E. L. Vulwer's W e r k e. Aus dem Englischen. Hnndertundsechsundznianzigstcs dis hundertnnd- dreiunddreißigstes Bändchen. Die Cartone. Stuttgart. Verlag der I. B. Metzler'schen Buchhandlung. 1849 . Die C a r L s n e Ei» Familk'ngemäldc. Don Sir Edward Bulwer Lytton, Baronet. Sl ns d e »r Englischen von vr. Carl Kvlb. ^ Stuttgart. < Verlag der I. B. Mctzler'scheu Buchhandlung. 1849 . ß Jede Familie birgt in sich eine Geschichte, ja sogar ein Gedicht für diejenigen, welche die Blätter aufzuschlagen verstehen. Lamartine. DU probos moi'es llooili juventao, Vit senectuti plaeista« quiclom, Nomulitv xenti dato rsm^uv, protemtsue, Lt äeeus omno. saecurane. Vorrede Wenn dieses Werk so glücklich ist, dem Romane lesenden Publikum einiges Interesse einznstößen, so verdankt es dies nicht so fast den gewöhnlichen Elementen der Dichtkunst. — Der Knoten ist ungemein leicht, und die Zwischenhandlungen mit Ausnahme derer, welche ans das Schicksal Vivians Bezug haben, sind von der Art, wie man sie gar oft im Privatleben findet. Als Novelle betrachtet ist der vorliegende Versuch ein Erperiment, das sich von den früheren Werken des Verfassers wesentlich unterscheidet. Hier dient der Humor zum erstenmal weniger der Satyre, als der Schilderung liebenswürdiger Charaktere, und wir betrachten gleichfalls zum ersten- mal den Menschen nicht sowohl in seinen thätigcn Beziehungen zu der Welt, sondern vielmehr in seiner Ruhe am eigenen Herd. Mit einem Worte, der größere Theil der Leinwand wurde der Darstellung eines einfachen Familiengemäldes gewidmet. Und so erscheinen denn, in jeder Berufung an das menschliche Herz, die gewöhnlichen häuslichen Neigungen au der Stelle jener lebhafteren oder großartigeren Leidenschaften, welche sonst (und nicht mit Unrecht) den Vordergrund einer romantischen Dichtung für sich in Anspruch nehmen. In dem Helden, dessen Autobiographie die verschiedenen Charaktere und Begebenheiten des Werkes in sich verwebt, beabsichtigt der Verfasser den Einfluß der Heimath auf das Benehmen und die Laufbahn der Jugend zu schildern. Der Ehrgeiz, welcher Pisistratns für eine Weile den ruhigen Beschäftigungen entfremdet, worin der Mann der Civilisa- tion gewöhnlich die zu Rcichllmm oder Ruhm führende Lehrzeit abdicnt, soll nicht das Fieber des Gcnie's darstcllcn, welches sich überlegener Kräfte und einer hohen Bestimmung bewußt ist, sondern den natürlichen Drang eines frischen, schwnngkräftigcn GeistcS, in welchem, weil er mehr rüstig 7 als contcmplativ ist, das Verlangen nach Thätigkcit als Symptom der Gesundheit erscheint. In dieser Beziehung wird Pisistratus (was er selbst auch fühlt und andeutet) zum Typus einer Elaste, deren Glieder sich bei dem unausbleiblichen Fortschreitcn der modernen Civilisation mit jedem Tage mehren — er ist Einer unter Viele» in der Mitte des großen Haufens, der Repräsentant einer überqneilenden Jugendkraft, die sich so zu sagen mit demJnstinkt der Natur für Raum und Entwicklung von der alten Welt ab- und der neuen zukehrt. Das, was ich den tieferen Sinn des Ganzen nennen möchte, habe ich durch die Nachweisnng zu vervollständigen 'gesucht, daß trotz aller unserer Wanderungen das Glück stets in einem engen Kreise und mitten unter Gegenständen zu finden ist, welche in unserem unmittelbaren Bereich liegen. Allerdings fühlen wir diese Wahrheit, die schon durch alle philosophischen Schulen wandern mußte, selten, ehe sich die Nachforschungen über einen weiteren Raum verbreitet haben. Um sich die Segnungen der Rühe zu sichern, braucht der Mensch mehr Leibesbewcgung, als einige Gänge im Zimmer 8 auf und ab. Die Zufriedenheit gleicht jener Flüssigkeit in dem Kristall, über welche Claudia« die Verwunderung eines Kindes und die Phantasie eines Dichters reichlich ergossen hat — ,,Viv>s xcmma tumesoit aquis." E. B.«. Kreuznach, im September 1849. Erster -Abschnitt. Erstes Kapitel. „Sir — Sir — es ist ein Knabe!" „Ein Knabe." sagte mein Vater, der von seinem Buche aufsah und augenscheinlich große Verlegenheit blicken ließ; „was ist ein Knabe?" Nun wünschte mein Vater mit dieser Frage weder den philosophischen Forschuugsgeist zu spornen, noch der ehrlichen aber nichts von gelehrter Bildung wissenden Frau. die eben in sein Studirzimmer gestürzt war. eine physiologische oder philosophische Lösung des Geheimnisses abzuverlangen, das die Neugier so vieler Weisen in Verlegenheit gebracht hat und noch immer in dem Satze liegt: „Was ist der MenH?" Branchen wir uns ja nicht weiter, als im nächsten besten Wörterbuch umzusehen, um zu erfahren, daß ein Knabe ein „männliches Kind" ist — das heißt, das männliche Junge des Menschen, und wer daher der Sache ans den Grund gehen und wissenschaftlich ermitteln will, was ein Knabe scy, muß zuerst zu entdecken suchen, was der Mensch ist. In Betreff dieses Punktes hätte sich nun mein Vater mit Buffon zufrieden geben oder auf Monboddo's Seite treten, mit Bischof Berkeley übercinstimmen oder sich dem Professor Combe anschließen können; cS stand ihm frei, den Gattungsbegriff geistig, wie Zeno, oder materiell, wie Epieur, anfznfassem Unter der Einräumung, daß ein Knabe das männliche Junge des Menschen ist, hatze er die Wahl anS einer Menge von Definitionen. Er hätte sagen können: „der Mensch ist ein Magen —' folglich Knabe ein männlicher junger Magen. Der Mensch ist ein Gehirn — Knabe ein männliches junges Gehirn. Der Mensch ist ein Bündel von Gewohnheiten — Knabe ein männliches junges Bündel von Gewohnheiten. Der Mensch ist eine Maschine — Knabe eine männliche junge Maschine. Der Mensch ist ein nngcschwänzter Affe — Knabe ein männlicher junger unge- schwänztcr Affe. Der Mensch ist eine Zusammensetzung von Gasen — Knabe eine männliche junge Zusammensetzung von Gasen. Der Mensch ist eine Erscheinung — Knabe eine männliche junge Erscheinung," und so weiter bis ins Unendliche. Und wenn von diesen Bezeichnungen auch keine meinen Vater befriedigt haben würde, so bin ich doch vollkommen überzeugt, daß er nie zu Mrs. Primmins gekommen wäre, um bei ihr eine neue zu holen. Zufällig war aber mein Vater eben in die wichtige 11 Untersuchung vertieft, ob die Iliude Von einem gewissen Homer geschrieben, oder nicht vielmehr eine Reihe von Balladen sey, die von Verschiedenen verfaßt, endlich aber mit Auswahl znsammcngetragcn und unter dem feingebildeten alten Tyrannen Pisiflratus von einer Geschmackscommission in ein Ganzes gebracht wurden; die plötzliche Versicherung: „es ist eine Knabe/' schien daher ganz und gar nicht zu seiner Gedankcnkettc zu gehören, weßhalb er zerstreut und überrascht die Frage hinwarf: „Was ist ein Knabe?" „O Himmel, Sir!" entgegnetc Mrs. PrimminS, „was wird ein Knabe seyn? Was sonst, als das Neugeborene?" „Das Neu — geborene?" wiederholte mein Vater, indem er sich von seinem Stuhle erhob. „Wie, Ihr wollt mir damit doch nicht sagen, daß Mrs. Carton eh-?" „Ja, freilich will ich," versetzte Mrs. Primmins mit einem Knire; „und es ist so ein hübscher kleiner Schelm, wie nur je mein Auge einen gesehen hat." „Das arme, liebe Weib!" sagte mein Vater mitleidsvoll. „So bald schon — so schnell!" fügte er im Ton gedankenvoller Ueberraschung bei. „Ei, wir haben uns ja erst kürzlich geheirathet!" „Gott behüte mich, Sir," rief Mrs. Primmins, die an dieser Rede gewaltigen Anstoß nahm; „cs ist zehn Monate und darüber!" „Zehn Monate!" entgegnete mein Vater mit einem Seufzer. „Zehn Monate! Und ich habe noch nicht fünfzig Seiten meiner Widerlegung von Wolfs ungeheuerlicher Theorie fertig! In zehn Monaten ein Kind! Und — wie ich mir denke, ganz vollständig — Hände, Füße, Augen, Ohre» und Nase! — nicht wie dieses arme Kind meines Geistes," mein Vater legte feierlich die Hand ans seine'Abhandlung, „von dem nichts geformt und gebildet ist, nicht einmal das erste Gelenk des kleinen Fingers! Wahrhaftig, meine Fran ist ein kostbares Weib! Gut, sorgt nur dafür, daß sie's recht ruhig hat. Der Himmel erhalte sic, und schenke mir Kraft — diesen Segen zu ertragen!" „Aber Euer Ehren wird doch nach dem^Bübchen sehen? — Kommt, Sir!" Und Mrs, Primmins faßte schmeichelnd meinen Vater am Rockärmel, „Nach ihm sehen? — natürlich," entgegnete mein Vater freundlich, „Natürlich will ich danach sehen. Ich bin dies ja meiner armen Fran schuldig, nachdem sie sich so viel Mühe gegeben hat, die liebe Seele!" Mein Vater zog nun seinen Schlafrock in stattlichere Falten und folgte Mrs, Primmins die Treppe hinauf in ein sorgfältig verdunkeltes Zimmer. „Wie geht's Dir, meine Liebe?" fragte mein Vater mit theilnchmender Zärtlichkeit, während er tastend seinen Weg nach dem Bette suchte. „Jetzt besser — o, und so glücklich!" murmelte eine matte Stimme. In demselben Augenblick zog Mrs. Primmins meinen Vater zurück, hob die Decke von einer kleinen Wiege, hielt ein Licht auf Zollweite in die Nähe einer unentwickelten Nase und rief feierlich: „Da — segnet ihn!" 13 „Versteht sich, Ma'am, ich segne ihn," sagte mein Vater etwas mürrisch. „Es ist meine Psticht, ihn zu segnen; — Gottes Segen über ihn! Dies ist also die Art, wie wir in die Welt kommen! — roth, sehr roth — roll Scham über all die Thorheiten, die wir zn begehen bestimmt sind." Mein Vater nahm ans dem Stuhl der Wärterin Platz, . und die Weiber drängten sich um ihn her. Er betrachtete noch immer den Inhalt der Wiege, bis er endlich gedankenvoll vor sich hinsprach: „Und Homer war einst auch wie dieser!" In diesem Augenblick — und es war kein Wunder, wenn man bedenkt, daß sich das Licht in so unmittelbarer Nähe der Gcsichtsorgane befand — begann Homers kindliches Ebenbild mit den ersten unmelodischen Lauten der Natur. „Homer hat sich im Singen sehr vervollkommt, als er älter wurde," bemerkte Mr. Sgnills, der Hebarzt, welcher in einer Ecke des Zimmers mit einigen Geheimnissen ; beschäftigt war. D Mein Vater verstopfte sich die Ohren. 7 „Was doch so kleine Geschöpfe für Lärm machen kön- neu!" sagte er philosophisch. „Je kleiner das Ding, desto größer das Geschrei!" H Mit diesen Worten schlich er auf den Zehen »ach dem ^ Bette, faßte die Hand, die ihm cntgegenkam, und finsterte einige Worte, welche ohne Zweifel sehr beruhigend auf das Ohr der Hörerin wirkten, denn besagte Hand wurde plötzlich aus der seinigen zurückgezogen und schlang sich zärtlich um seinen Nacken. Durch die Sticke vernahm inan de» Ton eines sanften Kusses. „Mr. Karton," rief Mr. Squills im Tone de§ Vorwurfs, „Ihr regt meinen Patienten zu sehr auf. Ahr müßt Euch entfernen/' Mein Vater erhob sein sanftes Gesicht, blickte abbittend umher, fuhr mit dem Rücken der- Hand über seine Augen, schlich sich nach der Thürc und verschwand. „Ich denke," sagte eine wohlmeinende Nachbarin, die auf der anderen Seite des Wochenbettes saß, „ich denke, meine Liebe, Mr. Carton hätte wohl mehr Freude an den Tag legen können — mehr natürliches Gefühl, möchte ich sagen —- bei dem Anblick des Bübchens — und solch eines Bübchens! Aber alle Männer sind so, meine Liebe — rohe Geschöpfe — lauter rohe Geschöpfe, verlaßt Euch darauf." „Der arme Austin!" seufzte meine Mutter in mattem Tone. „Wie wenig versteht Ihr ihn I" „Und nun werde ich das Zimmer räumen," sagte Mr. Squills. — „Ihr müßt schlafen, Mrs. Carton." „Mr. Squills," rief meine Mutter, und die Bettvorhänge zitterten, „ich bitte, sorgt dafür, daß Mr. Cartou nicht zu sehr in Aufregung gcräth; — und, Mr. Squills, sagt il»n, er solle nicht verdrießlich werden, weil er mich missen muß. — Ich werde bald wieder unten sehn — meint Ihr nicht?" „Ja wohl, wenn Ahr Euch ruhig verhaltet, Ma'am." „Ich bitte, sagt ihm dies; und, Primmins, — " „Ja, Ma'am." 15 „Ich fürchte, Jedermann vernachläßigt den Hausherrn. — Habt Acht" — (und die Lippen meiner Mnttcr kamen ganz in die Nahe von Mrs. Primmins' Ohr) —- „habt Acht — daß Ihr selbst —- ihm die Nachtmütze lüftet." „Zärtliche Geschöpfe, diese Weiber," murmelte Mr. Squills vor sich hin. Nachdem er das Zimmer bis auf Mrs. Primmins und die Wärterin geräumt hatte, machte er sich ans den Weg nach meines Vaters Stndirzimmer. Als ihm auf der Flur der Bediente begegnete, rief er ihm zu: „John, bringt das Nachtessen ans das Zimmer Eures Herrn — und wollt Ihr so gut sehn, uns etwas Punsch zu besorgen, aber steifen?" Zweites Kapitel. „Mr. Carton, wie seyd Ihr ums Himmels willen je dazu gekommen, zu heirathen?" fragte Mr. Squills abgebrochen, während er, die Füße auf den Kaminrücken stützend, seinen Punsch nmrührte. Dies war eine Frage über häusliche Angelegenheiten, die wohl mit Fug manchen Mann in eine ärgerliche Stimmung hätte bringen können; aber mein Vater wußte kaum, was Aerger war. „Squills," sagte er, indem er sich von seinen Büchern abwandte und vertraulich einen Finger auf den Arm des Wundarztes legte, „Squills, ich möchte wohl selbst auch wissen, wie ich dazu kam." 16 Mr. Squills war ein heiterer, gutherziger Man» von kräftigem, rundem Ban und mit schonen Zähnen, so daß man sein Lachen eben so gern sah, als hörte. Er hatte dabei in seiner Art etwas von einem Philosophen an sich, der die menschliche Natur im Heilen der Krankheiten stu- dirte, und Pflegte oft zu sagen, Mr. Carton scy an sich ein besseres Buch, als irgend eines, das er in seiner Bibliothek habe. Mr. Squills lachte und rieb sich die Hände. Mein Vater nahm gedankenvoll und im Tone eines Moralisircndcn wieder ans: — „Es gibt drei große Ereignisse im Leben, Sir — Geburt, Heirath und Ted. Niemand weiß, wie er geboren wird, wenige wissen, wie sic sterben. Ich denke mir zwar, daß viele sich den dazwischen liegenden Fall zu erklären vermögen — aber ich kamrS nicht." „Um des Geldes willen war cs nicht — es muß also aus Liebe geschehen seyn," bemerkte Mr. Squills; „und Eure junge Frau ist ebenso hübsch, als gut." „Ha!" sagte mein Vater. »Jetzt erinnere ich mich." „Wirklich, Sir?" rief Squills mit großer Heiterkeit. „Nnn, wie war's dabei?" Wie cs oft bei meinem Vater der Fall war, zögerte er mit der Antwort und schien dann eher mit sich selbst, als mit Mr. Squills zu sprechen. „Der liebevollste, der beste der Männer," murmelte er, — „tdb)'8sus oruäitionis. Und zu denken, daß er mir den einzigen Rcichthum hinterließ, den erbesaß, statt seinem eigenen Fleisch und Blut, Jack nnd Kitty. Alles wenigstens. was ich äeliolmito manu erhasche« konnte von seinem Lateinische», Griechischen nnd Orientalische». Was verdaute ich ihm nicht Alles!" „Wem?" fragte Sguills. „Gütiger Gott, von was schwatzt der Mann!" „Ja, Sir," führ mein Vater sich anfraffcnd sort, „so war Giles TibcttS, ltl. , 8ol soiontiarum, der Lehrer des geringen Schülers, der vor Euch sitzt, nnd der Vater der armen Kitly. Er hintcrlicß mir seine Clzevirs; er hinterließ mir auch seine verwaiste Tochter." „Oh, zur Frau —" „Nein, als Pflcgkind. Sie kam zu mir inö HanS. Ich bin überzeugt, daß darin nichts Arges lag. Aber meine Nachbarn behaupteten das Gcgcntheil, nnd die Wittwc Weltraum erklärte mir, daß der Ruf des Mädchens darunter leide. Was konnte ich thnn? —- O ja; cs fällt mir jetzt Alles wieder ein! Ich heirathcte sie, damit das Kind meines alten Freundes ein Dach habe über seinem Haupt nnd nicht zu Schaden komme. Ihr seht, daß ich gezwungen wurde, ihr dieses Unrecht anzulhnn, denn im Grunde kann ich dem armen jungen Geschöpf nur ein trauriges Loos bereiten. Ein langweiliger Bücherwurm, wie ich — ooelcloae vltam »xe»s, Mr. Sguills — der das Leben einer Schnecke führt. Aber meine Schaale war Alles, was ich der Waise meines armen Freundes anznbietcn vermochte." „Mr. Carton, ich verehre Ench," cntgegnctc Sguills mit Nachdruck, indem er aufsprang und dabei ein halbes Glas des kochend heißen Punsches über die Beine meines Bulwer, die Cartenc. z Vaters goß. „Ihr habt ei» Herz, Sir, und ich begreife nun wohl, warum Eure Gattin Euch liebt. Ihr scheint ein kalter Manu zu seyn, aber eben jetzt bemerke ich Thrä- neu in Euer» Augen." „Ich glaub' es Wohl," versetzte mein Vater, während er seine Beine rieb. „Er war kochend." „lind Euer Sohn wird euch beiden zum Trost gereichen," fuhr Mr. Squills fort, indem er wieder Platz nahm, ohne in seiner theilnchmcnden Aufregung an den Schmerz zu denken, den er einem Andern zngefügt hatte. „Er wird die Friedenstaube seyn für eure Arche." „Ich zweifle nicht daran," entgcgnctc mein Vater mit kläglicher Miene; „nur finde ich in diesen Tauben, so lang Ke klein find, gar lärmende Vögel — non taliam avium oantus somnum recluoent. Es hätte übrigens schlimmer ausfallen können. Leda hatte Zwillinge." „So auch Mrs. Barnabas in der letzten Woche," erwiderte der Geburtshelfer. „Wer weiß, was Euch noch Vorbehalten ist! Die Gesundheit des Master Carton, und möge ihm ein Häuflein Brüder und Schwestern Nachfolgen!" „Brüder und Schwestern? Ich bin überzeugt, Mrs. Carton wird nie an etwas derart denken, Sir," unterbrach ihn mein Vater fast mit Entrüstung. „Sie ist eine viel zu gute Frau, um sich so aufzuführen. Einmal meinetwegen ist schon recht: aber zweimal — und so, wie es steht — kein Papier an seinem Platz und in den letzten drei Tagen keine Feder geschnitten, während ich doch nur 'ouspiöe äurius- vul»' schreiben kann — und auch der Bäcker ist zweimal IS mit seiner Rechnung zu mir gekommen. Die Ilitli^iuo sind beschwerliche Gottheiten, Mr. Sguills." „Wer sind die I>itl,)ine?" fragte der Geburtshelfer. „Das solltet Ihr wissen," antwortete mein Vater lächelnd. „Sie sind die weiblichen Dämonen, welche über dem Reogilos oder Nengcbornen wachten. Ihr Name kommt von der Juno her — sieh Homer, Buch XI. Beiläufig, soll mein Neogilos nach Weise des Hektor oder des Astyanar ernährt werden — viäciicet durch seine Mutter oder durch eine Amme?" „Was ziehtJhr Vor, Mr. Carton?" fragte Mr. Sguills, während er den Zucker in seinem Glase zerstieß. „Ich halte es stets für meine Pflicht, hierin den Wünschen des Vaters Gehör zu schenken." „Dann jedenfalls eine Amme," entgegncte mein Vater. „Und möge sie ihn tragen I>) po oolgo, zunächst ihrem Buse». Ich weiß alles, was darüber gesagt ist, daß die Mütter ihre Kinder selbst säugen sollen, Mr. Sguills; aber die arme Kittp ist so empfindlich, daß ich denke, ei» gesundes kräftiges Bauernweib wird für die künftige» Nerven des Knaben am besten sehn, und auch für die dermaligen und künftigen Nerven seiner Mutter. Ach, ich werde die liebe Frau sehr vermissen. Wann kann sie wohl wieder auf sehn, Mr. Sguills?" „Oh, in weniger als vierzehn Tagen!" „Und dann soll der Neogilos in die Schule gehen — I>)1») llvlgu — die Amme mit ihm, und alles wird wieder 2 ' recht werden," sagte mein Batcr mit einer Miene schlauer, geheimnißvoller Heiterkeit, die ihm cigcnthümlich war. „In die Schule — er, der kaum erst geboren wurde?" „Man kann nicht zu bald damit anfaNgen," versetzte mein Vater entschieden, „Dies ist die Ansicht des Helvetius und die meinige," Drittes Kapitel. Zch nehme für ausgemacht an, daß ich ein sehr wunderbares Kind war, muß übrigens sagen, daß ich die Mittbeilungen der früheren Kapitel nicht meiner eigenen Wahrnehmung verdanke. Das Benehmen meines Vaters bei meiner Geburt machte ans alle, welche Zeugen davon waren, einen nachhaltigen Eindruck, und Mr. Sguills sowohl als Mrs. Primmins erzählte mir so oft davon, daß ich mit den Einzelnheiten so gut vertraut wurde, als es diese würdigen Gewährsleute selbst waren. Ich glaube, meinen Vater in seinem dunkclgraucn Schlafrock mit dem eigenthümlichen, halb schlauen, halb unschuldigen Zucken um den Mund und dem verlegen machenden Blick aus seinen schönen, ruhigen, zerstreuten Augen vor mir zu sehen bis zu dem Moment, als er mit Helvetius einig wurde, mich unmittelbar nach meiner Geburt in die Schule zu schicken. Kein Mensch wzißte recht, was er aus meinem Batcr machen sollte — seine Gattin ausgenommen. Die Bürgerschaft von Abdera ließ den Hip- pokrates kommen, .um den vermeintlich wahnsinnigen Demokrit zu heilen, welcher, wie der berühmte Arzt trocken LI bemerkt, „eben damals ernstlich mit philosophischen Studie» beschäftigt war". Dieselben Abderiten würden sicherlich an meinem armen Vater sehr bennrnhigende Symptome von Wahnsinn entdeckt haben ; denn wie Demokrit „achtete er die Dinge, groß oder klein, mit welchen sich die übrige Welt abgab, für gering". Demgemäß sahen manche einen Weisen, andere einen Narren in ihm. Die benachbarte Geistlichkeit ehrte ihn als einen Gelehrten, der die Kenntnisse ganzer Bibliotheken in sich trug; die Damen verachteten ihn als einen zerstreuten Pedanten, in dem nicht mehr Artigkeit stack, als in einem Stock oder Stein, und die Armen liebten ihn um seiner Wohlthätigkcit willen, obwohl sie ihn zugleich als einen schwachen Mann anslachten, der sich von Jedermann anführen ließ. Dennoch fanden die Sgnire und Farmer, daß er selbst über landwirthschaftlichc Angelegenheiten ihnen stets eine belehrende Auskunft geben konnte, und wer immer sich an ihn um Rath wandte, gleichviel ob er jung oder alt, vornehm oder gering, gelehrt oder ungelehrt seyn mochte, dem diente er mit mehr Bescheidenheit als Weisheit. In den gewöhnlichen Angelegenheiten des Lebens schien er durchaus nicht für sich selbst handeln zu können, denn er überließ alles meiner Mutter oder wurde regelmäßig übertölpelt, wenn Jemand unversehens an ihn kam; aber ganz in denselben Verhältnissen, wenn Andere sich bei ihm Raths erholten, leuchtete sein Auge, seine Stirne heiterte sich auf, und der Wunsch, nützlich zu werden, machte ein ganz neues Wesen aus ihm — vorsichtig, gründlich und praktisch. Langsam und träge, wo seine eigenen Interessen ans dem Spiel standen, s? durste uur sein Wohlwollen in Anspruch genommen werden, und alle Räder des Uhrwerks fühlten die Gewalt einer Mci- sierfedcr. Kein Wunder, daß für andere die Nuß eines solchen Charakters schwer zu knacken wurde; aber in den Augen meiner armen Mutter war Augustin (in der vertraulichen Bezeichnung Austin) Carton das beste und größte aller menschlichen Wesen. Sie mußte ihn auch wohl kennen, denn sic stndirte ihn ans ihrem ganzen Herzen, war mit jedem Zug seines Gesichtes vertrant nnd vermochte unter zehnen neunmal voranszusagcn, was er sprechen würde, noch eh' seine Lippen sich geöffnet hatten. Gleichwohl gab es Tiefen in seinem Wesen, die das Senkblei ihres zarten Weibervcr- standcs nie zu ergründen im Stande war, nnd sogar in den vertraulichsten Gesprächen kam es bisweilen vor, daß es ihr zweifelhaft wurde, ob er wirklich der einfache offene Mann sev, für den man ihn meistens hielt. Es lag in der Thal eine Art unterdrückter, feiner Ironie in ihm, zu nnkürpcrhaft, als daß man sie mit dem gewöhnlichen Ausdruck Humor hätte bezeichnen können, aber doch mit unbestimmten Zügen eine Art von Scherz in sich fassend, die er ganz für sich behielt nnd die nur dann bcmcrklich wurde, wenn er etwas sagte, was recht ernst klang, oder den Ernsten als sehr thö- richt und unverständig vorkam. Daß ich nicht ganz so bald, als beabsichtigt worden, in die Schule ging — wenigstens nicht dahin, was Mr. Squills unter dem Wort Schule verstand -— brauche ich kaum zu bemerken. In der That wußte es meine Mutter mittelst Anbringung von doppelten Thüren in der Kindsstubc so gut LZ cinzuleiten, daß mein Vater meist sich nach Belieben des Vorrechts erfreuen konnte, mein Vorhandenseyn zu vergessen. Einmal, als es sich nm Vorbereitungen zu meiner Taufe handelte, wurde er dunkel daran erinnert. Nun war aber mein Vater ein menschenscheuer Mann, der nichts so sehr haßte, als Cercmvnicu und öffentliches Gepränge, und er bemerkte mit großer Unruhe, daß eine Festlichkeit bevor- . stand, bei welcher er vielleicht eine Hauptrolle übernehmen sollte. Trotz seiiier gewöhnlichen Zerstreutheit, die ihn auf nichts achten ließ, hörte er doch ein bedeutsames Geflüster von „der Nähe des Bischofs, die man benützen müsse, und „zwölf neuen Gläsern für das Eingemachte, die durchaus nöthig seyen," so daß er überzeugt scyn konnte, daß es auf eine solche ihm auf den Tod verhaßte Förmlichkeit abgesehen war. Als endlich die Gevatterlente gar mit der Frage frei hcrausrückten und die Bemerkung daran knüpften, daß dies eine schöne Gelegenheit sey, die Höflichkeiten der Nachbarn zu erwiedcrn — da fühlte er, daß gar nichts übrig blieb, als eine Kraftaustrcugung zu versuchen, um der Sache zu entkommen. Nachdem also in seinem Bciseyn, ohne daß er zu hören schien, der Tag bestimmt worden war und mau — wie man meinte, ohne daß er cs wahruahm — die Ueberzüge der Zitzscssel im besten Besuchzimmer abgenommen hatte (denn meine Mutter hielt große Stücke auf Nettigkeit), fiel ihm plötzlich ein, daß er einer großen Büchervcrsteigerung, die an einem zehn Stunden entfernten Platze Vorgehen und 4 Tage dauern werde, anwohncn müsse. Meine Mutter seufzte, widersprach aber meinem Vater nie, selbst wenn er 24 Unrecht hatte, wie hier sicherlich der Fall war, imd warf blas die Andeutung hin, „sie fürchte, es würde seltsam aus- sehen, und die Welt könnte die Abwesenheit des Vaters mißdeuten — ob es nicht besser wäre, die Taufe anfzuschicben." „Meine Liebe," antwortete mein Vater, „cs wird gelegentlich meine Pflicht werden, den Knaben zu einem Christen zu machen — eine Pflicht, die sich nicht an einem Tag abthun läßt. Vorderhand zweifle ich nicht, daß der Bischof ohne mich zu Stande kommen wird. Laß es also immerhin bei dem bestimmten Tage, oder wenn Du ihn verschiebst, ans Ehre, so glaube ich wahrhaftig, daß auch der heillose Auc- tionär den Bücherverkauf aufschieben wird. Sv viel ist gewiß, daß die Taufe und die Versteigerung zu gleicher Zeit stattfinden werden." Da war nun freilich nichts zu ändern; aber ich bin überzeugt, daß meine gute Mutter von Stund' an weit weniger Math hatte, die Uebcrzüge der Zitzscssel im besten Bc- snchzimmer abzunehmen. Fünf Jahre später wäre dies nicht mehr vorgckommen. Meine Mutter würde den Vater geküßt und zu ihm gesagt haben: „Bleib!" und er hätte ihrer Bitte nicht widerstehen können. Sie war aber damals noch sehr jnng und schüchtern, er dagegen der wilde Mann, nicht aus den Wäldern, sondern ans der Bücherstube, den die Annehmlichkeiten der Heimath noch nicht civilisirt hatten. Kurz, die Postchaisc wurde bestellt und die Reisetasche gepackt. „Mein Lieber," sagte meine Mutter am Abend vor dieser Hegira, während sie von ihrer Arbeit aufsah — „mein Lieber, Du hast noch Eines ins Reine zu bringen vergessen. 28 Ich bitte »m Verzeihung, wenn ich Dich störe; über cs ist wichtig — der Name des Kindes: solle» wir es Augustin nennen?" „Augustin?" versetzte mein Vater träumerisch, „Ei, das ist ja mein Name!" „Und wäre cs Dir nicht lieb, wenn ihn auch Dein Sohn trüge?" „Nein," entgegnctc mein Vater, sich anfraffcnd. „Niemand wurde wissen, welcher von beiden es wäre. Ich könnte mich selbst darüber ertappen, wie ich das lateinische Adjccti- vnm lerne oder mit Marbeln spiele. Nie wäre ich meiner Identität gewiß, und es könnte Mrs, Primmins einfallen, mir Brei geben zu wollen," Meine Mutter lächelte, legte ihre sehr hübsche Hand ans die Schulter meines Vaters, blickte ihn zärtlich an und sagte: „Es steht nicht zu besorgen, daß Du mit Jemand anders, und wenn es Dein eigener Sohn wäre, verwechselt werden könntest, mein Lieber, Im Falle Du aber einen andern Namen vorziehst — wie sollen wir den Knaben nennen? „Samuel," versetzte mein Vater, „Doktor Parr heißt Samuel," „Ach, mein Lieber, Samuel ist der häßlichste Name—" Mein Vater achtete nicht ans diesen AnSruf, sondern war schon wieder in seine Bücher vertieft und sprach vor sich hin: „BarneS sagt, Homer sep Salomon, Wenn man in der hebräischen Weise Homcrvs rückwärts lese —" 28 „Ja, mein Lieber," unterbrach ihn meine Mutter. „Aber der Taufname des Knaben?" „Homeros— Soremoh — Solemol) — Salomo!" „Salomo! entsetzlich!" sagte meine Mutter. „Ja wohl entsetzlich," echvetc mein Vater. „Ein Verbrechen gegen allen gesunden Menschenverstand!" Dann fuhr er, nach einem Blick über seine Bücher, gedankenvoll fort — „Liber ick Gründe ist es doch ein Unsinn, anzunch- mcn, daß man über den Homer nicht ins Reine gekommen scy bis zu seiner Zeit." „Zu wessen Zeit?" fragte meine Mutter mechanisch. Mein Vater hob seinen Finger ans. Nach einer Panse fuhr meine Mutter fort: „Arthur ist ein recht hübscher Name — auch William — Henry — Charles — Robert. Welcher soll es seyn, mein Lieber?" „Pisistratus?" sagte mein Vater, bei dem es immer »och nachbranntc, im Tone der Verachtung — „Ja, wohl gar Pisistratus!" „Pisistratus! ein sehr schöner Name," sagte meine Mutter erfreut — „Pisistratus Caxtou. Danke, mein Lieber, Pisistratus also soll er heißen." „Widersprichst Du mir? Hältst Dills auch mit Wolf und Heyne und jenem praktischen Burschen Vier? Willst Du etwa behaupten, daß die Rhapsodisten —" „Nein, gewiß nicht, mein Lieber," unterbrach ihn meine Mutter. „Du erschreckst mich." 27 -7 Mein Vater seufzte und warf sich i» seinen Stuhl zurück. Die Mutter faßte Mnth und nahm wieder auf: „Piststratus ist freilich ein langer Name: aber mau kan» ihn ja Sisty nennen. „Kiste, Viatoi," murmelte mein Vater; „das ist abgedroschen." Nein, nur Ststy — kurzweg. Danke, mein Lieber." Vier Tage später, als mein Vater von der Bncher- versteigerung zurückkam, vernahm er zu seinem unaussprechlichen Entsetzen, daß „Ptststratus mit jedem Tag ihm ähnlicher werde." Nachdem man dem guten Mann endlich begreiflich ge-, macht hatte, daß sein Sohn und Erbe steh eines Namens rühme» dürfe, so denkwürdig in der Geschichte, wie der des Tyrannen von Athen und des angefochtenen Sammlers der homerischen Gesänge — ja, wie man ihm noch weiter erklärte, daß er selbst diesen Namen verlangt habe — da wurde er so unwillig, als cs bei seinem milden Wese» nur möglich war, und rief: „Aber es ist schändlich! Pisistratus— ein Taufname! Piststratus, der sechshundert Jahrs vorher lebte, eh' Christus - geboren ward. Gütiger Himmel, Frau, Du hast mich zum Vater eines Anachronismus gemacht." Meine Mutter brach in Thräncn aus; aber dem Nebel war nimmer abzuhclfen. Ich war ein Anachronismus und mußte es bleiben bis zn meinem Ende. 23 Viertes Kapitel. „Ihr werdet natürlich bald anfangen, Euren Sohn selbst zn erziehen?" sagte Mr. Sqnills, „Versteht sich, Sir," versetzte mein Vater, „Ihr habt wohl Martinas Scriblerns gelesen?" „Ich verstehe Euch nicht, Mr, Carton," „Dann habt Ihr Martinus Scriblerns nicht gelesen, Mr, Sqnills!" „Nehmt an, ich hätte cs doch — was weiter?" „Was weiter, Sqnills?" entgegnete mein Vater vertraulich. „Ihr würdet dann wissen, daß ein Gelehrter zwar oft ein Thor ist, aber doch nie ein Thor in so hohem, so superlativcm Grade, als wenn er die erste unbefleckte Seite der menschlichen Geschichte dadurch besudelt, daß er die Gemeinplätze seiner eigenen Pedanterie darauf schreibt. Ein Gelehrter, Sir — wenigstens einer von meinem Schlage — ist am allerwenigsten geeignet, junge Kinder zu unterrichten. Eine Mutter, Sir, eine einfache, natürliche Mutter führt ein Kind am besten ein in die Erkenntniß," „Wahrhaftig, Mr, Carton, ich glaube Ihr habt Recht, trotz dein Hclvetius, auf de» Ihr Euch an dem Abend beriefet, als der Knabe geboren wurde," „Ich bin wenigstens so fest davon überzeugt," sagte mein Vater, „als ein armes sterbliches Wesen von irgend etwas überzeugt sehn kann. Ich stimme allerdings mit Hcl- vetins überein, wenn er sagt, das Kind müsse von Geburt an erzogen werden; aber wie? — da sitzt der Knoten, ES 2g gleich in die Schnlc schicken? Ja, denn es befindet sich bereits in der Schnlc bei den zwei großen Lehrerinnen Natnr nnd Liebe. Ihr werdet finden, daß Kindheit nnd Genie dasselbe wichtige Organ, die Wissbegierde, mit einander gemein habe». Laßt die Kindheit gewähren, und sie wird damit anfangen, womit das Genie beginnt, findet vielleicht auch, was das Genie findet. Ein griechischer Schriftsteller erzählt uns von einem Manne, der seinen Bienen, um ihnen den mühsamen Flug zum Hymcttus zu ersparen, die Flügel stutzte nnd die schönsten Blumen, die er anffinden konnte, vor sie hinlegte; aber die armen Bienen bereiteten keinen Honig. Wenn ich nun meinen Knaben lehren wollte, hieße das nicht ihm die Flügel beschneiden nnd Blumen vorlegcn, die er selbst finden könnte? Wir wollen vorderhand die Natur nnd ihre nächste liebevolle Stellvertretern!, «ine wachsame Mutter walten lassen." Dabei deutete mein Vater ans seinen Erben, der sich im Gras wälzte nnd Gänseblümchen pflückte, während die junge Mutter ihre Stimme heiter erklingen ließ und über den Frohsinn ihres Kindes lachte. „Ich sehe schon, Eure Kinderstube wird mir zu einer schlechten Rechnung verhelfen," sagte Mrs. Sqnills. In Folge dieser Grundsätze, die an einem so gelehrten Manne wohl befremden mögen, gedieh ich herrlich; ja ich lernte sogar unter der vereinten Sorgfalt meiner Mutter nnd der Dame Primmins buchstabiren und Haken machen. Letztere gehörte einem Schlage an, der wohl am Aussterben ist -- dem Schlage alter treuer Dienerinnen nnd mährchen- 30 erzählender Kindsfrauen. Sie hatte schon meine Mntter erzogen; aber ihre Liebe trieb neue Zweige für den jnngcn Nachwuchs. Sie war von Devonshire, und das weibliche Geschlecht ans dieser Gegend, namentlich wenn es seine Jugend in der Nähe der Secküste zngcbracht hat, ist in der Regel abergläubisch. Sie war mit einem wundervollen Vvrrath von Mährchen ausgestattet, und noch ehe ich sechs Jahre zählte, konnte ich als sehr unterrichtet gelten in dieser Erstlingsliteratnr, in welcher die Sagen aller Völker sich ans eine gemeinsame Quelle zurückführcn lassen — der gestiefelte Kater, HanS Dänmling, Fortunio, Fortuna tu s, Jack, der Riesentödter —- Mährchen, welche gleich den Sprichwörter», nur mit verschiedenen Wendungen, dem jugendlichen Verehrer des Bndh eben so geläufig sind, wie den kühneren Kindern Thors. Ich kann ohne Eitelkeit sagen, daß ich, wenn ich in diesen ehrwürdigen Klassikern geprüft worden wäre, sicherlich einen Preis davon getragen hätte! Meine Mutter war einigermaßen besorgt, ob an§ einer solchen fantastischen Erziehung auch ein wesentlicher Vortheil erzielt werden dürste, und äußerte schüchtern ihre Bedenken gegen meinen Vater. „Meine Liebe," cntgegnetc mein Vater mit jenem Ton der Stimme, welcher sogar meine Mntter stets in Verwirrung brachte, da sie nicht wußte, ob er im Scherz oder im Ernst sprach — „in allen diesen Fabeln könnten gewisse Philosophen leicht die höchste Moral unter symbolischer Verhüllung auffinden, Ich selbst habe eine Abhandlung ge- 31 schriebe», ui» zu beweise», daß der gestiefelte Kater eiuc Allegorie scy auf de» Fortschritt des mcuschlichcu Verstandes und aus de» mystische» Schulen der ägyptische» Priester herstanimc. ES liegt darin augenscheinlich eine Darstellung der Anbetung, welche diesen Vierfüßlern ans der Katzenzunft zu Theben und Memphis zu Theil wurde, wo man sie nicht nur zu Symbolen der Religion machte, sondern auch als Mumien anfbewahrtc." „Mein lieber Austin," sagte meine Mutter, ihre blauen Angen aufschlagcnd, „Du glaubst aber nicht, daß Sisiy, alle diese schönen Dinge in dem gestiefelten Kater anf- findcn werde!" „Meine gute Kitty," erwiederte mein Vater, „als Du so gut warst, cs mit mir zu wagen, hast Du wohl nicht daran gedacht, daß Du in mir nur alle die schönen Dinge finden werdest, die ich ans Büchern gelernt habe. Du kanntest mich bloS als ein harmloses Geschöpf, das so glücklich war, Deiner Neigung zu entsprechen. Nebenbei entdecktest Du, ich sey nicht schlimmer geworden durch alle die Quartbände, die sich in mir zu Ideen nmwandclten — zu Ideen, die sogar für mich Geheimnisse sind. Wenn Sisiy, wie Du das Kind nennst — die Pest über diesen Anachronismus, und Du thust gut, ihn nur in einer Doppclsylbc kund zu geben — wenn Sisty nicht alle Weisheit Aegyptens in dem gestiefclten Kater entdecken kann, was macht's? Der gestiefelte Kater ist harmlos und gefällt ihm. Alles, was Neugierde weckt, so fern es unschuldig ist, führt zu Kenntniß — alles, was unserer Neigung entspricht, wandelt ZS sich später in Liebe oder Erkcnntniß um. Und so geh' setzt wieder in Deine Kindsstnbc zurück, meine Liebe." Ich würde dir jedoch Unrecht thun, o Bester der Väter, wenn ich die Leser auf dem Wahn ließe, weil du dich bei meiner Geburt so gleichgültig zeigtest und in Betreff meiner frühen Erziehung unbesorgt bliebest, so sehest du auch in deinem Herzen gleichgültig gegen den beschwerlichen Neo- giloS gewesen. Wie ich älter wurde, merkte ich mehr und mehr, daß ein väterliches Auge auf mich achtete. Ich erinnere mich mit Bestimmtheit noch eines Vorfalls, der mir als eine Krisis in meinem kindlichen Leben vorkommt, da er das erste fühlbare Bindeglied nachwcist zwischen meinein eigenen Herzen und jener ruhigen große» Seele. Mein Vater saß im Hofe vor dem HauS, den Stroh- Hut über seinen Augen (denn cs war Sommer) und ein Buch auf seinem Schooßc. Plötzlich fiel ein schöner blau und weißer Stcingnt-Blnmcntopf, der auf einem Fenstersims des oberen Stockes gestanden hatte, krachend zu Boden, und die Scherben flogen meinem Vater um die Beine. Erhaben in seinen Studien, wie Archimcdes bei der Belagerung, fuhr er zn lesen fort: „Impnvläum korivnt ruinae!" „O Himmel!" rief meine Mutter, die unter dem Portale beschäftigt war, „mein armer Blumentopf, der mir so theuer war! Wer kann dies gethan haben? Primmins, Priinmins!" Mrs. Primmins steckte den Kopf zu den: verhängniß- vollen Fenster hinaus, nickte auf den Zuruf und kam im Nu bleich und atheiplos herunter. 33 „Oh," sagte meine Mutter traurig, „wäre» mir lieber bei dem Frost im letzten Mai alle Pflanzen des Gewächshauses zu Grunde gegangen — ja, ich wollte meinen besten Thcescrvice darum geben! Ich habe das arme Geranium selbst aufgezogen, und den lieben Blumentopf hat mir Mr, lsartv» zu meinem letzten Geburtstag gekauft! Das garstige Kind muß dies gcthan haben!" Mrs. Primmins fürchtete sich ungemein vor meinem Vater — warum, weiß ich nicht, wenn nicht etwa der Grund darin lag, daß sehr redselige Personen sich gemeiniglich vor sehr schweigsamen zu fürchten Pflegen. Sie warf einen hastigen Blick auf ihren Gebieter, rer Zeichen von Aufmerksamkeit kund zu geben anfing, und rief schnell: „Gott behüte, Ma'am; nein, eS war nicht der liebe Knabe — ich selbst habe es gcthan!" „Ihr? Wie könnt Ihr auch so unachtsam sehn, da Ihr doch wußtet, wie thencr mir der-Blnmentopf war. O Himmel!" Primmins begann zn schluchzen. „Macht keine Possen," rief jetzt eine schwache schrille Stimme, und Master Sisty, der mit eherner Stirne aus dein Hanse heraus kam, fuhr fort: „Zanke nicht mit der Prim- mins, Mamma; ich habe den Blumentopf hinansgeschoben." „Bst!" sagte die Wärterin, mehr als je erschrocken und einen entsetzten Blick nach meinem Bater Hingleiten lassend, der bedächtig seinen Hut abgenommen hatte und 'mit ernstem Auge achtsam dem Auftritte znsah. „Bst! Und wenn er ihn auch zerbrach, Ma'am, so Bukwrr, die Cartone. g geschah cs ganz zufällig. Gr staub so »ub halte keine scl'limmc Absicht dabei. Jst'S nicht wahr, Master Sich) ? So rede doch (dies tu einem Flüstern) oder Papa wird böse werden/' „Schon gut," sagte meine Mutter, „ich will annchmcn, daß es ein Zufall war: aber nimm Dich künftig in Acht, mein Kind. Ich sehe, cs lhnt Dir leid, daß Du mich bekümmert hast. Da hast Du einen Kuß und gräme Dich nicht weiter." „Nein, Mamma, Du mußt mich nicht küssen; ich Verdiene es nicht. Ich habe den Blumentopf absichtlich hinnn- tergcworfcn." Mrs. Primmins zitterte wie ein Laub. „Ans Spaß !" sagte ich, den Kopf hängen lassend. „Ich wollte sehen, was Du für ein Gesicht dazu machen würdest, Papa. Dies ist die Wahrheit davon. Jetzt straft mich — straft mich!" Mein Vater warf sein Buch wohl fünfzig Schritte von sich, beugte sich nieder und drückte mich an seine Brust. „Junge," sagte er, „Du hast Unrecht gcthan, wirft es aber dadurch wieder gut machen, wenn Du Dein ganzes Leben über eingedenk bleibst, daß Dein Vater Gott pries, weit er ihm einen Sohn gegeben, der sich durch die Furcht nicht abhalten ließ, die Wahrheit zu reden. O Mrs. Primmins, sobald Ihr cs wieder versucht, ihn solche Mährchcn zu lehren, sind wir geschiedene Leute!" Don dieser Stunde an wurde ich mir bewußt, daß ich meineu Vater liebte und von ihm geliebt war : von dieser Zeit an begann er anch, sich mit mir zn unterhalten. Wenn 3S er mich iin Garten traf, ging er nicht mehr mit einem Lächeln oder Kopfnicken an mir vorbei, sondern machte Halt und steckte sein Buch in die Tasche. Allerdings war sei» Gespräch oft für meine Begriffe zu hoch; aber dennoch fühlte ich mich glücklicher, besser und weniger als Kind, wenn ich über seine Worte nachdachte und ihren Sinn zu ergründen suchte: denn er hatte eine Art an sich, ohne gerade unterrichten zu wollen, mir in Andentnngen Dinge in den Kops zu sehen, deren Ausarbeitung er mir selbst überließ. Ich erinnere mich namentlich eines Beispiels, das mit dem Blumentopf und dem Geranium in Verbindung stand. Mr. SguillS, der nuverhcirathet war und sich in sehr guten Verhältnissen befand, machte mir öfters kleine Geschenke. Nicht lange nach dem vorerwähnten Ereignisse bedachte er mich mit einer Gabe, daS den Werth eines gewöhnlichen KindcrgeschenkS weit überstieg — mit einem schönen großen Dominospiel anS Elfenbein, an dem Malerei und Vergoldung nicht gespart war. Dieses Domino war meine größte Lust. Ich könnt' cs nicht satt werden, mit MrS. Primmius zu spielen, und nahm die Schachtel sogar mit mir zu Bette. „Ah," sagte eines Tages mein Vater, als er mich im Wohnzimmer die elfenbeinernen Täfelchen ordnen sah; „ich glaube, dieses Spielzeug ist Dir lieber, als alle anderen?" „O ja, Papa." „Es würde Dir wohl sehr leid thnn, wenn Mamma eS aus Spaß zum Fenster hinaus würfe und zerbräche?" Ich sah meine» Vater bittend an und gab keine Antwort. 3 36 „Aber vielleicht würbe es Dich steile»/' »ahm er wieder auf, „wenn plötzlich eine von den gute» Fee», von denen Tn gelesen hast, die Dominoschachtel in ein schönes Geranium mit einem sebönen blanwcißen Topse nmwandclte, damit Du daS Vergnügen bättcst, es Deiner Mamma ans de» Fenstersims zn stellen?" „Jawohl!" entgcgnete ich halbweinend, „Mein lieber Jnnge, ich glaube Dir : aber gute Wün>chc bessern nichts an schlimmen Handlnngcn — sie müssen durch gute Handlungen wieder ausgeglichen werden," Mit diesen Worten schloß er dicThüreund ging hinanS. Seine Worte brachten mich in die größte Verwirrung, da sch nicht wußte, was ich daraus machen sollte. Soviel weiß ich noch, daß ich an jenem Tage nicht mehr Domino spielte, Am andern Morgen fand mich mein Vater unter einem Ban», im Garten; er blieb stehen und sah mich mit seinen ernsten Hellen Augen fest an, „Mein Sohn," sagte er, „ich mache einen Spaziergang nach — (einer etwa drei Viertelstunden entlegenen Stadt); willst Du mit? Beiläufig, hole doch Deine Domi- noschachtel; ich möchte sic dort Jemand zeigen," Ich eilte fort, um das Verlangte zu holen, und trat, nicht wenig stolz darauf, mit meinem Vater ans der Landstraße gehen zu dürfen, mit ihm den Weg nach der Stadt an, „Papa," sagte ich gelegentlich, „cS gibt jetzt keine Feen mehr," „Und was dann, mein Kind?" „El, wie können Sic denn meine Dominoschachtel in ein Geranium mit einem weißblanen Topf mnwandcln?" „Mein Lieber," sagte mein Vater, indem er seine Hand ans meine Schulter legte, „Jedermann, dem es mit dem Guten ernst ist, hat stets zwei Feen bei sich — eine hier," er deutete dabei auf mein Herz, „lind eine hier" (ans meine Stirne weisend). „Ich verstehe Dich nicht, Papa." „Ich kann warten, bis cS Dir klar wird, PisistratnS. Welch ein Name!" Mein Vater hielt bei einem Knnstgärtncr an , ließ sich seine Blumen zeigen und blieb endlich vor einem großen gefüllten Geranium stehen. „Ah, dies ist noch schöner, als das, welches Deine Mamma so liebte. Was kostet es, Sir?" „Rur 7 Schillinge 6 Pence," lautete die Antwort des Gärtners. Mein Vater knöpfte seine Tasche zu. „Ich habe heute nicht genug Geld bei mir," sagte er, und wir entfernten uns. Als wir in die Stadt kamen, trat er in einen Laden mit Porzcllänwaaren. „Habt Ihr noch einen solchen Blumentopf, wie ich vor etlichen Monaten einen kaufte? Ach, da ist einer — mit 3 Schillingen 6 Pence ausgezeichnet. Ja, das war der Preis. Nun, wenn Deiner Mamma Geburtstag wieder kömmt, müssen wir ihr einen andern kaufen. Aber das währt noch einige Monate. Und wir können warten, Master Sistv. 38 In der That, was das ganze Jahr hindurch blüht, ist besser, als ein armes Geranium, und ein Wart, das nie gebrochen wird, besser als ein Stück Steingut," Mein Kopf, der vorhin uiedergcsnnkeu war, hob sich wieder; aber daS freudige Strömen nach meinem Herzen erstickte mich beinahe, „Ich bin gekommen, um Euch eine kleine Rechnung zu zahlen," sagte mein Pater, der mich jetzt nach einem Spiclwaarenladcn geführt hatte. „Beiläufig," setzte er hinzu, während der Kaufmann lächelnd in seinem Buche den Posten nachschlug, „ich glaube, mein Söhnlcin da kann Euch ein viel schöneres Pröbchen französischer Arbeit zeigen, als jenes Nrbeitskästchen war, zu dem Ihr letzten Winter meiner Frau ein Loos anfschwatztet, Laß ihn Deine Dominoschachtel sehen, mein Lieber," Ich brachte meinen -Schatz zum Vorschein, und der Kanfmann war sehr freigebig mit Lobeserhebungen, „Es ist immer gut, mein Sohn, wenn man weiß, was eine Sache Werth ist, da man ja auf de» Gedanken kommen kann, sic wegzngebcn," sagte mein Pater, „Wenn mein junger Gentleman seines Spielzeugs überdrüssig würde, was könnt Ihr ihm dafür bezahlen?" „Sir," entgegnete der Spielwaarenhändler, „ich fürchte, ich könnte nicht mehr als achtzehn Schillinge dafür aufwenden, wenn der junge Gentleman nicht etwa einiges von diese» schönen Sachen daran nähme," „Achtzehn Schillinge!" sagte mein Vater, „Soviel Würdet Ihr geben? Gnt, mein Sohn; wenn Du Deiner Schachtel müde wirst/ so Haft Du meine Erlaubnis, sie zu verkaufen." Mein Vater zahlte seine Rechnung und verließ den Laden. Ich blieb noch einige Augenblicke zurück und holte ihn am Ende der Straße wieder ein. „Papa! Papa!" rief ich, meine Hände zusammenschlagend, „wir können das Geranium kaufen — wir können den Blumentopf kaufen." lind ich zog eine Hand voll Silber aus der Tasche. „Habe ich nicht Recht gehabt?" sagte mein Vater, indem er mit seinem Tuch über die Angcn fuhr. — „Du Haft die beiden Feen gefunden!" O wie stolz, wie überglücklich war ich, als ich, nachdem ich die Blumenvaie ans den Fenstersims gestellt hatte, meine Mutter am Kleide zupfte und sie dadurch bewog, mir nach Ort und Stelle zu folgen. „Es ist sein Werk und von seinem Gelde bestritten," sagte mein Vater. „Er hat durch eine gute Handlung die schlimme wieder ausgeglichen." „Wie!" rief meine Mutter, nachdem ihr der ganze Vorgang mitgetheilt worden, „und Du hast die Dominoschachtel daran gesetzt, die Dir so lieb war? Wir wollen morgen hingchen, um sie znrückznkauscn, und wenn sie das Doppelte kostete." „Sollen wir sie wieder kaufe», Pisistratus?" fragte mein Vater. „O nein— nein — »ein! Es würde Alles verderben," rief ich und verbarg mein Gesicht an seiner Brust. 40 „Frau," sagte mein Vater feierlich, „dies war der erste Unterricht, den ich unserem Kinde ertheilte — die Heiligkeit und das Glück der Entsagung. Vereitle nicht wieder, was er ihn lehren soll bis znm Tage seines Todes!" Und dies ist die Geschichte von dem zerbrochenen Blumentopf. Fünftes Kapitel. Zwischen meinem siebente» und achten Jahre kam ein Wechsel über mich, der vielleicht allen Eltern bekannt ist, welche sich des beängstigenden Segens eines einzigen Kindes zu rühmen haben. Die gewöhnliche Lebhaftigkeit des kindlichen Alters verließ mich, und ich wurde still, gesetzt und gedankenvoll. Der Mangel an Spielgefährte», die mit mir in gleiche» Jahren standen, und der Umgang mit gereiften Geistern, welcher nur mit völliger Einsamkeit abwechseltc, verliehen entweder meiner Einbildungskraft oder meinem Verstände eine allzufrühe Zeitigung. Die abenteuerlichen Sagen, welche mir meine alte Wärterin Sommers im Zwielicht und Winters an dem Herde zuflüsterte, wie auch die Mühe, die ich mir gab, die ernste, liebliche Weisheit in den Andeutungen meines Vaters zu erfassen, dienten dazu, einen Hang zu einem träumerische» Wesen in mir zu nähren, in welchem alle meine Seelcnkräfte angestrengt thätig wurden wie in den Träumen, die den Menschen heimsnchen, wenn er dem Erwachew.nahe ist. Ich konnte mit Leichtigkeit lesen, ziemlich geläufig schreiben und hatte auch bereits nachzuahmen und zu reprodnciren angcfangcn. Abenteuerliche Geschichte», denen verwandt, die ich ans dem Fecnlandc gesammelt, holperige Lieder, den Gedichten, die mir zufällig in die Hände fielen, nachgcbildet, begannen die Schiefertafel zu beklecksen, die sonst zu den minder ehrgeizigen Zwecken der Usbnng in runder Schrift und im Multipliciren bestimmt war. Noch mehr wurde mein Sinn getrübt durch meine Anhänglichkeit an's Hans, denn meine Liebe zu meinen Eltern hatte etwas Krankhaftes und Peinliches an sich. Ich weinte oft bei dem Gedanken, daß ich so wenig für die thnn konnte, welche meinem Herzen so nahe standen. Am liebsten baute sich meine Einbildungskraft Schwierigkeiten für sie auf, die mein Arm beseitigen sollte. Derartige Gefühle machten meine Nerven in einem hohen Grade reizbar nnd empfindlich. Die Natur begann einen mächtigen Eindruck ans mich zu üben, nnd eben daraus entsprang eine rastlose Begier, den Zauber zu zergliedern, der mich so geheimnisvoll zu Frende oder Scheu, zum Lächeln oder z» Thräncn bewegte. Ich ließ mir von meinem Vater die Elemente der Astronomie erklären und rang Mr. SquillS, der ein eifriger Botaniker war, einige Geheimnisse ans dem Leben der Blumen ab. Musik wurde jedoch meine Lieblingsleidcnschaft. Meine Mutter war zwar die Tochter eines großen Gelehrten, bei dessen NamcnScr- wähnung mein Vater den Hut abznzichen Pflegte, wenn er zufällig einen aus hatte, besaß aber, wie ich ehrlich gestehen muß, weit weniger Bücherweisheit, als in unserem erleuchteteren Zeitalter die Töchter vieler geringer Handwerker zur Schau zu tragen Vermögen; dagegen hatte sic einige natür- liche Gaben, die, der Himmel weiß wie, sich in leidlicher Vollkommenheit ansgebildet hatten. Sie zeichnete hübsch und nuilte recht schöne Blumen; auch spielte sic inehr als ein Instrument mir Gewandtheit, nicht bloß nach Weise der Kostschülcrinnen. Sie sang zwar nur in ihrer eigenen Sprache, aber Wenige tonnten ihre süße Stimme hören, ohne pon derselben lies ergriffen zu werden. Ähre Musik und ihre Lieder übten einen wunderbaren Einstuß auf mich. So erfaßte denn eine Art träumerischer, aber doch wonniger Melancholie mein ganzes Wesen, was um so auffallender erschien, da mein Temperament früher tühn, thätig und frohsinnig gewesen war. Die Veränderung in meinem Charakter begann auch auf meinen Körper zu wirken, und das kräftige lebhafte Kind wurde zn einem blassen, schmächtigen Knaben. Ich begann zn kränkeln und kopfhängerisch zn werde». Man berief den Mr. SqnillS. „Tvnica," sagte der Doktor, „und laßt mir ihn nicht immer über seinem Buch sitzen. Schickt ihn hinaus in'S Freie — er soll spielen. Komm'her, mein Junge —diese Organe werden zu groß," und Mr. SgnillS, der ein Phre- nolog war, legte seine Hand ans meine Stirne. „Alle Welt, Sir, was das für eine Idealität ist und, Gott behüte mich — welcher Knnüsinn Mein Vater schob seine Papiere bei Seite und ging, die Hände auf den Rücken gelegt, im Zimmer hin und her. Er sprach kein Wort, bis sich Mr. SgnillS entfernt hatte. „Meine Liebe," sagte er dann zu meiner Mutter, an « deren Brust ich meine schmerzende Jdealilät lehnte — „meine j Liebe, Pisistratns muß jetzt allen Ernstes in die Schule." tz „Gott behüte, Austin! — in seinem Alter?" s „Er ist jetzt säst acht Jahre." t „Aber er ist ja schon so weit voran." j „Dies ist eben der Grund, warum erst» die Schule soll."- ji „Ich verstehe Dich nicht ganz, mein Lieber. Zwar weist ich, dast ich ihn nichts mehr lehren kann : aber T», der Dn ) ein so gescheidtcr —" l Mein Batcr ergriff die Hand »reiner Mutter, j „Wir beide können ihn jetzt nichts lehren, Kitiy," sagte rl er. „Wir schicken ihn in die Schule -—" ' „Zu einem Schulmeister, der viel weniger wein, als , Dn -" ; „Zu Knaben, die ihn wieder zu einem Knaben machen » werden," entgegnete mein Batcr säst wehmüthig. „Meine ? Liebe, Du erinnerst Dich des Kenter Gärtners, der uns Ä diese Lambcrtnnßbäume setzte. Sie standen im dritten Jahre, und Du begannst schon zu berechne», was sic cinbringcn würden; wie Dn aber eines Morgens in den Garten kömmst, findest Du sie bis auf de» Boden hinunter beschnitten. Du warst verdrießlich und fragtest nach dem Grund. WaS antwortete Dir der Gärtner? Es müsse so seyn, damit sic nicht i zu frühe tragen. Es ist hier kein Mangel an Fruchtbarkeit — aber wir müssen die Zeit des Ertrags hinansrücken, damit die Pflanze andanrc." „Laßt mich in die Schule gehen," sagte ich, de» matten i Kopf erhebend und meinem Vater znlächelnd. Ich verstand 44 ihn »nt cincmmalc, und es war niir, als ob die Stimme meines Lebens selbst ibm antwortete. Sechstes Kapitel. Ein Jahr nach dem im vorigen Kapitel gefaßten Entschluß befand ich mich die Vacanz über in der Heimath. „Ich hoffe, daß man Sisth anch recht behandelt," sagte meine Mutter, „Es kömmt mir vor, als fasse er nicht mehr so schnell, wie zur Zeit, ehe er in die Schule ging. Ich bitte Dich, Austin, nimm doch eine Prüfung mit ihm vor," „Ich habe ihn bereits geprüft, meine Liebe. Er ist ganz so, wie ich erwartete, und ich bin vollkommen zufrieden." „Wie, Du meinst wirklich, er seh vorwärts gekommen?" entgegnctc meine Mutter erfreut, „Er kümmert sich jetzt keinen Knopf mehr um Botanik," sagte Mr, Sqnills, „llnd sonst hatte der liebe Knabe eine so große Freude an der Musik!" bemerkte meine Mutter mit einem Seufzer, „Gott im Himmel, was war das für ein Krachen?" „Die Schlüssclbüchse Deines Sohnes im Fenster," sagte mein Vater, „Ein Glück, daß es nur den Scheiben galt; gleichwohl würde sie ein weniger betäubendes Getöse gemacht haben, wcnn's, wie gestern Morgen, Mr, Sqnills Kopf gewesen wäre," „Ja, sie hätte mir fast das linke Ohr mitgenommen," 45 versetzte Mr. Squills. „Nun, wie sehd Ihr zufrieden, Mr. Earton?" „Recht wohl; ich denke der Junge ist jetzt ein so großer Tölpel, wie die meisten Knaben von seinem Alter," cntgcgnete mein Vater mit großer Selbstgefälligkeit. „llm's Himmels willen, Austin— ein großer Tölpel!" „In welchem andern Zwecke geht er denn in die Schule?" fragte mein Vater; als er aber ein gewisses Entsetzen in dem Gesichte seines weiblichen Zuhörers und eine nicht geringe Ucbcrraschung in dem des männlichen bemerkte, stand er auf und trat an den Herd, indem er zugleich die eine Hand in seine Weste steckte, wie er zu thun Pflegte, wenn er bei seinem Philosophtrcn mehr als gewölmlich anf's Einzelne cinging. „Mr. Squills," sagte er, „Ihr habt große Erfahrung in Familien." „Eine so gute Praxis, wie irgend einer in der Grafschaft," versetzte Mr. Squills stolz. „Mehr, als ich meistern kann. Ich werde mich nächstens nach einem Gehnlsen nmsehcn." „Da werdet ihr wohl bemerke haben," fuhr mein Vater fort, ,-,daß es fast in jeder ein junges Glied gibt, welches Vater, Mutter, Dickel und Tante für ein wundervolles Kind erklären." „Eines znm mindesten," versetzte Mr. Sqnills lächelnd. „Es ist leicht zu sagen," nahm mein Vater wieder auf, „dies sch elterliche Vorliebe — die Sache verhält sich dennoch anders. Prüft als ein Fremder dieses Kind, und Ihr 46 werde! selbst erstaune», Ihr steht verwundert, wenn Ihr die Wißbegier, die schnelle Auffassung und die guten Antwvrten bemerkt. Auch findet man vst ein Vermögen besonders entwickelt; daS Kind zeigt vielleicht Sinn für Mechanik nur macht Euch das Modell eines Dampfbovtcs — cs hat ein Ohr für Verse und schreibt ein Gedicht, wie das, welches es aus dem'Declamatvr' auswendig lernte— cs legt sich mit einer alten Jungfer Tante auf Botanik, wie Pisistra- tns, oder spielt einen Marsch auf dem Pianofortc seiner Schwester, Kurz, selbst Ihr würdet erklären müssen, Mr, Sgnills, daß es ein wundervolles Kind seh." „Ans mein Wort," erwiedcrte Mr, Sgnills gedankenvoll, „es liegt viel Wahres in dem, was Ihr sagt. Der kleine Tom Dobbs ist wirklich ein wundervolles Kind — ebenso Frank Steppington — und was den Johnny Skyles betrifft, so muß ich ihn Euch Herdringen, damit Ihr ihn selbst über Naturgeschichte schwatzen hört und mit ansehcn könnt, wie geschickt er mit seinem kleinen Mikroskop nmzugehen weiß," „Der Himmel verhüte dies!" sagte mein Vater, „Und nun laßt mich sortfahren. Diese tlmumnta oder Wunder währen — bis wie lange, Mr. Sgnills? Bis der Knabe in die Schule kommt, und dann zerstießen sie so oder so wie die Geister beim Hahnenschrei in dünne Luft, Ein Jahr, nachdem das Wunderding in einer Schule gewesen ist, gnälcn Euch Vater und Mutter, Onkel und Tante nicht mehr mit Berichten über sein Thnn und Treiben; das außerordentliche Wesen ist ein ganz gewöhnlicher kleiner Knabe geworden, Habe ich nicht Recht, Mr, Sgnills?" Ü7 „Jawohl, vollkommen, Sir. Wie scyd Ihr aber zu solchen Beobachtungen gekommen? Ihr scheint doch nie —" „Bst!" unterbrach ihn mein Vater, blickte dann liebevoll ans daS ängstliche Gesicht meiner Mutter und fuhr beschwichtigend fort: „Seh nur getrost; dies ist eine weise Einrichtung, die auf unser Bestes abziclt." ' „Der Fehler muß an der Schule liegenmeinte die Mutter kopfschüttelnd. „Es ist eine Rothwcndigkejt der Schule und ihre Tugend, mein Kätchcn. Behalte man nur eines dieser Wunderkinder — und wenn cS so wundervoll wäre, als Dir Sich) vorkam — zu Hause, und inan wird sehen, wie sein Kopf immer größer und größer, sein Körper dagegen immer schmächtiger und schmächtiger wird — istks nicht so, Mr. Squills? — bis der Geist dem Leibe alle Nahrung entzieht und dieser hinwelkt, seinerseits auch den Geist krank machend. Ihr seht jene edle Eiche vor den, Fenster — wenn ein Chinese sie erzogen hätte, wäre sic mit fünf Jahren ein Miniaturbanin gewesen, und im Hundertsten könnte man sic, nicht größer als im fünften Jahre, in einem Blumentopf auf den Tisch stellen —- als Rarität von Reife in dem einen, und von Winzigkeit in dem andern Alter. Nein, die Schule ist die wahre Ordalic für das Talent. Man muß das verkümmerte Männlein wieder znin Kinde machen, und dann soll es, wenn es kann, gesund, kühn und natürlich auf dem langsamen Wege sich zur Größe cmporarbciten. Wem Größe versagt ist, der soll wenigstens ein Mann werden, dies ist "iS besser, als das ganze Leben über ein kleiner Johnny SkyleS zn seyn — eine Eiche in einer Pillenschachtcl." In diesem Augenblicke stürzte ich glühend und keuchend, ans den Wangen das Roth der Gesundheit nnd Kraft in den Gliedern, kurz wieder ganz ein lebensfrohes Kind, in das Zimmer. „O Mamma, ich habe den Drachen zur» Steigen gebracht — so hoch! — Komm' und steh! Papa, komm auch mit!" „Ja wohl," versetzte mein Vater; „nur schrei nicht so laut. Drachen machen beim Steigen keinen Lärm, nnd doch siehst du, wie weit sic sich über die Welt anfschwingcn. Komm', Kätchen! Wo ist mein Hut? Nh -— danke Dir, mein Sohn." „Kitty," sagte mein Vater, während er nach dem Drachen aufblickte, welcher, mit der Schnur an einen Pfahl befestigt, den ich in die Erde geschlagen hatte, ruhig am Himmel schwebte, „fürchte nichts, als daß unser Drache zu hoch fliegen könnte, denn die menschliche Seele hat einen stärkeren Trieb in sich, aufwärts sich zn schwingen, als einige Bogen Papier auf einem Schindelrahmen. Du bemerkst indcß, daß man ihn, wenn er sich nicht in der Freiheit des Raums verlieren soll, leicht an der Erde befestigen muß, nnd sichst ferner, meine Liebe, daß eine um so längere Schnur erforderlich ist, je höher er sich anfschwingt." - ... 49 Zweiter Abs ch nit 1. Erstes Kapitel. Als ich zwölf Jahre erreicht hatte, war ich der erste in der Lorbereitungsschnle, in welche man mich gesandt hatte. Nachdem ich in solcher Weise allen Sauerstoff von Wissen in diesem kleinen Reeipicnten aufgcsaugt hatte, sahen sich meine Eltern nach einem weiteren Bereich für meinen strebsamen Geist mn. Während der letzten zwei Jahre meines Aufenthalts an der Schule hatte ich wieder Lust am Lernen gewonnen — eine kräftige, wache, nicht träumerische Lnst, gespornt durch den praktischen Wunsch, mich ansznzcichncn. Mein Later suchte nicht länger mein geistiges Streben zu zügeln. Gr hatte zn große Achtung vor der Gelehrsamkeit, um nicht zu wünschen, daß ich wo möglich selbst ein Gelehrter werde, obgleich er mehr als cinmal in etwas wehmnthigem Tone gegen mich bemerkte: „Bemeistere die Bücher, laß aber mehr sie zum Meister über dich werden. Lies, nm zu leben, nnd lebe »iebt, um zn lesen. Ein Sclave der Lampe ist genug für einen Haushalt; meine Knechtschaft soll nicht zu einer erblichen Dienstbarkeit werden." Mein Vater sah sich naeb einem passenden College nm, nnd der Nnf von Ilo. Herman's /,Philhclle»ischein Institut" kani zu seinen Ohren. Bnlwer, die Cartenc. 4 so Dieser vi-. Herman war der Sohn eines deutschen Mu- siklchrcrs und hatte sich in England niedergelassen. Seine eigenen Studien hatte er auf der Universität in Bonn beendigt : da er aber fand, Gelehrsamkeit setz dort eine zu gemeine Waare, um den hohen Preis.einzubrittgen, zu welchem er seine eigene anschlug, außerdem einige Theorieen über politische Freiheit ihm eine Vorliebe für England ein- siößtcn, so beschloß er in letzterem Lande eine Schule zu gründen, welche „Epoche machen sollte i» der Geschichte des menschlichen Geistes." vi. Herman war eine der ersten von den neumodischen pädagogischen Autoritäten, welche sich in letzter Zeit ziemlich zahlreich unter uns verbreiteten, und würde vielleicht den Grundlagen unserer großen klassischen Seminarien einen gefährlichen Stoß versetzt haben, wenn nicht letztere weislich, obschon mit großer Vorsicht, einige der vernünftigeren Grundsätze, welche bunt mit den Grillen und Hirngespinsten ihrer nenernngssüchtigen Nebenbuhler vermengt waren, in sich ausgenommen hätten. vr. Herman hatte viele gelehrte Werke gegen jede früher bestehende Unterrichtsmethode geschrieben. Das, welches am meisten Aufsehen erregte, war eine Schrift über die schmähliche Täuschung in den Bnchstabirbüchcrn. „Ein lügenhafteres, bohlköpfigeres Blendwerk, als das, mit welchem wir den klaren Instinkt der Wahrheit i» unseren Buch- stabirsystcmen verwirren, ist nie vom Vater der Lüge zn- sammengcbrant worden." So lautete die Einleitung zu dieser famosen Abhandlung. „Nehmen wir z. B. das cin- sylbige Wort Hut. Welche eherne Stirne muß man nicht 5t besitzen, um einem Kind zn sngen, es habe H, U, T — Hut zu bnchstabircn: das heißt drei Laute, die ein ganz entgegengesetztes Gemisch bilden— entgegengesetzt in jedem Einzelnen und entgegengesetzt im Ganzen —sollen ein kleines cinsylbigcs Wort ansmachcn, das, wenn man nur bei der einfachen Wahrheit bleibt, ein Kind schon durch bloßes An- schancn lesen lernt! Wie können drei Laute, die dem Ohre so klingen: ha — uh — te, den Ton Hut hervorbringen? Klingen sie nicht eher wie ha—uh—te oder haute? Wie soll ein Erziehungssystem gedeihe», das mit einer so ungeheuerlichen Falschheit beginnt —- einer Falschheit, die so ganz im Widerspruch mit dem Gehörsinn steht? Kein Wunder, daß die Mütter über dem ABC-Buch oerzweifeln möchten." Aus diesen Pröbchen wird der Leser entnehmen, daß vr. Hcrman in seinem Erziehnngssystcm bei dem Anfang begann! — er nahm den Ochsen frischweg bei den Hörnern, Im Ncbrigcn hatte er ans der breiten Grundlage des Eclccticismns sich jede neue Patentcrfindnng zngecignct, um mit Ideen für die Jugend um sich zn schießen. Den Drücker für sein Gewehr hatte er von Hofwyl, die Watte von Hamilton und die Zündhütchen oon Bell und Lancaster. Die jugendliche Idee! er hatte sie fest und lose eingelade»— bald mit bildlichen Illustrationen, balo im Ermahnsystem, kurz, in jeder erdenklichen Weise und mit jedem nur immer möglichen Ladstock; indeß hege ich doch das traurige Bedenken, ob bei dieser Behandlung der Schuß der jugendlichen Idee auch nur um einen Zoll weiter trug, als unter dem alten Mechanismus yon Stein und Stahl, Gleichwohl 4 ' 52 lehrte vr, Herma» Vieles, was a» ander» Schulen zu sehr vernachlässigt wird; denn außer dem Lateinischen und Griechische» crtheiltc er auch Unterricht in dielen Lehrstoffen, die man heutzutage in dem unbestimmten Ausdruck „gemeinnützige Kenntnisse" zusammenfaßt. Er hielt eigene Lehrer über Chemie, Mechanik und Naturgeschichte, Die Arithmetik und die Elemente der Physik wurden mit Eifer und Sorgfalt behandelt, und ans dem Spielplätze kamen alle Arten gymnastischer Ncbnng zur Anwendung, Wen» daher die jugendliche Idee auch nicht weiter trug, verbreitete sie doch ihre Schrote ans einen größeren Raum, und ein Knabe konnte nicht seine fünf Jahre in der Anstalt seyn, ohne wenigstens etwas zn lernen, ein Vorthcil, der sich nicht alle» Schulen nachrühmcn läßt. Immerhin lernte er seine Augen, Ohren und Glieder gebrauchen; inan gewöhnte sich daselbst an Ordnung und Reinlichkeit, und die Schule gefiel den Frauen, während sie die Herren zufrieden stellte. Mit einen: Worte, sie gedieh, und II:. Herma» zählte zu der Zeit, von welcher ich spreche, über hundert Zöglinge, Als der Ehrenmann seine Aufgabe antrat, batte er öffentlich den humansten Abscheu gegen das barbarische Sdsten: körperlicher Züchtigung knndgegeben; in demselben Maßstabe aber , in welchem sich seine Schüler mehrte», kam er leider von diesen ehrenhaften antibirkenen Ideen zurück. Er war, mit Widerstreben vielleicht. aber doch ohne Zweifel ehrlich, zu der llcberzcngimg gelangt, es gebe geheime Quellen, zu deren Entdeckung nur die Zweite einer Wünschelrnthc führen können, und nachdem er'gesunden, mit welcher Leichtigkeit der ganze, Mechanis- SS muS seines kleinen Reichs unter dem birkenen Regulator sich leiten ließ, so wirbelte, je reicher, träger und fetter er wurde, das Philhellenischc Institut munter fort wie ein Kreisel, der nur durch beharrliche Anwendung der Peitsche in lebhafter Bewegung erhalten wird. Ich glaube, daß diese traurig- Apostasie des Vorstandes der Anstalt dem Ruf der Schule keinen Abtrag that; im Gcgentheil, ein solches System schien natürlicher und englischer, weniger ausländisch und ketzerisch z» seyn. Sie befand sich eben im Zenith ihrer Herrlichkeit, als ich eines schönen Morgens mit gut herausgesiickten Kleidern und einem großen Pflaumenkuchen in der Reisctrnhe vor ihren gastlichen Thoren abgesctzt wurde. Unter Do. Hermaus verschiedenen Wunderlichkeiten war eine, an welcher er mit weit mehr Zähigkeit hielt, als an den antikörperlichen Strafartikeln seines Glaubensbekenntnisses, um so mehr, da hauptsächlich sie ihn veranlaßt hatte, über dem Eingang seiner Anstalt mit großen Goldbuchstabcn die eindrucksvollen Worte „Philhellcnisches Institut" aufzu- hängcn. Er gehörte zu jener erleuchteten Nasse von Gelehrten, welche jetzt unseren populären Mythologie?» offenen Krieg erklären und jede Jdccnanknüpfung umstoßen, womit die Etoniancr und Harroviancr die bekannten Namen der alten Geschichte in Verbindung bringe». Mit Einem Worte, er suchte in der verderbten Orthographie der griechischen Eigennamen die scholastische Reinheit wieder hcrzustcllcn. Höchlich konnte er sich entrüsten, wenn ein kleiner Knabe seinem früheren Unterricht gemäß Zeus mit Jupiter, Ares 54 mit Mars, Artemis mit Diana, kurz, die griechischen Gottheiten mit den römischen verwechselte, und an dem Grundsätze, diese beiden Reihen von Persönlichkeiten scharf zu trennen, haftete er mit einer solchen Starrheit, daß uns seine Eraminatorien in steter Verwirrung erhielten, „Wie" — konnte er gegen einen neuen Knaben aus- rufen, der eben von einer Grammatikschnle nach dem Eto- nianischen System hcrkain — „Wie, Ihr wollt Zeus mit Jupiter übersetzen? Hat der verliebte, zornige, wolkensammelnde Gott des Olymp mit seinem Adler und seiner Acgis auch nur die mindeste Aehnlichkcit mit dem ernsten, förmlichen und stttenreinen äaglior Optiinn« ÜInxinnis des römischen Kapitols? — mit einem Gotte, Master Simplins, der sich schon vor dem Gedanken entsetzen würde, einem unschuldigen Fräulein unter der Maske eines Ochsen oder eines Schwanes nachznlanfcn? Ich lege Euch diese Frage ei» für allemal vor, Master Simpkins," Master Simpkins trug Sorge dafür, seine Ansicht mit der des Doktorö in Einklang zu bringen, „Und wie könnt Ihr" — fuhr vr. Herma» majestätisch gegen einen anderen verbrecherische» Alumnus fort —- „wie könnt Ihr Euch unterstehen, den Ares des Homer mit dem dreisten Gemeinplatz Mars zu übersetzen, Ares, Master Jones, der, wenn er verwundet wurde, so laut brüllte, wie zehntausend Streiter oder wie Ihr mir brüllen sollt, wenn ich Euch wieder darob erwische, daß Ihr mir ihn Mars nennt! Ares, der sieben Plectra Grundes bedeckte, Ares, den Männertödtcr, zu verwechseln mit dem Mars oder Mavors, welchen die Römer den Sabinern stah- 88 len — mit dem Mars, diesem feierlichen nnd ruhigen Beschützer Roms! Master Jones, Master Jones, Ihr solltet Euch vor Euch selbst schämen!" Bei zunehmender Begeisterung , in welche sich besonders auch ein stärkeres Hcrvortre- ten der deutschen Kehllaute und eine eigenthümliche Aussprache des Englischen mischte, pflegte der gute Doktor die Hände mit zwei großen Ringen an den Daumen zu erheben nnd anszurufen: — „lind Du, Aphrodite, Du, deren Geburt die Jahreszeiten willkommen hießen! Du, die du den Adonis iu einen Sarg legtest nnd dann in eine Anemone verwandeltest, du solltest von diesem schnüffelnasigen kleine» Master Budderficld Venns genannt werde! Venns, welche die Beschützerin der Baumgärten, der Leichenbegängnisse nnd der garstigriechenden Abzugskanäle war! Venus eioneinn, — o mein Gott! Kommt her, Master Budderfield, ich muß Euch dafür peitschen — ich muß in der That, kleiner Junge!" Da unser philhellenischcr Lehrer seinen archäologischen Purismus ans alle griechischen Eigennamen übertrug, so war cS nicht wohl möglich, daß mein unglücklicher Taufname seiner Aufmerksamkeit entging. Ich Unterzeichnete »reine erste schriftliche llebnng in meinem besten Zuge mit „Pisist- ratns Carton." „Und inan nennt Euren Papa einen Gelehrten!" sagte der Doctor verächtlich. „Euer Name, Sir, ist griechisch, nnd da er nun griechisch ist, so werdet Ihr so gut scpn, ihn mit einen: e nnd einem o zu schreiben — P, E, I, S, I, S, T, R, A, T, O, S; den Accent stets über dem i. Was läßt sich für die Zukunft von Euch erwarten , Master Carton, wenn Ihr nicht einmal auf Eure» Sk eigenen Namen die gebührende Beachtung verwendet — auf das c, das o und den Accent? Ach, laßt mir nichts mehr von dieser schnöden Verunstaltung vor Auge» kommen! Mein Gott, Pi! wenn es doch Pei heißen muß!" Als ich das nächstemal mit aller Bescheidenheit meinem Vater brieflich meldete, daß es in meinem Bentel schmal hcrgche, daß ich wohl ein Ballrakett zu besitzen wünsche und daß die LieblingSgüttin unter den Knaben (gleichviel, ob sie sich zu den Griechen oder zu den Römern zählten) die Viva iUoneta setz, Unterzeichnete ich mit einem Ansiug von klassischem Stolz „Elter gehorsamer Pe-'sistra- tos," Die nächste Post brachte mir ein trauriges Dämpfnngs- mittel gegen meinen scholastische» Jubel, Der Brief lautete wie folgt: „Mein lieber Sohn, Ich ziehe meine alten Bekannten Thucydides und Pisi- stratns dem Thonkydides und Pc-sistratoö vor. Mit de», Horaz bin ich vertrant, aber den Horatins kenne ich nur als Cocles, Pisistratns kann mit einem Ballrakett spielen, aber ich finde keine rein griechische Autorität, welche mich annehmcn läßt, daß sich Pe-'sistratos mit dieser Unterhaltung abgab. Ich würde mich glücklich schätzen. Dir eine Drachme oder eine ähnliche Münze zu senden, bin aber nicht im Besitz von Geldsortcn, welche in Athen Kurs hatten, als Pisistratns wie Pe-'sistratos buchstabirt wurde. Dein Dich liebender Vater A. Carton," Dies war in der Thar die erste praktische Verlegenheit, -Ev,.— -L _«Ei»-- -SSM» welche aus dem traurigen Anachronismus hcrvorging, den mein Vater so prophetisch beklagt hatte. Es geht indeß iu der Welt nichts über die Erfahrung, wenn cs gilt, den Werth einer Befragung zu beweisen. Pctsisiratos fuhr fort, seine Hebungen zu unterzeichnen, und einem zweiten Brief des Pisistratns folgte das Ballrakett. Zweites Kapitel. Ich war ungefähr sechszehn Jahre alt, als ich beim Besuch der Heimath wahrend der Ferien den Bruder meiner Mutter antraf, der zu den Laren unseres Haushalts seine Zuflucht genommen hatte. Onkel Jack, wie man ihn oer- traulich nannte, war ein leichtherziger, angenehmer, enthusiastischer, redseliger Mann, der drei kleine Vermögen durchgcbracht hatte in dem Versuch, ein großes zu erringen. Onkel Jack war ein großer Spekulant; aber in allen seinen Spekulationen that er nie dergleichen, als ob er dabei an sich selbst denke. Stets lag ihm nur das Wohl seiner Ne- benmcnschen am Herzen, und in dieser undankbaren Welt kann man sich ans die Ncbenmenschen so gar nicht verlassen. Als er volljährig wurde, erbte er von seinem Großvater mütterlicher Seils 6000 Pfund. Da fiel ihm denn ein, daß seine Ncbcnmcnschen von den Schneidern elend betrogen würden. Dieser nennte Theil der Menschheit brachte notorisch sein? Brnchcristcnz dadurch fort, daß er neunmal zu viel forderte für die Bekleidung, welche durch die Civilisation und viel- leicht durch einen Wechsel des Clima's für uns nothwendi- ger geworden ist, als für nufere Vorfahren, die Picten. Ans reiner Menschenliebe gründete daher Onlcl Jack „eine uneigennützige große Nationalbekleidnngsge- sellschaft," welche es unternahm, das Publikum mit Beinkleidern dom besten sächsischen Tuch ü 7 Schillinge 6 Pence, mit superfeinen Rocken n 1 Pfund 18 Schillinge, nnd mit einem Dutzend Westen für denselben Preis zu versehen. Alles sollte mit Dampfgeschwindigkeit geliefert werden. So mußten die spitzbübischen Schneider hinunter, die Menschheit wurde bekleidet, nnd die Philanthropen zogen (was jedoch blos Nebenrücksicht war) einen reinen Nutzen von 30 Procenten. Aber trotz der augenscheinlichen Menschenfreundlichkeit dieses christlichen Plans nnd der unfehlbaren Berechnungen, auf welche er gegründet war, starb die Gesellschaft als ein Opfer der Unwissenheit nnd des Undanks unserer Nebenmenschen. Jack blieb von seinen 6000 Pfunden nicht weiter, als der viernndfünfzigstc Thcil an einer kleinen Dampfmaschine, ein großer Borrath von bereits fertigen Beinkleidern nnd die Verbindlichkeiten der Direktoren. Onkel Jack verschwand nnd ging auf Reisen. Derselbe Geist der Philanthropie, welche seine Gcldspeeulatio- nen bezeichnet?, machte sich auch in Gefährdung seiner Person geltend. Er fühlte sich hingczogen zu allen bedrängten Gemeinschaften; wenn es mit einem Stamm, einer Naee oder einer Nation in der Welt abwärts ging, so warf sich Onkel Jack derb in die Wagschale, um das Gleichgewicht wieder herzustellen. Mochten es Polen, Griechen (letztere lagen damals eben im Kampf mit den Türken), Mexikaner oder Spanier scvn, Onkel Jack steckte seine Nase in alle ihre Händel, Der Himmel verhüie, daß ich mich über dich lustig mache, armer Onkel Jack, wegen dieser edclmüthigen Thcil- nahmc für die Unglücklichen; aber wo immer eine Nation in Bedrängniß, gibt es stets arich Geschäfte z» machen. Die polnische Sache, die griechische Sache, die mexikanische Sache, die spanische Sache — jede steht nothwendig mit Anlehen und Subscriptionen in Verbindung. Wenn die Festlandpatrioten mit der einen Hand das Schwert anfneh- men, wissen sie in der Regel mit der anderen tief in die Taschen ihrer Nachbarn zu fahren. Onkel Jack ging nach Griechenland, non da nach Spanien und von Spanien nach Meriko. Ohne Zweifel leistete er da den bedrängten Völkern wesentliche Dienste, denn er kehrte mit einem nnwioer- sprechlichen Beweis ihrer Dankbarkeit in der Form von 3000 Pfunden wieder zurück. Kurz nachher erschien ein Prospect der „llneigennützigen, neuen, großen National- versichernngsgescllschaft für die gcwcrbtrciben- den Klassen." Dieses unschätzbare Aktenstück setzte die unendlichen Vorthcilc für die Menschheit auseinander, wenn man sich an Vorsorglichkcit gewöhne und Vcrsichernngsge- sellschaftcn einführc, wies die ungeheure Höhe der Einlagen nach, welche die bestehenden Anstalten forderten, so daß sie den Bedürfnissen ehrlicher Handwerker ganz und gar nicht entsprächen, nnd erklärte, daß nur die reinsten Absichten des Wohlwollens gegen den Ncbenmenschcn nnd der Wunsch, die allgemeine Sittlichkeit zu erhöhen, die Direktoren veran- laßt hätte», eine neue Gesellschaft zu bilden, gegründet auf die edelste» Principicn und auf die mäßigste Berechnung; daun ging es auf die Darlegung über, daß 24'/. Proccnt der kleiustmöglichc Ertrag sch, welchen die Activnäre zu erwarte» halte». Die Gesellschaft begann unter de» günstigste» Anspiele», denn ein Erzbischwf ließ sich zu llebcrnahme der Präsidentschaft verlocken, nntcr der Bedingung, daß er weiter nichts als seinen Namen beisteuern sollte. Onkel Jack —- euphemistischer als der „gefeierte Philanthrop John Jones Tibbets, ESquire" bezeichnet, war Ho- norarsekrctär, und das Capital wurde zu zwei Millioneu festgesetzt. Aber die arbeitenden Clafseu waren so dumm und begriffen so wenig die Wohlthat, vom einundzwanzigsteu Lebensjahr an bis zum fünfzigsten wöchentlich einen Schilling neun Pence zu bezahlen, um sich von letztgenannter Zeit an eine Jahresrcnte von achtzehn Pfunden zu sichern, daß die Gesellschaft und damit auch Onkel Jacks 3000 Pfund in dünne Lust zerstoßen. Jetzt ließ er drei Jahre laug nichts mehr von sich sehen oder höre». Man wußte von seinem Dascyn so wenig, daß inan nach dem Tode einer Tante, die ihm eine kleine Farm in Cornwall hinterließ, ausschreibeu mußte: „Wenn John Jones Tibbets, Esgnirc, etwas für ihn Vortheilhaftes zu erfahren wünscht, so möge er sich in den Stunden zwischen Zehn und Vier an die Herren Blnnt und Tili, Lothbnry, wenden." So schnell, als ein Taschenspieler das Pickaß, welches du noch wohlbehalten nntcr deinem Fuß zu haben wähnst, auf den Tisch bringt.— eben so schnell kam auch bei diesem Aufruf Onkel Jack zum Vor- 61 schein. Mit unbegreiflicher Selbstzufriedenheit machte flchs der neue Landcigenthümer ans seinem Gütchen behaglich. Die Farm, welche ungefähr 200 Acres umfaßte, war im besten Zustand, und einige chemische Versuche ausgenommen, die Onkel Jack nach den wissenschaftlichsten Grundsätzen 30 Acres Bnchwaizcnsaat kosteten — die armen Aehrcn kamen nämlich so gefleckt und narbig, als ob man ihnen die Kin- dcrpocken eingeimpft hätte — brachte er es in einigen Jahren zu einem guten Auskommen. Unglücklicherweise mußte er eines Tags auf einem schönen mit schwedischen Rüben bepflanzten Feld eine Kohlenminc entdecken. Schon in der nächsten Woche war daS Haus angefüllt mit Bergbankun- digeu und Naturforschern, und einen Monat später erschien in meines Onkels bestem Styl, der durch die Erfahrung sehr gewonnen hatte, ein Prospekt der „Großen Nativnal- antikohlenmonopolgcscllschaft, gegründet znm Besten der armen Ansässigen von London und zu Bekämpfung des ungeheuerlichen Monopols der L o n d o n e r K v h l c n w e r s t e n." „Ein Gang der schönsten Kohlen ist ans dem Bcsitzthnm des gefeierten Philanthropen John Jones Tibetts, Esgnire, entdeckt worden. Diese neue Mine, dic Molly Wheal, welche rinfS Befriedigendste von dem ausgezeichneten Bcrgbanver- ständigcn Giles Eompaß, Esgnire, untersucht wurde, verspricht dem Gcmeinsinn und dem Reichthnm der Kapitalisten ein unerschöpfliches Feld. Man hat berechnet, daß die besten Kohlen in guter Ladung zu 18 Schillingen per Last bis in die Mündung der Themse geliefert werden können und dabei de» Aktionären einen Gewinn von nicht weniger als 48 Prozent abwcrfen. Die Aktie kostet 50 Pfund, in 5 Raten einzuzahlen. Erforderliches Kapital Eine Million. Um Aktien wolle man sich zeitig melden bei den Herr» Blnnt und Tin, Sachwalter, Lvthburp." Da war doch einmal etwas Greifbares für die Ncben- menschen — Land, eine Mine, Kohlen — und es kamen wirklich Aktionäre und Kapital. Onkel Jack war jetzt fest überzeugt, daß sein Glück gemacht scy, und brannte dabei vor Begier nach einer Betheilignng an dem Ruhm, das ungeheuerliche Monopol der Londoner Werften zu Grunde zu richten, so daß er ein großes Angebot für den Verkauf seines Gutes zurückwies, Hauptaktionär wurde und nach London zog, wo er Egnipage hielt und seinen Mitdirektoren DinerS gab. Die Gesellschaft gedieh drei Jahre lang trefflich. Die Leitung und Bearbeitung der Mine war ganz dem ausgezeichneten Bcrgbauverständigcn Giles Compaß übertragen worden, und da dieser Gentleman den Aktionären regelmäßig zwanzig Procent zahlte, so hatten sich die Aktien um mehr als hundert Prozent gehoben. Aber eines schönen Morgens, als man es am wenigsten erwartete, hieß es, GileS Compaß, Esqnire, sey nach einem weiteren Feld für ein Genie, wie das scinige, nach den Vereinigten Staaten entwichen, und es stellte sich nnn heraus, daß die Mine schon seit mehr als einem Jahre in eine große Waffergrubc ausgelaufen war, Mr. Compaß also die Aktionäre von ihrem eigenen Kapitale bezahlt hatte/ Dicßmal konnte es meinem Onkel wenigstens zum Tröste gereichen, daß er in sehr 6g guter Gesellschaft zu Grunde gerichtet worden war: drei Dokroreu der Gottcsgelehrthcit, zwei Parlamentsmitglieder, ein schottischer Lord uud ei» Direktor der ostiudischcu Kompagnie befanden sich alle in dem Boot — in dem Boot, welches mit der Kohlenmine in der großen Wassergrnbc un- terging. Unmittelbar »ach diesem Ereignisse erinnerte sich Onkel Jack, der dabei so sanguinisch und leichtherzig blieb, wie immer. Plötzlich seiner Schwester Mrs. Carlo», und da er nicht wußte, wo er sich sonst ein Mittagessen holen sollte, hielt er cs fürs Beste, seine Beine unter meines Vaters trübes oitron ansruhen zu lassen — ein Wort, das der sinnreiche W. S. Landor mit „Mahagonh" übersetzt wissen will. Nie hat man einen gewinnenderen Mann gesehen, als Onkel Jack war. Ueberhanpt sind Personen mit ordentlichen runden Formen weit beliebter, als die hager». Es liegt etwas Heiteres und Angenehmes in einem vollen Gesichte. Welche Verschwörung konnte nicht auf Erfolg rechnen, wenn ein ausgemergelter, hungrig anssehcnder Kerl, wie Cassius, an ihrer Spitze stand! Hätten aber die römischen Patrioten einen Onkel Jack unter sich gehabt, so würden sie Wohl dem Shakespeare nie den Stoff zu einem Trauerspiel an die Hand gegeben haben. Onkel Jack war so rnnd, wie ein Rebhuhn — nicht schwerfällig, nicht corpulent, nicht fett, nicht „vastus", was Cicero an einem Redner so sehr mißfällt — sondern jede Furche behaglich ausgefüllt. Wie bei dem Ocean „schrieb die Zeit keine Runzeln ans seine spie- , gelglatte (oder eherne) Stirne". Seine natürlichen Linien N-t bestanden durchweg aus Cnrvcn, sein kacheln war hockst gewinnend , sein Auge offen, und selbst der Kunstgriff, sich die wohlgenährten englisch anSschcuden Hände zu reiben, hatte etwas Beschwatzendes, ein «lob»,»mir, ein Etwas an sich, daß man sich wahrhaftig verlockt suhlte, sein Geld so einnehmenden Organen anzuvertrauen. Auf ihn ließ sich in der That der Ausdruck trefflich anwcndcn — „8eäcm aninme in extremis «ließt!,s Imbet" — „die Seele sitzt ihm in den Fingerspitzen," Die Kritiker bemerken, daß wenige Menschen Phantasie und wissenschaftliches Talent gleich vollkommen in sich vereinigen, und Schiller rnst: „Glücklich der, welcher die Wärme des Begeisterten mit dem Lichte des Weltmanns verbindet!" Aber Licht und Wärme— beides war bei Onkel Jack zu finden. Er war eine vollkommene Svmphonie von hinreißendem Enthusiasmus und überzeugender Bcrechnnng, Dicäopolis in den Acharnenscrn bemerkt, während er den Nicharchns dem Publikum vorstellt — „Ich gestehe, daß er nur klein ist, aber an ihm geht nichts verloren: Alles, was er nicht vom N«irren besitzt, hat er vom Spitzbuben," Als Parodie zu diesem zweideutigen Eomplimcnt möchte ich sagen, daß an Onkel Jack, obschon er nicht zu den Niesen gehörte, nichts verloren war. Was an ilim nicht der Phi- lantbropic anheimficl, war Arithmetik, und was nicht znr Arithmetik gehörte, war Philanthropie, Howard und Eocker würden ihn ans gleiche Weise geschätzt haben, Onkel Jack war hübsch, besaß eine feine, blühende Haut, hatte einen kleinen Mund mit guten Zähne» und trug keinen Backenbart/ da im Gegenthcil seine Wange so glattgcschoren anssah, ^ils wäre sic eine von seinen großen Nationaleompagnien. Sein vormals etwas röthlichtcs Haar stach jetzt ins Graulichte, wodurch die Achtbarkeit seiner äußeren Erscheinung erhöht wurde, und er trug es an den Seiten glatt angcdrückt, während cs sich über seinem Scheitel zu einem Kamm erhob. Die Organe seines Kunstsinns und seiner Idealität wurden von Vir, Sqnills sür ungemein entwickelt erklärt, nnd diese Hervorragnngen verliehen seiner Stirne eine große Breite. Dazu kam noch, daß Onkel Jack bei seinem ebenmäßigen Ban fünf Fuß acht Zoll maß, gerade die rechte Größe für einen rührigen Geschäftsmann, Er trug einen schwarzen Frack, hatte ihn aber, damit er sich frischer ansnehme, mit vergoldeten Knöpfen versehen, auf welchen eine Krone und ein Anker abgeprägt waren. In der Entfernung konnte man diese Knöpfe wohl für die einer königlichen Uniform halten, nnd er gewann dadurch das Ansehen, als bekleide er eine Stelle bei Hofe. Stets trug er eine ungcsteiftc Weiße Halsbinde und einen gefältelten Busenstreif mit einer Diamantnadel. Letztere lieferte ihm Stoff zu Bemerkungen über gewisse Minen in Mexico und zu Kundgebung seines bisher unbefriedigten sehnlichen Wunsches, sie durch eine „Große vereinigte britische Nationalcompagnie" ausbeuten lassen. Am Morgen war seine Weste blaßgelb, Abends mit Sammt verbrämt, eine Eigenthnmlichkeit, mit welcher unterschiedliche Entwürfe zu einer „Association für Verbesserung der einheimischen Manufakturen" in Verbindung standen. Seine Bormittagsbeinkleidung hatte die Farbe, welche man gemeiniglich „Löschpapier" nennt; auch trug er nie Stiefel, Bnlwer, die Carwnc. g 66 welche, wie er sagte, für eine» Mann nicht Paßten, der sich viel Bewegung mache, sondern kurze graue Kamaschen mit stnmpfschnäbligen Schuhen. An seiner Uhrkctte hing eine große Anzahl von Siegeln, von denen jedes die Dcvile einer verstorbenen Gesellschaft zeigte: man konnte sic daher mit den Sealpen der Erschlagenen vergleichen, welche die irokesischcn Eingeborncn zu tragen Pflegen. Da eben von den Irokesen die Rede ist, so muß ich hier beiläufig bemerken, daß Onkel Jack in Betreff dieser Wilden sich einmal mit philanthropischen Plänen getragen hatte, gemischt ans einer Bekehrung derselben znm Christenthnm nach den Grundsätzen der englischen Staatskirche und einem vortheilhaften Aus- tallsa) von Bibeln, Branntwein und Schießpulver gegen Biberfelle. Daß Onkel Jack mein Herz gewann, war kein Wunder ; das meiner Mutter besaß er von ihrer frühesten Erinnerung an, als er sie überredete, ihre große Puppe (ein Geschenk der Großmutter) zum Besten der Schornsteinfeger ausspielen zu lassen. „Es sieht ihm so gleich — er ist so gut!" Pflegte sie oft gedankenvoll zu sagen. „Mau zahlte sechs Pence für das Loos, deren zwanzig abgingcn, und die Puppe hatte zwei Pfund gekostet. Aber Niemand ließ sich weiter verlocken, und die Puppe, das arme Ding, das so schöne blaue Augen hatte, ging weg um den vierten Theil ihres Werthes. Jack aber sagte, „Niemand werde errathen, wie gut die zehn Schillinge den Schornsteinfegern bekommen sehen!" Natürlich genug, denn ich sage, meine Mutter liebte Onkel Jack; aber mein Vater hatte ihn eben so gerne, und 67 dies war ein entsprechender Beweis, in welchem Grade er die Gate besaß, für sich cinznnehmen. Es ist übrigens beachtenswertst, daß ein zurückgezogener Gelehrter, wenn cr- einmal Interesse nimmt an einem Ihätigen Weltmann, oor anderen geneigt ist, d msclben seine Bewunderung zu schenken. Die Sympathie mit einem solchen Gefährten schmeichelt sowohl seiner Wißbegier, als seiner Indolenz; er kann mit ihm reisen, mit ihm Entwürfe machen, mit ihm in den Kampf stürzen — kürz alle Abenteuer mit ihm bestehen, die seine Bücher ihm so beredt schildern, ohne daß er^ sich ans seinem Lehnsessel zu erheben braucht. Mein Vater sagte, „wenn Onkel Jack erzähle, so meine er, den Ulysses zu hören." Auch war Onkel Jack in Griechenland und Kleinasien gewesen, hatte ans der Stelle der Belagerung von Trosa gestanden, bei Marathon Feigen gegessen, im Peloponnes Hasen geschossen und ans der Spitze der großen Pyramide anderthalb Flaschen starken Brannbicrs getrunken. Onkel Jack war daher für meinen Vater wie ein Buch, in welchem er nur nachzuschlagcn brauchte. Und in der That, oft sah er ihn für ein Buch an, das er nach dem Diner mit sich hinunter nahm, wie öd mit einem Band von Dodwell oder Pausanias gethan habe» würde. Ich glaube wahrhaftig, daß die Gelehrten, welche nie ans ihrer Zelle hcraus- konnncn, an Neugierde, Thätigkeit und Regsamkeit Niemand nächstehen, wenn man sie nur richtig zu bcnrtheilcn weiß. Sogar der alte Burton sagte von sich selbst — „Obgleich ich's wie ein Kollegiatstudent treibe »nd fern ovn dem Gewühl und Lärm der Welt das Leben eines Mönches führe, 88 höre und sehe ich doch, was auswärts vorgeht, wie in den Städten und ans dein Land Andere laufen, sich absagcn und gegenseitig sich gnälcn oder zerfleischen" — ein Citat, welches hinreichend beweist, daß Gelehrte von Natur aus die thätigsten Personen von der Welt sind; nur findet bei ihnen, wäbrcnd sie mit Anguflns Ränke schmieden, mit Cäsar in den Kampf ziehen, mit Cotnmbns einen neuen Weltthcit entdecken und mit Alexander, Atlila oder Mahomed der Erde eine neue Gestalt geben, zwischen jenem unteren und antipvde» Theil des menschlichen Körpers, welchen man gemeiniglich den „Sitz der Ebre" nennt, und dem ansgcpolsterten Leder eines Armsessels eine gewisse gcheimnißvolle Anziehung statt, welche unsere Fortschritte in der Kcnntniß des Mesmerismus sicherlich noch zu Befriedigung der Wissenschaft aufklären werden. Die Gelehrsamkeit sinkt irgendwie nach jenem Theil hinunter, durch welchen sie ursprünglich Hineingetrieben wurde, und erzeugt daselbst eine bleierne Schwere, welche den lebhaften Erregungen des Gehirns entgegen arbeiten, da diese sonst die Männer des Studiums regsamer und quecksilberner machen könnte, als das Bestehen der hergebrachten Ordnung wnnschcnswerth erscheinen läßt. Ich möchte diese meine Bermnthnng den Erperünentalphpstkern zur Berücksichtigung empfehlen. Ich war noch weit mehr von Onkel Jack entzückt, als mein Vater. Er stack voll erheiternder Possen, verstand sich trefflich auf Taschcnspielerkünste, konnte einen Schlüsselbund tanzen lassen, und wenn man ihm eine halbe Krone gab, durfte man daraus zählen, daß er sie im Nu in einen Halb- 69 Penny nmgewandelt hatte, obschon es ihm nie gelingen wollte, meine Halbpcncc zn halben Kronen zn machen. Wir machten langc Spaziergänge miteinander; aber auch im nnterhaltlichstcn Gespräch war Onkel Jack stets ein aufmerksamer Beobachter. Er konnte Halt machen, nm die Natnr des Bodens zu untersuchen, und Pflegte dann meine Taschen (nie seine eigenen) mit großen Stücken von Thon, Steinen und Getrümmer zn füllen, um sie zn Hause mit Hülfe eines chemischen Apparats, den er von Mr. Squills geborgt hatte, zn untersuchen. Ost stand er stundenlang vor der Thüre eines Bauernhauses und sah bewundernd dem Strohstechten der kleinen Mädchen zn; es fehlte aber dann nicht, daß er sich unmittelbar darauf in die nächsten Farmhäuser begab, nm der Ausführbarkeit einer „National- Strohstcchtassociation" das Wort zn reden. Leider ging die ganze Fruchtbarkeit seines Geistes an der inxrata terra verloren, ans welcher Onkel Jack leben mußte. Kein Squire wollte sich zu dem Glauben überreden lassen, daß sein Mut- terbodcn von wcrthvollcn Mineralien schwanger scy, und die Farmer wollten nichts von seiner Strohstcchtassociation wissen. Wie nun ein Währwolf, nachdem er die ganze Umgegend verwüstet hät, das hungrige Auge ans seine eigenen Jungen zn werfen beginnt, ficng unserem Onkel Jack, nachdem er sich in den saftigeren und erlaubteren Brocken getäuscht sah, der Mund zu wässern an nach einem Biß gegen meinen unschuldigen Vater. 70 Drittes Kapitel. Für Leute, die nicht Anspruch auf Gepränge machten, lebten wir in einem recht achtbaren Style. An dem Ende eines großen Dorfes stand ein viereckiges rothes Ziegelhaus etwa ans der Zeit der Königin Anna. Auf dem Dach befand sich eine Ballnstrade — der Himmel weiß zu welchem Zwecke, denn Niemand kam je hinauf, als unser großer Kater Ralph, der sich gerne so hoch oben zu ergehen Pflegte. Nun, es war einmal so, nnd man sicht oft etwas sehnliches von den Häusern ans den Zeiten der Elisabeth an bis zu denen herunter, die unter der Regierung der Königin Viktoria gebaut werden. Die Ballnstrade war durch niedrige Pfeiler abgetheilt, deren jeder oben eine Kngel hatte. Der mittlere Theil des Hauses machte sich durch einen Architrav in der Form eines Dreiecks kenntlich, unter welchem sich eine Nische befand — wahrscheinlich zu Aufnahme einer Figur bestimmt, die aber nie eingesetzt wurde. Darnnter war das mit geschnitzten Pilastern eingefaßte Fenster des Wohnzimmers meiner Mutter, nnd noch etwas tiefer, über einer Treppe mit 6 Stufen befand sich eine sehr schöne Thüre mit einem porti- knsähnlichcn Vorbau. Sämmtliche Fenster, die ziemlich hohe Rahmen, aber etwas kleine Scheiben hatten, waren mit Steinhanerarbcit eingefaßt, so daß das Hans einen Charakter von Solidität nnd Wohlhäbigkeit zeigte — einerseits nichts Gekünsteltes, andererseits nichts Verfallenes. Es stand ein wenig gegen das große Gartenthor zurück, und die Mitte dieser Entfernung wurde durch zwei mit Basen 71 versehene Säulen bezeichnet. Manche erhaben zwar dagegen die Einwendung, daß diese Einrichtung sehr unbequem sey, weil man bei regnerischem Wetter bis zu dem Wagen eine Strecke zu Fuß znrücklegen muffe; dem Ucbelstand beugten wir aber dadurch vor, daß wir keinen Wagen hielten. An die rechte Seile des Hauses schloßen sich ein kleiner Rasen, eine Lorbccrlaube, ein viereckiges Wasserbecken, ein bescheidenes Gewächshaus und ein Halbdnzcnd Beete mit Reseden, Heliotropen, Rosen, Nelken, Bartnelken und so weiter an. Links befand sich der Küchcngarten, von Spalierbänmen umfaßt, welche die schönsten Aepfel in der ganzen Umgegend trugen, und durch drei gewundene Kieswege abgctheilt, von denen der äußerste an der südlich gelegene» Mauer hinlicf, wo Pfirsiche, Birnen und Aprikosen in der Sonne früh ihren bekannten Wohlgeschmack gewannen. Dieser Weg war ausschließlich für meinen Vater bestimmt. Der wackere Mann Pflegte daselbst an schönen Tagen, ein Buch in der Hand, spazieren zu gehen, wobei er übrigens oft Halt machte, um mit dem Bleistift etwas anznmcrken, zn gcstikuliren oder mit sich selbst zu reden. Hier konnte ihn auch meine Mutter, wenn er sich nicht auf seinem StudUzimmer befand, zuverlässig anffinden. Auf diesen Deambnlationen, wie er sie nannte, hatte er in der Regel einen so außerordentlichen Begleiter, daß ich fürchte, ein Gelächter ungläubiger Verachtung über mich ergehen lassen zu müssen, wenn ich ihn näher beschriebe. Gleichwohl aber kann ich bethenern, daß ich die buchstäbliche Wahrheit und nicht die Erfindung eines übertreibenden Novcllenschrcibers berichte. Meine Mutter hatte eines Ta- 72 ges Mr. Carton überredet, »nt ihr auf den Markt zu gehe». Unterwegs kamen sie an einem Rasen vorbei, wo sich eben einige kleine Knaben das Vergnügen machen wollten, eine lahme Ente mit Steinen todt zn werfen. Es scheint, daß das Thier nicht auf de» Markt gebracht worden, weil man die Entdeckung gemacht hatte, daß es nicht nnr gelähmt war, sondern anch nicht verdauen konnte; vielleicht wollte sich irgend ein Gras nicht mit dem Ganglienapparat des armen Dings vertragen. Mag dem nun seyn wie ihm wolle, die Eigenthümerin hatte erklärt, die Ente scy so gut wie gar nichts, und sie den Kindern auf deren Bitte überantwortet, damit sie sich eine unschuldige Belustigung machen möchten und in solcher Weise von anderem Unfug abgchalten würden. Meine Mutter erzählte mir nachher, sic habe nie zuvor ihren Herrn und Meister so in's Feuer gerathcn sehen. Er jagte die Knirpse auseinander, befreite die Ente und nahm sie mit nach Hause, wo er sie in einem Korb an^s Feuer setzte, ihr Futter und Arznei brachte, bis sie genas, und ihr dann das viereckige Wasserbecken zum Tummelplätze anwicS. Aber siehe da— die Ente kannte ihren Wohlthätcr, und so oft mein Vater sich vor dem Hause blicken ließ, schlug sie mit den Flügeln, kam aus dem Wasserbehälter auf den Rasen und wackelte, da sic ihr linkes Bein nie ganz gebrauchen lernte, hinter ihm drein, bis sie den Gang bei den Pfirsichen erreicht hatte. Dort setzte sic sich bisweilen nieder, um mit ernster Miene die Deambulativueu ihres Herrn zn beobachten, oder hinkte Wohl auch an seiner Seite hin; kurz, sie wich nicht von ihm, bis er sic auf dem Rückwege eigenhändig gefüttert hatte, quackte ihm dann ein friedliches Lebewohl zu und kehrte in ihr natürliches Element zurück. Mit Ausnahme des Zimmers, in welchem sich meine Mutter Morgens am liebsten aufhiclt, lagen alle übrigen Haichtgemächcr — nämlich das Stndirzimmer, das Speisezimmer und das sogenannte „beste Besnchzimmer", welches nur bei wichtigen Anlässen benützt wurde — gegen Süden. Hohe Buchen, Forchen, Pappeln und einige Eichen schirmten den Hinteren Thcil des Hanfes oder umgaben cs oielmchr von allen Seiten, die mittägliche ausgenommen, so daß man in gleicher Weise gegen die Kälte des Winters wie gegen die Hitze des Sommers geschützt war. An Würde und Stellung war nufere Hauptdienstpcrson Mrs. Primmins, welche die Aemter einer Kammerfrau, einer Haushälterin und einer diktatorischen Tyrannin über das ganze Hauswesen in sich vereinigte. Zwei andere Mägde, ein Gärtner und ein Bedienter, bildeten das übrige Gesinde. Anßcr einigen Wiesen, welche verpachtet wurden, war mein Vater nicht weiter mit Landbesitz belästigt. Sei» Einkommen bestand ans den Interessen von ungefähr 15,000 Pfunden, thcilwcise in drciproceniigen Staatspapieren, theilwcisc auf Hypotheken angelegt, und dieses reichte bei der Wirthlichkeit meiner Mutter und der Mrs. Primmins aus, um die einzige Liebhaberei meines Vaters für Bücher, meine Erziehung und eine gelegentliche Einladung der Nachbarn znm Thee, selten jedoch zu einem Diner, zu bestreite». Meine Mutter rühmte sich, daß ihre Gesellschaft sehr auserlesen sey. Sie bestand hauptsächlich ans dem Geistlichen 74 und seiner Familie, zwei allen Jungfern, die sich sehr wichtig zn machen pflegten, einem ßienNeman, der in ostindischcm Dienst gewesen war und ein großes Weißes Hans auf dein Berge Gewohnte, einem halbdntzend Sgnircn lammt Weibern nnd Kindern nnd dem immer noch nnvcrhciratheten Mr. Sqnilts. Eimnal im Jahr wurden Karten — nnd wohl auch Diners gewechselt mit gewissen Aristokraten, welche meiner Mutter viel nnnöthige Ehrfurcht einftößten; sie erklärte dieselben für die umgänglichsten Leute von der Welt, die il,re Karten stets in den augenfälligsten Thcil des Spic- gelrahmens steckten, welcher über dem Kamin des besten Be- snchzimmers hing. Der Leser sicht also, daß unsere Stellung eine sehr achtbare war, indem sie die Solidität unserer Finanzen und die Rcspektirnng unseres Stammbaumes bewies, aus den ich nachher eines Weiteren zu sprechen kommen werde. Vorläufig begnüge ich mich mit der Andeutung, daß sogar die stolzesten aus der benachbarten Squirearchie stets unsere Familie als eine sehr alte betrachteten. Mein Vater machte indeß nicht viel Wesens davon, nnd wenn er irgend einen Stolz ans seine Vorfahren an den Tag legen wollte, so geschah dies nur zn Ehren des William Carton, Bürgers nnd Buchdruckers unter der Regierung Eduards IV. Er pflegte von ihm zu sagen: „Viarum et venorabilo »ome»! — ein Ahne, ans den ein Mann der Wissenschaft mit Recht eitel scyn darf." „Heus," sagte mein Vater, seine Studien unterbrechend nnd die Augen von den Colloquien des Erasmus erhebend, „rnrlve snouixlissime!" .! Onkel Jack hatte zwar von der Schule nicht viel bci- behalten, verstand aber doch noch genug Latein, nni ihm zu antworten: , „Balve tantnmlem, ml krater." ? Mein Vater lächelte beifällig, „Ihr seht, ich begreife wahre Urbanität oder Höflichkeit, wie wir es nennen. Es liegt eine Eleganz darin, den Gatten der Schwester als Bruder anzureden, Erasmus empfiehlt es in seinem Einleitungskapitel unter dem Paragraphen ü-Uuwnäl Ivi'mulae'. Und in der Thatfügte mein Vater gedankenvoll bei, „eS ist kein großer Unterschied zwischen Höflichkeit und Zuneigung, Mein Antor hier bemerkt, es sei) höflich, bei gewissen kleineren Nöthen der Natur einen Gruß auszudrückcn. Man sollte einem Gentleman Glück wünschen beim Gähnen, beim Schluchzen, beim Niesen und beim Husten — und dies augenscheinlich aus keinem anderen Grund, als weil man Theil nimmt au seinem Wohlbefinden, Beim Gähnen könnte er sich den Unterkiefer ansrenken, das Schluchzen ist vst Spmptom einer schweren Krankheit, das Niesen wird leicht den kleinen Blutgefässen des Kopfs gefährlich, und der Husten deutet anfeine Affektiou des Kehlkopfs, der Luftröhre, der Lunge» oder der Ganglien," „Sehr wahr," versetzte Onkel Jack, „Die Türke» grüßen einander stets beim Niesen und sind überhaupt ein merkwürdig höfliches Volk, Aber, mein thcurer Bruder, ich habe eben mit Bewunderung Eure Apfelbäume betrachtet. Nie sind mir schönere zu Gesicht gekommen, und ich verstehe mich auf Acpfel. Ich habe mit meiner Schwester gesprochen 78 und finde, daß Ihr nur geringen Nutzen daraus zieht. DieS ist Schade. Man könnte in dieser Gegend die Eydcrerzcn- gnng cinfnhren. Eure eigenen Felder wären dazu brauchbar und der Nest ließe sich micthcn, so daß man im Ganzen — ich will sagen — hundert Acres beisammen hätte. Da wäre schon ein Obstgarten in großartigem Maßstab hcrzn- stcllen. Ich habe eben eine Berechnung darüber gemacht, und das Ergebnis! ist ganz erstaunlich. Nehmen wir für das Acre vierzig Bäume an — dies ist die geeignete Durchschnittszahl — der Bann, zu einem Schilling sechs Penccn; Taglohn für Grabarbcitcn meinetwegen zehn Pfund für das Acre — Gesannntbetrag für hundert Acres tausend Psnnd. Das Nnspflastcrn der Löcherbodcn, damit die Herz- wnrzcl nicht in schlechten Grund gerathe — oh, Ihr seht, ich bin gar pünktlich und sorgfältig bis aufs Kleinste — bin's auch stets gewesen — das Anspfiäsicrn derselben mit Trümmergestein zu sechs Penccn für das Loch -— thnt für 400» Bäume ans den hundert Acres hundert Pfund. Dazu noch der Bodenpacht n 30 Schillinge für den Acre, macht hnndertfünfzig Pfund. Und wie stehts nun mit der Ge- sammtsnmmc?" Hier zählte Onkel Jack die einzelnen Posten rasch an de» Fingern ab: „Bäume. 300 Pfund Taglohn. 1,000 „ Pflastern der Löcher ... 100 „ Grnndpacht .... . . 150 „ _ Zusammen 1,550 Psnnd. 77 „Dies wäre Euer Aufwand. Aber gebt Acht — wir kommen nun an den Gewinn. Die Obstgärten in Kent bringen 100 Pfund für das Aere ein, einige sogar 150. Wir wollen indeß nur mäßig rechnen und 50 Pfund annchmen, so erzielt Ihr ans einem Kapital von 1550 Pfunden einen Ertrag von 5000 Pfund. — 5000 Pfund jährlich! — denkt an dies, Bruder Carton. Ziehen wir davon zehn Proccnt oder 500 Pfund zur Belohnung des Gärtners, für Dünger und so weiter ab, so bleibt immer noch ein Reinertrag von 4500 Pfunden. Ihr werdet reich, Mann — Ihr werdet grnndreich — ich wünsche Euch Glück!" Und Onkel Jack rieb sich die Hände. „Ach Himmel, Vater," rief hastig der junge Pisistra- tns, der mit entzücktem Ohr jede Sylbe und Ziffer dieser einladenden Berechnung in sich ausgenommen hatte, „warum sollten wir nicht eben so reich werden wollen, wie Squire Mollick — und dann, Ihr wißt, könntet Ihr auch ein Rudel Fttchshunde halten." „Und eine große Bibliothek kaufen," fügte Omkcl Jack bei, der die Menschennatnr schlau genug zu würdigen verstand, wenn es galt, seinen Verlockungen Eingang zu verschaffen. „Die Sammlung meines Freundes, des Erzbischofs, ist zum Verkauf ansgesctzt." Langsam aufathmend ließ mein Vater ruhig seine Augen zwilchen uns hin und her gleiten; dann legte er seine Linke auf meinen Kopf, während die Rechte, in welcher er den Erasmus hielt, vorwurfsvoll gegen Onkel Jack ausstreckte, und sprach: „Gebt, wie Eine Saat der Habsucht und der Geld- qier iu dem jugendlichen Gemüthe so leicht Wurzel schlägt! Ach. Schwager!" „Ihr nchmts zu streng, Sir, Seht, wie der liebe Knabe de» Kops hängt! Pfui I — 'S ist ein Enthusiasmus, h der in seinen Jahren natürlich ist — 'heitre Hoffnung, durch die Phantasie genährt', wie der Dichter sagt. Schon um dieses hübschen Knaben willen solltet Ihr eine so sichere Gelegenheit nicht von der Hand weisen, einen Ncichthnm zu erwerbe» , der sich, möchte ich sagen, gar nicht zählen läßt. Denn merkt wohl, dich ist nur der Anfang, Was hindert ^ Euch, jedes Jahr Eure Pflanzung zu erweitern und mehr Land zu Pachten oder lieber zu kaufen? Alle Welt, Sir, in zwanzig Jahren habt Ihr die halbe Grafschaft in ein ^ Baumgnt umgcwandclt. Aber wir wollen nur bei zweitausend Acres stehen bleiben — diese werfen einen Reingewinn non jährlichen 90,000 Pfunden ab. Das Einkommen eines Herzogs — ja eines Herzogs — und all dies für einen wahren Bet7el, möchte ich sagen," „Aber die Bäume wachsen doch nicht in einem Jahr," bemerkte ich bescheiden, „Ich weiß, wie unser letzter Apfelbaum gepflanzt wurde; cs ist jetzt fünf Jahre, und er war damals dreijährig. Im letzten Herbst hat er nur ein halbes Bnshel getragen," „Was das nicht für ein verständiger Junge ist ! — Ein prächtiger Kopf das! LH, er wird seinem große» Vermögen Ehre mache», Bruder," sagte Onkel Jack beifällig, „Ganz recht, mein Junge; aber wir können in der Zwischenzeit, 79 wie sie's in Kent machen, de» Anden mit Stachel- und Johannisbeeren oder mit Kohl nnd Zwiebeln anpflanzen. Gleichwohl fürchte ich in Anbetracht res Umstandes, daß wir keine große Kapitalisten sind, wir müssen ans einen sihcil des Gewinns verzichten, nm die Anslagcn zn vermindern, So höre, Pisistratns — (seht ihn an, Bruder — so einfach krauch dasteht , glaube ich doch, daß er mit einem silbernen Löffel im Munde geboren wurde) ,— höre fetzt auf die Geheimnisse der Spekulation, Dein Vater soll in aller Stille das Land kaufen, und dann, gresto geben wir einen Prospekt ans nnd gründen eine Gesellschaft, Associationen können wohl fünf Jahre auf den Ertrag warte». Mittlerweile steigt mit jedem Jahr der Werth der Aktien, Dein Vater »immt— wir wollen sagen 50 n 50 Pfund, an denen er nur je zwei Pfund cinzuzahlcn braucht. Dann verkauft er 35 Aktien mit hundert Proeent Agio nnd behält die übrigen fünfzehn. So kommt er auch zu einem schönen Vermögen, nur ist es nicht ganz so groß, als wenn er Alles selbst in Händen behalten hätte. Was meint Ihr jetzt, Bruder Carton? 'Visno oiloro gomnm?' wie wir in der Schute zn sagen pflegten," „Ich verlange keinen Schilling mehr, als ich bereits habe," versetzte mein Vater mit Entschiedenheit, „Mein Weib würde mich darum nicht mehr lieben, mein Essen könnte mir nicht besser schmecken, mein Junge würde aller Wahrscheinlichkeit nach nicht halb so abgehärtet oder nicht den zehnten Theil so thätig werden, und —" „Aber das Gute," unterbrach ihn Onkel Jack hart- 80 näckig, da er den Haupieinwnrf bis aufs Ende gespart hatte t — „das für das Gemeinwesen daraus hcrvorginge — das ^ Emporbrinzen der Naturprodukte Eures Vaterlandes, das j gesunde Getränk des Cyber, welches zu einen, wohlfeilen Preis den arbcitcneen Klassen zugänglich würde. Wäre es § blos um Eurer selbst willen, so hätte ich diese Frage gar nicht in Anregung gebracht. Und würde ich ihr jetzt noch das Wort reden? Liegt dies in meinem Charakter? Aber ich thuc es wegen der Menschheit — um unserer Mitgeschöpfe willen! Wahrhaftig, Sir, England könnte nicht vorwärts kommen, wenn nicht Leute von Euren Mitteln auch ein wenig Philanthropie und Speknlationsgeist besäßen," „I'apae!" rief mein Vater; „zu denken, England könne nicht vorwärts kommen, wenn nicht Austin Carton ein Apselhändler wird! Mein lieber Jack, hört mich an, Ihr erinnert mich an ein Gespräch in diesem Buch; wartet ei» wenig — hier ist cs — kamplmxus und llooles, —^oclcs erkennt den viele Jahre auswärts gewesenen Freund au seiner merkwürdig ausgezeichneten Nase, — Pamphagus entgegnet etwas ärgerlich, daß er sich seiner Nase nicht schäme, 'Dich ihrer schämen? nein, wahrhaftig nicht,'sagt Coclcs. 'Ich sah nie eine Nase, die sich zu so vielen Zwecken gebrauchen läßt.' 'Ha,' versetzt Pamphagus neugierig — 'zu vielen Zwecken brauchbar? und zu welchen denn?' Dann (Ivpickis- simc traten!) zählt Cocles mit einer Geschwindigkeit, wel- , eher die Eurige nicht Nachsicht, eine endlose Liste von Nutzungen auf, für welche eine so großartige Entwicklung des gedachten Organs befähigt sey. 'Aus einem tiefen Keller könne 81 er den Wein wie mit einem Elephantenrnssel heraufholen — wenn cs an einem Blasbalg fehle, sey seine Nase im Stand, dessen Dienst zn verrichten — bei einer zn hell brennenden Lampe diene sic ihm als Lichtschirm — als Herold könne er sic wie ein Sprachrohr brauchen — sie befähige ihn, auf dem Kampfplatze die Schlachtsignale abzugebcn — beim Holz fällen erspare sic den Keil, beim Grabe» den Spaten, beim Mähen die Sichel und auf einem Schiffe den Anker? 'Halt!' ruft endlich Pamphagns ans; 'was ich doch für ein glücklicher Kerl bin! Nie habe ich gewußt, welch ein nützliches Stück Geräth ich mit mir hernmtragc?" Mein Vater hielt inne und versuchte zu Pfeifen, brachte aber nur wenige sehr unmclodische Töne hervor. Dann fügte er lächelnd bei: „Soviel, was meine Aepfelbäume betrifft, Bruder John. Nebcrlaßt sie ihrer natürlichen Bestimmung, nufere Knchen nnd Klöse zn füllen." Onkel Jack war für eine» Augenblick außer Fassung, lachte aber dann mit seiner gewöhnlichen Herzlichkeit nnd sah wohl ein, daß er der schwachen Seite meines Vaters noch nicht beigekommen war. Ich gestehe, daß nach diesem Gespräch mein verehrter Erzeuger in meiner Achtung ungemein gewonnen hatte, indem ich einzusehen begann, daß man ein Gelehrter seyn und doch gesunden Menschenverstand besitzen könne. Lag der Grund darin, daß Onkel Jacks Besuch als ein mildes Reizmittel auf seine erschlafften Fähigkeiten wirkte, oder daß ich mit zunehmenden Jahren und gereifterer Einsicht seinen Charakter klarer erfaßte, jedenfalls Bulwer, die Caxtone. g 82 datirt sich von diesen Sommerfcrien an der Beginn jener trauliche», herzliche» Innigkeit, welche nachher stets zwischen mir und meinem Vater bestand. Ost desertirte ich Onkel Jack auf seinen größeren Spaziergängen oder entsagte der größeren Verlockung, im Dorf ein Ballspiel mitzumachcn oder einen Tag auf Squire Rollicks Teichen zu fischen, um mit meinem Vater an der alten Pfirsichmauer auf und ab- znwandeln — mitunter allerdings schweigend und bereits über der Zukunft brütend, während er sich mit der Vergangenheit abgab, aber reichlich belohnt, wenn er sein Buch bei Seite legte und die Schätze seines vielseitigen Wissens vor mir entfaltete, die er durch eigcnthümliche Bemerkungen angenehm zu machen oder durch jene sokratische Satyre zu würzen wußte, welche nur deshalb sich nicht bis zum Witze steigerte, weil ihr die Bosheit abgiug. Für Augenblicke wurde er sogar wirklich beredt, und wenn er eine schöne heroische Stelle aus einem alten Buche citirte, wurde seine gebeugte Haltung aufrecht und sein Auge funkelte. Man sah dann, daß er nicht ursprünglich für die dunkle Abgeschiedenheit geschaffen und bestimmt war, in welcher er jetzt begnüg- sam seine harmlosen Tage hinbrachte. Viertes Kapitel. »Alle Hagel, Sir, die ganze Grafschaft geht zum Henker! Unsere Gesinnungen sind weder in »och außer dem Parlament vertreten. Der Grafschafts-Merkur hat sich abfan- 83 gen lassen — möge seinem Herausgeber der Galgen dafür blühen! — und nun besitzen wir in dem ganze» Shire nicht eine einzige Zeitung, in welcher der achtbare Theil der Gemeinschaft seine Ansichten anssprechen kann/' Diese Rede wurde bei Gelegenheit eines der seltenen Diners gehalten, welche Mr. und Mrs. Carton der großen Welt aus der Nachbarschaft zu geben pflegten, und der Sprecher war keine geringere Person, als Sguirc Nollick von Rollickhall, Präsident bei den Qnartalsitzungcn. Ich gestehe, daß ich — (cs war nämlich das erstemal, daß ich nicht nur mit den Gästen speisen, sonder» auch Kraft meiner zunehmenden Jahre und unter dem Vorbehalt, mich der Flaschen zu enthalten, nach Entfernung der Damen noch da bleiben durfte) — ich gestehe, sage ich, daß ich mir nicht zu erklären wußte, warum Onkel Jack ein so plötzliches Interesse an der Grafschaftszeitung »ahm; den» er spitzte die Ohren wie ein Schlachtroß beim Schall der Kriegstrvmpetc und hatte im Ru den Raum zwischen Squire Rottick und ihm hinter sich. Aber freilich war der Geist eines so tiefe» und wahrhaft auSgelcrnten Mannes durch einen Gelbschnabel meines Alters nicht zu ergründen. Es geht nicht, nach dem scheuen Salinen im Sec mit einer gekrümmte» Stecknadel und einem Korke zu fischen, wie cs etwa bei Gründlingen thnnlich ist; oder um uns eines würdigeren Bildes zu bedienen, man konnte von ihm nicht sagen, was St. Gregory von den Ncbenströmen des Jordans versichert, „ein Lamm sey in, Stande, mit Leichtigkeit durch die Furten zu waten." 84 „In der Grafschaft keine Zeitung, znr Verfechtung der Rechte der —" hier hielt mein Onkel innc, als sey er in Verlegenheit, und finsterte mir in'sOhr: „wie ist seine Politik?" Da ich ihm meine Unwissenheit darüber kund gab, so griff er instinktartig ans dem Gedächtniß eine schnell znr Hand liegende Phrase auf nnd fuhr in einem Nasentonc fort — „der Rechte unserer bedrängten Nebenmenschcn." Mein Vater kratzte sich mit dem Zeigefinger die Aug- brane, wie er zu thun pflegte, wenn er zweifelhaft war; die übrige Gesellschaft — ein stummes Häuflein — schaute auf. „Nebenmenschcn!" sagte Mr. Nollick — „Pak, Alfanzereien!" Onkel Jack war klürlich irrcgefahren. Er kehrte vorsichtig wieder um. „Ich meine," sagte er, „unserer achtbaren Neben- - Menschen." Und dann fiel ihm plötzlich ein, daß ein „Grafschafts- Merkur" natürlich die Agriculturinteressen vertreten werde, und wenn Mr. Nollick dem Herausgeber desselben den Galgen wünschte, so gehörte er ohne Zweifel zu jenen Politikern, welche bereits das Interesse des Landbaus einen „Vampyr" genannt hatten. Gesteigert durch diese eingebildete Entdeckung, brauste Onkel Jack fort, in der Absicht, in dem so glücklich geleiteten Strom all' den „Unrath"" mitznnehmeu, der sich später in Coventgarden und in der Handelshalle anfhäufte. * „Als wir begannen, schwatzte» wir kläglichen linrath," sagt Mr. Cobden in einer feiner Reden. 88 „Ja, der achtbare» Nebciniicnschcii, der Männer von Kapital und Unternehmungsgeist! denn was sind diese Land- squirc in Vergleichung mit unseren reichen Kauflenten. Was ist das Agricnltnrintcrefse, das sich für die Stütze deS Landes ansgibt?" „Ansgibt?" rief Sguirc Rollick. „Es ist wirklich die Stütze des Landes, und was die lumpigen Fabrikanten betrifft, welche den Mercnr anfgekauft haben —" „Wie, sic haben den Mercnr anfgekauft? - die Schurken!" fiel ihm Onkel Jack in's Wort, der nun mit eincmmale die volle Witterung hatte. „Verlaßt Euch darauf, Sir, dies ist ein Theil des teuflischen Systems, mit dem Gelde Alles zu erzwingen, und muß mannhaft bloßgcstcllt werden. — Ja, wie ich sagen wollte, was ist das Agrieultnrinteressc, das sie zu Grunde richten möchten, das sie als bis zum Platzen gedunsen erklären und das sie einen 'Vampyr nennen? Sic, diese wahren Blutsauger, diese giftigen Millocratcn! Nebcn- menschen, Sir! Wohl kann ich die Mitglieder der in so hohem Grade leidenden Klasse, welcher Ihr selbst zur Zierde ->creicht, bedrängte Nebenmenschen nennen. Wer verdient mehr das Anfbieten aller Kräfte zur Abhülfe, als ein Land- gentleman, wie Ihr, mit einem nominellen Einkommen von — ich will sagen — fünftausend Pfunden?— Er ist gezwungen , ein Hans zu machen, muß Fnchshnude halten, die ganze Bevölkerung durch Armenstenern ernähren, durch Zehnten den Bestand der Kirche sichern, die Rechtspflege, Gefängnisse und Polizei durch Grafschaftsteuern und die Unterhaltung der Straßen durch Weg- und Brückengelder 86 bestreiten. Dazu noch die Verpfändungen, die Inden, die Leibgcdinge, die Versorgung der jüngeren Kinder und die ungeheuren Kosten für das Fällen des Holzes, das Düngen einer Mustcrfarm und die Erzielung von riesigen Ochsen, an welche man allein in Oclkuchen so viel anfwenden muß, daß den Prodncenten das Pfund Fleisch auf fünf Pfund zu stehen kommt. Dann die Prozesse zum Schutz seines Rechts nnd die Plünderung nach allen Seiten hin durch Wilderer, HundS- nnd Schaafdiebc, Kirchcnoorsteher, Aufseher, Gärtner, Forsthüter und vor allen durch jenen unentbehrlichen Spitzbuben, den Rentmeister. Wenn cs je in der Welt einen bedrängten Ncbcnmcnschen gab, so ist dies ein Landgcntleman mit großem Grundbesitz." Mein Vater hielt dies augenscheinlich für ein köstliches Stückchen Spott, denn ich bemerkte an seinem Mundwinkel, daß er innerlich kicherte. Squire Nollick, der die Rede namentlich bei Erwähnung der Armenstcuer, der Zehnten, der Grafschaftssteuern, der Verpfändungen nnd der Wilddiebe durch wiederholte beifällige Ausrufungen unterbrochen hatte, schob jetzt Onkel Jack die Flasche zu und sagte höflich: „Es ist viel Wahres in dem, was Ihr bemerktet, Mr. Tibbets. Das Agrienltnrintereffe geht seinem Untergang entgegen, und ist's einmal zum Aeußersten gekommen, so gebe ich nicht soviel mehr für Altengland!" Nnd Mr. Nollick schnippte dabei mit dem Finger und dem Daumen. „Aber was ist anzufangen — was läßt sich thun für die Grafschaft? Da sitzt der Knoten." 87 „Ich wollte eben aufdiesen Punkt zu sprechen kommen," cntgegnetc Onkel Jack. „Ihr sagt, daß Ihr keine Graf- schaftszeitnng habt, welche Eurer Sache daS Wort spräche und Eure Feinde an den Pranger stellte." „Nein, nicht mehr, seit die Whigs de» —shire Mercnr aufgekauft haben." „Ei, gütiger Himmel, Mr. Rollick, wie könnt' Ihr erwarten, daß man Euch Gerechtigkeit widerfahren lasse, wenn Ihr heutigen Tags die Presse vernachlässiget? Die Presse, Sir — da sitzt es — dies ist Lebenslust! Was Ihr braucht, ist ein großes National — nein nicht National — ein P ro v inzi al-Wochenblatt, freigebig und nachhaltig unterstützt von iener mächtigen Partei, deren ganze Eristcnz auf dem Spiele steht. Ohne eine solche Zeitung seyd Ihr hin, todt, gestorben und lebendig begraben; mit einer solche» Zeitung aber, gut geleitet und redigirt durch einen Mann von Welt und wissenschaftlicher Bildung, der praktische Erfahrung besitzt über Agricnltur und Menschennatur, Minen, Korn, Dünger, Versicherungsanstalten, Parlamentsakten, Viehansstellungen, Parteien im Staat und die wahren Interessen der Gesellschaft — mit einem solchen Mann und einer solchen Zeitung werdet Ihr Alles vor Euch niederwerfen. Dies muß übrigens durch gemeinsames Zusammenwirken, Subskription, Association, kurz durch eine große uneigennützige Agrienltnrantincnernngs - Provinzialgesellschaft geschehen." „Alle Hagel, Sir, Ihr habt Recht!" sagte Mr. Rollick, sich ans den Schenkel klopfend; „und ich will gleich morgen zu unserem Lord-Lientcnant hinüber reite». Sein Sohn möchte gern für die Grafschaft ins Parlament kommen." „Und erwird's, wenn Ihr die Presse unterstützt und ein Journal gründet," sagte Onkel Jack, indem er sich die Hände rieb, sie dann sanft ansstrcckte und allmälig wieder zusammenzog, als umfaßte er in diesem luftigen Kreise bereits die arglosen Guineen der nngeborencn Association. Alles Glück liegt mehr in der Hoffnung, als in dem Besitz, und ich möchte darauf schwören, Onkel Jack fühlte in diesem Moment ein lebhafteres Entzücken cironm prno- ooräia, das ihm seine Eingeweide wärmte und durch seinen ganzen fünf Fuß acht Zoll hohen Körper die prophetische Glut der MaZnn Viva ülvneta verbreitete, als wenn er sich zehn Jahre lang einer wirklichen Benützung von König Krösus' Privatbörse hätte erfreuen dürfen. „Ich hätte Onkel Jack nicht für einen Tory gehalten," bemerkte ich am andern Tage gegen meinen Vater. Mein Vater, der sich nicht nm Politik kümmerte, schlug die Augen ans. „Scyd Ihr ein Tory, oder ein Whig, Papa?" fuhr ich fort. „Hm»," versetzte mein Vater — „cs läßt sich über . beide Seiten der Frage viel sagen. Du siehst, mein Sohn, daß Mrs. Primmins gar viele Formen für unsere Bnttcr- bällchen hat. Bisweilen kommen sie mit einer Krone, bisweilen unter dem populäreren Eindruck einer Kuh. Diejenigen , welche die Butter anftischen, können sie modeln nach ihrem Geschmack oder nach ihrer Geschicklichkeit; es genügt. 89 wen» wir unser Brvd damit bestreiche», dem lieben Gert dafür danken und daS Bntterweib bezahle». Verstehst Du mich?" „Nicht im Geriirgsten, Vater." „Dann war Dein Namensvetter Piflstratns weiser, als Du," sagte mein Vater. „Doch wir wollen jetzt die Eilte füttern. Wo ist Dein Onkel?" „Er hat daS Pferd des Mr. Squills geborgt, Sir, und ist mit Squire Rollick zu dem vornehmen Lord geritten, von dem gestern die Rede war." „Oho!" versetzte mein Vater. „Schwager Jack ist im Begriff, seine Bntter zu drücken!" Und in der That spielte Onkel Jack bei dieser Gelegenheit seine Karten so gut und legte dem Lordlicuicnant, mit welchem er eine persönliche Besprechung hatte, einen so schönen Prospekt mit einer so pünktlichen Berechnung vor, daß er »och vor Ablauf meiner Ferien in der Hauptstadt der Grafschaft ein recht hübsches Bureau nebst den erforderlichen Wvhngclasscn beziehen konnte — dazu einen Gehalt von jährlichen 800 Pfunden für Verfechtung der Sache seiner bedrängten Nebenmcnschen, einschließlich der Edellentc, Squire, Freisassen, Farmer und sämmtlichcr Abonnenten auf das Neue — shirer Ngricultn r antinencrung s- w ochcnblatt. Als Devise ließ Onkel Jack über seine Zeitung eine Krone, von Sichel und Flegel unterstützt, mit dem Mbtto setzen: „Uro rexo et xrezpe." -— Dies war die Art, wie Onkel Jack seine Bnttcrbällchcn drückte. 90 Fünftes Kapitel. Als ich wieder nach der Schule znrückkehrte, kam es mir vor, als hätte ich einen großen Sprung im Leben gemacht. Ich fühlte mich nicht mehr als Knabe. Onkel Jack hatte mich ans seiner eigenen Börse mit dem ersten Paar Wellingtonstiefel beschenkt, während die Mntier durch Schmci- chelworte sich bewegen ließ, daß meiner bisher kurze» Jacke ein kleiner Schweif angefügt werden durste. Der Hemdkragen, der mir sonst nach Weise der Wachtelhunde flach über de» Hals niederfiel, stand nn» wie das Ohr eines Spitzers aufrecht und wurde durch eine» Damm von Fischbein, Steis- leinwand und schwarzer Seide bcgränzt. Ich stand allerdings nahe an meinem siebcnzehnten und fieng an, mich wie ein Mann zu geberdcn. Es muß hier bemerkt werden, daß die Krisis des jugendlichen Alters, welche zuerst einen Master Sisty in einen Mr. Pisistratus, oder Pisistratus Carton, C'sg. nmwandclt und in welcher wir unter stillschweigendem Zngeständniß älterer Personen uns den langersehnten Titel eines „jungen Mannes" anmaßen, stets ein plötzliches Auf- schicßen, eine Erhebung ans dem Stegreif zu seyn scheint. Wir bemerken die allmäligen Vorbereitungen dazu nicht und erinnern uns nur einer bestimmten Periode, in welcher alle Zeichen und Symptome zumal zum Ausbruch kommen — Wellingtonsticfcl, Klappenjacke, Vatermörder bis an die Oberlippe, der Gedanke an Rasirmeffer, Träumereien von jungen Damen nnd eine neue Art von Gefühlspoesie. Ich begann nun mit mehr Eifer zu lesen, das Gelesene z» verstehen und einige ängstliche Blicke uns die Zukunft zu werfen, unter dem nnbestimmtkn Eindruck, daß ich in der Welt eine Stellung erringen müsse und nichts sich erzielen lasse ohne Ausdauer und Arbeit. So ging cs fort, bis ich siebenzehn Jahre alt und der Erste in der Schule war, als ich die beide» nachstehenden Briefe erhielt. 1. — Von Augustin Lnrton, Esq. Mein lieber Sohn, Ich habe vr. Herman mitgetheilt, daß Du nach de» nächsten Ferien nicht in seine Anstalt znrückkchrcn werdest; Du bist alt genug, nm Dich jetzt nach den Umarmungen unserer geliebten -Umn Iklntor umzusehen, und hoffentlich auch fleißig genug, um mit Erfolg nach den Ehren zu ringen, welche sic an ihre würdigeren Söhne verleiht. Ich habe Dich bereits in dem Trinity einschrcibcn lassen und meine, in Deinem Bilde meine eigene Jugend zurückkehren zu sehe». Ich kann mir vergegenwärtigen, wie Du lustwandelst, wo der Eam durch die herrlichen Gärten sich hinzieht, und rufe mir, mein Ich mit dem Deinigcn verwechselnd, die alten Träume ins Gedächtniß, die mich umschwebten, wenn das Geläute der Glocken über dasftnihige Wasser herübcrtönte; „Verum seoretumgne iVanLem», gunm multn äietntis, gunm multn invenitis!" An jenem herrlichen College wirst Du Dich, wenn anders das Geschlecht nicht entartet ist, mit jungen Riesen messen — wirst unter ihnen diejenigen sehen, welche in der Rechtspflege, in der Kirche, im Staat oder in den stille» Klöster» der Gelehrsamkeit bestimmt sind, die her- 92 vorragcnden Leiter ihrer Zeit zu werden. Mit ihnen in gleicher Reihe zu stehen, ist kein 'unerlaubtes Bestreben. Wer in der Jugend 'eas Vergnügen gering schätzen kann und die Tage der Mühe liebt, darf seinem Ehrgeiz wohl ein hohes Ziel geben. „Dein Onkel Jack sagt, er habe schon Wunder gewirkt mit seiner Zeitung, obschon Mr. Rollick brummt und der Meinung ist, sic sey roll von Theorien und bringe die Farmernur in Verwirrung. OnkelJack dagegen behauptet, er muffe sich ein Publikum schaffen, nicht blos ein solches anrcden, und seufzt, daß sein Genie in einer Provincialstadt zu Grunde gehe. Er ist in der That ein sehr gcscheidtcr Man», und ich glaube wohl, daß er in London viel zu wirken vermöchte. Seine Energie ist wundervoll und — ansteckend. Kannst Du Dir vorstellen, daß er wirklich durch wiederholte Stöße mit dem Schüreisen die Flamme meiner Eitelkeit angefacht hat? Metapher bei Seite — ich sammle jetzt meine Notizen und Aufzeichnungen: es ist zum Verwundern, wie leicht sie in Methode fallen und die Gestalt von Kapiteln und Bücher» annehmcn. Ich kan» mich eines Lächelns nicht erwehren, wenn ich beifüge, daß mir wirklich die Lust gekommen ist, ein Autor zu werden — ffoch mehr, wenn ich denke, daß Dein Onkel Jack einen so hochstrebendcn Ehrgeiz in mir geweckt hat. Ich habe übrigens Deiner Mutter einige Stellen aus meinem Buche vorgclesen, und sie erklärt sie für „ungemein schön", was wenigstens einige Ermuthigung ist. Deine Mutter hat viel Verstand, obschon ich damit nicht sagen will, daß sie viel Gelehrsamkeit besitze — allerdings ein Wunder, wenn man bedenkt, daß Pie de la Mirandola ein wahrer Stümper war gegen ihren Vater. Und doch starb der thcure große Mann, ohne je eine Zeile drucken zu lassen — während ich— in der Thal, ich erröthc, wenn ich an meine Verwegenheit denke! „Lebe wohl, mein Sohn, und benütze noch die Zeit Deines Aufenthalts in dem Philhcllcnicnm recht gut. Ein doller Geist ist der wahre Pantheismus — xlonn .lovis. Wo immer Wissen, da ist Gott. Nnr in dcni Winkel des Gehirns, den wir leer lassen, kann das Laster Wohnung nehmen. Klopft es an Deiner Thüre an, mein Sohn, so mußt Du im Stand sehn können, zn sagen: — 'Kein Platz da für Euer Gnaden — nnr weiter!' Dein Dich liebender Vater A. Earton." 2. — Von Mrs. Carlo». „Mein thenrer Sisth, „Du kömmst nach Hause! — Mein Herz ist so doll don diesem Gedanken, daß ich meine, ich könne don gar nichts Anderem schreiben. Liebes Kind, Du kömmst nach Hause — bist fertig mit der Schule, fertig mit den Fremden — Du gehörst wieder uns, bist wieder ganz unser Sohn! Ja, Du gehörst wieder mir, wie in der Wiege, in der Kindsstnbe und in dem Garten, Sisth, wo wir uns mit Gänseblümchen zu Werfen pflegten! Dn wirst über mich 94 lache», wenn ich Dir sage: sobald ich gehört hatte, Du kommest jetzt als fertig zurück, schlich ich aus dem Zimmer und ging nach der Commode, wo ich, wie Du weißt, alle meine Schätze aufbewahre. Da war die kleine Mütze, die ich selbst gefertigt hatte, und Deine arme Nankingjackc, die Du so stolz bei Seite warfest — oh, und viele andere Reliquien von Dir aus einer Zeit, als Du noch der kleine Sisty hießest und ich nicht die kalte, förmliche 'Mutter, wie Du mich jetzt nennst, sondern die liebe 'Mama' war. Ich küßte sie, Sisty, und sagte: 'mein Kindlein kömmt wieder zu mir zurück'. Wie thöricht, daß ich die lange Reihe der entschwundenen Jahre vergessen und mir einbilden konnte, ich dürfe Dich wieder auf den Armen tragen und schmeichelnd Dich dazu bewegen, daß Du „Grüß Gott, Papa" sagest. Sieh, ich schreibe jetzt zwischen Lachen und Weinen. Du kannst nicht mehr werden, was Du warst, bist aber doch noch immer mein theurer Sohn — Deines Vaters Sohn — und mir lieber, als Alles aufderWclt—diesen Vater ausgenommen. „Auch bin ich hoch erfreut, daß Du so bald kommen wirst. Komm' nur, so lang Dein Vater noch warm hinter seinem Buche ist, damit Du ihn ermuthigen und dabei erhalten kannst. Denn warum sollte er nicht groß und berühmt werden? Warum sollten ihn nicht Andere ebenso bewundern, wie wir? Du weißt, wie stolz ich immer ans ihn war; aber ich sehne mich auch darnach, die Welt den Grund davon wissen zu lassen. Und doch liegt am Ende derselbe nicht blos darin, weil er so viel Gelehrsamkeit besitzt, sondern weil er so gut ist und ein so großes, edles Herz SS hat. Darum muß sich in seinem Buch sein Herz so gut zeigen, als seine Gelehrsamkeit; denn obgleich so viele Dinge darin Vorkommen, die ich nicht verstehe, fällt mir doch hin und wieder etwas auf, was mir faßlich ist — und da meine ich, als spreche sich dieses Herz gegen alle Welt ans. „Dein Onkel hat es über sich genommen, cs in den Druck zu bringe», und so bald der erste Band fertig ist, will Dein Vater mit ihm Wege» dieser Angelegenheit nach London gehe». „Alles ist vollkommen Wohl, die arme Mrs. Jones ausgenommen, die am Wechsclficber schlimm darnieder liegt. Primmins hat ihr ein Amnlet zum Anhängen gegeben, und Mrs. Jones versichert, ihr sey es bereits viel besser. Man kann nicht läugncn, daß in solchen Dingen oft besondere Kräfte liegen, obschon sic ganz gegen die Vernunft zu gehen scheinen. Ja, sogar Dein Vater hat einigen Glauben daran. Er sagt: 'Ein Zauber muß von dem lebhaften Wunsch des Zauberers begleitet seyn, daß er Erfolg habe — und was ist der Magnetismus anders als ein Wunsch? Ich verstehe dies zwar nicht ganz, bin aber überzeugt, daß — wie bei Allem, was Dein Vater spricht — mehr darin liegt, als man ans den erste» Blick wahruimmt. „Nur noch drei Wochen bis zur Vakanz, und daun keine Schule mehr, Sisiy — keine Schule mehr! Dein Stübchen soll frisch hcrausgcputzt und Alles hübsch zugcrichtct werden; schon morgen geht man.daran. „Die Ente ist recht wohl und, wie es mir vorkommt, nicht mehr ganz so lahm, wie sonst. 96 „Gott behüte Dich, inein liebes theurcs Kind! — Deine Dich liebende, glückliche Mutter K. C." Die Zeit zwischen diesen Briefen und dem Morgen, an welchem ich nach Hanse znrückkehrcn sollte, kam mir wie einer von jenen langen, rastlosen und doch halb träumerischen Tagen vor, die ich während einer Kinderkrankheit ans dem nicht zn kühlenden Lager zngcbracht hatte. Ich machte meine Aufgaben mechanisch durch und schrieb eine griechische Ab- schievsode an das Philhellenieum, die Do. Herman für ein Meisterwerk erklärte, mein Vater aber. Welchem ich sic im Triumph znschickte, mit einem Brief erwiederte, in welchem ^ er alle meine griechischen Barbarismen durch Nachahmung derselben in der Muttersprache mit falschem Englisch paro- dirte. Ich verschluckte jedoch die Pille und tröstete mich mit der angenehmen Erinnerung, nachdem ich sechs Jahre darauf verwendet hatte, um ein schlechtes Griechisch schreiben zn lernen, werde ich fürderhin keine Gelegenheit mehr haben, von einer so kostbaren Errungenschaft Gebrauch zu machen. Und so kam der letzte Tag heran. Allein und in einer Art wehmüthiger Lust besuchte ich jeden der alten Tummelplätze : die Räuberhöhle, die wir einmal WintcrS gegraben ! und sechs Mann stark gegen die gesammte-Polizci des kleinen Königreichs behauptet hatten ^ den Platz bei den Palisaden, wo ich meine erste Schlacht gekämpft — den alten Buchen- 87 . stumpf, auf welchem ich die Briefe aus der Heimath zu lesen pflegte. Mit meinem Messer, das außer einem Korkzieher, ei- »cm Fcderspalter und einem Knvpfhacken mit sechs Klingen versehen war, schnitt ich in großen lateinischen Anfangsbuchstaben meinen Namen über meinem Pulte ein. Dann kam die Nacht, die Glocke läutete, und wir begaben nnS auf unsere Zimmer. Ich öffnete das Fenster und schaute hinaus. Die Sterne funkelten am Himmel, und ich hätte wohl wissen mögen, welches der meinige sich, der mir zu Ruhm und Glück voranlenchten sollte. Hoffnung und Ehrgeiz erfüllten meine Seele — nnd doch stand im Hintergründe die Melancholie. Ach, wer unter euch, meine Leser, kann sich jetzt alle jene süßen und traurigen Gedanken, jenes unausgesprochene nur halbbcwußte Leid über die Vergangenheit und jenes unbestimmte Sehnen nach der Znkimst vergegenwärtigen, die aus dem Blödesten in der letzten Nacht, ehe er die Knabenzeit und die Schule für immer verläßt, einen Dichter machen! Dritter Abschnitt. Erstes Kapitel. An einem schönen Svmmernachmittag setzte mich die Kutsche vor dem Thore meines Vaters ab. MrS. Prim- mins eilte heraus, um mich zn bewillkommnen, und ich war Kulwer, die Tarwuc. 7 88 kaum dem warmen Druck ihrer freundlichen Hand entwischt, als ich mich rwn den Armen meiner Mutter umschlungen suhlte. Sobald sich diese liebevolle Frau überzeugt hatte, daß ich nicht hungere, sintemal ich nur zwei Stunden früher mein Mittagmahl bei vr. Herma» eingenommen, führte sie mick durch den Garten nach der Laube hin. „Tn wirst dort Deinen Vater sehr vergnügt finden," sagte sic, indem sie sich eine Thränc ans dem Auge wischte. „Sein Bruder ist bei ihm." Ich blieb stehen. Sein Bruder! Wird es der Leser wohl glaube» ? Es war mir nie zu Ohren gekommen, daß er einen Bruder hatte — so wenig wurden in meiner Gegenwart Familienangelegenheiten verhandelt. „Sein Bruder?" sagte ich. „Habe ich denn eben so gut einen Onkel Carlo» als einen Onkel Jack?" „Ja, mein Lieber," versetzte meine Mutter und fügte dann bei: „Dein Vater und er standen nicht so gut mit einander, als wohl recht gewesen wäre — und der Kapitän befand sich im Ausland. Doch Gott sey Dank, jetzt sind fl« wieder versöhnt." Wir hatten keine Zeit zu weiterer Besprechung, da wir in der Laube angelangt waren. Hier saßen nun die Gent- lemen hinter einem mit Wein und Obst besetzten Tisch bei ihrem Dessert. Die Gentlemen bestanden aus meinem Vater, Onkel Jack, Mr. Sguills und einem großen, hageren, bis an's Kinn zugeknöpften Mann von aufrechter, kriegerischer, majestätischer und eindrucksvoller Haltung, der eines 99 Platzes m meines großen Ahnherrn „Bach der Ritterschaft" würdig zu scyn schien. Alle erhoben sich bei nieineln Eintritt; aber mein armer Pater, der immer langsam war in seinen Bewegungen, kam zuletzt an mich. Onkel Jack ließ den gewaltigen Eindruck seiucS große» Sigelrings ans meinen Fingern zurück; Mr. Sgnills klopfte mich auf die Schulter und meinte, ich setz „wunderbar gewachsen"; mein neugefundener Verwandter sagte mit großer Würde: „Neffe, Eure Hand, Sir — ich bin .Kapitän de Carton," und sogar die lahme Ente hatte ihre gewöhnliche Begrüßung angebracht, indem sic den Schnabel unter ihrem Flügel hervorzog und ihn sanft zwischen meinen Beinen rieb, che mein Vater seine blaffe Hand auf meine Stirne legte und, nachdem er mich einen Moment mit unaussprechlicher Lieblichkeit angesehen, rie Worte sprach: „Mehr und mehr Deiner Mutter ähnlich — Gott segne Dich!" Zwischen meinem Vater und seinem Bruder war ein Stuhl für mich freigelaffcn worden. Die ungewöhnliche Innigkeit in dem Gruße meines Vaters hatte mich tief ergriffen, und mit prickelndem Roth ans den Wangen, während mir die Stimme in der Kehle stockte, »ahm ich hastig Platz. Jetzt erst kam mir meine neue Stellung zum Bcwnßtsehn. Ich war nicht länger als Schulknabe für die knrze Dauer der Ferien in der Vakanz, sonder» unter den Schirm des väterlichen Daches zurückgekehrt, um eine seiner Stützen zu werden. Endlich fühlte ich mich als einen Dian», welcher 7 ' 100 das Vorrecht besaß, den theuren Wesen Beistand und Trost zn bringen, die bisher so siel ohne allen Ersatz an mir ge- than hatte». Es ist eine eigenthümliche Krisis in unserem Leben, wenn wir als „fertig" nach Hanse kommen. Die Heimath erscheint uns als etwas ganz Anderes; früher ist man nur als eine Art Gast darin erschienen, der bewill- konnnt und gehätschelt wurde, indem man zugleich einige kleine Festlichkeiten hielt zn Ehren des erlösten und glücklichen Kindes. Kommt man aber als „fertig" zurück und hat man Knabenzeit und Schule abgcstreift, so ist man nicht mehr der Gast, nicht mehr das Kind. Man soll fortan theilnchmen an den Sorgen und Pflichten des täglichen Lebens — eintreten in das häusliche Vertrauen. Ist es nicht so? Ich hätte mein Gesicht verhülle» nnd weinen mögen! Mein Vater hatte bei all seinem zerstreuten Wesen und seiner Einfachheit bisweilen eine Art an sich, die einem gerade zu Herzen ging. Ich glaube wahrhaftig, er konnte alle Gefühle meines Innern lesen, als wären sic Griechisch gewesen. Er schlang sanft seinen Arm um meinen Leib nnd flüsterte. „Bst!" Dan» erhob er seine Stimme und rief laut: „Bruder Roland, Du mußt Dich von Jack nicht schlage» lasten." „Bruder Austin," versetzte der Kapitän mit großer Förmlichkeit, „Mr. Jack, wenn ich mir die Freiheit nehmen darf, ihn so zn nennen —" „Ei, warum denn nicht?" entgegnele Onkel Jack. „Sir," sagte der Kapitän sich verbeugend, „cs ist eine Vertraulichkeit, die ich mir zur Ehre schätze. Ich wollte demerken, daß Mr. Jack das Feld bereits geräumt hat/' „Weit entfernt," meinte Mr. SqnillS, während er ein aufbrausendes-Pulver in eine chemische Mischung rührte, die er eben mit großer Aufmerksamkeit aus Sherry und Citrvnensaft bereitete; — „weit entfernt. Mr. Tibbets — dessen Kampforgan, beiläufig bemerkt, sehr schön entwickelt ist — wollte sagen —" „Daß es eine Sünde und Schmach für das neunzehnte Jahrhundert seh —" nahm Onkel Jack auf — „wenn ein Mann, wie mein Freund Kapitän Carton —" ^ „De Carton, Sir — Mr. Jack." „De Carton, ein Mann von den höchsten militärischen Talenten und der angesehensten Abkunft — ein Held, von Helden entsprossen, so viele Jahre und mit solcher Auszeichnung in Seiner Majestät Dienst stehen muß, ohne cS weiter zu bringen, als zu einem Halbsoldkapitän. Ich behaupte, dies rührt von dem schändlichen Kanfsystcm her, welches die höchsten Ehren dem Gelds zugänglich macht, wie es im römischen Reich der Fall war —" Mein Vater spitzte die Ohren; aber Onkel Jack stürmte ^ vorwärts, ehe der crstere seine Streitkräfte anfbieten konnte, um ihisszu unterbrechen. „Von einem System, dem man mit einiger Anstrengung und einigem Zusammenwirken so leicht ein Ende machen könnte. Ja, Sir —" und Jack klopfte auf den Tisch, daß ein Paar Kirschen in die Höhe und Kapitän de Carton an 102 die Nase flogen — „ja, Sir, ich wag' e§ z» behaupte», baß ich die Armee auf eine» ganz anderen Fuß setzen wollte. Wenn ärmere ober verdienstvollere Gcntlemcn, wie Kapitän de Carton, sich zu einer großen antiaristokratischen Assoeia- tion vereinigen und vierteljährlich je eine kleine Lumme zahlen würben, so ließe sich ein Kapital znsammenbringc», daS znrcichen bürste, alle diese werthloscn Subjekte auSznkaufen, so baß doch jeder würdige Mann die ihn, gebührende Aussicht ans Beförderung hätte/' „Alle Welt, Sir," sagte SgnillS, „darin liegt etwas Großartiges — meint Ihr nicht, Kapitän?" , „Nein, Sir," versetzte der Kapitän mit großem Crnste, „In Monarchien gibt cs nur eine Grundlage der Ehre. Es träte da ein Widerspruch ein gegen die erste Pflicht eines Soldaten — gegen die Achtung vor seinem Souverän." „Zm Gegcnthcil," meinte Mr. Squills; „cs wären ja eben die Souveräns, denen man die.Beförderung verdankte." „Ehre," fuhr der Kapitän mit Feuer fort, ohne die witzige Unterbrechung des Arztes zu beachten, „ist der Loh» des Soldaten. Was kümmcrts mich, wenn ein junger Hasenfuß mir eine Obristenstcllc vor der Nase wcgkauft? Sir, meine Wunden und meine Dienste kann er nicht kaufen — ebensowenig die Medaille, die ich bei Waterloo errungen habe. Er ist rcicb und ich bin arm; man nennt ihn Oberst, weil er für den Namen Geld bezahlt hat. Dies gefällt ihm — wohl und gut. Mir würde cs nicht gefallen; denn ich bin lieber Kapitän und mir meiner Würde bewußt — t03 nicht der Würde, die im Titel, sondern die in den Diensten liegt, welche mir ihn errungen haben. Eine bettelhaftc, schuftige Association von Aktienspekulanten — denn was wäre cs anders? — sollte mir eine Kompagnie kaufen! Ich mag nicht unhöflich seyu, sonst würde ich sagen, zum Henker mit ihnen, Mr. — Sir — Jack." Der Rede des Kapitäns folgte eine feierliche Stille, und selbst Onkel Jack schien gerührt zu seyn, denn er sah den narbenoollcn Veteranen mit großen Augen an und schwieg. Da die Pause endlich beklemmend wurde, so unterbrach ste Mr. Squills mit den Worten: „Ich möchte wohl Eure Waterloo-Medaille scheu — habt Ihr ste nicht bei Euch?" „Mr. Squills," antwortete der Kapitän, „so lange ich lebe wird sie stets zunächst meinem Herzen liegen. Sie soll mit mir begraben werden, und aufs Kommandowort stehe ich auf mit ihr am Tage der großen Heerschau!" Mit diesen Worten knöpfte er gemächlich seinen Rock auf, machte oon einem gestreiften Band ein so häßliches Stück Silberarbeit los, als mir se eines ans Kosten deS Geschmacks das Verdienst belohnte, und legte die Medaille auf den Tisch. Sic ging, ohne daß ein Wort gesprochen wurde, dou Hand zu Hand. „Es ist sonderbar," sagte endlich mein Vater, „daß dergleichen Kleinigkeiten solchen Werth gewinnen können und in den, einen Zeitalter der Mensch sein Leben an eine Sache setzen mag, für welche das nächste keinen Knopf geben würde. 104 Dem Griechen waren einige Olivenblättcr, in einen Kranz gewunden und ihm aufs Haupt gesetzt, das Höchste — heut zu Tage wurde man diese Kopfverzicrungcn sehr lächerlich finden. Ein amerikanischer Indianer hält eine Reihe menschlicher Kopfhäute für den ehrenvollsten Schmuck, während wir alle — etwa den Mr. Sgnills ansgenominc», welcher an derartige Dinge gewöhnt ist — einstimmig der Ansicht sehn werden, sie sehen eine recht abscheuliche Zugabe zu den persönlichen Reizen eines Menschen; und mein Bruder schätzt dieses Stückchen Silber, welches einen Werth von etwa fünf Schillingen hat, höher, als Jack eine Gvldmine -oder ich die Bibliothek des Londoner Museums. Es wird eine Zeit kommen, in welcher die Menschen eine solche Medaille für einen eben so eitel» Zicrrath halten werden, wie die Olivenblätter und die Scalpe." „Bruder," sagte der Kapitän, „die Sache hat nichts Befremdliches, sondern ist jedem, der sich auf die Prineipicn der Ehre versteht, so klar wie ein Lanzenschaft." „Möglich," entgegnete mein Pater in mildem Tone. „Ich möchte übrigens doch hören, was du über Ehre zu sagen hast. Sicherlich würde es uns allen sehr zur Erbauung gereichen." Zweites Kapitel. Onkcl Rolands Vernehmlassung über Ehre. „Gentlemen," begann der Kapitän, nachdem diese unverholene Aufforderung an ihn ergangen war — „Gentle- inen, Gott hat die Erde geschaffen, aber der Mensch schuf den Garten. Gott machte den Menschen, aber der Mensch schafft sich selbst anfs Neue," „Allerdings, durch Kenntnisse," sagte mein Vater, „Durch Gewerbfleiß," meinte Onkel Jack. „Durch die physischen Verhältnisse seines Körpers," erklärte Mr. Squills, „Er wäre nicht im Stande gewesen, sich zu etwas anderem zu machen, als er ursprünglich in den Wäldern nnd Wildnissen war, wenn er Flößen hätte, wie ein Fisch, oder »nr plappern könnte, wie ein Affe. Hände und Zunge, Sir — dies sind die Werkzeuge des Fortschritts." „Mr. Squills," bemerkte mein Vater mit einem beifälligen Nicken, „in Betreff der Hände hat vor Euch schon Anaragvras fast das Nämliche gesagt." „Ist nicht meine Schuld," »ersetzte Mr. Squills. „Man durfte gar keine Lippe mehr öffnen, wenn man etwas sage» müßte, was früher Niemand gesprochen hat. Aber ii» Grunde liegt nnscr Vorzug nicht so fast in den Händen, als in der Größe der Daumen." „Albinns, ,/e Heeloto, und unser gelehrter William Lawrence haben eine ähnliche Bcinerknilg gemacht," flocht mein Vater wieder ein. „Zum Henker, Sir!" rief Squills. „Müßt Ihr den» auch gar Alles wissen?" „Alles? Nein. Aber die Danmen sind Gegenstände, über die der einfachste Verstand Betrachtungen anstellen kann," entgegnete mein Vater bescheiden. 106 „Gcntlemen," »ahm Onkel Roland wieder auf; „Da»- nie» und Hände haben die Eskimos so gut, als die Gelehrten und Wundärzte — und, zum Henker, sind sic darum gcscheidtcr? Sirs, ihr könnt uns nicht zu bloßen Maschinen machen, sonder» müßt ins Innere schaue». Der Mensch, sage ich, schafft sich selbst aufs Neue. Wie? Durchdas P r i n c i p der E h r e. Sein erstes Verlangen ist, andere zu übertrcffeu — sein erster Impuls, Auszeichnung vor seinen Nebeumcnschc». Der Himmel hat in seine Seele, gleichsam wie in einen Kompaß, eine Nadel gelegt, welche stets in die nämliche Richtung weist, daß man nämlich Ehre erweise demjenigen, was unsere Umgebung für ehrcn- wcrth hält. Deshalb war, weil der Mensch anfänglich mit wilden Bestien und ebenso wilden Menschen zu kämpfen hatte, der Mnth die erste Eigenschaft, welche geehrt z» werden verdiente. Deshalb ist auch der Wilde mnthig — deshalb sehnt er sich nach einer lobenden Anerkennung seines Miithes — und deshalb schmückt er sich mit den Häuten der von ihm erlegten Thiere oder mit den Scalpcn der erschlagenen Feinde. Sirs, ihr müßt mir nicht sagen wollen, daß die Häute und Scalpe blos Fett und Leder sehen. Nein, sic sind die Trophäen der Ehre. Ihr behauptet, solche Trophäen sehen abscheulich und lächerlich. Nein, sie gewinnen eine Verherrlichung, weil sie den Beweis liefern, daß der Wiloe anfgetancht ist ans seiner ursprünglichen thicrischcn Selbstsucht und einen Werth setzt in das Lob, welches die Menschen nur einem Wirken zu Theil werden lassen, das ihre Wohlfahrt sichert oder vorwärts bringt. Beiläufig, Sirs, die 107 Wilden wissen, daß sic nicht sicher nnter einander leben könnten, wenn nicht nnter ihnen die Ncbereinknnft getroffen wäre, stets gegen einander die Wahrheit zu sagen. Deshalb gewinnt die Wahrheit einen Werth und wird zu einem Prineip der Ehre. Bruder Anstin kann uns ohne Zweifel bezeugen, daß in den Zetten des Altcrthnms Wahrheitsliebe stets eine Eigenschaft der Helden war." „Nichtig," versetzte mein Vater. „Homer legt sie ausdrücklich dem Achilles bei." „Nus der Wahrheit entspringt das Bedürfnis; »ach irgend einer rohen Art von Recht und Rechtspflege. Deshalb beginnen die Menschen außer dem Mnth am Krieger und der Wahrheit allenthalben die Netteren z» ehren, welchen sie die Wahrung des Rechts anpsrtrauen. So entstand daS Gcse tz „Sirs —" „Aber die ersten Gesetzgeber waren Priester," bemerkte mein Vater. „Sirs, ich komme schon ans dies zu sprechen. Woraus entspringt das Verlangen nach Ehre, wenn nicht ans dem Bedürft,iß, sich anszuzeichnen — mit anderen Worten, seine Fähigkeiten zum Wohl seiner Nebenmenschen ausznbilden, obgleich man oft, dieser Folge unbewußt, nnr nach dem Lobe ringt? Aber das Trachten nach Ehre ist unanstilgbar, und cs liegt in der Statur des Menschen, daß er ihren Lohn gern in das Jenseits mit hinüber nehmen möchte. Deshalb neigt sich derjenige, welcher am meisten Löwen oder Feinde erlegt hat, zu dem Glauben hin, in einem anderen Leben werde ihm das beste Jagdgebiet zu Gebot stehen und er bei 108 Festgelagen den ersten Platz einnehmen, I» all ihrem Wirken legt die Natur dem Mensche» die Idee einer unsichtbaren Gewalt nahe, und das Princip der Ehre — das heißt, der Wunsch nach Lab und Belohnung — macht ihn begierig nach dem Beifall dieser Gewalt, Daher kommt die erste rohe Idee der Religion, und der Wilde singt in seiner Todeshpmnc am Folterpfählc prophetische Lieder von den Auszeichnungen, die seiner harren. Die Gesellschaft schreitet fort ; Dörfer werden gebaut, und das Eigcuthnm gewinnt eine anerkannte Grundlage, Wer mehr besitzt als der andere, hat auch mehr Macht als dieser, Macht bringt Ehre. Der Mensch sehnt sich nach der Ehre, welche an der Macht des Besitzes haftet. So wird der Boden urbar gemacht; man baut Flöße, und ein Stamm tritt in Tauschverkehr mit > dem andern. Wir haben hier die Begründung des H a n- dcls und den Anfang der C i v i l i s a t i o », Sirs, alles dies scheint, wenn wir uns den gemeinen Tagen der Gegen- lvart nähern, durchaus nichts mit Ehre zu schaffen zn haben, leitet aber doch seinen Ursprung ans derselben ab, da nur ihre Prineipien mißbraucht wurden. Wenn es heut zn Tage Höcker und Krämer gibt — ja, wenn sogar hohe militärische Posten znm Kauf ausgeboten und von Schuften für baareS Geld erworben werden — so >ührt doch Alles von dem Verlangen nach Ehre her, welche die alternde Gesellschaft den äußeren Zeichen von Titeln und Gold zutheilt, während sie sonst nur an den inner» Werth, an Muth, Wahrheitsliebe ^ und Unternehmungsgeist vergabt wurde. Ich wiederhole 168 daher, Sirs, die Ehre ist die Grundlage von allem wahre» menschlichen Fortschritt." „Du hast deinen Beweis wie ein Schulmann durchgeführt, Bruder," sagte Mr. Earton bewundernd. „Um jedoch wieder von diesem runden Stückchen Silber zu sprechen — kehren wir nicht zu den barbarischsten Zeiten zurück, wenn wir eine so hohe Bedeutung ans Dinge legen, die an sich keinen wirkliche» Werth haben und eben so wenig dein Geist Gelegenheit zur Ausbildung bieten?" „Man könnte kein Paar Stiefel damit bezahlen," fügte Onkel Jack bei. „Oder erspart es Euch nur ein einziges Kneipen jenes verwünschten Rhevinatismus," fuhr Mr. Squills fort, „den Ihr Euch für Lebenszeit beim Bivvuakiren unter den portugiesischen Sümpfen geholt habt? — der Kugel in Eurem Cranium und des Korkbcines gar nicht zu gedenke», welches doch die Wirksamkeit der für Eure Konstitution nothwendi- gen Spaziergänge sehr beeinträchtigen muß." „Gcntlcmcn," crwiedcrte der Kapitän, ohne sich aus seiner Fassung bringe» zu lassen, „mit der Rückkehr zu jenen barbarischen Zeiten kehre ich auch zu dem wahren Princip' der Ehre zurück. Dieses Stückchen Silber ist gerade deshalb, weil es auf dem Markte keinen Werth hat, unbezahlbar, denn es erscheint dadurch einfach als ein Beweis des Verdienstes. WaS hätte die Medaille im Dienst für einen Sinn, wenn ich damit mein Bein zurückkaufen oder sie für 40,000 Pfund jährlich verschachern könnte ? Nein, Sirs, ihr Werth besteht darin, daß die Leute, wenn ich sie aus der Brust trage,- sagen werden: 'rer steife alte Kerl ist doch nicht so nutzlos, wie er zu seyn scheint. Er war einer von denen, welche England retteten nnd Europa befreiten. Und selbst wenn ich sie hier verberge/' er küßte sie bei diesen Worte» mit Innigkeit, knüpfte das Band daran und brachte sic wieder an ihren früheren Ruheplatz, „wo sie kein Auge sieht, wird sie mir noch werthvoller durch den Gedanken, daß mein Vaterland die alten nnd wahre» Principien der Ehre nicht so weit herabgewürdigt hat, um eine» schlachtcngrauen Krieger mit derselben Münze abzulohnen, mit welcher Ihr, Mr. Jack, Sir, Eure Schuhmachersrechnung bezahlt. Nein, nein, Gentlemen. Da der Muth die erste von der Ehre erzeugte Tugend war, die erste, von welcher alle Sicherheit und alle Civilisation ausging, so sind wir befugt, wenigstens diese einzige Tugend rein und unbefleckt zu erhalten von all den gelbsüchtigen und feilen Abscheulichkeiten, welche die Lasterer- zengniffe, nicht aber die Tugenden der Civilisation sind." Onkel Roland hatte sich jetzt ganz ausgesprochen. Er füllte sein Glas, erhob sich und sagte feierlich: „Dieses letzte Glas, Gentlemen — 'den Tobten, die l für England starben!'" Drittes Kapitel. „In der That, mein Lieber, du mußt sie nehme». Du hast dich erkältet, den» ich habe dich dreimal hintereinander niesen höre»." „Ja, Mutter, weil ich mir von Onkel Rolands Tabak eine Prise holte, »nr um sagen zu könne», ich habe ans seiner Dose geschnupft — Ihr wißt, die Ehre davon." „Und was hast du denn für eine schöne Bemerkung dabei gemacht, die deinem Vater so wobt gefiel—von Pulver und dem College?" „Pulver und— ah! 'pulveren» Olvmpieum eollexisse juvat,' meine liebe Mutter; dies will heißen, es scy ein Vergnügen, ans der Dose eines wackeren Mannes eine Prise zu nehmen. Stellt doch die Molkcnbrühe nieder, Mutter — ich will fle ja nehme». Seht Euch her zu mir — so ists recht — und erzählt mir alles, was Ihr von diesem famosen alten Kapitän wißt. Zuvorderst — er ist älter, als mein Vater?" „Ich wills meinen," rief meine Mutter unwillig. „Sieht er doch um zwanzig Jahre älter ans, obschon der wirkliche Unterschied nur fünf beträgt. Dein Vater muß immer jung aussehen." „Und warum setzt Onkel Roland jenes abgeschmackte französische äe vor seinen Namen — warum war mein Vater mit ihm entzweit — ist er verheirathet — und hat er Kinder?" Schauplatz dieser Besprechung — mein Stübchen, neu- tapezirt für den „fertig" Zurückgekommcnen — die Tapeten Glanzpapier mit Blumen und Vögeln — alles so frisch, so neu, so reinlich und heiter — meine Bücher auf hübsche» Gesimsen, und bei dem Fenster ein Schreibtisch ; zum Fenster herein aber leuchtet ein Heller Sominermoiid. Das Fenster ist angelehnt, so baß ber Duft der Blumen >mb des srisch- gcmähtcn Hen's hcrcindringt. Eilf llbr vorbei; und ber Knabe ist allein mit seiner thenren Mniter. „Ei, ei, mein Schatz, bu stellst viele Fragen ans einmal." „So antwortet eben nicht baranf. Fangt von vorne an, wie es Mrs. PrimminS mit ihren Mährchcn hält — 'es war einmal— „Gut," sagte meine Mutter, indem sie mich zwischen die Augen küßte. „Es war einmal ein gewisser Geistlicher in Cumberlanb, ber zwei Söhne hatte. Er besaß nnr eine kleine Psrünbe, und den Knaben blieb daher nichts anderes in Aussicht, als sich selber durch die Welt zu schlagen. Ganz nahe bei dem Pfarrhause, ans einem Hügel, lag eine Ruine, von der nur noch ein Thurm stand; aber sie sowohl, als auch fast alles Land in der Umgegend hatte vor Zeiten der Familie des Geistlichen gehört. Man hatte nach und nach alles verkaufen müssen, so daß zuletzt nichts mehr übrig blieb, als die Präsentation ans die Pfründe (das sogenannte Palro- natsrecht war auch verkauft worden), und diese wurde dem letzten Glied der Familie gesichert. Der ältere von jenen Söhnen war dein Onkel Roland, der jüngere dein Vater. Nun glaube ich, daß der erste Zwist der Brüder aus dem abgeschmacktesten Anlaß, wie dein Vater sagt, entsprang ; aber Roland war ungeniein empfindlich in allen Dingen, welche auf seine Vorfahre» Bezug hatten. Er brütete stets über dem alten Stammbaum, wenn er nicht etwa unter den Ruinen nmhcrging oder Gcschichtenbüchcr von fahrenden Rittern laS, Ich weiß nicht, mit wem dieser Stammbaum 113 beza»»; aber es scheint, daß König Heinrich II. einige Ländereien in Cumberland einem gewissen Sir Adam de Carton schenkte. Bo» dieser Zeit an führte der Stammbaum regelmäßig vom Pater ans den Sohn bis zn Heinrich V. Dann kam, augenscheinlich in Folge der Verwirrung, welche, wie dein Vater sagt, durch die Kämpfe der beiden Rosen hcr- beigeführt wurde, eine traurige Lücke — nur einer oder zwei Namen waren eingezcichnet ohne Datum oder Vermählungsangabe , bis zur Zeit Heinrichs VII., mit der alleinigen Ausnahme, daß unter der Regierung Edwards IV. ein William Carton (so nannte ihn die Urkunde) angemerkt war. Nun stand in der Dorfkirche ein schönes ehernes Grabmal, die Uebcrreste eines Sir William de Carton bedeckend, der in der Schlacht bei Bosworth für den schändlichen König Richard III. gestritten hatte und auf dem Wahlplatze geblieben war. Ungefähr um dieselbe Zeit lebte, wie du weißt, auch der berühmte Buchdrucker William Carlo«. Dein Vater nun hatte sich während eines Besuchs bei seiner Tante in London alle Mühe gegeben, die alten Papiere , die er auf dem Heroldenamt auffindcn konnte, durch- zustöbcrn, und war hocherfreut über die Entdeckung, daß er nicht von jenem armen Sir William, der im Kampf für eine so schlechte Sache den Tod fand, sondern von dem großen Buchdrucker abstammte, welcher einem jünger» Zweig derselben Familie angehörte und auf dessen Nachkömmlinge unter der Regierung Heinrichs VIII. die Güter übergingen. Wegen dieses Umstandes entzweite sich Onkel Roland mit ihm; und Bulwer, die Cartone. 8 114 in der That, ich zittre schon bei dem Gedanken, daß sie den Gegenstand des Haders anfs Nene berühren könnten." „Dann mnß ich sagen, meine liebe Mutter, daß der Onkel, so weit der gesunde Menschenverstand dabei in Frage kommt, sehr unrecht hatte; indeß kann ich mir wohl denken, wie es zuging. Sicherlich war jedoch dies nicht der einzige Grund der Entfremdung?" Meine Mutter blickte zur Erde und fuhr sanft mit der einen Hand über die andere, wie sie zu thnn Pflegte, wenn sie verlegen war, „Nun, was fand weiter statt, Mütterchen?" sagte ich schmeichelnd. „Ich glaube— das heißt, ich— ich vermnthc, daß Beide eine Neigung für dieselbe junge Dame fühlten," „Wie, Ihr wollt mir damit doch nicht zu verstehen geben, daß mein Vater je in eine andere als in Euch verliebt war?" „Ja, Sisty — ja! und sehr ernstlich!" Nach einer kurzen Pause fuhr meine Mutter mit einem leisen Seufzer fort, „In mich war er nie verliebt, und was noch mehr ist, er nahm sich die Freiheit, mir dies zu sagen," „Und doch habt Ihr —" „Ihn geheirathet — ja!" entgegnete meine Mutter, und ihre sanften blauen Augen erhoben sich — Augen, wie sie nur je ein Liebhaber wünschen konnte, um sein Schicksal darin zu lesen. „Ja, den» die alte Liebe war hoffnungslos. Ich wußte, daß ich ihn glücklich machen konnte — wußte, daß er mich end- _ _ > ... , lieh liebe» würde, und dies ist mm wirklich der Fall, Mein Sohn, Dein Vater liebt mich!" Während sic so sprach überflog ein Roth, so nnschnloig, wie nur je eines das Antlitz einer Jungfrau zierte, die zarten Wangen meiner Mnttcr, nnd sic sah dabei so schön, so gut und so jung aus, daß Jedermann gesagt haben würde, Dusius, der Teufel der Teutonen, Nock, der seandinavische Seekobvld, von dem die Gelehrten unsere modernen Dämonen ablciten wollen, oder Meister Nrian müsse leibhaftig in meinem Vater stecken, wenn er nicht lernen konnte, ein solches Wesen zu lieben. Ich drückte ihre Hand an meine Lippen, denn mein Herz war zu voll, als daß ich für den Augenblick hätte Worte finden könne». Dann wechselte ich theilwcisc den Gegenstand des Gesprächs, „Gut ; und diese Nebenbuhlerschaft entfremdete sie noch mehr? Wer war denn das Frauenzimmer?" „Dein Vater sagte cs mir nicht, und ich habe ihn nicht darnach gefragt," antwortete meine Mutter mit großer Einfachheit, „Soviel weiß ich übrigens, daß sie sehr verschieden von mir war — sehr talentvoll, sehr schön und von vornehmer Abkunft," „Demohngcachtet war mein Vater ein glücklicher Mann, daß er ihr entging, Nnr fort! Was that der Kapitän weiter?" „lim dieselbe Zeit starb Dein Großvater nnd bald nachher eine Tante mütterlicher Seits, welche sehr reich und sparsam gewesen war. So erbte jeder der Brüder sechszehn- 8 ' 116 tausend Pfund. Dein Onkel brachte mit seinem Antheil zu einem Ungeheuern Preise das Schloß stimmt dessen Umgebung wieder au sich, und ich höre, daß ihm das Ganze jährlich nicht dreihundert Pfnnd einbringe. Mit dem Wenigen, was ihm übrig blieb, kaufte er sich eine Offiziersstelle in der Armee, und die Bruder sahen sich nicht mehr, bis in der letzten Wache Roland Plötzlich bei uns anlangte." „Er hat wohl die talcntovlle junge Dame nicht gehei- rathrt?" „Nein; er oerband sich mit einer andern und ist jetzt Wittwer." „Nun, da gab er an Unbeständigkeit meinem Vater nichts nach, und ich bin überzeugt, ohne einen so guten Entschuldigungsgrund. Wie kam dies?" „Ich weiß es nicht. Er spricht nicht davon." „Hat er Kinder?" „Zwei; einen Sohn — doch beiläufig bemerkt, über diesen darfst Du nie mit ihm reden. Als ich ihn nach seiner Familie fragte, antwortete er kurz angebunden: 'Ich habe ein Mädchen — einst auch einen Sohn, aber —' „'Er ist todt?' rief Dein Vater im Tone theilneh- mcnden Mitgefühls." „'Todt für mich, Bruder — und ich bitte Dich, seiner nie mehr eine Erwähnung zu thnn!' Du hättest sehen sollen, welche finstere Miene Dein Onkel bei diesen Worten machte. Ich erschrack darüber." „Aber das Märchen — warum hat er sie nicht mit hieher gebracht?" „Sie ist noch in Frankreich; aber er spricht davon, sie zn holen, nnd wir haben ihm halb und halb zugesagt, sie beide in Cnmbcrland zu besuchen. — Doch Gott behüte! Schon zwölf— und die Molken sind ganz kalt!" „Nur noch ein Wort, theuerste Mutter — noch ein Wort. Meines Vaters Buch — geht es damit vorwärts?" „Ja wohl," rief meine Mutter, die Hände zusammen- schlagcnd, „und er muß es Dir eben so gut wie mir verlesen, da Du es viel bester verstehen wirst. Ich habe mich immer sosehr danach gesehnt, daß die Welt ihn kennen und stolz ans ihn seyu möchte, wie wir — oh, und wie ich mich danach sehnte! — denn, wenn er jene vornehme Dame gcheirathet hätte, Sisty, so würde er sich vielleicht aufgcrafft haben und ehrgeiziger geworden sey» — und ich konnte ihn ja nur glücklich, nicht auch groß machen!" „So hat er Euch endlich Gehör gegeben?" „Mir?" antwortete meine Mutter lächelnd und mit leichtem Kopfschütteln; „nein, aber Deinem Onkel Jack, und ich freue mich, Dir sagen zu können, daß dieser einen recht guten Einfluß ans ihn übt." „Einen guten Einfluß, meine liebe Mutter? Nehmt Euch vor Onkel Jack in Acht, wenn wir nicht alle in einer Kohlenmine versinken oder mit einer großen Natonalcom- pagnie zn Fertigung von Schießpulver aus Theeblättern in die Lust stiegen sollen!" „Böses Kind!" sagte meine Mutter lachend. Dann nahm sie das Licht, zögerte noch, bis ich meine Uhr aufgezogen hatte, nnd fügte nachsinnend bei:— „Gleichwohl ist Jack sehr, sehr gescheidk — und wenn wir um Deinetwillen ein schönes Vermögen erwerben könnten, Sisty—" „Ihr erschreckt mich, daß ich den Verstand darüber verlieren könnte, Mutter! Es ist Euch dach hoffentlich nicht Ernst?" „Und wenn mein Bruder das Mittel würde, ihn zu heben in der Welt —" „Euer Bruder würde hiurcichen, alle Schiffe im Kanal zu versenke», Mutter," sagte ich unchrerbietig, crschrack aber, noch eh" mir die Worte ganz aus dem Munde waren, schlang meine Arme uni den Hals meiner Mutter und küßte den Schmerz hinweg, den ich Ihr bereitet hatte. Als ich mich allein in meiner Krippe befand, wv ich stets so weich und ruhig geschlafen hatte, kam es mir vor, als liege ich ans geschnittenem Stroh. Ich warf mich hin und her, ohne zu einem Schlummer zu kommen. Ich stand aus, warf meinen Schlafrock um, zündete das Licht an und setzte mich an den Tisch bei dem Fenster. Zuerst stellte ich Betrachtungen an über die unvollständigen Einzelzüge ans dem Jugendleben meines Vaters, die so plötzlich vor mir enthüllt worden waren. Meine Phantasie füllte die Lücken aus und gelangte dadurch zu einem Gemälde, welches die Muth- maßungcn, die mich oft verwirrt hatten, völlig zu erklären schien. Ich begriff — vcrmuthlich aus einer Sympathie in meinem eigenen Wesen, da ich bei meiner Erfahrung noch wenig genug Mcnschenkcnntniß gelernt haben konnte — wie ein glühender, ernster, forschender Geist mit seinem leidenschaftlichen Ringen »ach Wissen Plötzlich und in beklagcns- werther Weise diesem Sporn die Spitze abzubrechcn und in die Nutze eines passiven, ziellosen Studiums zu versinken vermochte. Ich begriff, wie in dieser Lässigkeit einer glücklichen, aber leidenschaftslosen Verbindung mit einer so sanften , sorglichen und achtsamen Gefährtin, die so wenig geeignet war, einen von Natur ruhigen und beschaulichen Geist zu wecken, anfzumuntcrn und zu entzünden, Jahre um Jahre hinschleichcn konnten in dem gelehrten Müßigang eines abgeschiedenen Büchermannes. Ich begriff ferner, wie mein Vater beim Eintritt in die Periode deS mittleren Lebens , in welcher die Männer vorzugsweise sich dem Ehrgeiz znncigen, langsam und allmälig dem lange znm Schweigen gebrachten Flüstern wieder Gehör schenkte nnd der Geist, endlich sich des Bleigewichts cntschlagend, welches ihm ein in seinen Hoffnungen getäuschtes Herz aufgelegt hatte, wieder einmal so schön wie in den Tagen der Jugend den einzigen wahren Gebieter des Genies vor sich sah — den Ruhm! „O, welchen Anklang fand nicht in mir der milde Triumph meiner Mutter. Ein Uebcrblick über die Vergangenheit belehrte mich, wie sic sich Jahr um Jahr mehr in das innerste Herz meines Vaters eingeschlichen hatte — wie das Wohlwollen zur Liebe erwärmte — wie die Gewohnheit und die zahllosen Glieder, welche die Kette einer glücklichen Hcimath bilden, in dem geistvollen Mann jene Spm- .pathic erzeugten, die man Anfangs bei dem nur seinen Studien lebenden Gelehrten vermißte. Zunächst dachte ich an den grauköpfigen, adleraugigen IS» alten Soldaten mit seinem verfallenen Thnrni und seine» öden Acckcr». Ich sah vor mir sein stolzes, vornrtheilvol- leö, am Rittcrwescn haftendes Knabenalter, wie er durch die Nninc» schlich oder über dem sporichte» Stammbanm brütete, lind sein Sohn — verstoßen — wegen welchen schnöden Vergehens? — Ein kalter Schauer rieselte über mich hin. Und dieses Mädchen — sein Lämmchen — sein Alles — war es schön? Hatte es blaue Augen, wie meine Mnttcr, oder eine hohe römische Nase mit hervorragenden Brauen, wie Kapitän Roland? Ich sann, sann und sann — das Licht ging aus — und die Mondnacht wnrde Heller und stiller, bis ich endlich mit Onkel Zack in einem Luftballon segelte. Ich war eben mit diesem Fahrzeuge ins rothe Meer niedcrgestürzt, als die wohlbekannte Stimme des Mrs. Primmius durch den Ruf mich wieder ins Leben brachte: „Gott behüte mich! der Zunge ist die ganze ewig lange Nacht gar nicht ins Bett gekommen!" Viertes Kapitel. Sobald ich «»gekleidet war, eilte ich die Treppe hinunter, denn ich sehnte mich danach, die alten Tummelplätze wieder zu besuchen — das Gartenbeet, daS ich mit Anemonen und Kresse anzusäen Pflegte, den Gang bei der Pfirsich- maucr und den Wasserbehälter, aus dein meine Angel hin und wieder einen Barsch oder eine Groppe herausholte. Beim Eintritt in die Halle bemerkte ich Onkel Roland 121 in großer Verlegenheit. Das Dienstmädchen reinigte eben die Steine vor der Haltenthüre; sic war von Natur ans sehr wohl beleibt, nnd cs ist erstaunlich, wie viel breiter sich eine Weibsperson ansnimmt, wenn sie sich ans allen Vieren bewegt ! Die Magd hatte ihre Picherei eben unter der Thnrc, nnd ihr Gesicht war von dem Kapitän abgckchrt, während dieser, der augenscheinlich einen Ausflug beabsichtigte, mit einem verwirrten Gesicht auf den hindernden Gegenstand niederschaute nnd sich laut räusperte. Leider aber hörte die Magd nicht gut. Ich blieb stehen, neugierig, wie sich Onkel Roland ans dieser Klemme helfen wü'tde. Als mein Onkel fand, daß auf sein Räuspern keine Rücksicht genommen wurde, machte er sich so klein als möglich nnd glitt dicht an der linken Seite der Wand hin; im nämlichen Augenblick aber wendete sich die Magd plötzlich nach rechts und versperrte dadurch den einzigen Spalt, durch welchen ihrem Gefangenen ein Hoffnungsstrahl aufgctaucht war. Mein Onkel blieb wie angcbannt stehen nnd hätte auch in der That sich nicht einen Zoll weit bewegen können , ohne in persönliche Berührung mit den abgerundeten Reizen zu kommen, welche seinem Vorrücken Halt geboten. Er nahm den Hut ab nnd rieb sich in großer Verwirrung die Sinne. Durch eine leichte Flankenbewegung gab ihm jetzt der Feind Gelegenheit, sich wieder znrückznziehcn, versperrte ihm aber zugleich alle Aussicht, auf dieser Seite hinauszukommen. Onkel Roland trat hastig den Rückzug an und zeigte sich jetzt aus dem rechten gegnerischen Flügel; aber kaum war dieß geschehen, als der blockireiide Theil, 122 ohne rückwärts zu schauen, den Zuber, welcher die weiteren Operationen desselben hinderte, bei Seite schob und so auf- ssellte, das er eine furchtbare Barrikade bildete, welche dem hölzernen Beine meines Onkels ein unübersteiglichcs Hemm- niß in den Weg legte, Kapitän Roland erhob jetzt seine Augen flehentlich gen Himmel, und ich hörte ihn deutlich ansrufcn — „Wollte Gott, es wäre ein Geschöpf in Hosen!" Znm Glück wandte in diesem Augenblicke die Magd plötzlich den Kops um, und als sic den Kapitän bemerkte, stand sie sogleich ans, stellte den Zuber bei Seite und machte einen schüchterne» Knir, Onkel Roland langte an seinen Hut, „Ich bitte tausendmal nm Verzeihung, mein gutes Mädchen/' sagte er mit einer leichten Verbeugung und glitt ins Freie hinaus, „Das »enile ich Soldatcnhöflichkeit, Onkel/' rief ich, indem ich meinen Arm in den seinigen schlang, „Bst, mein Junge," cntgcgnetc er mit einem ernsten Lächeln und bis an die Schläfe erröthend — „bst, sagt lieber die eines Gentleman! Für uns ist jede Weibsperson ein Frauenzimmer, kraft ihres Geschlechts," Ich hatte oft Gelegenheit, mir diesen Satz meines Onkels ins Gedächtnis; zu rnfc», und es wurde mir daraus klar, wie ein Mann, der in Betreff des Familicnstolzes mit so vielen Vvrurtheilen behaftet war, nie einen Anstoß darin finden konnte, daß mein Vater ein Mädchen geheirathet, das einen so gar kleinen Stammbaum besaß, wie meine 123 liebe Mutter. Wäre sie eine Montmorenci gewesen, so hätte er sich nicht achtungsvoller und höflicher benehmen können, als dies dem bescheidenen Abkömmling der Tibbctse gegenüber der Fall war. Ucberhanpt hielt er an einer Ansicht fest, die meines Wissens kein ans seine Familie stolzer Man» je gebilligt oder unterstützt hat — an einer Ansicht, die er aus folgenden Schlüssen ablcitete. Erstens, die Geburt hat an sich selbst keinen Werth, sondern gewinnt ihn nur durch die Vererbung gelvisser Eigenschaften, welche die Abkömmlinge eines Geschlechtes von Kriegern fortznpflanzen berufen sind — nämlich der Wahrheitsliebe, des Mnthes und der Ehre. Zweitens, wie wir von der weiblichen Seite unsere intellektuelleren Fähigkeiten ablciten, so stammen von der männlichen unsere sittlichen her; ein gescheidter und witziger Mann hat gewöhnlich eine gescheidte und witzige Mutter, ein tapferer und ehrenhafter aber einen tapferen und ehrenhaften Vater. Daher sind alle die'Eigcnschaste», welche sich von Geschlecht zu Geschlecht fortpflanzcn sollten, die männlichen, welche ausschließlich vom Vater herrnhrcn. — Ferner behauptete er, während der Adel höhere und ritterliche Ansichten habe, besitze das Volk in der Regel schärfere und aufgewecktere Ideen. Um deshalb zu verhüte», daß Genttemen nicht in vollständige Hefcnköpfe ausartcn, seh eine Vermischung mit dein Volke, stets vorausgesetzt, daß diese nur den weiblichen Theil betreffe, nicht bloß cntschul- digbar, sondern sogar zweckmäßig. Und schließlich war mein Onkel des Dafürhaltens, während der Mann ein rohes sinnliches Geschöpf seh, welches zu seiner Veredlung Berühr»»- 124 gen aller Art brauche, trage das Weib da» Natur aus den Sinn für alles Schaue «ud Edle tu sich, so daß sie nur ciu wahres Weib zu seyn nöthig habe, um eine geeignete Gefährtin für einen König zu seyu. Eigcnthnmliche und etwa verkehrte Ansichten ohne Zweifel, die, soweit die Lehre von der Abstammung in Frage kömmt (wofern sic überhaupt haltbar ist), vielen Widerspruch finden dürften; indeß verhielt sich die Sache einfach so, daß Onkel Noland ein er- ccntrischer, widerspruchsvoller Mann war — wie — wie — nun ja, mein lieber Leser, wie du und ich — eine Wahrheit, die sich wohl Herausstellen dürfte, wenn wir es einmal wagen wollten, uns selbst zu prüfen. „Nun, Sir, auf welchen Beruf habt Ihr es abgesehen?" fragte mein Onkel.,, Ich fürchte, wohl nicht auf den Soldatenstand?" „Ich habe über diesen Punkt noch nie nachgedacht." „Dem Himmel scy Dank," sagte mein Onkel, „wir hatten in unserer Familie noch nie einen Advokaten, einen Börsenmakler oder einen Gepverbsm — ahem!" Ich sah, daß in diesem Ahem plötzlich mein großer Vorfahr, der Buchdrucker, zum Vorschein kam. „Ei, Onkel, es gibt ehrenwcrthc Männer in allen Bc- rnföarten." „Allerdings, Sir. Aber nicht in allen Bernfsarten ist die Ehre das Prinzip der Thätigkcit." „Doch kann sie es werden, Sir, wenn ein Mann von Ehre einem solchen Beruft folgt. Auch unter den Soldaten hat cs schon große Schurken gegeben." 128 Mein Onkel gcricth in Verlegenheit, und seine dunkeln Brauen furchten sich gedankenvoll. „Ihr mögt Recht haben, Neffe," cntgegnctc er in mildem Tone. „Aber glaubt Ihr, daß cs mir so viel Vergnüge» machen würde, meinen alten verfallenen Thurm anzuse- hcn, wenn ich wüßte, er sey von irgend einem Heringshändler gekauft worden? Nein, es geschieht dcßhalb, weil Heinrich Plantagenet ihn für treugeleistete Dienste in Aquitanien und in der Gaseognc einem Ritter und Gentleman schenkte, der von einem Anglodänen aus der Zeit des Königs Alfred abstammte. Meint Ihr etwa, ich würde derselbe Mann gewesen scvn, wenn ich mir nicht von Kindheit auf beim Anblick jenes alten Thurmes vergegenwärtigt hätte, was seine Eigenthü- mer als Ritter und Gcntlemen waren und sehn sollten? Sir, ich wäre sicherlich ein ganz anderes Wesen, wenn an der Spitze meines Stammbanmes ein Heringskrämer stünde, obschon ich damit nicht sagen will, daß dieser nicht ein ebenso wackerer Mann hätte seyn können, als der Anglodäne war, dem Gott eine selige Urständ geben möge!" „Und aus demselben Grunde denkt Ihr vcrmuthlich, Sir, daß mein Vater nimmermehr das Wesen geworden wäre, das er ist, wenn er nicht in Betreff unserer Abkunst von dem großen Buchdrucker William Carton jene merkwürdige Entdeckung gemacht hätte." Mein Onkel sprang ans, als hätte ihn eine Kugel getroffen — unvorsichtig genug in Anbetracht des Materials, aus welchem sein eines Bein bestand — und wäre sicherlich 126 in ein Erdbeerbcer gefallen, wenn ich ihn nicbt am Arm gefaßt hätte. „Ei, Du — Tu — Du junger Naseweis/' rief der Kapitän, indem er mich abschütteltc, sobald er sein Gleichgewicht wieder gewonnen hatte. „Hast Dn auch die schimpfliche Grille geerbt, die sich mein Bruder iu den Kopf gesetzt hat? Willst Du dcu Dir William de Carton, welcher bei Bobworth kämpfte und fiel, gegen den Handwerker vertauschen , der in dem Sanctuarh von Westminster gothisch gedruckte Flugblätter verkaufte?" „Dies hängt nur von de» Beweisen ab, Onkel." „Durchaus nicht, Sir, sondern es beruht gleich allen edlen Wahrheiten auf dem Glauben. Aber freilich," fuhr mein Onkel mit einem Blicke unanssprechlichcr Verachtung fort, „will man heutzutage, daß jede Wahrheit bewiesen werden solle." „Und dies ist freilich ohne Zweifel ein trauriger Wahn unserer Zeit, mein theurcr Onkel. Aber wie können wir wissen, daß eine Wahrheit wirklich eine Wahrheit sey, ehe der Beweis vorliegt?" Ich meinte mit dieser sehr scharfsinnige» Frage ihn völlig gefangen zu haben; aber mit nichten. Er schlüpfte mir durch wie ein Aal. „Sir," sagte er, „was immer in einer Wahrheit das Herz wärmer und die Seele reiner macht, das ist der Glaube, nicht das Wissen. Der Beweis, Sir, ist eine Handschelle — der Glaube ein Flügel! Einen Beweis zu fordern über einen Anherrn aus König Richards Zeit! Sir, Ihr könnt nicht einmal znr Befriedigung eines Logikers beweisen, daß Ihr der Sohn Eures Vaters seyd. Ein religiöser Mann, Sir, untersucht seine Religion nicht mit Syllogismen — sie ist keine Mathematik. Die Religion muß gesuhlt, nicht bewiesen werden. In der Religion eines rechtschaffenen Mannes gibt es sehr riete Dinge, die nicht im Katechismus stehen. Beweis," fuhr mein Onkel mit größerer Heftigkeit fort — „der Beweis, Sir, ist ein schlechter, gemeiner. Alles gleichmachen wollender, schurkischer Jakobiner — der Glaube ein pstichtgetrener, edelmüthiger, ritterlicher Gentleman! Nein, nein, beweist meinetwegen, was Ihr wollt, aber nimmer werdet Ihr mir den Glauben rauben , das, was mich gemacht hat zu —" „Dem edclherzigstcn Geschöpf, das nur je Unsinn schwatzte," fiel mein Vater ein, welcher wie der ja, und man fleht Euch vom Hanse aus! Ach, du lieber — du grnndgütigcr Himmel, was soll ich anfangcn! Könnt Ihr denn nicht wieder herüberspringen?" Durch diese kläglichen Ausrufe bewegt, und weil ich nicht wünschte, die arme alte Frau dem Zorne eines Gebieters ansznsetzen, der augenscheinlich ein gefühlloser Tyrann war, beschloß ich, allen meinen Muth zusammen zu nehmen, und den Rücksprung über de» gefährlichen Abgrund zn wagen. „O ja — seid unbesorgt," entgegnete ich ihr. „Was einmal gethan wurde, muß auch, wenn's Noth thnt, zum zweitenmal geschehen. Seid nur so gut, mir ans dem Weg zu treten." Ich holte einige Schritte aus auf einem Boden, der viel zu rauh war, um einen Anlauf zu begünstigen; aber das Herz schlug mir gegen die Rippen. Ich fühlte, daß nur ein schneller Antrieb bei fehlenden Vorbereitungen Wunder zn thun im Stande ist. 199 „Sv tummelt Euch doch!" rief mir die Me zu. Dos schreckliche Weibsbild! sie begann sehr in meiuer Achtung zu sinken. Ich Preßte meine Zähne zusammen und war eben im Begriffe, vorwärts zu stürzen, als eine Stimme dicht neben mir sagte: „Haltet, junger Mann; ich will Euch durch das Thor lassen." Ich drehte mich rasch um nnd bemerkte dicht an meiner Seite -— so, daß ich mich wunderte, ihn nicht schon früher gesehen zu haben —- einen Mann, dessen einfache, aber nicht auf einen Arbeiter deutende Tracht in mir die Ver- muthung rege machte, daß ich den Obergärtner vor mir habe, von dem meine Führerin gesprochen. Er saß unter einem Kastanienbaume ans einem Stein nnd hatte einen häßlichen Köter zu seinen Füßen, der mein Nmwenden sogleich mit einem Kläffen begrüßte. „Ich danke Euch, guter Mann!" rief ich freudig; „denn offen gestanden, vor diesem Sprunge war mir gewaltig bange." „O ho! Nnd doch sagtet Ihr, was einmal geschehen, könne auch zum zweitenmal ausgeführt werden." „Ich sagte nicht es könne, sondern cs müsse ausgeführt werden." „Hum! Das ist besser gesagt." Der Mann erhob sich jetzt —- der Hund kam heran nnd beroch meine Beine; nachdem er sich ans diese Weise, wie es schien, von meiner Achtbarkeit nberzengt hatte, wedelte er mit seinem Stumpfschwanz. 200 Als ich wieder über den Wasserfall zurückschautc, bemerkte ich zu meiner großen Ueberraschung, daß die Alte, so schnell sie konnte, wieder heimwärts humpelte. „Nh!" sagte ich lachend, „das arme alte Geschöpf fürchtet, Ihr werdet sie ihrem Herrn vcrrathcn — denn Ihr seid doch wohl der Obergärtner? Indes; trifft in der Sache LloS mich ein Vorwnrf. Ich bitte laßt dies nicht anßcr Acht, wen» Ihr überhaupt deö Vorfalls Erwähnung thut." lind ich zog eine halbe Krone heraus, die ich meinem neuen Führer anbvt. Er schob das Geld mit eine;» dnmpfcn „Hnm — ist nicht nöthig," zurück und fuhr dann mit lauterer Stimme fort: „Es ist kein Grund vorhanden, mich zu bestechen, denn ich habe ja alles selbst mit angesehen." „Ich fürchte nur, Euer Gebieter scy etwas hart gegen die alten Diener der armen Hogtone." „Wirklich? Oh, hum — mein Gebieter. Ihr meint Wohl Mr. Trcvanion?" „Ja." „Nun, und ich will Wohl glauben, daß ihm die Leute dies nachsagcn. Hier ist der Weg," fügte er bei, indem er mich in ein kleines Thal hinab führte, das vom Wasserfall abgelegen war. Jedermann muß schon an sich bemerkt haben, daß er nach einer überstandencn oder umgangenen Gefahr wunderbar aufgeräumt wurde — man befindet sich dann in einem Zustande der angenehmsten Aufregung. Ebenso erging cs 2N1 mir. Ich unterhielt mich mit dem Gärtner ä eoeur ouvert, wie die Franzosen sagen, und bemerkte nicht, daß seine kurze» einsylbigcn Erwiederungen nur dazu dienten, meine ganze kleine Geschichte hcrauszulockcn — das Ziel meiner Reise, meine Schule unter Ilr. Herman und die Fertigung des große» Buches, welche mein Vater beabsichtigte. Ich bemerkte erst die Vertraulichkeit, die zwischen uns entstanden war, als wir nach einem weiten Schlangcnweg den Bach wieder erreichten und vor einem von steinernen Bogen eingefaßten Thore standen, denn jetzt fragte mich mein Begleiter mit großer Einfachheit: „Und Euer Name, junger Gentleman? Wie nennt Ihr Euch?" Ich zögerte einen Augenblick; da ich jedoch gehört hatte, daß solche Fragen gewöhnlich an diejenigen gestellt würden, welche sich fremde Plätze zeigen lassen, so antwortete ich: „Oh, es ist ein sehr ehrwürdiger Name, wie Euch Euer Gebieter bezeugen wird, wenn er anders ein Freund der alten englischen Literatur ist. Ich heiße Carton." „Carton?" rief der Gärtner mit einiger Lebhaftigkeit. „Es gibt in Cumberland eine Familie dieses Namens —" „Dies ist die meinige. Mein Onkel Roland ist das Haupt derselben." „llnd Ihr seyd der Sohn non Augustin Carton?" „Ja. Ihr habt also schon non meinem lieben Vater gehört?" „Lassen wir dieses Thor nnr liege». Kommt mit mir — in diese Richtung." 202 Und mein Führer wandte sich Plötzlich »in, schritt ans ciiicin schmalen Pfade weiter, nnd che ich mich von meiner Uebcrraschuug erhole» kannte, standen wir etwa hundert Schritte van dem Hanse. „Verzeiht mir," sagte ich; „aber wahin wallt Ihr mich denn führen, mein guter Freund? „Guter Freund — guter Freund! Wvhlgesprachcn, Sir. Ihr sehd jetzt unter guten Freunden. Ich war mit Eurem Vater auf dem Callege, nnd er war mir sehr thcncr. Auch Euren Onkel kannte ich ein wenig. Mein Name ist TreVanion." Blinder junger Einfaltspinsel, der ich war! So balv mir mein Führer seinen Namen genannt hatte, wußte ich mich vor Erstaunen über meinen unerklärlichen Mißgriff kam» zu fassen. Die kleine unscheinbare Figur gewann mit cincmmalc in meinem Auge den Charakter der Würde, und der gewöhnliche Anzug Von rauhem Tuche erschien mir jetzt als die natürliche und völlig passende Kleidung eines Land- gcntleman auf seinen eigenen Gütern. Sagar der häßliche .sssttcr wurde znm schottischen Dachs van der reinsten Zucht. Mein Führer lächelte gutmüthig über meine Bestürzung, klopfte mich ans die Schulter und sagte: „Nicht gegen mich, sondern gegen meinen Gärtner müßt Ihr Euch entschuldigen. Er ist ein schöner Manu, der seine sechs Fuß mißt." Ehe ich meine Sprache wieder fand, waren wir nutcr dem Porticns eine breite Trcppenflncht hinangestiegen, durch eine geräumige, mit Statuen und duftigen Orangenbäumen L03 verzierte Hatte gekommen und in ein kleines mit Gemälden behangcncs Zimmer getreten, wo bereits aller Zubehör zu einem Frühstück auf dem Tische stand. Mein Begleiter sagte nun zu einer Dame, die sich hinter einer Theenrne erhob: „Meine liebe Ellinor, ich stelle Dir hier den Sohn unseres alten Freundes Angustin Earto» vor. Sprich ihm zu, daß er so lange bei uns bleibt, als er kann. Junger Gentleman, betrachtet Lady Ellinor Trevanion als eine alte Bekannte — Familicnfrcundschaft sollte auch ans die Nachkömmlinge übergehen." Mein Wirth sprach diese letzten Worte in einem nachdrücklichen Tone, leerte dann einen Briefbcntel ans den Tisch aus, nahm einen Hansen Schreiben und Zeitungen au sich, warf sich in einen Lehnstuhl und schien bald meine Anwesenheit völlig vergessen zu haben. Die Dame blieb einen Augenblick in stummer lleber- raschnng stehen, und ich sah, daß sie bald crröthete, bald erblaßte. Dann aber kam sic mit der bezaubernden Anmuth einer nnerkünftelten Freundlichkeit auf mich zu, nahm mich bei der Hand, zog mich nach einem Sitz neben den ihrigen und fragte mich so herzlich nach meinem Vater, meinem Onkel und meiner ganzen Familie, daß ich mich in fünf Minuten wie zu Hanse fühlte. Lady Ellinor hörte mit einem Lächeln, bei dem sich oft ihre Augen feuchteten, so daß sie dieselben hin und wieder abwischcn mußte, meinen naiven Erzählungen zu. Endlich fragte sie: — . „Habt Ihr Euer» Vater nie von mir sprechen hören — ich meine, von uns — von den Trcvanioncn?" 204 „Nie," antwortete ich mit Derbheit; „doch dies darf Niemand Wunder nehme», denn Ihr werdet wisse», daß mein lieber Vater ein sehr wortkarger Mann ist." „Wirklich? er war doch sehr lebhaft, als ich ihn kannte," sagte Lady Ellinor, und während sie ihr Antlitz abwandtc, entquoll ein leiser Seufzer ihrer Brust. In diesem Moment trat eine junge Dame ein, so frisch, so blühend und so lieblich, daß mit einemmale jeder andere Gedanke ans meinem Kopfe oerschwand. Sic kam singend, so heiter wie ein Vogel, und schien meinem bewundernden Blicke in gleicher Weise mit dein Himmel verwandt zu sein. „Fanny," sagte Lady Ellinor, „gib Mr. Carton die Hand ; er ist der Sohn eines Mannes, den ich nicht mehr gesehen habe, seit ich ein wenig älter war als Dn, obschon ich mich seiner wie von gestern her erinnere." Miß Fanny crröthete, lächelte und bot mir ihre Hand mit einer ungezwungenen Freimnthigkcit entgegen, die ich vergeblich nachzuahinen suchte. Während des Frühstücks fuhr Mr. Trevanio» fort, seine Briefe zu lesen und mit dem gelegentlichen Ausrufe „Pfui!" oder „Gewäsche!" die Zeitungen zu überblicken; zwischen hinein trank er mechanisch seinen Thee oder genoß einige Bissen von einer Röstschnitte. Dann erhob er sich mit der Schnelligkeit, welche seinen Bewegungen cigcnthümlich war, und blieb eine Weile in Gedanken vertieft vor dem Kamine stehen. Jetzt, nachdem der breitrandige Hut von seiner Stirne entfernt und das Plötzliche seiner ersten Bewegung der nachherigen Gesetztheit gewichen war, fesselte der Mann meine neugierige Aufmerk- 205 samkeit in einem Grade, daß ich mich mehr als je meines Jrrthnms schämte. In seinem lebhaften, aber doch gedankenvollen Antlitz mit den hohlen Angcn und den tiefen Furchen sprach sich Sorge aus : aber es war eines jener Gesichter, welche ihre Würde und Feinheit jener geistigen Ausbildung verdanken, die ein Eigcuthum des wahren Aristokraten , nämlich des Mannes von scharfem Verstände und edler Erziehung ist. Das Gesicht mußte in jüngeren Jahren sehr schön gewesen sein, denn die Züge waren ungemein bestimmt; die theilweise kahle Stirne ragte breit und edel hervor, und in der Knimmnng der Lippe lag fast eine weibliche Zartheit. Der ganze Ausdruck des Antlitzes war gebieterisch, aber traurig. Bei zunehmender Lebens-Erfahrung habe ich oft versucht, in diesen eindrucksvollen Zügen die Geschichte eines thatkrästigen Ehrgeizes zu verfolgen, der durch eine stolze Philosophie und ein zartes Gewissen gezügelt wird; was ich aber damals sehen konnte, war nur der Abdruck einer nicht naher bestimmbaren, unzufriedenen Schwcrmuth. welche mich selbst nicderdrücktc, ohne daß ich mir einen Grund dafür angeben konnte. Mr. Trevanion kehrte bald wieder nach dem Tische zurück, raffte seine Briefschaften zusammen, begab sich langsam nach der Thüre und verschwand. Die Blicke seiner Gattin folgten ihm zärtlich. Ihre Augen erinnerten mich an die meiner Mutter, wie es, glaube ich, in der That bei allen der Fall war, die Liebe anssprachen. Ich rückte ihr etwas näher und sehnte mich danach, die weiße Hand zu fassen, die so sorglos vor mir lag. „Wollt Ihr nicht mit uns einen Spaziergang machen?" fragte Miß Trevanion, sich an mich wendend. Ich machte eine Verbeugung und sah mich in wenigen Minuten allein. Während der Abwesenheit der Dame», welche sich entfernt hatten, um ihre Halstücher und Hüte zu holen, nahm ich, um doch etwas zu thun, die Zeitungen auf, welche Mr. Trevanion auf den Tisch geworfen hatte. Mein Auge fiel zuerst auf seinen eigenen Namen, der sich oft — ja, in allen Blättern wiederholte. In dem einen wurde er mit Verachtung behandelt, während ihm ein anderes hohes Lob spendete; ein Artikel jedoch in einem Journale, das eine unparteiische Haltung zu beobachten schien, fiel mir in einem Grade ans, daß ich mich des Inhalts noch gut erinnern kann, obschon ich nicht gerade die selben Worte wiedcr- zugeben vermag. Der Aufsatz lautete ungefähr folgendermaßen : — „Bei der gegenwärtigen Stellung der Parteien haben ganz natürlich unsere Zeitschriften den Ansprüchen oder Mängeln dcS Mr. Trevanion viel Raum gewidmet. Es ist ein Name, der unzweifelhaft hoch im Hause der Gemeinen steht, aber eben so unzweifelhaft wenig Sympathien im Lande findet. Mr. Trevanion ist wesentlich und vorzugsweise ein Parlaments-Miiglied, billig und gewandt in der Debatte und bewunderungswürdig, wo er in den Co- mitos den Vorsitz führt. Obschon er nie ein Staatsamt bekleidete, hat doch langjährige Erfahrung und stete »n- belohnte Anfmerksamkcit ans die öffentlichen Angelegenheiten ihm einen hohen Rang angewiesen unter jenen Prakti- 207 scheu Politikern, aus denen die Minister gewählt werden. Man muß ihn ohne Zweifel als einen Mann von fleckenlosem Charakter und vortrefflichen Absichten betrachten, und jedes Kabinet würde in seiner Person ein ehrenhaftes, nützliches Mitglied gewinnen. Hier endet jedoch alles, was wir zu seinem Lobe sagen können. Als Redner fehlt ihm das Feuer und die Begeisterung, womit man die Sympathien des Volkes gewinnt. Er gebietet über das Ohr des Hauses, nicht aber über daS Herz des Landes. In bloscn Ge- schästsangelegcnhcitcn untrüglich, weiß er sich in den große» Fragen der Politik nicht recht zu finden. Er hält cs nie ans vollem Herzen mit einer Partei und nimmt sich keiner Frage in einer Weise an, als ob es ihm ganz ernst damit sei. Die Mäßigung, auf welche er sich dem Vernehmen nach so viel zu gute thut, äußert sich oft in wählerischen Launen und in dem Versuch, eine philosophische Origina- - lität von Offenheit an den Tag zu legen, so daß er sich dadurch bei seinen Feinden längst den Ruf eines Wettcrhahns crrnngcn hat. Einem solchen Manne mögen wohl die Umstände zeitweilige Gewalt znwcrfcn; aber kann er ihr einen bleibenden Einfluß verschaffen? Nein, möge Mr. Trevanivn ans dem Platze bleiben, welchen ihm Natur und Stellung anwciscn — auf dem eines biedern, unabhängigen, tüchtigen Parlaments-Mitglieds, welches berufen ist, die Männer beider Seiten zu versöhnen, wenn die Parteien in Er- tremc auseinander gehe». Znm Kabinets-Ministcr taugt er nicht. Seine Bedenklichkeit würde jedes Regieren unmöglich machen, und an seiner Unentschlossenheit müßte bald 208 sein eigener Nnf scheitern, wenn sich'S, wie in allen menschlichen Angelegenheiten, darum handelte, einige Jrrthümer nächznsehen, um dadurch ein großes Gut zu erringen/' Ich hatte eben diesen Artikel zu Ende gelesen, als die Damen wieder znrnckkehrtcn. Meine Wirthin bemerkte die Zeitung in meiner Hand und sagte mit erzwungenem Lächeln: „Vermnthlich wieder ein Angriff auf Mr. Treva- nion?" „Nein," versetzte ich linkisch, denn vielleicht war der Aufsatz, der mir so unparteiisch vorkam, der bitterste Angriff von allen. „Nein, dies nicht gerade." „Ich lese jetzt nie mehr Zeitungen — wenigstens nicht die sogenannten leitenden Artikel — cs ist zu schmerzlich. Und einst machten sie mir so viel Freude. Dies war in der Zeit, als die Laufbahn begann und der Ruf noch nicht fertig war." Lady Ellinor öffnete jetzt das Fenster, welches in den Hof hinanSfnhrte, und einige Augenblicke später befanden wir uns in jenem Theile des Lnstparkes, welchen die Familie der öffentlichen Neugierde entzogen hatte. Wir kamen an seltenen Stranchpflanzen, ausländischen Blumen und langen Gewächshäusern vorbei, in welchen die ganze wunderbare Pflanzenwelt Afrika's und beider Indien lebte und blühte. „Mr. Trevanion ist wohl ein großer Freund von Blumen?" sagte ich. Die schöne Fanny lachte. „Ich glaube nicht, daß er die eine von der andern zu unterscheiden weiß." L09 „Mir ergeht cS ebenso," versetzte ich; „das heißt wenn ich die Rose oder die Rosenpappel aus dem Gesicht verliere." „Dan» wird die Farm wohl mehr Interesse für Euch haben," bemerkte Lady Minor. Wir kamen zu den neuen WirihschaftSgcbänden, die ohne Zweifel nach den besten Grundsätzen hergestellt Ware». Lady Minor zeigte mir die neuen Maschinen und sonstigen Vorrichtungen zu Abkürzung der Arbeit und Vervollkommnung der mechanischen Operationen im Feldbau. „So ist wohl Mr. Trevanion ein großer Freund von Landwirthschaft?" Die hübsche Fanny lachte wieder. „Mein Vater ist eines der großen Orakel in der Agri- cnlinr, einer der eifrigsten Beschützer aller ihrer Verbesserungen — ob aber ein großer Freund der Landwirthschaft? — Ich zweifle, ob er cs weiß, wenn er über seine eigenen Felder reitet." Wir kehrten nach dem Hanse zurück, und Miß Trevanion , deren offenes freundliches Wesen bereits einen allzn- tiescn Eindruck ans das jugendliche Herz von Pisistratns dem Zweiten gemacht hatte, erbot sich, mir die Gemälde-Gallerie zu zeigen. Die Sammlung enthielt blos Werke englischer Künstler, und Miß Trevanion machte mich ans die Haupt- schönheitcn der Gallerie ansmerksam. „Nun, so muß Mr. Trevanion wenigstens ein Freund von Gemälden sein!" „Abermals fehlgeschoffen," versetzte Fanny mit einem schalkhaften Kopfschütteln. „Mein Vater soll zwar ein aus- Bnlwer, die Kartone. 14 210 gezeichneter Kenner sein, kauft aber die Bilder nur aus Pflichtgefühl — nm unsere vaterländischen Künstler aufzumuntern. Ist ein Gemälde einmal erworben, so glaube ich kaum, daß er es je wieder ansieht!" „Ja, was thut er denn —" Ich hielt iune, denn ich fühlte wohl, daß meine beab- , sichtigte Frage sehr ungezogen sich ausuehmen würde. „Ihr wolltet sagen, was einen besondern Reiz für ihn habe? Ich kenne ihn natürlich, so lange ich denken kann, habe aber nie entdeckt, daß er für Etwas eine besondere Neigung hätte. Nein — nicht einmal für die Politik, obschon er in dieser lebt und webt. Ihr macht ein verwirrtes Gesicht? Nun, ich hoffe, Ihr werdet ihn mit der Zeit schon besser kennen lernen, obschon cs Euch wohl nie gelingen dürfte, das Gcheimniß zu lösen, an was M'r. Trevanion eine Freude hat." „Du hast Unrecht," sagte Lady Ellinor, die, ohne daß wir sie hörten, nach uns tn's Zimmer getreten war. „Ich kann Dir sagen, an was Dein Vater eine Freude hat — ja, was er sogar liebt, da er ihm dient, jede Stunde seines edlen Lebens — Gerechtigkeit, Wohlthätigkcit, die Ehre und sein Vaterland. Einen Mann, der solche Liebhabereien hat, kann man wohl entschuldigen, wenn er gleichgültig ist gegen ein frisch angekommenes Geranium oder einen neuen Pflug, ja sogar (was bei Dir freilich den größten Anstoß erregt, Fanny) gegen ein eben von der Staffelei kommendes Meisterwerk von Landseer oder die neueste Mode, die sich Mr. Trevanion anzneignen beliebt." 211 „Mamma!" rief Fanny, und Thräncn quollen in ihren Augen. Lady Ellinor aber erschien mir, während sic so sprach, wirklich erhaben; ihre Augen lenchieien nnd ihre Brnst wogte. Die Frau, welche Partei für den Gatten nahm gegen das Kind nnd so wohl begriff, was dieses bei aller täglichen Erfahrung nicht fühlte nnd was die Welt bei aller Wachsamkeit ihres Lobs nnd ihres Tadels nie erfahren konnte — dies war ein Bild nach meinem Gcschmacke, schöner als eines in der Sammlnng. Ihr Gesicht wurde milder, als sie in Fanny'S Hellen nußbraunen Augen die Thräncn bemerkte; sie streckte ihre Hand aus, und die Tochter küßte dieselbe mit Innigkeit, indem sie flüsterte: „Ihr müßt nicht so sehr auf das thörichie Wort achten, Mamma, sonst werdet Ihr mir jede Minute etwas zn vergeben haben." Dann glitt Miß Trevanion ans dem Zimmer. „Habt Ihr eine Schwester?" fragte mich Lady Ellinor. „Nein." „Und Trevanion hat keinen Sohn," sagte sie traurig. Das Blut rauschte gegen meine Wangen. Oh , abermals junger Einfaltspinsel! Wir standen stumm bei einander, als die Thüre anfging nnd Mr. Trevanion eintrat. „Hum," sagte er bei meinem Anblicke lächelnd — nnd sein Lächeln war bezaubernd, obgleich selten. „Hnm, junger Sir, ich bin gekommen um Euch anfzn- suchen. Ich fürchte, daß ich unhöflich gegen Euch gewesen 14 ' bin, und bitte Euch daher um Verzeihung, Sobald mir dies eiuficl, verließ ich meine blauen Bücher, an denen mein Gchülfe scharf fvrtarbeitet, um Euch zu bitten, ein halbes Stündchen mit mir zu gehen — eine halbe Stunde ist alles, was ich auf Euch verwenden kann — um Ein llhr eine Deputation! Natürlich, nehmt 2hr Euer Mittagsmahl bei uns ein nnd bleibt hier über Nacht?" „Ach, Sir, mcineLstuttcr wird sehr unruhig werden, wenn ich nicht heute Abend in London cinireffc," „Pah!" versetzte das Parlaments-Mitglied, „Ich will ihr's durch einen Erpressen ankündigen lassen," „O, nicht doch! ich danke Euch," „Warum nicht?" Ich zögerte, f „Ihr seht, Sir, daß mein Vater nnd meine Mutter noch fremd in London sind; zwar findet bei mir derselbe Fall statt, aber dennoch könnten sic meiner bedürfen, nnd ich wäre vielleicht in der Lage, ihnen nützlich zu werden," Während ich so sprach, legte Ladh Ellinor ihre Hand auf meinen Kopf nnd streichelte mir die Haare nieder, „Recht so, junger Mann — ganz, recht; cs wird Euch gut gehen in der Welt, so schlimm sic auch ist. Ich will zwar damit nicht sagen, daß Ihr Euer Glü ek machen werdet, wie ^ es die Schelmen nennen — dies ist eine andere Frage; aber ^ wenn Ihr Euch auch nicht aufschwingt, so werdet Ihr doch ,. nicht fallen. Nun, nehmt Euer» Hut, nnd kommt mit mir; wir wollen mit einander nach dem Pförtnerhänschen gehen ^ — Ihr werdet noch zeitig genug ankommen für eine Kutsche," L13 Ich verabschiedete mich von Lady Minor nnd hätte wohl gerne einige Komplimente an Miß Fanny angebracht; aber die Worte blieben mir in der Kehle stecken, nnd mein Wirth schien ungeduldig zu sein. „Ihr müßt Euch bald wieder bei uns sehen lassen/' sagte Lady Minor freundlich, als sic uns nach der Thüre folgte. Mr. Trevanion ging rasch und schweigend vorwärts — die eine Hand in seiner Brust, in der andern nachlässig einen dicken Spazierstock schwingend. „Aber ich muß über die Brücke zurück," sagte ich, „da ich dort meinen Tornister liegen ließ. Ich warf ihn ab, ehe ich meinen Sprung machte, und die alte Frau hat ihn sicherlich nicht in ihre Obhut genommen." „So kommt denn in diese Richtung. Wie alt seyd Jhr?" „Siebenzehn und ein halb." „Und Ihr könnt vermuthlich lateinisch und griechisch, wie man es an den Schulen lernt?" „Ich denke, daß ich darin ziemlich ordentlich beschlagen , Sir." „Ist Euer Bater gleichfalls dieser Ansicht?" „Mein Vater nimmt es freilich haarscharf; indeß gesteht er zu, daß er im Ganzen zufrieden ist." „Nun so muß ichs wohl auch sein. Mathematik?" „Ein Wenig." „Gut." Jetzt stockte die Unterhaltung eine Weile. Ich hatte 214 meinen Tornister wieder gefunden nnd aufgeschnallt, und wir waren schon in der Nähe der Hütte, als Mw Trevanion plötzlich sagte: „Redet, mein junger Freund, redet; ich höre Euch so gerne sprechen — cs erfrischt mich. Niemand hat in den letzten zehn Jahren so natürlich mit mir gesprochen." Diese Aufforderung war das wirksamste Dämpfungs- mittcl meiner jugendlichen Beredsamkeit, denn ich hätte jetzt nicht natürlich spreche» können, nnd wenn es mich das Leben gekostet hätte. „Ich sehe, ich habe einen Mißgriff gethan," sagte mein Begleiter gutmüthig, als er meine Verlegenheit bemerkte. „Doch wir sind jetzt vor den, PförtncrhäuSchen und die Kutsche wird in fünf Minuten vorübcrfahren. Ihr könnt die Zwischenzeit damit znbringcn, daß Ihr dem alten Weib znhört, wie sie die Hogtone lobt nnd auf mich schimpft. Merkt es Euch aber, Sir — kümmert Euch nie um Lob oder Tadel, denn beides ist Schaum. Lob und Tadel sind hier!" Nnd er schlug fast mit Leidenschaftlichkeit die Hand auf seine Brust. „Nehmt an mir ein Beispiel. Diese Hogtone waren der Krebsschaden des Platzes — geizig und ohne alle Erziehung ; ihr Land sah wie eine Wildniß ans und ihr Dorf wie ein Schweinstall. Ich komme mit Kapital und Einsicht, mache den Boden nutzbar, oerbanne den Pauperismus nnd civilisirc alles um mich her. Es ist kein Verdienst von mir — ich bin nur der Ausdruck des durch Bildung geleiteten Kapitals — eine Maschine. Und doch ist diese alte Frau nicht die einzige Person, welche Euch sagen wird, die Hog- 215 tone seien Engel gewesen, nin mich ganz im gegentheiligen Lichte darstellcn zn können. Was noch mehr ist, Sir, das alte Weib bezieht wöchentlich zehn Schillinge von mir, nnd weil sie ihr Herz an dem Nebenerwerb von weiteren sechs Pcncestücken gesetzt hat — und ich will ihr diesen Gewinn nicht verkümmern — so muß jeder Besuchende die Vorstellung mit sich fortnehmen, daß ich, der reiche Mr. Trevanion, sie verhungern ließe, wenn sie nicht hin nnd wieder bei Schaulustigen etwas verdienen könnte. Doch dies hat nichts zu bedeuten. „Gott befohlen. Sagt Eurem Vater, sein alter Freund müsse nach ihm sehe», nnd von seiner ruhigen Weisheit Nutzen ziehen — sein alter Freund sei bisweilen ein Thor nnd schweren Herzens. Wenn ihr eingerichtet seid, so schreibt mir eine Zeile nach St. James Square, damit ich weiß, wo ich euch anfsnchcn muß. „Hum! lind damit genug." Mr. Trevanion drückte mir die Hand und begab sich weiter. Ich wartete nicht auf die Kntsche, sondern ging auf das Pförtchen zn, wo die Alte, welche ans der Ferne daS Trinkgeld, von dem ich die Personifikation war. entweder gesehen oder gewittert hatte — „In grimmcr Rul/ sich barg, der Morgcnbeute harrend." Meine Ansichten über ihren gedrückten Zustand nnd die Tugenden der abgeschiedenen Hogtone hatten sich inzwischen etwas verändert, weshalb ich mich begnügte, in ihre offene Handfläche genau die Summe fallen zu lassen, über die wir 216 ursprünglich csiiig geworden waren. Aber die Hand blieb noch immer offen, und die Finger der andern faßten mich, während ich in der Krümmung des Drehkreuzes wie ei» Stöpsel in einem Patent-Korkzieher stack. „lind drei Pence für den Neffen Bob," sagte die Alte. „Drei Pence für den Neffen Bob, und warum?" „'s ist seine Gebühr, wenn er einen Gentleman re- commandirt. Ihr werdet doch nicht von mir verlangen, daß ich cs aus meinem eigenen Erwerb zahlen soll — denn er verlangt es einmal oder würde lieber mein Geschäft zu Grund richten. Arme Leute müssen bezahlt werden für ihre Mühe." Hart gegen diese Berufung und im Geiste Bob zu einem Gebieter wünschend, dessen Füße sich nur um so besser ans- nchmcn würden, wenn er einen Stiefelputzer brauchte, gab ich dem Dreikreuz einen Nnck und entwischte. Gegen Abend erreichte ich London. Wer hat London je zum erstcnmale gesehen, ohne sich in seinen Erwartungen getäuscht zu fühlen? Die langen Vorstädte, welche ohne Abgrenzung mit der Hauptstadt znsammcnflicßcn, machen jede Ueberraschnng unmöglich, denn allmälige llebcrgänge stören jeden Zauber. Ich hielt cs für zweckmäßig, eine Miethknlschc zu nehmen, und holperte so meines Weges nach dem — Hotel, dessen Eingang sich in einer schmalen Seitenstraße des Strandes befand, während der größere Theil des Gebäudes nach der Hauptstraße hinausging. Ich fand meinen Vater in einem Zustande großer Unzufriedenheit; das ihm angewiesene Interims-Quartier war ein kleines Stilb- chen, in welchem er gleich einem neu gefangenen Löwen in seinem Käfig ans nnd ab schritt. Meine arme Matter hatte eine Menge Beschwerden, nnd zum erstenmal in ihrem Leben fand ich sie wirklich verdrießlich. Dieß war eine sehr unpassende Zeit, über meine Abenteuer Bericht zu erstatten, nnd ich hatte genug damit zu thnn, die Klagen meiner Eltern anzuhören. Sie waren den ganzen Tag auf den Beinen gewesen, um eine geeignete Wohnung zu suchen, aber vergeblich. Meinem Vater hatte man ein neues ostindisches Tuch aus der Tasche gestohlen. Primmins, von der man geglaubt hatte, sic kenne sich so gut in London aus, wußte gar nichts davon nnd erklärte, das Unterste sei z» oberst gekehrt, nnd alle Straßen hätten ihre Namen verändert. Der neue seidene Sonnenschirm, den man fünf Minuten unbewacht in der Halle gelassen, war gegen einen alten Gingham, mit drei Löchern darin, vertauscht worden. Erst als sich meine Mutter erinnerte, wenn sie nicht selbst nach der gehörigen Lüftung meines Bettes sehe, werde ich znverläßig am andern Morgen von Rheumatismen ganz gelähmt sein, nnd daher mit MrS. Primmins nnd einer naseweisen Stubenmagd, die zu glauben schien, wir veranlaßten mehr Mühe, als wir Werth seien, sich unsichtbar machte, fand ich Gelegenheit, meinem Vater von meiner neuen Bekanntschaft mit Mr. Trevanion zu erzählen. Er schien nicht auf mich zu achten, bis ich des Namens Trevanion erwähnte. Er wurde dann sehr blaß, setzte sich ruhig nieder und hieß mich fortfahren, als er bemerkte, daß ich inne hielt und ihn ansah. 218 Nachdem ich ihm alles mitgetheilt und die freundlichen Aufträge ansgcrichtet hatte, mit welchen ich von Mr. nnd Ntrs. Trcvaniot, betraut worden war, flog ein mattes Lächeln über sein Gesicht, das er sodann mit seiner Hand verhüllte. Er schien über etwas nachznsinnen — über nichts Angenehmes vielleicht, denn ich hörte ihn ein oder zweimal seufzen. „lind Ellinor," sagte er endlich, ohne anfznblicken. „Lady Ellinor wollte ich sagen — sie ist wohl sehr, sehr —" „Was meint Ihr damit, Vater?" „Noch sehr schön?" „Schön? Ja, allerdings schön; aber ich achtete mehr auf ihr Benehmen, als ans ihr Gesicht. Und dann Fanny — Miß Fanny ist so jung!" „Ah!" sagte mein Vater, einige griechische Verse vor sich hinmnrmelnd, die in der llebcrtragnng etwa folgendermaßen lauten: Blättern des Baumes, fürwahr, lg das Menschengeschlecht zu vergleichen, ^ Jugendlich heut im Grün und morgen am Boden verwelkend. „Gut, sie wünschen mich also zu sehen. Sagte dies El- linvr, Lady Ellinor, oder ihr — ihr Gatte?" „Ihr Gatte allerdings — Lady Ellinor deutete es eher an, als sie cs anssprach." „Wir wollen sehen," sagte mein Vater. „Oefsne das Fenster. Dieses Zimmer ist zum Ersticken schwül." Ich öffnete das Fenster, das nach dem Strande hinaus- sah. Der Lärm — die Stimmen — das Getrappel non Füßen und daS Rallen der Räder wurde nun deutlich hörbar. Mein Vater lehnte sich eine Weile hinaus, nnd ich stand an seiner Seite. Er wandte sich mit einem heiteren Gesichte an mich und sagte: „Jede Ameise ans dem Hügel trägt ihre Bürde, und ihre Heimath besteht nur aus den Lasten, die sie beischafft. Wie glücklich bin ich — und wie sollte ich Gott preisen! Wie leicht ist meine Bürde — wie sicher meine Heimach!" Er hatte kaum ausgesprochen, als meine Mutter eintrat. Er ging auf sic zu, schlang den Arm um ihren Leib und küßte sie. Solche Liebkosungen hatten bei ihm ihren zärtlichen Zauber durch die Gewohnheit nicht verloren; die vorher etwas krause Stirne meiner Mutter heiterte sich sogleich auf. Gleichwohl erhob sie mit einiger Ucberraschung ihren Blick zu dem scinigen. „Ich dachte eben/' sagte mein Vater, als wolle er sich entschuldigen, „wie viel ich Dir verdanke und wie sehr ich Dich liebe." Zweites Kapitel. Und nun, lieber Leser, siehst Du uns drei Tage nach unserer Ankunft in allein Prunk und in der ganzen Großartigkeit eines eigenen Hauses, das in Russell Street, Bloomsbury lliifcrn der Bibliothek deö Musen,ns liegt. Mein Vater verwendet seine Morgenstunde» auf jene Inta SLO Klientin, das weite Schweigen, wie Virgil die Welt jenseits der Gräber nennt, lind eine Welt jenseits des Grabes können wir wohl jenes Gebiet der Geister nennen, das durch eine Büchcrsammlung dargcstellt wird. „Pisistratus," sagte mein Vater eines Abends, während er, nachdem er seine Notizen Vor sich geordnet hatte, seine Brille abrtcb, „Pisistratus, eine große Bibliothek ist ein schauerlicher Platz! Hier sind allellebcrrcste der Menschen seit der Sündsinth begraben." ,;Ja, wohl ein Begräbnißplatz!" bemerkte Onkel Roland, der uns an diesem Tage aufgcfnnden hatte. „Es ist ein Hcraelea!" sagte mein Vater. „Ich bitte, bediene Dich keiner so unverdaulichen Worte," versetzte mein Onkel mit einem Kopfschütteln. „Heraclea war die Stadt der Zauberer, in welcher man die Todtcn hcranfbeschwor. Will ich mit Cicero sprechen? — Ich rufe ihn herbei. Verlangtes mich nach einem Geplauder auf dem Marktplatz von Athen und wünsche ich Neuigkeiten von zweitanscndjährigcm Alter zu hören? Ich schreibe meine Bannformcl auf einen Streifen Papier, und ein ernster Magier beschwört mir den Aristophancs Herauf, lind alles dieses verdanken wir unserem Vors—" „Bruder!" „Unseren Vorfahren, welche Bücher schrieben — ich danke Dir für Deine Erinnerung." Onkel Roland bot jetzt meinem Vater seine Tabakdose an; dieser schnaubte, obschon er den Schnupftabak nicht leiden konnte, gutmüthig eine Prise ein und mußte fünfmal 221 darauf »iescu — ein Vorwand für Onkel Roland, ebenso oft mit großer Salbung zu sagen: „Hclf Dir Gott, Bruder Austin!" Sobald sich mein Vater wieder erholt hatte, nahm er mit Thränen in den Augen, aber so ruhig, wie vor der Unterbrechung — denn er hielt es mit der Philosophie der Stoiker—wiederauf: „Aber nicht dies ist's, was den Platz schauerlich macht, sondern die Anmaßung mit 'solchen auserlesenen Geistern zu wetteifern und zu ihnen zu sagen: 'Raum gegeben -— auch ich spreche meinen Platz an unter den Anscrwähltcn. Auch ich will noch mit den Lebenden verkehren, Jahrhunderte nach dem Tode, der meinen Staub verzehrt. Auch ich —' Ach, Pisistratns, ich wollte, Onkel Jack wäre in Jericho gewesen, als daß er mich nach London heranfbringcn und in die Mitte dieser Lenker der Welt stellen mußte!" Während mein Vater sprach,-war ich eben beschäftigt, ein hängendes Gesims für die „auserlesenen Geister" anzn- ferttgen; denn meine Mutter, die ans die Bequemlichkeit ihres Gatten stets-sorglich Bedacht nahm, hatte die Noth- wendiglcit einer solchen Einrichtung in einem gcmietheten Hanse vorausgesehen und nicht nur meinen kleinen Werkzeug mitgebracht, sondern auch selbst im Laufe des Morgens das Rohmaterial dazu eingckauft. Den Hobel in seinem Wege über das glatte Brett einhaltend, sagte ich: „Mein lieber Vater, wenn ich im Philhellenischcn Institut vor den dicken Burschen, die mir vorangegangcn sind, so große Angst gehabt hätte, wie Ihr, so wäre ich in alle 222 Ewigkeit auf der Eselbank der untersten Abthcilung sitzen geblieben —" „Pisistratns, Du bist ein eben so großer Agitator, als Dein Namensvetter/' versetzte mein Vater lächelnd. '„Wir wollen nns also um die dicken Bursche nicht kümmern/' Meine Mutter trat jetzt in ihrem hübschen Abendhänb- chcn ein, voll Lächeln und guter Laune, denn sic hatte eben ein Zimmer für Onkel Roland hcrgcrichtet, eine vorthcil- haftc klebercinkunft mit der Wäscherin getroffen und mit Mrs. Primmins Rath gehalten über die beste Art und Weise, sich gegen klcbervorthcilnng von Seiten der Londoner Ge- wcrbslente zu schützen. Mit sich selbst und aller Welt vergnügt, küßte sic meinen Vater ans die über seine Notizen nicdcrgebengtc Slirne und trat nnn an den T'heetisch, de'r nur noch auf ihr Präsidium gewartet hatte. Onkel Roland fuhr, den Kessel in der Hand (denn unsere Urne war noch nicht ansgcpackt), mit seiner gewöhnlichen Galanterie vom Sitze ans und entledigte sich in Soldatcnart des von ihm freiwillig angebotenen ritterlichen Dienstes. Nachdem er damit fertig war, sah er mir bei meiner Arbeit zu und sagte: „Es gibt wohl ein besseres Stück Eisen für die Hände eines wvhlgeborncn Jünglings, als einen Zimmcrmanns- hobcl —" „Aha, Onkel — doch das hängt —" „Nun, wo hängt'ö?" „Von dem Gebrauch ab, den man davon macht. — Peter der Große war viel besser beschäftigt, während er 223 Schiffe zimmerte, als Karl XII. , der de» Leuten die Schädel einschlng," „Der arme Karl!" rief mein Onkel mit einem pathetischen Seufzer. „Er war ein großer Held!" „Schade, daß er den Frauen so gar abhold war." „Kein Mensch ist vollkommen!" sagte mein Onkel sen- tenziös. „Aber im Ernst, Du bist jetzt die männliche Hoffnung der Familie — Du,bist jetzt —" Er hielt inne, und sein Gesicht verdüsterte sich. Ich bemerkte, daß er an seinen Sohn dachte — an jenen geheimnisvollen Sohn! Während ich ihn mit Innigkeit anblickte, gewahrte ich zum erstenmal, daß seine liefen Linien viel tiefer und seine graue» Haare noch grauer geworden waren. Ans seinem Gesichte lagen die Merkmale eines neuen Leidens, und obschon er über den Beweggrund, der ihn uns so plötzlich entführte, kein Wort gegen uns hatte verlauten lassen, bedurfte es doch keines großen Scharfblicks, um zu sehen, das sein damaliges Anliegen von keinem günstigen Erfolg begleitet gewesen sein mußte. Mein Onkel nahm wieder auf — „Seit nnfürdcnklichcn Zeiten hat jede Generation unseres Hauses dem Vaterland wenigstens einen Soldaten gegeben. Ich schaue umher: nur ein einziger Zweig grünt noch ans dem alten Baume, und —" „Ach Onkel! Aber waö würden sie sagen? Glaubt Ihr, ich möchte nicht selbst gerne Soldat werden? Versucht mich nicht!" Mein Onkel nahm seine Zuflucht zu der Schnnpfta- 224 baksdose, und im nämlichen Augenblicke wurde — vielleicht sehr znm Nachthcilc für die Lorbecrc, die sich sonst Pisistra- tns von England nni die Schläfe gewunden hätte — unsere Unterhaltung durch den plötzliche» geräuschvollen Eintritt Onkel JackS unterbrochen. Kein Gespenst hätte unerwarteter auftauchcn könncm „Hier bin ich, meine lieben Freunde. Wie gcht's euch — was treibt ihr mit einander? Kapitän de Carton, von Herzen der Einige. Ja, ich bin erlöst — dem Himmel scp Dank! Ich habe die Plackerei au jenem erbärmlichen Pro- vineialblatt aufgcgcbcn. Ich war nicht dafür geschaffen. Ein Ocean in einer Thectasse! Ich war in der That —- klein, schmutzig, mußte den engherzigsten Interessen dienen — ich, dessen Seele die ganze Menschheit umfaßt! Ihr könntet ebenso gut einen Kreis in ein gleichnamiges Dreieck nmwandeln." „Gleichschenklig —" sagte mein Vater, indem er seufzend seine Notizen bei Seite schob und allmälig der Beredsamkeit sein Ohr lieh , die für heute alle Aussicht aus ein weiteres Borrückcn des großen Buches vernichtete. „In ein gleichschenkliges Dreieck, JackTibbets — nicht gleichnamig." „Gleichschenklig oder gleichnamig, dies ist ganz dasselbe," versetzte Onkel Jack, indem er rasch nach cinan' drei Manöver ansführte, die sich keineswegs mit seiner L lingsthcorie von dem 'größten Glück der größten Zahl' vertrugen. Erstlich leerte er in eine Tasse, die er den Händen meiner Mutter entnahm, den halben Inhalt einer Londoner Rahmkanne; zweitens schmälerte er den Umfang eines Bntterkuchens dadurch, daß cr sich drei nahezu gleichschenklige Dreiecke hcrausschnitt, und drittens verbreitete cr, während er an das aus Rücksicht für Kapitän de Carlo» ange- zündetc Feuer schritt, davor die Rockschöße unter den Arm nahm und so seinen Thce schlürfte, einen weiteren Kreis, welcher die Eigenthümlichkcit besaß, gegen die ganze Menschheit das davon ausgehende Licht zu verfinstern. „Gleichschenklig oder gleichnamig — dies ist ganz dasselbe. Der Mensch ist um seiner Mitgeschöpfc willen da. Ich habe längst die Einmengung dieser selbstsüchtigen Sqnirear- chen verabscheut. Eure Abreise brachte meinen Entschluß zur Reife. Ich habe Verhandlungen mit einer Londoner Firma von Mnth, Kapital und großartigen philanthropischen Ideen abgeschlossen. Letzten Sonnabend zog ich mich zurück aus dem Dienst der Oligarchen. Ich bin jetzt in meiner wahren Eigenschaft, ein Beschützer von Millionen. Mein Prospekt ist gedruckt — hier habe ich ihn in der Tasche. — Noch eine Tasse Thee, Schwester, ein wenig mehr Rahm und noch etwas Buttcrkuchen. Soll ich läuten?" Nachdem sich Onkel Jack seiner Taffe entledigt hatte, zog er aus seiner Tasche einen noch feuchten Bogen bedruckten Papiers hervor. Oben stand mit großen lateinischen Anfangsbuchstaben: „Die AntimonsPolzei tung, oder D er V o lks kämp e." Er schwenkte das Blatt triumphi- rend vor den Augen meines Vaters. „Pisistratns," sagte mein Väter, „sieh her. Dies ist die Art, wie Dein Onkel Jack jetzt seine Butterbällchen Bulwer, die Cartonc. 15 226 drückt. — Eine Freihcitömützc, die aus einem offenen Buch hcrauswächst! Gut, Jack — gut, sehr gut!" „Es ist jacobinisch!" rief der Kapitän. „Wohl möglich," cntgegncte mein Vater; „aber Wissenschaft und Freiheit flnd die besten Devisen von der Welt, wenn sich's darum handelt, den Buttcrballen, die man auf den Markt bringen will, eine verlockende Form zn geben." „Bnttcrballcn? ich verstehe dies nicht," sagte Onkel Jack. „Je weniger Du es verstehst, desto besser wird die Butter an den Mann gebracht werden,, Jack," versetzte mein Vater und kehrte dann wieder zn seinen Notizen zurück. Drittes Kapitel. Onkel Jack hatte sich vvrgcnommen, bei uns zu wohnen , und cs wurde daher meiner Mutter nicht ganz leicht, ihm begreiflich zu machen, daß man für 'ihn kein Bett übrig habe. „Dies ist doch recht leidig," sagte er. „Kaum in der Stadt angelangt, wurde ich von allen Seiten mit Einladungen gequält; aber ich wies sie zurück, um mich für Euch aufzubehalten." „Recht freundlich von Dir und Dir so ganz gleich!" versetzte meine Mutter; „aber Du siehst selbst —" „Schon gut; ich muß also fort, um mir ein Zimmer aufzusuchen. Doch nehmts euch nicht so zu Herzen, denn 827 ihr wißt, ich kann ja immerhin mein Frühstück und Mittagessen bei euch cinnchmcn — das heißt, wenn meine anderen Freunde mich frei lassen. Man wird mir schrecklich zusetzen." Mit diesen Worten packte Onkel Jack seinen Prospekt wieder in die Tasche und wünschte uns gute Nacht. Es hatte cilf Nhr geschlagen, und meine Mutter war bereits zu Bette gegangen, als mein Vater von seinen Büchern aufblickte und die Brille in ihr Futteral steckte. Ich hatte meine Arbeit vollendet und saß nun vor dem Feuer, bald au Fanny Trcvanions nußbraune Augen denkend, bald mit ebenso hochklopfcudem Herzen mir Schlachten,-Schlachtfelder , Rühm und Lorbeers vergegenwärtigend, während Onkel Noland gesenkten Hauptes und mit über der Brust gekreuzten Armen dem Verglimmen der Asche zusah. Mein Vater ließ den Blick im Zimmer umher schweifen und sagte, nachdem er seinen Bruder eine Weile betrachtet hatte, fast in stüsterndem Tone: — „Mein Sohn hat die Trevauioue gesehen. Sie erinnern sich unserer, Roland." Der Kapitän sprang auf und begann zu pfeifen — eine Gewohnheit, die ich stets an ihm bemerkte, wenn er sehr verstört war. „Und T'revanion wünscht uns zu besuchen. Pisistratns versprach ihm unsere Adresse; soll er sie ihm zusenden, Roland?" „Wie Du willst," antwortete der Kapitän mit militä- 15 * S28 rischcr Haltung, indem er sich aufrichtetc, daß er wie ein Man» van sieben Fuß anSsah. „Ich machte Wahl/' versetzte mein Vater mild. „Es ist zwanzig Jahre her, seit wir uns nicht mehr gesehen haben/' „Mehr als zwanzigsagte mein Onkel mit einem düster» Lächeln, „lind die Zeit — es war die Zeit des fallende» Laubes!" „Der Mensch erneuert die Fasern und das Material seines Körpers alle sieben Jahre/' cntgegnctc mein Vater. „In dreimal sieben Jahren hat er Zeit gehabt, seinen inneren Menschen zu erncncr». Können zwei Personen, die in jener Straße dart wandeln, einander unähnlicher sein, als die Seele vor zwanzig Jahren und die Seele van heute? Bruder, nicht vergeblich geht der Pstug über den Boden und die Sorge über das Menschenherz. Nene Ernten verändern den Charakter des Landes, und tcr Pflug muß in der Thal tief gehen, bis er das Mnttergestein aufwnhlt." „Wir wallen Trevanion sehen," rief mein Onkel. Dann wandte er sich plötzlich mit der Frage an mich: „Hat er Familie ?" „Eine Tochter." „Keinen Sohn?" „Nein." „Dies muß dem armen, thörichten, ehrgeizigen Mann sehr schmerzlich fallen. Ah, Du bist wohl ein Bewunderer dieses Mr. Trevanion? Ja, das Feuer seines Wesens, seine schönen Worte und kühnen Gedanken sind Wohl geeignet, die Jngend zu blendein" „Schöne Worte, mein lieber Onkel — Fener? Ich möchte eher sagen, Mr. Trevanions Unterhaltung sei so einfach, daß man sich wundern muß, wie er als öffentlicher Sprecher solchen Ruf erringen konnte." „Wirklich?" „Auch hier hat der Pflug seine Furchen zurückgelassen," bemerkte mein Vater. „Aber nicht der Pflug des Kummers. Er ist reich, berühmt, hat Ellinor zur Gattin — und keinen Sohn!" „Als Grund, warum er uns besuchen will, gibt er an, daß ihm das Herz bisweilen traurig sei." Roland sah zuerst meinen Vater, dann mich mit großen Augen an. „Dann möge er in Gottes Namen kommen," rief mein Onkel aus vollem Herzen. „Ich kann ihm die Hand drücken wie einem alten Kriegskameraden. Armer Trevanion! Schreibe ihm nur bald, Sisty." Ich setzte mich nieder, um dieser Aufforderung sogleich zu entsprechen. Nachdem ich mein Schreiben gesiegelt hatte, blickte ich ans und bemerkte, daß Roland sein Nachtlicht an dem meines Vaters anzündete. Letzterer nahm ihn bei der Hand und flüsterte ihm leise etwas zu. Ich konnte mir wohl denken, daß diese geheime Verhandlung den Sohn meines Onkels betraf, denn der Kapitän schüttelte den Kopf und antwortete mit düsterer hohler Stimme: „Erneue immer- L30 hin den Schmerz, wenn eS Dir Frendc macht — nnr nicht die Schande, lieber diesen Gegenstand — stille!" Viertes Kapitel. Da ich den früheren Theil des Tages mir selbst überlassen war, so wandcrte ich allein und neugierig dnrch die ungeheure Wildnis Londons. Ich gewöhnte mich allmälig an die Einsamkeit inmitten einer großen Bevölkerung und hörte bald auf, mich nach den grünen Feldern zu sehnen. Die rührige Thätigkeit rings um mich her, die mich Anfangs wehmüthig stimmte, wurde bald belebend und übte zuletzt einen ansteckenden Einfluß auf mich. Für einen regsamen Geist ist nichts so verführerisch, als der Anblick des Gewcrbfleißes. Die goldenen Feiertage einer unbeschäftigten Kindheit begannen mir zu entleiden; ich fing an, nach Thätigkeit zu seufzen und mich nach einer Laufbahn umzusehen. Die Universität, auf die ich mich früher so sehr gefreut hatte, trat mehr und mehr in eine trübe, klösterliche Ferne, und nur in den emsigen Gruppen, welche ich in Londons Straßen bemerkte, schien mir wahres Leben zu sein. Tag um Tag erwachte mein Geist mehr; er trat heraus aus dem rosigen Morgcnroth der Knabenzeit und fühlte das Ur- thcil Kaiu'S unter der hochstehenden Sonne der Menschheit. Onkel Jack hatte mit seiner neuen Speculation im Interesse des allgemeinen Wohls bald so viel zu thnn, daß wir ihn nnr wenig sahen — die Essenszeiten natürlich aus- L31 genommen; denn ich muß ihm die Gerechtigkeit wicdcrfah- rcn lassen, daß er diese pünktlich einhiclt, obschon er uns jedesmal zu verstehen gab, welche Opfer er um unsercrwillcn bringe, da er schon wieder eine Einladung abgclchnt habe. Auch der Kapitän wurde in der Regel nach dem Frühstück unsichtbar, speiste selten mit uns zu Mittag und kehrte oft sehr spät zurück. Er hatte einen eigenen Hausschlüssel und konnte sich daher öffnen, wann er wollte. Sein Schlafgemach befand »sich neben dem mcinigcn, und hin und wieder weckte mich sein Tritt auf der Treppe; mitunter hörte ich ihn auch unruhig in seinem Zimmer hin und hergehcn, und cs kam mir gelegentlich vor, als ob der alte Mann tief aufseufze. Sein Aussehen wurde mit jedem Tage kummervoller und sein Haar grauer. Dennoch benahm er sich in der Unterhaltung mit uns ruhig und sogar heiter, so daß ich der einzige im Hause sein mußte, welcher den nagenden Schmerz bemerkte, über den der standhafte alte Spartaner den Mantel des Anstandes warf. Mitleid, mit Bewunderung verbunden, machte mich neugierig, wie er wohl die Tage, welche ihm sonnruhige Nächte bereiteten, zubringe; denn ich fühlte in mir die Ueber- zengnng, wenn ich in den Besitz seines Geheimnisses gelangen könne, werde ich wohl auch den richtigen Weg finden, ihn mit Trost und Beistand zu unterstützen. Nach vielen GewissenSbcdcnkcn, die ich übrigens bald durch meine Beweggründe zum Schweigen brachte, beschloß ich endlich, eine Befriedigung meiner entschuldigbarcn Neugierde zu versuchen. L82 Eines Morgens, als ich ihn das Hans verlassen sah, schlich ich mich seiner Spur nach und folgte ihm in der Entfernung. Der Leser muß mir nun durch die Windungen des Tages folgen. Mein Onkel ging Anfangs trotz seines Korkbeins mit festem Schritte dahin — seine hagere Figur aufrecht und die Brust unter dem fadenscheinigen, aber sauber- gehaltenen Nock soldatisch vorgeschoben. Zuerst schlug erden Weg in die Umgegend von Leieestcr Square ein und schritt mehrcremale ans dem Isthmus hin und her, der von Pie- cadilly aus nach dem Revier der Fremden und nach den Gassen und Höfen führt, welche sich von da gegen St. Martin hinziehen. Nachdem er einige Stunden so verbracht hatte, wurde sein Gang langsamer, und er nahm oft den glatten, haarlosen Hut ab, um sich die Stirne zu wischen. Endlich schlug er die Richtung nach den beiden großen Schauspielhäusern ein, blieb vor den Theaterzetteln stehen, als sinne er ernsthaft nach, ob sich hier wohl eine Aussicht auf Unterhaltung biete, wanderte langsam durch die schmalen Straßen, welche diese Tempel der Musen umgeben, und gelangte zuletzt an den Strand. Hier gönnte er sich etwa «ine Stunde in einer kleinen Spcisewirthschaft Rühe, und als ich, an dem Fenster vergehend, hinciublicktc, sah ich ihn bei einem einfachen Mahle sitzen, das noch fast unberührt vor ihm stand, während er über den Ankündigungsspalten der Times brütete. Nachdem er mit der Zeitung fertig war, genoß er mit sichtlichem Widerwillen noch einige Bissen, legte dann einen Schilling ans den Tisch, steckte die L33 hcrauögcgebcnen Pence zu sich, und ich gewann kaum noch Zeit genug, bei Seite zu schlüpfen, als er schon wieder auf der Schwelle erschien. Zögernd blickte er umher; aber ich nahm mich wohl in Acht, daß er mich nicht entdecken konnte. Dann machte er sich nach den fashionablcren Stadttheilcn auf den Weg. Es war jetzt Nachmittag, und trotz der frühen Stunde wimmelte doch die Straße von Leben. Als er auf dem Watcrlooplatz anlangte, galoppirte auf einem schönen Fuchsen ein schmächtiger Mann vorüber, der, wie mein Onkel, den Rock über der Brust zugeknöpft trug und dem jedes Auge nachschaute. Onkel Roland blieb stehen und legte die Hand au seinen Hut; der Reiter brachte den Vorder- finger an den scinigen und galoppirte weiter, während mein Onkel sich umwandte und ihm nachsah. „Wer ist —" fragte ich einen Ladenjungc» unmittelbar vor mir, der dem Manne gleichfalls nachglotzte — „wer ist jener Gentleman zu Pferd ?" „Ei, wer sonst, als der Herzog," antwortete der Junge in verächtlichem Tone. „Der Herzog?" „Wellington — Tölpel!" „Danke schön," versetzte ich demüthig. Onkel Roland war jetzt schnelleren Schritts in Regentstreet eingetrctcn, denn der Anblick des alten Führers hatte dem alten Soldaten wohlgcthan. Hier wandelte er wieder auf und ab, bis ich, der ich ihn von der anderen Seite des Weges aus beobachtete, vor Ermüdung fast znsammenbrach, obschon ich für einen rüstigen Fußgänger galt. Aber das 234 Tagwerk des Kapiläns war nach nicht hälftig vorbei. Er nahm seine Nhr heraus, hielt sie ans Ohr, steckte sic dann wieder ein, nnd begab sich nach Bond-strect, von wo aus er nach Hydcpark ging. Dort lehnte er sich in angenschcinlicher Erschöpfung an das Geländer nnfern der Bronce-Statuc, nnd seine Haltung drückte große Niedergeschlagenheit anS. Ich setzte mich nnfern der Statue in das Gras nnd blickte nach ihm hin. Der Park konnte im Vergleich mit den Straßen leer genannt werden; aber dennoch sah man hin und wieder einen müßigen Reiter nnd viele Spaziergänger. Mein Onkel betrachtete die Vorübergehenden aufmerksam, und gelegentlich machte wohl auch ein alter Offizier — ich hatte nämlich diese Gentlemcn selbst in Civilkleidung bereits entdecken-gelernt — Halt, nm ihn anznrcden ; aber cs kam mir vor, als ob sich der Kapitän solcher Begrüßungen schäme. Er gab kurze Antworten und wandte sich wieder ab. Der Dag schwand dahin — der Abend kam — der Kapitän schaute wieder auf seine llhr, schüttelte den Kopf nnd suchte sich eine Bank, ans welcher er — den Hut in die Stirne gedrückt nnd die Arme gekreuzt — regungslos sitzen blieb bis der Mond anfging. Ich hatte seit dem Frühstück nichts genossen nnd fühlte daher einen wahren Wolfshunger, hielt aber doch ans meinem Posten ans wie eine alte römische Schildwachc. Endlich erhob sich der Kapitän und kehrte wieder nach Pieadilly zurück. Aber wie verschieden war seine Miene und Haltung! Müde, gebeugt, die Brust eingesunken, daS Haupt geneigt nnd ein Bein das andere nachschleppend, so daß seine W» L3S Gelähmtheit schmerzlich bemerkbar wurde. Welch ein Gegensatz zwischen dem gebrochenen Invaliden am Abend und dem mannhaften Veteran am Morgen! Wie sehnte ich mich, vorwärts zu eilen und ihm meinen Arm anzubietcn! Aber ich wagte cs nicht. Der Kapitän machte an einem Miethkutschenstande Halt. Er griff in die Tasche, zog seine Börse heraus und fuhr mit den Fingern über das Netzwerk; aber der Beutel glitt wieder in die Tasche zurück, und mein Onkel richtete, als koste es ihn schwere Anstrengung, den Kopf auf, um mannhaft weiter zu gehen. „Wohin jetzt zunächst?" dachte ich. „Sicherlich nach Hanse! Nein; er kennt kein Erbarmen." Der Kapitän hielt nicht wieder an, bis er eines der kleinen Theater im Strand erreicht hatte; dann las er den Zettel und fragte, ob der Halbpreis bereits stattfinde. „So eben," lautete die Antwort, und Onkel Roland trat ein. Ich nahm gleichfalls ein Billet und folgte. Als ich an die offene Thüre des Erfrischungszimmers gelangte, stärkte ich mich mit etwas Zwieback und Sodawasser. Und in der nächsten Minute erblickte ich zum erstenmal in meinem Leben ein Theater. Aber das Spiel hatte keinen Zauber für mich. ES war die Mitte eines launigen Nachstücks, und rings um mich her tönte schallendes Gelächter. Ich konnte durchaus nichts zum Lachen entdecken, und während ich meine scharfen Augen in allen Ecken umherschweifcn ließ, bemerkte ich endlich in der obersten Reihe ein Gesicht, das ebenso ernst war, wie das meinige. — licurelea! Es war das deS Kapitäns! LS6 „Warum geht er aber in ein Theater, wenn es ihm so wenig Genuß bereitet?" dachte ich. „Der arme Mann hätte doch wahrhaftig seinen Schilling besser ans ein Kabriolet verwendet!" Bald sammelten sich einige geschniegelte Männer und noch geputztere Damen in des armen Kapitäns einsamer Ecke. Er wurde unruhig — erhob sich — und verschwand. Ich verließ meinen Platz und stellte mich in dem Bogengang ans, um ihm abznpasscn. Er kam die Treppe herunter gestelzt — ich trat in den Schatten zurück. Nachdem er eine Weile zweifelnd Halt gemacht hatte, trat er keck in das Er- frischnngszimmcr oder den Salon. Letzterer war, seit ich ihn das Letztem»! besucht hatte, gedrängt voll geworden, so daß ich unbemerkt hincinschlüpfen konnte. Es war seltsam, unheimlich und doch ergreifend, den alten Soldaten in Mitte dieses lebensfrohen Schwarmes zu sehen. Er ragte über ihn hinaus, wie ein homerischer Held, denn er war um einen Kopf höher, als der Größte; auch erregte scin Aenßcres so viel Aufsehen, daß sich die Aufmerksamkeit der Schönen augenblicklich ihm znwandte. In meiner Einfalt hielt ich es für die natürliche Empfindsamkeit dieses liebenswürdigen und scharfblickenden Geschlechts, welches so leicht den Kummer entdeckt und ihn zn lindern bemüht ist, was drei Damen in seidenen Kleidern — die eine hatte einen Federhnt und die beiden andern trugen eine Fülle von Locken — bewog, eine kleine Gruppe von Herren, die sich mit ihnen unterhalten hatten, zu ver- 237 lasse», »in sich vor meinem Onkel aufzupflanzen. Ich stahl mich im Gedränge näher, um zu hören, was vorgicng. „Ich bemerke, daß Ihr Jemand sucht," sagte die eine vertraulich, indem sie mit ihrem Fächer ihn anf den Arm klopfte. Der Kapitän fuhr zusammen. „Ma'am, Ihr habt nicht Unrecht," versetzte er. „Ist cs mit mir nicht eben so gedient?" sagte einer dieser entleidigcn Engel mit himmlischer Süßigkeit. „Ihr seyd sehr gütig. Ich danke Euch — nein, nein, Ma'am," cntgegnetc der Kapitän mit seiner besten Verbeugung. „Genießt ein Glas Glühwein," sagte eine Andere, als ihre Freundin ihr Platz machte. „Ihr scheint ermüdet zu seyn, und ich bin's auch. Kommt hicher!" Und sie faßte seinen Arm, um ihn nach dem Tische zu führen. Der Kapitän schüttelte wehmüthig den Kopf. Dann — als entdecke er plötzlich die Natur der Aufmerksamkeit, die an ihn so reichlich verschwendet wurde — sah er, ohne in seiner ritterlichen Verehrung gegen das schöne Geschlecht, das er auch in seinen Auswürflingen achtete, die Hand ab- znschütteln, mit einem Blicke so milden Vorwurfs und zarten Mitleids auf die holden -Armiden nieder, daß jedes dreiste Auge beschämt sich senkte. Die Hand wurde scheu und uu- willkührlich von seinem Arm zurückgezogen, und mein Onkel ging seines Weges. Er verlor sich im Gedränge und verließ das" Theater durch die entlegenere Thnre. Ich errieth seine Absicht und harrte seiner auf der Straße. 238 „Nun endlich nach Hanse — dem Hinnncl sei) Dank!" dachte ich. Wieder fehlgcschoffen! Mein Onkel begab sich zuerst nach jenem bekannten Schlupfwinkel, der, wie ich seitdem erfuhr, den Namen „Schatten" führt, kam aber bald wieder heraus und klopfte endlich in einer der Straßen außerhalb St, James an die Thürc eines Privathanscs. Sie wurde vorsichtig geöffnet und hinter ihm sogleich wieder abgeschlossen , während ich außen stehen blieb. Was mochte dies für ein Hans seyn? Ich stand da und harrte: einige andere Männer kamen heran — abermals ein gedämpfter Einzelnschlag — wieder das vorsichtige Aufgchcn der Thürc und das verstohlene Eintreten. Ein Polizeidicner ging einigemal an mir vorbei. „Laßt Euch nicht verführen, junger Mann," sagte er, mich scharf ansehend. „Folgt meinem Rath und geht nach Hanse." „Was ist denn dies für ein Hans?" fragte ich, und eine Art Schauder überflog mich bei dieser bedeutungsvollen Warnung. „Oh, Ihr werdets Wohl wissen." „Nein; ich bin fremd in London!" „Es ist eine Hölle," versetzte der Polizeidicner, dem mein offenes Wesen die Ueberzeugung gegeben hatte, daß ich die Wahrheit sprach. „Gott behüte mich! Eine — was? Unmöglich kann ich Euch recht verstanden haben." „Eine Hölle — ein Spielhaus!" „Oh!" — und ich ging weiter. Konnte Kapitän Roland, dieser starre, sparsame und karge Mann ein Spieler scyn? Mit cincniinale ging mir ein Licht auf. Der unglückliche Vater suchte seinen Sohn! Ich lehnte mich gegen einen Pfosten und gab mir alle Mühe, mein Schluchzen zu unterdrücken. Bald hörte ich die Thüre anfgchcn. Der Kapitän kam heraus und trat den Heimweg an. Ich eilte ovrans und erreichte unsere Wohnung zuerst, zur unaussprechlichen Erleichterung meiner Eltern, die mich seit dem Frühstück nicht mehr gesehen hatten und über mein langes Ausbleiben höchlich bestürzt waren. Ich ließ mich geduldig ausschmälen, indem ich mich damit entschuldigte, daß ich den Raritäten Londons nachgegangcn und dabei rerirrt sey. Ich bat um Einiges zum Nachtessen und schlich mich zu Bette; fünf Minuten später schleppte sich der müde Schritt des Kapitäns die Treppe hinan. Sechster Abschnitt. , Erstes Kapitel. „Ich weiß dies nicht," sagte mein Vater. Und waS weiß mein Vater nicht? Er weiß nicht, daß „Glück unseres Dqseyns Ziel und Ende seh." Und wie kommt mein Vater sachgemäß zu einer so skeptischen Erwiederung ans eine Behauptung, die so wenig an- gcfochtcn wird? Lieber Leser, Mr. Trcvanion sitzt schon seit einer halben Stunde in unserem kleinen Bcsnchzimmcr. Er hat von der schönen Hand meiner Mutter zwei Taffen Thce empfange» und sich's ganz heimisch gemacht. Mit Mr. Trcvanion ist noch ein anderer alter Freund meines Vaters gekommen, den er seit seinem Abgang vom College nicht mehr gesehen hat — Sir Scdley Bcaudesert. Es ist ein warmer Abend, ein wenig nach neun Uhr — ein Abend zwischen dem scheidenden Sommer und dem nahenden Herbst. Die Fenster stehen offen; wir haben einen Balkon vor denselben, den die Sorgfalt meiner Mutter mit Blumen füllte. Obgleich wir in London sind, ist die Luft frisch und angenehm — die Straße ruhig, nur daß hin und wieder eine Egnipagc oder ein Micthcabriolet vorbeiraffelt — einige Fußgänger gehen ans ihren, Heimwege geräuschlos ab und zu. Wir befinden uns ans classischcm Boden — in der Nähe des alten ehrwürdigen Museums, jener klösterlichen Gebäudeinaffe mit ihren Schätze» von Gelehrsamkeit, welche der Geschmack des Jahrhunderts noch immer geschont hat — und die Ruhe eines Tempels scheint die Umgebung zu heiligen. Kapitän Roland sitzt bei dem Kamine, obschon kein Feuer darin brennt, und beschattet sein Gesicht misieinem Handschirm; mein Vater und Mr. Trcvanion haben in der Mitte des Zimmers ihre Stühle znsammengerückt; Sir Sedley Bcaudesert lehnt in der Nähe des Fensters au der 24t Wand; im Hintergründe befindet sich meine Mutter, die nur um so hübscher und lieblicher auSsieht, weil ihr Austin seine alten Freunde um sich hat; und ich betrachte, den Ellenbogen ans den Tisch und mein Kinn ans die Hand gestützt, mit großer Bewunderung den Sir Sedley Bcandcserr. Seltenes Musterbild eines rasch dahinschwindcndcn Schlages! — Musterbild eines ächten feinen Gentleman, ehe das Wort „Dandy" bekannt war und der Ausdruck „Ergnisit" znm Substantirmm wurde — laß mich hier inne halten, um dich zu schildern! Sir Sedley Bcandesert war ein Altersgenosse Treyanions und meines Vaters, sah aber ohne alle Erkünstelung noch jung ans. Anzug, Ton, Blick, Benehmen — alles war jung, aber mit einer gewissen Würde gepaart, die nicht der Jugend angehörte. Im Alter von fünfundzwanzig hatte er errungen, was den Ruhm eines französischen Marquis vom alten Regime ausgemacht haben würde — er war nämlich der bezauberndste Mann des Ta- gcS, von den Männern sehr geschätzt nno ein Liebling der Damen. ES ist, denke ich, ein Jrrthnm, wenn man annimmt, daß es keines Talents bedürfe, nm in die Mode zu kommen; jedenfalls war Sir Sedley in der Mode und hatte Talent. Er war viel gereist, hatte viel gelesen — namentlich Memoiren, Gcschichtswerke und Belletristik — machte anmnthige Verse, in welchen sich eine originelle Leichtigkeit des WitzeS nnd höfische Feinheit anssprach, entzückte durch seine Unterhaltung, zeigte in seinem Benehmen die feinste Bildung, war tapfer und ehrenhaft nnd konnte wohl mit Worten schmeicheln, während er in den Thaten aufrichtig blieb. Bulwer, die Cartone. 46 Sir Scdley Beaudesert hatte nie gcheirathct. Wie hoch er auch in den Jahren stehen mochte, so sah er doch immer noch jung genug ans, daß eine Dame den Bund der Ehe auS Liebe mit ihm hätte eingehen können. Er war hoch- geboren, reich und, wie ich bereits bemerkte, allgemein beliebt. Dennoch lag auf seinem schönen Antlitz ein Ausdruck von Schwcrmnth und auf der Stirne — rein von den Furchen des Ehrgeizes und der Last des Studiums — ein Schatten unverkennbarer Trauer. „Ich weiß dies nicht," sagte mein Vater. „Ich habe in meinem Leben noch nie einen Menschen gefunden, der das Glück zu seinem Ziel und Ende machte. Der Eine will sich ein Vermögen erringen, der Andere cs hinansjagcn — dem Einen ist's um eine Stelle, dem Andern um einen Namen zu thnn; aber sic alle wissen recht wohl, daß cS nicht das Glück ist, wonach sie ringen. Ein Utilitarier hat sich nie von Selbstsucht leiten lassen, wenn sich der arme Mann nicder- setzte, um seine unpopulären Einfälle über die Allgemeinheit der Selbstsucht zu Papier zu bringen; und was jene merkwürdige Unterscheidung zwischen gemeiner Selbstsucht und einer cdeln betrifft, so bin ich der Ansicht, daß wir uns von der letzteren um so weniger leiten lassen, je mehr sie dieses Prädicat verdient. Wenn Ihr dem jnngen Mann, der eben ein schönes Buch geschrieben oder eine schöne Rede gehalten hat, vorzustellcn sucht, selbst wenn er sich den Ruf eines MiltonS oder die Macht eines Pitts erringe, werde er doch nicht glücklicher scyn, denn um sich sein Glück zu bauen, müsse er eine Farin kultiviren, auf dem Lande leben und L43 in solcher Weise sich Gicht nndVerdannngsschwäche bis zum Ende der Tage vom Leibe halten — so wird er Euch nn- verholen die Antwort geben: — 'Ich weiß dies Alles so gut als Ihr; aber ich mache mir keine Gedanke» darüber, ob ich glücklich sein werde, oder nicht. Ich habe mir's nun einmal in den Kopf gesetzt, wenn es geht, ein großer Schriftsteller oder Premierminister zu werden. So ist's bei allen regsamen Wcltkindern. BorwärtSdrängen — dies ist ein . Gesetz der Natur. Man kann ebenso wenig zu den Menschen und Völkern als zu den Kindern sagen: — 'Bleibt ruhig ! sitzen, damit sich eure Schuhe nicht abnützcn!" ^ „Wenn ich Euch also sage," versetzte Mr. Trevanion, ! „daß ich nicht glücklich Lin, so habt Ihr nur die Antwort darauf, ich gehorche hierin einem unabänderlichen Gesetze?" „Nein! Ich behaupte nicht, es sey ein unabänderliches > Gesetz, daß der Mensch nicht glücklich sey, wohl aber, daß ' er gegen seinen Willen für etwas leben müsse, was höher steht, als sein Glück. Wie egoistisch auch Einer sehn mag, so kann er doch nicht in sich selbst oder für sich selbst leben. Jeder seiner Wünsche bringt ihn mit Anderen in Verbindung. Der Mensch ist keine Maschine, sondern bildet nur einen Theil derselben." „Du hast Recht, Bruder — der Soldat ist Soldat, aber keine Armee," bemerkte Onkel Roland. „Das Leben ist ein Drama, kein Monolog," fuhr r mein Baker fort. „Drama stammt von einem griechische» H Zeitwort ab, das thun bedeutet. Jeder Schauspieler im ä Drama hat etwas zu thnn, was zum Fortschritt des Ganzen . 16 " 244 beiträgt — dies ist das Ziest das ihm der Autor angewiesen hat. Handelt in Eurer Rolle, und laßt das große Spiel seinen Fortgang nehmen." „Ah!" entgcgnete Trevanion rasch; „aber eben in diesem Handeln liegt die Schwierigkeit. Jeder Mitspielende hilft die Eatastrophe hcrbciführcn, und doch muß er in seiner Nolle fortfahrcn, ohne daß er weiß, wie Alles enden wird. Wirkt er bei einem Trauerspiel mit oder bei einem Lustspiel? Hört mich an — ich will Euch daS eine Geheimniß meines öffentlichen Lebens mittheilen — dasjenige, welches sein Fehlschlagen (denn ungeachtet meiner Stellung habe ich doch meinen Weg verfehlt) und sein Leid erklärt — cs gebet ch t m i r d i e N e b er; e n g u » g !" „Ganz richtig," erwiederte mein Vater. „Dies rührt daher, weil jede Frage zwei Seiten hat und Ihr sie beide in's Auge faßt." „Ihr habt es mit eineinmale ausgesprochen," entgeg- ncte Trevanion gleichfalls lächelnd. „Für's öffentliche Leben sollte der Mann einseitig sehn. Er muß mit einer Partei handeln, und diese besteht darauf, daß der Schild silbern sey, während man, sobald inan sich nur die Mühe nimmt, die Ecke nmzubiegcn, entdecken kann, daß die Kehrseite aus Gold bestehe. Wehe dem Manne, der diese Entdeckung nur allein macht, denn seine Partei wird immer noch auf den bloßen Silbergehalt schwören — und dies nicht nur einmal im Leben, sondern jeden Abend." „Ihr habt völlig genug gesagt, um mich zu überzeugen, daß Ihr nicht zu einer Partei gehören mögt," versetzte 248 mein Vater, „aber nicht genug in» mich darüber anfznklären, warum Ihr nicht solltet glücklich sey» können." „Erinnert Ihr Euch nicht einer Anekdote des ersten Herzogs von Pvrtland?" sagte Sir Sedley Beandescrt. „Er hatte in dem großen Stall seines Landhauses in Holland eine Galerie, von welcher ans wöchentlich ein Cvncert gegeben wurde, um seine Pferde aufznmuntern und zu unterhalten. Ich zweifle nicht daran, daß die Thiere dabei recht gut gediehen. Unserem Freund Trcvanion fehlt wöchentlich ein Concert. Bei ihm heißt's immer Sattel und Sporn. Und doch, wer sollte ihn im Grunde nicht beneiden? Wenn das Leben ein Drama ist, so steht sein Name hoch oben auf dem Theaterzettel, und man liest ihn mit fetter Schrift gedruckt an den Wänden." „Mich beneiden?" rief Trcvanion — „mich? — Nein, Ihr seyd der bencidenswerthe Mann — Ihr, der Ihr nur einen einzigen Kummer in der Welt habt, und zwar noch obendrein einen so albernen, daß ich Euch das Noth in's Gesicht jagen will, wenn ich ihn enthülle. Hört nur, o weiser Austin, o mannhafter Roland! — Olivarcs wurde von einem Gespenst umspuckt, dem Sir Sedley Beandescrt aber macht die Furcht vor dem Alter zu schaffen." „Ei, ich denke," sagte meine Mutter ernst, „man braucht doch einen tiefen religiösen Sinn oder jedenfalls eigene Kinder, in denen man sich wieder verjüngt, wenn man sich mit dem Altwerdcn versöhnen soll." „Meine liebe Madam," versetzte Sir Sedley, der bei Trevanions Beschuldigung leicht erröthct war, nun aber 246 seine ganze ruhige Fassung wieder gewonnen hatte, „Ihr habt so bewunderungswürdig gesprochen, daß ich den Mnth gewinne, meine Schwäche einzngcstehcn. Ich fürchte mich allerdings vor dem Alter. Alle Freuden meines Lebens sind die Freuden der Jugend gewesen. Das bloße Gefühl des Lebens hat für mich etwas so ausgesucht Wonniges, daß das heranrückendc Alter mich durch seine trüben Augen und seine grauen Haare erschreckt. Ich habe wie ein Schmetterling dahin gelebt. Der Sommer ist vorüber; meine Blumen welken nnd meine Schwingen werden lahm beim ersten Wintcrlüftchen. Ja; ich beneide Mr. Trevanion; denn im öffentlichen Leben ist der Mensch nie jung, und so lang er thätig zu sehn vernrag, kann er nicht altern." „Mein thcnrcr Bcaudescrt," sagte mein Vater, „als der heilige Amable, der Schutzpatron von Riom in der Anvcrne nach Nom pilgcrte, versah bei ihm die Sonne die Stelle eines Dieners, indem sie in der Hitze de» Mantel nnd die Handschuhe für ihn trug und bei einer Wettervcrändc- rnng wie ein Schirm den Regen von ihm abhiclt. Ihr möchtet nun die Sonne zu demselben Zwecke benützen. Darin habt Ihr wohl Recht, aber Ihr seht selbst ein, daß Ihr zuvor ein Heiliger werden müßt, che Ihr der Sonne solche Dienstleistungen anmuthen könnt." Ein bezauberndes Lächeln flog über Sir SedleyS Gesicht, verwandelte sich aber in einen Seufzer, als er erwiderte : „Ich denke nicht, daß es mir sonderlich um eine Heiligenglorie zu thun wäre, wenn die Sonne nur meine Schild- L47 wache statt eines Bediente» sevn wollte. Ich verlange von ihr nichts, als daß sie still stehen soll. Ihr seht, sic bewerte sich sogar vor dein heiligen Amable her. Meine liebe Madame, Ihr nnd ich, wir beide verstehen einander. ES ist in der Thal hart, alt werden zu müssen, wenn man sich doch alle Mähe gibt, jung zu bleiben." „Was sagst Du zu diesen beiden Malcontenten, Roland?" fragte mein Vater. Der Kapitän drehte sich unruhig in seinem Stuhle, denn der Rheumatismus zerrte in seiner Schulter nnd schneidende Schmerzen schoßen durch sein zcrsnimmeltes Bein. „Ich bin der Meinung," antwortete Roland, „daß sie ein Marsch von Brcntford nach Windsor ermüdet hat — sie wissen nichts von einem Bivonac oder einer Schlacht." Die beiden Unzufriedenen richteten ihre Blicke ans den Veteran; die Angen hafteten zuerst ans den gefurchten kummervollen Zügen seines Adlergesichts, senkten sich dann nach dem steifen ausgestreckten Korkbein nnd wandten sich endlich ab. Inzwischen warmeine Mutter leise anfgcstanden, beugte sich unter dem Scheine, als suche sic ans dem Tisch in der Nähe des alten Soldaten ihre Arbeit, zu ihm nieder und drückte ihm die Hand. „Gentlemcn," sagte mein Vater, „ich denke nicht, daß mein Bruder je etwas von dem griechischen Komödiendichter Nichoeorus hörte, nnd doch hat er ihn trefflich kcmmentirt. NichocoruS sagt, 'das beste Heilmittel für Betrunkenheit sey cin plötzliches Unglück. Ans dis chronische Trunkenheit Sl8 müßte wohl eine fortgesetzte Reihe wirklich^ Uuglücksfälle sehr heilsanr wirken." Die Malcontcntcu blieben die Antwort schuldig, und mein Vater griff nach dem großen Buche. Zweites Kapitel. „Meine Freunde." sagte mein Vater, von seinem Buche aufblickcnd und sich an seine zwei Gäste wendend, „ich kenne ein Heilmittel, milder als das Unglück, welches euch beiden sehr gute Dienste leisten würde." „Und das wäre?" fragte Sir Scdleh. „Ein Safransack, den man in der Magengrube tragen muß." „Mein lieber Austin!" sagte meine Mutter vorwurfsvoll. Mein Vater aber achtete nicht auf diese Unterbrechung, sondern fuhr gravitätisch fort: „Es gibt nichts besseres für die Lebensgeisters Roland bedarf eines solchen Mittels nicht, weil er ein Kricgömann ist nnd die Kampflust sowohl als die Hoffnung des Sieges den Lebensgeistern so viel Hitze zuführt, als für ein langes Leben und die Erhaltung des Organismus wünschenswerth erscheint." „Pah!" sagte Trevanion. „Aber Gcntlcmcn in eurer Lage müssen zu künstlichen Mitteln ihre Zuflucht nehmen. Salpeter in Fleischbrühe zum Beispiel — ungefähr drei bis zehn Grane — (Vieh, 249 dem mau Salpeter iws Futter mischt, wird fett) — oder erdige Gerüche, wie man sie im Kohl und in den Gurken findet. Ein gewisser großer Lord ließ sich jeden Morgen nach dem Erwachen eine in ein Tellertnch gewickelte frische Erdscholle unter die Nase halten. Leichte Einreibungen von Tel, mit Salz nnd Rvscnblättern digcrirt, sind nicht schlecht; aber am allerbesten wirkt doch der Safransack, ans die —" „Mein lieber Sisty. willst Tn nicht nach meiner Scheerc sehen?" sagte meine Mutter. „Welchen Unsinn schwatzt Ihr da! Umfrage — Umfrage !" rief Mr. Trevanion. „Unsinn?" rief mein Vater seine Auge» weit öffnend. „Ich gebe Euch den Rath des Lords Baeon. — Es ist Euch um Ucbcrzcugnng zu thnn — Ueberzeugnng quillt aus der Leidenschaft, die Leidenschaft ans den Lebensgeistern, und die Lebensgeister erhalten ihren Sporn von dem Safransack. Ihr, Beaudescrt, wünscht die Jugend festznhalten. Derjenige erhält sie am längsten, welcher am längsten lebt. Nichts trägt mehr zu einem langen Leben bei, als ein Safransack, vorausgesetzt, daß man ihn stets auf der —" „Sisty meinen Fingerhnt!" sagte meine Mutter. „Ihr macht Euch mit Recht über uns lustig," entgegnest Bcandesert lächelnd, „und ich will wohl glauben, daß das nämliche Mittel uns beide heilen würde." „Ja," sagte mein Vater — „kein Zweifel daran. In der Magengrube liegt jenes große Centralgewebe von Nerven, welches man das (lanxlion solare nennt; dieses steht rsn mit dein Gehirn und dem Herzen in Verbindung. Mr. Lqnills hat unö dies auseinander gesetzt, Sisty." „In," versetzte ich; „aber ich habe Mr. Sgnills nie von einen, Safransack sprechen hören." „O thörichtcr Knabe, cs ist nicht der Safransack, sondern der Glaube an denselben. Wende den Glauben ans ein Ncrvencentrnm an und cS wird alles gut gehen," sagte mein Vater. Drittes Kapitel. „Aber cs es ist ein Tcnfclsding, wenn man in ein gar zu zartes Gewissen hat !" bemerkte das Parlamentsmitglied. „Und ich sehe auch nichts Englisches darin, wenn man seine Vorderzähne verliert," seufzte der feine Gentleman. Jetzt erhob sich mein Vater und entledigte sich, mono suo die Hand in seine Weste steckend, seiner famosen Predigt über den Zusammenhang zwischen Glauben und Erfolg. Famos war sic in unscrm häuslichen Kreise, denn sic ist bis jetzt nicht über denselben hinansgekommen. lind da der Leser wahrscheinlich die Cartonmcmoircn nicht in der Erwartung dnrchblättcrt, Predigten darin zu finden, so möge ihr Ruhm aus diesen Kreis beschränkt bleiben. Nur soviel muß ich darüber bemerken, daß es eine sehr schöne Predigt war und daß sie, für mich wenigstens, den unanfechtbaren Beweis von der hohen Wirksamkeit eines auf das Sonnen- 261 geflccht gelegten Safransackcs lieferte. Aber der weise Ali scigt: „Ein Thor weiß nicht, warum er so klein anösicht, und wird auch dem kein Gehör schenken, der ihm Rath crtheilcn will." Ich kann nicht behaupten, daß meines Vaters Freunde Thören waren; indeß fielen sie sicherlich unter diese Definition der Thorheit. Viertes Kapitel. Denn cs folgte darauf nicht llebcrzengung, sondern eine Debatte; Trevanion war logisch, Bcaudesert sentimental. Mein Vater hielt fest an dem Safransack. Als Jacob I seine Betrachtungen über das Gebet des Herrn dem Herzog von Buckingham widmete, gab er sehr vernünftig als Grund an, warum er den gnädigen Herrn mit dieser Ehre bedacht habe — „sie sind angestellt über ein sehr kurzes und einfaches Gebet und passen daher trefflich für einen Hofmann; denn meist haben die Höflinge weder Lust noch Muße, lange Gebete zu sprechen, da sie es lieber mit der conrto messe et Io»x äisner halten." Vermnthlich leitete meinen Vater ein ähnlicher Beweggrund, als er darauf bestand, dein Parlamentsmitglied nnd dem feinen Gentleman stets diese seinr „kurze nnd einfache" Moral zu Gemüthe zu führen — nämlich den Sasransack. Augenscheinlich war xr der Ucberzcu- gnng, wenn er sie nur bewegen könne, von dem Mittel Gebrauch zu machen, so sep alles Erforderliche geschehen; aber sie hatten weder Lust noch Muße für weitere Belehrung, lind dieser Safransack — in jede Argumentation plnmpte er 252 als Schlußsatz hinein. Man hätte meinen Vater für einen der plebejischen Kämpfer in den beliebten Ordalicn halten können, welche, weil ihnen der Gebrauch non Schwert und Lanze untersagt war, sich mit einem an einen Flegelgriff befestigten Sandsack rertheidigten — schon mit einer Füllung von Sand eine niederschmetternde Waffe, aber ganz unwiderstehlich, wenn der Sack mit Safran gefüllt war! Obgleich mein Vater einer gegen zwei war, vermochten sie es doch nicht, einem so verhenkcrten Rngriffswerkzeuge gegenüber Stand zu halten. Nach dem unzählbaren „Pfui!" oder „fort damit!" des Parlamentsmanns und unterschiedlichen Grimassen von Seiten Beaudeserts gaben beide weich, obgleich keiner zugestchen wollte, daß er geschlagen sey. „Genug," sagte Mr. Trevanion; „ich sehe wohl, daß Ihr mich nicht begreift. Ich muß fortfahren, nach meinem eigenen Antriebe zu ziehen." Meines VaterS Licblingsbnch waren die Colloquien des Erasmnö, und er pflegte zu sagen, jede Seite davon biete eine Beleuchtung des Lebens. Aus diesen Colloquien antwortete er nun dem Parlamentsmitglied: - „Rabirins wollte seinen Diener Syrns znm Anfstehen veranlassen und rief ihm zu, er solle sich anzichen. 'Ich ziehe, sagt Syrns. 'Ich sehe wohl, daß Du ziehst', versetzt Rabirins, 'aber Du zic h st nichts'. Um ans den Safransack zurückzukommen — " „Znm Henker mit dem Safransack!" rief Mr. Trevanion in großem Aerger. Dann wandte er sich, während er die Handschuhe an- L53 zog, seinen Blick mildernd, an meine Mniter und sagte zu ihr mit mehr Höflichkeit, als bei ihm natürlich oder wenigstens gewöhnlich war: — „Beiläufig, meine liebe Mrs. Carlo», musi ich Euch mittheilen, daß Lady Minor morgen in die Stadt kommt, um Euch zu besuchen. Wir werden nns einige Zeit hier anf- halten, Austin; und obgleich jetzt London ziemlich leer ist, so find doch einige Personen von Bedeutung anwesend, denen ich Euch verstellen möchte, um Euch —" „Nicht doch/' versetzte mein Pater. „Eure Welt und die mcinige ist nicht dieselbe. Für mich Bücher und für Euch Männer. Wir beide, Kitty und ich, können nicht von unseren Gewohnheiten abgchen, selbst nicht um der Freundschaft willen; sie hat ein großes Stück Arbeit zu vollenden, und bei mir ist es der gleiche Fall. Berge können sich nicht bewegen, namentlich wenn sie kreisen; aber Mahomet ist in der Lage, zu den Bergen zu kommen, so oft es ihm beliebt." Doch Mr. Trevanion wollte sich nicht abwetscn laste», und auch Sir Sedley Beandescrt machte mild seine eigenen Einsprüche geltend. Beide rühmten sich ihrer Bekanntschaft mit Männern von literarischem Rufe und meinten, mein Vater werde sich gewiß angenehm unterhalten, wenn er mit ihnen zusammentreffc. Mein Vater dagegen zweifelte, ob diese schriftstellerischen Notabilitäten an Beredtsamkeit dem Cicero oder an Witz dem Aristophanes gletchkämen, und wenn cs je der Fall sey, so wolle er sie lieber aus ihren Schriften, als im Besuchzimmer kennen lernen. Kurz, er blieb unerschütterlich, und auch Kapitän Roland ließ sich nicht überreden, obschon er mit seinen Gegengründc» sparsamer war. Dan» wandte sich Mr. Trevanion an mich. „Jedenfalls sollte Euer Sohn etwas von der Welt sehen," sagte er. Die sanfte» Auge» meiner Mutter leuchteten. „Mein thenrcr Freund, ich danke Euch," versetzte mein Vater gerührt. „Ich will mit Pisislratus darüber reden." Unsere Gäste hatten sich entfernt, und wir vier sammelten uns an dem offenen Fenster, um schweigend die kühle Luft des mondhellen Abends zu genießen. „Austin," sagte endlich meine Mutter, „ich fürchte, es geschieht um meinetwillen, daß Du nicht zu Deinen alten Freunden gehen willst. Du weißt, ich würde in steter Angst leben unter so vornehmen Leuten, und —" „Und wir sind mehr als achtzehn Jahre glücklich gewesen ohne sie, Kitty. Meine armen Freunde sind nicht glücklich, aber wir können uns dessen rühmen. Das Fürsichbleiben ist eine goldene Regel, welche alle übrigen des Pythagoras aufwiegt. Die Frauen von Bnbastis, meine Liebe, einem Ort in Egypten, wo die Katzen angebctet wurden, hielten sich unverbrüchlich ferne von den Gentlcmen in Athribis, welche den Spitzmäusen göttliche Verehrung erwiese». Katzen sind Hansthiere, die Spitzmäuse aber traurige Schwenkfelder; Du kannst Dir nichts Besseres zum Muster nehmen, meine Kitly, als, die Damen von Bnbastis!" „Wie sich Trevanion verändert hat!" sagte Roland gedankenvoll — „er, der sonst so lebhaft und glühend war!" 25S „Er ist Anfangs zu schnell bergan gelaufen und seitdem nicht wieder zu Athen, gekommen," versetzte mein Vater. „lind Lady Ellinor," sagte Roland zögernd — „wirst Dn morgen bei ihrem Besuche zugegen seyn?" „Ja!" cntgcguete mein Vater ruhig. Während Kapitän Roland sprach, schien etwas im Ton seiner Frage meiner Mutter wie eine llcbcrzcngnng durchs Herz zu zucken, denn Frauen fassen in solchen Dingen gar schnell; sie zog sich zurück, erblaßte, daß es sogar im Mondschein bemcrklich wurde, und heftete ihre Blicke auf meinen Vater, während ich fühlte, daß ihre Hand, welche die meinige umfaßt hielt, krampfhaft zitterte. Ich verstand sic. Ja, diese Lady Ellinor war die frühe Nebenbuhlerin, welche sie bisher nicht einmal dem Name» nach gekannt hatte. Sic heftete ihre Blicke ans meinen Vater, athmctc wieder freier, als sie in seinem Ton und Wesen so viel Ruhe gewahrte, und entzog mir ihre Hand, um sic liebevoll ans tie Schulter ihres Gatten zu legen. Einige Momente nachher standen Kapitän Noland und ich allein an dem Fenster. „Du bist jung, Neffe," sagte mein Onkel, „und hast den Namen einer gefallenen Familie wieder in Aufnahme zu bringen. Dein Vater thnt Wohl, daß er Dir den Eintritt in die große Welt nicht versagt, denTrcvanionDir anbietet. Was mich betrifft, so scheint mein Geschäft in London vorüber zu scyn, denn ich habe nicht finden können, was ich zu suchen gekommen war! Meine Tochter ist znrückgcrnfen, und wenn sic anlangt, nehme ich sie mit mir »ach meine», 256 alte» Thurme. Der Mann und die Ruine können dann miteinander zerfallen/' „Nicht dach, Onkel. Ich will thätig sein und Geld zu verdiene» suchen; dann stellen wir den Thurm wieder her und kaufen das alte Besitzthum zurück. Mein Vater kann das rothe Backslciuhaus veräußern; wir richten ihm in der Veste eine Bibliothek ein und leben dann vereint im Frieden miteinander, so herrlich wie vor uns unsere Vorfahre»/' Während ich so sprach, waren die Augen meines Onkels auf eine Ecke der Straße geheftet, wo eine Gestalt regungslos halb im Mondlicht, halb im Schatten stand. „Ah!" sagte ich, seinem Auge folgend, „ich habe diesen Mann schon zwei oder dreimal ans der andern Seite des Wegs hin und hcrgehcn sehen, wobei er den Kopf gegen unser Fenster wandte. Unsere Gäste waren damals noch bei nnS und mein Vater in eifrigem Gespräch begriffen, sonst würde ich —" Ehe ich meinen Satz vollende» konnte, riß sich mein Onkel, einen Ausruf erstickend, los, eilte ans dem Zimmer, holperte die Treppe hinunter und befand sich bereits auf der Straße, während ich noch immer vor Erstaunen wie an die Stelle gebannt war. Ich blieb an dem Fenster, und mein Auge rnhete ans der Gestalt. Der Kapitän eilte mit unbedecktem grauen Haupte über die Straße hinüber; der Fremde fuhr zusammen, bog um die Ecke und entfloh. Dann folgte ich meinem Onkel und kam eben noch zu rechter Zeit, um ihn vor dem Fallen zu bewahren. Er lehnte sein Haupt an meine Brust, und ich hörte ihn murmeln — rs7 „Er ist's — cr ist'S! Er hat hat uns ausgesucht! — er bereut!" Fünftes Kapitel. Am nächsten Tag machte Lady Minor ihren Besuch, aber zu meinem großen Leidwesen ohne Fanny. Ob die Freude über den Vorfall der gestrigen Nacht dazu beigetragen hatte, meinen Onkel wieder zu verjüngen, oder nicht, ist mir unbekannt; so viel aber kann ich sagen, daß er mir um zehn Jahre jünger vorkam, als Lady Minor einirat. Wie sorgfältig der zugeknöpfte Nock ansgebürstet war — wie neu und glänzend die schwarze Halsbinde aussah ! Der Stolz des armen Kapitäns war wieder zurückgekehrt — ja, und gewaltig stolz nahm er sich dabei aus! Seine Wange glühte und sein Auge funkelte. Den Kopf zurückgeworfcn, die ganze Haltung gefaßt, ernst, kriegerisch und majestätisch— so daß man hätte glauben können, er erwarte an der Spitze seiner Abthcilung einen Angriff französischer Kürassirc. Mein Vater war dagegen wie gewöhnlich in seinem leichten Morgenkleide und Pantoffeln — denn erst znm Mittagessen kleidete er sich aus Achtung gegen seine Kitty sehr pünktlich. Nur ein gewisses Zusammenpreffen seiner Lippen, das man den ganzen Morgen über an ihm bemerken konnte, deutete auf den Besuch, den er erwartete, oder ans die Aufregung , welche derselbe in ihm hervorrief. Bulwer, die Cartone. 17 ?S8 Lady Ellinor benahm sich sehr gut. Sic konnte ein gewisses Beben nicht verheimlichen, als sic die auSgestreckte Hand meines Vaters cntgegennahm, und machte dem Kapitän einen rührenden Vorwnrs wegen seiner stattlichen Verbeugung, indem sie ihm die linke freie Hand mit einem Blicke hinbot, welcher Roland sogleich an ihre Seite brachte. Es war ein Verlassen seiner Fahne, gegen das in der Geschichte nichts als Neys schamvolles Benehmen bei Napoleons Rückkehr von Elba ein Scitenstück bot. Ohne ans eine Vorstellung zu warten und eh' überhaupt ein Wort gesprochen wurde, näherte sich Lady Ellinor meiner Mutter so herzlich, so liebevoll — sie legte in ihr Lächeln, ihre Stimme und ihr ganzes Wesen eine so gewinnende Anmnth, daß ich, der ich das einfache liebende Herz meiner armen Mutter so gut kannte, mich nur wundern mußte, wie sie sich enthalten konnte, die Arme nm den Nacken ihres Gastes zu schlingen und denselben rundweg zu küssen. Es mußte sie eine große Ueberwindung gekostet haben, cs nicht zu thnn ! Zunächst kam die Reihe an mich. Es wurde von mir und über mich gesprochen, so daß bald alle Theile sich recht behaglich fühlten, wenigstens dem Anscheine nach. Was alles in Anregung kam, weiß ich nicht mehr, und ich denke, daß dies bei uns allen der Fall ist. Aber es entrann eine Stunde, ohne daß in der Unterhaltung eine Lücke cintrat. Mit neugierigem Interesse und einem Blicke, der unparteiisch zu scyn bemüht war, verglich ich Lady Ellinor mit meiner Mutter; und ich begriff den Zauber, welchen die hoch- ?S9 gebvrne Dame in ihrer Jugend auf die beiden sich so unähnlichen Brüder geübt haben mußte. Denn Zauber war das charakterische Merkmal der Ladt) — ein unbeschreiblicher Zauber. ES war nicht die bloße Anmuth einer feinen Bildung , obschon diese überall durchblickte, sondern ein Zauber, welcher einer natürlichen Sympathie zu entquelle» schien. Mit wem sie auch sprechen mochte, die angeredete Person schien für den Augenblick ihre rolle Aufmerksamkeit zu fesseln und ihren ganzen Geist in Anspruch zu nehmen. Sie besaß eine eigenthümlichc Unterhaltnngsgabc, indem sic das, was sie sprach, gleichsam zu einer Fortsetzung dessen machte, was ihr gesagt wurde, so daß man meinen konnte, sie gehe in die innersten Gedanken des Redenden ein und lasse sic laut wer- d n. Ihr Geist war augenscheinlich mit großer Sorgfalt gebildet, obschou man ihr nirgends etwas oon dem Dünkel der Schule anmerkte. Ein Wink, eine Andeutung genügte, dem Unterrichteten zu zeigen, wie viel sie wußte, ohne daß der Unwissende dadurch in Verlegenheit oder Verwirrung gericth. Ja, hier war ohne Zweifel das einzige weibliche Wesen, welches für den Geist meines Vaters hätte können eine Gefährtin seyn — das au seiner Seite durch den Garten des Wissens zu wandeln und die Blumen zu sammeln vermochte, während er znm Zwecke einer freieren Aussicht das Buschwerk lichtete. Andererseits lag in Lady Ellinors Gesinnungen ein eingcborner Adel, der die empfindlichste Saite in Onkel Rolands Wesen anschlagen mußte — ein Adel, der sich beredt in Blick, Miene und in der lieblichen Würde anssprach, welche sogar jede Bewegung ihres Kopfes 17 " S60 begleitete. Sicherlich wäre sie eine passende Orinda für einen jungen RmadiS gewesen. Man konnte unmöglich verkennen, daß Lady Minor ehrgeizig war — daß sie den Ruhm nm seiner selbst willen liebte — daß sie Stolz besaß — und daß sie (sogar in krankhafter Weise) einen hohen Werth setzte ans die Meinung der Welt. Dies trat namentlich hervor, wenn sie von ihrem Gatten od.r auch von ihrer Tochter sprach. Es schien mir, als würdige sie den Geist des einen und die Schönheit der anderen nach dem Maße der öffentlichen Anszeichnung oder dem fashionabeln Eelat. So berechnete sie demnach den Werth einer Gabe, wie Ilr. Herma» mich die Höhe eines Thnrmes bestimmen gelehrt hatte — ans der Länge des auf den Boden fallenden Schattens. Mein lieber Vater, mit einer solchen Gattin würdest Dn nicht achtzehn Jahre gelebt haben, nm noch immer vor der Veröffentlichung eines großen Buclies zu schaudern! Mein lieber Lnkel, solch' ein Weib Dir zur Seite, und Du hättest Dich nicht begnügt mit einem Korkbcinc und einer Waterloomedaille! — Ich begreife wohl, warum Mr. Trc- vanion, der, wie Dn sagtest, sonst so „lebhaft und glühend" war, mit einem Herzen, das nach Erfolg im praktischen Leben trachtete, die Hand der Erbin gewann. Nun — ihr seht, es ist Mr. Trcvanivn nicht gelungen glücklich zu werden! An der Seite meiner bewundernd znhörcnden Mutter mit ibren feuchten blauen Angen und den halbvffenen Korallenlippen verblichen Lady Ellinors Reize. War sic wohl je so lieblich gewesen, als meine Mutter jetzt ist? Gewiß nicht! Allerdings viel schöner — denn welche Zartheit in ihrem S61 Profil bei aller Bestimmtheit der Züge! Die Brauen so mar- tirt — der Schnitt ihres Gesichtes etwas adlerartig — die gewölbte Nase, welche, wenn die Physiognomcn Recht haben, ans eine leicht erregbare Empfindsamkeit deutet — und die klassische Lippe, die ohne jenes Grübchen so stolz sich ausnehmen würde! Aber die Zeit hat ihre Spuren zurückge- laffen ans diesem Gesichte und das leicht erregbare Temperament dazu bcigetragen, ein Leben voll Ehrgeiz zu verkümmern. Mein lieber Onkel, ich kenne Deine früheren Verhältnisse noch nicht; was aber meinen Vater betrifft, so bin ich überzeugt, daß er bei einer Verbindung mit Lady Ellinor vielleicht mehr ans Erden geleistet hätte, aber auch dabei weit weniger passend geworden wäre für den Himmel. Endlich war dieser Besuch, welchem sicherlich wenigstens drei von der Gesellschaft mit Bangen entgegengesehen, vorüber, nachdem ich zuvor hatte versprechen müssen, daß ich am nämlichen Tage bei Mr. Trevanion mein Mittagmahl einnehmcn wolle. Als wir wieder allein waren, athmete mein Vater tief auf, sah vergnügt nm sich her und sagte: „Da Pisistratus uns verläßt, so wollen wir uns für seine Abwesenheit schadlos halten. Laßt den Schwager Jack rufen; wir gehen dann alle vier nach Richmond hinunter, um daselbst unfern The«, eiuznnehmen." „Ich danke Dir, Austin," versetzte Roland; „aber ich versichere Dir, bei mir ist eS nicht nöthig." rss „Auf Ehre?" cntgegnete mein Vater mit halbem Flüstern. „Auf Ehre !" „Bei mir auch nicht! Nun denn, Kitty und Roland, so wollen wir einen Spaziergang machen und in Zeiten wieder znrückkchrcn, damit wir sehen, ob dieser funge Anachronismus so schön aussteht, als sich von seinen neuen in London gemachten Kleidern erwarten läßt. Eigentlich sollte er mit einem Apfel in der Hand und einer Taube auf der Brust hingehe». Doch nein, ich erinnere mich — dies wurde bei den Athenern erst in den Zeiten des Alcibiades Mode." Sechstes Kapitel» Der Leser mag die Wirkung ermessen, welche daS Diner bei Mr. Trevanion nebst einer darauf folgenden langen Unterhaltung mit Lady Minor auf meinen Geist machte, wenn ich ihm mitthcile, daß ich, nachdem bei meiner Rückkehr alle Fragen der elterlichen Neugierde zur Zufriedenheit beantwortet waren, mit niedergeschlagenem Blicke nnd beklommenem Tone sagte: — „Mein lieber Vater — cs würde mich sehr freuen, wenn ihr nichts dagegen hättet — daß — daß —" „Was, mein Sohn?" fragte mein Vater freundlich. „Daß ich auf ein Anerbieten eingehe..welches mirLady Ellinor im Namen des Mr. Trevanion machte. Es fehlt ihm an einem Secretär. Er will gütige Nachsicht haben mit meiner Uncrfahrcnhcit und meint, ich werde mich bald in das Geschäft nnd tn seine Art nnd Weise finden. Lady Ellinor sagt" — fuhr ich mit Würde fort — „dies sei für mich eine wcrthvollc Einführung ins öffentliche Leben; und jedenfalls, lieber Vater, werde ich viel von der Welt sehen und Dinge lernen, die mir in Wirklichkeit weit nützlicher scheinen, als Alles, was man mich je in einem College lehren kann." Meine Mutter blickte ängstlich nach meinem Vater hin. „Dies wäre in der That für Sisty recht schön," sagte sie schüchtern und fuhr dann, ihren Mnth zusammcnnchmcnd, fort — „und gerade eine Lebensweise, wie für ihn geschaffen." — „Hum!" »ersetzte mein Onkel. Mein Vater rieb gedankenvoll seine Brille und erwie- derte nach einer langen Pause: — Du magst Recht haben, Kitty. Ich glaube nicht, daß PisistratuS große Neigung zum Studiren hat — Thätigkeit wird ihm weit besser znsagen. Aber zu was soll diese Stelle führen?" „Zn einem öffentlichen Amt, Vater," entgcgnetc ich dreist. „In den Dienst des Vaterlands." „Wenn dies der Fall ist, so habe ich kein Wort dagegen einzuwcnden," bemerkte Onkel Noland. „Jndcß hätte ich geglaubt, daß für einen Züngling von Mnth, einen Abkömmling der alten De Cartonc, die Armee —" „Die Armee?" rief meine Mutter, die Hände zusannnen- schlagend und unwillkührlich einen Blick auf das Korkbein meines Onkels werfend. L6L „Die Armee?" wiederholte mein Vater verdrießlich. „Gott behüte mich, Noland — es kömmt mir vor, Dn meinest, der Mensch sch zu nichts anderem da, als um todt- geschossen zu werden! Du möchtest wohl nicht gerne Soldat werden, Pisistratus?" „Nicht, wenn es Euch und meiner lieben Mutter mißfällt, Vater. Anderenfalls freilich —" „pagav!" unterbrach mich mein Vater. „DicS rührt ganz davon her, Frau, daß Du ihm diese» unglückseligen ehrgeizigen Namen gegeben hast. Was ließ sich auch von einem Pisistratus anders erwarten, als daß er einem das Leben zur Plage mache? Der Gedanke, seinem Vaterland zu dienen, ist Pisistratus ipslssimus vorn und hinten. Wenn ich je cincu anderen Sohn hätte (os von dem arbor mortis während ihres Wachsthums wegnimmt. Uni jedoch aufDein Anliegen zurückznkommcn, Pisistratus, ich will mich darüber bedenken und mit Trcvanian sprechen." „Oder lieber mit Lady Eltinor," cntgegncte ich un- klngerweisc. Meine Mutter durchzuckte ein leichtes Beben, und sie zog ihre Hand aus der weinigen. Ich fühlte einen Stich durchs Herz, als ich meine Unvorsichtigkeit bemerkte. „Dies kann, denkeich, Deine Mutter am beste» ansrichten," versetzte mein Vater trocken, „wcnn's ihr darum zu thun ist, daß Jemand nach einer gehörigen Lüftung Deiner Hemden sehe. Denn vcrmuthlich wirst Du bei Trevanion wohnen müssen." „O nein !" rief meine Mutter. „Er kann dann ebenso gut ans die Universität gehen. Ich dachte, er werde bei uns bleiben — morgens zwar hingehen, aber natürlich bei uns schlafen." „Wenn ich anders Trevanion recht kenne," sagte mein Vater, „so wird er von seinem Sekretär erwarten, daß er sich ohne Schlaf behelfe. Armer Junge, Du weißt nicht, was Du Dir wünschest! Und doch, in Deinem Alter hätte ich —" er hielt inne. „Nein!" nahm er nach einem langen Schweigen gleichsam im Selbstgespräch Plötzlich wieder auf — „Nein, man ist stets ans gutem Wege, so lange man für Andere lebt. Der Philosoph, der vom Felsen aus zu- sieht, ist ein weniger edles Bild, als der Matrose, der mit dem Sturme kämpft. Warum sollten wir unserer Zwei seyn? Und könnte er überhaupt ein aller oxa werden, selbst wenn ich es wünschte?" Er drehte sich in seinem Stuhle, legte das linke Bein aufs rechte Knie und sagte lächelnd, während er sich zu mir niederbeugte, um mir roll ins Gesicht zu sehen: — „Aber, Pisistratus, Du versprichst mir doch, stets den Safransack zu trage» ?" Siebentes Kapitel. Ich mache nun einen langen Schritt in meiner Erzählung. Mein Quartier ist bei den Trevanionen. Eine sehr- kurze Unterhaltung mit dem Staatsmann genügte für meinen Vater, seinen Entschluß zu fassen, und das Mark davon lag in dem einfachen, von Trevanion ausgesprochenen Satze — „Eines verspreche ich Euch — er soll nie müßig seyn." Wenn ich zurückblicke, gewinne ich die Ucberzeugung, daß mein Vater Recht hatte und meinen Charakter sowohl, als die Verlockungen, welchen ich am meisten zugänglich war, gut kannte, als er mir gestattete, die Universität auf- zugcbcu und so früh in die öffentliche Welt einzutretcu. Ich war von Natur aus so lebensfroh, daß ich meine Collegien- laufbahu zu einem Feiertag gemacht und hintendrein aus Reue mich schwindsüchtig gearbeitet haben würde. LK7 Auch war die Ansicht meines Vaters vollkommen richtig, daß ich nicht zu einem Gelehrten geschaffen seh, ob- schvn ich hätte studiren können. Im Grunde war die Sache eben ein Versuch. Ich hatte wohl Zeit übrig, und wenn das Erperiment auch fehlschlug, so war die Zögerung eines Jahrs auch nicht noth- wendig ein Verlust desselben. Ich wohne also bei Mr. Trevanion, und zwar schon seit einigen Monaten. Das Parlament und die Winter- Saison haben begonnen. Ich arbeite schars — der Himmel weiß, schärfer als ich je auf der Universität gearbeitet hätte. Ein Tag möge als Beispiel dienen. Trevanion steht um acht Uhr auf und macht bei jeder Witterung eine Stunde vor dem Frühstück einen Spazierritt. Um neun Uhr nimmt er seinen Morgenimbiß in dem Boudoir seiner Gattin ein und um halb zehn erscheint er in seinem Studierzimmer. Er erwartet sodann, daß sein Sekretär die Arbeit, die ich nun beschreiben werde, gefertigt habe. Wenn er nach Hanse kommt, oder vielmehr che er zu Bette geht, was gewöhnlich nach drei Uhr geschieht, Pflegt er auf dem Tische seines Studierzimmers eine Liste von Anweisungen für seinen Sekretär znrnckznlassen. Wie vielseitig diese war, wird man ans nachstehender Aufzählung entnehmen können, die ich auf's Gerathewohl ans der Menge, die ich aufbewahrt habe, herausgreife: I) Seht nach in den Protokollen — Commission des Oberhauses für die letzten sieben Jahre — alles, wa§ über die Flachscrzeugung gesagt ist. Zeichnet die Stellen für mich an. 2) Desgleichen — „irische Auswanderung." 3) Sucht mir in dem zweiten Band ran Kamcö' Geschichte des Menschen die Stelle, in welcher von „Reid's Logik" die Siede ist. Ich weiß nicht, wo sich das Buch befindet. ä) Wie endigt die Stelle: „lumina consui'ont, inte," n. s. w. ? Steht sic im Grast? Seht nach! 5) Frascatorins schreibt — „gaantum I>»o inlooit vitiui», guot aäirerit „obcs.^ Sollte es nicht richtig grammatisch infeeerit statt inkovit heißen? —^ Wenn Jhr's nicht wißt, so schreibt an Enren Vater. 6) Fertigt die vier Bri fe aus, zu denen ich Euch die Notizen znrückgelafsen — d. h. über die kirchlichen Eol- legicn. 7) Seht in den Bevölkerungslistcn nach und macht eine Durchschnittsbcrcchnnng über die Todes- und Gc- burtsfälle in Devonshire und Lancashire während der letzte» fünf Jahre. 8) Beantwortet die sechs Bettelbriefe; „Nein —" höflich. 9) Die anderen sechs an die Wähler — „daß ich keinen Einfluß bei der Regierung habe." tO) Wenn Eure Zeit reicht, so seht nach, ob keines von den Büchern auf dem runden Tisch Gewäsche ist. 11) Ich möchte Alles wissen über das Welschkorn. 12) Longinns sagt irgendwo etwas im Aerger über frncht- L8S lose Bemühungen (vermnthlich öffentliche Geschäfte betreffend). Wie lnutet es? biv. Longinns steht nicht ans meinem Londoner Catalog, aber ich weiß, daß er hier ist — wahrscheinlich in einem Koffer der Gerüm- pelkammcr. 13) Durchgeht die Berechnung, die ich über die Armen- steuer ansertigte; ich habe irgendwo einen Fehler gemacht, u, s w. n, s w. Mein Vater kannte Mr. Trcvanion recht gut, als er sagte, er werde erwarten, daß sich sein Sekretär ohne Schlaf behelfen könne. Um mit der obigen Liste zu der erforderlichen Zeit fertig zu werden, siehe ich beim Kerzenlicht auf. Um halb zehn Uhr suche ich noch immer nach Longinns, und Mr. Trcvanion tritt mit einem Pack Briefe ein. Die Antworten auf die Hälfte der besagten Briefe fallen mir zu, und die Anweisung dafür wird mir mündlich in einer Art leichten Gesprächs gegeben. Während ich schreibe, licSt Mr. Trcvanion die Zeitungen, durchgeht meine Ausfertigungen, macht sich Notizen daraus, einige für das Parlament, andere für die Unterhaltung und wieder andere für die Correspondenz, überfliegt die Parlamentsblätter des Morgens und notirt sich Anweisungen zu Auszügen, Abkürzungen oder Vergleichung derselben mit andern, die vielleicht schon zwanzig Jahre alt sind. Um cilf Uhr begibt er sich in eine Commission des Unterhauses und läßt mir reichliche Arbeit zurück, bis er um halbvicr wieder znrückkehrt. Um vier Uhr steckt Fanny ihren Kopf in's Zimmer — und ich verliere den meinigen. Viermal in der Woche verschwindet von dieser ?70 Zeit an Mr, Trevanion für den Rest des Tages, um bei Bcllantt) oder in einem Club zn speisen, erwartet mich aber um acht Uhr am Parlamentsgebändc, im Falle ihm etwas einfällt, und er irgend einer Thatsache oder einer Citation bedarf. Dann entläßt er mich — in der Regel mit einer neuen Liste von Aufträgen, Demungeachtet habe ich auch meine Feiertage, Mittwochs und Sonnabends gibt Mr, Trcvanion Tafel, und ich treffe hier mit den ausgezeichnetsten Männern von beiden Seite» des Hauses zusammen. Denn Trevanio» ist selbst auf beiden Seiten, oder vielmehr auf gar keiner, was auf das Nämliche hinansläust, Donnerstags gibt mir Lady Ellinor ein Billet für die Oper, und ich komme wenigstens noch zeitig genug hin für das Ballet, Ich habe bereits viele Einladungen zu Bällen und Abendgesellschaften erhalten, denn man betrachtet mich als einen einzigen Sohn vou großen Aussichten, Ich werde behandelt, wie es einem Cartvn gebührt, der das Recht hat, wenn er will, ein De vor seinen Name» zu setzen. Ich bin sehr geschniegelt geworden und kleide mich mit Eleganz — eine Leidenschaft, die im achtzehnten Jahre natürlich ist. Alles, was ich thne, und meine ganze Umgebung gefällt mir. Ich bin über Kopf und Ohren verliebt in Fanny Trcvanion, die mir aber demungeachtet das Herz bricht; denn sie coqncttirt mit zwei Peers, einem Leibgarde- Offizier, drei alten Parlamentsmitgliedern, Sir Sedley Beaudescrt, einem Gesandten und allen seinen Attaches und am Ende gar (die kecke Here!) mit einem fettbauchigen Bt- 271 schof in voller Perücke, der, wie ich höre, sich wieder zu ver- heirathen beabsichtigt. Pisistratus hat Farbe und Fleisch verloren. Seine Mutter sagt, er scy dadurch viel schöner geworden — er aber nimmt dies sür die nalürlichc Wirkung der von Stnltz und Hobt) angefertigten Kleider. Onkel Jack sagt, er habe sich „herunterverfcinert". Sein Vater sieht ihn an und schreibt anTrevaniou: — „Mein lieber Trcvanion!" „Ich habe einen Gehalt sür meinen Sohn zurückgewiesen. Gebt ihm ein Pferd und gestattet ihm täglich zwei Stunden zu einem Ausritt. Der Eurige A. C. Am andern Tag bi» ich Besitzer eines hübschen Fuchsen und reite au der Seite von Fanny Trevanion spazieren. Ach! Achtes Kapitel. Ich habe meines Onkels Roland nicht mehr Erwähnung gethan. Er ist fort — in Frankreich — um seine Tochter zu holen. Seine Abwesenheit währt länger, als wir erwarteten. Sucht er noch immer seinen Sohn — dort ebenso, wie hier? Mein Vater ist mit dem ersten Theil seines Werkes, zwei dicke Bände umfassend, fertig geworden. Onkel Jack, der seit einiger Zeit melancholisch aussieht und nur selten seine Wohnung verläßt — die Sonntage ausgenommen, an welchen wir alle bei meinem Vater zu- sammcnkommcn und ein gemcinschasiliches Mittagsmahl ein- nehmcn — Onkel Juck, sage ich, hat sich der Aufgabe unterzogen, es zu verkaufen. „Ihr müßt aber nicht allzuviel erwarten/' meint Onkel Jack, indem er das Manuscript in zwei rothc Portefeuilles mit einem Schlitz in den Deckeln, die einer von den verblichenen Gesellschaften angehörtcn, einschließt. „Ihr dürft wegen des Preises nicht übersanguinisch sehn. Die Buchhändler wagen nie viel auf einen ersten Versuch. Es kostet schon viele Ucbcrrcdnngsknnst, wenn man sie nnr veranlassen will, das Werk anzusehcn." „O !" sagte mein Vater, „wenn es nnr auf Gefahr des Buchhändlers gedruckt wird, so bestehe ich auf keinen andern Bedingungen. 'Nichts Großes,' sagt Dryden, 'kam je von einer käuflichen Feder.'" „Eine sehr thörichtc Bemerkung von diesem Dryden," versetzte Onkel Jack. „Er hätte dies besser wissen sollen." „Und er verstund cs auch besser," sagte ich, „denn er benützte seine Feder dazu, seine Taschen zu füllen — der arme Mann!" „Aber seine Feder war keine käufliche, Meister Anachronismus," cntgegnete mein Bater. „Ein Bäcker kann nicht käuflich genannt werden, wenn er seine Laibe verkauft, sondern nnr wenn er selbst feil ist. Dryden verkaufte nnr seine Laibe." „Und wir müssen die nnsrigen verkaufen," erwiederte Onkel Jack mit Nachdruck. „Tausend Pfund für den Band dürften vielleicht recht sehn — eh?" rrz „Tausend Pfund für einen Band?" rief mein Vater. „Ich glaube, Gibbon hat nicht mehr erhalten." „Wohl möglich; aber Gibbon hatte keinen Onkel Jack, der sich seiner annahm," sagte Mr. TibbelS lachend, indem er seine glatten Hände rieb. „Nein! Zweitausend Pfund für die beiden Bände! — Ich weiß, cs ist ein Opfer; aber gleichwohl rathc ich zu einem mäßigen Fordern." „Es wird mich allerdings freuen, wenn das Buch etwas einbringt," versetzte mein Vater, augenscheinlich bezaubert, — „denn dieser junge Gcnllcman ist etwas kostspielig; und Ihr, mein theurcr Jack — vielleicht könnte die Hälfte der Summe Euch von Nutzen sehn!" „Mir, mein lieber Schwager?" rief Onkel Jack — „mir? Wen» meine neue Speenlation gelingt, so werde ich ein Millionär seyn!" „Habt Ihr eine neue Spekulation im Kopf, Onkel?" fragte ich ängstlich. „Worin besteht diese?" „Bst!" sagte mein Onkel, den Finger an seine Lippen legend, und sich im ganzen Zimmer umsehend — „bst!! - bst!!!" PisistratnS. — „Eine großartige Nationalkompagnie , um beide ParlamentShäuscr in die Luft zu sprengen?" Mr. Car ton. — ^Bci meiner Seele, ich hoffe, er hat sich auf etwas Neueres besonnen; denn wenn man sich aus den Zeitungen ein Urtheil bilden darf, brauchen sie den Beistand des Schwagers Jack nicht, um fleh gegenseitig in die Lust zu sprengen !" Bulwer, die Kartone. 18 274 Onkel Jack (geheimnißvoll). — „Zeitungen? Ihr leSt wohl nicht oft eine Zeitung, Austin Cartvn?" Mr. Car ton. — „Ich gebe dies zu, John Tib- liets." OnkelIack. — „Aber wenn n»n meine Spekulation Euch veranlaßt, jeden Tag eine zu lesen?" Mr. Carton (erstaunt). — „Mich veranlaßt, jede» Tag eine Zeitung zu lesen?" OnkelIack (erwärmend und seine Hände gegen das Feuer ausstrcckend). — „Ja, eine Zeitung, und zwar so groß, wie die Times!" Mr. Carton unruhig. — „Jack, Ihr erschreckt mich!" Onkel Jack —- „Und Ihr sollt noch obendrein selbst hineinschreiben — leitende Artikel!" Mr. Carton, der seine» Stuhl zurückschiebt, greift nach der einzigen ihm zu Gebot stehenden Waffe und schleudert einen griechischen Satz nach Onkel Jack. — urn 7«^ elvni c><7« xcii anSpwiropolMn!" * Onkel Jack (sich nicht einschüchtern lassend). — „Ja, und Ihr könnt so viel griechisch hineinsetzen, als Euch beliebt ! Mr. Car ton (sehr erleichtert und milder werdend). * „Einige sind so roh, daß sie Menschenffelsch essen." Diese Stelle des Strado bezieht sich auf die Schlhen. Ich ncnnc hier de» Autor, denn Strado ist kein so bekannter Schriftsteller, als daß man erwarten dürste, irgend ein Mensch, der nicht gerade mit einem so wichtigen Werk beschäftigt ist, als die Geschichte des mensch. lichen Jrrthunii war, werde ihn auswendig können. 275 — „Mein lieber Jack, Ihr seyd ein großer Mann — laßt einmal hören!" Und Onkel Jack begann. Vielleicht haben meine Leser bereits bemerkt, daß dieser ansgezeichncte Spekulant in Wirklichkeit glücklich war in seinen Ideen. Seine Spekulationen hatten im Kern stets etwas Gesundes, wie mager auch die Frucht scyu mochte, und dies war es, was sie so gefährlich machte. Der Gedanke, welchen er bei dieser Gelegenheit aufgegriffen, wird, wie ich vollkommen überzeugt bin, in unfern Tagen das Glück eines Mannes machen, und ich sage dies mit einem Seufzer, wenn ich bedenke, wie viel dadurch meiner Familie entgangen ist. Der Entwurf trug sich mit nichts Geringerem, als mit der Herausgabe eines Tagblatts nach dem Plane der Times, das übrigens ganz der Kunst, der Literatur und Wissenschaft — mit einem Wort dem geist i- g e n Fortschritte gewidmet sehn sollte; ich sage nach dem Plan der Times, denn es wurde beabsichtigt, die gewaltige Maschinerie dieses tägliche» Welterleuchtcrö nachzuahmen. Die Zeitung sollte der literarische Salmoneus des politischen Jupiter werden und ihre Donner rollen lassen über der Brücke des Wissens. Alle Thcile des Erdballs sollten Korrespondenten liefern, und Alles , was sich auf die Kronik des Geistes bezog, von der Arbeit des Missionärs iu den Süd- seeiuselu oder den Untersuchungen eines Reisenden an, der die Timbuctuspiegeluug ergründen will, bis zum letzten neuen Pariserroman oder der letzten großen Verbesserung einer griechischen Partikel auf einer deutschen Universität, sollte Platz finden in diesem Fokus des Lichtes. Der Zweck wqr 18 « L76 Unterhaltung, Belehrung — kurz gar Alles. Jedermann in der ganzen Lescwelt, nicht nur in de» drei Königreichen, nicht nur in Britannien, sonder» unter dem ganzen Gewölbe des Himmels sollte irgendwo angefaßt werden, entweder im Kopf, oder im Herzen, oder in der T asche. Das grillenhafteste Mitglied des intellektuellen Gemeinwesens sonnte dem Plane nach in diesen Ställen sein eigenes Steckenpferd finden. „Denkt nur an den Fortschritt des Geistes," rief Onkel Jack — „an die Leidenschaft, mit welcher man nach wohlfeiler Belehrung greift — und faßt dabei ins Auge, wie wenig die vierteljährigen, monatlichen oder wöchentlichen Journale den Hauptbedürfnissen der Zeit entsprechen. Man könnte ebenso gut sich mit einem Wochenblatt über Politik behelfen, als mit einem wöchentlichen Journal über alle diejenigen Dinge, die für die Maste des Publikums weit mehr Interesse haben, denn die Politik. Sind meine literarischen Times einmal ins Leben getreten, so werden die Leute sich wundern, wie sie je ohne dieselben bestehen konnten! Sir! ohne sic war kein Leben da -— man hat nur vegetirt— nur in Löchern und Höhlen gehaust, wie die Trogglcdikcn." „Trvglodpten," verbesserte ihn mein Vater mit Milde — „von r-iw-/-.,/, die Höhle, und övr-n hinuntcrkricchen. Sie lebten in Acthiopien und hatten ihre Weiber gemeinschaftlich." „Was den letzteren Punkt betrifft, so will ich dem armen Publikum nicht nachsagcn, daß es so weit gesunken ist," räumte Onkel Jack aufrichtig ein; „aber kein Gleichniß hält in allen seinen Theilen Stich. Jndeß muß man die Lese- 277 Welt doch den Troggledieeincn, oder wie Ihr sic iicmit, an die Seite stellen, wenn man ins Auge faßt, was sic seyn wird, wenn sic unter dem Licht meiner literarischen Times lebt, Sir, es wird dadurch eine Revolution in der Welt hervorgernfen werden. Die neue Zeilnng wird die Literatur von den Wolken herunter in das Wohnzimmer, in die Banernhütte, ja sogar in die Küche bringe». Der müßigste Dandn, die feinste unter den eleganten Damen soll etwas nach ihrem Geschmack, der geschäftigste Mann des Marktes oder hinter dem Ladentisch eine Erweiterung seiner praktischen Kenntnisse darin finden. Wer allgemeine Belehrung liebt, wird sehen, welche Fortschritte die Theologie, die Medicin und sogar die Nechtsgelehrsamkeit machen. Sir, der Hindu lies mich unter dem Banyan; man findet mich in den Serailen des Morgenlandes, und der amerikanische Indianer wird über meinen Bogen das Calumet dcS Friedens rauchen. Der Politik weisen wir die ihr gebührende Stelle in den Angelegenheiten des Lebens an und erheben die Literatur zu der hohen Stufe, welche sie in den Gedanken und Geschäften der Menschen einzunehmcn berufen ist. Es ist ein großartiger Gedanke, und das Herz schwillt mir von Stolz, wen» ich Betrachtungen darüber anstelle." „Mein lieber Jack," sagte mein Vater ernst, während er sich in großer Erregung von seinem Stuhle erhob, „cS ist in der That ein großartiger Gedanke, und ich ehre Euch dämm! Ihr habt vollkommen Recht — es wird eine Revolution zur Folge haben! So geschieht die Heranbildung des menschlichen Geschlechts unmerklich. Bei meinem Leben, ich 278 würde mir's zur Ehre rechnen, wenn ich einen leitenden oder sonstigen Artikel in die Zeitung schreiben könnte. Jnck, Ihr »nicht Euch noch unsterblich." „Ich glaube dies selbst auch," versetzte Onkel Jack bescheiden; „indeß habe ich noch kein Wort gesprochen von dem Hauptanziehungspunkt des Ganzen —" „Ah. und der wäre?" „D ieAnkündig u n g cn !" rief mein Onkel, die Hände auSbrcitend und alle Finger in Winkel biegend wie die Fäden eines Spinngewebes. „Die Ankündigungen — schon der Gedanke daran! — ein eigentliches Eldorado. Nach der mäßigsten Berechnung müssen die Ankündigungen jährlich 50,000 Pfund abwerfen, Sir. Mein lieber Pisi- stratus, ich werde nie heirathen — Du bist mein Erbe. Umarme mich!" Mit diesen Worten stürzte sich Onkel Jack auf mich und drückte den Athein ans dem klugen Bedenken, das sich eben gegen meine Lippen erheben wollte. Zwischen Lachen und Schluchzen stotterte meine Mutter heraus — „Und es ist mein Bruder, der seinem Sohn Alles ersetzen wird, was er um meinetwillen aufgegeben hat. Mittlerweile ging mein Vater aufgeregter, als ich ihn je vorher gesehen hatte, im Zimmer ans und ab und murmelte vor sich hin: „Ich bin bisher doch ein kläglich unnützer Mensch gewesen. Ja, ich möchte in der That der Welt meine Dienste widmen." 27g Diesmal hatte Onkel Jack trefflich gearbeitet und in der ganzen Welt den einzigen Köder anfgcfnndcn, mit dem ein so scheuer Karpfe wie mein Vater zu fangen war — „Iiaeret letlialis aruinlo," Ich sah, daß die todbringende Angel nur einen Zoll von der Nase meines Vaters abstand und er danach hinschaute mit dem festen Entschlüsse, anzubeißen. Aber wenn es meinem Vater Vergnügen machte? Ich war zu jung, um weiter zu blicken, und muß gestehen, daß mich vielleicht auch die kindische Schadenfreude verblendete, meinen verehrten Erzeuger in eine Verlegenheit gerathen zu sehen. Der junge Karpfe hatte-seine Lust an dem neckischen Welleuspiel, wenn der alte mit seinem Schwanz wedelte und sich mit den Flößen aufrichtete. „Aber stille!" sagte OnkelJack, mich loslaffend. „Kein Wort gegen Mr, Trevanion oder irgend Jemand," „Warum dies?" „Warum? — Gott behüte mich — er fragt noch — warum? Wenn mein Plan ruchbar wird, glaubst Du, es setze nicht sogleich irgend ein Anderer seine Segel aus, um mir den Wind abzugewinnen? Du erschreckst mich, daß ich den Verstand darüber verlieren könnte. Versprich mir ehrlich und redlich, daß Du darüber schweigen wollest wie das Grab —" „Ich möchte übrigens doch Mr, Trevauions Ansicht von der Sache hören —" „Eben so gut könntest Du's durch den Ausschellcr der ganzen Stadt kund thun lasse», Neffe, ich habe Deiner Ehre 280 vertrant — am häuslichen Herd sind alte Geheimnisse heilig. Neffe, ich —" „Lieber Onkel Jack, Ihr habt vollkommen genug gesprochen. Keine Sylbe soll über meine Lippen kommen." „Ich wußte wohl, daß Du auf ihn bauen kannst, Jack," sagte meine Mutter. „Nun, ich traue ihm auch — wollte ihm ungezählte Summen anvcrtrauen," cntgcgnetc mein Onkel. „Darf ich Dich um ein wenig Wasser bitten — etwas Branntwein darein — und um ein Stückchen Zwieback, oder auch um eine Butterschnitte. Dieses Sprechen hat mich ganz hungrig gemacht." Während OnkelJack so redete, betrachtete ich ihn näher. Armer Onkel Jack — wie schmächtig war er geworden ! Siebenter Abschnitt. Erstes Kapitel. Do. Luther sagte: „Als ich bemerkte, daß No. Go'.c seine im Kamin hängenden Würste zu zählen anfing, erklärte ich ihm, daß er nicht mehr lange leben werde!" Es wäre mir lieb, wenn ich diese Stelle anS „den Tischgesprächen" in großer Fraktnrschrist abgeschriebcn und am 281 Morgen vor jenem verhängnißrollen Abend, an welchem Onkel Jack meinen Vater bere etc, seine Würste z» zählen, ihm beim Frühstück vorgelegt hätte. Allerdings, bei näherer Erwägung muß ich sagen, daß Onkel Jack zwar die Würste in den Kamin hängtc, aber doch meinen Vater nicht dahin bringen konnte, sie zn zählen. Außer einer unbestimmten Vermuthnng, daß die Hälfte der Tomacula des Ranchfangs ein Frühstück für Onkel Jack abgebcn dürfte und der jugendliche Appetit des Pisistratus den übrigen versorgen werde, schcnkte'mein Vater den nährenden Eigenschaften der Würste keinen weiteren Gedanken — ich meine den zweitausend Pfunden, welche. Dank sey cs dem Mr. Tibbets, den Schornstein hcrnntcrbimmclten. So weit das große Werk in Frage kam, kümmerte sich mein Later nnr um dessen Veröffentlichung, nicht um den daraus erzielbare» Ertrag. Ich will nicht behaupten, daß es ihn nicht nach Lob gelüstete, bin aber überzeugt, daß er die Wurst nicht eines Knopfes wertst achtete. Gleichwohl war schon der Anblick und das Pendeln was immer für einer Wurst so recht über der Kaminccke ein unglückliches und finsteres Vorzeichen für Austin Carton, wenn dieselbe von Onkel Jacks glatten Händen angefcrtigt war; denn leider hatte sich keine von den Würsten, welche der arme Mann während seines Lebens für den eigenen oder für anderer Leute Kamin zusammengcbunden, als etwas Wirkliches ausgewicsen —- sie waren stets nur die Eidola, die Erscheinungen, die Phantome und Gespenster von Würsten gewesen. Es fragt sich, ob Onkel Jack viel von Dcmoerit anS Abdcra wußte ; aber 28 ? sicherlich war er von der Philosophie dieses wunderlichen Weisen angesteckt. Er belebte die Luft mit Bildern von kolossaler Größe, die sich allen seinen Träumen und Divina- tionen cinprägtcn und von deren Einflüssen sogar seine Gefühle und Gedanken ansgingen. So war im Schlafen oder Wachen sein ganzes Dascyn eine blose Spiegelung von großen, gespenstischen Würsten. Sobald Mr. Tibbets sich in den Besitz der zwei Bände . über die „Geschichte des menschlichen Jrrthums" gesetzt, hatte er nothwendig auch jenen Anhaltspunkt an meinen Vater gewonnen, der bisher stets mit einer Aalglättc seinen Händen entwischt war. Wornach er so lange vergeblich seufzte, das >>ui»t >I'n>>>>ui, worin er die archimedische Schraube befestigen konnte, war gefunden. Er bohrte sie mit Macht in die „Geschichte deS menschlichen Jrrthums" und bewegte die Carton'sche Welt. Einen Tag oder zwei nach der in meinem letzten Kapitel erwähnten Unterhaltung sah ich Onkel Jack zu den Mahagonithnrcn des Banquicrs meines Vaters heranökom- men, und von dieser Zeit an schien kein Grund mehr vorhanden zu scyn, warum Mr. Tibbets seine Verwandten an Wochentagen nicht ebenso gut besuchen sollte, wie an Sonntagen. Es verging in dcr'That kein Tag, ohne daß er lange Gespräche mit meinem Vater hielt, da er natürlich über seine Verhandlungen mit den Buchhändlern Bericht erstatten mußte. Bei solchen Gelegenheiten kam er jedesmal ans die großartige Idee der literarischen Times zurück, welche die Phantasie meines armen Vaters so sehr geblendet hatte, 283 und Onkel Jack war ein zu gescheidterManu, um bas Eisen nicht zu schmieden, so lange es heiß war. Wenn ich an die Einfalt denke, welche mein Weiser Vater bei dieser Krisis seines Lebens an den Tag legte, so muß ich gestehen, daß ich weniger von Mitleid, als von Bewunderung für diesen armen hochherzigen Gelehrten bewegt bin. Wir haben gesehen, daß ans der zwanzigjährigen Trägheit des Bücherwurms der Ehrgeiz, welcher jedem Mann von Genie eingeboren ist, aufgetancht war, und die ernste Zubereitung des großen Buches für die Lcscwclt hatte nnmerk- lich die Ansprüche an diese geräuschvolle Welt in dem schweigsamen Einzelwesen wieder hcrgestellt. Daher denn auch der edle Vorwurf, den er sich machte, daß er bisher so wenig für sein Geschlecht gethan habe. War es genug, Quartbände über die vergangene Geschichte des menschlichen Jrr- thums zu schreiben? Lag es nicht in seiner Pflicht, wenn sich ihm eine gute Gelegenheit dazu darbot, auf den gegenwärtigen , täglichen und stündlichen Krieg mit dem Jrr- thuin cinzugehen, welcher der wahre Ritterdienst des Wissens ist? Der heilige Georg hat nicht tobte Drachen zu- sammcngchanen, sondern mit den lebendigen gekämpft. Und London mit jener magnetischen Atmosphäre, die in großen Hauptstädten denAthem des Lebens mit stimulirendenTheil- chen füllt, trug gleichfalls dazu bei, den langsamen Puls des Gelehrten zu beschleunigen. Auf dem Lande las er nur seine alten Schriftsteller und durchlebte mit ihnen die entschwundenen Jahrhunderte; in London dagegen musterte er während der Nnhepunkte, welche ihm das große Buch ge- stattete, und noch mehr jetzt, als dieses zu einer Panse gekommen war, auch die Literatur seiner eigenen Zeit, Sie machte einen wunderbaren Eindruck ans ihn. Er gehörte nicht zn dem gewöhnlichen Schlag von Gelehrten oder von Lesern überhaupt, welche in ihrer abergläubischen Huldigung gegen die Todten stets sich bereitwillig zeigen, die Lebendigen znm Opfer zu bringen, sondern licfi der wunderbaren Fruchtbarkeit der Einsicht, welche die Literatur der gegenwärtigen Zeit bezeichnet, volle Gerechtigkeit niederfahren, Unter der gegenwärtigen Zeit verstehe ich jedoch nicht blos die neueste, sondern ich beginne sic mit dem Jahrhundert, „WaS die Literatur unserer Periode charakterisirt," sagte mein Vater eines Tags während einer Disputation mit Trevanion, „ist daö menschliche Interesse. Wirschen hier allerdings nicht, wie sich Gelehrte an Gelehrte wenden; aber der Mensch spricht zu dem Menschen, Der Gclchrten sind darum nicht weniger; doch daö lesende Publikum ist größer. Die Schriftsteller aller Jahrhunderte behandeln das, was für ihre Leser Interesse hat, nnd was ein paar Duzend Mönche oder Bücherwürmer intcrcssirt, hat nicht die nämliche Bedeutung für ein großes Gemeinwesen, Die literarische Pvlis war ehedem eine Oligarchie, ist aber jetzt zur Republik geworden. Der allgemeine Glanz der ^Atmosphäre hindert nnS, die Größe eines jeden einzelnen Sternes zu würdigen. Seht ihr nicht, daß mit der Bildung der Massen auch die Literatur der Gefühle erwacht ist? JcdeS Einzelne findet einen Ausleger, ein Orakel, Gleich dem Epimenides habe ich in einer Höhle geschlafen nnd sehe 285 imn diejenigen, welche ich als Kinder gekannt, als bärtige Männer; i» den Gegenden, die ich als einsame Wüsten verlassen, sind inzwischen ganze Städte entstanden." Hieraus wird der Leser die Ursachen des Wechsels zn erkennen vermögen, der über meinen Vater gekommen war. Von ihm galt, was Robert Hall, wenn ich nicht irre, über Doktor Kippis sagt — „er hat so viele Bücher auf die obere Seite seines Kopfes gelegt, daß sein Gehirn sich nicht bewegen kann." Aber die Elektrizität war jetzt zum Herzen gedrungen, und die beschleunigte Kraft dieses edlen Organs setzte das Gehirn in die Lage, sich wieder zn rühren. Inzwischen überlasse ich jedoch meinen Vater diesen Ein- fiüffen und den fortgesetzten Besprechungen mit Onkel Jack, nm an dem Faden meines eigenen Jchs weiter fortzuspinncn. Ich hatte cs Mr. Trevanion zn danken, daß meine Lebensweise keine solche war, welche eine Freundschaft mit Müßiggängern begünstigte: indcß machte ich« doch einige Bekanntschaften unter jungen Männern, einige Jahre älter als ich, welche in den Kanzleien untergeordnete Stellen bekleideten, oder sich für die Advokatcnbank vorbereiteten. Es waren fähige Leute unter diesen Gcntlemcn, obschon sic sich nicht in die ernste Prosa dieses Lebens gesunden hatten, und die Arbeit des Tages machte sie nur nm so geneigter, sich der Stunden der Erholung zu erfreuen. Wir bildeten daher, wenn wir zusammenkamen, ein heiteres leichtherziges Häufchen. Keiner von uns hatte Geld genug, um viel über die Schnur zu hauen, und für Ausschweifungen fehlte es an Muße; aber wir konnten uns gleichwohl recht gut ver- 286 gnügen. Meine neuen Freunde waren wunderbar bewandert in Allem, was die Theater betraf. Von der Oper bis zum Ballet, von Hamlet bis zur neuesten französischen Posse konnten sie die Bühncn-Literatur an den Fingerspitzen ihrer strohfarbigen Handschuhe herzähle». Sie hatten eine ziemlich ausgedehnte Bekanntschaft unter den Schauspielern und Schauspielerinnen und waren vollkommene Walpoluli in den kleineren Skandalen des Tages. Um ihnen jedoch Gerechtigkeit widerfahren zu lasten, muß ich sagen, daß sie nicht gleichgültig waren gegen das männlichere Wissen, welches in „dieser schlechten Welt" »öthig ist. Sie sprachen von den handelnden Personen des Lebens mit eben so viel Sachkenntnis , wie von denen ans der Bühne, und konnten bis aufs Haar hin die wetteifernden Ansprüche sich bekämpfender Staatsmänner zurecht legen. Zwar behaupteten sie nicht, tief eingeweiht zu seyn in die Mysterien fremder Ka- binete (mit Ausnahme eines einzigen jungen Gentleman beim Ministerium der auswärtigen Angelegenheiten, welcher sich rühmte, er wisse genau, was die Russen mit Indien ansangen würden — vorausgesetzt, daß sie es hätten!), um sich jedoch dafür schadlos zu halte», war die Mehrzahl derselben vollkommen in die Geheimnisse unseres eigenen ein- gedrnngen. In Gemäßheit einer passenden Vertheilung der Arbeit hatte jeder die ausschließliche Beobachtung irgend eines besonder» Ministers über sich genommen, gerade wie die geschicktesten Anatomen bei all' ihrer tiefen Kenntniß in dem allgemeinen Bau unseres Körpers ihren literarischen Ruf auf das Licht gründen, das sie auf besondere Theile 287 desselben geworfen haben — der eine wählt für seine Arbeit daö Gehirn, der andere den Dünndarm und ein dritter die Wirbelsäule, während vielleicht ein vierter, Meister alb der Symptome ist, die durch einen schwebenden Finger ange- dcutct werde». So hatte sich Einer meiner Freunde das Ministerium des Innern nud ein Anderer die Kolonie» zn- geeignct, während ein Dritter, den wir Alle für einen künftigen Talleyrand oder wenigstens einen de Retz hielten, sich dem ausschließlichen Studium des Sir Robert Peel gewidmet hatte, so daß er aus der Art, mit welcher dieser tiefe und nnerforschliche Staatsmann seinen Rock öffnete, jeden Gedanken erkannte, der in seinein Innern vorging. Mochten sie nun mit dem Rechte sich befassen -oder Kanzleiangehörige seyn, alle hatten eine große Meinung von sich selbst — hohe Begriffe von dem, was sie einst seyn würden -- weit mehr als von dem, was sie eines Tages zu thnn gedächte». Wie der König der modernen feinen Gentlemcn in Umschreibung des Voltaire von sich selbst sagte, „hatten sie Briefe mit der Adresse an die Nachwelt in ihren Taschen, aber leider auch die Aussicht vor sich, daß iie llcberlieferung derselben vergessen würde." Allerdings mochte auch „einige Naseweishcit" an ihnen seyn, aber im Ganzen waren sie doch weit interessanter, als blose, dem Vergnügen nachziehende Müßiggänger. Als Züge einer allgemeinen Familienähnlichkeit bemerkte man an ihnen eine schwungkräf- tige Rührigkeit des Lebens — ein heiteres lleberqnelle» des Ehrgeizes — leichtherzigen Ernst, wenn sie bei der Ar- bcit saßen — und de» Frohsinn eines Tchnlknaben währeüd der Erholnngöstunden. ssincn großen Gegensatz zn diesen jungen Männern bildete Sir Sedlcy Bcandesert, der sich ansgezeichnct wohlwollend gegen mich benahm nnd dessen Jnnggesellcnhaus mir Nachmittags immer offen stand. Vor dieser Zeit war Sir Sedlcy für Niemanden, als für seinen Kammerdiener, sichtbar, lind eS war in der That eine Junggcscllenwirih- schaft — die Fenster der Wohnung nach dem Park hinanS- gehend und in den Fensternischen Sophas, ans welche» man gemächlich lungern konnte, wie der Philosoph im Luerez — „Ilcspioeie unüe guons nlio-!, po.ssimgne viäeoe, bli'rare," — Man sah die fröhlichen Haufen in Roiten-Rov reiten nnd fahren, ohne daß man die Mühe hatte, sich ihnen an- zuschlicßen, namentlich wenn der Wind aus Osten ging. In den Zimmern bemerkte man keine erkünstelte Kostbarkeit, keine Recherche, wie es die Tapezierer nennen, Wohl aber eine wunderbare Summe von Gemächlichkeit. Jeder Pateniscssel, der in der Kunst, sich's begucm zn machen, eine Abwechslung zeigte, fand hier seine Stelle, nnd bei jedem Stuhl stand ein kleiner Tisch, auf den man sein Buch legen oder seine Kaffeetasse nicdcrstellcn konnte, ohne daß man mehr als die Hand zu bewegen.brauchte. Zur Winterszeit konnte man sich nichts Wärmeres denken, als die durchnässten Vorhänge und die Arminster Teppiche; Sommers nichts Luftigeres und Kühleres, als die Muffelindrapcrien und die indianischen Matten. Auch fordere ich Jede» heraus, 289 mir zu sagen, zu welcher Vollkommenheit sich ein Diner bringen lasse, wenn er nicht bei Sir Scdley Beaudesert gespeist bat. Wäre dtcser anSgezeichnete Mann ei» Egoist gewesen, so hätte er der glücklichste unter den Menschen sein können; so aber war er zu seinem Unglück ungemein liebenswürdig und wohlwollend. Er hatte zwar die boimo äi- xestion, aber nicht das andere Ersvrderniß des weltlichen Wohlergehens — des mnuvnis coeur. Er fühlte ein aufrichtiges Miilciden mit Jedem, der nicht in Zimmern mit Patentsesseln und kleinen Dcsscrttischcn lebte und dessen Fenster nicht mit in den Nischen angebrachten Sophas nach dem Park hinanSsahcn. Wie Heinrich IV. jedem seiner llntcr- thanen seinen pol. an tön wünschte, so würde Sir Scdley Beaudesert, wenn er seinen Willen gehabt hätte, männig- lich mit einer frühen Gurke zum Fisch und einem Glase EiS- wasser zu Brod und Käse haben bedienen lassen, lieber Politik legte er eine naive Einfalt an den Tag, welche einen entzückenden Gegensatz bildete zu seinem feinen Urtheil in Dingen des Geschmacks. Ich erinnere mich, daß er bei einer Debatte über die Bierbill sagte: „Man sollte die Armen kein Bier trinken lassen, weil eS zu Rheumatismen geneigt macht. Das beste Getränk bei schwerer Arbeit ist nicht mous- sirendcr Champagner. Ich habe dicS ansgcfundcn, als ich in den Mooren zu jagen pflegte." So indolent Sir Scdley auch war, hatte er cS doch einzuleiten gewußt, daß sein Reichthum eine außerordentliche Zahl von Abfluß-Kanälen fand. Erstlich war er Landeigenthümer, und die Bittschriften Wnlwer, die Fartone. lg LSN unglücklicher Farmer, betagter Armen, der Wohlthätigkeits- Gesellschastcn und der Wilddiebe, welche brodlos geworden waren, weil er seinen Pächtern zn Gefallen seine Jagden hatte cingchen lassen, nahmen kein Ende. Zunächst hatte das ganze weibliche Geschlecht an ihn, als an einen Lebemann, die rechtmäßigsten Ansprüche. Von der trostlosen Herzogin an, deren Porträt porän unter einer geheimen Feder seiner Tabaksdose lag, bis zu der verwitt- weten Wäscherin, welcher er vielleicht ein Kompliment gemacht hatte über die vollkommenen Falten eines Bnsen- strcifs, war cs vollkommen zureichend, eine Tochter Evas zn sehn, um an Sir Sedleys adamische Erbschaft gerechte Ansprüche zu erheben. Ferner fiel es ihm, als einem Kunstfreund und achtungsvollen Diener jeder Muse, zu, alle Diejenigen zn patro- nistren, welche das Publikum vergessen hatte. Maler, Schauspieler, Dichter und Musiker — alle wandten sich, wie die sterbenden Sonnenblumen nach der Sonne, dem mitleidsvollen Lächeln des Sir Scdley Beandesert zn. Rechnen wir hiezu die ungeheure, gemischte Menge, welche 'von Sir Sedleys hohem Wohlthätigkcitssinn gehört hatte, so kann man sich wohl denken, wie thcncr ihn sein Ruf zn stehen kam. In der That, obgleich Sir Sedley nicht den fünften Theil seines sehr schönen Einkommens für „sich selbst" verwenden konnte, so zweifle ich doch nicht, daß es ihm schwierig wurde, es so einzuleiten, um mit dem Ganze» das Jahr hindurch auszureichen; und wenn ihm dies auch gelang, so dankte er es vielleicht nur den zwei Regeln, von welchen seine Philosophie nie abging : er machte nämlich unter keinen Umständen Schulden und spielte nie. Diese beiden bewunderungswürdigen Ausnahmen von der gewöhnlichen Lebensweise feiner Gentlcmcn hatten, glaube ich, ihren Grund in der Weichheit seines Charakters. Die Unglücklichen, welche von Gläubigern verfolgt wurden, erfüllten ihn mit großem Mitleid. „Der arme Mensch!" konnte er sagen; „es muß ihm wohl sehr peinlich sepn, sein ganzes Leben mit Verneinungen hinzubringen." So wenig kannte er jene Klaffe von Versprechern — als ob ein von Schulden Geplagter überhaupt je Nein sagte! Wie Beau Brnmmell, wenn er gefragt wurde, ob er Gemüse liebe, zugesland, er habe einmal eine Erbse gegessen, so räumte Sir Sedlep Beandesert ein, daß er einmal hoch im Piqnet gespielt habe. „Ich war so unglücklich, zu gewinnen," sagte er, wenn er von dieser Unbesonnenheit sprach, „und werde nie das Leid in dem Gesichte des Mannes vergessen, der mich bezahlen mußte. Wenn ich nicht immer verlieren könnte, wäre es ein wahrhaftes Fegfener für mich, zu spielen." Niemand konnte in der Art, wie sie ihren Wohlthätig- keitssinn in Anwendung brachten, verschiedener sepn, als Sir Sedlep und Mr. Trevanion. Letzterer verachtete nichts so sehr, als Almosen an einzelne Personen, und steckte daher selten die Hand in seinen Beutel, obschon er oft große Anweisungen an seinen Banquier schrieb. War eine Gemeinde ohne Kirche, ein Dorf ohne Schule oder ein Fluß ohne Brücke, so fing Mr. Trevanion an zu rechnen, fand die erforderliche Summe aufs Haar hindurch ein algebraisches 19 * X — und zahlte sie aus, wie er einen Fleischer bezahlt haben würde. Es muß zwar eingcränmt werden, daß der Unglückliche, welchen er für verdienstvoll anerkannte, sich nicht vergeblich an ihn wandte : indcß war es doch erstaunlich, wie wenig er in dieser Weise ansgab, denn cs hielt sehr schwer, ihn zu überzeugen, daß ein verdienstvoller Mann je in eine Lage gerathen könne, nm wohlthätiger Unterstützung zu bedürfen. Gleichwohl glaube ich, daß Trevanion unendlich mehr wahrhaft Gutes wirkte, als Sir Scdley, obschon dies bei ihm nur als eine geistige Operation, keineswegs als ein vom Herzen kommender Antrieb betrachtet werde» konnte. Es thnt mir leid, sagen zu müssen, daß der Hauptunterschied darin bestand — das Unglück schien sich stets um Sir Sedlep anzuhäufcn, in Trevanions Gegenwart aber zu verschwinden. Wo der letztere mit seinem thätigen durchdringenden Geist hiiikam, erwachte Thatkraft, welche Verbesserungen zur Folge hatte; zeigte sich aber der Erstcre mit seinem warme», wohlwollenden Herzen, so verbreiteten die Strahlen desselben eine Art von Erschlaffung nnd die Leute legten sich nieder, um sich in dieser Sonne von Freigebigkeit zu wärmen. In dem einen zeigte sich die Natur wie ein frischer kräftigender Winter, in dem anderen wie ein träge machender italienischer Sommer. Der Winter ist ohne Zweifel ein trefflicher Beleber, aber wir alle ziehen doch den Sommer bei weitem vor. Ein Beweis, wie liebenswürdig Sir Sedley war, liegt in dem Umstand, daß ich ihn liebte und doch nur mit eifer- SS3 süchtigem Auge auf ihn blicke» konnte. Bo« alle» Satelliten, die meine schöne Cynthia Fanny Trevanion umschwärmten, fürchtete ich dieses freundliche Gestirn am »leistem Vergeblich hielt ich mir mit der Anmaßung der Jugend vor, daß Sir Sedley Beandcscrt ron demselben Alter sey, wie Fanny's Vater; denn wenn man sic beieinander sah, hätte er recht wohl für Trevanions Sohn gelten können. Unter dem jüngeren Geschleckt war keiner auch nur halb so schön, als Sir Sedley, und wenn er auch beim ersten Anblick durch den prunkhaften Eindruck üppigerer Locken und einer lebhafteren Farbe verdunkelt werden konnte, so brauchte er nur zu sprechen oder zu lächeln, um ein ganzes Bataillon von Dandies in den Schatten zu stellen. ES lag etwas so Bezauberndes in dem Ansdruck seines Gesichts, etwas so Liebliches in seiner zwanglose» Offenheit und in seinem wohlwollenden Wesen — auch verstand er dabei die Frauen so gut. Er schmeichelte ihren Schwächen so unmcrklich und beherrschte ihre Gefühle mit so anmnthiger Würde. Vor Allem aber gelang es, neben seinen sonstige» Vorzügen, dem Rufe, in dem er stand, seinem langen ehrlosen Leben und der sanfte» Melancholie in seinem Wesen, ihnen stets Interesse einzuffößen. Es gab keine bezaubernde Frau, bei welcher es nicht den Anschein gewann, als sei dieser bezaubernde Mann eben im Begriff, in ihre Angel zu beißen. So schwimmt im durchsichtigen Bach gedankenvoll die silberglänzende Forelle um die Lvckstiege her, bald wollend, bald nicht. Und solch' eine Forelle! Es wäre Jammerschade, sic anfzugeben, da sie augenscheinlich zum Anbeißen so ge- neigt war! Abel die Forelle, schöne Jungfra» oder zarte Wittwe, würde dich hingehalten haben, Strom ans und ab mit deiner Fliege klatschend, vom Morgen bis zum thani- gen Abend. Sicherlich hätte ich meinem schlimmsten Feind im snnfundzwanzigstcn nichts AergercS wünschen können, als einen Nebenbuhler wie Sedley Beandescrt im siebennndvier-. zigsten. Fanny verwirrte mir den Sinn ganz und gar. Bisweilen kam es mir vor, als fände sie Wohlgefallen an mir; aber kaum hatte mich diese Einbildung mit ihrem Entzücken durchbcbt, als sie schon wieder vor dem Frost eines gleichgültigen Blickes oder dem erkältenden Wetterleuchten eines spöttischen Lachens dahinschwand. Sie war der verzogene Liebling der Welt und erschien in ihrem übcrqncllenden Glücke so unschuldig, daß man alle ihre Mängel in der Atmosphäre der Freude vergaß, welche sie um sich her verbreitete. Und trotz ihrer allerliebsten Keckheit barg sie doch ein so wohl vollendetes Fraucnherz unter der Oberfläche! Wenn sie einmal sah, daß sie Einem weh gethan hatte, so zeigte sie sich so weich, so gewinnend und dcmüthig, bis die Wunde wieder geheilt war. Bemerkte sie aber, sie habe Einem allzuviel gefallen, so fand die kleine Here weder Rast, noch Ruhe, bis sie ihn wieder gequält hatte. Als Erbin eines so reichen Vaters oder vielmehr einer so reichen Mutter (denn das Vermögen rührte von Lady Ellinor her) war sie natürlich stets von nicht ganz eigcnnntzlosen Bewunderern umgeben, und sie that wohl daran, diese zu quälen — aber nr i ch! Armer Jüngling, der ich war — doch warum sollte ich nn- eigennütziger scheinen, als Andere, und wie konnte sie all' das wahrnehmen, was in der Tiefe meines jugendlichen Herzens »erborgen lag? War ich nicht, sofern die weltlichen Ansprüche in Frage kamen, der unwürdigste ihrer Verehrer, und konnte es deshalb nicht de» Anschein gewinnen, als sey mein Sin» am meisten ans ihre zeitliche Habe erpicht? Und doch dachte ich nie an ihr Vermögen, oder wenn es je geschah, so durchznckte cs mich mit Eiscskälte und meine Wangen erblaßten. Allerdings verschwand dies wieder bei ihrem ersten Blick wie ein Gespenst vor der Dämmerung. Wie schwer hält es, die Jugend, welche ihre ganze Zukunft nur im goldenen Lichte vor sich sieht, von den Ungleichheiten des Lebens zu überzeugen! In meiner Phantastischen, romantisch gesteigerten Stimmung blickte ich hinaus in das große Jenseits, sah mich selbst als Redner, Staatsmann, Minister, Gesandten, oder der Himmel weiß was sonst noch, und legte meine Lorbeeren, die ich irrthümlich für ein Einkommens- verzeichniß hielt, zu Fannys Füßen nieder. Was immer auch Fanny über den Zustand meines Herzens entdeckt haben mochte, es schien ein Abgrund zu sein, in den zu schauen weder Trevanion noch Lady Ellinor für der Mühe Werth hielt. Wie man sich vvrstcllen kann, war der Erstere viel zu beschäftigt, um an solche Kleinigkeiten zu denken, und Lady Ellinor behandelte mich Lei all' ihrer Güte gegen mich als einen blosen Knaben — ja, fast wie ein eigenes Kind. Sie achtete jedoch nicht viel auf die Dinge, die in ihrer unmittelbaren Umgebung lagen. Im Schimmer der Unterhaltung mit Dichtem, starken Geistern und Staats- 296 männern — in ihrer Sympathie mit den Anstrengungen ihres Gatten oder in stolzen Entwürfen für die Vergrößerung seines Ruhms, war ihr Leben, stets ein Leben der Aufregung. Ihre großen, funkelnden Angen, funkelnd von irgend einer fieberischcn Unzufriedenheit, schauten in die Ferne, als gälte es, neue Welten zu erobern, während die zu ihren Füßen ihrem Gesichtskreis entging. Sie liebte ihre Tochter, war stolz ans sie und vertrante ihr mik der Ruhe der Zuversicht, wachte aber nicht über sic. Lady Ellinor stand allein auf einem Berge mitten i» einer Wolke. Zweites Kapitel. Eines Tags waren die Tpevanionc aufs Land gegangen, um einen abgetretenen Minister zn besuchen, der entfernt mit Lady Ellinor verwandt und einer der wenigen Männer war, bei welchen Trcvanion Rath zn holen sich herabließ. Ich hatte fast einen Feiertag und machte daher bei SirSedlcy Beandesert eine» Besuch. Stets hatte mich verlangt, ihn über einen Gegenstand ausznholcn, ohne daß ich cS je gewagt hätte; aber dießmal beschloß ich, all' meinen Muth znsammcnznnehmen. „Ah! mein junger Freund !" sagte er, sich von der Betrachtung eines ärmlichen Bildes erhebend, welches er in seiner Herzensgüte eben einem jungen Maler abgetanst halte, „ich dachte diesen Morgen an Euch. Wartet einen Augenblick — Summers (dies zu seinem Kammerdiener), habt 2S7 die Güte, dieses Bild fortznnehmen, laßt cs cinpacken und beseht eS »ach meinem Landhaus. ES ist ein Gemälde," fugte er gegen mich gewandt fort, „das eines großen Hauses bedarf. Ich habe dort eine alte Gallerte mit wenig Fenstern, die kein Licht cinlafscn — es ist erstaunlich, wie bequem mir dies wird." Sobald das Gemälde fort war, athmete Sir Sedley lief auf, als ob er sich erleichtert fühle, und fügte in heiterem Tone bei. — „Ja ich dachte an Euch, und wenn Ihr eine Einmengung in Eure Angelegenheiten einem alten Freund Enres Vaters zu gnt halten wollt, so würde ich mich sehr geehrt fühlen dnrch Eure Erlaubnis,, Trcvanion zu fragen, ob er denn denke, daß zuletzt etwas Gutes dabei hcrauskomme, wenn er Euch so schrecklich mit Arbeiten überhäuft. —" „Aber mein theurer Sir Sedley, Beschäftigung macht mir Vergnügen und ich bin vollkommen zufrieden. Ihr werdet doch nicht immer der Sekretär eines Mannes bleiben wollen, der, wenn er unter den Leuten nichts zu thun hätte, sich hinsctzen würde, um die Ameisen ihre Hügel nach besseren architektonischen Grundsätzen bauen zu lehren? Mein theurer Sir, Trevanion ist ein entsetzlicher, ein erstaunlicher Mann, und man wird schon müde, wenn man nur drei Minuten mit ihm sich im nämlichen Zimmer besindet. In Eurem Alter — in einem Alter, das glücklich sein sollte," fuhr Sir Sedley mit einer wahrhaft cngelglei- chen Theilnahme fort — „ist cs traurig, wenn man sich dessen so wenig erfreuen kann." SS8 „Aber ich versichere Euch, Sir Sedley, daß Ihr iiu Irr- thunie seyd. Ich habe Wahl meine Vergnügungen, und hörte ich nicht selbst aus Eurem eigenen Munde, daß man müßig und doch nicht glücklich seyn könne?" „Dies räumte ich nicht früber ein, als bis ich auf der Kehrseite der Vierzigen stand —" sagte Sir Sedley mit einem leichten Schatten ans seiner Stirne. Niemand würde es glauben, daß Ihr bereits so weit vorgerückt scyd," versetzte ich mit schlauer Schmeichelei, indem ich meinem Gegenstand näher rückte. „Miß Trcvanion zim, Beispiel." Ich hielt innc. Sir Sedley sah mich ans seinen glänzende», dunkelblauen Augen scharf an. „Nun, was wollt Ihr mit Miß Trcvanion?" „Miß Trcvanion, um die sich die schönsten Jünglinge Londons schaarcn, zieht Euch augenscheinlich alle» diesen vor," entgegnete ich, und die letzten Worte blieben mir fast in der Kehle stecken. Jedenfalls war ich aber hartnäckig darauf erpicht, die Begründung meiner Besorgnisse zu erkunden. Sir Sedley stand ans, legte seine Hand freundlich auf die meiuigc und sagte: „Laßt Euch durch Fanny Trevanion nicht noch mehr quälen, als es ihr Vater bereits thnt!" „Ich verstehe Euch nicht, Sir Sedley!" „Aber wenn ich Euch verstehe, so gehört dies mehr zur Sache. Ein Mädchen, wie Miß Trevanion, ist grausam, bis sie entdeckt, daß sie ein Herz hat. Es ist nicht räthlich, sein eigenes an ein Frauenzimmer zu setzen, bis es aufgehört S9S hat, eine Coguette zu sehn. Mein lieber junger Freund, wenn Ihr das Leben weniger ernst nähmet, so würde ich Euch den Schmerz dieser Winke erspare». Einige Menschen säen Blumen, andere pflanzen Bäume — Ihr Pflanzt einen Baum und werdet bald finden, daß keine Blume darunter gedeihen wird. Schon gut, wenn der Baum so lange ans- danert, bis er Früchte bringt und Schatten gibt; aber nehmt Euch in Acht, daß Ihr ihn nicht eines Tags aus- rcißen müßt, denn dann — was dann? Ja nun, Ihr werdet finden, daß die Wurzeln Euer ganzes Leben mitnehmen werden!" Sir Sedley sprach diese letzten Worte mit einem so ernsten Nachdruck, daß ich aus der Verwirrung aufgcrüttelt wurde, in welche mich der erste Theil seiner Anrede versetzt hatte. Er schwieg lange, klopfte ans seine Dose, schnaubte langsam eine Prise ein und fuhr mit seiner gewohnten Lebhaftigkeit wieder fort: „Geht, so viel ihr könnt, in die Welt — ich sage Entknoch einmal: genießt dieselbe! lind wieder muß ich Ench fragen, was soll all' Eure Anstrengung Euch nützen? Manchen Personen, die lange nicht so hoch stehen, als Trcva- nion, würde sie die Pflicht auferlegcn, Euch zn einer praktischen Laufbahn zu verhelfen, Euch in einem öffentlichen Amt nntcrzubringen. Bei ihm ist dies nicht der Fall. Er würde keincn'Zoll von seiner Unabhängigkeit verpfänden, indem er sich von einem Minister eine Gunst erbäte. Er hält Be- schäftignng^für eine solche Lust, daß er Euch ans reiner Zuneigung in seine Dienste genommen hat, und denkt dabei JOS nicht entfernt an Eure Zukunft. Er meint, dafür werde schon Euer Batcr sorgen, nnd berücksichtigt nicht, daß inzwischen Enre Arbeit zn nichts führt, kkeberlegt Alles dies wohl. Ich habe Euch jetzt hinreichend gelangweilt." Ich war verwirrt nnd vermochte kein Wort zn erwie- dern. Wie doch diese praktischen Weltmänner Einen durch Uebcrraschnng zu nehmen verstehen! Ich war hergckommen, um Sir Sedley ansznhole», nnd wurde selbst ansgcholt, geeicht, gemessen nnd mein Innerstes nach Außen gekehrt, ohne daß ich auch nur einen Zoll unter die Oberfläche jener lächelnden, glatten Ruhe gelangt wäre. Dennoch hatte bei seinem stets gleichen Zartgefühl und ungeachtet all' dieser schrecklichen Offenheit Sir Sedley kein Wort gesprochen, waS seiner Ansicht nach dem empfindlicheren Theil meiner Union,' grogre hätte verletzen können — kein Wort über das Unpassende meiner Anmaßung, im Ernste an Fanny Tre- vanion zu denken. Wären wir der Scladon nnd die Ehloe eines Banerndörfchcns gewesen, so hätte er, was die Welt anbclangt, uns nicht mehr als auf dem Fuße der Gleichheit stehend ansehen können. Und im klebrigen deutete er eher an, die arme Fanny, die große Erbin , sey meiner nicht würdig, als daß er mir das Umgekehrte zn verstehen gegeben hätte. Ich fühlte wohl, daß es nicht klug war, erröthcnde Berneinungen herauözustottcrn, weshalb ich Sir Sedley meine Hand hinbot, nach meinem Hute griff und mich entfernte. Unwillkührlich lenkte ich meine Schritte nach der Wohnung meines VaterS, bei dem ich viele Tage nicht gewesen war. Nicht nur die mannigfaltige Beschäftigung hatte mich hievon abgehalten, sondern ich schämte mich auch, ihm zu gestehen, daß das Nergnügen meine Mußestunden in Anspruch nahm. Namentlich waren diese so sehr der Miß Trevanion geweiht, daß ich ohne die mindeste Ahnung meinen Vater immer schwächer und schwächer in Onkel Jack'ö Netze sich abzappeln ließ. In Ruffel Street angelangt, fand ich die Fliege und die Spinne hart bei einander. Bei meinem Eintreten sprang Onkel Jack auf und rief, „Gratulire Deinem Vater, gratulire ihm. Nein, gra- tnlire der Welt!" „Wie Onkel," versetzte ich mit einer traurige» Anstrengung, eine lebhafte Theilnahme kund zu geben, „sind, die 'Literarischen Times' endlich vom Stapel gelassen?" „O, dies ist Alles längst bereinigt. Hier ist eine Probe der Schrift, die wir für die leitenden Artikel gewählt haben," Und Onkel Jack, dessen Tasche stets einen nassen Bogen einer oder der anderen Art barg, zog ein dampfendes Papiernngeheuer hervor, daS seinem Umfange nach gegen die politischen 'Times' sich wie ein Mammuth gegen einen Elephantcn ausnahm, „Damit hat es seine Richtigkeit. Wir sorgen nur noch für Eorrespondenten und werden in der nächsten oder ander- nächsten Woche unser Programm ausgeben. Nein, Pisistra- tuö, ich meine das große Werk." i 302 „Mein lieber Vater, ich bin herzlich erfreut. Wie, eS ist also wirklich verkauft?" „Hnm!" entgegnete mein Vater. „Verkauft!" brach Onkel Jack hervor. „Verkauft? —. Nein, Sir, wir verkaufen es nicht! Und wenn alle Buchhändler vor uns auf die Kuiec niederffelcn, wie sie eines Tags thun werden, dieses Buch wird nicht verkauft! Neffe, dieses Buch ist eine Revolution — cs ist eine Aera — es ist der Befreier des Genius von fröhnerischcr Knechtschaft. Dieses Buch! —" Ich blickte fragend von meinem Onkel auf meinen Vater und nahm im Geiste meine Glückwünsche wieder zurück. Leicht erröthcud und schüchtern seine Brille abrcibend, begann sodann Mr. Carton: „Du sichst, Pisistratus, daß es dem armen Jack bet der unsäglichen Mühe, die er sich gegeben hat, nicht gelungen ist, die Buchhändler zur Anerkennung des Werths zu vermögen, den er in der 'Geschichte des menschlichen Jrr- thnms' entdeckt hat/' „Weit gefehlt; sie alle wissen die wunderbare Gelehrsamkeit zu würdigen —" „Allerdings; aber sie glauben, cs sey nicht gut verkäuflich, und weigern sich daher sehr selbstsüchtig, cs zu kaufen. Einer hat sich wohl geneigt gezeigt, auf Unterhandlungen einzugehen, wenn ich Alles über die Hottentotcn und Kaffer», die griechischen Philosophen und ägyptischen Priester auslaffe, mich blos auf die gebildete Gesellschaft beschränke 303 und dem Werk den Titel gebe: 'Anekdoten von den alten nnd neuen europäischen Höfen/" „Der Elende!" stöhnte Onkel Jack. „Ein Anderer meinte, inan könne es in kleine Abhandlungen zerlegen, die Eitate anslassen und den Titel dafür wählen: 'Menschen und Litten/ „Ein Dritter war freundlich genug, zu bemerken, obgleich gerade dieses Werk ganz und gar unverkäuflich sey, so scheine ich ihm doch einige historische Bildung zu besitzen, nnd er würde sich glücklich schätzen, einen historischen Roman zu übernehmen von 'meiner graphischen Feder — nicht wahr, Jack, so lauteten seine Worte?" Jacks Brust war zu voll, als daß er hätte sprechen können. „Vorausgesetzt, daß ich ein passendes Liebesverhältnis; darin anbringe nnd das Ganze drei Oktavbände fülle, drci- nndzwanzig Zeilen ans die Seite, weder mehr noch weniger. Ein ehrlicher Kerl wurde endlich anfgcsnndcn, der mir ein sehr achtbarer und in der That auch unternehmender Mann z» sehn schien. Er stellte seine Berechnungen an, und da sich dabei zeigte, daß kein möglicher Gewinn damit zu erzielen war, so erbot er sich großmnthig, mir die Hälfte dieses negativen Prosits zu überlasten, vorausgesetzt, daß ich für die Hälfte des sehr positiven Aufwands einstehe. Ich ging eben mit mir zu Rathe, ob cs nicht zweckmäßig sey, diesen Vorschlag anzunehmen, als Dein Onkel von einer erhabenen Idee ergriffen wurde, welche mein Buch in einer Windsbraut von Erwartung mit sich fortriß." „Und diese Idee?" versetzte ich kleinlaut. „Die Idee," nahm Onkel Jack, der sich jetzt wieder erholt hatte, das Wort, „ist kur; und einfach diese. Seit unfürdenklichcn Zeiten sind die Schriftsteller stets die Beute der Buchhändler gewesen. Große Autoren haben in Dachstübchen gelebt — ja sind sogar auf der Straße an einer unerwarteten Brodkruste erstickt, wie jener arme Trauerspieldichter!" „Otway," ergänzte mein Vater. „Die Geschichte ist freilich nicht wahr — doch dies thnt nichts zur Sache." „Milton hat, wie Jedermann weiß, sein verlorenes Paradies für zehn Pfund verkauft — für zehn Pfund, Neffe! Kurz, derartige Beispiele sind zu zahlreich, als daß ich sie hier anfführcn könnte. Aber die Buchhändler, Neffe — sie sind Leviathane, sie wälzen sich in Meeren von Gold. Von den Schriftstellern nähren sie sich, wie die Vampyre von den kleinen Kindern. Aber zuletzt hat die Geduld ihr Ende erreicht — das Fiat ist erschollen — die Lärmglocke der Freiheit hat getönt, und die Autoren haben ihre Fesseln zerbrochen. 'Die große A n t i - B u ch h a u- dels - A u t o r e n - B e r b i n d u n g ist ins Leben getreten, und durch sie — merke Wohl auf, PisistratnS — durch sie wird jeder Schriftsteller zu seinem eigenen Verleger — das heißt jeder Schriftsteller, der sich der Gesellschaft anschließt. Man braucht da keine unsterblichen Werke mehr einer gewinnsüchtigen Berechnung, einem schmutzigen Geschmack zu unterstellen; das bedrückende Dingen und Mäkeln, die gebrochenen Herzen haben aufgehört; 3N5 keine Brodkrusten ersticken mehr große Lrauerspicldichkcr auf der Straße, nnd verlorene Paradiese werden nicht länger für zehn Pfnnd verkauft! Der Autor legt sein Werk einem für diesen Zweck ernannten auserlesenen Comito vor, das ans Männer» von Zartgefühl, Erziehung und Bildung besteht. Diese müssen natürlich selbst Schriftsteller sehn, lesen das ihnen Mitgetheiltc nnd die Gesellschaft läßt es drucken. Ter Kassier händigt sodann dem Schriftsteller den Gewinn ein nnd macht dabei nur einen bescheidenen Abzug, der den Fonds der Gesellschaft znfällt." „In diesem Falle, Onkel, wird natürlich jeder Antor, der sonst nirgends einen Verleger finden kann, zu der Gesellschaft kommen. Ich verspreche mir eine sehr zahlreiche Genossenschaft!" „Ich mir auch." „Und die Spekulation — wird sie nicht zu Grunde richtend seyn?" „Zn Grunde richtend — warum?" „Weil in allen kaufmännischen Geschäften ein Capital verloren ist, wenn man es auf Gegenstände verwendet, die nicht gesucht werden. Ihr unternehmt es, Bücher drucken zu lassen, welche die Verleger nicht brauchen können. Warum nicht? Weil sic keinen Absatz dafür haben! Ist es wohl wahrscheinlich, daß ihr sie besser werdet verkaufen können, als die Buchhändler? Je ausgedehnter also Euer Geschäft ist, desto größer wird der Ausfall sehn, und je mehr ihr Ge- scllschaftsmitglieder zählt, desto unheilsvoller muß sich eure Lage gestalten, tz. L. v." Bulwcr, die Cartone. L» ZOK „Pah! das Comite wird entscheiden, welche Bücher gedruckt werden sollen." „Wo zum Henker ist dann der Vortheil stir die Schriftsteller? Ich will doch eben so gern mein Werk der Bcnr- theiluug eines Buchhändlers überlassen, als einem auserlesenen Comite ron Autoren. Jedenfalls ist der Buchhändler nicht mein Nebenbuhler und muß sich doch Wohl am besten ans ein Buch verstehen — ebenso, wie von einem Geburtshelfer ein Nrthcil über den Neugeborenen erwartet werden kann." „Auf mein Wort, Neffe, Du machst dem großen Werke Deines Vaters, mit welchem die Buchhändler nichts zu schaffen haben wollen, ein schlechtes Complimcnt." Diese Erwiederung war so verfänglich gestellt, daß ich nichts mehr entgegnen konnte. Mr. Carton bemerkte nun mit einem entschuldigenden Lächeln — „Die Sache verhält sich nämlich so, mein lieber Pisi- siratus, daß ich mein Buch drucken lassen möchte ohne Verminderung des kleinen Vermögens, welches Dir eines Tags zufallen soll. Onkel Jack thnt deshalb eine Gesellschaft auf, damit die Herausgabe in solcher Weise geschehen kann. — Möge Onkel Jacks Gesellschaft lange leben und blühen! Dem geschenkten Pferd sieht man nicht »ach den Zähnen." Meine Mutter trat jetzt ein, rosig von einem Aussing in die Londoner Läden, welchen sie mit MrS. Primminö gemacht hatte; und in ihrer Freude, als sie vernahm, daß ich beim Mittagessen bleiben konnte, wurde Alles Andere vergessen. Durch ein Wnnder, welches ich nicht bedauerte, 307 war Onkel Jack an diesem Tage wirklich anderwärts zn einein Diner eingcladen. Er hatte noch andere Eisen im Feuer, außer den „literarischen Times" und der „Anti-Buch- Handels-Autoren-Verbindnng," indem er tics in einem Entwürfe stack, Dachgiebel aus Filz anzuferiigen — eine Ausgabe, die, wie ich glaube, seitdem unter andern Händen gelungen ist. Er hatte eine» reichen Mann (ocrmnthlich einen Hutmacher) anfgcfunden, der dem Projekte geneigt zn sehn schien und ihn zu einem Tiner einlnd, damit er ihm seine Ansichten weiter entwickle! Drittes Kapitel. Nach dem Mittagessen sitzen wir drei um das offene Fenster her, so traulich wie in den alten Zeiten, und meine Mutter unterhält sich leise mit mir, um den Vater nicht zu stören, der in Gedanken vertieft zu sehn scheint. Kr-kr-krrr-kr-kr! Ich fühle cs — ich habe cs! Wo! Was! Wo! Nieder damit — streift cs ab! Ums Himmels willen, seht danach! — Krrrr — krrrrr — da — hier — in meinen, Haar — in meinem Aermel — in meinem Ohr! — Kr-kr. Ich erkläre feierlich und bei dem Wort eines Christen, daß, als ich mich niedersctzte, um dieses K'ahitel zu beginnen, die Feder unwillkürlich meiner Hand entschlüpfte. Ich befand mich in einer düsten, Stiminnng, lehnte mich in meinem Stuhle zurück und starrte in das Feuer hinein. Es 20 ' ist Ende Juni und ei» merkwürdig kalter Abend — sogar für diese Jahreszeit. Und während ich so vor mich hinsah, fühlte ich gerade in meinem Nacken etwas krabbeln. Mechanisch und instinktariig, aber noch immer nachsinncnd, fuhr ich rarnacb inid erwischte — waS? Eben dieses Was ist cs, was mich in Verzweiflung seht. Es war ein Ding — ein dunkles Ding — viel größer, als ich erwartet hatte. Der Anblick überraschte mich so, daß ich die Hand heftig schüttelte, und das Ding entwischte — wohin — weiß ich uichr. Das Was und daS Wo sind die Knotenpunkte in der ganzen Frage! So bald cs fort war, reute es mich, daß ich es nicht näher untersucht hatte, um wenigstens zu wissen, was es für ein Geschöpf gewesen. Vielleicht war es ein Ohrcnkriebler — ein sebr großer mütterlicher Ohrenkriebler — ein Ohren- lrieblcr, weit vorgerückt ans dein Wege, in welchem Ohrcn- fricblcr zu sehn wünschen, wenn sie ihre Ehegcnosien lieben. Ich habe einen großen Abscheu vor Ohrcnkrieblern und glaube fest, daß sie einem ins Ohr kommen. Dies ist ei» Gegenstand, über den man vergeblich mit nainrgcschichtlichen Gründen gegen mich ankämpft. Ich erinnere mich noch lebhaft einer Geschichte, die mir Mrs. PrimminS erzählte — wie eine Dame viele Jahre lang unter dem peinlichsten Kopfweh lilt, wie „alle Kunst der Aerzte vergeblich war", wie sic starb, und wie man bei Oeffnung ibrcS Schädels ein solches Nest mit Ohrcnkrieblern sand — und welch ein Nest! — Die Ohrenkriebler sind die fruchtbarsten Geschöpfe und lieben ihre Nachkommenschaft! sie sitzen auf ihren Eiern, wie die Hühner — und die Jungen, sobald sie ansgeschlüpft 30!» sind, kriechen Schuh suchend unter die Mutter — ganz rührend anzusche» ! Denke man fich nun eine solche Familicn- Niederlassnng hinter dem Trommelfell eines Menschen! Aber das Thier war sicherlich größer, als ein Ohren- kriebler. Vielleicht gehörte es zu dem xenuü in der Familie b'ui llonliüao, welches den Namen I,adlN ander» Ende des Zimmers — nehme meine Feder ans — beginne mein Kapitel — und mache mir sehr schöne Gedanken über das Ganze. Kanm bin ich in meinen Gegenstand hineingekommen, als es wieder — kr-kr-kr-kr-kr — kr-kr- kr-kr-kr — knebelte nnd krabbelte. Gcnan an derselben Stelle , wo es vorhin gewesen! Oh, bei allen Mächten! Ich vergaß meine wissenschaftliche Rene, daß ich zuvor nicht nntersncht hatte, ob cs dem ^omis -kurioula»» oder lacki- (loui'n angehörte, nnd fuhr mit beide» Händen darnach, zwischen denen etwas nm sich schlug nnd krabbelte. Die Bestie ist fort. Ja, aber wieder wohin? Ich wiederhole es, dieses Wo ist eine schreckliche Frage. Der Umstand, daß das Unthier trotz aller meiner Borsichtsmaßregeln zweimal gekommen ist nnd sich genau dieselbe Stelle gewählt hat, deutet ans den Hang, daS Quartier nicht zu wechseln nnd eine Niederlassung ans mir zu gründen ; es liegt etwas Schreckliches — etwas Uebernaiürliches darin. Ich versichere Euch, daß kein Theil all mir war, der nicht kr-kr-kr machte — der nicht seitdem zappelte, krabbelte und ohrkriebelte, und ich frage, welch ein Kapitel ich werde zu Stande bringen können nach solch einem — Mein gutes Mädchen, wollt ihr nicht das Licht nehmen nnd sorgfältig unter den Tisch sehen? Sv recht, meine Liebe! Ja, in der That sehr schwarz, mit zwei Hörnern und zur Korpulenz geneigt. Die Gentlemen und Ladies, welche die Bekanntschaft mit der phönicischen Sprache kultivirt habe», wissen, daß Belzebub nach allen etymologischen und entomologischen Untersuchungen nichts mehr und nichts weniger ist, als Baalzebub — „der Fliegen- Jupiter" — ein Emblem des zerstörenden Attributs, welches in der That unter allen Jnscktenznnftcn in höherem oder niedrigerem Grade gefunden wird. Deshalb — wie Mr, Payne Knigt in seiner Untersuchung der symbolischen Sprachen bemerkt — schoren sich auch die ägyptischen Priester am ganzen Leibe, sogar bis auf die Ang- branen, damit sie nicht etwa, ohne es zu wissen, irgendeinem von den kleineren Zebuben des großen Baal Herberge gäben. Wäre ich nur tm mindesten mehr überzeugt, daß der schwarze Kr-kr noch an mir weile und daS Opfer meiner Augbrauen ihn dieses Obdachs, berauben würde — bei den Seelen der Ptolemäer! auch ich würde ihrem Beispiele folgen. Zieht doch die Klingel, meine Liebe! John, — meine —meine Cigarrendose! Cs gibt kein Kr in der Welt, das den Wolken der Havanna Stand halten kann! Pah, mein lieber Leser, ich bin nicht der einzige Mann, der seine ersten Gedanken ans kaltein Stahl enden läßt, wie dieses Kapitel ausgcht in — Pff! — pff — pff —! Viertes Kapitel. Alles in der Welt hat seinen Mutzen, sogar ein schwarzes Ding, das Einem über den Nacken kriecht. Entsetzliches unbekanntes Wesen, ich will dich —- zu einer Vergleichung benützen ! Ich denke, Madame, Ihr werdet mir zugeben, daß, wenn ein Unfall, wie der eben von mir beschriebene. Euch befallen har, und Ihr einen gebührenden damenartigen Abscheu hegt rar Ohrkrieblern — (wie mütterlich zärtlich sie auch gegen ihre Nachkommenschaft sehn mögen), vor frühen Hornisten und überhaupt vor alle» unbekannten Dingen ans der Jnsektcnznnft mit schwarze» Köpfen, zwei großen Hörnern, Fühlfätcn oder Schecrcn, namentlich im Falle, daß sic sich in der Nähe Eures Ohrs befinden —- ich denke, Madame, Ihr werdet mir zngeben, daß cs Euch, nach einem solchen Vorfälle schwer werden dürfte, in Eurer frühere» heitern Stimmung bei Eurer unschnldigcn Nätherei sitzen zu bleiben. Ihr würdet stets ein Etwas fühlen, das Euch -die Nerven angriffc und über Euren ganzen Körper knebelte und krabbelte, wie die Kinder zu sagen Pflegen. Und das Schlimmste dabei ist, daß die Scham Euch hinderte, davon zu sprechen. Ihr würdet Euch für verpflichtet halten, eine heitere Miene zn machen, an dem Gespräch Theil zu nehmen und keine große Unruhe blicken zu lassen, könntet also nicht immer Eure Nockschöße ansschnttcln und die dunkleren Falten Eurer Schürze untersuchen. So geht es mit vielen andern Dingen im Leben, außer den schwarzen Insekten. Man hat eine geheime Sorge — einen Gedanken — ein Etwas zwischen der Erinnerung und dem Gefühl, ähnlich dem schwarzen krabbelndes Kr, das man nicht zu zergliedern wagt. Sv saß ich bei meiner Mutter und versuchte, wie ehedem zu lächeln und zu sprechen; aber stets fühlte ich dabei einen Drang, umher zu gehen, mich umzuschanen, uieiner eigenen Einsamkeit zu entwischen, die Gewänder meines Geistes abznstreisen und mich von dem zu überzeugen, was mich so ängstigte und schreckte — denn Schrecken und Beklommenheit lagen aus meiner Seele. Und meine Mutter, die (der Himmel segne sic), immer so viel zu fragen wußte über Alles, was ihren lieben Anachronismus betraf, war an diesem Abend ganz besonders neugierig. Ich mußte ihr sagen, wo ich gewesen, was ich gethan und wie ich meine Zeit zngebracht hatte — und Fanny Trevanion (ich bemerke hier beiläufig, daß sie dieselbe drei oder viermal gesehen und für die hübscheste Person in der Welt erklärt hatte) — oh, sie mußte genau wißen, was ich von Fanny Trevanion dachte! Und alles dies, während mein Vater in Gedanken vertieft zu sein schien. Den Arm über meiner Mutter Stuhl gelegt und meine Hand in der Ihrigen, antwortete ich auf ihre Fragen bisweilen mit einem Stottern, bisweilen mit einer Anstrengung von Zungcngeläufigkcit, bis ich cndlich bci einer Nachforschung, die mir prickelnd zmn Herzen ging, unruhig wurde. Die Augen meines Vaters hafteten jetzt fest auf den meinigen — ebenso fest, wie damals, als ich dahinsiechte, ohne daß Jemand einen Grund anzugeben wußte, und mein Vater sagte: „er muß in die Schule gehen." Fest, mit ruhiger, wachsamer Zärtlichkeit. Ach nein, seine Gedanken waren nicht bei dem großen Werke gewesen; er hatte sich in die Seiten des wcrthloseren vertieft, für daS er aber doch mehr -als schriftstellerische väterliche Sorge fühlte. Ich begegnete diesen Augen, sehnte mich , an seine Brust zu sinken —- und ihm Alles zu sagen. Was ihm zu sagen? Meine liebe 314 Leserin, ich wußte dies eben so wenig, als ich daö schwarze Ding kannte, das mich diesen ganzen gesegneten Abend so sehr gequält hat! „Pisisiratns!" begann mein Vater mit Milee, „ich fürchte, Du hast den Safransack vergessen." „Nein, gewiß nicht, Vater," versetzte ich lächelnd. „Wer den Sasransack trägt," snhr mein Vater fort, „hat einen heitereren, ruhigeren Geist, als Du zu besitzen scheinst, mein armer Junge." „Lieber Austin, er ist ja recht heiter, meine ich," sagte meine Mutter ängstlich. - Mein Vater schüttelte den Kopf und ging einigemal im Zimmer ans und ab. „Soll ich nach Licht läuten, Vater? GS wird dunkel. Ihr wünscht vielleicht zu lesen?" „Nein, Pisistratns, D u sollst mir jetzt lesen, und diese Stunde des Zwielichts paßt am besten zu dem Bnche, das ich vor Dir aufschlagen will." Mit diesen Worten rückte er einen Stuhl zwischen mich und meine Mutter, ließ sich ernst darauf nieder und blickte eine geraume Zeit schweigend zu Boden: dann sah er uns beide abwechselnd an. „Mein liebes Weib," sagte er endlich fast in feierlichem Ton, „ich will von mir selbst sprechen, wie ich war, ehe ich Dich kannte." Sogar in der Dämmerung bemerkte ich, daß in dem Gesicht meiner Mutter die Farbe sich veränderte. „Du hast meine Geheimnisse zärtlich und ehrenhaft 315 geachtet, Cathanna. Jetzt ist die Zeit gekommen, in welcher ich sie Dir und unserem Sohne mitthcilcn kann/' Fünftes Kapitel. Meines Vaters erste Liebe. „Ich verlor meine Mutter früh. Mein Vater war ein wackerer Mann, aber so unbeweglich, daß er nnr selten seinen Sessel verließ und oft ganze Tage, ohne zu sprechen, hinbrachte, wie ei» indianischer Derwisch. So blieben Roland und ich, wir beide, uns selbst überlassen, um uns nach unserem Geschmackc selbst z» erziehe». Roland jagte und fischte, las alle Gedichte und Ritterbücher, die sich reichlich in meines Vaters Bibliothek vorfanden, und fertigte viele Abschriften von dem alten Stammbaum, dem einzigen Gegenstände, für den mein Vater je ein lebhaftes Interesse an den Tag legte. Schon in früher Jugend hatte ich eine Vorliebe für ernstere Studien und fand zum Glück in Mr. Tibbcts einen Lehrer, der, wenn er nicht so bescheiden gewesen wäre, Kitty, dem Pvrson an die Seite hätte treten können. Was den Fleiß betraf, so war er ein zweiter Bndäus; anch pflegte er ganz dasselbe zu sagen, was dieser Gelehrte, daß nämlich der einzige verlorne Tag in seinem Leben der seiner Hochzeit gewesen, weil ihm an diesem nnr sechs Stunden zum Stn- diren geblieben sehen. Unter einem solchen Meister konnte es nicht fehlen, daß ich selbst auch in der Gelehrsamkeit gute Fortschritte machte. Ich verließ die Universität mit einer 316 Auszeichnung, welche mich berechtigte, mit den schönsten Hoffnungen auf meine Laufbahn in der Welt hinznblicken, »Ich kehrte nach dem stillen Pfarrhaus meines Vaters zurück, um mir Erholung zu gönnen und darüber »ach- zudcukcn, welche» Pfad znm Ruhm ich einschlagcn sollte. Das Pfarrhaus lag am Fuße des Hügels, auf dessen Höhe die Trümmer des Schlosses standen, daS Noland seitdem gekauft hat, Obgleich ich nicht dieselbe romantische Ehrfurcht vor den Ruinen hegte, wie mein Bruder (denn meine Tagtränmc waren mehr von klassischen, als ritterlichen Erinnerungen gefärbt), so kletterte ich doch gerne, ein Buch in der Hand, den Berg hinan, um mitten in den Trümmer», welche die Zeit auf der Erde umhergestreut hatte, meine Luftschlösser zu bauen, „Eines Tages, als ich den alten, mit Gras überwachsenen Schloßhof betrat, sah ich auf meinem Lieblingsplätzchcn eine Dame sitzen, welche die Ruinen abzeichnete, 'Sie war jung und dünste meinen Augen schöner, als irgend ein Frauenzimmer, das mir je zu Gesicht gekommen. Mit einem Worte, ich war bezaubert und — wie die abgedroschene Phrase lautet — 'wie an die Stelle gebannt,' Ich setzte mich in einiger Entfernung nieder und betrachtete sic, ohne ein Verlangen zu tragen, sie anznrcden. Bald nachher kam von einem andern Thcile der Ruine» her, die damals unbewohnt waren, ein großer, Achtung einstößendcr ältlicher Herr von wohlwollendem Aussehew; er hatte einen kleinen Hund bei sich, der bellend auf mich losfuhr. Dies lenkte die Aufmerksamkeit der Dame sowohl als des Gentle- 317 man auf mich. Der Letztere näherte sich mir, rief den Hund zurück und entschuldigte sich gegen mich mit vieler Höflichkeit. Nachdem er eine Weile mich etwas neugierig betrachtet hatte, begann er Fragen an mich zu stellen über den alten Platz und seine früheren Eigenthümer, deren Namen unv Abkunft ihm wähl bekannt war. Allmalig kam auch heraus, daß ich von dieser Familie abstammte und ihr als der jüngere Sohn des armen Pfarrers angehörte, welcher jetzt das Haupt derselben war. Der Gentleman stellte sich nun mir als den Grafen von Nainsforth vor, den größten Grundbesitzer in der Umgegend, der übrigens während meiner Kindheit und meiner Jugend das Land so selten zu besuchen Pflegte, daß ich ihn nie zuvor zu Gesicht bekommen hatte. Sein einziger Sohn übrigens, ein junger Mann von hoffnungsvollen Anlagen, war mit mir während meines ersten Universitätsjahrs in demselben College gewesen. Der junge Lord gab sich viel mit klassischen Studien ab, und wir waren ein wenig mit einander bekannt geworden, eh' er seine Reisen antrat. „Wie Lord Nainsforth meinen Namen hörte, nahm er mich herzlich bei der Hand und führte mich mit de» Worten seiner Tochter zu: 'Denke nur, wie glücklich, Ellinor; dies ist der Mr. Carton, von dem Dein Bruder so oft gesprochen hat.' „Kurz, mein lieber Pisistratns, das Eis war gebrochen, die Bekanntschaft angcknüpft, und Lord Nainsforth drang in mich, ihn zu besuchen, da er seine lange Abwesenheit vom Land wieder gut zu machen und den größer» Theil des Jahrs über in Compton zu wohnen beabsichtigte. Ich machte von der Einladung Gebrauch. Lord Rainsforth gewann mich immer lieber, und ich besuchte ihn oft," Mein Vater hielt inne, und alb er sah, baß meine Mutter ihre Augen mit einer Art wehmülhigen Ernstes auf ihn geheftet hatte, während er ihre Hände fest mit de» steinigen umfaßt hielt, beugte er sich zu ihr nieder »nd küßte sic auf die Stirne. „Es ist kein Grund vorhanden, mein Kind!" sagte er. Es war das eiuzigemal, daß ich ihn je meine Mutter so väterlich aureden hörte. Uber auch nie zuvor hatte er so ernst und feierlich gesprochen — nicht einmal eine einzige Ci- tation — es war unglaublich! Nein, nicht mein Vater redete, sondern ein ganz anderer Mann. „Ja, ich ging oft hin," fuhr er fort. „Lord NainSforth war ein merkwürdiger Mann. Sein zurückhaltendes Wesen, dem sich jedoch — ein seltener Fall — durchaus kein Stolz bcimischte, und die Vorliebe für stille, literarische Thätig- keit hatten ihn gehindert, am öffentlichen Lebe» jene» persönlichen Anthcil zn nehme», für den er so reichlich befähigt war; gleichwohl verdankte er seinem ehrenhastcn Rufe nnd seiner Popularität einen nicht unbedeutenden Einfluß sogar auf die Bildung der Cabinetc, wie ich glaube, nnd einmal hatte er sich bewegen laste», im Ansland eine hohe diplomatische Stellung zn übernehmen, in der er sich jedoch ohne Zweifel so unglücklich fühlte, wie nur irgend ein rechtschaffener Mann, über den etwas Schlimmes ergeht. Es bereitete ihm jetzt einen Genuß, sich znrückzuziehen, um durch die Ritzen seiner Abgeschiedenheit auf die Welt 319 nicderschanen zu können. Lord Rainsforth wußte daS Talent zu schätze» und hegte namentlich eine warme Thcilnahme für junge Männer, die damit begabt zu sein schienen. Ucbcr- haupt hatte sich seine Familie durch geistige Fähigkeiten gehoben und stets darin ausgezeichnet. Sein Ahne, der erste Peer, war ein berühmter Ncchtsgelehrter gewesen: sein Vater hatte im Rufe hoher wissenschaftlicher Bildung gestanden, und seine Kinder Elliuor und Lord Pcndarvis besaßen die trefflichsten geistigen Anlagen. So verkörperte sich in dieser Familie die Aristokratie der Intelligenz, welche von ihren Ansprüchen au die niedriger stehende des Ranges nichts zu wissen schien. Ihr dürft dies im Laufe meiner Erzählung nie ans dem Auge verlieren. „Lady Ellinor thciltc ihres Vaters Liebhabereien und Denkweise. Sie war damals noch keine Erbin. Lord Raius- forth sprach mit mir über meine Laufbahn. Es war eine Zeit, in welcher die französische Revolution die Staatsmänner bewog, mit Besvrgniß umherznschanen »nd die bestehende Ordnung der Dinge durch einen Bund mit jenen Angehörigen der Heranwachsenden Generation zu kräftigen, welche durch ihre Fähigkeiten einen Einfluß ans ihre Zeitgenossen in Aussicht stellten. „Auf der Universität errungene Auszeichnungen sind, wie ehedem , immer noch anerkannte Pässe für den Eintritt tn's öffentliche Leben. Lord RainSforth hatte mich allmälig so lieb gewonnen, daß er daraus hiudeutetc, er wünsche mir einen Sitz im Unterhaus zu verschaffen. Ein Parlamentsmitglied konnte sich zu Allem erheben, und Lord Rainsforth besaß hinreichenden Einstnß, um meine Erwählung dnrchzn- setzcn. Dies war eine glänzende Aussicht für einen junge» Studenten, der frisch dom Thueydidcs herkam und den Demosthenes noch warm auf der Zungenspitze hatte. Du siehst, mein lieber Sohn, ich war damals nickt ganz, was ich jetzt bin — mit Einem Worte, ich liebte Ellinor Eomp- ton und ließ mich daher dom Ehrgeiz hinreißen, Ihr wißt, wie hochstrcbend sic noch immer ist: aber ich konnte meinen Ehrgeiz nicht nack dem ihrigen modeln. Schon der Gedanke schreckte mich, in de» Senat meines Vaterlandes als der Abhängige einer Partei oder eines Beschützers zu treten — als ei» Mann, der dort sein Gluck machen wollte und der bei jeder Abstimmung überlegen mußte, um wie viel sic ihn einem schönen Einkommen näher sichre. Ich wußte nicht einmal gewiß, ob Lord Rainssorth's Ansichten über Politik mit den meinigen übereinstimmcn würden. Konnte überhaupt die Politik eines erfahrenen Weltmanns die nämliche sein, wie die eines warmblütigen jungen Studenten? Aber selbst im entgegengesetzten Falle fühlte ich doch, daß ich in solcher schleichenden Weise mich nicht zu einer Gleichheit mit der Tochter eines Beschützers erheben konnte. Nein! ich war bereit, meine Vorliebe für die klassischen Studien aufzngcben, alle meine Thatkraft der Rechtsgclehrsamkeit znzuwcnde», mir gewaltsam Bahn zu brechen zum Glück, und wenn ich mir eine unabhängige Stellung errungen hätte, -was dann? Je nun, ich dachte, daß ich dann das Recht habe, von Liebe zu sprechen und nach Macht und Einfluß zu ringen. Dies war jedoch nicht Ellinor Comptons 821 Ansicht. Das Studium des Rechts schien ihr eine langweilige , nutzlose Plackerei zu sein, da nichts darin ihre Einbildungskraft fesselte. Sie hörte mich mit jenem Zauber an, der noch immer an ihr haftet und durch welchen sie sich mit denen, die zu ihr reden, zu identifieircn scheint. Sie konnte mir einen bittenden Blick zuwerfen, wenn ihr Vater sich über die herrlichen, von ihm viel zu hoch angeschlagenen Aussichten einer erfolgreichen parlamentarischen Laufbahn verbreitete; denn obschon er selbst nie darnach gestrebt, hatte er doch mit Männern dieser Klasse vielen Umgang gehabt und schien stets zu wünschen, einen derartigen Einstuß in der Person eines Anderen geltend machen zu können. Wenn ich dagegen meinerseits von Unabhängigkeit und von der Ndvokatenbank sprach, wurde Ellinors Antlitz umwölkt. Die Welt — die Welt lag in ihr und der Ehrgeiz der Welt, der stets nach Macht oder Aufsehen trachtet! Ein Theil des Hauses war dem Ostwind ansgcsetzt und ich meinte eines Tages, man solle an jener Seite den Abhang hälftig mit Bäumen bepflanzen. 'Mit Bäumen?' rief Lady Minor; 'es wird zwanzig Jahre anstchen, ehe sic groß geworden sind. Nein, mein thenrer Vater, laßt lieber eine Mauer bauen und sie mit Kriechpflanzen überwachsen!' Dies dient zur Beleuchtung ihres ganzen Charakters. Sie konnte nicht warten, bis die Bäume groß wurden; eine todte Mauer war schneller anf- gcführt, und der parasitische Ephcn verlieh ihr ein hübscheres Aussehen. Gleichwohl war sie ein großes und edles Wesen. Und ich — in sie verliebt! Nicht so hoffnungslos gerade, als ihr glauben mögt; denn Lord Rainsforth ließ oft einen Vulwcr, die Cartonc. 21 Wink der Ermnthignng fallen, de» sogar ich kaum mißdeute» konnte. Da er sich nicht nin den Rang kümmerte und für seine Tochter kein größeres Vermögen wünschte, als zn einem anständigen Auskommen erforderlich war, so sah er in mir alles Erforderliche — einen Gentleman von alter Herkunft, in welchem sein eigener regsamer Geist jene Art innerlichen Ehrgeizes verfolgen konnte, die in ihm nber- slrömte, vl'schon er ihr noch nie Luft gemacht hatte. Und Minor! — Der Himmel verhüte, daß ich behaupten sollte, sie hätte mich geliebt — aber Etwas sagte mir in meinem Innern, daß es vielleicht so weit kommen konnte. Unter solchen Umständen machte ich, alle meine Hoffnungen unterdrückend, einen kühnen Versuch, die Einstnssc um mich her zn überwinden und jene Laufbahn zu ergreifen, die mir von allen als die würdigste erschien. Ich ging nach London, um mich für die Advokatenbank vorznbcrciten." „Für die Advokatcnbank? Jst's möglich?" rief ich. Mein Vater lächelte wehmnthig. „Damals schien mir Alles möglich. Ich studirtc einige Monate, lernte schon in dieser kurzen Zeit den Weg vor mir erfassen, begriff, welche Schwierigkeiten mir in Aussicht standen, und begann zu fühlen, daß etwas in mir lag, was mich befähigte, sie zn überwinden. Ich machte Ferien und kehrte nach Cnmberland -zurück. Dort traf ich Roland an. Er war immer ein unsteter, abenteuerlicher Charakter gewesen nnd obschon er damals noch nicht in die Armee getreten, hatte er doch im Laufe >von mehr als -zwei Jahren fast ganz Großbritanien nnd Irland zn Fuß durchwandert. Es war ei» junger fahrender Ritter, der mich umarmte und der mich mit Vorwürfen überhäufte, weil ich mich für den Ad- vokatenstand vorbereitete. Es habe nie einen Advokaten in der Familie gegeben! Ich glaube, iu diese Zeit fiel cs, alö ich ihn durch die Entdeckung von dem Buchdrucker fast versteinerte ! Ich wußte mir nicht gerade einen Grund anzugcbeu — war cs Eifersucht, Furcht oder eine Ahnung — so viel aber ist gewiß, daß sich ein Schmerzgefühl meiner bemächtigte, als ich von Roland erfuhr, daß er mit den Bewohnern von Comptonhall auf's Genaueste bekannt sey, Roland und Lord Nainsforth hatten sich in dem Hanse eines benachbarten Gentleman getroffen und Letzterer war dem neuen Bekannten, Anfangs vielleicht wegen meiner, später aber um seiner selbst willen, mit Liebe cntgcgengckommen, „Ich hätte nm'S Leben Roland nicht fragen können," fuhr mein Vater fort, „wie ihm Ellinor gefalle; als ich aber fand, daß er dieselbe Frage gegen mich umging, so zitterte ich, „Wir gingen gemeinschaftlich »ach Compton, vbschon wir unterwegs nur wenig mit einander sprachen, und blieben einige Tage dort," Mein Vater steckte jetzt die Hand in seine Weste, Alle Menschen haben ihre kleinen Manieren, welche viel bedeuten, nnd wenn mein Vater die Hand in seine Weste steckte, so war cs stets ein Zeichen, irgcne einer geistigen Anstrengung — er wollte dann beweisen, argnmentircn, mvralisiren oder predigen. Deshalb glaube ich, daß ich, obschon ich zuvor mit größter Aufmerksamkeit zngehört hatte, magnetisch nnd mcsmerisch gesprochen, ein Ertra-Paar Ohren und einen 21 " neuen Sinn erhielt, sobald mein Vater diese Handbewegnng oornahin. sechstes Kapitel, Wort ii in e i ii A a t c r i 11 s e i n e r G c s ch i ch t c f o r t- ^ ähr t, „ES gibt keine mystische Schöpfung, kein Bild, kein Symbol und keine poetische Erfindung zur Bezciclmnng des Dunkeln, Verborgenen und Unbegreiflichen, ohne daß dazu die Repräsentanten a»S dem weiblichen Geschlecht gewählt wären " sagte mein Vater, der die Hand ganz in seiner Weste begraben hatte. „Da ist die Sphinr, die Ehimäre und die Isis, deren Schleier kein Mensch je gelüftet hat — sie alle sind Weiber, Kitty, durchgängig alle! Ebenso die Perscr- phonc, die stets entweder im Himmel, oder in der Hölle sein mußte — und die Hceatc, welche bei Nacht das Eine, bei Tag daö Andere war. Die Sibyllen waren Franenzimincr, desgleichen die Gorgonen, die Harpien, die Furien, die Parzen , die teutonischen Valeyrien, die Normen und Heia selbst — kurz, alle Darstellungen von dunkeln, unergründlichen und bedeutsamen Ideen sind weiblich," Ter Himmel segne meinen Vater! Austin Carton war wieder er selbst! Ich begann zu fürchten, der Faden seiner Geschichte sey ihm wieder entschlüpft in diesem Labyrinth oon Gelehrsamkeit, Znm Glück aber fiel sein Blick, als er inne hielt, um Athen, zu holen, ans die ehrliche freie Stirne und die klaren blauen Angen meiner Mutter, die sicherlich nichts gemein hatten mit Sphinren, Chimäre», Parzen, Furien oder Valkyrien. Ob ihn nun eine Art Nene an- wandclte, oder ob sich sein Verstand einräumcn mußte, daß er in eine ganz falsche und ungesunde Kette von Behauptungen verfallen scy — ich weiß es nicht; so viel aber ist gewiß, daß seine Stirne sich erheiterte und er mit einem Lächeln wieder begann: „Ellinor wäre die letzte Person in der Welt gewesen, die irgend Jemand absichtlich hätte täuschen können. War cs wohl eine Täuschung gegen mich und Noland, wenn wir beide, vbschon wir keine dünkelvollen Jünglinge waren, der Einbildung Raum gaben, daß wir es nicht vergeblich gewagt HÄten, von Liebe zu sprechen, falls wir nns nur zu einer offenen Erklärung ermuthigen konnten? Oder glaubst Du, Kitty, daß ein Mädchen wirklich (vielleicht nicht gerade viel, aber doch ein wenig) zwei, drei oder ein halb Dutzend auf Einmal lieben könne?" „Unmöglich!" rief meine Mutter. „Und was diese Lady Ellinor betrifft, so bin ich ganz entsetzt über sie — ich weiß nicht, wie ich es nennen soll." „Auch ich nicht, meine Liebe!" sagte mein Vater, indem er langsam seine Hand ans der Weste nahm, als sey die Anstrengung zu groß für ihn und das Problem ei» unlösliches. „Ich muß übrigens um Verzeihung bitten, wenn ich die Ansicht auösprechc, daß ein Mädchen, che es seine Neigung wirklich, wahrhaftig und herzlich einem einzigen Gegenstand znwendet, gerne ihrer Phantasie, dem Verlangen nach Gewalt, der Neugier oder der Himmel weiß wem sonft 3S8 noch gestattet, sogar dem eigene» Geiste bleiche Ncflere des noch nicht anfgcgangcncn Lichtes vorznspiclen — Nebensonnen, welche der wahren vorangchen. Du darfst Roland nicht nach dem benrthcilen, Pisistratns, wie Du ihn jetzt flehst —grämlich, grau und förmlich; denke Dir eine Natur, die sich hoch anfschwingt unter kühnen Gedanken oder über- sirömt von der namenlosen Poesie des jugendlichen Lebens — eine Gestalt von unvergleichlicher Spannkraft — ein Auge, leuchtend von stolzem Feuer — ein Herz, ans dem edle Gefühle sprühten, wie die Funken von einem Ambos. „Lady Minor besaß eine glühende, forschbegicrige Phantasie. Ein so kühnes, feuriges Wesen mußte ihr Interesse anrcgcn. Anderseits war ihr Geist in hohem Grade gebildet und leicht fassend. Erscheint cs wohl als Eitelkeit, wenn ich nach Vcrfluß so vieler Jahre sage, daß in meinem Geist der ihrige einen verwandten fand? Wenn das Weib liebt, sich verehlicht und ein HauSwcscn führt, dann wird sie erst ein Ganzes, ein vollständiges Wesen. Aber ein Mädchen, wie Ellinor, birgt viele Weiber in sich. Selbst veränderlich, haben alle Abwechslungen Reiz für sie. Ich glaube, wenn einer von uns kühn das bedeutungsvolle Wort ausgesprochen, so hätte Lady Ellinor sich in ihr eigenes Herz zurückgcflüchtct, es untersucht, geprüft und eine freie, offene -Antwort gegeben. Und wer zuerst das Wort ergriffen, würde vielleicht die bessere Aussicht gehabt haben, nicht mit einem 'Nein abgefertigt zu werden. Aber keiner von nnö beiden sprach. Und vielleicht war sie eher neugierig, zu erfahren , ob sic Eindruck gemacht hatte, als darauf erpicht, 327 einen solchen hervorznrufe». So täuschte sie unS also nicht mit Absicht, obschou ihre ganze Atmosphäre aus einem Blendwerk bestand. Die Nebel kommcu vor dem Sonnenaufgang. Wie dem übrigens sein mochte, cs stund nicht lange an, bis Roland und ich, wir uns gegenseitig, auf die Spur kamen. Dadurch entsprang zuerst Kälte, dann Eifersucht und endlich Streit." „ D, mein Vater, Eure Liebe muß in der That gewaltig gewesen sein, da sie einen Bruch zwischen den Herzen zweier solchen Brüder hcrbciführen konnte!" „Ja," versetzte mein Vater. „ES war in Mitte der alten Schloßruincn, dort, wo ich Ellinor zum erstenmal gesehen hatte — ich fand ihn unter dem Strauchwerk und Gestein sitzend, daS Gesicht von seinen Hände» verhüllt. Da schlang ich meinen Arm um seinen Racken und sagte zu ihm: 'Bruder, wir beide lieben dieses Mädchen! Mein Wesen ist ruhiger, als das Dcinigc, und ich werde den Verlust weniger fühlen. Bruder, gib mir Deine Hand -— Gott behüte Dich, denn ich gehe!'" „Austin," murmelte meine Mutter, indem sie den Kopf an seine Brust sinken ließ. „lind dadurch gcriethcn wir in Streit. Denn Roland bestand darauf, während ihm die Thräncn über die Wangen rollte» und er mit dem Fuji auf den Boden stampfte, daß er der Eindringling, der Zwischenkäufer scy — für ihn gebe es keine Hoffnung. Er scy ein Narr, ein Wahnsinniger gewesen — und für ihn zieme cs sich, zu gehen! Während wir nnS so mit Worten bekämpften, erschien der alte Diener meines Vaters an dem einsamen Ort mit einem Bittet von Lady Ellinor, in welchem sie mich bat, ihr ein Buch zu borgen, das ich gelobt hatte. Roland erkannte die Handschrift, und während ich noch das Briefchen unschlüssig hin und her drehte, ehe ich das Siegel erbrach, war er verschwunden. . „Er kehrte nicht nach dem väterlichen Hanse zurück, und wir erfuhren nicht, was aus ihm geworden war. Mich aber setzte seine Entfernung in große Unruhe, da mich das Ungestüm seines vuleauischen Wesens schreckte. Ich unternahm es, ihn aufznsuche», entdeckte endlich seine Spur und fand ihn nach vielen Tagen in einer ärmlichen Hütte mitten in der traurigsten der traurigen Ocdcn, welche einen so großen Theil von Cumberland bilden. Er war so verändert, daß ich ihn kaum mehr kannte. Um mich kurz zu fassen, wir kamen endlich zu einer Vertragung. Wir wollten mit einander nach Compton zurückgehen, und da die Ungewißheit unerträglich war, so sollte wenigstens Einer von uns seinen Muth zusammcnraffcn, um sei» Schicksal zu erfahren. Aber wer sollte zuerst sprechen? Wir lovsten darum und das Glück begünstigte mich. „Und nun ich wirklich über den Rubikon setzen, nun ich jener geheimen Hoffnung, welche mich so lang beseelt hatte und für mich ein neues Leben gewesen war, Worte leihen sollte— wie waren da meine Gefühle beschaffen? Mein lieber Sohn, verlaß' Dich darauf, jenes Alter ist das glücklichste, in welchem Empfindungen, wie meine damaligen, uns nicht mehr anfregeu können. Sie sind Fehltritte in 3L9 der ruhigen Ordnung jenes majestätischen Lebens, welches der Himmel für den Denker bestimmt hat. Unsere Seelen st'llten seyn, was die Sterne für die Erde — nicht aber Meteore und in wechselnde Bahnen gezwungene Cometen. Was konnte ich Minor, was ihrem Vater biete»? Was sonst als eine Zukunft voll geduldiger Arbeit? Und wie die Antwort auch anSfallcn mochte — welch ein Elend auf beiden Seiten! — hier mein Dasein erschüttert, dort Rolands edles Herz gebrochen! „Wir gingen nach Compton. Bei unseren früheren Besuchen waren wir fast die einzigen Gäste gewesen, denn Lord Rainsforth fand kein sonderliches Wohlgefallen an dem Umgang mit de» Landsqniren, die damals weit ungebildeter waren, als heut zu Tage. Und zur Entschuldigung für Minor sowohl als für uns, muß ich bemerken, daß wir fast die einzigen Männer ihres Alters waren, welche sie in jenem großen, öden Hause gesehen hatte. Aber jetzt war die Londoner Saison vorbei und das Haus mit Gästen angefnllt. Es fand nicht länger jene trauliche und ungehemmte Zwiesprache mit der Gebieterin der Halle statt, welche uns so zu sagen als Familicn-Angchörige erscheinen ließ. Man sah sic stets von hohen Damen oder seinen Herren umgeben, so daß ein Blick, ein Lächeln, ein flüchtiges Wort Alles war, was ich mit Recht von ihr erwarten konnte. Und dann die Unterhaltung — wie verschieden! Früher konnte ich von Büchern reden, denn da war ich zu Hause, während Roland von seinen Träumen, seiner ritterlichen Vorliebe für die Vergangenheit und seinem kühnen Trotz gegen die unbe- 33N kannte Zukunft sprach. Die gebildete, phantastcreichc Cl- linor konnte mit beide» sympathisiren — desgleichen ihr Vater, der ebensogut ein Gelehrter, als ein Gentleman war. Aber jetzt —" Siebentes Kapitel, in welchem mein Vater zur Lösung des Knotens ko in m t. „Was nützt e§ in der Welt," sagte mein Vater, „wenn man alle durch Grammatiken erklärte und in Wörterbüchern zersplitterte Sprachen kennt, wofern man nicht die Sprache der Welt gelernt hat? Sie ist ein Gespräch bei Seite, Kitty" rief mein Vater, der jetzt warm wurde. „Sie ist ein Ana g ln pH — ein Anaglyph in Worten, meine Liebe! Wenn Du alle Hieroglyphen so gut kenntest, wie das Abc, aber nichts non dem Anaglyph verstündest, so könntest Tn auch non den wahren Mysterien der Priester nichts erfahren. * „Keiner non uns, weder Roland noch ich, kannte auch »nr einen einzigen symbolischen Buchstaben dcsH'naglyPhs. Reden, reden und immerfort reden über Personen, ron denen wir nie gehört hatten, oder über Dinge, um die wir uns nichts kümmerten! Alles, was wir für wichtig hielten» erschien als knabenhaft oder als pedantische Spielerei, während dagegen Alles, was unS so abgedroschen und kindisch ' Das Anaglyph war den ägpytischcn Priestern cigenlhnmlich, das Hieroglhph aber allen Gebildete» bekannt. 331 verkam, zu einer großen, bedeutungsvollen Lcbcnssragc wurde! Wenn Du während des halben Vakanztages einen kleinen Schuljungen fändest, der mit einer krummen Stecknadel nach Gründlingen fischt, und ihm erzählen welltest von allen Wundern der Tiefe, den Gesetzen der Ebbe und Fluth und den antedilnvianischcn llcberrcstcn dcS Jguanodon und Ichthyosaurus — ja wenn Du nur von Perlenfischercien und Cvrallcnbänkcn oder Wassergeistern und Najaden mit ihm sprächest, würde er nicht nnmuthig ausrufcn: 'quäle mich nicht mit all' diesem Unsinn und laß mich im Frieden meine Gründlinge fangen?' Ich denke, der Knabe hat Recht in seiner Art — der arme Bursche ist wegen des Mischens her- ausgekommen, nicht aber um Geschichten von den Jgua- nodonen und Wassergeistern zu hören, „So fischte die Gesellschaft nach Gründlingen, und wir konnten kein Wort sagen von unfern Perlenfischercien und Korallcnbänken. Ob wir selbst auch nach Gründlingen angelten? — mein lieber Sohn, wir wären weniger in Verwirrung gcrathen, wenn man uns gefragt hätte, ob wir nach einer Meerjungfer fischten. Du bemerkst wohl jetzt den eiucn Grund, warum ich Dich so frühzeitig in die Welt hinausließ? Aber unter diesen Grnndclfischern war Einer, der seine Angel in einer Weise handhabte, daß seine Gründlinge größer aussahcn, als Salinen, „Trcvanion war mit mir in Cambridge gewesen, und wir standen sogar auf einem sehr vertrauten Fuße zu einander, Er war ein junger Mann, wie ich, der sich erst einen Weg in der Welt bahnen mußte, so arm wie ich und von einer Familie, mit welcher sich die meinige messen kennte — alt zwar, aber heruntergekommen. Gleichwohl fand zwischen nns beiden der Unterschied statt, daß er Verbindnn- gen in der großen Welt hatte, ich aber nicht. Wie bei mir bestand sein Hanptcinkommcn aus einem Collcgiatsstipcn- dium. Trcdanion hatte sich nämlich ans der Universität großen Nns erworben, obschon er denselben weniger den klassischen Studien, in denen er übrigens nicht unbewandert war, als seinen übrigen ausgezeichneten Eigenschaften verdankte, welche in ihm einen Mann erkennen ließen, der sich im Leben heben würde. Was er angriff, betrieb er mit Nachdruck. Er zielte nach Allem'— verlor das Eine und errang das Andere. Als Mitglied eines politisch-ökonomischen Clnbbs galt er in Gesellschaften, sobald cs znm Debattircn kam, als ein trefflicher Redner. Er wurde dabei nie müde — sein Vortrag war glänzend, abwechselnd, parador und blühend — ganz anders, als jetzt; denn da er sich vor dem Fluch der Phantasie furchtet, so hat er während seiner Laufbahn unablässig bemüht sein müssen, denselben zn zügeln. Jndeß war sein Sinn stets ans das gerichtet, was wir in England solid nennen. Er war ein großer Geist, nicht etwa wie ein schöner Wallfisch, meine liebe Kitiy, der durch das Meer des Wissens aus Lust am Schwimmen segelt, sondern wie ein Polyp, der alle seine Arme ausstreckt, um Etwas zu fassen. Trevanion hatte sich von der Universität aus sogleich nach London begeben, und sein Nuf sowohl, als seine Rede- Gewandtheit machte nicht mit Unrecht einen blendenden Eindruck auf seine Bekannten. Sie gaben sich Mühe für ihn 333 und krackten ihn in's Parlament, wo seine Reden mit großem Beifall ausgenommen wurden. In der Blütezeit seines jungfräulichen Ruhmes kam er nach Comptvn, Ihr habt ihn gesehen mit seinem kummervollen Gesichte und seinem abgebrochenen trockenen Wesen, wie ihn der ewige Ringkampf bis auf Haut und Knochen abgezehrt hat; ans diesem Bilde könnt ihr euch aber keine Vorstellung machen, wie der Mann war, als er zum erstenmal in die Arena des Lebens cintrat. „Ihr seht, meine Lieben, daß ihr stets tn Erinnerung tragen müßt, wir Leute von mittlerem Alter seien damals jung gewesen — das heißt, wir waren von dem, was wir jetzt sind, so verschieden, wie der grüne Zweig des Sommers r on dem dürren Holze, ans dem wir ein Schiff oder einen Thorpfosten zimmern. Weder der Mensch, noch das Holz paßt für die Nutzung des Lebens, bis das grüne Laub ab- gcstreist und der Saft dahin ist. Das Leben verwandelt uns sodann in seltsame Dinge mit anderem Namen: der Baum ist nicht mehr Baum, sondern ein Thor oder ein Schiff, der Jüngling nicht mehr Jüngling, sondern ein stelzbeiniger Soldat, ein hohläugiger Staatsmann oder ein Gelehrter mit Brille und Pantoffeln, Als Micyllns" — und während mein Vater so sortfuhr, schlüpfte seine Hand wieder in die Weste — „als Micyllns den Hahn, welcher vordem Pythagoras gewesen, fragte, ob cs sich mit dem trojanischen Krieg wirklich so verhalte, wie Homer cs erzählt, antwortete der Hahn mit Geringschätzung: 'Wie konnte Homer etwas von der Sache wissen — er war damals ein Kamccl in Baktria, " Pisistratns, nach der Lehre von der Seclenwaiideruiig bist Du vielleicht auch ein bactrianischcS Kaincel gewesen, als bei den Vorgängen, welche bei meinem Leben die Belagerung von Troja vorstellten, Roland und Trevanion vor den Mauern standen, „Man kann noch immer sehen, daß Trevanion schön war, Tic Schönheit seines Gesichtes hob sich noch mehr durch das fortwährende Spiel seiner Züge, in denen sich das Feuer seines Geistes anssprach. Seine Unterhaltung war gewinnend, abwechselnd, voll Leben und namentlich in hohem Grade reichhaltig, wenn die Angelegenheiten des Tages zur Sprache kamen. Wenn er schon fünfzig Jahre ein Priester des Scrapis gewesen wäre, so hätte ihm das Nnaglpph nicht besser bekannt sein können. Er füllte jede Ritze und Spalte jener hohlen Gesellschaft mit seinem vielfach gebrochenen, forschbegicrigen und kecken Lichte aus. Darum wurde er bewundert, man sprach von ihm, hörte ihm zu. und Jedermann sagte: 'Trevanion ist ein Mann, dem eine schöne Zukunft bcvorsteht,' „Gleichwohl ließ ich ihm damals nicht die Gerechtigkeit widerfahren, wie ich es später that, denn die Gelehrten und abstrakten Denker sind in ihrer ersten Jugend nur zu sehr geneigt, mehr die Tiefe von dem Geist oder Wissen eines Mannes, als die darüber hingehende Oberfläche in'ö Auge zu fassen. In einem nur vier Fuß tiefen Strom kann mehr Wasser und jedenfalls mehr Kraft und Gesundheit sein, als in einem trägen Teiche, dessen Boden dreißig * Liic > an der Traum des MicvllnS, 335 Ellen tief liegt. Wie gesagt, ich ließ Trevanion keine Gerechtigkeit widerfahren nnd entdeckte nicht, wie natürlich er Lady Ellinors Ideal verwirklichte. Ich habe schon früher bemerkt, daß in ihr viele Weiber verborgen waren, nnd,Trc- vanion faßte tausend Männer i» Einem zusammen. Er besaß gelehrte Bildung genug, um ihren Geist anznsprechen, Bcredtsamkcit, »m ihre Phantasie zu blenden, Schönheit, um ihrem Auge zu gefallen, genau jene Art von Ruf, der ihre Eitelkeit verlocken mußte, nnd einen ehren- und gewissenhaften Charakter, so daß auch ihr Ilrthcil Befriedigung fand. Vor Allem war er ehrgeizig — nicht ehrgeizig wie ich oder Roland, sondern ehrgeizig, wie Ellinor cs war. Ehrgeizig, nicht um irgend ein großartiges Ideal in dem schweigenden Herzen zu verwirklichen, sondern um die praktischen, positiven Wesenheiten, die außer ihm lagen, zu erfassen. „Ellinor war ein Kind der großen Welt, und von ihm mußte das Nämliche gesagt werden. „Von alle dem bemerkte weder ich, noch Roland, irgend etwas, nnd Trevanion schien Ellinor keine ausgezeichnete Aufmerksamkeit zu schenken. „Aber eS kam die Zeit, da ich sprechen sollte. Das Haus begann sich zu leeren. Lord Rainsforth fand Muße, seine zwanglosen Unterhaltungen mit mir wieder aufzuneh- mcn, und als wir eines Tages mit einander im Garten spazieren gingen, ersah ich meine Gelegenheit. Ich brauche Dir nicht erst zu sagen, Pisistratus," fuhr mein Vater fort, indem er mich in's Auge faßte, „daß es die Pflicht eines S3S jeden Mannes von Ehren ist, namentlich, wenn er in weltlicher Beziehung nur nntcrgcordnete Ansprüche besitzt, zuerst mit den Eltern zu sprechen, deren Vertrauen ihm eine solche Offenheit auferlegt haben, eh' er sein Herz ernstlich der Tochter anfschliesten kann," Ich senkte den Kops und erröthetc. „Ich weist nicht, wie es kam," nahm mein Vater wieder ans, „aber Lord RainSforth lenkte die Unterhaltung selbst ans Ellinor. Nachocm er von de» Aussichten seines Sohnes gesprochen, der bald nach Hause zurückkchren sollte, fugte er bei: 'Natürlich wird er in's öffentliche Leben cin- treten, voraussichtlich bald heiratheu und ein eigenes Hans- Wesen führen, so dast ich nicht hoffen darf, viel von ihm zu sehen. Meine Ellinor! — ich kann de» Gedanken nicht ertragen, mich ganz von ihr zn trennen. Und dies ist in der That, wie selbstsüchtig es auch klingen mag, einer der Gründe, warum ich nie wünschte, daß sie sich mit einem reichen Manne verbinde und so mich für immer verlasse. Es wäre mir lieb , wenn sie einen Gatten wählte, der sichS gefallen läßt, wenigstens einen großen Theil des Jahrs bei mir zu wohnen — der mich mit einem zweiten Sohn beglückt, nicht aber mir die Tochter stiehlt. Damit will ich allerdings nicht sagen, daß er sein Leben ans dem Lande vergeuden soll, denn seine Beschäftigungen werden ihn wahrscheinlich nach London führen, aber ich kümmere mich nicht darum, wo mein H a u s steht, wenn ich nur mein H e i m- wese n behalte, Ihr wißt', fuhr er mit einem Lächeln fort, das mir als bedeutungsvoll vorkam — 'wie oft ich Euch 337 andcutcte, daß ich wegen Ellinor's keinem gemeinen Ehrgeiz Ranm gebe. Ihre Morgengabc wird sehr klein sein, denn meine Güter sind bedenkend verschuldet, und ich habe während meines ganzen Lebens zn viel von meinem Einkommen anfgebraucht, als daß ich hoffen könnte, jetzt noch viel zu ersparen. Aber ihre Liebhabereien fordern keinen Aufwand, und so lange wenigstens ich lebe, braucht sic hierin keine Veränderung eintreten zulasten. Sic kann daher einem Man» ihr Jawort geben, dessen Talente im Einklang stehen mit den Ihrigen und ihm eine Laufbahn brechen werden, welche wohl gesichert sein dürste, ehe ich sterbe.' Lord Rainsforth hielt inne, und nun — wie und in welchen Worten es geschah — weiß ich nicht — .brach Alles hervor — meine lang unterdrückte, schüchterne, ängstliche, zweifelnde, furchtsame Liebe — der auffallende Eifer, welchen sie in einer bisher so znrückgczogencn und ruhigen Natur hcr- vorgcrufen —- meine juridischen Studien — meine Zuversicht, daß es mir mit einem solchen Preis vor Augen gelingen müsse, da sich's ja nur darum handle, ein Studium mit dem andern zu vertauschen. Thätigkeit könne alle Hindernisse überwinden, und die Gewohnheit auch das weniger Angenehme versüße». Die Advokatcnbank scy zwar eine weniger glänzende Laufbahn, als der Senat; aber das erste Ziel eines unbemittelten Mannes müsse Unabhängigkeit sehn. Kurz, PisistratuS, in niedriger Selbstsucht vergaß ich für den Augenblick Noland ganz und gar und sprach nur wie ei» Mann, welcher fühlte, daß sein Leben an seinen Worten hing. Bnlwer, die Cartone. 8? 338 „Nachdem ich fertig war, sah mich Lord Nainsforth mit einem Gesicht voll Innigkeit an : aber der Ausdruck seiner Züge war nicht heiter. „'Mein lieber Carton', versetzte er in bebendem Tone, 'ich gestehe, daß ich dieses einmal wünschte, daß ich es von der Stnnde an wünschte, als ich Euch näher kennen lernte ; aber warum habt Ihr so lange — cs kam mir nie eine Ahnung davon — und sicherlich meiner Tochter ebenso wenig? Er hielt inne und fügte dann rasch bei — 'Geht übrigens zu Minor und redet mit ihr, wie Ihr eben mit mir gesprochen habt. Geht; vielleicht ist es noch nicht zu spät. Und doch — aber geht.' „Zu spät! was meinte er Wohl mit diesen Worten? Lord Rainsforth hatte sich hastig in einen andern Garten- gang begeben und ließ mich allein, so daß ich Zeit hatte, mich zu besinnen, was wohl hinter diesem Näthscl verborgen sein möchte. Langsam trat ich meinen Weg nach dem Hause an und suchte Lady Minor ans, halb hoffend, halb fürchtend, sie allein zu finden. Neben dem Gewächshaus befand sich ein kleines Zimmer, in welchem sic sich Morgens anfzuhalten Pflegte; dorthin lenkte ich meine Schritte. „Dieses Zimmer — ich sehe cs noch! die Wände waren mit Zeichnungen von ihrer eigenen Hand bedeckt, viele davon Skizzen von Plätzen, welche wir gemeinschaftlich besucht hatten. Die einfache Verzierung nahm sich, frauenhaft, nicht weibisch zart ans, und ans dem Tisch lagen noch dieselbe» Bücher, die mir durch liebe Erinnerungen theucr geworden waren. Ja, hier war der Tasso, in welchem wir mit cinan- 339 der die Episode der Clorinda gelesen— dort der Acschp- lus, aus welchem ich ihr den Prometheus überseht hatte. Manche mögen dies für Pedanterien halten, und sic waren es vielleicht auch, lieferten aber doch zugleich den Beweis von der Geistesverwandtschaft, welche den Mann der Bücher an die Tochter der Welt geknüpft hatte. Dieses Zimmer — cs war die Heimath meines Herzens! und eine solche, dachte ich, in mein.m citeln Wahne, müßte auch die Luft werden, die jede künftige Heimath umgäbe. Ich blickte umher, unruhig, verwirrt und schüchtern an der Thüre stehen bleibend. Ellinvr befand sich vor mir, das Antlitz auf ihre Hand gestützt, ihre Wangen mehr als gewöhnlich geröthct und in ihren Augen Perlten Thränen. Schweigend trat ich ihr näher, und als ich meinen Stuhl au den Tisch rückte, fiel mein Auge auf einen am Boden liegenden Handschuh. Es war der Handschuh eines Mannes. Ich muß hier bemerken," stocht mein Vater ein, „daß ich einmal in früher Jugend ein niederländisches Gemälde sah, der Handschuh betitelt, und der Gegenstand davon war ein Mord. Die Landschaft zeigte einen mit Schilf bewachsenen Sumpf und sah so öde und unheimlich aus, daß man sich dabei des Gedankens au Nnthatcn und Schrecknisse nicht erwehren konnte. Zwei Mämier trafen sich wie zufällig an diesem Sumpfe. Der Finger des einen deutete auf einen blutbefleckten Handschuh, und die Augen beider waren sich gegenseitig zuge- wcndct, als ob es da keiner weiteren Worte bedürfe. Der Handschuh erklärte die ganze Geschichte! Während meiner Knabenjahre ging mir dieses Bild lange nach, obschon es nie 22 * ein so unruhiges und banges Gefühl in mir weckte, als der wirkliche Handschuh ans dem Boden. Warum wohl? Mein lieber Pisislratus, die Lehre von den Ahnungen faßt eine von jenen Fragen in sich , bei denen wir uns vergeblich nachdem 'Warum umsehen. Mit mehr Zaghaftigkeit, als sich in meinem Herzenscrguß gegen den Vater kund gegeben, nahm ich endlich meinen Mnth zusammen und sprach mit Elli- nor —" Mein Vater hielt tune; der Mond war anfgcgangen, und die in's Zimmer fallenden Strahlen beleuchteten sein Gesicht. Sein Antlitz sah ganz verändert aus; die Erregungen der Jugend hatten die Jugend wieder znrnckgefnhrt und mein Vater erschien nns wie ein Jüngling. Aber welcher Schmerz lag in seinen Zügen! Wenn die Erinnerung allein Hervorrufen konnte, was im Grunde doch nur ein gespenstischer Schatten seiner Leiden war, wie mußte die lebendige Wirklichkeit gewesen sehn! Ich ergriff nnwillkührlich seine Hand. Mein Vater drückte sie krampfhaft und fuhr nach einem tiefen Athemznge fort: „Zu spät! Trcvanion war Lady Ellinor's angenommener verlobter, glücklicher Liebhaber. Meine theure Katharina, ich beneide ihn jetzt nicht mehr. Blicke auf! liebes Weib, blicke ans!" Achtes Kapitel. „Ellinor — ich muß ihr diese Gerechtigkeit widerfahren lassen — war erschüttert über meine stumme Auf- 341 regung. Keine menschliche Lippe hätte eine zartere Theil- nahme ansdrücken oder sich edlere Selbstvorwürfe machen können; aber dies war kein Balsam für meine Wunde. Ich verließ das Haus, gab meine juridischen Studien ans, und da jeder Antrieb, jeder Beweggrund zu ernster Anstrengung meinem Wesen entrissen zn sein schien, sv kehrte ich zu nieinen Büchern zurück. In dieser Weise würde ich kleinmüthig, träumend und in unnützer Trauer meine Tage verlebt haben, wenn mir der Himmel in seinem Erbarmen nicht Deine MuÜer in den Weg geschickt hätte, Pisistratns! Ja, Tag und Nacht danke ich Gott und ihr, denn ich war glücklich und bin — o, in der That , ich bin noch ein glücklicher Mann!" Meine Mutter wars sich an die Brust meines Vaters, schluchzte heftig und ging dann, vhnc ein Wort zn sprechen, aus dem Zimmer. Das in Thränen schwimmende Auge meines Vaters folgte ihr. Nachdem er cinigemale schweigend im Zimmer ans und abgcgangen, kehrte er zn mir zurück, stützte seinen Arm auf meine Schulter und flüsterte: „Kannst Du jetzt erreichen, warum ich Dir all' dieses erzählt habe?" „Ja, znm Thcil — ich danke Euch, Vater," stotterte ich und ließ mich auf den Stuhl nieder, denn cs war mir, als sollte ich ohnmächtig werden. „Manche Söhne," fuhr mein Vater fort, indem er an meiner Seite Platz nahm, „würden in den Thorheiten und Jrrthümcrn ihres Vaters eine Entschuldigung für ihre 342 eigene» suchen — von Dir erwarte ich dies nicht, Pisi- stratns." „Ich sehe hier keine Thorheit, keinen Jrrthnm, Water — »nr Natur nnd Knmmcr." „Halt inne, ehe Du diesem Gedanken Raum gibst," sagte mein Vater. „Es war eine grüße Thorheit, ein schwerer Jrrthnm, einer Einbildung nachzuhängen, die keine Grundlage hatte — den ganzen Nutzen meines Lebens an den Willen eines Wesens zu kette», welches wie ich nur ein sterbliches Geschöpf war. Der Himmel beabsichtigte nicht, daß die Leidenschaft der Liebe eine solche Tyrannei ausübe, nnd in der Masse, unter dem Gewühl deS menschlichen Lebens ist cs auch gewöhnlich nicht der Fall. Stubengelehrte, wie ich, oder halbe Dichter, wie der arme Noland, sind Träumer, die sich ihre eigene Krankheit schaffen. Wie viele Jahre verschwendete ich, selbst nachdem ich meine Heiterkeit wieder gewonnen hatte und Deine Mutter mir eine Hcimath schuf, die ich lange nicht zu würdigen wußte. Die Hauptsedcr meines Daseins war zersprungen — ich achtete nicht mehr auf die Zeit. Und deshalb siehst Du jetzt, wie auch spät im Leben noch die Nemesis erwacht. Mit Schmerz blicke ich zurück ans die vernachläßigtcn Kräfte nnd die entschwundenen Gelegenheiten, suche die durch Mangel an Benützung halbgelähmtc Thatkraft galvanisch zu stärken, nnd Du siehst jetzt, wie ich mich lieber von einem Onkel Jack ohne Zweifel zu traurigen Thorhcitcn beschwatzen lasse, als daß ich ferner wie ein ruhiger Taugenichts dahin leben möchte! Und wenn ich jetzt Ellinor betrachte, muß ich mir nicht verwundert 34g fügen — all dieser Kummer, diese ganze Starrsucht um jene-Z hageren Gesichtes, jenes weltlich gesinnten Geistes willen? Aber so geht cs stets im Leben. Sterbliche Dinge schwinden dahin, und mit jedem Schritt zum Grabe schießen mit frischer Kraft unsterbliche ans. „Ach!" fuhr mein Vater mit einem Seufzer fort, „cS wäre nicht so gegangen, wenn ich in deinem Alter schon das Gehcimniß des Safransackes aufgefnnden hätte!" Neuntes Kapitel. „Und Roland, Vater," fragte ich— „wie nahm er die Kunde auf?" „Mit der ganzen Entrüstung eines stolzen, unverständigen Mannes. Der arme Bursche grollte übrigens mehr nm meiner, als um seinetwillen. Und so verletzte und kränkte er mich durch Alles, was er über Ellinor sagte — er begann gegen mich zu toben, weil ich seinen Grimm nicht thci- lcn wollte — und dies führte abermals zu Streit. Wir trennten uns und sahen uns viele Jahre nicht wieder. Da kamen wir endlich Plötzlich in den Besitz unseres kleinen Vermögens. Du weißt, daß er mit dem seinigen die alte Ruine ankanftc und sich eine Offizierestelle in der Armee erwarb, wonach er längst getrachtet hatte — und so ging er voll Bitterkeit seines Weges. Mein Antheil gab mir einen Vorwand , meine ruhigen Studien fortznsctzen, da er allen meinen Bedürfnissen entsprach; auch konnte ich, als mein alter 344 Lehrer starb und sein junges Kind mein Mündel, später aber — gleichviel, wie dies znging — meine Fran wurde, auf mein Collegiats-Stipendinm verzichten und so still unter meinen Büchern leben, als ob ich selbst ein Buch wäre. Vor meiner Verhcirathung hatte ich mich noch eines Trostes zn erfreue», den auch Noland, wie er mir seitdem sagte, dafür ansah. Ellinors Bruder war gestorben und sic eine Erbin geworden, so daß das ganze Besitzthum, welches nicht ans die männliche Linie übergehen mußte, an sie kam. Dieses Vermögen öffnete eine Kluft zwischen uns, fast so weit, als ihre Vermählung. Für die arme, trotz ihres Ranges mitgiftlose Ellinor hätte ich arbeiten, ringen und mich ab- plackcn können; aber der Gedanke, daß sic r c i ch scy, würde mich erdrückt haben. Dies war ein Trost. Gleichwohl lastete die Vergangenheit, das ewige schmerzliche Gefühl von einem Etwas, welches meinem Leben seine wesentlichsten Bc- standlhcile entzogen zu haben schien, mehr und mehr ans mir. Was zurückgeblieben, war nicht Schmerz, sondern eine Leere. Hätte ich mehr unter Menschen und weniger in Träumen und Büchern gelebt, so wäre mein Geist kräftig genug gewesen, die vereitelten Hoffnungen einer einzigen Leidenschaft zu ertragen ; aber in der Einsamkeit welken wir dahin. Keine Pflanze bedarf so sehr der Sonne und der Lust, wie der Mensch. Ich begreife nun, warum unsere besten und weisesten Männer meist in Hanptstädten lebten, und wiederhole daher, daß ein Gelehrter in einer Familie genug sev. Deinem gesunden Herzen und Deinem Ehrgefühl vertrauend, ließ ich Dich so zeirig in die Welt hinaus. Habe 348 ich Unrecht gctha»? Liefere mir den Beweis von dem Gc- gentheil, mein Kind. Weißt Du, was ei» sehr wackerer Mann gesagt hat? — Höre nnd befolge meine Lehre, nicht mein Beispiel. „Der Znstand der Welt ist von der Art, und es hängt so viel von der Thätigkeit ab, daß Alles dem Menschen laut znznrufen scheint: 'thnc etwas — handle — handle' Ich war tief ergriffen nnd erhob mich gekräftigt und hoffnungsvoll, als plötzlich die Thüre anfging nnd— wer oder was in der Welt hcrcinkam? Aber sicherlich der Er, die Sie, das Es oder die Sic sollen keine Aufnahme finden in diesem Kapitel! Ueber diesen Punkt steht mein Entschluß fest. Nein, meine schone, junge Leserin, cs ist mir zwar un- gemein schmcichclhast, nnd ich habe Mitgefühl mit Deiner Neugierde; aber wahrhaftig keinen Blick — nicht einmal durchs Schlüsselloch! lind doch — sey cs darum, wenn Du es einmal haben willst und mich mit gar so gar beschwatzender Miene ansiehst — wer oder waö sollte so plötzlich und unerwartet ankommcn, daß cs uns den Athcm benimmt, und uns nicht Zeit läßt, „mit Eurem Wohlnehmcn" zu sagen, sondern macht, daß wir überrascht mit aufgcsperrtcm Munde dastehen und das Auge weit offen vor sich hin starrt, als — das Ende des Kapitels. " Nachlaß des ehrwürdigen Richard Cecil, Seile 31S. 3M Achter Abschnitt. Erstes Kapitel. Da betrat das vordere Bcsnchzimmcr meiner väterlichen Wohnung in Russell Street — eine Elfe!!! weiß gekleidet, klein, zart, mit pechschwarzen Locken über die Schultern und Angen so groß und glänzend, daß sie durch das Zimmer leuchteten, wie nnmögllch blosc menschliche Augen zu leuchten tm Stande sind. Die Elfe kam näher und blieb vor uns stehen. Der Anblick war so unerwartet und die Erscheinung so seltsam, daß wir einige Augenblicke in bestürztem Schweigen sitzen blieben. Endlich hatte mein Vater als der dreistere und weisere von uns beide», welcher daher am besten geeignet war, mit den gespenstischen Wesen einer andern Welt zu verkehren, die Kühnheit, ans das kleine Geschöpf zuzugehen! er beugte sich zn ihm nieder, um seiu Gesicht zu untersuche», und begann: „Was willst Du, mein hübsches Kind?" Hübsches Kind! War es also am Ende nur ein hübsches Kind? Ach, wie gut wäre cs, wen» Alle, die wir auf den ersten Blick für Fceu halten, sich nur iu hübsche Kinder anflösen würden! „Kommt!" antwortete das Kind mit ausländischem Accent und ergriff meinen Vater beim Schooße seines Nockes, „Kommt! Der arme Papa ist so krank! Ich bin so in Angst! Kommt — und rettet ihn —" „Sogleich!" ries mein Vater rasch. „Wo ist den» mein Hnt, Sisip? Sogleich, mein Kind! Wir wollen gehen nnd den Papa retten." „Aber wer ist der.Papa?" nahm nun Pisistratns das Wort — eine Frage, die meinem Vater nimmermehr eingefallen wäre. Er erkundigte sich nie danach, wer oder was die kranken PapaS armer Kinder waren, wenn die Kinder ihn am Nockschooß zupften. „Wer ist der Papa?" DaS Kind blickte mich scharf an, nnd schwere Thräncn rollten ihm aus den großen, glänzenden Augen: aber es blieb stumm. In diesem Momente zeigte sich eine erwachsene Gestalt unter der Thüre nnd bot unS, aus dem Schatten anftauchcnd ,, den Anblick einer kräftigen, sauberen jungen Frauensperson dar. Sie machte einen Knir nnd sagte dann geziert: „O, Miß, Ihr hättet ans mich warten nnd die Herren nicht erschrecken sollen, indem Ihr so die Treppe heranf- lanft. Mit Erlanbniß, Sir, ich. mnßte vorher mit dem Kutscher in's Reine kommen, und er war so unverschämt. Die gemeinen Gesellen sind dies stets, wenn sie es nur mit uns armen Frauenzimmern zu thun haben, Sir, nnd —" „Aber um was handelt sich's denn?" rief ich, denn mein Vater hatte beschwichtigend das Kind in seine Arme genommen, welches jetzt an seiner Brust weinte. „Ja, seht ihr, Sir (wieder ein Knir), der Herr ist erst gestern Nacht in nnserm Hotel angekommcn, Sir — im 348 Lamm, bei der Londoner Brücke — und er wurde krank — und ist noch immer nicht recht bei Sinnen. Wir schickten deshalb nach dem Doctor, und der Doctor sah nach dem Messingschild ans dem Mantclsack des Herrn, Sir, nnd dann schlug er den Wegweiser auf nnd sagte: 'Es wohnt ein Mr. Carlo» in Great Russell Street — ist er ein Verwandter?' lind dieses junge Frauenzimmer sagte: 'Es ist der Bruder meines Papa, nnd wir wollen zu ihm gehen? Da nun der Hausknecht nicht zu Hanse war, Sir, so stieg ich in das Cabriolet nnd die Miß wollte mit, nnd —" „Roland — Roland krank! — Geschwind — hurtig, hurtig!" rief mein Vater und eilte mit dem Kinde, das er noch immer in seinen Armen hatte, die Treppe hinunter. Ach folgte ihm mit seinem Hute, den er natürlich vergessen hatte. Znm Glück fuhr eben ein Cabriolet an unserer Thüre vorüber; aber die Stubenmagd wollte uns nicht eher cinsteigen lasten, bis sie sich überzeugt hatte, cs sei nicht das nämliche, in welchem sie hergekvmmen. Nachdem diese vorläufige Untersuchung beendigt war, nahmen wir unsere Plätze ein nnd fuhren nach dem Lamm. Die Stnbcnmagd, welche ans der Rückseite saß, verbrachte ihre Zeit mit wirkungslosen Erbietungen, meinem Vater das kleine Mädchen abznnchmen, das sich noch immer an seine Brust nestelte — mit einem langen, von vielen Episoden unterbrochenen Epos über die Gründe, welche sie bewogen hatten, den vorigen Kutscher zu entlassen, da derselbe es für passend gehalten hatte, zur Erhöhung des Fahrpreises einen weiten Umweg zu machen — nnd mit gelegent- lichen Rucken cm ihrer Haube, einem Nicdcrstreichen ihres Kleides und mit Entschuldigungen, daß sie so aussehc; letzteres war namentlich der Fall, wenn ihre Angen auf meiner AtlashalSbindc ruhten oder sich nach meinen blanken Stiefeln senkten. Im Lamm angelangt, führte uns die Stubcnmagd mit selbst bewußter Würde eine Treppe hinan, die kein Ende nehmen zu wollen schien. Als sie in der Gegend des dritten Stockes angelangt war, hielt sie inne, um Athem zu schöpfen und uns entschuldigend mitzntheilcn, daß das Haus voll sich — wenn aber der Herr über den Freitag bleibe, werde er ans Nr. 45 kommen, wo er „eine Aussicht und einen Kamin habe." Mein kleines Laschen entschlüpfte nun den Armen meines Vaters, eilte dis Treppe hinan und winkte uns ihm zu folge». Wir thatcn dies und gelangten an eine Thüre, vor welcher das Kind Halt machte und horchte. Es nahm dann seine Schuhe ab und schlich sich auf den Zehen hinein. Wir betraten nach ihr das Zimmer. Bei dem Lichte einer einzigen Kerze bemerkten wir das Gesicht meines armen Onkels: es war vom Fieber gerö- thct, und die Augen hatten jenen glänzenden, starren Ausdruck, der so schrecklich anznsihcn ist. — Einen weniger erschütternden Eindruck macht ein abgezehrter Körper und ein Antlitz, auf welchem sich das schwere Ringen um das Leben scharf abprägt, als der Ausdruck eines Gesichtes, in welchem sich die Abwesenheit des Geistes kund gibt — eines Auges, das Niemand mehr zu erkennen vermag. Ein solcher Anblick wirkt im hohen Grade erschreckend auf den unbewußten 350 gewohnten Materialismus, mit welchem wir die Gegenstände unserer Liebe zu betrachten Pflegen; denn wenn wir den Geist, das Herz und die Aenßerungcn der Zuneigung vermissen, welche der unsrigen entgcgenkam, so gewahren wir mit einemmal, daß cs ein Etwas innerhalb der Form, nicht die Form selbst sey, waS uns so theucr war. Letztere ist vielleicht an sich nur wenig verändert; aber die Lippe, die kein Willkommen lächelt, das Auge, welches über uns wie über Fremde hiugleitet, das Ohr, das unsere Stimmen nicht mehr unterscheidet — alles dies zeigt uns an, der Freund, den wir suchten, sey nicht zugegen. Und sogar unsere Liebe weicht erkältet zurück und wird zu einer Art unbestimmten, abergläubischen Schreckens. Ja, nicht die noch immer vor uns liegende Materie flößte uns alle jene zarten, namenlosen Gefühle ein, die unter dem Begriff „Liebe" zusammenfallen, sondern jenes luftige, ungreifbare, elee- trische Etwas, dessen Abwesenheit uns jetzt mit Entsetzen erfüllt. Ich blieb sprachlos stehen; mein Vater schlich an das Bett und ergriff die Hand, die seinen Druck nicht erwie- derte. Nur das Kind schien unsere Erregung nicht zu Heilen , sondern klammerte sich an daS Lager des Kranken an, legte die Wange aus die Brust des Vaters und war stille. „Piflstratus," flüsterte endlich mein Vater, und ich näherte mich ihm, meinen Athen: unterdrückend, ans den Zehen — „Piflstratus, wenn nur Deine Mutter hier wäre!" Ich nickte; der nämliche Gedanke war uns beiden zu gleicher Zeit gekommen. Seine tiefe Weisheit sowohl, als 351 meine rührige Jugend, beide sühlicn i» diesem Moment ihre Nichtigkeit; sie waren hilflos in dem Krankenzimmer, dem es an der liebreichen Sorgfalt des WeibeS gebrach. Ich schlich mich ans dem Gemach, stieg die Treppen hinunter und blieb mit einer Art betäubten Staunens im Freien stehen. Erst die Fußtritte der Vorübergehenden, das Rollen der Wagenräder und der Lärm Londons brachten mich wieder zur Besinnung. Diese Ansteckung des praktischen Lebens, welche da§ Herz zum Schlummern bringt und das Gehirn spornt — welch' ein geistiges Gchcimniß liegt nicht in seiner alltäglichen Atmosphäre! Im nächsten Moment hatte ich gleichsam wie aus Inspiration in der langen Reihe jener Diener unserer Trivia das am leichtesten gebaute Cabriolet mit dem stärksten Pferde ansgclescn und befand mich ans dem Wege — nicht nach dem Hanse meiner Mutter, sondern »ach dem des Doktors M— H— in Manchester Square, den ich als den Hausarzt der Trcvanione kannte. Zum Glück trafich diesen ebenso wohlwollenden als tüchtigen Arzt zu Hause, und er versprach mir, sich bei dem Leidenden cinzufindc», noch eh' ich selbst zurückgekchrt sein würde. Dann fuhr ich nach Ruffel Street und brachte meiner Mutter so behutsam, als es mir möglich war, die Kunde bei, die ich ihr mitznthcilen hatte. Als wir in dem Lamm anlangtcn , trafen wir bereits den Doktor, der sei» Nccept anfschrieb und die erforderlichen Weisungen crtheiltc. Das schnelle Handeln, auf welchem der Arzt bestand, verkündigte die Gefahr. Ich eilte fort, um den Chirurgen zu holen, der schon früher herbeigernfen 35L worden war. Glücklich sind diejenigen welche nichts wisse» von jener nicht beschrciblichcn slnmmen Regsamkeit, die bisweilen ein Krankenzimmer darbietct — nichts von jenem Kampf zwischen Leben nnd Tod, wo der ganze bewußtlose Körper ohne Widerstand hingcgebcn ist dein Angriff seines schrecklichen Feindes — von dem dunkeln entströmenden Blute — von der Hand ans dein Puls und der stummen Spannung , womit jeder Blick an de» Furchen ans der Stirne des Arztes haftet — von de» Scnftcigcn auf die Fußsohlen, von den Eisninschlägcn auf den Kopf und von der iiiiznsammeii- hängenden Stimme des Leidenden, die sich hin und wieder durch die allgemeine Stille oder das leise Flüstern vernehmen läßt, vielleicht von grünen Gefilden und Zaubcrländcrn faselnd, während den Umstchenden das Herz brechen möchte! Dann endlich der Schlaf — in diesem Schlaf vielleicht die Krisis — das athemlose Beobachten, das langsame Erwachen, die ersten vernünftigen Worte—- das alte Lä-- cheln wieder, nur matter — die entströmenden Thränen und das halberstickte — „Gott sey Dank! Gott scy Dank!" Male dir dieses Alles selbst aus, lieber Leser, cs ist vorüber. Roland hat gesprochen — seine Besinnung ist zurückgekehrt — meine Mutter beugt sich über ihn nieder — die kleinen Hände seines Kindes sind um seinen Nacken geschlungen — der Wundarzt, welcher während der letzten sechs Stunden nicht aus dem Zimmer gekommen ist, hat seinen Hut ausgenommen, mit frohem Lächeln uns ein Lebewohl zuwinkcnd — und mein Vater lehnt an der Wand, sei» Antlitz mit den Händen bedeckt. 3S3 Zweites Kapitel. Alles dies war — um mich einer abgedroschenen Phrase zu bedienen, da es keine ausdrucksvollere gibt — so plötzlich an nnö vorübcrgegangen, wie ein Tranm. Ich fühlte ein unbedingtes,. gebieterisches Bednrfniß nach Einsamkeit und freier Luft. Ter Strom der Dankbarkeit erstickte mich fast — das Zimmer schien mir zn enge zu sein für die Ucbcrfülle meines Herzens. In der Jngcnd finden wir, wenn wir unsere Gefühle nicht beherrschen können, es schwer, ihnen in der Gegenwart Anderer Luft zu machen. Wenn uns ans der Lcnz- scite rer Zwanzig etwas ergreift, stürzen wir fort, um uns in unserem Zimmer einznschließcn, oder durch Straßen und Felder zn streifen; in unseren frühen Jahren sind wir noch die Wilden der Natur, und wir folgen dem Beispiel deS armen unvernünftigen Thiers — der verwundete Hirsch verläßt die Herde, und wenn einem Hund etwas ans dem treuen Herzen liegt, verkriecht er sich in eine Ecke. In gleicher Weise schlich ich mich aus dem Hotel und wanderte durch die völlig verlassenen Straßen. Es war um die erste Stunde des grauenden Morgens — die unbehaglichste Stunde des Tages, namentlich in London! Aber ich fühlte in der rauhen Lust nur die Frische , und das öde Schweigen wirkte beschwichtigend ans mich. Die Liebe, welche mir mein Onkel cingcflößt hatte, war von ganz eigcn- thnmlichcr Beschaffenheit — nicht jene ruhige Zuneigung, mit welcher sich Personen, die im Leben vorgerückt sind, gewöhnlich begnügen müssen, sondern mit dem lebhaftere» Zn- Vulwer, die Eartoiie. 2g 354 teresse verbunden, welches die Jugend zu Wecken Pflegt. ES lag in ihm so viel Glut und Feuer, in seinen Verirrungen und Grillen so viel von der Selbsttänschnng des Jünglings, daß man sich ihn nicht anders, denn als jung vorstellen konnte. Die dongnirotisch übertriebenen Ansichten von Ehre, die Romantik seiner Gefühle, welche weder durch Drangsal, noch Kummer, weder durch Sorge, noch durch getäuschte Erwartungen hatten verwischt werden können, schienen ihm — namentlich in einem Zeitalter, in welchem sich junge Männer bereits im zwciundzwanzigstcn für blasirt erklären — allen Zauber der Knabcnzcit gekästen zu haben. Eine einzige Saison in London hatte mich mehr zum Weltmann und in meinem Herzen älter gemacht, als er war. Dann der Gram, der zwar stumm, aber doch mit solcher Bitterkeit an seinem Innern zehrte! Nein — Kapitän Roland war einer von jenen Menschen, welche die Gedanken fesseln und mit dem eigenen Leben sich verschmelzen. Der Gedanke, daß er sterben könnte — sterben mit der Last ans seinem nner- leichtcrten Herzen — cs war ein Gedanke, der eine Feder ans dem Triebwerk der Natur, einen Haupttreffer auö den Zielpunkten des Lebens — meines Lebens wenigstens — zu reißen schien. Denn ich hatte es mir zu einer Aufgabe meines Daseins gemacht, den Sohn znm Vater zurnckznbringcn und jener abwärts gekrümmten ehernen Lippe ihr Lächeln wieder zu geben, das einst so heiter gewesen sein mußte, Roland war zwar jetzt außer Gefahr, aber doch zitterte ich, wie Einer, der dem Schiffbruch entging, vor dem Rückblicke; die Stimme der schlinggierigen Tiefe dröhnte noch immer in meine» Dhrcn, Während ich in meine Träumereien versenkt war, blieb ich mechanisch stehen, um aus das Schlagen einer Thurninhr zu hären. Es war die vierte Stunde, Als ich umherschaute, bemerkte ich, daß ich das Herz der City hinter mir hatte und mich in einer der Straßen bcsaud, die von dem Strand abführen, Unmittelbar vor mir ans den Thürtreppcn eines großen Ladens, dessen geschloffene Läden ein so hartnäckiges Schweigen kund gaben, als seien sic in einer Straße Pompejis durch die Geheimnisse von siebenzehn Jahrhunderten gehütet worden, lag eine Gestalt im tiesen Schlafe, Der Arm war ans den harten Stein gestützt und diente dem Kopf zur Unterlage, während die Glieder sich unbehaglich über die Treppe hin ansbreiteten. Der Anzug des Schlafenden war beschmutzt und zerlumpt, zeigte aber doch die Ueberreste einer gewissen Eleganz. Ein Anflug von verblichener, schäbiger, dem höchsten Mangel Preis gegebener Gcntilitac macht dis Armnth nur um so peinlicher, weil er anzudenten scheint, daß cs an der Kraft fehlte, gegen sie anznkämpfen. Das Gesicht des Obdachlosen war eingefallen und bleicb, harte aber sogar im Schlaf einen harten und trotzigen Ausdruck, Ich trat näher und näher. Das Gesicht, die regelmäßigen Züge, das Rabenhaar und die eigcnthümlichc Rnmuih des Bairs war mir bekannt; ich hatte den Jüngling vor mir, welchen ich in dem Stra- ßenvirthshaus getroffen und der mich mit dem Savoyarden und seinen Mäusen allein auf den, Kirchhof znrückgclasscn hatte. Ich blieb hinter dem Schatten einer Säule des Portals und lehnte mich an daS Geländer, unschlüssig mit mir LZ « zu Ruthe gehend, ob mich die kurze Bekanntschaft wohl berechtige, den Schläfer zu wecken, als ein Polizeidiencr, der plötzlich aus einer Seitenstraße anftauchte, mit der Entschiedenheit seines Berufs meinen Erwägungen ein Ende machte. Er faßte den Arm des jungen ManneS, schüttelte ihn ranh, und rief: „Ihr dürft hier nicht liegen bleiben! Steht auf und geht nach Hanse!" Der Schläfer erwachte mit einem raschen Ausfahren, rieb sich die Augen ans, schaute umher und heftete dann seinen Blick so stolz auf den Polizeidiencr, daß dieser erfahrene Würdenträger wahrscheinlich glaubte, der junge Mann habe nicht ans Purer Nothwenngkeit ein so unpassendes Lager gewählt, und mit der Miene größerer Achtung fortsuhr: „Ihr habt Wohl zu tief ins GlaS geguckt, junger Mann — könnt Ihr Euch nach Hause finden?" „Ja," versetzte der Jüngling, sich wieder znrücklclmeiid. „Ihr seht, ich habe mich schon zurecht gefunden!" „Bei Freund Hain!" murmelte der Polizeidiencr, „ick glaube gar, er will wieder cinschlafen. Kommt, kommt! Vorwärts, oder ich muß Euch absühren," Mein alter Bekannter wandte sich um. „Polizeidiencr," sagte er mit einem seltsamen Lächeln, „was meint Ihr, wie viel dieses Quartier wcrth seh? — ich will nicht sagen für die Nacht, denn Ihr seht, sie ist vorüber, aber für die nächsten zwei Stunden? Da§ Obdach erinnert zwar an die Urzeit, aber cs sagt mir zu; ich dächte, 357 ein Schilling wäre doch ein hübscher Preis dafür. Send Ihr nicht auch der Ansicht?" „Ah, Ihr liebt eine» Spaß, Sir," versetzte der Polizci- diener, und seine Stirne wurde glatter, während er zugleich mechanisch seine Hand öffnete. „Ein Scbilling also — es gilt! Ich inicthe Ench daS Qnarlicr ans Borg ab. Gute Nacht und weckt mich nm sechs Uhr." So sprechend machte sichs der junge Mensch mit solcher Entschlossenheit auf den Steinen bequem und das Gesicht des PolizcidienerS legte eine solche Verwirrung an den Tag, daß ich in ein lautes Lachen ausbrach und ans meinem Verstecke hcrvorkam. Der Polizcidiencr sah mich an. „Kennt Ihr diesen — diesen —" „Diesen Gentleman?" versetzte ich gravitätisch. „Ja; Ihr könnt ihn mir überlassen." Und mit diesen Worten ließ ich dem Polizcidiencr de» bedungenen Preis für das Quartier in die Hand gleiten. Er betrachtete zuerst den Schilling, dann mich, schaute die Straße ans- und abwärts, schüttelte den Kopf und ging von dannen. Ich näherte mich nun dem Jüngling, berührte ihn nnd sagte: „Könnt Ihr Euch meiner erinnern? WaS habt Ihr mit Mr. Peacock angefangen?" Fremder (nach einer Panse). — Ich erinnere mich Eurer. Ihr heißt Earton. 358 Pisistratns, — Und Ihr? Fremder, — Armer Teufel, trenn meine Tasche» die Antwort geben solle», nnd die Taschen sind ja doch die Symbole des Menschen — Trotz dem Teufel, wenn Ihr mein Herz fragt, (E r in u st erte in i ch v o in K o p f b i s z n m Fuße,) Die Welt scheint Euch gekachelt zu haben, Mr, Carton! Schämt Ihr Euch nicht, mit einem Elenden zu sprechen, der ans den Steinen liegt? Doch freilich, es sieht Euch Niemand," P i si st ratns (bedeutungsvoll), — Hätte ich im vorigen Jahrhundert gelebt, so würde ich vielleicht Samuel Johnson in derselben Lage gefunden haben. Fremder (anfstehcnd), — Ihr habt mir den Schlaf verderbt; freilich schd Ihr dazu berechtigt, da Ihr mein Quartier bezahlt habt. Laßt mich einige Schritte mit Euch gehen; Ihr braucht nichts zu fürchten — ich bin kein Taschendieb, Sv weit isl's noch nicht gekommen, Pisi st ratus, — Ihr sagt, die Welt habe mir ge- ! lächelt; ich fürchte, Euch hat sic gezürnt. Ich will Euch ! nicht Mn t h zusprcche», da Ihr dessen hinreichend zu besitzen j scheint, möchte Euch aber aus die Geduld verweisen, welche die seltenere von diesen besten Eigenschaften ist. Fremder, Hm! (Wieder mich scharfansehend). — Wie kömmt es, daß Ihr anhaltet, um mit mir zu sprechen — mit einem Menschen, von dem Ihr nichts wißt, oder Schlimmeres als nichts? Pisistratns, — Weil ich oft an Euch gedacht habe; weil ich Interesse für Euch fühle; weil ich — verzeiht mir 359 — Euch helfen machte — wenn ich kann; daß heißt — wenn ihr der Hilfe bedürftig scyd. Fremde r. — Ob ich bedürftig bin! — Ich bin ein einziges Bedürfniß ! Ich bedarf des Schlafes — ich bedarf der Nahrung — ich bedarf der Geduld, die Ihr empfehlt — der Geduld, um zu verhungern und zu vermodern. Ich bin zu Fnß von Paris bis Bonlogne gereist mit zwölf SonS in der Tasche. Von diesen zwölf Sous ersparte ich vier, ging mit ihnen zu Bonlognc in ein Billardzimmer und gewann damit eine gerade zureichende Summe, nm meine Uebcrfahrt nach England zn bezahlen und drei Semmeln zu kaufen. Ihr seht, ich brauche nur einen Grundstock, um mir ein Vermögen zu erwerben. Wenn ich mit vier Sous in einer Nacht zehn Franken gewinnen kann, was könnte ich nicht mit einem Capital von vier Sonverains im Laufe deS Jahres gewinnen? — Dies ist eine Anwendung der Regel de Tri, mit welcher ich schnell im Reinen seyn würde, wenn mich nicht eben der Kopf so sehr schmerzte. Diese drei Semmeln ernährten mich drei Tage und die letzte Kruste mußte mir gestern Abend als Nachtessen dienen. Nehmt Euch daher in Acht, wenn Ihr mir Geld anbieten wollt, denn dies ist es doch, was die Menschen gemeiniglich unter Hülfe verstehen. Ihr seht, ich habe keine andere Wahl, als cs anzn- nchmcn, sage Euch aber znm Voraus, raß Ihr von mir keine Dankbarkeit erwarten dürft! — Dieses Gefühl hat keinen Boden in meinem Inner». Pisistratns. — Ihr seyd nicht so schlimm, als Ihr Euch selbst malt, und wenn ich kann, möchte ich wohl etwas 360 mehr für Euch thun, als Euch das Wenige borgen, über daS ich zn verfügen habe. Wollt Ihr offen gegen mich sevn? Fremder, — Das hängt — nun, ich dächte, ich sev bisher offen genug gewesen. P isist r a tns, — Ihr habt Recht, und ich fahre deshalb ohne Bedenken fort. Ich will weder Euren Namen, noch Eure Lage kennen, wenn Euch ein solches Vertrauen schwer fällt; aber sagt mir, ob ihr keine Verwandte habt, an die Ihr Euch wenden könnt, Ihr schüttelt den Kopf, Wohlan denn, scyd Ihr geneigt, für Euren Unterhalt zu arbeiten, oder — verzeiht mir — ist cs nur die Billard- tafcl, auf welcher Ihr den Versuch machen könnt, vier Sous in zehn Franken umzuwandcln? Fremder (nachsinncnd), — Ich verstehe Euch, Bis jetzt habe ich noch nie gearbeitet, denn die Arbeit ist mir ein Abscheu. Indessen habe ich nichts dagegen , einen Versuch zu machen, wenn cs in mir liegt, Pisi stratus, — Es liegt wohl in Euch, Ein Manu, der mit zwölf Sous in der Tasche von Paris nach Bonlogne wandern und noch vier davon für einen Zweck ersparen kann — der im Stande ist, im ruhigen Vertrauen auf seine Geschicklichkeit diese vier Sous sogar au ein Billard zu setzen — der sich von drei Semmeln drei Tage lang nährt und am vierten von dem Straßenpflaster einer Hauptstadt mit einem Auge und einem Geiste, so stolz, wie die Eurigen, zu erwachen vermag, hat alle Erfordernisse in sich, das Glück zu zwingen. Fremder, — Arbeitet Ihr? Ihr? SKI PisistratnS. — Ja — und zwar angestrengt. Fremder. — So bin ich gleichfalls bereit z» arbeite». Pisistratus. — Gut. Aber waö könnt Ihr leisten? Fremder (mit seinem seltsamen Lächeln). — O, ich verstehe mich ans viele nützliche Dinge. Ich kann mit einer Kugel die Schneide eines Federmessers treffen, kenne die geheime Terz des Fechtmeisters Conlon, spreche außer dem Englischen zwei Sprachen wie ein Eingcborncr, selbst bis auf ihr Patois hernnter, kenne jedes Kartenspiel, kann mich brauchen lassen in der Komödie, Tragödie und Posse, trinke mit Baechns selbst in die Wette und verstehe mich darauf, jedes Frauenzimmer in mich verliebt zu machen, daS beißt, jedes Frauenzimmer, das vornweg nichts taugt. Kann ich mir mit alb diesem einen hübschen Unterhalt erwerben, dabei Glacehandschuhe tragen und ein Cabriolet halten? Ihr seht, meine Wünsche sind bescheiden! Pisistrat n S. — Ihr sagt, daß Ihr zwei Sprachen redet, wie ein Eingcborner — vcrmnthlich ist eine davon die französische? Fremder. — Ja. PisistratnS. — Wollt Ihr Unterricht darin cr- theilcn? Fremder (stolz). — Nein, äo tmis xontilliomme, was mehr oder weniger bedeutet als Gentleman. VcnUIIiommo bezeichnet einen wohlgeborcnen, einen freigcborenen Mann. Lehrer sind Sklaven! PisistratnS (der unwillkürlich Mr. Trevanion nach- ahmte). — Unsinn! üliL Fremder (macht anfänglich eine beleidigte Miene, lacht aber sodann). — Ihr babt Recht; Stelzen Paffen nicht zu Schuhen, wie die meinigen sind ; aber ich kann nicht llnter- richt crtheilen. Möge der Himmel denen gnädig sehn, welche ich unterrichten müßte! — Nichts Anderes? Pisistrarns. — Nichts Anderes! — Ihr laßt mir eine weite Grenze. Ihr oersteht also Französisch ans dem Gründe und schreibt cs ebenso gut, als Ihr's sprecht? Das ist viel. Bezeichnet mir einen Ort, wo ich Euch finden kann. Oder wollt Ihr z» mir kommen? F r e m der. — Nein! In der Dämmernng kan» ich jeden Abend mit Euch Zusammentreffen. Ich habe keine Adresse anzngeben und kann diese Lumpen nicht an eines Anderen Thüre zeigen. PisistratuS. — Also am nächste» Donnerstag Abends nenn Uhr hier in dem Strand. Vielleicht habe ich bis dahin etwas aufgefunden, was Euch Zusagen wird. Inzwischen (er läßt seine Börse in die Hand des Fremden gleiren. >It — Die Börse ist nicht sehr schwer). Fremder steckt mit der Miene eines Mannes, der eine Gunst erweist, den Benkel zu sich. In der Abwesenheit aller Erregung über eine so zufällige Rettung vom Hungertod liegt etwas so Auffallendes, daß Pisistratns ansruft: — „Ich weiß nicht, warum ich diese Vorliebe zu Euch gefaßt habe, Mr. Trotz dem Teufel, wenn dies anders der Name ist, der Euch am besten gefällt. Das Holz, ans dem Ihr gebaut sehd. scheint gegen den Strich zu laufen und 363 voll Knoten zn seyn; aber doch könnte cs in den Händen eines geschickten Schnitzers sehr werthvoll werden/' " Fremder (betroffen). Meint Ihr? meint Ihr? Niemand hat, glaube ich, je zuvor diesem Gedanken Raum gegeben. Aber ans dem Holze, das zn einem Galgen verwendet wird, ließe sich vielleicht auch der Mast eines Kriegsschiffs zimmern. Ich will Euch übrigens sagen, warum Ihr diese Vorliebe zu mir gefaßt habt: der Starke sympathisirt mit dem Starken. Auch Ihr könnt das Glück zwingen. Pisistratiis. — Halt, wenn dem so wäre — wenn eine geistige Verwandtschaft zwischen »ns staitsände, so sollte die Zuneigung wechselseitig scyn. Sprecht dies ans, denn die Hälfte meiner Aussicht, Euch Hilfe zn bringen, besteht darin, daß es mir gelingt, Euer Herz zu rühren. Fremder (augenscheinlich in milderer Stimmung). — Wenn ich ein so großer Schurke wäre, als ich seyn könnte, so würde mir die Antwort leicht genug werden. Wie aber die Sachen stehen, will ich nocb damit zögern. Lebt wohl. — Am Donnerstag. Der Fremde verschwindet in dem Labyrinth von Gäßchen um Leicester Square. Drittes Kapitel. Als ich nach dem Lamm znrückkam, fand ich meinen Onkel in einem sanften Schlaf. Der Wundarzt machte am Abend einen Besuch, und da er uns die Versicherung gab, das Fieber nehme schnell ab, und wir hätten keinen weiteren Grund zur Besorgniß, so hielt ich es für nöthig, »ach Tre- vanions Hause znrnckzngehcn und über die Ursache meiner Abwesenheit über Nacht Auskunft zu geben. Die Familie war jedoch noch nicht vom Lande znrnckgckehrt. Erst Nachmittags kam Mr. Trevanion ans einige Stunden heraus und bezeugte große Theilnahmc an der Krankheit meines armen Onkels. Obgleich er, wie gewöhnlich, alte Hände roll zu thnn hatte, begleitete er mich doch nach dem Lamm, um meinen Vater zu besuchen und ihn aufznheitcrn. Mit Rolands Zustande ging cs fortwährend besser, wie der Wundarzt sich ausdrücktc, und als wir nach St. James' Square znrückkehrten, war Trevanion so rücksichtsvoll, mich für die nächsten Paar Tage des Ruders in seiner Galeere zu entheben. Da ich wegen Rolands nicht mehr besorgt zu scyn brauchte, so kehrte jetzt mein Geist zu meinem neuen Freunde zurück. Ich hatte den jungen Mann nicht ohne Grund über seine Kcnntniß deS Französischen ansgefragt. Trevanion führte eine ausgedehnte Corrcspondcnz mit dem Auslande, für welche er sich dieser Sprache bediente, und ich konnte ihm darin nur wenig Anshülfe leiste». Er selbst sprach und schrieb zwar ein geläufiges nnd grammatisch richtiges Französisch, kannte aber doch diese feinste nnd diplomatischste aller Sprachen nicht so genau, daß sich sein klassischer Purismus hätte zufrieden geben können; denn er war ein schrecklicher Wortwäg er. Sein Geschmack war die Plage meines Lebens und seines eigenen. Seine vorbereiteten Reden oder vielmehr Pcrorationen konnten mit den feinsten Proben kalter Diction, die unter dem Marmorportikus der 3S5 Stoiker ersonnen wurde», verglichen werden — sic Ware» so gefeilt und gedrechselt, so geziert und zahm gehalten, daß nie ein Satz darin anfkam, welcher das Herz hätte erwärmen oder das Ohr beleidigen können. Vor gemeinen Ausdrücken hatte er, wie Canning, einen so großen Abscheu, daß er sich, um daS Wort'Katze zu vermeiden, einer Umschreibung von einigen Zeilen bedient haben würde. Nur in seinen Reden aus dem Stegreife konnte hin und wieder ein Strahl seines Genius unbesonnener Weise sich verrathen. Denke man sich, welche Mühe ein so überfeiner Geschmack einen, Mann anslcgen mußte, wenn er in einer fremden Sprache an hochgestellte Staatsmänner oder an irgend ein gelehrtes Institut schrieb, da er diese Sprache gerade gnd genug verstand, um zu erkennen, daß cs ihm unmöglich scy, die zierliche Ansdrncksweise derselben zu erreichen. Denn Trc- vanion war eben jetzt mit einem statistischen Dokument beschäftigt, welches einer Gesellschaft in Kopenhagen, deren Ebrcnmitglicd er war, mitgethcilt werden sollte. Dieses Aktenstück hatte schon seit drei Wochen das ganze Hans gequält, namentlich die arme Fanny, deren Französisch als das Beste uns Allen zur Verfügung stand. Trcvanion aber hielt ihre Ansdrncksweise.für zu geziert, zu weibisch, zu sehr nach dem Boudoir riechend. Dies gab mir also eine Gelegenheit, meinen neuen Freund einznsühren und die Fähigkeiten, welche ich ihm zuirante, ans die Probe zu stellen. Nicht ohne einiges Bangen brachte ich daher die „Bemerkungen über die Mineralschätze Großbritanniens und Irlands" (denn dies war der Titel des Werks, welches die Gelehrten Däne- 366 marks belehren sollte) zur Sprache, und durch gewisse sinnreiche Umschweife, die allen gewandten Bittstellern bekannt sind, gelang cp mir, meiner Bekanntschaft mit einem jungen Gentleman zu erwähnen, der ein vorzüglicher Kenner der französischen Sprache sep und deshalb bei Revision des Ma- nuseriptS von gutem Nutzen sey» dürfte. Ich kannte Tre- vanion gut genug, um mir selbst sagen zu müssen, daß ich die Umstände nicht berühren dürfe, unter denen ich den jungen Mann kennen gelernt hatte; denn mein Principal war ein zn praktischer Mann, als daß ihn nicht schon der Gedanke in den Tod erschreckt hätte, seine klassische Leistung einem so gemeinen Bruder Lüdcrlich anznvrrtrancn. Da jedoch sein Geist in diesem Augenblick von tausend andern Dingen erfüllt war, so griff er begierig meinen Wink ans und übergab mir, ohne mich viel über den Gegenstand ans- znfragen, ehe er London verließ, das Mannspript, „Mein Freund ist arm," bemerkte ich schüchtern, „O, waS dicS betrifft/' rief Trevanion hastig, „wenn sich's um ein Merk der Wohlthäligkeit handelt, so steht Euch meine Börse zur Verfügung, aber ihm nicht mein Mannseript, Bei Gcschäftssachen ist cd etwas ganz Anderes, und ich muß zuvor an-S seiner Arbeit benrtheilen, was sie Werth ist — vielleicht nichts!" So hart war dieser vortreffliche Mann bei allen seinen Tugenden! „Es ist in der That eine Geschästssachc," versetzte ich, „und als solche wollen wir sic betrachten," „In diesem Falle," entgcgnetc Trevanion, indem er die Verhandlung zum Abschluß brachte und seine Tasche» zu- knöpftc, „wenn mir seine. Arbeit nicht gefällt, nichts; sagt sie mir zu — zwanzig Guineen. Wo sind die Abendzeitungen?" In dem nächsten Augenblick hatte das Parlaments- Mitglied den Statisten vergessen nird machte seine mißfälligen Bemerkungen über den Globc oder die S n n. Am Donnerstag hatte sich mein Httikel so weil wieder erholt, daß er nach meinem Hanse gebracht Werren konnte, und am nämlichen Abend tra! ich meinen Gang an, um der Bestellung gemäß mit den. Fremden znsammenzntreffen. Die Glocke schlug Nenn, als er sich einstelltc, und die Palme der Pünktlichkeit konnte unter uns getheilt werden. Er hatte die Frist seit unserer letzten Begegnung dazu benützt, die augenfälligeren Mängel in seiner Garderobe auszn- bessern, und obgleich sich in seinem Acußern noch immer etwas Wildes, Lüdcrliehes und Ausländisches knndgab, lag doch in der Schwungkraft seines Auftretens und in der entschlossenen Zuversichtlichkeit seiner Haltung dasjenige, was die Natur ihrer eigenen Aristokratie verleiht: denn so weit meine Beobachtungen reichen, ist der sogenannte „xranä ulr", welcher sich so sehr von dem feinen Wesen oder der höflichen Nninuch vornehmer Bildung unterscheidet, stets begleitet oder vielleicht die Folge von zwei Eigenschaften — dem Mnthc und dein Berlangen, zu gebieten. Man sieht ihn weit häufiger bei Halbwilden, als bei ganz civilisirten Naturen. Ter Araber besitzt ihn, wie der amerikanische Indianer, und ich vermuthc, daß er unter den Rittern und Baronen des Mittelalters weit häufiger war, als unter de» feinen Gcntlemen der modernen Salone, Wir schüttelten uns die Hände nnd gingen eine Meile schweigend mit einander, Endlich begann der Fremde folgendermaßen: „Ich fürchte, Ihr habt cs schwerer gefunden, als Jhr's Euch dachtet, de» leeren Sack zum Stehen zu bringen. Wenigstens der dritte Theil von denjenigen, welche znr Arbeit geboren sind, kann keine finden — warum sollte cs bei mir der Fall sehn?" P i si st r a t n s, — Ich bin hartherzig genug, zu glauben, daß es denen nie an Arbeit gebricht, welche sie in gutem Ernste suchen. Man erzählt sich von einem Manne, der wegen des strengen Haltens an seinem Worte berühmt war, „wenn er Jemand eine Eichel versprochen hätte und ans allen Eichen in England keine zu finden gewesen wäre, so würde er nach Norwegen danach geschickt haben," Wäre es mir »in Arbeit zu Ihn» nnd in der alten Welt keine zu haben, so würde ich meinen Weg nach der neuen finden, klm übrigens znr Sache zu kommen — ich habe wirklich etwas für Euch ausgetriebcn, wogegen Euer Geschmack nichts ein- zuwcndcn haben wird und das Euch vielleicht zu einer ehrenhaften Unabhängigkeit Bahn bricht. Ich kann mich jedoch nicht gut in der Straße weiter darüber erklären; wohin wollen wir gehen?" Fremde r (nach einigem Zaudern). — Ich habe eine Wohnung hier in der Nähe nnd brauche nicht zu erröthen 88S Euch dahin zu bringen; das heißt, ich führe Euch nicht unter Spitzbuben und Auswürflinge. P i si ft r atns (nimmt sehr erfreut den Arm des Fremden). — So kommt denn. Pisislratns und der Fremde gehen über die Watcrloo- brücke und machen vor einem kleinen anständig anssehenden Hanse Halt. Der Fremde öffnet mit einem Hausschlüssel, geht nach dem dritten Stocke voran, schlägt ei» Licht und macht in einem kleinen aber reinlichen und geordneten Zimmer die Honneurs. Pisistratus geht nnverwcilt ans die zu fertigende Arbeit über und zieht das Manuskript hervor. Der Fremde rückt bedächtig seinen Stuhl gegen das Licht und läßt seine Blicke rasch über die Seiten gleiten. Pisistratus zittert, als er ihn vor einer laugen Reihe von Zahlen und Berechnungen inne halten sieht. Allerdings sieht die Sache nicht einladend ans ; aber, puh! es ist kaum ein Theil der Aufgabe, die sich blvs ans Verbesserung des Ausdrucks beschränkt. Fremder (kurz). — Hier muß ein Fehler sehn. Halt! ich sehe — er blättert um einige Seiten zurück und verbessert mit schnellfcrtigcr Sicherheit einen Jrrtbum in einer etwas verwickelten und dunkeln Berechnung. Pisistratus (überrasch»)iM- Ihr scheint ein tüchtiger Arithmetiker zu sey». Fremder. — Habe ich Euch nicht gesagt, ich sei gewandt in allen Spielen, die Geschicklichkeit und Glück fordern ? Dazu gehört ein berechnender Kopf; in einem Kartellspieler des ersten Ranges ist ein Finanzmann verloren. Ich bin Bulwer, die Eartene, 84 überzeugt, 2hr werdet nie eine» glückliche» Mann auf der Wettbahn »der am Spieltisch sehe», der nicht eine» ausgezeichneten Sinn Hai für Zahlen. Nun, dieses Französisch ist augenscheinlich gut genug — nur hie und da ein Ausdruck, der, genau genommen, inchr englisch als französisch klingt. Aber das Ganze ist eine Arbeit, die kaum eine Bezahlung verdient. Pisistratns. — Das Erstlingsgeschäft bringt einen Preis ein, der nicht nach der Quantität, sondern nach der Qualität bemessen wird. Wann kann ich es wieder holen? Fremder. — Morgen. (Und er legt das Mannseript in eine Schublade.) Wir unterhielten uns daun fast eine Stunde über verschiedene Dinge, und ich gewann dadurch nur eine nm so bessere Meinung von der Fähigkeit dieses jungen Mannes. Sie war aber so schief und in ihren Richtungen sowohl, als in ihren Triebfedern so verkehrt, wie die eines französischen RomanschrcibcrS. Er erschien im hohen Grade den zäheren Thcil dcS räsonnirendcn Vermögens zu besitzen, aber fast ganz jener schalkhaften Ansschmückerin uns jener holden Reinigerin des bloßen Verstandes, der Einbildungskraft zu entbehren. So sehr man unS auch anwcist, uns vor ihr zu hüten, so halte ich sieMck mit Kapitän Roland für das göttlichste in der Vernunft, das uns am wenigsten irre führt. In der Jugend allerdings leitet sie uns leicht ans Abwege, die aber in der Regel nicht von schmutziger oder herabwürdi- gender Bcschassenheit sind. Newton sagt, eine Endewirkung der Kometen bestehe darin, daß sie durch Verdichtung ihrer Dünste die Meere und die Planeten reerntirc»; ebenso erweitern die unstäten Blitze einer gesunden nnd kernhaftcii Einbildungskraft unser Wissen und lassen unsere Lichter glänzender leuchten — sie rccrntircn unsere Meere und unsere Sterne. Solche Blitze konnte man freilich meinem neuen Freund so wenig zum Vorwurf machen, als es der strengste Thaisachenmensch nur wünschen mag. Einbildungen hatte er zwar in Fülle, nnd zwar sehr schlimme, aber von Einbildungskraft war kein Fnnke vorhanden. Sein Geist war einer von denen, die in der Logik gefangen leben nnd nicht über die Stangen ihres KäfigS hinanssehcn können oder wollen. Eine solche Natur ist ebenso entschiede», als skeptisch. Der junge Mann hatte es für paffend gehalten, mit einen: Mal über die zahllosen Verwicklungen der sveialen Welt nach seinen herben Erfahrungen abznsprcchcn. Für ihn war das ganze Spstem ein Krieg nnd ein Betrug. Wäre das Weltall ausschließlich auS Schurken zusammengesetzt gewesen, so würcc er sicherlich sich eine Bahn gebrochen haben. Wenn sich nun mit einem so gewaltigen Geist, der ebenso verschmitzt, als nnliebcnswürdig war, ein träges Temperament verbunden hätte, so wäre mit ihm nicht so übel zu fahren gewesen; aber er drohte schrecklich und gefährlich zu werden in einen: Menschen, der bei Ermanglnng aller Einbilrnngsq kraft eine Ilebcrfülle von Leidenschaftlichkeit besaß, wie dies bei den jungen Verstoßenen der Fall war. In ihm umschloß die Leidenschaft viele der schlimmsten Regungen, welche gegen das menschliche Glück ankämpfen. Man durfte ihm nicht. Widersprechen, wenn er nicht in schnellem Zorn aufbranscn 84 ' 372 sollte, und man konnte nicht von Reichthnm reden, ohne dass seine Wange von verzehrendem Neid erblaßte. Die anf- sollenden natürlichen Borthcilc dieses armen Jünglings — seine Schönheit, seine schnelle Fassungskraft, der kühne Geist, welcher wie eine Glutatmosphäre ihn umwehte — hatten das ihm cigcnthümliche Selbstvertrauen zu einer Anmaßung gesteigert, welche sogar seine gerechtfertigten Ansprüche auf Bewunderung in Vvrnrtheile gegen ihn verkehrten, Jähzornig, neidisch und anmaßend sind freilich schlimme Eigenschaftsworte, in dein vorliegenden Falle aber noch nicht die schlimmsten, denn alle diese vorspringendcn Ecken waren mit einem kalten, abstoßenden Cynismns über- klcidct, und seine Leidenschaften pflegten sich in einem spöttischen Hohne Lust zu machen. Für das Sittliche schien er gar keine» Sinn zu haben und ebenso wenig, oder doch säst ebenso wenig sür ein wahres Ehrgefühl — wirklich eine auffallende Erscheinung bei einer so stolzen Natur! Dagegen besaß er in einem krankhaften Ucbcrmaß jenes Verlangen, sich in der Welt zu heben, welches der gemeine Sinn Ehrgeiz nennt, wenn auch das Trachten nach Ruhm, nach der Achtung und Liebe seiner Nebcnmcnschcn dabei fehlt; cs war bei ihm nur die schroffe Begier, daß es ihm gelingen möge, nicht scheinen oder dienen zu müssen, um so das Recht zu gewinnen, eine Welt zu verachten, die ihm seine» Dünkel verbitterte, und sich der Lüste zu erfreuen, nach denen das aufgeregte, schwnngkräftigc Leben in ihm sich sehnte. Dies Ware» die augenfälligen Eigenschaften eines Charakters, der bei allen schlimme» Anzeichen Interesse sür mich gewann 373 und vielleicht der Welt wieder zu gewinnen war, da er immerhin die rohen Elemente einer gewissen Größe in sich zu bergen schien. Konnte nicht noch etwas Rechtes werden ans einem Jüngling unter zwanzig Jahren, der mit einer so trefflichen FaffnngSgabc auch den Mnth zu jeder Unternehmung verband? Andererseits bergen alle Fähigkeiten, welche Größe erzielen können, auch die Anlage zu Erringung des Guten in sich. In dem wilden Skandinavier und in dem crbarmenlosen Franken lagen die Keime zu einem Sidney und einem Bahard, Was wäre der Beste unter uns, wenn er plötzlich in die Lage käme, mit der ganzen Welt im Krieg zu leben? Und dieser stolze Geist lag im Krieg mit der ganzen Welt — in einem selbstgesnchten vielleicht, aber dennoch in einem Kriege, Man muß dem Wilden zuvor den Frieden sichern, ehe man die Tugenden des Friedens von ihm verlangen kann. Ich weiß nicht, ob mir eine einzige Besprechung alle diese Ueberzeugnngcn bcibrachte, möchte übrigens eher glauben, daß sie die Frucht eines Znsammenfaffcns der Eindrücke waren, die ich erhielt, als ich mehr von dem Menschen sah. dessen Schicksal ich unter meine Obhut zu nehmen mich cr- drcistet hatte. Ehe ich mich entfernte, sagte ich zu ihm: „Jedenfalls müßt Ihr in Eurer Wohnung eine» Namen haben. Nach wem soll ich fragen, wenn ich Euch morgen wieder besuche? „O, Ihr dürft jetzt meinen Name» Wohl kennen/' ent- gegnetc er lächelnd, „Ich heiße Bivian — Francis Bivian," Viertes Kapitel. Ich erinnere mich, daß ich als Knabe eines Morgens mäßig vor einer alten Mauer stand, um die Thätigkeit einer Gartenspiune zu beobachten, deren Netz besonders gesucht zu sevn schien. Als ich sie anfänglich bemerkte, mar sie ganz ruhig mit einer Fliege von derspooies domostioa beschäftigt, die sie mit würdiger Gelassenheit bearbeitete. Wie sie sich übrigens eben am eifrigsten mit dieser Beute zu schassen machte, verstngcn sich ein Paar Frühlingsfiiegcn, dann eine Schnacke und dann eine Schmeißmücke in den verschiedenen Winkeln des Gewebes. Nie war eine arme Spinne so verwirrt über ihr gutes Glück, und sie wußte augenscheinlich nicht, welche Gottesgabe sie zuerst in Empfang nehmen sollte. Das ursprüngliche Opfer wurde verlassen, und sie glitt halbwegs gegen die Frühlingsfliegen hin, dann wurde eines von den acht Angen der Schmeißmücke ansichtig, und sie schoß in dieser Richtung weiter, bis das Sumsen der Schnacke ihre Aufmerksamkeit auf sich zog. Mitten in dieser Verlegenheit kam — klaps — voll ungesiümmer Leidenschaft eine junge Wespe in das Netz geflogen. Jetzt verlor die Spinne augenscheinlich ihre Geistesgegenwart und wurde aller weitern Besinnung unfähig; nachdem sie betäubt und regungslos ein Paar Minuten in der Mitte ihrer Maschen, stillgcstanden hatte eilte sic, was sie laufen konnte, nach ihrem Loch und ließ ihre Gäste für sich selbst sorgen. Ich gestehe, daß ich mich einigermaßen in ähnlicher Lage befand, wie das anziehende, liebenswürdige Insekt, das ich eben schilderte. Es 375 ging mir gut genug, so lnnge ich nur nach meiner Hausfliege zu sehen hatte, aber mm in allen Enden meines Netzes etwas flattert (namentlich seit der Ankunft jener leidenschaftlichen jungen Wespe, die in der nächsten Ecke dampft und um sich chlägt), weiß ich wahrhaftig nicht, mit was ich zuerst anbinden soll. Leider habe ich, ungleich der Spinne, nicht einmal ein Loch, wo ich mich verberge» kann, um das Gewebe sich selbst zu überlassen. Jndcß will ich doch die Spinne so weit nachahmeu, als ich kann, und, während die klebrigen unbeachtet ihr ungeduldiges Stündchen hinsnmmen und sich abkämpfcn, mich in das innere Labyrinth meines eigenen Lebens zurückziehen. Die Krankheit meines Onkels und meine erneuerte Bekanntschaft mir Vivian hatten natürlich zugereicht, meine Gedanken von der übereilten hoffnungslosen Liebe abzulenken, die Fanny Trcvanion mir cinflößte. So lange die Familie von London abwesend war (und sie blieb geraume Zeit länger ans, als sich erwarten ließ), hatte ich Muße, mir die rührende Geschichte meines Vaters und die Lehre, welche so deutlich daraus sprach, mir wieder zu vergegenwärtigen, und ich faßte so viele gute Entschlüsse, daß ich, als Miß Trcvanion endlich wieder nach London kam, sie ohne eine zitternde Hand bewillkommen konnte; anch vermied ich so viel möglich den verhängnißvollcn Zauber ihrer Gesellschaft. Die langsame Neconvalcsecnz meines Onkels galt als genügender Vorwand, unsere gemeinschaftlichen Spazierritte auszusetzen, denn ich mußte die Zeit, welche mir nach Trevanions Geschäfte» übrig blieb, bei meiner Familie zubringen. Ich besuchte keine Bälle, keine Gesellschaften mehr und blieb sogar mm den Diners weg, welche Trevanion von Zeit zn Zeit gab. Miß Trevanion grollte mir anfangs mit ihrer gewöhnlichen, lebhaften Bosheit, weil ich mich so sehr zn- rückzog; aber ich bestand würdig inein Märtyrerkhuin nnd trug Sorge dafür, daß ja kein vorwurfsvoller Blick über die Heiterkeit, mit welcher sie meine Seele guälte, mein Geheimnis; verrathe, Fanny spielte nun entweder die Beleidigte, oder that sehr hoch nnd vermied eS ganz und gar, das Studierzimmer ihres Vaters zn betreten. Mit einemmale veränderte sie ihre Taktik nnd wurde von einer befremdlichen Wißbegierde befallen, welche sic wohl zehnmal des Tags nach unserem Gemach führte, um-daselbst nach einem Buch zu scheu oder eine Frage zu stellen. Ich hielt mannhaft Stand, muß aber doch der Wahrheit gemäß zugeben, daß ich mich im höchsten Grad elend fühlte, nnd wenn ich jetzt zurückblicke, ergreift mich noch immer ein Entsetzen bei der Erinnerung an meine Leiden, Meine Gesundheit litt ernstlich Noth, und ich fürchtete ebenso die Prüfungen des Tages, als den einsamen Kummer der Nacht, Meine einzigen Zerstreuungen bestanden in den Besuche» bei Vivian und in der Flucht nach dem lieben heimischen Kreise, Letzterer war für mich ein Sichernngs- nnd Erhaltungs-Mittel in dieser Krisis meines Lebens, Die Atmosphäre anspruchsloser Elnen- hastigkeit und ruhiger Tugend, die daselbst wehte, kräftigte alle meine Entschlüsse, stählte mich für den Kamps gegen die stärkste Leidenschaft, die in der Jugend Wurzel faßt, und wirkte den schlimmen Dünsten der Luft entgegen, in welchen VivianS vergifteter Geist athmcte und sich bewegte. Wenn es mir auch gelungen wäre, als ein Ehrenmann gegen diejenigen zu handeln, in deren Haus ich mich als vertrauter Gast befand, so glaube ich doch nicht, daß ich ohne den Einfluß einer solchen Heimath der Ansteckung jener böswilligen nnd krankhaften Bitterkeit gegen Schicksal und Welt, welche nur zu leicht aus einer durch äußere Glücksverhältnisse gestörten Liebe entsteht, hätte widerstehen können — einer Bitterkeit, welche Bivian nicht ohne die Beredsamkeit des Ernstes, ob demselben nun Wahrheit oder Falschheit zu Grunde liegen mochte, an den Tag zu legen wußte. Wie dem übrigens sein mochte, nie verließ ich das Stübchen, wo sich ein so schweres Leiden auödrücktc in dem Gesichte des alten Soldaten, dessen Lippe ich nie murren hörte, obschon sie oft vom Schmerz bebte — die ruhige Weisheit, welche den frühen Prüfungen meines Vaters (Prüfungen gleich den mcinigen) gefolgt war, das liebevolle Lächeln auf dem zarten Antlitz meiner Mutter und die unschuldige Kindheit der kleinen Blanche, welche wir nur die Elfe nannten und die ich bereits als Schwester liebte — ohne zu finden, daß diese 4 Mauern genug in sich faßten, um meine Welt wieder zu versüßen, und wenn sie auch bis an den Rand mit Usop und Galle gefüllt gewesen wäre. Trevanion war mit Viviaus Leistung mehr als zufrieden gewesen — sie hatte ihn sogar in Erstaunen gesetzt. Denn obschon die Verbesserungen in der bloßen Ausdrucksweise nur sehr beschränkt gewesen, gingen sie doch weiter, indem sie Worte andenteten, durcb wclcbe die Gedanken veredelt wurden: 378 auch bezeichnest» außer der bereits berührte» Corrcction eines Rechnungsfchlcrs, welche Trcvanion bei der Art seiner geistige» Thätigkcit vielleicht zu hoch anschlug, einige kühn gewagte kurze Randbemerkungen, wie da oder dort ein stärkeres Glied i» einer Kette von Folgerungen oeer ein nachdrücklicherer Beweis für eine Behauptung zu liefern sepn dürfte. Ilnd all' dieses blos ans der natürlichen, nackten Logik eines scharfen Geistes, ohne daß derselbe auch nur durch die mindeste Kenntniß des behandelten Gegenstandes unterstützt worden wäre! Trcvanion gab Vivian hinreichend Beschäftigung und belohnte ihn dafür so freigebig, daß meine Zusage einer unabhängigen Stellung wohl verwirklicht werden konnte. Mehr als einmal wünschte er von mir, daß ich ihm meinen Freund verstelle; aber ich wich diesem Ansinnen beharrlich ans — der Himmel weiß, nicht ans Eifersucht, sondern weil ich fürchtete, Bivians Wesen und Redeweise könnte einem Manne mißfallen, dem nichts mehr zuwider war, als Anmaßung, und der außer seinen eigenen keine anderen Ereentricitäten begriff. Dennoch hatte Vivian, dessen Fleiß eine kräftige Schwinge, aber nur für kurze Flüge besaß, blos etwa für einige Stunden des Tags Beschäftigung, und ich fürchtete, das Müßigseyn könnte ihn zu seinen alten Gewohnheiten und Freundschaften zurücksühren. Seine cünische Offenheit gestand zu, daß beide »»achtbar genug scycn, um von einem solchen Ende ernste Besorgnisse zu rechtfertigen, weshalb ich mir Abends Zeit zu nehmen suchte, ihm die Langeweile dadurch zu vertreiben, daß ich ihn auf Spaziergängen durch die gasbelcnchteten Straßen begleitete, oder gelegenheitlich auf ein Stündchen in seiner Gesellschaft eines der Theater besuchte. Nachdem Vtvian zn einigen Mitteln gelangt war, ließ er sichs zuerst angelegen sein, sie ans sein Aenßeres zn rcr- wenden, und Beobachtung sowohl als Nachahmung — zwei Vermögen, welche schnell fassende Geister stets in so ausgezeichnetem Grade besitzen — batten ihn befähigt, sich jene anmnthige Zierlichkeit in der'Tracht anzueignen, welche man gewöhnlich an dem englischen Gentleman findet. Wahrend der ersten Paar Tage seiner Umwandlung ließen sich allerdings noch Spuren der ihm inwohnenden Prnnkliebc oder einer gemeinen Genossenschaft an ihm bemerken; aber es verschwand bald eine um die andere. Zuerst wich eine bunte Halsbinde mit niedergeschlagenem Hemdkragen, dann ein Paar Sporen, und zuletzt mußte ein diabolisches Instrument, das er ein Rohr nannte, welches aber vermittelst einer laufenden Kugel an dem einen Ende als Knittel dienen konnte, während es am andern einen Dolch verbarg, einem gewöhnlichen Spazicr- stock Platz machen, der mehr für unsere friedliebende Hauptstadt paßte. Ein ähnlicher Wechsel, obschon in geringerem Grade, fand allmälig in seinem Benehmen und in seiner Unterhaltung statt. Das crstere wurde weniger schroff, die letztere ruhiger und vielleicht auch heiterer. Es war augenscheinlich , daß er nicht gefühllos blieb gegen das erhebende Vergnügen, durch eine prciswürdige Anstrengung für sich selbst sorgen und zum erstenmal sich sagen zu können, daß sein Verstand ihm in einer anständigen Weise nützlich 880 sep, Eine neue Welt, obschon noch trübe und wie durch Dunst und Nebel gesehen, begann vor ihm aufzudämmern. So groß ist die Eitelkeit in uns armen Sterblichen, daß meine Theilnahme fürVivian wahrscheinlich sehr erhöht und meine Abneigung gegen Vieles, das in ihm lag, wesentlich gemäßigt wurde durch die Wahrnehmung, ich habe eine Art llcbcrgcwicht über sein wildes Wesen gewonnen. Als wir zum erstenmal in dem Straßenwirthshans zusammcn- trafen und später in dem Kirchhof uns mit einander unterhielte», war das liebergewicht sicherlich nicht aufmciner Seite, jetzt aber kam ich ans einer weiteren Sphäre der Gesellschaft, als die war, in welcher er sich bisher zu bewegen pstegte. Ich hatte die ersten Männer Englands gesehen und gehört. Was damals nur blendend auf mich cinwirkte, erregte jetzt mein Mitleid, Andererseits mußte sein regsamer Geist nothweudig den Wechsel in mir bemerken, und lag nun der Grund im Neid oder in einem bessern Gefühl, er zeigte sich bereitwillig, von mir zu lernen, wie er mich verdunkeln und seine frühere lleberlegcnheit wieder gewinnen könne; denn nichts war ihm empfindlicher, als wenn er sah, daß er Andern nachstand. Gelehrig hörte er mir zu, wenn ich ihn auf die Bücher aufmerksam machte, welche die verschiedenen Gegenstände behandelten, die seiner Bearbeitung vertraut wurden. Er hatte zwar weit weniger Schule, als mir von irgend einem mit seinen geistigen Begabungen bekannt war, und in Anbetracht der Gedankenfülle, die er erworben, und des Prnnkens mit den wenigen Werken, mit denen er sich aus freien Stücken vertrant gemacht, nur wenig gelesen ; aber 381 gleichwohl setzte er sich entschlossen zum Studium nieder und obschou dies angcnscheinlich gegen seine Natur lief, versprach ich mir doch viel von solchen Merkmalen der Entschlossenheit, sich für künftige Zwecke einem vorderhand peinlichen Geschäfte zu unterziehen. Ob ich seinen Eifer hätte billigen können, wenn die Ursache desselben mir völlig klar gewesen wäre, ist eine andere Frage. Sowohl in der Vergangenheit, als in dem Eharakter dieses jungen Mannes gab cs Abgründe, die ich nicht zu erforschen vermochte. Mit all' seiner rücksichtslosen Offenheit verband er eine Zurückhaltung , die stets ans der Hut war. Die crsterc zeigte sich augenfällig in seinem Gespräch über die Gegenstände, die nnmittclbar vor uns lagen, und in der gänzlichen Vernach- läßigung eines jeden Versuchs, besser scheinen zu wollen, als er war ; letztere aber gab sich ebenfalls kund in dem schlauen Umgehen jeder Art von Vertraulichkeit, die mich in Geheimnisse seines Lebens hätte einweihen können, welche er zn verbergen wünschte. Wo er geboren und erzogen worden — wie es kam, daß er sich so ganz ans seine eigenen Hülfs- quellen verwiesen sah — wie es ihm damit anfänglich gelungen und wie er sein Fortkommen gefunden hatte — dies waren lauter Dinge, über welche ihm HarPokrateS, der Gott des Schweigens, einen Eid anferlegt zn haben schien. Und doch wußte er so Vieles zn erzählen von dem, was er gesehen, und von den seltsamen Gefährten, mit denen er znsammengetroffcn, obschon er nie ihre Namen nannte. Um ihm Gerechtigkeit widerfahren zn lassen, muß ich hier bemerken , daß er nie einen entschiedenen Bruch der Ehren- Hastigkeit an sich selbst vcrrielh, abschon er seine stühreifc Erfahrungen ans Löchern und Winkeln, aus den Abzugskanälen und Kloaken des Lebens gesammelt zu haben und die Unehrenhastigkeit ihm keinen Widerwillen einznstößcn schien, da er Tugend oder Laster mit eben so ruhiger Gleichgültigkeit betrachtete, wie etwa em großer Dichter, der in beiden nur die Diener seiner Kunst sicht. Er konnte lachen über, die Geschichte irgend eines sinnreichen Betrugs, dessen Zeuge er gewesen, ohne daß er sür die Schändlichkeit desselben einen Sinn hatte, obschon er davon nur im Töne eines gleichgültigen Zeugen, nicht eines Mirschnldigen sprach. Als wir jedoch vertrauter wurden, kam ihm allmälig jene instinktartige Scham zum Bcwußtsepn, welche unwillkürlich der Umgang mit Menschen hcrvorrnft, die gewohnt sind, zwischen Recht und Unrecht zu unterscheiden, und solche Geschichten hörten auf. Nur einmal erwähnte er seiner Familie, und zwar in folgender seltsamen und abgebrochenen Weise: „Ach!" rief er eines Tages, als er plötzlich vor einem Buchladcn Halt machte, „wie erinnert mich dieses Bild an meine liebe, ihenre Mutter." „Welches?" fragte ich hastig, da ich nicht wußte, ob er eineu Kupferstich von Raphaels „Madonna" oder einen andern, „das Weib des Räubers" darstellend, meinte. Vivia» befriedigte meine Neugierde nicht, sondern zog mich trotz meines Widerstrebend weiter. „Ihr liebtet also Eure Mutter?" nahm ich nach einer Pause wieder auf. „Ja, wie ein junger Tiger die Tigerin," 38 :; „Dies ist eine seltsame Vergleichung." „Oder wie ein Bulleubeißer den Preisfcchter, seinen Herrn. Gefällt Euch diese besser?" „Ich könnte dies nicht sagen. Ist es eine Vergleichung, die Eurer Mutter gefallen würde?" „Meiner Mutter gefallen?" versetzte er mit einigem Zandern. „Sie ist tvdt!" Ich drückte seinen Arm stärker an den meinigen. „Ich verstehe Euchsagte er mit seinem cynisch ab- » stoßenden Lächeln. „Aber Ihr thut Unrecht, Theil zn nehmen an meinem Verlust. Ich fühle ihn, aber Niemand, der sich um mich kümmert, sollte mit meinem Schmerz sympathisiren." „Warum?" „Weil meine Mutter nicht das war, was die Welt eine gnte Frau nennen würde. Aber ich liebte sie darum nicht weniger. Laßt uns übrigens ans etwas Anderes übergehen." „Nicht doch, Vivian; da Ahr so viel gesagt habt, so laßt Euch erbitten, fortznfahren. Lebt Euer Vater noch?" „Steht das Monnment noch?" „Ich denke so, aber was soll dies?" „Ei, es kümmert weder mich noch Euch sonderlich, und meine Frage entspricht der Cnrigcn." Ich konnte nicht mehr aus ihm herausbringe» und kam auch später nm keinen Schritt weiter. Allerdings muß ich gestehen, wenn auch Vivian nicht sehr freigebig mit seinem Vertrauen war, so suchte er ebensowenig sich in das meinigc einzndrängen. Er hörte mit Theilnahme zu, wenn ich von W4 Trevanion sprach (denn ich machte kein Gehcimniß aus meiner Verbindung mit diesem Manne, obschon man sich denken kann, daß ich nichts mm Fanny sagte), aber von der glänzenden Welt erzählte, die mir der Aufenthalt in einem so angesehenen Hanse ansschloß. Wenn ich jedoch in der Ucbcrfülle meines Herzens von meinen Eltern oder meiner Heimath zu sprechen anfing, so legte er einen so ungebührlichen Ueberdruß an den Tag oder antwortete mir in einem », so erkältenden Hohne, daß ich gewöhnlich mit unwilliger Entrüstung ihn verließ, Einmal bat ich ihn, mir zu gestatten, daß ich ihn meinem Vater vorstclle. Tics war mir ein ernstes Anliegen; denn ich hielt cs für unmöglich, daß der Teufel in ihm nicht durch eine solche Berührung gebannt werden müsse — er aber crwiedertc mir daraus mit seinem dumpfen, verächtlichen Lachen — „Mein lieber Carton, als ich noch ein Kind war, wurde ich so sehr mit dem Telcmach gequält, daß ich, um es nur anshaltcn zu können, ihn travestirtc." „ Nun?" „Fürchtet Ihr nicht, derselbe boshafte Hang könnte ans Euren Ulysses eine Carricatnr machen?" Nach dieser Entgegnung sah ich Mr, Vivian drei Tage nicht mehr und würde wohl ibn noch länger vermieden haben, wenn ich nicht zufällig unter der Säulenhalle des Opernhauses mit ihm zusammengctrosscu wäre, Viviau lehnte an einer der Säulen und sah der langen Prozession zu, welche nach diesem einzigen modischen Tempel der Kunst im englischen Babel wallfahrtet?, Equipagen mit Wappen. 385 imd Kronen nnd Cabriolete (das Brongham hatte sie damals noch nicht verdrängt) vpn nüchterner Farbe, aber gewählter Ansstattnng, mit riesigen Pferden nnd zwerghaften „Tigern" stürzten und rollten an ihm vorüber. Schöne Frauen nnd prachtvoller Putz, Sterne und Bänder, der Rang und die Schönheit der patricischen Welt wogten durch den Eingang. Ach konnte dem Mitleide nicht widerstehen, welches der einsame, freundliche, unzufriedene Geist mir ein- flößte, der diesem prunkvollen Gewühle znsah nnd dabei mit der Glut des Berlangens und der Verzweiflung des Ansgeschlossensevns sich cinbildcte, er sey dazu geschaffen, an solchen Plätze zn glänzen. Ein einziger Blick auf das düstere Gesicht reichte zn, mir zn sagen, was in dem noch düstereren Herzen vorging. Seine Gefühle konnten allerdings keine liebenswürdigen nnd seine Gedanken ebenso wenig weise genannt werden l aber waren sic unnatürlich? Hatte ich doch schon selbst etwas Achnliches erfahren — zwar nicht bei dem Anblicke prächtig geputzter Mensche», die in Ncichthnm nnd Müßiggang der knft und der Mode sröhnten, Wohl aber an de» Thüren des Parlaments, wenn Männer, die sich edle Namen errungen hatten nnd deren Wort schwer in die Wagschaale fiel, bei dem Schicksal des herrlichen Englands, achtlos dahincilten zn ihrem großartigen Kampfplatz, oder wenn ich mitten in dem FeiertagsgedrLnge unedler Prunksucht von dem Ruhme einiger anwesender ausgezeichneter Künstler oder Schriftsteller murmeln hörte. Ich fühlte natürlich den Gegensatz zwischen dem Ruhme, der mir in meiner eigenen Dunkelheit so nahe und doch so ferne Vulwer, die Cartone. L5 386 stand — wem wäre es nicht ebenso ergangen? Ach, mancher Jüngling, der nicht zn einem Thcmistokles bestimmt ist, wird gleichwohl empfinden, daß ihn die Trophäen eines Miltiades nicht schlafen lassen! Ich trat an ViviauS Seite nnd legte meine Hand ans seine Schalter, „Ah!" sagte er in sanfterem Tone, als gewöhnlich, „eS freut mich, Euch zn sehen, nnd ich bitte Euch um Verzeihung , da ich Euch letzthin beleidigt habe. Freilich dürft Ihr keine sehr holden Antworten von den Seelen im Feg- fcner erwarten, wenn Ihr ihnen von den Seligkeiten des Himmels vorschwatzt. Ich bitte, redet nie mehr mit mir über Heimath nnd Väter! Genug, ich sehe, Ihr verzeiht mir. Warum geht Ihr nicht in die Oper? Ihr könnt cs," „Und Ihr auch, wenn Ihr wollt. Ein Bittet ist allerdings schamlos theuer; aber wenn Ihr ein Freund von Musik seyd, so liegt dieser Genuß wobl im Bereich Eurer Mittel," „O, Ihr schmeichelt mir, wen» Ihr meint, die Klugheit des Sparens halte mich zurück! Ich bin erst kürzlich in der Oper gewesen, werde sic aber nicht wieder besuchen, Musiki — wenn Ihr in die Oper geht, thnt Ihr cs um der Musik willen?" „Nur theilweise, denn ich gestehe, daß die Scenerie für mich ebenso anziehend ist, Jndeß glaube ich, daß die Oper für keinen von uns beiden sonderlich paßt. Für reiche, müßige Leute mag sie wohl eine so unschuldige Vergnügung sehn, wie irgend eine andere; aber ich finde, daß sic die Nerven kläglich abspannt." 887 „Ich bin hier gerade der gegentheiligen Ansicht — sie erscheint mir als ein furchtbares Stimulans! Carton, wißt Ihr auch, daß ich, so undankbar es auch klingen mag, dieser ehrenhaften Unabhängigkeit herzlich müde bin? Wozu soll sic führen? — zu Kost, Kleidung und Quartier; aber kann sie mir je etwas weiter einbringcn?" „Anfangs beschränktet Ihr Eure Wünsche auf Glacehandschuhe und ein Cabriolet, Vivia», Die Glacehandschuhe sind bereits da und gelegentlich wird auch das Cabriolet kommen," „Unsere Begierden wachsen, je mehr sie Nahrung finden, Ihr lebt in der großen Welt und könnt Aufregung haben, so oft Ihr wollt. Ich bedarf der Aufregung, bedarf der Welt und brauche Raum für meinen Geist, Versieht Ihr mich?" „Vollkommen, und ich kann mit Euch fühlen, armer Vivian; aber es wird Alles kommen, Geduld! — Ich muß Euch dies jetzt immer predigen, wie zur Zeit, als jener Morgen so unbehaglich über die Straßen Londons aufdämmerte, Eure Zeit ist nicht verloren — erfüllt Euren Geist mit Kenntnissen, lest, studirt und befähigt Euch dadurch für den Ehrgeiz, Warum wünscht Ihr zu fliegen, noch ehe Euch die Schwingen gewachsen sind? Lebt vorderhand in dcu Büchern; sie sind herrliche Paläste, die sich für reich und arm in gleicher Weise anfthuu," „Bücher, Bücher! — freilich Ihr seyd der Sohn eines BüchcrmannS! Aber nicht durch Bücher kommt der Mensch in die Welt und erfreut sich dabei des Lebens." 8S" 388 „Ich weiß dies nicht, aber ich sehe, mein Freund, Ihr möchtet gcru beides mit einander verbinden — Euch so schnell in der Welt vorwärts bringen, als cs nur'der Arbeit möglich ist, und zugleich das Leben so behaglich genießen, wie dies nur die Unthätigkeit thnn kann. Ihr wünscht zu leben wie ein Schmetterling »nd möchtet doch allen Honig der Biene» haben; ja, und was noch am Ganzen das Verteufeltste ist, sogar als Schmetterling verlangt Ihr, daß jede Blume in einem Moment aufwachsc, und als Biene, daß der ganze Stock in einer Viertelstunde mit Vorrätben versehen scy! Geduk — Geduld — Geduld!" Vivian seufzte unmnthig auf, „Ich fürchte," sagte er nach einer nnruhigc» Pause, „der Landstreicher und der Geächtete gewinnen die Oberhand über mich, denn ich sehne mich darnach, zurückzucilcn zu meinem alten Wese», das voll Handlungen war und mir daher keine Zeit znm Nachdenken gestattete." Während er so sprach, hatten wir die Säulenhalle umwandelt und befanden uns in dem engen Gange, welcher zu den Privatlogcn der Oper führt. Dicht an den Thürcn dieses Eingangs standen zwei oder drei junge Männer. Als Vivian innehielt, hörten wir einen derselben augenscheinlich in Beantwortung einer Frage, lachend sage»: „O, ich kenne einen viel schnelleren Weg zum Glück, als diesen. Ich gedenke eine Erbin zu hcirathcn." Vivian blieb betroffen stehen und blickte nach dem Sprecher hin, der ein recht hübsch aussehender junger Mann war. Er musterte denselben bedächtig vom Kopf bis zum F»si und wandte sich dann mit einem zufriedenen, gedanken- vollen Lächeln ab. „Ihr habt hierin allerdings Recht," sagte ich ernst, indem ich mir sein Lächeln deutete. „Euer Aussehen ist besser, als das von diesem Erbinncnjäger." Vivian erröthete; aber ehe er antworten konnte, sagte ein anderer der jungen Männer, sobald die Gruppe sich von dem heiteren Gelächter über die sorglose Geckenhaftigkeit ihres Gefährten erholt hatte — „Wenn es Euch um eine Erbin zu thnn ist, so kommt eben hier eine der reichsten in England. Aber freilich darf man kein jüngerer Sohn mit drei gesunden Leben zwischen sich und einer irischen Peerage, sondern muß znm mindesten ein Graf seyn, wenn man nach Fanny Trevanions Hand trachten will." Die Erwähnung dieses Namens bebte mir durch alle Nerven. Ich fühlte, daß ich zitterte, und als ich aufblickte, sah ich Lady Ellinor nnd Miß Trcvanion aus ihrer Equipage auf den Eingang des Opernhauses zneilen. Beide erkannte» mich, und Fanny rief: „Ihr hier? Ei, das trifft sich glücklich! Ihr müßt zu uns in die Loge kommen, selbst wenn Ihr einen Augenblick nachher wieder Reißaus nehmt." „Aber ich bin nicht für die Oper gekleidet," entgegnctc ich mit einiger Verlegenheit. „Und warum nicht?" fragte Miß Trcvanion und fügte dann mit gedämpfter Stimme bei; „Warum flieht Ihr u»S so eigensinnig?" 3 SO Sic legte ihre Hand auf mciucil Arm, und so wurde ich unwiderstehlich in die Vorhalle gezogen. Die jungen Männer an derThnre machien nnS Platz und sahen mir ohne Zweifel neidisch nach. „Ihr vergißt," versetzte ich mit einem erkünstelten Lachen, als ich sah, daß Miß Trevanion eine Antwort erwartete, „wie wenig ich jetzt Zeit zu solchen Vergnügungen habe, — und mein Onkel —" „O, Mamma und ich haben hcntc Euren Onkel besucht und er befindet sich beinahe wieder ganz wohl. Jst's nicht so, Mamma? Ich kann Euch nicht sagen, wie sehr er mir gefällt. Er ist gerade so, wie ich mir einen Douglas der alten Zeit vorstelle. Aber Mamma wird ungeduldig. Nun, Ihr mußt morgen mit uns speisen — versprecht mir dies! Kein k lllon, sondern au oevoio." Und Fanny glitt an dein Arm ihrer Mutter weiter. Lady Minor, die gegen mich stets sehr freundlich und höflich war, hatte gntmüthig das Ende dieses Dialogs abgewartct. Als ich in den Gang znrückkehrtc, sah ich Vivian anf- und abgehen; er hatte seine Cigarre angezüudet und rauchte mit Macht. „Diese große Erbin," sagte er lächelnd, „welche, soviel ich unter ihrem Hut sehen konnte, an Schönheit mit ihrem Reichthnm sich messen zu können scheint, ist vcrmuthlich die Tochter des Mr. Trevanion, dessen Ergießungen Ihr so freundlich meiner Uebcrarbeitnng zumeist. Er ist also sehr reich? Ihr habt mir nie etwas davon gesagt, vbschon ich cs hätte errathcn können: aber Ahr seht, ich weiß gar nichts von Eurem bcnu ttionäo und muß erst heute Nacht erfahre», daß Miß Trevanion eine der größten Erbinnen in England ist." „Ja, Mr. Trevanion ist reich," versetzte ich, einen Seufzer unterdrückend — „sehr reich." „Und Ihr seyd sein Sekretär! Mein lieber Freund, Ihr könnt mich Wahl auf die Geduld verweisen, denn hoffeullich wird Euch ein großer Vvrrath von der Eurigcn überflüssig seyn." „Ich verstehe Euch nicht." „lind doch habt Ihr jenen jungen Gentleman so gut gehört, wie ich. Ihr wohnt mit der Erbin in dein nämlichen Hause!" „Vivian!" „Nun, was habe ich denn so Ungeheuerliches gesagt?" „Pah ! Da Ihr Euch ans den jungen Gentleman bezieht, so werdet Ihr auch gehört haben, was ihm sein Gefährte sagte —- 'man müsse zum mindesten ein Graf seyn, um nach Fanny Trcvanions Hand zu trachten.'" „O, geht mir damit! Ebenso gut könnte man sagen, man müsse ein Millionär seyn, um nach einer Million zu streben! Gleichwohl glaube ich, daß Diejenigen, welche sich Millionen erringen, in der Regel mit Peuceu anfangen." „Dieser Glaube sollte Euch ein Trost und eine Er- muthigung seyn, Vivian. Und nun, gute Nacht! Ich habe noch viel zu thun." „Gute Nacht!" entgegnete Vivian. Und wir trennten uns. Ich begab mich nach Mr. Trcvanions Haus und auf das Stndirzi,inner, wo ein furchtbarer Rückstand von Geschäfte» auf mich wartete. Entschlösse» setzte ich mich Anfangs zur Arbeit nieder, fand aber allmälig, daß meine Gedanken bei de» ewigen blaue» Büchern nicht zu haften vermochten, und die Feder entglitt meiner Hand mitten in einem Auszug aus einem Bericht über Sierra Leone. Mein Puls schlug laut und rasch; ich befand mich in einem so angegriffenen, fiebcrischen Zustande, wie ihn nur die Aufregung Hervorrufen kann. Fanny's süße Stimme klang in meinen Ohren; ihre Augen, wie ich sie zum letztenmal gesehen, blickten mich ungewöhnlich sanft, fast bittend an, wohin ich mich immer wendete, und dann vcrnalnn ich wieder wie im Hohn jene Worte — „man muß znm mindesten ein Graf seyn, um —" Aber trachtete ich denn nach ihrer Hand? War ich eitler Thor so wahnsinnig — ein so vollendeter Vcrräther an dem Hause, das mich ausgenommen? Nein, »ein! Aber was that ich unter demselben Dache?— Warum blieb ich, um das süße Gift ciuzusaugen, welches die ganze Schwungkraft meines Lebens verzehrte? Bei dieser Frage, die ich, wenn ich ein oder zwei Jahre älter gewesen wäre, längst an mich gestellt hätte, erfaßte mich ein tödtlicher Schrecken; Alles Blut strömte aus meinem Herzen und ließ mich kalt — eiskalt. Das Haus verlassen! Fanny verlassen! — Nie wieder jene Augen zu sehen — nie mehr ihre Stimme zu hören! — Lieber sterben an dem süßen Gift, als in einsamer Verbannung! Ich stand auf, öffnete die Fenster und ging im Zimmer auf und ab, konnte aber zu keinem Entschluß, ja, nicht einmal zum Denken zgg kommen. Mein ganzer Geist war in Aufruhr. Mit einer gewaltsamen Anstrengung mich selbst zu bezwingen, näherte ich mich wieder dem Tische. Ich beschloß, au meiner Aufgabe sortznmachc», wäre es auch nur, um meine Fähigkeiten wieder zu sammeln, damit sie mich in den Stand setzten, meine Qual zu ertragen. Ungeduldig warf ich die Bücher umher, als plötzlich mein Auge — dem schalkhaften, aber vorwurfsvollen Antlitz Fauny's begegnete! Ihr Miniatur-Porträt, welches, wie ich wußte, vor einigen Tagen von einem jungen Künstler ausgenommen worden, den Trevauion begünstigte, war unter den Büchern liegen geblieben. Vermuthlich hatte cs ihr Vater mit auf sein Studirzimmer genommen , um cs daselbst näher zu betrachten , und es sodann vergessen. Der Maler war glücklich gewesen in der Auffassung von Fannv's eigenthümlichem Ausdruck, ihrem unaussprechlichen Lächeln, oas sich bei aller Bosheit so bezaubernd ausnahm : sogar ihre Lieblingshaltung hatte er treulich wieder gegeben — der kleine Kopf über die runde, Hebe-gleiche Schulter gedreht und das Auge unter den Locken hcrvorblitzend. Ich weiß nicht, welcher Wechsel jetzt in meinen Wahnsinn kam; aber ich sank auf meine Kniee nieder, küßte das Bild wieder und wieder und brach in Thränen aus. Solche Thräncu! Ich hörte nicht, daß die Thüre anfging — sab auch nicht den Schatten am Boden hinschleichcn: eine leichte Hand legte sich auf meine Schulter, die unter der Berührung bebte. Ich fuhr zusammen : Fanny selbst beugte sich über mich nieder! „Was gibt es?" fragte sic thcilnehmend. „Was ist 39« vorgefallen? EnerSnkel, Eure Famllie — doch Alles Wohl? Warum weint Ihr?" Ich konnte nichts daraus erwicdcrn, sondern hielt meine Hände über dem Portrait geschlossen, damit sie nicht selten möchte, was cs enthielt, „Wollt Ihr nicht antworten? Bin ich, nicht Eure Freundin — fast Eure Schwester? Sprecht — soll icl, die Mamma rufen?" »Ja — ja —; geht — geht!" „Nein, jetzt will ich erst nicht gehen. Was habt Ihr da? — Waö versteckt Ihr vor mir?" Und nnschnleig nach Art einer Schwester faßten ihre Hände die meinigcn; und so — und so — wurde das Bild sichtbar. Es folgte eine Todtenstillc, Ich blickte durch meine Thränen auf, Fannh war um einige Schritte zurück gewichen; ihre Wange glühte, und ihre Augen suchten den Boden, Es war mir, als hätte ich ein Verbrechen begangen und als hafte Schande und Schmach ans mir. Gleichwohl unterdrückte ich — ja, dem Himmel sey Dank! ich unterdrückte den Ruf, der sich von meinem Herzen ans mit Macht gegen meine Lippen drängte — „Habt Mitleid mit mir; denn ich liebe Euch!" Ich unterdrückte ihn und nur ein schwerer Seufzer entrang sich meiner Brust — die Wehklage nur ein verlorenes Glück! Dann erhob ich mich, legte das Bild auf den Tisch »nd sagte mit einer Stimme, die mir fest zu sehn schien: „Miß Trevanion, Ihr seyd gegen mich so freundlich 395 gewesen, wie eine Schwester, und deßhalb sagte ich Eurem Portrait ein brüderliches Lebewohl. Es ist Euch so ähnlich! „Ein Lebewohl?" wiederholte Fannh, noch immer nicht ausschcnd. „Ja, ein Lebewohl — Schwester! So, ich habe das Wort kühn ausgesprochen; den» — denn —" ich eilte nach der Thüre, wandte mich daselbst nm und fügte mit einem vermeintlichen Lächeln bei — „denn zu Hause meint man, ich scy nicht wohl; die Anstrengung sey zu groß für mich. Ihr wißt, Mütter sind gerne thöricht und — ich will daher morgen mit Eurem Vater sprechen. Gute Nacht — Gott behüte Euch, Miß Trevanion." Neunter Abschnitt. Erstes Kapitel. Und mein Vater schob seine Bücher bei Seite. O junger Leser, wer du auch sepn magst — oder wenigstens Leser, der du jung gewesen bist — kannst du dich nicht einer Zeit erinnern, da du mit deinen noch im Geheime» getragenen wilden Schmerzen und Sorgen zurückkamst anS jener strenge», harten Welt, welche sich dir ansthut, sobald dn deinen Fuß über die Schwelle der Heimath hinanssetzcst — znrückkamst zu den vier rnhigen Mauern, innerhalb welcher 396 im Frieden deine Eltern saßen — und mit einer Art weh- müthigen Erstaunens bemerktest, wie ruhig und ungestört hier Alles war? Die Generation, welche dir auf dem Pfad der Leidenschaften vorangcgangen ist — die Generation deiner Eltern — wie unendlich ferne scheint sie nicht in ihrer stillen Ruhe deiner ungestümen Jugend ;n liegen, obschon vielleicht der Unterschied der Jahre nicht so groß ist I Sie birgt eine Stille in sich, wie daS klassische Alterthum, und sieht so antik ans, wie die Statuen der Grieche». Jene ruhige Eintönigkeit in der Lebensweise deiner Eltern — die Beschäftigungen, die sie für ihr Glück am häuslichen Herde als genügend erfunden haben — für jedes von beiden ein Nrmstnhl und ciue»Kaminecke — welch' seltsamen Gegensatz bildet dies nicht zu deiner eigenen ficberischen Aufregung! Und sie mache» Platz für dich, heißen dich willkommen und versinken wieder in ihre gewohnte Weise, als ob nichts vorgefallcn wäre. Nichts vorgefallen — während vielleicht in deinem Herzen die ganze Welt ans ihrer Are gewichen zu scvn scheint und alle Elemente mit einander im Krieg leben! Du sitzest nieder, erdrückt von dem stillen Glücke, daS du nicht mehr theilen kannst, lächelst mechanisch und blickst ins Feuer. Es ist Zehn gegen Eins zu wetten, daß du so bleibst, ohne ein Wort zu sprechen, bis die Zeit zum Schlafen kommt; dann nimmst du dein Licht auf und schleichst unglücklich nach deinem einsamen Zimmer. Wenn bei tiefem Winter drei Reisende warm und behaglich in einer Postkutsche sitzen und ein vierter beschneit und erfroren von einem Anßcnplatz heruntersteigt, um sich'S im I97 Innern bequem zu machen, wechseln sogleich die Drei ihre Plätze, ziehen unruhig ihre Mantelkragen in die Höhe, rücken ihre „Tröster" zurecht und geben dadurch ihren Ncrger über den Verlust an Wärmestoff zu erkennen — der Eindringling hat wenigstens Aufsehen gemacht. Aber wenn du all' den Schnee der Alpen in deinem Herzen hättest, so könntest du unbeachtet einireten, sosern du nur Sorge trügest, deinem gegenübersitzendcn Nachbar nicht auf die Zehen zu treten; keine Seele kümmert sich darum, und kein „Tröster" rührt sich auch nur um einen Zoll! Ich hatte keinen Augenblick geschlafen, ja mich nicht einmal niedergelegt in der Nacht, in welcher ich Fanny Trcvanion Lebewohl sagte — und am andern Morgen mit dem Aufgang der Sonne wandcrte ich ins Freie — wohin, weiß ich selbst nicht. Eine dnnkle Nückerinnerung schwebt mir noch vor von langen, grauen, einsamen Straßen — von dem Flusse, der in dumpfem Schweigen dahin zn strömen schien, weit weg in eine unsichtbare Ewigkeit — von Bäumen, Nasenplätzen und frohen Kinderstimmen. Ich muß von dem eine» Ende dco großen Babel bis zu dem andern gekommen seyn; aber »rein Erinncrnngsvermögen wurde erst klar und bestimmt, als ich gegen Mittag an der Thüre des väterlichen Hauses klopfte, schweren Tritts die Treppe hinanf- stieg und in dem Bcsuchzimmer, diesem Sammelplatz der kleinen Familie, anlangte; denn seit unserem Aufenthalt in London hatte mein Vater nicht sein gesondertes Studir- zimmerchen, sondern begnügte sich mit einer sogenannten Ecke, hie übrigens weit genug war, nm zwei große Tische, einen 398 Drehtisch und Stühle nach Belieben zu bergen, die insge- sammt mit Büchern überstreut waren. Dieser geräumigen Ecke gegenüber saß mein Onkel, der jetzt beinahe wieder her- gestellt war und mit steifer militärischer Hand gewisse Zahlen in ein kleines, rothes Rechenbuch einzeichnctc, denn der Leser weiß bereits, daß Onkel Roland in seinen Ausgaben der methodischste Mann von der Welt war. Meines Vaters Gesicht war freundlicher, als gewöhnlich, denn vor ihm lag ein Corrcctnrbogcn — der erste Correetnrbogcn seines ersten Werkes — seines Werkes — des großen Buchs! Ja, es hatte in der That eine Presse gesunden ! Und der erste Druckbogen eines ersten Werkes — man muß einen Schriftsteller fragen, wenn man erfahren will, was dies ist! Meine Mutter war mit der getreuen Miß Primniins ausgcgangen, ohne Zweifel in die Läden oder ans den Markt; während also die Brüder sich in solcher Weise beschäftigten, war es natürlich, daß mein Eintritt nicht so diel Lärm machte, wie etwa eine Bombe, ein Sänger, ein Donnerschlag, die „letzte große Novelle der Saison," oder irgend etwas Anderes, was in unseren Tagen Aufsehen zu erregen im Stande ist. Denn was kann jetzt überhaupt Aufsehen machen — jetzt, wo das Erstaunlichste von Allen, gerade unser ruhiges Hinnchmcn von erstaunlichen Dingen ist — wenn wir z. B. gleichgültig sagen, „wieder eine Revolution in Paris," oder „beiläufig, auch in Wien ist der Teufel loS!" — wenn der Prinz de Joinville in den Teiche» von Clarcmont Fische fängt und man sich kann, nmwendet. 399 um uns dem Brightancr Damm nach dem Fürsten Metternich zn sehen! Mein Onkel nickte und murmelte unbestimmt etwas , vor sich hin; mein Vater — „ Schob seine Bücher bei Seite, wie wir bereits gehört haben/' Lieber Leser, du bist sehr im Jrrthnm, denn nicht jetzt schab er seine Bücher bei Seite, da er damit gar nichts zn thnn hatte — er las seinen Carrccturbogcn. Und er lächelte und deutete pathetisch daraus hin (auf den Carrecturbagcn meine ich), als walle er mit einer Art Humar sagen ; „Was kannst Du mehr verlangen, Pisistratus? — mein j Neugebarner in kurzen Haschen oder in Garmond, waS ganz das Nämliche ist!" Ich rückte einen Stuhl zwischen sie, sah zuerst den einm, ^ dann de» andern an nnd fühlte — der Himmel vergebe mir! — einen rebellischen, nnda»kbaren Groll gegen beide. Die Bitterkeit meiner Seele muß in der That tief gewesen scyn, daß sie in dieser Richtung übcrströmen kannte; aber cs war so. Der Schmerz der Jugend ist stets abscheulich selbstsüchtig. Ich stand van dem Stuhle ans und trat an das 'Fenster; es war affen, und draußen hing in seinem Käsicht der Kanarienvogel der Miß Primmins. Die Landauer Lust sagte ihm zu, und er sang lustig darauf las. Ws der Vogel mich seinem Käsicht gegenüber sah, wie ich cS ernst und, ahne Zweifel, auch mit sehr düsterer Miene betrachtete, hielt er inne, senkte den Kopf auf die eine Seite und blickte schräg nnd argwöhnisch nach mir hin. Wie er fand, daß ich ihm LUst nichts zu leid that, begann er scheu und fragend mit einigen abgebrochenen Noten, zwischen denen er jcdeöinal eine Pause eintretcn ließ; da ich dabei stille blieb, kam er augenscheinlich ans die Ansicht, der Zweifel scp gelöst und tch mehr zu bemitleiden, als zu fürchten — denn er ging allmählig in eine so sanfte, klangrciche Melodie über, daß ich wahrhaftig glaube, er sang, um mich zu trösten — mich seinen alten Freund, den er ungerecht beargwöhnt hatte. Nie drang mir eine Musik so sehr iirs Innere, als jene lange, klagende Cadenz. Und als der Vogel aufhörte, klammerte er sich an die Drähte des Käfichts an nnd musterte mich stetig auS seinen klaren, klugen Augen. Ich fühlte, daß in den mcini- geu das Wäger stand, wandte mich um nnd trat in die Mitte des Zimmers, unschlüssig, was ich thnn oder wohin ich gehen sollte. Mein Vater war mit dem Corrcctnrboqeu fertig und batte sich wieder in seine Foliobändc vertieft. Roland klappte sein totstes Rechnungsbuch zu, steckte cs tu seine Tasche, wischte sorgfältig seine Feder ab und beobachtete mich jetzt unter »seinen buschigen Brauen hervor. Plötzlich stand er von seinem Sitze ans, stampfte mit seinem Kork- bcin auf den Herd und rief: „Last' einmal Deine verwünschten Bücher liegen, Bruder Austin! Was ist denn in dem Gesichte dieses Jungen? Deute mir dies, wenn Du kannst!" Zweites Kapitel. Und mein Vater schob seine Bücher bei Seite und stand hastig aus Er nahm seine Brille ab und rieb fle mechanisch, sagte aber nichts, worauf mein Onkel, der ihn erstaunt über sein Schweigen eine Weile mit großen Augen angesehen hatte, in die Worte ansbrach: „O ! ich sehe — er ist in eine Klemme gcrathcn, und Du zürnst! Pah ! junges Blut will sich verloben, Austin! Dies geht nicht anders. Da Hilst kein Mäkeln — es ist nur, wenn — komm her, Sistp! Donnerwetter, Mensch — komm' her!" Mein Vater streifte sanft die Hand des Kapitäns ab, trat auf mich zu »nd öffnete seine Arme. Im nächste» Augenblick lag ich schluchzend an seiner Brust. „Aber was gibl's denn?" rief Kapitän Roland. „Will mir Niemand sagen, was vorgegangen ist? Geld, ver- muthlich — Geld — Du verwetterter, liederlicher junger Schlingel. Znm Glück hast Du einen Onkel, dem mehr zu Gebot steht, als er zu verwenden weist. Wie viel? — Fünfzig? — hundert? — zweihundert? Aber wie kann ich die Anweisung schreiben, wenn Ihr nicht sprechen wollt?" „Bst, Bruder! Dein Geld kann diese Angelegenheit nicht ansglcichen. Mein armer Junge — habe ich recht ge- rathen? Errietst ich letzthin, als — " „Ja, Vater—ja! O, wie elend war mir dabei zu Muthe. Doch jetzt ist's besser — ich kann Euch nun Alles sagen." Bulwcr, die Cartonc. Lg 402 Mein Onkel bewegte sich langsam nach derThüre, denn sein Zartgefühl gab ihm die klcberzcngnng, daß er nicht a» seinem Platze scy, wo sich's nm eine vertrauliche Mittheilung zwischen Sohn nnd Vater handelte. „Nein, Onkel/' rief ich, indem ick ihm meine Hand entgegenhielt, „bleibt! Anch Ihr könnt mir rathcn — mich crmnthigcn. Bis jetzt habe ick meine Ebrc bewahrt — helft mir, dies anch fernerhin zu thun." Bei dem Wort Ehre blieb Kapitän Roland stumm stehen nnd richtete rasch den Kopf ans Nnd nun erzählte ich Alles — Anfangs zwar unzusammenhängend genug , aber im weiteren Verlauf klar und männlich. Ich weiß jetzt, daß es bei Liebenden nicht üblich ist, sich Vätern und Onkeln anzuvcrtranen. Nach jenen Spiegeln des Lebens, den Schauspielen und Romanen, zu urtheilen, treffen sie eine bessere Wahl; Bediente nnd Kammermädchen — Freunde, welche sie auf der Straße anfgc- lescn, wie es bei mir nnd dem armen Francis Vivian der Falk war — gegen diese erleichtern sic ihre bekümmerte Brust, Gegen Väter nnd Onkel aber sind sie verschlossen, unzugänglich nnd „bis an's Kinn zugeknöpft," Die Cartvne waren eine ercentrische Familie nnd betrieben eine Sache nie, wie andere Leute, Nachdem ich zum Schluffe gekommen war, erhob ich meine Augen und fragte flehentlich: „Sagt mir jetzt, ist denn keine Hoffnung vorhanden — gar keine?" „Warum denn nicht?" rief Kapitän Roland hastig. 4Ü3 „Die De Eartone sind eine so gute Familie, als die Tre- vanionc, und was Dich betrifft, so will ich weiter nichts sagen, als daß die jnnge Dame für ihr Glück eine schlechtere Wahl treffen könnte/' Ich drückte meinem Onkel die Hand und wandte mich in banger Bcsorgniß meinem Vater zn, denn ich wnßtc, daß ungeachtet seiner zurückgezogenen Lebensweise nicht leicht Jemand auch in weltlichen Angelegenheiten ein richtigeres Urtheil hatte, wenn er einmal veranlaßt wurde, dieselben näher zn betrachten. Es ist et ras Wunderbares um jene einfache Weisheit, welche Gelehrte und Dichter oft für Andere besitzen, obschon sie sich selten dazu hcrablassen, für sich selbst davon Gebrauch zu mache». Und wie in aller Welt mögen sic dazu gelangt scyn? Ich blickte meinen Vater an, und die unbestimmte Hoffnung, welche Noland geweckt hatte, brach wieder zusammen. „Bruder," sagte er langsam, indem er den Koyf schüttelte, „die Welt, welche den in ihr Lebenden Gesetze und Gesetzbücher gibt, kümmert sich nicht viel um einen Stammbaum, wenn nicht ein Bcsitztitel ans ausgedehnte Ländereien daran haftet." „Trcvanivn hatte an Neichthum nichts vor Pisisiratus voraus, als er Lady Ellinor heiratbetc," bemerkte mein Onkel. „Wohl wahr; aber Lady Ellinor war damals noch keine Erbin »nd ihr Vater hegte in solchen Dingen Ansichten, wie vielleicht kein anderer Peer in England. Was Trcvanivn betrifft, so gibt er sicherlich wegen der Stellung 2li ° keinem Vorurtheile Raum; aber er besitzt einen gesunden Verstand und thut sich selbst viel darauf zu gut, daß er ein praktischer Mann scy. Es wäre Thorheit, wenn man ihm mm Liebe und Jngendneigungen vorschwatzcn wellte, und der Sohn von Austin Carton, dessen Hülfsmittel blos ans dem Zinsenertrag von fünfzehn oder sechszehntauscnd Pfunden bestehen, würde ihm seiner Tochter gegenüber als eine Partie erscheinen, die kein kluger Mann in seiner Stellung billigen kan». Lady Ellmor ihrerseits —" „Sie verdankt uns viel, Austin!" rief Roland und sein Gesicht verdüsterte sich. „Lady Ellinor ist nun, was sie immer zu werden in Aussicht stellte, wenn wir sie besser verstanden hätten — das ehr- geizcndc, prachtliebende nnd Plane schmiedende Weltweib. Habe ich nicht recht, Pisistratns?" Ich sagte nichts, denn die Gefühle erstickten meine Worte. „Und gefällst Du dem Mädchen — doch ich denke, dies ist klar!" rief Roland. „O Schicksal—Schicksal; cs ist eine verhängnißvolle Familie für uns gewesen! Aber, Donnerwetter, die Schuld liegt an Dir, Austin. Warum ließest Du ihn hingchen?" „Mein Sohn ist jetzt ein Mann — wenigstens dem Herzen, wenn auch nicht den Jahren nach — durfte ich ihn gegen Gefahr und Versuchung absperrcn? Beides hat mich auch in dem alten Pfarrhaus anfgefundcn!" entgegncte mein Vater im milden Tone. Mein Onkel ging oder stelzte vielmehr dreimal im >105 Zimmer auf und ab, blieb dam, stehen, schlug die Arme übereinander und kam zn einer Entscheidung. „Wenn Du dem Mädchen gefällst, sv ist Deine Pflicht doppelt augenfällig — Du darfst keinen Bvrthcil daran ziehen. Ich billige es, daß Dn das Haus verlassen willst, denn die Versuchung könnte allzu stark werden," „Aber wie soll ich mich gegen Mr, Trevanion entschuldigen?" crwiedertc ich mit tonloser Stimme, „Welches Mährchen kann ich erfinden? So unbekümmert er auch sonst ist i» seinem Vertrauen, sieht er doch scharf, wenn er einmal Argwohn schöpft — er wird daher alle meine Ausflüchte durchschauen, und — und —" „Die Sache ist so klar wie ein Lanzenschaft", fiel mir mein Onkel in's Wort, „und es bedarf da ganz und gar keiner Ausflüchte, 'Ich muß Euch verlassen, Mr, Trevanion—' 'Warum?' sagt er, — 'Fragt mich nicht.' — Er besteht darauf, — 'Wohlan denn, Sir, wenn Ihr es wissen müßt, ich liebe Eure Tochter, Ich habe nichts, sie ist eine große Erbin, Ihr werdet diese Liebe nicht billigen, und deßhalb verlasse ich Euch!' Dies ist der Weg, der einem englischen Gentleman ziemt, — Meinst Du nicht, Austin?" „Dn hast nie Unrecht, wenn Du Deinen inner» Antrieb sprechen lässt, Noland," versetzte mein Vater, „Kannst Dn so reden, Pisistratus, oder soll ich es für Dich thnn?" „Uebcrlaff' cs ihm selbst," sagte Roland, „und er mag sich dann ans der Antwort ein Urtheil bilden. Er ist jung, verständig und kann vielleicht Figur in rer Welt machen. Möglich, daß Trevanion antwortet: 'Gewinn die Dame, 406 nachdem Du Dir den Lorbeer errungen hast, wie die Ritter des Alterthums.' Jedenfalls wirst Du das Schlimmste hören." „Ich will gehen," versetzte ich mit Festigkeit, nahm meinen Hut auf und verließ das Zimmer. Als ich in der Flur aulangte, schlich sich ein leichter Tritt die obere Treppe herunter und eine kleine Hand faßte die meinige. Ich wandte mich rasch um und begegnete den schwarzen, aber ungemein lieblichen Augen meines Väschens Blanche. „Geh' noch nicht fort, Sisty !" sagte sie einschmeichelnd. „Ich habe auf Dich gewartet, denn ich hörte Deine Stimme und mochte nicht in's Zimmer kommen, weil ich Dich zu stören fürchtete." „Und warum hast Du auf mich gewartet, meine kleine Blanche?" „Warum? blos um Dich zu sehen. Aber Deine Augen sind roth. O, Vetter!" Und ehe ich ihrer kindlichen Regung gewahr wurde, hatte sie sich an mir emporgcarbeitct, ihre Hand um meinen Hals geschlungen und mich geküßt. Nun aber war Blanche nicht wie andere Kinder und that sehr sparsam mit ihren Liebkosungen, dieser Kuß kam also aus de» Tiefen eines thcil- nchmcuden Herzens. Ohne ein Wort zu sprechen, gab ich ihn ihr zurück, setzte sie sauft wieder nieder, eilte die Treppe hinunter und befand mich auf der Straße. Ich war indeß noch nicht weit gekommen, als ich die Stimme meines Vaters hörte; er holte mich ein, legte seinen Arm in den meinigcn und sagte: 4N7 „Leiden wir nicht Beide gemeinschaftlich? — Las? unS daher mit einander aushaltcn!" Ich drückte seinen Arm, »nd wir gingen schweigend weiter. Als wir jedoch in die Nähe von Mr. TrcvanionS Wohnung kamen, sagte ich stockend: „Wäre es nicht bester, Vater, wenn ich allein ginge? Wenn es zwischen Mr.Trcvanion nnd mir zn einer Erklärung kömmt, würde es nicht den Anschein gewinnen, als ob Eure Gegenwart eine Bitte enthielte, die uns Beide erniedrigen könnte, oder einen Zweifel gegen mich, daß ich —" „Du gehst natürlich allein. Ich werde ans Dich warten." „Doch nicht auf der Straße — o nein, Vater," rief ich in unaussprechlicher Rührung; denn alles Dieses war so gar gegen meines Vaters Gewohnheiten, daß ich bereute, durch meinen jugendlichen Schmerz die ruhige Würde seines heitern Lebens getrübt zu haben. „Mein Sohn, Du weißt nicht , wie ich Dich liebe, und ich habe es selbst erst in der letzten Zeit erfahren. Du siehst, ich lebe jetzt in Dir, mein Erstgeborener — nicht in meinem andern Sohn, dem großen Buch. So laß mir meinen Willen. Geh' hinein — ich glaube, dies ist die Thüre?" Ich drückte die Hand meines Vaters nnd fühlte damals, daß, solange die seinige meinen Druck erwicdern konnte, selbst der Verlust Fanny Trevanions die Welt nicht in eine Lede umznwandelu vermochte. Wie viel haben wir nicht vor uns im Leben, so lange uns unsere Elter» zur Seite stehen! Wie viel z» erstreben und zu hoffen! Und welch' ein gewichtiger Beweggrund, unfern eigenen Schmerz nieder- znkämpfen, damit sie nicht mit uns leide» möchten! Drittes Kapitel. Ich trat in Trevanions Stndirzimmcr. Es war eine Stunde, in welcher er sich selten z» Hanse befand. Ich hatte dies nicht bedacht und war daher gar nicht verwundert, als er ganz gegen seine Gewohnheit in seinem Armstuhl saß und, statt in einem Comilczimmer des Unterhauses sich nmzntrci- ben, in einem seiner Lieblings-Classiker las. „Ihr seyd mir ein sauberer Vogel," sagte er, von seinem Buche aufsehcnd, „daß Ihr mich so saus tnyo» den ganzen Morgen allein laßt. Und die CommissionSsitznng ist verschoben — der Vorsitzende krank — Leute, die krank werden, sollten sich nicht in das Haus der Gemeinen wählen lassen. So bin ich jetzt hier und sehe mich im Proper; um. Parr hat Recht — er ist kein so zierlicher Schriftsteller, als Tibnll. Aber was zum Henker treibt Ihr! Warum setzt Ihr Euch nicht nieder? Hnm! Ihr seht so ernst aus, — habt etwas zu sagen, — sprecht!" Und Trevanion legte seinen Proper; nieder, während seine scharfen Züge auf einmal einen Ausdruck von Ernst und Aufmerksamkeit annahmen. „Mein thenrer Trevanion," begann ich mit so viel Festigkeit, als mir möglich war, „Ihr seyd stets sehr gütig gegen mich gewesen, und außer meiner eigenen Familie kenne ich Niemand, den ich mehr liebte und achtete." ä»9 Trcvanio n, — Hnm! Was wollt Ihr mit alle dem ? — (für sich) Soll ich da vielleicht angeführt werden? Pisistratus. — Haltet mich also nicht für undankbar, wenn ich Euch sage, daß ich gekommen bin, »in aus meine Stelle zu verzichten und ans dem Hause zu scheiden, wo ich so glücklich war, Trevaui on, — Nus dem Hause zu scheide»? Pah! — Ich habe Euch zu viel zngcmuthct, will aber in Zukunft barmherziger sehn, Ihr müßt einem National-Dceonomcn verzeihe» — es ist allerdings ein Fehler meiner Seele, daß sie die Menschen als Maschinen betrachtet, Pisistratus (mit einem matten Lächeln), — O nein, in der That — dies ist es nicht! Ich habe mich über nichts zu beklagen — würde nichts geändert wünschen, wenn ich bleiben könnte, Trevanion (der mich gedankenvoll mustert), — Und ist Euer Vater damit einverstanden, daß Ihr mich in dieser Weise verlaßt? PisistratnS, — Ja, vollkommen, Trevanion (einen Augenblick nachsinncnd), — Ich sehe, er will Euch ans die Universität schicken und Euch zu einem Bücherwurm machen, wie er es selbst ist, Pah! Das geht nicht, — Ihr werdet nie ganz ein Mann der Bücher werden — es liegt nicht in Euch, Ich erscheine vielleicht als achtlos , junger Mann, kann aber doch, wenn ich will, recht schnell einen Charakter erfassen, Ihr thnt Unrecht, daß Ihr von mir geht; Ihr seyd für die große Welt geschaffen, und ich kann Euch eine schöne Laufbahn aufschlicßen. 41 » Auch wünsche ich, kies zu thuu. pady Ellinor wünscht cs — ja sie besteht daraus — sowohl wegen Eures Vaters, als um Eurer selbst willen. Minister habe ich nie um eine Gefälligkeit angegangen und werde es auch nie thuu. Aber — (Trevanion erhob sich jetzt Plötzlich und fuhr mit aufrechter Haltung und einer raschen Bewegung seines Armes fort) — aber ein Minister kann nach Belieben über seine Gunst verfügen. So hört mich an — cs ist zwar noch cin Gehcimniß, und ich baue aus Eure Ehrenhaftigkeit. Noch eh' das Zahr um ist, muß ich in dem Kabinet sehn. Bleibt bei mir — ich verbürge Euch Euer Glück. Vor drei Monaten würde ich noch nicht so gesprochen haben. Bei Gelegenheit will ich das Parlament für Euch öffnen. — Ihr seyd noch nicht volljährig — arbeitet bis dahin. Und nun setzt Euch und schreibt meine Briefe! Es ist ein trauriger Rückstand vorhanden!" „Mein lieber, thcurer Mr. Trcvauion!" entgegnete ich mit einer Aufregung, die mich kaum sprechen ließ, indem ich seine Hand ergriff und sie zwischen den mcinigen drückte — „ich wage cs nicht, Euch zu danken — es ist mir unmöglich ! Aber Ihr kennt mein Herz nicht — cs handelt sich nicht um eine Frage des Ehrgeizes. Nein, wenn ich nur unter den alten Bedingungen hier bleiben könnte — hier — (ich blickte dabei mir einer Zammcrmienc nach der Stelle, wo Fanny den Abend vorher gestanden hatte) — aber eS ist unmöglich l — Wenn Ihr Alles wüßtet, wäret Ihr wohl selbst der Erste, der mich gehen hieße!" „Ihr habt Schulden," sagte der Weltmann mit kalter Ruhe. „Schlimm, sehr schlimm — dennoch — " „Nein, Sir; nein, etwas Schlimmeres —" „Es kann kaum schlimmer seyn, junger Mann — kaum schlimmer! Aber wie Euch beliebt. Ihr wollt mich verlassen, ohne einen Grund anzngeben. Gott befohlen! Warum zögert Ihr noch? Gebt mir die Hand und geht!" „Ich kann Euch so nicht verlassen. Ich — ich — nein, Sir, die Wahrheit muß heraus. Ich bin übereilt und wahnsinnig genug gewesen, Miß Trevanion nicht sehen zu können, ohne zu vergessen, daß ich arm — und —" „Ha!" unterbrach mich Trevanion in sanftem Tone, während zugleich sein Antlitz erblaßte, „dies ist in der Lhat ein Unglück! Und ich konnte davon reden, daß ich einen Charakter zu erfassen verstehe! Wahrhaftig, wir, die wir uns für practische Männer halten, sind Thoren — große Thoren! Und Ihr habt mcincrTochter Eure Liebe erklärt?" „Sir! Mr. Trevanion! — nein — nie, nie kam mir eine so schnöde Handlung zu Sinne. —In Eurem Haiye — in Eurem Vertrauen — wie könnt Ihr nur etwas Lolches denken? Ich wagte cs vielleicht, sie zu lieben — jedenfalls zu fühlen, daß ich nicht unempfindlich seyn könne gegen eine Versuchung, die zu stark für mich war. Aber cs Eurer Tochter zu sagen, sic um Gegenliebe zu bitten — eben so leicht hätte ich Eure Kaffe erbrechen können! Offen gestehe ich Euch meine Thorheit — es ist eine Thorheit, an der aber keine Schande klebt." Trevanion trat plötzlich ans mich z», während ich an 41S dem Bücherschrank lehnte, ergriff mit Herzlichkeit meine Hand und sprach: „Verzeiht mir! Ihr habt Euch benommen, wie es einem Sohne Eures Vaters ziemt. Ich beneide ihn um einen solchen Sohn! Doch Hort mich jetzt an — ich kann Ench meine Tochter nicht geben —" „Glaubt mir, Sir, nie —" „Stille, laßt mich ausreden! Ich kann Euch meine Tochter nicht geben. Ich will nicht von Ungleichheit sprechen — alle Gentlcmen sind gleich; und wenn auch nicht, so würde jede ungebührliche Ziererei von Ueberlegenheit in einem solchen Falle schlecht für einen Mann paffen, welcher selbst sein Vermögen seinem Weibe verdankt! „Doch wie die Sachen stellen, habe ich in der Welt ein Ziel zu erringen, das nicht blos durch Vermögen gewonnen wird, sondern durch die Anstrengung eines ganzen Lebens, durch die Unterdrückung meines halben Wesens, durch Plackerei, Kampf und Zügelung alles dessen, was den Ruhm und die Freude meiner Jugend ausmachte. Alles dies war erforderlich, um mich zu dem harten Thatsachengcschöpf zu machen, das nach der Ansicht der englischen Welt ein Staatsmann seyn muß. Diese Stellung hat allmälig die natürliche Folge nach sich gezogen — die Macht! Ich sage Euch, balo werde ich einen hohen Posten cinnehmcn in der Negierung — ich hoffe, dem Vatcrlande große Dienste zu leisten, denn was auch der Pöbel und die Presse sagen mögen, so sind doch die englischen Politiker keine selbstsüchtigen Stellen- jäger. Schon vor zehn Jahren wies ich ein Amt zurück, so hoch als das, welchem ich jetzt entgegensetze. Wir vertrauen auf unsere Meinungen und heißen die Gewalt willkommen, weil sie uns in die Lage setzt, sie in Ausführung zu bringen. Ich werde in diesem Kabinet Feinde haben. O, glaubt nicht, daß wir au den Thoren von Downing Street die Eifersucht hinter unS lassen. Ich werde in der Minorität stehen. Ich weiß wohl, was kommen muß; gleich alle» Gewalthabern wird es mir obliegen, mich auch noch durch andere Köpfe und Hände zu kräftigen. Meine Tochter soll mich in Verbindung bringen mit jenem Haus in England, das mir unerläßlich nöthig ist. Mein Leben fällt zusammen wie die Kartcupyramide eines Kindes, wenn ich das Kräftigungsmittel, welches mir in der Hand Fanny Trevanions zur Verfügung steht —ich will nicht sagen an Euch, sondern überhaupt an Männer von zehnmal größerem Vermögen (gleichviel wie groß auch das Eurige sein mag) verschwende. Diesem Ende habe ich cntgegengesehen, vbschon die Mutter Entwürfe dafür machte; denn dergleichen häusliche Angelegenheiten liegen zwar in den Hoffnungen des Mannes, gehören aber der Politik der Frau an. So viel über unsere Stellung. Euch aber, mein lieber, offener und hochsinniger junger Freund — Euch würde ich, wenn ich nicht Fanny's Vater, sondern Euer nächster Verwandter wäre und Fanny mit all' ihrer fürstlichen Morgengabe (denn sie ist fürstlich) durch eine einfache Anfrage gewonnen werden könnte, den Rath ertheilcn, eine Last zu fliehen, die Herz, Geist, Stolz und Thalkraft lähmt und die unter zehntausend Männern kaum Einer ertragen kann — zu fliehen vor dem Fluche — älä AllcS einem Weibe verdanken zu müsse»! Es ist eine Verkehrung der ganzen natürlichen Stellung — ein Schlag, der alle Mannheit in uns ertödtct, Ibr wißt nicht, was dies ist, aber ich weiß es. Das Vermögen meiner Gattin kam zwar erst nach der Vcrhcirathung an sic, und so weit ist die Sache gut; denn mein Ruf blieb dadurch bewahrt vor dem Vorwurf, als scv ich ein bloßer Glücksjägcr, Gleichwohl kann ich Euch das aufrichtige Gcständniß ablegen, daß ich, wäre cs ganz ansgcblicbcn, ein stolzerer, größerer und glücklicherer Mann scyn würde, als ich mit all' denVor- theilc», welche mir der Reichthum brachte, je war oder sehn kann. Er nird mir zu einem wahren Mühlstein am Halse, obscho» Ellinor noch nie ein Wort verlauten ließ, das meinen Stolz hätte verletzen können. Würde ihre Tochter ebenso nachsichtig scyn? So sehr ich Fanny liebe , zweifle ich doch, ob sie das große Herz ihrer Mutter besitzt, Ihr macht eine ungläubige Miene — begreiflich, Ihr glaubt, ich wolle das Glück meines Kindes dem politischen Ehrgeiz opfern! O der jugendlichen Thorheit! Fanny würde unglücklich mit Euch scyn. Jetzt denkt sic vielleicht nicht so, aber nach fünf Jahren mag es wohl ganz anders anssehen, Fanuv wird eine bewunderungswürdige Herzogin, Gräfin oder sonstige große Dame abgebcu; aber die Gattin eines Mannes, der ihr Alles zu danken hat? — Nein, nein — schlagt Euch solche Gedanken ans dem Sinn ! Verlaßt Euch darauf, ihr Glück soll nicht zum Opfer gebracht werde». Ich spreche offen wie ei» Mann gegen einen Mann, als ei» Mann von der Welt zwar gegen einen, welcher erst in die 4l8 Welt eintritt, aber doch Mann gegen Mann, WaS habt Ihr darauf zu erwidern?" „Ich will über das, was Ihr mir gesagt habt, Nachdenken, denn ich weiß, daß Ihr so cdelmnthig mit mir sprächet, wie eS ei» Pater thnn würde. Ich bitte Euch, entlaßt mich jetzt, Möge Gott Euch und die Eurigen behüten!" „Geht, ich erwieder.» Euren Segenswunsch — geht! Ich will Euch jetzt nicht mit Dienstanerbictungen kränke», aber vergeßt nicht, daß Ihr ein Recht habt, sic von mir zu verlangen — in jeder Weise und zu jeder Zeit, Halt! — Nehmt noch diesen Trost mit Euch — jetzt freilich ein leidiger, später aber sicherlich ein großer Trost, Zn einer Stellung, welche Aerger, Verachtung nnd Mitleiden hätte erregen können, habt Ihr das dürre Herz eines Mannes gezwungen, Euch zu ehren und zu bewundern, Ihr, fast noch ein Knabe, habt mich alten Grankopf bewogen, besser von der ganzen Welt zu denken. Sagt dies Eurem Vater," Ich schloß die Thnre nnd schlich hinaus, leise — leise. Als ich in der Halle anlangtc, öffnete Fanny Plötzlich die Thüre des Frühstückziminers nnd schien mich durch Blick und Geberdc zum Eintreten anfznfordcrn, Ihr Antlitz war sehr bleich und an de» schweren Augenlidern ließen sich Spuren von Thräncn erkennen. Ich blieb einen Augenblick stehen, und daS Herz schlug ungestüm in meinem Innern, Dann murmelte ich undeutlich etwas vor mich hin, machte eine tiefe Verbeugung und eilte nach der Thnre, -t!6 Ich meinle — aber vielleicht täuschten mich meine Ohren, daß ich meinen Namen aussprechen Härte; zum Glück war jedoch der Pförtner schon von seiner Zeitung und seinem Lederstuhl aufgesprungen, und die Thürc stand offen. Draußen schloß ich mich meinem Vater wieder an, „Es ist alles vorüber," sagte ich mit einem entschlossenen Lächeln, „Und nun, mein lieber Vater, fühle ich, wie sehr ich Euch zu Dank verpflichtet bin für alles, was mich Euer Unterricht und Euer Lebe» gelehrt hat; denn glaubt mir, ich bin nicht unglücklich," Viertes Kapitel. Wir kehrten in die Wohnung meines Vaters zurück und begegneten auf der Treppe meiner Mutter, welche durch Rolands ernste Miene und die befremdliche Abwesenheit ihres Austin in Unruhe versetzt worden war. Mein Vater ging gelassen nach dem Stübchen voran, das meine Mutter für sich und Blanche in Anspruch genommen hatte, legte daselbst meine Hand in diejenige, welche ihn selbst vom steinigten Pfade in die ruhigen THaler des Lebens geleitet hatte, und sagte zu mir: „Die Natur gibt Dir hier eine Trösterin," Mit diesen Worten verließ er das Zimmer, So verhielt sich's auch, O, meine Mutter, daß die Natur in Deine einfache, liebende Brust so tiefe Quellen des Trostes legen konnte! Von den Männern verlangen wir Philosophie, von den Frauen Tröstung. Und die tansend Schwächen und Schmerzen — die scharfen Sandkörner der kleinsten Einzelnheiten, welche in ihrem Zusammenwirken nnscrn Kummer ausmachen — alles, was ich keinem Ma nne hätte vertrauen können — selbst dem nicht, der für mich der thcuerstc und liebevollste unter allen Männern war — ohne Sehen schloß ich sie vor Dir ans! Deine Thräncn, die auf meine Wangen niederfielcn, wirkten wie der Balsam Arabiens, und mein Herz fand endlich Ruhe und Frieden unter Deinen feuchten, sanften Augen. Ich nahm mich zusammen und schloß mich beim Mittagessen dem kleinen Kreise an. Dankbar erkannte ich es, daß Niemand den gewaltsamen Versuch machte, mich zu ermuntern — während der ganzen Mahlzeit keine andere Aeußcrung, als die einer sanften, ruhigen Liebe. Selbst die kleine Blanche hörte auf zu plaudern, als fordere sie ihr Inneres znin Mitgefühl auf, und schien sogar leiser aufzu- tretcn, als sie an meine Seite schlich. Rach Tisch, als wir uns in dem Besnchzimmer versammelten, die Lichter hell brannten und die Vorhänge niedergelassen waren, so daß nur etwa das rasche Rollen eines vorüberfahrcnden Wagens »ns daran erinnerte, es gebe außen auch noch eine andere Welt, begann mein Vater zu sprechen. Er hatte alle seine Arbeit bei Seite gelegt; das jüngere, aber unvergänglichere Kind war vergessen, und er Hub in folgender Weise an: „Es ist eine wohlbekannte Thatsache, daß gewisse Arzneistoffe oder Kräuter nur für eigenthümliche Krankheiten des Körpers paffen. Wenn wir leidend sind, öffnen wir nicht Bulwer, di« Cartone. 27 imsern Medikanientenkastcn auf Gerathewohl und nehmen das nächste beste Pulver oder die erste Flasche heraus/ die uns unter die Hand kömmt. Ein geschickter Arzt richtet die Größe der Gabe nach der Krankheit ein." „Dies kan» keinem Zweifel unterliegen," versetzte Capitän Noland, „und ich erinnere mich noch eines denkwürdigen Beispiels von derWahrhcit dessen, was Du sagst. Als ich in Spanien war, erkrankte mein Pferd und ich zu gleicher Zeit. Wir beide erhielten Arznei, und durch ein höllisches Versehen verschluckte ich die Roßmedicin, während das arme Pferd die meinige einuehmen mußte." „Und was war der Erfolg davon?" fragte mein Vater. „Das Pferd ging zu Grunde," antwortete Roland traurig — „ein wcrthvolles Thier — Fuchs mit einem Stern!" „Und Du!" „Ei, der Doctor meinte, ich hätte den Tod davon haben können; aber es gehörte mehr dazu, als eine lumpige Flasche Arznei, um einen Mann in meinem Regiment umzubringcn." „Gleichwohl kommen wir zu dem nämlichen Schluß," fuhr mein Vater fort — „ich mit meiner Theorie und Du mit Deiner Erfahrung — daß wir nämlich nicht die Arznei nehmen dürfen, die uns der Zufall an die Hand gibt, denn ein Fehlgreifen in den Flaschen könnte ein Pferd umbringen. Wenn sich's aber um die Arznei für den Geist handelt, wie wenig denken wir dann an die goldene Regel, welche der gewöhnliche Menschenverstand auf den Körper anwendet." „Welche Arznei gäbe es, enn für den Geist?" ver- 419 setzte der Kapitän. „Shakespeare sagt etwas über den Gegenstand und meint, wenn ich mich recht erinnere, daß mit einem kranken Geist nichts anznfangen sey." „Ich denke nicht, Bruder; er sagt nur, Arznei (unter» der er Latwergen und Kolben versteht) werde nichts ans- richten. Jedenfalls darf man von Shakespeare am allerwenigsten erwarten, daß er seiner Kunst einen solchen Vorwurf machte, den» er ist in der That ein großer Arzt für den Geist gewesen/' „Ah, ich sehe jetzt, ans was es hinaus läuft, Bruder -— wieder Bücher! Du meinst also, wenn Einem das Herz bricht, wenn Einer sein Vermögen verliert oder seine Tochter — (Blanche, liebes Kind, komm her zu mir) — so brauchest Du nur ein Pflaster von Druckpapier auf die wunde Stelle zu pappen, und Alles sei wieder im Reinen? Ich wünschte, Du könntest mich in solcher Weise kurircn." „Willst Du den Versuch damit machen?" „Wohl, wenn es nicht griechisch ist," antwortete mein Onkel. Fünftes Kapitel. Meines B a terS Ansicht über die Heilkraft der B ü ch e r. „Wenn wir," begann mein Vater—und seine Hand befand sich dabei tief in der Weste — „wenn wir der Autorität des Diodor Glauben schenken über die Inschrift an der großen ägyptischen Bibliothek — und ich sehe nicht ein, warum 27 * Diodor die Wahrheit nicht ebensogut treffen sollte, als irgend ein Anderer?" fügte er fragend bei, indem er sich nnlwaudtc. Meine Mutter hielt sich selbst für die angercdcte Person 'und nickte der Autorität des Diodor einen gnädigen Beifall zu. Nachdem mein Batcr seine Ansicht in dieser Weise bekräftigt sah, fuhr er fort: — „Wenn wir, sage ich, der Autorität des Diodor Glauben schenken, so lautete die Inschrift der ägyptischen Bibliothek: 'Arznei für den Geist? Diese Phrase ist bekanntlich jetzt abgedroschen, und ohne etwas dabei zu denken, sprechen es die Leute nach, dasi Bücher für den Geist Arznei scycn. Ja — aber wie die Arznei anwendcn? Dies ist die Hauptsache!" „Du hast nnö dies wenigstens schon zweimal gesagt, Binder," bemerkte der Kapitän derb, „und ich weiß ebensowenig, als der Mann im Mond, waS Diodor damit zu schaffen hat," „So komme ich freilich nicht vorwärts," versetzte mein Vater in einem Tone, der zwischen Vorwnrf und Bitte mitte tune lag. „Wollt ihr gute Kinder sehn, Roland und Blanche?" rief meine Mutter, die in ihrer Arbeit inne hielt und drohend ihre Nadel erhob, ja, sogar der Schulter des Kapitäns einen leichten Stich versetzte, „Ikem non tot! xisti, meine Liebe," sagte mein Vater, für diese Gelegenheit Ciccros Wortspiel borgend. * „llnd * Cicero scherzt über einen Senator, welcher der Sohn eines Schneiders war — „du hast die Sache scharf getroffen," (oder mit der Nadel — neu). 4L1 mm wolle» wir auf Sammt gehen. Ich sage also, daß Bücher, ohne Unterschied anfgcgriffcn, keine Krankheit, kein Leiden des Geistes zn heilen vermögen. Es gehört eine Welt von Wissen dazu, das Passende zn wählen. Ich habe einige Lcntc gekannt, die in großem Leid ihre Znflncht zn einem Roman oder sonst einer leichten Lektnrc nahmen, die eben in der Mode war. Ebensogut könnte man mit Rosenwasser die Pest curiren! Leichte Lcktnre Hilst nichts, wo das Herz schwer ist. Ich ließ mir sagen, Göthe habe, als er seinen Sohn verlor, das Stndimn einer Wissenschaft ausgenommen, die ihm neu war. Göthe war freilich ein Arzt, der wußte, was er trieb. In einem großen Schmerz, wie der scinige, darf man den Geist nicht kitzeln und zerstreuen; man muß das Leid ansrcißen, in einen Abgrund vergraben, in ein Labyrinth verstricken. Für den unheilbaren Kummer des mittleren und höheren Alters empfehle ich daher das eifrige Studium einer znm ernsten Denken spornenden Wissenschaft. Dies ist ein Gcgcnrciz, und das Gehirn wird durch seine Thätigkeit veranlaßt, auf das Herz znrückzu- wirkcn. Wein das Studircn zuwider ist — denn nicht Alle haben mathematische Köpfe — der mag sich etwas ancignen, was im Bereich des bescheidensten Verstandes liegt, aber doch den höchsten hinreichend in Anspruch zn nehmen vermag — eine neue Sprache znm Beispiel — griechisch, arabisch, schwedisch, chinesisch oder wälisch. Handelt sich's nm den Verlust von Vermögen, so muß die Dosis weniger unmittelbar dem Verstand angcpaßt sein. — Zch würde in einem solchen Falle eher etwas Elegantes und Herzstärkendes anwndcn 422 Denn wie bei einem Verlust, der im Kreise unserer Lieben stattfindet, das Herz gebeugt und zerrissen ist, so leidet und schmerzt bei schweren Gcldbenachthciligungcn hauptsächlich der Kopf. Hier finden wir bei der höheren Klasse der Dichter ein sehr wcrthvolles Heilmittel. Ihr dürft nämlich nicht außer Betracht lassen, daß die Dichter von großartigem und umfassenden Genius zwei gesonderte Menschen in sich bergen, die von einander ganz verschieden sind -— den Phantasicmenschcn und den praktische», weshalb denn auch die glückliche Mischung dieser beiden vorzugsweise für jene Krankheiten des Geistes Paßt, die halb imaginativer, halb praktischer Natur sind. So verliert sich Homer bald unter den Göttern, und ist bald bei den Niedrigsten zu Hanse, findet sich also in alle Verhältnisse, wie Gray ganz richtig von ihm bemerkt; damit verbindet er gleichwohl Phantasie genug, um auch den trägsten Kopf zn beschwatzen, daß er für eine Weile die kleine Stelle auf seinem Pult vergißt, die er mit seinem Bangnierbuch bedecken kann. Virgil steht in dieser Beziehung weit unter ihm, und Cowley drückt sich darüber ganz gut aus: — „Sein AcrS bat Wohl den höchsten Gang, Doch »immer einen ging." Gleichwohl besitzt Virgil Genie genug, um auch in sich den Doppelmenschen darznstcllen; denn er führt uns ins Feld hinaus, nicht nur um auf die Hirtenflöte und das Summen der Biene zu hören, sondern auch, um uns zn zeigen, wie man den Boden und den Rebstock am besten benützen kann. Wir haben ferner den Horaz, diesen bezan- bernden Weltmann, der gefühlvoll Theil nehmen wird an dem Verlast unseres Vermögens, da er die guten Dinge dieses Lebens keineswegs unter ihrem Werth anschlägt, gleichwohl aber zu zeigen vermag, daß ein vite mväieui» oder parva rui'n auch glücklich machen können. Endlich spricht sich vor allen Dichtern in Shakspeare der geheimnißvolle Dualismus von scharfem Verstand und glühender Phantasie ans — ja, und noch viel mehr, was ich nicht namhaft zu machen brauche. Wenn man nach seinen Schriften greift, so sagt er einem nicht mit ruhiger Gelassenheit, wie dies der blose Philosoph und der unvernünftige Stoiker zu thun pflegt, daß man nichts verloren habe, sondern erholt uns nnmerklich weg aus dieser Welt mit ihren Verlusten und Sorgen, um uns, ehe wir wissen, wo wir sind, in eine andere zu entführe» — in eine Welt, wo man ebenso willkommen ist, obschon man von den verlorenen Aeckeru nicht mehr Erde behalten hat, als an den Schuhsohlen klebt. Was nnn weiter die Hypochondrie und den Lebensüberdruß betrifft, was gäbe cs da Besseres, als die schnelle Abwechslung von Reiseabenteuern , namentlich von Abenteuern aus frühen Zeiten und in entfernten Ländern — wunderbare und legendenhafte Reisegcschichten? Wie diese den Geist erfrischen und den Menschen ans dem gähnenden Schlafhaubenzustand reißen, in dem er sich befindet! Sieh mit Hcrodot das junge Griechenland ins Leben springen, betrachte mit ihm, wie die wunderbare alte orientalische Welt bereits in ihrem Niesensturz zusammenbröckelt, oder reise mit Carpini und Nubruqnis in die Tartarei, wo die Wagen der Zagathay mit Häusern 424 beladen sind und eine große Stadt auf dich zuwandcrt. Betrachte das ungeheure, wilde Reich der Tartaren, wo die Abkömmlinge von Dschingis Chan über die endlose Wüste, unbegrenzt wie der Ocean, sich vermehren und zerstreuen. Segle mit den ersten nordischen Entdeckern und dring ein in das Herz des Winters unter Secschlangen, Bären und scharfzahnigen Seepferde» mit Menschengcsichtern. Was hältst du ferner von Columbus, von dem unbeugsamen Geiste des Cortes, von dem Königreich Mexico und der wunderlichen Goldstadt der Peruaner mit ihrem kühnen und rohen Pi- zarro? von den Polynesiern und vor allen anderen von den alten Brctonen? von den amerikanischen Indianern und den Südseeinsulanern? Wie keck. jung, rührig und abenteuerlustig muß nicht ein Hypochondrist unter einer solchen Behandlung werden? Wir kommen nun zu jenem Gebrechen der Seele, welches ich den sektirerischen Sinn nenne. Ich habe dabei nicht die religiöse Bedeutung des Worts im Auge, sondern die kleinen, lichten, engherzigen Vornrthcile, die den Menschen veranlassen, seinen nächsten Nachbar zu hassen, weil er seine Eier röstet, während er seine eigenen siedet — das klatschsüchtige Spähen in anderer Leute Angelegenheiten, die hämische Verläumdnngssucht und den Wahn. Himmel und Erde müssen znsammenfallen, wenn ein Besen über ein Spinngewebe kommt. das Einer über dem Fcnstcrgcsims seines Gehirns sich hat ausbreitcn lassen. Was kann hier bessere Dienste leisten, als ein großartiger, in edlem Sinne aufgesaßter, nnlv abführender — ich bitte um Verzeihung meine Liebe — historischer Kursus? Wie räumt er auf mit 425 all' den Dünsten des Kopfs — weit besser, als die Nieswurz, mit welcher die Acrzte des Mittelalters das kleine Gehirn pnrgirten! Unter der großen Windsbrant nnd dem Sturmbad der Reiche, Volker nnd Jahrhunderte erhebt sich der Geist weit über jene kleine, fieberische Gehässigkeit gegen John Styles oder über die unglückliche Meinung, daß die ganze Welt Interesse haben müsse für deine Beschwerden gegen Tom StokeS nnd sein Weib. „Ihr seht, ich kann nnr einige Ingredienzien in dieser großartigen Apotheke berühren — ihre HülfSmittel sind endlos, fordern aber die größte Umsicht in der Anwendung. Ich erinnere mich, einen untröstlichen Mittlrer, der jede andere Arznei hartnäckig zurnckwies, durch die Geologie geheilt zu haben. Ich tauchte ihn tief in den Gneiß und in den Glimmerschiefer. Mitten in der ersten Schichte ließ ich die wässrige Action auf kühlenden, crystallisirten Massen sich erschöpfen, nnd als ich ihn mit der Zeit in die tertiäre Periode, zu dem Ucbergangskalk von Mastricht nnd dem Mnschelmarmor von Gosan gebracht hatte, war er bereit, wieder ein Weib zu nehmen. Meine liebe Kitty, die Sache ist nicht lächerlich. Eine nicht minder merkwürdige Kur vollbrachte ich an einem Studenten in Cambridge, der für die Kirche bestimmt war, aber Plötzlich von dem kalten Fieber des Frcidenkens mit schweren Frösten befallen wurde, weil er bis über den Kopf in die Tiefen des Spinoza gewatet war. Von den Theologen, mit welchen ich anfänglich einen Versuch machte, hat keiner auch nur das mindeste Gute geleistet; ich schlug daher ein neues Blatt auf nnd dokterte sachte mit den Capitcln des Glaubens in Abraham Tuckers Buch fort (Dn solltest dies lesen, Sisty). Zwischen hinein wandte ich starke Dosen von Fichte an; dann brachte ich ihn ans die schottischen Metaphysiken und die Sturzbäder in gewissen deutschen Transccndentalistcn. Erst nachdem ich ihn überzeugt hatte, daß der Glaube kein nnphilosophischcr Geisteszustand scy und er sich wohl damit befassen könne, ohne seinem Verstand eine Blöße zu geben — denn in dieser Beziehung war er gewaltig eingebildet — griff ich wieder zn den Theologen, die ersetzt zn verdauen geeignet war; ja, seine theologische Constitution ist seitdem so robust geworden, daß er schon zwei Pfründen und eine Dcchantcn-Besoldung verschlungen hat! In der That, ich habe einen Plan zu einer Bibliothek, welche, statt sich in Fächer, wie 'Philologie, Naturwissenschaft, Poesie ;c. abzntheilen, die Aufschriften der körperlichen und geistigen Krankheiten erhalten soll, wogegen die einzelnen Werke sich dienstbar erweisen — von dem schweren Unglück und den Schmerzen der Gicht an abwärts bis zn dem Anfall von Spleen oder dem leichten Catarrh, In diese letzte Reihe käme die sogenannte leichte Lektüre zu stehen, welche mit den Molken und dem Malztrank den gleichen Rang cinnimmt. Wenn übrigens" — fuhr mein Vater ernster fort — „wenn übrigens ein Leid, das noch heilbar ist, den Geist gleich einer Monomanie ersaßt, wenn D» wähnst, Dein ganzes Leben sey eine Oede geworden, weil der Himmel Dir dies oder das versagte, woran Dn Dein Herz setztest — o, dann halte Dich an die Biographien — an die Biographien guter und großer Männer. 427 lleberzcuge Dich, welch' einen kleinen Raum ein einziges Leid im Leben einniinmt. Sieh, vielleicht kaum eine Seite ist einem Schmerz gewidmet, welcher Achnlichkcit mit dem Dci- nigen hat, und wie trinmphircnd schreitet das Leben darüber hinaus! Du meinst, die Schwinge sep gebrochen! — Bei Leibe nicht — cs war nnr eine zerdrückte Feder! Sieh, was bas Leben zurückläßt, wenn Alles vorbei ist! — eine Aufzählung von wirklichen Dhatsachen, weit aus dem Bereich des Schmerzes und des Leides, von Thatsachen, die sich auch mit der übrigen Welt verstechten. Ja, die Biographie ist hier die Arznei! Roland, Du hast gesagt, Du wollest mit meinem Ncccpt einen Versuch machen — hier ist es." lind mein Vater nahm ein Buch auf, das er dem Kapitän hinreichte. Letzterer blätterte darin, „Leben des ehrwürdigen Robert Hall? Bruder, er war ein Dissenter, und ich gehöre, dem Himmel sey Dank, mit Leib und Seele der Staatskirche an," „Robert Hall war ein wackerer Mann und ein treuer Soldat unter dem großen Befehlshaber," sagte mein Vater schalkhaft. Der Kapitän fuhr mechanisch mit dem Zeigefinger an seine Stirne und begrüßte das Buch achtungsvoll in seiner militärischen Weise. „Ich habe noch ein Ercmplar für dich, Pisistratus — das, welches ich Roland geborgt habe, ist das mcinige. Dieses hier kaufte ich erst heute, und Du magst es behalten," „Danke schon, Vater," versetzte ich gleichgültig, denn ich sah nicht ein, was mich das Leben des Robert Hall nützen 428 konnte, wdcr warum die nämliche Arznei svwcchl für den verwitterten alten Onkel, als für den Neffen, der nach in den Zehnen stand, passen füllte. „Ich habe nichts gesagt —" nahm mein Vater mit einer leichten Verbeugung wieder auf—- „von dem Buch der Bücher; denn dieses ist das lixnum vitao, die Cardinal- Medicin für alle. Die anderen sind nur Hülfstruppcn. Tn wirst Dich erinnern, meine liebe Kitty, daß ich schon früher sagte — man könne das System nie ganz in Ordnung erhalten, wenn man nicht auf den Mittelpunkt des großen Ganglicn-Systcms, von wo aus die Nerven den Einfluß ruhig durch den übrigen Körper fortpflanzcn — den Safra n- sack legt!" Sechstes Kapitel. Am andern Morgen nach dem Frühstück nahm ich meinen Hut auf, um anszugchen. Mein Vater sah mich an, bemerkte an meinen, Gesichte, daß ich nicht geschlafen hatte, und sagte sanft: „Mein lieber Pisistratus, Du hast noch keinen Versuch gemacht mit meiner Mcdicin." „Mit welcher Medici», Vater?" „Mit Robert Hall." „Nein, in der That noch nicht," versetzte ich lächelnd. „So ihn cs, mein Sohn, elsi Tu ansgehst. Verlaß Dich darauf. Dein Spaziergang wird Dir dann weit mehr Genuß bereiten." Ich gestehe, daß ich nur mit Widerstreben mich in diese Aufforderung fügte, ging ober dennoch nach meinem Zimmer zurück und setzte mich entschlossen zu der Aufgabe nieder. Befindet sich wohl unter meinen Lesern Einer, der das Leben des Robert Hall nicht gelesen hätte? Wäre dies der Fall, so möchte ich ihm mit den Worten des großen Kapitän Cnttlc znrnfen: „Wenn Jhrs gestruden habt, so biegt ein Ohr ein," Gleichviel, welcher theologischen Meinung Du auch zngethan sehn magst — Staatskirchlichcr, Preslmterianer, Baptist, Pädobaptist, Independent, Qnäckcr, tlnitarier, Philosoph oder Freidenker — schaffe Dir den Robert Hall an! Ja, wenn auf Erden noch Anhänger der Erzketzercien vorhanden sindl die zu ihrer Zeit so viel Lärm machten — Menschen, welche den Glauben des Satnrninns theilcn, die Welt sey von siebe» Engeln geschaffen; oder den deö Basilides, es gebe so viele Himmel, als Tage im Jahr; oder mit den Nikolaiten meinen, die Männer sollten ihre Weiber gemeinschaftlich haben (allerdings noch eine zahlreiche Sekte, namentlich in der rothcn Republik); oder mit ihren Nachfolgern, den Gnostikern, daß Jaldaboth, oder mit den Carpokratianern, daß der Teufel die Welt geschaffen habe; oder mit den Cerynthianern, Ebioniten, Nazaritcn (welche die Entdeckung machten, Noas Weib habe Onria geheißen und die Arche in Brand gesteckt) und Valentinia- nern annehmcn, es gebe dreißig Aconcn, Weltalter oder Welten, die ans dem Manne „Tiefe" (Bathos) und dem Weibe „Schweigen" geborcn lvnrden; oder mit den Mareitcn, Colarbasiern und Heraeleoniten gleichfalls das Gesalbadcr 4S0 über Aconen, den Herrn Tiefe und die Frau Schweigen fort- psianzcin oder mit den Ophitcndic Schlange anbctcn; oder mit den Cainitcn eine» sinnreichen Grund aufgefunden haben, de» Judas zu Verehren, weil er voraussah, welches Heil ans seinem Bcrrath an dem Erlöser für die Menschheit erwachsen würde, oder mit den Sethiten den Seth zu einem Thcil des göttlichen Wesens machen; oder cs mit den Archontikcn, Asrothyptc», Cerdvnianern, Marcionitcn, den Lehren des Apellcs und Severns (letzterer muß ein Nichts-als-Thee- trinker gewesen sehn, weil er meinte, der Weinstock sei) von Satan erzeugt) oder Tatian halten, welcher alle Abkömmlinge Adams, seine eigene Sekte ausgenommen, für unwiderruflich verdammt erklärte (solcher Tatianer sind sicherlich noch viele vorhanden!); oder mit den Cataphrygiern, welche auch Tascodragitcn hießen, weil sie zum Zeichen ihrer Andacht die Zcigfinger in die Nasenlöcher steckten; oder mit den Pepuziancrn, Quintilianern und Artotyriten — doch gleichviel, wie sie alle heißen mögen. Wollte ich alle Thvrhciten der Menschen in Erforschung der Wahrheit durchgehen, so würde ich nie an das Ende meines Kapitels oder auf Robert Hall zurückkonmicn. Deshalb — wer Du auch sein magst — orthodor oder hetcrodor — suche Dir das Leben des Robert Hall zu verschaffen. Es ist das Leben eines Mannes, dessen Betrachtung auch ans das Mannesaltcr einen wohlthätigen Einfluß üben muß. Ich war mit der nicht langen Biographie zu Ende gekommen und machte mir eben Gedanken darüber, als ich 431 auf der Treppe das Korkbein des Kapitäns hörte. Ich öffnete ihm dic Thürc, und er trat ein, sein Buch in der Hand, während ich, gleichfalls mit dem Buche bewaffnet, bereit stand, ihn zu empfangen. „Nun, Neffe," sagte Roland, indem er sich nicdersctzte, „wie hat das Rezept bei Dir angeschlagen?" „Sehr gut, Onkel." „Bei nur anch. Beim Jupiter, Sisty, dieser Hall war ein trefflicher Mann! Ich möchte nur wissen, ob die Arznei bei uns beiden durch die nämlichen Kanäle gewandert ist. Erzähle mir zuerst, welchen Eindruck sie auf Dich gemacht hat." „Iingi'imis, mein lieber Onkel, bin ich der Ansicht, daß ein Buch, wie dieses, ans alle eine gute Wirkung üben muß, die nach der gewöhnlichen Weise in der Welt leben, indem es uns in einen Lebcnskreis einführt, an den wir, wie ich rermnthe, nnr wenig denken. Wir haben da einen Mann, der sich unmittelbar ein himmlisches Ziel vorstcckt und zu diesem ausschließlichen Zwecke bedeutende Fähigkeiten entwickelt: er sucht seine Seele nach Kräften zu vervollkommnen, damit er auf Erden möglichst viel Gutes wirken und ein höheres Daseyn im Himmel fortfnhrcn könne. Er hat stets eine hohe, heilige Pflicht im Auge, lebte hinieden schon wie einer der Seligen und war so erfüllt von dem Bewußtseyn der Unsterblichkeit, so gekräftigt in der Verbindung zwischen Gott und Menschen, daß er, ohne affcktirten Stoicismus, ohne Uncmpfänglichkeit für den Schmerz — denn seine empfindsame Gemüthsart ließ ihn denselben vielleicht bitter genug fühlen — sich eines Glückes erfreute, das kein menschliches Leide» zn trüben vermochte. Unmöglich kann man jene feierliche 'Hingabe seines Jchs an Gott' lesen, ebne daß man een einer Bewunderung dnrchschanert wird, die ebcnse erbebend einwirkt, als sic den Geist mit einer heiligen Zehen erfüllt. Diese Aufopferung wen 'Seele nnd Leib, Zeit, Gesundheit, Nnf nnd Geistcsgabcn an das göttliche und unsichtbare Urgntc fordert »nS dringlichst auf, das Selbstsüchtige in unfern Meinungen nnd Hoffnungen in's Auge zu fassen, nnd weckt »ns ans dem Egoismus, dcr AllcS erzwingen nnd auf nichts verzichten will. „Am kräftigsten hat aber das Buch die Saiten meines Herzens berührt in jenem Charaktcrzng, der, wie mein Vater andentet, allen Biographien cigenthümlich ist. Wir haben ein Leben vor uns von merkwürdiger Fülle, reich an Studium nnd Gedanken, nnd groß im Handeln. Dennoch" — fuhr ich crröthcnd fort welch' kleinen Platz nehmen jene Gefühle ein, welche ihre Zwingherrschaft über mich übten und alles andere Leben für mich zn einer leeren Ocde umwandclten. Nicht als ob der Mann ein kalter nnd harter Ascct wäre; denn man sicht leicht neben dem warmen Herzen auch den starken Eigenwillen und die Leidenschaftlichkeit aller kräftigen Naturen. Ja, ich verstehe jetzt besser, wie das Leben eines wahren Mannes beschaffen sehn sollte." „Alles dieses ist recht gut gesagt," bemerkte der Kapitän, „hat aber nicht gerade diesen Eindruck ans mich gemacht. Was mir an diesem Buche besonders gefällt, ist der Muth. Wir haben da ein armes Wesen, das sich in herben Schmerzen 433 auf dem Teppich wälzt — von Kindheit an bis znm Tode gefoltert durch eine geheimnißvolle, unheilbare Krankheit — durch eine Krankheit, die uns als 'innerlicher Tortur-Apparat' geschildert wird. Dieser Mensch erträgt durch seinen Heroismus nicht nnr diese Pein, sondern benimmt ihr auch die Macht, auf ihn einzuwirken; und obgleich — die Stelle lautet folgendermaßen — 'er bei Tag und Nacht zu unab- läßigem Schmerz bestimmt war, bereitete ihm doch das Gesetz seines Daseins eine hohe Freude.' Nöbert Hall liest mir da den Tert — mir, einem alten Soldaten, welcher sich über das Hinnehmen solcher Lehren erhaben fühlte — wenigstens was den Math betrifft. Und als ich zu der Stelle kam, wo er in den peinlichen Anfällen vor seinem Tode sagt: 'Herr, ich habe mich nicht beklagt und will mich nicht beklagen, — als ich zu dieser Stelle kam, sprang ich auf und rief: 'Roland de Carlo», du bist ein Feigling gewesen! Trotz deiner Verdienste hätte man dich längst kassiren und ans dein Regimente stoßen sollen'!" „So hatte also mein Vater nicht Unrecht — er stellte sein Geschütz gehörig auf und feuerte eine gute Kugel ab." „Er muß es unter einem Winkel von sechs bis acht Graden über dem Kamm der Böschung gethan haben," sagte mein Onkel gedankenvoll — „denn nach meiner Ansicht ist dieses die beste Elevation zu Bestreichung eines Werkes sowohl für Kanonenkugeln, als für Bomben." „Was sagtJhr nun, Kapitän? Auf mit den Tornistern und vorwärts Marsch!" Bulwer, dir Cartone. Lg 4S4 „Rechts umkchrt — euch!" rief mci>l Onkel so aufrecht, wie eine Säule. „Kein Znrückschauen, wenn wir's ändern können!" „Voll in die Front des Feindes! — 'Auf, ihr Garden, und dran!'" „'England erwartet, daß jeder Mann seine Pflicht thne.'" „Cypressen oder Lorbeer!" rief mein Onkel, das Buch über seinem Kopfe schwenkend. Siebentes Kapitel. Ich ging ans, und zwar in der Absicht, Francis Vivian anfzusuchen; denn da ich Mr. Trevanion verließ, so war mir bange wegen der künftigen Versorgung meines neuen Freundes. Da ich ihn nicht zu Hause traf, so schleuderte ich von seiner Wohnung aus in die Vorstadt auf der andern Seite des Flusses und begann ernstlich nachzndenken über die beste Richtung, die ich jetzt einschlagen konnte. Indem ich meine bisherige Beschäftigung anfgab, verzichtete ich auf weit glänzendere Aussichten und viel schneller erreichbare Glücksverhältnisse , als ich je ans irgend einer andern Laufbahn verwirklicht zu sehen hoffen durfte. Aber ich fühlte, wie nöthig es für meine geistige Gesundheit se^, mich einer ernsten, anhaltenden und männlichen Beschäftigung zu widmen. Meine Gedanken eilten nach der Universität zurück und die Nnhe ihrer Klöster gewann einen einladenderen Anblick für mich, denn bisher hatte mich der grelle Glanz der Londoner Welt 433 geblendet, obschon er mir jetzt in seiner Wechsellosigkeit unheimlich erschien, nachdem der Schmerz die Schärfe meiner Hoffnungen und Wünsche ein wenig abgestumpft hatte. Jene Anstalten boten mir, was mir am meisten nöthig war — einen neuen Schauplatz, eine neue Arena und eine theilweisc Rückkehr in die Knabenzeit, Ruhe für die frühzeitig geweckten Leirenschaften und Thätigkcit für den Verstand in einer frischen Richtung. Meine Zeit in London war keine verlorene zu nennen; denn wenn ich auch den rein klassischen Studien ziemlich fremd wurde, hatte ich doch die Gewohnheit der Thätigkcit beibchalten und dabei nicht nur meine allgemeine Faffnngsgabc geschärft, sondern auch meine Hülfsgncllcn erweitert. Ich beschloß bei meiner Rückkehr nach Hanse mit meinem Vater darüber zu sprechen. Er war mir jedoch bereits zuvorgekommen, und als ich in's Haus trat, nahm mich meine Mutter mit einein Lächeln, das durch das mcinige veranlaßt worden, sogleich nach ihrem Stübchen hinauf, um mir mitzntheilcn, daß sic und ihr Anstin es für's Beste halten, wenn ich sobald als möglich London verlasse ; mein Vater könne jetzt die Mnscnmsbibliothck für einige Monate entbehren, und da die Zeit, für welche sie die Wohnung gcmiethet, in einigen Tagen abgelaufen, auch der Sommer weit vorgerückt war, so wollten wir nach Hans znrückkehrcn, weil jetzt doch die Stadt so langweilig und das Land so schön sey. Dort konnte ich mich bis zum Abfluß der langen Vakanz für Cambridge vorbereiten. Meine Mutter fügte zögernd und mit einer einleitenden Warnung, ich möchte doch »leine Gesundheit schonen, bei, mein Vater, 88 * 438 dessen Einkommen die erforderliche Unterstützung mir schwer erschwingen könne, zähle darauf, daß ich ihm diese Last bald durch Erringung eines Stipendiums erleichtere. Ich fühlte, welche vorsorgliche Liebe in all' diesem lag — selbst in der Hinweisung ans das Stipendium, das meine Geisteskräfte durch den Sporn dankbarer Anerkennung zu neuem Ehrgeiz antrcibcn sollte. Ich fühlte mich ebenso erfreut, als zu innigem Danke gestimmt. „Aber der arme Roland," sagte ich, „und die kleine Blanche — werden sie mit uns gehen?" „Schwerlich," versetzte meine Mutter, „denn Noland sehnt sich nach seinem Thnrme zurück und wird in ein paar Tagen wohl kräftig genug seyn, um den Umzug anzutreten." „Glaubt Ihr nicht, liebe Mutter, daß in einer oder der andern Weise jener verlorene Sohn mit Rolands Krankheit zusammenhängt nnd letztere ebensowohl geistiger, als körperlicher Art war?" „Ich zweifle nicht daran, Sisty. Welch ein kläglich schlechtes Herz muß nicht dieser junge Mensch haben!" „Der Onkel scheint auf alle Hoffnung verzichtet zu haben, ihn in London aufznfindcn, da wir ihn sonst sicherlich trotz seines Unwohlseyns nicht zu Hause hätten halten können. Er geht also nach dem alten Thurm zurück? Der arme Mann — er wird es dort öde genug finden! Wir müssen sehen, daß wir ihm einen Besuch machen. Spricht Blanche je von ihrem Bruder?" „Nein, denn es scheint, daß sie nicht mit einander erzogen Wurden — jedenfalls erinnert sie sich seiner nicht, Wie 437 lieblich sie ist! Ihre Mutter muß wohl sehr schön gewesen sepn." „Sie ist allerdings ein recht artiges Kind, obschon eine eigcnthüinliche Art von Schönheit — so ungeheuer große Augen! Aber sie hat ein warmes Herz und liebt ihren Vater, wie sich's gebührt." lind damit ließen wir die Unterhaltung satten. Nachdem wir uns für die Rückkehr entschieden hatten, durfte ich keine Zeit verlieren, um Vivian aufznsnchcn und einige Vorkehrungen für seine Zukunft zu treffen. Sein Benehmen hatte so viel von der früheren Schroffheit verloren, daß ich glaubte, ich könne es wohl wagen, ihn Persönlich Mr. Trevanion zu empfehlen; auch wußte ich nach dem, was vorgegangen war, daß letzterer keinen Anstand nehmen würde, mir eine Gefälligkeit zu erweisen. Ich beschloß, mich mit meinem Vater darüber zu bcrathcn. Dieser war stets so beschäftigt gewesen, daß ich nie Gelegenheit fand, die Sache gegen ihn zur Sprache zu bringen, und wenn er von mir verlangt haben würde, ihm meinen neuen Freund vor- zustcllen, welche Antwort hätte ich ihm geben können, nachdem Vivian sich in so cynischer Weise dagegen verwahrt hatte? Da wir jedoch London zu verlassen im Begriff standen, verlor die letztere Rücksicht ihre Bedeutung, und was die erstere betraf, so hatte der Gelehrte noch nicht ganz zu seinen Büchern zurückkommen können. Ich ersah daher die Zeit, als mein Vater nach dem Museum ging, nahm seinen Arm in den »reinigen und theilte ihm unterwegs in schneller Kürze mit, wie ich diese seltsame Bekanntschaft angeknüpft hatte 438 und in welcher Lage ich mich jetzt befand. Die Sache interessirte meinen Vater nicht so sehr, als ich erwartet hatte, und er begriff auch die Verworrenheit in Vivians Charakter nicht — wie wäre dies anch möglich gewesen? — denn er antwortete mir in Kürze: „Ich denke, für einen jungen Mann ohne alle Mittel, dessen Erziehung so unvollkommen gewesen zu seyn scheint, kann ein Unterkommen beiTrevanion stets nur vorübergehend und unsicher seyn. Sprich mit Deinem Onkel Jack darüber — ohne Zweifel kann er einen Platz für ihn ausfindig machen — vielleicht den eines Cvrrcktors in einer Druckerei oder den eines Berichterstatters für ein Journal, wenn er anders sich dafür eignet. Willst Du ihm Gesetztheit bcibringcn, so muß seine Beschäftigung eine regelmäßige seyn." Damit ließ mein Vater den Gegenstand fallen und verschwand durch die Thorc des Museums. Die Stelle eines Correktors bei einem Buchdrucker oder die eines Berichterstatters bei einem Journal für einen jungen Gentleman von Vivians stolzen Ansichten und anmaßender Eitelkeit! — schwang sich ja bereits sein Ehrgeiz weit über die Glacehandschuhe und das Cabriolet hinaus! Es war ein hoffnungsloser Gedanke, und verwirrt und zweifelnd trat ich meinen Gang nach Vivians Wohnung an. Ich traf ihn zn Hanse; er stand unbeschäftigt und mit verschlungene» Armen so tief in seine Träume versenkt am Fenster, daß er meiner erst gewahr wurde, als ich ihn auf die Schulter klopfte. „Ha!" sagte er dann mit einem seiner kurzen, raschen, 43g ungeduldigen Seufzer, „ich glaubte Ihr hättet mich aufge- geben und vergessen — aber Ihr seht blaß und bekümmert aus. Fast möchte ich sagen, Ihr sehet während der letzten Paar Tage schmächtiger geworden." „O laßt Euch durch mich nicht anfechten, Bivian; ich bin gekommen, um von Euch mit Euch zu reden. Ich habe Trevanion verlassen, und es ist nun bestimmt, daß ich die Universität beziehen soll. Wir alle ziehen in einigen Tagen von London fort." „In einigen Tagen? — alle? — wer sind diese alle?" „Meine Familie -— Vater, Mutter, Onkel, Väschen und ich. Aber, mein lieber Freund, wir müssen jetzt ernstlich darüber Nachdenken, was sich für Euch thnn läßt. Ich kann Euch bei Trevanion cinführcn." „Ha!" „Trevanion ist übrigens bei all seiner Vortrefflichkeit ein zäher Mann, und da er außerdem mit den Gegenständen, die ihn in Anspruch nehmen, fortwährend wechselt, so wäre cs leicht möglich, daß er in einem Monat oder so keine Beschäftigung mehr für Euch hätte. Ihr habt Euch zur Arbeit bereit erklärt — würdet Ihr es Euch wohl gefallen lassen, wenn diese gerade nicht in Glacehandschuhen verrichtet werden könnte? Junge Männer, die sich in der Welt hoch anfschwangen, haben bekanntlich mit Prcß-Corrcktnren an- gcsangcn. Die Stellung ist achtbar und, da sie sehr gesucht wird, nicht leicht zu erhalten; dennoch meine ich —" Vivian unterbrach mich hastig — „Ich danke Euch tausendmal! aber was Ihr mir mit- 440 theilt, bekräftigt nur den Entschluß, den ich gefaßt habe, eh' Ähr hieher kamt. Ich will mich mit meiner Familie Vergleiche» und nach Haus zurückkchrcn." „O, dies freut mich in der That sehr. Es ist sehr weise von Euch!" Vivian wandte rasch den Kopf ab — „Eure Schilocrungen von Familienleben und häuslichem Frieden," sagte er, „haben, wie Ihr seht, verlockender auf mich gewirkt, als Ihr glaubtet. Wann verlaßt Ihr London?" „Ich denke, zu Anfänge der nächsten Woche." „So bald schon!" entgegnete Vivian gedankenvoll. „Nun, vielleicht bitte ich Euch noch, mich zuvor bei Mr. Trevauion einzuführen — denn wer weiß — vielleicht vertrage ich mich nicht mit meiner Familie. Ich will es jedoch zuvor überlegen. Wenn ich nicht irre, habt Ihr mir gesagt, dieser Trcvanion sey ein sehr alter Freund von Eurem Vater oder von Eurem Onkel?" „Er, oder vielmehr Lady Minor, ist von frühen Zeiten mit Beiden bekannt." „Und deshalb würde er Eurer Empfehlung Gehör schenken? Doch vielleicht bedarf ich ihrer nicht. Ihr habt ihn also verlassen —- aus eigenein Antrieb eine Stelle auf- gegeben, die, wie ich meine, doch viel angenehmer ist, als ein Stübchen in einem College? — anfgegeben — warum habt Ihr sie aufgegeben?" Und Vivian heftete seine funkelnden Augen voll und durchbohrend auf die ineinigen. 441 „Ich war nur für eine Weile zur Probe da," versetzte ich ausweichend — „in der Pflege so zu sagen, bis mir die aliiur mater ihre Arme öffnete; denn alma muß sie in der That für den Sohn meines Vaters sehn." Vivian war augenscheinlich durch meine Erklärung nicht befriedigt, stellte aber keine weitere Frage. Er gab selbst zuerst dem Gespräch eine andere Wendung, und zwar mit einer gefühlvolleren Herzlichkeit, als bei ihm gewöhnlich der Fall war. Er fragte mich im Allgemeinen über unsere Plane, über die Wahrscheinlichkeit unserer Rückkehr nach London, nnd ließ sich von mir eine Schilderung unseres ländlichen Tnsculnms geben. Ruhig und gelassen hörte er mir zu; ja ein- oder zweimal kam cs mir sogar vor, als ob seine leuchtenden Augen feucht würden. Wir trennten uns mit einer stärkern Beimengung von jener rückhaltsloscn Innigkeit jugendlicher Freundschaft — wenigstens war dies meinerseits der Fall, nnd auch er schien wärmer geworden zu sep» — als sich bisher in unsere seltsame Vertraulichkeit gemischt hatte; denn das Bindemittel herzlicher Zuneigung mußte wohl in einem Verkehre fehlen, in welchem der eine Theil alles Vertrauen verweigerte nnd bei dem anderen das theilnehmende Interesse und die mitleidsvolle Bewunderung nicht frei blieb von Furcht nnd Mißtrauen. Am nämlichen Abend, ehe die Lichter hercingebracht wurden, wandte sich mein Vater an mich und fragte mich plötzlich, ob ich meinen Freund gesprochen habe und was er zu thun beabsichtige. 442 „Er hat tm Sinne, zu seiner Familie zurückznkehrcn," »ersetzte ich. Roland, von dem ich geglaubt hatte, er schlummere, seufzte nnruhtg auf. „Wer kehrt zu seiner Familie zurück?" fragte der Kapitän. „Ah," sagte mein Vater, „Du weißt noch nicht, daß Sisty einen Freund anfgcfischt hat, von dem er freilich keine Auskunft geben ckann, die einen Polizetmann zufrieden stellen würde, und dessen Schicksal, wie er selbst cinränmt, des Schutzes bedarf. Du hast von Glück zu sagen, Sisty, daß er Dir nicht die Taschen ansmaustc — oder war cs am Ende wirklich der Fall? Wie heißt er?" „Vioian," antwortete ich, „Francis Vioian". „Ein guter Name, der aus Kornwallis stammt," sagte mein Vater. „Einige leiten ihn von den Römern ab — Vioianns, andere von einem keltischen Wort, welches so viel wie —" „Vioian!" unterbrach ihn Noland — „Vioian! — Ich möchte doch wissen, ob er der Sohn des Obriste» Vioian ist." „Jedenfalls ist er der Sohn eines Gentleman," »ersetzte ich; „er hat mir jedoch nie etwas Näheres über seine Familie und seine Verwandten mitgetheilt." „Vioian," wiederholte mein Onkel—„der arme Obrist Vivian. Der junge Mann will also wieder zu seinem Vater! Ohne Zweifel ist es derselbe. Ach!" — „Was wißt Ihr von Obrist Vioian oder seinem Sohne?" 443 fragte ich. „Habt die Güte, es mir mitzntheilen; denn der jimge Mann hat großes Interesse für mich." „Ich weiß von Beiden weiter nichts, als was mir vom Hörensagen bekannt wurde," entgegnete mein Onkel düster. „Wie ich vernahm, ist Obrist Bivian ein trefflicher Offizier und Ehrenmann, in — in — (Nolands Stimme bebte) — in großen Kummer versetzt worden — durch seinen Sohn, den er, als er noch ein bloßer Knabe war, von einer unpassenden Heirath znrückhielt; der junge Mensch hat ihn darauf verlassen und ist, wie man meinte, nach Amerika dnrchgegangcn. Die Geschichte machte damals einen tiefen Eindruck auf mich," fügte er bei, indem er ruhig zu sprechen versuchte. Wir schwiegen Alle, da wir fühlten, warum Roland so verstört war und der Kummer des Obristen Bivian ihn so tief betroffen hatte. Aehnliche Leiden verbrüdern uns auch mit Unbekannten. „Du sagst, er gehe nach Haus zu seiner Familie — ich bin herzlich erfreut darüber!" bemerkte der alte Soldat mit Festigkeit, obschon man ihm ansah, daß er seinen Leidens- brndcr beneidete. Die Lichter kamen nun herein, und einige Minuten später stacken Roland und ich dicht bei einander. Ich las über seiner Schulter weg, und sein Finger ruhte auf der Stelle, die einen so tiefen Eindruck auf ihn gemacht hatte — „Herr, ich habe mich nicht beklagt und werde mich nicht beklagen!" 444 Zehnter Abschnitt. Erstes Kapitel. Die Muthmaßung meines Onkels über Francis Vivians Herkunft schien mir eine entschiedene Thatsache zu seyn; denn nichts dünkte mir wahrscheinlicher, als daß der eigensinnige junge Mensch einLiebcsverhältniß angeknüpft hatte, welchem kein Vater seine Zustimmung ertheilen konnte, und daß er in seinem gereizten Starrsinn sich selbst in die Welt hinaus- geworsen. Eine derartige Deutung war mir um so angenehmer, da sie Alles aufklärte, was in dem Geheimniß, welches Vivian umgab, mir unachtbar vorgekommen war. Nie konnte ich dem Gedanken Raum geben, daß er irgend eine gemeine oder verbrecherische That begangen habe, vb- schon ich ihm recht wohl ein übereiltes, thörichtes Benehmen zutraute. Es war natürlich, daß der frcundlose Wanderer in eine Gesellschaft gcrathen mußte, deren zweideutiger Charakter nicht gerade empörend cinwirkte auf die Kühnheit eines forschenden, abenteuerlichen Geistes, ebenso aber auch, daß die frühen Gewohnheiten einer edeln Familie und die stille Erziehung, welche englische Gentlcmen schon von der Wiege an genießen, ihn wenigstens vor einer Bestechung seiner eigenen Ehre bewahrten. Jedenfalls waren der Stolz und die hohe Meinung von sich, diese Mängel einer guten Geburt , in voller Kraft geblieben — warum nicht auch die 445 besseren Eigenschaften, wenn sie auch für eine Weile erstickt worden? Ich freute mich ungemein über den Gedanken, daß Vivian znrückkehre zu einein Element, in welchem er seinen Geist läutern und sich für die Sphäre befähigen konnte, welcher er angehörte — der frohen Hoffnung Raum gebend, wir könnten mit der Zeit wieder zusammentreffen und unsere dermalige halbe Vertraulichkeit zu einer gesunden Freundschaft heran reifen lassen. Unter solchen Gedanken griff ich am andern Morgen nach meinem Hute, um Vivian aufznsuchcn und mich zu überzeugen, ob wir wirklich den rechten Schlüssel aufgefunden hätten, als ich durch einen Ton aufgeschrcckt wurde, der an unserer Thüre eine Seltenheit war-— durch das Klopfen des Briefträgers. Mein Vater befand sich in dem Museum und meine Mutter saß im hohen Rath mit Miß Primmins, um die Vorbereitungen für unsere nahe Abreise zu besprechen, so daß nur Roland, ich und Blanche im Zimmer waren. „Der Brief ist nicht an mich," sagte Pisistratus. „Natürlich atich nicht an mich," bemerkte der Capitän. Unmittelbar darauf trat der Bediente ein und widerlegte seine Vermuthnng; denn das Schreiben war wirklich an ihn. Er nahm es verwundert und argwöhnisch auf, wie etwa Glumdalclitch den Gulliver, oder ein Naturforscher irgend ein unbekanntes Geschöpf, von dem er nicht gewiß weiß, ob es nicht beiße oder steche. Ach! cs hat Dich gestochen oder gebissen, Capitän Roland, denn Du fährst zusammen und wechselst die Farbe — Du unterdrückst einen Ausruf, während Du das Siegel erbrichst — und Du athmest 446 schwer auf während des Lesens. Der Brief scheint zwar kurz zn seyn, nimmt aber doch viel Zeit in Anspruch, denn Du sängst wieder und wieder von vorne an. Dann legst Du ihn zusammen — zerknitterst ihn — steckst ihn in Deine Brnsttasche — und siehst Dich um, wie ein Mann, der aus einem Traume erwacht. Ist es ein schmerzlicher oder ein freudiger Traum? In der Thal, ich kann cs nicht er- rathen; denn weder Schmerz , noch Freude läßt sich in den Zügen dieses Adlergesichts erkennen, eher Furcht, Aufregung und Verwirrung. Gleichwohl sind die Augen klar, nnd ein Lächeln schwebt um die eherne Lippe. Mein Onkel, sageich, blickte umher, rief hastig nach Stock und Hut und begann den Rock über der breiten Brust zuznknöpfen, obschon der Tag heiß genug war, um in den Tropen lieber jede Brust zu entblößen. „Ihr wollt doch nicht ausgehen, Onkel?" „Ja, ja." „Aber seyd Ihr auch kräftig genug dazu? Soll ich Euch nicht begleiten?" '„Nein, Neffe; meine Blanche, komm her!" Er nahm das Kind auf seine Arme, betrachtete es gedankenvoll und küßte es. „Du hast mir nie Kummer gemacht, Blanche. Sprich: 'Gott segne Dich und schenke Dir Gedeihen, Vater!'" „Gott segne Dich und schenke Dir Gedeihen, mein lieber, thenrcr Papa," sagte Blanche, indem sic wie im Gebet ihre Händchen znsammenlegte. ),So, dies muß mir Glück bringen, Blanche," rief der Capitän heiter und setzte sie wieder nieder. Dann nahm er dem Bedienten den Stock ab, setzte mit entschlossener Miene seinen Hut ans und ging mannhaft weiter. Ich sah ihm von dem Fenster aus nach, wie er so wohlgemnth die Straßen dahinmarschirte, als gälte es der Belagerung von Badajoz. „Gott schenke Dir Gedeihen!" sprach ich unwillkürlich vor mich hin. Und Blanche faßte meine Hand und sagte in ihrer hübschesten Weise (sie hatte gar viele hübsche Weisen an sich) — „Ich wünsche, Du kämest mit unS, Vetter Sisty, und hälfest mir den Papa lieben. Der arme Papa! er wird uns beide brauchen— wird alle Liebe brauchen, die wir ihm geben kännen!" „Ja wohl, meine liebe Blanche, und ich halte es für einen große» Fehler, daß wir nicht Alle bei einander leben. Dein Papa sollte nicht nach seinem Thurm zurückkchren, der an der Welt Ende liegt, sondern in unser gemächliches, hübsches Haus kommen mit seinem Garten voll Blumen — Du kannst dann die Maicnkönigin darin seyn vom Mai bis in den November — von der Ente gar nicht zu reden, die ein weit klügeres Thier ist, als irgend eines in den Fabeln, die ich Dir kürzlich erzählt habe." Blanche lachte und schlug ihre Hände zusammen — „O, das wäre so hübsch! Aber," sic hielt gravitätisch inne und fügte dann bei — „aber Du siehst, es wäre dann 448 der Thurm nicht da, den der Papa so liebt; und ich bin überzeugt, der Thurm muß ihn dafür auch sehr liebe»/' Die Reihe des Lachens kam jetzt au mich. „Ich sehe schon," sagte ich, „Du kleine Here willst uns beschwatzen, bei euch und den Eulen zn leben! Herzlich gerne, so weit blos ich in Frage komme." „Sisty," sagte Blanche mit einer erschütternden Feierlichkeit in ihrem Gesichte: „weißt Du, was ich eben gedacht habe?" „Nein, mein Fräulein — und was wäre das? — Ich bemerke, es ist etwas sehr Tiefes — etwas Schreckliches sogar, fürchte ich, weil Du so ernst aussiehst." „Ich habe eben gedacht," fuhr Blanche fort, ohne eine Muskel zu verziehen oder auch nur im Mindesten zu er- röthcn— „ich habe eben gedacht, daß ich Deine kleine Frau scyn wolle, und daun müssen wir natürlich Alle bei einander wohnen." Blanche enüthete nicht, wohl aber ich. „Frag' mich zehn Jahre später, wenn Du es wagst, Du unverschämtes kleines Ding! Und nun gehe zu Miß Primmins und sag' ihr, sie soll Acht auf Dich haben; denn ich muß Dir jetzt guten Morgen wünschen." Aber Blanche ging nicht und schien sich in ihrer Würde ungemein verletzt zu fühlen durch die Art, wie ich ihren beunruhigenden Vorschlag ausgenommen hatte; denn sie zog sich schmollend in eine Ecke zurück, und setzte sich mit großer Majestät nieder. Ich verließ sie, und trat meinen Weg zu Vivian an. 449 Er war ansgcgangen; da ich aber Bücher auf seinem Tisch liegen sah und nichts zu thnn hatte, so beschloß ich, seine Rückkehr abzuwarten. Ich hatte genug von meinem Vater in mir, um sogleich in den Büchern Gesellschaft zu suchen, und fand neben einigen ernsteren Werken, die ich meinem Schützling empfohlen, auch französische Romane, die er sich aus einer Leihbibliothek geholt hatte. Die Neugierde veranlagte mich, nach letzteren zu greifen, denn außer den alten klassischen Novellen Frankreichs war mir dieser gewaltige Zweig einer unter den Franzosen so beliebten Literatur damals noch ganz neu, Tie Lcctnre gewann bald Interesse für mich, aber welch' ein Interesse! — das Interesse, welches etwa ein Alp erregt, wenn man plötzlich ans dem Schlaf erwacht und sich ängstlich nmsieht, ob das Gespenst »och vorhanden scv, Neben einem blendenden Scharfsinn welche tiefe Vertrautheit mit allen jenen Höhlen und Ecken im menschlichen Wesen, von denen Göthc gesprochen haben muß, wenn er irgendwo sagt — (ich kann freilich nicht dafür stehen, ob ich mich recht erinnere und nicht etwa falsch citire) — „in dem Herzen eines jeden Menschen liegt etwas, das uns, wenn wir es kennten, veranlassen würde, ihn zu Haffen," Neben alledem und noch viel mehr, was eine erstaunliche Kühnheit und Kraft des Verstandes zeigte, welche befremdliche llebertreibung — welche Aefferei in den Adel der Gesinnung — welche unbegreifliche Verkehrtheit der Folgerungen — welche verdammenswürdigeDcmoralisation! Der wahre Künstler wird uns nothwendig — sey eS im Roman oder im Drama Interesse einflößen für einen lasterhaften Bulwer, die Kartone, 28 Ü50 oder verbrecherischen Charakter, läßt uns aber »ich! im Unklaren darüber, daß das Lasier und Verbrechen wirklich verdammlich scsi. Hier fand ich mich jedoch anfgcfordert, nicht mir ein Interesse zu fühlen für den Schurken (dies wäre vollkommen zulässig; denn Macbeth und Lovclacc haben großes Interesse für mich), sondern auch die Schurkerei selbst zu bewundern und mit ihr zu sympathisiren. Indeß war cs nicht die Verwirrung von Recht und Unrecht in einem individuellen Charakter, was mich am meisten erschütterte, sondern vielmehr die Ansicht von der Gesellschaft überhaupt, die tu so häßlichen Farben abgemalt war. daß sie, wäre das Bild der Wahrheit getreu gewesen, statt einer Revolution eine Sündfiuth ans sich hätte herab,ziehen müssen: cs war der eingeflößtc Haß des Armen gegen den Reichen — cs war der Krieg, der zwischen Klasse und Klasse kochte — es war der Neid gegen alle Ueberlcgenheit, welcher sich gern darin zeigt, daß er die Tugend nur einer Blonse zngesteht und die Behauptung aufstellt, der Mensch müsse schon dcßhalb ein Schurke sehn, weil er einem Rang tu der Gesellschaft angehöre, tu welchem schon um der Erziehung nnd der äußerlichen Verhältnisse willen Schurkerei am wenigsten wahrscheinlich oder natürlich ist. Alles dies nnd tausendmal schlimmere Dinge setzten mein Gehirn in einen wirbelnden Zustand, so daß Stunde um Stunde entwich und ich noch immer wie bezaubert diese Chimären nnd Typhone, diese Shmbole des zerstörenden Prinzips, anstarrte. „Armer Vivian," sagte ich, als ich endlich aufstand, „wenn Du solche Bücher mit Vergnügen oder aus Gewohnheit liesest, so LM».- 481 nimmt es mich nicht Wunder, dass Du so abgestumpft bist gegen Recht und Unrecht und eine große Eintiefnng da sich finden muß, wo an Deinem Gehirn der Höcker der Gewissenhaftigkeit scharf hervorspringen sollte!" Um übrigens den TenfelSwcrken Gerechtigkeit wirerfahren zu lassen, muß ich gestehen, daß mir unter ihrer verpesteten Beihülfe die Zeit ganz unmerklich entschwunden war, und ich staunte nicht wenig, als mir meine Uhr an- zeigte, wie spät es geworden. Ich wollte eben ein Bittet schreiben, um Vivian auf morgen zu bestellen, und mich dann entfernen, als ich sein Klopfen vernahm—ein Klopfen von großartigem Eharakter— stolz, nngednldig, unregelmäßig, kein säuberliches-, symmetrisches, harmoiiisches, anspruchsloses Klopfen, sondern ein Klopfen, das dem ganzen Haus und der Straße Trotz zu bieten schien — herausfordernd, prnnkhast, anstößig und beleidigend — „impixei" und „ii-aoumlu«". Der Tritt übrigens, welcher die Treppe herauf kam, stand nicht im Einklang mit diesem Pochen; er war leicht, aber doch fest, langsam, aber schwnngkrästig. Das Dicnstmärchcn, welches ihm die T hure geöffnet, hatte Bivian bereits von meinem Besuche benachrichtigt, denn er schien nicht überrascht zu scyn, mich hier zu sehen: wohl aber warf er jenen hastigen , argwöhnischen Blick im Zimmer umher, mit welchem ein Mann sich umsteht, wenn er seine Papiere offen daliegcn ließ und irgend ein Müßiggänger , auf dessen Zuverlässigkeit er in keiner Weise bauen möchte, mitten in den unbewachten Geheimnissen sitzt, Der 28 ° L5Z Blick war nicht schmeichelhaft; aber mein Gewisse» machte mir so wenig einen Vorwurf, daß ich die Schuld aufVivians argwöhnischen Charakter im Allgemeinen schob. „Ich bin wenigstens schon drei Stunden hier," bemerkte ich boshaft gegen ihn. „Drei Stunden!" — Abermals derselbe Blick. „Und dies ist das schlimmste Geheimniß, das ich auf- gefunden habe." Ich deutete dabei ans die literarischen Manichäer. „Oh!" versetzte er gleichgültig — „französische Romane— da wundert es mich nicht, daß Ihr so lang geblieben seyd. Die englischen Novellen kann ich nicht lesen, sie sind platt und nnschmackhast. In diesen stier liegt Wahrheit und Leben." „Wahrheit »nd Lebe» ?" rief ich, und jedes Haar auf meinem Haupte sträubte sich vor Erstaunen. „Dann will ichs lieber mit der Lüge und dem Tod halten !" „Sie gefallen Euch nicht — über Geschmackssachen läßt sich nicht rechten." „Ich bitte um Verzeihung. Ich mochte Wohl mit Eurem Geschmack rechten, wenn Ihr wirklich solcke Ungeheuer von Schändlichkeit und Laster für Wahrheit und Leben nehmt. Unüs Himmels willen, mein lieber Freund, glaubt doch ja nicht, daß irgend ein Mensch in England weiter kommen, überhaupt anderswohin kommen könne, als nacb Old Bailcy oder Norfolk Island, wenn er sein Benehmen nach den verkehrten Wcltansichtcn einrichtct, welche ich hier finde." 453 „Um wie viel Jahre seyd Ihr älter, als ich," fragte Visum höhnisch, „daß Ihr meinen Mentor spielen nnd mir llnbekanntschaft mit der Welt verwerfen wollt?" „Es ist nicht das Alter und die Erfahrung, Visum, welche hier sprechen, sondern etwas Weiseres als diese — die innere Stimme des menschlichen Herzens und die Ehre eines Gentleman," „Schon gut," versetzte Visum etwas verwirrt, „laßt nur die armen Bücher im Frieden, Ihr kennt ja mein Glaubensbckenntniß — Bücher üben wenig Einfluß ans uns, weder in dieser noch in jener Weise," „Bei der großen cgyptischcn Bibliothek und der Seele des Diodor, ich wünschte, Ihr könntet meinen Vater über diesen Punkt hören! Kommt," fügte ich mit innigem Mitleid bei — „kommt, es ist noch nicht zu spät — laßt mich Euch meinem Vater vorstcllen. Ich will Euch versprechen, mein Leben lang französische Romane zu lesen, wenn nicht eine einzige Unterredung mit Austin Carton Euch mit glücklicheren Gefühlen erfüllt, so daß Ihr leichteren HerzenS heimzichen könnt. Erlaubt mir, Euch nach meinem Hanse zu bringen, nnd eßt heute mit uns zu Mittag," „Ich kann nicht," entgegnete Vision in großer Verlegenheit — „ich kann nicht, denn ich bleibe heute nicht in London, Ein andermal vielleicht, denn" fügte er, aber nicht ohne Herzlichkeit bei — „wir werden uns Wohl wieder sehen," „Ich hoffe es," sagte ich, indem ich ihm die Hand drückte, „um so mehr, da ich trotz Eurer Verschwiegenheit Eurem Gehcimniß — dem Geheinnüß Eurer Geburt und Abkunft — auf die Spur gekommen bi»." „Wie!" rief Vivian, der jetzt erblaßte und sich in die Lippen biß — „was wollt Ihr damit sagen? — Sprecht!" „Wohlan denn, scyd Ihr nicht der verlorne Sohn deS Obristen Vivian? Sagt mir die Wahrheit — laßt uns Vertrante scyn." Vivian seufzte mehreremal in seiner abgebrochenen Weise tief ans und setzte sich dann nieder: er beugte verwirrt sein Gesicht über de» Tisch, ohne Zweifel, weil er sah, daß er entdeckt war. „Ihr seyd nahe am Ziel," sagte er endlich, „aber fragt mich nicht weiter. Eines Tages," rief er heftig, indem er plötzlich wieder anfsprang — „eines Tages sollt Ihr Alles erfahren. Ja, im Fall ich's erlebe, eines Tages, wann mein Name hochstchen wird in dieser Welt und die Welt zu meinen Fuße» liegt!" Er streckte dabei seine rechte Hand aus, als wollte er den Raum erfassen, nud sein ganzes Gesicht leuchtete von einer wilden Begeisterung. Die Glut schwand wieder dahin, und mit einer leichten Rückkehr seines verächtlichen Lächelns fügte er bei: „Noch sind's Träume — Träume! lind jetzt seht dieses Papier an." Er zog ein Blatt heraus, das mit Zahlen nberkritzelt war. „Dies ist, denke ich, der Betrag meiner Geldschuld an Euch; in wenigen Tagen werde ich sic bezahlen. Gebt mir Eure Adresse." -tS5 „Oh," versetzte ich schmerzlich berührt, „wie mögt Ihr mit mir von Geld sprechen, Vivian?" „Es ist einer jener Instinkte der Ehre, ans die Ihr mich so oft hingewicscn habt, antwortete er crröthend. „Verzeiht mir!" „Dies ist meine Adresse," entgcgnete ich, indem ich mich zum Schreibe» nicderbeugte, um meine verwundeten Gefühle zu verbergen. „Ihr werdet dieselbe, hoffe ich, oft benützen und mir mittheilen, daß Ihr Wohl und glücklich send." „Wann ich glücklich bin, sollt Ihr es erfahren." „lind Ihr wünscht nicht, daß ich Euch bei Trevanion einführe?" Vivian zögerte. „Nein, ich denke nicht. Wenn es je der Fall ist, so will ich Euch schriftlich darum angchen." Ich nahm meinen Hut auf und wollte mich entfernen, denn ich fühlte mich noch immer gekränkt. Da kam Vivian, wie in Folge eines unwiderstehlichen Antriebs, hastig aus mich zu, schlang seine Arme um meinen Nacken und küßte mich, wie ein Knabe seinen Bruder küßt. „Habt Nachsicht mit mir!" rief er mit bebender Stimme. „Ich dachte nicht, daß ich je irgend Jemanden so lieben könnte, wie Ihr mir Liebe gegen Euch eingesiößt habt, obgleich unsere Charaktere so sehr verschiede» sind. Wenn Ihr nicht mein guter Engel sepd, so ist es nur deshalb nicht der Fall, weil Natur und Gewohnheit zu gewaltsam gegen Eure gute Meinung ankämpfen. Sicherlich werden wir eines Tages wieder zusammentrcffen. Mittlerweile habe ich Zeit, zu sehen, ob nicht die Welt wirklich 'meine Auster ist, die ich mit dem Schwerte öffnen kann? Bei mir heißt es nut ltäsae, aut »iliil! Dies ist nahezu all' mein Latein. Trifft der Cäsar ein, so werden mir die Menschen alle Mittel Nachsehen, die mich zu diesem Ziele führten; lautet es aber mini, so hat Londen eineu Fluß und in jeder Straße kann man sich einen Strick kaufen. „Vivian! Vivian!" „Geht jetzt, mein lieber Freund, solange mein Herz noch weich ist — geht, ehe ich Euch durch die Rückkehr des ciugeborneu Adam wieder erschrecke. Geht — geht!" Und er nahm mich sanft beim Arm, zog mich aus dem Zimmer, kehrte wieder zurück und schloß seine Thüre ab. Ach, hätte ich ihm statt jener fluchwürdigen Typhonc den Robert Hall zurücklafscn können! Aber würde die Arznei wohl für seinen Fall gepaßt haben, oder mußte die bittere Erfahrung mit ihrer eisernen Hand herbere Reccvte für ihn aufzeichnen? Zweites Kapitel. Ich langte unmittelbar vor dem Diner zu Hause an. Roland war noch nicht da und kehrte erst spät Abends zurück. Alle unsere Augen waren auf ihn gerichtet, und wir erhoben uns zumal, um ihn zu bewillkommne»; aber sein Gesicht war wie eine Maske — verschlossen, starr und unleserlich. 457 Er schloß die Thüre sorgfältig hinter sich zu, trat an den Herd, wo er einige Augenblicke aufrecht und ruhig stehen blieb und fragte sodann: „Ist Blanche zu Bette gegangen?" „Ja," versetzte meine Mutter, „aber nicht um zu schlafe». Ich habe ihr versprechen müssen, es ihr zu sagen, wenn Ihr zurückkämct." Rolands Stirne wurde glatter. „Habt die Güte, Schwägerin," sagte er langsam, „morgen einen passenden Traucranzng für sie zu besorge». Mein Sohn ist tobt." „Todl!" riefen wir mit Einer Stimme unv umringten ihn wie ans gemeinschaftlichem Antriebe. „Tobt! Unmöglich — Ihr könntet es uns sonst nicht so ruhig mittheilen. Todt! — wie habt Ihr es erfahren? — Ihr seyd vielleicht getäuscht worden. Wer sagte es Euch? Warum denkt Ihr so?" „Ich habe seine Ueberreste gesehen," versetzte mein Onkel mit derselben düstern Ruhe. „Wir wollen Alle um ihn trauern. Pisistratnö, Du bist jetzt der Erbe meines Namens, wie Dn der Erbe des Namens Deines Vaters bist. Gute Nacht; entschuldigt mich, alle — alle, die Ihr mir lieb und thener scpd! Ich bin müde." Roland zündete seine Kerze an und entfernte sich, während wir wie vom Donner gerührt im Zimmer blieben; er kam jedoch wieder zurück, schaute sich um, nahm sein Buch ans, das bei jener Licblingsstelle aufgeschlagen war, nickte uns nochmals zu und verschwand. Wir blickten ein- stS8 ander an, als hätten wir ein Gespenst gesehen. Dann erbeb sich nicin Vater, verließ das Zimmer nnd blieb bei Roland, bis die Nacht beinahe vorüber war. Ich nnd meine Mutter gingen nicht zn Bette, bis er zurückkehrte. Sein wohlwollendes Gesübt zeigte einen Ausdruck tiefer Trauer. „Wie steht es Vater? Könnt Ihr uns mehr mittheilen?" Mein Vater schnttelre den Kopf, „Roland bittet Euch, Ihr möchtet ibm fortwährend dieselbe Nachsicht zn Theil werden lassen, die Ihr ihm bisher erzeigt habt, und gegen ihn nie den Namen seines Sohnes erwähnen, Friede mit den Lebenden, wie mit den Todten! Kitth, dies verändert unfern Plan, Wir müssen jetzt alle nach Cnmberland gehen — denn so können wir Roland nicht verlassen!" „Der arme, arme Roland!" rief meine Mutter unter Tbräncn. „lind dabei denken zn müssen, daß Vater nnd Sohn nicht mit einander versöhnt waren! Aber Roland verzeiht ihm jetzt — o, ja — jetzt!" „Auf Roland fällt kein Vorwurf," versetzte mein Vater fast mit Heftigkeit, „Die Schuld liegt — doch genug! Wir müssen sobald wie möglich die Stadt verlassen, Roland wird in.der heimischen Luft seiner alten Ruinen wieder genesen," Wir gingen voll Trauer zn Bette, „llud so endet die eine große Aufgabe meines Lebens!" dachte ich, „Mit welcher Sehnsucht hing ich nicht an der Hoffnung, die 459 beiden wieder zusammen zu bringen! Aber ach, das Grab ist der beste Friedensstifter! Drittes Kapitel. Mein Onkel kam drei Tage lang nicht aus seinem Zimmer und schloß sich oft mit einem,Rechtsgclehrten ein. Mein Vater ließ einige Worte fallen, welche anzudeute» schienen, daß der Verstorbene Schulden hintcrlassen habe und deßhalb der arme Kapitän einiges Kapital ans sein kleines Eigenthnm anfnehmc. Da Roland gesagt hatte, er habe die Ueberrcste seines Sohnes gesehen, so zweifelte ich anfänglich nicht daran, daß wir der Beerdigung anwohnen würden; aber es wurde kein Wort weiter darüber gesprochen. Am vierten Tage bestieg Roland in tiefer Trauer mit dem Rechtsgclehrten eine Miethkntsche und blieb ungefähr zwei Stunden ans. Wahrscheinlich hatte er in aller Stille dem Hingeschiedenen den letzten traurigen Dienst erwiesen. Nach seiner Rückkehr schloß er sich wieder für den Rest des Tages ein und wollte nicht einmal meinen Vater sehen; am andern Morgen aber erschien er wieder wie gewöhnlich, und es kam mir sogar vor, er sehe heiterer aus, als ich ihn je gekannt hatte. Ob er wohl eine Rolle spielte, oder ob das Schlimniste jetzt wirklich vorüber und das Grab weniger grausam war, als die Ungewißheit? Am folgenden Tag brachen wir alle nach Cumbcrland auf. In der Zwischenzeit war Onkel Jack fast unablässig 460 bei uns gewesen, und ich muß ihm die Gerechtigkeit widerfahren lassen, daß er ungehenchcltc, erschütterte Theilnahme an dem Unglück, welches Noland befallen hatte, an den Tag legte. Es fehlte Onkel Jack in der Thal nicht an Herz, wen» man geradenwegs auf dasselbe losging; nur konnte man schwer dazu gelangen, wenn man dabei den Umweg durch die Taschen wählte. Der würdige Spekulant hatte, ehe wir die Stadt verließen, viel mit meinem Vater abzumachen. Die Antibnchhändlergesellschaft war ins Leben getreten, und durch die hcbärztliche Bcihülfe dieser Genossenschaft sollte das große Buch in die Welt eingeführt werden. Das neue Journal, die literarischen Times, war gleichfalls weit vorgerückt— allerdings noch nicht ans- gcgeben; denn das Nusgeben sollte zuerst an meinen Vater kommen. Es fanden Vorbereitungen für sein Erscheinen im großartigsten Maßstabe statt, und zwei oder drei schwarz gekleidete Männer, von denen der eine wie ein Advokat , der andere wie ein Buchdrucker und der dritte auf und nieder wie ein Jude aussah, kamen zweimal mit Papiere» ins Haus, die einen gar unheimlichen Anblick boten. Nachdem alle diese Einleitungen abgethan waren, hörte ich noch die letzten Worte des Onkels Jack, welcher meinen Vater ans den Rücken klopfte und sagte: „Ruhm und Vermögen, für beides ist jetzt gesorgt — Ihr könnt ruhig schlafen, denn Ihr laßt mich mit weit offenen Augen zurück. Jack Tibbets schläft nie!" Es kam mir befremdlich vor, daß seit meinem plötzliche» Austritte aus dem Hause des Mr, Trevanion weder dieser. 461 noch Lady Ellinor irgend Jemanden von »ns anch nnr die mindeste Aufmerksamkeit geschenkt hatte. Doch am Abend vor unserer Abreise lief ein freundliches Schreiben von Mr. Trevanion an mich ein, das mit einem Geschenk von einigen seltenen Büchern an meinen Vater begleitet und von seinem Lieblings-Landsitz ans dalirt war ; er thcilre mir darin kürzlich mit, daß es in seiner Familie eine Erkrankung gegeben habe, die ihn nöthigte, um einer Luftveränderung willen die Stadt zu verlassen — Lady Ellinor aber werde meine Mutter in der nächsten Woche besuchen. In seiner Bibliothek habe er einige seltene Werke ans dem Mittelalter gefunden, darunter eine vollständige Ausgabe des Cardan, welche, wie er wisse, meinem Vater Freude machen werde. Jede Anspielung auf das, was zwischen uns vorgegangen, war sorgfältig vermie:en. Nachdem ich in der Rückantwort ihm den gebührenden Dank meines VaterS vermeldet hatte, der den Cardan alter Ritterdienst und »euer Krieg, Wange an Wange, Alter Ritterdienst und neuer Krieg — betrachte jenen Turnierhelm mit dem hohen Busch der Eartonc und jene Trophäe daneben, einen französischen Küraß — jenes alte Banner (eines Ritters Fälmlein), umgeben von sich kreuzenden Bajonetten, lind über dem Kaminmantel — blank und reinlich (ich stehe dafür, daß Alles täglich abgcstänbt wurde) — Rolands eigener Degen, seine Holstern und Pistole», ja sogar der von Kugeln durchschossene und zerrissene Sattel, ans dem er gestürzt war, als er sein Bein-ich haschte nach Luft, fühlte all' dieses mit einem Blick und schlich mich leise nach der Stelle hin, wo ich, wenn ich nicht Roland zum Zeugen gehabt haben würde, den Degen mit einer Ehrfurcht hätte küssen mögen, als wäre er der eines Bahard oder Sidncp gewesen. Mein Onkel war zu bescheiden, um meine Gefühle zu erraihcn, und meint? im Gegcnthcil, ich wende mein Gesicht ob, um mein Lächeln über seine Eitelkeit zu verbergen, denn er sagte im Tone verlegener Entschuldigung — „Bolt, der närrische Kerl, hat Alles so ungeordnet," Viertes Kapitel. Unser Wirth behandelte uns mit einer Gastlichkeit, die einen merkwürdigen Gegensatz bildete zu der sparsamen Lebensweise, die er in London zu sichren Pflegte, Natürlich hatte Bolt den großen Hecht gefangen, der beim Festmahle obenan stand, und ohne Zweifel auch die schönen Hühner ab ovo erziehen helfen; auch stammke zuverlässig von seiner kunstfertigen Hand der treffliche spanische Eierkuchen, Was das klebrige betraf, so waren wohl die Produkte der Schaaf- waidc und des Gartens als freiwillige Hülfstruppcn hcrzu- gckommcn — sehr verschieden von den feilen Rekruten, durch welche die großstädtischen Eondottieri, die Fleischer und Gemüsehändler, das Verderben jenes bedauernswürdigen Gemeinwesens herbeiführen, das man mit dem Namen „gentile Armnth" bezeichnet. Der Abend entschwand uns heiler, und gegen seine Gewohnheit führte Roland hauptsächlich das Wort, Es war schon 11 Uhr, als Bolt mit einer Laterne erschien, um mich über den Hof nach nicincr Schlafstätte unter den Ruinen zu führen — eine Zeremonie, die er jede Nacht pünktlich erfüllte, mochte cS nun dunkel oder mondhell seyn. 4)6 Es stund lange an, che ich einschlafcn oder überhaupt glauben konnte, es sepen nur so wenige Tage entschwunden, seit Roland Kunde erhalten hatte non dem Tode seines Sohnes — eines Sohnes, dessen Schicksal ihm lange so schwer ans dem Herzen gelegen; und doch hatte der Kapitän nie so sorgenfrei ausgcsehcn! War dies natürlich oder erkünstelt? Mehrere Tage entschwanden, ehe ich mir diese Frage beantworten konnte, und auch dann fiel sie nicht ganz zu meiner Befriedigung ans. Immerhin aber bemerkte ich, daß es ihn Anstrengung kostete, oder vielmehr, daß er einem entschiedenen systematischen Entschlüsse folgte. Ans Augenblicke konnte Roland den Kopf sinken lassen, und dann falteten sich seine Braue», während der ganze Mann zusammen zu brechen schien. Doch waren dieß nur Momente, und er raffte sich dann schnell wieder auf, wie ein schlummerndes Streitroß beim Schall der Trompete, um die ihn bedrückende Last ab- znschütteln. Mochte indcß die Kraft seines Entschlusses oder irgend eine andere Gcdankenkette dazu Mitwirken, jedenfalls entging mir nicht, daß Nolands Trauer in Wirklichkeit weniger schwer und bitter war, als früher der Fall gewesen, oder als man naturgemäß hätte annchmen sollen. Er schien mit jedem Tage mehr seine Zuneigung von den Todten ans seine Umgebung, namentlich ans Blanche und mich zu übertragen, und ließ cs deutlich merken, daß er jetzt mich als seinen rechtmäßigen Nachfolger und den künftigen Träger seines Namens betrachtete. Ich wurde in alle seine kleinen Planen eingeweiht und von ihm darüber zu Rath gezogen. Er führte mich ans seiner Domäne herum, von der ich später mehr sprechen werde, zeigte mir von jeder Anhöhe auö, die wir erkletterten, wo die ausgedehnten Ländereien seiner Ahnen sich bis an den Horizont erstreckt hätten, entfaltete vor mir mit behutsamer Hand den vermürbten Stammbanm nnd ließ seinen Finger zögernd bei den Namen verweilen, deren Träger einen kriegerischen Posten bekleidet hatten oder aus dem Feld der Ehre gestorben waren. Da war ein Kreuzfahrer, welcher Richard nach Nscalon begleitet, dort ein Ritter, der bei Agincourt gefuchten, hier ein Cavalier, dessen Bild mit schönen Locken noch vorhanden war, welcher bei Worcester den Tod gefunden — ohne Zweifel derselbe, welcher seinen Sohn sich in dem Brunnen verkühlen ließ, dem letzterer eine angenehmere Bestimmung anznweisen wußte. Unter allen diesen Ehrenmännern war jedoch keiner, dem mein Onkel, vielleicht ans Lust am Widerspruch, einen so hohen Werth beilegte, als jenem apoeryphischen Sir William. Und warum? — weil, als der abtrünnige Stanlep dem Schlachtcnglück bei Bosworth eine andere Wendung gab und der Ruf der Verzweiflung — „Vcrrath — Verrat!) !" von den Lippen des letzten Plantagenct brach, dieser wackere Krieger „treu erfunden wurde unter den Treulosen" und sein Leben endigte in dem löwcnartigen Sturm, mit welchem Richard gegen den Feind anrannte. „Dein Vater hält mir immer entgegen, Richard seh ein Mörder und Kro- nenräubcr gewesen," bemerkte mein Onkel. „Dem mag seyn, wie ihm will; jedenfalls ziemte es seinem Gefolge nicht, auf dem Schlachtfeld über de» Charakter des Herrn, der ihnen vertraute, zu rechten, namentlich wenn ihm eine Legion ans- 478 ländischer Micthlingc gegenübcrftand. Ich möchte nicht non diesem falschen Stanley abstammen, nnd wenn ich damit all' die Ländereien gewinnen könnte, deren sich die Grafen von Dcrbcy zu rühmen haben. Pflichtgetrcue Krieger kämpfen nnd streiten stets für ein großartiges Priucip nnd für ein erhabenes Gefühl. Der wackere Sir William zahlte dem letzten Plantagenet die Wohlthatcn zurück, die er von dem ersten erhalten hatte!" „Und doch dürste cs zweifelhaft seyu," versetzte ich boshaft, „ob nicht William Carton, der Buchdrucker —" „Feuer, Seuche und Pestilenz auf William Carton, den Buchdrucker sammt seiner Erfindung!" rief mein Onkel barbarisch. „Sv lange eS nicht viele Bücher gab, waren diese wenigstens gut; jetzt aber hat man deren so viele, die nnr das Urtheil verkehren, den Verstand verwirren, gute Werke verdrängen und wie ein neu erfundener Pflug über jede alte Laudmarke hingehcu; sie verführen die Weiber, verweichlichen die Männer, stürzen Staaten, Thronen und Kirchen um, ziehen ein Geschlecht schwatzhafter, dünkelvollcr Lasten heran, die in ihren Büchern stets eine Menge Ausflüchte finden, um nur nicht ihre Schuldigkeit thun zu dürfen, machen den Armen unzufrieden, den Reichen launcn- und grillenhaft und merzen all' die mannhaften alten Tugenden durch Witzeleien und schaalc Sentimentalität aus! Früher verwandte die Phantasie ihre Kräfte auf ein edles Wirken, auf Abenteuer, große Thaten und ein ruhmvolles Streben: jetzt nennt man aber nur den phantaflcreich, der in der falschen Aufregung von Leidenschaften, die er nie fühlte, und in Ge- 47 « fahre», die er nie thcilte, seine Nahrung sucht. Sr zcrstückr er denn Alles, was nach von Leben in ihm übrig ist, in dem erdichteten Liebeslew von Bund Street und St. James. Neffe, mit dem Aufkommen der Presse ist die Ritterlichkeit zu Grunde gegangen! Und von allen Menschen, die je gelebt und gesündigt haben, mir gerade den als Ahnherrn aufheften zu wollen, der am meisten zur Zerstörung dessen beitrug, was ich vorzugsweise schätzte — der, beim Himmel! mit seiner fluchwürdigen Erfindung die Achtung vor den Ahnen nahezu völlig vertilgte — dies ist eine Grausamkeit, welcher mein Bruder nie fähig geworden wäre, wenn cs ihm nicht jener höllische Drucker angcthau hätte!" Daß ein Mann im 19tcn Jahrhundert der Gnade ein solcher Vandal seyn und Onkel Noland in einer Weise sprechen konnte, deren sich sogar Tvtila geschämt haben würde — und noch obendrein so kurze Zeit nach meines Vaters wissenschaftlicher und gelehrter Rede über die Heilkraft der Bücher — dies war genug. Eine» an dem Fortschritt des Geistes und der Vervollkommnungsfähigkeit unseres Geschlechts verzweifeln zu lassen. Und gleichwohl hatte sicherlich mein Onkel ein paar Bücher in der Tasche, unter denen sich Robert Hall befand. In der That! er hatte sich in eine Leidenschaft hineingeredct und wußte nicht, welchen Unsinn er sprach. Aber diese Erplosiou des Kapitäns hat den Faden meines Gegenstandes abgerissen. Uff! ich muß athmen und wieder von Neuem anfangen! Ja, trotz meiner Unverschämtheit gewann mich doch der alte Soldat angcnschcinlich immer lieber und lieber. Wir 480 stellten gemeinschaftlich kritische Untersuchungen über das frühere Eigcnthnm der Carronc und den Stammbaum an; auch führte er mich ans langen Ausflügen nach entlegenen Dörfern, wo man vielleicht nach den Denkstein eines verstorbenen Carlo», ein Wappen oder ein Grabmahl sehen konnte. Ferner mußte ich über topographischen Werken und Grafschafts-Chroniken stndiren (der Vandale vergaß dabei ganz und gar, daß er alle diese Autoritäten nur dem verschmähten Drucker verdankte!), um die verschiedenen Histörchen über seine geliebten Todtcn ausznfinden! An Wahrheit zeigte die Graflchaft auf stundenweite Umgebung die vestixia jener alten Cartonc, und ihre Handschrift war auf mancher zerbrochenen Mauer zu finden. So unbekannt sie übrigens auch waren in Vergleichung mit jenem großen Techniker im Sanetnarinm von Westminstcr, auf den mein Vater so große Stücke hielt, schien doch klar aus der allgemeinen Achtung und aus der traditionellen Anhänglichkeit, die ich in jedem Dörfchen und in jeder Hütte diesem Namen gegenüber fand, hervorzugehen, daß die Vergangenheit, welche ihnen auf dem Wege allen Staubes geleuchtet, kein grelles Licht hatte werfen können auf entehrte Wappenschilde. Es war angenehm, Zeuge der Verehrung zu scyn, welche man diesem oder jenem kleinen Hidalgo von dreihundert und etlichen Jahren her erwies, und mit welcher patriarchalischen Zuneigung sie crwiedert wurde, Roland war ein Mann, der keinen Anstand nahm, in die geringste Hütte zu treten, sein Korkbein an dem Herde ausruhen zu lasse« und Stunden lang über das zu sprechen, was deu Bewohnern zunächst am Herzen 481 lag. »»ter-dcn,Ackcrbanern herrscht ein cigenihümlicher Geist von Aristokratie : sie lieben alte Namen und Familien nnd identifizircn sich mit den Ehren eines Hanfes, als ob cs ihren, Geschlechte angehöre. Um Rcichthnm kümmern sic sich nicht so viel, wie die mittleren Klassen nnd die Bewohner der Städte, weshalb sic denn anch eine achtungsvolle Thcil- nähme für ihren armen Adel bewahren. Dazu konnte Noland — der doch in gewöhnlichen Spcischänsern sich auf seinen Schilling den Ueberschnß Herausgeber! ließ und den zu Grunde richtenden Lurns eines Micthkabriolets zu vermeiden suchte — entschieden verschwenderisch genannt werden in seiner Freigebigkeit gegen seine Umgebung. Ans seinen väterlichen Gütern schien er ein gar anderes Wesen zu seyn; denn der schäbiggcntilc Halbsoldkapitän, der sich in dein Strudel von London verlor, schwelgte hier in einer behaglichen Würde, die selbst Chesterfield bewundert haben würde. Und wenn Zuneigung die Folge achter Höflichkeit ist, so Wunsche ich nur, lieber Leser, du hättest die Gesichter sehen können , welche Kapitän Noland von allen Seiten lächelnd zn- nickten, sobald er sich in dem Dorfe blicken ließ. Eines Tages hielt uns ein herzhaftes, freimüthigcs altes Weib an , die Noland als Knaben gekannt hatte. Da sie ihn ans meinem Arm lehnen sah, so meinte sie in ihrer derben Sprache, sie wolle mich nur anch „atllngen." Znm Glück war ich stämmig genug, um auch in den Augen einer Cumberländcr Matrone die Musterung Passiren zu können, nnd nach einem Komplimente, welches Roland Vulwcr, d!c Eartoiic. I1 18 S sehr zu gefallen schien, sagte sie zn mir, indem lle dabei ant den Kapitän deutete: „Nun, Herrlcin, Ihr habt mich eine schöne Zeil rer Euch und müßt eben versuchen, so wacker zu werden, wie er. Na, wenn Euch Gott das Leben schenkt, wird's schon gehen, denn es bat nie einen Schlechten gegeben in diesem Stannin Köpfe, freundlich geneigt auch gegen'den Geringsten , und mannhaft erhoben gegen den Höchsten — so warr ihr alle, seit ihr aus der Arche kämet. Gottes Segen über den alten Namen — obschon nicht viel Mammon bei ihm geblieben ist, hat er doch einen so guten Klang im Ohr des armen Mannes, wie ein Goldstück!" „Siehst Du seht," sagte Roland, als wir weiter gingen, „was wir einem Namen und unser» Vorvätern zu danken haben? — Wird Dir daraus nicht klar, warum der entfernteste Ahn ein Recht ans unsere Achtung nnd Berücksichtigung hat? — denn er war ein Vater. 'Ehret eure Eltern — die Gebote sagen nicht: 'ehret eure Kinder!' Wenn ein Kind uns Schande macht und den Todten nnd der Heiligkeit in dem großen Erbe ihrer Tugenden — dem Namen — wenn er das thnt —" Roland hielt plötzlich inne nnd fügte dann mitWärmc bei: „Doch Du bist jetzt mein Erbe, nnd ich habe keine Furcht! Was liegt auch an dem Leid eines thörichtcn alten Mannes? — Dem Himmel seh Dank — der Name, dieses Eigenthum von Generationen, der Name ist gerettet!" Das Näthsel war jetzt gelöst, nnd ich begriff, warum bei allem natürlichen Leid um den Verlust eines Sohnes der stolze Barer sich trösten konnte. Denn er selbst war mebr Sohn als Baker — Löhn der längst Berstorbencn. Ans jedem Grabe, wo ei» Ahne schlief, hatte er die Llimme eines Vaters gehört. Gr konnte den eigenen Verlust verschmerzen, wenn nnr seine Vorfahren nicht entehrt wurden. Noland war mehr als hälftig ein Römer — der Lohn mochte noch immer wurzeln in seiner bicbe, aber die baren bildeten einen Dstcil seiner Religion. Fünftes Kapitel. Aber ich sollte eitrig arbeiten, um mieb für G.ambrirge vorznbereiten. Znm Henker, wie kann ich'? Die Hauptsache in der akademischen Vorbereitung, die ich mir noch mebr zncignen mich, ist die griechische Komposition, such komme zu meinem Vater, der, wie man meinen könnte, bicrin genug zu Hanse war: aber man findet in der Dstat selten einen großen Getesteten, der znglcicst auch ein guter behrcr wäre. Mein lieber Vater! wenn man sich's gefallen ließ, in Deine Weise einzngehcn, so gab es nie einen bewnnecrungs- wnrdigeren Lehrer für daS Herz, den Kopf, die Grundsätze oder den Geschmack, sobale Du nur erst entdeckt stattest, daß es wirklich eine Wunde zu heilen oder eine» Mangel zu verbessern galt: Du brauchtest dann nnr Deine Brille abzn- reibcn, und mit der Hand in jenen Winkel zwifcsten Deinem Bnscnstreif und der Weste zu fastren. Aber kurz und trocken, eindringlich und regelmäßig mit dem llebnngsbnch in der l!l " Hand zu Dir zu gehen — Zeuge zu sey» von der schmerzlichen Geduld, mit welcher Du Dich in den Flitterwochen deS Besitzes losreißcst von ieuein großen Bande des Cardan — und dann zu sehe», wie die milden Augenbrauen sich all- malig in wirre Diadvnalen verziehen über irgend eine falsche Quantität oder eine barbarische Wortversicllnng bis zuletzt jenes schreckliche „I'a>n>o" hcrvorbricht, welches von Deinen Lippen sicherlich mehr besagen will, denn in den Zeiten, als das Latein eine lebende Sprache und „I>n>me!" ein natürlicher, nnpedantischer Ausruf war! — Nein, lieber wollte ich mich tausendmal durch die Finsternis! hindnrchtappcn, als mein Binsenlicht an der Lampe jcncs pblegcthonischcn „I'a- >>ae!" anznnden. Und dann Pflegte mein Vater weise nnd sreuntlich, aber mit wunderbarer Langsamkeit drei Biertheile der Verse, die man für vortrefflich gehalten, anSznstreichen nnd andere cinznschaltcn, die freilich äußerst gewählt waren, aber doch den Komponisten im Zweifel über den Grund ließen. Wenn man ihn nach dem Warum fragte, so schüttelte er verzweifelnd den Kops nnd meinte — „Du solltest das Warum fühlen!" Mit Einem Worte, es ging ihm mil seiner Gclehrsani- kcil, wie mit der Poesie; er konnte sie einem Andern ebenso wcnig beibringcn, als Pindar im Stande gewesen wäre. Einen zu lehren, wie er eine Ode machen muffe. Man alhmete wohl den Tust, konnte ihn aber ebenso wcnig erfassen nnd zergliedern, als man mit einem Qeffncn nnd Schließen der Hand den Geruch einer Rose mitzunehmcn vermag. Ich ließ meinen Vater bald im Frieden bei seinem (»ardan und dem großen Buche, das allmälig, aber nur langsam fortschritt. Onkel Jack war nämlich darauf bestanden, daß es in Quart mit Illustrationen hcransgcgebcn werden solle, und die Knpfcrtascln kosteten nicht nur ungemein viel Zeit, sondern auch eine ungeheure Summe Gelees — doch letzteres war Sache der Antibnchhändlergcsellschaft. Wie kan» ich übrigens fortarbciren. Kaum bin ich ans mein Zimmer gekommen — penitns ab oube üivisim, wie ich meine — so läßt sich schon ein Klopfen an meiner Thnre vernehmen. GS ist meine Mutter, welche in der wohlwollenden Absicht begriffen ist, alle Fenster mit Vorhänge zu versehen (eine Kleinigkeit, die Bolt entweder vergessen oder zu berücksichtigen verschmäht hatte), und nun wissen möchte, wie die Draperien bei Dir. Trevanion ansschcn — freilich nur ein Vorwand, mich in ihrer Nähe zu haben und sich mit eigenen Augen zu überzeugen, daß ich mich nicht abhärme; denn sobald sie hört, ich habe mich in meinem Zimmer eingeschlossen , so glaubt sie nicht anders, als daß mein Liebes- leid daran Schuld sey. Dann kömmt Bolt, der die Büchcr- gesimsc für meinen Vater anfertigt und mich alle Augenblicke etwas zu fragen hat, namentlich da ich ihm eine gotlusche Zeichnung mitihcilte, die ihm ungemein wohl gefällt. Ihm folgt Blanche, gegen die ich mich in einer schlimmen Stunde anheischig machte, sie das Zeichnen zu lehren; sie schleicht ans den Zehen herein, verspricht mir feierlich, mich nicht stören zu wollen, und sitzt dabei so ruhig da, daß mir alle Geduld darüber vergeht. Endlich, und dies bei weitem am 48 « öftesten, erscheint der Kapitän, der mit nur fische», spaziere» gehe» oder einen, Ausritt mache» möchte. O Schutzpatron der Jagd, heiliger Huberins! da muß auch der Rugilst so herrlich scyn, nnd ans den »nbebanten, freien Gründe» gibt es so diel Moorwild, Onkel Roland hat mir das Gewehr gegeben, mit welchem er zu schießen Pflegte, als er in meinem Alter stand — eine Flinte mit einfachem Lauf nnd Steinschloß — aber dn würdest nicht darüber gelacht haben, lieber Leser, wenn dn gesehen hättest, welche seltsame Heldenthaten sie verrichtete in Rolands Händen, während ich, so lange sie in den weinigen war, stets die Schule ans das Stcinschloß schieben mußte! Mit Einem Worte, die Zeit entschwand mir rasch, und wenn Einer von uns beiden, Roland oder ich, seine dusteren Stunden hatte, so jagten wir sie weg, che sie sich.festsetzen konnten — schoßen sic beim Aufflug durch die Schwinge. Obgleich die unmittelbare Umgebung von Nolands Wohnsitz so ranh und öde war, bot doch die Landschaft in größerer Entfernung viele Gegenstände deS Interesses dar — Gegenden, die eigentlich poetisch großartig oder lieblich genannt werden konnten. Hin nnd wieder schmeichelten wir auch den Pater von dem Cardan hinweg und verbrachten ganze Tage am Rande eines herrlichen Sees. Sieben diesen Ausflügen machte ich auch einmal einen allein nach dem Hanse, in welchen, mein Vater das Glück und den Schmer; jener ersten Liebe kennen gelernt hatte, deren Wunde» noch frisch in meiner Erinnerung klafften. Das große, ansehnliche Gebäude war verschlossen , da die 487 Trevanione sich seit Jahre» daselbst nicht hatte» blicke» lasse», und der Lnstpark auf den kleinstmöglichcn Raum beschränk!, Man sah zwar nichts von Lerfallcnheit und Trümmern, denn so weit Härte cs Trevanion nie kommen lassen, aber gleichwobl machten sich überall die traurigen Zeichen langer Abwesenheit bemcrklich. Mit Hilfe meiner Karte und einer halben Krone drang ich in das Innere des Hauses ein. Ich sah jenes denkwürdige Boudoir und konnte mir sogar die Stelle vergegenwärtigen, auf welcher mein Vater das Uriheil vernahm , das dem Strom seines Lebens eine andere Richtung anwies. Und als ich wieder zu Hause anlangte, beirael'tete ich mit frischer Innigkeit die ruhige Stirne meines Vaters und segnete aufs Nene jene zärtliche Gefährtin, welche durch ibre geduldige Liebe jeden Schatten davon verscheucht hatte. Einige Tage nach unserer Ankunft hatte ich einen Brief von Vivian erhalten. Er war der gegebenen Adresse gemäß nach meiner väterlichen Wohnung geschickt und daselbst mit einer neuen Aufschrift versehen worden. Der Inhalt bestand ans wenigen Worten: aber der Schreiber schien heiter zu sehn. Er thcilie inir mit, ir glaube endlich den rechten Weg getroffen zu haben und wolle ans demselben bleiben — er sch jetzt mit der Welt besser befreundet, als je zuvor, und die einzige Art, diese Freunoschaft aufrecht zu erhalten, bestehe darin, daß man sie wie einen zahmen Tiger behandle, in der einen Hand eine tüchtige Keule, während man mit der andern der Bestie schmeichle. Er hatte eine Banknote in einein Betrag beigeschlossen, der seine Schuld an mich L88 um Einiges überstieg, und ersuchte mich, ihn, de» Ueber- schnß ansznfolgcn, wen» er einmal als Millionär Anspruch darauf mache. Seinen, Schreiben war keine Adresse beige- sügt, aber das Postzeichen deutete au, daß es in Goldal- ming anfgegeben worden. Ich >rar so ungebührlich neugierig, in einen, alten topographischen Werk über Surre!) nackznschlagcn, und fand in einem angehäugten Wegweiser die Stelle: „dinks von dein Buchenwald, etwas über eine Stunde von Goldalming, erblickt man den schönen Wohnsitz des Francis Divian, Esqnire." Der Jahreszahl des Werkes nach zu urtheilen, Härle der besagte Francis Vivian der Großvater meines den gleichen Namen führenden Freundes sep» können, und die Herkunft dieses verlorenen Solmcs blieb mir nickt länger zweifelhaft. Die lange Vakanz war nun nahezu vorüber, nnd sämmt- liche Gäste standen jetzt im Begriff, den armen Kapitän zu verlasse». Wir hatten in der That lange genug ans seine Gastfreundlichkeit gesündigt. GS wurde beschlossen, daß ich meine Eltern zu ihren vernachlässigten Penaten begleiten uns von dort nach Cambridge anfbrcchen sollte. Unser Abschied war sckmerzlich — sogar Airs. Prim minS weinte, als ihr Voll die Hand reichte. Freilick war Bolt ein alter Soldat und naiürlick ein Damenmann. Die Brüder drückten sich nicht blos die Hände, sondern umarm ten sich zärtlich, wie heutigen Tages die Brüder selten anderswo zu thun Pflegen, als ans der Bühne. Und Blancke, die einen Arm um den Hals meiner Mutter nnd den andern um den incinen geschlungen hatte, schluchzte mir in'S Ohr: — „Aber ich will ja gern Deine kleine Frau werden/' Znm Lchlnsse »ahm die Geschwindkutsche uns alle wieder ans, die arme Blanche ausgenommen, die wir in unserem Kreise sehr vermißten. Sechstes Kapitel. /klma matcr! rtkmn mater! Das neumodische Volt mit seinen weiten Ideen über Erziehung mag Mängel an Dir finden; aber Du bist eine acht spartanische Mutter — hart und streng wie die alte Matrone, die den ersten Stein zur Einmanernng ihres Sohncö PausaniaS hcrbeibrachte — hart und strenge sage ich gegen die Wcrthloscn, aber voll majestätischer Innigkeit gegen die Würdigen. Für einen jungen Mann, der blos Brauchs halber nach Cambridge geht (von Orford will ich nicht reden, da ich es nicht kenne), um seine drei Jahre bis zu Erwerbung eines Grades unter dem großen Haufen hinznlungcrn — sür einen solchen kann Orford Street selbst, welche der unsterbliche Opiumesscr so bitter angelafsen hat, keine gleichgültigere nnd hartherzigere Mutter scvn. Wem eS aber um Studium zu thnn ist--wer die dargebotencn seltenen Borthcilc benützt nnd dabei seine Freunde mit Vorsicht anslicst —- ja, unter dieser ungeheuren Gährung jugendlicher Ideen in ihrer üppigen Kraft nur gute Genossenschaft wählt und die schlechte znrückweiSt — der kann seine drei Jahre reich machen an unvergänglichen Früchten, drei sialire eeel verbringen, selbst wenn er über die Eselsbrücke geben muß, um in de» Tempel der l5hre zu gelangen. I» dein akadeniischen Zvstem waren neuester Zeit wichtig' Veränderungen angeküneigt worden, und die ehrenvolle» Auszeichnungen fallen fort»» auch jenen Ltndirenden zu, welche in der Moral nnd in den Naturwissenschaften etwas Tüchtiges leiste». Neben dem allen Throne der Ma- tbesis stellen jetzt auch zwei sehr nützliche Fauteuils a la Voltaire. Ich habe nichts dagegen ; aber in diesen drei Jahren deS LebenS kömmt eS nicht so fast ans die gelernten Gegenstände, als vielmehr ans eie beharrliche Ausdauer in Erlernung von etwas Gediegenem an. sin einer Beziehung war cs ein Glück sür mich, daß ich ein wenig von der wirtlichen Melk, von der Hauptstadt gesehen batte, che ich in jene mimische, die klösterliche, kam; denn waS man in der letzten Vergnügungen nannte, die mich batten verlocken können, wenn ich frisch von der Lchnle weggekommen wäre, hatte jetzt keinen Reiz sür mich. DaS starke Trinken und das bohe Tpiel, eine gewisse Mischung von Rohheit und Ausschweifung gehörten, als ich mili o»n- mila I'Ianou ans der Universität nnd WordSworlh Vorstand von Trinitv war, unter den Mnssiggängcrn der Universität zur Tagesordnung: jetzt ist cS vielleicht anders geworden. lieber solche Verlockungen war ich bereits hinaus, so daß ich mich natürlich ans der Gesellschaft der Massigen anSgcschlosien und in die der Thätigen einigermaßen hinein gedrängt sah. Gleichwohl muß ich offen gestehe», daß ich nicht mehr die alte Freute an den Büchern hatte. Wenn meine Bekanntschaft mit der großen Welt die Verlockung zu knabenhafte» Ausschweifungen unschädlich machte, so hatte sie den mir inwohnendcn Hang zur praktischen Thätigkeit gesteigert, Und ach, trotz all' des Gilten, das bet Robert Hall zu erholen war, gab cs doch Zeiten, in welchen mir die Erinnerung so peinlich wurde, daß mir keine andere Wahl blieb, als ans dem einsamen Zimmer, in welchem ich von gefährlich schönen Phantomen nmspnckt wurde, hiiiansznstürzen und daS Fieber deS Herzens durch eine gewaltige körperliche Anstrengung zu ernüchtern. Das Feuer der Jugend, welches am besten auf die Erwerbung von Kenntnissen verwendet wird, war frühzeitig in den Bann von weniger streng geheiligten Altären gerathen. Wenn ich daher auch thätig war, so verließ mich dabei doch nicht ras volle Gefühl der Arbeit, welches, wie ich in einer viel späteren Periode meines Lebens entdeckte, der wahre Studircndc nie kennt. Die-Gelehrsamkeit — dieses Marmorbild — gewinnt nicht durch die Anstrengung des Mcisels, sondern dnrch die Phantasie des Bildners ihre Lebenswärme, während der mechanische Arbeiter nichts findet, als den stummen Stein, Bei Onkel Roland hatte ich nur selten eine Zeitung gesehen; in Cambridge dagegen nahm selbst bei de» fleißigsten Studenten die Lektüre der Journale die ihr gebührende Stelle ein. Man gab sich viel mit Politik ab, und ich war noch nicht drei Tage in Cambridge gewesen, als ich schon Trevanions Namen »ennen hörte. Die Zeitungen hatten E daher einen Zauber für mich. Was Trevanion von sich selbst prophezeit halte, schien in Erfüllung zu gehen, und man trug sich mit Gerüchten über eine Veränderung im Kabinet. Trcvanions Name wurde hin- und hcrgeworfen, wie ein Webcrschifflein, bald hoch erhoben, bald wieder tief hcrnntcrgcdrnckt. Gleichwohl trat der oermcintlichc Wechsel nicht ein, und das Ministerium hielt sich. Kein Wort in der Morningpost unter der Aufschrift „fashionable Neuigkeiten" über Gerüchte, die mich mehr aufgeregt haben würden, als die Bildung und der Sturz von Kabinett» — keine Hindcntnng ans „die baldige Vermählung der Tochter und einzigen Erbin eines hochstehenden und reichen Unterhansmitglieds!" Nur hin und wieder bei Aufzählung der prunkvollen Gäste in dem Hanse irgend eines Parteiführers schluckte ich das Herz wieder hinunter, das mir nach den Lippe» stürzen wollte, wenn ich die Namen Lad« Ellinor und Miß Trevanion laS. Aber unter all' den fruchtbaren Erzeugnisse» der periodischen Presse, diesen entfernten Abkömmlinge» von meinem großen Namensvetter und Vorfahr (denn ich hielt cS mit der Ansicht meines Vaters) konnte ich nirgends die litc- r a rischen Ti m cs bemerken. Was hatte ihre versprochene Blüthe so lange verzögert? Kein Blättlein in der Form von Ankündigungen war noch ans ihrer mütterlichen Erde ansgctaucht. Ich hoffte von Herzen, der ganze Plan seh anfgegcbc» worden, und mochte auch in meinen Briefen nach Hanse der Sache nicht erwähnen, damit nicht einmal der Gedanke daran in's Leben trete. Aber obschon die l i tc- 493 r>1 rischen ü i m e s ansbliebcn, erschien doch ein neues Journal, und zwar ein tägliches, ein langer, dünner, magerer Ausschößling mit einem ungeheuren Kops in der Form eines Prospektes, der drei Wochen lang an der Spitze der leitenden Artikel paradirtc, mit einem schönen und feine» Korrcsvon- denzcnleib und den kleinsten Beinen von Ankündigungen, ans denen je eine arme Zeitung ftand! Und dennoch hatte dieses schwindsüchtige Journal einen derben und vollblütigen Titel, einen Titel, der nach Schildkröten und Wildpret schmeckte, einen aldermanischen, stattliche» , großartigen Titel — cs hieß der Kapitalist. Und alle die schönen, feinen Artikel waren mit Rceepten gespickt, wie man Geld machen könne. In einem jeden Satz lag ein Eldorado. Wenn,man jener Zeitung glauben durfte, so hätte man meinen solle», kein Mensch habe je von seinen Pfunden, Schillingen und Pcneen einen entsprechenden Ertrag erzielt, lieber zwanzig Proeent wurde nur die Nase gerümpft. Es stand viel über Irland darin — dein Himmel sey Dank, nicht über sein erlittenes Unrecht, sondern über seine Fischereien. Dann kam eine lange Untersuchung, was wohl ans den Perlen geworden sey, nin derenwillen Britannien ehedem so berühmt war — eine gelehrte Abhandlung über gewisse verlorene Goldminen, die man jetzt glücklicherweise wieder entdeckt habe — ein sehr sinnreicher Borschlag, durch eine» neuen chemischen Prozeß den Ranch Londons i» Dünger zu verwandeln — ein Rath an die Armen, ihre Hühner gleich den alten Aegpptiern im Life» ansbrüten zu lassen — landwirthschaftlichc Entwürfe, die unbebauten Ländereien in England mit Zwiebeln zu 4!U besäen, nach dem bei Bedford üblichen Systeme, welches eine» Reinertrag so» hundert Pfunden ans das Acre abwerfc. Kurz, nach diesem Blatte hätte jede Ruthe Boden recht wohl ihren Mann ernähren und jeder Schilling, wir in Hobson'S Scckel, 'der fruchtbare Vater von hundert Andern' werten müssen. Drei Tage lang sprach man in dem Zei- tungszimnier des Unionsklubs über dieses Journal. Einige spotteten. Andere höhnten und wieder Andere wunderten sich, bis endlich ein übelwollender Mathematiker, der eben erst seinen Grad gewonnen und daher übrige Zen hatte, an das Morning-Eronielc ein langes Schreiben einsandte, worin er in einem Artikel, ans welchen der arme Schelm von Herausgeber dcS Kapitalisten namentlich die Aufmerksamkeit der Leser zu lenke» versucht hatte, mehr als hinreichend Fehler nachwieS, nm damit die ganze Insel Laputa Pflastern ;n können. Von dieser Zeit an las keine Seele mehr den Kapital! st en. Wie lang er sein Dasevn hinschlcpptc, weiß ich nicht; so viel übrigens war sicher, daß er nicht an einer nmlixlio sie Inn^nou,' starb. Als ich mit über den Kapitalisten lachte, dachte ich wenig, daß ich ihm lieber hätte in Flor und Tranergcwaud zu Grab folgen sollen. Gefühlloser Elender, der ich war! Aber wie ein Dichter, o Kapitalist! wurdest Du nicht entdeckt, geschätzt, gewürdigt und betrauert, bis Du todt und begraben warst und die Rechnung für Dein Monument einties! Das erste Semester meiner Universitätslanfbahn nahte sich seinem Ende, als ich von meiner Mutter einen so anfge- 4Sä regten, beunruhigenden und bei den, ersten Lesen so unverständlichen Brief erhielt, daß ich daraus »nr ersehen konnle, cd müsse unS ein schweres Unglück befallen haben. Ich hiclr inne »nd sank ans meine äiniee nieder, nm für das Leben und die Gesundheit derjenigen zu bitte», welche jenes Unglück hauptsächlich zu bedrohen schien. Dann ab-r —, gegen daS Ende dcS letzten halbverwischten SatzeS, welchen ich zwei- bis dreimal überlas — konnte ich rufen: „Gott sey Dank, Gott sey Dank — eS ist also nur von Geld die Rede!" E > ! f 1 er A I ch n > t t. Erstes Kipitel. Am andern Tage saß auf einem Anßcnplahe des .Cambridger Telegraphen ein Passagier, der seinen Reisegefährten wohl eine sehr achtunggebietende Vorstellung von seiner Kenntniß der todtcn sprachen einstößen mußte, denn in einer lebendigen ließ er keine Sylbe verlauten von dem Augenblicke an, als er jene'schlimme Höhe'erstiegen hatte, .bis zu dem Moment, welcher ihn wieder der Muttererde zurückgab. „Der Schlaf," sagt der ehrliche Tancho, „bedeckt den Menschen besser als ein Mantel." Ich schäme mich für Dich, ehrlicher Sancho! Tu bist ein trauriger PlagiariuS; denn vor Dir bat Tibnll säst das Nämliche gesagt — 496 somims suseo vcl-nil rmüclu?''* Aber ist nicht das Schweige» ei» so guter Mantel, wie der Schlaf? Hüllt es den Menschen nicht mir eben so dunkeln, undurchdringlichen Falten ein? Schweigen — welch eine Welt bedeckt cs nicht! — welche geschäftige (Entwürfe -- welche glänzende Hoffnungen und düstere Besorgnisse — welchen Ehrgeiz oder welche Verzweiflung! Sicht inan je einen Mann stundenlang in einer Gesellschaft sitzen, ohne ein unruhiges Verlangen zu suhlen, durch rie Mauer zu dringen, die er zwischen sich und Andern anfgebant hat? Hat er nicht weit mehrJntereffe für dick, als der prunkhastc Sprecher zu deiner Linken »nd der nie ruhige Witzling zu deiner Rechten, dessen Pfeile an der düster» Schranke des schweigenden ManneS abprallcn? Schweige», dunklere Schwester von Nor und Erebus, wie erstreckst dn dich, Schichte ans Schichte, Schatten auf Schatten und Finsterniß ans Finstcrniß, von der Hölle bis znm Himmel über deinen beiden Lieblings- Plätzen, dem menschlichen Herzen und dem Grab! In meinen Uebcrrock und in mein Schweigen gehüllt, vollbrachte ich also die Reise, und am Abend des zweiten Tages erreichte ich das alte Backsteinhaus, Wie schrill tönte die Klingel in meine Ohren! Wie seltsam und Unheil verkündend erschien meiner Ungeduld das Licht, das durch die Fenster der Halle blinkte! Mein Herz pochte laut, als ich das Gesicht des Dieners musterte, welcher ans mein Läuten die Thüre öffnete, „Alles wohl?" rief ich, * Tilmllus III, I, 55, l!17 „Ja, Alles wohl, Sir," antwortete der Bediente hei^ rer, „Mr, Sgnills ist zwar lei dem Herrn, aber ich denke nicht, daß dies etwas zu bedeuten hat/' Jetzt erschien meine Mntter ans der Schwelle, und ich lag in ihre» Armen, „Lisch, Lisch ! — mein lieber, lieber Sohn! — ach, Du bist vielleicht znm Bettler geworden — nnd durch meine — meine Schule!" „Durch Eure? — Kommt roch in dieses Zimmer, daß man Euch nicht hören kann, — Durch Eure Schuld?" „Ja, ja! — deun hätte ich keinen Bruder gehabt oder mich nicht verfuhren lassen - - wenn ich, wie ich gesollt, den armen Austin gebeten hätte, sich nicht —" „Meine liebe, thcure Mntter, Ihr legt Euch Dinge zur Last, die, wie es scheint, durch das Unglück meines Onkels — sicherlich nicht durch seine Schuld herbeigeführt wurden ! (Diese Tröstung ging mir schwer vom Herzen,) Nein, legt den Borwnrf auf die rechten Schultern — auf die Schultern jenes schrecklichen verstorbenen Ahnherrn, des Buchdruckers William Earton; denn obschou ich die Ein- zclnheiten des Vorgefallencu noch nicht kenne, will ich doch eine Wette darauf cingchen, daß Alles mit jener vcrhänguiß- vollen Erfindung des Bücherdrucks zusammenhängt. Nun, wie sicht's mit dem Baker — er ist doch wohl?" „Ja, dem Himmel sey Dank!" „Und auch Ihr, und ich, und Roland, und die kleine Blanche! Nun, dann haben wir wohl ein Recht, dem Himmel zu danken, denn unsere wahren Schätze sind unange- Bnlwcr, die Cartone. 32 tastet. Doch ich bitte, setzt Euch nieder, und erklärt mir die Lache." „Ich kann flc nicht erklären, denn ich oerstehe irciter nicht davon, als daß er, mein Bruder — ach, der meinige! — Austin verstrickt hat, in — in —" (ein neuer Erguß von Thräncn). Ich tröstete, schmälte, lachte, predigte und beschwor in Einem Athem; dann ergriff ich den Arni meiner Mutter und führte sie sanft mit fort nach dem Studirzimmer meines Bakers. An dem Tische saß Mr. Squills, die Feder in der Hand und ein Glas seines Licblingspunsches znr Seite. Mein Vater stand vor dem Kamine: sein Gesicht war um einen Schatten bleicher, zeigte aber einen entschlossenen Ausdruck, der bei seiner indolenten gedankenvollen Sanftmuth etwas Neues war. Als die Thüre anfgieng, erhob er die Augen, legte, wie er meiner Mutter ansicktig wurde, den Finger an seine Lippen und sagte heiter: „Der Schaden ist nicht so groß. Glaube Ihr nicht. Weiber übertreiben stets und machen ans ihren Acngstcn eine Wirklichkeit. Es ist ein Fehler ihrer lebhaften Einbildungskraft, welche, wie Wieras klar nachweist, den unschuloigen Kindern, noch che sie geboren sind, Muttermale und Hasenscharten anhängt. Mein lieber Sohn," fügte er bei, als ich ihn mir einem Kuß begrüßte und ihm lächelnd ins Gesicht sah, „ich danke Dir für dieses Lächeln. Gott segne Dich!" Er drückte mir die Hand und wandte sich ein wenig bei Heile. 4!l!l „Es ist ein großer Trost," »ahm mein Vater nach einer kurzen Panse wieder auf, „bei einem eintretenden Unglück zu wissen, daß mau cs nicht ändern kann. SqnillS hat eben entdeckt, daß mir der Höcker der Vorsicht fehle und ich, craniologisch gesprochen, sicherlich meinen Kopf an einer andern Unktngheit verrannt haben würde, wenn ich dieser entgangen wäre." „Ein Mann mit Eurer Schärelbildnng ist dazu geschaffen, hintergangen zu werden," bemerkte Mr. Squills tröstend. „Hörst Du dies, liebe Kitry — und hast Du das Herz, dem Jack länger Vorwürfe zu machen — einem armen Geschöpfe , das leider mit einem Höcker versehen ist, um die Stockbörse zu stürmen? Kann man wohl den Einstüsscn eines solchen Höckers widerstehen, Squills?" „Unmöglich!" versetzte der Wnndarzt im Tone einer nnnmstößlichcn Gewißheit. „Früher oder später muß er Einen mit seinen luftigen Maschen verstricken — ist's nicht so, Squills? — den dazu Bestimmten fassen in seiner verhängnißvoklcn Gehirnzelle. So lauert das Schicksal ans ihn wie der Ameisenlöwe in seiner Grube." „Nur zu wahr," entgegnere Squills. „Welche treffliche phrenologischc Vorlesungen hättet Zbr nicht halten können!" „So geh denn, meine picbe," sagte mein Vater, „und mache Niemand mehr einen Vorwurf, als dieser meiner traurige» Eintiesnng, wo die Vorsicht — nicht vorhanden ist! Geh' nnd besorge für Ststy ein Nachtessen; renn Squills 22 ' 500 sagt, seine mathematischen Organe sehen schön entwickelt, nnd wir bedürfen seiner Hülse. Wir stecken tief in Zahlen, Pisislratns." Meine tief bekümmerte Mutter gehorchte unterwürfig nnd schlich sich, ohne ein Wort zu erwicdern, nach der Thüre. Als sie jedoch die Schwelle erreicht hatte, wandte sie sich nnd winkte mir, ihr zu folgen. Ich finsterte meinem Vater zu nnd ging hinaus. Meine Mutter erwartete mich in der Halle. Ich sah beim Licht der Lampe, daß sic ihre Thräucn getrocknet hatte nnd ihr Gesicht gefaßter war, obschon sie noch immer sehr traurig aussah. „Sisth," sagte sic mit gedämpfter Stimme, indem sie versuchte, mit Festigkeit zu reden, „versprich mir, daß Du mir Alles sagen willst, das Schlimmste, Sisth. Sie halten cs vor mir geheim, nnd dies ist für mich die härteste Strafe; denn wenn ich nicht Alles weiß, was er — was Austin leidet, so ist es mir, als habe ich sein Herz verloren. Oh, Sisth! mein Kind, mein Kind! besorge nichts von mir! Was nns auch befallen mag, ich werde glücklich sehn, wenn ich nur mein Vorrecht wieder znrückerhalte — mein Vorrecht, zu trösten und Theil zu nehmen! — Verstehst Du mich?" „ Ja wohl, meine thcnre Mutter! und Ihr werdet mit Eurem theilnchmcnden Sinn und Eurem klaren Frauenver- stand der beste Bcrather sehn, den wir finden können, sobald Ihr fühlt, wie sehr wir solcher Eigenschaften bedürfen. Macht Euch daher keine Sorge — wir Beide habe» keine Geheimnisse vor einander." 501 Meine Mutter küßte »nch und entfernte sich niil weniger schweren Tritten. Als ich in das Zimmer zurückkehrte, kam mein Vater ans mich zu »nd umarmte mich. „Mein Sohn/' sagte er mit bebender Stimme, „wenn Deine bescheidenen Aussichten im Leben zu Grunde gerichtet sind —" „Vater, Vater, könnt Ihr in einen, solchen Augenblick an mich denken! An mich! — Jft's möglich, einen jungen, gesunden, kräftigen Menschen zu Grunde zu richten! Mich zu Grunde zu richten mit solchen Muskel» nnd Sehnen — mit der Erziehung, die Ihr mir gegeben habt — diesen Sehnen und Muskeln des Geistes! O nein — nnted solchen Umständen sind die Tücken Fortnna's machtlos! Und Ihr vergeht, Vater, — den Saffrausack!" Squills sprang ans, wischte sich mit der einen Hand die Augen »nd versetzte mir mit der ander» einen schallenden Klaps ans die Schulter. „Ich bin stolz ans die Sorgfalt, die ich Eurer Kindheit zu Theil werden liest, Master Carlo». So muß es kommcn, wen» man in frühester Jugend die Verdannngsorganc gehörig kräftigt. Eine solche Gesinnung ist ei» Beweis, dast die Ganglien sich in vollkommener Orcnnng befinden. Wenn Einer eine Zunge hat, so glatt nnd rein, wie die Enrigc zuverlässig sehn muß, so entschlüpft er dem Unglück wie ein Aal." Ich lachte laut hinaus, und mein Vater verzog die Lippen zu einem matten Lächeln. Dann setzte ich mich nieder, nahm ein Blatt auf, das Squills mit seinen Notizen bedeckt hatte, nnd sagte: SOL „Es gilt also, die unbekannte Größe anszufindcn. llm's Hiinmels willen, was ist dies? 'Anschlag der Bücher 750 Pfund'. O Vater! dies ist unmöglich. Ich war auf Alles gefaßt, nur auf Dieses nicht. Eure Bücher — sie sind Euer Leben!" „Nicht doch," versetzte mein Vater; „sie sind in rem vorliegenden Falle hauptsächlich der schuldige Dhcil und müssen daher zuerst als Opfer fallen. Außerdem habe ich, wie ich glaube, das Meiste von ihnen im Kopfe. Ilcbrigens zeichnen wir hier nur unsere Habseligkeiteu auf, damit wir (fugte er stolz bei) nicht entehrt dastehen, mag kommen, waS da will." „Laßt ihn gewähren," flüsterte Sguills; „wir werden die Bücher schon zu rette» wissen." Dann fügte er laut bei, indem er Finger und Daumen auf meinen Puls legte — „eins, zwei, drei, ungefähr siebenzig — vortrefflicher Puls — weich und voll — er kann die ganze Dosis Wohl ertragen. Also her damit." Mein Vater nickte — „Allerdings. Aber, Pisistratus, wir müssen vorsichtig umgehen mit Deiner lieben Mutter. Ich sehe nicht ein, warum mau sie auf dem Glanbcn lassen sollte, sie müsse sich Borwürfe machen, weil der arme Jack einen falschen Weg einschlug, tun uns zu bereichern. Freilich sind, wie ich schon früher zu bemerken Gelegenheit hatte, Sphinr und Aenigma weibliche Namen." Mein armer Vater! dies war ein fruchtloser Versuch, 5N3 deinen gelohnten unschuldigen Humor in Anwendung zu dringe». Seine Lippen bebten. Dann kam die Geschichte heraus. Als man die Veröffentlichung der literarischen Times zu nnternehmen beschlossen hatte, waren durch Onkel Jack's unermüdliche Anstrengungen eine Anzahl Actionärc zusammcngetretcn, und ans der klnterzeichnungsliste fignrirte der Name meines Paters angenfällig als der des Inhabers von dem vierten Tlieil der Gesammtaeticn. Wenn mein Vater eine solche Unklngbeit begangen, so hatte er wenigstens nichts gethan, was nach den gewöhnlichen Berechnungen eines von der Welt abgeschiedenen Gelehrten hätte zu Grunde richtend werden können. Aber gerade in der Zeit, als wir so hastig London verließen, stellte Jack meinem Vater vor, es dürfte nöthig scvn, den Plan der Zeitung ein wenig zu ändern und, um einen größeren Leserkreis anznlocken, auch die gewöhnlichen Neuigkeiten und Interessen des Tages zu berühren. Eine Veränderung des Plans konnte möglicherweise auch einen andern Titel fordern, wcßhalb er meinem Vater die Zweckmäßigkeit zu Gcmüthe führte, ihm über den technischen Namen und die Horm der Veröffentlichung völlig freie Hand zu lassen. Mein Vater ertheiltc arglos seine Zustimmung , weil ihm dis Versicherung gegeben wurde, daß die übrigen Actionäre vollkommen damit einverstanden wären. Mr. Peck, ein woblhabendcr Buchdrucker von sehr achtbarem Namen, batte sich anheischig gemacht, auf die Garantie der besagten Actiennntcrzeichnnngcn und eines zugäblichc» Bürgschaft-Dokumentes, in welchem mein Vater Mr. Tibbets 504 ermächtigte, untc'r Zustimmung der übrigen Ackionäre die Form ober den Titel der Zeitschrift in jeder räthtich erscheinenden Weise zu ändern — die erforderliche Lumme für Veröffentlichung der ersten Nnmmcrn vorzuschießcn. Nun scheint es, daß Mr. Peck in seinen früheren Eonfercnzen mit Mr. Tibbets viel kalt Wasser auf die Idee der literarischen Times gegossen und einen Gedanken angeregt halte, welcher 'das Geld besitzende Publicum fangen sollte. Es stellte sich nämlich nachher heraus, daß der Buchdrucker, dessen Unternehmungsgeist dem des Onkel Zack verwandt war, bei drei oder vier Speculationen sich bethciligt halte, und es mußte ihm natürlich sehr angenehm scpn, eine Gelegenheit zu finden, durch welche er die Aufmerksamkeit des Publikums auf seine anderen Unternehmungen lenken konnte. Mit Einem Worte, mein armer Vater hatte London kaum den Rücken zngekehrt, als die literarischen Times auf- gegeben wurden und Mr. Peck und Mr. Tibbets ihre lichtvollen Ansichten in jener glänzenden und cometenartigcn Erscheinung zu conecntriren begannen, welche zuletzt unter dem Titel „der Kapitalist" hcrvorloderte. Von diesen! veränderten Unternehmen hatte sich der klügere und zahlungsfähigere Thcil der ursprünglichen Aetio- näre ganz und gar zurückgezogen. Es war allerdings noch eine Mehrheit vorhanden, die aber meist ans Actionären bestand, welche den Einflüssen Onkel Jacks am ehesten zugänglich und bereit waren, Actien auf Alles zu nehmen, da sie in der That Herren über Nichts waren. Durch die Bürgschaft meines Vaters gesichert, konnte der waghalsige Peck de» Kapitalisten kühn rom Stapel lasse». Alle Mauer» wurden mit Ankündigungen beklebt, und Cirknlare liefe» den einem Ende des Königreichs bis znui andern. Man warb Agenten und Corrcspondcnten in Masse, so daß der Einfall des .Verres in Griechenland nicht großartiger vorbereitet seyn konnte, als der Sturm, welchen der Kapitalist auf die Leichtgläubigkeit und die Habsucht dcö menschlichen Geschlechts beabsichtigte. Aber wie die Vorsehung den Fischen das Werkzeug der Floße» verliehen hat, damit sie sich im Gleichgewicht halten und auch die schnellste» Bewegungen durch die psadloscn Tiefen lenken können, so begabt dieselbe schützende Macht die kaltblütigen Geschöpfe unserer eigenen Art, welche man unter dem xenu« Geldmacber znsammcnfasscn kann, mit den siofienartigen Eigenschaften derKlnheit und Vorsicht, vermittelst deren der ächte Geldmann mit majestätischer Sicherheit durch die großem Meere der Spekulation schwimmt. Kurz, schon das erste Klatschen des ansgeworfenen Netzes scheuchte schnell alle Fische von hinnen. Sie kamen zwar heran und schnüffelten mit ihren hapfischartigcn Knmpfnase» an den Maschen, ließen aber dann jene unschätzbaren Flößen spielen und machten sich davon, so schnell sie konnten, bald in den Schlamin tauchend, bald unter Klippen und Korallenbänken sich verbergend. Metapher bei Seite, die Kapitalisten knöpften ihre Taschen zu und wollten nichts mit ihren» Namensvetter zu schassen haben. Von diesem Wechsel, so abschreckend er auch für die Denkweise des armen Austin Carlo» sehn mochte, hatte weder Peck, noch Tibbcts anch nur Ein Sterbenswörtchen verlauten lassen. Mein Vater aß, schlief, arbeitete an dem großen Buche und brückte nur bin und wieder seine Verwunderung aus, warum mau nichts rwu der Herausgabe der literarischen Times höre, ohne eine Ahnung von der schweren Verantwortlichkeit zu habe», in welche ihn der Kapitalist verstrickte; denn von diesem wußte er so wenig, als von de», letzten Anlehen der Rothschild,'. Für jedes menschliche Wese», meinen Vater ausgenommen, hätte cs wohl schwer werden müssen, nicht ein entrüstetes Anathema über den planmachenden Kops des Schwa- gers anSznstoßcn, welcher die heiligsten Pflichten des Vertrauens und der Verwandtschaft verletzt und einen nur der Einsamkeit lebenden, arglosen Mann in solcher Weise verstrickt hatte. Wir müssen übrigens Jack TibbetS die Gerechtigkeit widerfahren lassen, daß er der festen Uebcrzcugnng lebte, der Kapitalist müsse meinen Vater zu einem reiche» Manne machen, und wenn er ihm die seltsame und regelwidrige Entwicklung nicht mittheilte, mit welcher die ursprünglichen literarischen Times ihre schlummernde Puppe zu ihrem bedentnngsvollen Flug durchbrochen hatten, so geschah dies rein und ausschließlich in dem Bewnßtsepn, daß meinen Vater seine „Vornrtheile", wie er sie nannte, hindern könnten, ein Krösus zu werden. Onkel Jack hatte so von ganzer Seele an sein Projekt geglaubt, daß er sich ganz in Mr. Pecks Hände gab, ans seinen eigenen Namen Wechsel in fabelhaftem Betrag ansstellte und jetzt wirklich in dem Fleet saß, von wo ans sei» rcnmüthiges, verzweifeltes Bekenntnis! datirt war. Mit letzterem lies gleichzeitig ein kurzes Schreiben des Mr. Pcck ei», in welchem dieser achtbare Buchdrucker meinem Vater mittheiltc, er habe auf eigene Gefahr die Veröffentlichung des Kapitalisten fr lauge fortgesetzt, als cs eine kluge Sorge für seine Familie räthlich erscheinen ließ; er brauche ihm übrigens nicht zu sagen, daß ein neues tägliches Jonrnal ein kostspieliger Versuch und der Aufwand für eine Zeitung, wie der Kapitalist, unendlich größer sey, als der für eine bloße literarische Zeitschrift, wie dies ursprünglich beabsichtigt worden: er sehe sich jetzt genöthigt, die Actionärc um die vorgeschosscncn Summen anzngche», die sich auf mehrere Tausende beliefen, und bitte meinen Vater, die Sache schleunigst auszugleichen. Er ließ dabei die zarte Andeutung fallen, Mr, Carton möge selbst so gut wie möglich mit de» andern Actiouären zurecht kommen, obschon er bedaure, beifügen zu müssen, daß ihn Mr, Tibbets verleitet habe, Personen für ocrmözlich zu halten, welche in Wirklichkeit nicht über einen Strohhalm zn verfügen hätten! Dies war jedoch noch nicht alles Unheil, Die „Große Antibnchhäudlcrvcrlagsgcsellschast," welche eine Zcitlang ihr Daseyn fortgeschleppt und Lebenszeichen von sich gegeben hatte durch Ankündigungen unterschiedlicher Werke von solidem und dauerndem Interesse, unter denen »eben einer pomphaften Liste von „Gedichten" „Schauspielen, nicht für die Bühne bestimmt," „Versuche von Philentheros, Philan- thropos, Philopolis, Philodemus und Philalethes" — „die Geschichte des menschlichen Jrrthnms, I, und II, Band, Quart mit Illustrationen," obcitan stand — die Anttbnch- bändlcrgesellschaft, sage ich, welche bisher durch solche Auswüchse aus ihrem zarten Stamm werdendes und blüthen- treibendeS Leben an den Tag gelegt hatte, starb an einem Plötzlichen FrühlingSfrvst dahin, sobald ihre Sonne, nämlich Qnkcl Jack, in den kimmerischen Regionen des Fleet nnter- gegangen war. Ein höflicher Brief von einem andern Buchdrucker (o William Carton, William Carlo», Verhängnis- voller Ahn) unterrichtete meinen Pater von diesem Ereignis? und machte ihm daS Kompliment, er werde sich an ihn „als daS achtbarste Mitglied der Gesellschaft" wegen des Aufwandes halten, welcher nicht nur durch die sehr kostbare Ausgabe der Geschichte des menschlichen Jrrthums, sondern auch durch den Druck der „Gedichte," der „Schauspiele, nicht für die Bühne bestimmt," der „Persuche von Philen- tberoS, Philanthropos, Philopolis, Philodcmns und Phila- letheS," desgleichen mehrerer anderer Werke veranlaßt wurde, die ohne Zweifel sehr wcrthvoll wären. aber noth- weudig einen beträchtlichen Geldverlust in Aussicht stellten. Ich gestehe, daß ich mich verwirrt und betäubt in meinen Stuhl znrücklehnte, nachdem ich obige liebliche THatsachen erfahren und von Mr. Sgnills die Mitthcilnng erhalten hatte, cs scheine, daß mein Pater allerdings gesetzlich zu Befriedigung dieser Forderungen verpflichtet sey. „Tn siehst also," sagte mein Pater, „daß wir bis jetzt noch im Dunkeln mit den Ungeheuern kämpfe» — und in der Dunkelheit fleht jedes llnthier größer und häßlicher ans. Sogar der Kaiser Angnstns, der doch gewiß sich nie ein S0S Bedenken daraus machte, die Geisterwelt nach Gutdünken zu bevölkern, hatte großen Respekt vor einem Besuch ans derselben und blieb daher nie allein in tonebri«. Wie hoch sich die Lummen belaufen, die man von mir in Anspruch nimmt, wissen wir nicht, und ebenso dunkel und «»bestimmt ist, waö sich etwa von den andern Actionären erzielen läßt; aber zuerst müssen wir darauf denken, de» armen Jack ans dem Ge- fängniß zu erlösen." „Den Onkel aus dem Gefängniß zu erlösen?" rief ich. „Wahrhaftig, Vater, dies heißt die Vergebung zu weit treiben." „Warum? Er säße nicht in Haft, wenn ich nicht so blindlings die Schwächen des armen Mannes vergessen hätte! Ich hätte ihn besser kennen sollen! Aber meine Eitelkeit verleitete mich, und ich mnßte ein großes Buch drucken lassen, als ob cs (Mr. Carton sah sich dabei nach seinen Gesimsen um) nicht große Bücher genug in der Welt gäbe! Ich mußte ferner darauf denken, das Wissen in der Form eines Journals zu fördern und in Umlauf zu bringe» — ich, der ich nicht einmal den Charakter meines eigenen Schwagers hinreichend zu benrtheilen verstand, um das Verderbe» von nur abznhalten! Mag kommen, waS da will — ich würde mich selbst für den gemeinsten Menschen halten, wenn ich dieses arme Geschöpf, dessen fire Idee ich kannte, im Gefängniß modern ließe, weil es mir — den: Augustin Carton — an gesundem Menschenverstand fehlte. Und er ist Deiner Mutter Bruder, Pisistratns," fügte er entschlossen bei. „Ich wäre jetzt schon in London; aber wie ich hörte, Deine Mutter Hube Dir geschrieben, wollte ich noch znwarten, um ihr in Deiner Gesellschaft doch Hoffnung und Trost zurücklasscn zu können — ein doppelter Legen, der jeder Mutter aus einem Sohne, wie Du bist, zulächelt. Morgen trete ich die Reise an/' „Keine Rede davon," sagte Mr, Tgnills mit Festigkeit, „Als Euer ärztlicher Berather verbiete ich Euch, vor Ablauf der nächste» sechs Tage das Hans zn verlassen," Zweites Kapitel. „Sir," fuhr Mr, Sqnills fort, indem er das Ende einer Eigarre abbiß, die er aus seiner Tasche hervorzog, „Ihr gebt mir doch zn, daß Ihr wegen einer sehr wichtigci«-An- gelegcnhcit nach London zn gehen beabsichtigt?" „Dies kann keinem Zweifel unterliegen," versetzte mein Baker, „Uns die gute oder schlimme Ausführung eines Geschäftes hängt ganz von dem Zustande ab, in welchen! sich der Körper befindet!" rief Mr, SgnillS trinmphirend, „Wißt Ihr, Mr, Earton, daß, während Ähr so gelassen ansschl und so ruhig sprecht — nur um Euren Sohn zu ermnthigcn und Eure Frau zu täuschen — wißt Ihr auch, daß Euer Puls, welcher gewöhnlich nicht viel mehr als sechszig Schläge zählt, jetzt nahezu hundert hat? Wißt Ihr, Sir, daß Eure Schleimhäute in einem Zustand großer Aufregung sich befinden, wie man an den Papillen ans der Spitze Eurer Zunge bemerkt? Und wenn Ihr nur einem solchen Puls und einer solchen Zunge Geldgeschäfte abzu- machrn gedenkt gegen eine Bunde von «erschlagenen Ge- werbslcnten, so kann ich nur sagen, daß Ihr ein zn Grund gerichteter Mann scyd." „Aber —" begann mein Batcr, „Hat nicht Squire Nollick," fuhr Mr. Sqnills forr — „Squire Rollick, der doch der härteste Kopf ist, den ich kenne — hat er nicht jene hübsche, kleine Meierei, Scramch Holt, für dreißig Procent unter ihrem Werth verkauft? Und was war die Ursache, Sir? — Die ganze Grafschaft stannte darüber!'—Was war die Ursache davon? Nichts anderes, als ei» beginnender Anfall von Gelbsucht, der ihn bewog, das menschliche Leben und die Landwirthschaft in einem trüben Lichte anzusehcn! Andererseits, hat nicht der Advokat Cool, dieser klügste Mann in allen drei Königreichen — Advokat Cool, der so methodisch war, daß alle Thnrm- nhren der Grafschaft nach seiner Taschenuhr gerichtet wurden, eines Morgens Hals über Kopf sich in eine unsinnige Spekulation zn Knltivirnng der Sümpfe in Irland eingelassen? (Seine Uhr ging die nächsten drei Monate nicht mehr richtig, so daß unsere ganze Grafschaft den übrigen um eine Stunde voran war,) Und waS war die Ursache.davon ? Niemand wußte es, bis ich gerufen wurde und die Entdeckung machte, daß seine Gehirnhäute sich in einem Zustande akuter Ansregung befanden, wahrscheinlich just in der Gegend der Organe des Erwerbtriebcs und der Idealität, Nein, Mr, Carton, Ihr werdet zn Hause bleibe» und ein bcrnhigendeS Präparat auS Lattichblätterll nnd Snmpsiiial- veu cinnchmcii, das ich buch schickt» will. Aber ich — (fügte Sgnills bei, indem er seine Eigarrc anzündete und ei» paar entschlossene Züge that), ich will »ach London geben nnd die Angelegenheit für Euch ins Neinc bringein Dieser jnngc Gentleman soll mich begleiten, denn sein Verdanungs- vermögen ist gerade in einem Zustand, daß er ungefährdet mit jenen schrecklichen Elementen der Dyspepsie, den Advokaten, sich befassen kann." Während Mr. SguillS so spracb, setzte er bcdentnngs- voll seinen Fnst ans den »willigen. „Aber," »ahm mein Vater in mildem ronc wieder ans, „obgleich ich Euch für Euer frenndliches Anerbieten sebr dankbar bi», Sgnills, so sehe ich doch die Nothwcndigkeit nicht ein, cs anznnehmcn. Ich bin kein so schlimmer Philosoph, als Ihr z» glauben scheint, nnd der erlittene Schlag hat meine physische Organisation nicht in einem Grade verwirrt, daß ich dadurch unfähig würde, »iciiic Angelegenheiten zu besorgen." „Hnm!" brummte Sgnills, indem er aussprang und meines Vaters Handgelenk faßte. „ScchSnndnennzig — sechsundncunzig ans den Schlag hin! und die Zunge, Sir!" „Pah!" versetzte mein Vater; „Zhr habt ja meine Zunge „och nicht einmal gesehen!" „Ist auch nicht nöthig, denn ich erkenne dies an dem Znstand der Augcnlieder — Spitze scharlachrotst, Seiten ranh, wie ein Mnskatnußreiber." 518 „Pah!" entgegnete mein Vater auf's Nene, diesmal aber ungeduldig, „Gut," sagte Squills feierlich, „Es ist meine Pflicht, Euch darauf aufmerksam zu machen (hier trat meine Mutter ein, um mir mitzutheilen, daß mein Nachtessen bereit sey), und auch Euch sage ich es, Mrs, Cartou, und Euch, Mr. Pisistratus Cartou, da ihr doch am meisten dabei betheiligt seyd — wenn Ihr in dieser Angelegenheit nach London geht, Sir, so stehe ich nicht für die Folgen." „Austin, Austin!" rief meine Mutter, indem sie auf ihren Gatten zueilte und ihre Arme um seinen Nacken schlang, während ich, den der ernste Ton und das Aussehen deö Arztes weniger beunruhigten, meinem Vater auf's Kräftigste vorstcllte, wie nutzlos es sey, wenn er gleich Anfangs sich selbst in die Sache mische. Er könne ja doch nicht weiter thun, als nach seiner Ankunft in London die Angelegenheit einem geschickten Advokaten übergeben, und dieS sey ein Geschäft , welches wir in seinem Namen ebenso gut zu besorgen im Stande wären; cs sey Zeit genug, ihn herbei zu bescheiden, wenn sich einmal der Umfang des Unglücks klarer herausgestellt habe. Inzwischen ließ Mr. Squills den Puls meines Vaters nicht los, und meine Mutter hielt seine» Nacken umschlungen. „Sechsundneunzig—siebenundneunzig!" stöhnte Squills mit hohler Stimme, „Ich glaube es nicht!" rief mein Vater fast leidenschaftlich, — „Ich bin in meinem Leben nie wohler, nie ruhiger gewesen." Bulwer, die Cartone. 33 SIL „Und die Zunge. — Seht nur ferne Zunge an, MrS, Carton — eine Zunge, Madame, so feurig, daß Ihr dabei lesen könntet!" „O Austin, Austin!" „Ich versichere Dir, meine Liebe, au meiner Zunge ist kein Fehler," versetzte mein Vater durch die Zähne sprechend, „und dieser Mann da weiß von ihr so wenig, als von den Mpsterien zu Eleusis," „So streckt sie heraus," rief Squills, „und wen» es nicht so ist, wie ich sage, so sollt Ihr meine Erlaubniß haben, nach London zu gehen und dort Euer ganzes Vermöge» in die zwei großen Gruben zu werfen, die Ihr dafür gegraben habt. Streckt sie heraus!" „Mr, Squills!" entgegnete mein Vater, und das Blut stieg ihm in's Gesicht — „Mr, Squills schämt Euch," „Lieber, thenrer Austin! Deine Hand ist so heiß — wahrhaftig. Du mußt ein Fieber haben," „Kein Gedanke daran," „Aber so laßt doch Mr. Squills seinen Willen, Vater," ergriff jetzt ich einschmeichelnd das Wort, „Da, da!" sagte mein Vater, den wir so zur Fügsamkeit gebeizt hatte», denn er ließ jetzt für einen Augenblick daß äußerste Ende seines besiegten Beredtsamkeits - Organs sehen. Squills stürzte mit Luchsaugen herbei, „Roth , wie ein gesottener Krebs, nnd rauh, wie ein Stachelbeerbusch!" rief der Doktor im Tone wilder Freude. 515 Drittes Kapitel. Wir war es möglich für eine einzige Zunge, die so geschmäht, verfolgt, gedemüthigt, beschimpft und im Triumphe behandelt wurde, drei anderen zu unterstehen, welche, sieb gegen sie verbündet hatten? Mein Vater gab endlich nach, und Squills erklärte mit großer Heiterkeit, er wolle mit mir zu Nacht speisen und dafür sorgen, daß ich nichts genieße , was seinem Vertrauen auf mein System Unehre machen könnte. Meine Mutter blieb bei ihrem Austin zurück, während der gute Wundarzt mich beim Arme nahm. Wir hatten kaum das nächste Zimmer erreicht, als er sorgfältig die Thüre schloß, sich die Stirne wischte und zu mir sagte: „Ich denke, wir haben ihn gerettet!" „Ihr glaubt also, die Reise hätte wirklich meinem Vater so nachiheilig werden können?" „So nachtheilig? — Ei, Ihr thörichter junger Mann, seht Ihr denn nicht ein, daß er bei seiner Geschästsunkennt- niß in allen Dingen, die ihn selbst betreffen — obschon für die Angelegenheiten Anderer weder Rollick noch Cool ein besseres Urtheil besitzt — und bei seine» verwünschten guiro- tischen Begriffen von Ehre, die noch obendrein sich jetzt in einem Zustand großer Aufregung befinden, geradenwegs zu Mr. Tibbets Hineinstürzen und ausrusen würde: 'Wie viel seyd Ihr schuldig? Hier ist es!' In gleicher Weise hätte er mit diesen Buchdruckern traktirt und wäre ohne ein Sirpeneestück wieder hciingekommen, während wir beide, Ihr 33 « v-"—- - ... SIS und ich, kaltblütige Umschau halten und die Entzündung auf das Minimum zurückbringen können!" „Ich sehe dies ein und danke Euch von Herzen, Sguills." „Außerdem," fuhr der Wundarzt mit mehr Gefühl fort, „hat Euer Vater in der That eine edle Selbstüberwindung an den Tag gelegt. Er leidet mehr, als Ihr glaubt, nicht um seinetwillen (denn ich bi» überzeugt, falls er allein in der Welt wäre, so würde er sich vollkommen zufrieden geben, wenn er sich nur jährlich fünfzig Pfunde und seine Bücher erhalten könnte), sondern wegen Eurer Mutter und wegen Eurer. Wäre nun noch eine weitere Aufregung zu der getreten, welche mit einer Reise nach London in einer solchen Angelegenheit verbunden ist, so hätte die Sache wohl mit einem Schlagsinß oder mit einem epileptischen Anfalle endigen können. Jetzt aber bleibt er geborgen hier, und die schlimmste Neuigkeit, die wir ihm mitthcilen können, wird immerhin »och besser seyn, als das, auf was er sich gefaßt gemacht hat. Aber Ihr eßt ja nicht." „Esten! Wie kann ich? Mein armer Vater!" „Die Einwirkung, welche der Kummer vermittelst des Nervensystems auf die Magensäfte übt, ist merkwürdig," sagte Mr. Squills philosophisch, indem er sich zu einem Stückchen Braten verhalf; „sie erhöht den Durst, während sie den Hunger vertreibt. Nein — laßt nur den Portwein stehe»! — er ist erhitzend. Leres und Wasser." 5t7 Viertes Kapitel. DieHausthüre ging hinter Mr. Squills zu — er hatte versprochen, am nächsten Morgen zum Frühstück zu kommen, so daß wir mit einander von dem Gartenthor aus in den Wagen steigen konnten, und ich saß allein bei meinem Nachtessen, das Vernommene bei mir erwägend, als mein Vater bereintrat. „Pisistratus,." sagte er ernst, indem er im Zimmer umherschaute, „Deine Mutter! — wenn cs zum Aeußersten käme, so müßte cs Deine erste Sorge seyn, zu versuchen, ob Tu nicht etwas für sie retten kannst. D» und ich, wir beide sind Männer — uns kann es nie fehlen, so lange unser Geist und Körper gesund bleibt; aber eine Frau — und wenn mir etwas znstieße —" Meines Vaters Lippe bebte, als er diese kurze» Sätze sprach. „Mein lieber, thcurer Vater," versetzte ich, mit Mühe meine Thräncn unterdrückend, „wie Ihr selbst bemerkt habt, sieht ein Nebel, das man noch fürchtet, viel schlimmer aus, als es ist. Unmöglich kann Euer ganzes Vermöge» auf dem Spiele stehen, denn die Zeitung erschien ja nur einige Wochen, und von Eurem Werke ist blos der erste Band gedruckt. Außerdem sind ja auch noch andere Aktionäre vorhanden, die ihre Dividende zahlen müssen. Glaubt mir, ich habe die beste Hoffnung für den Erfolg meiner Sendung. Was meine arme Mutter betrifft — verlaßt Euch darauf, so ist es nicht der S18 Vermögensverlust, der sie verwunden wird, denn an diesen denkt sie sehr wenig, sondern der Verlust Eures Vertrauens." „Meines Vertrauens?" „Ja. Theilt ihr alle Eure Besorgnisse und Hoffnungen mit. Laßt nicht Euer liebeoolles Mitleid sie aus irgend einem Winkel Eures Herzens ausschließen." „Das ist cs — ja, das ist es, Austin, — »>ein Gatte — meine Freude — mein Stolz — meine Seele — mein Alles !" rief eine sanfte gebrochene Stimme. Meine Mutter war hereingeschlicheu, ohne daß wir eS bemerkt hatten. Mein Vater sah uns beide an, und die Thränen, welche schon vorher in seinen Augen geperlt hatten, rannen ihm jetzt über die Wangen. Er öffnete seine Arme, in welche sich feine Kitty wonnig warf, erhob die feuchten Augen gen Himmel, und ich sah au der Bewegung seiner Lippen, daß er Gott dankte. Ich schlich mich aus dem Zimmer, denn ich fühlte, daß diese beiden Herzen allein gegen einander schlagen mußten. Und ich bin überzeugt, daß von dieser Stunde an Augustin Carton eine weit kräftigere Philosophie i» sich aufgenommen hatte, als die der Stoiker. Die Standhaftigkeit des verhehlten Schmerzes war nicht länger nöthig, da der Schmerz nicht mehr gefühlt wurde. Ilg Fünftes Kapitel. Wir beide, Mr. Squills und ich, vollendeten unsere Neise ohne Abenteuer und ohne viel Unterhaltung, da wir nicht allein in der Kutsche waren. Wir nahmen unsere Herberge in einem kleinen WirthshauS der City, und am andern Morgen machte ich mich auf den Weg, um Trevanion zu besuchen, denn wir waren darüber einig geworden, daß er uns am besten werde berathen können. Leider mußte ich in St. JameS Square hören, daß die ganze Familie vor drei Tagen nach Paris abgcreiSt war und erst bis zum nächsten Zusammentritt deS Parlaments wieder zurückerwartet wurde. Dieö war eine traurige Entmuthiguug, denn ich hatte viel auf Trevanions klaren Kops und seine außerordentliche Einsicht in allen Geschästssachen gerechnet — eine Einsicht ins praktische Leben, die meinem alten Gönner selbst seine bittersten Feinde nicht absprechen konnten. Zunächst lag uns daran, TrevauiouS Sachwalter anszufinden (denn Trevanion war einer von den Männern, welche sicherlich ihre Geschäfte nur sehr tüchtigen und thätigcn Anwälten vertrauten). Freilich überließ er den Advokaten so wenig, daß ich währen» seiner ganzen Bekanntschaft mit ihm nie Gelegenheit hatte, etwas von seinen Rechtsfrcundcn zu erfahren, und ich kannte daher keinen auch nur dem Namen nach. Ebensowenig konnte mir der Pförtner, welchem die Obhut des Hause« anvertraut worden war, hierüber Auskunft geben. Zum Glück entsaun ich mich deS Sir Sedlev Beaudesert, welcher sso > 1 -^.^-' ^ mir wahrscheinlich die gewünschie Mitihcilung machen oder jedenfalls einen andern Aovokatcn empfehlen kvnnie. Z» ihm lenkte ich jetzt meine Schrille. Ich fand Sir Sedleh beim'Frühstück mit einem jungen Gentleman, der ungefähr zwanzig Jahre zu zählen schien. Der gute Bawnct war entzückt, mich zu sehen, schien aber — bei seiner ungezwungenen Herzlichkeit ein seltener Fall .— ein wenig in Verlegenheit zu gerathcn, als er mich seinem Vetter, dem Lord Castletvn, vvrstellte- Der Name war mir bekannt, obschon ich seinen hochadeligen Träger nie zuvor gesehen hatte. Der Marquis von Castlcton war in der That ein Gegenstand sowohl des Neides für junge Müßiggänger, als des Interesses für graubärtige Politiker. Ich hatte oft von dem „glücklichen Castleton" gehört, der, sobald er majorenn wurde, ein so großes Vermögen antreten sollte, daß man die Träume Aladdins damit verwirklichen konnte — ein Vermögen, das während seiner Minderjährigkeit sich mehr und mehr angehäust hatte. Auch war ich oft Zeuge gewesen, wie die ernsteren Plauderer sich in Muthmaßungen ergingen, ob Castleton wohl am öffentlichen Leben thätigcn Aniheil nehmen und den Familicneinfluß aufrecht erhalten werde. Seine noch lebende Mutter war eine treffliche Frau und hatte von seiner Kindheit an stets sich bemübt, ihm den Verlust des Vaters zu ersehen und ihn für seine hohe Stellung zu befähigen. Er stand ig dem Rufe eines geistvollen jungen Mannes, denn er war durch einen Hofmeister von großer akademischer Auszeichnung erzogen worden und hatte sich in SSt Orford um akademische Preise beworben. In der That war dieser junge Marquis das Haupt einer von jenen wenigen noch in England vorhandenen Familien, welche die Bedeutsamkeit des alten Adels aufrecht erhalten. Seinen Einfluß verdankte er nicht nur seinem Rang und seinem ungeheuren Reichthum, sondern auch einem ausgedehnten Kreise mächtiger Verwandten, der Tüchtigkeit seiner beiden Vorfahren, welche feine Politiker und Kadinctsministcr gewesen waren, dem Nimbus, welchen sie seinem Namen hinterließcn, der cigenthümlichen Lage seiner Besitzungen, welche ihm nicht weniger als sechs Parlamentssitze in Großbritannien und Irland zur Verfügung stellte, und noch außerdem jenem mittelbaren llebcrgewicht, welches das Haupt der Castletone stets über viele hochstehende und edle Verbündete dieses fürstlichen Hauses geübt hatte. Ich wußte nicht, daß er mit Sir Scdley verwandt war, dessen Wirkungskreis dem politischen so ferne stand, und vernahm daher nicht ohne Ileberraschnug, jedenfalls aber mit einigem Interesse die Ankündigung, daß ich vielleicht vom Rande tiefster Verarmung ans diesen jungen Erben eines fabelhaften Eldorados vor mir sah. Es war leicht zu bemerken, daß Lord Castlctons Erziehung darauf hingcwirkt hatte, ihm seine künftige Größe und ihre ernste Verantwortlichkeit fühlen zu lassen. Wie unendlich hoch stand er nicht über allen jenen Neigungen, die man gewöhnlich bei der Jugend dcS niedrigeren Adels wahrnimmt; man hatte ihn nicht gelehrt, sich selbst nach dem Schnitte eines Rockes oder nach der Form eines HuteS abzuschätzen. Seine Welt lag weit über St. James Street 522 und den Cluben, Er war einfach, obschon in einem ihm eigenthümlichen Style gekleidet — eine Weiße Halsbinde, welche damals für den Morgengebrauch nicht so ganz ungewöhnlich war, wie hent zn Tage, Beinkleider ohne Stege, leichte Schnhe nnd Gamaschen, Sein Benehmen zeigte nichts von der hochmüthigcn Apathie, welche den Dandp charakteriflrt, wenn ihm Jemand vorgestellt wird, bei dem er zweifelt, ob er ihm auch ans WhiteS Bogenfenster zu- winkcn könne — von solchen gemeinen Geckenhaftigkeiten hatte Lord Eastletou nichts an sich ; nnd doch konnte man nicht leicht einen jungen Gentleman sehen, der mit mehr Emphase den Namen eines Dandy verdiente. Ohne Zweifel hatte man ihm gesagt, als das Haupt eines Hanfes, welches an sich schon eine Partei im Staate bildete, müsse er fein nnd höflich gegen alle Menschen seyn; und diese Pflicht, auf eine eigenthümlich kalte und ungesellige Natur gepfropft, verlieh seiner Höflichkeit etwas so Steifes nnd Herablassendes, daß Einem darüber das Blut nach den Wangen schoß — obschon der augenblickliche Nergcr durch den fast lächerlichen Gegensatz in seiner gnädig majestätischen Haltung nnd seiner bedeutungslosen Figur mit dem knabenhaft bartlosen Gesichte anfgevogen wurde, Lord Eastlcton begnügte sich nicht mit einer bloßen Verbeugung gegen mich, als der Ba- ronet mich ihm vorstellte; denn zu meiner großen Verwunderung , wie er wohl zu den an den Tag gelegten Kenntnissen gekommen seyn mochte, hielt er an mich eine kleine Anrede nach Art Ludwigs XIV,, wenn er einen Landadelichen vor sich hatte — sorgfältig modcllirt nach jenem königlichen Grundsätze leutseliger Politik, welcher einem König auferlcgt, von der Geburt, Herkunft und Familie auch deS geringste» Edelmanns Etwas zu wissen. Es war eine kleine Rede, in welche meines Vaters Gelehrsamkeit, meines Onkels Kriegsdienste und die liebenswürdigen Eigenschaften meiner Wenigkeit gar zierlich eingewoben waren — vorgetragen in einem Falsett-Tone, als sey sie auswendig gelernt, obschon sie nothwendig nichts Anderes, als seine Ansprache aus dem Stegreif sepn konnte. Dann setzte er sich und machte mit dem Kops sowohl, als mit der Hand eine huldreiche Bewegung, wie wenn er mich ermächtigen wollte , ein Gleiches zu thnn. Die nun folgende Unterhaltung bestand aus galvanischen Stößen und krampfhaften Anläufen — eine Unterhaltung , durch welche Lord Castleton den armen Sir Sedley ganz ans seiner gewohnten, behaglichen Weise zu bringen wußte, so daß dieser entzückende Mann, welcher verdientermaßen gewohnt war, an seinem eigenen Tische der Coryphäus zu sepn, völlig zum Schweigen gebracht wurde. Seine leichte Lektüre, sein reicher Anecdotenschatz und seine launige Kenntniß der Salonwelt gab ihm kaum ein Wort an die Hand, das zu den großen, gewaltigen und ernsten Dingen Paßte, welche Lord Castleton, während er an seiner Röstschnitte nagte, auf den Tisch warf. Nur die bedeutungsvollsten und praktischsten Gegenstände des menschlichen Interesses schienen für diesen künftigen Leiter unseres Geschlechts einen Reiz zu besitzen. Die Sache verhielt sich nämlich so, daß man Lord Castleton Alles gelehrt hatte, was zu dem Eigenthum 524 in Beziehung steht — ein Wissen, das einen sehr weilen Kreis beschreibt. Man hatte ihm gesagt: „Ihr werdet ein unermeßliches Eigenthum besitzen, deshalb sind Kenntnisse wesentlich für Eure Sclbsterhaltung. Man wird Euch jeden Tag Eures Lebens zu verwirren, zu betrügen, lächerlich zu machen und zu bethären suchen, wenn Ihr nicht vertraut sepd mit Allem, wodurch das Eigenthum angegriffen oder ver- theidigt, geschwächt oder erhöht werden kann, Ihr habt eine unabsehbare Aufgabe im Land — müßt also alle Interessen Europas, ja der ganzen cioilisirteu Welt kennen lernen, denn sie wirken ans Euer Vaterland zurück, und die Interessen Englands sind von größter Wichtigkeit für die Interessen des Marquis von Castlcton." So der Zustand des Continents — die Politik Metternichs — die Verhältnisse der päpstlichen Staaten — die Zunahme des Radikalismus — die geeignete Methode, mit dem Geist der Demokratie umzngehen, der in den europäischen Monarchien epidemisch ist — ras Wechselocrhältniß der ackerbauenden und fabriei- rendcn Bevölkerung — die Krongesetze, die Geld-Cursc und die GesindeOrdnung — die Kritik über die Hauptwortführer im Unterhaus nebst einigen discursioen Bemerkungen über die Wichtigkeit der Vichmast — die Einführung des Flachses in Irland — die Auswanderung — die Lage der Armen — die Lehren des Mr. Owen — die Kartoffelkrankheit — die Wechselbeziehung zwischen Kartoffeln, Pauperismus und Patriotismus; diese und ähnliche staunenerregendc Bctrach- tungsgcgenstände, die sammt und sonders mehr oder weniger von der einzigen Idee des Castleton'schen EigcnthumS ans- 82S gingen, besprach und fertigte der junge Lord in einem halben Dutzend gezierten, wohlabgewogenen Sätzen ab, und ich muß ihm die Gerechtigkeit widerfahren lassen, daß er dabei umfassende Kenntnisse und eine gewaltig feierliche Geistcs- richtnng an den Tag legte. Das Komische dabei war, daß die so ansgewählten und behandelten Gegenstände nicht so fast von einem junge» Advokaten oder einem frühreifen National-Oekonomen in Anregung gebracht wurden, sondern ron einer so prunkvollen Lilie des Feldes. Von einem Manne, der weniger hoch im Range stand, würde man sicherlich gesagt haben, „geschcidt, aber naseweis;" es lag aber wirklich etwas Achtbares in einer Person, die zu einem solchen Vermögen geboren war und wohl sich hätte damit begnügen können, im Sonnenschein ihres Glücks zu schwelgen, wenn sie freiwillig sich alle Mühe gab, um ihre eigenen Interessen, die Interessen des Castletvn'schen Besitzes, mit de» Angelegenheiten geringerer Sterblichen zu identificiren, so daß man fühlte, der junge Marquis trage den Stoff in sich, ein ganz ausgezeichneter Mann zu werden. Der arme Sir Sedley, der in allen diesen Dingen so fremd war, wie in der Theologie des Talmud, gab nach einigen vergeblichen Anstrengungen, die Unterhaltung in ein leichteres Gelclse zu bringen, sich für überwunden und nahm mit einem mitleidigen Lächeln auf seinem schönen Gesicht seine Zuflucht zu dem Armsessel und zu der Betrachtung seiner Tabaksdose, Endlich kündigte zu unserer großen Erleichterung der Bediente Lord Castletons Wagen an, und der gnädige Herr ^rs ging seines Weges. nachdem er abermals an mich eine Anrede mm hinreißender Lcutseligkeir gehalten nnd Sir Sedlev kalt die Hand gedrückt hatte. Das Frühstückzimmcr sah »ach der Straße hinaus, nnd ich trat mechanisch an das Fenster, während Sir Sedlev seinem Gaste folgte. Eine Reiseequipage mit vier Postpferden stand an der Thüre, und ein Bedienter, der wie ein Ausländer aussah, wartcre unten mit dem Mantel seines Gebieters. Als Lord Castleton in die Straße hinaustrat und sich in den kostbaren, mit Zobelpelzwerk besetzten Mantel hüllte, bemerkte ich erst recht die Schmächtigkeit seiner hinfälligen Gestalt nnd die ungewöhnliche Blässe seines hageren, frcudearmen Gesichtes. Statt Neid empfand ich jetzt Mitleid mit dem Cigcnthümer aller dieser Pracht und Größe — ich fühlte, daß ich meine derbe Gesundheit, meinen leichten Humor und meine lebhafte Empfänglichkeit für die Freuden, die im Bereich aller Menschen liegen, nicht hätte vertauschen mögen gegen de» Reichthum und die Größe, welche dieser arme Jüngling vielleicht um so mehr verdiente, weil er sie so wenig zum Dienste des Vergnügens in Anspruch nahm. „Nun," sagic Sir Sedlev, „was haltet Ihr von ihm?" „Kr ist ganz ein Mann, welcher dem Mr. Trevanion gefallen würde," versetzte ich ausweichend. „Ihr habt Recht," antwortete Sir Sedley mit ernster Stimme, wobei er mich eben so ernst anblickte. „Habt Jhr's schon gehört? — doch nein, Ihr könnt noch nichts davon erfahren haben." „Von was erfahren?" „Mein lieber junger Freund," verscyre der wohlwollendste und zartfühlendste ron allen seinen Genrlemen, indem er bei Seite trat, um nickt Zeuge der Aufregung zu seyn, die er hervorricf, „hord Eastleron reist nack Paris, um sich den Trevanioncn anznsckließen, DaS Ziel, welches bady Minor schon seif Jahre» am Herzen lag, ist erweicht, und unsere schöne Fanny wird Marquise von Eastleton werden, sobald ihr Verlobter majorenn ist — das heißt in sechs Monaten, Die beiden Mütter baben Alles unter sich abgemacht !" Ich gab feine Äntwori, sonder» sah fortwährend zum Fenster hinaus, „Diese Verbindung war das einzige," nahm Sir Sed- ley wieder ans, „was noch fehlte, um Trevanions Stellung zu sichern. Wenn das Parlament wieder Zusammentritt, wird er Minister werden. Der arme Manu — wie beklage ich ihn! Ich kann gar nicht begreife,»," fuhr Sir Sedlev fort, indem er im Zimmer auf- und abschritt, um wohlwollend mir volle Zeit zu lassen, mich wieder zu fassen, „wie ansteckend die Krankheit ist, welche man in unserem neblich- ten England daS Geschästsleben nennt, Ihr seht, nicht nur Trevanion leidet an ihr in der schlimmsten uno verwickelsten Form, sondern auch mein lieber armer Vetter da, der noch so jung ist (hier seufzte Sir Sedley) und sich's so wohl scyn lassen könnte, ist schlimmer daran, als Ihr in der Zeit wäret, während welcher Euch Trevanion fast zu Tod plagte. Aber freilich ein Name und eine Stellung, wie die eines Casilcton, muß eine schwere Last sehn für einen gewissenhaften Mann. Ihr seift, wie alt ihn das Gefühl seiner Verantwortlichkeit schon gemacht hat — wahrhaftig zwei große Runzeln unter seinen Angen. Nun, im Grnnde bewundere ich ihn doch und achte seinen Erzieher, denn der von Natur ans wahrscheinlich sehr magere Boden ist anss Sorgfältigste knltivirt worden. Mit Trevanions Beihülse wird Eastleton ohne Zweifel der erste Mann in der Pcerskammer — eines Tags wohl gar Premier-Minister Werren, lind wenn ich daran denke, wie dankbar ich seinem Baker und seiner Mutter seyn sollte, die ihn noch in ihrem reiferen Alter zeugten, — denn wäre er nicht geboren worden, so gehörte ich vielleicht jetzt unter die unglücklichsten Menschen — ja nicht mir vielleicht, da dann sicherlich jenes schreckliche Margnisat auf mich gekommen wäre! Nie denke ich an Harare Walpoles Leidwesen, als er die Grafschaft Orfort antrat, olme die tiefste Theilnahme und ohne einen Schänder vor dem Gedanken, dessen mich die gute Lad« Castleton so freundlich überhoben hat — es war eine Folge des Emserbrunnens, den sie »ach zwanzigjähriger Ehe brauchte! Nun, mein junger Freund, wie stehts zu Hause?" Wie wenn irgend ein berühmter Schauspieler noch nicht hinter den Coulisscn angelangt ist, da ihn sein Anzug zu lange in Anspruch nimmt oder er sich von einem Ertraglas aufregender Flüssigkeit noch nicht ganz erholt hat und deshalb, weil der grüne Vorhang ungebührlich lange nicht aufgehen will, das Orchester sich barmherzig mit einem erstaunlich langen Vorspiel abmüht, um, ehe Lodoiska oder der Frei- schütz austritt, dem harrende» Publikum die Zeit zu ver< treiben und dem zögernden Hystrio hinreichend Muße zu lassen, seine fleischfarbenen Pantalons anzuziehcn und sich den für einen Coriolan oder Macbeth paffenden Anstrich zu geben — ebenso hatte auch Sir Sedley diese lange Anrede, welche keiner Erwiederung bedurfte, gehalten, bis er bemerkte, daß die Zeit gekommen setz, nm kunstreich mit dem Schnörkel einer Schlußfrage zu schließen und dem armen Piflstratus Carton Gelegenheit zu geben, sich zu sammeln und vorzu- treten. Es liegt gewiß etwas ausgesucht Freundliches und ein sinniges Wohlwollen in jener seltenen Gabe — in der seinen Bildung; und als ick mich jetzt, ermannt und entschlossen, umwandte und Sir Scdley's sanftes blaueö Auge scheu, aber gütig mir zugewendet sah, während er mit einer Anmuth, die seit Pope's Tagen wohl nie ein anderer Tabakschnupfcr an den Tag gelegt hat, ruhig sich mit einer Prise von der berühmten Bcaudesert Mischung erfrischte da fühlte ich mein Herz so sehr von Dank gegen ihn erfüllt, wie wenn er mir wunder welche Gefälligkeit erwiesen hätte. Seine Schlußsrage — „Wie steht es zu Hause?" gab mir meine Fassung wieder und zerstreute für den Augenblick die Bitterkeit meiner Gedankein Ich thcilte ihm in Kürze die Lage meines Vaters mit, obschon ich mit der Ausdehnung unserer Besorgnisse an mich hielt und von der Sache nur als von einer Verlegenheit, nicht aber von einer Verstrickung sprach, die möglicherweise uns zu Grunde richten konnte. Zum Schluß bat ich Sir Bulwer, die Carte»«, At Gedieh, mir die Adresse von Trcvanions Rechtsfreund zu geben. Der gute Baronet hörte mir mit großer Aufmerksamkeit zu und der durchdringende Geist des Weltmanns ließ ihn bald entdecken, daß ich den Gegenstand weit leichter berührt hatte, als einem getreuen Berichterstatter ziemte. Er schüttelte den Kopf, setzte sich ans das Sopha und winkte mir, an seiner Seite Platz zu nehme»; dann lehnte er seinen Ar», über meine Schultern und sagte in seiner verführerischen gewinnenden Weise: „Wir zwei junge Bursche sollten einander verstehen, wenn wir von Gclvangelegenheiten sprechen. Zu Euch kan» ich sagen, was ich Eurem trefflichen Vater, der — wenigstens drei Jahre älter ist, als ich, nicht zu sagen im Stande wäre. Offen also — ich vermuthc, dies ist eine schlimme Angelegenheit. Ich weiß nicht viel von Zeitungen, mit Ausnahme einer Subscription ans ein Journal in meiner Grafschaft, die mich ein kleines Einkommen kostet; so viel aber ist mir bekannt, daß ein Londoner Tagblatt einen Mann in wenigen Wochen zu Grunde richten kann. Und was die Aktionäre betrifft, mein lieber Carton, so ließ ich mich einmal beschwatzen, mich bei einem Actienunternehmen zu Herstellung eines Kanals, der über meine Güter gehen sollte, zu betheiligen, und dieser Kanal schwemmte mir zuletzt reine dreißig Tausend Pfund fort! Die anderen Actionäre ertranken darin wie Pharao und sein Heer im rothen Meere. Doch Euer Vater ist ein großer Gelehrter und darf nicht mit derlei Sache» gequält werden.. Ich bin noch tief in seiner 531 Schuld; denn er war in Cambridge sehr freundlich gegen mich und brachte mir die Liebhaberei für Lektüre bei, welcher ich die angenehmsten Stunden meines Lebens verdanke. Wenn Ihr also durch die Advokaten habt ausfindig machen lassen, wie weit sich das Unglück erstreckt, so müffen eben wir beide zusehcn. wie wir es am besten wieder gut machen können. „Ei zum Henker, mein junger Freund — ich habe keine Belästigung, wie das unhöfliche Bedientenvvlk Weiber und Kinder zu nennen Pflegt, und bin kein unglücklicher, reichbegüterter Millionär, wie dieser arme, gute Castleton, welchem so viele Plichten gegen die Gesellschaft obliegen, daß er keinen Schilling ausgeben kann, es sey dann in einer großartigen Weise und rein zum Besten des Publikums. Geht also zu Trevanions Rechtsfreund, mein Junge — er ist auch der meinige. Ein gescheidter Kerl — scharf wie eine Nadel. Mr. Pike, in Great Ormond Street — sein Name steht auf einem Messingschild; und wenn er de» Betrag ermittelt hat, so wollen wir junge Luftspringer einander aushelfen, ohne daß die alten Leutlein ein Wörtchen davon zu erfahre» brauchen." Wie wohlthuend wirkt es nicht auf das ganze Leben, wenn man in der Jugend solcher Freundlichkeit und solchem Edelmuth begegnet! Ich brauche kaum zu sagen, daß ich ein zu treuer Repräsentant von dem Gelehrtenstolze und dem Ilnabhängig- kcitssinne meines Vaters war, um dieses Erbieten anzunehmen, und wahrscheinlich ließ sich Sir Sedlep, so reich und freigebig er auch war, nicht träumen, bis zu welcher Aus- 34 " dehnung ihn mein Vorschlag verstricken konnte. Ich gab ihm jedoch meine» Dank in einer Weise zu erkennen, welche angenehm und rührend einwirktc ans diesen letzten Abkömmling der de Coverley, und verfügte mich von seinem Hanse aus geraden Wegs nach dem Bureau des Mr. Pike, an den mir Sir Sedlci) ein kleines Empfehlungsschreiben mitgab. Ich fand in Mr. Pike genau den Mann, wie ich ihn mir auS Trcvanions Charakter vorgcstelli hatte — kurz, rasch und schnell fassend in Frage und Antwort — eindrucksvoll und etwas hoch in seinem Wesen, nicht zu sehr mit Arbeit überhäuft, aber doch hinreichend beschäftigt, um*sich Erfahrung und eine achtbare Stellung zu sichern — weder alt, noch jung — weder eine pedantische Pergamentmaschine, noch ein leichtfertiger, hudelnder Lasse mit den Manieren von Westend. »Es ist eine garstige Geschichte," sagte er, „und sie bedarf recht sehr einer geeigneten Behandlung. Laßt übrigens Alles drei Tage laug bei mir und hütet Euch, inzwischen weder Mr. Tibbcts, noch Mr. Peck in die Nahe zu kommen. Wen» Ihr dann nächsten Sonnabend um zwei Ilhr bei mir versprechen wollt, so sollt Ihr meine Ansicht über das Ganze erfahren." Bei diesen Worten blickte Mr. Pike nach der Uhr, weß- wegen ich meinen Hut aufnahm und mich entfernte. Es gibt keinen entzückenderen Platz als eine große Hauptstadt, wenn man sich gemächlich darin eingcwohnt hat, methodisch über seine Zeit verfügen, kann und Geschäftssinn-, den sowohl, als die Zeit für das Vergnügen in gehörigem »33 Vcrhältniß abzutheilen weiß. Ein flüchtiger, unbefriedigender Besuch jedoch — der Aufenthalt in einem WirthehauS — und zwar in einem Wirthshaus der City — mit einem drückend schweren Anliegen auf der Seele, von dem man erst nach drei Tagen etwas Näheres hören soll, und einem schmerzenden, eifersüchtigen, trostlosen Leide auf dem Herzen, wie es bei mir der Fall war — einem Leide, das Einen nicht nur nicht zur Thätigkeit lommen läßt, sondern auch jede Lust am Vergnügen erstickt — oh, unter solchen Verhältnissen wird eine große Hauptstadt iu der That etwas höchst Peinliches! Sie ist das Schloß der Uuthätigkeit, nicht wie Thomson es baute, sondern wie Vcckford in seiner Halle von Eblis es zeichnet — ein stetes Hin- und Herwandern, ein Ab- und Zugehen in einem schauderhast großen Raume, wobei man die Hand auf's Herz drückt, und — oh, waS ist dagegen ein Ritt auf einem halbgezähmtcn Pferde durch die unabsehbaren grünen Oeden von Australien! Dies ist der Platz für einen Mann, der in dem modernen Babel keine Heimath findet und dessen Hand stets an dem Herzen liegt, um de» ewig brennenden Gram zu bewältigen. Mr. Squills verlockte mich am zweiten Abend in eines der kleinen Theater und fühlte sich überglücklich in Allem, was er sah und hörte. Während ich mit einer krampfhaften Anstrengung meiner Kinnbacken gleichfalls zu lachen versuchte, erkannte ich plötzlich in einem der Schauspieler, welcher in der Ehrfurcht gebietenden Rolle eines Dorfbüttcls auftrat, ein Gesicht, das ich schon früher gesehen hatte. Einige Minuten später war ich von der Seite meines Begleiter? 534 verschwunden und befand mich in Mitte jener seltsamen Welt — hinter den Coulissc». Mein Büttel war zu geschäftig nnd hatte zu gewichtige Angelegenheiten zu besorgen, um mir vor Beendigung des Stücks eine gute Gelegenheit zu geben, ihn auzureden. Dann faßte ich ihn, wie er eben freundschaftlich einen Krug Porter leerte mit einem Gentleman in schwarzen Kniehosen und einer Bortcnweste, welcher in dem dreiakligen bürgerlichen Schauspiel, das die Belustigung des Abends schloß, die Rolle des trostlosen Vaters spielen sollte. „Entschuldigt mich," sagte ich einleitend : „aber wie der Schwan ganz passend bemerkt — 'was sich kennet, darf sich nicht vergessen'." „Der Schwan, Sir?" rief der Büttel entsetzt. „Der Schwan hat sich nie zu diesem verdammten schottischen Sprüchwort herabgelaffcn!" „Der Tweed hat so gut seine Schwäne, wie der Avon, Mr. Peacock." „Bst — bst — stille — stille — sti — i — sie! flüsterte der Büttel in großer Unruhe, indem er mich wild unter seinen mit Kork bemalten Augbrauen hervor ansah. Dann nahm er meinen Arm und riß mich fort. Nachdem er mich so weit gebracht hatte, als cs die engen Grenzen der kleinen Bühne gestatteten, fuhr er fort: „Sir, Ihr habt einen Vortheil vor mir, denn ich kann mich Eurer nicht entsinnen. Ah, Ihr braucht die Augen nicht so aufzusperren. Alle Hagel, Sir, ich lasse mich nicht durch eine eisenfreffcrischc Miene einschüchtern — es ging Alles in ehrlichem Spiele zu. Wenn Ihr mit Gentlemen spielen wollt, Sir, so müßt Ihr Euch cmch die Folgen gefallen lachen." Ich beeilte mich, den Ehrenmann zu beschwichtigen. „In der That, Mr. Pcacock, wenn Ihr Euch besinnen wollt, so weigerte ich mich, mit Euch zu spielen. Es fällt mir nicht ein, Euch beleidigen zu wollen, sondern ich bin im Gcgcntheil gekommen. Euch über die treffliche Durchführung Eurer Nolle ein Kompliment zu machen und zu fragen, ob Ihr letzterer Zeit nichts von unserem jungen Freunde, dem Mr. Vivian, gehört habt?" „Vivian? — nie was gehört von diesem Namen, Sir. Vivian! Pah, Ihr wollt mich zum Besten haben. Sehr gut!" „Ich versichere Euch, Mr. Pcac-" „Bst — bst — wie znm Henker wißt Ihr denn, daß ich einmal Peac — hieß, das heißt, man nannte mich Pcac —, ein Spitzname unter Freunden, weiter nicht — laßt ihn fallen, Sir, oder Ihr'erfüllet mich mit edlem Zorn'!" „Schon gut; 'die Rose duftet süß, was auch ihr Name sey,' wie wenigstens diesmal der Schwan sehr richtig bemerkt. Aber auch Mr. Vivian scheint andere Namen zur Verfügung zu haben. Ich meine einen jungen, schönen Mann oder vielmehr Jüngling von dunkler Gesichtsfarbe, den ich eines Morgens in Eurer Gesellschaft unter den Linden eines Straßenwirthshauses traf." „O — h!" versetzte Mr. Pcacock mit sehr erleichterter Miene, „ich weiß, wen Ihr meint, »bschon ich mich nicht S36 erinnere, früher das Vergnügen gehabt zu haben, Euch zu sehen. Nein, ich habe in letzter Zeit nichts von dem jungen Manne gehört. Ich wünschte Wohl zu erfahren, wo er sich «mtreibt. Er war 'ein Gentleman nach meiner Art,' Der herrliche Will hat ihn auf'S Haar getroffen, wenn er sagt: 'Vs eine! sich in ihn, Auz', Schwert und Zunge Des Höflings, Kriegers und Gelehrten,' Eine solche Hand mit einem Billardstock! — Ihr haltet sehen sollen, wie er 'die Saifenblase Ruhm vor der Kanonenmündung' suchte. Ich darf wohl sagen," fubr Mr, Peacock mit Nachdruck fort, „daß er ein regelmäßiger Trumpf war, Trumpf?" wiederholte er betroffen, als ob er dieses Wort bereue, „Trumpf — nein er war ein Eckstein!" Dann heftete er die Augen auf mich , ließ seine Arme sinken, wobei er die Finger in der Weise des Talma bei dem berühmten „Yu'en äis-tu?" verschlang, und fuhr mit hohler Stimme langsam und bestimmt fort: „Wann — saht — Ihr — ihn, — jung — er M — m — a — n — nn?" Als ich bemerkte, daß Mr, Peac — den Stiel gegen mich umwandte, und ich keine Lust hatte, ihm auf die Spur des armen Vivian zu helfen, der also, wie ich mit großer Zufriedenheit wahrnahm, diese nicht sehr achtbare Bekanntschaft aufgegebcn hatte, so suchte ich durch einige ausweichende Sätze die Neugierde dieses Ehrenmannes abzuwen- den, bis er in aller Eile aufgeboteil wurde, seinen Anzug für das bürgerliche Schauspiel zu Wechsel», lind so schieden wir, S37 Sechstes Äapirel. Ich hasse Weitschweifigkeiten ebenso sehr wie mein Leser nnd will mich daher mit der Angabe begnügen, daß Mr. Pike zwar nicht nach Ablauf non drei Tagen, aber doch nach drei Wochen mit unserer Angelegenheit zu Stande gekommen war. Er hatte die Sache so bewundernswürdig cingelcitet, Laß nach dieser Zeit Onkel Zack seine Haft verlassen konnte und mein Vater mit einem Drittheil der Summe, welche uns Anfangs zu unserem entrüsteten Entsetzen abgefordert wurde, davon kam — letzteres noch obendrein in einer Weise, welche das Gewissen des pünktlichsten Formalisten zufrieden gestellt haben würde, dessen Beitrag znm Nationalschatz wegen unterlassener Zahlung der Einkommensteuer je der Kanzler des Staatsschatzes anznerkennen die Ehre hatte. Gleichwohl war die Summe im Verhältnis zu dem Einkommen meines Vaters sehr groß. Da kamen zuerst Jacks Schulden , dann die Ansprüche des Druckers, welchen die Anti- buchhändlergesellschast beschäftigt hatte (einschließlich der so weitläufig besprochenen sehr kostspieligen Kupferplatten für die Geschichte des menschlichen Jrrthums, die großentheilS fertig dalagen), vor Allem aber die Verbindlichkeiten, welche für den Kapitalisten ausgelaufen waren, dessen Zubehör mit der Pflanze, wie Mr. Peck technisch einen großen llpasbanm nannte, der in Typen, Kiste», Buchdruckerpressen, Dampfmaschinen u. s. w. sich verzweigte, jetzt um den dritten Theil des Ankaufpreiscs wieder verkauft werden sollte — dazu die Ankündigungen und Zettel, mit wel- 538 che» man alle verfallenen, im Schuir stehenden Mauern der drei Königreiche beklebt hatte, die Honorare für die Berichterstatter und Schriftsteller, welche wenigstens auf ein Jahr für den Kapitalisten gedungen worden waren und deren Ansprüche den Unglücklichen überlebten, nachdem sic ihn längst getödtet und begraben hatten — kurz Alles, was der vereinte Scharfsinn des Onkels Jack und des Druckers Pcck ersinnen konnte, um die Carton'sche Familie gänzlich zu Grunde zu richte». Aber selbst nach allen Abzügen und Schmälerungen, wie auch mit den Beiträgen, die sich gerechter Weise von den Vermoglichercn unter jenen Schatten, die da Aktionäre hießen, sich erholen ließen, wurde meines Vaters Vermögen doch auf wenig mehr als achttausend Pfund geschmälert, die, zu vier Prozent auf Hppoihek ausgeliehen, jährlich genau die Summe von dreihnndcrtundzweinndflebcnzig Pfund zehn Schillinge abwarfcn — genug für meinen Vater, um davon zu leben, aber lange nicht hinreichend, um auch feinem Sohn Pisistratns die Vortheile einer Bildung im Trinitnkollcge von Cambridge zn Theil werden zu lassen. Der Schlag traf daher eher mich, als meinen Vater, und meine jungen Schultern ertrugen ihn ohne viel Beschwerde. Nachdem diese Angelegenheit z» unserer allgemeinen Befriedigung abgcfertigt war, begab ich mich zu Sir Sedlcy Beaudesert, um ihm meinen Abschiedsbesuch zu mache«. Er hatte sich während meines Aufenthalts in London meiner sehr gütig angenommen. Ich wurde ziemlich oft von ihm zum Frühstück oder Mittagessen eingeladen und hatte ihm auch Mr. Squills vorgcstellt, der kaum diese prächtige Körper- S39 bildung erblickte, als er auch schon ihren Charakter mit der größten Pünktlichkeit als die nothwcndige Folge einer solchen Gehirnentwicklnng für die rosigen Freuden des Lebens schilderte. Sir Sedley fand viel Vergnügen und Trost in den Theorien des gute» Arztes. Fannys Verheirathnng war nicht ein einziges Mal von uns berührt worden, und wir beide vermieden es, auch nur den Namen der Trcvanione zu erwähnen. Bei diesem letzten Besuche aber berührte derBa- ronet ohne Rückhalt den des Vaters, obschon er in Beireff Fannys das frühere Zartgefühl walten ließ. „Nun, mein junger Athener," sagte er, nachdem er mir über den Erfolg meiner Geschäfte Glück gewünscht und abermals , obschon vergeblich, versucht hatte, mich zu bereden, daß er wenigstens einen Theil an den Verluste» meines Vaters tragen dürfe — „ich sehe, daß ich in dieser Sache nicht weiter in Euch dringen darf; wohl aber werdet Ihr mir gestatten , meine» kleinen Einfluß aufzubieten, um für Euch in einem unserer Kollegien eine Anstellung zu erringen. Tre- vanion könnte natürlich weit mehr für Euch thun, aber ich begreife wohl, daß er nicht gerade der Mann ist, an den Ihr Euch wenden möchtet." „Darf ich Euch gestehen, mein theurer Sir Sedley, daß ich den Kanzleigeschästen gar keinen Geschmack abgewinnen kann? Meine Freiheit ist mir zu theuer, und seit ich in dem alten Thurm meines Onkels gewesen bin, erkläre ich mir die Hälfte meines Charakters aus dem Grenzbewohnerblut, das in mir fließt. Ich zweifle, ob ich für das Leben der großen Städte geschaffen bi», und es schwimmen mir 540 allerlei besondere Vorstellungen durch den Kopf, die mich unterhalten werden, wenn ich nach Hause komme, um daselbst meine Plaue iu Ordnung zu bringen. Um jedoch von etwas Anderem zu sprechen, darf ich fragen, wer mir in meiner Stelle als Sekretär deS Mr, Trevanion nachgefolgt ist?" „Er hat jetzt einen breitschulterigen, schicfrückigen Burschen mit Brille und Baumwollcnstrümpfen cingethan, der, glaube ich, über 'Renten' geschrieben hat — in diesem Falle wohl eine sehr eingebildete Arbeit, wie ich fürchte, denn er hat sicherlich nie eine Rente eingenommen und ist wohl auch nicht oft damit betraut worden, Renten auSzubczahlen. Er gehört übrigens zu unser» Nationalökonomcn und will seine Bilder als 'unproduktives Kapital' an Trevanion verkaufen. Weniger mild als Pope's Narciffa, würde er sicherlich 'lieber das Kind rösten, als dafür waschen lassen.' Außer diesem offiziellen Sekretär setzt jedoch Trevanion großes Vertrauen in einen gewandten, gut aussehenden jungen Gentleman, der bei ihm hoch in Gunsten sieht," „Wie ist sein Name?" „Sein Name? — Oh, Gower— ein natürlicher Sohn, wie ich glaube, von Einem aus der Familie Gower." Jetzt traten zwei der feinen Gentlemen ein, welche zu Sir Sedleh's Genossenschaft gehörten, und mein Besuch hatte ein Ende, Kkt Siebentes Kapitel. „Ich schwöre," rief mein Onkel, „daß es so sevn soll!" Und >nit einem finstern Stirnerunzeln nnd trotziger Miene ergriff er das verhängnißvolle Instrument. „Oh, nicht doch, Bruder," versetzte mein Vater, seine blaffe, schulmäßige Hand mild ans Kapitän Rolands braune, kriegerische, knochige Faust legend, während er den andern Arm ausstreckte, nm daS bedrohte, zitternde Opfer zu beschützen. Roland hatte kein Wort von unserer Bedrängniß vernommen , bis Alles bereinigt und die Summe bezahlt war, denn wir Alle wußte» wohl, daß er bei dem ersten heftigen Sturm seiner liebevollen Großmuth seinen alten Thurm zum Opfer gebracht und an irgend einen benachbarten Squire oder an einen schleichenden Attornev verkauft haben würde. Austin in Gefahr — Austin zu Grunde gerichtet! — er hätte keinen Augenblick Ruhe gehabt, bis er zu seiner Befreiung herbeieilen konnte, das baare Geld in der Hand. Deshalb schrieb ich erst nach Erledigung der ganzen Geschichte an den Kapitän und thciltc ihm heiter mit, was vorgefallcn war. Wie leicht ich übrigens auch über unser Mißgeschick hinweg ging, so brachte ihn doch mein Brief noch am nämlichen Abend, an welchem ich selbst etwa eine Stunde später die Heimath erreichte, nach dem rothcn Backsteinhause. Er hatte seinen Thurm nicht verkauft, war aber gekommen, um uns vi ct armis nach demselben zu entführen. Wir sollten bei ihm aus seine Kosten leben, das Backsteinhaus vermiethen 542 oder verkaufen und den Rest von dem Einkommen meines Vaters auf Zinsen ausborgen, damit sich das Vermögen wieder mehre. Als übrigens mein Onkel fand, daß mein Vater ihm hartnäckigen Widerstand entgegensetzte und er so nicht zum Ziele kam, begab er sich wieder in die Halle, wo er sein Reisegepäck niedergelegt hatte, und kehrte mit einem alten Futteral aus Eichenholz zurück; er drückte an eine Feder und heransflog — der Stammbaum der Cartonc. Er flog heraus — den ganzen Tisch bedeckend und nilartig überfluthend, bis er sich über die Bücher, die Papiere, den Arbeitskorb meiner Mutter und den Theeservice hingc- breitet hatte (der Tisch war nämlich groß und umfangreich, sinnbildlich den Geist seines Eigenthümers vorstellend) — dann wallte er ans den Teppich hinunter und rollte auf demselben fort, bis ihm der Kamin Halt gebot, „Es hat nie zwischen uns einen Zwist gegeben, Austin," sagte mein Onkel feierlich, „wenn wir zwei Anlässe dazu ausnehmen. Der eine ist beseitigt, und warum sollte der andere fvrtbestehcn? Oh, ich weiß wohl, warum Du nicht Ja sagen willst; Du fürchtest, wir könnten uns wieder darüber entzweien!" „Nebcr waS, Roland?" „lieber — ach. Du weißt es Wohl; aber ich will verdammt sepn, wenn es so weit kommen soll!" rief der Kapitän erröthend. „Ich dachte viel über die Sache nach und zweifle nun nicht mehr, daß Deine Ansicht die richtige ist, Ich habe deshalb das alte Pergament mitgebracht, und Du sollst selbst Zeuge sehn, daß sich die Lücke gerade so ausfülle, wie Du es wünschest. Aber dann kömmst Du doch und wohnst bei mir? denn von einem Streit kann fortan nicht mehr die Rede sehn." Bei diesen Worten sah Onkel Roland sich nach Feder und Dintc um, und nachdem er sie nicht ohne Mühe gefunden, denn sic waren von den Wellen des Stammbaums über- fluthct worden, schickte er sich an, die Lacuna oder den Hiatus, welcher früher so denkwürdige Zwistigkeiten herbeiführte, mit dem Namen „William Cartvn, Buchdrucker in dem Sanctarinm," auszufüllen; mein Bater aber, der langsam wieder zu Athem gekommen war und seines Bruders Absicht bemerkte, trat hindernd dazwischen. Es würde deinem Herzen wohl gethan haben, lieber Leser, sie jetzt anzuhören; denn in der Unbeständigkeit der menschlichen Natur Hatten beide ihre Parteistellung in der Frage völlig gewechselt — mein Vater war nunmehr ganz für William de Carton, den Held m von Bosworth, mein Onkel dagegen für den unsterblichen Buchdrucker. Und in diesem Widerstreit ging es sehr lebhaft zu ; ihre Angen funkelten und ihre Stimmen steigerten sich — die von Noland wurde tief und donnernd, die von Austin scharf und eindringlich. Mr. Squills hielt sich die Ohre» zu. So waren sie bis bei dem Punkte angelangt, als mein Onkel störrisch jede weitere Argumentation mit den Worten abzuschneiden suchte: „Ich schwöre, daß es so sehn soll," und mein Vater mit der letzten Anstrengung des Pathos flehentlich in Rolands Augen blickte, indem er in einem Tone, so sanft wie der des Erbarmens, sprach: „Oh, nicht doch. Bruder." Inzwischen raffelte. knitterte und zitterte das trockene Pergament in alle» Poren seiner gelben Haut. „Aber ich sehe nicht einbegann ich, als ich eben so gelegen, wie der Gott des Horaz eintrat, „daß Einer von Euch Herrn das Recht haben soll, über meine Vorfahren zn verfügen. Es fällt in die Augen, daß Niemand zn einem Besitz in der Nacknvelt befugt ist. Die Nachkommenschaft mag sich rühmen, einen Vorfahr zu besitzen, aber er selbst wird nie auch nur nm ein Haar besser daran seyn, weil vielleicht Urenkel ans ihm hcrvorgchcn!" Squills — Hört, hört! Pisistratns (warm werdend). — Die Vorfahren übrigens sind als ein entschiedenes Eigcnthum zn betrachten. Wie viel kann man nicht nur an Grundstücken, sondern auch von der Konstitution, der Gemnthsart, dem Benehmen, dem Charakter nnd der Natur eines Ahnen ererben, der vielleicht um zehn Glieder von uns absteht. Ja, wäre man ohne diesen Ahn je geboren worden nnd hätte überhaupt ein Squills Gelegenheit gefunden, den Nachkommen in die Welt zn fördern , oder eine Amme, ihn Ii.vpo colgo zn tragen? Squills. Hört, hört! Pisistratus (mit würdevoller Aufregung).— Niemand ist daher berechtigt, einen Andern mit dem Strich einer Feder eines Vorfahren zu berauben, mögen die Beweggründe auch noch so liebevoll seyn. In dem vorliegenden Falle sagt ihr vielleicht, der fragliche Ahn sey apokryphisch — denn eS könne ebenso gut der Buchdrucker, als der Ritter gemeint seyn. Zugegeben — aber darf, wo uns die Geschichte im S4S Stiche läßt, ein bloßes Gefühl den Ausschlag geben? Bei dem obwaltenden Zweifel eignet sich meine Einbildungskraft beiden zu. Das cinemal kann ich in dem Buchdrucker Ge- werbfleiß und Gelehrsamkeit, das andercmal in dem Ritter Tapferkeit und aufopfernde Anhänglichkeit verehren. Eben diesem wohlwollenden Zweifel verdanke ich zwei große Ahnen und durch sic zwei GedankenkettcN, die unter verschiedenen Umständen Einstuß üben können auf mein Benehmen. Ich gestatte Euch nicht, Kapitän Roland, mich eines Vorfahren oder einer Jdcenanknüpfnng zu berauben. Laßt also diese geheiligte Lücke nnansgefnllt und nnentwciht und geht in ritterlicher Höflichkeit die Vertragnng ein: so lange mein Vater sich bei dem Kapitän aufhält, wollen wir an den Drucker glauben: an anderen Orten aber stehen wir fest ein für den Ritter." „Gut!" rief Onkel Roland, als ich, etwas außer Athen:, innc hielt. „Und ich denke, Austin," bemerkte meine Mutter in sanftem Tone, „daß es einen Ausweg gibt, die Sache in einer Weise zu bereinige», welche alle Parteien zufrieden stellen dürfte. Es ist ein recht trauriger Gedanke, daß der arme Roland und die liebe kleine Blanche so allein in ihren: Thnrine wohnen, und ich bin überzeugt, daß wir viel glücklicher sehn würedn, wenn wir beisammen wären." „Da hörst Du selbst!" rief Roland trinmphirend. „Wenn Du nicht das starrsinnigste, hartnäckigste, gefühlloseste Unthier in der Welt bist — und ich traue Dir dies Bulwcr, die Cartonc. Zg 546 nicht zu, Bruder Austin — so kann ich nach der wirklich schöne» Rede Deiner Frau kein Wörtchen weiter sagen/' „Aber Du hast ja Kitty gar nicht aussprechcn lassen, Roland." „Ich bitte tausendmal um Verzeihung, Madame — Frau Schwägerin," versetzte der Kapitän mit einer Verbeugung. - „Ich wollte nur noch beifügen," fuhr meine Mutter fort, „daß wir mit Euch ziehen, bet Euch leben und unsere kleine Habe zusammen werfen wollen, Roland. Blanche und ich, wir beide besorgen das Hauswesen, und so werden wir vereint gerade noch einmal so reich sehn, als wir bei einer getrennten Wirtschaft wären." „Dies wäre mir eine saubere Art von Gastfreundschaft," brummte der Kapitän. „Ich erwartete nicht, daß Ihr mir so in den Weg kämet. Nein, nein; Ihr müßt für den Jungen da etwas aufsteckcn-— was soll ans ihm werden?" „Wir stecken dann alle für ihn auf," entgegnete meine Mutter einfach-— „Ihr sowohl als Austin. Wir werden mehr übrig behalte», wenn wir beiderseits mehr anfwenden können." „Ah, übrig behalten! — dies ist leicht gesagt. Da hätte ich meine Freude am Nebrigbehalten!" erwiederte der Kapitän traurig. „Und was soll ans mir werden?" rief Squills in großem Verdruß. „Soll ich allein hier bleiben in meinem Alter , ohne daß ich eine vernünftige Seele hätte, mit der ich spreche,, kann, oder einen andern Platz im Dorf, wo ein 847 Tröpflcin anständigen Punsches zu haben wäre? 'Die Pest ans eure beiden Häuser/ wie der Kerl letzthin in der Komödie sagte/' „In der Nachbarschaft ist Platz für einen Doktor, Mr. Squills," sagte der Kapitän. „Ich weiß, der Arzt, welcher uns beräth, wünscht sein Geschäft zu verkaufen." „Hnm!" versetzte SquillS — „wahrscheinlich eine entsetzlich gesunde Gegend!" „Sic hat leider dieses Unglück, Mr. Squills; aber mit Eurer Hülfe," meinte mein Onkel schlau, „könnte in dieser Beziehung bald eine große Veränderung zum Bessern eintrctcn." Mr. Squills wollte eben etwas darauf crwiedern, als sich von dem Gartenthore her ein so rasches, ungeduldiges, vcrtrantthucndes Klingeln vernehmen ließ, daß wir Alle anffnhrcn und uns gegenseitig überrascht ansahcn. Wer konnte möglicherweise sich so nngebcrdig anmcldcn? Wir blieben nicht lange im Zweifel, denn im nächsten Augenblicke dröhnte Onkel Jacks Stimme, die stets sehr klar und bestimmt war, durch die Halle. Noch sahen wir einander mit großen Augen an, als Mr. Tibbcts mit einem nagelneuen Tröster um den Hals und einein ganz besonders gemächlichen Ucberrock — ebenfalls neu vom besten Doppelsächsischen — in das Zimmer stürzte und eine sehr beträchtliche Menge kalter Luft mitbrachte, die er zuerst in den Armen meines Vaters und dann in denen meiner Mutter aufznthaucn sich beeilte. Auch gegen den Kapitän nahm er einen Anlauf; aber dieser verschanzte sich hinter dem Drehtisch mit einem: 35 * „Hem! Mr. — Sir — Jack — Sir — hem — hem!" Da cs Mr. Tibbets hier nicht gelang, so rieb er den noch vorhandenen Reif ans seinem Doppelsachscn an meiner Wenigkeit ab, klopfte Sqnills vertraulich ans den Rücken und nahm dann seine Lieblingsstcllnng vor dem Feuer ein. „Das nenne ich eine Ncberraschnng!" sagte OnkelJack, sich vor dem Kamine ausschälend. „Doch nein — nicht llebcrraschnng; ihr kennt ja Jacks Herz — Ihr wenigstens, Austin Carton, der Ihr Alles wißt, müßt gesehen haben, daß cs von den liebevollsten und brüderlichsten Regungen übcrströmte. Sobald ich ans jenem verwünschten Fleet befreit war (Ihr könnt Euch gar keine Vorstellungen machen, was dies für ein Platz ist, Sir), hatte ich weder bei Tag, noch bei Nacht Ruhe, bis ich arme, verwundete Taube hieher stiegen konnte nach dem thcurcn Familicnncst," fügte Onkel Jack pathetisch bei, indem er sein Taschentuch ans dem Doppelsachscn herauslangtc, welchen er über meines Vaters Lehnstuhl geworfen hatte. Keine Sylbe der Erwiederung auf diese beredte An- sprache mit ihrer rührenden Pcrvration. Meine Mutter senkte ihren hübschen Kopf, und Scham sprach sich aus in ihrer Miene. Onkel Roland hatte sich ganz in die Ecke geflüchtet und den Drehtisch nachgczogen, so daß er sich hinter einem vollständigen Bollwerk befand. Mr. SqnillS nahm die Feder auf, die Roland weggcworfen hatte und begann wnthcnd daran zu bessern — das heißt, sie in Splitter zu schneiden — dadurch symbolisch andcutcnd, wie er mit Onkel Jack umgehen würde, wenn er ihn einmal fest und sicher unter sein S4g chirurgisches Meffcrbekäme. Ich beugte mich über den Stammbaum, und mein Vater rieb seine Brille ab. Das Schweigen würde jeden andern Menschen einge- schüchtcrt haben; aber OnkelJack war nicht so leicht zu Paaren zu treiben. OnkelJack wandte sich dem Feuer zu und wärmte zuerst den einen, dann den andern Fuß. Nach Vollendung dieser gemächlichen Ceremonie kehrte er sich wieder gegen die Gesellschaft und begann gedankenvoll, als ob er ans einige eingebildete Vorstellungen antworten müsse: ,,Ja, ja — Ihr habt hierin Recht — und die Geschichte hat sich als eine verteufelt unglückliche Spekulation ansgewicsen. Aber der Kerl, der Peck, überschrie mich. Sage ich zu ihm — sage ich —'Kapitalist? Pah — kein volksthümliches Interesse darin — spricht das große Publikum nicht an! Sehr eng beisammen die Klasse der Kapitalisten; besser sich keck an's Volk wenden. Ja,' sagte ich, 'nennt es den Nntikapitalistcn.' Beim Jupiter, Sir, wir würde» Alles vor uns niedergeworfen haben; aber ich wurde überschrien. Der Nntikapitalist — welch ein Gedanke! Dies hätte der ganzen Lesewelt gegolten, Sir. Jedermann haßt die Kapitalisten — Jedermann möchte gern das Geld seines Nächsten haben. Der Anttkapitalist — Sir, in den Fabrikstädten wären wir aufgekommen wie ein Lauffeuer. Aber was konnte ich machen?" — „John Tibbets," sagte mein Vater feierlich, „Kapitalist oder Antikapitalist, Du hattest ein Recht, so wie so Deiner Neigung zu folgen, aber stets vorausgesetzt, daß cs mit Deinem eigenen Gelbe geschah. Dn betrachtest die Sache nicht im rechten Gesichtspunkte, John Tibbets, nnd ein wenig Rene denen gegenüber, welche Dn so schwer in Nachtheil gebracht hast, würbe bei» Sohne Deines Vaters nnb dem Bruder Deiner Schwester nicht übel anstchcn!" Nie war ein so schwerer Vorwurf über Austin Car- ton's milde Lippen gegangen, nnd mit einem mitleidigen Schauder erhob ich meine Augen, erwartend, John Tibbets werde allmälig versinken und durch de»Teppich verschwinden. „Reue?" rief Onkel Jack, indem er aussprang, als sey er von einer Kugel getroffen worden, „lind glaubt Ihr, ich habe ein Herz von Kiesel, von Bimsstein? — Glaubt Ihr, ich bereue nicht? Ich habe nichts gethan, als bereut — und werde bereuen bis zu meinem Sterbetage." „Dann ist nichts mehr darüber zu sagen, Jack," rief mein Vater erweicht, indem er ihm seine Hand entgegcnhiclt. „Ja!" rief Mr. Tibbets, die Hand erfassend und an daS Herz drückend, welches er von dem Verdachte, cs könnte von Bimsstein seyn, in so nachdrücklicher Weise gereinigt hatte — „Ja — daß ich diesem donnerköpfigen, spitzbübischen, filzigen Pcck traute — daß ich ihm trotz meiner entgegengesetzte» lleberzcugung gestattete, die Zeitung den Kapitalisten zu nennen, während doch der Anti —" „Pah!" unterbrach ihn mein Vater, der jetzt seine Hand wieder zurückzog. „John," sagte meine Mutter ernst nnd mit von Thränen erstickter Stimme, „Du vergißst, wer Dich ans dem Ge- sängniß erlöst hat — Du vergisst, wen Du beinahe selbst dem Gefängniß überantwortetest, Du verg —" „Bst — bst!" fiel mein Vater ein, „laß dieß; denn Du bedenkst nicht, meine Liebe, welche Verpflichtungen wir gegen Jack haben. Allerdings ist durch ihn mein Vermöge» um die Hälfte geschmälert worden; aber ich glaube in der That, er hat die drei Herzen, in welchen meine wahren Schätze liegen, zweimal so groß gemacht, als sie vorher waren. Pisistratus, mein Sohn, zieh' die Klingel." „Meine liebe Kitty," rief Jack in wimmerndem Tone, indem er sich an die Seite meiner Mutter schlich, „sey nicht so hart gegen mich. Ich hoffte, das Glück von Euch allen zn machen. Ja wahrhaftig." ^Hicr trat der Bediente ein. „Sorgt dafür, daß das Gepäcke des Mr. Tibbets auf sein Zimmer gebracht und daselbst ein gutes Feuer angeschürt werde," sagte mein Vater. „Und ich werde noch Euer Glück machen," fuhr Jack hochtrabend fort. „Ich habe es hier!" Und er schlug mit der Hand an seine Stirne. „Halt einen Augenblick," rief mein Vater dem Bedienten zn, welcher nach der Thnre zurückgekehrt war. „Halt einen Augenblick," fügte er mit der Miene großen Schreckens bei. „Vielleicht zieht Mr. Tibbets das Wirthshaus vor?" „Austin," entgcgnete Onkel Jack mit Erregung, „wenn ich ein Hund wäre ohne eine andere Heimath, als eine Hundehütte, und Du kämest zu mir um ein Obdach, so 8S2 würde ich hinauskriechen, um Dir das Veste von dein Stroh zu überlassen!" Dies brachte meinen Vater ganz und gar zum Schmelzen. „Primmius wird dafür sorgen, daß Mr. Tibbcts Alles behaglich findet," sagte er, mit der Hand dem Bedienten zuwinkend. „Etwas Gutes zum Nachtessen, liebe Kitty—> und den größten Punschnapf. Du trinkst doch den Punsch gerne, Jack?" „Punsch, Austin!" versetzte Onkel Jack, indem er sein Taschentuch nach den Augen brachte. Der Kapitän schob den Drehtisch bei Seite, schritt durch das Zimmer und drückte Onkel Jack die Hand : meine Mutter verbarg das Antlitz in ihrer Schürze und verließ schnell das Zimmer, während Squills mir in's Ohr raunte: „Alles eine Folge der Gallenentleerungen. Wer vermöchte sich auch dies zu erklären, wenn er nicht bekannt wäre mit der eigenthümlich schönen Organisation Von Eures Vaters — Leber?" Zwölfter Abschnitt. Erstes Kapitel. Die Hegira ist vollendet — wir alle sind in dein alten Thurme aufgescssen. Ein Wagen hat die Bücher meines 553 Vaters nachgcführt, und sie befinden sich jetzt rnhig an ihrem nenen Aufenthaltsort, indem sie das Zimmer, welches ihrem Eigenthümcr gewidmet ist, nebst dem Schlafgcmach nnd zwei Vorstnbcn ausfüllcn. Auch die Ente ist unter dem Fittich der Mistreß Primmins angelangt und hat sich schon mit dem Fischweihcr befrcnndct, neben welchem ein Weg meinen Vater für die Pfirsichmaner entschädigt, um so mehr, da der wackere Mann bereits in Bekanntschaft getreten ist mit einigen achtbaren Karpfen, welche, nachdem er die Ente abgefertigt hat, sich von ihm füttern lassen — ein Vorrecht, auf welches er natürlich sich viel zu gut thnt, da die Karpfen im Nu verschwinden, sobald sich Jemand anders nähert. Alle Vorrechte sind natürlich nur im Verhältnisse der Ausschließlichkeit ihres Besitzes werthvoll. Von dem Augenblick an, als der erste Karpfc das von meinem Vater ihm zugeworfene Brod anfgezehrt hatte, faßte Mr, Austin Earton den Beschluß, daß ein so vertrauensvolles Geschlecht nie der Ceres nnd Primmins geopfert werden sollte. Aber alle Fische auf meines Onkels Eigenthum standen unter der besonder» Obhut des Proteus Bolt, und dieser war nicht der Mann, von welchem zn erwarten standt er werde die Karpfen ihr Brod verzehren lassen, ohne daß sie ihren vollen Anthcil zn den Bedürfnisse» des Gemeinwesens beitrügen. Doch, wieder Herr, so der Diener! Bolt war ein so eingefleischter Aristokrat, wie nnr je Einer den Laterncnpfahl geziert hat. Er überbot sogar Roland in der Achtung vor klangvollen Namen nnd alten Familien, nnd durch diesen Köder fing ihn mein Vater mit solcher Ge- 354 schicklichkcit, daß man glauben muß, wenn Austin Carton ein Fischer gewesen wäre, so müßte er zu jeder Tageszeit, bei Sonnenschein oder Regen, seinen Korb voll gehabt haben. „Ihr bemerkt, Bolt," begann mein Vater mit schlauer Einleitung, „daß diese Fische, so dumm sie Euch auch vielleicht Vorkommen, Geschöpfe sind, welche zn schließen vermögen; denn da sie sehen, wie sic bei aller ihrer Höflichkeit gegen mich von Euch dccimirt werden, so stecken sie Paarweise dick Köpfe zusammen und wollen nichts mehr von meiner Bekanntschaft wissen." „Dies ist gerade so einfältig nicht von ihnen," versetzte Bolt. „In der That, mancher gute Christ ist nicht halb so klug," „Der Mensch ist ein Thier," antwortete mein Vater gedankenvoll, „der oft weit weniger zu schließen vermag, als viele Geschöpfe, von denen man gemeiniglich annimmt, sie seyen ihm untergeordnet. Ja, laßt nur Einen von diesen Cy- priniden mit ihrem feinen Sinn für Logik wahrnehmcn, daß ihre Mitfische beim Brodessen plötzlich aus ihrem Element gerissen werden und für immer verschwinden, so mögt Ihr einen ganzen Laib in Krumen zerbröckeln — das Thier wird gleichwohl in verständiger Geringschätzung mit dem Schwanz nach Euch schnalzen. Wenn ich so syllogistisch gewesen wäre," fuhr mein Vater im Selbstgespräch fort, „wie diese schuppigen Logiker, so würde ich nicht jene Angel verschluckt haben, die, — hnm! es ist einmal so, und je weniger man darüber spricht, desto besser ist's. Um jedoch auf die Cypriniken zurückzukvmmen, Mr. Bolt —" 585 „Was ist doch dies für ein harter Name, mit welchem Euer Ehren die Karpfen da bezeichnet?" fragte Bolt. „Cypriniden, eine Familie aus der Abtheilung Ma- lacoptergii Abdominales," versetzte Mr. Carton; „ihren Zähnen nach nähern sic sich den Pharyngäern, und sie haben nur wenige Branchiostegenstrahlcn — Merkmale der Unterscheidung von gemeinen Raubfischen." „Sir," sagte Bolt mit einem Blicke nach dem Weiher, „wenn ich gewußt hätte, daß sie eine Familie von solcher Wichtigkeit sind, so würde ich sie zuversichtlich mit mehr Achtung behandelt haben." „Sie sind eine sehr alte Familie, Bolt, und haben sich schon seit dem vierzehnten Jahrhundert in England seßhaft gemacht. Ein jüngerer Zweig davon schlug seinen Wohnsitz auf in einem Teich der Gärten von Peterhof — dies ist der berühmte Palast Peter des Großen, Bolt, eines Kaisers, der bei meinem Bruder hoch in Achtung steht, denn er tödtete eine Menge Menschen sehr glorreich in der Schlacht, deren nicht zu gedenken, welche er zu seiner Privatbclnsii- gung nicdcrsäbclte. In dem kaiserlichen Haushalt befindet sich ein Beamter oder Diener, dessen Aufgabe darin besteht, durch das Läuten einer Glocke diese russischen Cypriniden zum Diner zu rnfen, und dann kann man sehen, wie der Kaiser und die Kaiserin mit ihrem ganzen Hofstaat in Equipagen herbeifahrcn, nm Zeugen zu seyn, wie stattlich die Cypriniden ihr Mahl verzehren. Ihr bemerkt also, Bolt, daß es ein republikanisches und jakobinisches Verfahren wäre, die Mitglieder einer Familie, welche bei dem königliche» 586 Geblüt in so hoher Achtung steht, in die Bratpfanne zu werfen/' „Du meine Güte, Sir!" erwiedertc Volt, „cs ist mir sehr lieb, daß Ihr mir dies gesagt habt. Ich hätte übrigens wissen können, daß es gcntilc Fische sehn müssen, weil sie so mächtig scheu thun — gerade so, wie alle vom ächten Schlage/' Mein Vater lächelte und rieb sich leicht die Hände. Er hatte seine Absicht erreicht, und fortan waren die Cyprini- den von der Abthcilung Malacvptergii Abdominales in Volts Augen so heilig, wie die Katzen und Ichneumone in denen eines Priesters von Theben. Mein armer Vater! mit welcher ächten und anspruchslosen Philosophie fügtetest du dich in den größten Wechsel, de» dein ruhiges, harmloses Leben erfahren hatte, seit cs heransgeschritten war aus dem engen Glutkrcis der Leidenschaften. Die Heiinath war dahin — eine Heimath, dir so thcucr durch viele geräuschlose Siege des Geistes — durch die mannigfaltigen stummen Erlebnisse des Herzens — den» nur der Gelehrte weiß, welcher tiefe Zauber in der Eintönigkeit, in den alten Gewohnheiten und in dem gleichförmigen Ilhrengang einer friedlichen Zeit liegt. Allerdings kann eine Heimath wieder ersetzt werden — das Herz baut sie sich überall neu — und der alte Thurm bietet vielleicht Ersatz für den Verlust des Ziegelhauses, während der Spaziergang an den» Fischweiher dir Wohl ebenso theucr werden kann, wie der an der sonnigen Pfirsichmaner. Aber was kann dir den glänzenden Traum deines unschuldigen Ehrgeizes znrückgeben — diese Engelsschwingc, welche über 857 deinem Mannesalter glänzte in der Stunde zwischen dem Mittag und dem Niedergang? Was ersetzt dir das maxnum »I>n8 — das große Buch — diesen schönen, weithin sich breitenden Baum, der einsam stand inmitten der gleichförmigen Landschaft, jetzt aber mit den Wurzeln ansgeriffcn ist! Der Sauerstoff wurde deiner Lebenslust entzogen. Denn erfahre, o thcilnchmcnder Leser, daß mit dem Tode der Antibuchhändlergesellschaft die Blntströme des großen Buches stille standen; sein Puls versiegte, und sein volles Herz schlug nicht mehr. Dreitausend Abzüge der ersten sieben Bogen in Quart nebst verschiedenen unvollendeten anatomischen, architektonischen und graphischen Platten: die unterschiedlichen Entwicklungen des menschlichen Schädels (dieses Tempels menschlichen Jrrthums), nachgewiescN an dem des Hottentoten bis zu dem des Griechen; Skizzen alter Gebände, cyklopisch und pelasgisch; Pyramiden und Purtore — lauter Abzeichen der Raccn, deren Handschriften sich auf den Mauern befanden; Landschaften, um den Einfluß der Natur auf die Gewohnheiten, die Glaubensbekenntnisse und die Philosophie der Menschen zu zeigen (wie zum Beispiel die weiten chaldäischcn Wüsten zu der Betrachtung der Sterne führten), und Jllustratwnen des Zodiacus, um die Geheimnisse der Symbolenverehrung zu beleuchten; phantastische Erdabriffe, frisch von der Sündstuth, dazu dienend, einem frühen Aberglauben Ehrfurcht einzuffößen vor den rohen Gewalten der Natur; Ansichten der Felsenpäffc von Laconicn; Sparta und in dessen Nähe das stille „Amyelä," sozusagen, geographisch die ehernen Sitten 888 der Kriegerkolonien erklärend (ein Erztorystaat inmitten des wechselnden Getümmels hellenischer Demokratien), im Gegensatz zu den Meeren, Küsten und Buchten Athens und Jouiens, welche zu Abenteuern, Handel und Ortsveränderung verlockten. Ja, mein Vater hatte in seinen Andeutungen gegen den Verfertiger der wenigen unvollkommenen Platten so viel Licht auf die Kindheit der Erde und ihrer Geschlechter geworfen, als durch die „glänzenden Worte," die dem ruhigen Sternenhimmel seines Wissens entströmten! Platten und Abzüge, Alles ruhte nun in Staub und Frieden — „von Dunkelheit umhüllt und Tod" — auf den grabartigcn Simsen eines Vorgemachs, wo kein Sonnenstrahl die unvollendeten Welten beschien. Der Prometheus war gefesselt, und das vom Himmel gestohlene Feuer lag eingebettet in den Gesteinen seines Felsen, Denn so kostbar war die Form, in welche Onkel Jack und die" Antibuchhändlergesellschaft diese Darlegung des Menschlichen Jrrthums zu gießen gewußt hatten, daß jeder Buchhändler schon bei dem Anblick scheu zurückwich, wie eine Eule vor dem Tageslicht oder der menschliche Jrrthum vor der Wahrheit, Vergeblich hatten Squills und ich vor unseren: Abgänge von London ein riesiges Eremplar des maxnnm oxus in den Hinterstübchen der reichsten und unternehmendsten Firmen herumgetragen, Buchhändler um Buchhändler fuhr zurück, als hätte man ihm eine Pistole vor das Ohr gehalten. Ganz Paternoster Row stieß ein „Gott behüte uns!" aus. Der Menschliche Jrrthum fand Niemand, der in so ausgezeichnetem Grade sein Opfer gewesen wäre, um diese beiden Quartbäude, welche noch zwei weitere in Aussicht stellten, auf eigene Kosten zu vervollständigen. Nun hatte ich ernstlich gehofft, mein Vater werde sich um der Menschheit willen bereden lassen, einen Thcil — vielleicht einen nicht geringen — des ihm übrig gebliebenen Kapitals ans den Schluß eines so prachtvoll begonnenen Unternehmens zu verwenden; aber er blieb hierin unerbittlich. Keine hohen Worte von Menschheit und Vortheilen für die ungebornen Geschlechter vermochten ihn auch nur einen Zoll weiter zu bringen. „Posten!" pflegte Mr. Carton verdrießlich zu sagen. „Die Pflicht eines Mannes für die Menschheit und die Nachwelt beginnt bei seinem Sohne, und nachdem ich die Hälfte Deines Erbtheils in die Winde geworfen habe, will ich von dem armseligen Uebcrrest nicht noch einen gewaltigen Brocken abschneiden, um meine Eitelkeit zu befriedigen. Denn dies ist doch die einfache Wahrheit in der Sache. Der Mensch muß für seine Sünden durch Buße Genugthuung leisten; mit diesem Buche habe ich gesündigt, und cs soll daher das Sühnopfer werden. Laßt die Bogen nur an ihrem Platze, damit wenigstens Ein Mensch weiser und demüthiger werde durch den Anblick des menschlichen Jrrthnms, so oft er an einem so ungeheuerlichen Denkmale desselben vorübergcht." Ich weiß in der That nicht, wie cs meinem Vater möglich wurde, den Anblick dieser stummen Trümmer seiner selbst zu ertragen — eine Schichte der Carton'schcn Formation auf der andern, als seyen sie gepackt und aufbewahrt für den forschenden Genius irgend eines moralischen Murchison oder Mantell. Was mich betrifft, so konnte ich sic nie in 560 ihrer dunkeln Ruhe sehen, ohne dabei zu denken — „Mnth, Piststratns, Mnth! Es gibt etwas für Dich, was sich der Mühe des Lebens verlohnt. Sey nnermüdlich thätig, werde reich, und das große Buch soll zuletzt doch noch hcraus- kommen." Mittlerweile durchwanderte ich die Gegend und knüpfte Bekanntschaften an mit den Bauern und mit Trevanions Verwalter, der ein sehr tüchtiger Mann und ein trefflicher Landwirth war. Auf diese Weise gewann ich nachgerade eine bessere Ansicht von der Beschaffenheit der de Carton'schen Domänen. Sie erstreckten sich über einen weiten Flächcnranm, obschon sie vor der Hand, mit Aus- l nähme eines kleinen Maierhofes, von keinem Werth waren. l Land derselben Art war kürzlich durch einen einfachen Ent- > wäfserungsprozcß, der jetzt in Cumbcrland Wohl bekannt ist, in nutzbaren Boden nmgewandelt worden, und mit Kapital ließen sich Rolands öde Moorgründe zu einem stattlichen Eigenthnm heranbilren. Aber woher sollte das Kapital kommen? Die Natur gibt uns Alles, nur die Mittel nicht, ihr eine markbare Bedeutung zu geben — wie der alte Plan- tns so witzig sagt: „Tag, Nacht, Wasser, Sonne und Mond sind umsonst zu haben; was das übrige^betrifft — weg mit dem Staub!" 561 Zweites Kapitel. Onkcl Jack ließ Nichts von sich hören. Ehe wir das Vackstcinhaus verließen, lud ihn der Kapitän nach dem Thurm ein — wie ich vermuthe, mehr um meiner Mutter ein Kompliment zu machen, als- weil ihn seine eigene Neigung dazu bewog; aber Mr. Tibbets antwortete mit einer höflichen Ablehnung. Während seines Aufenthalts in unserer alten Heimath hatte er eine Menge Briefe erhalten und geschrieben — einige der elfteren lagen in der That noch auf dem Postbureau des Dorfes unter den alphabetischen Adressen N B oder X U; denn kein Mißgeschick war je im Stande, Onkcl Jacks Thatkraft zu lähmen. Allerdings verschwand er im Winter der Widerwärtigkeit, aber selbst im Verschwinden vegetirte er noch fort. Er glich jenen Algen, I'rotoooooi nivalos genannt, welche dem sie bergenden Polarschnee eine rosenrotste Farbe verleihen und unerwartet anfblühen mitten in der allgemeinen Auflösung der Natur. Onkel Jack war damals so regsam und hoffnungsvoll, wie nur je, obgleich er in unbestimmten Winken seine Absicht zu erkennen gab, fortan die allgemeine Sache seiner Nebenmenschen fallen zu lassen und rein für eigene Rechnung zu handeln — ein Vornehmen, über das mein Vater viel Vergnügen ansdrückte und dadurch meinen Glauben an seine Philanthropie sehr erschütterte. Auch vermuthe ich sehr, daß Onkcl Jack, als er sich in seinen Doppel- sachscn wickelte und endlich von dannen ging, etwas mehr mit sich fortnahm, als blos meines Vaters gute Wünsche, da Bulwer, die Cartene, Ztz ihm diese bei seiner Bekehrung zu einer so egoistischen Philosophie keinen sonderlichen Vorschub geleistet haben würden. „Dieser Mensch kömmt doch noch ans/' sagte mein Vater, als wir Onkel Jack zum letztenmal im Cabriolet der Postkutsche neben dem Postknecht anfstchcn sahen — zum Thctl um uns, die wir noch an dem Thorc standen, mit der Hand znzuwinken, zumTheil, um sichs in dem scchskragigcn lleberrvcke, den ihm der Kutscher geborgt hatte, bequemer zu machen. „Glaubt Ihr dies wirklich, Vater?" fragte ich zweifelnd. „Und warum seyd Ihr dieser Ansicht?" Mr. Car ton. — Wegen seiner Katzcnnatur — er purzelt so leicht. Wirf ihn von dem Thurm der Sankt Panls- kirche herunter, und das Nächstemal wirst Du ihn schon wieder nach der obersten Spitze des Monuments hinanklettern sehen. Pisistratus. — Aber auch die zäheste Katze hat nur neun Leben, und Onkel Jack muß in dem achten schon weit vorangcschrittcn sehn. Mr. Carton (nicht auf diese Antwort achtend, denn er hat bereits seine Hand in die Weste gesteckt). — Apu- lejus sagt in seiner Abhandlung über die Philosophie des Plato, die Erde bestehe aus rechtwinkligen, Feuer und Luft aber aus schiefwinkligen Dreiecken, deren Winkel, wie ich kaum zu sagen brauche, sehr verschieden sind. Nun glaube ich, daß cs in der Welt Menschen gibt, die man nur richtig benrtheilen kann, wenn man ans ihre ursprüngliche Bildung diesen mathematischen Grundsatz an- 863 wendet; sofern Luft oder Feuer tu unserer Natur vorherrscht, sind wir schiefwinklige Dreiecke — hat die Erde 1 das Ucbcrgewicht, so sind wir nach dem rechten Winkel gebildet. Da sich nun die Luft so merkwürdig in Jacks Formation kundgibt, so muß er »olons vokcns im Einklänge mit dem bei ihm vorherrschenden Element geschaffen sehn. Er ist ein schiefwinkliges Dreieck und muß daher auch nach unregelmäßigen, schiefseitigen Grundsätzen beurtheilt werden, während Du und ich als gewöhnliche Sterbliche nach dem Muster des in uns vvrwaltenden Elements, der Erde, ans behaglichen und vollständigen rechtwinkligen Dreiecken bestehen. Für diesen Segen wollen wir der Vorsehung dankbar seyn und mit christlicher Liebe diejenigen trage», welche noth- gedrungen windig und gasig sind wegen des unglücklichen schiefwinkligen Dreiecks ihrer Bildung, das, wie Du siehst, ganz im Widerspruch steht mit der mathematischen Beschaffenheit der Erde. Pisistratus. — Es freut mich sehr, Vater, Onkel Jacks Eigenthümlichkeitcn in einer so einfachen, leichten und verständlichen Weise erklären zu hvrxn, obschon ich hoffe, daß künftig die Seiten seines schiefen Dreiecks nicht mehr mit unfern rechten Winkeln Zusammenstößen. Dir. Cartvn (von seinen Stelzen hcrnntcrstcigcnd und mit einer Miene so milden Vorwurfs-, als hätte ich an den Tugenden des Sokrates eine Makel gefunden). — Du thust Deinem Onkel Unrecht, Pisistratus. Er ist ein sehr gescheiter Mann und — wie ich überzeugt bin, trotz der unglücklichen schiefen Winkel — auch ehrlich; das heißt (fügte 36 « S64 Mr. Carton sich selbst verbessernd bei) nicht romanhaft oder heroisch ehrlich — sondern ehrlich im gewöhnlichen Sinne, sofern er nur lange genug seinen Kopf über dem Wasser erhalten kann. Du begreifst übrigens wohl — selbst wenn der beste Mann von der Welt im Prozesse des Sinkens begriffen ist, so hascht er nach Allem, was ihm in den Weg kömmt, und zieht sogar den Freund mit in die Tiefe, welcher herbci- schwimmt, um ihn zu retten. Pisistratns. — Vollkommen wahr, Vater; aber Onkel Jack macht sich ein Geschäft daraus, immer zu sinken. Mr. Carton (mit Naivctät). — Und wie war dies anders möglich, so lange er alle seine Nebenmenschen mit in den Hosentaschen herumschlcppte? Nun er diesen Ballast los hat, sollte cs mich nicht Wunder nehmen, wenn er schwämme wie ein Kork. Pisistratns (der seit dem Antikapitalistcn ein starrer Antijackianer geworden ist). — Wenn Ihr aber wirklich der Ansicht seyd, Vater, Onkel Jacks Nächstenliebe schlanker gewesen, so war dies in der That nicht die schlimmste Seite an ihm. Mr. Carton. — O Wortklauber, der Du so blöde bist gegen die ächte Logik einer attischen Ironie, begreifst Du denn nicht, daß ein Gefühl ächt und doch seiner Natur nach im Verhältniß zu andern unlantcr sehn kann? Der Fall ist doch denkbar, daß man seine Ncbenmcnschcn in Wahrheit zu lieben glaubt, obschon man sie verbrennen läßt wie Torgnemada, oder zur Guillotine führt wie St. Just! Znm Glück gibt Jacks schiefwinkliges Dreieck, da eS 665 mehr der Lust, als dem Feuer entflammt, seiner Philantro-' Pie nicht jenen zündenden Charakter, welcher das Wohlwollen der Inquisitoren und der Revolntionsmänncr bezeichnet. Die Menschenliebe nimmt daher eine luftigere, unschuldigere Form an und erschöpft ihre Kraft im Besteigen von papiernen Ballonen, in denen Jack sich selbst fcstsctzt mit allen jenen Mitgeschöpfen, die er durch Schmcichclworte bewegen kann, an der Fahrt Theil zu nehmen. Ohne Zweifel ist Onkel Jacks Philantropie aufrichtig, wenn er die Schnur abschneidet und in unabsehbare Höhen sich anfschwingt; aber diese Aufrichtigkeit heilt keine von den Quetschungen, wenn er selbst und seine Mitgeschöpfe Hals über Kopf wieder hcrunterpnrzeln. Ein Herz muß sehr weit seyn, wenn es das ganze menschliche Geschlecht soll fassen können — auch bedarf es einer starken Muskulatur, um diese Ausdehnung zu ertragen. Es gibt allerdings solche Herzen, dem Himmel sey Dank — und sie verdienen volle Anerkennung; aber das des Onkel Jack ist nicht von dieser Beschaffenheit. Er ist ein schiefwinkliges Dreieck, kein Kreis. Und doch, wenn er es nur ein wenig zur Ruhe kommen läßt, so hat er ein gutes Herz—.ein sehr gutes Herz," fuhr mein Vater fort, indem er in Anbetracht aller Dinge zu einer wahrhaft kindlichen Innigkeit erwärmte. „Der arme Jack! Wie schön er von sich selbst sagte — 'wenn er ein Hund wäre und keine andere Heimath hätte, als eine Hundehütte, so würde er hinanskriechen und mir das Beste deS Strohs überlassen.' „Armer Schwager Jack." Damit endigte die Verhandlung, während Onkel Jack wie der kurzsichtige Gentleman in dem Inschülicr sich ans- zeichncte, durch ein tiefes Schweigen. Drittes Kapitel. Blanche hat cs ciuzuleitcn gewußt, daß sie mir — zwar nicht in meinen rührigeren Unterhaltungen, wenn ich in der Gegend nmherstrciche und mich mit den Bauern befreunde — Wahl aber in meinem ruhigeren häuslichen Treiben Gesellschaft leistet. Es weht ein stiller Zauber um sie, der schwer zu beschreiben ist; aber er scheint ans einer Art cingelwrncn Mitgefühls mit den Launen und Stimmungen derjenigen hervorzngehen, welche sie liebt. Ist man heiter, so liegt in ihrem silbernen Lachen eine Lieblichkeit, welche der Frohsinn selbst zu seyn scheint; ist man aber traurig und verkriecht sich in eine Ecke, um de» Kopf mit den Händen zu verhüllen und seinen Gedanken nachzuhängcn — sieht man gelegentlich und just in den rechten Augenblick auf, wann die Gedanken überguellen und das Herz sich nach etwas Erfrischendem und Kräftigendem sehnt, so fühlt man zwei unschuldige Arme um den Nacken — und der Blick begegnet Blanche's sanften Augen voll der sinnigsten, theilneh- mendsten Innigkeit. Sie besitzt dabei so viel Takt, nicht zu fragen; denn es ist genug für sic, zu leiden mit Deinem Leid—.um weiter kümmert sie sich nicht. Ein seltsames Kind! — Furchtlos und doch so erpicht auf Dinge, welche Kindern Furcht cinflüßen — erpicht ans Erzählungen von 587 Feen, Kobolden und Geistern,welche Mrs, Primmins frisch und ncn aus ihrem Gedächtnis, hervorzieht, wie ein Gaukler siedendhciße Pfannkuchen aus seinem Hut heransholt. Ilnd doch ist Blanche in ihrer Unschuld so sicher, daß dergleichen Spucke nie ihre Träume in dem einsamen Stübchen beunruhigen, das voll ist von finstern Ecken und Nischen, während der Wind um die einsamen Ruinen stöhnt und die Fenstcrrahmcnheißcrrasseln in derkcrkerartigcnMauer, Sie würde sich nicht gescheut haben, im Dunkeln durch die gespenstische Veste zu wandeln oder über den Kirchhof zu gehen um die Zeit, , „Wo bei dem boshaft trügerische» Licht Des Mondes —" die Grabsteine so geisterhaft aussehen und der Schatten der Eibenbäuine so ruhig niedcrfällt auf den glasen, Wenn Rolands Stirne am düstersten ist und ans den zusammen- gepreßtcn Lippen sein Gram am peinlichsten spricht, sitzt Blanche sicherlich zn seinen Füßen und harrt des Augenblickes, in welchem mit einem schweren Seufzer die Muskeln erschlaffen; und sie darf seines Lächelns gewiß seyn, wenn sie an seinem Knie hinanklettcrt. Es ist allerliebst, zufällig ihr zn begegnen, wenn sie die verfallenen Thurmtrcppen hinangleitct oder wenn sic schweigsam in der Nische eines zerbrochenen, schcibenloscn Fensters steht; welche Gedanken unbestimmter Scheu und feierlicher Lust mögen wohl unter dieser stillen, kleinen Stirne thätig sehn? Sie faßt Alles schnell, was man sie lehrt, und nimmt bereits die Erziehnngsknnst meiner Mutter voll in Anspruch. SK8 Mein Vater mußte seine Bibliothek nach Büchern durch- siören, um ihr Verlangen nach „weiterer Belehrung" zu nähren (oder auszntilgen); daneben hat er ihr Unterricht im Französischen und Italienischen versprochen, freilich sie ans die goldene Zeit eines schattenhaften „Gelegentlich" vertröstend — aber auch dies fand eine so dankbare Aufnahme, daß man hätte glauben sollen, Blanche halte denTclemach und die Novelle Moral, für Puppenstuben und Puppen. Gebe der Himmel, daß sic mit besserem Erfolg durch das Französische nnd Italienische komme, als dies unter Mr. Cartzns Unterricht im Griechischen bei seinem Sohne der Fall war. Nach der Erklärung meiner Mutter, welcher hierin ein Urtheil znsteht, hat sie ein treffliches, musikalisches Gehör, nnd zum Glück lebt iü einer vier Stunden entlegenen Stadt ein alter Italiener, der ein trefflicher Musiklchrcr seyn soll nnd wöchentlich zweimal einen Umgang hält bei der benachbarten Sqnirearchie. Ich habe sie im Zeichnen unterrichtet — eine Kunst, in der ich nicht ohne Geschick bin — nnd sie nahm bereits eine Skizze nach der Natur ans, die, wenn man von der Perspektive absieht, nicht so übel ist; überhaupt verdankt sie ihrem Natnrinstinkt die Idee des „Jdealisirens," was künftige Originalität verspricht, nnd sie hat der alten Rüster, welche über den Strom hereinhängt, gerade den Zweig noch gegeben, welcher ihr fehlte, um ins Wasser zu tauchen und die harten Umrisse zu mildern. Meine einzige Furcht besteht darin, Blanche möchte zu träumerisch nnd nachdenksam werden. Das arme Kind hat Niemand, mit S6S dem es spielen kann, weshalb ich mich für sie umsah, um ihr einen munteren jungen Hund zu verschaffen, der vor allen sitzenden Beschäftigungen einen Abscheu hat — ein kleines, kohlschwarzes Wachtelhündchcn, dessen Ohren bis auf den Boden niederhängen. Ich gebe ihm den Namen „Juba", Addison's Cato zu Ehren und in Berücksichtigung seiner schwarzen Locken und seiner mauritanischcn Farbe. Blanche scheint bei ihrem Gleiten durch die Ruinen nicht mehr so lustig und elfenartig zu sehn, wenn Juba an ihrer Seite bellt und die Vögel ans dem Epheu scheucht. Eines Tages schritt ich in der leeren Halle anfiu^r ab, und der Anblick der Rüstungen und Porträts —- stumme Beweise von dem rührigen und abenteuerlustigen Leben der alten Bewohner, welche mir meine eigene thatlose Dunkelheit vorzuwcrfen schienen — hatte mich eben auf eines jener pegasianischen Steckenpferde gesetzt, auf welchen die Jugend gern sich gen Himmel anfschwingt, Jungfrauen an den Felsen befreit und Gorgonen und Ungeheuer erlegt, als Juba hereinsprang und Blanche, den Strohhut in der Hand, ihm folgte. Blanche. — Ich dachte mir wohl, Du werdest hier sehn, Sisty. Darf ich bleiben? Pisistratns.— Ei, mein liebes Kind, der Tag ist so schön; statt ihn hinter den Thnren zu verlieren, solltest Du mit Juba auf den Feldern herumlaufen. Juba. — Ban — Wan! Blanche, — Willst Du nicht mitkommcn? Wenn 570 Sisty zu Hause bleibt, kümmert sich Blanche nicht nm die Schmetterlinge. Pisistratus sieht, daß der Faden seiner Tagtränme zerrissen ist, und fügt sich mit der Miene der Ergebung. An der Thnre angelangt, bleibt Blanche stehen und macht ein Gesicht, als ob ihr etwas auf dem Herzen liege. Pisistratus. — Nun, was gibt's jetzt, Blanche? Warum machst Du Knoten in Dein Band und zeichnest mit der Spitze Deines geschäftigen Füßchens unsichtbare Charaktere ans den Boden? »Blanche (geheimnißvoll). — Ich habe ein neues Zimmer gefunden, Sisty. Meinst Du nicht, daß wir es an- sehen sollten? Pisistratus. — O freilich, wenn es Dir nicht irgend ein Blaubart von Deiner Bekanntschaft verboten hat. Wo ist cs? Blanche. Droben — links. Pisistratus. — Die kleine alte Thnre, zu welcher zwei steinerne Stufen hinunterführen und die immer verschlossen ist? Blanche. — Ja, aber heute ist sie offen. Die Thnre war angelehnt und ich guckte hinein; mehr aber mochte ich nicht thun, bis ich Dich gefragt hatte, ob es nicht vielleicht unrecht sey. Pisistratus. — Sehr schön von Dir, mein verständiges Büschen. Ohne Zweifel ist es eine G eisterhalle. Unter Jnbas Schutz übrigens können wir mit einander cs schon wagen. 871 Pisistratns, Blanche nnd J»ba steige» die Treppe hinan nnd schlagen einen dunkeln Gang ein, der links von den bewohnten Zimmern abführt. Wir erreichen die Spitz- bogenthürc, die rauh aus eichenen Planken znsammcnge- nagclt ist, drücken fle ans nnd bemerken, daß eine kleine Treppe von dem Gemach abwärts führt, welches sich unmittelbar über Rolands Schlafzimmer befindet. Das Gemach hat einen dumpfen Geruch nnd ist wahrscheinlich der Lüftung wegen geöffnet worden, denn der Wind zieht durch das offene Fenster herein, nnd auf dem Herd liegt ein brennendes Holzscheit. Der Platz hat den anziehenden Zauber einer Gerümpelkammer — denn ich wüßte nichts, waS so viel Ansprechendes für die Phantasie junger Leute besäße. Welche Schätze für sie liegen nicht oft unter den Siebensachen verborgen, welche ältere Geschlechter als , unnütz bei Seite geschafft haben! Alle Kinder sind von Natur ans Alterthnmsforscher und Reliqnienjäger. Gleichwohl herrscht in der Art, wie die Gegenstände nntcrgcbracht sind, eine Ordnung nnd Genauigkeit, welche die Vorstellung von Gerümpel Lügen straft — nichts von dem Moder und Staub, welche Dingen, die dem Verfall überlassen sind, eine so wehmüthige Bedeutsamkeit verleihen. In der einen Ecke sind Trnhen und militärische Koffer von fremdartigem Aussehen aufgehänft, an deren Seiten, aus cingcschlagenen Mcssingnägeln gebildet, die Buchstaben 11. v. 0. sich befinden. Vitt nnwillkührlicherAchtung wende ich mich von ihnen S72 x- ab und rufe Juba zurück, der sich in Verfolgung einer eingebildeten Maus hinter ihnen eingekeilt hat. In der andern Ecke aber steht ein Stück Möbel, das mir eine Kinderwiegc zu seyn scheint — allerdings keine englische; sie ist ans spanischem Rosenholz und hat an der Hinterseite ein Geländer mit gewundenen Säulen. Ich würde das Geräth kaum für eine Wiege gehalten haben, ivcnn nicht das leichte Polster und die kleinen Kissen seine Bestimmung angedentet hätten. An der Wand über der Wiege hingen allerlei kleine Gegenstände, die vielleicht ehedem ein Kinderherz erfreut hatten — zerbrochenes Spielzeug mit abgegebener Farbe, ein kleiner Säbel und ein Trompetchen, desgleichen einige zerrissene, meistens spanische Bücher — ihrer Form und ihrem Aussehen nach ohne Zweifel Kinderschriften. Unfern davon stand ans dem Boden ein Bild, dessen Vorderseite der Wand zugckehrt war. Juba hatte die Maus, welche in seiner Einbildung fortcristirte, hinter dieses Gemälde verfolgt, und während er sich Plötzlich zurückzog, fiel mir der Rahmen in die Hand, den ich vor dem Umsturz bewahrte. Als ich die Vorderseite gegen das Licht kehrte, war ich nicht wenig überrascht, blos ein altesFamilicnporträt zu finden; es war das eines Gentleman in dem geblümten Leibrock und der steifen Halskrause ans den Zeiten der Königin Elisabeth — eines ManncS mit kühnem und edlem Gesichte. In der Ecke war ein verblichenes Wappen angebracht, und unter demselben las man die 573 Inschrift - „llUUIlUIUI' vbl VLXrOX, lüg: LUU: ^bll'-d'r: 35." Als ich das Bild wieder gegen die Wand lehnte, bemerkte ich ans der Hinterseite der Leinwand einen Streifen von Nolands Schrift, obgleich in einer jüngeren nnd geläufigeren Hand. Die Worte lauteten: — „Der Beste und Tapferste unseres Geschlechts. Er focht an Sidncys Seite auf dem Feld von Zütphcu und in Drake's Schiff gegen die spanische Armada. Wenn ich je einen —" Der Ziest des Papierstreifens schien abgerissen worden zu sehn. Ich wandte mich ab und machte mir beschämende Vorwürfe , daß ich so weit meiner Neugierde nachgegeben hatte — wenn anders das gewaltige Interesse, welches mich so ganz in Anspruch nahm, einen so harten Namen verdiente. Ich sah mich nach Blanche um; fie war von meiner Seite nach der Thüre znrückgcgangen, hielt die Hände vor ihre Augen und weinte. Als ich mich zu ihr hinschlich, fiel mein Blick auf ein Buch, das seitwärts von diesen Neberrestcn einer einst reinen und heitern Kindheit neben dem Fenster auf einem Stuhle lag. Aus den altmodischen Cilberklampen erkannte ich Rolands Bibel, und es war mir, als hätte sch mich durch mein gedankenloses Eiudrängcn einer Entweihung schuldig gemacht. Ich zog Blanche mit mir fort, und wir stiegen geräuschlos wieder die Treppe hinunter. Erst als wir auf unserem Lieblingsplätzchcn, unter den Trümmern auf dem Hügel der ritterschaftlichen Gerichtsbarkeit, anlangten, suchte ich ihreThräncn wegzuküsscn und sie nach der Ursache zu fragen. S74 > i- „Mem armer Bruder," schluchzte Blanche. „Das muffen seine Sachen gewesen seyn — und wir werden ihn nie, nie wieder sehen! — Und des armen Papa's Bibel, in der er liest, wenn er sehr, sehr traurig ist! Ich habe nicht genug geweint, als mein Bruder starb. Jetzt weiß ich besser, was der Tod ist. Armer Papa, armer Papa! Du mußt einst auch sterben, Sisty!" Mit der Schmetterlingsjagd war es diesen Morgen vorbei, und es stund lange an, ehe ich Blanche beruhigen konnte. Ucberhaupt ließen sich die Spuren der Niedergeschlagenheit in ihren, sanften Blicken viele, viele Tage bemerken , und sie fragte mich oft unter Seufzen: „Meinst Du nicht, es sey sehr unrecht von mir gewesen, Dich dorthin zu nehmen?" Arme, kleine Blanche, ächte Tochter Eva's — sie wollte mich nicht den mir gebührenden Antheil an der Schuld tragen lassen und hielt es ganz mit der adamisti- schen Gerechtigkeit der Urzeit — „das Weib verführte mich nnd ich aß." Von dieser Zeit an schien Blanche noch liebevoller gegen ihren Vater zu werden und verläßt mich jetzt beinahe ganz, um sich stets inniger und inniger an ihn anznschmie- gen, bis er aufblickt nnd sagt: „Mein Kind, Du bist blaß; geh' nnd jage den Schmetterlingen nach." Dann sagte sie—- nicht zu mir, sondern zu ihm: „Komm auch mit!" und zieht ihn hinaus in das Licht der Sonne, ohne seine Hand loszu- laffcn. Von Rolands ganzem Geschlecht war also dieser Herbert de Carton der Beste und Tapferste gewesen nnd doch 578 hatte er dieses Verfahren nie gegen mich erwähnt, nie irgend einen Ahn in Vergleichung gestellt mit jenem zweifelhaften nnd mythischen Sir William. Ich erinnerte mich zwar, daß mir bei Dnrchgchung des Stammbaums der Name Herbert — der einzige Herbert in der Liste — ausgefallen war und ich ihn fragte: „Was wißt Ihr non ihm, Onkel?" Aber Roland murmelte etwas Unverständliches vor sich hin und wandte sich ab. Desgleichen entsann ich mich, daß sich in RolandS Zimmer an der Wand eine Spur befand, wo vordem ein Gemälde von gleicher Größe gehangen hatte. Es war schon vor unserem crsten'Besuche entfernt worden nnd mußte Jahre lang da gehangen haben, um ein solches Merkzeichen znrückznlaffcn. Vielleicht hatte Volt während Rolands langem Aufenthalt auf dem Festland ihn, dort seine Stelle angewiesen. „Wenn ich je einen —" wie mochten wohl die fehlenden Worte lauten? Ach, bezogen sie sich nicht vielleicht auf den Sohn, der zwar für immer fehlte, aber augenscheinlich noch nicht vergessen war. Viertes Kapitel. Mein Onkel saß auf der einen, meine Mutter auf der anderen Seite des Kamins, nnd ich hatte zwischen beiden einen kleinen Tisch, um das Ergebniß ihrer Besprechung anfzuzeichncn; denn sie hielten hohen Rath, das Zusam- menwcrfen ihres Vermögens nnd den Beschluß betreffend, Was zu dem gemeinschaftlichen Vorrath beigetragcn, was 876 für die Civilliste ansgeworfen und was als Amortisationsfond bei Seite gelegt werde» sollte. Nun hatte meine Mutter als achtes Weib eine weibliche Vorliebe für eine anspruchslose Schaustellung und wollte in den Augen der Nachbarschaft auch „eine gcntile Figur" machen; sechs Pence sollten nicht nur soweit gehen, als es sechs Peneen möglich war, sondern dabei auch einen milden eindrnckmacheuden Glanz verbreiten — nicht etwa ein prachtvolles Funkeln, gleich dem des Nordlichtes, was kaum in den bescheidenen Jdio- syncrasien von sechs Peneen lag — sondern einen sanften, wohlwollenden Schein, nur um zu zeigen, wo ein Sir- Pencestück gewesen war, damit man sagen konnte: „Siehe," bevor „der Schlund der Finstcrniß eS hat verschlungen." Wie ich schon früher dem Leser zu bemerken Gelegenheit fand, hatten wir auf solche Weise in der Umgebung unseres viereckigen Backsteinhauses stets eine sehr achtbare Stellung behauptet, so gesellig gelebt, als es die Gewohnheiten meines Vaters gestatteten, und unsere kleinen Thee- partie» oder gelegentlich unsere Diners gegeben/ Aller-' dings versuchten wir dabei nicht, mit unseren reichere» Nachbarn wettzueifern; aber unter den wirthlichen Händen meiner Mutter hatten die gut angewendeten sechs Pence eine so ausgesuchte Zierlichkeit, eine so denkwürdige Haushaltungs- knnst und eine so sinnreiche Anordnung an den Tag gelegt, daß im Umkreis von zwei Stunden keine alte Jungfer lebte, die nicht unsere Theepartien für vollkommen erklärte. Ja selbst die große Mrs. Rollick, die doch jährlich einer be- S77 rühmten Köchin und Haushälterin vierzig Guineen bezahlte, Pflegte regelmäßig, so oft wir in Rollick-Hall speisten , über den Tisch hinüber sich wegen des Erdbeersaftes gegen meine Mutter zu entschuldigen, die darüber bis zu den Ohren erröthete. Wenn wir wieder zu Hause waren, spielte allerdings meine Mutter auf das schmeichelhafte und zarte Compliment in einem Tone an, welcher den Dünkel des menschlichen Herzens verrieth; mein Vater aber Pflegte — seh es, um Kitty's Eitelkeit zum Sinne christlicher De- muth zu ernüchtern, oder in Folge der selesamen Schlauheit, die ihm inwohnte — darauf zu erwiedern, daß Mrs. Rollick eine unzufriedene Natur seh und kein Compliment gegen meine Mutter beabsichtigte, sondern nur die anerkannte Köchin und Haushälterin gerne geärgert hätte, welcher natürlich der Bediente die hämische Entschuldigung sogleich hintcrbrachte. Bei der Uebersiedelung nach dem Thurm und derlleber- nahme des Hanswesens war es meiner Mutter natürlich sehr darum zu thun, daß besagter Thurm, obgleich er nur ein verwitterter Invalide war, dennoch sein bestes Bein voranstelleu sollte. Ungeachtet der dünn bevölkerten Umgebung waren einige Karten an der Thüre abgegeben worden; verschiedene Einladungen, welche mein Onkel bisher abzulehnen pflegte, hatten seinen Aufenthalt in der alterthümlichen Rnine begrüßt, und waren um so zahlreicher, als die Nachricht von unserer Ankunft in Umlauf kam, so daß meine Mutter ein sehr paffendes Feld für ihre Wirthschaftskünste vor sich sah — ein zureichender Grund für ihren Ehrgeiz- daß der Thurm Bulwer, die Caxtene. Z7 578 seinen Kopf aufrecht halten sollte, wie cS einem Thurm ziemte, welcher das Haupt der Familie barg. Um Dir übrigens nicht Unrecht zu thun, liebe Mutter, die Du so hübsch und nett dem grämlichen Kapitän gegenüber sitzest — Deine Schürze so weiß, Dein Haar so glatt und glänzend und Deine Morgenhaube mit den blauen Bändern so gefallsüchtig angeordnet, als fürchtest Du, daß Dir die mindeste Vernachlässigung von Deiner Seite das Herz Deines Austin verlieren könnte — um Dir nicht Unrecht zu thun, indem ich Deinen frauenhaften Träumen von den geselligen Annehmlichkeiten des Lebens nur leichtfertige Beweggründe unterstelle, muß ich sagen, daß Dein Herz in seiner vorsorglichen Wärme bei den wstthschaftlichen Gedanken, die sich beschäftigten, ebenso viel bethciligt war, wie es nur je Deine Eitelkeit scyn konnte. Zuerst und zuvörderst war cs der Wunsch Deiner Seele, daß Dein Austin so wenig als möglich an den Wechsel in seinen VermögcnSverhältnissen erinnert werde; er sollte jene Unterbrechungen in seinen abgeschiedenen Studien nicht vermissen, über die er allerdings ärgerlich zu thun und sein k-rpav auszurnfen pflegte, die aber gleichwohl günstig auf ihn wirkten und den Strom seiner Gedanken erfrischten. Und zunächst war es die Ueber- zeugung Deines Verstandes, daß ein wenig heitere Gesellschaft, das stolze Vergnügen im Zeigen der Ruine nnd der Vorsitz in der Halle seiner Ahnen Roland den düsteren Träumereien entreißen würde, in welche er von Zeit zu Zeit verfiel. Und was drittens das junge Volk betraf — war für Blanche nicht der Umgang mit Kindern des eigenen Ge- 879 schlechtes und Alters nöthig? Lag doch bereits in jenen schwarzen Augen etwas Melancholisches und Brütendes, wie es in der Regel bei Kindern der Fall ist, die nur mit älteren Personen in Berührung kommen; und was konnte für Pi- sistratus mit seinen veränderten Aussichten und der einen nagenden großen Erinnerung im Herzen, die er zwar vor sich selbst zu verbergen suchte, aber einer Mntter gegenüber, die auch geliebt hatte, nicht zu verhüllen vermochte — waS konnte für ihn Wohl angemessener seyn, als ein Verkehr mit der umgebenden Welt, wie ihn bei aller Beschränktheit der letzteren eine Frau, diese holde, Knüpferin aller geselligen Bande, kunstreich herbeiznführen wußte? — Du gingst daher nicht, wie der unheimliche Florentin „Sopra lorvanila elio par persona," 'über leichte Schatten, welche die Wesenheit wirklicher Gestalten nachäfften', sondern es waren vielmehr die wirklichen Gestalten, die als Schatte» oder vanita. auftratcn. Welch eine Abschweifung! Kann ich denn nie meine Geschichte in einfacher, gerader Weiss-Vorbringen? Ich muß wahrhaftig unter dem Zeichen des Krebses geboren seyn, denn alle meine Bewegungen sind weit ausholend, seitwärts gehend und krabbenartig. Fünftes Kapitel» „Ich denke, Roland," sagte meine Mutter, „das Hauswesen ist jetzt ganz in der Ordnung. Bolt gilt wenigstens für drei Bediente, Primmins besorgt die Küche und die 37 » 580 Haushaltung und Mollh ist ein gutes, rühriges Mädchen — auch willig, obschon ich mit dem armen Ding meine Noth habe, sie zu überreden, daß sie sich nicht Anna Maria nennen lasse. Der Lohn dieser drei Personen macht nur eine kleine Summe aus, mein lieber Roland." „Hem!" versetzte Roland, „da wir nicht mit weniger Dienstboten bei geringerem Lohn ausreichen können, so werden wir, denke ich, die Summe wohl klein nennen müssen." „Sic ist es auch," sagte meine Mutter mit milder Entschiedenheit. „Und wenn wir noch das Wildpret, die Fische, de» Ertrag des Gartens und Hühnerhofs, desgleichen die eigene Schäferei in Anschlag bringen, so wird der Aufwand für die Haushaltung nahe an nichts zu stehen kommen." „Hem!" entgegnete abermals der sparsame Roland mit einer leichten Furche auf seiner Stirne. „Er mag so nahe an Nichts stehen, Frau Schwägerin, wie ein Metzgerladen an Northnmberland-House; aber es ist doch eine gewaltige Scheidewand zwischen Nichts und dem nächsten Nachbar, den Ihr ihm gegeben habt." Diese Redewendung glich so ganz denen meines VaterS und war eine so naive Nachahmung der von ihm oft gebrauchten rhetorischen Figur, welche man ^ntl»nnn- oIasis oder Wiederholung derselben Worte in einem andern Sinne nennt, daß ich lachte und meine Mutter lächelte. Ihr Lächeln war jedoch ehrfurchtsvoll, und sie dachte nicht an die ^.»tliunavlasis, als sie ihre Hand auf Rolands Arni legte und in der noch fürchterlicheren Rede- 581 figur, welche L x ix Ir o » e m n oder Zuruf heißt, erwie- dertc: „Und doch wolltet ihr bei all' Eurer Sparsamkeit haben, daß wir—" „Bst!" rief mein Onkel, das k! x i x I» o n v »> n mit einer meisterhaften -1 xosioxesis oder einem Abbrechen der Rede abwehrcnd. „Bst! Hättet Ihr gethan, wie ich wünschte, so würde ich mehr Vergnügen haben für mein Geld!" Die rhetorische Rüstkammer meiner armen Mutter lieferte keine Waffe, um dieser schlauen _1 xos ! oxo 8 is z>, begegnen, weshalb sie die Rhetorik ganz fallen ließ und mit jener „schmucklosen Beredtsamkeit", welche ihr, wie andern großen Finanzreformern, natürlich war, fortführ: „Gut, Roland, aber ich versichere Euch, ich führe eine gute Hauswirthschaft nnd — Ihr müßt nicht schmälen; doch dies thut Ihr nie — ich meine, Ihr müßt nicht ein Gesicht machen, als ob Ihr schmälen wolltet. Die Sache verhält sich nämlich so, daß, selbst wen» wir jährlich hundert Pfund für unsere kleinen Partien bei Seite legen —" „Kleine Partien? — jährlich hundert Pfund?" rief der Kapitän entsetzt. Meine Mutter fuhr in ihrer Weise schonungslos fort: „Dies läßt sich Wohl erschwingen; nnd ohne daß wir Eure Pension in Anschlag bringen, die Ihr als Taschengeld und für Eure und Blanchc's Garderobe behalten müßt, können wir meiner Berechnung nach dem Pisistratns jährlich hundertundfünfzig Pfund answerfen, die für ihn neben SS2 dem Stipendium, das er erhalten wird, in Cambridge wohl ausreichen." Ich schüttelte hierüber zweifelhaft den Kopf, da das Stipendium eben nur in den Freuden der Hoffnung lag. „Bei alle dem," fuhr meine Mutter fort, ohne auf dieses Zeichen der Verwahrung zu achten, „werden wir immer noch Etwas auf die Seite legen können." Das Gesicht des Kapitäns nahm einen possierlichen Ausdruck von Mitleid und Entsetzen an; er schien zu glauben, das Mißgeschick, welches uns betroffen, müffe meiner Mutter den Kopf verkehrt haben. Sein Quälgeist ließ aber nicht ab. „Denn," sagte meine Mutter mit einem hübschen berechnenden Kopfschüttcln nnd einem Bewegen des Zeigefingers gegen die Finger der linken Hand, „dreihnndertund- siebzig Pfund — die Interessen von Austins Vermögen — nnd fünfzig Pfund, die wir für Vermiethnng unseres Hanfes rechnen können, machenjährlich vierhnndertundzwanzig Pfund. Dazu Eure jährlichen dreihundertunddreißig Pfund von der Maierei, der Schafwaide nnd den Hütten, die Ihr zu ver- miethen habt — so stellt sich die Gesammtsumme aufsieben- hundertundfünfzig Pfund. Nebst dem, was wir, wie ich bereits bemerkte, umsonst für die Haushaltung habe», können wir mit fünfhundert Pfund jährlich recht gut auskommen nnd dabei noch eine ansehnliche Figur machen. Wenn wir also hundertundfünfzig Pfund für Sisty bestimmen, so bleiben noch hundert Pfund für Blanche übrig." „Halt, halt, halt!" rief der Kapitän in großer Aufre- 583 gnng; „wer hat Euch gesagt, daß mein Einkommen in jährlichen dreihnndertundfünfzig Pfunden bestehe?" „Bolt sagte es — doch Ihr müßt ihm nicht zürnen." „Bolt ist ein Esel. Zieht von dreihnndertundfünfzig Pfund jährlich zweihundert ab, und der Rest ist, außer meiner Pension, Alles, über was ich zu verfügen habe." Meine Mutter machte große Augen und ich gleichfalls. „Zu diesen hundertunddreißig Pfund könnt Ihr meinetwegen hnndertunddreißig legen. Alles, was Euch übrig bleibt, liebe Schwägerin, gehört Euch, Austin, oder Eurem Sohne; aber kein Schilling soll ausgegeben werde» für das Wohlleben eines armseligen alten Invaliden. Habt Ihr mich verstanden?" „Nein, Roland," versetzte meine Mutter, „ich verstehe Euch ganz und gar nicht. Werfen denn Eure Güter nicht einen Jahresertrag von dreihundertunddreißig Pfund ab?" „Ja, aber es ruht eine Schuld darauf, deren Interessen jährlich zweihundert Pfund wegnehmen," sagte der Kapitän düster und nicht ohne Widerstreben. „Oh, Roland," rief meine Mutter mit Wärme und näherte sich ihm so sehr, daß ich überzeugt bin, wenn mein Vater sich im Zimmer befunden hätte, wäre sie so dreist gewesen, den finstern Kapitän zu küssen, obschon ich ihn nie so ernst und weniger küssenswürdig gesehen hatte. „Oh, Roland!" rief sie, das prachtvolle L x i p I, o n e m a, welches früher meines Onkels -V z, o s i o p e 8 i s in der Blüthe geknickt hatte, zum Schluffe bringend, „und doch wolltet Ihr 884 haben, baß wir, die wir zweimal so reich sind, Euch dieses Wenigen berauben!" „Sch," versetzte Roland, indem er zu lächeln versuchte; „aber dann wäre ich in meinem eigenen Wesen geblieben, und Ihr hättet mir schrecklich Hunger leiden sollen. Also nichts mehr von den 'kleinen Partien und dergleichen. Ihr müßt übrigens jetzt nicht den Stiel gegen mich nm- kehren und Eure vierhnndertnndzwanzig Pfund gegen meine hundertnnddreißig als Folie brauchen." „Ei," versetzte meine Mutter freigebig, „Ihr vergeht den Geldeswerth, de» Ihr beitragt — Alles, was Eure Güter liefern und was nns dadurch erspart bleibt. Dies muß jährlich wenigstens dreihundert Pfund ansmachen." „Madame — Schwägerin," sagte der Kapitän, „ich Lin überzeugt, Ihr wollt mich nicht beleidigen. Ich habe hierauf blos zu crwiedcrn — wenn Ahr zu dem, was ich bei- stenre, eine gleiche Summe hinznfügt, damit die alte Ruine aufrecht erhalten werden kann, so ist dies das Aeußerste, was ich mir gefallen lasse. Den Rest wird Pisistratus wohl brauchen können." Mit diesen Worten stand der Kapitän ans, verbeugte sich und stelzte, ehe Jemand von nns ihn zurückhaltcn konnte, aus dem Zimmer. „Ach Gott, Sisty!" rief meine Mutter, ihre Hände ringend, „sicherlich habe ich ihn gekränkt. Aber wie konnte ich mir denken, daß er eine so große Schuld ans den Gütern habe!" S85 „Hat er nicht die Schulden seines Sohnes bezahl,? Ist nicht dies der Grund, warum —" „Ach," unterbrach mich meine Mutter fast weinend, „und dies war es, was ihn so betrübte, ohne dafi ich eine Ahnung davon batte! Was soll ich thnn?" „Macht eine neue Berechnung, liebe Mutter, und laßt ihm seinen Willen," „Aber dann," sagte meine Mutter, „wird sich Dein Onkel zu Tod träumen und Dein Vater keine Erholung haben, denn Du siehst ja, daß er bei seinen Büchern nicht mehr den srühcrnZweek im Auge hat. Und Blanche — und Du! wenn wir nur so viel beitragen sollen, wie der gute Roland, so sehe ich nicht ein, wie wir mit zweihnndertund- sechszig Pfund jährlich unsere Nachbarn um nns versammeln könne»! Was wohl Austin sagen würde! Ich habe halb im Sinn — nein, ich will gehen und mit Primmins noch einmal die Wochenbüchcr mustern," Meine Mutter entfernte sich bekümmert, und ich blieb allein. Dann betrachtete ich die stattliche alte Halle, großartig sogar in ihrem Verfall, Und die Träume, die ich in meinem Herzen zu hegen begonnen hatte, schwebten an mir vorüber und rissen mich fort — weit weg in das goldene Land, wohin der Jugend die Hoffnung winkt. Meines Vaters Vermögen wicdcrherzustcllen — die zerbrochenen Kettenglieder deS Ehrgeizes, welche seinen Genius mit der Welt verknüpft hatten, neu zu befestigen — die verfallenen Mauern wieder anfzubauen — die öden Moorgründe urbar zu machen — -- 586 dem alten Namen neues Leben zu geben — das Alter des wackeren Kriegers zu erfreuen — und beiden Brüdern der Sohn zu sehn, welchen Roland verloren hatte —dies waren meine Träume, nnd als ich aus ihnen erwachte — siehe, da hatten sie einen festen Vorsatz, ein bestimmtes Ziel zurückgelassen, Träume, o Jugend — träume mannhaft und edel, und Deine Träume werden zu Propheten werden. Sechstes Kapitel. Brief des BisistratuS Carton an Albert Trevanion, ESq., Parlainents »iitglied. (Bckcnntniß eines Jünglings, welcher findet, da? er in der alten Welt zu viel ist.) „Mein thenrer Mr. Trevanion," „Ich danke Euch im Namen von uns Allen herzlich für die Antwort auf meinen Brief, in welchem ich Euch von den schnrkischen Schlingen Mittheilung machte, denen wir zwar nicht mit heiler Haut, aber doch mit dem Leben und gliedganz entronnen sind — mehr, als sich süglicher- weise erwarten ließ, wenn man bedenkt, daß es drei Fallen mit scharfen Zähnen waren. Wir haben uns wie die Füchse in die Wüste verkrochen, und ich glaube nicht, daß sich ein Köder anffinden läßt, welcher den Papa Fuchs wieder verlocken wird. Was den Fuchs Sohn betrifft, so ist der Fall ein anderer, und ich bin im Begriffe, Euch zu beweisen, daß er ein brennendes Verlangen hat, die Schmach der Familie wieder ausznwetzen. Ach, mein thenrer Mr. Trevanion, 68 - wenn Ihr bei Ankunft dieses Briefes mit den 'blauen Büchern' beschäftigt seyd, so haltet hier inne und legt mein Schreiben für eine gelegenere Zeit, die freilich bei Euch selten genug vorkömmt, bei Seite, Ich möchte Euch mein Herz anf- schließen und Euch, der Ihr die Welt so gut kennt, um Eure Beihilfe bitten, da sich's dämm handelt, die ttanmnmtin moeiiin zu fliehen, mit denen, wie ich finde, die Welt überall nmgürtet und cingeschloffen ist, Ihr und mein Vater hattet vollkommen Recht, als Ihr meintet, daß ich für ein bloßes Bücherlebcn nicht geschaffen sep, Und doch, was wäre nicht Büchcrleben für einen jungen Mann, der auf den gewöhnliche», konventionellen Pfaden sein Glück sucht? Alle Be- rufsgattnngen sind so von Büchern umgeben, eingeengt und vollgepfropft, daß meine kräftigen Hände überall, wo sie Raum znm Handeln suchen, auf eine Schanze von Oktavbänden und auf Wälle von Quartbändcn stoßen. Ich habe dabei zuvörderst das Universitätsleben im Auge, das mit Gelehrsamkeit beginnt und im glücklichen Falle (ganz nach dem Wunsche unserer Nationalökonomen) mit jenem Präminm auf den Cölibat, der malthnsianischen Kollegepfründe, endigt! „Drei Jahre Bücher auf Bücher — drei lange Jahre ein großes todtcs Mcer vor sich, und alle Aepfel, die an dem Nfcr wachsen, angefüllt mit der Asche der Cicero- und Garmondschriften! Nach Ablauf dieser drei Jahre ist die Pfründe vielleicht gewonnen — aber dennoch immer wieder Bücher und Bücher, wenn sich nicht etwa die ganze Welt vor dein Thore des Kollegiums schließt. Will der Student zu S88 einem Literaten, zu einem Schriftsteller mm Beruf auf- blühen? — Bücher— Bücher! Will ich in die praktische Laufbahn des Rechtes übergehen? Bücher — Bücher, lonxa, vita brems, was in einer Nmschrcibniig so viel besagen will, als man müsse sich lang abplagen, bis man es zu einer Kundschaft bringt, von der mau leben kann. Werde ich ein Arzt? Mit waS sonst, als mit Büchern kann ich meine Zeit todtschlageu, bis mir etwa im vierzigsten Lebensjahr ein glücklicher Zufall gestattet, Jemand anders zu tödten? Die Kirche (und ich muß in der That gestehe», daß ich für sie nicht gut genug Lin)? Diese ist vorzugsweise Bücherlebcn, denn auch der ärmste und rühmloseste Geistliche muß durch lange Reihen von Theologen und Kirchenvätern wandern; trachtet der Ehrgeiz nach einem Bischofssitz, so muß man die verdorbenen Stellen nicht des menschlichen Herzens, sondern eines griechischen Textes verbessern und durch Engpässe von Scholastcn und Comentatorcu sich zu dem Stuhl Bahn brechen. Mit Einem Worte, könnt Ihr mir außer dem edlen Gewerbe der Waffen, das, wie Ihr wohl wißt, nicht gerade der Weg zu Vermögen ist, ein Mittel angeben, durch welches man diesen ewigen Büchern, diesem geistigen Maschinenleben bei körperlicher Abspannung zu entgehen vermag? Wo kan» sich die Lebenslust, die in meinen Adern stürmt, Luft mache»? Wo können diese kräftigen Glieder und diese breite Brust Werth und Bedeutung gewinnen in diesem Treibhaus für Gehirnentzündung und Verdauungsschwäche? Ich weiß, was in mir liegt, und bin überzeugt, daß mir die Fähigkeiten inwohncn, welche einen S89 kräftige» Bau begleiten sollten. Ich besitze einen einfachen gesunden Verstand, einige Gewandtheit, in gewissem Grade Lust an Gefahr und einige Standhaftigkeit im Ertragen von Schmerz — Fähigkeiten, für die ich dem Himmel nicht genug zu danken vermag, denn sie sind im Privatleben sehr gut und nützlich, obschon sie vor dem Forum der Menschen »nd auf dem Markt des Glückes nur als lloooi, »nnvi, »iluli erscheinen. „Mit Einem Worte, mein theurer Herr und Freund, in dieser überfüllten alten Welt ist nicht mehr derselbe Raum, den unsere kühnen Vorväter fanden, als der Mann noch umhergehen und sich mit seinen Nachbarn tummeln konnte. Nein — man muß sitzen bleiben wie ein Schnlknabe auf seiner Bank und mit gebückten Schultern und schmerzenden Fingern seine Aufgaben ausarbeiten. Es hat ein Zeitalter des Hirtenlebens, der Jagd und des Kriegs gegeben: jetzt sind wir bei dem des Sitzens angelangt. Wer das beste Sitzfleisch hat, wirft Alles vor sich nieder — schmächtige, durchsichtige Bürschlein mit Händen, die eben stark genug sind, um eine Feder zu lenken — mit Augen so triefend vom Gebrauch der mitternächtlichen Lampe, daß sie keine Freude mehr haben an der schönen Sonne, welche mich hinanszieht in's Freie, wie das Leben einen magnetischen Zug ausübt auf das Lebe» — und mit Verdaunngsorganen, abgenützt und geschwächt durch das schonungslose Anspornen des Gehirns. Freilich, wenn dies die Herrschaft des Geistes ist, so klagt man vergeblich, und es führt zu nichts, gegen den Stachel zu lecken; aber wäre es denn, wahr, daß alle thä- tigeren Eigenschaften, die in uns sind, so gar keinen Werth haben? Wäre ich reich und glücklich, im Geist sowohl als in den äußeren Verhältnissen — wohl und gut; ich würde jagen, Ackerbau treiben, reisen, mich des Lebens erfreuen und die Finger schnippen nach dem Ehrgeiz, Wäre ich so arm und so gering erzogen, daß ich Wildhüter oder Hnnde- führer werden könnte — Verrichtungen, zu welche» sich in früherenZeiten allerdings armeGcntlemen hcrgaben — auch wohl und gut; ich könnte das unruhige Leben in mir erschöpfen durch nächtliche Kämpfe mit Wilddieben und Sprünge über weite Gräben und Mauern, Wäre ich so arm an Geist, daß ich, ohne mir Vorwürfe machen zu müssen, von meines Vaters geringen Mitteln leben und mit Claudia» ausrufen könnte: 'die Erde gibt mir Festmahle, welche nichts kosten — wieder Wohl und gut; es wäre ein Leben, das für eine Pflanze oder einen Liederdichter paßt. So aber, wie die Sachen stehen! — Ich muß hier ein anderes Blatt meines Herzens vor Euch aufschlagen! Wenn ich Euch sage, daß ich als ein armer Mensch mir Vermögen erringen möchte, so sage ich weiter nichts, als daß ich ein Engländer bin. Sich an's Positive zu halten ist eine Eigenthümlichkeit unserer praktischen Race. Selbst wenn wir in unfern Träumen Luftschlösser bauen, sind es keine Schlösser der Unthätigkcit — sie haben überhaupt sehr wenig von einem Schloß an sich und sehen mehr aus wie Hoare's Bank auf der Ostseite von Temple Bar. Mein Verlangen geht also nach Vermögen. Gleichwohl unterscheide ich mich hierin von nieinen Landsleuten, denn 591 erstlich trachte ich nur »ach Dem, was Ihr reichen Leute ein kleines Vermögen nennt, und zweitens wünsche ich, dast mich die Erringung desselben nicht mein ganzes Leben koste» möge. Ihr seht nun, in welcher Lage ich mich befinde. „Unter gewöhnlichen Umständen muß ich damit beginnen, daß ich mir eine große Schnitte von dem Einkommen meines Vaters zueigne, welches eine solche Schmälerung nicht gut ertragen kann. Nach meiner Berechnung brauchen meine Eltern und mein Onkel Alles, was sie haben — und die jährliche Summe, von welcher Pisistratus leben soll, bis er sich durch seine eigene Anstrengung ernähren kann, wäre ein Abzug, den seine Verwandten in Beschränkung aller anständigen Bequemlichkeiten des Lebens zu suhlen hätten. Gehe ich nach Cambridge, so muß ich bei aller Sparsamkeit diene« nnxustn «lomi noch mehr schmälern; und ist die Universitätslaufbahn vorüber, und bin ich losgelaffe» gegen die Welt — es ist wahrscheinlich genug, daß ich eine Kollegiats- pfründc nicht erringe -— wie viele Jahre muß ich in der Gerichtsstube, die am Ende doch das beste für mich wäre, arbeiten oder vielmehr nicht arbeiten, ehe ich meinerseits für Diejenigen sorgen kann, die ich bisher fortwährend zu berauben genöthigt war? Ich stehe dann in der Mitte meines Lebens und sie sind alt und hinfällig; das Klingen des goldenen Bechers tönt nur noch hohl bei der entschwundenen Flüssigkeit! Wenn ich's zu Geld bringen kann, so wünsche ich, daß Diejenigen, welche ich liebe, sich dessen erfreuen mögen, so lange sie noch der Freude fähig sind — daß mein Vater die Geschichte des menschlichen Jrrthums SSL vollständig in russisch Leber gebunden ans seinem Simse sähe — daß meiner Mutter die unschuldigen Freuden zu Theil werden, welche ihrem bescheidenen Herzen genügen, ehe das Alter ihr glückliches Lächeln seines Lichtes beraubt — daß Roland, ehe noch sein Haar schneeweiß ist (leider wird dev Schnee darauf immer dichter), sich auf meinen Arm lehnen könne, während wir mit einander ansmachen, wo die Ruinen wieder hergestellt oder wo sie den Eulen überlassen werden, und wo die traurige, unfruchtbare Einöde rings umher von dem lieblichen Gold des Getreides lachen soll. Denn Ihr kennt die Natur dieses Cumberlandbodens, da Ihr selbst so viel davon besitzt und so manchen schönen Acker der Wildniß abgernngen habt. Ihr wißt, daß meines Onkels Grundbesitz , von dem, mit Ausnahme einer einzigen Maierei, das Acre kaum sieben Schillinge Werth ist, nur des Kapitals bedarf, um ein wcrthvolleres Gut zu werden, als cs je in den Händen seiner Vorfahren war. „Da Ihr Euer Kapital ans ein Land von derselben Beschaffenheit verwendet habt, so muß Euch bekannt sehn (obschon Ihr in Eurer Londoner Bibliothek kaum daran denken werdet), welchen Segen Ihr schüfet, wie vielen Menschen Ihr dadurch Nahrung gebt, und wie viele Hände Ihr beschäftigt. Ich habe berechnet, wie meines Onkels Moore, welche jetzt kaum zwei oder drei Schäfer ernähren, durch das Dnngnngsmittel des Geldes dahin gebracht werden könnte», daß sie zweihundert Familien Arbeit und Brod gewährten. Alles dies ist wohl des Versuches Werth, und deshalb möchte Pisiflratus Geld erringen. Nicht zu viel! erbedarf 883 keiner Millionen — etliche tausend Pfunde würden weit reichen, und mit einem bescheidenen Kapital zuin Anfang könnte Roland ein achter Squire, ein wirklicher Land- eigenthümer werden, während er jetzt blos Herr über eine Einöde ist. Wohlan denn, theurer Sir, rathet mir, wie ich mit den Eigenschaften, die ich besitze, zu diesem Kapital gelangen kann — ja, und zwar ehe es zu spät ist — denn ich möchte mich mit dein Gelderwerben nicht bis zum Rande des Grabes abgeben müssen, „Da ich an unserer civilisirten Welt verzweifle, so habe ich meine Blicke ans eine weit ältere geworfen, die aber doch noch in einer riesigen Kindheit liegt. Hier Indien — dort Australien, Was sagt Ihr, Sir — Ihr, der Ihr leidenschaftslos die Dinge betrachtet, die vor meinen Angen in einem goldenen Nebel, großartig in der Entfernung, schwim- 'mcn? Mein Vertrauen zu Eurer Einsicht ist so groß, daß ich ohne Murren gehorchen werde, wenn Ihr mir sagt: 'Thor, gib Dein Eldorado auf und bleibe zu Hause — verkrieche Dich hinter die Bücher und das Schreibpnlt — vernichte die überguellende Lebenskraft in Dir — werde eine geistige Maschine. Deine physischen Gaben nützen Dich nichts; nimm deinen Platz ein unter den Sclaven der Lanipe,' Wenn ich aber nicht irre — wenn ich in mir Eigenschaften habe, die hier keinen Markt finden — wenn mein Sehnen nur ein Instinkt der Natur ist, der aus dieser verlebten Civilisation heraus und sich Luft machen will, um in dem jungen Streben eines rauheren kräftigeren gesellschaftlichen Systems Wachsthnm zu gewinnen — dann gebt mir, Bulwer, die Cartone, 38 SSI ich bitte Euch, den Rath, welcher meiner Idee einen praktischen, greifbare» Körper zu verleihen vermag. Ich Hesse, mich hinreichend verständlich gemacht zu haben. „Wir bekommen hier selten eine Zeitung zu Gesicht, obschon ich hin und wieder eine Nummer aus dem Pfarrhaus erhalte. Ein Artikel, welcher mit Gewißheit in Aussicht stellt, daß Ihr bald in das Kabinet eintretcn werdet, hat mir große Freude gemacht. Ich schreibe Euch, ehe Ihr Minister seyd, und Ihr seht, daß es mir nicht um eine ministerielle Gönnerschaft zu thnn ist. Ein Winkel in einer Kanzlei — oh , dies wäre schlimmer für mich, als Alles. Ich habe allerdings scharf bei Euch gearbeitet, aber — dies war etwas Anderes! Ich schreibe Euch so offen, weil ich Euer warmes Herz kenne — schreibe an Euch, als ob Ihr mein Vater wäret. Erlaubt mir, meine bescheidenen, aber tief gefühlten Glückwünsche beiznfügen zu Miß Treva- nions bevorstehender Vermählung mit einem Manne, der, wenn auch nicht ihrer Person, so doch ihrer Stellung würdig ist. Ich thue damit nur, was einem Manne ziemt, dem Ihr das Recht zugcstanden habt, für Ener und der Enrigcn Glück fortwährend zu beten. „Mein theurer Mr. Trevanion, dies ist ein langer Brief, und ich wage es nicht einmal, ihn zu überlesen, weil ich fürchte, daß ich ihn dann nicht absenden würde. Nehmt ihn hin mit allen seinen Mängeln und beurtheilt ihn mit dem Wohlwollen, das Ihr stets zu Theil werden ließet Eurem dankbaren und ergebenen Diener Pisistratns Carton. 898 Brief von Albert Trevanion, Esq., Parlamentsmitglied, an PisistratnS barton. „Bibliothek des Unterhauses, Dienstag Abends. „Mein lieber Pisistra tus! „***** steht auf der Nednerbnhne, und wir Hetzen uns schon zwei sterblich lange Stunden herum. Ich flüchte mich nach der Bibliothek, um meine Zeit Euch zu widme». Werdet nicht eingebildet, aber das Bild, das Ihr mir von Encb selbst entwarft, hat den vollen Eindruck der Originalität auf mich gemacht. Der Gemüthszustand, den Ihr mir so lebhaft schildert, muß in unserer Zeit der Civilisa- tion sehr allgemein sehn, vbschon er mir nie in so lebhaften und charakteristischen Farben vorgcführt wurde. Ihr scyd mir den ganzen Tag nicht aus dem Sinne gekommen. Ja, wie viele jilnge Männer muß es nicht in dieser alten Welt geben, die, wie Ihr, fähig, einsichtsvoll, thätig und beharrlich genug sind, aber doch sich keinen Erfolg versprechen dürfen in unser» konventionellen Bernfszweigen — 'stumme, rühmlose Ralcighc.' Euer Brief, junger Maler, ist eine bildliche Darstellung der Theorie des Colonisircns. Nachdem ich ihn gelesen habe, wird mir das Colomeshstem der alten Griechen verständlicher; sie schickten nicht nur ihre Armen, die Hefe eines übervölkerten Staates, sondern auch einen großen Thcil der besseren Klasse ans, Männer voll Kraft und Saft, voll übcrqnellenden Lebensmuths, wie Ihr, indem sie so weislich in den OleruoliHs einen gewissen Theil des aristokratischen Elements mit dem demokratischen vermengten. Sic ließe» nicht ihren Pöbel los gegen einen neuen 38 " Bode», sonder» verpflanzte» i» die frcinde» Gebiete alle Grundlagen eines harmonischen Zustandes, analog dein in deinMuttcrlande, da eS ihnen nicht darum zu thnn war, blos hungernde Munde fortznschaffen, sondern auch dem lieber- strömen der Einsicht und des Mnthes Raum zu geben, welches in der Hcimath selten nöthig und oft eher schlimm als gut ist : denn hier werden dadurch unsere künstlichen Uferbautcn bedroht, während dort der Strom, in einen Acquädnet gefaßt, einer Wüste Leben zu verleihen vermag. „In meinem Ideal von Colonisation würde ich meinerseits cs gerne sehen, wenn jede Ausfuhr menschlicher Wesen wie vor Alters ihre Häuptlinge und Führer hätte, die nicht blos nach dem Rang, sondern oft auch anö den niedrigeren Klassen zu nehmen wären, obschon sic immerhin Männer seyn müßten, die einen gewissen Grad von Erziehung Gewandtheit, Schnelligkeit im Handeln und Schmiegsamkeit verdanken — mit einen: Worte Männer, ans welche ihre Begleiter Vertrauen setzen können. Die Griechen verstandeil dies. Ja, wenn die Colonie fortschreitet lind die erst^ Stadt sich zu der Würde einer Hauptstadt erhebt, zu einer Polls, welche der Politik bedarf, so denke ich bisweilen, es dürfte weise seyn, noch weiter zu gehen nnd nicht nur eine hohe Stufe von Eivilisation dahin überznpflanzen, sondern das neue Gebiet noch enger in Verbindung zu bringen mit dem Muttcrstaat und den Austausch von Verstand, Erziehung und Bildung dadurch zu erleichtern, daß man sogar die überflüssigen Zweige des königlichen Hauses dahin sendete. Ich weiß zwar, daß viele meiner 'liberalen' SS7 Freunde über diese Ansicht in ein Pnh ausbrechen wurden, bin aber gleichwohl überzeugt, daß die Colonie, wenn sie einmal in der Lage ist, die Einfuhr zu ertrage», nur um so besser dabei führe. Und wenn einmal der Tag kömmt (wie es bei allen gesunden Eolouicn früher oder später der Fall seyn muß), daß die Ausiedlnng zu einem unabhäugigc» Staate heranwächst, so haben wir hiedurch vielleicht die Saat zu einer Constitution und Civilisation gelegt, welche der uusrigcn ähnlich ist — mit selbst entwickelten Formen von Monarchie und Aristokratie, wenn auch von einfacherem Wuchs, als die einer alten Gesellschaft, ohne daß ein wirres Chaos von Demokratie sich abkämpfcn müßte, ein ungeschlachter, lcichcnhafter Riese, vor dem ein Frankenstein wohl zittern dürfte, nicht weil er ein Niese, sondern weil er ein halb vollendeter Riese ist, * Verlaßt Euch darauf, die neue Welt wird der alten feindlich oder freundlich gegcn- übcrstchen, nicht im Verhältnis; der Stammesverwandtschaft, sondern im Verhältniß der Achnlichkeit von Sitten und Institutionen — eine gewaltige Wahrbcit, gegen welche unsere Colonisatorcn stets blind gewesen sine, „Gehen wir übrigens von diesen sernestehenden Bc- * Diese Selten wurden ln den Druck gegeben, che der Autor Mr, Wakefield's neuen Bericht über die Colonlsarion zu Gesicht bekam, in welchen! die hier ausgedrückten Ansichten mit große»! Ernst und vielem Scharssinn verfochten werden. Der Autor freut sich sehr über dieses Zusammentreffen der Gesichtspunkte, obschou er das Unglück hat, theilweisc mit der sonst trefflichen Theorie des Mr. Wakeficld nicht überelnstlmnien zu können. 5S8 trachtungen zn dem vorliegenden Falle über. Ans dem, was ich sagte, erseht Ihr bereits, daß ich mit Eurem Vorhaben sympathesirc — daß ich mir es deute, wie Ihr es von mir wünscht. Ich fasse Eure Natur und Euren Zweck ins Auge; so nehmt denn meinen Rath in zwei Worten: wandert ans. „Mein Rath gründet sich jedoch ans eine Voraus- Wtznng — daß es Euch nämlich vollkommen ernst damit ist — daß Ihr zufrieden seyd mit einem rauhen Leben und einem mäßigen Vermögen am Schluß Eurer Prüfungszeit. Laßt Euch das Answandern nicht einfallcn, wenn Ihr eine Million oder auch nur den zehnten Theil einer Million, erringen wollt. Denkt nicht an'S AuSwandern, wenn Ihr den Mühseligkeiten nicht eine Freude abgewinnen könnt — sie zu ertragen ist nicht genug ! „Wie Ihr voranszusetzen scheint, ist Australien das Land für Euch. Es paßt für zwei Klassen von Answander ktdN, einmal für solche, welche nichts haben, als ihren Verstand und zwar diesen im Uebermaß — ferner für solche, welche ein kleines Eapital besitzen mrd sich damit begnügen, es im Lauf von zehn Jahren zn verdreifachen. Ich zähle Euch zn der letzteren Klasse. Nehmt dreitausend Pfund mit, und eh' Ihr dreißig Jahre alt seyd, könnt Ihr mit zehn- oder zwölftansend wieder znrückkchren. Wenn Euch dws genügt, so denkt ernstlich an Australien. Ich will Ench morgen mit dem Postwagen die besten Bücher und Berichte über den Gegenstand znsenden und mir für Euch eine umständliche Auskunft von dem Colonialministerimn auszn- 599 wirken suchein Habt Ihr alles Dies gelesen und leidcnschaft- loS darüber uachgcdacht, so treibt Euch noch einige Monate ans den Schafweiden Cumberlands nm und laßt Euch von alten Schäfern belehren, die Ihr auffindet, dom Thyrsis an bis zum Menalcas. Ja noch mehr, bereitet Euch in jeder Weise vor für das Leben im Gebüsch, wo die Theorie von der Theilnng der Arbeit noch unbekannt ist. Lernt überall Hand anlegen. Macht Euch etwas dom Schmied, vom Zimmermann z» eigen — thntEner Bestes mit dem wenigsten Werkzeug, klebt Euch wohl im Schießen und versucht alle wilden Pferde und Fohlen zu zähmen, die Ihr durch gute Worte zur Verfügung kriegen könnt. Selbst wenn Ihr all' dies in Eurer Ansiedlung nicht braucht, so ist eS doch gut, es gelernt zu haben, denn Ihr bereitet Euch dadurch auf manches Andere vor, was sich jetzt noch nicht vorhersehen läßt. Streift den feinen Gentleman ab vom Scheitel bis zur Zehenspitze und werdet dadurch nur nm so aristokratischer; denn mehr als ein Aristokrat, ja, ein König ist derjenige , der sich selbst in allen Dingen genügt — der sein eigener Herr ist, weil er keine Valotnillo nöthig hat. Ich denke, Sencca hat dies schon vor mir ausgesprochen, und ich würde die Stelle citircn, wenn ich nicht fürchtete, daö Buch sey in der Bibliothek des Unterhauses nicht aufznnndcn. Aber jetzt — (Geschrei, beim Jupiter! Ver- muthlich ist ***** erlegen! Ja, ganz richtig; und C— betritt die Rednerbühnc. Dem Geschrei folgt ein scharfes Zischen über mich. Wie sehr wünschte ich in Euren: Alter zu stehen und Ench nach Australien begleiten zu können!) 600 Aber jetzt — um meinen unterbrochenen Satz wieder aufzn- nehmen — zu dem wichtigsten Punkte, dem Kapital, Dies müßt Ihr mitnehmcn, wenn Ihr nicht als Schäfer anszichen wollt, und dann gute Nacht zehntausend Pfund in zehn Jahren. Ihr seht also, es hat doch den Anschein, als ob Ihr zu Eurem Vater kommen müßtet. Allerdings, werdet Ihr mir entgegcnhalten, geschieht es mit dem Unterschied, daß Ihr das Kapital borget und jede Aussicht aufZurücker- stattuug vorhanden ist, so daß Ihr nicht genüthigt scyd, Jahr um Jahr von dem väterlichen Einkommen zu zehren, bis Ihr Eure achtunddreißig oder vierzig auf dem Rücken habt. Dennoch werdet Ihr auch hiebei Euer Ziel nicht mit einem Sprung erreichen, Pisistratus, und mein lieber alter Freund sollte nicht seinen Sohn und sein Geld zugleich verlieren. Ihr sagt mir, Ihr schreibet an mich, wie an einen Vater. Ihr wißt, ich hasse Bctheuernngcn, und wemlls Euch mit diesen Worten nicht ernst war, so habt Ihr mich schwer gekränkt. Als Vater nun nehme ich die Rechte eines Vaters in Anspruch und spreche offen. Ein Freund von mir, ein Geistlicher, Namens Bolding, hat einen Sohn — einen wilden Menschen, der in England wahrscheinlich in alle Arten von Klemmen gerathen wird, aber gleichwohl viel Gutes in sich hat; er ist offen, kühn und es fehlt ihm auch nicht an Talent, wohl aber an Klugheit, so daß er sich leicht zu Ausschweifungen verlocken und verführen läßt. In Verbindung mit einem jungen Manne wie Ihr würde er einen trefflichen Kolonisten abgeben, da es im Gebüsch keine solche Versuchungen gibt. Wenn Ihr also wollt, so schlage 601 ich vor, daß ihm sein Vater fünfzehnhundert Pfund mitgebe, die jedoch nicht in seine Hände kommen, sondern Euch als demHanptthcilhabcr an der Firma anvcrtrant werden sollen. Ihr bringt dieselbe Summe bei, die ich Euch auf drei Jahre ohne Interessen anbvrgcn will. Nach Ablauf dieser Zeit beginnt die Verzinsung und das Kapital soll nach Eurer Rückkehr sammt den Interessen vom Beginne des vierten Jahres an mich oder meine Erben znrückbezahlt werden. Habt Ihr Euch ein Jährchen oder zwei in, Gebüsch nm- getriebcn und etwas dabei gelernt, so daß Ihr einen Weg vor Euch seht, so könnt Ihr ohne Gefährde von Eurem Vater weitere fünfzehnhundert Pfund borgen- in der Zwischenzeit wird die Summe von dreitausend Pfunden für Euch und Euren Gcschäftstheilhabcr znreichen, da sich damit schon etwas anfangen läßt. Ihr seht, bei diesem Vorschläge handelt es sich nicht um ein Geschenk, und selbst Euer Tod bringt mich in keine Gefahr. Wenn Ihr zahlungsunfähig sterbe» solltet, so verspreche ich Euch, mich an Euren Vater zu halten: denn der arme Mann wird dann wenig Frcnde mehr haben an dem, was er noch besitzt, und sich nicht viel darum kümmern. So — ich habe mich jetzt ausgesprochen nnd werde Euch nie vergeben, wenn Ihr einen Beistand zurückweist, der Euch so wesentliche Dienste leisten kann nnd mich so wenig kostet. „Ich danke Euch für Eure Glückwünsche zu Fannh's Verlobung mit Lord Castleton. Wenn Ihr aus Australien znrückkehrt, werdet Ihr noch ein junger Mann sehn, während sic dann, obschon sie in Euren Jahren steht, fast zn den 602 Frauen vom mittlere» Alter gehört und den Kopf voll Pracht und Eitelkeit hat. Dein Mädchen ist nur eine kurze Frist für die Mädchenhaftigkeit zngcmcssen: wird sie eine Frau, so tritt sic ein unter die Frauen ihrer Klaffe. Was mich und das mir vom Gerücht beigelcgtc Amt betrifft, so wißt Ihr, was ich Euch zum Abschied' sagte, und — Doch da kömmt I— und sagt mir, man erwarrc, daß ich oaS Wort ergreife gegen N— welcher eben voll Gift und Galle von der Tribüne donnert. Das Hans ist gedrängt voll nnd hungert nach Persönlichkeiten, so muß denn der Mann der alten Welt seine Lenden gürten und in Euch mit einem Seufzer die frische Jugend der neuen verlassen — libi sit ÜUIVS acnlsso ln proolla üonles.' Euer theilnehmendcr Albert Trev an ton/' Siebentes Kapitel. Lieber Leser, du bist jetzt in das Geheimniß meines Lebens cingeweiht. Wuttdrc dich nicht, daß ich, der Sohn eines Büchermanns nnd in gewissen Perioden meines Lebens selbst ein Büchermann, wie niedrig auch die Stufe sehn mag, die ich in dieser verehrlichen Klaffe einnehme — wundre dich nicht, daß ich mich in der llebergangsperiode vom Jüngling zum Manne ungeduldig Von den Büchern abwende. — Die inei- 603 steil Studirenden haben in einer oder der andern Zeit ihres Daseyns das gebieterische Verlangen jenes rastlosen Urstoffs in der menschlichen Natur empfunden, die jeden Adamssohn anffordert, seinen Antheil beizutragen zn dem unendlichen Schatz menschlicher Thaten. Und obgleich große Gelehrte nicht nothwendig oder überhaupt nur gewöhnlich Männer der Thal sind, so haben doch die Helden, welche die Geschichte unseren Blicken vorsührt, in der Regel einen gewissen Grad von gelehrter Bildung genossen. Die Ideen, welche durch Bücher iws Leben gerufen werden, sind nicht immer durch Bücher zu befriedigen; und wenn auch der königliche Zögling des Aristoteles mit dem Homer unter seinem Kiffen ein- schlicf, so geschah dies wohl nicht in der Absicht, von Verfassung epischer Gedichte, sonder» von Eroberung neuer Jlionc im Oste» zn träumen. Wie Mancher, der mit Alexander keine Achnlichkcit hat, mag sich vornehmen, ein Ziel zu erobern, daS nur durch Thätigkeit errungen werden kann, und so wird wohl das Buch unter seinein Kissen der ärgste Feind seiner Ruhe. Die ernsten Parzen, in deren Hände das Geschick des Menschen gegeben sehn soll, spinnen ihre ersten zarten Fäden in die frühesten Erinnerungen des Kindes. Die Mährchen, mit welchen die leichtgläubige alte Amme meine Kindheit täuschte — die Erzählungen von Wundern, fahrenden Rittern und Abenteuern hatten Keime znrückgelassen, die lange verborgen lagen — Samen, die sich vielleicht nie über den Boden erhoben haben würden, wäre nicht meine Jugend früh in das heiße Treibhaus der Londoner Welt versetzt worden. Dort brach selbst mitten unter 604 Bücher» und Studien lebhaftcrBevbachtnngsgeist und kecker Ehrgeiz hervor »ns dem üppigen Blätterwerk der Romantik, dieser unfruchtbaren Vollsaftigkcit einer poetischen Jugend, Die Liebe, welche in allen Elementen deS Menschen eine Revolution zur Folge hat, ries einen neuen Zustand des DaseynS hervor, rasch und gährcnd; die alten Angewöhnungen »nd die convcntioncllcn Formen sind zu Grabe gegangen, und die Asche zeigt an, wo das Feuer gelodert hat. Ferne sey von mir, wie von jedem nur halbwegs männlichen Geiste, der Versuch, dadurch Interesse zu erregen, daß ich ein Langes und Breites bei de» Kämpfen gegen eine übereilte, unpassende Neigung verweile, die meine Pflicht mich überwinden hieß; aber wie ich schon vorhin andentcte, jede solche Liebe hält cs gewaltig mit der Partei des Umsturzes und wo — „Je solcher Fcentanz geschah. Wächst mmmermchr das Gras," Wieder einzntrete» in die Knabcnzeit, mit demnthigcr Gelehrigkeit in ihrem geregelten Gang fortznmachen — wie schwer fand ich eine solche Rückkehr in der klösterlichen Eintönigkeit eines Colleges ! Die Liebe zu meinem Vater und meine Fügsamkeit in seine Wünsche hatten mir zwar einige Lust für ein Ziel verliehen, das mir sonst zuwider war: aber da durch meinen Besuch der Universität meine Angehörigen »othwendig beraubt wurden, so kam mir schon der Gedanke daran als abscheulich vor. Unter dem Vorwände, ich habe bei einer Prüfung meiner Selbst gefunden, daß ich noch nicht hinreichend vorbereitet sey, um dem Namen meines Vaters 605 Ehre zu machen, wirkte ich mir leicht die Erlaubnis aus, den Beginn des nächsten Cnrsns zn umgehen und zu Hause meine Studien fortzusetzen. Dies, gab mir Zeit, meine Plane vorzubereitcn und sie — aber wie werde ich je meine abenteuerliche» Absichten Denen beizubringen im Stande scyn, die ich zu verlassen gedenke? Es ist schwer, sehr schwer, sich in der Welt sortzubringen; aber der peinlichste Schritt dabei ist derjenige, welcher uns van der Schwelle einer geliebte» Heimath wegführt. Wie — ja, in der That, wie! „Nein, Blanche, Dn kannst heute nicht mit mir; ich bleibe viele Stunden ans, und es wird spät werden, eh' ich wieder nach Hause komme-" Nach Hause! — das Wort liegt erstickend auf mir. Juba schleicht untröstlich zu seiner jungen Gebieterin zurück; Blanche blickt mir betrübt von unserem Lieblingshügcl nach, und die Blumen, die sie gesammelt hat, entfallen unbeachtet ihrem Korbe. Ich höre die Stimme meiner Mutter leise vor sich hinsingen, während sie Lei offenem Fenster an ihrer Arbeit sitzt. Wie — ach, freilich, wie! 606 Dreizehnter Abschnitt. Erstes Kapitel. Der heilige Chrpsostomns vcrtheidigt in seinem Werke über das Pricsterthnin die Täuschung, wenn sie zu einem guten Zwecke geübt wird, mit vielen Beispielen aus der Schrift, schließt sein erstes Buch mit der Behauptung, sic scp oft nöthig und wohlthätig, und beginnt das zweite mit der Bemerkung, man sollte sie nicht Täuschung, sondern „zweckmäßiges Verfahren" nennen. So will ich denn auch die nnschuloigcn Künste, mit welchen ich jetzt für meinen Plan die Gunst nnd Zustimmung meiner nichtsahnenden Familie zu gewinnen suchte, zweckmäßiges Verfahren nennen. Den Anfang machte ich bei Noland. Es wurde mir leicht, ihn zu veranlassen, einige der von TreVanio» mir zugesandtcn Bücher zu lesen, welche den Reiz des Lebens in Australien schildern, und zum Glück entsprachen diese Bilder seinem Geschmack für's Abenteuerliche nnd der freien, halbwilden Natur, welche in dem rauhen, hochherzigen Soldaten lag, sosehr, daß er gleichsam selbst das in mir brennende Verlangen anzuschürcn schien — denn wie der -von Sorgen gedrückte Trevanion seufzte auch er, „wenn er nur in meinem Alter stünde," nnd blies dadurch mehr und mehr die Flamme an, die mich verzehrte. Als ich eines Tages mit ihm über die wilden Moore wan- 807 derte, begann ich, da ich seinen Widerwillen gegen Juri- sterei »nd Advokaten kannte: „Es ist ein Jammer, Onkel, daß mir nichts übrig bleiben soll, als die Gcrichtsbauk!" Kapitän Roland schlug mit seinem Stock in einen Torfballen und rief: „Donnerwetter, Neffe, Advokatur und Luge gehen Arm in Arm, während die Wahrheit und eine Welt, frisch von Gottes Hand, vor Dir liegt!" „Eure Hand, Onkel, wir verstehen einander. Aber Ihr müßt mir bei den beiden stillen Herzen zu Hanse behülslich seyu." „Die Pest ans meine Zunge — was habe ich gethan?" cntgegnete der Kapitän mit entsetzter Miene, Er dachte dann eine Weile nach, wandte mir sein dunkles Auge zu und brummte: „Junger Bursche, ich vermulhc, Tu hast mir eine Falle gelegt, und ich alter Narr bin mir nichts Dir nichts hincingepurzelt," „Oh, Onkel, wenn Ihr die Gerichtsbaus vorzieht —" „Spitzbube!" „Oder vielleicht könnte ich als Eoinmis bei einem Kaufmann ein Unterkommen finden?" „Wenn Dn dies thnst, so kratze ich Dich aus dem Stammbaum!" „Also wohl auf nach Australien!" „Nun, schon gut," sagte mein Onkel mit einem Lächeln auf seiner Lippe und einer Thräne im Auge; „das Blut der alten Seekönige wird sich Bahn brechen. Ein Soldat oder 608 ein Abenteurer — es gibt keine andere Wahl für Dich. Wir werden zwar nni Dich trauern und Dich vermisse»; aber wer kann die jungen Adler an ihren Horst fesseln?" Eine schwerere Aufgabe hatte ich bei meinem Vater, der mir Anfangs zuzühörcu schien, als spräche ich von einem AnSflug nach dem Mond. Ich warf jedoch gewandt eine Dosis von den alten griechischen Clernchiais hinein, die r rc- vanion eitirt hatte, und dies setzte ihn ans sein Steckenpferd, auf welchem er lustig fvrttrabte, bis er nach Beendigung eines kurzen Abstechers nach Euböa und dem Chersones sich mitten in den Colvnicn Klcinasiens verlor. Dann verlockte ich ihn allmälig und schlau in seine Lieblingswissenschaft, die Völkerkunde, und während er sich in Vermnthnngcn erging über die Herkunft der amerikanischen Wilden, dabei die wetteifernden Ansprüche der Kimmerier, Israeliten und Seandinavier vergleichend, sagte ich ruhig: „Und Ihr, Vater, der Ihr denkt, alle menschliche Veredlung hänge von einer Vermischung der Raccn ab — Ihr, dessen ganze Theorie eine Lobrede ist auf die Auswanderung, auf die Verpflanzung und Vermengung unserer Specics — Ihr, Vater, solltet der letzte Mann seyn, der seinen Sohn an die Scholle fesselt, seinen älteren Sol'», wäb- rcnd der jüngere ein wahrer Missionär für dieAbeutenrcr ist." „Pisistratus," versetzte mein Vater, „Du räsonnirst dnrcb Swiccdoche — zierlich zwar, aber unlogisch." Und damit stand er auf und zog sich in sein Studierzimmer zurück, entschlossen nichts weiter hören zu wollen. Aber sein Auge war jetzt geschärft und folgte von diesem 609 Tage an allen meinen Stimmungen und Laune». Er wurde still und nachdeuksam und hielt zuletzt lauge Besprechungen mit Roland. Das Resultat war folgendes. An einem Früh- lingsabcnd lag ich achtlos in den Kräutern und Farrcn, die unter den trübseligen Ruinen aufschoßen, als ich mit einem Male eine Hand auf meiner Schulter fühlte und beim Aufblicken meines Vaters ansichtig wurde. Er setzte sich an meiner Seite auf einen Stein und sagte mit bewegter Stimme: „Pisisiratus, laß uns mit einander sprechen. Ich hätte von Deinem Studium des Robert Hall einen bessern Erfolg erwartet." „Oh, lieber Vater, die Arznei hat bei mir trefflich angeschlagen. Ich klage seitdem nicht mehr und blicke fest und wohlgemuth ausis Leben. Aber Robert Hall hat seine Aufgabe erfüllt, und ein Gleiches möchte auch ich thun." „Gibt es denn keine Aufgabe für Dich in Deinem Vaterland, Du Planetischer und eralliotrischer ' Geist?" fragte mein Vater mit mitleidigem Vorwurf. „Leider ja! aber was der Trieb des Genius für den Großen ist der Bernfsinstinkt für den Mittelmäßigen. In jedem Menschen liegt ein Magnet, und das, was er am besten ausführen kann, ist die Last, die er anzieht." „?apao!" versetzte mein Vater, seine Augen auf mich heftend. „Und gibt es für Dich keine solche Lasten, die näher liegen, als der große Meerbusen von Australasien?" * Worte, von Mr. Carton geprägt aus TiUtti-^rlxoe, »nstät, und anSfnhren, entfremde». Bulwer, di« Lartsne. Zg 610 „Ach, Vater, wenn Ihr zur Ironie greift, kann ich nichts mehr sagen." Mein Vater blickte zärtlich ans mich nieder, während ich verstimmt nnd beschämt den Kopf sticken ließ. „Mein Sohn," sagte er, „glaubst Du, ich könne scherzen, wenn sich's um die Frage handelt, ob sich weite Meere und lange Jahre zwischen uns legen sollen?" Ich schmiegte mich näher an ihn an und gab keine Antwort. „Aber ich habe Dich letzter Zeit beobachtet," fuhr mein Vater fort, „nnd die Bemerkung gemacht, daß Dir Deine alten Studien zuwiocr geworden sind. Ich sprach mit Roland darüber nnd sehe, Deine Sehnsucht wurzelt tiefer, als die bloße Grille eines Knaben. Dann fragte ich mich selbst, welche Aussichten ich Dir in der Heimath bieten könne, um Dich zumHierbleibcn zu veranlassen. Da ich keine finde, so würde ich nnverhole» zu Dir sagen: 'Gehe Deinen Weg und Gott schirme Dich.' Aber, Pisistratns, DeincMntter ?" „Ach, Vater, dies ist freilich ein Punkt, vor dem ich znrückbebe. Wie ich übrigens die Sache betrachten mag — ob ich mich in den Gerichtsstube» oder in einer Kanzlei nmtreibe — immerhin müßte ich von ihr nnd von der Hci- math ferne scyn. lind dann Ihr, Vater — sie liebt Euch so innig, daß —" „Nein," unterbrach mich mein Vater, „mit solchen Gegenvorstellungen kannst Du ein Mntterhcrz nicht bewegen. Nur Ein Grund wird hier verfangen: geschieht es zu Deinem Besten, daß Du sie verkästest? Ist dies der Falt, 611 so werde» keine weiteren Worte uöthig seyn. lieber diese Frage dürfen wir aber nicht voreilig entscheiden; wir wollen die nächsten Paar Monate gemeinschaftlich darüber zn Rathe gehen. — Bring mir Deine Bücher und bleibe bei mir sitzen, Willst Du ansgchen, so klopfe mich ans die Schulter und sage: „kommt!" Nach Ablauf dieser zwei Monate will ich Dir sagen, ob Du gehen oder bleiben sollst. Du mußt übrigens volles Vertrauen in mich setzen; und wenn ich Dich bleiben heiße, willst Du gehorchen? „O ja, Vater — ja." Zweites Kapitel. Nachdem dieser Vortrag geschloffen war, riß sich mein Vater von allen seinen Studien los, widmete seine Gedanken ausschließlich mir, suchte mit all' seiner milden Weisheit nnmerklich mich abznführen von der in mir fest gewur- zcltcn tyrannischen Idee und durchstörte seine große Büchcr- Apotheke nach Arzneien, welche altcrirend cinwirken könnten ans das System meiner Gedanken. Wie wenig ahncte er, daß gerade diese Zärtlichkeit und Weisheit ihm entgegen arbeitete, denn bei jedem neuenBelege davon rief mir mein Herz laut zu: „O, mein Vater, ich will ja eben deshalb in das fremde Land ziehen, damit Deine Liebe belohnt und Deine Weisheit von der Welt anerkannt werde!" Die zwei Monate waren abaelaufen, und als mein Vater sah, daß der Magnet unabänderlich seine Last in dem 39 * K12 großen anstralasifchcn Meerbusen suchte, so sagte er zu mir: „Gehe hin und tröste Deine Mutter. Ich habe ihr Deinen Wunsch mitgctheilt und ihm durch meine Zustimmung Kraft gegeben, denn ich glaube jetzt, daß es zu Deinem Besten ist." Ich fand meine Mutter in dem kleinen Gemache, das sie sich neben dem Studierzimmer meines Vaters zugceignet hatte. In diesem Stübchen waltete ein rührender Charakter , den ich nicht durch Worte anszudrücken vermag; denn meiner Mutter sanfte, edle, weibliche Seele sprach sich hier aus, so daß man es als das Herz der Heimath ansehcn konnte. Die Sorgfalt, mit welcher sie all' die bescheidenen Erinnerungszeichen alterZciten, ihrem Herzen so thener, aus dem Backsteinhansc übersiedclt und geordnet hatte — die schwarze Papier-Silhouette meines Vaters in vollem akademischen Pomp mit Mühe und Mantel (denn so nur hatte er für den Schattenriß sitzen wollen) unter Glas und Rahmen auf dem Ehrenplatz über dem kleinen Herd — knabenhafte Skizzen von meiner Hand aus dem hellenischen Institut, Erstlingsversuche in Sepia und Tusch, um die Wände zu beleben und ihr, wenn sie in der Dämmerung sitzend allein dasaß, die wonnigen Stunden zurückzurufen, als Sisty und die junge Mutter sich gegenseitig mit Gänseblümchen bewarfen — und unter einer großen Glasglocke, die sie jeden Tag eigenhändig abstäubte, der Blumentopf, welchen Sisty von dem Ertrag der Dominoschachtel bei jener denkwürdigen Gelegenheit gekauft hatte, als er lernte, „wie böse Handlungen onrch gute wieder verbessert werden 613 müßten." I» einer Ecke stand daö kleine Piano, dessen ich mich von frühester Jugend an erinnere — altmodisch und mit klimperndem, verlebtem Tone, aber doch an Melonen erinnernd, wie wir sic nach den Tagen der Kindheit nie mehr hören! Und in dem bescheidenen Hängesims, der so lebhaft mitBändern, Quasten und seidenen Schnüren geschmückt war, meiner Mutter eigene Bibliothek, die mehr zum Herzen sprach, als alle die kalten, weisen Dichter, deren Seelen mein Vater in seinem großartigen Heraelea herausbcschwor. Die Bibel, über welche ich mit Augen, die noch keinen Buchstaben zu unterscheiden wußten, in unbestimmter Ehrfurcht und Liebe hinschautc, wenn sie aufgeschlagen im Schooße meiner Mutter lag und sie mit ihrer süßen, bei solchen Gelegenheiten aber stets ernsten Stimme mir die darin enthaltenen Wahrheiten auslegte. Auch meine ersten Lesebücher waren hier wie Schätze anfbewahrt. Und in Blau und Gold gebunden, aber sorgfältig in Papier eingemacht, Cowper "s Gedichte — ein Geschenk meines Vaters ans den Tagen seines Freierstandes — ein Heiligthum, das nicht einmal ich berühren durste und das meine Mutter nur in den großen Prüfungen des ehelichen Lebens herunternahm, wenn etwa den Lippen des zerstreuten Gelehrten ein minder freundliches Wort entfiel. Ach, alle diese armen Hausgötter schienen mit milrcm Vorwurf ans mich niederzublicken und mir zuzurufen: „Grausamer, Du willst uns verlassen!" Und unter ihnen saß meine Mutter, trostlos wie Rachel, in stillem Weinen. 614 „Mutter ! Mutter," rief ich, ihr um deu Hals fallend, „Vergebt mir! Es ist vorbei — ich kannEuchnichtverlafsen!" Drittes Kapitel. „Nein — nein! es dient zu Deinem Besten — Austin gibt mir diese Versicherung. Geh — cs ist nur die erste Erschütterung." Dann öffnete ich vor meiner Mutter die Schleusen jener Tiefe, die ich vor dem Gelehrte» und dein Kriegsmanne sorgfältig verborgen hatte. Ihr thcilte ich die wilden, unruhigen Gedanken mit, welche durch die Ruinen einer zerstörten Liebe wanderten — ihr bekannte ich, was ich mir selbst kaum zugestandcn hatte. Erst nachdem ich ihr die dunklere Seite von dem Bilde meines Geistes gezeigt, konnte ich mit stolzerem Gesichte und weniger gebrochener Stimme von dem edleren Ziele und den männlichen Hoffnungen sprechen, welche mir einen Ausweg zeigten aus Wildniß und Trümmern. „Habt Ihr nicht selbst einmal zu mir gesagt, Mutter, cs treffe Euch wie ein Gewiffens-Bvrwurf, daß meines Vaters Geist so geräuschlos dahingche, wobei Ihr halb das Glück anklagtet, welches Ihr seinem zufriedenen Sinn für den Tod seines Ehrgeizes gäbet? Lerntet Ihr nicht ein neues- Lebensziel kennen, als der Ehrgeiz endlich wieder crwackte und Ihr schon den Beifall der Welt um die Zelle Eures Gelehrten zu hören wähntet? Nahmt Ihr nicht Theil an den Tagtränmen, die Euer Bruder hcranfbeschwor, 61 S und rieset: 'Wenn mein Bruder das Mittel werden könnte/ in der Welt ihn zu Hebens —und als Zhr dachtet, wir hätten den Weg zu Ruhm und Rcichthnm gefunden, schluchztet Ihr nicht aus der Fülle Eures Herzens: 'Und cs ist mein Binder, der seinem Sohne alles znrückzahlen wird — Alles, was er um meinetwillen aufgab?'" „Oh, hör' auf, hör' auf, Sisty — ich kann dies nicht ertragen!" „Nicht? Dann habt Ihr mich noch nicht verstanden. Wird es nicht um so besser seyu, wenn Euer Sohn — der Enrige — Eurem Austin alles Verlorene wieder ersetzt, gleichviel wie cs geschehen mag? Wenn Ihr durch Euren Sohn, Mutter, die Welt etwas hören laßt von dem Geiste Eures Gatten — wenn Ihr so seine Spannkraft wieder her- stellt und seinem Streben zu dem verdiente» Ruhme helft — wenn Ihr sogar jenen prunkvollen Familicn-Namen wiederherstcllt, welcher der Stolz unseres seines Sohnes beraubten Nolands ist — wenn Euer Sohn aus dem Staub von Generationen das Hans wieder aufbaut, in das Ihr cintratet als ein bescheidener, schützender Engel? — Ach, Mutter, wenn dies geschehen kann, so wird es Euer Werk seyu; denn sofern Ihr nicht meinen Ehrgeiz zu theilen vermögt — wenn Zhr nicht im Stande seyd, diese Augen zu trocknen, mir zuzulächeln und mich mit heiterer Stimme gehen zu heißen, so schmilzt all' mein Mnth dahin, und ich sage wieder — ich kann Euch nicht verlassen!" Dann schlang meine Mutter ihre Arme um mich. Wir «16 weinten, ohne ei» Wort sprechen zu können; gleichwohl fühlten wir beide uns glücklich. Viertes Kapitel. Das Schlimmste war jetzt vorüber und meine Mutter benahm sich unter uns Allen am Heroischsten. Ich begann nun in gutem Ernste meine Vorbereitungen zu treffen und kam Trevanions Weisungen mit einer Beharrlichkeit nach, die ich ans das todte Bücherlcben nie hätte verwenden können. Tie Cnmberlandcr Schafwcidcn dienten mir als gute Schule in den einfachen Elementen der ländlichen Knust, welche in einem Hirtenzustand erforderlich ist. Mr. Sidney empfiehlt in seinem bewunderungswürdigen Handbuch für Australien den jungen Gentlemen, welche sich im Gebüsch ansiedeln wollen, ein dreimonatliches Bivouac auf der Salisbury-Ebene. Das Buch war damals noch nicht geschrieben, da ich mir sonst wahrscheinlich diesen Rath zu Nutzen gemacht hätte; indeß glaube ich doch mit aller Achtung, vor einer solchen Autorität, dag ich eine Vorbe- rcitnngsschule durchkämpstc, welche ebenso gut darauf berechnet war, einen künftigen Auswanderer für die erfolgreiche Ausführung seines Vorhabens zu befähigen. Ich unterhielt einen unablässigen Verkehr mit freundlichen Bauern und Handwerksleuten, die meine Lehrer wurden. Mit welchem Stolz machte ich nicht meinem Vater ein Schrcibpnlt und meiner Mutter ein Arbeitstischchcn zum Geschenk, die ich eigenhändig verfertigt hatte! Bolt lieferte ich ein Schloß X»- 61 ^ für seine Silbertrnhe, und als letztes Meisterstück brachte ich eine alte Thurmnhr wieder in Gang, die seit nnfürdenklichen Zeiten stets die Stunde Zwei verkündigt hatte. So oft ihre Glocke tönte, freute ich mich des Gedankens, daß die tiefen Klänge diejenigen, welche sie vernahmen, an mich erinnern würden. Doch die Heerden fesselten meine Hanptaufmerk- samkcit. Die Schafe, die ich besorgte und schccren half, das Lamm, das ich aus dem großen Sumpf hcrausholte, und die drei ehrwürdigen Mutterschafe, die ich während 'einer geheimnißvollcn Seuche zum Erstaunen der ganzen Nachbarschaft verpflegte —, sind sie nicht eingetragen in deine liebevolle Chronik, o Haus Carton? Da nun der Erfolg meines Versuchs großentheils von dem freundlichen Verhältnis? abhing, in welchem ich zu meinem beabsichtigten Geschäftsthcilhabcr stand, so schrieb ich an Trevanion und bat ihn, den jungen Gentleman, der mit mir reisen und dessen Kapital ich verwalten sollte, zu veranlassen, daß er uns besuche, Trevanion entsprach meiner Bitte, und eines Tages langte ein mehr als sechs Fuß hoher schmächtiger Bursche an, der auf den Namen Guy Bolving antwortete, eine Hnudspfcife in das Knopfloch seines Jagdwamses geknüpft hatte und graue Beinkleider mit Gamaschen nebst einer Weste trug, welche mit spitzbübischen Taschen aller Art ansgestattet war, Gnp Bolding hatte anderthalb Jahre als „flotter Bursche" in Orford gelebt — so „flott" zwar, daß es kaum einen Gewcrbsmann der Universitätsstadt gab, in dessen Kreditregister er sich nicht verrannt hätte. «18 Sein Vater mußte ihn von der Universität zurück- uehme», wo der Jüngling für „den kurzen Gang" die Ehre gehabt hatte, tüchtig gerupft zu werden: und als man ihn fragte, zn welchem Beruf er Wohl am meisten geeignet sey, antwortete er mit selbstbewußtem Stolze, „er könne kutschi- ren." Der alte Herr, welcher Mr. Trevanion seine Pfründe verdankte, ging in seiner Verzweiflung diesen Staatsmann um Rath an, und der Rath lautete dahin, daß man den jungen Gentleman mir als Erpatriationsgenoffcn mitgcbcn solle. Mein erstes Gefühl, als ich den flotten Burschen begrüßte, war allerdings das einer schwer getäuschten Erwartung und eines tiefen Widerwillens. Jndeß hatte ich mir vorgcnommeu, nicht allzu ekel zn scyn, und da ich mich ziemlich gut in alle Charaktere schicken konnte (eine Eigenschaft , ohne welche ja Niemand an den großen australasi- schen Meerbusen denken sollte), so gelang es mir vor Ablauf der erste» Woche, in so vielen Punkten mit ihm anznknüpfen, daß wir die besten Freunde von der Welt wurden. In der That hätte die Schuld nur auf meiner Seite gelegen, wenn dies nicht der Fall gewesen wäre, denn bei allen seinen Mängeln war Guy Boldiug eines von jenen vortreffliche» Geschöpfen, die Niemands Feinde sind, als ihre eigenen. Seine gute Laune war unerschöpflich, und keine Beschwerde oder Entbehrung kam ihm ungelegen. „Welch ein Witz!" lautete die Phrase, die stets lachend über seine Lippen sprudelte , wenn ein Anderer geflucht oder gestöhnt hätte. Verirrten wir in den weiten, pfadlosen Mooren, kamen wir um 61 g unser Mittagessen und waren wir halb ausgehungert, so rieb Guy seine Hände, mit denen er einen Ochsen hätte Niederschlagen können, und kicherte: „Welch ein Witz!" Blieben wir in einem Sumpfe stecken, wurden wir von einem Donnerwetter überfallen, oder warfen uns die wilden Fohlen, die wir zu zähmen versuchten, Hals über Kopf zu Boden, so lautete Guy Boldings Elegie blos: „Welch ein Witz!" Dieses,großartigeSchibolet von Philosophie verließ ihn nur bei dem Anblick eines offenen Buches, und ich glaube, daß er damals nicht einmal im Don Quirote einen „Witz" gefunden haben würde/ Bei seinem fröhlichen Temperament war er auch durchaus nicht gefühllos, denn nie hatte ein gntmüthigeres Herz geschlagen, obschon es allerdings in einem seltsamen, unruhigen, tarantelartigen Takte klopfte, durch welchen es in einem ewigen Tanz erhalten wurde. Es machte ihn zu einem jener dienstfertigen guten Kameraden, die selbst nie zu Ruhe kommen und, wenn cs von ihnen abhängt, auch andere nicht zu Ruhe kommen lassen. Guy's Hauptfehler in dieser klugen Welt bestand übrigens darin, daß er durchaus das Geld nicht halten konnte. Hätte man ihm am Morgen einen Euphrat von Gold in die Tasche geleitet, so wäre sie um zwölf Uhr Mittags schon wieder so trocken gewesen, wie die große Sahara. Was er mit dein Gelds anfing, war für ihn sowohl, als für Jedermann anders ein Geheimniß. Sein Vater theiltc mir in einem Briefe mit, er habe mit angesehen, wie er mit „halben Kronen Sperlinge fortschcuchtc," und cs schien daraus klar hervorzugehen, daß ein solcher junger Mann in England nicht anfkommen konnte. Gleichwohl erzählt man sich von vielen großen Männern, die ihre Tage nicht in dem Armenhaus beschlossen, daß sie mit dem Gelde ebenso wenig um- zngehen wußten. Wenn Schiller nichts anderes mehr zu verschenken hatte, gab er die Kleider vom Leibe weg, und Goldsmith hielt es ebenso mit den Leintüchern seines Bettes. Zarte Hände fanden es für nöthig, zu Hause Beethoven die Taschen zu leeren, eh' er ansging. Große Helden, die sich kein Gewissen daraus machten, die ganze Welt zu beraube», sind ebenso verschwenderisch gewesen, wie arme Dichter und Musiker. Alexander behielt bei Vertheilnng der Beute nichts als die „Hoffnung" für sich, und Julius Cäsar hatte zwei Millionen Schulden, als er in Gallien seine letzte halbe Krone den Sperlingen nachwars. Durch so erlauchte Beispiele ermuthigt, hatte ich Hoffnung auf Gup Bolding, und je mehr er sein Gebrechen einsah, desto bereitwilliger fügte er sich in die Anordnung, welche mich zum Schatzmeister seines Geldes bestellte; ja er bat mich sogar, unter keinen Umständen ihm etwas davon unter die Hände kommen zu lassen, möge er bitten oder betteln, wie er wolle. Es war mir in der That gelungen, ein großes Uebcrgewicht über diese einfache, edle, gedankenlose Natur zu gewinnen, und wls ich mich auf sein Herz berief und ihm vorstellte, wie sehr er seinem Vater verpflichtet sep für so viele zwecklose Opfer und wie es ihm obliege, seiner kleinen Schwester, deren Erbtheil er zur Hälfte durch seine Univer- sitätsschnldcn aufgebraucht habe, für eine kleine Mitgift be- 6L1 sorgt zu seyn — da fiel ihm endlich ein, baß cs doch etwas in der Welt gebe, für das er sparen sollte. Für unsere Cleruchia las ich noch drei andere Gefährten ans. Der erste war der Sohn unseres alten Schäfers , welcher erst kürzlich gehcirathet hatte nnd noch nicht mit Kindern belastet war — ein guter Schäfer und ein einsichtsvoller, zuverlässiger Bursche. Der zweite hatte einen ganz anderen Charakter und war bisher der Schrecken der ganzen Squircarchie gewesen, da es weit und breit keinen kühner» und gewandteren Wilddieb gab. Meine Bekanntschaft mit diesem Menschen, welcher Will Petcrson hieß, gemeiniglich aber nur „Will o' the Wisst"* genannt wurde, hatte in folgender Weise begonnen. — Eine halbe Stunde von dem Thurm lag ein kleines Gehölz, das -einzige Stück Boden auf den Besitzungen meines Onkels, das man Hüflichkeits halber „einen Wald" nennen konnte, und Bolt hatte daselbst eine junge Kolonie von Fasanen angelegt, die er mit dem würdevollen Titel „Wildgehegc" bezeichnete. Diese Kolonie wurde nun in frecher Weise kläglich entvölkert trotz der zwei Wächter, welche nebst Volk sieben Nächte hinter einander den Schlummer der jungen Ansiedelung hüteten. Die Angriffe waren so unverschämt, daß das Puff, Puff des diebischen Gewehrs hinten nnd vorn fortging, nur wenige Schritte von den Schildwachcn, der Schütze aber mit der Beute sich ans dem Staube gemacht hatte, noch ehe die Hüter die Stelle erreichen konnten. Die Kühnheit und Geschick- * Irrwisch.. > V 622 lichkeit des Feindes ließ die erfahrenen Wächter in demselben bald den Will o' the Wisst erkennen; aber man fürchtete den Math nnd die Kraft dieses Burschen nnd die Hüter des Wildgeheges verzweifelten so sehr daran, seiner Geschwindigkeit nnd Schlauheit zuvorkommen zu können, daß sie nach dem Dienst einer Woche jeden weitern Auszug verweigerten, während der arme Bolt selbst von -einem Anfall bettliege- rig wurde, den ein Doktor vielleicht Nhenmatismus, ein Moralist aber Aerger genannt haben würde. Durch dieses verdrüßliche Fehlschlagen wurde mein Unwille nnd meine Theilnahme geweckt, um so mehr, da ich von Will o' the Wisst viele interessante Anekdoten gehört hatte. Ich bewaffnete mich deshalb mit einem tüchtigen Knüttel, schlich mich Nachts hinaus nnd schlug meinen Weg nach dem Gehölz ein. Die Bäume standen noch im Laub, und ich konnte nicht begreifen, wie es dem Wilddieb gelang seiner Ostfcr nur ansichtig zu werden; aber gleichwohl feuerte er fünf gute Schüsse ab, ohne daß ich im Stande war, den Schützen zn bemerken. Ich zog mich sodann an den Saum des Gehölzes zurück und wartete geduldig an einer Ecke, wo ich die Grenze nach zwei Seiten hi» überschaue» konnte. Mit An- - brnch der Dämmerung sah ich meinen Mann etwa zwanzig Schritte vor mir aus dem Gehölz anftanchcn. Ich hielt den Athem an, ließ ihn eine kleine Strecke weit gehen, schlich dann vorwärts, um ihm den Rückzug abzuschneiden, nnd hurr — schoß ich ans ihn los! Meine Hand lag ans seiner Schulter — strr, strr — kein Aal war je so glatt. Er entglitt mir wie etwas Wesenloses nnd huschte mit einer 6S3 Geschwindigkeit über die Moore hin, welche Wohl im Stande war, die Bemühungen der täppische» Bauern zu vereiteln — eines Schlages, dessen Waden gewöhnlich in den Fersen der genagelten Schuhe stecken. Aber das hellenische Institut mit seiner klassischen Gymnastik hatte seine Zöglinge in allen körperlichen Uebungcn anSgcbildet, nnd obgleich der Will »' the Wisp zn schnell war für einen Bau- ren, konnte er sich doch an Geschwindigkeit nicht mit einem Jüngling messen, dessen Knabenzcit am Neck nnd Barren und in andern Tnrnerspiclen geübt worden war. Ich erreichte ihn endlich nnd brachte ihn zum Stehen. „Zurück!" rief er keuchend, indem er mit seinem Gewehre anschlng; „cs ist geladen!" „Javersetzte ich; „aber obgleich Ihr ein gewandter Wilddieb seyd, wagt Ihr es doch nicht, ans einen Nebenmenschen Feuer zn geben. Liefert augenblicklich Euer Gewehr aus." Meine Anrede machte ihn betroffen, nnd er feuerte nicht. Ich schlug ihm den Lauf in die Höhe und rang mit ihm. Während wir so scharf an einander waren, ging das Gewehr los. Mit einem Male liest er von mir ab nnd rief mit stotternder Stimme: „Gott sey mir gnädig — ich habe Euch doch nicht getroffen?" „Nein, mein guter Bursche," sagte ich. „Doch laßt uns jetzt Gewehr und Knüttel bei Seite legen und die Sache wie Engländer ausfechtcn, oder znsammensitzen nnd freundschaftlich darüber sprechen." 624 Der Will o' the Wisp kratzte sich im Kopf und lachte. „Ihr seyd ein kurioser Herr — aber meinetwegen," entgegnetc er, indem er sein Gewehr fallen ließ nnd sich nie- dersetzte. Wir sprachen mit einander, nnd ich erhielt von Peterson das Versprechen, daß er fortan das Wildgehege respektiren wolle. Darüber wurden wir so herzlich, daß er mich nach Hanse begleitete und mir unter scheuen Entschuldigungen die fünf Fasanen znm Geschenk machte, welche er geschossen hatte. Von dieser Zeit an suchte ich ihn ans. Er war ein junger Mensch von noch nicht vierundzwanzig und hatte aus Liebhaberei zu dem Wilddieben gegriffen, um so mehr, da er meinte, die Natur habe jedem Menschen das Recht gegeben, sich das Wild des Waldes zuzueignen. Ich fand bald, daß der junge Mensch zu etwas Besserem bestimmt sep, als ein halbes Jahr im Gefängniß zu sitzen und am Ende sein Leben wegen Tödtung eines Wildhüters am Galgen zu endigen. Dies schien ihm mit aller Wahrscheinlichkeit,in der alten Welt zu blühen, und so brachte ich ihm ein glühendes Verlangen nach der neuen bei, wo er sich im Gebüsch als ein sehr wcrthvollcr Gefährte erwies. Meine dritte Wahl traf eine Person, die als Beihülfe wenig Physische Kraft mitbringen konnte, aber mehr Geist besaß, als alle übrigen zusammengenommen, obschon sich manche seltsame Auswüchse in demselben befanden. Ein achtbares Ehepaar im Dorf hatte einen Sohn, der wegen seines in Vergleichung mit dem Cumberland- schlage kleinen und schwächlichen Körperbaus vom Bauern- 625 geschäst ausgeschlossen und »och als Knabe nach einer Fabrikstadt geschickt worden war. Er stand jetzt in seinen! dreißigsten und war, da ihn lange Krankheit arbeitsuntüchtig gemacht hatte, zur Erholung nach Hause gekommen. Bald hörten wir von nichts, als von den verpestenden Lehren, mit welchen er unsere ursprünglichen Dorfbewohner ansteckte oder ihnen Entsetzen einflößte. Wenn man dem Gerüchte glauben durfte, so hatte Coreyra nie einen wilderen Demokraten hcrvorgcbracht. Der arme Mensch befand sich in einem sehr leidenden Zustande, und seine Eltern waren sehr arm; aber seine unglückseligen Ansichten brachten alle Ströme derMildthätigkeit zum Versiegen, die sonst durch unser wohlwollendes Dörfchen rieselten. Der Geistliche, ein trefflicher Mann, aber von der alten Schule, ging an dem Hause vorbei, als ob cs vervehmt wäre. Der Apotheker meinte, Miles Square sollte Wein haben, schickte ihm aber keinen. Die Bauern verwünschten ihn, denn er hatte alle Taglöhncr angcsiiftet, wöchentlich einen Schilling mehr Lohn zu verlangen ; und ohne den alten Thurm würde Miles Square bale seinen Weg gefunden haben nach der einzigen Repu- lik, in welcher er jene demokratische Brüderlichkeit finden konnte, nach der er seufzte, — denn ich vermuthe, daß der einzige Staat, welcher jener todtenMche gesellschaftlicher Gleichheit Raum gibt, vor der das Leben so entsetzlichen Abscheu hegt, im Grabe gesucht werden muß. Mein Onkel machte Miles Square einen Besuch und kam ganz purpurroth wieder zurück. Der Kranke hatte ihm eine langePredigt gehaltcnüber die Nnheiligkeit des Krieges. Bulwer, die Cartone. 40 «rs > „Me, auch Lei Vertheidigung des Königs und des Vaterlandes ?" lautete die entrüstete Erwiderung deS Kapitäns, und Miles Square antwortete darauf mit einer Bemerkung über Könige im Allgemeine», die Roland nicht hätte wie- - dcrholcn mögen, ohne besorge» zu müssen, der alte Thurm falle ihm über de» Ohren zusammen, und mit einer Hindeu- tung auf das Vaterland im Besonder», des Inhalts, „das Vaterland würde viel besser daran seyn, wenn es besiegt wäre!" Bei Anhörung dieser loyalen und patriotischen Entgegnungen brach mein Vater in sein I'apae aus, entriß sich seiner gewohnten philosophischen Ruhe und ging selbst zu dem Kranken, kehrte aber ebenso blaß, als mein Onkel roth, wieder zurück, „Es ist ein trauriger Gedanke," sagte er wchmüthig, „daß in der Stadt, aus welcher dieser Mensch kommt, seiner Versicherung nach zehntausend andere Got- teSgeschöpfe sich befinden sollen, welche das Werk der Ci- vilisation dadurch zu fördern wähnen, daß sie die Gesetze derselben mit Füßen treten!" Aber weder Vater, noch Onkel erhoben einen Einwurf, als meine Mutter mit einem Korbe, den sie mit Wein, Pfeilwurzmehl und einer hübschen, braun gebundenen kleinen Bibel beladen hatte, ihren Weg nach der ercommunicirten Hütte antrat. Ihr Besuch schlug in derselben Weise fehl, wie die früheren, Miles Square wies den Inhalt des KorbeS zurück; 'er sey nicht der Mann, welcher Almosen annehme und das Brod der Barmherzigkeit esseund als meine Mutter in frommem Sinne andcutete, 'wenn Mr, Miles quare si^ nur Zeit nehmen' wolle, in die Bibel hineinzu- G 627 sehen, so werde er finden, daß die Mildthärigkeit keine Sünde sey, weder sür den Geber noch für den Empfänger — übernahm es Mr. Mikes Sqnarc, de» Beweis zn sichren, 'daß er nach der Bibel ebenso viel Recht an meiner Mutier Ei- genthum habe, wie sie selbst — alle Dinge sollten Gemeingut sehn, und wenn cs einmal so weit gekommen, was werde da ans der Milothätigkcit werden? Nein: er könne »ich meines Onkels Pseilwurz essen und seinen Wein trinken, so lange derselbe ungebührlich ihm und seinen Nebenmenschcn so viele erträgliche Grundstücke vorenthalte, denn das Land gehöre dem Volk,' Die Reihe des Bcsuchcns kam jetzt an Pisistratus. Er zögerte nicht lind wiederholte vst seine Besuche. Das Streiten und Argnmentire» zwischen ihm und Miles Square endigte damit, daß beide gegenseitig an sich Gefallen fanden, denn der arme Kranke war nicht halb so schlimm, als seine Lehren. Seine Jrrthümer entsprangen ans der innigen Theilnahmc an den Leiden, deren Zeuge er gewesen, in dem Elend, welches die Herrschaft des Mil- lokratismns begleitet, und aus der unbestimmten Sehnsucht eines halb gebildeten, glühenden, ernsten Geistes. Es gelang mir allmälig, ihn zn bereden, daß er den Wein trank und die Pfeilwurz aß, che noch daS Reich der Herrlichkeit gekommen war, welches dem Volk das Land zurück- geben sollte. Dann kam meine Mutter wieder, übte eine» beschwichtigenden Einstuß auf sein Herz und goß zum erstenmal in seinem Leben das warme Licht menschlicher Dankbarkeit in seine kalten, verschrobenen Ansichten. Ich borgte ihm einige Bücher, darunter auch etliche über Australien. 40 ' 628 Eine Stelle in einem der letzteren, in welcher gesagt wird, 'daß ein verständiger Handwerker gewöhnlich sich weit besser fortbringe, als der blose Bauer, selbst wenn er sich nur mit der Schafzucht abgebe,' machte einen tiefen Eindruck ans seine Phantasie nnd gab seinen Bestrebungen eine gesunde Richtung. Als er endlich wieder hergcstellt war, bat er mich, ihm zu gestatten, daß er mich begleite. Da ich vielleicht nicht wieder ans Miles Square zurückkomme , so wird es hier am Orte sehn, anzugeben, daß er mit mir nach Australien ging , mit einer Schäferei begann, später als Aufseher verwendet wurde und sich Geld ersparte, um zuletzt Land erwerben zu können. Ungeachtet seiner Ansichten über die llnheiligkeit des Krieges sah er sich kaum im Besitzeines gemächlichen Blockhauses, als er dasselbe auch mit ungewöhnlicher Tapferkeit gegen jeden Angriff der Ein- gebornen vertheidigte, deren Recht an den Boden im mindesten Falle ebenso gut war, als seine Ansprüche an meines Onkels Grundstücke. Die spätere Erwerbung eines neuen Stück Landes mit dem dazu gehörigen Viehstand weihte er mit einer kleinen, zu Sidney gedruckten Flugschrift über die Heiligkeit der Eigenthnmsrcchte ein, und als ich die Colonie verließ, hatten ihn zwei widerspenstige „Helfer," mit welchen er sein Hauswesen vergrößert, so in Harnisch gebracht, daß er sich durch eine sehr antiglcichmachcnde Vorlesung über die Pflichten der Dienstboten gegen ihre Vrod- herrn auszeichnetc. Was würde die alte Welt für diesen Mann gcthan haben? Fünftes Kapitel. Ich beeilte mich nicht, meine Vorbereitungen zu Ende zu bringen, denn abgesehen von meinem Wunsche, mich mit den kleinen nützlichen Künsten zu befreunden, welche mir in einem Leben nothwendig werden konnten, in dem der Einzelne für sich selber dastehcn muß, war es mir natürlich darum zu thun, meine Verwandte an den Gedanken der Trennung zu gewöhnen. Meine fruchtbare Einbildungskraft beschäftigte sich daher unablässiig mit Planen, wie cs einzn- lcitcn seyn dürfte, um ihnen durch Zerstreuung oder andere Hülfsmittel einen Ersatz für meinen Verlust zu geben. Zuvörderst bewog ich nm Blanch's, Rolands und meiner Mutter willen den lange widerstrebenden Kapitän, ans den Vorschlag seiner Schwägerin einzugehcn und das Einkommen beider Theile zusammenzuwerfen ohne Rücksicht darauf, von welcher Seite her das Meiste beitragen würde. Ich gab ihm zu bedenken, wenn sein Stolz nicht dieses Opfer bringe, so werde meine Mutter alle jene kleinen häuslichen Freude» entbehren müssen, die einer Frau so theuer sehen; unter obwaltenden Umständen dürfe man an einen geselligen Umgang mit der Nachbarschaft nicht denken, und wenn meine Mutter mit ihrer Zeit so ganz auf sich selbst beschränkt seh, bleibe ihr nichts anderes übrig, als an den Abwesenden zu denken und sich über ihn zu grämen. Ich erklärte ihm dabei unverholen, wenn er auf seinem falschen Stolze beharre, werde ich in meinen Vater dringen, daß er den Thurm verlasse, Diese Vorstellungen fruchteten. Bereits hatte die 630 Gastlichkeit in der alten Halle begonnen nnd ein Häufchen > von Fran Basen sich nm nicine Mutter gesammelt. Gruppen von lachenden Kindern erfreuten Blanche's ruhiges Antlitz, nnd anch der Kapitän fühlte sich heiterer und mehr zur Geselligkeit geneigt. Die nächste Aufgabe war nun, meinen Vater zu Vollendung des großen Buches zu veranlassen, „Ach, Bater," sagte ich, „gebt mir einen Sporn für die Anstrengung, einen Lohn für meinen Fleiß, Laßt mich bei jedem lockenden Vergnüge», bei jeder kostspieligcnVersnchnng denken — nein, nein, ich will für das große Buch sparen, damit so das Andenken an den Bater den Sohn von Jrrthü- mer» abhalte, - Mr, Trevanion hat mir ein Anlchcn von fünfzehnhundert Pfunden angcboten, die für den Beginn nöthig sind; aber Ihr habt großmüthig erklärt, ich dürfe meine neue Laufbahn nicht mit einer Schuldenlast anfangen, Ich wußte, daß Ihr hierin Recht hattet, und gab nach — fügte mich um so dankbarer darein, weil ich mir nun von dem gerechten Stolz der Mannheit nichts zu vergeben brauchte, indem ich mich einer solchcnVerpflichtung unterzog gegen den Vater von Miß Trevanion. Ich habe deshalb diese Summe von Euch angenommen, eine Summe, die fast zugcreicht habe» würde, Euer jüngeres und würdigeres Kind für immer in der Welt zn versorgen. So gestattet mir denn, es diesem Kinde znrückzuzahle», oder ich nehme cS gar nicht an. Laßt mich es als anvertrautes Gut für daS große Buch betrachten und versprecht mir, daß es fertig seyn soll, wenn Euer Wanderer zurückkehrt und nach dem fehlenden Talente fragt." 631 Mein Vater wollte zwar anfangs nichts davon wissen nnd rieb den Thau ab, der sich auf seiner Brille gesammelt hatte. Aber ich ließ ihm keine Ruhe, bis er mir sein Wort gegeben hatte, das große Buch solle in ü pa« du xvant fortschreiten, und gab mich nicht früher zufrieden, bis ich selbst Zeuge gewesen war, daß er wohlgemuth sich dazu niedersetzte und das Rad wieder umging in dem ruhigen Mechanismus dieses edlen Lebens. Schließlich und als Höhcnpnnkt meiner Diplomatik bewirkte ich den Ankauf einer benachbarten Apotheke sanunt der ärztlichen Kundschaft für Squills, auf dessen Bedingungen der Lctzere bereitwillig cinging, denn der arme Mann hatte den Verlust seiner Licblingspatienten schmerzlich empfunden, obschon der Himmel weiß, daß sie wenig genug zu seinem Einkommen beitrugen. Und was meinen Vater betrifft, so gab es Niemanden, welcher mehr zu seiner Zerstreuung beitrng, als Squills, obgleicher demselben zur Last legte, er seh ein Materialist, und seine ganze Meuthe von Weisen auf ihn hetzte, von Plato uudZcnoan bis zu Neid und Abraham Tucker. Ich habe den Flug der Zeit nur sehr flüchtig ange- dcutet; aber gleichwohl entschwand ein ganzes Jahr von dem Tag unserer Niederlassung im Thnrme an bis zu dem, welcher für meine Abreise bestimmt war. Zeitungen waren zwar eine seltsame Erscheinung unter uns, aber demungcachtet waren wir doch von den Lauten der fern hi» gährenden Welt nicht so ganz abgeschnitteu, daß uns nicht auch die Kunde erreicht hätte, das bisherige Mi- nisterium sey abgetreten und Mr. Trcvanio» dem neuen Cabtnet cinverletbt worden. Nach dem Briefe, welcher den früher angedeuteten Besuch Guy Boldings vcranlaßte, hatte ich jede weitere Korrespondenz mit dem Staatsmann unterlassen; jetzt aber ließ ich ihm ein Glückwunschschreiben zugehen, auf das er nur kurz und in Eile antwortete. Drei Monate vor meiner Abreise erhielt ich durch Trevanions Verwalter eine Mittheilung, die einen erschütternden Eindruck auf mein Herz machte. Lord Castletons Vermählung, welche beim Antritt seiner Volljährigkeit gefeiert werden sollte, war wegen der leidenden Gesundheit des Bräutigams verschoben worden. Er hatte die Universität mit den Ehren einer „doppelt ersten Klasse" verlassen und schien sich von den Wirkungen eines Studiums, das auf ihn nachtheiliger wirken mußte, als auf einen Jüngling von leichter fassenden und glänzenderen Fähigkeiten, eben zu erhole», als er nach einem Grafschafts-Meeting, in welchem sein erstes öffentliches Auftreten so ansprach, daß seine Partei die wärmsten Hoffnungen auf ihn setzte, von einem Catarrhfieber befallen wurde, welches in eine Lungenentzündung überging und einen tödtlichen Ausgang nahm. Welch ein erschütternder Gegensatz drang sich nicht meinem Geiste auf — hier der plötzliche Tod und eine kalte Leiche — dort die Jugend in ihrer ersten Blüthc, fürstlicher Rang, unerschöpflicher Reichthum, die hoffnungsfrohe Erwartung einer glänzenden Laufbahn und die Aussicht auf das Glück, welches aus den Augen Fanny's lächelte. Diese beiden Bilder erfüllten mich mit einer nie gefühlten Scheu. Der Tod 633 scheint uns so nahe zu seyn, wenn er diejenigen trifft, welche das Leben am meisten mit seinen Liebkosungen und Schmeicheleien überhäuft hat. Woher jene seltsame Thcilnahmc der Menschen an denen, welche hochstehcn in der Welt, wenn die Sanduhr gerüttelt wird und die Sense niedcrfällt? Wenn das berühmte Zusammentreffen zwischen Diogenes und Alexander nicht vor, sondern nach den Hcldcnthatcn stattges'mden hätte, welche letzterem den Namen des Großen erwarben, so glaube ich wohl, daß der Eyniker den Helden nicht beneidet haben würde um seine Vergnügungen, weder nm die Zauber von Statira, noch um die Tiare des Meders; hätte sich aber den Tag nachher der Ruf verbreitet: „Alexander der Große ist todt!" so würde sicherlich auch Diogenes in seiner Tonne zurückgebebt sehn und dem Gefühle Raum gegeben haben, mit dem Schatten des stattlichen Helden seh auch etwas von der Herrlichkeit und der Wärme der Sonne entschwunden, welche nicht mehr einen solchen Körper beleuchten konnte. In der Natur auch des geringsten und härtesten Menschen liegt etwas, was auflebt im Schönen oder Glücklichen: die Hoffnung und die Sehnsucht eignen sichs zu, wäre cs auch nnr in den Eitelkeiten eines kindischen Traums, 634 Sechstes Kapitel. „Warum bist Du hier so allein, Vetter? Wie kalt ist es unter den Gräbern!" „Setz Dich zu mir nieder, Blanche; es ist auf einem Kirchhof nicht kälter, als auf dem Nasen des Dorfes." Und Blanche nahm neben mir Platz, schmiegte sick- dicht an mich und lehnte ihr Köpfchen an meine Schulter. Sv saßen wir lange schweigend. Es war ein ruhiger, schöner Lenzabcnd, und die rosenrothen Streifen verschwanden allmälig von dem dunkel» Gran der langen, schmalen Phantastischen Wolken. Hohe, landlose Pappeln, die in regelmäßiger Linie auf dem Tiefland zwischen dem Kirchhof und dem Schloßberg standen, prägten ihre Gipfel scharf an dem Horizont ab. Doch die Schatten schlangen sich schwerfällig »in das Immergrün, welches den Kirchhof säumte, so daß ihre Umrisse sich nur wirr und unbestimmt ausnah- men, und verbreitete» ein tiefes, düsteres Schweigen, welches nur unterbrochen wurde, wenn die Drossel aus dem niedrigen Gebüsch flog und die starren Lorbeerblätter sich rührten, um alsbak wieder in eine steife Ruhe zurückzu- kehrcn. In den Abenden eines Frühlenzes liegt eine gewisse Wehmuth, die sich unter jenen Einflüssen der Natur, welche am allgemeinsten anerkannt werden, am schwerste» erklären läßt. Die stumme Thätigkeit des wieder erwachenden Lebens, die noch nicht in den äußern Zeichen der Knospen und Blüthen bemerkt wird, sondern nur sich zu erkenne» gibt in einer weicheren Klarheit der Lust, in den zögern- 635 deren Pausen des langsam sich verlängernden Tages, in einer zarteren, balsamischeren Frische der Dämmerungs- Atmosphäre, in dem lebhafteren, aber noch unruhigen Gesang der Vögel, die im Gebüsche nisten, und bei alb dieser Stille, welche noch das Gewand kalter, winterlicher Unfruchtbarkeit trägt, in dem unbestimmten Gefühl des rührigen Wechsels, welcher in jeder Stunde, ja mit jedem Augenblick thätig ist, um die Jugend der Welt zu erneuern und das Gerippe der Gegenstände mit lebhaften Blüthen zu bekleidein Alle diese stummen Mahnungen aus dem Herzen der Natur an das Herz der Menschen sind wohl geeignet, uns mit Rührung zu erfüllen. Aber warum mit Wchmuth ? Kein Gedanke von unserer Seite knüpft sich an die leisen sanften Stimmen und deutet sie. Doch es ist nicht der Gedanke, welcher antwortet ünd Schlüsse macht — nein, sondern das Gefühl, das hört und träumt. Suche nicht, o Menschenkind — suche nicht jene gcheimnißvolle Wehmuth mit dem rohen Auge deines Verstandes zu zergliedern; du kannst sic nicht eineiigen in das Gchäge deiner dornigen Logik und ihren Zaubcrkreis nicht mit den auswendig gelernten Probleme» der Schule bemessen. Du stehst an der Grenze zweier Welten, der todten und der lebendigen; lausche aus die Töne und beuge deine Seele vor den Schatten, welche sich in der Zeit eines solchen Wechsels von dem dunkeln Grenzlande herüberstehlcn! Blanche — (im Flüsterton). — An was denkst Du? — Ich bitte Dich, sprich! Pisistratus. — Ich dachte nichts. Blanche; oder 636 wenn es je der Fall war, so ist der Gedanke wieder entschwunden bei dem bloßen Versuch, ihn zu fassen oder festzn- halten. Blanche — (nach einer Pause). — Ich weiß, was Du meinst. Mir ergeht es oft, o, sehr oft auch so, wenn ich stille für mich allein dasitzc. Es ist gerade wie in dem Geschichtchen, welches Primmins letzthin uns erzählte. „Da war eine Frau in ihrem Dorf, die sah Dinge und Leute in einem Stück Crystall, nicht größer als meine Hand. * Sie gingen vorbei wie in Lebensgröße und waren doch nur Bilder in dem Crystallc." Seit ich die Geschichte gehört habe, möchte ich zu der Tante, wenn sie mich fragt, was ich denke, oft sagen: „ich denke nicht, sondern sehe Bilder in dem Crystall." Pisistratns. -—Dies mußt Du meinem Vater sagen; er wird eine Freude darüber haben. Es liegt mehr Philosophie darin, als Du weißt, Blanche. Viele Weise haben schon die ganze Welt mit ihrer Pracht, ihrem Stolz und ihrer Umständlichkeit für nichts Anderes erklärt, als für ein Phantom — ein Bild in dein Crystall. Blanche. — Und ich werde Dich sehen — uns beide - Im Westen von England gibt es alte Dörfer, wo noch immer der Glaube herrscht, oder doch vor noch nicht vielen Jahren herrschte, man könne Abwesende in einem Stück Crhstall sehen. Ich selbst habe einmal einen dieser magischen Spiegel, die, beiläufig bemerkt. Spencer so schön beschreibt, in Hände» gehabt. Sie sind von der Größe und Form eines Schwancneis; aber nicht Jeder kann in dem Crhstall Gestalten sehen, da dies eine besondere Gabe ist, ähnlich der des zweiten Gesichts. 637 (eben, wie wir hier sitzen — und den Stern, der dort aufgegangen ist — Alles werde ich in meinem Erpstall sehen, wenn Du fort bist! Ach, fort Vetter!" Blanche ließ ihr Köpfchen sinken. Es lag eine Ruhe und Tiefe in der Innigkeit dieses armen mutterlosen Kindes, welche nicht blos oberflächlich ansprachen. wie etwa ei» lauter augenblicklicher Erguß, von dem man weiß, daß ilm das nächste Spielzeug wieder verdrängen wird. Ich küßte das bleiche Gesicht meines Väschens und sagte: „Auch ich habe meinen Crystall, Blanche, und will oft hincinschauen; sehe ich Dich dann traurig und einsam Dich grämend, so werde ich sehr zornig werden. Denn Du mußt wissen, Blanche, daß dies lauter Selbstsucht ist, Gott hat uns nicht dazu geschaffen, nur nach Crystnllbil- dern zu sehen, eiteln Träumen nachzuhäugcn, sich einsam zu grämen und über das zu trauern, waS wir nicht ändern können, sondern wir müssen behend und beweglich seyn und Andere glücklich zu machen suchen. Merke jetzt auf, Blanche, was ich Dir für ein Vermächtniß hinterlasscu will. Du sollst meine Stelle ersetzen bei Allen, von denen ich scheide, und überall Sonnenschein hinbringen, wohin immer Dein schüchterner, leichter Tritt gleitet — sev cs bei Deinem Vater, wenn Du siehst, daß seine Stirne sich furcht und seine Arme sich kreuzen — (doch dies thust Du immer), oder bei dem meinigcn, wenn das Buch seiner Hand entsinkt und er unruhig und vor sich hinmurmelnd im Zimmer auf- und abgeht. Bemerkst Du dies, so schleiche Dich zu ihm hin, lege Deine Hand in die seinige, führe ihn zu seinen Büchern zu- 838 rück und flüstere ihm zu: 'Was wird Sisty sagen, wenn bei seiner Rückkehr sein jüngerer Bruder, das große Buch, nicht groß geworden ist?' — Und meine arme Mutter, Blanche! — Ach, wie kann ich Dir hier einen Nath geben — wie Dir sagen, wo Du Trost finden wirst für sic? Nur dies, Blanche, stiehl Dich in ihr Herz ein und sey ihre Tochter, Aber um dieses dreifache Vermächtniß zn erfüllen, darfst Dn Dich nicht damit begnügen, nach den Bildern im Crystall zu sehen — hast Dn mich verstanden?" „O ja," versetzte Blanche, indem sie ihre Augen aufschlug, aus denen die Thränen niederrollten, und entschlossen ihre Arme auf der Brust kreuzte, „Und so fasse Dir denn," fuhr ich fort, „wie wir beide dasitzen ans diesem stillen Kirchhof, ein neues Herz für die Pflichten und Sorgen des Lebens. Siehst Du, Blanche, wie die Sterne hervorkommcn, einer nachdem andern, und uns zulächeln? Denn auch diese herrliche» Lichtweltcn haben eine ihnen zugewicseiic Aufgabe, Alles scheint im Verhältniß zu seiner Lebensfülle und Bewegung Gott näher zu rücken, und voii allen Dinge» sollte die Seele des Menschen am wenigsten unthätig und träge sey». Wie das Gras aufschießt über den Gräbern — es wächst schnell heran in seinem frischen Grün — aber doch nicht so schnell und so grünend, meine Blanche, wie Trost und Hoffnung über menschlichem Leide, »133 Vierzehnter Abschnitt. Erstes Kapitel. Bei Dante findet sich eine ansfallend schöne Stelle, welcher vielleicht nicht die verdiente Aufmerksamkeit zn Theil geworden ist — ich meine die, in welcher der ernste Florentin Fortuna gegen die gewöhnlichen Beschuldigungen verthci- digt. Nach ihm ist sie eine Engelsmacht, vom höchsten Wesen dazu bestimmt, den Lauf des nienschlichen Glanzes zu lenken und zu ordnen; sie gehorcht dem göttlichen Willen, ist gesegnet, hört nicht diejenigen, welche sic lästern, geht ruhig und erhaben unter den übrigen Engelsmächtcn ihren Sphärengang fort und freut sich in ihrer Seligkeit. * Dies ist eine Vorstellung, sehr verschieden von der gewöhnlichen Ansicht, welche Aristophancs in seinem treuen Instinkt für volksthümliche Dinge dem verdrnstichcn Plutus in den Mund legt. Dieser Gott erklärt seine Blindheit mit den Worten „wie er noch ein Knabe gewesen, habe er nnklugerweisc das Gelübde gethan, nur die Guten heimzn- suchen," und Jupiter, welcher auf die Guten neidisch wurde, blendete deshalb den armen Geldgott. Chremylus fragt * Dante dringt hier augenscheinlich Fortuna mit de» vlaneta- rischen Einflüssen der Astrologie in Verbindung. Es ist zweifelhaft, ob Schiller je den Dante gelesen hat; aber in einem seiner gedankenreichsten Gedichte übernimmt er dieselbe Vertheidigung des Glücks, indem er das Glückliche dem Schönen an die Seite seht. 640 ihn mm, ob er demselben Grundsatz folgen würde, wenn er sein Gesicht wieder erhielte, nnd Plntns antwortet ihm: „Gewiß, denn ich habe so lange Zeit keine gnte Mensche» mehr gesehen," „Anch ich nicht," erwiedert Ehrcmylus mit Nachdruck, „obschon mir beide Augen weit offen stehen," Doch diese misanthropische Antwort des Chremylus findet hier keine Anwendung und lenkt uns nur von der eigentlichen Frage ab, von der nämlich, ob Fortuna ein himmlischer, christlicher Engel, oder eine blind zntappcnde alte heidnische Gottheit sey, Ich für meine Person halte es mit Dante nnd könnte, wenn ich Lust oder in dieser Periode meiner Memoiren ein halbdntzend Seiten übrig hätte, viele gute Gründe dafür angebe». Eines ist übrigens vollkommen klar — mag nun Fortuna dem Plntns gleichen oder einem Engel, so nützt cs nichts, auf sie zu schmähen, da man ebensogut Steine nach dem Mond werfen könnte. Ich bin der Ansicht, wenn man ihre Thärigkeit genau in's Auge faßt, so kann man bemerken, daß sie jedem Menschen weistg- stens einmal in seinem Leben eine Aussicht öffnet ; ergreift nnd benützt er sie, so wiederholt sie ihre Besuche: wo nicht — itnr nä astra! Dies erinnert mich an einen Dvrfall, den Mariana in seiner „Geschichte von Spanien" erzählt. Die Armee der spanischen Könige wird in den Gebirgen bei dem Paß von Losa ans einer traurigen Verlegenheit befreit durch einen Schäfer, welcher ihr den Weg zeigt. Mariana fügt nun in einer Parenthese bei: „Einige sagen, der Schäfer sey ein Engel gewesen, denn man wurde seiner nie wieder ansichtig, nachdem er dem Heere diesen Dienst ge- 641 leistet hatte." Das heißt, die Engelsnatur des Führers gab sich in dem Umstande zu erkennen, daß er nur ein ein- zigesmal gesehen wurde, und nachdem er die Armee aus ihrer Bcdrängniß befreit hatte, überließ er es ihr, zu kämpfen oder davon zu laufen, wie sie eben Lust hatte. Dieser Schäfer oder Engel gibt mir ein sehr gutes Gegcn- bild wenigstens für meine Fortuna. Die Erscheinung zeigte mir meinen Weg aus den Felsen nach dem großen „Kampfplatz des Lebens," und dann galt es eben, Stand zu halten nnd wacker dreinzuschlagcn. Ich bin jetzt mit Onkel Roland in London. Meine armen Eltern wünschten natürlich, mich zu begleite» und dem Abenteurer mit ihren Blicken bis an Bord des Schiffes zu folgen; da ich jedoch wußte, der Abschied am häuslichen Herde würde ihnen weniger schwer fallen, so lange sie sich sagen konnten: „er ist bei Roland — er hat das Vaterland noch nicht verlassen," so bestand ich darauf, daß sie Zurückbleiben sollten, und der Abschied fand statt. Aber Roland, der alte Soldat, hatte mir so viele praktische Anweisungen zu geben und konnte mir bei meiner Ausrüstung und bei den Vorbereitungen für die Reise so vielfach behülstich sehn, daß ich sein Geleite nicht zurückweiscn mochte. Guh Bol- ding, der abgereist war, um seinem Vater Lebewohl zu sagen, sollte nebst den bescheidneren Cumberlander Reisegefährten in London wieder mit mir zusammentreffen. Da mein Onkel und ich, wir beide, in Beziehung auf Ockonomie gleichen Sinnes waren, so mietheten wir uns ei» Quartier in der City, und auf diese Weise wurde ich zum Bulwer, die Tartone, 41 642 erstenmal mit einem Strich von London bekannt, der einem großen Theil von meinen vornehmeren Lesern wohl fremd ist. Ich will damit nicht über die Cito selbst spötteln, denn dies wäre ein abgedroschener Witz, mein lieber Alderman. Auch habe ich nicht die Straßen, Höfe und Gassen im Auge, sondern etwas, was man auch im Wcstende sehen kann, nur nicht so gut wie im Osten, ich meine — die Dachgiebel! Zweites Kapitel. Handelt von Dachgiebcln. Die Dachgiebel! Welchen ernüchternden Einfluß übt nicht die Aussicht nach ihnen auf den Geist! Es gehört übrigens viel dazu, bis man den rechten Gesichtspunkt getroffen hat. Es ist nicht genug, sich eine Wohnung unter dem Dach zu verschaffen, und man darf sich ja nicht mit einem vordem Dachstübchen abspeisen lassen, dessen Fenster nach der Straße hinausgehni. Erstlich muß es unanfechtbar ein hinteres Dachstübchen sepn; zweitens soll sich das Haus, in welchem es liegt, ein wenig über die benachbarten erheben; drittens darf das Fenster nicht, wie es gewöhnlich bei Dachstübchen der Fall ist, schräg in's Dach eingesetzt seyn, da man in diesem Falle nur eine Aussicht nach dem bleiernen Gewölbe gewinnt, welches die bethörten Londoner Himmel nennen, sondern muß senkrecht stehen, ohne zur Hälfte durch jenen Graben versperrt zu werden, welchen man eine Rinne nennt; und schließlich muß die Lage eine solche Beschaffenheit haben, daß man nirgends auf das Pfla- 643 ster sieht; denn wen» das Auge mit der untern Welt in Verbindung treten kann, so geht der Zauber der oberen verloren. Bist du mit allen diesen Erfordernissen im Reinen, so offne dein Fenster, stütze das Kinn auf beide Hände, mache cs den Ellenbogen auf dem Simse bequem und betrachte die außerordentliche Scene, die sich vor dir ausbreitet. Es wird dir schwer werden, zu glauben, daß in der Höhe das Leben so ruhig seyn könne, während es nuten so geräuschvoll sich tnmmelt. Welche stauncnerregcndc Stille! Eliot War- burton, der verführerische Zauberer, empfiehlt eine Thalfahrt auf dem Nil, wenn man den bekümmerten Geist cin- schläfern will. Leichter und wohlfeiler ist's jedoch, sich in Holborn ein Dachstübchen zu miethen! Zwar siehst du keine Crocodile, aber Thiere, die in Egypten nicht weniger geheiligt sind — Katzen! Und wie harmonisch diese ruhige Geschöpfe in die Aussicht passen — wie geräuschlos sie in der Ferne dahin gleiten, stehen bleiben, umhcrspähcn und verschwinden. Nur von dem Dachstübchen aus vermag man das Malerische zu würdigen, das in dem Geschlecht unserer Haustiger liegt. Die Ziege muß man auf den Alpen, die Katze ans einem Hausgicbel sehen. Allmälig erfaßt das neugierige Auge die Scencrie im Einzelne», und zuerst fällt ihm die phantastische Abwechslung in der Höhe und Gestalt der Schornsteine auf. Die einen gleich hoch in einer Reihe, einförmig und achtbar, aber völlig uninteressant, andere dagegen allen Verhältnissen des Ebenmaßes spottend und den Geist gebieterisch zu Muth- maßungen auffordernd, warum sie wohl so anstrebend sind. 41 ' 644 Tcr Verstand antwortet, es sey nur ei» einfaches Auskunfts- mittcl, um dem Rauch freieren Abzug zu gestatten; daun aber spricht die Einbildungskraft mit und vergegenwärtigt dir alb den Aerger »nd Verdruß, womit sich der Eigcnthü- mcr des Schornsteins, jetzt des höchsten von allen, plagte, eh' er ihn höher baute und so des widerlichen Dunstes los wurde. Du siehst den Aammer der Köchin, wenn der rußige Eindringling „wie ein Wolf auf de» Schafstall" vollen Sprungs auf den Sonntagsbratcn nicderstürzt — hörst die Ausrufe der Frau (vielleicht einer kurz erst verheirathetcn, die ihr Haus neu meublirt hat), wenn sie sich mit weißer Schürze und Haube in das Besuchzimmcr wagt und von dem lustigen Tanz jener Monaden begrüßt wird, welche man gewöhnlich Kohlenstaub nennt — fühlst eine männliche Entrüstung über den rohen jungen Ehegatten, der zur Thüre herausstürzt, während besagte Atome ihm nachjagen, und sich fluchend vernehmen läßt: „Wieder durch den Ranch vertrieben! Bei dem Erzrauchcr selbst, ich will gehen und in dem Club zu Mittag speisen!" Alles dies war vielleicht geschehen, eh die Schorustciuspitzc dem Himmel einige Fuß näher gerückt wurde, und nun besitzt möglicherweise die Familie »ach langem Leiden die glücklichste Heimath in der Straße. Solche List um des Rauches los zu werden! Und nicht jeder erhöht nur seinen Schornstein; andere fetzen dem hohlen Quälgeist alle Arten von seltsamer Kopfzier an. Hier vertreten Patcntvorrichtungen die Stelle von Wetterhähnen und schwingen sich in dem Winde hin und her. Dort stehen andere so fest, als hätten sie durch ein sie 643 jubeo ihr Geschäft völlig ins Reine gebracht. Bei allen den Häusern, an denen man ohne Ahnung, wie cs innen beschaffen seyn mag, in der Straßa vvrbeigeht, ist unter Hunderten nicht Eines, an denen inan nicht seine Tenfelsnoth gehabt hätte, um die Schornsteine vom Rauchen zu knrire». Nach dieser Betrachtung gibt die Philosophie das Thema ans und entscheidet sich dahin: mag einer in einer Hütte oder im Palast lebe», so sehe er zuerst nach dem Herd und sorge dafür, daß er des Rauches los werde. Neue Schönheiten nehmen uns in Anspruch. Welche endlose Wellenlinien in den verschiedenen An- und Abstci- gnngen — hier schief, dort im Zickzack! Mit welcher majestätischen Verachtung steigt nicht dort zur Linken das Dach auf! Ohne Zweifel ein Palast der Genien oder Gin * (denn letzteres ist das rechte arabische Wort für die Erbauer von Palästen aus Nichts, welche dnrch Aladdin beschäftigt wurden). Welche heitere Betrachtungen knüpfen sich nicht an diesen Palast, von welchem mir das Dach kühn den Horizont unterbricht! Vielleicht blinkt ein Stern darüber, und du denkst dabei an ein weit entferntes, sanftes Auge, während unten an der Schwelle — nein, Phantome, wir sehen euch nicht von unserem Dachstübchen aus. Betrachte doch jenen gähen Absturz — wie rissig und klippig die Dachlandschaft sich in einen Schlund verliert. Wer zu Fuß dnrch den Paß jenes Defilös wandelt, von dem man nur die malerischen Spitzen sieht, hält sich die Nase zu, wendet die Angen ab, bewacht seine Taschen und eilt weiter durch den Unflath der " Das englische Wort bedeutet zugleich Branntwein. garstigen Londoner Lazzaroni. Aber von oben gesehen, welcher edle Brnch in der Linie des Himmels! Es wäre Entweihung, diese schöne Schlucht gegen eine tvdte Fläche von langweiligen Dachgiebeln anszutanschcn, Schaut dorthin — wie entzückend ! jenes einsam stehende Hans, welches gar kein Dach hat, ausgeweidet und abgestreift durch den letzten Londoner Brand! Ihr seht noch die armen grünen und weißen Tapeten an den Wänden kleben — seht die Oeff- ttnng, welche ehedem ein Schrank war, und die schwarzen Schatten um den Durchbruch des vormaligen Herdes ! Von unten an gesehen, wie bald würdet ihr eures Weges gehen Jener große Niß deutet ans eine Lawine; du hältst den Athem an, damit sie nicht auf dein Haupt herunterstürzc. Aber welchen Zauber der Theilnahme und der Neugier bietet nicht daS trümmerhaste Gerippe, wenn man cs von oben betrachtet! Wie vielseitig wird die Phantasie in Anspruch genommen! Sie bevölkert die Gemächer wieder, hört das letzte, frohe gute Nacht in diesem baldigen Pompeji und schleicht mit der Mutter auf den Zehen heran, wenn diese ihrem schlummernden Säugling den letzten Blick zuwirft. Es ist jetzt Mitternacht und Alles stille. Dann zuckt die rothe Schlange leckend heraus. Sieh ihren Athem — hörst du ihr Zischen? Windung auf Windung schleppt sie sich weiter; jetzt schwingt sie sich aufrecht in die Höhe mit stolzem Kamm und gespaltener Zunge — eine fürchterliche Schönheit! Dann das Auffahren vom Schlaf, das ängstliche Erwachen, das Hin- und Herrennen, das Stürzen der Mutier nach der Wiege; das Geschrei ans dem Fenster, 647 das Klopfe» an die Thüre »nd das Eilen der obern Be« wohner nach der Treppe, die unten zur Sicherheit führt, während der Rauch in die Höhe qualmt wie eine Woge aus der Hölle! Entsetzt und geblendet weichen sie zurück, und der Boden unter ihnen wankt wie ein Schifflein auf dem Meere. Horch! das dumpfe Gerassel der Räder; näher und näher kömmt die Feuerspritze. Legt die Leitern an — dort! dort! an dem Fenster, wo die Mutter mit dem Säugling sicht! Zischend und klatschend kömmt der Wasserstrahl und tilgt stellenweise für einen Moment die Flamme, die dann nur um so Heller aufffackert. Der Feind trotzt dem Feind, Element dem Elemente. Wie erhaben ist dieser Krieg! Doch die Leiter, die Leiter! dort an dem Fenster! Alles Andere ist gerettet: der Schreiber mit seinen Büchern, der Advocat mit seiner Acten-Kapscl, der Hausbesitzer mit seiner Versicherungs-Police, der Geizhals mit seinem Gold und seinen Banknoten — alle sind gerettet bis auf den Säugling und die Mutter. Welch' ein Gedränge in den Straßen! Die Flammen rerbreiteten ein Scharlachlicht über Hunderte un) Hunderte von Zuschauern! Alle diese Gesichter haben nur einen einzigen Ausdruck — den der Furcht. Niemand will die Leiter hinan. Doch ja — wackerer Bursche! Gott begeistere — Gott schütze dich! wie deutlich ich ihn sehe! — seine Augen sind geschloffen, seine Zähne auf einander gebissen. Die Schlange hüpft auf, die gespaltene Zunge schießt nach ihm hin und der Qualm ihres Athems hüllt ihn ein. Die Menge ist zurückgefluthet wie ein Meer und der Rauch stürzt über Alle hin. Ha, welche 648 unbestimmten Formen auf der Leiter' Näher und näher — krachend fallen die Ziegel. Ach und ach! — Nein; ein Nuf der Freude — ein „Gott sey Dank!" und die Weiber dringen vorwärts durch die Männer, um sich zu sammeln um das Kind und die Mutter. Alles ist dahin, nichts übrig als jenes trümmcrhaste Gerippe. Aber mail muß die Ruine von oben sehen. O Kunst, studire das Leben von den Dachgiebeln ans! Drittes Kapitel. Ich traf Trevanion wieder nicht. Das Parlament hielt seine Osterferien, und er befand sich auf dem Landsitze eines seiner Collegen im Norden von England. Lady Ellinor war jedoch in London und ich wurde ihr vorgestellt. Sie empfing mich mit aller Herzlichkeit, obschon man ihrem bleichen, bekümmerten Antlitz ansah, daß ihr Geist gedrückt war. Nachdem sie sich aufs Theilnehmeudste nach meinen Eltern und dem Kapitän erkundigt hatte, ging sie zu meinen Entwürfen nnd Planen über, die ihr Trevanion mit- getheilt hatte. Die angelegentliche Fürsorge meines alten Beschützers, obschon er dergleichen that, als zürne er über die Zurückweisung des von ihm angebotenen Darlehens, hatte nicht nur mir nnd meinen Reisegefährten alle Mühe wegen der Landzutheilungs-Anweisnngen erspart, sondern auch von den erfahrensten Männern uns einen Rath über die Wahl des Bodens ansgewirkt, der uns später sehr nütz- 643 lich wurde. Als Lady Ellinor urir eiu kleines Packet Papiere übergab, die Trevanion mit scharfsichtigen Randbemerkungen begleitet hatte, sagte sie mit einem halben Seufzer zu mir: „Albert hat mir aufgetragen, Euch zu sagen, er wünsche, daß er seinem Erfolg tm Cabinct ebenso hoffnungsvoll entgegensetzen könnte, wie dem Einigen im Gebüsch." Sie ging sodann zu der Erhebung ihres Gatten und seinen Aussichten über, wobei ihr Antlitz ganz anders wurde, denn ihre Augen funkelten und ihre Wangen rötheten sich. — „Doch Ihr seyd von den Wenigen, die ihn kennen," unterbrach sie plötzlich sich selbst. „Ihr wißt, wie er seinem Vaterlande Alles opfert — Freude, Ruhe und Gesundheit. In seinem ganzen Wesen ist nicht ein selbstsüchtiger Gedanke. Und doch noch immer so viel Neid, so viel Hindernisse ! und" —ihr Angc senkte sich nach ihrem Gewand, und ich bemerkte, daß sie Trauer trug, obschon diese keine tiefe war — „und außerdem hat es dem Himmel gefallen, ihm einen Mann von der Seite zu nehmen, welcher, der Verbindung mit ihm würdig gewesen wäre " Ich fühlte Theilnahme für die hohe Frau, obschon ihre Erregung mehr die des Stolzes, als die des Leides zu scyn schien. Vielleicht war in ihren Augen Lord Castletons höchstes Verdienst das gewesen, daß er der Macht ihres Gatten und ihrem eigenen Ehrgeiz dienen würde. Ich senkte schweigend mein Haupt und dachte an Fanny. Grämte auch sie sich um den verlornen Rang, oder trauerte sie um den ihr entrissenen Geliebten? Nach einer Weile sagte ich zögernd: 680 „Ich darf mich kaum erdreisten. Euch mein Beileid zu bezeugen, Lady Elliuor; glaubt mir indeß, daß mich wenige Dinge je so erschüttert haben, wie der von Euch berührte Todesfall, Ich hoffe. Miß Trevanions Gesundheit hat darunter nicht zu sehr gelitten. Werde ich sie nicht noch sehen, ehe ich England verlasse?" Lady Elliuor heftete ihr scharfes, blitzendes Auge forschend auf mein Gesicht, Die Musterung schien sie zu befriedigen, denn sie hielt mir mit einer fast zärtlichen Frei- müthigkeit die Hand entgegen und sagte — „Hätte ich einen Sohn, so wäre es der theuerste Wunsch meines Herzens, Euch mit meiner Tochter verbunden zu sehen" Ich fnhr zusammen — das Blut stürzte »ach meine» Wangen und ließ dann eine Todtenbläffe zurück. Vorwurfsvoll blickte ich Lady Elliuor an und meine Lippen stammelten das Wort „grausam," „3a," fuhr Lady Elliuor wehmüthig fort, „dies war mein innigster Gedanke, mein Schmerz, als ich Euch zum erstenmal sah. Aber wie die Verhältnisse stehen, müßt Ihr mich nicht für zu hart und weltlich gesinnt halten, wenn ich das stolze alt französische Sprichwort anführe: 'bioblesso obiixe'. Hört mich an, mein junger Freund — wir sehen uns vielleicht nie wieder, und ich möchte nicht, daß Eures Vaters Sohn eine schlimme Meinung von mir mitnähme, trotz aller meiner Fehler, Von frühester Jugend an war ich ehrgeizig — nicht, wie Weiber gewöhnlich sind, nach bloßem Rang und Reichthnm — sondern ehrgeizig in «81 der Weise edler Männer nach Macht und Ruhm. Solchem Ehrgeize kann eine Frau nur nachhängcn, indem sie ihn auf Jemand anders überträgt. Nicht Reichthum, nicht Rang fesselte mich an Albert Trevanion, sondern eine Natur, die des Reichthums entbehren und über den Rang gebieten kann. Ja ," fuhr Lady Ellinor mit einem leichten Leben in ihrer Stimme fort, „vielleicht sah ich in meiner Jugend, eh' ich Trevanion kannte, einen Mann" — sie hielt einen Augenblick inne »nd fügte dann schneller bei — „einen Mann, der nur des Ehrgeizes bedurfte, um mein Ideal zu verwirklichen. Selbst als ich heirathete — und es geschah, wie man sagt, aus Liebe — liebte ich viel weniger mit meinem ganzen Herzen, als mit meinem ganzen Geiste. Ich darf jetzt wohl so sprechen, denn jeder Schlag dieses Pulses gehört nunmehr ganz und ausschließlich dem, mit welchem ich Entwürfe gemacht und gerungen habe, mit dem ich in Eins verwachsen bi», dessen Kämpfe ich theiltc und dessen Triumph ich mitfeire, die Träume meiner Jugend verwirklichend." Wieder brach das Licht ans den Angen dieser großartigen Frau, die ein so prächtiges Bild jenes moralischen Widerspruchs war — eines ehrgeizigen Weibes. „Ich kann Euch nicht sagen," nahm Lady Ellinor milder wieder auf, „wie sehr ich mich darüber freute, als Ihr zu uns ins Haus kämet. Vielleicht hat Euch Euer Vater von mir und unserer ersten Bekanntschaft erzählt?" Lady Ellinor hielt plötzlich inne und schaute mir scharf ins Auge. Ich blieb stumm. 6sr „Vielleicht auch mirVorwürfe gemacht/' fuhr sie fort, und ihre Wauge röthcte sich. „Dies ist uie geschehen, Lady Ellinor." „Er hatte ein Recht dazu — obschon ich zweifle, ob er cs auS dem wahren Grund gcthau haben würde. Doch »ein; nie konnte er mir so Unrecht thnn, wie dies vor vielen Jahren dnrch Mr. de Carton in einem Briefe geschah, dessen Bitterkeit allen Zorn eutwaffuctc, indem er mich beschuldigte, ich habe mit Austin — ja, sogar mit ihm selbst mein Spiel getrieben! E r wenigstens hatte kein Recht, mir Vorwürfe zu machen," fuhr Lady Ellinor mit Wärme fort, und ihre stolze Lippe verzog sich, „denn wenn mir auch sein wilder Dnrst nach romantischer Herrlichkeit Interesse cin- flößte, so gab ich demselben nur in der Hoffnung Raum, was den einen Bruder so rastlos machte, könnte zuletzt auch in dem andern den Ehrgeiz und die Thaikraft wecken, die seinem Geiste ziemte. Doch dies sind alte Geschichten von entschwundenen Thorhciten und Selbsttäuschungen. Nur so viel will ich noch sagen, daß ich nie an Euren Vater oder an Euren ernsteren Onkel denken konnte, ohne daß mich mein Gewissen an eine Schuld erinnerte, die ich abzutragcn mich sehnte — wenn auch nicht an sie, so doch an ihre Kinder. Glaubt mir daher, als ich Euch kennen lernte, wurde mir sogleich Euer Wohl und Eure Zukunft eine Hauptaufgabe. Ich habe mich in Euch geirrt, als ich Euren Eifer so glühend ernsten Gegenständen zngewcndct sah und dabei die frische Schwungkraft Eures Geistes bemerkte. Ganz in Anspruch genommen von Entwürfen und Planen, welche weit 6S3 außerdem gewöhnlichen häuslichen Bereiche des Weibes liegen, träumte ich, so lange Ihr unser Gast wäret, nie von Gefahr für Euch oder Famch. Verzeiht mir, wenn ich Euch wchthne, aber ich muß mich rechtfertigen. Ich wiederhole, hätten wir einen Sohn zum Erben unseres Namens, der im Stande wäre, die Last zu tragen, welche die Welt denen auflegt, die dazu geboren sind, einen Einfluß zu üben ans die Geschicke der Welt, so gäbe es Niemanden, welchem Trc- vanion und ich lieber das Glück einer Tochter anvertrant haben würden. Aber meine Tochter ist die einzige Vertreterin des mütterlichen Stammes und des väterlichen Namens, und ich konnte daher nicht blos ihr Glück in's Auge fassen. Sie hat eine Pflicht — eine Pflicht gegen ihre Geburt, eins Pflicht für die Laufbahn des edelsten von Englands Patrioten, und ohne Uebertreibung kann ich sagen — eine Pflicht für das Vaterland, dem das Ringen dieses Patrioten gilt!" „Sprecht nicht weiter Lady Minor; sprecht nicht Weiter. Ich verstehe Euch. Ich habe keine Hoffnung — habe der Hoffnung nie Raum gegeben—es war ein Wahnsinn -— und ist jetzt vorüber. Nur als Freund möchte ich noch die Bitte stellen, in Eurer Gegenwart Miß Treva- mon noch einmal zu sehen, ehe — ehe ich einsam hinziehe in diese lange Verbannung, um vielleicht meinen Staub zu mengen mit fremder Erde! Ja, seht mich nur an — unmöglich könnt Ihr Mißtrauen setzen in meine Entschlossenheit, meine Ehre und meine Wahrheitsliebe. Nur noch einmal, Lady Minor — mir noch ein einzigesmal! Richte ich meine Bitte vergeblich an Euch?" Lady Minor war augenscheinlich sehr bewegt. Jch beugte mich fast zu der Haltung eines Kniecnden nieder, und sie legte die eine Hand, während sie mit der andern ihre Thränen abwischte, zärtlich auf mein Haupt, mit erstickter Stimme sprechend: „Ich bitte, verlangt dies nicht von mir—verlangt nicht, meine Tochter zu sehen. Ihr habt gezeigt, daß Ihr nicht selbstsüchtig seyd — überwindet Euch noch mehr. Wie, wenn eine solche Begegnung bei aller Behutsamkeit doch einen zu gewaltigen Eindruck machte auf mein Kind, seinen Frieden zerstörte und schwer lastete auf —" „O redet nicht so — sie hat meine Gefühle nie ge- theilt!" „Dürfte eine Mutter es zugestehen, wenn es so wäre? Beruhigt Euch und denkt, wie jung ihr beioe noch seyd. WennJhr wieder zurückkchrt, werden alle diese Träume vergessen seyn. Dann können wir uns wieder entgcgentreten, wie ehedem — ich will dann Eure zweite Mutter seyn und abermals für Eure Zukunft Sorge tragen; denn Ihr dürft nicht glauben, daß wir Euch so lange in dieser Verbannung lassen werden, als Ihr zu glauben scheint. Nein, es ist nur eine Reise — ein Ausflug, nicht ein Ringen nach Vermögen. Euer Glück — überlaßt dies uns, wenn Ihr zurückkehrt!" „Ich soll sie also nicht mehr sehen!" murmelte ich, indem ich mich erhob und schweigend nach dem Fenster ging, K55 um mein Gesicht zu verhüllen. Die großen Kämpfe im Leben beschränken sich auf Augenblicke. Zu dem Sinkcnlasscn des Kopfes, zu dem Druck der Hand auf die Stirne brauchen wir in dem sicbenzigsien kaum eine Sekunde; aber welche Stürme mögen in unserem ganzen Wesen vorgegangcn seyn, während dieses einzelne Sandkorn geräuschlos niederglcitet in die untere Hälfte des Stundenglases! Mit festem Tritte kam ich zu Lady Ellinor zurück und begann ruhig: „Meine Vernunft sagt mir, daß Ihr Recht habt, und ich füge mich. Vergebt mir und haltet mich nicht für undankbar oder überstolz, wenn ich beifüge, daß Ihr mir den Lebenszweck lassen müßt, welcher mich in Allem tröstet und crmuthigt." „Und dieser Zweck wäre?" fragte Lady Ellinor zögernd. „Unabhängigkeit für mich und ei» ruhiges Alter für diejenigen, um dercnwillen mir das Leben noch theuer ist. Dies ist mein doppeltes Ziel, und die Mittel zu Erringung desselben müssen von meinem Herzen und meinen Händen kommen. Ich bitte Euch, Eurem Gatten meine» herzlichen Dank auszudrücken, und nehmt meine wärmsten Wünsche hin für Euch und sie, die ich nicht mehr nennen will. Lebt Wohl, Lady Ellinor." „Nein, Ähr müßt mich nicht so eilig verlassen; ich habe noch manche Dinge mit Euch zu besprechen — wenigstens Euch zu fragen. Sagt mir, wie Euer Vater sein Mißgeschick erträgt — sagt mir, ob wir nicht sür ihn wenigstens etwas thun könne», Bei Trevanions Einstuß wir- 658 es ihm cm Leichtes sehn, eine Stelle für ihn zu erringe», die sogar der eigensinnigen Indolenz eines Büchcrmannes znsagcn dürste. Setzt Euch nieder und sprecht offen mit mir/' Ich konntc so viel Güte nicht widerstehen, nahm Platz und antwortete mit möglichster Fassung auf Lady Ellinors Fragen, indem ich sie zu überzeugen suchte, daß mein Vater seine Verluste nur insoweit fühlte, als sie mich betrafen, und daß wohl nichts, was in Trevanions Macht lag, ihn aus seiner Zurückgezogenheit hervorzulocke» oder für die Veränderung in seinen Gewohnheiten zn entschädigen vermöge. Nachdem wir lange von meinen Eltern gesprochen hatten, erkundigte sich Lady Ellinor nach Roland, und als sie erfuhr, daß er sich mit mir in London befinde, drückte sie den lebhaften Wunsch aus, ihn zu sehen. Ich versprach ihr, ihm dies mitzutheilen, und sie erwiderte darauf gedankenvoll — „Wenn ich nicht irre, so hat er einen Sohn, mit welchem er in einem unglücklichen Zwiespalt lebt." „Wer kann Euch dies gesagt haben?" fragte ich überrascht, weil ich wohl wußte, wie verschlossen Roland in Betreff dieses Familicnleides war. „Oh, ich hörte davon durch einen Mann, welcher Kapitän Roland kannte. Auf die Person und den Ort, wo davon gesprochen wurde, kan» ich mich nicht mehr erinnern — aber ist es nicht eine Thatsache?" „Mein Onkel Roland hat keinen Sohn." „Wie!" „Sein Sohn ist todt." «87 „Wie sehr muß ihn ein solcher Verlust bekümmern!" Äch schwieg. „Aber weiß er auch gewiß, daß sein Sohn tobt ist? Welche Freude, wenn er getäuscht worden wäre — wenn sein Sohn noch lebte!" „Mein Onkel hat ein standhaftes Herz und ist voll Ergebung. Aber, verzeiht mir — habt Ähr etwas von diesem Sohne gehört?" „Ich? — was sollte auch ich hören? Indessen möchte ich doch von Eurem Onkel selbst erfahren, was er mir von seinen! Kummer mitznthcilen für gut hält — oder ob in der Thal nicht die Möglichkeit vorhanden ist, daß —" „Daß — Ihr schweigt?" „Daß — sein Sohn noch lebe." „Ich glaube nicht," versetzte ich, „und zweifle überhaupt, ob Ähr von meinem Onkel viel erfahren werdet. Gleichwohl liegt etwas in Euren Worten. was mit Eurer Erklärung im Widerspruch steht und mich argwöhnen läßt. Ähr wisset mehr, als Ihr sagen wollt." „Wie diplomatisch!" entgegnete Lady Ellinor halb lächelnd ; dann aber nahm ihr Gesicht einen ernsten fast strengen Ansdruck an, und sic fügte bei: „Es ist schrecklich, denken zu müssen, daß ein Vater seinen Sohn Haffen könne!" „Hassen! — Roland seinen Sohn hasse»? Woher kömmt diese Verläumdnng?" „Es ist also nicht der Fall? Gebt mir diese Versicherung, und ich will mich freuen, daß ich falsch berichtet wurde." Bulwer, di« Kartone. 4L «S8 „Ich kann Euch mir so viel sagen — denn weiter ist mir selbst nicht bekannt — wenn je die Seele eines Vaters ganz an einem Sohne hing und Furcht, Hoffnung, Freude und Leid von den Schatten im Leben des Sohnes sich in dem Herzen des Vaters wicderspicgclten, so war Roland dieser Vater, so lange sein Sohn noch aus Erden wandelte." „Ich muß Euch wohl glauben," rief Lady Ellinor im Tone der Neberraschung. „Nun, gut — tragt Sorge dafür, daß mich Euer Onkel besuche." „Ich will mein Bestes thun, ihn dazu zu veranlassen, damit er von Euch erfahre, was Ihr augenscheinlich vor mir verbergt." Lady Ellinor antwortete ausweichend auf diese Andeutung, und bald nachher verließ ich das Haus, in welchem ich das Glück der Thorheit und den Schmerz kennen gelernt hatte, welcher Weisheit zurückläßt. Viertes Kapitel. Ich hatte stets warme, fast kindliche Zuneigung zu Lady Ellinor gefühlt, abgesehen von ihrer Verwandtschaft mit Fanny und den Empfindungen der Dankbarkeit, die ihr Wohlwollen mir einfiößte; denn es gibt eine in ihrer Natur cigenthümliche Zuneigung, welche zu einem sehr hohen Grade steigen kann und daS Ergcbniß von Gefühlen ist, welche man nicht oft vereinigt findet — nämlich des Mitleids und der Bewunderung. Es war unmöglich, die seltenen Bega- bungen und die hohe» Fähigkeiten der Dame nicht zn bewundern; aber ebensosehr mußte man auch Mitleid haben mit den Sorgen und Beängstigungen einer Frau, welche mit der ganzen Fülle weiblichen Gefühls thätig cingrüf in rie rauhe Welt der Männer, Meines Vaters Bekenntniß hatte die Achtung gegen Lady Ellinor etwas beeinträchtigt und in meinem Geist den beunruhigenden Eindruck zurückgclassen, sie habe mit seinem tiefen Herzen und Rolands ungestümen Gefühlen ihr Spiel getrieben. Das eben mitgctheilte Gespräch gestattete mir, sie mit mehr Gerechtigkeit zn beurtheilcn; denn ich konnte daraus ersehen, daß sie wirklich die Neigung theilte, die sie dem Studenten eingcfiößt hatte, obschon ihr Ehrgeiz stärker gewesen war, als die Liebe — ein Ehrgeiz, den man vielleicht unregelmäßig und unweiblich, keinesfalls aber gemein und schmutzig nennen konnte. Ans ihren Winken und Andeutungen entnahm ich ferner einen sehr triftigen Entschnldignngsgrnnd für den Umstand, daß Roland ihr scheinbares Interesse an ihm mißdeutet hatte, indem sie in der wilden Energie des älteren Bruders nur ein Mittel sah, durch welches die ruhigen Fähigkeiten des jüngeren geweckt werden konnten. Sie hatte in dem seltsamen Kometen, der vor ihr blitzte, eincnHebel gesucht, der den Stern in Bewegung setzen sollte. Auch konnte ich meine Verehrung einer Frau nicht versagen, welche, wenn sie auch nicht gerade aus Liebe geheirathet, doch ihr ganzes Leben so innig ihrem Gatten weihte, als wäre er der Gegenstand ihrer ersten Romantik und ihrer frühesten Neigungen gewesen, sobald sie ihr Wesen 4L* KK0 an den Mann gekettet hatte, der sicher nicht unwürdig war. Wen» sogar ihr Kind dein Gatten nachstand — wenn sie in den, Schicksal dieses Kindes nur ein Mittel sah, der großartigen Bestimmung Trevanions Vorschub zu leisten, so konnte man doch nicht Zeuge dieser Verirrung einer ehlichen Aufopferung seyn, ohne die Gattin zu bewundern, obschon man vielleicht die Mutter vernrtheilte, Von diesen Betrachtungen mich abwendcnd, fühlte ich bei aller Trauer über de» Gedanken, daß ich Fanny nicht mehr sehen sollte, doch den selbstsüchtigen freudigen Schauer eines Liebenden, Hatte es seine Richtigkeit mit dem, was Lady Ellinor so zart andcnteie — daß Fanny noch immer die Erinnerung an mich im Herzen bewahrte und daß eine kurze Zusammenkunft , ein letztes Lebewohl ihren Frieden gefährden konnte? Doch dies war ein Gedanke, dem nachznhängen mir nicht znstand. Was konnte Lady Ellinor von Roland und seinem Sohn gehört haben? War cs möglich, daß der Verlorne noch lebte? Während ich noch diese Fragen bei mir erwog, langte ich in unserer Wohnung an, wo ich den Kapitän antraf, der eben mit Besichtigung einiger für einen australischen Abenteurer nothwcndigen rohen Geräthschastcn beschäftigt war. Der alte Soldat stand am Fenster und untersuchte eben die Güte einer Handsäge, einer Zapfensäge, eines Beils und eines Schncidmesscrs. Als ich ihm näher trat, sah er mit grämlicher Theilnahme unter seinen dunkeln Brauen hervor und redete mich verdrießlich an — „Schöne Waffen das für den Sohn eines Gentleman! 66t Ein Stückchen Stahl in der Form eines Schwertes wäre mehr wcrth, als sie alle." „Jede Waffe, mit welcher wir das Geschick überwinde», ist edel in der Hand eines wacker» Mannes, Onkel!" „Der Barsche hat doch stets eine Antwort ans Alles," bemerkte der Kapitän lächelnd, während er seine Börse herauszog nnd den Ladendiencr abfertigte. Als wir allein waren, sagte ich zn ihm: „Onkel, Ihr müßt der Lady Ellinor einen Besuch macken. Sic hat Euch etwas mitzutheilen." „Pah!" „Ihr wollt nicht?" „Nein!" „Onkel, ich glaube, sie hatEnch etwas zu sagen wegen — wegen — verzeiht mir! — wegen Eures Kindes." „Wegen Blanche." „Nein, nein — ich meine de» Verwandten, den ich nie sich." Roland wurde blaß, sank auf eine» Stnhl zurück und stotterte — „Ihn — meinen Sohn?" „Ja: aber ich glaube nicht, daß flchs um eine Kunde handelt, die Euch betrüben könnte. Wißt Ihr auch gewiß, Onkel, daß mein Vetter todt ist?" „Ha! — wie unterstehst Du Dich! — wer zweifelt daran? Todt—todt für mich auf immer! Knabe, willst Du haben, daß er fortlebe, nm diese grauen Haare zu beschimpfen?" 662 „Verzeiht — verzeiht mirOnkcl. Aber gleichwohl muß ich Euch bitten, Lady Ellinor zu besuchen; denn was sie Euch auch mitzutheile» haben mag — ich wiederhole meine Uebcr- zeugung, daß es nichts ist, was Euch verwunden könnte," „Nichts, was mich verwunden könnte — und doch steht es in Verbindnng mit ihm !" Es ist unmöglich, dem Leser eine» Begriff von der Verzweiflung bciznbringen, welche in diesen Worten lag. Nach einer langen Panse nahm ich mit gedämpfter Stimme wieder ans: „Möglich, daß ich irre, denn ich war schüchtern. Aber vielleicht — wenn er tobt ist — hat er noch vor seinem Hinschciden alle seine Verirrungen bereut," „Bereut! ha, ha!" „Oder wenn er »och lebte —" „Stille, Knabe — stille!" So lange noch Leben vorhanden ist, darf man die Hoffnung auf Neue nicht aufgebcn." „Sieh, Neffe," sagte der Kapitän, indem er aufstand und entschlossen die Arme über der Brust kreuzte — „sieh, ich habe verlangt, daß man dieses Namens mit keinem Hauch mehr vor mir erwähne. Ich habe meinem Sohn noch nicht geflncht; käme er wieder in's Leben, so könnte eS so weit kommen! Tu weißt nicht, welche Folter mir Deine Worte bereitet haben in demselben Augenblicke, als ich mein Herz einem andern Sohn geöffnet und diesen Sohn in Dir gefunden hatte. In Betreff des Verlornen habe ich nur noch eine Bitte, und Du kennst sie — die Bitte eines gebroche- 683 um Herzens, daß sein Name mir nie mehr zu Ohren komme!" Ich wagte es nicht, auf diese Schlußworte 'etwas zu «wieder», und der Kapitän ging mit langen, unsteten Schritten im Zimmer auf und ab. Plötzlich griff er, als werde ihm der Raum zu eng und die Luft zu erstickend, nach seinem Hut und eilte in's Freie. Sobald ich mich von meinem Erstaunen und meiner Bestürzung erholt hatte, ging ich ihm nach; aber er befahl mir mit einer so strengen und doch so traurigen Stimme, daß mir nur die Wahl des Gehorchens blieb, ihn seinen Gedanken zu überlassen. Wußte ich ja aus eigener Erfahrung, wie nothwendig die Einsamkeit in Augenblicken ist, in welchen der Gram am schwersten auf uns lastet und unsere Gedanken am verstörtesten sind. Fünftes Kapitel. Es entschwanden Stunden, ohne daß der Kapitän zurückkehrte. Ich wurde unruhig und ging aus, um ihn zu suchen, obschon ich nicht wußte, wohin ich meine Schritte lenken sollte. Wahrscheinlich kam mir übrigens vor, er habe der Versuchung nicht widerstehen können, bei Lady Ellinor vorzusprechen, weshalb ich mich zuerst nach St. James Square begab. Meine Vcrmuthung erwies sich als richtig, denn der Kapitän war vor zwei Stunden dort gewesen. Kurz nach seinem Besuch war Lady Ellinor selbst ausgefahren. Während der Portier mir diese Mittheilung machte, 0Ü4 hielt ein Wage» an rer Thüre, und ein Bedienter übergab dem Thürhüter ein Bittet mit einem Päckchen, dem Anscheine nach Bücher enthaltend, indem er einfach sagte: „Von dem Marquis von Castletvn." Wie ich diesen Namen hörte, wandte ich mich hastig um und erkannte in dem Wa- gen Sir Sedley Beandesert, der mit niedergeschlagenem, verstimmtem Gesichtsaüsdrucke zum Fenster heranssah — wie verschieden von seinem früheren Acußeren, wenn nicht etwa die seltene Erscheinung eines grauen Haars oder ein Anflug von Zahnweh ihn daran erinnerte, daß er nicht mehr fünfundzwanzig sey. Die Veränderung war in der That so groß/daß ich zweifelnd ansrief: — „Ist dies wirklich Sir Sedlch Beandesert?" Der Bediente sah mich an, langte an seinen Hut und sagte mir einem herablassenden Lächeln: „Ja, jetzt der Marquis von Castleton/' Jetzt zum erstenmal seit dem Tod des jungen Lord erinnerte ich mich der Dankcrgüsse des Baronet gegen Ladh Castlcton und den Emser Brunnen, weil sic ihn mit „diesem schrecklichen Marquisat" verschont hatten- Mittlerweile war mein alter Freund auf mich aufmerksam geworden und rief mir zu: — „Wie, Mr. Carton? Es freut mich. Euch zu sehen. Oeffnet den Schlag, Thomas. Ich bitte, kommt herein, kommt herein! Ich gehorchte, und der neue Lord Casiletou »rächte mir an seiner Seite Platz. „Habt Ihr Eile?" fragte er. „Wenn dies der Fall ist, wohin soll ich Euch bringen? — wo nicht, so schenkt 665 mir ein halbes Stündchen von Einer Zeit, während ich nach der City fahre." Da ich nn» nicht wußte, in welcher Richtung ich den Kapitän am ehesten ansstnden konnte, so hielt ich cs für räthlich, zuerst in unserer Wohnung uachzufragcn, ob er nicht znrückgckehrt sey, und antwortete deshalb, daß ich mir eine Ehre daraus mache, seine Gnaden zu begleiten, „obgleich die Eit»," fügte ich lächelnd bei, „ein fremdes Wort ist auf den Lippen des Sir Scdley — bitte nm Verzeihung, ich wollte sagen, des Lord —" „O sprecht mir nicht so und laßt mich wieder den angenehmen Klang Sedley Bcaudescrt hören. Schließt den Schlag, ThomaS. Nach Gracccnrch Street — zu MessrS. Fudge und Fidgct." Der Wagen fuhr ab. „Ein trauriges Loos hat mich befallen," begann der Marquis, „und Niemand ist, der Mitleid mit mir hätte!" „Und doch müssen alle, selbst wenn sic de» verstorbenen Lord nicht kannte», erschüttert worden sey» durch den Tod eines so jungen und hoffnungsvollen Mannes." „Er war in jeder Weise geeignet, die Last des großen Namens und Eigenthums der Castlctvnc zu tragen, und doch seht Ihr, daß er dadurch unter den Boden gebracht worden ist! Ach, wäre er nur ein einfacher Gentleman oder weniger gewissenhaft in dem Verlange», seine Pflichten zu erfüllen, gewesen, so könnte er noch lauge leben. Zch weiß bereits, welche Bürde über mich gekommen ist. Oh, wenn Ihr nur die Briefhaufen sehen würdet, die ans meinem 686 Tische liegen! Ich fürchte mich wahrhaftig vor jeder Post. Ich soll fetzt die riesige» Verbesserungen der Güter zn Ende bringen, die der arme Junge angefangen hat. Was meint Ihr wohl, welches Geschäft mich zn Fudge und Fidget führe? Sie sind die Agenten für eine höllische Kohlenminc, welche mein Vetter in Dnrham wieder geöffnet hat, um mich mein Leben lang zu Plagen mit weiteren dreißigtauscnd Pfund jährlich. Wie soll ich das Geld ansgeben, wie damit fertig werden? Da ist ein kaltblütiger Obcrrentmcister, welcher sagt, die Wohlthätigkeit sey das größte Verbrechen, das ein Mann in einer hohen Stellung begehen könne, weil es die Armen dcmoralisirc. Als mir ein Halbdntzend Farmer eine Vorstellung zugchcn ließen, des Inhalts, daß ihr Pacht zn hoch sey, und ich ihnen zurückschrieb, daß ihre Leistungen ermäßigt werden sollten, hättet Ihr sehen sollen, welch ein Hcyho darüber losging: man hätte glauben sollen, Himmel und Erde stürzen zusammen. 'Wenn ein Mann in der Stellung des Marquis von Castleton mit dem Beispiel vorangehe, das Land unter seinem Werthc zu verpachten, wie könnten da die ärmeren Squire in der Grafschaft bestehen? Oder wenn sic auch bestehen könnten, welche Ungerechtigkeit sey es nicht, sie der Beschuldigung Preis zu geben, als scyen sic gierige Grundhcrren, Vampyre und Blutsauger? Wenn Lord Castleton den Pacht ermäßige, der ohnehin zn niedrig stehe, so gebe er augenscheinlich, wenn sie seinem Beispiele folgten, dem Eigenthum, oder im andern Falle dem Charakter seiner Nachbarn einen Todesstoß.' Niemand kann sagen, wie schwer es ist, Gutes zu thnn, wenn 667 ihm nicht das Glück jährlich hunderttausend Pfuud zuweist und sagt — 'verwende es jetzt zu guten Zwecken!' Sedley Beandesert durfte seinen Launen falzen, und man konnte höchstens ron ihm sagen, er setz ein 'gutmüthigcr, einfältiger Geselle!' aber wenn Lord Castleton seinen Neigungen nach- gebcn wollte, so würde man glauben, er sey ein zweiter Catilina, der den Frieden einer ganzen Nation Umstürze und ihren Wohlstand untergrabe!" Der unglückliche Mann hielt inne und seufzte tief auf; dann sichrer fort, als hätten seine Gedanken in einen neuen Kanal des Jammers eingcbogen. „Ach, wenn Ihr nur das trübselige große Haus sehen könntet, das ich bewohnen soll — umgeben ron tobten Mauern; und dagegen meine hübschen Zimmer, deren Fenster nach dem Park hinausgeheu. Man erwartet von mir, daß ich Bälle gebe und das parlamentarische Interesse der Familie aufrecht erhalte. Da ist mir denn auch der schuftige Antrag gemacht worden, Hofmarschall oder Kammerherr zu werden, weil es meinem Rang zustche, eine Art Dienstmann zu seyn. O, Pisistratus — was seydJhr nicht für ein glücklicher Kerl! Noch nicht Einundzwanzig und wahrscheinlich mit keinen zweihundert Pfunden im Jahr belastet!" Der arme Marquis fuhr fort, sein schlimmes Geschick zu beklagen, bis er zuletzt im Tone noch tieferer Verzweiflung ansrief: „Und dazu sagt noch Jedermann, ich müsse hcirathe», damit der Stamm der^Castletonc nicht erlösche! Die Beau- 6K8 descrte sind eine gute Familie, alt genug — meines Wissens so alt wie die Castletone; aber das britische Reich würde keinen Verlust erleiden, wenn alle in das Grab der Ca- s'nlctc sänken. Dagegen wäre der Gedanke, daß die Castlcton-Peerage ausstcrbcn sollte, so verbrecherisch und schauderhaft, daß sich alle Mütter iu England in Masse dagegen erheben würden! Und so muß denn, statt nach der Bibel die Sünden der Väter hcimgcsucht werde» au den Söhnen, der Vater geopfert werden znm Besten der dritten und vierten Generation!" Obschon ich alle Ursache zum Ernst hatte, konnte ich mich doch eines Aachens nicht entwehren, und mein Gefährte warf mir einen vorwurfsvollen Blick zu. „Wenigstens hat Lord Castlcton einen Trost in seinem Jammer," sagte ich, indem ich mein Gesicht in ernstere Falten legte. „Wenn er hcirathen muß, so kann er wählen nach Belieben." „Dies ist^s eben, was Sedley Beandesert durfte, der Lord Castlcton aber nicht thun kann," versetzte der Marquis düster. „Der Rang des Sir Lcdleh Beandesert war ruhig und behaglich — es stand ihm frei, die Tochter eines Pfarrers oder eines Herzogs zu heirathcn und so sein Auge zu vergnügen oder sein Herz zu grämen, wie ihn die Laune anwandelte. Doch der Lord Castleton darf nicht nach einer Gattin, sondern muß nach einer Marquise sich umschcn — eine Frau hcirathen, die für ihn seinen Rang trägt, die Mühe des Glanzes seinen Händen abnimmt und ihm gestattet , sich in eine Ecke zurückzuziehen nnd davon zu träumen. daß er einmal Sedley Beandesert war! Ja, so muß es seyn — dem Schlußopfcr muß der Altar das Siegel auf- drücken. Doch lassen wir setzt meine Beschwerden. Ich höre non Trevanion, daß Ihr nach Australien gehen wollt — kann dies wahr seyn?" „Vollkommen wahr." „Man sagt, es sey dort ein kläglicher Mangel an Frauenzimmern." „Desto besser — ich werde dann nur um so gesetzter seyn." „Es liegt etwas Wahres darin. Habt Ihr Ladv Ellinor gesehen?" „Ja — diesen Morgen." „Die arme Frau! — ein schwerer Schlag fürste. Wir haben versucht, einander zu trösten. Ihr werdet wissen, daß stch Fanny zu Orton in Surrey bei Lady Castlcton anfhält — die arme Lady liebt sie sehr, und Niemand halste so getröstet, wie Fanny." „Es war mir unbekannt, daß Miß. Trevanion stch nicht in London aufhalte." „Nur für einige Tage; dann reist ste mit Lady Ellinor in den Norden zu Trevanion. Ihr wißt, er ist bei Lord N—- und macht Maßregeln mit ihm aus; aber leider berathen ste mich jetzt auch über dergleichen Dinge und drängen mir ihre Geheimnisse auf. Es stehen mir der Himmel weiß wie viele Stimmen zu Gebot. Ich Armer! Ruf mein Wort, wenn Lady Ellinor eine Wittwe wäre, würde ich mich sicherlich an ste machen — eine sehr gescheitste Frau, die 670 durch nichts gelangweilt wird." (Der Marquis gähnte — Sir Sedley Bcaudesert hatte dies nie gcthan.) „Trevanion hat seinen schottischen Sekretär untergcbracht und ist gegenwärtig besorgt, beim Ministerium der auswärtigen Angelegenheiten auch dem jungen Burschen Gvwer eine Stelle zu verschaffen, vbschon derselbe, unter uns gesagt, mir gar nicht gefällt. Er hat übrigens Trevanion ganz für sich eingenommen." „Was ist dieser Mr. Gower für ein Mensch? — Ich erinnere mich, daß Ihr mir mittheiltet, er sey gewandt und von gntcm Aussehen." „Allerdings, aber es ist nicht die Gewandtheit der Jugend: er verbindet damit eine Härte und einen Sarcas- mus, als sey er schon fünfzigmal betrogen worden und habe hundertmal selbst betrogen. Auch sei» gutes Aussehen ist nicht jener offene Empfehlungsbrief, der, wie man sagt, ein schönes Gesicht sehn soll. Seine Physiognomie hat einen Ausdruck, welcher mich ganz au den von Lord Hertford's Licblingsschweißhund erinnert, wenn ein Fremder in's Zimmer kommt. Es ist allerdings ein glattes, schönes Thier, manierlich nnd wohl auch sehr zahm; aber man darf nur seine Augenwinkel mischen, um sich selbst sagen zu müsse», daß nur die Gewöhnung an's Besnchzimmer die dem Geschöpfe inwvhnende Lust unterdrücke, Euch lieber an der Kehle zu packen, statt Euch die Pfote zu geben. Gleichwohl hat dieser Mr. Gower einen sehr auffallenden Kopf — es ist etwas Maurisches oder Spanisches daran wie an 671 einem Gemälde von Murillo. Ich vermnthe halb und halb, er sey eher ein Zigeuner als ein Gower," „Wie!" rief ich, mit athcmlvser Aufmerksamkeit dieser Schilderung zuhörcnd, „Es ist wohl ein dunkler Mann mit hoher, schmaler Stirne, einem sehr feinen, leicht adlerartigen Gesichtsschnitt und so blendend weißen Zähnen, daß sein ganzes Angesicht zu snnkel» scheint, wenn er lächelt, obgleich an diesem Lächeln nur die Lippe, nicht das Auge Theil nimmt?" „Ganz wie Ihr sagt, Ihr habt ihn schon gesehen?" „Ich weiß dies nicht gewiß, wenn er wirklich Gower heißt," „Er sagt wenigstens, dies sey sein Name," entgegnet- Lord Castleton trocken, indem er eine Prise der Beandesert- mischnng einschnanbte, „Und wo ist er jetzt — bei Mr, Trevanion?" „Ja, ich glaube so. Ah! da sind wir bei Fudge und Fidgct! Aber vielleicht," fügte Lord Castleton mit einem Strahl von Hoffnung in seinem blauen Auge bei — „vielleicht sind sie nicht zu Hause!" Leider war dies „ein Traum der Phantasie," wie die Poeten des neunzehnten Jahrhunderts ungekünstelt sich aus- zndrücken Pflegen. Die Herren Fudge und Fidgct waren nie abwesend, wenn Clienten kamen, wie der Marquis von Castleton, Mit einem tiefen Seufzer und einem ganz veränderten Gesichtsausdrnck stieg dieses Opfer Fortuna's langsam aus seinem Wagen, „Jch,kann Euch nicht zumuthen, auf mich zu warten," sagte er; „denn der Himmel weiß, wie lange sie mich sest- halten werde»! Nehmt den Wagen mit, wohin Ihr wollt, nnd schickt mir ihn wieder zurück," „Tausend Dank, mein thcurcr Lord: ich will lieber zn Fuß gehen, Ihr gestattet mir aber doch, Ench zu besuchen, che ich London verlasse." „Ob ich's Ench gestatte? Nein, ich bestehe daraus. Meine Wohnung ist noch die alte, unter dem Vorwände," bemerkte der Lord mit einem schlauen Blinzeln seines Augenlids, „daß Eastleton Honse eines neuen Anwnrfs bedürfe." „Also morgen um zwölf Uhr?" „Morgen um zwölf Uhr? Leider ist dies die Stunde, ans welche Mr, Screw, der Agent für daS Londoner Be- sitzthnm (zwei Sguarc, siebew Straßen nnd eine Gaffe), bei mir angesagt ist," „Vielleicht komme ich um zwei Uhr gelegener?" „Zwei Uhr ? — Um diese Zeit will Mr, Plausible, eines derCastletonerParlamentsmitglieder, mich besuchen, um mir zn sagen, warum ihm sein Gewissen nicht gestatte, mit Tre- vanion zn stimmen," „Drei Ubr?" „Drei! Da kömmt der Sekretär der Schatzkammer, welcher versichert hat, er werde Mr, Plausibles Gewissen schon zufrieden stellen. Aber nehmt bei mir Euer Diner ein — freilich werdet Ihr da die Testaments-Erecutoren treffen." „Nicht doch, Sir Sedley — mein theurer Lord, wollte K73 ^ 7 ^ ich sagen. Ich will es ans den Zufall ankommen lassen und nach dem Diner versprechen." „Thut so; meine Gäste sind nicht sehr lebhaft! Welchen festen Tritt dieser Schelm hat. Nur zwanzig glaube ich — zwanzig ! und keinen Morgen Land, der ihn Plagen könnte!" Bei diesen Worten schüttelte der Marquis kläglich seinen Kopf und verschwand durch die geräuschlosen Maha- gonithüren, hinter welchen die Herren Fudge und Fidget mit den Rechnungen der großen Castlctoner-Mine warteten. Sechstes Kapitel. Auf dem Wege nach unserer Wohnung beschloß ich in dein bescheidenen Wirthshaus einzusprechen, in dessen Kaffec- zimmer der Kapitän und ich, wir Beide gewöhnlich unser Mittagsmahl einzunehmeu pflegten. Es war ungefähr um die Zeit, und Roland wartete vielleicht auf mich. Ich stand schon auf der Schwelle, als ein Postwagen über das Pflaster rollte und vor einem anspruchsvolleren Wirthshaus Halt machte, welches um einige Thürcn von dem unserigen ablag. Wie der Wagen hielt, wurde mein Auge der Treva- nion'schen Livree ansichtig — ein Nmstand, der mir sehr auffallend vorkam. Da ich Anfangs ineinen Sinnen nicht traute, so trat ich dem Träger der Livree näher, der eben vom Dach hernntcrgestiegen war und, während er den Kutscher bezahlte, dem aus dem Gasthos aiiftauchenden Kell- Bnlwer, die Cartone. 43 674 „er den Befehl ertheilte: „Halb und halb; cs ist kalt außen!" Der Ton der Stimme kam mir bekannt vor, und als der Mann anfschaute, konnte ich Mr. PcacockS Züge unterscheiden. Ja, es fehlte nicht — er war es. Der Backenbart geschoren, in dem Haare oder in der Perücke noch Spuren von Puder, und die Livree der Trevanione sammt Wappcnknopf und Allem an derselben stattlichen Figur, welche ich das letz- temal in der würdevolleren Amkstracht eines Büttels gesehen hatte! Peacock war zwar travcstirt, aber gleichwohl noch immer Peacock. Che ich mich von meinem Erstaunen erholt hatte, stieg aus einem Cabriolet eine Weibsperson, die auf die Ankunft der Kutsche gewartet zu haben schien, eilte aufMr. Peacock zu und sagte in dem lauten, ungeduldigen Ton, welcher auch der Schönsten unter dem schönen Geschlechts cigen- thümlich ist, wenn sie Eile hat — „Wie spät kommt Ihr doch—ich wollte eben wieder fort, denn ich muß heut Abend noch in Orion eintrcffcn." Orion — Miß Trcvanion befand sich in Orion! Ich stand dicht hinter dem Paar und horchte mit ganzer Seele. „Dies könnt Ihr auch, meine Liebe — dies könnt Ihr auch. Wollt Ihr nicht auf eine kurze Weile mit hereinkommen?" „Nein, nein; ich habe nur noch zehn Minuten Zeit, wenn ich mit der Kutsche fort will. Habt Ähr einen Brief 675 cm mich von Mr. Gowcr? Wie kann ich wissen, wenn ich es nicht von seiner eigenen Hand lese, dass — „Bst!" versetzte Peacock, indem er seine Stimme so sehr dämpfte, daß ich nur die Worte vernehmen konnte: „keinen Namen, Brief, ich will's Euch mündlich anSrichten!" Er zog sie sodann bei Seite und flüsterte eine Weile mit ihr. Ich beobachtete das Gesicht der Weibsperson, welches ihrem Gefährten zngewendet war und einen sehr verschmitzten Ausdruck zeigte. Sie nickte mehr denn einmal mit dem Kopfe, als gebe sie ungeduldig ihre Zustimmung zu Dem, was gesprochen wurde, und eilte, üachdem sie Mr. Peaeock die Hand gereicht hatte, dem Cabriolet zu. Plötzlich kam sie aber wieder zurück, als sey ihr noch was eingefallen und sagte: „Wenn jedoch meine Lady nicht ginge — wenn der Plan abgeändert würde?" „Verlaßt Euch darauf, es wird nichts geändert — morgen ganz bestimmt — nicht zu früh; Ihr versteht mich?" „Ja, ja; lebt wohl!" Und die Frauensperson, welche mit so bescheidener Zierlichkeit gekleidet war, daß man in ihr die Zofe kaum verkennen konnte (schwarzer Mantel mit langer Kapntzc von jenem eigenthümlichen Seidenstoff, der ausdrücklich für Kam- mcrjimgfern gewoben zu sehn scheint — dazu ein Hut mit rothen und schwarzen Bändern), eilte von hinnen, und im nächsten Augenblick fuhr das Cabriolet in wüthcndem Ga- loVP davon. Was konnte all' dies zu bedeuten haben? Der Kellner 43 ' 676 hatte inzwischen Mr. Peacock den Halb und Halb gebracht. Er fertigte das Getränk eiligst ab und begab sich sodann nach einem benachbarten Miethkntschenstand. Ich folgte ihm. Er winkte einem der Fuhrwerke heran, nnd nachdem er sich darin verborgen hatte, sprang ich auf den Tritt und nahm an seiner Seite Platz. „Ihr werdet die Gute haben, Mr. Peacock," begann ich, „mir unverholcn mitznthcilcn, wie Ihr dazu kommt, diese Livree zu tragen, oder ich crthcilc dem Kutscher Auftrag , bei Lady Elliuor Trevanion vorznfahren, damit ich an sie diese Frage stellen kann." „Nnd wer, zum Teufel! — Ah, Ihr scyd der junge Gentleman, der zu mir hinter die Cvuliffen kam. Ich erinnere mich jetzt." „Wohin, Sir?" fragte der Kutscher. „Nach — nach der Londoner Brücke," antworteteMr. Peacock. Der Kutscher stieg auf den Bock und fuhr weiter. „Nun, Mr. Peacock, ich erwarte Eure Antwort. Ich sehe es Eurem Gesichte an, daß Ihr mir Etwas vorlügen wollt ; wenn ich Euch aber gut zu Rath bin, so bleibt Ihr bei der Wahrheit." „Ich weiß nicht, wie Ihr dazu kommt, mich in's Verhör zu nehmen," versetzte Mr. Peacock verdrüßlich. Er erhob sodann den Blick von seinen geballten Fäusten und ließ ihn mit so kampflustiger Bedeutsamkeit über mich hingleitcu, daß ich die Musterung mit den Worten unterbrach : 677 „Habt Ihr keine Scheu vor dem Hause? wie der Schwan sich fragend vernehmen läßt — soll ich dem Kutscher Auftrag geben, nach St. James Square zu fahren ?" „O, Ihr kennt meine schwache Seite, Sir. Wer den Will, den süßen Will citiren kann, hat mich gewonnen," entgegncte Mr. Peacock, sein Gesicht glättend und die Hand- siächen über seinen Knien ausbreitcnd. „Doch wenn ein Mensch in der Welt hernnterkommt und, nachdem er selbst Dienerschaft gehalten, sich genüthigt sieht, selbst zu dienen, so — „scheu' ich mich nicht, zu fugen, was ich diu." „Der Schwan sagt, 'zu sagen, was ich war,' Mr. Peacock. Doch lassen wir solche Spielereien. Wer brachte Euch in den Dienst des Mr. Trcvanion?" Mr. Peacock blickte einen Moment zu Boden ^ heftete dann seine Nilgen auf mich und sagte — „Nun, ich brauche es vor Euch nicht zu verheimlichen. Bei unserer letzten Begegnung habt Ihr mich über einen jungen Gentleman befragt — über den Mr. — Mr. Vivian." Pisistratus. — Fahrt fort. Peacock. — Ich weiß, daß Ihr ihm keinen Schaden znfügcn wollt. Außerdem, „er hat die Kunst, das Glück zu bannen," und eines Tages — merkt auf meine Worte oder vielmehr auf die meines Freundes Will — „Wird er die cuge Welt durchschreiten Wie ein Koloß." „Ja, bei meinem Leben, das wird er — wie ein Koloß. „lind wir sind arme Menschen." 678 Pisistratus — (unmuthig). — Fahrt fort in Eurer Erzählung. P ^a c o ck — (schnippisch). — Ich bin ja eben daran, und Ihr bringt mich daraus. Wo blieb ich — o — ach, ja. Ich war eben ganz ansgezogen — kein Penny in meiner Tasche; und wenn Ihr meinen Rock hättet sehen können — doch der war noch besser, als die Beinkleider. Gut; es war in Orford Street — doch nein, in dem Strand, nicht weit von dem Lowthcr — ..Die Sonne stand am Himmel »nd der Tag War stolz geleitet von der Lust der Welt." Pisistratus — (das Fenster niederlassend). — Nach St. James Square. Peacock. — Nein, nein; »ach der.Londoner Brücke. „Wie die Gewöhnung doch Gewohnheit zeugt!" Ich will ja fortfahrcn — ans Ehre! Sv traf ich mit Mr. Vivian zusammen. Er hatte mich in besseren Tagen gekannt, und da sein Herz gut ist, so sagte er— „Horatio — wen» ich mich recht enlstnne." PisistratuS legt seine Hand wieder an den Zug. Pcacock — (sich verbessernd). — Ich wollte sagen: „Ei, Johnson, mein guter Freund —" Pisistratus. — Johnson? — So ist also dies Euer Name nicht Peacock? Peacock. — Beides — Johnson und Peacock. (Mit Würde.) Wenn Ihr einmal die Welt so gut kennt, wie ich, Sir, so werdet Ihr finden, daß es in dieser „schlechten 679 Welt" nicht gut reisen ist, wofern man nicht einen andern Namen in seinem Felleisen hat. „Johnson," sagte er, „mein guter Freund," wid zog seine Börse heraus. „Sir," sage ich, „könnt' ich nur 'außer senem öffentlichen Tummelplatz' etwas zu thnn kriegen , wenn dieser Troß alle ist. In London predigen allerdings die Steine, aber 'es ist nicht für Alles gut' — eind Bemerkung, die ich gegen den Schwan zu machen mir die Freiheit nehmen würde, wenn er nicht leider 'das bodenlose Werk der Vision wäre. Pisistratus. — Nehmt Ench in Acht! Peacock — (hastig). — Dann sagt Mr. Vivian: „Wenn Ihr Euch nichts daraus macht, eine Livree zu tragen, bis ich Euch passender nnterbringen kann, mein alter Freund, so ist eben jetzt eine Stelle bei Mr. Trevanion offen." Ich ging ans den Vorschlag ein, Sir, und so kam es, daß ich jetzt diese Livree trage. Pisistratus. —Und was habt Ihr mit der jungen Frauensperson zu verhandeln gehabt, die, wie ich vermuthe, Miß Trevanions Dienerin ist? Warum verläßt sie Orton, um mit Ench zusammcnzntreffen? Ich hatte erwartet, diese Fragen würden Mr. Peacock inVcrwirrung bringen; aber wenn wirklich etwas darin lag, was eine solche Folge haben konnte, so verstand sich doch der vormalige Schauspieler zu sehr auf sein altes Gewerbe , um es blicken zu lassen. Er lächelte blos, strich sich einen sehr zerknitterten Busenstreif nieder und sagte: „O Pfui, Sir — "Aus solchem Stoff Ist Amors schlauer Pfeil geschnitzt.' Wenn Euch darum zu thuu ist, Kunde zu erhalten von meinen Liebesangelegcuhcitcn, so will ich Euch anvcrtrauen, daß dieses junge Frauenzimmer mein Schatz ist, wie das gemeine Volk zu sagen Pflegt." „Euer Schatz!" rief ich und fühlte mich sehr erleichtert, da mir diese Angabe sehr wahrscheinlich dünkte. „Doch, wenn dies der Fall ist," fügt« ich argwöhnisch bei, „warum erwartet sie, daß Mr. Gower ihr schreibe?" „Ihr habt ein feines Ohr, Sir; aber wenn auch 'Voll Pflichtgefühl, voll Liebe und Gehorsam, Voll Demurh und Geduld und Ungeduld,' Will doch das junge Frauenzimmer keinen Lioreebedienten heirathcn — eine stolze Person, sehr stolz! — und Mr. Gower, seht Ihr, der die Sachlage kennt und Mitleid mit mir hat, sagte ihr, sie solle, wenn ich mir gegen den Schwan eine solche Freiheit nehmen darf — 'Nicht an Johnsons Seite liegen Mit dem schweren Gram in, Herzen ' indem er ihr zugleich versprach, mir für ein Postchen beim Stempclamt besorgt zu sehn. Das einfältige Mädchen sagte, sie wolle es Schwarz auf Weiß haben — als ob Mr. Gower ihr schreiben würde! „Und nun, Sir," fuhr Mr. Peacock mit einfacherer Würde fort, „steht es Euch natürlich frei, meiner gnädigen Frau zu sagen, was Euch beliebt. Ich hoffe übrigens nicht, daß Ihr den Versuch macht, mir das Brod vor dem Munde 681 wcgznnehmcn, weil ich eine Livree trage und thöricht genug bin, mich in eine dienende Person zu verlieben —> ich, Sir, der ich hätte Damen hcirathen können, welche die ersten Rollen im Leben spielten — ans der Bühne der Hauptstadt." Ich konnte ans diese Vorstellungen nichts erwiedern, da sie scheinbar genug klangen, und obgleich ich Anfangs geargwöhnt hatte, Pcacock greife zu der Hanswursterei seiner Cltaiionen nur, um Zeit zun. Erfinden zu gewinnen oder meine Aufmerksamkeit von irgend einem Mangel in seiner Erzählung abzulcitcn, so war ich doch am Schluß gerne geneigt, seine Buffoncrie als einen Charaktcrzng des Manns zu betrachten, da die gegebene Auskunft ganz den Anschein der Wahrheit hatte. Ich begnügte mich deshalb mit der Frage — „Und woher kommt Ihr jetzt? „Von Mr. Trevanion. Er hat mich mit Briefschaften an Lady Ellinor abgeschickt." „Nh, und das junge Frauenzimmer wußte, daß Ihr nach London kämet?" „Ja, Sir, Mr. Trevanion hat mir schon vor einigen Tagen die Zeit auberaumt, in welcher ich anfbrechcn müsse." „Und was habt Ihr und die junge Person für morgen im Sinne, wenn keine Aenderung des Planes stattfindet?" Ich glaubte hier eine leichte, obschon kaum merkliche Veränderung in Mr. Pcacocks Gesicht wahrzunehmen; er antwortete jedoch ohne Anstand: „Auf Morgen? — eine kleine Bestellung, wenn wir abkvmnien können — 'Wirb um mich, ich bin jetzt in FesttagSstimmmig Und werd' am ehesten willfahren.' Wieder der Schwan, Sir." „Hmn! — also ist Mr. Gowcr und Mr. Virian ein und dieselbe Person?" Peacock zögerte. „Dies ist nicht mein Gehcimniß, Sir; 'ein heiliges Gelübde bindet mich.' Doch Ihr schd zn sehr Gentleman, um einen Manu, der die Spuren der Peitsche trägt, ich meine damit kurze Plüschhosen und Achselqnastcu — über die Geheimnisse eines Andern anSzuholen, an den er 'gebunden ist durch seine Pflicht.'" Wie ein Mann von Dreißigen einen voukaum zwanzig im Schach zu halten vermag! Welche lleberlegeuheit gibt nicht die bloße Thatsache des Längergelebthabens dem einfältigsten Menschen! Zch biß mich ans die Lippe und schwieg. „Und wenn Ihr wüßtet," fuhr Mr. Peacock fort, „wie Mr. Bivian, nach dem Ihr Ench erkundigtet, Euch liebt! Als ich ihm zufällig erzählte, daß mich ein junger Gentleman hinter Couliffcn ausgesucht habe, um nach ihm zu fragen, mußte ich ihm eine Schilderung von Euch geben, und erjagte dann ganz wchmüthig: 'Wenn ich je bin, was ich zu werden hoffe, wie glücklich werde ich mich fühlen, wieder einmal diese freundliche Hand zu drücken — seine eigenen Worte, Sir — auf Ehre! 683 'Nie gab es, glaub' ich, in der Christenheit Solch einen Mann, der weniger vermag Sein Hassen zu verbergen oder Lieben,' Und wenn Mr. Bivian Gründe dafür hat, sich noch immer verborgen zu halten, wenn sein Glück oder sein Untergang davon abhängt, daß Ihr sein Geheimniß noch eine Weile' bewahrt, so glaube ich nicht, daß Ihr der Mann seyd, den er zu fürchten hat. Bei meinem Leben — 'War' ich nur eines guten Mahls so sicher,' wie der Schwan rührend ausruft. Ich wette, dieser Wunsch schwebte oft ans den Lippen des Schwans, wenn er sich in der Zurückgezogenheit seines häuslichen Lebens befand." Mein Herz fühlte sich milder gestimmt nicht durch das Pathos des viel entweihten und herabgewürdigten Schwan, sondern durch Mr. Peacocks schmucklose Wiederholung von Vivians Worten. Ich wandte mein Gesicht ab von den 'scharfen Augen meines Gefährten' und das Cabriolet machte jetzt Halt am Fuß der Londoner Brücke. Ich hatte nichts mehr zu fragen; aber dennoch lastete eine unruhige Neugierde auf meiner Seele, die ich mir kaum erklären konnte. Hatte sie vielleicht ihren Grund in Eifersucht? Der schöne, dreiste Bivian — er konnte wenigstens die reiche Erbin sehen, ohne daß Lady Ellinvr an eine Gefahr dachte. Aber — — ich war noch immer verliebt und — nein solche Gedanken waren in der That Thorheit! „Mein guter Mann," sagte ich zn dem Ercomödian- ten, „ich wünsche weder Mr. Bivian, wenn ich ihn so nennen muß, noch Euch, der Ihr im Tragen von mehreren S84 Name» sein Beispiel zum Muster genommen habt, einen Nachtheil zuzufügen, erkläre Euch aber offen, daß mir Euer Aufenthalt in Mr.Trevanions Hause gar nicht gefällt. Ich rathe Euch daher, diesen Dienst so bald wie möglich wieder zu verlassen. Vorderhand will ich nicht weiter sagen, denn ich brauche Zeit, um wohl zu erwägen, was Ihr mir mitge- theilt habt." Mit diesen Worten eilte ich von hinnen, und Mr. Peacock setzte allein seine Wanderung über die Londoner Brücke fort. Siebentes Kapitel. Bei all dem, was an diesem ereignißvollen Tage mein Herz zerriß ober meine Gedanken quälte, fühlte ich wenigstens eine freudige Erregung, als ich beim Eintreten in unser kleines Besuchzimmer meinen Onkel dasitzcn sah. Auf dem Tische vor dem Kapitän lag die große Bibel, die er von der Hanswirthin geborgt hatte. Er Pflegte zwar ans Reisen stets seine eigene mitznnehmen, aber der Druck derselben war klein und seine Augen leisteten ihm bei Licht nicht die früheren treuen Dienste. Diese Bibel war mit großer Schrift gedruckt, und zu jeder Seite derselben stand ein Licht. Der Kapitän stützte seine Ellenbogen ans den Tisch und hielt die Hände an die Stirne gedrückt, als wolle er den Versucher ausschließen und mit Gewalt seine ganze Seele dem Inhalt der aufgeschlagenen Seiten zn- wenden. 685 Sv saß er da — ein Bild ehernen Muthes, und in jeder Linie der starren Form sprach sich Entschlossenheit ans. „Ich will nicht auf mein Herz hören, sondern dieses Buch lesen und daraus dulden lernen, wie es einem Christen ziemt." Es lag ein PathoS in der Haltung des ernsten Dulders, daß man in ihr diese Worte so deutlich lesen konnte, als hätten seine Lippen sie ausgesprochen. Alter Krieger, du hast dich tapfer gehalten ans manchem blutigen Schlachtfeld; aber wenn ich der Welt deine wackere Soldatenseelc anschaulich machen wollte, würde ich.^, dich malen, wie ich dich damals sah — doch meine Hand ist nur die eines Stümpers ! Bei dem Geräusch, daß ich machte, blickte der Kapitän in die Höhe, und ans sein Gesicht war in leserlichen Zügen der Kampf geschrieben, den er durchgcmacht hatte. „Es hat mir gut gethan," sagte er einfach und schloß das Buch. Ich rückte meinen Stuhl und legte meinen Arm über seine Schulter. „Also keine frohe Kunde?" fragte ich in flüsterndem Tone. Roland schüttelte den Kopf und legte sanft den Zeigefinger auf seine Lippen. Achtes Kapitel. Es war mir unmöglich, mich Rolands Gedanken, von welcher Beschaffenheit sie auch seyn mochten, mit einem umständlichen Bericht über die Ereignisse anfzudrängen, welche in mir ein tiefes, ängstliches Interesse an Dingen geweckt hatten, die seinem Leide fremd waren. Unruhig warf ich mich ans meinem Bette umher und machte mir Gedanken über Vivians Wiederaufnahme einer Verbindung mit einem Manne von dem zweideutigen Charakter des Mr. Peacock, die Unterbringung eines so fähigen und gewissenlosen Werkzeugs für die eigenen Zwecke im Dienst Treoanions, die Sorgfalt, womit er die Veränderung seines Namens vor mir geheim gehalten, und sein Ansehen in demselben Hause, in welchem ich ihn offen cinzuführen mich erboten hatte; über die Vertraulichkeit, die seine Kreatur mit Mr. Trevanions Mädchen anznknnpfcn gewußt, die Worte, die zwischen ihnen gefallen — denn wie wahrscheinlich die Erklärung auch klang, konnte sie doch meinen Argwohn nicht ganz bannen — und vor Allem über Vivians rücksichtslosen Ehrgeiz und seine aller gediegenen Grundsätze baarc Gesinnung — ja, ich erinnerte mich sogar mit Schmerz daran, wie einige ansis Ungefähr hingewvrfcnc Worte über Fanny's Vermögen und das Glück, eine Erbin zu gewinnen, zngereicht hatten, eine lebhafte Einwirkung ans seine erhitzte Phantasie und seinen kühnen Sinn zu üben. Während diese Gedanken mit aller Glut und Stärke im Dunkel der Nacht auf mich hereinbrachen, sehnte ich mich «ach einem Vertrauten, der mehr Wclterfahrung besaß, als ich, und mir über die cinznschlagcndcn Schritte Rath cr- thcilen kennte. Sollte ich Lad!) Ellinor warne»? Aber vor was ? — Vor dem Charakter des Dieners oder vor den Entwürfen des falschen Gower? Gegen Ersten» konnte ich, wenn auch nichts Bestimmtes, so doch genug Vorbringen, um seine Entlassung als räthlich erscheinen zu lassen; aber was durfte ich von Gower oder Vivian sagen, ohne nicht so fast sein Vertrauen zu vcrrathcn, da er mir dieses nie geschenkt hatte — aber vhne die Versicherung von Freundschaft Lügen zu strafen, mit denen ich gegen ihn so freigebig gewesen war? Möglich, daß er sogar Trevanion cin- geweiht hatte in seine wahren Geheimnisse, und wenn auch nicht, so mußte ich doch fürchten, seine Aussichten zu vernichten, wenn ich seine verschiedenen Namen zur Sprache brachte. Aber warum Aufklärungen geben und vor Was warnen? Wegen eines Argwohns, den ich mir selbst nicht erklären konnte -— wegen des verdächtigen Anscheins von Dingen, über die mir bereits eine befriedigende Auskunft cr- thcilt worden war? Der Morgen kam heran, und ich war noch immer unschlüssig, was ich thnn sollte. Ans Rolands Gesicht zeigte sich ein Ausdruck schwerer Sorge, so daß mir keine andere Wahl blieb, als die vertrauliche Mitteilung anfzuschic- ben, zu welcher mich sein scharfer Verstand und sein nie irrendes Ehrgefühl verführerisch lockte. So ging ich aus in der Hoffnung, ich könne in der frischen Lust meine Gedanken sammeln und zu einer Lösung der Ausgabe kommen, die mich verwirrte. Einige Stunden wurde ich durch unterschiedliche kleine Aufträge für meine Reise und durch Bestellungen für Bolding in Anspruch genommen. Nachdem dies bereinigt war, lenkten sich meine Schritte westwärts, da so zu sagen unwillkührlich mir halb und-halb der Entschluß gekommen war, Lady Ellinor zu besuchen und sie gleichsam zufällig über Gower und den neuen Bedienten anSzusragen. Ich befand mich in Regent Street, als ein Wagen mit Postpferdcn rasch über das Pflaster dahinsauste, alle geringeren Equipagen nach rechts und links zerstreuend und nach der breiten Hauptstraße, welche Portland-Place zuführt, hinjagend, als ob sich's um Leben und Tod handle. Sv rasch auch die Räder dahin rollten, hatte ich doch deutlich in dem Wagen das Gesicht von Fanny Trevanion gesehen, in welchem sich eiu befremdlicher Ausdruck von Angst und Kummer kund zu geben schien; und an ihrer Seite — war dies nicht die Frauensperson, die ich bei Peacock gesehen hatte? Ich kannte ihr Gesicht nicht, meinte aber den Mantel, den Hut und die eigcnthümliche Haltung des Kopfs zu erkennen. Wenn ich mich indeß auch hierin täuschte, so konute ich wenigstens in Betreff des Dieners nicht irren, der hinten auf dem Sitz saß. EinFleischerjunge, der beinahe überfahren worden wäre, rächte sich dafür durch alle Verwünschungen, welche die Virus des Londoner Pöbel-Dialects eingebcn konnten, und als sich der Mann nach ihm umsah, vermochte ich deutlich Mr. Peacocks Züge zu unterscheiden. 68g Sobald ich mich von meiner Überraschung erholt hatte, war mein erster Gedanke, dem Wagen nachzustnrzen, und in der Hast dieses inner» Antriebs rief ich — «Haltet sie an!" Aber die Equipage war mir im Nu aus dem Gesicht, und mein Ruf verlor sich in der Lust. Nachdem ich in der Ahnung irgend eines unbekannten Nebels eine kurze Weile stehen geblieben war, schlug ich eine andere Richtung ein und hielt nicht eher an, bis ich mich keuchend und athemlos in St. James Square — an der Thüre von Trevanions Haus und in der Halle befand. Der Pförtner hatte, als er mich einließ, eben eine Zeitung in der Hand. „Wo ist Lady Ellinor? Ich muß sie sogleich sprechen." „Doch keine schlimmeren Nachrichten von dem Herrn, hoffe ich, Sir?" „Schlimmere Nachrichten von was — von wem — von Mr. Trcvanion?" „Habt Ihr nicht gewußt, daß er plötzlich krank geworden ist, Sir, und daß gestern Nacht ein Bedienter als Erpresser eintraf, um die Kunde zu nberbringen? Lady Ellinor ist schon um zehn Uhr aufgebrochen, um nach dem Herrn zu sehen." „Um zehn Uhr — gestern Nacht?" „Ja, Sir; der Bericht des Bedienten hat die gnädige Frau sehr erschreckt." „War es der neue Bediente, den Mr. Gower empfohlen hat?" „Ja, Sir, — der Henry," antwortete der Pförtner, mich mit großen Augen anstaunen-. „Wenn Jhr's lesen Bnlwer, die Caxtone. 44 wollt, Sir — hier ist cm Bericht über den Anfall unseres Herrn in derZeitung. Bermuthlich hat ihn Henry nach dem Bureau getragen, ehe er hteher kam, und dies war sehr unrecht von ihm; aber ich fürchte, er ist ein sehr thörichtcr Mensch," „Laßt dies jetzt. Miß Trevanion — ich sah sie eben erst — sie wenigstens ist nicht mit ihrer Mutter gegangen. Wohin fuhr sie?" „Et, Sir— aber wollt Ihr nicht in das Zimmer treten?" „Nein, nein — sprecht!" „Ei, Sir, eh' Lady Ellinor abreiste, fürchtete sie, es könnte vielleicht eine Zeitungsnachricht Miß Fanny beun- rnhigen. Sie schickte daher Henry zu Lady Castleton und ließ Ihre Gnaden bitten, die Sache Miß Trevanion so leicht als möglich vorzustcllcn; aber cs scheint, daß Henry das Schlimmste gegen Mrs, Mole geplappert hat," „Wer ist Mrs, Mole?" „Miß Trevanions Kammermädchen, Str — erst kürzlich in Dienst getreten; und Mrs, Mole plauderte gegen die junge Lady, so daß diese in ihrem Schrecken darauf bestand, nach London zu kommen, Lady Castletvn, welche selbst krank ist und das Bette hütet, konnte sie vermuthlich nicht zurückhalten — namentlich da Henry sagte, obschon er es hätte besser wissen sollen, sie werde noch zeitig genug ankommen, eh' unsere gnädige Frau abreise? Die arme Miß Trevanion war ganz trostlos, als sie fand, daß ihre Mamma schon fort War, Sie wollte dann sogleich frische Pferde be- 691 stellen und auch abrcisen, obschon Mrs. Bates — Ihr wißt, dies ist die Haushälterin, Sir—sehr zornig auf Mrs. Mole Ivar, welche der Miß zusprach, und — „Gütiger Himmel! Warum ist nicht Mrs. Bates mit ihr gegangen?" „Ei, Sir, Ihr wißt ja, wie die alte Mrs. BateS ist, und meine junge Lady ist stets'so rücksichtsvoll, daß sie nichts davon hören wollte, weil sie im Sinne hatte, Tag und Nacht zu reisen; und Mrs. Mole sagte, sie sey mit ihrer letzten Gebieterin in der ganzen Welt herumgckommen und könne daher — " „Ah, ich durchschaue Alkes! Wo ist Mr. Gower." „Mr. Gower, Sir?" „Ja! Könnt Ihr nicht antworten?" „Ich glaube, bei Mr. Trevanion, Sir." „Im Norden — wie ist die Adresse?" „Lord N—, C— Hall, bei " Ich hörte nicht weiter. Wie ein Blitz durchzuckte mich die Ncberzcugung, daß es sich hier um eine schurkische Schlinge handle. Wenn Trevanion wirklich krank war, warum hatte der falsche Bediente es vor mir geheim gehalten? Warum verschwendete er mit mir seine Zeit, statt zu Lady Ellinor zu eilen? Wenn Mr. Trevanions plötzliches Erkranken ihn nach London geführt hatte, wie konnte er den Tag seiner Ankunft so lang vorauswissen, um mit der Kammerjungfer ein Stelldichein zu verabreden? Wenn kein Plan mit Miß Trevanion obwaltete, warum vereitelte er die sorgliche Vor- 44 ' 692 sicht der Mutter — warum zag er Vortheil aus der natürlichen Sehnsucht der Liebe und aus dem raschen Antrieb der Jugend, um ein Mädchen fortzuschleppen, das schon um seiner Stellung willen eine solche Reise nicht ohne passenden Schutz antrcten durste — und dies zwar ganz gegen den Wunsch und klarstes) auch gegen die ausdrücklichen Weisungen der Mutter? Allein — allein! Fanny Trevanion befand sich also in den Händen zweier dienenden Personen, welche die Werkzeuge und Vertrauten eines Abenteurers Ware», wie Vivian. Dazn noch das Gespräch zwischen diesen beiden — die abgebrochenen Hindentungen auf morgen in Verbindung mit dem Namen, den Vivian angenommen hatte, bedurfte der nicht irrende Instinkt der Liebe mehr Gründe zum Erschrecken — zu einer um so schwärzeren Besorgnis, weil gerade die Gestalt, in welcher sic austrat, so dunkel und unbestimmt war? Ich eilte aus dem Hause. Auf Haymarket angelangt, nahm ich ein Kabriolet und fuhr so schnell ich konnte nach Hause, da ich für die beabsichtigte Reise nicht Geld genug bei mir hatte. Ich ließ sogleich durch den Diener des Hauses einen vierspännigen , Wagen bestellen, eilte ans unser Zimmer, wo ich zum Glück Roland noch antraf, und rief: „Onkel, kommt mit mir! — Nehmt Geld mit — viel Geld! — Ich weiß, eine Schurkerei, die ich noch nicht ganz durchschaue, ist an den Trevanionen verübt worden. Vielleicht können wir sie noch vereiteln. Unterwegs will ich Euch Alles sagen — Kommt, kommt!" 693 „Freilich. Aber Schurkerei — und gegen Leute in solcher Stellung — pah! — sammle Dich. Wer ist der Schurke?" „Der Mensch, den ich als einen Freund liebte — der Mensch, dem ich selbst zu seiner Bekanntschaft mit Trcva- »ion half — Vivian — Bivian!" „Vivian! Rh, der junge Mann, von dem ich Dich sprechen hörte. Aber wie ging es zu? — Schurkerei gegen wen — gegen Trevanion?" „Ihr foltert mich mit Euren Fragen. So hört denn — dieser Vivian (ich kenne ihn) — hat in dem Hause einen Menschen als Diener untergebracht, der sich zu jeder Hinterlist und zu jedem Betrug gebrauchen läßt. Dieser Diener ist ihm behülflich gewesen, ihre Kammerjungfer auf seine Seite zu bringen — Fanny's — Miß Trevanions Kammerjungfer. Miß Trevanion ist eine Erbin und Vivian ein Abenteurer. Der Kopf schwindelt mir, nnd ich bin außer Stande, mich jetzt weiter gegen Euch zu erklären. Ha ! ich will eine Zeile an Lord Casilcton schreiben — ihm meine Besorgnisse, meinen Argwohn mitiheilen —ich weiß, er wird uns folgen oder doch sonst sein Bestes thun." Ich griff hastig nach Tinte nnd Papier und schrieb. Mein Onkel kam heran und blickte mir über die Schulter. Plötzlich rief er, indem er meinen Arm faßte: „Gower, Gower — wie kömmst Du zu diesem Namen ? Hast Du nicht 'Vivian' gesagt?" „Vivian oder Gower — beide sind eine nnd dieselbe Person." 694 Mein Onkel eilte ans dem Zimmer. Ich fand dieS begreiflich, weil sich's darum handelte, schnelle Vorbereitungen für unsere Abreise zu treffen. Ich beendigte mein Schreiben, siegelte es und übergab es, als fünf Minuten später der Wagen vor der Thüre anlangte, dem mit den Pferden kommenden Stallknecht, indem ich ihm die Weisung erthcilte, den Brief unverzüglich an Lord Castlcton selbst abznliefern. Mein Onkel war jetzt gleichfalls heruntergekommen und verließ festen Trittes die Schwelle. „Tröste Dich," sagte er, als er in den Wagen stieg, in welchem ich bereits mit stürmischer Eile Platz genommen. „Es kann doch ein Jrrthum obwalten." „Ein Jrrthum? Ihr kennt diesen jungen Mann nicht. Er besitzt alle Eigenschaften, die im Stande sind, ein Mädchen wie Fanny zu bestricken, aber leider nicht eine Spur von Ehrgefühl, die seinem Ehrgeiz hindernd in den Weg treten konnte. Ich bcurtheile ihn jetzt wie aus einer höheren Eingebung — zu spät — o Himmel, wenn cs zu spät Märe!" Ein Acchzen brach durch Rolands Lippen. Ich sah darin einen Beweis seiner Thcilnahme an nieinen Gefühlen und ergriff seine Hand. Sie war so kalt, wie die eines Todten. 695 Fünfzehnter Abschnitt. Erstes Kapitel. Es war allerdings Nichts vorhanden, was den mich quälenden Argwohn rechtfertigen konnte, als der Eindruck, den ich von Vivians Charakter hatte. Leser, hast du uie in der leichten, sorglosen Geselligkeit der Jugend Bekanntschaft angeknüpft mit Jemanden, in dessen gen'innendcrcn Eigenschaften du — nicht gerade jenen Widerwillen gegen Mängel oder Laster vergaßest, welcher einem Alter so natürlich ist, in dein wir, selbst wenn wir irren, das Gute verehren nnd mit Begeisterung für edle Gesinnung und tugendhaftes Handeln erglühen — nein, dieser Widerwille gegen das Schlimme und das feine Gefühl dafür verliert sich nicht so leicht — aber hast dn nicht ein lebhaftes Interesse gefühlt für den Kampf zwischen dem Bösen, das dich empörte, und dem Guten, das dich in der Person deines Gefährten fesselte? Er ist dir vielleicht für geraume Zeit auö dem Gesicht gekommen, und plötzlich hörst du, er habe irgend etwas ungewöhnlich Gutes oder Böses ge- than. Was nun von beiden: der Fall sepn möge — dein Geist kehrt schnell zurück zu alten Erinnerungen, und du sagst: „Wie natürlich ! — nur Der nnd Der hat so handeln können!" So erging es mir mit Vivian. Die ausgezeichnetsten Eigenschaften in seinem Charakter waren scharfe Be- 696 rechmmgsgabe und vor nichts zurückschreckende Kühnheit — Eigenschaften, die zn Ruhm oder Schande führen, je nachdem das sittliche Gefühl ausgebildet ist und die Leidenschaften sich leiten lassen. Hätte ich sie in einer Wirksamkeit erkannt, die augenscheinlich auf das Gute abzielte, und es wäre mir noch zweifelhaft gewesen, ob Vivian wirklich mitwirkte, so würde ich gerufen haben: „Er ist es! und der bessere Engel hat in ihm gesiegt!" Mit derselben instinktartigen Schnelligkeit, ja sogar noch eher fühlte ich in der schlimmen Thätigkeit bei ebenfalls zweifelhaftem Anstiften, daß diese Eigenschaften ihren Mann verriethen und der böse Dämon triumphirt haben müsse. Meile um Meile, Station um Station wurde zurückgelegt auf der traurigen, endlosen Nordstraße. Ich theilte meinem Begleiter in verständlicherer Rede, als es bisher geschehen war, die Gründe zu meiner Besorgniß mit. Der Kapitän hörte mir Anfangs begierig zu und unterbrach mich dann plötzlich. „Vielleicht ist hinter der ganzen Sache nichts," rief er. „Wir müssen jetzt Männer seyn und uns den Kopf ruhig, den Verstand klar erhalten. Sage mir nichts weiter!" Er lehnte sich imWagen zmück, sprach nicht mehr und schien, als die Nacht vorrückte, zu schlafen. Ich hatte Mitleid mit seiner Ermüdung, obschon sich in diesem Schweigen mein Herz fast aufzehrte. Auf jeder Station hörten wir von den Personen, denen wir nachsetzten. Auf der ersten oder zweiten hatten sic kaum einen Vorsprung von einer Stunde; allmälig aber verloren wir trotz unserer verschwenderischen Freigebigkeit gegen die Postillione mehr Bo- 697 den. Ich vermnthete endlich, der Grund unserer vcrhält- nißmäßigcn Langsamkeit liege in dem Umstund, daß wir auf jeder Station sowohl Wagen als Pferde wechseln mußten, und als ich an unserem Haltplatz um Mitternacht Noland diese meine Ansicht mittheiltc, bcschied er sogleich den Wirth vor sich und zahlte demselben, was er verlangte, für die Erlaubnis;, den Wagen bis zum Ende der Reise behalten zu dürfen. Dies stimmte so gar nicht mit der gewöhnlichen Knickerei zusammen, die Roland an den Tag legte, ob sich's nun um sein eigenes, oder um mein Geld handelte, und ich konnte deshalb nicht umhin, einige Worte der Entschuldigung wegen des großen Aufwands zu murmeln, zu-dem ich Anlaß gegeben hatte. „Kannst Du wohl errathen, warum ich ein Geizhals war?" versetzte Roland mit Ruhe. „Ein Geizhals? — davon ist ja gar nicht die Rede! nur klug — man findet dies oft bei alten Soldaten." „Ich war ein Geizhals," wiederholte der Kapitän mit Nachdruck. „Ich begann damit, als mein Sohn noch ein Kind war. Ich hielt ihn für hochsinnig und zählte dabei ans Geschmack an kostspieligen Vergnügungen. 'Seh'es darum,' sagte ich zu mir selbst, 'ich will für ihn sparen, denn junge Leute genießen gerne ihre Jugend.' Später, als er nicht mehr Kind war oder wenigstens die Laster des Mannes sich zuzueignen begann, tröstete ich mich mit den Worten: 'Geduld — er wird schon bester werden; wo nicht, so will ich gleichwohl sortsparen, um wenigstens einen Einstuß über seine Selbstsucht zu gewinnen, wenn ich seinem Herzen nicht beizukommcn vermag. Ich will ihn für die Ehre bestechen!' Und dann — und dann — Gott sah meinen Stolz, und ich wurde gestraft. Laß schneller fahren — schneller — warum denn in diesem Schncckcngange!" Die ganze Nacht und den darauf folgenden Tag bis zum Abend setzten wir unsere Reise fort, ohne anzuhalten oder ein anderes Mahl einzunehmcn, als ein Stückchen Brod und ein Glas Wein. Hiedurch gewannen wir den verlorenen Grund wieder und minderten den Vorsprung. Die Nacht war bereits eingebrochcn als wir eine Station erreichten, wo der Weg zu Lord N—s Landsitz von der geraden Nordsiraße abbog. Wir stellte» hier wie gewöhnlich unsere Nachforschungen an, und mein schlimmster Argwohn sollte sich jetzt bestätigen. Der Wagen, welchem wir nachsetz- tcn, hatte vor einer Stunde die Pferde gewechselt, aber nicht die Richtung zu Lord N— eingcschlagen, sondern die unmittelbare Straße nach Schottland verfolgt. Die Wirths- lcnte hatten, weil es schon dunkel gewesen, die Dame im Wagen nicht gesehen, wohl aber den Bedienten, der die Pferde bestellte und dessen Livree sie beschrieben. Die letzte Hoffnung, daß allem Anschein zum Trotz doch keine Hinterlist beabsichtigt worden sey, war jetzt verschwunden. Der Kapitän schien anfangs mehr außer sich zu seyn, als ich, faßte sich aber schneller wieder. „Wir wollen den Weg zu Pferd sortsetzen," sagte er, und eilte nach dem Stalle. Alle Einwürfe versiegten bei dem Anblick seines Goldes. 689 Fünf Minuten später saßen wir im Sattel, und ein gleichfalls berittener Postillon begleitete uns. Wir erreichten die nächste Station in wenig mehr als zlnri Drittheilen der Zeit, die wir zum Fahren gebraucht haben würden, und ich fand es überhaupt schwer, mit Noland gleichen Schritt zu halten. Wir bestiegen neue Pferde. Der Wagen war uns nur fünfundzwanzig Minuten voraus. Wir fühlten uns überzeugt, daß wir ihn einholen mußten, ehe er die nächste Stadt erreichen konnte. Der Mond stand am Himmel. Wir konnten weit vor uns Hinsehen und ritten in vollem Galopp. Meilenstein um Meilenstein glitt an uns vorbei — kein Wagen! Wir erreichten die nächste Poststadt oder vielmehr das Poststädtchcn, wo sich nur ein einziges Posthaus befand. Ohne Säumen wurden die Stallknechte heransgeklopft. Es war kein Wagen unmittelbar vor uns angelangt — überhaupt seit Mittag keiner mehr durch den Ort gekommen. Was war dies für ein Geheimniß? „Zurück, zurück, Junge!" rief Roland mit dem scharfen Blick eines Soldaten, indem er sein abgehetztes Thier ans dem Hofe spornte. „Sic werden einen Seitenweg ein- geschlagcn haben. Wir wollen sie ausspüren nach dem Hnftritt der Pferde oder nach den Radleiscn." Der Postillon brummte und deutete auf die keuchenden Roste. Als Antwort öffnete Roland seine Hand, die mit Gold gefüllt war. So ging es denn zurück durch das schlafende Städtchen — zurück auf die breite, mondhelle Landstraße. Wir kamen zu einem Seitenweg nach rechts. 700 aber die Spur, welcher wir sülzten, führte noch iminer gerade aus. Wir hatten nahezu die Hälfte des Weges nach der Station, auf welcher wir zum letztenmal die Pferde gewechselt, zurückgelegt, als ans einer Nebenstraße zwei Postillone mit ihren Nossen auftauchten. Bei diesem Anblick rief unser Begleiter laut, ritt uns vor und grüßte seine Kameraden. Einige'Wvrtc gaben uns die gewünschte Auskunft. Der Wagen hatte gerade an der Biegung der Straße ein Nad verloren und die junge Dame mit ihrem Dienstpersonal ihre Zuflucht zu einem kleinen Wirthshaus genommen, das in nicht großer Entfernung am Wege stand. Nach Fütterung der Rosse entließ der Diener die Postillone mit derWeisung, sie sollten am anderen Morgen wieder kommen und zur Ausbesserung des Rads einen Schmied mitbringen. „Wie ging es zu mit dem Verlieren des Rades?" fragte Roland in strengem Tone. „Ei, ich denke, Sir, der Achsnagel war durchrastet, und so flog das Rad ab." „Ist der Diener unterwegs und ehe der Unfall stattfand, von seinem Sitze abgestiegen?" „Ja Wohl. Er sagte, die Räder könnten Feuer fangen, denn sie hätten keine Patentachsen, und er habe vergessen, sie schmieren zu lassen." „Und er sah nach den Rädern, und bald nachher flog das Nad ab — ist's so?" „Der Tausend, Sir," versetzte der Postillon, die Augen weit aufsperrend. „Ja, freilich war es so!" 701 „Komm, Pisistratus — wir haben Zeit; aber bete zu Gott — bete zu Gott — daß —" Der Kapitän drückte dem Pferde de» Sporn in die Seite, und der Rest seiner Worte ging für mich verloren. Einige Schritte von der Straße ab und hinter einem breiten Rasenstück stand das Wirthshaus — ein finsteres, altmodisches Gebäude aus grauem Sandstein, das sich im Mondlichte ganz leichenhast ausnahm, während ans der einen Seite schwarze Forchen hälftig ihren unheimlichen Schatten darüber warfen. So einsam; kein Haus, keine Hütte in der Nähe! Wenn die WirthSleute von der Art waren, daß Schurkerei auf ihren Vorschub rechnen konnte und die Unschuld an ihrer Beihülfe verzweifeln mußte, so war nirgends eine Zuflucht, nirgends ein Nachbar, der dem Hülfe- rnf Folge leisten konnte. Ein gut gewählter Platz. Die Thüren des Wirthshauses waren verschlossen. Unten sahen wir noch Licht, aber vor den Fenstern des ersten Stocks waren die äußern Läden eingczogen. Mein Onkel hielt einen Augenblick inne und sagte zu dem Postknecht : „Kennt Ihr den hintern Zugang zu dem Hause?" „Nein, Sir; ich komme nicht oft dieses Weges. Die Wirthslente sind neu und haben nicht viel Einkehr, wie ich höre." „Klopft an die Thüre — wir wollen uns inzwischen ein wenig bei Seite ausstellen. Fragt Euch Jemand, was Ihr wollt, so sagt nur, Ihr möchtet mit dem Bedienten 702 sprechen — Ihr hättet einen Bentel mit Geld gefunden — hier, zeigt ihnen den »»einigen." Roland und ich waren abgestiegen; er zog »»ich dicht an die Mauer neben der Thüre. Da er bemerkte, daß sich meine Ungeduld nicht gut in das fügen »rollte, »ras mir als unnütze Einleitung vorkam, so flüsterte er mir zu: „Bst! Wem» es drinnen etwas zu verbergen gibt, so wird man die Thüre nicht offnen, ohne daß Jemand re- cognoscirt hat. Sieht inan uns dann, so läßt man uns gar nicht ein. Bleibt übrigens blos der Postillon vorne, den sie Anfangs wahrscheinlich für einen von denen halten, welche den Wagen hergebracht haben, so wird kein Argwohn dadurch rege. Halte Dich gefaßt, einzudringen, sobald der Riegel der Thüre zurück,reicht." Meinen Onkel täuschte seine alte Kriegserfahrung nicht. Es folgte eine lange Stille, ehe auf das Klopfen des Postknechts geantwortet wurde. Das Licht ging rasch vor dein Fenster hin und her, als ob sich drinnen Personen beiregten. Rolaird gab dann dem Postillion durch Zeichen zu verstehen, daß er wieder klopfen solle. Dies geschah zwei- bis dreimal; und endlich kam ans einem Dachstübchen ein Kopf zum Vorschein, während eine Stimme rief: „Wer seyd Ihr? — »ras »rollt Ihr?" „Ich bin der Postknecht aus dem rothen Löwen und möchte mit den Bedienten des braunen Wagens sprechen. Ich habe diesen Geldbeutel gefunden!" „Oh, weiter nichts, als dies? — Wartet ein wenig." Der Kopf verschwand. Wir schlichen unter der vor- 703 springenden Dachrinne des Hauses weiter, hörten den Riegel der Thüre zurückweichcn und die Thüre selbst vorsichtig aufgehen. Mit Einem Sprunge stand ich innen und stemmte meinen Rücken gegen die Thüre, um Roland einzulassen. „Ho, Hilfe! — Diebe! — Hilfe!" rief eine laute Stimme, und ich fühlte eine Hand nach meinerKehle greifen. Aufs Ungefähr führte ich in der Dunkelheit einen Streich, der seine Wirkung nicht verfehlte, denn meinem Schlage folgte ein Stöhnen und ein Fluch. Mittlerweile hatte Roland von der Flur aus durch die Spalten einer Thüre Licht entdeckt, welches ihn nach dem Zimmer mit dem Fenster führte, in dem wir von außen das bewegliche Licht wahrgcnommen hatten. Er riß die Thüre auf und ich eilte ihm nach. In einer Stube saßen zwei Weibspersonen — die eine war mir fremd und ohne Zweifel die Wirthin, in der andern aber erkannte ich sogleich die verrätherische Zofe. Schrecken war der Ausdruck ihrer Gesichter. „Weibsbild," rief ich, indem ich die Letztere hart anfaßte, „wo ist Miß Trevanion?" Statt aller Antwort stieß die Person einen lauten Schrei aus. Ein anderes Licht blinkte nun von der Treppe her, welche gerade auf die Thüre zulief, und ich hörte den Ruf einer Stimme, in welcher ich sogleich die des Mr. Peacock erkannte: „Wer ist da? — Was gibt's?" Ich stürzte auf die Treppe zu. Eine stämmige Gestalt — die des Wirths, welcher sich von meinem Schlage wieder erholt hatte — trat mir für einen Augenblick in den Weg, nm im nächsten ihre Länge auf dem Boden zu niesten. Schnell war ich oben auf der Treppe. Peacock erkannte mich, fuhr zurück und löschte das Licht ans. Geschrei und Flüche schallten jetzt durch die Dunkelheit. Da hörte ich aus dem Getümmel heraus mit einem Male Plötzlich den Ruf: „Hicher, hieher! — Hülfe!" Es war die Stimme Fanny's. Ich schlug die Richtung nach rechts ein, von wo aus der Ruf ergangen, und erhielt einen heftigen Schlag. Zum Glück traf er den Arm, den ich ausgestreckt hatte, wie man zu thun pflegt, wenn man sich im Finstern weiter tastet. Da nur der linke Arm getroffen worden war, so faßte ich mit dem rechten meinen Angreifer und rang mit ihm. Roland kam jetzt mit einem Licht. Bei diesem Anblick entglitt mir mein Gegner, welcher Niemand anders, als Peacock war, und eilte der Treppe zu. Aber der Kapitän hielt ihn mit eherner Fanst fest. Da ich von einein Kampfe mit einem einzelnen Feind nichts für Noland fürchtete und alle meine Gedanken nur von der Rettung der Dame in Anspruch genommen waren , deren Stimme wieder au mein Ohr schlug, so stürzte ich auf eine Thürc am Ende des Ganges zu, die ich bemerkt hatte, ehe das Licht, welches der Kapitän trug, in dem Kampfe zwischen ihm nnd Peacock ausgegangcn war. Sie war verschlossen, krachte und ächzte aber unter meinem Drucke. „Zurück, wer Ihr auch sehn mögt!" riefeine Stimme von innen, ganz verschieden von dem Nothruf, der meine Schritte geleitet hatte. „Zurück, wenn Euch Euer Leben lieb ist!" 705 Die Stimme und die Drohung verdoppelte meine Kraft; die Thüre flog aus ihren Banden. Ich stand im Zimmer. Fanny warf sich zu »reinen Füßen nieder und faßte meine Hände; dann raffte sie sich wieder auf, lehnte sich an meine Schulter und murmelte: „Gerettet!" Mir gegenüber, das Gesicht von Leidenschaft verzerrt, die Angen buchstäblich von wildem Feuer lodernd, die Nasenlöcher ausgedehnt und die Lippen halb geöffnet, stand der Mann, den ich Francis Bivian genannt habe. „Fanny — Mrs. Trevanion — welche grobe Beschimpfung — was für eine Schurkerei ist dreß? Ihr seyd mit diesem Manne nicht ans freier Wahl zusammenge- troffen? — O sprecht!" Bivian trat jetzt vor. „Fragt Niemand als mich. Laßt diese Dame los — sie ist meine Verlobte — soll meine Gattin werden." „Nein, nein, nein — glaubt ihm nicht," rief Fanny. „Ich bin von meiner eigenen Dienerschaft vcrrathen und hieher gebracht worden, ohne daß ich weiß, wie es zuging. Ich hörte von denr Erkranken meines Vaters und war auf dem Wege zu ihm. Da trat mir hier dieser Mensch entgegen und erdreistete sich —" „Miß Trevanion — ja, ich erdreistete mich, Euch zu sagen, daß ich Euch liebe." „Schützt mich vor ihm! — O, Zhr werdet mich sicherlich gegen ihn schützen!" „Nein, Fräulein!" sagteeine Stimme hinter mir in tiefem Tone, „ich bin es, der das Recht in Anspruch Bulwer, Ae Eartone, 706 nimmt, Euch gegen diesen Mann zu schützen; ich bin es, der jetzt den Arm um Euch schlingt, wie um ein Heiligthum, selbst gegen ihn; ich bin es, der von dieser Stelle aus auf sein Haupt den — Fluch eines Vaters schlendert! Schänder des Herds! zu Schanden gemachter Ehrcnränber! gehe Deines Wegs dem Geschick entgegen, das Du Dir selbst gewählt hast, Gott wird mir noch die Barmherzigkeit erweisen und mir ein Grab schenken, che Deine Laufbahn ihr Ende findet in den Verbrecherschiffcn — oder an dem Galgen!" Es wurde mir dunkel vor den Augen, und der Schrecken ließ das Blut in meinen Adern zu Eis erstarren. Ich wankte zurück und suchte mich an der Wand zu halten, Roland hatte seinen Arm um Fanny geschlungen und sie, zusam- wengebrochen und zitternd, schmiegte sich an seine breite Männerbrust, indem sie mit entsetzter Scheu zu seinem Gesichte aufsah. Und nie hatte ich in diesem Gesichte, durchfurcht von tiefen Erregungen und düster von unaussprechlichein Schmerz, einen Ausdruck gesehen, so großartig in seinem Zürne» und so erhaben in seiner Verzweiflung. Der Richtung seines Auges folgend, das starr und strenge war, wie der Blick eines Propheten oder eines unerbittlichen Richters, schauderte ich, als ich des Sohnes ansichtig wurde. Seine Gestalt schien gebrochen, als habe bereits der Fluch seine vernichtende Wirkung geübt. Eine Leichcn- bläffe bedeckte die Wange», welche sonst von dein dunkeln Roth der orientalischen Jugend glühte; seine Kniee schlugen zusammen, und endlich beugte er mit einem matten Schmerz- 707 ausrufe, ähnlich dem eines Menschen, welcher einen Todesstoß erhält, fest» Gesicht über die verklammerten Hände. So blieb er — stumm, aber gebeugt. Znstinktartig trat ich vor, stellte mich zwischen Vater und Sohn und murmelte: „Schont ihn; Ihr seht, sein Herz ist zerrissen." Dann schlich ich an die Seite des Sohnes und flüsterte ihm zu: „Geht, geht; das Verbrechen war noch nicht vollendet, und der Finch kann wieder znrückgenommen werden." Doch meine Worte hatten in dieser finstern, wider- spenstischen Natnr eine falsche Saite berührt. Der junge Mann ließ schnell die Hände von seinem Gesichte sinken und richtete sich auf in leidenschaftlichem Trotze. Mich bei Seite winkend rief er: „Hinweg! ich erkenne keine Autorität an über meine Handlungen und mein Schicksal — dulde keinen Vermittler zwischen dieser Dame und mir. Sir," fuhr er mit einem düstern Blick aus seinen Vater fort — „Sir, Ihr vergeßt unfern Vertrag. Das Band zwischen uns war gelöst. Eure Macht über mich vernichtet; ich verzichtete ans den Namen, den Ihr tragt; für Euch war und bin ich noch immerein Todter. Ähr habt kein Recht, zwischen mich und den Gegenstand zn treten, der mir theurcr ist, als das Leben." „Oh!" (und hier streckte er seine Hände gegen Fanny anS) — „O, Miß Trevanion, wie sehr Ihr mich auch verdammen mögt, so siehe ich doch zu Euch, mir eine einzige Bitte nicht zu versagen. Gestattet mir, nur einen Augenblick allein mit Euch zn spreche»; erlaubt mir, Euch zu be- 45 « weisen, daß ich bei all meiner Schuld nicht von den schlimmen Beweggründen geleitet wurde, die man mir zur Last legen wird — daß ich nicht die Erbin zu verlocken, sondern das Weib zu gewinnen suchte. O, Hort mich —" „Nein, nein," murmelte Fanny, sich fester an Roland anklammcrnd, „verlaßt mich nicht. Wenn er, wie eS den Anschein hat. Euer Sohn ist, so vergebe ich ihm; aber heißt ihn gehen — mich schaudert schon bei dem Ton seiner Stimme!" „Willst Du in der That, daß ich sogar die Erinnerung an das Band zwischen uns vernichte?" rief Roland mit hohler Stimme. „Willst Du, daß ich in Dir nur den schnöden Räuber, den dem Gesetz verfallenen Verbrecher sehe — daß ich Dich der Gerechtigkeit anölicfere oder Dich als Leiche zu meinen Füßen niedcrstrecke? Laß mich wenigstens die Erinnerung bewahren und weiche von hinnen!" Wieder hielt ich den schuldigen Sohn fest; aber er riß sich abermals los von mir. „Mir steht eS zu," indem er entschlossen seine Arme über der Brust kreuzte — „mir steht cs zu, in diesem Hanse zu befehlen. Alle, die sich innerhalb desselben befinden, haben sich in meine Weisungen zu füge». Wie ist es möglich, Sir, daß Ihr, der Ihr Ruf, Namen und Ehre so hoch schätzt, nicht einseht, wie Ihr Alles dies der Dame raubt, welche Ihr gegen den Schimpf meiner Liebe beschützen wollt? Wie muß die Welt die Geschichte von Eurer Rettung der Miß Trevanion aufnehmcn? Wird sie glauben, daß — oh, verzecht mir Fräulein — Miß Trevanion — Fanny —> ver- ros zeiht mir — ich bin von Sinnen; hört mich nur an — allein — ohne Zeugen — und wenn Ihr dann noch sagt: 'hinweg', so will ich mich ohne Mnrren unterwerfen. Aber ich füge mich keinem andern Schiedsrichter, als Euch." Doch Fanny schmiegte sich inniger und inniger an Noland an. In diesem Augenblick hörte ich Stimmen und Fußtritte unten. In der Meinung, die Mitschuldigen an diesem Bubenstreich rafften vielleicht ihren Muts, zusammen, »indem, welcher sie bezahlte, Beistand zu bringen, verlor ich alles Mitleid, das bisher mein Entsetzen vor dem Verbrechen des jungen Mannes gemildert, und all' die Scheu, welche scim Bekcnntniß hcrvorgerufcn hatte. Ich faßte daher den falschen Vivian mit einer Faust, die er nicht mehr abschütteln konnte, und rief in strengem Tone — „Seht Euch vor, daß Ihr Euer Vergehen nicht noch erschwert. Wenn es zu einem Kampf kömmt, so soll er nicht stattsindcn zwischen Vater und Sohn, sondern —" Fanny eilte jetzt vorwärts. „Reizt nicht diesen schlimmen, gefährlichen Menschen. Ich fürchte ihn nicht. Ja, Sir, ich will Euch anhören, und zwar allein." „Nimmermehr!" riefen ich und Roland gleichzeitig. Vivian wandte mir einen wilden Blick zu und schanie dann mit düsterer Bitterkeit ans seinen Vater. Er schien jetzt auf seine frühere Bitte zu verzichten, denn er sagte: „Wohlan denn, so sey es darum. Sogar in Gegenwart dieser, welche mich so streng beurtheilen, will ich wenigstens sprechen." 710 Er hielt für eine Weile inne und fuhr dann in einem Tone, der eine» rührenden Eindruck hätte machen müssen, wenn seine Schule weniger empörend gewesen wäre, gegen Fanny fort: „Ich gestehe, daß ich, als ich Euch zum erstenmal sah, vielleicht an Liebe dachte, wie der Arme und Ehrgeizige an den Weg zu Macht und Neichthum denkt. Bald aber verschwanden solche Vorstellungen, und in meinem Herzen blieb nichts zurück, als Liebe und Wahnsinn. Ich war wie in einem Fiebertraum, als ich auf diese Verstrickung sann. Nur c i n Ziel schwebte mir vor Augen — nichts war für mich vorhanden, als ein einziges himmlisches Gesicht. O Ihr, die Ihr wenigstens mein Eigenthnm seyd in diesem Gesichte — seyd Ihr in der That für mich ans immer verloren?" In der Stimme und in dem Wesen des Sprechenden lag etwas, das meiner Ansicht nach, mochte es nun auS vollendeter Heuchelei, oder aus einem wahren, wenn auch verkehrten Gefühle entspringen, den Weg zum Herzen eines Weibes finden mußte, das ihn, wenn es auch jetzt gekränkt war, einmal geliebt hatte, und mit einem kalten Schauder heftete ich meine Augen auf Miß Trevanion. Mit sichtlichem Bebe» wandte sie sich ab; ihr Blick begegnete dabei Plötzlich dem meinigen, und es schien, daß sic sich meinen Zweifel deutete; denn nachdem sie ihr Auge mit einer Art wehmüthigen Vorwurfs eine Weile auf dem meinigen hatte ruhen lassen, krümmten sich ihre Lippen, als werde der Stolz der Mutter in ihr übermächtig, nnd zum erstenmal 711 in meinem Leben bemerkte ich eine zürnende Glut auf ihrer Stirne. „Es ist gut, Sir, baß Ihr vor Zeugen so mit mir gesprochen habt, denn in der Anwesenheit dieser Männer for- bcre ich Euch bei jener Ehre auf, welche der Sohn dieses Gentleman wohl für eine Weile vergessen, aber nie ganz verscherzen kann — fordere ich Euch auf, zu erklären, ob ich, Frances Trevanion, je durch That, Wort oder Zeichen zu dem Glauben Anlaß gab, daß ich das Gefühl, welches Jhk gegen mich zu hegen vorgebt, erwiederte oder Euch zu diesem verwegenen Dcrsuch, mich in Eure Gewalt zu bringen, ermuthigte." „Nein!" rief Vivian schnell, aber mit bebender Lippe — „nein; aber wo ich so innig liebte und »reine ganze Zukunft aufs Spiel setzte für eine einzige freie Gelegenheit, mich allein gegen Euch erklären zu können, mochte ich nicht daran denken, daß eine solche Liebe nur Haß und Geringschätzung sinder, würde. Wie! — hat mich die Natur so stiefmütterlich behandelt, daß mir, wo ich liebe, keine Liebe antworten kann? Wie! — hat die Zufälligkeit der Geburt mich ausgeschlossen von dem Rechte, zu werben und eine Verbindung zu suchen mit den Hochgeborenen? Was wenigstens das Letztere betrifft, so könnte dieser Gentleman, der sich hier das Richteramt anmaßt, Euch eines Andern belehren, da cs stets seine Sorge gewesen ist, mir den stolzen Glauben cinzustößen, meine Abkunft sey von der Art, daß ich den kühnsten Hoffnungen und einem furchtlosen Ehrgeiz Raun, geben dürfe. Meine Hoffnungen, inein Ehrgeiz — sie trafen in Euch zusammen! Oh, Miß Trevanio», es ist wahr, daß ich, um Euch zu gewinnen, den Gesetzen der ganzen Welt und jedem Feind Trotz geboten haben würde, den ausgenommen, der jetzt vor mir aufsteht. Aber glaubt mir, glaubt mir — hätte ich errungen, was ich dreist anzustreben wagte, so wäre Euch Eure Wahl nicht zum Schimpf geworden. Der Name, den ich nicht meinemVater verdanke, hätte nicht verachtet werden sollen von der Fra», die meine Anmaßung verzieh, und ebensowenig von dem Manne, der jetzt meine Qual mit Füßen tritt und auf meine Verlassenheit seine Flüche schleudert." Roland hatte mit keinem Worte versucht, seinen Sohn zu unterbrechen—ja, sogar mit einer fieberischen Aufregung, die mein Herz in seiner geheimem Sympathie Wohl begriff, begierig jeder Sylbe cntgegenharrt, welche die Schwärze des Vergehens mindern oder auch nur die schnöden Mittel in einem weniger schmutzigen Lichte erscheinen lassen konnte. Als jedoch der Sohn mit Worten ungerechten Vorwurfs und im Tone finsterer Verzweiflung eine Vcrtheidigung schloß, die in ihrem falschen Stolze und in ihrer verkehrten Beredtsamkeit ein so gänzliches Nichtancrkennen aller Grundsätze jener Ehre kundgab, die stets des Vaters Idol gewesen war, bedeckte Roland mit seiner Hand die Angen, die vorher wie gebannt auf dem starrsinnigen Verbrecher gehaftet hatten, und zog Fanny wieder an sich, indem er sagte: „Sein Hauch verpestet die Luft, in welcher Unschuld und Ehrenhaftigkeit athmen. Er sagt: 'Alles in diesem 713 Hause stehe unter seinem Befehles Warum bleiben wir — laßt uns gehen." Er wandte sich der Thüre zu und Fanny mit ihm. Inzwischen waren die lauteren Töne unten für einige Augenblicke verstummt, und ich Härte einen Tritt ans der Flur draußen. Bivia» eilte vorwärts und trat vor uns hin. „Nein, nein, Ihr dürft mich so nicht verlassen. Miß Trcvanio». Ich verzichte auf Euch— weil ich muß, verlange sogar nicht einmal Eure Verzeihung. Aber dieses Hans so zu verlassen — ohne Wage», ohne Dienerschaft, ohne Erklärung! >— Der Schimpf fällt ans mich — und es widerfährt mir, was mir gebührt. Doch gestattet mir wenigstens das Recht, wieder gut zu machen, was ich an dem geschehenen Unrecht wieder gut machen kann, und Alles zu beschützen, was mir noch von Euch bleibt—Euren Namen." Während er so sprach, bemerkte er nicht — da sein Gesicht uns und sein Rücken der Thüre zugckehrt war — baß ein neuer Schauspieler lautlos die Bühne betreten und, ans der Schwelle Halt machend, seine letzten Worte gehört hatte. „Den Namen der Miß Trevanion — und vor was?" fragte der neue Ankömmling, indem er näher trat und Vi- vian mit einem Blicke musterte, der, wenn er nicht so ruhig gewesen wäre, Verachtung ansgcdrückt haben würde. „Lord Castleton!" rief Fanny, ihr Antlitz erhebend, das sie bisher mit den Händen verhüllt hatte. Vivian wich entsetzt zurück und knirschte mit denZähnen. „Sir," sagte der Marquis, „ich erwarte Eure Antwort; denn nicht einmal Ihr sollt in meiner Gegenwart 714 aiideutcil dürfe», als könne auf dem Namen dieser Lady ein Vorwurf haften." „Oh, mäßigt Euren Ton gegen mich, Lord Castleton!" rief Vivian. „In Euch wenigstens steht ein Mann vor mir, dem ich Trotz bieten darf. Um diese Lady zu bewahren vor dem herzlosen Ehrgeiz ihrer Eltern — nm zu verhindern, daß sie ihre Jugend nnd Schönheit einem Manne oyfern müsse, der kein anderes Verdienst hat, als seinen Reichthum und seine Titel, ließ ich mich zu dem Verbrechen verleiten, das ich beging. Dies war es, was mich bewog, Alles an eine einzige Stunde zu wagen, in welcher die Jugend wenigstens das Wort nehmen konnte für die Jugend, nnd dies gibt mir jetzt die Macht, zu erklären, daß cs in meiner Hand steht, den Namen der Lady zu schützen; denn Eure Unterwürfigkeit gegen die Welt-, die Ihr zu Eurem Götzen gemacht habt, gestattet Euch jetzt nicht, sie dem kalten Ehrgeize abzuvcrlange», welcher die Tochter so gerne opfern möchte der Eitelkeit ihrer Eltern. Ha! die künftige Marquise von Castleton auf dem Weg nach Schottland mit einem blutarmen Abenteurer! Ha! nnd wenn auch mein Mund schwiege, wer als ich kann die Lippen Derer versiegeln, die in mein Geheimniß eingeweiht sind? Das Geheimniß soll bewahrt bleiben, aber unter der Bedingung, daß Ihr nicht trinmphirt, wo ich unterliegen mußte. Ich kann das, was ich anbetete, verlieren, aber nicht an einen Andern abtreten. Ha ! ist dies nicht ein Strich durch Eure Rechnung, Lord Castleton? Ha, ha!" „Nein, Sir, und ich könnte Euch fast die Schurkerei, 718 die Ihr nicht ansgeführt habt, verzeihen, weil Ihr mir zum erstenmal Nachricht davon gebt, daß, wenn ich mir die Freiheit genommen hätte, um Miß Trevanion zu werben, wenigstens ihre Eltern Nachsicht gehabt haben würde» mit dieser Anmaßung. Kümmert Euch nicht »in das, was Eure Mitschuldigen sagen mögen. Sie haben bereits ihre und Eure Schande eingcstanden. Mir aus dem Wege, Sir!" Lord Castlcton näherte sich nun Fanny mit dem wohlwollenden Blick eines VaterS und der stolzen Würde eines Fürsten. Mit einem Schauder sich umsehend, legte sie hastig ihre Hand in die seinige nnd verhinderte vielleicht dadurch eine» gewaltsamen Ausbruch von Seite Vivians, denn seine wogende Brust, das blutuntcrronnene Auge nnd der immer noch nicht gebändigte Sinn zeigten, wie wenig Einfluß sogar die Scham auf seine wilderen Leidenschaften übte. Er versuchte jedoch nicht, sie zurückzuhalten, nnd die Zunge schien ihm am Gaumen zu kleben. Als Fanny sich der Thüre zu bewegte, kam sie an Roland vorbei, der regungslos nnd mit hohlen Blicke» wie ein Marmorbild dastand. Mit schöner Zartheit, für die ich, so oft ich sie mir auch in so ferner Zeit in die Erinnerung rufe, noch immer sage: „Gott vergelte es Dir, Fanny," legte sie ihre andere Hand auf Rolands Arm und sagte: „Kommt auch mit; ich bitte, Euren Arm!" Aber Rolands Glieder zitterten und vermochten nicht sich von der Stelle zu rühren. Sein Haupt war auf die Brust niedcrgesunken nnd sein Auge geschloffen. Sogar Lord Castleton, vbschon er den wahren, schrecklichen Grund seiner 716 Erschütterung nicht errathen konnte, war von diesem Anblick so betroffen, daß er den Wunsch, schnell vom Platze zu kommen, vergaß und in seiner vollen Herzensgute rief: „Ihr seyd unwohl —, einer Ohnmacht nahe; gebt ihm Euren Arm, Pisistratus." „Es ist nichts," sagte Roland mit mattem Tone und lehnte sich schwer auf meinen Arm, während ich mit aller Bitterkeit des Vorwurfes, welche mein Herz erfüllte, den Kopf nmwandtc und durch meine Blicke zu oerstehen gab, daß ich den suchte, dessen Platz an der Stelle sehn sollte, wo jetzt die meinigc war, lind, vH! — dem Himmel setz Dank, dem Himmel sey Dank! — der Blick war nicht vergeblich, In demselben Moment lag der Sohn vor dem Vater auf den Knien. „O, Verzeihung — Verzeihung! Elender, verlorner Elender, der ich bin — ich beuge mein Haupt unter dem Fluche. Laßt ihn niederfallcn — aber nur aus mich, und aus mich allein — nicht auch auf Euer eigenes Herz," Fanny brach in Thränen ans und schluchzte: „Vergebt ihm, wie ich ihm vergebe," Roland achtete nicht auf sie. „Er meint, das Herz sey nicht schon gebrochen gewesen, ehe der Fluch kommen konnte," sagte er mit so schwacher Stimme, daß man die Worte kaum verstehen konnte. Dann erhob er seine Augen zum Himmel und seine Lippen bewegten sich wie zu einem innerlichen Gebet. Endlich streckte er seine Hände über das Haupt seines Sohnes aus und sprach mit abgewandtem Antlitz: 71 ? „Ich widerrufe den Fluch. Bete zu Deinem Gott, daß er Dir verzeihe." Vielleicht traute er sich selbst nicht weiter, denn er riß sich gewaltsam los und eilte ans dem Zimmer. Wir folgten ihm schweigend. Als wir das Ende der Flur erreichten, siog die Thürc des Zimmers, das wir eben verlassen hatten, mit einem dumpsen Schlage zu. Wie dieser Ton mein Ohr traf, bemächtigte sich meiner ein erschütterndes Gefühl der Verlassenheit, die hinter jener Thüre eingeschlossen war. und ich fürchtete irgend eine schreckliche That, welche die wilde Leidenschaftlichkeit einem Menschen in einer so verlornen Lage cingcben konnte. Unwillkürlich blieb ich stehen nud eilte dann nach dem Gemache zurück. Da das Schloß durch das Sprengen der Thüre abgerissen worden war, so stellte sich meinem Eintreten kein Hinderniß in den Weg. Ich trat näher und war jetzt Zeuge eines Jammerschauspiels. welches sich nur der verstellen kan», welcher einen Schmerz sah, dct keine Standhaftigkeit aus der Vernunft, keinen Trost ans dem Gewissen zu holen weiß — einen Schmerz, welcher uns sagt, was die Erde seyn würde, wenn der Mensch seinen Leidenschaften überlassen wäre und der Zufall des Gottcslängncrs allein die Herrschaft führte in einem crbarmenloscn Himmcl. Der Stolz in den Staub gedcmüthtgt, der Ehrgeiz in Trümmer zerschellt, die Liebe (yder die irrthümlich dafür gehaltene Leidenschaft) in Asche verglimmend, das Lebe» in seinem ersten Anfang der heiligsten Bande beraubt und von seinem treuesten Führer verlassen, die Schande, die nach Rache lechzte, und die Gewissensfolter, welche kein Gebet kannte — alles dieß unter einander gemengt, aber doch deutlich unterscheidbar, drückte sich in dem unheimlichen Anblick des schuldigen Sohnes aus. lind ich zählte erst zwanzig. Mein Herz war weich geworden in dem milden Sonnenschein einer glücklichen Hei- math; ich hatte diesen jungen Man» geliebt als einen Fremden, und siehe er war Rolands Sohn! — Alles Andere vergessend und nur seinen Schmerz ins Auge fassend, warf ich mich neben der an der Erde sich windenden Gestalt nieder, schlang meine Arme um die Brust, die vergeblich mich zurückstieß, und flüsterte: „Getrost — getrost — das Leben ist lang. Ihr könnt die Vergangenheit wieder gut machen, den Flecken anstil» gen, und Euer Vater wird Euch noch segnen!" Zweites Kapitel. Ach konnte mich nicht lange bei meinem unglücklichen Vetter aufhalte», blieb aber gleichwohl, bis es mir wahrscheinlich vvrkanl, Lord Castletvns Wagen werde das Wirthö- yans verlassen haben. Da ich ihn, als ich durch die Flur ging, noch immer vor der offenen Thüre stehen sah, so wandelte mich ein Schrecken wegen Rolands an, denn ich fürchtete, die Aufregung möchte bei ihm einen ernstlichen Krank- heitsanfall zur Folge gehab haben. Diese Besorgniß war nicht ohne Grund. Zn dem Zimmer, wo wir die beiden 71g Weibspersonen gesehen hatten, kniete Fanny neben dem alten Soldaten und machte Umschläge ans seine Schläfe,, während ihm Lord Castleton de» Arm verband und der Kammerdiener des Margnis, der mit seinen andern Eigenschaften auch einige chirurgische Kenntnisse verband, die Klinge des Federmessers abwischte, dessen er sich als einer Lanzette bedient hatte. Lord Castletou winkte mir zu und sagte: „Beunruhigt Euch nicht weiter — nur eine kleine Anwandlung von Ohnmacht. Wir haben ihm zur Ader gelassen, und es ist jetzt Alles in Ordnung. Ihr seht, er erholt sich wieder." Als Roland seine Augen aufschlug, wandte er mir einen ängstliche», fragende» Blick z». Ich lächelte zu ihm nieder, küßte seine Stirne und flüsterte ihm mit gutem Gewissen einige Worte in's Ohr, die sowohl auf den Vater, als ans den Christen einen tröstenden Einstuß üben mußte». Einige Minute» später verließen wir das Haus. Da Lord Castletvns Wagen vorn nur zwei Personen faßte, so bestieg der Margnis, nachdem er Miß Trevanion und Roland zu ihren Plätzen verhelfen, ruhig den Hintersitz und gab mir durch ein Zeichen zu verstehen, daß ich an seine Seite kommen solle, an welcher noch Raum für mich war. Sein Bedienter hatte eines der Pferde, auf denen ich mit Roland hergekommen war, benützt, um mit dem Postillon voransznrcitcn. Unsere Fahrt ging sehr schweigsam vor sich. Lord Castleton schien tief ergriffen zu seyn, und auch mir standen keine Worte zu Gebot. Als wir das ungefähr zwei Stunden entlegene Wirths- 7ro hauS, wo Lord Castleton frische Pferde genommen, erreicht batten, bestand der Marquis darauf, daß Fanny sich für einige Stunde zur Ruhe begebe, da sie in der That sehr erschöpft war. Ich begleitete meinen Onkel ans sein Zimmer. Er aniwortetc mir ans meine Versicherung von der Neue seines Sohnes nur mit einem Händedruck, trat von mir weg, begab sich in den hintersten Winkel des Gemachs und kniete nieder. 'Nachdem er sich wieder erhoben hatte, war er so geduldig und lenksam wie ei» Kind. Er gestattete mir, ihm beim Ausklciden zu helfen, legte sich zu Bette und wandte sein Gesicht ruhig vom Licht ab. Nach einigen schwere» Seufzern schien ihn ein barmherziger Schlaf zu beschleichen. Ich lauschte auf seine Athcinzügc, bis sie leiser und regelmäßiger wurden, und begab mich sodann nach dem Gastzimmer hinunter, wo ich Lord Castlcton verlassen; denn er hatte mich flüsternd gebeten, ihn daselbst ansznsnchen. Ich fand den Marquis in gedankenvoller, niedergeschlagener Haltung vor dem Feuer. „Es ist mir lieb, daß Ihr kommt," sagte er, indem er mir an dem Herde Platz machte, „denn ich kann Euch versichern, daß ich in viele» Jahren nicht so bekümmert gewesen bin. Wir haben einander so viel Aufklärung zu geben. Habt die Güte, den Anfang zu machen, denn es heißt, der Klang der Glocke verscheuche die Donnerwolkc. lind cs gibt nicbts, was so gut die Wolken zerstreuen könnte, die uns ein- büllcn, wenn wir an unsere eigenen Mängel und an die Schurkerei Anderer denken, als die Ztimme eines offenen, ehrlichen -Lesens, Doch ich büre tausendmal um Verzeihung — dieser junge Manu, Euer Verwandter — der Sohn Eures wacker» Onkels; ist eS möglich?" Meine Erklärungen gegen Lord Eastleton waren natürlich nur kurz und unvollkommen, Die Entfremdung zwischen Roland und seinem Lohn, deren Ursachen ich nicht kannte — mein Glauben an den T od dcS Letzteren und meine zufällige Bekanntschaft mit dem sogenannten Vivian — das Interesse, welches ich für letzteren suhlte — der Gedanke, seine vermeintliche Heimkehr zu seiner Familie enthebe mich aller weiteren Besorgnisse für sein Schicksal — die Umstände, durch welche mein Argwohn geweckt wurde und deren Erfolg meine Mnthmaßnng rechtfertigte — alles dies war natürlich bald dargelegt. „Aber, verzeiht mir," sagte der Marquis, indem er mich unterbrach, „habt Ihr bei Eurer Freundschaft für einen Mann, der sogar nach Eurem eigenen Bericht Euch so unähnlich war, nie gcahnet, daß Ihr mit Eurem verlornen Beiter znsammcngetrossen sehet?" „Wie hätte mir auch je ei» solcher Gedanke zu Sinne koinmcn können?" Und ich muß hier bemerken, daß, obgleich der Leser vielleicht schon bei der ersten Einführung Vivians das Geheimnis? witterte, das AhnnngSvermögen eines Lesers doch etwas ganz anderes ist, als das eines Mitspielcnden in dem Drama, Daß ich hier einen jener merkwürdige» Fälle vor mir hatte, wo mit rem wirklichen Leben das Romanhafte znsamincntrifft, welches ein Leser im Lauf einer Erzählung Bnlwer, die Cartone. 46 72L erwartet—dies war eine Annahme, die mir ans verschiedenen Gründen untersagt war. Einmal hatte Vivian nicht die mindeste Familienähnlichkeit mit irgend einem von seinen Verwandten, und außerdem dachte ich mir in Rolands Sohn stets eine Person von ganz anderer Gestalt und anderem Charakter. Unmöglich hätte meiner Ansicht nach mein Vetter so gleichgültig sehn können gegen alle unsere Familienangelegenheiten, so achtlos und sogar verdrossen, wenn ich von Roland sprach; denn nie verrieth er in Wort oder Ton auch nur die mindeste Thcilnahme für seine Familie. Auch hatte meine andere Vcrmuthnng, er scy der Sohn deS Obristen Vivian, dessen Namen er trug, alle Wahrscheinlichkeit für sich. Man denke nur an jenen Brief mit dem -Postzeichen'Goldalming' und an meinen Glauben, daß mein Vetter todt sey. Selbst jetzt noch nimmt es mich nicht Wunder, daß ich nie auf den Gedanken der Wahrheit kam. Nachdem ich diese Gründe für meinen Mangel an Scharfsinn, über den ich mich selbst ärgerte, anfgezählt hatte, hielt ich inne, denn ich bemerkte, daß Lord Castlc- tons schöne Stirne sich verdüsterte. „Welche Schule des Betrugs muß er dnrchgemacht haben," rief er, ,,eh' er in der Kunst ein so vollendeter Meister werden konnte!" „Dies ist wahr, und ich kann es nicht in Abrede ziehen," versetzte ich. „Aber er leidet jetzt eine fürchterliche Strafe, und wir wollen hoffen, daß auf diese Züchtigung die Reue folge. Allerdings war es nur seine Schuld, was ihn der Väterlichen Heimath und Führung entriß; aber gleichwohl müssen wir den Einfluß schlimmer Gesellschaft aus eine» so jungen Menschen und dem Argwohn, welchen die Kennt- »iß des Bösen hcrvorrnft und in eine Art falscher Kenntniß dcrWelt nmwandelt, etwas zu gute halten. In dieser letzten und schlimmsten von allen seinen Handlungen —" „Ah, wie wollt Ihr diese rechtfertigen?" „Sie rechtfertigen? — Gütiger Himmel, cs fällt mir nicht entfernt ein, sie rechtfertigen zu wolle». Nur so viel, wie seltsam es auch scheinen mag, erlaube ich mir anzuführen, daß ich glaube, er habe Miß Trcvanion um ihrer selbst willen geliebt. Dieses versichert er wenigstens aus der Tiefe eines Schmerzes, in welchem auch der unehrlichste Mensch zu heucheln anfhört. Doch nichts mehr hievon — sie ist gerettet! Dem Himmel sey Dank dafür!" „lind Ihr glaubtsagte Lord Castlctvn »achsinnend, „er habe die Wahrheit gesprochen, als er andentete, daß ich—." Der Margnis hielt inne, crröthete leicht und fuhr dann fort: „Doch nein; was immer ric Gedanken Minors und TrevanionS beschäftigt haben mag, so können sie doch nie ihre Würde so weit vergessen haben, nni ihn, einen junge» Menschen, der fast ein Fremder ist — ja, um überhaupt Jemanden bei einem solchen Gegenstand in ihr Vertrauen zu ziehen." „Die Aufklärung, welche Vivian — ich will sagen mein Vetter — mir hierüber gab, bestand nur ans abgebrochenen Sätzen und nnznsammenhängenden Worten. Ladt) N—jedoch, in deren Hans er wohnte, scheint einen 46 ' solche» Gedanke» unterhalten zu haben, oder gab wenigstens n,einen» Netter Anlaß zu dieser Vermuthung." „Nh! Dies ist möglich," sagte Lord Eastletou mit her rnhigterer Miene. „Lady N— ni»d ich, wir beide sind mit einander ausgewachsen; wir korrespondiren mit einander, »nd sie hat mir geschrieben, daß — ah! ich sehe — die nnbcsonuenc Frau. Hum! So geht's, »renn man mir Frauenzimmern korrespondut!" Lord Eastletou nahm seine Zuflucht zu der Bcaude- sertmischnng und begann sodann, als scy ihn» darum zn thnn, de» Gegenstand zu wechseln, seine eigene Erklärung. Als er meineir Brief erhielt, glaubte er sogar mehr, als irb, eine Schlinge vermuthen zu müssen, denn am Morgen war bei ihm ein Schreiben ron Mr. Trevanivn eingclaufe», in welchem seiner Krankheit mit keiner Sylbe erwähnt wurde. Die Zeitung, in »reicher er einen Artikel mit der Aufschrift las: „Plötzliches und beunruhigendes Erkranken des Mr. Trcvaniou," machte daher nur den Eindruck aus ihn, man versuche hier ein Partcimanörer, oder das Ganze sey ei» herzloser Possenstrcich; denn die Post, »reiche ihm Trc- vanions Brief gebracht hatte, ging jedenfalls eben so schnell, als irgend ein Bote, »reicher an die Zeitungs- Redaktion Nachricht bringen konnte. Er hatte jedoch sogleich aus dem Bureau des Journals Nachfragen lassen, auf welche Autorität hin der Artikel cingcrückt worden scy, und zugleich einen Diener nach St. James Square entsendet. Von der Zeitnngs-Nedaktion kam die Antwort zurück, die Mitheilung sey von einem Diener i» Mr. TrevaniouS Livree 725 überbracht, aber erst unter die Neuigkeiten cingerciht worbe», nachdem man in dem Hanse des Ministers Erkundigung eingezogcn nnd in Erfahrung gebracht habe, daß Lady Etlinor in Folge derselben Nachricht plötzlich abgereist scy, „Ich hatte Mitleid mit der Unruhe der armen Lady Ellinor," sagte Lord Castleton, „und konnte mir die Sache gar nicht znrechtlegcn, weil ich immer »och dachte, es könne kein Grund zn wirklicher Bcsorgniß obwalten. Da traf Euer Schreiben ein. Ihr spracht darin Enre Ueberzcu- gnng ans, daß Mr, Gowcr bei dem Mährchen betheiligt sey nnd mit dem Ganzen wohl eine Schlinge ans Fanny beabsichtigt werde. Dies ließ mit einemmal ans den Grund festen, Der Weg zn Lord N— führte bis auf die letzten Paar Stationen auch nach Schottland, nnd ein kühner, gewissenloser Abenteurer konnte Miß Trevanion unter dem Beistand ihrer Dienerschaft wohl nach Schottland selbst verlocken, wo er freies Spiel hatte, um ans ihre Furcht zn wirken oder sie zn einer schottische» Heirath zu bewegen, falls er ans Erwiederung seiner Neigung hoffen durfte, Ihr könnt Euch denken, daß ich mich sobald als möglich ans den Sprung machte. Da jedoch Euer Bote den Weg von der City anS zurncklege» mußte und wahrscheinlich sich auch nicht sehr beeilte, außerdem die Besorgung des Wagens nnd der Pferde einige Zeit in Anspruch nahm, so blieb ich gegen Euch wohl um anderthalb Stunden zurück. Zum Glück griffen unsere Pferde gut ans nnd würden Euch wahrscheinlich ans dem halben Wege eingeholt haben, wenn nicht bei der Durchfahrt zwischen einem Graben nnd einem Güterwagen meine Knrsche nmgeworfen worden wäre, so daß dadurch wieder eine Zögerung entstand. In der Stadt aiigelangt, wo der Weg zu Lord N—'s Landsitz al'bicgt, hörte ich mit Freude, Ihr hättet die Straße eingcschlagen, welche meiner Ucberzen- gung nach die einzig richtige war, und erhielt zuletzt noch einen Fingerzeig nach dem schuftigen Wirthshaus auS dem Bericht der Postknechte, welche Miß Treoanions Wagen dahin gebracht hatten und Euch unterwegs begegnet waren. Vor dem Wirthshaus fand ich zwei Kerle, die sich mit einander beriethen. Als wir anfuhren, flüchteten sie sich in's Innere; aber mein Diener Summers, der, wie Ihr wißt, ein flinker Bursche und mit mir von Norwegen bis Nubien gereist ist, war hurtig vom Bock und hinter ihnen im Hanse, in welches ich ihm mit einem Schritt folgte, so behend wie Euer eigener, Ihr junger Schelm ! Alle Hagel, ich war damals Einundzwanzig! Die zwei Kerle hatten bereits den armen Summers niedergeschagen nnd zeigten sich völlig kampffertig. Werdet Jhr'S wohl glauben," fügte der Marquis bei, indem er sich mit der Miene komisch ernster Demnth unterbrach— „würdet Jhr's wohl glauben, daß ich wirklich — nein, Ihr glanbt'S nicht — aber wohl gemerkt, cS ist ein Geheimniß — daß ich wirklich mein Rohr auf der Schulter eines dieser Burschen abschlug? Seht hier!" (Und der Marquis hielt das Bruchstück der beklagten Waffe in die Höhe.) „Und ich vermuthe halb, obschon ich's nicht mit Bestimmtheit sagen kann, daß ich mich sogar in die Nothwcndigkeit versetzt sah, mich bis zu einem Schlag mit dieser nackten Hand herabzuwürdigen— 727 noch obendrein mit der geballten — wieder ganz wie zu Eton— aber auf Ehre, so war eS. Ha, ha!" Und der Marquis, welchen seine gewaltigen Verhältnisse in der vollen Blüthe von des Mannes kräftigstem, wenn auch nicht kampflustigstem Alter sogar für ein Paar Preisfechter zn einem furchtbaren Gegner gemacht haben würden, vorausgesetzt, daß ihm nur ein wenig von seiner Etoner Gewandtheit geblieben war — lachte mit der Heiterkeit eines Schulknaben, sch es über den Gedanken an seine knndgcgc- bene Tapferkeit, oder über den Gegensatz zwischen einer so rohen urzeitlichen Kriegsführung und seiner eigenen gewohnten Trägheit sowohl, als seiner fast weiblichen Gut- müthigkeit. Er erinnerte sich jedoch schnell wieder, wie wenig ich seine Heiterkeit theilen konnte, sammelte sich und nahm ernst wieder auf: „Es kostete uns einige Zeit — nicht so fast unsere Feinde zu schlagen, sondern sie zn binden, was ich für eine nothwendige Vorsichtsmaßregel hielt; und einer von den Kerlen, Trevanions Bedienter, betäubte mich die ganze Zeit über mit Citationen aus Shakespeare. Ich griff dann sachte nach einem Gewand, dessen Trägerin schon geraume Zeit versucht hatte, mir mit den Nägeln nach dem Gesicht zn fahren, obgleich es ihr, da sie zum Glück nur eine kleine Weibsperson war, nicht gelang meine Angen zu erreichen. Aber das Kleid entwischte mir und flatterte nach derKüche hin. Ich folgte ihm und fand daselbst Trevanions Jesabel von einer Kammerjungfer. Sie war in größte»» Schrecken nnd that ungemein reuig. Ich gestehe, daß ich für meine 7S8 Person mich wenig »in die Lästerungen eines Mannes kümmere; wenn sich aber eine Weiberznngc gegen ein anderes Weib anfthut nnd namentlich diese Zunge in dein Mnnd einer Kammcrjungfcr steckt, so halte ich es immer für der Mühe Werth, sie zum Schweigen zn bringen. Ich willigte daher ein, dieser Person unter der Bedingung zn verzeihen, daß sie sich noch vor morgen hier cinsindc. Von ihr ans haben wir keinen Skandal zn besorgen. Ihr seht, so kam es, daß einige Minuten verflossen, eh' ich mich Euch anschließen konnte : ich machte mir jedoch nm so weniger daraus, da ich hörte, Ihr nnd der Kapitän sehet bereits ans dem Zimmer der Miß Trevanion. Lewer ließ ich mir nicht im Traume einfallen, daß ihr mit dem Schuldigen so nahe verwandt sehet, nnd wunderte mich, warum Jbr so lange zögertet. Ich gestehe, daß mich dabei eine Besorgniß anwandelte, Miß Trevanions Herz könnte verführt worden sehn von diesem — hem — hem! — schönen — jungen Mann — hem — hem ! Ist da wohl nichts zn fürchten?" fügte Lord Castleton bei, indem er sein klares Auge ans das mcinigc heftete. Ich fühlte, daß mir die Glut nach der Wange stieg, als ich ihm mit Festigkeit antwortete: „Die Gerechtigkeit gegen Miß Trevanion fordert mich zn der Erklärung auf, daß der unglückliche Mensch in ihrer und meiner Gegenwart zugestand, er habe von ihr aus nicht die mindeste Ermuthigung zn seinem Versuch — ja, nicht entfernt einen Anlaß zn der Vermifthnng erhalte», 7'>!> daß sic die Neigung billige, welche ihn so ganz und gar blendete und von Sinnen brachte." „Ich glaube Euch; den» ich denke —" Lord Castlcton hielt unruhig inne, heftete seinen Blick abermals ans mich, stand aus und ging in sichtlicher Aufregung im Zimmer hi» und her; dann kehrte er, als seh er endlich zu einem Entschluß gekommen, zu dem Herde zurück nnd trat mir gegenüber, „Mein lieber, junger Freund," sagte er mit seiner unwiderstehlichen freundlichen Offenheit, „dieser Anlaß entschuldigt Alles zwischen uns, sogar meine Unbescheidenheit, Euer Benehmen ist vom Anfang an bis ans den letzten Augenblick von der Art gewesen, daß ich von dem Grunde meines Herzens wünschte, ich könnte Euch eine eigene Tochter anbicten nnd Ihr möchtet gegen sic die Gefühle hegen, die 2hr, wie ich glaube, für Miß Trevanion in Eurem Innern bergt. Dies sind nicht bloße Worte, und Ihr braucht nicht beschämt zu Boden zu schauen. Alle Marqnisate in der Welt könnten mich nicht »nt dem Stolze erfüllen, den ich fühlen würde, wenn ich in meinem Leben nur eine einzige so mannhafte Selbstaufopferung gegen Pflicht und Ehre anf- znzählen hätte, wie ich Sic an Euch gesehen habe," „Oh, mein Lord! mein Lord!" „Laßt mich ausreden. Daß Ihr Fanny Trevanion liebt, weiß ich; daß sie vielleicht unschuldig, schüchtern und halb ohne es zu wissen diese Liebe crwiederte, halte ich für wahrscheinlich. Aber —" 73N „Ach weiß, was Ihr sage» wollet; schont mich — ich weiß Alles/' „Nein, es ist eine linmöglichkeit; und wenn Lady Ellinor ihre Zustimmung gäbe, so würde auf ihrer Seele eine lebenslängliche Nene, ans der Enrigen aber eine solche Last von Verpflichtung haften, daß — Nein, ich wiederhole, es ist unmöglich! Doch laßt uns beide jetzt an dieses arme Mädchen denken. Ich kenne sie besser als Ihr — habe sie von Kindheit ans gekannt; ich kenne alle ihre Tugenden — sie sind bezaubernd; alle ihre Fehler — sie setzen sie der Gefahr ans. Ihre Eltern mit ihrem Geist und in ihrem Ehrgeiz mögen zwar wohl geeignet seyn, das Sceptcr über England zu schwingen und einen Einfluß zu üben ans die ganze Welt; aber das Geschick ihres Kindes zu leiten — »ein Lord Castleton hielt innc, denn er war sehr ergriffen. Ich fühlte meine alte Eifersucht wiederkehren, aber sie war nicht länger bitter. „Ich will nichts von der Lage sprechen," fuhr der Marquis fort, „in welche Miß Trcvanion ohne ihre Schuld versetzt wurde. Lady Ellinors Weltkenntniß und Frauenwitz mag zusehe», wie all' dies am besten wieder zurecht gebracht werden kann. Immerhin ist sie bedrückend und fordert große Rücksicht. Lassen wir übrigens all' dies bei Seite. Wenn Ihr des feste» Glaubens scyd, Miß Treva- nion sey für Euch verloren, könntet Ahr den Gedanken ertragen, daß sie als bloße Null ans der Wagschaale weltlicher Größe weggeschleudert werde an einen hochstrebenden Poli- 731 tikcr — verheirathet an einen Minister, der zu viel zu thnn hat, um über fle zu wachen, oder an einen Herzog, der mit ihrem Vermögen seine verpfändeten Güter cinlösen will — Minister aber oder Herzog, beide nur als Stützen von Trevanions Macht erscheinend, nm gegen eine Partei — Eabale zn wirken, oder seiner Seite im Kabinete daslleber- gewicht zn geben? Seyd versichert, dies ist höchst wahrscheinlich ihre Bestimmung oder vielmehr der Anfang eines noch kläglicheren Geschicks. Nun sage ich Euch aber, daß Fannp-Trevanions künftiger Gatte während der ersten Paar Jahre seiner Ehe fast kein anderes Ziel haben sollte, als ihre Mängel zn verbessern und ihre Tugenden zur Entwicklung zu bringen. Glaubt einem Manne, der seine Kennt- niß der Weiber leider zu theuer erkauft hat — ihr Charakter ist von der Art, daß er erst gebildet werden muß. Wohlan denn, wenn dieser Preis für Euch verloren ist, würde es Eurem edlen Herzen einen unaustilgbaren Gram bereiten, denken zn müssen, sie sey einem Manne zuge- fallcn, der wenigstens seine Verantwortlichkeit kennt und sein eigenes, bisher verschwendetes Leben durch das eifrige Bemühen sühnen will, sie zu erfüllen? Könnt Ihr diese Hand nehmen und drücken, selbst wenn cs die eines Nebenbuhlers wäre?" „Mein Lords DieS von Euch gegen mich — es ist eine Ehre, die —" „Ihr wollt meine Hand nicht nehmen? Dann glaubt mir, daß nicht ich es sehn will, der Eurem Herzen diesen Schmerz bereitet." Gerührt und ergriffen durch den Edelmnth eines Mannes von so hohen Ansprüche» einem Jüngling oon ineinen Verhältnissen gegenüber, drückte ich die edle Hand und führte sie halb nach meinen Lippe» — ein Zeichen der Achtung, das weder ihm, noch mir Unehrc gemacht hätte; aber er zog sic in dem Instinkte einer natürliche» Bescheidenheit zurück. Ich hatte damals nicht den Mnth, über einen solchen Gegenstand weiter zu sprechen, sondern stotterte heraus, ich wolle nach meinem Onkel sehen, nahm ein Licht und ging die Treppe hinan. Lautlos schlich ich, das Licht be- sebattcnd, in Rolands Zimmer und bemerkte, daß das Gesicht tes Kranken, trotz seines Schlafes sehr nnrnhig war. Und dann dachte ich: „Was ist mein junger Schmerz gegen den seinigen?" Ich setzte mich neben seinem Bette nieder und hielt stumme Einkehr in meinem Innern. Drittes Kapitel. Um Sonnenaufgang begab ich mich in das Gastzimmer hinunter, um meinem Vater zu schreiben, daß er zu uns komme; denn die Entfernung von dem alten Thurme war nicht groß, und ich fühlte, wie sehr Roland seines Trostes und Nathes bedürfe. Zu meiner großen Uebcrraschung saß Lord Castleton noch immer vor dem Feuer; er war augenscheinlich nicht zu Bette gegangen. „Recht so," sagte er. „Wir müssen einander zusprc- chen, unserer Natur nachzuhelfcn." 733 Und er deutete dabei nach dem auf dem Tisch stehenden Frühstück. Ich hatte im Laufe oicler Stunden kaum irgend eine Nahrung zu mir genommen und merkte meinen Hunger nur an einem Gefühl rau Schwäche. Gedankenlos aß ich und schämte mich fast, als ich bemerkte, wie sehr die Speise mich kräftigte. „Ihr werdet ocrinuthlich bald zn Lord R— ausbrechen?" begann ich. „Nein. Habe ich Euch nicht schon gesagt, daß ich Summers als Erpressen mit einem Schreiben an Lady Elli- nor abfertigtc und sic bat hierher zn kommen? Nachdem ich mir die Sache überlegt hatte, sah ich nicht ein, wie ich anständigcrwcise Miß Trcvanion allein und ohne irgend einen weiblichen Domestiken nach irgend einem Hanse roll klatschsüchtiger Gäste begleiten konnte — ja, selbst wenn Euer Onkel wohl genug wäre, mit uns zn gehen, so würde seine Anwesenheit nur weiteren Stoff zur Neugierde bieten. Ich habe deshalb unmittelbar nach unserer Ankunft, während Ihr den Kapitän ans sein Zimmer begleitetet, den Brief geschrieben und meinen Bedienten abgeschickt. Lady Ellinor wird, wie ich denke, vor nenn Uhr hier eintrcffen. Inzwischen habe ich mit jener schändlichen Kammerjnngfer Rücksprache genommen und Sorge getragen, daß wir non ihrer Schwatzhaftigkeit keine Gefahr zn befürchten haben. Es wird Euch Spaß machen, wenn Ihr hört, welchen Plan ich ersonnen, um die Neugierde unserer Freundin Mrs. Naseweis — d. h. 'der Welk — zufrieden zu stellen, ohne 731 daß dadurch Jemand in Nachthell käme. Wir muffen an- nehme», daß Trevanious Bedienter verrückt war — dies ist nur eine barmherzige und, wie Euer guter Vater sagen würde, 'eine philosophische Annahme.' Jede große Schurkerei ist Wahnsinn! Die Welt könnte nicht ihren Gang gehen, wenn Wahrheit und Tugend nicht die natürlichen Eigenschaften gesunder Geister wären. Versteht Ihr mich?" „Nicht ganz." „Wohlan denn, der verrückte Bediente erfand die tolle Geschichte von Trevanious Krankheit, erschreckte Lady Minor und Miß Trevanion mit seinem Hirngespenst, daß sie nicht wußten, was sie thatcn, und trieb eine nach der andern Hals über Kopf fort. Ich war von Trevanion unterrichtet , daß er nicht krank seyn konnte, als der Bediente ihn verließ, und es war daher bei einem so alte» Freund der Familie nur natürlich, daß ich sogleich anfbrach und die Lady gegen die Streiche eines TollhänslerS beschützte, der, immer mehr von Sinnen kommend, den Irrwisch zn spielen begann nnd die Lady, der Himmel weiß wohin, durch das Land führte. Dann schrieb ich Lady Minor, sic solle zn ihrer Tochter kommen. So gibt es nur ein herzliches Gelächter ans unsere Kosten nnd Mrs. Naseweis ist zufrieden. Will man nicht von ihr bemitleidet oder hinterrücks verlästert werden, so muß man ihr etwas zn lache» geben. Sie ist ein weiblicher Cerberus nnd darauf erpicht. Einen zn treffen. Gut — so stopfe man ihr den Mund mit einem Kuchen." „Ja," fuhr diese bessere Art von Aristipp fort, wel- 735 eher so weise war bei all' seiner scheinbaren Leichtfertigkeit, „ist in solcher Weise das Schlagwort gegeben, so trifft alles Nebrige günstig zu. Wenn der spitzbübische Lakai in der Bedientcnhalle soviel von Shakspeare citirtc, als er that, während ich ihn in der Küche knebelte, so reichte dies für den ganze» Haushalt zu, ihn für einen Mondsüchtigen zu erktzl- reu, und finden wir cs nöthig, noch etwas Ncbriges zu thnn, so müssen wir ihn eben ans einen Monat oder zwei nach Bedlam schaffen. Das Verschwinden der Kammerjnngfcr ist natürlich; entweder ich oder Lady Minor eines von uns Beiden enthebt sie ihres Dienstes wegen ihrer Thor- heit, sich von dem Wahnsinnigen narren zu lassen. Wenn dies ungerecht erscheint — je min, so ist Ungerechtigkeit gegen Dienstlentc im öffentliche» und Privatleben häufig genug. Weder einem Minister, noch einem Lakaien kann vergeben werden, wenn er uns in eine Patsche bringt. Man muß seiner Leidenschaft an irgend etwas Lust machen. Zeuge davon ist mein armes Rohr, obschon wir ein besseres Beispiel an dem Stock haben würden, welchen Ludwig XIV. an einem Kammerdiener abschlug, weil Seine Majestät übel gelaunt war wegen eines Prinzen, dessen geheiligte Schultern doch zu hoch standen für den königlichen Unwillen." „Ihr seht also," schloß Lord Eastleton, indem er seine Stimme dämpfte, „daß Euer Onkel bei all' seinem übrigen Anlaß zum Schmerz wenigstens nicht zu denken braucht, sein Name werde in dem seines Sohnes geschändet. Und der junge Mann selbst findet vielleicht die Besserung leichter, wenn er befreit ist von jener Verzweiflung an der Möglich- 736 feil eines Wiederanfschwungs, in welche Airs. Naseweis diejenigen stürzt, welche — Mnth also; das Lebe» ist lang!" „Meine eigenen Worte!" rief ich, „und so von Euch wiederholt, Lord Castleton, scheinen sie prophetisch zn sehn," „Wenn ich Euch gut zn Rathe bin, so verliert Ihr Eure» Vetter nicht a»S de»l Gesicht, so lange sein Stolz gedeinüthigt nnd sein Herz vielleicht erweicht ist, Ich sage dies nicht blos nm seinetwillen, sitein, ich habe dabei auch Euren armen Lukcl im Angc — den edel», alten Mann, Und nun wird es wohl an der Zeit seyn, gegen Lady Minor meine Achtung zu bezeugen, indem ich so viel wie möglich die Verheerungen wieder gut mache, welche drei schlaflose Nächte in dem Axußeru eines Gentleman hervorgebracht haben, der sich ans der Schattenseite der erbarmungslosen Vierzig befindet," Lord Castleton verließ mich jetzt, nnd ich schrieb meinem Vater, er möchte ans der nächsten Poststation mit uns znsammcntrcffen, da dies der nächste Punkt von der Landstraße aus nach dem Thurm war, Der Brief wurde durch einen berittenen Erpressen besorgt. Nachdem dieses Geschäft bereinigt war, stützte ich den Kopf ans meine Hand, und eine tiefe Trauer bemächtigte sich meiner, obschon ich mir alle Mühe gab, die Zukunft kühn in's Auge zu fassen und nur an die Pflichten, nicht aber an die Leiden des Lebens zu denken. Viertes Kapitel. Lady Miner langte vor neun Uhr an und begab sich nnverweilt auf Miß Trevanions Zimmer. Ich nahm meine Zuflucht zu dem Gemach meines Onkels. Roland war wach und ruhig, aber se schwach, daß er keinen Versuch machte, aufzuslehen. Leine Ruhe bereitete mir in der Thal am meisten Sorge, denn es war die einer rüstig erschöpften Natur. Als ich in ilm drang, Nahrung zu sich zu nehmen, gehorchte er mir so mechanisch, wie ein Kranker, der fast willenlos aus der Hand seines Wärters Arznei nimmt. Ich redete ihn an, und er lächelte mir matt zu, antwortete aber nur durch ein Zeichen, das mich um Stillschweigen zu bitten schien; dann wandte er sein Gesicht ron mir ab und verbarg es in dem Kissen. Zeh glaubte schon, er sey wieder cingcschlafen, als'er sich plötzlich ein wenig aufraffte, nach meiner Hand tastete »nd mit fast tonloser Stimme fragte: — „Wo ist er?" „Möchtet Ihr ihn sehen, Onkel?" „Nein, nein; dies brächte mir den Tod — und dann, was würde aus ihm werden?" „Er hat mir versprochen, mit mir znsammenzukommen, und ich bin überzeugt, er wird dann Eure» Wünschen gehorchen, worin diese auch bestehen mögen." Roland gab keine Antwort. „Lord Castleton hat Alles so eingeleitct, daß sein Name und sein Wahnsinn — denn so wollen wir es nennen — nie bekannt werde." Bnlwer, die Cartone. 47 7S8 „Stolz, Stolz — noch immer Stolz!" nmrmcltc der alte Soldat. „Der Name, der Name — wohl, das ist viel; aber die lebende Seele! — Ich wollte, Austin wäre hier." „Ich habe nach ihm geschickt, Onkel." Roland drückte mir die Hand und schwieg auf's Neue. Daun begann er — mich däuchte im Delirium — etwas vor sich hinzumurmeln vom spanischen Krieg und vom Gehorsam gegen die Befehle : 'wie ein Offizier Nachts den Lord Weiteste») geweckt und gesagt habe, daß irgend etwas (ich konnte das Wort nicht verstehen, da es ein militärisch technischer Ausdruck war) unmöglich sey; Lord Wellest«) fragte, wo das Befehlbuch sey, sah hinein und erwiedcrte sodann: 'Durchaus nicht, unmöglich, denn cs steht im Bcfehlbnch s dann wandte sich Lord Wcllesley wieder ans die Seite und fuhr fort zu schlafen.' Jetzt richtete sich Roland Plötzlich halb ans und sagte mit fester, klarer Stimme: „Aber Lord Wcllesley, obschon ein großer Kapitän, war nur ein irrender Mensch und das Bcfehlbnch sein eigenes sterbliches Machwerk. — Hol' mir die Bibel!" Oh Roland, Roland! Und ich hatte gefürchtet, daß dein Geist irre sey! Ich ging hinunter und borgte eine Bibel mit großer Schrift, legte sie vor ihm auf's Bett, öffnete die Läden und ließ Gottes Tag hereinscheinen auf Gottes Wort. Ich war kaum fertig geworden, als leise an die Thüre gepocht wurde. Ich öffnete, und Lord Castleton stand draußen. Auf seine flüsternde Frage, ob er meinen Onkel sehen könne, zog ich ihn sachte herein und deutete ans den 73g Krieger des Lebens, welcher „lernte, was nicht unmöglich war," ans dein unfehlbaren Befehlbuch. Lord Castletons Gesicht wurde ernst, nnd ohne meinen Onkel zu stören, schlich er wieder zurück. Ich folgte ihm nnd schloß leise die Thüre. „Ihr müßt seinen Sohn retten," sagte er mit stotternder Stimme — „ja, dies müßt Ihr: sagt mir nur, wie ich Euch dabei behülstich sehn kann. Dieser Anblick! Keine Predigt hat mich je so gerührt. Doch kommt jetzt mit hinunter nnd empfangt Lady Ellinors Dank. Wir reisen ab. Sie verlangt von mir, daß ich mein Mahrchen unserer alten Freundin Mrs. Naseweis selbst erzähle, nnd deshalb'gehe ich mit. Kommt!" Als ich in das Gastzimmer trat, kam Lady Ellinor auf mich zu und schlang mich in ihre Arme. Ich brauche ihre Dankesergüffe nicht zu wiederholen, noch weniger ihre Lobeserhebungen, da beide nur kalt und hohl an mein Ohr schlugen. Mein Blick ruhte auf Fanny, welche bei Seite stand — die Augen, schwer von frischen Thronen, zur Erde gesenkt. Und das Gefühl ihres ganzen Zaubers — die Erinnerung an die liebevolle Zartheit, die sie dem ohnmächtigen Vater erwiesen, an die edclmüthige Verzeihung, welche sie auf den verbrecherischen Sohn ausgedehnt hatie: die Blicke, welche sie mir au jenem denkwürdigen Abend zn- gesandt — Blicke, welche ein solches Vertrauen kund gaben zu meiner Anwesenheit — der Augenblick, in welchem sie sich um Schutz an mich anklammcrtc und ihr Athen: warm auf meiner Wange wehte — all' dies bestürmte mich jetzt, 47. 74N und ich fühlte, daß der Kampf von Monaten vergeblich gewesen — daß ich sic nie so geliebt hatte, wie eben jetzt, als ich sic nnr sah , nm sie auf immer zu verlieren! Jetzt bemächtigte sich zum erstenmal — ich freue mich, denken zu dürfe», daß es nnr dieses einzigemal war— meiner eine bittere, undankbare Anklage gegen die Grausamkeir des Glücks und die Ungleichheiten des Lebens. Was war es, was unsere Herzen ewig getrennt hielt und jede Hoffnung unmöglich machte? Nicht die Natur, sondern äußere Glücksverhältuissc, welche sich der Welt als zweite Statur ausdräuge». Ach, konnte ich damals denken, eben diese zweite Natur setz die Ursache, daß sie Seele die Bestimmung trägt, Prüfungen aufzusuchen, und daß die Elemente menschlicher Tugend ihren harmonische» Platz finden? Wa§ ich antwortete, weiß ich nicht — eben so wenig, wie lange ich da- stand und den Lauten zuhörte, die für mich keinen Sinn zu haben schienen, bis andere Tone mich aus meinen Träumen weckten und mir das Blut in den Ader» durchkältetcn — der Huftritt der Pferde, bas Knarren der Räder und die Stimme des Dieners an der Thürc, welche rief: „Alles fertig!" Jetzt erhob Fauuy ihre Augen, und sie begegnete» den meinigcn. Hastig und unwillkürlich trat sie einige Schritte auf mich zu; ich drückte die rechte Hand auf mein Herz, als wolle ich sein Klopfen zum Schweigen bringen, und blieb stehen. Lord Castleto» hatte uns beide beobachtet. Ich fühlte, daß wir einen Wächter iu der Nähe hatten, obschon ich seinen Blicken auswich. Als ich meine Augen von Famip 741 abwandte, traf dieser Blick roll auf mich — sanft, theil- nehmend und wohlwollend. Plötzlich wandte sich der Marquis mit einem Ausdruck unaussprechlichen Seelenadels zu Lady Ellinor und sagte: „Verzeiht mir, wenn ich Euch eine alte Geschichte erzähle. Ein Freund von mir — ein Mann von meinen Jahren hatte die Verwegenheit, zu hoffen, er könnte eines Tages die Neigung einer Lady gewinnen, die ihren Jahren nach hätte seine Tochter scyn können und welche er sowohl um der Umstände willen, als dem Drange seines Herzens zu Folge allen anderen ihres Geschlechtes vorzog. Mein Freund hatte viele Nebenbuhler; und Ihr werdet Euch nicht darüber wundern — denn ihr habt die Lady gesehen. Unter diesen befand sich ein junger Gentleman, Monate lang mit ihr ein Bewohner desselben Hauses — (bst, Lady Ellinor! Ihr müßt mich anSreden lassen, denn das Interessante meiner Geschichte kömmt erst) — welcher die Heiligkeit des Herdes, an welchem er Aufnahme gefunden, zu achten wußte und ihn verließ, sobald er fühlte, daß er liebte .— denn er war arm und die Lady reich. Einige Zeit nachher rettete der Gentleman die Lady ans einer großen Gefahr und war damals eben im Begriff, England zu verlassen — (ich bitte nochmals, mich nicht zu unterbrechen!) Mein Freund war anwesend, als diese beiden Personen vor einer wahrscheinlichen Trcnnnng auf viele Jahre znsammcntrafen, ebenso die Mutter der Lady, deren Hand er eines Tages zu erringen hoffte. Er sah, daß sein junger Nebenbuhler ohne Zeugen Abschied zu nehmen wünschte, denn ein Lebewobl war Alles, 742 was ibm seine Ehre und sein Verstand noch gestatteten. Mein Frennd sah, daß die Lady den Drang des natürlichen Dankgefühls für einen großen Dienst und daS natürliche Mitleid mit einer edclmüthigcn, unglücklichen Neigung empfand; denn so nur, LadyKllinor, deutete er sich das Schluchzen, welches sein Ohrcrrcichtc! Was denkt Jür nun, daß mein Frennd that? Euer hoher Sinn erräth cS mit einem Male. Er sagte zu sich selbst — wenn ich je beglückt werden sollte durch den Besitz des Herzens, das ich trotz der Ungleichheit der Jahre noch zu gewinnen hoffe, so will ich zeigen, wie ganz ich der Biederkeit und Unschuld desselben rertraue. Möge der Roman der ersten Jugend zum Schlüsse kommen — die reinen Herzen sollen sich ihr Lebewohl znrnsen, ohne daß ihnen dies durch die eitle Eifersucht eines gemeinen Argwohns verbittert würde. Bei diesem Gedanken, den Ihr sicherlich nicht tadelnswertst finden werdet, Lady Ellinor, legte er seine Hand ans die der edlen Mutter, zog sic sachte nach der Thüre und überließ in ruhigem Vertrauen ans das Ergcbniß die beiden jungen Wesen dem zengenloscn Drang jungfräulicher Ebre und männlichen Pflichtgefühls." All dieses sprach und that er mit einer Aumnth und einem Ernste, welche ergreifend ans die Zuhörer wirkten. Wort und Handlung folgten sich in einer so unnachahmlichen Harmonie, daß der Zauber nicht früher gebrochen wurde, bis die Stimme verhallt und die Thüre geschloffen war. Das schmerzliche Glück, nach dem ich mich so sehr ge- 743 sehnt hatte, war mir bescheert. Ich befand mich allein mit ihr, der ich in der That nach der Stimme der Ehre nnd des Verstandes nicht weiter sagen konnte, als das letzte Lebewohl. Es stand einige Zeit an, ehe wir uns erholten — ehe wir fühlten, daß wir allein waren. O ihr Augenblicke, die ich in der milden und süßen Erinnerung mir mit so wenig Wehmuth vergegenwärtigen kann, ruhet heilig nnd «»enthüllt in der tiefsten Tiefe meines Herzens! Ja — was immer für Bekenntnisse von Schwäche auch ansgetauscht werde» mochten, wir waren des Vertrauens nicht unwürdig, das uns den wehmüthigen Trost des Abschieds gestattete. Keine abgedroschene Liebesgeschichte mit Gelübden, die nicht erfüllt werden sollten, und Hoffnungen, welche die Zukunft Lügen strafen mußte, höhnte die Wirklichkeiten des Lebens, die vor uns lagen. Zwar sahen wir an den Grenzen des Traumbildes den Tag kalt aufgehen über die Welt, aber wenn wir auch wie Kinder — denn diesen waren wir beinahe zu vergleichen — ein wenig vordem Licht znrückbcbten, so lästerten wir doch die Sonne nicht durch den Ruf: „Es ist Nacht in dieser Dämmerung !" Wir versuchten nur, für das Unvermeidliche uns gegenseitig zu trösten nnd zu kräftigen, und wenn wir auch den Schmerz, den wir fühlten nicht verhehlten, so versprachen wir uns doch redlich gegen denselben anzukämpfen. Wenn Gelübde zwischen uns stattfanden, so war es nur das An- gclöbniß, Jedes solle um des Andern willen bemüht sehn, sich der Segnungen zu erfreuen, die uns der Himmel noch gelassen hatte. Wohl kam, ich sagen, daß wir Kinder waren! Ich weiß nicht, ob sich in den gebrochenen Worten, die zwischen uns fielen, und in de» bekümmerten Herzen, welchen diese Worte entquollen, sich das aussprach, was diejenigen, welche in der menschlichen Leidenschaft »nr das Gewitter und die Windsbraut sehe», die Liebe reiferer Jahre nennen würde», oder jene Glut, welche dem Liede Feuer verleiht und der Bühne die Tragödie liefert; dessen aber bin ich mir bewußt, daß weder ein Wort, noch ein Gedanke Platz griff, welcher den Kummer der Kinder zur Empörung gegen den himmlischen Vater anfachte. Und wieder ging die Thüre auf. Festen Schrittes trat Fann» an die Seite ihrer Mutter, blieb stehen, hielt ihre Hand gegen mich ans und sagte, als ich mich auf dieselbe niederbengte: „Der Himmel wird mit Euch sehn!" Ein Wort von Lady Ellinor, ein offenes Lächeln von ihm, dem Nebenbuhler, ein letzter, letzter Blick aus Fannys sanften Augen — und dann brach auf mich herein die Einsamkeit, stürmisch wie etwas Sichtbares, (greifbares, Ue- berwältigendes. Ich fühlte sie in dem grellen Licht der Sonne, hörte sie im Hauch der Luft; wie ein Gespenst stank sie da an der Stelle, wo sie einen Augenblick vorher sich noch befunden! Ein Etwas schien für immer aus dem Weltall geschieden zu seyn; ein Wechsel wie der des Todes drang durch mein Wesen, und als ich zu dem Gefühl erwachte, daß ich noch lebte, kam ich zu dem Bewußtsein, daß meine Jugend mit ihrer Poesie dahin war. Ohne es zu ahnen hatte ich die Grenze überschritten, über die Niemand mehr 745 zurückkümmt — war ich eingetrcten in die rauhe Welt des thätigen McmneS! Sechszehnter Abschnitt. Erstes Kapitel. „Mit Erlaubniß, Sir, ist dieses Bittet an Euch?" fragte der Kellner. „An mich? — ja. Dies ist mein Name." Ich erkannte die Handschrift nicht, und dach kam das Schreiben von Zemand, reffen Züge ich oft gesehen hatte. Früher war jedoch die Schrift steif und senkrecht gewesen (eine erkünstelte Hand, obschon ich dies nicht wußte), jetzt war sie hastig, unregelmäßig, ungeduldig — kaum die Form eines Briefs, kaum ein Wort ganz ausgeschrieben— und dennoch znm Verwundern leserlich, wie dies die Hand eines kühnen Mannes fast immer ist. Ich öffnete das Bittet gleichgültig und las. „Ich habe euch den ganzen Morgen beobachtet. Ich sah sie abreiscn. Wohl! — ich warf mich nicht unter die Hufe der Rosse. Ich schreibe dies aus einem nahen Gast- Hause. Wollt Ihr dem Ueberbringer folgen und noch einmal den Verstoßenen sehen, den die ganze übrige Welt meiden wird?" Obgleich ich die Hand nicht erkannte, konnte doch über den Schreiber kein Zweifel obwalten. „Der Knabe möchte wissen, ob er eine Antwort erhalte," sagte der Kellner. Ich nickte, »ahm meinen Hnt ans und verließ das Zimmer. Ein zerlumpter Junge stand in dem Hof, und ich wechselte kaum sechs Worte mit ihm, während ich ihm durch eine enge Gasse folgte, welche vor dem Wirthshans vorbeiführte und mit einem Schlagbaume schloß. Hier hielt der Knabe an, hieß mich durch ein Zeichen weiter gehen und kehrte pfeifend um. Hinter dem Schlagbaum gelangte ich auf ein grünes Feld, auf welchem eine Reihe knorriger Weiden gegen ein Bächlein überhing. Ich sah mich um und erblickte Vivian — wie ich ihn noch immer nennen will — in halb kniender Stellung, als betrachte er angelegentlich eine» Gegenstand im Grase. Mein Auge folgte unwillkührlich denk seinigcn. Ein junger Vogel, der das Nest zu früh verlassen hatte, saß allein in dem kurzen Gras, den Schnabel wie nach Futter aufgespcrrt und den Blick sehnsüchtig auf uns geheftet. In dem verlassenen Vogel schien mir etwas zu liegen, was mich milder stimmte gegen den noch verlasseneren Jüngling, dessen Gegenbild er war. „Fiel wohl dieser Vogel aus seinem Nest," sagte Vivian, indem er halb vor sich hin, halb zu mir sprach, „oder verließ er es aus eigenem wildem Antrieb? Die Eltern schützen ihn nicht. Ich wist damit nicht sagen, daß der Fehler an ihnen liege — vielleicht trifft die Schuld blos den 747 Verirrte». Aber wen» auch kein schützender Vater da ist, so doch der Feind — seht dort!" Und der junge Mann deutete ans eine große, scheckige Katze, die nur durch unsere unwillkommene Nähe von ihrem Raub abgehaltcn wurde, gleichwohl aber in der Entfernung einiger Schritte auf der Lauer staud und ihren Schweis sanft vor und rückwärts bewegte; dabei zeigte sic jenen verstohlene» Blick in ihren runden, von der Sonne geblendeten Augen — halb wild, halb scheu — wie man ihn bei diesem Thiergeschlecht trifft, wenn es durch den Menschen von seinem Opfer abgehalten wird. „Ich sehe," versetzte ich ; „aber eist vorübergehender Fußtritt hat den Vogel gerettet!" „Halt!" sagte Vivian mit dem alten bittern Lächeln auf seiner Lippe, während er mit seiner Hand die »reinige faßte — „halt! meint Ihr, es sey Barmherzigkeit, das Thierchcn zu retten? Weshalb und vor was? vor einem natürliche» Feinde — von einem kurzen Schmerz und einem schnellen Tode? Pah! — Ist dies nicht heffer, als langsames Verhungern, oder, wenn Ihr besser dafür sorgen wollt, als das Gitter eines Käfichts? Ihr könnt es nicht in das Nest zurücksetzen oder die Eltern herbeirufen. Scyd weiser in Eurem Erbarmen und überlaßt den Vogel seinem mildesten Schicksal!" Ich faßte Vivian scharf iisis Auge; die Lippe hatte ihr bitteres Lächeln verloren. Er stand auf und wandte sich ab. Ich versuchte, de» armen Vogel zu fangen; aber er kannte seine Freunde nicht und flüchtete sich vor mir mit 748 kläglichem kreische» — gerade nack dem Nachen ihres grimmigen Feindes hin. Ich hatte kanm noch Zeit, die Katze z» verscheuchen, welche einen Baum hinansprang und durch die hängenden Zweige ihre Augen »icdersnnkeln ließ. Dann folgte ich dem Vogel und hörte, während ich dies that, ein kurzes, rascheS, zitterndes Locken, obschon ich Anfangs nicht wußte, woher der Ton kam. War er nahe, war er ferne — auf der Erde oder am Himmel? — Armer Vogel — wie die Liebe eines Vaters schien er bald fern, bald nahe zu seyn, jetzt auf der Erde, jetzt im Himmel! Und endlich, rasch und plötzlich, als sey die Hcimath nahe — siehe, da flatterten die kleinen Schwingen über mir! Der junge Vogel machte Halt nnd ich gleichfalls, „Gut," sagte ich; „ihr habt einander endlich gesunde». Bringt die Sache unter ench selbst in'S Reine!" Und ich kehrte zurück zu dem Verstoßenen. Zweites Kapitel. Pisistratns, — Wie habt Ihr erfahren, daß wir nns in der Stadt aufhielten? Vivian, — Glaubt Ihr, ich konnte dort bleiben, wo Ihr mich verließet? Ich zog fort — wanderte hieher. Als ich in der Dämmerung durch die Straßen ging, sah ich die Stallknechte um das Hofthor schlendern, hörte ihr Gespräch und erfuhr so, daß ihr Alle in dem Gasthause wäret — alle! (er seufzte schwer auf). Pisistratns. —Euer armer Vater ist sehr krank! O Vetter, wie konntet Ihr so viel Liebe von Euch schleudern ! Bivian. — Liebe? — bei ihm? bei meinem Vater? Pisistratns.— Ihr glaubt also wirklich nicht, das; Euer Vater Euch liebte? Bivian. — Wenn ich dies hätte glauben können, so würde ich ihn nie Verlassen haben. Alles Gold Indiens wäre nicht im Stande gewesen, mich zu bewegen, daß ick meine Mutter verließe! Pisistratns. — Dies ist in der Thal ein seltsamer Jrrthum von Eurer Seite, und wenn ich ihn zu banne» vermag, kann vielleicht Alles noch gut werden. Sind jetzt auch noch Geheimnisse zwischen nns nöthig? (Zutraulich). Setzt Euch und erzählt mir Alles, Vetter. Nach einigem Zandern willfahrte Vivian, und die Ruhe seiner Stirne wie auch der Ton seiner Stimme gab mir die Neberzeugnng, daß er nicht länger die Wahrheit zu verhüllen suchte. Da ich jedoch nachher die Geschichte auch ans dein Munde des Vaters vernahm, wie ich sie jetzt aus dem des SohneS hörte, so will ich, statt Vivians Worte zu wiederholen, die, wenn anch nicht absichtlich, bei dem verkehrten Sinne des jungen Mannes die Thatsachcn entstellten , — das Sachverhältniß zwischen den so unglücklich einander gegennberstehenden Partien anfführen, wie es sich für mich der Wahrheit gemäß gestaltet zu haben schien. Verzeih mir, Leser, wenn dich mein Bericht ermüdet; und wenn du meinst, ich verfahre nicht streng genug gegen den irrenden Helden der Geschichte, so bedenke dabei, daß der Bericht- 750 erstattcr nicht anders urtheilte, als wie Austins Sohn den § ohn von Noland beurtheilen mußte. Drittes Kapitel. V i v i a n. An des Lebens Eingang sitzt — die Mutter. Während des Krieges in Spanien wurde Roland schwer verwundet, und das darauf folgende Fieber bannte ihn an das Hans einerspanischen Wittwc. Seine Wirthin war einmal reich gewesen, in den allgemeinen Drangsalen des Landes aber um ihr Vermögen gekommen. Sie hatte eine einzige Tochter, welche sie in der Verpflegung des verwundeten Engländers unterstützte, und als die Zeit von Nolands Abreise hcrannahtc, verrietst der unverholcne Schmerz der jungen Ramuna den Eindruck, welchen der Gast ans ihr Herz gemacht hatte. Die Dankbarkeit und vielleicht auch ein zartcS Ehrgefühl unterstützten in Nolands Brust den Zauber, welchen die Schönheit seiner jungen Pflegerin übte, und dazu kam noch ein ntterliches Mitleid mit der verlassenen Lage der ibres Vermögens beraubten Familie. In einem jener hastigen Antriebe, welche man bei edlen Wesen so hänsig findet und welche nur zu oft verhängniß- voll beweise», daß die Klugheit den obersten Rang einnehme unter den Schutzmächten des Lebens, beging Noland den Jrrthnm, sich mit einem Mädchen ehlich zu verbinden, von deren Verwandten er nichts wußte, und in deren Charakter er nicht viel weiter als die warme, aufopfernde Empfänglichkeit des Herzens kannte. Einige Tage nach dieser übereilten Heirath schloß sich Roland der abinarschirenden Armee an und konnte erst nach dem Hauptsiegc bei Waterloo nach Spanien zurnckkehrcn. Durch den Verlost eines Gliedes verstümmelt und mit den Narben vieler neu empfangenen edlen Wunden eilte Roland zurück nach einer Hcimath, deren Träume sein Schmerzenslager gemileert hatten und nun an die Stelle der früheren Gesichte von Ruhm getreten waren. Während seiner Abwesenheit hatte ihm seine Gattin einen Sohn geboren — einen Sohn, den er zu erziehen hoffte, damit er den von ihm verlassenen Platz cinnehme in der Armee seines Vaterlandes und auf künftigen Schlachtfeldern die Laufbahn erncure, die er bei aller Romantik seines antiken und ritterlichen Ehrgeizes nicht hatte zu einem erfolgreichen Schluß bringen können. Die Kunde von dem Zuwachs seiner Familie war kaum bei ihm cingclaufen, als er Sorge dafür trug, das Kind mit einer englischen Wärterin zu versehen, damit cs neben den ersten Lauten der mütterlichen Liebe auch eine Stimme höre aus dem Lande des Vaters. Eine Verwandte von Volt hatte sich in Spanien niedergelassen und wurde veranlaßt, sich dieser Obliegenheit zu unterziehen. So natürlich auch diese Maßregel von Seiten eines warmen Engländers war, gefiel sic doch seiner wilden, leidenschaftlichen Ramuna ganz und gar nicht. Sic besaß die Eifersucht einer Mutter, die sich bei einem unerzogenen Geiste am stärksten kundgibt, und den ejgenthümlichen Stolz, den man 75S bei de» Spinnern jeden Standes und jeder Stellung antrifft — zwei Eigenschaften, die durch den Anblick einer englischen Wärterin an der Wiege des Kindes schwer verletzt wurden. 'Die unausbleibliche Felge einer selchen Verbindung war, daß Noland, als er wieder an seinem spanischen Herd anlangte, in den Erwartungen des Glückes, das seiner dort wartete, sich sehr getäuscht sah. Bet aller militärischen Derbheit besaß Noland jenes feine, fast allzu ekle Gefühl, welches ein Eigenthnm aller poetischen Naturen ist, und nachdem die ersten Selbsttäuschungen der Liebe dahin geschwunden waren, konnte sein stattliches Wesen natürlich wenig Anklang finden bei einer Person, die sich so sehr von ihm unterschied durch einen gänzlichen Mangel an Erziehung und durch die scharfen, obgleich nnnennbarcn Abgrenzungen nationaler Ansichten und Sitten. Der Kummer getäuschter Hoffnung ging jedoch wahrscheinlich tiefer, als es gewöhnlich bei unpassenden Verbindungen der Fall ist; denn statt seine Gattin »ach dem alten Thurm zu bringen— eine Entführung, gegen welche sie sich ohne Zweifel ansS Acnßerste gesträubt babcn würde — nahm er trotz aller seiner Verstümmelungen kurze Zeit nach seiner Anknnst in Spanien einen militärische» Posten unter Ferdinand an. Nolands ritterlicher, loyaler Sinn ließ ihn ohne Bedenken seinen Dienst einem Throne weihen, zu dessen Wiederherstellung englische Waffen beigetragen hatten, während die große Nnpopularität der konstitutionellen Partei tu Spanien und das Brandmal der Irreligiosität, welche? ihr von den 783 Priestern aufgedrückt wurde, in ihm den Glauben nähren halfen, er unterstütze einen geliebten König gegen die Anhänger der revolutionären und jakobinischen Lehren, die ihm als politischer Atheismus erschienen. Die Erfahrung einiger Jahre im Dienste eines so verächtlichen Frömmlers, wie Ferdinand, dessen höchstes patriotisches Ziel die Wiederherstellung der Inquisition war, fügte denen, welche bereits das Leben eines Mannes verbitterten, der in dein großen Helden des Cervantes keine dein Spott verfallene Thorheiten, sondern nachahmenswerthe hohe Tugenden gesehen hatte, eine weitere Täuschung bei. Selbst ein armer Don Quirote, kam er traurend zurück nach seiner La Mancha, ohne für sein irrendes Nitterthum einen andern Lohn davon getragen zn haben, als eine Decoration, die er neben seiner einfachen Waterloo-Medaille zu tragen verschmähte, und einen Rang, gegen welchen er nur mit Erröthcn seinen bescheideneren, aber ehrenvolleren englischen Titel hätte aufgebcn können. Dennoch hoffnungsvoll kehrte der sanguinische Mann zu seinen Penaten zurück. Sein Sohn war zum Knaben herangewachsen und sollte jetzt natürlich unter seine Leitung kommen. Entzückende Aufgabe! — schon bei dem Gedanken daran lächelte ihm die Hcimath wieder. Jetzt aber zeigten sich erst die verderblichsten Folgen seiner unglückseligen Verbindung. Ramuna's Vater hatte jenem fremden geheimnißvollen Stamme angehört, welcher in Spanien so viele Züge darbietet, verschieden von den Merkmalen der ihm verwandten in civilisirteren Ländern. Der Gitano oder Zigeuner Bulwer, die Caxtone, 4g 7S4 Spaniens ist nicht der bloße Landstreicher, den wir auf unser» Haiden und Straßen herumziehcn sehen. Er hat zwar viel von der ursprünglichen gesetzlosen und diebischen Natur seines Volkes beibehalten, lebt aber oft in Städten, treibt verschiedene Gewerbe und wird nicht selten wohlhabend. Ei» reicher Gitano hatte eine Spanierin gchcirathet, - und Namuna war der Sprößling dieser Ehe. Er starb, während seine Tochter noch sehr jung war, so daß ihre Kindheit frei blieb von den Einflüssen ihrer väterlichen Verwandtschaft. Die Mutter erzog sic in ihrer eigenen Religion und verhütete jede Beimengung von dem gottlosen Glaubensbekenntnis des Gitano; aber obgleich sie sich nach dem Tode ihres Gatten ganz von seinem Stamme trennte, galt sie doch bei ihre» eigenen Verwandten und ihrem Volk als eine Person, welche einer verworfenen Kaste angchörtc. Während sie sich bemühte, wieder zu Ehren zu kommen, verlor sie ihr Vermögen, welches einzig einen Erfolg ihrer Bestrebungen in Aussicht stellte, und so blieb sic einsam und abgeschieden, ohne Freunde, welche Namuna in ihrer verlassenen Lage während der Abwesenheit ihres Gatte» hätten Trost bringen können. Mein Onkel war noch im Dienste Ferdinands, als die Wittwe starb, und Ramuna kam nun mit keinen andern Verwandten in Berührung, als mit denen von väterlicher Seite. So lange die Mutter lebte, hatten sie es nicht gewagt, ihre Ver- " Ein Spanier verbindet sich sehr selten mit einer Gitana oder Zigeunerin, obschon, wie Mr. Borrow bemerktEhe» zwi- scheu reichen Zigeunern und Spanierinnen bin und wieder vor. kommen, 7S5 wandtschaftsansprüchc geltend zu machen; jetzt aber thatcn sie es durch Aufmerksamkeiten und Liebkosungen gegen ihren Sohn. Dieses öffnete ihnen mit einem Male Ramnna'S Herz und Thürc. Inzwischen war auch die englische Wärterin, welche trotz aller Plackereien, die ihr den Aufenthalt in dem fremden Hause verhaßt machen konnten, aus treuer Anhänglichkeit zu ihrem Pflegempfohlencn auf ihrem Posten ausgeharrt hatte — einige Wochen nach Namuna's Mutter gestorben, und es fehlte jetzt an jedem gesunden Einfluß, um jenem Pestartige» entgegen zu wirken, welchem der Erbe der ehrenwerthen alten Cartone unter warfen war. Aber Roland kehrte in einer Stimmung zurück, die ihn Alles in einem heitern Lichte betrachten ließ. Freudig drückte er die Gattin an seine Brust und machte sich im Stillen den Vorwurf, er sey zu nachsichtlos gewesen und habe zu viel verlangt ; fortan wolle er Weiser sehn. Mit Entzücken erfüllte ihn die Schönheit, der Verstand und die männliche Haltung des Knaben, der mit seinem Porte Epee spielte und mit seinen Pistolen als einer guten Beute davonlicf. Die Kunde von der Ankunft des Engländers hielt Anfangs die nnehrbarc Verwandtschaft von dem Hause ab; aber der Knabe war unter den Zigeunern sehr beliebt, und er selbst hatte große Anhänglichkeit an sie, so daß häufige Zusammenkünfte zwischen ihm und seinen wilden Gefährten stattfande», obschon dies nur heimlich geschah, Allmälig gingen Roland die Augen auf. Als der Knabe im gewöhnlichen Verkehr die Zurückhaltung ablcgte, welche Scheu und Verschmitztheit ihm anfänglich auserlegt hatten, war Roland 48 « 736 nicht wenig erschüttert über die freche» Grundsätze, die sein Sohn cm den Tag legte, und über dessen gänzliche Unfähigkeit, den einfach ehrenhaften Sinn zu begreifen, welcher, wie der englische Soldat meinte, schon durch die Geburt komme nnd von dem Himmel selbst eingepsianzt werde. Bald nachher machte Roland die Wahrnehmung, daß sein Haus systematisch geplündert wurde, und als er der Sache auf die Spur ging, stellte sich heraus, daß die Mutter ihren Sohn in solcher Weise schalten ließ zum Besten eines trägen Raubgesindels und ausschweifender Landstreicher. Diese Entdeckung würde wohl auch einen geduldigeren Manu, als Roland war, aufgebracht nnd einen vorsichtigeren in Verwirrung gesetzt haben. Er schlug den natürlichsten Schritt ein, wobei er vielleicht nur den Fehler machte, daß er zu gebieterisch darauf bestand und dem ungebildeten Sinn, dem leidenschaftliche» Wesen seiner Gattin nicht genug Rechnung trug: er befahl ihr, sie solle sich augenblicklich zu Verlassung des Platzes vorbcrciteu und allen Verkehr mit ihrer Verwandtschaft aufgeben. Die Folge davon war eine ungestüme Weigerung. Roland war jedoch nicht der Mann, um in einem solchen Punkte nachzugcbcn ; die Gattin heuchelte Unterwerfung, und ihre scheinbare Reue beschwichtigte nicht nur seinen Zorn, sondern verschaffte ihr auch seine Verzeihung. Sie zogen nach einem mehrere Stunde» entlegenen Orte; aber wohin sic sich auch begeben mochten, folgten ihnen stets wenigstens einige, und zwar die schlechtesten von derheillosen Brut, verstohlen nach. Was es mit der früheren Liebe Ramuna'S 757 L- zn Roland für eine Beschaffenheit gehabt haben mochte, augenscheinlich war sie längst nntergegangen in dem völligen Mangel an Sympathie zwischen den Eheleuten und in jener Abwesenheit, die, während sie eine kräftige Zuneigung erneuert, eine bereits geschwächte völlig austilgt. Dagegen hingen Mutter und Sohn mit der ganzen Stärke ihrer kräftigen , wilren Naturen an einander. Sogar unter gewöhnlichen Verhältnissen ist der Einfluß eines Vaters ans einen jungen Knaben fruchtlos, wenn die Mutter sich dazu hcrgibt, ihn zu vereiteln, und welche Aussicht hatte der derbe, ernste, ehrenhafte Roland, welcher noch obendrein in der Zeit von seinem Sohne getrennt gewesen war, wo die Jngcnd am lenksamsten ist, in einer so unseligen Lage den Einflüsterungen einer Mutter gegenüber, welche den Fehlern ihres Lieblings allen Vorschub leistete und alle seine Wünsche befriedigte? In seiner Verzweiflung ließ Roland die Drohung fallen, wenn man seine Plane in solcher Weise zu nichts mache, werde es seine Pflicht, den Sohn der Mutier zu entreißen. Dieses scharfe Wort verhärtete sogleich die Herzen beider gegen ihn. Ramnna schilderte dem Knaben seinen Vater als einen Tyrannen als eine» Feind, als einen Mann, der alles Glück zerstört habe, dessen sic sich früher gegenseitig erfreuten, und dessen Strenge zeige, daß er sein eigenes Kind hasse. Der Knabe glaubte ihr. In dem eigenen Hause bildete sich ein fester Bund gegen Roland unter dem Schutz der Verschmitztheit, welche die einzige Kraft des Schwachen gegen den Starken ist. 758 O Trotz dem konnte Roland die Zärtlichkeit, mit welcher die jnnge Wärterin den verwundeten Krieger gepflegt hatte, und die Angelöbnissc einer Liebe nicht vergessen, die in vergangener Zeit jene schönen Lippen gegen ihn abgelegt hatten — damals wohl einer ächten Liebe, obschott sie nicht ans de» Gefühlen entsprang, welche in dem Kampfe des Lebens Stand zu halten vermöge». Diese Gedanken mußten sich stets zwischen sein Herz und seinen Verstand gedrängt haben, ni» seine Lage noch mebr zu verbittern, sein Inneres noch tiefer zu verwunde». Wenn aber auch die Kraft seines Pflichtgefühls, dieser starken Seite seines Charakters, ihn zu Erfüllung seiner Drohung drängte, so zwang ihn doch jedenfalls die Menschlichkeit , damit znznwartrn — denn seiner Gattin stand bevor, wieder Mutter zu werden. Blanche wurde geboren. Wie konnte er den Säugling der Mutterbrust entreißen oder die Tochter den verderblichen Einflüssen überlassen, von denen er nur durch eine so gewaltsame Maßregel den Sobn zu befreien im Stande war? Kein Wunder, armer Roland, daß so tiefe Furchen deine kühne Stirne durchzogen und dein Haar grau wurde vor der Zeit! Znm Glück vielleicht für alle Thcile starb Rolands Gattin, als Blanche noch ein Kind war. Sic wurde von einem Fieber befallen und drückte vor dem Tode noch in ihren Delirien den Knaben an die Brust, zu den Heiligen betend, sic möchten ihn vor seinem grausamen Vater beschützen. Wie oft vergegenwärtigte sich nicht dieses Sterbe- bette dem Sohn und befestigte in ihm den Gedanken, daß keine väterliche Liebe in dem Herzen wohne, welches jetzt sein einziger Schutz war gegen die Welt und ihre schonungslos auf ihn herabschüttenden Gewitterschauer! Noch einmal sageich, armer Roland, denn ich weiß, daß in der harten, lieblosen Trennung so heiliger Bande dein großes, edleS Herz das erlittene Unrecht vergaß. Wieder sahst du die zärtlichen Blicke ans dem verwundeten Krieger haften — wieder hörtest du in leisem Murmeln die warme Schwäche ath- men, welche einzugestehen die Weiber des Südens nicht durch die Scham abgehaltcn werden. Und nun endete Alles in jenem Wahnsinn des Hasses, in jenem starren Blick des Entsetzens! Viertes Kapitel. Der Lehrer. Roland zog nach Frankreich und wählte seinen Aufenthalt in der Nähe von Paris. Blanche brachte er in einem nnfernen Kloster unter, wo er sie jeden Tag besuchen konnte, und im klebrigen widmete er sich der Erziehung seines Sohnes. Der Knabe war gelehrig: aber dasVerlernc n war hier die Hauptaufgabe — und dieses Geschäft forderte entweder die leidenschaftslose Erfahrung und die weise Nachsicht eines geübten Lehrers, oder die Liebe, das Vertrauen und das fügsame Herz eines gläubigen Schülers. Noland fühlte, daß er der Aufgabe nicht gewachsen war und daß das Herz 760 seines Sohnes hartnäckig gegen ihn Verschlossen blieb. Er sah sich um nnd fand in einem andern Theile von Paris einen, wie es schien, paffende» Lehrer — einen jungen Franzosen von guter wissenschaftlicher Bildung, mit all' der Beredtsanckeit und den hochtönende» Phrasen seiner Nation, welche der romantischen Begeisterung des Kapitän gefielen, nnd hoffnungsvoll vertraute er seinen Sohn der Obhut dieses Mannes. Die natürliche Faffnngsgabe des Knaben meisterte bald Alles, was seinem Geschmack zusagte, und er lernte mit seltener Leichtigkeit nnd Pünktlichkeit französisch sprechen und schreiben. Sein gutes Gedächtniß nnd die beugsamen Organe, in welchen das Talent für Sprachen besteht, dienten unter Beihnlse eines englischen Lehrers dazu, seine frühere Kenntniß der vaterländischen Zunge wieder ins Heben zu rufen, so daß er geläufig nnd correkt englisch sprechen konnte, vbschon in der Betonung stets etwas zurückblieb, waS mir wie ausländisch anfgcfallen war; indeß dachte ich dabei nicht an einen fremden Accent, sondern nur an eine theatermäßige Ziererei. Er brachte es nicht weit in den Wissenschaften — vielleicht nicht viel weiter, als zu einem Anfing französischer Mathematik; dagegen erlangte er eine merkwürdige Geschicklichkeit im Rechnen. Mit Gier verschlang er die leichte Lectüre, die ihm in den Weg kam, nnd las sich dabei jene Art von Kenntniß zusammen, welche Romane ui!h Schauspiele bieten — gut oder schlimm, je nachdem das Gelesene den Verstand erhob nnd die Leidenschaften tadelte oder blos die Phantasie verderbte nnd die menschliche Natur in den Staub zog. In Allem aber, worin Roland seinen Sohn unterrichtet wünschte, 761 blieb cr so unwissend wie zuvor. Neben dein übrigen Unglück in dieser verhäng!,ißvvllen Ehe hatte Rolands Weib den ganzen Aberglauben eines katholischen Spaniers besessen und der Knabe unwillkürlich mit diesem auch die weit traurigeren Lehren des nmnachtete» Zigennerheidenthnms eingcsogcn. Noland hatte für seinen Sohn einen protestantischen Hofmeister gesucht. Der Gefundene war dem Namen nach wohl ein Protestant, ein beißender Spötter über alles Abergläubische — aber zugleich ein Protestant, wie es — der Aeußerung eines Vertheidigers der Voltaircschen Religion zufolge — dieser große Geist gewesen seyn würde, wenn er in einem protestantische» Lande gelebt hätte. Der Franzose spottete den Knaben aus all' seinen, Aberglauben hinaus und ließ ihm dafür nichts, als den höhnischen Skepticis- mus der Eneyclopädie ohne jene versöhnende Sittcn- lehre, über die alle philosophischen Sekten einig sind, obschon man leider ein Philosoph sehn muß, nm sie zu verstehen. Der Lehrer wußte ohne Zweifel nicht, welch ein Unheil er anstiftete. Im Uebrigen unterrichtete er den Zögling nach einen, eigenen Systeme — mild und gefällig genug und ziemlich nach der Art, die auch in England anempfohlen wird—„Bilde den Verstand, und alles Andere wird folgen;" „Lerne ein Buch, und du bist gelehrt;" „Folge dem Drang in den, Geist des Schülers, damit der Genius sich entwickle und sein Streben nicht durchkreuzt werde." Verstand, Geist, Genius — schöne Dinge! Aber um den ganzen Menschen zu erziehen muß man mehr thun, als nur diese ausbilden. 76Z Sticht aus Mangel an Geist, verstand und Genie habe» Borgia und Nero ihre Namen als Denkmale des Schreckens für das ganze menschliche Geschlecht hintcrlaffcn, Wo war in diesem ganzen Unterricht eine einzige Lehrstunde, welche das Herz hätte erwärmen nnd die Seele leiten können? O meine Mutter, daß doch der Knabe neben deinem Knie gestanden und von deinen Lippe» gehört hätte, warum das Leben uns gegeben wurde, in was es enden wird, nnd wie der Himmel uns Tag nnd Nacht offen stehe! O mein Vater, wärest du sein Lehrer gewesen, nicht in der Büchergelehrsamkeit, sondern in der einfache» Weisheit des Herzens ! O hätte er doch von dir in praktischen Gleichnissen das Glück der Selbstaufopferung kennen gelernt und wie man „ein schlimmes Handeln durch gute Thaten wieder gut machen müsse!" Es war ein Unglück für den Knaben, daß er bei seiner Keckheit und Schönheit mit seinem Aeußern und seinem Benehmen etwas verband, was zur Nachsicht stimmte und eine Art mitleidiger Bewunderung weckte/Der Franzose liebte ihn, glaubte seiner Geschichte nnd zweifelte nicht daran, daß der englische Soldat mit seinem harten Gesicht ihn mißhandle, Alle Engländer waren so unangenehm, namentlich die englischen Soldaten, nnd der Kapitän hatte einmal den Franzosen tödtlich gekränkt, weil er Vilainton xranä Immme nannte und mit roher Entrüstung in Abrede zog, daß Napoleon von den Engländern vergiftet worden sey! Statt also den Sohn zu lehren, daß er seinen Vater achte nnd liebe, zuckte der Franzose nur die Achseln, wenn der 763 Knabe in seine unkindlichen Klage» ansbrach, und sagte höchstens: ^Rais, elier ontant, ton pere est-bnxlnis,— e'est tont ckire." Inzwischen wuchs der Knabe schnell znm srühreifen Jüngling heran, und man ließ ihm viele freie Zeit, die er mit allem Eifer seiner früheren Angewöhnungen und seiner abentcncrlichen Gcmüthsart benützte. Er knüpfte Bekanntschaften an mit den jnngen Belagerern der Kaffeehäuser und den Verschwendern der Hauptstadt — den starken Geistern! Nus das Fechten und Pistolenschießen war er trefflich eingeübt, überhaupt auch in allen Spielen sehr gewandt, in welchen Geschicklichkeit das Glück unterstützt, und so lernte er bei Zeiten sich durch Karten und Billardbälle mit Geld versehen. Entzückt übrigens von dem behaglichen Unterkommen, das er gefunden, gab er sich bei den Besuchen seines Vaters alle Mühe, sein Gesicht im Zaume zu halten und sein Benehmen abznglättcn, die erworbenen weniger unedel« Kenntnisse aufs Beste zu benützen und mit der ihm eigen- thümlichen Nachahmungsgabe die schönsten Phrasen zur Schau zu stellen, welche er in Schauspielen und Romanen gefunden hatte. , Welch ein Vater wäre nicht leichtgläubig! Roland glaubte und weinte Thränen der Freude. Jetzt aber dachte er, daß es Zeit sich, den Knaben wieder zu sich zu nehmen und mit einem würdigen Erben nach dem alten Thurme zurückzukehrcn. Er dankte dem Lehrer unter Segenswünschen und holte seinen Sohn. Unter dem Vorwände jedoch, daß er noch Manches, sch es im Bücherwissen oder in mannhaften Hebungen, zu lernen habe, bat der Jüngling 764 seinen Vater, »och nicht nach England zurnckzukehren und ihm zu gestatten, noch einige Monate täglich seinen Hofmeister zu besuchen. Roland willigte ein, verließ sein altes Quartier und bezog eine Wohnung in der nämlichen Vorstadt, in welcher der Hofmeister seine Behausung hatte. Kaum aber befanden sich die Beiden unter Einem Dache, als sich auch die gewohnten Liebhabereien des jungen Menschen und sein Trotz gegen alles väterliche Ansehen kund- gaben. Ich muß meinem unglücklichen Vetter wenigstens insoweit Gerechtigkeit widerfahren lassen, daß er, wen» ihn auch die Klugheit anffordcrte, sich eine kurze Zeit zu verstellen, doch nicht Heuchler genug war, einen systematischen Betrug durchznführcn. Er konnte Wohl eine Weile eine Rolle spielen und sich dabei freuen über seine Geschicklichkeit, war aber nicht im Stande, mit der Gedukd kaltblütiger Verstellung eine Maske zu tragen. Doch warum eingehen in die leidige» Einzclnheitcn, die sich der verständige Leser leicht selbst denken kann? Die Fehler des Sohnes waren gerade von der Art, daß Roland am wenigsten Nachsicht damit haben konnte. Gegen die gewöhnlichen Verirrungen einer hochsinnigcn Jugend wäre sicherlich kein Vater milder gewesen; aber wenn sich's um Gemeinheiten handelte, die den Gentleman und den Soldaten verletzten, so hätte ich nicht um Welten dem Düster seiner Stirne und dem Weh entgegentrete» mögen, das wie Verachtung aus seiner Stimme sprach. Alle Warnungen, alle Hindcrungsvcrsuche blieben jedoch fruchtlos, und als Roland einmal um Mitternacht in einer Kneipe 765 für Spieler und Betrüger seinen Sohn antraf, wie er in der vollen Glnt des Triumphs mit seinem Billardstock gegen Alle seine llel'crlegenhcit zeigte, während ein Hansen von Fünsfrankcnstücken vor ihm lag — da mögt ihr euch denken, mit welcher Wuth der stolze, leidenschaftliche Mann mi seinem Stock in der Hand die gemeine Genossenschaft verjagte und ihr den schlcchterworbenen Gewinn seines Sohnes nachwarf, worauf der Sohn, voll von Gefühlen der Rache über diese Demüthignng, ihm nach Hanse folgen mußte. Noland brachte nnn den Jüngling nach England, aber nicht nach dem alten Thnrm, denn der Herd seiner Vorfahren war noch zu heilig für den Fuß des liederlichen Erben! Fünftes Kapitel. Der Herd ohne Vertrauen und die Welt ohne eine» Führer. Vergeblich nach allen Vorstellungen greifend, die ihm sein derber Sinn eingab, sprach nun Noland viel und in hohem Tone von den Pflichten, die der Mensch, selbst wenn er alle kindliche Liebe bei Seite legte, wenigstens dem Namen seines Vaters schnloe. Sein Stolz, der stets so lebhaft war, wurde nnn hart und reizbar, so daß ohne Zweifel der verkehrte Sinn des Sohnes Anstoß daran nahm und der Liebe immer mehr entfremdet wurde. Außerdem wirkte dieser Stolz, ohne etwas Gutes zu erzielen, nur um so nachthci- ligcr, weil die Krankheit auch ans den Jüngling überging, 766 aber nur i» Unrechter Weise. Er sagte zu sich selbst: „Aus diesen Ahnen und hohen Worten muß ich entnehmen, daß mein Vater ein großer Mann ist. Ev hat Güter und ein Schloß — aber wie erbärmlich leben wir und wie sehr verkürzt er mich in Allem! Wenn er Ursache hat, ans diese todten Personen stolz zu sehn — je nun, so ist es bei mir der gleiche Fall. Und ist diese Wohnung sammt Zugehör ein paffender Aufenthalt für den 'Gentleman', der ich seiner Aussage zu Folge bin?" Auch in England kam das Zigcunerblnt wie früher zum Ausbruch, und der Jüngling fand — der Himmel weiß wie oder wo — liederliche Kameradschaften. Seltsam aus- seheude Gestalten, vornehin schäbig und gemein stutzerhaft, lauerten in der Straßenecke oder guckten zum Fenster herein und schlichen wieder von dannen, sobald sie Rolands ansichtig wurden; Noland aber konnte sich nichtzu einem Spion herabwürdigen. DaS Herz des Sohnes verhärtete sich mehr und mehr gegen den Vater, und auf dem Gesichte des Letzter» war nie wieder ein Lächeln zu bemerke». Da liefen Rechnungen ein und Gläubiger klopften an die Thüre. Rechnungen und Gläubiger einem Manne gegenüber, der schon bei dem Gedanken an eine Schuld zurückbebtc wie das Hermelin vor einem Flecken auf seiner Haut! Und des Sohnes kurze Antwort auf die Vorstellungen lautete: „Bin ich nicht ein Gentleman? — dies sind Dinge, deren Gcntlcmen bedürfen." Roland erinnerte sich jetzt vielleicht an den Versuch seines französischen Freundes, ließ seinen Schrank unverschlossen und sagte: „Richte mich zu Grunde, wenn Du willst 767 aber keine Schulden! In diesen Schubfächern ist Geld — sie sind unverschlossen." Einen Jüngling von hohem und zartem Ehrgefühl würde ein solches Vertraue» für immer von allen Ausschweifungen' geheilt haben; aber der Zögling der Zigeuner verstand dies nicht. Er sah darin nur eine natürliche, wenn auch ungnädige Erlanbniß, zu nehmen, was er wollte — und nahm! Dem Kapitän erschien dies als ein Diebstahl und zwar als ein Diebstahl der gemeinsten Art — eine Erklärung, über welche sein Sohn höchlich sich entrüstete, da er meinte, in der rührenden Berufung an sein Ehrgefühl habe nur eine Falle gelegen, damit man ihn mit Schimpf behandeln könne. Mit Einem Worte, Keiner verstand den Andern. Roland verbot seinem Sohn, das Haus zu verlassen; in derselben Nacht aber schlich sich der junge Mann fort in die weite Welt, um trotzend sich in seiner eigene» wilden Weise zu vergnügen. Es würde ermüden, wenn ich ihm durch seine verschiedenen Abenteuer und durch die Versuche, das Glück zu zwingen, folgen wollte, selbst wenn ich davon so genau unterrichtet wäre, als dies nicht der Fall ist. Freiwillig gab er jetzt seinen wahren Namen ans; um übrigens den Leser nicht durch die frühere Aliasc zu verwirren, werde ich meinen unglücklichen Verwandten nur bei dem Namen nennen, unter welchem ich ihn zuerst kennen lernte, und damit fortfahren, bis er — der Himmel gebe, daß es so weit kommen möge — nach vorgängiger Besserung den eigenen wieder ansprechcn kann. Durch den Anschluß an eine herumziehende Komödianten- 788 bandc wurde Vivian mit Pcacock bekannt. Dieser Ehrenmann, welcher selbst viele Saiten für seinen Bogen hatte, merkte bald Vivians Geschicklichkeit im Billardspiel und sah darin eine weit bessere Methode, vereint sich fortznhelfen, als wenn sie ans den Brettern eines herumziehcnden Thespis figurirten. Vivian schenkte ihm Gehör, und ihre Vertrautheit war noch ganz frisch, als ich in dem Straßenwirths- hans mit ihnen zusammentraf. Diese zufällige Begegnung machte — wen» ich der mir gegebenen Versicherung Glauben schenken darf — eine lebhafte und für den Augenblick heilsame Wirkung auf Vivian. Die Unschuld und Frische eines jungen Gemüths war ihm neu; der schwungkräftige, gesunde Frohsinn, mit welchem diese Gaben begleitet waren, machte ihn betroffen, wenn er ihn mit seiner eigenen erzwungenen Heiterkeit und dem Düster seines Innern verglich. Und dieser Jüngling war sein Vetter! Als er später nach London kam, wagte er es, in dem Strand-Hotel, nach welchem ich ihn verwiesen, nach mir zu fragen. Dort erfuhr er. wo wir wohnten, und als er eines Abends nach mir spähte, sah er meinen Onkel an dem Fenster — ein Anblick, welcher in bewog, sogleich die Flucht zu ergreifen. Er hatte damals über einiges Geld zu verfügen. DieS bewog ihn, plötzlich abzubrcchen mit der Gesellschaft, in welcher er sich bisher nmgetrieben, und er beschloß, nach Frankreich znrückznkehren und dort zu versuchen, ob er nicht ans eine achtbarere Weise sein Daseyu fristen könne. Die errungene Freiheit hatte ihm nicht das geträumte Glück gebracht, und daS Treiben, vor welchem ihn sein Vater vergeblich zu warnen 789 suchte, Lot dem Ehrgeize, der tu ihm zu nagen begann, keinen Rani». Sein achtbarster Freund war sein alter Lehrer und zu diesem wollte er gehen. Der Lehrer aber war jetzt verheirathet und selbst Vater — ein Umstand, welcher eine wunderbare Veränderung tu seiner praktischen Stttcnlehre hervorgerufen hatte. Es schien ihm nicht mehr recht zu scyn, dem Sohn tu seiner Empörung gegen den Vater Vorschub zu leisten. Vtdian entwickelte bei der Aufnahme, die er fand, seinen gewöhnlichen spöttischen Hochmuth und wurde dafür höflich gebeten, .das Halts zu verlassen. Dann hing er sich wieder an die starken Geister von Paris. Leider aber gab cs so viele, deren Geist weit stärker war als der scinige. Er gerietst in eine Mißhelligkeit mit der Polizei — nicht gerade wegen eigener unehrenhafter Handlungen, sondern weil er unvorsichtigerweise Bekanntschaft angeknnpft hatte mit andern weniger bedenklichen Personen — und hielt es deß- halb für räthlich, Frankreich zu verlassen. So kan: cs denn, daß ich ihn zerlumpt und verwahrlost in den Straßen von London wieder anffand. Mittlerweile hatte Noland nach den ersten vergeblichen Nachforschungen sich ganz der Entrüstung und dem Widerwillen überlassen, welche längst in ihm brüteten. Der Sohn war seinerLeitung entwichen, weil sie ihn vor Schande bewahren wollte. Er hatte strenge Vorstellungen vom Gehorsam , und die Geduld war in seinen: Herzen nahezu erdrückt worden. Jetzt glaubte er, daß er den Gedanken ertragen könne, den Sohn seinem Schicksal zu überlassen, ihn zu verstoßen imd zu sagen: „ich habe keinen Sohn mehr." Bnlwer, die Ca.rtone, Hg 770 In dieser Stimmung kam er zuerst nach unserem Hause. Als jedoch an jenem denkwürdigen Abende, an welchem er seinen ergriffenen Zuhörern die traurige Geschichte von dem Leid und Verbrechen eines nicht minder duldenden Vaters erzählte, in seinem Vortrage die schnell fassende Theil- nabme seines Bruders den eigenen Kummer erkannte, kostete es Letzteren nicht viele Mühe, das Ganze zu erfahren oder zu errathcu, und es gelang Austins milderIlebcrredungsgabc bald, Roland zu überzeugen, daß er noch nicht Allem auf- geboten habe, um dm Wanderer anfzuspürcu und das verirrte Kind znrückzunifeu. Er ging nun nach London, besuchte jeden Ort, wo er den Flüchtling zu finden hoffte, sparte und brach sich an der eigenen Nothdnrft ab, »m sich die Mittel zu verschaffen, Theater und Spiclhäuser zu besuchen , und durch Belohnungen die Thätigkcit der Polizei zu spornen. Endlich sah er die Gestalt, nach welcher er mit Schmerzen geforscht hatte, in der Straße unter seinem Fenster und rief in freudiger Selbsttäuschung : „Er bereut." Eines Tags lief bei meinem Onkel durch seinen Banguicr ein Schreiben von dem französischen Hofmeister ein (dieser wußte nämlich dm Kapitän auf keine andere Weise zu erfragen , als durch das Haus, welches ihm seinen Gehalt ansbczahlt hatte), (n welchem ihm von dem Besuch seines Sohnes Anzeige gemacht wurde. Roland brach sogleich nach Paris auf. Dort angelangt konnte er von seinem Sohn nur durch die Polizei Auskunft erhalten und erfuhr bei dieser Gelegenheit, daß man denselben in der Gesellschaft vollendeter Gauner gesehen habe, die sich bereits in den Händen der 771 Gerechtigkeit befänden; da jedoch der junge Mein» selbst keines Verbrechens schuldig erfunden wurde, so scy ihm gestattet worden, Paris zu »erlasse», und er habe vermuthlich den Weg nach England cingcschlagcn. Dies brach endlich das Herz des Kapitän. Sein Sohn der Genosse von Gaunern! — konnte er überzeugt seyn.dast derselbe nicht gar ihr Mitschuldiger war? Und wen» auch nicht, wie klein ist der Schritt von dem Umgang zur Thcilnahmc! Er holte das ihm noch gelassene Kind aus dem Kloster, kehrte nach England zurück und wurde unmittelbar nach seiner Ankunft von einem nervösen Fieber befallen — augenscheinlich am nämlichen Tage oder einen Tag vor dem, an welchem der Sohn ohne Obdach und ohne Heller in der Tasche auf dem Strastenpffaster von London niedergesuuken war. Sechstes Kapitel. Der Versuch, einen Tcmpcl des Glücks zu bauen ans den Tr ü NImcrn der Hei »I atb. „Aber als Jhrmir zu Hilfe kämet, ohne mich zu kennen ," fuhr Vivian in seiner Erzählung fort, „alsIhr mir Beistand leistetet und ich von Euren Lippen zum erstenmal Worte hörte, die mich wegen Eigenschaften lobten, die noch werthvoll werden könnten — ach !" fügte er traurig bei: „ich erinnere mich noch deutlich der Worte — da ging mir ein neues Licht ans, unbestimmt zwar und kämpfend, aber dennoch ein Licht. Der Ehrgeiz, mit welchem ich den tnckmänscrischen Franzose» 4S ' 772 aufgesucht hatte, erwachte aufs Neue uud nahm eine würdigere, bestimmtere Gestalt au. Ich wollte mich über den Schlamm erhebe», mir eine» Name» mache» und mich auf- schwiugc» im Lebe»!" Vivian ließ den Kopf sinke», richtete ihn aber schnell wieder auf und lachte — in seiner alte» dumpfen, höhnischen Weise. Der Nest seiner Erzählung läßt sich kurz zusammcn- faffcn. Die bitteren Gefühle gegen seinen Vater festhaltcnd, beschloß er, sein Jncognito fortznführen; er gab sich einen Namen, der die Mnthmaßnng leicht irre führen konnte, wenn ich etwa von ihm mit meiner Familie sprach, da ihm bekannt war, Roland wisse, daß ein Obrist Vivian durch einen entlaufenen Sohn viel Kummer erlitten habe — denn in der Thal hatte das Gespräch über diesen Gegenstand ihn zuerst auf den Gedanken gebracht, selbst auch zu entfliehen. Die Hindcntung, daß er mit Trevanion bekannt werden könne, kam ihm sehr gelegen; er hatte aber Gründe, mir seine Einführung nicht verdanken zu wollen — überhaupt mich nicht wissen zu lassen, wo er war, da früher oder später dies aller Wahrscheinlichkeit nach zur Entdeckung seines wirklichen Namens führen mußte. Es kam ihm deshalb für seine Plane sehr erwünscht, daß wir alle London verließen, weil ihm dann die Bühne allein überlassen blieb, lind nun faßte er kühn einen Entschluß, den er für einen Mcisterzug seines Lebens hielt — er wollte sich nämlich einigermaßen die Mittel zu einer unabhängigen Stellung sichern und sich förmlich und völlig von der väterlichen Gewalt lossagen, Da er wußte, welche ritterliche Verehrung der ar,ne Noland 773 c,egen seinen Namen hegte, nnd der festen Ueberzcngnng lebte, sein Vater liebe ihn nicht, sondern fürchte nnr, der Sohn möchte ihm Schande machen, so nahm er sich vor, des Kapitäns Vorurtheile zn benützen, nm seinen Zweck zu erreichen. Er schrieb an Roland einen kürzen Brief (denselben, welcher dem armen Manne eine so freudige Hoffnung eingcflößt — denselben, nach dessen Dnrchlesnng er zu Blanche gesagt hatte: „Bete für mich !") worin er einfach andcntcte, er wünsche seinen Vater zu sehen, und für die Zusammenkunft ein Gasthaus in der City namhaft machte. Die Begegnung fand statt. Roland kam, Liebe und Vergebung in seinem Herzen — aber (wer sollte es ihm zum Vorwurf machen ?) Würde auf der Stirne und Vorwurf in seinem Auge. Er näherte sich dem Sohne, bereit, bei dem ersten Wort sich an seine Brust zu werfe»; aber Vivian, der nnr die äußeren Zeichen sah'nnd sie nach seinem eigenen Sinne deutete, wich zurück, faltete die Arme auf der Brust nnd sagte kalt: „Verschont mich mit allen Borwürsen, Sir — sic sind nutzlos. Es ist mir bloS darum zn thun, Euch einen Vorschlag zn machen, der Euren Namen retten soll ; den Sohn mögt Ihr dann aus Eurer Erinnerung tilgen." Nur auf die Erreichung seines Zwecks erpicht, erklärte der unglückliche Jüngling, daß er fest entschlossen sey, nie mit seinem Vater zn leben, nie sich seiner Leitung zu unterwerfen nnd seinen eigenen Weg fortgchen zn wollen, welcher dieser auch sehn möge; eben so wenig ging er darauf ein, Aufklärung zu geben über die Thatsachcn, die am meisten zu seinem Nach- 774 theil sprachen, weil er vielleicht dachte, je schlimmer ihn sein Vaterbenrtheilc, desto mehr Aussicht habe er, seinen Zweck zu erringen. „Ich verlange weiter nichts von Euch," sagte er, „als daß Ihr mir wenigstens so viel gebt, um mich vor der Versuchung zum Raub oder vor der Nothwendigkcit des Verhungerns zu bewahren. Ich verspreche Euch dagegen, Euch in, Leben nie lästig zu werden — nie Euch durch meinen Tod herabzuwürdigeu. Was auch meine llebclthatcu sehn mögen, sie werden nicht auf Euch zurückfallen, denn Ihr sollt den Misicthäter nie erkennen. Der Name, dem Ihr einen so hohen Werth beilegt, soll geschont werden." Entsetzt und empört versuchte Roland keine Gegenvorstellung ; in dein kalten Wesen des Sohnes lag etwas, das alle Hoffnung ansschloß und wogegen sein Stolz sich en- rüstetc. Ein schwächerer Manu hätte vielleicht Vorstellungen versucht und zu Bitten, zu Thränen seine Zuflucht genommen — doch dies lag nicht in Rolands Charakter. Es blieb ihm nur die Wahl zwischen drei Nebeln — entweder seinem Sohne zu erklären: „Thor, ich befehle Dir, mir zu folgen;" Zusagen: „Elender, da Du mich abschütteln willst, wie einen Fremden, so rufe ich Dir als ein Fremder zu — gehe hin, verhungere oder raube, wie Du willst!" oder betäubt von dem Schlage sein stolzes Haupt zu beugen und zu sagen: „Du verweigerst mir den kindlichen Gehorsam und willst für mich todt sehn. Ich kann Dich nicht vom Laster abhalten, kann Dich nicht ans die Bahn der Tugend führen. D» willst an mich den Namen verkaufen, den ich fleckenlos 775 ererbt und ebenso fleckenlos getragen habe. Sey es darum! — nenne Deinen Preis!" Und ungefähr das Letztere war es, was der Vater wählte. Er hörte ihn an und schwieg eine geraume Zeit; dann sagte er langsam: „Besinne Dich, ehe Du einen Entschluß fassest." „Ich habe mich lange besonnen — mein Entschluß ist gefaßt! Dies ist das letztemal, daß wir uns begegne». Ich sehe jetzt einen Weg zum Glück vor mir — einen schönen und ehrenvollen Weg; Ihr könnt mir nur in der angedeuteten Weise dazu behülflich seyn. Weist Ihr mich jetzt zurück, so dürfte für keinen von uns beiden je wieder eine solche Aussicht kommen." Und dann sagte Noland zu sich selbst: „Ich habe gedarbt und gespart für diesen Sohn. Habe ich nur genug, um ohne Schulden zu leben, was brauche ich niehr, als in eine Ecke zu kriechen »nd das Grab zu erwarten? Je mehr ich geben kann , desto mehr Aussicht ist vorhanden, daß er abläßt von seiner schnöden Genossenschaft und von seinen verzweifelten Wegen." So trat denn Roland von seinein kleinen Einkommen dem widerspenstigen Kinde mehr als die Hälfte ab. Vivian wußte nicht, wie viel sein Vater besaß, und hatte keine Ahnung davon, daß die Summe von jährlichen zweihundert Pfunden in so schroffem Mißverhältniß zu Rolands Mitteln stand. Gleichwohl machte ihn, als ihm dieser 776 Betrag genannt wurde, dicGroßmnth eines Mannes betroffen, welchem er selbst das Recht gegeben hatte, zn sagen: „Ich nehme Dich beim Wort — 'gerade genug, um nicht Hungers zu sterbe».'" Aber daun finsterte ihn: jener häßliche Ennismus, den er, von schlechten Menschen und aus schlechten Büchern aufgegriffen, „Weltkenntnis" nannte, den Gedanken ein, „cs gilt nicht mir, sondern nur seinem Namen," und er erwiedcrte daraus: „Ich nehme cs an, Sir. Hier ist die Adresse eines Advokaten, mit dem Ihr die Sache bereinigen könnt. Lebt wohl für immer!" Bei diesen letzten Worten fuhr Roland zusammen und streckte seine Arme in die Luft aus wie ein Blinder. Aber Wivian hatte bereits das Fenster aufgcriffen (das Zimmer lag zu ebener Erde) und war auf den Sims gesprungen. „Lebt Wohl," wiederholte er. „Sagt der Welt, ich scy todt." Er enteilte nach der Straße. Der Vater ließ die ans- gcstreckten Arme sinken, schlug sich auf die Brust und sagte: — „Wohlan denn, meine Aufgabe in der Welt der Lebenden ist vorüber. Ich will zurückkchren zn dem alte» Thurme — selbst eine Ruine zn den Ruinen — und der Anblick der Gräber, die ich wenigstens vor Schande bewahrt habe, soll mich trösten für Alles!" 777 Siebentes Kapitel. Weiterer Verlauf.—Verkehrter Ehrgeiz. —Selbst, süchtige Leidenschaft,—DerVerstaud verfinstert durch ^ dicVcrkchrtkcit des Herzens, Vivians Entwürfe nahmen unter solchen Umständen eilten günsttsten Fortgang, Er besaß jetzt ein Einkommen, welches ihm gestattete, als Gentleman aufzntreten, und erfreute sich einer unabhängigen Stellung, bescheiden zwar, aber dennoch unabhängig. Wir Alle hatten London verlassen. Et» einziger Brief an mich mit dem Postzctchen der Stadt, in deren Nähe Obrist Bivian lebte, reichte zu, meinen Glauben an seine Herkunft und an seine Rückkehr zu seinen Verwandten zu bekräftigen. Er stellte sich sodann Mr, Trevanion als den jungen Mann vor, dessen Feder ich im Dienste des Parlamentsmitglieds beschäftigt hatte, und da er wußte, ich habe seines Namens nie gegen Trevanion erwähnt — denn in Anbetracht seines scheinbaren Vertrauens gegen mich würde ich mich nicht für befugt gehalten haben, dies ohne seine Ermächtignng zu thun — so nannte er sich Gvwer, ein Name, welchen er auf Gerathcwohl aus einem alte» Wegweiser hcransgriff, weil er unter dem Hähern Adel Englands sehr gewöhnlich war und deshalb den Vor- thetl bot, daß er sich nicht auf die Mitglieder einer einzelnen Familie beschränkte, wie dies bet den alten Namen unbegüterter Gentlemen gewöhnlich der Fall ist. Bei seiner gewöhnlichen Schmiegsamkeit war es ihm gelungen, anS seinem Benehmen Alles zu verbannen oder abznglätten, was Trevanion mißfallen kannte, und zugleich das Interesse zu erregen, welches dieser edle Staatsmann stets der Fähigkeit zollte. Eines TagS gestand er,sogar sreimüthig in Anwesenheit der Lady Ellinor — denn seine Erfahrung hatte ihn gelehrt, wie leicht sich die Theiluahmc eines Weibs für Alles gewinnen läßt, was die Einbildnngskraft anspricht oder außerhalb des gewöhnlichen Laufs der Dinge zu liegen scheint — daß er Gründe habe, vorderhand seine Verhältnisse geheim zu halten; er fürchte, daß ich dieselbe» argwöhne und ans mißverstandener Sorgfalt für sein Wohl seinen Verwandten Nachricht geben könnte von seinem Aufenthalt, weshalb er Mr, Trcvanion bitte, wenn er gelegentlich an mich schreibe, seiner keine Erwähnung zu thu», Trevanion versprach dies, obschon nur nngcrue, da ihm die freiwillige Mittheilung eine solche Zusage zur Pflicht zu machen schien. Weil ihm aber nichts mehr zuwider war, als Geheimnisse irgend einer Art, so hätte diese Verpflichtung leicht ver- hängnißvoll werden können für jede weitere Bekanntschaft; denn unter so zweideutigen Auspicie» würde wohl Vivian vergeblich darauf gezählt habe», in Trevanions Haus das Vertrauen zu gewinnen, um das es ihm zu thun war, wenn nicht ein Zufall stattgefunden hätte, welcher ihm mit einem Male den Zutritt tu einem Grade öffnete, daß mau ihn fast wie zur Familic gehörig ansah. Vivian hatte stets eine Haarlocke, die er seiner Mutter auf dem Todteubettc abgeschuitten, wie einen Schatz bei sich aufbcwahrt und während seines Aufenthalts bei dem fran- zösifchen Hofmeister sein erstes Taschengeld darauf vcrweiidet, 773 ein goldenes Gehäuse dafür zu kaufe», in welches er seinen und seiner Mutter Namen cingraben ließ. Anfallen seinen Wanderungen hatte er dieses Kleinod stets bei sich getragen, und selbst der bitterste Mangel, der größte Hunger konnte ihn nicht veranlassen, sich davon zu trenne». Eines Morgens war das Band, au welchem das Schlößchen hing, zerrissen, und als er die Aufschrift darauf betrachtete, meinte er in seinem unvollkommenen Rechtsgefühl, daß der Vertrag mit seinem Vater ihm anferlege, die Namen austilgenzu lassen. Er brachte cs in dieser Absicht zu einem Juwelier inPiecadilly und crthciltc die betreffende Weisung, ohne auf eine Lady zu achten, die sich in einem andern Theile des Ladens befand. Als Vivian sich entfernte, lag das Schloß noch auf rem Ladentisch, und die Dame, welche jetzt hcrau- kam, las darauf die Namen, Der eigcnthümliche Ton der Stimme, welche sic schon früher gehört hatte, war ihr aufgefallen, und noch am nämlichen Tag erhielt Mr, Gower ein Billct von Lady EllinorTrevanion mit der Aufforderung, sic zu besuchen. Verwundert ging er hin. Mit einer Hindeu- tnng auf das Geschmeide sagte sie lächelnd: „Es gibt nur einen Gentleman in der Welt, der sich D e Carton nennt, wen» nicht außer ihm sein Sohn daS Nämliche thnt. Ah, ich sehe jetzt, warum Ihr Euch vor meinem Freund Pisistra- tus zu verbergen wünscht. Doch wie kömmt dies? Lebt Ihr vielleicht in Verdruß mit Eurem Vater? Vertraut mir, oder es ist meine Pflicht, ihm zu schreiben." Die licberraschnng machte sogar Vivian jede weitere Hebung seiner Vcrstellungsknnst unmöglich, und es blieb ihm 780 keine andere Wahl, als Lady Ellinor sein Geheimniß auzu- vcrtrancn nnd sie zu bittenes zn achten. Er spxach dann mit Bitterkeit von der Abneigung seines Vaters gegen ihn nnd non seinem Entschlüsse, ihm die Ungerechtigkeit seines Hasses dadurch zn beweisen, daß er sich in der Welt eine Stellung erringe. Vorderhand halte ihn sein Vater für todt nnd freue sich vielleicht dieses Gedankens. Er wolle ibm diesen Glauben nicht benehmen, bis er einige knabenhafte Verirrungen wieder gut gemacht und seine Familie gezwungen habe, einznsehe», daß sie ans ihn stolz scyn dürfe. Obgleich Lady Ellinor nur schwer zu der Annahme zn vermögen war, Roland könne seinen Sohn Haffen, glaubte sic doch gerne, daß er mit einem harten aufbrausenden Charakter eine soldatische Ansicht von kindlichem Gehorsam verbinde. Die Geschichte des jungen Mannes rührte sie und sein Entschluß gefiel ihrem eigenen hohen Geiste — denn es war stets ein Anfiug von Romantik in ihr, und sie sym- Yathisirte gerne mit jedem ehrgeizigen Bestreben — so daß sie auf Vivians Entwürfe mit einer Lebhaftigkeit cinging, die ihn selbst überraschte. Sie war entzückt von dem Gedanken, dem Glücke des Sohnes Vorschub zu leisten und zuletzt ihn mit dem Vater zu versöhnen, da sie dadurch eine Schuld gut zu machen glaubte, deren sie der Kayitä» aus alten Zeiten anklagen konnte. Das Geheimniß wurde Trevanion mitgctheilt, da sic vor ihm nichts verborgen haben mochte, nnd das Parlamentsmitglied willigte ein, es gegen Jedermann sonst zu bewahren. i > 781 Ich muß jetzt ein wenig abschweifen von dem chronologischen Gong meiner Erzählung und dem Leser mittheilcn, daß Lady Ellinor durch das ernste Wesen Rolands, als er sie besuchte, abgehalten wurde, ihm Bivians Gehcimniß zu entdecken. Bei ihrem ersten Versuche aber, ihn ausznholen oder versöhnlich zn stimmen, hatte sie mit einigen Lobsprüchen auf Trevanions neuen Frennd und Gehülfen, Mr. Gower, begonnen nnd dadurch in dein Kapitän den Argwohn erregt, diese Person könnte sein Sohn seyn — ein Argwohn, welcher seiner Mitwirkung an Miß Trevanions Rettung ein fürchterliches Interesse verlieh. Der arme Soldat hatte jedoch seine Befürchtungen so heldcnmäßig nicdergckämpft, daß er auf dem Wege sich scheute, mir Fragen vorzulegen, welche, was immer auch die Antwort war, ein kräftiges Handeln, dessen man jetzt so sehr bedurfte, hätte lähmen können. „Denn ich fühlte," sagte er zn meinem Vater, „daß mir das Blut gegen die Schläfe stieg; und hätte ich Pisistra- tnö anfgcfordert, mir den Menschen zu beschreiben, nnd in seiner Schilderung meinen Sohn erkannt, so wäre bei dem Gedanken, ich könnte zu spät kommen, um ihn von einem so tückischen Verbrechen abznhaltcn, mein Sinn irre geworden. Deshalb wagte ich es nicht." Ich nehme den Faden meiner Geschichte wieder ans. Von der Zeit an, als Vivian sich Lady Ellinor anvertraut hatte, war ihm der Weg zn Erfüllung seiner ehrgeizigsten Hoffnungen aufgeschlossen, und obgleich es ihm an der vielseitigen wissenschaftlichen Bildung fehlte, die ein so nothwen- l 782 digcs Ersorderniß für Mr. Trevanions Sekretär war, daß diese Stelle einem Andern übertragen werden mußte, so genoß er doch fast eben so viel Vertrauen, wie ich. nur mit dem Unterschiede, daß er nicht im Hause wohnte. Unter Vivians Entwürfen, sich anszuschwingen, stand der Plan, die Hand und das Herz der reichen Erbin zu gewinnen, oben an. Diese Hoffnung wurde oernichtet, als bald nach seinem Eintritt in das Hans ihres VaterS ihre Verlobung mit dem jungen Lord Eastlcton stattfand. Aber er konnte MißTrevanion nicht ungestraft sehen — ach ! wer mit einem noch freien Herzen wäre im Stande gewesen, unempfindlich zn bleiben gegen solche Reize? Er ließ die Liebe — eine Liebe, wie sic sein abenteuerliches, halb gebildetes, halb wildes Wesen kannte — in seine Seele einschleichc» und daselbst die Oberhand gewinnen, obschon er auf alle Hoffnung verzichtete und keinem Plane Raum gab, so lange der junge Lord lebte. Mit dem Tode ihres Verlobten wurde Fanny wieder frei. Jetzt begann er zu hoffen — aber noch keine Entwürfe zu schmieden. Zufällig traf er mit Pcacock zusammen. Zum Dhcil in Folge deS Leichtsinns, welcher die in ihm wohnende falsche Gntmüthigkeit begleitete, zum Thcil in der unbestimmte» Vorstellung, der Mann könnte ihm nützlich werden, brachte Vivian seinen ehemaligen Genossen in Trevanions Dienst unter. Peacock kam bald Vivians Geheimuiß ans den Sprung, und geblendet durch die Vorthcile, die eine Verbindung mit Miß Trevanion seinem Beschützer, und somit theilwcisc auch ihm selbst bringen mußte, dabei hoch erfreut über eine Gelegenheit, sein dramatisches Talent anf derBühne des wirkliche» Lebens zeige» z» könne», üble er bald die Lehre, die er seinen Sebanspiclcn verdankte, in Anknüpfung einer untergeordneten Jntrigne zwischen Kammerinngfcr und Diener, »in dadurch den Entwürfen des Liebhabers zu dienen und ihren Erfolg zu sichern. Wenn auch Vivian hin und wieder Gelegenheit fand, seine Bewunderung auszn- drückcn, so gab ihm doch Miß Trcvanion keine, für sich das Wort zu nehmen, obschon die Sanftheit ihres Wesens und die anmuthige Freundlichkeit, welche sic wie eine Atmosphäre umgab und vielleicht unwillkürlich ans einer mädchenhaften, harmlosen Gefallsucht entsprang, dazu dienten, ihn zu täuschen. Seine eigenen persönlichen Begabungen waren so selten und sein unstetes Leben hatte sein Vertrauen auf sic in einem Grade gesteigert, daß er glaubte, er bedürfe nur einer guten Gelegenheit, seine Werbung anznbringen, um auch zu gewinnen. In diesem Zustande geistiger Trunkenheit nahm ihn Trevanion, welcher seinem schottischen Sekretär ein Unterkommen verschafft hatte, mit nach Lord N—'s Landsitz. Seine Wirthin war eine von jenen im mittler» Alter stehenden Modedamen/welche cs lieben, bei jungen Männern die Beschützerinnen zu spielen und sie vorwärts zu bringen, wobei sie den Dank für ihre Herablassung als eine Huldigung vor ihrer Schönheit ansehcn, Vivian's Außenseite und das 'Malerische' in seinem Blick und Wesen machte Eindruck aus sie. Bon Natur aus unbesonnen und redselig beobachtete sic keine Zurückhaltung gegen einen Zögling , den sic, wie sie sich in den Kopf gesetzt hatte, 'nu kalt für die Gesellschaft' machen wollte. So sprach sic unter an- 784 der« Dingen ans der modernen Welt auch über Miß Tre- vanion mit ihm nnd drückte ihre Meinung dahin ans, daß der gegenwärtige Lord Castlcton sie stets bewundert habe; indeß sey er erst nach dem Antritt seines Marquisats zu dem Entschluß gekommen, zu heirathen, und da er Lady Ellinors Ehrgeiz kenne, so glaube er, daß der Marquis von Castleton den Preis davontragen dürfte, welcher dem Sir Sedley Beandesert wohl verweigert worden wäre. Um ihre auf's Gcrathewohl hingeworfenen Prophezeiungen zu bekräftigen, bezog sie sich vielleicht mit einiger Uebcrtreibung auf mehrere Aenßerungen, die sic ans Lord Castletons Mund gehört haben wollte, als sie über ^cn Gegenstand mit ihm sprach. Vivian gcricth hiedurch in eine große Aufregung, und, die ungeregelte Leidenschaft verdunkelte leicht einen seit langer Zeit verkehrten Verstand nnd ein gewöhnlich so stumpfes Gewissen. In jeder glühenden Liebe, mag sie nun rein oder unlauter sehn, liegt ein Instinkt, der gewöhnlich ihre Eifersucht prophetisch macht. So hatte auch von Anfang an die meinige sich unter all' den prunkenden Müssiggängern, welche Fanny "Trevanion umgaben, vorzugsweise auf Sir Sedley Beandesert geheftet, obgleich allem Anscheine nach kein Grund dazu vorhanden war. Dieselbe unbestimmte Eifersucht hatte sich auch Vi- vians bemächtigt und in ihm einen tiefen Widerwillen gegen seinen vermeintlichen Nebenbuhler hervorgerufen, durch den seine Eigenliebe verletzt worden war. Zwar lag cs nicht'in dein geschmeidigen Wesen deS Marquis, sich hochmüthig oder ungezogen zu benehme»; aber doch hatte er gegen Vivian nie jene heitere Höflichkeit gezeigt, mit welcher er mich überschüttete, nnd sich von jeder nähern Bekanntschaft mit ihm fern gehalten, während Vi- vians persönliche Eitelkeit durch jenen Saloneffekt gekränkt wurde, den der sprüchwörtliche Gewinner aller Herzen ohne Anstrengung erzielte — ei» Effekt, welcher den Jüngling nnd die größere, aber unendlich weniger einnehmende Schönheit des abenteuerlichen Nebenbuhlers in den Schatten stellte. So vereinigte sich der Haß gegen Lord Eastleton mit Vivians Leidenschaft für Fanny, nm in diesem kühnen, stürmischen Geiste alles Schlimme anfznregen, was Natur und Erziehung in ihn gelegt halten. Pcacock, sein Vertranter, entwarf ans seiner Bühnenerfahrung die llmrisse eines Anschlags, welchen Vivians verschmitzterer Geist sogleich Körper nnd Farbe verlieh. Der crstere hatte Mr. Trevanions Kammermädchen bereits so weit gebracht, daß sic einwilligte, ans jede Maßregel einzn- gehcn, welche ihr Mr. Peacock als Gattin nnd ein lebenslängliches Einkommen als'Loh» sicherte. Zwei oder drei Briefe zwischen ihnen brachten die vorbereitenden Schritte in's Reine. Ein Freund des vormaligen Komödianten, ans den man sich verlassen konnte, hatte sich ein Wirthshans an der Nordstraße erworben, nnd in diesem sollte der Verabredung gemäß Vivian mit Miß Trevanion znsammentreffen, während cs Peacock mit Hülfe der Zofe auf sich nahm, sie dahin zu verlocken. Es waltete nur noch eine Schwierigkeit ob, die wohl den meisten Menschen als die größte erschienen Bulwer, die Carlone. 50 <86 wäre — ob nämlich Miß Trevanion i» cinc schottische Hochzeit cinwilligcn werde. Aber Vivian versprach sich Alles von seiner Bercdtsamkcit, List nnd Leidenschaft und glaubte mit einer befremdlichen Inkonsequenz, die sibrigens bei einem so verkehrten Geiste nichts Unnatürliches hatte, wenn er ihr die Absicht ihrer Eltern vorstelle, ihre Jngend dem Manne zu opfern, auf dessen gewinnende Eigenschaften er am meisten eifersüchtig war, die Ungleichheit der Jahre hervorhebe, die Schwächen seines Nebenbuhlers lächerlich mache, mit dem Gemeinplatz „Schönheit, die an den Ehrgeiz verkauft wirken, s.w. anftrcte, so könne er auf ihre Furcht wirken nnd sie dazu drängen, daß sie ihre Wahl zu seinen Gunsten treffe. Der Plan nahm seinen Fortgang nnd die Zeit kam heran. Peacock brauchte den Vorwand, einen kranken Verwandten besuchen zu müssen, um Trevanion verlassen zu können, nnd Vivian hatte sich einen Tag vorher Urlaub geben lassen, um, wie er sagte, von den malerischen Punkten der Umgegend Einsicht zu nehmen. So gedieh der Anschlag bis zu seiner Katastrophe. „Ich brauche nicht zu fragen," sagte ich, indem ich Vergeblich meine Entrüstung zn verbergen suchte, „wie NUß Trevanion Euer ungeheuerliches Ansinnen anfnahm!" Vivians blaffe Wange erbleichte noch mehr, aber er gab keine Antwort. „Und was würdet Ihr gethan haben, wenn wir nicht gekommen wären? Oh, wagt Ihr es, in den Abgrund von Schmach zu schauen, dein Hr entronnen seyd?" 787 „Ich kann und will dies nicht ertragen," ries Vivian, indem er aufsprang, „Ich habe mein Herz nackt und bloß vor 'Euch hingclegt, und cs ist unedel, unmännlich, so in den Wunden zu wühlen. Ihr könnt wohl moralisiren und kalt darüber sprechen — aber ich — ich liebte!" „Und glaubt Ihr," brach ich los-„glaubt Ihr, ich hätte nicht auch geliebt — länger und besser geliebt, als Ihr — schwerere Kämpfe, trübere Tage nnd schlaflosere Nächte dnrchgcwacht? — Nnd dennoch—" Vivian fiel mir in's Wort. „Bst!" rief er; „ist dies wirklich der Fall? Ich dachte mir wohl, Ihr könntet eine leichte, flüchtige Neigung für Miß Trcvanion gefühlt haben, hättet sie aber schnell gezügelt und unterdrückt. O nein; es war unmöglich, wahrhaft zu lieben und auf alle Aussicht zu verzichten, wie Ihr thatet, als Ihr das Haus verließet und ihre Gegenwart flöhet! Nein — nein, dies war nicht Liebe!" „Allerdings war cs Liebe, und ich bete zum Himmel, er möge Euch eines Tages zur Einsicht kommen lassen, wie wenig Eure Leidenschaft ans jenen Gefühlen entsprang, welche der wahren Liebe den erhabenen Charakter der Ehre nnd die heilige Weihe der Religion verleihen! O Vetter, Vetter — was hätte mit Euren seltenen Gaben aus Euch werden können! Was kann noch aus Euch werden, wenn Ihr die Schnle der Rene nnd Sühne durchgemacht habt — denn ich wage zu hoffen, daß Ihr dieser nicht ausweichen werdet. Sprecht nicht mehr von Eurer Liebe; ich will auch von der mcinigen schweigen! Die Liebe ist aus unserem bei- S0 * derscitigen Leben gewichen. Kehrt zurück zu Euren früheren Gedanken, zu Eurem schwereren Unrecht, zu Eurem Vater, zu dem edlen Herzen, das Ihr so übermüthig zerrisse», zu der duldenden Liebe, die Ihr so wenig verstanden habt!" Daun fuhr ich mit aller Wärme der Erregung fort — zeigte ihm den wahren Eharaktcr der Ehre nnd seines Vaters (denn beide Namen waren gleichbedeutend!) — stellte ihm die schlaflosen Stunden, die Hoffnungen und den männlichen Kampf mit dem Schmerze vor, deren Zeuge ich gewesen, und weinte — ich, der ich nicht sein Sohn war ; zeigte ihm die Armnth und Entbehrung, welcher sich der Vater bis ans den letzten Augenblick unterworfen, damit der Sohn ja keinen Entschnldignngsgrnnd haben möge für die Sünden, zu welchen der Mangel den Schwachen verleitet. Dies und noch viel mehr drängte ich ihm, wie ich glaube, mit dem ganzen Pathos auf, das aus einem redlichen Eifer quillt — Satz um Satz — mich an keine Unterbrechung kehrend nnd allen Widerspruch überwältigend. So trieb ich die Wahrheit, gleichsam Nagel um Nagel, in das verhärtete Herz ein, bis ich es in dem Ringkampf bezwungen hatte. Ja, endlich gab der finstere, bittere, cynischc Charakter nach; der junge Mann sank schluchzend zu meinen Füßen nieder und sprach: „Schont mich, schont mich — ich sehe jetzt Alles! O welch' ein Elender bin ich gewesen!" 789 ^ Achtes Kapitel. Als ich Vivian verließ, nahm ich i»ir nicht heraus, ihm Rolands unmittelbare Verzeihung zu versprechen, und drang ebensowenig in ihn, daß er seinen Vater besuchen sollte, denn ich fühlte, daß weder für Verzeihung, noch für die Begegnung die Zeit gekommen war. Zufrieden mit dem bereits errungenen Siege, hielt ich es für gut, daß Nachdenken, Einsamkeit und Leiden die ihm ertheilte Lehre tiefer einschärften und den Weg zu einem festen Bcffernngscntschlnssc anbahnten. Ich ließ ihn an dem Bache zurück mit dem Versprechen, nach dem Wirthshäuschen, wo er seine Wohnung ansgeschlagcn hatte, Bericht zu senden, wie es mit Rolands Krankheit gehe. Bei meiner Rückkehr nach dem Gasthof bemerkte ich mit Unruhe, daß ich meinen Onkel sehr lange allein gelassen hatte. Als ich jedoch ans seinem Zimmer anlangte, fand ich ihn zu meiner Ucberraschung ans und angckleidet: ja cs zeigte sich sogar bei aller Erschöpfung in seinem Gesichte ein Ausdruck von Heiterkeit, Er stellte keine Fragen an »sich, wo ich gewesen sey — vielleicht ans Theilnahme an meinen Gefühlen über die Trennung von Miß Trevanion, vielleicht auch, weil er mnthmaßte, daß diese Gefühle meine Zeit nicht ganz in Anspruch genommen hätten, „Ich glaube," sagte er einfach, „von Dir gehört zu haben, daß Du nach Austin schicktest — ist cs so?" „Ja, Onkel; aber ich bezeichnet?*"" als den Ort, 790 wo er mit uns Zusammentreffen soll, da dieser dem Thurmc am nächsten liegt." » Sv wollen wir »»verweilt dahin aufbrechen. Der Wechsel wird mir gut thu». Denn hier ist bereits die Neugierde, die Muthmaßuug geweckt — o, welche Folter!" sagte er, indem er seine Hände dicht verklammerte. „Sorge dafür, daß die Pferde sogleich cingespannt werden." Ich verließ demgemäß das Zimmer und eilte, während die Pferde besorgt wurden, nach dem Platze, wo Vivian zurückgeblieben war. Ich fand rhu noch in derselben Haltung, das Gesicht mit den Händen bedeckt, als ob er den Anblick des Tages ansschließcn wolle. Nachdem ich ihm hastig mitgcthcilt hatte, daß eS mit Roland bester gehe und wir »»verweilt abzureisen gedächten, bat ich ihn um eine Adresse in London, damit ich ihn auffinden könne. Er verwies mich nach derselben Wohnung, in welcher ich ihn so oft besucht hatte. „Wenn dort kein Platz mehr für mich ist," sagte er, „so könnt Ihr wenigstens daselbst erfahre», wo ich anfzn- finden bin. O, wie gerne wäre ich wieder da, wo ich war, ehe—" Er beendigte den Satz nicht. Ich drückte ihm die Hand und Verließ ihn. Neuntes Kapitel. Einige Tage sind entschwunden. Wir befinden unS in London, und mein Vater ist bei uns. Roland hat Austin gestattet, mir seine Geschichte zn erzählen, und durch Austin 791 Alles erfahren, was mir Vivian mittheilte, war es »un zu Milderung der Vergangenheit, oder Hoffnung erweckend für dw Zukunft. Austin hat einen unaussprechlich beruhigende» Einfluß geübt auf seinen Bruder. Rolands gewöhnliches rauhes Wesen ist entschwunden — sein Blick ist sanft und seine Stimme gedämpft. Aber er spricht wenig und lächelt nie. An mich stellt er kein« Fragen, nennt auch seinen Sohn nie vor mir und spricht ebenso wenig von der Reise nach Australien : er fragt nicht, warum sie verschoben wurde, interessirt sich nicht wie früher für die Vorbereitungen dazu und hat überhaupt für nichts einen Mnth. Die Abreise ist wirklich bis zum Aussegcln des nächsten Schiffes verschoben worden. Mit Vivian bin ich seitdem zwei oder dreimal zusammengekommen ; das Ergebniß der Begegnungen aber hat meinen Hoffnungen nicht entsprochen und sehr niederdrückcnd ans mich gewirkt. Es scheint mir, daß von dem Eindruck, den ich früher auf ihn hcrvorbrachte, bereits wieder viel verwischt ist. Schon der Anblick des großen Babels — die Kundgebungen von Gemächlichkeit, Verschwendung, Reichthum, Pracht, rührigein Leben, Armuth, Hunger und Lumpen, welche sich unausbleiblich bei den Ungleichheiten der alten Gesellschaft in diesem Brennpunkte der Civilisation sammeln — schienen den kampflustigen Sinn, den verkehrten Ehrgeiz, die Feindseligkeit gegen die Welt, den Groll, die Verachtung, den Krieg gegen die Mitmenschen und das rebellische Mimen wider den Himmel aufs Neue zu wecken. Nur eine versöhnende Eigenschaft war noch an ihm zu bemerken — die Reue über das Unrecht 792 gegen seinen Vater; in diesem Punkte war sei» Herz noch weich, nnd in Folge davon entwickelte sich ein Zng von Ehrgefühl, wie ich dies nie an Vivian wahrgenommcn Hütte. Er vernichtete den Vertrag, welcher ihm ans Kosten der Gemächlichkeit seines VatcrS ein leidliches Auskommen gesichert hatte. „Wenigstenshierin," sagte er, „will ich ihm nicht mehr Unrecht thun." Während übrigens in dieser Beziehung seine Nene acht zu seyn schien, ließ sich nicht das Nämliche in Betreff seines Benehmens gegen Miß Trevanion sagen. Seine Zigcnner- natnr, die frühere verderbte Gesellschaft, die schlechten französischen Romane und die theaterartige Anschauung von Liebes- Jntrigncn nnd Bühnen-Komplottcn -— alles dies schien sich zwischcn seinen Verstand und die Erkenntniß des verräthe- rischen Trugs zu legen, dessen er sich schuldig gemacht hatte. Er fühlte mehr Scham über die Entdeckung, als über das Vergehen, mehr Verzweiflung über das Fehlschlagen eines Unternehmens, als Dankbarkeit für das Bcwahrtbleibcn vor einem Verbrechen. Mit einem Worte, die Natur eines ganzen Lebens ließ sich nicht so Plötzlich ummodeln — wenigstens nicht durch einen so ungeschickte» Künstler, wie ich war. Nach einer dieser Zusammenkünfte schlich ich mich in das Zimmer, in welchen» Austin mit Roland saß, ersah eine günstige Gelegenheit, als Roland, seine Träumereien ab- schüttelnd, mit einem Gesichte voll eherner Entschlossenheit nach seiner Bibel griff und winkte meinem Vater hinaus. Pilistratns.— Ich bin wieder bei meinem Vetter 783 gewesen, kann ober nicht mit ihm vorwärts kommen, wie ich wünsche. Mein lieber Vater, Ihr müßt mit ihm sprechen. Mr. Car ton. — Ich ? -— Ei, freilich, wenn ich dabei nützlich seyn kann. Aber wird er auf mich hören? Pisistratns. — Ich denke wohl. Ein junger Mann nimmt von einem älteren oft das mit Achtung aus, waS ihm von einem Altersgenossen als Anmaßung erscheint. Mr. Cartvn. — Du hast vielleicht Recht. (Gedankenvoller fortfahrcnd.) — Aber Du schilderst mir den Geist dieses seltsamen jungen Menschen als ein Wrack; in welchem Theil des morschen Gebälks kann ich den Enterhaken befestigen? Es scheint, daß die meisten Stützen, auf die wir uns am sichersten Verlassen könne», wenn wir Jemand anders retten wollen, hier fehlen — Religion, Ehre, die Erinnernngcn der Jugend, die Bande der Hcimath, kindlicher Gehorsam — ja sogar die Erkenntniß des eigenen Besten im philosophischen Sinne des Worts, lind dazu ich — ein bloßer Büchcrmann! Mein lieber Sohn, ich habe wenig Hoffnung! P i sistr a tns. — Verzweifelt nur nicht gleich von vorne herein. Nein, es muß Euch gelingen; denn wenn dies nicht der Fall wäre, was würde ans Onkel Noland werden? Seht Ihr nicht, wie er unter seinem gebrochenen Herzen mehr und mehr dahinwelkt? Mr. Carton. — Hol mir meinen Hut; ich will gehen. Dieser Jsmael soll gerettet werden — ich will nicht von ihm ablaffen, bis er gerettet ist! Pisistratns. — (Einige Minuten später, während sie ans Bivians Wohnung zngehen.) — Ihr habt mich 7gt gefragt, von welcher Stütze Ihr Gebrauch machen könnt. Es ist eine gute und kräftige vorhanden, Vater. Mr. Carton. — lind die wäre? Pisistratns. — Die Liebe! Sein wildes Herz ist einer kräftigen Liebe fällig. Er zeigte dies gegen seine Mutter ; Thräncn stürzten ihm in die Augen bei ihren, Namen, nnd er wäre lieber Hnngcr gestorben, als daß er sich des Denkzeichens an jene Liebe entänßcrl hätte. Der Glanbe an seines Vaters Gleichgültigkeit oder Abneigung war cs, waS ihn verhärtete nnd verthierte, linderst, als er hörte, wie dieser Vater ihn liebte, gelang cs mir, seinen Stolz zu schmelzen nnd seine Leidenschaften zu zügeln. Ihr habt für Euer Wirken die Liebe zur Grundlage. Verzweifelt Ihr noch? Mein Vater sandte mir einen Blick zu, so ausdrucksvoll in seinem milden Wohlwollen, nnd erwicderle in sanftem Tone: „Nein!" Wir erreichten das Haus, und als wir an die Thüre klopften, sagte mein Vater zu mir: „Wenn er zu Hause ist, so gehst Du wieder zurück. , Du hast mir hier ein schweres Studium auferlegt, und ich muß allein daran arbeiten." Vivian war zu Hause, nnd die Thüre schloß sich hinter seinem Besuch. Mein Vater blieb mehrere Stunden. Zu Hause angelaugt, traf ich Mr. Trevanion bei meinem Onkel. Er hatte uns aufgefunden, was ihm sicherlich nicht leicht wurde; aber ein guter Antrieb war bei ihm nicht von jener schwächlichen Art, welche beim Anblick einer Schwierigkeit schon wieder nmkchrt, Er war ausdrücklich in der Absicht nach London znrückgekommcn, nm nnS zu besuchen und nnS zu danken. Ich hätte nicht so viel Zartgefühl — so viel „schönes Wohlwollen", wie ich es nennen möchte, bei einem Manne erwartet, der in dem Drange des Geschäftslebens etwas derb und abstoßend geworden war. Kanin erkannte ich den ungeduldigen Trevanion wieder in der zarten, beschwichtigenden Achtung, welche eher das Dankgefühl andcntete, als aussprach, und dem unglücklichen Vater bemerklich zn machen suchte, wie sehr er sich ihm als verpflichtet erachtete, ohne daß er dabei die vom Sohne erlittene Kränkung berührte. Aber von dieser Zartheit, welche zeigte, wie hoch in Trevanion der Gentleman über jener gemeinen Denkweise stand, die man gewöhnlich bei den eigentlichen Gcschäftsmännern findet — von dieser so edel« und rührenden Zartheit schien Roland kaum etwas zn merken. Er saß vor der Asche des vernachlässigten Feuers, mit den Händen die Armlehnen seines Sessels umfassend und den Kopf ans die Brust gesenkt, während nur eine tiefe hektische Glut auf seiner Wange an- dentetc, daß er wohl einen Unterschied zn machen wußte zwischen einem gewöhnlichen Besuch und dem Manne, dessen Kind er hatte retten helfen. Der Staatsminister— das Mitglied der Auserlesenen, die über Stellen, Peeragen, Befehlshaberstäbe und Ordensbänder zu gebieteü hatten— besaß nichts, womit er den niedergeschmettcrtcn Geist des pensionirten Soldaten hätte 796 heilen können. Dieser Nrmnth, diesem Schmerz n»d diesem Stolze gegenüber war der königliche Rath rathlos. Erst als Trevanion sich znm Gehen erhob, schien eine Art Anerkennung der wohlwollenden Absicht, in welcher ihm dieser Besuch gemacht wurde, den alten Mann ans seinen Träumen zu wecken und oberflächlich das Eis zu brechen; denn er folgte Trevanion nach der Thüre, ergriff dort dessen beide Hände, drückte sie, wandte sich ab und kehrte wieder nach seinem Sitze zurück. Trevanion winkte mir, und ich folgte ihm die Treppe hinunter nach einem unbewohnten Stübchen. Nach einigen Bemerkungen über Roland voll tiefen, theilnehmenden Gefühls und einer kurzen Aeußernng, daß der verbrecherische Versuch des Sohnes nie vor der Welt bekannt werden solle, wandte sich Trevanion mit einer Wärme und Dringlichkeit an mich, die überraschend auf mich wirkte. „Nachdem, was vorgegangen ist," rief er, „kann ich nicht zngeben, daß Ihr England verlaßt.. Legt mir nicht, wie Euer Onkel, das Gefühl auf, es gebe nichts, womit ich Euch vergelten könnte — doch nein, ich muß meine Worte anders stellen — bleibt und dient in der Hei- math Eurem Vaterlande; dies ist meine Bitte und die meiner Gattin. Bei alle dem, was mir zur Verfügung steht, müßte es schwer halten, wenn ich nicht Etwas auffände, was für Euch paßte." Und ohne mich zum Wort kommen zu lassen, erging sich Trevanion in so schmeichelhaften Aenße- rungen über meine Ansprüche auf eine ehrenvolle Stelle, die mir sowohl um meiner Geburt als um meiner Fähigkeiten willen gebühre, und entwickelte vor mir ein so verlockendes 707 Bild dcS öffentliche» Lebens mit seine» Belohnungen nnd Auszeichnungen, daß für de» Augenblick wenigstens mein Herz lauter pochte nnd mein Athcm schneller ging. Aber selbst damals fühlte ich '— war es etwa unvernünftiger Stolz?-— cs liege etwas Wehthnendes nnd Demüthigendes in der Vorstellung, all' mein künftiges Glück der Abhängigkeit von dem Vater des Mädchens zu verdanken, das ich liebte, ohne nach seiner Hand trachten zu dürfen: — ja, cs kam mir sogar als eine persönliche Herabwürdigung vor, wenn ich mir vergegenwärtigte, daß ich in solcher Weise für eine» Dienst bezahlt und für einen Verlust entschädigt werden sollte. Dies waren jedoch keine Gründe, die ich Vorbringen konnte, nnd so gelang es in der That Trcvanions Edelmnth und Bercdtsamkeit, mich für den Moment in einem Grade zu überwältigen, daß ich nur meinen Dank hervor- stottcrn nnd die Zusage geben konnte, ich wolle mir seinen Vorschlag überlegen und ihm dann Nachricht geben von meinem Entschlüsse, Mit diesem Versprechen mußte er sich begnügen, worauf er mich anwicS, meine Mittheilnngen nach seinem Lieblingslandsitz gelangen zu lassen, da er noch am nämlichen Tage dahin abreise. Dann entfernte er sich. Ich sah mich in dem ärmlichen Stübchen der gemeinen Miethwohnnng um, nnd Trcvanions Worte blitzten wieder wie ein goldenes Licht vor mir ans. Dann schlich ich mich ins Freie nnd wandelte verstört und aufgeregt durch die mit Menschen überfüllten Straßen, 798 Zehntes Kapitel. Es entschwanden mehrere Tage, »nd mein Vater brachte all jedem derselben einen beträchtlichen Theil seiner Zeit in Vivians Wohnung zn, Jndeß benahm er sich sehr zurückhaltend in Betreff des erzielten Erfolgs und bat mich , ihn nicht zu fragen, wie auch vorläufig die Besuche bei meincm Netter cinznstellen. Der Kapitän errieth die Beschäftigung meines Vaters, oder wußte darum, denn ich bemerkte, daß sein Auge leuchtete und seine Wange zu einer hektischen Glut sich röthete, so oft Austin lautlos sich entfernte. Eines Morgens kam mein Vater, den Reisesack in der Hand, zn mir und sagte l „Ich werde eine Woche oder zwei abwesend seyn, Leiste Roland Gesellschaft, bis ich zurückkehre," „Geht Ihr mit ihm?" „Ja," „Dies ist ein gutes Zeichen," „Ich hoffees. Weiter kann ich vorderhand nicht sagen," Die Woche war noch nicht ganz abgelanfen, als ich von meinem Vater den Brief erhielt, welchen ich in Nachstehendem Dir, lieber Leser, vorlegcn will, Dn magst Dir selbst daraus ein llrtheil bilden, wie ernst seine Seele die freiwillig übernommene Aufgabe betrachtet haben muß, wenn du bemerkst, wie wenig beziehungsweise das Schreiben von den Spitzfindigkeiten und Pedanterien enthält (möge man mir diesen Ansdruck verzeihen, da er kaum gerecht ist), welche 79 !» mein Vater als Gelehrter tu der Regel selbst mitten in seiner Aufregung nicht wohl lassen konnte. Gr schien hier seine Bücher ganz anfgegcben und den Augen seines Zöglings nur das menschliche Herz vorgeführt zu haben, indem er dazu sagte: „Lies und verlerne!" Än Pil'istrntus Carlo». „Mein lieber Lohn, Es wäre nutzlos, von den früheren Schwierigkeiten zu sprechen, auf die ich bei meinem Pflegbefohlene» traf, oder alle die Mittel anzuführcn, die ich in Folge Deiner ganz richtigen Andeutung aufbot, um lange schlummernde, verwirrte Gefühle zu wecken und andere, die nur zu frühzeitig mit furchtbarer Bestimmtheit thätig geworden waren, zum Schweigen zu bringen. Das Schlimme liegt einfach darin, daß ich mit einem Menschen zu thnn habe, der in allem Bösen von Grund aus erfahren, aber im Guten so unwissend ist, wie ein Kind. Welcher wunderbare Scharfsinn in blos weltlichen Dingen — welche grobe, thörichtc Stumpfheit in den einfachsten Grundsätzen von Recht und Unrecht! Das cinemal mühe ich allen meinen armen Witz ab, um in einem Kampf über die knotigsten Verhältnisse des gesellschaftlichen Lebens mich dnrchzuringe», das anderemal führe ich widerstrebende Finger durch das ABCBuch der augenfälligsten Sittenlchre. Dort Hieroglyphen und hier Schürhaken ! Aber so lang in einem Menschen ein Angelpunkt der Liebe sich befindet, ist doch Natur vorhanden, ans der man fortbauen kann! Weg also mit dem Gestrüpp, das über ihr 800 aufschießt — Bahn gebroeben bis zu dieser Natur und von vorne angefangcn — dies ist die einzige Aussicht. Nun, ich habe mir allmälig Bahn gebrochen, indem ich geduldig znwartetc, bis das Herz, der Erleichterung sich freuend, all' seinen gefährliche» Stoff auSschüttctc. Kein Mäkeln — ja, nicht einmal Gegenvorstellungen; denn ick gab mir fast den Anschein, als sympathisire ich mit ihm, bis ich ihn sokratisch so weit gebracht hatte, daß er seinen Jrr- thnm selbst erkannte. Sobald ich bemerkte, daß er mich nicht länger fürchtete und meine Gesellschaft ihm Trost bringend wurde, machte ich ihm den Vorschlag zu einem Ausflug, ohne ihm übrigens zu sagen, wohin wir gehe» wollten. Ich vermied so viel wie möglich die große Nordstraße, da ich, wie Du Dir denken kannst, nicht wünschte, die Zündröhre an eine Mine von Erinnerungen zn legen, die uns bis znm Sirius hätte hinanfblasc» können. Wo dieser Weg nicht gerade umgangen werden konnte, reisten wir bei Nacht, und so brachte ich ihn bis in die Nähe des alten Thnrms, ohne ihm jedoch den Zutritt unter dessen Dach zu gestatten. Du kennst das eine Stunde davon entlegene Wirthshans an dem Forcllcnbach — dort wählten wir unfern Aufenthalt. Ich habe ihn nach dem Dorfe genommen, wobei ich ihn sei» Jncognitv beibehaltcn ließ, trat mit ihm in die Bauernhäuser und lenkte das Gespräch auf Roland. Du kennst die Verehrung, mit welcher man Deinen Onkel allenthalben betrachtet, und weißst, welche Anekdoten über seine kühne warmherzige Jugend, über sein wohlwollendes, mildthätiges 801 Mer den geschwätzigen Lippen der Dankbarkeit entquellen. Ich ließ ihn mit eigenen Augen scheu und mit eigenen Ohren hören, wie alle, die Noland kannten, ihn liebten nnd ehrten — nur sein Sohn nicht. Dann führte ich ihn nm die Ruinen, ließ ihn aber das Hans nicht betreten, denn diese Trümmer sind der Schlüssel zu Rolands Charakter; man braucht ihrer nur ansichtig zu werden, um das Pathos in seiner armen Schwäche, dem Familienstolz, zu erkennen. Hier lernt man, wie sehr sic sich unterscheidet von dem anmaßenden Prunken der Glücklichen, und fühlt, daß sie nicht viel mehr ist, als eine fromme Ehrfurcht gegen die Todten — „der liebevolle Cult des Grabes." Wir setzten uns auf einen Hansen verwitternder Steine nieder, und hier sagte ich ihm, waS Roland in seiner Jugend gewesen war und welches Bilo er sich in seinem Sohne geträumt hatte. Ich zeigte ihm die Gräber seiner Vorfahren und setzte ihm auseinander, warum sein Vater sie als sein Heiligthnm betrachtete. Es war schon viel gewonnen, als sich die Sehnsucht in ihm regte, die Heimath zu betreten, welche die seinige hätte seyn sollen, nnd es gelang mir, ihn zu bewegen, daß er aus eigenem Antrieb inne hielt nnd sagte: 'Nein, ich muß zuvor ihrer würdig werden.' Du würdest gelächelt haben, boshafter Spötter, wenn Du gehört hättest, wie ich diesem schlauen, starkgeistigen Jüngling AlleS ans Herz legte, WaS wir einfältigen Leute unter dem Namen derHeimath verstehen — ihr trauliches Verhältniß, frei von allein Trug, die einfache Heiligkeit ihrer Bande und das unaussprechliche Glück, das sie bereitet, indem sie für die Welt das wird, waS Bulwer, die Ca.rwne, zz. 80 ? für den menschlichen Geist das Genüssen ist. Dann brachte ich die Sprache auf seine Schwester, die er bisher nie gekannt hatte »nd um die er sich kaum zn kümmern schien; sie sollte den Vater unterstützen und der Hcimath einen neuen Werth verleihe». 'Ihr wißt,' sagte ich ;u ihm, 'wenn Noland sterben sollte, so wäre es die Pflicht des BrnderS. an seine Stelle zu treten, ihre Unschuld zu schirmen und ihren Namen zu beschützen! Ein gnter Name ist also doch etwas Werth, und Euer Vater hat so unrecht nicht, wenn er ih»i hvchschätzt. Wahrscheinlich wäre es Euch auch lieb, weun der Eurige in einer solchen Anerkennung stunde, daß Eure Schwester daraus stolz sehn könnte k Während wir noch sprachen, kam plötzlich Blanche heran und eilte in meine Arme. Sic betrachtete ihn als einen Fremden; aber ich sah, daß seine Kniee bebten. Sic wollte sodann auch ihm die Hand reichen; aber ich zog sic zurück. War dies eine Grausamkeit von mir? Er meinte es zwar; aber nachdem ich sie entlassen hatte, cntgegnete ich ans seinen Vorwurf: 'Eure Schwester ist ein TheilderHeimath. Haltet Ihr Euch derselben für würdig, so geht hin, und nehmt beide in Anspruch; ich habe nichts dagegen.' — 'Sie hat meiner Mutter Augen,' sagte er und ging hinweg. Ich überließ ihn unter den Ruinen seinen Gedanken und begab mich zu Deiner armen Mutter, um sie wegen Rolands zn beruhigen und ihr begreiflich zu machen, warum ich noch nicht zurückkehren konnte. Dieses kurze Zusammentreffen mit seiner Schwester hatte einen tiefen Eindruck aus ihn gemacht. Doch ich komme sos nun zu dem, waS mir im Ganzen die Hauptschwierigkeit zu sehn scheint. Er ist voll Begier, seinen Namen zu Ehren zn bringen und die Heimath wieder zu gewinnen. So weit wäre Alles gut. Aber der Ehrgeiz erscheint ihm noch immer nur im harten, weltlichen Gesichtspunkt. Er meint, er habe nichts zu thun, als Geld und Macht sich zu verschaffen und in der großen Lotterie einige hohle Treffer zu gewinnen, zu denen wir oft leichter durch unsere Sünden, als durch unsere Tugenden gelangen. (Hier folgt eine lange Stelle aus dem Seneca, die ich als überflüssig auslasse.) Er versteht mich noch immer nicht, oder wäre es auch der Fall, so sieht er in mir blvS den Bücherwurm, wenn ich ihm andeute, er könne arm, unbekannt und ganz auf dem Boden der Kugelndes Glücks, dabei aber doch ein Mann sehn, auf den wir stolz wären. Seiner Meinung nach braucht er seinen Namen nur mit einem Firniß zu überkleiden, um ihn wieder gut zu machen. Glaube nicht, daß blos der zärtliche Vater aus mir spricht, wenn ich meine Hoffnung auS- drücke, Dn werdest mir hier von Vortheil sehn. Da wir bald wieder nach London zurückkehrcn, so gedenke ich morgen Dich und Deinen Ehrgeiz zur Sprache zu bringen; Dn sollst Von dem Ergebniß in Kenntniß gesetzt werden. In diesem Augenblick—es ist Mitternacht Vorbei — höre ich seinen Tritt in dein Zimmer über mir. Das Fenster oben geht auf — schon zum drittenmal. Wollte Gott, er könnte die wahre Astrologie aus den Sternen lesen! Da sind sie — funkelnd, licht und wohlwollend. Und ich suche diesen unsteten Kometen in der Harmonie des Himmels festzuhal- S1 ' SÜ4 ten! Eine kessere Aufgabe, als die der Astrologen und der Astronomen obendrein! Wer unter ihnen ist im Stande, dem Orion sein Wchrgehäng abzulösen? — aber wem von uns wäre eS nicht von Gott gestattet, seinen Einfluß zu üben auf daS Handeln und den Kreislauf der menschlichen Seele? Dein Dich liebender Vater A. C." Zwei Tage nach Empfang dieses Briefes langte der nachstehende an, und obgleich ich gerne jene Stellen unterdrücken möchte, die ich der parteiischen Vorliebe eines VatcrS zuschrciben muß, stehen sie doch in so nothwcndigem Zusammenhang mit Vivian, daß mir keine andere Wahl bleibt, als die zärtlichen Schmeicheleien der Wohlwollenden Nachsicht des Lesers zu empfehlen. „Mein lieber Sohn, „Ich bin nicht zu sanguinisch gewesen in Betreff der Wirkung, welche Deine einfache Geschichte auf Deinen Vetter Hervorbringen würde. Ohne einen Gegensatz zu seinem eigenen Benehmenhervorzuhcben, schilderte ich ihm die Scene, in welcher Du bei unserer Theilnahme Zuflucht suchtest und in dem Kampf zwischen Liebe und Pflicht uns um Nalh und Beistand angingcst—wie Roland Dir den derben Rath gab, Trevanion Alles zu sagen, und wie Du in Mitte eines Schmerzes, den ein jugendliches Herz kaum ertragen zu können vermeint, schnell den wahren Sachverhalt auffaßtest und durch Deine Offenheit Dich glücklich vor dem Schiff- brnch bewahrtest, Ich sprach von Deinem stummen , männ- 80 S lichen Ringen —von Deinem Entschluß einer selbstsüchtige» Leidenschaft nicht zu gestatten, daß sie Dich unfähig mache für die Aufgabe jener geistigen Prüfungszeit, welche wir Leben nennen. Ich zeigte ihm Dein Bild, wie Du warst, stets sorglich für uns und thcilnehmend an unserem Wohle — uns zulächelud, damit wir nicht merken sollten, wie Du im Geheim geweint hattest! Oh, mein Sohn — mein Sohn! glaube ja nicht, daß ich in jenen Zeiten nicht für Dich fühlte und für Dich betete! Und während ich selbst weich wurde in meiner Aufregung, ging ich von Deiner Liebe zu Deinem Ehrgeiz über. Ich machte ihn aufmerksam darauf, daß auch Dir die Rastlosigkeit nicht fremd geblieben sey, welche ein Eigenthum junger, glühender Naturen ist — daß auch Du von Glück träumtest und nach Erfolg rängest. Aber ich zeigte ihm diesen Ehrgeiz in seinen wahren Farben — nicht als das Verlange» eines selbstsüchtigen Geistes, um einige Stufen gehoben zu seyn auf der gesellschaftlichen Leiter blos Wegeudes Vergnügens, auf die unten heruniersehen zu können, sondern als die wärmere Sehnsucht eines edlen Herzens, Dein Ehrgeiz trachtete danach, die Verluste Deines Vaters wieder gut zu machen — sogar seiner Schwäche und seinem citeln Verlangen nach Nnhm zu dienen — Deinem Onkel zu ersetzen, was er in seinem natürlichen Erben verloren hatte — den Erfolg zu suchen in einer nützlichen Thä- tigkeit, den Ertrag derselben Deiner Familie zuzuwenden und nach keinem andern Lohne zu trachten, als nach dem stolzen, dankbaren Lächeln derer, die Du liebtest. Dieö war Dein Ehrgeiz, o mein liebevoller Anachronismus, und als 806 ich die Skizze schloß, sagte ich 'zu ihm! 'Verzeiht mir. Ihr könnt freilich nicht wissen, welches Entzücken ei» Vater fühlt, wenn er von einem Sohne so sprechen und denken darf, während er ihn fvrtschickt, hinaus in die weite Welt! Doch Ihr seht, dies ist nicht Eure Art von Ehrgeiz, Lassen wir also dies und sprechen wir lieber vom Gelderringcn und vom Fahren mit Viere» durch diese schuftige Welt,' — Tein Vetter versank in ein tiefes Träumen, und als er wieder daraus erwachte, war es wie das Erwachen der Erde nach einer Nacht im Frühling; die kahlen Bäume hatten Knospen hervorgetrieben ! Und einige Zeit nachher überraschte er mich mit der Bitte, ich möchte ihm, wofern sein Vater einwillige, gestatten, Dich nach Australien zu begleiten, Die einzige Antwort, die ich ihm bis jetzt gegeben habe, ist in der Form einer Frage gestellt worden, 'Fragt Euch selbst, ob ich darf. Ich kann nicht wünschen, daß Pisistratns anders werde, als er ist, und wenn Ihr nicht harmonirt mit allen seinen Grundsätzen und Bestrebungen, kan» ich ihn der Gefahr anssetze», daß Ihr ihm Eure Weltkenntniß mittheilt und ihm Euren Ehrgeiz cin- flößt?' Er fühlte sich betroffen und war ehrlich genug, keine Antwort zu versuchen. Nun ist aber das Bedenken, daS ich gegen ihn auS- drückte, gerade das, was mir am meisten am Herzen liegt, mein Sohn, In der That, nur durch die einfachsten Wahrheilen, nicht aber durch kunstgerechte Argumentationen kann ich etwas ausrichten gegen diesen ungelehrigen Seythe», der 607 frisch von den Steppen verkömmt, um mich in dem PorticuS zu verwirren, Andererseits — was soll in der alten Welt ans ihm werden? Bei seinem Alter und seinem rastlosen Charakter wäre cs unmöglich, ihn mit uns in den Cunibcrlander Ruinen einznsperren; denn Langeweile und Neberdruß würden bald Alles wieder vernichten, was wir an ihm gutmachen können, Bücher bieten ihm kein Abhülfsmittcl und werden cs, fürchte ich, nie thnn. Ihn hinausznschicken in eine der überfüllten Berufs-Klassen — ihn unter allen den Ungleichheiten des gesellschaftlichen Lebens auf die rauhen Steine zu setzen, mit denen er ohnehin schon ohne Unterlaß sein Herz zermahlt — ihn triftig werden zu lassen unter den Verlockungen, für, die er am meisten Hang hat— dies ist, fürchte ich, ein zu gewagter Versuch für eine so unvollständige Bekehrung. In der neuen Welt würde ohne Zweifel seine Thatkrafi ein geeigneteres Feld finden, und sogar die abenteuerlichen , unsteten Gewohnheiten seiner Kindheit dürften dort einen gesunderen Charakter gewinnen. Die Beschwerden über die Ungleichheiten in der civiliflrtcn Welt kann, wie ich vermuthe, der Staatsmann weit leichter, wenn auch derber, widerlegen, als der Stoiker, 'Sie gefallen Dir nicht, und Du findest es schwer. Dich ihnen zu unterwerfen,' sagt der Staatsmann; 'aber sic sind einmal die Gesetze eines eivilisirten Zustandes, und Du kannst sic nicht ändern. Weisere Männer, als Du, haben dies schon versucht, und es ist ihnen nie gelungen, obschon sie auf der Erde das Unterste zu oberst kehrten! Wohlan, die Welt ist weit — versuch eS 808 mit einem Zustand, der noch nicht so civilisirt ist. Die Ungleichheiten der alten Welt verschwinden in der nenen. Auswanderung ist die Antwort der Natur ans den rebellischen Ruf gegen die Knust.' So würde der Staatsmann sagen, und selbst in Deinem Falls, mein Sohn, finde ich keine Erwiederung ans dieses Raisonnement. Ich gebe also zu, daß Australien die beste Sicherhcitsklappe für das nnznfriedene Streben Deines Vetters seyn dürste, muß aber auch eine andere Wahrheit dagegen halten, daß es unrecht wäre, wenn ein ehrlicher Mann sich selbst verderbte um anderer willen. Dies ist fast der einzige Grundsatz Ronsscau's, den ich unbedingt unterschreibe. Fühlst Du Dich stark genug, allen den Einflüssen zu widerstehen, welchen eine derartige Gesellschaft Dich aussetzcn könnte — stark genug, neben der eigenen auch seine Last zu tragen — stark genug, ja, und auch rührig und wachsam genug, zu verhindern, daß diese Einflüsse nicht Andern uachtheilig werden, deren Führung Du übernommen hast und deren Geschick Dir anvertraut ist? Zieh' dies in reifliche Erwägung, denn Du darfst Dich dabei nicht von einem edelmüthigen Antrieb allein leiten lassen. Ich glaube zwar, daß DeinVettcr sich mit einem aufrichtigen Verlangen nach Besserung unter Deine Obhut begeben würde; aber zwischen aufrichtigem Verlangen und fester Ausführung ist ein langer trauriger Zwischenraum, selbst für die Besten von uns. Wäre es nicht um Rolands willen und hätte ich nur einen Gran weniger Vertraue» zu Dir, so könnte ich keinen Augenblick dem Gedanken Raum geben, Deinen jungen Schultern eine so große Verantwortlichkeit ausznladen. Aber für einen ernsten Charakter ist jede neue Verpflichtung eine nene Stütze der Tugend, und ich verlange daher vorderhand weiter nicht von Dir, als daß Du Dir vergegenwärtigest, um welche ernste und feierliche Pflicht es sich hier handle, um eine Pflicht, deren mau sich nicht unterziehen darf, ohne zuvor seine Kräfte auf's Sorgfältigste erwogen zu haben. In zwei Tagen könnt Ihr uns zu London erwarten. Bis dahin lebe wohl, mein lieber Anachronismus. Dein treuer Vater A. C." Ich befand mich auf meinem Zimmer, während ich diesen Brief las, und war kaum damit fertig geworden, als ich Roland mir gegenüber stehen sah. ,,Er ist von Austin," sagte er, schwieg eine Weile und fugte dann in einem fast demüthigeu Tone bei, „darf ich ihn lesen? — darf ich?" Ich legte den Brief in seine Hände und trat ein wenig bei Seite, damit er nicht glauben möge, ich beobachte ihn während des Lesens. Auch entnahm ich erst aus einem schweren, ängstlichen, aber nicht trostlosen Seufzer, daß er damit zu Ende gekommen war. Als ich mich nmwandtc, begegneten sich unsere Augen; in Rolands Blicke lag etwas Fragendes — etwas Flehendes, möchte ich es nennen, das ich mir sogleich deutete. „O ja, Onkel," sagte ich lächelnd, „ich habe mir die Sache schon erwogen, und es ist mir nicht bange vor dem Erfolg. Was mein Vater jetzt andeutet, ist mein geheimer Wunsch gewesen, eh' er mir schrieb. Was unsere übrigen Begleiter betrifft, so sind sie schon dnrch ihr einfaches Wesen gesichert gegen alle Sophistereien, die — poch er ist von die» sen bereits zur Hälfte geheilt. Er soll nur mit mir kommen und trenn er wieeer zurückkehrt, wird er neben seiner Schwester Blanche wohl eines Platzes in Eurem Herzen würdig scyn. Ich fühle und verspreche Euch, das; Ihr für mich nichts zu fürchte» habt. Seine Umwandlung wird mir selbst als Schutzmittel dienen; denn ich werde mich hüte» vor jeder Verirrung, die ich sonst vielleicht begehen würde, um ihm kein schlimmes Beispiel zu geben." Ich weiß, daß wir in der Jugend und in dem Wahn der ersten Liebe, so leicht dem Glauben Raum geben, die Liebe und der Besitz des geliebten Gegenstandes scpen das einzige Glück. Als mich jedoch mein Onkel in seine Arme schloß und, während die Musik von meines Vaters Lob noch in meinem Herzen wicderklang, mich die Hoffnung seines Alters und die Stütze seines Hauses nannte— ich versichere dir, mein lieber Leser, daß ich mich damals weit stolzer und glücklicher fühlte, als wenn Trevanion Fanny's Hand in die meinige gelegt und gesagt hätte: „Sie ist Dein." Die Würfel lagen jetzt und der Entschluß war gefaßt. Es kostete mich keine Ueberwindnng, an Trevanion zu schreiben und seine Anerbietungen abznlehncn. Auch war daS Opfer nicht so groß, als cs Einigen erscheinen mag; den» selbst abgesehen von dem natürlichen Stolze, zu dem ich schon vorher mich hinneigte, hatte ich mir doch bei aller meiner Unruhe Mühe gegeben, das Leben von einem anderen Gesichtspunkte aus zu betrachten, als von dem, welcher 811 die Fernsicht des Ehrgeizes mit den Bildern der irdische» Gottheiten, der Macht und des Ranges, schloß. War ich nicht selbst hinter den Couliffen und deshalb Zeuge gewesen, wie Trcvanion jede Freude, seinen ganzen Frieden dem Ringe» nach Gewalt opfern mußte und wie der Rang selbst einem Manne von Lord Castletons feinen Sitten und anmuthigcn Eigenschaften kein Glück zu geben vermochte? Und doch schienen diese beiden Charaktere so gut — der crstere für die Macht, rer letztere für den Rang zu passen. Es ist wunderbar, mit welcher Freigebigkeit die Vorsehung Ersatz leistet für Fortuna's parteiische Spenden. Unabhängigkeit oder das kräftige Ringen danach. Familicnanhänglichkeit mit ihren Hoffnungen und Belohnungen, ein Leben, daS durch die Kunst nur um so empfänglicher für die Natur wird — ein Leben mit reinen und gesunden Freuden, in welchem die sittlichen Fähigkeiten sich harmonisch mit den geistigen erweitern und das Herz Frieden hält mit dem Verstände — ist dies ein so niedriges Geschick , daß der Ehrgeiz nicht danach trachten sollte, und liegt es so weit aus dem Bereiche des Menschen? „Lerne dich selbst kennen," sagte die alte — „werde besser," spricht die neue Philosophie. Die große Aufgabe des Erdenwallers besteht darin, nicht alle seine Leidenschaften und Begabungen an äußere Dinge zu verschwenden, die er zurücklassen muß, denn nur was er in seinem Innern ausbildet, kann er mit hinübernehmen in den ewigen Fortschritt. Wir sind hienisden nichts anderes, als Schulknaben, deren Leben beginnt, wo die Schule endet, und die Kämpfe, die wir mit unfern Nebenbuhlern auS- fochten, die Spielsache», die wir mit unser» Kameraden theilten, und die Namen, welche wir hoch oder nieder an den Wänden oder über unsere Pulten eingruben — werden sie uns jenseits viel nützen können? Wenn neue Schicksale auf uns hereinbrcchcn, was sind sie mehr, als flüchtige Erinnerungen, über die wir lächeln oder seufzen? Lieber Leser, blicke zurück auf deine Schultage, und gib mir Antwort. Eilftcs Kapitel. Seit dem letzten Kapitel sind wieder zwei Wochen verflossen, und wir haben für lange Jahre zum letztenmal auf dem englischen Boden geschlafen. Es ist Nacht und Vivian befindet sich bei seinem Vater. Sie sind schon mehr als eine Stunde beisammen, und ich und mein Vater wollen sie nicht stören. Aber die Glocke schlägt; es ist spät, daS Schiff segelt noch in der Nacht aus, und wir sollten am Bord scyn. Wie wir beide unten stehen, geht im Zimmer oben die Thüre auf, und ein schwerer Tritt kömmt die Treppe herunter. Der Vater stützt sich auf den Arm des Sohnes. Du hättest sehen sollen, lieber Leser, wie schüchtern derSohn den unsteten Tritt lenkt. lind jetzt, während das Licht ihre Gesichter erhellt — Thränen ans Vivians Wangen — aber das Antlitz Nolands scheint ruhig und glücklich zu seyn. Glücklich — da er im Begriff ist, sich vielleicht für immer von seinem Sohne zu trennen? Ja, glücklich; denn er hat zum erstenmal einen Sohn gefunden, denkt nicht an die Jahre der Abwesenheit und an die Möglichkeit des TodeS, sondern ist voll Dank gegen die göttliche Gnade und schwelgt in himmlischer Hoffnung. Wenn du dich wunderst, daß Roland in einer solchen Stunde glücklich seyn kann, so habe ich vergeblich gesucht, ihn vor dir athmen, leben und sich bewegen zu lassen. » Wir sind an Bord. Unser Gepäck ist uns vorangegangen. Ich hatte Zeit gehabt, mit Hülse eines Zimmer- mannS sür Vivian, Guy Bolding und mich im Raume Kajüten aufzuschlagen; denn da wir dachten, wir könnten nicht bald genug die europäische Vornehmthnerei beseitigen und den feinen Gentleman abstreifcn, wie Trevanion empfohlen, so hatten wir zur großen Erleichterung unserer Finanzen unsere Plätze im Zwischendeck genommen. Dadurch wurde unS auch der Genuß zu Theil, unter uns zu seyn, und die Cumberländer, die uns umgaben, konnten uns viele freundschaftliche Dienste leisten. Wir sind an Bord, haben zum letztenmal diejenigen gesehen, welche wir verlassen, und stehen an einander gelehnt auf dem Deck. Wir sind an Bord, und die Lichter, nah und fern, blinken von der endlosen Stadt her, während die Sterne hell und klar hoch oben wie auf die ersten Seefahrer des Alterthums zu uns niederschauen. Seltsames Getöse, rauhe Stimmen, das Knarren von Tauwcrk, da und dort daS Schluchzen von Weibern und zwischen hinein die Flüche der Männer. Jetzt das Schwingen und Heben deS Fahr- 814 zeugs — das traurige Gefühl, welches den Verbannten beschleicht, wen» das Schiff sich durch die Wellen hinbewegt. Und noch immer standen wir da, blickte» zurück und lauschten — stille und gegenseitig an einander gelehnt. Die Nacht rückte vor, die Stadt verschwand — auch das letzte von seinen Myriaden Lichter! Der Strom wurde weiter und weiter. Wie kalt kömmt der Wind! Ist dies eine Kühle von der See her? Die Sterne erbleichen — der Mond ist hinunter. Und nun, wie verödet sieht daS Wasser aus in dem trostlosen Grau der Dämmerung! Wir fröstelten, sahen einander an und murmelten etwas, waS mit aus den Tiefen unserer Herzen kam; dann schlichen wir nach unfern Lagerplätzen, fest überzeugt, daß es unS nicht um den Schlaf zu thun sey. Aber der Schlaf kam über u»S, sanft und wohlihnend. Das Meer wiegte die Verbannten ein wie an einer Matterbrust. S'iebenzehnter Abschnitt. Erstes Kapitel. Der Vorhang ist niedergelassen, Macht cs euch bequem, verehrte Zuhörer, und plaudert mit einander. Meine liebe Frau in der Loge, nehmt Euren Operngucker heraus und seht Euch um, Traktire Tom und die hübsche Sall mit 815 einigen von diesen schönen Orangen, o Dn glücklich aussehende Mutter in der Zweischillinggallcric. Ja, ihr braven Lehrjnngcn in der obersten Reihe — jedenfalls die Schrei- Pfeife ! Und ihr, „hochmögende ernste und verehrungswür- dige Herrn" in der Vorderreihe des Parterres — geübte Kritiker und eifrige alte Theatergänger, die ihr die Köpfe schüttelt über neue Schauspieler und dramatische Dichter, fest dem sehr achtbaren Glauben eurer Jugend anhängend, daß wir um einen Kopf kleiner sehen, als unsere riesigen Vorväter — lacht oder schmält, wie ihr wollt, so lange der Vorhang die Bühne schließt, ES ist nicht mehr wie billig, als daß ihr euch in eurer eigenen Weise vergnügt, meine lieben Zuschauer, denn es folgt ein langer Zwischenraum. Alle Schauspieler muffen ihre Anzüge wechseln; die ganze Konliffenbediennng ist in Thäugkeit, um die Scencrie einer neuen Welt einznschieben, und unter völliger Mißachtung von Zeit und Ort werdet ihr auf dem Theaterzettel lesen, daß man eurem Glauben viel znmnthct. Man verlangt von euch, daß ihr annehmct, wir sehe» um fünf Jahre älter geworden seit der Zeit, als ihr uns zum letztenmale auf der Bühne uns abmatten sähet. Fünf Jahre! Ter Autor will diesen Glauben namentlich dadurch crmuihigen, daß er den Vorhang länger als gewöhnlich zwischen den Lampen und der Bühne schweben läßt. Spielt auf, ihr Geigen und Pauken! Die Zeit ist um. Stille jetzt mit der Schrcipfeife, junger Gentleman! Köpfe nieder in dem Parterre dort! Der musikalische Schnörkel ist jetzt vorüber-!-der Vorhang geht auf—schaut vorwärts! 814 Eine schöne, klare, durchsichtige Atmospärc— schön, wie die des Morgenlandes, aber kräftig und stärkend wie die Luft dcS Norden. Ein breiter, schöner Fluß zieht sich durch breite, grasige Ebenen; in weiter Entfernung dehnen sich endlose immergrüne Urwälder aus, und sanfte Anhöhen unterbrechen die Linie des wolkenlosen Horizont. Seht jene Waiden, arkadisch mit Schaafe» zu Hunderten und Tausenden besät. Thyrsis und Menalcas würden Mühe gehabt haben, sie zu zählen, und-wohl keine Zeit, fürchte ich, um auf Daphne Lieder zu singen. Aber leider sind die Daphnen selten; keine Nymphen mit Blumengewinden und Schäferstäben trippeln über diese Waidcgründe. Wendet Eure Augen nach rechts in die Nähe deS Flusses, nur durch einen niedrigen Zaun geschieden von den dreißig Acres, die zum Vergnügen oder zur Bequemlichkeit angelegt sind, nicht aber um des ^Nutzens wegen. Der Zaun ist wegen der Schaafe dort — ihr seht dort einen Garten. Blickt nicht so geringschätzig nieder auf diese Anfänge der Gartenkunst, denn im Gebüsch sind solche Gärten selten. Ich zweifle, ob jener stattliche König der Schaufel je eine größere Freude hatte an dem berühmten Gewächshause, durch das ihr in einer Equipage fahren könntet, als dies bei den Söhnen des Gebüsches der Fall ist , wenn sie sich Pflanzen und Blüthen erziehen, welche den Geruch und den Geschmack des alten Vaterlandes an sich tragen. Geht hin und betrachtet den Palast der Patriarchen — er ist zwar nur ronHolz; aber ich versichere euch, das HauS, da§ wir mit eigenen Hände» bauen, ist stets ein Palast. Hast du dir je 817 eines gebaut, als du »och ein Knabe warst? Und die Herren dieses Palastes sind auch Herren des Landes» fast so weit das Auge sieht, und der zahllosen Hccrden darauf. Und waS noch besser ist, sie erfreuen sich dabei einer Gesundheit, um die sie ein Antcdilnvianer hätte beneiden können, und ihre Nerven sind vom Tummeln der wilden Pferde, vom Bieh- treiben und dem Kampfe mit wilden Schwarzen — einem ewigen Hin- nnd Hcrjagcn ans Leben und Tod— so gestählt, daß, wenn je eine Leidenschaft die Brust dieser Könige vom Buschland quält, sicherlich die Furcht wenigstens ans der Liste gestrichen ist. Seht da und dorr in der Landschaft rohe Hütten, wie die des Herrn — wilde und ungestüme Geister wohnen darin. Aber sic sind zur Ordnung gebracht durch Uebcrfluß und Hoffnung — durch die Hand, welche zwar offen, aber fest, durch das Auge, das scharf, aber gerecht ist. . Aus jenen Wäldern jagt hurrah, hopp, hopp, hopp über die grünen, wallenden Ebenen her mit langen wildfliegendcn Haaren und bärtig gleich einem Türken oder einem Pardel, ein Reiter, den ihr kennt. Der Reiter steigt ab, und ein anderer alter Bekannter hört auf, mit einem Schäfer über Gegenstände zu sprechen, die Thyrsis und Mcnaleas wohl nie gequält haben, da die Schaafe derselben nichts von Klauenseuche und Räude gewußt zu haben scheinen. Er redet den Reiter an. Pisistratns. — Wo um aller Welt willen schd Ihr gewesen, Guy? Guy — (zieht triumphirend ein Buch auS der Tasche Bulwer, die Cartone. 52 818 hervor). Ta! Ur. Johnson's Leben der Dichrcr. Ick konnte den Squatter nicht dazu bewegen, mir Kenilworth zu überlassen, obschou ich ihm drei Schaafc dafür anbot. Vcr- muthlich ein langweiliger alter Bursche, dieser Nr Johnson ! Um so besser, dann hält das Bnch desto langer. Und hier ist auch eine Shdnch-Zcitnng, nur zwei Monate alt! Guy nimmt eine kurze Pfeife, die in dem Band seines Huts gesteckt hat, herunter, stopft sic und zündet sie an. Pisistratns. — Ihr müßt heut wenigstens zwölf Stunden weit geritten seyn. Wenn ich daran denke, daß Ihr noch zu einem Büchcrjäger werdet, Guv! GuhBvlding — (philosophisch). — Ach, man cr- kennt den Werth einer Sache erst, wenn man sie verloren hat. Ihr habt indeß keinen Grund, über mich zu spotten, alter Freund, denn auch Ihr erklärtet, daß Euch die Bücher znm Sterben entleibet sehen, bis Ihr fandet, wie lange die Abende waren ohne sic. Das erste neue Buch, daS wir sodann anftricben, war ein alter Band des Zuschauers! — Welch ein Witz! Pisistratus. — Ganz richtig. Die braune Kuh hat in Eurer Abwesenheit gekalbt. Ich denke, Guh, wir werden dieses Jahr keine Rande unter unfern Schaasen haben, und dann läßt sich eine schöne Summe beilegen. ES geht jetzt vorwärts mit uns, Guh. Gnh Bolding. — Ja; ein großer Unterschied gegen die ersten zwei Jahre. Damals machtet Ihr ein langes Gesicht. Wie klug war cS von Euch, daß Ihr daraus bestandet, wir sollten zuerst ans der Station eines Andern Er- 819 fahrung lernen, ehe wir »nser eigenes Kapital wagten! Aber, beim Jupiter, diese Tchaafe reichten anfänglich zn, um einen ehrlichen Mann um den Verstand zn bringen. Da brachen die wilden Hunde ein, nachdem die Schaafe schon gewaschen und znm Schcercn bereit waren ; und dann erwischten wir das verwünschte schäbige Schaafdes Joe Tim- mes, welches so wohlgefällig seine Seiten an unfern arglosen armen Thicren rieb. Es nimmt mich heute noch Wunder, daß wir nicht Reißaus nahmen. Doch — „imtmntm M" — wie heißt jener Vers im Hvraz? Doch gleichviel jetzt. Das Sprüchlein: „'s ist eine lange Gasse, die keine Wendung hat," paßt hier ebenso gut als irgend eine Stelle ans dem Horaz und dem Virgil obendrein. Ist Vivian nicht da gewesen ? Pisistratns. — Nein; aber er wird zuversichtlich beute noch kommen. G ny Bolding.— Er hat's am besten von uns allen. Pferde- und Viehzucht; diesen wilden Teufeln nachzugalop- pircn; sich in einem Wald von Hörnern zu verlieren; brüllende Bestien, die über das Feld laufen, bohren und den Boden unfreisten wie wilde Büffel: Pferde, die dahinjage», borg ans, bcrg ab, über Felsen, Steine und Pfähle ; klatschende Peitschen und rufende Männer — fast am Halsbrechen herunter; ein großer Stier rennt voll gegen Einen an! Welch ein Witz! Schaafe sind gar langweilige Dinger, wenn man nach einer Stierjagd oder nach einer Piehhetze sich mit ihrer Hut abgeben soll. Pisistratns. — Jeder kan» im Gebüsch seiner Lieb- S2" Haberei folgen. Man verdient sein Geld leichter und sicherer, init mehr Wagnis zwar, aber anch mit mehr Verzügen, im buevlischen Departement, erzielt aber größeren Gewinn und lammt schneller zn einem Vermögen, wen» nia» bet sorgfältiger Behandlung Glück mit seinen Lchaafen hat, lind ich denke doch, unser Hauptzweck besieht darin, das wir sobald wie möglich wieder nach England zurückkominen, Gnv Bolding, —Hiini! Ich könnte mich darein finden , im Gebüsch zn leben und zu sterben — es geht nichts darüber, wenn nur die Frauenzimmer nichr so selten wären. Denken zu müssen, wieviele Jungfern zu Hause ledig herumlaufen müssen, und bei uns sicht man auf zwölf Stunden Weges nicht eine einzige, Bet Goggins ausgenommen, die nur ein Auge hat. Um jedoch ans Pivian znrückzukommen — warum sollte uns mehr daran liegen, als ihm, sobald wie möglich wieder nach England zurückzukommen? PisistratuS. — Mehr freilich nicht. Aber Ihr habt gesehen, daß für ihn eine aufregendere Beschäftigung nöthig war, als diejenige ist, welche uns durch unsere Schaasc geboten wird, Ihr wißt, daß er dabei ganz lleinmüthig und niedergeschlagen wurde, und da war dann eben die Vieh- Station feil. Weil nun »m dieselbe Zeit das Turhamer- Vieh und die Uorkshirer Pferde, welche Mr, Trevanion Euch und mir zum Geschenk gesandt harte, so verlockend wirkten, so hielt ich es für gut. wenn wir der einen Speeulalion auch eine andere beifügten. Einer von uns war für das bncolische Departement nöthig, und zwei brauchte man für das Pastorale; ich dachte, fürs erster- dürfte Vivian am besten 7 .^ 8S1 passen, und bis jetzt haben wir noch keine Ursache gehabt, diese Wahl zu bereuen. Guy. — Nun, ja Vivian ist ganz in seinem Element — stets in Thätigkeit und stets in Commando. Läßt mau ihn überall den Ersten seyn, so gibt es keinen netteren, umgänglicheren Menschen — die hier gegenwärtige Gesellschaft natürlich ausgenommen. Hört! die Hunde, das Klatschen der Peitsche — da ist er. lind nun könnten wir, denke ich, an unser Mittagessen gehen. Vivian (tritt auf). Seine Gestalt ist athletischer geworden und sein Auge, fester und weniger unstet, blickt Einem roll in's Gesicht. Sein Lächeln ist offener! aber in seinen Zügen liegt eine Melancholie. die man fast düster neunen könnte. Er hat den nämlichen Anzug, wie Piflsiratus und Guy — weiße Jacke und Beinbekleidung, ein lose geknüpftes Halstuch von etwas bunter Farbe, einen breiten Kohlblatthut und einen Bart, der mit mehr Sorgfalt gepflegt ist, als die unserigc». In der Hand trägt er eine große Peitsche, und über seine Schultern ist ein Gewehr geschlungen. Es werden Begrüßungen ausgetauscht und wechselseitig Fragen gestellt über das Vieh, die Schaafe und die Pferde, die nach dem letzten indianischen Markt gingen. Guy zeigt das Leben der Dichter; Bi- vian fragt, ob cs nicht möglich sey. eine Biographie von Clivc oder Napoleon, odxr ein Ercmplar des Plutarch zu lrhalten. Guy schüttelte de» Kopf und sagt, wenn mit einem Robinson Crusoe gedient sey, so habe er ein sehr zerleseneS Eremplar davon gesehen, aber Keinen Handel 822 schließt» kenne», weil die Liebhaber sich darum gerissen batte». Die Gesellschaft begibt sich in die Hülte, Junggeselle» sind in allen Ländern beklagenswerthe Geschöpfe, am bcklagenswerthesten aber im Bnschland, Der Mann in der alten Welt, wa die Ehe zur Dagcsardnnng gehört, weiß gar nicht, was er an einer Gchülfin hat, die dem zarteren Geschlecht- angchört, Zm Gebüsch iss dies anders. Das Weib wird hier buchstäblich Fleisch ran deinem Fleisch, Bein van deinem Bei» — deine bessere Halste, dein dienender Engel, deine Er>a in Eden, kurz, alles das, was die Dichter singen oder junge Redner bei össentliche» DincrS anssprechen, wenn sie aufgerufen werde» zu einem Daass auf „die Frauen", Leider sind wir unserer drei Junggeselle» beisammen, aber dcnnach besser daran, als es in der Regel bei Junggeselle» im Busch der Fall ist. Das Weib des Schäfers, den ich van Eumberland mitnahm, erweist mir nndBalding die Ehre, in nnscrer Hütte zu wahnen und für nnsere Bequemlichkeit zn sargen. Seit wir im Gebüsch leben, hat sie ein Paar Kinder gebaren, sa daß um dieses Familienzuwachses willen ein Flügel an die Hütte angebant werden mußte. In England würde man wahrscheinlich die Kiin er für eine klägliche Last halte»; aber wenn man vam Sannen- ansgang bis zum Untergang van bärtigen Männern umgebe» ist, liegt wahrhaftig sagar in dem Schreien des Säuglings etwas Humanisirendes, Musikalisches und Cbristen- menschartiges. Nun, da geht es sogleich las — Gatt segne den 8?g lieben Kleinen! Was meine übrigen Begleiter aus Cum- berland betrifft, so hat der strcbcndste non allen, Miles Square, mich längst verlassen und ist gegen fünfzig Stunden von nnö Oberaufsehcr bei einem großen Schäserei- besitzcr. Ter Will o' the Wisst ist auf der Viehstation Vivians Obergehülfe und findet hin und wieder Zeit, seiner alten Jagdliebhaberei ans Kosten von Pastagaycn, schwarzen Kakadnen, Tauben und Känguruhen nachznhän- gen. Ter Schäfer bleibt bei uns — der ehrliche Bursche scheint nicht daran zu denken, sich ausbeffern zu wollen, und bewahrt das alte Gefühl der Clanschaft, das bei ihm den in Australien so gewöhnlichen Ehrgeiz niederhält. Und sein Weib — dieser Schatz! Ich versichere euch, schon der Anblick ihres glatte», lächelnden Frauengesichtes, wenn wir AbendS heimkehren, und sogar der Faltenwurf ihres Gewands, wenn sie die „Damsters" * in der Asche umkehrt und den Theetopf füllt, hat etwas Heiliges und Engclgleichcs an sich. Welch ein Glück, daß unser Cumbcrlander Freund nicht eifersüchtig ist! Nicht daß ein Grund dazu vorhanden wäre, so bcneidenSwcrth auch der Schelm ist: aber wo die Desremo- nen so selten Vorkommen, kann man sich denken, wie gall- süchtig in der Regel ihre Othellos sind. Treffliche Ehemänner allerdings — auf der ganzen Welt keine besseren; aber man darf sich zweimal bedenken, ehe man den Verguck) macht, im Buschland den Cassio zu spielen. Da ist sie übrigens, das liebe Geschöpf — rasselt unter den.Bestecken, - Ein DamVcr ist cm stuchcn aus Mcljt ohnc Hefe, d-r in dcr Asche gcd.Kfen wird. 824 streicht daS Tischtuch glatt, setzt Las Pöckelfleisch auf und jenen seltenen Lurus des Eingemachten (oer letzte Topf in unserer Borrathskammcr) sammt den Prvdnklen unsers GartenS und unseres Hühncrhofö, deren sich nur wenige Buschmänner rühmen können. Auch die Dampcrs fehlen nicht, und jeder Mahlgcnvsse erhall einen Napf Thce; aber keinen Wein, kein Bier, keinen Branntwein —dies sind Genüsse, welche nur der Scheerzeit Vorbehalten bleiben. Wir haben eben unser Tischgebet gesprochen — eine Sitte, die wir aus dem heiligen Mutterlandc beibchielten — als sich draußen, Gott behüte mich, ein Lärmen, Stampfen von Roßhufen und das Belle» von Hunden vernehmen läßt. Es sind Gäste angekommen — stets eine willkommene Erscheinung im Bnschland! Vielleicht ein Viehkänfer, der Vi- vian aufsucht, vielleicht auch der verwünschte Squatter, dessen Schaafe immer zu den unsrigcn hcrüberlanfen. Gleichviel; ein herzliches Willkommen Jedem — dem Freunde, wie dem Feinde. Die Thüre geht ans; einer, zwei, drei Fremde. Mehr Teller und Messer — rückt eure Stühle — eben noch zn rechter Zeit! Zuerst getäfelt, dann — was Neues? Die Fremden haben sich eben niedergelassen, alseine Stimme von der Thüre her erschallt: „Gebt mir ja recht Acht auf dieses Pferd, junger Mann. Führt es ein wenig umher und wascht ihm den Rücken mit Salzwasscr. Schnallt die Mantelsäckc los und gebt sie mir. O, sie sind ohne Zweifel sicher genug — aber Papiere von Wichtigkeit. Die Wohlfahrt der Colonie hängt von diesen Papieren ab. Ich schaudere bei dem Gedanken, waS 825 auS imS Allen werden würde, wenn ihnen ein Unfall zustieße." Und nun tritt herein in einem zwilchenen Jagdwamms mit vergoldeten Knöpfen, ans denen einewohlbekannteZcich- nung abgeprägt ist. mit einem Gesichte, von einem Kohl- blarthnt beschattet, wie man es selten im Gebüsche sieht, mit einem Gesichte sö glatt, als es ein Rasirmcffer nur machen kann, hübsch, zierlich und achtbar ausschend, wie immer, den Arm voll Mantelsäcken und die Nasenlöcher leicht ausgedehnt, um den Dampf des Males einzusauge» — wer anders als Onkel Zack? Pisislratus — (aufspringend). — Jst's möglich! Ihr in Australien — Zhr im Gebüsch? Onkel Jack, der in dem ans ihn zusiürzcnden großen, bärtigen Mann PisisiratuS nicht erkennt, weicht erschrocken ein wenig zurück und ruft: „Wer scy) Ihr? habe Euch früher nie gesehen, Sir! Vermutlich werdet Jhrzunächst sagen, daßich Euch etwas schuldig seh!" PisisiratuS. — Onkel Jack! Onkel Jack — (seine Mantelsäcke fallen lassend). — Neffe! — Dem Himmel sey Dank! Komm in meine Arme! Sic umarmen sich. Gegenseitige Vorstellung — auf der einen Seite Mr. Vivian und Mr. Bolding, auf der andern Major Mae Blarney, Mr. Bullion und Mr. Cma- nuel Speck. Major Mac Blarney ist ein hübscher stattlicher Mann, spricht den Dublincr Dialekt und drückt denen, die er »?6 grüßt, die Hand, als habe er einen näßen Schwamm anszu- ringen, Mr, Bullion, stelz und zurückhaltend, trägt eine grüne Brille und gibt dem Begrüßten den Zeigefinger, Mr, Emanucl Speck — ungewöhnlich stutzerhaft für das Gebüsch, mit einer blauen Maöhalsbinde und einem jener mit Schnur- Werk Verzierten, in Deutschland so gewöhnlichen Reisehemden, in welchen sich Taschen genug befinden, daß Briareus alle seine hundert Hände zumal untcrbringen könnte — ist ein schmächtiger, höflicher herablassender Mann, der sich lächelnd verbeugt und mit einer Miene zum Essen wieder niedcrsitzt, als ftp er daran gewöhnt, die Hauptsache nicht ans dem Gesicht zu verlieren, Onkel Jack — (mit gefüllten Backen), Famoses Ochsenfleisch! — selbst gezogen, he? langweiliges Geschäft — dieses Viehzuchten! — (leert den Rest des Topfs mit dem Eingemachten auf seinen Teller), Man muß in der neuen Welt lernen, rasch vorwärts zu kommen. Eiftnbahn- zeiten dies! Wir können ihm ein oder das andere beibrin- gen — was meint Ihr 'Bullion,' — (Mir zuflüstcrnd). Großer Kapitalist dieser Bullion! Sieh ihn nur an, Mr, Bullion — (gravitätisch). — Ein und das andere? Wenn er Kapital hat — ich glaube, Ihr sagtet so, Mr, Tibbets? (Er sicht sich nach dem Eingemachten nm, und die grüne Brille bleibt auf Onkel Jacks Teller haften.) Onkel Jack. — Diese Colonie braucht nichts, als einige Männer, wie wir, mit Kapital und Nntcrnehmungsgeist, Statt die Armen zu bezahlen, daß sie auswandcrn, sollte man lieber den Reichen Geld geben, daß sic kommen — Was meint Ihr, Speck? Während Onkel Jack sich gegen Mr. Speck wendet, steckt Mr, Bnllion seine Gabel in eine eingemachte Zwiebel auf Zacks Teller und bringt sie nach seinem eigenen ; dabei bemerkte er, nicht gerade mit Beziehung ans die Zwiebel, sondern als eine Wahrheit im Allgemeinen: „Hier zu Lande, Gentlcmcn, muß man die Augen immer offen haben und den erste» besten Vortheil benützen! Die Hülfsquellcn sind unberechenbar!" Onkel Zack, der wieder nach seinem Teller sicht und die Zwiebel vermißt, kommt Mr. Speck in Ergreifung der letzten Kartoffel zuvor, und bemerkt in demselben philosophischen und generalisirenden Geist, wie Mr. Bullion: „Die Hauptsache hier zn Land besteht darin, daß man stets in der Vorhand ist, Entdeckung und Erfindung, Gewandtheit und Entschlossenheit! So schiert man seine Schäf- lein. Bei meinem Leben, unter den Eingebornen hier lernt man traurig gemeine Sprüchworter. 'So schiert man seine Schäflein !' Abscheulich! Was würde dein armer Vater dazu sagen? Wie geht es ihm, dem guten Austin?— Gesund? das ist recht ; und meine liebe Schwester? Ah, dieser verwünschte Peck — sie wird wohl »och immer über den An ti- apita listen lamentircn? Aber es soll Alles wieder gut gemacht werden, Genllcmen, die Gläser geladen — einen Humpen-Toast — Mr. Speck — (in geziertem Tone). — Ich antworte darauf in einem strömenden Becher. Gläser haben wir nicht. 828 Onkel Jack.— Ein Humpen-Tons! auf das Wohl des künftigen Millionärs, den ich Euch in meinem Neffen und einzigen Erben, Pisiftratus Carton, Esauire, vorstelle. Ja, Geiülcmen, ich erkläre hier öffentlich vor euch, daß dieser Gentleman alle meine Habe erben wird — Freigüter und Pachtgütcr, meine Ländereien und meine Grubeuwerke. Und wenn ich im kühlen Grabe liege — (er nimmt sein Taschentuch heraus) — und nichts mehr von dem armen John Tibbets übrig ist, so seht auf diesen Gentleman und sagt: „John Tibbets lebt wieder auf!" Mr. Speck — (singend), — „Nehmt die Humpen in die Hand!" Guy Bvlding,— Hip, hip, hurrah! — Dreimal drei! Welch ein Witz! Die Ordnung wird wieder hergestellt, der Tisch abgeräumt, und jeder Gentleman zündet seine Pfeife an. Bivian. Was Neues aus England? Mr. Bullion, — I» Betreff der Fonds, Sir? Mr, Speck, — Ihr meint wahrscheinlich eher in Betreff der Eisenbahnen, Damit wird viel Geld gewonnen, Sir; aber ich denke gleichwohl, daß unsere Speculationen hier — Bivian. — Ich bitte um Verzeihung, daß ich Euch unterbreche, Sir; aber aus den letzten Zeitungen scheint hervorzugehen, daß die Franzosen eine feindselige Miene machen. Keine Aussicht auf einen Krieg vorhanden? Major Mac Blarney. — Auf den Krieg habt Ihr also Euer Hauptaugenmerk gerichtet, junger Gentleman? 829 Wenn mein Einfluß bei der Leibgarde Euch nützlich werden kann — Sakerlot, so macht Ihr einen stolzen Mann aus Major Mac Blaniep. M r. Bullion — (gebieterisch). — Nein, Sir, wir wollen nichts r>om Krieg. Die Kapitalisten von Europa und Australien lasieu's nicht so weit kommen. Die Rothschild!: und einige andere, die ich nicht nennen will, habcn's nur so z» machen, Sir — (Mr. Bullion knöpft seine Taschen zu) — und wir werdeu's so machen; was soll dann aus Eurem Kriege werden, Sir? Mr. Bullion zerbricht in dem Ungestüm, mit welchem er seine Hand auf den Tisch bringt, seine Pfeife, läßt die grüne Brille umherschweifen und bemächtigt sich der Pfeife des Mr. Speck, welche dieser Gentleman in einem achtlosen Augenblicke bei Seite gelegt hat. Vlvian. — Aber der Feldzug in Indien? Major M ac Blarney. — Oh! Und wenn Ihr cs auf die Jnschens abgesehen habt — Bullion. — (Specks Pfeife aus Gup Boldings Ta- backsbeutcl füllend und de» Major unterbrechend.) Indien — dies ist etwas anderes. Hicgegen Hab' ich nichts ein- zuwcnden. Krieg dort — eher gut für den Geldmarkt, als das Gegeniheil. Vivian. — Nun, und was gibt es Neues von dorther? Bullion. — Weiß nicht— habe keine osiindische Papiere. Mr. Speck. — Auch ich nicht. Der Tag für 630 > Indien ist vorüber. Dies ist jetzt unser Indien. (Er vermißt seine Tabackspfeife, sieht sie in BnllionS Mund und macht ein ellenlanges Gesicht! — X». — Die Pfeife ist kein thönerner Stummel, sondern ein kleiner Meerschaum — unersetzlich im Buschland.) Pisistratus. — Ich kann mir aber gar nicht denken, Onkel, welchen neuen Entwurf Ihr in Händen haben mögt. Ohne Zweifel etwas Wohlwollendes — etwas für Eure Nc- benmenschcn — für Philanthropie und Menschheit? Mr. Bullion — (stutzend). — Ei, junger Mann, seyd Ihr „och so gar ungeleckt? Pisistratus..-.Ich, Sir? — Nein— Gott behüte! Aber mein —" Onkel Jack hebt flehentlich seine» Zeigefinger ans und schüttet seinen Thee über die Beinkleiduug seines Neffen, lieber die Wirkung des Thecs aufgebracht und daher blind für den Wink mit dem Zeigefinger fährt Pisistratus fort: Aber mein Onkel ist es! — Irgend eine großartige, königliche Nalionaleolonialantiinonopolgcscllschaft — OnkelIack. — Pah ! pah ! Was dies für ein drolliger Junge ist! Mr. Bullion — (feierlich). — Mit solchen Ansichten, die Ihr auch nicht cinmal im Scherz meinem achtbaren und einsichtsvollen Freunde unterstellen solltet — (Onkel Jack verbeugt sich) — werdet Ihr es, wie ich fürchte, nicht vorwärts bringen, Mr. Carton. Ich. glaube nicht, daß unsere Spccnlationen Euch Zusagen werden. Doch cs wird spät, Gentlemcu. Wir müssen weiter. k,3t Onkel Jack — (al:fspri:>gend). — Und ich habe dem lieben Iminen noch so diel zu sagen. Entschuldigt uns. Ihr kennt die Gefühle eines Onkels ! (er nimmtmich am Arni nnd führt mich zur Hütte hinaus). Onkel Jack — (sobald wir im Freien sind). — Tn wirst »ns zu Grunde richten — Dich, mich, Deinen Barer nnd Deine Mutter. Ja! was meinst Du denn, für wen ich sonst arbeite nnd mich abplacke, als für Dich nnd die Dcinigcn? — Tn richtest uns alle zu Grund, sage ick, wenn Tu in solcher Weise vor Bullion sprichst. Sein Herz ist so hart, wie die Bank ov» England -— und er hat damit vollkommen Recht. — Nebenmcnschcu -- Possen! Ich habe mich längst dieses Blendwerks, der großmürhigen Thorhciren meiner Jugend, cntschlagen nnd fange endlich an, für mich zu leben — das heißt für mich und meine Verwandte. Tn wirst sehen, diesmal gelingt es mir. Pisistratus. — Ick hoffe es in der Thar aus aufrichtigem Herzen, Onkel : nnd um Euch Gerechtigkeit widerfahren zu lassen, muß ich sagen, daß in Euren Ideen stets etwas Geschecktes lag, wen» sie nur nicht — Onkel Jack — (mich mit einem Stöhnen unterbrechend). Die Neichthümcr, welche sich andere Leute durch meine Ideen errungen haben! Schon der Gedanke daran ist entsetzlich. Wie — und ich sollte Vorwürfe verdienen, weil ich nicht länger leben will für eine solche Bande von diebischen, gierigen, undankbaren Halunken? Nein, nein! Nummer Eins soll fortan meine Marime sehn ; nnd Dich will ich zn einem Crösus machen, Junge — ja, das will ich. Nach einer dankbaren Anerkennung aller in Aussicht gestellten Wohlthaten fragt Pisistraius, wie lange schon Jack sich in Australien aufhalte, was ihn nach der Colonie geführt habe und mit welchen Entwürfen er sich gegenwärtig trage. Zu seinem Erstaunen erfährt er, daß Onkel Jack schon vier Jahre in der Eolouic ist und daß er ein Jahr nach Pisi- stratus England verließ— veranlaßt, wie er sagt, durch dieses herrliche Beispiel und durch irgend einen gchcimnißvollen Auftrag (über den er sich nicht näher ausspricht) entweder von Seiten des Colonial-Ministeriums oder einer Nuswan- derungsgescllschaft. Onkel Jack ist wunderbar vorwärts gekommen, seit er seine Mitmenschen aufgegeben hat. In der Colonie angelangt, bestand seine erste Speculattou im Ankauf einiger Häuser zu Sidney, Ne er sehr wohlfeil erwarb und sehr thcuer wieder losschlug — Schwankungen im Preis, dis in den crtrcme» Geistesstimmungen der Coloni- sien ibren Grund haben: den» während man das einemal voll Hoffnung schon in dem Regenbogen eine Brücke steht, stürzt man das anderemal voll Verzweiflung in acherontischc Abgründe. Sein Hauptversuch stand jedoch in Verbindung mit der kindlichen Ansiedelung von Adelaide, unter deren erste Gründer er zu gehören meint; und da in dem Strom der Answanderung, welcher in de» ersten Jahren ihres Bestandes nach dieser beliebten Niederlassung hinfluthetc, in seinem Laufe leichtgläubige und unerfahrene Abenteurer aller Art mit sich fortreißcnd — ungeheure Summen verloren gingen, so wußte ein Mann von Onkel Jacks Gewandtheit sich allerlei Bruchstücke und Abfälle davon zuzueignen. Es war ihm 833 gelungen, sich werthvollc Empfehlungsschreiben an die großen Herren der Colvnie zu verschaffen, und so kam er in Verkehr mit einigen der Hauptpersonen, welche sich ein Landmonopol z» verschaffen suchten — ein Zweck, welcher seitdem großeu- theils erreicht wurde durch Steigerung des Güterpreises und Ausschließung der ärmliche» Brut kleiner Kapitalisten. Onkel Jack wußte ihnen zu imponiren als ein Mann von ausgedehntem staatsmännischem Wissen, der das Vertrauen hochstehender Engländer genoß, beträchtlichen Einfluß ans die englische Presse übte u. s.w. u. si w. Wir wollen damit ihrem Verstand nicht zu nah treten, denn Jack hatte, wenn er wollte, eine Art an sich, die ganz unwiderstehlich war. In solcher Weise war cs ihm gelungen, sich und seinen Erwerb mit Männern zu vergesellschaften, die wirklich über ei» großes Kapital verfügten und durch langjährige Erfahrung belehrt waren, wie es am besten verwendet werden könne. Er hatte sich, so weit seine Mittel reichten, mit Mr. Bullion affocirt, welcher einer der bedeutendsten Schäfereibesitzer und Landcigenthümer in der Colonic war, obschon dieser Gcnle- man, da er noch viele andere Nester auszunehmen hatte, in Sydney ein großes Hans machte und seine Waiden der Obhut von Oberaufsehern und Aufsehern überließ. Jacks Hauptlust war übrigens die Landmäklerei, und da ein deutscher Gelehrter kürzlich erklärt hatte, die geognostischen Verhältnisse der Umgegend von Adelaide deuteten auf das Vorhandcnseyn von Mineralschätzen, die seitdem wirklich an's Licht gefördert worden sind, so beredete Mr. Tibbets seinen Affocie Bullion und die andern Gentlemen, welche ihn bei dem vorberührten Nulwer, die Carte»«. tzz 834 Anlaß begleiteten, von Sydney nach Adelaide eine Landreise zu unternehmen und in aller Stille die Nichtigkeit der Vermnthung des Deutschen zu untersuchen, welcher man damals nur wenig Glauben schenkte. Wenn nun auch dem Boden die Minen fehlten, so wußte Onkel Jack doch seine Gefährten zu überzeugen, daß ebenso einträgliche Metall- grnben in den Taschen unerfahrener Abenteurer gefunden werden könnten, welche bereit waren, das eine Jahr zu de» thcuersten Preisen einzukaufen, und im nächsten sich genö- thigt sahen, zu dem wohlfeilsten wieder zu verkaufen, „Aber ich habe schon früher mit Minen zu thnn gehabt," schloß Onkel Jack mit einem schlauen Blick, indem er mir einen Stoß in die Rippen versetzte, „und weiß, was daran ist. Ich werde Niemand als Dir Einsicht gestatten in meinen Licblingsplan, und wenn Du willst, kannst Dn Dich mit Aktien betheiligen. Der Plan ist so einfach, wie ein Problem des Euklid: wen» der Deutsche Recht hat und Minen vorhanden sind, so müssen sie bearbeitet werden. Hiezu sind Leute nothwendig; aber die Arbeiter in den Minen müssen essen, trinken und ihr Geld ausgeben. Es handelt sich nun darum, dieses Geld zuerhalten. Begreifst Dn?" Pisistratns. — Nicht im Geringsten. Onkel Jack (majestätisch), — Ein großes Magazin für Branntwein und andere Vorräthe! Die Minenarbciter brauchen Grog und sonstige Dinge, kommen also zu Deinem Magazin, und Du nimmst ihr Geld. g. L, v! Aktien — was meinst Du, Schelm? Lege ein lumpichtcs Paartausend Pfund ein, und Dn sollst zur Hälfte betheiligt seyn.. 83S PisistratuS (mir Heftigkeit). — Nicht »m alle Goldgruben von Potosi. Onkel Jack (gutmüthig). — Nun, es soll Dir nicht zum Nachtheil gereiche», und ich werde mein Testament nicht ändern, wenn Du schon so wenig Vertrauen zu mir hast. Aber wie ist's mit Deinem jungen Freunde — ich glaube, Mr. Vivian nennst Du ihn? Ein gescheidt aus- sehcnder Bursche, schärfer als der andere, wie mir verkömmt. Würde er wohl sich als Aktionär betheiligen? PisistratuS. —Bei dem Branntwcinmagazin? Da müßt Ihr ihn selbst fragen! Onkel Jack. — Wie, ihr wollt die Aristokraten spielen im Gebüsch? Zn gut! Ha, ha! — Doch man ruft mir — wir müssen fort. PisistratuS. — Ich will eine Strecke weit mit- reiten. Was sagt Ihr dazu, Vivian— und Ihr, Guy? Die ganze Gesellschaft hat sich unS jetzt angcschlossen. Guy zieht es vor, sich in der Sonne zu Wärmen und das Leben der Dichter zu lesen. Vivian ist einverstanden, und wir begleiten unsere Gäste, bis die Sonne unter- geht. Major Mac Blarney ist sehr verschwenderisch mit Dienstanerbictungen für jeden erdenklichen Zweig des Lebens und schließt mit der Versicherung, wenn wir namentlich in dem Jngenieurfach ein Unterkommen finden wollten, znm Beispiel als Bergwerksbcamte, Kartenzeichner, Geometer n. s. w., so wolle er uns dazu behülflich seyn — Sakcrlot, für Nichts oder um ein Nasenwasscr. Wir vermuthen, Major Mac Blarney sey ein Civilingenienr, welcher unter der S3' S3S unschuldigen Einbildung leidet, er sey in der Armee gewesen. Mr. Speck thcilt mir in vcrrraulichem Flüstern mit, daß Mr. Bullion ungeheuer reich sey; er habe klein angefangen und sich dadurch sein Vermögen erworben, daß er nie eine gute Gelegenheit unbenützt ließ. Ich denke an Onkel Jacks eingemachte Zwiebel und an Mr. Speck's Meerschaum, mit achtungsvoller Bewunderung daraus den Schluß ziehend, Mr. Bullion handle grundsatzfest nach einem einzigen großartigen System. Zehn Minuten später bemerkt Mr. Bullion in ebenso vertraulichem Tone gegen mich, Mr. Speck sey bei aller seiner lächelnden Höflichkeit doch so scharf wie eine Nadel, und wenn ich bei der neuen Spekulation oder überhaupt bei irgend einer anderen Aktien wünsche, so thnc ich am besten, sogleich zu Bullion zu kommen, der mich nicht hintergehen werde, nicht um mein Gewicht in Gold. „Ich will zwar durchaus nichts gegen Speck sagen," fügte Mr. Bullion bei. „Er bringt es vorwärts in der Welt und sitzt warm, Sir. lind wenn ein Mann einmal warm sitzt, so bin ich die letzte Person von der Welt, die an seine kleine Mängel denkt und ihm eine kalte Achsel zukchrt." „Lebe wohl!" sagte Onkel Jack, noch einmal sein Taschentuch herausziehend, „Grüße an Alle in derHeimath." Dann dämpfte er seine Stimme zu einem Flüstern und fügte bei: „Wenn Du Dich in Betreff des Branntweinmagazin« eines Besseren besonnen hast, Neffe, so wirst Du finden, daß ich das Herz eines Onkels im Busen trage." Zweites Kapitel. ES war schon dunkel, als ich und Vivian langsam »ach Hause ritten. Die Nacht in Australien! Wie unmöglich ist eS, ihre Schönheit zu schildern! Der Himmel scheint in dieser neuen Welt der Erde um so diel näher zu sehn. Jeder Stern glänzt so klar und Helle, als komme er frisch aus der Hand des Schöpfers. Und der Mond gleicht einer großen, silbernen Sonne: auch der kleinste Gegenstand, den er beleuchtet, nimmt sich so bestimmt aus in seiner Ruhe.' Hin und wieder unterbricht ein Laut das Schweigen, aber ein Laut, welcher so im Einklang steht mit der Einsamkeit, daß er nur den Zauber derselben erhöht. Horch! der dumpfe Ruf eines Nachtvogels aus jener Schlucht zwischen den glänzenden, kleinen, grauen Felsen. Horch ! bei vorrückender Nacht das Bellen des fernen Wacht- hundes oder das dumpfe, seltsame Geheul eines wilden Ercmplars von derselben Specics, gegen das er de» Pferch vcrtheidigt. Horch! das Echo greift den Schall auf und trägt ihn spielend von Berg zu Berg — weiter, weiter und weiter abwärts, bis am Ende Alles wieder stille ist und die Blülhen geräuschlos auf den Wanderer niederhängen, wenn er durch einen Hain von riesigen Gummibäumen reitet. Di« ' »Ich bin oft i» einer solchen Nacht gereizt/ sagte Mr. Wilkinson in seinem unschätzbaren Werk über Südaustralien, »und «ährend ich meinem Pferd« Muße gönnte, im Schritt weiter zu gehen, unterhielt ich mich damit, daß ich ln dem stillen Mond» licht lai/ S38 Luft ist jetzt buchstäblich mit Wohlgeruch beladen, und das Gefühl davon wird fast peinlich bei aller Lieblichkeit. Du beschleunigst Deinen Ritt und entrinnst wieder in die offenen Ebenen, in das volle Mondlicht, uni durch die schmächtigen Thecbäume das ferne Glänzen des Flusses wahrznnehmen und durch die dünne Atmosphäre sei» beruhigendes Murmeln zn hören. Pisi st r a ins. — Und dieses Land ist das Erbtheil nnsers Volkes geworden. Wenn ich nmherschane, däucht cs mich, ich sehe den Plan des allgülige» Vaters sich klar vor mir entwirren durch die trübe Geschichte der Menschheit. Wie geheimnißvoll blieben, bis Europa mehr und mehr bevölkert wurde und seine civilisirende Mission erfüllte, diese Gebiete so lang vor seinen Augen verborgen und wurden uns erst bekannt, als die Civilisation für ihre Aufgabe der Lüftung des Schleiers bedurfte — ein AbzugSweg für fiebcrische Thatkraft, deren Ringen in den Massen vereitelt wurde; Brod für den Hungernden, Hoffnung für den Verzweifelten; die neue Welt hat in der That den Beruf, das Gleichgewicht .der alten wiederherzustclle». Hier ist ein neues Latium für die unsteten Geister, „Die der wechselnde Sturm auf verschiedenen Meeren um, herwarf." Hier spielt eine wahre Aeneide vor unfern Augen. Aus den Hütten der Verbannten, welche über dieses derbere Italien zerstreut sind, kan» man in der Zukunft sehen „Der Latiner Verwandtschaft, Den Albaneser Senat und die Mauern der mächtigen Noma." 839 Vivian — (traurig). — Soll aus den Auswürflingen der Arbeitshäuser, der Gefängnisse und der Verbrecherschisse das zweite Nom sich erheben? Pisistratus. — Es liegt etwas in diesem neuen Boden. in der Arbeit, die er hervorrnft, in der Hoffnung, die er einstößt, in dem Bewußtschn des Besitzes, welcher nach meiner Ansicht das Herz der socialen Moral ist — was das Werk der Besserung mit wunderbarer Schnelligkeit fördert. Fassen wir die Gesammtheit in's Angc, woher die Einzelnen auch komme», oder welche Verhältnisse sie hieher gebracht habe» mögen — diese Colonisten sind jetzt ein schönes, mannhaftes, frcimüthiges Geschlecht — roh zwar, aber nicht gemein , namentlich im Gebüsch — und ich denke, sie werden am Ende eine so wackere und ehrenhafte Bevölkerung werden, wie die, welche jetzt in Sndaustralien heranwächst, wo die Verbrecher ausgeschlossen sind — und zum Glück ausgeschlossen sind ! denn die Auszeichnung wird den Wetteifer schärfen. Was das klebrige betrifft, so denkeich, daß zu unmittelbarer Beantwortung Eurer Frage sogar der emgn- cipirte Theil unserer Bevölkerung um kein Haar weniger achtbar ist, als das Raubgesindel unter Nomulus. Vivian. — Aber waren sie nicht Soldaten — die ersten Römer, meine ich? Pisistratus. — Mein lieber Vetter, wir sind gegen jene unheimliche Geächtete im Vorthcil, wenn wir Land, Häuser und Weiber gewinnen können — (bei den letzteren hat es freilich einen Haken, und es ist gut, daß keine weißen Sabiner in der Nachbarschaft wohnen) ohne zu dem kriegeri- scheu Wesen unsere Zuflucht nehmen zu müssen, das für ihr Bestehen nothwendig war. Vivian — (nach einer Pause). — Ich habe meinem Water und dem Eurigen ausführlicher geschrieben. In dem einen Brief deutete ich meinen Wunsch an, in den, andern die Gefühle, aus denen er entsprungen ist. Pisistratus. — Sind die Briefe schon abgegangen? Vivian. — Ja. Pisistratus. — Und Ihr habt fle mir nicht zeigen mögen? Vivian. — Sprecht nicht so vorwurfsvoll. Ich gab Eurem Vater die Zusage, mein ganzes Herz vor ihm auszuschütten, so oft es bekümmert und im Kampfe begriffen wäre. Ich verspreche Euch jetzt, daß ich mich ganz durch seinen Rath leiten lassen werde. Pisistratus (trostlos). —Kann Euch denn das militärische Leben, nach dem Ihr so sehr verlangt, mehr Stoff für gesunde Aufregung und rühriges Wagen bieten, als dies bei Eurer gegenwärtigen Beschäftigung der Fall ist? Vivian. — Ich kann mich darin auszeichnen. Ihr seht nicht den Unterschied, der zwischen uns beiden stattfindet. Ihr braucht blos Vermögen zu erwerben; ich aber habe einen Namen wieder gut zu machen. Ihr schaut ruhig in die Zukunft; doch ich muß einen dunkeln Fleck austilgen auS der Vergangenheit. Pisistratus — (zusprechend). — Er ist ausgetikgt. Fünf Jahre, nicht in schwächlichen Klagen hingebracht, sondern in männlicher Neugestaltung, beharrlichem Fleiß und einem so tadellosen Benehmen, daß sogar Guy, den ich als die eingefleischte, derbe englische Ehrlichkeit betrachte, halb zweifelt, ob Ihr schlau genug seyet „für eine Station" — ein Leumund, der bereits so hoch steht, daß ich mich nach der Stunde sehne, wann Ihr wieder Eures Vaters fleckenlosen Namen annchmt und mir die Freude macht, unsere Verwandtschaft vor der ganzen Welt einzugestehen — alles dieses bietet sicherlich reichen Ersatz für die Verirrungen, welche ans einer unerzogenen Kindheit und einer unsteten Jugend hervorgegaugen sind. Bivian — (sich über sein Pferd biegend und seine Hand auf meine Schulter legend). — Mein theurer Freund, wie tief bin ich Euch nicht verpflichtet? (Nachdem er sich von seiner Aufregung wieder erholt hat, reitet er rascher und fährt fort zu sprechen.) Aber seht Ihr nicht ein, daß gerade in dem Verhältniß, in welchem meine Erkcnntniß deS Guten klarer und kräftiger wird, auch mein Gewissen mir schmerzlichere Vorwürfe machen muß? Je mehr ich meinen ritterlichen Vater verstehen lerne, desto angelegentlicher muß mein Verlangen seyn, so zu werden, wie er seinen Sohn zu haben wünschte. Glaubt Ihr, cs würde ihn zufrieden stellen, wenn er mitansehen könnte, wie ich Vieh zeichne und mit Ochsentreibern handle? War es nicht der sehnlichste Wunsch seines Herzens, ich möchte seine eigene Laufbahn betreten, und habe ich Euch nicht selbst sagen hören, er würde, wenn Eure Mutter nicht gewesen wäre, auch Euch zum Soldaten gemacht haben? Ich habe keine Mutter! Und wenn ich mir auch Tausende oder Zehntausende durch diesen unedlen 84S Beruf gewänne, könnten sie meinem Vater nur halb soviel Freude machen, als er fühlen würde, wenn er meinen Namen in einer Depesche ehrenvoll erwähnt läse? Nein, nein ! Ihr habt das Zigeunerblut verbannt, aber jetzt bricht das des Soldaten in mir los, O, welch ein herrlicher Tag wäre es nicht, der mich befähigte, mir Bahn zu schaffen zu einem ehrenvollen Ruhm, wie ihn unsere Väter vor uns erwarben — wenn Thränen stolzer Frcndt den Augen entströmen könnten , die so viele heiße Tropfen geweint haben über meine Schande — wenn auch sic in ihrer hohen Stellung an der Seite jenes glatten Lord sagen müßte: 'sein Herz war im Grunde doch nicht so schlecht!' Kommt mir nicht mit Gegenvorstellungen — sie sind vergeblich! Unterstützt vielmehr meine Bitte, daß mir gestattet werde, meinen Weg nach meinem eigenen Sinne zu suchen; denn ich sage Euch — wen» ich dazu verdammt bin, hier bleiben zu müssen, so murre ich vielleicht nicht laut und mache die Runde »reiner niedrigen Obliegenheiten durch, wie das Vieh, welches das Rad einer Mühle treibt; aber mein Herz muß sich dabei verzehren, und Ihr werdet bald auf meinen Grabstein die Inschrift jenes armen Dichters zu schreiben haben, von dem Ihr mir erzähltet und dessen schlimmste Krankheit der Durst nach Ruhm War — 'hier liegt einer, dessen Namen in's Wasser geschrieben ist.' Ich konnte ihm nichts antworten, denn sein Ehrgeiz war ansteckend; mir selbst lief dabei das Blut wärmer durch die Adern, und mein Herz pochte mit lauteren Schläge», Mitten' in der idyllischen Landschaft und unter dem ruhigen 843 Moudlicht der neuen Welt erhob die alte auch in mir, dem rauhen Buschmann, für eine Weile Anspruch aus ihren Sohn. Wie wir jedoch weiter ritten, gab die Lust, die bei all' ihrer Schwungkraft beruhigend wie ein schmerzstillendes Mittel wirkte, mich der friedlichen Natur wieder zurück! Wir sahen jetzt die Heerden gleich Schuecfeldern unter den Sternen schlafein Horch — der Willkomm der Wachthnnde! Seht ihr das Licht, das uns aus einem Spalt der Thüre weit her entgegenblinki? Ich hielt inne und sagte laut: „Nein, es liegt mehr Ruhm darin, diese rohen Grundsteine z» eiuem mächtigen Staate zn legen, wen» auch kein Trompetcnschall unsere» Sieg begleitet und kein Lorbeer unser Grab umschattet — als in dein Drange, unserem Volk Achtung zu verschaffen durch brennende Städte und Hekatomben von Menschen!" Ich sah mich in Erwartung einer Antwort nach Vivian um; aber che ich gesprochen, hatte er seinem Pferd die Sporen in die Seite gedrückt, und ich sah, wie die wilden Hunde vor dem Hufschlag seines Thieres zurückwichcn, während er im Galopp über den mondhellen Nasen dahinritt. Drittes Kapitel. Woche» und Monate entschwanden, bis endlich die Antwort auf Vivians Briefe eiulicf. Ich konnte mir zum Voraus ihren Inhalt denken. Mein Vater mochte natürlich keinen Einspruch erhebe» gegen de» wohlerwogenen Lieb- 844 lingSwunsch eineS ManneS, der jetzt die volle Kraft seines Verstandes erlangt hatte und dem es daher überlassen bleiben mußte, über den Pfad durch's Leben seine eigene Wahl zu treffen. Erst viel später bekam ich Vivians Brief an meinen Vater zu Gesicht, und sogar sein Gespräch hatte mich kaum auf das Ergreifende in dem Bekenntnisse eines Geistes vorbereitet, der sich in seiner Kraft ebenso auszeichnete, wie in seiner Schwäche. Wäre er in einem Zeitalter religiöser Begeisterung geboren worden, oder den Einflüsse» derselben preisgegeben gewesen, so würde sein Wesen, aus dem Schlaf der Sünde erwachend, sich nicht mit den nüchternen Pflichte», welche die Mittelstraße des Guten fordert, begnügt, sondern in die wilden Tiefen mönchischen Fanatismus versinkend, in Einöden mit dem Teufel gerungen oder er baarfuß die Wanderung angetreten haben nach dem Lande der Ungläubigen, statt der Rüstung das härene Kleid auf dem Leib und statt des Schwertes ein Kreuz in der Hand. So aber schlug daS ungeduldige Verlangen nach Sühne eine weltlichere Richtung ein, obschon demselben etwas bcigemischt war, was in seiner Innigkeit fast geistig genannt werden konnte. Und diese Glut strömte durch Schichten einer so tiefen Melancholie! Verweigerte man ihr den Ausgang, so siechte sie vielleicht zur Starrsucht dahin oder steigerte sich zum Wahnsinn; doch machte man ihr Luft, so konnte sie beleben und befruchten, wohin immer ihr Lauf ging. Die Antwort meines Vaters auf seinen Brief siel auS, wie sich erwarten ließ. Er legte Vivian sanft die alten Lehren an's Herz über den Unterschied zwischen dem Ringen nach «15 Selbstvervollkommnung — einem Ringen, daS nie vergeblich ist — und dem krankhaften Trachten nach Beifall von anderen , welches nicht in der eigenen Brust Befriedigung sucht, sondern sich an die babylonische Verwirrung des großen Haufens wendet, um bei ihr den sogenannten „Ruhm" zu suchen. In seinen Rathschlägcn bemühte sich jedoch mein Vater nicht, einem Geiste entgegenzuarbeiten, der so starrsinnig auf einen einzigen Weg erpicht war, indem ihm vielmehr darum zu thun war, ihn auf der Bahn, die er gehen wollte, zu leiten und zu kräftigen. Die Meere des menschliche» Lebens sind weit. Die Weisheit kann wohl die Richtung der Fahrt andeuten, aber man muß zuerst den Zustand des Schiffes untersuchen und die Art der Ladung in's Auge fassen, welche ver- werthct werden soll. Nicht jedes Schiff, das von TarsuS ausfährt, kann das Gold von Ophir zurückbringcn; aber soll es deshalb im Hafen vermodern? Nein; man gebe ihm Segel und überlaffe es dem Winde! Ich hatte übrigens erwartet, Rolands Brief an seinen Sohn werde voll Zubel und Freude sehn; von ersterem war nichts zu bemerken, und die letztere drückte sich nur ernst und gedämpft aus. In die stolze Zustimmungwelche der alte Soldat dem Wunsche seines Sohnes ertheilte, mischte sich, obschon er die seinem eigenen Wesen so nahe verwandten Beweggründe vollkommen zu würdigen wußte, ein sichtlicher Kummer, und es hatte den Anschein, als ob er nur ungern Ja sagte. Erst nachdem ich den Brief wiederholt gelesen hatte, konnte ich mir die Gefühle deuten, mit welchenRoland geschrieben haben mußte. Jetzt, so lange Zeit nachher, begreife ich sie vollkommen. Hätte er von seiner Seite weg einen Knaben, der noch ein Neuling war im Leben und in der Sünde, mit einer so reinen und warmherzigen Begeisterung, wie die ritterliche Glut seiner eigenen Jugend gewesen, in einen edlen Krieg senden können, so würde er mit der ganzen Freude eines Kriegers seinen Beitrag geliefert haben zn den Heeren Englands; hier aber erkannte er, obschon vielleicht nur unbestimmt, nicht den freien kriegerischen Sinn, sondern nur den ernsten Drang nach Sühne — und bei diesem Gedanken gewannen trübe Ahnungen in ihm Raum, die er sonst wohl znrückgewiesen hätte, so daß am Schluß des Briefs nicht der feurige, kriegslustige Roland, sondern vielmehr eine schüchterne, ängstliche Mutter zu schreiben schien. Warnungen und Bitten, Aufforderungen zur Vorsicht und Versicherungen, daß die besten Soldaten stets auch die klügsten seycn — waren dies wohl die Rathschläge eines Veteranen, der selbst, den Degen zwischen den Zähnen, ander Spitze einer verlorenen Hoffnung die Mauern von " * erstiegen hatte? Welcher Art übrigens Rolands Ahnungen sehn mochten , er hatte der Bitte seines Sohnes sogleich nachgegcben und war unmittelbar »ach Empfang des Briefs nach London geeilt, um für ihn einen Posten in einem Regiment anszn- wirken, das eben in Indien schlagfertig stand. Die Bestallung nebst dem Befehl, sich sobald wie möglich, bei dem Regiment einzufinden, war der Antwort des Vaters beigeschlossen. 847 Vivian deutete auf den Neimen der Adresse und sagte zu mir: »Jetzt kann ich in der That von diesem Namen wieder Gebrauch machen, und er soll mir nächst Gott ein Heiligthum sehn! Er wird mich zum Ruhme führen oder inein Vater soll ihn ohne Beschämung auf meinem Grabe lesen können! Ich sehe ihn noch vor mir, wie er dastand — die Haltung aufrecht, seine dunkeln Angen feierlich in ihrem Leuchten, eine Heiterkeit in seinem Lächeln und eine Größe auf seiner Stirne, wie ich nie was Achnlichcs an ihm bemerkt hatte. War dies derselbe Mensch, vor dessen cynischem Hohn ich ehedem zurückbebte, den ich schaudernd als einen kühnen Ver- räther betrachtete oder über den ich weinte als über einem gedemüthigtcn Verstoßenen? Wie wenig hängt der Adel deS Aeußern von dem Ebenmaße des Gesichts oder den blosen Verhältnissen der Gestalt ab! Welche Würde bekleidet den Mann, der von einem erhabenen Gedanken erfüllt ist! Viertes Kapitel. Er ist fort! In meinem Leben hat er eine Lücke zurück- gelassen. Er war mir thcuer geworden, und Stolz erfüllte meine Seele, wenn ich ihn loben hörte. Meine Liebe war eine Art Selbstliebe — ich hatte ihn theilwcise als daS Werk meiner eigenen Hände betrachtet. Es stund lange an, bis ich wohlgemuth wieder an meine Hirtenbeschäskigung gehen konnte. Ehe mein Vetter abreiste, warfen wir unfern Gewinn zusammen und bereinigten die Theilung. Als er auf tie Summe verzichtete, welche ihm sein Vater als Jahrgehalt bewilligt hatte, gab mir letzterer im Geheim für ihn eben so viel mit, als ich und Guy Bolding zum gemeinschaftlichen Kapital bcigetragen hatten. Roland hatte daS Geld auf seine Guter ausgenommen, und während die Zinsen in Vergleichung mit der früheren Belastung sein Einkommen nur unbedeutend schmälerte», wurde das Kapital seinem Sohn viel nützlicher, als ein bloßer jährlicher Zuschuß. Wir hatte» also mit der für australische Ansiedler nicht unbeträchtlichen Summe von vicrtausendfünfhundert Pfunden begonnen. Die ersten paar Jahre kamen wir zu nichts, da der größere Theil des ersten Jahres darauf verwendet wurde, auf der Station eines alten Ansiedlers die nöthigcn Vor- theilc kennen zu lernen. Zu Ende des dritten jedoch hatten sich unsere Hcerden schon beträchtlich ausgedehnt und wir erzielten einen Ertrag, der unsere kühnsten Erwartungen überstieg. Als mein Vetter im sechsten Jahre unserer Verbannung von uns schied, betrug der Antheil eines jeden von unS viertausend Pfund, den Werth der beiden Stationen nicht mit eingerechnet. Mein Vetter hatte Anfangs gewünscht, ich solle die ihn treffende Summe seinem Vater schicken. Da er jedoch bald cinsah, Roland werde sie nicht nehmen, so kamen wir schließlich dahin überein, daß das Geld in meinen Hände» bleiben und ich eS für ihn verwalten sollte; die Interessen zu fünf Prozent berechnet, solle ich ihm schicken, was 849 aber mehr gewonnen werde, zn seinem Kapital schlagen. Ich hatte daher jetzt über zwölftausend Pfund zn gebieten, und wir konnten uns schon als sehr achtbare Kapitalisten betrachten. Die Biehstation behielt ich unter Beihülfe des Will o' the Wisp noch zwei Jahre nach Vivians Abreise, so daß wir sie im Ganzen fünf Jahre besessen hatten. Nach Ablauf dieser Zeit verkaufte ich sic sammt dem Mehstand mit großem Nutzen, Da inzwischen auch die Schaafe, deren „Zeichen" mich in hohen Ruf gebracht hatte, wunderbar gediehen waren, so glaubte ich, wir könnten jetzt unsere Spekulationen wohl auf neue Versuche ausdehnen. Ein Wechsel der Gegend kam mir gleichfalls erwünscht, und so ließ ich denn Bolding bei den Heerden zurück, während ich mich Adelaide zuwandtc, da der Ruf dieser neuen Ansiedlung bereits den Frieden des Gebüsches gestört hatte. Onkel Jack wohnte in der Nähe von Adclaioe in einem sehr schönen Landhaus unter allem Zubehör von Kvlonialwohlstand, und ich glaube kann,, daß das Gerücht den Gewinn, welchen er gemacht hatte, übertrieb. Hatte er doch so viele Schnüre für seinen Bogen, und dießmal schien jeder Pfeil in's Schwarze zu treffen. Ich glaubte nun hinreichend Sachkenntniß und Vorsicht erworben zu haben, um mir Onkel Jacks Ideen zu Nutze machen zu könne», ohne mich dadurch zu Grunde zn richten, indem ich sie in Gemeinschaft mit ihm zur Ausführung brachte; denn ich sah eine Art vergeltender Gerechtigkeit darin, daß ich sein Gehirn zum Besten Derjenigen spornte, welche nach Squills seine Idealität und sein Kunstsinn fast an den Bet- Bulwer, die Cartone. 54 880 telstab gebracht hätte. Ich muß hier dankbar anerkennen, daß mir dieses unregelmäßige Genie sehr zu statten kam. Die Nachforschnngsreise nach den vermeintlichen Minen hatte Mr. Bullion nicht befriedigt, und sie Murren erst einige Jahre später wirklich entdeckt. Aber Jack war von ihrem Vorhandensein! so fest überzeugt gewesen, daß er für eigene Rechnung einige öde Ländereien um „ein Nasenwasser" erwarb nnd ihnen den wohlklingenden Namen „Tibbets' Heil", welchen sie auch später behielten, beilegte, da er sich's nicht nehmen ließ, sie müßten sich eines Tages als ein zweites Golconda ausweisen. Der Umstand, daß die Bebauung der Minen verzögert wurde, schob auch glücklicherweise die Errichtung des Magazins für Branntwein und andere Borräthc auf, und Onkel Jack arbeitete jetzt an Gründung des Fort Philipp init. Seinen Rath benützend, wagte ich in dieser neuen Niederlassung einige schüchterne, vorsichtige Ankäufe, die mir bei einer späteren Wiedcrveränßerung beträchtliche Vvrtheile brachten. Inzwischen darf ich nicht verabsäumen, in Kürze anzudeuten, wie es seit meiner Abreise von England mit Trevanions ministerieller Laufbahn ergangen war. Das feine, ekle Wesen nnd die Bedenklichkeit eines politischen Gewissens, die ihm schon als unabhängigem Parlamentsmitglied anklebten nnd oft in der Meinung von Freunden »nd Feinden dazu dienten, einen» Geiste, der in allen Einzelnheiten so wesentlich Praktisch war, das Prädikat der Praktiklosigkeit im Allgemeinen beizulegen — würde vielleicht TrevanionS Ruf als Minister gegründet haben, wenn er als Minister ohne Kollegen hätte regieren 8S1 können. Alleinstehend und von der nöthigen Höhe herab hätte er sicherlich klar und einfach vor der Welt seine vollendete Ehrenhaftigkeit und den Umfang seiner wunderbar tief gehenden Staatskunst entfalten können. Aber Trevanion vermochte nicht, sich mit andern zu verschmelzen oder die Grundsätze eines Kabinets zu unterschreiben, in welchem er nicht oben anstand, namentlich in einer Politik, die einer solchen Natur ein wahrer Abscheu sehn mußte — in einer Politik, die letzter Zeit nicht nur einer Faktion eigenthümlich war, sondern sich den Hanptführeru beider Seiten in einem Grade aufgezwungen zu haben schien, daß diejenigen, welche die Sache vom mildesten Gesichtspunkt aus betrachten, den Grund vielleicht im Drange der Zeit suchen, welcher durch die Stimmung des Publikums genährt wird — ich meine die Politik der Thunli chke it. Ich will jedoch in diesem Buche das aufregende Element der Parteienpolitik nicht zur Sprache bringen, denn wie sollte ich auch viel davon wissen? Mag sie nun richtig oder unrichtig sevn, ich habe nur zu bemerken, daß sie jeden Augenblick mit allen Grundsätzen von Treva- nions Staatskunst in Widerstreit kommen und jede Fiber seines moralischen Wesens aufreiben mußte. Die aristokratischen Verbindungen, welche seine Anknüpfung an das Castleton-Jntereffe ihm zur Verfügung gestellt hatte, dienten vielleicht dazu, seine Stellung in dem Kabinet zu kräftigen: aber was konnte der Einfluß des Adels viel nütze» gegen eine Epidemie des Zeitalters, welche in der Luft zu liege» schien? Wie drückend seine Stellung auf seinen Geist wirken mußte, konnte ich aus einem Zeitungsartikel deS S4 « 8S2 Inhalts entnehmen, „man wisse aus guter Quelle, daß Mr. Trevanion um seine Entlassung gebeten habe, übrigens veranlaßt worden sey, sein Gesuch wieder zurückzunehmen, da sein Abtreten in diesem Augenblick die Auflösung des ganzen Kabinets zur Folge habe» würde/' Einige Monate später meldete ein anderer Artikel, Mr. Trevanion sei) plötzlich erkrankt, und es stehe zu fürchten, daß die Folgen seines Leidens ihn hindern werden, seine amtlichen Verrichtungen wieder aufzunehmeu." Um jene Zeit wurde das Parlament vertagt, und ehe es wieder znsammentrat, berichteten öffentliche Blätter Mr. Trcvanions Erhebung zum Grafen von Ulverstone — ein Titel, der früher ein Eigenthum seiner Familie gewesen war; dieser Nachricht war die Bemerkung beigefügt, er sey aus dem Ministerium getreten, weil er sich außer Stande fühle, der Anstrengung seines Postens ferner nachzukommen. Dem gewöhnlichen Menschen mußte die Erhebung in den Grafenstand mit Umgehung der geringere» Ehren in der Peerage als würdiger Schluß einer politische» Laufbahn erscheinen : aber ich fühlte, welcher tiefe Verzweiflungskampf gegen das Prinzip der Thunlichkcit — welcher Zwiespalt mit seinen Kollegen, die er weder mit gutem Gewissen unterstützen, noch seinen hohen altmodischen Begriffen von Parteiehrenhaftigkeit und Etiquette zufolge nachdrücklich befehden konnte, ihn bewogen hatte, von dem stürmischen Schauplatze abzutreten, auf welchem ihm sein Daseyn entschwunden war. Das Haus der Lorde war für diesen regsamen Geist dasselbe, was für einen Krieger das Zurückziehen i» die Kreuzgänge eines Klosters. Die Zei- 853 tungsnachricht über die Grafenwürdc von Ulverstone war eine Erklärung, daß Albert Trevanion nicht mehr für die öffentliche Welt lebte. Und in der Thal schwand von dieser an seine Laufbahn aus den Augen. Trevanion war gestorben, und der Graf oon Ulvcrstonc gab kein Lebenszeichen von sich. Ich hatte bisher im Lause meiner Verbannung nur zweimal au Lady Minor geschrieben — einmal nach der Vermählung Fanny's mit Lord Castlcton, welche ungefähr sechs Monate nach meiner Abreise von England stattfand, und dann wieder, als ich ihrem Gatten für eine Sendung von Pferden, Schaafen und Rindernder seltensten Zucht dankre, mit welcher er Bolding und mich erfreut hatte. Nach Trc- vanions Erhebung in den Grasenstand schrieb ich wieder und erhielt im Laufe der Zeit eine Antwort, welche alle meine Eindrücke bekräftigte, denn das Schreiben war voll Bitterkeit und Galle, voll Klagen gegen die Welt und Besorgnissen für das Land. Selbst Richelieu konnte der Lage der Dinge keinen trüberen Gesichtspunkt abgcwinnen, als er seine Levers verlassen sah und seine Macht vernichtet schien vor dem „Tag der Bethörtcn". Nur ein Strahl dcS Trostes fand Eingang in der Brust der Lady Mverstone und schien sie über die Zukunft der Welt einigermaßen zu beruhigen: dem Lord Castleton war ein zweiter Sohn geboren worden. Dieser war der künftige Erbe der Grafenwürdc von Ulversione und der Besitzungen, welche vermöge der Rechte seiner erlauchten Großmutter damit zusammenhingen. Nie hatte eS ein so viel versprechendes Kind gegeben! Selbst Virgil, als er 8SS di« slcilianischen Musen aufforderte, die Ankunft eines Sohnes des Pollio zu feiern, ließ sich nicht in einem höheren Schwünge vernehmen. Der junge Mensch, der vielleicht, eben sich damit abmühtc, zweisilbige Wörter zusammenzuklauben, war bestimmt — »Durch der Natur gebärend Walten, Den schwanken Wcltbau fesizubalten. Zu sorge», daß Luft, Erd' und Atmosphäre Zurück IN die kerlaß'nen Bahnen kehre, Daß auf die Völker einst in reichem Regen Herniederström' der Glückes schönster Segen." Glücklicher Traum, welchen der Himmel den Großeltern sendet! Wiedertaufc der Hoffnung in dem Quell, dessen Tropfen den Enkel besprengen! Die Zeit entschwindet, und unsere Angelegenheiten gedeihen mehr und mehr. Ich komme eben mit zufriedener Miene von der Bank zu Adelaide, als ich in der Straße von sich verbeugenden Bekannten ungehalten werde, die mir nie zuvor die Hand reichten. Jetzt drücken sie mir dieselbe und rufen: „Ich wünsche Euch Glück, Sir. Der tapfere Kämpe, Euer Namensvetter, ist natürlich ein naher Verwandter von Euch." „WaS meint ihr damit?" „Habt Ihr die Zeitung nicht gelesen? Hier ist sie." „Tapferes Benehmen dcS Fähndrichs de Carton — auf dem Schlachtfeld zum Lieutenant ernannt —" Ich wische meine Augen und rufe — „Dem Himmel scy Dank — er ist mein Vetter!" Dann neues Händedrücken, neue Gruppen um mich ' 8SS her. Ich fühle mich um einen Kopf höher . als ich vorher war! Wir brnmmbärtigen Engländer leben stets im Hader mit einander, und die Welt ist nicht weit genug für nnS; wenn aber in fernem Lande eine kühne That geschieht durch einen Landsmann, so fühlen wir, daß wir alle Brüder sind, und die Herzen werden warm gegen einander. Welch einen Brief schrieb ich nach Hause — und wie freudig kehrte ich in's Gebüsch zurück! Der Will o' the Wisst hat es nun zu einer eigenen Mchstation gebracht. Ich mache einen Umweg von zwanzig Stunden, nur ihm die Kunde mitzntheilen und ihm die Zeitung zu geben; den» er weiß jetzt, daß sein alter Herr Vivian ein Cumberländcr — ein Carton ist. Armer Will o'the Wisst ! Der Thce, welchen wir an jenem Abend tranken, schmeckte ungemein wie Wisky Punsch! Vater Ma- thcw möge uns vergeben! — Aber wenn Du ein Cumber- länder gewesen wärest und den Will o' the Wisst hättest brüllen hören: „Blaue Mützen überall!" so glaube ich, auch Dein Thee wäre nicht blos aus der Büchse gekommen. Fünftes Kapitel. In unscrm Hauswesen hat eine große Veränderung stattgefunden. Guy's Vater ist tvdt. Seine letzten Jahre wurden noch erfreut durch Berichte über die Gesetztheit und den Wohlstand seines Sohnes, wie auch durch die rührenden Beweise, die Guy davon lieferte. Er war nämlich darauf bestanden, seinen» Vater die alten Universitätsschulden wieder 656 zu ersehen und den Vorschuß von fünfzehnhundert Pfunden zurückzubezahlen, indem er ihn bat, daS Geld als Erbtheil seiner Schwester zu betrachte». Nach dem Tod des alten Gentleman hatte die Schwester den Entschluß gefaßt, nach Australien zu kommen und bei ihrem lieben Bruder Guy zu leben. An die Hütte ist ein weiterer Flügel angebaut worden, und wir tragen uns mit ehrgeizigen Planen zur Errichtung eines neuen steinernen Gebäudes, das im folgenden Jahr begonnen werden soll. Aber Guy hat von Adelaide nicht nur eine Schwester, sondern auch zu meinem größten Erstaunen in der Gestalt einer schönen Freundin, welche mit der Schwester gekommen ist, eine Fran mitgebracht. Die junge Dame that wohl daran, nach Australien zu kommen, wenn sie einen Mann wünschte. Sic war sehr hübsch, und im Nu hatten sich alle Junggesellen von Adelaide um sie gesammelt. Schon am ersten Tage war Guy verliebt — am zweiten wüthend über dreißig Nebenbuhler—am dritten in Verzweiflung — am vierten wurde die Anfrage vorgebracht — und noch vor dem fünfzehnten eilte er als ein Eh- mann mit einem Schatze von dannen, von dem er meinte, alle Welt habe sich verschworen, ihn desselben zu berauben. Seine Schwester war ebenso hübsch, wie ihre Freundin, und es wurden ihr gleich nach dem Landen Anträge die Menge gemacht; aber sie that etwas romanhaft und spröde, nird ich denke, Guy hat ihr gesagt, daß „ich ganz für sie geschaffen sey". So bezaubernd sie übrigens auch ist mit ihren hübschen blauen Augen und dem offenen Lächeln ihres Bruder-, 857 kaffe ich mich doch nicht in Bande schlagen. Ich denke, sie verlor alle Aussicht auf mein Herz, als sie in seidenen Schuhen über den Hof ging. Wenn ich im Gebüsch bleiben soll, brauche ich eine Frau, die reiten, über einen Graben springen und, das Gewehr in der Hand, mit mir anszichen kann ans die Känguruhjagd. Ich wage cS gar nicht, die Liste von Erfordernissen aufzuzählcn, die für die Gattin eines Buschmanns nöthig sind. Dieser Wechsel dient jedoch aus verschiedenen Gründe» dazu, mein Verlangen zur Heimkehr neu zu beleben. Zehn Jahre sind jetzt abgelansen, und ich habe bereits ein viel größeres Vermögen erworben, als ich ursprünglich beabsichtigte. Zn Gny's aufrichtigem Leidwesen schließe ich daher unsere Geschäfte ab und löse den Ge- scllschastsvertrag auf; denn er ist entschlossen, sein Leben in der Kolonie zuznbringen — was mich auch nicht wundert, da er eine hübsche Fra» hat, welche ihn sehr liebt. Guy übernimmt meinen Antheil an der Station und an dem Viehstand; wir bereinigen unsere Rechnungen, und ich sage dem Gebüsch Lebewohl. Ungeachtet aller Beweggründe, die mein Herz nach Hause zogen, konnte ich doch nicht ohne Schmerz von meinen alten Gefährten scheide», welche ich wahrscheinlich diesseits des Grabes nie wieder sah. Der Geringste in meinem Dienste war mir ein Freund geworden, und als die rauhen Hände die meinigc faßten und auS mancher Brust, die einst in vermessenem Krieg gelebt hatte mit der Welt, sanfte Segens- Wünsche quollen für den Heimkehrenden nebst warmen Gedanken für das alte England, das ihnen nur eine barte 858 Stiefmutter gewesen war — da bemächtigte sich meiner ein überwältigendes Gefühl, welches, wie ich ocrmuthe, in den Freundschaften ron Mayfair und St. James nur wenig bekannt ist. Ich mußte mich mit einigen abgebrochenen Worten losreißen, obschon ich mir vorgcnommen batte, mit einer langen Rede zu scheiden. Vielleicht gefielen die halberfiickten Ausrufe der Zuhörerschaft nur um so besser. Ich drückte meinem Pferde die Sporen in die Seite und erreichte eine kleine Anhöhe, oon welcher aus ich zurückschaute. Da standen die armen, treuen Gesellen im Kreise, mit abgenommeuen Hüten mir nachsehcnd und ihre Augen vor der Sonne beschattend. lind Guy hatte sich auf die Erde geworfen und ich hörte deutlich sein lautes Schluchzen. Seine Frau lehnte sich auf seine Schulter und oersuchte ihn zu beruhigen. Vergib ihm, schöne Gefährtin — Du wirst oon morgen an sein Alles in der Welt seyn! Und wo war die blauäugige Schwester ? Hatte sie keine Thränen für den rauhen Freund, der über ihre seidenen Schuhe lachte und sie lehrte, wie sie den Zügel halten müsse und wie sie nicht zu fürchten brauche, daß der alte Pony nlit ihr davon laufen werde? Was liegt daran! Wenn Thränen stoßen, so geschah eS im Verborgenen. Du brauchst Dich ihrer nicht zu schämen, schöne Ellen! Seitdem hast Du glücklichere geweint über Deinen Erstgebornen, und unter ihnen ist längst alle Bitterkeit verschwunden au§ der unschuldigen Erinnerung an die erste Neigung eines Mädchens. 650 Sechstes Kapitel. (Von Adelaide au«.) Denkt euch meine Verwunderung — Onkel Jack ist eben bei mir gewesen, und — doch ihr müßt selbst unser Gespräch hören. Onkel Jack. Du willst also unwiderruflich zurück nach dem rauchigen, muffigen alten England, während Du hier ans dem besten Wege bist zu einer Million? Wenigstens zu einer Million, Neffe! Alles sagt hier, eS gebe keinen hoffnungsvolleren jungen Mann in der Kolonie. Ich glaube, sogar Bullion würde Dich zum Affocie annehmen. Warum eilst Du denn so sehr? Pisistratus. Ich möchte meinen Vater wieder sehen , meine Mutter, Onkel Roland und — (er ist im Begriff, noch einen Namen zu nennen, hält aber inne) — Ihr seht, lieber Onkel, ich bin nur mit dem Gedanken herausgekommen, wieder gut zu machen, was mein Vater in jener unglücklichen Spekulation mit dem Kapitalisten verloren hat. Onkel Jack—(hustet und ruft:) —Der spitzbübische Peck. Pisistratus. —Und einige Tausende zur Verwendung auf die Ländereien des armen Roland anfzutreiben. Mein Zweck ist erreicht — warum sollte ich länger bleiben? Onkel Jack.— Abzuziehen mit einem lumpigen paar Tausend, während Du spätestens nach zwanzig Jahren Dich im Golde wälzen könntest! 880 Pisistratus, — Man lernt im Gebüsch, wie man mit reichlicher Beschäftigung und sehr wenig Geld glücklich leben kann. Ich will diese Lehre in England zur Ausübung bringen, Onkel Jack, — Du bist also fest entschlossen? Pisistratus. — Ja. Ich habe bereits meinen Platz ans dem Schiffe genommen, Onkel Jack, — Dann ist freilich nichts mehr zu sagen, Er betrachtet unter wiederholtem Hnm und Pah seine fleckenlosen feinen Nägel, wirft dann plötzlich den Kopf ans und sagt: „Jener verwünschte Ka p i tali st hat seitdem stets auf meinem Gewissen gelegen, Neffe, nnd nachdem ich die Sache meiner Mitmenschen aufgegebcn, denke ich, in einer nnd der anderen Weise mehr für meine Verwandten gesorgt zu haben." Pisistratus — (lächelt — da er sich der schlauen Prophezeiungen seines Vaters erinnert), — Natürlich, mein lieber Onkel: jedes Kind, daS einmal einen Stein in eine» Teich geworfen hat, weiß, daß der Kreis allmälig verschwindet, je weiter er wird, Onkel Jack, — Sehr wahr, — Ich will mir dies merken, denn es paßt in meine nächste Rede, in welcher ich das sogenannte „Landmonopol" zu vertheidigen gedenkt. Danke schön — Stein — Kreis! (Er notirt etwas in sein Taschenbuch.) Um jedoch auf den Hauptpunkt zurückzukommen: cs geht mir jetzt gut — ich habe weder Weib noch Kind und fühle, daß ich auch einen Theil tragen sollte von dem Verlust Deines Vaters, denn es war unsere gemeinschastliche Spekulation, Dein Vater, der gute, liebe Austin zahlte noch obendrein i»eiue Schulden, Und wie herrlich der Punsch an jenem Abend war, als Deine Mutter so gute Lust hatte, mit dem armen Jack zu zanken! Dann die dreihundert Pfund, welche mir Austin borgte, als ich ihn verließ! Neffe, diese haben wieder etwas aus mir gemacht: sie waren die Eichel des Baums, den ich hieher verpflanzte. „Hier ist es," fügte Onkel Jack mit einer heroischen Anstrengung bei, indem er aus seiner Tasche Wechsel zwischen drei und vier Tausend Pfunden nahm, „So, dies wäre im Reinen — und ich werde nun besser darauf schlafen!" Mit diesen Worten stand Onkel Jack auf und stürzte ans dem Zimmer. Soll ich das Geld nehmen? Ich denke, ja — es ist nicht mehr wie billig, Jack muß reich sehn und kann es Wohl erübrigen. Will er es wieder, so weiß ich wohl, daß es mein Vater ihm nicht vorenthält, Jack hatte ja den Verlust der ganzen Summe veranlaßt, die bei dem Kapitalisten n, s, w, eingebüßt wurde, und dies ist nicht ganz die Hälfte von dem, was mein Vater zahlen mußte. Aber ist es nicht schön von Onkel Jack? Mein Vater hatte vollkommen Recht, wenn er Jacks schiefwinklige Bildung milder benrtheilte, und es ist hart, über einen Menschen abzn- sprechen, wenn er sich in dürftigen Verhältnissen befindet. Muß man seinen Ideen durch das Geld des Nachbars Kraft geben, so können sie sicherlich nicht so großartig seyn, als wenn man sie mit eigenen Mitteln zur Ausführung bringt. 8sr Onkel Jack — (den Kopf zur Thüre hereinstreckend). Und Du flehst, Du kannst dieses Geld verdoppeln, wenn Du eS noch ein paar Jahre in meine» Händen lassen willst. Du hast keinen Begriff, was ich aus Tibbets Heil machen werde! Hab' ich Dir's schon erzählt? — Der Deutsche hatte vollkommen Recht, und man bot mir schon siebenfach die Summe, welche ich für das Landauslegte. Aber ich sehe mich jetzt nach einer Gesellschaft um. Laß mich Dich wenigstens für diese lumpigten Wechsel als Actionär einzeichnen. Hundert Prozent— ich verbürge Dir hundert Prozent! Und Onkel Jack streckt seine famosen glatten Hände aus mit einer zitternden Bewegung der beredten zehn Finger. Pisistratus. — Ah, mein lieber Onkel, wenn es Euch reut — Onkel Jack. — Mich reuen, wenn ich unter meiner persönlichen Bürgschaft Dir hundert Prozent anbicte? Pisistratus — (steckt sorgfältig die Wechsel in die Brusttasche seines Rockes). — Wenn cs Euch nicht reut, mein lieber Onkel, so erlaubt mir, Euch die Hand zu geben und zu sagen, daß ich meine Achtung und Bewunderung vor der hohen Gewissenhaftigkeit, welche Euch zu diesem Ersah vcranlaßte, nicht mindern will, indem ich Gedanken an Aktien-Jntereffen und Kupferminen damit in Verbindung bringe. Da außerdem diese Summe an meinen Vater bezahlt wurde, so seht Ihr ein, daß ich nicht berechtigt bin, ohne seine Zustimmung darüber zu verfügen. OnkelIack — (mit Aufregung.) — Achtung, Bewunderung, hohe Gewiffenhaftigheit! — Dies sind sehr schöne Worte aus Deinem Munde, Nesse, (Dann schüttelt erden Kopf und lächelt,) Du bist ein schlauer Spitzbube und hast ganz recht. Laß Dir die Wechsel nur ohne Weiteres auS- zahlen. Und höre — erweise mir den Gefallen, mir aus dem Weg zu gehen, und laß Dir ja keinen Heller mehr non mir abschwatzen! (Onkel Jack schlägt die Thürc zu und stürzt hinaus, Pisistratus zieht die Wechsel vorsichtig aus seiner Tasche, halb fürchtend, sie möchten sich wie Herengold in welkes Laub umgewandelt haben. Er überzeugt sich allmälig, daß die Wechsel gut sind, und gibt sein frohes Erstaunen durch lebhafte Geberden zu erkennen,) Die Irene wechselt. Achtzehnter Abschnitt. Erstes Kapitel. Gott mit dir, du schönes Land! Kanaan der Verbannten und Ararat für so manche zerschellte Arche! Schöne Wiege eines Geschlechtes, für welches das unbegrenzte Erbe einer Zukunft, die kein Weiser vermuthen, kein Prophet Voraussagen kann, ferne liegt im goldenen Hossnungslichte der Zeit! — bestimmt vielleicht, aus den Sünden und Sorgen einer Civilisation, die mit ihren eigenen Elementen des Zerfalls ringt, die Jugend der Welt zu erneuen und die 864 große Seele Englands durch die Kreise eines endlose» Wechsels zu tragen. Alle Kliinen, welche die Erzeugnisse der Erde am besten zur Reife bringen, oder die wechselnden Charaktere der verschiedenen Familien des menschliche» Geschlechts ausbilden können, lassen ihre Einflüsse herabregnen vom Himmel, der so wohlwollend denen zulächelt, welche sich ehedem in ihren Lumpen vor dem Winde bargen oder danklos mit der Sonne zürnten. Hier ist die kräftigende Lust der kalten Mutterinsel, dort die milde Wärme eines italienischen Herbstes oder die athemversetzende Glut der Wendekreise. Und auf den Strahlungen eines jeden Klima's gleitet mild die Hoffnung nieder. Von ihr kann man wohl sagen, was ein nur zu wenig geschätzter Dichterin den schönen Versen an das Licht ausdrückt — „Auf sanftem Weg, durch Himmel. Lust und Meer, Die inSzesamml dir öffnen ihre Poren. Strömst du gleich einem Silbcrbach einher — Was QedcS in der Welt und was das Aug' erfreut, Trägt überall dein wechselfarbig Kleid! Und wo du hineilst, glüht in reicher Pracht, WaS du behauchst mit deines Pinsels Macht!" Lebe Wohl, freundliche Pflegerin und süße Nährmutter! — ein langes und letztes Lebewohl! Nie würde ich Dich verlassen haben, wenn mir nicht jene lautere Stimme der Natur zum Herzen gedrungen wäre, welche das Kind zurück- rust zu den Eltern und uns weglockt von den liebsten Beschäftigungen durch de» Schall der Sabbathglocken einer Heimath, ' 8S5 Niemand kann sagen, wie theuer die Erinnerung an das wilde Bnschleben dem wird, Welcher sich mit einem geeigneten Geiste darin versucht hat. Wie oft umspuckt sie ihn nicht ans den Gemeinplätzen civilisirterer Länder! Die Gefahren, die gesunde Luft, die Abenteuerlust, die Zwischenräume sorgloser Ruhe — der wilde Galopp durch ein Meer von weiten, wallenden Ebenen — Nachts der bedächtige Schritt durch Wälder, welche sich nie entlauben, unter einem Monde, klar wie das Sonnenlicht, besten Strahlen schräg durch die Blüthenbüschcl brechen! Welche Mühe kostet es uns nicht, uns wieder zu gewöhnen an die alltäglichen Sorgen und die ärgerlichen Freuden, an das „tägliche Wech- sclsieber kalter Unverschämtheiten", zu denen wir znrückkehren. Wie kräftig und scharf nimmt sich nicht meine Bleistiftzeichnung in einer Stelle des vorhin erwähnten Dichters auS? — „Hier besindeu wir uns in Mitte der großartigen, edeln Schauplätze der Natur, dort unter dem kläglichen Nvty- Lehelf der Polizei; hier wandeln wir auf den lichten, offenen Wegen der göttlichen Güte, dort tappen wir umher in dem dunkeln, wirren Labyrinth menschlicher Bosheit." * Aber ich ermüde dich Leser, Die neue Welt verschwindet — jetzt noch eine Linie — jetzt nur noch ein Punkt; wenden wir das Antlitz der alten zu. Wie viele befinden sich unter meinen Reisegefährten, die unzufrieden, getäuscht, verarmt und zu Grunde gerichtet in die Heimath znrückkehren, um auf's Neue den nichts ahnenden Verwandte» zur Last zu * Cowley, Vergleichung von Stadt und Land in dem Gespräch über den Ackerbau, Bulwer, die Cartonc, Z5 866 fallen, Welche meinten, sic hätten sich die Vom Glücke gehaßten Taugenichtse für immer vom Halse geschafft. Denn glaube ja nicht, lieber Leser, daß jeder Auswanderer nach Australien auf einen so günstigen Erfolg rechnen dürfe, wie ihn Pisistratns hatte. Obgleich der arme Arbeiter und namentlich der arme Handwerker von London und den große» Handelsstädten mit ziemlicher Sicherheit einem guten Auskommen cntgegengeht, da er in der Regel mehr Geschick im Lernen und mehr von jener Schmiegsamkeit besitzt, die in einer neuen Kolonie nöthig ist, als der cinsache Bauer, so ist doch in der Klaffe, welcher ich angehöre, das Fchlschlagen weit häufiger und ein glücklicher Erfolg eher zu den Ausnahmen zu rechnen — ich meine damit junge Männer mit gelehrter Erziehung und den Gewohnheiten von Gentleme», welche mit einem kleine» Kapital und großen Hoffnungen die Wanderung antretcn. Freilich liegt hier ncunundueunzig- mal unter hundert die Schuld nicht an der Kolonie, sondern an den Emigranten selbst. Man bedarf nicht so fast vielen Verstandes, sondern eher einer eigenthümlichen Richtung desselben und einer glücklichen Vereinigung körperlicher Eigenschaften, eines ruhigen Temperaments und eines raschen Mutterwitzes, um auS einem kleinen Kapitalisten ein aufkommender Buschmann zu werden. * Und wenn ihr nur die * Wie wahr sind folgende Bemerkungen: — „Thätigkeit ist das erste Erforderniß eines Kolonisten, der sich mit Viehzucht und Ackerbau abgeben will. Bei einem jungen Manne ist die Richtung seines Geistes weit wichtiger, als Alles, was er früher erlernte. Ich habe Männer von einem regsamen, thaikräftigen genügsamen Sinne gekannt, die, obschon sie in Wohl. 867 Heufische sehen könntet, die Jeden umschwimmen, welcher in Adelaide oder Sivney mit einem oder zweitausend Pfunden in der Tasche seinen Anker niedergelassen hat! Fort aus den Städten, so schnell du kannst, junger Auswanderer! Höre vorderhand wenigstens auf keinen Mäkler und Spekulanten; befreunde dich mit einem praktischen alten Buschmann und bring einige Monate auf seiner Station zu, che du dein Kapital aufs Spiel setzest. Dein Gemüth muß von der Art sehn, daß du Alles ertragen kannst und über nichts seufzest. Was du thust, thue mit vollem Herzen; verzweifle nicht gleich, wenn dein Karren in einer Fahrleise stecken bleibt, und ob du daun Schaafe weidest oder Vieh züchtest, der Erfolg ist nur eine Frage der Zeit. So viel ich übrigens auch der Natur zu danken hatte, war ich doch nicht minder vom Glück begünstigt worden. Ich kaufte meine Schaafe für nicht viel mehr, als für sieben Schillinge bas Stück, und als ich abzog, war keines weniger, stand und Lurus erzogen worden waren, weit besser fortkamen , als der nach Brod, Bier und englischen Markibraten hungernde Bauer . . Wenn man träumt, während man nach dem Vieh sehen sollte, kann man es natürlich nicht vorwärts bringen . . . Manche Personen, die in Europa zu trag oder zu ausschweifend waren, um sich ehrlich durch'S Leben zu schlagen, segeln in dem Wahn nach Australien, daß man dort durch eine Art von Hererei schnell zu eineni Vermögen kommen könne; diese verbrauchen oder verlieren ihr Kapital in sehr kurzer Zeit und kehren nach England zurück, um dort über die Kolonie, ihre Bevölkerung und Alles, was damit zusammenhängt, züschimpfen." — Sidnev'S Handbuch über Australien —bewun dernSwürdig um seiner Weisheit und seiner gedrängten Fassung willen. 55 » als fünfzehn Schillinge, die fetten sogar ein Pfund Werth.' 2ch hatte meinen trefflichen Schäfer, und Tag und Nacht war mein Sinnen auf die Veredelung der Heerde» gerichtet. Zum Glück war ich nach Australien gekommen, ehe daS sogenannte „Wakefieldshstem" ** den Zufluß von Arbeits- * Damit dies nicht als Uebertreidulig erscheine, erlaube ich mir, aus einem an mich geschriebene» Brief des Mr. George Blakcftonc Wilkinson, Verfassers einer Schrift über Südaustra- licn, einen Auszug hier anznfügcn „Als Beispiel mag ein Mann dienen, der in England Farmer war und vor sieben Jahren mit ungefähr zweitausend Pfunden anS- wandcrte. Bei seiner Ankunft fand er, daß der Werth der Schaafe von ungefähr dreißig Schillingen bis auf fünf oder sechs Schillinge für das Stück gefallen war. Zu diesem Preise kaufte er einige in gutem Stand erhaltene Heerde». Er war so glücklich, gute und ausgedehnte Waideplätze zu erwerben, widmete seine ganze Zeit der Veredelung seiner Thiere und ermuthigtc seine Schäfer durch Belohnungen, so daß »ach Ablauf von etwa vier Jahren die ur. sprüuglichc Anzahl seiner Schaafe von zweitausend fünfhundert Stücken, welche ihn siebenhundert Pfund gekostet hatte», zu siebentausend angewachsen war. Die Zucht und die Wolle hatte er in einem Grade veredelt, daß er zweitausend fette Schaafe dem Stück nach zu einem Pfund verkaufe» konnte, während er für die übrigen fünftausend je fünfzehn Schillinge löste — und dies zu einer Zeit, als der allgemeine Preis der Schaafe von zehn bis zu sechszehn Schillingen stand. Hiedurch allein vermehrte er sein ur. sprünglich auf Schaafe verwendetes Kapital von siebenhundert auf siebentausend fünfhundert Pfunde. Der Ertrag der Wolle zahlte seinen ganzen Aufwand nebst dem Lohn für seine Diensileute." " Ich fühlte mich von Anfang an überzeugt, daß dieses System unmöglich den. Ideen des Mr. Wakesield entspreche, da sein gediegener Verstand und seine vielseitige Mcnschcnkcmitniß vornweg die Vorstellung Lügen straft, er könne die plumpe Aus- 86S kräfton gemindert und den Preis deS Landes erhöht hatte. Als dieser Wechsel eintrat, übte er zwar, wie die meisten von denen, welche auf Gütererwerb mit überschüssigem Kapital begründet waren, eine sehr vortheilhaste Wirkung auf den Werth meines Eigcnthums, leider aber ans Kosten und zum schweren Nachtheil des Gesammtwohls der Colouie. Ich war außerdem in der zngäblichcn Spekulation der Rinderzucht , wie auch in der Zucht von Pferden glücklich gewesen, so daß ich in den fünf Jahren, welche ich diesem Geschäftszweige widmete, die darauf verwendete Summe verdoppelte, abgesehen davon, daß ich auch die Waideplätze zu einem sehr vortheilhaften Preis an den Mann brachte. ' führnng einer Theorie veranlaßt baden, welche für einen gesellschaftlichen Zustand, wie der in Australien, so durchaus unanwendbar ist. Es freut mich, zu sehen, daß er sich selbst gegen diese u». achtdarc Urheberschaft verwabrt hat, odschon ich mit Bedauern bemerke, daß er noch immer an einem Hauptirrthum fcstbält, indem er von dem Erwerb kleinerer Besitzungen abräth und, mehr sinnreich als offen, die wichtige Frage umgeht, „was der niedrigste Preis des Landes seyn solle." * „Der Ertrag einer Viebstation ist geringer, als der, welcher durch die Schaafzncht erzielt wird, vorausgesetzt, daß inan in letz, terer Glück bat, wovon natürlich viel abhängt; indcß ist die Viehzucht doch eine viel sicherere Spekulation, die weniger Sorgfalt, Kenntniß und Fertigkeit fordert. Zweitausend Pfund, auf sieben, hundert Stück verwendet, können, wenn man gute Waideplätze hat. das ursprüngliche Kapital in fünf Jahren zu sechstausend Pfunden vergrößern, abgesehen davon, daß der Eigenthümcr auch noch in der Lage ist, von dem Geschäft seinen eigenen Unterhalt zu bestreiten, Lohn zu bezahlen u. s. w." — Ungedruckter Brief des G. B. Wilkinson. 870 Ferner hatte ich, wie bereits oben angegeben wurde, auf Onkel Jack's Rath Land gekauft und es mit großem Nutze» wieder losgeschlagen. Und schließlich bewahrte mich meine zeitige Abreise vor einer sehr oerhängnißoollen Krisis in den Colonialangelcgcnheiten, die ich ganz den unseligen Grillen englischer Theoreliker zuzuschreiben mir die Freiheit nehme, welche alle Uhren nach der Greenwicher Zeit richten möchten und dabei außer Acht lassen, daß cs in einem Theil der Welt Morgen ist, wann in einem anderen die Abcndglocke geläutet wird. Zweites Kapitel. Wieder in London! Wie fremd, einsam und wild erscheine ich mir in den Straßen. Wenn ich die schmächtigen Gestalten, die gebeugten Rücken und die blaffen Gesichter betrachte, so schäme ich mich fast meiner Gesundheit und Kraft. Ich schleiche durch das Gedränge mit der barmherzigen Schüchternheit eines gutmüthigcn Riesen und scheue mich, gegen Jemanden anzustoßen, weil ich fürchte, der so Betroffene könnte oon dem Znsammenprall den Tod haben. Ich gehe jenem Zwirnwickel oon einem Commis aus dem Weg, und cs ist ein Wunder, daß ich nicht oon den Omnibussen überfahren werde, obschon ich fast meine, daß ich sic selber über den Haufen rennen könnte. Auch mache ich die Bemerkung, daß in meinem Aeußcrcn etwas Fremdes, Ausländisches und Gesetzloses liegen muß. Beau-Brnmell würde mir sicherlich alle Ansprüche auf die Außenseite eines Gentleman abgesprochen haben, denn jede dritte Person, die an mir vorübergeht, bleibt stehen und sicht mir nach. Ich kehre nach meinein Gasthause zurück und schicke nach einem Schuhmacher, Hutmacher, Schneider und Haarkünscher, damit sie mich von Kopf bis zu den Füßen humaniflren. Sogar Ulysses muß seine Zuflucht zu den Künsten der Minerva nehmen und, ohne Metapher gesprochen, „sich heranspntzen," che die treue Penelope sich herabläßt, ihn anzuerkennen. Die Künstler versprechen alle Eile. Inzwischen suche ich mich mit meinem Mutterlande wieder bekannt zu machen, indem ich die Spalten der Times, der Post, deS Chroniclc und des Herald durchstiege. Alles kommt mir erwünscht, die Artikel über Australien ausgenommen; denn von diesen wende ich mich ab mit dem hochmüthigen Naserümpfen eines praktischen Mannes. Die leitenden Artikel sind nicht mehr mit dem Lob oder Tadel Trevanion's angefüllt. „Percy's Spor» ist kalt." Lord Ulvcrstone fignrirt nur noch in den Hofcirknlarien oder in den „Berichten über Ereignisse in der vornehmen Welt." Der Graf hat einen Herzog von königlichem Geblüt mit einem Diner bewirthet, speist seinerseits bei diesem Herzog, ist nach London gekommen oder hat es wieder verlassen. Höchstens spricht er — eine schwache platonische Erinnerung an sein früheres Leben — im Hanse der Lords einige Worte über eine Frage, die keine Parteisache ist, ohne daß man den Ruf: „Hort!" vernimmt oder überhaupt von der Gallerie aus darauf achtet, obschon sich'S dabei vielleicht um die Interesse» von Tausenden oder Millionen handelt; öderer führt den Vorsitz in der Versammlung eines Ackerbanvcreins oder dankt, wenn bei einem Diner zu Guildhall auf seine Gesundheit getrunken wird. Aber die Tochter hebt sich, je mehr der Vater untergeht, obschon in einer ganz anderen Art von Welt, „Der erste Ball oer Saison zu Castlcton-Honse!" ausführliche Beschreibung der Zimmer, der Gesellschaft und vor Allem der Wirthin. Verse auf das Bilo der Marguise von Castleton in dem „Buch der Schönheit" von dem ehrcn- werthcn Fitzrvy Fiddlednm, mit den Worten beginnend: „Bist Du ein Engel auS —" n, s, w. — ein Artikel, der mich mehr anspricht, über „Lady Castletvn's Kleinkindcrschule zu Raby Park;" dann wieder — „Lady Eastlcton, die neue Patronin vvn Almacks;" eine Kritik, entzückender, als sie je einem lebenden Dichter zu Theil wurde, über Lady Castleton's prächtigen diamantenen Brnstschmuck, neu gefaßt von Storr und Mortimer, Wcstmacott's Büste der Lady Castleton; Land- secr's Portrait der Lady Castleton und ihrer Kinder in antikem Costüm. Kein Monat in jener hohen Schichte der Morningpost, ohne daß Lady Castleton sich unter den übrigen Frauen auSzeichncte — „ — Velui inter lzne! I,nai> minores," Das Blut stieg mir nach der Wange, Zu diesem prächti- genStern andempatricischcn Himmel hatte also meine dunkle, arme Jugend den anmaßenden Blick zu erheben gewagt! Aber was ist dies? „Nachrichten aus Indien — Gewandter 873 Rückzug der Seapoven lintcr Kapitän de Carton!" Schon Kapitän — von welchem Datum ist die Zeitung? — Drei Monate alt. Der leitende Artikel erwähnt den Namen mit großem Lob. Mischt sich nicht ein Bodensatz von Neid in die Freude meines Herzens? Wie dunkel war meine Laufbahn gewesen — ohne Lorbeeren mein armes Ringen mit dem widrigen Schicksal! Pfui, Pisistratus, ich schäme mich deiner. Hat diese verwünschte alte Welt mit ihrem siebcrischen Wetteifer dich schon angesteckt? Eile hurtig nach Hanse, in die Arme deiner Mutter, deines Vaters — und höre No- land's gebrochene Segenswünsche, weil du beigctragcn hast zu dem Ruhme jenes Sohnes. Will der Ehrgeiz in dir übermächtig werden, so greife ihn ans rein und unbefleckt von dem Kothe Londons. Laß ihn frisch und kühn entströmen in die ruhige Luft der Weisheit und nähre ihn, wie mit Thau, durch die treue Liebe der Hcimath. Drittes Kapitel. Die Sonne ging eben unter, als ich mich durch die Trümmer des Schloßhofes schlich; denn ich hatte meinen Wagen unten am Fuße des Berges gelassen. Obgleich diejenigen, welche ich zu besuchen kam, von meiner Ankunft in England unterrichtet waren, erwarteten sie doch meinem Schreiben zufolge mich erst am andern Tag. Ich wollte sie überraschen; aber wie sehr mich auch die Ungeduld vorwärts drängte, scheute ich mich doch einzutreten —ich fürchtete mich 874 vor dem Wechsel, welchen mehr als zehn Jahre in den Gestalten hcrvorgebracht hatten, für die in meiner Erinnerung die Zeit siillgestanden war. Schon bei meiner Abreise hatte den armen Roland das Alter zn früh ereilt. Mein Vaier befand sich damals im Mittag des Lebens, näherte sich aber jetzt dem Abend. Und meine Mutter, die so schön vor meiner Erinnerung schwebte, als ob die Frische ibrcs Herzens das weiche Roth der Wangen erhalten hätte —ich konnte den Gedanken nicht ertragen, daß sie nicht langer jung scv! Auch Blanche, welche ich als Kind verlassen — -Blanche, meine beharrliche Corrcspondentin während der langen Jahre der Verbannung in Briefen, die in's Kreuz und in die Queere übcrschrieben waren mit all' dcnkleinen Einzelnheitcn, in welchen die Bercdtsamkeii des Bricfschreibens besteht, so daß ich in jenen Episteln ihren Geist allmälig-harmonisch sich heranbildcn sah mit den Buchstaben; anfangs weit und kindlich — dann etwas steif mit dem ersten Anflug einer geläufigen Hand— dann fließend, frei und leicht—und im letzten Jahre meines Aufenthalts in der Fremde so kunstgerecht und doch so lustig, so regelmäßig und doch sich keiner Anstrengung bewußt— obgleich in der That bei Vervollkommnung der Kalligraphie ich mich halb ärgerte, halb freute über die Wahrnehmung, daß in den Styl sich eine gewisse Zurückhaltung einschlich — Sehnsucht nach meiner Rückkehr, weniger von ihr selbst kundgegeben, sondern vielmehr als Auftrag von anderen; Worteder alten kindlichen Vertraulichkeit unterdrückt, und daS „theuerster Sisty" aufgegeben gegen die kalte Form des „lieber Vetter". Diese Briefe, welche mich an einem Orte trafen, wo mir-die Worte Mädchen und Liebe nur als Mythen der Vergangenheit, als eitle Bilder der Phantasie erschienen, hatten sich allmälig in die geheimsten Winkel meines Herzens eingeschlichen, und aus den Trümmern einer früheren Romantik bildete sich die träumerische Einsamkeit die Fcentempel einer künftigen. Meine Mutter hatte in ihren Briefen nie verabsäumt, von Blanche zu sprechen — von ihrem Verstand und ihrer besorgten Thä- tigkeit, von ihrem warmen Herzen und ihrem lieblichen Ge- müth. Manches kleine Bild aus der Heimath vergegenwärtigte sie mir, wie ich sie gerne wünschte — nicht „in den Krystall sehend," sondern meiner Mutter Beihülfe leistend, wenn diese ihre Gänge der Barmherzigkeit nach dem Dorf machte, die Jugend unterrichtete und dem Alter mit Rath und That an die Hand ging. Sv lernte sic aus einem alten Meßbuch in meines Vaters Sammlung von selbst coloriren, 'um meinen Onkel mir einer neuen Stammtafel überraschen zu können, auf welche alle Schilde und Fächer gehörig in Gold, Schwarz und Silber gemalt waren, oder hielt sich beiden Studien meines Vaters in deffenNähe und gab Acht, ob sie ihm nicht ein Buch bringen könne, wenn er selbst zu träge war, um danach aufzustehen. Sie hatte nämlich einen neuen Katalog angefertigt, den sie so gut auswendig wußte, daß sie jeden Geist schleunigst ans irgend einer Ecke dieser Heraklea herbeibeschwören konnte, lieber alle diese kleinen Züge hatte sich meine Mutter in hohem Lobe ausgesprochen, aber während der letzten zwei Jahre nie erwähnt, ob Blanche hübsch war oder nicht. Eine traurige Versäumniß. Ich 876 hatte mich oft gesehnt, diese einfache Frage zu stellen, oder sie wenigstens zart und diplomatisch anzudeuten; indeß wagte ich cS nie — denn Blanche wurde sicherlich den Brief gelesen haben, und was ging es eigentlich mich an? Wenn sie wirklich häßlich war, so mußte die Frage ebenso nubeguem erscheinen, als die Antwort, Blanche hatte in ihrer Kindheit gerade eines von jenen Gesichtern gehabt, das im jungfräulichen Alter sehr liebenswürdig werden konnte, aber doch zugleich den Argwohn rechtfertigte, es könnte mit der Zeit Heren- und greifenartige Züge annehmen. Ja, Blanche, es ist vollkommen wahr! Wenn in jene großen, ernsten, schwarzen Augen ein wildes Feuer sich einschlich statt eines zarten Lichtes — wenn die Nase, welche damals noch unschlüssig zu sehn schien, ob sie gerade oder adlerartig werden wollte, in die letztere Richtung einbog und den kriegerischen, römische», gebieterischen Schnitt von Rolands mannhaftem Proboscis anuahm — wenn das Gesicht, in der Kindheit nur allzu schmächtig, nach dem Roth der Jugend seine Zuflucht nahm zu zwei hervorspringenden Buckeln unter den Schläfen (die Cumbcrlander-Nace ist berühmt wegen der Ausbildung ihrer Backenknochen)— wenn all' dies stattgefunden hätte, o Blanche, dann wünschte ich, du hättest mir nie jene Briefe geschrieben, und ich würde klüger gcthan haben, wenn ich mein Herz nicht so hartherzig gestählt hätte gegen die blauen Augen und die seidenen Schuhe der hübschen Ellen Boldiug, Wenn du nun alle diese Zweifel und Besorgnisse zusammenfaffen magst, lieber Leser, so wirst du dich nicht wundern, warum ich mich so verstohlen durch die 877 Trümmer des Hofes nach der andern Seite des Thnrmes hinschlich, sehnsüchtig unter dem schräg einfallenden Strahl der Abenrsonne auf die hohen Fenster der Halle schaute (Heller zu hoch, um hineinsehen zn können), und doch mich cinzutreten scheute, so zu sagen mit meinem eigenen Herzen im Kamps liegend, Tritte! — der Gehörsinn wird so scharf in dem Buschland ! — Tritte, obgleich so leicht, wie nur je einer den Than von einer Wiesenhyaeinthe abstreifte! — Ich schlich unter dem Schatten der von Epheu überwachsenen Strebewand weiter, Eine Gestalt kömmt durch die kleine Thüre an einer Ecke der Ruinen — eine Frauengestalt. Ist es meine Mutter? Nein, sie ist größer, und auch der Tritt viel elastischer. Sie wendet sich um das Gebäude, schaut zurück, und eine süße Stimme — eine fremde, aber doch bekannte Stimme — ruft lockend und zugleich scheltend einem Faullenzer zu, der träge hinten nachkömmt. Der arme Juba schleppt seine langen Ohren auf dem Boden und ist augenscheinlich sehr trübsinnig, Jetzt steht er still und schnuppert mit der Nase in der Lilft. Armer Juba! — ich verließ dich so schlank und behend — Und elfenartig leicht sonst von Gestalt Bist in den Formen runder Du geworden. Die Jahre haben dir seltsam mitgespielt und dich fett und Primmin^ artig gemacht. Man trug zu viel Sorge für deine sieischliche Bequemlichkeit, o sinnlicher Maurita nier ; aber koch jagst du in jenem mystischen Verstand, welchen wir Instinkt nennen, etwas nach, was die Jahre ans deiner Erinnerung S78 nicht verwischt haben. Du bist taub gegen die Stimme deiner Gebieterin, trotz ihres Lockens und Schcltens. Recht so — nur näher — näher, Väschen Blanche, damit ich dich auch gehörig betrachten kan». Die Pest über den Hund, er schießt von ihr weg, hat die Witterung aufgefunden und eilt auf die Strebewand zu. Jetzt — husch — er ist gefangen und drückt in ungalantem Winseln sein Mißvergnügen aus. Soll ich das Gesicht-noch immer nicht sehen? Es ist in Juba's schwarzen Locke» begraben. Auch noch Küsse! Garstige Blanche! An ein einfältiges Thier zu verschwenden, was, wie ich von Herzen hoffe, manchen ehrlichen Christenmenschen über die Maßen erfreuen würde! Jüba kämpft vergeblich und wird fortgetragen. Ich glaube nicht, daß diese Augen eine wilde Glut bergen, und unmöglich paßt Rolands Adlernase zu jener Stimme, die ich dem Girren einer Taube vergleichen möchte. Ich verlasse meinen Versteck und schleiche der Stimme und ihrer Eigenthümerin nach. Wohin geht sie wohl? Nicht weit. Sie eilt auf den Hügel, auf welchem vordem die Herren des Schlosses die Gerechtigkeit handhabte» — auf den Hügel, welcher das Land weit und breithin beherrscht und von dem aus man jetzt den Strahl der niedergehenden Sonne auffangen kann. Wie anmuthig ist jene Haltung in ihrer gedankenvollen Ruhe! Welche zarte Wellenlinien bildet nicht harmonisch Gestalt und Gewand! Wie bestimmt bei aller Weichheit nimmt sich das regsame Bild gegen die Vurpurtinten des Himmels aus! Und wieder tönt die süße Stimme in heiteren Trillern, gleich denen eines Vogels — jetzt einen Liedervers singend, jetzt wieder neckisch den blöden vierfüßigen Freund «»redend. Sie sagt ihm etwas, ob dem seine schwarzen Ohren sich erheben, denn ich vernehme eben noch die Worte, „er kömmt", und „Heimath!" Non meinem Hinterhalt aus im Gestrüpp und in den Ruinen kann ich die Sonne nicht nntergehen sehen, suhle aber, daß der leuchtende Ball aus der Landschaft verschwunden seyn muß in der frischeren Lust der Dämmerung und in dem tieferen Schweigen des Abends. Sieh! Hesterns kömmt hervor; auf sein Signal erscheinen, einer nach dem andern, die Schaaren der Sterne „kk'orim von Ini, quanüo 1'amor «livino, Rosse >!a primd quelle cose belle!" Und die süße Stimme ist verstummt. Dann steigt der Lauscher langsam an der andern Seite des Hügels herunter — die Gestalt ist meinen Blicken entschwunden. Welcher Zauber geht doch aus von dieser Dämmerung ! Sieh, dort schleicht sich wieder der Tritt durch die Trümmer über den einsamen Hof. Ach, ahnungsvolles Herz, errathe ich Wohl die Erinnerung, die dich führt? Ich gehe durch das Pförtchen thalabwärts an den Lorbeerbäumen vorbei und erblicke das Gesicht, das zu den Sternen aufsieht — das Gesicht, das sich an meine Brust angeschmiegt hatte im Schmerz des Scheidens vor vielen, langen Jahren. Auf dem Grabe, wo wir gesessen hatten, ich als Jüngling, du als Kind — dort, o Blanche, wird mir erst der Anblick deines schönen Gesichtes zu Theil — schöner als 880 der lieblichste Tram», der mich je in meiner Verbannung erfreut hat! „Blanche, mein Büschen wir sehen uns wieder — Seele gegen Seele, mitten unter den Tobten! Blick auf, Blanche; ich bin eS." Viertes Kapitel. „Gehr zuerst hinein und bereitet sie vor, liebe Blanche; ich will an der Thüre warten, Laßt sie angclehnt, damit ich durchsetzen kann," Roland steht mit dem Rücken gegen die Wand; und über dem granen Haupte des Soldaten ist Rüstzeug aufgehangen, Ein Blick auf die dunkle Wange und die hohe Stirne genügt, um mich zu überzeugen, daß hier keine Veränderung zum Schlimmeren, kein neues Zeichen von Verfall eingetreten ist. Wenn je ein Wechsel stattfand, so kömmt mir Roland eher jünger vor, als zur Zeit meiner Abreise. Seine Stirne ist ruhig und ohne die Merkzeichen der Scham; die Lippen, vordem so znsammengepreßt, lächeln wieder mit Leichtigkeit und ringen jetzt nicht mehr mit dem Bemühen „keine Klage laut werden zu lassen." Ein Blick zeigt mir alles dies. „papae!" sagt mein Vater, und ich höre das Fallen eines Buches, „Ich kann keine Zeile lesen. Er kömmtmor- gen — morgen! .Wenn wir so alt würden, wie Methusalem, Kitty, so könnten wir doch nie den Menschen mit der 881 Philosophie in Einklang bringen — daS heißt, wenn der arme Mensch mit einem guten, liebevollen Sohn geplagt ist!" Und mein Vater steht auf und geht im Zimmer hin und her. Nur noch eine Minute, Vater — nur noch eine Minute — und ich liege an deiner Brust! Auch mit dir ist die Zeit schonend »mgcgangen wie mit allen, in denen wilde Leidenschaften und bittere Wcltsorgen nie die Sense der ernsten Mähderin schärfen. Die breite Stirne steht wohl breiter aus, weil fle nur spärlich mit dünnen Locken bedeckt ist; aber noch immer keine Furche! Woher kömmt dieser kurze Seufzer! „Wie sind wir jetzt an der Zeit, Blanche? Hast Du nach der Thurmuhr gesehen? Nicht? Nun so geh hin und steh!" „Kitty," bemerkte mein Vater, „Du hast nicht nur in den letzten zehn Minuten drei Mal gefragt, wie wir an der Zeit setzen, sondern es ist auch meine Uhr, Rolands großer Chronometer und die Schwarzwälder Uhr in der Küche stets vor Deinen Augen; ste alle vereinigen sich zu Bestätigung der gleichen Wahrheit — heute ist nicht morgen." „Ich weiß, sic gehen alle unrecht," sagte meine Mutter mit sanfter Bestimmtheit; „sind nie recht gegangen, seit er fort ist." Jetzt kömmt ein Brief heraus — denn ich höre daS Knittern — und dann gleitet ein Tritt nach der Lampe hin. Oh, das liebe, holde, frauenhafte Gesicht — noch immer schön, für mich schön zu jeder Zeit — so schon, wie damals, als es sich in der ersten Kinderkrankheit über mein Kisten Wnlwer, die L arten?, SS 882 uiederbeugte oder als wir uns an sonnigen Nachmittagen im Hof mit Blumen warfen! Jetzt finstert Blanche etwas; und nun die Verwirrung, das Auffahren, der Ruf— „Es ist wahr! es ist wahr! Eure Arme, Mutter. Dicht, dicht um meinen Hals. Vater! Auch Ihr, Roland! O Freude, Freude! Freude! Wieder in der Heimath — in der Hei- math bis zum Tode!" Fünftes Kapitel. Aus einem Traume vom Buschland, heulenden Din- gocs * und dem Kriegsruf wilder Menschen erwache ich und sehe die Sonne durch den Jasmin scheinen, den Blanche um das Fenster gezogen hat. An den Wänden herum befinden sich in zierlicher Ordnung alte Schulbücher, Fischruthen. Ballrackete, Rappicre und die altmodische Flinte; meine Mutter sitzt neben dem Bett, und Juba winselt und scharrt, um zu mir hinaufzukommen. Hatte ich deinen gemurmelten Segen für das Kriegsgeschrei der Schwarzen gehalten-, o Mutter, und Jubä's dumpfes Winseln für das Geheul der Dingoes? Und mm, welche Tage stillen Entzückens — welcher § Austausch zwischen Herzen und Herzen! Ich gehe mit ! Roland spazieren und erzähle ihm von dem, welcher, vordem unsere Schande, jetzt unser Stolz ist. Wie schlau cs der alte * Dingocs — der Name, welchen die australischen Eingeborenen den wilden Hunden geben. j 883 Mann einzuleiten weiß, um mich auf diesen Spaziergängen durch das Dorf zu führen, damit da und dort irgend ein guter Freund stehen bleiben uud fragen möge: „Was gibt's Neues von seinen Ehren, unserem wacker« jungen Herrn?" Ich versuche, meinen Onkel für meine Plane zurWiedcr- Herstellung der Ruinen und zum Anbau der weiten Sumpf- und Moorländereien zu gewinnen. Warum wendet er sich ab und blickt so verlegen zu Boden? Ah, ich errathe es! — sein wahrer Erbe ist ihm jetzt wieder zurückgegeben. Er kann nicht gestatten, daß ich diesen Troß, welchen ich nach Veröffentlichung des großen Buches zu nichts anderem zu verwenden weiß, in ein Haus und in Güter stecke, die später auf seinen Sohn übergehen werden. Ebenso wenig will er dnleen, daß ich seines Sohnes Vermögen dazu benütze, welches noch immer in meiner Verwaltung sieht. Allerdings ist eS möglich, daß mein Vetter während seiner Laufbahn des Geldes zu anderen Zwecken bedarf. Aber i ch, der ich keine Laufbahn habe — pfui, diese Bedenken rauben nur die Hälfte des Glücks, welches ich mir durch so viele Jahre der Mühe erkaufte. Ich muß es anders einzuleiten suchen. Wie, wenn er mir Haus und Moorland in einem laugen Kulturpacht überließe? .Was das klebrige betrifft, so ist ein hübsches Gütchen in der Nähe zu verkaufen, auf das ich mich zurückziehen kann, wenn mein Vetter als Familienerbe kömmt, um vielleicht mit einer Gattin in dem Thurine zu Wohnen. Ich muß mir die Sache überlege» und mit Bolt besprechen, so bald das Glück des Wiedersehens mir Muße läßt, mich solchen Dingen zuzuwenden, Inzwischen tröste. Sß » 884 « ich mich mit meinen Lieblingssprüchwort — »Wenn der Wille vorhanden ist, finden sich auch die Mittel." Welches Lächeln und welche Thräne» — welche Heiterkeit und welches sorglose Geplauder mit meiner Mutter! Sie möchte gerne von mir wissen, ob ich im Busch nie mein Herz verloren habe, und ich gebe ihr ausweichende Antworten , um sie dafür zu strafen, weil sie mir nicht mittheilte, daß Blanche so bezaubernd war. „Ich stellte mir vor. Blanche sey ihrem Vater nachgeartet, der allerdings einen schönen Soldatenkopf hat, aber sich in Weibcrkleidern nicht sehr vortheilhaft ausnehmen würde! Wie konntet Ihr über einen so anziehenden Gegenstand so zurückh altend sehn?" „Ich mußte es Blanche versprechen." „Der Tausend — warum doch auch?" Dies gab mir Stoff zum Nachdenken. Welche stillen, frohen Stunden verbrachte ich nicht in dem Studierstübchen meines Vaters oder an dem Teiche, wo Mr. Carton noch immer die Karpfen füttert, die inzwischen zu wahren Leviathanen im ^enus orgiri»»» herangewachsen sind. Die Ente ist leider aus dem Leben geschieden — das einzige Opfer, welches der grimmige König Tod entführt hat; ich traurc, bin aber voll Ergebung gegen diese milde Einforderung des großen Tributs an die Natur. Leioer muß ich sagen, daß das große Buch nur langsame Fortschritte gemacht hat und noch keineswegs geeignet ist für die Veröffentlichung Einem späteren Beschlüsse gemäß sollte nicht jedesmal ein Theil, sondern die Arbeit totn, teres nt,jus rvtirnän erscheinen- Der 885 Stoff hat sich weit über die ursprüngliche»'Grenzen hinaus erstreckt; nicht weniger als fünf Bände, und auch diese noch sehr umfangreich, werden die Geschichte des menschlichen Jrr- thumö umfassen. Wir sind jedoch schon weit im vierten, und man darf Minerva nicht übereile». Mein Vater ist ganz entzückt von OnkelJacks „noblem Benehmen", wie er es nennt, obschon er mit mir schmält, daß ich das Geld genommen, und sogar Bedenken darüber erhebt, ob er cs wohl füglich behalten könne. In solchen Dingen ist mein Vater ebenso quirotisch, wie Noland. Ich sehe mich genöthigt, meine Mutter als Schiedsrichtern- zwischen »ns aufzubieten, und sie bereinigt die Sache schnell durch eine Berufung an das Gefühl. „Ach, Austin, wie sehr würdest Du mich demüthigen, wen» Du zu stolz wärest, von meinem Bruder anzunehmen, was er Dir schuldig ist!" „Velit, nolit, gnaä amion," entgegnete mein Vater, indem er die Brille abnahin nnd die Gläser putzte — „dies will heißen, Kittv, daß ein verheiratheter Mann keinen eigenen Willen mehr hat. Zu denken," fügte Mr. Carton nachsinnend bei, „daß man in dieser Welt nicht einmal mit der -einfachsten mathematischen Definition sicher geht! Du siehst, Pisistratus, die Winkel eines so entschieden schiefen Dreiecks, wie das Deines Onkels ist, können am Ende doch denen des rechtwinkligen gleich werden!" * ' Da ich wobt nicht wieder auf Onkel Jack zu sprechen komme, so bitte ich den Leser um Entschuldigung, wen» ich nur in einer Note bemerke, daß dieser chrenwerthe Verwandte in Australien fortwährend überraschend gute Geschäfte macht, obgleich TibbctS' Heil noch immer aus Mangel an Arbeitern stille steht. 886 Lange Entbehrung der Bücher hat allen meinen Appetit danach wieder hergcstellt. Wie viel habe ich nachznholen >— welche umfassende Liste von lesenswertsten Büchern ist nicht von mir und meinem Vater ausgezeichnet worden! Es liegt genug vor mir, um alle freie Zeit meines Lebens aus- ziifüllen. Nur mit dem Griechischen und Lateinischen sieht es stille, und nichts hat einen größeren Zauber für mich, als das Italienische. Blanche und ich lesen den Metastasto zum großen Aergcr meines Vaters, welcher diese Lektüre „Unrath" nennt und uns dafür den Dante empfehlen möchte, Ich will jedoch vorderhand nichts von den Seelen „Ode so» conlonti Kei luve»-," denn ich gehöre bereits zu den »beute xsnte." Aber ungeachtet des Metastasto sind wir beide, Blanche und ich, doch nicht so vertrant, als bei so nahen Verwandten der Fall seyn sollte. Sind wir zufällig allein beisammen, so weree ich so stumm, wie ein Türke, so förmlich, wie Sir Charles Grandison, und ich ertappte mich letzthin selbst darüber, wie ichlste Miß Blanche nannte. Doch ich darf dich nicht vergehen, ehrlicher Sguills — auch nicht deine Freude über meine Gesundheit nnd mein Glück, oder deinen stolzen Ausruf, als du die eine Hand auf Wenn auch elnzelne Wcchselfälle eintratcn, so fürchtete ich doch nichts für seine» Erfolg! jetzt aller, im Jahre I8lg, zittere ich bei dem Gedanken an die Wirkung, welche die Entdeckung der Woldminen in Kalifornien auf seine lebhafte Einbildungskraft üben muß. Wenn du dieser Schlinge entgehst, Onkel Jack, res oze, lulnr eris, — du bist geborgen für Lebenszeit meinen Puls legtest nnd mit der andern die feste MnScnlatur meines Armes untersuchtest. — „Alles dies rührt von meinem zitronsauren Eisen her. Nichts Besseres für Kinder! Es wirkt auf die Gehirneniwicklung der Hoffnung nnd der Kampflust." Auch die arme Mrs. Primmins darf ich nicht ganz übergehen; sie nennt mich noch immer „Master Sisty" und verzweifelt fast, daß ich die neuen Flancllleibchen nicht kragen will, an denen sie mit so viel Freude gearbeitet hat. „Junge Gentlcmen sind i»> Wachsen so leicht der galoppi- renden Schwindsucht ausgeseht!" — Sic kannte, als sie in Torquay lebte, gerade so Einen, wie Master Sisty, der dahinwelkte und auslöschte, wie eine Lichtschnuppe, blos deßhalb, weil er kein Flanellleibchen tragen wollte." Dabei macht meine Mutter ein ernstes Gesicht nnd sagt: „Man kann nicht zu vorsichtig seyn." Plötzlich gcräth die ganze Nachbarschaft in die größte Aufregung. Trevanion — ich bitte ihn um Verzeihung — Lord lllverstvne kömmt, um sich für beständig in Compton niedcrznlassen. Täglich sind fünfzig Hände beschäftigt, um mit möglichster Hast das Gut in gehörige Ordnung zu bringen. Fracht- und andere Wagen haben alle die Bedürfnisse ausgeladen, die ein großer Mann an dem Platze braucht, wo er essen, trinken und schlafen will —Bücher, Weine, Gemälde nnd Möbelwerk. Ich erkenne wieder meinen alten Gönner. Er macht Ernst in Allem, was er thut. Mein Freund, der Gntsver.valter, theilt mir mit, Loro lllvcrstone finde, daß sein Lieblingssitz bei London zu vielen Störungen ausgesetzt sey; außerdem habe er dort alle Verbesserungen angebracht, 8k>S die sich durch Reichthum und Thatkraft erzielen lassen, weß- halb ihm jenes Gut weniger landwirthschastlichc Beschäftigung, für die er mehr und mehr Vorliebe gewonnen, biete, als die weiten fürstlichen Domänen, welche bisher das Auge des Herrn hatten entbehren müssen. „Ich weiß, er ist ein braver Farmer, so weit die Theorie geht," bemerkte der Verwalter, „glaube aber nicht, daß wir hier im Norden nöthig haben, von den vornehmen Herren zu lernen, wie wir den Pflug führen müssen." Der Verwalter fühlt sich in seiner Würde gekränkt, ist aber ein ehrlicher Kerl und freut sich von Herzen, daß die Familie wieder an dem alten Platz ihren Sitz nimmt. Sie sind angekommen — mit ihnen die Castletone und eine ganze Schaar von Gästen. Die Grafschaftszeitung ist angefüllt mit vornehmen Namen. „Was nm's Himmelswillcn denkt auch Lord lllverstone, daß er sich den Anschein gibt, als wolle er lästigen Besuchen aus dem Wege gehen?" „Mein lieber PisistratuS," antwortete mein Vater auf diesen Ausruf, „nicht die Gäste, welche kommen, sondern diejenigen, welche wegbleibcn, wirken am störendstcn auf die Ruhe eines abgetretenen Ministers. In der ganzen Prozession sieht er nur die Bilder des Brutus und des CassinS — und diese sind nicht da! Zudem, verlaß Dich darauf, machte ein Bcrgewinkel in eine so große Nähe von London nicht Lärm genug. Du flehst, ein abgetretener Staatsmann ist wie jener schöne Karpfe — je weiter er aus dem Wasser springt, desto stärker ist das Geplätscher, wenn er wieder 889 in's Schilf niederfällt! Doch dieses Scherzen ziemt uns nicht," fügte Mr> Carton in reuigem Tone bei, „und wenn ich mich so weit vergaß, geschah es nur, weil ich herzlich froh bin, daß Trevanion jetzt vielleicht seinen wahren Beruf finden wird. Sobald das vornehme Volk, welches mit ihm kömmt, ihn wieder allein läßt in seiner Bibliothek, hoffe ich, er wird sich diesem Berufe zuwenden und dadurch glücklicher werden, als er bisher je war." „Und dieser Beruf bestünde, Vater — ?" „In der Metaphysik," versetzte mein Vater. „Er wird sich in Berkeley ganz heimisch fühlen und Betrachtungen darüber anstellen, ob der Sprecherstuhl und die amtlichen rothen Logen wirklich Dinge seyen, deren Ideen von Figur, Ausdehnung und Härte insgesammt im Geiste haften Es wird ihm großen Trost bringen, wenn er mit Berkeley übereinstimmen und die Entdeckung machen kann, daß er nur durch wesenlose Phantasmata geneckt wurde." Mein Vater hatte vollkommen Recht. Der murrende, scharfdenkende und Alles auf's Genaueste abwägcnde Tre- vanion, welchen sein Gewissen damit quälte, daß er alle Seiten einer Frage in's Auge fassen mußte (denn die geringste hat mehr als zwei Seiten und ist zum Mindesten ein Sechseck), war viel geeigneter, den Ursprung der Ideen zu erforschen, als Cabinete und Nationen zu überzeugen, daß zweimal zwei vier sey — ein Satz, in Betreff dessen er vollkommen mit Abraham Tucker übereingestimmt haben würde, wenn dieser scharfsinnigste und gedankenvollste von allen englischen Metaphysikern bemerkt: „So überzeugt ich auch bin, daß 890 zweimal zwei vier ist, würde ich doch jeder achtbaren, redlichen und Verständigen Person, welche dies in Frage stellt, Gehör schenken; denn die Sache ist mir nicht gewisser, als der Satz, das Ganze scy größer als ein Theil, Und doch kamen mir einmal Betrachtungen, welche die Annahme des Gegeniheils zu fordern schienen/" Ich kann mir eben so gut denken, Trevanion werde einer „achtbare» aufrichtigen und verständigen Person" Rede stehen, welche gegen die gewöhnliche Annahme, daß zweimal zwei vier sey, einen Gegenbeweis versucht! Die Kunde von seiner Ankunft jedoch und der der Lady Castleton verursachte in mir eine große Aufregung, so daß ich meine Zuflucht zu langen, einsamen Spaziergängen nahm. Während eines dieser Ausflüge machten sie einen Besuch in dem Thurm— Lord und Lady Ulverstone, die Castletone und ihre Kinder, alle mit einander. So war ich dieser Höflichkeitsbezeugung entronnen, und als ich wieder nach Hause zurückkehrte, wurde ein gewisses Zartgefühl für alte Erinnerungen beobachtet, so daß man in meiner Gegenwart nicht viel über dieses wichtige Ereigniß sprach. Roland hatte sich gleichfalls aus dem Wege gemacht. Blanche, das arme Kind, welches nichts von den Vorgängen wußte, war am mittheil- samsten und wußte fast von nichts zu reden, als von der Schönheit und Anmuth der Lady Castleton, - Licht der Natur, — Abschnitt überdas urthell, — Vergleiche die sehr sinnreiche Beleuchtung des Zweifels, „ob nicht bisweilen der Theil größer sey, als das Ganze" — der Zeit oder vielmehr der Ewigkeit entnommen. 691 Es erging an uns alle eine dringliche und herzliche Einladung, einige Tage in dem Schlosse znznbringen; aber nur ich nahm sie an und machte die schriftliche Mittheilung, daß ich kommen würde. Ja; ich schnte mich, die Stärke Meiner Selbstüberwindung zu beweisen und die Natur der Empfindungen zu prüfen, die mich beunruhigt hatte». Es war eine moralische Unmöglichkeit, daß irgend ein Gefühl, welches man Liebe nennen konnte, für Lady Castletvn sich noch in mir barg — für die Gattin eines Andern, der noch obendrein so viele Ansprüche ans meine Zuneigung hatte. Aber mit all" den lebhaften Eindrücken der Jugend noch in meinem Innern — mit Eindrücken, welche mir Fanny Trevanion als das schönste und herrlichste unter allen menschlichen Wesen vergegenwärtigte — konnte ich da die Freiheit fühlen, wieder zu lieben? Durfte ich an eine Werbung denken und für immer die ganze jungfräuliche Neigung einer Anderen zu gewinnen suchen, während »och die Möglichkeit vorhanden war, daß ich Vergleichungen anstelle» und bereuen könnte? Nein; entweder mußte ich fühlen, daß Fanny, selbst wenn sie wieder unvermählt wäre und mir ohne menschliches oder göttliches Hinderniß angehören könnte, aufgehört habe, die einzige zu seyn, die ich in der Welt auSzeichnen würde, oder ich wollte, obgleich ich die Liebe als erstorben betrachten mußte, doch in der Erinnernng auch noch ihrer Asche die Treue bewahren. Meine Mutter seufzte und ließ an dem Morgen des Tages, an welchem ich nach Compton gehen wollte, eine große Unruhe blicken. Sie schien sogar — etwa das drittemal in ihrem Leben — ärgerlich zu seyn und hatte kein Compliment für Mr, Stulh, als mein Jagdwamms gegen einen schwarzen Frack vertauscht wurde, welchen dieser Künstler für „splendid" erklärt hatte; auch beehrte sie mich nicht mit jenen kleinen Aufmerksamkeiten auf den Inhalt meines Reisesacks und mit jener Sorge für meine weißen Westen und Halsbinden, die ich sonst von ihrem natürlichen Instinkt bei so denkwürdigen Anlässen gewohnt war. Selbst in ihrem Ton, wenn sie mit Blanche sprach, lag eine Art zanklustiger, mitleidsvoller Innigkeit, die sich ganz pathetisch ansnahm, obschon glücklicherweise die Ursache davon hinter einem undurchdringlichen Schleier lag für die unschuldige Fassungskraft des Wesens, welches nicht sehen konnte, wo am Quell des Lebens die Vergangenheit die Urnen der Zukunft anffüllte. Mein Vater verstand mich besser. Als ich in de» Wagen stieg, drückte er mir die Hand und murmelte die Stelle ans dem Seneca — »köon tanguam ti'anslüxn, seä tanguam exploratoi 'Nicht als Ueberläufer, sondern um zu erforschen.' Ganz recht. Sechstes Kapitel. Nach der gewöhnlichen Sitte vornehmer Häuser wurde ich, sobald ich in Compton anlangte, nach meinem Zimmer geführt, um meinen Anzug zu ordnen und mich in der Einsamkeit zu sammeln. Es fehlte noch eine Stunde bis zum 693 Diner. Ich war jedoch keine zehn Minuten allein, als die Thüre aufging und Trevanion — wie ich ihn noch immer nennen will — ror mir stand. Sein Gruß und Willkomm, war seh' herzlich. Wir setzten uns nieder, und er plauderte in seiner derb beredten und nachlässig gelehrten Art fort, bis die Halbstundenglocke läutete. Er sprach ron Australien, dem Wackefield-Systcm — von der Viehzucht — von Büchern, von der Mühe, die ihm das Ordnen seiner Bibliothek machte — von den Entwürfen, seine Güter zu verbessern und zu verschönern — von seiner Freude, daß mein Vater so gut aussah, und seinem Entschluß, sich recht viel seines Umgangs zu erfreuen, möge nun dies seinem alten Uuiversi- tätsfrcund recht seyn oder nicht — kurz von Allem, nur nicht von der Politik und seiner eigenen ministeriellen Laufbahn, durch dieses Schweigen andeutend, wo der wunde Fleck saß. Aber abgesehen von dem bloßen Wirken der Zeit kam er mir in seiner Muße angegriffener und abgehärmter vor, als in dem vollen Strom des Geschäftslebens, und die frühere Kurzangebundenheit seines Wesens schien jetzt eine fieberische Aufregung in sich zu bergen. Ich hoffte, mein Vater werde de» Umgang mit ihm nicht zu vermeiden suchen, denn ich fühlte, daß der müde Geist der Beruhigung bedurfte. Das zweite Läuten hatte kaum ausgetönt, als ich in das Besuchzimmer trat. Es waren wenigstens zwanzig Gäste anwesend — ohne Zweifel jeder ein Planet in der Welt des Ruhms oder der Mode, der wieder seine eigenen Trabanten hatte. Aber ich sah nur zwei Gestalten deutlich — zuerst Lord Castleton mit Stern und Band, etwas stärker und stattlicher 8S» im Bau und mit einem unverhohlenen Anflug von Grau in den seidenen Locke» seines Haars, aber noch immer sich aus- zeichnend durch jene Schönheit und jenen Zauber, die weniger von der Jugend abhängen, sondern vielmehr aus einem glücklichen Zusammenwirken von Haltung und Benehmen, ans der ungemeinen Lieblichkeit des Ausdrucks entspringen, welche sich in's Herz einschleicht und in einem Grade anspricht, daß dem Zeugen derselben die Bewunderung zu einer Lust wird. Von Lord Castleton konnte man in der That wie von Aleibiades sagen, er sey 'schön in jedem Alter'. Der Athen, versagte mir fast, und ein Nebel trat mir vor die Augen, als Lord Castleton mich durch die Gäste führte und der leuchtende Traum von Fanny Trevanion — wie verändert uüd doch wie blendend — wieder vor mir anfging. Ich fühlte die leichte Berührung jener schneeigen Hand; aber kein sündiger Schauer schoß durch meine Adern. Ich hörte die Stimme, musikalisch wie immer, gedämpfter in ihrem Tone, als ehedem, aber fest und ohne Beben — es war nicht länger die Stimme, welche meine Seele in das Ohr verpflanzte. Das Ereigniß war überstanden, und ich wußte, daß der Traum für immer entflohen war aus der wachenden Welt. „Noch eine alte Freundin!" sagte Lady lllverstonc, als sie aus einer kleinen Gruppe von Kindern hcrvortrat und einen schönen Knaben von nenn Jahren an der Hand herbeiführte, während ein anderer von zwei oder drei Jahren sich an ihrem Gewände festhielt. „Noch eine alte Freundin — und" fügte 888 sie nach den ersten freundlichen Begrüßungen bei, „zwei neue, wenn die alten dahin sind." Die leichte Melancholie wich aus ihrer Stimme, als sic, nachdem sie mir den kleinen Viscount oorgestcllt hatte, den verschämteren Lord Albert heranzog, der in der That um Stirne und Augen etwas von dem feinen, geistvollen Ausdruck seines Großvaters hatte, dessen Namen er trug. Lord Castleton's auf Alles Rücksicht nehmender Takt war schnell bereit, der Verlegenheit ein Ende zu machen, die gerne eine Folge solcher Vorstellungen ist; er stützte sich leicht auf meinen Arni, zog mich vorwärts und machte mich mit den Gästen bekannt, die mehr zu unserer mittelbaren Nachbarschaft gehörten und durch ihre warme Herzlichkeit andeuteten, daß sie bereits ans meine Einführung vorbereitet waren. Das Diner wurde jetzt angekündigt, und ich freute mich auf die Erleichterung und Abgeschiedenheit, welche sich bieten, wenn man in einer großen, gemischten Gesellschaft auf einem eigenen Stuhl Platz nehmen kann. Ich blieb drei Tage in dem Hause. Trevanion hatte ganz Recht, wenn er sagte, Fanny werde eine „treffliche vornehme Dame" abgeben. Welcher vollkommene Einklang in ihrem Benehmen und in ihrer Stellung! Sie hatte von der verführerischen mädchenhaften Heiterkeit und der bezaubernden Gefallsucht eben noch genug beibehalten, um die Würde in ihrer Haltung, welche sie unwillkürlich angenommen — vielleicht weniger als vornehme Frau, denn als Gattin und Mutter — zu mildern. Mit welcher seinen Bildung, die vielleicht nuv etwas matt und gekünstelt war in Vergleich mit der frisch und gesund dem ganzen Wesen entsprungenen ihres Gatten, obschon in ihr nichts von jener erkältenden Herablassung oder von der feinen Unverschämtheit lag, welche man so häufig bei den sogenannten „Erclusiven" des niedereren Adels findet — mit welcher Anmuth, frei von aller Sprödigkeit, nahm sie die Schmeicheleien der Umstehenden hin, sich sodann von ihnen abwendend oder zu Lord Castleton ihre Zuflucht nehmend, und zwar dies mit einer Ruhe, welche mit einem Male den Schirm des Herdes und der Heimath um sie her aufpflanzte. Und unbestreitbar war Lady Castleton viel schöner, als Fanny Trevanion gewesen war. Alles dies erkannte ich an — nicht mit einem Seufzer und einem Schmerzgefühl, sondern mit der reinen Empfindung stolzen Entzückens. Ich hatte vielleicht wahnsinnig und anmaßend geliebt, wie es bei jungen Leuten oft der Fall ist, aber meine Neigung war eine würdige gewesen; der Mann brauchte nicht darüber zu erröthen, und Fanny's Glück war eine vollkommene Kur, für jede Wunde des Herzens, die vielleicht nicht früher schon vernarbt war. Hätte sie unzufrieden, bekümmert und freudlos in dem geschlossenen Bunde gelebt, so durfte wohl eher zu besorgen gewesen seyn, ich konnte brüten über die Vergangenheit und klagen über den Verlust ihres Abgotts. Jetzt aber war keine solche Gefahr mehr vorhanden. Sogar die Ausbildung ihrer Schönheit hatte den Charakter derselben in einem Grade verändert, daß Fanny Trevanjon und Lady Castleton zwei verschiedene 897 Personeil zu seyn schienen. Während ich sie beobachtete nnd ihr zuhörte, konnte ich leidenschaftslos die Unterschiede in unserem Wesen wahrnehmen, so daß mir Trevanion's Behauptung, welche mir ehedem so ungeheuerlich erschien, vollkommen gerecbtfertigt vvrkam — „wir würden nicht glücklich seyn, wenn auch das Schicksal unsere Verbindung gestattete." Obschon sie in der erkünstelten Welt die Einfachheit und Reinheit ihres Herzens bewahrt hatte, war doch diese Welt ihr Element; die Interessen derselben nahmen sie sehr in Anspruch, und ihr Treiben bildete den Gegenstand ihrer Unterhaltung, obschon sich nichts von der gewöhnlichen Klarsch- nnd Lästcrsucht darein mischte. Um mich der Worte eines Mannes zu bedienen, der selbst ein Höfling war nnd so hoch stand, daß er über einen Chesterfield spotten durfte* — „sie besaß die Routine jenes Slyls von Unterhaltung, welcher eine Art goldenes staub, das heißt, eine große Verschönerung für alles Andere ist, an welchem es angebracht wird." Ich will nicht beifügen, „obschon es für sich selbst eine sehr dürftige Figur macht," — denn dies konnte man von Lady Castleton's Unterhaltung wahrhaftig nicht sagen — vtelleicht weil es nicht „für sich selbst" dastand — nnd das goldene Laub gewann mir durch seine Kleinheit, weil es nicht einmal die Oberfläche des süßen, liebenswürdigen Wesens bedeckte, über welches es sich ausbrcitete. Gleichwohl war dies nicht der Geist, in welchem ich jetzt bei gereifter» Erfahrung Sympathie mit männlicher Thätigkeit oder Thetl- nahme an dem Zauber intellektueller Muße suchen würde. ' Lord Herwey's Memoiren Georg's II. Bulwer, die Cartone. 57 888 Der schöne Liebling der Natur und des Glücks hatte eine gewisse Hülflostgkeit an sich, welche bei einer so hohen Stellung sogar eine Anmnlh in sich barg und vielleicht dazu beitrug, Fanny's häuslichen Frieden zu sichern, denn sie diente dazu, sic au diejenigen zu fesseln, welche Einfluß über sie gewonnen hatten, da sie zum Glück von einem liebevollen Sinn begleitet war. Wäre jedoch Fanny weniger begünstigt gewesen von den Umständen und weniger geschützt vor jedem Wind, der sie allzu rauh heimsnchcn konnte — hätte sie als die Gattin eines Mannes von untergeordnetem Rang nicht jenen hohen Sitz und den seidenen Baldachin einnehmen können, welche den verzogenen Lieblingen des Glücks Vorbehalten sind, so wäre diese Hülflostgkeit vielleicht zanklnstig geworden. Ich dachte an die arme Ellen Bolding und ihre seidenen Schuhe. Fanny schien mit seidenen Schuhen in die Welt gekommen zu seyn und war also nicht geeignet, da zu gehen, wo sich Gestrüpp und Steine befanden! Aus dem Geplauder um mich her vernahm ich etwas, was mir diese Ansicht über Lady Castleton's Charakter bestätigte und zugleich meine Bewunderung gegen ihren Gatten erhöhte : denn ich ersah daraus, wie weise ihre Wahl gewesen war und wie entschlossen er sich darauf vorbereitet hatte, sein Eigenthum zu vertheidigen. Als ich eines Abends ein wenig abseits von der übrigen Gesellschaft neben zwei Männern von der Londoner Welt saß, hörte ich in stummer Theilnahme ihrem Gespräch zu, denn es behandelte die an «Ul« und die Anekdoten eines Gebiets, welches mir lange fremd gewesen war. Einer von den Beiden sagte: vvll „Ich wnßtewahrhafrig nirgend ein rrefflicberes Geschöpf zu finden, als Lady Castlcton ist : so zärtlich gegen ihre Kinder — und ihr Ton gegen Castleton genau so, wie er seyn sollte — so voll Liebe und Achtung, Ties macht ihr um so mehr Ehre, da man wissen will, sie habe ihn nicht geliebt, als sie ihn heirathete—denn bei all' seiner Schönheit ist er doch zweimal so alt als sic. Auch ist keine Frau so von schmeichelnden Lothartos und Damenmördern unischwärmt worden, wie Lady Castleton, Zn meiner Beschämung must ich gestehen, daß Castleton's Glück mich in Erstaunen setzt, denn er bildet eine Ansnahmc zu meinen allgemeinen Erfahrungen," „Mein lieber versetzte der Andeie, einer von jenen weisen Lebemännern, welche uns gelegentlich in Verlegenheit bringen, weil wir nns nicht erklären können, wie sie bei ihrem Geiste sich mit einer bloßen Salonbernhinrheir begnügen mögen — Männer, welche stets müßig zn scvn scheinen. und doch Alles gelesen haben, immer gleichgültig sich zeigen gegen das, was vor ihnen vorgchl, und roch den Charakter eines Jeden kennen und seine Geheimnisse cr- rathen. — „Mein lieber "I" sagte der Gcmlenian, „Ihr würdet nicht staunen, wenn Ihr statt der gnädigen Frau den Lord Castletou studiert härtet, Bon allen Eroberungen, welche Sedlcv Vcandesert je inachrc seit der Zeit, als die zwei schönsten Damen der Faubonrg um seiner Gunst willen in dem Avis ec Bonlognc sich auf Pistolen schlugen , hat ihn keine so viel Mühe gekostet oder seine Weibcrkenntniß ans eine so schwere Probe gestellt, als die seiner eigene» Gattin 57 " 900 nach der Berheirathung, Er war nicht zufrieden mit ihrer Hand, sondern wollte auch ihr ganzes Herz, 'einen ausschließlichen, vollkommenen Chrysolist, besitzen, und cs ist ihm gelungen, Nie war ein Gatte so wachsam und doch so wenig eifersüchtig — nie einer so vertrauensvoll zu den guten Leiten seiner Frau, und doch so schnell zur Hand, wenn cs ihren Schutz galt, wo sie am schwächsten war. Als im zweiten Jahr seiner Ehe jener gefährliche deutsche Prinz von Leiben- sels der Lady Castleton so beharrlich zusetztc und die Skandal- freunde in der Hoffnung eines Opfers bereits die Ohren spitzten, beobachtete ich Castleton mit so viel Interesse, wie wenn ich Deschappelles beim Schachspiele zuschatte. Nie habt Ihr etwas Meisterhafteres gesehen. Er benahm sich Seiner Hoheit gegenüber mit der ruhigen Zuversicht nicht eines blinden Gatten, sondern eines glücklichen Nebenbuhlers, überbot ihn in der Zartheit seiner Aufmerksamkeiten und drängte ihn durch seine sorglose Pracht völlig in Schatten, Leibenfcls hatte die llnverschämtheit, Lady Castleton einen Strauß von seltenen Blumen, die eben in der Mode waren, zu sende». Eine Stunde vorher batte Castletou ihre» ganzen Balkon mit denselben kostbaren ausländischen Pflanzen angefüllt, als sehen sie zu geniein für Stränßer und nicht werlh, für sie nur einen Tag zu blühen. So jung und hochbegabt auch Leibenfcls war, verdunkelte ihn Castleton doch durch seine Anmuth und äffte ihn durch seinen Witz, Er legte kleine Complvttc ein, um seinen Schnurrbart und seine Guitarre lächerlich zu machen, verlockte ihn zu einer Jagd mit Schweißhunden, obschon er seit seinem Dreißigsten nicht mehr gejagt hatte, und zog den fluchenden Deutschen aus einem Schlammgraben, Er machte ihn zum Gespöttc der Klubs und brachte ihn ganz ans der Mode — alles dies mit so viel Höflichkeit, Anmuth und ruhigem Ucberlegenhcits- gcfiihl, daß man seine Lust haben mußte an dem Stück Kv- mörie, welches da gespielt wurde. Der arme Prinz, welcher laffcnhaft genug gewesen war, mit einem Franzosen über seinen Erfolg bei den englische» Damen im Allgemeinen und bei Lady Castleton im Besonderen eine Wette einzugchen, zog mit einem so langen Gesichte ab, wie das des Don Quirote, Wenn Ihr ihn nur an dem Abend, eh' er unsere Insel verließ, in S—house gesehen hättet und dazu seine komische Grimasse, als Castlctou ihm eine Prise von der Beaudcsir Mischung aubot! Mit Einem Worte, Castlctou hat cs zur Aufgabe seines Daseyus gemacht und als Meisterstück seiner Kunst sich vorgenommen, eine glückliche Heimat!) und den ausschließlichen Besitz des Herzens seiner Gattin sich zu sichern, Die ersten zwei oder drei Jahre, fürchte ich, kostete ihn dies mehr Mühe, als sich je zuvor ein anderer Mann , mit seinem eigenen Weibe wenigstens, gegeben hat — jetzt aber kann er im Frieden ruhen, Lady Castleto» ist gewonnen — für immer gewonnen/' „ Als der Gentleman zu sprechen aufhörtc, erhob sich Lord Castletons edler Kopf über die Gruppe der Umstehenden, Ich sah, wie Lady Castleto» mit einem Blicke gebildeten Uebcrdrnsses sich von einem schönen jungen Gecken abwandte, der sich erlaubt hatte, während des Sprechens mit ihr seine Stimme zu dämpfen. Als ihr Ange auf ihren Gatten fiel, !)02 ging dieser Blick sogleich in den einer holdlächelnden Liebe über nnd drückte so unverkennbar den weiblichen Stolz ans, welber eine Antwort auf die Versicherung zu seyn schiein „Lady Castlcton ist gewonnen — für immer gewonnen." Ja, diese Geschichte steigerte mcinc Bewunderung snr Lord Castleton; denn sie zeigte mir, mit welcher reisen Erwägung, mit welchem ernsten Gefühl seiner Verantwortlichkeit er die Last eines Lebens in Leitung eines noch unentwickelten Charakters übernommen hatte — eine redliche Sühne snr den leichten Sinn, welchem sich Tedlcy Beaudesert hingegcbcn. Mehr als je freute ich mich darüber, daß diese Ausgabe einem Mann zuTheil geworden war, der durch seine Gcmüthsart nnd Erfahrung sich so gut dafür eignete. Der Gedanke an den deutschen Prinzen machte mich zittern, sowohl aus Theilnahmc für den Gatten, als in einer Art Schauder für mich selbst. Wäre diese Episode mir begegnet, so hätte ich nie „ein Stück Komödie" daraus machen und den fünften Akt glücklich mit einer Prise der Bcandcsert- mischung schließen können. Nein, nein — meine einfache Vorstellung von dem Leben nnd der Beschäftigung eines Mannes konnte nichts Verlockendes in der Aussicht finden, den Baum mit den goldenen Achsel» zu bewachen, vor dem eS heißt: „Wehe dem Argus, wenn cs dem Merknr einmal gelingt, ihn einzuschläfern !" Meine Gattin muß keines Be- wachcns bedürfen, cs sey denn in den Tagen des Leides nnd der Krankheit. Gott sey Dank, daß mein Lebensweg nicht über die rosigen Landstraßen führt, an welchen deutsche Prinzen Metten eingehen auf meinen Untergang und feine Gcntle- 903 men die Geschicklichkeit bewundern, mit der ich um einen so schrecklichen Einsatz Schach spiele. Jedem Rang und jedem Temperament das Seinige. Ich räume gerne ein, daß Fanny eine vortreffliche Marquise und Lord Castleton ein unvergleichlicher Marquis ist. Aber Blanche, wenn ich Dein einfaches, treues Herz gewinnen kann, so hoffe ich mit dem fünften Akt des Stücks der Komödie zu beginnen und am Altäre zu sagen — „Einmal gewonnen — für immer gewonnen!" Siebentes Kapitel. Ich kehrte ans einem von meinem Wirthe geborgten Pferde nach Haus zurück, und Lord Castleton ritt eine Strecke weit mit, von seinen beiden Knaben begleitet, welche mannhaft auf shetländischen Ponies saßen und vor uns hertrabten. Ich machte dem Marquis ein Kompliment über den Geist und Verstand dieser Kinder—ein Kompliment, das sie wohl verdienten. „Nun ja," versetzte der Marquis mit dem geziemenden Stolze eines Vaters, „ich hoffe, keiner von ihnen wird seinem Großvater Trevanion Schande machen. Albert ist etwas zu früh reif, obschon nicht ganz das Wunder, für welches ihn die arme Lady lllverstone erklärt, und ich habe meine Noth damit, daß er mir nicht durch die Schmeicheleien auf seinen Verstand verderbt wird. Solche Schmeicheleien sind meiner Ansicht nach weit schlimmer, als die, welche man dem gg-t e Range zollt — eine Gefahr, welcher der ältere Brndcr mehr ausgesctzt ist, obschon auch Albert et» schönes Erbet» Aussicht hat. lieber den gemeineren Dünkel des Ranges kann Eton bald Herr werden. Ich erinnere mich noch, wie Lord — (Ihr wißt, welch ein anspruchsloser, gntmüthiger Mensch er jetzt ist), als »»geleckter Junge, das Kinn hoch in der Lust tragend, ans den Spielplatz stolzirte nnd der derbe DickJohnson sich fürchte, er ist jetzt ein ganzer Bnschjäger geworden) mit der Frage ans ihnzuging:'Nun, Sir, und wer zum Henker seyd Ihr?' 'Lord —sagte der arme Teufel in seiner llnschnld, 'ältester Sohn des Marquis von—' 'Ei der Tausend,' ruft Johnson, 'dann ist hier ein Fußtritt für den Lord, und da einer und noch einer für den Marquis!' Obschon ich kein Freund von solchen Begrüßungen bin, so meine ich doch, daß nie drei Fußtritte bester angeschlagen haben, als diese. Aber," fuhr Lord Castleton fort, „wenn man einem Knaben wegen seiner Gescheidtheit schmeichelt, so ist nicht einmal Eton im Stande, den Dünkel aus ihm hinauszuklopfen. Wenn er auch der letzte in der Bank und der größte Esel ist, der je die Ruthe kostete, so wird es immer Leute geben, welche sagen, die öffentlichen Schulen taugen nicht für die Entwicklung des Genies, und es ist zehn gegen Eins zu wetten, daß man dem Vater so lange zusetzt, bis er den Knabe» nach Hause nimmt und ihm einen Hofmeister gibt, der ihn für immer zu einem Fant modelt. Ein Geck im Anzug " sagte der Marquis lächelnd — „ist ein Tändler, und es stünde mir übel an, ihn verurtheilen zu wollen, denn ich gestehe, daß mir ein junger Mensch, der viel auf seinen Anzug hält, lieber ist, als einer. der ihn vernachlässigt; aber ein Geck in Ideen — ei, je jünger er ist, desto unnatürlicher und unangenehmer erscheint er mir. — Nun, Albert, — über diese Hecke, Sir!" „lieber diese Hecke, Papa? Der Pony wird es nicht zu Stande bringen." „Dann fürchte ich," sagte Lord Castletou, indem er höflich seinen Hut abnahm, „daß wir das Vergnügen Deiner Gesellschaft entbehren müssen." Der Knabe lachte und nahm eine» ritterlichen Anlauf nach der Hecke, obschon ich an den, Wechsel seiner Farbe bemerkte, daß er ein wenig Angst davor halte. Der Pony konnte nicht über die Hecke setzen, war aber ein Thier von Takt, das sich zu helfen wußte und zappelte durch wie eine Katze, wobei allerdings die raphaelblaue Jacke des Reiters unterschiedliche Nisse davon trug. Lord Castleton bemerkte lächelnd: „Ihr seht, ich lehre sie, eine Schwierigkeit auf die eine oder auf die andere Weise zu überwinden. Unter uns gesprochen ," fügte er ernst bei, „ich bemerke, daß aus der Generation nach der, in welcher ich zuerst auszog und mir'ö wohl seyn ließ, eine ganz andere Welt aufgebt. Demgemäß will ich meine Jungen erziehen. Reiche Edelleute müssen heut zu Tag nützliche Menschen seyn, und wenn sie nicht über das Gestrüpp springen können, müssen sie sich mit Dnrchklet- tern helfen. Seyd Ihr nicht mit mir einverstanden?" „Von ganzem Herzen." „Durch das Heirathcn wird der Mann viel weiser," sagte der Marquis nach einer Pause. „Ich muß jetzt 9N6 1 lächeln, wenn ich mir vergegenwärtige, wie oft ich bei dem Gedanken an's Altwerben geseufzt habe. Jetzt versöhne ich mich wohl mit meinen grünen Haaren und erfreue mich noch der Jugend, denn —" ans seine Söhne deutend — „hier ist sic!" „Er hat jetzt nahezu das Gehcimuiß des Sassransackcs aufgefunden," bemerkte mein Pater, der sich vergnügt die Hände rieb, als ich ihm dieses Gespräch mit Lord Castleton erzähl». „Aber ich furchte," fügte er mit einem mitleidige^ Blick bei, „Trevanion ist noch weit entfernt, den Sinn von Lord Bacon's Rccept zu erfassen. Und Du sagst mir, seine Gattin zerre ans purer Liebe zu ihm fortwährend an dieser einen mißtönigen Saite?" „Ihr müßt mit ihr sprechen, Vater." „Ja, das will ich," versetzte mein Vater unmuthig — „und sie noch oben drein tüchtig abkanzeln — die thörichte Frau! Ich will ihr den Nath Vorhalten, den Luther dem Fürsten von Anhalt gab." „Worin bestand dieser, Vater?" „Einfach darin, daß er seinen Knaben in den Fluß Wersen solle, weil er außer der Mutter fünf Ammen ausgesogen hatte und deshalb nothwendig ein Wechselbalg seyn müsse, In der That, ihr Ehrgeiz wäre im Stande, alle Muttermilch in dem xenus mammalium anfzuzehren. Und noch obendrein ein so welker, gebrechlicher, boshafter kleiner Wechselbalg. Bei Allem, was heilig ist, sie soll ihn ins Wasser werfen!" rief mein Vater, und dem Worte die That folgen lassend, ssog die Brille, welche er während der drei letzten Minuten emsig geputzt hatte, in den Teich. „Papas!« stotterte mein Vater erschrocken, während die Cyprinidcn, welche das Eintauchen der Brille irrthnmlich für eine Einladung zur Mahlzeit hielten, angeschwommen kamen. „DieS ich Deine Schuld," sagte Mr. Carton, sich wieder fastend. „Ho? mir die neue Brille mit dem Schilvkrott- schaalengestell und ein großes Stück Brod. Du siehst, wenn Fische ans einen Teich beschränkt sind, so kennen sie einen Wohlthätcr, was nie der Fall ist, wenn sie in der weiten Welt eines Flusses nach Fliegen schnappen oder nach Würmern wühlen. Hem! — ein Wink für die Ulverstone. Außer dem Brod und der B illc sieh mir auch nach der Jn- cunable, die Fi sch predigt des heiligen Antonius, und bring sie mit." Achtes Kapitel. Seit meiner Rückkehr nach dem Thurme sind einige Wochen entschwunden und mit den Castlctonen alle Gäste Trevanions abgereist. Nach ihrer Entfernung haben wiederholte Besuche zwischen den beiden Häusern stattgcfunden, und die Bande der Vertraulichkeit knüpfen sich inniger. Mein Vater hat zweimal ein langes Gespräch mit Lady lllver- stonc unter vier Auge» gehalten (meine Mutter ist nicht so thöricht, sich über solche Vertraulichkeiten zu grämen) und der Erfolg davon tritt mehr und mehr aits Licht. Lady Nlver- stone hat aufgehört, sich über die Welt und das Publikum zu ereifern und »ährt nicht mehr den gekränkte» Stolz ihres Gatten mit erbitternder Theilnahme, Sie ist jetzt eine treue Genossin seiner dermaligcn Beschäftigungen, wie. sie cs bei seinen früheren war, nnd zeigt Interesse snrLandwirth- schaft, Gärten, Blumen und die philosophischen Pfirsiche von den akademischen Bäumen, welche Sir William Temple in seiner anmuthigcn Abgeschiedenheit hcranzog. Ja noch mehr — sie sitzt neben ihrem Gatten in der Bibliothek, liest die Bücher, welche er liest, oder beschwatzt ihn, wenn sie lateinisch sind, sie ihr zu übersetzen, llnmerklich führt sie ihn zu Studien, die weiter nnd weiter von den blauen Büchern abliegen, und lockt ihn, meines VaterS Winken folgend „In schin'rc Welte», selbst den Weg ihm dahnend," Sie sind unzertrennlich. Wie Derby und Johanna sieht man sie zusammen in der Bibliothek, im Garten oder in dem bescheidene» kleinen Pony-Phaeton, gegen welchen Lord Ulver- stone den feurigen Hengst vertauscht hat, der vordem mit seinen lebhaften Augen ein treues Abbild des geschäftigen Tre- vanion war, Ei» rührender, schöner Anblick! Und dabei zu denken, welche» Sieg über sich selbst die stolze Frau errungen haben mußte! Nie ein Gedanke, der zu murren scheint, nie ein Wort, welches den ehrgeizigen Mann zurückricfe von der Philosophie, zu welcher sein regsamer Geist Zuflucht genommen hat. Und bei der Anstrengung ist ihre Stirne so heiter geworden! Der bekümmerte Ausdruck, der sonst auf ihrem schönen Antlitz lagerte, verschwindet mehr und mehr. Und was mich am meisten bewegt, ist der Gedanke, daß dieser Wechsel, welcher so viel Glück in Aussicht stellt, durch Austins Ruth, durch seine Berufung an ihren Verstand und ihre Liebe herbcigeführt wurde. „Trcvanivn," sagte er, „füllte mehr als Trost — sollte auch Heiterkeit und Zufriedenheit bei Euch finden. Euer Kind ist fern von Euch — die Welt flnthet dahin — und ihr beide müßt euch gegenseitig Alles in Allem seyn. Sorgt dafür, daß dies so werde." Nach so vielen weit abführenden Wegen müssen die Beiden, nachdem sie in der Jugend getrennt wurden, an der Neige des Lebens so wieder Zusammentreffen. Dort, auf demselben Schauplatze, wo Austin und Ellinor sich zuerst kennen gelernt hatten, Hilst er ihr die Wunden heilen, welche der Ehrgeiz, der ihre Geschicke trennte, geschlagen, und beide gehen gemeinschaftlich zn Rathc, wie das Glück des vorgezogcncn Nebenbuhlers zu sichern sey. Nach all der Mühe, der Sorge und dem Ehrgeiz eines viel angefochtenen öffentlichen Lebens Trevanion und Ellinor zu sehen , wie sie sich näher und näher kommen und zum erstenmal daS häusliche Leben mit ihrem Zauber kennen lernen — in der Thar, dies wäre ein Thema, würdig eines Elegiendichters, wie Tibull. Inzwischen hat jedoch eine jüngere Liebe, ans deren Geschichte keine besteckten Blätter auszntilgen sind, den Sommer aufs Angenehmste benützt. „ Zwei Herzen ohne Arg finden sich leicht zusammen," sagt ein Sprüchwort, das sich bis ans Confucius znrückführen läßt. O ihr Tage stillen sonnigen Lichtes, das von nnS wiederspiegelt — o ihr Tummelplätze, stets thcurer werdend durch eine» Blick, ein Wort, ein Lächeln oder ein entzücktes Schweigen, als sich mit jeder 910 1 Stunde mehr und mehr jenes Wesen vor mir entfaltete, so zärtlich schüchtern, bei allem Ernste so heiter, durch einfache Sorgen so harmonisch gestimmt für häusliche Zuneigung und doch durch das weise Sinnen in der Einsamkeit mit einer Poesie erfüllt, welche auch den unscheinbarsten Obliegenheiten Anmuth verlieh und das Alltägliche des Lebens in Musik setzte! Natur und Glück trafen hier in gleicher Weise zusammen: Gleichheit der Geburt und der Ansprüche— Aehn- lichkeit in Geschmackssachen und im Ziele des Lebens — Drang nach gesunder Thätigkeit, welche sich in unmittelbarer Nähe fand — weder Neid gegen die Reichen, noch Wetteifer mit den Große»; beiderseits ein Gemüih, welches das Leben nur im heiteren Lichte betrachtete und Quellen der Freude, frisch grünende Stellen ansfand, wo das an die große» Städte gewöhnte Auge nur eine Wüste mit ihrer Fata Morgana sehen konnte. Wahrend meines Ferneseyns hatte ich, wie es die Pflicht des Mannes ist, im Ringen mit dem Glück jene Mühen durchgemacht, welche dem Herzen Anlaß geben, sich von seinen Verlusten zu erholen, und den Werth der Liebe im crsteren Sinn der Wirklichkeit des Lebens kennen gelernt. Der Himmel hatte an der Schwelle der Hei- math den jungen Baum groß gezogen, der das Dach mit seinen Blüthen decken und die tägliche Luft meines Daseins mit seinen balsamischen Düften erfreuen sollte. Die Lieben, welche ich verlassen, hatten vereint darum gebetet, daß dies mein Lohn sehn möchte, und insgesammt in ihren verschiedenen Weisen dazu beigetragen, jenes schöne Leben zum Schmuck 811 und zur Freude dessen heranzubildcn, der jetzt den sehnlichsten Wunsch hegte, es beschützen und lieben zu dürfen. Von Roland kam das tiefe, ernste Ehrgefühl — männlich in seiner Kraft und weiblich in seiner edeln Zartheit — von Roland jener schnell fassende Sinn für alles Herrliche in der Poesie und alles Liebliche in der Natur — das Ange, welches funkelte, wenn es las, wie Bastard allein auf der Brücke stand und ein Heer rettete, oder über dem Blatt weinte, welches Bericht that, wie der sterbende Sidiuw den Becher von seinen brennenden Lippen absetzte. Erscheint vielleicht irgend Jemanden ein solcher Geist allzumännlich? Nach seinem Belieben, Aber ich lobe mir die Frau, in welcher alles ein Echo findet, was im Manne edel ist! Und dann konnte jenes Auge, wie das Rolands, inne halten, um jede feinere Masche in dem wunderbaren Gewebe der Schönheit anfzu- fassen. Keine Landschaft war für sie gestern und heute dieselbe — ein tieferer Schatten vbm Himmel konnte den Anblick der Moore verändern — das Unfschießen frischer wilder Blumen, ja sogar der früher nicht vernommene Gesang eines Vogels lieh derweilen, steinigten Haide Abwechslung, Ist dies eine zu einfache Quelle der Lust, daß man sie nicht sollte würdigen können? Mag cs immer denen so Vorkommen, welche der starken Reizmittel bedürfen, wie sie die Städte bieten. Aber wenn wir alle unsere Stunden unter solchen Seenen zubringen sollen, ist ein Sinn hoch anznschlagen, der in der Natur keine Eintönigkeit kennt. Alles dies kam von Roland, und mein Vater hatte mit sinniger Weisheit genug Bücherkenntniß hiuzugefügt, 9kS um einen solchen Geschmack anziehender zu machen und der instinktartigen Auffassung tes Schönen und Guten die Bildung zu verleihen, welche in dem Schönen eine tiefere Wesenheit erkennt und durch Erhöhung des Standpunktes das Gute zum Besseren erweitert. So besaß sie Kenntniß genug, um mit dem geistigen Streben res Mannes zu sympa- thisiren, nicht aber auf seinem eigenen Gebiete, dem der Ansichten, mit ihm zu streiten. Ob übrigens in der Natur, oder im Wissen,«immer war stets „Ihr Blick das schönste Blumenfeld, Ihr Geist die reichste Buchcrwelt Und doch, o weiser Austin — und Du, dichterischer Roland, obschott Du nie einen VerS geschrieben hast — wäre euer Werk unvollständig geblieben, wenn nicht das Weib sich ein- gemcngt und die Mutter der Tochter ihrer Wahl die letzte Vollendung gegeben hätte durch die milden häuslichen Tugenden, durch das sanfte A>ort, welches den Zorn bannt, durch das cngelgleiche Mitleid mit den rauheren Mängeln des Mannes, durch die Geduld, welche ihrer Zeit harrt und, keine „Rechte der Frauen" erpressend, uns mit unsichtbaren , entzückenden Banden unterjocht. Erinnerst Du Dich, meine Blanche, jenes lieblichen Sommerabends, au welchem endlich die Gelübde, die längst schon von unseren Augen ausgctauscht worden waren, sich über unsere Lippen stahlen? Komm an meine Seite, theure Gattin — sieh mir über die Schulter, während ich schreibe. Da, Deine Thränen— (sind es nicht glückliche Thränen, Blanche?) — habe» die Schrift ansgelöscht! Soll ich der 813 Welt mehr sagen? Du hast Recht, meine Blanche — keine weiteren Worte sollen die Mellen entweihen, auf welche diese Thränen gefallen sind ! Und hier möchte ich schließen. Aber ach, leider können wir in unsere Hoffnungen diesseits des Grabes nicht den einschließen, von dem wir sogar an dem Brauttage, welcher seine Schwester meinen Armen überantwortete, sehnlich erwarteten, er werde zurückkehrenzu dem Herd, wo sein Platz jetzt leer stand, durch den errungenen Ruhm zufrieden gestellt und endlich geeignet für das ruhige Glück, welches er durch lange Jahre der Reue und Prüfung verdient hatte. Im ersten Jahr meiner Ehe und bald nach einer ritterlichen Betheiligung an einem verzweifelten Kampfe, der seinen Namen mit neuen Ehren bedeckt hatte — als wir eben in der blinden Eitelkeit des menschlichen Stolzes im Hinblick auf ihn am glücklichsten waren — kam die verhängnisvolle Kunde. Die kurze Laufbahn war zu Ende. Er hatte den Tod gefunden, den er, wie ich wußte, sich wünschte — am Schluffe eines Tages, stets denkwürdig in der Geschichte jenes wunderbaren Reiches, welches Tapferkeit sinn, der Gleichen an den Thron der Inseln gefesselt hat. Er starb in den Armen des Sieges, und sein letztes Lächeln begegnete den Augen deS edeln Führers, der sogar zu solcher Stunde in der Hochfluth des Triumphs Halt machen konnte bei dem Opfer, welches sie an das blutige Gestade ge- Bulwer, die Cartone, 58 91-t worsen hatte. „Ich bitte Euch um eine einzige Gunst", stammelte der Sterbende, „ich habe einen Vater zu Hans — auch er ist Soldat. In meinem Zelt liegt mein Testament, welches alle meine Habe ihm übergibt — er kann cs ohne Beschämung annehmen. Doch dies ist nicht genug! Schreibt ihm — Ihr — eigenhändig — und sagt ihm, wie sein Sohn siel!" Und der Held erfüllte,die Bitte, und dieser Brief ist Roland thcnrer, als die ganze lange Reihe todter Ahnen! Die Ratnr hat ihre Rechte eingefordcrt, und die Vorväter treten zurück vor dem Sohne. In einer Seitcnkapelle der alten gothischen Kirche, mitten unter den zerfallenden Gräbern derer, welche bei Acre und Agincourt kämpften, meldet ein neues Täfelchen den Tod Herberts de C a r t o n mit der einfachen Inschrift: Lk II d.s. ,rdl' Itwu 8tI!I.MIII'lX.I) : MX V.VMÜ..VX» ltt/.UHt u.u IIIX ux» 8 NIX will! I>r voll, IdI!«NlUlXO. Jahre sind entschwunden, seit die Tafel dort ausgestellt wurde, und brachten manchen Wechsel über den Winkel der Erde, welcher unsere kleine Welt einschlicßt. Schöne Gemächer entstanden mitten unter den öden Ruinen, und nah und fern lachen üppige Kornfelder an der Stelle der kalten, trübseligen Moore. DaS Land nährt mehr Grundsafsen, als sich je zuvor um das Banner seiner Barone drängten, und Roland kann von seinem Thurm ans auf Besitzungen uiederschanen, die Jahr um Jahr mehr der Verödung entrissen werden, bis ihm die Pfiugschaar eine Herrschaft »18 gewonnen hat, reicher nnd ansehnlicher als die, welche die alten ritterlichen Häuptlinge durch die Gewalt des Schwertes behaupteten. Und die gastliche Heiterkeit, die aus der Ruine entflohen war, hat sich in der Halle erneuert, und Reich und Arm, Vornehm und Gering heißen die Hebung eines alten Hauses aus dem Staub des Verfalls willkommen. Alle Träume von Rolands Jugend sind erfüllt; aber sie erfreue» sein Herz nicht so, wie der Gedanke, daß sein Sohn endlich würdig war seiner Abkunst, nnd als die Hoffnung , daß kein Abgrund sich austhun werde zwischen den beiden, wenn der große Kreis abgerundet ist und die Vergangenheit zusammentrifft mit der Zukunft deS Menschen am Ende der Zeiten. Nie wurde der Verlorene vergessen — nie sein Name gehaucht, ohne daß Thränen in die Augen traten, und jeden Morgen.konnte der zur Arbeit gehende Bauer Roland sehen, wie er ins Thal hinnnterschlich nach dem niedrigen Thürchen der Kapelle. Wage cs Niemand , seinen Schritten zu folge», oder sich seinen feierlichen Gedanken aufzudrängen! denn dort, dem Tafelchen gegenüber, ergießt er sich im Gebet, nnd die Erinnerung an die Todtcn bildet einen Theil seines Verkehrs mit dem Himmel. Doch der Tritt des Greises ist noch immer fest nnd sein Kops aufrecht. In seinem Gesichte kann man sehen, daß cs nicht eine hohle Prahlerei ist, wenn er erklärte, daß „der Vater voll Ergebung" sey. Ihr, die ihr vielleicht meint, in dieser christlichen Ergebung liege zu viel römische Härte — bedenkt, was es heißt, bei dem Sohn ein Leben der Schande fürchten zn müssen, und fragt euch dam,, ob ein SS* Tod der Ehre bei demselben Sohn dem Vater einen so bitiern Schmerz bereiten konnte! Zahre sind dahin, und zwei schöne Töchter spielen zu Blanche's Füßen oder kriechen um Austins Schemel, gedul- dig des ersehnten Kusses harrend, wenn er von dem großen Buche anfschaut, das sich jetzt schnell seinem Ende nähert. Wenn aber Roland in's Zimmer tritt, vergessen sie alle ihre nüchterne Gesetztheit und eilen, uneingeschüchtert durch das schreckliche lärmend aus ihn zu, daß er sie versprochenermaßen in dem Garten schaukle oder ihnen zum fünfzigstenmale irgend ein hübsches Mährche» erzähle. Ich für meinen Theil nehme die Güter hin, welche mir die Götter beschweren, nnd bin zufrieden mit Mädchen, welche die Augen ihrer Mutter haben. Aber Roland, der undankbare Mann, beginnt zu murren, daß wir die Rechte der männlichen Erben so sehr vernachlässigen. Er weiß nicht, soll er die Schuld Mr. Sguills oder uns beimcffen, wenn er nicht etwa 'gar meint, alle drei hätten sich verschworen, die Repräsentation der kriegerischen de Ca.rtone auf „die Spindelseitc" überzupstanze». Wer übrigens auch um dieser schlimmen Versäumnis willen Vorwürfe verdienen mochte, die gerade Linie im Stammbaum wird endlich hergestellt, und Mrs. Primmins stürzt wieder oder rollt vielmehr — denn ihre Bewegung ist die, welche man an kugelartige» oder sphäroidischen Formen findet — in das Zimmer meines Vaters mit dem Rufe: „Sir, Sir — es ist ein Knabe!" Ob mein Vater auch diesmal mit jener Frage, die 917 einen metaphysischen Forscher so sehr oerwirre» kan», „WaS ist ein Knabe?" angestiegen kam, weiß ich nicht, möchte aber fast ocrmnthen, baß er nicht Zeit fand z» einer so abstrakten Erkundigung, denn der ganze Haushalt stürmte ans ihn ein, und meine Mutter riß ihn in jener Aufregung, welche den Elementen des weiblichen Geistes cigenthnmlich ist — eine Art Sonnenscheingcwitters zwischen Lachen und Weinen — mit fort, damit er de» NcogiloS betracktc. Einige Monate später, an einem Winterabend, waren wir alle in der Halle rersammelt! denn diese ist noch immer unser gemeinschaftliches Zimmer, da sie Jedem Raum gibt, seiner besonder» Beschäftigung nachzugehen, Ein großer Schirm schützt die gelehrte Tbätigkeit meines Vaters gegen jede Störung, und hinter dieser undurchdringlichen Schranke, die ihn allen Blicken entzieht, schließt er jetzt ruhig die beredte Peroration, welche die Welt in Erstaunen setzen wird, sobald unter des Himmels besonderer Gnade die Drucker mit der „Geschichte des menschlichen Jrrthnms" zu Stande gekommen sehn werden. In einer andern Ecke hat sich mein Onkel oerborgen und rührt seinen Kaffee in der nämlichen Tasse, welche ihm meine Mnttcr oor so oiclc» Jahren zum Geschenk machte und die wunderbar bisher dem gewöhnlichen Geschick aller Töpferwaare entronnen ist. In der andern Hand hat er einen Band des Joanhoe; aber der nordische Zauberer weiß ihn nicht zu bannen, und sein Auge schweift ab oon den Blättern, An der Wand hinter ihm hängt das Bild des Sir Herbert de Carton, des kriegerischen Gefährten.oon Sidney und Drake j unter demselben ist das Schwert seines Lohnes nnd der Brief mit der Todespost in GlaS nnd Rahmen angebracht. Brief nnd Degen sind die letzten, nicht am wenigsten geehrten Penaten der Halle geworden: — der Sohn ist in die Reihe der Vorfabren eingcireten. Niciu weit ro» meinem Dnkel sitzt Mr. Lgnillö nnd bezeichnet die phrenologischcn Rbtheilnngcn ans einem Gyps- abguß, den er nach einem Schädel der anstralischen Einge- borncn angcferrigt hat— ein ntihcimlichcs Geschenk, das ich ihn, seiner ausdrücklichen brieflichen Bitte gemäß nebst einem ausgcstopften Wombat nnd einem großen Bündel Sarsaparille mirbrachre. (Znr Beruhigung seiner Patienten will ich im Ginschlnssc bemerken, daß der Schäre! nnd der Wombat — letzterer ist ein Thier, welches zwischen einem winzige» Schwein nnd einem kleinen Dachs die Mitte hält — nicht mit der Sarsaparille znsammcngepackt waren!) In einiger Gntfernnng steht offen, aber unbenützt das nenc Pianosorte, an welchem, ehe mein Vater sein rorbereitendeS Hem erschalle» ließ nnd sich zn dem großen Buch niedersctzte, Blanche nnd meine Mittler sich alle Mübe ergeben haben, mich in den Kanon ron der Krähe und Dohle einznüben - eine vergebliche Mühe trotz aller ihrer schmeichelhaften Versicherungen, daß ich eitlen sehr schönen Baß habe, wen» ich ihn nur ansbildcn wolle. Zum Glück für die Zuhörerschaft ist dieser Versuch jetzt anfgegeben worden. Meine Mutter ist eifrig mit dem neuesten Tapctcnmustcr beschäftigt, ans welchem ei» rothbackigcr junger Troubadour unter einem salmfarbigen Balkon die Laute spielt, während zwei klcme Mädchen, die wahrscheinlich sehr früh in den Troubadour verliebt sind, gravitätisch znschaucn. Blanche und ich, wir beide haben nnS in eine Ecke geschlichen, wo wir uns in Folge irgend einer seltsamen Verblendung für unbeobachtet halten, und in dieser Ecke steht die Wiege des NeogiloS. In der That, wir sind nicht Schuld daran, daß sic da ist — Roland wollte cs so haben; und daS Knäblein ist so gut, daß cs nie schreit—wenigstens behaupten dies Blanche und meine Mutter — und jedenfalls schreit es nicht deS Nachts. Das Kind ist wahrhaftig ein Wunder! Es scheint Alles zu wissen und auf Alles zu antworten, was in unseren Herzen die Oberhand hatte, als cs geboren wurde. Unvwas noch mehrist, seit Roland (wohl gegen allen Brauch) weder der Mutter, noch der Wärterin oder überhaupt einem weiblichen Geschöpfe gestattete, es über den Taufstein zu halten, sondern über den neuen Ehristen sein eigenes, scharfzügigcs Gesicht nicderbengtc, damit an einen Adler erinnernd, welcher das Junge in seinem Nest verbirgt und mit Fittichen darüber wacht, welche schon manchem Sturm Trotz geboten haben — ich sage, von.diesem Augenblick an schien das Kind, welches den Namen Herbert erhielt, Roland besser zu kennen, als seine Wärterin oder sogar seine Mutter — schien.zu wissen, daß wir Roland seinen Sohn wieder zu geben suchte» , als wir ihm diesen Namen beilegten. So oft sich der alte Mann dem Kind nähert, lächelt und jauchzt cs und streckt ihm seine kleinen Arme entgegen. Ich und die Mutter drücken uns dann gegenseitig die Hand und sind nicht eifersüchtig. Wohlan denn, Blanche und S20 PisistratuS saßen in der Nähe der Wiege und sprachen flüsternd mit einander, als mein Vater den Schirm bei Seite schob und sagte: „So — die Arbeit ist fertig und kann jetzt in die Druckerei gehen, sobald Du willst." Mein Vater nahm die Glückwünsche, mit welchen er jetzt übersprudelt wurde, mit seinem gewöhnlichen Gleich- muth hin. Die Hand in seine Weste gesteckt, stand er vor dem Herde und sagte »achstnnend: „Unter den letzten Blendwerke» des menschlichen Jrr- thums mußte ich auch Rvusseau's Phantasma von dem ewigen Frieden und alle ähnlichen idyllischen Träume berühren, welche das Vorspiel zu den blutigsten Kriegen machten, die auf mehr als tausend Jahre hinein die Erde erschütterten." „Wenn man sich aus Zeitungen ein Urthcil bilden kann," bemerkte ich, „so tauchen jetzt dieselben Täuschungen wieder auf. Wohlwollende Theoretiker gehen umher und prophezeien aus dem sibyllinischcn Orakel des Hauptbuchs den Frieden als Positive Gewißheit, so daß wir keine Kanonen mehr zu kaufen brauchen, wenn wir nur Wolle gegen Korn austauschen können." Mr. Squills— (der sich jetzt fast ganz Vom Geschäft zurückgezogen hat und in Ermanglung einer besseren Beschäftigung jüngster Zeit unterschiedlichen „Demonstrationen im Norden" anwohnte, so daß er seitdem gerne vom Fortschritt , dem Geist der Zeit und „u n s, den Männern des neunzehnten Jahrhunderts" spricht). — Ich hoffe von Herzen, daß sich diese wohlwollenden Theoretiker als wahre Pro- sri pheten erweisen; den» im Lauf nieiner ärztlichen PrariS habe ich gefunden, daß die Menschen schnell genug aus der Welt gehen, ohne daß sie sich in Stücke hacken oder in die Luft sprenge». Der Krieg ist ein großes Uebel. Blanche — (an Squills vorbeigehend und nach Noland hinblickend.) — Bst! Roland bleibt stumm. Mr. Car ton. — Der Krieg ist ein großes llebel; aber auch das Böse muß in der Hand der Vorsehung Mitwirken zu den physischen und moralischen Zwecken der Schöpfung. Das Vorhandensein des Bösen hat schon weisere Köpfe in Verlegenheit gesetzt, als die nnsrigen sind, Sguills. Ohne Zweifel aber ist Einer über uns, der seine Gründe dafür hat. Der Höcker der Kampflust scheint am menschlichen Schädel ebenso allgemein zu seyn, als der der Geschlechteliebe, und wenn er zu unserer Organisation gehört, so ist er sicherlich nicht ohne Grund da. Es ist weder gerecht gegen das menschliche Geschlecht, noch vernünftig dem Lenker aller Dinge gegenüber, annehmen zu wollen, der Krieg werde ausschließlich und vermessen durch menschliche Verbrechen und Thorheiten herbeigeführt. Wenn er auch Schlimmes in seinem Gefolge hat, so entspringt er doch oft ans Bedürfnissen, welche sich in das Netzwerk der Gesellschaft verweben, und beschleunigt im Einklang mit den Planen des Allwissenden die große Endanf- gabe des menschlichen Geschlechtes. Kein einziger bedeutender Krieg hat je die Erde verwüstet, ohne daß er Saaten zurückließ, die zu unberechenbaren Segnungen heranreiften! Mr. Sqnills— (mit dein Stöhne» eines Mannes, welcher mit einer „Demonstration" nicht einverstanden ist). — Oh! oh! o h! Der unglückliche Sqnills! Wie wenig konnte er de» Platzregen oder vielmehr die Donchc von Gelehrsamkeit vor- aussehcn, die klatschend a,ts sein Haupt niederste!, als er mit jenem »»gebührlichen oh! oh! den Hahn drehre. Zuerst kam der persische Krieg mit den Myriaden von Medern, welche auf ihrem Marsch durch das Morgenland alle Flüsse anstranken — dann die Künste, die Wissenschaften und die Frcihcitsideen, die wir von den Griechen erbte»; mein Vater stürmte damit fort, Sqnills mit seinen Beweisen überschüttend , daß ohne de» persischen Krieg Griechenland sich nie so weit gehoben hätte, um die Lehrerin der Welt z» werden. Ehe noch das keuchende Opfer zu Athen, kommen konnte, übcrflntheten die Hunne», Gothen und Vandalen Italien und SquillS. „Wie, seht Zhr nicht ein, Sir!" riefmein Vater, „daß von jenen Stürmen gegen das demoralisirte Rom die Ncu- gcburt deS menschlichen Geschlechts ansging, die Wicder- tanfc der Erde von den letzten Flecke» des HeidenrhumS und in letzter Ursache Alles, was vom Christcnthum »och besteht, frei von dem Götzendienst, mit welchem Rom den Glauben besudelte?" Sqnills hielt die Hände in die Höhe und pustete und sprudelte. Acht stürzte Karl der Große herunter mit seinen Paladinen und allem. Hierin war mein Vater großartig. Welch ein Bild entwarf er von den brüchigen, mißtönigcn, 923 wilde» Elementen einer barbarischen Gesellschaft. Und die eherne Faust des großen Franken, der Ordnung in die Völker brachte und das jetzt bestehende Europa gründete. Sgnills war der Betäubung oder dem Scheintod nahe; wie jedoch der Ertrinkende nach einem Strohhalm greift, stotterte er, als er das Wort „Kreuzfahrer" hörte, hervor — „Rh! hier biete ich Euch Trotz!" „So, Ihr bietet mir hierTrotz?" rief mein Vater, und mau halte glauben sollen, ein ganzes Meer ströme in das Becken der Donche, so rasselnd kamen die Tropfen nieder. Mein Vater berührte kaum die kleineren Entschuldigungs- Punkte für die Kreuzzügc, obgleich er mit sehr geläufiger Zunge alle'dis humanisircnden Künste anfzählte, welche im Gefolge jener Einfälle in das Morgenland nach Europa gekommen waren; er zeigte, welchen Dienst sie der Civili- sation geleistet hatten, indem sic der rohen Kraft des Ritter- Wesens einen Abzugskanal bereiteten, den Keim der Zerstörung in die Tyrannei deS Adels warfen, die Städte cman- cipiren und die Leibeigenschaft brechen halfen. Dann aber schilderte er in Farben, so lebhaft als wären sie dem Himmel des Morgenlandes entnommen, die weite Verbreitung des Mohammedanismus und die Gefahr, womit sie das christliche Enrop i bedrohte, um damit auf die Gottfriede, Tau- crede und Richarde überzngehen, welche im Bund mit der Zeit und der Nothwcndigkeit austraten gegen die schrecklichen Fortschritte des Schwerts und des Korans. „Ihr nennt sie Wahnsinnige," rief mein Vater, „aber der Wahnsinn der Völker ist die Staatskunst deS Schicksals! Wie S2L könnt Ihr, ohne den Schrecken, welche die nach Jerusalem marschirenden Heerschaaren einflößten — wie könnt Ihr wissen, daß der Halbmond nicht auch über andere Reiche geglänzt hätte, als die waren, welche Roderick' an die Mauren verlor? Wäre das Christenthum nicht eine Leidenschaft gewesen und hätte diese Leidenschaft weniger ganz Europa aufgewühlt — wie könnt Ihr wissen, daß das GlaubenSbe- kcnntniß der Araber, welches damals auch eine Leidenschaft war, nicht seine Moscheen anfpstanzcn durste in dem Forum von Rom oder an der Stelle von Notre Dame? Meint Ihr denn, in dem Krieg zwischen Glaubensbekenntnissen großer Völkerstämme könne die Vernunft des Weisen einen erfolgreichen Kampf bestehen mit der Leidenschaft von Millionen? Der Begeisterung muß Begeisterung entgegentreten. Der Kreuzfahrer kämpfte um das Grab Christi, hat aber das Leben des Christenthums gerettet." Mein Vater hielt inne. Sguills benahm sich ganz leidend; er kämpfte nicht mehr — die Fluth hatte ihn ertränkt. „So wird denn auch," nahm Mr. Carton ruhiger wieder auf, „wenn wir von späteren Kriege» auch noch nicht einsehen, wie viel Gutes der Allweise aus ihren Nebeln Hervorrust — unsere Nachwelt ihren Nutzen so deutlich lesen , wie wir jetzt den Finger der Vorsehung erkennen in den Gräbern von Marathon oder in Peter, dem Einsiedler, der nach den Schlachtgefilden Palästinas vorangeht. Auch wenn wir zugestehen, daß der Krieg der nächsten Generation viel Unheil bringt, können wir nicht in Abrede ziehen, daß viele von den Tugenden, welche die Zierde und das Leben des Friedens ausmachen, den Erschütterungen deS Kampfes entsprossen sind!" Hier begann Squills wieder einige matte Lebenszeichen an den Tag zu legen; aber mein Vater ließ eines jener zahllosen Wasserwerke gegen ihn los, mit welchen sein wunderbares Gedächtniß stets ausgerüstet war. „Deshalb hat ein wenigstens in weltlicher Erfahrung tiefbewanderter Philosoph nicht mit Unrecht bemerkt" — (bei diesen Worten schloß Sqnills seine Augen und wurde wieder leblos)— „es ist eine seltsame Vorstellung, daß der Krieg, welcher von allen Dingen als das wildeste erscheint, die Leidenschaft der heroischsten Geister seyn soll. Doch gerade im Krieg wird der Knoten der Freundschaft am engsten geschlossen; in ihm leistet man sich am meisten gegenseitige Hilfe, unterzieht sich gemeinschaftlich der Gefahr und übt vorzugsweise daS Gebot der Nächstenliebe — denn Heroismus und Philanthropie sind fast ein und dasselbe."* Mein Vater schwieg und sann eine Weile nach. Squills, wenn er anders noch am Leben war, hielt eS für gut, sich noch immer scheintodt zu stellen. „Ich will zwar damit nicht sagen," fuhr Mr. Carton fort, „es sey eine Pflicht, das zur Leidenschaft zu steigern, was wir vielmehr als eine schreckliche Nothwcndigkeit über uns ergehen lassen müssen. Ihr habt vollkommen Recht, Mr. Squills — der Krieg ist ein Hebel, und Weh denen, welche unter nichtigen Vorwänden die Jauusthore öffnen * Ehaftesbnrh, 9LS 'Den grausen Tempel und die wilden Pforten Des wnthentbranntcn Gottes/" Nach einer langen Panse, welche ans einige handgerechtere Mittel zur Wiederbelebung nntcrgctanchtcr Körper verwendet wird, z. B. zu Auspflanzung in halbaufrechtcr Lage gegen das Feuer mit selbst applicirter sanfter Reibung der verschiedenen Gliedmaßen und häufigem Gebrauch gewisser dampfenden Ltiinnlantien, welche meine thcilnchmenden Hände für den Leidenden bereitet haben, streckt sich Mr. Sgnills und sagt in mattem Tone: — „Mit Einem Worte also, um nicht weitere Erörterungen hcrvvrznrnscn — Ihr habt den Krieg im Aug zur Ver- theieigung des Vaterlands. Halt, Sir — um Gottcswillen, halt! Ich bin mit Euch einverstanden, vollkommen einverstanden. Aber znm Glück ist jetzt wenig Aussicht vorhanden, daß irgend ein neuer Bvnaparte zu Bonlogne Schiffe baut, um uns anzngreisen." Mr. Earton. — Ich weiß dies doch nicht gewiß, Mr. Sgnills. (Sgnills verfällt wieder in ein gläsernes Stieren, als wolle er entsetzt Abbitte leisten.) Ich lese die Zeitungen nicht sehr oft: aber die Vergangenheit Hilst mir die Gegenwart benrtheilen. Mein Vater empfahl nun Mr. Sgnills angelegentlich, mit Bedacht gewisse Stellen im Thucydides unmittelbar vor dem Ansbruch des pcloponnesischen Kriegs zu lesen (Sgnills nickte hastig in der servilsten Zustimmung) und zog eine sinnreiche Parallele zwischen den Vorboten jenes Ausbruchs °nnd der Furcht vor einem nahen Kriege, welche sich in den kürz- !127 lichen Hymnen ans den Frieden kund gab- Und nach einigen denkwürdigen nnd schlauen Bemerkungen, welche zu zeigen beabsichtigten, wo die Elemente des Kriegs bereits in Mitte hochtönender Ansichten nnd von Grund ans erschütterter Staaten heranreiften, schloß er mit den Worten: „In Anbetracht aller Dinge bin ich der Meinung, wir thnn am beste», wenn wir den kriegerischen Geist aufrecht erhalten nnd keine Sünde in dem Aufgebot sehen, für unsere Pistille nnd Reibschaalen, für unsere Habe nnd Freiheiten zum Schwert zu greifen- Eine solche Zeit muß kommen, früher oder später, und wenn die ganze Welt Wolle spänne oder gesprenkelte Kattune druckte- Wir erlebcirs vielleicht nicht, Squills- aber der junge Gentleman in der Wiege, den ihr kürzlich erst a»'s Licht gefördert habt, wird von Vielem Zeuge seyn können." „Und wen» es geschieht," sagte mein -Snkel abgebrochen, indem er zum erstenmal das Wort ergriff— „wenn eS m der That dem Altäre und dem Herde gilt —" Mein Vater zog plötzlich ein und pustete ein wenig, denn er sah, daß er sich selbst in dem Gewebe seiner Beredtsamkeit gefangen hattc. Roland nahm jetzt das Schwert seines SohncS von der Wand herunter, schlich sich nach der Wiege, legte es in der Scheide an die Seite des Knaben und sah zuerst meinen Vater, dann uns mit einem sichenden Blicke an- Instinkt- artig beugte sich Blanche über die Wiege, als wolle sic den Ne ogilos beschützen; aber das Kind, welches jetzt erwachte, wandte sich von ihr ab, streckte, von dem Glänzen des S28 Griffs angezogen, lustig die eine Hand danach aus und deutete mit der andern lachend auf Noland. „Nur unter der Bedingung meines Vaters," sagte ich zögernd. „Für Herd und Altar — für nichts Geringeres!" „Und auch in diesem Falle darf dem Schwerte der Schilo nicht fehlen," fügte mein Vater bei, indem er an die andere Seite des Kindes Rolands wohlverbrauchte Bibel legte, in der manche Seite von geheimen Thräne» vergilbt war. Da standen wir alle um den jungen Mittelpunkt so vieler Hoffnungen und Besorgnisse her — im Frieden wie im Kriege gleich geboren für den Kampf des Lebens. Und er, ohne Ahnung von dem, was unsere Lippen stumm und unsere Augen trüb machte, hatte bereits abgclassen von dem blanken Tande des Schwerts und seine Arme um Rolands nieder- gebeugten Nacken geschlungen. „Herbert," murmelte Roland. Und Blanche zog fachte das Schwert weg — und ließ die Bibel zurück. Drück dir B. Metzler'schen Buchdruck««! in Gtuttzar!.