E. L. Bulwer's Werke Aus dem Englischen. Hundert und vierzehntes Bändchen. Lucretia, oder die Kinder der Nacht. Viertes Bändchen. Stuttgart. Verlag der I. B. Metzler'schen Buchhandlung. 1847 . L u c r e t r a, oder die Kinder der Nacht. Von E. L. Bulwer. Aus dem Englischen von Theodor (Selchers. Viertes Bändchen. I Stuttgart. Verlag der I. B. Metzler'schen Buchhandlung. 1847 . Zweiter Theil. Prolog zum zweiten Th eil. ^aS Jahrhundert ist älter geworden: die Wässer der Sturmfluth sind abgeflossen nnd die alten Kennungen wieder zu Tage gekommen; die Dynastien, welche Napoleon ins Daseyn rief, find in Staub gesunken; der Pflug ist über das Feld von Waterloo gegangen, nnd Herbst nach Herbst schimmerte die Erndte über diesem Grabe eines Reiches. Ueber den unermeßlichen Ocean des allgemeinen Wechsels blicken wir zurück auf die einzelne Furche, die unser gebrechliches Boot über die Wafferwüste gezogen hat. Wie ein Stern gleichmäßig auf den ganzen grenzenlosen Plan niederglänzti ob er gleich Jedes Auge nur eine einzige gebrochene Linie zu vergolden scheint: so fällt auch, wenn wir auf die Vergangenheit zurückschauen, das Licht nicht auf den ganzen weiten Raum, wo Völker kämpften nnd Flotten versanken, sondern es erleuchtet nur den kleinen Pfad, den wir verfolgt haben: Wir schauen aus dem gebrechlichen Boote, das uns trägt, und sehen nur die Strahlen sich auf den wenigen Wellen spiegeln, die dessen Kiel trennt. 6 Auf der Terrasse in Laughton vernimmt man nur ei- n en einsamen Schritt. Die Gattin stützt sich nicht mehr auf den Arm des Gatten. Obgleich bleich und angegriffen, ist es doch noch immer dasselbe sanfte Gesicht; aber das Grröthen des liebenden Weibes ist für immer daraus verschwunden. Charles Vernon — um ihm den Namen zu lassen, unter dem er uns am besten bekannt ist — ruht in der Gruft der St. Johns. Er hatte länger gelebt, als er erwartet, länger, als sein Arzt gehofft hatte — und glücklich und zufrieden in ruhigem und unschuldigem Genuß gelebt. Drei Söhne hatten sein Haus gesegnet, um an seinem Grabe zu trauern. Aber die beiden älteren waren zärtlich und kränklich. Sie überlebten ihn nicht lange und starben beide in einem Jahre. Der dritte schien aus einem andern Stoff als seine Brüder gebildet zu seyn. Er sollte den alten Edelfitz Laughton erben und gab Hoffnung, sich lange seines Besitzes zu erfreuen. Vernon'S Wittwe ist es, die wir einsam auf der Terrasse wandeln sehen; immer noch bekümmert, denn sie liebte mit Inbrunst den Erwählten ihrer Jugend, und noch vermißt sie die Kinder, die ihr der Tod geraubt; von VernonS Todestage au trauerte sie äußerlich und im Herzen, und die Prüfungen, die später kamen, brachen das zerknickte Rohr noch mehr; — noch bekümmert, aber refignirt. Ein Sohn lebt noch, und die Erde hat für sie noch die unruhigen Hoffnungen und Aengste der Liebe. Und ist dieser Sohn auch fern in scherzender Freude oder ernstem Wirken für seine 7 Bestimmung als Mensch, so wandelt sie doch weniger einsam, als es scheint. Wann wandelte des Sohnes Bild nicht neben der Mutter? Ob sie auch in Zurückgezogenheit lebt,' ob die heitere Welt sie auch nicht mehr lockt, so lebt doch die heitere Welt in ihren Gedanken. Aus der Ferne hört sie ihr Geräusch und ihre Harmonien. In der Einbildung mischt sie sich noch unter das Gewühl und verfolgt Einen, der in ihren Augen alle Andere» überstrahlt. Nie eitel in Bezug auf sich, ist sie es jetzt auf einen Andern; und die kleinen Triumphe des Jünglings gelten in den von Liebe getäuschten Augen als RnhmeStrophäen. In dem altmodischen Städtchen regt sich immernoch geschäftiges Leben; immer noch, am Haupttage der Woche, öffnet und schließt sich jede Minute die Thür des Bankiers, aber die Namen auf dem Schilde haben sich zum Theil verändert. Der jüngere Affocie sitzt nicht mehr beschäftigt am Pulte; er ist nicht ganz vergessen — wenn man seinen Namen nennt, so geschieht es nicht mit Dankbarkeit und Lob. Ein Etwas haftet an seinem Namen — das Etwas, welches befleckt und schändet —nicht erwiesen, nicht gewiß, aber geargwöhnt und möglich. Man schüttelt den Kopf, man flüstert — und der Attorney wohnt in dem stattlichen rothen Hause am äußersten Ende der Stadt. Auch im Pfarrhaus ist die Zeit nicht müßig gewesen. Immer noch über griechischen Schriftstellern brütend, wenig verändert, nur daß sein Haar grau ist und einige Furchen auf seinem freundlichen Gesicht die Hand des Kummers und der Jahre verrathen, fitzt der Pfarrer in seiner Stube, 8 aber zwischen den raschelnden Spalieren springen keine Kinder mit Heller Stimme und rothen Wangen mehr herum. Diese Kinder, jetzt ernste Männer oder gesetzte Matronen, (außer einer, die der Tod sich auserlaS, und daher jetzt von Allen die geliebteste,) stehen auf ihren Posten in der Welt. Die Jungen sind aus dem Neste geflogen und suchen jetzt selbst, hier und dort, Futter für ihre Jungen. Aber die Helle Stimme und die Rosenwange des Kindes ist nicht dasjenige , was der häusliche Herd am meisten vermißt. Von der Kindheit bis zur Reife, und von der Reise bis zu dem Tage des Abschiedes treten die Veränderungen allmälig und nicht unvorbereitet ein. Was am meisten vermißt wird, ist jene häusliche Hand, die Alles leitete und in Ordnung hielt. Diese Vorsehung in Kleinigkeiten, dieses Verbindungsglied zwischen kleinen Interessen, dieses liebe, rührige Wesen, bald zufrieden, bald klagend —auf gleiche Weise geliebt in jeder seiner Launen; diese thätige Gestalt, die kein eigenes Ich hat; — aber wie der Geist eines Dichters, obgleich sie in bescheidenster Prosa lebt. Anderen ein Ich einhaucht; diese Gestalt mit ihrem Privilegium, zu schelten und zu schmälen; — denn das Motiv ist klar: sie liebt mit zu großer Innigkeit. Die Zimmerthür ist offen, der Weg im Garten geht immer noch vor der Schwelle vorbei; aber kein Schritt ist mehr vollberechtigt, an der Thür stehen zu bleiben und das ernste Nachdenken über griechische Autoren zu stören; — kein Geplauder über Wirthschaftssorgen und Ersparnisse darf in den Zorn derMedea hineinklingen. Dies Prototyp der Häuslichkeit ist aus dem Hause verschwunden; s und vielleicht, wenn der gute Gelehrte abgespannt sich unterbricht und in den stummen Garten hinaussteht, gäbe er mit Freuden Alles, was Athen von Aeschylus bis Platv hervorgebracht hat, hin, wenn er von den alten lieben Lippen wieder Klagen über zerrissene Jacken und statistische Notizen über Eier hören könnte! Aber wenn die Gattin auch todt ist und die Kinder in der Fremde sind, so ist des Pfarrers Haus doch nicht ganz verödet. Seht, dort auf demselben Pfade, wo William Susannens Furcht beschwichtigte und ihr Jawort erlangte — welche Fee wandelt dort? Ist es Susanna selbst, wieder in ihrer jugendlichen Gestalt? Wie ähnlich! — Doch, seht näher hin, und wie unähnlich ! Derselbe reine, offene Blick — dasselbe klare, Helle Blau des Auges, dasselbe Blond des Haares — hell, nicht braun — gedämpfter, harmonischer als diese zweideutige Farbe, die sich zu sehr dem Roth nähert. Aber wie vielblühender und heiterer als bei Susannen istdieS herrliche Gesicht, äufdem Hebe's Götterlächeln glänzt — wie viel schwebender und elastischer der Tritt — wie viel runder, wenn auch noch zarter, diese schwellenden Formen! Sie lächelt — ihre Lippen bewegen sich — sie spricht mit sich selbst — sie kann nie ganz still sehn, selbst wenn sie allein ist, denn die sonnige Heiterkeit ihres Gemüths muß sich, wie die eines Vogels, Lust machen. Aber glaubt nicht, daß diese Heiterkeit eine Folge von Gedankenlosigkeit ist; sie entsteht mehr aus Gedankentiefe, wie die Musik der See von ihrer Tiefe herrührt. Seht, wie sie stillsteht und lauscht, den Finger halb an den Mund gehoben, als jetzt durch das sorg- 10 los fröhliche Konzert der Vogel ein ernsterer und gehaltener Ton klingt: die Nachtigall stngt bei Tage — wie es manchmal, aber nur selten geschieht, vielleicht weil sie die Genossin beklagt, oder aus ihrem schattigen Versteck einen Feind ihres Geschlechts schleichen sieht; — seht, wie jetzt bei dem leise klagenden Wirbel das Lächeln so schnell verschwindet, und ein gedankenvoller Schatten sich über ihre Stirn stiehlt. Bloß die mystische Sympathie mit der Natur kann dies Lächeln oder diesen Schatten des Ernstes Hervorrufen. In diesem leichtbewcgten Herzen wohnt das feine Gefühl des Dichters; die ausnehmende Empfindlichkeit der Nerven gibt solchen Gemüthern ihr frohes Leben, und aus der Klarheit der Atmosphäre kommt, wärmend und dem Aether verwandt, der Strahl dieses Lichts. Und ist das Pfarrhaus jetzt Helene MainwaringS Vaterhaus geworden? Hat der Tod ihr ihre natürlichen Beschützer geraubt? Hat sich über diesen Gestalten, die wir so jugend- frisch und jugendfröhlich auf derselben Stelle sahen, schon das Grab geschloffen? Schon! — Wie wenige erreichen das Alter des Psalmisten! Siebenundzwanzig Jahre sind seit jenem Tage vergangen — wie oft haben sich in dieser Zeit die dunkeln Pforten vor Alt und Jung aufgethan! William Mainwaring starb zuerst, von Kummer zernagt und von Schande gebeugt; der Flecken auf seinem Namen hatte ihm das Herz vergiftet. Susanne hatte so lange er lebte durch die starke Kraft der Liebe und des Willens sich aufrechterhalten; fie wollte nicht sterben, denn wer sollte ihn dann trösten? Aber mit seinem Tode brach ihre Kraft zusammen. Sie fiechte noch drei Jahre lang hin; dann lächelte sie, bas erste Mal nach Williams Tode — nnd das Lächeln blieb auf dem Antlitz der Leiche. Viele Prüfungen hatte dieses junge Paar, das wir so glücklich verlassen, erlebt ! Erst spät in ihrer Ehe wurde ihnen ein süßer Trost geboren. Er kam in der Zeit der Armuth, der Schmach und der Trübsal; und MainwaringS Stirn glänzte nicht vor stolzer Freude, als sie ihm seinen Erstgeborenen in die Arme legten. In ihrem Testament stellte die Wittwe Helenen unter die Vormundschaft Mr. Fieldens und ihrer Schwester: aber die letztere war im Auslande, ihre Adresse unbekannt und der Pfarrer hatte zwei Jahre lang die Waise unter seiner alleinigen Obhut. Sie war nicht ganz ohne Vermögen. Was Susanne ihrem Gatten eingebracht hatte, war allerdings längst verschwunden — verloren gegangen bei dem Schlage, der William MainwaringS Namen und Zukunft vernichtet hatte — aber Helenens Großvater, der Landvermesser, war einige Zeit nach diesem Vorfall, kurz vor Williams Tode gestorben. Er hatte seinem Sohne nie die seinem Namen zugefügte Schmach vergeben, ihn seit jenem verhängnißvollen Tage nie unterstützt, nicht einmal gesehen — aber er vermachte Helenen eine Summe von etwa 8000 Pfund, denn sie wenigstens war unschuldig. In Mr. FieldenS Augen war daher Helene eine reiche Erbin. Nnd wer aus seinem kleinen Kreis von Bekannten war gut genug für sie, die so reich und zugleich so schön war? — und auch gebildet, denn ihre Aeltern hatten in den letzten Jahren hauptsächlich in Frankreich gelebt, und 12 dort werden Sprachen leicht erlernt und die Lehrer sind billig. Mr. Fielden kannte nur Einen, den die Vorsehung ebenfalls seiner Obhut anvertraut hatte, den vermeintlichen Sohn seines Zöglings Ardworth; aber obgleich die beiden jungen Leute eine zärtliche Zuneigung zu einander fühlten, so trug diese doch zu sehr den Charakterder Geschwisterliebe, als daß Mr. Fielden besonderen Grund zu Besorgnissen oder Hoffnungen hätte haben können. Vom Fenster aus beobachtete der Pfarrer einige Sekunden lang die lauschende Stellung der Waise, dann schob er seine Bücher bei Seite, stand auf und näherte sich ihr. Bei dem Schall seiner Tritte erwachte sie aus ihrer Träumerei und sprang ihm leichtfüßig entgegen. „Oh, Sie wollten mich nicht eher sehen!" sagte sie mit einer Stimme, in der sich ein ganz leiser Anklang eines fremden Accents, das Land verrathend, in dem sie ihre Kindheit verlebt hatte, vernehmen ließ — „ich guckte zweimal zum Fenster hinein. Ich wollte so gern mit Ihnen ins Dorf gehen. Aber jetzt kommen Sie — nicht wahr?" fügte sie schmeichelnd hinzu, indem sie unter ihrem Strohhut hervor zu ihm hinaufblickte, c „Und was willst Du im Dorfe, liebe Helene?" „Nun, Sie wissen ja, es ist Jahrmarkt, und Sie versprachen der Bessie eine Messe — von mir gar nicht zu sprechen." „Es ist wahr, ich muß einmal Hinsehen; das hält die armen Leute mit vom Trinken ab. Ein Geistlicher sollte sich an Festtagen unter seine Kirchkinder mischen. Wir dür- IS fen unser Amt nicht bloß mit Schmerz und Krankheiten und Predigten in Verbindung bringen. Wir wollen gehen. Und was für eine Messe wirst Du Dir kaufen ?" „O, etwas sehr Schönes, das sollen Sie sehen! Ich habe mir ein gar großartiges Bild von einem Jahrmarkt gemacht. Sicherlich wird es etwas Aehnliches sehn, wie die Bazars, von denen ich gestern in dieser reizenden „Reise im Orient" las." Der Geistliche lächelte, halb freundlich, halb besorgt. „Liebes Kind," sagte er, „es steht Dir so ähnlich, Dir einen Dorfjahrmarkt wie einen Bazar zu denken. Wenn Du die Sache immer nur mit demAuge der Phantasie betrachtest, wie bitter wirst Du Dich dann in dieser nüchternen Welt getäuscht sehen!" „Es ist nicht meine Schuld — »o me xronäer! xas, meolmnt," antwortete Helene und senkte den Kopf. „Wenigstens müssen Sie aber doch zugeben, daß, wenn ich meine Romantik, wie Sie es nennen, dann und wann mit mir durchgehen lasse, ich mich dennoch mit der Wirklichkeit begnügen kann. Was, Sie schütteln immer noch den Kopf! Denken Sie nicht an den Sperling?" „Ha! Ha! ja — der Sperling, den der Hansirer Dir für einen Gimpel verkaufte; und Du bildetest Dir soviel auf Deinen Kauf ein und wundertest Dich, daß Du den Gimpel nicht zum Pfeifen bewegen konntest, bis endlich die Farbe abging und ein armer Sperling zu Tage kam!" „Nur weiter! Können Sie sagen, daß ich mich beklagt hätte? Freute ich mich nicht ebenso über meinen 14 Sperling, als ob es der hübscheste Gimpel von der Welt wäre? Und folgt mir nicht der Sperling überall hin nnd setzt sich ans meine Achsel, das liebe Thier? Und ich hatte doch Recht; denn wenn ich ihn nicht für einen Gimpel gehalten hätte, so hätte ich ihn vielleicht gar nicht gekauft. Aber jetzt nehme ich keinen Gimpel dafür — nein, nicht einmal die Nachtigall, die eben sang. So lassen Sie mich immer in der Einbildung aus dem armseligen Jahrmarkt einen Bazar machen; es ist ein doppelter Genuß, sich erst den Bazar zu denken und dann von dem Jahrmarkt überrascht zu werden." „Du vertheidigst Dich gut," sagte der Geistliche, wie sie jetzt in das Dorf traten. „Ich glaube wahrhaftig, Du würdest Dich trotz Deiner Neigung für Poesie und Goldsmith und Cooper eben so eifrig mit Mathematik beschäftigen, wie Dein Vetter John Ardworth, der arme Bursche!" „Gewiß nicht, wenn die Mathematik ihn so ernst gemacht hat — und bös hätte ich fast gesagt — aber damit thäte ich ihm Unrecht. Der liebe Vetter — so gut und so rauh!" „Nicht die Mathematik trägt die Schuld, wenn er ernst und verschlossen ist," sagte der Vikar mit einem Seufzer; „es sind die zwei Leiden, die am schmerzlichsten brennen — Nrmuth und Ehrgeiz." „O, seufzen Sie nicht; es muß ein schönes Gefühl sehn zu wissen wie er, daß man endlich obsiegen muß!" „Hm! — John muß jetzt bald in London sehn," sagte Mr. Melden, „denn er ist ein tüchtiger Fußgänger und heute 15 sind es schon zwei Tage, daß er fort ist. Jetzt, wo er nun bald zur Advokatur gelangt, wird hoffentlich sein Fieber Nachlassen und er gelassen und ruhig arbeiten. Er hat mir bei seinem letzten Besuch viel Sorgen gemacht." „Sorgen! Warum?" „Erinnerst Du Dich Wohl an die Stelle aus Sir William Temple, die ich Euch am Abend vor JohnS Abreise vorlas?" Helene legte die Hand auf die Stirne und erwiederte mit einer Raschheit, die ein eben so klares wie kräftiges Gedächtniß verrieth: „Ja, war es nicht so — die Worte weiß ich vielleicht nicht ganz genau — „Etwas haben wollen, was wir nicht haben, und etwas seyn wollen, was wir nicht sind, ist die Wurzel alles Uebels." „Gut behalten, liebe Tochter!" „Aber," sagte Helene schalkhaft, „ich weiß auch, was der Netter darauf erwiederte — „Wenn Sir William Temple diese Theorie befolgt hätte, so wäre er weder Gesandter im Haag, noch —" „Bah! der Knabe ist mit solchen Antworten immer gleich da," unterbrach sie Mr. Melden etwas ärgerlich. „Da sind wir auf dem Jahrmarkt; mehr für Dich gemacht, wie ich sehe, als Sir William Temple's Philosophie." Und Helene hatte Recht — der Jahrmarkt war kein orientalischer Bazar,- aber dennoch, wie freute sich dieses jugendliche, empfängliche Gemüth! Die Schaukeln und die Karrusels, die Schaubuden und Bilder, selbst hinab bis zu goldigen Königen und Königinnen aus Pfefferkuchen. 16 Alle ächtpoetische Gemüther fühlen sich von Bewegung lebhaft angezoge», das heißt von der Lebendigkeit einer großen Anzahl. Ist diese Bewegung aufrichtig fröhlich, wie auf einem Dorffesttage, so geht auf eine solche Natur die Fröhlichkeit unmerklich über. Aber ist die Bewegung eine falsche und angenommene Heiterkeit, wie auf einem vornehmen Ball, wo das theilnahmlose Gesicht und der schläfrige Schritt mit dem offenbaren Zweck des Tages in Disharmonie stehen, dann fühlt sich eine solche Natur unbehaglich und niedergeschlagen. Daher werden alle zarteren und idealeren Geister des einförmigen Kreislaufes dessen, waS man Vergnügungen der vornehmen Welt nennt, bald unaussprechlich überdrüssig. Daher würde die Person gerade, die sich über einen Tanz im Grünen am meisten freut, aus den AlmakSbällen sich langweilen. Nicht etwa, weil der Schauplatz der einen Scene ein Rasenplatz im Dorfe, und der der andern ein Saal im Kingstreet ist; auch nicht, weil die Handelnden dort dem niederen Volke, hier der vornehmen Klaffe angehören, sondern lediglich, weil die Freude bei den Einen sichtbar und herzlich, bei den Andern bloS ein hohler Vorwand ist. Helene glaubte, es sehen die Schaukeln und Buden, die in ihr diese unschuldige Freude hervorriefen — es war nicht an dem; es war die unbewußte Sympathie mit der sie umgebenden Menge. Wenn die poetische Natur das Reich ihrer Träume verläßt und sich in die wirkliche Welt begibt, so verschmilzt sie mit den Seelen und Gedanken Anderer. Die beiden Schwingen der Kraft, welche wir Genie nennen, sind Schwärmerei und Sympathie. Aber Helene dachte 17 nicht daran, daß sie genial sep. Mochte sie den Schmetterling jagen, oder zärtlich zu ihren Vögeln plaudern, oder mit ernstsinnendcm Auge beobachten, wie die Sterne hervortraten, und die dunkeln Fichten allmälig von ihrem Silberlichte erglänzten; mochte sie mit phantastischen Träumen und gläubigem Erstaunen sich indieWunvergeschichten Mirglips oder Aladdins vertiefen, oder mit andachtvollein Schauer dem wilden Schmerze LearS lauschen, so gab sie nur dem wahren und wechselnden Impulse in jeder Veränderung ihres beweglichen Gemüths nach, und hätte mit äch- ter Demuth den Launen der Kindheit das rasche Mitempfinden von Fröhlichkeit, das schnellwechselnde Spiel der Phantasie, mit dem die Natur das lebhafte Gefühl des Genies an sich fesselt, zugeschrieben. Während Helene, auf des Geistlichen Arm gestützt, sich der unschuldigen Aufregung des Augenblicks überließ, und der Pfarrer freundlich seinen Kirchkindern zunickte oder stehen blieb, um ein leutseliges Wort zu sprechen mit den Jüngsten oder den Nettesten (diese beiden äußersten Stadien der Menschheit, welche die Kirche so liebevoll vereint,) von denen , welche der Jahrmarkt in seinen verlockenden Wirbel mit fortzog, trat ein struppelköpfiger Bursche mit einer ledernen Tasche aus einer der Pfefferkuchenbuden und sagte, indem er an den Hut griff, zudem Pfarrer, er habe einen Brief für ihn. Des Pfarrers Kreis von Korrespondenten war klein, trotz des entfernten Wohnorts seiner Kinder, denn bis vor wenigen Jahren waren Briefe für Personen von knappem Bnlwer'SRöumnc.ILXIV. 2 18 Auskommen ein kostbarer LuruS, und daher erregte der jugendliche Briefträger, der den Postdienst zwischen der nächsten Stadt und dem Dorf besorgte, in seiner Brust nicht die Entrüstung über sein langes Zögern, die ein Anderer, den die Post regelmäßiger versorgt, gefühlt hätte. Er nahm den Brief und bezahlte ihn mit einem Seufzer der Sparsamkeit, als er die ihm fremde Hand der Adresse betrachtete — vielleicht von einem geistlichen Kollegen, noch ärmer als er. Dies war jedoch kein zum Briefelesen geeigneter Ort, und er steckte die Depesche in die Tasche, bis Helene, die e« ihm ansah, daß er des Gewühls müde war, ihm vorschlug, nach Hause zu gehen. Als sie halbwegs zu einem Steg gelangten, erinnerte sich Mr. Fielden an seinen Brief, zog ihn hervor und setzte seine Brille auf. Helene beugte sich über den Rasen, um Veilchen zu suchen, während sich der Geistliche auf den Steg setzte. Als er die Adresse wieder ansah, schien die ihm Anfangs fremde Hand allmälig seiner Erinnerung näher zu treten. Diese kräftige, feste Hand, zart und fein wie die einer Frau, aber groß und regelmäßig wie die eines Mannes — war zu eigenthümlich, um vergessen zu werden. Er ließ einen Laut der Ueber- raschung und des Erkennens vernehmen und erbrach hastig das Siegel. Der Inhalt war folgender: Geehrter Herr! „So viel Jahre sind verflossen, seitdem wir Briefe mit einander gewechselt haben, daß der Name Lucretia Dali- bard Ihnen fremder erscheinen wird, als Lucretia Clavering. Ich bin vor kurzem nach langer Abwesenheit nach England zurückgekehrt. AuS meiner verstorbenen Schwester Testament erseheich, daß sie ihre einzige Tochter unter unsere gemeinschaftliche Vormundschaft gestellt hat. Ich wünsche jetzt sehnlich, an der Ausübung dieses Amtes Theil zu nehmen. Ich stehe allein in der Welt und bin seit längerer Zeit leidend, da mich ein Schlagfluß des Gebrauchs meiner Gliedmaßen beraubt. Unter solchen Umständen ist eS um so natürlicher, wenn ich der einzigen Verwandten, die mir noch übrig ist, gedenke. Meine Reise nach England hat mich so erschöpft und alle Bewegung macht mir so viel Schmerzen, daß ich Sie bitten muß, mir zu verzeihen, wenn ich meine Nichte nicht selbst abhole. Ich bin jedoch überzeugt, daß Ihre Güte Sie antreiben wird, anir den Trost ihrer Gesellschaft zu verschaffen, sobald Sie nur die geeigneten Anordnungen für die Reise getroffen haben. Indem ich Sie bitte, Helenen in meinem Namen die Versicherung zu geben, daß ich sie so empfangen werde, wie ich es dem Kinde meiner Schwester schuldig bin, und indem ich mit Ungeduld Ihrer Antwort entgegensehe, empfehle ich mich Ihnen als Ihre ergebenste Dienerin Lucretia Dalibard." 8. Ich kann kaum wagen, Sie zu bitten, Helenen selbst nach der Stadt zu bringen, aber ich würde mich freue», wen» Sie, durch andere Beweggründe zu dieser Reise veranlaßt, mir Gelegenheit gäben, Sie wieder einmal zu sehen. Ich wünschte außer den Einzclnheiten über meine Schwester, dieSie mir wahrscheinlich erzählen können, etwas von 2 " 20 dem Schicksal ihres Verwandten Mr. Ardworth zn wissen, für den ich mich vor Zeiten interesfirte nnd der, wie ich neuerdings erfuhr, ein Kind, angeblich seinen Sohn, unter Ihrer Obhut ließ. Wie viel muß ich nach so langer Abwesenheit von England nachholen und wie wenig erzählen uns die bloßen Grabsteine von den Todten!" Während der Geistliche sich in diesen unerwarteten und unwillkommenen Brief vertieft, nnd Helene, wie die blumenpflückende Tochter der CereS, als der Fürst des Orkus nahte, nicht ahnend, welche schreckliche Gestalt in ihr Schicksal eingreifen sollte, immer noch auf dem veilchendnftenden Rasen kniet, wenden wir uns dahin, wo die neue Generation unsere Blicke auf sich zieht, und knüpfen Bekanntschaft mitzweineuenmithandelndenPersoneninunserm Drama an. Die Brischke hielt still. Der Bediente, der sich allmälig Vorrath von gegenwärtigem Staub und zukünftigem Rheumatismus auf der „schlimme» Höhe" des Hintersitzes gesammelt, sprang herab und öffnete die Thür. „Hier ist der beste Punkt für die Aussicht, Sir — ein wenig rechts." Pereival St. John warf sein Buch weg, (es war ein Band Reisen,) pfiff einem Wachtelhund, der neben ihm schlief, und stieg aus. Leicht war der Schritt des Jünglings und lustig das Gebell des Hundes, wie er den erschreckten Sperling von der Straße jagte, daß er hoch in die Lust 2t »7 ^ hinaufflog — Beide Lieblinge der Natur, der Jüngling und der Hund! Man brauchte bloS einen Blick auf Pereival St. John zu werfen, um zu wissen, daß er zu dem Geschlechts gehörte, das nicht arbeitet; sein sicherer Gang verrieth festes Vertrauen auf das freundliche Lächeln der Welt. Keine Sorge für das Morgen trübte daS kühne Auge und den frischen Glanz. Er war von Mittelgröße — seine zarte noch unentwickelte Gestalt schien noch im Wuchs begriffen zu seyn — der keimende Bart malte einen schwachen Schatten auf die etwas gebräunte, ohgleich von Natur weiße Wange, während die rabenschwarzen Locken im Winde spielten. Sein ganzes Wesen zeigt den unbeschreiblichen Reiz glücklicher Jugend. Dem Anschein nach war er kaum sechszehn, in der That aber vier Jahr älter; doch ohne seinen festen aber sorglosen Tritt, und die freie Furchtlosigkeit seines Auges hätte man ihn fast für ein Mädchen in Männerkleidern gehalten, nicht wegen weibischen Ansehens, sondern wegen seines blühenden Jugendglanzes und der unverkennbaren Freiheit von den Sorgen und Sünden des Mannes. Ein schöneres Bild eines dem Leben entgegenreifenden offenen Jünglings flößte nie dem Auge des halb neidischen, halb bemitleidenden Zuschauers freundliche und doch melancholische Theilnahme ein. „Das ist also London!" sagte sich Percival St. John. „O, daß ein hinkender Teufel vor meinen Augen die Dächer dieser fernen Häuser wegnähmc und mir die Freuden zeigte, die sich darunter verbergen! — O, welch' lange Briefe werde ich nach Hause zu schreiben haben! — Wie der gute Kapitän darüber lachen wird, und wie meine liebe gute Mutter ihre Arbeit aus der Hand legen wird! Das Vaterhaus! Hm — ich vermisse es schon. Wie fremd und unheimlich Einen die Riesenstadt ansieht!" Er ließ den Handschuh fallen und sein Hund zerriß ihn spielend in Stücken. Der Jüngling lachte, warf sich auf den Nasen und spielte fröhlich mit dem Hunde. „Pfui, Beau, pfui; Handschuhe sind unverdaulich. Zähme deinen Hunger, und wir wollen zusammen im Clarendon frühstücken." In diesem Augenblicke langte auf demselben Nasensiecke ein Fußreisender an, einige Jahre älter als Percival St. John, ein hochgewachsener, muskulöser, starkknochiger, staubbedeckter, müder Fnßreisender— ein Fußreiscnder im vollen Ernste, kein Dilettant in modischem Sommeranzuge, der den Wagen hinter sich herfahren läßt und ein Stück Wegs mit der Angelruthe auf der Schulter geht, sondern ein kräftiger Wanderer mit dicken Schuhen und steglosen Hosen, einem fadenscheinigen Rock und dem Ränzel aufdem Rücken. Und dennoch verrietst das Wesen des jungen Mannes den Gentleman; nicht in dem Sinne, wie man dies Wort in St. Jamesstreet versteht, den Gentleman der adligen und unbeschäftigten Welt, sondern wie man aus Höflichkeit diesen Titel Allen beilegt, denen Erziehung und Verkehr mit gebildeten Leuten einen Anspruch darauf und einen Anstrich von Verfeinerung gibt. Der neue Ankömmling war kräftig gebaut, hager und groß, viel kräftiger als Percival St. John, aber ohne dessen gesunde Frische. Sein Gesicht zeigte nicht die blühende Farbe, die solche Körperkraft hätte begleiten sollen; es war bleich, jedoch nicht krankhaft; der Ausdruck ernst, die Züge stark ausgeprägt. Neben ihm schlich müd' ein dürrer, gelblicher schottischer Dachshund. Bean sprang unter den liebkosenden Händen seines Herrn auf, legte seinen hübschen Kops ei» wenig auf die Seite und hob in stummer Erwartung die rechte Vorderpfote. Percival warf über seine linke Schulter einen achtlosen Blick auf den Fremden. Letzterer beachtete weder Beau noch Percival. Er warf das Tornister auf den Boden und der Dachs sank darauf nieder und rollte sich in eine Kugel zusammen. Der Wanderer schlug die Arme fest über die Brust zusammen, stieß einen kurzen, unruhigen Seufzer aus, und warf auf die Riesenstadt einen so ernsten, forschenden, so von unbeschreiblicher, unermüdlicher, entschlossener Kraft erfüllten Blick, daß Percival, aufgestört aus seiner heitern Gleichgültigkeit, anfstand und den Fremden mit neugieriger Theil- nahiue betrachtete. Unterdessen war Beau zu dem misanthropischen Dachs herangegangen, und nachdem er ihn dreimal mit einem . Blick und einem leisen Schlüssel voll kostbarster Nnver- s schämtheit umkreist hatte, blieb er mit großer Ruhe stehen, ^ hob das Hintere Bein in die Höhe und — O Beau, Beau, Beau! Dein Geschichtsschreiber erröthet über deine Lebensart, und läßt wie Sternes die Thaten der Menschen ver- zeichnender Engel eine Thräne auf den Fleck fallen, die ihn auslöscht aus dem Buche — aber, ach! nicht von dem Rücken deS misanthropischen Dachses! Der Raum ringsum war groß, Beau. Die ganze Welt stand dir offen; warum suchtest du dir für deine Beleidigung die einzige Stelle aus, wo der Müde und Harmlose ruhte? O, ekler Beau !'— O, ekle Welt! Sagt Beide nur offen die Wahrheit. Es liegt etwas im Rücken eines schäbigen Hundes, was unwiderstehlich zur Beleidigung herauSfordert! Der arme Dachs, der Schmähung gewohnt, öffnete die schweren Lider und ein Strahl gerechter Entrüstung schoß aus seinen Augen. Aber er regte sich nicht und knurrte nicht und Beau, außerordentlich erfreut über seine That, wedelte triumphirend mit dem Schwänze und kehrte zu seinem Herrn zurück, vielleicht um nach der parlamentarischen Redensart „Bericht abzustatten, und um Erlaubniß zu fragen wieder sitzen zu dürfen." „Ich möchte doch wissen," sagte Pereival St. John, „an was dieser arme Kerl denkt; — vielleicht ist er wirklich arm! — ganz gewiß, wenn man ihn genauer ansieht, lind ich so reich! Ich möchte fast — hm,— wollen einmal sehen, was für ein Mensch es ist." Damit näherte sich Percival ihm und sagte mit der halb verschämten, halb impertinenten Offenheit des Knabenalters : „Eine schöne Aussicht, Sir!" Der Wanderer fuhr auf, und warf einen raschen Blick auf die glänzende Gestalt, die ihn anredete. Percival St. John ließ sich durch ein finsteres Gesicht nicht einschüchtern; aber dieser Blick hätte einen erfahrener» Mann beschämen können. Der Blick eines Squire auf einen Kvrngesetzkom- inissär, oder eines Crockforddandys auf einen plaitirten Stutzer der Regentstraße hätte nicht verachtungsvoller sehn können. „Still!" sagte der Wanderer schroff und wendete ihm den Rücke» zu. Percival verfärbte sich, und, sollen wir es sagen? war noch Knabe genug, um die Faust zu ballen. Schwerlich hätte cr sich vor der Kraft dieser langen Arme und der Breite dieser herkulischen Brust gefürchtet, wäre er nur sicher gewesen, ob es schicklich seh, ein so unhöfliches Wort im kunstgerechten Faustkampf zn rächen. Das „Still!" verdroß ihn sehr. Aber der Fremde, der jetzt auf der andern Seite des Hügels stand, sah so ruhig und in Gedanken verloren aus, daß der Aerger des Jünglings bald erstarb. „Und eigentlich," brummte Percival vor sich hin, „würde ich eben so stolz sehn wie er, wenn ich so arm wäre. Doch es ist seine Schuld, daß er zu Fuß nach London geht, während ich ihn hätte mitnehmen können. Komm, Beau!" Das Gesicht immer noch etwas gcröthet und den Hut unbewußt herausfordernd auf die Seite gesetzt, ging Percival langsam nach seiner Britschka zurück. Als der leichte Wagen, gezogen von vier Postpfs>dcn, in einer Staubwolke unten am Hügel verschwand, sah der Wanderer ihm einen Augenblick nach und sprach vor sich hin: „Ja, eine schöne Aussicht für die Neichen — ein schönes Feld für die Armen!" Im Ton dieser Worte lag unendlich viel; es sprach sich darin aus der Stolz, die Hoff- Lk nung, die Energie, der Ehrgeiz, welche die Jugend arbeitsam, das ManneSalter glücklich, das Alter berühmt machen. Der Fremde warf sich dann auf den Rasen, und setzte sein stummes und forschendes Beschauen fort, bis die Wolken im Westen sich rötheten. Als er sich dann erhob, stand er hochaufgerichtet mit glänzendem Blick da, und ein Lächeln, das um seine festen vollen Lippen spielte, stahl den mürrischen Ernst von seinem Gesicht. Bon neuem nahm John Ardworth das Ränzchen auf seine Schultern und wanderte entschlossen der Weltstadt zu. Erstes Kapitel. Die Krönung. Der achte September 1531 war ein Festtag für London. Wilhelm IV. empfing die Krone seiner Vorfahren in der gewaltigen Kirche, wo die Denkmale der Todten am eindringlichsten an die Nichtigkeit irdischen Prunkes erinnern; der Staub von Eroberern und Staatsmännern, von den weise» Häuptern und kräftigen Händen, welche einst die Throne abgeschiedener Könige schützten, ruhte ringsum; und die großen Männer der Gegenwart umgaben huldigend den Monarchen, dem die Tapferkeit und die Freiheit von Generationen ein Reich geschenkt hatte, in dem die Sonne nie untergeht. In der Abtei — wenig an die Vergangenheit oder an die Zukunft denkend — sah die zahllose Menge mit gespannter Theilnahme dem prunkvollen Schauspiele 27 zu, das nur einmal in diesem Abschnitt der Geschichte, in der Lebenszeit eines Königs, stattfindet. Es war eine glänzende und imposante Versammlung. Die Gallerien glänzten von dem Schmuck der Frauen, die immer noch den Ruhm der Schönheit in Gestalt und Antlitz, der von ältester Zeit her die große englische Rare auszeichnet, aufrecht erhielten. Unten im Hermelinmantel und die Adelskrone auf der Stirn, standen Männer, die weder im Senat noch auf dem Schlachtfeld sich ihrer Ahnen unwürdig gezeigt hatten. Zn Hoheit des Antlitzes und der Gestalt von Allen ausgezeichnet, bemerkte man die Brüder des Königs, während man, noch öfter von dem Blicke Aller ausgesucht, hier das Adlerprofil des greisen Helden von Waterloo und dort die majestätische Stirn des stolzen Staatsmanns gewahrte, der (während der letzte der Bourbonen, den Waterloo wieder auf den Thron gesetzt, Sceptcr und Purpur dem ihm so verhängnißvollen verwandten Hause überlassen mußte,) das Volk durch einen stürmischen und gefährlichen Nebergang zu einer unblutigen Revolution und einer neuen Verfassung führte. In der ihnen zugewiesenen Abtheilung bewegten sich - Reihe über Reihe die Mitglieder des Unterhauses; in ihrer Seele verband sich die Krönung des neuen Herrschers mit der großen Maßregel, die, noch unentschieden, ein Band zwischen dem Volk und dem König bildete; und gegen beide zwar nicht die wirkliche Aristokratie, aber doch das von der Verfassung als ihr Vertreter anerkannte Haus zusam- menschaarte. Außerhalb war eine dichte Masse. Häuser L8 waren Balkon an Balkon, — Fenster an Fenster angefüllt, wie ein ungeheures Theater. Die lange Straße hinauf nach Whitehall erblickte das Auge dieses Publikum — ein Volk; und der Blick war begrenzt von der Stelle, wo Karl I. aus dem Banketsaal auf das Schaffst geschritten war. Die Feierlichkeit war vorüber; der Zug war langsam vorbeigeschritten; das letzte Hurra war verstorben. Die dichtgedrängte Menge, nachdem sie noch ein Weilchen den Redner Hunt, der das eiserne Gitter unweit der Westminsterhalle erklimmt hatte, um seine behäbige Person im Hofkleid zu präsentire», angegafft hatte, entfloh dem Regen, der sich jetzt zur Unzeit ergoß, und theilte sich in große Massen oder langgestreckte Colonnen. In dem Theilc Londons, der gewissermaßen eine Grenze zwischen seiner alten und seiner neuen Welt bilvet, durch den wir auf der einen Seite nach Westminster gelangen oder durch jene Oeffnung des Strand, die an endlosen Reihen von Läden, welche auf dem Platze der alten Paläste der Buckinghams und Southamptons, der Salisburys und der Eretcrs, vorbei in das Herz der City führt, während wir auf der andern Seite die Stadt der Aristokratie und Literatur, der Kunst und Mode erreichen, wo vordem der Jagdgrund von Marylebone unb die binsenreichen Gewässer Pimlicos sich befanden — auf dieser Grenze (dem Neber- gang vom Opernhaus am untern Ende von Haymarket nach dem Anfang von Charingcroß, stand eine Person, deren unzufriedenes Gesicht in seltsamem Widerspruch mit der allgemeinen Freude und Lebendigkeit des Tages stand. Diese Person, geneigte Leser — diese mürrische, brummende, unzufriedene Person — war auch ein König in seiner Weise! Niemand konnte das bestreiten. Er fürchtete keine Rebellen, ihm raubte keine Reform den Schlaf; er herrschte ohne Minister. Werkzeuge hatte er; aber wenn sie abgenutzt waren, ersetzte er sie ohne Pension und ohne Seufzer. Er lebte von Stenern, — aber sie waren freiwillig; und seine Civilliste wurde bewilligt, ohne die Bedingung, Mißbräuche abzuschaffen. Dennoch war diese Person zwar nicht abgesetzt, aber doch suspendirt von seiner Herrschaft für diesen Tag. Er war bei Seite geschoben; er war vergessen. Er zeichnete sich nicht unter der Menge aus. Wie TituS hatte er einen Tag verloren — er hatte umsonst gelebt. Diese Person war der Kehrmann des NebergangS! Er war ein Original! Er-war jung, in der schönsten Blüthe der Jugend; aber das Gesicht eines alten Mannes saß auf den jungen Schultern. Sein Haar war lang, dünn und vor der Zeit mit Gran untermischt; sein Gesicht bleich und tief gefurcht; seine hohlen Augen glotzten kalt und dumm unter de» tiefhängenden, dicken Brauen hervor. Von Gestalt war er schwächlich und ohne Anmnth und die schmalen Schultern waren beständig gebeugt Es war eine Gestalt, die man einmal gesehen nicht leicht vergißt und an die man mit einem unbestimmten, peinlichen Gefühl zurückdenkt. Sein Benehmen war bescheiden, aber nicht sanft; die Stimme klagend, aber ohne Pathos. Sein Aussehen zeigte eine dürftige, leidenschaftslose Schläfrigkeit, obgleich es zuweilen zu einer Art gierigen Schlauheit auf- ZN blitzte. Keiner wußte, wie dieser Mann in die Welt gekommen war. Er war durch die Barmherzigkeit fremder Hände erzogen, und hatte in verstecktem Dunkel, Elend und Lumpen seine Kindheit verlebt, und war plötzlich als Nachfolger eines alten verstorbenen Negers an dem einträglichen Nebergang erschienen, wo ersetzt stand. Erziehung war ihm gänzlich unbekannt und auch die Liebe. In jenen festlichen Hallen in St. Giles, wo der, welcher LoirdonS Leben kennen lernen will, oft den Knaben, der früh sein Pferd hielt, des Abends fröhlich mit seiner Erwählten tanzen sehen kann, war unser Kehrmann von so spartanischer Strenge, wie Karl XU.! lind der Arme hatte seine gute Seiten. Er hatte ein lebhaftes Gefühl für Freundlichkeit-— er hatte wenig genug erfahren, um diese köstliche Sache wegen ihrer Seltenheit nur noch mehr zu schätzen! — und obgleich er das Geld liebte, konnte er es doch weggeben, (wir wollen nicht sagen gern, aber doch weggebe»,) nicht für die einfache Armuth, (denn er hatte selbst zn sehr gedarbt, und war gegen das Darben selbst zu gleichgültig geworden, um die Empfindungsfähigkeit zu besitzen, die das Mitleid bedingt,) aber jedem seiner Bekannten, der ihm einen Dienst geleistet oder nur die trübe Nacht seines Herzens mit einem freundlichen Lächeln erhellt hatte; er war ehrlich — ehrlich wie Keiner. Man konnte ihm Gold ungezählt anvertrauen! Durch den schwerfälligen ErdenkloS, den menschliche Pflege nicht geformt, Bücher nicht belehrt, des Priesters feierliches Wort nicht unterrichtet hatte, schimmerten doch schwache Strahlen aus der großen Vaterquelle der Gottheit. Er hatte keine» bürgerlichen Name» ; niemand wußte, ob jemals Pathcn bei der heiligen Taufe für seine Sünden Bürgschaft geleistet. Aber er hatte sich selbst den seltsamen, heidnisch klingenden Vorname» „Beck" gegeben. So stand er da, anscheinend ohne Elter» und Verwandte, ein einsames, darbendes, blutloses Wese», welches das große Ungeheuer London aus seinem Riesenschloß geboren zu haben schien — eins seiner siechen, elenden, skrophnlöscn Kinder, die es in Pflege giebt bei der Armuth, in die Schule schickt bei dem Hunger und ihnen zuletzt Sleine gibt anstatt des Brodes, und die Wahl des Galgens oder des Düngerhaufens, wenn das verzweifelnde Kind von der Riesenmuttcr Unterhalt und Obdach fordert! Und dieses Geschöpf liebte etwas — vielleicht ein Brudergeschöpf — davon später, wenn wir in die Geheimnisse seiner Häuslichkeit dringen. Unterdessen liebt er offen und frei seinen Uebergang; er war stolz ans seinen Uebergang ; er war dankbar gegen seinen Uebergang. Gott helfe dir, Sohn der Straße — warum nicht! Er stand im doppelten Berhältniß mit ihm: er unterhielt den Uebergang, wenn der Uebergang ihn unterhielt. Er lächelte zuweilen vor sich hin, wenn er ihn schön und glänzend inmitten des Kothes ringsum vor sich liegen sah; er verlieh ihm das Gefühl eines Besitzes! Was ein Mann für ein schönes Gut fühlen kann, das fühlte Beck für diesen Isthmus der Gosse, der seinem Besen unterworfen war! ^ Die Krönung hatte einen Unzufriedenen gemacht, als sie den Kehrmann von seinem Uebergang wegdrängte. 32 Er stand halb unter den Säulenreihen des Opernhauses, als das Gewühl jetzt schnell abnahm und sich mehr zerstreute, und als der letzte einer langen Reihe Wagen vorüber war, brummte er hörbar vor sich hin: „'S wird viel kosten, ihn wieder in Ordnung zu bringen!" „Du bist heute da, Beck!" sagte ein zerlumpter Knabe, der, nachdem er sich durch die geputzte Menge gedrängt, jetzt stehen blieb und sich den Schweiß von der Stirn abwischte, während er den Kehrmann anblickte. „Wir gehen alle spazieren. Warum kommst du nicht mit? — Ungeheurer Spaß heute!" Der Kehrmann sah den Buben grimmig an und antwortete nicht, sondern fing an sich eifrig mit seinem Ueber- gang zu beschäftigen. „'S ist ja kein einziger Kehrmann auf der Straße heut', Beck. Seiner Majestät König Bills Krönung macht uns Alle so glücklich!" „Sie hat ihn schrecklich schmutzig gemacht!" erwiederte Beck und wies auf den Uebergang, der sich kaum von der übrigen Straße unterscheiden ließ. Der Andere lachte. „Aber wir kriegen jetzt die Reform, Beck. DaS Volk soll zu seinem Rechte und zu seiner Freiheit kommen, und die Lords werden abgeschafft und Beefsteaks sollen ein Penny das Pfund kosten, und —" „Was wird das ihm nützen?" „Aber denk doch, da wird das Ding'umgedreht, und die Andern kehren den Uebergang und wir fahren in der An- 33 der» Kutschen mit vier Pferden — und warum? wir werden alle gleich seyn!" „Gleich! Ich will dir was sagen, wenn du nicht aufhörst zu schwatzen, kriegst du Prügel, Joe — und warum? Ich bin der Stärkste!" war Becks Antwort. Der lustige Joe lachte laut ans, schnippte mit den Fingern, warf seine zerlumpte Mütze mit einem Hurrah König Bill! in die Lust, und eilte jauchzend den Festlichkeiten zu, die Beck so grob verschmähte. Die Zeit verstrich — es wurde allmälig Abend und Beck stand immer noch an seinem Nebergang, als ein jugendlicher Reiter, der nach dem Krönungszuge einen kleinen Spazierritt in die Vorstädte gemacht hatte, dicht amUeber- gang anhielt, und wie er sich nach Jemandem, der sein Pferd halten konnte, umsah, keinen andern dieser Ehre Würdiger» entdecken konnte, als den einsamen Beck., So jung war der Reiter, daß er fast noch als Knabe erschien. Auf seinem glatten Gesteht hatte Alles, was in früher Jugend am meisten einnimmt, seinen anmuthigen Stempel ausgeprägt. Ein fröhliches und liebliches Lächeln umspielte seine Lippen. Es lag ein eigener Reiz selbst in einem gewissen ungeduldigen Muthwillen in dem lebendigen Auge und den fast unmerklich zusammengezogenen zarten Brauen. Almaviva hätte auf einen solchen Page» wohl eifersüchtig seyn dürfen! Er war das bea» iäoal Cherubins. Er winkte mit der Gerte dem Kehrmann. „Folgt mir," sagte er mit einem Tone, der selbst das befehlende Wort sauft klingen machte, so fröhlich war das Spiel der Lippen und so silbern Bulwer'i Romane. VXIV. 3 34 die Stimme; und ohne zu warten, galoppirte er langsam - die Pallmall hinauf. Der Kehrmann warf einen traurigen Blick auf sein ödes Gebiet. Aber er hatte heute wenig verdient, und die Gelegenheit war zu lockend, um nicht benutzt zu werden. Er seufzte, warf seinen Besen auf die Schulter, und indem er vor sich hinmurmelte, daß er vor dem Schlafengehen noch einmal kehren wolle, setzte er sich in den schlenkernden Trab, der diesen menschlichen Schakals eigen ist, die, wenn sie einmal einen Reiter ohne Bedienten entdeckt haben, ihn unermüdlich verfolgen und im Augenblick, wo er absteigt, erscheinen , wenn er es am wenigsten erwartet. Vor einem der Clubhäuser in der St. Jamesstraße schwang sich der jugendliche Reiter leicht von seinem edlen, glatten Grauschimmel, klopfte des Pferdes Hals, warf dem Kehrmann den Zaum zu und trat pfeifend in das HanS — wenn nicht aus Mangel an Gedanken, jedenfalls aus Mangel an Sorgen. Als er in den Club trat, nickten ihm von einem Tisch, wo sie speisten, zwei oder drei Herren, noch jung, aber dem Aussehen nach viel älter als er, freundlich zu. „Ah, Perce," sagte Einer, „wir haben uns eben erst gesetzt — hier ist ein Platz für Sie." Der Jüngling erröthete schüchtern, indem er die Einladung annahm, und die jungen Leute machten ihm mit einer freundlichen Bereitwilligkeit Platz, welche zeigte, daß diese Schüchternheit seiner Beliebtheit nicht hindernd in den Weg trat. 3S „Wer ist der junge Mann?" sagte ein ältlicher Dandy zu einem Bekannten, mit dem er allein an einem Tische aß, „Man sollte solche Knaben nicht im Club zulasten," „Cs ist der einzige noch lebende Sohn eines unserer alten Freunde," erwiederte der Andere, und ließ sein Augenglas sinken, „der junge Percival St, John," „St. John, WaS? Vernon! St. Johns Sohn?" „Ja," „Er hat nicht seines BaterS gutes Aussehen. Diese jungen Bursche haben einen Ton — ein Etwas — einen Mangel an Selbstbewnßtseyn, nicht?" „Sehr wahr; die Sache ist, daß Percival für die Marine bestimmt war, und sogar ein oder zwei Jahre als Seekadett diente. Er war, damals ein jüngerer Sohn — der dritte glaub' ich. Die zwei altern starben, und Master Percival kam zu dem Erbe. Ich glaube, er ist noch nicht einmal mündig." „Mündig! Er kann noch nicht siebzehn seyn!" „O, er ist älter! Ich kann mich seiner in der Jacke in Laughton erinnern. Eine schöne Besitzung!" „Ja, mich wundert'S nicht, daß diese Bursche so höflich gegen ihn sind. Der Claret schmeckt nach dem Kork! — 'S ist Alles so schlecht in diesem verwünschten Club! — Kein Wunder, wenn man eine Heerde Knaben zuläßt! das genügt allein, einen Clnb zu ruiniren! — können Larose nicht von Lafitte unterscheiden, Kellner!" Unterdessen war die Unterhaltung an dem Tische, wo Percival St. John saß, lebhaft, munter und mannichfaltig 3 " 36 — die unbeschäftigten Jünglingen geläufigen Gegenstände berührend: Pferde, Kirchthurmrennen, Operntäuzerinnen, herrschende Schönen, mit harmlosen Witzen über einander vermischt. In diesem ganzen Geplauder zeichnete fichPerci- val St. Johns Unterhaltung durch eine naive Frische ans, welche zeigte, daß das Leben noch für ihn den Reiz der Neuheit besaß. Er war unterrichteter über Pferde und Kirchthurmrennen, als über Tänzerinnen und die Olironigue seanäaleu«« der Stadt. Das Gespräch über die letzten Gegenstände schien ihn nicht zu interesfiren; im Gegentheil, cS verletzte ihn fast. Schüchtern und verschämt wie ein Mädchen, erröthete er oder blickte abseits, wenn seine verhärteteren Freunde von Stelldicheins und Liebesabenteuern sprachen. Lebhaft, munter und männlich in allen männlichen Punkten, war doch die jungfräuliche Blü- the der Unschuld noch erkennbar in seinem offenen, fröhlichen Wesen. Häufig brach, auS Achtung vor seinem Zartgefühl der Lebemann seine Geschichte ab, oder blieb die Pointe seiner Anekdote schuldig; und doch war Pereival in seiner Gutherzigkeit, seiner Naivität, seiner bereitwilligen Theilnahme an jeder unschuldigen Freude so liebenswürdig, daß sich seine Freunde des Zwanges, den er ihnen auferlegte , kaum bewußt waren. Diese lustigen, dunkeln Augen und dies muthwillige Lächeln reizte allein schon zu geselliger Fröhlichkeit an. Sie verbreiteten eine ansteckende Heiterkeit, die den Mangel an Verderbtheit ersetzt. Die Nacht war angebrochen. St. Johns Gesellschafter waren allmälig nach Hause gegangen, und Percival stand 37 auf den Thürstufen des Clubhauses, entschlossen, sich unter die Menschenhaufen zu menge», die durch die Straßen strömten, um sich die Illumination anzusehen, als er Beck mit dem Pferde gewahr wurde, den er ganz vergessen hatte. Mit einem Lächeln über sein schwaches Gedächtniß drückte Percival ein Silberstück in Becks Hand — mehr, als Beck jemals für eine ähnliche Dienstleistung erhalten — und sagte: „Kann ich Euch wohl mein Pferd anvertrauen , um eS nach Hause zu führen? No.—, der Marstall hinter Curzon- street. Das arme Thier! es verlangt nach seinem Abend- brod — und Ihr wahrscheinlich auch!" Beck lächelte — eS war ein trübes, hungriges Lächeln — und zupfte höflich an seiner Srirnlocke — „ich kann das Pferd wohl in Acht nehmen, Euer Ehren." „Nun, so führt eS hin, und gute Nacht; aber setztEuch nicht darauf, wenn Euch Euer Leben lieb ist." „O nein, Sir; ich setze mich nie darauf; 'S liegt nicht in meiner Art." Und Beck führte langsam das Pferd durch das Gedränge, bis eS PercivalS Augen entschwand. In diesem Moment blieb ein Vorübergehender, als er den Jüngling aus den Stufen des ClubhauseS erblickte, stehen, und sagte fröhlich: „Ah, wie geht's? Hübsche Gesichter in Unzahl gibt'S heut' Nacht! Welchen Weg gehen Elk?" „Das ist mehr, als ich selbst weiß, Mr. Varney. Ich bedachte eben, nach welcher Seite ich gehen sollte —rechts oder links." 38 „So erlauben Sie mir Ihr Führer znseyn," und Var- nep bot ihm den Arm. Percival nahm ihn und Beide schritten nach Piccadilly zn. Manch freundlicher Blick von den Grisetten und Dienstmädchen , welche die Illumination auf die Straße gelockt, wurde mit ziemlicher Unparteilichkeit balv St. John, bald seinem Gefährten znTheil; aber sie verweilten länger auf dem letzter», denn hier waren sie wenigstens einer Erwiederung sicher. Varney, wenn auch nicht mehr in erster Jugendblüthe, stand in der Vollkraft des Lebens, und die Zeit hatte ihn so schonend behandelt, daß er noch alle persönlichen Vorzüge der Jugend besaß. Sein Teint war noch frisch und rein, und da nur die Oberlippe von einem schwachen, seidenweichen, gutgepflegten Bart bedeckt war, so vermehrten die runden Umrisse seines Antlitzes noch sein jugendliches Aussehen. Lockig rollte sein weiches Haar unter dem Hut hervor. Die gedrungene Gestalt, geschmeidig wie die eines Panthers, aber mit breiter Schulter und tiefer Brust, verrieth die Zartheit und Gewandtheit des Jünglings neben der Muskelkraft der Mannes. Seine Tracht war etwas phantastisch — zu anspruchsvoll für den guten Geschmack, der dem englischen Gentleman eigen ist, und in seinem Gange ließ sich ein Anflug von Gespreiztheit entdecken, der einen Wunsch, Aufsehen zn machen, ein Be- wußtseyn persönlicher Vorzüge verrieth ; kurz, er war in Aenßerem und Benehmen etwas ganz anderes, als Perci- vals gewöhnliche Gesellschafter; und doch würde selbst der Tadelsüchtigste unter ihnen nicht gewagt haben, Gabriel 39 Varney „gemein" zu nennen. Biele sahen ihm nach : aber nicht weil ihnen seine Tracht oder das Anspruchsvolle seines Ganges auffiel: ein Ausdruck rückfichtsloser, drohender Energie in seinem Gesicht, eine Andeutung von Kraft und Entschlossenheit selbst in diesem Gange, so geckenhaft er bei Andern erschienen wäre, machte jede Bemerkung über das Aeußere an der Neugier verschwinden, wer dieser Mann wohl sehn möchte. Er mußte ein Mann von Bedeutung sehn, — nicht durch seinen conventionellen Rang, sondern durch die Kraft seiner eigenen Persönlichkeit, vielleicht ein Künstler, ein Dichter, oder ein Offizier in ausländischen Diensten, aber jedenfalls ein Mann, den man sich als berühmt dachte. Aus der großen Masse der Menschen trat er stets als ein Besonderer deutlich und scharf hervor. „Ich fühle mich zu Hause unter der Menge," sagte Varneh. „Verstehen Sic mich?" „Ich glaube," entgegnete Percival. „Wenn ich jemals berühmt werden sollte, würde auch ich mich unterder Menge heimisch fühlen." „Sie sind also ehrgeizig ? Sie wollen berühmt werden?" frug Barney mit einem raschen, forschenden Blicke. Ein lebhafteres, ernsteres Feuer glänzte bei dieser Frage Varney'S in Percivals Augen und eine männlichere Glut auf seiner Wange. Aber er zögerte mit der Antwort; und als er endlich sprach, geschah es mit der gewöhnlichen Mischung von anmuthigerVerschämtheitundheiteremFreimuth. „Unser Emporkommen hängt nicht immer von uns selbst ab. Wir find nicht Me groß geboren, doch wird uns Allen die Größe aufgedrängt. Shakespeare — Hm." „Mit Ihrem Vermögen kan» man Alles werden, wenn man will," sagte Barneh mit einem Tone, aus dem der Neid klang. „Was, ein Maler wie Sie! Ha, ha!" „Gewiß," sagte Varnep, „würden Sie wenigstens, wenn Sie überhaupt malen könnten, das besitzen, was mir fehlt — Ansehen und Ruhm." Percival drückte aufmunternd Varnep's Arm. „Muth! ES wird Ihnen eines Tages Gerechtigkeit werden!" sagteer. Varnep schüttelte den Kopf. „Bah! WaS man Gerechtigkeit nennt, gibts gar nicht; Alle werden zu viel oder zu wenig gepriesen. Können Sie mir einen einzigen Mann nennen, den das Publikum nach seinem wahren Werthe schätzt? Und was die Popularität in der Gegenwart betrifft, so beruht sie auf zwei Eigenschaften, vereinigt oder- getrennt— Feigheit undCharlatanerie; nämlich anfeinem sklavischen Eingehen auf den Geschmack und die Stimmung des Augenblicks, oder auf marktschreierischem Haschen nach Originalität. Aber was langweile ich Sie mit solchen Sachen! Wir haben hier anziehende Gegenstände vor uns. Ein schöner Fuß, nicht? Sic verzeihe» mir — aber eS ist seltsam: Sie scheinen sich wenig für das weibliche Geschlecht zu interesfiren?" „O doch," sagte Percival mit schalkhafter Ehrbarkeit. „Ich liebe zum Beispiel sehr — meine Mutter." „Sehr lobenSwerth und vortrefflich," sagte Varney la- LI chend; „und ist damit Ihre Liebe zu dem weiblichen Geschlecht zu Ende?" „Nun ja, cs kommt mir wahrhaftig so vor — ziemlich wenigstens. Sie wissen, daß meine Großmutter todt ist! Aber das ist wirklich des Sehens Werth !" und Percival wieS mit fast kindlicher Freude auf eine Illumination, die sich durch ihre» Glanz vor anderen anszeichnete. „Wenn Sie majorenn werden, lassen Sie gewiß alle Eedern in Laughton mit bunten Lampen behängen. Wahrhaftig , Sie möchten mich einmal dorthin einladen. Ich sähe gern den Ort wieder." „Wenn ich nicht irre, sagten Sie mir, daß Sie während der Lebenszeit meines. Vaters nie dort gewesen sind?" „Nie." „Aber Sie kannten ihn?" „Nur wenig." „Und Sie haben nie meine Mutter gesehen?" „Nein; aber fie scheint einen solchen Einfluß auf Sie auszuüben, daß sie gewiß eine sehr ausgezeichnete Dame ist — etwas stolz, nicht?" „Stolz — nein! DaS heißt nicht gerade stolz, denn sie ist sehr sanft und leutselig. Aber doch —" „Aber doch — Sie stocken — wurde fie Sie nicht gern mit Gabriel Varney, dem natürlichen Sohne von Sir Milcs Bibliothekar, Gabriel Varnep dem Maler, Gabriel Varnep dem Abenteurer, Arm in Arm durch Piccadillp gehen sehen?" „So lange Gabriel Varnep ein Mann von unbeflecktem 4L Charakter und unbefleckter Ehre ist, würde fiel) meine Mutter nur freuen, daß ich einen geschickten und talentvollen Mann kcnne, und nicht nach seinen Eltern und seiner Herkunft fragen. Aber meine Mutter würde trauern, wenn sie mich vertraut fände mit einem Bourbon und einem Rafael, dem ersten in Rang und dem ersten an Genie, wenn der Prinz und der Künstler sein adelig Schild geschändet hätte. Mit einem Wort, sie legt den größten Werth auf Ehre und Gewissen — alles Andere beachtet sie wenig." „Hm!" Varney sah zu Boden, als ob er seine Stiefeln mustere, und sagte leichthin: „Es istdoch nicht möglich über die Straße zu gehe», und steh die Stiefeln nicht zu beschmutzen! Nu» also — Sie stimmen mit Ihrer Mutter überein?" „ES wäre seltsam, wenn ichs nicht thäte. Als ich kaum vier Jahr alt war, führte mich mein Vater durch die lange Ahnengallerie in Laughton und sprach: Geh durchs Leben, als ob diese Ehrenmänner aufDich herabsähen. Und, fügte St. John mit seinem franken Lächeln hinzu, dann sagte wohl meine Mutter noch: Und diese fleckenlose Frauen, Pcrcival!" ES lag etwas Edles und Rührendes in dem leisen Tone, mit dem der Jüngling dies sprach; es war dies die Erklärung seiner ungewöhnlichen Züchtigkeit und der offenen gefunden Unschuld seines Charakters. Der Teufel auf Varney'S Lippe zuckte höhnisch. „Mein junger Freund, Sie haben noch nicht geliebt. Meinen Sie, daß es einmal geschehen wird?" „Ich habe geträumt, daß ich einmal lieben könnte. Aber ich kann warten." 43 Varnep wollte eben antworten, als ihn dreiHerrenvon dem auffälligen Wesen in Benehmen und Charakter, das man in der Londoner Vulgärsprache gewöhnlich mit „tigerhast" bezeichnet, anredeten. Jeder dieser Drei hatte eine Cigarre im Munde — alle schienen geröthet von Wein zu seyn. Der Eine trug große messingene Sporen und einen ungeheuren Schnurrbart; ein Anderer zeichnete sich durch eine ungeheure schwarzatlaffene Halsbmde aus, über die als PactoluS eine große goldene Kette sich wand; ein Dritter hatte einen Rock ä In Polonaise, Beinkleider, die seine pralle Wade eng umschlossen, und ein Glas in das rechte Auge geklemmt. „Ah, Gabriel! ah, Varney! Willkommen, fioelster aller Kameraden! Du ißt mit uns bei der kleinen Celeste — wir wollten Dich eben abholeu." „Wer ist Dein Freund — Einer der Unfern?" flüsterte ein Zweiter. Und der Dritte schob seinen Arm zärtlich unter den Varney's. Trotz seiner gewöhnlichen Sicherheit fühlte sich Gabriel für einen Augenblick beschämt, und hätte sich gern Freund- schaftsbezeugungen entzogen, die ihm jetzt gar nicht gelegen kamen; aber er sah, daß seine Freunde des süßen Weines bereits zu voll waren, um sich leicht abweisen zu lassen, und es war für ihn ein wahrer Trost, als Percival, nachdem er einen unzufriedenen Blick auf die Drei gewinsen, zu ihm sagte: „Ich will Sie nicht länger aufhalten — ich komme nächstens in Ihr Atelier," und ohne eine Antwort zu erwarten , im Gedränge verschwunden war. 44 Varney folgte seinen neugefundenen Freunde», ohne in dem ersten Momente auf ihre frivolen Reden und vertraulichen Scherze zu achten. Endlich raffte er sich aus seiner Zerstreuung auf und ging auf die rohe Heiterkeit seiner Gefährten ein, so daß er sie bald durch die Frechheit seiner Sprache und die höhnende Verderbtheit seiner Anträge weit hinter sich ließ; denn hier spielte er nicht mehr eine Rolle, legte seinen thierischen Trieben keinen Zaum mehr an. Diese unbeschränkte Herrschaft der Sinnlichkeit, der er sich schon in der Kindheit hingegeben, fgnd einen unterthä- nigeu Sklaven in dem Mann. Selbst seine Talente entwickelten sich durch seine Hinneigung zum Sinnlichen. Sein Auge, auf das Aeußerliche gerichtet, machte ihn zum Maler, sein feines und geübtes Ohr zum Musiker. Seine wilde üppige Phantasie schwelgte in jeder Aufregung und schenkte ihm vielseitige Einsicht in die Laster und Schwächen, die sie mit veränderlicher Laune benutzte. Menschen, welche die mit den Sinnen in nächster Verbindung stehenden Künste übertrieben kultiviren, werden leicht, wenn ihnen das nöthige Gegengewicht in einem klaren und kräftigen Verstände fehlt, «in ausschweifendes Leben führen. Dies findet man häufig bei Musikern, Sängern und Malern, weniger bei Dichtern, weil der, welcher es mit Worten und nicht mit Zeichen oder Tönen zu thun hat, beständig die Eindrücke seiner Sinne mit den Idealen vergleichen muß, von denen die Sinne bloS den Abglanz erblicken. Aber die wahren Genies, obgleich sie nur von de» Sinnen genährt werden, die meisten wirklich großen Maler, Sänger und Musiker sind zwar leicht 48 durch den Versucher zu verlocken, aber der fruchtbare Boden ihres GemütheS ist reich an guten Eigenschaften, die dem Bösen entgegenwirken — sie find gewöhnlich weichherzig, edel, theilnahmvoll. Daß Varnep solche Schönheiten der Seele und des Temperamentes fehlten, brauchen wir nicht erst zu sagen — hauptsächlich, das ist wahr, in Folge seiner Erziehung und des väterlichen Beispiels, und der gänzlich verderbten Umgebung, in der er seine Jugend verlebt — aber auch weil er kein ächteS Genie war; es war eine falsche Erscheinung des göttlichen Geistes, ein Erzeugniß seiner körperlichen Vollkommenheit (die alle seine Sinne so kräftig und scharf machte) und seiner schwelgerischen Phantasie und seiner Energie, die zuweilen großen Fleißes fähig war, aber nie gehörige Ausdauer und ein bestimmtes Ziel zu finden wußte. Alles an ihm war schimmernd und hohl. Ihm fehlte die angeborene Schärfe nnd Tiefe des Geistes, die seinen schrecklichen Vater ausgezeichnet. Das Blut der Operntäuzerin hatte das Blut des Gelehrten überwältigt; ohne alle Methode und Ordnung, ohne die Geduld und den mathematischen, berechnenden Verstand DalibardS, tändelte er leichtsinnig mit der grausenhaften und scheußlichen Lasterhaftigkeit , die Olivier zu einem ernsten Studium gemacht hatte. Ausschweifend und verschwenderisch, gab er das Geld so schnell aus, als er es verdiente; er vernichtete mit kecker Hand alle Aussichten auf Emporkommen oder eine Laufbahn. Mitten in den verbrecherischen Plänen vder dem energischesten Studium seiner Kunst konnte ihn die armseligste Zerstreuung abziehen. Sein Herz war mit 48 Falrie im Stall, seine Phantasie mit Nladdin im Palast. Aufsehen zu machen, lag ihm am meisten am Herzen; er liebte es, durch seine Person, seine Worte, seine Kleidung oder seine Talente einen Effekt hervorzubringen. Er, der von der Hand in den Mund lebte, war schon durch Verbrechen, die wir hier nicht erwähnen dürfen, heute reich geworden, um morgen wieder durch seine Laster arm zu werden. Was er „das Glück" oder „seinen Stern" nannte, war ihm hold gewesen — er war nicht gehängt worden! — er lebte; und da er den größten Theil seiner verbrecherischen Laufbahn im Auslande und unter fremdem Namen vollbracht hatte, so haftete auf ihm, obgleich ein Etwas an ihm, etwas Unbeschreibliches und Verdacht Erregendes eine unbestimmte Unruhe bei den Scharfsichtigen hervorrief, keine possitive Beschuldigung; und die Zügellosigkeit seines Lebens war außerhalb des Kreises seiner Vertrauten nur wenig bekannt. Daher besaß er das ver- meffendste Selbstvertrauen, das aus seinem Muthe entstand, und von seiner Erfahrung bestätigt wurde. Sein Gewissen war so gänzlich abgestumpft, daß er wie ein Mann ohne alles Gewissen erschien. Konrad „wußte, daß er ein Verbrecher war;" er aber sah in sich blos einen ungewöhnlich gescheidten Kerl ohne Vorurtheile und Aberglauben. Daß er bei allen seinen Gaben nicht weiter vorwärts gekommen war, gab er, ohne sich zu besinnen, der überlegenen Weisheit seiner Philosophie schuld. Er hätte sich besser befinden können, wenn er das Leben weniger genossen hätte — aber war Genießen nicht der einzige Inhalt und das 47 einzige Ziel dieses armseligen Lebens? Viel öfter warf er in Anfällen bitteren Neides tie Schuld auf die Welt. Wie groß hätte er sehn können, wenn er reich und hoch geboren wurde! O, er war geschaffen zum Verschwenden, nicht zum Sparen; znm Befehlen, nicht zum Schmeicheln! Er war nicht der Mann, der mit der beschränkten Mittelmäßigkeit des Lebens zufrieden sehn konnte; er mußte Alles oder Nichts haben! Sticht Herrschaft über sich selbst ließ jetzt Varneh gewisse tiefe Pläne ans Pereival St. John vergessen und ans die rohe Lust seiner drei Gefährten eingehen — er folgte hier blos am meisten seiner eigenen Natur. Und als der Strahl des Morgensterns die Nacht endigte, die er mit gemeinen Wüstlingen und seilen Dirnen verlebt, als über zerbrochenen Gefäße» »nd leeren Flaschen ans dem Tisch der Tag anbrach, und ihn in der ganzen Herrlichkeit seiner Kraft, und dem ganzen Heroismus seines überlegten Lasters erblickte; — das einzige frische und blühende Gesicht von all den trüben Augen, Weinrothen Wangen und wankenden Gestalten! scheußlich lachend über das wüste Schauspiel, das er selbst angerichtet, und mit teuflischem Hohn die auf dem Boden liegende Gestalt seines Lieblings, der an seiner Brust geruht, von sich stoßend, als er allein mit festem Schritte über die Schwelle in die frische, gesunde Morgenluft hinaus ging, da freute sich Gabriel Varneh des Triumphs seiner höllischen Eitelkeit und schwelgte in dem Bewußtsehn der lleberlegenheit und Macht. Indessen war der junge Percival, wie ihm die Laune eingab, durch die Straßen geschlendert. Haymarket hinab gelangte er an die Colonnade des Opernhauses. Das Gcdräng war hier so groß, daß er nicht weiter konnte und er sich a» eine Säule lehnte, nm die verschiedenen Gruppen von Licht und Glanz in ihrer Nähe zu betrachten. Gerade vor ihm schimmerte» die rivalisirenden Sterne des United Service-ClnbS und des Athenäums; — links die originelle Devise an Northnmberland-Honse: rechts die Anker, Kanonen und Bomben, die strahlenden Embleme des Feldzeug- meisteramts. In diesem Augenblicke befanden sich drei Mithandelnde unserer Geschichte nur wenige Schritte von einander, von der Menge ausgezeichnet durch die Gefühle, mit der Jeder von ihnen das glänzende Schauspiel und das Gewühl ringsum betiachtcte. Percival St. John, dem die sinnende Lust an Genuß noch lebhaft und ungesättigt war, nahm von dem Schauspiel nur die physische Heiterkeit aus, die ihn selbst fröhlicher stimmte. Wenn in einem noch so unentwickelten Charakter — dem die stwken Leidenschaften und ernste» Zwecke des Lebens noch unbekannt waren — sich tiefere und sinnigere Gedanken und Gefühle regten, die dem Lächeln ans seinen rosigen Lippen und dem Feuer seiner muntern Augen mehr Ernst aufprägten, so würde er sich selbst diese dunkle Empfindung, dies unbestimmte Verlangen nicht haben erklären können. Bon einer andern Säule gegen das Gedränge geschützt sah ein Mann — nur wenige Jahre älter der Zeit nach, aber viel älter an Charakter, (mit wie ruhelosen Gedanken, mit wie brennendem Ehrgeiz!) ans das dichte Gewühl, welches die Straße bedeckte, so weit der Blick reichte. Er hätte nicht mit Varney sagen können, daß er sich in diesem Gewühl zu Hause fühle. Denn ein Menschengewühl erfüllte ihn nicht mit dem Bewußtseyn seiner eigenen persönlichen Bedeutung, sondern.zog ihn an seine mächtige Brust mit den tausend Banden einer gemeinsamen Bestimmung. Wer soll die hohen, und ruhelosen, und verwickelten Empfindungen erkläre», mit denen ein edles und inbrünstiges NuhmeSstreben die Ehrfurcht gebietende Masse betrachtet, in welcher und für welche es lebt und arbeitet — das Volk? Diesem in Gedanken versunkenen, einsamen Manne waren die Illumination, die Festlichkeit, die Neugier, der Feiertag nichts, oder nur flüchtige Phantome und eitler Schein. Mit dem Auge seines Geistes sah er nur vor sich das Volk, den Schatten eines ewig sich erneuenden Publikums — Publikum zugleich und Richter. Und unmittelbar neben ihm stand der zerlumpte Kehr- mann, der vergeblich zurückgekehrt war, um seinem geliebten Pflegling für heute den letzten Dienst zu leisten. Von dem Gewühl aufgehalten, blickte er freudlos die schimmernden Lampen an, gefühllos wie die Steine unter seiner Obhut gegen die jugendliche Lebhaftigkeit des Einen und die erhabenen Träume des Andern. So waren, o London, inmitten dieses, dem König und dem Pöbel gemeinsamen Festtags in diesen drei Geistern die Elemente lebendig, die gehörig gemischt und verwendet, dein Laster und deine Tugend auSmachen — deinen Ruhm und deine Schmach — deine Arbeit und deinen LuruS; die in dem Palast und in Bulwer'S Romane. VXIV. 4 so den Straßen — im Siechhaus und im Kerker heimisch find. Genuß, der die Freude, Energie, welche die That, und Geistesstumpfheit, die den Mangel gebiert. Zweites Kapitel. " Liebe auf den ersten Blick. Plötzlich schwebte vor Percival's Augen ein Gesicht vorüber, das den in Gedanken Verlorenen weckte, wie ein Lichtstrahl den Schlafenden aufstört. Es war wie ein Erkennen einer früher undeutlich gesehenen Gestalt — wie die Verwirklichung eines Traumbildes. Nicht die bloße Schönheit dieses Antlitzes (und es war schön) hielt seinen Blick fest und machte sein Herz schnellerschlagen —sondern mehr die namenlose und unerklärliche Sympathie, welche dieLiebe auf den ersten Blick ausmacht; ein instinktmäßiges Gefühl, das der schwerfälligste mit dem lebendigsten Geiste, der trockenste Verstand mit der lebhaftesten Phantasie gemein hat. Der einfache Cobbett, als er vor der Hütte bei der allerprosaischsten häuslichen Arbeit das Mädchen erblickte, von dem er sagte: dies Mädchen soll mein Weib werden, und Dante, wie ihn der erste Blick Beatriee's mit heißer Glut durchbebte, sind beides echte Typen des allgemeinen Erfahrungssatzes: DieLiebe, welche am tiefsten sich einprägt, entsteht mit dem ersten Blick; sie strömt plötzlich auf uns herab aus der Wolke — ein Blitzstrahl — ein Schicksal, dem wir plötzlich ins Angesicht sehen. Sicherlich war nichts Poetisches in dem Ort und der Umgebung, und noch viel weniger in der Begleitung, in der dieses liebliche Wesen das jungfräuliche Herz des harmlosen Knaben mit ungeahnter Glut erfüllte; sie stützte sich auf den Arm einer starken, behäbigen Matrone in dunkelbraunem Kleide, auf deren anderer Seite ein sehr kleiner und sehr dünner Mann mit einem sehr kleinen Gesicht, dessen unterer Theil mit einem Ungeheuern Shawl verhüllt war, ging. Außer diesen zwei Bürden hatte sich die starke Frau noch mit einem Regenschirm, einem Korbe und ein paar Kothschuhen beladen. Inmitten der fremdartigen Bewegung, welche durch sein Auge in seinem Herzen entstand, wurde PercivalS Ohr unangenehm von der lauten, fast männlichen Stimme der Matrone berührt: „Herr Jemine! Ob das nicht John Ardworth ist; wer hätte das gedacht! He, John — John!" Mit diesen Worten hob sie ihren Regenschirm horizontal in die Höhe, schob zwei Commis aus der City damit bei Seite, schwenkte den kleinen Man», ihren Begleiter, links herum — der dafür von den Handlungsdienern mit dem Titel: „Kerl!" beehrt wurde und schob ihn als den spitzigsten Keil, der gerade bei der Hand war, durch eine dichte Masse von etwa sechs Zuschauern und maß die Unzufriedenen mit drohenden Blicken, während sie seiner unfreiwilligen Führung folgte. So machte ste sich Bahn bis zu dem Orte, wo der Genannte stand. Auf diese Weise entdeckt und aufgestört wurde der ruhmbegierige Träumer, denn er war es, einen Augenblick 82 verlegen, als die dicke Frau ihn mit dem Regenschirme berührte und auSrief: „Das ist doch zu arg! Was, Sie ließen uns sagen. Sie hätten nicht Zeit uns zu begleiten, und jetzt find Sie hier in Lebensgröße!" „Als Sie mir schrieben, glaubte ich nicht, daß —" „Bah, Unsinn!" unterbrach ihn die dicke Frau mit einem bedeutsamen, gutmüthigen Kopfschütteln; „ich lasse mir nichts vormachen. Sic sind ein wilder Bursch, John Ardworth — das sind Sie! Sie lause» gern hübschen Lärvchen nach — ja, ja — ha, ha, ha! sehr natürlich! So warst Du früher auch — nicht wahr, MiverS? — ja, ja, Männer sind Männer und ich bin der Meinung, daß sie es in Ewigkeit bleiben werden!" Mit dieser weisen Prophezeihung wendete sich die Dame zu Mr. MiverS, der jetzt mit einiger Anstrengung sein Kinn aus den Falten seines ShawlS herauswickelte und mit einer dünnen Stimme erwiederte: „Ja, ich war einmal ein wilder Bursch, aber Du hast mich zahm gemacht, MrS. M.!" Und damit versank das Kinn wieder in den Shawl und die feine Stimme erstarb in einem feinen Seufzer. Die dicke Dame blickte gnädig auf ihren Gatten herab und fuhr dann ermuthigend in ihrer Rede fort, während Ardworth halb ärgerlich und halb lächelnd zuhörte. „Ja, nichts geht über ein angetrantes Weib, um einen Mann zahm zu machen, wie Sie später auch einsehen werden. Doch Ihre Zeit ist noch nicht gekommen, so können Sie also Helenen den Arm geben und uns begleiten." SS „Kommen Sie," sagte Helene mit schmeichelnder Stimme. Ardworth neigte sein strenges Gesicht zu Helenen nieder und eine sichtbare Freude erhellte seine gedankenvollen Züge. „Ich kann Ihnen nicht widerstehen," begann er, schwieg aber sogleich wieder und runzelte die Stirn. „Still," fuhr er fort, „ich rede Unsinn; aber wem verdrehten Sie nicht auch den Kopf? Widerstehen muß ich Ihnen, denn ich gehe jetzt an meine Arbeit. Fordern Sie in ein paar Jahren, wenn ich Zeit habe glücklich zu sepn, irgend etwas von mir, und Sie sollen sehen, ob ich ein Bär bi», wie Sie mich jetzt nennen." „Nun," sagte MrS. Mivers lebhaft, „kommen Sie oder nicht? Wozu das Besinnen!" „MrS. Mivers," erwiederte Ardworth mit verstecktem Humor, „Sie würden gewiß sehr auf Ihres Gatten vortreffliche Ladendicner schimpfen, wenn sie so zu ihren Kunden sprechen wollten. Wenn eben eine Dame, die nur eine Elle gewöhnliche Spitzen kaufen wollte, plötzlich wie ich von einem ganz unerwarteten und heißbegehrten Prachtstück geblendet würde, einem schönen Spitzenschleier oder einem entzückenden Kaschemirshawl, und während sie noch zwischen dem, was die Klugheit und die Versuchung fordert, schwankte, Ihr erster Diener auSriefe: Wozu das Besinnen ! — Nun, das frage ich Sie." „Unsinn!" sagte MrS. MiverS. „Ach! Ganz anders als bei Ihren Kunden (so hoffe ich wenigstens im Interesse Ihres Geschäfts) behält bei 84 mir die Klugheit die Oberhand; außer etwa," fügte Ard- worth hinzu, unentschlossen Helenen anblickend, „wenn es Ihnen an dem gehörigen Schutz fehlte, und —" „Schutz!" rief MrS. MiverS mit staunender Entrüstung aus und schwang den gewaltigen Regenschirm, „als ob ich nicht, unterstützt von diesem Ding hier, ein ganzes Dutzend solcher Leute zu beschützen vermöchte. Schutz, wahrhaftig!" „John hat Recht, Mrs. M.; Geschäfte sind Geschäfte," sagte Mr. MiverS. „Laß uns weiter gehen; wir versperren den Weg und diese Taugenichtse hören uns zu und schnicker«." „Schnittern!" rief die Frau auS; „ich möchte doch den sehen, der zu schnickern wagte," und dabei sah sie sich herausfordernd um. Nachdem sie so ihren Zorn befriedigt hatte, machte sie sich bereit, ihrem Herrn und Gebieter zu gehorchen, was sie sicherlich stets that. Mit kunstfertiger Hand schwenkte sie Mr. MiverS wieder herum, ließ ihm die scharfe Spitze des Regenschirms vorausgehen und bahnte sich so einen Weg durch das Gewühl, gleich dem Sensenwagen der alten Britten. Bald war sie unter der Menge verschwunden, obgleich man ihren Weg errathen konnte an einer kleinen aufgeregten Furche im allgemeinen Strom, aus der sich ein fortlaufendes Gemurr des Vorwurfs und Schmerzes vernehmen ließ, das allmälig in der Ferne erstarb. Ardworth folgte der lieblichen Gestalt Helenens mit einem Blicke des Bedauerns; und als sie verschwand, drehte er sich mit einem unterdrückten Seufzer um und bahnte sich mit dem langen, gleichmäßigen Schritte eines kräftigen SS Mannes einen Weg durch den Strom nach der Druckerei einer Zeitung, bei der er fest angestellt war. Aber Percival, der einen großen Theil des Gespräches, das in seiner unmittelbaren Nähe stattgefunden, gehört hatte, Percival, der glückliche Sohn sorgenlosen Reichthums, war nicht durch Arbeit und Pflicht abgehalten dem Triebe seines Herzens nachzugeben, und sein Herz zog ihn mit magnetischer Kraft dem Wesen nach, das neue Gefühle in seiner Brust erweckt hatte. Mittlerweile sollte Mrs. MiverS lernen — obgleich ihr die Lection nicht viel nützte — daß man, um gut durch die Welt zu kommen, sowohl geschmeidig als stark sepn muß; und daß, obgleich bis zu einem gewissen Punkte Mann und Frau sich Platz machen können, indem sie mit Regenschirmen den Leuten in die Rippen stoßen und den Leuten unbarmherzig auf die Hühneraugen treten, die Ertragungsfähigkeit von Rippen und Hühneraugen dennoch ihre Grenzen hat. Helena, halb beängstigt aber auch etwas ergötzt über ihrer Begleiterin kräftigen und standhaften Willen, setzte in Mrs. Mivers das Vertrauen, mit welchem die Schwachen sich meistens auf die Starken verlassen, und obgleich sie stets, wenn sie die Augen von der glänzenden Illumination wcgwandte, Mrs. Mivers bat, mit größerer Sanft- muth zu verfahren, so fürchtete sie dennoch keine bestimmten Übeln Folgen von der Energie, die sie nicht bezähmen konnte — um so mehr, als sie schon sicher von der St. Paulskirche nach der St. Jamesstraße gekommen waren. Aber am SS * - untern Ende der letztgenannten Straße fand MrS. MiverS endlich einen ebenbürtigen Gegner. Die Menge stand hier , dichtgedrängt still, um in Ruhe die glanzvolle Perspective zu betrachten, welche die Läden und Clubs dieser Straße bildeten. Kutschen hatten angehalten und unmittelbar vor Mrs. MiverS standen drei sehr dürre und kleine Frauen, deren Anzug verrieth, daß sie den untersten Ständen angehörten. „Platz da, gute Frau, Platz da!" rief MrS. MiverS der Einen zu, denn Gestalt und Rang der Drei flößte ihr wenig Achtung ein. „Und warum soll man solcher Art Platz machen, Sie alter Fleischklumpen?" sagte die Angeredete, indem sie sich umkehrte und mit schielenden Augen Unheil verkündend in MrS. MiverS Antlitz starrte. Ohne sie einer Antwort zu würdigen, nahm MrS. MiverS ihre Zuflucht zu ihrer gewöhnlichen Taktik. Regenschirm und Gatte fuhren rasch zwischen zwei der Frauen hindurch; aber zum unbegreiflichen Staunen und Schrecken der Angreifenden waren Gatte und Regenschirm augenblicklich verschwunden. Die drei kleinen Furien waren über beide hergefallen. Beide waren ihrem natürlichen Eigenthümer geraubt — sie wurden fortgeriffen; der Strom hinten, seit lange empört über die rücksichtslosen Eindringlinge, schloß sich jubelnd zusammen. MrS. MiverS und Helene wurden in der einen, Mr. MiverS und der Regenschirm in der andern Richtung von dannen getragen: aus der Ferne vernahm man eine feine Stimme: „Bitte! — bitte! MrS. — MrS. — MrS. M.! O! O! MrS. M.!" Bei der letzten Wiederholung des geliebten Buchstabens in einem Tone fast übermenschlicher Bedrängniß war das Gattenherz der MrS. Mivers von unbezähmbarem Schmerz betroffen. „Warten Sie einen Augenblick, Helene! Ich will Ihnen bloS zeigen — weiter nichts!" Im nächsten Augenblick hörte man Mrs. Mivers sich scheltend durch die Menge drängen, bis ihre letzte Spur Helenens Augen entschwunden war. Verlassen, erschrocken und über alle Maßen beschämt, sah sich das Mädchen mit einem rathlosen Blick um. Der Blick wurde bemerkt von zwei jungen Männern, deren Stand in dieser Zeit, wo die Kleidung nur ein unsicheres Kennzeichen ist, sich aus ihrem Aeußeren nicht er- rathen ließ. Es konnten DandieS aus dem Westen, aber auch Commis aus dem Osten seyn. „Meiner Treu," rief der Eine aus, „welch' hübsches Mädchen!" und alsbald standen Beide, durch eine plötzliche Verschiebung des Gewühls, neben Helenen. „Bist Du allein, schönes Kind?" sagte eine Stimme mit roher Vertraulichkeit. Helene gab keine Antwort — der Ton der Stimme erschreckte sie Eine Lücke in der Menschcnmaffe gestattete einen Durchblick nach Cleveland Row, einer Straße, die ziemlich leer war, da man hier nicht illuininirt hatte. Sie floh sogleich in dieser Richtung; die Beiden folgten ihr, und der kühnere und ältere versuchte mehrmals ihren Arm zu erfassen. Endlich, als sie an das letzte Haus kam, gewahrte sie plötzlich, daß hier kein Durchgang war, und während sie erschrocken still stand, hatten ihre Verfolger ihr die Flucht abgeschnitten. Einer von ihnen ergriff jetzt ihre Hand. „Aber, schönes Kind, warum so hartherzig? Nur einen Kuß — einen einzigen!" Er wollte sie dabei mit seinem Arm umschlingen, Helene wich ihm aus und eilte zirrück, wo ihr aber der Andere den Weg vertrat, als zu ihrem Erstaunen eine dritte Person erschien, den Anderen ruhig bei Seite schob und mit einem stummen, herausfordernden Blick auf ihre unritterlichen Verfolger ihr seinen Arm bot. Helene sah ihren unerwarteten Beschützer nur mit einem einzigen schüchternen Blick an: ein Etwas in seinem Gesicht, seinem Benehmen, seiner Jugend, stützte ihr augenblickliches Vertrauen ein. Fast ohne zu wissen, was sie that, legte sie ihre zitternde Hand auf den dargebotenen Arm. Die zwei LotharioS sahen sich verblüfft an. Einer zupfte den Hemdkragen zurecht, der Andere drehte sich mit einem gezwungenen Lachen um. So knabenhaft Pcrcival aussah, so lag doch in seinem Gesicht ein Ausdruck schnell- bereiten MutheS, der seine Gegner zwar vielleicht nicht eiu- schüchterte, aber sie doch eine Scene fürchten ließ, welche die Einmischung der Polizeibeamten, deren einer sich schon langsam näherte, herbeiführen konnte. Sie beobachteten daher ein mürrisches Schweigen; und Percival St. John führte mit klopfendem Herzen, aber triumphirend, seine Eroberung von dannen. Ohne recht zu wissen wohin, jedenfalls mit gänzlichem Vergessen der MrS. MiverS, und nur bestrebt, aus dem SS Gedränge zu kommen, ging Percival gerade fort, ln« er sich plötzlich mit seinem schönen Schützling unter den Bäumen des St. JamcS-Park wiederfand. Da blieb Helene stehen und sagte voll Unruhe: „Mein Gott! das ist der falsche Weg — ich muß nach der Straße zurück!" „Wie einfältig ich bin —- natürlich!" sagte Percival mit verwirrtem Gesicht. „Ich fühlte mich so glücklich, bei Ihnen zu sehn, uud Ihre Hand auf meinem Arm zu fühlen, und zu denken, daß wir ganz allein sehen, daß — daß — aber Sie verlieren Ihre Blumen!" Ein Strauß, den Helene trug, siel zu Boden. Beide bückten sich, um ihn aufzuheben und dabei trafen sich ihre Hände. Bei dieser Berührung überfiel Percival ein seltsames Zittern, welches sich vielleicht — denn solche Dinge sind ansteckend seiner schönen Begleiterin mittheilte. Percival hatte den Strauß und schien ihn behalten zu wollen, denn er musterte die Blumen zögernd. Endlich sah er mit seinen Hellen, freien Augen Helene an, wählte eine Rose aus und sagte bittend: — „Darf ich diese behalten? Sehen Sie, sie ist nicht so frisch wie die anderen." „Ich verdanke Ihnen gewiß so viel, Sir," sagte Helene, erröthend und die Augen niederschlagend, „daß es mich freuen würde, wenn eine armselige Blume es Ihnen vergelten könnte." „Eine armselige Blume! Sie wissen nicht, welchen Werth sie für mich hat!" Percival steckte die Rose ehrerbietig in den Busen, und ' so die Beiden kehrten nun zögernd um, »m wieder auf die Straße zu gelangen. „Ist jene Dame eine Verwandte von Ihnen?" fragte Percival, und sah weg, denn er fürchtete die Antwort: „doch nicht Ihre Mutter?" „O, nein! — Ich Habs keine Mutter!" „Verzeihen Sie!" sagte Percival, denn der Ton von Helenens Stimme hatte ihm verraihen, daß er hier eine schmerzhafte Saite berührte. „Und," fügte er mit einer Eifersucht hinzu, die er kaum verbergen konnte, „der Herr, mit dem Sie unter den Colonnaden sprachen — ich habe ihn schon früher gesehen, aber ich weiß nicht wo. Wahrhaftig, Sie haben mich alle« Andere vergessen machen. Ist er mit Ihnen verwandt?" „Er ist mein Vetter." „Ihr Vetter!" wiederholte Percival, ein wenig schmollend ; und wieder schwiegen Beide. „Ich weiß nicht, wie es ist," sagte Percival endlich mit großem Ernste, als ob ihm ein verwickeltes Problem zu schaffen machte, „aber mir kommt es vor, als ob ich Sie schon von jeher gekannt hätte. Ich habe das doch nie gefühlt." ES lag etwas so Unschuldiges in des Knaben ernsthaftem, verwundertem Ton, mit dem er diese Worte sprach, daß ein unwillkürliches L.ichelnHelenenS Lippen umspielte. Vielleicht fühlte sie zum erstenmal einen Anflug von Coquetterie. Percival, der sie verstohlen anblickte, sah das Lächeln und sagte, indem er das lockige Haupt zurückwars: „Ich glaube wahrhaftig, Sie lachen mich aus, als ob ich ein 61 Kind wäre; aber ich bin älter, als ich aussehe. Ich bin überzeugt, ich bin viel älter als Sie. Sie find vielleicht siebzehn Jahr, nicht?" Helene, die immer beruhigter wurde, nickte bejahend. „Und ich bin nicht weit von einundzwanzig. Ja! wunder» Sie sich nur — aber es ist wahr. Vor einer Stunde noch fühlte ich wie ein Knabe; jetzt werde ich nie wieder wie ein Knabe fühlen!" Abermals erfolgte eine lange Pause, bis sie zuletzt die Stelle erreichten, wo Helene ihre Begleiterin verloren hatte. „O, Herr erhalte uns und beschütze uns!" rief eine Stimme, laut wie eine Trompete, aber nicht mit Silberklang, „da find Sie endlich!" und Mrs. MiverS (mit wiedergewonnenem Gatten und Regenschirm) erschien vor ihnen. „Nun, ich bin schön in Angst gewesen, und jetzt kommen Sie daher, als wenn gar nichts gewesen wäre, als wenn der Regenschirm nicht seinen elfenbeinernen Griff verloren hätte — es ist wirklich arg. Gott! Gott! was wir aus- gestanden haben! Und wer ist der junge Herr da?" Helene flüsterte ihr eine schüchterne Erklärung zu, die MrS. MiverS nicht so freundlich aufzunehmen schien, als der arme Percival berechtigt war. Sie starrte ihn an und schüttelte mißtrauisch den Kopf, als er darüber etwas verlegen wurde. Dann nahm sie wieder Helenen unter den Arm und entfernte sich, nachdem sie zu Percival bloS gesagt hatte: „Sehr verbunden und gute Nacht. Ich habe einen weiten Weg zu machen, um das Mädchen zurückzubringen, und das Beste, das wir Alle thun können, ist, so schnell als 62 möglich nach Hause zu gehe» und zur Stärkung eine Taffe Thee zu trinken — das ist meine Meinung, Sir. Entschuldigen Sie!" Auf so unhöfliche Weise verabschiedet, konnte der arme Percival seiner Helene nur sehnsüchtig Nachsehen, wie sic von dannen getragen wurde, und hatte bloS noch den Trost, sie, als sie sich entfernte, zurückblicken zu sehen, und zwar, wie er glaubte, mit einem Schatten des Verdrusses auf ihrem Gesicht. Da kam ihm plötzlich der Gedanke, wie entsetzlich er die Zeit vergeudet hatte. Er hatte in seiner Unerfahrenheit nicht einmal nach dem Namen und der Wohnung seiner neuen Bekanntschaft gefragt. Wie ihm das cinfiel, eilte er durch das Gedräng, und erreichte sein Ziel gerade noch zur rechten Zeit, daß er das Mädchen in einen Wagen steigen sehen und einen vollen Anblick der imposanten Verhältnisse der MrS. Mivers, die ihr folgte, genießen konnte. Als das schwerfällige Fuhrwerk (der einzige Wagen auf dem Platze) sich langsam in Bewegung setzte, traf Perci- val'S Blick den Kehrmann, der, immer noch auf seinen Besen gelehnt, da stand und in dankbarer Erinnerung der Freigebigkeit, mit der sein Dienst belohnt worden, an den Hut griff und den Jüngling trüb anlächelte. Die Liebe schärft den Geist und macht die Schüchternen lebendig; ei» Gedanke, dessen sich der Erfahrenste nicht zu schämen brauchte, fiel Percival St. John ein: er eilte auf den Kehrmann zu, legte seine Hand auf dessen zusammengeflickten Rock und sagte athemloS: «3 „Ihr seht die Kutsche dort; folgt ihr, bis sie -Inhalt. Hier habt Ihr einen Sovereign — einen zweiten bekommt Ihr, wenn Ihr gehörige Nachricht bringt. Bringt mir die Antwort in meine Wohnung No. — Cnrzonstraße! fort, wie der Wind." Der Kehrmann nickte mit schlauem Lächeln; es war wohl nicht der erste Auftrag dieser Art, den er bekam. Gr rannte die Straße hinab. Percival, der ihm schnell folgte, konnte ihn, als die Kutsche über den St. JameS-Platz fuhr, bequem hinten auf fitzen sehen. Er wußte nichts von den Absichten seines Auftraggebers und kümmerte sich auch nicht darum. Ebrenwerthe Liebe und selbstsüchtiges Laster waren für ihn ganz gleich. Er sah nur nach seinem Sovereign, den er mit verwundertem Auge immer noch betrachtete, und das Phantasiebild des noch zu erwartenden: 8eanäit aoratiis vilas imvvs Oura: nee tu, »ms equilum relinquil. ES war die Selbstsucht Londons — gelassen und theil- nahmloS, mochte sie im Dienste des Lasters oder der Unschuld stehen. Halb eilf Uhr saß Percival St. John auf seinem Zimmer und der Kehrmann stand auf der Schwelle. Reichthum und Armuth schienen in den Personen der Beiden sichtbar neben einander gestellt zu sehn. Die Wohnung gilt bei Vielen für ein Kennzeichen des Charakters des Besitzers ; dann aber unterschied sich Percival'S Zimmer sehr von dem der meisten andern jungen Leute von Rang und 64 Vermögen. Einerseits bemerkte man Weber jene Affectation von seinem Geschmack, die sich in eingelegten Arbeiten und Vergoldungen, oder der malerischen Unbequemlichkeit von Stühlen mit hohen Lehnen und mittelalterlichen Curiost- täten verräth. Andererseits fehlten die Lieblings stücke rauher gearteter Jünglinge, Abbildungen von Rennpferden und Fuchsjagden, vielleicht untermischt, wenn der Nimrod zugleich etwas Lovelace ist, mit Portraits von Tänzerinnen und französischen Idealbildern mit der Unterschrift: „Iw 8oi>," oder „Iw Uoveillee," oder „I/Lspoli," oder ,,I,'-I>nr»äo»." Die ganze Wohnung hatte vielmehr eine cigenthümliche Physiognomie durch ihre außerordentliche Nettigkeit und heitere Einfachheit. Die Mufselinvorhänge waren mit bunten Blumen durchmustert: Bücher standen in den Nischen; hie und da hingen kleine Gemälde, hauptsächlich Seestücke — gut gewählt und gut vertheilt. Es hätte vielleicht etwas fast Weibisches iu dem Ganzen gelegen, wenn nicht die Flügclthüren eine» Einblick in ein einfacheres Zimmer mit Fleurets und Borhandschuhen an den Wänden und einem Ballholz in der Ecke, gestattet hätten. Das gab der Wohnung wieder ein männliches Aussehen, aber es war die Männlichkeit eines Knaben, halb Mädchen in der Seelenreinheit, die das eine Zimmer ath- mete, ganz Knabe in den spielenden Zerstreuungen, welche das zweite verrieth. Aber so einfach als die ganze Wohnung war, hatte Becks Auge doch noch nie etwas halb so Schönes erblickt. Er blieb eine Weile in der Thür stehen und starrte verwirrt und geblendet ringsum. Aber seine natürliche Gleichgültigkeit gegen Dinge, die ihn nichts an- gingen, erzeugte in ihm bald den StoiciSmus, den die Philosophie dem geistig Starken gibt; und nach dem ersten Ansall des Staunens heftete sich sein Auge ruhig auf seinen Auftraggeber. St. John stand hastig vom Sopha auf, wo er, versunken in die Betrachtung der vom Sternenlicht erhellten Bäume des Chesterfieldgartens, gesessen hatte, und rief ihm entgegen: „Nun?" „Old Brompton," sagte Beck mit einer Kürze des Ausdrucks und einer Schärfe der Wahrnehmung, die eines Spartaners würdig war. „In einem großen alleinstehenden Hause mit einer hohen Mauer davor," fuhr Beck fort. „Ihr würdet es wiedererkennen?" „Versteht sich; 's ist so seltsam." „Was?" „Nun, das HauS. Die junge Dame stieg aus, und die Alten fuhren zurück. Ich ging denen nicht nach," sagte Beck mit einem schlauen Gesicht. „So; — ich muß den Namen erfahren." „Ich frug im WirthshauS," sagte Beck, stolz aufseine diplomatische Gewandtheit. „Sie haben ein Dienstmädchen , das alle Tage ein halbes Maß für sich holt. Die Mutter der jungen Dame ist eine Ausländerin." „Eine Ausländerin! So wohnt sie also bei ihrer Mutter?" „So sagen sie im WirthShaus." „Und der Name?" Bulwer'S Romane. VXIV. 5 66 Beck schüttelte den Kopf. „Es ist ein französischer; aber das Dienstmädchen heißt Marthe." „Ihr müßt mich morgen in Brompton am Chausseehause treffen und mir das Haus zeigen." „Aber ich bin den ganzen Tag im Geschäft." „Im Geschäft?" „Ich stehe am Uebergang," sagte Beck mit vieler Würde, „aber nach acht gehe ich hin, wo ich will." „Also Morgen Abend halb neun in Brompton." Beck zupfte bejahend an seiner Stirnlocke. „Hier ist der versprochene Sovereign — wendet ihn gut an. Ihr habt vielleicht einen Vater oder eine Mutter, deren Herz er erfreuen wird." „Ich habe mein Lebtag so 'was nicht gehabt," meinte Beck und drehte das Goldstück in der Hand nm. „Nun, so vertrinkt es nicht." „Ich trinke nie nichts als Kofent." „Was werdet Ihr da mit dem Gelde machen?" srug Pereival lacherid. Beck legte den Finger an die Nase und sagte ganz leise und feierlich: „Zch Hab' eine Matratze. . ." „Eine Matratze? Was hat eine Matratze mit den) Gelbe zu thun?" „Ich nähe es ein," war die Antwort. Percival sah ihn fragend an. „O," sagte er nach einer gedankenvollen Pause und mit dem Tone des Bedauerns, „ich verstehe; Ihr näht Euer Geld in Eure Matratze. Armer, armer Bursche, Ihr könnt was Besseres thun! Es gibt ja Sparkassen." 67 Beck blickte ihn erschrocken an. „Ich hoffe, der Herr wird'S Niemandem sagen. Ich hoffe, es wird mir Niemand rathen, mein Geld an einen Ort zu thun, wo ich gar nichts weiter davon sehe. Nein, ich weiß, wo eS ist — und ich schlafe darauf." „Schlaft Ihr besser, wenn Ihr auf Euer», Sch atze liegt ?" - „Nein; 's ist eigen," sagte Beck nachdenklich; „jemehr ich einnähe, desto schlechter schlafe ich." Percival lachte; aber es lag Trauer in diesem Lachen; etwas in dem verlassenen, unwissenden, vaterlosen, darbenden Geizhals rührte ihn bis inS innerste Herz. „Leset Ihr nie die Bibel?" frug er nach einer Pause; „oder die Zeitung?" „Ich lese nie nicht; denn ich habe keine Schule gehabt, wie der Baron Tim, der wegen Fälschung geschickt wurde." „Geht Ihr Sonntags in die Kirche?" „Ja; ich habe eine wöchentliche Anstellung ans dem New Road." „Was soll das heißen?" „Nun, ich halte dort den Gig eines Herrn, der vou Highgate kommt." Pereival blickte mit seinen glänzenden Augen — und sie waren feucht vom himmlischen Thau — in das stumpfe Gesicht dieses BrudergeschöpfcS. Beck machte einen linkischen Kratzfuß, blickte verlegen um sich, schob sich zur Thür hinaus und eilte durch die hellerleuchteten Straßen der Weltstadt heimwärts, »in sein Geld in die Matratze zu nähe». S * 68 Drittes Kapitel. Jugenderziehung eines wackeren Gentleman. Percival St. John war zn Hause unter seiner Mutter Augen und der Fürsorge eines wackeren Mannes, der sein wie seiner Brüder Erzieher gewesen, ausgewachsen. Dieser Erzieher hatte nun freilich selbst keine wirklich klassische Bildung, denn was er gelernt, war fast nur durch seine» eigenen Eifer geschehen, und wer sich selbst erzieht, dem fehlt nicht selten die äußere und brillante Politur eines solchen, dessen Schritte zu dem Tempel der Musen geführt wurden. Kapitän Greville war überhaupt mehr ein wackerer Soldat, mit dem Vernon St. John in seiner eigenen kurzen militärischen Laufbahn bekannt geworden und dessen Lebens- Verhältnisse sich zuletzt so reducirten, daß er genöthigt wurde seine Stelle zu verkaufen, und zu leben, wie er gerade konnte. In seinem eigenen Regiment hatte er stets für einen belesenen Mann gegolten, und seine Autorität wurde bei vorfallenden Streitigkeiten über Geschichte, Daten und literarische Anekdoten stets in Anspruch genommen. Beruon hielt ihn wenigstens für den gelehrtesten Mann, den er kannte, und als er ihm einmal zufällig in London begegnete, und von seinen gehabten Unglücksfällen hörte, wünschte er sich selbst zu dem sehr vortrefflichen Gedanken Glück, als er Kapitän Greville einlud, seine Kinder zu erziehen und ihm dabei in der Verwaltung seiner Güter beizustehen. Zunächst war Alles, was Greville, das erste betreffend, bescheiden unternahm, — wie man denn auch in der That nicht mehr verlangen konnte, daß er die jungen Gentlemen für Eton vorbereitete, für welches Vcrnon, mit der natürlichen Vorliebe eines Etonmannes, seine Söhne bestimmte. Die kränkliche Constitution der älteren Beiden rechtfertigte aber Lady Marie in ihrer Abneigung gegen öffentlichen Schulunterricht, und Pereival zeigte schon von früher Jugend an eine so entschiedene Neigung zu dem Leben eines Seemannes, daß des Vaters Absichten dadurch vereitelt wurden. Die beiden ältesten setzten ihre Erziehung zu Hanse fort und Pcrctval ging in früherem Alter, als es gewöhnlich der Fall ist, zur See. Der Letztere war denn auch glücklich genug, einen jener neuen Na§e von Seeleuten zum Kapitän zu bekommen, die, wohlerzogen und gebildet, den freundlichsten Kontrast gegen Smollets alte Seehelden bilden; aber schon nach sehr kurzer Dienstzeit machte ihn der Tod seines Vaters und seiner zwei Brüder zum Stammhalter seines Geschlechts und zur alleinigen Stütze seiner Mutter Hoffnungen. Er bezwang mit wackerem Streben die Leidenschaft für seine» edlen Stand, die der kurze Dienst eher noch verstärkt hatte, und kehrte, seine frische kindliche Natur unverdorben, seine Konstitution gestärkt, sein lebhafter und empfänglicher Geist durch Gefahren und die Pflicht des Gehorsams erhoben, nach Hause zurück und begann ruhig wieder unter Kapitän Greville, der jetzt aus Laughton Halle in ein kleines Häuschen im Dorf gezogen war, seine bis dahin auSgesetzten Studien. 7N Die Erziehung aber, die er von Anfang an erhalten, hatte weniger darauf hingewirkt, seinen Geist zu schärfen und seine Einbildungskraft zu erregen, sondern mehr sein Herz zu bilden und tu seinen moralischen Grundsätzen zu festigen, denn Lady Marie besaß, neben ihrem zarten Gemüthe, eine charakterfeste und denkende Seele. Sie war nicht, was man so gewöhnlich geistreich nennt, und ihre Lebenserfahrung blieb, wenn man sie mit anderen Frauen ähnlichen Ranges verglich, die sich in dem gewaltigen Strom von London bewegten, ebenfalls nur beschränkt; sie wurde diesen aber durch eine gewisse einfache Herzlichfeit überlegen, die ihr Treue und Wahrheit zu so etwas Unentbehrlichen machte», daß das Licht, in dem sie selbst sich bewegte, auch alles Andere um sie her erhellte. Wer in den großen Pflichten des Lebens stets wahr ist, ist auch fast immer weise. Auch Vernon, als er erst einmal seine alten Fehler abgelegt, sing an, sich der früheren Ausschweifungen zu schämen; nach und nach mehr an seine eigene Häuslichkeit gewöhnt, ließ er seine alten Gefährten fallen, und bewachte von jetzt an ernstlich seine Reden, (seine Gewohnheiten bedurften das schon nicht mehr,) daß nicht eine seiner alten leichtsinnigen Aeußerungen das Ohr seiner Kinder erreichen mochte. Nichts ist bei Eltern gewöhnlicher als der Wunsch, ihre Kinder von ihren eigenen Fehlern frei zu halten. Wir lernen uns auch nie eher selbst kennen, bis wir Kinder haben, und erst dann, wenn wir sie wirklich lieben, sangen wir an unsere eigenen Fehler zu beobachte», die zu Lastern werden, sobald sie den Jüngern zum Beispiel dienen. 71 Der wahre Gentleman, mit Muth und Geist und einem Abscheu vor Falschheit und Hinterlist, die dieseln Begriffe eigen ist, war fast allein inVernon St. John zurückgeblieben, und seine Knaben wuchsen und gediehen von edlen Gefühlen und treuer Wahrheit umgeben auf. Der Erzieher harmo- nirtc darin mit den Eltern; — jeder Zoll war ein Soldat — das heißt nicht etwa ein reiner SubordinationSmensch, sondern nur mit dem strengen Gefühl für Gehorsam und der Ncberzcugung begabt, daß dieser auch nur durch Aufmerksamkeit auf Kleinigkeit zu erlangen sey. In diesem Streben wußte er aber auch sich selbst geliebt zu machen und — was noch schwerer ist, verstanden zu werden. Die Seele dieses armen Soldaten war rein und unbefleckt, wie die Waffen eines jungfräulichen Ritters, und dabei voll, wenn auch unterdrückter, doch hoch aufstrebender Schwärmerei. Er hatte kein Glück gehabt — ob da nun das Schicksal oder die Imrse-xuarä« daran schuld waren — und seine Carriere verfehlt, war aber dabei so loyal geblieben, als ob er iü seiner Hand den Feldmarschallsstab und um seine Knie den Hosenbandorden getragen hätte. Er war über jene winselnde Unzufriedenheit erhaben. Von ihm kaum weniger, als von seinen Eltern, nahm Percival nicht allein jenen Geist der Ehre, sondern- auch jene Reinheit deS Gedankens in sich auf, die zum Ideal junger Ritterschaft gehören. In bloßer Büchergelehrsamkeit war Percival, wie man sich wohl denken kann, nicht sehr belesen, sein Geist aber hatte sich überladen, die eigene freie Bahn gebrochen und 72 dadurch eben seine Festigkeit und Stärke erlangt. Reisen, Erzählungen kühner Abenteuer, Biographien großer Männer, waren die LieblingSnahrung seiner Mußestunden gewesen, und neben diesen erfreuten ihn die Werke jener wirklichen Dichter, die Euch nicht lange sinnen und grübeln lassen, sondern im wild dahinrauschenden Wort Euer Gefühl wecken und heben. Vom Griechischen wußte er ungefähr genug, sich am alten Homer zu ergötzen, und wenn er auch bei strengem Eramen im Sophokles und AeschyluS nur schlecht bestanden hätte, so erfreute sich doch sein Herz an dem wilden Speersturm der „Si eb en vor Theb en" und er weinte über die Leiden der heldenmüthigen Antigone. In den Wissenschaften konnte er sich ebenfalls nicht zu den Eingeweihten zählen; aber sein klarer, scharfer Verstand und sein schnelles Begreifen positiver Wahrheiten hatte ihn leicht durch die Elementar-Mathematik geführt, wie ihn auch sein etwas kriegerischer Geist großen Gefallen an des Kapitäns Vorlesungen über Taktik finden ließ. Konnte Percival bei seinem gewählten Stande bleiben, so würde er sich sicherlich darin ausgezeichnet haben, denn seine Talente schon eigneten ihn für gerade, männliche That, wie auch der frische freie Trieb edlen Ehrgeizes, der freilich damals wohl noch in ihm schlummerte, als er so früh schon wieder zurückberufen wurde. Doch wie dem auch sey, er trug jetzt alle Elemente eines wahren, wackeren Mannes in sich — eines Mannes, der mit festem Schritt, reinem Gewissen und freudigen Hoffnungen durch das Leben gehen konnte. Ein 73 solcher Maim erntet vielleicht keinen Ruhm,— der liegt im Zufall, aber er wird auch, im Laufe der Welt, keine» niedrigen Platz einnehmcn. Zuerst wollte man Percival nach Oxford senden, ans einem oder dem anderen Grunde aber wurde der Plan wieder aufgegeben; vielleicht fürchtete Lady Maria, allzu ängstlich, wie Mütter manchmal sind, wenn sie allein auf dieser Welt stehen, die Verführung, der junge Leute mit brillanten Aussichten und keiner übermäßigen Lust am Stndiren stets an solchen Orten auSgesetzt sind. Percival wurde daher, unter dem Schutze des Kapitän Greville, zwei Jahre auf Reisen gesandt, und nach seiner Rückkehr (er war damals neunzehn Jahre alt) lag die große weite Welt vor ihm, die er, ach so sehnsüchtig, zu betreten wünschte. Ein volles Jahr hielten ihn aber Lady Marie'S Befürchtungen immer noch in Laughton, und wenn er auch aus großer Zärtlichkeit für seine Mutter ihren Wünschen nicht positiv widerstreben wollte, so wirkte dieser längere Zeitraum von Unthätigkeit augenscheinlich höchst nachtheilig sowohl aufseine Gesundheit, wie ans seinen Geist. Kapitän Greville — ein welterfahrener Mann — erkannte die Ursache schneller als Lad» Marie und begab sich eines Morgens, früher als gewöhnlich, auf das Schloß. Der Kapitän, trotz aller Achtung gegen das schöne Geschlecht, ging, sobald Geschäfte ins Spiel kamen, geradezu. Wie sein großer Befehlshaber rückte er mit wenigen Worten zum Ziel. „Meine theure Lady Marie — unser Knabe muß nach London — wir reiben ihn hier ans!" „Mr. Greville," rief Lady Marie erbleichend, während sic ihren Stickrahmen bei Seile schob — „reiben ihn auf?" „Den Mann in ihm wenigstens. — Ich will Ihnen keine Angst machen — seine Lungen sind sehr wahrscheinlich in trefflichem Zustand und sein Herz würde ebenfalls unter dem StethoScopc die gelehrte Fakultät vollkommen befriedigen. Aber meine thenrc Lady Marie —- Percival soll ein Mann werden — und den Mann gerade reiben Sie in ihm auf, wenn Sie ihn noch länger an Ihr Schürzenband gefesselt halten." „Oh Mr. Greville — ich weiß gewiß. Sie wollen mir nicht weh thun, aber —" „Ich bitte tausendmal um Verzeihung — ich bin vielleicht ein Bischen grob — aber die Wahrheit ist auch manchmal grob." „Nicht meinethalben habe ich ihn bis jetzt hier gehalten ," sagte die Mutter herzlich und mit Thräncn in den Augen, „wenn er sich hier aber einsam fühlt, gibt cs denn nicht tausend Wege ihn zu unterhalten? —" „Immer nur Tropfen, meine theure Lady Marie — immer nur Tropfen — Percival sollte einmal einen Sprung in'S Meer thun." „Aber er ist noch so jung, und das entsetzliche London — all' die Verführungen — und er noch dazu vaterlos —" „Ich fürchte den Erfolg nicht, so lange Percival noch jetzt, wo seine Grundsätze stark und frisch sind und seine 75 Einbildungskraft nicht erhitzt ist, geht— halten wir ihn aber seiner Neigung zuwider länger hier, so wird er bald zu brüten und phantasiren anfangen, ja am Ende gar schlechte Verse schreiben und sich die ihm vorenthaltenc Welt viel tausendmal schöner ansmalen, als sie wirklich ist. Selbst gerade die Furcht vor Verführung wird seine Neugierde rege und ihn glauben machen, die Verführung wäre eine ausgezeichnet treffliche Sache. Zum ersten Mal in meinem Leben, Madame, habe ich ihn beim Seufzen über eine der fashionablcn Novellen ertappt und neulich hat er sogar in der Southampton Leihbibliothek abonnirt. Glauben Sie mir — cs ist hohe Zeit, daß Pcrcival ins Leben kommt und ohne Korke schwimmen lernt." Ladp Marie hatte volles Vertrauen in Greville'S Urthcil wie in seine Liebe zu Percival, und' kannte, einer vernünftigen Frau gleich, ihre eigene Schwachheit. Sie schwieg einige Minuten und sagte dann mit einiger Anstrengung: „Sie wissen, wie verhaßt mir jetzt London ist, wie wenig ich dazu paffe, zu jenen hohlen Förmlichkeiten seiner Gesellschaft zurückzukehren — dennoch will ich — wenn Sie es für nöthig halten — ein Haus für die Saison nehmen, und Percival kann dann immer noch unter unfern Angen stehen —" „Nein, Madame, verzeihen Sie mir, aber das wäre der sicherste Weg, ihn entweder unzufrieden oder zum Heuchler zu machen. Wir können kaum verlangen, daß ein junger Mann von seinen Aussichten, seinem Temperament, mit all' unfern Gewohnheiten harmoniren soll. Sie werden ihm, wenn er sich an unsere Stunden und Wünsche und ruhige Lebensart zu halten hat, — tausend und tausend Mal einen wirklich lästigen Zwang auflegen, und was wäre die Folge davon? In einem Jahr ist er mündig und kann uns, wenn er will — ganz abschütteln. Ich kenne ihn — mißtrauen Sie ihm auch nicht einmal scheinbar — er verdient Vertrauen. Sie bewahre» ihn am sichersten vor Verführung, wenn Sie zu ihm sage» „Wir vertrauen Dir unfern größten Schatz an — Deine Ehre — Deine Sittlichkeit — Dein Gewissen, Dich selbst." „Sie aber gehen doch wenigstens, wenn cS einmal so seyn muß, mit ihm," sagte Lady Marie noch nach einigen schwachen Argumenten, die ihr, eines nach dem ander», widerlegt wurden. , '„Ich? weshalb? um von dem jungen Volk, mit dem er doch nun einmal verkehren muß, ausgelacht zu werden? Daß er sich seiner selbst und meiner schämt — seiner selbst als Milchlutscher und meiner als Amme?" „Sie waren doch aber auch auf Reisen mit ihm ?" „Auf Reisen habe ich ihm die Zügel gewaltig lang gelassen, Madame, das können Sie versichert seyn; und dann war er auch noch ein paar Jahr jünger." „Er ist ja aber jetzt fast noch ein Kind." „Kind ? Lady Marie. — In seinem Alter hatte ich schon zwei Belagerungen mitgemacht. Es gibt jüngere Gesichter als er ist an den Soldatentischen. Kommen Sic — kommen Sie — ich weiß schon, was Sie fürchten. — Er macht vielleicht dumme Streiche — sehr leicht möglich — er mag 77 hintergangen und benützt werden und dabei Geld verlieren — gut, das kann er und dafür erntet ec Erfahrung. Laster hat er keine, — ich habe ihn ja selbst unter den Lasterhaften gesehen. Schicken Sie ihn gegen die Welt hinaus, wie einen der alten Heiligen, mit seiner Bibel in der Hand und keinem Fleck auf selbem Kleide. Lassen Sie ihn klar und deutlich sehen, was wirklich ist, nicht hier von Dem träumen, was nicht ist, und wenn er dann mündig sehn wird, müssen wir für ihn eine Beschäftigung finden — er muß ein Ziel haben. Lassen Sie ihn für das Connth auftreten und dem Staate dienen, er wird das Geschäft vortrefflich verstehen. Oh — oh — was gibt's darüber zu weinen?" Der Kapitän setzte es durch. Wir sagen freilich nicht, daß sein Rath für alle jungen Leute in Percivals Alter an- znwenden gewesen wäre; er kannte aber die Natur zu gut, der er vertraute; er wußte, wie stark das junge Herz in seiner ehrlichen Einfachheit und fast instinktartigen Rechtschaffenheit seh, und überschätzte seine Männlichkeit keines- weges, wenn er fühlte, daß alle Stützen und Hülfen, die ihr gegeben werden konnten, nur eben so viele schmerzende Beweise von Mißtrauen sehn mußten. Und so, nur mit einigen Empfehlungsbriefen, seiner Mutter thränenvollen Ermahnungen und Greville'S ans Erfahrung gegründeten Warnungen ausgestattet, sah sich Percival St. John in das rege Leben Londons plötzlich hin- cinversetzt. Nach dem ersten Monat etwa kam Greville hinauf, ihn zu besuchen, ihm allerlei unsichtbare Dienste unter seinen alten Freunden zu leisten, ihm zu helfen, seine 78 Wohnung herznrichten und für seinen Marstall zu sorgen, und kehrte höchst zufrieden und mit den schmeichelhaftesten Berichten zu der ängstlichen Mutter zurück. Aber der Styl von PercivalS Briefen wäre auch hinreichend gewesen, selbst mütterliche Angst zu beschwichtigen. Er schrieb nicht, wie die Söhne so häufig thun, kurze Entschuldigungen für das so wenig Ausführliche ihres Briefes — ungenügende Zusammenstellungen von Einzelheiten in eine flüchtige Sentenz. Nein, frank und frei gaben diese fröhlichen Berichte frische Kunde von den ersten und wärmsten Eindrücken alles dessen, was er sah und that. Es lag ein eigener Reiz und Zauber, ein herzkräftiges Vergnügen für ihn in dem ganzen Gefühl seiner neu erhaltenen Freiheit und llnabhängigkeit. Seine Bälle und Diners, und sein Cricket beim Lord—, seine Gefährten und Gesellschafter; seine gewöhnliche Fröhlichkeit, wie gelegentliche Langeweile, lieferten einem Manne genug Stoff, der da fühlte, er korrespondire mit einem anderen Herzen, von dem er Nichts zu fürchten, oder vor dem er nichts geheim zu halten brauchte. Zwei Monate aber, ehe dieser Theil unserer Erzählung mit der .Krönung beginnt, war Lady Maria'S LieblingS- schwcster, die nie. geheirathet hatte und nach dem Tode ihrer Eltern in dem trübseligen Stande einer alten Jungfer gelassen worden, eines Brustleidens wegen nach Pisa beordert und Lady Maria, mit ihrer gewöhnlichen llneigennützigkeit, überwand sowohl ihren Widerwillen gegen Reisen, als ihren Wunsch, in der Nähe ihres Sohnes zu bleiben, um nur 79 diese liebe und so allein in der Welt stehende Schwester zu begleite». Kapitän Greville wurde, wohl oder übel, zu ihrem beiderseitigen Kavalier angeworben, und Percivals bisher fast ununterbrochener Briefwechsel mit seinen beiden Korrespondenten war so für einige Zeit abgcschnitten. Viertes Kapitel. John Ardworth. Am nächsten Mittag stand Beck, nenbekleidet mit seiner Würde, wieder an seinem Posten; Percival mühte sich vergebens ab, sich an der Unterhaltung von zwei oder drei jungen Leuten zu ergötzen, die ihm die Ehre erwiesen, bei ihm eine Cigarre zu rauchen, und John Ardworth saß in seiner dunkeln Zelle in Grepsnin, mit einein Haufen juristischer Bücher auf dem Tische, und den Zeitungen des Tages. auf einem Stoß von HansardS Debatten neben sich ans dem Boden, — eine bei den ärmeren und strebsameren Juristen, die oft ihre frühesten und vielleicht schönsten Honorare der Presse verdanken, nicht allzu seltene Kameradschaft. Mit dev Kraft eines an Arbeit gewöhnten Geistes, und unterstützt von einer unverwüstlichen Gesundheit lag er immer des Tages seinen trockenen Studien mit Eifer ob, wenn gleich er fast die ganze Nacht in der Druckerei gearbeitet und seine Schlaszeit bis auf vier Stunden verkürzt hatte. Aber dafür wyr dieser Schlaf auch so fest und erquickend, wie bei dein Landmann. Indem er auf diese Weise die Nächte der Presse widmete, (er war bei der Redaktion einer Zeitung beschäftigt,) und die Vormittage der Jurisprudenz, hielt er die beiden verschiedenen Beschäftigungen mit einer strengen Zeiteintheilung auseinander, die allein schon die Kraft seiner Energie und die Festigkeit seines Willens vcr- rieth. Früh gezwungen, selbst für sich zu sorgen und sich mit eigener Kraft durch die Welt zu schlagen, hatte er eine kleine Kollegiatur in dem Kollege bekommen, wo er seine akademische Laufbahn verlebt hatte. Schon vor seiner Ankunft in London hatte er sich durch Beiträge zu politischen Zeitungen und sein hohes Ansehen in dem rhetorischen Club in Cambridge, der einige der ausgezeichnetsten unter den Staatsmännern der Jetztzeit gebildet hat, einen Ruf erworben , der ihm sogleich Beschäftigung bei der ZeitnngS- preffe verschaffte. Wie die meisten Jünglinge von einer praktischen Richtung des Geistes, war er ein eifriger Politiker. Die große Tagesfrage setzte seine Begeisterung in Flammen und erweckte in der Tiefe seiner Seele schöne, wenn auch übertriebene Hoffnungen auf den menschlichen Fortschritt. Er identifizirte sich mit dem Volke; sein männliches Herz schlug laut für seine Sache. Obgleich seinen Artikeln die Menschenkenntniß, der scharfsinnige Einblick in den wahren Stand der Parteien, die glückliche Mäßigung fehlte, Eigenschaften, welche die höchste Weisheit des Staatsmannes ausmachen, aber die sich nur durch Erfahrung erwerben lassen, so zogen sie doch durch ihre kräftige Beredsamkeit und scharfe Logik nicht wenig die Aufmerksamkeit auf sich. Sie paßten für die Zeit. Aber John Ardworth besaß die Gesundheit des Verstandes, die gewöhnlich mehr als Talent wirkt — die gewöhnlich das Genie begleitet. Dies prekäre und oft nicht gewürdigte Muhen auf dem Felde der polemischen Literatur sollte nicht das einzige Hilfsmittel zur Erlangung des Ruhmes seyn, nach dem er strebte. Geduldig arbeitete er sich durch die trockenen Formalitäten seiner Wissenschaft, indem er das Dunkle durch seinen scharfen Geist aufklärte und das verwickeltste Detail durch die Kraft eines an Abstrahiren gewöhnten Verstandes in ein System brachte, und lernte so selbst das Widerwärtigste durch das Gefühl, neue Schwierigkeiten überwunden und einen klaren Ilmblick erlangt zu haben, lieben. Was oberflächliche Leute Genie nenneip hatte John Ardworth in sehr geringem Grade. Er hatte einige Einbildungskraft, (denn einem echten Denker fehlt diese nie,) aber sehr wenig Phantasie. Er tändelte nicht mit den Musen; auf dem Granit seines Geistes konnten nur wenig Blumen blühen. Sein kräftiger, überzeugender Styl ließ zuweilen einen Humor blicken, der nicht ohne Tiefe war, aber selten zeigte sich darin Witz und noch weniger Poesie. Und dennoch war Ardworth genial. Genialität war die betriebsame Energie, die so geduldig in der Bewältigung von Einzelheiten, so glücklich in der Erringung von Resultaten war. Genialität war das thätige Interesse für die Menschheit, die hartnäckige Entschlossenheit, vorwärts zu kommen, die klare Einsicht in die großen Angelegenheiten und Interessen der Welt; eine Genialität, die genährt war durch Studium, und sich, so wie er mit Menschen in Berührung Bulwcr's Romane. 6X1V. 6 82 kam, in seinem Gedankenreichthum, seinem starken Ge- dächtniß und selbst in einem gewissen gebieterischen Wesen zeigte. Rauh war das Aeußere dieses Mannes, aber das Herz war sanft und gut. John Ardworth hatte nie den Grazien geopfert; Lord Chestersteld würde bei seinem Anblick einen Fieberanfall bekommen haben. Nicht etwa, daß er unanständig gewesen wäre, aber er sprach und lachte laut, wenn er Lust dazu hatte, oder rieb die Hände mit knabenhafter Freude, wenn er seinem Gegner eine Niederlage beibrachte. Manchmal auch saß er in Gedanken versunken nud mürrisch da, und antwortete kurz und grob denen, die ihn störten. Junge Leute fürchteten ihn meistens, obgleich ihm bloS der Ruhm fehlte, um einen Kreis von bewundernden Schülern um sich zu haben. Alte Leute tadelten seine Anmaßung und bebten vor der Neuheit seiner Ideen zurück. Nur Frauen würdigten und schätzten ihn, wie ste mit ihrem feinen Gefühl meistens Alles schätzen, was ehrlich und recht ist. Auch seine Schwächen hatte John Ardworth — einige der gewöhnlichen Launen und Widersprüche geistreicher Männer. Er lebte äußerst mäßig. Wochenlang trank er bloß Wasser, aß er bloß Brod und Schiffszwieback und ein paar Eier; hatte er aber dann eine bestimmte Arbeit vollendet, so erlaubte er sich eine Saturnalie, wie er es nannte, das heißt, er ging mit einigen alten Freunden aus dem Kollege in ein DorstadtwirthShauS, um einen Tag in „gottvoller Liederlichkeit", wie er triumphirend sagte, zu verleben. Diese Schwelgerei war meistens unschuldig genug; sie bestand in 83 kräftigen Späßen, einem Fischdiner und ein oder zwei Er- traflaschen feurigem Portwein. Zuweilen wählte diese Fi- dclität, die immer laut und lärmend war, ihren Schauplatz in einem der Ciderkeller oder Nachtschenkeu, aber ArdworthS Anstellung bei der Zeitung machte diese letztere Ausschweifung ausnehmend selten. Auf diese Tage der Lust folgte stets eine Zeit, wo sein Gesicht ungewöhnlich ernst, sein Benehme» ungewöhnlich schroff und rauh, sein Fleiß noch angestrengter und ausdauernder als gewöhnlich war. John Ardworth war nicht freundlich; aber er hatte das beste Herz von der Welt. Wie alle ehrgeizige Menschen beschäftigte er sich viel mit sich selbst, und dennoch wäre eS lächerlich gewesen, ihn selbstsüchtig zu nennen. Selbst der Durst nach Ruhm, der ihn verzehrte, entsprang aus seinem guten Herzen — es war nur ein Verlangen, Gerechtigkeit zu fördern und seinen Brüdern zu dienen. John Ardworth saß in seinen Büchern vertieft, als sein Schreiber geräuschlos hereintrat und einen Brief, den der Briefträger eben gebracht, auf den Tisch legte. Mit einem ungeduldigen Achselzucken warf er einen Blick auf die Aufschrift, aber seine Züge nahmen den Ausdruck gespannten Interesses an, als er die Hand erkannte. „Abermals!" murmelte er, „was ist dies für ein Geheimniß? Wer kann so oft Theil an meinem Schicksal nehmen?" Er erbrach den Brief und las Folgendes : „Mißachten Sie meinen Rath, oder haben Sie begonnen , ihn zu befolgen? Begnügen Sie sich mit dem langsamen Fortschritt mechanischen Fleißes oder wollen Sie 6 * einen siegreichen Versuch machen, Ihre Lehrzeit abznkürzcn und ans einmal zn Ruhm nnd Macht gelangen? Ich wiederhole Ihnen, daß Sie Ihre Gaben bei dieser Frohnarbeit einer Zeitung zersplittern und vergeuden. Treten Sie selbst hervor, benutzen Sie Ihre Kraft und Ihre Kenntniß zu einem Werk, dessen Verfasser die Welt kennt. Tag für Tag prüfe ich Ihre Bestimmung, und Tag für Tag wird es mir klarer, daß Sie unrecht thun, die Kräfte Ihrer Jugend in dieser langweiligen Plackerei zu verschwenden. Ich will Sie groß sehen, aber im Senat, nicht als erbärmlicher Sophist vor den Schranken. Treten Sie vor das Publikum als Person, nicht als einer der vielen namenlosen Schatten, welche die verachtete, weil gefürchtete Presse bilden. Schreiben Sie des Ruhmes wegen. Mischen Sie sich unter die Mensche» , erwerben Sic sich Freunde. Mildern Sic Ihr rauhes Benehmen. Erheben Sie sich über die Heerde, welche Sie das Volk nennen. Wie, wenn Sie von edler Geburt wären? Ihre Laufbahn die eines Gentleman, nicht die eines Plebejers wäre. Geld soll Ihnen nicht fehlen. Verwenden Sie, was ich Ihnen sende, wie es sich für junge Leute von guter Geburt gebührt, oder benutzen Sie es wenigstens, um sich eine Rast von Ihren Arbeiten für das tägliche Brod zu gönnen, zur Stärkung in Ihrem Enrpor- strcben aus dem Dunkel zum Ruhme. Ihr unbekannter Freund." Eine Banknote von 1l>0 Pf. siel aus dem Couvert, als Ardworth den Brief schweigend auf den Tisch legte. Schon dreimal hatte er Briefe von derselben Hand und 8S fast desselben Inhaltes empfangen. Einen weniger starken Geist hätten diese unbestimmten Anspielungen auf einen Hähern Stand, auf eine Zukunft, die im Gegensatz stand zu seinem jetzigen arbeitsvollcn Loose, leicht gefährlich werden können; aber nach einem einzigen Blicke auf seine in jeder Hinsicht einsame Stellung und wahrscheinlichen Erwartungen schüttelte Ardworth's nüchterner Geist die leichte Störung ab, die so nebelhafte Prophezeihungen in ihm hsrvor- gebracht hatten. Die Familie seiner Mutter kannte er allerdings nicht —er wußte nicht einmal ihren Familiennamen. Aber gerade dies sprach für Hoffnungen von dieser Seite nicht günstig. Verwandte von Reichen und Hochgebornen bleiben selten im Dunkeln. Von seines Vaters Familie hatte er gar nichts zu erwarten. Größer» Eindruck hatte auf ihn die Ermahnung gemacht, unter seinem Namen mit einem bedeutenden Originalwerk vor das lesende Publikum zu treten. Er hatte diesen Gedanken schon oft ohne Anregung von außen bei sich überlegt; aber theils hatte ihn die Nothwendigkeit mit den steten Anforderungen des Tages Schritt zn halten, sheils die Ucberzeugnng abgehalten, daß man sich selbst durch die glänzendste Leistung auf dem Gebiet der Literatur in der Advokatur wenig vorwärts bringt. Ihn freute das natürliche Streben des Genies in seiner Ruhelosigkeit; aber das Genie der Geduld (die vornehmere Kraft) hielt ihn zurück. So weit hatten jedoch die Einflüsterungen seines Korrespondenten gewirkt. Aber bis jetzt hatte er sich immer zn überreden gesucht, daß die ihm so seltsam aufgd- zwnngenc» Nathschlägc aus nichtigen Beweggründen be- ruhte», auf einem Scherz eines alten Mitkollegiaten vielleicht, oder höchstens auf dem nichtigen Enthusiasmus eines leichtgläubigere» Bewunderers. Aber die Einlage in dem heutigen Briefe machte jede derartige Vermuthung zu Nichte. Wer von seinen Bekannten könnte sich einen so kostbaren Scherz oder eine so ausschweifende Huldigung erlauben? Er stand rathlos im Dunkeln und damit verband sich eine Art Furcht. In dem prosaischen, unromantischen Manne rief diese geheimnißvolle Einmischung in sein Schicksal, diese Anmaßung des Rechts ihn zu beobachten, zu berathen und zu beschenken, die Unbehaglichkeit hervor, die Geräusch im Dunkeln bei dem Muthigsten erweckt. Heute konnte er nicht mehr arbeiten — er konnte sich nicht mehr über seine Rechtsfälle setzen. Er ging zwei- oder dreimal unruhig in seinem rauchgeschwärzten Zimmer aus und ab, schloß den Brief mit seiner Einlage dann ein, nahm den Hut und ging inS Freie. Aber immer noch beschäftigte ihn der Brief. „Und wenn ich in einem hohem Range geboren wäre," sagte er fast hörbar, „könnte ich ja auch ein Herz haben wie unbeschäftigte Menschen; und Helene — geliebte Helene!"— er schwieg, seufzte und fügte dann, die vernachlässigten Locken seines Hauptes schüttelnd, hinzu: „Als ob ich selbst dann eines Mädchens Gunst gewinnen könnte! Die Achtung der Männer kann ich erzwingen, obgleich ich arm bin, aber — Bah! Bah ! nicht jedes Holz taugt zu einem Merkur; und meiner Treu, aus dem Holze, aus dem ich bin. schnitzt mau nimmermehr einen Liebhaber." Aber trotz solcher Gedanken wendete Ardworth mechanisch seine Schritte nach Brompton und blieb, halb beschämt über seine Schwäche, vor dem Hause stehen, wo Helene bei ihrer Tante wohnte. Es war ein Gebäude, welche« isolirt von den Gartenhäusern und Villen dieser anmuthigen Vorstadt stand, fast am Ende eines schmalen Heckengangs und umschlossen von hohen finstern Mauern, in denen eine kleine Thür den seltenen Besuchern Zutritt gewährte. Eine Dienerin von mittlerem Alter und steifem puritanischem Aussehen öffnete auf sein lautes Klingeln die Thür, und Ardworth schien ein privilegirter Gast zu sehn, denn fie richtete keine Frage an ihn, als sie ihn mit einem leichten Kopfneigen und regungslosem aber sonst hübschem Gesichte ans einem gepflasterten, theils mit Gras bewachsenen Pfade nach dem Hause führte. Das Haus selbst hatte etwas Düsteres und Trübseliges. Es war nicht alt, hatte aber durch Vernachlässigung und Verfall ein altes Aussehen. Die Reben, welche die rostigen Nägel entfesselt hatten, schlangen sich wild an der Mauer hin oder krochen in langen Ranken am Boden. DaS Haus war einmal weiß angestrichen gewesen, aber die Farbe, an vielen Orten verschwunden oder von Feuchtigkeit fleckig geworden, ließ hier und da die mißfarbigen bestoßenen Ziegel darunter erkennen. Die Fenster waren zwar ganz und das Dach ließ wohl den Regen nicht durch, aber die Fenstergestelle waren halbvermodert und HauSlauch wucherte aus den Ziegeln des Daches. Das ganze Haus hatte jenes unheimliche Aussehen, welches in dem Besucher einen unerklärlichen Schauer des Unbehagens 88 Hervorrust. Auch Ardworth vergaß seinen gewöhnlichen sorglosen Gang und schlich fast schüchtern die knarrende Treppe hinauf. Als er in daS Besuchzinnner trat, schien auf den ersten Blick Niemand darinnen zu sehn; aber bald regte sich etwa» in der Vertiefung eines großen Lehnstuhls neben dem von keinem Feuer erhellten Kamin. Und aus einer Masse von Decken erhob sich ein bleiches Gesicht, und eine magere Hand winkte dem Besuch ein Willkommen zu. Ardworth trat näher, drückte die Hand und schob einen Stuhl neben die Kranke. „Sie befinden sich hoffentlich besser," sagte er herzlich, aber mit achtungsvollerem Tone als gewöhnlich in seiner Stimme lag. „Ich bin immer dieselbe," war die gelassene Antwort; „rücken Sie näher. Ihr Besuch erheitert mich." Als Madame Dalibard diese letzten Worte sagte, erhob sie sich ein wenig und musterte lange Ardworths energisches Gesicht und gedankenvolle Stirn. „Sie überarbeiten sich, mein armer Vetter," sagte sie mit einer gewissen Zärtlichkeit : „Sie sehen schon zu alt für Ihre jungen Jahre aus." „Das ist kein Nachtheil in der Advokatur." „Ist die Advokatur Ihnen Mittel oder Zweck?" „Frau Dalibard, es ist meine Bestimmung." „Nein, Ihre Bestimmung ist emporzukommen, John Ardworth!" und die leise Stimme wurde lauter, „Sie sind kühn, fähig und strebsam — deßwegen liebe ich Sie — liebe Sie fast — fast wie eine Mutter. Ihr Schicksal," fuhr sie aufgeregter fort, „interessirt mich, Ihre Energie flößt mir Bewunderung ein; oft sitze ich stundenlang hier und denke über Ihre Zukunft nach, so daß ich zuweilen fast sagen kann: ich lebe in Ihrem Leben/' Ardworth machte ein verlegenes Gesicht und erwiederie zögernd: „Ich müßte eingebildet erscheinen, wenn ich glauben könnte —" „Sagen Sie," unterbrach ihn Frau Dalibard, „wir haben manche Unterhaltung über ernste und verwickelte Gegenstände gehabt; wir haben über die geheimnißvollen Wunder der Menschenseele gestritten; wir haben unsere Erfahrungen über das äußere Leben und das Bewegen und Treiben der menschlichen Gesellschaft ausgetauscht— sagen Sie mir jetzt, aber offen, was denken Sie von mir? Betrachten Sie mich bloS, wie Ihr Geschlecht gern die Frau, die sich dem Mann gleichzustellen strebt, betrachtet, als ein Geschöpf geborgter Phrasen und unsolider Gedanken, zu schwach znm Führer und zu ungeschickt zum Lehrer? Oder erkennen Sie in diesem elenden Körper einen kräftigen Geist, der des Ihrigen nicht unwerth ist, und der von einer reisern Erfahrung, als Ihre ist, geleitet wird?" „Ich halte Sie," antwortete Ardworth freimüthig, „für die merkwürdigste Frau, die ich bis jetzt kennen gelernt habe. Aber zürnen Sie mir nicht, ich gebe nicht gern dem Einflüsse nach, den Sie auf mich ausüben, wenn wir zusammcnkvmmen. — Er stört meine Ueberzeugnngen, beunruhigt meinen Verstand und ich finde mich nicht so leicht in meinem alten Leben znrecht, nachdem Ihr Athen« darüber hinweggegangen ist." 80 „Und doch," sagte Lucretia mit trüber Feierlichkeit, „ist dieser Einstuß nur die natürliche Macht, welche das kältere Alter über die heißblütige Jugend ausübt. Gerade mein trauriger Vorzug vor Ihnen scheucht Sie aus Ihrer glücklichen Ruhe auf. Meine Erfahrung nimmt Ihnen das Vertrauen in die Trugschlüsse, welche Sie Ihre Neberzeu- gnngen nennen. Doch genug davon. Ich wollte Ihr Ur- theil über mich wissen, weil ich Sie mit der ganzen Lebenserfahrung, die ich besitze, unterstützen möchte. In dem Maße, wie Sie mich achten, werden Sie meine Rathschläge annehmen oder verwerfen." „Ich habe bereits von Ihnen Vortheil gezogen. Der Ton, den Sie mir anzunehmen riechen, har mir in den Augen des alten Pedanten, dessen Blatt ich redigire und dessen Prinzipien ich verletze, eine Wichtigkeit gegeben, die ich früher nicht hatte; Ihrer Kritik verdanke ich die praktischere Richtung meiner Aufsätze und den größern Einfluß, den sie auf das Publikum gewonnen haben." „Das sind Kleinigkeiten," sagte Frau Dalibard mit einem leichten Lächeln. „Möge Sie das wenigstens bewegen, mich anzuhören, wenn ich Ihnen zeige, wie Sie Ihren Weg angenehmer und zugleich schneller vollenden können." Ardworth zog die Stirn in Falten und sein Gesicht nahm einen Ausdruck des Zweifels und der Neugier an. Er erwiderte jedoch nur mit einem sreimüthigen Lachen: — „Sie find fürwahr weise, wenn Sie eine Heerstraße zur Berühmtheit entdeckt haben!" „O, wer spricht'« aus, wie schwer der steile Fels, Drauf stolz des Ruhmes Tempel prangt, zu klimmen ist!" „Ein gescheiterer Spruch, als die Dichter gewöhnlich nach ihren sentimentalen Ach! und O'S! folgen lassen," „Was wir sind, ist Nichts," fuhr Frau Dalibard fort; „was wir scheinen, ist Alles." Ardworth schob die Hände in die Taschen und schüttelte den Kopf, Sie aber fuhr fort, ohne sein Nichtbeistiminen zu beachten, „Alles, was Sie schätzen gelernt haben, hat ein Schein- bild, und dieses Scheinbild hält die Welt hoch. Nehmen Sie einen armen zerlumpten Mann von der Straße, was fängt die Welt mit ihm an? Sie schickt ihn in'S Versor- gungshauS oder gar in den Kerker. Lassen Sie von einem großen Maler diesen Mann mit seinen Lumpen und seinem Schmutze malen, und Könige werden um den Besitz dieses Bildes wetteifern. Dem Manne weist man die Thür, das Bild hängt man in Palästen auf. Eben so ist es mit Eigenschaften, die Nachbildung ist mehr Werth als die Wirklichkeit. Was ist die Tugend ohne guten Ruf? Aber ein Mann ohne Tugend kann von seinem guten Rufe leben! WaS ist Genie ohne Erfolg! Aber wie oft beugt man sich vor dem Erfolg ohne Genie! John Ardworth, bemächtigen Sie sich der Nachbildung — erwerben Sie sich den Nus — streben Sie nach dem Erfolge!" „Madame," rief Ardworth barsch aus, „das ist scheußlich!" „Scheußlich mag es seyn," erwiederte Frau Dalibard gelassen und vielleicht gewahrend, daß sie zu weit gegangen 92 war; „aber die Welt denkt so. Verbinden Sie also den Schein mit dem Sein. Sie sind tugendhaft, glaube ich. Gut, hüllen Sie sich in Ihre Tugend— zu Hanse. Gehen Sie in die Welt hinaus und erwerben Sie sich Ruf. Wenn Sie Genialität besitzen, so erquicken Sie sich daran. Mischen Sie sich unter die Menge und streben Sie nach Erfolg." „Halt!" rief Ardworth; „ich erkenne Sie. Wie konnte ich so blind seyn! Sie haben also an mich geschrieben und in demselben Sinne! Sie, eine arme Kranke, haben sich selbst beraubt, um diese kräftigen Hände mit Neberflnß zu überschütten. Und warum? Was bin ich Ihnen?" Ein Ausdruck ächter Zuneigung erhellte Lueretia'S Gesicht, als sie zu ihm ausblickte und antwortete: „Ich will Ihnen später sagen, was Sie mir sind. Zuerst gestehe ich ein, daß ich es bin, deren Briefe Sie verwirrt, vielleicht verletzt haben. Das Geld, das ich Ihnen schickte, kann ich missen. ES steht und wird Ihnen stets mehr zu Diensten stehen, also sorgen Sie nicht. Ja, ich wünsche, daß Sie in der Welt austreten sollen, aber nicht abhängig von den Günstlingen der Welt, sondern gleich mit ihnen. Ich möchte, daß Sie Menschen besser kennen lernen, als cS ans bloßen Büchern möglich ist. Ich möchte Sie genannt hören, ich möchte einen Kreis um Sie versammelt sehen, der von dem jungen Ardworth spricht. — Dieser Nnf würde dann denen zu Ohren kommen, die Sie vorwärts bringen könne». Schon der bloße Besitz von Geld gibt in gewissen Verhältnissen dem Benehmen Sicherheit, dem Ansuchen Einstnß." 93 „Aber," sagte Ardworth, „Alles dies ist ganz schön für einen durch Geburt und Vermögen Begünstigten; aber für mich — doch sprechen Sie sich offen aus, Sie deuten an, ich sey etwas, waS ich nicht wüßte; ein Individuum, das weniger von der Kraft seines Körpers und Geistes leben muß, als der simple John Ardworth. Was meinen Sie damit?" Madame Dalibard hatte das Gesicht ans ihre Brust sinken lassen und wiegte sich in ihrem Stuhl. So schien sie sich einige Minuten zu besinnen, ehe sie antwortete. „Als ich'vor einigen Monaten nach England zurückkehrte, wünschte ich natürlich ausführliche Auskunft über meine Familie und meine Verwandten, die mir durch lange Abwesenheit im Auslande fremd geworden waren. John Walter Ardworth war mit meiner Halbschwester verwandt, von mir war er nur ein Bekannter. Dennoch wußte ich etwas von seinen Verhältnissen, aber nicht, daß er einen Sohn hatte. Kurz vor meiner Ankunft in England hörte ich, daß ein vermeintlicher Sohn von ihm bei Mr. Fielden erzogen worden und Mr. Fielden hat mich seitdem von all den Gründen für den Glauben, durch den Sie den Name» Ardworth tragen, unterrichtet." Lucrctia schwieg einen Augenblick und fuhr dann nach einem Blick auf das ungeduldige, gespannte Gesicht ihres Zuhörers fort. „Ihr angeblicher Vater führte, wie Sie wohl wissen werden, ein leichtsinniges und ausschweifendes Leben. Mein Onkel hatte ihm ein Offizierspatent verschafft und er betrat 94 diese Laufbahn mit der ganzen Sorglosigkeit seiner sanguinischen Natur. Ich erinnere mich jener Tage — jenes Tages ! Doch — wo war ich stehen geblieben? Walter Ard- worth war Thor genug, in der Politik sehr extreme Meinungen zu haben. Er wollte Soldat seyn und überredete sich doch Republikaner zu seyn. Seine in seinem Stande so gehaßten Meinungen wurden ruchbar; er verhehlte nichts; er vernachläßigte diePorträtS der Wirklichkeit — den Schein. Er machte sich seinem kommaudirenden Offizier verhaßt, politische Meinungen säeten damals fast noch mehr als jetzt häufig Zwietracht aus — eine Gelegenheit fand sich; während des kurzen Friedens von Amiens war er nach England zurückberufen worden. Er hatte, ich glaube in Irland, bei einem Auflauf eine Abtheilung Soldaten anzuführen: er feuerte nicht auf den Pöbel, wie ihm befohlen worden — so behauptete man wenigstens; John Walter Ardworth wurde vor ein Kriegsgericht gestellt und kasstrt. Aber Sie wisse» vielleicht das Alles schon!" „Mein armer Vater! Nur zum Theil; ich wußte, daß er auS dem Dienste entlassen worden — ich glaubte ungerechterweise. Er war Soldat und wagte doch selbst zn denken und Mensch zu seyn!" „Aber mein Oheim hatte ihm ein Legat vermacht — eS brachte ihm keinen Segen — wie überhaupt des alten Mannes Gold nirgends. Wo find sie jetzt Alle? Dali- bard, Susanne und ihr blonder Gatte! Wo? Vernon ist todt — nur ein einziger Sohn von vielen noch'am Leben! Gabriel Varney lebt allerdings! — und ich! Aber dies Gold — ja, in unseren Händen lag ein Fluch darauf! Walter Ardworth bekam sein Legat — er war vou leichtfinnigein Charakter; obgleich schmachvoll entlassen, fand er doch Leute, die ihn bedauerten und priesen — Parteimenschen wie er. Er lebte flott hin, trank oder spielte, oder lieh und borgte, er gerieth in Schulden und führte zuletzt ei» elendes, unstetes Leben., ernährte sich wie er konnte und war beständig von den Bailliffs verfolgt. Damals sahen wir uns wieder." Lucretias Stirne wurde finster wie die Nacht, wie sie die letzten Worte mit leiser Stimme sprach. Sie schauerte zusammen und führ erst nach einer Pause wieder fort. „Während er so unstet lebte, erschien Walter Ardworth eines Abends mit einem Kinde bei Mr. Fielden. Er schien, wie Mr. Fielden sagte, krank und erschöpft zu seyn. Er gab keine Aufklärungen weiter über das Kind und ging sogleich schlafen. Was nun folgt, hat Mr. Fielden auf meine Bitte niedergeschrieben. Lesen Sie selbst, welchen Anspruch Sie auf die ehrenvolle Verwandtschaft, mit der man Sie beschenkt hat, haben." Mit diesen Worten schloß Frau Dalibard ein Kästchen auf ihrem Tisch auf, nahm ein Papier von FieldenS Hand heraus und übergab es Ardworth. Nach einigen einleitenden Worten über des Verfassers vertraute Bekanntschaft mit dem älteren Ardworth, und einer Darstellung des von Frau Dalibard eben Erzählten, fuhr die Schrift folgendermaßen fort: „Am nächsten Tage, als mein armer Gastnoch im Bette 96 lag, meldete mir meine Magd Haimal), daß draußen zwei Leute wären, die mich zu sprechen verlangten. Wie gewöhnlich ließ ich sie eintreten. Als sie ins Zimmer kamen (es waren ein paar bäurisch aussehende Leute und ich glaubte, sie wollten meinen kleinen Acker pachten), bat ich sie leise zu sprechen, da gerade über uns ein kranker Herr läge. Kaum hatte ich dies gesagt, so stürzten die beiden'Fremden wieder hinaus und ließen mich in stummem Staunen zurück; kurz darauf vernahm ich oben laute Stimmen und ein Gebalg. Ich kam wieder zur Besinnung und rief, in der Meinung, Räuber sepen in mein friedliches Haus gebrochen, laut um Hülfe; darauf kam Hannah und wir Beide faßten uns ein Herz und gingen hinauf, wo wir den armen Walter in der Gewalt dieser vermeintlichen Räuber, die aber Bailiffs waren, fanden. Sie wollten ihn keine Sekunde aus den Augen lassen. Er war jedoch ruhiger als ich für möglich gehalten hätte; bat mich leise, für das Kind zu sorgen, und versprach mir, Weiteres von sich hören zu lassen. In weniger als einer Stunde war er fort. Zwei Tage später erhielt ich einen in großer Eile geschriebenen Brief ohne Adresse, den ich hier mittheile:" „Lieber Freund, ich bin den Bailiffs entwischt und hier sitze ich in Sicherheit, in einer kleinen Schenke am Meer! Das Vaterland hat mich wie ein Rabenvater behandelt. Ich werde meine Neberfahrt auf einem Schiffe als Matrose nehmen, und wenn ich meine Gesundheit wieder erlangen kann, (die Seeluft ist stärkend!) hoffe ich, immer noch mein Brod auf irgend eine Weise ehrlich zu verdienen. Wenn ich einmal meine Schulden bezahlen kann, komme ich zurück. Aber was werden Sie, mein lieber alter Lehrer, unterdessen von mir denken? Sie, dem ich als einzigen Dank für so viele vergeblich aufgewendete Mühe einen Mund mehr zu füttern gab! Und kein Geld, um die Kost zu bezahlen? Aber Sie werden dem Kinde keinen Platz an Ihrem Tische verweigern? Nein, und auch nicht die gute sparsame MrS. Fielden. —Gott segne die gute, wirthschaftliche Seele! Sie kennen mich gut genug, um überzeugt zu sehn, daß ich Sie entweder bald von dem Kinde befreien oder Ihnen etwas schicken werde, damit es Ihnen nicht zur Last falle. Ich würde sagen, schenken Sie dem Kinde Liebe und Mitleid um meinetwillen. Aber ich gestehe, daß ich — aber bei Gott, ich muß fort — ich höre das erste Signal von dem Schiffe, das — der Ihrige in Eile. I. W. A." Der junge Ardworth unterbrach seine Lektüre und seufzte schwer. Dieser Brief schien ihm Schlimmeres als falschen Humor zu verrathen — eine gewisse Frivolität, die seine eigenen strengen Grundsätze schmerzhaft verletzte. Und der Mangel an Liebe zu dem Kinde war offenbar — kein einzige- Wort von Liebkosung. Er las mit bekümmerter und entmuthigier Aufmerksamkeit weiter. „Dies war Alles, was ich von dem armen Walter drei Jahre hindurch hörte, aber ich wußte, daß sein Herz trotz seiner Thorheiten im Grunde gut war (des Sohnes Auge erhellte sich, und er küßte das Papier), und das Kind war uns keine Last — wir liebten es, nicht nur um ArdworthS willen, sondern auch seiner selbst, und der Barmherzigkeit Bulwer'S Romane. VXIV. 7 SS und Christus willen. ArdworthS zweiter Brief lautete wie folgt „Ln iterum Vrispinu«! — Ich bin noch am Leben und komme vorwärts in der Welt — ja, und ehrlich — ich verschwende nicht mehr leichtsinnig; ich spare für meine Gläubiger, und wenn ich leben bleibe, hoffe ich jeden Pfennig zu bezahlen. Bor allen Dingen meine Schuld an Sie — ich überschicke Ihnen eine Anweisung, nicht unter meinem Namen , aber vollkommen gültig, auf das Haus Drummond auf 250 Pf. St. Nehmen Sie davon, was Ihnen der Knabe gekostet hat. Lassen Sie ihn erziehen, daß er sich selbst sein Brod erwerben kann — ist er gescheidt zum Gelehrten und Juristen — ist er ohne Anlagen zum Gewerbsmann. Wie sich auch meine Verhältnisse wenden mögen, jedenfalls muß er sich selbst erhalten. Ich sollte Ihnen die Geschichte seiner Geburt erzählen, aber eS ist eine Geschichte des Schmerzes und der Schuld, und wenn ich es recht überlege, so fühle ich, daß ich kein Recht habe auf seine Jugend einen Schandfleck zu bringen, an dem er unschuldig ist. Wenn ich je nach England zurückkehren sollte, so sollen Sie Alles erfahren und ich will dann Ihrem Rathe folgen. Ich grüß« Ihre ganze glückliche Familie. Ihr dankbarer Freund und Schüler." „Dieser Brief ließ mich argwöhnen, daß das arme Kind wahrscheinlich außer der Ehe geboren sev und daß ArdworthS Schweigen eine Folge seiner Gewissensbisse sey. Ich hielt eS für das Beste, diesen Argwohn den Sohn nie merken zu lassen. Warum sollte ich ihn durch einen Zweifel betrüben, 99 den sein Vater nicht heben wollte und der vielleicht nur eine Folge meiner unerfahrenen und lieblosen Auslegung einiger vieldeutigen Worte war? Als John 14 Jahr alt war, em- dfing ich abermals von DnimmondS 500 Pf. St., aber ohne eine einzige Zeile von Ardworth und nur mit der Erklärung. daß die Herren Drummond von einem ihrer Korrespondenten inCalcutta beauftragt wären, mir diese Summe zu Deckung der Erziehungskosten des mir von John Walter Ardworth übergebenen Kindes auszuzahlen. Mein junger Pflegling war zwei Jahre auf der Universität, als ich einen Brief folgenden Inhalts erhielt:" „Wie gehts Ihnen? — immer noch wohl — immer noch glücklich? — lassen Sie mich das hoffen! Ich habe Ihnen nicht geschrieben, thenrer alter Freund, aber ich habe Sie nicht vergessen — ich habe mich nach Ihnen bei meinem Korrespondenten erkundigt, und habe von Zeit zu Zeit Berichte von Ihnen gehört, die meine dankbare Zuneigung zufrieden stellten. Ich finde, daß Sie dem Knaben meinen Namen gegeben haben. So mag er ihn behalten — es ist nicht viel damit zu prahlen, nach dem Rufe, den ich ihm gegeben habe; aber merken Sie sich, ich erkenne ihn nicht als meinen Sohn an. Ich wünschte, daß er sich für elternlos halte, ohne andere Unterstützung in seiner Laufbahn, als ihm sein eigener Fleiß und seine Talente gewähren — wenn er Talente hat. Lassen Sie ihn die stärkende Prüfung der Arbeit durchmachen — lassen Sie ihn sein Auskommen suchen und finden. Bis er mündig ist, werden vierteljährlich 150 Pfo. für ihn bei den Herren Drummond 7' 100 auf Ihren Namen bezahlt werden. Wenn er dann, um sich zu etabliren, Geld braucht, so schreibe» Sie mir die Summe unter der Adresse ^ 8. Valoutta, durch Vermittlung der Herren Drummond, dies wird zu mir gelangen und mich geneigt finden, Ihrer Forderung zu genügen. Aber nach dieser Zeit hören alle Zuschüsse auf. Glauben Sie nicht, weil ich dies aus Ostindien schreibe, daß ich in Rupien wühle; Alles was ich zu erreichen hoffe, ist ein mäßiges Auskommen. Dieser Knabe ist nicht der einzige, der Ansprüche hat, es zu theilcn. Daher habe ich, selbst wenn ich wünschte ihm die verschwenderischen Lebensgewohnheiten zu geben, die mich zu Grunde gerichtet haben, nicht einmal die Mittel dazu. Ja! er mag auf eigene Kraft sich stützen. In Ihrem Briefe schreiben'Sie mir ja ausführlich von Ihrer Familie, Ihren Söhnen; schreiben Sie wie an einen Mann, der Sie vielleicht in der Welt vorwärts bringen kann der sich zu glücklich schätzen wird, einigermaßen das Viele, was er Ihnen schuldet, zu entgelten. Sie würden billigend lächeln, wenn Sie mich jetzt sähen — ein solider, betriebsamer Mann, aber immer noch der Ihrige. k. 8. Lassen Sie den Knaben nicht an mich schreiben, und geben Sie ihm auch nicht diese Spur meiner Adresse." „Bei Empfang dieses Briefes schrieb ich ausführlich an Ardworlh über die schönen Anlagen und die vortreffliche Aufführung seines armen, vernachläßigten Sohnes. Ich schrieb ihm, daß er in der That ein Sohn sep, auf den jeder Bater stolz seyn könne, und machte ihm Vorwürfe über den tadelnswertsten Ton, in dem er von ihm sprach. Jemandes 101 Sohn bleibt sein Sohn, wie großes Unrecht auch der Vater der Mutter gethan haben mag. Auf diesen Brief erhielt ich keine Antwort. Als John mündig geworden, und durch eine Collegiatur der Noth entrückt war, sprach ich mit ihm über seine Zukunft. Ich sagte ihm, daß sein Vater, obgleich er im Auslande, und aus gewissen Gründen in Verborgenheit lebte, doch bis jetzt reichlich für seinen Unterhalt gesorgt habe, und willens sey, zu geben, was er zur Begründung seiner Laufbahn, oder zum Ankauf eines Offizierpatents brauche; daß er aber sein Vater lieber sehen möchte, wenn er Liebe zur Unabhängigkeit zeigte, und sich fortan selbst erhielte. Ich kannte den Knaben, zu dem ich so sprach. — John dachte wie ich; ich verlangte von dem ältern Ardworth nichts weiter; die Zuschüsse hörten auf; John hat seitdem auf eigene Faust gelebt. Ich habe von seinem Vater nichts weiter vernommen, obgleich ich oft unter der mir angegebenen Adresse geschrieben habe. Ich fürchte fast, daß er todt ist. Ich ging einmal nach London, und suchte einen der Chefs des Hauses Drummond auf — ein sehr höflicher Herr, der mir aber nur sagen konnte, daß er nach den Instruktionen eines Correspondenten in Cal- cutta, eines gewissen Macfarren, handle, Warans ich an Mir. Macfarren schrieb, und ihn — sehr dringend meiner Meinung nach — um Nachrichten über den ältern Ardworth ersuchte. Er antwortete mir ziemlich kurz, daß er eine Person dieses Namens gar nicht kenne, und daß ^1. L. ein französischer Kaufmann in Calcutta gewesen, der vor länger als zwei Jahren gestorben sey. Ich gab jetzt alle Hoffnungen lor auf, mehr zu erfahren, und war mehr als je überzeugt, daß ich recht gethan hatte, indem ich John meinen Briefwechsel mit seinem Bater verheimlicht hatte. Der Knabe hatte natürlich geforscht, aber als ich ihm sagte, daß ich es für meine Pflicht gegen seinen Vater halte, zu schweigen, drang er nicht weiter in mich. Ich habe nur noch hinzuzufügen, erstens, daß es nach allen Nachforschungen, die ich bei den noch lebenden Verwandten von Walter Ardworth machte, deren fester Glaube zu sehn schien, daß er nie verheirathet gewesen, und daraus fürchte ich , müssen wir schließen, daß «r keine ehelichen Kinder hatte, was die Vernachläßigung seines SohneS erklärt, aber nicht entschuldigt; und zweitens hinfichtlich der für John empfangenen Summen, daß ich sie sämmtlich — Kapital und Interessen, in seinem Namen bei den Herren Drummond in den DreiprocentS angelegt habe, bloß nach Abzug seines ersten Jahres in Cambridge, welches ich, ohne meine eigenen Kinder zu benach- thciligen, nicht bezahlen konnte. Daß ich ihm davon nichts gesagt habe, geschah auf den Rath meiner lieben Frau, denn sie sagte sehr verständig, und sie war in Geldsachen eine kluge Frau ! „Wenn er weiß, daß ihm eine so große Summe zu Gebote steht, so wird er vielleicht faul und liederlich, und bringt Alles auf einmal durch, wie sein Vater vor ihm; während ihm, wenn er einmal heirathen will, oder sonst das Geld braucht, eine schöne Hilfe damit gewährt wird." „Da Sie, verehrte Frau, jedoch die Welt besser als ich kennen, so mögen Sie eS jetzt halten, wie Sie für gut befinden und John sowohl alle hierin enthaltene Aufklärung über seinen Vater geben, als ihn auch von der großen Summe, deren Besitzer er ist, unterrichten. Mathcw Fieldcn." 8. Zur Rechtfertigung John Ardworth'S und um zu zeigen, daß er, welche Grille er sich immer in Bezug auf sein eigenes Kind in den Kopf gesetzt hatte, doch gutherzig genug war, um an meine Kinder zu denken, obgleich ich in meinen Briefen nichts von ihnen gesagt hatte, muß ich noch erwähnen, daß meinem ältesten Sohn eine vortreffliche Stelle in einem Handlungshause in Westindien an- geboten wurde, wo er jetzt Buchhalter ist, und mein zweiter Sohn von einem Herrn, der ihm ganz unbekannt war, eine Pfründe von 117 Pfund,jährlich erhielt. Obgleich ich diese Wohlthaten Ardworth nie beweisen konnte, wem sollte ich sie sonst verdanken?" Ardworth legte daS Papier aus der Hand, ohne ein Wort zu sprechen, und Lucretia, die ihn während des Lesens beobachtet hatte, erstaunte über die Selbstbeherrschung, welche er zeigte, als er mit der Schrift zu Ende war. Sie legte jetzt ihre Hand auf die seinige und sprach: „Muth ! — Sie haben nichts verloren!" „Nichts!" sagte Ardworth mit einem bittern Lächeln. „Eines Vaters Namen und eines Vaters Liebe — nichts!" „Aber," rief Lucretia aus, „ist dieser Mann Ihr Vater? Spricht Vaterliebe aus einem einzigen dieser harten Worte? Nein, nein; mir scheint es möglich, ja, fast gewiß zu seyn, daß" — sie hielt inne und setzte weniger aufgeregt hinzu: — „daß Sie mir nahe verwandt sind. Ich bin jetzt in Eng- 104 land, in London, um diese Spur zu verfolgen. Verwirklicht sich meine Hoffnung, so — so —" Frau Dalibard hielt plötzlich inne, und selbst in dem frohlockenden Ausdruck ihres Gesichts lag etwas Schreckliches. Sie holte tief Athem und. sagte mit offenbarer Anstrengung, ihre Aufregung zu bemeistcrn: „Wenn dem so ist, so habe ich ein Recht, mich für Sie zu interessiren. Erlauben Sie mir, Ihnen den Grund meiner Vermuthung noch zu verschweigen und — und — lieben Sie mich ein wenig bis dahin!" Ihre Stimme zitterte wie von unterdrückten Thränen bei diesen letzten Worten, und in dem Tone, mit dem dieselbe sprach, und der Bewegung der gefalteten Hände, die sie ihm entgegenhielt, sprach sich fast krampfhafte Erschütterung aus. Sehr gerührt über das Benehmen und die Stimme der Sprechenden, beugte sich Ardworth nieder und küßte ihre Hände. Dann stand er rasch auf, ging im Zimmer auf und ab, sprach halblaut mit sich selbst, trat an ein Fenster und öffnete es, wie um frische Luft zu schöpfen, und athmete schwer auf. Als er sich jddoch wiederumdrehte, besaß er seine ganze Fassung wieder, und indem er rasch die Arme über die Brust verschränkte, sagte er laut, aber mehr zu sich selbst, als zu der Dame: „Was thut'S am Ende, welche Namen die Leute unfern Vätern geben? Wir sind selbst unseres Schicksals Schmied! Bastard oder adelig, mir ist eS gleich. Gebt mir Ahnen, ich werde mich ihrer würdig machen; streicht mir selbst den Na- men eines Vaters aus, und meine Söhne sollen einen Ahn in mir haben!" Wie er so sprach lag eine rauhe Größe in den harten Zügen seines Gesichts und der kräftigen Ruhe seiner hohen Gestalt. Und während er so dastand, ging die Thür auf und Varney trat herein. Diese beiden Leute hatten sich dann und wann bei Frau Dalibard getroffen, sich aber einander nicht genähert. Var- ney war kalt und förmlich gegen Ardworth, und Ardworth fühlte eine Abneigung gegen Varney. Mit dem Instinkt gesunder, tüchtiger und solider Naturen entdeckte er augenblicklich, daß etwas Theatralisches, Falsches und Hohles in Gabriel Narnen'S Rede und Benehmen — selbst in seinem Gange und dem Schnitt seiner Kleider — lag, das ihm aus dem Grund seiner Seele zuwider war. Und Ardworth ermangelte wieder des knabenhaften und schönen Enthusiasmus von Percival'S Natur, die leicht einnahm und eingenommen ward, und von Bewunderung für alle Talente und alle Vortrefftichkeit glühte. Um Kunst, wenn sie nicht von der höchsten Art war, kümmerte sich Ardworth nicht im mindesten; ihm war es gleichgültig, daß Varney malte und komponirte, mit gewandten Phrasen über Literatur zu glänzen wußte, oder mit unbefriedigender Metaphysik paradirte. Er sah nur den Charlatan und hatte noch nicht aus Erfahrung gelernt, wie stark und gefährlich die Boa ist, die ihre Farben in der Sonne glänzen läßt und sich mit dem sinnlichen Muthwillen ihres Charakters von Zweig zu Zweig windet. Varney blieb in der Mitte des Zimmers liehen, wie sein Auge zuerst ans Ardworth fiel, und sah dann Frau Da- libard an. Aber Ardworth in seinen Träumen und seinen Entschlüssen von dem Klang einer Stimme gestört, die ihm stets widerwärtig war, und vorzüglich in seiner jetzigen Stimmung, crwiederte kaum Varney's Gruß, knöpfte den Rock zu, nahm den Hut und ging, unterwegs zwei Stühle umwerfend und einen runden Tisch in nicht unbedeutendes Schwanken versetzend, auf MrS. Dalibard zu. Er drückte ihr die Hand, flüsterte ihr zu: „Ich werde Sie bald Wiedersehen!" und verschwand aus dem Zimmer. Sei» Haar mit den reichberingten Fingern glättend, sank Varney in den Stuhl neben Frau Dalibard, wo Ardworth eben gesessen hatte, und sagte: „Wäre ich eine Cly- temnestra, so würde ich einen Orestes in einem solchen Sohne fürchten!" Frau Dalibard warf auf den Sprechenden einen jener mißtrauischen Seitenblicke, die früher Lucretia charakterifirt hatten, und erwiederte: „Clytemnestra war glücklich! Die Furien ahndeten ihr Verbrechen nicht und verfolgten bloß den Rächer!" „Still!" sagte Varney. Die Thür ging auf und Ardworth trat wieder ein. „Ich vergaß ganz, weßwegen ich zum Theil hergekommen war. — Was macht Helene? Ist sie sicher nach Hause zurückgekehrt?" „Sicher — ja!" „DaS lieb« Märchen — es freut mich, dies zu hören! Wo ist sie? Doch nicht wieder bei diesen Mivers! Ich bin kein Aristokrat, aber ich begreife nicht, warum man feine Bildung und Gemeinheit zusammenbringen kann?" „Mr. Ardworth," sagte Frau Dalibard mit stolzer Kälte, „meine Nichte ist unter meiner Obhut, und Sie werden mir erlauben, selbst zu beurtheilen, inwiefern ich meinen Pflichten Nachkomme. Mr. Mivers ist mit ihr verwandt näher sogar als Sie." Ganz und gar nicht beschämt von dieser Zurechtweisung, sagte Ardworth gleichgiltig: „Nun, ich werde mit Ihnen darüber weiter sprechen. Unterdessen bitte ich Sie, fie von mir freundschaftlich zu grüßen — Helenen meine ich." Frau Dalibard erhob fich halb in ihrem Stuhle, sank aber wieder zurück, indem sie Ardworth heranwinkte. Var- ney stand auf und trat an'S Fenster, als ob er fühle, daß etwas gesagt werden sollte, was nicht für sein Ohr bestimmt war. Als Ardworth dicht vor ihr stand, erfaßte Frau Dalibard seine Hand mit einer Kraft, die ihn in Verwunderung setzte, und flüsterte ihm zu, indem sie ihn dicht an fich zog: „Ich will Ihren Gruß auSrichten, wenn Sie Helenen mit den Augen eines Vetters oder, wenn Sie wollen, eines Bruders betrachten. Fühlen Sie eine wärmere Liebe für fie? Antworten Sie, Sir!" und schnell zurückweichend sah sie ihm mit strenger und drohender Miene und sestgeschloffe- nen Lippen starr in'S Gesicht. Obgleich ein wenig erschrocken und halb ärgerlich, antwortete Ardworth doch mit dem leisen, ironischen Lächeln, 108 das man manchmal von ihm hörte: „Ha, Frauen sind geneigt, uns Männer für größere Narren zu halten, als wir find. Ein prozeßloser Advokat ist nicht sehr entzündlich. Ja, ich liebe sie wie ein Vetter — das ist genug. Arme Helene! es ist Zeit genug da, ihr andere Begriffe in den Kopf zu setzen; und dann — wird sie einen Schatz haben, heiter und schön wie sie selbst!" „Ja," sagte Frau Dalibard mit einem kaum merklichen Lächeln, „ich bin zufriedengestellt. Kommen Sie bald." Ardworth nickte und eilte die Treppe hinab. Wie er die Thür erreichte, erblickte er in der Ferne Helenen, die sich über ein Blumenbeet in dem vernachläßigten Garten bückte. Unentschlossen blieb er stehen. „Nein," sagte er halblaut zu sich selbst; „nein, ich bin bloS für mich selbst geeignete Gesellschaft! Ein langer Spaziergang in'S Freie und dann — fort mit diesen Nebeln um Vergangenheit und Zukunft; die Gegenwart ist wenigstens mein!" ---WS-Kir- Druck der I. B. Metzlrr'schen Bnchdruckerei kn Gtuttgart,