E. L, Bulwer's Werke Aus d>m Englischen. Hundert und achtes Bändchen Der Letzte der Barone.- Achtes Bändchen. Stuttgart. Verlag der Z. B. Metzler'schen Buchhandlung,' 1843 , Der Letzte der Barone. Von dem Verfasser „Rtenzi's," „Eugen AramS" ze. Au« dem Englischen von , O v ss o r> Pfizer. Achtes Bändchen. Stuttgart. Verlag der Z, B Metzler'schen Buchhandlung 1843 . Viertes Kapitel. Die Gerechtigkeit dieser Welt, und die Weisheit unsrer Vorfahren. Die Nacht halte jetzt begonnen und Sybille horchte noch — oder horchte vielleicht nicht — auf das tröstende Geylander ihrer ehrwüidigen Dienerin. Beide saßen in dem kleinen an den Saal stoßenden Zimmer/ und daö einzige Licht kam ihnen durch die nach dem Garten gehende Thüre zu— ein graues, trübes Zwielicht, verstärkt nur durch die wenigen frühesten Sterne. Der Pfau, den Kopf unter dem Flügel, hatte sich zum Schlaf auf die Balustrade gesetzt, und der Gesang der Nachtigall von einem der benachbarten Gehölze, welche da und dort gegen die Wildbahn von Marybone sich fanden, erfüllte sanft von ferne die milde Luft. Man fühlte den Balsam und die Frische des Frühlings im Than, im Himmel, in dem süßen Athem junger Pflanzen und des Laubes; — in der Ruhe der immer wachen Natur glaubte man gleichsam sichtbar und fühlbar mit jeder Minute das entzückende Ueber- gehen des Aprils in den Mai beobachten zu können Plötzlich stieß Madge eineil Schrei des Schreckens aus und deutete auf die Mauer ihnen gegenüber, Sybille, aus ihrer Träumerei aufgeschreckt, schaute auf, und sah etwas Dämmerndes, Zwergartiges. auf der baufälligen Mauer hocken, Zm Augenblick sprang die Erscheinung leicht in den Garten herunter, und die Angst der Frauen verminderte sich, als sie einen kleinen Knaben verstohlen über das Gras schleichen und sich der offnen Thüre näher» sahen. „Ha, Kind!" sagte Madge aufstchend, „was willst Du?" „Bscht l Mütterchen! bscht. Ah! die junge Mistreß? Das ist gut. Still! sage ich noch einmal," Der Knabe trat in daS Zimmer. „Ich komme noch zu rechter Zeit, Euch zu retten. In einer halben Stunde wird man in Euer'HauS einbrechen, vielleicht es verbrennen. Die Knaben klatschen schon in die Hände beim Gedanken an ein solches Lustfeuer, Vater und alle Nachbarn schicken sich schon dazu an. Horch! horch! nein, es ist nur der Wind. Die Tamburinschlägerinne» sollen das Zeichen geben. Wenn Ihr ihre Glöckchen klingeln hört, wird der Pöbel sich zusammenschaaren. Lauft, Euer Leben zu retten, Ihr und der alte Mann, und sagt nie, daß der arme Tim es gewesen, der Euch dieß gesagt, denn der Vater würde mich todtschlagen. Ihr könnt noch durch den Garten aufs Feld kommen. Schnell!" „Ich will zu dem Herrn gehen!" rief Madge au» dem Zimmer eilend. Das Kind faßte iin Dunkel Sybillens kalte Hand „Und ich sage, Mistreß, wenn GuerS BaterS Gestrengen wirklich ein Zauberer ist, so laßt ihn nicht meinen Vater und Mutter, oder den armen Tim oder seine kleine Schwester strafen; obgleich Tim einmal garstig unartig war und dem Master Warner höhnend nachschrie. Oh, gar viele, viele Male und oft habe ich daS gütige, milde Gesicht in meinem Schlafe gesehen, gerade wie damals, als eS sich über mich beugte, während ich stramyfte und kreischte, und der arme Herr sagte : 'Meinst Du ich wolle Dir ein Leid thun?' Aber er wird mir jetzt verzeihen, oder nicht? Und als ich mir das siedende Wasser über den Arm goß, und sie sagten, das komme Alles von dem Zauberer her, da that mir das Herz noch weher als der Arm. Aber sie peitschen mich, und schimpfen, der Teufel stecke in mir, wenn ich nicht sage, der Kessel sey von selbst umgcfallen. Oh, diese Tamburinschlägerinnen! Mistreß, habt Ihr sie auch schon gesehen? Sie machen mich zittern und beben. Wenn Ihr hören könntet, wie sie alle Nachbarn aufhetzen! Und ihr Gelächter — es macht Einem die Haare zu Berge stehen! Aber Ihr werdet Euch weg begeben und dem armen Tim Dank wissen. Oh, dann will ich lachen, wenn sie das alte HauS leer finden!" „Möge Dich unser Herr im Himmel segnen — Dich segnen, Kind!" schluchzte Sybille, den Knaben in ihre Arme schließend und ihn küssend, während sie seine Wangen mit ihren Thränen badete. Gin Licht schimmerte aus der Schwelle — Madge, eine Kerze in der Hand, erschien mit Warner» der Hut und Mantel in Eile angelegt hatte. „Was ist das?" fragte der arme Gelehrte. „Kami es wahr sehn? Sind die Menschen so grausam? Was Hab' ich gcthan? Weh mir-! Was Hab' ich gcthan, daß ich dieß verdiente?" „Kommt, lieber Vater, schnell," sagte Sybille, ihre Thränen trocknend, und durch die Gegenwart des alten Mannes auf einmal, wie erwacht, Muth und Thatkrast wieder findend. „Aber lege Deine Hand auf dieses Knaben Haupt, und segne ihn, denn er ist es, der »ns viel-, leicht gerettet hat." Der Knabe zitterte einen Augenblick, als das langbärtige Gesicht sich gegen ihn wandte, aber als er die sanften, mileen Augen wieder eikannte, verschwand seine abergläubiscke Zurück, und nur.ein heiliger Schauer der Dankbarkeit durchzuckte sein junges Blut, als der alte Mann seine beiden welken Hände auf sein gelbes Haar legte und murmelte: „Gott schütze Deine Jugend — Gott gebe Ehre und Würde Deinen Mannesjahren — Gott schenke Dir Kinder in Deinem Alter mit Herzen wie das Deinige!" Kaum war dieß Gebet zu Ende, als man auf der Straße das Dröhnen der Tamburine mit den klingenden Glöckchen daran hörte. Einmal» zweimal, noch einmal, und ein wildes, gellendes Geschrei fiel als Chor ein — sortgepflanzt und wiederhallend von Ecke zu Ecke, von Haus zu Haus., 9 „Lauft — lauft!" rief der Knabe, vor Schrecken weiß werdend. „Aber das Heureka — meine Hoffnung — meine« Geistes Kind!" rief Avam Plötzlich, und blieb unter der Thüre stehen. „Eh — eh!" sagte Madge ihn fortstoßend. „Es ist zu schwer zum Fortbringen, Du könntest es nicht ausheben. Denk an Dein eigen Fleisch und Blut — an deine Tochter — an ihre todte Mutter. Rette ihr Leben, wenn Dir das Deinige gleichgültig ist!" „Geh, Sybille, geh — und du Madge — ich will bleiben. Was liegt an meinem Leben, cS war nur der Sklave eines Gedankens! Stirbt dir Herr — sterbe der Knecht!" Vater, wenn Ihr nicht mit mir geht, weicheich nicht vom Platz. Flieht oder sterbt! Euer Schicksal ist das »reinige! Noch eine Minute! Oh, barmherziger Himmel, wieder dieser Lärm! Wir sind Beicc verloren!" „Geht, Sir, geht! Sie fragen Nichts nach Eurem Eisen — Ersen fühlt ja nicht. Sie werden das nicht anrühren. Ladet nicht Eurer Tochter Leben auf Eure Seele!" „Sybille — Sybille, vergib mir! Komm!" sagte Warner, dessen Gewissen von dieser Mahnung getroffen wurde. Madge und der Knabe liefen fort — die Alte schloß das Gartenthor auf — Sybille und ihr Vater eilten hinaus — die Felder dehnten sich friedlich und einsam vor 10 ihnen — der Knabe sprang herbei, küßte Sybille auf die blaffe Wange, sprang dann durch das Gras und verschwand. „Zögere nicht, Madge, komm!" schrie Sybille. „Nein," sagte die Alte, zurücktretend, „gegen mich hegen sie keinen Groll; ich bin zu alt, als daß ich Euch nicht bloS zur Last fallen sollte. Ich will bleiben, und vielleicht da- Haus und die Sachen retten, und de- armen Herrn sinnreiche Erfindung. Stille! Du weißt, Las Herz würde ihm brechen, wenn Niemand dabei bliebe, sie zu hüten." Damit schob die treu« Dienerin die Goldstücke, die noch von de- Königs Geschenk übrig untren, in die Tasche, welche Sybille an ihrem Gürtel trug, und schloß und verriegelte dann wieder die Thüre, ehe sie sie mit sich ziehen konnte. „ES ist zu schändlich, sie zurückzulassen," sagt« der großmüthig denkende Gelehrte. Die edle Sybille konnte ihrem Vater nicht widersprechen. Von fern hörten sic das Stampfen von Füßen; plötzlich erglühte ein dnnkelrotheS Licht in der blauen Luft, ein Licht von der Flamme vieler Fackeln. „Der Zauberer — der Zauberer! Tod dem Zauberer , der die Armen möchte Hungers sterben lassen!" so gellte es. und ward von einem drohenden Hurrah er- wiedert. Adam stand regungslos da, Sybille neben ihm. „Der Zauberer und seine Tochter!" kreischte eine n scharfe einzelne Stimme — die Stimme der Tamburinschlägerin Graul. ' Adam wandte sich um: „Flieh, mein Kind, jetzt bedrohen fie dich. Komm, — komm, — komm!" und sie bei der Hand fassend, eilte er mit ihr über die Felder, dicht an den Hecken hin, und ihre Schatten schwebten täuschend , unregelmäßig, seltsam über den grünen Grund im Sternlicht hin. Der Vater hatte jeden Gedanken, jede Sorge verloren, außer um seiner Tochter Leben. Endlich blieben sie stehen, außer Athem und erschöpft; die Laute in der Ferne waren gedämpft und verstummt. Sie sahen zurück in der Richtung de« Hanse«, das fie verlassen hatten , in der Erwartung, die Flammen, die es verzehren sollten, den Himmel röthen zu sehen; aber Alles war dunkel-, oder vielmehr, kein Licht, außen den heiligen Sternen und dem ausgehenden Mond, beleidigte die Majestät des Himmels. „Sie können doch dem armen alten Weib kein Leid thun; sie hat ja keine Gelehrsamkeit. Auf ihre grauen Haare fällt nicht der Fluch menschlichen Haffes!" sagte Warner. „Gewiß, mein Vater; wie fie uns geflohen fanden, haben sich ohne Zweifel die Grausamen zerstreut. Aber sie könnten noch weiter nach Dir suchest. Stütze Dich auf mich; ich bin jung und stark. Noch eine Anstrengung, und wir gewinnen das sichere Dickicht des Parks." Während noch die letzten Worte auf ihrem Munde schwebten, sahen sie auf dem Pfad, den sie verlassen 12 hatten, da« Lodern von Fackellicht, und hörten den Pöbel, der ihrer Fährte nachspürte. Aber die dichten Gebüsche, deren blaßgrünes Lgub eben lebendig eniknospete, waren ganz in der Nähe. Sie flohen weiter; der Hirsch fuhr in dem wirren Farnkraut empor, aber blieb stehen, und schaute sie ohne Furcht an; die lustigen Hasen in den grünen Gängen gaben ihre nächtlichen Spiele nicht auf bei ihren harmlosen Schritten; und als sie endlich, ganz im Dickicht, auf den mooSbcdeckten Wurzeln einer riesenhaften Eiche niedersanken, flöteten die Nachtigallen über ihren Häuptern gleichsam einen schwernrüihigen Willkomm. Sie waren gerettet! Aber in ihrem Hause beleuchtete das grelle Fackellicht grimmige Gesichter; der Pöbel dem die starke Thüre trotzte, erkletterte die Mauer, brach durch das Gittcrwerk des Saalfensters, und brüllte, von Zimmer zu Zimmer sich ergießend: „Tod dem Zauberer!" Unter den schmutzigen Anzügen derMänner schimmerte und funkelte der verblichene, nnsaubereFlitierstaatderTamburinschlägerinnen. Es war ei»"s Scene, an der die Teufeliune» ihre wahre höchste Lust hatten — eine Seelenweide waren Frevel und Bosheit, und die Aufregung stürmischer Leidenschaften, und die wilden Slimmen wahnsinniger Männer, und der Durst nach Blut für diese ewigen Furien des Pöbels — unter welchem Namen wir sie kennen mögen, welche Zeit immer sie mit ihrer Erscheinung beflecken — diese Weiber, in welchen die Weiblichkeit zerstört und verkehrt ist! Thüre um Thüre ward aufgebrochen mit dem Geschrei der getäuschten Wuth ; endlich stiegen sie die Thurmtreppen hinauf — sie fanden eine kleine Thüre, verschlossen und verriegelt, Tim'S Vater, Einer im Haufen, eine gewaltige Art in seinem braunen Arm, zerschmetterte die Dielen; der Schwarm stürzte hinein — und da fanden sie unter einem seltsamen, bunten Haufen Sachen die treu ergebene Madge sitzen. Die arme Alte hatte in dieß Zimmer, als den festesten Platz des Hanfes, alle tragbaren Artikel zusammengebracht, die ihr entweder dem Werth nach oder durch besondere Erinnerungen die kostbarsten schienen. Sybillens Cither (Marmaduke'S Geschenk) lag unter einem Wirst von Handwerkszeug und Geräthen — ein verblichener Rock von ihrer verstorbenen Mutter, von Madge und Sybille als eine Reliquie heiliger Liebe aufbewahrt — einige Teller und Becher von Zinn, welche sauber und blank zu halten der Stolz von Madge'S Herz war — Stücke und Enden von alten Teppichen — eine unbrauchbar gewordene Broche von Silber (eine Liebesgabe, welche Madge selbst in ihrer Jugend empfangen), dieß und ähnliche Siebensachen, Schätze von unendlichem Werth für die Erinnerung und Neigung der Treue und Häuslichkeit, lagen verworren aufgehäuft um das grimmig aussehende, gewaltige Modell herum, vor welchem, stumm und ruhig, die beherzte wackere Alte saß. Der Schwarm machte Halt, und gaffte in abergläubischer Angst und in dumpfem Staunen im Zimmer herum. 14 Die Führer!» der Tamburinschlägerinuen sprang vor — „Wo ist Dein Gebieter, alte Here, und wo das hübsche Mädchen, das Lords bezaubert und uns kecke Dirnen verachtet?" „Ach! Herr und Fräulein sind schon mehrere Stunden fort! Ich allein bin im Hanse: was ist Euer Begehren ? " „Die Alte sieht verteufelt herenniäßig aus!" sagte Tim'S Vater, sich bekreuzend, und etwas zurückweichend vor ihren grauen, unruhigen Augen. Und in der That, die arme Madge, mit ihrem verrunzelten Gesicht, ihrer knöchernen Gestalt und hohen Mütze entsprach weit mehr den gewöhnlichen Vorstellungen von Adepten der schwarzen Kunst, als Adam Warner mit seinem einnehmenden Gesicht und seiner edeln Haltung. „Ja, gewiß und wahrhaftig," sagte ein Kesselflicker mit einem Buckel; „wenn wir es mit einem Bad dort im Roßteich versuchten, könnte es nicht schaden." „Fort mit ihr, fort!" schrien mehrere Stimmen ans diesen menschenfreundlichen Vorschlag hi». „Nein, nein," sagte der Bäcker, „sie ist eigentlich ein gutmüthiges Geschöpf und ich habe viele Jahre mit ihr zu verkehren gehabt. Ich kümmre mich nicht darum, was mit dem Zauberer geschieht — Jedermann weiß (fuhr er mit Stolz for!), daß ich Einer der Ersten war, die sein Haus in Brand stecken wollten, als Robin sich widersetzte! — aber Recht isi Nechr — verbrennt den Meister, nicht die Magd!' 15 Diese Fürsprache hätte vielleicht gefruchtet, aber unglücklicherweise legte ln diesem Augenblick Graul Stellet, welche sich zweier tüchtigen Bursche versichert hatte, um des vom Münch Bnngey so sehr gewünschten Gegenstandes sich zu bemächtigen, Hand an das Modell, und auf ihren zettenden Befehl traten die Männer vor und rückten es vom Platz. Zu gleicher Zeit warfen sich die andern Mädchen, gereizt durch den Anblick von Dingen, die ihrem gewohnten Geschmack zusagten, die Eine auf de» verblichenen Rock, weichen Sybillens Mutter in ihrer keusche», glücklichen Jugend getragen hatte, eine Andere auf der armen Madge silberne Broche, eine Dritte auf die Etther. Diese verschiedenen Angriffe regten allen Zorn und Eifer der Alten auf; ihre Jammerrufe, wie sie von der Einen zur Andern rannte, rechts und links mit ihren schwachen Armen um sich schlagend, während ihre Gestalt vor Leidenschaft zitterte, waren lächerlich und kläglich zugleich, und sie wurden beantwortet von den gellende» Ausrufungen der trotzigen Tamburinschlägerinnen, Weiche Kratz mit Kratz und Schlag mit Schlag crwiederten. Die Zuschauer wurden erhitzt bei dem Anblick wirklicher Widersetzlichkeit und Mißhandlung; der bucklichte Kesselflicker, dessen ungesunde Phantasie mächtig entzündet war für eine der mißhandelten Tamburinschlägerinnen, eilte seiner mannhaften Jungfrau zu Hülfe; und wüthend geworden, als er plötzlich zehn Nägel in sein Gesicht sich einkrallen fühlte, schlug er das arme Geschöpf mit einem Schlag zu Boden. der sie betäubte, faßte sie in seine Arme — denn 16 entstellt und schwach wie sie war. war die Alte, nunmehr Geist und Besinnung geschwunden, so leicht als Haut und Knochen seyn können — und trug sic, gefolgt von etwa einem Dutzend lachender und schreiender Kameraden, die Treppe hinab, Tim'S Vater, der, entweder aus väterlicher Zärtlichkeit, oder, was wahrscheinlicher ist, aus eifersüchtigem Haß und mit dem Vorurtheil der um ihren Erwerb angefochtenen Unwissenheit, auf Adams Untergang versessen war, trieb schreiend Einige seiner wilderen Genossen in den Garten, spürte die Fnßtapfen der Flüchtlinge im zertretenen Gras ans, und sprang in fruchtloser Verfolgung und Jagd über die Mauer. Aber die Leichtsinnigeren von dem Pöbel zogen, mehr zur Kurzweil als aus Grausamkeit, mit einem Chorus von trunkenen Lehrlingen und lärmenden Buben nach dem Platze, wohin der bucklichte Kesselflicker seine Last ohne Widerstand geschleppt hatte. Der häßliche, grüne Teich bei Master Sancrofl'S Herberge warf den Schimmer der Fackeln zurück; sechs von den Tamburinschlägerinnen, hüpfend und im Kreis sich drehend, gaben mit häßlichem Gesang und mißtönender Musik das Zeichen zum GotteSurtheil über die Here - „Wasser, ob's steht oder läuft, Fluß und Teich nicht die Her' ersäuft! Zaubrer, Her' soll erkundet seyn? Sinken und Schwimmen ist Ja und Nein! Hebt sie, schwingt sie, eins und zwei, Hebt sie, schwingt sie hoch zum Fiug! Villa — lera, zwei und drei — Mutter, schwimm oder trink genug!" 17 Und wie die letzte Zeile gesungen wurde, unter lustigem, wildem Gelächter und Geschrei, und unter dem Dröhnen der Tamburine, erfolgte ein klatschender Plump in das trübe Wasser, der grüne Schleim anfdcr Oberfläche theilte flch mit einem gurgelnden Ton, und dann folgte Todesstille. „Die Pest über die Here! sie wehrt sich nicht einmal!" sagte endlich der bucklichte Kesselflicker. „Nein, nein! aus dem Wasser nracht sie sich Nichts! probirt'S einmal mit Feuer! Pfui über sie, pfui!" schrie die rothe Grisell. „Fort mit ihr! sie ist trutzig!" sagte der Kesselflicker, indem seine dürren Finger den Leichnam angelten und ihn am Rand des Teiches niederfallcn ließen. „Todt!" sagte der Bäcker schaudernd, „wir haben Unrecht gethan — ich Hab' es Euch gesagt. Ich habe manches Jahr mit ihr verkehrt. Arme Madge! — Recht ist Recht. Sie war keine Here!" „Aber dieß war das einzige Mittel, es zu erfahren," sagte der bucklichte Kesselflicker; „und wenn sie keine Here war, warum sah sie wie Eine aus? Ich kann häßliche Leute nicht ausstehen!" Die Umstehenden schüttelten die Köpfe. Aber wie viel Reue sie auch fühlen mochten — sie wurden von dieser Empfindung abgezogen durch zweierlei Töne: — erstens ein lautes Hurrah von Einem vom Pöbel, der nach Plünderung begierig zurückgeblieben war, und jetzt aus Adams Hause hcraustrat, zwei Männern folgend, welche, unter Vortritt der entsetzlichen, vor ihnen her tanzenden, Bulrver'S Romane. LVlll 2 18 und ihr Tamburin hoch in den Lüsten schwingenden Graul, im Triumph daS erbeutete Heureka trugen; nnd zweitens: das Schmettern eines HorneS in der Ferne, während die Straße entlang eine stattliche Truppe — zu Roß und zu Fuß, mit Piken und Bannern, — dahinzog. Der Lord Hastings in Person führte einen königlichen Heerhaufen in einem Nachtmarsch gegen eine neue Erhebung der Rebellen, nicht zehn Meilen von der Hauptstadt, unter Sir Geoffrep Gates, welcher kürzlich von Lord Howard zu Southampton zur Hast gebracht worden — entkommen war — einen unordentlichen Haufen solcher unruhigen Leute gesammelt hatte, welche immer bereit sind, an jeder bürgerlichen Bewegung Theil zu nehmen, und jetzt London selbst bedrohte. Beim Schall des HorneS stob der tapfere Pöbel nach allen Richtungen aus einander; denn auch in jenen Tagen hatten Pöbelhaufen einen Instinkt deS Schreckens beim Anrücken der militärischen Macht, und war einem rasche» Uebergang von frevelhafter Ungebühr zur Furcht vor der Vergeltung ausgesetzt. Aber beim Klang der kriegerischen Musik ließen die Tamburinschlägerinnen ihre eignen Instrumente verstummen, und statt zu fliehen, drängten sie sich durch den Pöbelhaufe», um einander aufjusnchsn und sich gleichsam zu einer Berathung zu vereinigen. Graul, nach Master Sancrofts Gasthaus deutend, flüsterte den Trägern des Heureka zu, dort für den Augenblick eine Zuflucht zu suchen, und mit Tagesanbruch ihre Trophäe zu dem Mönch Bungep im Tower zu tragen; und dann, leicht und gewandt 19 durch die flüchtigen Lärmmacher dahin schlüpfend, sprang sie mitten in den von ihren Genossinnen gebildeten Kreis hinein. „Ihr wittert die kommende Schlacht!" sagte die Anführerin. .,2a! ja! ja!" antworteten ihre Schwestern. „Aber wir haben seit Mittag schon viele Meilen gemacht — ich bin müde und schwach!" sagte Eine von ihnen. Die rothe Grisell, die Jüngste von der Bande, versetzte ihrer Genossin einen Backenstreich: „Müde und schwach, Trutschel, wenn die Lust Witterung von Blut und Beute uns zuführt!" Die Tamburtnschtägerinne» lächelten grimmig ihre junge Schwester an; aberdieFührertn flüsterte: „Still!" Und jetzt standen sie ein paar Sekunden da mit gestreckten Hälsen - - mit gedehnten NaSlöchern — mit angehalte- nem Athem — horchend auf den Ton des HorneS, die Hufschläge und das Klirren der Waffen — menschliche Geier, im Voraus schwelgend im Fest des Gemetzels : dann, gehorsam einem Zeichen ihres Oberhaupts, schlichen sie leise und rasch in die Mündung eines benachbarten GäßchenS, wo sie sich, von den schmutzigen Hütten ver- ' steckt, niederkauerten. Die Truppe zog vorbei — eine tapfere, geschloffene Schaar — zu Noß und zu Fuß etwa fünfzehnhundert Mann. Als fl« durch die Straße gezogen waren, und die Schritte der letzten Soldaten dumpf erdröhnten auf dem sternhellen Grund, stahlen sich die Weiber aus ihrem Versteck hervor, und folgten in einer Gnt- 2 * 20 sernung von wenigen Minuten dein Zuge? mit langen, leisen, verstohlenen Schritten, — wie die gemeineren Thiere, mit dem Instinkte des schlauen Hungers, dem Löwen folgen, begierig nach dem Abfall seiner Beute, Fünftes Kapitel. Die Flüchtlinge werden gefangen, — Die Tambnrinschlägerinnc» erscheinen wieder, Mondschein über der lärmenden Lust der Lebenden — Mondschein über dem Schlummer der Tobten, Vater und Kind wählten ihren Ruheplatz unter der riesenhaften Eiche, Sie wußten nicht, wo sie eine Zuflucht suchen sollten — Tag und Nacht waren für sie gleich gefährlich geworden — die Nacht bedrohte sic ruit Räubern, der Tag mit Pöbelrotten. Wenn ihnen die Rückkehr in ihre ^,cimath verwehrt war — wo in der weiten Welt sollte dann der Weltverbesserer - - was er in seinen Träumen war — ein Obdach finden? Doch verzweifelten sie nicht, das Herz entsank ihnen nicht. Die majestätische Herrlichkeit der Nacht, wie sie in ihrer feierlichen Ruhe immer tiefer einbrach, wie die Schatten der von keinem Wind bewegten Bäume großer uud schärfer auf dicstlber- bcftrcute Erde sich breiteten, wie die Wolken weicher und lichter wurden bei dem wachsenden Sternenlicht, flößte ihnen die Heiterkeit des Glaubens ins Herz — denn die Nacht öffnet der ernsten Seele das große, heilige Buch des Weltalls, und ans den Blättern des Himmels steht geschrieben: „Gott ist überall!" rs Ihre Hände waren in einander gefaltet, — ihre Gesichter waren himmelwärts gerichtet; sie sprachen nicht, auch waren sie sich nicht bewußt, daß sic beteten, aber ihr Schweigen war Denken, und ihr Denken war Erhebung zu Gott. Mitten im Kummer und in der Einsamkeit derer, die reines Herzens find, tritt manchmal eine plötzliche, wunderbare Heiterkeit ei»— ein Schlafwachen — wo der Instinkt des Lebens jenseits des Grabes wie ein geräuschloser Traum dis Seele beschleicht; und immer ist der Himmel, »ach welchem die Seele sich sehnt, gefärbt von den Phantasien des zärtlichen, menschlichen Herzens, und Jedes gestaltet sich das höhere Jenseits nach den hienie- den ungestillt gebliebenen Wünschen. „Dort," dachte das nachfinnende Mädchen, „wird Grausamkeit und Kampf aufhören, dort 'werden die schroffen Ungleichheiten des Lebens verschwinden, — dort finde» wir, die wir geliebt und verloren haben, und durch den Sohn, der irdische Leiden kostete, werden wir erhöht zur Heimath des ewigen Vaters!" „Und dort," dachte der hoch strebende Weise, „stürmt der Geist» hienieden eiugekeikert und gefesselt, frei in die Reiche des unendlichen Raumes — dort fäll! von jedem Geheimniß der Schleier — dort lächelt der Allwissende denjenigen zu, welche durch das Dunkel des Lebens, das Grab, diese Lampe, die Seele, genährt haben — dort entfaltet sich der Gedanke, auf Erden nur Saamen, zur Blüthe und reift zur Frucht!" 33 Und auf die Hoffnungen des Mädchens und des Weisen lächelten die Augen der Engelsterne mit gleicher Verheißung herunter. Endlich schliefen unvermerkt, während sie noch so nachsannen, so daß der Schlummer nur eine Fortsetzung der wachen Träumerei in Visionen war, Vater und Tochter ein. Die Nacht verstrich; der Morgen graute allmälig; die Geweihe des Hirsches erhoben sich über dem Farnkraut ; der Gesang der Nachtigallen verstummte; und als eben der Morgenstern erbleichend versank, während die Röthe im Osten die Sonne verkündigte, und Mühe und Arbeit wieder die Herrschaft des Tages übernah men, machte eine wilde Bande Halt vor den schlummernden Gestalten. Diese Männer waren Lancastrische Soldaten gewesen, und hatten, Raub und Plünderung als Gewerbe zum Lebensunterhalt treibend, unter Sir Geoffrey Gates, den kriegerischsten Theil der wilden, unordentlichen Streitmacht gebildet, welche Hilyard und ConierS nach Olney geführt hatten. Sie hatten von dem neuen Ausbruch gehört, an dessen Spitze ihr alter Hauptmann, Sir Geoffrey, stand, (yon dem man vermuthete, daß er zu dieser Empörung durch das Gold und die Versprechungen der Lanca- strischcn Häuptlinge gereizt worden.) und waren auf dem Wege sich den Rebellen anzuschließen; aber da Krieg für sie nur der Name und Vorwand für Rauben und Beute- machen war, regte sich in ihnen der gewohnte Instinkt des L3 Raubes, als sie des alten Mannes und des schönen Mädchens ansichtig wurden. Adam und seine Tochter trugen unglücklicherweise Beide die Kleider, in welchen sie den Hof verlassen hatten, und zumal Sybillens Tracht war von der Art, daß sic einen gewissen Rang und Stand zu verrathen schien. „Wacht auf — ermuntert Euch!" schrie der Hauptmann der Bande, derb den Arm schüttelnd, welcher Sybillens schlanken Leib umschlungen hielt. Adam fuhr auf, öffnete die Augen, und sah sich von Gestalten in rostigen Rüstungen umgeben, deren wilde Gesichter nnter ihren Stahlhauben hcrvorlugten. „Wie kamt Ihr hiehcr? Diese Eiche läßt seltsame Eicheln fallen!" sagte der Anführer. „Tapfrer Sir!" antwortete Adam noch sitzend, und instinktmäßig seinen Rock über Sybillens Antlitz ziehend, welche sich in einem so tiefen und schweren Schlaf, daß die grobe, laute Stimme sie nicht geweckt hatte, an seine Brust schmiegte; — „Tapferer Sir! wir sind verlassene, heimathlose Leute — ein alter Mann und ein unerfahrenes Mädchen. Bösgeflnnte Menschen sind in unser Haus eiugebrochcn — wir stohen in der Nacht — und —" „In Euer Haus eingebrochen! ha, cs ist klar," sagte der Anführer. „Wir wissen das klebrige." In diesem Augenblick erwachte Sybille; sie sprang in der Bestürzung und im Staunen bei dem Schauspiel, auf da- ihr Blick beim Erwachen fiel, auf, und ihre außer- S4 ordentliche Schönheit machte einen merklichen Eindruck auf die Bravo'S. „Erschreckt nicht, junges Fräulein," sagte der Hauptmann mit beinahe ehrfurchtsvoller Miene — „ES ist erforderlich, daß Ihr und Sir John uns folgt, aber wir werden Euch gut behandeln, und später über dc» Lösegeld uns berathen, das Ihr uns zahlen sollt. Jack, ladet das junge Saummaulthier ab: legt seine Bürde dem schwarzen auf. Wir haben kein besseres Reitthier für Dich Lady — aber der erste Klepper den wir finden, soll das Maulthier ersetzen, und inzwischen sollen meine Leute ihre Mäntel Dir als Neitkiffe» unterlegen." „Aber was meint Ihr denn? Ihr täuscht Euch in uns!" rief Sybille. „Wir sind arm ; wir können uns nicht auslösen." „Arm! Pah!" sagte der Hanptmann, bedeutungsvoll ans das kostbare Kleid des Mädchens deutend, „zudem ist Seiner Gestrengen Reichthum wohl bekannt. Steigt schnell auf; wir haben Eile!" Und ohne die Vorstellungen Sybillens und des armen Gelehrten zu beachten, setzte der Rebell seine Truppe in Bewegung, selbst , mit seinem Lieutenant, an ihrer Spitze marschirend. Sybille fand die Untergebenen herber als den Anführer, denn als Warner Widerstand zu leisten Miene machte, hob Einer seine Partisane auf mit einem fürchterlichen Fluch, und Sybille selbst beeilte sich jetzt ihren Vater zu bereden, sich zu ergeben. Sie lehnte jedoch mild 2S das Maulthier ab, und die zwei Gefangnen schritten mit« einander inmitten der Truppe dahin. „Pardie!" sagte der Lieutenant, „ich sehe nicht ein, waS diese Rekruten dem Sir Geoffrey Viel helfen sollten, Kapitän!" „Thor!" sagte der Hauptmann in verachtendem Tone — „wenn die Rebellion fehlschlägt, können diese Gefangenen uns den Kopf retten. Will SomerS wollte letzte Nacht in das Hans von Sir John Bourchier einbrechen, um Waffe» und Geld zu erbeuten, wovon der Ritter einen guten Vorrath hat. Glaubt mir, Sir John machte sich bei dem Angriff auf sein Haus davon, und die beiden Gefangenen sind er und seine Tochter. Du weißt» er ist Einer von de» größten und reichsten Rittern, deren sich die Vork'sche Partei rühmt, — und wir können jeden Preis für ihre Befreiung festsetzen.« „Aber wo sie untcrbringen, während wir in die Schlacht rücken?« „Red Porpustone hat eine Herberge nicht weit vom Lager entfernt, und Ned ist ein guter Lancastrier und ein zuverläßiger Mann.« „Wir haben die Gefangene» nicht durchsucht,« sagte der Lieutenant; — „sie haben vielleicht Gold in ihren Taschen." „Wahrhaftig, wenn Will SomerS einen Bienenkorb stürmt, läßt er den Bienen wenig Zeit, mit viel Honig davonzufliegen! Jedennoch magst Du den alten Ritter L6 durchsuchen, aber artig und mit ordentlichen Entschuldigungen." „Und das Jüngferchen?" „Nein, das wäre unmanierlich, und je milder unser Benehmen, desto größer das Lösegeld, — wenn wir «S mit vornehmen Leuten zu thun haben." Demzufolge blieb der Lieutenant zurück, um Adams Tasche zu durchsuchen, welche nur ein Buch und eine Feile enthielt, und begab sich dann wieder zn seinem Kapitän, ohne Sybillen zu belästigen. Der Zrrthum, in welchen der Bravo verfiel, war insofern wenigstens nicht ganz ohne Bortheil, als der Wahn von der Vornehmheit der Gefangenen — denn Sir John Bourchier war wirklich ein Mann von ansehnlicher Bedeutung und Würde, — ein Wahn, der wohl genährt werden konnte durch die edle Erscheinung des Gelehrten, ,und das zarte und vornehme Wesen Sybillens, ihnen eine Behandlung zuwege brachte, so achtungsvoll als nur immer mit den Umständen vereinbar war. Sie waren nicht weit gezogen, als fie in ein Dorf kamen, durch welches die Spitzbuben mit der vollkommensten Straflosigkeit mar- schirten; denn es war eine charakteristische Eigenthümlich- keit jener Bürgerkriege, daß die Masse der Bevölkerung, ausgenommen die nördlichen Bezirke, ganz passt« und neutral blieb; und als die Bande in einer kleinen Herberge Halt machte, um zu trinken, versammelten sich die müssi- gen Leute des Ortes um sie mit derselben indolenten, sorglosen Neugier, die sich heutzutage in manchem Flecken L7 Sund gibt, wenn die Pofitutsche anhält, Hier erfuhr jedoch der Kapitän eine für seine Absichten wichtige Nachricht, nämlich den nächtlichen Marsch der Truppen unter Lord Hastings, und die Wahrscheinlichkeit, daß der Kampf schon begonnen habe. „Wenn dieß ist," murmelte der Rebell vor stch hin, „so können wir erst zusehen, wie da» KriegSglück sich entscheidet, ehe wir uns in Gefahr begeben; und im schlimmsten Fall werden uns unsere Gefangenen schon einiges Priseugeld einbringcn." Während dieses Selbstgesprächs hatte er eines jener schwerfälligen Fuhrwerke jener Zeit, Whirlicote genannt, erspäht, das im Hofe des Gasthauses stand; er bemächtigte stch desselben, vi Sturmis, trotz alles Ge- schrei'S und aller Vorstellungen des unglücklichen Wirthes, befahl seinen Gefangenen einzusteigen, und trat wieder seinen Marsch an. Wie die Bande weiter zog, stieße» frische Truppen zu ihnen, von derselben Art wie sie selbst, und sie rückten fröhlich vorwärts, bis sie, etwa um acht Uhr, Halt machten vor dem Gasthaus, von welchem der Kapitän gesprochen hatte. Es stand ein wenig abseits von der Heerstraße, nicht sehr weit entfernt von dem Dorfe Hadley, und der Heide oder dem Jagdrevier GladSmoor, wo einige Zeit nachher die Schlacht von Barnet geschlagen wurde. GS war ein Haus von gutem Aussehen und .ansehnlicher Größe, denn es war viel besucht von allen Karawanen und Reisenden aus dem Norden nach der Hauptstadt. Der Wirth, im Herzen ein zäher Lancastrier, der in den französischen Kriegen gedient, und ihr Verlauf 28 eine« abenteuerlicken Lebens sick, Niemand wußte wie, zieinlick Geld zu machen gewußt hatte, gab seinem Gasthof den Namen und das Zeichen: der Talbot, zum Ge- dächtniß des alten Helden des Namens; und eine Strecke Landes pachtend, verband er den Beruf des Pächters mit der Würde des Gastgebers. Das Haus, ein Viereck bildend, mit einem geräumigen Hof in der Milte, stellte den gedoppelten Charakter seines EigenlhümerS dar; die eine Seite war eingenommen von Scheunen und einer beträchtlichen Reihe von Ställen, während Kühe, Ochsen und struppige Füllen in einem eingezäunten Raume in der Milte des Hofes friedlich zusammen gruppirt waren. Auf der andern Seite lief eine große hölzerne Treppe, mit einem offenen Gang, auf hölzernen Säulen ruhend, welcher zu zahlreichen Gemächern führte, nach der Einrichtung des durch Chaucer unsterblich gewordenen Tabard in Southivark. lieber dem gewölbten Eingang lief ein Labyrinth von Schlaflöchern hin, für Fußreisende und Maullhiertreiber, und die Seite dem Eingang gegenüber war beinahe ganz eingenommen von der gewaltigen Küche, dem allgemeinen WiithSzimmcr und der Schenkstube, nebst dem eigenen Zimmer des WirthS, und zwei oder drei Zimmern im zweiten Stock. Der Whirlicote raffelte und rumpelte in den Hof. Sybille und ihr Vater wurden aus dem Wagen befördert, und nach einigen miß dem Wirlhe gewechselten Worten von Meister Porpustone selbst die geräumigen Treppen hinauf in ein gut möblirte» und frisch mit Binsen bestreutes Zimmer geführt, unter LS wiederholten Versicherungen, daß sie Nichts zu fürchten hätten, falls sie sich nur still verhielten und keinen Versuch zur Flucht machten. „Ihr kommt zu rechter Zeit," sagte Ned Porpustone zu dem Kapitän — „Lord Hastings erließ mit Tagesanbruch eine Proklamation, er lasse den Rebellen zwei Stunden Zeit, sich zu zerstreuen." „Pest! Ich habe keine Freude an solchen Proklamationen. Und die Bursche behaupteten ihren Grund und ihre Stellung?" „Nein; denn Sir Geoffrey, als sin kluger Soldat, verbesserte seine Stellung, indem er sich eine Meile weiter links zurückzog, und den Wald zwischen sich und die Dorischen nahm. Hastings muß inzwischen seine ^Leute wieder ausgestellt haben, Aber durch den Wald zu marschiren ist kein förderndes Stück Arbeit, nnd Sir Geoffrey'S Armbrustschützen thun ihm ohne Zweifel Schaden im Dickicht. Kommt herein, während Eure Bursche draußen einen Bissen verschlingen; sie können wohl fünf Minuten brauchen, ihre Bäuche zu füllen." „Dank, Ned — Du bist ein guter Kerl! und wenn sonst Alles fchlschlägt, ha so soll Sir Johns Lösegeld die Zeche bezahlen. Neues vom kecken Nobiu?" „Ja, er ist mik heiler Haut enikommen und in den Norden zurück," antwortete der Wirth, in sein Stübchen voranschreitend, wo eine Flasche starken Weins und kalte Fleischspeisen seinen Gast erwarteten. „Wenn es dem Sir Geoffrey Gates gelingt, die Dorkschen Truppen zu 30 schlagen, so sagt ihm von mir, er solle sich nicht nach London wagen, sondern sich nach den Grenzlanden zurückzie- hen. Er wird dort willkommen seyn, vermuthe ich; denn alle Männer im Norden sind entweder für Warwick oder für Lancaster; und die Beiden müssen sich jetzt verbünden, so hoffe ich/' „Aber Warwick ist entflohen!" sagte der Kapitän. „Pah! er ist nur, entflohen, wie der Falke flieht, wenn er auf Kampf mit einem Reiher sinnt — kreisend und steigend. Wehe dem Reiher, wenn der Falke herabschießt! Aber Ihr trinkt nicht!" „Nein; ich muß mir heute den Kopf kalt halte». Denn Hastings ist ein gefährlicher Anführer. Deine Faust, Freund! — Wenn ich falle, lasse ich Euch Sir John und sein Mädchen, zur Tilgung aller Zechen; wenn wir die Uort'schen schlagen, gelobe ich unsrer lieben Frauen von Walstngham ein Bild von Wachs, so schwer wie ich selbst." Dann sprang der Marodeur auf, und schritt zu seinen Leuten, welche auf dem Platz vor dem Gasthaus ein hastiges Mahl einnahmen. Ec blieb einen Augenblick oder zwei stehen, während der Wirth flüsterte: „Hastings ist vor Tagesanbruch hier gewesen; aber ieine Leute bekamen nur das saure Bier; die Eurigen haben sich zum Gefecht mit einem gestärkt, das den Deckel lüpft!" „Auf, Ihr Leuie! — Zu Euer» Piken. — Rechts richt't Euch !" donnerte der Kapitän, mit gehörigen Pausen zwischen jedem Befehlswort. „Die Lumpen von 31 Dort find mit abgestandenem Bier abgespeist worden — sollen fie über schäumendes Bier und Lancaster siegen? Frisch drauf und dran — ans mit dem Antilopen-Banner,' und lang lebe Heinrich der Sechste!" Das laute Gebrülle, welches diese Anrede beantwortete, erschütterte die dünnen Wände des Zimmers, in welchem die Gefangenen eingesperrt waren, und fie hörten mit Freude die stampfenden Schritte der abziehenden Soldaten. Nach kurzer Zeit stieg Master Porpustone selbst, ein wohlbeleibter, vierschrötiger Mann, mit einem keineswegs uneinnehmenden Gesicht, in das Zimmer hinauf, begleitet von einer hübschen Haushälterin, die, wie die böse Welt sagte, ihm durch minder lästige Bande als die Hymens verbunden war, und Beide trugen reichliche Mundvorräthe, eine tüchtige Pastete und Hellen Claret, die fie mit großer Förmlichkeit auf einem Eichentisch vor ihren Gästen wider Willen aufstellten. „Eßt, Euer Gestrenger, eßt!" rief der Wirth herzlich. „Eßt, Jungfräulein! — Nichts über das Esse», um die Zeit zu tödten und die Sorge zu verscheuchen! Kriegsgeschick — SirJohn — Kriegsgeschick — laßt Euch nicht Niederschlagen! Heute oben — morgen unten. — Nork oder Lancaster — komme was da mag — ein reicher Mann kommt immer auf die Beine zu stehen. Fünfhundert Mark oder so dem Kapitän; ein paar Nobel, aus purer * Die Antilope war eines der Lancastrischen Abzeichen. Das besondere Wappen Heinrichs VI. waren zwei Federn kreuz- weis ffeieqt. 32 Großmuth, dem Ned Pvrpustone (ich verachte Erpressungen), und Ihr und die schöne junge Dame könnt morgen zu Hause frühstücken, wenn nicht der Kapitän oder sein Licblingslieutenant gefangen werden; und dann, seht Ihr, werden fie ihren Hals damit loskaufcn, daß sie Euch au» dem Sack lassen. Eßt. sag' ich, eßt!" „Wahrhaftig!" sagte Adam, sich feierlich setzend, und sich anschickcnd, der Aufforderung nachzukommen, „ich gestehe, ich bin sehr hungrig, und die Pastete hat einen einladenden Geruch; aber ich bitte Dich, mir zu sagen, warum ich Sir John genannt werde? — Adam ist mein Taufname." „Ha, Ha! gut — sehr gut, Euer Ehren — wahrhaftig, und GuerS Vaters Name vor Euch. Wir sind Alle AdamS Söhne, und jeder Sohn, glaub' ich, hat ein gutes und gesetzliches Recht auf seines Vaters Namen." Damit wälzte der ehrliche Wirth, von seiner Haushälterin gefolgt, herzlich lachend seine Körpermaße aus dem Zimmer, das er sorgfältig verschloß. „Begreifst Du jetzt Etwas, Sybille?" „Ja, lieber Herr und Vater — sie halten uns für Flüchtlinge von Rang und Bedeutung; und wenn fie ihren Jrrthum entdecken, werden wir ohne Zweifel frei auSgehen. Muth, lieber Vater!" „Mich dünkt," sagte Adam beinahe lustig, indem sich der gute Mann seinen Becher aus der Weinstasche füllte, „mich dünkt, wenn der Jrrthum länger dauerte, es wäre kein so schweres Mißgeschick — ha, ha!" — plötzlich stockte er in den, ungewohnten Gelächter, setzte den Becher nieder, und sein Gesicht verwandelte sich. „Ach, verzeihe mir der Himmel! — und das arme Heureka und die treue Madge!" „Oh, Vater! seyd unbesorgt; wir sind nicht ohne Schutz. Lord Hastings ist nach London zurückgekehrt — ihn wollen wir aufsuche»; er wird machen, daß unsre grausamen Nachbarn Dir mit Achtung begegnen. Und Madge — die arme Madge wird so glücklich seyn, wenn wir zurückkommen; denn ihr konnten sie doch kein Leid thun — einem Weib — alt und allein ; nein, nein, dazu ist der Mensch nicht roh genug!." „Laß uns darum beten; aber Du ißst nicht, Kind." „Gleich, Vater — gleich; ich bin unwohl und müde. Doch nein, nein — ich fühle mich jetzt besser — besser. Lächle wieder, Vater. Auch ich bin hungrig; ja, gewiß und wahrhaftig, ja. — Ach, hold«, heilige Maria, gib mir Leben und Kraft, und Hoffnung und Geduld um seinetwillen!" Die aufregenden Ereignisse, welche binnen der letzten paar Wochen das ruhige Leben des Gelehrten unterbrochen hatten, hatten ihn einigermaßen aus seiner gewohnten Zerstreutheit aufgerüttelt, und ihm die wirkliche Welt zu etwas mehr Lebendigem und Handgreiflichem gemacht, als sie bisher seinem Geist gewesen war; aber jetzt, als seine Mahlzeit beendet war, wirkte die Stille des Ortes, (denn die Herberge war still und beinahe verlassen,) nebst den Dünsten des Weines — «in LuruS, der Bnlwer's Romane, LVIIll. Z 34 ihm selten zu Theil wurde, beruhigend auf seine Gedanken und Phantasie, und versenkte ihn in jene Träumereien, welche dem Poeten und dem Mathematiker gleich angenehm sind. Die Sonnenstäubchen, die in einer schimmernden Säule durch das Fenster hsreinffelen, riefen Warner ab von dem wirklichen Tag — dem Tage de» Kampfs und Blutvergießens, wo Tausende ganz in der Nähe einander in den Hades trieben — und führten seine brütende Phantasie in den idealen Tag des Gedankens — auf die Theorie des Lichts selbst; und die Theorie erinnerte ihn an die Mechanik, und die Mechanik rief in ihm wach den Gedanken an sein Orakel — den alten Roger Bacon; und diese Erinnerung belebte in ihm des großen Mönchs Winke in seinem tiefsinnigen Werk; Winke, welche die große Erfindung des Teleskops andeuteten; und so, wie über einem schaurigen Abgrund ein Vogel sich hin und her schaukelt auf dem luftigen Zweig, spielte der Geist des Gelehrten mit seinem schwanken Phantasiebild, und faltete seine ruhigen Flügel am Rande des Schreckens. Mit ihren eigenen Träumen beschäftigt, ließ Sybille die ihres Vaters ungestört gewähren; und so verstrich in einem nicht eigentlich traurigen Schweigen der Morgen und der Mittag, und die Sonne senkte sich nach Westen, als ein verworrener Ton unten Sybillens Blick nach dem Fenster zog, welches über die Balustrade der Treppe in den großen Hof ging. Sie sah mehrere Bewaffnete, mit zerhauenen und zertrümmerten Harnischen, in Eile Ale 35 ober Wein trinken, und hörte Einen von ihnen zu dein Wirthc sagen: „Alles ist verloren! Sir Geoffrey Gates hält noch Stand; aber es ist nur Schlächterarbeit. Die Truppen von Lord Hastings umziehen ihn, wie das Netz den Fisch!" Hastings! — Dieser Name! — Er war in der Nähe! — Er war auf dem Platz ! Sie mußten gerettet werden! Sybillens Herz schlug laut. „Und der Kapitän?" fragte Porpustone. „Lebte, als ich ihn zuletzt sah: aber wir müssen uns davon machen. Nach einer Stunde wird Alles Drang und Verwirrung, Flucht und Verfolgung seyn." In diesem Augenblick kamen aus einer der Scheunen nach einander die weiblichen Geier der Schlacht hervor. Die Tamburiuschlägerinnen, welche die ganze Nacht hindurch dem Platz zugeeilt waren, hatten den Tag über ihre Ermüdung ausgeschlafen und zeigten sich jetzt ans der Bühne, als der Kampf in der Nähe ermattete, und die Tobten und Sterbenden den blutigen Grund zu bedecken ansingen. Graul Skellet, ihr Tamburin schwingend, rannte hin zu den Flüchtigen, und grinste mit einem entsetzlichen Lächeln, als sie die Neuigkeiten hörte — denn die Tamburiuschlägerinnen waren ganz Loyalität für einen König, der di« Weiber liebte, und sür jede Dirne, die ihm begegnete, einen Wink und einen Scherz hatte! Die Soldaten jedoch hielten sich nicht mit längerem Geplauder auf, sondern eilten, nachdem sie ihren Durst gelöscht, klirrend aus dem Hofe fort. Beim Anblick der Tambn- 3 * 36 rinmädchen hatte Sybille sich zurückgezogen, ohne daß sie mehr das Fenster, das sie geöffnet, zu schließen Wagte, und die Weiber, sich auf eine Bank setzend, begannen ihre langen Haare zu schlichten, und ihre Kleider von den Spuren von Stroh und Wust zu säubern, welche die Beschaffenheit ihres Lagerorts errathen ließen, „Ho, Mädchen!" sagte der feite Wirth, „Ihr werdet mich, hoffe ich, für Kost und Beit bezahlen, indem Ihr mir Eure Geschicklichkeit zeigt. Ich habe dort oben zwei recht achtbare Gäste, deren Fenster auf den Hof geht, und zu deren Ergotzlichkeit Ihr beitragen könnt," Sybille zitterte und schmiegte sich an ihres Vaters Seile, „Und," fuhr dcrWirth fort, „wenn ihnen das Dröhnen Eurer Instrumente gefällt, so kann es Euch einen Groschen oder Mehr einbringen, zur Unterstützung für unterwegs. Beiläufig — wohin wollt Ihr Dirnen?" „Zu einem prächtigen lustigen Jahrmarkt," antwortete die unheimliche Stimme der Graul: .Wo ein mächtiger Gaukler färbt Grünen Rasen roth; Wo schnell, auf ein Wort, sein Narr Da liegt, kopflos, tobt; Wo den Schwarm er lockt herbei Zu Trompeten und Trommeln, Dahin, mit Geklingel und Sprung, Graul's lustige Mädchen kommen!" Wie die zwei Schlußzeilen von den übrigen Tamburinschlägerinnen, unter dem Rühren ihrer Instrumente, mit- 37 gesungen wurden, bildete die Rotte einen Halbkreis und begann ihren Tanz. Ihre Bewegungen, obwohl üppig und fantastisch, waren nicht ohne eine gewisse wilde Grazie, und die Gewandtheit, womit sie von Zeit zu Zeit ihre Instrumente empor warfen, und die herabfallenden auffingen, verbunden mit der erstaunlichen Beweglichkeit, womit in den Verschlingungen des Tanzes die Eine jetzt die Andere zu verfolgen, jetzt vor ihr zu fliehen schien, indem sie sich windend und kreisend, durch die Reihen der Genossinnen blitzschnell hin und her schoßen, so daß bald die Kette in Unordnung aufgelöst schien, bald wieder Glied an Glied sich zusammenschloß, während die ganze Gewalt der Instrumente zum donnernden Chorus einficl — dieß Alles bildete ein für den gemeinen Mann unsäglich anziehendes Schauspiel. Sybille jedoch und Warner ließen sich, wie man sich leicht denken kann, von den Künsten der-Tambnrinschlä- gerinnen nicht ans Fenster locken; und diese wechselten Blicke des Verdrusses und der getäuschten Erwartung. „Wahrhaftig," sagte der Wirth, nach einem herzlichen Lachen über die Kurzweil, „ich thue Unrecht, so lustig zu seyn, während so viele gute Freunde vielleicht starr und kalt da liegen. Aber was ist's? Das Leben ist kurz! Lachen wir, so lang wir können!" „Still!" flüsterte seine Haushälterin, „bist du toll, Ned? Willst du entdecken lassen, daß Du so vornehme Vögel im Käfig Haft — edle Völkische — gerade während 38 Lord Hastings selbst vielleicht siegreich des Weges daher reitet?" „Hast immer Recht, Meg — und ich bin ein Esel!" antwortete der Wirth in demselben leisen Ton. „Aber meine Gutmüthigkeit wird noch einmal mein Tod seyn. Die armen, vornehmen Leute, sie muffen verdammt Langeweile haben dort oben?" „Wenn die Völkischen hicher kommen — was wir bald durch die Spione erfahren werden, müssen wir Sir John und das Fräulein in die Hinterseitc des HauseS schaffen, über deinem Schcnkzimmer." „Nicht' es ein wie Du willst, Meg — aber Du stehst, sie halten sich ruhig und stille. Ho, ho, ho! Diese große Tamburinschlägerin ist so geschmeidig, daß sich eine alte Eule vor Lachen über sic die Seiten halten muß! Ha, holiah! dort, Tamburinmädchen, rilinuitos, Dirnen, Teufelsbraten — herunter, herunter!" Der Wirth kam zu spät mit seinem Gebot. Mit einem plötzlichen Sprung hatte Graul, welche schon lang ihr Auge auf das offene Fenster der Gefangenen geheftet hatte, sich um eins der hölzernen Säulen geklammert, welche die Treppen stützten, sich leicht über die Balustrade geschwungen, und mit einem leisen Schrei sah die erschrockene Sybille des Weibes harte, trotzige Augen durch das Fenster sie anstarren, während ihr langer Arm das Tamburin, eine Gabe heischend, ausstreckte. Aber sobald Sybille den Kopf erhoben hatte, ward sie auch erkannt. „Ho! der Zauberer und des Zauberers Tochter! Ho, 39 das Mädchen, das Lords behext, und Seide und Spitzen trägt! Ho, der Schwarzkünstler, der die Armen Hungers sterben macht!" Auf dieses Geschrei ihrer Anführerin sprangen und klimmten die höllischen Schwestern hinauf! Eine nach der Anderen stürzten sie sich durch das Fenster in das Zimmer. „Die Menscher! Der böse Feind hat sie besessen!" stöhnte der Wirth, regungslos vor Bestürzung. Aber die beweglichere Meg, die Knechte und Bursche, welche sich um die Dirnen im Hofe versammelt hatten, auffordernd ihr zu folgen, sprang die Treppen hinauf, riegelte die Thüre auf, und kam gerade noch zu rechter Zeit, um sich zwischen die Gefangnen und die Harpyien zu Wersen, welche Sybillens kostbares Oberkleid und Adams schöner Rock zur wüthenden Raubgier entflammt hatte. „Was habt Ihr im Sinne, Ihr Lumpendirnen!" schrie die kecke Meg, purpurroth vor Zorn. „Kommt Ihr darum in ehrlicher Leute Herbergen, um ihre Gäste am Hellen Tag zu berauben — edle Gäste — Gäste von Rang! Oh, Sir John! Sir John! was werdet Ihr von uns denken?" „Oh, Sir John! Sir John!" stöhnte der Wirth, der jetzt auch seine schwerfällige Körpermaffe herauf geschleppt hatte. „Sie sollen gepeitscht werden, Sir John! Sie sollen in den Stock gelegt — sie sollen mit glühenden Eisen gebrannt werden — sie —" „Ha, ha!" unterbrach ihn die entsetzliche Graul, „Gäste von Rang — edle Gäste, glaubt Ihr! Adam Warner, der Zauberer, und seine Tochter, die wir in der vorigen Nacht aus ihrer Höhle getrieben haben, wie wir oft, meine Schwestern, oft und viel die Raiten aus dem Gebeinhaus und aus Hohlen verjagt haben." „Zauberer! Adam! BlutmeinesLebenS!" stammelte der Wirth. „Ist denn sein Name doch Adam?" „Mein Name ist Adam Warner," sagte der alte Mann mit Würde; „und kein Zauberer, ein bescheidener Gelehrter und ein armer Genlleman, der Niemand ein Leid gethan hat. Warum Ihr Weiber — )venn Ihr Weiber seyd — wollt Ihr »>ir und den Meinigen ein Leid thun?„ „Pfui — Zauberer!" erwiederte Graul, ihre Arme über einander schlagend. „Hast Du nicht Deine junge Brut dort aiiSgeschickt, um uns den Markt zu verderben mit ihrer Cither? Hast Du sie nicht die Zauberkünste gelehrt, von de» Edeln und Zungen Liebe zu gewinnen? Hei, wie zierlich die junge Here sich kleidet! Ha! Spitzen und Seide! und wir schauern vor Kälte und trocknen auS in der Hitze — und — herab mit Deiner Tunika, Schätzchen !" Und GraulS gierige Tatze hatte das Kleid gefaßt, als der Wirth mit seinem gewaltigen Arm sich darein legte und sie wegdrängte. „Sachte, mein Kätzchen, sachte! Räumt das Zimmer und Packt Euch fort!" „Nimm Du Dich in Acht, Mann! Wenn Du einen 41 Zauberer beherbergst gegen das Gesetz — einen Zauberer, den König Edward dem Volke preisgegeben hat — so steh zu Deinen Scheunen, fie sollen in Flammen anfgehen! steh zu Deinem Vieh —es soll siechen und Hinsterben! sieh zu Deinen Geheimnissen, sie sollen kund werden! Lanca- strier! Du sollst an den Galgen kommen! Wir gehen — wir gehen! Wir haben Freunde unter den gepanzerten Männern von Bork. Wir gehen — wir werden wiederkommen! Wehs Dir, wenn Du den Zauberer und die Succuba herbergst!" Damit schritt Graul langsam der Thüre zu- Wirth und Haushälterin, Diener, Knecht und Küchenjunge machten ihr erschrocken Platz; und immer, wie sie dahin schritt, hielt sie ihr Auge auf Sybille geheftet, bis ihre Schwestern, ihr der Reihe nach folgend, den häßlichen Anblick dem Auge entzogen; und Meg, ihr gaffendes Gefolge wegschickend, schloß jetzt die Thüre. Dann sahen Wirth und Haushälterin einander ernst an. Sybille lag 'in ihres Vaters Armen, schwer und krampfhaft athmend. Der Alte hatte sich schweigend über sic gebeugt. Meg zog ihren Gebieter beiseite. Ihr müßt diese Leute alsbald aus dem Hause loS.werden. Ich habe schon von den Tamburinschlägerinnen erzählen hören; sie sind fürchterlich in ihrem Haß und ihrer Bosheit. Jeder ist sich selbst der Nächste!" „Aber der arme alte Gentleman, so mild — und da« Mädchen so herzgewinnend!" 4L Die letzte Bemerkung behagte der hübschen Meg nicht allzusehr. Sie trat sogleich auf Adam zu und sagte kurz: „Master — ob Zaubrer oder nicht, das geht einen armen Wirth Nichts an, dessen Haus Jedermann offen steht — aber Ihr habt Essen und Wein gehabt — send so gut und bezahlt die Zeche, und Gott behüte Euch — es steht Euch frei, wegzugehen." „Wir können Euch bezahlen, Mistreß!" rief Sybille aufspringend. „Wir haben noch Geld. Hier — hier!" und sie holte aus ihrer Tasche die Goldstücke hervor, welche der armen Madge Vorsorge hineingesteckt und welche die Bravo'S zum Glück nicht geraubt hatten. Der Anblick des Goldes besänftigte einigermaßen die Haushälterin. „Lord Hastings ist mit uns bekannt," fuhr Sybille fort, als sie den Eindruck bemerkte, den ste gemacht hatte; „laßt uns hier bleiben, bis er dieses Weges kommt, und Ihr werdet Euch wohl belohnt sehen für Eure Güte." „Bei meiner Treue," sagte der Wirth, „Alles, was mein armes Haus enthält, steht Euch von Herzen zu Diensten, und was diese Tämburindirnen betrifft, so kümmre ich mich keinen Strohhalm um sie. Niemand kann sagen, Ned Porpustone sey ein schlimmer Mann, oder ungastlich. Wer ordentlich zahlen kann, der findet gewiß guten Wein und artige Behandlung im Talbot." Unter diesen und vielen ähnlichen Versicherungen, und Betheuerungen, welche die Haushälterin minder Herz- lich wiederholte, erbot sich der Wirih, sie in ein Gemach zu führen, das nicht solchen Beunruhigungen auSge- setzt sey; und nachdem er sie die Haupttreppe hinab, durch das Schenkzimmer, und dann eine schmale Treppenflucht hinauf geführt hatte, wies er ihnen ein Zimmer im Hinterhause an und zündete darin einen Wandleuchter an, denn eS war jetzt beinahe Dämmerung, Dann bestand er darauf, ihnen ein Abendessen besorgen zu wollen und verschwand mit seiner Gehülfin. Das würdige Paar war jetzt ganz desselben Sinnes; Gästen zu lieb, welche mit Lord Hastings bekannt waren, verlohnte es sich schon, den Drohungen der wilden Dirnen zu trotzen; zumal da Lord Hastings, wie es schien, so eben die Lancastrier geschlagen halte. Aber ach! während die geschäftige Meg eifrig den HippokraS besorgte, und der Ehrenmann von Wirth nach den duftigen Operationen der Küche sah, hörte man draußen einen fürchterlich tobenden Lärm. Eine Truppe Dörfischer Soldaten, welche die fliehenden Rebellen zerstreuten, stürmten unordentlich, in Hellen Haufen in das Haus und ergossen sich in die Küche, die abscheulichen Tamburinschlägerinnen mit sich führend, welche ihnen unterwegs begegnet waren. Unter diesen Soldaten befanden sich diejenigen, welche am Tag zuvor bei Meister San- croft versammelt gewesen, und sie waren sehr geneigt, die Sache ihrer grauenhaften Liebchen zu unterstützen, Lord Hastings selbst hatte sich für diese Nacht in ein Pächter- hauS zurückgezogen, das dem Schlachtfeld näher lag als 44 die Herberge; und da in jenen Zeiten die Kriegszucht nach einem Siege schlaff genug war, hatten die Soldaten ein Recht zu jeder Zügellosigkeit. Meister Porpustone sah sich ganz und gar der Willkür dieser ungestümen Gäste preiSgcgeben, welche die Erinnerung an das saure Bier am Morgen und der Graul Stellet Versicherungen: Master Porpustone sey ein bösgesinnter Lancastrier, noch wilder und tobender machten. Sie bemächtigten sich aller Mund- vorräthe im Hause, rissen das Fleisch vom Spieß, und verschlangen cS halb roh : sie ließen die Fässer aus den Boden auslaufen; und während sie soffen und flüchten, und das HauS mit dem Lärm einer loSgebrochnen Hölle erfüllten, führte Graul Skellct, immer noch von der Gier nach den kostbaren Kleidern Sybillens entzündet und gestachelt, ihre Genosstnnen die Treppe hinauf nach dem jetzt leeren Zimmer. Der Wirth bemerkte den beabsichtigten Einfall, wagte sich ihm jedoch nicht offen zu widcrsetzcn; aber da er in der That ein gutmülhiger Schelm war, und über- dieß schlimme Folgen für sich befürchtete, wenn Freunde von Lord Hastings in seinem Hause beraubt, mißhandelt, ja vielleicht gar ermordet würden, beschloß er, jedenfalls seinen Gästen zur Flucht behülflich zu seyn. Da er nun das Feld rein sah von den Tambnrinschlägerinnen, stahl er sich von der lärmenden, wüsten Scene weg, schlich die Hintertreppen hinauf, erreichte das Zimmer, in welches er zn gutem Glück noch seine verfolgten Gäste geflüchtet hatte, gab ihnen mit wenigen Worten zu erkennen, daß er nicht mehr im Stande sey, sie zu schützen, da die Weiber jetzt mit einer bewaffneten Macht zurückgekehrt sehen, die sie bei ihrer Bosheit unterstütze, führte sie ungefährdet zu einem großen Fenster, nur drei oder vier Fuß über dem Boden des einsamen Gartens, und hieß sie sich durch die Flucht retten. „Das Pächterhaus/' flüsterte er, „wo, wie sie sagen, Lord Hastings sich einquartirt hat, ist kaum anderthalb Meilen entfernt. Ihr geht durch das Gartenpförtchen hinaus, laßt die Gladsmoorehaide links liegen, schlagt den Pfad rechts ein, durch den Wald, und dann seht ihr bald das Dach zwischen den Apfelblüthen. Unsre liebe Frau beschütze Euch; und sprecht auch bei meinem Lord ein Wort zu Gunsten des armen Ned!" Kaum hatte er seine Gäste in den Garten hinuntersteigen sehen, als er in dem gegenüberliegenden Theile des Hauses das gellende Geschrei der Tamburinmädchen hörte, wie sie von Zimmer zu Zimmer rennend ihre Beute suchten. Er eilte, die Küche wieder zu erreichen; und im Augenblick darauf stürmten die Dirnen athcmloS und keuchend herein und fragten nach ihren Opfern. „Wahrhaftig ," sagte der Wirth mit der Selbstbeherrschung und Besonnenheit eines schlauen alten Soldaten— „meint Ihr, ich belaste mein HauS mit solchem Pack, nachdem hübsche Mädchen wie Ihr mir einen Wink gegeben, was für Leute es sehen? Kein Zauberer soll fortfliegen mit dem Zeichen des Talbot, wenn ich es hindern kann! Sie schlurften davon, kann ich Tuch ver- 46 sichern, und bestiegen nicht einmal ein Paar Besenstiele, die ich ihnen höflich anbot zu ihrem Nitt nach London." „Donner und Bombarden!" schrie ein Soldat, schon halb betrunken, Graul mit seinen eisernen Armen packend, „schlag Dir jetzt de» Beschwörer ans dem Kopf, und küß mich; Graul, küß mich!" Jetzt begann ein häßlicher Tumult; die Soldaten, dem Beispiel ihres Kameraden folgend, umarmten die grimmigen Dirnen, rissen und zerrten sie hin und her, einander aus den Händen und im Kreis herum, tanzten, jauchzten, sangen, brüllten, beim Lodern eines gewaltigen Feuers; manches wilde Gesicht, manche harte Hand, mit noch feuchtem Blute beschmiert, thcilte den Wangen und Kleidern dieser grausen Buhlerinnen die rothen Flecken mit, und die ganze Srene der ausgelassenen Lust wurde so unsäglich grauenhaft und entsetzlich, daß selbst der alte Wirth, zitternd »nd sich bekreuzend davon eilte — und so ging, schräg durch das Fenster scheinend und sein Silber auf diese fürchterliche Orgie streuend, der Mond auf! Aber als Erschöpfung und Trunkenheit das Ihrige gethan hatten, und die Soldaten Einer über den Andern auf den Boden, die Tische, die Bänke niedersanken, zum schweren Schlaf, der auf solch wüstes Gelage folgt, erhob sich plötzlich Graul unter den auSgestrcckt und ruhig da liegenden Gestalten ; und dann tauchten auch, schweigend wie Geister auf einem Kirchhof, ihre Schwestern von ihren Lagerstätten neben den Schläfern empor. DaS er- sierbende Licht des Feuers kämpfte nur schwach mit den 47 blaffen Strahlen des Mondes, und spielte fantastisch über die gleißenden Gewänder der Weiber hin. Einen Augenblick standen sie aufrecht, horchend da. Graul mit dem Finger auf dem Munde; dann schlüpften sie nach der Thüre, öffneten und schloßen sie wieder, rannten durch den Hof, und störten die dort schlafenden Thiere auf; der Wachthund bellte, zog sich aber, die Haare sträubend und die Zähne weisend, zurück, als die rothe Grisell, unerschrocken, ihr Messer zuckte, und Graul warf ihm ein rohes Stück Fleisch hin, um ihn zu schweigen. Sie drängten sich durch den offenen Eingang, gewannen das Freie draußen, und eilten nach dem Schlachtfeld. Mittlerweile befanden sich Sybille und ihr Vater noch unter dem Gewölbe des Himmels, und sie waren kaum erst über den Garten hinaus gekommen und hatten die Felder betreten, als sie Reiter in allen Richtungen hin und her jagen sahen: Sir Geoffrey Gates, der Anführer der Rebellen, war entkommen; ein Preis von dreihundert Mark war auf seinen Kopf gesetzt, und die Reiter setzten dem Flüchtigen nach. Die menschliche Gestalt selbst war für die gehetzten Ausgestoßenen ein Gegenstand des Schreckens und der Furcht geworden; sic krochen unter ein dichtes Gehege, bis die Reiter verschwunden waren, und setzten dann ihre Wanderung fort. Sie erreichten den Wald ; aber hier machten sie wieder Halt beim Ton von Stimmen, und zogen sich unter ein Dickicht von einigen verworrenen, niedergetretcnen Büschen zurück. Dießmal war eS nur ein Trupp Landlente, welche die Neugier gereizt 48 hatte, das Schlachtfeld zu sehen, und die jetzt nach Haus kehrten. Bauern und Soldaten — Beide waren Menschen, und mußten daher gemieden und geflohen werden von denjenigen, welche der Geist des Zeitalters selbst außer den schützenden Kreis des Gesetzes stellte. Endlich ließ auch diese Gesellschaft das Feld frei; und jetzt war es ganz Nacht. Sie verfolgten ihren Weg — sie kamen aus dem Wald hinaus — vor ihnen lag das Schlachtfeld; und ein tieferes Schweigen schien sich über die Welt zu senken! Die ersten Sterne waren aufgcgangen, aber der Mond noch nicht. Der Glanz der Rüstung von hinge- streckten Leibern, welche umsonst damit sich gewaffnct hatten, warf die friedlichen Strahlen zurück; da und dort flackerten Wachtfeuer, wo Schildwachen aufgestellt waren, aber sie waren zerstreut und fern. Die AuSgestoßenen machten Halt und schauderten, aber es schien kein harmloserer Weg ihnen offen zu stehen; und das Dach der Pächterswohnung lag friedvoll auf der entgegengesetzten Seite des Schlachtfeldes, zwischen den weißen Obstbaum- blüthen, die im Sternlicht noch weißer erschienen. Sie schritten weiter, Hand in Hand — die Todten waren am Ende doch noch weniger fürchterlich als die Lebendigen. Manchmal fiel ihnen ein drohendes, aufgcrichteteS Angesicht, von dem letzten, gewaltsamen Todeskampf verzerrt, die Augen aufgeriffcn und starr, mit seinem stieren Blick erschreckend auf; aber die Waffe war ohnmächtig in der steifen Hand, keine Drohung und Beschimpfung kam über die farblosen Lippen — die Verfolgung ruhte endlich im Schooße des Gemetzels! Sie waren bis in die Mitte des Feldes gekommen, als sie von einer Stelle, wo die Leichname am dichtesten aufeinandergehäust lagen, eine schwache Stimme Gott um Vergebung beten hörten; und plötzlich ertönte als Antwort eine Stimme voll wilderer Todesqual — die nicht betete, sondern fluchte. Von demselben Gefühl getrieben schritten die beiden weichherzigen Flüchtlinge schweigend jenem Punkte zu. Der leidende Beter war ein Jüngling, kaum über die Knabcnjahre hinaus; sein Helm war gespalten, sein Haupt war bloß, und seine langen lichten Haare mit Blut zusammengeklebt, fielen über seine Schultern. Neben ihm lag ein starkgebauter, gewaltiger Mann, der sich in pein- vollem Schmerz krünimte, von einem Uork'schen Pfeil unter dem Arm durchbohrt, der Schaft noch aus der Wunde hervorragend — und des Mannes Flüche beantworteten des Knaben Gebet. „Friede mit Deiner scheidenden Seele, Bruder!" sagte Warner, sich über den Mann beugend. „Armer Leidender!" sagte Sybille zu dem Knaben, „fasse Mnth; wir wollen Dir Beistand schicken! Du kannst vielleicht leben bleiben!" „Wasser! Wasser! — Hölle und Verdammniß! Wasser, sag' ich!" stöhnte der Mann; „Einen Tropfen Wasser!" Es war der Hauptmann der Marodeurs, welche die Wanderer gefangen hatten. „Deinen Arm! hebe mich auf! rücke mich weg! die- BuIwer'S Romane. LVlll. 4 50 scr böse Mann scheucht meine Seele vom Himmel zurück!" ächzte der Knabe. Und Adam predigte Buße dem Fluchenden, und Sybille kniete nieder und betete mit dem Betenden. — Und ans stieg der Mond! Lord Hastings saß mit seinen siegreichen Hauptleuten — bei Meth, Moras und Weis — in dem bescheidenen Saal des Pächterhauses. „So," sagte er, „jetzt haben wir die letzten Funken der Rebellion erstickt und gedämpft! Dieser Sir Geoffrey Gates ist ein unruhiger und entschlossener Geist; Schade daß er noch einmal entkommt, weiteres Unheil zu stiften. Aber das Haus Nevile, welches das steigende Geschlecht überschattete, ist endlich gefallen — einen Becher, tapfre SirS, auf das Gedeihen der Neuen Männer!" Die Thüre ward aufgerissen und ein alter Soldat trat hastig ein. „Mein Lord! mein Lord! Oh, mein armer Sohn, er ist nicht zu finden! Die Weiber, die immer dem Marsch der Soldaten folgen, werden auf dem Platz seyn, um den Verwundeten den Nest zu geben, damit sie die Leichen plündern können! O Gott! wenn mein Sohn — mein Knabe — mein einziger Sohn —" „Ich wußte nicht, mein wackerer Mervil, daß Du einen Sohn unter unfern Schaaren hattest; und doch kannte ich jeden Mann von Person und mit Namen. Muth ! Unsre Verwundeten find weggebracht, und Schildwachen ausgestellt, das Schlachtfeld zu bewachen." „Schildwachcn! O mein Lord, weißt Du nicht, daß fie zu dem Verbrechen der Plünderung der Todten ein Auge zudrücken? Zudem» diese Leichenräuberinnen schleichen verstohlen und ungesehen, wie die rothen Erdwürmer, zu den Todten hin. Gib mir Einige Deiner Leute — gib mir eine Vollmacht, das Feld zu durchsuchen! Mein Sohn — mein Knabe! — noch nicht sechzehn Sommer, und seine Mutter! —" Der Mann stockte und schluchzte. „Gerne!" sagte der weichherzige Hastings, „gerne! lind wehe den Schildwachen, wenn es so ist, wie Du sagst! Ich will selbst gehen und sehen! — Fackeln her! — Hollah! — Der gute Hauptmann ist auch für seine Todten noch besorgt! — Dein Sohn! Mich wundert, daß ich ihn nicht kannte! — Unter Wem diente er?" „Mein Lord! mein Lord! verzeih ihm! er ist nur erst ein Knabe — fie verführten ihn! — er focht unter den Rebellen. Er kam mir heute in den Weg — mein Arm war erhoben — wir erkannten einander, und er floh vor seines Vaters Schwert! Gerade als der Kampf zu Ende ging, sah ich ihn wieder — ich sah ihn fallen! O Erbarmen! Erbarmen! laß ihn nicht an seinen Wunden, oder durch das Messer der plündernden Hände umkommen, wenn er gleich ein Rebell ist!" „Homo «um!" sagte der edle Hauptmann; „Ich bin ein Mensch! und selbst in diesen blutigen Zeiten gebietet noch die Natur, wenn fie durch die Stimme eines Vater« spricht! Mervil, ich habe Dich heute in der Schlacht 4 * 52 bemerkt! Du bist ein tapferer Soldat. Zch dachte Dir Beförderung zu — statt dessen gewähre ich Dir Deines Sohnes Begnadigung, wenn er noch lebt — ich lasse zehn Seelenmessen für ihn lesen, wenn er gestorben ist, wie eines Soldaten Sohn sterben soll — einerlei unter welcher Fahne, Antilope oder Löwe — wie ein Tapferer in die Brust getroffen, die Füße dem Feinde zngekehrt. Komm, ich will mit Dir suchen!" Der Knabe gab seinen Geist auf, während Sybille betete, und ihre süße Stimme tröstete ihn in der letzten Noth; und der Mann hörte auf zu fluchen, während Adam von Gottes Macht und Barmherzigkeit sprach, und sein Alhem starb in keuchendem Röcheln allmälig dahin. Während die Flüchtlinge so aufgehaltcn wurden, sahen sie nicht blaffe, flüchtige Gestalten, welche auf das Schlachtfeld geschlichen waren, und mit Blitzesschnelle, unstet hin und her schwärmend, wie Irrlichter über Morästen, von einen, Haufen der Erschlagenen zum andern sich bewegten. Mit einem lauten, wilden Schrei sprang der Lancastrische Räuber halb auf, in den Zuckungen des letzten Kampfes, und fiel dann ans sein Angesicht nieder — eine Leiche ! Der Schrei erreichte das Ohr der Tamburinschlägerinnen, und Granl erhob sich von einem Leichnam, dem sie einige mit Blut beschmierte Geldstücke abgenommen hatte, und rannte nach der Stelle hin; und so, als Adam sein Antlitz von der Betrachtung des Todtcn erhob, den er in seinen letzten Augenblicken tröstend zu beruhigen gesucht hatte, stand die Alckto des Schlachtfeldes vor ihm. 53 daS bloße Messer in ihrer blutigen Hand. Die rothe Gri- sell, welche eben den Leichnam eines Soldaten (mit einem zornigen Fußtritt, denn die Tasche war leer) verlassen hatte, dessen Hals sie noch den Tag zuvor mit ihren Armen heiß umklammert hatte, sprang auf Sybille zu; die klebrigen von der Bande rotteten sich zusammen, und lachten in wilder Freude beim Anblick ihrer unerwarteten Beute. Die Gefahr war entsetzlich und drohend; keine Spur von Mitleid war in diesen rohen Augen zu sehen. Die beiden Unglücklichen bereiteten sich zum Tod — als plötzlich Fackeln über das Feld leuchteten. Ein Schrei ward gehört: „Seht sie, die die Tobten plündern!" Bewaffnete Männer eilten herbei, und die erschreckten Scheusale stießen ein gellendes, unheimliches Gekreisch aus, und flohen vom Platz, über Leichname hüpfend, und hin und her ausbiegend, bis sie im Dunkel des Waldes verschwunden waren. „Profoß!" sagte eine gebietende Stimme, „hängt mir diese Schildwachcn auf mit Tagesanbruch!" „Mein Sohn, mein Knabe! sprich, Hal — sprich zu mir! da ist er — er ist gefunden!" rief der alte Soldat, neben dem Leichnam zu Sybillens Füßen knieend. „Mein Lord! mein Geliebter! mein Hastings!" Und ^ Sybille fiel bewußtlos vor dem Feldherrn nieder. 54 Sechstes Kapitel. Die tiefe Schlauheit Richard- von Gloueester. Einige Wochen waren seit der Niederlage des Sir Geoffrey Gates verstriche», und Edward befand sich mit seinem glänzenden Hof in Shene. Der Länge nach rücklings daliegend in einem Lustzelt, vor einem kühlen Springbrunnen in den königlichen Gärten ausgestellt, hörte der König, von seinen Günstlingen umgeben, in träger Bequemlichkeit der Musik seiner Minstrels zu, und streichelte das Gefieder seines Lieblingsfalken, der ans seiner Faust saß. Und kaum wäre es möglich gewesen, in diesem faulen Priester des Genusses den glänzenden, unerschrockenen Krieger wieder zu erkennen, vor dessen Lanze, wie Hirsche vor den Hunden, so kurz erst auf dem blutigen Felde von Erpingham die Ritter der Lancastrischen Rose geflohen waren; aber entfernt von dem Zelt, in einem der einsamen Nasengänge, wandelten von den klebrigen gesondert Prinz Richard und Lord Montagu in ernstem Gespräche. Der letztgenannte Edelmann war während der Unruhen unthätig geblieben, und Edward hatte, wie es schien, keinen Argwohn gehegt, daß er den Zorn und die Rachsucht Marwicks irgend theile. Der König entzog rhm zwar die Ländereien und das Grafenthum Northumberland, und gab sie den PercyS zurück, aber er hatte diesen Schritt mit huldvollen Entschuldigungen begleitet, die Nothwen- digkeit geltend gemacht, das Haupt eines erlauchten 55 Hauses zu versöhnen, welches sich der Dynastie Jork in aller Form unterworfen und den Eid geleistet hatte, und seinem früher» Günstling zum Ersatz die Würde eines Marquis verliehen. Indem so der politische König Montag» des Reichthums und der Vasallen der Percys beraubte , machte er ihn, als einen jünger» Bruder, ver- gleichungSweise arm und unbedeutend, wodurch er von Edwards Gunst abhängig und der Macht ihm wirklich Schaden zu thun, wie er glaubte, beraubt wurde; zugleich verlangte er mehr als je ihn in seiner Gesellschaft zu haben, verlangte seine Anwesenheit am Hof, und hatte ein wachsames Auge auf alle feine Schritte und Bewegungen. „Nein, mein Lord," sagte Richard, mit vieler Salbung die begonnene Unterredung fortsetzend, „Ihr thut mir sehr Unrecht, der heilige Paul sey mein Zeuge, wenn Ihr an dem tiefen Kummer zweifelt, den ich empfinde über die unseligen Ereignisse, welche zu der Feindschaft zwischen meinen Verwandten geführt haben! Es ist mir, als hätte England sein Lächeln verloren, damit daß es den Glanz von Graf WarwickS Gegenwart verloren hat, und Clarcnce ist mein Bruder und war mein Freund; und Du weißt, Montag», Du weißt, wie theuer meinem Herzen die Hoffnung war, die sanfte Anna zn meiner Geliebten und Gattin zu gewinnen!" „Prinz," sagte Montag» rasch, „obwohl der Stolz WarwickS und die Ehre unserS Hauses die öffentliche Enthüllung der Ursache verbieten mag, welche meinen 56 Bruder zur Rebellion trieb, so bist doch Du wenigstens eingeweiht in ein Geheimniß —" „Halt ein!" rief Richard in großer» und wahrscheinlich aufrichtiger» Gemüthsbewegung, denn sein Gestcht wurde ganz fahl» und seine Muskeln zuckten krampfhaft. ,»3ch möchte nicht» daß diese Erinnerung aus ihrer dunkeln Ruhe aufgestört würde. Ich möchte gern eines Bruders übereilten Wahnsinn vergessen» im Glauben an seine beständige Reue." Er schwieg und wandte sein Gestcht ab, rang nach Athem, und fuhr dann fort: „Die Ursache rechtfertigte den Vater; sie hätte mich gerechtfertigt» des Vaters Partei zu ergreifen, hätte Warwick meiner Bewerbung sein Ohr geliehen, und mir das Recht gegeben, eine Beleidigung seiner Tochter als Beschimpfung für mich anzusehen." „Und wenn, mein Prinz," versetzte Montagu, sich umschauend» und mit gedämpftem» flüsterndem Tone» „wenn noch jetzt die Hand der Lady Anna Euch zugedacht wäre!" „Versucht mich nicht — versucht mich nicht!" rief der Prinz sich bekreuzend. Montagu fuhr fort: „Unsre Sache»ich meine Lord WarwickS Sache»ist noch nicht verloren» wie sie es dem Könige scheint." „Fahrt fort," sagte Richard» die Augen zur Erde heftend, während sein Gesicht wieder seinen nachdenklich ruhigen Ausdruck annahm. „Ich meine," begann Montagu wieder, „bei meine- BruderS Flucht wurden seine Vasallen überrascht. Um- sonst würde der König seine Ländereien konfisciren — er kann nicht der Menschen Herzen konfisciren. Wenn Marwick morgen seine bewaffnete Ferse auf diesen Boden setzte, glaubst Du, scharfblickender und einsichtsvoller Prinz, daß der dann erfolgende Kampf nur eine zweite Schlacht von Erpingham seyn würde? Du hast von den Ehren gehört, mit welchen König Ludwig den Grafen empfangen hat. Wird dieser König ihm Schiffe und Geld verweigern? Nud inzwischen, meinst Du, werden die ihm Günstigen schlafen?" „Aber wenn er landet, Montag»," sagte Richard» der zuzuhören schien mit einer Aufmerksamkeit, welche die beste Hoffnung in Montag» erregte, welcher sehnlich einen so wichtigen Bundesgenossen zu gewinnen wünschte, „wenn er landet, und Edward offnen Krieg erklärt, — wir müssen das Wort keck heraus sagen — welche Absicht kann er dann verkündigen? Es ist nicht genug, zu sagen: König Edward soll nicht herrschen! der Graf muß auch erklären, welchen König England wählen soll!" „Prinz," antwortete Montagu, „ehe ich diese Frage beantworte, geruhe meinen eignen herzlichen Wunsch und mein Verlangen zu hören. Obgleich der König meinen Bruder schwer beleidigt, obgleich er mich der Ländereien beraubt hat, die vielleicht eine nicht zu große Belohnung waren für zwanzig Siege in Bertheidigung seiner Sache, und sie dem Hause zurückgegeben, das immer zu den Hauptbollwerken seiner Feinde der Lancastrier gehörte, dennoch kommt oft, wenn ich am erbittertsten bin, die Er- 58 innerung an meines königlichen Gebieters frühere Freundlichkeit und Liebe über mich — vor Allem der Gedanke an die feierliche Verlobung zwischen seiner Tochter und meinem Sohn; und ich fühle, (nunmehr die erste Aufwallung natürlichen Zornes über eine meiner Nichte an- gethane Beschimpfung etwas abgekühlt ist,) daß, wenn Warwick wirklich landete, ich beinahe meinen Bruder um des Königs willen vergessen könnte." „Beinahe!" wiederholte Richard lächelnd. „Ich bin aufrichtig gegen Euer Hoheit, und sage nur, wie es mir umS Herz ist. Ich möchte sogar jetzt noch mich der Hoffnung hingeben, daß durch Eure Vermittlung der König sich bereden lassen dürfte, solche Zugeständnisse und Entschuldigungen anzubieten, wie sie ihm in Wahrheit nicht zur llnehre gereichen würden gegenüber dem Bater der Lady Anna und seinem eignen Vetter; und daß mir noch, ehe es zu spät ist, die bittre Wahl erspart werden dürfte zwischen den Banden des Blutes und meiner Nnterthanenpflicht gegen den König." „Aber wenn diese Hoffnung, (die ich von Herzensgrund theile,) fehlschlägt, — und Edward, man muß gestehen» könnte kaum einem Brief, viel weniger einem Boten, das Bekenntnis; eines Verbrechens anvertrauen — wenn dieß fehlschlägt, und Euer Bruder landet» und ich schlage mich auf seine Seite, aus Liebe zu Anna, deren Hand als Braut mir zugesagt würde — welchen König zu wählen würde er England anffordern?" „Der Herzog von Clarence liebt Euch innig, Lord Richard," erwiederte Montag». „Weißt Du nicht, wie oft er gesagt hat, beim guten Heiligen, George, wenn Gloucester sich mit mir verbünden wollte, ich wollte Edward lehren, daß wir Alle Eines Mannes Sohne sind, die mehr vorgezogen und befördert werden sollten, als Fremde von seines WctbeS Blut." Richards Gesicht verrieth einen Augenblick getäuschte Erwartung; aber er sagte trocken: „Also wurde Warwick Vorschlägen, daß Clarence König werden sollte?" — Und die großen Barone, und die ehrlichen Bürger, und die handfesten Deoinen würden, meint Zhr, nicht entsetzt und erstaunt dastehen über ein Manifest, das nicht erklärte, die Dynastie Uork sey verdorben und faul, sondern nur, der jüngere Sohn solle den älteren verdrängen und ersetzen — der jüngere Sohn, bemerkt das wohl, der nicht nur unbekannt im Krieg und unreif und grün im Rath, sondern auch leichtsinnig, ausgelassen, schwankenden Sinnes ist — nicht fein von Witz, nicht entschlossen zur That, wie der seyn sollte, der so hohe Gedanken hat! — Montag»! — das ist ein eitler Traum!"— Richard hielt inue, und fuhr dann in leiserem Tone, wie mit stch selbst redend, fort: „Oh I nicht so, nicht so werden Könige um ihren Thron betrogen — ein Borwand muß die Menschen blenden — sage, sie seyen illegitim — sie seycn zu jung — zu schwach — irgend etwas der Art — schlüpfe unvermerkt an ihre Stelle — und dann — nur keinen Krieg, nur keinen Krieg. Du tüdtest sie nicht — sie verschwinden!" Des Herzogs Gesicht, wie er dieß vor sich hin murmelte, nahm einen finstern, unheimlichen Ausdruck an, seine Augen schienen ins Leere hinaus zu starren. Plötzlich wieder zu sich kommend, wie aus einer Träumerei erwacht, wandte er sich mit seiner gewohnten glatten und freundlichen Miene zu dem betroffenen Montag» und sagt«: „Ich citirte bloS eine Stelle aus der italienischen Geschichte, mein guter Lord — weise Lehren, aber schreckliche und mörderische, Kehren wir zu unsrem Gegenstand zurück. Du stehst, Clären« könnte nicht herrschen, und eben so gut," fuhr der Prinz fort, mit einem leisen Seufzer, „eben so gut oder besser, (denn ohne Eitelkeit gesprochen, ich habe Mehr vom Metall eines Königs in mir,) könnte ich — selbst ich — nach meines Bruders Krone trachten!" Hier hielt er inne und warf einen raschen und scharfen Blick auf den MarguiS; aber mochte nun seine Absicht gewesen seyn oder nicht, mit diesen Worten Montag» auSzusorschen, und dieser Blick genügen, ihn zu überzeugen, daß es nutzlos oder gefährlich seyn würde, offener zu sprechen — genug, er fuhr mit veränderter Stimme fort: „Genug von diesem, Warwick wird die Eitelkeit solcher Absichten und Plane erkennen; und wenn er landet, müssen seine Trompeten zu einem die Herzen mehr entzündenden Schritt aufsordernd schmettern. John Montag», meinst Du, Margaretha von Anjou und die Lancastrier würden nicht eher Deinen Bruder für sich gewinnen? Darin liegt die wahre Gefahr für Edward — nirgends sonst!" „Und wenn es so wäre?" sagte Montag», seine- 61 Zuhörers Gesicht scharf beobachtend. Richard fuhr auf und nagte an seiner Lippe. „Merkt wohl auf!" fuhr der Marquis fort— „Ich möchte gern, ich wiederhole es, noch jetzt der Hoffnung Raum geben, daß Edward den Grafen beschwichtige und versöhne; aber wenn nicht, und wenn Warwich ehe er sich Entehrung und Mißhandlung gefallen läßt, lieber mit Lancaster sich verbündet, und Du als Anna S Verlobter und Gemahl Dich ihm anschließst — was liegt daran, Wer die Puppe auf dem Thron ist? — wir und Du werden die Regenten seyu; oder, wenn Du dieß verschmähst," fuhr der Marquis fort, listig, wie er dachte, die Eifersucht des Herzogs reizend — „Heinrich hat einen Sohn — einen schönen, und wie man sagt, tapfern Prinzen — sorgfältig erzogen In der Kenntnifi unsrer englischen Gesetze, und der, wie mein Lord von Orford, einigermaßen im Vertrauen der Lancastricr, mich versichert, mit Freuden die allen Feindschaften vergessen, Warwick 'Vater', und meine Nichte 'Gattin, und Prinzessin von Wales' nennen würde." Bei all seiner VerstellnngSknnst vermochte doch Richard nur schlecht die Empsindnngen von Furcht — Eifersucht — Verdruß und Zorn zu verhehlen, welche diese Worte in ihm erregten. „Lord Orford!" schrie er, mit dem Fuß auf den Boden stampfend. „Ha, John de Vere, verpesteter Ver- räther, schmiedest Du solche Anschläge? Aber wir können uns noch Deiner Person bemächtigen und wollen Deinen Kopf haben!" 62 Erschrocken über diesen Ausbruch von Leidenschaft, nnd plötzlich erkennend, daß er seine Brust dem Knaben zu offen dargelegt, den er zu blenden und für seine Plane zu gewinnen gedacht hatte, sagte Montag» mit bebender Stimme: „Aber, mein Lord, unsre Besprechung ist eine ganz vertrauliche, begonnen ans Eure eignen Bitten, und auf Eure feierliche Zusage, als Prinz und Vetter, daß, was immer ich in meiner Offenheit Euch mittheilen möge, nicht weiter kommen solle. Nehmt," fuhr der Edelmann mit würdevollem Stolz fort, „nehmt meinen Kopf lieber als den Lord Orford's; denn ich verdiene den Tod, wenn ich einem des Verraths fähigen Manne die Worte mit- theile, die ein Anderer im innigen Vertrauen arglos fallen ließ." „Verzeiht mir, mein Vetter," sagte Richard sauft : „meine Liebe zu Anna riß mich zu weit fort. Lord Or- sord'S Worte, wie Ihr sie anführt, hatten das Bild eines Nebenbuhlers hcraufbeschwvren, und — aber genug hievon. — lind jetzt," fuhr der Prinz ernst fort, und mit einer gemessenen Festigkeit in Stimme und Wesen, die seinem kleinen Wüchse eine Art Majestät verlieh — „jetzt, da Du offen mit mir gesprochen hast, will ich Dir auch offen antworten. 3ch fühle die der Ladh Anna widerfahrene Kränkung wie eine eigene: tief, brennend, un- vertilgbar wird sie in meiner Seele leben; vielleicht gar, um früher oder später zu finstern Thaten zu mahnen nnd zu stacheln, selbst gegen Edward und Edwards Blut. Aber nein! ich habe vom König die feierlichsten Bethenerungen seiner Reue; seine strafbare Leidenschaft ist zu Asche verbrannt, und er seufzt jetzt — der genußsüchtige Edward — um ein leichteres Liebchen. Ich kann mich nicht mit Clarence, noch weniger mit den Lancastriern verbünden. Meine Geburt macht mich zu einer Stütze des Thrones von Bork — daß ich ihn bewache und schütze als eine Erbschaft, die, (Wer weiß,) noch an die Meinigcn fallen kann — ja, an mich selbst. Und beherzige wohl meine Worte! Wenn Warwick einen brudermörderischen Krieg versucht, so ist er verloren: wenn er andrerseits sich zu beugen im Stande ist unter die Hände Margarethens, befleckt von seines Vaters Blut, so wird der Erfolg einer Stunde schließen mit lebenslanger Demüthigung und Erniedrigung. Ein dritter Weg ist noch übrig, und diesen Weg hast Du mit weisem und loyalem Sinne angedeutet. Laß ihn auf die Rache verzichten, wie ich es thue, und ohne auf einem Bekenntniß und einem Pater pee- esvi zu bestehe», wie sie kein König, am wenigsten König Edward von Plantagenet herstammeln kann, laß ihn Anerbietungen annehmen, wie sie sein Oberherr ihm machen kann. Seine Titel und Schlösser sollen ihm wieder erstattet, Besitzungen, denen gleich, die Du verloren, Dir angewiesen werden, und all mein Lohn, (wenn ich diesen Frieden unterhandle,) wie all mein Ehrgeiz, sey seiner Tochter Hand! Bedenke Dir Ließ und um des Friedens und Wohles des Reichs willen beschränke so alle Deine Entwürfe und Plane, mein Lord und Vetter!" 64 Mit diesen Worten drückte der Prinz dem Marquis die Hand, und schritt langsam dem Zelt des Königs zu. „Schande meinem gereisten ManneSalter und meiner Lebensklugheit,« murmelte Montag», wüthend über sich selbst und tief erbittert und beschämt. „Wie lockte mich der schlaue Pygmäe Satz um Sah, und Schritt für Schritt weiter, bis alle unsre Entwürfe — alle unsre Befürchtungen und Hoffnungen enthüllt daliegen vor ihm, der sie nur mit dem Auge eines Feindes betrachtet. Anna verlobt mit Einem, der selbst in der hitzigen Zugend schon so zu täuschen und zu betrügen versteht! Warwick hieher gelockt mit schönen Worten, nach dem Willen eines Prinzen, den Italien (Knabe, hier vergaßest Du den Schild Deiner Schlauheit!) gelehrt hat, wie die Großen nicht getödtet werden, sondern verschwinden! Nein, selbst diese Niederlage ist jetzt lehrreich für mich. Aber recht — recht! Die Herrschaft der Clarence ist unmöglich, und die von Lancaster ist verhängnißvoll und unheilverheißend: und eigentlich steht mein Sohn, durch seine Verbindung mit der Lady Elisabeth, dem Throne näher, als jeder Unterthan. Wollte Gott, der König könnte noch — Aber pfui über mich! das ist nicht die Stunde, nachzustnnen über meine eigene Vergrößerung; vielmehr will ich sogleich zu Orford fliegen, der durch meine Unvorsichtigkeit gefährdet ist, und ihn warnen, Wessen dunkles Auge seinem Leben auflauert und nachstellt.« Mit diesem Gedanken, welcher bewies, daß Montag» bei all seiner weltlichen Gesinnung, doch eine der ersten 65 Pflichten des Ritters und des Gentleman nicht vergaß, eilte der Marquis die Allee hinauf — in der entgegengesetzten Richtung von der, welche Gloucester eingeschlagen — und befand sich bald im Hofraum, wo eine stattliche Gesellschaft Rosse und Zelter bestieg, um einen Sommerritt durch das benachbarte Jagdrevier zu machen. Die kalten und halbgeringschätzigen Begrüßungen der Günstlinge der Stunde, welche jetzt den Nevile, beraubt seiner Besitzungen, des Lohnes langer und glänzender Dienste, höhnten, und die einen lebhaften Contrast bildeten mit den ehrerbietigen Huldigungen, die ihm früher zu Theil geworden, schnitten dem stolzen Montag» ins Herz. „Wohin reitet Ihr, mein Bruder Marquis?" sagte der junge Lord Dorset, (Elisabeths Sohn aus ihrer ersten Ehe ) als Montagu seinen einzigen Knappen herbeiries, der mit scinemPferde ihn erwartete. „Ein geheimer Ausflug, den!' ich, denn ich weiß noch wohl den Tag, wo Lord Montagu nie mit weniger als dreißig Knappen von seines Königs Palast wegriit." „Da mein Lord Dorset auf sein Gedächtnis pocht," antwortete der hochmüchige Lord höhnisch, „so wird er sich auch wohl noch des Tages erinnern, wo, wenn ein Nevile in Eile aufstieg, er den ersten Woodville, den er sah, ihm den Steigbügel halten hieß." Und den „B-uder Marquis" mit einem stolzen Blick anschauend, welcher jede Erwiederung zu scheuem Schweigen brachte, ritt der ahnenrciche Montagu an den Höflingen vorbei, langsamen Schrittes, bis er den Palast Bulwer'S Romane. 6VIII H 66 aus dem Auge verloren hatte; bau» setzte er sein Pferd tu einen raschen Galopp, und hielt nicht eher an, als bts er, in London angekommen, das Haus erreicht hatte, in welchem damals der Graf von Orford wohnte, der Mächtigste von allen Lancastrischen Edelleuten, die nicht in der Verbannung lebten, und der bisher noch mit dem herrschenden Hause ein leidliches Vernehmen äußerlich gepflogen hatte. Zwei Tage darauf kam Edward die Nachricht zu, daß Lord Orford und Jasper von Pembrokc, Oheim des Knaben, der nachmals als König Heinrich VII. herrschte, von England abgesegelt seycn. Diese Zeitung kam Edward zu in seinem Cabinet, wo er mit Gloucester eingeschloffen war. DieBesprechung zwischen ihnen schien warm und ernst gewesen zu seyn, denn Edwards Wange flammte, und Glouecsters Stirne war verstört und stnster. „Nun, der Himmel sep gepriesen!" rief der König, Richard den Brief reichend, welcher die Nachricht von der Flucht der übelgesinnten Lords brachte. „Wir haben zwei Feinde weniger in unsrem Königreich, und manche Baronie mehr zu konfiSeiren für unsre königlichen Bedürfnisse. Ha — ha! Diese Lancastrier dienen nur dazu nnS reich zu machen. Immer noch die Stirne runzelnd, Richard ! lächle, Knabe!" „Voi cle mon ums, Edward!" sagte Richard mit bitterer Energie, die seltsam abstach gegen seine sonstige salbungsvolle Ehrerbietung gegen den König, „Euer Ho- Ü7 heit Fröhlichkeit ist übel angebracht; Ihr verschmäht alle Mittel Euren Thron zu sichern — Ihr freut Euch aller Ereignisse, die ihm Gefahr drohen. Ich bat Euch, keinen Augenblick zn verlieren, den großen Lord zu versöhnen, den Ihr nach Eurem eigne» Geständniß beleidigt habt, und Ihr erwiedert: Ihr wollet lieber die Krone verlieren, als den Arm wieder gewinnen, der sic Euch aufsetzte!" „Du irrst Dich, Richard! Diese Krone war theilr das Erbe, das mir durch meine Geburt gehörte, theils die Erwerbung meines eignen Schwerter. Aber war' es auch so wie Du sagst, es ist nicht der Natur eines Königs gemäß, die Gegenwart einer Macht zu ertragen, welche furchtbarer ist als die seinige, sich einer Stimme zu unterwerfen, die mehr gebietet als rathet; und das glücklichste Ereigniß, das mir je vorkam, ist die Verbannung dieses Grafen. Wie kann ich, nach dem was vorgefallen ist, je wieder sein Angesicht sehen ohne tiefe Beschämung, oder er das meinige ohne Erbitterung?" „Das habt Ihr mir vor Kurzem erst auch gesagt, und ich habe Euch geantwortet: wenn dem so ist, und Euer Hoheit sich scheut vor der Gegenwart des Mannes, den Ihr schwer beleidigt habt, so seht Euch wenigstens vor, daß Warwick, wenn er nicht als Freund znrückkehren darf, nicht als unwiderstehlicher Feind znrückkommt! Wenn Ihr ihn nicht versöhnen wollt, so zermalmt ihn! Beeilt Euch, durch alle Mittel und Künste Clarence von Warwick zu trennen. Eilt, der Vermählung von des Grafen Popularität mit Heinrichs Rechten zuvorznkommen! 63 Haltet ein wachsames Auge aus die Lancastrischen Lords, und sorgt, daß Keiner das Königreich verlasse, wo sie Gefangne find, um sich einem Lager anzuschließen, wo sie zu Führern steigen können. Und in eben dem Augenblick, wo ich in Euch dringe, Qrford scharf bewachen zu lassen — Eure schnellsten Reiter abzuschicken, um Jasper von Pembroke festzunehmen, lacht Ihr vor Freude bei der Nachricht, daß Oxford und Pembroke entflohen sind, um Eurer Feinde Heer zu vergrößern!" „Besser, die Feinde find außerhalb meines Reiches, als darin," antwortete Edward trocken, „Mein Gebieter, ich sage nicht Mehr ;" und Richard stand auf. „Ich wollte einer Gefahr znvorkommen; es bleibt mir jetzt nur übrig sie zu theilen," Der König war gerührt, „Verweile noch, Richard!" sagte er; und dann, seinem Bruder fest ins Ange sehend, fuhr er mit einem halben Lächeln und mit erhöhter Farbe fort: „Obgleich wir Dich als uns ergeben und treu kennen, wissen wir doch auch, Richard, daß Du bei Deinen Rathschlägen ein persönliches Interesse hast. Du möchtest auf eine oder die andere Weise den Grafen besänftigen oder zwingen, daß er Dir die Hand Anna's gewährte. Gut denn, vorausgesetzt, daß Warwick und Clarence König Edward vom Throne stoßen, so bringen sie Dir vielleicht eine Braut entgegen, um Dich über den Sturz eines Bruders zu trösten," „Du hast kein Recht, mich mit Vorwürfen oder mit Verdacht zu verfolgen, mein Gebieter," versetzte Richard 6g mit zuckender Lippe. „Du hast auch mich eingeschlossen bei der Beschimpfung, die Du gegen Warwick beabsichtigtest; und wäre die Thai wirklich vollführt worden —" „So hättest Du vielleicht deßwegen Dich auf Marwicks Seite geschlagen?" „Offen gestanden, ja!" rief Richard, beinahe wild, und mit seinem Dolche spielend. „Aber," fuhr er fort, mit plötzlich ganz verändertem Tone, „ich verstehe Dich und kenne Dich besser, als der Graf wollte oder konnte. Ich weiß, was bei Dir bloß unüberlegtes Gelüsten, Haß oder Leidenschaft ist, die Gewohnheit, in welche die Könige verfallen, Alles zu vergessen außer der Liebe oder dem Haß, dem Verlangen, oder dem Zorn eines Augenblicks. Du hast mir selbst und mit Thränen von Deinem Unrecht gesagt, Du hast den knabenhaften Ausbruch meines Zornes verziehen; ich habe Dein schlimmes Vorhaben verziehen; Du hast mir selbst gesagt, daß ein anderes Gesicht die Herrschaft geerbt habe, welche Anna'S blaue Augen eine kurze Zeit über Dich ausgeübt, und hast mir weiter noch Dein königliches Wort verpfändet, daß, wenn ich noch die Hand einer mir von Kindheit an theuren Muhme erringen kann, Du die Verbindung gut heißen und bestätigen wollest." „Es ist wahr," sagte Edward. „Aber wenn Du sie als Deine Braut heimsührst, so halte sie entfernt vom Hof — nein, runzle nicht die Stirn, Knabe, ich meine nur, daß ich nicht vor meines Bruders Gattin erröthen möchte!" 70 Richard verbeugte sich tief um den Ausdruck seines Gesichts zu verbergen, und fuhr fort, ohne die Erklärung weiter zu beachten: „Und alles dteß erwogen, Edward, schwöre ich bei Sb Paul, dem heiligsten Heiligsten für ernste Männer, und bei Sb George, dem edelsten Schutzpatron hochge- borner Krieger, daß Deine Krone und Deine Ehre mir theuer stnd, als wären sie mein eigen. Welche Sünden auch Richard von Glouccster in seinem Leben denken, begehen und zu bereue» haben mag, kein Mensch soll ihm je nachsagen, daß er ein Verräther gewesen an der Ehre seines Landes, oder saumselig die Rechte seiner Vorfahren zu vertheidigen gegen den Verrath eines Vasallen oder das Schwert eines ausländischen Feindes. Daher sage ich noch einmal: wenn Du meine redlichen Rathschläge verschmähst, — wenn Du Warwick sich mit Lancaster und Frankreich verbünden läßst — wenn die Schiffe Ludwigs an Deine Küsten einen Feind tragen, dessen Macht Dein rücksichtsloser Muth zu gering anschlägt, so soll man Richard Plantageuet als den Ersten und Vordersten auf dem Schlachtfeld, im Kampf, als den Nächsten an Deiner Seite in der Verbannung sehen!" Diese Worte, aufrichtig gesprochen, und eine nie ge- * So bemerkt Lord Bacon mit jener Schärfe des Urtheils selbst beim strengsten Tadel, deren allein tiefe Menschenkenner fähig sind, von Richard, daß er „ein König gewesen sey, eifersüchtig haltend auf die Ehre der englischen Nation." 71 brochene Zusage enthaliend, waren eindringlicher, als die feinste Beredtsamkeit, die der schlaue und begabte Glou- cester je zum Deckmantel seiner Tücke gebrauchte, und sie ergriffen Edward dermaßen, daß er seine Arme um seinen Bruder schlang; und nachdem eine jener gemächlichen Aufwallungen vorüber war, wie sie sehr häufig vorkamen bei einem Mann, dessen Gefühle nie tief und dauernd, aber leicht erregt waren und sich mit Wärme auSsprachen, erklärte er sich bereit alle Maßregeln anzuhören und zu treffen, welche Richards schlaue Einsicht anzugeben vermöchte zur bessern Wahrung und Behauptung ihrer gemeinschaftlichen Interesse» und ihrer Wohlfahrt, Und jetzt entwickelte Richard mit der ihm eigenen wunderbaren, wenn auch etwas zu ungestümen und übergeschäftigen Energie den Plan seiner scharfsinnigen, heuchlerischen Politik, Sein scharfer, klarer, rascher Blick in das menschliche Herz hatte ihn überzeugt von der gebieterischen Nothwmdigkeit, welche Warwick mit Magaretha von Anjou, selbst gegen den Willen Beider, verbünden mußte. — Seine Unterredung mit Montag« hatte seinem durchdringenden Geist keinen Zweifel hierüber übrig gelassen. Er sah voraus, daß dieß Bündniß dauerhaft gemacht und geheiligt werden dürfte durch die Heirath Anna's und des Prinzen Edward; und diese Vermählung zu vereiteln, theils durch Clarence, theils durch Magaretha selbst, war sein ersterZweck. Eine Kammerfrau in der Herzogin von Clarence Gefolge war verhaftet worden, als sie eben im Begriff stand, sich einzuschiffen, um zu 72 ihrer Gebieterin zu reisen. Richard hatte schon diese Frau gesehen und gesprochen, deren Ehrgeiz, Doppelzüngigkeit und Talent zur Jntrike ihm bekannt waren. Nachdem er sie durch Zusagen der reichsten Belohnungen und Würden gewonnen, schlug er vor, man solle ihr gestatten, der Herzogin nachzureisen, mit geheimen Botschaften an Isabel und den Herzog, worin man Beiden warnend zu wissen thun wolle, daß Warwick und Margaretha ihre frühere Feindschaft in ihrer jetzigen, sie zu gleichen Gesinnungen und Bestrebungen stimmenden Lage vergessen würden, und daß die Rebellion gegen König Edward, statt sie auf den Thron zu setzen, sie vielmehr zu untergeordneten Werkzeugen und Dienern der den wahren Gewinn Ziehenden — der Lancastrier, machen würde. Er sah voraus, welche Wirkung diese Warnungen auf den eiteln Herzog und die ehrgeizige Isabel äußern würden, deren Charakter ihm von Kindheit an bekannt war. Staunen machte er den König dadurch, daß er darauf drang, zu gleicher Zeit einen zuverlässigen Unterhändler an Margaretha von Anjou zu schicken, mit dem Vorschlag, die Prinzessin Elisabeth , (dem Sohne Lord Montagu'S verlobt,) dem jungen Prinzen Edward zu geben. *) So würde daun, wenn der König, der bis jetzt keinen Sohn hätte, sterben sollte, Margarethens Sohn in Kraft des Rechts seiner Gattin so wie seiner eigenen Abstammung > den Thron im Frieden besteigen. „Ich brauche kaum zu sagen, daß ich das " Originalbriefe aus den Harlcyschen Handschriften, heraus- gegeben von Sir H. Ellis. Zweite Folge. 7g nicht in traurigem und bitterm Ernst meine," bemerkte Richard, den erstaunten König unterbrechend — „ich beabsichtige damit bloS die Anjouerin zu bethören, und ihr Ohr gegen alle Anträge Marwicks taub zu machen. Wenn sie uns ein Ohr leiht — gewinnen wir Zeit, diese Zeit wird unausbleiblich unversöhnlichen Hader zwischen ihr und dem Grasen erneuen. Sein hitziges Temperament und seine Nachsucht werden keinen Verzug dulden. Er wird landen, ohne die Unterstützung Margarethens und ihrer Anhänger, und ohne seste Grundsätze seiner Handlungsweise, welche die wirkliche Macht durch den Einfluß der öffentlichen Meinung verstärken." „Ihr habt Recht, Richard," sagte Edward, dessen treulose Schlauheit die scharfsinnigere Politik wohl begriff, die sie nicht selbst erzeugen konnte. „Sey Alles, wie Ihr es wollt! „Und mittlerweile," fuhr Richard fort, „beobachtet genau, aber reizt und erbittert nicht, Montagu und den Erzbischof. Ts wäre gefährlich, Mißtrauen gegen sie blicken zu lassen, ehe man klare Beweise gegen sie hat — «S wäre thöricht, an ihre Treue zu glauben. Ich gehe, um augenblicklich meine Aufgabe zu erfüllen." Siebentes Kapitel. Warwick und seine Familie in der Verbannung. Wir laben jetzt den Leser ein zu einer längeren, obschon minder klassischen Reise, als die von Theben nach 74 Athen ist, und tragen ihn in raschem Fluge von Shene nach Amboise. Wir müssen annehmen, daß die beiden Abgesandten GloucesterS schon den Ort ihrer Bestimmung erreicht haben — baß die Dame bei Isabel, der Gesandte bei Margaretha eingetroffen ist. In einem der dem Grafen eingeräumten Zimmer im königlichen Palast, in der Vertiefung eines ungeheuren gothischen Fensters, saß Anna von Warwick; der kleine Schieber am Fenster war offen, und gewährte eine Aussicht auf einen weiten, schönen Garten, wo dichte Gehölze und regelmäßige Alleen abwechselten, über welche das prächtige Gewölle eines Sommerabends, ein wenig vor Sonnenuntergang, abwechselnd Licht und Schatten warfen. In diese Aussicht war das holde Antlitz der Lady Anna nachdenkend versunken. Das starr blickende Auge, der gesenkte Hals, die auf den Knieen ruhenden Arme, die gefalteten zarten Finger — dieß Alles gab ihrer ganzen Erscheinung den Charakter der träumerischen Ruhe. In demselben Zimmer waren noch zwei Frauen; die Eine schritt mit langsamen, aber ungleichen Schritten auf und ab, ihre Lippen bewegten sich von Zeit zu Zeit, als spräche sie mit sich selbst, und ihre Stirne war leicht gerunzelt. Ihre Gestalt und ihr Angesicht trugen auch den Charakter der Träumerei, aber nicht den der Ruhe. Die dritte Dame, die zarte, liebliche Mutter der beiden Andern, saß etwa in der Mitte des Zimmers vor einem kleinen Tisch, auf welchem eine jener Handschriften von religiösem Charakter lag, voll von den Moralitäten und den Wunder» klösterlicher Heiligkeit, welche einen so großen Thsil der Literatur mönchischer Zeitalter ausmachten. Aber ihr Auge haftete nicht auf den gothischen Buchstaben und den schönen Malereien des heiligen Buches. Mit aller Besorgniß und aller Zärtlichkeit einer Mutter schweifte er von Isabellen zu Anna — von Anna zu Jsabella, bis endlich die schöne Gräfin mit einer so sanften Stimme, wie man sie selten hört, aber die auch de» Fremden sogleich zur Achtung und Liebe stimmt, begann: „Komm her, mein Kind, Jsabella, gib mir Deine Hand, und flüstre mir in'S Ohr, was Dich gereizt hat/' „Meine Mutter," versetzte die Herzogin, „sS würde mir übel anstehen, ein Geheimniß zu haben, das Du nicht wüßtest, und doch, dünkt mich, würde es mir noch übler anstehen, Etwas zu sagen, was Deinen Zorn erregen könnte." „Zorn! Isabel! Wer empfindet je Zorn gegen Personen, die man liebt?" „Verzeih mir, meine süße Mutter," sagte Jsabella; ihre stolze Stirne nahm einen sanfteren Ausdruck an, sie trat näher, und küßte ihrer Mutter Wange. Die Gräfin zog sie sanft auf einen Sitz neben sich nieder — „Und jetzt sag' mir Alles — wenn nicht anders etwa Dein Clarence, in der hastigen Laune eines Liebenden, Deine Gefühle verletzt hat; denn um häusliche Geheimnisse soll auch eine Mutter sin treues Weib nicht auS- fragen." 76 Isabel schwieg und warfeinen bedeutungsvollen Blick auf Anna. „Nein — sieh!" sagte die Gräfin lächelnd, aber traurig, „auch sie hat Gedanken, die sie mir nicht sagen will; aber sie scheinen nicht von der Art zu sehn, daß sie meine Besorgniß rege machen müßten, wie die Deinigen. Denn im Augenblick, ehe ich sprach, runzelte sich Deine Stirne finster, und ihre Lippe lächelte. Sie hört uns nicht — sprich!" „Ist cS denn wahr, meine Mutter, daß Margaretha von Anjou hieher eilt; und ist es möglich, daß König Ludwig meinen Herrn und Vater bereden kann, dem Erzfeind unsres Hauses anders als auf dem Schlachtfeld sich zu nähern?" „Frage den Grafen selbst, Isabel; Lord Warwickhat keine Geheimnisse vor seinen Kindern. WaS er immer thut, eS ist das Weiseste, Beste, Ritterlichste — so dürfen seine Kinder wenigstens es immer ansehen!" Jsabella wechselte die Farbe und ihr Auge flammte. Aber ehe sie antworten konnte, wurde die ArraStapete aufgehoben und Lord Warwick trat ein. Aber nicht mehr verrteth des Helden Miene und Benehmen jene herzliche und zärtliche Heiterkeit, welche er bet allen Stürmen seines wechselvollen Lebens gezeigt hatte, wenn er von Gewalt und Gefahr, vom Rath oder vom Feld in das irdische Paradies des Mannes — in sein mit Tugenden geschmücktes HauS trat. Düster und in sich versunken, in seiner unordentlichen 77 Kleidung schon — welche zu rernachläßigen die Anglo- Normannen jener Zeit als eine Sünde und Verletzung der Selbstachtung ansahen — die gänzliche Umwandlung seines ganzen GemüthSzustandeS, jene schreckliche innere Umwälzung rerrathend, die bei starken Naturen nur durch die Tyrannei eines großen Kummers oder einer heftigen Leidenschaft bewirkt wird, schien der Graf kaum seine Gemahlin zu bemerken, welche hastig aufstand, aber, wie sie seine finstere Miene erblickte, mit der furchtsamen Scheue und Ehrfurcht der Liebe stehen blieb; — er warf sich hastig in einen Sessel, fuhr sich mit der Hand über's Gesicht und seufzte tief auf. Dieser Seufzer zerstreute die Scheue des Weibes, und erweckte in ihr nur das Bewußtseyn ihres Berufs, zu begütige» und zu trösten. Sie trat ihm näher, und sich auf die grünen Binsen zu seinen Füßen setzend, ergriff sie seine Hand und küßte sie — aber sie sprach nicht. DeS Grafen Blick fiel auf das liebliche Antlitz, das durch Thränen zu ihm aufschaute, seine Stirne klärte sich milder auf, er zog ihre Hand sanft aus der ihrigen, legte sie auf ihr Haupt, und sagte mit leiser Stimme: »Gott und unsre heilige Jungfrau segnen Dich, süßes Weib!" Dann, wie er sich umschaute, sah erJsabella, welche ihn mit gespannter Aufmerksamkeit beobachtete, und auf einmal aufstehend, schlang er seinen Arm nm ihren Leib, drückte sie an seine Brust und sagte; „Meine Tochter, deinet- und der Deinigen willen habe ich Tag und Nacht 78 umsonst mich gemüht und Plane und Entwürfe gemacht. Ich kann Deinen Gatten nicht so belohnen» wie ich wollte — ich kann Dir nicht» wie ich gehofft hatte, einen Thron geben!" »»Welcher Titel wäre Isabellen theurer," sagte die Gräfin» „als der: Lord WarwickS Tochter?" Isabelle blieb kalt und schweigend» und erwiederte die Umarmung des Grafen nicht. Warwick war zum Glück zu sehr vertieft in seine Gefühle» um die seiner Tochter zu beachten. Er trat von ihr weg, und fuhr fort» indem er im Zimmer auf und ab schritt» (seine Gewohnheit bei heftiger GemüthSbewegung» welche Isabelle» die viele kleine äußere Züge mit ihrem Bater gemein hatte, unbewußt von ihm angenommen hatte). „Bis heute morgen hoffte ich immer noch, daß mein Name und meine Dienste, daß Clarence'S populäres Wesen und seine Geburt als Plantagenct genügen würden, das Volk Englands um unsre Fahne zu schaaren» — daß der falsche Edward, wenn wir landeten, sich genöthigt sehen würde» ans dem Laude zu fliehen; und daß, ohne daß die Dynastie Uork wechselte, Clarenee, als nächster männlicher Erbe, den Thron besteigen würde. Zwar sah ich alle Hindernisse — alle Schwierigkeiten — ich ward daraus aufmerksam gemacht» ehe ich England verließ; aber dennoch hoffte ich. Lord Orford ist angekommen — er hat mich so eben verlassen. Wir haben den vor uns liegenden Weg aufs genauesse gevrüft und überlegt — wir 78 haben den Werth jedes Namens für und wider abgewogen ; und ach! ich kann nicht umhin zu gestehen, daß jeder Versuch, den jungem Bruder aus den Thron des älteren zu setzen, nur zu nutzlosem Gemetzel und unheilbarer Niederlage führen würde!" „Warum glaubt Ihr so» mein Lord und Vater?" fragte Isabelle in sichtlicher Aufregung. „Eure eignen Dicnstleute sind sechzigtausend» ein Heer» größer als Edward und alle seine Lords von gestern ins FÄd stellen können." „Mein Kind," antwortete der Graf, mit jener tiefen Kenntniß des Wesens seiner Landsleute, die er mehr aus seinem englischen Herzen schöpfte, als durch scharfe Beobachtung und Nachdenken sich erworben hatte — „Heere mögen wohl einen Sieg gewinnen, aber sie begründen keinen Thron — wenigstens nicht ohne daß sie zugleich Sklaverei bringen; und es geziemt sich nicht für Clarence und für mich, die gewaltthätigen Eroberer unfern Landsleuten gegenüber zu seyn, sondern die Erneuerer einer freien Königreiches, zerrüttet durch eines falschen Mannes Herrschaft." „Und was nun," rief Jsabella, „was habt 2hr nun für einen Plan, mein Vater? Ist eS möglich, daß Ihr Euch verbünden könnt mit den verabscheuten Lancastriern — mit der wilden Anjouerin, welche meinem Großvater Salisbury den Kopf abschlagen ließ? Wohl erinnere ich mich Eurer eignen Worte: „Möge Gott und St. George meiner vergessen, wenn ick diese grauen, blutigen Haare vergesse!" Hier ward Jsabella unterbrochen durch einen leisen Schrei Anna's, die, von den Uebrigen nicht beobachtet, und bisher ihres BaterS Blicken entzogen durch den Vorsprung der Fenstermauer, einige Augenblicke zuvor aufgestanden war, und mit athemloser Aufmerksamkeit dem Gespräch ihres Vaters und der Herzogin zuhörte. „Es ist nicht wahr — es ist nicht wahr!" rief Anna leidenschaftlich. „Margaretha weist die Schuld der unmenschlichen That zurück." „Du hast Recht, Annasagte Warwick, „obwohl ich nicht errathen kann, wie Du die Zrrthümlichkeit eines so allgemein geglaubten Gerüchts, daß ich bis auf die. neueste Zeit an seiner Wahrheit nicht zweifeln konnte, erfahren hast. König Ludwig versichert mich feierlich, daß diese schändliche That ohne Margaretha'S Vorwiffen verübt ward von dem Schlächter Clifford, und sie, als sie sie erfuhr, mit Zorn und Kummer erfüllte." „Und Ihr, der Ihr Edward falsch nennt, könnt Ludwig glauben?" „Halt ein, Jsabella, halt ein!" sagte die Gräfin. „Kann so mein Kind zu meinem Herrn und Gemahl sprechen? Verzeih ihr, mein geliebter Richard." „Solche Hitze steht der Gattin Elarence'S nicht übel an," antwortete Warwick. „Und ich kann an meiner stolzen Jsabella eine Erbitterung begreifen und verzeihen, über welche zuletzt ihre Vernunft Meisterin werden muß; 81 denn, glaube nicht, Jsabella, daß ich ohne großen Kampf und heftige innere Qual den Gedanken an Friede und Bündniß mit meinen alten Feinden fassen kann : aber hier sprechen zwei Pflichten mit nicht abzuweisenden Stimmen zu mir: meine Ehre und mein Hausrecht mahnen mich, als Mann und als Edelmann, gebieterisch, Genugthuung und Rache zu fordern — und das Heil und der Ruhm meines Vaterlandes erheischen einen Herrscher, der nicht einen Krieger beschimpft, nicht eine Jungfrau überfällt und angreift, nicht ein Volk mit schändlicher Wollust vergiftet, nicht ein Land durch erdrückende Auflagen erschöpft: und diese Ehre soll gewahrt und dieß Land soll befriedigt werden, einerlei welche Opfer an Kummer und Stolz es den Einzelnen koste." Die Worte und der Ton des Grafen schüchterten einen Augenblicksselbst Isabellen ein; aber nach einer Panse sagte fie trotzige „Und darum also hat nun Clarence Eurer Sache sich angeschloffen und Eure Verbannung ge- theilt! — Dafür, daß er die ewige Scheidewand derLan- castrischen Linie zwischen sich und den, englischen Thron aufsühren helfe!" „Ich möchte gern hoffen," versetzte der Graf ruhig, „daß Clarence unsre schwierige Stellung billiger und milder ansehe und beurtheile. Gewinnt er nicht Alles, was ich wünschen möchte, falls das Glück unsre Waffen krönt, so wird er doch wenigstens Viel gewinnen; denn oft und immer, Isabel, hat Dein Gatte mich zu herben Maßregeln gegen Edward gedrängt, wo ich ihn begütigte und BuIwer'S Romane. V Vlll. g 82 zurückhielt. >lortl>ieu! wie oft beklagte er sich über Geringschätzung und Beleidigungen von Elisabeth und ihren Günstlingen, über offene Verunglimpfung von Seiten Edwards, über karge Fürsorge für seine Bedürfnisse als Prinz — kurz über ein Leben, verkümmert und verbittert durch alle Unwürdigkeiten und Galle, womit hochmü- thige, höhnische Macht den abhängigen Stolz quälen kann. Wenn er nicht den Thron gewinnt, wird er wenigstens, kraft Deiner Rechte, die Erbfolge in den Baronien von Beauchamp gewinnen, das mächtige Herzogthum und das gewaltige Erbe von Port, das Vicekönigthum von Irland. Nie besaß ein Prinz vom Geblüt Reichthum und Ehren» gleich denen, die Deinen Gemahl erwarten. UebrigenS zog ich ihn nicht in meinen Streit und meine Sache hinein — viel früher schon hätte er mich gern aufseine Seite gezogen; auch ziemt es Dir. Isabelle, als Tochter und als Schwester, nicht, es zu bedauern, wenn der Gatte meiner Tochter die dem Hause seiner Gattin widerfahrene Beschimpfung so empfand, wie wackre Männer dergleichen empfinden sollen, ohne Berechnung von Vortheil und Gewinn. Aber wenn ich hierin seine Ritterlichkeit und seine Liebe zu mir und den Meinigen überschätze, oder seinem Ehrgeiz und seinen Hoffnungen keine Genüge leiste: >Iort Ilisu! wir halten ihn ja nicht gefangen! Edward wirb seine Friedensanträge gern annehmen; mache er seine Bedingungen mit seinem Bruder, und kehre er zurück!" „Ich will ihm melden, was Ihr sagt, mein Lord," sagte Isabelle mit kalter Kürze; und ihr stolzes Haupt 83 mit förmlicher Achtung verneigend, schritt sie nach der Thüre. Anna sprang vor und ergriff ihre Hand. „Oh, Jsabella!" flüsterte sic, „kannst Du unfern Vater in seinen trüben und düstern Stunden so verlassen?" und die sanfte Lady brach in Thronen aus. „Anna," versetzte Jsabella bitter, „Dein Herz ist laneastrisch; und was vielleicht meinen Vater bekümmert, ist für Dich-nur Gegenstand der Freude." Anna zog sich blaß und zitternd zurück, und ihre Schwester schritt aus dem Zimmer. Der Graf, obgleich er die zwischen seinen Töchtern geflüsterten Worte nicht gehört, hatte sie doch genau beobachtet, und seine Lippe zuckte vor innerer Bewegung, als Isabel die Thüre schloß. „Komm her, meine Anna," sagte er zärtlich, „Du, die Du Deiner Mutter Angesicht hast, hast nie einen harten Gedanken gegen Deinen Vater." Wie Anna sich an ihres Vaters Brust warf, fuhr Warwick fort — „Und wie hast Du denn erfahren, daß Margaretha die Schuld einer That von sich weist, die, wäre sie auf ihr Geheiß geschehen, mein Bündniß mit ihrer Sache zrz'einem frevelhaften, schändlichen Verrath an dem Todten mache» würde?" Anna erröthete, und schmiegte ihr Haupt noch inniger an ihres Vaters Brust. Ihre Mutter betrachtete mit besorgtem Blick ihre Verwirrung und ihr Schweigen. Der Flügel des Palastes, in welchem die dem Grafen und seinem Haushalt eingeränmten Zimmer sich befanden, 6 * 84 stieß links an einen vorspringenden Bau, welcher Staaks- gemächer enthielt, von dem finstern und geizigen Ludwig nie, außer aus Veranlassung von Gelagen oder zum Krunk benützt, und wie wir schon bemerkt, halten fie di- Aussicht auf einen meist einsamen und »»besuchten Garten. Von diesem Garten ertönte, während Anna noch nach Worten rang, um ihrem Vater zu antworten^ niw dir Gräfin ihre Verlegenheit beobachtete, plötzlich der sanfte Ton einer provenealischen Laute, während eine leise, metallrciche Stimm-, zugleich rieseS Gefühl und eine ungemeine Kunst verrathend, welche selbst noch einfacheren Worten Reiz und Bedeutung würde verliehen haben, sang: Das Lied vom Erben von Laneaüer, Sein Erbe nur eines Vaters Nam. Des Ahnen Hcldcnschwert! DeS Fürsten Loos, Frennd-Heimaih-los.' Der Bettler nicht begehrt! Doch Einer süßen Hoffnung Trost Blieb seiner Brust im Bann nah: Wie der Himmel der Engel Heimath bleibt. So.die seiner Gedanken — Anna! Bei diesem Namen zitterte die Stimme des Sängers und verstummte eine Weile; der Graf, der zuerst kaum HLnge- horcht hatte, da er es nur für die übel angebrachte Galanterie Eines der königlichen Minstrels hielt, fuhr aus in stolzer Ueberraschung, und Anna selbst, fester noch ihres Vaters Hals umklammernd/ brach in leidenschaftliches 85 Schluchzen aus. Das Auge der GrLstu begegnete dem ihres Gemahls, aber stc legte den Finger an den Mund, ihm zu bedeute», weiter zuzuhören. Der Gesang begann wieder: Denk Eines Sonncndlicks im April Der Kindheit, vom Sturm mißhandelt, Wo Knab' und Mädchen, er und Du, Froh Hand in Hand gewandelt! Wo vor Deinen jungen Freund des Reichs Hochadel mir Knieen trat, »nd, auf Englands Erben zu lächeln, Gott Volk und Priester mit Inbrunst bat! der Graf stieß einen halb erstickten NuSruf aus, aber der Minstrel hörte die Unterbrechung nicht und fuhr fort l Mick dünkt, nie dein Verbannten so Hat gclächclt der Sonne Glanz, Wie am Morgen, wo des Knaben Gclübd' Seine Seele gab Anna ganz! biein! als sein E'rbtheil nur ein Nam', Seines Ahne» Heldenschwcrt: Hat nie des hohen Fräuleins Lieb' Der Fürst, verbannt, begehrt/ Doch wenn mit Trommel, Pfeif' und Horn Er heischt und gewinnt seine Krön', Sein Bogen sich über die Sündfluth wölbt, Und ruht auf einem Thron i Dann leihst Du hold der Hoffnung Dein Ohr, Die ihm blieb segnend im Bann nah: Wo er schmachtete »ach seines Vaters Krön', Mit zu schmücken die Stirn seiner Anna! 86 der Gesang hörte auf, und Stille herrschte im Zimmer, nur unterbrochen von Anna'S leisem aber leidenschaftlichem Weinen. Der Gras suchte sauft ihre Arme von seinem Halse loszumachen, aber sie, seine Absicht mißverstehend, sank auf ihreKniee, und rief, ihr Gesicht mit ihren Händen bedeckend: „Verzeihung! Verzeihung! verzeih ihm, wenn nicht mir!" „Was Hab' ich zu verzeihen? Was hast Du mir verheimlicht? Nie will ich glauben daß Du, heimlich, Zusammenkünfte gehabt hast mit Einem der —" „Heimlich! Nie, nie, mein Vater, das ist erst das dritte Mal, daß ich seine Stimme gehört habe, seit wir in Amboise sind, außer als — außer als —" „Fahre fort." „Außer als König Ludwig mir ihn bei dem Hoffest unter dem Namen des Grafen von F-vorstellte, und er mich fragte, ob ich seiner Mutter Lord CliffordS Verbrechen verzeihen könne." „Also ist es, wie das Lied eS berichtet; und Edward von Lancaster ist es, der die Tochter von Lord Warwick liebt und um sie wirbt!". Es lag Etwas in ihres Vaters Stimme, was Anna vermochte, ihre Hände von ihrem Angesicht wegzuziehen, und mit einem Schauer schüchterner Freude zu ihm auf- zuschauen. Auf seiner Stirne thronte wirklich kein Zorn — um seine Lipve lächelte nicht verachtender Hohn. In diesem Augenblick war all sein st-lzer Kummer über den Fluch der Verhältnisse, die ihn zu seinen Erbfeinden hinüber trieben, verschwunden. Obgleich Montagu von Oxford einen Wink von dem Wunsche erhalten hatte, welchen die scharfsichtigeren und gemäßigteren Lancastrier in Bezug auf eben diese Vermählung hegten» und obgleich Ludwig selbst gegen den Grafen schon das Vvrtheilhafte derselben angedeutet, hatte doch Warwick selbst bis jetzt natürlicherweise sich eingebildet, der Prinz theile die feindseligen Gesinnungen seiner Mutter, und eine solche Verbindung wenn auch für politisch, doch für unmöglich gehalten: aber jetzt strahlte ihm in der That der volle Triumph der Rache und des Stolzes entgegen. Edward von Kork erfrechte sich, Anna in Unehren zu begehren — Edward von Lancaster wagte nicht einmal, sie zur Gattin zu begehren, ehe er die Krone gewonnen! Auf den Thron eben die Tochter zu setzen, welche der undanlbare Monarch beschimpft hatte, sie die ec hatte erniedrigen wollen, nicht nur zum Werkzeug seines Falles, sondern auch zur Erbin seines Purpurs zu machen—in Einem glorreichen Kampf die Unbilden des Mannes und den Stolz des Vaters zu vermählen, — das waren die Gedanken, die in seinem Auge funkelten, und mit wilder Freude die dunkle, schon von Leidenschaft und Sorge gehöhlte Mange übergoßen. Er hob seine Tochter vom Boden auf und legte sie in ihrer Mutter Arme, sprach aber noch immer nicht. „Also bieß war Dein Geheimniß, Anna;" stüsterte die Gräfin; „und ich errieth es halb als ich gestern Nacht 88 neben Deinem Bett kniete nm zu beten, und Dich im Traume murmeln hörte „Süße Mutter, Du vergibst mir; aber mein Vater — ach! er spricht nicht! — Ein Wort! Vater, Bater, nicht einmal seine Liebe könnte mich trösten, wenn ich Dich erzürnte!" , Der Graf, der wie eingewurzelt stehen geblieben war, seine Augen nachdenklich unter den dunkeln Brauen leuchtend, und seine Hand leichterhoben, als wollte er in die Zukunft eindringen, und ihr luftiges Reich ermessen, wandte sich rasch: „Ich gehe zu dem Erben von Lancaster; wenn dieser Knabe kühn und treu ist — Englands und Deiner Werth — wollen wir die traurige Weise dieser klagenden Laute in einen solchen Sturm von Trompeten verwandeln, wie er dem Triumph eines Siegers und der Hochzeit eine- Fürsten geziemt!" Achtes Kapitel. Wie der Erbe von Lancaster mit dem Königmacher zusammentrifft. Wirklich War der junge Prinz, Folge leistend einer geheimen Botschaft des schlauen Ludwig, am Hofe zu Amboise unter dem Namen des Grafen von F-erschienen. Der französische König hatte schon lange vorher die romantische Neigung des Prinzen Edward für des Grafen Tochter erfahren, durch den Agenten, dessen Ed- 89 ward sich bediente, uni Anna sein Portrait nach Rouen zu schicken; und von ihm wahrscheinlich kam an Orford der Vorschlag und Plan, welchen dieser Edelmann unvorsichtig Montagu mitgctheilt hatte; und jetzt, wo cs seiner Politik gemäß war, ernstlich nnd eifrig der Sache seiner Muhme Margaretha sich anzunehmen, erkannte er alle die Vortheile für seine alte Staatskunst, welche sich aus einer Jünglingsliebe ableiten ließen. Ludwig hatte eine wohlbegründete Furcht vor dem kriegerischen Geist und den militärischen Talenten Edwards des Vierten; und diese Furcht hatfe ihn bisher abgehalten, sich offen für die Sache der Lancastrier zu erklären, obwohl sie ihn nicht abhielt, solche Aufstände und Jntriken zu unterstützen, welche die AufmerksamkeitdeS kriegerischen Plantagenet aufdic sein Königreich im Innern bedrohenden Gefahren zu ziehen und zu beschränken geeignet waren. Aber jetzt, nachdemder Bruch zwischen Warwick und dem König erfolgt war, jetzt wo der Graf nicht mehr den Wunsch des Pork'schen Monarchen, seine Erbanfvrüche aufdic schönsten Provinzen Frankreichs, ja vielleicht auf ganz Frankreich geltend zu machen, zügeln konnte, während der Abfall von Lord Warwick den Lan- castriern die erste gegründete Hoffnung auf Erfolg gab, wenn sie ihre eignen Ansprüche auf den englischen Thron geltend machten, jetzt richtete er alle Kraft seines Verstandes und seines Willens auf die Wiedereinsetzung eines natürlichen Verbündeten und aus den Sturz eines gefährlichen Feindes. Aber er wußte, daß Margaretha und ihre Lancastrischen Anhänger für sich allein nicht im so Stande waren, eine Revolution durchzuführen, — daß ste nur siegen konnten unter dem Schirm und Schild der Popularität und der Macht WarwickS, während er zugleich wohl einsah, welche Kunst und List es erfordern würde, Margarethen zu vermögen, ihre rachsüchtige Natur und ihre langgenährte Erbitterung zu überwinben, nnd den Stolz des großen Grafen soweit zu schmeidigen, daß er als Königin die Frau anerkennte, die ihn als Ver- räther gebrandmarkt hatte. Lange vor Lord Oxfords Ankunft hatte Ludwig, mit all der ihm eigenthümlichen Feinheit und Gewandtheit, allmälig den Grasen dahin geführt und vorbereitet, sich vertrauter zu machen mit der ihm allein offen stehenden Wahl, wenn er nicht anders das ohnmächtige Bewußtseyn erduldeter Beschimpfung, und bleibende, rühmlose Verbannung vorzog. Dem französischen König machten die Bedenklichkeiten Margarethens größere Sorge; und diese zu beseitigen, vertraute er weniger auf seine Geschicklichkeit, als auf ihre Liebe zu ihrem einzigen Sohn. Da er seine Jugend größtentheils in Anjou verlebt hatte — diesem Hofe der Minstrels — war des jungen Edwards ritterliches und feuriges Gemüth tief getränkt worden mit der Poesie und Romantik des Südens. Vielleicht hatte gerade die Feindschaft zwischen seinem Hause und dem Lord Warwick's, obgleich beide gleicherweise auf ihre Abstammung von John von Gaunt pochten, vermöge der Widersprüche im menschlichen Herzen dazu beigetrage?:, ihm daß Bild und die Erinnerung der sanften Anna noch 91 theurer zu machen. Er gehorchte mit Freuden der Aufforderung Ludwigs, begab sich an den Hof, ward Anna als der Graf von F — vorgestellt, sah sich von ihr auf den ersten Blick wieder erkannt, (denn sein Bild ruhte immer noch an ihrer Brust, wie die Erinnerung an ihn in ihrem tiefsten Herzen,) und hatte zweimal vor dem Gesang, wovon wir oben berichteten, gewagt, gemäß den süßen Bräuche» von Anjou, der Dame seiner Liebe im Schatten der sommerlichen Gebüsche, von Sternenschein übergoffeu, ein Ständchen zu bringen. Aber dieß letzte Mal war er von seiner frühem Vorsicht abgewichen; bisher hatte er eine spätere Stunde des Abends gewählt, und sich erst unter das Fenster des Zimmers des Fräuleins gewagt, wenn der ganze übrige Palast in der Ruhe des Schlummers lag. Und die furchtlose Erklärung seines Standes und seiner Liebe, wozu er sich jetzt entschlossen, war veranlaßt von einem Manne, welcher zu den ernstesten, berechnetsten Zwecken die kühnsten Launen und Ein-' fälle des Minstrels, den romantischsten Enthusiasmus des ZünglingS zu benützen wußte. Ludwig hatte so eben von Orfvrd das Ergebniß seiner Unterredung mit Warwick erfahren. Und um dieselbe Zeit hatte der französische König einen Brief von Margaretha erhalten, mit der Nachricht, daß sie vom Schloß von Berdun abgereist seh nach Tours, wo sie ihn bat, alsbald mit ihr zusammenzukommen, und mit der Angabe, daß sie von England Zeitungen erhalten, welche alle ihre Entwürfe ändern, und mehr als je die Möglichkeit einer 92 Aussöhnung mit dem Grasen von Warwick ausschließcir dürften. Der König erkannre die Nothwendigkeit, die Anwesenheit und Leidenschaft des jungen Prinzen, worauf, als auf ein sehr wirksames Mittel er gebaut hatte, unverzüglich zu benützen und zu Hülfe' zu rufen. Er suchte ihn sogleich aus — er fand ihn in einem entlegenen Thcil des Gartens, und belauschte ihn, wie er sich selbst leise das eben componirte Lied vorsang. .,?ascjirs Diou!" sagte der König, seine Hand auf des jungen Mannes Schulter legend, „wenn Du nur dieß Lied noch einmal singen willst, wann und wo ich es Dir sage, verspreche ich Dir, daß, ehe der Monat zu Ende geht, LordWarwickDir seiner Tochter Hand Zusagen soll; und che das Jahr herum ist, wirst Du neben Lord War- wicks Tochter in den Sälen von Westminster sitzen." Nnd der königliche Troubadour folgte dem Rathe des Königs. Der Gesang war zu Ende! der Minstrel trat aus den Gebüschen hervor, und stand auf dem grünen Rasen, als aus einem Pförtchen des Palastes mit langsamen Schritten eine Gestalt daher gewandelt kam, vor welcher ihm, als Prinz oder als Liebhaber, im Frieden oder im Krieg, zurückzubebeu nicht geziemte. Die ersten Sterne waren jetzt aufgegangen; das Licht, obwohl heiter, war blaß und dämmrig. Die beiden Männer — der Eine vorwärts schreitend, der Andere regungslos dastehend — schauten einander mit ernstem Schweigen an. 93 Als Grafen non A -->, hatte der Graf unter den jungen Edelleuten im Gefolge des Königs, den Erben von England kaum bemerkt. Jetzt betrachtete er ihn mit einem andern Auge; mit heimlichen Wohlgefallen betrachtete er, — denn mit der Schwäche eines Soldaten benrtheilte der kriegerische Baron die Männer zu sehr nach ihrer äußern Erscheinung — eine schon männliche und kraftvolle Gestalt, die doch noch das anmuthige Ebenmaß des achtzehnjährigen Jünglings besaß. „Ein Jüngling von stattlichem Neußern," murmelte der Graf, „mit der Würde, die im Frieden Achtung gebietet, und den Sehnen, welche im Krieg Mühialen und dem Tode trotzen." Er trat ihm näher und sagte in ruhigem Tone: „Sir Minstrel, Wer um Ruhm oder Schönheit wirbt, mag die Laute lieben, aber er sollte das Schwert schwingen. So wenigstens, dünkt mich, hätte der fünfte Heinrich zu dem gesprochen, der sich als seines Erbtheils des Schwerts von Agincourt rühmt." „O edler Graf!" rief der-Prinz, gerührt von diesen Worten, die so viel milder und freundlicher waren, als er ju hoffen gewagt hatte, trotz seiner kühnen und entschlossenen Miene und Haltung, und in offenherziger, einnehmender Weise jetzt seine Gemüthsbewegung nicht verhehlend — „O edler Graf! weil Du mich doch kennst, — weil mein Geheimniß verrathen ist, weil ich mit diesem Geheimnis, eine Hoffnung kund gegeben habe, die mir so theuer als die Krone, und viel theurer ist als das Leben, kann ich hoffen, daß Dein Tadel nur Dein Wohlwollen verhüllt , und daß unter Lord Marwicks Auge der Enkel Heinrichs des Fünften sich werde würdig zeigen dürfen des Blutes, das in seinen Adern rollt?" „Edler Sir und Prinzversetzte der Graf, dessen starke und großmüthige Natur durch Edwards Gemüths- bewegung und Feuer erwärmt und lebhaft angcsprochen wurde, „es walten leider tiefwurzelnde Erinnerungen an blutige Miffethaten — die traurigen Thateu und grimmigen Worte der Parteifeindschast und des Bürgerkriegs, zwischen Deiner königlichen Mutter und mir ob; und obwohl wir »ns jetzt gegen einen gemelnsamc» Feind verbünden mögen, fürchte ich doch sehr, Lady Margaretha würde sich ungern eine genauere Freundschaft, ein innigeres Band zwischen Richard Ncvile und ihrem Sohn gefallen lassen, als das Bedürfniß der Stunde erheischt." „Nein, Herr Graf; laßt mich hoffen, daß Ihr sie falsch beurtheilt. Hitzig und ungestüm, aber nicht unedel und verrätherisch, muß sie im Augenblick, wo sie den Dienst Deines Armes annimmt, vergessen, daß Du ihr Feind gewesen bist; und wenn ich, als meines Vaters Erbe, nach England zurückkehre, so geschieht es mit dem Vertraue», daß eine neue Aera beginnen werde. Frei von dem leidenschaftlichen Haffe beider Parteien sehe ich in Norkischen und Lanrastriern nur Engländer. Gerechtigkeit Allen die uns diene» — Verzeihung Allen, die sich uns widerseht haben!" Der Prinz hielt inne, und selbst bei dem dämmernden 85 Lichte gab sein königliches Wesen seinen königlichen Worten Nachdruck und Kraft. „Und wenn dieser Entschluß Eure Billigung erlangt, wenn Ihr, großer Graf, der seyd, als den selbst Eure Feinde Euch anerkennen und rühmen, — ein Mann, dessen Macht weniger auf Ländereien und Vasallen beruht — so groß auch jene, so zahlreich diese seyn mögen — als auf seiner anerkannten Liebe für England, für seinen Ruhm und seinen Frieden: so steht es bei Euch, für immer in Eiuem Grabe die Feindschaft zwischen Lancaster und Uork zu begraben! Welcher Vorkische, der bei Tvuton oder St. Albans gesochten unter Lord Marwicks Standarte, wird das Schwert zücken gegen den Gatten von Lord WarwickS Tochter? welcher Lan- castrier wird nicht einem Völkischen verzeihen, wenn Lord Warwick, der Vetter von Herzog Richard, der Vater des Erben von Lancaster und das Bollwerk des Lancastrischen Thrones wird? Oh, Warwick, wenn nicht um meinetwillen ^wenn nicht darum, um genugthuende Vergeltung zu üben an dem Undankbaren, den Du aus meines Vaters Thron gesetzt hast: wenigstens um Englands willen, um seine blutenden Wunden zu heilen, um sein zerrissenes und getheilteS Volk wieder zu einigen, erhöre den Enkel-Heinrichs des Fünften, der Dich bittet um die -Hand Deiner Tochter!" Der königliche Bewerber senkte bei diesen Worten das Knie — der mächtige Unterthan sah und verhinderte, was der Prinz in seiner Aufwallung zu thun im Begriffe war, der sich im Liebhaber vergessen hatte;, er führte 96 die Hand, die er ergriffen hatte, an seinen Mund, und ini nächsten Augenblick war Ln männlicher, soldatischer Umarmung des Prinzen junger Arm um die mächtige Schulter des KünigmacherS geschlungen. Neuntes Kapitel. Die Unreeredung bcS Grafen Warwick und der Königin Mar. garetba. Ludwig eilte zu Margarethen nach Tours; dorthin kamen auch ihr Vater Rene, ihr Bruder, Johann von Calabrien, Uolante ihre Schwester, und der Gras von Vaudemonte. Die Begrüßung der Königin und Rene'S war so rührend, daß sie den Augen des harten Ludwig XI. Thränen entlockte; aber nachdem diese Bewegung vorüber war, bewies Margaretha, wie wenig das Unglück ihren hohen Sinn gedemüthigt, oder ihre zornigen Leidenschaften besänftigt hatte; sie unterbrach Ludwig bei jedem Grund, den er für die Aussöhnung mit Warwick anführte: „Nicht mit meiner Ehre," rief sie aus, „nicht mit der Ehre meines Sohnes ist es verträglich, daß ich dem grausamen Grafen verzeihe — dem Haupturheber von König Heinrichs Sturz! umsonst, einen hohlen Frieden zwischen unsserkünsteln — einen pergamentnen, fürmlichenFrieden! Mein Geist kann nie sich mit ihm aussöhnen, nie verzeihen !" Einige Tage lang blieb sie bei einer Sprache, welche die Hauptursache ihrer unpolitischen Leidenschaften ver- »7 rieth, die sie um die Krone gebracht hatten. Sie zeigte Ludwig den ihr gesandten Brief, worin die Hand der Lady Elisabeth ihrem Sohne angeboten wurde, und fragte: „ob dich nicht eine vortheithaftere Partie * sey, und ob, wenn sie einmal in die Nothwendigkeit versetzt sey, zu verzeihen, eS nicht königlicher wäre, mit Edward zu unterhandeln, als mit einem zwiefachen Rebellen?" Zn der That wäre die Königin vielleicht in Glou- cester'S arglistige Schlinge gefallen, trotz aller Gründe und halben Drohungen" des scharfblickenderen Ludwig, ohne einen in einer andern Richtung wirkenden Einstuß, auf welchen Richard nicht gerechnet hatte. Prinz Edward, der nach Ludwigs Abreise noch zurückgeblieben war, kam von Amboise an, und seine Ueberredung wirkte Mehr, als alle Vorstellungen des schlauen Königs. Die Königin liebte ihren Sohn mit jener Innigkeit, welche die Eine sanfte Neigung heftiger und gewaltsamer Naturen charak- terisirt. Nie noch hatte sie sich seinen kindischsten Einfällen * Man vergleiche über diesen merkwürdigen Abschnitt der geheimen Geschichte des Sir H. EiliS Originalbriefe aus den Harlcy'scheu Handschriften, zweite Folge, Bd. I. Brief 42. ** Ludwig würde die Sache Margarethens anfgcoyfert haben, hätte Warwilk e- verlangt,: er wies die Herrn de Concrest fault und du PlesstS an, dem Grafen die Versicherung zu geben, daß er, ihn aus allen Kräften unterstützen werde, um England wieder zu erobern, sey es für die Königin Margaretha, oder für Wen immer er sonst wolle (vll pvur qu! ii vouilra). Denn er liebte den Grafen mehr als Mar garetha oder ihren Sohn. Barante IX. 278. Bulwer'S Romane. VVIIl. w und Launen widersetzt, und jetzt sprach er mit der Bercdt- samkeit eines Mannes, der sein Herz und sein tiefstes Leben in seine Worte legt. Endlich, mit Widerstreben, willigte sie in eine Zusammenkunft mit Warwick. Der Graf kam, von Orforh begleitet, in TonrS an, und die beiden Edelleute wurden von König Ludwig zu Margarethen geführt. Der Leser stelle sich ein Zimmer vor, verdunkelt durch dichte über das Fenster gezogene Vorhänge, denn die stolze Frau wünschte den Grafen in ihrem Gesicht weder die Spuren der die Schönheit verwüstenden Jahre, noch die GemüthSbewegungen des beleidigten Stolzes sehen zu lassen. Auf einem Thronsessel, auf der Erhöhung des Zimmers aufgestellt, saß die unbewegliche Königin, ihre Hände krampfhaft die Armlehnen des Sessels umklammernd, ihre Züge starr und blaß; — und hinter dem Stuhl lehnte die anmuthige Gestalt ihres Sohnes. Die persönliche Erscheinung des Lancastrischen Prinzen war fast ebenso merkwürdig wie die seines feindlichen Namensbruders, aber ihr Charakter war ein wesentlich anderer. * Schlank, wie Heinrich der Fünfte, beinahe bis zum männlichen Fehler der Magerkeit, waren seineKörper- verhältniffe fein und zart, verglichen mit denjenigen, die * „Nach einigen französischen Chronisten hätte der Prinz von Wales, der einer der schönsten und begabtesten Fürsten in Europa war, den sehnlichen Wunsch gehabt, der Gatte von Anna Nevile zu werden" u. s. w. Miß Strickland, Leben der Margaretha von Anjou. 89 dem breitschultrigen Edward mit der hohen Brust eine so stattliche Majestät verliehen: aber fie verkündigten beinah eine ebenso große Stärke; die Muskeln waren durch frühe Uebung in den Waffen zu Stahl gehärtet, der Säst der Jugend nie in wildem Leben und Ausschweifungen vergeudet worden. Auf seinen kurzen Purpurmantel, mit Hermelin verbrämt, war seines Großvaters LicblingS- devise, der silberne Schwan, gestickt — auf seiner Brust trug er den St. Georgenstern, und die einzige Straußenfeder, welche seine Auszeichnung als Prinz von Wales war, wallte über eine schöne und große Siirne herab, worauf selbst damals schon die Linien ernsten Nachdenkens und hohen StrebenS sich zeigten: sein kastanienbraunes Haar lockte sich dicht um seinen edelgeformten Kops, sein Auge schaute dunkel und glänzend unter den tieft» Brauen hervor, welche dem menschlichen Angesicht in so hohem Grade den Ausdruck von Energie und Verstand geben; Alles an ihm, seine Haltung und sein Wesen, schien einen über seine Jahre reifen Geist zu verrathen, eine männliche Einfachheit des Geschmacks und des Benehmens, eine ernste, aufdas Würdige gerichtete GemüthS- art, meist bei der Jugend gepaart mit reinen und hochsinnigen Strebungen, mit einer ehrliebenden, ritterlichen Seele. Unter der Erhöhung standen Einige der erprobten, tapftrn Gentlemen, welche in ihrer ergebenen Anhänglichkeit an das Haus Lancaster der Verbannung getrotzt 7 * !8S und die Leiden der Armuth erduldet harten, und die jetzt, in der Hoffnung aus bessere Tage, sich wieder um ihre Königin schaarten. Da waren dis Herzoge von Treten und Somerset— mit beschmutzten, abgetragenen Kleidern ! — manchen Tag hatten diese großen Lords hungernd selbst die Brosame des ÄettlerS entbehrt! * Da stand Sir John Fortescue, die patriarchalische Autorität unserer Gesetze, der seine berühmte Abhandlung eigens für den jungen Prinzen verfaßt hatte, der nur zu sehr die kriegerische llebung mit Lanze und Schwert, und die Erholung des ritterlichen Gesanges liebte. Da waren Jasper von Pembroke, und Sir Henry RouS, und der Graf von Devon, und der Ritter von Lytton, dessen Haus in steter Reihe von Vater und Sohn dem Schicksal, der Lancastrischen Rose sich angeschloffen hatte;"' und in scharfem Contraste mit den nüchternen Trachten der Verbannten glänzten die Juwelen und der Goldstoff, welche die glücklicheren Ausländischen schmückten, Fern, Graf von Vaudemonte, Margarethas Bruder, der Herzog von Calabrien, und die stattliche Gestalt des Sir Pierre de Brezv, welcher Margarethen aus ihren letzten unglücklichen Feldzügen mit all der Hingebung eines Chevaliers ' Philipp de Comines erzählt, er habe selbst die Herzoge von Ereter und Somerset in den Niederlanden in so jämmer lichem Auszug gesehen, wie gemeine Bettler. " Sir Robert de Lytton war Einer der mächtigsten Ritter der Zeitj und nachmals, nach Perkin Warbest, Einer der Minister. welchen Heinrich VII. am meisten vertraute. 10t für die erhabene, heimlich angebetctc Dame seines Herzens begleite: harte. * Als die Thüre aufging, und den Augen dieser stolzen Verbannten die Gestalt ihres mächtigen Feindes steh darbot, unterdrückten stc nur mit Mühe ein Gemurmel der Erbitterung, und ihre Blicke richteten sich voll Mitgefühl und Kummer auf das farblose Antlitz ihrer Königin. Der Graf selbst war verstört — fern Schritt war weniger fest, sein Haupt weniger stolz cmporgcrichtet, sein Auge weniger klar und stet. Aber neben ihm schritt, in einem noch geringeren Anzug als der des ärmsten der hier anwesenden Verbannten , und in Tracht und Wesen so, wie er für alle Zeiten lebt in den Schilderungen Viktor Hugo'S und unsers noch größeren Scott, Ludwig, gemeinhin „der Schlimme" genannt. „Madame und Muhme," sagte der König, „wir stellen Euch den Maun vor, für dessen hohen Muth und gefürchteten Ruf wir solche Liebe und Achtung hegen, daß wir ihn so hoch schätzen, als nur irgend einen König, und für ihn so Viel thun würden, als für irgend einen Menschen auf der Welt; und neben meinem Lord von Warwick seht auch diesen edeln Grafen von Orford, der, obwohl er eine Zeitlang aus der Seite der Feinde Euer ' Man vergleiche über die ritterliche .kjngebung dieses AirrerS (Seneschal von der Normandie,) an Margaretha — der Miß Strickland Leben dieser Königin. Hoheit gestanden, doch jetzt kommt. Eure Vergebung zu erbitten, und Euch sein Schwert zu Füßen zu legen." Lord O.rford, (der immer mit Widerwillen sich der Jork'schen Dynastie unterworfen hatte) warf sich jetzt, bereitwilliger und rascher als Warwick, vor Margarethen auf die Kniee," und seine Thränen fielen auf ihre Hand, als er murmelte: „Verzeihung!" „Steht auf, Sir John de Vere," sagte die Königin, mit einem flammende» Auge von Orford auf Warwick blickend: „Eure Verzeihung ist sehr leicht zu erwirken und zu gewähren, denn wohl weiß ich, daß Ihr nur den Umständen nachgegeben, aber nicht die Umstände gegen uns gewendet und benützt habt. Ihr und die Eurigen haben Viel gelitten für König Heinrichs Sache. Stehr auf, Herr Graf!" - „Und," sagte eine Stimme, so tief und feierlich, daß sie Alle, die sie hörten, den Athem anhalten machte, „und hat Margaretha auch ein Wort der Verzeihung für den Mann, der Mehr als alle Andere beitrug, König Heinrich zu entthronen, und der Mehr als Alle beitragen kann, ihm die Krone wieder zu verschaffen?" „Ha!" rief Margaretha, in ihrer Leidenschaft aufstc- hend, und die Hand ihres Sohnes von sich schleudernd, womit sie dieser an der Schulter hielt. „Ha! gestehst Du Deine Sünden, stolzer Lord? Kommst Du endlich, zu der Königin Margaretha Füßen zu knieen? Schau Dich um und sieh ihren Hof — ein Dutzend tayferer und unglücklicher Edellente etwa, von Haus und Hof vertrieben — 163 ihr Erbe die Beute von Knechten und Schelmen — ihr Fürst im Kerker — ihres Monarchen Weib, ihres Monarchen Sohn verfolgt und vom Heimathboden verjagt! Und kommst Du jetzt zu der verlassenen Majestät des Kummers, um Dich zu rühmen: das ist mein Werk?" „Mutter und Lady," begann der Prinz. „Mach mich nicht wahnsinnig, mein Sohn. Verzeihe» geziemt sich für Glückliche, nicht für Mißgeschick und Jammer." „Hört mich," sagte der Graf, der, nachdem er einmal seinen Stolz zu dieser Unterredung gebeugt, sich gestählt hatte gegen die Leidenschaft, die er in seinem Herzen halb und halb verachtete als einen bloßen weibischen Ausbruch unwiderstehlicher Tobsucht — „denn ich habe dieß Recht, gehört zu werden, daß nicht Einer von diesen Rittern, Enern ergebensten und edelsten Freunden, mir uachsagcn kann, daß ich mich je herabließ, meine Thaten gleißend zu beschönige», oder kühne Thaten hinter tückischen Worten zu verstecken. Theuer als Waffengenoffe, — geheiligt wie das Haupt eines Vaters war mir Richard von Kork, mein Oheim durch seine Vermählung mit Lord Salisbury's Schwester. Ich spreche jetzt nicht von seinen Ansprüchen vermöge seiner Abstammung, (denn diese konnte selbst König Heinrich nicht läugnen,) aber ich behaupte, selbst vor Euer Gnaden Angesicht und Ohr, daß sie von der Art waren, daß sie mich und. die vielen tapfer» und treuen Männer, die sie trotzend allen Gefahren, im Feld und auf dem Schaffst, verfochten, gegen die 104 Anklage des VerrathS und der Unloyalität schützen. Ein Jrrthum mochte es scyn — aber der Jrrthum von Männern, welche die Vsrtheidigcr einer gerechten Sache zu seyn glaubten. Auch habe ich,,Königin Margaretha» mich nicht gänzlich der Sache meines LheimS gewidmet, ich habe an keinem Anschlag iheilgenonimen, der auf die Entthronung König Heinrichs abziclte, bis —verzeih, wenn ich offen und gerade heraus spreche; es ist meine Gewohnheit, und ich würde cs jetzt noch mehr thun, wenn nicht Dein schönes Frauenantlitz mich hemmte, das mir mehr Zwang und Scheue auferlegt, als wenn ich den stirnrunzelnden Lüwenherz oder de» ersten großen Edward mir gegenüber hätte — verzeih mir, sag' ich, wenn ich keck heraus spreche, und erkläre, daß ich nicht König Heinrichs Feind gewesen, bis falsche, lügenhafte Rathgeber einen Anschlag ersonnen hatten zu meinem Verderben an Leib und Gut, Land und Leben. Mitten im Frieden, zu Coventry, entkamen mein Vater und ich mit Mühe dem Messer des Mörders. In den Straßen von London griffen die in Euer Hoheit Diensten stehenden Knechte und Henker mich Unbewaffneten an; einige Zeit darauf wurde mein Name verfehmt und geächtet von einem unrechtmäßigen Parlament. Und erst nach diesen Vorfällen ritt Richard, Herzog von Bork, nach der Halle von West- minster und legte Hand an den Thron; erst nach diesen Vorfällen sagten ich und mein Vater Salisbury zu einander: 'Die Zeit ist gekommen, wo weder Friede noch Ehre für uns zu finden ist unrer König Heinrichs Herr- 105 schaft!' Scheltet mich, wenn Ihr wollt, König!» Margaretha ; weist mich zurück, wenn Ihr meines Schwertes nicht bedürft; aber das, was ich gcthan in den vergangenen Tagen, war nur, was kein Edelmann, so mißhandelt und zur Verzweiflung gebracht, zu thun sich enthalten haben würde» — eingedenk, daß England nicht das Erbtheil des Königs allein, sondern daß Sicherheit und Ehre, Freiheit und Gerechtigkeit — die Rechte seiner Normannischen Gentlemen und seines Sächsischen Volkes sind. Und Rechte sind ein Hohn nnd ein Spott, wenn sie nicht die Befugniß zum Widerstand und dessen Rechtfertigung in sich schließen, sobald sic, von Wem es auch seh, verletzt und angegriffen werden." Nur mit gewaltsamer Anstrengung hatte Margaretha sich zurückgehalten, daß sie nicht diese Anrede unterbrach, die jedoch einen nicht unbedeutende» Eindruck auf die ritterlichen Zuhörer um die Erhöhung herum gemacht hatte. Nnd als jetzt der Graf aushörte, wurde ihre Entrüstung gelähmt durch den Verdruß, den fie empfand, als sie den jungen Prinzen plötzlich seinen bisherigen Platz verlassen und vortreten sah, zu Warwick hin. „Recht gut hast Du gesprochen, edler Graf und Vetter — recht gut, obwohl recht offen. Und ich," fuhr der Prinz fort, „unbeschadet der Anwesenheit meiner Königin und Mutter — ich, der Stellvertreter meines fürstlichen Vaters, will Dir in seinem Namen feierlich zusichern eines Königs Vergebung und Vergessen für die Vergangenheit, wenn Du Deiner Seits meine fürstliche Mutter 10 ,' frei sprechen willst von aller Theilnahme und Milwissenschaft bei den Deinem Leben und Deiner Ehre gelegten Schlingen, wovon Du gesprochen, und Dein ritterliches Wort gibst, hinfort Lancaster treu ergeben sehn zu wollen. Mögen alle Erinnerungen an die Vergangenheit unter- gcheü, welche Scheidewände zwischen den Seelen tapfrer Männer ziehen können!" Bis zu diesem Augenblick hatte Ludwig, seine Arme in seinem Gewand gefaltet, sein mageres, suchsartiges Gesicht aus den Boden geheftet, schweigend und nngeirrt zugehört. Jetzt glaubte er den Augenblick gekommen, der Aufforderung des Prinzen zu Hülfe zu kommen. Heuchlerisch mit derHand über die thränenlosenAugen streichend, wandte sich der König zu Margaretha und sagte: „Wonnevolle Stunde! Glückliche Verbindung! Möge unsre heilige Jungfrau und unser Schutzpatron St, Martin weihen und heiligen das Band, durch das allein meine geliebte Muhme ihr Recht und Königreich wieder gewinnen kann, Amen." Nicht achtend auf diesen frommen Erguß, mit arbeitender Brust, ihre Augen von dem Grafen auf Edward schweifend, machte endlich Margaretha ihrer Leidenschaft Lust, „Und dahin ist es gekommen, Prinz Edward von Wales, daß Deiner Mutter Beleidigungen und Unbilden nicht die Deinigen sind? Stehst Du Seite an Seite neben meinem Todfeind, der, statt seinen Verrath zu bereuen, sich noch über erduldetes Unrecht zu beklagen wagt? 107 Bin ich so tief gefallen, Laß ineine verzeihende oder verwerfende Stimme nur wie das Pfeifen der leeren Lust zählt? Gott meiner Väter, höre mich! Willig reiße ich aus meinem Herzen den letzten Gedanken, die letzte Sorge nm irdische Pracht und Grüße! Verhaßt ist mir eine Krone, um deren willen der Inhaber vor Feinden und Rebellen kriechen muß! Fort, Gras Warwick! Grauenhaft und unnatürlich scheint eS dem Weibe des gefangenen Heinrich, Dich au der Seite von Heinrichs Sohn zu sehen!" Jedes Auge wandte sich ängstlich nach dem Grafen hin, jedes Ohr lauschte auf die Antwort, welche sich von seiner wohlbekannten Hitze und seinem Stolz erwarten ließ — eine Antwort, die für immer die letzte Hoffnung der Lancastrischen Linie zerstören würde. Aber mochte es nun eben das Bewußtsehn seiner Macht sehn, diese leidenschaftliche Rednerin erheben oder zermaüücn zu können, oder die hochherzige» Männern natürlichen Gefühle, halb der Verachtung, halb der Ritterlichkeit, welche einen sehr entschuldbaren Zorn durch den Gedanken an das Geschlecht und an den Kummer der Anjonerin niederhielten, oder war es, daß der gewohnte Jähzorn seiner GemüthS- art in der Einen tiefen, sich gleichbleibende» Leidenschaft der Rachsucht gegen Edward von Uork untergegangen war, die nun alle geringeren und alltäglicheren Ursachen der Erbitterung verschlang — genug, des Grafen Angesicht, obwohl, blaß wie der Tod, blieb unbeweglich nnd 108 kalt, und er antwortete mit einem ernste» und schwcrmü- thigen Lächeln: „Mehr achte ich Dich, o Königin, nm der heißen Worten Wille, die eine Wahrhaftigkeit beurkunden, wie man sie selten auf königlichen Lippen findet, als wenn Du Dich bequemt hättest, eine Versöhnlichkeit und wohlwollende Milde zu erheucheln, welche zu fühlen Dir dis Lebhaftigkeit Deiner Erinnerungen verwehrt! Nein, fürstliche Margaretha, noch kann eine offene und herzliche Freundschaft zwischen Dir und mir nicht bestehen! Auch rühme ich mich nicht der Neigung und Anhänglichkeit, welche jene tapfern Gentlemen an den Tag gelegt haben! Offen, wie Du gesprochen hast, erkläreich, daß das Unrecht allein, das ich von einem Andern erduldet habe, mich bewegt. Dir meine Unterwürfigkeit darzubringen! Mögen Anders Dir aus Liebe für Heinrich dienen — aber verwirf Du nicht meine Dienste, die ich Dir anbiete nur um der Rache an Edward willen — so sehr bin ich hinfort sein Feind, wie früher sein Freund und Schöpfer seines Glücks! Und wenn Du in späterer Zeit auf dem. Throne der früher» Kriege mit Grollen und Zorn gedenken solltest, so hast Du mir wenigstens keine Dankbarkeit zugestchert, und Du kannst mein Herz nicht verwunden, mein Hirn nicht toben machen, wie der Mann, den ich einst inniger liebte als einen Sohn! So scheide ich aus Deiner Nähe, nicht erbittert über Deinen verachtenden Grimm — eingedenk, junger Prinz, nur Deines gerechten und sanften Herzens, und versichert, in der Ruhe meiner eignen Seels, 109 worin wenigstens so Viel von nnftem Schicksal sich abspiegelt, als in einem Spiegel, daß, hohe Lady, wenn Deine kältere Besinnung Dir zurückkehrt, Du einsehen wirst, daß derBund zwischen uns geschloffen werden muß! daß Dein Zorn, als Weib, verschwinden muß vor Deinen Pflichten als Mutter, Deiner Zärtlichkeit als Gattin, und den feierliche», überschwänglichen Verbindlichkeiten gegen das Volk, das Du als Königin beherrscht hast! Inder Tsdtenstille der Nacht wirst Dn die Stimme Heinrichs in seinem Kerker hören, Margarethen bittend, ihn zu befreien. Die Gestalt Deines Sohnes wird vor Dir aufsteigen , in der Blüthe seiner verheißungsvollen Zugend, fragend: warum seine Mutter ihn einer Krone beraube? und Schaaren von blassen Landleuten, erliegend unter tyrannischen Erpressungen, und verzweifelnde Väter, trauernd um entehrteKinder, werden die christlicheKönigin fragen: Ob Gott gutheißen werde den unbesonnenen Grimm, der das einzige Werkzeug verwirft, wodurch ihr Volk gerächt und gerettet werden kann?" Nach diesen Worten verbeugte und wandte sich der Gras, aber beim ersten Zeichen, daß er sich zu entfernen beabsichtigte, entstand eine allgemeine Bewegung unter dem Kreise der Edeln. Tief ergriffen von der Würde sei- «eS Benehmens, von der Größe seiner Macht, und von der unzweifelhaften Wahrheit, daß Margaretha, wenn sie ihn verschmähte, das Erbe ihres Sohnes wegwerfe, drängten sich die Verbannten > von Einem Gefühl getrie- iio ben, zu ihrer Königin Füßen, und riefen beinahe'in denselben Worten: „Gnade! edle Königin ! Gnade für den großen Grafen Warwick!" „Meine Schwester," flüsterte Johann vonCalabricn, „Du bist Deines SohuS Verderben, wenn der Graf weggeht!" „kssczue Dien! Quält nicht meine'Muhme — Wenn sie ein Kloster einem Throne vorzieht, so durchkreuzt nicht ihre heilige Wahl!" sagte der schlaue Ludwig, mit einer höhnischen Ironie nm seinen zusammengekniffenen Mund, Der Prinz allein sprach nicht, sondern blieb stolz auf derselben Stelle stehen, den Grafen anstarrend, wie er langsam der Thüre zu schritt. „Oh! Edward — Edward, mein Sohn!" rief die unglückliche Margaretha. „Wenn nm Deinei — um Deinetwillen ich die Vergangenheit zu einem weißen Blatt machen muß — so sprich Du statt meiner!" „Ich habe gesprochen," sagte der Prinz sanft, „und Du hast mich gescholten, edle Mutter; und doch sprach ich, dünkt mich, wie Heinrich der Fünfte gesprochen haben würde, wenn eS in seiner Hand gestanden hätte, aus einem mächtigen Feind einen edeln Freund zu machen." Ein kurzes konvulsivisches Schluchzen ward vom Thronseffel her gehört; und so plötzlich als es ausbrach, hörte es auch wieder auf. Königin Margaretha stand auf — nicht eine Spur dieser stürmischen GemüthSbewegung Ul In der großartigen marmornen Schönheit ihres Angesichts. Ihre Stimme, unnatürlich ruhig, hielt den Schritt des weggehenden Grafen auf. „Lord Warwick — vertheidigt diesen Knaben — stellt seine Rechte wieder her — befreit seine» heiligengleichen Vater — und Jahre der Qual und der Verbannung verzeiht Margaretha von Anjou dem Kämpen und Ritter ihres Sohnes!" In einem Augenblick stand Prinz Edward wieder an des Grafen Seite — noch ein Augenblick, und des Grasen stolzes Knie beugte sich huldigend vor der Königin Freudethränen standen in den Augen ihrer Freunde und Verwandten — ein triumphirendeS Lächeln schwebte auf Ludwigs Lippen — und Margarethens Antlitz, furchtbar in seiner steinernen, verschlossenen Ruhe, hob sich empor, gleich als flehte sie den Allerbarmer um Vergebung — wegen der Verzeihung, die sie dem menschlichen Sünder gewährt hatte ! Zehntes Kapitel. Liebe und Hcirath — GewisfcnSzweifel — Häusliche Eifersucht — Faniilienverrath. Die Ereignisse, welche ans diese stürmische Zusammenkunft folgten, waren von der Art, wie die Stellung * Miß Strickland bemerkt über diese Zusammenkunft: „ES . scheint nicht, daß Warwick der Hinrichtung seine« VaterS, de« Grafen von SaliSburv, Erwähnung that, was beinahe 112 derBetheiligten sie mitNothwendigkeit herbeiführte. Die Schlauheit Ludwigs — die Thatkrast und Liebe des Prinzen Edward — die Vorstellungen aller ihrer Verwandten und Freunde bestegten/ obwohl nicht ohne wiederholte Kämpfe, Margarethens Widerstreben gegen eine nähere Verbindung zwischen Warwick und ihrem Sohn. Der Graf verstand sich nicht dazu, persönlich in dieser Angelegenheit aufzutreten. Er überließ sie, wie ihm geziemte, Ludwig und dem Prinzen, und empfing endlich aus ihren Händen die Anträge, welche bas Bündniß bestätigten, und die Entwürfe seiner Nachsucht zur Reife brachten. Auf das heilige Kreuz in St. Mariens Kirche zu AngerS schwur Lord Warwick, ohne Wanken und Wechsel die Partei König Heinrichs zu halten. Vor demselben heiligen Symbol schwuren König Ludwig und sein Bruder, der Herzog von Guienne in grobe Leinwand gekleidet, aus allen ihren Kräften den Grafen von Warwick zu Gunsten König Heinrichs zu unterstützen; und Margaretha legte einen Eid ab, den Grafen als treu und wahrhaft zu ehren, und ihm nie wegen früherer Thaten Vorwürfe zu machen. Dann wurden die Artikel der Heirath zwischen Prinz Edward und Lady Anna unterzeichnet — die Letztere sollte bei Margaretha bleiben, aber die Heirath nicht eher volleine Bestätigung der Angaben derjenigen Historiker ist, welche in Abrede stellen, daß er auf Margarethens Befehl enthäut!, tet ward/' Die wichtigsten Umstände und Aeußerungen bei dieser Besprechung gründen sich auf historische Thatsachen. 113 zogen werden, als bis Lord Warwick in England eingezo- gen wäre, und das Königreich, oder doch dessen größern Thcil, wieder für König Heinrich gewonnen hätte — eine Bedingung, die dem Grafen geilet, welcher seiner geliebten Tochter keine geringere Mitgift als eine Krone zu geben wünschte. Ein für die Sicherstellung des Grafen, und für den bleibenden Erfolg des Unternehmens viel wichtigerer Artikel als alle andern, war derjenige, welcher der Sache und Wirkung nach der heftigen und unpopulären Margaretha die Zügel der Regierung aus den Händen nahm, indem er den Prinzen Edward, (»essen Eigenschaften ihn dem Grafen Warwick immer theurer machte», und ihm die volle Achtung und Liebe des Volkes zu gewinnen versprachen) von Erreichung seiner Volljährigkeit an zum einzigen Regenten des ganzen Königreichs bestimmte. Für den Herzog von Clären ce wurden alle Ländereien und Würden »es HercogthumS Vo>k Vorbehalten, das Recht der Thronfolge für ihn und leine Nachkommen, falls der Prinz von Wales ohne männliche Erben bliebe — nebst einer geheimen Zusage des ViceköniglhumS in Irland. Margaretha hatte ihre Einwilligung an eine Bedingung geknüpft, die ihrem Hochherzigen Sohne in hohem Grad anstößig war, uud mit der er nur durch die Gründe Marwicks auSge'öhnt wurde: sie verlangte, daß er den Grafen nicht nach England begleiten, auch dort nicht eher erscheinen sollte, als bis sein Vater als König ausgerufcn scp. Ohne Zweifel wurde sie hiebei bestimmt Bulwer « Siomane. llVIII, A liä und geleitet von mütterlicher Besorgnis und von einem nicht ansgesprochenen Mißtrauen entweder in die Treue und Redlichkeit Marwicks, ober in seine Mittel, eine zu Erfüllung seiner Zusage genügende Armee aufzubringen. Der tapfere Prinz wünschte selbst als der Vorderste zu kämpfen in den Schlachten, die für sein Recht und für seine Sache geschlagen würden. Aber der Graf behauptete zu Margarethens Freude und Ueberraschung, er fromme den Interessen des Prinzen am besten, England zu betreten, wenn kein Feind mehr im Feld stehe, Andern überlastend, seine Pfade zu ebnen und zureinigen, er selbst frei von allem persönlichen Haß feindlicher Faktionen, und ohne Einen Tropfen Blutes auf dem Schwerte dessen, der angekündigt und ausposaunt werden müsse als Friedensstifter und parteiloser Versöhner aller Feindschaften. So verpfändete denn, (nachdem diese wichtigen Bedingungen ins Reine gebracht,) in Gegenwart der Könige Rene und Ludwig, des Grasen und der Gräfin von Marwick, und in feierlicher Pracht, zu Amboise, Edward von Lancaster sein Ehegelöbniß seiner geliebten und liebenden Anna. Es war weit in der Nacht — und ein lärmendes Fest im Palaste zu Amboise krönte die Cereinonien dieses denkwürdigen Tages. Der Graf von Marwick stand allein in demselben Zimmer, wo er zuerst das Geheimniß des jungen Lancaster entdeckt hatte. Bon der glanzvollen, in den Staatssälen versammelten Gesellschaft hatte er stch unbemerkt weggestohlen, denn sein großes Herz war voll bis zum Uebcrstießen. Die Rolle, die er viele Tage lang gespielt hatte, war vorüber, und damit auch die fieberhafte Aufregung. Seine Entwürfe waren vom Erfolg gekrönt; — die Lancastrier für seine Racheplane gewonnen ! — des Königs Erbe war der Verlobte seines Lieblingskinde«; — und von ferne winkte sichtbar schon die Stunde, wo, übend die ersehnteste Vergeltung, des Vaters Hand dieß Kind zum Throne dessen geleiten würde, der sie hatte zum Staub hcrabwürdigen wollen. Wenn der Sieg seine sanguinischen Hoffnungen verwirklichte, so mußte die Würde und Macht des Grasen, als Vater der künftigen Königin, am Hofe LaneasterS größer werden, als selbst in seinen sonnigsten Tagen unter den Günstlingen des undankbaren Bork: von ihm — als dem Stammherrn zweier Linien ; wenn Anna keine Nachkommenschaft bekam, sollte die Krone au die Sühne JsabellenS kommen) — mußte, wenn sein Einfall glückte, in jedem Falle das KönigSgcschlecht Englands abstammen. Ehrgeiz, Stolz, Rache, mochten wohl lriumphirend der Zukunft entgegenschauen, sofern menschliche Weisheit sie zu beurtheilen vermochte. Nie schien über dem Hause Nevile ein glanzvollerer Stern geschimmert und gewaltet zu haben; und doch war es dem Grafen schwer und traurig ums Herz. Wie er auch vor Andern seine Empfindungen verhehlt hatte: der hochmüthige Groll Margarethens mußte ihn doch in tiefster Seele verwundet und erbittert haben. Und selbst heute, wie er die heilige Freude in Anna'S Antlitz beobachtet hatte, waren ihm stechende Gedanken schmerzlich durch die Seele 8 * 118 gegangen. Waren dieß die Zeugen einer unter guten Vorbedeutungen geschloffenen Heirath? Wie verschieden von dem herzlichen Gruße seiner kriegerischen Freunde, diese abgemessene Höflichkeit von Feinden, die selnSchwen empfunden hatten und davor geflohen waren! Wenn ihm in den Wechselfällen des Krieges Etwas zustieß; -— welche fürsorgende, mitleidige Theilnahme für sein Kind war je zu erwarten von den harten und höhnischen Augen der herrschsüchtigen Nnjouerin? Der Nebel, welcher bisher seinen Geist umwölkt, oder seinem Auge nur den Einen finstern Gedanken der Vergeltung sichtbar gelassen hatte, schmolz jetzt in Luft, Er sah die furchtbare Krisis, zu welcher sein Leben gekommen war — er hatte die Höhe erreicht, um zu trauern über die glücklichen Gärten, die hinter ihm lagen. Dahin, für immer dahin, die alten beglückenden Freundschaften — die schönen, mannhaften Erinnerungen an tapfre Kameradschaft und frühe Liebe! Wer von Allen, welche an seiner Seite für das Haus Uork dem Krieg die Stirne geboten, sollte herbei eilen, seine Hand fassen und sein Kommen begrüßen, als Hauptmann des verhaßten Lancaster? Zwar, wenn seine Ehrliebe sich dazu bequemte, die wahre Ursache seines Abfalls zu erklären, mußte das Herz jedes Vaters voll billigender Theilnahme für ihn schlagen; aber weniger als je fühlte er sich im Stands, die.Geschichte zu veröffentlichen , die seinen Namen reinigte, seinen Schritt rechtfertigte, Wie sollte er sich her- ablaffen, das boshafte Mitleid anzurufen ob einer Be- 117 schimpfung, einer künftigen Königin geboten! Dunkel in seinem Grabe mußte das Geheimniß schlummern, das keine Worte aussprechen konnten, außer in solchen unbestimmten, mysteriösen Winken und Andeutungen, wie sie von grundlosem Geschwätz in zweifelhafte Geschichte übergehen. Zwar war er in seinem Wechsel der Partei nicht, wie Julian von Spanien, ein Abtrünniger von seinem Vaterland. Er dachte nicht an eine Verwüstung und Unterwerfung seines Vaterlandes durch fremde Feinde, er wollte nur an die Stelle eines englischen Monarchen einen andern setzen — einen tugendhaften Prinzen an die Stelle eines falschen und blutdürstigen Königs. Zwar war der Uebertritt von einer Nose zur anderen etwas so Gewöhnliches gewesen, selbst bei den Größten und Tapfersten, daß auch der Strengste kaum tadeln konnte, was das Zeitalter selbst gutgeheißen hatte. Aber welcher andere Mann jener stürmischen Zeit hatte eine so in die Augen fallende Rolle gespielt beim Sturze Derjenigen, welche zu erheben er jetzt wieder vor allen Andern thätig sehn sollte? welchem andern Mann hatte Richard von Kork so ganz sein Herz geschenkt — zu welchem andern Mann hatte der erlauchte Vater gesagt: „Beschütze meine Söhne l" Vor ihm schien leibhaftig das Gespenst dieses hochgeehrten Fürsten cmporzusteigen, und ihn mit erdkalten Lippen zu fra- -Hall erklärt das Geheimnis, in welches die Beleidigung des Königs gegen eine Krau von WarwickS -Hause gehüllt dlieb, ganz gut durch den einfachen Satz. „Etwas Gewisse« ward, um der Ehre Beider willen, nie öffentlich bekannt." 118 gen: „Bist Du, Du unter allen Menschen gerade, der Henker meines Erstgebornen?" Ein Stöhnen entfuhr der Brust des von seinen eignen Gedanken Gequälten, er fiel auf seine Kniee und betete: „Oh, Vergebung, Du Allsehender! leihe Du mir Deine Fürsprache, göttliche Mutter! wenn ich hierin im Dunkel mich verirrte, wenn ich mein Herz mit meinem Gewissen verwechselt, und selbstsüchtig nur an das mir widerfahrene Unrecht gedacht habe! Oh, wahrlich nein! Hätte Richard von Dort selbst es erlebt, hätte er gesehen, was ich von seinem unwürdigen Sohn erduldet habe — grundlose Beschimpfung, Bruch des Worts und der Treue, öffentliche, schamlose Entehrung, und trotz all dem verzeihend, dienend, an der Liebe festhaltend, bis zuletzt nichts Geringeres, als der schändlichste Frevel, der einen Wappenschild und Namen treffen kann, der kaltblütig überlegte Lohn war für unerschöpfte Hingebung — gewiß, gewiß Richard selbst hätte gesagt: 'Deine Ehre verbietet Dir endlich, noch länger zu vergeben!'" Dann ging der Graf, mit jener Raschheit, womit das menschlich- Herz, wenn es einmal daran ist, sich selbst zu entschuldigen, die ihm zu Statten kommenden Gründe und Ausreden der Reihe nach aufzählt, von dem ihm widerfahrenen Anrecht über zu der Mißregierung seines Vaterlandes, und murmelnd durchging er die tausend Beispiele von Grausamkeit und schlechtem Regiment, welche in seiner Erinnerung aufstiegen — vergessend, ach! oder gegen den Gedanken sich taub machend, daß er, bis Edwards 119 Laster seinen eignen Herd und seine Ehre verletzt, sich begnügt hatte, sie zu beklagen, nicht gewagt hatte, sie zu züchtigen — bis er endlich, ruhig und sich selbst von Schuld freisprechend, von seiner Beichte vor sich selbst aufstand, und an das offene Fenster sich lehnend, den milden, belebenden Balsam der Sommerlust einathmete. Die Staatsgemächer, die er verlassen hatte, bildeten, wie wir schon erwähnt, einen Winkel mit dem Flügel, worin das Zimmer sich befand, in das er sich zurückgezogen. Sie waren glänzend erleuchtet — die Fenster standen offen, um die frische, milde Nachtlust einzulassen, und er sah, wie beim Tageslicht, deutlich und schimmernd in ihren prächtigen Trachten die vielen Gäste darin. Aber Eine Gruppe vor Allen zog an und fesselte sein Auge. Ganz nahe am mittleren Fenster erkannte er seine zarte Anna mit niedergeschlagenen Blicken; er wähnte beinahe ihr Erröthen zu sehen, als ihr junger Bräutigam, jung und schön wie sie selbst, ihr Liebesschmeicheleien ins Ohr flüsterte. Weiterhin sah er, jedoch noch nahe, seine eigne holde Gattin, und murmelte: „Nach zwanzigjähriger Ehe möge Anna ihm so theuer seyn, als Du jetzt mir bist." Und dann sah er, oder bildete sich ein zu sehen, wie seiner Gemahlin Auge, nachdem es mit zärtlicher Wonne auf dem jungen Paare geruht, nachdenklich umh»schweifte, als vermißte es und suchte den Genossen ihres mütterlichen Glückes. Aber welche Gestalt schwebt vorüber mit so hochmüthiger Majestät, bleibt dann nahe bei der Braut stehen, redet sie nicht an, scheint sie aber mit so beobachtenden Blicken ins 120 Auge zu fassen? Er erkannte am herzoglichen Diadem, an den Farben ihres gestreiften Gewandes, an ihrer nie zu verkennenden stolzen Haltung, feine Tochter Jsabclla. Er konnte den Ausdruck ihres Gesichts nicht unterscheiden, aber ein unglückweissagender Schauer zuckte durch sein Herz; denn ihre Haltung schon hatte einen bestimmten Ausdruck, und zwar nicht den schwesterlicher Theilnahme und Liebe, Ec wandte sein Angesicht weg mit einer beunruhigenden Erinnerung an die veränderte Stimmung seiner mißvergnügten Tochter. Gr sah wieder hinüber — die Herzogin war vorüber gegangen, hatte sich verloren in dem glänzenden Strudel des Festes. Und voll und rauschend erscholl die fröhliche Musik, die zum stattlichen Pfauentanz lud. Gr schaute wieder hinüber; seine Gattin hatte ihren Platz verlassen, auch die Liebenden waren verschwunden, und wo sie gestanden, da standen jetzt in vertraulicher Besprechung seine alten Feinde, Erster und Somerset. Der plötzliche Uebergang von Gegenständen der Liebe zu solchen, welche Erinnerungen des Haffes erweckten, hatte Etwas an sich, was eine jener abergläubischen Ahnungen rege machte, für welche in allen Zeitaltern das Herz, wenn lebhaft erregt, empfänglich ist. Und wieder, des Festes vergessend, wandte sich der Graf der friedlicheren Landschaft, dem Garten und dem im Mondlicht schimmernden Nasen zu, und sann und sann, bis ein weicher Arm, ihn umschlingend, ihn au« seiner Träumerei weckte. Und deßwegen hatte die Gräfin das Fest verlassen. Mit dem natürlichen Instinkt der Liebe dey Trübsinn l2l ihres Gatten ahnend, hatte fie sich von Pracht und Lust weg an seine Seite gestohlen. „Ach, warum," sagte die Gräfin, „wolltest Du mich Eine Stunde Deiner Gegenwart berauben, da so wenig« mehr uns übrig find — da, wenn die Sonne des übernächsten Tages diese Mauern bestrahlt, die Nacht Deiner Abwesenheit mir angebrochen sehn wird?" „Und wenn dieser Gedanke an die Trennung, traurig für mich wie für Dich, nicht genug wäre livi' umis, die Lust des Festes zu trüben," antwortete der Graf, „weißst Du nicht, wie übel die ernsten und feierlichen Gedanken dessen, der ein Unternehmen vor sich steht, das die Dynastie eines Königreichs ändern soll, sich vertragen mit dem sorglosen Tanz und der üppigen Musik? Aber nicht an diese gewaltigeren Sorgen dachte ich in diesem Augenblick, meine Gedanken weilten auf einem näheren, mehr persönlichen Gegenstand. Hast Du nicht, süßes Weib, den schweigenden Trübsinn, die »mwölkre Stirne Isabellen» bemerkt, seit fie erfahren hat, daß Anna die Braut de» Erben von Lancaster werden sollte?" Die Muiter unterdrückte einen Seufzer. „Wir müssen verzeihen oder übersehen den Mißmuth einer Tochter, die ihren Gatten liebt und über die Vereitlung seiner Hoffnungen trauert. Ach ja! ich bin betrübt, daß fie nicht einmal mir ihr Vertrauen schenkt. Immer zusammen mit der Lieblingsdame, welche neulich erst ihrem Gefolge sich anschloß — mich dünkt, diese neue Freundin ertheilt doch wohl minder wohlthätigen Rath als eine Mutter?" 12L „Ha! und doch, welchen NLthcn einer ihr vergleichungsweise Fremden kann Jsabella ihr Ohr leihen ? Selbst wenn Edward, oder vielmehr seine verschmitzte Elisabeth diese Kammerfrau aufgestiftet hätte, unsre Tochter könnte doch nimmermehr, selbst nicht in einer Stunde des zornigen MißmuthS, auf die Botschaften unsrer Feinde, die uns entehrt haben, horchen." „Nein, aber ein schmeichelnder Mund nährt und hegt oft durch Loben und Preisen den irrenden Gedanken. Isabel hat, mein theurer Lord, Etwas von Deinem Muth und hochstrebenden Herzen, und von ihrer frühen Kindheit an hat ihr hochfahrender Geist, hat der Charakter selbst ihrer majestätischen Schönheit ihr die Ueberzeugung gegeben, daß ihr ein glänzenderes Schicksal, eine größere Macht bestimmt seyen, als unsrer sanfteren Anna. Zeit und Nachsicht, Richard, und die Zärtlichkeit der großmü- thigen Schwester, wollen wir hoffen, werden die Eifersucht der in ihren Erwartungen getäuschten Herzogin besiegen!" „In der That, der Himmel sey gebeten, daß dieß so geschehe! Jsabellens Gewalt über Clarence ist groß und könnte leicht gefährlich werden. Wenn sie sich doch dazu »erstehen wollte, mit Dir und Anna in Frankreich zu bleiben! Ihren Gatten wenigstens, scheint es, habe ich überzeugt und zufrieden gesteckt. Seine leichtere Natur, vergnügt über die großen ihm winkenden Guter, über das Spielzeug viceköniglicher Gewalt, sühnt sich aus mit dem Verlust einer Krone, die, so fürchte ich, er nie recht zu tragen vermöchte. Denn je genauer ich in unsrem ver- 123 trauten Familienleben seine Eigenschaften kennen gelernt habe, desto mehr scheint es mir, daß ich es kaum hätte verantworten können, wenn ich England einen König gegeben hätte, der eines so großen Volkes nicht würdig wäre. Cr ist noch jung, aber wie ganz anders ist die Jugend des Lancastrischen Edwards? Bei ihm — welch ein ernster und männlicher Geist! Welche wahrhaft erhabene, von Oben stammende Ansichten von den Pflichten eines Königs! Oh, wenn etwas Sündiges ist in der Leidenschaft, die mich getrieben hat, möge ich, und ich allein, dafür büßen — und möge ich wenigstens das Werkzeug seyn, England einen Prinzen zu geben, dessen Tugenden ein Ersatz für Alles seyn werden!" Während noch die letzten Worte auf dem Munde des Grafen schwebten, flimmerte ein Licht über dem Boden hin, der bisher nur von den Sternen und vom Vollmond beschienen war. Und gleich darauf trat Jsabella, im Gespräch mit der Dame-, deren ihre Mutter erwähnt hatte, ln das Zimmer, auf dem Wege nach ihrem eigenen Zimmer. Das Antlitz dieser Diplomatin, deren Talent Philipp de Comines rühmt, aber deren Namen, zum Glück fürste, die Geschichte verschweigt, war in seinem Ausdruck sanft und gewinnend für den gewöhnlichen Beobachter, obgleich die Schärfe der Züge, die dünne», zusammen- gezogenen Lippen und die grelle, trockene Rothe der Haare den Merkmalen entsprachen, welche die neuere physiogno- mische Wissenschaft mit Recht oder irrthümlich einem tückischen und verrätherischen Charakter beilegt. Sie trug 124 ein Licht in der Hand, dessen Strahlen voll auf das verstörte , unruhige Angesicht der Herzogin fielen. Jsabella erkannte im Augenblick die Gestalten ihrer Elter», brach eine in flüsterndem Tone geführte Besprechung plötzlich ab und stieß einen fast Schrecken verrathenden Schrei aus. „Du verläßst das Fest frühe, schöne Tochter," sagte der Graf, mit einem etwas strengen Auge ihr Gesicht prüfend. „Meine Lady," sagte die Vertraute mit einer tiefen Verbeugung, „war verlangend nach ihrem kleinen Kinde." „Deine Lady, gute Kammerzofe," sagte Warwick, „bedarf nicht Deiner Zunge, um mit ihrem Vater zu sprechen. Entferne Dich." Die Kammerfrau biß sich in die Lippe, gehorchte aber und verließ daS Zimmer. Der Graf näherte sich Isabellen und ergriff ihre Hand —- sie war kalt wie Stein. „Mein Kind," sagteer zärtlich, „Du thust wohl. Dich zur Ruhe zu begeben ; in der jüngsten Zeit hat Deine Wange ihre Blüthe verloren. Aber gerade jetzt wünschte ich aus vielen Ursachen, daß Du nicht den Gefahren unsrer Rückkehr nach England Trotz bötest; und jetzt weiß ich nicht, ob mich mehr die Besorgniß um Deine Gesundheit beunruhigen würde, wenn Du von mir getrennt, oder die Sorge um Deine Sicherheit, wenn Du bei mir wärest!" „Mein Lord," versetzte Isabel kalt, „meine Pflicht ruft mich an meines Gatten Seite, und das um so mehr, da es jetzt scheint, er hat die Gefahren der Schlacht zu bestehen, ohne den Preis des Sieges zu ernten! Mögen 125 Edward und Anna hier in Sicherheit bleiben — Elarence und Isabella gehen, um das Diadem und die Krone für Andere zu gewinnen!" „Sey nicht bitter gegen Deinen Vater, Kind — sev nicht neidisch auf Deine Schwester!" sagte der Graf im Ton ernsten Vorwurfs: dann, mit sanfterer Stimme, fuhr er fort: „Die Frauen eines edel» Hauses sollten keinen persönlichen Ehrgeiz haben — ihren Ruhm und ihre Ehre sollten sie, ohne zu murren, den Händen der Männer anheim geben! Traure Du nicht, wenn Deine Schwester den Thron dessen besteigt, der gerne den Namen selbst ge- brandmarkt hätte, der Dir und ihr durch die Geburt an- gehürt!" „Ich habe Niemanden Vorwürfe gemacht, mein Lord. Verzeiht mir, ich bitte Euch, wenn ich mich jetzt zurückziehe: ich bin arg müde, und möchte gerne Kraft und Gesundheit genug haben, um Euch, wenn Ihr abreist, nicht zur Last zu fallen." Die Herzogin verbeugte sich mit stolzer Unterwürfigkeit, und schritt weiter. „Nimm Dich in Acht!" sagte der Graf mit leiser Stimme. „In Acht! und vor was?" sagte Isabel betroffen. „Vor Deinem eignen Herzen, Isabella! Ja, gehe an Deines Kindes Lager, ehe Du das Deinige aufsuchst, und im Angesicht des Schlummers der Unschuld suche die Ruhe der Seele und die Weiblichkeit wieder zu gewinnen!" Die Herzogin erhob rasch ihr Haupt, aber die ange- 126 wohnte Scheue vor ihrem Vater unterdrückte die zornige Antwort: und mit ehrerbietiger Förmlichkeit die Hand küssend, welche ihr die Gräfin darreichte, verließ fie dar Zimmer. Sie erreichte ihr Gemach, wo die Wiege ihrer Sohnes stand, prächtig mit seidenem Baldachin bedeckt, worein die Wappen des königlichen Clarence gewirkt waren; — und neben der Wiege saß die Vertraute. Die Herzogin zog die Vorhänge beiseite, und betrachtete das rofige Antlitz des schlummernden Kindes. Dann wandte fie sich zu ihrer Vertrauten und sagte: „Vor drei Monaten noch — da hoffte ich, mein Erstgeborner würde einst ein König sehn! Weg mit diesen eitel» Abzeichen von königlicher Geburt! Wie paffen fie für den künftigen Vasallen deS verabscheutcn LancastrierS?" „Süße Ladh," sagte die Vertraute, „habe ich Dir nicht von Anfang an warnend gesagt, daß diese Vermählung, zum Nachtheil meines Lords, des Herzogs, und dieses theuren Knaben ganz nahe drohe? Ich hatte gehofft, Du würdest deu Grafen davon abhalten können." „Er achtet nicht auf mich — er kümmert sich nicht um mich!" rief Jsabella; „seine ganze Liebe gehört Anna an, — Anna, die, ohne Thatkraft und Stolz, ich kaum als meines Gleichen betrachtet habe! Und jetzt muß ich vor meiner jünger» Schwester meine Kniee beugen, zufrieden, wenn fie mich würdigt, ihr die Schleppe ihres königlichen Gewandes halten zu dürfen! Nie — »ein, nie!" „Beruhige Dich; der Eilbote muß heute Nacht abgehen. Mein Lord von Elarcnce ist schon in seinem >27 Zimmer; er erwartet nur Deine Zustimmung, um a» Edward zu schreiben, er verwerfe seine freundschaftlichen Anträge nicht." Die Herzogin schritt in großer Version,ng auf und ab. „Aber so hinterrücks und falsch gegen meinen Vater handeln?" „Verdient er, daß Du ihm Dein Kind aufopferst? — Bedenke! — der König hat keinen Sohn! die englischen Barone erkennen ein Mädchen nicht als Monarchin an; und so lang Edward auf dem Throne fitzt, ist Dein Sohn muthmaßlicher Erbe. Es ist wenig Wahrscheinlichkeit , daß von Königin Elisabeth noch ein männlicher Erbe geboren werde, während von Anna und ihrem Gatten ein langblühendes Geschlecht entspringen mag. Zudem , was auch immer pcrgameutne Verträge bestimmen mögen, wie können Clarence und seine Nachkommen von einem Lancastrischen Könige je anders betrachtet werde», denn als Feinde, gut für das Gefängniß oder den Block, sobald eine lügenhafte Erfindung einen scheinbaren Vorwand leiht, den rechtmäßigen Stamm auSzurotten?" „Halt ein — halt ein — halt ein!" schrie Isabel, in fürchterlichem Kampfe mit sich selbst. „Lady, die Stunde drängt! Und bedenkt, ein paar Zeilen sind nur Worte, die man bestätigt oder zurücknimmt, je nachdem die Gelegenheit es mit sich bringt! Wen» Lord Warwick glücklich ist, und König Edward seine Krone verliert, könnt Ihr Eure Handlungsweise nach de» 128 Zeitverhältnissen einrichten, wie cs Euch das Beste dünkt. Aber wenn der Graf den Kampf verliert — wenn er wieder in die Verbannung getrieben wird, so befreien einige wenige Worte jetzt geschrieben, Euch und die Guri- gen von bleibender Verbannung, setzen Euren Knaben wieder in den Besitz seines natürlichen Erbes; befreien Euch von dein Uebennuth der Anjouerin, die, wie mir schien, eben heute noch sich erfrecht hat, Euer Hoheit zu beleidigen —" „Das hat sic — das hat sie! Oh, daß mein Vater dabei gewesen wäre, und es gehört hätte! Sie hieß mich znrücktreten (damit Anna freien Paß hätte), nicht vor der jüngern Tochter Lord Marwicks, sondern vor der in die königliche Familie von Lancaster aufgenommenen Lady! Elisabeth Woodvtlle wenigstens erlaubte sich nie einen solchen llebcrmuth!" „lind diese Margaretha soll der Herzog von Clarence auf den Thron setzen, den sonst zu besteigen Euer Kind dort gegründete Hoffnung hätte!" Ziabel faltete die Hände in stummer Leidenschaft. „Horch!" sagte die Vertraute, die Thüre aufreißend, — Und den Corrtdor entlang kam in abgemessenem Pomp, eine stattliche Prozesston, der Kämmerer voran, mit dem Rufe: „Ihre Hoheit die Prinzessin von Wales," und König Ludwig XI. führte die jungfräuliche Gattin (Weib erst dem Namen und der Ehre nach, bis die Morgengabe eines Königreichs gesichert war,) zu ihrer sanften Ruhe. 12S Der ccremoniöse Pomp, die königliche Huldigung, welche der jüngern, so über sie erhobenen Schwester zu Theil ward, vollendete in ZsabcllenS eifersüchtigem Herzen den Triumph der Bersucherin. Ihr Angesicht nahm den festen Ansdruck harter Entschlossenheit an, und sie schritt rasch von diesem Zimmer in ein nahe anstoßendes, wo der Herzog von Clarence allein dasaß, den köstlichen Schlaftrunk, nicht un gekostet, vor sich, und die Tinte noch feucht auf einem Blatt Papier, das er eben beschrieben halte. Er wanote sein unentschlossenes Gesicht gegen Jsa- Hella, als sie sich über ihn beugte und den Brief las. Er war an Edward gerichtet, und nachdem er ihn in der Kürze von dem beabsichtigten Einfall in Kennlniß gesetzt batte, fügte er bedeutungsvoll bei: „Und wenn ich den Schein auf mich laden mag, an dieser Unternehmung Theil zu nehmen, was ich, hier und allein, nicht vermeiden kann, sollst Du dennoch, wenn der Augenblick kommt, einen zärtlichen Bruder und loyalen Unterthan an mir finden." „Nun, Isabel," sagte der Herzog, „Du weißt, ich habe Ließ bis zur letzten Stunde verschoben, Dir zu gefallen, denn wahrlich, meine Lady, Dein Wille ist mein süßestes Gesetz. Aber jetzt, wenn Dein Herz Dich warnt —" „Das tbut eS —das thut es!" rief die Herzogin, in Thronen ausbrechend. „Wenn Dein Herz Dich warnt," fuhr Clarence fort, der bei all 'einer Schwäche doch Viel von der Doppel- Bulwer'S Romane. 6VUI. 9 130 zünglgkeit seiner Brüder hatte, „nun, so lassen wir es seyn. Sklavische Unterwerfung unter die höhnische Margaretha — Unterthänigkeit gegen den Geliebten Dei« ner Schwester — der Triumph des Hauses, welches als ein dem Fluche geweihtes zu betrachten wir Beide, Du und ich, von Kindheit an gewohnt waren — ha, willkommen das Alles, wen» nur Jsabella nicht weint, und unser Knabe »ns nicht in den künftigen Tagen Vorwürfe macht!" Statt aller Antwort ließ Isabel, welche den Brief in die Hand genommen hatte, ihn ans den Tisch fallen, schob ihn mit abgewandtem Angesicht dem Herzog hin, und kehrte zur Wiege ihres Kindes zurück, dar sie mit ihrem Schluchzen weckte, und das seine gellende Antwort in kindischem Unmuth und Jammer laut werden ließ, wie die von Reue ergriffene Mutter cs aus dem Schlunr- mer in ihre Arme riß. Ein Lächeln halb verachtender Freude flog über die dünnen Lippen des JudaS in Weibergestalt, und ohne zu reden eilte sie zu Clarence. Er hatte seinen Brief gesiegelt und umbunden, nachdem er erst die Worte beigesetzt hatte: „Meine Ladp und Herzogin, ungeachtet ihrer Verwandtschaft, hat diesen Brief gesehen und gebilligt, denn sie ist mehr fllork zugethan, als dem Grafen, seit er ein Lan- castrier geworden ist;" und legte ihn in eine kleine eiserne Kapsel. Er gab die Kapsel, wunderlich geschloffen und verriegelt , der Kammerfrau, mit einem bedeutsamen Blick: >31 „Macht schnell, oder sie bereut es! Wartet der Courier? Ist sein Pferd gesattelt? Im Augenblick wo Ihr es übergebt, geht er ab — er hat seinen Erlaubnißschein die Th vre zu passiren?" „Alles ist bereit; ehe die Glocke schlägt, ist er unterwegs." Die Vertraute verschwand — der Herzog sank in seinen Sessel und rieb sich die Hände. ^ „Oho! Schwiegervater, Du hältst mich für zu blöde ^ für eine Krone. Ich bin nicht blöde genug, nm Dein Werkzeug zu seyn. Zch habe wenigstens Witz genug gehabt, Dich zu täuschen, und meine Erbitterung unter einer lächelnden Stirne zu verbergen! Schwachkops Du, zu glauben, daß etwas Geringeres als da- Königthum Englands Clarence für Deine Sache hätte gewinnen und bestechen können!" Er wandte sich nach dem Tisch und leerte mit Behagen,seinen Becher. Plötzlich stand blaß und hohläugig wie ein Gespenst Jsabella vor ihm. „Ich war wahnsinnig, — wahnsinnig, George! der Brief— der Brief! er darf nicht abgehen!" In diesem Augenblick schlug die Glocke. „Lol on- kant!" sagte der Herzog, „es ist zu spät!"