E. L. Bulwer's Au« dem Englischen. Neuntes Bändchen. Pelham. Drittes Bändchen. Stuttgart, Verlag der 3. B. Mctzler'schen Buchhandlung. 1 8 Z 6. Pelham oder Abenteuer eines Gentleman. Ein Roman von dem Verfasser des Eugen Aram, Devereux rc» Au6 dem Englischen von Gustav Pfizer. In sechs Bändchen. Drittes Bändchen. Zweite Auflage. Stuttgart, Verlag der I. B. Metzler'schen Buchhandlung. 1 8 3 6 . P e l h a m, »der Abenteuer eines Gentleman. Achtunddreißigstrs Kapitel. — — klilii ssm uou koms 8e»l vseiium lpibur j-Iscel. KorsNus. „Mein liebes Kind," sagte meine Mutter zärtlich besorgt zu mir, „Du mußt Dich hier sehr gelaugweilt fühlen; die Wahrheit zu sagen, m i r selbst geht es so; Dein Oheim ist ein recht guter Mann, aber er weiß sein Haus nicht ergötzlich zu machen, und ich bin seit neuerer Zeit sehr besorgt geworden, er möchte einen völligen Bücherwurm aus Dir ziehen; mein lieber Henry, Du bist jetzt gescheut genug, um ganz Deiner eignen Gewandtheit zn vertrauen. Große Geister lasen nie." 6 „Wahr, meine liebe Mutter!" sagte ich mit einem sehr unzweideutigen Gähnen und legte Bent- hams Buch „„über häufig vvrkommende Trugschlüße"" auf den Tisch, „wahr! und ich bin ganz Ihrer Meinung. Sahen Sie diesen Morgen in der Post nach, wie voll es in Cheltenham ist?" „Ja, Henry, und da Du selbst es erwähnst, so denke ich, Du kannst nichts Besseres thnn, als ans einen oder zwei Monate dorthin gehen. Ich für meine Person muß zuerst zu Deinem Vater, den ich bei Lord H-ließ, — ein Ort, unter uns gesagt, wo es um nicht viel unterhaltender zngcht, als hier; aber dann setzt man sich an den Ecarts- Tisch, und die liebe Lady Roseville, Deine Bekannte von früher her, ist auch da." „Gut," sagte ich nachdenklich, „wie wär' es, wir setzten unsre Abreise ans den Anfang der nächsten Woche fest? Wir haben bis London denselben Weg und der Vorwand, Sie zu begleiten, ist ein guter Entschuldignngsgrnnd gegen meinen Oheim, um eine weitre Lektüre dieser verwünschten Bücher abznschnciden." „L'est »ne süsire Ullis," erwiederte meine Mutter, „und ich will selbst mit Deinem Oheim sprechen." Dem gemäß wurden die nöthigen Eröffnungen über unsre Absichten gemacht. Lord Glenmorris nahm sie, soweit sie meine Mutter betrafen, mit 7 geeigneter Gleichgültigkeit auf, drückte aber sein Leidwesen aus, daß ich ihn so bald verlassen wolle. Jndeß, da er merkte, wie ich mich durch seinen Wunsch, mich länger bei sich zu behalten, mehr geehrt als erfreut fühlte, gab er die Sache ans, mit einer Delikatesse, die mich entzückte. Der Morgen unsrer Abreise kam. Der Wagen stand vor der Thüre, die Schachteln mit dem Gepäck ans dem Gang, das Frühstück ans dem Tisch; — ich hatte meinen Oberrock an, mein Oheim saß in seinem großen Sessel. „Lieber Sohn!" sagte er, „ich hoffe wir sehen uns bald wieder; Du hast Fähigkeiten, welche Dich in Stand sehen, Deinen Mitgeschöpsen viel Gutes zu thun; aber Du bist ein Freund von der Welt, und obwohl der Belehrung nicht abhold, doch dem Vergnügen ergeben und könntest leicht die Dir verliehenen Gaben mißbrauchen. Ans jeden Fall hast Du jetzt, sowohl für das öffentliche als fürs Privat-Leben, den Unterschied zwischen Gnt und Bös begriffen. Nur mußt Du die Unterscheidung machen: in der Staatsknnst muß, obwohl die Grundregeln, die Du Dir eingeprägt hast, unerschütterlich und untrüglich bleiben, doch die Anwendung derselben nach Zeit und Umständen verschieden seyn. Man muß Lehrmeinungen, welche, obwohl unveränderlich in ihrer inncrn Wahrheit, die Befangenheit der Zeit nicht in ihrer Reinheit will gelten lassen, mildern, anfschieben und oft sogar anfgeben; man muß sogar die unznvcrläßige Hoffnung, ein großes Gut zu erringen, der Gewißheit, ein kleineres zu erlangen, aufopfern; aber in der Moral des Privatlebens, welche sich größten- theils auf uns selbst bezieht, haben wir nicht daS Recht, auch nur ein Jota von der Richtschnur un- sers Verhaltens abzuweichen. Weder Zeit noch Umstände berechtigen uns hier zu einer Nachgiebigkeit, einem Wechsel. Die Reinheit der Gesinnung kennt keine Veränderung, die Rechtlichkeit flieht ancl, den Schatten eines Widerspruchs mit sich selbst. Wir müssen die gleiche Bahn verfolgen, — streng und ohne eine Blöße zu geben, in der festen Ueberzengnng, daß der Pfad des Rechts ist, wie die Brücke von der Erde zum Himmel in der mahometanischen Religion: wenn unser Fuß nur um ein Haar breit fehl tritt, so sind wir verloren." In diesem Augenblick trat meine Mutter zu uns mit den Worten: „Nun, mein lieber Henry, Alles ist fertig, wir haben keine Zeit zu verlieren." Mein Oheim stand auf, drückte mir die Hand und ließ mir darin ein Taschenbuch zurück, das, wie ich nachher entdeckte, aufs reichlichste ausge- 9 stattet war. Wir nahmen herzlichen und zärtlichen Abschied von einander, schritten durch die zwei Reihen der Dienerschaft, die in martialischer Rüstung da stand, die große Halle entlang, stiegen in den Wagen und fuhren davon mit der stürmischen Eile einer Novelle über fashionables Leben. rv Neu » unddreißigfres Kapitel. Die, si »rsve non egt, t^use prltlis irntnin ventrein ^lacsverit escg. Kor. Ich blieb nicht über ein paar Tage in der Stadt. Ich hatte noch nie viel von den Ergötzlich; keiten eines Badeorts gesehen, und meine Neigung zu Beobachtung von Charakteren erfüllte mich mit außerordentlichem Verlangen nach diesem Vergnügen. Dem gemäß reiste ich am ersten Hellen Morgen nach Cheltenham ab. Ich war beim Eintritt in diese Stadt sehr überrascht; in solche Badeorte müßte man einen Fremden führen, um ihm einen vollständigen Begriff von dem umfassenden Wohlstand und dem allseitigen Luxus Englands zu geben. Unser Land hat in jeder Provinz, was Frankreich nur in Paris hat: eine der Heiterkeit, dem Müßiggang , dem Genuß geweihte Hauptstadt. London ist der einen Classe der Gesellschaft nach zu geschäftig, der andern nach zu prunkend, um einen Fremden, der nicht vortreffliche Empfehlungen inPrivat- cirkel mitbringt, zu vergnügen. Aber in Brighton, Cheltenham, Hastings, Bath, kann er so gut als 11 in Paris alle Lustbarkeiten der Gesellschaft finden, ohne einen Menschen zu kennen. Mein Wagen hielt vor dem-Hotel. Ein wohlbeleibter, stattlicher Anfwärtcr, mit goldnen Schnallen an sehr säubern Pantalons, führte michdie Treppe binauf. Ich fand mich in ein erträgliches Zimmer gegen die Straße logirt, das mit zwei Gemälden von Felsen nnd Flüssen ansgcstattet war, nebst einem hübschen Schwarme Krähen, die über beiden schwebten — so natürlich als möglich, nur waren sie um etwas großer als die Bäume, lieber dem Kaminstück, wo ich sehnlichst einen Spiegel zu treffen gewünscht hätte, war ei» Kupferstich, General Washington vorstellend, der eine Hand ansgestreckt hielt, wie die Mündung eines Theekesscls ; zwischen den zwei Fenstern (nnvortheilhafte Anordnung!) war ein länglichter Spiegel, auf den ich sofort zueilte, nnd der mir das Vergnügen gewährte zu sehen, wie mein Antlitz die Farbe der Umhängc annahm, welche zu beiden Seiten des Spiegels hicn- gen, so daß cs einen liebliche», ländlichen, blaßgrünen Schimmer bekam. Ich fuhr erschrocken zurück, drehte mich um und sah den Kellner. Hätte ich mich im Spiegel in einer recht anmnthigen Beleuchtung von rosen- farbnen Umhängen gesehen, so hätte ich höflich und lächelnd gesagt: „Haben Sie die Güte und bringen mir die Speisekarte." So wie es jetzt stand, brummte ich: „bringt die Karte herauf und geht zum T- Der steife Aufwiirter verbeugte sich feierlich und gieug langsam ab. Ich sah mich noch einmal im Zimmer um uud entdeckte noch weitere Prachtstücke in einer Thcebücbsc und einem Buch bestehend. „Dem Himmel sey Dank !" dacht' ich, „das kann doch keines von Jercmy Bentham seyn." Nein! cs war der Cheltenhamer Wegweiser. Ich schlug das Capitel: Ergöhlichkcitcn, auf: S->I p«re im Saal jeden-, den Wochentag der genannt war, Hab' ich ganz vergessen, aber es mar eben der, an welchem ich in dem kleinen Prunkgemach des — — Hotel einzog. „Dank dem Himmel!" sagte ich bei mir selbst, als Bedos mit meinen Sachen cintrat, und gab ihm sogleich Befehl, Alles für den L->I p->r« im Saal auf halb zehn Uhr in Bereitschaft zu sehen. Der Anfwarter kam mit der Karte. Ich las: Suppe, Rippchen, Coteletten, gerostetes, gebratenes Fleisch u. s. w. Lowe, Vögel." „Geben Sie mir Snppe," sagte ich, „eine oder zwei Schnitten von einem Löwen und ein halb DuNcnd Vögel!" „Herr," sagte der förmliche Aufwärtcr, „Sie können nicht weniger als einen ganzen Löwen haben, und cs sind nur zwei Vögel im Haus." „Ich bitte Sie," fragte ich, „sind Sie im Stand, Ihre Speisekammer von Exeter Change zu 13 füllen, oder fleht man hier Löwen anf wie Geflügel?" „Herr," antwortete der Aufwärter, ohne den Mnnd zu einem Lächeln zu verziehen, „man bringt uns jeden Tag die Löwen vom Land herein." „Was zahlt inan dafür?" fragte ich. „Ungefähr drei und einen halben Schilling für das Stück, Herr!" „Hm — der Markt muß in Afrika überfüllt seyn," dacht' ich und fragte wieder: „Aber wie richtet man denn ein solches Thier zn?" „Wird gebraten und gefüllt, Herr, und in Co- rinthcn - Sauce servirt." „Was? wie ein Hase?" „Es ist ein Hase, Herr!" „Was?" „Ja, Herr, es ist ein Hase, aber wir nennen es Löwen, wegen der Jagdgesetze." Glänzende Entdeckung! dacht' ich; da haben sie in Cheltenham eine neue Sprache ; nichts bereichert doch den Geist so, wie das Reisen. „Und die Vögel," sagte ich laut, „werden hoffentlich weder Colibri noch Strauße seyn? „Nein, Herr, cs sind Rebhühner!" „Gut denn! geben Sie mir Suppe, ein Hammelsrippchen und einen Vogel, wie man es hier nennt, und besorgen Sie es rasch!" „Es soll gleich fertig seyn," antwortete der stattliche Aufwärter und gieng ab. 14 Ist etwas im Verlauf dieses angenehmen und abwechslungsreichen Lebens, über dessen Einförmigkeit und Plage junge Herren und Damen Verse machen, — ist im ganzen Verlauf desselben eine wahrhaft und gründlich widerwärtige Stunde, — so ist es die halbe Stunde vor dem Essen in einem fremden Gasthofe. Nichts desto weniger wußte ich mit Hülfe meiner Filosofie und des Fensters sie mit großer Geduld anszuwarten, und obgleich ich fast vor Hunger starb, trug ich, als man endlich das Essen ankündigte, erst noch die Gleichgültigkeit eines Weisen zur Scüau. Ich spielte eine ganze Minute mit meiner Serviette, eh' ich die Suppe kostete, und ich langte nach den Speisen mit einer langsamen Würde, welche mir das Herz des stattlichen Kellners ganz nnd gar muß gewonnen haben. Die Suppe war etwas besser als heißes Wasser; und die Cotelette in ihrer scharfen Brühe etwas besser als Leder in Esslg; dennoch griff ich mit dem Eifer eines Irländers an und schwemmte sie mit einer Flasche des schlechtesten Getränks hinunter, das je mit dem ehrwürdigen Namen Claret prahlte. Der Vogel war zäh genug, um für einen Strauß in verjüngtem Maßstab zu gelten, nnd ich fühlte seinen Geist um sein Grab in meinem Magen, wohin er gebannt mar, diesen ganzen Abend und einen guten Theil des folgenden Tags rumoren, da ihn dann ein Glas Curacao zur Rnhe brachte. 15 Nach diesem glänzenden Mahle streckte ich mich ans meinen Sessel zurück mit der Behaglichkeit eines Mannes, der ganz gut gespeist, und verdämmerte die Zeit bis zum Ankleiden. „Sott ich jetzt," dacht' ich, als ich mich vor den Spiegel stellte, „soll ich der fashionablen Welt von Chel- tenham sanftes Ergötzen, oder erhabnes Staunen bereiten? Ah bah! die letztere Manier ist zu gemein, Byron hat sie in Verruf gebracht. Laß diese Kette drin liegen, Bedos; ich lege — den schwarzen Rock, Weste und weite Beinkleider an. Streiche mir das Haar so glatt als nur möglich und gieb meiner ganzen Person das Aussehen anmuthi- ger Nachlässigkeit." „Oui Noosieur, je eompreacks," antwortete Bedos. Bald war ich angekleidet, — denn der Entwurf ist es, nicht die Ausführung, was bei allen großen Unternehmungen Ueberlegnng und Zeit braucht. Die That selbst kann nie zu rasch seyn. Eine Sänfte ward bestellt und Henry Pelham verfügte sich in den Saal. 46 Vierzigstes Kapitel. Jetzt schau' da aufgeputzt zum muntern Tanz. Biel holde Jungfrau'». schmnckerJungen Kranz: Der weite Saal nimmt auf manch frohe» Gast. Die Flur erdröhnt, gedrückt von schöner Last. Die Tanzkunst. Page. Sein Name, Herr, ist Tyrrell. Richard III. Beim Eintritt sah ich einige Köpfe zur Melodie des: „die Kirsche» reifen" sich heben und senken. Eine ganze Reihe steifer Hälse, in Cravatten von tadellosester Stärke und Höhe, stand gerade vor mir. Ein großer, dünner, junger Mann mit schwarzen, straffen. auf Eine Seite gekämmten Haaren, zog ein Paar weiße Woodstocker Handschuhe an und gab sich das Ansehen, mit der äußersten Gleichgültigkeit des guten Tons sich rings im Saal um- zuschaucu. „Ah. Ritson," sagte ein andrer junger Chel- renhamer zu dem Ritter mit den Woodstocker Handschuhen, „haben Sie noch nicht getanzt?" „Nein, Smith, auf Ehre," antwortete Herr Ritson. „es ist so übermäßig heiß; kein fashionabler Mann tanzt jeht; es ist nicht das Wahre." 17 „Wie?" erwiederte Herr Smith, der gar gut- müthig aussah, einen blauen Rock mit metallnen Knöpfen, eine goldne Stecknadel am Halstuch und kurze Beinkleider trug, „wie? man tanzt doch auf den Almacks, oder nicht?" „Nein, auf Ehre," murmelte Herr Ritson, „nein, sie gehen nur eine Quadrille oder spinnen einen Walzer, wie mein Freund Lord Bobadob es nennt; weiter nichts! - »ei», weg mit dem Tanzen, es ist so gemein!" Ein derber Mann von rother Gesichtsfarbe, mit feuchtem, kastanienbraunem Haar, ungefähr dreißig alt, in einer bewundernswürdig feine» Weste, aber einem schlecht gewaschnen Bnsenstreif, trat jetzt zu den Herrn Ritson und Smith. „Ah, Sir Ralf," rief Smith, „was machen Sie, alle Tage auf der Jagd vermuthlich?" „Ja, alter Hahn," erwiederte Sir Ralf, „bin hinter dem Fuchs her gewesen, bis ich ganz dahin war; — ein superbes Jagen! Bei Gott, Sie sollten meinen Grauschimmel gesehen haben, Smith! Bei Gott, er setzt superb!" „Jagen Sie auch, Ritson, oder nicht?" fragte Herr Smith. „Ja wohl," erwiederte Herr Ritson, affektirt mit seinen Woodstocker Handschuhen spielend, „ja, aber nur in Lcicestershire bei meinem Freund Lord Bobadob; es ist nicht das Wahre, sonst wo zu jagen, es ist so gemein." Bulwer's Romane. IX. 2 18 Sir Ralf stierte den Redenden mit stnmmer Verachtung an, während Herr Smith, wie der Esel zwischen den Henbündeln, schwankend in der Mitte zwischen den sich entgegengesetzten Verdiensten des Baronet's und des Stutzers stand. Mittlerweile stratzte ein lächelndes, nickendes, geziertes, weibliches Geschöpf, mit Locken und Blumen gegen das Trio daher. „Nun wahrhaftig," sagte sie mit geziert näselndem Tone, „Herr Smith, jetzt sollen Sie tanzen, ein fashionabler junger Mann wie Sie, — ich weiß nicht, was die jungen Damen von Ihnen denken werden." lind die schöne Verführerin lachte bezaubernd. „Sic sind sehr gütig, Mrs. Dollimore," er- wiederte Herr Smith erröthend und mit einer tiefen Verbeugung, „aber Herr Ritson sagt mir, es sey nicht das Wahre zu tanzen." „Oh!" rief Mrs. Dollimore, „dann ist er Las nichtswürdigste, eingebildetste Geschöpf! Folgen Sie seinem Beispiel nicht, Herr Smith!" Und wieder schlug die gute Dame ein unmäßiges Gelächter ans. „Nein, Mrs. Dollimore," sagte Herr Ritson, indem er mit der Hand durch sein abscheuliches Haar fuhr, „Sie sind zu streng! Sagen Sie mir, Mrs. Dollimore, kommt die Gräfin St. A- hieher?" „Nun wahrhaftig, Herr Ritson, Sic, dieKrone 19 der fashionablen Welt, sollten das besser wissen als ich; aber ich höre so." „Kennen Sie die Gräfin," sagte Herr Smith mit respektvoller Ueberrasclmng zu Ritson. „O, sehr gut!" erwiedcrte der Coryfäe von Cheltenham, seinen Woodstocker Handschuh hin und her schwenkend, „ich habe oft mit ihr auf den Al- macks getanzt." „Ist sie eine gute Tänzerin?" fragte Mrs. Dollimore. „O eine vortreffliche," antwortete Herr Ritson, „sie hat so eine hübsche, vornehme, kleine Figur." Sir Ralf, augenscheinlich dieser fashionabeln Unterhaltung satt, trollte sich seines Wegs. „Bitte," sagte Mrs. Dollimore, „wer ist der Gentleman?" „Sir Ralf Rumford," erwiedcrte Smith lebhaft, „mein sehr guter Freund von Cambridge her." „Ich wäre begierig zu wissen, ob er seinen Aufenthalt hier lang nehmen wird?" sagte Mrs. Dollimore. „3a, ich glaube es," erwiedcrte Herr Smith, „wenn wir ihm denselben angenehm machen." „Sic müssen ihn mir doch ja gewiß vorstellen!" sagte Mrs. Dollimore. „Ich werde es thun, mit großem Vergnügen," sagte der gutmüthige Herr Smith. 2 - 20 „Ist Sir Ralf ein Mann von To» ?" erkundigte sich Herr Ritson. „Er ist Baronet," sagte Herr Smith mit Nachdruck. „Ah!" erwiederte Herr Ritson, „aber er kann ein Mann von Stand seyn, ohne auch ein Mann vom guten Ton zu seyn." „Sehr wahr," lispelte Mrs. Dollimore. „Ich weiß nicht," erwiederte Smith mit dem Ausdruck staunender Ueberraschung, „aber er hat siebentausend Pfund jährlich." „Hat er, i» Wahrheit?" ries Mrs. Dollimore überrascht und in ihrem natürlichen Ton, und in diesem Augenblick trat eine junge Dame, in Locken und Blumen wie flc selbst, zu ihr und redete sie mit dem zärtlichen Namen: Mama! an. „Hast Du getanzt, meine Liebe?" fragte Mrs. Dollimore. »Ja, Mama, mit Capitain Johnson." ,OH!" sagte die Mutter mit einem Kopfschütteln; sie gab ihrer Tochter einen vielsagende» Wink, und dann gierigen sie miteinander an das andre Ende des Saals, sich über Sir Ralf Rumford und seine siebentausend Pfund jährlich zu besprechen. „Gut," dacht' ich, „ein hübsches Volk das! Gehen wir etwas weiter in das Land der Wilden hinein" und mit diesen Gedanken schritt ich in die Mitte des Saals vor. 21 „Wer ist das?" fragte Herr Smith, ziemlich laut flüsternd, als ich an ihm vorbei gieng. „Auf Ehre," antwortete Ritsou, „ich kenn' ihn nicht; aber es ist ein verteufelt hübsch aussehender Bursch, ganz genteel!" „Dank Ihnen, Herr Ritson," sagte meine Eitelkeit, „Sic sind doch nicht so ganz widerwärtig." Ich blieb stehn, die Tanzenden zu betrachten; ein achtbar aussehender Herr mittleren AlterS stand neben mir. Gemeine Leute, wenn sie über die vierzig hinanS sind, werden gesellig. Mein Nachbar räusperte sich zweimal und machte Anstalt mich anzureden. „Ich muß ihm Muth machen," dachte ich und so wandte ich mich mit dem gutmnthigsteu Ausdruck gegen ihn. „Ein hübscher Saal, daS!" begann der Mann augenblicklich. „Ja wohl," sagte ich mit einem Lächeln, „und vortrefflich gefüllt." „Oh, Sir!" antwortete mein Nachbar, „Chel- tenham ist nicht mehr, waS es vor fünfzehn Jahren mar. Ich habe bis auf eintausend zweihundert und fünfzig Personen in diesen Mauern gesehen," (gewiße Leute sind immer so verdammt genau in ihren Angaben) „ja Sir," fuhr mein I-,ucls,or tempori» SLÜ fort „den halben hohen Adel obendrein." 22 „In der That!" rief ich mit einem der erhalt- nen Belehrnng angemeßnen Erstaunen, „aber die Gesellschaft ist noch sehr gut, oder nickt?" „O, sehr gcnteel," erwiederte der Man», „doch nicht mehr so glanzvoll als sie früher war." „Ich bitte," sagte ich mit einem Blick auf die Herrn Ritson und Smith, „wissen Sic, wer diese Gentlemen sind?" „Sehr gut," erwiederte mein Nachbar, „der große, junge Mann ist Herr Ritson; seine Mutter hat ein Haus in Bakerstreet und giebt elegante Gesellschaften. Ein sehr genteeller, junger Mann, aber ein unerträglicher Stnhcr." „Und der andre," fragte ich. „Ah, das ist Herr Smith; sein Vater mar ein großer Kaufmann, der kürzlich starb und jedem seiner Söhne dreißigtansend Pfund hinterließ; der junge Smith ist ein anstelliger Mann und möchte gern sein Geld mit Verstand anbringen. Er hat eine große Leidenschaft für das große Leben und hält sich deßwegcn so sehr an Herrn Ritson, der ganz dieselbe Neigung hat." „Er hätte sich kein bcßres Muster wählen kö» nen," sagte ich. „Ja wohl," fuhr mein Cheltenhamer Asmo- dcns mit naiver Einfalt fort, „aber ich hoffe, er wird seine Einbildung nicht zugleich mit seiner Eleganz von ihm annehmcn." 27 . „Ich sterbe," sagt' ich bei mir selbst, „wenn ich mit diesem Gesellen noch länger spreche," und ich wollte mich eben wegstchle», als eine große, stattliche Wittwe mit zwei magern, leibarmen Töchtern in den Saal trat. Ich konnte nicht widerstehen, noch zn bleiben und mich nach ihren Namen zn erkundigen. Mein Freund sah mich ans diese Frage mit sehr veränderter und fast verachtender Miene an. „Wer?" sagte er, „nun die Gräfin Babbleton und ihre zwei Tochter, die ehrenwcrthe Lady Jane Babel und die ehrenwcrthe Lady Mary Babel. Sie machen die große Welt von Cheltenham ans," fnhr er fort, „und es ist eine schone Sache, in ihren Kreis kommen zn dürfen." Mittlerweile stolzierten Lady Babbleton und ihre zwei Töchtern unter Verbeugungen und Nicken zu beiden Seiten, gegen die vor ihnen sich theilenden Reihen, welche mit der tiefsten Ehrerbietung grüßten, durch den Saal. Mein geübtes Auge entdeckte im Augenblick, daß Lady Babbleton, trotz ihres Titels und stattlichen Aussehens, im höchsten Grad das Ge- gentheil von gutem Ton war, und die Tochter (die nicht sowohl dem Skelett als dem Gespenst eines Schaafs glichen,) hatten das Ansehen saurer Leutseligkeit, das gegen das Benehmen höherer Gesellschaft so sehr als immer möglich abstach. Ich war äusserst begierig: wer und was sie seyen. In den Angen der Cheltenhamer waren sie 24 nur die Gräfin und ihre Töchter, und eine weitere Erläuterung würde ganz überflüßig erschienen seyn; eine weitere Erläuterung indessen war ich fest entschlossen mir zu verschaffen, und durchschritt den Saal in tiefem Nachdenken über die Art und Weise, wie diese Entdeckung zu machen wäre, als ich durch die Stimme Sir Lionel Garrets aufmerksam gemacht wurde; ich wandte mich um und zu meiner unaussprechlichen Freude gewahrte ich den würdigen Baronet. „Gott segne mich, Pelham," sagte er, „wie entzückt bin ich, Sie zu sehen. Lady Harriett, hier ist Ihr alter Liebling, Herr Pelham." Lady Harriett war lauter Lächeln und Vergnügen. „Geben Sie mir den Arm," sagte sie, „ich muß hin und mit Lady Babblcton reden — verhaßtes Weib!" „Erklären Sie mir, thcnrc Lady Harriett," sagte ich, „was denn diese Lady Babblcton ist?" „Nun, sie war eine Putzmacherin und heira- thete den verstorbnen Lord, der ein Dummkopf war. Voll» lont." „Ganz befriedigend," sagte ich. „Oder: „kurz und süß; wie Lady Babblcton sagen würde," crwiedcrte Lady Harriett lachend. „Im Gegensatz zu ihren Töchtern, die lang und sauer sind." „O, Sic Satiriker!" sagte die gezierte Lady Harrictt, (die mir um drei Grad besser mar, als die Cheltcuhamer Gräfin) „aber sagen Sie mir, wie lang sind Sie schon in Cheltenham?" „Ungefähr vier und eine halbe Stunde." „Dann kenne» Sie die Merkwürdigkeiten des Orts noch nicht?" „Nein." „Gut! lassen Sic mich Lady Babblet»» abfe» tigen, und dann will ich mich ganz Ihnen als Wegweiserin widmen." Wir giengen auf Lady Babblet»» zu, welche ihre Töchter schon vergeben hatte und in einsamer Würde am Ende des Saales saß. „Meine theure Lady Babbleton!" rief Lady Har- riett und ergriff beide Hände der Wittwc. „Ich bin so erfreut, Sie hier zu finden und wie gut Ihr Aussehen ist! Und Ihre bezaubernden Tochter, wo sind sie? Süße Mädchen! Und wie lang sind Sie schon hier?" „Wir sind eben erst gekommen," antwortete die weiland Putzmacherin, halb ansstehend und ihre Federn in steter Bewegung anfstränbend, wie ein nervenkranker Papagei, „wir müssen uns eben auch in die Stunden der neuen Zeit fügen, Lady Arriett, obgleich ich für meinen Theil die alte Sitte vor- ziche, frühe zu speisen und die Lustbarkeiten vor Mitternacht zu beschließen, aber ich suche die frühen Stunden so viel möglich einzuführen. Ich denke, es ist eine Pflicht, die wir der Gesellschaft schuldig sind, Lady Arriett, die Sittlichkeit durch unser Beispiel aufzumuntern. Wozu hätten wir sonst unfern Rang?" Und mit diesen Worten erhob sich die Ladentisch-Gräfin mit dem erbaulichsten Ausdruck sittliche» Ernstes. Lady Harriett sah mich au, und da sie in meinem Auge die sprechendste Aufforderung, weiter zu gehen, las, so fuhr sic fort: „welche von den Quellen hier besuchen Sie Lady Babbleton?" „Alle," erwiederte die huldvolle Wittwe. „Ich ermuthige gern die armen Leute hier; ich habe keinen Begriff davon, wie Einer deßmegen stolz scyn kann, weil er einen Titel hat, Lady Ar- riett!" „Nein," versetzte die würdige Ehgcnofiin Sir Lionel Garrett's. „Jedermann spricht von Ihrer Herablassung, Lady Babbleton; aber fürchten Sie nicht, sich selbst etwas zu vergeben, wenn Sie überall hin gehen?" „Oh," antwortete die Gräfin, „ich »erstatte sehr Wenigen den Zutritt in meinen Kreis zu Hause, aber ich gehe in gemischte Gesellschaft," und dann flüsterte sie, mit einem Blick auf mich, der Lady Harriett ins Ohr: „Wer ist der hübsche, junge Gentleman?" „Herr Pelham," erwiederte Lady Harriett und zu mir sich wendend stellte sie uns einander förmlich vor. „Sind Sie in Verwandsctzafts-Verhältnis; zu Lady Frances Pelham?" fragte die Wittwe. „Nur ihr Sohn," sagte ich. „Ach, wie hübsch!" rief Lady Babbleton, „welch artige, elegante Frau ist das! Sie geht nicht viel ans, oder doch? Ich treffe sie nicht oft." „Es ist mir auch nicht wahrscheinlich, das; Mylady fle oft treffen sollten. Sie geht nicht in gemischte Gesellschaft." „Jeder Stand hat seine Pflichten," sagte Lady Harriett mit Ernst; „Ihre Mutter, Herr Pelham, kann ihren Kreis beschränken, so viel es ihr gefällt; aber der hohe Rang von Lady Babbleton erheischt größere Herablassung; gerade wie die Herzoge von Snssex und Glouccster an manchen Ort hingehen, wohin weder Sie noch ich gehen würden." „Sehr wahr," sagte die arglose Wittwe, „und dieß ist eine sehr feine Bemerkung! Waren Sie letzten Winter in Bath, Herr Pelham?" fuhr die Gräfin fort, deren Gedanken von Gegenstand zu Gegenstand in völliger Regellosigkeit übersprangen. „Nein, Lady Babbleton, ich war unglücklicherweise an einem minder ausgezeichneten Ort." „Welcher war dieß?" „Paris!" „Ab, in der That? Ich bin nie draußen ge- L8 wesen; ich meine, Personen von gewißem Stand sollten England nicht verlassen: sie sollten zu Hause bleiben und die vaterländischen Manufakturen auf- muntern." „Ah!" ries ich und betrachtete der Lady Bab- dletou Shaw!, „welch ein hübsches Manchester-Muster das ist!" „Manchester-Muster!" ries die erstaunte Peerin aus, „wie! es ist ein achter Cachemire! Sie denken doch nicht, Herr Pelham, ich trage etwas Englisches ?" „Ich bitte tausendmal um Verzeihung, Mylady. Ich verstehe mich nicht auf Kleider, aber, um auf unfern Gegenstand znriickzukommen: ich bin ganz Ihrer Meinung, daß wir unsre vaterländischen Manufakturen aufmunteru mäßen und nicht ins Ausland gehen; aber man kann es nicht lang auf dem Festland anshalteu, selbst wenn man dort angekvdert wird. Mau verlangt bald wieder nach Haus." „Sehr fein bemerkt," versetzte Lady Babble- ton, „das nenn' ich ächten Patriotismus und Sittlichkeit. Ich wünschte alle junge Männer heut zu Tage wären wie Sie! O, Lieber! da kommt einer meiner größten Lieblinge auf uns zu — Herr Ritson! Kennen Sie ihn? Soll ich Sic vorstellen ?" „Gott verhüt' es!" rief ich aus, im Schrecke» ganz meine Artigkeit und meine Rolle vergessend. 29 „Kommen Sic, Lady Harriett, suchen wir Sir Lionel auf;" und rasch auf dieß Wort nahm Lady Harriett wieder meinen Arm, nickte der Lady Bab- bleton ihren Abschiedsgruß zu und gieug mit mir an eine dunklere Stelle des Saals. Hier überließen wir uns eine Zeitlaug uiiscrm Lachen, bis ich zuletzt, der Cheltenhamer Cleopatra überdrüßig, Lady Harriett au ihr Versprechen erinnerte, mir die verschiednen Personen der Versammlung zu nennen. „HL bien, ck'-dorcl," begann Lady Harriett, „Sie bemerken diese sehr kleine Person, die etwas mehr als nur Neigung zu einem Lml-on- poiot hat?" „Wie, das kleine Ding, wie ein chinesischer Tummler — dieser alte Kleider-Stander — dieses fußgroße Quadrat von Sterblichkeit, mit dem Wasservogel-Gesicht wie eine Löffelgans?" „Eben diese," sagte Lady Harrietr lachend. „Das iss Lady Gander; sie giebt sich für eineGvn- nerin der Literatur aus und hält wöchentlich 8»>- rees in London für alle Zeitnngs-Poeten. Auch verliebt sie sich alljährlich und giebt dann ihre» Sängern auf, Sonette zu schreiben; ihr Sohn hat eine sehr kindliche Zärtlichkeit für ein Witthnm von jährlichen zehntausend Pfund, die sie an solche Feste und Narrheiten wegwirft, und um sich in Besitz davon zu setzen, erklärt er die gute Dame für närrisch. Die Hälfte ihrer Bekannten hat er 3 " durch Bestechung oder Ueberredung für seine Behauptung gewonnen; die andre Hälfte behauptet steif und fest ihre Vernünftigkeit; und in Wahrheit: ihre eigne Meinung ist, was diesen Punkt betrifft, gethcilt. Sie hat ncmlich die Gewohnheit zu trinken in einem aller Sentimentalität zuwider- laufenden Grade; wenn sic nun im Anfall der Trunkenheit ist, so giebt sic, was ihr zur Last gelegt wird, zu, — fleht um Barmherzigkeit und Branntwein und schleppt sich wie eine Magdalenc zu Bette; aber wenn sie am andern Morgen wieder zu sich kommt, so ändert sich Alles: sie ist eine - mißhandelte Frau, eine verfolgte Heilige, ein weiblicher Sofokles — für närrisch erklärt, nur weil sie ein Wunder der Welt sey. Der arme Harry Darlington besuchte sie dieser Tage in der Stadt; er fand sie in einem großen Sessel sitzend, umringt von einem ganzen Schwarm Anhänger, welche sich, und zwar keineswegs sotto voce, stritten, ob Lady Gander närrisch sey oder nicht. Henry wird so gleich als Zeuge angesprochen: „Ist dies;," sagte der Eine „kein Beweis der Narrheit?" „Ist das nicht ein Zeichen, daß sie oompos meotis ist?" rief der Andre. „Ich rufe Sie znm Zeugen ans, Herr Darlington," riefen Alle. Inzwischen saß der Gegenstand der Unterhaltung in einem Zustand trunkener Gefühllosigkeit da, drehte den Kopf zuerst auf die eine, dann ans die andre Seite und winkte allen Streitenden zu als stimmte sie Jedem bei. Doch genug von ihr. Bemerken Sie jene Dame i» —" „Guter Himmel," rief ich und fuhr auf, „ist das — kann das Tyrrell seyn?" „Was ist es mit diesem Mann?" rief Lady Harriett. Ich fand sogleich meine Fassung wieder und nahm meinen Sitz wieder ein. „Ich bitte um Vergebung, Lady Harriett," sagte ich, „aber ich meine, ja ich bin dessen gewiß, ich sehe hier einen Menschen dem ich einmal unter sehr besonder» Umständen begegnete. Bemerken Sic den schwarzen Mann in tiefer Trauer, der eben in den Saal trat und jetzt mit Sir Ralf Rumford spricht?" „O ra, es ist Sir John Tyrrell," erwiederte Lady Harriett, „er kam gestern erst nach Eheltcn- bam. Seine Geschichte ist sehr sonderbar." „Was ist es damit?" fragte ich mit Lebhaftigkeit. „Nun — er war der einzige Sohn einer Seitenlinie der Tyrrells, einer sehr alten Familie, wie der Name bezeugt. Er trieb sich einige Jahre meist,'n einer Gesellschaft von kouss um und war wegen seiner sKsiier i voeur berühmt. Sein Vermögen reichte indes; für seinen Aufwand durchaus nicht hin; er legte sich aufs Spiel und verlor den Rest seiner Habe. Er gieng ausser Lands und wurde viel in den gemeinen Spielhänscrn in Paris 22 gesshcn, wo er auf unwürdige und unsichre Weise sich das Leben fristete, bis vor ungefähr drei Monaten zwei Personen, welche zwischen ihm und den Ti- rcln und Vermögen der Familie gestanden waren, starben, nnd er so höchst unerwarteter Weise an ihre Stelle trat. Man sagt, er sey im änssersten Mangel und Elend zu Paris in einem kleinen Stübchen anfgefunden worden; doch wie dieß auch seyn mag, jetzt ist er Sir John Tyrrell, hat ein sehr grosses Einkommen und, trotz einer gewitzen Derbheit des Betragens, das er netz wahrscheinlich bei seiner gemeinen Gesellschaft angceignet, zu der er sich in der letzten Zeit hielt, ist er doch sehr beliebt und selbst bewundert bei der kleinen Gesellschaft von gutem Ton in Cheltenham." In diesem Augenblick gieng Tyrrell an uns vorüber; mein Auge traf auf seines, er stutzte und erröthete heftig. Ich verbeugte mich; er schien einen Augenblick unentschieden, welches Betragen er annehmen solle,—doch nur einen Augenblick; dann crwiederte er meinen Gruß mit dem Anschein großer Herzlichkeit, nahm mich mit Wärme bei der Hand, drückte sein Entzücken aus, mich zu sehen, fragte nach meiner Wohnnng und versprach mich gewiß zu besuchen. Mit diesem Versprechen entschlüpfte er und war bald im Gedränge verschwunden. „Wo trafen Sie mit ihm zusammen?" fragte Lady Harriett. 55 „In Paris!" „Was! war er dort in anständiger Gesellschaft?" „Ich weiß nicht," war meine Antwort. „Gute Nacht, Lady Harriett," und mit dem Ansdruck der äußersten Mattigkeit nahm ich meinen Hut und verschwand ans diesem buntscheckigen Quodlibet von fashionabler Gemeinheit und pöbelhafter Vornehmheit. Bulwer's Romane. IX- 5 34 Ei ii un d v i er z igstes Kapitel. -Gar manches Fräulein Betrachtet' mit Fleiß, und manches Mal Bracht' ich ihrer Zungen Harmonie in Knechtschaft Mein allzu emsig Ohr. — -Doch Ihr, v Ihr So ohne Gleichen, so vollkommen, seyd Vom Besten jeglichen Geschöpfs erschaffen. Der Sturm. Du wirst Dir leicht denken können, lieber Leser, der dn im ganzen Verlauf dieser Geschichte mein Vertrauter gewesen, und den ich, so sehr du bis jetzt Ursache haben magst, nur Wenig von mir zu halten, bereits als meinen Bekannten und Freund liebe, du wirst dir leicht denken können, wie mich das unerwartete Zusammentreffen mit meinem alten Helden vom Spielhans überraschte. Ich war in der That ganz betäubt über den plötzlichen, sonderbaren Umschwung seiner Verhältnisse, seit wir uns zuletzt sahen. Meine Gedanken schweiften sogleich zn jener Scene und zu dem ge- heimnißvollen Zusammenhang zwischen Tyrrell und Glanville zurück. Wie mochte der letztere die Kunde von seines Feindes Gluck aufnehmen? War seine Rache jetzt gesättigt, oder durch welche Mittel konnte er sie jetzt zn befriedigen suchen? 35 Tausend solche Gedanken beschäftigten und verwirrten mein Gcmüth bis gegen Morgen, wo ich Bedos ins Zimmer rief, um mich mit Vorlesen einznschläfern. Er schlug ein Schauspiel von Delavignc ans und beim Anfang der zweiten Scene war ich im Land der Träume. Ich erwachte um r Uhr, kleidete mich an, schlürfte meine Chokolade, und stand im Begriff meinen Hut aufs vortheilhaftcste aufzusetzen, als ich folgendes Billet erhielt: „Mein lieber Pelham! Ille ribi eowmeixlo. Ich hörte diesen Morgen in Ihrem Gasthof, daß Sie hier seyen; mein Herz wurde bei dieser Nachricht ein Haus der Freude. Ich wollte Sie vor zwei Stunden besuchen, aber wie Antonius schwärmen Sie bis tief in die Nacht hinein; — ach daß ich auch mit Shakspeare fortfahren könnte, Sie seyen d e n- noch au f! Ich komme eben von Paris, diesem Iiwbilic«! lerrse, und meine Abenteuer, seit ich Sie nicht mehr sah, will ich, zu Ihrem besonder» Vergnügen, weil ich Sic liebe, Ihnen offenbaren. Aber Sie müssen mich mit einer Zusammenkunft erfreuen. Bis dies; geschieht: soll die Macht der Götter Sie beschirmen. Vincent." Der Gasthof, von welchem aus Vincent dieses Schreiben erließ, war in der nämlichen Straße 3 k 56 wie meine Caravanscrai, und so eilte ich unverzüglich dahin. Ich fand meinen Freund vor einem mächtigen Folianten sichen, von welchem er mir vergeblich die Ueberzengung bciznbringcn suchte, er beabsichtige ernstlich, denselben zu lesen. Wir grüßten uns mit der größten Herzlichkeit. „Aber wie," begann Vincent, nachdem die erste Wärme des Willkomms vorüber war, „wie soll ich Ihnen zu Ihren neuen Ehren Glück wünschen? Ich war nicht darauf vorbereitet, Sie aus einem Koue in einen 8eu»wr verwandelt zu finden. Im Stimmensammeln wart Ihr keck. Jetzt stebt auch fest in Eurem Eck, Ganz still und rührt euch wicht vom Fleck. Nicht gelacht und gezischt! Doch hebt den Arm zu ihrem Schreck bevor sie entwischt. So sagt Burns; — ein Rath, der, wenn man ihn auslegt, darauf hinausläuft: Sie sollen die Rahen der St. Stefans-Kirche in Schrecken sehen." „Ach," sagte ich, „für alle Mäusefallen in diesem Hause muß man auch Koder haben." „Ja, aber eine Ratze beißt an. jedem Käse an, vom Gloucestcr bis zum Parmesan-Käse, und Sie können leicht ein Stück irgend einer Art auftreiben. Da wir von dem Haus sprechen, sahen Sie schon in der Zeitung, daß der bürgerliche Senator Alderman W.-in Cheltcnham ist?" „Ich wußte es nicht. Ich denke, er stopft sich 57 mit Reden und Schildkröten für die nächste Saison." „Wie wunderbar," sagte Vincent, „Cure städtischen Würden Einem die Zunge lösen! Sobald Einer einmal Bürgermeister geworden, dünkt er sich mindestens die Fähigkeiten eines Tullins zu besitzen. 2» Wahrheit, Venables fragte mich neulich, was das lateinische Wort für Sprudel sey, und ich sagte ihm Hippowanes oder ein rasender Geifer von Mairen." *) Nachdem ich mittelst meiner Lachmnskeln den Witzen Lord Vincents den schuldigen Tribut dargebracht, schlug Vincent seinen Folianten zu, rief nach seinem Hut, und wir schleuderten auf die Straße. Als wir an einer Buchhandlung vorbei gingen, hatte sich eine ganze Schaar von Stutzern der letzten Nacht auf den Bänken vor den Ladenfenstern gelagert. „Bitte, Vincent," sagte ich, „bemerken Sie diese würdigen Leute, und besonders den langen, magern, jungen Mann im blauen Frack und leder- farbencr Weste; das ist Herr Ritson, der ve Itour ezt in Worten verkörpern mill, sollen außer dem Bereich dieses neuernngssüchtigen Wesens, und nicht nur auf Ein Zeitalter, sondern für alle anwendbar seyn. Dem scharfsinnigen Leser, der bereits entdeckt hat, wie viel an diesem Werke ironisch, und wie viel ernsthaft gemeint ist, übergebe ich furchtlos diese Maximen, und bitte ihn, mit Sterne zu glauben, daß: „jedes Ding mit einem Scherze schwanger geht, und Witz enthält und Belehrung dazu — wenn wir es nur herausznfindcn vermögen." 60 Maxime n. 1. Mache an deine Kleidung nicht sowohl^ den Anspruch, daß sie bequem sey, als daß sic dir gut stehe. Die Natur kann nicht nachgemacht, wohl aber durch Kunst gesteigert werden. Apelles tadelte den Protogcnes, daß er zu natürlich sey. 2 . Verlaß in deiner Kleidung nie ganz den allgemein herrschenden Geschmack. Die Welt betrachtet Excentrieität, im Großen, als Genie, im Kleinen, als Narrheit. Z. Erinnre dich immer, daß du dich Andern und nicht dir selbst zu Gefallen kleidest. 4 . Erhalte dein Gemnth in den Anklcidestundcn von allen heftigen Bewegungen fern. Eine filo- sofische Heiterkeit ist durchaus erforderlich, um Erfolg zu haben. Helvetins sagt mit Recht: unsre Jrrthnmcr gehen ans unfern Leidenschaften hervor. 5 . Bedenke, daß nur Diejenigen, deren Mnth über allen Zweifel erhaben ist, sich erlauben dürfen, weibisch zu seyn. Nur auf dem Schlachtfeld pflegten die Lacedämonier sich wohlriechender Oelc zu bedienen und die Haare zu ringeln. 61 6 . Laß nie crrathen, daß der Schmuck von Ketten und Ringen deine eigene Wahl sey. Was von Natur den Weibern angehört, das muß man auch nur um ihretwillen zu trage» scheinen. Wir adeln die Kleinlichkeiten , wenn wir sie unter den Schutz einer Empfindung stellen. ' 7 . Die Neigung der Gebieterin deines Herzens zu gewinnen — erscheine in deinem Anzug nachlässig; um sie dir zu erhalten — sorgfältig! jenes ist ein Beweis von der Leidenschaft der Liebe, das zweite von ihrer Ehrerbietung. 8 . Um ein vollendeter Meister in der Kleidung zu werden, muß Einer ein feiner Rechner seyn. Man darf sich nicht auf gleiche Weise kleiden, wenn man zu einem Minister, und wenn man zur Geliebten geht; zu einem geizigen Oheim, oder zu einem prahlerischen Vetter; es gicbt keine feinere Diplomatie, als in der Kleidung. 9 . Ist der bedeutende Mann, den du gewinnen willst, ein Stutzer, — so gehe zu ihm in einer Weste, wie er sie trägt. „Nachahmung," sagt der Verfasser des Lakon, „ist die aufrichtigste Schmeichelei." io. Wer schön ist, mag sich glänzend kleiden; der 62 alltägliche Mensch soll sich nur bestreben, jeden Tadel zn vermeiden; gerade wie man an großen Männern etwas zum Bewundern sucht; gewöhnlichen Menschen will man nur nichts zu verzeihen haben. 11 . Das Studium des Anzugs gehört ebenso gut für den älteren, als für den jungen Mann. Unachtsamkeit ist für jenen so unziemlich als für diesen; wir können den Geschmack, der sich für jeden von beiden eignet, durch die Betrachtung bestimmen: daß der junge Mann geliebt, der ältere geachtet seyn will. 12. Ein Narr kann sich prächtig, aber nie gut kleiden; — denn um sich gut zu kleiden, dazu gehört Beurtheilung, und Rochefoucault sagt mit Recht: Oll esl ^uel^nekois VH sot sveo ne I'est jswnis svec äll jvAe- weiit. 13. Im Fall eines Kragens oder der Krümmung einer Locke kann mehr Pathos liegen, als ein seichter Kopf sich einbildet. Würden wir wohl so geneigt seyn, wie wir es wirklich sind, Carls 1. Mißgeschick zu beklagen, und seine Unredlichkeit zu verzeihen, wenn die Gemählde uns ihn mit der Stntzperücke und dem Zopf zeigten? Vandyk war ein größerer Soffst als Hume. s; 14. Der empfehlungswnrdigste Grundsatz für den Anzug ist — Zierlichkeit! der gemeinste — Genauigkeit. 15. Der Anzug begreift die zwei Gesetzbücher der öffentlichen und der Privat-Sittlichkeit. Aufmerksamkeit ist die Pflicht, die mir gegen Andere; Reinlichkeit diejenige, die wir gegen uns selbst haben. 16. Kleide dich so, daß man nie von dir sagt: „Welch ein wohlgeklcideter Mann!" sondern: „welch ein vornehmaussehender ") Mann!" 17. Vermeide zu viele Farben und suche durch eine vorherrschend sanfte die andern zu mildern. Apelles gebrauchte nur vier Farben und dämpfte immer noch die zu lebhaften mit einem dunkleren Firniß. 18. Nichts ist oberflächlich — für den Liefern Beobachter. In Kleinigkeiten verräth sich die Ge- müthsart. „In welchem Theile dieses Briefs entdeckten Sie Unentschlossenheit?" fragte ein König den klügsten der damals lebenden Diplomaten. „An den ns und Zs," war die Antwort. °) üenUewaiililie. 64 49 . Ein wahrhaft wohlwollender Mann wird die Gefühle Anderer nie dnrch ein Uedermasi in Nachlässigkeit oder Prunk verletzen; man darf daher die Menschenliebe eines liederlich-Gekleideten und eines Iicrbcngcls bezweifeln. 20 . Strümpfe, die über die Fersen herabhängen, zeugen von Gleichgültigkeit gegen das Wohlgefallen Anderer; aber in einem Diamantring kann Tücke stecken. 21 . Erfindungen, die Kleidung betreffend, stimmen mit Addisons Bezeichnung der guten Schreibart zusammen, und bestehen: „in Feinheiten, welche natürlich sind, ohne Einem einznfallen." 22 . Wer Lappalien um ihrer selbst willen hoch anschlägt — ist ei» Lasse; wer sie schätzt um der Schlüsse willen, die sich daraus ableitcn, oder der Vortheile wegen, die sich ans sie gründen lassen, ist ein Filosof. 65 Fü II fu II dvierzigftes Kapitel. llsntöt, Illonseigneur le Illarguis ä oüeval— 1?»lllor, »loasicur 6u Alsriu s. Sey es nun die Vergangenheit oder die Gegenwart, die ihn auficht, sey es die Erinnerung früheren Unglücks oder der Ueberdruß des gegenwärtige» Glücks: — er hat in sein Herz die bitterste Lebensfilosofie ausgenommen. Er weist die Güter des Lebens nicht zurück, — er versammelt sie um sich, aber wie ein Stein Moos auseht; er bleibt kalt, hart, unerweicht durch das frische Grün, das ihn. einschließt Wie ein Kreis den andern nur in Einem Punkte berühren kann, so kann Alles, was das Leben ihm darbietet, woher cs immer komme, welche Seite seines Geistes es anspreche — immer nur Einen Berührungspunkt finden, und dieser ist die wunde Stelle iuucrn Grames; mag er sich der Vergessenheit oder der Muße in die Arme werfe» — er findet in beiden Fallen, daß ihm Ein Schah immer fehlt: Aeiiimis Purpura ver>»I>:, oee smo. Jourdain: Sind Sie verrückt, daß sie mit ihm Händel anfangen, mit ihm, der sich aus die Terze und die Quarte versteht, und einen Menschen ausdemonstrative Weise tödtcn kann ? Tanz meister: Ich spotte seiner demonstrativen Weise und seiner Terze und seiner Quarte. Meliere. „Hallo mein guter Freund, was machen Sie? Verdammt froh, Sic in England zu sehen!" brüllte eine laute, Helle, lustige Simme an einem kalten Morgen, als ich, vor Kälte schauernd, Brovkstrect hinab nach Bondstrcet zu trippelte. Ich wandte mich um, und erblickte Lord Dartmore vom kodier moüe in der Westentasche trug. Trunken, wie der junge Mann damals, und stumpf, wie er immer war, fehlte ihm doch nicht der instinktartige 95 Scharfblick, womit alle menschliche Wesen ihr Eigenthum und ihreHabe bewahren. Er sprang zur Seite vor de» Umarmungen der Syrene, faßte ihren Arm, und mit einer Stimme voll bitterer Entrüstung klagte er sie des Diebstahls an. Dann schrie'» die Weiber, lauter kreischend Als Gänseaaren, Futter heischend. Nie wurden meine Ohre» so betäubt. Die zornigen Schriftsteller in den Abenteuern des Gil Blas waren nichts gegen das streitende Rudel bei Charriug Croß; wir zerrten uns herum, fluchten, welschteu mit einer christlichen Sanftmuth und Verträglichkeit, welche Herrn Wilberforce herzlich erfreut haben würde, und wir bereiteten uns schon zu einem nachdrücklicher» Kampf, als wir durch die sehr unwillkommene Erscheinung von drei Wächtern unterbrochen wurde». „Schleppt fort — dieß — verfluchte Weibsbild" — schluchzte Staunton, „sie hat mir meine Uhr (Schluchzer) gestoh-len" (Schluchzer). „Nichts dergleichen, Wächter!" schrie die Angeklagte, der elende Ladenschwengel hat nie eine Uhr gehabt! er rapste nur eine vergoldete Kette, zwei und einen halben Pfennig werth, von seines Meisters Levi, des Pfänderjudeu, Fenster weg und steckte ste in seine Aalhaut, um Staat zu machen; das habt Ihr gethan, Ihr erbärmlicher, dünngesclmitt- ner Seehunds-Sohn! ja, das habt ihr gethan:" 96 „Kommt, kommt!" sagte der Wächter, „da- > her, daher!" „Verdammter Schuh»!" sagte eineö von unserer Baude. „Hoho! Hasenfuß! Ich werde Euch eine Abkühlung im Wackthause geben, wenn Ihr eure Schimpfworts gegen uns schleudert. Ich darf wohl sagen, die junge Dame hier hat ganz Recht hinsichtlich Eurer Person, und Ihr habt nie eine Uhr gehabt, gar nie!" - „Ihr seyd ein verdammter Lügner," schrie Stannton, „und ihr seyd alle miteinander ein Spitz- bubenpack, wie ihr da seyd!" „Will Euch was sagen, jnng'r Herr," sagte ein anderer Wächter, ein kräftigerer, ernsterer und ehrwürdigerer Alter als seine Cameraden, „wenn Ihr nicht augenblicklich abzieht, und diese anständige jnnge Dame in Ruhe laßt, so werde ich Euch alle vor Sir Richard führen." „Schuhu, mein Jnnge," sagt Dartmore, „wur- detihr je wegen Unverschämtheit durchgedroschen?" Der letzterwähnte Wächter nahm die Erwiederung dieser Frage durch ein sehr summarisches I Verfahren auf sich: er packte Dartmore beim Kragen, und seine Begleiter erwiesen uns dieselbe höfliche Dienstleistung. Diese That aber blieb nicht ungestraft; in einem Nu maßen zwei von den Schooßkindern des Mondes sammt Stöcken, Laternen und Al- ^ l 97 lem ihre Länge am Boden wie ihr Namensbruder, königlichen Andenkens; der übrigbleibcnde Dog- berry aber war ein tüchtiger Kämpfer, und hielt Stannton so festen Griffs, daß der arme Junge kaum ein schwaches und leises: Verdammt! der Verzweiflung ausstöhnen konnte, und mit seiner freien Hand machte er eine» so bewundernswertheu Gebrauch von seiner Klapper, daß wir im Nu umringt waren. Wie aus einem aufgestörten Ameisenhaufen, wo aus allen Seiten und Nitzen des Erdwalls ein zorniger Jnsaße sich erhebt und hervorkommt, von dessen Existenz der unbehutsame Angreifer sich nicht hatte träumen lassen: so kamen jetzt von allen Winkeln, Gäßchen und Straßen und Ecken nah und fern die Ritter der Nacht hcr- beigeströmt. „Gentlemen," sagte Dartmore, „wir müssen fliehen, saure ^ui peud." Es bedurfte keiner weiteren Aufforderung, und wir Alle, so weit wir vermochten, rannten mit der äußersten Schnelligkeit davon, womit uns Gott begabt hatte. Es ist mir nur noch wie ein Traum, daß ich an der Spitze der Flucht stand. Ich erinnere mich auch wohl, wie ich den Strand hinan und gegen eine vereinzelte kleine Hütte hinunter rannte, woraus der Qualm von Thee und ein gellendes, heulendes Geschrei hervordrang: „Ganz heiß! ganz heiß — einen Pfennig die Pinte!" Ich sehe noch in dem Bulwer's Romane. kX. 7 98 dämmernden Lichte der Rückerinnernng die Traum- Gestalt eines alten Weibes in der elenden Hütte und einen Zinnkrug mit gehcimnißvollen Ingredienzien in einem Obstkrämerladen ausgeschüttet; — Ds virickes iater Isiiros — würde Vincent gesagt haben. Wir flohen schneller, und schneller als die Klapper uns ins Ohr gellte, und der Fußtritt unserer Feinde in heißer Verfolgung hinter uns erscholl. „Der Teufel hole den Hintersten," sagte Dart- more athemlos, als er mich-erreichte. „Der Wächter hat seiner Majestät die Mühe erspart," antwortete ich, als ich zurück blickte und einen unserer Freunde in den Klauen der Verfolger sah. „Zu, zu!" war Dartmore's einzige Erwiederung. Zuletzt nach unzähligen Gefahren und unzähligen Windungen durch Hintergassen, Höfe und Winkel, die, wie die Chikane des Gesetzes uns trotz aller Anstrengungen der Gerechtigkeit, schützte» und retteten, fanden wir uns ganz und gar in Sicherheit mitten in einem großen Stadtviertel. ' Hier machten wir Halt, und nachdem wir uns vom unserer persönlichen Sicherheit überzeugt hatten , sahen wir uns um, und suchten uns eine Uebersicht des Gesammt-Verlustes zn verschaffen. Ach, unser Glanz war jammervoll geschwunden, wir waren ans die Hälfte geschmolzen; nur drei von den Sechsen hatten den Kampf und die Flucht überstanden. „Die Hälfte," sagte Dartmore's und mein Begleiter, Namens Triugle, der in die Wissenschaften pfuschte und darauf nicht wenig sich einbildete, „die Halste ist weniger werth als das Ganze, aber doch besser als Nichts." „Ein unbestreitbarer Grundsatz," sagte ich, „aber nun wir in Sicherheit sind, und Zeit haben, darüber nachzudenken, seyd Ihr nicht halb und halb der Meinung, wir haben uns einigermaßen schnöde gegen unsre beßre Hälfte benommen, daß wir sie so ruhig in den Händen der Filister lassen?" „Keineswegs," antwortete Dartmore, „in einer Gesellschaft, deren Mitglieder keine Ansprüche auf Nüchternheit machen, wäre es zu viel verlangt, wenn Menschen, die kaum für sich selbst zu sorgen im Stande sind, noch für Andre sorgen sollten. Nein, wir haben bei allen solchen Heldenthaten nur die Eine Regel der Selbsterhaltnug." „Lassen Sie mich," sagte Tringle, mich beim Rock fassend, „Ihnen dieß nach wissenschaftlichen Prinzipien erklären. Die Hydrostatik lehrt, daß die Anziehungskraft der Cohäslon weit schwächer ist bei flüssigen als festen Körpern; d. h. daß Personen, welche ihr festes Fleisch in Weinschläuche verwandeln, nicht so fest an einander halten können , als wenn sie nüchtern sind." „Bravo Tringle," rief Dartmore, „und jetzt 7 » »V 100 Pelham, hoffe ich, haben sich ihre delikaten Bedenklichkeiten nach einer so lichtvollen Aufklärung ganz beruhigt." „Sie haben mich überzeugt," sagte ich. „Ueber- iassen wir die Unglücklichen ihrem Schicksal und Sir Richard. Was ist aber jetzt anzufangen?" „Nun zuerst," antwortete Dartmore, „wollen wir rccognosciren. Kennt Einer von Euch diesen Play?" „Ich nicht," sagten Beide. Wir fragten einen alten Burschen, der von ähnlichen Bacchanalien, wie wir, heimzutaumeln schien, und erfuhren, wir seyen in Lincoln's-Inn-Fields. „Was sollen wir thun?" fragte ich. „Heim schlendern, oder durch die Straßen ziehen, den Ci- derkeller und Finish besuchen und das erste beste Mädchen küssen, das uns am Morgen begegnet, um ihre Reitze und Rüben auf den Covent-Garden- Markt zu tragen!" „Das Letztre," riefen Dartmore und Tringle, „ohne Zweifel!" „Kommt denn," sagte ich, „laßt uns Holborn anfspüren und in St. Giles hineinschlüpfcn, und dann den Weg in eine bekanntere Ecke der Welt suchen." „Amen," sagte Dartmore, und so traten wir UNsern Marsch wieder an. Wir zogen uns eine schmale Gasse entlang, wohlbekannt, dünkt mich, den Herrn von der Feder, 101 und betraten Holborn. Hier stand der Mond über uns in wunderschönem Glanze, warf sein Licht ans eine schläfrige Reihe Miethkutschen und schüttete „silberne Schwcrmuth," über die schmalen Gesichter und finstern Kleidungen zweier Nachtwächter ans, die uns, nach unserm Bedünken, mit sehr verdächtigen Mienen betrachteten. Wir schleuderten ziemlich langsam weiter, bis wir durch eine jämmerlich aussehende Menschcn- masse gehemmt wurden, welche sich um einen dumpfen, schmutzigen, melancholischen Laden versammelt hatte, aus dem eine einzige Kerze flimmerte, deren langer, einer Spinnerin ähnlicher Docht im Ostwind aufs lebhafteste flackerte. Auf den magern, verkümmerten Gesichtern der Umstehenden malte sich ein allgemeiner, übereinstimmender Ausdruck lebhafter, neidischer, brütender Knmmerniß, die in so weit der hervorstechende Zug bei den verschiedenen Charakteren war, daß er alle einigermaßen einander ähnlich machte. Es war ihnen ein Stempel aufgedrückt, wie man sich etwa denjenigen vorstellen mag, mit welchem, wo nicht der Erzfeind selbst, doch einer seiner untergeordneten Geister jedes Stück seiner Heerde bezeichnet. Unter diesem Hansen erkannte ich mehr als Ein Gesicht, das ich oft bei meinen Spazierritten durch die Stadt gesehen hatte, wie es von den Schultern eines aufdringlichen, nichtsnutzigen, dicnstlosen Lohnbcdienten sich umgesehen, und mit ror unsanberm, ungesättigtem Munde die belästigende Frage gekrächzt hatte: ,,Soll ich Ihr Pferd halten, Sir?" Der Rest bestand aus unglücklichen Weibern der gemeinsten, vcrabscheunngswürdigsten Art, bejahrten Nachtwandlerinnen, mit Zügen vom Hunger verzerrt, mit trüben Angen, schlotternden Kinnladen, zitternden Gliedern, und all den tödtlichcn Zeichen hoffnnngs- und hülflosen, und was das Schlimmste ist, brodlosen Sicchthums. Hier und da brach eine irländische Aussprache in die nationalen, Ungeduld andeutenden Flüche aus, und ward durch die gellende, zitternde Stimme einer heruntergekommenen aber unermüdlichen Priesterin der Freude (der Freude, guter Gott!) beantwortet; aber der Hauptcharaktcr der Versammlung war Stillschweigen, ein innerlich arbeitendes, tiefes, brütendes Stillschweigen; nnd über ihnen Allen schien der ruhige Mond, so friedlich, heilig, so stilles Glück und unbefleckte Glorie athmend, als ob er nie ans die Spuren menschlicher Leidenschaft, auf die Scencn des Elends und der Sünde geschaut hätte. Wir blieben einige Augenblicke betrachtend vor der uns umgebenden Gruppe, dann den Schritten eines alten, verwitterten Weibes folgend, die mit einer zersprungnen Schaale in der Hand sich durch die Horde Bahn brach, fanden wir uns in dem fürchterlichen Pandämonium, der Quelle zugleich und der Zuflucht niedriger Laster — einem Branntweinladen. „Arme Teufel," sagte Dartmore zu einigen der Nächsten und lebhaftesten unter dem Gedränge, „kommt herein, ich will euch frcihaltcn." Die Einladung ward mit einer Bereitwilligkeit angenommen, welche die schmeichelhafteste Danksagung für den Einladenden seyn mußte, und so hat der Mangel, der Vater der Erfindung, doch auch dann und wann nicht» dawider, mit der Höflichkeit ein Kind zu erzeugen. Wir standen, während unsre Schützlinge bedient wurden, in schweigsamer Betrachtung am Ladentisch. Gemeines Laster hat für mich immer etwas zu Niederschlagendes, beinahe Furchtbares, was über leichten Scherz hinansgeht; die Verrenkungen eines Wahnsinnigen sind seltsamer, als die eines Narren, aber man lacht nicht darüber; das Gefühl richtet sich nach der Ursache, nicht nach der Wirkung. An eine Ecke des Ladentisches gelehnt, das Auge nachsinnend und unbeweglich auf uns gerichtet, stand ein Mann von ungefähr fünfzig Zähren, nach ei- genthümlichem Schnitt gekleidet, und sein Anzug machte, sowohl was den Geschmack als die Stoffe betrifft, Anspruch ans Alterthümlichkeit. Dieser Mensch trug einen großen aufgckrämptcn Hut, etwas leichtsinnig auf die eine Seite gesetzt, einen dunkeln Rock, der ein Abführungs-Platz für alles Unsaubere schien, was ihm in den letzten zehn Jahren in den Weg gekommen war, und der, nach der Art, wie er gemacht war, und wie er ihn trug, gleiche Ansprüche auf Bekleidung von militärischen und bürgerlichen Würden, die arm-, und die lvß-> zu machen schien; — am Halse des Inhabers hing ein blaues Band von auffallender Breite und überraschender Ncnheit und Pracht, die keineswegs mit dem übrigen lour en»en>l,Ie harmonirte; daran war ein Augenglas befestigt, in Blockzinn gefaßt und von Verhältnissen, die der Breite des Bandes entsprachen. Unter dem rechte» Arm, furchtbar wie ein Schwcrdt gestaltet, lauschte die Handhabe eines sehr großen und derb aussehenden Stocks hervor: Im Krieg eine Waffe, im Frieden eine Stühe. Die Züge des Mannes waren in Ucbereinstim- mnng mit seiner Tracht; sie hatten eine gleiche Mischung der Spuren von Armnth mit der An- maffnng einer auf die Erinnerung an bessere Tage gegründeten Vornehmheit aufznweisen. Zwei kleine hellblaue Augen waren von buschigen und etwas gebieterische» Brauen überschattet, die unter dem Hut lauerten wie Cerberus ans seiner Höhle. Sie hatten dermalen den stumpfe» stierenden Blick habitueller Trunkenheit, obgleich wir bald entdeckten, daß sic noch nicht verlernt hatten mit aller jugendlichen Lebhaftigkeit und mehr als jugendlicher Spitzbüberei zu funkeln. Seine Nase war groß, hervorragend und aristokratisch; stc wäre nicht übel gestaltet gewesen, hätte nicht irgend eine unbe- 105 kannte Ursache sie ein wenig mehr gegen das linke Ohr hingedrängt, als ein unpartheiischer Schönheitsrichter mit de» Ansprüchen ans Regelmäßigkeit vereinbar gefunden haben würde. Die Linien des Gesichts waren wie in Eisen geprägt, und wäre das Angesicht ganz ruhig gewesen, sie hätten ihm ein finsteres und unheimliches Aussehen geben müssen; aber in diesem Angcnblick war um seinen Mund ein durchtriebener, schiefer Zug, der den herrschenden Ausdruck seiner Züge milderte oder doch veränderte. „Sir," hob er an nach einem Stillschweigen von einigen Minuten, „Sir," sagte er sich mir nähernd, „wollen Sie mir die Ehre erweisen, eine Prise Tabak zu nehmen?" und mit diesen Worten klopfte er auf eine sonderbare kupferne Dose, mit dem Bilde des letzt verstorbenen Königs. „Mit großem Vergnügen," sagte ich und verbeugte mich tief, „da mir dieß den Weg zu Ihrer Bekanntschaft eröffnet." Mein Gentleman von dem Branntweinladeu öffnete seine Dose mit Anstand, und sagte dazu: „Nur selten treffe ich an Orten dieser Art Gent- lemen von Ihrem und Ihrer Frennde Aussehen. Ich bin nickt der Mann, der sich leicht durch die Außenseite täuschen ließe, tzoraz, Sir, hat mich nicht darunter mit begreifen dürfen, wenn er sagt: »s>«cie lkecisiimu'-. Ich merke, Sie sind überrascht, mich lateinisch citire» zu hören? Ach, Sir, 108 auf meinen Reisen und bei wechselvoller Lebensweise kann ich mit Cicero und Plinius sagen: daß das Studium der Wissenschaften mir den größten Trost gewährte. 6 guäiuin midi, so sagt der Letztere, et solstillw ia litteris: lliklil tsill Isete, Hllvä dis 0011 Iseiius, oidil tsm triste, <^uod der Erziehung zu halten. Herr Dartmore, Ihre (Gesundheit! Gentlemen, die Ihrige! Meine Geschichr- ist aus, und ich hoffe, Sie bezahlen für das Bier.« 120 Ein u ndfünfzigft es Kapitel. Den truukencn Schurken haß ich. Was ihr wollt. Wir nahmen von Herrn Gordon zärtlichen Abschied und fanden uns nun wieder in der frischen Luft; das Rauchen und das Bier hatten viel zur Fortdauer unserer Betrunkenheit beigetragen, und wir fühlten durchaus keine Neigung zu Bette zu gehen. Wir begaben uns, den ganzen Weg über lachend und lärmend, zu einer Reihe Miethkutschen, bestiegen die erste im Zug und fuhren nach Picca- dilly. An der Ecke von Haymarket setzte sie uns ab. „Zwei vorbei!" schrie der Nachtwächter, als wir au ihm vorüber taumelten. „Du lügst, Schurke!" sagte ich, „du bist so eben an dreien vorbei!^ Wir waren alle noch lustig genug iiber den Witz zu lachen. Vom Eingang des Royal Saloon fahen wir ein Licht schimmern, wir pochten an und cs wurde uns geöffnet. Wir setzten uns an den einzigen leeren Tisch im Zimnrer und sahen uns nach den schmucken und gepatzten Bürgern um, von denen der Saal voll war. „Hallo, Aufwärter!" rief Ttingle, „etwas ro- then Wein Negus; — ich weiffnicht, was das ist, aber der Teufel selbst könnte mich nicht von meinem Durste kuriren. Der Wein und ich haben die mächtigste chemische Verwandtschaft zu einander. Sie wissen, daß wir die Kraft der Anziehung bei den Körpern nach der Kraft berechnen, die erforderlich ist, um sie zu scheiden." Während wir alle drei uns so lärmend und unsinnig geberdcten, als es unsre besten Freunde nur wünschen konnten, trat ein neuer Fremder ein, näherte sich, sah sich rings nach einem Sitz um, und da er keinen fand, ging er langsam auf unfern Tisch zu und begrüßte mich mit einem „Ah, Herr Pelham, wie steht's? Erfreut, Sie zu treffen. Mit Erlaubniß schlürf' ich meinen Grog an Ihrem Tisch hinunter. Keine Störung — hoff' ich? je mehr, je lustiger, he? Aufwärter, ein Glas heißen Branntwein und Wasser! — nicht zu schwach! Hörst?" Ich brauche kaum zu sagen, daß diese markige und artige Anrede aus dem Mund des Herrn Tom Thornton kam. Er war etwas mehr als halb betrunken, und seine Hellen, spähenden Augen drehten sich schwindelig in seinem Kopf. Dartmore, damals und jetzt noch der gutmüthigste Geselle, den es gibt, nahm die Spuren seines Rausches als eine Art von Freimaurerzeichcn auf, und machte ihm an seiner Seite Platz. Ich konnte die Bemerkung nicht unterdrücken, daß Thornton bei weitem verwahrloster aussah, als bisher; sein Rock hatte irr Löcher an dem Ellbogen, sein Weißzeug war zerrissen und befleckt; in seinem Acußern war keine Spur von der gemeinen Sauberkeit, welche früher eine seiner hervorstechenden Eigenschaften gewesen. Auch hatte er die strotzende Gesundheit, die früher in seinem Gesicht sich kund gab, großenthcils verloren; seine Wangen schienen eingefallen und ab- gemagcrt, seine Augen hohl und seine Gesichtsfarbe fahl und schmutzig, trotz der Röthc, welche die Völlerei in diesem Augenblick darüber verbreitete. Jndeß war er guten Muths, und wurde bald so unterhaltend, daß Dartmore und Triugle ganz entzückt von ihm waren. Was mich betrifft — mich machte der Widerwillen gegen diesen Menschen für den Rest der Nacht nüchtern und schweigsam, und da ich Dartmore und seinen Freund zu einem Besuch bei einigen Freundinnen Thorntons aufgelegt sah, deren er mit großen Lobpreisungen erwähnte: zog ich mich von ihnen zurück, und ging, was das Klügste war, nach Haus. Zweiundfünfzigstes Kapitel. ir Illi mor» grsvis iocukst t)u> HOUlS l>I>I>i8 VMlllbvS, lgnotu» luoritur sil>i. 8ei>eos. tzlous seroos ^isr oos Isis les ju^ez cke» orlvrs^es. I.L, kelurues savAnrez. Vincent besuchte mich am folgenden Tag. „Ich habe Neuigkeiten für Sie," sagte er, „obwohl einigermaßen traurigen Inhalts. l-»gece V-veres Qupitkivesgiie. Sie erinnern sich der Herzogin von Perpignan?" „Ich dächte wohl!" war meine Antwort. „Gut denn," fuhr Vincent fort, „sie ist nicht mehr. Ihr Tod war ihres Lebens würdig. Sie war im Begriff, allen Fremden in Paris ein glänzendes Fest zu geben; den Tag, ehe es statt haben sollte, bekam sie einen fürchterlichen Ausschlag im Gesicht. Voll Verzweiflung schickte sie nach den Aerzten. „Stellen Sie mich bis morgen her," sagte sie, „und fordern Sie was Sie wollen zur Belohnung." „Madame, dicß ist unmöglich, ohne Ihre Gesundheit aufs Spiel zu setzen." „Zum Teufel mit Eurer Gesundheit!" sagte die Herzogin, „was ist Gesundheit gegen einen Aus- schlag?" Die Aerztc befolgten den Fingerzeig; ein äußerliches Mittel ward angewcndct, die Herzogin erwachte am Morgen so schön als je — das Fest fand statt, sie war die Armida des Abends. Das Souper ward angekündigt; sie nahm den Arm des-Gesandten und bewegte sich durch die Versammlung unter den Acußerungen allgemeiner Bewunderung. Sie blieb einen Augenblick an der Thi'ire stehen, Aller Augen waren auf sie gerichtet. Eine schreckliche, Entsetzen erregende Zuckung ging über ihr Gesicht, ihre Lippen zitterten, sie fiel zu Boden unter den fürchterlichsten Krämpfen, die im Gesicht und am Körper ausbrachen. Man brachte sie zu Bette. Einige Tage blieb sie bewußtlos; als sie wieder zu sich kam, verlangte sie einen Spiegel. Ihr ganzes Gesicht war auf Einer Seite verzerrt — keine Spur von Schönheit war mehr da; in dieser Nacht noch vergiftete sie sich." Ich kann nicht anssprechen, wie bestürzt ich über diese Nachricht war. So viel Ursache zur Beschwerde über das Betragen dieser unglücklichen Frau ich hatte, fand ich doch in meiner Seele kein anderes Gefühl als Mitleid und Grausen über ihren Tod; nur mit Mühe überredete mich Vincent, eine Einladung zu Lady Roseville, wo ich ihn und Glanville treffen würde, anzunehmen. Jndeß, als der Abend kam, heiterte ich mich auf, und obgleich in meinem Gemüth noch der Eindruck der Erzählung vom Morgen her haftete. 125 trat ich doch weder in nachdenksamer noch melancholischer Stimmung in das Prunkzimmer bei Lady Roseville. — „So ist der Lauf der Welt." Glanville war anwesend, in seiner gewöhnlichen Trauerkleidnng, und sah außerordentlich schön aus. „Pelham," sagte er, als er zu mir trat, „Sie erinnern sich, an einem Abend bei Lady -erbot ich mich, Sie meiner Schwester vorzustellen? Ich hatte damals nicht Gelegenheit, weil wir das Haus verließen, ehe sie aus dem Erfrischungs-Zimmer zurück war. Ist es Ihnen jetzt gefällig?" Meine Antwort ist leicht zu erratheu. Ich folgte Glanville in's nächste Zimmer, und zu meinem unaussprechlichen Erstaunen und Entzücken entdeckte ich in seiner Schwester die schöne, unvergessene Unbekannte, die ich in Cheltenham gesehen. Zum Erstenmale in meinem Leben war ich in Verlegenheit; an meiner Verbeugung würde sich ein Major in der Linie, an meiner hergestotterten , unbedeutenden Anrede ein Alderman in Gegenwart seiner Majestät geschämt haben. Einige Augenblicke indessen reichten hin, mich zu mir zu bringen, und nun spannte ich alle Nerven an, um so angenehm und verführerisch als möglich zu seyn. Nachdem ich einige Zeit mit Miß Glanvillt 126 gesprochen, trat Lady Roseville zu uns. Diese reihende Daine, so stattlich und Jnnoartig sonst, stimmte ihr Betragen der Miß Glanville gegenüber zu einer Weichheit herab, wodurch sie ganz mein Herz gewann. Sic nahm sie in eine Seite des Saals, wo eine sehr belebte, besonders schöngeistige Unterhaltung geführt wurde, und ich, entschlossen, meine Zeit anss Beste zu nützen, folgte ihnen, und fand mich wieder neben Miß Glanville sitzend. Lady Roseville saß ans der andern Seite meiner schönen Gesellschafterin, und ich bemerkte, daß, so oft sie ihr Auge von HW Glanville verwandte , es immer auf deren Bruder ruhen blieb der mitten unter dem Streit und den Streitenden schweigend, düster und in sich versunken da saß- Die Unterhaltung lenkte sich auf Scott's Novellen , dann auf Novellen überhaupt und endlich auf die Eine bestimmte: Anastasius. „Es ist unendlich Schade," sagte Vincent, „daß der Schauplatz dieser Novelle so fern von uns verlegt ist. Könnten der Humor, die Personen, die Kenntniß der Charaktere und der Welt uns in einer nationalen, statt in ausländischer Tracht wiedergegeben werden: es würde dieß Werk ein beliebteres werden, als selbst der vortreffliche Roman „„Gil Blas,"" wie es gewiß weit talentvoller ist. Aber es ist für Hope ein großes Unglück, daß er 1L7 — — — Mit Wissen den Geist überfüllt. Und dein Osten zuschreibt, was für Jedermann gilt. Man vergißt oft über der Bewunderung der Keuntuiß von fremder Landes-Sitte, die Achtung, die mau der meisterhaften Auffassung von ganzen Charakteren gezollt haben würde." „Es mnß," sagte Lady Roseville, „ein außerordentliches Zusammenwirken von Geisteskräften erforderlich seyn, um eine ganz vollkommene Novelle zu schaffen." „Eine so außerordentliche," antwortete Vincent, „daß, obgleich wir Ein vollendetes episches Gedicht haben und mehrere, welche auf Vollendung Anspruch machen, es doch keine einzige vollkommene Novelle in der Welt giebt. Gil Blas nähert sich der Vollkommenheit mehr als irgend eine andere (in Folge des eben besprochenen Uebel- standes im Anastasius); aber man muß gestehen, daß doch darin ein Mangel an Würde, an moralischer Gesundheit und an Dem, was ich sittliche Schönheit nennen möchte, der durch das ganze Buch hindurch geht. Wenn ein Schriftsteller die verschiedenen Vorzüge von Scott und Le Sage mit einer liefern und filosofischern Einsicht in die Moral, als Beide besitzen, zu verbinden vermöchte, so möchte von einem solchen die Vollendung zu erwarten seyn, die wir seit den Tagen des Apulejns noch nicht entdeckt haben." „Da von Moral die Rede ist," sagte Lady 128 Noseville, „meinen Sie nicht, jede Novelle sollte sie zum bestimmten Ziele haben und durchgängig irgend eine besondere Moral einschärfen, wie manche Erzählungen von Marmontel und Miß Edgeworth?" , „Nein," antwor cte Lord Vincent, „jede gute Novelle hat Einen großen Zweck und alle denselben — ncmlich unsre Kenntniß des menschlichen Herzens zu vermehren. In diesem Sinne muß ein Novcllenschreiber Filosof seyn. Wer immer mit Glück uns die menschliche Natur und Gattung genauer enthüllt, hat der Wissenschaft und ebcn- damit der Tugend den wichtigsten Dienst erwiesen, denn-jede Wahrheit ist eine Moral. Dieser große und allgemeine Zweck, den ich mir immer denke, wird durch die ängstliche Aufmerksamkeit auf eine einzelne Moral, wovon Sie sprechen, eher verkümmert als erweitert. So zieht Dryden, in seinem Versuch über den Fortschritt der Satyre, ganz mit Recht Ho- raz dem Iuvenal vor, so fern man auf das Belehrende bei Beiden steht; weil die mannigfaltigen Satyrcn des Erster» gegen alle Laster gerichtet sind, die beschränkteren des Letzter« zum größten Theil nur gegen Eines. Die Menschheit — das ist das Feld, welches der Novcllenschreiber bearbeiten soll: die Wahrheit, die Moral überhaupt soll seine Ausbeute seyn. In einem gele- genheitlichen Gespräch, in beiläufig eingefiochtnen irs Grundsätzen, in der Beleuchtung von Ereignissen, in Entwicklung der Charaktere soll er heilsam wirken und belehren. Es ist nicht genug — und ich wünschte, ein Romanschreiber, der jüngst ausgetreten, möchte das bedenken — es ist nicht genug für einen Schriftsteller, ein gutes Herz, wohlwollende Gefühle und was man schöne Empfindungen nennt zu haben, um eine an sich selbst wahre und in ihrer Einschärfnng heilsame Moral z» verkörpern. Eh' er an seine Erzählung Hand anlcgt, sollte er durch und durch mit der so kitzlichen Wissenschaft der Moral, und eben so mit den tiefer versteckten wie mit den mehr offen liegenden Thätigkciten des Geistes vertraut seyn. Wenn seine Kenntniß nicht tief geschöpft und klar ist, so kann die Liebe zum Guten allein ihn auch zum Jrrthum verleiten, und er kann leicht die Vorurtheilc eines empfänglichen Herzens für Gebote der Tugend ausgeben. Wollte Gott, die Menschen sähen die Nothwen- digkeit ein, sich vorher selbst zu belehren, ehe sie Andere belehren wollen. „Nur sagen: die Tugend ist Tugend, weil sie in ihrem inner» Grund gut ist, und das Laster gerade das Gegentheil davon — das heißt noch nicht beide kennen lehren." Ich meines Theils würde, wenn ich einen Roman schreiben wollte, mich zuerst auf scharfe, thätige und wachsame Beobachtung der Menschen und Sitten legen. Sodann würde ich, wenn ich durch Thätigkeit in der Welt mir die Wirkungen ge- Bulwer'S Romane. IX- 9 1L0 merkt hätte, den Ursachen durch Bücher und Nachdenken in meinem Cabinet auf die Spur zu kommen suchen. Dann erst, und früher nicht, würde ich zu den leichtern Reihen des Styls und äußerer anmuthiger Ausstattung mich wenden; auch der Erfindung nicht den Zügel schießen lassen, eh' ich mich überzeugt hätte, daß sie weder Mißgeburten von Menschen, noch Bastarde der Wahrheit Hervorbringen werde. Zu Trägern der Belehrung oder Belustigung würde ich Menschen nehmen, wie fle find — nicht besser und nicht schlechter — und ihre Moral sollten sie eher durch Scherz und Ironie, als mit schwerfälliger und ernster Würde preis geben. Nie wurde eine Unvollkommenheit durch Schilderung der Vollkommenheit geheilt, und wenn man sagt: Leichtfertigkeit und Spott verlocken so leicht zur Sünde, so seh' ich nicht ein, warum sie nicht auch zur Verthcidigung der Tugend gebraucht werden sollten. Dessen dürfen wir gewiß seyn: wie das Lachen ein auszeichnender Zug der menschlichen Gattung ist, so war gewiß Keiner, der gern sich demselben hingab, stumpfsinnig an Geist oder von verwildertem Gemüthe." Damit schloß Vincent. „Dank Ihnen, mein Lord," sagte Lady Rose- vrllc, indem sie Miß Glanville beim Arme nahm und von der Tafel sich entfernte. „Einmal haben Sie sich doch herabgelassen , nnS Ihre eigne Mei- nung und nicht die andrer Leute zu geben; Sie haben kaum Ein Citat eingewoben." „So nehmt" sagte Vincent aufstehend: So nehmt ein Wunder als Ersatz des Witzes!" Dreiundfünfzigstes Kapitel. izr Ich liebe - O! mich »linkt Der Name: Liebe, paßt wohl für »ie Welt; Doch edlen Herze» thut ein andrer Noch Für ein Gefühl, daS diese Welt nicht faßt. P. B. Shelley. Ich ford'r« keine Höhr« Ehre, AlS daß ich Euer« Freund mich nennen darf. Shakspeare. So unempfindlich und weltlich gesinnt ich nach dem Tone dieser Memoiren erscheinen mag, so kann ich doch zuversichtlich sagen, daß einer der köstlichsten Abende die ich je verlebte, der war, als ich zuerst mit Miß Glanville bekannt gemacht wurde. Ich kam nach Hans, berauscht von einem zarten Geiste der Freude, der das Leben mit einer neuen Würze und Frische beseelte. Zwei kurze Stunden schienen das ganze System meiner Gedanken und Empfindungen geändert zu haben. Miß Glanville hatte durchaus nichts von einer Heldin; ich hasse die Heldinnen. Sie hatte nichts von der bescheidenen Ruhe, der stillen Würde und himmlischen Grazie, (der Herr steh' uns bei!) wovon gewisse Schriftsteller mit so großen Lobeserhebungen sprechen. Dank dem Himmel, sie war lebendig. Sie hatte viel Gefühl, aber die Unbefangenheit eines Kindes; sie verband die vollste Gesundheit des Gemüths mit der zarten 1ZL Schenk der Gazelle; wenn sie lachte, so lachte alles mit, Gesicht, Lippen, Augen, Stirne, Wangen. Das Paradies schien in ihrem Antlitz geöffnet: wenn sie ernst war, so war es ein so hoher und großartiger, und doch süßer und einnehmender Ernst, daß man, selbst mit der geringsten Einbildungskraft begabt, auf die Ahnung einer neuen, diesem Antlitz nachgebildeten Ordnung von Engeln, zwischen dem Cherub und dem Seraf, den Engeln der Liebe und Weisheit, kommen konnte. Sie war in der Gesellschaft vielleicht nicht ganz so schweigsam, als nach meinem individuellen Geschmack gewesen wäre; aber wenn sie sprach, so war cs immer mit einer Eigenthümlichkcit des Gedankens und des Ausdrucks, die es mich bitter beklagen ließen, wenn sie wieder verstummte. Es war, als ob eine Schönheit mitten in der Erschaffung ins Stocken gerathen wäre. Genug davon jetzt. Ich kramte verdrossen (am Morgen nach dem Abend bei Lady Roseville) in einigen alten Büchern, als Vincent eintrat. Ich bemerkte, daß sein Gesicht geröthet war und seine Augen mit mehr als gewöhnlichem Glanz funkelten. Er sah sich sorgfältig im Zimmer um, rückte dann seinen Stuhl dem meinigen näher und begann mit leiser Stimme: „Pelham, ich habe etwas Wichtiges aus dem Herzen, das ich mit Ihnen zu erörtern wünsche; aber lassen Sic mich Sie ersuchen — Ihrem ge- 134 wöhnlichcn Leichtsinn und, verzeihen Sie den Ausdruck, Ihrer Affektation zu entsagen: kommen Sie mir mit der Aufrichtigkeit und Geradheit entgegen, welche die wahre Auszeichnung Ihres Charakters ausmachcn." „Mein Lord Vincent," erwiederte ich, „in Ihren Worten ist eine Tiefe und Feierlichkeit, die mir, sogar durch einen von N—s bcstwattirten Röcken, bis ans Herz geht. Lassen Sie mich klingeln, nach meinem Pudel und Ls« 6« Lologve, und dann will ich, Ihrem Verlangen gemäß, Ihre Rede vom Alfa bis zum Omega anhören." Vincent biß sich in die Lippen; aber ich klingelte, ließ meine Befehle vollziehen, setzte mich dann mit meinem Pudel auf dem Sofa zurecht und erklärte meine Bereitwilligkeit, ihm ein aufmerksames Ohr zu schenken. „Mein theurcr Freund," begann er, „ich habe oft bemerkt, daß Sic, trotz aller Ihrer Vergnügungssucht , doch ihren Geist unabläßig auf höhere und ernsthaftere Gegenstände richten, und ich denke von Ihren Talenten und Ihren künftigen Erfolgen um so besser, je weniger Sic jene zur Schau tragen und je unbekümmerter Sie um diese erscheinen, denn Erfahrung lehrt uns, daß Bescheidenheit Dem jungen Ehrgeitz oft die Leiter hielt. Auch habe ich beobachtet, daß Sie in neuerer Zeit viel zu Lord Dawton gekommen sind, habe i;s selbst gehört, daß Sie sich zweimal mit ihm eingeschlossen haben. Es ist allbekannt, daß dieser Mann die Hoffnung hegt, die Opposition auf die belobten Fluren der Schatzkammerbänke zu führen; und ungeachtet der Reihe, von Jahren, während welcher die Whigs außer Diensten waren, wollen dock manche Personen behaupten, die Möglichkeit einer Verbindung zwischen ihnen und Herrn Gaskell voraus zu sehen, dessen Grundsätzen sie sich, wie man hinznsetzt, allmälig: angenähert haben." . Hier hielt Vincent einen Augenblick inne und sah mir scharf ins Gesicht. Ich. begegnete seinem Auge mit einem ebenso forschenden Blick, wie der seinige. Er schlug das Auge nieder und fuhr fort: „Jetzt merken Sie ans,..Pelham: eine solche Verbindung kann nie statt finden. Sie lächeln; ich wiederhole es. Es ist meine Absicht/ eine dritte Partesi zu bilden; vielleicht,'während die zwei großen Sekten sich mühen, den geheimen Beschluß des Schicksals vorweg zu cr- rathen, erhebt sich plötzlich eine dritte, der Alles übergeben werden soll.- Erklären Sie, daß Sie es nicht für unmöglich halten, sich mit uns zu vereinigen, so will ich Ihnen mehr sagen." < /' Ich schwieg! drei Minuten, eh'ich Vincent antwortete. - Dann sagte ich: „Ich danke Ihnen lauf- richtig für Ihr Anerbieten; nennen Sie mir zwei von Ihrer beabsichtigten Partei mit Namen, und dann will ich Ihnen antworten." „Lord Lincoln und Lord Lesborongh " „Was!" sagte ich, „der Whig, der im Ober» Haus erklärte: was auch immer die Drangsale des Volkes seyn mögen, sie sollen nie auf Kosten eines der despotischen Privilegien der Aristokratie erleichtert werden. Weg mit dem! Von diesem will ich nichts hören. Was Lesborongh betrifft, der ist ein Narr und ein Prahler, der immerdar seine eigne Eitelkeit mit den windigsten Rede-Blasbal- gcn aufbläht, die je aus Luft und Metall gefertigt wurden, um Schall und Rauch hervorznbringen die nichts zu bedeuten haben. Weg mit dem! Auch von diesem will ich nichts hören." „Sie haben Recht mit Ihrer Benrtheilung meiner cookreees" antwortete Vincent, „aber wir müssen uns schlechter Werkzeuge zu guten Absichten bedienen." „Nein," nein! sagte ich, „der gemeinste Arbeiter wird Ihnen das Gegentheil sagen." Vincent sah mich mißtrauisch an. „Sehen Sie," sagte er, „ich weiß recht gut, daß Niemand mehr alS Sie nach Stellen, Macht und Ansehen sich sehnt. Geben Sie das zu?" „Ich gestehe es," war meine Erwiederung. „Schließen Sie sich uns an! Ich will Sic unverzüglich ins Unterhaus bringen; wenn es uns gelingt, sollen sie die erste und beste Stelle haben, die ich vergeben kann. Jetzt unter welchem König du Halunk! Sprich oder stirb!" „Ich antworte Ihnen mit den Worten desselben Helden, den Sie anführtcn," sagte ich, „'Neu Pfifferling dann für dein ganzes Amt. Wissen Sie Vincent, daß ich, so sonderbar es Ihnen Vorkommen mag, so etwas in mir habe, wie ein Gewissen? Wahr ist's, ich vergesse es dann und wann; aber in einer öffentlichen Eigenschaft würden die Mahnungen von Andern mir es sehr bald in Erinnerung bringen. Ich kenne Ihre Partei wohl; ich kann mir, verzeihen Sie mir, keine für das Land nachthciligere, keine für mein Gefühl empörendere denken, und ich versichere Sie aufs ernstlichste, ich wollte lieber meinen Pudel mit Gekröse und Leber statt mit Rahm und Frikassee füttern, als ein Werkzeug in den Händen von Menschen wie Lincoln und Lesborough werden, die viel schwatze» und nichts thun, — die Unwissenheit über alle Prinzipien der Gesetzgebung mit völliger Gleichgültigkeit gegen alles Wohl des Volks verbinden — die voll weiser Sprüche und an neuen Gründen arm sind, — die nach Oden Alles ausgleichcn wollen, und nach Unten mit Füßen treten, und welche die Fähigkeit, welche Sie mir beizulcgen die Güte hatten, gerade so schätzen würden, wie ein Jäger das Frettchen schätzt, das zu seiner Ergötzlichkeit die Erde aufwühlt und zu seinem Nutzen zerstört. Ihre Partei soll nicht besteh'»!" tZ8 Vincent wurde blaß. „Und seit wann denn haben Sie diese Grundsätze der Gesetzgebung und diesen mächtigen Eifer für das Wohl des Volks gelernt?" „Seit ich," antwortete ich kalt, „überhaupt etwas lernte! Die allererste wahre Einsicht, die ich je mir aneigncte, bestand darin, daß mein Vor- thcil mit dem aller der Wesen, welchen das Geschick mich zugesellt hat, aufs innigste verwachsen sey; wenn ich Sie beschädige, beschädige ick mich selbst; wenn ich Ihnen Gutes erweisen kann, so theile ich die Wohlthat davon mit den klebrigen. Nun da ich eine große Liebe für die Person hege, welche dermalen die Ehre hat zu Ihnen zu sprechen , entschloß ich mich um Ihretwillen redlich zu seyn. So viel von meinem Eifer für Volkswohl. Das Bischen Kenntniß von den Grundsätzen der Gesetzgebung betreffend, worüber Sie so gütig sind mir etwas Schönes zu sagen — sehen Sie die Bücher auf diesem Tisch, oder das Geschriebene in dieser Lade und wissen Sie, daß, seit ich das Unglück hatte, mich in Chcltenham von Ihnen zu trennen, kein Tag vergieng, da ich nicht wenigstens 6 Stunden mit Lesen und Schreiben über diesen einzigen Gegenstand zubrachte. Doch genug davon. Werden Sic heute ausreiten?" Vincent stand langsam anf und sagte: „t!li ruoi voll Oi» rioU illi soiro; bis iavsno » guel trovo 139 l'u sspiri von me; Trema per te!"*) „3o rrema," antwortete ich aus der derselben Oper „lto trews äi— te!"^> „Gut!" versetzte Vincent, und seine schöne, edle Natur trug über seine augenblickliche Empfindlichkeit und seinen Verdruß bei meiner Aufnahme seines Anerbietens den Sieg davon. „Gut! ich ehre Sie um Ihrer Gesinnungen willen, obgleich sie den meinigen entgegengesetzt sind. Ich darf mich auf Ihre Verschwiegenheit verlassen!" „Sie dürfen es," sagte ich. „Ich verzeihe Ihnen, Pelham," nahm Vincent wieder das Wort, „wir scheiden als Freunde." „Verziehen Sic noch einen Augenblick," sagte ich, „und verzeihen Sie mir, wenn ich es wage die Sprache der Warnung gegen einen in jedem Betracht über mir Stehenden zu führen. Niemand (ich sage dieß mit gutem Gewissen, denn meinen Freunden habe ich in meinem Leben nie geschmeichelt, obwohl ich meinen Feinden oft falschen Weihrauch streute,) Niemand hegt größere Bewunderung für Ihre Talente, als ich; lebhaft wünsche ich Sie auf der zur Entfaltung derselbe» geeignetsten Stelle zu sehen; zögern Sie einen Au- P Deine glühenden Wünsche sind mir schon bekannt; aber umsonst strebst du mir gegenüber nach diesem Thron; zittre für dich! Ich zittern! ja — um Dich! 140 gcnblick, che Sie sich nicht nur an eine Partei, sondern an Grundsätze fesseln, die nicht bestehen können. Sie dürfen nur sich geltend machen und Sie haben die Wahl, entweder an die Spitze der Opposition zu treten oder unter den Ersten in der Verwaltung zu stehen. Nehmen Sie das Gewisse, statt des Zweifelhaften: oder wenigstens stehen Sie allein! So groß ist mein Glauben an die, richtig angewendete, Macht Ihres Geistes, daß, wenn Sie nicht mit diesen Männern verbunden wären, ich Ihnen geloben würde, mit Ihnen allein zu stehen oder zu fallen, selbst wenn wir in ganz England keinen Kämpfer unter unser Banner bekämen; aber —" „Ich danke Ihnen, Pelham," unterbrach mich Vincent, „bis wir uns öffentlich als Feinde begegnen, bleiben wir im Privatleben Freunde. Ich verlange nicht mehr. Leben Sie wohl!" 141 VierundfünfzigfteS Kapitel. Besser, wir wenden unser» Geist dazu au, bi« uns zustossenben Unglücksfälle zu ertragen, als die mögliche» künftigen vvrauszusehen. La Rochefoucault. Sobald Vincent weggegangen war, knöpfte ich meinen Rock zu und eilte trotz einem bitter» kalten Ostwinde zn Lord Dawton. Der politische Citaten-Mann hatte ganz recht gesagt, ich sey oft zu diesem Edelmann ins Haus gekommen, obgleich ich bisher nicht räthlich gefunden, von meinen politischen Abenteuern zn sprechen. Schon zuvor Hab' ich gestanden, daß ich Ehrgeiz besaß; und die Scharfsinnigen haben ohne Zweifel bereits entdeckt, daß ich etwas weniger unwissend war, als ich zu scheinen den Stolz und die Grille hatte. Der Himmel weiß, wie? aber ich hatte mir unter meines Oheims Freunden einen Namen als Mann von Talent erworben, den ich keineswegs verdiente; und kaum war ich persönlich mit Lord Dawton bekannt geworden, so bemühte er sich um mich auf eine eben so schmeichelhafte als ungewöhnliche Art. Als ich meinen Sitz im Parlamente verlor, versicherte mich Dawton, ich sollte, ehe die Sitzung vorüber sey, für einen seiner Flecken wieder hinein kommen; und obgleich sich 142 mein Gefühl bei dem Gedanken empörte: von einer Partei abhängig zu werden, nahm ich doch wenig Anstand, ein bedingtes Versprechen meiner Beitritts von mir zn geben. So weit waren die Angelegenheiten gediehen, als mich Vincent mit seinem Vorschläge beehrte. Ich traf Lord Dawton in seiner Bibliothek, mit dem Marquis von Clandonald (Lord Dartmore's Vater, der, vermöge seines Stands und Reichthnms zu den angesehensten und vermöge seiner Eitelkeit und Rastlosigkeit, zn den thätigsten Mitgliedern der Opposition gehörte). Clandonald verließ das Zimmer als ich eintrat. Wenige Männer in Acmtern sind weise genug, der Jugend zu vertrauen; als ob der größere Eifer und die Aufrichtigkeit nicht ein mehr als hinreichender Ersatz für ihre Genußliebe und ihre Hintansetzung des Ernstes mären. Als wir allein waren sagte Dawton zn mir: ,,wir sind in großer Noth wegen der Motion über -welche im Unterhaus vorkonimen soll. Wir haben nicht Einen Menschen, auf den wir uns hinsichtlich der durchgreifenden und überzeugenden Erwiederung, welche darauf zu machen wäre, verlassen könnten; und wenn wir auch zuletzt all unsere Strcitkräfte bei der Abstimmung zusammenziehen wollen — unser Einpeitscher, ") der arme *) Vergl. die Anmerk, im Eugen Aram. H. Bdch. p->8- "7- 143 — — ist so krank, daß ich fürchte, wir werden eine sehr schlechte Figur machen." „Geben Sie mir," sagte ich, „volle unumschränkte Vollmacht, auf alle Landstraßen und Kreuzwege zu gehen, so mache ich mich verbindlich, eine ganze Legion Dandy's an die Thüre des Hauses zu bringen. Weiter kann ich nicht gehen, Ihre andern Agenten müssen das klebrige thnn." „Tausend Dank, mein lieber junger Freund," sagte Lord Dawton lebhaft, „Dank Ihnen tausendmal! Wir müssen Sie wahrhaftig so bald als möglich in das Unterhaus bringen: Sie werden uns grvßre Dienste leisten als ich anssprecheu kann." Ich verbeugte mich mit einem höhnischen Lächeln, das ich nicht unterdrücken konnte. Dawton gab sich die Miene, es nicht zn bemerken. „Kommen Sie," sagte er, „mein Herr, wir haben keine Zeit zu verlieren. Ich treffe Sie vielleicht morgen Abend bei Brookes und berichte Ihnen über meine Erfolge." Lord Dawton drückte mir mit Wärme die Hand und begleitete mich an die Thüre. „Er ist der beste Premier-Minister, den wir bekommen können," dachte ich, „aber er täuscht sich, wenn er meint, Henry Pelham wolle den Schakal für seinen Löwen spielen; er soll bald sehen, daß ich für mich behalten werde, was ich, wie er ! meint, für ihn erjage." Ich gieng durch Pall Mall 144 und dachte an Glanville. Ich pochte bei ihm an, er war zu Hause. Ich fand ihn, die Wange auf die Hand gestützt, in nachdenklicher Stellung; ein offner Brief lag vor ihm. „Lesen Sic," sagte er darauf hindeutend. Ich that es. Er war vom Geschäftsführer des Herzogs von-und enthielt seine Ernennung für einen Oppositions-Flecken. „Sin neues Spielzeug, Pelham," sagte er mit einem schwachen Lächeln, „aber noch eine kleine Weile, so sind alle zerbrochen — die Klapper wird das letzte seyn." „Mein theurer, theurer Glanville," sagte ich, sehr ergriffen, „sprechen Sie nicht so; Sie haben Alles vor sich." „Ja," fiel Glanville ein, „Sic haben Recht; denn Alles was mir noch übrig ist, ist im Grabe. Meinen Sie, ich finde Geschmack auch nur an Einem der Güter, womit das Glück mich überhäuft hat? Meinen Sie, ich habe Eine gesunde Kraft, Einen Sinn für den Genuß, während andern Menschen dieß tausendfältig zu Theil wurde? Wann sahen Sie mich je nur einen Augenblick glücklich? Ich lebe wie auf einem unfruchtbaren, wüsten, saftlosen Felsen, von aller menschlichen Gesellschaft und Berührung abgcschnitten. Ich hatte nur Einen Zweck noch, für den ich lebte, als Sie mich in Paris sahen; hier habe ich meine Lust gebüßt, und Ziel und Aufgabe meines Daseyns sind erreicht. 14S Der Himmel ist barmherzig; aber nur eine kleine Weile und dieser fieberhafte, rastlose Geist wird zur Ruhe seyn." Ich nahm seine Hand und drückte sie. „Fühlen Sic," sagte er, „diese trockne, brennende Haut: zählen Sie die in jeder Minute wechselnden Schläge meines Pulses, so werden Sie aufhören entweder mich zu bemitleiden, oder mir vom Leben zu reden. Monate lang habe ich Tag und Nacht ein verwüstendes, zerstörendes Fieber gehabt — im Hirn, im Herzen, im Leibe; das Feuer wirkt rasch und der Brennstoff ist bald verzehrt." Er schwieg und wir waren beide still. In der That, ich war ebenso erschrocken über das Fieber seines Pulses, als ergriffen durch die Muth- losigkeit in seinen Worten. Endlich sprach ich ihm von ärztlicher Hülfe. i „Kannst Du," sagte er mit tiefer Feierlichkeit in Stimme und Geberde, „verstörtem Geist zu Hülfe kommen, entwurzeln das Gedächtniß? Ach! weg mit den Citaten und Betrachtungen!" Und auf sprang er vom Sofa, gieng ans Fenster, öffnete es, und beugte sich einige-Augenblicke schweigend hinaus. Als er sich wieder zu mir wandte, hatte sein Benehmen die gewöhnliche Ruhe wieder erlangt. Er sprach von der bevorstehesiden wichtigen Motion über-und Bulwer'S Romane. IX. 10 " 2 ^- , versprach z» erscheinen; dann brachte ick ihn nach und nach auf seine Schwester zu sprechen. Er redete mit Enthusiasmus von ihr. „Bei Ellen, schon wie sie ist, ist das Angesicht der zarteste Wiederschein des Gcmüths. Der Fluß ihrer Gedanken ist so rein, daß jede Welle eine Tugend ist. Nie war einem menschlichen Wesen die Ente so natürlich und leicht. Das Laster scheint ihrem Wesen so zuwider, daß ich bei ihr die Sunde für eine Unmöglichkeit halte." „Begleiten Sie mich nicht ans einem Besuch bei Ihrer Mutter?" fragte ich ihn. „Ich gehe heute dahin." Glanville zeigte sich bereitwillig und so giengcn wir miteinander zu Lady Glanville in Berkeley- Square. Wir wurden in seiner Mutter Boudoir empfangen. Sie war mit Miß Glanville allein. Unsere Unterhaltung wandte sich bald von den alltäglichen Gegenständen auf solche von ernsterer Art. Die tiefe Schwermut!) in Glanville's Seele erfüllte alle seine Gedanke», wenn er einmal der Aeußerung derselben freien Lauf ließ. „Warum," sagte Lady Glanville, welche für ihren Sohn eine peinliche Zärtlichkeit zu haben schien, „warum gehst Du nicht mehr in die Welt? Du läßst deine. Seele an sich selbst nagen, bis sie dich zerstört. Mein lieber, lieber Sohn, wie so krank siehst du ans!" Ellen, deren Augen in Thränen schwammen, 147 als slc auf ihren Bruder blickte, legte ihre schöne Hand i» die seine und sagte: „um meiner Mutter willen, Reginald, nimm doch mehr Rücksicht auf deine Gesundheit; du bedarfst der frischen Luft, der Bewegung, der Aufheiterung." „Nein," antwortete Glanville, ich bedarf nichts als Beschäftigung, und Dank dem Herzog von-, die habe ich jetzt gefunden. Ich bin zum Mitglied für-gewählt." „Ich bin zu glücklich," sagte die stolze Mutter, „es erfüllt sich dir jetzt Alles, was ich dir immer profezeite;" und in der Freude des Augenblicks vergaß sie die hektische Röthe seiner Wangen, und den hohlen Blick seiner Augen. „Erinnerst du dich," sagte Glanville zu seiner Schwester gewandt, „an die schönen Verse von meinem Lieblingsdichter Ford: — — Glan; und Schimmer Von Menschengrvße sind gefällige Träume, Sind bald verschwundue Schatten. Meine Jugend Hat ans der Bühne meiner Sterblichkeit bin stück der Eitelkeit gespielt, gedehnt Durch manche Lust; wohl war die Mischung süß. Doch tragisch war das Ende. Schönheit, Prunk Und jeder Sinnenrcitz, de» unser Schwindel Zum Abgott stempelt, sind «»sichre Freunde Wen» eine ungestüme Leidenschaft Das unbewachte Schloß der Seele stürmt," „Ihre Verse," sagte ich, „sind schön, für mich sogar, der ich kein Gemüth für Poesie habe 10 » 148 und in meinem Leben keine Zeile dichtete. Nur die Filosofie darin liebe ich nicht. Bei allen Empfindungen, welche mit Melancholie verseht sind und Wehmnth wie eine Moral der Seele einfiößen, ziehe ich die Weisheit in Zweifel und bestreite ihnen die Wahrheit. Es giebt keine Lage im Leben, die man nicht, nach Willkür, sich versüßen oder verbittern kann. Ist die Vergangenheit düster, so seh' ich nicht ein, warum man sich bei ihr verweilen soll. Ist die Seele Einer Kraftanstren- gung gewachsen, so ist sie es auch einer andern; dieselbe Thatkrast, die du auf Erwerb von Kenntnissen verwendest, würde dich auch in Stand sehen, dem Mißgeschick zu trotzen. Nimm dir vor, nicht an das Widrige zu denken; wende dich entschlossen von Allem ab, was dich daran mahnt; richte deine ganze Aufmerksamkeit auf einen neuen, dich ganz ergreifenden Gegenstand; thue dieß und du wirst die Vergangenheit bemeistern. — Sie lächeln, als wäre dieß unmöglich; und doch ist es nicht um ein Iota schwieriger, als sich von einer Lieblingsbeschäftigung losreißen, um sich einem im Anfang widerwärtigen Gegenstand zu widmen. Dieß thut der Geist durchs ganze Leben; so kann er auch das Andere thun, wenn Sie nur den Kraftaufwand nicht scheuen. Ueberdieß scheint es mir dem menschlichen Herzen nicht natürlich zu seyn, viel auf die Vergangenheit zu schauen; alle seine Plane, seine Entwürfe, seine Wünsche gelten der 14S Zukunft, fü r die Zukunft und in der Zukunft leben wir. Selbst unsere Leidenschaften in ihrer höchsten Aufregung, greifen am meisten in die Zukunft hinaus. Rachsucht, Habsucht, Ehrgeiz, Liebe, das Verlangen nach Gutem nnd Schlimmem sind sämmtlich auf ein entferntes Ziel gerichtet und gestellt; rückwärts blicken ist wie rückwärts gehen — unsrer ganzen Einrichtung zuwider; die Seele nimmt diese Gewohnheit nur schwer an, und hat sie fle auch angenommen, so kehrt fle doch leicht wieder zu ihrer natürlichen Neigung zurück. Deßwegen ist Vergessenheit ein leichter zu erringendes Gut als wir uns vorstellen. Die Vergangenheit verschwindet vor uns, je eifriger unser Gemüth auf die Zukunft sich richtet." Ich hielt einen Augenblick ein, aber Glanville antwortete mir nicht nnd, aufgemuntert durch einen Blick von Ellen, fuhr ich fort. ' „Sie erinnern sich, daß einem alten Glauben znfolge uns die Hoffnung eben so als ein Segen, wie das Gedächtniß als ein Fluch gegeben ist. Arbeiten Sie mit der einen dem andern entgegen. In meinem eigenen Leben habe ich manche Schwachheit, manchen Fehler begangen; ich habe die Erinnerung daran verscheucht, obgleich ich mir den warnenden Eindruck für die Zukunft bewahrte. Wie der Körper unwillkührlich meidet, was ihm verderblich ist, ohne den Gedanken bis zur ersten Erfahrung hinauf zu verfolgen, so meidet die Seele 15 » unvermerkt, was sie früher verletzte, ohne eben ausdrücklich das Gedächtniß der Verletzung wieder anfznfrischen. Der römische Filvsof setzte das Ge- heimniß der menschlichen Glückseligkeit in die Eine Regel: Nichts zn bewundern. Ich konnte den Sinn dieser Lehre nie ganz begreifen; mein Grundsatz, der dasselbe bezweckt, wäre: Nichts zu bedauern." „Ach mein lieber Freund," sagte Glanville, „wir sind große Filososen für Andre, aber nicht für uns selbst. Im Augenblick, da sich die Sorge des Gcmüths bemächtigt, hören wir ans, den Maßstab des Vernünftigen an sie anznlegen. Die einzige Trösterin ist die Zeit; Ihre Grundsätze sind sehr wahr, aber sie bestärken mich in meiner Ansicht: daß es umsonst ist, bestimmte Vorschriften für die richtige Behandlung des Geistes festznsetzcn, so lange er von dem Körper abhängig ist. Glück und das Gegentheil davon sind in der Anlage mancher Menschen begründet, und nur dann sind sie von äußern Umständen unabhängig. Geben Sie allen Menschen gleiche Gesundheit, gleiche körperliche Beschaffenheit, geben Sie ihren Nerven gleiche Empfänglichkeit, ihrem Gedächtniß den gleichen Grad von Stumpfheit oder Schärfe: — dann will ich Ihnen zngeste- hen, daß sich allgemein anwendbare Regeln fest setzen lassen; bis dahin bleibt Ihre Maxime: Nichts zu bedauern, so eitel als das Horazische: 151 Nichts zu bewundern. Für Sie mag es weise seyn — für mich ist es unmöglich." Bei diesen letzten Worten zitterte Glanville's Stimme, und ich fühlte keine Neigung, den Gegenstand weiter zu verfolgen. Ellen's Auge traf das meine und gönnte mir einen so gütigen und beinahe dankbaren Blick, daß ich alles Andre in der Welt vergaß. Gleich darauf ward ein Freund der Lady Glanville angemeldet und ich verließ das Zimmer. isr Fünfundfünfzigstes Kapitel. — — Intus et IS seoore .legro Rssvuntur ckomiiii. kersius. Die folgenden zwei oder drei Tage brachte ich mit Besuchen bei meinen sämmtlichcn Freunden im Unterhaus hin und lnd sie zum Essen bei mir ein, als Vorbereitung auf den großen Akt der Abstimmung über die-Motion. Ich geleitete sie selbst zum Hanse der Gemeinen, und da ich mich von den Debatten nicht hinlänglich angesprochen fühlte, um als ein Fremder znzusehen, wo ich nach meiner Meinung persönlich hätte Mitwirken sollen, gieng ich zn BrookeS, um den Erfolg abzuwarten. Lord Gravclton, ein stämmiger, herzhafter, sechs Fuß hoher Edelmann, mit einer Stentor- Stimme, setzte die Kellner in dem Kasse-Saal in Allarm. Herr-der Verfasser von T- lernte in einer Ecke den Courier auswendig. Lord Armadilleros, *) der stolzeste und ehrenwertheste Peer im Calendcr, behauptete das Bersammlungs- zimmer allein, indem er den rechten Fuß auf der einen Caminecke und den linken auf der andern auflegte. Ich setzte mich schweigend nieder und Pauzerthier zu deutsch. 155 durchlief die Krachartikel des Edinburger Re- wiew. Allmählig wurde das Zimmer gefüllter, jedermauu sprach von der dem Hause vorliegenden Motion, und gab Vermuthungen über das Verdienst der Reden und die Zahl der Stimmen zum Voraus preis. Endlich trat ein angesehenes Mitglied ein; um ihn drängte sich ein Haufen zusammen. „Ich habe," sagte er, „eine durch Kenntnisse sowohl, als durch Einbildungskraft so ausgezeichnete Rede gehört, daß ich mich keiner ihr glcichkommenden entsinne." „Von Gaskcll, ohne Zweifel?" riefen Alle zusammen. „Nein," sagte Herr-„Gaskell hat noch nicht gesprochen. Von einem jungen Mann, der erst kurz seinen Sitz eingenommen hat. Sie wurde mit dem nngetheiltesten Beifall begrüßt, und es war in der That ein merkwürdiges Auftreten !" „Wie heißt er?" fragte ich, schon halb die Antwort ahnend. „Ich erfuhr den Namen erst, als ich das Haus verließ," versetzte Herr-„der Redner war Sir Reginald Glanville." Nun thaten Dieser und Jener, die ich früher Glanville's Grobheit tadeln oder über seine Excen- tricität hatte lachen hören, den Mund auf, um sich zu ihrer eignen Weisheit Glück zu wünschen, 454 vermöge der sie schon längst seine Talente bewundert und seine Erfolge prosczeit hatten. Ich verließ die tvrk»» Sk^ueaü toinimsm; ich suhlte mich in fieberhafter Aufregung. Wer nnver- muthct von dem Erfolge eines Mannes gehört hat, für den er große Neigung und noch größeres Interesse hat, wird die Unruhe meines Gemüths verstehen, in der ich die Straßen durchwanderte. Die Luft war kalt und schneidend; ich knöpfte meinen Rock ganz z», als ich eine Stimme mir zurnfen hörte: „Sie haben Ihren Handschuh fallen lassen, Herr Pelham." Es war Thornton. Ich dankte ihm kalt für seine Höflichkeit und gieng weiter, als er sagte: „wenn Ihr Weg nach Pall Mall fuhrt, so habe ich nichts dagegen, Sie einige Minuten zu begleiten." Ich verbeugte mich mit einiger Vornehmheit; und da ich selten eine Gelegenheit, individuelle Charaktere näher kennen zu lernen, ab- weise, crwiederte ich: seine Begleitung, so lange wir denselben Weg haben, werde mir Vergnügen machen. „Es ist eine kalte Nacht, Herr Pelham," sagte Thornton nach einer Panse. „Ich habe bei Hatchett gespeist mit einem alten Pariser Bekannten; es thut mir leid, daß wir in Frankreich nicht öfters zusammen gewesen sind, aber ich war so in Anspruch genommen durch meinen Freund, Herr Warburton." 155 Als Thorntvn diesen Namen anssprach, sah er mich scharf an »nd setzte dann hinzu: „gelegcn- heitlich — ich sah Sie dieser Tage mit Sir Reginald Glanville; Sie kennen Ihn wohl genauer?" „Ziemlich genau," sagte ich, in gleichgültigem Ton. „Welch ein sonderbarer Charakter das ist," fnhr Thornton fort, „ich habe ihn auch einige Jahre lang gekannt," und wieder schaute mir Thorntvn forschend ins Gesicht. Armer Thor! es war nicht die Sache eines Scharfsinns, wie der seine, im Gesicht das vor iosorumhile eines Manns zu lesen, der, gleich mir, in der vollendeten Verstellung des guten Tons geboren und erzogen war. „Er ist sehr reich, oder nicht?" sagte Thorn- ton nach einem kurzen Schweigen. „Ich glaube," sagte ich. „Hm," antwortete Thorntvn, „seine Umstände haben sich in gleichem Verhältnisse gebessert, als die mcinigen sich verschlimmert haben; denn ich habe so viel Gluck gehabt, als die Kuh, die sich mit ihrem eignen Horn stach. Ich denke, er wird nicht allzu begierig seyn, mich wieder zu erkennen; Armnth trennt Brüderschaft. Nun zum Henker mit dem Stolz! sag' ich; wenn ich nur ein redliches Herz habe das ganze Jahr über, im Sommer und Winter, Durst oder Uebcr- flnß. Wollte Gott, ein gefälliger Freund borgte mir 20 Pfund." 156 Auf diesen Wunsch erwiederte ich nichts. Thornton seufzte. „Herr Pelham," fieng er wieder an, „es ist wahr, ich kenne Sie nur kurze Zeit — entschuldigen Sie die Freiheit die ich mir nehme — aber wenn Sie mir eine Kleinigkeit leihen könnten, es würde mir in der That sehr zu Statten kommen." „Herr Thornton," sagte ich, „wenn ich Sie genauer kennte und Ihnen mit Mehr zu dienen vermochte, so dürften Sie von mir eine wesentlichere Hülfe erwarten, als die Bagatelle, die ich Ihnen gewähren kann, Ihnen austrägt. Wenn Ihnen 2» Pfund wirklich etwas helfen können, will ich fle Ihnen leihen, unter der Bedingung, daß Sie mich nie wieder um etwas ansprechen." Thorn- tons Angesicht klärte sich auf. „Tausend, tausend -" fieng er an. „Nein," erwiederte ich, „keinen Dank, nur Ihr Versprechen!" „Auf meine Ehre," sagte Thornton „ich will keinen Heller mehr von Ihnen verlangen." „Da giebt es ja auch Ehre bei Dieben," dachte ich, holte die genannte Summe hervor und gab sie ihm. In vollem Ernst, so zuwider mir der Mensch war — seine fadenscheinige Kleidung und sein verändertes Anssehen bewegten mich zum Mit- leidcn. Während er das Geld einsteckte, was er mit unzweidentigem Entzücken that, gieng eine große Gestalt rasch an uns vorbei. Wir wandten 157 / uns beide zugleich um und erkannten Glanville. Er war noch nicht zwanzig Schritte von uns entfernt, als wir bemerkten, daß er, wahrend sein Gang zuvor schon ungleich gewesen, plötzlich stehen blieb; einen Augenblick darauf fiel er gegen das eiserne Geländer eines Hofraums; wir eilten auf ihn zu, er war offenbar ohnmächtig geworden. Sein Antlitz war ganz fahl und zeigte die auffallenden Spuren äußerster Erschöpfung. Ich schickte Thornton in das nächste Wirthshaus nach Wasser; eh er zurückkam, war Glanville wieder zu flch gekommen. „Alles, Alles umsonst!"- sagte er leise und nnwillkührlich, „der Tod ist die einzige Lethe." Er stutzte bei meinem Anblick. Ich ließ ihn sich auf meinen Arm lehnen, und wir giengcn langsam weiter. „Ich habe schon von Ihrer Rede gehört," sagte ich. Glanville lächelte mit dem gewohnten schwachen und krankhaften Ausdruck, der sein Lächeln, trotz der außerordentlichen Anmnth darin, peinlich machte. „Sie haben auch schon ihre Wirkungen gesehen; die Aufregung war zu viel für mich." „Es muß ein stolzer Moment gewesen seyn, als Sie sich setzten," sagte ich. „Es war einer der bittersten meines Lebens, er war belastet mit dem Gedanken des Todes. Was sind jetzt alle Ehren für mich? O Gott! O Gott! habe Barmherzigkeit mit mir!" 158 Glanville blieb plötzlich steh» und legte die Hand an die Schläfe. Indessen hatte Thornton uns erreicht. Als Glanville's Ange auf ihn fiel, überzog eine tiefe hektische Röthe langsam und allmählig seine Wangen. Thorntons Lippen zuckten mit einem boshaften Ausdruck. Glanville bemerkte dies;, und seine Stirne wurde im Augenblick finster wie die Nacht. „Fort!" sagte er mit lauter Stimme und flammendem Auge, „fort im Augenblick! Mir eckelt schon vor dem Anblick eines so verächtlichen Wesens." Thorntons lebhaftes, rastloses Ange wurde wie eine glühende Kohle, und er biß sich so heftig in die Lippe, daß das Blut hcransqnoll. Jndeß antwortete er nur: „Sie scheinen heute Nacht aufgereitzt, Sir Reginald; Ich wünsche Ihnen baldige Herstellung Ihrer Gesundheit. Herr Pelham, Ihr Diener." Glanville gieng schweigend weiter, bis wir an seine Thüre kamen; hier trennten wir uns, und, in Ermangelung einer bessern Beschäftigung, gieng ich nach-Hall. Es waren nur zehen bis zwölf Personen in dem Saal und alle um den Spieltisch versammelt. Ich machte den schweigenden Zuschauer und sah, wie die Schelme die Narren verschlangen und jüngere Brüder durch Witz den Mangel an Vermögen zu decken suchten. 15S Der Ehrenwerthe Herr Blagrave kam auf mich z». „Spielen Sic nicht?" sagte er. „Bisweilen" war meine kurze Erwiederung. „Leihen Sic mir Ivo Pfund," fuhr mein artiger Bekannter fort. „Ich wollte so eben an Sie diese Anforderung machen ," sagte ich. Blagrave lachte herzlich. „Nun," sagte er, „seyen Sic mein Bürge bei einem Juden, und ich will der Ihrige seyn. Mein Bursche leiht mir Geld zu mir 40 Prozent. Mein Vormünder ist ein verdammter alter geiyigcr Kerl, denn ich bin der geordnetste Sohn in der Welt. Ich jage nicht, halte keine Pferde und habe sonst keine Ansgaben für Liebhabereien, außer das Spiel, und dies; will er mir nicht gestatten; — ist dieß Betragen nicht schändlich zu nennen?" „Unerhörte Barbarei!" sagte ich „und Sie thnn wohl, Ihr Vermögen durch Inden zu Grunde zu richten, noch ehe Sie es haben. Sie könnten sich nicht besser an dem Vormünder rächen." „Nein, Gott straf' mich!" sagte Blagrave. „Lassen Sie mich dafür sorgen. Nun, ich habe noch 5 Pfund übrig, die will ich losschlagen." Kaum hatte er mich verlassen, so redete mich Herr Goren an, ein hübscher kleiner Abenteurer, der von, der Teufel weiß was? lebte, denn der Teufel schien außerordentlich um ihn besorgt. ISO „Armer Blagrave," sagte er, mit einem Blick auf die Miene dieses offenherzigen Jünglings. „Er ist ein sonderbarer Gesell; — er fragte mich dieser Tage, ob ich die Geschichte von England schon gelesen, und erzählte mir, sie handle großentheils von einem seiner' Ahnen, einem römischen Feldherrn, mit Namen Caraktacns. Beim letzten New- market-Renncn sagte er mir, er habe sich ein Buch über seine Wetten eingerichtet, und da kam es endlich heraus, daß er mit solcher Geschicklichkeit auf Entgegengesetztes gewettet hatte, daß er tausend Pfund verlieren mußte, und zweitausend verlieren konnte. „Nun, nun," fuhr Goren mit scheinheiliger Miene, fort, „ich wollte lieber solche com- plete Narren hier sehen, als die abscheulichen Schurken, die Einen unter einer falschen Maske " plündern. Trauen Sie nie einem Menschen in einem Spielhause, Herr Pelham; das ehrlichste Aussehen verbirgt den schlimmsten Gauner. Werden Sie heute Abend Ihr Glück versuchen? „Nein," sagte ich, „ich sehe nur zu." Goren gieng an den Tisch und setzte sich neben einen reichen jungen Mann, der die beste Ge- müthsart und das schlechteste Glück von der Welt hatte. Nach wenigen Würfen sagte Goren zu ihm: „Lord-, bringen Sie Ihr Geld beiseite, Sie haben so viel auf dem Tische, daß es mit dem Meinigen znsammenstößt, und das ist so un- 161 angenehm. Ich dächte, Sie steckten einen Theil in die Tasche." Lord-nahm eine Handvoll Banknoten und stopfte sie nachläßig in seine Rocktasche. Fünf Minuten nachher sah ich Gorens Hand leer in seines Nachbars Tasche gleiten, und voll wieder herauskommen, und eine halbe Stunde nachher händigte er dcm Marqneur fünfzig Pfund Banknoten ein, mit den Worten: „Da Herr, ist meine Schuld an Sie. Gott segne mich, Lord —, wie haben Sie gewonnen! Ich wünschte, Sie ließen nicht all 2hr Geld oben — stechen Sie cs in die Tasche z» dem klebrigen." Lord-, der den Schelmenstreich gemerkt hatte, aber zu indolent war, ihn zu ahnden, lachte. „Nein, nein Goren, Sie müssen mir auch Etwas lassen!" Goren wechselte die Farbe und brach bald ans. „Mein verfluchter Unstern," sagte er, als er an mir vorbcigieng. „Ich wundere mich, daß ich immer noch fort spiele, aber da sind solche Gauner im Saal. Meiden Sie ein Spielhans, Herr Pelham, wenn Sie leben wollen." „Und leben lassen," dacht' ich. Eben wollte ich Weggehen, als ich ein lautes Gelächter von der Treppe her vernahm, und gleich darauf trat Thornton ein, mit einem der Mar- qucnre scherzend. Er sah mich nicht, sondern näherte sich dem Tisch, zog die nemlichen zwanzig Bulwer'S Romane. IX. 162 Pfund in Banknoten heraus, die ich ihm gegeben, und lies; sie wechseln mit der Miene eines Millionärs. Ich wartete nicht um Zeuge seines Glucks oder Unglücks zu seyn; ich kümmerte mich zu wenig darum. Ich gicng die Treppen hinab und der Diener ließ, indem er mir die Thür öffnete, Sir John Tyrrell herein. „Was," dachte ich, ist die Gewohnheit noch so stark?" Wir blieben bei einander stehen und nach wenigen Begrüßnngsworten gicng ich wieder mit ihm die Treppen hinauf. Thornton spielte mit seiner kleinen Summe ehe» so lebhaft, als Lord-mit seinen zehntausend Pfund. Er winkte Tyrrell mit affektirter Vertraulichkeit zn, der seinen Gruß mit der herabsetzendsten Vornehmheit erwiedertc, und bald war der Baronet ganz von den Wechselfällcn des Spiels in Anspruch genommen. Ich hatte inzwischen meine Neugierde befriedigt und mich überzeugt, daß zwischen ihm und Thornton kein näheres Verhältnis' mehr bestehe, und hierauf entfernte ich mich zum Zweitenmale.