E. L. Bulwer's e r k e Aus dem Englischen. Hundert und siebentes Nandchen. Der Letzte der Barone. SiebinteS Bändchen. Stuttgart. Verlag der I. B. Metzler'schen Buchhandlung. 18L3. D«r Letzte -ev Brreone. Von dem Verfasser „Rienzi's," „Eugen Arams" rc. Aus dem Englischen von Gustav Pfizer. Siebentes Bändchen. Stuttgart. Verlag der I. B. Metzler'schen Buchhandlung. 1843 . Achtes Buch. In welchem das letzte Band zwischen dem Königmacher und dem König zerreißt. 1 Erstes Kapitel. LadP Anna besucht den Hof. Es waren einige Wochen verstrichen seit den zuletzt erzählten Vorfällen. Das Gewitter, das drohend über dem Schicksal König Edwards gehangen hatte, war für den Augenblick zerstreut, obgleich die zersprengten Wolken noch den Horizont verfinsterten; der Graf von Warwick hatte die Lancastrier auf der Grenze geschlagen und ihr Anführer war auf dem Schafott gestorben, aber Edwards gewaltiges Schwert hatte nicht in der Schlacht geglänzt. Gefesselt durch einen Gegenstand von noch mächtigerer Anziehungskraft, als selbst das Gemetzel der Schlacht für ihn besaß, war er in Middleham fitzen geblieben, während Warwick sein Heer nach Bork führte, und als der Graf in dieser Hauptstadt von Edwards altererbtem Herzogthum ankam, erfuhr er, daß der thätige und einsichtsvolle Hastings, als er, noch ehe er das Lager des Herzogs von Gloucester erreicht, von der anscheinenden Gefangenneh- mung Edwards durch den Grafen und von dem Marsch 8 nach Middlcham gehört, es fürs Angemessenste erachtet hatte, in Bork Halt zu machen, und in aller Eile einen Rath von denjenigen Rittern und Baronen zusammen- znberufen, die entweder Liebe zu dem König oder Neid gegen Warwick zu erscheinen geneigt machte. Allgemein ging das Gerücht, daß (Edward wider seinen Willen in Middlcham znrückgehalten werde, und dieß Gerücht zu Widersprechen und zu entkräften, forderte Hastings den Grafen Warwick bei dessen Ankunft in Dark alles Ernstes auf. Der Graf, um sich von einem Vcrvacht zu reinigen, welcher alle seine militärischen Bewegungen hemmte, schickte Lord Montagu nach Middleham ab. welcher nicht nur mit dem König zurückkehrtc, sondern auch mit der Gräfin und ihren Töchtern, welche Edward, unter dem Borwand, die zwischen ihm und Warwick bestehende vollkommene Freundschaft darzulegen, in seinem Gefolge mit sich führte. Des Königs Erscheinen in Bork machte allen Schwierigkeiten und Anständen ein Ende. Aber er ließ Warwick allein gegen den Feind marschiren, und erst nach dementscheidenden Siege, welcher für eine Weile seine Herrschaft ohne einen erklärten Feind ließ, kehrte er nach London zurück. Dorthin begab sich, auf den Rath seiner Freunde, auch der Graf, und in einer zu diesem Zwecke berufenen Versammlung von PeerS ließ er sich angelegen sehn, die noch immer von seinen Feinden allgemein in Umlauf gesetzten und von dem großen Haufen leichtgläubig angenommenen Gerüchte von seiner geheimen Mitwirkung bei 9 dem Volksaufstand, so wie von der gewaltsamen Feilhal- tung des Königs auf des Grafen Schloß Middleham zu wirerlegen. Hierauf folgte, dem Rathe des Erzbischofs gemäß, eine feierliche Besprechung der Häupter der Häuser Uork und Warwick, wobei die einst schöne Rosa von Raby (des Königs Mutter) als Mittlerin und Schiedsrichterin auftrat. Das Wort, das der Graf den Gemeinen bei Olney gegeben hatte, wurde bestätigt. Edward willigte in die zeitweilige Entfernung der Woodvilles, obgleich der tapfere Anthony seine Wallfahrt nach Com- postella anfschob. Clarence'S Eitelkeit ward zufrieden gestellt durch das Gouvernement von Irland, aber unter verschiedenen Ausflüchten zog Edward die Abreise seines Bruders auf diesen wichtigen Posten hinaus. Eine allgemeine Amnestie ward verkündigt, ein Parlament zur Abstellung der Beschwerden des Volkes berufen, und die Verlobung der Tochter des Königs mit Montagu'S Erben angekündigt; der Letztere erhielt den Titel Herzog von Bedford; und das ganze Land freute sich über den wiederhergestellten Frieden, die Entfernung der Woodvilles, und die Aussöhnung des jungen Königs mit seinem allgeliebten Unterthanen. Nie war, — so schien es — die Macht der NevileS so sicher, nie der Thron Edwards so festgegründet gewesen. Um diese Zeit vermochte der König den Grafen und die Gräfin, der Ladt) Anna zu erlauben, die Herzogin von Clarence bei einem Besuche im Palast des Towers zu begleiten. Die Königin hatte sich mit so guter und sanfter Art in die Demüthigung ihrer Familie ergebe», baß selbst der hochmüthige Warwick gerührt und besänftigt ward; und der Besuch seiner Tochter in einem solchen Zeitpunkt war eine Huldigung, welche Elisabeth darzubringen seinem ritterlichen Sinne ganz gemäß war. Das Publikum sah in diesem Besuche, der mit großer Pracht und Feierlichkeit statthatte, die Aussicht auf eine neue, sehr erwünschte Vermählung. Der Erzbischof hatte das Gerücht von GloucesterS Neigung zu Lady Anna unter die Leute kommen lassen, und die Rückkehr des jungen Prinzen aus dem Norden ward mit ungeduldiger Spannung erwartet von den müßigen Schwätzern des Tages. Bei dieser Gelegenheit bezeigte auch Warwick dem jungen Marmaduke Nevile seine Dankbarkeit für seine anhängliche Treue. „Mein lieber und tapferer Vetter," sagte er, „ich habe nicht vergessen, daß, wie Du den König und den Hofverließest, um dem abgeschätzten Minister auf sein düsteres Schloß zu folgen — ich habe nicht vergessen, wie Du mir da von Deiner Liebe sprachest zu einem schönen Mädchen, bei der es Dir nicht nach Deinen Verdiensten gelang. Wenigstens soll es nicht am Mangel an Ländereien oder der goldenen Sporen liegen, welche den Träger berechtigen, neben König und Kaiser zu reiten, wenn Du Deine Braut nicht so wählen kannst, wie Dein Herz Dir gebietet. Ich bitte Dich, mein guter Vetter, mein Kind Anna an den Hof zu begleiten, wo Dir der König kein ungnädiges Gesicht zeigen wird; aber billig ist cS, daß ich Dich für den Verlust Deines Postens in Seiner 11 Hoheit Kammer entschädige. Ich bin im Besitz der Vollmacht vom König, Solche zu Niitern zu schlagen, welche die Gebühren bezahlen können, und Deine Ländereien sollen zu dieser Würde hinreichen. Kniee nieder, und stehe auf, Sir Marmaduke Nevile, Herr des Lehens Borrodaile, mit seinen Wäldern und Höfen, und mögen Gott und unsre heilige Jungfrau Dich gewaltig machen in der Schlacht und glücklich in der Liebe!" Demgemäß begleitete Sir Marmaduke Nevile, in seinem neuen Rang, und berechtigt, sich den Wackersten an die Seite zu stellen, den Grafen und die Lady Anna nach dem Towerpalast. Als Warwick, seine Tochter zurücklassend unter dem glänzenden Kreis, welcher Elisabeth umgab, sich wandte, um vpm König sich zu verabschieden, sagte er mit rührender und edler Einfachheit: „Ach, mein Lehnherr, wenn Ihr ein Pfand und Geisel meiner Treue bedürftet, glaubt, daß Ihr mein Herz hier habt, denn wahrlich, sein bestes Blut wäre mir minder theuer als dieß zarte Mädchen — das Ebenbild ihrer Mutter, als ihre Lippen zuerst die Berührung der weinigen empfanden!" Edwards kühnes Antlitz bekam einen andern Ausdruck, und er erröthete, als er antwortete: „Meine Elisabeth wird sie wie eine Schwester halten. Aber, Vetter, geht Ihr jetzt nicht in den Norden ab?" „Mit Eurem Genehmhalten, ich gehe zuerst nach Warwick." 12 „Ha! Zhr wollt nicht de» Schein haben, als billigtet Ihr meine anschelnenden Rüstungen gegen Frankreich?" „Ha, es ist nicht Euer Hoheit Ernst! Ich versprach den Gemeinen, Ihr würdet keine Beisteuern bedürfen zu einem so verschwenderischen Kriege." „Du weißt, tch habe die Absicht, alle meine Zusagen zu erfüllen. Aber das Land wimmelt so vo» verabschiedeten Soldaten, daß die Politik gebietet, ihnen eine Hoffnung auf Dienste vorzuhalten, und so die Wolken allmälig sich zerstreuen zu lassen." „Ach, mein Lehnsherr!" sagte Warwick ernst, „ich muß glauben, daß eine Krone den Kopf Listen ersinnen lehrt; aber herzlicher Frieden oder offener Krlcg scheint mir immer das Beste." Edward lächelte und wandte sich beiseile. Warwick warf einen Blick auf seine Tochter, welcher Elisabeth schmeichelnd liebkoste, erstickte einen Seufzer, — und die Luft dünkle den Insekten des Hofes leichter, als sei» stolzer Helm unter der Pforte sich neigte, und er mit seinem langen, prächtigen Gefolge von der Scene verschwand. „Und wählt jetzt, schöne Anna," sagte die Königin, „wählt Euch unter meinen Frauen, welche Ihr zu Eurer besonder« Umgebung und Bedienung haben wollt. Wir möchten nicht, daß Eure Umgebung weniger als königlich wäre." Die sanfte Anna suchte umsonst eine Ehre abzulch- neu, welche zugleich anmaßend und gehässig scheinen 13 mußte, obgleich sie zu unschuldig war, um die der Königin so eigcnthümliche Schlaubeit zu bemerken; denn unter der Gestalt eines ganz besonder» Kompliments war an Anna die königliche Weisung ergangen, ihre weibliche Bedienung aus den Frauen des Hofes selbst zu nehmen, und Elisabeth wünschte sie jetzt zu einer Wahl zu drängen, welche nothwcndig die nicht Vorgezogencn kränken mußte. Aber schüchtern im Kreise umherschweifcnd, blieb des edeln Fräuleins Auge auf Einem schönen Anllitz ruhen, und in diesem Gesicht lag so Vieles, was ihr eigenes Interesse erregte, und eine zärtliche, trübe Erinnerung weckte, daß sie wie unwillkürlich zu der ihr noch Unbekannten hintrat und ihre Hand ergriff. Die hochgebornen Fräulein, die in Gruppen umher standen, sahen einander mit höhnischem Lächeln an und zogen sich zurück. Selbst der Königin Gesicht drückte Ueberraschung aus, aber sie faßte sich schnell, beugte anmuihsvoll ihr Haupt herab, und sagte: „Verstehen wir Eure Meinung recht, Laey Anna, und wollt Ihr, daß dieß Fräulein, Mistreß Sybille Warner, in Eurer Kammer um Euch sey?" „Sybille, ha, ich wußte, daß mich mein Gedächtniß nicht täuschte," murmelte Anna; und nachdem sie der Königin Frage bejahend genickt hatte, sagte sie: „Erinnert Ihr Euch nicht auch, schönes Ft änlein, unsrer Begegnung vor vielen Jahren, als Kinder?" „Ganz gut, edle Dame*," antwortete Sybille. Und * Der Titel Dame ward zu jenerZelt jeder Lady von hoher Geburt, ohne Unterschied, ob verhcirathet oder unverhrirathet, gegeben. Bulwer'S Romane. t)VIl. L als Anna sich wandte, mit ihrem Wesen voll sanfter De- schcidenheit, nnd doch ihre hohe Geburt und Bildung beurkundend, um der Königin die Erläuterung zu geben, daß sie Sybillen in frühem Jahren schon kennen gelernt habe, näherte sich der König, um Stimme und Ohr seines Gastes in Alleinbesitz zu nehmen. Allen Anwesenden erschien es natürlich, daß Edward ganz besondere Aufmerksamkeit der Tochter Warwicks und der Schwester der Herzogin von Clarenee widmete; und selbst Elisabeth argwohnte keine Galanterie schuldhafter Art in der sanft gedämpften Stimme, in dem freundlich schmeichelnden Benehmen, welches ihr schöner Gemahl diesen ganzen Tag, selbst dis zum Schluß des nächtlichen Festes, gegen ein Fräulein an den Tag legte, das, so mußte man glauben- zu hoch stehe für Huldigungen aus unreiner Gesinnung. Aber Anna selbst, obwohl zu arglos, um die eigentliche Beschaffenheit von Edwards Artigkeit und Dicnst- befliffenheit zu ahnen, bebte doch in unbestimmter Angst davor zurück. All seine Schönheit, all seine Bezaube- rungekunst vermochte nicht in ihrem Gemüth die Erinnerung an den verbannten Prinzen zu entwurzeln — ja- der Glanz seiner Eigenschaften gerade entfremdete ste ihm nur um so mehr. Es verdunkelte die Aussichten Edwards von Lancaster, daß Edward von Vork eine so einnehmende, das Volk gewinnende Gestalt und Persönlichkeit besaß. Sie begrüßte mit Wonne die Stunde, wo ste in ihr Zimmer geführt wurde, und als sie freundlich die prächtige ihr zugewiesene Dienerschaft entlasten hatte, fand sie sich allein mit dem jungen Mädchen, das sie sich zu ihrer persönlichen Bedienung erkoren hatte. „Und Ihr erinnert Euch auch noch meiner, holde Sybille?" sagte Anna mit ihrer süßen, herzgewinnenden Stimme. „Wahrhaftig. Wer sollte auch nicht? — denn wie Ihr damals, edle Lady, von den andern Kindern Euch bet Seite stählet, Hand in Hand mit dem jungen Prinzen, in welchem Alle ihren künftigen König zu sehen träumten — da hörte ich da» allgemeine Flüstern — einer falschen Prophezeiung." „Ha! und welcher denn?" fragte Anna. „Daß in der Hand, welche der Prinz mit seinen kleinen rosigen Fingern fest gefaßt hielt — der Hand der Tochter des großen Warwick — die beste Vertheidigung von seines Vaters Thron liege!" Anna's Brust arbeitete, und ihr kleiner Fuß begann seltsame Charaktere auf dem Boden zu beschreiben. „So," sagte sie nachstnnend, „so vergeht Ihr selbst hier, unter einem neuen Hofe, nicht den Prinzen Edward von Lancaster. Oh, wir werden noch Stunden finden, von den vergangenen Tagen zu plaudern. Aber wie findet, da Ihr Cure Kindheit an Margarethens Hofe verlebt habt, Eure Jugend jetzt Ausnahme an dem der Elisabeth?" „Hablucht und Macht waren der Wissenschaft meines VaterS bedürftig. Er ist ein Gelehrter von guter Geburt, aber in seinem Vermögen heruntergekommen — jetzt 2 * 16 sogar, und die ganze Nacht über, ist er an der Arbeit. Ich gebürte zu dem Gefolge Ihrer Gnaden von Bedford, aber als die Herzogin den Hof verließ und der König meinen Vater in seine» eigenen Diensten behielt, gefiel es Ihrer Hoheit der Königin, mich unter ihre Fräulein aufzunchmen. Ein Glück, daß meines VaterS Heimath auch die meinigc ist - Wer sonst könnte ihn pflegen?" „Du bist sein einziges Kind? Er muß Dich zärtlich lieben!" „Doch nicht io wie ich ihn liebe — er lebt ein Leben, gesondert von allen andern Geschöpfen. Aber eigentlich ist eS vielleicht süßer zu lieben, als geliebt zu werden." Anna, deren Gemüih ganz besonders zart und weiblich war, wurde von dieser Antwort lebhaft gerührt; fie rückte Sybillen näher; fie schlang ihren Arm uni ihre schlanke Gestalt und küßte fie auf die Stirne. „Soll ich Dich lieben, Sybille?" sagte fie mit der aufrichtigen Einfachheit eines Mädchens, „und willst Du mich lieben?" „Ach, Lady! Du hast so Viele, die Dich lieben; Vater, Mutter, Schwester — Jedermann; die Sonne selbst scheint die Großen und Vornehmen freundlicher an!" „Nein!" sagte Anna mit jener Eifersucht auf die Ansprüche und das Recht, über Leiden sich zu beklagen, wozu zartere Naturen so geneigt sind, „ich habe vielleicht Kummer und Sorgen, wovon Du frei bist. Ich gestehe Dir, Sybille, daß Etwas, ich weiß selbst nicht, wie ich cS erklären soll, mich wunderbar zu Deinem süßen Angesicht 17 hinzieht. Durch ihre Heirath ist mir meine einstge Schwester verloren — denn seit Jsabella vermählt ist, ist sie ganz verändert gegen mich — wolire Mott, daß Du mir ihre Stelle ersetztest! Soll ich Dich der Königin stehlen, wenn ich wieder »breite? Ach, meine Mutter — Du wenigstens wirst sie lieben! Denn, wahrlich, dieselbe Lust mit ihr athmen heißt auch meine Mutter lieben. Küsse mich, Sybille!" Freundlichfeit war in neuern Zeiten für Sybille etwas Fremdes geworden, zumal von Seilen ihre» eigenen Geschlechtes, vonJemnid ihres Alters: sie traf sie wie das Licht deS Morgens die gela lossene Plüthe. Sie srblanq ihre Arme um ihre neue Freundin, die ihr wie vom Himmel ge andt schien; sie küßte Anna's Gesicht und Hände mit dankbaren Thronen. „Ach!" sagte sie endlich, als ihr endlich wieder die Stimme, noch gcb-ochen von Rührung, zu Gebote stand — „wenn ich Dir je dienen — Dir je vergelten könnte — sollten auch diese liebevollen Worte die lehren gewesen sehn, welche je Dein Mund an mich gerichtet!" Anna war entzückt r sie hatte noch nie ein Wesen gefunden, dem sie Schutz gewähren, noch nie ein Wesen gefunden, deni sie ganz und gar vertrauen konnte. So sanft ihre Mutter war, so war doch der Abstand zwischen Kindern und Eltern selbst in der zärtlichen Familie. der sie angehörte, in jener Zeit so groß, daß sic der Gräfin nimmermehr die schwärmerstche Schwäche ihres Herzens hätte verrathen können. Der Wunsch sich mitzutheilen — sich zu entdecken, ist bei großer Jugend so natürlich, und bei Anna war diese natürliche Geneigtheit so gesteigert durch eine offene und dabei der Anlehnung an Andere bedürftige Gemülhs- ar», daß sie» wie wir gesehen, eine Vertraute an Isabel gesucht hatte; aber bei rhr fand sie gleich non Anfang an nur das halb verachtende Mitleinen eines starken und harten Gemüths; und in neuerer Zeit, seit Edwards Besuch in Middlehain, war die Herzogin von Etarence so versunken in ihre herrschsucbtige Selbstsucht und in ihr ehrgeiziges Mißvergnügen, daß die schüchterne Anna gar nickt gewagt hatte, bei ihr jene Geheimnisse auch nur zu berühren, welche stch ins Gedächtniß zurückzurufen ihre eigne verschämte Wange mit fl immenter Rölhe überzog. Und dieser Besuch bei Hof — vi fer neue, ihr ganz ungewohnte Schauplatz — diese Eniftemdung von allen alten, gewohnten Gegenständen ihrer Neigung und Liebe, hatte in ihr jenes Gefühl von Einsamkeit erzeugt, welches so peinlich ist, bis die ernste Erfahrung des wirklichen Lebens uns an das allgemeine Loos gewohnt. So warf sie stch mit der übertriebene» uns etwas krankhaften Empfindsamkeit. die ihr eigen war, out einmal mit Feuer dieser plötzlicken aber reizenden Freundschaft in die Arme. Hier halte sie ein Wesen ihres Alters, ein Wesen, dem auch der Kummer nickt fiemd war, dessen Stimme und Auge sie bezauberte, — die nicht einmal ihre Thorheit schelten konnte, besonders aber, die ihren geliebten Piinzen gesehen halte, die in Beziehungen stand mit ihren thcuer- IS stcn Erinnerungen, die tausend Geschichten zu erzählen haben mochte von der Zeit, wo der geächtete Knabe der Erbe eines Monarchen war. In der kindischen Weichheit ihrer Jugend weinte sie beinahe über die Entdeckung dieses neuen Kanals für so viel natürliche Zärtlichkeit. Es war halb das Weib, das eine Freundin gewann — halb daS Kind, das sich an eine neue Gespielin anklammerte. „Ach, Sybille!" flüsterte sie, „verlaß mich heute Nacht nicht— dieser fremde Ort macht mir so bange, und die Gestalten aufdenTapeten scheinen so groß uns gespen- steihast — und man sagt, im alten Tower spuke eS. — Bleib, liebe Sybille!" Und Sybille blieb. Zweites Kapitel. Dle schlafende Unschuld — daS lauernde Verbrechen. Während diese reizenden Mädchen so unschuldig sich besprachen; während sie einander halfen sich entkleiden, und dabei Anna'S süße Stimme in ihren kunstlosen Phantasten sich erging; während sie Hand in Hand betend knieten vor dem Crucistr in der dämmernden Vertiefung; wählend sie scheu das Licht auslöschten und sich zu ihrem Lager schlichen! während sie, noch verkehrend in einem Geflüster, das allmälig immer schwächer und leiser ward, in den Schlaf der Unschuld sanken —: schritt der unheillg gesinnte König in seinem einsamen Zimmer auf und ab, 20 brennend von dem verzehrenden Fieber der plötzlichen, wahnsinnigen Leidenschaft, die in einem Herzen, in welchem jeder Trieb ein Riese war, alle Erinnerung an Ehre, Dankbarkeit und Recht erstickte. Dib Organisation der Natur dieses gewaltigen Mannes war von der Art, von welcher man in unser» modernen Zeiten fast keinen Begriff hat: sic gehörte jenen frühern Tage» an, welche Griechenland die furchtbaren Sagen geliefert, die dann Ovid in düstres Feuer gekleidet hat, — die eine ähnliche Stufe der Gesittung nicht minder im Mittelalter, sowohl in Italien als im Norden erzeugte — in der Periode, wo das Verbrechen großartig wurde selbst durch sein Nebermaß — wo die Macht so groß und unumschränkt wurde, daß ihre Ausdehnung die Bande des Gewissens zerriß — wo ein Despot nur die Inkarnation des Willens — wo die Ehre zwar allerdings eine Religion, aber ihr Glaube — wilde Tapferkeit war, und sie ihr Gesetzbuch mit der Spitze eines furchtlosen Schwertes schrieb. Die Jugend Edwards des Vierten war wie die Jugend eines alten Titanen, eines italienischen Borgia; durch seine Adern rollte da das hastige Blut wie eine verzehrende Flamme. Dieß ungestüme, feurige Temperament wurde noch furchtbarer durch Hingebung an Unmäßigkeit jeder Art; eS nährte sich durch Wein und Wollust; selbst seine Tugenden kräftigten noch seine Laster — sein Mnth erstickte jedes Flüstern kluger Vorsicht; sein an keine Zucht gewöhnter Geist ließ ihn jedes Hemm- 21 niß, das sich seinen Gelüsten entgegenstellte, geringschähen. Edward konnte zwar, wie wir gesehen haben, falsch und listig sppn — konnte Hinhalten und sich «erstellen — aber es war dieß nur wie das Schleichen des Tigers, um un- entdeckt desto besser auf seine Beute losspringen zu können. Wurde er entdeckt, so hörte die List auf, die Kühnheit erhob sich, und der gewaltige Wille hätte zehntausend Feinden die Stirne geboten, voll Zuverstcht auf seine Zähne und Tatzen, sein uuerschrockneS Herz, seinen tüdllichcn Sprung. Daher bei allen Talenten Eowards die erstaunlichen Unklugheitcn und leichtfinnigen Streiche seiner jünger» Jahre. Es schien beinahe wenn er so, wie wir ihn gesehen haben, betrüglich und leichtsinnig spielte mit der Macht Marwicks, und mit der Macht der Barone oder' des Volkes, weiche gegen einen noch wicht sehr befestigten Thron zu reizen und zu empören» jeder andre Fürst «on halb so viel Talenten gezittert haben würde : — es schien beinahe, als ob er eine Freude daran hätte, die Gefahr herauszufordern, um des Vergnügens willen, die es seinem Kopf machte, sie zu nichte zu machen, seinem Arm, sie zu zermalmen. Da sein ganzes Wesen nach Aufregung gelüstete, blieb dem schönen, dem üppigen Edward, schon übersättigt von Pracht und Genuß, nur die unheilige und verbotene Last übrig. An seinem Hofe waren hundert Frauen, vielleicht nicht minder schön als Anna, wenigstens von einer Schönheit, welche die gewöhnliche Huldigung mehr heraus forderten, aber dieie durfte er nur aulächeln, um sie mit Leichtigkeit zu gewinnen. Keine unheimliche Gefahr, keine unaussöhnbare Schuld begleitete diese gemeine». Schwachheiten, und daher versuchten sie ihn auch nicht mehr. Aber hier — der jungfräuliche Gast, die Tochter seine» mächtigsten Nnterthanen, da» geliebte Kleinod des Mannes, dessen Hand einen Thron erbaut, dessen Wort ein Heer zerstreut hatten, — hier, je mehr die Vernunft warnte und da» Gewissen sich empörte, um so lebhafter ward die au» der Hölle stammende Leidenschaft wach! Wie Männer seiner Gemüthsart und Gesinnung, war Edward einer reinen, sich gleich bleibenden Liebe ganz unfähig. Seine Neigung für seine Königin glich noch am ehesten dieser göttlicheren Empfindung: aber wenn man sie genau untersuchte und zerlegte, so bestand sie au» ganz verschiedenartigen Gefühlen, Au» plötzlicher Leidenschaft, die er ander» nicht befriedigen konnte, hatte er einer ungleichen Herrath zulieb die übereiltesten Opfer gebracht. Seine Eitelkeit und eine gewisse ursprüngliche Seelcngrößc, die er trotz seinen Lastern besaß, bestimmte ihn zu beschützen, was er selbst erhoben hatte, und die Ehre der Unterth anin sicher zu stellen, die einmal vom König geehrt war. Wie die meisten rohen aber kraftvollen Naturen war er in hohem Grade empfänglich für die Vatergefühle, und die Gesichter seiner Kinder halfen den Einfluß der Mutter aufrecht erhalten. Aber wir brauchen kaum zu sagen, daß bei alle dem jene wahre Liebe, welche zugleich Leidenschaft und treue Hingebung ist, nicht in seiner Brust wohnte Die Liebe kümmerte 23 sich bei ihm nickt um die geliebte Person, sondern nur um die eigene Befriedigung—> es war das Verlangen nach dem B.slK, weiter Nichts. Aber dieses Verlangen war der Willen eines Königs, der nie weder Furcht noch Gewissensbedenklichkeiten kannte; und genährt durch stete Nachgiebigkeit war es im Vergleich mit den schwachen Gelüsten gewöhnlicher Männer was der Sturm im Vergleich mit dem Westwind ist. Dennoch, wie er in der Einsamkeit der Nacht in seinem Zimmer ans und abschlitt, machte der immer näher und größer auf seine Seele fallende Schatten des großen Verbrechens selbst dieß unerschrockene Gewissen bebe». Er keuchte nach Athen, — seine Wange stammte purpurroth, und wurde im nächsten Augenblick todesblaß. Er hörte das laute Pochen seines Herzens. Er blieb stehen. Er warf sich auf einen Sitz und verbarg sich doS Angesicht mit den Händen; dann fuhr er auf und rief: „Nein — nein! Ich kann das süße Gesicht, diese blauen Angen nicht aus meiner Anschauung veibannen! Sie verfolgen mich zu meinem und zu ihrem Verderben. Aber warum sage ich Verderben? Wenn sie mich liebt — Wer erfährt dann die That? wenn sie mich nicht liebt, wird sie wagen. ihre Schande zn offenbaren? Schande! — nein, eines Königs Umarmung entehrt nie. Eines Königs Bastard ist der Stolz eines Hauses. Alles ist still — der Mond selbst verschwindet am Himmel. Die geräuschlo'en Binsen im Gange verwehren den Wiederhall der Schritte. Pfui über mich ! Kann ein Plantagenet Furcht fühlen?" Er ließ sich keine Zeit zu weiterem Be-' 24 sinnen; er öffnete leise die Thüre »nb schlich durch den Gang. Gr wußte das Zimmer genau; denn es war sei- nemBefehle gemäß angewiesen worden; und außer der gewöhnlichen Thüre vom Corridor führte ein kleines Cabinet zu einer verborgenenThüre hinterden Tapeten. Es war das Zimmer, welches die Nebenbuhlerin der Königin, die Lady Elisabeth Lucy, bei ihre» Besuchen am Hof bewohnte. Er begab sich in das Cabinet, er hob die Tapete auf — er stand in dem Zimmer, welches Dankbaikeit, Ritterehre und gastliche Treue ihn, hätten heilig wie einen Tempel machen sollen. Und plötzlich, wie er eintrat, brach der Mond, zuvor verborgen unter einer schwermüthige» Wolke, in erschreckendem Glanz hervor, und sein Licht strömte durch das Fenster ihm gerade gegenüber herein und erfüllte das Zimmer mit den Strahlen eines geisterhaften Tages. Das plötzliche Hervortreten des feierlichen und schwer- müihigen LichtglauzeS traf ihn wie das vorwurfsvolle Anilitz eines lebenden Wesens; etwas UeberirdischcS schien zwischen das Opfer und das Verbrechen zu treten. Aber nur einenAugenblick wurde dadurch sein Schritt gehemmt. Er trat vor; er zog die Falten des von Golegewebe schweren Vorhangs zurück, und das Antlitz der schlummernden Anna lag in tiefem Frieden und Ruhe vor ihm da. Es war blaß imMondltcht. aber »nanssprcchlich friedvoll und heiter, und das Lächeln um den Mund schien noch süßer als im wachen Zustande. So starr war sein Blick auf den Einen Gegenstand gerichtet—so glühend 23 und inbrünstig weidete sich sein ganzes Herz und Wesen durch das Auge an diesem köstlichen Bild der Unschuld und Jugend, daß er einige Augenblicke gar nicht sah, daß die Schläferin nicht allein war. Plötzlich drängte sich ein Anörnf ans seine Lippen — er ballte die Faust in eifersüchtiger Herzenspein — er trat näher — er beugte sich über sie — er hörte den regelmäßigen Athenizng, wie ihn die Träume der Schule nie kennen; und dann wie er in deutlicher Nähe sah diese reine, verschlungene Umarmung — das friedvolle doch etwas melancholische Antlitz Sybillens, welches im Mondschein farblos wie Marmor schien, halb hingcbeugt über das Angesicht Anna's, gleichsam noch im Schlafe sie bewachend, — beide reizende Gestalten so verflochten und an einander gekettet, daß die Zwei nur Ein Leben schienen, beider Brust wie yon Einem Athenizng sich hebend und senkend, die dunkeln Locken Sybillens sich mischend mit dem hellbraunen Gold von Anna's üppigen Haaren, und das Dunkel und das Gold, Locke in Locke gemengt, mit parteiloser Fülle über den Hals Beider fallend, der wie Elfenbein unter der gemeinsamen Schleierhülle glänzte, als er diesen zweifachen Liebreiz sah : da schauerte das Gefühl, die lieber,eugung von dem geheimnißvollcn Schutze, welcher der Reinheit inwohnt, wie Eis durch seine glühenden Adern, Bei all seiner Macht als Monarch und als Mann fühlte er das Ehrfurcht und Scheue Gebietende dieses unerwarteten Schutzes — wie Jungfräulichkeit der Jungfräulichkeit den Schild vorhielt, Unschuld die Unschuld bewachte, Die 26 doppelte Tilgend entsetzte und verwirrte ihn; und dieser schlanke Arm, den Hals umschlingend» welchen zu umfassen er sein Königreich gewagr hatte, deckic sein Ovfer wirksamer als die Schilde aller Kiiegcr vermocht hätten» die sich je um das Banner des erhabnen War wirk sammelten. Nacht und Gelegenheit waren ihm günstig; aber umsonst. Solang Sybille da war, war Anna gerettet. Er biß die Zahne über einander und murmelte in sich hinein. In diesem Augenblick wandte sich Anna unruhig um. Diese Bewegung störte den leichten Schlaf ihrer Freundin. Sie sprach Etwas halb vernehmlich, aber dieser Laut klang tm Ohr des schuldigen Königs wie ein Schrei der seine Schande verrieth und ankiagtc. Er ließ den Vorhang fallen und war weg. Und wenn Einer, der nachmals gehört und geglaubt hätte die Kunde von dem Mordstreich, der, wenn nicht die Geschichte lügt, die männliche Nachkommenschaft Edwards hinraffte, den König gesehen hätte, wie er. einem Verbrecher gleich, aus dem Zimmer sich stahl, seine Schritte auf dem Boden der Gallerte unstet hin und her taumelnd — sein Gesicht verzerrt von stürmischer Leidenschaft — seine Lippen weiß und murmelnd — seine Schönheit und seine stolze Stattlich- keit verdunkelt und gedemüihigt: ein solcher Zeuge hätte halb auf den Glauben kommen können, während Edward seinen Blick auf diese arglosen Schläfelinnen gebettet, habe ein ihm die Tragödie der Zukunft offenbarendes Gesicht seinen verbrecherischen Gcdank-n niedergeschlagen und an der Stelle desselben seine Seele 27 mit Entsetzen erfüllt — ein Gesicht, ihm zeigend den ebenso unschnldsoollen Schlaf von zwei Gestalten, in ebenso zärtlicher Umarmung sich an einander schmiegend — lauernde Störer ihrer Ruhe, auf ein Verbrechen sinnend, kaum verruchter als das seinige, — die Sünden des Vaters aufschießend zu grimmigen körperhaften Gestalten, um die Mörder der Söhne zu werden! Drittes Kapitel. Neue Gefahre» für das Haus N°rk — und des Königs Herz selbst verbündet sich mit der Rebellion sgcgen den Thron des Königs. Oh! schön ist die Liebe von Jugend und Jugend, und rührend die Zärtlichkeit zwischen zwei weiblichen Wesen; und hold im Auge der glücklichen Sonne ist das Erwachen auS heiligem Schlaf und der jungfräuliche Kuß auf jungfräuliche Lippen, lächelnd und flüsternd das süße: »Guten Morgen!" Anna erwachte zuerst; und wie der heitere Wintermorgen , mit kalten aber feurigen Sonnenstrahlen kräftig und fröhlich Sybillens Antlitz beleuchtete, da war sie erstaunt über eine Schönheit, die sie am Tage zuvor noch nicht genügend betrachtet hatte; denn im Schlafe der Jugend verschwinden die Spuren von Nachdenken und Sorgen, das bekümmerte Herz wird von der Ruhe des Leibes mit eingelullt, di« harten Linien erweichen sich zu 28 bildsamerer Beweglichkeit, ein sanfteres, wärmeres Roth überzieht die Wange, und befreit von dem steifen Zwang der Kseidung ruhen die gerundeten Glieder in reizenderer Anmuth! Die Jugend erscheint jünger im Schlaf, die Schönheit schöner und die Reinheit reiner. Lang und dunkel beschatteten die Augenwimpern die Weißen Lieder, und die Frische der halbgeöffneten, schwellenden Lippen lud den Schwesterlich ein, welcher die Schläferin aufweckte. „Ach, Lady," sagte Sybille, sich die Haare von den dunkelblauen Augen wegstreichend, „Ihr seyd hier — Ihr seyd sicher und wohlbehalten! gepriewn seyen die Heiligen und die Mutter Gottes — den» ich hatte in der Nacht einen Traum, der mich erschreckte und entsetzte!" „Und meine Träume waren ganzfröhlich und golden," sagte Anna. „Was war der Deinige?" „Mir war, als schliefet Ihr in diesem Zimmer, aber als wäre ich nicht an Eurer Seite, sondern bewachte Euch in einer kleinen Entfernung; und stehe da! eine greuliche Schlange glitt aus jener Vertiefung hervor, und kroch an Euer Kiffen, und ich hörte ihr Zischen und rang. Euch zu Hülfe zu kommen, aber umsonst: ein Zauber schien meine Glieder gefesselt zu halten. Endlich fand ich meine Stimme wieder — ich schrie laut — ich erwachte; und, spottet meiner nicht, aber ich horte ganz gewiß sich entfernende Schritte und das leise Knarren einer auf und zu gehenden Thüre." „Das war die Wirkung des Traumes, die noch über L9 b-n Traum selbst hinausreichte. Ich habe es auch oft so gefühlt — ja sogar in dieser Nacht, denn auch mir träumte von einem Andern, ich träumte, ich stände vor dem Altar mit einem weit Entfernten, und als ich aufwachtc — denn auch ich wachte auf —brauchte es langeZeit, bis ich mich überzeugte, es sey Deine Hand, die ich sesthielt, Dein Arm, der mich umfaßte." Die jungen Freundinnen standen auf, und ihre Toilette war kaum beendigt, als wieder im Zimmer die die ganze stattliche Dienerschaft erschien, welche der Lady Anna zngewiesen war. Sybille wandte sich, um wegzugehen. „Und wohin wollt Ihr?" fragte Anna. „Meinen Vater besuchen; es ist mein Erstes, wenn ich aufgestanden," antwortete Sybille in flüsterndem Tone. „Ihr müßt mich ihn auch besuchen lassen, zu einer spätern Stunde. Trefft mich hier eine Stunde vor Mittag, Sybille." Den erste» Theil des Morgens verbrachte Anna in der Königin Gesellschaft. Das Frühstück, der Stickrahmen , das Kegclspiel füllten die Stunden aus. Die Herzogin von Clarence hatte mit ihrem Gemahl den Palast verlassen, um des Königs Mutter in Baynard's Castle zu besuchen, und Anna'S scheuer Geist wurde in eine trübe Stimmung versetzt durch die Fremdheit der Gesichter um sie her und durch das Elisabeth gewohnte Stillschweigen. Die schwache, unglückliche Königin hatte Etwas in ihrem Wesen, was sie nie Freunde gewinnen ließ. Obgleich beständig bestrebt und beflissen, eine Partei, eine Bulwer'S Romane. UVII. z 30 Faktion zu schaffen und zu gestalten, gelang cs ihr doch nie, Zutrauen oder Achtung zu gewinnen und einzuflößcn. Und keine so hoch Gestiegene blieb je so freundlos wir Elisabeth, als, in ihrer traurigen Wittwenschakt, ihre Heimath die klösterliche Freistatt ward. All ihre Macht war nur der Schatten von ihres Gatten königlicher Sonne, und verschwand, als diese glänzende Scheibe vor der Zeit unterging; und doch hatte sie für sich alle Vorzüge der -äußern Erscheinung, und eine weiche Glätte des Benehmens, welche dem oberflächlichen Auge ganz gemacht schien, zu gewinnen; aber ihre Stimme war erkünstelt und das Auge kalt und scheu. In ihrer förmlichen Abgcmefsen- heit lag eine stete Bewußtheit — ein in jedem Worte athmender Egoismus, Ihr Lachen war widrig — gemein, nicht fröhlich ; sie hatte Nichts von jener Selbstver- geffenhett, jener Wärme in heitern, jenem Ernst in lrübcn Stunden, welche Mitgefühl erzeugen, Ihre Schönheit war ohne Liebenswürdigkeit, ihr Eharaktcr ohne Reiz; jedes Verhältnis ihrer Gestalt mochte den Sinnlichen entzücken, aber damit hatte auch der Zauber ein Ende. Ihr Geist war gewöhnlich, obwohl schlau und der Verstellung kundig; und selbst die Gleichmäßigkeit ihrer GcmüthSart schien nur das Uhrwerk eines Herzens zu seyn, das gefühllos war für seine eignen Bewegungen, Eitel im Glück — was Wunder, daß sic so ohne edles Selbstgefühl im Unglück war? Was Wunder, daß sie, die doch in später», düsterer» Jahren Richard den Dritten des Mords ihrer königlichen Söhne anklagte, und wenigstens wußte, ZI daß er der Henker ihres Bruders und ihres Sohnes von dem Gatten ihrer Jugend war, * sich dazu verstand, ihre Töchter thm zur Obhut zu schicken, obgleich sie als mit der Makel der Uuehlichkeit gebrandmarkt galten, und sie selbst nur als Buhlerin anerkannt wurde? Der König war mittlerweile frühe schon allein auS- geritten, und kein andrer Mann durfte sich in seiner Abwesenheit heraus nehmen, in den weiblichen Kreis zu treten. Mit alt der frischen Freude eines Mädchens entkam endlich Anna in ihr eigenes Zimmer, wo sieSybillen traf, und unter ihrer Führung schritt sie durch die düstcrn Jrrgänge des Towers. „Laßt mich," flüsterte sie, „laßt mich, ehe wir Euren Vater besuchen, den Thurm sehen, in welchem der unglückliche Heinrich eingesperrt ist." Und Sybille führte sie durch den Bogen des jetzt so- . genannten Blutigen Thurmes, und zeigte ihr das schmale, tief in die mächtige Mauer eingelassene Fenster, vor welchem der Staar im Käfig hing, seine Federn in der winterlichen Sonne wärmend. Anna schaute hinüber mit jenem tiefen Interesse und der zärtlichen Ehrfurcht, welche die Eltern des geliebten Mannes immer in der Brust des * Anthony Lord Rivers und Lord Richard Grad. Nicht der geringste Beweis von Elisabeths Gcmüthiostgkeit nndLeicht» sinn ist wohl auch darin zu finden, dasi sie, nach alle» Lei den ihres zweite» WittwenstaiideS, und als sie nicht sehr weit entfernt von de» SechSzige» war, sich bereit zeigte, eine» dritten Gatten, Jakob »I. von Schottland, zu nehmen — eine Heirath, welche nur durch den Tod des Schottischen .Königs vereitelt wurde. 3 * Weibes erregen; und während sie so schweigend und kummervoll dastand, ward das Fenster aufgeriegelt, und sie sah das sanfte, milde Antlitz des menschlichen Gefangnen; er schien mit dem Bogel zu sprechen, der mit schrillen Tönen und mit Flügelschlagen seine Anrede er- wiederte. In diesem Augenblick erscholl in einer kleinen Entfernung ein Horn; ein Klirren von Waffen ward gehört, als die Schildwachen salntirten: die Mädchen zogen sich durch den Bogen zurück, und stiegen die Treppe hinauf nach dem, damals unbewohnten, Zimmer, in welchem nach der Sage der Mord der Neffen Richards des Dritten geschehen seyn soll; und kaum hatten sic diesen Versteck gewonnen, als dem Blutigen Thurme zu, und vor dem Thurme des Gefangnen vorbei, der König ritt, welcher den Thron des Gefangnen bestiegen Halle. Sein Pferd, mit prächtigen, bunten Schabracken — sein glänzender Anzug — die Ritter und Knappen, dis von allen Ecken und Enden herbeirannten, um ihm denvergoldelenSteig- bügel zu halten — seine kraftvolle Jugend, so blühend und strahlend — Alles machte einen lebhaften, beklemmenden Kontrast mit dem von Kummer verzehrten Gesicht, das ihn sanftmüthig durch das kleine Fenster des Wake- field-Tower betrachtete. Edwards großes, rasches, blaues Auge wurde plötzlich der ihm einst so wohlbekannten Züge ansichtig. Er schaute mit festem Blicke hinauf und sein Auge begegnete dem des gefallneu Königs. Er wechselte die Miene; aber mit der äußerlichen Ritterlichkeit, welche die Oberfläche seines hohlen obwohl glänzenden Charak- 33 ters bildete, verbeugte er sich tiefbts auf den Sattelbogen, als er seinen Gefangne» sah, und nahm das befiederte Barett von seiner hohen Stirne ab. Heinrich lächelte trüb und schüttelte sein ehrwürdiges Haupt, als wollte er sanft und leise.den Spott rügen; dann schloß er das Fenfier und Edward ritt in den Hofraum. „Wie kann doch der König hier einen Hof habe» und dort ein Gesängniß? Oh, hartes Herz!" murmelte Anna, als die Mädchen, nachdem Edward verschwunden war, ihren Weg nach AdamS Gemach fortsetztcn. „Würde der Graf Warwick dies Mitleid billigen, süße Lady Anna?" fragte Sybille. „Meines Vaters Herz ist zu edelmüthig um es zu verdammen," versetzte Anna, sich die Thränen von den Augen wischend; „wie oft bei den Lustbarkeiten der Nächte werde ich dteß Angesicht sehen!" Der Thurm, in welchem Warners Zimmer lag, fiankirte den von der königlichen Familie und ihren ausgezeichnetsten Gästen bewohnten Flügel, (das heißt den eigentlichen Palast, unterschieden von der Feste ) und stand in Verbindung mit dem Quartier des Königs durch einen langen Corrtdor, der über Kreuzgängen hinltef und gegen einen Hofraum hin offen war. Am einen Ende dieses EorridorS öffnete sich eine Thüre nach dem Gang hin, in welchem das Zimmer der Lady Anna lag; auf der andern Seite stand er in Verbindung mit einer rohen steinernen Treppe, welche nach den von Warner bewohnten Zimmern führte. Wir verlassen jetzt Sybille, die ihre« 3i gelehrten Vater der sanften Lady Anna vorstellen sollte, und folgen dem König in den Garten, in welchen er sich begab, nachdem er abgestiegen. Er traf dort den Erzbischof von Uork, welcher in seiner Barke, mit nur geringem Gefolge, nach dem Palast gekommen war, und sich jetzt mit Hastings ernst flüsternd besprach. Der König, welcher nachdenklich und erschöpft zu seyn schien, näherte sich den Beiden, und sagte mit einem erzwungenen Lächeln: „Welche Aufgabe der Wissenschaft beschäftigt Euch zwei Gelehrte?" „Euer Gnaden," sagte der Erzbischof, „Minerva war nicht die Gottheit, die gerade in diesem Augenblick am mächtigsten über unfern Gedanken waltete. Zch erhielt gestern Abend einen Brief vom Herzog von Glouce- ster, und da ich weiß, welche Liebe der Prinz zu Lord Hastings trägt, erkundigte ich mich bei Eurem Kämmerer, in wie weit er die Neuigkeit, die er enthält, zu ahnen vermocht habe." „Und was mag diese Zeitung seyn?" fragte der König abwesend. Der Prälat zögerte. „Sire," sagte er ernst, „das innige Vertrauen, womit Euer Hoheit sowohl als der Herzog von Gloucester den Kämmerer ehrend auSzeichnen, gestattet mir wohl, den Inhalt des Briefs in seiner Anwesenheit mitzuthetlen. Der junge Herzog schreibt mir, daß er schon lange eine Neigung gefaßt habe, die er zu einer Vermählung fortzu- führen wünsche, aber ehe er sich an das Fräulein oder an 35 I" den Vater wende, bitte er mich, mit Euer Gnaden mich zu besprechen, da Euer Wohlgefallen und Belieben in dieser Sache wie in Allem sein unbedingtes Gesetz seyn solle." ,,Ha, Richard liebt mich mit treuerer Liebe als George von Clarence! Aber Wen mag er an der Grenze gesehen haben, würdig eines Prinzen Gattin zu werden?" „ES ist keine plötzliche Leidenschaft, Sire , wie ich zuvor schon andeutete: nein, sie ist schon einige Zeit seinen Freunden und Bielen vom Hofe zur Genüge bekannt gewesen — sie gilt einem Fräulein, ihm seit der Kindheit bekannt, ihm durchs Blut verwandt, mit Einem Wort, meiner Nichte, Anna Nevile!" Wie von einem Skorpion gestochen stieß Edward den Arm des Prälaten von sich, auf den er sich mit seiner gewohnten liebkosenden Höflichkeit gelehnt hatte. „Das ist zu Viel!" sagte er rasch, und sein Gesicht, zuvor etwas blaß, wurde hochroth, — „soll das ganze Königsgeschlecht Englands Ein Nevile werden? Habe ich nicht die Basis meines Thrones schon eng und schmal genug gemacht? Statt daß ich meine Tochter mit einer fremden Macht — Spanien oder Bretagne — vermählt hätte, ist sie dem jungen Montagu rerl-bt! Clarence hei- rathet Jsabella, und jetzt Gloucester — nein, Prälat, ich werde nicht einwilligen!" Der Erzbischof war so wenig gefaßt auf einen solchen Ausbruch, daß er sprachlos dastand, Hastings drückte des Königs Arm, wie um ihn zu warnen, seine Erbitterung 3S nicht so unvorfichtig a» den Tag zu legen. Aber der König schritt weiter, nicht ans ihn achtend, und in großer Ge- müthSaufregung. Hastings wechselte Blicke mit dem Erzbischof und folgte dann seinem königlichen Gebieter. „Mein König," sagte er mit ernstem Flüstern, „was Ihr auch beschließt, weckt nicht wieder unglückselige Fehden, die beigclegt find! Schon diesen Morgen suchte ich Euch auf in Eurem Zimmer, aber Ihr wäret auSgerttten, um Euch zu sagen, daß ich Nachrichten erhalten von einem neuen Aufstand der Laneastrier in Lincolnshire, unter Sir Robert WelleS, und dem kriegerischen Ritter von Scri- velsby, Sir Thomas Dymoke. Das ist noch nicht die Stunde, um den Stolz der NevileS zu erzürnen." „O Hastings! Hastings!" sagte der König im Tone leidenschaftlicher Bewegung, — „cs gibt Augenblicke, wo das menschliche Herz sich nicht verstellen kann! Wie dem scy, Euer Rath ist weise und redlich! Nein! Wir dürfen die NevileS nicht erzürnen!" Er wandte sich hastig und trat wieder zu dem Erzbischof, der noch auf der Stelle stand, wo ihn der König verlassen hatte, die Arme über der Brust gekreuzt, sein Gesicht ruhig, aber stolz. „Mein hochverehrter Detter," sagte Edward, „verzeiht die Euch wohl bekannte Hitze meiner hastigen Laune! ich hatte gehofft, Richard würde durch eine ausländische Vermählung die Gelegenheit, welche Clarence versäumte, meine Dynastie nach Außen zu befestigen, jetzt ergreifen und das Verlorene vergüten. Aber es thut 37 Nichts. Von diesen Dingen wollen wir mit Nächstem reden. Sagt Richard Nichts, bis die Zeit überlegterc Entschlüsse zur Reife bringt; er ist jetzt noch ein Jüngling. WaS sind das für überraschende Nachrichten von Lin- colnshire „DaS Haus Eures Vogts, Sir Robert de Burgh, ist verbrannt — seine Ländereien verwüstet. An der Spitze der Rebellen stehen Lords und Ritter. Robin von RedeS- dale, dessen Leben, dünkt mich, durch Zauber gefeit und gefestet sehn muß, hat sogar gewagt, die Missvergnügten in meines Bruders Grafschaft Warwick auszuwiegeln." „Oh, Heinrich!" rief der König, einen Blick nach dem Thurme werfend, worin sein Gefangener saß, „wohl mochtest Du die Krone einen Dorncnkranz nennen!" „Ich habe schon," sagte der Erzbischof, „Eilboten an meinen Bruder abgeschickt, um ihn von Warwick zurückzurufen, wohin er sich begab, nachdem er Euer Hoheit verlassen hatte. Ich habe noch Mehr gethan — getrieben von einem Eifer, der mich von der Sorge für die Kirche zu der Sorge, für den Staat hinüber zieht, habe ich die Lords St. John, de Fülle und Andere nach meinem Hause in More geladen; und bitte nun Euer Hoheit zu geruhen dort mit ihnen zusammen zu kommen, überzeugt, daß ein Lächeln von Euren fürstlichen Lippen ihre Herzen wieder gewinnen und ihre Nnterthanentreue befestigen wird, in einem Augenblick, wo neue Gefahren alle starken Arme in Anspruch nehmen." 38 „Ihr habt höchst weise gehandelt; ich Witt inEuern Palast kommen — nennt mir nur den Tag/' „ES wird einige Tage anstehen, bis die Barone von ihren Schlössern ankommen. Ich fürchte, es wird nicht unter zehn Tagen möglich seyn." „Ha!" sagte der König mit einer Lebhaftigkeit, welche seine Zuhörer überraschte, da sie seine sonstige ungestüme Energie wohl kannten, „der Verzug wird uns nur zu Statten kommen: was Warwick betrifft, so erlaubt mir Eure Anordnungen zu ändern; laßt ihn di-Zwischenzeit nicht in London zubringen, wo er überflüssig ist, sondern sie dazu benützen, Mannschaft aufzubringen in der Nachbarschaft seines Schlosses und denVerrath des Schurken von RedeSdale zu vereiteln. Wir wollen ihm und Clarence Vollmacht ertheilen, Truppen auszuheben; Hastings, sorgt sogleich hiefür. Zhrsagt, Sir Robert WelleS führe die Schelme von Lincolnshire; ich kenne die GemüthSart seines Vaters, des Lord WelleS, er ist ängstlich und furchtsam, ich will nach ihm schicken, und des Vaters Kopf soll mir für des Sohnes Treue bürgen. Verzeiht mir, lieber Vetter, daß ich Euch verlasse, diese Sachen anzuordnen. Bitte, besucht unsre Königin: sie hält Euch mittlerweile als unfern Gast." „Nein, Euer Hoheit muß meine Entschuldigung genehmigen; auch mir liegen Eure königlichen Interessen zu sehr am Herzen, als daß ich eine Stunde meiner Vergnügung widmen dürfte. Ich will nur die jetzt in London befindlichen Freunde unsres Hauses sehen, und dann nach 3S t«>»! More zurückeilen und meine Streitmacht von Vasallen und Gesinde sammeln." „Immer recht! gutes Glück Euch — künftiger Cardinal! Euer» Arm, Hastings!" Der König und sein Günstling schlugen den Weg »ach den StaalSzimmern ein. „Unterstützt nicht Gloucester bei dieser Heirath — unterstütztihnnicht!" sagte derKonig mit feierlichem Ernst. „Besinnt Euch, Sire! Diese Vermählung gibt dem Grafen Warwick einen weisen Rathgeber statt des unruhigen Herzogs von Clarence; sie muß dieß ungeheure Erbe theilen, das sonst ganz an den Herzog und seine Erben fällt. Bedenkt, welche Gefahr daraus entstehen kann, wenn ein ehrgeiziger, mit Eurer Herrschaft unzufriedener Lord die Hand der zweiten Erbin des großen Grafen davonträgt, und die Hälfte derhundert Baronien, die ein größeres Heer aufstellen können als das der Krone." Obgleich diese Vorstellungen in ruhigeren Stunden wohl ihre Wirkung auf Edward hervorgebracht haben würden — im jetzigen Augenblick wurden sie von seiner Leidenschaft wenig beachtet. Er stampfte heftig mit dem Fuß auf den Boden. „Hastings!" rief er, „schweigt! oder —" Er stockte — er bemeisterte seine Aufregung. „Geht, versammelt unser» geheimen Rath. Wir haben jetzt ernstere Sachen zu bedenken als die Vermählung eines Knaben." Vergebens sucht« Edward das Feuer seiner Natur in Staatsangelegenheiten, i'n allen erforderlichen Vor- 40 kehrungen gegen die drohenden Gefahren, in Kriegs- und Rache-Entwürfen zu dämpfen und zu ersticken. Der unglückselige Wahnsinn» der ihn erfaßt hatte, «erfolgte ihn überall hin bei Tag und bei Nacht. Ein paar Tage lang nach dem von Niemand geargwohnten Besuche, wo er sich so frevelhafter Weise in das Gemach seines Gastes gestohlen hatte, kämpfte eine Regung ritterlicher Ehre, religiöser Bedenklichkeit, gesunden Sinnes — in ihm lebhafter geweckt durch die Gefahren, welche sich aufgethan hatten, und welche zu beseitigen die NevileS jetzt eifrig bemüht waren — gegen sein sündhaftes Verlangen, und kräftigte sein Gewissen zu einem minder schwachen Widerstand, als es sonst gewöhnlich der Leidenschaft gegenüber leistete; aber die Gesellschaft Anna'S, in welcher er nvthwendig viele Stunden des Tages, und zwar hauptsächlich die Stunden nach den üppigen Genüssen des Bankettes, zubringen mußte, war mächtiger als alle Gebote einer Tugend, die er so selten geübt hatte, daß ihr gänzlich die Kraft einer Angewöhnung fehlte. Und wie die Zeit näher kam, wo er den Erzbischof besuchen, sich an die Spitze seines Heeres gegen die Rebellen stellen mußte (deren Streitmacht täglich wuchs, trotz der Gefangennehmung von Lord WelleS und Sir Thomas Dymoke, welche, aus die Entbictung des Königs hin, zuerst sich in eine Freistatt geflüchtet, dann aber, auf das Versprechen der persönlichen Sicherheit und Verzeihung hin, sich ausgeliefert hatten), wo er Anna ihrer Mutter zurückgeben mußte — als diese Zeit näher kam, wurde die Verstörung seines 41 Gemüths dem ganzen Hofe sichtbar; aber mit dem Instinkt seiner natürlichen Schlauheit wußte er ihre Ursache zu verhehlen. Zum ersten Mal in seinem Leben hatte er keinen Vertrauten — er wagte nicht sein Geheimniß Hastings mitzutheilen. Sein Herz nagte und verzehrte sich selbst. Auch konnte er, obgleich er sich immer an Anna'S Seite hinstahl, nicht den Muth finden zu einer Sprache, die sie erschrecken und aufklären konnte. Er fühlte, daß er selbst die Aufmerksamkeiten, welche am ersten Abend nach ihrer Ankunft den Hofleuten ausgefallen waren, mit Sicherheit nicht wiederholen konnte. Er war ernst und that sich Zwang an, selbst wenn er in ihrer Nähe war, und die Etikette des Hofes gestattete ihm keine Gelegenheit zu Unterredungen ohne Zeuge». Unter solchem unterdrückten, ungleichen Kampfe mit sich selbst verfloß die Zeit, bis nur noch ein Tag übrig war bis zu dem für seinen Besuch in More festgesetzten. Und wie er am Morgen von seinem schlaflosen Lager aufstand, da war der Kampf vorüber, und seine Seele entschlossen, das Verbrechen zu wage». Sein erster Gedanke war, Anna von Sybillen zu trennen. Er machte heuchlerischer Weise der Königin Vorwürfe, daß sie seinem hochgebornen Gast eine Gesellschafterin unter ihrem Rang gebe, auf deren Charakter — armes Mädchen! — die Anschuldigung der Zauberei hafte; und als die Königin erwiederte, Lady Anna selbst habe so gewählt, verfiel er ans den Plan, Warnern selbst zu besuchen, unt*r dem Vorwand, sich von seinen Fortschritten z» unterrichten, — stellte fich erschro- cken über das kränkliche Aussehen des Weise», schickte nach Sybillen, und sagte ihr, mit der Miene huldvoller Rücksichtnahme: ihre erste Pflicht sey, ihren Vater zu verpflegen, die Königin entbinde sie sür einige Tage aller ihrer Verpflichtungen am Hofe, und er habe Befehl gegeben, das Zimmer zunächst dem Master Warners, das der Mönch Bungey innc gehabt, bis dieser Ehrenmann mit seiner Gönnerin den Hos verlassen hatte, für sie cinzurich- ten, in welchem sie für jetzt ihren Aufenthalt nehmen sollte. Sybille, verwundert über diesen ganz neuen Beweis von Aufmerksamkeit bei dem sonst so gleichgültigen König, jedoch es sich erklärend aus dem hohen Werth, den er auf ihres Vaters Arbeiten lege, dankte Edward mit ernster Unbefangenheit und entfernte sich. Im Vorzimmer begegnete sie Hastings, der eben zu dem Könige ging. Er schrack überrascht zusammen, und mit einer schmerzlichen Regung stechender Eifersucht. „Wie, Du Sybille! aus dem Kabinct des Königs kommend? - Was führte Dich hieher?" „Seiner Gnaden Befehl." Und zu edel, als daß sie hätte eine Freude daran haben sollen, Mißtrauen zu erregen, was leichtfertige Gemüther, als Beweis ihrer Macht, vergnügt und kitzelt, setzte Sybille hinzu : „Der König hat mit mir freundlich gesprochen von meines Vaters Gesundheit." Des HosmannS Stirne klärte sich auf — er sann einen Augenblick nach, und sagte dann in flüsterndem Tone: „Ich bitte Dich, mich nach einer Stunde auf dem östlichen Wall zu treffen." 43 Seit der Rücklchr des Lord Hastings in den Palast halte sein Benehmen eine Kälte und Entfremdung ver- rathen, die dem übel anstand, welcher des Rechts eines angenommenen Verehrers und Bewerbers sich erfreute, und Sybillens Liebe und Stolz gleicherweise verwundete; aber ihr Vertrauen zu seiner Liebe und Treue war unerschüttert. Ihre Bewunderung für ihn grenzte an Ehrfurcht, und sie suchte sich beständig alle Ursachen zur Besorgniß und Unruhe wegzuvernünftcln durch die Erinnerung an die Staatssorgen, welche schwer auf ihm lasteten, und dadurch daß sie sich selbst das Wort „Weib!" znflüsterte, das, in leidenschaftlicher Musik jenem geliebten Munde entströmend, einen Nebel über die Gegenwart, eine Glorie über die Zukunft auSgegoffen hatte i und darin, daß der König Adam Warner bei sich zurück behielt, trotz dem lebhaften Wunsche der Herzogin von Bedford, ihn nebst dem Münch Bungey mit sich zu führen, und ihn seinen Studien als Alchymisi und Goldmacher znrück- zugebcn, so wie in ihrer Aufnahme in die Dienste der Königin, konnte Sybille nicht umhin, den Einfluß ihres mächtigen Geliebten zu erkennen. Sein Ton jetzt war zärtlich, obwohl ernst und nachdenklich. Gewiß mußte bei der von ihm begehrten Zusammenkunft alles noch nicht Aufgeklärte zur Verständigung kommen, lind so eilte ne mit leichtem Herzen fort, Hastings seufzte, als sein Auge sie aus dem Zimmer begleitete, und also sprach er bei sich selbst: „Wäre ich der anspruchslose Gentleman, der ich einst War, welch ein süßes Loos würde die Liebe dieses Mädchens für mich aus der Urne des Schicksals ziehen! Aber, ach! wenn wir die Macht und die Größe koste», und uns zu Herrn der dunkeln Weisheit der Welt machen — zu was schrumpft dann die Liebe ein? — zur Wonne einer Stunde, und zur Thorheit eines Lebens!" Seine feingeschnittene Lippe zuckte, und sein Selbstgespräch abbrechend, trat er in das Cabinet des Königs, Edward hatte sein Angesicht auf das Innere seiner Hände gestützt, und seine glänzenden Angen starrten ins Leere hinaus, bis sie sich plötzlich feurig belebten, als ihr Blick auf seinen Liebling fiel, „Lieber Will," sagte der König, „weißt Du, daß die Leute von Dir sagen, Du sehst behext?" „Großmächtiger Sire, oft schon haben die Leute, wenn ein holdes Gesicht Dein großes Herz gefangen nahm, von Dir dasselbe gesagt." „Es mag in Wahrheit so sey», denn wahrlich ! Liebe ist des Erzfeindes Kind." Der König stand auf und ging mit hastigen Schritten im Zimmer auf und ab: endlich blieb er stehen und sagte: „Hastings, Du liebst also des Goldmachers Tochter, Sie hat mich so eben verlassen. Bist Du eifersüchtig?" „Zum Glück sieht Euer Hoheit keine Schönheit an Locken, welche die glänzende Schwärze der Raben, und an Augen, welche die Farbe der Veilchen haben." „Nein, ich bin ein beständiger Mann — beständig treu bleibend Einer Idee von Schönheit iu tausend 45 Gestalten — Augen wie des Sommers lichtblauer Himmel und Haaren wie seine goldnen Sonnenstrahlen! Aber um Dich ganz zu beruhigen, Will, wisse, daß ich nur Mttleiden gefühlt habe mit dem kranken Zustand des Gelehrte», den Du so hoch rühmst; und so habe ich der schönen Sybille ihr Zimmer neben dem ihres Vaters angewiesen. Der junge Lovell sagt, Du denkest daran, des Zauberers Tochter zu heirathen?" „Und wenn es so wäre, großmächtiger Sire?" Edward machte ein ernstes Gestcht. „Wenn es so wäre, mein armer Will, so würdest Du all Deinen Ruf wegen Deiner schlauen Weisheit verlieren , den Dein rasches Glück rechtfertigt. Nein — nein — Du bist die Blume und der Fürst meiner neuen Seigneuric — Du mußt Dich mit einem Namen und einer Baronie vermählen, würdig Deines Ruhms und Deiner Aussichten! Liebe die Schönheit, aber heirathc die Macht, Will! Umsonst würde Dein König Dich empor ziehen, wenn ein verachtetes Weib Dich hinab zöge!" Hastings hörte mit ernster Aufmerksamkeit diese Worte an. Der König wartete seine Antwort nicht ab, sondern fuhr lachend fort: „ES ist Deine eigene Schuld, schlauer Liebhaber, wenn Du nicht all ihren Zaubern ein Ende machst." „WaS macht den Zaubern der Jugend und Schönheit ein Ende, großmächtiger Sire?" „Der Besitz!" antwortete der König mit hohler, murmelnder Stimme. Bulwer'S Romane. VVll 4 Hastings wollte gerade antworten, als die Thürc aufging, und der dienstthuende Offizier den Herzog von Clarence annicldete. „Ha!" sagte Edward, „George kommt, um mich mit der Bitte um Urlaub zu belästigen, um nach seiner Statthalterschaft Irland abzuretsen, und ich habe ihm zu eröffnen, daß ich meinen Lord von Worcester doch für einen zuverlässigeren Vieekönig halte als ihn!" „Euer Hoheit wird mir verzeihen, aber obgleich ich der Meinung war, daß Ihr bei jener Ernennung die Großmuth zu weit getrieben, wäre es doch gefährlich, fie jetzt zu widerrufen." „Noch gefährlicher, fie zu bestätigen. Elisabeth hat mich die Thorheit einer Bewilligung einsehen machen, die ich über'm Malvaster gab — beiläufig bemerkt ein Wein, in welchem der arme George sich, wie er schwört, ganz gern würde ertränken lassen. Vieekönig von IrlandI Mein Vater besaß dieß Gouvernement, und einmal die Süßigkeiten des KönigthumS geschmeckt, hörte'er auf ein Unterthan zu sehn! Nein, nein, Clarence —" „Kann nimmermehr an Hochverrath denken gegen die Krone eines Bruders. Hat er den Witz, oder die Thatkrast, oder den Geist für einen so verzweifelten Ehrgeiz?" „Nein, aber die Eitelkeit. Und ich will mit Dir tausend Mark gegen eincn Silberpennh wetten, daß mein Hofnarr den leichtsinnigen George mit seinem Geschwätze so weit bringen soll, daß er Ansprüche zu haben 47 behauptet, Sultan von Egypten oder Römischer Pabst zu seyn!" Viertes Kapitel. Die Milchbrüder. Sir Marmaduke Nevile sonnte seine tapfere Person auf Tower-Green, unter den andern Müßiggängern des Hofes, stolz auf die goldne Kette und die goldne» Sporen, welche seinen neuen Rang bezeugten, und nicht unzufrieden damit, daß er die düstern Mauern von Mibdleham mit den lustigen Vergnügungen des üppigen Palastes vertauscht hatte, als er zu seiner Neberraschung und Freude seinen Milchbruder durch den Thorweg hereinkommen sah; und sobald NicholaS hereingetreten war, so eilte ein Schwarm der jüngern Hosleutc begierig auf ihn zu. „Ey Du mein Himmel!" sagte Sir Marmaduke zu Einem der Umstehenden, „was ist denn vorgefallen, wodurch NickAlwyn zu einem Manne von solcher Bedeutung geworden ist, daß so viele Flügel von Seide und feinem Tuch ihn umflattern, wie Sperlinge um eine Eule — und einer solchen gleicht, bei dem heiligen Holze, einigermaßen sein Angesicht." „Wißt Ihr nicht, daß Meister Alwyn, seit er ein eigenes Gewerbe angefangen, schon den Ruf des geschicktesten Goldschmids in London sich erworben hat? Keine Dolchgriffe — keine Spangen kann man tragen, als solche, die er fertigt, und werin er das Leben behält, und das Haus 4 * Uork glücklich gedeiht, — wahrhaftig, Meister Alwyn derGoldschmid wird binnen kurzem der reichste und geach- tctste Mann seyn non Mileend bis zum Freistattplatz." „Das freut mich non Herzen zu hören," sagte der ehrliche Marmaduke mit Wärme; und Alwyn stch nähernd, überraschte erden pünktlichen Handwerksmann durch einen freundschaftlichen Schlag ans die Schulter. „Was, Mann, bist Du zu stolz. Dich Marmaduke Nevile'S zu erinnern? Komm in mein Quartier dort, daß wir bei des Königs Canariensekt von alten Tagen plaudern!" „Ich birte Euch, mich zu entschuldige», lieber Junker Nevile." „Junker — ey was ! SirMarmaduke — zum Ritter geschlagen von der Hand Lord Marwicks — Sir Marmaduke Nedile, Herr eines Gutes, das er noch nie mit Augen gesehen — nüchterner Alwyn!" Dann nahm Marmaduke seines Milchbruders Arm in den seinigen und führte ihn in das Zimmer, in welchem er wohnte. Die jungen Männer brachten einige Minuten zu mit dem Austausch von Glückwünschen zu ihrem beiderseitigen Vorwärtskommen im Lebe»; — der Gentleman, welcher ein anständiges Einkommen und Rang gewonnen hatte bloS durch ergebene Anhänglichkeit an einen mächtigen Gönner, — der GewerbSmann, der stch schon einen Namen und die Aussicht auf Reichthum errungen hatte durch Verstand, Fleiß und Mühe; und doch, um gerecht zu seyn. 49 Marmaduke's treue Ergebenheit gegen Warwick hatte so viel Verdienstliches als AlwynS Eifer und Anstelligkeit, sich ein Vermögen zu erwerben. Nachdem die beiderseitigen Complimcnte vorüber waren, sagte Alwyn stockend: „Und findest Du Mistreß Sybille jetzt freundlicher gegen Dich gesinnt, als damals, wie Du Dich über ihre Grausamkeit gegen mich beklagtest?" „Wahrhaftig, guter NichvlrS, ich will offen gegen Dich sehn. Als ich den Hof verließ, um Lord Warwick zu folgen, liefen Gerüchte um von Galanterien des Lord Hastings gegen das Mädchen, welche mich im Herzen kränkten. Ich sprach mit ihr darüber ehrlich und frei heraus, bekam aber zur Vergeltung nur hochmülhize Mienen und verächtliche Worte. Guter Gesell, ich danke Dir für diesen Händedruck und diesen bekümmerten Seufzer. Während meiner Abwesenheit vom Hofe, in Middleham, gab ich mir alle Mühe, ein Geschöpf zu vergessen, das sich so wenig um mich kümmerte. Mein lieber Alwyn, die Mädchen in Vorkshire sind verzweifelt hübsch, und mächtig freundlich und zuthulich. So jagte ich die grausame Sybille stürmend aus meinem Herzen, durch große Ncberzahl." „Und Du liebst sie nicht mehr?" „Nein, bei diesem Pokal! Als ich zurückkam, es ist wahr, da empfand ich ein Vergnügen, meine goldnen Sporen in ihrer Gegenwart klirren zu lassen, und war neugierig, zu sehen, ob mein neues Glück ihr ein Lächeln res Beifalls abgewinnen könnte; und meiner Treu, die Wahrheit zu gestehen, das Jüngferchen war freundlich so und gütig, nnd sprach mir so herzlich von der Freud-, die sie über meine Beförderung habe, daß ich noch einmal ein paar Worte vor der alten Thorheit wagte. Aber mein Mädchen gab sich ein Ansehen wie eine Prinzeß, nnd jetzt Lin ich ein kurirter Mann." „Bei Eurem Wort?" „Bei meinem Wort!" Alwyn ließ in schweigendem Nachsinnen das Haupt auf die Brust herabsinken. Sir Marmaduke leerte seinen Becher: und in der That nahm sich der junge Ritter so schön und stattlich ans in seinem neuen Sammtrock, daß es kein Wunder war, wenn er genug Trostesnahrung fand an einem Hofe, wo die Männer sechs Stunden des Tages damit zubrachten, um Liebe zu werben — und zwar nicht vergebens. „Und was sagen die Leute jetzt von Lord Hastings?" fragte Alwyn, das Schweigen brechend. „Nichts, will ich hoffen und glauben, was des armen Fräuleins Ehre zu nahe träte, — aber wohl wird man spotten schon über ihren guten, einfältigen Glauben bei einer so eitel», unbeständigen Natur. 'Die Zunge ist nicht von Stahl, und doch schneidet sie', wie das Sprüchwort vom Verläum- der sagt." „Nein! die Lästerung verschont ihre Tugend als Weib, um ihre Kunst als Zauberin anzuklagen! Man sagt, Hastings habe nicht triumphirt, und nicht zu triumphiren gesucht — er sey von einem Zauber gefesselt. Bei St. Thomas, es ist ein Glück für Marmaduke Nevile, von einem Mädchen von solchem Rufe los zu scyn!" „Sir Marmaduke," sagte hieraufAlwyn in ernstem, bestimmtem Tone, „es geziemt mir, als treuem Freund, obwohl geringen Standes, und als ehrlichem Mann, Dir zur Erwiederung Deines Geheimnisses das meinige mit- zutheilen. Ich liebe dieß Mädchen. Ja, ja! Du denkst, Liebe sey ein seltsames Wort im Munde eines Handwerkers, aber'kalter Flintenstein verbirgt heißes Feuer!' Ich hätte nicht Dein Nebenbuhler werden mögen, der Himmel verhüte es! wenn Du noch eine Hoffnung gehegt hättest, — oder wenn Du auch noch jetzt Etwas gegen meine Wünsche einznwendcn hättest; aber wenn Du nicht Nein sagst, will ich mein Glück versuchen, ob ich eine reine Seele einem tückischen Liebhaber entreißen kann." . Marmaduke stierte seinen Milchbrnder mit großer Ueberraschung an: und obwohl er ohne Zweifel die Wahrheit geredet hatte, als er sagte, er sey von seiner Liebe zu Sybille geheilt, empfand er doch eine Art Eifersucht bei Alwyns unerwartetem Geständniß, und seine Eitelkeit fühlte sich verletzt bei dem Gedanken, daß der Ge- werbsmann mit dem reizlosen Gesicht da sein Glück versuchen wolle, wo es dem schönen Gentleman fehlgeschlagen hatte. Jedoch gewann seine tüchtige, großmüthige, männliche Natur nach einem kurzen Kampfe den Sieg über diese mißliebigen Empfindungen, und Alwyn die Hand hinstreckend, sagte er: „Mein lieberMilchbruder, versuche Dein Glück und laß Deine Würfel rollen, wenn Du willst. 5L Gott stehe Dir bei, wenn die Erfüllung Deiner Wünsche zu Deinem Besten dient! Aber wenn sie wirklich der Zauberei ergeben ist, (die Pest über Dich, Mann! lächle nicht so höhnisch über das Wort!) so können solche Künste für Bett und Herd wenig Behagen und Gedeihen bringen!" „Ach!" sagte Alwyn, „dieZauberei ist aufHastingS' Seite — die Zauberei des NuseS und Ranges, und einer bestechenden Zunge und erfahrener Kunst und List. Aber sie soll nicht fallen, wenn ein treuer Arm sie retten kann; und wenn auch die Hoffnung ein kleines Kind ist, kann sie doch einen großen Anker schleppen!" Diese Worte waren so ernst gesprochen, daß sie Marmaduke'S Geist ein ganz neues Licht aussteckten, und da seine natürliche Großmuth bet ihm den scharfen Verstand vertrat, begriff er in innerlichem Mitgefühl die edeln Beweggründe, welche den Sohn des Handels beseelten. „Mein armer Alwyn/? sagt er, „wenn Du dicß junge Mädchen retten kannst, die ich, meiner Treue, recht warm geliebt habe, und die mir noch sagt, daß sie mich als Schwester liebe — so soll mich das herzlich freuen. Aber Du setzst Deine GemüthSruhe gegen die ihrige aufs Sviel: — alles Glück Dir, sage ich noch einmal, und wenn Du jetzt gleich Dein Heil versuchen willst, (denn Ungewißheit ist das Fegefeuer der Liebe,) so ergreife den Augenblick. Ich habe Sybille, gerade ehe wir uns trafen, allein nach den Wällen gehen sehen; in dieser rauhen JahrSzeit ist dieser Ort leer — gehe hin !" S3 „Das will ich, gleich diesen Augenblick!" sagte Alwyn aufstehend, und wurde sehr bleich; aber wie er an die Thüre kam, machte er Halt; — „Ich hatte vergessen, Junker Ncvile, daß ich dem König seinen Siegelring bringe, den ich neu gefaßt habe, mit dem Falken und dem Schloß." „Man wird Dich drei Stunden im Vorzimmer Hinhalten. Der Herzog von Clarence ist jetzt beim König. Vertrau den Ring mir an, ich werde Seine Hoheit vor dem Mittagessen sehen." Selbst in seiner Liebe vergaß Alwyn nicht die Ge- schästsrückfichten; er besann sich — „Setze ich dadurch nicht des Königs Gunst und Kundschaft aufs Spiel?" sagte der Handwerker. „Still, Mann! Du kennst den König Edward nicht; er fragt Nichts nach Ceremonien, zudem, die Neviles find jetzt in der Gunst und allmächtig. Ich bin hier, in Diensten der holden Lady Anna, die der König wie eine Tochter liebt, obgleich er zu jung ist, um der Vater eines so großgewachseuen Fräuleins zu seyn: und ein Wort von ihrer Lippe wird, nüthigen Falls, Alles so eben machen wie dieser Rasensammt." Auf diese Versicherung hin gab Alwyn den Ring seinem Freunde, und machte sich sofort auf den Weg nach den Wällen. Marmaduke blieb, um den Canarienfekt vollends zu trinken, und über das Wunder nachzusinnen, daß ein so nüchterner Mann eine so glühende Leidenschaft fasse. Auch war er nicht viel weniger verwundert darüber, 54 daß, wie er bemerkt hatte, sein Freund, der zwar noch mit einem stark provinziellen Accent sprach, und seine Reden immer noch mit ländlichen Sprüchwörteru und Redensarten spickte, doch mit dem Steigen seines Glücks auch in der Sprache und im Benehmen sich gehoben hatte. „Wenn er so fort macht, und Lord Mayor wird," murmelte Marin adukc, „wahrhaftig, so wird er am Ende nock- halb einem Gentleman gleich sehen." Diesen Betrachtungen durfte der junge Ritter nicht lang ungestört nachhängen. Ein Bote von Warwick- House suchte ihn auf und brachte die Nachricht, daß der Graf auf dem Wege nach London sey, und den SirMar- maduke gleich im Augenblick seiner Ankunft, welche stündlich erwartet werde, zu sehen wünsche. Der junge Ritter, dessen hartes Gehirn durch den Canariensekt, Alwyns Geheimnis? und diese plötzliche Zeitung in einige Aufregung versetzt war, eilte dem Befehl seines Häuptlings zu folgen, und vergaß, bis er des Grafen HauS erreichte, den ihm von Alwyn anvertrauten Siegelring. „Was thuts!" sagte er dann philosophisch — „der König hat Ringe genug an den Fingern, um Einen für eine oder ein paar Stunden nicht zu vermissen, und ich wage nicht, einen Andern damit fortzuschicken. Wahrhaftig, ich muß meinen Kopf in kalt Wasser tauchen, um der Weindünste loS zu werden." Fünftes Kapitel. Der Liebende und der Galnn — des Weibes Wahl. Alwyn schlug seinen Weg nach den Wällen ein, von welchen ein Theil damals den Boulevards einer französischen Stadt glich, indem sich dort Reihen von Bäumen, grüner Rasen, ein gewundener Spazierweg und in kleinen Abständen von einander Sitze zum AuSruhen für dieHer- umschlendernden fanden. Während der Sommerabende war der Platz ein Lieblingsaufenthalt der müssigen Leute des Hofes; aber jetzt, imWinter, war er gewöhnlich ganz leer, und nur Schildwachen standen dort in großen Zwischenräumen. Der Handwerksmann war noch nicht weit suchend und spähend gekommen, als er wenige Schritte vor sich gerade den Mann gewahrte, welchen zu fürchten er am meisten Grund hatte; und Lord Hastings, als er den Laut von Schritten unter den dürren, raschelnden Blättern vernahm, welche den Weg bedeckten, kehrte sich hastig um, als Alwyn ihn erreichte. Beim Erblicken dieses furchtbaren NebenbuhlepS hatte Alwyn einen jener Entschlüsse gefaßt, wie sie nur in Männern von seinem entschiedenen, geraden und energischen Charakter aussteigen. Sein ausgezeichnet scharfer und durchdringender Verstand hatte ihn die edleren sowohl als die schlimmeren Eigenschaften Hastings ziemlich klar durchschauen lassen; und seine Hoffnung auf jene bestimmte den Entschluß, zu welchem er gelangte. Die bk Gedanken und Betrachtungen Hastings' in diesem Augenblick waren von einer Art, daß fie eine günstige Aussicht für die Wünsche und Plane des geringeren Liebhabers zu eröffnen schienen; denn während der aufregenden Ereignisse, welche die Zeit seiner kürzlichen Entfernung von Sybille» ausgefüllt hatten, hatte sich Hastings einigermaßen von ihrem Zauber über sein Gemüth befreit; und da er die Schwierigkeit erkannte, seine Ehre und seine weltlichen Aussichten mit einer weiteren Verfolgung seiner Liebe, die er übereilt ausgesprochen hatte, aber nicht so tief empfand, in Einklang zu bringen, hatte er den Vorsatz gefaßt, frischweg den gordischen Knoten zu zerhauen, den er nicht lösen konnte, und Sybillen zu erklären, daß die Heirath zwischen ihnen eine Unmöglichkeit sey. Mit dieser Absicht hatte er die Zusammenkunft verabredet, uud sein Gespräch mit dem König bestärkte ihn noch in seinem Vorhaben. In solcher GemüthSverfaffung ward er also von Alwyn üngeredct: „Mein Lord, darf ich so kühn seyn und mir für wenige Augenblicke Euer wohlwollendes Gehör erbitten für Worte, die Euch vielleicht anmaßlich erscheine» dürften?" „Aber faßt Euch nur kurz, Meister Alwyn — man erwartet mich." „Ach, mein Lord, ich kann errathen, Wer — Sie,, die ich selbst aufsuche — Sybille Warner!" „Ha, Herr Goldschmid!" sagte Hastings hochmüthig 57 — „was weißt denn Du von meinen Schritten und Gängen, und was frage ich nach den Deinigen?" „Hört mich an, mein Lord Hastings — hört mich an!" sagte Alwyn, seine Empfindlichkeit unterdrückend, und mit einer so ernsten Stimme, daß sie die ganze Aufmerksamkeit des Lords fesselte — „und urtheilt, nicht wie der Edelmann den Handwerker beurtheilt, sondern wie der Mensch den Menschen beurtheilen sollte. Wie das Sprichwort sagt: Wir liegen Alle gleich in unfern Gräbern. Vom ersten Augenblick an, wo ich diese Sybille Warner sah, liebte ich sie. Ja; lächelt nur verachtungsvoll, aber hört mich weiter an. Sie lebte in der Niedrigkeit und Bedrängniß. Ich liebte sie nicht allein ihres schönen Gesichtes wegen, ich liebte sie wegen ihrer guten Gaben, wegen ihres geduldigen Fleißes, wegen ihrer kindlichen Pflichttreue, wegen ihrer Bemühungen, auf ihres BaterS Tisch Brod zu schaffen. Ich sprach nicht bei mir selbst: dieß Mädchen wird eine hübsches Liebchen — ein köstliches Schätzchen seyn; ich sagte bei mir: diese gute Tochter wir ein Weib seyn, das ein ehrlicher Mann an sein Herz nehmen und innig hegen und lieben kann." Der arme Alwyn hielt inne, weil Thräneu seine Stimme erstickten, bekämpfte seine Rührung und fuhr dann fort: „Meine Glücksumstände waren günstiger als die ihrigen; es war kein Grund vorhanden, daß ich nicht hätte hoffen dürfen. Zwar hatte ich damals einen Nebenbuhler; jung, wie ich — von besserer Geburt — von «ortheilhafterem Aeußern: aber sie liebte ihn nicht. Ich sah voraus, daß seine 58 Liebe zu ihr — wenn eS Liebe war — aufhören würde. Ich glaubte, ihr Gemüih wurde das meinige verstehen, so wie das meinige —mit Wahrheit kann ich es sagen — nach dem ihrigen sich liebend sehnte! Ich konnte die Mädchen von meinem Stande und in meiner Umgebung nicht ansehen, ohne — Oh, nein! mein Lord, noch ein einmal sage ich es, nicht die Schönheit, sondern die Gaben, der Geist, das Herz Sybillens stellte» sie Alle in Schatten. Es mag Euch seltsam bedünken, daß ich, ein einfacher, nüchterner, sorgenvoller Handwerksmann alle diese Gefühle haben konnte; aber ich will Euch erklären , warum Männer meines Gleichen sie manchmal haben, hegen, darüber brüten, mehr als Ihr Lords und Gentlcmen mit all Euren einnehmenden Künsten des Gefallens. Wir wissen Nichts von leichten Liebschaften! Nichts von kurzen Zerstreuungen und Zersplitterungen der Einen großen Leidenschaft! Wir'nüchternen Söhne der Werkstatt und des Ladens sind keine Allerwelts- liebhabcr — wir lieben einfach, wir lieben nur Einmal, und wir lieben von Herzen. Aber Wer kennt nicht das Sprüchwort: Was kennt ein Gentleman als sein Vergnügen? und was ist sein Vergnügen als der Wechsel ? — Als Sybille in den Palast kam, hörte ich bald ihren Namen mit dem Eurigen in Verbindung bringen; ich sah ihre Wange sich röthen, wenn Ihr sprächet. Wohl — wohl — wohl! am Ende, wie uns die alten Weiber sagen, ist das Grröihen die Liverei der Tugend. Ich sagte bei mir: Sie ist ein züchtiges und hochherziges Mädchen! SS Dieß wird vorübergchen, und die Zeit wird kommen, wo sie Eure Liebe und die «reinige vergleichen kann. Jetzt, mein Lord, ist diese Zeit gekommen — ich weiß, daß Ihr sie aufsnchl. Ja ich weiß, daß in diesem Augenblick ihr Herz in Erwartung Eurer Schritte pocht. Sagt nur ein Wort — sagt, daß Ihr Sybille Warner liebt, mit dem Gedanken sie zu heirathen —sprecht dieß aus, bei Eurer Ehre, edler Hastings, als Gentleman und als Peer, und ich Witt zu Euren Füßen knieen und Euch um Verzeihung bitten wegen meiner eitel» Thorheit, und in meine Werkstatt zurückgehcn und arbeiten, und mich nicht grämen. Sprecht das Wort! Ihr seyd stumm! dann stehe ich Euch an, Euch als einen Peer und Gentleman, zuzugeben, daß die ehrliche Liebe das Mädchen rette vor der Bewerbung, die ihren Frieden zu vernichten, ihren guten Namen zu zerstören droht! llnd jetzt, Lord Hastings, erwarte ich Eure huldvolle Antwort!" Die Gefühle in der Brust Hastings', als Alwyn so schloß, waren mannigfach und verworren; aber zuerst waren Bewunderung und Mitleid am stärksten. „Mein armer guter Freund," sagte er wohlwollend, „wenn Ihr so ein Mädchen liebt, das alle meine Achtung verdient, so bezeichnen Eure Worte und Gesinnungen Euch als eine» nicht unwürdigen Bewerber. Aber nehmt meinen Rath an, guter Alwyn. Komm Du — ein Jnsaße von Chepe, — komm Du nicht an den Hof, um Dir da ein Weib zu holen. Vergiß diese Phantasie!" „Mein Lord, das ist unmöglich! Vergessen kann ich nicht — wenn ich auch vielleicht mit Schmerz verzichten lerne!" „Du kannst Deinen Wunsch nicht erreichen, Mann," begann der Edelmann wieder in kälterem Tone, „und könntest es nicht, wenn auch William Hastings nie gelebt hätte. Weiberaugen, gewohnt den äußerlichen Schimmer der Welt anzugaffen, sind blind gegen schmucklosen Werth wie der Deinige. Es wäre vielleicht anders gewesen, wenn das Fräulein nie ihren Fuß in einen Palast gesetzt hätte; aber so wie eS nun einmal steht, wackerer Gesell, mußt Du eben lernen. wie solche Wunden des Herzens vernarben, und die Stelle mehr und mehr hart und fühlloS wird. Was bist Du, Meister Richolas Alwyn, (fuhr HastingS düster und mit einem todtenhasten Lächeln fort,) was bist Du, daß Du nach einer Seligkeit verlangst, die mir, die uns Allen versagt bleibt — nach der Seligkeit, die Poesie ins Leben einzuführen, dem Mannesalter die Blüthe der Jugend zu bewahren durch den Gewinn und Besitz der ersten Liebe? Aber glaube nicht, Herr Liebhaber, daß ich dieß aus Eifersucht, oder um Dich herabzusetzen, sage. Schau dort, bei der entlaubten Ulms, das weiße Gewand der Sybille Warner. Geh hin und mache Deine Bewerbung geltend!" „Verstehe ich Euch recht, mein Lord ?" sagte Alwyn, etwas verwirrt und verblüfft durch den Ton und das Benehmen, welche Hastings annahm. „Lügt das Gerücht, und liebt Ihr dieß Mädchen nicht?" „Ehrlicher Meister," erwiederte HastingS verächtlich» und stolz, „Du hast kein Recht, daß ich wüßte, in meine Gesinnungen und Geheimnisse Dich cinzudrängen: ich kann in Dir nicht meinen Richter anerkennen, guter Juwelier und Goldschmid — genug wahrhaftig der Artigkeit, daß ich Dir den Vortritt einräume. Trage Dem Anliegen vor, so beweglich als Du willst, wie Du es mir vorgetragen hast; sage von mir Alles, was Du Schlimmes von mir zu argwohnen Grund zu haben wähnen magst; und wenn, Meister Alwyn, Du die Dame freiend gewinnst, so verfehle nicht, mich zu Deiner Hochzeit einzuladen!" Es lag in dieser Rede und in dem Wesen des Redenden jener hochmüthige Leichtsinn, jene unaussprechliche bewußte Vornehmheit — die kalte, ironische Ruhe, welche Einen mehr demüthigen und scheu machen, als ernste Verachtung und herrische Leidenschaft. Alwyn knirschte mit den Zähnen, wie er zuhörte, und stierte mit schweigender Verzweiflung und Wuth den kaltblütigen Lord an. Keiner der beiden Männer konnte eigentlich schön genannt werden. Alwyn hatte auf seiner Seite den Vorzug jugendlicherer Jahre, eines Hähern Wuchses, einer kraftvolleren, obwohl weniger geschmeidigen und gefälligen Gestalt. Selbst in ihrem Anzug war Wenig von dem scharfbezcichnetcn Unterschied zu sehe», welcher damals die verschiedenen Stände trennte; denn die dunkle Tunika und Obcrrock von Tuch, welche Hastings trug, waren eine einfachere Tracht als der hellfarbige Anzug des Bulwer's Romane. 6VU. 5 82 Gcwerbsmannes, mit der breiten Pclzverbrämung, und den Nesteln von den feinsten Schnüren, lind wo lag nun bei den beiden Männern der sichtbare, gewaltige, unauS- füllbare Unterschied in Allem, was die Einbildungskraft bezaubern und das Auge gewinnen kann, dessen Bestehe» Alwyn sich selbst eingestchen mußte, wie er seinen Nebenbuhler betrachtete. Ach! wie doch die am wenigsten zu erklärende» Unterschiede gerade die strengsten und herbsten sind! Welche stolze Sicherheit in dieser vornehmen Haltung — welche Triumphe schienen ausgesprochen zu ruhen in diesem ruhigen Auge, das gleichsam in seinem eigenen gebieterischen Glanze schlummerte — welch ein Zauber der Herrschaft auf dieser blaffen Stirne — welche Wnnderkünsts der Ueberredung um diese feinen Lippen! Alwyn murmelte Etwas vor sich hin, verbeugte sich unwillkürlich , und schritt sofort von Hastings weg auf Sybille zu, die jetzt, in einer Entfernung von einigen Schrillen stehen geblieben war, mir Erstaune» die Besprechung zwischen dem Edelmann und dem Bürger betrachtend. Aber wie er sich Sybillen näherte, fühlte der arme Alwyn alle Festigkeit und allen Muth, die er Hastings gegenüber an de» Tag gelegt, dahinschmelzen. Und die Bangigkeit, welche eine fürchtende nnd doch tiefe Neigung immer bei Männern seines Charakters erzeugt, machte seine Bewegungen noch gezwungener und linkischer als gewöhnlich, wie er zitteriid.dem so heiß geliebten Mädchen untre die Augen trat. Suchst Du mich, Meister Alwyn?" fragte Sybille tz3 freundlich, als sic sah, daß er zwar neben ihr stehen blieb, aber nicht sprach, „Ja!" antwortete Alwyn hastig, und wieder war er stumm. Endlich, wie er seine Augen erhob und sich um- schante, sah er in der Entfernung Hastings mit gekreuzten Armen an den Wall sich lehnen, nnd der Kontrast ovn seines Nebenbuhlers kalter und hochmnthigcr Gleichgültigkeit mit seinen glühenden Adern und seinem blutenden Herzen machte seinen männlichen Geist sich aufraffen »ud gab seiner Zunge die Beredtsamkeit, welche die innere Bewegung gewinnt, sobald sic einmal die selbstgeschmiedeten Fesseln zerbricht, „Schau -- schau, Sybille!" sagte er, aus Hastings deutend — „schau! dieser Mann, glaubst Du, liebe Dich! wenn es so wäre — wenn er Dich liebte, würde er dort stehen bleiben — schau nur! — so fern, verachtend, gleichgültig — während er mich an Deiner Seite weiß?" Sybille sah den Goldschmid mit Augen voll unschuldigen Erstaunens an — mit Augen, welche so deutlich als nur möglich, fragten: „llnd warum nicht, Meister Nlwyn?" Alwyn verstand den Blick so, und antwortete, wie wenn sie es ausgesprochen hätte: „Weiler wissen muß, wie arm und kahl jenes schwächliche Phantasisgelüsten ist, das allein Raum hat in einer vom Genuß abgenützte« und abgestumpften Seele, gegen das, was ich für Dich fühle und Dir jetzt gestehe — gegen die Siebe des Jüng- 5 * 64 lings, geboren aus der erfreu Vollkraft des Herzens — weil er fürchten sollte , daß diese Liebe bei Dir siegen möchte -- weil diese Liebe siegen sollte. Sybille, zwischen uns ist keine Ungleichheit, kein Hinderniß. Oh! höre mich an — höre mich weiter an! Runzle nicht die Stirne! wende Dich nicht weg!" Und, gereizt und entstammt wie er war durch den Anblick seines Nebenbuhlers, befeuert durch die Aufregung eines Kampfes, von dessen AuSgang das Glück seines Lebens und das Heil Sybillens abhängen mochte, war seine Stimme wie der Schrei eines TodeskampfcS und erschütterte das Mädchen bis in die innersten Tiefen ihrer Seele. „Oh, Alwyn, ich runzle nicht die Stirne!" sagte sie mild, „oh, Alwyn, ich wende mich nicht weg! Weh thut es mir, ein so wohlwollendes und wackeres Herz verletzen zu müssen: aber —" „Nein, sprich noch nicht. Ich habe Dich studirt — ich habe Dich gelesen, wie ein Gelehrter ein Buch lesen würde. Ich weiß Du bist stolz — ich weiß Du bist hochstrebend — ich weiß Du bist eitel auf Dein edles Blut, und hast einen Widerwillen gegen meine Geburt als Aeoman. Hierin bin ich nicht blind gegen Deine Fehler, aber ich liebe Dich trotz derselben; und um diesen Fehlern zu schmeicheln, habe ich mich gemüht, habe ich geträumt, Entwürfe geschmiedet und mich empor gearbeitet - ich biele Dir eine Zukunft mit der Gewißheit eines Mannes, der über sie gebieten kann. Verlangst Du Ncichthum? — sey geduldig (wie der Ehrgeiz immer ist) ; in wenigen 65 Zähren sollst Du mehr Gold haben, als der Gattin dc- Lord Hastings zu Gebote steht; Du sollst prächtiger wohnen, Du sollst köstlicher leben. Du sollst auf Goldtuch wandeln, wenn Du willst! * Wünschest Du Titel? — Ich will sie gewinnen. Richard de la Pole, der das größte Herzogthum im Königreich gegründet hat, war ärmer als ich, als er zuerst in eines Kaufmanns Laden diente. Gold erkauft jetzt Alles. Oh, wollte Gott, daß es mir nur Dich erkaufte!" „Meister Alwyn, nicht Gold ist es, was die Liebe erkauft. Fasse Dich. Was kann ich Dir sagen, zur Milderung des rauhen Wortes Nein?" „So verschmäht Ihr mich denn, und das sogleich. Zch verlange nicht jetzt Eure Hand. Zch will warten, mich gedulden, hoffen — es gilt mir gleich, wenn auch Jahre lang; warten, bis ich Alles leisten kann, was ich Dir versprochen." Sybille, zu Thränen gerührt, schüttelte traurig den Kopf; und eine lange, peinliche Pause trat ein. Nie erfolgte eine Werbung unter seltsameren Umständen als diese — wo der eine Liebhaber seine Bitte vortrug, wahrend der Andere ganz in der Nähe dastand, — der Eine glühend, leidenschaftlich; der Andere kaltblütig und nn- thätig zusehend — und das Schweigen des Letztern, ach! * Dieß war kerne leere Prahlerei von Meister Alwyn. In jener Zeit erwarb sich ein glücklicher GewerbSmann ein Vermögen mit ungemeiner Schnelligkeit, und führte ein üppigeres Leben als die meisten Barone. Alles Gold im Lande floß zusammen in'die Koffer der Londoner Kaufleute. 6K 'gekrönt mit all dem Erfolg, der den Worten des Andern fehlte. Man könnte sagen, die Mahl, welche Sybillen geboten war, sey der Typus gewesen von der Wahl, welche immer, aber nmsonst, dem Kinde des Genius geboten wird. Hier ein sicheres und friedliches Leben — eine geehrte Heimaih — ein ruhiges Loos, ohne ideale Visionen zwar, aber auch ohne Zweifel und Angst — ohne die Stürme der Leidenschaft; — dort die unheilvollen Einflüsse einer inbrünstigen Neigung, von der Phantasie geboren, zweideutig, verderbendrvhend, aber unwiderstehlich. Und das Kind des Genius erfüllte sein Geschick! „Meister Alwyn," sagte Sybille, sich ermannend zn der erforderlichen Kraftanstrengung, „ich werde nie auf- hören, mich Deiner großmüthigen Freundschaft dankbar zn erinnern — nie aufhören, inbrünstig für Deine Wohlfahrt auf Erden zn beten. Aber hieran laß Dir genügen für jetzt und immer -- Mehr vermag ich nicht." Ergriffen von dem ernsten, feierlichen Tone Sybillens, erstickte Alwyn dgS Stöhnen, das sich auf seine Lip- vcn drängte, und antwortete düster: „Ich gehorche Euch, schönes Fräulein, und kehre zu meinem WerktagSlebeu zurück; aber ehe ich gehe — beuriheilt mich nicht falsch, wenn ich Euch noch so Viel sage: nicht allein um der Wonne willen, einen Tag erhoffen zn dürfen, wo ich Dich hätte mein nennen mögen, habe ich Dich belästigt, sondern nicht minder — ich schwöre es, nicht minder um der Sehnsucht meiner Seele willen, Dich zu retten vor Etwas, das , so fürchte ich, Dir nur Jammer und Weh, Gefahr und Leiden, kummervolle Tage und schlaflose Nächte bereiten wird.. Besser ein kleines Feuer, das wärmt, als ein großes, das verzehrt! Meinst Du, Lord Hastings, der Eitle, der Sittenlose —" „Schweigt, Sir!" sagte Sybille stolz; „mich scheltet, wenn Ihr wollt, aber verringert nicht meine Achtung gegen Euch durch Vcrlänmdung eines Andern." „Was!" sagte Alwyn bitter, „erzürnt Dich schon Ein Wort des RatheS so? Ich sage Dir, daß wenn Du träumst, Lord Hastings liebe Sybille Warner so wie ein Mann die Jungfrau liebt, die er heirathen möchte, Du Dich betrügst zu Deinem eigenen Elend. Wen» Du Dich hievon überzeugen willst, so geh jetzt zu ihm hin, geh und sage: 'Willst du mir die friedliche und ehrenhafte Hei- math geben, das Obdach für meines Vaters Alter im Hause eines Sohnes, das mir der Handwerker, den ich verschmähe, umsonst anbietet?'" „Und wenn es mir schon angeboten wäre — von ihm?" sagte Sybille mit leiser Stimme nnd heftigem Erröthen. Alwyn fuhr zurück. „Dann Hab' ich ihm Unrecht gcthan; und —und—" fuhr er großmüthig, obwohl mit schmerzlichem Gram im Herzen, fort, „ich kann noch glücklich seyn im Gedanken, daß D u es seyst. Lebewohl, Fräulein! Die Heiligen mögen Dich bewahren vor jeder schmerzlichen, reuigen Erinnerung an das, was zwischen uns vorgefallen ist!" Gr zog seine Mütze hastig über die Brauen herun- 68 tcr und entfernte sich mit raschen, ungleichen Schritten. Als er an der Stelle vorbeikam, wo HastinzS, den Arm auf den Wall und das Gesicht auf die Hand gestützt, stand, schaute der Edelmann auf und sagte: „Nun, Herr Goldschmtd, gestehe, daß ich Dich wenigstens ohne Neid und Störung Dein Gluck habe versuchen lassen!" Dann, betroffen über den Schmerz und die Pein, die in NlwynS Gesicht geschrieben standen, schritt er auf ihn zu, legte mit einer Aufwallung von edlem, offenherzigem Milleiden seine Hand auf seine Schulter und sagte: „Alwyn, auch ich habe gefühlt, was Ihr jetzt fühlt — ich hake es überlebt, und cS ist mir darum in der Welt doch geglückt! Nehmt mit Euch ein Mitleid, daS Euch achtet und Euch nicht herabwürdigt." „Täuscht sie nicht, mein Lord — sie vertraut und liebt Euch! Ihr habt nie einen Mann getäuscht — alle Welt sagt es — täuscht nicht ein Weib! Thaten tödten Männer — Worte Weiber!" Mit diesen einfachen Worten schritt Alwyn weiter und verschwand. Hastings näherte sich langsam und schweigend Sybillen. Ihre Verschmähung Alwyn'S hatte keineswegs dazu beigetragen, ihn mit der von ihm selbst in Aussicht gestellten Heirath auSzusöhnen. Er konnte recht Wohl annehmcn, daß das Mädchen, auch wenn nicht eine starke Neigung sie bestimmte, sich nicht bedenke» würde bei der Wahl zwischen einem mächtigen Edelmann und einem Goldschmied von niedriger Herkunft. Sein Stolz war bitter verwundet schon dadurch, daß der Letztere sich für 88 ebenbürtig Derjenigen gehalten hatte, die er, obwohl nur in einer Aufwallung der Leidenschaft, zu seinem Rang zu erheben gedacht hatte. Und doch, wie er sich Sybillen näherte, und sie mit leichten Schritten ihm entgegen sprang, ihre Augen voll holder Freude und Vertrauens, da bebte er zurück vor einem Geständniß, welches ein Herz zerstören und knicken mußte, das so all seine Jugend- und Liebes-Blüthe erschloß, um ihn zu begrüßen. „Ach, edler Lord," sagte das Mädchen, „war es freundlich von Dir, dem armen Alwyn zu gestatten, meinem Herzen so weh und bange zu machen, während Du selbst rnhig in der Ferne stehen bliebst? Oh, gewiß, daß, wenn Dein dcmüthiger Rival eine Krone anzubieten gehabt hätte, es für Sybille dasselbe gewesen wäre! Oh, wie leid mir der Schmerz that, den ich zufügen mußte; und doch, bei dem Allem, hatte ich Einen selbstischen, schuldigen Strahl von Freude im Herzen, bei dem Gedanken, daß ich nicht so warm geliebt worden wäre, wenn ich ganz unwürdig wäre der einzigen Liebe, nach der ich mich sehne und die ich wünsche!" „Und doch, Sybille, kann dieser junge Mann'in Allem, außer Reichthum und einem tönenden Namen, Dir Mehr bieten als ich — ein Herz, unverfinstert von trüben Erinnerungen — ein Gemüth, nicht versauert durch des Weltlebens furchtbare und bittere Weisheit und Kunde von der menschlichen Schwachheit und dem irdischen Kummer. Ihr seyd nicht weit geschieden durch den Abstand übel zusammenstimmender Jahre und könnt leicht 70 Hand in Hand einem gemeinsamen Grabe entgegenwal- len; aber ich, älter am Herzen als an Jahren, bin doch auch in letzterer Beziehung um so Viel älter als Du, daß diese Haare grau sehn werden, und diese Gestalt gebeugt, während Deine Schönheit noch in ihrer Blüthe steht und — aber Dn weinst!" »Ich weine, daß Du Einen Gedanken an die Zeit herbeibringst, um meine Gedanken zu verdüstern, welche auf die Ewigkeit gehen. Die Liebe kennt kein Alter — sie sieht kein Grab vor sich! Ihr Glück und ihr Vertrauen schauen auf Erden nur Eine Herrlichkeit, verschmelzend in die Farben des Himmels, wohin die, die treubcständig sieben, ruhig hinübergehen, um dort immer zu leben! Sieh, ich weine jetzt nicht mehr!" „Und hat Dir dieser ehrliche Bürger," fuhr Hastings fort, erweicht und verlege», aber noch sich bestrebend, bei seinem grausamen Vorhaben zu bleiben, »Nichts gesagt, was Dir Mißtrauen gegen mich einstößen könnte? Dir nicht gesagt, daß meine Gelübde falsch sehen?" »Ich glaube, wenn mir ein Engel dieß sagte, ich würde es nicht glauben!" „Ha, sieh einmal, Sybille, setze den Fall, die Warnung sey gegründet — setze den Fall, ich habe Dich zu dieser Stunde"aufgesucht in der Absicht, Dir zu erklären, daß das Verhängniß, welches der Ehrgeiz sich selbst spinnt und webt, mir verwehre, ein in der Hitze gesprochenes Wort zu erfüllen? — daß ich Dich nicht heirathen wolle ? — würde ich Dir nicht als ein falscher Werber erscheinen — als ein armseliger Spieler mit Deinem ernsten Herzen — und könntest Du so nicht die Liebe dessen zurückrufen, dessen treuere und würdigere Huldigung noch in Deinem Ohre haftet, und mit ihm glücklich seyu?" Sybille erhob ihr dunkles, noch feuchtes Auge auf das Nichts offenbarende Antlitz des Sprechenden, und starrte ihn an mit ernster und forschender Traurigkeit; dann scheu von ihm sich entfernend, faltete sie demüthig ihre Arme auf der Brust und sagte: „Wenn je, seit wir uns trennten, Ein solcher Gedanke Dich durchzuckt hat — Gin Gedanke der Reue über das Op^fer des Stolzes, über die- Verminderung von Macht, — der — (sie stotterte, brach den Satz ab und begann von Neuem) mit Einem Wort, wenn Du zurück- tretcu möchtest, sag'es jetzt, und ich will nicht Deine Falschheit anklagen, sondern Deine Wahrhaftigkeit segnen." „Du könntest Dich also mit Deinem Stolz als Weib trösten über den Verlust eines unwürdigen Liebhabers?" „Mein Lord, sind diese Fragen edel?". Hastings schwieg. Die edleren, sanfteren Elemente seines Wesens rangen heftig mit den härteren und unedleren. Der Stolz Sybillens ergriff ihn nicht weniger als ihr Vertraue»; und ihre Liebe war in beiden so sichtbar — so tief — so herrlich abstechend gegen die kalten und leichtfertigen Naturen, unter welche ihn sein Loos geworfen hatte — daß er davor zurückbcbte, für immer ein unersetzliches Herz wegzuwerfen. Auf der Brücke des Lebens stehend, wo er däs Alter vor sich, die Zugend hin- ter sich hatte, fühlte er, daß er nie wieder so geliebt werden könnte, oder wenn auch so geliebt werden, doch nimmermehr von einem Wesen, so würdig alles dessen, was seiner schwermüihigen, vereinsamten Seele noch von reiner Neigung, von jugendlicher Romanlik geblieben war. Gr ergriff ihre Hand, und wie sie seine Berührung fühlte, verließ sie ihre Festigkeit, ihr Haupt sank auf die Brust, und sie brach in die schmerzlichste», heftigsten Thronen aus. , „O Sybille, verzeih mir! Lächle mich wieder an, Sybille!" riefHastings, erweicht und zerschmelzend. Aber ach ! das einmal gequetschte und vergällte Herz erholt sich nur langsam wieder, und es dauerte viele Minuten, bis die sanftesten Worte, welche der beredte Liebhaber zu Tönen gestalten konnte, diese brennenden Thränen zu trocknen und das bezaubernde Lächeln zurückzuführen vermochten — ja, auch da noch war das Lächeln gezwungen > und freudlos. Sie schritten einige Augenblicke, Beide in Gedanken, auf und ab, bis Hastings sagte: „Du liebst mich, Sybille, und bist all der Liebe würdig, die der Mann für die Jungfrau empfinden kann; und doch, kannst Du mir diese Frage lösen — und schilt mich nicht, daß ich sie an Dich richte—: Liebst Tu nicht die Welt und der Welt Urtheil mehr als mich? Was ist es, was die Frauen Ehre nennen? Was macht fie zurückbeben vor aller Liebe, welche nicht die Form und Beschränkung der hohlen Bräuche der Welt annimmt? Hört die Liebe auf, Liebe zu seyn, wenn nicht über ihren Reichlhum von Verträum und Gefühl der Priester seinen, leeren Segen murmelt? Du in Deinem anmnthigen Stolze zürnst, wenn ich, indem ich Dich heirathete, an das Opfer dächte, das Männer meines Gleichen — ich gestehe es offen — für da» größte achten, das ein Mann bringen kann; und doch würdest Du meine Liebe fliehe», wenn ste von Dir »nd Deiner Liebe ein entsprechendes Opfer begehrte?" Kunstvoll und listig war die Frage gestellt, und Hastings lächelte selbstgefällig in sich hinein, wie er sich vorstellte. welche Antwort darauf erfolgen würde, und dann antwortete Sybille mit einem Erröthen, wie es der Gegenstand selbst schon Hervorrufen mußte: „Ach. mein Lord, ich bin eine schlechte Casuistin, aber ich fühle, daß, wenn ich von Dir verlangte, preis zu geben was mir immer Männer achten — Ehre und den Rnf des Muthes und der Tapferkeit — ein Verräther und Niederträchtiger zu seyn, Du mich nicht mehr lieben könntest : und wunderst Du Dich, daß, wenn der Mann dem Weibe anfinnt, preiszugeben, was ihrem Geschlecht als da» Höchste gilt — das als Weib zu seyn, was der niederträchtige Feigling und Verräther als Mann ist — ste ihr Gewissen und ihren Gott mit lauterer Stimme sprechen hört, als von einer Menschenlippe kommen kann? Die Güter und Pracht der Welt steht uns frei zu opfern, und ächte Liebe beachtet und zählt ste nicht; aber ächte Liebe kann nicht das opfern, was die Liebe ausmacht; ste kann nicht opfern das Recht, geliebt zu werden hienieden, die Hoffnung, fort zu lieben im himmlischen Reiche, die Fähig- 74 keit, mit reiner Seele zu beten für das Glück, das sic zu schaffen sich sehnt, — die Wonne, immer gut und geehrt zn erscheinen in den Augen des Einen, von dem allein'sie beurtheilt werden möchte, — und daher, holder Lord, denkt die Liebe nie an dieß Opfer; und wenn das Weib einmal sich wahrhaft geliebt glaubt, so vertraut cS mit furchtloser Zuversicht auf die Liebe, auf die es sich stützt/' „Sybille, wollte Gott, ich hätte Dich in meiner Jugend kennen gelernt! Wollte Gott, ich wäre Deiner würdiger !" lind bei dieser Unterredung hatte Hastings nicht das Herz, auszusprechen, zu was er entschlossen gewesen war: „Sybille, ich habe Dich nur anfgesucht, um Dir Lebewohl zu sagen!" Sechstes Kapitel. Marwick kehrt zurück — beschwichtigt einen mißvergnügten Prim zen — und bespricht sich mit einem rachsüchtigen Verschwörer Erst spät Abends traf Warwick in seiner gewaltige» Residenz in London ein, wo er nicht nur Marmaduke Nc- vtle bereit fand, ihn zu empfangen, sondern auch noch eine viel vornehmere Person seiner wartete — George, Herzog von Clarence. Kaum war der Graf über die Schwelle geschritten, als der Herzog seinen Arm ergriff, und ihn in daS Zimmer zunächst an der Halle führend, sagte: „Wahrlich, Edward ist nicht weniger behert als je von seines Weibes Blntegelsamilie. D» weißt von met- 78 »er Ernennung zur Statthalterschaft von Irland; Isabel!«, wie ich selbst auch, kann nicht die Vasallenhafte Nn- terordung ertragen, die wir am Hofe uns gefallen lassen müssen, nebst den kalten Mienen und den säuern Worten der Königin. D» weißt auch, mit-welchen citeln Vorwänden Edward mich hinausgezogcn hat; und jetzt, eben heute, erklärt er mir, er habe seinen Willen geändert — ich sey nicht streng genug für die irischen Kernen — er liebe mich in Wahrheit zu sehr, um mich zu verbannen — und Worcester, der Schlächter deS Volks aber der Günstling der Königin, müsse den mir so heilig zugesagten Posten haben. Ich sehe hierin Elisabeth's tückische Bosheit. Soll dieser Kampf zwischen des Königs Blut und der Königin Verwandten immer fortgehen?" „Beruhige Dich, George; ich will morgen mit dem Könige sprechen, und hoffe, Deinen nicht zu anmaßenden Wünschen Genüge zu leisten. Gewiß, eines Königs Bruder ist der passendste Vicekönig für die unruhigen Kernen Irlands, welche sich immer durch schmeichelnden Prunk und Ceremonien zum Gehorsam bringen lassen. Die Statthalterschaft ward Dir feierlich zugesagt — eg kann kaum Edwards Ernst seyn. lleberdieß ist Worcester, obwohl in Wahrheit ein gelehrter Mann — (ükort I)ieu> miib dünkt, diese Gelehrsamkeit füllt den Kopf und trocknet bas Herz aus!) so verabscheut wegen seiner Grausamkeit, daß schon seine Landung in Irland unsre schon jetzt schwärenden Wunden und Nebel nur noch mit einer neuen Rebellion vermehren wird. Beruhige Dich, sag'ich. Wo hast Du Isabellen gelassen?" „Bei meiner Mutter." „Nnd Anna? — die Königin peinigt doch nicht ihr junges Herz mit kalter Gnade?" „Nein — die Königin wagt nicht, gegen Edwards Willen ihrer Bosheit die Zügel schießen zu lassen; und um ihm Gerechtigkeit widerfahren zu lasse», er hat Lord Marwicks Tochter alle Ehre bezeigt." „Er ist ein Fürst voll Galanterie, bei all seinen Fehlern," sagte der Vater herzlich; „und wir müssen Geduld mit ihm haben, George; denn wahrlich, er hat die Menschen durch einen Zauber gefesselt, daß sie ihn lieben müssen. Bleib Du hier und theile mit mir meine eilige Mahlzeit, und beim Wein wollen wir von Deinen Aussichten und Absichten sprechen. Gönne mir jetzt einen Augenblick; ich habe genug vorzubereiten für eine schlaflose Nacht. Diese Rebellion in Lineolnshire läßt viel Mühe und Unlust voraussehen. Lord Willoughby hat sich ihr angeschlossen — mehr als zwanzigtansend Männer stehen unter den Waffen. Ich habe schon die Ritter und Barone berufen lassen, auf welche sich der König am meisten verlassen kann, und muß ihren unverzüglichen Aufbruch nach ihren Schlössern betreiben, daß sie Mannschaft aufbieten nnd dem Feind entgegen ziehen? Während Edward zecht und schwelgt, muß sein Minister arbeiten. Verzieh eine Weile, bis ich znrückkomme." 77 Der Graf trat wieder in die Halle und winkte Mar- maduke, der unter einer Gruppe von Knappen stand. „Folge mir, ich habe wohl Geschäfte für Dich." Marwick nahm einem der Diener eine Kerze ab und schritt seinem eignen Privatkabinet zu. Bei dem Absatz der Treppe, vor einer kleinen Thüre, stand sein Lcibknappe. »Ist der Gefangene drin?" „Za, mein Lord." „Gut!" Der Graf öffnete die Thüre, vor welcher der Knappe Wache gehalten hatte, »nd hieß Marmaduke außen warten. Der Jnsafie des Zimmers, dessen Anzug die Spuren der frischen Reise und einer harten Rittes an sich trug, erhob hastig sein Gesicht, als der Graf eintrat. „Robin Hilyard," sagte Marwick, „ich habe viel nachgesonnen, wie ich meine Dienstpflicht gegen den König vereinbaren könne mit der Dankbarkeit, die ich einem Manne schuldig bin, welcher mich aus großer Gefahr rettete. Mitten in Deinen unseligen, aufrührerischen Anschlägen wurdest Du gefangen und vor mich gebracht; die Papiere, die man bei Dir gefunden, zeugen von einem Lancastrischen Aufstande — so rasch einem mächtigen Ausbruch entgegenreifend, und so furchtbar durch die Anhänger, welche das Gold und die Jntrikcn König Ludwigs vermocht haben, Gut und Leben für die rothe Rose zu wagen, daß jetzt Alles, was in der Macht der Freunde des Königs steht, erforderlich ist, um ihn zu retten. Bei dieser Empörung bist Du der Entwürfe brütende Kopf, die Bnlwer» Romane. VVIl. ß 78 bewegende Hand, di- Lunte für die Bombarbe, der Feuer- brand für den Flachs gewesen. Du lächelst, Mann! Ach! stehst Du nicht, daß es meine herbe Pflicht ist, Dich an Händen und Füßen gebunden vor den Rath des Königs zu senden, damit dis Folter Dir Deine frevelhaften Ge» heimniffe anSpreffe und der Galgen Deinen Tagen ein Ende mache?" „Ich bin gefaßt," sag!- Hilyard; „wenn die Bom- barde sich entladet, ist die Lunte überflüssig geworden — wenn die Flamme zum Himmel emporzüngelt, ist der Feuerbrand verzehrt." „Kühner Mann! welchen Gewinn für Dich hast Du bei diesem Aufkand vor Augen?" „Ich sehe durch die Riffe und Spalten. welche der Bürgerkrieg in die Feudalordnung macht, das riesige Bild eines freien Volkes dämmernd sich erheben." „Und Du wolltest ein Märtyrer werden für die Menge, die Dich bei Olney im Stich ließ?" „Wie Du für den König, der Dich in Sheu« entehrte!" Warwick runzelte die Stirne, und ein augenblickliches Stillschweigen trat ein; endlich sagte der Graf: „Seht Ihr, Nobin, ich möchte gern meine Hände rein erhalten vom Blut eines Mannes, der mir das Lebe» gerettet hat. Ich glaube, daß Du, obwohl ein Fanatiker und halber Wahnsinniger, doch ein Mann von zuverläßigem Wort, wie ungestüm in Thaten, bist. Schwüre mir bei dem Kreuze dieses Dolches, daß Du allen Anschlägen und Plane» 7g in dieser Rebellion, allem Aniyeil und Hülfe bei Bürgerkrieg und Zwietracht entsagen willst, und Leben und Freiheit soll Dir wieder geschenkt sepn. In dieser Absicht habe ich meinen eignen Vetter, Marmaduke Nevile, hic- her berufen. Er wartet vor der Thüre — er soll Dich sicher an die Küste geleiten — Du sollst ungefährdet meine Statthalterschaft Calais erreiche», und mein Seneschall dort soll Dir Alles anschaffen, dessen Du benüthigt seyn magst — Nahrung zur Stillung Deines Hungers, Geld zu Deinem Zeitvertreib. Nimm meine Gnade an — leiste den Eid und reise ab l" „Mein Lord," antwortete Hilyard, sehr ergriffen und gerührt — „mach Du Dir keine Vorwürfe, wenn dieser Leichnam den Naben zur Nahrung dient — mein Blut komme auf meinen eignen Kopf. Ich kann diesen Eid nicht leisten; ich kann nicht im Frieden lebe»; Kampf und Streitgewühl sind mir Essen und Trinken geworden. Oh, mein Lord, Du weißt nicht, welche dunkle, grausige Erinnerungen mich zu einem Werkzeug in GoiteS Hand gegen diesen fühllosen Edward machen;" und dann erzählte Hilyard mit erbleichenden Lippen und verzerrten Zügen dem betroffenen Warwick dieselbe Geschichte, welche das Mitgefühl Adam Warners so lebhaft erregt hatte. Der Graf, dessen Seele ihrer innersten Natur nach so empfänglich war für die Gefühle, welche sich auf häusliches und Familienleben bezogen, ward noch mehr als selbst der Gelehrte erschüttert von der schrecklichen Erzählung. 80 „Unglücklicher Manu!" sagte er mit feuchten Augen, „vom innersten Grund meine» Herzen» bemitleide ich Dich. Aber Du, der Du so schwer gelitten hast durch den Bürgerkrieg, willst Du jetzt sein furchtbarer Wiedererwccker werden?" „Wenn Edward Dich mißhandelt hätte, großer Graf, wie mich, den armen Freisaßcn, was würde Deine Antwort seyn? Umsonst ist e», Dem vorpredigcn, de» da» Gespenst eine» ermordeten Kinde» und da» Kreischen eines wahnsinnig gewordenen Weibe» verfolgen und zur Rache Hetzen! Schicke mich immer zu Folter und Galgen! Falle dann noch ein Fluch mehr auf Edwards Seele!" „Du sollst nicht sterbe» durch mein Zcugniß," sagte der Graf plötzlich und verließ da» Jimmer. Die Thürc außen mi! einem schweren Riegel verschließend, gab er seinem Knappen Befehl, für alle Bedürfnisse de» Gefangenen zu sorgen; dann begab er sich mit Marmaduke in sein Cabinet und sagte: „Ich ließ Dich holen, junger Vetter, in der Absicht, Deiner Obhut und Deinem Geleit einen Mann zu übergeben, dessen Entfernung von England ich nöthig erachtete — diesen Plan muß ich jetzt aufgeben. Geh zurück in den Palast, und suche wo möglich den König noch zu sehen, ehe er schlafen geht — sag ihm, daß dieser Aufstand in Lincolnshire Mehr ist als ein Aufruhr; e» sey der erste Ausbruch einer Revolution! daß ich hier KriegSrath halte, und bi» morgen jeder Bezirk seinen ernannten Hauptmann haben soll. Zch will am Morgen den König sprechen. Doch halt noch — suche mein Kind Anna auf; sie wird morgen den Hof verlassen. Ich will fie abholen — laß ihre Begleitung bereit seyn; fie und die Gräfin müssen hinüber nach Calais, — England hat wieder aufgehört, ein Aufenthaltsort für Frauen zu sehn! WaS anfangen mit dem armen Rebellen?" murmelte der Graf, als er allein war — „freilassen kann ich ihn nicht, ihn umS Leben bringen will ich nicht. Hm — es ist Raum genug in diesen Mauern, einen Gefangenen einznsperren!" Siebentes Kapitel. Die Angst und die Flucht. König Edward tafelte herrlich, und Sybille saß in ihres Vaters Zimmer — fie schweigend in Gedanken der Liebe, Adam schweigend in den Arbeite» der Wissenschaft. Das Heureka war beinahe vollendet — neu erstehend aus seinen Trümmern, vollkommener, ausgearbeiteter als zuvor. Jungfrau und Gelehrter — Beide schienen nahe dem ersehnten Ziele — das für jene der heitere Altar der Liebe, für diesen das einsame Heiligthum des Ruhmes war. Der Abend rückte vor — die Nacht brach an und wurde immer dunkler. König Edwards Gelage war vorüber, aber noch funkelte in seinem durchdufteten Zimmer der Wein im goldenen Becher. Es ward gemeldet, daß Sir Marmaduke Nevile, eben vom Hause des Grafen gekommen, um eine Audienz bitte. Der König, !» tiefe Träumereien versunken, verschob fie unmuthig aufmorgen 82 „Morgen!" sagte der tienstthuend« Gentleman. „Sir Marmadukc trägt mir auf, da er fürchtet, die späte Stunde möchte ein Hinderniß seyn, daß er noch Audienz erhalte, zu sagen, daß Graf Warwick selbst Euer Gnaden besuchen wolle. Ich fürchte, Sire, die Störungen müssen wirklich groß sehn, denn dis Knappen und Gentlemen in der Lady Anna Gefolge haben Befehl erhalten, sie morgen nach Calais zu begleiten." „Morgen! morgen!" wiederholte der König — „gut, Sir, Ihr sehd entlassen." Die Lady Anna, (welcher Sybille zuvor schon mit- getheilt, welche besorgte Rücksichtnahme der König für Master Warner gehabt hatte,) hatte so eben Marmaduke gesehen, und erfahren, welche neue Gefahren Thron und Königreich bedrohten. Also die Lancastrier standen offen unter den Waffen für den Prinzen ihrer Liebe und gegen ihren mächtigen Nater! Die Lady Anna saß eine Weile bekümmert und nachsinnend da, und dann kniete Lady Anna vor dem früher erwähnten Crucifi.r betend nieder. Sir Marmaduke Nevile steigt in den Hof unten hinab, und drei oder vier geschäftige, neugierige Gcnilemen, noch nicht zu Bette, ergreifen ihn beim Arm und bitten ihn, ihnen zu sagen, woher der Wind blase, welches Gewitter im Anzug sey? Die Nacht ist ganz dunkel — der Wein in König Edwards Becher ist geleert, König Edward hat sein Zimmer verlassen — und Sybille, nachdem sie ihren Vater, 83 wiewohl vergebens, dringend gebeten, seine Arbeit ruhen z» taffen, hat ihm den Schweiß vo» der Stirne geküßt und steht im Begriff, in ihr anstoßendes Zimmer sich zu- rückzuziehen. Sie hat sich der Schwelle genähert, da horch! ein schwacher, ferner Schrei, bas Kreischen eines WeibeS — der To» einer zugeschlagenen Thüre! Die Stimme — es ist die Stimme Anna's! Sybille überschritt die Schwelle — sie ist im Corridor — der winterliche Mond scheint durch die offenen Bögen — die Lust ist frostig und klar. Plötzlich wird die Thüre am entgegengesetzten Ende des Ganges weit aufgeriffen, eine Gestalt stürzt in den Corridor — sie eilt an Sybillen vorbei — sie bleibt stehen — kehrt sich um —- „Oh, Sybille!" schrie Lady Anna, mit einer von Entsetzen verstörten Stimme — „rette mich — hilf—hilf mir! barmherziger Himmel— der König!" Jnstinktmäßig zog Sybille, erstaunt und zitternd, Unna in das Zimmer hinein, das sie eben verlaffen hatte, und wie sie sich darin sicher wähnten, wie Anna auf den Boden niedersank — da blitzte der Schimmer vo» Goldtuch durch die dämmernde Atmosphäre, und Edward, noch in dem Staatskleide, worin er bei seinem königlichen Festmahl alle Augen geblendet hatte, stand im Zimmer. Sein stattliches Gesicht war aufgeregt von Leidenschaft, und seine klare Hautfarbe vom Wein geröihet und entflammt. Bei seinem Eintritt sprang Anna vom Boden auf und stürzte ans Warner zu, der in stummem Staunen seine Arbeit eingestellt hatte, und vor dem Heureka stand, aus welche»! der schwarze Rauch hastig empor dampfte und 84 wirbelte, während arbeitend und stöhnend die zauberhaften Räder sich drehten. * „Sir," schrie Anna, sich krampfhaft an ihn klammernd, „Ihr seyd Vater — bei der Seele Eures Kindes, beschützt Lord WarwickS Tochter!" Aus seinem dumpfen Staunen aufgerüttelt durch diese Aufforderung schlang der arme Gelehrte seinen Arm um die Gestalt, die sich so an ihn klammerte, und sein Haupt mit Würde erhebend, sagte er: „Dein Name, Jungfrau, und Dein Geschlecht schützen Dich!" „Laß dicß Fräulein los, elender Zauberer," rief der König — „Ich bin ihr Beschützer. Komm, Anna, süße Anna, holde Lady — Du bist im Jrrthum — komm!" flüsterte er dann. „Gib nicht diesen gemeinen Geschöpfen Anlaß zu Vermuthungen die Dich nur beschämen müßten. Laß Dich non Deinem König und Vetter zurück zu Deiner süßen Ruhe geleiten." Er suchte. Wiewohl sanft, die Arme loszumachen, die den alten Mann umschlangen; aber Anna, nicht auf seine Worte hörend und achtend, von einer Angst ergriffen, die ihren ganzen Körper zu schütteln und selbst ihre Vernunft zu bedrohen schien, fuhr fort laut ihres Vaters Namen zu * Der geneigte Leser wird sich ohne Zweifel noch erinnern, daß Master Warners verwickeltes Modell nur wenig Ähnlichkeit mit de» Modellen der Dampfmaschine in unfern Tagen hatte, und daß sie gewöhnlich in Verbindung stand mit andern Vorrichtungen zur deutlicheren Veranschaulichung des Prinzips, das sie ins Licht zu setzen bestimmt war. schreien — ihres großen Vaters der eben jetzt für den wankenden Thron des in seinem Vorhaben getäuschten Frevlers wachte! Edward war noch soweit im Besitze seiner Vernunft, ! daß er besorgte, eS könnte ein verspäteter Schwärmer I oder eine Schildwache im äußern Hofe das Geschrei ! hören, das seine Bemühungen, Anna zu begütigen, ; nur noch verstärkten. Die Zähne knirschend sagte er ? zu Adam, alle Geduld verlierend: „Du kennst mich Freund, ich bin Dein König. Da Lady Anna, in ihrer Verwirrung , Deine Hülfe der »reinigen vorzieht, hilf Du sie in ihr Gemach zurücktragen; und Du, junge Mistreß, leihe ihr Deinen Arm. Des Zauberers Höhle ist kein paffender Aufenthaltsort für unser» hochgebornen Gast." „Nein, nein, treibt mich nicht weg von hier, Master Warner. Dieser Mann — dieser König — liefere mich nicht aus seiner — seiner —" „Nimm Dich in Acht!" rief der König aus. Erst jetzt begriff Adams einfältiges Gemüth den wahren Grund von Anna's Angst, den Sybille noch immer nicht ahnte, sondern zitternd neben ihrer Freundin, dicht bei ihrem Vater stand. „Sey ohne Furcht, Mädchen," sagte Adam Warner, seine Hand auf die gelösten Locken legend, welche j um seine Brust flogen, „denn obschon ich alt und schwach ^ bin, sind doch Gott und seine Engel überall, wo die Tugend zitternd widersteht. Mein Herr König, Dein Scep- ter erstreckt sich nicht über eine menschlich« Seele!" 86 „Faselnder Greis, schwatze mir Nichts vor!" sagte Edward, die Hand an den Dolch legend. Sybille sah diese Bewegung und warf sich instinkt- mäßig zwischen ihren Vater und den König. Diese schlanke Gestalt, diese reinen»festen Augen, diese Züge, edel und zart zugleich, erinnerten Edward an die entsetzte Scheue, die ihn bei seinem ersten schwarzen Anschlag ergriffen hatte; und wieder wandelte ihn diese bange Scheue an. Er trat zurück. „Ich bin nicht gemeint, Jemanden ein Leid zu thun," sagte er in beinahe unterwürfigem Tone; „und wenn ich so unglücklich bin, mit meiner Gegenwart Lady Anna zu erschrecken und zu verscheuchen, will ich mich zurückziehen, und bitte Tuch, Fräulein, Euch ihrer anzunehmen und fie in ihr Zimmer znrückzuführen, wenn es ihr selbst so beliebt. So Viel sage ich, und jetzt gebiete ich Euch, alter Mann, und Euch Fräulein, zurückzutreten, während ich nur Ein Wort an Lady Anna richte." Mit diesen Worten trat er sanft auf Anna zu und ergriff ihre Hand; aber das arme Fräulein zog sie ihm hastig weg, riß sich von Adam los, stürzte an das Fenster, öffnete es, und als fie im Hof unten einige undeutliche Gestalten in der Ferne sah, schrie fie hinaus mit einer Stimme so gellend vor Todesangst, daß Edwards Seele mit Reue und sogar mit Angst erfüllt wurde. „Ach!" murmelte er, „fie will mich nicht anhören, ihr Geist ist verstört! Wie groß war doch mein Wahn- fl NN! Verzeihung — Verzeihung, Anna! oh, Verzeihung!" Adam Warner legte seine Hand auf des Königs Arm, und er zog den herrischen Despoten auf die Seite, so leicht wie eine Amme ein folgsames Kind. „König!" sagte der muthige alte Mann, „möge Gott Dir verzeihen! denn wenn das Aergste an dieser edelnLady verübt worden ist, so hat David nicht so schwer gesündigt'wie Du!" „Sie ist rein — unverletzt — ich schwöre es!" sagte der König demüthig. „Anna, sage mir, daß Du mir verziehen hast!" Aber Anna sprach nicht; ihre Augen waren starr — ihre Lippen hingen herab — sie war fühllo» wie ein Leichnam — stumm und starr vor unaussprechlicher Angst und Entsetzen. Plötzlich hörte man Schritte auf der Treppe; die Thüre ging auf und Marmaduke Nevile trat plötzlich herein. „Gewiß war es meiner Lady Stimme, die ich gehört habe! Welches Wunder hier? — der König! Verzeihung, mein Oberherr!" und er beugte das Knie. Der Anblick Marmaduke's löste den Zauber von Scheue und reuevoller Zerknirschung, welcher des Königs »«erschrocknes Herz gefesselt hatte. Mit der Herrschaft über sich selbst kehrte ihm auch seine gewohnte Schlauheit zurück. „UnserS weisen Künstlers wunderbare und zauberische Erfindung," und Edward deutete auf das Heureka, „hat 88 unsrer holden Muhme Sinne verwirrt und betäubt, wie es auch, bei unsrem holden St. George, sehr natürlich ist! Geht zurück» Sir Marmaduke, wir wollen Lady Anna für den Augenblick der Sorgfalt und Pflege der Mistreß Sybille überlasten. Jüngserchen, erinnert Euch meines Befehls. Kommt Sir," und er zog denverwunderten Marmaduke aus dem Zimmer, — aber sobald er den Ritter die Treppen hinabsteigen und den Hof wieder gewinnen sah, kehrte er in das Zimmer zurück, und sagte mit leiser, drohender Stimme: „Seht Ihr, Master Warner, und Ihr, Fräulein, wenn Eines von Euch auch nur ein Wort zu athmen wagt von dem, was zu hören und zu sehen Euer gefahrvolles Schicksal gewesen ist — so bedenkt: Könige haben nur Eine Art Verläumder zu bestrafen und nur Eine Bürgschaft für tiefes Stillschweigen! spielt nicht mit dem Tod!" Hierauf schloß er die Thüre und suchte wieder sein Zimmer auf. Die Gewürze aus dem Morgenlande, welche man in den Schlafzimmern der Großen verbrannte, erfüllten noch die Luft mit schweren, fieberisch aufregenden Wohlgerüchen. Der König setzte sich, und suchte seine Gedanken wieder zu sammeln, und die Gefahr zu erwägen, die er über sein Haupt beschworen. Der Widerstand und das Entsetzen Anna'S hatten kräftig aus seinem Herzen die strafbare Leidenschaft verbannt, die es zuvor gehegt hatte; denn Gmpflndungen wie die seinige und bei einer solchen Natur sind raschem Wechsel unterworfen. Sein vorherrschendes Gefühl jetzt war bittre Reue und vor- 8S wurfsvolle Schaam. Aber wie er sich aufraffte aus einem GemüthSzustande, welchem leichtsinnige Geister immer zu entfliehen trachten, da stieg vor seiner Seele das Bild des Grafen mit finstrer Stirne auf, und an die Stelle der Beschämung trat die Furcht! aber auch diese, obgleich wohlbegründct, konnte nicht langen Bestand haben bei einer GemüthSart, die ihrem innersten Wesen nach so ^ trotzig alle Gefahr verachtete. Vor Morgen mußte Anna die Besinnung wieder kehren. Ein so sanftes Herz konnte gewiß durch dringende Vorstellungen von erbitterten Rachegedanlen abgezogen, oder auch durch Drohungen abgehaltcn werde», ihrem strengen Vater ein Geheimniß zu verrathen, dessen Enthüllung den grünen Rasen Englands mit dem Blute von Taufenden rötheu mußte. Welches Weib ist geneigt, Krieg und Blutvergießen zu veranlassen? Und wegen eines nicht verübten Frevels — wegen einer nicht vollführten Absicht! Der König war dem Himmel dankbar, daß sein Opfer ihm entgangen war. Er wollte Anna sprechen, ehe noch der Graf sie sehen konnte, und ihre» Zorn begütigen, ihr Schweigen erwirken! Was Warner und Sybillen betraf — die wagten schwerlich Etwas zu entdecken; und wenn sie cs je lhaten, — die Lippen, die einen König anklagen, ver- läumden bald sich selbst, wo die Folter die Wahrheit verzerrt, und der Henker der einzige Richter ist zwischen dem Unterthan und dem Haupt das eine Krone trägt! So bei sich selbst Alles erwägend, faßte sich seine Seele in der Einsamkeit. Mittlerweile erreichte Marmaduke wieder de» Hof, wo er, wie wir gesagt zuvor aufgchalte« worden war in Gesprächen mit Gentlemen in Diensten des Königs, die, auf dis Nachricht, daß er wichtige Zeitungen von dem Grasen gebracht, sich noch die Ruhe versagt hatten, bis sie erst erfahren hätten, ob die Fortschritte der neuen Rebellion ihre Schwerter alsbald in Thätigksit versetzen würden. Marmaduke, vergnügt eine so wichtige Person zu seyn, hatte gerne ihre Neugier, so weit er eS vermochte, befriedigt, und war eben im Begriff, sich in sein Zimmer zurückzuzishen, als das Geschrei Anna's ihn veranlaßt hatte, durch das Pförtchen hinein zu eilen, welches zum Glück nicht verschlossen war und die Treppen hinauf zu steigen, welche von demselben zu Adams Gemach führten; und jetzt, wie er znrückkehrte, hatte er aufs Neue neugierige Fragen zu beantworten. Nachdem er in der Kürze erzählt, Master Warner habe diese ungeeignete Stunde gewählt, die Frauen zu ängstigen mit einer Maschine, welche Rauch auSspeie und erbärmlich heule, zerstreute sich die Gruppe, um zu Bette zu gehen, und Marmaduke stand im Begriffe selbst auch das seinige zu suchen, als er, noch einmal nach dem Fenster schauend, eine weiße Hand in dem frostigen Mondschein schimmern und ihm winken sah. Der Ritter bekreuzte sich, stieg mit Widerstreben die Treppen hinaus und trat wieder in die Höhle des ZaubereS. Die Lady Anna hatte sich so weit wieder gefaßt, daß eine Art unnatürlicher Ruhe von ihrem Gemüth Besitz genommen» und ihr gewöhnliches mildes und leicht zu be- > handelndes Wesen in Einen finstern» hartnäckigen Gnt- ^ schluß verwandelt und znsammengedräugt hatte — den Entschluß: wo möglich aus diesem ruchlosen Palast zu entfliehen. Und sobald Marmaduke wieder eintrat, ging ihm Anna bis zu Schwelle entgegen. faßte ihn mit der , Hand krampfhaft am Arm und sagte: j »Bei dem Namen den Ihr tragt, — bei Eurer Liebe zu meinem Vater — helft mir aus diesen Mauern entkommen!" Zn großem Erstaunen starrte Marmaduke fie an ohne zu antworten. »Verweigert Ihr mir das, Sir?" sagte Anna beinahe drohend. „Meine Lady und Gebieterin," antwortete Marmaduke, „ich bin Euer Diener in allen Dinge». Aus den 4 Mauern — aus dem Palast entkommen — wie? Die Thors find verschlossen. Ja, »nd was würde mein Lord sagen, wenn bei Nacht —" „Wenn bei Nacht!" wiederholte Anna mit hohler Stimme; und dann innehaltend brach fie in ein entsetzliches Lachen aus. Dann Plötzlich fich wieder sammelnd, ging fie nach der Thüre zu — „So will ich allein fort- ! gehen und auf Gott und unsere heilige Jungfrau ver- ! trauen." Sybille sprang vor, um sie aufzuhalten, und Marmaduke eilte zn Adam uud flüsterte: „das arme Fräulein, ist ihr Gemüth verstört ? Hast Du sie wirklich mit Deinen Zaubern und Beschwörungen verrückt gemacht?" „Still!" antwortete der alte Mann; und er flüsterte dem Nevile ins Ohr. Kaum hatte der Ritter die Worte erlauscht, als seine Wange erblaßte — seine Augen Feuer sprühten, „Dek großen Grafen Tochter!" rief er aus — „welche Verruchtheit! welcher Greuel! — sie hat Recht!" Er eilte von dem Gelehrte» weg, näherte sich Anna, die noch mit Sybille rang, und sagte, vor ihr knieend, mit einer Stimme die fast erstickt ward von Leidenschaften, die halb wild, halb zärtlich waren: „Lady, Ihr habt Recht. Nicht paffend mag er scheinen für eine Dame von Eurem Stand und Namen, Liesen Ort allein mit mir zu verlassen; aber wenigstens habe ich eines Mannes Herz, die Ehre eines Ritters Vertraut mir die Sorge für Eure Sicherheit, edle Jungfrau , und ich will Euch den Weg bahnen zu Eurem gro ßen Vater, und gienge es auch durch jenes ruchlosen Königes Herz !" Anna schien seine Worre nicht ganz zu verstehe», aber sie lächelte ihm zu, wie er vor ihr kniete, und gab ihm ihre Hand. Die Verantwortung, die er übernommen hatte, schärfte alle Geisteskräfte des jungen Ritters. Wie er die ihm dargcbotene Hand ergriff und küßte, fühlte er den Ring an seinem Finger — den Ring, den ihm Alwyn anvertraut — des Königs Siegelring, vor welchem alle Thore auffliegen mußten. Er stieß einen Ausruf 93 der Freude aus, lüste seinen langen Nachtmantel, bat Anna, sich in dessen Falten zu hüllen, zog ihr die Kapuze über den Kopf, und stand im Begriff sie wegzuführen, als er plötzlich stehen blieb. „Ach!" sagte er zu Sybillen sich wendend, „wenn wir auch aus dem Tower entkommen, so ist jetzt kein Schiffer auf dem Strom zu finden. Der Weg auf den Straßen ist finster und gefahrvoll und von mitternächtigen Schelmen bedroht." „Wahrhaftig," sagte Adam Warner, „die Gefahr ist jetzt vorüber. Laßt das edle Fräulein hier ruhe» bis zum Morgen. Der König wagt nicht wieder —" „Wagt nicht!" unterbrach ihn Marmaduke. „Ach! Ihr kennt König Edward schlecht!" Bei diesem Namen schauderte Anna, öffnete die Thüre und eilte die Treppen hinunter: Sybille und Marmaduke folgten ihr. „Hört mich an, Sir Marmaduke," sagte Sybille. „Hart neben dem Tower ist das Haus einer edeln Lady, der Dame von Longueville, wo Anna ganz sicher bleiben kann, während Ihr Lord Warwick aufsucht. Ich will mit Euch gehen, wenn Ihr uns Beide hinausschaffen könnt." „Wackres Mädchen!" sagte Marmaduke mit innrer Bewegung, „aber Eure eigne Sicherheit — des Königs Zorn — nein — zudem, eine dritte Person, Euey ^„z„g, nicht versteckt, würde des ThorwärterS Verdacht erregen. Beschreibt mir das HauS." Bulwer'j Romane. 6VII 7 94 „Das dritte Haus links, auf der Seite deS Flusses, mit einem gewölbten Portikus und Lilien an den Mauern gemeißelt." „Es ist nicht so dunkel, daß wir es nicht finden sollten. Lebt Ihr wohl, holdes Fräulein." Wie fie noch so sprachen, hatten ste Anna eingeholt. Sybille beharrte auf ihrem Wunsch, ihre Freundin zu begleiten; aber Marmaduke'S Vorstellung, daß sogar ihres Vaters Leben bedroht seyn könnte, wenn Edward erführe, daß fie Anna's Flucht unterstützt und befördert, überwog endlich. Der Ritter und seine Schutzbefohlene erreichten das äußere Thor. „Eilt, eilt, Meister Thorwart!" rief er, mit seinem Dolch an die Thüre pochend, bis fie sich nothdürstig öffnete; — „Botschaften von Wichtigkeit an den Grafen Warwick. Wir haben des Königs Siegelring. Oeffnet." Der schläfrige Thorwart warf einen Blick auf den Ring — das Thor wurde geöffnet; sic waren außerhalb der Feste — fie eilten weiter. „Muth, Muth, edle Lady; Ihr seyd sicher — Ihr soll gerächt werden!" sagte Marmaduke, als er die Schritte seiner Begleiterin wanken sah. Aber die Reaktion war jetzt eingetreten. Die Anstrengung, zu welcher sich Anna bisher ermannt hatte, galt der Flucht — der Freiheit; die Kraft ließ nach, nachdem der Zweck erreicht war; — ihr Haupt sank herab — fie murmelte einige unzusammenhängende Worte und dann «erließ sie Bewußtseyn und Leben. Mannaduke 95 blieb stehen in großer Bestürzung und Unruhe. Aber siehe da! ein Licht in einem Hanse vor ihm! — Dieß HauS war das dritte am Strom — das einzige mit dem gewölbten Portikus, dm Sybille beschrieben. Er hob die leichte, heilige Bürde in seinen Armen empor ; er erreichte die Thüre; zu seinem Erstaunen war sie offen — ein Licht brannte auf der Treppe — er hörte in dem ober» Zimmer den Tou von flüsternden Stimmen, und rasche, leise Schritte die hin und her eilten. Noch immer die bewußtlose Gestalt seiner Begleiterin in seinen Armen, stieg er die Treppe hinauf und trat sofort in ein Zimmer, wo er, bei einer trüben Lampe, zwei oder drei Personen um ein Bett in einer Vertiefung des Zimmers versammelt sah. Ein ernster Mann schritt ihm entgegen, als er auf der Schwelle stehen blieb — „Wen sucht Ihr?" „Die Lady Longueville." „Still!" „Wer fragt nach mir?" sagte eine schwache Stimme aus der mit Vorhängen verdeckten Vertiefung hervor. „Mein Name ist Nevile," antwortete Marmaduke mit offener, kecker Kürze. „Mistreß Sybille Warner sagte mir von diesem Hause, in welchem ich für eine Stunde ein Obdach zn suchen komme für meine Begleiterin, Lady Anna, Tochter des Grasen von Warwick." Marmaduke übergab seine schöne Bürde einer alten Frau, der Wärterin in dem Krankenzimmer, welche die Kapuze zurückschlug und die bleichen, kalten Hände des 7 * öS jungen Mädchens durch Reiben erwärmte; — dann schritt der Ritter der Vertiefung des Zimmers zu. Die Lady vonLonguevillc lag auf dem Sterbebette'— eine Krankheit von nur zwei Tagen hatte sie an den Rand des Grabes gebracht — aber in ihrem Auge und Angesicht war eine rastlose, übernatürliche Lebhaftigkeit, und ihre Stimme war klar und gellend, als sie sagte: „Warum sucht die Tochter Marwicks, des Freunds von Bork, eine Zufiucht in dem Hause der gefallenen kinderlosen Lancastricrin?" „Schwöre, bei Deiner Hoffnung auf Christus, daß Du sie beschützen und besorgen willst, während ich den Grafe» aufsuche, so will ich Deine Frage beantworten." „Unbekannter, mein Name ist Longueville — meine Geburt edel — diese Bürgschaften für Gastfreundschaft und Treue sind stärker als hohle Eide. Sprich!" „Nun denn," flüsterte der Ritter, nachdem er den Umstehenden gewinkt hatte, zurückzutreten, „weil die Tochter des Grafen vor Entehrung in des Königs Palast flieht, und der sie bedroht der König ist." Ehe die Sterbende antworten konnte, sprang Anna, durch die Bemühungen der erfahrenen Wärterin zum Bewußtseyu zurüchgebracht, plötzlich in die Zimmer- vertiefung, kniete neben dem Bette und rief ungestüm — „Rette mich! verstecke mich! rette mich!" „Geht und sucht den Grafen, dessen Rechte mein HauS und seines rechtmäßigen Fürsten Thron zerstört 97 hat — geht! Ich will lebe» bis er kommt!" sagte dis kinderlose Wittwe, und ein Schimmer wilden Triumphe« zuckte über ihre geisterhaften Züge. Achtes Kapitel. Die Gruppe um das Sterbebette der Lancastrischen Wittwe. " Die aufdämmernde Sonne schimmerte durch graue Wolken auf einen kleinen Trupp Männer, in Eile bewaffnet, welche um eine verdeckte Sänfte am äußern Thore des Hauses der Lady Longueville herumstanden; während in dem Sterbezimmer der Graf von Warwick mit einem Gesicht so blaß wie das der Sterbenden neben dem Bette stand — und Anna sich ruhig an seine Brust lehnte, die Augen geschloffen und noch Thränen in ihren langen Wimpern hängend. »Ja, ja, ja!" sagte die Lancastrische Edeldame, „Ihr Männer des Grimms und Ungestüms müßt ernten was Ihr gesät habt! Das ist der König, zu dessen Gunsten Ihr den heiligen Heinrich entthront habt! Das der Mann, für den Ihr das Blut der Besten in England vergossen habt! Ha — ha! schaut herab vom Himmel, mein Gatte, meine Märtyrer von Söhnen! die Tochter Eures mächtigen Feindes flieht zu diesem einsamen Herde — flicht an das Sterbebett des inachtberaubten Weibes, eine Zuflucht suchend vor dem verruchten Usurpator, den dieser Feind auf den Thron gesetzt hat!" »Schont meiner!" murmelte Warwick mit leiser SS Stimme zwischen seinen über einander gebissenen Zähnen. Das Zimmer war geleert worden, und Doktor Godard, (der ernste Mann, der zuerst Marmaduke angercdet hatte und welcher der zu der Sterbenden berufene Priester war,) allein — außer der ihrer kaum bewußten Anna selbst — war Zeuge der unheimlichen, grausigen Unterredung. „Still, Tochter," sagte der Mann des Friedens, dafeierliche Crucifir emporhcbend, „beruhige Dich und gib heiligeren Gedanken Raum!" Die Lady kehrte sich ungeduldig von dem Priester weg, und WarwickS starken rechten Arm ergreifend mit ihren zitternden, abgezehrten Fingern, begann sic wieder mit einer Stimme, welche sich anstrengte, das Keuchen zu unterdrücken, welches den Athem unterbrach — „Aber Du, oh! Du willst diese Nnwürdigkeit ertragen ! Du, das Haupt von Englands Baronen, willst keine Unehre erblicken in der schändlichen Liebe des elendesten von Englands Königen! Oh, ja! Ihr Norkische habt die Herzen von Bedienten — nicht von Männern und Vätern!" „Bei dem heiligen Zeichen, von welchem Du Dich abkehrst, Weib!" rief der Graf, und ließ der Wuth freien Lauf, welche er zuvor, in Gegenwart der Sterbenden, zurückgedrängt hatte, „bei Dem, vor dem ich Abends und Morgens gekniet in preisender Dankbarkeit für das tugend- volle Leben dieses geliebten Kindes, ich will solche Rache nehmen an dem Elenden, den ich zum König gemacht, daß sie leben soll in den Annalen Englands bis zur Posaune des Gerichtsengels!" 9S l „Vater!" sagte Anna, durch ihres Baters Heftigkeit aufgerüttelt auS ihrem Zustande von halber Ohnmacht und halbem Schlaf — „Vater, denke nicht mehr an das Vergangene — bringe mich zu meiner Mutter! Ich sehne mich nach der mütterlichen Umarmung." „Verlaßt uns — verlaßt die Sterbende, Herr Graf und Sohn," sagte Godard. „Auch ich bin ein Lancastrier — auch ich würde mein Leben hingeben für den heiligen Heinrich; aber ich schaudere, wenn ich jene blaffen Lippen, welche um Vergebung des Himmels beten sollten, in der Todesstunde die Rache predigen hüre!" „Rache!" kreischte die Dame von Longueville, welche, bei rasch dahtnsinkender Lebenskraft, noch dieß Wort auffaßte — „ Rache! Du hast Rache geschworen diesem Edward von Dort, Lord Marwick — sie geschworen in einem Sterbezimmer — geschworen vor dem Ohre derjenigen, welche das Wort den gefallenen Helden von hundert Schlachtfeldern zutragen wird! Ha! die Sonne ist aufgegangen! Priester — Godard — Deine Arme — unterstütze — hebe — trage mich an da» Fenster! Schnell — schnell! Zch möchte noch einmal meinen König sehen! Schnell, schnell! und dann — dann — will ich Dich beten hören!" Der Priester,-halb scheltend, und doch halb milleidig, trug die Sterbende an das Fenster. Sie winkte ihm e» zu öffnen; er gehorchte. Die Sonne, gerade am Horizont erscheinend, schien über die prächtige Themse, vergoldet« ro« die düstere Feste, den Tower. und warf ihren Schimmer auf das Fenster von Heinrichs Kerker. ^Dort — dort! Er ist es — es ist mein König! Hieher — Lord, rebellischer Graf — hieher. Schaut Euren Fürsten! Gedenkt der Reue, der Rache!" Mit ihrer ausgestreckten fahlen Hand deutete die Lancastrierin auf den gewaltigen Wakefield-Tower. Des Grafen dunkles Auge erschaute in der dämmernden Ferne ein blasses, ehrwürdiges Antlitz, das er selbst in solchem Abstand erkannte. Die Sterbende heftete ihr gläserne- Auge auf den schwerbeleidigten, mächtigen Baron, und plötzlich sank ihr Arm an ihrer Seite nieder, das Angesicht wurde starr wie Stein, der letzte Lebenshauch röchelte innen und entfloh — und immer noch waren diese gläsernen Augen auf des Grasen farbloses Antlitz geheftet; und immer noch gellte ihm im Ohr, in seinem Herzen wiederholt von tausend Leidenschaften, das Wort, welches das Gebet verdrängt hatte, und mit welchem die Seele der Sünderin entflohen war — Rache! Die Flüchtigen und die Verbannten. Erstes Kapitel. Wie der große Baron ein ebenso großer Rebell wird. Hilyard schlief noch in dem Gemache, das man ihm als Gefängniß angewiesen hatte, als ihn der derbe Griff einer starken Hand ans seinem Schlummer ausschüttelte, und er den Grafen vor sich sah mit einem Gesicht, so ganz verändert gegen den ihm sonst eigenen offenen und majestätischen Ausdruck — so finster und düster, daß er unwillkürlich sagte: „Ihr schickt mich dem Henker zu — Ich bin bereit!" „Vscht, Mann! Du hassest Edward von Uork?" „Und wenn es mein letztes Wort seyn sollte — ja!" „Gib mir Deine Hand — wir sind Freunde!" Gaffe mich nicht an mit Deinen Augen voll Erstaunen — frage nicht: Warum oder Wozu? Diese letzte Nacht schuf für Edward einen Rebellen mehr in der Person Richard Ne- vile'S. Ein Roß wartet Deiner vor meinen Thoren — reite schnell mit diesem Brief zu dem jungen Sir Robert Welle». Sag ihm, er solle nicht den Muth verlieren, 104 heiß ihn auShalten, — denn ehe viele Tage verstreichen» werde Lord Warwick, und vielleicht auch der Herzog von Clarence ihre Macht mit der seinen vereinigen. Merke wohl, ich sage nicht, daß ich für Heinrich von Lancaster — ich sage nur, daß ich gegen Edward von Vork bin. Lebewohl, und wenn wir uns wieder sehen, gesegnet sey der Arm, der sich zuerst den Weg in das Herz eines Tyrannen bahnt!" Ohne ein weiteres Wort verließ Warwick das Zimmer. Hilyard konnte Anfangs seinen Sinnen nicht recht trauen; aber wie er sich in Eile ankleidete, sann er nach über all die Veranlassungen znr Uneinigkeit, welche seit langer Zeit, wie man allgemein wußte, zwischen Edward und dem Grafen bestanden, und er freute sich, daß die Prophezeiung, welche er längst mit weitschanendcm Geiste gewagt hatte, endlich in Erfüllung ging. Er stieg die Treppen hinab und erreichte das Thor, wo Marmaduke ihn erwartete, während ein Reüknecht ein starkes Iisqus- irüs (wie man damals das gewöhnliche Reitpferd nannte) hielt, dessen Ba» und Zucht Schnelligkeit und Ausdauer versprachen. „Steigt auf, Master Robin," sagte Marmaduke; „Ich hätte nie gedacht, daß wir als Freunde mit einander reiten würden! Steigt auf — unser Weg ist einige Meilen weit vor London hinaus der gleiche. Ihr geht nach Lincolnshire, ich in den Bezirk Hertford." „Und in der gleichen Abficht?" fragte Hilyard, indem rv!» er in den Sattel sprang und die beiden Männer scharf davon ritten. „Ja!" »Lord Marwicks Gesinnung hat sich endlich geändert." „Endlich!" „Ans lange Zeit?" „Bis in den Tod!" „Gut — ich frage nicht weiter." Das Getöse von Pferdehnfen hinter ihnen machte den Freisaßcn den Kopf umwenden, und er sah einen stattlichen Trupp bis an die Zähne bewaffnete Männer aus dem Hause des Grafen reiten und Marmadule'S Führung folgen. Mittlerweile war Marwick mit Montag» eingeschloffen. So westlich gesinnt und persönlich Edward zugetha» der Letztere war, so war er doch höchst empfindlich für Alles, was die Ehre seines Hauses berührte; und seine Entrüstung über die seiner Nichte widerfahrene tödtlichs Beleidigung machte sich sogar in noch lauteren Worten Luft als bei dem feurigen Grafen. „Daß er," rief er aus, „daß er Elisabeth Woodville seines Thrones würdig achtet, uns» in Anna Nevile nur Eine sieht, die Werth wäre seine Buhlerin zu sehn!" „Ja!" sagte der Graf mit einer Ruhe, die in der That furchtbar war wegen ihres unnatürlichen ContrasteS mit seiner gewöhnlichen Hitze, wenn er nur leicht gereizt war, „Ja, Du sagst es! Aber sey ruhig — kalt — kalt 106 wie Eisen, und auch sohart! Wir muffen jetzt Anschläge machen — nicht stürmen und drohen — früher habe ich mich nie mit Anschlägen befaßt! Ihr habt Recht — Ehrlichkeit ist die Politik eines Thoren! Wollte Gott ich hätte dieß nur eine Stunde, ehe die Zeitung mir zukam, eingesehen! Ich habe schon unsre Freunde in ihre verschiedenen Bezirke entlassen, um König Edwards Sache zu unterstützen — er ist noch König — ist noch eine Weile König ! In dieser Nacht habe ich sie entlassen — in dieser Nacht — in der Stunde wo — o Gott, gib mir Geduld!" Er hielt inne und fahr dann mit leiser Stimme fort: „doch — doch — wie lange die Augenblicke sind — wie lang! Ehe die Sonne untergeht, wird, hoffe ich, Edward in meiner Gewalt seyn!" „Wie das?" „Er geht heute nach More — er wird dahin gehen, trotz dem was vorgefallen ist; er wird sich auf den Erzbischof verlassen, daß er mich mit ihm aussöhne — Kirchenmänner sind nicht Väter! Marmaduke Nevile hat meine Befehle — hundert Bewaffnete, die selbst gegen den bösen Feind marschiren würden, wenn ich ihnen das Befehlswort zuriefe, werden More umringen und den Gast aufhebcn!" „Aber was dann? Wer soll, wenn Edward — ich darfdasWortuicht aussprechen — Wer soll sein Nachfolger werden?" „Clarence ist der männliche Erbe." „Aber mit welchem Vorgeben dem Volke — verkündigen —" „Das — das ist es!" unterbrach ihnWarwtck; „ich habe darüber nachgedacht — ich habe Alles bedacht; es ist als hätte mein Geist seit Tagesanbruch Welten durchwandert! Wahr! jede Bewegung muß, um zu gelingen, eine der Menge verständliche Veranlassung haben. Je- dennoch, Ihr, Montag», Ihr habt eine glattere Zunge als ich, — geht Zhr zu unfern Freunden — zu denen, welche Edward Haffen — sucht ihre Gesinnungen zu erforschen, zu errathen!" „Und soll ich Ihnen Edwards Schandthat nennen?" „Gottes Tod, kannst Du daran denken! Du, ein Monthermer und Montag»! vor England die verruchte Schmach offenbaren, welche dem Herd eines englischen Gentleman und Peer geboten worden ist! jeden» Lumpen von Bänkelsänger Stoff geben zu Gesang und Mähre von der Unbild, die Anna'S jungfräulicher Zucht widerfahren! wie König Edward in der Todesstille der Nacht in ihr Zimmer schlich, und warb und drängte und schwur, und — Gott im Himmel, daß diese Hand an seiner Kehle wäre! Nein, Bruder, nein! es gibt Beleidigungen, von denen wir nicht sprechen dürfen — die das Herz schwellen und fast bersten machen, aber wofür es keine Erleichterung gibt, bis Blut stießen kann!" Während sich die Brüder so besprachen, ward Edward in seinem Palast von Bestürzung und Zorn erfüllt, als er vernahm, daß Lady Anna nicht in ihrem Zimmer zu finden 1V8 sey. Gr ließ sogleich Adam Warner vor sich berufen, und erfuhr von dem einfältigen Weisen, der Nichts verhehlte, die Art und Weise, wie Anna aus dem Tower entflohen Der König entließ Adam rasch, nach einigen herzhaften Verwünschungen und allgemeinen Drohungen; und da in ihm lebhaft das Bewußtseyn der Nothwendigkeit erwachte, eine scheinbare Geschichte zn erfinden, um dem erstaunten Hof eine Erklärung des plötzlichen Verschwindens seines Gastes zu geben, erkannte er, daß die Person, welche am besten ein solches Mährchen aufbringen und in Umlauf setzen könnte, die Königin sey; und sie suchte er sofort auf, mit dem Vorsatz, seine Vertraute da zu wähle», wohin bei dergleichen Vergehen von Ehemännern höchst selten ihr ehrendes Vertrauen fällt. Er milderte jedoch seine Erzählung so weit, daß nur eine erläßliche Verirrung übrig blieb. Er hatte sich dem Becher etwas zu sehr hingegeben — er war in den Corridor hinausgeschritten, um die erfrischende Kühle der Luft zu genießen — er hatte eine weibliche Gestalt erblickt, die er nicht erkannte; — und einige galante Worte, er wußte selbst nicht mehr, wie sie gelautet, waren mißverstanden worden. Wie er bemerkt, Wen er so angeredet, hatte er den Zorn oder die Unruhe der Lady Anna zu begütigen gesucht; aber sie, seine Absicht immer noch nicht verstehend, war in Master Warner« Zimmer geeilt — er war ihr dahin gefolgt -- und jetzt war sie aus dem Palast geflohen. So lautete die Geschichte, die er leicht und lachend erzählte, aber mit er tlü> einer ernsten Aufzählung, der Gefahren schloß, die durch seine Unvorsichtigkeit heraufbeschworen. Was auch Elisabeth fühlen, oder wie sie auch das Geständniß auslegcn und deuten mochte — sie handelte mit ihrer gewohnten Umsicht und Klugheit; sie stellte sich nach wenige» zärtlichen Vorwürfen, als schenkte sie ihres Gemahls Erzählung unbedingten Glauben, und zeigte sich von freien Stücken bereit, allen verläumderischen Gerüchte» vorzubcugen durch dis nicht unwahrscheinliche Angabe, daß der Graf, verhindert, seine Tochter, wie er im Sinne gehabt, in Person abzuhvlen, durch neue Nachrichten von dem Aufstand, die ihn mit Tagesanbruch von London abriefe», seinen Vetter Marmaduke beauftragthabe, sie nach Hause zu geleiten. Der rasche Scharfblick ihres Geschlechts sagte ihr, daß, welches freche Beginnen Edwards auch Anna zu einer so hastige» Flucht geangstigt und getrieben haben mochte, der stolze Graf nicht minder als Edward selbst davor zurückbebcn müsse, eine Beleidigung öffentlich zu machen , welche von der Verläumdung so leicht zur Schmach seiner Tochter gedeutet werden konnte, und daß, welches Mährchen auch erfunden werden möge, Warwick es unter seiner Würde finden werde, zu widersprechen. Und da Elisabeth, trotz ihres Haffes gegen den Grafen, und ihres Wunsches, einen dauernden Bruch zwischen Edward und seinem Minister herbeigeführt zu sehen, doch als Königin, Gattin und Weib nothwendig wünschen mußte, daß eine für Edward ehrenhaftere, in den Augen des Volkes minder Bulwer'i Romane, VVll g 110 gehässige Veranlassung der Entzweiung namhaft gemacht werden kannte, — drang sie ernstlich in den König, sich sofort nach More zu begeben, wie früher verabredet gewesen war, und keine Mühe zu sparen, keinen Versicherungen und Belhätigungcn der Reue und Zerknirschung sich zu entziehen, um die Vermittlung dcS Erzbischofs zu gewinnen. Der König, dessen Gemüth durch diese Besprechung und diesen Rath etwas erleichtert war, küßte Elisabeth mit zärtlicher Dankbarkeit und kehrte in sein Zimmer zurück, um Anstalten zum Aufbruch nach der Residenz des Erzbischofs zu treffen. Aber dann sich erinnernd , daß Adam und Sybille im Besitz seines Geheimnisses seyen, beschloß er sie sofort aus dem Tower zu verbannen. Einen Augenblick dachte er an die Kerker seiner Feste — an den Strick des Henkers; aber sein Gewissen war im jetzige» Augenblick geängstet und empfindlich. Sein Trotz war gedemüthigt durch das Gefühl der Schaam, und er bebte zurück vor einem neuen Verbrechen; und überdieß gab ihm sei» kräftiger, gesunder Verstand die Gewißheit, daß das Zcugniß eines gemiedenen und verabscheuten Zauberers von dem Augenblick an ohne Gewicht seyn werde, wo es des Einstuffes beraubt würde, den ihm der Schutz eines Königs gewährte. Er gab Befehl in der Nähe des ThoreS St. Thomas ein Boot in Bereitschaft zu setzen, forderte Adam noch einmal vor sich und sagte kurz: „Master Warner, die Londoner Handwerker schreie» so laut gegen deine Eisindung, daß sie die Arbeit schmälere und die Armen dem Hungertod preisgebe. Nt die Matrosen auf den Wersten sind so meuterisch bet dem bloßen Gedanken an Schiffe ohne Ruderer, daß ich, wie es Pflicht eines guten Königs ist, der Stimme meines Volkes »achgebe. Geh du denn sofort nachHauS; die Königin ist der Dienste Deiner hübschen Tochter nicht mehr benöthigt —das Mädchen begleitet Dich. Ein Boot erwartet Euch an den Treppen; eine Wache soll Euch nach Eurem Hause geleiten. Denke, was in diesen Mauern vorgefallcn, sey ei» Traum gewesen; — ein Traum, dessen Wicdererzählen den Tod bringt —der aber, verheimlicht und vergessen, kein böses Vorzeichen ist!" Ohne eine Antwort abznwarten rief der König aus dem Vorzimmer Einen seiner Gentlemen, und gab ihm genauere Weisungen die Abreise und Behandlung des würdigen Gelehrten und seiner edlen Tochter betreffend.. Sodann berief Edward den Thorwärter vor sich, erfuhr daß er allein um die Art und Weise der Flucht seines Gastes wußte, und da er es für's Beste hielt, Keinen, der das von ihm erfundne und auSgesprcngte Mährchen kritisch beleuchten konnte, aus freiem Fuß zu lassen, verur- theiltc er den erstaunten Thorwart zu dreimonatlicher einsamer Ginsperrung — weil er vor ihm mit beschmutzten Hosen erschienen war! Eine Stunde später befand sich der König mit einem kleinen, aber glänzenden Gefolge, auf dem Wege nach More. Der Erzbischof hatte, seiner Zusage gemäß, in seinem Palast die mächiigeren der mißvergnügten Herren versammelt, und seine Beredsamkeit hatte so bei ihnen 8 * gewirkt, daß Edward beim Eintritt in die Halle nur Gesichter voll heitrer Loyalität und den achtungsvollsten Willkomm fand. Nach he» ersten Begrüßungen führte der Prälat, nach dem Brauche der Zeit, Edward in ein Zimmer, damit er sich vor dem Bankett mit einer kurzen Ruhe und einem Bad erquicke. Edward ergriff dis Gelegenheit und trug sein Mähr- chen vor; aber wie sehr er auch den Vorgang milderte, blieb doch noch genug übrig, um in seinem Wirlhe den lebhaftesten Schrecke» zu erwecken. Das luftige Gerüste der Hoffnung, auf welchem der ehrgeizige Prälat auf den päbstlichen Thron steigen wollte, schien in den Staub zusammenzustürzen. Der König und der Graf waren für die Plane George Nevile's gleich unentbehrlich. Er tadelte den königlichen Laien mit mehr als Pricsterlicher Salbung über seine Miffethat; aber Edward bekannte so dcmnthig seinen Fehler, daß der Prälat am Ende seine Stirne erheiterte, und versprach, die Bethenrungen seiner Neue dem Grafen zu übelbringen. „Keine Stunde ist zu verlieren," sagte er; „die einzige Person, die seinen Grimm beschwichtigen kann, ist Euer Hoheit Mutter, unsre edle Muhme. Erlaubt mir, an Ihre Gnaden einen Brief abzuschicken, worin ich sie bitte, den Grafen aufzusuchen, während ich mit demselben Eilboten an ihn selbst schreibe." „Sey es wie Ihr verlangt," sagte Edward, sein Oberkleid anöziehend, und seine Hände in ein Becken mit wohlriechendem Wasser tauchend; „ich werde keine Ruhe 115 - - -"'S finden, als bis ich vor Lady Anna gekniet und ihre Verzeihung erlangt habe.« Der Prälat entfernte sich, und kaum hatte er das Zimmer verlassen, als Sir John Ratcliffe, * Einer von des Königs Gefolge, der bei seiner Perjon den Dienst hatte, blaß und zitternd ins Zimmer trat. „Mein Fürst,« sagte er in flüsterndem Tone, „ich fürchte, tüotlicher Verrath wartet Eurer. Ich habe zwischen den Bäumen durch, unter diesem Thurm, Stahl blinken sehe»; ich bin durch das Laubwerk geschlichen und habe nicht weniger als hundert Bewaffnete gezählt — ihr Anführer ist Sir Marmadnks Nevile, Graf WarwickS Verwandter!" „Ha," murmelte der König und sein keckes Angesicht bekam einen andern Ausdruck, „kommt des Grafen Rache so bald!" „Und," fuhr Ratcliffe fort, „ich hörte Sir Marma- duke sagen.' 'die Thüre des Gartens ist unbewacht — erwartet das Signal!' Flieht, mein Gebieter! Horch! eben jetzt höre ich das Klirren von Waffen!" Der König schlich sich an das Fenster — der Tag neigte sich; das Gebüsch wuchs in dichter, dunkler Fülle um die Mauer herum; er sah einen Bewaffneten aus dem Schatten hervortauchen — einen Zweiten und einen Dritten! „Ihr habt Recht, Ratcliffe! Flucht — aber wie?" " Nachmals Lord Fitzwalter. Der Besuch des Königs in More fällt, wie wir mit Lingard — gegen Sharon Turner und Andere, — annehmen, nicht nach der offenen Rebellion WarwickS, sondern gerade vor dieselbe, das Heist nicht nach Ostern, sondern vor die Fastenzeit. 114 „Hierher, mein Gebieter. Auf dem Gang, wo ich eingetreten bin, führt eine gewundene Treppe zu einer Thüre im innern Hof; dort habe ich schon ein Pferd daS Euer wartet. Geruht, der Vorsicht wegen, meinen Hut und Mantel anzulegen." Der König befolgte eiligst diesen Rath, eilte den geräuschlosen Schritten Nateliffe's nach, gewann das Thor, sprang auf sein Pferd, jagte gerade durch einen am Thore versammelten Haufen von Menschen hindurch, und galoppirtc allein, spornstreichs, unversolgt von einem menschlichen Feind, aber gehetzt von dem Feind, der mit dem Reiter zu Pferde steigt, über das Feld, über Stock und Stein, durch Dick und Dünn, und hielt endlich in der Todesstille der Nacht vor den königlichen Thürmev von Windsor an. Zweites Kapitel. Karzer Bericht von vielerlei Dingen. Ueberraschend schnell folgten sich die Ereignisse nach der Flucht des Königs. Die in More versammelten Barone, wüthend über das anscheinende Mißtrauen Edwards gegen sie, trennten sich unter lauten Aeußerungen ihres Zornes. Der Erzbischof erfuhr die Ursache von Einem seiner Diener, welcher Marmadukc'S Hinterhalt entdeckte, aber er war zu schlau um einen für ihn selbst verdächtigen Umstand bekannt zu machen. Er eilte nach London und nahm die Vermittlung der Herzogin von Vork in An- / 1 . ris fpruch, um der seinigen mehr Nachdruck und Gewicht zu geben. Der Graf nahm ihre gemeinsamen Eröffnungen mit finstrer, unheilverkündender Kälte auf, und begab sich plötzlich nach Warwick, wohin er Lady Anna mitnahm. Dort trafen an demselben Tage der Herzog und die Herzogin von Clarence bei ihm ein. Die Rebellion in Lincolnshire gewann Boden; Edward gebrauchte eine schlauberechncte List, indem er durch eine öffentliche Aufforderung Clarence und Warwick zu Hülfe aufbot, um sie zu dämpfen; wenn sie sich weigerten, mußte der Schein des ersten Angriffs auf sie fallen. Clarence, mehr bestimmt durch persönlichen Ehrgeiz, als durch Theilnahme und Mitgefühl bei der Warwick widerfahrenen Beleidigung, erbittert über die geringschätzige Art, mit der ihn sein Bruder neuerlich behandelt, Edwards Verzichtleistung auf den Thron und in Folge hievon seiner eignen Thronbesteigung entgegcnsehend, und entflammt durch den Ehrgeiz und den Stolz eines Weibes, das er fürchtete und vergötterte zugleich, stand mit Hand und Herz auf des Grafen Seite; aber nicht Ein Lord und Hauptmann, welche Montag» auSgcforscht hatte, zeigte Bereitwilligkeit zur Entsetzung des einen Bruders, um den andern auf den Thron zu heben. Clarence, obwohl populär, war zu jung um hoch geachtet zu werden; Biele waren, die lieber den Grafen selbst unterstützt haben würden, wenn er nach dem Throne getrachtet hätte; aber da diese Wahl von dem Grafen selbst ausgeschlossen war. 116 konnten nur noch zwei Parteien in England scyn — die eine für Edward IV., die andre für Heinrich VI. Lord Montag» hatte sich nach Warwick Castle begeben, um persönlich dieß Ergcbniß seiner diplomatischen Kunst zn berichten. Der Graf, dessen Wesen ganz und gar verwandelt, nicht mehr offen und herzlich, sondern verschlossen und finster war, hörte ihn mit düstrem Schweigen an. „Und nun," sagte Montagu in der großherzigen Aufwallung eines Mannes, dessen edlere Natur tief erregt war, „wenn Ihr Krieg gegen Edward beschließt, — obgleich noch Nichts dazu reif und eine Niederlage wahrscheinlich ist — bin ich bereit, auf meinen eignen Ehrgeiz, auf die Hand der Tochter des Königs für meinen Aohn,'zu verzichten, um die Ehre unsres gemeinschaftlichen Namens z» rächen. Ich gestehe, daß ich Edward so geliebt habe, daß ich Euch gerne bitten würde, noch zuzuwarten, wenn ich mir nicht selbst mißtraute, bei einer solchen Verzögerung möchte der Zauber seines Wesens und seiner Künste mich zu der alten Neigung zurückfüh- rcn. Aber dennoch, Eurem Arm und Eurer großen Seele bin ich Alles schuldig, und wen» Ihr entschlossen seyd, den Streich zu führen, so bin ich bereit, Gefahr und Magniß zu theilcn." Der Graf wandte sein Gesicht ab und preßte seines Bruders Hand. »Unser Vater, dünkt mich, hört Dich auS seinem Grabe sprechen!" sagte er feierlich, und es trat eine lange 117 Pause ein. Endlich fuhr Warwick fort: „Kehre du nach London zurück; stelle Dich, als nähmest Du keinen Anthetl an meinen Handlungen, welcher Art sic immer seyen; wenn es mir fehlschlägt — warum Dich mit in mein Verderben hineinziehen? — und doch, glaube mir, ich bin nicht mehr ungestüm und unbesonnen. Wer sein Herz an einen großen Zweck setzt, wird plötzlich klug. Wenn ein Thron !m Staube liegt — wenn von St. Pauls Croß eine Stimme bis nach Carlisle und Lands End dringt, verkündend, daß das Reich Edwards des Vierten dahin und verloren ist — dann, Montag», nehme ich die Zusage Deines Beistands und Deiner Genossenschaft in Anspruch — früher nicht!" Mittlerweile stürzte sich der König, begierig in bewegter Thätigkcit düstre Gedanken zu zerstreuen, in eigner Person der Streitmacht der Rebellen entgegen. Durch Furcht zur Grausamkeit gestachelt, liest er, gegen alle königliche Treu' und Glauben, seine Geiseln, Lord Welkes und Sir Thomas Dymoke, enthaupte», forderte den Sir Robert WellcS, das Haupt des Ausstandes, auf, sich zu ergeben, erhielt die Antwort: „Sir Robert WelleS wolle nicht der Treulosigkeit eines Mannes vertrauen, der seinen Vater ermordet habe!" drang vor nach Erping- ham, schlug die Rebellen in einer großen Schlacht, und krönte seinen Sieg mit einerReihe entsetzlicher Grausamkeiten, die dem wilden aber gelehrten Lord von Worcester, dem „Schlächter von England," * übertragen wurden. Mit * Lord Worcester ließ Clavham leinen .«knappen von Warwick) der kraftvollen Raschheit und dem ausgezeichneten Anfüh- rertalcnt, welche Edward im Krieg immer bewährte, und neunzehn Andre, Gentlemen und Aromen, spießen; und nach den, Abscheu, den dieß Schauspiel erregte, und dem allgemeinen Haß den sich Wertester dadurch znzog, läßt sich leider mit Grund schließen, daß die Unglücklichen die Marter dieser Strafe wirklich »och fühlten, obgleich sic zuerst erdrosselt oder gehängt worden zu seyn scheinen; denn diese beschimpfende Strafe, nur über die Leichname von Rebellen verhängt, war in jenen Tagen zu gewöhnlich, als daß sie die Entrüstung hätte Hervorrufen können, welche das llrtheil begleitete, das Worcestcr über seine Opfer fällte. Vergebens suchen einige Schriftsteller das Gcdächt- niß dieses gelehrten Edelmanns von der Mackel der Grausamkeit zu reinigen durch rhetorische Tiraden über die Unmöglichkeit, daß ein Liebhaber der Wissenschaften ein fühlloscr Unmensch sehn könne. Die allgemeine Ansicht, die dieser Vcrtheidigung zu Gru,»e liegt, ist falsch, In unwissende» Zeitaltern wird ein Manu von überlegenen Kenntnissen und Talenten nicht nothchcndig human durch die Bildung seines Geistes; im Gegcntheil, nur zu oft lernt er den ungebildeten Haufen als Wesen von ganz andern, Stoff anschen. Dieser Wahrheit ist alle Geschichte voll — sie bezeugen die talentvollen Tyrannen Griechenlands, der tiefe aber grausame Geist der Italienischen Vor- gia's. Richard III, und Heinrich VIII, besaßen Beide eine für ihr Zeitalter hohe Bildung, Aber bei Tiptoft, Lord Worcester, ist die Angabe von seiner Grausamkeit nicht minder unwidersprechlich als die Zeugnisse, welche seine Gelehrsamkeit beweisen — der Historiker von Erohland allein ist unanfechtbar, WorccsterS allgemeiner Name: der Schlächter, ist für sich schon ein genügendes Zeugniß, Das Volk irrt allerdings oft, — aber wohl schwerlich in Einem Punkte: ob nämlich ein Mann, der über es selbst zu Gericht saß. barmherzig »der grausam ist. ItS drang er auf seiner blutigen Bahn weiter vor, der Streitmacht entgegen, welche Clarence und Warwick (welche jedoch die Feindseligkeiten noch nicht offen erklärt hatten) aufgcboten hatten, in der Absicht, zu den Rebellen zu stoßen. Er schickte seinen Herold, den Oberwappenkünig, an den Grafen und den Herzog ab, und ließ sic auffordern , bis zu einem gewissen Tage vor ihm zu erscheinen. Die Frist verstrich; er erklärte sie für Verräther, nnd setzte Preise auf ihre Bcifahung! * So Plötzlich war WarwickS Abfall erfolgt — so rasch waren des Königs Bewegungen gewesen, daß der Graf nicht Zeit gehabt hatte, seine HülfSquellen gehörig vor- zubercitcn, seine Vasallen zu versammeln, seine Entwürfe zur Reife zu bringen. Seine eigenen Rüstungen in der Nacht, in welcher Edward seine Dienste mit so schwarzem Undank belohnt hatte, hatten das Land mit Heeren erfüllt, die gegen ihn im Felde standen. Umgeben nur von einer kleinen, in der Eile gesammelten Streitmacht, (die nur aus seinen Mannen in der einzigen Grafschaft Warwick bestand) sah er sich durch Edwards Marsch abgeschnit- tcn von all den Grafschaften, in welchen sein Name am meisten galt, in welchen seine Trompete Armee» auf die Beine rief. Er sah sich getäuscht in seiner Hoffnung auf Beistand, den er von seinem mächtige» aber selbstsüchtigen Schwager, Lord Stanley, erwartet hatte. Die Rache war ihm thcurer geworden als sein Leben; dicß mußte ge- ' Tausend Pfund in Geld, odei hundert Pfund jährlich in Ländereien; für jene Zeit eine ungeheure Belohnung. 120 wagt werden, um nicht jener verlustig zu gehen. Vorwärts marschirte der König; und an dem Lage, wo seine Truppen in Erster einzogen, segelten Warwick, die Frauen seiner Familie und Clarcnce mit einem kleinen, aber bewaffneten Gefolge auf einem Schiff, das sie in Dartmouth bestiegen, nach Calais — vor welcher Stadt, während sie vor Anker lagen, Jsabella von ihrem ersten Kinde entbunden wurde — aber zu des Grafen Verdruß und Wuth feuerte sein Stellvertreter Vanclerc auf seine Schiffe. Dann steuerte Warwick weiter nach der Normandie zn. »ahm unterwegs einige flämische Schiffe weg, dem alten blirgnndischcn Feinde des Grafe» zum Trotz und Hohn, und landete bei Honfleur, wo er und seine Begleitung von dem franzofischen Admiral mit königlichen Ehren empfangen wurden, und endlich an den Hof Ludwigs Xl. in Amboise sich ans den Weg machten. „Die Gefahr ist für immer vorüber!" sagte König Edward, als der Wein in seinem Becher funkelte. „Die Rebellion hat ihr Haupt verloren — und jetzt, fürwahr, zum erstenmal herrsche ich, als Monarch, allein!" ^ Man behauptet gewöhnlich, ehe Warwick und Clären« England verlasse», hätten sie Anthonh Woodville und Lord Audlep in ihre Gewalt bekommen nnd ihre Hinrichtung befohlen; diese sepcn aber durch einen Gentleman aus Dor- setshirc gerettet worden. Carte, der, obwohl seine Geschichte nicht frei von großen Jrrthümern ist, doch wohl gelesen zu werden verdient von Solchen, welche Lord Marwicks Charakter interessirt sagt, der Graf „habe zu viel Großmuth besessen, »m sie augenblicklich nach dem gewöhn- 121 liehen Brauche jener Leit, ums Leben bringen zu laflen, und habe sic nur in dcm Castell Wardonr cingcspcrrt, von wo sie bald befreit worden jeden durch John Thornhill, eine» Gentleman von Dorsctshirc." Dieser ganzen Geschichte jedoch widerspricht durchaus die Chronik von Wark- worth, deren Angabe zufolge Anthony Woodville zu jener Zeit eine Flotte auf dem Canal kommandirte, welche Marwick auf seiner Fahrt ausiauerte; aber der Erfolg, der hiebei dcm tapfer» Anthony zugcschricbe» wird, daji er alle Schiffe des Grafen, bis auf Eines, das den Grafen selbst und seine Familie trug, gefangen oder zerstreut habe, wird als rein fabelhaft erwiesen durch den wohlbezcugten Umstand, daß der Graf ftämischc Schiffe wcgnahm auf seiner Fahrt von Calais »ach der Normandie, eine That, die er nur einem einzigen eignen Schiff nimmermehr hätte auS- führen können, Cs ist sehr wahrscheinlich, dafi die Geschichte von Anthony Woodvillc's Gcfangcnnchmunz und Gefahr NM diese Zeit, ihre Veranlassung hatte in einem Mißgeschick, das ihm viele Jahre früher zustieß und in den Briefen von Paston so wie in den Chroniken berichtet wird, — Im Jahr tjä9 fielen wirklich Anthony Woodville und sein Vater, Lord Rivers, (damals eifrige Lancastricr) in die Hände' des Grafen von March (Edwards I V,), WarwickS und Salisburys, und kamen davon mit einer tüchtigen „Schelte" auf die grobe Sprache, welche solche „Knechtssöhne" und „kleine Sguircn" geführt hätten gegen Solche, „dir von königlichem Blute feven," 122 Drittes Kapitel. Der Anschlag im Gasthaus — das Mädchen und der G-lchrie in ihrem Hcimwese». Das Land war noch in Aufregung nnd Unruhe, und die Anhänger Heinrichs und des Grafen erhoben sich noch da und dort um loszubrechen, obwohl sic verhindert wurden, zu Einem großen Heere sich zu vereinigen, durch di« außerordentliche Thätigkeit und Kraft nicht nur Edwards, sondern auch GloucesterS und Hastings', — als eines Morgens, gerade nach den oben in aller Kürze berichteten Ereignissen, das Gasthaus des Master Sancroft, in dem vorstädtischen Bezirk Marpbone, von einem höchst bunten Schwarm von Kunden und Gästen beehrt ward. Ein Dutzend Soldaten etwa, in, Triumph zurückgekehrt aus dem königlichen Feldlager, saßen um einen Tisch, der angenehm genug in dem großen Erker stand, welcher durch das gewaltige vorspringende Fenster gebildet wurde; zwischen ihnen saßen ungefähr eben so viele Frauenspersonen, sonderbar und grell gekleiret. Die Letzter» wären Alle jung, und sogar ein Paar davon kaum über die Kindheit hinaus. Aber kein Ausdruck von Jugend war in ihren harten, finstern Zügen sichtbar: plumpe Schminke ersetzte die blühende Farbe: die Jüngsten selbst hatten Runzeln aus der Siirne, ihren Formen fehlte die Rundung und die geschmeidige Nnmnth der jugendlichen Jahre. Hauptsächlich in der freien Luft lebend, von der Wiege an gewöhnt an ein bewegtes, unruhiges Leben, hatten sie scharfe, vorstehende Züge, ihr Ausse- tS3 hen hatte Etwas von männlicher Verwegenheit »nd Rohheit; die Gesundheit selbst erschien an ihnen widriger als Krankheit. Auf diese Gesichter von Erz halte das Laster sein unvertilglichcS, nicht zu mißkennendeS Siegel gedrückt. In diese Augen war nie die Thräne des Mitgefühls oder weiblicher besorgter Zärtlichkeit getreten; auf diesen Stirnen hatte nie die Glut sittsamer Schaamröthe geflammt; selbst ihre Stimmen straften halb ihr Geschlecht Lügen» so rauh, tief und heiser waren sie — ihr Gelächter laut und mißtönig. Einigen von ihnen fehlte nicht eine gewisse Schönheit, aber es war eine Schönheit nur der Züge» neben einer Allen gemeinsamen Häßlichkeit des Ausdrucks — ein Ausdruck der zugleich listig, keck, hartherzig und frech war. Unweiblich durch die ärgsten Laster des Weibes, leidenschaftlos durch zu frühe Erschöpfung der Leidenschaft — standen sie zwischen den Geschlechtern wie schnöde, ungethünre Anomalien, geschaffen und gestaltet aus den heillosesten Entartungen beider. Diese Geschöpfe schienen kürzlich von einer langen Fahrt und Wanderung angekomme» zu sehn — ihre Schuhe und die Säume ihrer Kleider waren mit Staub und Koth bedeckt — ihre Gesichter erhitzt, und die Adern an ihren nackten, sehnigen, sonnverbrannten Armen waren von der Anstrengung aufgcschwollen. Jede hatte auf dem Boden neben sich ein Tamburin — Jede trug in ihrem Gürtel ein langes Messer in der Scheide; gut daß die Scheiden die Klingen verhüllten, denn nicht Eines, nicht einmal das Messer des fünfzehnjährigen Kindes mit 124 den kalten Augen, war ohne die dunkeln Flecken von Menscheublut an seinem Stahl! Die Anwesenheit von Soldaten, die frisch vom Kampfplatz her kamen, hatte natürlich in die Schenke verschiedene der müßigen Schwätzer der Vorstadt gezogen, und diese standen jetzt um den Tisch herum, und sogen mit ihren großen Ohren die prahlerischen Erzählungen-der Soldaten ein. An einem kleinen Tisch, geirennt von den wilden Gästen, aber sichtlich mit großer Aufmerksamkeit allen Neuigkeiten des Tages lauschend, saß ein Mönch, ernst beschäftigt mit einer gewaltigen Kanne schäumenden Biers, dann und wann, wenn er seine Kaputze zurückschob, um zu trinken, einen lüsternen Blick nach einem der Tamburinmädchen werfend. „Aber wenn Ihr," sagte ei» Soldat, welcher das Wort unter seinen Kameraden führte, „wenn Ihr hättet die Lumpen laufen sehen, als König Edward selbst zum Angriff führte! Wahrhaftig, eS war wie wenn eine Katze in einen Kaninchenbau kommt! Leicht zu sehen, denk' ich, daß Graf Warwick nicht unter ihnen war! Seine Leute wenigstens fochien wie die Teufel!" „Aber da war Ein großer Kerl," sagte ein Soldat, seine Kanne niedersetzend, „der sich tüchtig schlug, und ohne mich und meine Kameraden hätte er sich bis zum König durchgehauen!" „Ja, ja — wahr! wir haben Seine Hoheit gerettet, und hätten sollen zu Rittern geschlagen werden — aber es gibt heutzutage keine Dankbarkeit mehr!" „Und Wer war denn dieser zähe Krieger?" fragte Einer der Umstehenden, der insgeheim der Rebellion günstig gesinnt war. „Ha, es hieß, es sey Robinsvon RedeSdale. Er der mit meinem Lord von Montag» bei Dort sich schlug." „Unser Robin!" riefen mehrere Stimmen. „Ja, er war immer ein muthiger Gesell — der arme Robin!" „Euer Robin! und: Armer Robin! Ihr Schelme!" schrie der Vornehmste der Soldaten. „Nehmt Euch in Acht! Was meint Ihr mit Eurem Robin?" „Wahrhaftig, Herr Soldat," sagte ein Fleischer, sich den Kopf kratzend und in demüthigem Tone — „Wir bitten Euch und den König um Verzeihung, aber dieser Master Robin hielt sich eine kurze Zeit in diesem Quartier auf und war ein freundlicher Nachbar und ein Hexenmeister mit der Zunge. ErinnertJhr Euch nicht, Nachbarn," fuhr er rasch sortbegierigdenGegenstand der Unterhaltung zu wechseln, „wie erunszurückhtelt, alswirschonimBegriff standen, den Adam Warner, den alten Schwarzkünstler, in seiner Höhle dort zu verbrennen? Wer sonst hätte das vermocht? Aber, wenn wir gewußt hätten, daß Robin ein Rebell seh gegen den süßen König Edward, hätten wir ihn zugleich mit dem Zauberer geröstet!" Eine von den Tamburinmädchen, die Führerin des Schwarms, die ihren Arm um den Hals eines Soldaten geschlungen hatte, schaute bei dieser letzten Rede auf, und ihr Auge folgte der Geberde des Fleischers, als er Bulwcr's Romane. 6VU. g durch das offene Fenster nach dem düster», halbzerstörten Wohnsitz Adam WarncrS deutete. „War dieß das Haus, das Ihr verbrennen wolltet?" fragte sie hastig. „Ja, aber Robin sagte uns, der König würde diejenigen hängen kaffen, welche sich des Königs gesegnetes Vorrecht anmaßten, -Herenmcister zu verbrennen; und wahrhaftig, der alte Adam Warner wurde ein paar Wochen nachher von des Königs Hoheit selbst zum Obcr- zaubercr befördert." Der Münch hatte eine leichte Bewegung gemacht bei dem Namen Warner; jetzt rückt c er seinen Stuhl der Hauptgruppe näher und zog seine Kapuze ganz übers Gesicht. „Ja!" rief der Handwcrksmann, dessen Sohn die unschuldige Veranlassung der denkwürdigen Belagerung der halbzerfallenen Feste des armen Adam gewesen war» die wir im ersten Buch dieser Erzählung berichtet haben, — „ja! und was machte er dort? Ersann er nicht eine greuliche Maschine zur Zugrunderichtung der Armen — eine Maschine, die alle Arbeit in ganz England mit Hülfe des Teufels verrichten sollte? — so daß, wenn ein Gentleman einen neuen Panzer brauchte, oder eine Tuchtunika, wenn seine Dame Norwichgewebe nöthig hätte, wenn ein Peoman eine» Pflug oder Wagen, oder sein Weib einen Topf oder Kessel bedürfte, sie nicht mehr zum Waffen- schmid und Tuchhändler und Schneider und Weber, oder zum Wagner und Grobschmid zu gehen nöthig hätten, sondern, schnell wie der Wind setzte Master Warner seine 127 .Kobolde in Bewegung, und ließe Euch Panzer und Tunika, Gewebe und Wagen, Kessel und Topf, funkelnagelneu aus einem Brauwerk von Dampf und Torfkohlen hervorspazieren! Oh, Hab'ich nicht genug von dem Herenmeister gehört von meinem Bruder, der in Chcpe für Meister Stokto» den Seidenhändler arbeitete! — und Meister Stokton war Einer von den ehrenfesten Abgeordneten, welchen der alte Herenmeister seine höllischen Erfindungen anzurnhmcn die Slirne hatte!" „ES ist wahr!" sagte der Mönch plötzlich. „Ja, ehrwürdiger Vater, es ist wahr," sagte der Handwerker, seine Mütze abziehend, und sein braunes Gesicht verneigend vor diesem unverhofften Zeugen seiner Wahrhaftigkeit. Man hörte unter den Umstehenden ein Gemurmel des Zornes und Hasses. Die Soldaten wandten sich gleichgültig zu ihren Gesellschafterinnen. Ein kurzes Schweigen trat ein; und unwillkürlich lehnten sich die Schwätzer über den Tisch, um das HauS eines so höllischen Unterdrückers der Armen zu sehen. „Seht!" sagte der Bäcker, „der Nauch wirbelt noch von dem Dachgiebel empor! Ich habe gehört, er sey zurückgekommen. Die alte Madge, seine Dienerin, hat in der letzten Woche, glaub' ich, Scmmelkuchen bei mir gekauft ! nichts Schlechteres als der feinste Weizen genügt ihm jetzt, glaub' ich. Jndeß, recht ist recht, und —" „Zurückgekommcn!" rief der trotzige Handwerker, „die Eule hält sich recht getreulich an ihr Nest! Wenn es nicht um des König Gunst wäre, ich wollte bald sehen, 9 * 1L8 wie cs dem Zauberer gefiele, wenn man Feuer und Wasser gegen ihn selbst anwendete und spielen ließe!" „Setzt Euch, Schatz," flüsterte eines der Tamburinmädchen dem letzten Sprecher zu: „Komm, küß mich mein Herzchen, Warme Küß' ich verhandle —" „Fort!" riefderHandwerker, mürrisch, und schüttelte den verführerischen Arm der Tamburtnschlägertn ab. „Fort! Zch habe weder Zärtlichkeit noch Groschen für Dich und Deines gleichen. Pfui über Dich — ein Kind von Deinen Jahren! Ein Tauende auf Deinem Rücken tanzend — das wäre der beste Freundesdienst!" Des Mädchens Augen funkelten; instinktmäßig griff ihre Hand nach dem Messer, dann wandte sie sich zu einem Soldaten neben ihr und sagte: „Hort Ihr das und bleibt ruhig fitzen?" „Donner und Wunden!" heulte der so anfgeforderte Soldat: „Mehr Respekt für das schöne Geschlecht, Schuft; wenn ich Dir Deinen Narrcnschädel nicht mit meinem Schwertgriff zerschmettre, so ist es nur, weil die rothe Grisell sich selbst wehren kann gegen zwanzig solche Lotterbuben wie Du. Diese ehrlichen Mädchen find mit rinS im Kriege gewesen; König Edward mißgönnt keinem Manne sein hübsches Liebchen. Sprich Du für Dich selbst, Grisell! Wie viel hochgewachsenen Burschen hast Du vom Brode geholfen, nach der Schlacht von Losecote?" * „Nur sünfen, Hal," antwortete das kaltäugtgeMäd- * Die Schlacht von Erpingham ist gemeint. 129 chen, und zeigte ihre blitzenden Zähne mit dem Grinsen einer jungen Tigerin; — „aber Einer war ein Hauptmann. Das nächstemal will ich mich besser halten; es war, wie Du weißt, meine erste Schlacht," Die schüchterneren Umstehenden tauschten Bliche des Abscheu'S und zogen sich zurück. Der Handwerker versetzte mürrisch: „Ich suche keinen Streit mit Mädchen oder Liebhabern. Ich bin ein schlichter, offener Mann, mit einem Weib und Kindern, die mir theuer sind; und wenn ich aufdcn Schwarzkünstler einen Zahn habe, so ist es darum, weil er meinen armen Knaben Tim behert hat. Seht!" und er hob einen blauäugigen, schönen Knaben in die Höhe, der sich an ihn drängte, entblößte des Kindes Arm und zeigte ihn den Umstehenden ; es war daran eine große Narbe und der Arm war cingeschrumpft und verdorrt. „ES war meine eigne Schuld," sagte der Kleine entschuldigend. Der zärtliche Vater verwies den Leidenden mit einem Backenstreich zum Schweigen, und fuhr fort: „Ihr wißt noch, Nachbarn, den Tag, wo der verruchte Zauberer diesen Kleinen in seine Arme nahm; nun, drei Wochen nachher — genau drei Wochen nach jenem Tage — als er wie ein Lamm neben dem Feuer stand, schäumte beS gute» Weibes Kessel siedend über und verbrühte diesen Arm, daß er einschrumpfte wie ein Blatt im November; und wenn das nicht Hererei ist, wozu haben wir Gesetze gegen Zauberkünste?" 130 „Wahr — wahr!" heulte der Chor. Der Knabe, der seines Vaters Streich ohne ein Murren hingenommen hatte, versuchte jetzt wieder eine Vorstellung. „Das siedende Master lief auch über die graueKatze, und sie hatte Master Warner doch nie behert, Papa!" „Er nimmt seine Partei! Ihr hört den einfältigen Buben! Er nimmt des alten Schwarzkünstlers Partei — ein sichres Zeichen der Behernng; aber ich will sie Dir ausgerben, ja das will ich!" und der Handwerker hob wieder seinen schweren Arm auf. Das Kind wartete diesmal den Schlag nicht ab; es verkroch sich unter des Fleischers Schürze, gewann die Thnre und verschwand. „Und er macht, daß uns unser Kind ins Gesicht trotzt!" sagte der Vater in halb weinerlichem Tone. Die Nachbarn seufzten in mitleidiger Theilnahme. „Oh," rief er, in heftigerem Ton, mit den Zähnen knirschend, und seine geballte Faust gegen Adam Warners melancholische Behausung schüttelnd — „ich sage noch einmal, wenn nicht der König den elenden Zauberer schützte, ich wollte das Land von seinen Teufeleien befreien, ehe sein schwarzer Meister ihm zu Hülfe käme!" „Der König kümmert sich nicht einen Strohhalm um Master Warner oder seine Erfindungen, mein Sohn," sagte eine rauhe, laute Stimme. Alle wandten sich um und sahen den Mönch mitten im Kreise stehen. „Wißt Ihr nicht, meine Kinder, daß der König den Elenden über Kopf und Hals aus dem Palast gejagt hat, weil er 121 den Grafen von Warwick und Seine Hoheit von Clären« behext hat, so daß sie unnatürlicher Weise gegen Seine Hoheit sich kehlten? Aber inanus mslorum suss bonos Isrieliut — Das heißt: Die Faust der Uebelthä- ter bricht ihre eigenen Gebeine. Ihr habt Alle schon vom Mönch Bungey gehört, meine Kinder?" „Ja — ja!" antworteien Zwei oder Drei in Einem Athem. „ein Zauberer freilich, und ein mächtiger; aber er hat den Armen nie ein Leid gethan, obwohl es heißt, er habe ein seltsames Bild des Grafen gemacht und —" „Still, still!" unterbrach sie der Mönch — „Bringet) hat weiter Nichts gethan, als daß er den Lord Warwick von dem Zauber zu befreien suchte, mit welchem ihn jener Elende verstrickt hatte. Der arme Bunge))! — er ist der Freund des Bockes; und als er sah, daß Master Warner Anschläge zu dessen Verderben machte, sparte er keine Mühe, ich versichere Euch, den Frevel zu vereiteln. Oh! wie er fastete und wachte! Oh, wie oft er sich, mit Nägeln und Zähnen, mit dem Teufel in Person herumschlug, um hinter die höllische Erfindung zu kommen! Denn wenn er einmal diese Erfindung in Händen hätte, so könnte er sic zum Guten benützen, das versichere ich Euch, und Euch Regen für die grünen Saaten und Sonne für die ausgewachsene Frucht geben. Aber der böse Feind behauptete anfänglich den Sieg; und König Edward, für den Augenblick selbst bezaubert, hätte den Mönch Bungey dafür hängen lassen, daß er dem alten Adam in den Weg trat, hätte er nicht dreimal mit lauter Stimme gerufen: presto psprsnxknon! sich in einen Vogel verwandelt, und so durchs Fenster davongeflogen. Sobald Master Adam Warner so das Feld für sich frei fand, bediente er sich seiner Tochter, uni Lord Hastings zu behexen, hetzte Bruder gegen Bruder auf, und machte, daß der König und Lord George sich in die Haare geriethen; er stiftete und schürte die Rebellion an, und wo er aufgehört hätte, das weiß allein der böse Feind, wenn nicht Euer Freund, Mönch Bungey, der obwohl ein Zauberer, wie Ihr sagt, es doch nur zu Eurem Besten ist (und ein heiliger Priester obenein), mit Hülfe eines guten Geistes, den er im tartarischen Eiland beschworen, den König entzaubert und ihm in einem Traum gezeigt hätte, was der schurkische Warner gegen seine Krone und sein Volk im Schilde führte,— worauf Seine Hobelt Master Warner und seine Tochter in ihr Nest zurückschickte, und vom Mönch Bungey unterstützt, seine Feinde aus dem Königreich hinausschlug. Und so, wenn Ihr Lust habt, Eure Kinder gegen Unheil und Bosheit sicher zu stellen, könnt Zhr Euch guten Muths ans Werk machen, vorausgesetzt nur, daß Ihr des alten Adams eiserne Erfindung nicht anrührt. Weh Euch, wenn Ihr daran dächtet, die zu zerstören! Bringt die Maschine unverletzt dem Bruder Bungey, den Zhr in den Palast zurückgekehrt finden werdet, und die Löhne der Arbeiter werden die nächsten zehn Jahre täglich einen Groschen höher stehenMit diesen Worten warf der Mönch seine Zeche hin und schritt majestätisch der Thüre zu. „Wenn ich Euch trauen dürste?" sagte Tims Vater, den Mönch an seiner Kutte fassend. „Ihr dürft — Ihr dürft!" schrie die Anführerin der Tamburinschlägerinnen, vom Schovß ihres Soldaten aufspringend, „es ist ja der Mönch Bungey selbst!" Es entstand eine allgemeine Bewegung des Staunens und Schreckens. „Der Mönch Bungey selbst!" wiederholte der wohlbeleibte Betrüger. „Recht. Mädchen, recht! und er geht jetzt in den Towerpalast, um gute Zaubersprüche in König Edwards Dhr zu murmeln — Zaubersprüche, um die BöSgestnnten zu vernichten, und den Preis des Bieres zu ermäßigen. >V:»x VVoicksvum!" Mit diesem mehr gutgemeinten als klassisch richtigen Gruß verschwand der Mönch auS dem Zimmer; die Anführerin der Tamburinmädchen hüpfte behende auf den Tisch, setzte einen Fuß auf des Soldaten Schulter, und sprang durch das offene Fenster. Sie traf den Mönch, wie er eben im Begriff stand, ein tüchtiges Maulthier zu besteigen, das an einem Pfosten an der Thüre angebunden gewesen war. „Pfui, Graul Stellet: Pfui, Graul!" sagte der Teufelsbanner. „Achtung vor meiner Kutte! Man darf uns nicht am Hellen Tage vor der Thüre bei einander sehen. Da hast Du einen Groschen. Vacke oxeornbilis — Das heißt, guten Tag Dir, hübsche Spitzbübin!" „Ein Wort, Mönch, ein Wort. Wünschest Du, daß der alte Mann verbrannt, ertränkt, oder in Stücke geris- 134 sen werde? Er hat auch eine Tochter, die einmal unssrm Gewerbe mit ihrer Cither Abbruch zu thun suchte; eine Tochter, die damals ein Leibchen trug, das ich nicht von einer Hecke weggemaust hätte, aber die ich zuletzt tu Seide und Linon sah, mit einem großen Lord, der- ihr Schatz ist." Die Augen der Tamburinschlägerin erglühten von boshaftem Neide wie sie fortfuhr: „Graul Stellet sieht nicht gern Solche, welche grobe Wolle und Sarsche getragen haben, in Seide und Linon prangen! Graul Stellet steht nicht gern Weibsbilder, welche Lords zu ihren Geliebten haben, und die vor Graul und ihren Schwestern sich scheu entfernt halten, wie der Gesunde vom Aussätzigen." „Ei was," versetzte der Mönch ungeduldig, „ich habe Nichts gegen die Tochter einzuwenden — ein hübsches Mädchen, aber zu hoch für meine Küsse. Und was den Bater betrifft, so wünsche ich nicht des Mannes Tod — das heißt nicht gerade ausdrücklich, — sondern nur sein Modell, seine mechanische Erfindung. Er mag frei ausgehen, wenn sich das machen läßt ; wo nicht — ha, das Modell muß her, auf jede Gefahr hin! Diene Du mir hierin!" „Und Du willst mich die feinsten und höchsten Kartenkünste lehren, und Deine große Kunst, Phantome an der Wand Hinschweben zu lassen?" „Bring mir das Modell unverletzt, so will ich Dich noch Mehr lehren; — die Todtenmannskerze, und den Zauber der Eidechse, und ich will Dir überdteß die Netz- /> Itzs haut de-Vatermörders geben, um die Du mich so oft gebeten hast. Hm! — Du hast ein Mädchen in Deiner Truppe, die ein blinkendes Auge hat, das mir wohl gefällt ; aber geh jetzt und gehorche mir. Arbeit vor dem Spiel — und das Gratias vor dem Pudding!" Die Tamburinschlägerin nickte, schnalzte mit den Fingern in die Luft, und kehrte, eine nicht sehr heilige Melodie summend, durch die Thüre in des Haus zurück. Diese kurze Besprechung verräth dem Leser die für beide Theile vortheilhaften Beziehungen, welche zwischen dem Herenmeister und den Tamburinschlägerinnen bestanden. Ihre Truppe (vielleicht die Mutter der Generation, von welcher wir handeln,) war wohl bekannt gewesen mit dem Mönch in seiner alten Eigenschaft als Gaukler oder Troxotour, und in seiner klerikalischen und höstschen Standeserhöhung verschmähte er nicht eine alte Bekanntschaft und Verbindung, die ihm bei dem Pöbel gute Dienste that; denn diese grimmigen Töchter des Lasters schienen allgegenwärtig überall, wo Lustigkeit lärmte oder der Streit tobte; im Frieden bei den Lustbarkeiten und in den Herbergen — im Krieg folgten sie dem Lager, und man sah sie bei Nacht durch die Schlachtfelder schweifen , um die Verwundeten abzufangen und die Todten zu plündern. Bei Lustbarkeiten, in Schenken und Lager konnten sie so immerdar den Ruhm des Mönchs Bungey ausbreiten und den Ruf sowohl seiner furchtbaren Kunst als auch seiner herzlichen Liebe zu den Gemeinen ausrecht erhalten. Und dieß war nicht Alles: die Tambnrinschlägerin- IS6 ncn sowohl als der Teufelsbanner trieben gewerbsmäßig das Wahrsagen. Sie konnten die Anekdoten auStauschen, welche sie in verschiedenen Gebieten und Richtungen aufgabelten. Die Tamburinschlägerin erfuhr so die Geheimnisse der Adeligen und der Hoflente, — der Beschwörer die des Handwerkers und Arbeiters. Nichts ahnend von den drohenden Gesinnnngen ihrer Nachbarn, athmcten Sybille und Warner in ihrem kleinen Garten die süße Luft des ersten Frühlings ein. Den Philosophen hatte seine Ungnade weniger ergriffen, als man vielleicht glauben möchte. Zwar der Verlust der Gunst des Königs schob ins Unbestimmbare, vielleicht auf Lebenszeit, jede praktische Anwendung seiner angebeteten Theorie hinaus, aber doch, wie dem seyn mochte, seine Theorie selbst tröstete ihn. Im schlimmsten Fall hoffte er einen Schüler, einen sinnreichen Gelehrten zn finden, glücklicher als er, welchem er das Geheimniß vermachen konnte, und der, wenn Adam im Grabe läge, die Welt lehren würde, seinen Namen dankbar zu ehren. Inzwischen war er doch Herr seiner Zeit, Herr eines Hauses, obwohl in Zerfall und Trümmern; er war frei mit seinen freien Gedanken: und daher war, wie er in dem engen Garten auf und ab ging, sein Schritt leichter, sein Geist weniger abwesend, als wenn ihn fieberische Furcht und Hoffnung wegen des unmittelbaren, praktischen Erfolges eines Prinzips verzehrten, welches die Prüfung bestehen sollte vor dem gefährlichen Richterstuhl der Unwissenheit und des Vorurtheils. „Mein Kind," sagte der Weise, „ich empfinde jetzt zum erstenmal seit Jahren den Unterschied der Jahreszeiten. Ich fühle, daß wir im erquickenden Lenz lustwandeln. Junge Tage lammen meiner Seele wie Träume zurück; und ich könnte mir beinahe einbilden, Deine Mutter sey wieder an meiner Seite!" Sybille drückte ihres Vaters Hand, und ein leiser aber melancholischer Seufzer entschwebte ihren rosigen Lippen. Auch sie fühlte den Balsam des jungen Jahres; aber doch unterbrachen sie ihres Vaters Worte in trüben, ängstlichen Gedanken. Nicht ebenso für die Jugend, wie für das Alter, nicht ebenso für die Phantasie der Liebe wie für die an Täuschungen gewohnte Weisheit hat die einsame Abgeschlossenheit Reize, die ein Ersah sind für die leidenschaftlich bewegte, thätigc Welt. Bei der Rückkehr in das alte Haus, beim Blick auf seine verwitterten, feuchten, nackten und freudlosen Wände, auf den vernach- läßigten, mit Unkraut bedeckten Garten, hatte Sybille entsetzt geschaudert. War ihr Ehrgeiz wieder zurückgeschleudert in die alte, jämmerliche Lage? Waren alle ihre Hoffnungen, den Glanz ihrer Ahnen wieder herzustellen, ihres theuren Vaters Ruhm zu sichern, zurückgesunken in den Sumpf wirklicher Armuth? waren die Schmetterlingsflügel wieder eingeschloffen in die Puppenhülle des TvdeSschlafeS? Die ungeheure Ungleichheit zwischen ihr und Hastings war ihr bei Hofe nicht so lebhaft ausgefallen; hier, in ihrem Hause, zeugten die Wände selbst laut davon. Als Edward die unwillkommenen Zeugen seines Verbrechensversuches fortgeschickt, hatte er Befehle gegeben, daß man sie ans den geheimsten Wegen in ihre Wohnung geleiten sollte. Natürlich wünschte er, daß ihre Entfernung keinen Anlaß zu neugierigen Fragen und Bemerkungen gebe. Von ihren Nachbarn unbemerkt waren Sybille und ihr Vater durch das Gartenthor in ihr Haus gekommen. Die alte Madgc empfing sie mit Staunen und Schrecken; denn sie war gewohnt gewesen, Sybillen wöchentlich im Palast zu besuche», und hatte, vermöge der damals zwischen Wärterin und Pflegkind bestehenden Vertraulichkeit, einige Blicke in den Zustand ihres Herzens gethan. Sie hatte die freundlichsten Hoffnungen für das Schicksal ihrer jungen Gebieterin gehegt: — und jetzt hatte das Schicksal sie wieder zu Arbeit und Mangel zurückgewicsen! Die Wache, welche sie nach Edwards Befehlen begleitete, ließ einige Goldstücke zurück, welche Adam zurückwies, aber Madge insgeheim in Empfang nahm und mit Einsicht verwendete. Und das war all ihr Reichthum. Aber nicht an Arbeit an sich, nicht an Mangel an sich, dachte Sybille mit Kummer; sie dachte nur an Hastings, — verworren, leidenschaftlich, vertrauensvoll, unabläßig beschäftigten sich ihre Gedanken mit dem abwesenden Hastings. Oh ! er muffe kommen, hoffte sie, er würde sie aufsuchcn: ihr Glücksumschwung müsse sie ihm nur noch theurer machen! Hastings kam nicht. Sie erfuhr bald warum. Krieg bedrohte das Land — er stand auf seinem Posten, an der Spitze von Heeren. Oh' mit welchem Schilde des Gebetes suchte sie diese geliebte Brust zu schirmen! Und jetzt sprach der alte Mann von dem beseligenden Frühling, der Festzeitder Liebenden und der Liebe, und das junge Mädchen sagte seufzend in ihrem bekümmerten Herzen: „die Welt hat ihre Sonne — wo ist die meinige?" Der Pfau stolzirie heran gegen seine armen Beschützer und spreizte sein Gefieder in den goldenen Strahlen. Und jetzt erinnerte sich Sybille des Tages wieder, wo sie hier mit Marmaduke gelustwandelt, und er ihr von seiner Jugend, seinem Ehrgeiz und seinen kecken Hoffnungen gesprochen hatte, während sie, schweigend und in sich versunken, bei sich gedacht hatte: „stände doch auch mir die Welt so offen wie ihm, — auch ich habe Ehrgeiz, und er sollte sein Ziel erreichen!" Jetzt — welcher Contrast zwischen ihnen Beiden! Der Mann bereichert und geehrt; wenn auch heute tu Gefahr und Verbannung, — morgen doch wieder im Stande, frei vorwärts zu schreiten auf seiner Bahn — die Welt das Vaterland dessen, der ein kühnes Herz und einen fleckenlosen Name» besaß! Und sie, das Weib, zurückgeführt in den Kerker ihrer Heimath, Hohn rings um sie her, ohnmächtig sich zu wehren, und verhindert zu fliehen! Warum — Sybille war sich ihrer Ueberlegenheit in Gemüth, Verstand, in ihrer ganzen Natur bewußt — warum der Contrast? Der Erfolg winkte dem Manne, aber nur Demüthigung harrte des Weibes. Wehe dem Mann, der seinem Zeitalter voranschreitet ! aber noch nie hat es ein Zeitalter gegeben» 140 wo Genius und Ehrgeiz beim Weibe ungefährdet und ungestraft blieben! Vater und Kind kehrten in ihr Haus zurück; der Tag neigte sich; Adam stieg hinauf in sein Arbeitszimmer, Sybille suchte die einsame Dienerin auf, „Was für Zeitungen, oh! was für Zeitungen! der Krieg, sagt Ihr, sey aus, der große Graf, seine holde Tochter wohlbehalten auf der See, aber Hastings, oh! Hastings, was Neues von ihm?" „Mein Liebchen, mein Täubchen, ich habe Dir nur gute Nachrichten mitzutheilen. Ich habe einen Soldaten gesehen und gesprochen, der unter Lord Hastings selbst gesuchten hat; er ist unverletzt, er ist in London, Aber cS heißt, eine seiner Truppen sey einquartirt in der Vorstadt, und es geht das Gerücht von einem Aufstand in Hertfordshire," „Wann wird der Friede kommen für England und für mich!" seufzte Sybille,