E. L. Bulwer' s e Aus dcm Englischen. Sechsnndßebrnzigftrs Bändchen. Leila. oder die Belagerung Grauada's. Stuttgart, Verlag der I- B. Mctzler'schcn Buchhandlung. 16 3 8 . L e i l a, oder die Belagerung Granada s. Von dem Verfasser Pclham's, Rienzi's Maltravers' u. s. w. Aus dem Englischen von Friedrich Notier. In zwei Bändchen. Zweites Bändchen. Stuttgart, Verlag der I. D. Metzle r'schcn Buchhandlung. 1836 . Drittes Kapitel. Die Klundc und der Mann. Am dritten Morgen, nachdem der König von Granada, wieder versöhnt mit seinem Volke, sein tapfres Heer in der Vivarrambla gemustert hatte, als er jetzt eben, umringt von seinen Anführern und Edcln, den Plan zu einer Schlacht entwarf, die durch Angriff ans das christliche Lager entscheidend werden sollte, wälzte sich Plötzlich ein tausendfaches, athcmloses Geschrei vor die Pforten des Palastes, die unerwartete, freudige Kunde bringend, Ferdinand habe in der Nacht sein Lager abgebrochen, und ziehe über die Berge gegen Cordova zu. Wirklich hatte der Ausbruch einer furchtbaren Verschwörung des Königs Gegenwart auf Einmal anderswo nöthig gemacht, und da seine Jn- trikc mit Almamcn vereitelt worden, zweifelte er an einer schnellen Eroberung der Stadt. So beschloß er denn, nachdem die Vega jetzt vollends verwüstet war, die förmliche Belagerung, die allein Granada in seine Hände liefern konnte, anfzuschicbcn, bis seine Aufmerksamkeit nicht mehr durch andere Feinde abgclenkt würde, und bis er, muß bcigcsctzt werden, seinen erschöpften Schatz wieder gefüllt hätte. Er hatte mit g Torqucmada einen ansführllchen VcrfolgnngSplan nicht nur gegen die Juden, sondern auch gegen solche Christen entworfen, die von jüdischen Vorfahren ahstamm- tcn, und im Verdacht standen, sich wieder den jüdischen Gebräuchen zuzuncigen. Die beiden Schöpfer dieses großen Entwurfs handelten dabei aus verschiedenen Motiven: der Eine wollte den Frevel ansrottcn, der Andere sich die Verzeihung desselben um Gold abkaufcn lassen. Und Torqnemada bcqucintc sich der Geldgier des Königs, weil dieselbe ihm und der jungen Inquisition eine Macht und Autorität gab, die, wie der Dominikaner voraus sah, bald größer, als diejenige der Königswürdc selbst werden mußte, und welche, seiner Meinung nach, indem sic die Erde geißelte, die Zwecke des Himmels förderte. Die seltsame Entweichung Almamens, durch die Leichtgläubigkeit der.Spanier zu einer höchst grauenhaften Begebenheit verdreht und binaufgctricben, vervollständigte die Reihe von Klagartikcln gegen die reiche» Juden »nd Judcnabkömmlinge Andalusiens, und während Ferdinand in der Einbildung bereits das Gold für ihre irdische Lossprechung scsthiclt, fachte der Dominikaner bereits die Flamme an, in welcher sic zu ihrer ewigen Bestrafung hinüber gehen sollten. Boabdil und seine Häuptlinge empfingen die Nachricht vom Rückzug der Spanier anfangs mit Zweifeln, die jedoch bald der triumphircndstcn Freude den Platz räumten. Boabdil nahm mit Einmal wieder die ganze Energie an, durch welche sich seine frühere Jugend, 7 freilich nur in einzelnen Anfällen und Blitzen, ausgezeichnet hatte. „Allah Akbar! Gott ist groß!" rief er, „wir wollen nicht hier bleiben, bis cs den Feinden beliebt, den Adler wieder in sein Nest zu schließen. Sic haben uns verlassen — wir wollen ihnen nach! Ruft unsre Maquis, wir wollen einen heiligen Krieg verkünden! Der Herr des letzten Mohrenlandes steht im Feld. In jedem Dorf, worin ein Moslem, soll unsere Mahnung erschallen, und alle Söhne unsres Glaubens sollen sich sammeln um unsre Fahne!" „Lange lebe der König!" riefen die Edel» mit Einer Stimme. „Verliert keinen Augenblick!" nahm Jener wieder das Wort — „ans zur Vivarrambla, ordnet die Truppen! — Mnsa fuhrt die Reiterei, ich selbst das Fußvolk. Ehe die Sonne jenen Wald erreicht, muß das Heer auf dem Marsche scpn." Rasch und freudig verließen die Krieger den Palast; Doabdil, aber, sobald er allein, sank wieder in die gewohnte Unentschlossenheit zurück. Nachdem er einige Minuten in ängstlichen Gedanken auf und abgcschrittcn, verließ er plötzlich die große Halle und durcheilte die geheimeren Gemächer des Palastes, bis er an eine stark mit Eiscnbändcrn verwahrte Thür gelangte. Gleich- wol öffnete sich dieselbe leicht einem Schlüffclchcn, das er im Gürtel trug, und Boabdil befand sich in einem kleinen runden Zimmer, das dem Anschn nach keine weitere Thür oder sonstigen Ausgang hatte; der 8 König jedoch drückte, nachdem er behutsam umhcrgc- blickt, an einer in der Wand verborgenen Feder, worauf sich alsbald eine Blende aufthat, in welcher eine kleine, in der reinsten Naphtha brennende Lampe und eine gelbe Pcrgamentrollc, bedeckt mit wunderlichen Buchstaben und Zeichen, sich befanden. Er steckte die Rolle in den Busen, nahm die Lampe in die Hand und drückte an einer andern Feder innerhalb der Nische, worauf die Wand auscinandcrwich nnd eine enge Wendeltreppe zeigte. Der König verschloß de» Eingang und stieg hinab. Die Treppe lief endlich in rauhe, dumpfige Gange aus, und das Rauschen von Wasser, das durch die dichten Wände an sein Ohr schlug, zeigte au, daß der Ort unter der Oberfläche der Erde liege. Hell und klar brannte die Lampe in dem Dunkel, und Boabdil eilte mit solcher Ungeduld voran, daß die beträchtliche Strecke bis zu dem Ziel, auf das er los ging, rasch durchmcffcn war. Endlich gelangte er in eine weite Höhle, zu welcher, wie am Anfangspunkte der Gänge nach oben zu, verborgene Thürcn führten. Er stand in einem der vielen Gewölbe, die den ausgedehnten Bcgräbnißplatz der Könige von Granada bildeten. Vor ihm ragte, mit Mantel und Krone, jenes Gerippe empor, nnd vor ihm glühte jene magische Tafel, deren er in seinem Gespräche mit Musa erwähnt hatte. „Furchtbares Bild!" rief der Ankömmling, und warf sich vor dem Skelet auf die Knie nieder: „Schatten dessen, was einst ein König, weise im Rath und s furchtbar im Kampf, war; wenn in diesen hohlen Gebeinen noch der unsichtbare Geist wohnt, so höre Deinen reuigen Sohn. Vergib ihm, weil es noch Zeit ist, die Empörung seiner wilden Jugend, und wolle mit Deiner kühnen Seele ihn von seiner Schwäche und Zweifclsucht kräftigen. Ich gehe in die Schlacht, ohne auf das Zeichen zu warten, das D» mir anbefohlcn. Laß die Buße für eine Raschheit, zu welcher mich das Schicksal hindrängt, nicht auf mein Volk, sondern auf mich allein fallen. Und erliege ich im Kampf, so möge mein düsteres Geschick mit mir zu Grabe gehen, und ein würdigerer Herrscher, meine Fehler wieder gut machend, Granada aufrecht erhalten!" Als Boabdil die Augen aufschlug, fröstelte das ungcmildcrtc Grinsen des grauenhaften Hauptes, noch grausiger erscheinend durch das Leben nachäffcudc Diadem und Königsgewand, den Sturm und die Angst seines Herzens zu Eis ein. Er schauderte und stand mit einem tiefen Seufzer auf, aber als sein Blick mechanisch dem ausgcstrccktcn Arm des Gerippes folgte, sah er mit einem Gemisch von Freude und Schrecken den bisher stets bewegungslos gestandenen Zeiger der Scheibe langsam weiter rücken, und auf dem so lange und ungeduldig ersehnten Wort stehen bleiben. „Waffnc dich!" rief der König — „lese ich recht? Ist mein Gebet erhört?" Ein-tiefer Ton, wie von einem unterirdischen Donner, wogte durch das Gemach und im gleichen Moment öffnete sich die Wand und der König sah die lang erwartete Gestalt Almamcn'S, des Zauberers, Bulwer's Romane. I-XXVI. 2 10 vor sich. Aber nicht mehr war die kräftige Mannes- fignr in das weite, friedliche Gewand des morgcnlän- dischcn Santons gehüllt. Eine vollständige Rüstung schirmte die breite Brust und die nervigen Glieder; nur das Haupt war unbedeckt und auf den vertretenden, auödruckvollcn Zügen flammte diesmal nicht mystische Begeisterung, sondern kriegerische Kraft. In der rechten Hand hielt er ein gezogenes Schwert — in der linken den Schaft einer schneeweißen, schimmernden Fahne. So nnvcrmuthct kam die Erscheinung und so aufgeregt war das Gcmüth des Königes, daß selbst ein übernatürliches Wesen kaum mehr Staunen und Ehrfurcht bei ihm hcrvoigcrufcn haben würde. „Beherrscher Granada's," sprach Almamcn, „die ! Stunde ist endlich gekommen: geh hin und siege! Keine Aussicht zu Frieden oder Verglich mit dem Chri- stcnkönig! Auf Deinen Wunsch war ich bei ihm, aber nur meine Zauberkunst schützte das Leben Deines Boten. Freue Dich! Dein böses Geschick ist vou Dir wcggc- wälzt, wie eine Wolke durch den Sonncnglanz. Die Genien des Morgenlandes haben dieses Banner ans den Stralcn wohlthätigcr Sterne gewoben. Es soll vor Dir her leuchten in der Schlacht, cs soll sich erheben über den Ströme» des ChristenblutcS. Wie der Mond den Schoß der Fluten anschwellt, soll cs die Wogen des Krieges erheben!" „Mann des Geheimnisses I Du hast mir ein neues Leben crthcilt!" 11 „Und an Deiner Seite fechtend," nahm Almamcn wieder das Wort, „will ich Dir aus den Trümmern Arragonicns und Castilicns einen neuen Thron auf- richtcn helfen ! Waffnc Dich, Beherrscher Granadas I waffnc Dich! Ich höre das Wiehern Deines Schlacht- rofscs in der Mitte Deiner vorschrcitcndcn Gewappneten. Zu den Waffen!" 2 « Viertes Auch. Erstes Kapitel. Fcila in dcr Burg. — Die Belagerung. Die ruhigcrn Betrachtungen und heiligem Sorgen Leilas wurden endlich durch eine Nachricht unterbrochen, 'deren furchtbarer Inhalt das ganze Gcmüth jedes Bewohners dcr Burg in Anspruch nahm. Boabdil cl Chico war an der Spitze eines zahlreichen Heeres ins offene Feld geruckt. Rasch das Land überflutend war er in unnntcrbrochcncm Lauf vor den Hanptfcstcn an- gclangt, die Ferdinand, mit starker Besatzung versehen, in dcr unmittelbaren Nachbarschaft zurückgelasscn. Dcr Triumph des Mauren war eben so schnell, als glänzend ; noch einmal begann dcr Schrecken seiner Waffen fich fern und nah zu verbreiten; jeder Tag vermehrte seine Reihen mit neuen Einstchcrn; von den beschneiten Gipfeln dcr Sierra Nevada strömte in wilden Horden das kühne Bergvolk herab, das, an ewigen 13 Winter gewöhnt, durch sein verwittertes Anschn, seine rauhe Kleidung einen wunderlichen Gegensatz zu der» schimmernden, civilisirte» Heere Granadas bildete. Mohrische Städte, die sich Ferdinanden unterworfen, brachen den Gehorsam und sendeten ihre feurige Jugend, ihre erfahrenen Veteranen der Fahne des Halbmondes z». Das panische Grausen der Spanier »och zu mehren, geschah es, daß ein furchtbarer Zauberer, der eher von dem Blutdurst eines Dämons, als der Tapferkeit eines Menschen beseelt zu sehn schien, plötzlich in den Reihen der Moslems erschien. Wo immer die Mohren von einem Bollwerk oder einem Thurm zurückwichcn, von denen herab siedendes Pech strömlc oder das tödtlichc Geschütz der Belagerten flammte, stellte sich dieser Zauberer — mitten in die Weichenden stürzend und mit wilden Gcbcrdcn ein weißes Banner schwingend, das bei Mohren und Christen für das Gebilde übernatürlicher Zauberei galt — jeder Gefahr bloS und entging jeder Waffe; mit seiner Stimme, seinem Zuspruch, seinem Beispiel entflammte er die Kämpfer zu einer Begeisterung, welche die ersten Tage mohammedanischer Sicgcszügc znrück- zuführen schien, und Burg um Burg in der langen Reihe der Gebirgskette ward durch das Wehen des immer siegreichen Banners genommen. Nur der alte Mcndo de Qucrada, der mit einer Besatzung von zweihundert und fünfzig Mann das Schloß Alhcndin hielt, war durch das unerwartete Glück Boabdilö noch nicht cingeschüchtert. Des hcrannahcndcn Sturmes gewärtig, 14 benutzte er die Tage der ihm zugcstandcncn Ruhe, um jede Vorbereitung für die bevorstehende Belagerung zu machen. Boten wurden au Ferdinand entsendet, neue Anßcnwcrke dem Schloß angcbant, reicher Mund- vorrath cingebracht und keine Vorsicht vergessen, um den Spaniern stets noch eine Feste zu erhalten, welche durch ihre Nahe bei Granada und ihre Beherrschung der Vcga und der Alpnrarrasthälcr der stechendste Dorn im Sicgcskranzc der Mohren zu werden drohte. Eines Morgens stand Lcila am Fenster ihres hohen Gemaches und blickte mit gemischten Empfindungen hinaus ans die fernen Dome Granadas, die im stillen Sonnenscheine ruhten. Ihr Herz dnrchwogtcn in diesem Augenblick die Gedanken an die Heimat, und die Gefahren und Möglichkeiten der Gegenwart waren vergessen. Plötzlich brach der Klang ferner kriegerischer Musik in ihre Traume; sic fuhr ans und horchte athcmloS bin; der Klang ward deutlicher und Heller. Daö Klingen der Zimbel, das Raffeln der afrikanischen Trommel, daS wilde, barbarische Geschmetter des mohrischeu Hornes unterschieden sich kennbar von einander, und endlich zeigten sich der Lauschenden die glänzenden Spccrc und Fcdcrbüschc des den Berg herauf ziehenden Vortrabs der Moslems. Noch ein paar Sekunden, und das ganze Schloß war ans den Beinen. Mendo de Qncrada begab sich, schnell in die Waffen geworfen, selbst in die Anßcnwcrke, und Lcila wurde ihn, von ihrem Fenster ans, von Zeit zu Zeit 15 gewahr, wie er seine Handvoll Leute in den bestmöglichen Vorthcil zu stellen suchte. Nach wenigen Minuten gesellte sich Donna Ine; zu ihr, begleitet von den übrigen Bewohnerinnen des Schlosses, die sich ängstlich an ihre Gebieterin andrängtcn, aber nichts desto weniger darauf aus waren, die Leidenschaft ihres Geschlechtes durch einen verstohlenen Blick auf das prachtvolle Gepränge des Maurcnhccrcs zu befriedigen. Die Fenster in Lcilaö Zimmer eigneten sich besonders zu einer sichern und umfassenden Ucbersicht der feindlichen Bewegungen; und mit klopfendem Herzen und gcrvthctcr Wange glaubte das jüdische Mädchen, taub gegen die Stimmen um sie her, bereits unter den Reitern die edle Haltung und das weiße Gewand Mu- sa'ö Ben Abil Gasan zu unterscheiden. In welcher Lage befand sic sich! Konnte sie, bereits eine Christin, den Sieg der Ungläubigen wünschen? Stets noch ein liebendes Weib, konnte sie die Besiegung des Geliebten ersehnen? Doch die Zeit zur Ncbcrlcgung war kurz; die Abthcilung der mährischen Reiterei langte jetzt eben vor den Mauern des Städtchens an, welches das Schloß umgab, und das laute Horn der Herolde forderte die Besatzung zur Uebcr- gabe auf. „So lange noch ein Stein auf dem andern steht, nicht I" lautete Qucrcdas kurze Antwort, und zehn Minuten nachher rollte der Donner des Geschützes von Mauer und Thurm über die Thäler hin. Jetzt sahen die Frauen von Lcilas Zimmer aus. wie sich die ganze Macht und Pracht des BclagcrcrhccrcS, langsam aus ciuaudcr wand. Dicht, gedrängt, Reihe hinter Reihe, Colonnc auf Colonnc, breiteten sic sich unten am Berge ans. Die Sonne funkelte in dem prunkenden Zug, als er tosend daher wogte, gleich den Wellen der flimmernden Sec. Bald sah man die königliche Fahne über dem Zelt Boabdils wehen, und erkannte den König selbst, auf seinem milchfarbenen, mit Goldstoff bedeckten Rosse, mitten unter dem Fnß- volk, das den Angriff zu eröffnen hatte. „Bete mit nnö, meine Tochter!" rief Znez und siel auf die Kniee. — Ach l für Wen konnte Lcila beten? Vier Tage und vier Nächte verflossen in fortdauerndem Kampf, denn der eben im Voll-Licht befindliche Mond ließ selbst während der Nacht keine Ruhe zu. Ihre Menge und die Nähe Granadas gab den Stürmenden den Vortheil, sich fortwährend ablö- scn zu können, und Truppen folgten auf Truppen, so daß, sobald eine Partie müde geworden, eine andere mit neuer Kraft nachrncktc. Am fünften Tag befand sich das ganze Städtchen und die ganze Burg, mit Ausnahme der Landehut (eines ungeheuren Thnrmcs) in der Gewalt der Moslems. In diese letzte Vcrschanzung, die letzte Hoffnung des tapfer» Vcrzweiflnngskampfcs, hatte der ermattete, dürftige llcbcrrcst der Besatzung sich zurückgezogen. Qucrada erschien, mit Schweiß und Staub bc- 17 dE — die Augen von Blut unterlaufen, die Wangen hager und hohl, die Locken von plötzlichem Grciscnthum gebleicht, — in der Halle des Thnrmes, wo die Weiber, halb todt vor Augst, versammelt waren. „Etwas zu essen," rief er, — „etwas zu essen und Wein! — cs mag wol unser letztes Danket scpn!" Seine Gattin schlang die Arme um ihn. „Jetzt noch nicht!" sprach er, „jetzt noch nicht; umarmen wollen wir »ns, eh wir von einander scheiden!" „Ist denn also keine Hoffnung?" fragte Jncz mit bleicher Wange, doch festem Auge. „Keine; falls nicht die nächste Morgcnsonnc die Sperre von Ferdinands Heer auf den Bergen dort drüben vergoldet! Bis morgen können wir uns noch halten." Mit diesen Worten schlang er hastig einige Bissen Speise hinab, leerte einen großen Decher WcinS und verließ das Gemach schnell wieder. In diesem Augenblick vernahmen die Frauen deutlich das laute Geschrei der Mohren, und Lcila, die ans Fenster getreten, sah etwas wie eine wandelnde Mauer gegen sich Herkommen. Bedeckt von sinnreichen Gerüsten aus Holz und dicken Häuten, nahten die Belagerer dem Fuße des Thurmes, und waren so einigermaßen geschützt gegen die brennenden Ströme, die noch immer, rasch und zischend, von den Zinnen hcrabfloffcn, während aus dem Hintergrund ein Hagel von Pfeilen nnd Bolzen zum Schutz der unter dem Gerüste Befindliche» auf- 18 flog und fast durch jede Schießscharte und Spalte i» den Thurm drang. „Beim heiligen Grab I" rief der heldenhafte Befehlshaber des Schlosses zähneknirschend, „sie unter« minircn den Thurm und wir werden unter seinen Trümmer» begraben ! Schaut einmal, Gonsalvo! bemerkt Ihr keinen Spccrfltmmcr dort drüben ans den Bergen? Meine Angen sind vom Wachen stumpf geworden." „Ach, braver Mcndo, es ist bloS der Schein der Sonne ans dem Schnee — aber immer ist noch Hoffnung . . . ." Die Worte endigten mit einem plötzlichen, gellenden TodeSschrci, und entseelt stürzte der Antwortende neben Qucrada nieder, das Gehirn von einem Bolzen aus einer maurischen Armbrust zerquetscht. „Mein bester Krieger!" sagte Qucrada; „Friede sei mit ihm! Holla! seht ihr, wie jener wüthcnde Ungläubige die Minirer antreibt? Beim Himmel, cs ist Der mit dem weiße» Banner! — cS ist der Zauberer ! Zielt nach ihm! er befindet sich außerhalb des Schirmdachcs!" Zwanzig Wurfspieße, von schwachen, entnervten Armen geschlendert, fielen unschädlich um Almamcn her, und als er, das berüchtigte Banner schwingend, wieder hinter dem Gerüste verschwand, war cs den Spaniern beinah, als könnten sie sein satanisches Hohn- geläcbtcr hören. Der sechste Tag kam und das Werk des Feindes war vollendet. Der Thurm, gänzlich untergraben, 19 ! ruhte nur noch auf hölzernen Stützen, die, mit einer Doabdil bezeichnenden Menschlichkeit, angebracht worden waren, damit die Belagerten vor dem Zusammensturz ihres letzten Bollwerkes sich noch retten könnten. Es war jetzt Mittag; die ganze maurische Macht hatte, die Ebenen verlassend, den Abhang unterhalb des Thurmcs in dichten Reihen und sprachloser Erwartung besetzt. Die Mincngräbcr standen aufrecht, die Spanier lagen erschöpft und auögcstrcckt auf den Absätzen des ThurmS, wie Schiffer, die nach jeder Anstrengung gegen den Sturm, endlich, rcsignirt und fast gleichgültig, das Hcrcinflutcn der TodcSwoge erwarten. Plötzlich wichen die Reihen der Mohren auseinander, und Doabdil selbst, Mnsa zu seiner Rechten, Almamcn zur Linken, näherte sich dem Fuße des Thurmcs. Zugleich stellten sich die äthiopischen Leibwächter, jeder eine Fackel tragend, langsam hinter ihm auf, und mitten unter ihnen schritt der königliche Herold und ließ die lc-tzte Warnung durch das Schlachthorn ertönen. Die Stille der ungeheuren Menschenmenge, — der Schein der Fackeln, der die schwarzen Gesichter und , riesigen Gestalten ihrer Träger anglühtc, — das ma- ^ jcstätischc Anschn des Königs selbst, — die Heldengestalt MusaS, — das blosc Haupt und schimmernde Banner Almamcns: — Alles vereinte sich mit den Verhältnissen des Augenblicks, um dem Schauspiel etwas seltsam ^ Schauderhaftes, vielleicht Erhabenes zu geben, i Qucxada sah stumm auf die gcspenstcrhaftcn Züge 20 seiner Krieger und gab immer noch nicht das Zeichen. Seine Lipven murmelten, — seine Augen glänzten, als er auf Einmal von unten herauf das Gewimmer der Frauen vernahm; der Gedanke an Jncz, die Braut seiner Zagend, die Gesellin seines Alters, kam über ihn, und mit zitternder Hand senkte er die noch immer uncrschüttcrtc Fahne Spaniens. Da brach aus der Stille drunten ein mächtiges Geschrei, das den grimme» Thurm bis in seine unstätcn Grundlagen erschütterte. „Auf! meine Freunde," sprach er mit einem bitter» Seufzer; „wir haben gelochten wie Männer — und unser Vaterland wird nicht für uns crröthcn." Er stieg die Wendeltreppe hinab — die Krieger folgten ihm mit wankenden Schritte»; die Thorc der Landshut gingen auf und die tapfer» Christen ergaben sich an die Mohren. „Thu mit uns wie Du willst," sagte Qucrada, indem er die Schlüssel Boabdils Vcrbcrrosse vor die Hufe legte; „aber cs sind Frauen bei der Besatzung, die — " „Geheiligt find," unterbrach ihn der König. „Wir geben ihnen sogleich Freiheit und ungehinderten Durchzug, wohin Zhr wollet. Sprich denn, nach welchem SichcrhcikSort sollen sic gebracht werden?" „Edclmiithigcr König," crwicdcrtc der alte Qucrada und wischte sich die Thräncn mit dem Rücken der Hand weg, „Du ziehst den Stachel aus unserer Schmach. Wir nehmen Dein Erbieten in demselben Geiste an, 21 i» welchem cs geinacht worden. Drüben übe: den Bergen, wo die Ebene von Olfadc; beginnt, besitze ich ein kleines Schloß, unbemannt und unbcwchrt. Bon dort, falls der Krieg seine Richtung dahin nähme, können die Frauen leicht freies Geleite zu der Königin nach Eordova erhalten." „Sei es so," antwortete Boabdil. Mit orientalischem Zartgefühl las er sofort die ältesten unter seinen Offizieren aus, beauftragte sic, sich in das Schloß zu begeben, und mit einer starken Wache für die Sicherheit der Frauen während des von Qucrada angegebenen Zuges zu sorgen. Einem anderen Offizier überlieferte er die gefangenen Spanier und gab das Zeichen zum Aufbruch, nachdem er nur eine kleine Abthcilung zurück- gelassen, um die Zerstörung der Burg zu vollenden. Begleitet von Almamcn und seinen ersten Kricgs- beamtcn eilte der König sodann nach Granada, und während Qucrada mit seinen Gefährten unter starker Bedeckung langsamer durch die Bega dahin zog, brachte ihnen eine plötzliche Windung der Straße noch einmal den Thurm vors Gesicht, den sic so tapfer vcrtheidigt hatten. Da stand er noch, stolz und starr, unter dem angcschwärztcn, zerrissenen Getrümmer »m ihn her, und strebte dunkel und trotzig hoch gegen den Himmel auf. Ein zweiter Augenblick, und ein mächtiger Donner krachte in das Ohr; der Thurm stürzte zu Boden unter Säulen wirbelnden Rauchs und Wolken von Staub, die durch die Erschütterung bis zu dem Ort getragen wurden, wo Jene den Nbschicdsblick auf die 22 stolzeste Feste geworfen, auf welcher man von Granada aus das Banner Arragonicns und Castilicus flattern gesehen. Zur gleichen Zeit fetzte Lcila — so seltsam in den Bereich ihres Vaters und ihres Geliebten gelangt, und, durch ein gchcimnißvollcö Schicksal doch, wie zuvor, von Beiden getrennt — mit Donna Jnez und den übrigen Frauen der Burg ihren traurigen Pfad am Gebirge hin fort. Zweites Kapitel. Almametts Vorschlag. — Die -rer Israeliten. — Die Umstände machen auf geben Charakter einen Eindruck von cigcnthiimlicher Farbe. Boabdil ließ auf seinen letzten Sieg eine Reihe glänzender Angriffe auf die benachbarte» Festungen folgen. Granada, gleich einem starken, zu Boden gebeugten Mann, riß ein Band nach dem andern los, das seine Freiheit und Kraft gefesselt hatte. Endlich, nachdem ein beträchtlicher Thcil des umgebenden Landes wieder gewonnen, beschloß der König den Seehafen Salobrcna zu belagern. Konnte er dieses Ortes sich Lcmcistcrn, so sah er sich durch die wicdcrhcrgc- stclltc Verbindung zwischen Granada und dem Meere sowol im Stand, den Beistand seiner afrikanischen Verbündeten zu erlangen, als die Spanier au der / 23 Abschncidung des Proviants für die Hauptstadt zu hindern, sollte letztere abermals belagert werden. Dorthin also trug er, begleitet von Muss, seine siegreiche Fahne. Am Abend vor seinem Aufbruch trat Almamen vor Boabdil. Seit dem Abmarsch Ferdinands war eine große Veränderung über den Santo» gekommen; die gewohnte Festigkeit seiner Züge war dahin; seine Augen eingesunken und hohl; sein Benehmen zerstreut und träumerisch. Wirklich bildete die Liebe zu seiner Tochter den einzigen Hellen Punkt in seinem Charakter, und diese Tochter befand sich in der Gewalt des Königs, der den Vater zu der Folter der Inquisition vcrurthcilt hatte! Welchen Gefahren konnte sic nicht auögcsctzt sepn durch den unduldsamen Vckchrungscisir! und mochte diese zarte Gestalt, dieses milde Herz den furchtbaren Werkzeugen trotzen, die man ihr vielleicht zur Einschüchterung vorgcwicscn? „Besser," dachte er, „sic stirbt, selbst durch die Folter, als daß sic diesen verhaßte» Glauben annimmt." Zn grimmiger Qual knirschte er mit den Zähnen, mochte er sich nun diesen oder jenen Fall als cingctretcn verstellen. Seine Träume, seine Bestrebungen, sein Rachedurst, seine Ehrbcgicrdc — alles verließ ihn: eine einzige Hoffnung, ein einziger Gedanke bcmeistcrtc sich gänzlich seiner stürmischen Leidenschaften und seines ränkcvollcn Verstandes. Zu dieser Stimmung kam der vorgebliche Santo» zu Boabdil. Er stellte dem Könige, auf welchen sein Einfluß seit den letzten Siegen der Mohren wundersam zugcnommcn hatte, die Nothwendigkeit vor, die Heere Ferdinands in der Entfernung zu beschäftigen. Zur Förderung dieser Maßregel schlug er vor, er selber wolle sich nach Cordova wagen, dort, in ihrem alten Königreiche, die Mauren, deren Hoffnungen durch die neuen Triumphe BoabdilS wahrscheinlich entflammt worden wäre», insgeheim aufzuwiegcln suchen und mindestens eine solche Gahrung Hervorrufen, daß der König hinlängliche Zeit gewänne, seine Entwürfe zur Ausführung zu bringen und seine Macht durch Hülfe seiner Verbündeten zu starken. Die Vorstellungen Almamcns trugen endlich über Boabdil, der sich von seinem geheiligten Führer nur mit Widerstreben trennte, den Sieg davon, und eS ward zuletzt beschlossen, der Jsraclitc sollte augenblicklich abrcisc». Als er seinen einsame» Weg nach Hause zurück- kchrtc, horte er sich plötzlich in hebräischer Sprache anrcdcn. Schnell wendete er sich um und erblickte einen alten Mann in jüdischer Tracht: er erkannte in ihm Elias, einen der Reichsten und Angesehensten vom Stamme Israels. »Verzeih mir, weiser Landsmann I" sagte der Jude, und beugte sich bis zur Erde, „aber ich vermag der Versuchung nicht zu widerstehen, mein Vcrwandtschafts- recht mit Jemanden geltend zu machen, durch welchen das Horn Israels so triumphirend erhöht werden kann." 25 „Still, Mensch!" crwicdcrtc Almamcn heftig und blickte scharf umher; „ich Dein Landsmann? Bist Du nicht, wie Deine Sprache beweist, ein Jsraclitc?" „Ja," versetzte der Jude, „von einerlei Stamm von Deinem verehrten Vater — Friede scp mit seiner Asche! Ich erinnerte mich Deiner sogleich wieder, ob- wol Du noch ein Knabe warst, als Deine Füße den Staub Granadas abschiittcltcu. Ich erinnerte mich Deiner, sag' ich, als Du zurück kehrtest, gleich wieder, aber ich bewahrte Dein Gchcimniß, im Vertrauen, daß durch Deine Seele und Deinen Geist Deine gestürzten Brüder Sack und Asche von sich werfen und auf den Söller» ihrer Häuser Freudenfeste feiern würden." Almamcn sah fest auf die scharfen, vorspringcndcn, arabischen Zügen des Juden, und fragte endlich: „Und wie kann Israel wieder aufgcholfcn werden? willst Du für dasselbe kämpfen?" „Ich bin zu alt, Sohn Jsaschars, um die Waffen zu tragen; aber unscrs Stammes sind Viele, und unsre Jugend ist stark. Unter diesen Händeln zwischen Hund und Hund . . . ." „Kann der Löwe das Scinige wieder gewinnen?" unterbrach ihn Almamcn mit voller Seele; „laß uns das hoffen. Hast du von den neuen Verfolgungen gegen uns gehört, die der falsche Nazarcncrkönig in Cordova bereits begonnen? — Verfolgungen, die das Herz krank und das Blut zu Eis machen!" „Ach freilich, crwicdcrtc Elias, „konnte cs nicht Bulwer's Romane. I,XXVI. 3 26 fehlen, daß dieses Wehe auch mir zu Ohr kommen maßte; and ich habe Verwandte, nahe und geliebte Vetter», reiche und geehrte Männer, weit herum in jenem Land." „War' cs nicht besser, daß sie auf dem Schlachtfeld stürben , als auf der Folterbank 's" rief Almamcn grimmig aus. „Gott meiner Väter, wenn noch ein Funke von Mannheit übrig ist in Deinem Volke, so laß ihn durch Deinen Diener zn einer Flamme an- fachcn, die brennen möge wie das Feuer die Stoppeln brennt, so daß die Erde nackt wird von der Lohet" „O," cntgcgnctc Elias, eher erschreckt als begeistert durch die Heftigkeit seines Gefährten, „scy nicht vorschnell, Sohn Jsaschars, scp nicht vorschnell: Du könntest gar leicht bloß den Zorn der Beherrscher auf- regen und unsere Habe würde dadurch völlig zu Schanden." Almamcn wandte sich um, legte dem Juden ruhig die Hand auf die Schulter, sah ihm fest ins Antlitz und ging mit crbarmungsvollcm Lachen weiter. Elias suchte ihn nicht aufzuhaltcn. „Unausführbar," murmelte er, „unausführbar und gefährlich! So dacht' ich immer. Er kann uns schaden: Wär' er nicht so stark und wild, ich stäch' ihm mein Messer ins Herz. Wahrlich, Gold ist eine große Sache und -daß Dich! Die Schurken zu Haus werden mir's Ocl vergeuden, da sic wissen, daß der alte Elias nicht um den Weg ist!" Damit schlug der Jude den Mantel um sich und verdoppelte seinen Schritt. 27 Almamcn setzte unterdessen auf jenen dunkeln, unterirdischen Gängen, die nur ihm bekannt waren, den Pfad nach seinem Hause fort? Einen großen Theil der Nacht brachte er allein zu; und che der Morgenstern den Gipfeln der Berge das Aufstcigcn der Sonne verkündete, stand er, zur Reise bereitet, in seinem geheimen Gewölbe am Thor zu den unterirdischen Gängen; neben ihm der alte Limen. »Ich gehe, Limen," sprach er, „einem zweifelhaften Ziel entgegen; mag ich meine Tochter finden und cs mir gelingen, fic unversehrt aus diesen befleckten Händen wegzntragcn, oder mag ich in ihre Schlingen gcrathcn und untergchcn, in jedem Falle ist cs gleich möglich, daß ich nicht mehr nach Granada zurückkehrc. Sollte dicß der Fall scyn, so bist Du der Erbe aller Schätze, die ich hier znrücklaffc; ich weiß Dein Alter tröstet sich über den Verlust der Kinder, wenn Dein Auge ans das Lachen des Goldes blickt." Limen beugte sich tief und murmelte einige unhör- barc Weigerungen und Dankbczcugungcn. Almamcn sah im Gemach umher und seufzte tief. „Ucble Vorzeichen," sprach er, „stehen in meiner Seele, und üble Prophezeiungen in meinen Büchern. Doch das Schlimmste ist hier," fügte er bei, und griff bedeutsam an die Schläfe, „die Sehne ist straff gespannt — noch ein Druck, und fic reißt!" , Mit diesen Worten öffnete er die Thür und verschwand durch jenes Labyrinth von Gängen, durch die er jederzeit unbemerkt sowol zur Alhambra, als 3 * 28 in die Gärten außerhalb der Stadtthore gelangen konnte. Timen blieb einige Minuten in tiefen Gedanken stehen. „Alles mein, wenn er stirbt!" sprach er; „alles mein, wenn er nicht znrückkchrt! Alles mein! alles mein! und ich habe weder Kind noch Verwandten, der cS von mir reißen könnte!" Damit verschloß er das Gewölbe und kehrte nach Oben ins Freie zurück. Drittes Kapitel. Der Flüchtling und die Begegnung. Die einander bekämpfenden Könige waren bei ihren verschiedenen Zwecken gleich glücklich. Salobrena, erst neuerer Zeit von den Christen erobert, ward durch den ersten Schimmer von Boabdils Fahnen in mächtige Bewegung gesetzt. Das Volk erhob sich, schlug seine christlichen Wächter zurück und öffnete dem Letzten ans dem Geschlecht seiner Könige die Thorc. Nur das Schloß, nach welchem sich die Spanier zurückgezogen, widerstand Boabdils Waffen, und stellte, vcrthcidigt durch unersteigbare Mauern, eine harte und blutige Belagerung in Aussicht. Unterdessen war Ferdinand nicht so bald in Gor- dova «»gelangt, als sein ausgedehnter Plan der Con- siscation und frommen Verfolgung den Anfang nahm. Nicht mir, daß mehr denn fünfhundert Juden unter 28 dcm heimlichen Griff des Großinquisitors de» Geist aus- hauchtcu, sondern mehrere Hundert der vcrmöglichstcn Christenfamilicn, in deren Blut man die angccrbtc jüdische Färbm-.g entdeckt zu baben glaubte, wurden ebenfalls in den Kerker geworfen, und mau gehörte zu den Glücklichsten, wen» man sei» Leben mit dcm Opfer des halben Bcsttzthums zu erkaufen im Stande war. Um diese Zeit brach jedoch plötzlich eine furchtbare Empörung unter diesen elenden Sklaven, den Mcsscnicrn des iberischen Sparta'S, aus. Tckc Juden waren durch allmächtige Verzweiflung ans ihrer langen Schmach dermaßen aufreri ttclt, daß ei» einziger Funke, der in die Asche ihres alten Geistes fiel, die volle Flamme der Abkömmlinge des heldenhaften Palästinas wieder anfachtc. Sic wurden cnnuthigt und unterstützt von de» verdächtigten Christen, die in dieselbe Verfolgung mit verwickelt worden, und an der Spitze des Ganzen stand ein Mann, der plötzlich unter ihnen auftrat und durch seine wilde Beredsamkeit und seine kriegerische Seele in diesem Augenblick die glühendste Begeisterung hcrvorrief. Unglücklicherweise sind wir aller nähern Zuge dieses merkwürdigen Aufstandes beraubt; nur durch behutsame Winke und versteckte Anspielungen thun uns die spanischen Chronisten die Existenz und Gefährlichkeit desselben kund. Offenbar wurde jeder Bericht über ein Ercigniß, das zu den furchtbarsten Nachahmungen führen konnte, und eben so sehr den Stolz und Geiz des spanischen Königs, als den frommen Eifer der Kirche beunruhigte, streng 30 verboten, und die Verschwörung ging in der grauenhaften Stille der Inquisition, in deren Hände die Häupter der Verschworenen zuletzt fielen, unter. Wir erfahren bloß, ein hartnäckiger, blutiger Widerstand scp von Ferdinand siegreich überwunden worden und habe mit der gänzlichen Vernichtung der Vcrräthcrci geendet. An einem Abend sah man einen einsamen Flüchtling, hart verfolgt von bewaffneten Brüder» der heiligen Hcrmandad, aus einer wilden Fclfenschlucht hcr- vorkommcn, die plötzlich in die Gärten einer kleinen und, wie cs bei dem Nichtvorhandcnscpn von Befestigungen und Wachen schien, verlassenen Burg cinmün- dctc. Hinter sich hörte der Fliehende, in der ausnehmenden Stille, welche die Luft der spanischen Abenddämmerung bezeichnet, in beträchtlicher Ferne das Blasen von Hörnern und das Stampfen von Hufen. Seine Verfolger, in mehrere Abthcilungcn geschieden, besetzten rings das Land hinter ihm, wie Fischer ihr Netz von Bank zu Bank ziehen, wohl wissend, daß die Beute, die sie vor dem Netz her treiben, ihnen zuletzt nicht entgehen könne. Der Flüchtling hielt zweifelhaft an und blickte umher; er war beinahe erschöpft, seine Augen mit Blut unterlaufen; große Tropfen rollten ihm schnell von der Stirn; seine ganze Gestalt zitterte und bebte wie ein Hirsch, welcher vor der Meute steht. Vor der Burg breitete sich, so weit das Auge reichte, eine freie Ebene aus, ohne Busch oder Höhle, die ihn hätte bergen können; Flucht über 31 eine seinen Nachsctzern so günstige Ocrtlichkeit hin war augenscheinlich umsonst. Keine Wahl blieb, als entweder ans dem von den Reitern nmschwärmtcn Pfad zurückzukchrcn, oder sich dem dürftigen und gefahrvollen Versteck, das ihm die Gebüsche im Burggartcn bieten mochten, anznvertrauen. Er entschloß sich zu Letzterem, überstieg die niedere Mauer des Platzes, und sprang in ein Dickicht übcrhangcnder Eichen und Haselnüsse hinab. In dem Garten saßen um eben die Stunde zwei Damen neben einem kleinen Brunnen: die eine von etwas vorgerückten Jahren, die andere in der Blüte jungfräulichen Alters. Aber die Blüte war allzufrüh verwelkt, und weder der Glanz noch das Wcllcnspicl des Fleisches, das ihrem Alter entsprochen hätte, zeigte sich in der Marmorblässc und nachdenklichen Trauer ihres schönen Gesichtes. „Ach, meine junge Freundin," sprach die ältere Dame, „in diesen Stunden der Einsamkeit und Stille fühlen wir die Nichtigkeit des Lebens am tiefsten. Du, meine thcnrc Bekehrte, bist nicht mehr der Gegenstand meines Mitleids, sondern meines Neides, und ich fühle im Innersten die gefegte Ruhe, welche Dein Geist im Schoße der Mutter Kirche genießen wird. Selig sind Die, welche jung sterben; aber dreimal selig Die, welche nicht sowol im Fleisch, als im Geist sterben; welche todt sind für die Sünde, aber nicht für die Tugend; für die Angst, aber nicht für die Hoffnung; für die Menschen, aber nicht für Gott." 32 „Thcurc Senhora," erwicdcrte das junge Mädchen traucrvoll, „war' ich allein auf Erden, so ist der Himmel mein Zeuge, mit welch' tiefer und dankbarer Selbstcntäußcrung ich das heilige Gelübde thnn und der Vergangenheit abschwörcn würde; aber das Her; bleibt menschlich, so göttlich auch die Hoffnung scyn mag, die cs nährt. Oft schrecke ich zusammen und denke an meine Heimat, meine Kindheit, meinen räth- sclhaficn aber geliebten Vater, der verlassen und kinderlos in hohem Alter dastchcn wird." „Du trägst nur die Schmerzen, Lcila," cntgog- nctc die ältere Senhora, „welche die Bestimmung unserer Natur sind. Was liegt daran, ob Abwesenheit oder Tod die Herzen trennt! Du klagst um einen Vater, ich um einen Sohn, der in der Blüte der Jugend und Schönheit starb — um einen Gatten, der in den Fesseln der Mohren schmachtet. Tröste Dich über Deine Schmerzen durch den Gedanken, daß Schmerzen das Erbthcil Aller sind." Ehe Lcila antworten konnte, wurden die Orangcu- zwcigc über ihnen weggczogcn, und zwischen den Frauen und der Fontäne stand hie dunkle Gestalt AlmameuS, des Israeliten. Lcila fuhr empor, stieß einen Schrei aus, und warf sich bewußtlos an seine Brust. „O Gott Israels!" rief Jener im Ton titfstcr Qual, „finde ich endlich wieder mein Kind und drück' cs an mein Herz? und soll cs bloß für diesen Augenblick scyn, wo ich am Rand des Todes stehe? Lcila, mein Kind, schau empor! lächle auf Deinen Vater! 33 laß ihn an seiner wirren, brennenden Stirn den süßen Odem der Letzten seines Hauses fühlen, und ihn wenigstens Einen heiligen und freundlichen Gedanken mit ins dunkle Grab nehmen." „Mein Vater! ist eS wirklich mein Vater?" fragte Lcila, wieder zu sich kommend und etwas zurückbcu- gcnd, »m sich der bekannten Zuge zu vergewissern. „Ja Du bist's! Du bist's! — Welches scgcnvollc Geschick bringt unü zusammen?" „Das Geschick, das mich jetzt ins Grab führt!" crwiedcrtc Almamcn ernst. „Horch! hörst Du nicht das Geräusch ihrer dahcrstürzcndcn Rosse? — ihre ungeduldigen Stimmen? Sic sind an mir!" „Wer? Von Wein sprichst Du?" „Meine Verfolger! — Die spanischen Reiter!" „O Senhora, rettet ihn!" rief Lcila und wendete sich an Donna Jnez, welche, von Vater und Kind bisher vergesse», mit erstauntem, ängstlichem Blick auf Almamcn schaute. „Wohin kan» er fliehen? Die Schloßgcwölbc können ihn berge»! Dorthin — schnell !" „Halt!" cntgcgnetc Jnez zittcnd und nahe zu Almamcn tretend. „Sch' ich recht? erkenne ich unter dieser dunkeln Veränderung durch Jahre und Leiden jene stattliche Gestalt, die einst vor dem trauernden Auge einer Mutter so mächtig gegen das welke, hin- finkcndc Bild ihres einzigen Kindes abstach? Bist Du nicht Der, welcher meinen Sohn von der Pest errettete, ihn an die Küste Neapels begleitete, und diesen Armen 34 übergab? Sich mich an! erkennst Dn nicht die Mnttcr Deines Freundes?" „Ich erinnere mich Deiner Züge trüb und wie in einem Traum," crwicdcrtc der Hebräer; „und während Dn sprichst, stürzt das Bild einer früheren Zeit auf mich herein, eines Landes, wo Lcila zuerst das Licht erblickte, und ihre Mutter mir bei der untcrgc- hcndcn Sonne, am Rauschen des Euphrat und ans der Stätte hingcgangcncr Reiche, ihre Lieder sang. Dein Sohn — ich erinnere mich jetzt: ich hatte damals eine Freundschaft mit einem Christen — denn ich war noch jung." „Verliert die Zeit nicht — Vater — Senhora!" rief Lcila ungeduldig, sich noch immer an die Brust des Alten klammernd. „Du hast recht; und Dein Vater, in dem ich so wunderbar meines Sohnes Freund erkenne, soll nicht verloren scpn, wenn ich ihn retten kann." Damit führte Zncz ihren seltsamen Gast durch ein Thürchcn auf der Hinterscitc des Schlosses, und nachdem sie ihn durch ein paar größere Gemächer gebracht, ließ sic ihn in einer Garderobe neben ihrem eigenen Zimmer, deren Eingang durch eine Tapete bedeckt war, allein. Mit Recht hielt sic dies für einen bessern Versteck, als die Gewölbe unter dem Schloß, indem ihr weit verbreiteter Name und ihre bekannte Intimität mit Isabellen jeden Verdacht, daß sic dem Entkommen des Flüchtlings Vorschub leiste, entfernen, und folglich diejenigen Orte zu den sichersten machen 35 mußte, an welchen er sich, ohne solchen Vorschub, nicht verbergen konnte. Nach wenigen Minuten langten mehrere von den Soldaten im Schloß an, begnügten sich jedoch, sobald sie den Namen seines Eigcnthümers erfuhren, mit Durchsuchung des Gartens und der zu ebener Erde liegenden Gelasse. Nachdem sie der Dienerschaft ein wachsames Auge empfohlen, setzten sie sich wieder zu Pferde und sprengten weiter, die Ebene zu durchstreifen, über welcher jetzt langsam Sternenlicht und Dämmerung aufstiegcn. Als Lcila sich endlich in das Gemach stahl, in welchem Almamcn verborgen war, fand sie ihn auf seinem Mantel gjchgcstreckt in tiefem Schlafe. Bei ' der Erschöpfung durch Alles, was er ausgestandcn und > der Sänftiguug seiner starren Nerven durch das Zusammentreffen mit seiner Tochter, war der Schlummer des wilden Wanderers so ruhig, wie der eines Kindes. ' Und fast schien ihr gegenseitiges Verhältniß umgekehrt, und die Tochter zur Mutter geworden, die bei ihrem i jungen Sprößling wacht, wenn sich Leila jetzt neben i den Vater nicdersctzte und die Augen, in welche die Z Thränen trotz allem Wcgwischcn immer wicdcrkehrten, H auf seine abgcmühtcn aber stillen Züge heftete, die bei < dem ruhigen, durchs Fenster schimmernden Licht noch t stiller wurden. Und so verstrichen die Stunden der ' Nacht, und Vater und Kind, die sanfte Neubekehrte j und der rachedurstigc Schwärmer, — waren unter dcm- ! selben Dache. 36 Viertes Kapitel. Älniamen hört und sicht, aber will nicht glauben; dcnn cin übcrangcstrcngtcs Vchirn wird selbst bei den stärksten Naturen schwindlig. Die Morgendämmerung brach langsam in das Zimmer und Almamcn schlief immer noch. Es war ein Sonntag der Christen — der Tag, an welchem der Heiland von den Todtcn aufcrstandcn, von der früher» Kirche so ausdrucksvoll und erhaben „der Tag des Herrn"' genannt. Als das Licht der Sonne im Osten flammte, fiel cü, wie eine Glorie, ans cin Crucisir, das in der Vertiefung des-gothischcn Fensters stand, und brachte plötzlich vor Lcilas Augen das Antlitz, auf welchem jenen erhabenen, mystischen Verband der Todesqual des sterbenden Menschen mit der erhabenen Geduld des Gottes anszudrückcn, in der Regel selbst den schwächsten katholischen Bildnern noch gelingt. ES blickte sic an, dieses Antlitz; cs lud cin und crmu- thigtc, wahrend cS zugleich durchschaucrtc und überwältigte. Sic schlich sachte von ihrem Vater weg und warf sich vor dem heiligen Bild auf die Knie nieder. „Stärke mich, mein Erlöser," flüsterte sie — „stärke Deine Kreatur! kräftige ihren Schritt auf dem Pfade des Heils, wenn derselbe sic auch unwiderruflich von Allem trennt, was sic auf Erden liebt; und liegt ein Opfer in ihrem heiligen Entschluß, so nimm es, Gekreuzigter, als einigen Ersatz für das Verbrechen 37 ihres halsstarrigen Volkes an, und laß die Lippen eines Mädchens ans Jndäa Dich nicht umsonst um Milderung des furchtbaren Fluches anrufcn, der mit Recht auf ihren Stamm gefallen ist!" Zudem sic, unterbrochen durch leises Schluchzen und mit stammelndem Tone dies Gebet sprach, wurde sic plötzlich durch einen tiefen Se'ufzcr erschreckt, und sah, als sic bestürzt hcrumfuhr, daß Almamen erwacht war und, aus den Arm gestützt, seine dunkeln Augen auf sie heftete, die noch einmal ganz vom alten Feuer glühten. „Sprich!" hob er an, indem sic ängstlich ihr Gesicht verbarg; „sprich zu mir, oder ein furchtbarer Gedanke erstarrt mich zu Stein. Kniest Du vor diesem Bilde in Anbetung? mein Verstand verwirrt sich, wenn ich wahruchmc, daß Deine gebrochenen Worte dem Dienst eines Abtrünnigen gelten! Nur der Barmherzigkeit willen, sprich!" „Vater," begann Lcila; aber ihre Lippen vermochten nicht mehr als dieses rührende, heilige Worte hcr- vorzubringcn. Minamen stand auf, zog ihr die Hände vom Ge-" sicht, und sah sic eine Zeit lang fest an, als wollte er in ihre tiefste Seele dringen. Leila gewann wahrend dieser Pause allmälig ihren Muth wieder, und ihr Blick traf uncrschüttcrt mit dem scinigcn zusammen — ihre reine, kindliche Stirn erhob sich zu der scinigcn, und Trauer, aber nicht Schuld, sprach ans jeder Linie des holden, mädchenhaften Antlitzes. 38 „Du zitterst nicht," sprach Almamen, Pas Schweigen endlich brechend, — „und ich habe geirrt. Du bist nicht die Frcvlcriu, für welche ich Dich gehalten. Komm in meine Arme!" „Ach!" rief Lcila, indem fic, dem natürlichen Instinkt folgend, sich an dieses rauhe Herz warf, „ich will mindestens den Mnth haben, meinen Gott nicht zu verleugnen. Vater, durch den grauenhaften Fluch, der auf unserem Volk liegt, und unö heimath- und machtlos hinstellt — als Auswürflinge und Fremde des Landes —; durch die Verfolgung und Qualen, die wir erduldet haben, laß Dein hohcitvolles Herz sich überzeugen, daß wir mit Recht bestraft find für die Verfolgung und Qual, zu welcher wir Den vcrurtheilt, dessen Fußtritt unsere' Heimat heiligte! Zuerst in der Geschichte der Welt befleckten die strengen Hebräer die Menschheit mit dem grausigen Frevel der Verfolgung um des Glaubens willen. Der Same, den wir gcsäet, hat die furchtbare Frucht erzeugt, die wir essen. Verhärte nicht Dein Herz, höre auf Dein Kind; so weise Du auch bist und so schwach mein weibischer Geist, höre doch auf mich!" „Verstumme!" rief Almamen mit einem Laut, der aus dem Grabe hätte kommen können, so geisterhaft war sein hohler Klang; dann trat er ein paar Schritte urück, legte beide Hände an die Schläfen und murmelte: „verrückt, verrückt! ja, ja — das ist nur ein Wahnsinn, und ein Satan versucht mich! O mein Kind!" begann er dann wieder in einem uubcschrcib- 39 bar zärtlichen und flehenden Tone — „ich bin furchtbar ermattet und träumte einen fieberhaften Traum der Wuth und Rache. Dein Mund und Deine sänftigcnde Hand sollen mich aus demselben erwecken. Laß uns auf immer aus diesen verhaßten Ländern fliehen; wir wollen diesen elenden Ungläubigen ihren blutigen Zwist lassen, unbekümmert, welche Partei fallen soll. Nach einem Boden, den kein chrner Fuß betritt, in eine Luft, wo das Gebet des Menschen in Einsamkeit znm großen Jchovah aufsteigt, laß uns die müden Schritte lenken! Komm i so lange das Schloß noch schläft, laß uns ungesehen fortcilcn — der Vater und das Kind. Wir wollen süße Zwiesprache unterwegs halten. Und, hörst Du Lcila," setzte er mit leisem, plötzlichen Flüstern hinzu: „sprich mir nicht von jenem Gekreuzigten; denn Dein Gott ist ein verborgener Gott, und cs gibt kein Bild von ihm." Wär' er minder erschöpft durch lange Mühen und marternde Gedanken gewesen, so würde die Sprache eines so strengen Menschen vielleicht ganz anders gelautet haben. Aber die Umstände unterwerfen fich auch dem härtesten Stoff, und trotz seinem angeborenen Verstand und seiner stets erstrebten Ucbcrmacht über Andere, war Niemand vielleicht menschlicher Schwäche so unterworfen in seiner Weichheit und Kraft, seiner Leidenschaft und seinen Bestrebungen, als dieser seltsame Mann, der cö in scincin anmaßenden Eigenwillen gewagt hatte, über die Menschheit hinaus zu ringen. 4V Es war wirklich cin gefährlicher Moment für die Ncubckchrtc. Dic unerwartete Milde ihres Vaters überwältigte sic gänzlich, nnd jener Alles verleugnende Eifer katholischer Glanbcnöbcgcistcrung, welchem jedes menschliche Band und jede Erdcnpflicht nicht selten zum Opfer gebracht worden sind auf dem Altar verzückter, überschwänglicher Frömmigkeit, batte von Lcilas Herzen noch keineswegs vollen Besitz genommen. Was auch ihre Ansichten, ihr neuer Glaube, ihre geheime Sehnsucht »ach dem Kloster, — genährt durch die erhabene, wenn auch irrige Vorstellung, als ob durch ihre Bekehrung und Opferung vielleicht die Sünden ihres Volkes abgcbüßt werden könnten in den Augen Dessen, der durch seinen Tod für eine ganze Welt gebüßt hatte, — was immer auch dergleichen höhere Gedanken und Gefühle sehn mochten, sic wichen in diesem Augenblick dem unwiderstehlichen Andrang der gewöhnlichen Natur und der kindlichen Pflicht. Sollte sic ihren Vater verlassen, und konnte solche Vcrlassung eine Tugend scpn? Ihr Herz that und beantwortete beide Frage» mit Blitzesschnelle: sic trat auf Almamcn zu, faßte ihn bei der Hand und sagte ruhig und fest: „Vater, wohin Dn auch gehst, will ich mit Dir." Aber der Himmel bestimmte ihnen Beiden cin anderes Loos, als wol cingctrctcn scpn würde, wäre dic Stimme jenes Natnr- impulscs befolgt worden. Eh' Almamcn antworten konnte, ertönte cin lauter Trompetenstoß vor dem Thorc. „Horch!" sprach er und griff nach dem Dolch, 41 plötzlich wieder von dem Gefühl der ihn umgebenden Gefahren durchzuckt. „Sic kommen, meine Verfolger und Mörder; doch diese Glieder haben noch einen Schutz gegen die Folter!" Selbst der Gefahr kündende Schall war beinah eine Erleichterung für Lcila. „Ich will fort," sagte sie, „und höre», was das Blasen bedeutet; bleib hier — scp auf der Hut — ich komme gleich wieder." Allein cS verstrichen mehrere Minuten, bis Lcila wieder kam. Sic war von Donna Jncz begleitet, deren Blässe und Hast ihre Bestürzung hinlänglich kund gaben. Ein Eilbote hatte sich vor dem Thor angckün- digt, die Königin anzumcldcn, die mit einer starken HecrcSabthcilung auf dem Weg war, um zu Ferdinand zu stoßen; denn dieser lag mit der gewohnten Schnelligkeit seiner Bewegungen bereits vor einer der mohrischcn Städte, die sich gegen seine Oberherrschaft anfgclchnt. Unmöglich konnte Almamcn mit Sicherheit im Schlosse bleiben, nnd die einzige Aussicht zum Entkommen lag in unverwciltcm Abgang unter der Hülle einer Verkleidung. „Ich habe," sprach Jncz, „einen zuverlässigen und treuen Diener im Schlosse, dem ich ohne Bcsorgniß Eure Rettung anvcrtrauen kann; und solltet Ihr unterwegs auch Verdacht erregen, so wird mein Name und die Begleitung meines Dieners jedes Hinderniß wcgräumcn; cS ist keine starke Tagereise von hier bis nach Guadir das sich bereits mit den Mohren ver- Bnlwer's Romane. I^XXVl. 4 4 ; bündct hat; dort mögt Ihr, bis Ferdinands Heere die Mauern cinschließcn, eine sichere Zuflucht finden." Almamcn blieb einige Augenblicke in düsteres Schweigen versunken. Endlich aber winkle er dem vorgcschlagcncn Plan seine Bcistimmung zu, und Donna Zncz eilte, seinem Führer die nöthigcn Anweisungen zu geben. „Lcila," hob der Hebräer wieder an, als er sich mit seiner Tochter allein sah, „glaube nicht, daß ich um meiner eigenen Sicherheit willen zu dieser Flucht von Dir mich erniedrige. Nein: aber nie, bis Du mir durch mein eigenes vorschnelles Vertrauen zu einem Andern verloren gingst, mußt' ich, wie thcucr meinem Herzen der letzte Sprößling meines Hauses, das letzte Andenken an die Liebe Deiner Mutier scp. Nun ich Dich wieder gesunden, öffnet sich ein neues, mildes Leben vor meinem Blick, und die Erde scheint, wie durch einen plötzlichen Zaubcrschlag, vom Winter in den Lenz iibcrgcsprnngen. Um Deinetwillen verspreche ich alle Mittel, die menschlicher Scharssinn erdenken kann, zu meiner Errettung von den Feinden anzn- wcnden. Unterdessen wird meine Seele hier bleiben; hichcr werde ich nach Vcrfluß einer Woche — gleichviel, durch welche Gefahren mein Pfad geht — zurückkchrcn, und Dein Versprechen in Anspruch nehmen. Zch will Alles für unsere Flucht bereiten, und kein Stein soll Deinen Fuß unterwegs beleidigen. Der Gott Israels sey mit Dir, mein Kind, und stärke Dein Herz! Aber!" fügte er hinzu und riß sich, da er Tritte die 43 Treppe herauf komme» hörte, aus ihrer Umarmung, „glaube nicht, daß ich in diesem Erguß der väterlichen Zärtlichkeit vergesse, was ich mir und Dir schuldig bin. Glaube nicht, meine Liebe scy blos das rohe, gedankenlose Gefühl des Erzeugers für die Erzeugte: ich liebe Dich um Deiner Mutter willen, — liebe Dich um Deiner selbst — liebe Dich noch mehr um Israels willen. Gehst Du verloren, Du, die letzte Tochter des Hauses Jsaschars, so ist das edelste Geschlecht aus Gottes großem Volke erloschen." Hier erschien Jncz an der Thür, trat aber, bei der unwilligen, hohcitvollcn Bewegung Almamcns wieder zurück, und dieser fuhr, ohne weiter auf Unterbrechung zu achten, fort: „In Dir und Deinen Nachkommen sehe ich die Wiedergeburt voraus, die ich einst selbst noch zu erleben thöricht genug hoffte. Doch lasse» wir Das; Du bist unter dem Dache der Nazarener. Ich kann nicht glauben, daß Künste, die umsonst mit Feuer und Schwert gegen uns auftratcn, gegen Dich etwas vermögen werden. Irre ich jedoch, so wird die Strafe furchtbar scpn! Erführ' ich je, daß Du den Glauben Deiner Väter verlassen, und ständen Krieger und Priester um Dich, und wären Tausend und zehn Tanscnde zu Deiner Hülfe bereit, dennoch würde dieser Stahl das Haus Jsaschars von seiner Beschimpfung retten. Hüte Dich! Du weinst; aber, Kind, ich warne blos, ich drohe nicht. Gott scy mit Dir!" Er drückte die kalte Hand seines Kindes, wendete 4 * 44 sich nach der Thür und, nachdem er sich so wett verkleidet, als die kurze Zeit Ihm gestattete, verließ er das Schloß mit seinem spanischen Führer, der, an die Mildhcrzigkcit seiner Gebieterin gewöhnt, ihrem Befehl ohne Verwunderung, jedoch nicht ohne Verdacht, folgte. Kaum war eine Viertelstunde verstrichen, und die Sonne noch nicht über die Berggipfel vorgerückt, als Isabclla anlangtc. Sic erschien mit der Nachricht, daß bei der Em- pöruug der mohrischcn Städte in der Nachbarschaft das halb befestigte Schloß ihrer Freundin kein sicherer Aufenthalt mehr sey, und beehrte die spanische Dame mit dem Befehl, sic mit ihrem weiblichen Gefolge in Ferdinands Lager zu begleiten. Lcila empfing diese Kunde in einer Art Betäubung. Ihr Gespräch mit dem Vater, der furchtbare Kampf des Gefühls, den dieses Gespräch hcrbcigcführt, hatten sic halb besinnungslos gemacht, und als sic sich mit dem Abcndstcrn abermals unter Zsabcllens Begleitung fand, war die einzige Empfindung, die durch ihr verwirrtes Gcmüth selbstständig durchdrang, die, daß die Hand der Vorsehung sic aus einer Versuchung errettet habe, die, wie der Kenner aller Herzen wissen mußte, für ein Weib und eine Tochter zu stark war. Am fünften Tage nach seinem Abgang kehrte Almamcn zurück — um das Schloß verlassen und sein Kind fortgcgangcn zu finden. 45 Fünftes Kapitel. Ln dem Dährungsgcfiißc der großen Ereignisse sängt ric Hcsc nn z» steigen. Die Israeliten beschränkten ihren Kampf nicht auf die dunkle Verschwörung, die bereits «»gedeutet worden. Zn einigen der von Ferdinand abgcfallencn mährischen Städte traten sic ans der Neutralität, die sie bisher zwischen Christ und MoSlciu beobachtet. Mochten sic durch die furchtbaren Barbareien Ferdinands und der Inquisition gegen ihr Volk entflammt scpn, oder wurden sic durch eine» Mann ihres eigenen Stammes, in welchem sic das Haupt ihrer gcheiligsten Familie anerkannten, aufgewicgclt, oder vereinten sich, wie am wahrscheinlichsten, beide Ursachen: gewiß ist, daß sic Gefühle zeigten, welche von dem gewöhnlichen Benehmen dieses friedliebenden Volkes gänzlich ab- wichcn. Sic lieferten große Beiträge in den öffentliche» Schatz, — sie forderten Waffen.und wurden, unter ihren eigenen Anführern, obwol mit großer Vorsicht und Eifersucht, unter die Truppen der hcrab- blickcndcn, verachtungsvollen Moslems ausgenommen. Bei dieser Confnnction feindlicher "Planeten nahm Ferdinand seine Zuflucht zu seiner Licblingsmaßrcgcl, zu Ränken und List. Eben jenen Vertrag, den Alma- mcn einst zu Gunsten seines Volkes zu erhalten gesucht, nunmehr als Mittel gegen dasselbe gebrauchend, sorgte der Fürst, daß das Gerücht im Umlauf kam, als hätten Mi , - 46 die Juden, um ihren Frieden mit ihm z,verkaufen, sich anheischig gemacht, die mohrischcn Städte, und Granada selbst, zu vcrrathen. Das Papier, das er bei jener Unterredung mit Almamcn unterzeichnet und in dessen Besitz er sich bei der Gcfangcnnchmung des Hebräers wieder gesetzt hatte, gab er einem Spion und schickte ihn, als Jude verkleidet, damit in eine der empörte» Städte. Der mohrische Anführer bekam Wind von der Ankunft dieses Abgesandten; er ward ergriffen ur.d das Dokument bei ihm gefunden. Die Worte, wie sic Almamcn nicdcrgcsctzt, (der sorgfältig vermieden hatte, weder seinen angenommenen, noch den ihm von Gebart gebärenden Namen zu nennen), stellten bloS den Pakt auf, daß wenn innerhalb vierzehn Tage von dem dort genannten Datum an Granada durch einen Juden dem Christenköuig überliefert werde, die Inden gewisser Freiheiten und Rechte genießen sollten. Die Entdeckung dieses Dokumentes erfüllte die Mohren in der Stadt, wohin der Spion gesendet worden, mit einer Wuth, die Worte nicht zu beschreiben vermögen. Von vornherein mißtrauisch gegen ihre Verbündeten, glaubten sic jetzt den einzigen Grund von deren plötzlicher Begeisterung, von ihrem Verlangen nach Waffen, zu durchschauen. Der Pöbel erhob sich: die angesehensten Juden wurden ergriffen und ohne Verhör in Stücke gehauen, während Andere unter der langsamern Folter der Obrigkeit erlagen. Man entsendete Boten in die empörten Städte, und 47 vor Allem nach Granada selbst, um den Moslems Vorsicht gegen die unseligen Feinde beider Parteien anzucmpfchlcn. Eben so geldgierig als blutdürstig kamen die Mohren der Inquisition in der Grausamkeit, Ferdinanden in den Erpressungen gleich. Es war das düstere Schicksal Almamcns, wie so manches andern voreiligen und hitzigen Befreiers ans der Sklaverei, die Schrecken und Leiden, die er lindern gewollt, zu mehren. Die Warnung vor den Juden traf in Granada ein, eben als der Wcssir Justus von seinem stets noch vor dem Schloß von Salobrcna liegenden Herrn den Befehl erhalten hatte, jedes Mittel zu gebrauchen, um den schwindenden Schatz wieder zu füllen. Neue Erpressungen unter den Mohren selbst scheuend, sah Juffuf einen so gerechten Vorwand zu abermaligen, ungcmcssencn Auflagen unter den Juden wie eine Botschaft des Himmels an. Gcwaltthätigkcitcn durch den Pöbel wurden verhindert, weil die Obrigkeit an der Spitze stand, die weise dafür sorgte, daß der Staat keinen Genossen bei dem nöthigcn Raub habe, und so ward das Werk der Con- fiöcation und Plünderung mit einer imposanten, ruhigen Ordnung durchgeführt, die in gleichem Maß das Anschn des Wessirs hob, worin sic die Kassen des Königes füllte. Spät an einem Abend machte Limen seine gewöhnliche Runde durch die Gemächer in Almamcns Hause. Indem er sich die verschiedenen Gegenstände des Rcichthums und der Ucppigkcit besah, brach er 48 dann und wann in cin leises, stoßweises Kichern ans, rieb sich die dürren Hände und murmcllc: „wenn mein Herr stirbt! wenn mein Herr stirbt!" Unter dieser Beschäftigung vernahm er einen verwirrten, fernen Lärm; er horchte aufmerksam und unterschied das, neuester Zeit so häufig gewordene, Geschrei: „Es lebe Jnfsuf der Gerechte! — nieder mit den vcrräthcrischcn Juden!" „Ah," sagte Timen, und der Ausdruck seines Gesichtes wechselte, „eine neue Plünderung an unserem Volk! Und das ist Dein Werk, Sohn JsascharS! Wahnsinniger der Du warst, weiser sepn zu wollen, als Deine Väter, und zu glauben, Du könnest die Götzendiener überlisten im Rathszimmcr und Kriegslagen, ihrem angewiesenen Felde, wie der Bazaar und Marktplatz das unsrige ist. Niemand argwöhnt, daß der mächtige Santon der vcrraihcrische Jude scp; aber ich weiß cs! ich könnte Dich der Bogcnscnne überliefern, und wenn Du todt wärest, gehörte all Dein Gut und Gold bis zum Esel an der Krippe dem armen Timen!" Er hielt bei diesem Gedanken an, schloß die Augen und lächelte bei der Aussicht, die er fich vormaltc; nachdem er sofort seinen Rundgang beendigt, kehrte er in sein eigenes Gemach zurück, das durch ein Thürchcn in einen der hintern Hofräumc öffnete. Kaum war er in diesem Zimmer angekommen, als er cin leises Klopfen am äußern Thor vernahm und an der dreimaligen Wiederholung desselben erkannte, daß es von cincm seiner jüdischen Brüder hcrrührtc. Denn Timen, in welchem Aller, Vereinzelung und Gei; längst weg- gefressen, was von bessern Gesinnungen in cincm von Natur armen und harten Herzen seine dürftigen Wurzeln geschlagen — behielt wenigstens noch ein menschliches Gefühl gegen seine Landsleute. Es war das Band, das alle Verfolgte vereinigt; ja Timen liebte seine Stammgcnoffcn, weil er ihr Glück nicht zu beneiden hakte. Das Anschn — die Kenntnisse — die stolzen, wenn auch wilde» Entwürfe seines Herrn dc- müthigtcn ihn: er haßte ihn heimlich, weil er ihn nicht bemitleiden oder verachte» konnte. Die gebeugte Gestalt dagegen, die knechtische Stimme, die zaghaften Nerven seiner unterdrückten Brüder erregten in dem Alten nur die Vorstellung an Wesen, die nicht über ihn zu triumphircn vermochten. Gcdcmüthigt, bejahrt, einsam, wie er war, empfand er eine Art winterlicher Wärme bei dem Gedanken, daß selbst Er die Macht habe, zu beschützen ! Ans diesem Grunde unterhielt er einen Verkehr mit den übrigen Israeliten, und hatte denselben in ihren Gefahren oft cin^Zuflucht in den zahlreichen Gewölben und Gangen gewährt, deren Getrümmer man noch jetzt unter den verwitternden Grundlagen jenes gchcimnißvollcn Gebäudes wahrnimmt. Und da das Haus allgemein als das Eigcnthum eines abwesenden Emirs galt, und der Obhut der Kadi's von Boabdil ausdrücklich empfohlen war, welcher letztere allein unter den Mohren wußte, daß cs einer der Aufcnt- ÜO haltsortc des Santons scy, dessen ostensible Wohnung die ihm im Palast selbst angewiesenen Gemächer bildeten — so mochte dasselbe allerdings vielleicht der einzige Ort in Granada scpn, der den umhcrgciagtcn Israeliten eine sichere, »»beargwöhnte Freistatt lieferte. Als Linien das gewohnte Zeichen seiner Brüder erkannte, kroch er znr Thür, und nachdem er znr Vorsicht noch ein hebräisches Losungswort gesprochen, ans welches ihm in der gleichen Sprache geantwortet wurde, öffnete er, und herein trat die hagere, vorgcbcugtc Gestalt dcs reichen EliaS. „Wcrthcr und trefflicher Herr!" sprach Limen, sobald er den Eingang wieder verschlossen, „was kann de» geehrten und reichen EliaS ins Gemach dcs armen Knechtes führen?" „Mein Freund," crwicdcrtc dieser, „nenn mich weder reich noch geehrt. Jahre lang Hab' ich in der Stadt gewohnt, sicher und in Ansehn, selbst bei den Moslemin; denn ich habe erkauft mit edel» Gesteinen und Schäften den Schutz dcs Königes und der Großen. Aber jetzt in diesem plötzlichen Zorne der Heiden, — die sich immer nichtige Dinge in den Kopf setzen — bin ich in die Gegenwart ihres obersten Nabbi entboten worden, und der Folter nur durch eine Summe entgangen, welche zehn Jahre der Arbeit und dcs Schweißes nicht ersetzen können. Limen, der bitterste Gedanke ist, daß die Verrücktheit eines unserer eigenen Leute diese Trauer über Israel gebracht hat." „Mein Herr spricht in Räthseln!" entgegnen 51 Limen, mit wohl erkünsteltem Erstaunen in seinen gläsernen Augen. „Was wendest und drehst Du Dich, guter Linien?" fragte der Jude kopfschüttelnd; „Du weißt wol auf Wen meine Worte gehen. Dein Herr ist der sogenannte Almamcn, und dieser abtrünnige Jsraclitc (wenn Der noch ein Jsraclitc, der verlassen hat Brauch und Weise seiner Väter) ist cö, der die Juden in Cordova und Guadir aufgcwiegclt und dessen Thor- hcit diese schrecklichen Dinge über uns gebracht hat. Heiliger Abraham! Dieser Jude hat mir mehr gekostet, als fünfzig Nazarener und hundert Mohren!" Limen blieb still, und Elias, dessen Zunge durch den Gedanken an seine verdrießliche Einbuße gelöst war, fuhr fort: „Sogleich als der Sohn Jsaschars wieder kam und ein Rathgcbcr ward am Hofe des Königs, erkannte ich, der ihn als ein Kind in die Synagoge geführt — denn der alte Jsaschar war mir Werth wie ein Bruder — erkannt ich ihn an seinen Augen und seiner Stimme wieder. Aber Jubel war in mir über seine List und Verkleidung; — ich glaubte, er würde große Dinge thun fü-r seine armen Brüder, und dem Freund seines Vaters auswirkc» die Lieferung der Kleider und kostbare» Zeuge für des Königs Weiber und Kcbswcibcr. Allein Jahre sind verflossen: Er hat unsere Lasten nicht leichter gemacht, und durch die Narrheit, die zuletzt über ihn kam, als er sich an die Spitze des Hcidenheercs stellte und unsere Leute in Gefahr und Verderben stürzte, hat er vcr- 52 dient den Fluch der Shnagogc und den Zorn unseres ganzen Volkes. Zch vernehme von unfern Leuten, die durch Verzicht auf ihr Vermögen der Inquisition entronnen sind, daß jene thörichtcn und verrückten Entwürfe den Hauptvorwand -ergaben für die Leiden der Gerechten unter den Nazarenern, und eben wieder jene Entwürfe bringen über uns die gleiche Verfolgung durch die Mohren! Verflucht scp er und möge »ntcrgehcn sein Name!" Timen seufzte, blieb aber still, begierig, zu welchem Ende wol die Schmährcdcn des Juden führen würden. Er hatte nlch lange zn warten. Nach einer Panse nahm Elias in einem veränderten, ruhigcrn Tone wieder das Wort: „Er ist reich, dieser Sohn Zsaschars, wundcrhaft reich." „Seine Schätze sind mindestens über die Hälfte der Städte Afrikas und des Morgenlandes hin anS- gestrcnt." „Du sichst denn, mein Freund, daß Dein Herr ein schweres Loos über mich gebracht hat. Zch bin Herr seines Geheimnisses; ich könnt' ihn preisgcbcn dem Zorn des Königes; könnt' ihm Zufuhren den Tod. Aber ich bin gerecht und mild: er zahle meinen Schaden und ich will meinen Acrgcr vergessen." „Du kennst ihn nicht," crwicdertc Timen, erschreckt durch den Gedanken an einen Ersatz, der seine Anwartschaft auf die in Granada befindlichen Güter Al- mamcns vielleicht bedeutend hcrabsetzen mochte. 53 „Aber wenn ich ihm mit Angabe seines Geheimnisses drohe?" „So wurdest Dn nur ein Futter der Fische im Darro werden," unterbrach ihn Limen. „Ja, erfährt Almamcn überhaupt nur, daß Dir seine Geburt und sein Name bekannt find, so zittere! Deine Tage im Lande sind gezählt!" „Wahrlich!" rief der Jude in großer Bestürzung, „dann bin ich in die Schlinge gefallen; denn mein Mund hat ihm verrathen, daß ich damit bekannt bin." „Dann ist der gerechte EliaS innerhalb der nächsten zehn Tage von der Znrückkunft Almamcns in Granada an ein verlorner Mann. Ich kenne meinen Herrn; er ist ein furchtbarer Mensch. Blut ist ihm wie Wasser." „Verderben treffe den Verdammten!" rief Elias mit den Füßen stampfend, und Feuer flammte aus seinen dunkeln Augen; denn der Instinkt der Selbst- crhaltnng setzte ihn in Wnth. „Doch nicht von mir," fügte er ruhiger hinzu, „wird seine Gefahr kommen. Wisse, daß mehr als hundert Inden in der Stadt sind, die seinen Tod geschworen haben. Juden, die von Cordova hierher geflohen sind, dort ihre Verwandte ermorden und ihre Habe rauben sahen, und im Sohne Jsaschars den Ursächcr des Mordes und Raubes erkannten. Sic haben den Betrüger entdeckt und hundert Messer werden im Augenblick für ihn geschliffen: mög' er sich vorschcn! Limen, ich habe zn Dir gesprochen wie Thoren sprechen; Du kannst mich Deinem 54 Herrn angcbcn; aber auf die Schilderung unserer Leute von Dir hin, Hab' ich mein Herz ohne Furcht ausgcschüttct. Willst Du Israel vcrrathcn, oder uns den Vcrräthcr nicderschmcttcrn helfen?" Limen dachte einen Augenblick nach, und sein Nach- dcntcn richtete sich auf die Schatze seines Herrn. Er gab dem Elias die Rechte, und als die Beide» von einander schieden, waren sic Freunde. Sechstes Kapitel. Boabdilo Zurückkehr. — Wiedcrcrschrinen Ferdinands vor Granada. Am dritten Morgen nach diesem Gespräch kam das Gerücht nach Granada, Boabdil scy von seinem Angriff auf die Eitadcllc von Salobrcna mit schwerem Verluste zurückgcschlagcn worden; cs scy Fcrdnando del Pulgar gelungen, den Belagerten ein beträchtliches Hülfscorps zuzuführcn, und das Heer, Ferdinands befinde sich auf dem Marsch gegen den Mohrcnköuig. Mitten in der Aufregung, welche durch diese Nachricht hcrbcigcführt wurde, langte ein Eilbote an, der die Richtigkeit derselben bestätigte und Boabdils Zurückkunft verkündete. Bei Einbruch der Nacht traf der König, dem Heere voran, in der Stadt ein, und eilte sich in die Alhambra einzuschließen. Als er sich niedcrgcschla- 55 gcncn Sinnes in die Gemächer der Frauen begab, trat seine strenge Mnttcr zu ihm. „Mein Sohn," sprach sic bitter, „kehrst Dn zurück, und nicht als Sieger?" Ehe noch Boabdil antworten konnte, eilte ein leichter, schneller Schritt dnrch die schimmernden Arkaden, und frcudcwcinend nnd über alles orientalische Ccre- moniell sich wegsctzcnd, stürzte Amine an seine Brust. „Mein Geliebter, mein König, Licht meiner Augen, Du kehrst zurück I Willkommen! — denn Du bist unverletzt." Die verschiedene Art dieser beiden Begrüßungen machte einen mächtignn Eindruck aus Boabdil. „Dn siehst, Mutter," sprach er, „wie groß der Gegensatz zwischen Denen ist, die uns aus Zärtlichkeit, und Denen, die uns aus Stolz lieben. 2m Unglück behüte mich Gott vor Deiner Zunge, o Mnttcr!" „Aber auch ich liebe Dich aus Stolz," flüsterte Amine; „und aus diesem Grunde ist mir Dein Unglück thcucr, denn cs entreißt Dich der Welt, um Dich mehr mein eigen zu machen, nnd ich bin stolz ans die Leiden, die mein Held mit seiner Sklavin thcilt." „Lichter her und das Banket!" rief der König, sich von der harten Mnttcr abwendend. „Wir wollen ein Fest halten und fröhlich sehn, so lange wirs können. Meine angcbctete Amine, küß mich." So stolz, so düster und so zartfühlend Boabdil auch war, empfand er in dieser Stunde doch keine Trauer: solchen Balsam hat die Liebe für unsere 56 Schmerzen , wenn ihre Schwingen von der Taube geborgt sind! Und obwol die Gesetze orientalischen Lebens die Sphäre von Aminc'S freundlichem Einfluß auf die engen Wände eines Harems beschränkten; obwol »ns, selbst in einem Roman, der natürliche Gang der Ereignisse nothigt, nur in einem schwachen, schnellen Umriß das lcbcnvolle, reiche Farbcnbild dieser Seele fcstznbalten, so bleiben für diesen Umriß doch die zwei lieblichsten und edelsten Züge der Weiblichkeit: — die Macht, uns zur Thal anznfcuern, und die Milde, uns beim Unterliegen zu trösten. Während Boabdil und die Hauptmasse des Heeres in der Stadt blieben, durchschwärmtc Musa mit einer auserlesenen Abthcilung Reiterei die Gegend, um die ne» erworbenen Städte zu besuchen und ihren Muth aufrecht zu erhalten. Don diesem Geschäft ward er durch die Armee Ferdinands abgerufcn, die auf einmal die Vcga überflutete, die Erudtcn gänzlich zerstörte, und dann sich zurückzog, um die Wicdcrerobcrnng der empörten Städte zu Stande zu bringen. Auf diese Unterbrechung folgte eine Zwischenzeit der Ruhe — die Stille vor dem Sturm. Aus allen Thcilcn Spaniens strömten die Ritterlichsten und Entschlossensten unter den Mohren, die Kampfcspausc benützend, »ach Granada, nnd diese Stadt wurde der Brennpunkt für die Gcsammthcit aller tapfcrn, gcfahrtrotzendcn Herzen, welche der MohammcdaniSmus in Europa besaß. 57 Endlich, nachdem er seine Wicdcrcrobcrungcn vollendet und seine» Schatz neu ungefüllt, nmstcrte Ferdinand die ganze ihm zu Gebot stehende Macht — vicrzigtauscnd Fußgänger und zehntausend Reiter; und wieder, und zum letztenmal erschien er vor den Mauern Granadas. Eine zukunftahncnde, begeisternde Entschlossenheit erfüllte Belagerer und Belagerte: Beide fühlten, daß der entscheidende Wendepunkt vor der Thür scv. Siebentes Kapitel. per sLeand. — .Die Majestät eines Kampfes für die -chene Sache mitten unter tausend Kämpfern für eine fremde. Es war am Vorabend eines großen, allgemeinen Sturmes auf Granada, der von de» Anführern des Christcnhccrcs mit Umsicht entworfen worden. Das spanische Lager — das prächtigste, welches die Christenheit je gesehen — wurde allmalig still und ruhig. Die Dämmerung nahm zu — die Sterne traten heiterer und klarer hervor. Schimmernd in der dunkelblauen Luft blähten sich die seidenen Zelte des Hofes, gestickt mit heraldischen Sinnbildern und gekrönt durch bunte Fahnen, die, von einem lebhaften, flüsternden Berg- Wind ungefüllt, lustig auf den vergoldeten Schäften flatterten. Zn der Mitte des Lagers erhob sich das Bulwer's Romane. I-XXVI. - 5 58 Gczclt dcr Königin — ein förmlicher Palast. Lanzen bildeten seine Sänken; Goldstvff und bunte Teppiche seine Wände; und in dem Raum, den seine zahlreichen Abthcilnngcn cinnahinen, wurde ein gewöhnliches Schloß mit seinen Hallen und Anßcnwcrkcn Platz gefunden haben. In dcr That verwirklichte dcr Pomp des Lagers die ausschweifendsten Träume eines gothisch- oricntalischcn Geschmacks; etwas, das dcr dichterischen Erfindung eines Taffo, dcr äußern Darstellung eines Bcckford würdig gewesen wäre. Dabei verlor dcr Effekt dcr zum Hoflagcr gehörigen Zelte keineswegs durch den Anblick dcr umgebenden Soldatcnbarakcn, deren viele aus Zweigen erbaut waren, an welchen das La'ub noch hing — kunstlose, malerische Hütten, als hätten, wie man in manchen alten Legenden liest, wilde Waldmänncr das Kreuz genommen und wären den christlichen Kriegern gefolgt gegen die sonnege- bräuntcn Anhänger Tcrmagaunts und Mahoms. — So breitete sich denn das mächtige Lager in tiefer Ruhe aus, als die hcrannahcndc Mitternacht dichtere und längere Schatten von den Zcltgassen auf den Rasen warf. Um diese Stunde war cs, daß Jsäbella im geheimsten Gemach ihres Zeltes dem Gebet für die Sicherheit des Königs und den Ausgang des Krieges oblag. Vor dem Altar ihrer Feldkapcllc knicend, erhob sic ihren Geist im Feuer ihrer Andacht von der Erde, und im ganzen Lager waren, 'mit Ausnahme dcr Wachen, die Augen der frommen Königin vielleicht die einzigen nngeschloffenen. Ucbcrall tiefe Stille; Leib- 59 Wächter und Bediente harten sich zur Ruhe begeben, und der Schritt der Schildwache außerhalb des ungeheuren Gczcltcs ward durch die seidenen Wände hindurch nicht vernommen. Da fühlte Jsabclla plötzlich einen nervigen Griff an der Schulter. Ein schwacher Schrei entfuhr ihren Lippen; sic wendete sich, und das breite, gekrümmte Messer eines morgenländischen Kriegers blitzte hart vor ihren Augen. „Still! ein einziger Schrei, ein einziger lauterer Athcmzug als gewöhnlich, und, ob Du immer eine Königin, umschwärmt von vielen Taufenden, Du stirbst !" Dies waren die leis geflüsterten Worte, die aus dem Munde eines Mannes von strengem und gebietendem, obwol zergrämtcm Ansehn, in das Ohr der Castiliancrin drangen. Mas willst Du? willst Du mich ermorden?" fragte die Königin, vielleicht zum erstenmal vor der Gegenwart eines Sterblichen zitternd. „Fürchte nichts; Dein Leben ist gesichert, sobald Du meiner Frage nicht auswcichcn oder mich täuschen willst. Unsere Zeit ist kurz — antworte. Ich bin Almamcn, der Hebräer. Wo ist die Geisel, die ich Deinen Händen übergab? Ich fordere mein Kind. Sic ist bei Dir — ich weiß cS. In welchem Winkel Deines Zeltes?" „Nauhcr Fremdling," erwicdcrtc die Königin, etwas erholt von ihrem Schrecken — „Deine Tochter 5 * 60 ist, wie ich hoffe, auf immer aus Deinem ruchlosen Bereich weggeiiommcn. Sic befindet sich nicht im Lager." „Lüge nicht, Königin von Eastilien," cntgcgnete Almamc» und erhob das Messer, „Tage und Wochen lang habe ich Deine Spur verfolgt, bin Deinem Marsch nachgezogen, habe selbst Deinen Schlaf umlauert, obwol Männer von Eisen als Wächter um ihn hcrstandcn, und ich weiß, daß meine Tochter bei Dir ist. Wer solcher Gefahr trotzt, hat, glaub es mir, die Entschlossenheit zum Furchtbarsten. Anttvoric mir, wo ist mein Kind?" „Seit vielen Tagen," antwortete Jsabclla, trotz allem Widerstreben durch ihre seltsame Lage mit Schauder erfüllt, „seit vielen Tagen hat Deine Tochter das Lager mit dem Hanse Gottes mngetauscht. Es war ihr eigener Wunsch. Der Erlöser hat sie ausgenommen in seine Heerde." Hätten tausend Lanzen sein Herz durchbohrt, die Kraft des Lebens hätte nicht plötzlicher von Almamcn weichen können. Die straffen Muskeln seines Gesichtes erschlafften auf Einmal, von dem Ausdruck der Entschlossenheit und Drohung zu einem Bild des Grauens, des Schmerzes und der Verzweiflung übergehend, das sich nicht in Worten ausdrücken laßt. Er taumelte mehrere Schritte zurück; seine Knice zitterten heftig; er schien von einem Todesstoß durchfahren zu sepn. Jsabclla, die Kühnste und Stolzeste ihres Geschlechts, benutzte diesen freien Augenblick; sie sprang auf, stürzte durch 6 t die Vorhänge in die von ihren Begleiterinnen eingenommenen Gemächer, nnd in einem Nn ertönte das Zelt von ihrem Hülfcrnf. Die Wachen wurden anfgc- gcschrcckt; die Diener fuhren von ihren Kissen auf; sic vernahmen die Ursache des Alarms und stürzten nach dem Orte zu; aber che sic die seidene Scheidewand erreichten, strömte ihnen eine lichte, prasselnde Flamme entgegen. Das Zelt stand in Feuer. Der Stoff nährte den Brand wuudcrhaft. Einige der Wache» behielten gleichwol den Muth, vorzudringen, aber Rauch und Glast trieben sic verblendet und schwindlig zurück. Zsabctla selbst fand kaum Zeit zum Entkommen, so schnell nahm die Brunst überhand. Besorgt für ihren Gemahl, stürzte sic nach dessen Zelt, rraf ihn aber, wie er, durch den Lärm geweckt, das bloße Schwert in der Rechten, ihr am Eingang bereits entgegen kam. Der Wind, der wenige Minuten zuvor nur mit den siegreichen Bannern gespielt hatte, trieb jetzt die zerstörende Flamme wild umher. Sie verbreitete sich von Zelt zu Zelt, fast einem Blitzstrahl gleich, der durch an ciiiandcr gedrängte Wolken hinschicßt. DaS ganze Lager stand in Einer Lohe, eh irgend Zcmanv an Abwehr auch nur denken konnte. Ohne den verwirrten Bericht der Königin ganz anzuhörcu, rief Ferdinand: ,.Das haben die Mohren gethan — sic sind an nnS t" Damit ließ er Trommeln und Trompeten ertönen und eilte in eigener Person, blos in seinen langen Mantel gehüllt, die Anführer zu wecke». Während die wohl disciplinirte, Li, 62 dicnstcrfahrcnc Armee, jede» Augenblick besorgend, vom Feind angcfallcn zu werden, versuchte, sichln einer gewissen Ordnung anfzustcllcn, fuhr die Flamme in ihrem Lauf fort, bis der ganze Himmel ein Licht- spicl darbot, dessen grellen, blendenden Glanz zu schildern selbst ein Dante unvermögend sepn dürfte. Helme und Panzer glühte» wie in einem Schmelzofen, und die bewaffneten Männer erschienen eher wie lcbcnähn- lichc, gespenstische Meteore, denn wie wirkliche Mcn- schcngcbildc. Die Stadt Granada ward ihnen durch die mächtige Beleuchtung nahe gerückt, und als eine Abthcilung Reiterei anö dein Lager versprengte, dem vermeintlichen Uebcrsall der Heiden entgegen, erblickte sie ans Mauern und Dächern die Moslems dicht gedrängt mit glänzenden Sperren. Aber eben so erstaunt, als die Christen, und wie diese eine Kriegslist vermachend, kamen jene nicht ans den Thoren. Unterdessen wurde die Feuersbrunst, eben so schnell im Erlöschen wie im Beginnen, schwach und vereinzelt, und die Nacht schien mit trauerndem Dunkel ans die Trümmer der seidenen Stadt znrückzusinken. Ferdinand berief seinen Kricgsraih. Er hatte jetzt durchschaut, daß hier kein angelegter Plan der Mohren vorwaltc. Die Erzählung Zsabcllcns, die er endlich faßte; die seltsame, fast wnndcrhaste Art, womit Almamcn seine Wache» umgangen und inö königliche Zelt Eingang gefunden, hätte, während sic seine Besorgnisse vor natürlicher» Gefahren beschwichtigte, leicht seinen Aberglauben anfrcgen dürfen, wäre ihr» nicht im Gedacht- 63 niß gewesen, mit welcher außerordentlichen , aber keineswegs übernatürliche» Gewandtheit orientalische Krieger, ja Räuber, die Vorkehrungen der höchsten Vorsicht zu Schanden machen, und den aufmerksamsten Wachen entgehen; und so stellte sich denn heraus, daß das Feuer, welches das Lager eines Heeres in Asche gelegt, bloS angczündct worden war, um die Rache eines Einzelnen zu befriedigen, oder dessen Flucht zu begünstigen. Ferdinand schüttelte daher von seiner königlichen Seele das Grauen ab, welches die Größe des Unglücks, mit dem Namen eines Zauberers in Zusammenhang gebracht, anfangs hcrvorgcrn- fen, und beschloß aus dem Unstern selbst seinen Glücksstern zu machen. Die Aufregung, die Wuth der Truppen boten eine zur entscheidenden That höchst günstige Stimmung. „Gott," sprach der König zu den versammelten Rittern und Häuptlingen, „hat durch diesen Brand den Kämpfern des Kreuzes augcdcutct, daß fortan die Paläste Granadas ihr Lager scvn sollen! Wehe dem Moslem mit der Morgcnsonuc!" Waffen klangen und Schwerter fuhren aus den Scheiden, als die christlichen Ritter de» Fluch uach- ricfcn: „Wehe dem Moslem!" F u ir f t c s D u ch. Erstes Kapitel. Nie Schiacht. Langsam dämmcrtc der Tag nach dieser schrecken- volle» Nacht, und die Mohren, noch immer auf den Bollwerken Granadas, sahen, wie das gesaimntc Heer Ferdinands gegen ihre Mauern hcranrücktc. In der Entfernung lagen die Trümmer des rauchenden, dampfenden Lagers, während im Vorgrund, im Wehen bunter, glänzender Fahnen und unter dem Gcschmcitcr der Trompeten, die triumphircndcn Legionen des Feindes hcrannahtcn. Kaum trauten die Mohren ihren Augen. Sic hatten angenommen, nach einem so herben Unglücksfall müßten die Christen sich znrückzichcn, und wurden jetzt beim Gcwahrwcrdcn ihres freudigen Heranzugs bestürzt und erschrocken. Während sic noch staunend und thatloS da standen, erklang hinter ihnen Boabdils Trompete und man erblickte den maurischen König, wie er, an der Spitze 65 seiner Leibwache, die Straßen hcrabzog, die zum Thor führen. Dieser Anblick gab Muth und Freudigkeit zurück, und als Boabdil vor der Pforte anhiclt, schlug der Nus von zwanzigtausend Kriegern deutungS- voll ans Gehör der vorrückendc» Christen. „Männer Granadas/ sprach Boabdil, sobald ein tiefes, odemloscs Schweigen auf diese» kriegerischen Gruß gefolgt war — „das Hcrannahcn der Feinde ist ihr Untergang. Im Feuer der vorigen Nacht schrieb die Hand Allahs ihr Schicksal. Laßt uns hinaus, bis auf de» letzten Mann. Wir wollen unsere Häuser unbewacht lassen — unsere Herzen scve» ihre Mancr! Zwar ist unsere Zahl gelichtet durch Hunger und Schwert, aber noch sind wir unserer genug zur Befreiung Granadas. Und die Todtcn sind nicht von uns gewichen: sic kämpfen mit »nü: ihre Seelen beleben die unsrigeu! Wer einen Bruder verloren hat, wird zu einem doppelten Manne. An diese Schlacht wollen wir Alles setzen. Freiheit oder Ketten! Herrschaft oder Verbannung! Sieg oder Tod! Vorwärts!" Er spracht und ließ seinem Bcrberrossc den Zügel. Es that einen Sprung, setzte durch den dunkeln Bogen des Stadtthorcs, und Boabdil cl Chico war der erste Maure, der zum letzten, entscheidenden Kampf auS Granada zog. Und hervor flutheicn, einem Stronic gleich, der aus einer Höhle zu Tag bricht, die glänzenden, geschlossenen Reihen der mohrischcn Reiterei. Musa kam zuletzt, die Hinter Hut schließend. Auf seinem finstern, strengen Antlitz stand die feurige Bcgci- 66 stcrung des sanguinischen Königs nicht. Es war vcr- schlossen und unbewegt; die Qualen dcr letzten SchmcrzcuSwochcn hatte» seine Wangen verdünnt, und tiefe Linien »in die festen Lippen und den chnicn Kiefer, die Zeugen dcr unbcngbarcn Entschlossenheit seiner Seele, gezogen. Als Musa jetzt porsprcngtc und die sich tnmmcln- dcn Zuge in Ordnung stellte, vernahm man Ruf von Frauenstimmen, und die Krieger, die sich uuiwcu- dcten, sahen, wie ihre Weiber und Töchter, ihre Mütter und Braute lbcfrcit aus ihrer häuslichen Einschließung in Folge eines Stratagcns, welches den verzweifelten Zustand dcr ganzen Sache deutlich genug anssprach) — mit anSgcstrccktcn Armen von den Zinnen und Thiirmcn auf sic uicdcrblickten. Die Mauren fühlten, daß sic für Herd und Altar im Angesicht Derer zu kämpfen hätten, die, wenn der Kampf mißlang, Sklavinnen und Buhlcrinnen würden, und jedem Moslem ward es, als ob sein Herz sich Härte, wie dcr Stahl seines Säbels. Während die Reiterei sich in regelmäßige Geschwader bildete, und das Stampfen dcr feindlichen Rosse näher und näher kam, strömte das maurische Fußvolk in wildem Durcheinander heraus, bis Boabdils Berber in weiter Schwingung unter den Mauern hin- sprengte und sein Reiter in kurzer aber deutlicher Anweisung oder feuriger Beschwörung die Bewegung zu ordnen, den kühnen, aber eigensinnigen Muth zu stählen suchte. 67 Unterdessen batten die Christen Plötzlich Halt gemacht, denn der kluge Fcrdinaiid hielt cs nicht für räihtich, dem vollen Anprall einer ganzen Völkerschaft im ersten Ausbruch ihrer Begeisterung und Verzweiflung entgegen zu treten. Cr rief Fernando dcl Pnlgar zn sich und befahl ihm, mit einem Trupp der kühnsten und geübtesten Reiter der mährischen Cavallcric entgegen zu rücken und es zu versuchen, ob er den feurigen Math Mnsas nicht vom Hauptcorps wegznlockcn vermochte. Sofort trennte er seine Macht in mehrere Abteilungen und schütte sic ans verschiedene Punkte ab; die Einen zum Sturm ans die anliegenden Vorwerke, die andern um die Gärten und Baume um die Stadt her in Brand zu stecken, damit die Aufgabe des Tags nicht sowol zu einer Hauptschlacht, als zu vielen kleine» Gefechten würde, und die Mohren die Con- ccntration und Einheit, worin für jetzt noch ihre Hauptstärke lag, verlieren möchten. So sahen den die Muselmanen, während sie in guter Ordnung aus den Angriff warteten, wie die Hauptmasse der Christen sich plötzlich zerstreute, und, während sic selbst noch i» Staunen nno Verwirrung darüber anhielrcn, Feuer aus der herrlichen Gärten rechts und links neben den Mauern brach. Zugleich rollte der Donner des christlichen Geschützes gegen die zerstreuten Bollwerke, welche die Zugänge zu der Stadt deckten. Zn diesem Moment wirbelte eine Staubwolke rasch gegen den von Missa mit der Vorhut besetzten Ort, und der Stoß der christlichen Ritter in ihrer 68 schweren Rüstung traf gerade in die Mitte des den dem Prinzen befehligten Geschwaders. Um mehrere Zoll höher, als die Fcdcrbiischc seiner Gefährten, wehte der Hclmschmuck des riesigen Pulgar, und indem Mohr um Mohr vor seiner aus- gestreckten Lanze nicdcrstürztc, rief er mit einer Stimme, die tief und gcistcrmäßig auS dem Visier klang: „Tod den Ungläubigen!" Granadas schnelle, gewandte Reiter waren jedoch durch diesen wilden Angriff noch nicht cntmuthigct. Ihre Reihen mit außerordentlicher Hurtigkeit öffnend, ließen sie den Sturm ohne bedeutende Gegenwehr hindurch, schlossen sich dann wieder in langer, starrer Linie und schnitten den Rittern den Rückzug ab. Die Christen schwenkten um um und warfen sich von Neuem auf den Feind. „Wo bist Du, Hund von einem Moslem, der den Löwen spielen will? — Wo bist Du, Musa Den Nbil Galan?" „Vor Dir, Christ!" crwicdcrte eine strenge, Helle Stimme, und aus den Helmen seines Volkes hervor schimmerte der funkelnde Turban des Gerufenen. Fernando hielt sein Roß an, sah einen Augenblick auf den Gegner, wendete sich rückwärts um seinem Anlauf größere Kraft zu geben, und in der nächsten Sekunde waren die zwei tapfersten Ritter der beiden Heere Lanze gegen Lanze im Kampf. Der runde Schild Mu'as fing des Christen Waffe auf; sein eigener Speer zersplitterte unschädlich an der 69 Brust des Riesen. Er zog dem Säbel, schwang ihn bliHcsschiicll über dem Kopf, imd mehrere Minuten lang vermochten die Augen der Umstehenden der wun- dcrhaftcn Raschheit, womit von diesen berühmten Kämpfer» Hiebe ausgcthcilt und parirt wurden, kaum zu folgen. Endlich sprengte Fernando, um aus seiner überragenden Körpcrstärkc Vorthcil zu ziehen, hart auf Musa au, faßte, indem er das an einem Strang um die Lenden gebundene Schwert hängen ließ, Musas Schild mit der furchtbaren Rechten und riß denselben mit einer Gewalt an sich, welcher der Mohr vergebens Widerstand zu leisten suchte; Dieser ließ daher Jenem seine Deute, und eh der Spanier das durch die eigene Krast- anstrcugung verlorene Gleichgewicht wieder erlangen konnte, warf er seinen Rappen ihm entgegen und führte mit einer kurzen, schweren, an seinem Sattclknops hängenden Keule einen solchen Streich auf den Helm Fernandos, das der Niese betäubt und sinnlos zu Boden stürzte. Vom Pferd zu springen, sich seines Schildes wieder zu bemächtigen, nach dem Säbel zu greifen und dem gefallenen Feinde ein Knie auf die Brust zu setzen, war das Werk eines Augenblicks, und Don Fernando dcl Pulgar wäre ohne Priester und Wundarzt von dannen gefahren, hätten nicht, erschreckt durch die Gefahr ihres tapfcisten Genossen, zwanzig Ritter zugleich die Sporen gegeben, und zwanzig Lanzcnspitzcn den Löwen Granadas von seinem Raube abgchalten. Mit gleicher Schnelligkeit sprengten auch die maurischen Kämpfer heran, und ein tödtlichcs Handgemenge bildete sich um den Körper des noch imnicr bewußtlosen Christen. Dem Musa blieb kein Augenblick, Fernandos Helm zu lösen, weis das einzige Mittel gewesen wäre, dcrMohrenllingc eine lcbengcfährdendc Stelle aufzufin. den; ja, durch die Sperre und stampfenden Hufe »m ihn Her ward die Lage des Ungläubigen gefährlicher, als diejenige des Christen selbst. Mittlerweile kam Fernando wieder zu Sinnen, nahm, in seinen Zustand sich schnell findend, seinen Vorthcil wahr, und schüttelte plötzlich das Knie des Mohren von sich. Durch einen zweiten Ruck kam er ans die Deine, und die beiden Kämpfer standen sich Stirn gegen Stirn, keiner sonderlich geneigt, den Kampf zu erneuern. Zumal zu Fuß mußte Musa bei aller Kühnheit und Hitze seinen Nachthcil gegen die ungeheure Kraft und undurchdringliche Rüstung des Christen anerkennen; er trat daher zurück, Pfiff seinem Roß, das, die Reihen der Reiter durchbrechend, Augenblicks an seiner Seite stand, stieg wieder auf und befand sich mitten im Feind, beinah ehe der langsamere Spanier nur seine Entfernung wahrgcnommcn hatte. Aber dieser war dadurch nicht von dem Gegner befreit. Sich durch das Nicdcr- streckcn dreier Ritter freien Raun: verschaffend, zog Musa den kurzen arabischen Doge» hinter der Schulter vor, und Pfeil um Pfeil raffelte auf den Panzer des pfcrdcloscn Christen mit so wnndcrhaftcr Schnelligkeit, das dieser, unter der Bürde seines schweren EcwandcS 71 eben so unfähig zu entrinnen, als sich gegen den Pfcilhagcl zu decken, fühlte, nur cm glücklicher Zufall oder Unfcrc Frau löuuc den Ted verhindern, den irgend einer der Bolzen, der die Oeffnuiig des VisicrS oder die Fuge» des Harnischs träfe, nethwendig bringen müsse. „Gnadcnmnttcr!" stöhnte der Ritter grumncrfiM, „laß Deinen Knecht nicht in dic>'cm feigen Waffcnspicl wie ein Hirsch nicdergcschossen werden, sondern wenn ich fallen soll, se sch cs im Handgemenge mit meinem Feind." Noch murmelte er dieses kurze Stoßgebet, als dicht nebenan der Schlachtruf der Spanier erklang und Villena'S tapferes Geschwader über die Ebene daher sprengte, den Freunden zu Hülfe. Musas Aufmerksamkeit ward vom persönlichen Gegner, trotz dessen hoher Bedeutung, «-gelenkt; er schwenkte um, sam- mcltc seine Mannen, und traf in geschloffenen Reihen mit den Feinden zusammen. Während der Kampf auf diesem Thcilc des Feldes besprochener Maßen fortschritt, war der Plan Ferdinands so weit gelungen, daß die Schlacht in verschiedene Treffe» zerfiel. Fern und nah boten Ebne, Garten, Thurm, Gesträuch den Anblick eines -arten, entschlossenen Handgemenges. Boabdil an der Spitze seiner auserlesenen Leibwache, der Blüte der vornehmsten Häuptlinge, die eifersüchtig auf den Ruhm von Musas minder edelgcborncr Schaar hinübeiblickicn, und gefolgt von seinen riesenhaften Acthiopicrn, setzte 72 mit dcr verzwciflungövoklcn Kühnheit eines Menschen, der fühlt, dag sein Alles auf dem Spiel stehe, seine Person jeder Gcfnl-r aus. Da er in das Fußvolk den mindesten Glauben hatte, so hatte er sich am meisten unter diesem, und allenthalben reichte seine Gegenwart für den Augenblick hin, das Glück des Kampfes anf seine Seite zu wenden. Endlich, »m Mittag, führte Poncc de Leon gegen die stärkste Abteilung der mohrischcn Fußgänger einen zahlreichen Hausen dcr best cingcübtcn, alten spanischen Soldaten. Es war ihm gelungen, ein Vorwerk wcgznnchmc», von welchem aus sein Geschütz mit Nachdruck spielen konnte, und die Truppen, die ihm nunmehr folgten, bestanden thcilö aus Leuten, denen der eben errungene Sieg neue Schnellkraft gab, thcils ans einer frischen Reserve, die jetzt eben erst ins Gefecht kam. Es war ein stilles, prächtiges Schauspiel, diese Christcnschaar ans einem Gehölz hcrvorkommcn zu sehen, das sic unterwegs in Brand gesteckt hatte; die rothc Flamme spiegelte sich in den Rüstungen, wie jene in fester, feierlicher Ordnung gegen die unstätcn, lärmenden Reihen dcr Mohren daher rückten. Boabdil, durch das Geschrei auf die Gefahr aufmerksam gemacht, schied schnell von einem Thurm, von welchem er eben einen feindlichen Angriff znrnckgcschlagen, und warf sich mitten »nicr die von Poncc de Leon bedrohten Kampfer. Beinah in gleichen: Moment erschien am nämlichni Oste die wilde, dcw- tnngsvolle Gestalt Almamcns, die den Augen der Mohren lange unsichrk-ar gewesen, so plötzlich und 73 unerwartet, daß Niemand begriff, von wo sie aufgc- taucht; das heilige Banner in der Linken, den nackten, blutträufcludcu Säbel in der Rechte», das Gesicht unbedeckt und die gewaltigen Züge von einer Begeisterung glühend, die Werk eines übernatürlichen Anhauchs zu scpn schien, brachte er auf Einmal eine neue Seele in die Mohren. „Sic kommen! sic kommen!" rief er laut. „Der Gott des Morgenlandes hat die Gothen in eure Hände geliefert!" Von Reihe zu Reihe, von Linie zu Linie sprengte der Santo»; und als das gchcimnißvollc Banner vor den Kriegern funkelte, schloß Jeder die Augen und murmelte ein Amen z» des Zauberers Beschwörungen. Und jetzt mit dem Nus: „Spanien und St. Jago!" brach der stürmende Angriff der Christen herein. Zugleich croffnctc das Geschütz von dem durch Poncc de Leon vorhin genommenen Vorwerk ans sein Feuer auf die Mohren und erwies seine volle Tödtlichkcit. Die Moslems wankten einen Augenblick; da straltc Alma- mcns weißes Banner vor ihnen, und man sah ihn, zu Fuß und allein, mitte» unter den Feind stürzen. In dem ihnen augcrcdctcn Glauben, daß das Schicksal des Kriegs von der Erhaltung der bezauberten Fahne abhängc, konnten die Heiden dieselbe nicht ohne Besorgnis' und Schaam so vorschnell aufs Spiel gesetzt sehen: sic sammelten sich, rückte» festen Fußes vor und Boabdil selbst, mit geschwungenem Säbel und wildem Ruf, stürmte an der Spitze seiner Leibwächter und Bnlwer's Romane. I,XXVl. 0 74 Acthiopicr vollen Laufs ln die Angrcifcndcn. Das Gefecht ward hartnäckig und blutig. Dreimal verschwand das weiße Banner unter de» gegen einander drückenden Reihen, und dreimal kam es, wie ein Mond aus den Wolken, wieder zum Vorschein, ein Licht und Leitstern der Macht der Heiden. Der Tag neigte sich, und bereits warfen die Berge längere Schatten auf die glimmenden Baumgruppcn und den stillen Darro, dessen Fluten in jeder Bucht, wo die Strömung langsamer floß, roth vom Blute waren, als Ferdinand, seine ganze Reserve an sich ziehend, von der Anhöhe hcrabsticg, die er bisher eingenommen. Mit ihm nahten dreitausend Fußgänger und tausend Reiter, frisch an Kraft und nach einer Thcilnahmc an diesem glorreichen Tage schmachtend. Der König selbst, der, obwol von Natur uncrschrockc'e, doch aus Gründen der Staatsklughcit sich nur bei sehr bedeutenden Veranlassungen persönlicher Gefahr aus- sctztc, war entschlossen, sich von Boabdil nicht verdunkeln zu lassen; und, vom Wirbel bis zur Zehe in Stahl gehüllt, der so mit Gold eingelegt war, daß die Rüstung fast durchweg aus diesem kostbaren Metall selbst zu bestehen schien, im Flattern seines schneeweißen Fcdcrbuschcs über dem kleinen, den hohen Helm krönenden Diadem, paßte er ganz zum Führer jener heldenhaften Umgebung. Hinter ihm wogte das große Reichspanicr von Spanien, und Trommel und Zimbel verkündeten sein Hcranrückcn. Der Graf Tcndilla ritt neben ihm. 75 „Senhor," sprach Ferdinand, „die Ungläubigen wehren sich hart; aber sic sind in die Schlinge gegangen — in Kurzem können wir die Netze über ihnen znsammcnzichcn. Aber welcher Zng kommt hier?" Die Gruppe, welche des Königs Aufmerksamkeit erregte, bestand ans sechs Knappen, die auf einer kriegerischen, ans Schilden bestehenden Sänfte die riesige Gestalt Fcrnando's dcl Pulgar trugen. „Ach die Hunde," rief Ferdinand, als er das blasse Antlitz des Lieblings des Heeres erkannte, — „haben sic den tapfersten Ritter gemordet, der je für die Christenheit focht?" „Das eben nicht, Eure Majestät," crwicdcrtc Jener mit schwacher Stimme; „aber ich bin übel verwundet." „ES muß mehr als ein Menschenarm gewesen scp», was Dich nicdcrstreckte," sprach der König. „Es war, mit Ew. Majestät Erlanbniß, die Keule des Mnsa Ben Abil Gasan," antwortete einer der Knappen; „aber sic traf den guten Ritter, ohne daß er sich ihrer versah, und lange nachdem sein Arm den Heiden dem Anschein nach von sich getrieben hatte." „Du sollst gerochen werden, mein tapferer Namensbruder," cntgcgnctc der König mit aufgeworfenem Haupte. „Unsere eigenen Leibärzte sollen nach Deinen Wunden sehen. Vorwärts meine Ritter, St. Jago und Spanien!" Die Schlacht hatte sich jetzt zu einem Knäul zu- saminmcngeballt, Musa und seine Reiterei sich mit 76 Doabdil »nd dcm mohrischcn Fußvolk vereinigt. Andererseits war dcm Villcna Verstärkung zugckouttiicn durch die Schaaren, die fast an jedem andern Orte der Wahlstatt den Feind geworfen. Die Mohren waren znrückgetricben worden, aber nur Zoll für Zoll; jetzt befanden sic sich auf dem freien Raum unmittelbar vor den Stadtmauer», auf welchen sich noch immer die bleichen, angstvollen Gestalten der Greise und Frauen drängten, und bei jeder Panse des Geschützdonners drangen die Stimmen der Heimat durch die stäubende Luft ans Gehör der Ungläubigen. Das Geschrei, das durch das christliche Heer hinlicf, als Ferdinand sich mit demselben vereinigte, trat wie ein Grabgcläntc auf Boabdils letzte Hoffnung. Aber das Blut seiner sieggewohnten Väter brannte in seinen Adern, und der Zuspruch Almamcnö, den nichts außer Fassung setzte, hauchte ihm eine Art wilden Wahnsinns ein. „König gegen König — scp cs so! Allah möge Zwischen uns entscheiden," rief der Herr der Mohren. — „Verbindet diese Wunde! — Schon gut! — Ein anderes Pferd! — Jetzt, mein Prophet und Freund, besteig ein Roß zur Seite Deines Königs — laß nnS mindestens neben einander fallen!" Durch die Reihen der tapfer» Christen ging ein Schänder unwillkührlichcr Bewunderung, als sic den Beherrscher der Muselmanen, kennbar an dcm schönen Bart und den Edelsteinen des Harnisches, den dürftigen Uebcrrcst seiner Leibwache noch einmal ins dichteste 77 Getümmel fuhren sahen. Zugleich sprengten Musa und seine Zcgri's in grimmigem Angriff herbei, und das mohrischc Fußvolk, angcfcucrt durch das Beispiel seiner Häuptlinge, folgte mit ungebrochenem, starrem Muthc. Die Christen wichen — sie wurden zurückgcschlagcn: Ferdinand gab seinem Pferd die Sporen und eh cS auf beiden Seiten recht bcmcrklich geworden, trafen sich beide Könige im Gedränge: jede Ordnung und Kriegsmacht war für den Augenblick aufgehoben und Heerführer und Monarch fochten, wie gemeine Soldaten , Hand gegen Hand. In diesem Moment geschah cs, daß der Beherrscher Spaniens, nachdem er Naim Rcduon, von den Liedern Granadas gleich nach Musa gepriesen, durch seine Lanze nicdcrgcworfcn, eine seltsame Gestalt vor sich sah, die ihm eher eine Ausgeburt der Hölle, denn ein Mensch dünkte. Das rabenschwarze, von Blut starrende Kopf- und Barthaar hing wie Schlangen um ein Gesicht, dessen für de» Ausdruck der dunkelste» Leidenschaften geformte Züge- der Wahnsinn verzweifelnder Wuth verzerrte. Blut rieselte aus mehrere» Wunden auf de» Harnisch dcS- Schrcckbildcö, und über dem Haupt schwang cs jenes mit gchcimnißvollcn Zeichen befehle Banner, das bei Ferdinanden bereits als Werk der Dämonen galt. „Treffen wir uns endlich, eidbrüchiger König der Nazarener!" rief der furchtbare Kämpfer, „hier sind wir nicht mehr Wirth und Gast, Fürst und Derwisch, sondern Mann gegen Mann. Ich bin Almamcn l Stirb!" 78 Er sprachs und sein Schwort fuhr so grimmig auf das gesalbte Haupt herab, daß Ferdinand nach dem Sattclknopf vortanincltc. Aber schnell gewann er seine feste Stellung wieder und warf sich dem Angriff muth- voll entgegen. Leidenschaften, die in solcher Zahl, solcher Art und solchem Ucbcrmaß keinen andern Kämpfer in beiden Heeren beseelten, gaben dem Arm Al- mamcns, des Israeliten, eine übernatürliche Kraft; seine Streiche fielen wie Hagel ans die Rüstung des Königs, und die glühenden Augen, das funkelnde Banner des Zauberers, welcher der Folter der Inquisition entgangen, welcher unbeschädigt mitten durch das Christcnhccr geschritten war, welcher, ein einziger Mann, das Lager einer ganzen Armee in Brand gesteckt hatte, füllten das tapfere Herz des Königs mit dem Glauben, daß er keinen: irdischen Feind gegenüber stehe. Glücklichcrwei'c vielleicht für Ferdinand und Spanien dauerte der Kampf nickt lange. Zwanzig Ritter sprengten dem Fcdcrbuschc auf dem Diadem zu Hülfe; Tcndilla langte zuerst an; durch einen Streich seines Zwcihändlcrs brach das weiße Banner vom Schaft und fiel zu Boden. Bei diesem Anblick brachen die Mohren »mhcr in ein wildes Geschrei des Entsetzens ans, das von Reihe zu Reihe, von den Reitern zum Fußvolk hinüber lief; nicht sobald erfuhr letzteres, von allen Seiten hart gedrängt, das böse Zeichen, als es sich zur Flucht wendete, die eben so unglückbringcnd als plötzlich war; denn die eben erst ins Treffen geführte christliche Reserve brach gerade 79 jetzt mit gemeinsamem Stoß auf die Mohren herein. Boabdil, zu beschäftigt, um Heu Fall der heiligen Fahne sogleich wahrznnehme», sah sich Plötzlich, mit seinen znsammengcschmolzcnen Acthiopicrn und einer Handvoll seiner Ritter, beinah allein, „Ergib Dich, Boabdil cl Chico!" rief Tcndilla, bereits hinter seinem Rücken, „oder keine Rettung ist für Dich möglich!" „Nimmermehr, beim Propheten!" crwicdertc der König und sprengte den Berber gegen die Mauer von Sperren hinter ihm - und mit nicht viel mehr als einem Dutzend Leuten ans seiner Leibwache hieb er sich Weg durch die Christen, die vielleicht nicht ungern eines so tapfcrn Feindes schonten. Nachdem er sich durch die spanischen Schlachthaus«! etwas durchge- brochcn, hielt der Unglückliche sein Pferd für einen Augenblick an und überblickte die Ebene: er sah sein Heer in allen Richtungen fliehen, außer ans dem einzigen Fleck, wo der Turban Mnka's Ben Abil Gasan noch immer schimmerte. Noch schaute er hin, als er die schnaubenden Riestern der Rosse hinter sich hörte, und die eingelegten Sperre eines Geschwaders wahrnahm, von Ferdinand entsendet, um ihn todt oder lebendig in seine Gewalt zu bringen: er ließ die Zügel schießen und stürmte in vollem Ncnnlanf in die Stadt; drei Lanzen schlitterten gegen das Thor, als er unter dessen dunkclm Gewölbe verschwand. Aber so lange Musa noch übrig, war noch nicht Alles verloren: er sah die Flucht des Fußvolks und des Königs, und sprengte mit 80 seinen Begleitern über die Ebene daher, noch zu rechter Zeit cintrcffcnd, um die Verfolger Boabdils bis zum letzten Mann niederzuhaucn. — Dann warf er sich vor die fliehenden Mohren. „Flicht Ihr tm Angesicht Eurer Weiber und Töchter? Wollt Ihr nicht lieber, daß sie Euch sterben sehen?" Tausend Stimmen antworteten ihn:: „Das Banner ist in den Händen der Ungläubigen — Alles ist verloren!" Alle stürzten an ihm vorüber und hielten nicht an, bis sic das Tbor erreicht hatten. „Verflucht scpcn solche Zaubcrpfändcr!" ricfMnsa. „Wäre das Vaterland unser einziger Zauber, so hätten wir diesen nie verloren!" Aber immer noch blieb ein kleiner, treuer Rest der Mohrcnrittcr übrig, um einen letzten Glan; ans das Unterliegen selbst zu werfen. Mit Musa, ihrer Seele und ihrem Lcbcnspnnkt, vcrthcidiglen sic jeden Zoll des Bodens; es war, nach dem Ausdruck des Chronisten, als ob sic die Erde mit ihren Waffen fest hielten. Zweimal warfen sic sich mitten in den Feind; daö Blutbad, das sic unter ihm anrichtctcn, verdoppelte ihre eigene Zahl; aber Ln geschlossenen Kolonnen drängte sich jetzt das ganze Christcnhccr heran, und wie von einem Meer wurden Jene umflnthct, ermattet, zurückgcworfcn. Gleich wilden Thicren, die man endlich nach ihrem Lager getrieben hat, zogen sie sich, das Antlitz dem Feind zugcwcndet, zurück; und als Musa, der Letzte, — den Säbel am G iff abgc- 81 schlage» — ankam, hatte er kaum »och Athen: genug, »m die Thore zu schließen, die Zugbrücken anfzichen zu heißen, worauf er alsbald in plötzlicher, tiefer Ohnmacht, mehr Folge des Scclcnschmcrzcs und der Scham, als der körperlichen Erschöpfung, vom Pferde ^ sank. So endete die letzte für das Reich Granada ^ gcfochtcnc Schlacht. Zweites Kapitel. Die tlovi.ün. . Zn den Zellen eines wegen der Frömmigkeit seiner ! Bewohnerinnen und der heilsamen Strenge seiner Gesetze < berühmten Klosters saß eine junge Novizin allein. ! Das enge Fenster befand sich ,so hoch in der kalten, ^ grauen Wand, daß jede Tröstung gegen traurige oder jede Unterbrechung in frommen Gedanken, so weit sic durch einen Blick auf die Welt draußen hätten kommen dürfen, der Inhaberin des Gemaches abgcschnittcn blieb. Blos ein schwacher Sonncnstral brach durch die Ocffnung, und machte damit das düstre Bild der Zelle noch freudeloser. Die junge Novizin schien jenen Kampf der Gefühle zu kämpfen, ohne welchen cs keinen Sieg in den Entschlüssen zur Tugend gibt. Bisweilen weinte sic bitterlich, aber in leisem, nicdcrgchaltencn Schmerz, der eher von Wchmuth als von Aufregung zeugte; bisweilen hob sic das Haupt von der Brust, und 82 lächelte, wenn sic emporblicktc, oder wenn ihr Auge das Crncisir und den Todtenkopf ans dem rauhen Tisch neben ihrem Strohlager faßte. So wäre» cs denn Zeichen des Todes hicnicdcn und des Lebens dort droben, was ihr, vielleicht, zur Quelle eines doppelten Trostes wurde. Noch saß sic in tiefen Gedanken, als ein leichtes Klopsen an der Thiir sich hören ließ, und die Acbtissin des Klosters hcrcintrat. „Tochter," sprach sie, „ich bringe Dir den Trost eines -eiligen Besuches. Die Königin von Spanien, mütterlich besorgt für Deine volle Zufriedenheit mit Deinem Loose, hat einen heiligen Mönch hichcr gesendet, dessen Bcrathungen sic für sanfter hält, als diejenigen unseres Bruders Thomas; demi dieser erschreckt oft durch seinen glühenden Eifer Diejenigen, die sein edles Gemüth nur läutern und leiten will. Ich will ihn allein bei Dir lassen. Mögen die Heiligen sein Amt segnen!" Mit diese» Worten zog sich die Acbtissin zurück, und ließ eine Gestalt i» einem MönchS- gcwand, die Kapuze übcr's Gesicht gezogen, herein. Der Bruder neigte den Kopf sanft, schloß die Zelle ab und setzte sich ans einen Stuhl, der nebst dem Tisch und dem Strohlager das einzige Gerät- des dürftige» Gemaches zu scpn schien. „Tochter," hob er nach einer Pause an, „cs ist ein rauhes und trübes Loos, also zu entsagen der Erde und all' ihren Schönheiten »nd zarten Banden, für Jeden, der für ein solches Opfer nicht vollkommen 83 bereit und gerüstet ist. Vertraue in mich, mein Kind; ich bin kein grimmer Inquisitor, der Deine Worte zu Deinem Nachthcil zu verdrehen sucht. Ich bin kein bitterer, mürrischer Sclbstpeiniger. Noch schlägt unter diesem Gewände ein menschliches Herz, das Gefühl für menschliche Schmerzen hat. Vertraue ohne Furcht in mich. Grant Dir vor dem Schicksal nicht, das man Dir aufzwäugcu will? Bebst Du nicht zurück? Möchtest Du nicht frei scpn?" „Nein," crwicdcrtc die arme Novizin; aber die Verneinung kam schwach und unentschlossen aus ihrem Munde. „Halt an," cntgcgnctc der Mönch, und sein Ton Ward angelegener; „halt an — noch ist cS Zeit." „Nein," versetzte die Novizin, mit einiger Verwunderung in der Miene aufblickcnd; „nein; war' ich auch schwach genug, so ist ein Entkommen jetzt doch unmöglich. Welche Hand könnte die Klostcrthorc auf- ricgcln?„ „Die meinigc!" rief der Mönch mit Nachdruck. „Ja, ich habe diese Gewalt. In ganz Spanien ist mir Ein Mensch, der Dich retten kann, und der bin ich." „Ihr?" stammelte die Novizin und schaute mit einer Mischung von Staunen und Schrecken ans ihren seltsamen Besuch. „Und wer scpd Ihr, der dem Beschluß dieses Thomas von Torquemada widerstreben darf, vor welchem sich, wie man mir sagt, selbst die 84 gekrönten Häupter Castilicns und Arragonicns nicdcr- beugen?" Der Mönch fuhr bei dieser Frage mit einer heftigen, beinahe stolzen Bewegung halb in die Höhe, setzte sich jedoch wieder und nahm mit leiser, fast flüsternder Stimme das Wort: „Tochter, hör auf mich. Es ist wahr, daß Jsa- bella von Spanien (welche die Gnadcnmnttcr segnen wolle! denn mitleidig ist ihr geheimes Herz gegen Jedermann, wenn auch nicht ihr äußerliches Verfahren) — cs ist wahr, daß Jsabclla von Spanien, besorgend, der Pfad zum Himmel möchte für Deine Fuße rauher gemacht werden, als von Nöthen ist," — fein leichter Ton von Spott spielte durch die Stimme des Mönches, als er dies sprach) — „einen Bruder von überredender Zunge und sanftem Benehmen auslas, um Dich zu besuchen. Er hatte Briefe der Königin an die Acbtissin zu übcrbringcn. So sanft indessen der Bruder, war er doch ein Heuchler. Nein, hör mich ans! er verehrte gern die ausgehende Sonne, und hatte nicht Lust, immer ein schlichter Mönch zu bleiben, während die Kirche höhere Wurden aüszuthcilcn vermag. Im Christcnlagcr, Tochter, befand sich Jemand, der nach einer Kunde von Dir brannte, — den Dein Bild verfolgte — der, so streng Du gegen ihn warst, Dich mit einer Liebe liebte, von welcher er nichts gewußt, bis er Dich verloren hatte. Was zitterst Du, Tochter? Höre, höre mich! Zn diesem Liebenden, der von hohem Range war, kam der Mönch; an diesen Lic- 85 bendcn verkaufte dcr Mönch seinen Auftrag. Eine Geschichte, daß ihm im Gebirg von Bewaffneten dcr Weg verlegt und er seiner Briefe an die Acbtissin beraubt worden, bietet sich dem Mönch leicht dar. Dcr Liebende nahm das Kleid desselben sammt den Briefen und eilte hierher. Lcila! geliebte Lcila! sich ihn zu Deinen Füßen!" Dcr Mönch hob die Kappe auf, stürzte auf ein Knie nieder und die Züge des Prinzen von Spanien straltcn in das Antlitz der Erschrockenen. „Ihr!" sprach Lcila, das Gesicht abwcndcnd und umsonst die Hand, die er gefaßt, loszumachcn suchend. „Das ist wahrhaftig grausam! Ihr, die Ursache so vieler Leiden — so übler Nachrede — solcher Vorwürfe !" „Ich will Alles wieder gilt machen!" rief Don Juan glühend. „Ich allein, ich wiederhole cs, habe die Macht, Dich in Freiheit zu setzen. Du bist keine Jüdin mehr; — Du bist Eine unseres Glaubens; keine Schranke steht mehr zwischen unserer Liebe. So gebieterisch mein Vater — so dunkel und grausig die neue Macht, die er in seinen Landen voreilig einsührt: dcr Erbe zweier Königsthrone ist glcichwol nicht so arm an Einfluß und an Freunden, um dem Weib seiner Liebe nicht eine unverletzliche Freistatt gegen Priester und Despoten bieten zu können. Flieh mit mir; verlaß dieses schaudrigc Grabgewölbe, eh dcr letzte Stein sich auf immer über Deinem Haupte schließt! Ich habe Pferde und Gcwaffnetc zur Hand. Diese Nacht kann Alles ins Werk gesetzt werden — diese Nacht — o Wonne! — kannst Du der Erde und der Liebe zurück gegeben werden!" „Prinz," crwicdcrtc Lcila, die sich während dieser Worte von Juan losgeriffcn, nnd jetzt in einiger Entfernung, aufrecht und stolz, da stand, „Ihr versuchet mich umsonst; oder vielmehr, Ihr setzt mich nicht i» Versuchung. Ich habe gewählt und bleibe bei meiner Wahl." „O bedenke," cntgcgnctc der Prinz in dem Ton wirklicher, flehender Scclcnqual, „bedenke die Folgen > Deiner Weigerung wohl. Jetzt sichst Du sic »och nicht ein; Dein Eifer verblendet Dich. Aber wenn Stunde nm Stunde, Tag nm Tag, Jahr nm Jahr in der cnt- sctzcnsvollcn Einförmigkeit dieses heiligen Kerkers dahin schlcichtcn; wenn Du Deine Jugend ohne Liebe, Dein Alter ohne Ehre hinwclkcn sehen wirst; wenn Dein Herz zu Stein werden wird unter dem Blick dieser eisigen Gespenster; wenn in die schmerzliche Dumpfheit eines verwüsteten Lebens nichts eine Abwechselung bringt, als ein längeres Fasten, eine strengere Büßung: dann, o dann wird Dein Kummer verzehnfacht werden durch den vcrzwciflnngsvollcn Gedanken, daß Deine eigenen Lippen Deine Verdammung ausgesprochen haben. Du denkst vielleicht," fuhr Juan in raschem Eifer fort, „meine Liebe zu Dir sep Anfangs leicht und uuchrcnvoll gewesen. Sep cS so! Ich gestehe, daß meine Jugend unter citcln Tändeleien und den Scheinbildcrn wirklicher Leidenschaft hinfloß. Jetzt 87 aber, zinn erstenmal in meinem Leben, fühl' ich, daß ich liebe. Deine dunkeln Augen — Deine edle Schönheit — selbst Deine weibliche Strenge — haben mich bezaubert. Ich - nie sonst zuriickgewicscn, wo ich um eine Gunst warb, — kenne endlich an, daß ein Triumph in der Besiegung eines WcibcrhcrzenS liegt. O Lcila! verstoße mich nicht! Du weißt nicht, welche seltene und tiefe Liebe Du von Dir wirfst!" Die Novizin war gerührt: die nunmehrige Sprache Don Juans war so verschieden von seiner früher»; die ernstliche Liebe, die aus seiner Stimme bebte, aus seinen Augen blickte, rührte an eine Saite in ihrer Brust; sie rief ihr die eigene unbesiegte, unbesiegbare Liebe zu dem verlorenen Musa ins Gcdachtniß. Denn cs liegt in der Natur des Weibes, daß wenn sic liebt, sic eine aufrichtige Bewerbung eines Dritten zwar immerhin zuriickwciscn mag, aber dieselbe nicht verachten kann: sic fühlt im eigene» Herzen die Qual, die Jener dulden muß, und ha!, durch eine Art Egoismus, Mit- lciden mit dem Widcrbild ihrer selbst. So war denn Lcila gerührt — bis zu Thräncn gerührt, aber ihr Entschluß glcichwol nicht zu erschüttern. „O Lcila," nahm der Prinz wieder das Wort, die Ursache ihrer Rührung mißverstehend und de» Vor- thcil, de» er gewonnen zu haben glaubte, zu verfolgen suchend, „sich jenen Sonncnstral, der sich durch die Nipc Deiner Zelle kämpft: ist er nicht ein Bote aus der glücklichen Welt? redet er mir nicht das Wort? flüstert er Dir nicht von den grünen Feldern 88 und lachend?» Wcingcländcn und all der schönen Verschwendung der Erde, welcher Du für immer entsagen willst? Furchtest Du meine Liebe? Sind die selbstquälerischen, leblosen Gestalten um Dich her für Dein Auge schöner, als die meinigc? Bezweifelst Du meine Macht, Dich zu beschützen? Ich sage Dir, die stolzesten Edcln Spaniens würden^ sich um meine Fahne lchaarcn, wäre cs nöthig, Dich durch Waffengewalt zu schützen. Dennoch, sprich nur ein Wort — scp die Meine, und ich will mit Dir von hier wcgflichcn unter einen Himmel, wo die Kirche ihre tödlichen Wurzeln nicht geschlagen hat, und, der Krone und Sorgen vergessend , nur für Dich leben. O sprich!" „Fürst/' sprach Lcila ruhig, und suchte sich die nörhigc Kraft zu geben, „ich fühle tiefe und aufrichtige Dankbarkeit für die Theilnahmc, die Ihr ans- drückt —- für die Zärtlichkeit, die 2hr mir gelobet. Aber Ihr täuschet Euch. Ich habe die Wahl, die ich getroffen, reiflich überlegt. Ich bereue sic weder, noch bedauere ich sic — geschweige, daß ich sic rückgängig machen möchte. Die Erde, von der Ihr sprechet, voll Liebe und Segen für die Andern, hat keine Bande, keine Reize für mich. Ich wünsche blos Frieden, Ruhe und einen baldigen Tod." „Wär's möglich," rief Inan »nd ward blaß, „solltest Du einen Andern lieben? dann freilich, und dann nur würde meine Bewerbung fruchtlos scpn." Die Wange der Novizin ward tief gcröthet, aber der Purpur wich schnell wieder. Sic flüsterte vor sich 89 -in: „Wann» sollt' ich mich schämen cs seht zn gestehen?" und setzte dann lnnt hinzu: „Prinz, ich hoffe mit der Welt abgeschlossen zn haben, und bitter ist die Qnal, die ich fühle, wenn Ihr mich in dieselbe zurück rufet. Aber Ihr verdienet mein nnninwnndcncs Gcständniß: Ich habe einen Ander» geliebt, und in diesem Gedanken liegt, wie in einer Urne, die Asche jeder Zuneigung. Dieser Andere ist verschiedenen Glaubens von mir. Hicnicdcn können wir uns nie — nie wieder treffen; aber cs ist ein Trost in dem Gebet, daß wir »ns dort oben wieder begegnen mögen. Dieser Trost und diese Hallen sind mir thcurer, als alle Pracht, alle Wonnen der Welt." Der Prinz sank nieder, bedeckte das Gesicht mit de» Händen und stöhnte laut — gab aber keine Antwort. „Gehet denn, Prinz von Spanien," fuhr die Novizin fort. „Sohn der edel» Jsabclla, Lcila ist der Fürsorge derselben nicht unwürdig. Gehet der großen Bestimmung entgegen, die Eurer wartet. Und wenn Ihr dem armen jüdischen Mädchen verzeihet — wenn Ihr eine Erinnerung an sic bcibchaltct, so lindert, erleichtert, mildert das unselige Loos des gefallenen Volkes, aus welchem sic, um Eures Glaubens willen, getreten ist." „Ach," versetzte der Prinz traucrvoll, „Dich allein vielleicht von Deinem ganzen Volke hätte ich vor der Frömmelei retten können, welche dieses ritterliche Land über und über zu bedecken anfängt, wie die Flut Vulwer's Romane. U.XXVI. " NO eines unwiderstehlichen Meeres — und Du verwirfst mich! Nimm Dir wenigstens Zeit, nachzndcnken — zu überlege». Laß mich morgen noch einmal zu Dir kommen." „Nein, Prinz, »ein — nicht noch einmal! Ich bewahre Euer Gcheimniß bloß, wenn ich Euch nicht mehr sehe. Bcharrt Ihr bei einer Bewerbung, in der, wie ich fühle, Sünde und Schmach liegen, so verlangt meine Ehre . . . . ." „Halt!" unterbrach sie Juan, hoch^herab — „ich quäle, ich Plage Dich nicht langer. Ich befreie Dich von meiner Zudringlichkeit. Vielleicht Hab' ich mich zu tief herabgclafscn!" Er zog die Kapuze über das Gesiebt und schritt trotzig auf die Thür zu. Als er jedoch eine» letzte» Blick ans die Gestalt warf, die sein für edle Empfindungen nicht unfähiges Herz so wunderbar gefesselt hatte — erweichten die lanfic, gram- crfülltc Stellung der Novizin, ihre zarte Jugend, ihr düsteres Schicksal den augenblicklichen Stolz und Zorn wieder. „Gott segne und behüte Dick, armes Kind," sprach er mit einer durch den Widerstreit seiner Gefühle bebenden Stimme — und die Thür schloß sich hinter ihm ab. „Ich danke dir, Himmel, daß cs nicht Mn>'a war," lispelte Lcila, aus einer Träumerei auffahrend, worin sic mit der eigenen Seele Zwiesprache zu halten schien. „Ich fühle, ihm bält' ich nicht zu widerstehen vermocht." Mit diesem Gedanken kniete sie, in dcmüthiger, reuevoller Sclbstanklagc nieder und betete um Kraft. St Noch hatte sic sich von dem Gebet nicht erhoben, als ihre Einsaiu-kcit abermals dnrch den Dominikaner Torgucmada unterbrochen ward. Bei diesem seltsamen Menschen, dein Urheber von Grausamkeiten, vor welchen die Natur znrückschaudcrt. liefen glcichwol einige Adern warmen, -arten Gefühles dnrch den Marmor seines harten Charakters. Als er sich von dem reinen, angelegenen Eifer der jungen Nenbckchrtcn zur Genüge überzeugt hatte, ließ er von der rauhen Strenge, die er Anfangs gegen sic gezeigt, nach, und übte die ihm zu Gebot flehende Beredsamkeit in der Erhebung ihres Geistes, in der Beschwichtigung ihrer Zweifel. Er betete für sic und betete neben ihr mit Thränen und Inbrunst. Lange verzog er diesmal bei der Novizin, und als er sic verließ, war sie, wenn nicht glücklich, mindestens beruhigt. Ihr wärmster.Wunsch blieb jetzt, daß die Zeit ihres Noviziats abgekürzt werden möge, das, auf ihr Anliegen, die Kirche bereits nur noch dem Namen nach von wirklicher Einkleidung unterschied. Sic sehnte sich nach der Unmöglichkeit eines Widerrufs, nach dem unvcrwciltcn Betreten des schmalen Pfades. Die sanfte, bescheidene Frömmigkeit der Jungfrau rührte die Schwcstcrschaft: sic wurde Allen theuer. Die Unterredung mit ihr war ein Ereigniß, das den Todcsschlaf jenes stagmrcndcn Lebens unterbrach. Diese Thciluahme, diese Freundlichkeit der Nonnen gegen sie, die von der Wiege an so wenig wie ihrem eigenen Geschlecht verkehrt hatte, trug mächtig zur Stillung 92 und Sanftigung ihres GcmüthcS bei. Nachts aber führten ihr ihre Traume das dunkle, drohende Antlitz ihres Vaters vor die Seele. Bald wars ihr, als risse er sic von de» Thoren des Himmels, bald sah sic ihn neben sich am Altar kniccn »nd sic beschwören, dem Heiland zu entsagen, vor dessen Bild am Kren; sic kniete. Zuweilen streifte auch Mnsa durch ihre nächtlichen Gesichte, — aber in minder furchtbarer Gestalt. Seine ruhigen, gramvollen Augen waren auf sic gerichtet, und seine Stimme fragte: „Kannst Du ein Gclübte ablegcn, das die Erinnerung an mich zur Sünde macht?" So war den» die Nacht, die sonst den Trauernden Balsam und Vergessenheit bringt, furchtbarer für Lcila als der Tag. Ihre Gesundheit litt mehr und mehr, aber ihr Gcmüth blieb fest. In glücklicheren Zeiten und Verhältnissen würde die arme Ncnbckchrtc ein großer Charakter geworden sch»; aber so bildete sic nur eines der unzähligen, der Welt unbekannten Opfer, deren Tugenden stille Beweggründe haben, deren Kämpfe in einsamen Herzen Vorgehen. Vom Prinzen hörte und sah man nichts mehr. Es gab Augenblicke, wo sic ans zweideutigen, dunkeln Winken schloß, der Dominikaner habe um Don Jüans Verkleidung »nd Besuch gewußt. War dem so, so schien dieses Wissen die Milde, beinah die Verehrung, welche Torqncmada ihr bewies, nur zu vermehre». Gewiß blieb, daß von jenem Tage an daS Benehmen des Priesters gegen sic aus irgend einem 83 Grunde weit sanfter geworden, und daß er, der selten zu andern Mitteln, als der Strafe und Drohung, seine Zuflucht nahm, über sic oft Acußcrungcn halb des Mitleids, halb dcö Lobes that. Also getröstet und gestärkt am Tage — also geschreckt und gcängstigt bei Nacht, aber nimmer ihren Entschluß bereuend, sah Leila die Zeit zu jener crcig- nißvollc» Stunde hinglcitcn, wo ihre Lippen das unverbrüchliche Gelübde aussxrcchcn sollten, das die Grabschrift des Lebens ist. Während in jenem abgelegene», stillen Kloster die Geschichte eines einzelnen Menschen ans diese Art vor- schrcitct, werden wir wieder entboten, die letzten Tage eines fallende» Königshauses vor uns vorüber gehen zu lassen. Drittes Kapitel. Pause zwilchen Niederlage und Nebergabc. Der unglückliche Boabdil versenkte sich noch einmal in die Verborgenheit der Alhambra. Wie groß seine Qual, seine Trostlosigkeit sein mochten: Niemand durfte seine Gefühle thcilen, oder auch nur Zeuge derselben werden. Ausdrücklich versagte er den Zutritt in seine Einsamkeit, welchen seine Mutter verlangte, um welchen die getreue Amine flehte, welchen Musa voll Sorgen zu erringen suchte: gerade die ge- 94 licbtcsten oder vcrchrtcstcn Personen waren cs vor Allen, vor welchen er am meisten zurückbcbtc. Von Almamen vernahm man nichts mehr. Man glaubte, er sch in der Schlacht gefallen. Er gehörte jedoch zu denjenigen Menschen, die, so mächtig ihre Wirksamkeit auch ist, wenn sie zugegen sind, doch, sobald sic abwesend, sogleich vergessen werden. Zugleich lenkte der Hunger, der bei der gänzlichen Verwüstung der Vcga und der Abschncidung jeglicher Zufuhr, täglich cntsetzcuSvollcr wurde, die Aufmerksamkeit jedes gcringcrn Mohren vom Untergang der Stadt ans seine persönlichen Leiden ab. Neue Verfolgungen trafen die unseligen Zudem Da sic durchaus keinen Theil an dem Kampf genommen swie bei Menschen zu erwarten stand, um deren Interesse» cS sich bei dem Schicksal des Landes, worin sic wohnten, nicht handelte, und deren Brüder die Thorheit einer Einmischung in den Krieg so schwer gebüßt hatten!, so milderte kein Gefühl von Verbrüderung in der Gefahr den Haß und Abscheu, der auf ihnen lag; und da in ihrer Gewinnsucht Manche fortfuhrcn, mitten in der HungcrSnoth der Bewohner Nahrungsmittel zu ungeheuren Preisen zu verkaufen, so gab sich die Entrüstung der Menge gegen sie — bei dem Zustand der Stadt jedes Zügels und Gesetzes ledig — in schauderhaften Ausbrüchen kund. Viele Zudcnhänscr wurden angegriffen, geplündert, nicdcrgcrisscn, und die Eigcnthümcr bis auf den Tod gequält, um über die Schätze, in deren Besitz man sic wähnte, Geständ- 95 „ifi zu erhalten. Nickt zu verkaufen, was verlangt wurde, war ein Verbrechen, und cs zu verkaufen, war ebenfalls eines. Die Elende» flehen nach jedem Schlupfwinkel, de» ihnen die Gewölbe ihrer Häuser, oder die Höhlen in den innerhalb der Stadt gelegenen Hügeln noch anboteu, ihr Schicksal verfluchend nnd beinah sehnsüchtig nach dem Joch der christlichen Fanatiker. So verstrichen mehrere Tage; die Verteidigung der Stadt blieb deren nackten Mauern und mächtigen Thoren überlassen. Die Helle Sonne sah auf verschlossene Läden nnd entvölkerte Straßen herab, außer wenn ctw aciu Hanfe gcspcnstcrhafter, abgezehrter Menschen aus der ärmer» Klasse sich in einem plötzlichen Anfall von Math oder Verzweiflung mir ein gestürmtes, in Brand gestecktes Jndcnhaus drängte. Endlich entriß sich Boabdil selbst seiner Abgeschiedenheit, und Mnsa ward zu seinem eigenen Erstaunen in die Gegenwart des Königes bcschicdcn. Er fand Diesen in einem der prachtvollsten Gemacher seines prachtvollen Palastes. Im Thurm von Eomares ist ein großes Zimmer , noch auf den heutigen Tag der Saal der Gesandte» genannt. Hier hielt Boabdil jetzt Hof. An den schimmernden Wänden hingen Trophäen und Fahnen und hie und da das arabische Bildniß irgend eines bärtigen Königes. An den Fenstern, die auf die lieblichen Ufer des Darro hinab schauten, standen dicht gedrängt die Santons und Alfaguis, etwas entfernt von der übrigen Menge. Im Hintergrund öffnete 96 sich, halb von Draperie verhüllt, der große Hof der Albcrca, dessen Sänlcngängc nüt Blumen behängt waren, während in der Mitte das riesige Bassin, das dem Hof seinen Namen gibt, das Sonnenlicht anfsing, so daß das Wasser ans den umrankcndcn Roscn heraus ins Auge blitzte. Im Andienzsaal selbst war ein Thronhimmel über Boaddi's Sitze mit den Wappcninsignicn der Beherrscher GranadaS geschmückt. Leibwächter, Stamme,* Ennnchcn, Höflinge, Näthe, Qssi-icrc reihte» sich in langer Linie zu beiden Seiten des Thrones. Es schien das letzte Flackern der mährischen Lebenolampc, dieses hohle, wirklichkeitslosc Gepränge! Als Mm'a sich dein Monarchen näherte, crschrack er über die Veränderung in dessen Zügen: der junge, schöne Doabdil schien plötzlich alt geworden zu scpu; seine Augen waren eingesunken; sein Gesicht mit Furchen durchzogen, und seine Stimme tönte hohl und gebrochen ins Ohr seines Verwandten. „Komm her, Muss," sprach er, „setze Dich neben mich und höre ans die Nachrichten. die wir vernehmen werden." Nachdem Musa ans einem Kissen, etwas unter dem König, Platz genommen, winkle Boabdil Einem ans dem Gefolge. „Hamct," sprach er, „Du hast de» Zustand des christlichen Lagers untersucht: was Neues bringst Du?" * Ei» bekannter Titel an den orientalischen Höfe». 97 „Licht dcr Gläubigen," crwl'cdcrtc der Mohr, „cs ist nicht mehr ein Lager, — es ist bereits eine Stadt geworden. Nenn spanische Flecke» wurden mit dcr Arbeit beauftragt: Stein ist an die Stelle des Zeitliches getreten; Thiirmc und Straßen erheben sich wie das Werk eines Zauberers, und dcr »»gläubige König hat geschworen, seine neue Stadt nicht zu verlassen, bis seine Fahne auf Granadas Mauern weht." „Weiter," sagte Boabdil ruhig. „Krämer und Händler komme» täglich in Menge dorthin; dcr ganze Ort ist ein Bazaar; Alles was unserer hungernden Stadt zu Gut kommen sollte, strömt seine Fälle auf jenen Markt aus." Boabdil winkte dem Mohre» sich zurückzuzichcn und ein Alfaqui trat an dessen Stelle. „Nachfolger des Propheten und Liebling dcr Welt," sprach derselbe, „die Maquis und Scher Granadas beschwören Dich ans ihren Kniccn auf ihre Stimme zu hören. Sie haben das Buch des Schicksals befragt, sic habe» ein Zeichen vom Propheten erfleht, und ihr Erfund war, daß dcr Glanz gewichen ist von Deiner Krone und Deinem Volke. Granadas Fall ist vom Geschick voraus bestimmt — Gott ist groß!" „Ihr sollt meine Antwort sogleich erhalten," cnt- gegnctc Boabdil. „Abdclmclic, tritt vor." Aus dcr Menge trat ein bejahrter Mann mit weißem Bart, dcr Befehlshaber dcr Stadt. „Sprich, alter Mann," sagte dcr König. 98 „O Boabdil," sprach der Veteran mit gebrochener Stimme, während die Thronen ihm die Wangen herab flössen, „Sohn eines Geschlechtes von Helden und Königen, wäre doch Dein Diener heute todt ans Deine SchweNc gefallen und der Mund eines inohrischcn Edcln nie durch die Worte entweiht worden, die ich je>>t anS-prcche. Unser Zustand ist hoffnungslos: unsere Borratdsbä'nscr sind wie der-Sand in der Wüste; weder für Mensch noch Thier ist Leben in ihnen. Das Kriegsroß, daS sonst den Helden trug, wird jetzt als dessen Speise verehrt, und die Bevölkerung der Stadt schreit mit Einer Stimme nach Ketten und Brod! — Ich bin fertig." „Laßt die Gesandten Egyptens herein," sprach Boabdil, nachdem Abdelmclic sich zurückgezogen. Eine Pan c entstand; einer der Vorhänge am Ende des Saales wurde weggezogen, und mit der langsamen, gesetzten Majestät seines Volks und Landes schritt ein dunkelbrauner- Zug hervor, Abgeschicktc des Soldans von Egypten. Sechs von ihnen trugen kostbare Geschenke, in edelm Gestein und Waffe» bestehend, und zuletzt kamen vier verschleierte Sklavinnen, deren Schönheit der Stolz des alten Nilthals gewesen war. „Sonne Granadas und Morgenstern der Gläubigen," nahm der Oberste der Egyptcr das Wort, „mein Herr, der Soldan von Egypten, die Wonne der Welt und der Roscnbanm des Orients, antwortet also auf die Briefe Voabdils: Er bedauert, die von Dir gewünschte Hülfe nicht schicken zu können, und findet 99 überdies bei näherer Erkundigung über den Zustand Deines Gebietes, daß Granada keinen Seehafen mehr hat, von welchem aus unsere Truppen (könn e er solche senden) Eingang in Spanien fänden. Er beschwört Dich, Deine Hoffnung auf Allah zu scheu, der seine Erwählten nicht verlasse» wird, und legt diele Geschenke, als ei» Pfand seiner Freundschaft und Liebe, zu den Füßen meines Herrn, des Königs." „Ein freundliches und zeitgemäßes Geschenk." eut- gcgnctc Boabdil mit zuckender Lippe; „wir danken ihm." Ein langes, todtcnhaftcs Schweigen folgte, als die Gesandten de» Audicnzlaal verließen; sofort erhob Boabdil plötzlich das Haupt von der Brust, warf einen königliche», hohcitsvollen Blick in der Halle umher und sprach: „Die Herolde Ferdinands von Spanien mögen eintretcn." Unwillkürlich brach ein Seufzer ans Musas Brust und fand seinen Widerhall in einem Gemurmel des Abscheus und der Verzweiflung von Seiten der um- hcrstchcndcn tapfer» Heerführer; doch diesem augenblicklichen Allsbruch folgte ein athcmloscS Schweigen, und hinter einem andern Vorhang hervor, dem königlichen Sitz gegenüber, schimmerten die glänzenden Harnische der spanischen Ritter. Voran diesen stolzen Gästen, deren chrne Fersen laut auf dem eingelegten Boden anschlugcn, trat eine edle, stattliche Gestalt, mit Ausnahme des Helms in voller Rüstung und in einen Mantel von blauem Sammt, worein das silberne Kreuz, das Wahrzeichen des ChristcnkampscS, cingc- 100 stickt war. Auf seinem männlichen Antlitz zeigte sich keine Spur unziemlichen Hochmuths oder SicgcsjubclS; sondern etwas von jenem Mitleid, das tapfere Männer mit bezwungenen Feinden suhlen, dämpfte den Glanz seines gebietenden Auges und sänftigte die gewohnte Strenge seines kriegerischen Benehmens- Er und sein Gefolge näherten sich dem König mit tiefer Verbeugung, worauf er dem ihn begleitenden Herold, dessen Gewand auf Brust und Nucken die Wappen Spanien eingesteckt hatte, winkte, sich selbst seines Auftrags zu entledigen. „An Boabdil," begann der Herold mit lauter Stimme, die den ganzen Saal erfüllte, und die stumme Versammlung mit verschiedenen Gefühlen durchzuckte, „an Boabdil cl Chico, König von Granada, scndcn Ferdinand von Arrago» und Jkabella von Castilicn ihren königlichen Gruß. Sic befehle» mir ihre Hoffnung auszudrückcn, daß der Krieg endlich zu Ende scy, und bieten dem Könige von Granada solche Bedingungen der Ucbcrgabc, wie sic ein König annchmc» kann, ohne sich zu entehren. Im Austausch für diese Stadt, welche die allcrchristlichstcn Majestäten billigcrmaßcn mit ihrem eigene» Gebiet wieder vereinigen wollen, bieten sic, o König, Eurem Sccptcr fürstliche Besitzungen in den Alpurarras-Gcbirgcn als Lehn der spanischen Krone. Dem Volk von Granada versprechen ihre allcrchristlichstcn Majestäten vollen Schutz des Eigen- thums, Lebens und Glaubens, unter sclbstgcwähltcn Obrigkeiten, die cs nach seinen eigene» Gesetzen rcgic- tOl reu; Erlassung der Abgaben auf drei Jahre und sodann eine Rcgulirung der Steuern nach dem Fuß und Umfang seiner jetzigen Taren. Solchen Mohren, die, unzufrieden mit diesen Vorkehrungen, Granada verlassen wollen, wird freier Abzug für sich und ihre ganze Habe zugcsichcrt. Zur Erwiederung für diese Zeichen ihrer königlichen Milde fordern ihre allcrchrist- lichstcn Majestäten Granada auf, sich innerhalb siebzig Tagen, falls unterdessen kein Succurs für die Belagerten anlangt, zu ergeben. Diese Anerbietungen sind hicnüt feierlich verkündigt in Gegenwart und durch Sendung des cdcln und prciswürdigcn Ritters Gon- salvo de Cordova, Abgeordneten ihrer allcrchristlichstcn Majestäten aus ihrer neuen Stadt Santa Fü." Ais der Herold geendet, warf Boabdil das Auge auf sciucu dicht gedrängten, glänzende» Hof. Kein Fcucrblick begegnete dem scinigcn; unter der schweigende» Menge machte sich blos eine rcsignirtc Zufriedenheit bemerkbar E die Vorschläge übcrtrafcn die Erwartung der Belagerten. „Und," fragte Boabdil mit einem tief geholten Seufzer, „wenn wir dic'c Anerbietungen verwerfen?" „Edler Fürst," crwicdcrtc Gonsalvo angelegen, „heiß mich Dein Ohr nicht mit dem EnUchluß für den entgegengesetzten Fall verwunde». Ucbcrlcgc und bedenke unsere Erbietungen; und zweifelst Du noch, tapferer König, so besteige die Thürmc Deiner Alhambra, überschaue unsere Legionen Reih um Reihe vor Deinen Mauern, und wende dann Deine Augen 102 ans cin tapferes Volk, das nicht menschlicher Kraft, sondern dem Hunger und dem »ncrforschlichcn Willen Gottes erlegen ist." „(eure Beherrscher, edler Christ, sollen unsere Amwort haben, vielleicht eh die Nacht anbricht. Und Dn, braver Ritter, der einem König eine bittere Botschaft gebracht hat, empfange mindestens nnsern Dank für ein Benehmen, das den Inhalt derselben möglichst mildern wollte. Unser Wcssir wird in Dein Gemach solche Zeichen der Erinnerung bringen, wie sic Granadas Monarch noch zu geben vermag.,, „Mnsa," nahm der König wieder das Wort, als die Spanier abgetreten waren — „Du hast Alles an- gchört. Was ist der letzte Rath, den Dn Deinem Oberhanptc crthcilcn kannst?" Der kühne Mohr hatte mit Mühe bis zu dieser Aufforderung gewartet, um Gesinnungen laut werden zu lassen, die nur der Tod ans dieser Hcldcnbrnst verdrängen konnte. Er erhob sich, stieg von seinem Sitze herab, stellte sich etwas unter den König und sprach, das Gesicht der verschiedenartigen Menge zugcwcndct, die Alles in sich faßte, was von Weisheit oder Tapferkeit in Granada noch übrig war, also: „Warum uns ergeben? Zwcimalhnndcrttäuscnd Einwohner sind noch innerhalb unserer Mauern; unter diesen mindestens zwanzigtanscnd Mohren, die Arme und Schwerter haben. Warum »ns ergebe»? Zwar drängt uns Hunger; aber soll er, der den Löwen furchtbarer macht, den Menschen feiger machen? Vcr- <03 zweifelt ihr? Sci's drum! Verzweiflung im Tapfcrn muß ciuc unwiderstehliche Kraft habe». Verzweisiung bat Memmen tapfer gemacht: soll sic Tapfere zu Memmen hcrabwürdigc» ? Laßt uns das Volk aufregen; bisher haben wir zu sehr blos auf die Edeln gerechnet. Laßt uns unsere ganze Macht sammeln und gegen diese neue S:adt ziehen, wahrend die spanischen Soldaten in ihrem neuen Beruf als Baumeister und Maurer beschäftigt sind. Hör mich, o Gott und Prophet der Muselmanen! höre Einen, der Dir nie untreu ward! Wenn ihr, Mohre» von Granada, meinem Rath folget, so kann ich euch nicht den Sieg versprechen, aber ich verspreche euch, daß ihr nie ohne denselben leben werdet: ich verspreche euch mindestens eure Unabhang- gigkcit — denn die Todten kennen keine Ketten. Laßt »ns sterben, wenn wir nicht leben können, daß wir noch in den fernsten Zeiten einen Ruhm haben mögen, der dauernder sepn wird, als irgend ein Mcuschcnrcich. König von Granada, dies ist der Rath Musa's Ben Abi! Gasan." Der Prinz schwieg. Aber er, dessen schwächstes Wort sonst Feuer in das dumpfste Herz gehaucht, hatte diesmal seine» Muth auf kalten, leblosen Stoff aus- gcströmt. Niemand antwortete — Niemand rührte sich. Boabdil allein, an den Schatten einer Hoffnung sich anklammcrnd, wendete sich endlich gegen die Versammlung. „Krieger und Weise," sprach er, „da Musa'S Nath der Wunsch Eures Königes ist, so sprecht nur Euer Ja 104 ans, und che der letzte Sand dieser Stunde verrinnt, soll der Klang unserer Trompeten durch die Vivarrambla schmettern." „O König, ficht nicht gegen den Willen des Schicksals — Gott ist groß!" crwicderte das Oberhaupt der Alfaquis. „Ach!" rief Abdclmclic, „läßt die Stimme Musa's und Deine eigene, o Boabdil, uns so kalt, wie willst Du vollends die leb- und herzlose Menge auf- regen ?" „Ist dies Eure allgemeine Ansicht und Euer allgemeiner Wille?" fragte Boabdil. Ein gemeinsames Murmeln antwortete: „Ja!" „So geh den», Abdclmelic," nahm der seinen Sternen verfallene König wieder das Wort; „geh mit diesen Spaniern ins Christcnlagcr, und bring uns so gute Bedingungen, als Dir zu erhalten möglich scpn wird. Die Krone ist vom Haupt El Zogopbi's gewichen. Das Schicksal drückt sein Siegel auf meine Stirne. Unglücklich war der Anfang meiner Regierung — unglücklich deren Ende. Der Divan ist aufgehoben." Boabdils Rede rührte die Zuhörer, denen seine Freundlichkeit, sein Verstand, sein natürlicher Math noch nie so lebendig vor die Seele getreten, auf's Innigste. Viele warfen sich ihm mit Seufzern und Thräncn zu Füßen, und die Menge drängte sich an ihn, den Saum seines Mantels z» berühren. Musa blickte in tiefer Verachtung mit gekreuzten Armen und schwellender Brust auf sic. 105 „Weiber, nicht Männer I" rief er; „Ihr vergießt Thronen, als hättet Ihr kein Bint mehr zu vergießen! Zhr versöhnt Euch mit dem Verlust der Freiheit, weil »mn Euch sagt, Ihr werdet nichts Anderes verlieren! Thoren und Betrogene! Von dem Ort ans, auf welchem meine Seele über Euch wcgschaut, sehe ich die dunkle, schauerliche Zukunft, der Ihr auf Euer» Kniccn entgegen kriechet: Knechtschaft nnd . Beraubung — Gcwaltthat roher llust — Verfolgung des feindlichen Glaubens — Euer Gold Euch durch die Folter abgc- prcßt -- Euer Name vom Boden ausgcrottct! Tragt dies und denkt an mich! Lebe wohl, Boabdil; Dich bemitleide ich nicht; denn in Deinen Garte» wächst noch ein Gift, in Deinen Rüstkammern ist noch ein Schwert. Lebt wohl, Edle und SantonS von Granada I Ich verlasse mein Vaterland, so lange cs noch frei ist." Kaum hatte er geendet, als er aus dem Saale verschwand. Es war, als ob Granadas Schutzgcist den Ort verließe. Viertes Kapitel. Die Lcycbenheit des einsamen Reiters. Es war ein brennender, schwüler Mittag, als durch ein von rauhen, steilen Hügeln begrenztes, mehrere Meilen von Granada gelegenes Thal ein Reiter Bnlwer's Romane. I XXVl. 8 106 in vollständiger Rüstung seinen einsamen Weg binzog. Sein Harnisch war schwarz und schmucklos, auf seinem Helm flatterte keine Feder. Aber in Gestalt und Haltung und der auffallenden Schönheit des kohlschwarzen Pferdes lag etwas, was auf höheren Rang zu deuten schien, als, bei der Abwesenheit von Pagen und Knappen und der Schlichtheit des Anzuges, ein oberflächlicher Blick vielleicht bemerken mochte. Der Ritter ritt sehr langsam und sein Hengst hielt, mit der Freiheit eines verzogenen Günstlings, unterwegs oft auf seinen, heißen Pfade an, wenn ihn ei» Grasfleckehen oder der Zweig eines übcrhangcndcn Baumes lockte. Als er einmal so dastand, ließ sich ein Geräusch in dem benachbarten, die steile Bergwand bekleidenden Gebüsch hören; das Nüß fuhr zurück und wcckic den Wanderer aus tiefen Gedanken. Mechanisch blickte er auf und sah die Gestalt eines Mannes mit schnellen, unregelmäßigen Schritten durch die Bäume Herabkommen. Die Gestalt paßte zu der Stille und Einsamkeit dcS Ortes, und hätte für einen jener strengen Klausner angc- sprochcn werden dürfe», die, halb Einsiedler, halb Krieger, während der Krcuzzüge ihr wildes Haus in den Sandflächen und Höhlen Palästinas aufschlugen. Der Unbekannte stützte sich auf einen langen Stab; Haar und Bart .hinge» ihm lang und wirr über die breiten Schultern. Ein verrosteter Panzer, ehedem von reichen Arabesken funkelnd, schützte seine Brust; das weite Gewand aber — eine Art Waffcnrock, der unter dem Harnisch hervorsah — war zerrissen, ja zcr- 107 fetzt, mid die Füße bloß; im Gürtel stack ein kurzer, gekrümmter Säbel, ein Messer oder Dolch, und eine mit Eisen gebundene Pcrgamcntrollc. Als der Reiter diesen plötzlichen Eindringling erblickte, bebte seine ganze Gestalt vom Sturm seiner Empfindung; er richtete sich zn seiner ganzen Hohe auf und rief mit lauter Stimme: „Dämon oder Santo» — was von Beiden Du scpn magst — was suchst Du an dic'em ein'amcn Ort, fern von dem König den Dein Rath betrog, und der Stadt, die Deine falschen Prophezeiungen und »»heiligen Zauber »erreichen habe» ?" „Ha!" cntgcgnetc Almamcn, denn allerdings war cs der Zsraclitc, „an Deinem schwarzen Rosse und dem Ton Deiner stolzen Stimme erkenn' ich den Helden Granadas, lind so frag' ich denn vielmehr Dich, Musa Ben Abil Gasein, warum bist Du abwesend von dem letzten Haltpunkt des Maurcnrciches?" „Gibst Du vor, die Zukunft zu lesen und bist blind für die Gegenwart? Granada hat sich den Spaniern ergeben. Ich allein habe cin Sklavcnland verlassen, und will in Afrika, der Heimat unserer Bätcr, einen Ort suchen, den der Fuß der Ungläubigen noch nicht entweiht hat." „So ist denn das Schicksal des einen Götzendienstes vollendet," sprach Almamcn düster; „aber der andere , welcher dafür cintritt, ist noch lichtloscr." „Hund!" rief Musa und legte die Lanze ein, „wer bist Du, daß Du also das Heilige schmähest? 8 * 103 „Tin Jude," crwicdcrtc Alinamcn mit einer ehr- ncn Stimnie und zog den Säbel, „ein verachteter „nd verachtender Jude! Fragst Dn mehr? ich bin der Abkömmling eines Geschlechtes von Königen. Ich war der ärgste Feind der Mohren bis ich die Nazarener für noch haffcnSwerthcr, als die Moslcm'S, erfand, »nd von da an kämpfte Mnm selbst nicht ruhmvoller für seine Brüder, als ich. Komm jetzt, wenn Dn willst, Man» gegen Mann: ich biete Dir Trotz!" „Nein, nein," versetzte Mnsa und senkte die Lanze; „Dein Panzer ist rostig vom Blut der Spanier: mein Arm kan» sich gegen den Tödtcr der Christen nicht erheben. Scheiden wir in Frieden." „Halt, Prinz," sprach Aimamcn mit veränderter Stimme : „ist Dein Vaterland das Einzige, was Dir thcncr? Ist Franenlächcln nie durch Deine Rüstung gedrungen? Hat Dein Her; nie für ein sanfteres Zusammentreffen geschlagen, als für die Begegnung des Feindes?" „Hör' ich recht?" cntgcgnctc Mnsa. „Dn hast mich crrathcn, und konnte Dein Zauber diesen Augen nur Einmal noch den Anblick des Einzigen verschaffen, was mir auf Erden noch geblieben ist, so würde ich so gläubig an Deiner Magic hangen, als Boabdil." „Du liebst sic also immer noch — diese Lcila?" „Dunkler Nekromant, hast Dn mein Gehcimniß gelesen und weißt den Namen meiner Geliebten? Ach, so laß mich Dich wirklich für einen Scher halten und enthülle mir den Ort der Erde, der den Schatz meiner 109 Seele bewahrt! Ja/' fuhr der Mohr mit steigender Bewegung fort und öffnete das Visier, wie um Luft zu scköpfeu — „ia, Ailah vergebe mir's, aber als Alles verloren war in Granada, halt' ich immer noch Einen Trost beim Scheiden aus meiner unglücklichen Heimat: es stand mir jetzt frei, Leila aufzusuchc»; co war möglich, meiner Fahrt ins ferne Land ein Wesen bcizugesellen, neben dessen Blick die Augen der Huris dämmerig werden würden. Doch ich verliere Zeit: sag' mir, wo Leila ist, und führe mich zu ihren Füßen!" - „Moslem, ich will Dich zu ihr führen," crwic- dcrtc Almamen und blickte den Prinzen mit einem Ausdruck seltsamen, furchtbaren Triumphes in den dunkeln Augen an: „ich will Dich zu ihr führen — folge mir. Erst gestern Abend erfuhr ich, welche Wände sic eiuschließe», und von jener Stunde bis zn diesem Augenblick bin ich ohne Ruhe und Nahrung über Berg und Wüste gewandert." „Aber was ist Leila für Dich?" fragte Musa arg? wöhnisch. „Du sollst cs bald genug erkahrcu. Gehen wir weiter." Damit stnrzie Almamcu mit einer Kraft vorwärts, welche nur die Aufregung seiner Seele in seinen erschöpften Körper gießen konnte. Musa trieb verwundert sein Pferd an und suchte den gehcimnißvollcn Führer i» ein Gespräch zu ziehen; aber Almamcn achtete kaum auf ihn. .Sein langes Fasten, sein cinja- ineS Wandern, seine -Hcrzcnsqual, die raschen Glücks- 110 Wechsel, die er durchgemacht, imd vor Allem die verzehrende Wnth seiner Leidenschaften hatten die halb verrückten Gefühle, die schon seit Monaten die natürliche Schärfe seines Geistes getrübt, der Grenze wirklichen Wahnsinns näher und näher gebracht, und wenn er sein düsteres Schweigen brach, so geschah cs blos durch einzelne, kurze Ausrufungen, oft in einer für das Ohr seines Gefährten fremden Sprache. Der kühne Maure, wenn auch gegen den Aberglauben seines Volkes nicht so sehr durch philosophische Bildung als durch die Verachtung eines Heldcnhcrzcnö gestählt, fühlte sich glcichwol von Schauder beschlichen, wenn er, umgeben von riesigen Felsen und cin'anien Schluchten, dann und wann auf die »nhcimlickc Gestalt und die funkelnden Augen des berufenen Zauberers blickte, und mehr als Einmal murmelte er diejenige» Verse aus dem Koran, die bei seinen Landsleuten als Geg-nzau- bcr wider den Einfluß böser Geister galten. Eine Stunde lang mochten sic also sortgezogcu sepn, als Almamcn plötzlich stehen blieb. „Ich bin ermattet," sprach er mit schwacher Stimme, „und so dringend auch meine Eile sepn sollte, besorge ich doch, meine Kraft möchte vor dein Ziel erliegen." „Sv steig hinter mir auf," cntgcgncic der Mohr nach einigem Zandern. „Bist Du auch ein Jude, so will ich die Befleckung um Lcilas willen verwinden." „Mohr," rief der Hebräer grimmig," „die Befleckung würde auf meiner Seite sepn. Unter Dinge» von Gestern her, wie Dein Prophet und Dein Glaube 111 sind, vermagst Du die Tiefe» des Abscheus nicht zu ermessen, den jedes dein Alten der Tage treue Herz gegen Dich und Deines Gleichen empfindet/' „Bei der Kaaba !" crwiedcrtc Musa, und cs ward finster auf seiner Stirn: „noch ein solches Work, und die Hufe meines Nosscs sollen Dir den gottcslästern- dcn Odem aus dem Leibe stampfen." „Ich würde Dich heraussordern, wer dem Ander» den Tod zu geben vermag," versetzte Almameu verächtlich; „aber ich spare mir den tapfersten der Mohren zum Zeugen für eine Thal auf, die eines Abkömmlings von Iephtha würdig ist. Doch still! ich höre Hufe!" Musa horchte nn-d an sein scharfes Ohr drang aus einiger Entfernung Pferdctritt auf dem harten, steinigen Boden. Er wendete sich und i'ah, wie Almameu in das dichte Unterholz schlich, so das die Zweige seine Gestalt versteckten. Gleich darauf machte eine Krümmung des Pfades einen i'pauisckcn Ritter auf einem andalusischcn Zelter bcme>klick; fröhlich sang er eine der Volksballadeu jener Zeit, und da sich dieselbe auf die Thatcn der Spanier gegen die Mauren bezog, war MufaS stolzes Blut augcnbltcklich in Aufruhr, und sein Schnurrbart zitterte über der Lippe. „Ick will die Weise ändern," flüsterte er, und saptc die Lanze, als er, noch in demselben Moment, den Spanier plötzlich im Sattel taumeln und der Lange nach zu Boden fallen sah. In dem gleichen Augenblick hatte Almameu aus seinem Versteck einen Sprung hervor gcthan, sich t 112 auf des Ritters Pferd geschwungen und seine Stelle neben dem Prinzen wieder erreicht, eh dieser von seinem Erstaunen noch zu sich gekommen. „Durch welche» Zauber," fragte Musa, und hielt den sich bäumenden Berber, „hast Du den Spanier ohne sichtbaren Schlag gefällt?" „Wie David den Goliath nicderstrcckte — durch Kiesel und Schleuder," antwortete Almamen gleichgültig- „Jetzt in gestrecktem Lauf vorwärts, wenn cs Dich drängt, Deine Lcila zu sehen!" Die Reiter setzten über de» Leib des betäubten Spaniers weg. Baum und Berg tanzten vorüber, allmälig verschwand das Thal und ein dichter Wald blickte finster über den Weg herein. Immer noch trieben sic rasch an, obwol das dichte Gebüsch und die Ilncbcuhcil des Bodens ihrer Bahn gar manches Hemm- niß entgegensetzten. Endlich, als die Sonne sich zum Sinken neigte, gelangten sic auf einen freien, ziemlich kreisförmigen Raum, um welchen her Bäume vom höchsten Alter ihre bewegungloscn, schattenden Zweige breiteten. In der Mitie des Rascngrundcs lag ein alter, rauher Stein, der den: Altar irgend einer barbarischen, hingcschwundencn Religion ähnelte. Hier hielt Almamcn auf Einmal an und flüsterte unverständlich in sich hinein. „Was bewegt Dich, dunkler Fremdling?" fragte der Mohr, „und was blickst Du murmelnd auf diesen Platz?" Almamen gab keine Antwort, sondern stieg ab, 113 band den Zügel an de» Zweig einer hohle», verwir- tertcn Ulme, und schritt allein in die Mitte des Nan- mcs vor. „Furchtbare prophetische Macht in mir," begann er, „dies ist also der Ort, den Du mir in Träumen und Gesichten voransgczcigt, um darauf den Schwur auszusprechcn, der den Geist von der letzten Schwäche des Fleisches befreien soll! Nacht »m Nacht hast Du in Dunkel und Schlaf die weihevolle Ocde, die mich hier umgibt, mir vor's Auge gebracht. Sep es so: ich bin bereit!" Damit zog er sich ein paar Augenblicke ins Gehölze zurück, sammelte einen Arm voll von dem welken Laub und Reisig, daö den wilden Bode» bedeckte und legte cs als Brandstoff auf den Stein. Dann wendete er sich gegen Osten und sprach mit erhobenen Händen: „Sich, ans diesem Altar, einst vielleicht von wilden Heiden errichtet, verspricht Dir, o Namenloser, der letzte kühne Geist in Deinem gefallenen und zerstreuten Volke, jenes kostbare Opfer, das Du einst in grauen Zeiten von einem Vater gefordert. Nimm die Gabe gnädig ans." Nach diesem Gebet zog er ein Fläschchen ans dem Buse» und sprengte ein paar Tropfen auf das dürre Laub. Eine bleiche, blaue Flamme loderte sogleich empor, und wie sic die gespenstische», ernsten Züge des Israeliten beleuchtete, fühlte Mnsa sein heißes Mohrcnblnt erstarren und schauderte, ohne recht zu wissen warum. Almamcn schnitt sich mit dem Dolch eine der langen Locken ab und warf sie ins Feuer. Er sah zu, bis sic 114 verzehrt war, dann fiel er mit einem nntcrdriickten Schrei in todtenglcichcr Ohnmacht ans die Erde nieder. Der Maure eilte zu ihm, hob ihn auf, rieb ihm Hände und Schläfen und löste ihm das Gewand auf der Brust; er vergaß, daß sein Gefährte ein Jude und Zauberer war, so sehr hatte der grausame Scclcnschmerz desselben sein Mitgefühl erregt. Erst nach Vcrfluß mehrerer Minuten kam Almamcn mit einem tiefen Seufzer wieder zu sich. „Ach, Geliebte, Braut meines Herzens," flüsterte er, „hast Du mir hiezu das einzige Pfand unserer jugendlichen Liebe empfohlen? Verzeihe mir! Ich gebe cs der Erde zurück, unbefleckt von den Heiden." Wieder schloß er die Augen, und heftige Zuckungen erschütterten seinen Leib. Der Anfall war endlich vorüber, und er erhob sich wie ein Mann aus einem furchtbaren Traume, beruhigt und beinahe erfrischt durch die Schrecken, die über ihn hingcgangcn. Das letzte Glimmen der blauen Flamme erlosch auf dem alten Alrar, und ein leiser Wind schlich seufzend durch die Bäume. „Zu Pferd, Prinz!" sprach Almamcn ruhig, aber die Augen von dem Stein abwcndcnd; „jetzt hält uns nichts mehr auf!" „Willst Du mir Deine Beschwörung erklären?" fragte Musa; „oder war sic, wie meine Vernunft mir sagt, ein blofes Gaukelspiel?" „Ach!" crwicdcrte der Hebräer mit traucrvolicm, verändertem Ton, „bald wirst Du Alles wissen!" 115 Fünftes Kapitel. Das Vpf'er. Langsam sank die Sonne durch jene dem iberischen Himmel cigcnthümlichcn Massen von Purpurgcwölke hinab, als die aus dem Wald hcrvorkommcndcn Wanderer eine liebliche kleine Ebene vor sich erblickte», die wie ein Garten bebaut war. Reihen von Orangcn- »nd Citroncnbäumc» hatten zum Hintergrund daü dnn- kclgrünc Laub der Ziehen, und dieses fand wiederum einen Saum in einem Gürtel von Wallnußbänmcn, Eichen und dem tiefen Dunkel der Pinien, während der ferne, dämmernde Umriß der Gebirgskette, der sich von der weichen Färbung dcö Himmels kaum unterscheiden ließ, dem Gcsichtkreis schloß. Durch das reizende Gelände zog ein schmaler, flimmernder Bach, und sammelte seine Wasser in einem runden Becken, über welches Rose und Orange ihre verschiedenartigen Blüten herein beugten. Auf einer kleinen Anhöhe erhoben sich die Thürmc eines Klosters, dessen lange Bogenfenster, obwol cs noch volles Tageslicht, von Innen beleuchtet waren, und als die Reiter ihre Augen auf daü Gebäude warfen, wogte der Klang heiliger Gesänge — in seiner Lieblichkeit und Feierlichkeit noch gehoben durch seine Ferne, durch die Stille des Momentes, durch die plötzlich hcrvorgctrctcnc An- muth der einsamen Gegend, die so gut zu der frommen 116 Ruhe des Klostcrlcbcus paßte, — melodisch durch die balsamische, klare Lust. Doch dieser Anblick und dieser Laut, so geeignet, lim Milde und Einklang in die Gedanken zu bringen, schienen Schmerz und Wuth in Almamcn zu wecken. Er schlug sich die Brust mit der geballten Faust, und mit dem Schrei: „Gott meiner Väter! bin ich zu spät gekommen?" grub er die Sporen bis unter die Räder in die Seiten seines keuchenden Renners. Auf dem Rasen hin, durch das duftige Gesträuch, über den kleinen, kicscligen Bach, den Hügel zum Kloster hinauf, sprengte der Israelit. Musa, verwundert und halb widerstrebend, folgte in einiger Entfernung. Deutlicher und näher erschollen die Stimmen des Chores; Heller und freier schimmerten die Lichter aus den gothischcn Fenstern; die Vorhalle der Klostcrkapcllc war erreicht: der Hebräer sprang vom Pferde. Eine kleine Gruppe der dem Kloster hörigen Landlcnte weilte ehrfurchtsvoll vor dem Thor: wie ein Rasender durch sic hin stürzend trat Almamcn in die Kapelle und verschwand. Eine Minute verstrich. Mnla hatte das Thor erreicht, hielt aber unentschlossen an, eh' er absticg. „Was für eine Feier wird da drin gehalten?" fragte er die Landlcnte. „Eine Nonne legt das Gelübde ab," crwicdcrte Einer von ihnen. Ein Schrei der Entrüstung, des Entsetzens ließ sich drinnen vernehmen. Mwa zögerte nicht länger; er gab sein Pferd einem der Umstehenden, schob den 117 schweren Vorhang über der Schwelle zurück und stand in der Kapelle. Neben dem Altar drängte sich eine wirre, ungeordnete .Gruppe: — die Schwestern mit der Aebtissin. Uni das heilige Gitter sammelten sich athcmloS und erstaunt die Zuschauer.. Ucbcr Alle hervorragend, auf der höchsten Stufe des geweihten Ortes, stand Almamen, den gezogene» Dolch in der Rechten, den linken Arm um eine Novizin geschlungen, deren Kleid, noch nicht durch das härene Gewand verdrängt, sic als diejenige anzeigte, die den Schleier nehmen sollte. Dieser gegenüber, die eine Hand auf ihrer Schulter, mit der andern ein Erucifir haltend, erhob sich eine strenge, ruhige, gebietende Gestalt in der weißen Tracht des Dominikanerordens: es war Thomas von Torgucmada. „Hinweg Abaddona!" lauteten die ersten Worte, die in MusaS Ohr drangen, als er unbemerkt in der Mitte der Kirche anhicit. „Hier helfen Dir Deine Zauberkünste nicht! Laß die Gottgcwcihte los!" Sic gehört mir! sic ist mein Kind! ich fordere sic von Dir als ihr Vater im Namen des großen Vaters dcr Menschen!" „Faßt den Zauberer! saßt ihn!" rief dcr Inquisitor, als sich Almamcu mit einer plötzliche» Bewegung Bahn durch die zerstreute, entsetzte Menge brach, und mit dcr Tochter in den Armen in den freien Raum vortrat. Aber kein Fuß rührte, keine Hand erhob sich. Dcr dem Eindringling gegebene Name hatte einen pani- scheu Schrecke» nntcr die Zuhörer geworfen, »nd lieber würden sic einem Ticgcr in seinem Lager cntgegcngc- stürzt scpn, als dem erhobenen Dolch und wilden Antlitz des grimmen Unbekannten. „O mein Vater," sprach jetzt eine leise, wankende Stimme, die den Mohren wie ein Lant ans dem Grab durchschauderic, „kämpfe nicht gegen die Beschlüsse des Himmels. Dc-ne Tochter ward zu ihrer heiligen Wahl nicht gezwungen. In Dcmnth, aber in Glauben, zu der Lehre Christi bekehrt, wünscht sic nicktS Anderes auf Erden, als das heilige, ewige Gelübde abzu- lcgcn." „Ha!" stöhnte der Hebräer, indem er die ihm zu Füßen Fallende Plötzlich los ließ, „so Hab' ich denn wirklich das Acrgstc vernommen! Der Schleier ist zerrissen — der Geist hat den Tempel verlassen. Deine Schönheit ist entheiligt; Deine Gestalt ist nur noch verächtlicher Staub. — Hund!" rief er grimmiger und blickte auf das unbewegte Gesicht des Zngnisitors, „das ist Dein Werk! aber Du sollst nicht trinmphircn! — Hier, vor Deinem Altar bict' ich Dir Tror, wie vorher nn- ttr den Folterbänken Deines entmenschten Gerichtshofs. — So — so — so befreit Almamcn, der Jude, die Letzte seines Hauses von dem Fluch des Galiläers." „Halt, Mörder!" rief eine Donnerstimme und ein bewaffneter Mann brach durch die Menge und stand vor dem Wüthendcn. Es war zn spät: dreimal hatte der Stahl des Hebräers die unschuldige Brust durchdrungen; dreimal hatte er sich mit dem jungfräulichen 119 Blut gefärbt. Lcila sank in die Arme ihres Geliebten; ihre dämmernden Angen ruhten auf seinem Antlitz, das ihr unter dem erhobenen Visier entgegen sah — ein schwaches, zärtliches Lächeln spielte »m ihre Lippen: — Lcila war nicht mehr. Almamc» warf einen hastigen Blick ans sein Opfer und stürzte dann mit einem wilden Gelächter, das jedes Echo in den düster» Mauern weckte, von dem Ort weg. Die blutige Waffe über dem Kopf schwingend drang er durch die bebende Menge, und che selbst der Dominikaner in seiner Bestürzung eine Stimme gefunden, klang der Hufschlag seines in wilden Lauf gesetzten Rosses durch die Luft: noch ein Augenblick — und Alles war still. Aber über die ermordete Jungfrau beugte sich kniccnd der Mohr, als glaubte er noch nicht an ihren Tod; ihr, der glänzende» Locken noch nicht beraubtes Haupt auf seinen Schoß gelehnt, ihre eisige Hand fest in der seinigen haltend, seine Rüstung von ihrem Blut übcrquollcn. Niemand störte ihn; denn unter dem Gewand des christlichen Ritters argwöhnte Niemand einen fremden Glauben, und Alle, selbst der Dominikaner, empfanden einen Schauder des Mitgefühls über sein Wehe. Mit der Schnelligkeit der Auffassung, die jenem Himmelsstriche eigen ist, verstand man sogleich, ein Liebender scp derjenige, welcher die schöne Leiche hielt. Wie er hcrgckommcn, in welcher Absicht, welcher Hoffnung, darüber jetzt Bcrmnthnngc» auszustcllcn, war die Dcnkkraft durch das Mitleid zu sehr gehemmt. 120 Stumm imd bewegungslos kniete Muss, bis einer der Mönche hinzu trat und den Puls fühlen wollte, um sich zu vergewissern, ob das Leben wirklich ganz entflohen scp. Der Mohr winkte ihm zuerst gebieterisch hinweg; als er aber seine Absicht erricth, ließ er ihn still die geliebte Hand fassen. Er heftete die dunkeln, flehenden Auge» auf ihn, und als der Bruder die Hand wieder sinken ließ und sich mit sanftem Kopf- schiittcln abwendcte, war ein tiefer, martcrvollcr Seufzer da-s Einzige, was die Zuhörer von dem Herzen vernahmen, worein der letzte Pfeil des Schicksals gedrungen. Heiß küßte er Stirn, Wange», Lippen des verstummten, engelhaften Antlitzes — und erhob sich. „Was thust Du hier, und was weißt Du von jenem mörderischen Feinde Gottes und der Menschen 2" fragte der Dominikaner, hinzutrctcnd. Musa aniworterc nicht und schritt langsam durch die Kapelle. Die Zuschauer waren zu plötzlichen Thra- nen gerührt. „Laß ihn!" rief man fast mit Einem Tone dem rauhe» Inquisitor zu, „er hat keine Stimme um Dir zu antworten." So, unter dem hülfrcichcn Kummer und Mitleid des christliche» Haufens, erreichte der unbekannte Muselman das Thor, bestieg sein Pferd, und als er sich noch einmal nmwendctc und einen schnellen Blick auf das vcrhängnißvollc Gebäude warf, sahen die Umstehenden große Thräucn von seine» braunen Wangen niederrollcn. 121 Langsam stieg das kohlschwarze Roß den Hügel wieder herunter, durchschritt den stillen, lieblichen Garten, und verschwand im Walde. Und weder Christ noch Mohr erfuhren je, was von da an aus dem Helden Granadas geworden. Habe er die Küste des afrikanischen Ahncnlandcs erreicht, und dort ein neues Schicksal und einen neuen Namen sich geschaffen, oder habe der Tod, durch Krankheit oder Kampf, seine kurze, glorreiche Laufbahn dunkel geendet: ein Geheim- niß, — tief und undurchdrungcn selbst von der Phantasie der tausend Barden, die seine Thatcn zu Liedern gemacht, — hüllt in ewige Nacht die Geschicke Musa's Ben Abil Gasan von der Stunde an, wo die untcrgchendc Sonne ihren Schcidcstral auf seine schlanke Gestalt »nd seinen schwarzen Berber warf, als sic verschwanden unter den lautlosen Schatten des Waldes. Sechstes Kapitel. Die Wiederkehr- -- Der Tumult. — Der Verrat!). — Der Tod. Cs war am Vorabend des vcrhängnißvollen Tages, wo Granada an die Spanier übergeben werden sollte, als in dem schon beschriebenen Gewölbe unter Alma- mcns Wohnung drei alte Männer des jüdischen Glaubens zusammcukamcn. Bulwer's Romane. I.XXl l. 9 122 „Treuer und vielgeliebter Limen," rief der Eine — ein reicher, wucherischer Kaufmann mit einem blühenden, feuchten Auge und einem glatten, schmccr- igcn Gesicht, das jedoch ciwaS Wildes und Hinterlistiges in der nieder,, Stirn »nd den cingckniffcne» Lippen nicht gänzlich zu verstecken vermochte: „treuer »nd vielgeliebter Linien", sprach er, „wahrlich Du hast uns guten Dienst gcthan, daß Du Deine» verfolgten Brüder» anwicscst diese geheime Freistatt. Hier suchen »ns die Heiden nmsonst. Wahrhaftig, meine Ader» werden wieder war», und Dein Diener bekommt Hunger und Durst." „Iß, Isaak, iß; dort ist Speise für Dich bereitet; iß und scheu Dich nicht. Und Du, Elias, — willst nicht auch an den Tisch rucken? Alt und kostbar ist der Wein und wird Dir wieder Leben geben." „Asche und Mermuth, Wcrmnth und Asche sind Speise und Trank für mich!" crwicdcrte Elias mit leidenschaftlicher Bitterkeit. „Sie haben geschleift mein Haus — sie haben verbrannt meine Kornboden — sic haben geschmolzen mein Gold. Bin ein rui- nirter Mann!" „Na," versetzte Limen, »nd warf einen boshaften Blick auf ihn (denn so sehr hatten Alter „nd Schmerzen selbst das einzige bessere Gefühl, das er besaß, mit Galle getränkt, daß er einen innerliche» Kizzcl über eben die Leiden, die er linderte, „nd eben die Unmacht, die er beschützte, nicht abznwchrcn vermochte) 123 — „na, Elias, hast ja noch in den Seestädten Schätze, mit welchen inan halb Granada aufbancn könnte." „Die Nazarener werden Alles packen!" rief EliaS. „Ich sch' cs schon in ihren Griffen!" „Na, glaubst Du Das — und warum? " fragte Limen, erschrocken und zu aufrichtigem Mitgefühl angeregt , weil cs diesmal selbstsüchtiger Art war. „Hört mich! Unter dem Schutz des Waffcnstill- sthndes begab ich mich gestern Nacht ins christliche Lager und hatte eine Unterredung mit dem Ehristcn- könig; aber als er vernahm meinen Namen und Glauben, sträubte sich sein Bart vor Zorn. „„Hund Belials,"" brüllte er, „„hat nicht Dein Satansbrnder, der Zauberer Almamen, die Majestät Spaniens genugsam betrogen und verhöhnt? Seinetwegen sollt Ihr keine Schonung erhalten. Verweile noch eine Minute länger und Du baumelst! Geh und überzähl Deinen sündhaften Neichthmn: er soll genau geschätzt werden, und verkürzest Du unsere heilige Steuer nur um ein Knpfcrstück, so issest Du mit dem Teufel zu Nacht!"" -- So lautete die Antwort, die ich erhielt auf meine Mission. Ich kehrte nach Hause und sah mein Hails in Asche gelegt! Weh über mich!" „Und Das danken wir Almamen, dem vorgeblichen Juden!" rief Isaak von seinem einsamen aber nicht gcschäftloscn Platz am Tisch. „Ich wollte, ich hätte dieses Messer an seiner falschen Kehle!" stöhnte Elias, und faßte seinen Dolch mit den langen, knöchernen Fingern. 9 * 124 „Das wird nie geschehen," murmelte Limen; „Der kehrt nicht wieder nach Granada zurück. Geier und Wurm haben sich längst in seinen Leichnam ge- thcilt, und" (setzte er im Innern, mit einem grinsenden Lächeln hinzu) „sein Haus und Gold sind gefallen in die Hände des alten, kinderlosen Limen." „Ein seltsam, ängstliches Gewölbe!" bemerkte Isaak, und stürzte einen großen Decher feurigen Vega- Wcincs hinnntcr. „Hier hätte die Here non Endor die Todtcn hcraufrnfen können! Jene Thür — wohin führt sic?" „In Gänge," erwicdcrte Limen, „die, so viel mir bekannt, noch Niemand betreten hat, als mein Herr: Ich habe gehört, sie erstreckten sich bis in die Alhambra. Komm, würdiger Elias, Du zitterst vor Kälte — nimm diesen Wein!" „Still!" flüsterte Elias, an allen Gliedern bebend. „Unsere Verfolger sind an uns — ich höre Tritte!" Noch sprach er, als die Thur, ans welche Isaak gezeigt, sich langsam öffnete und Almamcn in das Gewölbe trat. Hätte wirklich eine neue Here von Endor die Todtcn hcranfbeschworcn, die Erscheinung hätte die guten drei Leute nicht mehr entsetzen können. Elias, sein Messer fassend, zog sich in den hintersten Winkel zurück. Isaak ließ den Becher, den er eben angcsctzt, fallen, und sank ans die Knie. Nur Limen, dessen Zuge, wo möglich, noch gespenstcrhafter wurden, als 125 gewöhnlich, behielt cinc Art Fassung, in welcher er vor sich hin murmelte: „Tr lebt! und sein Gold wird nicht mein! Fluch über ihn!" Die seltsamen Gäste, die sein Hciligthum beherbergte, dem Ruschen nach nicht bcincrkcud, schritt Al- mame» vorwärts, wie ein Mensch, der im Schlaf wandelt. Limen ermannte sich — riegelte die Thür, die nach den ober» Gemächern führte, sachte ans, und winkte den Gefährten zu, sich diesen Ausgang zu Nutze zu machen: als jedoch Isaak, der Erste, welcher dem Wink Folge leistete, hinüber schlich, heftete Al- mamcn sein furchtbares Auge auf ihn, und rieft indem er Plötzlich z»m Bcwnßtscpn zu erwachen schien, mit donnernder Stimme: „Ha, Limen, Du Schurke, Wen hast Du in die Geheimnisse Deines Herrn zugelassen? Die Thür zu! — diese Leute müssen sterben!" „Mächtiger Gebieter," versetzte Lauen ruhig, „ist Dein Diener zu tadeln, daß er dem Gerücht von Deinem Tode geglaubt hat? Diese Männer sind von unserem heiligen Volke; ich habe sic der Gewaltthä- tigkcit des gottcsschändcrischcn, wahnsinnigen Pöbels entzogen. Kein Ort als dieser schien sicher vor der Wnth des Volkes." „Seid Ihr Juden?" fragte Almamen. „Ach ja! jetzt erkenn' ich Euch — Dinge vom Marktplatz und Bazar. Ja freilich scpd Ihr Juden! Geht, geht. Verlaßt mich!" Ohne ans weitere Erlanbniß zu warten, vcr- 120 schwanden die Drei; aber Elias wendete, eh' er das Gewölbe verließ, das grollende Gesicht mit einem Rachcblick noch einmal gegen Almamcn, der anfs Nene in tiefes Sinne» versank. — Almamcn war allein. Es stand keine Vicrtcl- stnndc an, so kehrte Ximen zurück, nach seinem Herrn zu sehen, traf aber den Ort abermals verlasse». Es war Mitternacht, Mitternacht, aber nicht Ruhe in den Straßen Granadas. Die Menge, dnrch die Vorstellung, daß morgen wirklich der Tag der Unterwerfung unter den christlichen Feind komme, zu einem ihrer Anfälle von Wuth und Schinerz gereizt, strömte zu zwanzig Tausenden durch die Stadt. Es war eine wilde, stürmische Nacht; die furchtbaren Windstöße, die oft mit plötzlichem Wintcrfrost vom Schnee der Sierra Nevada hcrabsausen, heulten durch die wogenden Banmgruppcn und die gekrümmten Straßen. Aber der äußere Sturm schien, wie durch eine Sympathie der Elemente, den Sturm und Wirbel des Volkes zu erhöhen. Waffen und Fackeln schwingend, abgezehrt von Hunger, glichen die dunkeln Gestalten der wüthcndcn Mohren eher Gespenstern, als lebende» Menschen, zumal sic dem Anschn nach ohne weitern Zweck, als ihrer eigenen Unruhe Luft zu machen oder geisterhaftes Grausen zu erregen, durch die verödeten Straßen schwärmten. Ans dem breiten Platz der Vivarrambla machte der Haufe Halt, ohne eigentlichen Entschluß über sonst Etwas mindestens darin entschlossen, daß »och 127 Etwas für Granada gcthan werden sollte. Die Mehrzahl war nach inohrischer Art bewaffnet, jedoch ohne irgend einen Führer: Edlen, Mitgliedern der Obrigkeit, Offizieren konnte das hoffnungslose Unternehme», den Waffenstillstand mit Ferdinand zn brechen , nicht im Traum cinfallcn. So blieb cs denn ein bloßer Anflanf der großen Masse, ein Wahnsinn des nieder» Volkes, aber nicht um so minder gefährlich, denn es war ein orientalisches Volk und ein Volk mit Schwertern und Lanzen, mit Schild und Harnisch — das Volk, durch welches im Orient Reiche gegründet und zerstört worden sind. Ans jenem prachtvollen Platz, einst dem Zeuge» der Waffcnspicle arabischen und afrikanischen Nittcrthums, wo so viele Jahre hindurch Könige getreue, siegreiche Heere gemustert, standen denn die verzweifelten Menschen, und die pfeifenden Winde wogten durch die bebenden Fackeln, die gegen die mondlose Nacht ankämpftcn. „Lasset uns die Alhambra stürmen!" rief Einer aus dem Haufen. „Lasset uns den Boabdil greifen und in unsere Mitte nehmen; wir wollen auf die Christen cinstürmcn, die in ihrer stolzen Ruhe begraben sind!" „Allah il Allah! — die Schlüssel und den Halbmond!" schrie die Menge. Das Geschrei erstarb, und am Rand des Platzes ließ sich plötzlich eine einst wohlbekannte, stets Schauder erregende Stimme vernehmen. Die Mohren wendeten > ch mit Staunen und 128 Grauen um, und erblickten auf dem Stein, von welchem herab sonst die Ausrufer oder Herolde die königlichen Proklamationen bekannt gemacht hatten, die Gestalt AlmamcnS, des Santons, den sic bereits bet den Todtcn geglaubt. „Volk von Granadabegann er mit feierlichem aber hohlem Tone, „noch bin ich bei Dir. Dein König und Deine Edel» haben Dich verlassen, aber ich bleibe bei Dir bis zum letzten Augenblick! Ziehet nicht nach der Alhambra: die Feste ist nnbczwinglich — die Wachen sind getreu. Die Nacht verginge darüber und der nächste Tag bringt das Ehristcnhccr über Euch. Geht gerade auf die Thorc los; ziehet die Vega hinab und stürzt mit Einmal auf den Feind!" Er sprach'S, und zog den Säbel; er schimmerte in dem Fackellicht — die Maure» beugten die Häupter in fanatischer Ehrfurcht — der Santo» sprang vom Steine und drängte sich mitten unter den Hänfen. Da erschollen noch einmal Frcudcnrufc. Die Menge hatte einen ihrer Begeisterung würdigen Führer gefunden; rasch ordnete sie sich in Reihen, und strömte die engen Straßen entlang. Vermehrt durch verschiedene Gruppen hernm- schlcichender Plünderer (den Anewnrf der Stadt) befanden sich die Ungläubigen bereits nur noch wenige Ruthen von dem großen Thor, ans welchem sic so oft gegen den Feind hinaus gezogen. Wären sic hin- ausgckommcn und bis an das in sicherem Schlaf liegende christliche Lager gelangt, so hätte dieses wilde 12 !) Heer von zwanzigtaufend verzweifelten Menschen vicl- lcicht Granada gerettet und Spanien besaß'c heute noch das einzige civilisirtc Reich, das der mohammc- danischc Glaube gegründet. Aber Boabdils böser Stern übcrwog. Die Nachricht von dem Aufruhr gelangte'zu ihm. Zwei alte Männer aus der untern Stadt eilte» in die Alhambra, verlangte» und erhielten Gehör, und was sic sagten, wirkte diesmal blitzcSschucll auf den König. Er sah in dem Wuthausbruch des Volks nur eine Rechtfertigung für Ferdinand, um die Bedingungen des Vertrags zu brechen, die Stadt zu schleifen und die Bewohner zu vertilgen. Von einem edel» Mitleid mit seinen Ilntcrtyanen ergriffen, und eben so sehr von dem Gefühl königlicher Ehre durchdrungen, vermöge dessen er einen feierlich beschworenen Pakt gehalten wissen wollte, bestieg er noch einmal sein gelbwcißcs Roß, nahm die zwei Alten, di» ihn ausgesucht, neben sich, und verließ, gefolgt von seiner Leibwache, die Alhambra. Ter Klang seiner Trompeten, das Stampfen der Hufe, die Stimme seiner Herolde drangen zugleich in die Menge, und eh sic Zeit hatte, sich für Gehen oder Bleiben zu entscheiden, befand sich der König mitten unter ihr. „Welcher Wahnsinn ist dies, mein Volk?" rief Boabdil, und sprengte in den Haufen. „Wohin wollt ihr?" „Gegen die Chnstcn! — gegen die Gothen!" hallten tausend Stimmen. „Führ uns ! Der Santo» ist vom Tod erstanden und wird neben Dir reiten!" 130 „Ach!" crwicdcrtc der König, „gegen die Christen wollt ?hr ziehen! Erinnert euch, daß unsere Geiseln in ihrer Gewalt sind! bedenket, daß ihnen kein Vorwand gelegener kommen kann, um Granada dem Staube gleich zu machen, und euch und eure Kinder nicdcrz,,hauen. Wir haben einen Vertrag gemacht, wie nie einer geschlossen worden zwischen Feind und Freund! Euer Leben, Gesetz, Besitz — Alles ist gerettet. Nichts ist verloren, als die Krone Boabdils. Ich bi» der einzige Leidende I Sep cü so! Mein böser Stern hat dieses üble Geschick ans euch gebracht: bin ich hinweg, so lebet ihr vielleicht wieder ans und werdet noch einmal ein Volk. Fügt euch heute dem Schicksal und ihr könnt morgen seinen stolzesten Lohn erringen. Unterwerfung ist nicht Unicrjochung. Zieht ihr aber gegen die Christen und gewinnt die Schlacht, so ist cS nur, uin euch i» einen noch furchtbarer» Krieg zu stürzen; verliert ihr sic, so geht ihr keiner ehrenvollen Capitulation, sondern gewisser Vertilgung entgegen! Lasset euch überreden und folgt noch einmal eurem Könige." Die Menge war gerührt, besänftigt, halb überzeugt. Schweigend wendete sie sich gegen ihren Santo«; aber dieser bebte vor der Berufung an ihn nicht zurück. Da er sich wenig um die Mohren kümmerte, folgte er blos dem Trieb seines Haffes gegen die Christen, um durch irgend einen Schritt noch einmal die Erde mit ihrem verabscheuten Blut zu tränken. Er trat vor, dem Könige gegenüber. 131 „König von Granada," ricf cr laut, „sich Deinen Freund, Deinen Propheten! Komm! ich sichere Dir Sieg zu!" „Halt," unterbrach ihn Boabdil, „Du hast mich lange genug getauscht und betrogen! Mohren! kennt ihr diesen vorgeblichen Santo»? Er ist nicht vom Glauben Mohammeds. Er ist ein Hund Israels, der euch dem Meistbietenden verkaufen wollte! Nieder mit ihm!" „Ha!" rief Almamcn, „und wer ist mein Ankläger?" „Dein Diener — sich ihn hier!" Bei diesen Worten erhoben die Wachen ihre Fackeln und der Schimmer fiel roth auf die todtcngleichen Züge Limcns. „Licht der Welt! es gibt noch andere Inden, die ihn kennen!" sprach der Ncrräthcr. „Willst D» Dich von einem Juden führen lassen, Volk des Propheten?" ricf der König. Die Menge stand verwirrt und betäubt. Almamcn fühlte, daß seine Stunde gekommen sep; cr blieb still, die Arme gekreuzt, die Stirne hoch erhoben. „Sind noch Andere vom Volke Mosc's unter der Menge?" fragte Boabdil, seinen Vorthcil verfolgend; „wenn dem so ist, so mögen sic hcrznlrctcn und bezeugen was sic wissen." Und hervor trat — nicht ans der Menge, sondern aus Boabdils Gefolge, ein wohl bekannter Israelit. „Wir stoßen diese» Mann des Trugs und Blutes von uns," sprach Elias, sich bis zur Erde bückend; „aber cr war unsres Glaubens." „Sprich, falscher Santo»! bist du stumm?" rief der König. „Fluch trcffc dich, blöder Thor!" entgcgnetc Al- mamcn grimmig. „Was liegt daran, wer das Werkzeug gewesen wäre, das Dir Deinen Thron zurückgc- gebcn hätte? Ja, ich der Deinen Diwan beherrscht. Deine Heere geleitet, ich bin vom Geschlecht Josuas und Samuels — und der Herr der Hecrschaarcn ist der Gott Almamcns." ^ Ein Schauder lief durch das Volk, aber die Blicke, die Haltung, die Stimme dcö Mannes flößten Allen Scheu ein und keine Waffe erhob sich gegen ihn. Noch jetzt hätte er unbeschädigt mitten durch das Gedränge wegschreitcn, hätte seine flammende Leidenschaft und seinen folternden Schmerz unter einen andern Himmel tragen können: aber das Leben war ihm eine Last geworden; er wollte nur noch die Opfer seines Betrugs verfluchen und dann sterben. So hielt er denn an, blickte umher und brach dann in ein Gelächter so bitter», verachtenden Hohnes aus, wie es die Verführten drunten aus den Lippen des Erzfeindes hören mögen. „Ja," rief er, „der bin ich! ich bin euer Abgott und euer Götze gewesen; ich mag euer Opfer werden, aber noch im Tode bin ich euer Sieger. Christ und Moslem, beide sind meine Feinde und beiden hält' ich den Fuß auf den Nacken setzen mögen; aber der'Christ, klüger als ihr, gab mir glatte Worte und ich wollte euch in seine Gewalt verkaufen; doch, vcrräthcrischcr als ihr, betrog er mich, und nun wollte ich ihn zcr- 133 treten, i»n fortwährend die Puppe», die ihr eure Oberhäupter nennt, beherrschen und betrügen zu können. Diejenigen aber, »in dcrctwillcn ich rang und arbeitete und sündigte — um dcrctwillcn ich Friede und Ruhe hingab, ja das Dasein, das Blut einer Tochter opferte, — diese haben mich euch vcrrathcn und der alte Fluch bleibt für ewig auf ihnen — Amen! Die Hülle ist zerrissen: Almamcn, der Santo», ist der Sohn Jsaschars des Inden!" Noch hätte er fortgcfahren, aber der Zauber war gebrochen. Mit einem grimmigen Gebrüll brausten die Wogen der Menge über den wilden Schwärmer Herein; sechs Sabel durchdrungen ihn und er fiel nicht: beim siebenten war er eine Leiche. Zn den Staub getreten — dann wieder hoch empor geschleudert — Glied von Glied gerissen — blieb, eh man neunmal Athcm hole» konnte, an dem zerquetschten, blutigen Körper kaum eine Spur menschlicher Gestalt. Das einzige Opfer reichte hin, den Zorn des Haufens zu besänftigen. Wie wilde Thicrc, deren Hunger gestillt worden, sammelten sich die Mohren um ihren Beherrscher, der vergebens gesucht hatte ihrer vorschnellen Rache Einhalt zu thun und nun, bleich und athemlos, vor den Leidenschaften zurück- schaudcrtc, die er losgelasscn. Er stammelte einige Worte der Ermahnung, wendete sein Pferd und nahm den Weg nach seinem Palast. Die Masse zerstreute sich, aber noch nicht in ihre Häuser. Der Frevel AlmamcnS wirkte gegen sein 134 ganzes Volk fort. Einige stürzten nach dem Jndcn- quarticr, das sie in Brand steckten; Andere nach Al- niamens einsamer Behansnng. Limen war, sobald er den König verlassen, nach dem Hause geeilt, das er endlich für sein Eigcnthum hielt. Eben hatte er die Schatzkammer seines todtcn Gebieters erreicht, — eben seine Augen an den massiven Barren und flimmernden Juwelen gcwaidet, — in der Lust seines Herzens eben laut ansgcrnfcn: „und das ist mein!" — als er das Gebrüll der Menge vor de» Mauern vernahm — als er den Schein ihrer Fackeln durch das Fenster dringen sah. — Umsonst schrie er laut: „Ich bins, derdcn Inden angegeben hat!—" Der wilde Wind zcrflattcrtc seine Worte über dem ohrlosen Hansen. Durch Ranch und Flamme ans dem Gemach getrieben, aber nicht wagend den Wiithcndcn entgegen zu treten, belud sich der Knauser mit dem Kostbarsten aus der Schatzkammer, stieg die Treppe hinab und wollte seinen Weg nach dem geheimen Gewölbe nehmen, als plötzlich das Estrich, von den Flammen durchdrungen, unter ihm znsammenbrach, die Lohe in grimmigen, raschen Wirbeln cmporschlng, und sein Todesschrci durch dieses blaßblanc Sterbegcwand zuckte. Dies waren die Ereignisse in der letzten Nacht der Manrenhcrrschaft zu Granada. 135 Siebentes Kapitel. Ach tut). Der Tag dämmerte über Granada; das Voll hatte sich in seine Wohnungen zurückgezogen und tiefe Stille lag auf den Straßen, außer wo man etwa, als Folge des im Tumult eingelegten Feuers, noch das Krachen von Dächern oder das Knattern des leichten, duftigen Gebälkes an den Sommerhäusern hörte. Die Bauart Granadas, vermöge welcher jedes Haus von dein andern durch geräumige Gärten getrennt war, verhinderte glücklicherweise eine weitere Verbreitung des Brandes. Die Bewohner kümmerten sich übrigens so wenig um ein möglicherweise noch entstehendes Unglück, daß kein einziger Wächter ausgestellt war, um zn beobachten, welches Ende die Flammen nehmen würden. Dann und wann sah man einige klägliche Gestalten in jüdischer Tracht über den Trümmern ihrer Wohnstätten kauern, jenen Seelen gleich, die, nach Plato, ihre eigenen vermodernden Leiber bewachen. Der Tag brach an und die Strecken der Wintcrsonnc, die Wolken der Nacht hinweglächclnd, spielten heiter über den murmelnden Wellen des Teno und Darro. Allein, auf einem Balkon, der die reizende Landschaft beherrschte, stand der lchtc der Mohrenkönigc. Er hatte alle Lehren der von ihm verehrten Philosophie zu seiner Hülfe aufzubietcn gesucht. „WaS sind wir," dachte der sinnende Fürst, „daß >36 wir die Welt mit uns erfüllen möchte», wir Könige? Die Erde hallt vom Sturze meines Thrones wieder; im Ohr noch ungcborncr Geschlechter wird sein Echo forttöncn; aber was Hab' ich verloren? nichts was für mein Glück, meine Ruhe nothwendig war; nichts als die Quelle meiner Schmerze», den bitter» Tropfe» im Kelch meines Lebens! Werd' ich Himmel und Erde, oder Gedanke» oder Handlung, oder Speise oder Schlaf -- das gemeinsame, leicht zu befriedigende Verlangen Aller — minder genießen? Im schlimmsten stalle sink' ich bloS ans Eine Linie mit Edel» und Fürsten herab, steh' ich blos Denen gleich, welche der große Haufe noch bewundert und beneidet. Herauf denn, mein Her;! viele und tiefe Gefühle des Schmerzes und der Wonne bleiben dir noch, um des Lebens Einförmigkeit zu unterbrechen!" Er schwieg und sein Auge fiel auf die einsamen Minarcts des fernen, einsamen Palastes von Musa Ben Abil Gasan. „Du hattest Recht," nahm der König wieder das Wort, „dn hattest Recht, tapferer Geist, Boabdil nicht zu bcmiileidcn: aber nicht deshalb, weil ihm der Tod znm Ausweg blieb; des Menschen Seele ist größer als sein Schicksal, und Hoheit ist in einem Leben, das über den Trümmern cmporragt, die auf seinen Pfad nicdcrfallcn. —" Er wendete sich und seine Wange ward plötzlich bleich, denn drunten im Hof vernahm er das Stampfen von Hufe», und reisefertiges Getümmel: es war die Stunde des Aufbruchs. Seine Philosophie schwand dahin; er senkte laut und zog sich in das Zimmer zurück, eben als sein Wcsflr und der Oberste der Leibwache ciutratcn. Der alte Wcssir wollte sprechen, aber die Stimme versagte ihm. „So ists al'o Zeit zum Ansbruchsprach Boabdil ruhig. „Scv cs so. Uebcrgib Palast und Burg, und folge Deinem Freund, nicht mehr Deinem Gebieter, in seine neue Hcimath nach." Er wartete keine Antwort ab; er stürmte hinaus, eilte die Treppe hinab, schwang sich auf seinen Derber und sprengte mit einem kleine», düster» Gefolge durch das Thor, das sich noch beut zu Tage unter einem angcschwa'rzten, verwitterten Thurm, nmraukt von Neben und Epbcu, dem Nicke darbietct. Bon da nahm er durch Gärte», die setzt dem Kloster des zum Sieger gewordenen Glaubens angehörcu, seinen Weg. Als er die Mitte des Hügels erreicht hatte, der sich über diese» Garten erhebt, schimmerte ihm der Stahl spanischer Rüstungen entgegen, indem das zur Besetzung des Palastes abgcsandte Corps in geordneter Reihe und tiefem Schweige» über die Anhöhe herein kam. An der Spitze dieser Vorhut ritt ans einem schneeweißen Zelter der Bischof von Avila, gefolgt von einem Zug baarfnßigcr Mönche. Sic blieben bei Boabdils Annäherung stehen und der hoch hcrabschauendc Bischof grüßte ihn mit der Miene eines Mannes, der sich an einen Ungläubige» und Niedriger» wendet- Mit dem schnelle» Gefühl für Würde, das alle Großen, und Vulwcr's Romane. I-XXVl. 10 G4 die Gefallen?» in noch stärkerem Grade, besitzen, empfand Boabdil den Stolz des Priesters, ohne sich dagegen zu rächen. „Geh, Christ," sprach er milde, „die Thvre der Alhambra stehen offen, Allah hat den Palast und die Stadt Curcm König übergeben: mögen seine Tugenden die Fehler Boabdilö wieder gut machenOhne auf Antwort zu warten, ritt er weiter, und blickte weder zur Rechten noch zur ducken. Auch die Spanier setzten ihren Weg fort. Die Sonne war in vollem Glanz über die Gebirge cmporgcstic- gen, als Granadas abzichendcr Herrscher von dem Gipfel des Hügels ans das ganze Heer der Spanier erblickte; zugleich drang, das Stampfen der Rosse und das Klirren der Waffen übcrtöncnd, deutlich der feierliche Gesang des Tc Dcuncks herauf, welcher dem Flimmer der aufgcrolltcn, hochcrhobcncn Fahnen vorauswogtc. Boabdil, bisher immer noch schweigend, hörte die Seufzer und Klagerufe seiner Begleiter ; er wendete sich, und wollte sic trösten oder schelten; da sah er, wie von seinem Schloßthnrm herab, die Sonne rein und voll widcrstralcnd, Spaniens Silbcrkreuz funkelte. Seine Alhambra war bereits in den Hände» der Feinde, nnd neben jenem Wahrzeichen des heiligen Kriegs flatterte die lustige, prunkende Fahne St. Jagos, des geheiligten Kricgs- gottes der Spanier. Bei diesem Anblick versagte dem König die Stimme; er ließ dem Berber die Zügel schießen, ungeduldig die qualvolle Förmlichkeit, die er noch zu bestehen hatte, zu enden, und hielt nicht an bis beinah ans Bogenschuß,veile von der Armee. Nie hatte ei» Christcnhccr einen glänzender», stolzer» Anblick dargcbotcn. So weit das Auge reichte, dehnten sich die schimmernden Reihen dieser tapfer» Schaarc» mit sonnestralcndcn Sperren und blitzenden Fahnen ans, während ihnen zur Seite der silberne, lachende Tcmil murmelnd hin- tanztc, gleichgültig welcher Herr für ein kurzes Menschenleben die Ufer besitze, die vom Anhauch seiner ewigen Wellen blühten. Bei einer kleinen Moschee stand die Blüthc des Heeres. Umgeben von den Hoch- würdcträgcrn der mächtigen Geistlichkeit, von den Pairs und Prinzen eines Hofes, der mit den Noland'S eines Karls des Großen um den Preis strikt, erblicke man die königliche Gestalt Ferdinands, Isabellen und die edelsten Frauen Spaniens zu seiner Rechten, die mit ihren heitern Farben und funkelnden, Geschmeiden den ernster,. Glanz der bebuschten Helme nnd glatten Harnische prachtvoll hcrvorbobe». Unweit der königlichen Gruppe hielt Boabdil, suchte durch Annahme einer ruhigen Miene seine Seele, so weit ihm möglich, zu verbergen — nnd seinem lpär- lichcn Gefolge etwas voraus, aber in Haltung und Hoheit kein König mehr, kam sofort Abdallahs Sohn bei seinem stolzen Ucbcrwindcr an. Beim Anblick seines cdcln Antlitzes und goldenen Haares, seiner freundlichen, gewinnenden Schönheit, die durch seine Jugend noch rührender wurde, lief ein Schauder mitleidsvoller Bewunderung durch die Vcr- 10 - sanimlnna. Ferdinand »nd Jsabella ritten langsam vor, dein neuen Unterthan, der bisher ihr Nebenbuhler gewesen, entgegen, und als Boabdil absteigcn wollte, legte ihn, der spanische König die Hand auf die Schulter. „Bruder und Fürst," sprach er, „vergiß Deinen Schmerz, und möge unsere Freundschaft Dich fortan über ein Unglück trösten, gegen das Du als Held und König angckäinpft hast — den Menschen widerstehend, aber Gott Dich endlich unterwerfend-!" Boabdil suchte den bitter» aber unbeabsichtigten Spott dieser Artigkeit nicht zu erwiedcrn. Er beugte das Haupt und blieb einen Augenblick stili; sofort näherten sich auf seinen Wink vier seiner Ofsizicrc, knieten vor Ferdinand nieder, und überreichten ihm auf einer silberne:! Platte die Schlüssel der Stadt. „O König," begann jetzt Boabdil, „empfange die Schlüssel der letzten Feste, die den Waffen Spaniens widerstanden hat! Das Reich der Mnsslnianen ist zu Ende. Dir gehören Stadt und Volk Granadas: Deiner Tapferkeit erliegend, vertrauen sic auf Deine Gnade." „Sic dürfen cS," crwiedcric Feuer; „unsere Versprechen sollen nicht gebrochen werden. Doch da wir die Feinheit der mohrischen Ritter kennen, so mögen die Schlüssel Granadas nicht uns, sondern zarteren Händen übergeben werden." Damit überreichte Ferdinand die Schlüssel Isabellen, die einige mildernde Schmeicheleien an Boabdil 141 richte» wollte; aber die Rührung war für ihr thcilneh- mcudcs Herz, so sehr sic auch Heldin und Königin, zu gewaltig, und als sie die Augen gegen die stillen,, bleichen Züge des gefallenen Herrschers aufschlug, stürzten ihr die Thränen unwiderstehlich herab, und ihre Stimme erstarb in einem Lispeln. Eine schwache Rothe überflog Boabdils Züge und cs entstand eine augenblickliche Pause der Verlegenheit, die der Mohr zuerst brach. „Schöne Königin," sprach er mit gramvoller, ernster Würde, „Du rannst in dem Herzen lesen, das Dein edles Mitleid rührt und überwältigt: dies ist Dein letzter, nicht Dein geringster Sieg. Doch ich halte Euch auf: möge mein Anblick Euer» Triumph nicht verdüstern. Erlaubt mir, mich zu verabschieden." „Könnten wir nicht auf die segensreiche Möglichkeit einer Bekehrung hindcutcn?" flüsterte die fromme Königin durch ihre Thränen ihrem Gemahl zu. „Nicht jetzt — nicht jetzt, bei St. Jago!" gab ihr Ferdinand schnell in den, gleichen Ton zurück, sich selbst nach einer Beendigung des qualvollen Gespräches sehnend. Laut setzte er dann bei: „Geht, mein Bruder, und Glück mit Euch! vergesset das Vergangene." Boabdil lächelte bitter, grüßte das königliche Paar mit tiefer, schweigender Verbeugung und ritt langsam von dem Heer weg, den Pfad hinauf, der zu seiner neuen Herrschaft jenseits der Alpurarras führte. Nachdem die Bäume den mohrischc» Rcitertrupp Ferdinanden aus dem Auge gebracht, befahl er der Armee, sich 142 in Bewegung zu setzen, und Trompete und Ziinpel klungen alsbalb ins Ohr der Moslems. Boabdil sprengte in vollem Rennlanf dahin, bis das keuchende Roß bei dem kleinen Dorf anhiclt, wo, voransgcsandt, seine Mutter, seine Sklavinnen und seine getreue Amine ihn erwarteten. Sich ihnen anschließend, setzte er seine düstere Dahn ohne Verzug fort. Man gelangte auf die Anhöhe, die den Paß zu den Alpurarras bildet. Auf diesem Gipfel straltcn das Thal, die Flüsse, die Minarcts, die Thürmc Granadas noch einmal in voller Glorie ins Gesicht des kleinen Zuges. Mechanisch, unvorbereitet machte man Halt; jedes Antlitz war nach der geliebten Stätte gerichtet. Die stolze Schani besiegter Krieger, — die zarte Erinnerung an das Haus — die Kindheit — das Vaterland — hoben jede Brust und strömte» aus jedem Auge. Plötzlich drang der ferne Donner des Geschützes von der Citadclle und rollte das sonnige Thal, den kry- stallencn Fluß entlang. Ein allgemeiner Mchlaut brach aus den Verbannten; er zerschnitt — er überwältigte das Herz des unglücklichen Königs, der sein Selbst vergebens in orientalischen Stolz oder stoische Philosophie ciuzuhiillcn suchte. Die Thräncn stürzten ihm aus den Augen und er bcdeckrc daS Gesicht mit den Händen. Da wendete seine strenge Mutter, ihn mit harten, verächtlichen Augen messend, jenen ungerechten, berufenen Vorwurf an ihn, den die Geschichte aufbchaltcn 143 hat: „Za, weine wie ei» Weib über Das, was Dn nicht wie ein Mann z» verthcidigcn vermocht hast." Boabdil erhob das Antlitz mit entrüsteter Majestät, als er seine Hand zärtlich umfaßt fühlte und, sich um- wcndcnd, Amine neben sich erblickte. „Achte ihrer nicht, achte ihrer nicht, Boabdil!" sprach die Sklavin: „nie erschienst Dn mir edler, als in diesem Schmerz. Du warst ein Held für Deinen Thron; aber fühle stets, o Licht meiner Augen, wie ein Weib für Dein Volk." „Gott ist groß!" versetzte Boabdil, „nnd Gott tröstet mich stets noch! Deine Lippen, die mir während meiner Macht nie geschmeichelt, haben keinen Vorwurf für mich in meinem Leid." Er sprachs nnd lächelte ans Amine — cS war ihre Stunde des Triumphs. Langsam wand sich der Zug den Hohlweg entlang; und noch heute heißt der Ort, wo der König geweint und die Geliebte ihn getröstet: „ül .ultimo snsMo