freiheit, nachdem er große Unruhe» erregt/' Aber eS ist klar, daß, wen» die Amnestie Edward abhielt, Warwick wegen dstscr Gcfangenhaltung anzuklagcn, nur ein Jahr nachdem dieselbe bewilligt war, sie ihn »in so mehr abhalten mußte, neun Jahre nachher noch Elarcnee daraus ei» Verbrechen zu machen. Höchst wahrscheinlich ist, daß sich dieser Anklagepnnkt nickt ans eine, wirkliche oder vermeintliche, Gefangenschaft in Middleham, im Jahr tällll bezieht, sondern auf Elarcnee's Einfall in England im Jahr 1-t7<>, wo Edwards Stand, Person und Leben wirklich sehr gefährdet waren bei seiner mit genauer Noth bewerkstelligten Flucht aus dem befestigten Hanse, wo man wohl sagen konnte, daß er „in arge Klemme"' gekommen sch; zumal da die Worte, „nachdem er große Unruhen erregt," nicht ans den Zeitpunkt der angeblichen Festnahme in Middleham paffen könnten, wo Elarcncc statt Unruhen zu errege», sie vielmehr Warwick » ln slrnit nnrsie — die Worte sind, wie der Leser siebt, im Enalis-ten selbst verschiedncr Auslegung fähig und die Doppelsinnigkeit kann im Deutschen nur annähernd wieder ge- geben werden. 159 hatte stillen helfen ; aber sic paffen vollkommen ans seine spätere Rebellion Im Jahr 1170. Endlich sind, wie Lingard selbst irgendwo bemerkt, Edwards Anschuldigungen gegen seinen Bruder keine Beweise, nnd dieser König schenke nie eine Lüge, »m seinen Zweck zu erreichen. Kurz, Nichts kann unwahrscheinlicher sch» als diese Erzählung von Edwards Gefangenschaft — sic hätte gar keinen verständlichen Zw ck gestabt. Gerade zu der Zeit, wo sie sollte stattgehabt haben, führte Warwick eifrig Krieg gegen des Königs Feinde. Im Augenblick, wo Edward Middleham verläßt, geht er, statt nach London zu flüchten, ganz sorglos nnd offen nach Dorf, um den Hauptmann der von Warwick bezwungenen Rebellen vernrtheilen nnd hinrichten zu lassen, und zwar mitten unter Marwicks Truppen! Weit entfernt, daß er irgend wie die sehr natürliche Erbitterung hätte blicken lassen, die ei» so rachsüchtiger König hätte fühlen müssen, wenn ihm eine solche Beschimpfung widerfahren wäre, verleiht er beinahe unmittelbar nachdem er Uork verlassen, der Familie Nevile größere Macht als je, überträgt Warwick neue Würden, und verlobt seine älteste Tochter mit Marwicks Neffen. Alles zusammcngcnommcn, mag denn nun vielleicht eine solche Auffassung des Besuchs des Königs in Middleham, wie sie in der vorliegenden Erzählung versucht wurde, als ein nicht ganz unwahrscheinlicher Vergleich zwischen den bestrittenen und sich widersprechende» Zeugnissen über den Gegenstand betrachtet werden. Berichtigung. Erstes Bändchen S. l-t. vorletzie Zeile lies: BefestigungSwerken um die Palast-Festung.