§. L. Bulwer's Werke Aus dem Englischen. Fünftes Vändchcn. Eugen Aram. Fünftes Bändchen. Stuttgart, Verlag der I. B. Metzler'scheu Buchhandlung. 1856 . Eugen Ara m. Ein Roman von dem Verfasser des Pelham, Dcvercur re. AuS dem Englischen von Friedrich Notier. In sechs Bändchen. Flinstes Bändchen. Zweite Auslage. Stuttgart, Verlag der I. B. Mehlcr'schen Buchhandlung. 1836 . Di« Themse bei Nacht. — Ein Gedanke. — Der Gelehrte sucht den Räuber wieder auf. — Ein menschliches Gefühl selbst in rer vcrdrrbensten Seele. Klein. Unsre letzte Zusammenkunft! Stal Sev's des Himmels Wille! K l e in a u t h c S. Nachdem sich Aram von dem Lord verabschiedet, wandte er sich mit leichterem und rascherem Schritt nach einem minder glänzenden Theil der Hauptstadt. Nach seiner Ankunft in London hatte er gefunden, daß er, um Hausman das zugesagte Jahrgeld zu sichern, selbst auf die kleine Summe verzichten müsse, ans deren Beibehaltung von ihm gerechnet worden war. Daher sein Besuch und seine Bitte bei Lord " * Jetzt nahm er seinen Weg nach dem Ort, den ihm Hausman zur Zusammenkunft bestimmt hatte. Dem eklern Leser mögen diese an sich so unbedeutenden Einzelheiten einer Geldangelegenheit einige Ungeduld erregen und nicht ganz würdig erscheinen; allein wir schreiben einen Nomau aus dem wirklichen Leben, und unser Publikum muß daher neben dem mehr Dichterischen auch das Alltägliche hinnehmen, — die Enge der gewöhnlichen Welt neben ihren erhabe- s nern Schmerzen und größern Freveln. Wer kennt sonst die ganze furchtbare Wahrheit eines moralischen Gemäldes, das uns eine ursprünglich hohe Natur, eine Seele, die einst nur der Durst nach Wahrheit beseelte, durch eine Reihe Zwischenereigniffe zu den Kunstgriffen und Lügen eines gemeinen Heuchlers herabgewürdigt zeigt? Es war jetzt ganz Nacht geworden, und die Dunkelheit ward nur durch die düstern Lampen, die eine lange Perspective in den Straßen zogen, und durch ein Paar dämmernde Sterne erhellt, welche aus dem Schleier des RauchnebclS über der großen Stadt hervorbrachen. Aram hatte nunmehr eine der Themse-Brücken erreicht, und, nie unempfindlich für malerische Reize, stand er dort einen Augenblick still, und sah dem dunkeln Strom entlang, der unter ihm brauste. O Gott! wie vjele wilde, stürmische Herzen sind an diesem Ort ebenfalls zur Ruhe gekommen, in einem furchtbaren Moment des Gedankens, — der Berechnung — des Entschlusses —im-letzten Moment ihres Lebens! Schauet Nachts dem Lauf des prächtigen Stroms zu, wie hoheitvoll er das Getreide Derer, die an seinen Ufern wohnen, zu verspotten scheint; — unverändert — unveränderlich; — Alles um ihn her schneller Tod, oder unruhiges Lebein er aber lächelt zu den bleichen Sternen auf, und rollt dahin unter tiefen Melodien. Neben ihm der Senat, stolz ans seine feierlichen Wortkünstler, und dort die Abtei voll Leichensteine, wo eine Handvoll der heißesten Kämpfer als höchste Ehre — Vergessenheit und ein Grab finden mögen! r Nichts ruft einer Großstadt die Lehre,des Erdenlebens gewaltiger zu, als der Fluß, der ihre Mauern badet. In dem Anblick, der den Gelehrten noch sesthielt, lag etwas, was seiner unerforschlichen, geheimnißvollen Brust ähnliche Betrachtungen, wie die eben ausgesprochenen ein- stöste. Eine wie von höherem Willen eingegebene Niedergeschlagenheit beschlich ihn: eine warnende Stimme tönte an sein Ohr; erwacht war in ihm der furchtbare Genius, und gerad im Augenblick, wo sein Sieg vollständig, seine Sicherheit verbürgt zu seyn schien, empfand er dieselbe nur als Des Stromes Glätte eh' er »iederstürzt. Der Nebel dunkelte und trübte die wenigen Lichter, die an beiden Seiten bin zerstreut waren. Eine tiefe, düstere Ruhe lag brütend umher — Die Häuser selber scheinen leis zu schlafen lind still lag jetzt des Reiches mächtig Herz Aus seinem kurzen, finstern Traum auffahrend, setzte Aram seinen Weg endlich, fort und gelangte, indem er einige der schmäleren Straßen auf dem jenseitigen llfer verfolgte, zuletzt in diejenige, worin er Hausman zu suchen hatte. Es war ein enges dunkles Gäßchen, das in jeder Beziehung das Ansehen einer verdächtigen, in üblem Rufe stehenden Oertlichkeit darbot. Ein paar Bierschcnken vom niedrigsten Rang brachen die dunkle Stille; — aus ihnen allein kam ein Schein von Lichtern, der neben der einzigen, am Eingang in den Winkel brennenden Straßen- 8 - laterne einige Helle verbreitete. Ausbrüche von trunkenem Gelächter und sittenlosem Jubel erschallten jeden Augenblick aus diesen niedrigen Tummelplätzen des Vergnügens. Indem Aram an einem derselben vorüber ging, strömte ein Schwarni der gemeinsten Auswürflinge und Dirnen lärmend aus der Thür, und versperrte ihm plötzlich den Weg. Durch dieses ekelhaste Gedräng, dem Ansehen und Geruch der abstoßendsten Art des Lasters qualmend anhing, mußte der hochgesinnte, ruhige Gelehrte seinen Weg bahnen. Die Dunkelheit, der eilige Schritt, das gebeugte Haupt erleichterte ihm das Entkommen von diesem heillosen Gesindel, und er stand jetzt vor der Thür eines kleinen schmalen Häuschens. Ein gewaltiger Klopfer zierte die Pforte, die von ungewöhnlicher Stärke zu sehn schien, und dick mit großen Nägeln beschlagen war. Zweimal klopfte er, bevor er eine Antwort auf sein Anzeichen erhielt; nunmehr aber rief eine Stimme von Innen: „Wer ist da? waS wollt Ihr?" „Ich suche Einen Namens Hausman." Keine Antwort — es verstrichen mehrere Sekunden. Auf's Nelle klopfte der Gelehrte, und gleich darauf vernahm er die Stimme HausmanS selbst, der ausrief: „Wer ist da? — Seph, der Eisenfresser?" „.Richard Hausman, ich bin es," erwiedertc Aram mit gedämpstem Ton, indem er eine natürliche Anwandlung von Abscheu und Grauen unterdrückte. Hausman stieß einen schnellen Schrei aus, und sogleich wurde das Thor aufgeriegelt. Inwendig war Alles 9 ganz finster, undAram fühlte mit einer schaudernden Empfindung, wie die Hand des ihm auf so seltsame Weise verbundenen Gefährten die seinige umschlang. „Ha! bist Dn's! — Komm herein, komm herein! — Ich will Dich führen. Nimm Dich in Acht — halt Dich an die Wand rechts — jetzt steh still. Sv — so" — (die Thür eines Zimmers öffnend, worin ein einziges Licht, beinah aufdie Dille herabgebrannt, die bisher durch nichts unterbrochene Finsterniß erhellte). „Da find wir! Da find wir! Nun wie geht's?" Damit suchte Hansman geschäftig, und mit einer Art wohlwollender Gastfreundlichkeit die Ehre des Hauses zu machen. Er zog zwei rauhe hölzerne Stühle, die bei einer kurz vorher stattgcfuudeuen Belustigung nmgewvrfen worden zu seyn schienen und mitten aus dem ungewaschenen, keppichlosen Boden in einer Position lagen, welche derjenigen, wozu fie ihr Verfertiger bestimmt hatte, geradezu entgegenwar; — er zog diese Stühle an einen mit Trinkhörnern, Halb geleerten Flaschen und einem Pack Charten durch einander belegten Tisch. Zotenhafte Zerrbilder von der großen derben Art, die damals in Schwung war, schmückten die Wände, und auf einem andern Tisch lagen nachlä ßig hingcworfen ein Paar gewaltiger Neiterpistolen, ein ungeheurer Klapphut, ein falscher Schnurrbart, ein Schminktopf und eine Reitgerte. All Das überschaute der Gelehrte schnell — seine Lippe bebte einen Augenblick — aus Scham oder Ekel an sich selbst — dann warf er sich aufden Stuhl, den Hansman für ihn hingxsetzt, und sagte: 10 „Ich bin gekommen, um meinen Antheil an der Uebereinkunft zu erfüllen/' „Du bist sehr willkommen," erwiederte Hausman im Ton jener rauhen, aber doch leichtfertigen Scherzhaftigkeit, welche noch stärker, als die unverstecktere Brutalität seines früheren Wesens, gegen AramS Ansehen und Benehmen abstach, „Hier," sagte Aram, indem er ihm ein Papier gab, „hier wirst Du finden, daß Dir die erwähnte Summe in der Minute Deines Austritts aus England zugcfichert ist. Wann wird Das geschehen? laß mich um Eile bitten." „Deiner Bitte soll willfahrt werden. Ehe der morgende Tag anbricht, bin ich unterwegs," Arams Gesicht leuchtete. „Da ist meine Hand darauf," sagte Hausman ernsthaft. „Du kannst jetzt versichert sehn, daß Du Dein Leben lang frei von mir bleiben wirst. Geh heim — hetrathe — freue Dich Deines Daseyns, wie ich gethan habe. In vier Tagen, wenn der Wind gut ist, bin ich in Frankreich." „Mein Geschäft ist zu Ende, ich will Dir glauben," sprach Aram mit Offenheit, und stand auf. „Du darfst es," antwortete Hausman. „Halt — ich will Dir zum Thor leuchten. Tod und Teufel, wie die verdammte Kerze flackert." Nach diesem kurzen Gespräch führte Hausman den Gelehrten mit dem in schnellem Wechsel bald aufleuchtenden, bald fast verlöschenden Licht durch den dunkeln Gang zurück. Als sich Aram von der Pforte abwandte, breitete ri er die Arme heftig aus und rief mit der Stimme Eines, von dessen Herzen eine Last gewälzt ist: „jetzt, jetzt zu Madelinen. Endlich athme ich frei." Hausman kehrte derweil bedächtlich zurück und trat murmelnd in sein Zimmer: „Ja, ja, auch mein Geschäft ist hier zu Ende! Geld und Sicherheit in der Fremde. — Was dieses Gewissen doch für 'ne Kinder Scheuche ist! — vierzehn Jahre sind vorüber — und sieh! nichts entdeckt, nichts bekannt! Und nun wartet meiner ein bequemes Auskommen für den Rest meiner Tage — eben als Folge der That: — auch mein Kind — mein Hannchen — soll nicht Mangel leiden — soll keine Bettlerin oder Hure werden." In solchen Gedanken warf sich Hausman behaglich auf den Stuhl, und der letzte Flackerschein der erlöschenden Kerze auf seinen gefurchten Züge» umspielte jenes wohlbehagliche Lächeln, womit sanguinische Menschen einer befriedigenden Zukunft entgegen blicken. Noch war er nicht lang allein gewesen, als sich die Thüre öffnete und ein Weib mit einein Licht in der Hand hereintrat. Sie war augenscheinlich betrunken, und näherte sich Hausman mit wankem, unsicheren, Schritt. „Was gibt's, Liscl? Einen Rausch, wie gewöhnlich: mach Dich ins Bett, Du Heusisch, fort!" „Still, Kerl, still, sprich nicht so zu Leuten, die besser sind als Du," sagte das Weib, und sank auf einen Stuhl. So Ekel erregend diese Lage war, konnte sie doch 12 die seltene, wenn auch etwas gemeine, Schönheit des Gesichts und der Gestalt der Berauschten nicht verbergen. Selbst HauSman, dem das Herz durch die lachende Aussicht, der er sich in seinem Selbstgespräch hingegeben hatte, aufgegangen war, blieb nicht unempfindlich gegen den körperlichen Reiz, und sagte, indem er den Stuhl näher heranrückte, in einem weniger barschen Tvn als gewöhnlich: „Geh, Lisel, geh, Du mußt Dich von dieser verdammten Gewohnheit kuriren; vielleicht, daß ich am End noch' gar eine Dame aus Dir mache. Wie, wenn ich Dich einen Abstecher mit mir nach Frankreich thun ließ, alte Dirne? und ließ Dich Dein hübsches Gesicht — denn teufelmäßig hübsch bist D», so wahr ich lebe — in so eine französische Flttterwaare stecken, wie ihr WetbSvolk es gern habt? Wie, wenn ich Das thät? Wolltest Du ein gutes Mädel seyn?" „Ich glaub wohl, Richard, ich glaub wohl," erwie- derte das Weib, indem sie, halb von der Schmeichelei, halb von dem Vorschlag gekitzelt, eine Reihe Zähne, so weiß wie Elfenbein, sehen ließ. „Du bist ein guter Kerl, Richard, Das bist Du!" „Pah!" sagte Hausman, dessen hartes, schlaues Gemüth nicht leicht durch eine Liebkosung zu fangen war, „aber was für ein Papier hast Du da im Busen, Lisel? Wette, einen Liebesbrief?" „Ach etwas an Dich; kam diesen Morgen an, und 13 ich Hab im Durcheinander bis jetzt vergessen, eS Dir zu geben!" „Ha! 'n Brief an mich?" fragte Hausinan, indem er das Papier faßte. „Hm! Das Postzeichen von KnareS- borough — und gar das Gekritzel meiner Schwiegermutter! Was mag der alte Drache wollen?" Er erbrach den Brief, überlief hastig den Inhalt, und fuhr zusammen: „Barmherzigkeit, Barmherzigkeit," schrie er, „mein Kind ist krank, es stirbt. Ich werd's nicht mehr sehen— das Einzige in der Welt, was mich liebt, das mich nicht als einen Schurken znrückstößt!" „Nun, nun, Richard," sagte das Weib, und klammerte sich an ihn, „nimm Das nicht so schwer. Wer hat Dich so lieb, wie ich? — Was ists um so einen kleinen Balg!" „Fluch über Dich, Du Here!" rief HauSman aus, indem er sie in rohem Zorn zu Boden schleuderte, „Du mich lieben! Pah! mein Kind — mein kleines Hannchen — mein hübsches Hannchen — mein munteres Hannchen — mein unschuldiges Hannchen — gleich will ich zu ihr— gleich—was Geld? was Auskommen — wenn — wenn—" Und der Vater, bei aller Verworfenheit von diesem letzten rettenden Gefühl seiner zügellosen Natur ins Innerste getroffen, schlug mit geballter Faust an die Brust, und stürzte aus dem Zimmer — anS dem Haus. 14 Siebentes Kapitel. Madelinr und ihre Hoffnungen. — Bild eines milden Herb- stcS. — Eine Landschaft. — Eine Wiederkehr. 'S ist spät und kalt — das Feuer frisch! Heran! und näher mit dem Tisch! Sev fröhlich, trink vom alten Wein, DaS wird vorm Frost dir Stärkung scy»! Willkomm, willkommen gch'S herum! Beaumont und Fletchcr. Wie wenn der große Dichter Auf seiner Flucht von des SkochtnS Pfuhle, ^ Wo Finsternisi ihn lang in Banden hielt, Durch Dunkel und durch Dämmerung getragen Vom Chaos sang und von der ew'gen Nacht — wie wenn beim Wiederanblick des heiligen Lichts „des erstgebornen Kinds des Himmels," das Gefühl der Frisch- heit und Helle über ihn hereinbricht und aufflammt ins feierliche Entzücken eines beschwörenden Gesanges: so erhebt sich das Gemüth, wenn es die Nebel und Sünden des Lebens, „das Dunkel und die Dämmerung" betrachtet hat, zu einer reinen, lichten Versöhnung unserer Natur — zu einem Wesen „vor des Himmels Thor," „vom milden Reich der stillen, heitern Luft." — Nie gab es eine schönere, sanftere Natur als Madeline Lester, nie eine lö Natur, die mehr geneigt war, zu lebe», „huch überm Qualm und Lärm des trüben Flecks, den Menschen Erde nennen," —- zu verkehren mit den hohen, keuschen Schöpfungen ihrer eigenen Gedanken — eine Welt ans Empfindungen zu machen, welche dieser niedern Welt unbekannt — ein Paradies, worein Sünde, Argwohn, Furcht noch nicht gedrungen find, — wo Gott kein Nebel wahrnehmen, die Engel keine Veränderung vorempfinden würden. . - Arams Rückkehr wurde jetzt täglich, ja stündlich erwartet. Nichts störte die sanfte, wenn auch gedankenvolle Heiterkeit, womit seine Verlobte der Zukunft entgegen sah. Tiefer noch als selbst seine mündlichen Bekenntnisse trugen feine schriftlichen Mittheilungen das Jengniß der Liebe in sich. Diese Briefe hatten nicht sowohl eine stürmische Freude, als ein volles, mildes Licht der Seligkeit über ihr Herz verbreitet. Alles, selbst die Natur, schien ihren Hoffnungen freundlich zuznlächeln. Seit Menscheugcden- ken hatte der Herbst kein so liebliches Gewand getragen. Die würzige, erfrischende Wärme, welche diese Jahreszeit bisweilen auszeichnet, war immer noch nicht durch jene fröstelnden Winde oder trüben Nebel gebrochen, die uns so traurig von dem Wechsel sprechen, der über die schöne Welt dahcrgeschlichen kommt. Die Sommergäste unter den Vögeln weilten noch in ganzen Schaaren, und zeigten keinen Trieb zur Abreise; ja ihr Gesang, vor Allem der Gesang der Feldlerche — die den alten englischen Dichtern war, was die Nachtigall den morgenländischen — schien 16 sogar munterer zu werden, je mehr die Sonne ihr Tage, Werk abkürzte; — selbst der Maulbeerbaum und das reiche Geäste der Roßkastanie behielten etwas von ihrem Grün zurück, und die tausendfältige Pracht des Waldlandes um Grünthal her schimmerte fort und fort in dem goldenen Farbenspiel, welches das Verscheiden der Natur verkündet und verschönert. Immer »och hatte man keine Nachrichten von Walter, und Dies war der einzige Quell der Be- sorgniß, welcher das häusliche Glück im Schloß einigermaßen trübte. Aber der Squire fuhr fort daran zu erinnern, daß er selbst in seiner Jugend ein nachläßiger Briefsteller gewesen, und die Sorge, die er empfand, sprach sich eher wie eine Aergerlichkeit über Walters Leichtsinn, als wie Befürchtung eines Unfalls aus, der Jenem zugestoßen sehn könnte. Es gab Augenblicke, wo Ellinor still trauerte und sich zergrämte, aber nicht weniger, als selbst den Vetter, liebte sie die Schwester, und die Aussicht auf das Glück Madelinens entzog ihrem Blick gewissermaßen die eigene Zukunft. Eines Abends saßen die Schwestern bei ihrer Arbeit am Fenster des kleinen Sprachzimmers und plauderten über verschiedene Dinge, an welchen die große Welt, so seltsam es scheinen mag, durchaus keinen Theil hatte. Sie spräche» in leisem Ton, denn Lester schien neben dem Kamin, in welchem eben ein Holzfeuer angezündet worden, in einen Nachmittagsschlummer eingenickt zu sehn. Die Sonne neigte sich zum Untergang, und die ganze Landschaft lag in Licht gebadet vor ihnen, bis eine oben 17 her ziehende Wolke den Himmel gerad über ihnen trübte und sofort einer rton jenen schönen Sonnenregen, die eher ein Merkmal des Lenzes als des Herbstes sind, zu fallen begann. Der Schauer war ziemlich stark und strömte mit angenehmem, erfrischendenk Geräusch durch die im vollen Abendlicht stehenden Zweige herab; indessen hielt er nicht lang an; ein herrlicher Regenbogen sprang hervor und die Stimmen der Vögel, die noch eine Minute vorher stumm gewesen waren, brachen in einen allgemeinen Chor, das Abschiedslied des scheidenden Tages aus. Schnell und anmnthig fielen die glänzenden Tropfen von den Bäumen, und über dem ganzen Schauplatz athmete ein unaussprechlicher Ausdruck der Heiterkeit — Des Abends Dust und Wohllaut — „Wie schön!" sagte Ellinor, und ließ von der Arbeit nach. „Ach, steh das Eichhörnchen! ist 's das, welches wir im Haus aufzogen? es kommt ganz nah ans Fenster, das arme Närrchen! Halt, ich will ihm ein wenig Brod holen." „Still!" rief Madeline, Plötzlich erblassend und erhob sich halb vom Stuhl. „Hörst Du nicht Schritte draußen?" „Rur das Träufeln von den Zweigen," erwiederte Ellinor. „Nein, nein — er ist's — er ist's!" rief Madeline, indem das Blut mit Macht in ihre Wangen zurückschoß. „Ich kenne seinen Schritt." llnd so war's! — llm's Haus beugend , bis er dem BulweLS Romane. V. 2 Fenster gegenüber stand, erblickten die Schwestern Eugen Aram. Regendiamanten glänzten in den Locken seines langen Haars; seine Wangen waren von der körperlichen Bewegung, oder wahrscheinlicher durch die Freude der Wiederkehr geröthet; ein Lächeln, hinter dem kein Schatten, keine Trübung lag, spielte über de» Zügen, welche durch die auffallenden Strahlen der untergehenden Sonne noch einen besonder» Schein von Heiterkeit erhielten. „Meine Madeline, meine Geliebte, meine Madeline!" brach es von seinen Lippen. „Du bist zurück — Dank Gott! — Dank Gott! gesund — wohl?" „Und glücklich!" fügte Aram mit tiefer Bedeutung in der Stimme hinzu. „Heda! Heda!" rief der Squire auffahrend, „was gibts? Gott behüt, Engen! — und ganz naß, wie's das Ansehen hat! Lorchen lauf und mach die Thür auf; — mehr Holz ans Feuer ! — die Fasanen zum Nachtessen! — und halt, Mädchen, halt — da ist der Kellerschlüffel — den Einundzwanzig Portowein — Du kennst ihn. Ah! Ah! wills Gott, soll sich Eugen Aram über seinen Willkomm in Grünthal nicht beklagen!'" 1Z Achtes Kapitel. Liebe. Ihre göttliche Natur. — Unterredung zwischen Nram und Madeline. — Der SchicksalSgläubigc vergißt das Schicksal. Die Hoffnung ist für Liebende ein Stab: Nimm den mit auf den Weg, schütz Dich durch ihn Vor der Verzweiflung. Die beiden Veroneser. Gibt es etwas durchaus Liebliches im menschlichen Herzen, so ist es seine Zärtlichkeit! Alles, wodurch die Hoffnung erhaben, die Furcht edel wird, gehört der Fähigkeit zu lieben an. Für meinen eigenen Theil wundere ich mich beim Ueberblick der tausend Glaubensbekenntnisse und Sekten der Menschen nicht, daß so viele Verkünder neuer Religion ihre Gvtteslehre — so viele Förderer des Sittengesetzes ihr System — von der Liebe hergeleitet haben. Auf diesem Weg entstandene Jrrthümer haben etwas in sich, das uns entzückt, selbst während wir über die Lehre lächeln oder das System vernachläßigeu. Welch ein Meisterstück würde die menschliche Natur — welch eine göttliche Führerin die menschliche Vernunft seyn, Ware Liebe wirklich die Grundlage der einen, und der begeisternde Hauch für die andere! Welch eine Welt verborgener Wahrheiten öffnete jener Weise des Alterthums unserer 2 - 20 Forschung, wenn er sagt: Das was das Herz rührt, sey der eigentliche Bestandtheil des Erhabenen. Aristides, der Maler, fertigte ein Gemäld'e, worauf ein Kind an seiner, auf den Tod verwundeten Mutter saugt, während Diese in den letzten Zügen noch bemüht ist, den Säugling von dem Schaden abzuhalten, den er sich zuziehen könnte, falls er das mit der Milch vermischte Blut tränke. *) Wie viele Empfindungen, die uns dauernd weiser und besser gemacht haben könnten, haben wir mit diesem Gemälde verloren. Einen besonders rührenden und tiefen Anstrich gewinnt die Liebe, wenn wir sie in einem abgelegenen, einsamen Winkel der Welt finden; wenn sie nicht mit der Leichtfertigkeit des Tages und den kleinlichen Empfindungen vermischt ist, welche fast nothwendig zu den Bestand- theilen eines in Großstädten hingebrachten Lebens gehören: unwillkürlich müssen wir uns dann vorstellen, sie sey eine tiefere umfassendere Erregung des Gemüths. Vielleicht, daß unsere Vorstellung nicht immer richtig ist. Hätte einer aus jener Reihe der Engel, welchen die Kenntniß der Zukunft, oder der göttliche Blick in die Verborgenheit des Menfchenhcrzens versagt ist, seine Schwingen über dem lieblichen Thal angehalten, das die Hanptscene für unsere Geschichte bildet, so hätte ihm kein Schauspiel geeigneter für diesen anmuthigen Ort, oder in 2k seiner Zärtlichkeit erhabener über bas wilde, knrze Leben der gewöhnlichen Leidenschaft dünken können, als die Liebe zwischen Madeltne und ihrem Verlobten.. So für einander erschaffen schienen ihre Naturen! in so sanften Farben und doch so treu wurde die feierliche, übergewöhnlichc Stimmung des Einen von dem rcinern, aber beinah eben so gedankenvollen Sinn der Andern zurückgespiegeltl.Der Strom ihrer Gefühle floß in demselben Bett, und vereinigte sich in einem gemeinschaftlichen Quell. Was nock- dunkel und unrnhvoll in Arams Brust seyn mochte, wurde zurückgedrängt. Seit seiner Rückkehr war sein Gemüth heiterer und ruhiger, und er schien mehr geeignet, die Zärtlichkeit von Madelinens Liebe nach ihrem ganze» Wesen zu würdigen und zu erwiedern. Es gibt Sterne, die, mitblosem Aug gesehen, ein einziger zu seyn scheinen, in der Wirklichkeit aber zwei getrennte Lichtkörper sind die sich um einander drehen und wechselweis ein in der Sonderung vereintes Daseyn aus einander trinken. Solche Sterne schienen ein Vorbild unseres Paares zu seyn. Hatte irgend etwas zur Vervollständigung von Madelinens Glück noch gemangelt, so half nunmehr der in Arams Benehmen vorgegangene Wechsel dem Mangel gänzlich ab. Das plötzliche Aufschrecken, die unerwarteten Veränderungen in Stimmung und Miene, die ihm früher eigen gewesen, waren jetzt kaum oder gar nicht mehr be- merklich. Mit Vertrauen schien er sich den Aussichten ans die Zukunft htnzugebcn, und die gespenstischen Erinnerungen an die Vergangenheit verschworen zu haben. Er ging und sah und lächelte wie andere Menschen; er war empfänglich für Das, was zunächst um ihn vorging, und nicht länger in Betrachtung eines fremden, von ihm verschiedenen Wesens in seinem Innern verloren. Einige zerstreute Bruchstücke seiner Dichtungen rühren ans dieser Zeit her. Sie sind meistens an Madeline gerichtet. Zwischen den Betheurungen der Liede hindurch macht sich bald ein wildes, überwallendcs, bald ein tiefes und gesammeltes Gefühl seines Glückes bemerkbar. Man trifft mitunter sehr schöne Stellen in diesen Fragmenten, wie sie denn überhaupt ein echteres Gepräge des Herzens tragen,— natürlicher und wahrer find, als die Poesie, welche jener Zeit vorzugsweis angehört. So verstoß Tag um Tag bis zum Vorabend der Hochzeit. Aram hielt es der Klugheit gemäß. Lestern zn sagen, er habe seine Rente verkauft und sep bei dem Grafen um den Jahrgehalt eingekommen. welchen ihm Dieser, wie wir bereits wissen, zugesagt hatte. In Bezug auf seine angebliche Verwandtin ließ er die Krankheit, von welcher er gesprochen, sich allmälig wieder legen. Gab ihm doch die herannahende Festlichkeit eine anmuthige Entschuldigung, das Gespräch von jedem Gegenstand abznlenken, der nicht Madeline oder jene Feier betraf! Es war am Abend vor der Vermählung; Aram und Madeline wandelten dem Thal entlang, das zum Haus des Elfteren führte. „Wie glücklich," sagte Madeline, „daß unser künftiger Wohnort dem Vater so nah ist. Ich kann Dir nicht rs ausdrücken, mit welchem Entzücken er dem freundlichen Kreis entgegensieht, den wir bilden werden. Wirklich, . ich glaube, er hätte kaum in unsere Verbindung gewilligt' wenn diese uns von ihm schiede." Aram stand still und Pflückte eine Blume. „Gewiß, gewiß, Madeline! Gleichwohl, wie mehr als wahrscheinlich ist es im Lauf der mannigfachen Veränderungen des Lebens, daß wir von ihm getrennt werden — daß wir diesen Ort verlassen müssen." „Es ist möglich, ohne Zweifel aber nicht wahrscheinlich; oder sollte es Dies sehn, Eugen?" „Würde es Dich unheilbar betrüben, Geliebteste, wenn es so wäre?" erwiederte Aram ausweichend. „Unheilbar? was könnte mich unheilbar betrüben als ein Unfall, der Dich träfe?" „Sollten also Umstände eintreten, die uns veran- laßten, diesen Theil des Landes gegen einen noch entlegeneren umzutauschen, so könntest Du Dich dem Wechsel mit Freudigkeit unterziehen?" „Ich würde um den Vater — ich würde um Minoren weinen, aber" — „Aber was?" „Ich würde mich mit dem Gedanken trösten, daß Du mir dann noch mehr wärest, als je vorher." „Geliebte, Einzige!" „Aber was sprichst Du so, blos um mich auf die Probe zu stellen? Ach, Das ist unnöthig." „Nein, meine Madeline, ich setze keinen Zweifel in 24 die Wärme Deiner Zärtlichkeit. Als Du einen Mann wähltest wie mich, wußte ich gleich, wie blind, wie hingegeben diese Liebe seyn müsse. Was in der Regel den Zugang zum Herzen eines Weibes bahnt, gewann Dich nicht. Weder Witz, noch Frohsinn, noch Jugend, noch Schönheit fandest Du in mir. Was Dich in mir angc- zogen haben mag, und mächtig genug gewesen seyn muß, über die Abwesenheit dieser gewöhnlichen Reize hinweg sehen zu lassen, wird auch dauernd genug seyn, allen gewöhnlichen Veränderungen zu widerstehen. Aber höre mich, Madeline. Frag mich jetzt nicht um das Warum- aber ich fürchte, ein gewisser Zug des Schicksals wird uns nöthigen, diesen Ort sehr bald nach unserer Hochzeit zu verlassen." „Wie sich da der arme Vater getäuscht haben würde!" sagte Madeline seufzend. „Erwähne unter keiner Bedingung unseres Gesprächs gegen ihn oder gegen Ellinor; „ „das llebel ist hinreichend für den Tag, wo cs trifft."" Madcline wunderte sich, aber sagte nichts weiter; eine Pause von einigen Minuten trat ein. „Erinnerst Du Dich," bemerkte Madeline, „daß es hier herum war, wo wir den seltsamen Mann trafen, der einst zu Deinen Bekannten gehört hatte?" „War cs hier? — war es hier?" „Was ist aus ihm gewnrdeu?" „Er ist außer Lands, hoff' ich," erwiederte Aram ruhig. „Ja, laß mich nachrechnen, bereits kann er in Frankreich seyn. Theuerste, laß uns ein Weilchen ans diesem trocknen Mvoshügel auSrnhen." Damit schlang Nram den Arm nm ihren Leib, und mit leuchtendem Gesicht, als ob irgend ein Gedanke seine Zufriedenheit vermehrt hätte, ergoß er sich aufs Nene in jene Versicherungen der Liebe, in jene Bilder der Zukunft, wie sie am Borabend eines Tages natürlich waren, der so hohes Glück verhieß. Ruhig und glänzend schien der Himmel ihres Schicksals, und Aram ahnete nicht, daß die einzige kleine Wolke der Besorgniß, die an demselben stand, und die nur er allein in weiter Ferne sah, ohne daraus auf einen Sturm zu schließen, gleichwohl den Blitz eines Verhängnisses in sich trug, das er blos hinausgeschöben, nicht— beseitigt hatte. 26 Neuntes Kapitel. Walter und der Korporal auf der Landstraße. — Der Abend wird dunkler. — Die Zigeuner-Zelte. — Begebenheit mit dem Neiier. — Der Korporal aus dem Sattel gehoben. — Ankunft in KnareSborough. Gewandert ist er lange, als er sieht Ein röthlich Flämmchen, das durch Bäume glüht. — Sir Gawaine fragte schneie Wohin der Weg zum stolzen Corduel? Der Ritter vom Schwert. „Na! Bunting, wir sind nicht weit von unserm Nachtquartier," sagte Walter, indem er auf einen Meilenstein neben der Straße zeigte. „'S arme Vieh wird froh sehn, wenn w'r dort sind," crwiederte der Korporal nnd wischte die Stirn. „Welches Vieh, Bunting?" „Uff — jetzt werden Euer Edeln scharf! Freut mick, Sie so guten Humors zu sehen." Walter seufzte tief; keine Freude war in diesem Augenblick in seinem Herzen. „Um Vergebung, Herr," sagte der Korporal nach einigem Stillschweigen, „wenn ich so frei sehn darf: haben Euer Edeln Vermeidung, wie's in Erünthal steht?" L7 „Nein, Bunting, ich Hab seit unserer Abreise mit. meinem Onkel keinen Briefwechsel geführt. Einmal Hab ich ihm geschrieben, vor unserm Aufbruch nach Vvrkshire, aber ich könnt' ihm keinen Ort angeben, wohin er mir die Antwort hätte schicken können. In der That war ich bei meinen Nachforschungen so von Hoffnung erfüllt, so oft begegnete mir ein Fingerzeig auf dieser Spur, die, wie ich jetzt fürchte, abgebrochen ist, daß ich das Schreiben beharrlich vermied, bis ich die sichere Nachricht würde mittheilen können, auf deren Erlangung ich mit Bestimmtheit gerechnet hatte. Sollten wir übrigens in Knares- borough auch zu keinem Erfolg gelangen, so wert» ich gleichwohl von da aus einen ausführlichen Bericht über unsere bisherigen Unternehmungen absenden." „Hoff, werden dabei auch vermerken lassen, daß ich mich zu Euer Edel» Satisfaktiong benommen Hab." „Verlaßt Euch d'rauf." „Dank Ihnen, Herr, dank unterthänig. Möcht'nicht, daß der Squire mich für unerkenntlich hielt'! —-Uff! — und vielleicht könnt' ich noch größere Ursach zur Erkenntlichkeit haben, wenn der Squire, segne ihn Gott! in Anbetracht von Euer Edeln gütigen Verwendung mir das Häusel zinsfrei überließ." „Ein Manu von Welt, Bunting, ein Mann von Welt!" „Bin Euer Edeln sehr oblischirt!" sagte der Korporal, die Hand an den Hut legend, — „Soll mich doch wundern," hob er nach kurzer Panse wieder an, „soll mich 28 wundern, Wie'S 'm armen Nachbar Dahlirup geht. Hatte verwichen Jahr zn leiden; macht' wissen, wie'S mit'in Peter steht — ist 'ne gute Hont." Etwas erstaunt über die plötzliche Nächstenliebe von Seilen des Korporals — denn selten drückte Bunting Theilnahme für irgend Jemand aus — erwiederte Walter: „Wenn ich schreibe, Bunting, will ich nicht vergessen, mich nach Peicr Dahltrnps Befinden zu erkundigen; — gibt Euch Euer mitleidiges Herz noch sonst irgend eine Botschaft an ihn ein?" „Nur nacher Jakobine fragen, dem armen Ding; sie könnte selbst in Ung'legenheit kommen, wenn der kleine Peter marode würd', und sic »egüschirte — uff. Und daß ich hoffte, Peter werd's Häusel bisweilen auslüften.... doch dafür wird wohl der Squire sorgen, segn' ihn Gott und auch für 'n Erdbirnen-Acker." „Darauf könnt Ihr Euch verlassen, Bunting," sagte Walter und versank in stille Träume, aus denen ihn jedoch der Korporal bald wieder ausweckte. „Schätz wohl, Fräulein Madeliue wird jetztunter schon verhcirathet sehn, Euer Edeln? Geb' der Himmel, daß sie mit 'm gelehrten Mann glücklich sep." Walters Herz schlug bei dieser nuvermntheten Bemerkung einen Augenblick schncller, aber es that ihm wohl, zn bemerken, daß die Zeit, wo der Vorstellung von Ma- delinens Vermählung schmerzliche Empfindungen sich bei- gescllten, gänzlich in ihm vorüber war. Indessen führte ihn diese Betrachtung auf eine neue Reihe von Gedanken, 29 und ohne dem Korporal zu antworten, versank er in noch tieferes Sinnen als znvor. Der schlaue Bunttug sah, daß der Augenblick zu einer Erneuerung des Gesprächs nicht günstig sey; er blieb daher mit seinem Pferd wieder zurück, nahm ans seiner Tabaksdose einen Mund voll zum Kaue», und unterhielt sich bald eben so gut als sein Herr. In dieser Weise waren sie ungefähr eine halbe Stunde fortgeritten, und bereits dunkelte der Abend tiefer, als eine, auf einem grünen Rasenplatz sich öffnende Lücke in der Straßenhecke ihnen eine Zigeunerwirthschaft zu Gesicht brachte. Der Anblick erschien so überraschend und malerisch, daß er den jungen Reisenden aus seiner Versunkenheit aufweckte, der sofort, während sein müdes Pferd langsam, den Zügel auf dem Nacken, dahinschritt, mit ernstem Aug auf das wandernde Lager neben seinem Weg hinsah. Der Mond war eben über einem dunkeln Schlagholz im Rücken der Reisenden ausgegangen, und warfein breites, tiefes Dämmerlicht über de» Rasen hin, ohne der lebhaften Wirkung der Feuer Abbruch zu thun, welche im schwärzen: Hintergrund der Trift glühten und Funken warfen, indem die nächtlichen Gestalten der Zigeuner undeutlich um die Flamme herkauertcn. Ein Schauspiel dieser Art gehört wohl zu den frappantesten, die Alt-Englands grüne Haiden darbieten. -— Mich zieht es immer unwiderstehlich an, theils durch seine eigenen Reize, theils durch diejenigen, welche sich in der Vorstellung damit verbinden. Auf einem einsamen Ausflug, de» ich, noch gänzlich Knabe, durch 30 einige Thclle von England und Schottland machte, bekam ich Manches von diesem wilden Volk zu sehen, obwohl vielleicht nicht so viel als der geistreiche Georg Hanger, auf dessen Denkwürdigkeiten der Leser hinsichtlich einiger sehr unterhaltenden Abschnitte aus dem Zigeunerleben verwiesen seyn möge. — Indem Walter das Auge noch stets auf das Lager gerichtet hielt, war er seinerseits dem Blick eines alten Weibes nicht entgangen. Hastig kam sie auf ihn zugerannt und bat nur Erlaubniß, ihm wahrsagen zu dürfen und „ein silbernes Kreuz" in die Hand zu bekommen. Sehr wenige Menschen unter dreißig Jahren schlagen je ein Erbieten solcher Art mit aufrichtigem Herzen ab. Niemand glaubt an diese Verkündigungen, aber Jedermann hört sie gern. So willigte denn auch Walter, nachdem er den Vorschlag zweimal mit halbem Willen zu- rückgewiescn, beim dritten Male ein, hielt sein Pferd an und reichte seine Hand der alten Dame hin. Mittlerweile war ein Bube ans der Bande, der das Weib begleitet hatte, zum Lager zurück nach einem Licht gerannt, und hielt nun hinter der Schulter der Alten einen Kienbrand empor, der sein rothes, unheimliches Licht auf die Gruppe warf. Der Leser darf nicht glauben, daß wir jetzt seine Leichtgläubigkeit zu Hülfe rufen werden, um die Theil- nahme für unsere Geschichte irgendwie zu schärfen. Die Alte war eine gewöhnliche Zigeunerin und sagte Waltern dasselbe Schicksal voraus, das sie Jedermann verkündete, der ihr einen Schilling für die Prophezeiung bezahlte: — 31 eine reiche Erbin mit blauen Augen — sieben Kinder — Ungelegenheiten gegen das drei und vierzigste Jahr hin, die glücklicherweise bald vorüber seyn werden — ein gesundes, hohes Alter und einen leichten Tod. Obwohl Walter den Ausspruch ohne sonderliche Verehrung anhörte, konnte er sich doch der Frage nicht enthalten: „ob die Reise, auf welcher er im Augenblick begriffen sey, zu einemZiele führen werde/' „'S ist 'ne böse Nacht," sagte das alte Weib, indem sie das wilde Gesicht mit dem greisen Haar geheimnißvvll aufwärts wandte — „'s ist 'ne üble Nacht, für Die su suchen, und für Die so fragen Er — geht um." — „Cr — Wer?" „Gleichviel! — mögt zum Ziel kommen, junger Herr, und doch wünschen, daß 's nicht so gegangen war. Der Mond von dieser Seite her und der Wind von jener verkünden, daß Ihr Eure Wünsche erreichen und finden werdet, daß sie ein Kreuz für Euch sind." Der Korporal hatte dieser Znkunftschilderung sehr aufmerksam zugehört und wollte der Wahrsagerin sofort eben die eigene Hand hinstrecken, als von einem Nebenweg zur Rechten Hufschlag ertönte und gleich daraus ein Reiter in vollem Trab auf sie zukam. „Hvrt'nmal, alte Here, oder Sie, meine Herren, ist dies die Straße nach Knaresborough?" Die Zigeunerin wandte sich und schaute dem Reiter ins Gesicht, auf welches der rothe Glanz des Kienbrands den vollen Widerschein warf. „Nach KnareSborough, Richard, Du TcnfelSwag- hals? und was will denn der Zugvogel im alten Nest? Willkommen in Uorkshirc, Richard, mein Nabe/' „Ha!" rief der Reiter, indem er, die Hand über die Augen haltend, der Zigeunerin ihren Blick zurückgab: „bistDu's, Lisel Airlie — Dein Willkomm ist wie Eulengeschrei und führt auf die falsche Bahn. Aber ich kann mich nicht anfhalten. Hier geht's also nach Knares- borough?" „So gerad wie '»es sterbenden Manns Fluch in die Hölle," erwiedcrte die Alte in jener bilderreichen Redeart, die von ihrem ganzen Volk bevorzugt wird, ja aus welcher dessen eigene Sprache in der That beinah ganz besteht. Der Reiter antwortete nicht, sondern trabte fort. „Wer ist Das ?" fragte Walter ernsthaft, während das alte Weib ihren schwarzgelbcn Hals dem Wanderer nachstreckte. „'N alter Freund, Herr," erwiederte die Egypterin trocken. „Hab ihn seit vierzehn Jahren nicht gesehen, aber 's ist nicht Lisel Atrlie, die 'neu Fressnd oder Feind vergißt. Ja, Herr, soll ich Euer Edlen wahrsagen?" (damit hatte sie sich zum Korporal gewandt, der, die Hand an der Holster, aufrecht im Sattel saß,) „die Haarfarbe der Dame — und —" „Halt's Maul, Du Nipp vom Teufel," fuhr der Korporal stürmisch dazwischen, als sey die ganze Fluth seiner Gedanken, die der Wahrsagerin noch eben so günstig war, mit Gewalt zurück geworfen worden. „Gefallt's 33 Euer Edeln, 's wird spät; war besser für uns, w'r trabten vorwärts." „Ihr habt Recht," sagte Walter. Damit spornte er sein abgetriebenes Pferd, nickte der Zigeunerin ein Lebewohl zu, und war bald aus dem Gesicht der Lagernden. „Herr," sagte der Korporals indem er seinem Gebieter ans die Seite geritten kam, „das ist 'n Mann, den ich schon g'sehen Hab. Kannte sein Teufelsg'sicht im Augenblick wieder;— ist derselbe, der in Grünthal nach Herrn Aram fragte, und dem wir später in der Nacht verkamen, als wir aus Sir Peter Dings da stießen." „Bunting," sagte Walter mit leiser Stimme, „auch ich Hab micy bemüht, mir zurückzurufen, wo ich das Gesicht dieses Menschen schon gesehen, denn auch ich bin überzeugt, daß es mir schon irgendwo vorkam. Beinah zur Gewißheit steigt in mir der üble Verdacht, daß in der Stunde, worin ich dasselbe zum letzten Male sah, mein Leben in Gefahr schwebte. Mit Einem Wort, ich glaube, daß dieses Gesicht sich in der Nacht über mich beugte, als ich unter der Hecke lag und der Ermordung kaum entging. Gleichwohl war's, wenn ich recht bin, noch der Gutherzigste unter den Schurken, der Einzige, der seinen Kameraden den Rath gab, mir nicht den Garaus zu machen." Der Korporal schauderte. „Wollen's doch Nachsehen," sagte er nach einem augenblicklichen Stillschweigen, „ob Ihre Pistolen Pulver auf der Pfann haben; — so — so! 'S wär nicht ohne Räson, daß der Kerl hier 'rum seine Handwerksgesellen Gulwer'S Rvmane. V. z hätte. und und 'neu Hinterhalt zu legen gedenkt. Ruch die alte Zigeunerin, was für 'n G'ficht sie hatte! Verlassen Sie sich d'rauf, die Zwei stecken unter Einer Decke— uff! Wetter — wuff!" Damit brummte der Korporal sein höchst bedeutsames Gegrunz. „Wirklich ist Dies nicht unwahrscheinlich, Bunting, und da wir jetzt nicht mehr weit von Knarcsborough entfernt find, werden wir gescheit thun, so schnell, als es die Pferde aushalten, fortzureiten. Kommt an meine Seite." „Mein Seel' —- will Euer Edeln decken," sagte der Korporal, indem er auf diejenige Seite ritt, wo die Hecke am dünnsten und folglich eine Wegelagerung am wenigsten wahrscheinlich war. „'S ist mir mehr um Euer Edeln, als um mich selbst z' thun; was für 'n Vieh war ich auch sonst! — nff!" Herr und Diener waren eine kleine Strecke Wegs fvrtgetrabt, als sie bemerkten, daß sich auf der Wiese neben der Straße etwas Dunkles hinbewege. Dem Korporal stand das Haar zu Berg; — er stieß einen Fluch ans, der bei ihm stets für ein Gebet galt. Auch Walter fühlte den Odem etwas enger werden, als er die Bewegungen des nur undeutlich in die Angen fallenden Dinges betrachtete. Gleich drauf wurde dasselbe jedoch zu einem Reiter, der sehr langsam aus dem Gras dahintrabte, und als sie sofort näher kamen, erkannten sie den vorhin gesehenen 35 Mann, welcher, nach der Eile zu schließen, mit der er sic verlassen, bereits viel weiter hätte voraus sehn sollen. Der Reiter wandte sich, als er sie hinter sich hörte, „Sagen Sie mir doch, meine Herren," rief er ihnen im Ton großer, augenscheinlicher Beängsiigung zu, „wie weit ist es nach Knaresborough?" „Antworten'« ihm nicht, Euer Edlen," flüsterte der Korporal, . „Wahrscheinlich," erwiederte Walter, ohne auf diesen Wink zu achten, „kennen Sie die Straße besser, als wir selbst. Indessen kann es nicht viel über eine Stunde sepn," „Dank Ihnen, mein Herr — bin schon sehr lan^ nicht mehr in diesen Gegenden gewesen. Vormals mußte ich mich wohl zurecht zu finden, da haben sie aber neue Straßen und wunderliche Gehege gemacht, so daß ich mich jetzt an gar keinen bekannten Gegenstand halten kann. Verflucht sep diese Bestie, verflucht sag ich!" wiederholte der Reisende und biß im Ton des heftigsten Nergers die Backen-Zähne zusammen: „niemals war mir die Eile noch so sehr von Nöthen, und doch ist das Thier so lahm geworden, wie ein Hvlzblvck. So geht's, wenn man rascher fort will als andere Leute. — Herr, sind Sie ein Vater?" Diese plötzliche Frage mit scharfer, gespannter Stimme vorgebracht, fiel Waltern etwas unheimlich auf. Cr antwortete kurz mit „Nein," und wollte eben sein Pferd zu neuem Lauf anspornen, als der Reiter noch ein- 3 '' 36 mal das Wort nahm, wobei in seinem Ton und in seiner Weise etwas war, das wirklich Aufmerksamkeit erregre. „lind ich bin tm Zweifel, ob ich ein Kind habe oder nicht. — Bei Gott! da kann's Einen bitter ins Herz nage»! — vielleicht komm ich nach Knaresborough, um meine einzige Tochter todt zu finden, Herr! — tvdt!" Trotz Walters Argwohn gegen den Redenden konnte er sich bei dem sichtbaren Kummer, womit diese Worte ausgesprochen wurden, einer lleberwallung von Mitleid nicht enthalten. „Hoffentlich wird Das nicht der Fall sehn," sagte er unwillkürlich. „Dank Ihnen, Herr," erwiederte Jener, indem er einen vergeblichen Versuch zur Antreibung seines Gauls machte, der unter der Anstrengung beinah zu Boden stürzte. „Ich bin spornstreichs vierzehn Stunden durchs Land geritten! denn einePost gab es in dem verfluchten Ort, wo ich diese Bestie miethete, nicht. Dies war die einzige Kreatur, die ich um Geld und gute Worte bekommen konnte, und jetzt weiß nur der Teufel, wie wichtig jeder Augenblick seyn mag. — Während ich da spreche, thut vielleicht mein Kind den letzten Athemzug!" — Damit schlug der Mann in Verzweiflung und Wuth dem Pferd mit geballter Faust in die Seiten. „Nichts als Spitzbüberei," flüsterte der Korporal. „Herr," rief der Reiter jetzt mit lauter Stimme, „ich hätte nicht zu fragen gebraucht, ob Sie Vater llnd, denn 37 wären Sie's, so hätten Sie längst Mitleid mit mir gehabt und mir Ihr eigenes Pferd geliehen." „Der unverschämte Schurke," murmelte der Korporal. „Herr," erwiederte Walter, „man glaubt nicht Alles, was jeder Fremde sagt." „Glauben! — schon recht, schon recht, gleichviel!" entgegnete störrisch der Reiter. „Es gab eine Zeit, Herr, wo ich mit Gewalt gefordert haben würde, um was ich jetzt bitte; aber das Herz ist mir gebrochen. Retten Sie zu, Herr, reiten Sie zu — und verdammt sey —" „ Wenn," unterbrach ihn Walter unschlüssig — „wenn ich Ihrer Versicherung glauben könnte: — aber nein! Merken Sie sich, Herr, ich habe Gründe — beunruhigende Gründe zum Verdacht, daß Sie mir mit Ihrem Vorgeben blos eine Falle stellen wollen." „Ha!" sagte der Reisende nachdenklich, „sind wir nicht schon früher zusammengestvßen?" „Ich glaube so." „Und Sie haben Ursache gehabt, sich über mich zu beklagen? Es —es mag sehn; aber stünd das Grab vor mir, und schmiß mich eine einzige Lüge hinunter, so schwör ich feierlich, daß ich jetzt blos die nackte Wahrheit sage." „Es wäre thöricht ihm zu trauen, Bunting?" wandte sich Walter zu seinem Diener. „Thöricht? — 'ne pure Tollheit — Wetter!" „Wenn Sie der Mann sind, wofür ich Sie halte," nahm Walter wieder das Wort, „so erhoben Sie einst 38 Ihre Stimme gegen die Ermordung eines Reisenden, obwohl fie denselben plündern halfen; — dieser Reisende war ich. Ich will der Liebesthat gedenken, und die Gewalt- that vergessen, — will nicht glauben, daß Sie Ihre Geschichte als eine Falle für mich erfunden haben. Nehmen Sie mein Pferd, Herr, ich will Ihnen trauen." Hausman — denn er war es — sprang augenblicklich ans dem Sattel. „Ich flehe nicht zu Gott, Sie zu segnen: ein Segen in meinem Munde wäre schlimmer als ein Fluch. Aber Sie werden Das nicht bereuen; Sie werden Das nicht bereuen!" Hausman sprach diese wenigen Worte mit sichtbarer Rührung, die bei der ins Auge fallenden Rohheit und verhärteten Gemeinheit seiner Natur um so ergreifender war. Im zweiten Moment hatte er Walters Pferd bestiegen. Er wandte sich und fragte, wohin er das Pferd in Knaresborough schicken solle? Walter wies ihn nach dem ersten Gasthof; Hausman gab ein Abschiedszeichen mit der Hand, stieß dem Thier die Sporen in die Seiten und befand sich, so ermüdet dasselbe war, in einem Nu aus ihrem Gesicht. „Na, wenn ich je so Was g'sehen Hab," brummte der Korporal, „lirum larmn la la la, lirum larum la la la! — Uff — wuff! — Wetter —" „Meine Gutherzigkeit gefällt Euch nicht, Bunting?" „O, Herr, jetzt ist's einerlei, jetzt schneiden sie uns die Kehlen ab. — Das ist der ganze Spaß." „Was, Ihr glaubt also der Geschichte nicht?" 39 „Ich? Wie Euer Edlen fragen können! ich bin kein Narr/' „Buntiiig!" „Herr!" ^ „Ihr vergeht Euch/' -.Uff!" „ Ihr meint alsv, ich hätte ihm das Pferd nicht leihe» svllen?" „Ne! G'wiß nicht/' „Bei solchen Gelegenheiten soll also Jeder nur an sich selbst denken? Klugheit vor Edelmuth?" „Nicht anders, Herr," „So steigt also ab; — dann brauch ich mein Pferd selbst. Ihr könnt Euch mit dem lahmen fortschleppen," „Uff, Herr, uff?" „Schurke, steig ab, sag ich!" rief Walter ergrimmt. Der Korporal gehörte zu den Leuten, welche ihre Herren meistern wollen; dazu erboste seine Selbstsucht den jungen Mann eben so sehr, als sein anmaßlicher Ton größerer Einsicht. Der Korporal zögerte. Er hielt einen Hinterhalt für etwas, worein sie ganz gewiß gerathen müßten, und wog die Gefahr, ein lahmes Pferd zu reiten, gegen das Mißfallen seines Herrn ab, Walter gerieth beim Anblick dieser Bedenklichkeiten in so heftige Wuth, daß er auf den Diener losstürzte, ihn beim Kragen faßte, und so schwer er war, zu Boden schleuderte, da derselbe auf einen solche» Angriff sich gar nicht gefaßt hatte. 40 Ohne ihn eines weitern Blicks zu würdigen, bestieg Walter das gesunde Pferd, warf den Zügel des lahmen über einen Zweig, und überließ es dem Korporal, ihm nach Gefallen nachzufvlgen. Es gibt vielleicht keinen unleidlicher» Gemüthszu- stand, als unsere Empfindung, wenn wir erst eine groß- müthige Handlung begangen zu haben glauben und sofort besorgen, es sey blos eine-thörichte gewesen. „Gewiß," sagte Walter zu sich selbst, „gewiß ist der Mann ein Schurke; gleichwohl war seine Rührung aufrichtig. Gewiß war er einer von Denjenigen, die mich beraubten; gleichwohl ist er in diesem Fall der Einzige, der sich für mein Leben verwandte. Sollt' ich wohl einem Bösewicht zu neuer Kraft verholfen haben, ihm zu einer Gewaltthat gegen mich selbst beigestanden sehn? Es ist sehr glaublich! Doch aus der andern Seite, wenn seine Geschichte wahr ist — wenn sein Kind wirklich auf den Tod liegt und er nun durch meine Hülfe noch zu einer letzten Unterredung mit demselben käme! Recht, recht daraus will ich hoffen!" Hier wurde er von dem Korporal eingeholt, der, so erbost er war, es für klüglich hielt, seinen Zorn bis auf andere Gelegenheit zu unterdrücken und sich durch die Gesellschaft, womit er seinen Herrn beehrte, einen Verth ei- diger in der nächsten Nähe zu verschaffen, falls sich seine Befürchtungen für begründet ergeben sollten. Aber einmal im Leben betrog ihn seine Weltkenntniß: kein lebendes Wesen rührte sich auf dem einsamen Weg; allge- 41 mach schimmerten ihnen die Lichter der Stadt entgegen, nnd bei der Ankunft im Gasthof fand Walter, daß sein Pferd schon hergeschickt war und sich, mit Staub und Schaum bedeckt, bereits unter den schützenden Händen des Hausknechts befand. 42 Zehntes Kapitel. Walters Betrachtungen. — Der Wirth. — Ein sanfter Charakter und ein heiteres Grcisenalter. — Der Garten und was derselbe lehrt. — Ein Gespräch, worin neue Winke zu der gewünschten Entdeckung gegeben werden. — Der Geistliche. — Besuch an einem Ort von großem Interesse für den Reisende». Don Blumen wandt' am Tag ich einen Straus, Hier schlürf ich jetzt des Duftes Neige aus, lind bind' mein Leben dann in dieses Band. Georg Herbert. — cs naht die Zeit heran, Die uns mit Sicherheit wird offenbaren Was — Shakespeare, Macbeth. Am nächsten Morgen stand Walter früh auf, und traf, als er sich sofort ln den Hof des Gasthauses verfügt hatte, den Wirth, der, eine Hacke in der Hand, eben in ein Pförtchen trat, das nach dem Garten führte. Er behielt das Thörchen für den Gast offen. „Ein schöner Morgen, Herr; gefällt's Ihnen vielleicht einen Blick in den Garten zu thun?" fragte er mit einladender Freundlichkeit. 43 Walter nahm das Erbieten an und fand einen wohl- anSgerüsteten Garten, der mit vieler Regelmäßigkeit und einigem Geschmack angelegt war. Der Wirth blieb bei einem Beet stehen, das seine besondere Sorgfalt in Anspruch nahm, und Walter ging in einsamen Betrachtungen weiter. Der Morgen war heiter und klar, aber eine scharfe, durchdringende Frostluft gesellte sich der Frische bei, und unwillkürlich beeilte Walter seinen Schritt, als er mit gesenkten Augen und tief in die Stirn gedrücktem Hut die geraden Wege auf und niederging, welche den Garten durchschnitten. So hatte er also den Ort erreicht, an welchem die letzte Spur von seinem Vater auf so ungewisse, seltsame Weise zu verschwinden schien! Konnte dnrch die Nachforschungen, die er beabsichtigte, hier kein weiterer Faden entdeckt werden, so mußten in diesem Städtchen sein Suchen und Hoffen ein Ende nehmen. Aber das junge Herz des Reisenden schwoll von neuen Ansichten an. Beim Zurückblick auf die Ereignisse der letzten wenigen Wochen glaubte er den Finger des Schicksals zu erkennen, der, ihn von Schritt zu Schritt leitend, nun an dem Ort still hielt, zu dem er geführt hatte. In welchem wunderbaren Zusammenhang war die Reihenfolge der Umstände gestanden , die scheinbar ganz geringfügige — ganz unähnliche Dinge verknüpfend, sich zu einer fortwährenden Beweiskette ausgedehnt! Der unbedeutende Zufall, der ihn in den Laden des Sattlers treten ließ; das Ohngefähr, das ihm seines Vaters Peitsche vor die Augen gebracht; der Bericht Courtlands, der ihn in diesen entfernten Theil des Landes gewiesen hotte, und endlich die Erzählung Elinvres, die ihn nach dem Ort leitete, an welchem alle Nachforschungen für jetzt still zu stehen schienen! Sollte er blos hieher geführt worden sehn, um abermals die seltsame Geschichte des plötzlichen, neckischen Verschwindens zu vernehmen? — um eine steile Mauer, eine ungefüge, unübersteigliche Schranke für einen Lauf zu finden, für welchen sich bisher Zeichen um Zeichen ergeben hatte? War er das Spielzeug des Schicksals, nicht sein Werkzeug gewesen? Nein, ihn erfüllte ein ernster, tiefer Glaube, daß eine Entdeckung, zu welcher unter allen Menschen er durch die unveräußerlichen Ansprüche des Bluts und der Geburt am meisten berechtigt war, ihm Vorbehalten sey, und daß dieser hohe Traum, dieses still genährte Ziel seiner Kindheit jetzt verwirklicht und erreicht werden solle. Zudem konnte ihm nicht entgehen, daß auf dem Weg zu seinem hohen Unternehmen sein Charakter einen gediegenen, gedankenvollen Ernst angenommen hatte, welcher mehr dem Wesen eines solchen Vorhabens entsprach, als daß er seiner früheren Gemüthsbeschaffenheit verwandt gewesen wäre. Dieses Bewußtseyn schwellte seine Brust mit tiefer, znverläßiger Hoffnung. Wenn das Schicksal seine Diener unter den Menschen auswählt, so schafft sein dunkler, geheimniß- voller Geist in ihnen; es formt ihre Herzen, erhöht ihre Kraft, bildet sie zu der Rolle, die es ihnen angewiesen, und macht das sterbliche Werkzeug würdig für den erhabenen Zweck. So seinen tiefen Betrachtungen im Innern geschäftig hingegeben, blieb der junge Reisende endlich vor dem Wirth stehen, der immer noch über sein heiteres Geschäft her war, und hie und da durch die Arbeit und die frische Morgenluft aufgeregt, in einzelne Verse alter ländlicher Lieder ausbrach. Der Gegensatz zwischen ihm selbst und diesem „mühlosen WciNrr durch die grüne Erde" machte einen tiefen Eindruck auf ihn. Auch paßte die Miene des Alten wirklich mehr zu seiner gegenwärtigen Beschäftigung, als zu seinem eigentlichen Beruf. Er mochte seine drei und sechzig Jahre zählen, aber ein fröhliches, frisches Greisenalter schien ihre Folge. Die Wange sah sich fest und roth an, nicht von ein Paar Flaschen aus der vergangenen Nacht herüber, sondern als muntre Zeugin der Morgenluft, die sie täglich begrüßte. Die Gestalt war kräftig, nicht fleischig; das lange graue, fast auf die Schultern hinabreichende Haar-, die klaren blauen Augen und eine angenehme Beugung des Mundes, die auf fortwährende Heiterkeit des Gemüths deutete, machten zusammen ein Bild, auf welchem selbst ein minder empfänglicher Beobachter längere Zeit verweilt haben dürfte. Und in der That genoß der gute Mann einen gewisse» Ruf wegen seines freundlichen Aussehens und srohsinnigen Benehmens. Ein junger Künstler in der Nachbarschaft hatte sogar ein Gemälde von ihm entworfen; ja dieses war durch Kupferstiche vervielfältigt worden, die, immer- 46 - hin ein wenig roh und unähnlich, keinen unansehnlichen oder staubigen Winkel im ersten Bilderladen des Städtchens einnahmen. Dabei widersprach der Charakter des Wirths seinem Aeußern keineswegs. Er hatte genug vom Leben gesehen, um zu Einsichten zu gelangen, und hatte es richtig genug beurthellt, um liebevoll gegen es zu bleiben. Hinausgeschritten war er übet jene Linie, die für alle Gesetzbücher der Menschen so richtig gezogen ist in dem bewundernswürdigen Blatt, das der körnigen Weise englischer Darstellung zuerst Feinheit des Geschmacks beigesellte. „Wir,haben gerad Religion genug/' heißt es irgendwo im „Zuschauer," damit wir einander Haffen, aber nicht genug, damit wir einander lieben." Unser guter Gasthalter, Friede mit seiner Asche! war an dieser Grenze nie stehen geblieben. Dieser Wirth auf dem Land hätte Goldsmith ein Gegenbild zu seinem Landpfarrer liefern können. Sein Haus war eben so gastlich gegen den Armen — sein Herz, mehr durch Natur als durch Erfahrung weise, eben so wohlwollend gegen Irrende, und in seiner warmen Einfalt eben so offen für Mothleidende. Friede fey mit dir ******! Unser Großvater war dein Gönner — doch brauchtest du keinen Gönner. Auf der Stufe, die du einnahmst, bleibt das Verdienst selten ohne Lohn. Die Menschen haben nicht nöthig, daß man sie erst auf ein Haus wie das deinige aufmerksam mache. Wer braucht einen Dritten, um ihn über die Werthschätzung eines liebevollen Gemüths und eines guten Tisches erst aufzuklären? Wie Walter so stand, den alten, über die duftige 47 frische Erde gebeugten Mann betrachtete, und sofort mit einem weitern Blick den ruhigen Garten übersah, dessen Grenzen sich auf beiden Leiten in dickes Immergrün verloren, ward sein Herz von jener lieblichen, unser Selbst erhebenden Stille beschlichen, die uns eine ländliche Scene (i-nra et silontium) in der Regel zuhaucht, wenn wir zu ihrem klaren Bewußtseyn vom wirren Traum dunkler, unruhiger Gedanken erwachen. Ein Paar alte Verse, die ihn sein Oheim, ein Liebhaber der sanften, kunstlosen Sittenlehre bei den frühem englischen Volkssängern, in seinen Kinderjahren gelehrt, stiegest auf anmuthige Weise in seiner Erinnerung auf: Hier malt sich, wie in seltnem Bilderbuch, Von Gottes heii gem Willen mancher Spruch, Das Taujendschbu, lehrt zarte Licbesbuld, Kamillen auszuharren i» Gcdnld, Die Raute Haß vor Lasters gift'ger Schuld, Das Geisblatt fest an Freundestreue halten. Die Satnrci in Hoffnung nie erkalten, *) Der Alte hielt, als die nachdenkliche Gestalt seines Gastes ihren Schatten über ihn hinwarf, in der Arbeit inn, und sagte: „Eine liebliche Zeit, Herr, für einen Gärtner," „Ja/meinen Sie? — Sie müssen jetzt die Blumen und Früchte des Sommers missen," „Schon recht, Herr — aber wir zahlen jetzt dem Garten das Gute zurück, das er uns gegeben hat. Es ist. ') Henrh Peach am. als sorgten wir in seinen alten Tagen für einen Freund, der in seiner Jugend gütig gegen uns gewesen ist/' Waller lächelte über die eigenthümliche Liebenswürdigkeit des Gedankens. „'S ist was gar Einnehmendes um einen Garten, Herr! — jeden Tag macht er nns was zu thun, und so, mein' ich, müss' ein Mensch es haben, wenn er ein glücklich Leben führen will." „Das ist wahr," entgegnete Walter: und der Wirth, der in seiner Weise ein Gestchterkcnner war, wurde durch die Aufmerksamkeit und die freundlichen Züge des Fremden zum Fvrtfahren crmuthigt. „Und dann, Herr, werden wir bei dergleichen Geschäften nie in unser» Aussichten getäuscht. Der Boden ist nicht undankbar, wie, heißt es, die Menschen sind — obwohl ich sie, beiläufig gesagt, selten so gefunden habe. Was wir säen, erndten wir. Ich Hab ein altes Buch im kleinen Sprachzimmer liegen, Herr, durchweg übers Fischen, und voll so vieler schonen, erbaulichen Gedanken über Landleben und stille Betrachtung und Dergleichen, daß man so großen Nutzen draus zieht wie aus einer Predigt. Aber meinem Dafürhalten nach sind alle diese Gedanken noch mehr aufs Leben eines Gärtners als eines Fischers bezüglich." „Es ist allerdings esn weniger grausamer Berns," antwortete Walter. „Ja, Herr: und dann hat Einer an dem Schönen, das er selbst macht, an den Blumen, die er mit eigener 4 » -Hand Pflanzt, größere Freude, als an aller Pracht, die unserm eigenen Thun nichts verdankt; wenigstens scheint eS mir sv. Immer bin ich für den Zufall dankbar gewesen, der mich aufs Gartenwescu brachte." „Und worin bestand der?" „Ja, Herr, da müffen's wissen, lebte vor mehreren Jahren ein Herrin unserem Städtchen, der warJhnen bei all seiner Jugend ein großer Gelehrter und erstaunlich auf Pflanzen und Blumen und so weiter aus. Ich hörte den Pfarrer sagen, er verstände von solchen unschuldigen Dingen mehr als irgend ein Anderer in der Grafschaft. Damals war ich »och nicht in so guten Umständen wie jetzt. Ich hielt ein kleines WirthShaus in der Vorstadt, und da ich früher Wildhüter bei Lord-gewesen, so pflegte ich mir durch Begleitung von Herrschaften aufs Fischen oder Schnepfenschießen einen kleinen Nebengewinn zu verschaffen. Sv ging ich einst mit einem fremden Herrn aus London fischen. An einem stillen abgelegenen Ort, etwas über eine Stunde von hier, blieb Der plötzlich stehen und pflückte ein Paar Kräuter, die mir was ganz Gewöhnliches dünkten, die aber seiner Versicherung nach höchst merkwürdig und selten waren. Hörte nachher, er seh ein großer Herbalist, wie man'S, glaub ich, nennt; aber ein ärmlicher Fischer war er. Na, Herr, da fiel mir am andern Morgen unser großer Gelehrter und Botanikns, Herr Aram, ein, und ich dachte, es wurd ihm Wohl Freude machen, diese Gräserchen auch kennen zu lernen. Lief also zu ihm und bat ihn, ihm den Ort zeigen zu dürfen. So Bulwer'S Romani. V. H r,o gingen wir denn hin, und wahrhaftig, Herr, von allen Menschen, die ich je gesehen, schlich sich Ihnen Keiner so ins Herz, wie dieser Aram. Er war damals ausnehmend arm, klagte aber niemals und war viel zu stolz, als daß irgend Jemand gewagt hätte, ihm Hülfe anzubieten. Dabei lebte er ganz allein und ging in der Regel Jedermann aus seinen Spaziergängen aus dem Weg: aber es war etwas so Einnehmendes und Geduldiges in seinen Manieren und seiner Stimme und seinem bleichen, sanften Gesicht, worauf, so jung war er, denn er zählte kaum ein oder zweiundzwanzig Jahre, Trauer und Schwermuth standen, daß es Ihnen gleich ins Herz ging, wenn Sie ihn sahen oder mit ihm sprachen. — Ra, Herr, wir machten uns nach dem Ort auf den Weg, und er schien sehr erfreut über das grüne Wesen, das ich ihm da zeigte, und da ich allezeit von mitthcilsamem Temperament—ein rechter Gevatter sagen meine Nachbarn! — gewesen, so macht' ich ihn durch meine Fragen mitunter lächeln. Er schien Gefallen an mir zu finden und schwatzte auf dem Heimweg mit mir von Blumen und vom Gürteln und so fort; und gewiß, es ging über ein Buch, wenn man ihn so auhörte. Und wenn wir nachgehends einander wieder in den Weg kamen, wich er mir nicht aus, wie den Andern, sondern ließ mich ihn anhalten und mit ihm plaudern. Da frug ich ihn auch um Rath wegen eines kleinen Pachtes, den ich eingehen wollte, und er sagte mir allerhand unbekannte, gar merkwürdige Dinge, die ich nachher als ganz wahr erfand, und dieanir ein Stück Geld cintrugen. Absonderlich aber sprachen wir viel über Gärtnerei, denn ich hörte ihn gar gern über dergleichen Sache» reden, und so, Herr, traf mich Alles, was er sagte, recht in der Seele, und ich hatte keine Ruh, bis ich mich selbst aufs Gürteln geworfen, und seit der Zeit hat mirs jeden Tag meines Lebens immer mehr und mehr gefallen. In der That, Herr, ich meine, so ein unschuldiges Geschäft mache ein Menschenherz besser und liebevoller gegen seine Mitkrea- tnren, und immer Hab' ich größere Freude am Bibellesen, besonders am neuen Testament, wenn ich den Tag im Garten zugebracht. Ja, möcht' wohl wissen, was aus dem armen Herrn geworden ist." v „Ich kann Ihr Herz über ihn beruhigen, guter Mann; HerrAram lebt in-, hat sein behagliches Auskommen und ist allgemein beliebt, obwohl er seine alte Zurückgezogenheit noch immer beibehält." „Was Sie sagen! in langer Zeit hat mich nichts so gefreut!" „Sagen Sic mir doch," begann Walter nach einer kleinen Pause von Neuem, „erinnern Sie fich des Umstands, daß ein gewisser Herr Clarke in dieser Stadt erschien und ste dann wieder auf eine so unerwartete und geheimnißvvlle Art verließ." „Ob ich dran denke? Ja freilich, Herr! Machte einen großen Lärm in KnareSbro' — war ziemlicher Verdacht, daß es dabei nicht richtig hergegangen. Was mich betrifft, so hatt' auch ich meine Gedanken darüber, aber 4 - Das taugt hteher nicht." Damit begann der Alte sein Ausjäten wieder mit großem Eifer. „Mein Freund," sagte Walter, seine Empfindungen bemeisternd, „Sie würden mir einen größer» Dienst thun, als ich ausdrücken kann, wenn Sie mir irgend eine Nachweisung, eine Vermuthung über diesen Herrn Clarke geben könnten. Blvs um Erkundigungen über sein Schicksal einzuziehen, bin ich hieher gekommen; mit Einsm Wort, er ist-oder war-ein naher Verwandter von mir." Der Alte sah mitleidig in Walters Geficht. „Gern," erwiderte er langsam, „will ich Ihnen Alles mittheilen, was ich weiß, aber Das ist sehr wenig oder vielmehr nichts. Doch wollen wir den Weg da hinauf, Herr? man hört uns dort weniger. Haben Sie einen gewissen Richard Hausman nennen hören?" „HauSman! ja. Er war ein Bekannter meines armen .ich will sagen ein Bekannter Clarkes. Er sagte, Clarke sey sein Schuldner gewesen, als er die Stadt so plötzlich verließ." Der Alte schüttelte geheimnißvoll den Kopf und sah sich ringsum. „Will Ihnen sagen," flüsterte er, die Hand auf Walters Arm legend, Diesem ins Ohr, „ich möchte Niemand ungerechterweb? «»klagen, aber ich könnte wohl glauben, Hausman habe den Clarke ermordet." „Großer Gott!" murmelte Walter, und klammerte sich an einen Pfosten, um nicht umzufalle». „Weiter! S3 — achten Sie nicht auf meine Bewegung, — achten Sie nicht; — um des Erbarmers willen, sprechen Sie weiter!" „Aber ich weiß nichts ZuverläßigeS— nichts Zuver- läßiges, glauben Sie mir," sagte der Alte, erschrocken über den Eindruck, den seine Worte gemacht; „vielleicht tst'S nicht so schlimm, als ich denke, und meine Gründe sind nicht sehr stark; doch Sie sollen dieselben hören.— Herr Clarke kam, wie Ihnen bekannt, in unser Städtchen, um ein Legat in Empfang zu nehmen — Sie kennen die näheren Umstände?" Walter nickte die Bejahung ungeduldig zu. „Gut; obwohl er von dürftiger Gesundheit schien, war er doch ein lebenslustiger, sorgloser Mensch, dem die Gesellschaft eines Jeden recht war, der still saß und Geschichten erzählte und die Nächte vertrank; nicht just ein einfältiger, aber ein schwacher Mann. Nun war unter allen Müßiggängern tm Städtchen Richard Hausman am meisten zu einem solchen Lebenswandel geneigt. Er hatte als Soldat gedient, — hatte ein gut Stück Erde umwandert,— war ein kühner, gesprächiger, unbekümmerter Kerl — von durchaus leichtfertigem Wesen. — Ging manches Gered über ihn, obwohl man von keinem Gerücht ganz genau wußte, wie man damit d'ran sey. Kurzum, man hatte ihn in Verdacht, er habe sein Glück gclcgenheitlich auf der Landstraße versucht, und ein Fremder , der einmal in meinem kleinen WirthshauS einkehrte, versicherte mich insgeheim, wenn er'S auch nicht gerad beschwören könne, so sey er doch überzeugt, daß er vor einem Jahr auf der Landstraße nach London von Haus- man angehalten worden. Bei all Dem fehlte es Diesem, da er einige angesehene Verwandte in der Stadt hatte — wozu, beiläufig gesagt, auch Herr Aram gehörte — da er ein gar guter Gesellschafter — ein guter Schütz — ein kecker Reiter — ein er'llenter Sänger und sehr lustig und guten Humors war, gar nicht an Umgang, und am ersten Abend, wo er und Herr Clarke zusammenkamen, wurden fie gewaltig vertraut miteinander, ja es schien beinah, als hätten fie einander schon früher gekannt. In der Nacht, worin Herr Clarke verschwand, war ich mit ein Paar Herren über Lands gewesen, und da es gegen Abend stark geschneit hatte, langte ich erst nach Mitternacht wieder in KnareSbro' au. Als ich durch die Stadt hinging, bemerkte ich zwei Männer in ernstlichem Gespräch. Der Eine war, das weiß ich gewiß, Clarke; der Andere hatte sich in einen großen Mantel gehüllt und den Kappenkragen über den Kopf gezogen. Aber der Nachtwächter war dem nämlichen Mann früher allein verkommen, und hatte beim Abziehen der Kappe bemerkt, daß es Haus- man war. Kein andrer Mensch wurde nach dieser Stunde mit Clarke zusammen gesehen." „Aber wurde Hausman nicht verhört?" „Obenhin; er sagte ans, er sey jenen Abend bei Eugen Aram gewesen, habe, als er aus Arams Haus weggilig, Clarken getroffen, und sey, verwundert, was Dieser, ein gebrechlicher Mensch, noch so spät draußen zu thuu habe, ein Stück Wegs mit ihm gegangen, um ihm 65 aus die Spur zu kommen. Clarke aber habe perwirrt geschienen , sey zurückhaltend und auf seiner Hut gewesen, Hab ihm endlich mit Einemmal gute Nacht gewünscht und in eine andere Straße eingebeugt. Er, Hausinan, scp versichert, Clarke habe diesen Abend noch die Stadt verlassen, um seinen Gläubigern zu entgehen und sich mit einigen Edelgesieinen, die er von Herrn Elmvre geborgt, davon zu machen." „Aber Aram? war dieser verdächtige, ja nichtswürdige Mensch, der Hausnian, ein Vertrauter Arams?" „Keineswegs; aber da sie entfernte Verwandte und Hausman überdies ein zuthulicher, eindringlicher Bursch war, so konnte ihn Aram vielleicht nicht immer los werden. Wirklich bezeugte Aram, daß Hausman jenen Abend bei ihm zugebracht." „Und auf Aram selbst fiel kein Verdacht?" Der Wirth fuhr verwundert herum. „Tu mein Himmel, nein! Eben so gut könnte man das Lamm in Verdacht ziehen, es habe den Wolf gefressen!" Aber so dachte Walter Lester nicht. Die wilde» Worte, die dem Gelehrten hie und da entfuhren — sein scheues Wesen — sein häufiges Erschrecken, seine Selbstgespräche, wodurch, wie man gesehen, schon von Anfang an in Woltern der Argwohn einer früher begangenen Schuld erweckt worden, „die des Gemüths gesunden Schlaf gemordet habe" — all Das brach mit zehnfacher Gewalt über sein Gedächtniß herein. „Aber kam denn sonst nichts zur Sprache? Ist Ihr ganzer Grund zum Verdacht — bloS der Umstand, daß Hansman der Letzte war, den man mit Clarke zusammen sah?" „Bedenken Sie Hausmaus zügellosen, verwegenen Sinn. Clarke hatte augenscheinlich seine Juwelen und sein Geld bei sich, denn sie wurden in seinem Hans nicht gefunden. Welche Versuchung für einen Menschen, der mehr als verdächtig war, sich in seinem Leben mitunter schon aufs Rauben gelegt zu haben! Hansman verließ bald nachher die Gegend und ist seitdem nie wieder in unsre Stadt zürückgekehrt, obwohl seine Tochter hier bei ihrer Großmutter lebt und ihn bisweilen in London besucht." „Und Aram — auch er verließ Knaresborough bald nach dieser geheimnißvollen Begebenheit!" Ja! eine alte Tante in Jork, die ihm während ihres Lebens nie eine Unterstützung zukommen ließ, starb etwa einen Monat nachher und vermachte ihm ein Legat. Als er dasselbe erhielt, begab er sich natürlich nach London — der beste Ort für einen so geschickten Gelehrten." „Ha! find Sie auch gewiß, daß diese Tante starb? 'daß ihm das Vermächtniß zufiel? Konnte das nicht ein bloses Geschichtchen seyn, um das Ausgeben von Geld, das auf einem ganz anderen Weg gewonnen wurde, zu beschönigen?" Der Wirth blickte Waltern fast zornig an. „Man sieht wohl," sagte er, „daß Sie Eugen Aram so gut wie nicht kennen, sonst würden Sie nicht also von ihm sprechen. Aber ich kann Ihren Zweifeln über diesen 87 Gegenstand abhelfen. Ich kannte die alte Dame wohl, und meine Frau war eben in Vork, als sie starb. Ileberdieß weiß beinah Jedermann hier von dem Testament, denn es war auf eine ziemlich seltsame Weise abgefaßt." Walter schwieg unentschlossen. „Wollten Sie mich vielleicht nach dem Haus führen," fragte er endlich, „wo Herr Clarke wohnte, und Wohl auch nach den andern Orten, an welchen es der Klugheit gemäß sehn dürfte, Nachforschungen anzustellen?" „Mit größtem Vergnügen," crwiedcrte der Wirth: „aber vorher müssen Sie der Hausfrau Butter und Eier versuchen. Es ist Zeit zum Frühstück." Wir können uns vorstellen, daß Walters einfaches Mahl bald vorüber war. Ungeduldig, seine Erkundigungen zu beginnen, stieg er von seinem einsamen Gemach in das kleine Hinterzimmer hinter der Schranke*) herab, worin er vorigen Abend Wirth und Wirthin beim Nachtessen getroffen. Es war ein gar heimliches, kleines, getäfeltes Stübchen. Angelruthen standen säuberlich gegen die Wand gereiht, die überdies durch ein Bild des Wirthes selbst, durch zwei alte niederländische Frucht- und Jagdstücke, durch eine lange, seltsam gestaltete Vogelflinte, und, dem Kamin gegenüber, durch Haupt und Geweih eines stattlichen Hirsches geschmückt war. Auf dem Fenstergesims lagen Isaak *) Die Schranke, dinier welcher in englischen Gasthäuser» die Wirthsleute das Geld in Empfang nehmen. Der Ilehcrs. Waltons Fischerbuch, wovon der Alte vorhin gesprochen: die Familienbibel, mit ihrem grünfrtsenen Ueberzug und zahlreichen, aus den ehrwürdigen Blättern hervorsehenden Lesezeichen; und wie in Einem Nestchen neben lhr, an den schönen Spruch erinnernd, »lasset die Kindlein zu mir kommen und wehret ihnen nicht," mehrere Büchlein lustigen Einbands und wunderbarlichcn Inhalts von Feen und Niesen, welche den entzückten Knaben ans Kamin zaubern, und die Quelle goldener Stunden für des alten Mannes Enkelchen in ihren Erholungen vom kleinen Lerngeschäft waren, Wo die Hausfrau sitzt, in Augenlust versenkt, Ihr hold Gewühl belügt und Mim» das Rädchen lenkt. *) Der Wtrth war noch über ei» großes braunes Brod und einen gebackenen Hecht her, und die Wtrthtn, eine stille, heitre, alte Frau, speiste abwechselnd bald sich selbst, bald eine gestreifte Katze aus einer Schüssel Geröstetem. Während der Alte sich tummelte, zum Abschluß seines Frühstücks zu kommen-, vernahm man ein leises Klopfen an der Thür, und gleich daraus steckte ein ältlicher, in Schwarz gekleideter Mann den Kopf ins Zimmer, wollte jedoch beim Anblick des Fremden sich wieder znrückztehen, aber beide Wirthsleute fuhren geschäftig auf und baten Herrn Summers, wie sie ihn nannten, hereinzntreten. Freundlich gab der schwarze Herr der Einladung Folge, und die Frau bemerkte gegen Walter: ,,Unser Stadtpfarrer, ) Shensten k§ Schulmeister!». sö und obwohl ichs ihm ins Gesicht sage, gibts doch Niemand, der, Wenns auf christlichen Wandel ankommt, eher Bischof werden sollte." „Still! meine gute Frau," sagte Herr Summers, indem er sich lachend gegen Walter verbeugte. „Sie sehen, mein Herr, daß es kein geringer Vortheil für einen ehrenvollen Nus in Knaresbro' ist, das Wort unserer Frau Wirthin für sich zu haben. Aber wirklich," sich mit einer Miene ernsten Ausdrucks zur Hausfrau wendend, „ich habe jetzt wenig Lust zum Scherzen. Sie kennen das arme Hannchen Hausman — das sanfte, stille, blauäugige Geschöpf; heut früh mit Tagesanbruch ist sie gestorbeu! Ihr Vater ist, um sie zu sehen, aus London gekommen. Sie verschied in seinen Armen, und er soll, wie ich höre, dem Wahnsinn nah scyn!" Wirth und Wirthin bezeugten ihr Mitleiden. „Das arme kleine Mädchen!" sagte Letztere; „sie hatte ein hartes Loos und fühlte cs, so jung sie war. Ohne Fürsorge einer Mutter — und solch einen Vater! Doch liebte er sie wirklich sehr." „Der Grund, warum ich bei Ihnen eiuspreche," wandte sich der Geistliche von Neuem gegen den Wirth, „ist dieser: Sie haben Hausman früher gekannt; mich hat er immer vermieden und, ich denk wohl, verspottet. Jetzt ist er im Elend und von mir Alles vergessen. Wollten Sie wohl zu ihm gehen und ihn fragen, ob ich durch irgend etwas seinen Schmerz lindern kann? Er ist vielleicht arm; ich kan» das Begräbniß des armen Kindes bezahlen. Ich hatte sie gar lieb, sie war das beste Mädchen tn meiner Frau Schule." „Zu ihm gehen will ich allerdings," sagte der Wtrth mit einigem Zögern. Sofort nahm er den Geistlichen bei Seite und flüsterte ihm das Walter gegebene Versprechen, so wie die Nächstliegende Absicht seines Gastes und besten Wunsch nach weiterer Aufklärung zu, wobei er nicht vergaß seinen Argwohn über die Schuld des Mannes anzndeuten, zu besten Bemitleidung er sich eben jetzt veranlaßt sah. Der Geistliche überlegte ein Weilchen, näherte sich dann Walter» und bot seine Dienste an der Stelle deS würdigen Gastgebers auf so offene, herzliche Weise an, daß der junge Mann kein Bedenken trug, auf das Erbieten einzugehen. „So machen wir uns denn auf den Weg," sagte der Pfarrverweser — denn nur Verweser war er — welchem Walters Sehnsucht nach schnellem Aufbruch nicht entging. „Zuerst wollen wir tn das Haus, wo Clarke wohnte; ich kenn es wohl." Beide begannen ihren Wanderzng. Summers war kein oberflächlicher AlterthumSforfcher, und suchte der sieberhaften Ungeduld seines Gefährten einstweilen einen Gegenstand unterzuschieben, indem er die Reize hervorhob, welche die merkwürdige Stadt, wohin ihn sein Geschäft geführt, darbiete. „Gleich merkwürdig in Bezug ans Geschichte wie auf mündliche Sage," begann der Pfarrer. „Sehen Sie dort" 61 (indem er auf die düster emporragenden Trümmer des zerstörten Schlaffes wies, die durch eine Straßenlücke sichtbar wurden;) „Sic würden jetzt in einiger Verlegenheit sehn, die Nichtigkeit der Beschreibung anzucrkennen, welche der alte Lcland von diesem einst stolzen und heldenhaften Bollwerk des Nordens macht, waran er eilf bis zwölf Thürme auf der Schlvßmauer, und überdies einen sehr schönen im zweiten Hofraum aufzählt. In diesem Schloß hielten sich die vier ritterlichen Mörder des stolzen Decket (des Wolset jener Tage) ein ganzes Jahr, der schwachen Rechtspflege der damaligen Zeit zum Hohn, auf. Auch der unglückliche Richard der Zweite — der Stuart unter den Plantagenets — verbrachte hier einen Theil seiner bittern Gefangenschaft. Und nach der Schlacht von Marston-Moor wehten hier die Banner der Königlichen gegen Lilburnes Söldner. Damals drückte sich dem Ort, wie Ihnen vielleicht bekannt ist, durch ein Beispiel kindlicher Liebe noch ein besonders rührendes Andenken auf. Die Stadt litt hart durch Mangel an Lebensmitteln; ei» Jüngling, dessen Vater zur Besatzung gehörte, stieg allnächtlich tu den tiefen trocknen Graben hinab, kletterte am Glacis hinauf und steckte Nahrungsmittel durch ein Loch tu der Mauer, hinter welchem der Vater stand und sie in Empfang nahm. Endlich ward er entdeckt und die Soldaten feuerten nach ihm. Er wurde gefangen und verurtheilt Angesichts der Belagerten aufgeheukt zu werden, um Schrecken unter Denen zu verbreiten, die vielleicht ebenfalls geneigt sehn möchten, der Besatzung zu Hülfe zn kommen. Glücklicherweis ward jedoch diese Un- that dem Gedächtniß Lilburnes und des republikanischen Heeres erspart. Mit großer chend zu erklären vermag." Walter senkte den Kops, und sein Verdacht begann unsicher zu werden, als der Pfarrer von Neuem anhob: i „Indessen fordert meine Pflicht, Ihnen, der bei Clarkes Schicksal so ties Letheiligt zu sehn scheint, zu sagen, daß mir seitdem Gerüchte zu Ohr gekommen sind, als habe Dulwcr's Romane. V. 5 6K die Frau, iu deren Haus Aram wohnte, hie und da «»- dentliche Worte fallen taffen — Winke, daß sie Etwas sagen könnte,—daß sie mehr wisse, als die Leute woh! glaubten; — ja einmal soll sie sogar geäußert haben, Eugen AramS Leben hänge von ihr ab." „Gott der Barmherzigkeit! und schlief denn die höhere Untersuchung bei Worten, die ihre Aufmerksamkeit im höchsten Grad in Anspruch nehmen sollten?" „Nicht ganz — als dieselben zu mir gelangten, begab ich mich in das Haus, fand aber die Frau, deren Charakter und Lebensart gemein und unznvcrläßig sind, in ihrem Benehmen kurz angebunden und trotzig, und nach fruchtloscn Versuchen, etwas Näheres über diese Aeußernn- gen herauszubringen, verließ ich sie mit der festen lleber- zcngung, daß sie sich blos die Lust einer grundlosen Prahlerei gemacht habe, und daß das leere Geschwätz einer Klatscherin von ziemlich ungeordnetem Lebenswandel gegen eine» Menschen von Arams tadellosem Charakter und strengen Sitten kein Zcugniß abgcben könne. Da Sie jedoch die Sache von Neuem angeregt haben, wolle» wir dem Weib einen Besuch machen, eh Sie ans unfern Mauern scheiden. Auch möcht cs nicht übel sepn, den Hauöman einer nochmaligen Untersuchung zu unterwerfen, bevor wir ihn ziehen lassen." „Dank! Dank! — kein Faden auf dieser dunkeln Spur soll mir entschlüpfen!" „lind jetzt," bemerkte der Pfarrer, indem er ans ein 67 anständiges Haus zeigte, „sind wir zu Clarkes ehemaliger Wohnung gekommen!" Eiu alter Mann von ehrwürdigem Ansehen öffnete die Thür und bcwillkvmmte den Geistlichen und seinen Begleiter mit einer Miene herzlicher Hochachtung, in welcher sich die wohlverdiente Popularität des Erster» auswies. „Wir kommen," hob der Pfarrer an, „Ihnen einige Fragen in Bezug auf Daniel Clarke vorzulegen, dessen Sie sich als Ihres Miethmannes erinnern. Dieser Herr ist ein Verwandter von ihm, und bet seinem Schicksal in hohem Grad betheiligt." „Wie, mein Herr," rief der Alte, „und auch Ste, sein Verwandter, haben von Herrn Clarke nichts mehr gehört, seit er unsere Stadt verlassen hat? Seltsam! Just die Stube, worin Sie jetzt stehen, wurde von Herrn Clarke bewohnt, und neben daran" (eine Thüre öffnend) „war sein Schlafzimmer." Nicht ohne mächtige Bewegung fand sich Walter so auf einmal im Gemach des verlornen Vaters. Welch schmerzlichen, welch düstern und doch welch heiligen Anstrich gewann lm Augenblick Alles um ihn her; die altmodischen, schweren Stühle — die braunen getäfelte» Wände — der kleine Schcnktisch, in den Winkel rechts neben dem Kamin zurückgcschoben, und Stücke von indischem Porzellan und langen zugespitzte» Weingläsern drauf gethürmt — die schmalen, tief in die Mauer eingesenkte» 5 * 68 Fenster, die eine trübe Aussicht auf einen fahlen, schwer- niüthigen Garten hinter dem Haus gewährten — ja der Baden selbst, den er trat — der Tisch, an welchen er sich lehnte — das öde, feuznlose Kamin ihm gegenüber — Alles bekam in seinem Ang einen vertranten Sinn n»d flüsterte ihm alte bekannte Worte ins Ohr. Und als er das zweite Gemach betrat, wie hoch stiege» da diese seltsamen, halbtraurigen, aber doch nicht nnangenehmen Empfindungen auf. Da stand das Lager, woraus sein Vater geruht hatte, noch die Nacht vor — was? vielleicht vor seiner Ermordung! Das Bett, wahrscheinlich ein Ueber- bleibsel aus der Burg, von der Zeit her, als deren alter- thümlicheS Geräth zum öffentlichen Verkauf ausgesetzt wurde, war mit verblichenen Teppichen behängen, und über dem dunkeln, aufgcstutzten Himmel prangten schwere, katafalkartige Zierathen. Alte Schiebladenschränke von rauh geschnitztem Eichenholz; ein vergilbter Spiegel in lakirtem Rahmen; ein gewaltiger Armsessel, wie man sie zu Zeiten der Königin Elisabeth hatte, und mit demselben Stoff bekleidet, wie das Bett, machten jenen unheimlichen, kirchhofartigen Eindruck auf das Gcmüth, der durch die Trümmer einer zerstäubenden, vergessenen Vergangenheit so häufig hervorgebracht wird. „Es sieht unfreundlich aus, Herr," bemerkte der Ei- genthümer, „aber seit Jahren haben wir keinen regelmäßigen Miethmann gehabt; Alles ist noch gerad wie zur Zeit, als Herr Elarke hier wohnte. Der freilich, behüt 69 uns der liebe Gott! machte die finstern Stuben lustig genug. War ein inunterer Herr. Er und seine Freunde, sonderlich Herr Hausman, ließen die Wände wtedcrhallcn. wenn fie über ihren Bechern waren!" „Es möchte wohl besser für Herrn Clarke gewesen sehn," erwiederte der Pfarrer, „hätte er sich seine Gefährten mit mehr Wahl ausgesucht. Hausman war kein zuverlässiger, vielleicht nicht einmal ein ganz gefahrloser Gesellschafter." „Das ging mich damals nichts an," entgegnete der Ztminervermiethcr. „Jetzt wärs was Anderes, seit ich ge- hetrathet habe!" Der Pfarrer lächelte. „Vielleicht spielten Sie selbst eine Nolle bei diesen Gelagen, Herr Moore?" „Nun ja, Herr Clarke nöthigte mich, gelegentlich ein Glas oder so mitzntrinkcn." „Dann müssen Sie auch wohl die Gespräche mit angehört haben, die zwischen Hausman und Jenem geführt wurden? Ließ Herr Clarke bei dergleichen Unterredungen je seine Absicht merken, die Stadt wirklich so schnell zu verlassen? Und falls Dies der Fall war, wohin wollte er, seiner Aussage nach, gehen?" „O! zunächst nach London. Oft Hort' ich ihn sagen, daß er sich nach London begeben und dann einen Abstecher zu Verwandten tn einem entfernten Theil des Landes machenwolle. Ich erinnere mich, daß er einen kleinen Jungen meines Bruders liebkoste. Euer Ehrwürden kennen den Jakob, jetzt kein kleiner Junge mehr, beinah so groß wse der Herr da. „Ach," sagte Herr Clarke und seufzte ordentlich dazu, „ach, ich Hab' zu Haus einen Knaben ungefähr von diesem Alter — wann werd' ich ihn Wiedersehen?" „Ja wohl> wann!" dachte Walter und wandte das Gesicht bei einer Erzählung ab, die ihn natürlich so sehr aurcgen mußte. „Und wußten Sie, daß Clarke in der Nacht, worin er Sie verließ, nicht zu Haus war?" „Nein! er begab sich zur gewöhnlichen — ziemlich späte» — Stunde auf sein Zimmer, und am nächsten Morgen fand ich sein Bett unberührt und ihn selbst fort — fort mit all seinen Juwelen, seinem Geld und was er sonst an Werth hatte; schweres Gepäck führte er nicht mit sich. Er war ein verschmitzter Herr, das Rechnungzahlen kam ihm immer sehr unbequem. An verschiedenen Orten des Städtchens hatte er starke Schulden, so kurze Zeit er auch hier gewesen. Ueberall machte er Bestellungen und nichts zahlte er." Walter seufzte. Dies war also seines Vaters Charakter. Zum Thcil mochte ein solches Benehmen von schlimmen Grundsätzen herrühren, die über die Gefühle seiner früheren Natur das Uebcrgewicht erhalten hatten; zum Theil aber auch Folge eines sorglosen, gern auf den kommenden Tag verschiebenden Sinnes sepn, der öfter, als wirkliche Schlechtigkeit, nm den Vortheil eines guten Namens bringt. 71 „So würden Sie denn," hob der Pfarrer wieder an, „nach Ihrer eigenen Beurtheilung und nach der Kenntnis die Sie von ihm hatten, annehmen, daß Clarkes Verschwinden vorbedacht und daß, obwohl man seitdem nichts mehr von ihm gehört hat, keines von den unheimlichen Gerüchten gegründet war, die eine Zeit lang über ihn umliefen?" „Ich gesteh Euer Ehrwürden, und bitte diesen Herrn, der, wie Sie sagen, ein Verwandter von Clarke ist, um Verzeihung — ich gesteh, daß ich keinen Grund sehe, anders zu denken," „Besuchte auch Herr Aram, Eugen Aram, zuweilen den Clarke? Sahen Sie die Zwei je bei einander?" „Niemals in meinem Haus. Doch stell ich mir vor, durch Hausman werde Herr Aram dem Clarke vorgestellt worden sehn, und Beide dürften sich zwei bis drei Mal gesehen und mit einander gesprochen haben; öfter schwerlich, denn es waren Menschen von gar verschiedenem Geist, Herr." Walter, der seine Selbstbeherrschung wieder gewonnen hatte, mischte sich nunmehr ebenfalls in das Gespräch und suchte durch die genauesten Erkundigungen, die sein Scharfsinn ihm einzugebcn vermochte, weiteres Licht über den geheimntßvollen Gegenstand z» erhalten, an welchem sein Herz so tiefen Nntheil nahm. Indessen war nichts von irgend einer Wichtigkeit ans dem guten Hausbesitzer herauszubringen. Augenscheinlich nährte er die Neberzeu- 7 ? gung, ClarkcS Verschwinden finde ln Clarkes Ehrlosigkeit eine genügende Erklärung, und so beachtete er jede andere Vermuthnng fast gar nicht. Auch gaben ihm HausmanS und Clarkes Zusammenkünfte, so weit er sich derselben erinnerte, durchaus nichts an die Hand, was der Erzählung Werth wäre. — Mit etwas gedämpfter, von ihren Hoffnungen herabgcsnnkencr Stimmung setzte Walter, begleitet von dem Pfarrer, seine Wanderung fort. 73 Eilftes Kapitel. Trauer eines verwilderten Mensche». — Das Zimmer einer früh Verstorbenen. — Ein einfaches aber wichtiges Geständnis» — Das Geheimnis! der Erde. — Die Höhle.—- Die Anklage. „CS taugt nicht Alles; ich vcrmuthe was Won argen Ränken." Verruchte That dringt auf zum Menschenauge, Drückt auch die ganze Erde auf sie nieder. Hamlet. Indem sie durch die Straße hingingen, bemerkten sie einige Personen vor der Thür eines gewöhnlichen Hauses, dessen Läden zum Theil verschlossen waren. „Es ist," sagte der Pfarrer, „das Gebäude, worin Hausmaus Tochter starb. Armes, armes Kind! Doch warum um die Jugend trauern? Besser, daß das lichte Wölkchen mit dem Morgenhauch in. den Himmel verschwimme, als daß es sich durch den mühevollen Tag durcharbeitet, um zum finstern Klumven zu verdichten und in Sturm zu enden!" „Ach, Herr!" sagte ein alter, auf seinen Stock gelehnter Mann, indem er den Hut ehrerbietig vor dem Pfarrer abzog, „drinnen ist der Vater und jammert bitterlich. Er treibt Alles aus dem Zimmer und sitzt ächzend am Bett, als ob ihm der Verstand auSgehen wollte. Möchten Euer Ehrwürden nicht ein wenig zu ihm hineintrete»." Der Pfarrer sah Walter» fragend an. „Vielleicht," sagte Letzterer, „ist es besser, wenn Sic allein hinetngehen. Ich will hier außen warten." Während--der Pfarrer noch zögerte, hörten ste eine Stimme im Gang, und gleich darauf erschien HauSman am entfernteren Ende desselben, wo er mit heftigen Ge- berdcn einige Frauen vor stch Hertrieb. „Ich sage Euch, Ihr Hüllengezücht," kreischte seine rauhe, jetzt besonders hoch angespannte Stimme, „Ihr habt sie sterben lassen. Warum habt Ihr nicht »ach London um Aerzte geschickt? Bin ich nicht reich genug, meines Kindes Leben um jeden Preis zu erkausen? Beim lebendigen Gott! Euren ganzen Leib wollt ich in Gold verwandelt haben, wenn Ihr mir sie gerettet hättet. Aber sic ist todt! lind,ich — aus meinen Augen! — aus meinem Weg!" lind mit geballten Fäusten, gerunzelter Stirn und unbedecktem Kopf stürzte HauSman vor die Thür, und Walter erkannte de» Reisenden aus der vorigen Nacht. Dieser blieb beim Anblick des kleinen Menschentrupps plötzlich stehen, und sah Alle mit einem bösartigen, grimmigen Blick von der Seite an: „Recht brav — 's ist recht brav, Nachbarn!" rief er endlich mit wildem Gelächter. „Das heiß ich gutherzig! Ihr sepd gekommen, »m Richard HauSman zu seiner Wiederkehr Glück zu wünschen, nicht wahr? Gut, gut! Nicht um auf seinen Jam- mer zu gaffen; behüt der Herr! Nein! Ihr habt keine müßige Neugier,—kein gaffender, spürender, schwatzender Teufel sitzt in Euch, der Euch triebe, die Köpfe zusammen zu stecken und Maulaffen feil zu haben und zu plappern, wenn arme Menschen ins Elend kommen. Das Alles ist pures Mitleid; und Hausman, der gute, sanfte, friedliche, ehrliche Hausman—Ihr fühlt für ihn, ich weiß es! Hört Ihr: packt Euch — weg! — fort! laust! — oder — ha ha! Da laufen sie — da laufen sie." Damit lachte er von Neuem wild ans, indent die Nachbarn entsetzt aus einander stiebten, und blos Walter und den Geistlichen bei dem kinderlosen Mann zurückließcn. . „Trösten Sie sich, Hausman!" sagte Summers besänftigend. „Sie haben einen schweren Schlag erlitten. Ich kannte Ihr Kind Wohl, Sie haben es dielleicht don mir sprechen gehört. Gehen Sie mit uns hinein und versuchen Sie, welch himmlischer Trost im Gebet liegt." „Gebet! Pah! Ich bin Richard Hansmau!" „Gibt es irgend einen Menschen, für welchen das Gebet keinen Werth hätte?" „Fort, Gleisner, fort! Mein hübsches Hannchen! — und sie legte ihre Hand auf meine Brust — und sah mir in's Gesicht — und,so -— starb sie!" „Kommen Sie," sagte der Pfarrer und faßte Hausmaus Arm, „kommen Sie" — Eh er weiter fortfahren konnte, stieß ihn Hausman rauh aus die Seite und stürzte in sich hinein murmelnd die Straße hinab. Aber nach einigen Schritten kehrte er 76 zurück, näherte sich dem Pfarrer und sprach in gefaßterem Tan: „ich bitte Sie, Herr, da Sie ein Geistlicher sind, (ich entsinn mich jetzt Ihres Gesichtes und erinnere mich, daß Hannchcn mir gesagt, Sie setzen gütig gegen sie gewesen) — ich bitte, gehen Sie hinein und sprechen ein Paar Warte über der belche; aber halt; — bringen Sie meinen Name» nicht darunter; — Sie verstehen. Ich will nicht, daß Gott daran gedenke, daß es einen Menschen gibt wie Der, welcher jetzt mit Ihnen spricht. Holla!" (den Frauen zurufend:) „meinen Hut und Stock, Tralala! Trala! Warum sollen wir über so was thun, als ob wir von Sinne» kämen? Ein schöner Tag heut, Herr; werden einen späten Winter haben. Verdammt setz die Vettel, wie langsam sie ist. Ich Hab den Hut ja unten liegen gelassen. Aber wenn ein Tvdtes im Haus ist, kommt gleich Alles unter einander. Finden Sie DaS nicht auch?" Hier brachte eines von den Weibern, blaß, zitternd und weinend, dem Elenden seinen Hut. Er setzte ihn be- dächtlich ans, verbeugte sich mit einem gräßliche», krampfhaften Versuch zu lächeln, ging langsam fort und verschwand. „Was für seltsameVcrlarvnngen derSchmerzwählt," sagte der Pfarrer. „Es ist ein schauderhaftes Schauspiel, wenn er einem Mann dieses Schlags die Empfindungen des Herzens also abtrotzt! Aber verzeihen Sic, mein junger Freund, lassen Sie mich hier einen Augenblick verweilen." 77 „Ich will mit Ihnen hineingehen," sagte Walter. — Die beiden Männer traten in das Haus und nach wenigen Sekunden standen sie in dem Todtcnzimmcr. Das Gesicht der Verstorbenen hatte noch nicht den geringsten Wechsel erlitten. Ihre kindliche» Züge waren still und heiter, und wäre der freundliche Mund nicht so gleichmäßig geblieben, so hätte man glauben mögen, sie bewege die Lippen zum Lächeln. So fein, schön und sanft war der Ausdruck dieses Antlitzes, daß man kaum begreifen konnte, wie ein solches Neis von solchem Stamm entsprossen sey, und nicht länger schien es ein Wunder, daß ein so junges, unschuldiges, liebenswürdiges und so früh verblichenes Wesen jene wilde, dunkle Natur gerührt hatte, die jedem andern sanften Gefühl den Zugang verwehrte. Der Pfarrer trocknete die Augen und bereitete - sich mit zitternder, aber ernster Stimme, das Gebet für die Tvdte zu sprechen; und Walter, das Herz für weiche, liebevolle Empfindungen geöffnet, kuicete neben dem Bett nieder und fühlte, daß seine eigenen Angen naß wurden, als er die Hoffnung des Christen und die heilige Bitte nachsprach. Dieser Vorgang hatte in seiner Feierlichkeit noch was Eindringenderes und Ergreifenderes, als das blos äußere Pathos. Der Mensch, welcher jetzt neben Hausmaus todtem Kind kniete, war der Sohn des Mannes, als dessen Mörder Hausman vom Gerücht bezeichnet worden. — Der Kinderlose und der Vaterlose! Fand hier keine Wiedervergeltung Statt? Als die Ceremonie vorüber, und der Pfarrer nebst Walter» sich de» unzusammenhängenden Segenswünschen »nd Wehklage» der Frauen des Hauses entzogen hatte, »rächten sich Ersicre, nur mit Mühe gegen den Eindruck ankämpsend, welchen der Auftritt ihrem Gemüth zurückgelaffen, von Neuem an ihr Geschäft. „Es ist jetzt der Augenblick nicht," sagte Walter nachdenklich, „um Hausman in Untersuchung zu ziehen. Gleichwohl darf Dies nicht vergessen werden." Der Pfarrer schwieg eine Zeit lang, und entgegnetc dann als Antwort auf Walters Bemerkung, daß die beabsichtigte Unterredung mit Arams ehemaliger Hauswir- thin wohl einiges Licht auf den Gegenstand ihrer Nachforschungen werfen dürfte. So begaben sie sich denn nach einem andern Theil der Stadt, und langten bald vor einem vereinzelten Gebäude von verödetem Ansehen an, das schon tn seinem Aeußern etwas Ungewöhnliches, Trübes, ja Unheimliches zu tragen schien. Ich weiß nicht, worin es liegen mag, aber gewisse Häuser bekommen durch ihre äußere Erscheinung eine Miene anfgedrückt, die geheim- nißvoll aufs Herz fällt — sie reden eine schwere, beängstigende Sprache, die uns dunkel an die Seele greift. Wir sagen uns dann: irgend eine Geschichte muß an diesen Mauern kleben; irgend eine düstre Sage muß mit diesen stummen Steinen verkettet scpn! Und im Hinschauen fühlen wir Grauen und Neugier zugleich über uns schleichen. Won solcher Gestalt war das Haus, auf welches der junge Wanderer jetzt blickte. Die Bauart entsprach einer früheren'Zeit, wie wie man Dies in alten 79 Städten »ichj selten findet. Giebelspitzen sprangen über das Dach empor; kleine, dumpfe, vergitterte Fenster senkten stch tief in die graue, verblichene Mauer; das Zaunwerk war zu einem großen Theil zerbrochen und §n- gcfrcsscn, und üppiges Unkraut schoß in dem vernachlä- ßigten Garten auf, durch welchen sie nach dem Vordach zuschritten. Die Thüre stand offen. Sie traten ein und fanden eine alte Frau gemeinen Ansehens neben dem Kamin, die mit jenem leeren Stieren in die Lust sah, welches Ruhe und Erholung des ungebildeten Armen so oft bezeichnet. Walter fühlte stch beim Anblick der einsamen Bewohnerin des einsamen Hauses durch einen unwillkürlichen Schauder zurückgestoßen. „Heda, Herr!" ries sie mit schnarrender Stimme, „was gibts? Oh! Herr Pfarrer, sind Sie's? Willkommen, Herr. Wollte, ich könnt' Ihnen 'n Gläschen von was anbicte», aber die Flasche ist aus; — hi, hi!" Damit wies sie mit widrigem Grinsen auf eine leere Flasche in einer Mauerwölbung des Kamins. „Weiß nicht, wie's kommt, nie Hab ich Lust zum Essen; aber so 'n Gläschen, das thut Einem wohl!" „Ihr wohnt schon lang in diesem Haus?" fragte der Pfarrer. „Schon lang — einige und dreißig Jahre und mehr." „Erinnert Ihr Euch an Euern Miethmann, Herrn Aram?" „O —'freilich — ja." „Ein trefflicher Mann!" „Hm!" „Ein wahres Wunder von einem Mann!" „O — hm! er! — hm! — DaS ist, wie man'S so nimmt," „Wie? Ihr scheint nicht so von ihm zn denken, wie die ganze übrige Welt?" „Ich weiß, was ich weiß," „Ach ja, ich entsinne mich, da habt Ihr, glaub ich, so ein Ammcnmährchen über ihn; aber Ihr konntet Euch niemals recht darüber ausweisen, Ihr erfandet es wohl nur, weil Ihr gern als eine gescheite Frau erscheinen möchtet; he?" Die Alte schüttelte den Kopf und erwiederte, die Hände krenzweis auf die Kniee gestützt, mit besonderem Nachdruck, aber mit leiser, flüsternder Stimme: „Ich könnt' ihn an den Galgen bringen!" „Sho!" „Sag Ihnen, ich könnt's," „Nun so laßt uns Euer Mährchcn hören!" „Nein, nein! ich hab's noch Niemanden anvertraut, und möcht's auch nicht umsonst. Was wollen Sie mir geben? machen Sie, daß es der Mühe Werth ist." „Sagt uns Alles ehrlich, unentstellt und ganz, und Ihr sollt fünf Guineen in Gold haben. Seht da, Frau," Durch diese Zusage aufgeregt, blickte die Alte kräftiger um sich, als bisher der Fall gewesen, und murmelte, indem sie mit ihrem Stuhl hin und her rückte, in sich hinein: „Ei, ei! warum nicht? brauch mich jetzt nicht zu fürchten; — Beide fort; — können jetzt das alte, arme Ding nicht mehr umbringen, wie die Schurken mir 'mal drohten. Fünf goldne Guineen — fünf, sagen Sie, Herr — fünf?" „Ja, und vielleicht daß unsere Freigebigkeit hiebei nicht stehen bleibt." Immer noch zögerte die Alte, und immer noch murmelte fie in sich hinein; nach einigen weitern Vorbemerkungen und etwas weiterem Zuspruch von Seiten des Pfarrers , was nur Beides dem Leser ersparen, kam sie endlich zu folgendem Bericht: „Es war am 7. Februar 44, ja 44, gegen sechs Uhr Abends, denn ich wusch eben in der Küche, als Herr Aram mir rief und mich im obern Zimmer einheizen hieß, was ich that; drauf ging er ans. Mehrere Stunden nachher, es mochte so zwei Uhr Morgens seyn, lag ich wachend im Bett, denn ich hatte Zahnweh zum Erbarmen, und da hört ich drunten einen Lärm und 'n Paar Stimmen. Darüber erschrak ich jämmerlich, und stand auf und sah Herrn HauSman und Herrn Clarke die Stiegen herauskommen in Herrn Arams Stube, und Herr Aram kam hinten drein. Sie schloßen sich ein, und blieben wohl 'ne Stunde da. Nun konnte ich mir nicht denken, was einen so scheuen und subtilen Herrn, wie Herr Aram, bewegen konnte, zu so 'ner Stund diese wilden Brauskvpfc zu sich zu nehmen, und dacht', und dacht' 'rum und num, bis ich hörte, daß sie die Thüre aufschloffen. Da horcht' ich durch mein Schlüsselloch, und Herr Clarke sagte: „„es BulwerS Romane, v. g 82 82 wird bald hell, wir müssen fort." " Aber mit 'm Schlaf war's bei mir aus, und ich stand vor fünf Uhr auf. Etwa um diese Stunde kamen Herr Aram und Herr Hausman zurück und stierten mich Beide an, als wär's ihnen gar nicht recht, daß tch schon aus 'n Federn sey; und Herr Aram ging auf sein Zimmer, aber Herr Hausman wandt' sich noch 'nmal um und sah mich so schwarz an, wie die Nacht. Der Herr erbarme sich meiner, noch seh ich ihn vor mir! und ich fürchtete mich recht in die Seel' hinein und horchte am Schlüsselloch, und hörte, wie Hausman sagte: „„weun daS Weib hereinkommt, wird sie ausschwaz- zen."" „„Was kann sie ausschwatzen,"" sagte Herr Aram, „„das arme, einfältige Ding weiß von nichts."" Drauf sagte Hausman wieder, sagt' er: „„Wenn sie auch nur angibt, daß ich hier gewesen, so ist Das schon genug. Aber"" — und fluchte gotteslästerlich — „'„wir wollen uns 'ne Gelegenheit aussehen, sie nieder zu schießen."'" „Darüber erschrak ich so, daß ich wieder auf meine Stube schlich, und mich nicht regte, bis sie wieder aus dem Haus waren, und dann —" „Um welche Stunde war Das?" „Gegen sieben Uhr. Aber sie bringen mich draus! wo blieb ich stehen? — Ja, da ging ich in Herrn AramS Zimmer, und sah, daß sie 'n Feuer angemacht hatten, und daß alle Asche unterm Rost weggenommen war. Da schaut' ich nach 'm Anskehricht hinter'», Haus, und fand dort die Zische richtig, und drunter etliche Fetzen Tuch und Linnen, die zu 'nem Anzug zu gehören schienen, und auch 83 n Schnupftuch, das ich gar oft in Hausmaus Hand gesehen (denn 's war 'n absonderliches Schnupftuch, ganz bunt gewürfelt), und in dem Schnupftuch war ein Blutfleck. so groß wie 'n Schilling, und nachgehends sah ich Hausman und zeigte ihm 's Schnupftuch und sagte: ,,„Was ist aus Clarke geworden?"" und er runzelte die Stirn und schaute mich an und rief: „„Hört, ich versteh nicht, was Ihr damit meint, aber so gewiß der Teufel Wache hält auf die Seelen, schieß' ich Euch vor den Kopf, wenn Ihr noch ein einziges Wort über Clarke oder mich, oder Herrn Aram über Eure verdammte Zunge fahren laßt. Seht Euch also vor!" " Da kam ich ganz außer mir und zitterte an jedem Glied, unv zwei ganze Jahre nachher (lang nachdem Hausman und Aram fort waren) war ich nicht im Stand auch nur die Lippen aufzuthun über die Geschichte. Und vor seiner Abreise sah mich Herr Aram bisweilen an, nicht so grimmwüthig wie der Schurke Hausman, aber als wollt' er im Grund meines Herzens lesen. O, es war, als hätt' man einen Berg von mir gewälzt, als er und Hausman die Stadt verließen, denn so wahr die Sonne scheint, ich glaube, nach Dem, was ich eben gesagt, daß die Beide den Clarke in jenerIebruarnacht ermordet haben. Und jetzt, Herr Pfarrer, ist mirs leichter, als mirs in langer Zeit nicht war, und wenn ich früher nichts gesagt habe, so wars, weil ich an Hausmaus Stirnrnnzeln und an seine grausigen Worte dachte; aber so etwas schlüpfte mir dann und wann doch über die Zunge, denn es ist etwas Hartes, 6 * 84 Herr, 'ne Heimlichkeit der Art auf 'in Herzen haben und dabei still zu bleiben, und gewiß und wahrhaftig, ich war, nachdem ich's 'n mal wußte, nicht derselbe Mensch wie vorher, denn ich wollt' mir die Gedanken auf alle Art aus 'm Kopf schlagen, und Das ist der Grund, Herr, warum ich's gute Renommo verlor, das ich sonst hatte," Dies — etwas abgekürzt von den „Sagt' er" und „Sagt' ich," von den Versetzungen und Wiederholungen, — war die Geschichte, die Walter mit angehaltenem Athem anhörte, — Aber die Ereignisse drängen, die Fäden, die durch das Jrrgewinde führen, sind nah daran, zusammen- zulaufcn." „Jetzt sollten wir keinen Augenblick verlieren," hob der Pfarrer an, als sie das Haus verließen. „Begeben wir uns gleich zu einem sehr tüchtigen Friedensrichter, bei welchem ich Sie einsühren kann, und der eine kleine Strecke vor der Stadt wohnt." „Wie Sie wollen," sagte Walter mit veränderter, hohler Stimme; „ich bin wie Einer, der auf einem hohen Berg steht, von wo aus er de» ganzen Schauplatz, den er zu durchwandern hat, vor sich ansgebreitet sieht, aber durch die erstiegene Höhe schwindlig und wirr ist. Ich weiß — ich fühle — daß ich am Rand furchtbarer, gräßlicher Entdeckungen stehe; — bitten Sie Gott.aber achten Sie nicht auf meinen Zustand, mein Herr — achten Sie nicht auf mich — kommen Sie — kommen Sie!" Es ging bereits gegen Abend; als sie sich in einiger Entfernung von der Stadt befanden, warf die Sonne ihre 85 letzten Strahlen auf eine Gruppe Menschen, die sich hastig um einen Ort her zusammen zu drängen schienen, die in der Nachbarschaft von Knaresborough unter dem Namen „Distelhügel" wohl bekannt ist, „Gehen wir dem Gedräng aus dem Weg/" sagte der Pfarrer; „übrigens wundre ich mich, was die Ursache davon sehn mag," Indem er noch sprach, eilten zwei Bauern an ihm vorüber dem Menschenhaufen zu. „Was hat daSZusammengeläufe dort zu bedeuten?" fragte der Pfarrer. „Kann nicht genau Auskunft geben. Euer Edeln, aber sie sagen, Jost Rinnings habe dort beim Steingraben für den Kalkofen eine große hölzerne Kiste aufgeschaufelt. " Ein Schrei aus der Gruppe unterbrach die Antwort des Landmanns; — ein plötzlicher allgemeiner Schrei, aber kein Schrei der Freude; etwas Entsetzenvolles, Grauenhaftes schien in dem Laut sich anzudeuten. Walter sah den Pfarrer an; — es war, als zöge ein innerer Antrieb —- ein plötzlicher Instinkt — Beide unwillkürlich nach dem Ort, von wo sie den Ruf vernom-, men hatten; sie beeilten ihre Schritte — sie brachen sich Bahn durch das Gedräng. Eine hohe, gewaltsam aufgebrochene Kiste stand vor ihnen. Ihr Inhalt lag herausgeworfen auf dem Rasen: ein verblichenes, moderndes Geripp! Mehrere Knochen waren von dem Körper abgerissen. Ein allgemeines Durcheinanderreden der Zuschauer — Fragen — Vermuthen — Besorgen — Verwundern lief wirr im Kreis umher. „Ja," sagte ein alter Mann 86 mit grauen Haaren, auf seine Hacke gelehnt, 's ist jetzt vierzehn Jahre seit der jüdische Krämer abhanden kam; — das sind wahrscheinlich seine Gebeine — es hieß damals , er sey todt geschlagen worden/' „Nein," kreischte ein Weib, indem sie ein Kind zurückriß, welches, allein von keinem Granen erfaßt, die unheimlichen Neberreste eben anrühren wollte — „nein, von dem Hansirer hat man nachher wieder gehört! Ich sag Euch, verlaßt Euch d'rauf, das sind die Gebeine von Clarke — Daniel Clarke—nach welchem in unserer Kinderzeit hier 'rum so viel Suchens war!" „Recht, Frau, recht! Es ist Clarkes Geripp," war der allgemeine Aufschrei. Walter drängte sich hervor, beugte sich über die Gebeine und winkte mit der Hand, als wollte er dieselben vor weiterer Entweihung schützen. Seine unvermuthcte Erscheinung — seine hohe Gestalt — seine wilden Geberden — das Granen — die Bläffe — der Schmerz auf seinem Gesicht machten einen mächtigen Eindruck auf alle Anwesende. Er blieb sprachlos, und ein plötzliches Stillschweigen folgte auf den Lärm. „lind was macht ihr Narren hier?" rief auf einmal eine Stimme. Die Zuschauer wandten sich — ein neuer Ankömmling hatte sich dem Haufen beigesellt; — es war Richard Hausman. Der los an ihm hängende, unordentliche Anzug — die gerötheten Wangen und rollenden Augen — deuteten auf die Trostquelle, zu welcher er gegen den Kummer seines Hauses Zuflucht genommen. „Was macht Ihr hier?" rief er, indem er vorwärts tau- 87 melte. „Ha! Menschengebeine! Von Wem glaubt Ihr wohl, daß sie sehen?" „Von Clarke!" rief die Frau, welche diese Vermu- thung zuerst aufgebracht hatte. — „Ja, wir glauben, es' sind Daniel Clarke's Gebeine, der vor vielen Jahren verschwunden ist!" schrieen Mehrere durcheinander. „Clarke's?" wiederholte Hausman, indem er sich niederbeugte und einen Schenkelknvchen ergriff, der etwas entfernt von den übrigen lag: „Clarke's — Ha! ha! es sind so wenig Clarke's Gebeine, als die meinigen!" „Seht!" rief Walter mit einer über Hügel und Ebene hinschallenden Stimme, und packte vorspringend Hausman mit übernatürlicher Gewalt: „Seht den Mörder!" Als hätte das rächende Wort des Himmels gesprochen, zuckteeine schaudernde, blitzschnelle Neberzeugung durch die Menge. Die ältern Zuschauer erinnerten sich auf Einmal der Person Hausmaus und des Verdachts, der sich an seinen Namen geknüpft hatte. „Greiftihn, greift ihn!" brach es plötzlich aus zwanzig Kehlen hervor. „Hausman ist der Mörder!" „Mörder?" stammelte Hausman unter Walters eisernen Händen zitternd — „Mörder von Wem? Ich sag Euch, das sind nicht Clarke's Gebeine!" „Und wo find denn Clarke's Gebeine?" rief Walter. Bleich — verwirrt — vom Gewissen geschlagen — halb vom Rausch — halb von Angst betäubt, warf Hausman einen geisterhaften Blick um sich her, und vor dem Blick eines Jeden zurückfahrend, in dem Aug eines Jeden seine Verdammung lesend, keuchte er hervor^— »sucht in St. Robertshöhle, in der Windung neben dem Eingang." „Fort!" ertönte sogleich Walters tiefe Stimme — „fort! — Nach der Höhle — nach der Höhle!" An den Ufern des Ridssuffes, dessen Gewässer zu den überhängenden Felsen und Bäumen ewig hinauf murmeln, ist eine tiefe, schaurige, in das Gestein eingesenkte Grotte, der Sage nach einst die Wohnung eines jener einsamen Schwärmer früherer Zeiten, die ihre öden Siedeleien in den rauhesten Winkeln der Erde aufschlugen und dem Vater der lieblichen Welt nur traurige Gedanken und bittere Büßungen zum freudlosen Opfer brachten. Zu diesem verlassenen Ort, der nach dem Namen seines einst berühmten Bewohners St. Nobertshöhle heißt, eilte jetzt die Menge, indem ihre Zahl,Schritt um Schritt anwuchs. Der alte Mann, der Entdeckerder unbekannten Ueber- reste, die man zusammengelesen hatte und im Zug mit forttrug, ging voran. Hausman, zwischen zwei starken, rüstigen Männern, kam unmittelbar nach ihm, und Walter, die Augen fest ans den Bösewicht geheftet, folgte ihm nach. Der Pfarrer hatte die Vorsicht gehabt, im Voraus nach Fackeln zu schicken; denn schon dunkelte der Winterabend um sie her, und das Licht der Fackelträger, die sie an der Höhle erwarteten, warf seinen rüthlichen. fahlen Schimmer in den Eingang der Kluft, Eine von den Leuchten ergriff sofort Walter selbst, und er war's, der den ersten Schritt in die düstere Grotte that. An diesem Ort und in diesem Augenblick wich Hausman, der, wie es 89 geschienen, auf dem kurzen Weg eine Art verstockter Selbstbeherrschung gewonnen hatte, plötzlich zurück, und dicke Tropfen der Angst und Todesqual fielen von seiner Stirne. Mit Gewalt wurde er in die Höhle hineingeschleppt; der ' Raum füllte sich sofort, und die Fackeln, gegen die düstern Wände flackernd, beschienen Gesichter, welche von einer gemeinschaftlichen Empfindung, wie von einer schnell ansteckenden Krankheit tief und schaudernd durchdrungen, auch einen gemeinschaftlichen Ausdruck darboten. Selbst für die wildeste Phantasie war's nicht möglich, einen Schauplatz zu denken, der dem unheimlichenBegräbnißvrt eines ermordeten Menschen mehr entsprochen hätte. Aller Augen wandten sich jetzt auf Hausinan. Nachdem er zweimal vergeblich zu sprechen versucht — denn die Worte starben in seinem Mund undeutlich und erwürgt dahin — trat er einige Schritte vor und wies ans einen Fleck, auf welchen augenblicklich das gesammelte Licht aller Fackeln fiel. Ein unbeschreibbares, allgemeines Gemurmel, — und dann eine odemlose Stille folgte. An dem Fleck, welchen Hausman angezeigt, lagen — den Kopf nach der rechten Seite gewandt — die Ueberrcste eines menschlichen Körpers! „Können Sie schwören," fragte der Geistliche feierlich, indem er sich zu Hausman wandte, „daß dieß die Gebeine Clarke's sind?" „Vor Gott kann ich es beschwören!" erwiederte Haus- man, der endlich wieder eine Stimme fand. „Mein Vater!" tönte es von Walters Lippen, indem so er auf die Kniec sank; und dieser Ausruf vollendete das Entsetzen und Grauen, das tu der Brust aller Anwesenden vorherrschte. Das Gefühl der Gefahr, in die er sich gebracht, durchfuhr Hausman; Verzweiflung und angespannte Kraft gaben ihm nicht nur einigermaßen seine natürliche Verhärtung, sondern auch seine natürliche Schlauheit zurück, so daß er seine Empfindungen zu bemeistern vermochte. Mit einer Selbstbeherrschung, der er auch spLter mächtig blieb und dadurch einen Vortheil gewann, an welchen er im Augenblick nicht dachte, rief er laut: „Aber ich habe die That nicht gethan; ich bin nicht der Mörder!" „Sprechen Sie! — Wen klagen Sie an?" sagte der Pfarrer. Schwer athmend, und die Zähne, wie bei einem gewaltsamen Entschluß, über einander beißend, erwiederte Hausman: „Der Mörder ist Eugen Aram." „Aram!" ries Walter und sprang auf: „O Gott, deine Hand hat mich hieher geführt!" — Mit Einemmale schwanden ihm die Sinne, und als hätte eine Kugel sein Herz durchbohrt, stürzte er neben den Ueberbleibseln eines Vaters nieder, den er auf eine so geheimnißvolle Art entdeckt hatte. Eugen Ä r a m. Fünftes Buch. Ot würal n«x» x»x« Fe x«x^ /?o!/?/ -rnl /9ou^eüa«vri. x«x/t7^. Böses bereitet sich selbst. Wer dem Andern Böses bereitet: Auch ist schädlicher Rach NM schädlichsten Dem, der ihn -mrieth. He sind. Fünftes Buch- Erstes Kapitel. Grünthal — Der Hochzeitmorgen. — Altes Weibergeschwätz. — Die Braut an ihrem Pntztisch. — Die Ankunft. khino», o II vnll'Ml!'. tlvmon alles, o Ilvmenae." OatnII. — varm. ükuxt. Der Morgen war gekommen, an welchem Eugen Arain Madelinen Lester angetraut werden sollte. Das Haus des Gelehrten stand in Bereitschaft für die Ankunft der Braut, und obwohl es noch ziemlich früh, tummelten sich zwei alte Frauen in den untern Gemächern umher. Sie waren von seiner Dienerschaft — (jetzt nicht mehr eine einzige Magd; denn man hatte, der Vermehrung der Geschäfte wegen, welche die veränderten Umstände in Arams Wohnung herbeigeführt, ein fröhliches junges Mädchen von achtzehn Jahren aus Lesters Haus herüber versetzt) — eingeladen worden, ihr in Anordnung Dessen, was schon angeordnet war, beizustehen, und beschäftigte» sich nun eben, Alles, nach ihrem Ausdruck, schicklich zu machen. „So 'ne Blum steht doch wie 'n ärmlich Ding aus," brummte ein altes Weib, in welchem unsere Leser Grete Dunkelmann erkennen werden, indem sie ein Gefäß mit ausländischen Blüthen auf den Tisch setzte. „Sehen nicht halb so lustig aus, als was unter freiem Himmel wächst." „Still, Grete!" erwiederte die andere Alte. „Meinem Sinn nach find sie viel hübscher und fürnehmer, und so sagte auch Fräulein Lorchen, als sie sie gestern Äbend pflückte und mich mit herüberschickte. Sie sagen, es gebe kein Grashälmchen, das der Herr nicht kenne. Er muß ein guter Mann seyn, daß er Alles so lieb hat, was auf 'm Feld wächst. „Ho," rief Grete, „als Steph Wrench gehenkt wurde, weil er den Waldschützen des Lords erschossen hatte, und mit 'nein Strauß in der Hand aufs Schaffst stieg, sagte er mit'ner ärmlichen Stimme: „Warum," sagte er, „geben sie mir nicht 'ne Nelke? Ich liebte diese Art Blumen immer, und trug sie, als ich der Lisens Lukas Bräutigam war, und möcht nun mit einer in der Hand sterben." So kann Einer Blumen lieb haben und doch nur 'n Galgenschwcngel seyn." „Na, Grete, sprich nicht solches Zeug; Du kannst nie ruhen? was für 'n Geschwätz für 'neu Hochzeitmorgen!" „Wischewasche!" erwiederte die boshafte Here; „mancher Segen führt 'n Fluch in den Armen, wie der neue Mond den alten wieder bringt. Das wird Dir keine glückliche Heirath geben, sag ich Dir." „Und warum sagst Du's?" 95 „Hast Du je gesehen, daß 'n Mensch mit so 'nein Gesicht 'n glücklicher Ehmann wurde? Nein, nein; kannst Dir's lustige Lachen der Kinder in so 'nein Haus denken, oder 'n Kleines auf's Vaters Schoß, oder das glückliche, stille Lächeln auf 'm freundlichen Gesicht der Mutter in 'n Paar Jahren! Nein, Madlene, der Teufel hat dem Mann seine schwarze Klane aus die Stirn gedrückt!" „Bst! Lst! Grete; wenn er's hörte!" sagte die andre Gevatterin, die sich, da jetzt Alles gethan war, was es zu thun noch gab, ans Fenster gesetzt hatte, während die unheilkündende Alte über Arams eichenen Stuhl herhing, und von dort aus ihre stbyllinischen Sprüche ergehen ließ. „Bewahre," entgegnete Diese, „ich sah ihn schon vor 'ner Stund ansgehen, als die Soun' eben herauf kam, und sagte, als ich ihn in das Gehölz dort streifen sah und das dürre Laub unter seinen Füßen vom Morgennebel naß war und sein Hut ihm in der Stirn saß, und seine Lippen so glngen — ich sagte, der Mann, sagt ich, der 'n Herz froh macht, geht an seinem Hochzeittag nicht so 'rum. Aber ich weiß, was ich weiß, und denk an Das, was ich verwichene Nacht sah." . „Was sahst Du verwichene Nacht?" fragte die Zuhörerin mit zitternder Stimme, denn Mutter Grete war eine unerschöpfliche Erzählerin von Geister- und Heren- Geschichten, und eine unheimliche Scheu vor ihren dunkeln Zigeunerzügen und boshaften Worten hatte sich nach und nach über das ganze Dorf verbreitet. „Na, ich saß da mit der tauben Alten, und wir tranken ans die Gesundheit des Mannes und Derer, die sein Weib werden soll, und es war säst zwölf Uhr, eh mir's einfiel, daß es Zeit zum Heimgehen sey. So warf ich denn meinen Mantel um — der Mond stand am Himmel — und ich ging durchs Holz und Fairlegh-Feld hinauf, nnd sang's Liedel, wie man 'n Steph Wrcnch gehenkt, denn der Wein hatte mich lustig gemacht! da sah ich auf einmal was Schwarzes kriechen und kriechen, immer schneller hinter mir.her übers Feld, und dann grad aufs Dorf zu. Ich stand still und fürchtete mich nicht im Geringsten, obschon ich auf 'n ersten Anblick glaubte, 's sey nichts Lebendiges. Und da kommts schneller und schneller, und da seh ich, daß es nicht Ein Ding war, sondern viele, viele Dinger, und machten's ganze Feld vor mir dunkel. Und was glaubst Du, daß es war? 'N ganzer Rudel grauer Ratten, Tausend und aber Tausend, und vom Haus hier kamen fie her. Denn solch 'ne Herenwaare weiß zum Voraus, daß 'n Unglück auf 'nem Ort sitzt. Und so stand ich daneben an 'nein Baum und lachte, als ich die Teufelsthiere so an mir vorbeiziehen sah. Trapp, Trapp, und hatten gar keine Furcht vor mir ! aber 'n Paar sahen mich beseits mit ihren glitzerigen Augen an und zeigten ihre Weißen Zähne, als ob fie spotteten und zu mir sagten: ha! ha! Grete, das Haus, aus dem wir ausziehen ist 'n fallendes Haus, denn der Teufel will das Seinige haben." 97 In einigen Gegenden Englands, und namentlich in derjenigen, worin unsere Geschichte spielt, gilt der Auszug dieser ekelhaften Thiere aus einer gewohnten Behausung dem Aberglauben für das schlimmste aller Vorzeichen. Der Naturtrieb, wonach ste jede unsichere Wohnstätte verlassen sollen, verkündet, nimmt man an, durch einen solchen Auszug zugleich der Person des Hausbesitzers selbst Unglück. Während die Ohren ver aufhor- chendcn Freundin noch von dieser Geschichte klangen, ging hie dunkle Gestalt des Gelehrten am Fenster vorüber. Die Alte fuhr ans und erschien, als Aram sosort ins Zimmer trat, in voller Geschäftigkeit für die Vorbereitungen ^ des Festes. „Einen glücklichen Tag, Euer Ehr'n, einen glücklichen guten Morgen," riefen beide Weiber in Einem Athen«, aber der Segenswunsch der Boshafteren wurde in so rauhem Gekreisch ausgestoßen, daß Aram, wie erschrocken über den Laut, sich umwandte; noch weniger zufrieden mit dem wohlb'/annteu Anblick der Person, von welcher er cher- kam, winkte er ungeduldig mit der Hand und bedeutete ste hinauszugehen. „Hui, hui!" murmelte Mutter Grete, „so mit dem Armen sprechen! Aber die Ratten lügen nicht, die Ten- felsdinger!" Aram warf sich in seinen Stuhl und saß mehrere Augenblicke in ein Nachdenken versunken, das auf keine trübe Stimmung zu deuten schien. Nachdem er sofort Dnlwer'S Romane. V. 7 93 einige Gänge durchs Zimmer gemacht, blieb er dem Kamin gegenüber stehen, über welchem seine Gewehre hingen, die er stets geladen und schußbereit hielt, „Hm," sagte er halblaut, „ihr seyd nur müßige Diener gewesen, und jetzt ist sehr wenig Wahrscheinlichkeit da, daß ihr mir die Mühe zahlt, die ich auf euch verwandt habe." Damit zuckte ein leichtes Lächeln über seine Züge; er wandte sich ab und stieg die Treppe zu jenem hohe» Gemach hinauf, in welchem er so oft die Sterne überwacht hatte —- Der Himmel Seelen und die Herrn des Lebens In ihre» weiten Reichen. Eh Wir ihm in diesen hohen stillen Aufenthalt folgen, wollen wir den Leser nach Lesters Haus bringen, wo bereits Alles voll Heiterkeit und stiller, inniger Freude ist. Noch fehlten etwa drei Stunden zu dem für die Vermählung festgesetzten Zeitpunkt. Bei dieser Frühe erwartete man Aram im Herrenhaus nicht eher, als etwa „Mörder — haltet mich nicht," rief Walter von Neuem von unten herauf; „meine Hand soll den Mörder ergreifen." So gab es denn nichts mehr zu vermuthen; Gefahr und Tod waren im Anlauf gegen ihn: Entfliehen — wie? — wohin? die Höhe des Zimmers ließ den Gedanken an einen Sprung aus dem Fenster nicht zu! Durch das Thor? — Schon hörte er laute Schritte die Treppe heraufstürmen. — Krampfhaft packten seine Hände die Gegend seiner Brust, wo er gewöhnlich die Pistolen zu tragen pflegte; — er hatte sie im untern Zimmer gelassen! Dies war für seinen entschlossenen, tapfer» Geist der bitterste Gedanke von Allem. Er warf einen einzigen Augenblitz durchs Zimmer -— keine Waffe irgend einer Art war zur Hand. Sein Gehirn schwankte einen Moment, sein Athem keuchte, die Schwäche der Sterblichkeit ging über sein Herz"—und dann triumphirte der Geist über Alles. Der Verlassene hob sich zu seiner ganzen Höhe empor, faltete die Arme entschlossen über die Brust und murmelte: „Der Ankläger kommt, —noch bleibt mir immer, die Beschuldigung zurückzuweisen." — Er stand bereit, dem Aergsten entgegen zu treten, von der Hoffnung, den Streichen desselben zn entgehen, noch nicht verlassen. Wie sich das Wasser über dem Gegenstand schließt, der cs getheilt hat, waren all diese Gedanken, diese Befürchtungen, dieser Entschluß nur das Werk, die Bewegung und die nachfolgende Nnhe eines Augenblicks gewesen; dieser Augenblick war vorüber. 109 „Ausgemacht!" ries Walter Lesters Stimme, indem er wild gegen die Thüre Pochte. „Nicht so ungestüm, Knabe," sagte Lester, die Hand auf des Neffen Schulter legend, „Deine Aussage bedarf noch des Beweises — ich glaube ihr nicht; behandle ihn so lang als einen Unschuldigen; ich bitte, ich befehle es Dir, bis Du ihn als schuldig nachgewiescn hast." „Weg, Oheim!" rief der tobende Walter. „Er ist meines Vaters Mörder. Gott hat die Vergeltung in meine Hände gelegt." Diese, mit leiserem Ton, als bisher, gesprochenen Worte drangen nur undeutlich durch die massive Thür zu Arams Gehör. „Auf, öder wir brechen mit Gewalt ein!" schrie Walter von Neuem, und Aram, jetzt zum ersten Mal seine Stimme erhebend, erwiederte mit klarer, volltönender Stimme, so daß, hätte ein Engel gesprochen, er Now- land Lesters Herz nicht mächtiger von der Schuldlosigkeit des Gelehrten überzeugt haben würde: „Wer klopft so heftig? — Was soll diese Gewaltsamkeit? Ich öffne meine Thüre meinen Freunden. Ist es ein Freund, der Einlaß begehrt?" „Ich begehre ihn," entgegncte Rowland Lester mit bebender, unsicherer Stimme. Ein furchtbares Mißver- ständniß scheint vorzuwalten; trete» Sie heraus, Eugen; mit einem einzigen Wort können Sie sich rechtfertigen." „Sind Sie es, Rowland Lester? Das ist genug. - Ich war über meinen Büchern, und hatte mich gegen überlästigen Zutritt gesichert — treten Sie ein!" 110 Die Stange wurde weggeuommen, die Thüre flog auf, und selbst Walter Lester — selbst die Gerichtsdiener, die ihn begleiteten — wichen einen Augenblick zurück, als sie die stolze Stirn, die ganze hoheitvolle Gegenwart, die so unveränderlich ruhigen Züge Eugen Aranis vor sich sahen. „Was wollen Sie, meine Herren?" fragte er unerschüttert, mit festem Ton, obwohl er in den Justizboten Gesichter ans seiner früheren Zeit und aus jener fernen Stadt erkannte, worin all seine Besorgnisse vor der Vergangenheit schwer aufgehäuft lagen. Beim Ton seiner Stimme zerschmolz der Zauber, der für einige Sekunden die Schritte des rächenden Sohnes gehemmt hatte. „Greift ihn!" ries er den Gerichtsboten zu; „da ist Euer Gefangener." „Halt!" cntgegnete Aram zurückweichend; „in Wessen Vollmacht geschieht diese Gewaltthat?— Weshalb werde ich festgenommcn?" „Hier!" schrie Walter mit knirschenden Zähnen, „hier unsere Ermächtigung! Du bist des Mordes angeklagt! Kennst Du den Namen von Richard Hausmau? Besinne Dich — denke nach — oder den Namen von Daniel Clarke?" Langsam schlug Aram seine Augen von dem Ver- hastsbefehl auf, und man konnte sehen, daß sein Gesicht wirklich etwas bleicher als gewöhnlich war; aber seine Sehkraft wurde nicht matter, seine Nerven zitterten nicht. Langsam wandte er den Kopf gegen Walter und senkte 111 ihn nach einem kurzen lieberblick sofort nach einmal gegen das Papier. „Der Name HauSnian ist mir nicht unbekannt," sagte er ruhig, aber mit Kraft. „lind kennst Du Daniel Elarke?" „Was satten diese Fragen?" rief Skram, die^Nednld verlierend nnd heftig aus den Baden stampfend, „satt ein freier, schuldloser Mann sa auf das Verlangen, oder eher ans den gewaltsamen Angriff jedes gesetzlosen Knaben hin befragt werden? Bringt mich Var eine Obrigkeit, der's gebührt, Rede von mir zu fordern — für Dich, Knabe, ist meine Antwort Verachtung." „Hahe Warte satten Dich nicht retten, Marder," schrie Walter, sich vom Oheim, der ihn vergeblich zurückzuhalten suchte, lasreißend, und faßte Arams Schulter mit seiner kräftigen Faust. Gräßlich war der Blick, der jetzt ans dem Auge des Gelehrten auf seinen Angreifer schaß, nnd sa furchtbar arbeiteten nnd wechselten seine Züge unter den Stürmen im Innern, daß.selbst Maliern ei» seltsamer Schauder durch den Leib rieselte. „MeineHerren, sagte endlich Aram, seine Bewegung bemeisternd nnd einen Theil der Würde, die Merkmal seines, gewöhnlichen Benehmens war, wieder gewinnend, indem er sich gegen die Gerichtsdtcner wandte: — „ich fordere Sic ans, Ihre Pflicht zu thnn; ist dies eine rechtmäßige Vollmacht, so bin ich Ihr Gefangener, aber nicht der Gefangene dieses Menschen. Ich verlange Ihren Schuh gegen ihn!" 112 17 " Walter hatte bereits den Arm losgelaffen, nnd sagte mit gedämpfter Stimme: „Meine Heftigkeit mißleitete mich; Gcwaltthat ist meiner heiligen Sache unwürdig, Gott und die .Obrigkeit — nicht diese Hände find meine Rächer." „IhreRächer!" sagteAram, „was für dunkle Worte sind Das? Der Verhaftbefehl klagt mich des Mords an einem Daniel Clarke an; welche Gemeinschaft haben Sie mit demselben? „Höre mich, Mensch!" sagte Walter, die Augen auf Arams Gesicht geheftet, „Der Name Daniel Clarkes war ein angenommener; der wirkliche Name ist Gottfried Lester. Dieser ermordete Lester war mein Vater und der Bruder des Mannes, dessen Tochter Du, wäre ich nicht heute gekommen, Weib genannt haben würdest." Aram fühlte, indem letztere Worte ausgesprochen wurden, daß alle Blicke im Zimmer auf ihn gerichtet waren, uiid vielleicht befähigte ihn eben dieses Bewußtsein, durch kein äußeres Zeichen zu verrathen, was während der schaudervollen Prüfung dieses Momentes in ihm Vorgehen mußte. „Das ist eine gräßliche Geschichte, wenn sie wahr ist," sagte er; „gräßlich für mich, der so nah mit diesem Haus verbunden ist. Aber bis jetzt ringe ich noch mit Schatten." „Was! Zeugt Zhr Gewissen noch nicht gegen Sic?" rief Walter, stutzig gemacht, durch die Ruhe des Gefangenen. Hier aber trat Lester, der nicht länger an sich !13 halten konnte, dazwischen; er drängte den Neffen auf die Seite, stürzte auf Ara», zu und fiel ihm weinend um den Hals. „Ich klage Dich nicht an, Eugen — mein Sohn — mein Sohn — ich fühl — ich weiß, Du bist unschuldig an diesem Ungeheuern Frevel; irgend eine furchtbare Täuschung blendet dem armen Knaben da die Augen. Du — Du, der aus dem Weg ging, um einen Wurm nicht zu zertreten!" lind der arme alte Mann, von-seinen Gefühlen überwältigt, konnte im buchstäblichen Sinn kein Wort weiter hervorbringcn. Aram blickte mit einer Miene des Mitleids auf Lester, sprach ihm mit liebevoller Rede Trost zu, und versicherte ihn, Alles würde sich aufklären. Sanft machte er sich sofort von seiner Umschlingung los, und in dem sehnlichen Wunsch, einem solchen Auftritt ein Ende zu setzen, winkte er den Gerichtsbvten still zum Aufbruch. Ergriffen von der Ruhe und Würde seines Benehmens, und dadurch vom Gedanken seiner Schuldlosigkeit lebhaft durchdrungen, behandelten ihn diese Leute mit ausgezeichneter Ehrerbietung. Sie gingen nicht einmal neben ihm, sondern ließen ihn hinten Nachfolgen. Indem »ran die Treppe Hinabstieg, wandte sich Aram mit bitterem Ausdruck des Vorwurfs an Walter: „Und so mußte Ihr Haß gegen mich so weit gehen, junger Mann; kann nur mein Tod Sie zufrieden stellen?" „Ist der Wunsch der Vergeltung an meines Vaters Mörder nur ein Verlangen des Hasses?" erwicderte Wal- BuIwer'S Romane, v, Z ter, obwohl ihn sein Herz beinah im Zweifel lassen wollte iiber die Gründe, auf welche sein Verdacht sich stützte, Nram lächelte wie halb ans Verachtung, halb ans Unglauben, schüttelte sanft den Kopf und ging ohne fernere Worte weiter. Die drei alten Frauen, die in horchender Verwunderung am Fuß der Treppe stehen geblieben waren, wichen, als die Männer herab kamen, zurück. Die Eine, die so lang Arams einsame Dienerin gewesen, befand sich wegen ihrer Taubheit immer noch im Dunkeln und Ungewissen über die Ursachen seiner Verhaftung; aus eben diesem Grund aber war ihr Schrecken um so größer und einschneidender, Unter dem Gemurmel einer unverständlichen Verwünschung drängte sic die Gerichtsdiener ungeduldig weg, warf sich zu den Füßen ihres Herrn, dessen ruhiges Wesen und immer gleiche Freundlichkeit ihn ihrem de- muthsvollen, getreuen Herzen theurcr gemacht hatte, und rief: „Was wollen ste thnn, unterstehen sie sich, Sie zu mißhandeln? O Herr, Gott segne Sie! Gott schütze Sie, nie werd ich Sie wieder sehen, der mein einziger Freund war, der jedes Menschen Freund war, nie wieder!" Aram riß sich von ihr los und sagte mit bebender Stimme zu Rowland Lester: „Wenn ihre Befürchtungen wahr seyn sollten — wenn — wenn ich wirklich nicht mehr hieher zurückkehre, so sorgen Sie, daß sie in ihrem Alter nicht hungern darf — nicht Mangel leidet," k!5 Lester konnte vor Schluchzen nicht sprechen, aber die Bitte blieb ihm im Herzen. Arain wandte das stolze Haupt auf die Seite, um seine Rührung zu verbergen, und sah die Thür des Zimmers offen, das zu MadeliuenS Empfang so festlich bereitet war. Die Blumen lächelten ihm von ihren Gestellen herab zu. „Vorwärts, Ihr Herren!" sprach er schnell. So schied Eugen Aram von seiner Schwelle! „Hoho!" brummte die alte Here, deren Voraussagungen an diesem Morgen nun in Erfüllung zu gehen schienen; „hoho! 'n andermal werdet Ihr der Grete glaube»! Die Vorsehung hält die Worte alter Leute in Ehren. Nicht umsonst haben mich die Ratten verwichenc Nacht angegrinst. Aber kommt herein; wir wollen uns mit 'nein Glas Wein wärmen. Hihi! seht werden die starken Getränke alle uns zufallen; der Herr ist barmherzig gegen die Armen!" Indem die kleine Gruppe sich durch das Thal hinbewegte, die Gerichtsdiener voraus, Aram und Lester neben einander, Walter etwas hintendrein, die Hand auf dev Pistole, das Auge auf dem Gefangenen, — suchte Lester Diesen und sich selbst dadurch zu ermuthigen, daß er den Wahnsinn einer solchen Anschuldigung, und die Gewißheit unverweilter Lossprechung von Seiten des Friedensrichters hervvrhob, an welchen sie gewiesen waren, eines Beamten, der in gleichem Grad für den Verständigsten, wie für den Gerechtesten in der Grafschaft galt. — Aram unterbrach ihn etwas jach: 8 * 116 „Mein Freund, für jetzt genug hievon. Aber Madeline — was ist ihr dis jetzt bekannt?" „Nichts. Natürlich hielten wir" — „Sehr wohl — sehr wohl; Sie haben weise gehandelt. Wozu braucht sie jetzt etwas zu erfahren? Sagen Sie eine Verhaftung um Schulden willen — ein Mißverständnis? — eine Abwesenheit von höchstens einem Tag oder so: Sie verstehen mich." „Ja. Wollen Sie sie nicht vor Ihrer Abreise selbst sehen, Eugen, und ihr Das mündlich sagen?" „Ich — o Volt! — ich ! für welchen dieser Tag — nein, nein: retten Sie mich, ich beschwöre Sie, vor der O-ual eines solchen Gegensatzes —vor einer eben so traurigen als nutzlosen Unterredung. Nein, wir dürfen nicht Zusammenkommen! Aber wohin gehen wir jetzt? Doch nicht durch all die leeren Dvrfschwätzer? — nicht durch den Hausen, der bereits angeregt ist zu gaffen, zu stieren, seine Vermuthungcn anznstellen über den" — „Nein," unterbrach ihn Lester, „die Wagen erwarten ims dort unten >>n Thal. Ich vergaß nicht hiefnr zu sorgen — denn der unbesonnene Knabe hinter uns scheint seine Natur umgeändert zu haben. Ich liebte — Gott, wie sehr ich meinen Bruder liebte! Aber eh ich durch einen Verdacht also der gesunden Vernunft Hohn spräche, macht' ich lieber, daß jede Nachforschung über sein Schicksal ans ewig in Schlaf versänke." „Ihr Neffe," entgegnetc Arain, „hat mir i,inner übel gewollt; aber verlieren wir keine Worte über ihn; 117 denken wir einzig an Madelinen. Wollen Sie gleich zu ihr hinüber, ihr irgend ein Mährchen vorerzählen, um ihre Besorgnisse einzuschläfcrn, und uns dann eilig Nachfolgen? Bis zu Ihrer Rückkunft bin ich unter Feinden allein." Lester wollte eben antworten, als sic bei einer Beugung des Wegs, die ihnen die Wagen zu Gesicht brachte, zwei weißgekleidete Gestalten auf sich zueilen sahen. Eh sich noch Aram auf die llcberraschung hatte vvrbcreiten können, war Madeline bleich, zitternd und athemlos an seine Brust gesunken. „Ich konnte sie nicht zurückhalten," sagte Ellinor entschuldigend zum Vater. „Zurück! und warum? bin ich nicht an der mir gebührenden Stelle?" rief Madeline, das Antlitz von Araais Brust emporhebcnd. Indem ihre Augen sofort in der Gruppe umherliesen und dann ans Arams Gesicht stehen blieben, das jetzt nicht mehr ruhig, sondern voll Wehe — Sturm — sehlgeschlagener Liebe — vorausempfundener Verzweiflung war, führ sie auf, wich in einer Angst, die ihr die Worte erstickte, langsam zurück, versuchte dreimal zu sprechen und vermochte es dreimal nicht. „Aber was — was ist — was bedeutet Dies?" ries Ellinor. „Was weinen Sie, Vater? Weshalb wendet Eugen das Gesicht ab? Sie antworten nicht. Sprechen Sie um Gotteswillen, diese Fremden — Wer sind sie? und Du, Walter, Du — warum bist Du so blaß? Was runzelst Du so die Stirn und schlägst die Arme überein- 118 ander? Du — Du wirst mir sagen, was dieses schreckliche Schweigen — was dieser Anblick zn bedeuten hat! Sprich, Vetter — lieber Vetter sprich!" „Sprich!" rief Madeline, die endlich Stimme fand, mit dem scharfen, gespannten Ton des wilden Schreckens, in welchem kein Laut ihres natürlichen Wohlklangs zu erkennen war. Das einzige Wort tönte eher wie ein Angstschrei, als wie eine Bitte, und so schneidend drang es durch die Herze» aller Anwesenden, daß selbst die Gerichtsboten, trotz der Härte, zn welcher sie ihr Beruf hcrange- bildet hatte, empfanden, wie sie in diesem Augenblick lieber dem Tod hätten in's Angesicht schauen als einer solchen Aufforderung Folge leisten mögen. Eine tvdtcnstillc, lange, furchtbare Pause! — endlich brach Aram dieselbe. „Madcline Lester," sprach er, „zeige Dich würdig der Stunde der Prüfung. Ermuthige Dich; erhebe Dein Herz, bereite Dich! Du bist die Verlobte eines Mannes, dessen Seele vor den zornigen Worten der Menschen nie erbebte. Daran gedenke und fürchte Dich nicht!" „Ich will keine Furcht zeigen — ich will nicht Eugen! Sprich nur, sprich!" „Du hast mich geliebt, da man Gutes von mir sagte; vertrau jetzt auf mich, da man Nebels von mir sagt. Man klagt mich eines Verbrechens an — eines grauenhaften Verbrechens. Zuerst wollt'ich Dir die wahre Anschuldigung nicht sagen; verzeih mir, ich that Dir Unrecht, jetzt sollst Du Alles erfahren! Ich bin eines Ver- brcchens angeklagt, sag ich. Welches Verbrechens fragst Du. Ach, ich selbst weiß eö kaum, so unbestimmt ist die Beschuldigung — so wuthentbrannt der Ankläger. Fasse Dich, Madelinc, cs ist das Verbrechen des — Mordes!" Madeline, deren Geist durch den hohen ernsten Ton, worin Aram ihr zugesprochen, sich erhoben hatte, ließ, obwohl eine leichcnhafte Blässe sie überlief —- obwohl der Boden rund um sie her schwamm, den Schrei nicht auf- kommen, der sich auf ihre Lippen drängte, als diese fürchterlichen Worte ihre Seele durchbohrten. „Du! — Ein Mord — Du! Und wer wagts Dich anzuklagen?" „Sich ihn hier — Dein Vetter!" Ellinor hörte cs, wandte sich, heftete die Augen aus Walters flüstere Stirn und regungslose Stellung, und stürzte bewußtlos zu Boden. Nicht so Madcline. Wie es eine Erschöpfung gibt, welche den Schlummer abwehrt, nicht dazu einlädt, so ist, wenn das Gemüth gänzlich auf der Folter liegt, der Augst ihr gewöhnliches Sänftigungs- mittel nicht gestattet. Zu scharf sind die Sinne angespannt, als daß sic zu einem glücklichen Vergessen des eigenen Selbsts zusammeubrechen könnten; die furchtbare Beseelung durch eine solche Todesqual hält die Kräfte aufrecht, während sie dieselben untergräbt. Madeline schritt an dem leblosen Körper der Schwester vorüber, ohne einen Blick auf denselben hinab fallen zu lassen, ging mit festem Tritt auf Walter zu, und faßte ihn beim Arm. Auf ihn das sanfte klare Aug geheftet, das jetzt von einem forschenden, 1L0 unnatürlichen Glanz leuchtete, und in seine Seele dringen zu wallen schien, sprach sie: „Walter! hör ich recht?— wach ich? — Du bist's, der Eugen Aram anklagt? — Den verlobten Gatten Deiner Madclinc— MadclinenS, die Du einst liebtest! Wessen anklagst? — eines Frevels, der nur durch den Tod bestraft werden kann. Hinweg! — Das kannst Du nicht— ich weiß, Du kannst es nicht. Sag, daß ich mich irre — daß ich wahnsinnig sey, wenn Du willst. Komm, Walter, erlöse mich ! mach, daß mir nicht die Luft, die Du athmest, znm Abscheu wird!" „Will Niemand Erbarmen mit mir haben?" rief Walter mit zerrissenem Herzen, und bedeckte das Gesicht mit den Händen. Nicht Dieses hatte er im heißen Feuer des Rachegefühls in Anschlag gebracht: er hatte nur an Gerechtigkeit für einen Vater — Bestrafung eines Bösewichts — Befreiung eines leichtgläubigen Mädchens gedacht. Das Wehe — das Grausen, das er nunmehr daran war über all Diejenigen ansznschütten, die er am meisten liebte — Dies hatte sich ihm bis znm jetzigen Augenblick nicht mit gehöriger Kraft dargestcllt. „Erbarmen — Du sprichst von Erbarmen. Wußte ich doch, daß es nicht wahr sehn konnte, was ich von Dir höre!" entgegnete Madeline und suchte des Vetters Hand von seinem Gesicht wegzuziehcn. „Dir konnte es nicht einfallen, Eugen zu mißhandeln — und — nnd gerat» am heutigen Tag. Sag, wir hätten uns geirrt, oder Du habest Dich geirrt, lind wir wollen Dir vergeben »nd Dich noch jetzt segnen!" Nram hatte kein Wort zu diesem Auftritt gesprochen. Er hielt die Augen auf die beide» Bruderskinder geheftet — es war nicht ohne Interesse für ihn zu beobachten, welche Wirkung Madelinens rührende Reden auf seinen Ankläger Hervorbringen würden. Unterdessen fuhr Jene fort: — „Sprich zu mir, Walter — lieber Walter, sprich zu mir! Bist Du's, der unsere Hoffnungen zerknicken, unsere Freuden zertreten, der Furcht und Entsetzen in ein Haus bringen will, worin noch eben nur Friede und Sonnenschein waren — in Dein eigenes Haus — das Haus Deiner Kindheit? Was hast Du gethan, was hast Du gewagt zu thun? — ihn anzuklagcu — wessen? des Mordes! Sprich, sprich — des Mordes, ha, ha! — des Mordes! Nein nicht so! — Du würdest nicht gewagt haben hieher zu kommen —- Du würdest mich nicht Deine Hand fassen lassen — Du würdest uns. Deinem Oheim, uns die mehr als Deine Schwestern sind, nicht ins Gesicht schauen können, wenn Du in Deinem Herzen diese Lüge — diese schwarze — gräßliche Lüge nährtest!" Walter zog seine Hände zurück und sagte, den Kopf abwendend: „Möge er seine Unschuld Nachweisen, bitte Gott, daß er's könne!—Ich bin nicht sein Ankläger, Madeline. Die Gebeine meines todten Vaters klagen ihn an! — Außer diesen sind nur der Himmel und die offenbarende Erde Zeugen gegen ihn!" rsr „Dein Vater!" rief Madeline zurücktaumelnd. — „Mein verlorner Oheim! Ha! jetzt weiß ich, was für ein nichtiger Traum uns Alle in Angst gesetzt hat! Kanntest Du meinen Oheim, Engen? — Hast Du Gottfried Lester je gesehen?" „Nie, wie ich glaube, so wahr mir Gott helfe!" erwiderte Aram die Hand aufs Herz legend; „aber Das Hilst jetzt zu nichts!" — Wie zur Besinnung kommend, fühlte er, daß seine Sache über Walters Hände hinaus- geschritten und eine Berufung an Diesen nunmehr fruchtlos war. „Verlaß uns jetzt, theuerste Madeline; meine Braut, mein Weib! — Ich gehe, diese Anschuldigung zu entkräften— vielleicht kehr ich noch heute Abend zurück; verzögere meine Freisprechung nicht, obwohl ein bloßer Argwohn — ein kindischer Argwohn, aufmir ruht. Kommt Ihr Herren." „O Eugen, Engen," rief Madeline und warf sich vor ihm aus die Knie — „befiehl mir nicht, Dich jetzt zu verlassen — jetzt in der Stunde des Schreckens; — ich werde es nicht thun. Nein, sieh mich nicht so an! Ich schwör, ich werde es nicht thun! Vater, thenrer Vater, kommen Sie und sprechen für mich — sagen Sie, daß ich Sie begleiten soll! Ich fordere nichts weiter. Fürchten Sie nichts für meine Nerven — die schwache Aengstlichkcil ist fort. Zch will Ihnen keine Schande machen, — ich will nicht das Weib spielen! — ich weiß, was Der gebührt, die ihn liebt! — versuchen Sie es mit mir; nur den 133 Versuch wagen Sie! Sic weinen, Vater, Sie schütteln den Kopf: — aber Du Engen — Du hast nicht das Herz, mir so was abzuschlagen? Denk — denk, daß wenn ich hier bleibe und die Minuten bis zu Deiner Wiederkehr zählen müßte, der Verstand mich verlassen würde. Was verlang ich? — Nur mit Dir zu gehen, die Erste zu seyn, die über Deinen Triumph frvhlvckt. Wäre Dies zwei Stunden später geschehen, so hättest Du mir kein Nein zurufen können — so hätt ich diese Begleitung als ein Recht in Anspruch genommen, die ich bis jetzt als ein Zeichen des Erbarmens fordere. Du gewährst mir — Du gewährst mir, ich seh cs." „ O Gott!" rief Aram sich hoch empor richtend, drückte sic an seine Brust und küßte ihr Antlitz wild, aber mit kalten, bebenden Lippen — „das ist fürwahr eine bittere Stunde, laß mich nicht unter ihr erliegen. Ja, Madeline frage Deinen Vater, ob er einwillige; — ich begrüße Deine kräftigende Gegenwart als diejenige eines Engels. Ich will nicht Der seyn, der Dich von meiner Seite drängt." „Sie haben Recht, Engen," sagte Lester, der die immer noch ohnmächtige Ellinore in seinen Armen hielt. „Nehmen wir sie mit uns; es ist nur die einem Jeden schuldige Liebe und Barmherzigkeit." Madcline stieß einen Freudenschrei ans, — (Freude selbst in einem solchen Augenblick!) — und klammerte sich fest an Eugens Arm, als wolle sie ein Pfand nehmen, daß sie wirklich nicht von ihm geschieden werde. >24 Unterdessen hatten sich Einige von Lesters Dienerschaft, die ihren jungen Gebieterinnen aus der Entfernung nachgefolgt waren, auf dem Platz eingefunden. Ihrer Sorge übergab Lester die kaum athmende Ellinor, wandte sich dann mit strengem Ausdruck zu Walter und sagte: „komm, Mensch; Deine Uebercilung hat für jetzt genug Uebles gethan ; komm jetzt und sieh wie schnell Dein Argwohn zu Schanden werden wird," „Gerechtigkeit und Blut umBlut!" entgegnete Walter fest; aber es war ihm als setz sein Herz gebrochen. Die Thräncn seines ehrwürdigen Oheims; — der Blick des Entsetzens, womit sich Madeline von ihm gewandt; — Ellinor in Ohnmacht und er nicht wagend sich ihr zu nähern — dies war sein Werk! — Er drückte den Hut in die Augen und warf sich allein in einen Wagen. Lester, Madcline und Nram folgten in dem andern Gefährt, und die beiden Gerichtsboten begnügten sich auf dem Kntsch- bock Platz zu nehmen, überzeugt der Gefangene werde keinen Versuch zur Flucht machen.