E. L. Bulwcr's W e r Ke Aus dem Englischen. Hundert und neuntes Nändchen. Der Letzte der Barone. Neuntes Bändchen. Stuttgart. Verlag der I. B. Metzler'schen Buchhandlung. 184 . 3 . Letzte -er Barone. Von dem Verfasser „Rienzi's," „Eugen Arams" re. Aus dem Englischen »on Gustav Pfizer. Neuntes Bändchen. Stuttgart. Verlag der I. B. Metzler'schen Buchhandlung. 1843 . Zehntes Buch. Die Rückkehr des Königmachers. Erstes Kapitel., Des Mädchens Hoffnung, des Hofmanns Liebe, unv das Behagen des Weise», Scho» sind Deine Felder, o England; schön der ländliche Pachthof und die Obstgärten, worin die Blüthcn zu lachenden Früchten gereist sind; und schöner als Alles, o England, die Gesichter Deiner sanftmüthigen Töchter! Von dem Felde, wo Sybille und ihr Vater unter Tobten herumgewandelt waren, waren die entsetzlichen Spuren des Kriegs verschwunden; nnd auf den grünen Waiden tummelten sich die fröhlichen Herden. Und das PächterhaüS, in welches Hastings die Flüchtlinge geführt hatte, sah auf dieß feindliche Feld hinab durch seine grüne Umhüllung; und hier hatten Vater und Tochter eine Heimath gefunden. Es war ein lieblicher Sommerabend, und Sybille legte den Stickrahmen bei Seite, an welchem sie in der letzten Stunde nicht gearbeitet hatte; und ans Fenster sich stehlend, schaute sie begierig und gespannt den ge- wundenen Pfad entlang. Das Zimmer war im obern Stockwerk, nnd mit einer Sorgfalt geschmückt, wovon das Aeußere des Hauses Wenig erwarten ließ, und die sich beinahe der Eleganz näherte. Die frischen grünen Binsen, welche den Boden bedeckten, waren mit getrocknetem wildem Thymian und andern wohlriechenden Kräutern gemischt. Die nackten Wände waren mit Sarsche von einem Hellen, heitern Blau überzogen, ein schöner Teppich (esrpet äs euir) bedeckte de» eichenen Tisch, worauf seltsam eingelegte musikalische Instrumente lagen, nebst einigen wenigen Handschriften, hauptsächlich englische und provenoalische Poesie. Die Stühle waren mit Kiffen vonNorwichgeweben, von heitern Farben versehen. Alles war zwar einfach, aber alles verrieth ein Behagen, ja einen verfeinerten Geschmack nnd einen Wohlstand, wie man es sehr selten sogar in den Häusern der zweiten Stufe des Adels traf. Wie Sybille hinausschaute, klärte sich plötzlich ihr Angesicht auf; sie stieß einen Freudenschrei aus — eilte aus dem Zimmer — stieg die Treppe» hinab, und kam an ihrem Vater vorbei, der vor dem HauSeingang saß, dem Anschein nach versunken in eine seiner tiefsinnigsten Träumereien. Sie küßte seine Stirne — (er nahm sie nicht in Acht,) — hüpfte mit leichtem Schritt über den grünen Rasen des Obstgartens, blieb bei einem kleinen Pförtchen stehen, lauschte mit pochendem Herzen auf den näher kommenden Laut von Pferdehufen; näher und immer näher kam der Hall. Ein Reiter wurde sichtbar. sprang aus dem Sattel, überließ es seinem Ruß, selbst den Weg in de» wohlbekannten Stall zu suchen, und sprang leicht über das kleine Thor. „lind Du hast auf mich gewartet, Sybille?" Das Mädchen entzog sich erröthend der lebhaften Umarmung und sagte in rührendem Tone: „Mein Herz wartet immer auf Dich. Oh! soll ich Dir danken oder Dich schelten für so viele Sorgfalt und Aufmerksamkeit! Du sollst sehen, wie Deine Handwerksleute die rohe Stube in das zierlichste Gemach verwandelt haben!" „Ach, meine Sybille, ich wollte daß es würdiger wäre Deiner Schönheit und unsrer gegenseitigen Zärtlichkeit! Gesegnet sey Dein Vertrauen und Deine holde Geduld; möge der Tag bald kommen, wo ich Dich in eine edlere Hcimath führen kann, und Ritter und Baron die Gattin Hastings' beneiden höre!" „O mein, mein Lord!" sagte Sybille,'dankbare Thränen in den vertrauensvollen Augen ; aber nach einer Pause fuhr sie schüchtern fort: „Trägt der König einer so niedrigen und bescheidnen »nterthanin immer noch so herben Groll nach?" „Der König ist ergrimmter als je, seitdem Nachrichte» von Lord WarwickS rastlosen Machinationen in Frankreich sein Gemüth verbittert haben. Er kann Deinen Namen nicht hören ohne Drohungen gegen Deinen Vater, als heimlichen Lancastrier, auSzustoßcn, und beschuldigt Dich der Bezauberung seines Kämmerers — waS freilich wahr ist. Die Herzogin von Bedford steht mehr als je tl unter dem Einfluß des Mönchs Bungey, dessen Zauberkünsten und Beschwörungen, nicht unfern guten Schwertern, sie die wundersame Flucht Marwicks und die Zerstreuung unsrer Feinde zuschreibt; und der Mönch, scheint mir, hat genährt und nährt und steigert noch Edwards Verdacht gegen Deinen harmlosen Vater Er schilt sich selbst, daß er den armen Warner ungekränkt habe ziehen lassen, und gedenkt sogar des unseligen Abenteuers mit der Maschine, und schwört darauf, daß Dein Vater von Anfang an in hochverrätherischerVerschwörung mit Margaretha gestanden habe. Ja, ich bin überzeugt, daß wenn ich es wagte, Dich zu heirathen, so lange sein Zorn währt, er Dich als eine Zauberin verurtheilen lassen, und mich dem geheimen Haffe meiner alten Feinde, der Woodvilles, preisgeben würde. Aber pfui, sey nicht so erschrocken, meine Sybille! Edwards Leidenschaften, ob auch heftig, wechseln schnell, und Geduld wird uns beide belohnen." „Jnzwischen liebst Du mich, Hastings!" sagte Sybille, mit großer Bewegung." „Oh, wenn Du wüßtest, wie ich mich quäle in Deiner Abwesenheit! —- Ich sehe Dich umgeben von den Vornehmsten und Schönsten meines Geschlechts, und sage bei mir selbst: „Ist es möglich, daß er meiner gedenkt?" Aber Du liebst mich noch — noch — und immer? Oder nicht?" Und Hastings bejahte und beschwor cS. „Und die Lady Bonville?" fragte Sybille, sich bemühend, schalkhaft zu lächeln, aber mit dem bebenden Ton eifersüchtiger Furcht, 11 »Ich habe sic seit Monaten nicht gesehen," versetzte der Edelmann mit einem leisen Wechsel des Ausdruck« des Gesichts. „Sic ist auf einem ihrer Güter im Westen. Man sagt, ihr Lord sey ernstlich krank, und die Lady Bon- ville ist eine fromme Heuchlerin und spielt die zärtliche Gattin. Aber genug von diesen alten, abgelebten Erinnerungen. Dein Vater grämt er sich noch um sein Heureka? ich kann keine Spur davon auffinden." „Sieh," sagte Sybille, wieder an ihre Kindespflicht und Liebe gemahnt, und auf Warner deutend, wie sie jetzt dem Hause näher kamen; „Sich, er gestaltet ein neues Heureka aus seinen Gedanken!" „Wie geht es, lieber Warner?" fragte der Edelmann, des Gelehrten Hand ergreifend. „Ha!" rief der Gelehrte, aufstehend, wie er seinen mächtigen Beschützer erblickte. „Bringst Du Nachrichten von ihm? Dein freudiges Auge sagt es mir, — nein — nein — Dein Antlitz verändert sich! Man hat es zerstört ! O daß ich noch einmal jung seyn könnte!" „Was!" sagte der kluge Mann der Welt, erstaunt. „Wenn Du wieder eine Jugend vor Dir hättest, würdest Du derselben Täuschung Dich hingeben, und wieder ein Leben der Mühsal, der Verfolgung, der Mißhandlung durchmachen?" „Mein edler Sohn," sagte der Philosoph, „für die Stunden, wo ich die Mißhandlung, die Verfolgung, die Mühsal bitter empfunden habe, entschädigen mich die Tage und Nächte, wo ich nur Hoffnung, Ruhm und 12 Wunne fühlte! Gott ist gütiger gegen uns Alle, als ein Mensch wissen kann; denn der Mensch betrachtet nur den Kammer auf der Oberfläche, und steht nicht den Trost in den Tiefen der unbeobachteten Seele." Sybille hatte Hastings an ihres Vaters Seite verlassen, und trippelte leicht nach dem entlegeneren Theil des Hauses, bewohnt von den ländlichen Cigcnthümern, welche für die Bedürfnisse ihrer Gäste sorgten, um die Abendmahlzeit zu bestellen —die glückliche Mahlzeit, denn nicht der Hunger gibt den Speisen einen solchen Wohlgeschmack, nicht der Durst solch labenden Glanz dem Weine, als die Gegenwart eines geliebten Gastes! Und wie der Hofmann sich auf den rohen Sessel setzte, unter das GaiSblatt, das den HauSeingang umrankte, da beschlich eine köstliche Ruhe sein übersättigtes Gemüth. Die reine Seele des Gelehrten, eine Weile erlöst von der Tyrannei eines irdischen Bestrebens — der Quälerei einer Anstrengung, die, wie großartig immer, doch nur auf menschliche, materielle Zwecke hinarbeitete, hatte als ihr einziges ergänzendes Element die beschauliche Versenkung in erhabenere und göttlichere Geheimnisse gefunden. Seiner Natur nach emporstrebend, wie ein aus goldnem Käsig befreiter Vogel, in die Reiche des Himmels, begann er jetzt mit ernster, geistiger Be- redtsamkeit von den Dingen und Anschauungen zu sprechen» mit welchen sich in den jüngsten Zeiten sein Nachdenken vertraut gemacht hatte. Von der Philosophie zur Religion sich erhebend, überließ er stch dcm freien Erguß seiner großartige» Ideen über Leben und Natur; er sprach von den Sternen, die jetzt am Himmel hervortraten; von de» Gesetzen, welche dem Weltall Harmonie verleihen; von den sichtlichen Spuren einer Gottheit im Mechanismus der Schöpfung; von dem Funken aus dem Urfeuer der Gottheit, den wir, wenn er in des Menschen Seele lodert, Gen'iuS nennen; von der ewigen Wiederauferstehung der Todten, welche das wahre Grundprinzip des SevnS bildet, und im Laub und im Atom,die Unsterblichkeit des großen menschlichen Geschlechts vorbildet. Er war erhabener, dieser graue, ans den Kreisen seiner Gattung weggehetzte alte Mann, in seinen Worten, als je der handelnde Mensch in seinen Thaten; denn Worte vermögen die Wahrheit zu ergründen, und Thaten suchen sie nur mit strauchelnden und lahmen Schritten! Und der schwermülhige, begabte, irrende Geist Hastings", erhoben und entrückt über seinen kleinlichen Ehrgeiz der Stunde, hatte keine Antwort auf die Frage seines Herzens: „Was können Höfe und eines Königs Lächeln mir geben zum Ersatz für heiteren Seelenfrieden und hingehende Liebe?" Zweites Kapitel. Der Man» erwacht im Weisen; und die Wölfin bat wieder das Lamm aufgcspnrt, Bon der Nacht an, wo Hastings Sybille und ihren Vater vor den Messern de: Tamburinschlägerinnen ge- Bulwec s Romane. llX 2 >4 rettet, hatte ihn seine Ehre und sein ritterlicher Sinn zu ihrem Beschützer gemacht. Die Leute des PächtcrhauseS, (eine Wtttwe und ihre Kinder, mit den Bauern in ihr'ein Dienste,) waren gutmüthige und einfache Leute. Welchen sicherem Aufenthaltsort gab es für die Verfolgten, als den, wohin Hastings sie gebracht hatte? Der Einfluß Sybillens auf sein unbeständiges Herz oder seine Phantasie gewann neue Stärke. Wieder wurden Gelübde getauscht und die Treue verpfändet. Anthony Woodville, Lord RiverS, der, ein wie tapferer und ehrenhafter Feind auch, doch noch mehr als je, seit Marwicks Verbannung, ein furchtbarer war, und seiner Schwester Abneigung gegen Hastings thcilte, stand natürlich damals in der höchsten Gunst bei König Edward, welcher eifrig beflissen war, die kurze Ungnade gut zu machen, welche sein Schwager während der späteren Zeiten von WarwickS Verwaltung hatte erdulden müssen. Und Hastings, beleidigt durch das Benehmen des Nebenbuhlers in der königlichen Gunst, empfand eine Anwandlung von Verdruß und Mißmuth, wie sie nicht selten im Leben eines Hofmannes vorkommt, und hielt sich, trotz seines Amtes als Kämmerer, möglichst viel entfernt von der Gesellschaft seines Monarchen. So war bei diesem Umschwung seiner Stimmung der Einfluß Sybillens größer, als er sonst wohl gewesen wäre. Seine Besuche in dem PLchterhause waren häufig und regelmäßig. Die Wittwe hielt ihn für einen nahen Verwandten Sybillens, und argwohnte, Warner sey ein verschmier Laneastrier, gcnüthigt sich versteckt zu halten, bis seine Begnadigung ausgcwirkt scy, und so knüpfte sich keine üble Nachrede an die Besuche des Edelmanns, und kein Staunen wurde laut über seine ausmerksame Sorgsalt in Betreff alles dessen, was einem zeitweiligen Zufluchtsort Annehmlichkeit verleihen konnte, welcher dem Rang und Stand seiner vermeintlichen Verwandten nicht zu entsprechen schien. Und Sybille, bei ihrem gänzlichen Vertrauen und ihrer ehrfurchtsvollen Zärtlichkeit, fühlte ihren Stolz sogar mehr geschmeichelt und geschont als verwundet durch Verpflichtungen, wesche nur Beweise der Liebe waren, und auf welche verpfändetes Wort der Treue ihr ein süßes Recht gab. Was Warner betraf — er hatte bisher des vornehmen Lords Aufmerksamkeiten nur als einen seiner Wissenschaft dargebrachtcn huldigenden Tribut an- zuschen geschienen, als ein Zengniß des Interesses, das ein Staatsmann füglich empflnden mochte bei einer Gründung, die eine Wohlthat für das Königreich zu werden versprach. Und Hastings hatte mit vielem Zartgefühl seine Besuche zu erklären gewußt. Das eine Mal kam er, um Nachricht von dem Tod der alten Madgc zu bringen, obwohl er schonend und zartflnntg die Art und Weise desselben verhehlte, die er entdeckt hatte, aber welche zu bestrafen ihm die Volksmcinung, wo nicht das Gesetz, verwehrte: ins Wasser werfen war eben die orthodore Probe bei einer Frau, die im Verdacht der Hcreret stand, und nicht ohne viele Bedenklichkeiten war das arme Weib in geweihter Erde begraben worden. Die Nachforschung 2 * 18 nach dem Heureka war ein Borwand, der für zahllose Besuche hiureichte; und dann hatte auch Hastings Adam geraihen, das verfallene Haus zu verkaufen, und selbst die Unterhandlung deßhalb übernommen: und die neuen Behaglichkeiten ihres dermaligen Aufenthaltsorts und die Kosten ihrer Unterhaltung wurden auf Rechnung der erlösten Summe geschrieben. HasttngS hatte nachgerade Adam Warner als gänzlich blind und gleichgültig gegen Alles, was unter seinen Augen verging, anzuschen sich gewöhnt: und groß war sein Erstaunen, als am Morgen nach dem eben berichteten Besuch, Adam, wie er plötzlich einmal sein Auge erhob, und den Gast süße Worte tu Sybillens Lhr flüstern sah, rasch aufstand, sich dem Edelmann näherte, ihn sanft beim Arm ergriff, in den Garten führte, und also auredetc: „Edler Lord, Ihr seyd zartfühlend und großmüthig gegen uns in unser»! Mißgeschick gewesen. Das arme Heureka ist für mich und die Welt auf immer verloren, Gottes Wille geschehe! Mich dünkt," der Himmel beabsichtigt hiedurch in mir das Bewußtseyn näherliegender Pflichten zu wecken; und ich habe eine Tochter, deren Namen ich Euch beschwöre nicht zu beflecken, und deren Herz ich Euch bitte nicht brechen zu machen. Kommt nicht mehr hieher, Lord Hastings!" Diese Rede, beinahe die einzige, von gesundem Sinn und Urtheil in Sachen des gewöhnlichen Lebens zeugend, welche der Mann von Genie je gesprochen, verwirrte Hastings dergestalt, daß er mit Mühe sich so weit faßte 17 UM zu erwiedern: „Mein armer Gelehrter, was Hai so plötzlich einen Argwohn in Dir entzündet, der Deinem Kind und mir Unrecht thut?" „Gestern Abend, als Ihr beisammen saßet, !sah ich Eure Hand verstohlen die ihrige fassen, und plötzlich erinnerte ich-mich des Tages, wo ich jung war und um ihre Mutter warb! Und gestern Nacht konnte ich nicht einschlafen, und Gefühl und Gedächtniß wurden in mir lebendig für mein lebendes Kind, wie ste sonst nur mit dem eisernen Kind meines Geistes stch beschäftigt hatten, und ich sprach bei mir selbst: 'Lord Hastings ist König Edwards Freund, und König Edward schont keiner jungfräulichen Ehre. Lord Hastings ist ein mächtiger Peer, und er wird nicht das besitzlose und weniger als namenlose Mädchen heiratheu.' Seyd barmherzig! — Geht — geht!" „Aber," riefHastingS, „wenn ich in aller Ehrbarkeit Deine holde Sybille liebe, wenn ich ihr mein Wort verpfändet habe —" „Ach! ach!" stöhnte Adam. .„Wenn ich nur meines Königs Genehmigung ab- warte, um ihre Hand als Gattin mir zu erbitten: könntest Du mir den Umgang mit meiner Verlobten verwehren ?" „So liebt ste Dich also?" sagte Adam in einem Ton, der große Angst und Beklemmung aussprach — „ste liebt Dich also? sprich!" „ES ist mein Stolz, es glauben zu dürfen." „Dann geh — geh sogleich; komm nicht mehr zurück, bis Du Deinen Muth so weit aufgeboten, um dem 18 Opfer zu trotzen: nein, nicht eher, als bis der Priester ani Altäre bereit steht, nicht eher als bis der Bräutigam die Braut in sein Haus zu führen begehrt. Und da diese Zeit nie kommen wird — nie — nie: geh, und laß Du mich dem brechenden Herzen znftüsteru. 'Muth, Ehre und Tugend sind Dir noch geblieben, und Deine Mutter schaut vom Himmel herab auf ein unbeflecktes Kind!' " Die Auferweckung der Todten hätte kaum den Höfling mehr überraschen und entsetzen können, als diese plötz- licheOffenbarungvonLeben, Leidenschaft undThatkraftbei einem Manne, der bisher in den tiefen Falten seiner Gedanken zu schlummern geschienen hatte, wie die etngepuppte Raupe in ihrem Gewebe, Aber wie wir bisher stets gesehen, daß immer,wenn dieß seltsame Wesen aus seiner tiefsinnigen Zerstreutheit erwachte, er ein lebhaftes Ehrgefühl, Mnth und Wahrheitsstnn besaß, und zeigte— so wurde jetzt Adam Warner, seyeSnun daß, wie ergesagthattc, der Verlust des Heureka in seinem Gemüth dem Bewußtseyn praktischer Pflichten jmehr Raum ließ, oder daß ihre gemeinsame» Leiden ihm seine holde Genossin und Tochter thcurcr gemacht, und die Zärtlichkeit auch die Einsicht geschärft hatte, er wurde jetzt gewaltig und majestätisch in seinen Rechten, in seinem heiligen Berns als Vater: größer in seinem einfachen häuslichen Fämiliencharakter, als wir er, in seinem Wahnsinn als Erfinder und in dem übermächtigen Hunger des hochfahrenden Genius, zu seiner Tochter Bett geschlichen war, und sie aufgeweckt hatte mit dem Ruf: „Gold> IS Gegenüber der Kraft und Gewalt von Adams Beschwörung. der mit ausgestreckter Hand, Schmerz und Qual, aber zugleich einen gebieterischen Ausdruck in seilten Zügen, dastand, ließ den begabten Liebhaber all seine Kunst und Selbstbeherrschung im Stich, und er war wie ein Bezauberter. Er blieb im buchstäblichen Sinne stumm, gab keine Antwort, — bis plötzlich der Anblick Sybillens, die, überrasch! über diese ungewohnte Unterredung, aber ihren Gegenstand und ihre Beschaffenheit nicht ahnend, jetzt aus dem Hause kam, ihn erleichterte und stärkte; und sein erster Gedanke war auch jetzt, wie immer, würdig und edel, und zeigte, wiewohl in trüber Dämmerung, welch ein herrliches Wesen er hätte werden können, in einer Zeit geboren und unter Menschen erwachsen, welche den Gedanken und die Regung zur That und Gewohnheit erzogen hätten! „Wackrer alter Mann!" sagte er, die noch gebieterisch erhobene Hand küssend — „Du hast gesprochen, wie es Dir geziemt; und meine Antwort will ich Deiner Tochter sagen." Dann zu der verwunderten Sybille eilend, fuhr er fort: „Dein Vater sagt mit Recht, daß ich nicht so, zweideutig und heimlich, dieß Haus besuchen sollte, das beglückt und gesegnet ist durch Deine geliebte Gegenwart — ich gehorche; — ich verlasse Dich, Sybille. Ich gehe zu meinem König, als ein Manu, der ihm lang und treu gedient hat, und der als seinen Lohn — D i ch verlangt!" „Oh, mein Lord!" rief Sybille in großmüthigem ro Schrecke»; „besinne Dich wohl! bedenke, was Du erst gestern Abend gesagt hast! Dieser König so heftig — mein Name so verhaßt! Nein — nein! verlaßt mich. Fahre wohl für immer» wenn es so recht ist» wie denn recht sehn muß, was Dn und mein Vater dafür erklärt. Aber Dein Leben — Deine Freiheit— Deine Wohlfahrt — die find mein Glück, und Du hast kein Recht sie zu gefährden!" Und sie sank vor ihm auf die Kniee. Er hob sie auf und preßte sie an sein Herz; dann sie ihres Vaters Armen übergebend, sagte er mit einer von Rührung fast erstickten Stimme; „Nicht als Peer und als Ritter, sondern als Mann mache ich mein Recht auf Herd und Heimath geltend! Mag Edward finster schauen — seine Gaben zurücknehmen — mich von seinem Hofe verbannen — Du bist Mehr Werth als das Alles! Erwarte mich — seufze nicht — weine nicht, lächle, bis wir uns Wiedersehen!" Mit diesen Morten verließ er sie — eilte zu dem Stall, wo sein Pferd stand, zäumte es mit eigner Hand, und ritt dann mit der Eile eines Mannes, den Leidenschaft spornt und hetzt, dem Tower in London zu. Aber als Sybille aus ihres Vaters Armen emporfuhr,, wie sie die verhallenden Hufschläge des den Geliebten forttragenden Rosses hörte, um zu horchen und zu horchen auf den letzten Laut, der von ihm zeugte, da traf ihr Auge auf eine schreckliche Erscheinung, die ihr immer Leid und Entsetzen verkündete. Jenseits des Geheges um den Obstgarten, das ihre Gestalt, aber nicht ihr wohl- I 21 bekanntes, darüber hinweg spähendes Gesicht verdeckte/ stand die Tamburinschlägcrin, Graul, Ein gellender Schrei des Schreckens entfuhr Sybillens, als sie sie erkannte, und sic warf sich wieder an Adams Brust; aber als er sich umschante, nm die Ursache ihres Schreckens zu entdecken — war Graul verschwunden. Drittes Kapitel. Tugendhafte Vorsätze der Probe der Eitelkeit und der Welt unterworfen. Als Hastings sei» HauS erreichte, erfuhr er, daß der Hof noch in Shene scy. Er wartete nur, bis das Gefolge, welches sein Rang erheischte, beritten und bereit war, und begab sich dann nach dem Hofe, noch vor Einbruch der Nacht, von welchem sich entfernt zu halten er in neuester Zeit so viele Ausreden gehabt hatte, Edward war gerade beim Bankett, und Hastings war ein zu erfahrner Hof- mann, um ihn in einem solchen Zeitpunkt zu stören. In .einer Stimmung, die nicht eben zur Geselligkeit geeignet war, begab er sich nach den Gemächern, die ihm gewöhnlich Vorbehalten wurden, als ihm unterwegs ein Gentleman begegnete, und ihn mit großer Ehrerbietung in Kenntnrß setzt«, daß der Lord Scales und Rivers schon diese Gemächer in Beschlag genommen für die erste Kammerfrau seiner Gemahlin — daß aber andere Zimmer, wenn schon weniger bequem und geräumig, ihm zu Befehl stünden, > . Hastings hatte nicht den hochfahrenden und mehr als königlichen Stolz Warwick'S und Montagu'S, aber diese Nachricht reizte und erbitterte ihn merklich. „Meine Gemächer als Lord Kämmerer — als Einer der Oberhauptleute im Heere des Königs, der Kammerfrau von Sir Anthony Woodville'S Weib angewiesen'? Auf wessen Befehl, Sir?" „Auf Befehl Ihrer Hoheit der Königin — verzeiht mir, mein Lord," und der Gentleman fuhr, sich rings umschauend, mit leiser Stimme fort — „verzeiht mir, Jhre Hoheit setzte hinzu: 'Wenn der Lord Kämmerer nicht vor Ende der Woche zurück kommt, so dürfte er nicht bloS die Zimmer, sondern auch das Amt nicht mehr unbesetzt finden.' Mein Lord, wir Alle lieben Euch — vergebt meinem Eifer, und seht Wohl zu, wenn Ihr behaupten Wollt, was Euch gebührt l" „Dank, Sir. — Ist mein Lord von Gloucester im Palast?" „Za, und in seinem Zimmer. Gr bleibt nicht lange beim Mahl sitzen." „Seyd so gut und erbittet mir Seiner Hoheit Erlaubnis ihm aufzuwarten, wenn er gelegene Zeit hat — ich erwarte hier seine Antwort." An die Wand des CorridorS sich lehnend, überließ sich Hastings andern Gedanken als an Liebe! So stark ist die Gewohnheit — so mächtig Eitelkeit oder Ehrgeiz, wenn man sich ihnen einmal hingegeben, daß diese kleine Zurücksetzung eine plötzliche Umwälzung im Gemüth des königlichen GünfllingS hervorbrachie — wieder ergriff ihn mit fieberischer Hast und Gier das aufgeregte glänzende Hoflebcn; dieß Leben, so langweilig wenn sicher, wurde reizend, wenn gefährdet. Seinen Feinden entgegenarbeiten — seine Siebenbuhler demüthigen — des Königs Gunst wieder gewinnen — mit der gewandten Schlauheit und Kunst seines geübten Verstandes alle feindseligen Plane und Anschläge vereiteln — das waren'die Ideen, die sich in seinem Kopfe durchkreuzten und drängten, und Sybille war vergessen! Der Gentleman erschien wieder. „Prinz Richard erwartet meiueS Lords Besuch mit Liebe und Freude;" und nach des Herzogs Zimmer begab sich Lord Hastings. Richard, mit einem weiten HauSrock bekleidet, welcher die Mängel seines Wuchses versteckte, stand auf von einem mit Papieren bedeckte» Tisch und umarmte Hastings mit Herzlichkeit und Freude. „Nie war ich erfreuter, Dich zu begrüßen, lieber William. Ich bedarf Deines weisen RatheS beim König, und ich habe frohe Zeitungen für Dein Ohr." „p-rrckikn, mein Prinz, der König, dünkt mich, wird kaum achten auf die Räthe eines todten Mannes!" „Eines todte» Mannes?" „Ja. Am Hof scheint es, sind Männer todt, Ihre Zimmer werden von Andern eingenommen, ihre Stellen «ergeben oder versprochen, wenn sie nicht Morgens und Nachts kommen . den König zu überzeugen? daß sie noch 24 leben." Und Hastings wiederholte mit erzwungener Munterkeit die ihm gewordenen Nachrichten. „Was wollt Ihr, Hastings?" sagte der Herzog, die Achseln zuckend, aber mit einer geheimen Bedeutung in seinem Tone. „Lord Rivers wäre Nichts an sich selbst; aber seine Frau ist eine mächtige Erbin/ und heischt Glanz, wie sie ihm Prunk verleiht. Schaut Euch um, und sagt mir, welcher Mann hat sich je in der Macht behauptet, ohne die mächtige Verwandtschaft, die gebührende Mitgift, den scharfblickenden, unsichtbaren, nie schlummernden weiblichen Einfluß einer edeln Gattin? Wie kann ein armer Mann seinen Ruf wahren und vertheidigen, seinen populären Namen, jenes lustige und doch allmächtige Ding, daSwirWürde oder hoh e Stellung nennen, gegen die Stacheln und Pfeile weiblicher Jntrike und weiblicher Klatscherei? Aber er vermählt sich, und flehe da, ein Schwarm von feenhaften Kämpen erscheint, welche die Schelme von Nebenbuhlern unsichtbar zwicken; sein Weib hat ihr eigenes Heer in Nnterröcken und Miedern, das sie gegen die Dame» seiner Feinde in Schlachtordnung stellt. Daher mein Freund, so lang Du unvermählt bist, denke nicht daran, es mit Lord Rivers anszu- nehmen, welcher eine Frau hat mit drei Schwestern, zwei Tanten und ein vaar Dutzend Muhmen!" * Elisabeth verschaffte ihrem Bruder, Sir Anthony, die größre Erbin im Königreich — an der Tochter des Lord ScaleS, eine Fran, beiläufig bemerkt, welche zur Zeit der Heirath noch ganz rin Kind gewesen sehn soll. „Und wenn," versetzte Hastings, immer unruhiger werdend bei des Herzogs wahrheitsvoller Ironie — „wenn ich eben jetzt gekommen wäre, den König um Erlanbniß zu bitten, mich zu vermählen —" „Wenn das wäre — und Deine erkorene Braut wäre eine Lady von Reichthum und Macht und mit vielen Verbindungen und mit geübter Gewandtheit im Hofleben, so würdest Du der mächtigste Lord im Königreich werden nach Warwicks Verbannung." „Und wenn fie nur Jugend, Schönheit und Tugend besäße?" „Oh, dann, mein Lord Hastings, flehe Deinen heiligen Schutzpatron um Krieg an — denn im Frieden würdest Du Dich unter dem Haufen verlieren. Aber weg jetzt mit solchen Spässen; denn Du bist nicht der Mann, von Jugend, Tugend- und dergleichen in nüchternem Ernste zu schwatzen in dieser Werktagswclk, wo Nichts jung und Nichts tugendhaft ist: — und leihe jetzt Dein Ohr ernsten Dingen." Hierauf theilte der Herzog Gloueester die neuesten Zeitungen mit, welche eingelaufen waren von den Machinationen Warwicks. Er war in bester Laune; denn diese neuesten Nachrichten meldeten nur erst die Weigerung Margaretha'S, den Vorschlag eines Ehebündnisses mit des Grafen Familie auzunehmen, obwohl andrerseits der Herzog von Burgund, in beständigem Briefwechsel mit seinen Spiouen stehend, schrieb: Warwick schaffe aus eignen Mitteln Vorräthe für mehr als KO,000 Mann an; und, Mit oder ohne Laueaster, sey der Graf gcsvnucii und bereit, die Macht und den Einfluß seiner Familie mit den Heeren Edwards sich messen zu lassen. „Und," sagte Hastings, „wenn seine ganze Familie sich ihm anschlöße, welcher ausländische König könnte ei- f nen gleich furchtbaren Einfall machen? Maltravers und ^ die Mvwbrays, Fauconberg,-Westmoreland, Fitzhugh, Stanley, Bonville, Worcester —" „Aber zum Glück," sagte Gloncester, „sind dieMow- brays auch mit der Königin Schwester verschwägert; Worcester verabscheut Warwick; Stanley murrt immer gegen uns, ein sicheres Zeichen, daß er für uns fechten > wird; und Bonville — ich habe einen zuverlässigen Anhänger von Kork im Auge, welchem die Angehörigen dieses Hauses zngewiesen werden sollen. Aber hievon nachher. Was ich jetzt von Deiner Weisheit wünsche, ist, daß Dil mir helfest, Edward aus seiner Lethargie auszurütteln : er lacht über die ihm drohende Gefahr, und bespricht stch weder mit seinen Hauptleuten, noch besetzt er seine Küsten mit Mannschaft. Sein Muth macht ihn zu einem Thoren." Nach einigem weitern Gespräch über diese Gegenstände, und einer genauern Angabe der Vorkehrungen, welche dem König dringend anzurathen Gloucester für nothwendig erachtete, sagte endlich der Herzog, mit seinem Stuhl Hastings näher rückend, mit einem Lächeln: „Und jetzt, Hastings, zu Deinen Angelegenheiten; eS scheint, Du käst Nichts gehört von den Neuigkeiten, die uns vor vier Tagen zukamen — derLordBonvilie ist todt, — vor drei Monaten" gestorben auf seinem Schloß in Devon. Deine Katharine ist frei und in London. Nun» Mann» wo bleibt Deine Freude?" „Eine Zeit ist — eine Zeit war!" sagte Hastings düster. „Der Tag ist vorüber, wo diese Nachricht mich mit Freude erfüllen konnte." „Vorüber! nein, Deine guten Sterne selbst haben sich für den Aufschub gewehrt. Sieben treffliche Schlösser machen der schönen Wiitwe Witthum aus; die stattliche Mitgift, die sie dem Lord zugebracht, fällt an sie zurück. Zhrc Tochter selbst bringt Dir noch Macht zu. Die junge Cecily Bonvillc, die Erbin, verlangt Lord Dorset zur Ehe. Deine Gattin wird die Schwiegermutter von Deiner Königin Sohn; andrerseits ist sie schon Tante der Herzogin von Clarence; und George, verlaß Dich darauf, wird früher oder später von Warwick abfallen und Verzeihung erlangen. Mächtige Verwandtschaft — gewaltige .Besitzungen — eine Lady von fleckenlosem Namen und ausnehmender Schönheit, und Deine erste Liebe! — Deine Hand zittert! — Deine erste, Deine einzige und Deine letzte Liebe!" Wer die Briefe von Paston gelesen, wird cs nicht unglaublich finde», daß es so lange Zeit anstand, bis der Tod einer Edelmanns ans seinem Landsitz in der Hauptstadt bekannt churdc — die gewöhnlichen Vermittler und Verbreiter von Nachrichten und Neuigkeiten waren die herumzichendcn Besueber der Jahrmärkte. Ein Vater konnte Monate lang den Tod seines Sohnes nicht erfahren. 28 „Prinz — Prinz! haltet ein! Selbst wenn es so wäre — kurz, Katharine liebt mich nicht!" „Du irrst Dich! Ich habe sie gesehen, und sie liebt Dich darum nicht weniger, weil ihre Tugend es so lange verhehlt hat!" Hastings stieß einen Schrei leidenschaftlicher Freude aus, aber wieder verfinsterte sich sein Gesicht, Gloueester beobachtete ihn schweigend; außer den Beweggründen der Neigung, die er damals aufrichtig für Hastings hegte, mochte wohl auch die Politik dem Herzog es wünschenswerth machen, einem so loyalen Anhänger von Vork die Hand und den Reichthum von Lord Warwicks Schwester zu verschaffen: aber mit Klugheit den Gegenstand nicht weiter verfolgend, sagte er in verändertem, gleichgültigem Tone! „Verzeih mir, wenn ich mich in Sachen eingemischt habe, worüber jeder Mann für sich selbst urtheilt und entscheidet. Aber da, trotz allen Hin derniffen, über knrz oder lang, Lady Anna Nevile die Meinige werden wird, hätte es mich gefreut, einen nahen Verwandten an Lord Hastings zu bekommen. Und jetzt, da es spät wird, bitte ich Dich, laß Edward in seinem Zimmer Dich nicht vergebens erwarten!" Als Hastings dem König aufwartete, merkte er sogleich, daß Edwards Benehmen gegen ihn verändert war. Zuerst schrieb er dieß auf Rechnung der gehässigen Einflüsterungen der Königin und ihres Bruders; aber bald verrieth der König selbst die Ursache seiner veränderten Stimmung. Lg „Mein Lord," sagte er, „ich bin kein Heiliger, wie Du weißt; aber es gibt Bande und Verhältnisse, pur smour, die, nach meinem Sinn, Rittern und Edeln um die Person eines Königs nicht geziemen." „Mein Gebieter, ich verstehe Euch nicht!" „Still, William!" versetzte der König in milderem Tone, „Du hast mich mehr als einmal verdrüßlich gemacht mit Bitten um Verzeihung für den Schwarzkünstler Warner — der ganze Hof ärgert fich an Deiner Liebe zu seiner Tochter. Du hast Dich unter armseligen Vorwänden von Deinem Amt und Posten entfernt! Zch kenne Dich zu gut, um nicht zu wissen, daß die Liebe allein Dich veranlassen kann, Deinen König zu vernachlässigen — Du hast Deine Zeit zu den Füßen oder in den Armen dieser jungen Zauberin zugebracht! Ein Wort für jetzt und für alle Zeit — derjenige, der in den Schlingen einer Here gefangen ist, kann nicht der treue Diener eines Königs seyn! Zch verlange von Dir, als Pflicht oder als Gefälligkeit, sieh' diese schöne Dirne nicht mehr! Was, Mann, sind nicht Lady's genug im lustigen England, daß Du Dich um eines so unchristlichen Liebchens willen opfern solltest?" „Mein König! wie kann dieß arme Mädchen Dich so erzürnt haben?" „Weißt Du nicht," — begann der König scharf, und wechselte die Farbe, als er seines Günstling- kummervolles Erstaunen bemerkte, — „Ha, gut!" murmelte er vor fich hin; „sie find bi« jetzt verschwiegen gewesen, aber wie lang werden sie e« Bulwer'S Roman«. VIX. z 30 noch sehn? Ich komme gerade noch zu rechter Zein Es ist genug," fuhr er laut und ernst fort — „es ist genug, daß unser gelehrter Bungey * ihren Vater für einen höchst pestilenzialische» Zauberer hält, der seine Zaubersprüche zu Gunsten Lancasters und des Rebellen Warwick murmelt; daß das Mädchen ihres Vaters unheilige Gaben und Künste geerbt hat, — und daher gebiete ich Dir, als Herr und König, und bitte Dich, als liebender Freund, weder Vater noch Tochter je mehr zu sehe»! Laß Dir dieß genügen — und jetzt will ich Dich über Staatsangelegenheiten hören." Was auch Hastings fühlen und denken mochte, er sah, daß dieß nicht der Zeitpunkt war, Gegenvorstellungen bei dem Könige zu wagen , und so bemühte er sich, sich zu sammeln, und mit Ruhe über die hochwichtigen Interessen zu sprechen, worüber Edward ihn zu Rathe zog; aber er war so zerstreut und abwesend, daß er einen traurigen Rathgeber vorstellte; und der König, Mitleiden mit ihm fühlend, entließ für diese Nacht seinen Kämmerer. Kein Schlaf besuchte das Lager Hastings'; sein Scharfblick erkannte wohl, daß, wie groß auch Edwards Aberglauben sehn mochte — und er glaubte von ganzer Seele an Zauberei — doch ein mehr weltlicher Beweggrund ihn mit solcher Erbitterung gegen die arme Sybille erfüllte. Aber da, wie wir kaum zu sagen brauchen, Hastings weder von dem zerstreuten Warner, noch von » Man wird sich erinnern, da» Edward selbst ein Mann ohne gelehrte Bildung war. seiner unschuldigen Tochter den wahren Grund erfahren hatte, arbeitete er sich ab mit eiteln Vermuthungen und ahnte nicht, daß Edward nnwillkührlich die höhere Ritterlichkeit seines galanten und tapfer» GünstlingS ehrend anerkannte, wenn er am meisten unter allen Menschen vor Hastings das Geheimniß seines Verbrechens, welches der Philosoph und sein Kind auSsagen konnten, verborgen zn halten ängstlich wünschte. Wenn Hastings seine» Namen und seinen Rang Sybille» gab, welch ein mächtiges Gewicht mußte dann plötzlich die Aussage der geringe» Zeugin erlangen! Sich wegwendend von dem Bilde Sybillens, an welches sich so nur Vorstellungen von Gefahr, Verlegenheit, Demüthigung, Ungnade» Verderben knüpften, rief sich Lord Hastings die Worte GloucesterS ins Gedächtniß zurück; und das stolze Bild Katharinens, umgeben von allen Erinnerungen früher Leidenschaft — von allen Attributen gegenwärtiger, lockender Ehre — stieg vor ihm auf, und er schlief endlich ein, und träumte — nicht von Sybillen und dem bescheidenen Obstgarten, sondern von Katharina in ihrer jungfräulichen Vlüthe — von dem Baume der Zusammenkunft bei dem Schloß Middleham — von dem zerbrochenen Ring — von dem Entzücken und dem Leid der ersten hochstrcbcnden Liebe seiner Jugend, 32 Viertes Kapitel. Der von Spbillen gesuchte Kampf zwischen ihr und Katharinen beginnt in drohendem Ernste. Hastings fühlte sich erleichtert, als am folgenden Tage verschiedene Couriere mit so wichtigen Nachrichten ankamen, daß alle andre Gedanken von den Staatsangelegenheiten verschlungen wurden. Ein geheimer Bote vom französischen Hofe versetzte Gloucester in eine jener leidenschaftlichen Anwandlungen krampfhafter Wuth, welchen er, bei all seinem Verstand und seiner VerstellungSkunst, zu Zeiten unterworfen war — durch die Nachricht von der Verlobung Anna'S mit Prinz Edward; — auch vermochte der Brief Clarence'S an den König, welcher den Erfolg von einem seiner listigen Plane bezeugte, Richard nicht über das Fehlschlagen des andern zu trösten. Ein Brief von Burgund bestätigte die Kunde des Spions, meldete die Absicht des Herzogs Carl, eine Flotte auslaufen zu lassen, um WarwickS Einfall in England zu hindern, und tadelte König Edward scharf wegen seiner Saumseligkeit, daß er sich nicht gehörig rüste gegen einen so furchtbaren Feind. Edward, in seiner lustigen und sorglosen Vermessenheit, mehr eines irrenden Ritters als eines Monarchen würdig, lachte über das Wort Einfall. „Die Pest über des BurgundierS Schiffe! Ich wünsche nur, daß der Graf lande!" sagte er zu seinem Rathe. Niemand stimmte in diesen Wunsch beifällig ein, aber im svätern Verlaufe der 33 Tages kam ein dritter Bote mit Nachrichten, welche Edwards ganzen Grimm erweckten; gleichgültig gegen jede ferne Gefahr, ging er immer rasch zur Thatkraft und zur Rachgier über, wenn ein Feind schon im Feld stand. Und der Lord Fitzhugh (der junge Edelmann, welchen wir schon bei Olney unter den Rebellen gefunden, und der jetzt die Titel und Würden seines Hauses geerbt hatte) hatte plötzlich im Norden an der Spitze eines furchtbaren Aufstandes sich erhoben. Kein Mann besaß eine so umfaffende Erfahrung in der Kriegführung jener Bezirke, kannte so gut die Gemüthsart und Stimmung des Volkes, und die Neigungen der verschiedenen Städte und Herrschaften wie Montag»; er war der so zu sagen natürliche Feldherr gegen die Rebellen. Eine lebhafte Erörterung fand Statt über das Vertrauen» das man in einem so kritischen Zeitpunkt in den Marquis setzen dürfe; aber während die Schlaueren es ausjede Gefahr hin für gerathener hielten, ihn nicht ohne Anstellung zu lassen, und seine Dienste bei einer Expedition zu verwenden, die ihn aus der Nähe seines Bruders entfernte, falls der Letztere, wie man erwartete , än der Küste von Norfolk landete: glaubte Edward, mit einer hartnäckigen Blindheit, die beinahe unglaublich scheint, fest an die unwandelbare, blinde Ergebenheit und Loyalität des Mannes, den er gekränkt und arm gemacht, und den er dadurch, daß er seine Tochter dem Lancastri- schen Prinzen angeboten, noch ganz neuerlich getäuscht und gehöhnt hatte. Montag» ward in Eile berufen, und erhielt den Befehl, sofort nach dem Norden zu marschiren, 34 Truppen aufzubieien und deren Oberbefehl zu überneb- men. Der Marquis gehorchte mit wenigeren Worten, als er sonst zu machen pflegte — verließ den König, sprang auf sein Pferd, und wie er vom Palast wegritt, zog er einen Brief aus dem Busen. „Ha, Edward!" sagte er, mit den Zähnen knirschend ; „so wolltest Du also, nachdem Du feierlich Deine Tochter meinem Sohne verlobt hattest, ste Deinem Lancastrischen Feind geben! Memme, daß Du den Frieden von ihm erkaufen! Schurke, daß Du Dein Wort brechen wolltest! Ich danke Dir für diese Nachricht, Marwick: denn ohne diese Kränkung hätte ich nimmer, das fühle ich, wenn die Stunde gekommen wäre, mein Schwert ziehen können gegen diesen treulosen Mann — znmal nicht für Lancaster! Ja, zittre Du, der Du alle Treue und Ehre höhnst und verlachst! Wer selbst ein Ver- räther ist, darf die Rache nicht Hochverrath nennen!" Mittlerweile begab sich Edward, um weitere Vorkehrungen zu treffen, nach London in de» Tower. Neue Anzeichen von der Mine unter seinen Füßen erwarteten hier den leichtsinnig ungläubigen König. An der Thüre von St. Paul, an vielen Kirchen der Metropole, an der Standarte in Chepe und auf der Londoner Brücke war in der verflossenen Nacht, Niemand wußte von Wem, die berühmte, von Warwick und Elarence Unterzeichnete, in der kühnen und kraftvollen Sprache des Grasen abgefaßte Proklamation angeschlagen worden, die ihre baldige Rückkehr ankündigte, eine kurze und kräftige Schilderung der Mißregierung des Königreichs entwarf, und ihren Ent- 35 schluß aussprach, alle Uebelstände zu perbefferu und allen Beschwerden abzuhelfen. Obgleich die Proklamation die Wiedereinsetzung der Lancastrischen Linie nicht aussprach, (ohne Zweifel aus Rücksicht für Heinrichs Leben und Sicherheit,) kannten doch schon alle Leute in der Hauptstadt das furchtbare Bündniß zwischen Margaretha und Marwick. Doch auch jetzt noch lächelte Edward mit Verachtung, denn er vertraute auf den Brief, den er von Cla- rence erhalten, und war fest überzeugt, daß im Augenblick, wo der Herzog und der Graf landeten, der Elftere seinen Genoffen durch heimlichen Vcrrath dem König überliefern würde; und so war, trotz all dieser aufregenden Veranlassungen zu ernster Besorgniß und Unruhe, doch das nächtliche Bankett im Tower so fröhlich und ausgelassen wie nur je. Hastings verließ das Mahl, che es zum wilden Gelage ward, und trat, in vielfache, tiefe Gedanken und Betrachtungen versunken, in sein Zimmer. Er warf sich auf einen Sitz, und stützte sein Angesicht aufseineHände. „Oh! nein — nein!" murmelte er; „jetzt, in der Stunde, wo wahre Größe am meisten sichtbar und erkannt wird — wo Fürst und Peer sich Rath suchend um mich drängen — wo Edelmann, Ritter und Knappe sich um die Erlaubniß bewerben, in der Truppe mitzuziehen, deren Führer Hastings ist — jetzt fühle ich die Unmöglichkeit, fühle ich, wie trüglich schmeichelnd der Traum war, daß ich auf Alles verzichten könnte — auf Alles, um eines Lebens in der Dunkelheit, um der Liebe eines jungen Mädchens willens! Liebe! als ob ich nicht ihre Täuschun- 36 gen bis zum Neberdruß kennen gelernt hätte! Liebe — als ob ich noch einmal lieben konnte, oder — wenn auch lieben — ach! so muß diese Liebe nur ein Licht sehn, das die Erinnerung wiederspiegelt. Und Katharine ist wieder frei!" Tr senkte, wie er so sprach, sein Antlitz zu Boden, vielleicht aus Schaam und Reue, daß er, dem es jetzt so ums Herz war, so ganz anders gefühlt hatte, als er Sybillen bis zu seiner Rückkehr hatte lächeln heißen! „Ist es die Lust dieses verfluchten Hofes, welche unsere besten Entschlüsse vergiftet!» murmelte er, als eine Art Entschuldigung vor sich selbst; aber kaum war die armselige Ausrede über seine Lippen, als das Murmeln in einen Ausruf der freudigen Ueberraschung überging. Ein Brief lag vor ihm — er erkannte die Hand Katharinens. Wie viel Jahre waren verstrichen, seit er ihre Handschrift nicht mehr gesehen hatte — seit den Zeilen, ! die ihm ihr Lebewohl, und ihre Bitte, sic zu vergessen, ! brachten! Jene Zeilen waren halb verwischt gewesen von Thronen, und diese, wie er die Seide aufriß, womit sie zugebunden waren — auch auf diesen waren Spuren von Thränen sichtbar! Das Billet war jedoch ganz kurz und die Schristzüge waren mit zitternder Hand geschrieben. ES lautete so: — „Morgen, vor Mittag, wird Lord Hastings gebeten, I diejenige zu besuchen, deren Leben er getrübt hat durch den Gedanken und die Anklage, daß sie das seinige umwölkt und verbittert habe. Katharine de Bonvillc.» 37 Wir überlaffen jetzt Hastings den Gedanken der Furcht oder der Hoffnung, welche diese Zeilen in ihm erregen mochten < und führen den Leser in ein Zimmer nicht sehr fern von dem seinigen — in das Zimmer des berühmten Mönchs Bungey. Der Ergaukler stand vor dem erbeuteten Heureka und starrte es an mit einem Ausdruck von ernstkomischer Verzweiflung und Wuth. Wir sagten vor dem Heureka, zur Bezeichnung all der sinnreichen Vorrichtungen und Einrichtungen, welche zur Erreichung Eines Zwecks von dem erfinderischen Schöpfer ersonnen worden waren, ein harmonisches Ganze, aus vielen einzelnen Stücken zusammengesetzt; — aber das Geschöpf von Eisen verdiente den stolzen Namen nicht mehr, denn seine verschiednen Bestandtyeile oder Glieder waren jetzt auSeinanderge- renkt und zerrissen, und lagen durcheinander in wüster Verwirrung da. Neben dem Münch stand ein weibliches Wesen in einen langen Scharlachmantel gehüllt, die Kapuze zum Theil über das Gesicht gezogen, doch so, daß immer noch der harte, dünne, bösartige Mund, das strenge, scharfe Ktnn, und die feste», wie aus Stein gehauenen Kinnbacken, aus große Entschlossenheit deutend, sichtbar blieben. „Ich sage Dir, Graul," sagte der Mönch, „Du bist bei weitem am besten zugekommen bei diesem Handel. Ich habe diese diabolische Maschine in alle Formen und Gestalten gelegt, und Latein genug darüber gemurmelt, um ein Ungeheuer zu einem gesitteten Wesen umzuzau- 38 bcrn. Und das verfluchte Ding, nachdem c-mir beinahe drei Finger abgezwickt, und mich mit siedendem Wasser gebrüht, und wüthend gezischt und gesprudelt hat, so daß jeder andre Mann als der Mönch Bungey vor Schrecken aus der Haut gefahren wäre, ist ol)8t,i»utu8 ut mulum — halsstarrig wie ein Maulthier; und es war lediglich zu Nichts nütze, bis ich zum Glück auf den Gedanken kam, dieß Gefäß von dem ganzen übrigen Apparat zu trennen — und es dient mir jetzt, meine Eier darin zu sieden! Aber bei der Seele des Pater Merlin, den die Heiligen erlösen mögen, ich hätte mir nicht all diese Mühe und Qual zu machen gebraucht, um ein Ding, das im besten Fall die Dienste eines Topfes für einen Pfennig leistet!" „Schnell, Meister — es ist schon spät. Ich muß gehen, so lange noch wegen der Soldaten und Courriere und Reiter, die hin und her eilen, die Thore offen bleiben. Was willst Du von Graul?" „Mehr Respekt, Kind!" brummte der Mönch. „WaS ich von Dir will, ist bald gesagt, wenn Du den Witz hast, mir dienen zu können. Dieser heillose Warner muß mir selbst den Gebrauch und den Pfiff seiner verdammten Maschine erkläre». Du mußt ihn aufsuchen und her bringen!" „Und wenn er Dir die Erklärung nicht geben will?" „Der Mcegouverneur des Towers will mir einen steinernen Kerker, und wen» es nöthig ist. die Folterwerkzeuge leihen, um dem kindischen Grankopf die Zunge zu lüpfen." „Auf welchen Grund hin?'' „Daß Adam Warner ein Zaubrer iß, im Sold Lord Marwicks, den nur ein mächtigerer Meister wie ich gehörig untersuchen und entlarven kann." „Und wenn ich Dir den Zauberer bringe — was willst Du mich dafür lehren?" „Was wünschest Du Dir am meisten?" Graul sann nach und sagte: — „Es ist die Witterung von Krieg in der Lust. Graul folgt dem Lager — ihr Reiter gewinnt Gold und Beute. Aber der Reiter ist stärker als Graul; und wenn der Reiter schläft, so hat er sein Messer an der Seite und sein Schlaf ist leise und störsam, denn er hat böse Träume. Gib mir einen Trank um den Schlaf tief zu machen, daß sein Auge sich nicht öffnet, wenn Graul sein Gold rapst, und seine Hand zu schwer ist, um das Messer aus der Scheide zu ziehen." „lmrminckn — ckotostuliilis! — Deinen eigenen Buhlen!" „Er hat mich mit seinem Pferdezamn geschlagen, er hat Grisell ein großes Silberstück geschenkt — Grisell hat auf seinem Knie gesessen — Graul verzeiht nie!" Der Mönch, ein so arger Schuft er war. schauderte — „Ich kann Dir nicht zum Mord behülflich sehn, ich kann Dir den Trank nicht geben; nenne «inen andern Lohn." „Ich gehe " „Nein, nein — denke nach - besinne Dich!" „Ich weiß wo Warner versteckt ist. Bis morgen «0 Abend um diese Stunde kann ich ihn in Deine Gewalt liefern. Sprich das Wort, und sag mir den Trank zu." „Gut, gut, imilisr sbominsbili.?! — das heißt Unwiderstehliche, mein Schätzchen, — den Trank kann ich Dir nicht geben; aber ich will Dich eine Kunst lehren, die den Schlaf tiefer macht, als jeder Schlaftrunk, und die nicht, wie jener Saft, zerstört, sondern durch östern Gebrauch stärkt; eine Kunst, die Du in Deinen Fingerspitzen haben sollst, und die oft dem Schlafenden die dunkelsten Geheimnisse seines Herzens entlockt!" " „Ist es Magie?" sagte Graul erfreut. „Ja, Magie." „Ich will Dir den Zauberer schaffen. — Aber höre; er geht nie aus als mit seiner Tochter. Ich »ruß Beide bringen." „Nein — das Mädchen brauch' ich nicht." „Aber ich darf sie nicht erwürgen, denn ein großer Lord liebt sie — der die That entdecken und rächen würde; und wenn man sie allein zurückläßt, wird sie zu dem Lord gehen, und der Lord wird entdecken, was Du mit dem Zauberer gethan hast, und Du wirst hängen!" „Sage nie zu mir hängen, Graul — es ist unmanierlich und von schlimmer Vorbedeutung. Wer ist der Lord?" „Hastings." * Wir haben früher gesagt, dag Bunge!,' de» thierischen Magnetismus kannte, welcher den Nekromanten oder vielmehr Tbeurgen des Mittelalters gar nichts Fremdes war. „Pest! — und den hat man schon nach dem Ding dort Nachforschungen anstellen sehen; und ich habe darüber gebrütet Tag und Nacht, wie eine Henne über einem Ei von Kreide — nur daß das Ei nicht der Henne die Klauen abzwickt, wie diese Teufelei mir gern meine Finger wegzwickte. Aber der Krieg wird mit seinem Wirbelwind Hastings entführen,' und wenn Gefahr droht — die Herzogin ist meine Sklavin und wird mir aus allen Nöthen helfen. So kannst Du also das Mädchen bringen; und erdrossele sie nicht : denn es kommt nie etwas Gutes aus einem Mord, — wenn er nicht anders unumgänglich nothwendig ist/' „Ich kenne Männer, die mir helfen werden, kecke Schelme, die ich selbst belohnen werde; denn ich verlange nicht Dein Geld, sondern Deine Kunst. Wenn die Abendglocke ertönt hat, und die Fledermaus der Motte nachjagt, wollen wir Dir das Wild bringen —" Graul wandte sich — aber als sie die Thüre erreichte, blieb sie stehen, und sagte plötzlich, ihre Kapuze zurückschiebend : „Für wie alt hältst Du mich?" „Wahrhaftig," sagte der Mönch, „hätte ich Dich nicht auf Deiner Mutter Knieen gesehen, wie sie meiner Bühne folgte, als ich Gaukler war, ich hätte Dich zu Dreißig geschätzt, aber Du hast ein zu lustiges Leben geführt, um noch sehr in der Blüthe stehend auszusehen — aber wie verfällst Du auf diese Frage?" „Weil, wenn Reiter und Lumpenhund zu mir sagen. „Graul Du bist zu abgelebt und zu alt, um aus uuserm Becher zu trinken und auf unserem Schooß zu fitzen und dem jungen Schatz in die Schlacht zu folgen und de» fröhlichen Tanz am Jahrmarkt zu schlingen! — ich von meinen Schwestern mich trennen und meine eigene Hütte für mich haben möchte, und eine schwarze Katze ohne ein weißes Härchen, und Kräuter stehlen beim Neumond, und Knochen aus dem Gebeinhaus — und denjenigen fluchen, die ich hasse, und durch die dunstige Luft dahinfahren auf einem Besen, wie Mutter Halkin von Edmonton. Hü — ha! Meister, dann sollst Du mich beim Herensabbath verstellen! Graul hat ganz das Zeug zu einer tüchtigen Here!" Die Tamburinschlägerin verschwand mit einem Gelächter. Der Münch murmelte ein Paternoster, und dieß- mal vielleicht mit wirklicher Andacht; und nachdem er wieder bedächtig die clisjsels membru des Heureka besichtigt und geprüft hatte, holte er ernsthaft ein Entenei aus seinem Schrank, und verwendete den Hauptbestand- lheil der Maschine, die, wie Warner hoffte, die ganze äußere Gestalt und Erscheinung der Erde verändern sollte, zu dem einzigen praktischen Nutzen, den er nach den Begriffen eines Gaukler« besaß! 43 Fünftes Kapitel. Das Wiedersehen von Hastings und Katharina. Am nächsten Morgen, während Edward beschäftigt war, von seinen wohlhabenden Bürgern alle Anlehen zu erheben, die er ihnen irgend abpreffen konnte, wohl wissend, daß Gold der Nerv des Krieges ist, — während Worce- ster die Feste des Towers, wo die Königin»ihrer Entbindung nahe, während des Feldzugs ihre Residenz haben sollte, mit Mannschaft besetzte — während Gloucester für Kapitäne und Barone Vollmachten schrieb, Truppen aufzubieten — während Sir Anthony Lord Rivers Ausbesserungen an seiner schmucken damaseenischen Rüstung befahl — und die ganze Schloßfeste belebt und in Unruhe war von dem Gewirre des bevorstehenden Kampfes — entschlüpfte Lord Hastings dem lärmenden Gewühle und begab sich nach dem Hause Katharinens. AuS welche» Beweggründen, mit welchen Absichten, war ihm selbst nicht klar bewußt; vielleicht — denn in seiner Liebe selbst für Katharine war Bitterkeit, — vielleicht um sich an der Vergeltung, die seinem verwundeten Stolze gebührte, zu weiden, und zu dem Idol seiner Jugend zu sagen, wie er zu Gloucester gesagt hatte: „Eine Zeit ist — eine Zeit war!" — vielleicht mit einiger Erinnerung an die Treue, die er Sybillen schuldig war, und die um so mehr erwachte, jetzt, wo Katharine endlich aus dem idealen Bild in das wirkliche Weib sich zu verwandeln schien, um welches zu werben, das zu gewinnen möglich und leicht war. Aber 44 gewiß war Sybillens Sache nicht gänzlich verloren, obwohl sehr erschüttert und gefährdet, als Lord Hastings vor der Lady Bonville Thor abstieg; aber sein Gesicht wurde allmälig blässer, seine Miene und Haltung weniger zuversichtlich, je näher er dem Zimmer und der Person der verwittweten Katharine kam. Sie saß allein in demselben Zimmer, in welchem er sie bei seinem letzten Besuche gesehen. Zhre tiefe Trauer trug, durch den Contrast mit der Bläffe und ausnehmenden Klarheit ihrer Gesichtsfarbe nur noch zur Erhöhung ihrer Schönheit bei. Hastings verbeugte sich tief und setzte sich schweigend neben sie. Die Lady von Bonville betrachtete ihn einige Augenblicke mit einem unaussprechlichen Ausdruck von Schwer- muth und Zärtlichkeit. All ihr Stolz schien verschwunden; selbst der Charakter ihres Gesichts war verwandelt; ernste Strenge war sanfte Schüchternheit geworden, und gemessene Selbstbeherrschung war einem unverkennbaren Kampfe von Hoffnung und Furcht gewichen. „Hastings! — William!" sagte sie, mit leiser und flüsternder Stimme, und beim Ton dieses letztern Namens von diesen Lippen fühlte der Edelmann das Blut in seinen Adern schauern und sein Herz pochen. „Wenn," fuhr sie fort, „der Schrit, den ich gethan habe. Dir unweiblich und zu kühn erscheint, so erfahre wenigstens, was meine Absicht war und meine Entschuldigung ist. Es gab eine Zeit (und Katharine erröthete,) wo, wie Du wohl weißt, wenn es mir frcigestandcn hätte, diese Hand zu vergeben, sie dem gehört hätte, welcher die Hälfte dieses Rings schon besaß." Und Katharine nahm aus einepr klei- neu krystallnen Kästchen das unvergessene LiebeSpsand. „Der gebrochene Ring weissagte nur die gebrochene Treue," sagte Hastings mit abgewandtem Gesicht. „Dein Gewissen widerspricht Deinen Worten," versetzte Katharine traurig; „ich gelobte Dir meine Treue, wenn Du meines Vaters Einwilligung gewinnen könntest. Welches Mädchen — und dazu eine Nevile —hätte Pflicht und Ehre so vergessen können, daß sie dir Mehr gelobt hätte? Wir wurden getrennt. Gehen wir — oh! gehen wir über diese Zeit hinweg! Mein Vater liebte mich zärtlich; aber wann verstanden sich je Stolz und Ehrgeiz dazu, die kühnen Phantasten eines Mädchenherzens zu berücksichtigen? Drei Bewerber, reiche Lords, — mit welchen die Verbindung meiner Familie Macht und Stärke verlieh, in einer Zeit, wo ihr Leben sogar auf ihren tapfern Schwertern beruhte, warben als Nebenbuhler um Graf Salisburys Tochter. Graf Salisbury hieß seine Tochter wählen. Dein großer Freund, und mein Verwandter, Herzog Richard von Port, sprach selbst für Deine Nebenbuhler. Gr bewies mir, daß mein Ungehorsam — falls wirklich, zum ersten Mal, eine Tochter meines Hauses dessen Haupt ungehorsam seyn sollte — ein ewiges Hemm- niß für Dein Glück wäre; daß, so lange Salisbury Dein Feind sey, selbst er nicht Deine Tapferkeit und Dein Verdienst lohnen uud befördern könne; daß eS bei mir stehe, Deinem Ehrgeiz Vorschub zu leisten, obschon ich Deine Bulwer's Romane. l!IX 4 46 Liebe nicht belohne« könne; daß von der Stunde an, wo ich einem Andern angehörte, meine mächtigen Verwandten selbst — denn es fehle ihnen nicht an Großmuth — dem Herzog bereitwillig beistehen würden, Dir eine glänzende Laufbahn zu eröffnen; Hastings, selbst da noch wünschte und betete ich, wenigstens nicht eines Mannes, sondern Gottes Braut werden zu dürfen. Aber ich war gelehrt und gewöhnt — und welches edle Fräulein ist e- nicht? — meine Wünsche ganz dem Willen und dem Vortheil eines Vaters unterznordncn. Als Nonne konnte ich nur für den Sieg von meines Vaters Sache beten; als Gaiiin eines Lords konute ich Salisbury und Uork die Mannschaft und die festen Schlösser eines Baronen zubringen! Ich gehorchte. Höre mich weiter an, — Unter den drei Bewerbern um meine Hand waren Zwei jung und stattlich -- in den Augen der Frauen hübsch und angenehm; und wäre meine Wahl auf Einen von diesen gefallen, so hättest Du glauben können, eine neue Liebe habe die alte verdrängt. Da die Wahl mir überlassen war, wählte ich den Mann, welchen die Liebe nicht wählen konnte, und hatte in meinem Herzen doch den traurigen Trost' „Er, der verlassene Hastings wird aus meiner Wahl selbst erkennen, daß ich nur die Sklavin der Pflicht — daß meine Wahl selbst mir eine Buße und Dual war," Katharine hielt inne, und Thränen stürzten ihr häufig aus den Auge», Hastings hielt sich die Hand vor'S Gesicht, und seine innere Bewegung verrieth sich nur durch das Pochen seines Herzens, Katharine fuhr fort: „Einmal vermählt, wußte ich, was einem Weibe geziemte. Wir sahen uns wieder, und auf die anfänglichen Kundgebungen Deiner Verachtung und Deines Zornes— (und eS wäre entehrend für mich gewesen, Dich hier zu begütigen durch Ein Wort, das gesagt hätte: 'die Gattin gedenkt noch der Liebe des Mädchens!') auf diese Deine ersten Empfindungen, folgte die grausamere Rache, welche gern Kummer und Kampf in Neue und Schaam verwandelt hätte. lind dann, dann — ein schwaches Weib, wie ich war — hüllte ich mich in Hochmuth und Stolz. Ja, ich empfand tiefen Zorn, — und hatte ich nicht Recht? — daß Du so mißverstehen, daß Du zur Vergeltung so mißhandeln konntest das Herz, dem außer der Tugend kein Ersatz für die Liebe übrig geblieben war. Und doch, doch, oft wenn Du mich am härtesten glaubtest, am unzugänglichsten für Erinnerung und Gefühle — aber warum die Prüfung erzählen? Der Himmel stand mir bei, und wenn Du mich nicht mehr liebst, so kannst Du mich doch nicht verachten." Bei diesen letzten Worten lag Hastings zu ihren Füßen, über ihre Hand sich beugend, und sprachlos in seiner tiefen GemüthSbewcgnng. Katharine sah ihn einen Augenblick durch ihre Thränen an, und fuhr dann fort' „Aber Du hattest, als Mann, Mittel Dich zu trösten, die kein Weib wünschen oder begehren konnte. Und oh! was mich am meisten kränkte und bekümmerte, war nicht — nein! nicht die eifersüchtige, die verwundete Eitelkeit, sondern es war diese Selbstanklage wenigstens,' diese 4 * 48 Reue, daß — ohne eine stachelnde und quälende Erinnerung, an erwiederte und wieder versagte Liebe — Du nie so abgefallen wärest von Deinem Wesen, wie es in jünger» Jahren war, daß Du nie so leichtsinnig gespielt hättest mit der ernsten Gabe der Zeit! Ach, wenn ich in Dir, dem gereisteren Manne, Einen Fehler, unwürdig Deiner glänzenden Jugend, sah, oder zu sehen glaubte, oder davon horte, so hat mich Unmuth über mich selbst bitter und hart gegen Dich gemacht; und wenn ich Deinen Stolz höhnte, oder schalt, oder neckte, wie wenig ahntest Du da, daß die üble, zankende Laune nur die Maske der nur zu zärtlichen Erinnerung war! — Darum darum— und überzeugt, daß trotz Allem, ach! mein Bild in Deiner Seele nicht verdrängt und ersetzt sey — war ich, als meine Hand frei wurde, dem Himmel dankbar, daß ich noch —" (der Lady blasse Wange wurde rö- ther als die Nose, ihre Stimme bebte, und wurde leise und säst ünvernehmlich,) „daß ich noch glauben durfte, eS stehe in meiner Macht, Dir für das Vergangene Ersatz zu leisten. Und wenn," fuhr sie fort, plötzlich zu edler Energie sich anfraffend, „wenn ich hierin meinen Stolz gebeugt habe, so geschah es, weil Du durch Stolz gekränkt und verwundet wurdest; und fetzt endlich hast Du eine gerechte Genugthuung!" Oh furchtbare Nebenbuhlerin für Dich, verlorene Sybille! War es ein Wunder, daß, als diefi Haupt an seine Brust sank, als er bei der zauberhaften Verwandlung, welche die Alles besänftigende und erweichende Liebe her- 49 bciführt an einem Mund, der lang höhnisch gewesen, an Augen, die lange stolz und kalt gewesen, fühlte, wie Katharine Nevile — zärtlich, sanft, offenherzig ohne Keckheit, hochfinnig ohne Anmaßung — an die Stelle der herben und strengen Dame von Bonville getreten war, die er halb haßte, während er fich um fie bemühte, — oh war es ein Wunder, daß da Hastings' Seele zu der alten Zeit znrückfloh, die dazwischen liegenden Gelübde und kühleren Gefühle vergaß, und nur mit leidenschaftlichen Lippen wiederholte: „Katharine, noch immer Geliebte, ewig Geliebte! mein, endlich die Mcinige!" Dann folgte ein köstliches Schweigen — dann Gelübde, Bekenntnisse, Fragen, Antworten — der wonneschauernde Austausch von lange getrennten und jetzt in Eines zusammenströinenden Herzen, lind die Zeit verstoß, bis Katharine, sanft von dem Geliebten fich loSma- chend, sagte: „lind jetzt, da D» das Recht hast, meine Absichten zu kennen und zu bestimmen, billige, ich bitte Dich, mein gegenwärtiges Vorhaben. Krieg harrt Deiner, und wir müssen uns für eine Zeitlang trennen!" Bei diesen Worten verfinsterte fich ihre Stirne und ihre Lippe bebte. „Oh, daß ich es erleben mußte, den Tag zu betrauern, wo Lord Warwick, untren Salisbury und Bork, seine Waffen mit Margaretha und Lancaster verbündete — den Tag, wo Katharine errüthen könnte für den Bruder, den fie für den Stolz und Ruhm ihres Hauses gehalten hatte! Nein, nein," (fuhr fie fort, als Hastings fie unterbrach mit groß- SS müthigen Entschuldigungen des Grafen, und mit Hinweisung auf die bekannten, ihm widerfahrenen Kränkungen,) — „Nein, nein; mach' nicht seine Sache noch schlimmer, wenn Du mir sagst, daß ein unwürdiger Stolz, der Groll über einen Strich durch seine Politik oder seine Gewalt, ihn vergessen gemacht habe, was er dem Andenken seines Verwandten, Dork, dem verstümmelten Leichnam seines Vaters Salisbury schuldig ist. Meinst Du, daß ich, wenn dieß nicht wäre, im Stand wäre—" sie stockte, aber Hastings errieth ihren Gedanken, der, ausgesprochen, etwa so gelautet haben würde: „daß ich selbst jetzt im Stande gewesen wäre, die Huldigung eines Mannes anzunehmen, der aufbricht, um mit Bannern und Hörnern meinem Bruder als seinem Feind entgegenzuziehen?" Der Ausdruck liebenswürdiger Sanftmuth und Heiterkeit war aus Katharinens Angesicht jetzt verschwunden , und ihre Miene zeigte, daß ihr hoher, altgeerbter Geist nur Einer Leidenschaft sich gebeugt hatte. Sie fuhr fort: „So lang dieser Kampf währt, geziemt es mir als Wittwe und so naher Verwandten des Grafen, mich in das von meiner Mutter gestiftete Kloster zurückzuziehen. Morgen reise ich ab." „Ach!" sagte Hastings, „Du sprichst von dem Kampf, als gälte eS nur Eine Schlacht. Aber Warwick kehrt nicht zu diesen Küsten zurück, beugt sich nicht zu einem einem Bunde mit Lancaster — bloS um Eines gewagten, verzweifelten Schlages willen, wie Edward zu unbesonnen meint. Es wäre vergeblich, läugnen zu wollen, daß 51 der Graf zu einem ernsten und langen Kriege gerüstet ist, und ich zweifle sehr, ob Edward seiner Macht zu widerstehen vermag; denn die bis zum Götzendienst gehende Verehrung des ganzen Landes wird die Reihen eines so furchtbaren Rebellen schwellen machen. Wie, wenn er siegt? wie, wenn wir in die Verbannung getrieben werden, wie vor uns Heinrichs Anhänger? wie, wenn der Königmacher zum Königentthroner wird? — dann Katharine, dann wirst Du wieder dem Willen Deiner feindseligen Verwandten unterworfen, und wieder wird Deine Hand — reich begütert wie Du bist, und in der herrlichsten Blüthe der Frauenschönheit stehend — für Hastings verloren sehn," „Nein, wenn dieß Deine ganze Furcht ist, so nimm diese Versicherung und Zusage mit Dir l daß WarwickS Verrath an dem Hause, für welches mein Vater fiel, seine Macht auflöst über eine Frau, die sich genöthigt fieht, ihn als Bruder zu verläugnen — die da weiß, daß Graf Salisbury, hätte er solche Schmach vorausgesehen, ihn verläugnet und verstoßen hätte als Sohn, Und wenn es zur Niederlage, zur Flucht, zur Verbannung kommt — wohin Du auch wanderst, Hastings, soll man Katharine an Deiner Seite finden — Lebe Du wohl und unsre liebe Frau schütze Dich! Möge Deine Lanze siegreich sehn gegen alle Feinde — außer Einem, Du wirst meiden und schonen meinen — das ist, den Grafen!" Und Katharine, bei diesem Gedanken weich werdend, schluchzte laut. 52 „Und komme nun Triumph oder Niederlage, ich habe Deine Zusage?" sagte Hastings, sie tröstend. „Sieh," sagte Katharine, den zerbrochenen Ring aus dem Kästchen nehmend; „jetzt zum ersten Mal, seit ich deuNanien Bonville trage, lege ich diese Reliquie an mein Herz - befriedigt Dich die Antwort?" Sechstes Kapitel. Hastings erfährt, was Sybillen zugestoßen ist — begibt sich zum König und trifft mit einem alten Nebenbuhler zusammen. „ES ist Verhängniß," sagte Hastings bei sich selbst, als er früh am andern Morgen auf dem Weg nach dem Pächterhaus war. — „Es ist Verhängniß — und Wer kann seinem Schicksal entgehen?" „ES ist Verhängniß!" — ein Satz des schwachen menschlichen Herzens! „Es ist Verhängniß!" Dunkle Apologie jeder Verirrung! Der Starke und der Tugendhafte läßt kein Verhängniß gelten! Ans Erden leitet das Gewissen — im Himmel wacht Gott. Und das Verhängniß ist nur das Phantom, das wir anrufcn, um jenes zu schweigen — um diesen zu entthronen! Hastings schonte sein gutes Roß nicht. Mit großer Schwierigkeit hatte er eine kurze Frist seinen dringenden, gebieterischen Geschäften abgemüsstgt, um die letzte armselige Pflicht zu erfüllen, die ihm jetzt »och zu vollbringen übrig blieb — vor das Mädchen hinzutreien, dessen Herz er umsonst gewonnen und verführt hatte, und ihr endlich ehrlich und fest zu erklären: „Ich kann Dich nicht hei- rathen. Vergiß mich, und lebewohl!" Ohne Zweifel beschwor sei» gelehrter und flnnreicher Geist sanftere Worte als diese, und künstlicher verbrämte Perioden, »m die Wahrheit zu umhüllen und aufzustutzcn. Aber in diesen zwei Sätzen war die Wahrheit enthalten. Er langte an dem Pächterhaus an — er trat hinein — es war ihm wie eine Gnadenfrist, daß ihm nicht die hüpfenden Schritte Sybillens zur Bewillkommnung entgegen kamen. Er saß in dem bescheidenen Zimmer und wartete eine Weile in Geduld — keine Stimme ließ sich hören. Das Schweigen befremdete und beunruhigte ihn endlich. Er schritt weiter. Er begegnete der verwittwetcn Gigen- thümerin des HanseS, welche weinte; und ihre erste Begrüßung bereitete ihn auf das vor, was vorgesallen war. „Oh, mein Lord, Ihr kommt gewiß, mir zu sagen, daß Sie wohlbehalten sind — daß Sie nicht in die Hände ihrer Feinde gefallen der gute Gentleman, so sanft — die arme Lady, so schön!" Hastings stand da wie vom Blitz gerührt — einige weitere Worte erklärten Alles, was er schon errathe» hatte. Ein fremder Mann war am Abend zuvor im Hause angekommen, und hatte Adam und seine Tochter gebeten, ihn zu dem Lord Hastings zu begleiten, welcher vom Pferd abgeworfen worden scy, und sich jetzt in einem Bauernhaus in der Nähe befinde — nicht gefährlich beschädigt, aber nicht im Stande, fich weiter bringen zu lassen, und 54 verlangend, ihnen dringende Sachen initzuiheilen. Ohne einen Zweifel in die Wahrheit dieser Angaben zu setzen, waren Adam und Sybille fortgeeilt und nicht zurückge- kchrt. Beunruhigt über ihr langes Ausbleiben ging die Wittwe, welche zuerst die Botschaft des Fremden vernommen hatte, selbst nach dem Bauernhaus, und erfuhr dort, daß die Geschichte eine Fabel war. Alle mögliche Nachforschungen nach Adam und seiner Tochter hatte man ! seitdem angestellt, aber vergebens. Die Wittwe, bestärkt in ihrem frühem Glauben, daß ihre Gäste verfehmte Lancastrier gewesen, konnte nur vcrmuthen, daß fie so an ihre Feinde verrathen worden. Hastings vernahm diefi mit unaussprechlichem Schrecken und Reue. Seine einzige Vermuthung war, der König habe ihren Zufluchtsort entdeckt, und Maßregeln getroffen, um einem Verkehr ein Ende zu machen, den er so streng verdammt hatte. Voll von diesen Gedanken stieg er eilig wieder zu Pferde, und hielt nicht eher an, als bis er wieder vor den Thoren des TowerS war. Er eilte in Edwards Cabinet, und rief, im Augenblick, wo er den König erblickte, in großer Bewegung : „Mein Fürst — mein Fürst, mach' nicht in dieser Stunde, wo ich all meiner Thatkraft bedarf, um Dir zu dienen, meinen Kopf wahnsinnig, lähme nicht meinen Arm! Dieser alte Mann — das arme Mädchen — Sybille ! — Warner — sprich, mein Fürst, — sag' mir nur, daß I sie ungefährdet find — versprich mir, daß fie frei ausgehen sollen, und ich schwöre, Dir in allem klebrigen zu ge- 55 horchen ! Ich will Dir meinen Dank auf dem Schlachtfeld abstatten!" „Du bist toll, Hastings!" sagte der König im größten Erstaunen. „Still!" und er warf einen bedeutungsvollen Blick auf einen Mann, der vor einigen Haufen Goldes stand, die auf einem Tisch in der Vertiefung des Zimmers hingezählt lagen. „Sieh!" flüsterte er, „dort ist der Goldschmid, der mir ein Anlehen von sich und seinen Genossen gebracht hat! — Deine Thorheit wird hübsche Geschichten zur Kurzweil der Stadt in Umlauf setzen!" Aber ehe der ungeduldige Hastings Zeit zur Antwort fand, war zu Edwards noch größerem Erstaunen jener Mann von seinem Platz vorgetreten, und hatte, alle Cere- monien bei Seite setzend. Hastings beim Ende seines Rockes ergriffen, mit dem Ausruf: „Mein Lord! mein Lord — was für neue Entsetzlichkeiten sind das? Sybille! — ich glaubte, sie sey schlecht geworden und zu Dir geflohen!" „Zehntausend Teufel!" brüllte der König — „Soll ich immer gequält werden mit diesem verfluchten Zauberer und seiner Here von Tochter? Und kommt Ihr, Herr Peer und Herr Gvldschmid, gerade in Eures Königs Cabinet, am Tage ehe er zur Schlacht auSmarschirt, um einander anzufahren und anzuglotzeu wie zwei Wahnsinnige, die Ihr seyd?" Weder Peer noch Goldschmied rührten und regten sich — bis der Hofmann, natürlich zuerst wieder sich fassend, aus sein Knie siel und mit tiefer Ehrerbietung, aber k>6 mit Festigkeit sagte: „Sire, wenn der arme William Hastings je von seinem König Einen wohlwollenden Gedanken, Ein großmüthigeS Wort verdient hat, so vergib jetzt, was immer Dir an seiner Leidenschaft oder seiner Bewerbung mißfallen mag, und sag' ihm, welches Gefäng- niß diejenigen festhält, welche um seines Vergehens willen gestraft und gefährdet zu wissen für immer eine Schmach und Entehrung seiner Ritterschaft wäre." „Mein Lord!" antwortete der König, besänftigt, aber immer noch erstaunt, „glaubt Ihr im Ernst, daß ich, der ich nur mit Widerstreben in diesem lieblichen Monat meine grünen Rasenplätze in Shene verlasse, um meine Krone zu retten, meinen Kopf hätte anstrengen mögen mit AuS- stnnung von Listen, um eines Mädchens habhaft zu werden, um das ich Dich — bei St. George schwöre ich es ! — nicht im mindesten beneide? Wenn das noch nicht genug ist, ungläubiger Thor, ha so nimm mein königliches Wort, das ich nie sonst bei einer so geringfügigen Veranlassung gegeben habe, daß ich durchaus Nichts von Deines Jüng- ferchens, oder ihres pestilenzialischen Vaters Schicksal und Umständen weiß — wo sie zuletzt sich aufgehalten — wo sie jetzt find — und, noch Mehr! wenn irgend ein Mensch sich daS Recht des Königs angemaßt hat, des Königs Unterthanen zur Hast zu bringen, so magst Du ihn aufsuchen und seine Strafe nennen. Bist Du jetzt überzeugt?" „Ich bin es, mein Fürst," antwortete Hastings. „Aber " begann de: Galdschmid. 57 „Holla, auch Ihr, Siri Dar ist zu Viel! Wir haben uns Herabgelaffen, dem Manne zu antworten, der dreitausend Vasallen und Dienstleute bewaffnet." „Und ich, mit Genehmhaltung Euer Hoheit, bringe Euch das Gold, sie zu bezahlen," sagte der Gewerbsmann frei heraus. Der König biß sich in die Lippe und brach dann in sein gewöhnliches, lustiges Lachen aus. „Du hast Recht, Meister Alwhn. Zähle vollends die Goldstücke, und dann geh und rathschlage mit meinem Kämmerer — er muß mit dem Hahnen-Schrei aufbrechen — aber da Ihr einander zu verstehen scheint, so soll er Dich zu seinem Stellvertreter bei den Nachforschungen machen, und ich will jeden Befehl, wie er wünscht, unterzeichnen, zum Behuf der Wi-derauffindung der verlorenen Weisheit und der gestohlenen Schönheit. Geh und beruhige Dich, Hastings." „Ich will Euch, mein Lord," sagte Alwyn bei Seite, „sogleich in Eurem Zimmer aufwarten." „Thut es," sagte Hastings; und dankbar für die Rücksichtnahme des Königs suchte er seine Zimmer. Dort kam wirklich bald darauf Alwyn zu ihm, und erfuhr von dem Edelmann, was ihn mit Freude und Schrecken zugleich erfüllte. Als er erfahren, daß Warner und Sybille den Tower verlassen, hatte er vermuthet, des Mädchens Tugend sey am Ende unterlegen, und mit Entzücken vernahm er aus Lord Hastings Munde, dessen Wort gegen Männer nie einem Zweifel Raum ließ, die feierliche Ver- sichcrung von ihrer fleckenlosen Keuschheit. Aber er zu- kertc wegen des geheimnißvollen Verschwinden«, und wußte nicht, von Wem er die Schlinge hcrlcitcn sollte, bi« Hastings' Scharfblick plötzlich der Spur der Wahrheit wenigstens nahe kam. „Die Herzogin von Bedford," sagte er, „deren Aberglauben immer steigt, je mehr die Gefahr steigt, mag gewünscht haben, einen so großen Gelehrten, der für einen Astrologen und Magier gilt, wieder zu gewinnen — wenn dieß, so hat es keine Gefahr. Andererseits hat ihr Günstling, der Mönch, immer einen eifersüchtigen Groll gegen den armen Adam gehegt, und mag bemüht gewesen sehn, ihn der Nachforschung Ihrer Gnaden zn entziehen — daraus mag Belästigung für Adam, aber sicherlich keine Gefahr für Sybille erwachsen scyn. Höre, Alwyn — D» liebst das Mädchen als ein Ehrenmann, und —" Hastings stockte — denn so ist die schwache menschliche Natur, daß , obgleich er innerlich Sybillen für immer entsagt hatte, er doch noch nicht ruhig den Gedanken ins Auge fassen konnte, sie einem Nebenbuhler zu überlassen. „Du liebst sie," begann er wieder, kaltblütiger, „und Dir kann ich daher mit Zuversicht die Nachforschung anvcrtrauen, welche Zeit, Umstände und meine Pflicht als Soldat selbst anzustellen mir verw-eh- ren. Und glaube — oh! glaube, daß ich dieß nicht vermöge einer Leidenschaft sage, welche Deine Eifersucht erregen könnte, sondern vielmehr mit der reinen heiligen Liebe eines Bruders: wenn Du sie in Sicherheit bringen und ihr einen AukenthaltSor! verschaffen kannst, wo keine Gefahr und Mißhandlung sie erreicht, so hast Du in der wetten Welt keinen Freund, über dessen Dienste Du lebenslang unbeschränkter gebieten dürftest als über die weinigen." „MeinLord," sagte Alwhn trocken, „ich brauche keine Freunde! So jung ich bin, habe ich doch lang genug gelebt, um zu sehen, daß Freunde dem Glücke folgen, aber nicht es machen! Ich will dteß arme Mädchen und ihren ehrenwerthen Vater aussuchen, und wenn ich meinen letzten Groschen auf die Nachforschung verwenden müßte! Schafft mir nur einen Befehl Vom König, der das Gesetz zu meiner Verfügung stellt, und selbst Ihre Gnaden von Bcdford ciuschüchtert — so mache ich mich verbindlich für das Nebrige!" Hastings, sehr erleichtert, würdigte des GoldschmidS widerstrebende Hand seines Händedrucks; und ihn einige Minuten allein lassend, kehrte er mit einem Befehl vom König zurück, welcher Alwyn bestimmt und nachdrücklich genug schien. Dann entfernte sich der Goldschmid, suchte zuerst den Mönch auf, fand ihn aber nicht zu Hause. Bungey hatte, nach seiner Gewohnheit, die Schlüssel seines gcheimnißvollen Zimmers mit sich genommen. Dann eilte Alwyn überall herum, Leute zu werben, welche in solch einer Nachforschung erfahren waren, und sie selbst in eigener Person zu leite». Im Tower verfloß der Abend in geschäftiger Unruhe und Aufregung, unter den letzten Vorbereitungen zum Aufbruch : die Königin, schon weit vorgerückt i» ihrer Schwangerschaft, sollte, wie schon so erwähnt worden, im Tower Zurückbleiben, der jetzt stark besetzt war. Aus ihrer gewohnten Gleichgültigkeit auf- gerüttelt durch die drohenden Gefahren, welche Edward erwarteten, brachte sie die Nacht in Thräneu und mit Gebet hin — er aber im tiefen, gesunden Schlaf selbstvertrauender Tapferkeit. Am nächsten Morgen brachen die verschiedenen Anführer — Gloucester, Rivers, H astings und der König, nach dem Norden auf. Siebentes Kapitel. Landung Lord WarwickS und die darauf folgenden Ereignisse. Und Carl der Kühne, Herzog von Burgund, „rüstete solch eine große Flotte aus, als leicht nie vorher bei allen Nationen mochte versammelt gesehen worden seyn, und diese Armada lag an der Mündung der Seine, bereit, mit dem Grafen von Warwick zu kämpfen, wenn er aus seinem Hafen ausliefe." * Aber die Winde kämpften für den Rächer. In der Nacht kam ein furchtbarer Sturm, welcher des Herzogs Schiffe so aus einander riß und zerstreute, daß man nirgends mehr zwei bei einander an Einem Orte fand; und als der Sturm sein Werk vollbracht hatte, zog er seines Weges, und günstige Winde wehten, und der Himmel ward heiter, als am folgenden Tag der Graf die Segel aufzog und im Angesicht von Dartmouth erschien. * Worte Halle KI Nicht mit einem Heere von fremden Söldnern machte sich Lord Warwtck auf zu seinem großen Unternehmen. Gering in der That war die Anzahl der Truppen, die er von Frankreich mitbrachte — denn er hatte aus England erfahren, daß „die Leute so sehr täglich und stündlich, seine Ankunft und Rückkehr so ernstlich wünschten und ersehnten, daß beinahe alle Männer im Harnisch waren, seiner Landung harrend."* Als seine Schiffe sich der Küste näherten, " Die Volksstimmung und Gesinnung zn Gunsten deS Grafen wird von Hali geschildert, mit etwas mehr Vercdtsam keit und Kraft, als man gewöhnlich bei diesem einfachen Chronisten findet: „Die Abwesenheit des Grafen von Marwick machte das gemeine Volk Tag für Tag mehr verlangend und sehnsüchtig nach seinem Anblick, und seine Person wieder in ihrer Mitte mit Augen zn sehen. Denn sic achteten, daß die Sonne offenbarlich von der Welt genommen wäre, wenn er nicht da wäre. In solch hoher Schätzung war sein Name unter den Leuten, daß sie keinen Menschen auf der Welt so in Ehren hielten, daß sie Niemand so sehr rühmten und lobten, Niemand so in den Himmel erhoben. Was soll ich sagen? Sein Name allein ertönte in jedem Lied im Mund des gemeinen Mannes, und sein Conterfei ward mit großer Ehrerbietung vorgestellt, wenn öffentliche Schauspiele oder Triumphzüge sollten aufgcführt oder aus offener Straße gefeiert werden" u. s. w. Diese lebhafte Stelle, wenn die Farben nicht zu stark aufgctragen find, dient zugleich, uns einen Begriff zu geben von der damals bestehenden, in derben und rohen Saturnalicn sich beurkundenden Freiheit, selbst unter einem so strengen und eifersüchtigen König, wie Edward lv. Obwohl ein einzelner Mann gehängt werden mochte für den Scherz: er wolle seinen Sohn zum Erben der Krone machen (nämlich der Bulwer'S Romani dH. Z S2 und das Abzeichen de« Rauhen Stabes, in Gold gewirkt, in der Sonne glänzte, wimmelten die Ufer von bewaffneten Schaaren, nicht um Widerstand zu leisten, sondern ihn willkommen zu heißen. Von Klippe zu Klippe, weit und breit, loderten lustige Freudenfeuer, und von Klippe z» Klippe, weit und breit, erscholl der Jubclzuruf, als, der Erste von Allen, mit entblößtem Haupt, aber, den Helm ausgenommen, in vollständiger Rüstung, der populäre Held ans Land sprang! „Als der Graf gelandet war, erließ er, im Namen König Heinrichs VI., eine Proklamation, worin bei hoher Strafe allen Männern, tüchtig oder geeignet, die Waffen zu tragen, befohlen und geboten wurde, sich zu rüsten, zu fechten wider Edward, Herzog von Dort, welcher treulos die Krone und Würde dieses Königreichs sich angemaßt."* Und wo war Edward? — weit weg, folgend den Strcilkräften von Lord Fitzhugh und Rubin von RedeS- dale, welche durch schlaues Zurückweichen ihn immer weiter und weiter nach Norden lockten, wodurch alle andern Gegenden des Königreichs volle Freiheit erhielten, ihre Tausende den Bannern Lancasters und WarwickS zuzu- KramladcnS, der dieß Schild hatte), konnte doch keine Tyrannei die Gesinnung der Massen unterdrücken. Zn unser» Tage» würde eS minder gefahrlos sehn, als damals, in »Schauspielen oder Triumphzügen," öffentlich seine Sympathie mit einem Manne zur Schau zu tragen, der als Verräther verfehntt, und in offener Rebellion gegen die Krone begriffen wäre! * Wort« Hall'«. 63 schicken. Und selbst als die Kunde von des Grasen Landung de» König erreichte, verbreitete sie sich auch durch alle Städte im Norden — und alle Starte im Norden waren „in einem großen Tumult, und machten Feuer, und sangen Lieder, und schrieen: 'König Heinrich! König Heinrich! der Warwicke! der Warwickc!'" Aber sein kriegerischer und zuversichtlicher Geist verließ nicht das Haupt dieses blutigen, verhängnißvollen Stammes — der englischen Pelopsfamilie — bespritzt mit verwandtem Blute! Ein Bote von Burgund war in seinem Zelte, als die Nachricht ihm zukam. „Zurück, zu dem Herzog!" schrie Edward; „sagt ihm, er solle seine Flotte wieder sammeln, das Meer hüten, die Ströme bewachen und fegen, damit der Graf nicht entkomme und nach Frankreich zurückkehre — was in England zu thun ist, das überlaßt mir allein! Ich Hab- Macht und Geschicklichkeit genug, um mit allen Feinden und Rebellen in meinem Königreich fertig zu werden!'' * Und damit setzte er sein Heer in Bewegung, ließ von der Verfolgung Fitzhugh's ab, forderte Montag» aus, zu ihm zu stoßen (da eS jetzt sicherer war, den Marquis in seiner Nähe und nahe beim Beil zu haben, falls seine Loyalität verdächtig würde), und marschirte dem Grafen entgegen. Auch zögerte der Graf nicht, sich mit ihm zu messen. Sein Heer schwoll an, wie er weiter zog und wie die Leute seine Proklamationen lasen, welche Abstellung aller Beschwerden und Vergütung aller Unbilde ' Worte Hall « 5 * «4 versprachen, und eilte dem König entgegen, während rasch und immer rascher in Edwards Rücken die Truppen von Fitzhugh und Hilyard heranzogen, nicht mehr fliehend, sondern verfolgend. Der König war um so mehr verlan- ! gend, mit Warwick zusammenzutreffen, als er große Hoffnung auf die Verrätherei Elarence's setzte, der entweder heimlich den Grasen verrathen, oder offen von ihm abfal len sollte. Und er wußte, daß wenn er letzteres am Vorabend einer Schlacht that, cs nvthwendig Warwick moralisch sehr schwächen und die Herzen seines Heeres mit der cntmuthigenden Besorgnis? erfüllen mußte, der Abfall möchte, wie dieß immer der Fall ist, die ansteckendste Krankheit werden, die ein Lager treffen und beimsuchen kann. ÄS ist jedoch wahrscheinlich, daß der Enthusiasmus, welcher um den Grafen so zahllose Freiwillige ge- schaart hatte, die Erwartungen des unerfahrenen Clarence weit übertroffen hatte, und ihn von dieser Art und Weise des VerrathS am Grafen abgehalten haben würde. Wie dem scv, die feindlichen Heere rückten einander nahe und immer näher. Der König machte auf seinem raschen Marsch Halt in einem kleinen Städtchen, und nahm sein , Quartier in einem befestigten Hause, zu dem kein andrer . Zugang führte als eine einzige Brücke. Edward selbst legte sich für eine kurze Zeit zu Bette, denn er bedurfte , aller seiner Kraft in der Schlacht, die er voraussah. Aber kaum hatte er sein Auge geschloffen, als Alexander Car- lile, der Serjeant der königlichen Minstrels, gefolgt von Hastings und Rivers (die ihre Eifersucht für eine Zeitlang 65 ruhen ließen, bei dem Gefühl und Bcwußtscyn der Gefahr, worin der König sich befand) in sein Zimmer stürzte. „Waffnet Euch, Sir-, waffnet Euch! Lord Montagu Hai die Maske abgeworfen und reitet durch Deine Truppen mit dem lauten Ruf: 'Lang lebe König Heinrich!'" „Ha, der Berräthcr!" schrie der König, ans seinem Bette springend. „Von Warwick hatte ich Haß verdient, aber nicht von Montag»! Rivers, helft mir den-Panzer anschnallen. Hastings, stellt meine Leibwache an der Brücke auf. Wir wollen unser Leben theuer verkaufen." Hastings verschwand. Edward hatte kaum seinen Helm, Harnisch und Beinschienen hastig angelegt, al« Gloucester cintrat, ruhig und kalt inmitten der Gefahr. „Eure Feinde rücke» an. Euch zu fangen, Bruder. Horch, hinter Euch ertönt das Geschrei: 'Der Fitzhugh! der Robin! Tod dem Tyrannen!' Horch, vorn: 'Der Montag»! der Warwick — lang lebe König Heinrich!' Ich komme, um mein Wort zu lösen, Eure Verbannung oder Euer» Tod zu theilen. Wähle eines oder das andere, so lang es noch Zeit ist. Deine Wahl ist die meinige!" Und während er sprach, kam das vieltönige Geschrei von hinten und vorn immer näher. Der Löwe von March war im Netz gefangen. „Jetzt mein zweihändiges Schwert!" sagte Evward. „Gloucester, in dieser Waffe erkenne meine Wahl!" Aber jetzt stürmten alle vornehmsten, dem Könige, dessen Krone schon verloren» noch treuen Barone und Hauptleute in Einem Haufen in das Gemach. Sie sielen 66 aus ihre Knies, und flehten ihn mit Thräne» , flch für einen glücklicheren Tag zu sparen und zu retten. „Es ist noch Zeit zu entkommen," sagte d'Eyneourt, — „über die Brücke zu pasfire» — den Hafen zu erreichen! Glaube nicht, daß Dir ein Soldatentod noch freiflehe! Die Neberzahl wird so groß seyn, daß sie Deinen Arm fesselt und lähmt, daß sie sich Deiner Person bemächtigen, Laß es nicht dahin kommen, daß Du Marwicks Gefangener wirst, um wie ein wildes Thier in seinem Käfig dem verhöhnenden Pöbel gezeigt zu werden!" „Wenn nicht mit Dir selbst," riefRiverS, „habe Mitleid mit diesen loyalen Gentlemen und um ihres Lebens willen erhalte das Deinige, Was heißt fliehen? Marwick ist auch geflohen!" „Wahr — und ist zurückgekommen!" fügte Gloucester bei. „Ihr habt Recht, meine Lords, Kommt Sire, wir müssen fliehen. Unsre Rechte fliehen nicht mit uns, sondern werden für uns kämpfen während unsrer Abwesenheit." Der ruhige feste Wille dieses wunderbaren und schrecklichen Knaben verfehlte seine Wirkung auf Edward nicht. Er ließ sich von seinem Bruder aus dem Zimmer führen, in ohnmächtiger Wuth mit den Zähnen knirschend Er stieg auf sein Pferd, während Rivers ihm den Steigbügel hielt, und ritt mit sechs oder sieben Rittern nach der Brücke, die schon von Hastings und einer kleinen aber entschlossenen Truppe seiner Wachen besetzt war. 67 „Kommt, Hastings," sagte der König mit einem geisterhaften Lächeln — „sie sagen uns, wir müssen fliehen!" „Wahr, Sir, eilt — eilt! Ich bleibe nur hier, um den Feind zu täuschen, indem ich zum Schein den Paß vertheidige, und um so gut als ich kann die treuen Soldaten zu berathen, die wir zurück lassen." „Wackrer Hastings!" sagte Gloucester, ihm die Hand drückend, „Ihr thut recht, und ich beneide Euch denRuhm dieses Postens. Kommt, Sire!" „Ja — ja!" sagte der König mit einem plötzlichen heftigen Aufschrei, „wir gehen, aber wenigstens wollen wir auf unserm Wege niedermetzeln. Seht, jene Truppe von Schuften! reiten wir mitten hindurch! Verderben und Rache!" Er gab seinem Pferde die Sporen, galoppirte über die Brücke, und «he seine Begleiter ihm folgen konnten, stürzte er sich allein mitten unter die Vorhut hinein, Welche ausgesandt war, die Feste zu umstellen; und während sie noch schrieen: „Wo ist der Tyrann — wo ist Edward?" antwortete eine Donnerstimme: „Hier, hier Ihr Rebellen und Missethäter, in Euren Reihen!" Diese plötzliche, überraschende Antwort, mehr noch als die Streiche des riesenhaften Schwertes, unter welchen Helm und Panzer zerspalten hinsanken, wie die Art des Holzhauers dürre Reiser spaltet, verursachte unter dem Feind jenen panischen Schrecken, der in jenen Zeiten oft ganze Schaaren vor dem Arm und dem Namen Eine« Manne« zerstäuben machte. Sie wichen in Verwirrung «8 und Bestürzung zurück. Viele warfen wirklich die Waffen weg und flohen. Auf einem breiten und lichten Pfad inmitten des Waldes von Piken, folgten Gloucester und die Hauptleute der stammenden Spur des Königs über die kopflosen oder sonst verstümmelten Leichname, die im Reiten sein Schwert fällte. Mittlerweile benützte, in achterem, ritterlichen Geiste, Hastings den Ausfall, welcher den Feind verwirrte und aufhielt, berief die loyalen Soldaten, die noch in der Feste waren, zu sich, rieth ihnen, als das einzige Mittel, ihr Leben zu retten, Unterwerfung unter Marwick zu heucheln, aber, wenn die Zeit käme, ihres allen Nnterthaneneide« eingedenk zu seyn; versprach ihnen, lebendig fle nicht zu verlassen, als bis der Feind ihnen feierlich das Leben zugesichert, schloß dann sein Bifir und ritt wieder zu der Vorderseite der Brücke zurück. Und jetzt hatten der König und seine Begleiter sich durch alleHemmnisse Bahn gehauen, aber der Feind wankte und schwankte noch immer, bis plötzlich der Ruf: „Robin von Redesdale!" gehört ward, und Hilyard, das Schwert in der Hand, gefolgt von einer Truppe zu Pferd, eilig an die Spitze der Belagerer sich stellte, und als er des Königs Entkommen vernahm, ihm nachriit um ihn zu verfolgen. Seine augenblickliche Anwesenheit und sein scharfer Tadel belebte von Neuem die Wankenden, und in wenigen Minuten erreichten sie die Brücke. „Halt, Sirs," schrie HastivgS; „ich möchte Eurem Führer eine Capitulation anbieten. Wo ist er?" Ein Ritter zu Pferd ritt au- den Reihen vor. Hastings senkte die Spitze seines Schwertes. „Sir, wir übergeben diese Feste in Eure Hände unter Einer Bedingung — unsre Leute dort sind bereit, sich zu unterwerfen, und mit Euch Heinrich VI. hoch leben zu lassen. Gebt mir Euer Wort, daß Ihr und Eure Soldaten ihres Lebens schonen und ihnen kein Leid thun wollt, so ziehen wir ab." „Und wenn ich Euch mein Wort nicht gebe?" sagte der Ritter. „Dann rechnet für jeden Krieger, der diese Brücke vertheidigt, zehn Todtc unter Euern Reihen." „Wehrt Euch wie Ihr könnt — unser Blut ist in Wallung ! Wir setzen Leben an Leben.' wir wollen Rache für die von Eurem tyrannischen Fürsten hingeschlachteten Uuterthanen! Zum Angriff, zum Angriff! cingehauen! mit Lanze und Streitart!" Der Ritter spornte sein Roß, die Lancastrier folgten ihm, und der Ritter taumelte, von Hastings Schwert gefällt, von seinem Pferd in den Graben unten. Einige Minuten ward der Paß so tapfer vertheidigt, daß der Kamps unentschieden, obwohl furchtbar ungleich war, als Lord Montag» selbst, aus die Nachricht, war vorgefallen, nach der Stelle galoppirte, seinen Befehlshaberstab hinwarf, „Halt!" schrie, und dem Gemetzel Einhalt that. Diesem Edelmann wiederholte Hastings die von ihm zuvor gemachten Anträge. „llnd können Engländer," sagte Montag», zornig 70 gegen dieLancastrier sich wendend, welche eine Abteilung von Fitzhughs Streitkräften bildeten, „es geflissentlich darauf anlegen, Engländer hinzuschlachten? Danken wir vielmehr dem Lord Hastings, daß er dem guten König Heinrich das Leben so vieler Unterthanen retten wollte! die Bedingungen find zugestanden, mein Lord; und auch Euer Leben und das Leben Eurer Freunde um Euch, die Ihr Eure Tapferkeit für eine schlechte Sache verschwendet! Ziehtab!" „Ach, Montag»," sagteHastingS gerührt in flüsterndem Tone, „welcher Jammer, daß ein so tapfrer und edler Gentleman seinen Schild mit Rebellion befleckt!" „Wenn die Häupter und Fürsten falsch und meineidig find, Lord Hastings," antwortete Montag», „ist ihnen gehorchen nicht Loyalität sondern Knechtschaft; und Empörung ist nicht Treuebruch, sondern eines freien Mannes Pflicht. Eines Tages wirst Du vielleicht diese Wahrheit einsehen, aber zu spät!" * Hastings antwortete nicht — er schwenkte die Hand gegen die, welche mit ihm die Brücke vertheidigt hatten, und ritt, von ihnen gefolgt, langsam und bedächtlich dahin, bis er an den murrenden, trotzigen Feinden vorbei war; dann gaben diese treuen Krieger ihren Pferden die Sporen und ritten rasch ihrem König nach; sie holten unterwegs Hilyard ein, und nach einem heftigen Scharmützel, stürzte ein Streich von Hastings den kräftigen Ro- * Inmitten seiner eigenen Verschwörung gegen Richard von Wloueester fiel später Lord Hastings' Haupt. 71 bin mit geborstenem Helm vom Pferd«, und betäubte ihn so, daß er von weiterer Verfolgung abstehen mußte. Endlich holten sie den König ein, erreichten mit ihm und seiner Truppe die Stadt Lpnn, trafen zu gutem Glück ein englisches und zwei holländische Schiffe im Begriff abzn- segeln; und ohne andere Kleider und Equipirung, außer dem Panzer den sie auf dem Leibe trugen, ohne Geld, flohen die Männer, vor wenigen Stunden als Monarch und als Peers begrüßt und geehrt, als Geächtete und Arme aus ihrem Vaterland. Neue Gefahren bedrohten sie zur See; die Schiffe der Raubstaaten, im Krieg mit Frankreich und England, machten Jagd auf ihre Fahrzeuge. Auf die Gefahr hin zu scheitern» liefen sie in der Nähe von Alkmar auf den Strand. Tie großen Schiffe der Raubstaaten verfolgten sie, soweit das seichte Wasser eS gestattete, in der Abficht, mit Eintritt der Fluth sich ihrer Beute zu bemächtigen. In dieser dringenden Noth kam der Statthalter derPcovinz (Louis von Grauthuse) an Bord ihrer Schiffe, schützte die Flüchtlinge gegen die BarbareSken — führte sic nach dem Haag, und meldete dem Herzog von Burgund, wie sein Schwager seinen Thron verloren habe. Jetzt erfüllte sich Lord WarwickS Prophezeiung von der Treue Burgunds! Der Herzog, mit welchem ein Bünd- niß zu schließen Edward so am Herzen gelegen war, daß er deßhalb den Mann kränkte und beschimpfte, dem er die Krone verdankte, fürchtete den siegreichen Grafen so, „daß er lieber König Edwards Tod als seine Niederlage gehört 7 ? hätte." * Und sein erster Gedanke war, eine Gesandtschaft an den Königmacher zu schicke», und um die Freundschaft und das Bündniß der wiedereingesetzten Dynastie stch zu bewerben. Achtes Kapitel. Wae Adam Warner und Svbillcn begegnet! in re» Händen des großen Mönchs Bnngey. Wir müssen jetzt zum Tower in London zurückkchren, zwar nicht zu seinen fürstlichen Hallen und vergoldeten Zimmern, wohl aber zu dem Gemache des Mönchs Bun- gey. Wir müssen in der Zeit etwas zurückgehen, und an dem Tage nach dem Aufbruch des Königs und seiner Lords in diesem wunderlich eingerichteten Zimmer die Gestalt des vierschrötigen Mönchs heraufbeschwören, wie er vor dem deSorganisirten Heureka steht, Adam Warner an seiner Seite. Graul hatte, wie wir gesehen, Wort gehalten, und Sybille und ihr Vater, in ihre Schlinge gefallen, waren plötzlich geknebelt, gebunden, und,auf Seitenpfaden nach einer einsam stehenden Hütte geführt worden, wo ein bedeckter Wagen ihrer wartete und sie endlich, mit Einbruch der Nacht, nach dem Tower führte. Der Mönch, den sein Ruf, seine leutselige Lustigkeit und die Gunst der Herzogin von Bedford zu einer Person von Ansehen bei den Behör- * Worte Halls. Len des Platze« machten, hatte schon von demDicegouvcr- n-ur eine Vollmacht erhalten, zwei Personen, welche er in seinem Elfer für den König schwarzkünstlerischer Praktiken zu Gunsten der Rebellion zu überweisen wünschte, ln den besondern Zellen für solche unglückliche Gefangne unterzubringen. Dorthin wurden die Gefangnen geführt. Der Mönch widersetzte sich nicht ihrer Unterbringung in aneinanderstoßendcn Zellen; und der Kerkermeister hielt ihn für einen höchst gütigen und menschenfreundlichen Mann, als er befahl, sie sollten bis zu ihrer Befragung und Untersuchung gut bedient und genährt werden. Er wagte jedoch nicht, seine Gefangnen vor sich zu berufen, als bis nach dem Aufbruch des Königs, wo der Tower in Wahrheit ganz zur Verfügung seiner mächtigen Gönnerin stand, und wo er glaubte, ungehindert und ungeschälten seine Willkühr so weit auSdehnen zu können, als ihm beliebte. Demgemäß ward am Tage nach Edwards Aufbruch Adam Warner aus seiner Zelle geführt, und in das Zimmer gebracht, wo der triumphirende Mönch ihn mit stattlicher Majestät empfing. Im Augenblick wo Warner eintrat, wurde er des Chaos ansichtig, in welches sein Heureka aufgelöst war, Md einen Schrei ausstoßend, worin Schmerz und Freude gemischt waren, sprang er hin, um seinen entweihten Schatz zu begrüßen. Der Mönch winkte den Schließer fort, flüsterte ihm jedoch zu, draußen zu warten, und sie blieben allein. Bungeh hörte mit neugieriger und verdutzter Aufmerksamkeit des arme» 74 Adams abgebrochne Ausrufungen voll Zorn und Jammer an, und sagte zuletzt, ihm derb auf den Rücken klopfend: „Du kennst das Gcheimnlß dieser magischen, häßlichen Maschine; aber in Deinen Händen führt ste nur zu Unheil und Verderben. Sage mir dieß Geheimniß, und in meinen Händen soll es zu Ehre und Gewinn führen k ?oroi vsrbi! ich bin ein Mann von wenig Worten. Thue dieß, so sollst du frei ausgehen mit Deiner Tochter, und ich will Dich schützen, und Dir Geld und meinen väterlichen Segen geben; — weigerst Du Dich aber dessen, so sollst Du aus Deiner hübschen Zelle in einen schwarzen Kerker wandern, voll von,Molchen und Ratten, wo Du faulen sollst, bis Deine Nägel sind wie Vogelkrallen, und Deine Haut eingeschrumpft ist zu einer Mumie, und mit Haaren bedeckt, wie Tebuchadnezar!" „JämmerlicherKnecht! Dir mein Geheimniß überlassen — Dir meinen Ruhm, mein Leben! Nimmermehr! Ich verachte und speie an Deine Bosheit!" Des Mönchs Gesicht verzerrte sich vor Wuth — „Elender!" brüllte er, „erfrechst Du Dich, Deine hündische Bösartigkeit gegen de» großen Bungey auSzulaffen? — Weißt Du nicht, daß er den Wänden gebieten könnte, fich anfzuihun und Dich zu verschlingen — daß er den Schlangen dort befehlen könnte, Deine Glieder zu umschlingen, und der Eidechse dort, Dir die Eingeweide herauszunagen? Verschmähe nicht meine Langmuth und Erbarmen, und nimm Vernunft an. Welchen Vorthetk hast Du je von Deiner Maschine geerntet? — warum 75 solltest Du Deine Freiheit, — ja, Dein Leben, wenn ich es will! — verlieren um eines Dinges willen, das Dir den Haß und Abscheu und Fluch der Menschen eingebracht hat?" „Bist Du ein Christ und ein Mönch, und kannst mich dieß fragen? Wurden nicht Christen von wilden Thieren zerrissen, am Pfahle verbrannt, und auf Rösten gebraten um ihres Glaubens willen? — Schurke! das Heiligste wird immer vou den Menschen verfolgt! Lies Deine Bibel!" „Die Bibel lesen!" rief Buugey in frommen Entsetzen über einen solche» Rath, „Ha, Lästerer, jetzt Hab' ich Dich! Du bist ein Ketzer und Lollharte! — Holla — hieher!" Der Mönch stampfte mit dem Fuß — die Thüre ging auf, aber zu seinem Erstaunen und Schrecken erschien nicht der grimmige Kerkermeister, sondern die Herzogin von Bedford selbst, und vor ihr Nicholas Alwhn. „Ich habe Euer Gnaden die Wahrheit gesagt - seht Lady!" schrie der Goldschmid. „Elender Betrüger, wo hast Du dieses weise» Mannes Tochter versteckt?" Der Münch wälzte seine verblüfften, kugelartigen Augen in bestürzter Betäubung von NicholaS auf Adam, von Adam auf die Herzogin. „Herr Mönch," sagte Jacguetta mild, denn sie wünschte die Rivale von Magiern zu versöhnen, — „was soll diese Verletzung des Gesetzes in zu weit getriebenem Eifer? Ist es wahr, daß Du, wie Meister Alwyn be- Haupte!, diesen ehrwürdigen Weisen und seine Luchter gestohlen und entführt hast — ein Mädchen, das ich einer Stelle in meinem Haushalt würdig achtete?" „Tochter und Lady," sagte der Mönch mürrisch, „dieser llebelthäter hat, wie ich guten Grund habe anzunehmen, Zaubereien geübt zu Gunsten Lord WarwickS und des Feindes. Ich forderte ihn nur hieher, damit meine Kunst seine Zaubereien entkräfte; und wa» seine Tochter betrifft, so schien es mir menschenfreundlicher, sie ihn begleiten, als allein und schutzlos zurück zu lassen, zumal," setzte der Mönch mit einem Grinsen hinzu — „nachdem der arme Lord, den ste behert hat, in den Krieg gezogen ist." „ES ist also wahr, Elender, daß Du oder Deine nichtswürdigen Helfershelfer gewagt, Hand zu legen an ein Mädchen von gutem Blut und Geburt!" rief Alwyn. „Zittere! steh hier den vom König Unterzeichneten Befehl, der einen Preis auf Deine Entdeckung setzt, und mich ermächtigt, Dich dem Gesetz zu überliefern. Bei St. Dun- stan, ohne Deine Mönchskutte würdest Du hängen!" „Sachte, sachte, Meister Goldschmid!" sagte di« Herzogin hochmüthig — „mäßige Deinen Ton. Dieser heilige Mann steht unter meinem Schutze und sein Fehler war nur allzugroßer Eifer. Was waren dieses Weisen Anschläge und Zaubereien?" „Wahrhaftig!" sagte der Mönch mürrisch — „das i eben z» erfahren hat mich Euer Gnaden gehindert. Aber er kann nicht läugnen, daß er «in pestilenzialischer Stern- 77 deuter ist, und den Rebellen zu wissen thut, welch« Stunden glücklich und welche unglücklich sind zur Schlacht und zum Angriff." „Ha!" sagte die Herzogin, „er ist ein Sterndeuter! wahr, und er kam dem Gcheimniß der Alchymie näher als irgend ein Goldmacher der mir noch diente. Mein eigner Astrolog ist eben gestorben — warum mußte er in einem solchen Zeitpunkt sterben? Friede, Friede! cS muß Friede seyn zwischen zwei so gelehrten Männern! Vergib Deinem Bruder, Meister Warner!" Warner hatte es bisher ganz verschmäht, an diesem Gespräch theklzunehmen. Zn der That war er zu dem Heureka zurückgekehrt, und untersuchte jetzt schweigend, ob bei der traurigen Zerstücklung irgend eiis wesentlicher Bcstandtheil verloren gegangen sey. Jetzt aber wandte er sich und sagte: „Lady, überlaßt die Kunde und Weisheit der Sterne ihrem großen Schöpfer! Ich verzeihe diesem Mann, und danke Euer Gnaden für Eure Gerechtigkeit. Ich fordere diese armen Fragmente zurück, und bitte um Eure Erlanbniß, mich mit meiner Maschine und meinem Kind entfernen zu dürfen." „Nein — nein!" sagte die Herzogin, seine Hand er« greifend. „Höre mich an! was Lord Warwick Dir bezahlt hat, das will ich verdoppeln. Für Alchymie ist jetzt keine Zeit; aber für das Horoskop ist jetzt ganz die geeignete Stunde. Ich ernenne Dich zu meinem Letbastrologen!" „Nehmt es an — nehmt es an!" Lästerte Alwyn; Bnlwer'S Romane. VIX- H 76 „um Eurer Tochter — um Euret- — ja, um des Heureka willen!" Adam beugte sein Haupt und stöhnte: „Aber ich gehe nicht von dier weg — nein, nicht einen Fußbreit — wenn nicht dteß mit mir geht. Grausamer Elender, wie hat er es entstellt!" „Und jetzt," rief Alwyn lebhaft, „das mißhandelte, unglückliche Mädchen?" „Geh, Deine Sache sey es, sie zu befreien und sie vor uns zu bringen, guter Alwyn," sagte die Herzogin. „Sie soll bei ihrem Vater wohnen und mit allen Ehren behandelt werden. Folgt mir, Meister Warner!" Sobald jedoch der Mönch bemerkte, daß Nlwy» gegangen war, den Schließer zu suchen, so hielt er die Herzogin aus, und sagte mit der Miene eines ttefgckränkten Mannes: „Möge es Euer Gnaden gefallen, zu bedenken, daß wenn nicht der größere Magier ganz freie Hand und alle Hülfe hat, um die Künste des Geringeren zu vereiteln, der Geringrre siegen kann, und daher, wenn Euer Gnaden, zu spät, findet, daß Lord WarwickS oder Lord FitzhughS Waffen glücklich sind — daß Leid und Mißgeschick den König treffen — sagt dann nicht, eS sey die Schuld des Mönchs Bungey! Dergleichen kann geschehen! Dem- ungeachtet werde ich schwitzen und wachen und mich mühen; und wenn trotz Eurer unglückseligen Gunst und Ermunterung, die Ihr diesem feindseligen Zauberer an- gcdeihen laßt, der König seine Feinde schlagen sollte — ha! dann zeigt sich eben der Münch Bungey als nicht so ohnmächtig, wie Ihn Euer Gnaden dafür hält. Ich habe gesprochen — Pore! vLi'bi! — ViZilsko 6t eoualw — 6t P6rspinrlir> — 6t limiALrniw — pro vos ot vostros, /Vm6n!" Die Herzogin war betroffen über diese beredte Apostrophe; aber mehr und mehr überzeugt von der furchtbaren Wissenschaft Adams durch die sichtlichen Besorgnisse des gewaltigen Bungey, und gewiß hoffend, Jenen durch Zureden und Geld bestimmen zu können, ein Wissen, das jetzt noch feindlich drohte, für sie nützlich und heilsam zu machen, begnügte sie sich mit wenigen versöhnlichen und schmeichelhaften Worten, rief die Diener, die ihr gefolgt waren, herein, hieß sie die verschleimen Stücke und Be- standtheile des Heureka aufnehmen, (denn Adam erklärte aufs Bestimmteste, daß er nicht ohne sie Weggehen würde,) und führte den Philosophen in ein hochgelegenes Zimmer, für den verstorbenen Astrologen eingerichtet. Dorthin war nach kurzer Zeit Alwyn so glücklich Sybillen führen und Zeuge seyn zn dürfen von der wonnevolle» Wiedervereinigung von Tochter und Vater, lind dann, nachdem er kurz daS.Einzelne von ihrer Entführung vernommen, erzählte er ihnen, wie er, nachdem alle seine Versuche, ihre Spur zu finden, fehlgeschlagcn, sich überzeugt habe, daß die Herzogin oder Bungey die ihnen gelegte Schlinge veranstaltet, in den Tower zurückgekehrt sey, des Königs Befehl vorgezeigt, ei fahren habe, daß ein alter Mann und eine junge Frauensperson wirklich in die 6 * 80 Feste gebracht worden, und dann sofort zu der Herzogin geeilt sey, welche, überrascht über seine Erzählung und Klage, und begierig, Warners Dienste wieder zu gewinnen. ihn sogleich zu dein Mönch begleitet habe. „Und obgleich," fügte derGoldschmid bei, „ich Euch allerdings eine Euch willkommnere Wohnung anderswo verschaffen könnte, ist es doch gut, die Freundschaft der Herzogin zu gewinnen', und königliche Feinde sind immer schlimm — Wie kämet Ihr dazu. den Palast zu verlassen?" Sybillens Angesicht veränderte sich und ihr Vater antwortete ernst: „Wir zogen uns des Königs Mißfallen zu, und der Borwand war der Haß des Volkes gegen mich und das Heureka." „Der Himmel machte das Voll, aber der Teufel macht drei Vierthelle von dem was unter dem Volk als Haß und Liebe umläuft, und populär heißt!" sagte der offenherzige Mann der Mittclclaffe, immer gegen beide Ertreme gestimmt. - „Und wie," fragte Sybille, „wie, geehrter und treuer Freund, erlangtest Du den Befehl des Königs, und hörtest Du von der Schlinge, in die wir gefallen?" Dießmal veränderte sich Alwyns Angesicht. Er sau» einen Augenblick nach, versetzte dann freimüthig: „Du mußt dem Lord Hastings dafür danken!" und gab die Ausschlüsse, welche dem Leser schon besannt sind. Aber die dankbaren Thränen, die seine Erzählung Svbillen entlockte — ihre gefalteten Hände, ihre sichtliche Bewegung voll Entzücken und Liebe schmerzte den armen Alwyn so, daß er plötzlich aufstand und sich verabschiedete. Und jetzt war das Heureka ein dem Astrologen eben so bestimmt und streng versagter LuruSartikel, als es dem Alchymisten gewesen war! Wieder wurde die echte Wissenschaft verschmäht, und die falsche gehegt und geehrt! Verdammt zu Berechnungen, die kein Mensch (wenn auch noch so weise) in jenem Zeitalter für ganz nichtig und trügerisch hielt, und die doch Adam-Warner mit einem sehr beschränkten Glauben betrieb, hatte er doch das Glück, wenn man cs so nennen will, daß, vermöge des Zusammentreffens von Umständen und des Eintretens von besonder» Ereignissen, wodurch von Zeit zu Zeit der Glaube an die Weissagungen der Astrologie bestätigt zu werden schien, seine Berechnungen und Vorhersagungen in Erfüllung gingen. Die Herzogin war schon vorbereitet auf die erste Zeitung — daß Edwards Feinde vor ihm floheu. Sodann war sie schon so weit vorbereitet, daß sie den Tag der Landung Warwicks wußte, und daun erhielt ihr Respekt vor dem Astrologen eine seltsame Beimischung von Argwohn und Furcht, als sie fand; daß er sofort nur schlimme, unglückliche Ereignisse verkündigte — und als am Ende, zur Bekräftigung des unglücklicherweise nur zu wahren Horoskop's, die Nachricht etnirafvon des Königs Flucht, und von dem Marsch des Grafen auf London, eilte sie mit Entsetzen zum Mönch Bungep. Und der Mönch Bun- gey sagte - 82 „Hab' ich Euch nicht gewarnt, Tochter? Hättet Ihr nur zugegeben —" „Wahr — wahr!" unterbrach ihn die Herzogin. „Jetzt packe, hänge, foltere, ersäufe oder verbrenne Deinen entsetzlichen Nebenbuhler, wenn Du willst, aber vernichte den Zauber und errette uns vor dem Grafen!" Des Mönchs Auge zwinkerte, aber auf den ersten Gedanken von Haß und Rache folgte bald ein zweiter: wenn man fände, daß er , der das berüchtigte wächserne Bild des Grafen verfertigt hatte, jetzt sich einer schweren Mißhandlung und Gewaltthat an Master Adam Warner schuldig gemacht habe, konnte dann nicht der Graf eines Vorwandes froh sehn, ihm selbst den GaranS zu machen? „Tochter," sagte der Mönch, wie er dieß bedachte, und schüttelte geheimnißvoll und traurig den Kopf „Tochter, es ist zu spät!" Die Herzogin in größter Verzweiflung eilte zur Königin. Bisher hatte sie ihrer königlichen Tochter verhehlt, zu welchen Diensten ffe Adam benützte; denn Elisabeth, welche selbst unter dem Glauben des Volkes an Jacqnet- tas Zaubereien gelitten, hatte sic kürzlich erst ernstlich gebeten , allen Künsten und Praktiken zn entsagen, welche man anstößig finden könnte. Jetzt aber, als sie der geängsteten, verzweifelnden Königin gestand, daß sie Adam Warner im Tower Herberge und welches Unglück er ge- weissagt habe, rief Elisabeth, welche aus Klugheit und Stolz ihrer Mutter, fdie z» heftig war, um ein Geheim- ntß bewahren zu können) sorgsam das Verbrechen des 83 Königs verschwiegen hatte» durch dessen Erinnerung ihm Warner hauptsächlich verhaßt geworden war, erschrocken aus: „Unglückliche Mutter» Du liast den Mann in Deine Dienste genommen, den mein unseliger Gemahl mehr als jeden andern aus seinem Palast verbannt zu sehen wünschen muß — den Mann, der seinen Namen brandmarken könnte!" Die Herzogin war wie vom Blitz getroffen und versteinert. „Wenn ich je wieder den Mönch Bungey mißachte!" murmelte sie. „Oh! der große Mann!" Aber da Ereignisse, welche eine ausführlichere Erzählung heischen, jetzt rasch sich drängte», hatte die Herzogin nicht einmal Zeit, eine weitere Erklärung von Elisabeths Worten sich zu erbitten, viel weniger, sich zu entschließen in Betreff des Gedankens, der in ihrem erleuchteten Geist aufstieg, ob Adams Zaubereien nicht noch entkräftet und vereitelt werden könnten durch die schleunige Hinrichtung der Zauberers? Neuntes Kapitel. Die Berathungcn von Mayor und Stadtrath, wie Lord Marwick auf London marschirt. Es war ei» klarer, heiterer Tag in der ersten Woche des Oktobers 1470, als die verschiedenen, von dem Mayor und dem Stadtrath von London ausgeschickten Späher 84 nach Guildhall, wo diese würdige Corporation versammelt war, zurück kamen — mit schnaubenden» beschäum- ten Rossen, sie selbst keuchend und athemloS, um den raschen Anmarsch deö Grafen von Warwick zu melden. Der Lord-Mayor dieses Jahres, Henry Lee, Gewürzkrämer und-Bürgcr, saß in dem ehrwürdigen Saale in einem gewaltigen Lederstuhl/ worauf man in der Eile einen Sammtmantel geworfen hatte, in seiner stattlichen Amtstracht und umgeben von seinen Aldermännern und de» Magnaten der Stadt. Zu der persönlichen Neigung, welche der größere Theil der Körperschaft für den jungen und leylseligen König hegte, kam »och die Furcht, welche die Corporation mit Grund vor der Lancastrischen Faktion hatte. Sie erinnerten sich der fürchterlichen Ausschweifungen , welche Margaretha ihrem Heer im Jahr t461 gestattet hatte, zu welcher Zeit, nach dem Ausdruck des alten Historikers der „Wohlstand Londons blaß aus. sah;" und mit welchem mürrischen Widerstrebe» sie darauf verzichtet hatte, ihre empörte Hauptstadt den Greueln von Raub und Plünderung ganz zu überlassen. Und die Haltung dieser hochansehnlichen Vertretung des Gewerbes und der Macht von London war anfänglich nicht unwürdig des großen von ihr errungenen Einflusses. Die Aufregung und Unordnung des Augenblicks hatte Mehreren der thätigeren, angeseheneren Bürger, welche dem Rechte nach nicht dazu gehörten, auch Zutritt in die Versammlung »erschafft; aber sie saßen in schweigender Zucht und Ordnung aus langen Bänken, getrennt von dem Tisch, 8S wo die Beamten der Corporation versammelt waren. Ms der Erste unter diesen, auffallend durch den festen und verständigen Ausdruck seines Gesichts, und die ernste Fassung, womit er die Aelteren anhörte, saß NicholaS Alwy» da, zum Nathe berufen wegen seines großen Einflusses bei den Lehrlingen und den jüngern Bürgern der Hauptstadt. Als der letzte Kundschafter seine Nachricht gebracht hatte, und entlassen war, stand der Lord-Mayor auf, und da er ein vielleicht besser als die stolzesten Barone gebildeter Mann war, und von größerem Vermögen als die Meisten von ihnen, zeigten sein Benehmen und seine Sprache eine Würde und einen Ernst, welche wohl dem höhern Hof des Parlaments zur Ehre gereicht hätten. „Brüder und Bürger," sagte er, mit der bestimmten Kürze eines Mannes, der fühlte, daß keine Zeit für viele Worte war, „in zwei Stunden werden wir die Hörner Lord Marwicks vor nnsern Thoren Horen; in zwei Stunden werden wir aufgefordert werden, ein Heer einzulaffen, welches im Namen König Heinrichs anfgeboten worden ist. Ich habe meine Pflicht erfüllt—ich habe die Mauern mit Mannschaft besetzt — ich habe zusammengebracht, was von Soldaten uns zu Gebote steht. Ich habe an den Vicegouverneur des Towers geschickt —" „Und welche Antwort gibt er, mein Lord-Mayor?" unterbrach ihn Humphrey Heyford. „Keine auf die Etwas zu bauen ist. Er antwortet, Edward der Vierte, als er das Königreich verlassen, habe 88 ihm keine Macht znrückgelaffe», »m Widerstand leisten zu können; und zwischen Gewalt und Gewalt, König und König, entscheide die Macht über das Recht." Gin tiefer Athemzug ging, wie ein Stöhnen, durch die Versammlung, Auf stand Master John Stokton, der Seidehändler; auf stand er, an allen Gliedern zitternd. „Mein gestrenger Lord-Mayor," sagte er, „mir scheint eS, daß unsere erste Pflicht ist, für uns selbst zu sorgen," Trotz der ernsten Umstände erschallte doch bei diesem sreimüthigen Geständniß ein Gelächter, das jedoch sogleich wieder verstummte. „Ja," fuhr der Seidehäudler fort, sich umdrehend und auf den Tisch mit der Faust schlagend, mit den Geberden eines nervenkranken Mannes, — „ja, denn König Edward hat uns das Beispiel gegeben, Gin tüchtiger und unerschrockener Kämpfer, dessen ganze Jugend Gin Krieg war, ist König Edward aus dem Königreich geflohen — König Edward sorgt für sich selbst — unsere Pflicht ist, dasselbe zu thun," So seltsam eS scheine» mag, diese ungeschminkte Selbstsucht durchzuckte sofort die Versammlung wie ein Blitz der Ueberzeugung. Lauter Beifall brach aus, und als er aufhörte, verkündigte der dumpfe Donner einer gelösten Bombarde oder Kanone von dem Stadtwall, daß der Wächter in diesem Augenblick des heranrückenden Heeres ansichtig geworden, Meister Stokton fuhr auf, als wäre der Schuß ganz in seiner Nähe gefallen und sank dann auf einmal in seinen Stuhl, mit dem jammernden Ausruf: „Der Herr erbarme sich unser!" Eine augenblickliche Pause folgte, und dann standen Mehrere von der Corporation zugleich auf Der Mayor, seine ruhige Würde behauptend, gab dein Sheriff das Wort. „Wenige Worte, mein Lord, und ich bi» fertig," sagte Richard Gardyner-— „man kann nicht fechten ohne Mannschaft. Auf die Truppen im Tower kann man nicht zählen. Das gemeine Volk ist ganz für Lord Marwick, brächte er auch den Teufel hinter sich mit. Wenn Ihr Euch halten wollt, so dürft Ihr bis morgen vor Sonnenuntergang Raub und Plünderung erwarte». Wenn Ihr Euch ergebt, so zieht insgesanim! vor die Thore, und ,. der Graf ist nicht der Mann, der Einem Engländer ein .H Leid an Leben oder am Leibe anthun ließe, der einmal seinem Wort vertraut. Ich bin fertig." ^ „Euer Gestrengen, mein Lord," sagte ein magerer, H leichenhafter Alderman, der zunächst aufstand — „dieß ist » ein Gericht GotieS und seiner Heiligen. Man hat die D Lollharten und Ketzer zu weit um sich greifen lassen und M der Zorn des Himmels ist über uns!" r Ein ungeduldiges Murren verrietst die Nngeneigtheit '! des größer» Theils der Anwesenden, weiter zuzuhüren; ' aber ein beifälliges Summen von den ältern Bürger» t zeigte, daß der Fanatismus nicht ohne seine Anhänger > war. So gespornt und ermuthigt fuhr der Redner fort; ^ und beschloß eine Harangue, welche stürmischer unterbro- 88 chen wurde, als alle früheren, mit der Ermahnung, die Stadt ihrem Schicksal zu überlasse», und in Gesammtheit nach dem Neuen Gefäugniß zu ziehe», fünf verdächtige Lollharten hervorzuholen und sie in Smithfield zu verbrennen, um den Allmächtigen zn versöhne» und das Gewitter abznlcnken! Dieser so viel Anlaß zum Streit darbtetende Gegenstand, einmal aufs Tapet gebracht, hätte leicht die Versammlung solang Hinhalten können, bis die rauhe» Stäbe der Warwicker ste aus ihrem Saal vertrieben hätten, ohne , - den Scharfblick und die Geistesgegenwart des Mayor. „Brüder," sagte er, „es gilt mir gleich, ob der uns hier gegebene Rath in der Hauptsache gut oder schlimm ist; aber das Hab' ich gehört, daß wenig Verlaß ist aus eine Reue auf de», Sterbebett. Es ist zu spät, jetzt aus Furcht vor dein Teufel zu thun, was wir ans Eifer für die Kirche unterlassen haben. Die einzige Frage ist: 'Fechten oder Unterhandeln?' Ihr sagt, es fehle» uni Soldaten, wahrhaftig, ja, wenn sich keine Führer finden! Walworth, mein Vorfahr, hat London vor Wat Tyler gerettet. Damals fehlte es auch au Mannschaft, bis der Mayor und seine Mitbürger nach Mile-Gnd marschirten. Jetzt mag es ebenso seyn. Willigt ei», zu fechten, so wollen wir es versuchen — was sagt Ihr, NicholaS Al- wyn? Ihr kennt die Stimmung unserer jungen Männer." So aufgefordert erhob sich Alwyn, und einen so guten Namen hatte er sich bereits gewonnen, daß alles Murmeln in gespanntes Stillschweigen überging. „Mein Lord-Mayor," sagt- er, „es gibt einSprüch- wort in meiner Heimath, weiches lautet: "Fische schwimmen am besten, die im Meer ausgewachsen sindund LaS will, glaub' ich, sagen, "die Menschen treiben am besten das, wozu sic erzogen und gewöhnt sind,' Lord Warwick und seine Männer find erzogen und gewöhnt zum Fechten! Wenige von den Fischen um die Londoner Brücke sind in dieser See ausgewachsen! Schreit: "London ans, zu Strei! und Gegenwehr! legt Harnisch und Helm an, und Ihr werdet Schädel genug zum Zerschmettern um Euch habe»,' 'Was ist die Folge? Meister Stokton hat cs gesagt: Plünderung und Verwüstung für die Stadt - - Galgen und Strick für Mayor und Aldermäuner. Sage ich dieß, weil ich LaS Hans Lancaster liebe? Nein; so wahr mich der Himmel richte, ich glaube, daß die Politik, welche Könitz Edward gewählt hat, und die ihn heute seine Krone kostet, das HauZ Vor! Bürgern und Ge- werbSleuten theuer machen sollte. Er hat die eiserne Herrschaft der großen Barone zu brechen gestrebt — und kein Friede in England, ehe dicß geschehen ist. Es ist ihm sehlgcschlagcn, aber nur für den Augenblick, Er ist gewichen für jetzt; das müssen wir auch thnn. "Es gibt eine Zeit, wo man blinzeln, und eine Zeit, wo man gerad aus scheu muß,' Ich rathe, daß wir dem Grafen entgegen ziehen — daß wir ehrenvolle Bedingungen für die Stadt zu machen suchen — daß wir die eine Faktion benützen , um zn gewinnen, was wir Sei der andern'nicht gewonnen haben — daß wir für unfern Vortbeil kämpfen. 90 nicht mit Schwertern, wo wir übel zugerichtet würden, sondern tm Rath und Parltament, mit Reden »nd Petitionen. Eine neue Gewalt ist immer mild nnd geschmeidig. Was geht uns Bork oder Lancaster an? — Alles was wir bedürfen, sind gute Gesetze. Suchen wir die möglich besten von Lancaster hcranSznschlagen — und wenn König Edward zurückkommt, und zmückkommcn wird er, so mag er für unsere Liebe höher bieten als Heinrich. Meine gestrengen Herrn und Brüder, während Barone und Schelme sich raufen und die Köpfe einschla- gen, find ehrliche Leute bedacht, ihre Köpfe und Vermögen zu sichern. Die Zeit wächst unter uns wie Gras. Bork und Lancaster mögen einander herumzerren — und was bleibt übrig? Ha, drei Dinge, die bei allem Wetter gedeihen: London, der Gewcrbfleiß nnd das Volk! Wir find in eine rauhe Zeit gefallen. Nun, was sagt das Sprichwort: 'Siede Steine in Butter, so kannst du die Brühe schlürfen!' Ich bin fertig." Diese charakteristische Rede, welche das Glück hatte, mit der Selbstsucht eines Jeden zusammenzustimmen, und doch Allen de» männlichen Vorwand gesunden Verstandes und kluger Politik zu leihen, war tu ihrer Wirkung' um so entscheidender, da man von dem jungen Alwyn, hei seinem bekannten, entschlossenen Math und seiner eingestandenen Abneigung gegen die ^aucastrische Faktion, erwartet hatte, er werde für kriegerische Maßregeln stimmen. Der Mayor selbst, Edward persönlich mit Treue zugethan, gab mit einem tiefen Seufzer der Gesinnung 91 und Ansicht der Versammlung nach. Und nachdem einmal der Beschluß gefaßt, war Henry Lee der Erste, der ihn durch rasches und besonnenes Handeln so vor- iheilhaft als möglich auszuführen sich angelegen sehn ließ. „Ziehen wir sofort hinaus," sagte er, „und zwar, wie uns geziemt, in unserer Amtstracht und mit de» Insignien der Stadt. Nimmermehr soll man sagen, die Vorsteher und Hüter der Stabt London halten weder mit Muth sich zu wehren, noch mit Ehren zu unterhandeln verstanden. Wir lassen den Lord Warwick ein; Wohl, daun muß es unsre eigne, freie That sehn. Kommt! Beamte unsres NathS, vorwärts," „Wartet ein Bischen — wartet ein Bischen," flüsterte Stockton, scharfe Krallen in AlwynS Arm eingrabend— „laßt sie erst gehen — ein Wort mit Euch schlauer Nick — ein Wort!" Melker Stockton war, seines Nervenzittcrns ungeachtet, ein Manu von solchem Vermögen und Gewicht, daß Alwhn die so vertraulich an ihn gerichtete Bitte wohl als ein Compliment ansehen mochte, das nicht unhöflich ausgenommen werden durfte; übcrdtcß hatte er seine guten Gründe, bei einer Prozession znrückzubleiben, der sich anzuschließen ihm seine Stellung in der Stadt nicht zur Pflicht machte. Während daher der Mahor und die andern Beamten den Saal verließen, mit jo viel Ordnung und stattlichem Anstand, als ob es nicht einem anrückenden Heere ent- 92 gegen, sondern zu einer Fcsttagslustbarkeit ginge, blieben Stokton und Alwyn zunick. „Meister Alwyn," sag!« Stokton mit einem schlauen Blinzeln des Auges, „Ihr habt Euch heute sehr zu Eurem Bortheil gezeigt; Zhr werdet steigen — ich habe mein Auge auf Euch gerichtet! Zch habe eine Tochter — ich habe eine Tochter ! Aha! ei» Bursch wie Ihr kann c» weit bringen!'! „Ich bin Euch sehr verbunden, Meister Stokton," sagte Alwyn, etwas zerstreut; „aber was ist Euer Wille?" „Mein Wille! hm, ich sage, NicholaS, was ist Euer Rath? Eanz recht, daß man eS nicht zu Schlägen kommen läßt. Potz Wetter! dieser Mayor ist ein wahrer Tiger! Aber meint Ihr nicht, e« wäre klüger, dieser Processton sich nicht anzuschließen? Edward der Vierte, wenn er je zurückkommt, hat ein langes Gedächtniß. Er kaust auch von meinen Maaren — ein guter Kunde für einen Seidehändlcr; und, guter Himmel, wie viel Geld ist er der Stadt schuldig! — hm! —ich möchte nicht undankbar scheinen!" „Aber, wenn Ihr nicht mit den klebrigen hinausgeht, so gibt e» andere Seidehändler, welche König Heinrichs Gunst und Kundschaft erlangen werden; und es ist leicht zu berechnen, daß ein neuer Hof großen Verbrauch in Seidewaaren haben wird." Meister Stokton machte ein verblüfftes Gesicht „Das wäre Jammerschade, guter NicholaS; und freilich da ist Wat Smith in Gasigste- der den guten 93 König Heinrich betrüge« würde, den armen Mann! was eine Schande für die Stadt wäre; aber, auf der andern Seite, die Bork'scheu bezahlen auf den Heller, (König Edward. Gott erhalte ihn, ausgenommen!) und die Lan- castrier sind so arm wie Kirchenmäuse. Zudem ist König Heinrich ein sanftmüthiger Manu und rächt sich nicht — König Edward ist ein hitziger und strenger Mann, und kann es Hochverrath nennen, wenn man es mit der Rothen Rose hält! Ich wollte, ich wüßte wie ich mich entscheiden soll! Ich habe eine Tochter — eine einzige Tochter — eine stattliche Dirne mit einer guten Mitgift. Ich wollte, ich hätte einen klugen Tochtcrmann, mich zu berathen!" „Meister Stokton, mit Einem Worte denn: der kommt nie schlimm weg, der mit dem Hasen laufen, und mit den Hunden jagen kann! Guten Tag Euch, ich habe anderswo Geschäfte." Mit diesen Worten schüttelte NicholaS etwas hastig die zitternden Finger des SeidehändlerS ab, und eilte zum Saal hinaus. „Wahrhaftig," murmelte der rathlose Stokton, „mit dem Hasen laufen, hat er gesagt! das heißt, cs mit König Edward halten; aber mit den Hunden jagen , das heißt: es mit König Heinrich halten. Potz Wetter! das ist nichts so Leichtes für einen einfachen Mann, der nicht !m Norden ausgewachsen ist. GS ist wohl am besten, ich gehe heim und thue Nichts!" Damit kroch der arme Mann, nachsinnend und verdutzt, hinaus, und verlor sich bald unter der murmelnden» Bulwer's Romane. VIX 7 84 sich drängenden, hin und her wogenden Menge, unter welcher Viele so verwirrt und betäubt waren wie er selbst. Mittlerweile eilte, den Mantel sorgfältig übers Gesicht gezogen, mit langen, verstohlenen, leichten Schritten Alwhn durch die Straßen, erreichte den Fluß, trat ln ein seiner harrendes Boot und langte endlich im Tower- Palast an. Fünftes Kapitel. Der Triumpheinzug des Grafen — der königtiche Gefangene im Tower — die Begegnung von Königmacher und König. Alles in den Gemächern der Feste der Metropole zeugte von der größten Verwirrung und Bestürzung. Die Schildwachen zwar standen noch auf ihren Posten, Gewappnete auf den Außenwerken, die Bombarden waren geladen, die Fahne Edwards des Vierten wehte noch von den Zinnen; aber die Beamten der Feste und die Hauptleute der Soldaten waren theils in der alten Halle versammelt, bleich vor Furcht und mit einander hadernd — theils geflohen, Niemand wußte wohin — theils ohne Hehl und Scheu dem anrückenden Heere entgegen und zu ihm übergegangen. Durch diese schwache und bestürzte Streitmacht ward Nichol-S Alwh» von einem einzigen treue» Diener der Königin, von der er erwartet wurde, geführt; und Ein Blick seines scharfen Auges unterwegs überzeugte ihn von der Zweckmäßigkeit des von ihm gegebenen RatheS. 95 Er kam endlich, mittelst einer lange» Wendeltreppe, in einem der höchstgelegenen Zimmer eines der höchsten Thürme an, welcher gewöhnlich den untergeordneten Beamten des Haushalts angewiesen war. Und hier, stehend an dem offenen Fenster, das eine ziemlich weite Aussicht auf die geräuschvolle, wimmelnde Scene unten, zu Wasser und zu Land, hatte, sah er die Königin, dis Gattin des flüchtigen Monarchen. Neben ihr stand die Lady Scrope, ihre genaueste Freundin und Vertraute — ihre drei jungen Töchter, Elisabeth, Mary und Cecily, um ihre Kniee gruppttt, mit einander spielend, und Nichts ahnend von den Schrecknissen der Zetten; und abgesondert von den Nebrigcn stand die Herzogin von Betford, lebhaft sich besprechend mit dem Mönch Bungey, den sie eilends hatte berufen lassen, um sich zu erkundigen, ob seme Kunst nicht noch über bloß sterbliche Feinde zu siegen vermöchte. Der Diener meldete Alwyn an und entfernte sich, die Königin wandte sich — „Was gibi's Neues, Meister Alwyn? Schnell! WaS für Nachrichten vom Lord Mayor?" „Meine gnädige Königin und Lady," sagte Alwyn, auf seine Kniee fallend, „es steht Euch nur Ein Ausweg offen, linier jenem Fenster dort liegt Eure Barke, —- rechts seht den runden grauen Thurm der Wcftminster- Freistatt; Ihr habt noch Zeit, aber auch nur Zeit!" Die alte Herzogin von Bedford richtete ihre schaifen, glänzenden, grauen Augen von dem blaffen und zittern- 9K den Mönch auf den Goldschmid, blieb aber stumm. Die Königin stand geisterblaß da. — „Meint Ihr." stammelte sie endlich, „die Stadt London verlasse den König? — Schande über die Memmen !" „Nicht Memmen, meine Laty und Königin," sagte Alwyn aufstehend. „Der muß Nägel von Eisen haben. Wer einen Bären kratzen will — und zumal den Weißen Bären! Der König ist geflohen — die Barone sind geflohen — die Bürger von London allein fliehen nicht: aber es bleibt ihnen Nichts übrig, als für Leben und Habe Sorge zu tragen." „Ist dießDein gerühmter Einfluß bei den Gemeinen und den Jünglingen der Hauptstadi?" „Meinen bescheidnen Einfluß, mit Genehmhaliung Euer Gnaden, sich sage es offen, und ich will es sagen in einem Jahr, wenn König Edward wieder in diesen Sälen seinen Hof halten wird,) meinen Einfluß, so viel ich etwa haben mag, habe ich benutzt, um Leben zu retten, die durch Widerstand vergeblich aufgeohfert würden. Ach! ach! 'Gegen einen Löwenrachen hilft kein Maulaufreißen!' gnädige Lady! Eure Barke ist unten — Noch einmal sage ich, noch ist es Zeit — wenn die Glocke die nächste Stunde schlägt, wird die Zeit vorüber seyn!" „Dann nehme sich Jesus dieser Kinder an!" sagte Elisabeth, sich über ihre Töchter beugend und bitterlich weinend — „Ich will gehen!" „Halt!" sagte dieHerzogin vonBedsord; „Menschen verlassen uns — aber lassen uns auch die Geister im 97 Stich? Sprich, Mönch, kannst Du noch Etwas für uns thun? Und wenn nicht, glaubst Du, es sey die rechte Stunde zu weichen und zu fliehen?" „Tochter," sagte der Mönch, dessen ^Angst Mitleid erregen mußte, „wie ich zuvor gesagt, klage Dich selbst an! Dieser Warner, dieser — kurz, der geringere Zauberer hat Hülse und Beistand erhalten, daß er den größeren überwand, wie ich warnend angedentct! Flieht! lauft! flieht! Gewiß und wahrhaftig, es ist der geeignetste Zeitvunkt, uns zu retten; und die Sterne und das Buch und mein 8pirilus kamilisris — alle zusammen rufen: 'Nus und davon!'" „Beim Himmel!" riefAlwyu, der bisher stumm vor Erstaunen gewesen war bei diesem seltsamen Zwischenspiel, „da der, der den Teufel im Schiff geführt, noch Vortheil von ihm ziehen muß so gut er kann — dicßmal bist Du doch ein ehrlicher Mann und ein weiser Rathgebcr! Horch! Die zweite Kanone! Der Graf steht vor den Thoren der Stadt!", Die Königin zögerte nicht länger — sie faßte ihr jüngres Kind in ihre Arme, die Lady Scrope folgte mit den beiden andern. — „Kommt, folgt schnell, Meister Alwyn," sagte die Herzogin, die jetzt, als sie sich genüthigt sah, die Welt der Wahrsagungen und der Zeichendeuterei zu verlassen, wieder ganz das scharfsichtige, listige, that- fertige Weib dieser Welk wurde — „Kommt, Euer Gesicht und Name werden uns von Nutzen seyn, wenn wir auf Hindernisse stoßen!" 98 EheAlwyn antworten konnte, wurde die Thüre hastig aufgerisse», und mehrere von den Beamten des Haushalts stürzten durch einander in das Zimmer der Königin, „Gnädige Königin!" schrieen viele Stimmen zugleich, jede mit einem andern Ausruf der warnenden Be- sorgniß — „Flieht! — Wir können uns nicht auf die Soldaten verlassen — sie schreien jauchzend König Heinrich ans — I)r, Kodard predigt gegen Euch in der St, Paulskirchc — Sir Geoffrep Gates verläßt die Freistatt, und mit ihm alle die Missetbäter und Geächteten — der Mayor ist jetzt bei den Rebellen! Flieht — In die Freistatt — in die Freistatt!" „Und Wer unter Euch hat den höchsten Rang?" fragte die Herzogin ruhig; denn Elisabeth, ganz überwältigt von Schrecken, schien der Sprache und Bewegung nicht mehr mächtig, „Ich, GileS de Malvoistn, Ritter Bannerträger," sagte ein alter Krieger, vom Kopf bis zu Fuß bewaffnet, der in Frankreich unter dem Helden Talbot gejochten hatte, „Nun, Sir," sagte die Herzogin mit Majestät, „so vertraue ich Euern Händen die älteste Tochter Eures Königes an. Geht voran — wir folgen Euch. Elisabeth lehnt Euch auf mich!" Damit verließ die Herzogin daS Zimmer, Elisabeth unterstützend, und ihre zweite Enkelin an der Hand führend. Der Mönch folgte unter dem übrigen Haufen, denn wohl wußte er, daß, wenn Marwicks Soldaten ihn einmal packten, es ihm flehen würde wie dem Fuchs unter den Hunden; und Alwyn, vergessen in der allgemeinen Verwirrung, eilte in AdamS Zimmer. Der alte Mann, jede Sach- segnend, welche seine Gönnerin in die Lage versetzte, sich seiner astrologischen Arbeiten zu begeben, und ihn wieder zu der Pflege seines Heureka zurückkchren ließ, war in aller Seelenruhe beschäftigt, das von dem schuftigen Mönche gestiftete Unheil wieder gut zu machen. Und Sybille, die beim ersten Lärm in sein einsames Zimmer geeilt war, begrüßte freudig den Eintritt des freundlich gesinnten Golvschmids. Alwyn war in der That in Verlegenheit, was er raihen sollte, denn die vornehmste Freistatt mußte ohne Zweitel überfüllt werden von Spitzbuben und Schelmen der schlimmsten Gattung; und die bessern Wohnungen, welche dieser Ort, eine kleine Stadt für sich,' enthielt, waren natürlich schon von den Dork'schen von Rang eingenommen ; und in den kleinern Freistätten galten natürlich noch mehr dieselben Bedenklichkeilen. Zudem, wenn Adam unterwegs von Einem a»S dem Pöbel erkannt werden sollte, so war sein Schicksal, bei der kurzen Prozeß machenden Bosheit des rohen Haufens gewiß. Der Tower blieb am Ende doch rein von dem Pöbel; und sobald Alwyn durch wenige, rasche Fragen von Sybillen erfuhr, daß ste Grund zu hoffen habe, ihr Vater würde bei Lord Warwick Schutz finden, und fick, erinnerte, daß Marma- ' Die Freistätte von Westmlnster war befestigt. 100 duke Nevile ohne Zweifel im Gefolge des Grafen sehn würde, rielh er ihnen, sich still in ihren Gemächern ver» borgen zu halten, und versprach, nach ihnen zn sehen und für sie zu sorgen, im Augenblick wo der Tower der neuen Regierung übergeben werden würde. Dieser Rath sagte Sybillen sowohl als Warner zu. Zn der Thai hätte der Philosoph nicht gar leicht sich bewegen lassen, sich wieder von seinem geliebten Heureka zu trennen; und Sybille war in dieser Stunde mehr mit Gedanken an den geliebten Hastings, und mit Gebeten für ihn, den Fernen, den unsteten Flüchtling und Verbannten beschäftigt, als mit den stürmischen Ereignissen, in Mitte deren sie ihr LooS geworfen hatte. In den Stürmen einer Revolution, welche ein Königreich krampfhaft erschütterte und einen Thron in den Staub schleuderte, sah die Liebe nur Einen Gegenstand — hatte die Wissenschaft nur ihr friedliches Schaffen und Wirken im Auge. Jenseits des Königreichs der Menschen liegt immer mit seiner Freude und seinem Leid, seinen Wechseln und Wandlungen, das Gebiet des menschlichen Herzens. In der Revolution ward dem Gelehrten sein Spielwerk wieder geschenkt; in der Revolution trauerte das Mädchen um ihren Geliebten: in der Bewegung der Massen hat doch jedes Individuum seine besondere Leidenschaft für sich. Der Sturm, der den Baum hin und her wiegt, erschüttert in jedem Blatt eine andere Welt! Eilftes Kapitel. Dcr Tower in Bewegung. Alwyn, als er den Tower verlassen, erreichte wieder das Boot und schlug den Weg wieder nach dcr Stadt ein; und hier muß, wie Viel auch dieser würdige und treffliche Mann dadurch ln gewissen Augen einbüßen mag, sein Geschichtschreiber bekennen, daß seine Besorgntß um Sybille seine Gedanken nicht gänzlich von allein Interesse und allem Ehrgeiz abziizlehen vermochte. Das Haupt seines Standes zu werden, zu den höchsten Ehrenämtern seiner geliebten Stadt London emporzusteigen, war für NicholaS Alwyn clne Hoffnung und ein Wunsch geworden, der so sehr einen Thell seines Wesens ausmachte, als dcr Ruhm einem Krieger, Macht einem König, Unsterblichkeit einem Dichter, ein Heureka einem Gelehrten wesentlich und unentbehrlich ist; und NicholaS 'Alwyn begab sich denn, obwohl mehr instinktmäßig- als ans schmutziger Berechnung und Eigennutz, nach seinem Waarenlager in Chepe. Die Straßen boten, als er landete, schon ein anderes Aussehen dar, als das unordentliche und tumultuarische, das ihm auf dem Weg nach dem Tower ausgefallen war. Die Bürger hatten sich jetzt entschieden, welche Handlungsweise sie befolgen wollten; und obgleich die Läden, oder vielmehr Buden, sorgfältig verschlossen waren, so hingen doch von den ober» Fenstern seidene Fahnen, Teppiche von ArraS und Gold heraus; die Bal- 102 kone waren gedrängt voll von schaulustigen Gaffern; der unbeständige Pöbel (derselbe Haufe, welcher mit Geschrei den sanftmmhigcn Heinrich verfolgt hatte, als er nach dem Toner geführt worden war,) jauchzte jetzt: „Hoch Warwick! Hoch Clarcncc!" und drängte sich jetzt in dichten Schaaren hinaus, um daS Heer zu schauen, das mit dem Mayor und den Aldermännern schon in die Stadt einzog. Nachdem NicholaS für sichere Verwahrung seiner kostbaren Maaren gesorgt, und seine Lehrlinge gebührend belobt hatte wegen ihrer Achtsamkeit für sein Interesse, und ihrer Enthallsamleit, daß sie sich nicht unter den Haufen gemischt hatten, begab er sich in den vbern Stock seines Hauses, und behing seine Fenster und seinen Balkon mit den reichsten Stoffen, die er besaß. Doch schwebte das ihm eigene schlaue, sarkastische Lächeln um seine feste» Lippen, als er zu seinen Lehrlingen sagte: „Wenn diese Sachen ihre Dienste geleistet haben, hebt sic sorgfältig auf für den Wiedereinzug Edwards von Kork!" Inzwischen ritten, unter Voranzug von Trompeten, Trommeln und Herolden, der Graf von Warwick und sein königlicher Schwiegersohn in die jauchzende Stadt ein. Hinter ihnen kam die Sänfte der Herzogin von Clarence, umgeben von dem Grafen von Orford, Lord Fitzhugh, den Lords Stanley und Shrewsbury, Sir Robert de Lytton, und einem fürstlichen College von Rittern, Knappen und Edeln, während Glied aus Glied, Reihe auf Reihe, der lange Zug des keinen Widerstand findenden Heeres folgte. Warwick, ganz in eins Rüstung von Mailändischem Stahl gehüllt, bis auf den Helm, den ein Knappe ihm nachtrug, auf seinem edelu Roß Saladin, zeigte in einem Antlitz, so ganz geschaffen, über die Bewunderung eines Volkes zu gebieten, denselben Charakter wie früher — den männlicher Majestät und hochherziger Offenheit, Aber einem schärfern und prüfenderen Auge, als sich vermuth- lich in einer solchen Stunde auf ihn heftete, mochten sich die dunkeln, tiefen Spuren von Sorge, Bangigkeit und Leidenschaft Wohl verrathen haben in den Linien, welche jetzt häufig die einst so glatte und ungefurchte Stirne durchschnitten ; und sein königliches Auge, nicht wie ehmals gerade vor sich schauend, wie er dahin ritt, warf unruhige spähende Blicke nach allen Seiten hin, wie er sein entblößtes Haupt überall hin gegen die ihn willkommen heißenden Tausende neigte. Eine viel größere Veränderung war auch schon für ein oberflächliches Auge in dem schönen jungen Angesicht des Herzogs von Clarence sichtbar. Seine Gesichtsfarbe, gewöhnlich blühend und blutreich, wie bei seinem ältern Bruder, war jetzt nicht viel weniger blaß als die Richards. Ein mürrischer, mißmuthiger, unzufriedener Ausdruck, den all die Herzlichkeit der Begrüßungen, die ihm geboten wurden, nicht zu verscheuchen vermochte, machte einen aiiffallenden Contrast mit der launigen, lachenden Sorglosigkeit, die einst ein: „Gott segne ihn!" Allen entlockt hatte, auf welche der Blick seines hellblauen, fröhlichen Auges fiel. Er war unbewaffnet, bis aus einen reich 104 mit Gold eingelegten Vrustharnisch. Sei» kurzer Mantel von karmoiilnrothem Sammt, seine Hosen von weißem Tuch mit Gold verschnürt», und seine nieder» Reiterstiefeln vonCorduanleder, seltsam gestickt und ausgeschnitten» mit langen goldnen Sporen daran, sein befiedertes nnd mit Edelsteinen besetztes Barett, sein weißes Pferd mit Schabracken von Goldstoff und mit Perlen übersät, seine große Halskette von kostbaren Steine» mit dem St, Georgen- orden; sein cmporgehobener Feldherrnstab und das Banner seines Hauses Plantagenet, von dem Herold über seinem königlichen Haupte getragen — dieß Alles fesselte das Auge der Menge, machte aber nur um so auffallender einen Ausdruck des Gesichts, der übel paßte zum Triumph eines blutlosen Sieges. Zu seiner Linken ritt, wo die Breite der Straße es gestaltete, Henry Lee, der Mayor, kein Wort sprechend, als wenn er gefragt wurde, und dann nur mit kalter Ehrfurcht und ciiisylbigcn Worten antwortend. Eine Verengerung der Straße, welche nur Warwick und Clarenee neben einander zu reiten Raum ließ, gab jenem die gewünschte Gelegenheit zu einigen Worten ohne Zeugen. „Wie, Prinz und Sohn," sagte er mit hohlem Flüstern — „mit einem so kummervollen Gesicht trübst Du unfern Sieg und ziehst Du in der Hauptstadt ei», die wir ohne einen Schwertstreich gewinnen?" „Bei St. George!" antwortete Clarenee mürrisch und in demselben Tone; „glaubst Du, es kränke de» Sohn 105 Richards von Kork nicht, nach solchen Mühsalen und Blutvergießen zur Entthronung seines Blutsverwandten und zur Wiedereinsetzung des Feindes seines Stammes zu Helsen?" „Das hättest Du srüher bedenken sollen," erwiederte Warwick. aber nrit Traurigkeii und Mitleid in seinein Vorwurf. „2a, ehe man Edward von Lancaster zu meinem Bruder und Herrn machte," versetzte Clarence bitter. „Still!" sagte der Gras, „und erheitere Deine Stirne. So sprachst Du nicht in Ambvise; entweder wärest Du dort weniger offen, oder großmüthiger. Aber Reue und Bedauern sind jetzt umsonst; wir haben den Sturm aufgeregt und müssen ihn beherrschen." Und damit ließ der Graf, mit den Empfindlingen eines Mannes, der gern seinen eignen Gedanken entfliehen möchte, seinen Rappen in halber Volte dahintäuzeln; und das Volk jauchzte »och lauter über des Grafen stattliche Reiteikunste und Clarence'S prächtige Halskette von Juwelen. Während dieser Zug der Sieger einzog, blieb derjenige, welcher dem Namen nach Gegenstand dieser gewaltigen, plötzlichen Revolution war, — der Vorwand dieses Gewühls und Tobcns, — dieser glänzenden Waffen und wallenden Fahnen — dieses Himmels oder dieser Hölle in den tiefen Leidenschaften der Menschen — immer noch in seinem Kerkcrzimmer im Tower, ein treuer Typus dessen, um was die Faktioncn streiten, — fern, nichts bedeutend, nnbeach- ket, und gänzlich, mit Ausnahme weniger von den Anführern und fanatischer Priester, vergessen! Zn diesem einsamen Gemache begeben wir uns jetzt; doch einsam ist ein vielleicht nicht ganz paffendes Wort — denn obgleich der königliche Gefangene allein war, sofern die menschliche Gattung de» Umgang und Trost eines Menschen ausmacht — obgleich die treuen Gentlcmen, Manning, Bedle, Allerton, auf die Nachricht von Marwicks Landung hin ans seinem Zimmer entfernt worden waren, und sich jetzt in den Reihen seiner neuen, seltsamen Vertheidiger befanden, war er doch, trotz der Eifersucht der Gewalt, nicht ganz verlassen in seiner Gefangenschaft Noch war da der Staar in seinem Käfig, und der fette, asthmatische Mops bewegte noch seinen Schwanz beim Ton der Stimme seines Herrn, oder beim Rauschen seines langen Rockes. Und noch schimmerte von dem elfenbeinernen Crucifir herab das trübe und heilige Antlitz des Gottes — der immer gegenwärtig — und der durch Glauben und Geduld immerdar Kummer mit Freude, und Erde und Himmel verknüpft. Der erlauchte Gefangene war nicht so gänzlich abgeschnitten von aller Kunde des Lebens in der Welt draußen, daß er Nichts erfahren und gemerkt hätte von einer ungewohnten, wichtigen Bewegung in der Feste und in der Stadt. Der Squire, der ihm seine Morgenmahlzeit gebracht, war so aufgeregt und unruhig gewesen, daß er die Aufmerksamkeit des Gefangenen erregte, und hatte ihm dann gestanden daß der Graf von Marwick Heinrich als König ausgerufen habe, und auf dem Marsch nach London begriffen sep. Aber weder der Squire, noch sonst ein Beamter und Offizier des TowerS wagte, de» erlauchten Gefangenen freizulaffen, ja auch nur ihn in die von Eli- ' sabelh geräumten Zimmer zu logiren. Sie wußten nicht, was der Wille des tapfer» Grafen oder des Herzogs von Clarence sehn würde, und fürchteten, zu große Dicnst- befliffenheit könnle ihnen als ärgstes Verbrechen angerechnet werden. Aber da sie sich natürlich vorstellten, Heinrichs erstes Verlangen bei der neuen Lage der Dinge werde sevn. daß man ihm die Freiheit gebe, und rathlos waren, ob ste sein Verlangen erfüllen oder verweigern sollten, entzogen sie sich ganz seiner Nähe und seinen Wünsche», und ließen den Thurm, worin er sich befand, ganz leer. Von seinem Fenster aus jedoch konnte der König die Bewegung wahrnehmen, und die Menschenmenge auf den Werften und auf dem Fluß, und das Schimmern von Waffen und Bannern; und die Rufe hören: „Hoch Marwick! Hoch Clarence! Lang lebe der gute Heinrich VI.!" Eine sonderbare Verknüpfung von Namen, die ihn sehr ! überraschte und verwirrte! Aber allmälig ging die unge- ! wohnte Aufregung der Neberraschnug und Verwirrung ! über in die gewohnte ruhige Heiterkeit seines höchst sanf- c. ten Temperaments und GemütheS. Jenes Vertrauen zu k der Alles lenkenden Vorsehung, an welches er sich gewöhnt ^ hatte, hatte (wenn wir so in aller Wohlmeinung sagen dürfen) seine schöne Seele in tie entgegengesetzte, für die Angelegenheiten des Lebens so verderbliche Verirrung 108 getrieben; in den Jrrthum, welcher die Energie des freien Willens und den edel», frischen Muth thätiger Pflichterfüllung lähmt und tödtet, Wozu sich mühen und ringen um die Dinge dieser Welt? Gott muß ja Alles aufs Beste ordnen! — Ach! Gott hat nnS Alle, vom König bis zum Bauer, in diese Welt gesetzt mit Nerven und Herzen und Blut und Leidenschaften, um mit Unsresgleichen zu ringen, und, wie himmlisch auch das Ziel sehn mag, auf der irdischen Rennbahn mit den Millionen uns zu mühen! „Wahrhaftig," murmelte der König, indem er, die Hände auf dein Rüchen gefaltet, mit langsamen Schritten in seinem Zimmer hin und her ging, „diese arge Welt scheint nur eine Feder zu sehn, die von de» Winden umher geblasen wird und nie zur Ruhe kommen soll. Horch! Warwich und König Heinrich — der Löwe und das Lamm! Ach, und wir sind in kein Paradies gefallen, wo eine solche Bereinigung kern Wunder wäre! Närrischer Vogel!" und mit einem mitleidigen Lächeln in dem Antlitz, dessen heilige Milde und Harmlosigkeit einen Teufel hätte entwaffnen können, blieb er vor dem Käsig stehen und betrachtete seinen Mitgefangenen — „NärrischerVogel, die Unruhe und das Getümmel draußen haben selbst Dich angesteckt. Du schlägst mit Deinen Flügeln gegen die Drähte — Du heftest Dein glänzendes A»ge unruhig auf das meinige. Warum? Sehnst Du Dich, frei zu sehn, Närrchen, damit der Sperber aus seine wehrlose Beute stoße? Besser vielleicht für Dich der Käsig, und der Kerker für Deinen Herrn! Gut — wenn Du heraus willst Hier wenigstens bist Dn sicher!" und er öffnete den Käfig, und der Staar flog an seine Brust, und schmiegte sich an ihn, und rief, mit seiner kleinen, klaren Stimme den menschlichen Ton nachahmend: „Armer Heinrich! Armer Heinrich ! Böse Menschen — armer Heinrich!" Der König beugte sein sanftes Gesicht über seinen Liebling, und der fette Mops, eifersüchtig auf die von dem Vogel allein in Besitz genommene Liebkosung, watschelte zu seinem Gebieter heran, mit einem zärtlichen Geheule, und schaute zu ihm empor mit Augen, welche mehr Liebe und Treue aussprachen, als Edward von Vork, der immer suchende und gesuchte LiebeSwerber, je in Frauenaugeu gelesen hatte. Mit diesen Gesellschafter, und mit Gedanken, die immer ruhiger wurden und sich mehr und mehr von Allem loSrißen, was am Vormittag sein Interesse rege gemacht und ihn beunruhigt hatte, verharrte Heinrich, bis die Stunde seines Abendessens längst vorüber war. Verwundert zuletzt über eine Nachläßigkeit, die — um seinen Kerkermeistern Gerechtigkeit widerfahren zu lassen — nie früher vorgekommen war, fühlte er, als das Klingeln mit seiner Handglocke unbeachtet blieb — als er keinen Diener im Vorzimmer fand, und die äußern Thüren wie gewöhnlich verschlossen waren, und außer den Schritten der Schild- wach« unten im Hof Alles todesstill, einen Augenblick sein Blut von einem kalten Schauer durchrieselt. 'Ließ man ihn allein, damit der Hunger in aller Stille seine Wirkung thue?' Langsam wandelte er von den äußern Butwer» Siomane. VH. 8 110 Gemächern in sein Zimmer zurück; und wie er ans Fenster kam, hörte er wieder, obwohl in ziemlicher Entfernung, durch die dämmernde Lust des einbrechenden Zwielichts den Ruf: »Lang lebe König Heinrich!" Diese Huldigung draußen — diese Vernachlässigung innen war ein wunderlicher Contrast! — Während dem war der Mops, mit jenem Instinkt der Treue, welcher die Bedürfnisse des Herrn erräth, schnüffelnd und riechend in den Zimmern herumgetrippelt, bis er vor einem Schrank im Vorzimmer stehen blieb und daran kratzte, und dann eilte er mit freudigem Bellen zum König zurück, faßte den Saum seines Gewandes mit den Zähnen, und führte ihn zu dem Platz, den er entdeckt hatte; und da waren wirklich ein paar jener kleinen Kuchen, welche gewöhnlich beim Abendessen gegeben wurden, aus Nachlässigkeit zurückgeblieben. Sie waren für das augenblickliche Bcdürfniß genügend, und der König, der Hund und der Staar iheil- ten sie friedlich mit einander. Nachdem dieß geschehen, setzte der König sorgsam den Vogel wieder in den Käfig, hieß den Hund unter den Herd kriechen und still liegen; begab sich in seine kleine Betkapelle, wo Reliquien vom Kreuz und von den Heiligen das feierlichernste Bild umgaben, — und vergaß im Gebet die Welt! Inzwischen brach das Dunkel ein; die Straßen waren öde geworden, außer wo in einigen Winkeln und Gäßchen sich Gruppen von Soldaten sammelten; größtcnthcils aber waren, der Disciplin zufolge, in welcher Warwick sein Heer hielt, diese gefährlichen Herumlungerer in die verschiedenen ihnen 111 angewiesenen Quartiere geschickt worden, und Wenig mehr war übrig, was den friedlichen Bürger erinnern konnte» daß an diesem ereignisreichen Tage ein Thron umgestürzt und eine Revolution durchgesührt worden war. Um diese Zeit schritt ein großer Mann, dicht eingehüllt in seinen großen Reitermantel, allein durch die Straßen und erreichte den Tower. Beim Ton seiner Stimme vor dem großen Thor fuhr die Schildwache erschrocken zusammen; wenige Augenblicke, und alle noch in der Feste Zurückgebliebenen waren um ihn versammelt. Von diesen berief er einen der Squire», welcher gewöhnlich Heinrich bediente, und hieß ihn ihm in des Königs Zimmer leuchten. Al- in diesem Zimmer Heinrich vom Knieen sich erhob, sah er das grelle, rothe Licht einer Fackel unter den Ritzen der Thüre durchflacker»; er hörte de» Laut langsam nahender Schritte, der Hund ließ ein leises Gebrumm vernehmen und seine Augen funkelten, — die Thüre ging auf und die von dem Squire nachgetragene und emporgehobene Fackel, deren Glut ein lebhaftes Licht über das ganze Zimmer verbreitete, ließ den König ganz deutlich das dunkle und stolze Angesicht des Grafen von Warwick erblicken. Der Squire zündete auf eine Geberde des Grafen die Wandleuchter und die Kerzen auf dem Tisch an, und entfernte sich dann rasch. Der Königmachcr und der König waren allein! Beim ersten Erblicken Marwicks war Heinrich blaß geworden und ein paar schritte zurückge- treten, die eine Hand, wie beschwörend, aber gebietend, 8 » 112 emporgehoben, während er mit der andern sich die Augen bedeckte — mochte nun diese Geberde der Ueberraschung die Folge der physischen Schwäche der Nerven seyn, die durch Krankheit und Gefangenschaft sehr erschüttert waren, oder der plötzlichen Gemüthsbewegungen, in welche ihn der Anblick eines Mannes versetzte, der ihm so entsetzliche Drangsale und Leiden bereitet hatte. Aber die Angst des Feigen in der Gegenwart eines lebenden Feindes war diesem königlichen Herzen, bei all seiner Sanftheit, bei all seinem heiligen Abscheu vor Zorn, Grimm und Krieg, so fremd, wie dem Heldenblut seines hochherzigen Vaters, lind so trat, nach einer kurzen Pause, und einem Besinnen, welches die Gestalt eines Gebetes annahm, nicht um Rettung aus Gefahr, sondern um den Geist der Gnade, das Vergangene verzeihen zu können, Heinrich der Sechste Warwick entgegen, der noch stumm auf der Schwelle stand, mit seinen verworrenen, stürmischen Gefühlen von Stolz und Schaam kämpfend, und sagte mit einer Stimme, die gerade durch ihre Milde etwas Majestätisches bekam: „Welche Kunde von neuem Leid und Unglück ist der Graf von Salisbury und Warwick gekommen dem armen Gefangenen zu überbringen, der einst König war?" „Verzeiht mir! Vergebung, Heinrich, mein Herr — Vergebung !" rief Warwick, auf seine Knie fallend. Der sanfte Vorwurf — die rührenden Worte, die Züge und das Aussehen, die, seit er ihn zuletzt gesehen, die eines Greises statt eines Mannes geworden waren — die grauen Haare und die gebeugte Gestalt des Königs schnitten aus einmal in dieß stolze Herz; und als der Graf stch über die welke, abgemagerte Hand beugte, die sich seinem Kuß überließ, überglänzte eine darauf fallende Thränc alle Edelsteine daran. ' „Doch nein," fuhr der Graf fort, (ungeduldig nach Art stolzer Seelen, von der Neue sogleich zur Sühne überzugehen, den» jene gehört der Dcmuth, und diese dem Stolz an,) „doch nein, mein Gebieter — nicht jetzt darf ich um Deine Verzeihung flehen. Nein; sondern wenn Du in den Hallen Deiner Vorfahren, umgeben thronst von den Peers von England, das siegreiche Banner des heiligen George wehend über dem Throne, den Dein Diener wieder hergestellt—dann, wenn die Trompeten Deine Rechtd schmetternd verkündigen, ohne daß ein Feind Einsprache zu thun wagt — dann, wenn von einer Küste des schönen Englands zur andern das Jauchzen Deines Volkes an die Wölbung des Himmels schlägt — Dann soll Warwick wieder vor König Heinrich knieen, und um die Vergebung bitten, die er nicht unedel verdient hat!" „Ach, Sir," sagte der König im Tone bekümmerter, doch halb vorwurfsvoller Güte» „nicht unter Trompeten und Bannern hat der Sohn Gottes den Menschenkindern das Muster und Vorbild der Liebe gegen Feinde gegeben. Als Deine Hand mir die Sporen von den Fersen riß — als Du mit mir, Deinem Gefangenen, durch das mich höhnende Volk stolzirtest, mich in diese einsame Zelle zu bringen, damals, Warwick, vergab ich Dir, und betete 114 zum Himmel um Vergebung für Dick, wenn Du mir Unrecht thuest, — für mich, wenn die Fehler eines Königs solche Härte von einem Unterthan verdient hätten. Steht auf, Herr Gras; unser Gott ist ein eifersüchtiger Gott, und die Gebende der Anbetung gebührt Ihm allein!" Warwick erhob sich von den Knieen; und der König, mit Theilnahme den Kampf bemerkend, welcher des starken Mannes Brust erschütterte, legte seine Hand auf deS Grafen Schulter und sagte: „Fnebe sey mit Dir! Du hast mir kein wahres Leid angethan! Ich bin so glücklich gewesen in diesen Mauern, als in den grünen Parks von Windsor, glücklicher als in den Staatssälen oder unter streitenden Heeren. WaS für Zeitungen jetzt?" „Mein Gebieter, ist es möglich, daß Du nicht weißt, daß Edward ein Flüchtling und ein Bettler ist, und daß der Himmel mir gestattet hat. Deine Unbilden und die meinigen zugleich zu rächen? Heute habe ich, ohne Schwertstreich, Eure Stadt London wieder gewonnen; ihre Straßen sind beseht von meinem Heere. Von dem Nathe der Peers und Krieger und Prälaten, in meinem Hause versammelt, habe ich mich allein und heimlich hieher gestohlen, um der Erste zu sehn, Euer Gnaden Wiedereinsetzung auf den Thron Heinrichs des Fünfte» zu begrüßen und zu segnen!" Des Königs Antlitz veränderte sich so wenig bei dieser Nachricht, daß seine ruhige Traurigkeit den ungestümen Warwick beinahe zornig machte, und er sich mit Mühe enthielt, den Gedanken laut werden zu lassen: 'der ist des Thrones nicht würdig, der sich so wenig darum kümmert, ihn zu besitzen? „O Gott!" sagte Heinrich seufzend — „der Himmel hat also meinem Alter noch traurige Prüfungen Vorbehalten! Tray^— Tray!" und sich niederbeugend, tätschelte er sanft seinen Hund, der zu seinen Füßen Wache hielt, und Warwick noch immer argwöhnisch anschaute — „Wir sind jetzt Beide zu alt für die Jagd! Wollt Ihr Euch setzen, mein Lord?" „Glaubt mir," sagte der Graf, indem er dem Befehl gehorchte, nachdem' er erst dem König einen Sessel und Schemel hingestellt, welcher ihm mit niedergeschlagenen Augen und das Haupt auf die Brust gesenkt, zuhörte — „glaubt mir, Eure späteren Tage, mein Fürst, werden verschont bleiben von den Stürmen Eurer Jugend. Alle Aussichten für Edwards feindselige Plane sind verschwunden. Eure Allianz, — wenn es nicht anmaßend von mir ist, so zu sprechen — Eure Allianz mit einem Manne, dem das Volk einiges Geschick in der Kriegsführung Zutrauen kann, und eine gründlichere Bekanntschaft mit den Gefittnu»gei,-»nd Lebensgewohnheiten EurerUnterthanen, als Eure früher» Rathgeber besitzen'konnten, wird Eurer geehrten Muße Freiheit lassen zu den heiligen Betrachtungen, die Euch Bedürfniß sind; und Euer Ruhm wie Eure Sicherheit soll die Sorge von Männern seyn, welche diese rebellische Welt in Zucht und Respekt zu halten vermögen." 1t6 „Allianz!" sagte der König, der nnr_dieß Eine Wort aufgefaßt hatte. „Bon was sprichst Du, Herr Graf?" „Diese Botschaften werden Alles erklären, mein Fürst. Dieser Brief von meiner Lady der Königin Margaretha, niid dieser von Eurem erlauchten Sohne, dem Prinzen von Wales." „Edward! mein Edward!" rief der König mit einem Ausbruch von Baterzärtiichkeit. „Du hast ihn also gesehen? — Ist seine Gesundheit gut? Ist er munter und lebenSinuthig?" „Er ist kraftvoll und schön, und vielversprechend, und tapfer wie seines Ahns Schwert." „Und weiß er — weiß er auch, daß wir Alle der Thon des Töpfers iu den Händen Gottes sind?" „Mein Fürst," sagte Warwick verlegen, „er hat so viel Frömmigkeit, als einem christlichen Ritter und würdigen Fürsten geziemt." „Ach!" seufzte der König, „Ihr Waffenmänner habt sonderbare Gedanken über diese Sachen;" und die Seidefaden der Briefe dnrchschneidend, wandte er sich von Warwick ab. Sich das Angesicht mit der Hand verschüttend, ließ der Graf seinen scharfen Blick auf den Zügen der Königs verweilen, während der Letztere, näher an den Tisch rückend, die Briefe las, welche ihm seine neue Verschwägerung mit seinem alten Feinde meldeten. Aber Heinrich war zuerst so ergriffen beim Anblick von Margaretha'S wohlbekannten Schriftzügen, daß er 117 dreimal den Brief hinlegte, und sich Thräncn aus den Auge» wischte. „Meine arme Margaretha, was hast Du gelitten!" murmelte er. „Selbst diese Schriftzüge sind weniger fest und kühn als ehemals. Gut — gut!" und endlich machte er sich entschlossen an die Ausgabe. Ein paarmal veränderte sich seine Miene, und er stieß einen Ausruf der Ueberraschung aus. Aber der Vorschlag einer Heirath zwischen Prinz Edward und Lady Anna empörte nicht sein versöhnliches Gemüth, wie dieß bei der stolzen und herben GemüthSart seiner Gemahlin der Fall gewesen war. Und als er seines Sohnes Schreiben gelesen hatte, ganz erfüllt von der Glut seiner Liebe und vom feurigen Geist seiner Zugend, fuhr sich der König mit der linken Hand über die Stirne, bot dann seine Rechte Warwick dar, und sagte mit einer vor Bewegung zitternden Stimme: „Diene meinem Sohn — weil er ja auch der Deinig eist; gib Frieden diesem zerrissenen.Königreich — mach meine Fehler gut — drücke nicht zu hart, die gegen uns sich setzen und streiten, und Jesus und seine Heiligen werden diesen Ehebund segnen!" > Des Grafen Absicht, als er eine so geheime Besprechung mit Heinrich ohne Zeugen suchte, war vielleicht die gewesen: daß Niemand, auch sein Bruder nicht, die Vorwürfe hören sollte, die er von dem König erwartete; und Niemand später sollte sagen können, er habe gehört, wie Warwick, als Sieger und Rächer in sein Vaterland zurückgekehrt, in der Stunde des Triumphs zu Gntschul- digung und Abbitte sich bequemt habe. So mißhandelt, gehöhnt, von Gefahren umringt, oder, um sein eigne» starkes Wort zu gebrauchen, so zur Verzweiflung war er getrieben worden unter der früher» Herrschaft Heinrich» daß sein Verstand, der, wie kräftig auch bei ruhiger, kaltblütiger Stimmung, doch von seine» Leidenschaften sich seicht umnebeln und trüben ließ, den sanftmüthigen König halb mit seinem heftigen Weibe und seinen harten und grausamen Rathgebern vermengt, und er geglaubt hatte, er würde sich nimmermehr vor dem Mann so weit demüthigen können, als vor dem Weibe zu thun, ihm die ritterliche Unterwürfigkeit gegen Margaretha'» Geschlecht gestattet hatte. Aber die Milde von Heinrichs Wesen und Gemüthsart — die heiligengleiche Würde, die er bei dieser peinlichen Zusammenkunft behauptet hatte, und die rührende Anmuth, die vertrauensvolle Großherzigkeit seiner letzten Worte — Worte, welche die großen Entwürfe der Rachsucht und des Ehrgeizes des Grafen krönten — machten den Eindruck auf Warwick, wie die Predigt eines heiligen Mannes, der von der erhabenen und reinen Geduld des Erlösers sprach, vor Zeiten auf einen grimmigen Kreuzfahrer machte, der, so unfähig er selbst war, solche sanftmüthige Tugend zu üben, doch ganz ergriffen und durchdrungen war von ihrer Anbetungswürdigkeit an einem Andern; und, wie bei einem solchen Kreuzfahrer, der lebendige, ergreifende Eindruck der sanft- müthigsten und versöhnlichsten Gesinnungen erweckte in Warwicks Gemüthe, in ganz eigenthümlicher Weise, die IIS gerade entgegengesetzten Bilder — Bilder von Tapferkeit in Waffen »nd strenger Rache, — wie wenn, wo das Kreuz aufgepstanzt war, aus der Erde die Standarte und das Strettroß entspränge! „Verderben Euren Feinden! Mögen Krieg und Sturm sie wie Spreu zerstreuen! — Mein Fürst, mein königlicher Gebieter!" fuhr der Graf mit tiefer, leiser, bebender Stimme fort: „Warum kannte ich nicht früher Dein heiliges und fürstliches Herz? Warum standen so Viele zwischen Marwicks ergebener Treue, und einem ihrer so würdigen Könige? Wie armselig, neben Deinep großherzigen Seelcnstärke «nd Deinem christlichen Hel- denmuth, erscheint die wilde Tapferkeit des falschen Edward! Schande über den, der das von Dir ihm geschenkte Vertrauen verrathen kann. Nie werde ich es thun! — Nie! Ich schwöre es! Nein, ob auch ganz England von Dir absiele, ich will allein mit meiner erzumhüllten Brust Deinen Thron decken! Oh, daß doch mein Triumph weniger unbestritten und unblutig gewesen wäre! oh, daß noch hundert Schlachtfelder mich erwarteten, um zu bewähren, wie tief — tief in seinem innersten Herzen Marwick die Vergebung seines Königs fühlt!" „Nicht so — nicht so — nicht so — nicht Schlachtfelder, Warwick! sagte Heinrich. - „Wünsche Dir nicht dem König zu dienen durch Vergießung des Blutes Eines Anterthanen!" „Eurem frommen Willen soll gehorcht werden!" antwortete Warwick. „Wir wollen sehen, ob Gnade und 120 Güte bei Andern so wirken kan», wie Deine Vergebung bei mir. Und jetzt, mein Fürst, dürfen diese Mauern Dich nicht länger umschließen! Die Gemächer des Palastes erwarten ihren königlichen Herrn. Holla, draußen!" und nach der Thüre schreitend stieß er sie auf, und in Gemäßheit seiner unten eithciiten Befehle standen alle noch in der Feste zurückgebliebenen Beamte und Offiziere zusammengedrängt in dem kleine» Vorzimmer, mit entblößten Häuptern, Kerzen in den Händen haltend, um den Monarchen nach den Sälen seines besiegten Feindes zu führen. Bet dem plötzlichen Anblick des Grafen brachen diese Männer, unwillkürlich, plötzlich ergriffen von der stattlichen Majestät seiner Person und seinem leben- und geistvollen Antlitz, in den wilden Nus der Dienstmannen: „Hoch Warwick! Hoch Warwick!" aus. „Still!" donnerte des Grafen tiefe Stimme. „Wer nennt den Unterthan in Gegenwart des Monarchen? Schaut Euren König!" Die Männer, beschämt über den Vorwurf, verbeugten sich und sanken auf ihre Kntee nieder, während Warwick eine Kerze vom Tisch nahm, um den König aus dem Kerker wegzuführen. Jetzt wandte sich Heinrich langsam um, und sei» Auge ruhte zögernd auf den Wänden, welche selbst Kummer und Einsamkeit ihm lieb gemacht hatten. Die kleine Betkapelle — das Crucifir — die Reliquien — die herabgebrannten Kohlen auf dem Herde — das rohe Kamin- tSI stück - Alles nahm in seinem ernst nachdenklichen Auge eine beinahe menschliche Miene voll Schwermuth und trüber Ahnung an: und der Vogel, entweder durch den Glanz der Lichter oder das ihm neue Rufen der Männer aufgeschreckt, öffnete seine glänzenden Augen, und rastlos hin und her flatternd, schrie er gellend seine Lieblings- Worte: „Armer Heinrich! — armer Heinrich! — böse Menschen! — Wer möchte ein König seyn?" „Hörst Du es, Warwick?" sagte Heinrich sein Haupt schüttelnd. „Könnte ein Adler sprechen, er würde anders schreien als ein Staar," versetzte der Graf mit einem stolzen Lächeln. „Ha, seht Ihr," sagte der König, wieder den Vogel au- seinem Käfig befreiend, worauf er sich auf seine Faust setzte, „dem Adler wäre das Herz gebrochen in dem engen Käfig — der Adler wäre kein Tröster gewesen für einen Gefangnen; diese sanfteren Geschöpfe sind es, die uns am meiste» lieben und trösten in unfern Trübsalen. Tray, Tray, wedle nicht jetzt so schmeichlerisch, Schelm, oder ich müßte glauben. Du seyest falsch gewesen in Deiner bisherigen Zärtlichkeit. Mein Vetter, ich folge Euch!" Und den Vogel auf der Faust, den Hund an seiner Ferse, folgte Heinrich der Sechste dem Grafen in den erleuchteten Saal Edwards, wo der Tisch gedeckt war zum königlichen Mahl, und wo seine alten Freunde, Manning, Bedle und Allerton vor Freude weinend standen; während von der hohen Gallerie herab die Musikanten die rohe irs und lebhafte Melodie ertönen ließen, welche nach und nach außer Gebrauch gekommen ist, aber einst die Nationalweise der Normannen gewesen war, und welche die kriegerische Margaretha von Anjou ihre Minstrels wieder gelehrt hatte: Rollo'« Schlachthymnus!