I. F. Cooper's Amerikanische Nomnne, neu aus vem Englischen übertragen. Erster Van d. Der letzte Mohikan. r '' Duribgesehen, verbessert, mit Anmerkungen und einer Einleitung vvm Verfasser. Stuttgart. Verlag von S. G. Lieschin g. 1841 . er letzte Mohikan. Eine Erzählung aus dem Jahre 1767. Von James Fenimore Cooper. Aus dem Englischen von vr. Leonhard Tafel. Verschmähet mich ob meiner Farbe nicht, Der schattiqen Lirrcv der glüb'nden Sonne! Sliakspearc. Stuttgart. Verlag von S. G. Liesching. 1841 . Einleitung. Der Verfasser glaubt, in dem Terte der folgenden Erzählung und den begleitenden Anmerkungen den Schauplatz derselben genugsam beleuchtet, ebenso dem Leser die zum Verständniß der meisten einzelnen Anspielungen erforderliche Belehrung in hinlänglichem Maaße gegeben zu haben. Immer aber herrscht noch so viel Dunkelheit in den indianischen Ueberliefernngcn und so viele Verwirrung in den indianischen Namen, daß einige Erläuterungen willkommen seyn dursten. Bei wenig Menschen findet man eine größere Verschiedenheit, wir möchten sagen, größere Widersprüche der Ge- mülhsart, als bei dem eingebornen Krieger von Nordamerika. Im Kriege ist er unternehmend, prahlerisch, verschmitzt, grausam, rachsüchtig, voll Selbstverlängnnng und Aufopferung; im Frieden gerecht, edelmüthig, gastfreundlich, bescheiden, abergläubisch und insgemein keusch. Diese Eigenschaften zeichnen VI zwar nicht Alle in gleichem Grave ans, bilden aber so hervorstechende Zuge bei diesen merkwürdigen Völker», daß man sie charakteristisch nennen darf. Man ist allgemein der Ansicht daß die Ureinwohner des amerikanischen Festlandes asiatischer Abkunft sehen. Viele Thatsachen, sowohl im physischen als im sittlichen Gebiete, bestärken diese Meinung, und nur wenige fallen scheinbar in die entgegengesetzte Wagschale. Die Farbe des Indianers ist, wie der Verfasser glaubt, ihm eigenthümlich; und wenn seine Backenknochen sehr auf- fallenv das Gepräge tartarischen Ursprungs tragen, so ist vieß bei den Augen nicht der gleiche Fall. Das Klima dürfte auf erstere großen Einfluß gehabt haben; aber es ist schwer abzusehen, wie es bei den letzteren einen so wesentlichen Unterschied bewirkt haben soll. Die Bildersprache des Indianers ist in Dichtung und Rede morgenländisch: beschränkt, und vielleicht zu ihrem Vortheil beschränkt durch den engeren Kreis seiner praktischen Kenntnisse. Er nimmt seine Bilder von den Wolken, den Jahreszeiten, den Vögeln, den Vierfüßlern und der Pflanzenwelt. Hierin thui er vielleicht nicht mehr, als ein anderes thatkräftiges und phantasiereiches Volk auch thun würde, wenn es in dem Walten seiner Einbildungskraft durch den Kreis der Erfahrung in Schranken gehalten wird; aber der nordamerikanische Indianer kleidet seine Gedanken in ein Gewand, das zum Beispiel von dem des VII Afrikaners zu sehr abweicht und in sich selbst zu viel Morgenländisches hat, als daß es nicht auffallen müßte. Seine Sprache hat ferner ganz den Reichthum und die gedankenreiche Fülle der chinesischen; er gibt einen Satz mit einem Wort und bestimmt den Sinn eines ganzen Satzes durch eine S"lbe: ja er drückt verschiedene Bedeutungen durch die einfachsten Biegungen der Stimme aus. Sprachforscher, welche viele Zeit auf ihr Studium verwandt haben, behaupten, daß die vielen zahlreichen Stämme welche früher das Gebiet der Vereinigten Staaten bewobmen, eigentlich nur zwei oder drei Sprachen geredet hätten. Die jetzigen Schwierigkeiten des Verständnisses rer Volker unter einander sind nach ihnen in Sprachverderbniß und Mundarten zu suchen. Der Verfasser erinnert sich, der Zusammenkunft zweier Häuptlinge der großen Prairien westlich vom Mississipi angewohnt zu haben, bei welcher ein Dolmetscher, der Beider Sprachen redete, zugegen war. Die Krieger schienen im besten Vernehmen unter sich und sprachen viel mit einander, und doch verstand nach der Versicherung des Dolmetschers Keiner ein Wort von dem, was der Andere sagte. Sie waren von feindlichen Stämmen, und nur der Einfluß der amerikanischen Regierung hatte sie einander genähert. Merkwürdig ist jedoch, daß eine gemeinsame Politik Beide auf denselben Gegenstand führte. Sie forderten sich gegenseitig zum Beistände auf, falls die Wechsel des Kriegs die eine oder die andere Partei in die Hände ihrer Feinde brächte. — Welche Bewandtniß es nun -auch mit dem Ursprung und dem Genius der indianischen Sprachen haben mag, eine Verschiedenheit in einzelnen Wörtern derselben liegt jetzt außer allein Zweifel, welche fast alle Nachtheile von fremden Sprachen mit sich führt: daher die Schwierigkeit, ihre Geschichte zu studiren, und die Unzuverläßigkeit ihrer Neberliefernngen. Gleich Völkern, die höhere Ansprüche machen dürfen, erzählt auch der amerikanische Indianer die Geschichte seines Stammes oder Geschlechts ganz anders, als andere Völker, Er überschätzt gerne seine eigenen Vorzüge und schlägt diejenigen seines Siebenbuhlers oder Feindes geringer an; ein Zug, der vielleicht die mosaische Schöpfungsgeschichte bekräftigen dürste. Die Weißen haben durch ihre Verstümmelung der Namen viel dazu beigetragen, die Ueberliefcrungen der Ureinwohner noch mehr zu verdunkeln. So wechselte bei ihnen der Name auf dem Titel dieses Buches bald in Mohieanni, bald in Mohikans oder Mohegans; die letzte Form ist bei den Weiße» die gewöhnlichste. Wenn man sich erinnern will, daß die Stämme des Landes, welches der Schauplatz der folgenden Erzählung ist, im Munde der Holländer (die sich zuerst in Ncw-Uork ansiedelten), der Engländer und der Franzosen stets wieder anders klangen, und wie sogar die Indianer nicht allein ihren Feinden, sondern auch sich selbst häufig verschiedene Namen gaben, so ist die Verwirrung leicht erklärt. IX In den folgenden Blättern werden die Namen Lenni, Lenape, Lenope, Delawarcn, Wapanachki und Mohikaner von einem und demselben Volke oder von Stämmen desselben Volkes gebraucht. Die Mengwe, die Magua's, die Miugo's und die Irokesen, obgleich nicht durchaus identisch, werden von den Sprechern häufig identificirt, da sie politisch mit einander verbunden und Feinde der vorgenannten Völkerschaften waren. Mingo war ein Hauptschimpfwort, ungleich heftiger als Mengwe und Magna. Oneida ist der Name eines besonderen und mächtigen Stammes aus diesem Bunde. Die Mohikaner waren Herren des Landes, welches in diesem Theile des Kontinents von den Europäern zuerst in Besitz genommen wurde. Sie wurden daher auch zuerst vertrieben, und das anscheinend unvermeidliche Loos aller dieser Völker, welche den Fortschritten oder vielmehr den Neber- griffen der Gesittung bis zum Verschwinden weichen mußten, wie das Grün ihrer Heimathwälder dem schneidenden Froste — haben wir als bereits erfüllt betrachtet. Es bleibt historische Wahrheit genug in dem Gemälde, um diese Freiheit zu recht- fertigen. Am Schlüsse dieser Einleitung wird es an der Stelle seyn, über einen wichtigen Charakter dieser Geschichte, der auch in zwei * andern Erzählungen desselben Verfassers * Jetzt in dreien — in chronologischer Folge dem „Pfadfinder," den „Ansiedlern,, und der „Prairie." D U. X eine bedeutende Rolle spielt, noch einige Worte zu sagen. Einen Kundschafter in den Kriegen, welche England und Frankreich um den Besitz des amerikanischen Festlandes führten: einen Jäger in jenen Zeiten der emsigsten Thätigkeit, die dem Frieden vom Jahr 1783 unmittelbar folgten: endlick' einen einsamen Streifer in den Prämien, nachdem die Politik der Freistaaten jene endlosen Oeden dem Unternehmungsgeist? ihrer halbcivilisirten Abenteurer geöffnet hatte, die zwischen Gesittung und Barbarei die Mitte hielten — ein solches Individuum zu schildern, heißt mit Hülfe der Dichtung einen Zeugen für die Wahrheit jener wunderbaren Umwandlungen ausstellen, welche die Fortschritte der amerikanischen Nation bis zu einer vorher nie gekannten Höhe bezeichnen — Fortschritte, für welche Hunderte von Lebenden dasselbe Zeugniß ablegen könnten. In diesem Punkte hat unsere Dichtung nicht das Verdienst einer Erfindung. lieber den fraglichen Charakter hat der Verfasser weiter Nichts zu sagen, als daß er einen Mann von natürlicher Gutmüthigkeit zeichnen soll, welcher den Versuchungen des civilisirren Lebens entrückt, dennoch die Vorurtheile und Lehren desselben nicht ganz vergessen hat: einen Mann, der an die Sitten und Gewohnheiten des Naturzustandes gewiesen, durch dieses Band mehr gewinnt als verliert, und die Schwächen wie die Vorzüge seiner Lage sowohl als seiner Geburt zu Tage legt. Der Verfasser wäre vielleicht der Wirklichkeit Xl näher geblieben, wenn er ihn sittlich weniger hochgestellt hätte; aber das Gemälde hätte an Interesse verloren, unv die Aufgabe des Romanschreibers ist, dem Ideale der Poesie möglichst nahe zu kommen. Nach diesem Bekenntniß braucht er kaum noch hinzuzusetzen, daß bei der -Auffassung und Ausstattung dieser selbstgeschaffencn Persönlichkeit kein individueller Charakter zu Grunde lag. Der Verfasser glaubte der Wahrheit genug geopfert zu haben, indem er die Sprache und die dramatische Haltung beibehielt, derer die Rolle bedurfte. Was die Oertlichkeit anbelangt, so hat der Schauplatz der folgenden Erzählung, seitdem die angedeuteten historischen Ereignisse stattgefunden haben, sich so wenig verändert, als nur irgend ein Distrikt von gleichem Umfang in dem ganzen Gebiete der Vereinigten Staaten. Moderne, gut eingerichtete Bade-Anstalten finden sich jetzt an der Quelle, wo Hawk-eye Halt machte und trank: Straßen durchschneiden die Wälder, wo er und seine Freunde sogar pfadlos wandern mußten. Glenn's hat ein kleines Dorf, und während William Henry und selbst eine Festung spätcru Ursprungs nur noch an Ruinen erkennbar sind, steht eine andere Ortschaft an den Ufern des Horican. Außer diesen Veränderungen hat der Unternehmungsgeist und die Schöpfungskraft des Volkes, welche anderwärts Wunder gcthan, wenig vollbracht. Die ganze Wildniß, in welcher sich die letzten Ereignisse unserer Geschichte zutragen, ist beinahe immer noch Wildniß, obgleich XII die Rothhäute ganz aus ihr gewichen sind. Von allen hier genannten Stämmen sind dort nur noch wenige halbeivilisirte Oneidcrs ans dem ihnen in New-Dork vorbehaltenen Landstriche zu treffen. Die Uebrigen haben entweder die Gebiete ihrer Väter verlassen, oder sind ganz von der Erde verschwunden. Erstes Kapitel. Mein Ohr ist offen und mein Herz bereit. Nur weltlichen Verlust, nicht SchlimmreS kannst Du melden. Sage, ist mein Reich verloren? Shakespeare. Es war eine Eigenthümlichkcit der Kriege, welche in den Kolonien Nordamerikas geführt wurden, daß die Mühseligkeiten und Gefahren der Wildnisse zu bestehen waren, ehe noch die feindlichen Heere sich begegnen konnten. Ein breiter Gürtel von scheinbar undurchdringlichen Wäldern trennte die Besitzungen der feindlichen Provinzen von Frankreich und England. Der kühne Pflanzer und der geübte Europäer, der an seiner Seite focht, kämpften oft Monate lang mit reißenden Waldströmen, oder suchten rauhe Gebirgspässe gangbar zu machen, um Gelegenheit zu finden, ihren Muth in mehr kriegerischem Kampfe zu zeigen. Aber wetteifernd mit der Ausdauer und Selbstverläugnung der erfahrenen eingebornen Krieger lernten sie jede Schwierigkeit überwinden; und es wollte scheinen, daß mit der Zeit kein Winkel in den Waldungen so finster, kein Versteck so abgelegen wäre, in den sie nicht zu dringen wagten, die ihr Blut verpfändet hatten, ihre Rache zu sättigen, oder der kalten, selbstsüchtigen Politik entfernter Monarchen Europa- Geltung zu verschaffen. Vielleicht gibt kein Distrikt auf der ganzen Strecke der dazwischen liegenden Gränzen ein lebendigeres Bild von der Grausamkeit und Wildheit der barbarischen Kriege jener Zeiten, als das Land, welches zwischen den Quellen des Hudson und den anstoßenden Seen liegt. Der letzte Mohikan. 1 2 Die Vortheile, die hier die Natur für die Bewegungen der Kämpfenden bat, waren zu augenfällig, um nicht benützt zu werden. Der langgedchnte Wasserspiegel des Champlain erstreckte sich von den Gränzen Canadas bis tief in die benachbarte Provinz New- Dork hinein, und bildete eine natürliche Straße auf der Hälfte des Landstrichs, dessen die Franzosen Meister seyn mußten, um an ihre Feinde gelangen zu können. Unweit seinem südlichen Ende empfängt er die Zuflüsse eines andern Sees, dessen Wasser so klar sind, daß die Missionäre der Jesuiten sie ausschließlich gewählt hatten, um die sinnbildliche Reinigung der Taufe zu vollziehen, was ihm den Namen des Sees ' man die Felder noch gepflügt. Voll bis zum Rand die Flüsse strömte», Der Wasser Melodie erfüllt' Den frischen, weiten Wald, eS rauschte» Waldstrvme, und das Bächlein spielt', Und in dem Schatten sprangen Quellen. Bryaut. Wir lassen den argwohnlosen Heyward und seine ihm vertrauenden Begleiter noch tiefer in den Wald eindringen, der so verrätherische Bewohner in sich schloß, nnd bedienen uns der Freiheit des Schriftstellers, die Scene einige Meilen weiter westlich von dem Orte, wo wir sie zuletzt gesehen haben, zu versetzen. An jenem Tage schleuderten zwei Männer an dem Ufer eines kleinen aber reißenden Stroms, ungefähr eine Tagreise von dem Lager Webbs, als harrten sie der Ankunft eines Dritten, oder der Annäherung eines erwarteten Ereignisses. Das weite Laubdach des Waldes dehnte sich an dem Rande des Flusses ans, indem cs das Wasser überhing und seine dunkeln Fluten mit noch tieferem Dunkel überschattete. Die Strahlen der Sonne fingen bereits an schwächer zu werden, und die übermäßige Hitze des Tages sich zu mildern, während kühlere Dünste von Quellen aus ihren Laubbetten emporstiegen und sich mit der Atmosphäre vermischten. Immer noch herrschte in dieser Einsamkeit jene Stille, welche die drückende Schwüle einer amerikanischen Juli-Landschaft charakterisirt, und wurde nur von den leisen Stimmen der Männer, dem gelegentlichen, müden Picken eines Waldspechts, dem unharmonischen Schrei eines bunten Hetzers, oder dem dumpfen Rauschen eines entfernten Wasserfalls unterbrochen. Diese schwachen und abgebrochenen Laute waren jedoch den Waldbewohnern zu vertraut, als daß sie ihre Aufmerksamkeit von dem interessanteren Gegenstand ihrer Unterhaltung abgezogen hätten. Während einer dieser müßigen Wanderer die rothe Haut und den wilden Aufzug eines Eingcbornen der Wälder hatte, zeigte der andere unter der Hülle roher und fast wilder Bekleidung die hellere, wenn gleich sonnverbrannte und lang verwitterte Farbe Eines, der auf europäische Abstammung Anspruch machen durfte. Der Hine saß auf dem Rand eines bemoosten Baumstammes in einer Stellung, die ihm vergönnte, die Wirkung seiner ernsten Rede durch die ruhige» und ausdrucksvollen Gebärden des in einem Streitgespräche begriffenen Indianers zu erhöhen. Sein beinahe nackter Leib bot ein schreckhaftes Sinnbild des Todes dar, durch die verschlungene Mischung weißer und schwarzer Farbenzüge. Sein kahl tzeschorner Kopf, auf dem kein andres Haar, als der wohlbekannte, ritterliche Skalpirschopf* belassen worden, * Der nordamcrikanische Krieger ließ sich das Haar am ganzen Leibe ausraufen, und nur einen kleinen Schopf auf dem Wirbel stehen, damit der Feind sich dessen bedienen könnte, wenn er ihm bei seinem etwaigen Falle die Kopfhaut (den Skalp) abziehen wollte. Diese war auch die einzig Mäßige Siegstrophäe. So hielt man es denn für wichtiger, die Kopfhaut zu erhalten, als den Mann zu tödten. Einige Stämme legen großes Gewicht auf die Ehre, keinen zu tödten. Diese Gewohnheit ist jedoch unter den Indianern der atlantischen Staaten beinahe ganz abgekomnie». 27 war ohne andern Putz, als eine einzige Adlersfeder, die über seinen Scheitel lief und auf die linke Schlilter herunter hing. Ein Tomahawk und ein Skalpirmesser von englischer Arbeit stacken in seinem Gürtel, während eine Büchse von der Art, womit die Politik der Weißen ihre wilden Verbündeten bewaffnete, nachläßig über seinen bloßen, sehnigen Knien lag. Die gewölbte Brust, die vollgeformten Glieder und die ernste Haltung dieses Kriegers schienen anzudeuten, daß er sich in der Vollkraft seines Lebens befinde, ohne noch Spuren der Abnahme seine Mannheit zu fühlen. Die Gestalt des Weißen glich, nach den Körpertheilen zu schließen, welche er nicht mit dem Kleide beveckte, Jemand, der seit seiner frühesten Jugend Mühseligkeiten zu ertragen und Anstrengungey zu machen gelernt hatte. Seine Person, obgleich muskulös, war eher mager, als voll; aber jeder Nerv und Muskel schien gedrungen und durch unausgesetzte Anstrengung und Arbeit abgehärtet. Er trug ein waldgrünes Jagdhemd ^ mit verwittertem Gelb besetzt, und eine Sommermütze von geschornem Fell. Auch er trug ein Messer in einem Wampumgürtel, gleich dem, der die ärmliche Bekleidung des Indianers umschloß, aber keinen Tomahawk. Seine Moc- casins** waren nach der Weise der Eingcbornen verziert, während der einzige Theil seiner untern Bekleidung, der unter dem Jagdrock sichtbar war, aus ein Paar bockledcrnen Kamaschen bestand, die, aus beiden Seiten verbrämt, über dem Knie mit Hirschsehnen befestigt waren. Eine Jagdtasche und ein Pulverhorn vollendeten seinen Anzug, und eine Büchse*^ von großer Länge, welche die Theorie der erfahrneren Weißen die Waldbcwohner als die gefährlichste » Das Jagdhemd ist -in pittoresker Kittel oder Ro-k, mit Franzen und Troddeln besetzt. Die Farben sollen diejenige» des Waldes nachahmen, um nickt bemerkt zu werden. Viele Corps amerikanischer Scharfschützen sind so ausgestatlet und ihre Uniform iü eine der auffallendsten neuerer Zeiten. Das Jagdhemd ist jedoch häufig auch weiß. " Eine Art Haibstiefel. Die Büchse beim Heer ist kurz, die des Jägers immer lang. 28 Feuerwaffe betrachte» ließ, lehnte an einem benachbarten Bäumchen, Das Auge des Jägers oder Kundschafters, was immer er seyn machte, war klein, lebhaft, scharf und unruhig, und rollte, während er sprach, in allen Richtungen umher, als ob er ein Jagdwild suchte oder die plötzliche Annäherung eines Feindes besorgte. Trotz dieser Symptome gewohnten Mißtrauens vcrrieth sein Gesicht nicht nur keine Tücke, sondern trug in dem Augenblick, da er sprach, sogar das Gepräge offener Rechtlichkeit, „Selbst eure Ileberlieferungen sprechen für mich, Chingach- gook," entgegnetc er in einer Sprache, welche allen Eingebornen, die früher das Land zwischen dem Hudson und dem Potomak bewohnten, bekannt war, und oon der wir zu Gunsten des Lesers eine freie Ucbersetznng geben, aber zugleich darauf Bedacht nehmen werden, einige Eigenthümlichkeitcn, sowohl des Individuums als des Ausdrucks beizubehaltcn. „Eure Väter kamen von der untergehenden Sonne her, gingen über den großen Fluß s, kämpften mit dem Volke des Landes und nahmen dieses weg; die Mcinigen kamen vom rotheu Morgcnhimmcl über den Salzsee und thatcn ganz nach dem Beispiel, das die Eurigcn ihnen gegeben hatten. So laß denn Gott unsere Sache entscheiden, und Freunde darüber keine Worte verlieren." „Meine Väter fochten mit dem nackten rothcn Mann," versetzte der Indianer ernst, in der nämlichen Sprache. „Ist kein Unterschied, Hawk-eye (Falkenange), zwischen dem steingespitzten -Pfeil des Kriegers und der bleiernen Kugel, womit ihr tödtet?" „Ein Indianer hat Verstand, wenn ihm gleich die Natnr eine rothe Haut gegeben hat," sprach der Weiße, den Kopf schüttelnd, gleich einem, bei dem eine solche Berufung auf seine Gerechtigkeit * Den Misstsippi. Der Kundschafter spielt auf eine Sage an, die unter den Stämmen der atlantischen Staaten selir verbreitet iit. Der Beweis für ihre astatische Abkunft wird aus diesem Umstand deducirk; eS herrscht aber über die Geschichte der Indianer noch große Ungewißheit. 29 nicht weggeworfen war. Einen Augenblick schien es ihm, als ob er im Nachtheil wäre; dann aber nahm er sich zusammen und beantwortete den Einwurf seines Gegners so gut, als seine beschränkte» Kenntniffe ihm gestatteten: „Ich bin kein Schriftgelehrtcr und scheere mich auch den Henker um ihre Weisheit; wenn ich aber nach dem urtheile, was ich bei meinen Jagden auf die Hirsche und Eichhörnchen von den Burschen da unten gesehen habe, da sollt' ich meinen, daß eine Büchse in den Händen ihrer Großväter nicht so gefährlich gewesen wäre, als ein Bogen von Nußbaumholz und eine gute Feuersteinspitze sehn mochten, wenn jener mit indianischer Umsicht gespannt und diese mit einem Jndianerauge entsendet wurde." „Dir wurde die Geschichte so von deinen Vätern erzählt," er- wiederte der Andere, mit der Hand eine verächtliche Bewegung machend. „Was sagen eure alten Männer? Sagen sie den jungen Kriegern, daß die Blaßzesichtcr den rothen Männern entgegen getreten sind, die zum Krieg beinalt und mit der steinernen Streitart und dem hölzernen Geschoß bewaffnet waren?" „Ich habe keine Vorurtheile und bin nicht der Mann, der sich natürlicher Vorrechte rühmt, obgleich der schlimmste Feind, den ich habe, nnd der ist ein Irokese, nicht wagen darf/ zu längnen, daß ich von ächt weißer Abstammung bin," sprach der Kundschafter, indem er mit geheimem Wohlgefallen die verwitterte Farbe seiner knöchernen und sehnigen Hand überblickte, „und ich gestehe gerne, daß mein Volk manche Wege geht, die ich als ehrlicher Mann nicht gut heißen kann. Es ist eine ihrer Übeln Gewohnheiten, daß sie in Bücher schreiben, was sie gethan und gesehen haben, statt davon in ihren Dörfern zu erzählen, wo man einen- feigen Prahlhans ins Gesicht Lügen strafe» und der brave Soldat seine Kameraden zu Zeugen für die Wahrheit seiner Worte aufrufen kann. In Folge dieser schlechten Sitte kann ein Mensch, der zu gewissenhaft ist, um seine Tage unter Weibern nnd im Lernen der schwarzen Zeichen zu verschwenden, nie von den Thaten seiner Väter hören, noch einen Stolz darein setzen. 30 sie übertreffen zu wollen. Für meinen Theil glaube ich, baß alle Bumppo schießen konnten: denn ich habe ein natürliches Geschick für die Büchse, das sich von Geschlecht zu Geschlecht vererbt haben muß, da, wie unsre heiligen Gebote uns melden, alle guten und schlimmen Gaben von oben kommen, obgleich ich in solchen Dingen nicht gern für Andere stehe. Aber jedes Ding hat seine zwei Seiten: so frage ich dich, Chingachgook, was begab sich nach den Ueberlieferungen der rothen Männer, als unsre Väter sich zuerst getroffen haben?" Eine augenblickliche Stille erfolgte, während welcher der Indianer stumm da saß; dann fing er, von der Würde seines Amtes erfüllt, seine kurze Erzählung mit einer Feierlichkeit an, die dazu diente, ihre anscheinende Wahrheit zu verstärken. „Höre, Hawk-eye, und dein Ohr soll keine Lüge trinken. So haben meine Väter gesagt und die Mohikaner gethan." Er zögerte einen Augenblick und heftete einen vorsichtigen Blick auf seinen Begleiter. Dann fuhr er auf eine Weise fort, die zwischen Frage und Behauptung getheilt war: „Fließt nicht der Strom zu unfern Füßen dem Sommer zu, bis seine Wasser salzig werden und sein Lauf aufwärts geht?" „Es kann nicht geläugnet werden, daß eure Ueberlieferungen in diesen beiden Stücken Wahrheit enthalten," sagte der weiße Mann: „denn ich bin da gewesen und habe sie gesehen: warum aber das Wasser, das so süß im Schatten ist, in der Sonne bitter wird, weiß ich nicht und habe mir's nie erklären können." „Und der Lauf!" fragte der Indianer, welcher seine Antwort mit jener Art von Interesse erwartete, das Jemand bei der Bestätigung eines Wunders fühlt, das er selbst unbegreiflich findet, während er seine Wirklichkeit anerkennt; „die Väter von Chingachgook haben nicht gelogen." „Die heilige Bibel ist nicht wahrer, und das ist doch da« Wahrste, war es hienieden gibt. Die Leute nennen diese» 31 aufströmenden Lauf die Flut, was bald erörtert und klar genug ist. Sechs Stunden laufen die Wasser hinein und sechs heraus und das kämmt daher: wenn das Wasser in der See höher ist, als in dem Flnß, dann läuft es herein, und wenn's der Fluß gewinnt und wieder höher wird, dann läuft es wieder hinaus." „Die Wasser in den Wäldern und an den großen Seen laufen hinab, bis sie so stach da liegen, wie meine Hand," versetzte der Indianer, indem er diese horizontal vor sich ausstreckte, „und dann laufen sic nicht weiter." „Kein ehrlicher Mann wird das bestreiten," erwiederte der Kundschafter, ein wenig empfindlich über dieses Mißtrauen gegen seine Erklärung des Geheimnisses der Flut, „und ich gebe zu, daß es wahr ist im verjüngten Maßstab, und wo das Land eben ist. Aber alles kommt darauf an, nach welchem Maßstab du die Dinge betrachtest. Nun ist die Erde nach dem verjüngten Maßstab eben; nach dem vergrößerten aber ist sie rund. So mögen Teiche und Weiher und selbst die großen Frischwafferseen still stehen, wie du und ich wissen, weil wir sie gesehen haben: wenn du aber kommst und Wasser über eine große Fläche gießest, wie die See: wie kann da das Wasser vernünftiger Weise ruhig bleiben, wo die Erde rund ist? Eben so gut kannst du erwarten, daß der Fluß an dem Rand der schwarzen Klivpen da oben eine halbe Meile über uns ruhig liegen bleibe, während deine eignen Ohren dir sagen, daß er in diesem Augenblick darüber hinwegbraust." Wenn auch unbefriedigt von der Philosophie seines Begleiters, so besaß der Indianer doch zu viel Würde, um seinen Unglauben zu verrathen. Er hörte zu, wie Jemand, der sich überzeugen lassen will, und nahm daun seine Erzählung mit der früheren Feierlichkeit wieder aus: „Wir kamen von dem Orte, wo die Sonne Nachts sich verbirgt, über große Flächen, wo die Büffel leben, bis wir den großen Fluß erreichten. Hier kämpften wir mit den Alligewis, bis der t l » Bode» sich von ihrem Blute röthete. Von den llfern des großen Flußes bis zu den Gestaden des Salzsees war keiner mehr, der es mit uns ausgenommen hätte. Dann folgten in einiger Entfernung die Maquas. Wir sagten, das Land sollte unser sehn, von der Stelle an, wo das Wasser nicht mehr stromaufwärts stießt, bis zu einem Flnße zwanzig Sonnen (Tagreisen) sommcrwärts. Das Land, das wir als Krieger eroberten, behaupteten wir als Männer. Wir trieben die Maguas in die Wälder zu den Bären. Sie schmeckten blos das Salz ihrer Thränen und zogen keinen Fisch aus dem großen See: wir warfen ihnen die Gräten zu." „All das habe ich gehört und glaube es," sagte der Weiße, als er bemerkte, daß der Indianer inne hielt; „aber das war lange, bevor die Engländer in das Land kamen." „Damals wuchs eine Fichte da, wo jetzt dieser Kastanienbaum steht. Die ersten Blaßgesichter, welche zu uns kamen, sprachen kein Englisch. Sie kamen in einem großen Canoe, als meine Väter das Tomahawk mit den rothcn Männern um sie. her begraben hatten. Da, Hawk-eye," fuhr er fort, indem er seine tiefe Bewegung nur dadurch kund gab, daß er seine Stimme zu jenen tiefen Kehltönen herabsinken ließ, die seine Sprache oft so musikalisch machten; „da, Hawk-eye, waren wir ein Volk, und wir waren glücklich. Der Salzsee gab uns seine Fische, der Wald sein Wild und die Luft ihre Vögel. Wir nahmen Weiber, die uns Kinder gebaren; wir beteten den großen Geist an und hielten die Maquas außer dem Bereiche unsrer Triumphgesänge." „Weißt du etwas von deiner eigenen Familie zu jener Zeit?" fragte der Weiße. „Du bist ein gerechter Mann für einen Indianer! und da du, wie ich vermuthe, ihre Eigenschaften geerbt hast, so müssen deine Väter brave Krieger und weise Männer beim Ver- saimnlnngsfeuer gewesen seyn." „Mein Stamm ist der Ahnherr von Nationen, aber ich bin »»vermischt geblieben. Das Blut von Häuptlingen rollt in meinen 33 Adern, wo es immer verbleiben soll. Die Holländer landeten und gaben meinem Volke das Fcnerwasser; sie tranken, bis Himmel und Erde sich zu berühren schienen, und wähnten in ihrer Thorheit, sie hätten den großen Geist gefunden. Dann mußten sie von ihrem Lande scheiden. Schritt vor Schritt wurden sie zurück von den Gestaden getrieben, bis ich, der ich ein Häuptling und Sagamore bin, die Sonne nie anders als durch die Bäume habe scheinen sehen; und noch nie Hab' ich die Gräber meiner Väter besucht !2 „Gräber bringen das Gemüth in feierliche Stimmung," bemerkte der Kundschafter, merklich gerührt von dem ruhigen Leiden seines Begleiters, „und oft helfen sic Einem zu guten Entschlüssen. Ich für mein Theil versehe mich dazu, daß meine Gebeine einstens unbegraben bleiben, um in den Wäldern zu bleichen, oder von den Wölfen zerrissen zu werden. Aber wo finden sich Diejenigen Deines Geschlechtes, welche vor so vielen Sommern zu ihren Verwandten nach dem Delaware gekommen sind?" „Wo sind die Blüten jener Sommer! — gefallen. Einer nach dem Andern: denn Alle von meiner Familie sind, wie die Reihe an sie kam, in das Land der Geister hinübergegangen. Ich stehe oben aus dem Berg und muß ins Thal hinab; und wenn Uncas meinen Fußstapfcn folgt, so ist keiner mehr übrig vom Blut der Sagamoren: denn mein Knabe ist der letzte Mohikaner." „Uncas ist da!" sprach eine andere Stimme in denselben sanften Kehllauten, dicht bei ihm: „wer fragt nach Uncas?" Der Weiße fuhr bei dieser plötzlichen Unterbrechung mit seinem Messer ans der ledernen Scheide und machte eine unwillkürliche Bewegung mit der Hand nach seiner Büchse; der Indianer aber saß ruhig da, ohne den Kopf nach den unerwarteten Tönen umznwenden. Im nächsten Augenblick schritt ein junger Krieger mit geräuschlosem Tritt zwischen ihnen durch und setzte sich an das Ufer des reißenden Stromes. Kein Laut der Ucbcrraschung entfuhr dem Der letzte Mebikim. 3 34 Vater, mehrere Augenblicke hiedurch ward keine Frage gethan, noch eine Antwort gegeben, da Jeder den Moment zu erwarten schien, wo er sprechen könnte, ohne weibische Neugierde oder kindische Ungeduld zu verrathen. Der Weiße schien ihr Beispiel nachzuahmen, zog seine Hand von der Büchse zurück und blieb gleichfalls still und in sich gekehrt. Endlich wandte Chingachgook seine Augen langsam nach seinem Sohn und fragte: „Wagen die Maquas, die Spuren ihrer Moccasins ' diesen Wäldern einzudrücken?" „Ich war ihnen auf der Fährte," antwortete der junge Indianer, „und weiß, daß ihrer so viele sind, als Finger an meine» zwei Händen; aber sie liegen wie Feiglinge verborgen." „Die Diebe sind auf der Lauer nach Skalpen und nach Beute?" sprach der Weiße, den wir mit seinen Begleitern Hawk-eye nennen wollen. Der rührige Franzmann Montcalm wird seine Spione »och bis in unser Lager schicken, aber er soll erfahren, welchen Weg wir nehmen." „Genug!" versetzte der Vater, sein funkelndes Auge nach ds.r untergehenden Sonne gerichtet; „sie sollen vertrieben werden, wie das Wild aus den Büschen. Hawk-eye, wir wollen zu Nacht essen und morgen den Maquas zeigen, daß wir Männer sind." „Ich bin zu dem Einen, wie zu dem Andern bereit; aber um mit den Irokesen zu kämpfen, muß man sie in ihrem Verstecke finden, und um zu essen braucht man ein Wild — sprich vom Teufel und er ist nicht weit von dir; da bewegt sich ein Paar der stärksten Geweihe, Äe ich dieses Jahr gesehen habe, hinter den Büschen den Hügel hinab. Nun, Nneas," fuhr er halb flüsternd fort, indem er vor sich hin lachte, wie Jemand, der gelernt hat, auf seiner Hut zu seyn, „ich wette mein Horn, dreimal mit Pulver gefüllt, gegen einen Wampumfuß, daß ich ihn zwischen den Augen und näher dem rechten als dein linken Auge nehme." „Es kann nicht seyn!" sprach der junge Indianer, indem er 35 mit jugendlichem Ungestüm aufsprang; „'s ist ja Alles bis auf die Spitze des Geweihes hinter dem Gebüsch verborgen!" „Er ist ein Knabe!" sprach der Weiße, den Kopf schüttelnd und sich zum Pater wendend. „Meint er, der Jäger könne, wenn er einen Theil vom Thiere sieht, nicht sagen, wo das Uebrige zu finden ist?" Er richtete sein Gewehr und war im Begriff, eine Probe der Geschicklichkeit abzulegen, die er so sehr an sich schätzte, da fuhr der Krieger mit der Hand nach der Waffe und sagte: „Hawk-eye! hast du Lust mit den Maquas zu fechten?" „Diese Indianer kennen die Wälder wie durch Instinkt!" versetzte der Kundschafter, indem er seine Büchse sinken ließ und sich abwendete wie Einer, der sich eines Jrrthums überwiesen sieht. „Ich muß den Bock deinem Pfeil überlassen, Nncas, oder wir tödten das Thier, nur um die Diebe, die Irokesen, damit zu füttern." Kaum hatte der Vater diese Aufforderung mit einer ausdrucksvollen Bewegung der Hand begleitet, so warf sich Nncas zu Boden und näherte sich mit vorsichtigen Bewegungen dem Thiere. Als er nur noch wenige Klafter von dem Verstecke entfernt war, legte er mit größter Sorgfalt einen Pfeil auf den Bogen, und das Geweih bewegte sich, als ob sein Besitzer Unrath witterte. Im nächsten Augenblick schwirrte der Bogen, ein weißer Streif fuhr in vas Ge- büich, und der verwundete Rehbock stürzte aus seinem Schutzorte zu den Füßen des verborgenen Feindes. Dem Geweih des wüthcnden Thieres ausweichend sprang Uncas aus die Seite und stach ihm das Messer durch die Kehle, der Rehbock stürzte an den Rand des Flußcs und fiel zu Boden, indem er die Wasser mit seinem Blute röthcte. „Das nenn' ich Jndianergeschick!" sprach der Kundschafter, vor sich hin lachend, mit großem Wohlgefallen; „und 's war ein artiger Anblick! obschon der Pfeil nur in die Nähe geht und der Nachhüife des Messers bedarf." 36 „Ha!" rief sein Begleiter, sich plötzlich wendend wie ein Hund, der die Fährte eines Wildes wittert. „Bei Gott, da ist ein ganzes Nudel!" rief der Kundschafter, dessen Augen vor Lust zu seiner Lieblingsbeschäftigung funkelten. „Wenn sic in Kugclweite kommen, brenn' ich einem eins auf, und wenn alle sechs Nationen aus der Lauer lägen! Was hörst du, Ehingachgook? Für meine Ohren sind die Wälder stumm." „Hier ist nur ein Reh, und das ist tvdt," sprach der Indianer, indem er sich niederbückte, bis sein Ohr beinahe die Erde berührte „Ich höre Fußtritte!" „Vielleicht haben die Wölfe den Rehbock in das Versteck getrieben und sind ihm jetzt auf der Spur." „Nein, Pferde weißer Männer kommen!" erwiederte der Andere, indem er sich mit Würde erhob und mit der früheren Ruhe seinen Sitz auf dem Stamme wieder einnahm. „Hawk-eye, es sind deine Brüder; sprich mit ihnen!" „Das will ich und in einem Englisch, auf das der König sich nicht schämen dürfte zu antworten," versetzte der Jäger in der Sprache, deren er sich rühmte; „aber ich seh' Nichts, noch höre ich einen Laut von einem Menschen oder Vieh; 's ist sonderbar, daß ein Indianer die Laute von Weißen besser kennen soll, als Einer, dem seine Feinde selbst gestehen müssen, daß er kein Falsch in seinem Blute hat, obgleich er lange genug mit den Rothhäuten gelebt haben mag, um einiges Mißtrauen zu erregen. Ha! da kracht etwas, wie dürres Holz, — nun höre ich das Gebüsch sich bewegen — ja, ja, es sind Pferdetritte, die ich für das Fallen des Wassers nahm — und — aber da kommen sie selbst; Gott behüte sie vor den Irokesen!" Viertes Kapitel. WM! Geh' nur deines Wegs, aus diesem Haine kommst Du nicht, LiS für dein Unrecht ich mich räche. Sommeriiachtätrani». Noch sprach der Kundschafter, als der Führer der Parthie, deren nahende Tritte das wachsame Ohr des Indianers vernommen hatte, sichtbar ward. Ein gebahnter Pfad, wie ihn der gelegentliche Durchzug des Wildes bildet, wand sich durch ein nahes Thälchen und führte an den Fluß auf die Stelle, wo der weiße Mann und seine rothen Genossen Halt gemacht hatten. Auf diesem Wege kamen die Reisenden, welche so unerwartet in der Tiefe des Waldes erschienen, langsam auf den Jäger zu, welcher, vor seinen Genossen stehend, bereit war, sie zu empfangen. „Wer da?" fragte der Kundschafter, seine Büchse nachläßig über den linken Arni werfend, und den Vordersinger der Rechten auf dem Drücker haltend, wobei er jedoch allen Schein von Drohung vermied. — „Wer kommt hieher, unter die Thiere und die Gefahren der Wildniß?" „Gläubige Christen und Freunde von Gesetz und König," antwortete der vorderste Reiter. „Menschen, welche seit Sonnsnanfgang in dem Schatten des Waldes gereist haben, ohne Nahrung und erschöpft von der Anstrengung des Weges." „So habt Ihr euch verirrt," unterbrach ihn der Jäger, „und habt gefunden, wie übel man daran ist, wenn man nicht weiß, ob man sich zur Rechten oder Linken wenden soll." „So ist es! der Säugling ist nicht abhängiger von der Amme, als von dem Führer wir, die Erwachsenen, welche jetzt nur die Gestalt, nicht aber den Verstand von Menschen haben. Wißt Ihr, wie weit es nach einem Posten der Krone, genannt William Hcnrp, ist?" „Weiter!" -ief der Kundschafter, indem er laut anflachtc, aber bald diese gefährlichen Laute unterdrückte, um seiner Laune ans eine 38 Weise Rain» zu geben, die von den lauernden Feinden weniger gehört werden konnte. „Ihr seyd so weit von der Fährte, als ein Hund, wenn der Horican zwischen ihm und dem Wilde liegt! William Henry, Mann! Wenn ihr Freunde des Königs seyd, nnd ein Geschäft bei dem Heere habt, so thätet ihr besser, am Flusse hinab nach Edward zu gehen, und eure Sache Webb vorzulegen, der dort liegen bleibt, statt in die Engpässe vorzudringen und den frechen Franzmann über de» Champlain in sein Nest znrückzutreibcn." Ehe der Fremde ans diesen unerwarteten Vorschlag etwas er- wiedern konnte, sprengte ein anderer Reiter durch das nahe Gebüsch sein Roß auf den Pfad, seinem Begleiter gegenüber. „Wie weit mögen wir denn von Fort Edward seyn?" fragte der neue Sprecher. „Den Platz, nach dem ihr uns weiset, verließen wir diesen Morgen und unsre Bestimmung geht nach der Quelle des Sees." „Dann müßt Ihr euern Gesichtssinn früher als den Weg verloren haben: der Weg über den Trageplatz ist gute zwei Ruthen breit ausgehauen und eine so breite Straße, denk' ich, als irgend eine in London, oder selbst vor dem Königsvalast." „Wir wollen uns jetzt nicht über die Vortrefflichkeit des Weges streiten," versetzte Heyward lächelnd: denn er war es, wie der Leser bereits entnommen haben wird. „Es ist genug, wenn ich euch sage, daß wir uns einem indianischen Führer anvertrauten, dep uns einen nähern, wiewohl geheimeren Weg führen wollte, und daß wir durch seine vermeintliche Ortskenntnis; getäuscht worden sind. Mit einem Wort: wir wissen nicht, wo wir uns befinden." „Ein Indianer in den Wäldern verirrt!" sprach der Kundschafter, bedenklich den Kopf schüttelnd; „wenn die Sonne auf die Baumgipfel brennt, und die Ströme ihre Bette füllen, und das Moos an jedem Baume ihm sagen muß, in welcher Richtung der Nordstern in nächster Nacht leuchten wird, wenn die Wälder voll von Fährten des Wilds sind, welche zu den Strömen führen, Punkte, die Jedermann kennt! 39 Und noch sind nicht alle Gänse nach den Canadagewässern fort! ES ist seltsam, daß sich ein Indianer zwischen dem Horican nnd der Krümmung des Flusses verirrt haben soll? Ist er ein Mohawk?" „Nicht von Geburt, obgleich in diesen Stamm ausgenommen; ich glaube, seine Heimath liegt weiter nördlich, und er ist einer von denen, die ihr Hurouen nennt." „Hngh!" riefen die zwei Begleiter des Kundschafters, die bis zu diesem Theile des Gesprächs unbeweglich und anscheinend gleichgültig gegen das, was vorging, dagesessen hatten, jetzt aber überrascht mit einem Ungestüm und einer Theilnahme, die offenbar über ihre Zurückhaltung gesiegt hatte, cmporsprangcn. „Ein Hurone!" wiederholte der kecke Kundschafter, noch einmal voll Mißtrauen den Kopf schüttelnd; „dies ist ein diebisches Geschlecht, und ich frage nicht viel darnach, von wem er ausgenommen wurde. Ihr könnt ihn zu Nichts als zum Wegelagern und Herumstreichen brauchen. Da Ihr euch der Sorge Eines aus dieser Station anvertraut habt, so wundert es mich nur, daß Ihr nicht noch mit Mehreren zu thun bekommen!" „Das hat keine Gefahr, da William Henry so viele Meilen vor uns liegt. Ihr vergesset, was ich euch vorhin sagte; unser Führer ist jetzt ein Mohawk und dient als Freund bei unserni Heer." „Nnd ich sage euch, daß, wer als Mingo geboren wird, als Mingo stirbt," entgegnete zuversichtlich der Andere. „Nein, da lob' ich mir einen Delaware» oder Mohikaner: die sind ehrlich; und wenn sie fechten wollen, wozu jedoch nicht Alle Lust bezeigen, da sie sich von ihren listigen Feinden, den Maquas, zu Weibern machen ließen — aber wenn sie überhaupt fechten wolle», so schaut mir einen Delaware» oder Mohikaner an, wenn Ihr einen Krieger haben wollt." „Genug davon," sprach Heyward ungeduldig, „ich will nicht den Charakter eines Mannes untersuchen, den ich kenne, und dem Ihr fremd seyn müsset. Ihr habt mir noch nicht auf meine Frage geantwortet: wie weit sind wir von dem Hauptheer zu Edward? Ws" „Das kommt, scheint mir, darauf an, wer euer Führer ist. Ein Pferd, wie das da, dürfte eine gute Strecke Landes zwischen Sonnenauf- und Untergang znrücklegcn, sollte Einer meinen." „Ich wünsche keinen Streit mit eiteln Worten gegen euch, mein Freund," bemerkte Heyward, sein Mißvergnügen unterdrückend, in höflicherem Ton; „wenn Ihr mir die Entfernung von Fort Edward sagt und mich dahin führt, so soll eure Bemühung nicht unbelohnt bleiben." „Und wenn ich das thne, wer bürgt mir dafür, daß ich keinen Feind und Spion Montcalm's nach den Festungswerken des Heeres führe ? NichtJeder, der englisch sprechen kann, ist darum ein Ehrenmann." „Wenn Ihr bei dem Heere dient, von dem Ihr, wie ich schließe, ein Kundschafter seyd, so solltet Ihr das sechzigste Regiment des Königs kennen." „Das sechzigste Regiment! Ihr könnt mir wenig von den königlichen Amerikanern sagen, das ich nicht schon wüßte, obgleich ich ein Jagdhemd und keinen Scharlachrock trage." „Gut, dann kenntJhr vielleicht nnter Anderem denMajordejsclbcn." „Seinen Major!" unterbrach der Jäger, sich emporrichtend, wie Einer, der stolz aus das ihm geschenkte Vertrauen ist. „Wenn ein Mann im Lande ist, der Major Efsingham kennt, so steht er vor euch." „Das Corps hat mehrere Majors. Der von euch genannte ist der älteste; aber ich spreche von dem allerjüngsten, der' die Compagnien in William Henry befehligt." „Ja, ich habe gehört, daß ein sehr reicher junger Mann, aus einer Provinz weit im Süden, diesen Posten erhalten hat. Er ist jung für einen solchen Rang, wo er über Männern steht, deren Köpfe zu bleichen beginnen, und doch sagen sie, er sey ein geschickter Soldat und ein ritterlicher Herr." „Was er auch seyn mag, und wie er für seinen Posten sich eignet, er spricht jest mit euch und Ihr habt daher keinen Feind in ihm zu fürchten." 41 „Der Kundschafter betrachtete Hcpward erstaunt, lüpfte dann seine Mütze und antwortete in einem minder freien, obgleich noch immer argwöhnischen Tone — „Ich habe gehört, daß eine Nbtheilung diesen Morgen aus dem Lager nach dem llfer des Sees abgehen sollte." „Da habt Ihr recht gehört, ich wählte lieber einen nähern Weg, wobei ich mich aus den vorerwähnten Indianer verließ." „lind er täuschte euch und lief davon/' „Keines von Beiden, wie ich glaube, wenigstens das letztere nicht: denn er ist in meinem Gefolge." „Ich möchte mir diesen Menschen etwas näher ansehcn. Wenn es ein achter Irokese ist, so erkenn' ich ihn an seinem schelmischen Blick und an der Farbe seines Gesichts," sprach der Kundschafter, indem er an Hcyward's Pferde vorbeischritt und den Weg hinter des Singmeisters Stute betrat, deren Füllen den Stillstand benützte, um die Mutter in Kontribution zu setzen. Nachdem er das Gebüsch bei Seite geschoben hatte, traf er einige Schritte weiter auf die Frauen, welche das Ergebniß der Besprechung mit Ungeduld und nicht ohne Furcht erwarteten. Hinter diesen lehnte der Läufer an einem Baum, die genaue Prüfung des Kundschafters mit unveränderter Miene nnshaltend, aber mit einem so finstern und wilden Blick, daß schon dieser an sich Furcht erregen konnte. Zufrieden mit dem Resultat seiner Forschungen, verließ ihn der Jäger. Als er an den Frauen vorüberging, hielt er einen Augenblick, um ihre Schönheit zu betrachten, das Lächeln und Nicken Alicens mit augenfälligem Vergnügen erwiedcrnd. Von da trat er der Stute zur Seite und nachdem er einen Augenblick vergeblich den Charakter des Reiters zu erforschen gesucht hatte, schüttelte er den Kopf und kehrte zu Heyward zurück. „Ein Mingo ist und bleibt ein Mingo. und da ihn Gott einmal so erschaffen hat, so können ihn weder die Mohawks noch andere Stämme anders machen," sprach er, nachdem er seine frühere Stellung wieder eingenommen hatte. „Wenn wir allein wären und Ihr wolltet das edle Roß der Willkühr der Wölfe überlassen, so könnte ich euch selbst den Weg nach Edward in einer Stunde zeigen: denn weiter ist cs nicht non hier entfernt; aber mit den Frauen in eurem Gefolge ist es unmöglich." „Warum? Sic sind zwar ermüdet, aber für einen Ritt Von ein paar Meilen weiter noch kräftig genug." „Es ist eine offenbare Unmöglichkeit!" wiederholte der Kundschafter, „für die beste Büchse in den Kolonien möchte ich in Gesellschaft des Läufers nach Einbruch der Nacht keine Meile in diesen Wäldern machen. Sic sind voll von lauernden Irokesen und euer Zwitter-Mohawk weiß zu gut, wo er sie zu finden hat, als daß ich sein Gesellschafter werden möchte." „Seht Ihr die Sache so an?" sprach Heyward, indem er sich in dem Sattel vorneigte und seine Stimme fast zu einem Geflüster sinken ließ; „ich gestehe, ich war auch nicht ohne Argwohn, obgleich ich ihn wegen meiner Begleiterinnen zu verbergen suchte. Eben weil ich Verdacht schöpfte, wollt' ich ihm nicht länger folgen, und ließ ihn, wie Ihr seht, hinter mir her gehen." „Ich wußte, daß er ein Schelm ist, so bald ich ihn anblickte!" versetzte der Kundschafter, als Zeichen der Vorsicht einen Finger auf die Nase legend. „Der Dieb lehnt am Fuße des jungen Baums, den Ihr über den Büschen weg sehen könnt, sein rechtes Bein steht in Einer Richtung mit der Rinde des Baums »nd (hier griff er nach seiner Büchse) ich kann ihn von meinem Standpunkt aus zwischen dem Knöchel und dem Knie nehmen, daß ihm für wenigstens einen Monat das Hernmstreichen in den Wäldern vergeht. Ginge ich zu ihm zurück, so würde der Schlaukopf etwas wittern, und wie ein erschrecktes Reh durch die Bäume entschlüpfen." „Das geht nicht. Er kann unschulkig seyn und ich liebe diese Handlungsweise nicht. Und doch, wenn ich gewiß wüßte, daß er rin Verräther —" 43 „Auf dic Schurkerei eines Irokesen darf man mit Sicherheit rechnen," sprach der Kundschafter, indem er instinktmäßig nach seiner Büchse griff. „Halt!" unterbrach ihn Heyward, „es geht nicht — wir müssen ans etwas Anderes denken — und doch, ich habe vielen Grund zn glauben, daß der Schuft mich getäuscht h.ck." Der Jäger, welcher bereits seine Absicht, den Läufer lahm zu schießen, anfgegcben halte, sann einen Augenblick und machte dann ein Zeichen, das seine zwei rothen Begleiter ihm sogleich zur Seite rief. Sie sprachen leise, aber lebhaft in delawarischer Sprache mit einander; aus den Gebärden des Weißen jedoch, der sich häufig gegen den Gipfel de» jungen Baumes richtete, ging deutlich hervor, daß er von ihrem verborgenen Feinde sprach. Seine Begleiter hatten seine Wünsche alsbald verstanden, legten ihre Feuergewehre weg, wandten sich nach entgegengesetzten Seiten und vergruben sich mit so vorsichtigen Bewegungen in das Dickicht, daß ihre Tritte nicht gehört werden konnten. „Jetzt, geht zurück," sprach der Jäger wieder zu Hcyward, „und haltet den Teufelsbalg mit Reden hin; die Mohikaner hier Wollen ihn lebendig fangen, ohne ihm die Schminke zn verderben." „Nein," sprach Heyward stolz, „ich will ihn selbst fassen." „Pah! was vermögetJhr zn Pferd gegen einen Indianer in den Büschen?" „Ich steige ab." „Glaubt Ihr, er werde, wenn er sieht, daß Ihr einen Fuß aus dem Bügel habt, warten, bis auch der andere frei ist? Wer jn den Wäldern mit den Eingebornen zu thun hat, muß indianische Kniffe brauchen, wenn er etwas ausrichten will. Geht denn, sprecht vertraulich mit dem Bösewicht, und thut, als ob Ihr ihn für euern treuesten Freund auf Erden hieltet." Heyward schickte sich an, diesen Rath zu befolgen, obgleich ihm die Rolle, die er zu spielen hatte, nicht behagen wollte. Jndeß überzeugte er sich jeden Augenblick mehr, daß er durch sein zu 44 großes Vertrauen seine Schützlinge in eine sehr mißliche Lage versetzt hatte. Die Sonne war bereits nntergegangen, und die Wälder, plötzlich ihres Lichtes beraubt, nahmen eine düstere Farbe an, welche ihn ernstlich erinnerte, daß die Stunde, welche die Wilden gewöhn, lieh für ihre grausamsten nnd gefühllosesten Akte der Rache oder der Feindseligkeit wählten, mit schnellen Schritten heran rücke. Von Besorgnissen bestürmt, verließ er den Kundschafter, welcher unmittelbar darauf in eine laute Unterredung mit dem Fremden einging, der sich mit so wenig Umständen am Morgen in die Reisegesellschaft cingedrängt hatte. Als er an seinen zarten Begleiterinnen vorbeiritt, sprach er einige Worte der Ermnthigung zu ihnen und fand zu seiner Freude, daß sie, obgleich ermüdet von den Anstrengungen des Tages, keinen Verdacht zu haben schienen, ihre gegenwärtige Verlegenheit sey etwas anderes, als die Folge des Zufalls. Er ließ sie glauben, daß er sich blos über ihre bevorstehende Route bespreche, spornte sein edles Roß und zog die Zügel wieder an, als er in die Nähe der Stelle kam, wo der trotzige Läufer immer noch an den Baum angelchnt stand. „Du siehst, Magna," sprach er, indem er eine unbefangene, vertrauliche Miene anzunchmcn bemüht war, „daß die Nacht rings umher oinbricht, nnd daß wir William Hcnrp noch nicht näher sind, als da wir Webb's Lager mit Aufgang der Sonne verließen. Du hast den Weg verfehlt und icH bin nicht glücklicher gewesen. Zum Glück aber sind wir auf einen Jäger getrosten, mit dem du den Sänger sprechen hörst. Er ist mit den Fährten des Wildes nnd den Fußpfaden der Wälder vertraut, und verspricht, uns nach einem Platze zu führen, wo wir sicher bis zum Morgen ausruhen können." Der Indianer heftete seine funkelnden Augen auf Hehward, und fragte in seinem gebrochenen Englisch: „Ist er allein?" „Allein!" wiederlwlte zögernd Hepward, dem Täuschung noch zu neu war, als daß er nicht etwas verlegen geworden wäre. „Sh! gewiß nicht allein, Magua: d» weißt ja, daß wir bei ihm sind." 45 „Dann kann Io konaiä 8llbt>I gehen," versetzte der Läufer, indem er eine kleine Reisetasche von der Stelle, wo sie zu seinen Füßen lag, kaltblütig anfhob; „und die Blaßgesichter werden nur Leute ihrer eigenen Farbe sehen." „Gehen? Wen nennst du Io Konoid?" „Diesen Namen haben seine Canadischen Väter Magna gegeben," antwortete der Läufer mit einer Miene, welche bewies, daß er auf diese Auszeichnung stolz war. „Nacht und Tag sind für Subtil gleich, wenn Munro auf ihn wartet." „Was will Io Kon»,,! Subtil dem Befehlshaber von William , Henry von seinen Töchtern melden? Wird er es wagen, dem hitzköpfigen Schottländer zu sagen, daß er seine Kinder ohne Führer gelassen habe, obgleich Magna ihnen einer zu seyn versprach?" „Der Graukopf hat eine laute Stimme und eine» langen Arm, aber wird jene Io kenn,->I in den Wäldern hören, oder diesen fühlen?" „Aber was werden dieMohawkssagen! Sie werdenihmeinenWei- bevrock machen und ihn heißen im Wigwam bei den Weibern bleiben: denn nicht länger kann man ihm das Geschäft eines Mannes anvertrauen!" „4,Jetzt spricht Major Heyward, wie Major Heyward sollte," sagte Cora; „wer gedenkt der Farbe der Haut,, wenn er diesen Sohn der Natur betrachtet?" Ein kurzes und anscheinend verlegenes Stillschweigen folgte auf 62 diese Bemerkung. Es wurde von dem Kundschafter unterbrochen, der ihnen laut zurief, in die Hohle zn treten. „Das Feuer säugt an, hell aufzuflammen," fuhr er fort, als sie seiner Aufforderung folgten,' „und könnte den Mingos zu unserem Verderben leuchten, llucas, laß den Vorhang herab und zeig' den Schelmen die finstere Seite. Das ist freilich kein Essen, wie cs ein Major der königlichen Amerikaner zu erwarten berechtigt ist; aber ich Hab' schon kühne Detachements gesehen, welche froh waren, wenn sie ihr Wildpret roh und ohne Zuthat essen durften. ^ Hier haben wir, wie Ihr seht, eine Fülle Salzes, und das Fleisch ist bald gebraten. Da sind frische Sassafraszweige für die Ladies, um darauf zu sitzen, vielleicht nicht so stattlich als ihre My-Hog-Guineascssel, ^ aber lieblicher duftend, als die Haut eines Schweines, sey's von Guinea oder einem andern Land. Kommt, Frcnnd, seyd nicht so traurig ob dem Füllen, 's war ein unschuldiges Ding und hat nicht viel Trübsal erlebt. Sein Tod erspart ihm manchen wunden Rücken und manchen müden Fuß." llucas that, wie ihm der Andere befohlen hatte, und sobald Hawk-cye's Stimme verstummte, scholl das Brausen des Wasserfalls wie das Dröhnen eines entfernten Donners. „Sind wir ganz sicher in dieser Höhle?" fragte Heyward. „Ist kein Ileberfall zu befürchten? Ein einziger bewaffneter Mann an dem Eingang hätte uns alle in seiner Gewalt." Eine geisterähnliche Gestalt schritt aus der Finsterniß hinter * In der Volkssprache wirb die Zuthat ober Würze beS Mahls von dem Amerikaner relisle genannt, indem er die Wirkung statt der Sache seht. Diese ProrinzialauSdrücke werden den Sprechenden ost je nach den verschiedenen LebenSverhältnisseu in den Mund, gelegt. Die meisten sind desondcrn Gegenden, andere besonder» Menschcnklasscn, die gerade ans. treten, eigenthümlich. Zm gegenwärtigen Falle gebraucht der Kundschafter das Wort in unmittelbarer Beziehung ans das Salz, mit dem seine Gesellschaft das Glück hatte, versehen zu sevn. ** Ein unübersetzbares Wortspiel mit Mahoganh, Mahagonhholz, da lu>x im englischen Schwein bedeutet. , Anm. d. U. 63 dem Kundschafter hervor, ergriff einen Fichtcnbrand und hielt ihn gegen das entferntere Ende ihres Verstecks. Aliee stieß einen schwachen Angstruf aus und selbst Cora sprang auf, als dieser schreckhafte Gegenstand mehr in das Licht trat. Hcyward aber beruhigte sie mit der Versicherung, daß es blos ihr Begleiter Chingachgook sey, der, einen zweiten Vorhang hebend, zeigte, daß die Höhle zwei Ausgänge hatte. Dieser schritt, den Feuerbrand in der Hand, durch eine enge tiefe Spalte in dem Felsen, die mit dem Gang, in welchem sie waren, in einen rechten Winkel zusammenlief, aber nicht, wie dieser zur Seite, sondern nach oben offen war und in eine andere Höhle führte, der Beschreibung der erster» in allem Wesentlichen entsprechend. „So alte Füchse, wie Chingachgook und ich, lassen sich nicht leicht in einem Bau mit einem Ansgange fangen," bemerkte Hawk- cye lachend; „2hr könnet leicht absehen, wie klug Alles eingerichtet ist — der Felsen schwarzer Kalkstein, der bekanntlich sehr weich ist und kein unbequemes Lager gewährt, wo Gestrüpp und Nadelholz selten sind. Der Wasserfall war früher einige Schritte unter uns, und ich darf wohl sagen, seiner Zeit so regelmäßig und schön, als nur irgend einer längs des Hudson zu finden ist. Aber Alter richtet in der Schönheit arge Verwüstungen an, wie diese lieblichen Ladies selbst noch erfahren werden. Der Platz hat eine traurige Umwandlung erlitten. Diese Felsen sind voll Risse nnd an einzelnen Stellen weicher als an andern. Das Wasser hat sich nun tiefe Höhlen gegraben, ist um einige hundert Fuß zurückgetrctcn, bald hier etwas ansetzend, bald dort etwas nehmend, bis die Fälle weder Form noch Bestand mehr hatten." „In welchem Theile davon sind wir?" fragte Heyward. „Nun wir sind nahe bei der Stelle, wo die Vorsehung zuerst sie hinvcrlcgt hat, wo sie aber durchaus nicht mehr bleiben wollten. Der Felsen wurde auf beiden Seiten von nns weicher und so ließ das Wasser die Mitte des Flußes trocken liegen und bohrte zuerst diese zwei kleinen Höhlen zu Verstecken für uns aus." 64 „So sind wir denn ans einer Insel?" „Freilich, zu beiden Seiten haben wir die Wasserfälle und über und unter uns den Fluß. Wenn wir Tag hätten, so würde sich's verlohnen, auf die Höhe dieses Felsens zu treten und das wunderliche Treiben des Wassers mitanznsehen. Es fällt ganz regellos: oft springt es empor, dann stürzt es wieder hinab : da hüpft, dort schießt es; an einer Stelle ist es weiß wie Schnee, an einer andern grün wie das Gras; hier stürzt es in tiefe Höhlen, daß die Erde rumort und erzittert, dort rieselt und singt es, wie ein Bach, macht Wirbel und Strudel in dem alten Gestein, als ob es nicht härter, denn getretener Lehmboden wäre. Der ganze Laus des Flußes scheint jetzt in'S Stocken gerathen zu seyn: erst stießt er ganz sänftlich, als wollt' er, wie sich's sonst ziemt, abwärts, dann macht er rechtsum und stößt an das Ufer, au einzelnen Stellen sogar möcht' er wieder rückwärts, als wollt' er die Wildnifi nicht verlassen, unr sich mit dem Salzwasser zu vermischen. Ja, Lady, das feine Spinn- geweb, das Ihr am Halse tragt, ist grob .wie ein Fischernetz gegen die vielerlei Bilderchen, die er an manchen Orten, wie ich Euch zeigen kann, künstelt, als ob er, einmal der Ordnung entronnen, seine Kunst an Allem versuchen wollte. Und doch auf was läuft Alles hinaus? Hat das Wasser eine Weile, wie ein verzogenes Kind, seinen Willen gehabt, so sammelt cs wieder dieselbe Hand, die. es erschaffen, und eine kleine Strecke unter Euch könnt Ihr sehen, wie es hübsch ordentlich der See zufliestt, als wär's ihm so von Anbeginn der Welt bcschiedcn gewesen." Als Hawk-eye's Zuhörer aus dessen kunstloser Beschreibung des Glenn ^ über die Sicherheit ihres Bsrstecks Gewißheit erhalten, » Glenn'S Wasserfälle finden sich an dem Hudson'ctlichc vierzig oder fünf, zigsenglische) Meilen über dem großen Fluß, oder dem Ort, wo der Fluß für Schaluppen schiffbar wird. Die Beschreibung dieses pittoresken und merkwürdigen kleinen Wasserfalls, Wieste von dem Kundschafter gegeben wird, iss ziemlich richtig, obgleich die Verwendung des Wassers zu Diensten des eivilistrten Lebens seine Schönheiten wesentlich beeinträchtigt hat. 65 waren sie sehr geneigt, verschieden über seine wilden Schönheiten zu urtheilcn. Cie waren aber nicht in der Stimmung, mit ihren Gedanken lange bei den Reizen von Naturgegenständen zu verweilen; und da der Kundschafter'es nicht für nöthig hielt, während seines Vortrags seine Küchengeschäfte einzustellen, obgleich er hin und wieder mit seiner zerbrochenen Gabel auf besonders gefährliche Stellen des rebellischen Flußes hindeutete, so ließen sie jetzt ihre Aufmerksamkeit auf die nothwendige, wenn gleich gemeinere Betrachtung ihres Abendmahles gerichtet seyn. Das Mahl, welches durch die Beigabe einiger Leckerbissen, welche Hcyward die Vorsicht gehabt hatte mitzunehmen, als sie die Pferde verließen, bedeutend unterstützt wurde, war für die ermüdete Gesellschaft sehr erquickend. Nncas bediente die Damen und verrichtete alle die kleinen Dienste, die in seiner Macht standen, mit einer Mischung von Würde und Aengstlichkeit, welche Heyward sehr belustigte, da er wußte, daß dies eine ungewöhnliche Abweichung von den indianischen Sitten war, welche einem Krieger verbieten, sich zu einem häuslichen Geschäfte, besonders zu Gunsten der Weiber, herabzu- laffen. Da jedoch die Gebräuche der Gastfreundschaft unter ihnen als heilig angesehen wurden, so erregte dieses theilwcise Verlängncn der Würde des Mannes keinen hörbaren Tadel. Hätte Einer gehörig Muße gehabt, um aufmerksam zu beobachten, so würde er gefunden habe», daß die Dienste des jungen Häuptlings nicht ganz unyar- theiisch waren; daß, während er Alice die Kürbißflaschc mit süßem Das Felsenciland und die zwei Höhlen sind jedem Reisenden wohlbekannt, da erstereS den Pfeiler einer Brücke trägt, die jetzt unmittelbar oberhalb des Falles über den Fluß führt, lim sich Hawk-eve's Geschmack zu er- klären, muß inan sich erinnern, daß man immer das am meisten schätzt, was man am wenigsten genießt. So sucht man in einem neuen Lande sich der Wälder und dergleichen, die i- einem alten Lande mit großen Kosten crhaten werden, zu entledigen ; zu dem bloßen Zwecke einer Verbesserung liwxrorinx), wie man es nennt. Der letzte Mohikan. S 66 Wasser reichte, das Wilderet auf einem aus der Wurzel des Pfeffer- baums niedlich geschnitzte» Teller darbot und mit gebührender Höflichkeit ihrer Schwester die gleichen Dienste that, sein dunkles Auge auf Eova's ausdrucksvollen Gestchtszügcn verweilte. Ein- oder zweimal sah er sich veranlaßt, zu sprechen, um die Aufmerksamkeit derer, die er bediente, rege zu machen. In solchen Fällen gebrauchte er das Englische, zwar gebrochen und mangelhaft, aber verständlich genug und durch seine tiefe Kchlstimme so mild und wohlklingend, daß beide Damen jedesnial mit Bewunderung und Erstaunen auf ihn blickten. Im Verlaufe dieser Hvflichkcitsbezcugungen wurden einige Worte gewechselt, welche nicht verfehlten, ihrem Verkehr den Anschein freundlicher Zutraulichkeit zu geben. Mittlerweile blieb Chingachgook's Ernst sich immer gleich. Er hatte sich mehr in den Bereich des Lichtes gesetzt, wo die häufigen, unruhigen Blicke seiner Gäste besser im Stande waren, den natürlichen Ausdruck seines Gesichtes von dessen künstliche» Schreckcnszügen zu trennen. Sie fanden eine große Aehnlichkcit zwischen Vater und Sohn, nur mit dem Unterschied, welchen Alter und Anstrengungen erwarten ließen. Das Wilde seiner Züge schien zu schlummern, und jener ausdruckslosern Ruhe zu weichen, die einem indianischen Krieger eigenthümlich ist, wenn seine Geisteskräfte nicht für höhere Lebenszwecke in Anspruch genommen sind. An den gelegentlichen Blitzen, die über sein dunkles Gesicht hinfuhren, war jedoch leicht zu ersehen, daß es nur ga't, seine Leidenschaften zu wecken, um dem schreckhaften Emblem, das er gewählt hatte, seine Feinde in Furcht zu setzen, seine volle Bedeutung zu geben. Auf der andern Seite ruhte das lebhafte, nnstäte Auge des Kundschafters nur selten. Er aß und trank zwar mit einer Lust, die keine Furcht vor Gefahr zu stören vermochte, aber seine Wachsamkeit schien ihn nie zu verlassen. Sehr oft mußte die Kürbißflasche, oder das Wildpret, vor seinem Munde angelangt, warten, während er den Kopf bei Seite wendete, als ob er auf entfernte, verdächtige Laute horchte — eine Bewegung, 67 die nie verfehlte, seine Gäste von der Betrachtung ihrer neuen Lage ab und zu der beunruhigenden Veranlassung derselben zurückznrufen. Da auf diese häufigen Pausen nie eine Bemerkung folgte, so ging die augenblickliche Unruhe vorüber und ward in einer Weile vergessen. „Kommt, Freund," sprach Hawk-eye, indem er gegen das Ende des Mahls eine Tonne unter einer Decke von Laub hervorzog und sich an den Fremden, der ihm zur Seite saß und seiner Kochkunst volle Gerechtigkeit widerfahren ließ, mit den Worten wandte: „versucht einmal dies Sproffenbier, ^ es spült euch alle Gedanken an das Füllen hinweg und facht das Leben in euerm Busen wieder an. Ich trinke auf bessere Freundschaft und hoffe, daß das Bischen Pferdefleisch keinen Groll in eurem Herzen zurücklaffeu wird. Wie nennt Ihr euch?" „Gamut, ns David Gamut," antwortete der Singmeister, indem er sich anschickte, in einem kräftigen Zug aus des Waidmanns stark-duftender, wohlverspundeter Biertonne seinen Kummer hinabzuwaschen. „Ein sehr guter Name, und ich darf wohl sagen, von rechtlichen Vorfahren ererbt. Ich bin ein Bewunderer von Namen, obgleich die christlichen Gebräuche alle hinter der Sitte der Wilden, zurückstehen müßeu. Die feigste Memme, die ich kennen lernte, hieß Lion (Löwe), und sein Weib, Patience (Geduld), schalt Euch eher aus dem Feld, als ein gehetztes Wild eine Ruthe weit laufen konnte. Bei dem Indianer ist es Gewissenssache: wie er sich nennt, so ist er auch gemeiniglich — nicht als ob Chingachgook, das eine große Schlange bedeutet, wirklich eine große oder kleine Schlange wäre, sondern daß er sich auf die Windungen und Krümmungen der menschlichen Natur versteht, schweigt und seine Feinde trifft, wenn sie sich dessen am wenigsten versehen. Was ist euer Beruf?" * Ein amerikanisches Bier, zu dem man unter anderem die Sprossen der Pechtanne »ahm. Anm. d. lieh. ** Tonleiter, Scala. S* 68 „Ich bin ein unwürdiger Lehrer in der Kunst, die Psalmen abzusingen." „Das wäre!" „Ich ertheile den Kindern der Conuecticuter Landwehr Unterricht im Singen." „Da könntet Ihr eine bessere Beschäftigung finden. Die jungen Hunde stöbern bereits zu viel lachend und singend durch die Wälder, wo sie nicht lauter athmen sollten, als der Fuchs in seinem Baue. Versteht Ihr euch auf's Fechten, oder handhabt Ihr die Büchse?" „Gott sey Dank, noch nie hatte ich Gelegenheit, mit Mordinstrumenten nmzugch en." „Vielleicht versteht Ihr euch auf den Compaß und könnet die Lanke der Gewässer und die Richtungen der Gebirge zu Papier bringen, damit Diejenigen, welche Nachkommen, die Plätze wieder finden, die Ihr angegeben habt?" „Ich treibe nichts dergleichen." „Ihr habt 'n Paar Beine, die einen langen Weg verkürzen dürften! Ihr reiset, denk' ich mir, oft mit Nachrichten zu dem General." „Nie; ich folge keinem andern, als meinem eigenen hohen Berufe, und der ist, Unterricht in der heiligen Musik zu ertheilen." „Ein seltsamer Beruf!" murmelte Hawk-eye, in sich hineinlachend, „wie ein Spottvogel durch's Leben zu gehen, und alle Auf und Nieder, die aus andrer Leute Kehlen kommen, zu bekritteln. Gut, Freund, ich denke, Ihr habt 'mal 'ne Schneide dafür, und das muß so gut gelten, als wenn's fürs Schießen, oder sonst was Besseres wäre. Laßt uns hören, was Ihr darin zu leisten vermögct; 's wird 'ne freundliche Weise seyn, gute Nacht zu sagen: denn es ist Zeit, daß die Ladies da sich für 'ne harte, lange Tour am frühesten Morgen, eh' noch die Maguas sich rühren, Kräfte sammeln. „Mit höchster Freude stimm' ich ein," versetzte David, indem er seine cisenbercifte Brille zurecht machte, sei» geliebtes Büchlein hervorthat und Alice bot. „Was kann passender und tröstlicher scyn, als nach einem so gefahrvollen Tage seinen Abenddank Gott darzubringen." Alice lächelte; doch erröthete und zögerte ste, indem ste einen Blick auf Heyward warf. „Thun Sie 's immerhin!" finsterte er; „sollte nicht die Aufforderung von» des Psalmisten würdigem Namensbruder in solch einem Augenblicke Gewicht bei Ihnen haben?" Ermnthigt durch seine Zustimmung that Alice, wozu ste ihre frommcn Neigungen und ihre Vorliebe für sanfte Töne zuvor schon so stark gedrungen hatten. Das Buch ward bei einer Hymne auf- geschlagen, die für ihre Lage nicht übel paßte, und wo der Dichter seinen Wunsch,, den begeisterten König Israels zu übertreffen, unterdrückend, eine reinere und ehrwürdige Kraft entwickelt hatte. Cora fühlte Neigung, ihre Schwester zu unterstützen, und der heilige Gesang begann, nachdem der schulgcrechte David als unerläßliche Vorbedingung mit der Pfeife den Ton angegeben hatte. Die Weise war feierlich und langsam. Bisweilen erhob sic sich zu dem vollsten Umfang der reichen Stimmen der Frauen, welche über ihrem kleinen Buche in heiliger Andacht hingen, und sank dann wieder so tief, daß das Rauschen des Wassers wie eine dumpfe Begleitung ihre Melodie durchzog. Der natürliche Geschmack und das gute Ohr Davids leitete und ermäßigte die Töne nach dem beschränkten Raume der Höhle, wo jede Spalte, jeder Riß von den durchdringenden Tönen ihrer biegsamen Stimmen erfüllt ward. Die Indianer hefteten ihre Augen auf die Felsen und horchten mit einer Aufmerksamkeit, als ob sie in Stein verwandelt wären. Die harten Gestchtszüge des Kundschafters, der, sei» Kinn auf die Hand gestützt, mit dem Ausdruck kalter Gleichgültigkeit dagcseffen hatte, wurden' allmählig milder, bis er, als nun Vers auf Vers sich folgten, seine eiserne Natur bewältigt fühlte, und seine Erinnerungen ihn in die Knabenjahre zurückversetzten, wo seine Ohren in den Pflanzungen der Kolonie gewohnt waren, ähnliche Lobgesänge zu vernehmen. Sein Auge begann sich zu feuchten; Heise Thronen rollten aus diesen, wie es schien, schon so lange trockenen Qeullen und folgten einander über jene Wangen herab, die oster Zeugen von den Stürmen des Himmels, als von einer solchen Rührung gewesen waren. Die Sänger hielten eben einen jener tiefen, dahinsterbenden Akkorde aus, welche das Ohr mit so gierigem Entzücken verschlingt, als ob cs wüste, das es sie alsbald verlieren werde, da lies sich in der äußern Lust ein Schrei vernehmen, der weder menschlichen noch überhaupt irdischen Ursprungs zu seyn schien, und nicht blos die Winkel der Höhle, sondern selbst die innersten Herzen Aller, die ihn vernahmen, durchdrang. Ihm folgte eine so tiefe Stille, als ob die Wasser durch eine so gräßliche und ungewohnte Unterbrechung in ihrem tobenden Laufe gehemmt worden wären. „Was ist das?" flüsterte Alice nach einigen Augenblicken schrecklicher Ungewißheit. „Was ist das?" wiederholte Heyward laut. Weder Hawk-eye noch die Indianer gaben eine Antwort. Sie horchten, als erwarteten sie, daß der Laut sich wiederholen würde, auf eine Weise, die ihr eigenes Erstaunen ausdrückte. Endlich unterhielten sic sich ernstlich in der delawarischen Mundart, und Uncas verließ, durch die innere und verborgenste Oeffnung schreitend, vorsichtig die Höhle. Als er fort war, sprach der Kundschafter erst in englischer Sprache: „Was es ist, oder nicht ist, kann keiner hier sagen, obgleich zwei von uns die Wälder mehr denn dreißig Jahre durchzogen haben. Ich glaubte, es gäbe keinen Schrei, den ein Indianer oder «in Thier ausstoßen könne, welchen mein Ohr nicht schon vernommen hätte, dieser Ton aber hat bewiesen, daß ich nur ei» eitler, eingebildeter Mensch gewesen bin!" „War es denn nicht das Geschrei, das die Krieger erheben, wenn sie ihre Feinde zu schrecken wünschen?" fragte Tora, die da 71 stand und ihren Schleier um sich schlug, mit einer Ruhe, deren ihre bestürzte Schwester völlig unfähig war. „Nein, nein, das war ein schlimmes, ein erschreckliches Geschrei und tönte wie übermenschlich; wenn Ihr einmal den Schlachtruf hört, so werdet Ihr ihn nimmer mit was Anderem verwechseln! Nun, Nncas," fragte er den jungen Häuptling, welcher wieder in die Höhle trat, „was siehst du? Scheinen unsre Lichter durch die Vorhänge?" Die Antwort war kurz und scheinbar entschiede», erfolgte aber in derselben Sprache „Da draußen ist nichts zu sehen," fuhr Hawk-eye fort, indem er ärgerlich den Kopf schüttelte, „und unser Versteck liegt noch in Finsterniß! Geht in die andere Höhle, und sucht den Schlaf, Ihr, die ihr dessen bedürft. Lange ehe die Sonne aufgeht, müßen wir auf den Beinen sehn, und den größten Theil des Wegs nach Edward hinter uns kriegen, während die Indianer noch ihre Morgenruhe halten." Kora ging mit gutem Beispiele voran und zwar mit einer Festigkeit, welche die furchtsamere Alice von der Nothwcndigkeit zu folgen überzeugte. Ehe sie sich jedoch fortbegab, flüsterte sie Dnncan die Bitte zu, daß er ihnen folge» möchte. Uncas hob den Vorhang, um sie durchzulasscn, und als die Schwestern sich umwcndeten, um ihm für diese Aufmerksamkeit zu danken, sahen sie, wie der Kundschafter wieder, sein Gesicht auf die Hände gestützt, vor der erlöschenden Gluthasche saß, in einer Stellung, welche verrieth, wie tief er über die unerklärliche Unterbrechung ihrer Abendandacht brütete. Heyward nahm einen Brand mit sich, der ^cin düsteres Licht durch die engen Räume ihres neuen Gemaches warf. Nachdem er ihn an einer vortheilhaftcn Stelle aufgesteckt hatte, trat er zu den Damen, welche jetzt, seitdem sie die freundlichen Bollwerke von Fort Edward verlassen hatten, sich znm ersten Male mit ihm allein befanden. „Verlassen Sie uns nicht, Duncan," sprach Alice; „wir können an einem Platz, wie dieser ist, nicht schlafen, da der schreckliche Schrei uns immer noch in den Ohren tönt " 72 „Zuerst wollen wir die Sicherheit unserer Feste untersuchen," antwortete er, „und dann vom llebrigen sprechen." Er näherte sich am entfernteren Ende der Höhle einem Ausgang, der,'wie die andern, durch eine dicke Decke verborgen war, und athmctc, diese hinwegschiebend, die frische und belebende Lust des Wasserfalls. Ein Arm des Flusses floß durch eine tiefe, enge Schlucht, welche die Strömung gerade unter seinen Füßen durch den weichen Felsen gegraben hatte, und die, wie er glaubte, von dieser Seite den Ort gegen jede Gefahr vcrtheidigte, da das Wasser nur wenige Ruthen über ihnen mit größtem Ungestüm von Absatz zu Absatz schimmernd herabstürzte und Alles mit sich sortreißen mnßte. „Die Natur hat auf dieser Seite ein undurchdringliches Bollwerk gebildet," fuhr er fort, indem er auf den senkrechten Absturz in die dunkle Strömung hinabwies, bevor er den Vorhang fallen ließ; „und da Sie wissen, daß rechtliche, zuvcrläßige Männer auf der Vorderseite Wache halten, so sehe ich nicht ein, warum der Rath unsres ehrlichen Gastfrenndcs nicht befolgt werden sollte. Jch bin gewiß, Eora wird mir beistimmen, daß der Schlaf Ihnen beiden höchst nothwendig ist." „Eora wird die Nichtigkeit Ihrer Ansicht zugeben, aber sie kann sie nicht in Anwendung bringen," entgcgnete die ältere Schwester, welche sich neben Alice auf ein Lager von Sassafras niedergelassen hatte; „es gäbe noch andere Dinge, die uns den Schlaf verscheuchen, wenn wir auch von dem Schrecken des unerklärlichen Schreies verschont geblieben wären. Fragen Sie sich selbst, Heyward, können Töchter sich aus dem Sinne schlagen, welche Angst einen Vater peinigen muß, dessen Kinder in einer solchen Wildniß, er weiß nicht wo und wie, umherirrcn und von so vielen Gefahren umgeben sind?" „Er ist Soldat, und weiß, was Einem in den Wäldern alles begegnen kann." 73 „Aber er ist Vater und die Natur verläugnct ihre Rechte nie." „Wie nachsichtig er immer gegen all meine Thorheitcn gewesen ist! Mit welcher Zärtlichkeit er allen meinen Wünschen willfahrte!" seufzte Alice. „Es war selbstsüchtig von uns, Schwester, daß wir unter solchen Gefahren auf unsrem Besuche bestanden." „Es war vielleicht unbesonnen von mir, daß ich im Angenblick solcher Bedrängniß so dringend um seine Einwilligung bat; ich wollte ihm aber zeigen, daß, wie auch andere in seiner Noth ihn vernach- läßigen mögen, seine Kinder wenigstens mit Treue an ihm hängen." „Als er von Ihrer Ankunft im Fort Edward hörte," sprach Heyward freundlich, „kämpfte es gewaltig in seinem Busen zwischen Furcht und Liebe; aber letztere, durch eine so lange Trennung wo möglich noch erhöht, gewann bald die Oberhand. ,Der Geist meiner hochsinnigen Cora treibt sie, Duncan, sprach er, ich will nicht dawider sein/ Wollte Gott, daß er, der die Ehre unsres königlichen Gebieters hier zu schirmen hat, nur halb so viel Festigkeit besäße!" „Und sprach er nicht auch von mir, Heyward?" fragte Alice mit der Eifersucht der Liebe. „Gewiß hat er seine kleine Elsie nicht ganz vergessen." „Das wäre unmöglich," versetzte der junge Mann, „er gebrauchte tausend Licbkosungswörter, die ich nachzusprechen mir nicht herauSnchme, deren Gerechtigkeit ich aber von Herzen erkenne. Einmal sagte er fürwahr —" Duncan sprach nicht weiter: denn während seine Blicke auf Alicens Augen geheftet waren, die sich mit der Innigkeit kindlicher Liebe zu ihm gewendet hatte, um seine Worte zu erhaschen, erfüllte derselbe starke, gräßliche Schrei, wie zuvor, die Luft und machte ihn verstummen. Ein langes athemloses Stillschweigen folgte, während dessen sie einander anblickten, in ängstlicher Erwartung, daß der Ton sich wiederholen werde. Endlich hob sich langsam die Decke, l ' , »nd der Kundschafter stand in der Oeffnung mit einer Miene, deren Festigkeit sichtlich vor einem Geheimnisse wich, welches sie mit einer Gefahr zu bedrohen schien, gegen die seine List nnd Erfahrung nicht ausreichen mochte. Siebentes Kapitel. -- Sie schlafen nickt. Auf jenen Klirren dort sed' ich Die schauerliche Rotte sitzen. Gran. »Es hieße einer zu unserer Rettung gegebenen Warnung nicht folgen," sprach Hawk-eye, »wenn wir länger in dem Verstecke blieben, während sich solche Töne in dem Walde hören lassen. Die zarten Frauen mögen beisammen bleiben; aber die Mohikaner nnd ich wollen auf dem Felsen Wache halten, wo uns, wie ich vermnthe, ein Major vom sechzigsten Regiment Gesellschaft zu leisten wünschen wird." „Ist denn die Gefahr so dringend?" fragte Eora. »Er, der so seltsame Laute schafft nnd sie dem Menschen zur Warnung gibt, kennt allein unsere Gefahr. Gottloses Auflehnen Hegen seinen Willen wäre es, wollte ich bei solchen Warnungen in der Lust mich in eine Höhle verkriechen. Selbst die schwache Seele, die ihre Tage versingt, ist durch den Schrei anfgcstört worden: der Singmeister sagt, er sey bereit, in die Schlacht zu gehe». Wenn's nur Ke Schlacht wäre, so verstünden wir uns alle darauf nnd würden leicht zu Recht kommen; ich ließ mir aber sagen, wenn solche Tone .sich zwischen Himmel nnd Erde vernehmen ließen, so denk" es auf eine andere Art von Krieg." »Wenn all' unsere Gründe zur Furcht, mein Freund, sich nur auf Nebernatürlicheö beschränken, so dürfen wir uns darob nicht so 75 sehr beunruhigen," versetzte die unerschrockene Eora; „seyd ihr gewiß, daß unsere Feinde kein neues, sinnreiches Mittel gefunden haben, uns HN schrecken, um sich den Sieg zu erleichtern?" „Lady," sprach der Kundschafter feierlich, „ich habe seit dreißig Jahren auf alle Töne in den Wäldern gehört, als ein Mann, dessen beben und Tod von der Schärfe seines Ohrs abhängt. Kein Winseln des Panthers, kein Pfeifen der Spottdrossel, keine Erfindung der teuflischen Mingos kann mich berücken! Ich hörte die Wälder wehklagen, wie sterbliche Menschen in großen Nöthen; oft habe ich -der Musik des Windes gelauscht, wie er in de» verschlungenen Resten der Bäume sauste: habe den Blitzstrahl durch die Lüste krachen hören gleich dem brennenden Holzstoß, der Funken nnd gezackte Flammen spie; nimmer aber Hab ich geglaubt, daß ich Anderes hörte, als Ihn, der mit den Werken seiner Hände spielt. Aber weder die Mohikaner noch ich, der ich ein Weißer von reiner Abkunft bin, vermag den so eben vernommenen Ton zu erklären. Wir glauben deshalb, daß cs eine Weisung zu unserem Heile ist." „Etwas Außerordentliches ist es," sprach Hepward, seine Pistolen von der Stelle nehmend, wohin er sie bei seinem Eintritt gelegt hatte, „mag es nun ein Zeichen des Friedens oder des Krieges seyn, man muß darauf achten. Geht voran, mein Freund, ich folge euch." Ans ihrem Verstecke tretend, fühlten Alle sogleich die wohl- thätige Stärkung ihres Geistes, indem sic die eingeschlossene Luft der Höhle mit der kühlen, stählenden Atmosphäre vertauschten, welche um die Wirbel nnd Spitzen des Wasserfalles säuselte. Ein starker Abendwind schwebte über der Oberfläche des Flusses und schien das Brausen der Wasserfälle in die Winkel ihrer eigenen Höhlen zu treiben, aus denen es schwer und nnunterbrochen gleich dem rollenden Donner hinter entfernten Hügeln wiedertönte. Der Mond war anfgegangcn und sein Licht schimmerte bereits hie und da auf die Gewässer über ihnen. Der untere Theil des Felsens aber, wo sie 76 standen, lag noch im Schatten. Außer den Tönen, welche die her- abflürzenden Wasser hervorbrachten, und einem gelegentlichen Luftstoß, der an ihnen vorüber fuhr, war d.'e Scene noch so ruhig, als Nacht und Finstcrniß sie machen konnten. Vergeblich waren Aller Augen auf die entgegengesetzten Ufer gerichtet, um einige Lebenszeichen zu suchen, welche die Ursache der vernommenen Unterbrechung erklären konnten. Aber ihre ängstlich forschenden Blicke täuschte das trügerische Licht, oder fielen sie blos auf nackten Felsen und hohen, unbeweglichen Bäumen. „Hier ist nichts zu sehen als das Dunkel und die Ruhe einer lieblichen Nacht," flüsterte Duncan. „Wie sehr würden wir in jedem andern Augenblick eine solche Scene in ihrer athemloscn Einsamkeit bewundern, Cvra! Stellen Sie sich vor, Sie w'ren in Sicherheit und das, was jetzt vielleicht Ihren Schrecken vermehrt, dürfte vielleicht Ihren Genuß erhöhen!" — „Horcht!" unterbrach Alice. Die Aufforderung war unnöthig. Noch einmal erscholl derselbe Laut, als ob er aus dem Flußbette käme und aus den engen Klüften der Klippen brechend durch die Wälder in entfernten und dahin sterbenden Cadenzen fortwogte. „Kann einer," fragte Hawk-eye, als sich das letzte Echo in den Wäldern verlor, „einem solchen Ton einen Namen geben, so spreche er: ich für meinen Theil glaube, daß er nicht der Erde angehört." „Hier ist Jemand, der euch enttäuschen kann," sprach Duncan: „mir ist der Ton recht wohl bekannt, oft Hab ich ihn auf dem Schlachtfeld gehört, und in Lagen, die sich im Soldatenleben nicht selten wiederholen. Es ist der schreckliche Angstschrei eines Pferde» in dem Todeskampf, oft durch Schmerz, zuweilen durch Angst ihm ausgepreßt. Mein Pferd ist entweder in den Krallen der Bestien des Waldes, oder sieht es die Gefahr, ohne ihr entrinne» zu können. Der Ton konnte mich täuschen, so lange ich in der 77 Höhle war, aber hier in freier Lust erkenne ich ihn zu gut, um mich zu irren." Der Kundschafter und seine Gefährten hörten dieser einfachen Erklärung mit der Aufmerksamkeit von Leuten zu, die eine neue Idee begierig auffassen, zugleich aber der alten, die ihnen unangenehm wird, sich noch nicht entschlagen können. Die beiden Letzter» stießen ihr gewöhnliches, ausdruckvolles „Hugh!" aus, als die Wahrheit des Gesagten ihnen einzuleuchten anfing, während der Erstere nach kurzem Nachdenken antwortete: „Ich kann euer» Worten nicht widersprechen, denn ich verstehe mich wenig auf Pferde, obgleich ich in einem Lande geboren bin wo man sie in Menge findet. Die Wölfe müssen über ihren Köpfen am Ufer umherschwärmen, und die furchtsamen Geschöpfe rufen den Menschen um Hülfe an, so gut sic können. „Uncas" — hier sprach er delawarisch— „fahr' mit dem Eanoc hinunter und wirf einen Feuerbrand unter das Pack: sonst thut die Furcht, was die Wölfe nicht thun können, und wir haben morgen keine Pferde, wo wir sie am nüihigsten brauchen, um unsere Reise möglichst zu beschleunigen." Der junge Eingeborne war schon an das Wasser hinabgestiegen, um seinem Befehle zu folgen, als ein langes Geheul vom Ufer des Flusses sich hören ließ und sich schnell in die Tiefen des Waldes entfernte, als ob die Raubthiere, von plötzlichem Schrecken ergriffen, ihre Beute freiwillig im Stiche ließen. Uncas kam mit instinkt- mäßiger Eile zurück, und die drei Waldbewohncr hielten wieder leise ihre ernstliche Bcrathung. „Es ging uns, wie den Jägern, welche die Richtungspunkte am Himmel verloren, und vor denen sich die Sonne den ganzen Tag verborgen hatte," sprach Hawk-epe, von seinen Gefährten sich abwendend. »Jetzt fangen wir wieder an die Kennzeichen unseres Weges zu gewahren, und die Pfade sind von Dornen gereinigt. Setzt 78 euch in den Schotten, welchen der Mond von jenem Ufer her wirft — er ist dunkler als der von den Fichten —- und laßt uns erwarten, was dem Herrn gefallen wird, über uns zn verfügen. Wir wollen einander mir noch znflüstern, und vielleicht wäre es noch besser, wenn jeder eine Weile sich nur mit seinen eigenen Gedanken unterhielte." In dem Tone des Kundschafters lag hoher Ernst, aber ohne länger ein Zeichen unmännlicher Furcht zu verrathen. Offenbar war seine augenblickliche Schwäche mit der Erklärung des Wunders, das seine eigene Erfahrung nicht ergründen konnte, verschwunden, und wenn er auch die Gefahr ihrer jetzigen Lage wohl erkannte, so war er doch bereit, ihr mit der ganzen Energie seines entschlossenen Charakters Trotz zu biete». Dies Gefühl schienen auch die Einge- bornen zn theilen: sic setzten sich so, daß sie beide Ufer überschauen konnten, während sie selbst der Beobachtung aus der Ferne entzogen waren. Unter solchen Umständen verlangte die gewöhnliche Klugheit Heywards und seiner Begleiter, eine Borsicht nachzuah- men, die ans einer so verständigen Quelle floß. Der jiinge Mann holte aus der Höhle ein Bündel Sassafras, legte es in die Felsenspalte, welche sich zwischen beiden Höhlen befand, und hieß die Schwestern sich darauf niedeplaffen, die so durch die Felsen vor jederlei Geschoß geschützt waren, während man ihre Besorgnisse durch die Versicherung hob, daß keine Gefahr ohne vorherige Warnung herannahen könne. Hepward selbst stellte sich in ihre Nähe, so daß er mit ihnen sprechen konnte, ohne seine Stimme aüf eine gefährliche Höhe zu erheben, während David, dem Beispiele der Waldmänner folgend, seine Person in den Spalten der Felsen auf eine solche Weise nntcr- brachte, daß seine unförmlichen Gliedmaßen dem Auge nicht länger anstößig waren. So vergingen mehrere Stunden ohne weitere Unterbrechung. Der Mond erreichte sein Zenith und goß sein mildes Licht auf die lieblichen Gesichter der Schwestern, die einander in den Armen 79 entschlummert waren. Dunean warf den weiten Shawl Evra's über ein Schauspiel, das er so gerne betrachtete, und suchte dann für sein eigenes Haupt ein Kissen auf dem Felsen. David begann Töne hören zu lassen, die während des Wachens seine zarten Organe verletzt haben würden; kurz Alle, außer Hawk-eye und den Mohikanern, versanken, vom Schlafe bewältigt, in einen Zustand der Bewußtlosigkeit. Aber die Wachsamkeit ihrer nnermüdeten Beschützer schlummerte nie. Unbeweglich, wie der Fels, von den, sie einen Theil zu bilden schienen, lagen sie da, während ihre Angen unablässig an dem dunkeln Rande der Bäume nmherschweiften, welche die nahen Ufer des engen Stromes begränztcn. Kein Laut entschlüpfte ihnen, und die schärfste Beobachtung konnte nicht entdecken, daß sie athmetcn. Offenbar stützte sich diese außerordentliche Vorsicht auf eine Erfahrung, die keine List ihrer Feinde berücken konnte, und dauerte so lange ohne scheinbaren Erfolg, bis der Mond untergegangen war, und ein blasser Lichtstreif über den Gipfeln der Bäume an einer Krümmnng des Flusses weiter unten den Anbruch des Tages verkündigte. Jetzt rührte sich Hawk-eye zum ersten Mal. Er kroch auf dem Felsen heran und rüttelte Dunean aus seinem tiefen Schlafe auf. „Jetzt ist es Zeit, daß wir ausbrechen/' flüsterte er, „weckt eure Frauen und haltet euch bereit, in das Canoe zu steigen, wenn ich es an den Landungsplatz bringe!" „Habt Ihr eine ruhige Nacht gehabt?" fragte Heyward. „Bei mir hatte, glaub' ich, der Schlaf übers Wachen gewonnen." „Alles ist still wie die Mitternacht. Schweigt, aber seyd flink bei der Hand." Jetzt war Dunean völlig wach und hob sogleich den Shawl über, den schlafenden Mädchen weg. Bei dieser Bewegung fuhr Cora mit der Hand empor, als wollte sie ihn zurückstoßen, während Alffe mit ihrer sanften, zarten Stimme flüsterte: nein, nein, lieber Vater, wir waren nicht verlassen, Dunean war bei uns! 60 „Ja, liebliche Unschuld," flüsterte der Jüngling, „Dnncan ist hier, und so lange er lebt, oder Gefahr droht, wird er dich nie verlassen. Cora! Alice! erwachet! die Stunde zum Anfbruch ist da!" Ein lauter Angstschrei der jüngern Schwester, und der Anblick der altern, die in wirrem Schrecken aufrecht vor ihm stand, war die unerwartete Folge seines Zurufs. Während die Worte noch auf Heywards Lippen schwebten, erhob sich ein so entsetzlicher Aufruhr gellenden Geheuls, daß er den schnellen Strom seines Bluts von seinem pochenden Laufe zu dem Herzen zurück trieb. Es war, als ob alle Dämonen der Hölle die Luft um sie her erfüllten, und ihre wildeste Laune in diesen barbarischen Tönen austoben wollten. Das Geschrei kam aus keiner besonderen Richtung, sondern erfüllte rings umher die Wälder, und wie sich die bestürzten Horcher leicht einbildeten, selbst die Höhlen der Wasserfälle, die Felsen, das Bett des Flusses und die obere Luft. David erhob inmitten dieses höllischen Lärms seine hagere Gestalt und rief, indem er sich mit beiden Händen die Ohren znhielt: „Woher kommen diese Mißtöne? Ist die Hölle los, daß man solche Tone von Menschen vernimmt?" Helle Blitze und schnellfolgender Knall von einem Dntzend Büchsen auf den entgegengesetzten Ufern des Stroms folgten dieser unvorsichtigen Bloßstellung seiner Person und streckten den armen Singmeister besinnungslos ans den Felsen nieder, auf dem er so lange geschlummert hatte. Die Mohikaner erwiedertcn kühn das Entsetzen erregende Geheul ihrer Feinde, welche über Gamuts Fall ein wildes Triumphgeschrei erhoben. Die Blitze der Büchsen folgten sich jetzt schnell und ununterbrochen: aber beide Parteien waren zu erfahren, als daß sie auch nur ein Glied dem feindlichen Ziele bloßgcstellt hätten. Dnncan glaubte, daß sie jetzt nur noch durch Flucht sich retten könnte», und horchte mit ängstlicher Ungeduld, ob sich nicht Rnder- schläge hören ließen. Der Strom erglänzte wie sonst in seinem raschen Lauf, aber das Eanoe war auf seinen dunkeln Wassern nirgends zu sehen. Schau fing er an zu glauben, der Kundschafter habe sie im Stich gelassen, als aus dem Felsen unter ihm ein Flammenstrom hervordrang und ein wildes Geheul, mit einen, Angstgestöhn vermischt, verkündete, daß der Todesbote, aus der verderblichen Waffe Hawk-ehe's entsendet, sein Lpfer gefunden habe. Bei diesem leichten Verlust zogen sich die Angreifenden plötzlich zurück, und Alles ward allmählig wieder so still, wie es vor dem plötzlichen Anfall gewesen war. Dunean benützte den günstigen Augenblick, zu Gamut zu eilen und ihn in den Schutz der schmalen Felsenspalte zu tragen, der die Schwestern beschirmte. In der nächsten Minute war die ganze Truppe auf diesem Punkte theilweiser Sicherheit versammelt. „Der arme Schelm hat seinen Skalp gerettet," sprach Hawk-eye, indem er kaltblütig mit der Hand über Davids Kopf fuhr, „aber es ist ein Beweis, daß ein Mensch mit einer zu langen Zunge auf die Welt kommen kann. — Es war eine Tollheit, auf einem nackten Felsen den wüthenden Wilden sechs Fuß Fleisch und Blut zu zeigen. Ich wundere mich nur, daß er mit dem Leben davon gekommen ist." „Ist er nicht todt?" fragte Cora mit einer Stimme, deren schwache Töne verriethen, wie mächtig in ihr natürliches Entsetzen mit angenommener Festigkeit kämpften. „Können wir dem unglücklichen Manne etwas helfen?" „Nein, nein! es ist noch Leben in ihm, und wenn er eine Weile geschlummert hat, wird er wieder zu sich kommen und in Zukunft desto klüger sehn, bis sein letztes Ständlein einmal wirklich schlägt/r antwortete Hawk-epe, einen zweiten Seitenblick auf den unempfindlichen Körper werfend, während er sein Gewehr mit bewundernswürdiger Gewandtheit wieder lud. „Bring' ihn hinein, Uncas, und leg' ihn auf den Sassafras. Je länger sein Schläfchen dauert, desto besser ist'S für ihn: ich zweifle, ob ein Gestell, wie Der letzte Mohikmi. 6 82 das seinige, auf diesem Felsen Schutz genug finden kann, und Singen thut kein Cut bei diesen Irokesen." „Ihr glaubt also, daß der Angriff sich erneuern werde?" fragte Heyward. „Soll ich erwarten, daß ein hungriger Mols seine Gier an einem Mundvoll sättige? Sie haben einen Mann verloren, und es ist ihre Art, sich zurückzuziehen, wenn sie Verlust erleiden oder ein Ncber- fall mißlingt. Aber wir werden sie bald wieder haben, mit neuen Listen, uns zu berücken und unsrer Schövfe Herr zu werden. Unsere Hoffnung kann nur seyn," fuhr er fort, indem er sein rauhes Gesicht erhob, über das ein Schatten von Bcsvrgniß gleich einer dunkeln Wolke zog, „den Felsen so lange zu halten, bis Munro uns Hülfe schickt." „Sie hören, Cora, was wir zu erwarten haben," sprach Duncan, „daß wir Alles von der Besorgniß und der Erfahrung Ihres Vaters zu hoffen haben. So kommen Sie denn mit Alice in die Höhle, wo Sie wenigstens vor den mörderischen Büchsen unsrer Feinde gesichert sind und unsrem unglücklichen Kameraden diejenige Hülfe leisten werden, die weibliches Mitleid Ihnen eingeben mag." Die Schwestern folgten ihm in die äußere Höhle, wo David durch Seufzer Zeichen seines zurückkehrenden Bewußtseyns gab, und den Verwundeten ihrer Aufmerksamkeit empfehlend, schickte Heyward sich an, sie sogleich zu verlassen. „Duncan!" sprach Cora mit zitternder Stimme, als er den AuSgang der Höhle erreichte. Er wandte sich um und blickte auf Cora, deren Farbe einer tödtlichen Bläffe gewichen war, während ihre Lippe zitterte, als sie ihm mit einem Ausdruck von Theilnahme nachblickte, der ihn sogleich wieder an ihre Seite rief. „Erinnern Sie sich) Duncan, wie nvthwendig Ihre Sicherheit für die nnsrige ist, — daß Ihnen ein Vater sein Liebstes anvertraut hat — wie viel von Ihrer Besonnenheit und Sorgfalt abhängt — kurz," fügte sie 83 hinzu, während das verräthrrische Blut ihre Zuge überschlich und sie bis an'die Schläfe mit einem glühenden Rath übergoß, „wie Ihener Sie mit Recht Allen sind, die den Namen Munro führen." „Kannte etwas meine Liebe zum Leben erhöhen," sprach Heyward, indem sein Auge unwillkürlich auf die jugendliche Gestalt Alicens sank, „so wäre es eine so gütige Versicherung. Als Major vom sechzigsten Regiment mnß ich, wie Ihnen unser ehrlicher Wirth sagen wird, Theil an dem Strauße nehmen; aber unsere Aufgabe wird leicht seyn, wir haben blos diese Bluthunde einige Stunden hinzuhalten." Ohne eine Antwort zu erwarten, verließ er die Schwestern und begab sich wieder zu dem Kundschafter und seinen Genossen, welche noch immer in der sichern Felsenspalte zwischen den zwei Höhlen lagen- „Ich sage Dir, Nncas," sprach Ersterer, als Heyward zu ihnen trat, „Du nimmst zu diel Pulver, und der Stoß der Büchse verrückt Dir das Ziel! Wenig Pulver, leichtes Blei und ein langer Arm verfehlen selten, dem Mingo den Todesschrei zu entreißen. Das hat mich die Erfahrung bei diesen Burschen gelehrt. Kommt, Freunde, in unsre Verstecke: Niemand kann sagen, wann und wo ein Magna ^ Einem zu Leibe geht." Stillschweigend begaben sich die Indianer auf ihre Posten in die Felscnspalten, von denen aus sie alle Zugänge zu dem Fnße der Wasserfälle beherrschten. Mitten auf der kleinen Insel hatten ein Paar kurze und verkrüppelte Fichten Wurzel geschlagen und ein Dickicht gebildet, in welches Hawk-eye, von dem rüstigen Duncan begleitet, mit der Schnelligkeit eines Hirsches sprang. Hier versteckten * Es muß temerkt werden, daß Hawk-ede seinen Feinden verschiedene Namen gibt. Mingo und Magna sind Ausdrücke der Verachtung und Jroguois wurden sic von den Franzosen genannt. Die Indianer gebrauchen selten denselben Namen, wenn verschiedene Stämme von einander sprechen. 84 sie sich, so gut es ging, hinter Gestrüpp nnd Felsblecken, die zerstreut auf dem Platze umher lagen, Ueber ihnen erheb sich ein kahler, runder Felsen, an dessen beiden Seiten das Wasser, wie schon erwähnt worden, seine lustigen Sprünge machte und dann in die Abgründe stürzte. Als der Tag anbrach, beten die Gegenufer nicht mehr nur verworrene Umrisse: man konnte in die Wälder sehen und unter dem Laubdach der dunkeln Fichten die einzelnen Gegenstände unterscheiden. Eine lange und ungeduldige Wache folgte, ohne daß ein Umstand auf einen erneuten Angriff schließen ließ, nnd Duncan gab sich schon der Hoffnung hin, daß ihr Feuer verderblicher gewesen sey, als sie vermulheten, und ihre Feinde wirklich zurückgetrieben habe. Als er diese Meinung gegen seinen Nebenmann äußerte, schüttelte Hawk-eye ungläubig den Kopf. „Ihr kennet den Maqua nicht, wenn Ihr glaubt, daß er sich so leichten Kaufs ohne Skalp zurückschlagen lasse!" antwortete er. „Wenn diesen Morgen auch nur einer dieser Teufel sein Geheul erhob, waren doch ihrer vierzig dabei, und sie kennen unsere Zahl und unsere Lage zu wohl, um die Jagd sobald auszugeben. St! Seht nach dem Wasser dort oben, gerade wo es sich über den Felsen stürzt! Ich will kein Mensch sehn, wenn die satanischen Wagehälse nicht bis zur Spitze herab schwimmen; und wenn es unser Unstern so haben will, so haben sie die Vorderseite der Insel bereits exreicht! St! ruhig, Freund! oder das Haar ist von eurem Schädel weg, wie man ein Messer rückt!" Heyward hob den Kopf aus seinem Versteck empor nnd erschaute, was er mit Recht für ein Wunder von Geschick nnd Kühnheit halten mußte. Der Fluß hatte die Ecke des weichen Felsen so weit abgespült, daß sein erster Absatz nicht so abschüssig und senkrecht war, als es bei Wasserfällen gewöhnlich ist. Ohne einen andern Führer als die Strömung des Flusses, die nach der Spitze des Eilandes ging, hatte sich ein Theil dieser rachesüchtigen Feinde 85 heran gewagt, und war auf diese Spitze zugeschwommen, von wo aus sie im glücklichen Falle den ausersehenen Schlachtopfern zu Leibe konnten. Kaum hatte Hawk-epe aufgehört zu sprechen, als sich vier Mcnschenköpfc über ein Paar Stämmen Treibholz zeigten, die sich an diesen nackten Felsen angelegt und die Wilden wahrscheinlich ans den Gedanken an die Ausführbarkeit des gefahrvollen Unternehmens gebracht hatten. Im nächsten Augenblick erschien noch ein fünfter an dcni grünen Rande des Wasserfalls, ein wenig weiter von der Insel entfernt. Der Wilde kämpfte aus allen Kräften, die Sicherheitsspitze zu erreichen, und von den glänzenden Wellen begünstigt, streckte er schon einen Arm nach seinen Gefährten aus, die ihn herbeiziehen wollten, als er, von der wirbelnden Strömung fortgeriffen, mit aufgehobenen Armen und starren Augen empor- zuschicßen schien und mit einem plötzliche» Sturze in den tiefen, gähnenden Abgrund, über dem er geschwebt, hinunterstürzte.' Ein einziger wilder Schrei der Verzweiflung erscholl aus dem Schlunde, »nd alles war wieder so still wie ein Grab. Im ersten Drange des Edelmuths wollte Dnncan zur Rettung des hülflosen Unglücklichen herbeieilen, fühlte sich aber durch den eisernen Griff des unbeweglichen Kundschafters fcstgehalten. „Wollt Ihr uns einem gewissen Tode entgegenführen, und den Mingos verrathen, wo wir verborgen liegen?" fragte Hawk-epe ernst; „'s ist uns eine Ladung Pulver erspart, und Munition wird uns jetzt so nöthig, als einem gewürgten Wilde der Athem! Schüttet frisches Pulver auf die Zündpfanne eurer Pistolen — der Nebel vom Wasserfall verdirbt gern den Schwefel, und haltet euch zum Handgemeng bereit, während ich fenre." Mit diesen Worten fuhr er mit einem Finger in den Mund und that einen langen, schrillen Psiff, der von den Felsen ans, wo die Mohikaner Wache hielten, beant vortet wurde. Dnncan erblickte, als dieses Zeichen in der Luft erscholl, auf einen Augenblick über 86 den zerstreuten Treibholzstämmen Köpfe, die aber ebenso plötzlich, als sie sich gezeigt hatten, wieder verschwunden waren. Ein leises Rascheln richtete seine Aufmerksamkeit nach hinten, und seinen Kopf wendend, erblickte er llncas, der zn ihm herangckrocheu kam. Hawk-eye sprach mit ihm in delawarischer Sprache, worauf der junge Häuptling mit besonderer Vorsicht und unerschütterlicher Kaltblütigkeit seine Stellung eiuuahm. Für Heyward war dies ein Augenblick fiebcrischer, ungeduldiger Erwartung: der Kundschafter hielt es aber für eine passende Gelegenheit, seinem jüngeren Kampfgenossen eine Vorlesung über den vorsichtigen Gebrauch des Fener- gewehrs zn halten. „Unter allen Waffen," begann er, „ist die Büchse mit langem Lauf, wenn sie gut gebohrt und von weichem Metall ist, in geschickten Händen die gefährlichste, braucht aber einen starken Arm, ein scharfes Auge und viel Geschick beim Laden, um alle ihre Schönheiten zu zeigen. Die Büchsenmacher verstehen sich nur schlecht auf ihr Handwerk, wenn sic ihre Vogelflinteu und Carab—" Er ward unterbrochen durch das leise, aber ausdrucksvolle „Hugh" des Uncas. „Ich sehe sie, Junge, ich sehe sie-!" fuhr Hawk-eye fort; „sie sammeln sich znm Angriff, sonst würden sie ihre braunen Rücken unter dem Treibholze halten. Nun, laßt sie nur," fuhr er fort, seinen Büchsenstein prüfend, „der Vordermann wenigstens läuft seinem Tod in die Arme, und wenn es Montealm selbst wäre!". In diesem Augenblick wurden die Wälder von einem abermaligen Geschrei erfüllt, und auf dieses Zeichen sprangen vier Wilde aus dem Verstecke des Treibholzes hervor. Heyward empfand eine brennende Begierde, ihnen entgegenzustürzen, so mächtig wirkte die Ungeduld des Augenblicks; aber er wurde durch das Beispiel der Besonnenheit von Seiten des Kundschafters und Uncas' zurückgehalten. Als ihre Feinde über die schwarzen Felsen, die sie trennten, in hohen Sprüngen, mit dem wildesten Geheul daherstürztew 87 und nur noch wenige Ruthen entfernt waren, erhob sich Hawk-eye'» Büchse langsam unter dem Gestrüpp und entlud ihren Inhalt. Der vorderste Indianer machte einen Sprung, wie ein angeschossener Hirsch und stürzte Häuptlings in die Felsenklüfte der Insel. »Jetzt, Uncas!" rief der Kundschafter, sein langes Messer ziehend, während seine Augen vor Kampflust erglühten, „nimm den letzten der heulenden Satane; der andern zwei sind wir gewiß!" llncas that, wie ihm befohlen wurde, und nur noch zwei Feinde ' blieben übrig. Heyward hatte eine seiner Pistolen Hawk-eye gegeben, und sie stürzten zusammen die kleine Anhöhe hinab, ihren Feinden entgegen. Zu gleicher Zeit gaben sie Feuer, aber Beide ohne Erfolg. „Das wußt' ich und Hab' es vorausgesagt!" murmelte der Kundschafter, indem er die verachtete kleine Waffe mit bitterem Hohn in den Wasserfall hinabwarf. „Kommt, ihr blutgierigen Höllenhunde! Ihr kriegt einen Gegenmann von unverfälschtem Blut!" Kanin hatte er diese Worte gesprochen, so war er mit einem Wilden von gigantischem Wuchs und wuthschnaubender Miene im Kampf. In demselben Augenblick fand sich Duncan von dem zweiten angegriffen und war mit ihm in Handgemeng. Mit gleicher Gewandtheit hatten Hawk-eye und sein Gegner einander die aufgehobene, mit dem tödtlichen Messer bewaffnete Hand aufgefangcn. Fast eine Minute standen sie da, einander starr in's Auge blickend und alle Muskelkraft anstrengend, nm obzusiegen. Endlich gewannen die zähen Sehnen des Weißen über die Glieder des weniger geübten Ein- gebornen die Oberhand. Der Arm des Letzter» wich allmähstg der wachsenden Kraft des Kundschafters, welcher plötzlich die bewaffnete Hand dem Griff des Feindes entriß und die scharfe Waffe ihm durch die nackte Brust in das Herz stieß. Mittler Weile war Heyward in einem noch gefahrvolleren Kampfe begriffen. Sein schwacher Degen war bei dem ersten Angriff zerbrochen. Da er jetzt jedes andern Verthcidigungsmittels beraubt war, so hing seine Rettung r 88 ganz non seiner Körperstärkc und Entschlossenheit ab. Obgleich es ihm an keiner von beiden fehlte, so hatte er doch einen Feind gefunden, der ihm durchaus gewachsen war. Glücklicher Weise gelang es ihm bald, seinen Gegner zn entwaffnen, dessen Messer auf den Felsen zu ihren Füßen hin fiel. Von diesem Augenblick an entstand ein wildes Ringen, welcher von beiden den Andern von der schwindelnden Höhe in den n'ahen Abgrund des Wasserfalls hinabzustürzen vermöchte. Jeder Erfolg des Einen oder Andern brachte fic dem Rande näher, wo, wie Dnnean wohl einsah, die letzte Anstrengung über den Sieg entscheiden mußte. Jeder der Ringenden bot alle seine Kräfte auf, und jeder neue Versuch brachte sie dem Rande des Absturzes näher. Heyward fühlte den Griff des Andern an seiner Kehle, und las in seinem wilden Lächeln die rachsüchtige Hoffnung, daß der Feind dem gleichen Schicksale entgegen gehe. Da fühlte er, wie sein Körver einer unwiderstehlichen Kraft zu unterliegen begann; und der junge Mann empfand die flüchtige Todesangst eines solchen Augenblicks in ihrer ganzen Furchtbarkeit. In dieser höchsten Gefahr fuhr plötzlich eine dunkle Hand und ein glänzendes Messer zwischen ihn und den Gegner. Der Indianer ließ los, als das Blut in. vollen Strömen um die durchschnittenen Sehnen seines Handgelenks floß. llneas' rettender Arm riß Duncan zurück, während sein entzücktes Auge noch auf den wilden, vsrzweiflnngs- vollen Zügen seines Feindes ruhte, der rettungslos ln den vernichtenden Abgrund stürzte. „In's Versteck! in's Versteck!" schrie Hawk-eye, der so eben seinen Gegner abgefertigt hatte; „in's Versteck, wenn euer Leben euch lieb ist! die Arbeit ist nur halb gethan!" Der junge Mohikaner e.hob ein lautes Triumphgeschrei und glitt, von Duncan gefolgt, die Anhöhe hinan, von der fie znm Kampfe hcrabgekommen waren, nach dem freundlichen Schutze der Felsen und Gesträuche zurück. Achtes Kapitel. -^ Sie säumen noch. Die Rächer ihres Heimatlandes. Gray. Der Warnungsrns des Kundschafters war nicht überflüssig. Während der so eben geschilderte mörderische Kampf Statt fand, wurde das Brausen des Wasserfalls durch keinen menschlichen Laut unterbrochen. Es war, als ob die Theilnahme am Verlaufe desselben die Eingebornen am Gegenufer in athemloser Erwartung erhalten hätte, während die schnellen Bewegungen und die plötzlichen Wechsel in den Stellungen der Kämpfenden wirklich nicht erlaubten, Feuer zu geben, da es dem Freunde wie dem Feinde gefährlich werden konnte. So bald aber der Kampf entschieden war, erhob sich ein so wildes, stürmisches Geheul, wie es nur immer Wulss und Rachsucht Hervorbringen kann. Es folgten unaufhörliche Blitze aus den Büchsen, die ihre bleiernen Todesboten in vollen Ladungen über die Felsen entsandten, als ob die Angreifenden an der leblosen Srcne des verderblichen Kampfes ihre unmächtige Wuth anslaffen wollten. Stete, besonnene Erwiederung gab die Büchse Chingächgook's, der während des ganzen Straußes seinen Posten mit unerschütterlicher Entschlossenheit behauptete. Als ltncas' Siegsgeschrei in seine Ohren drang, antwortete der erfreute Vater mit einem einzigen Ruf, worauf seine geschäftige Büchse allein bewies, daß er seinen Posten noch mit nnermüdetcm Eifer vertheidigte. Ans diese Weise flogen viele Minuten mit der Schnelligkeit eines Gedankens vorüber, während die Büchsen der Angreifenden bald in ganzen Salven, balv in vereinzelten Schüssen sich hören ließen. Obgleich der Fels, die Bäume und die Gesträuche, rings um die Belagerten, an hundert Stellen zerschossen und zerrissen wurden, so 90 war doch ihr Bersteck so fest und die Vertheidiger gebrauchten so große Vorsicht, daß David bis jetzt in der kleinen Truppe der einzige Verwundete war. „Laßt sie ihr Pulver verschießen," sprach der besonnene Kundschafter, während Kugel an Kugel an der Stelle, wo er in Sicherheit lag, vvrüberpsiff; da wird's viel Blei aufzulcsen geben, wenn's Vorüber ist, und ich denke, die Kobolte kriegen das Spiel noch eher satt, als die alten Steine da um Pardon bitten werden! Aber llncas, Junge, du verschwendest ja nur Pulver, wenn du so stark lädst: eine Büchse, die stößt, schießt nie '»e sichre Kugel. Ich sagte dir, du solltest den vertrakten Springer unter dem weißen Strich an seinem Schlachtschmncke nehmen; wenn deine Kugel nur um ein Haar breit höher gegangen wäre-, aber so ging sie ja zwei Zoll weiter hinauf. Der Sitz des Lebens liegt tief bei einem Mingo, und Menschlichkeit gebeut, der Schlangenbrut ein baldiges Ende zu machen." Ein ruhiges Lächeln erheiterte die stolzen Züge des jungen Mohikaners und verrieth, daß er sowohl die englische Sprache, als auch die Meinung des Andern wohl verstehe, aber er ertrug die Zurechtweisung, ohne darauf zu erwiedern oder sich zu verthcidigen. „Ich kann nicht zugeben, daß Ihr llncas Mangel an Scharfblick und Geschick Schuld geben wollt," sprach Duncan; „er hat mir auf die kaltblütigste und bereitwilligste Weise von der Welt das Leben gerettet und sich Einen zum Freund gemacht, den man nie daran zu erinnern haben wird, was er ihm schuldig ist!" llncas erhob sich etwas, um Heyward's dargebotene Hand zu drücken. Während diesen Freundschaftsbeweisen wechselten die beiden jungen Männer Blicke der Verständigung, welche Duncan die Stellung und die Verhältnisse seines wilden Genossen vergessen ließen. Hawk-eye, welcher diesen Ausbruch jugendlicher Gefühle kalt, aber nicht unfreundlich mit angesehen hatte, erwiederte unterdessen: „Das Leben ist ein Ding, für das sich Freunde in der Wildniß »ft verpflichtet sind. Ich darf wohl sagen, daß ich Uncas schon mehrere Male diesen Dienst geleistet habe, und erinnere mich recht wohl, daß auch er zu fünf verschiedenen Malen zwischen mir und dem Tod gestanden hat. Drei Mal im Kampfe mit den Mingos, einmal, da wir über den Horican gingen und —" „DieseKngel war besser gczie t, als gewöhnlich!" riefDuncan, indem er unwillkürlich vor einem Schüße znrückfnhr, der an dem Felsen neben ihm mit Heftigkeit abgeprallt war. Hawk-cye griff nach dem formlosen Metall und schüttelte bei der Untersuchung den Kopf. Fallendes Blei," sprach er, „drückt sich nie platt. Wenn's aus den Wolken käme, ließ' ich mir's gefallen!" Aber Uncas' Büchse richtete sich bedächtlich gen Himmel und wies den Augen seiner Nachbarn einen Punkt, der das Geheimniß sogleich enthüllte. Eine mächtige Eiche stand auf dem rechten Ufer des Flusses, ihnen beinahe gegenüber, und neigte sich, den freien Luftraum suchend, so weit herüber, daß ihre ober» Aeste jenen Arm des Stromes übcrhingen, der an ihrem eigenen Ufer floß. Unter dem obersten Laubwerk, das die knorrigen, verwitterten Aeste nur spärlich bedeckte, hatte sich ein Wilder eingenistct, den der Stamm des Baumes theilweise verbarg, theilweisc aber sichtbar machte, als er auf sie herabblicktc, um zu sehen, welche Wirkung sein verrätheri- scher Schuß hervorgebracht habe. „Diese Satane werden am Ende noch den Himmel ersteigen, um uns zu Grunde zu richten," .sprach Hawk-epe; „halt' ihn im Schach, Junge, bis ich den Wildtödter zum Schliffe bringe» kann, und wir ihm sein Blei von beiden Seiten des Baumes wieder heimgeben." Uncas wartete, bis der Kundschafter das Signal gab. Die Büchsen blitzten, Blätter und Ninde der Eiche flogen in die Luft und wurden vom Winde zerstreut; der Indianer aber erwiederte ihren Angriff mit einem höhnischen Gelächter und antwortete ihnen 92 mit einer zweiten Kugel, welche Hawk-cye die Mütze vom Kopfe schlug. Noch einmal erscholl das wilde Geheul aus den Wäldern, und ein Hagel von Kugeln pfiff über die Köpfe der Belagerten hin, als wollten fie diese an dem Orte Zusammenhalten, wo fie ein leichtes Opfer des unternehmenden Kriegers werden mußten, der seinen Standpunkt auf dem Baume genommen hatte. „Da muß geholfen werden!" sagte der Kundschafter, mit unruhigem Auge um sich blickend. „Uncas, ruf deinen Vater: wir brauchen alle unsre Waffen, um die zähe Raupenbrut von ihrem Aste herab zu schütteln." Das Signal ward sogleich gegeben, und ehe Hawk-eye seine Büchse zum zweiten Mal geladen hatte, war Chingachgook bei ihnen. Als der Sohn dem erfahrnen Krieger die Stellung des gefährlichen Feindes gezeigt hatte, entfuhr der gewöhnliche Ausruf: „Hugh" seinen Lippen; weiter ließ er kein Zeichen der Verwunderung oder der Besorgniß vernehmen. Hawk-eye und die Mohikaner beriethen sich einige Augenblicke ernstlich in delawari- scher Sprache, dann nahmen sie ruhig ihre Posten ein, »m den eilig verabredeten Plan in Ausführung zu bringen. Der Krieger auf der Eiche hatte von dem Augenblick seiner Entdeckung an, ein ununterbrochenes, aber unwirksames Feuer unterhalten. Die Wachsamkeit seiner Feinde erlaubte ihm jedoch nicht, genau zu zielen, da ihre Büchsen sogleich Alles, was von ihm sichtbar ward, sich zum Ziele nahmen: immer jedoch fuhren seine Kugeln mitten unter die lauernden Vertheidiger. Heyward's Kleider, die ihn vor den Andern sichtbar machten, wurden wiederholt getroffen und einmal floß sogar Blut aus einer leichten Wunde am Arme. Endlich versuchte der Hurone, durch die lange ungeduldige Wachsamkeit seiner Feinde verwegen gemacht, besser und genauer zu zielen. Das scharfe Auge der Mohikaner entdeckte durch das dünne Laubwerk wenige Zoll von dem Stamme des Baumes die dunklen Umrisse 93 seiner Beine, welche er unvorsichtiger Weise bloßgestellt hatte. Ihre Büchsen feuerten gemeinschaftlich; da sank er auf sein verwundetes Bein zusammen, so daß ein Theil seines Leibes zum Vorschein kam. Mit Blitzesschnelle benützte Hawk-eye diesen Vortheil und feuerte sein Gewehr »ach dem Gipfel der Eiche ab. Die Blätter bewegten sich ungewöhnlich, die gefährliche Büchse fiel von der Höhe herab und nach wenigen Minuten vergeblicher Anstrcn- gung zeigte sich die Gestalt des Wilden in der Luft schwebend, während er noch einen knorrigen nackten Ast des Baumes verzweiflungsvoll umklammert hielt „Gebt ihm —um Gottes Willen! gebt ihm noch eine Kugel!" rief Duncan, seine Augen abwendend vor Grauen über das Schauspiel, ein Mitgeschöpf in solch entsetzlicher Todesangst zu sehen. „Kein Korn!" rief der harte Hawk-eye: „sein Tod ist gewiß, und wir müssen das Pulver sparen: Kämpfe mit Indianern dauern oft ganze Tage: 's gilt ihren, oder unfern Skalpen! und Gott, der uns erschaffen, hat in unsere Natur den Wunsch gelegt, die Haut auf dem Kopfe zu behalten!" Gegen diese strenge und unbeugsame Moral, die noch durch eine so handgreifliche Politik unterstützt wurde, ließ sich nichts einwendcn. Von diesem Augenblicke an verstummte das Geheul in den Wäldern wieder, das Feuer hörte auf, und Aller Augen, der Freunde sowohl als der Feinde waren auf die hoffnungslose Lage des Unglücklichen gerichtet, der zwischen Himmel und Erde schwebte. Sei» Körper wurde vom Winde hin und her getrieben, und obwohl dem Schlachtopfer kein Aechzen ober Stöhnen entfuhr, so gab es doch Augenblicke, wo er grimmige Blicke aus seine Feinde herniederschoß, und die Angst kalter Verzweiflung malte sich trotz der Entfernung sehr deutlich aufseinen schwärzlichen Zügen. Drei Mal hob der Kundschafter mitleidig seine Büchse und drei Mal gewann es die Klugheit über sei» Gefühl: schweigend senkte er sie wieder. Endlich ließ der Hurone eine Hand los und erschlafft sank sie an seine Seife herab. Ein« 94 verzweiflungsvolle fruchtlose Anstrengung, den Ast wieder zu fassen, erfolgte, und man sah, wie er einen flüchtigen Augenblick in der leeren Luft umhergriff. Blitzschnell fuhr ein Schuß aus Hawk-cve's Büchse, die Glieder des Schlachtopfers zitterten und zogen sich krampfhaft zusammen, das Haupt sank herab auf die Brust, und ^ wie ein Bleiklnmpen stürzte die Leiche in die schäumenden Wasser, ^ das Element schloß sich über ihm mit rastlosem Ungestüm, und jede > Spur des unglücklichen Hnronen war ans immer verschwunden. ! Kein Siegcsruf folgte dem wichtigen Vortheil; selbst die Mo- - hikaner starrten einander mit schweigendem Entsetzen an. Ein einziger Schrei erscholl aus dem Wald und Alles war wieder still. ' Hawk-eye, der allein noch die Besinnung behalten zu haben schien, schüttelte den Kopf über seine augenblickliche Schwäche und machte ^ sich laute Vorwürfe darüber. „'s war die letzte Ladung in meinem Horn und die letzte Kugel in meiner Tasche; das hieß wie ein Knabe gehandelt! Was lag daran, ob er todt oder lebendig ans den Felsen fiel? Mit dem Fühlen wär's bald vorbei gewesen. Uncas, Junge, geh' hinab in das Canoe, und bring' das große Horn; es ist alles Pulver, das wir ! noch haben und wir brauchcn's bis auf das letzte Korn, oder ich ! kenne die Mingos nicht." , Der junge Mohikaner willfahrte und verließ den Kundschaft' ter den unnützen Inhalt seiner Tasche durchsuchend und sein leeres Horn mit erneuter kluzufriedenheit schüttelnd. Von dieser unerfreulichen Untersuchung schreckte ihn jedoch balv ein lauter, durchdringender Schrei aus Uneas Mund aus, der selbst DuncanS ungeübtem Ohr wie die Botschaft eines neuen, unerwarteten Unfalls klang. Da jeder Gedanke seiner Seele nur ans den kostbaren, ihm anvertranten, ! in der Höhle verborgenen Schatz gerichtet war, so fuhr der junge ! Mann aus, unbekümmert um die Gefahr, der er sich aussetzte. Wie von gleichem Drange getrieben, ahmten auch seine Begleiter diese Bewegung nach und stürzten zu der freundlichen Kluft mit ei'ncm Ungestüm, welches das zerstreute Feuer ihrer Feinde vollkommen unschädlich machte. Der ungewohnte Schrei zog auch die Schwestern mit dem verwundeten David aus ihrem Zufluchtsorte herbei, und ein einziger Blick machte sie mit dem Unstern bekannt, der selbst die kalte Ruhe ihres jungen indianischen Beschützers ans dem Gleichgewichte brachte. In geringer Entfernung von dem Felsen sah mian ihre kleine Barke durch den Strudel in der schnellen Strömung de» Flusses auf eine Weise dahintreiben, welche schließen ließ, daß ihr Lauf durch eine verborgene Kraft gelenkt wurde. Sobald dieser unwillkommene Anblick sich dem Auge des Kundschafters darbot, griff er instinktmäß g nach seiner Büchse, aber der Lauf entsprach den sprühenden Funken des Steines nicht. „Es ist zu spät, 's ist zu spät!" rief Hawk-eye, indem er mit bitterem Unmnth die Waffe sinken ließ; „der Schurke hat die Strömung gewonnen, und hätten wir auch Pulver, so könnt' es kaum die Kugel schneller jagen, als er jetzt forttreibt!" Der wagehalsige Hurone hob jetzt den Kopf über die Wandung des Canoe'S empor, winkte, während er pfeilschnell in der Strömung dahinglitt, mit der Hand und stieß einen Schrei aus, der das wohlbekannte Zeichen eines glücklichen Erfolges war. Sein Nnf wurde durch gellendes Geheul und höhnendes Gelächter aus den Wäldern beantwortet, das so boshaft klang, als ob fünfzig böse Geister ihre Lästerungen über den Fall einer Christenseele ausstießen. „Ihr habt gut lachen, ihr Höllenkinder!" sprach der Kundschafter, indem er sich auf den Borsprung eines Felsens setzte, und die Büchse nachlässig zu seinen Füßen fallen ließ; „die drei schärfsten und besten Flinten in diesen Wäldern sind jetzt nicht mehr Werth, als drei Wollkrautstängel, oder ein vorjähriges Rehgeweih!" „Was ist zu thun?" fragte Dnncan, bei welchem der Eindruck getäuschter Hoffnung dem männlichen Verlangen nach Anstrengung gewichen war; „was wird aus uns werden?" Hawk-eye fuhr statt der Antwort auf eine so bezeichnende Weise mit dem Finger um seinen Schädel, daß seine Hcrzensmei- nung von Niemand bezweifelt werden konnte. „Gewiß, gewiß steht es mit uns noch nicht so verzweifelt," rief der junge Mann; „die Huronen sind nicht hier; wir können die Höhlen vertheidigen, uns ihrer Landung widersetzen." „Mit was?" fragte kaltblütig der Kundschafter. „Mit Un- ras'Pfeilen? oder mit Weiberthränen? Nein, nein: Ihr seyd jung und reich und habt Freunde; in solchem Alter ist es freilich hart zu sterben! Aber," hier warf er einen Blick auf die Mohikaner, „laßt uns bedenken, daß wir Männer reiner Abkunft sind, und diese Eingebornen der Wälder lehren, daß weißes Blut so frei als rothes stießen kann, wenn die bestimmte Stunde gekommen ist." Duncan wandte sich schnell nach der Richtung, die ihm des Andern Augen gaben, und las eine Bestätigung seiner schlimmsten Besorgnisse in dem Benehmen der Indianer. Chingachgook setzte sich mit würdevoller Haltung auf ein anderes Felsstück, hatte bereits sein Messer und seinen Tomahawk bei Seite gelegt und war im Begriff die Adlersfeder vom Haupte zu nehmen, und seinen Harschopf für den letzten, empörenden Dienst in Ordnung zu bringen. Seine Miene war ruhig, obgleich nachdenklich, während das Feuer seiner dunkeln, glühenden Augen all- mählig in einen Ausdruck überging, der für das Schicksal, das er im nächsten Augenblick erwartete, mehr geeignet war. „Unsere Lage kann noch nicht so hoffnungslos sehn!" sprach Duncan: „selbst in diesem Augenblick ist uns vielleicht Hülfe nah. Ich sehe keine Feinde; sie sind offenbar des Kampfes müde, in dem sie so viel wagen und so wenig Aussicht zum Gewinne haben. „Es steht eine Minute, vielleicht eine Stunde an, so stehlen sich die listigen Schlangen heran, und es ist ganz in ihrer Art, daß sic in diesem Augenblicke schon innerhalb Hörweite sind," sprach Hawk-eye, „aber kommen werden sie und in einer Weise, die uns nichts mehr hoffen läßt! — Chingachgsok" — hier sprach er Delawarisch — „mein Bruder, wir haben »nsern letzten Kampf zusammen gekämpft, und die Maquas werden trinmphiren über den Tod des weisen Mannes der Mohikaner »nd des Blaßgesichtes, dessen Auge Nacht zu Tag und Wolken zu Frühlingsnebeln machen kann!" „Laß die Mingoweiber über ihre Erschlagenen weinen!" ent- gegnete der Indianer mit charakteristischem Stolz und unerschütterlicher Festigkeit; „die große Schlange der Mohikaner hat sich in ihre Wigwams aufgerollt und ihren Triumph mit den Wehklagen der Kinder vergiftet, deren Väter nicht mehr zurückgekehrt sind! Eilf Krieger liegen von den Gräbern ihres Stammes entfernt, seit der Schnee geschmolzen ist, und Niemand kann sagen, wo fle zu finden sind, wenn Chingachgook's Zunge verstummt! Laß sie ihr schärfstes Messer ziehen, und ihren flinksten Tomahawk schwingen: denn ihr bitterster Feind ist unter ihren Händen, llncas, letzter Zweig eines edeln Stammes, rufe den Memmen, daß sie sich beeilen, sonst erweichen ihre Herzen und sie werden zu Weibern!" „Sie suchen unter den Fischen nach ihren Todten!" antwortete die leise, sanfte Stimme des jugendlichen Häuptlings; „die Hnroneu schwimmen mit den schleimige» Aalen. Sie fallen von den Eichen, wie die Frucht, reif zum Essen! und die Delaware» lachen!" „Ja, ja," murmelte der Kundschafter, welcher diesen eigenthüm- lichen Herzensergießungen mit größter Aufmerksamkeit zugehört hatte; „sie haben ihr indianisches Herz erwärmt und werden bald die Maquas aufsordeNi, ein baldiges Ende mit ihnen zu machen. Was mich betrifft, der ich das reine Blut der Weißen in mir trage, ich muß sterben, wie es meiner Farbe ziemt, mit keinem Scheltwort im Munde und keiner Bitterkeit im Herzen!" „Warum aber sterben k" fragte Eora: von der Srellc vortretend, wo sic bis aus diesen Augenblick natürlicher Schreck unter dem Schutze des Felsen gehalten hatte. „Flieht in die Wälder und Der letzte Mohikan. 7 98 ruft Gott um Beistand an! Geht, wackere Männer, wir verdanken euch bereits zu viel, und wollen euch nicht länger an unser unglückliches Schicksal fesseln." „Da kennt Ihr die List der Irokesen wenig, Lady! wenn Ihr glaubt, daß sie uns den Weg in die Wälder offen gelassen haben." versetzte Hawk-cye, fügte jedoch gleich darauf in seiner schlichten Weise hinzu: „die Strömung würd' uns freilich bald aus dem Bereiche ihrer Büchsen oder Stimmen bringen." „So versucht es mit dem Fluß! Warum noch säumen und die Zahl der Opfer unsrer erbarmungslosen Feinde vermehren?" „Warum?" wiederholte der Kundschafter, stolz um sich blickend, „weil es einem Manne besser ziemt, im Frieden mit sich selbst zu sterben, als von bösem Gewissen gepeinigt zu leben! Welche Antwort wollten wir Munro geben, wenn er uns fragte, wo und wie wir seine Kinder verlassen hätten?" „Geht und saget ihm, daß Ihr sie mit' den Aufträge verlassen hättet, ihnen eilig zu Hülfe zu kommen," versetzte Cora mit edlem Eifer, dem Kundschafter näher tretend : „daß die Huronen sie in die nördlichen Wildnisse schleppten und sie durch Wachsamkeit und Eile noch gerettet werden könnten: und wenn nach alledem es dem Himmel gefallen sollte, daß sein Beistand zu spät käme, so hinterdringt ihm," fuhr sie mit allmälig sinkender, ihr zuletzt beinahe versagender Stimme fort, „die Liebe, die Segnungen, die letzten Gebete seiner Töchter, und sagt, er solle nicht trauern über ihr frühes Ende, sondern mit demülhigem Vertrauen nach dem Ziel der Christen, wo er seine Kinder wieder begegnen wcrltz, emporblicken!" Die harten, verwitterten Züge des Kundschafters begannen zu arbeiten, und als sie geendet hatte, stützte er sein Kinn ans seine Hände, in tiefes Nachdenken über den Vorschlag versunken. „Es liegt Vernunft in ihren Worten!" brach endlich eine Stimme ans den zusammengedrücktcn. Lebenden Lippen hervor; „ja, und sie athmen den Geist des Christeuthums; was gut und recht 99 für eine Rothhaut ist, kann Sünde für einen Mann seyn, der keinen »nächten Tropfen Blutes hat, um damit seine Unwissenheit zu entschuldigen. Chiugacbgook! Nncas! Hört Ihr die Worte des schwarzäugigen Weibes?" Er sprach jetzt in delawarischer Sprache mit seinen Genossen, und seine Rede, obgleich ruhig und bedächtlich, schien dennoch sehr entschieden. Der ältere Mohikaner hörte ihm mit feierlichem Ernste zu und schien seine Worte abzuwägen, wie wenn er die Wichtigkeit ihres Inhalts sühlte. Nach augenblicklicher Zögerung gab er durch einen Wink mit der Hand seine Zustimmung und sprach mit dem seinem Volke eigcnthümlichen Nachdruck das englische „Gut!" Dann steckte der Krieger sein Messer und seinen Tomahawk wieder in den Gürtel, und schritt schweigsam auf die Ecke des Felsens zu, die von dem Gegenufer aus am wenigsten gesehen werden konnte. Hier hielt er einen Augenblick, wies bedeutungsvoll auf die Wälder unten, und sprach einige Worte in seiner Sprache, als wollte er den von ihm beabsichtigten Weg andeuten, warf sich dann in das Wasser und seine Bewegungen waren dem Auge der Zuschauer entschwunden. Der Kundschafter schied erst, nachdem er einige Worte mit der hochsinnigen Cora gesprochen hatte, deren Äthem leichter wurde, als sie sah, daß ihre Vorstellungen Eingang fanden. „Weisheit," sprach er, „wird oft auch der Jugend, wie dem Alter gegeben, und was Ihr gesprochen habt, ist weise, um nicht mehr zu sagen. Wenn man euch, das heißt Diejenigen, welche für eine Weile verschont werden, in die Wälder führt, so knickt die Zweige an den Büschen, wo Ihr geht, und macht die Merkzeichen eures Zuges so stark, als Ihr könnet. Wenn dann sterbliche Augen sie entdecken können, so verlaßt euch darauf, daß Ihr einen Freund habt, der euch eher bis ans Emde der Erde folgt, als daß er euch verließe." Er schüttelte Cora liebevoll die Hand, hob seine Büchse auf, betrachtete sie einen Augenblick mit schmerzlicher Zuneigung., schob sie dann sorgfältig bei Seite, und begab sich nach der Stelle hinab, 100 wo Chingachgook so eben verschwunden war. Einen Angenblick hing er am Felsen, und fügte bitter hinzu, indem er vorsichtig um sich blickte: „hätte das Pulver ansgrhaltcn, so wäre diese Schande nicht über uns gekommen." Dann lies; er seine Hand los, das Wasser schloß sich über ihm »nd er war gleichfalls verschwunden. Aller Augen waren jetzt auf Ilncas gerichtet, der sich in unbeweglicher Ruhe an den rauhen Felsen gelehnt hatte. Eora zauderte einige Augenblicke, wies dann ans den Fluß und sprach: „Deine Freunde sind nicht mehr sichtbar geworden und jetzt wahrscheinlich in Sicherheit. Ist es nicht Zeit, daß du ihnen folgst?" „llncas bleibt," antwortete der Häuptling ruhig in englischer Sprache. „lim die Schrecken unsrer Gefangennehmung zu vermehren und unsre Rettung weniger möglich zu machen! Geh' edler, junger Mann," fuhr Cora fort, ihre Augen unter den, Blicke des Mohikaners senkend, und vielleicht im Bewufitseyn ihres Einstusses auf ihn, „geh' zu meinem Vater, wie ich dir gesagt habe, und sey der vertrauteste meiner Boten. Sag' ihm, er solle dir die Geldmittel anvertrancn, um die Freiheit seiner Tochter zu erkaufen. Geh'! Es ist mein Wunsch, meine Bitte, daß du gehst!" Der gefaßte, ruhige Blick des jungen Häuptlings ging in den Ansdruck düsterer Traurigkeit über, aber er zögerte nicht länger. Mit geräuschlosem Tritt überschritt er den Felsen und stürzte in den unruhigen Strom. Kaum wagten die Znrnckgelaffenen Atyem zu holen, bis sie, weit im Strome hinab, sei» Haupt einen Augenblick anstauchen sahen, um Luft zu schöpfen — daun verschwand er wieder und ward nicht mehr gesehen. Diese schnellen und anscheinend glücklichen Versuche hatten nur wenige Minuten der jetzt so kostbaren Zeit weggenommen. Nach dem letzten Blicke auf NncaS wandte sich Eora mit bebender Lippe zu Heyward: 101 „Ich habe Ihre Fertigkeit im Schwimmen rühmen hören, Duncan," sprach sie; „folgen Sie dem Vorgang dieser einfachen, getreuen Wesen!" „Ist das die Treue, welche Cvra Munro von ihrem Beschützer fordert?" fragte der junge Mann mit traurigem, aber bitterem Lächeln. „Es ist jetzt keine Zeit für eitle Spitzfindigkeiten und falsche Meinungen," antwortete sie, „sondern ein Augenblick, wo jede Pflicht gleich erwogen werden sollte. Für uns können Sie jetzt oon keinem weitern Nutzen sepn, während Ihr kostbares Leben noch für andere und nähere Freunde gerettet werden kann." Er antwortete nicht, aber seine Augen fielen ernst auf die schöne Gestalt Alicens, welche mit kindlicher Hingebung an seinem Arm hieng. „Bedenken Sie," fuhr Cora fort, nach einer Pause, während welcher sie mit einem Schmerze zu kämpfen schien, noch bitterer als derjenige, der in ihrer Furcht seinen Grund hatte, „daß das Schlimmste, was wir erleide» können, der Tod ist, ein Zoll, denn Wir alle entrichten müssen, wenn Gott ihn von uns fordert." „Es gibt Uebcl, welche schlimmer sind als der Tod," entgeg- nete Dnncan, empfindlich über ihre Znmuthung, „die aber die Gegenwart Eines, der für Sie zu sterben bereit ist, abwenden kann." Cora drang nicht weiter in ihn, sie verhüllte ihr Gesicht mit ihrem Shawl, und zog die fast besinnungslose Alice hinter sich her in den tiefsten Winkel der inneren Höhle. Neuntes Kapitel. -- — Sev heiter. Holde, Zerstreu' mit Lächeln du des älummerS Wolk', Die über deiner offnen Stirne hängt. Der Tod der Agrippina. Die plötzliche, fast zauberhafte llmwandlnng der wilden Scenen des Kampfes in die Stille, welche rings um ihn herrschte, wirkte 102 auf die erhitzte Einbildungskraft Hcywards, wie ein fieberhafter Traum. Obwohl alle Bilder und Vorfälle, von denen er Zeuge gewesen war, sich seinem Gedächtnisse tief eingeprägt hatten, fiel es ihm doch schwer, sich von ihrer Wirklichkeit zu überzeugen. Ungewiß über das Schicksal derer, die sich der reißenden Strömung anvertraut hatten, lauschte er Anfangs auf jedes Zeichen, jeden Laut, der den guten oder schlechten Erfolg ihres gewagten Unternehmens verkünden würde. Aber er lauschte vergeblich: mit llncas war jede Spur von den Abenteurern verschwunden, und er blieb in gänzlicher Ungewißheit über ihr Schicksal. In diesem Augenblicke peinlichen Zweifels zögerte Duncan nicht lange, um sich zu blicken, ohne innerhalb des schützenden Felsen zu bleiben, was kaum noch für seine Sicherheit so nothwcndig geschienen hatte. Jede Anstrengung jedoch, irgend eine Spur der Annäherung ihrer verborgenen Feinde zu entdecken, blieb eben so fruchtlos als die Nachforschung nach seinen' früheren Begleitern. Die bewaldeten Ufer des Flusses schienen wieder von Allem verlassen, was thierischcs Leben athmete. Der Aufruhr, welcher eben noch durch die Laubgewölbe des Waldes widerhallte, war vorüber und das Rauschen der Wasser, durch den Luftzug verstärkt oder gemindert, ertönte in unvermischter natürlicher Lieblichkeit. Ein Fischgeier , welcher ans dem obersten Zweige einer abgestorbenen Fichte ein entfernter Zuschauer des Kampfes gewesen war, schoß jetzt von seinem hohey, rauhen Sitze herab und schwebte in weiten Kreisen über seiner Beute, während eine Elster, deren kreischende Stimme durch das noch heischcre Geschrei der Wilden übertönt worden war, wieder ihre unharmonische Kehle zu öffnen wagte, als wäre sie von neuem im ungestörten Besitze ihres öden Waldgebiets. Duncan schöpfte aus dieser natürlichen Begleitung der Einsamkeit wieder einige Hoffnung und begann alle seine Geisteskraft zu neuen Anstrengungen aufzu- Lieten, mit neuerwachendem Vertrauen auf Erfolg. „Die Huronen lassen sich nicht sehen," sprach er zu David, 103 der sich von den Wirkungen des betäubenden Schusses noch nicht gun; erholt hatte, „wir wollen uns in der Höhle verbergen und das klebrige der Vorsehung überlassen," „Ich erinnere mich," versetzte der verwirrte Singmeister, „daß ich mit zwei holdseligen Mädchen mich vereinigte, um unsere Stimmen zu Dank und Preis zu erheben; seitdem bin ich von einem schweren Gericht für meine Sünden heimgesucht worden. Es war mir, als läge ich im Schlaf, und Mißtöne zerrissen mein Ohr, als ob die letzte Zeit erfüllt wäre und die Natur ihrer Harmonie vergessen hätte." „Armer Mensch! deine eigene Zeit war beinahe selbst abgelaufen! aber steh' aus und komm' mit mir; ich will dich an einen Ort führen, wo du keine andre Töne als die deines Psalmgesangs hören sollst." „Es liegt eine Harmonie in dem Falle des Katarakts, und das Rauschen des Wassers ist oft den Sinnen angenehm!" sprach David, indem er sich noch verwirrt die Hand an die Stirne drückte. Ist nicht noch immer die Luft mit Geheul und Geschrei erfüllt, als ob die abgeschiedenen Geister der Verdammten —" „Nicht mehr, nicht mehr," unterbrach ihn der ungeduldige Heyward, „cs hat aufgehört, und sie, die es erhoben, sind, so Gott will, nicht mehr da! Alles ist still und im Frieden bis auf den Fluß; herein denn, wo Ihr jene Laute, die euch so vergnügen, hören lassen könnet." David lächelte traurig, obgleich nicht ohne einen flüchtigen Schimmer von Freude über die Anspielung auf seinen Lieblingsbernf. Er zögerte nicht länger, sich an einen Ort zu begeben, welcher ihm so ungestörten Genuß für seine müden Sinne versprach, und ans den Arm seines Begleiters gelehnt, trat er in den engen Eingang der Höhle. Dnncan ergriff einen Haufen Sassafras und schob ihn vor den Eingang, so daß keine Spur einer Oeffnung mehr zu sehen war. Innerhalb hängte er vor dieser gebrechlichen Scheidewand die Decken aus, welche die Waldbewohuer zurück gelassen hatten, wodurch er 104 das Hintere Ende der Höhle verdunkelte, während das vordere von der engen Schlucht, durch welche ein Theil des Muffes rauschte und sich einige Ruthen weiter unten mit seinem Schwesterarm wieder vereinigte, spärliches Licht empfing. „Ich liebe den Grundsatz der Eingebornen nicht, nach welchem sie unter anscheinend verzweifelten Umständen sich ohne Widerstand ihrem Schicksale fügen", sprach er, mit diesen Vorkehrungen beschäftigt, „unser Grundsatz, daß die Hoffnung nur mit dem Leben ende, ist weit tröstlicher und des Charakters eines Soldaten würdiger. Sie, Cora, bedürfen der Ermuthigung nicht; Ihre Seclenstärke und ungetrübte Einsicht sagt Ihnen Alles, was sich für Ihr Geschlecht geziemt. Aber können wir nicht die Thränen der Weinenden trockne», die zitternd au Ihrem Busen liegt?" „Ich bin ruhiger, Duncan," sagte Alice, aus den Armen ihrer Schwester sich erhebend, und trotz ihrer Thränen eine» Anschein von Fassung erzwingend, „jetzt bin ich viel, ruhiger. In diesem Versteck sind wir sicher, geborgen, vor Mißhandlungen geschützt. Wir wollen Alles von den cdclmüthigen Männern erwarten, die schon so viel für uns gewagt haben." „Jetzt spricht unsere sanfte Alice, wie eine Tochter Munro's!" sagte Heyward und ging, ihr die Hand drückend, ans den Eingang der Höhle zu. „Zwei solche Muster von Muth vor sich, müßte ein Mann sich schämen, wenn er sich anders denn als Held betrüge!" Er setzte sich dann in die Mitte der Höhle, indem er die einzige ihm noch gebliebene Pistole krampfhaft umklammerte, während seine gerunzelte, drohende Stirn einen verzweifelten Entschluß verrietst „Wenn die Huronen kommen, so sollen sie unsre Position nicht so leicht nehmen, als sie wähnen," murmelte er leise und schien, mit dem Kopfe an den Felsen gelehnt, in Geduld zu erwarten, was da kommen würde, während sein Auge unverrückt auf den offenen Eingang ihres Asyls gerichtet war. Dem letzten Laute seiner Stimme folgte eine tiefe, lange, 105 beinahe athemlose Stille. Die frische Morgenluft war in ihren Versteck gedrungen und ihr stärkender Einfluß ward allmählich oon seinen Bewohnern empfunden. Da eine Minute nach der andern verging und sie in ungestörter Sicherheit ließ, begann das wohl- thuende Gefühl der Hoffnung nach und nach wieder in ihrem Ge- müthe Raum zu gewinnen, obgleich Jedes sich scheute, Erwartungen anszusprechen, welche der nächste Augenblick grausam zerstören konnte. David allein machte eine Ausnahme bei diesem Wechsel von Stimmungen. Ein schwacher Lichtstrahl fiel durch die Oeffnung auf sein bleiches Gesicht und die Seiten des kleinen Buchs, dessen Blätter er übcrschlug, als ob er einen für ihre Lage paffenden Gesang finden wollte. Wahrscheinlich hatte ihn diese ganze Zeit eine verworrene Erinnerung an den ihm von Duncan zugcsagten Trost geleitet. Endlich schien es, als ob sein geduldiges Forschen belohnt werden sollte: denn ohne Erklärung oder Einleitung sprach er laut die Worte: „Insel Wight," zog dann einen langen, sanften Ton aus seiner Pfeife und durchging einige Läufe der Weise, die er eben genannt hatte, mit den süßeren Tönen seiner eigenen klangrcichen Stimme. „Ist keine Gefahr hierbei?" fragte Cora, ihr schwarzes Auge auf Major Heyward heftend. „Armer Schelm! Seine Stimme ist zu schwach, um unter dem Rauschen der Wasserfälle gehört zu werden," war die Antwort. „Außerdem schützt ihn auch die Höhle. Lassen Sie ihm sein Lieb- lingSgeschäft, da cr's ohne Gefahr thnn kann." „Insel Wight!" wiederholte David, indem er mit jener Würde um sich blickte, womit er die flüsternden Echo's in seiner Schule zum Schweigen zu bringen gewohnt war; „'s ist eine schöne Melodie und ein feierlicher Tert. Singen wir's mit gebührender Andacht!" Nachdem er eine Weile geschwiegen, um die Wirksamkeit seiner Vorschrift zu erhöhen, ließ sich die Stimme des Sängers erst in leisen, murmelnden Tönen vernehmen, dem Ohre allmählich kund werdend, bis sie endlich das enge Gewölbe mit Klängen füllte, die durch 106 das von seiner Angegriffcnhciirührendc Zittern noch dreimal gellender wurden. Die Melodie, welche keine Schwäche Zerstören konnte, übte allmählig ihren Einfluß ans die Zuhörer aus. Sic ließ selbst die erbärmliche Travestie der Gesänge Davids, den der Sänger aus einem Baude ähnlicher Ergießungen ausgewählt hatte, ja den ganzen Inhalt über der Harmonie der Töne vergessen. Alice trocknete unwill- knhrlich ihre Thränen und heftete ihre schmelzenden Augen auf Gamnts blasse Züge mit einem Ausdrucke reinen Entzückens, den sie nicht zu verbergen suchte. Cora lächelte de» frommen Anstrengungen des Namensbruders des jüdischen Fürsten Beifall zu, und Heyward wandte bald den festen, ernsten Blick von dem Eingang der Höhle ab und richtete ihn mit milderem Ausdruck auf Davids Gesicht und die irrenden Strahlen, die für Augenblicke aus Alicens feuchten Augen leuchteten. Der lebhafte Antheil der Zuhörer erhob das Gemüth des Sängers noch mehr, seine Stimme gewann wieder ihren vollen Umfang und Reichthum, ohne die rührende Sanftheit zu verlieren, die ihr einen geheimen Zauber verlieh. Seine wiederkehrende Kraft aufs Höchste steigernd, füllte er jetzt die Bogen der Höhle mit langen und vollen Tönen, als sich draußen plötzlich ein Geheul erhob, das die frommen Accorde verstummen ließ und.seine Stimme erstickte, als wäre ihm buchstäblich sein Herz in die Kehle gesprungen. „Wir sind verloren!" rief Alice, indem sic sich Cora in die Arme warf. „Noch nicht, noch nicht," entgegnete der aufgeregte, aber unerschrockene Hcyward: „das Geschrei kam von der Mitte der Insel und wurde durch den Anblick ihrer todten Gefährten hervorgerufen. Wir sind noch nicht entdeckt, es bleibt immer noch Hoffnung." So schwach und beinahe hoffnungslos die Aussicht auf Rettung war, so blieben Duncan's Worte doch nicht vergeblich: sie weckten die Geisteskraft der Schwestern wieder in so weit, daß sie den Ansgang stillschweigend erwarteten. Das Geheul ertönte zum zweiten 107 Mal, Stimme» erschollen von der ober» Spitze der Insel bis zu ihrem niederen Ende und ließen sich bald auch auf dem nackten Felsen über den Höhlen vernehmen, wo nach einem wilden Triumphgeschrei fortwährend ein so entsetzliches Geheul die Luft erfüllte, wie cs mir der Mensch, und er nur im Zustand der wildesten Barbarei aiisstossen kann. Die Töne erschollen bald in allen Richtungen um sie; Einige riefen ihren Gefährten vom Rande des Wassers herauf, und Andere antworteten von der Höhe herab. Schreie ließen sich in der gefährlichen Nähe der Felsenspalte zwischen den beiden Höhlen vernehmen, in welche sich ein kreischendes Gel^ul aus dem Abgrunde der tiefen Felsenklüfte mischte. Kurz, so reißend schnell hatten sich die wilden Töne über den ganzen kahlen Felsen verbreitet, daß die geängsteten Zuhörer sich leicht einbilveu konnten, sie ertönten auch unter ihnen, während sie in Wahrheit über und ans allen Seiten von ihnen waren. Mitten in diesem Tumult ertönte ein Triumphgeheul nur wenige Schritte von dem verborgenen Eingang in die Höhle. Heyward gab alle Hoffnung auf, indem er glaubte, dies scy das Signal, daß sie entdeckt worden seyen. Diese Besorgnis, verschwand jedoch wieder, als sich die Schreienden um die Stelle sammekten, wo der Weiße so widerstrebend seine Büchse zurückgelaffen hatte. Unter dem Kauderwelsch der indianischen Dialekte, das man jetzt deutlich vernahm, ließen sich nicht blos einzelne Wörter, sondern selbst ganze Sätze in dem Patois Canada's unterscheiden. Viele Stimmen tönten mit einem Mal: „In louxuo OavabinoG und die Echo der Wälder gegenüber gaben einen Namen wieder, der, wie Hcyward sich wohl erinnerte, von seinen Feinden einem berühmten Jäger und Kundschafter des englischen Lagers gegeben wurde, welcher, wie ersetzt zum ersten Mal erfuhr, sein letzter Begleiter gewesen war. „Im Innxue 6ara- bine!^ In lon^uv Onvnbine!" ging es von Mund zu Mund, bis " Die lange Büchs«. 108 die ganze Bande sich, wie cs schien, nm die SicgStrophäe versammelt hatte, welche den Tod ihres furchtbaren Eigcnthümers zu verkünden schien. Nach einer stürmischen Berathung, welche nur zuweilen durch Ausbrüche ihrer wilden Freude nuterbrvchen ward, trennten sie sich wieder und erfüllten die Lust mit dem Namen eines Feindes, ^ dessen Leiche sie, wie Heyward aus ihren Ausdrücken schloß, in einer ! Spalte des Felsens zu finden hofften. „Jetzt," flüsterte er den zitternde» Schwestern zu, „jetzt ist der Augenblick der Entscheidung! wenn unser Versteck dies Mal ihrer Nachforschung entgeht, so sind >^ir geborgen! Auf jeden Fall können wir gewiß seyn, daß unsre Freunde entkommen sind und daß wir in wenigen Stunden auf Hülfe von Webb hoffen dürfen." Einige Minuten des bängsten Stillschweigens folgten, während welcher, wie Heyward wohl wußte, die Wilden ihre Nachforschungen mit mehr Eifer und Umsicht als bisher fortsetzten. Mehr den» ein Mal konnte er ihre Fußtritte unterscheiden, wie sie an dem Sassafras hingingen, so daß die Blätter rauschten uyd die dürren l Aeste brachen. Endlich wich der Haufen ein wenig, die Ecke des Vor- > Hangs sank und ein schwacher Lichtstrahl drang in das Innere der Hohle. Cora drückte Alice in der Angst des Todes an das Herz und Heyward sprang auf. Ein Schrei ward in diesem Angcnblick gehört, als ob er aus der Mitte des Felsens käme, und ließ ver' muthen, daß sie endlich in die benachbarte Höhle eingcdrungen waren. In einer Minute hatte sich, wie die Zahl und das laute Geschrei der Stimmen verrieth, der ganze Haufe in und um diesen verborgenen Ort zusammengedrängt. Da die innern Eingänge der beiden Höhlen so dicht neben einander waren, schritt Duncan, der ein weiteres Verborgenbleiben nicht länger für möglich hielt, vor David und die Schwestern hin, um sich zwischen diese und den ersten Anlauf der schrecklichen Rotte zu stellen. Durch seine Lage zur Verzweiflung gebracht, trat er ganz nahe an die schwache Barriere, welche ihn nur einige Fuße 1tt9 von seinen fühllosen Verfolgern trennte, hielt sein Auge an die zufällige Oeffnung, und schaute mit einer Art verzweifelter Gleichgültigkeit hinaus, um ihre Bewegungen zn beobachten. Im Bereich seines Armes war die braune Schulter eines riesenhaften Indianers, desseü tiefe und gebieterische Stimme Befehle zu ertheilen schien, denen die Andern gehorchten. Vor ihm konnte Duncan in bas Gewölbe gegenüber blicken, das mit Wilden angefüllt war, welche das ärmliche Geräshc des Kundschafters durcheinander warfen und durchstöberten. Davids Wunde hatte die Blätter des Sassafras mit einer Farbe gefärbt, die, wie die Wilden wohl wußten, noch nicht an der Zeit war. lieber dieses Zeichen ihres Erfolgs stimmten sie ein Geheul an, wie eine Koppel Hunde, welche die Fährte wieder gefunden haben. Nach diesem Siegesgeschrei rissen sie das duftende Bett in der Höhle auf und trugen die Zweige in die Felsenspalte, indem sie sie umherstreuten, als ob sie vermuthetcn, daß sie die Leiche des Mannes verbärgen, den sie so lange gehaßt und gefürchtet hatten. Ein wild und grimmig aussehender Krieger näherte sich jetzt dem Häuptling mit einer Ladung Gestrüpp, und gab, mit Frohlocken ans dunkelrothe Flecken, womit sie besprengt waren, deutend, seine Freude durch indianische Ausrufungen zu erkennen, deren Inhalt Heyward blos aus der häufigen Wiederholung des Namens In lanxue Onrnbine zu muthmaßen vermochte. Als seine Freudenrufe aufgehört hatten, warf er das Gestrüpp auf den kleinen Haufen, welchen Duncan vor dem Eingang in die zweite Höhle gebildet hatte, und verschloß so wieder die Aussicht. Sein Beispiel ward von Andern nachgeahmt, welche, die Zweige aus der Höhle des Kundschafters heraus schaffend, sie auf den einen Haufen warfen und so unwissend zur Sicherheit derer, die sie suchten, selbst beitrugen. Gerade das Unansehnliche der Vorkehrung war ihr Hauptverdienst: denn Niemand dachte daran, einen Haufen Gestrüpp wegzuräumen, von dem Jeder glaubte, daß er im Augenblick der 110 Eile und der Verwirrung zufälliger Weise unter den Händen der eigenen Partei entstanden sey. Da die Decken unter dem äußern Drucke wichen und die Zweige sich, durch ihre eigene Last eine dichte Masse bildend, in die Felsspalte eindrückten, so athniete Duncan wieder freier auf. Mit leichtem Tritt und noch leichterem Herzen kehrte er in die Mitte der Höhle nach der Stelle zurück, wo er durch die Ocffuung eine Aussicht nach dem Flusse hatte. Während er diese Bewegung machte, brachen die Indianer, als hätten sie ihren Entschluß geändert, aus der kleinen Felsenschlncht auf und entfernten sich wieder die Insel hinauf nach dem Punkte, von dem sie ursprünglich herabgekommeu waren. Hier verriet!) ein zweites Klagegeheul, daß sie sich wieder um die Leichen ihrer gefallenen Kameraden versammelt hatten. Nun erst wagte Duncan wieder die Augen nach seinen Begleitern zu wenden: denn während der grüßten Gefahr fürchtete er, der Ausdruck von Bcsorgniß in seiner Miene möchte die Unruhe derer vermehren, die ohnedies schon so sehr niedergeschlagen waren. „Sie sind fort, Eora!" flüsterte er; „Alice, sie sind dahin zurückgekehrt, woher sie gekommen sind, und wir sind gerettet! Dem Himmel allein sey Dank, der uns aus den Klauen dieser erbarmungslosen Feinde errettet hat!" „Dem Himmel will auch ich danken!" rief die jüngere Schwester, aus den umschlingenden Armen Cora's sich losreixend und mit begeistertem Dankgcfuhl auf den nackten Felsen sich niederwerfend: „dem Himmel, welcher einem ergrauten Vater bittere Thronen erspart und denen, die ich so sehr liebe, das Leben gerettet hat —" Heyward und die ruhigere Cora waren von diesem Akt nnwill- kührsscher Rührung mächtig ergriffen, und Jener glaubte, die Frömmigkeit noch nie in einer so lieblichen Gestalt, wie in der jugendlichen Alice erblickt zu haben. Ihre Augen strahlten von der Glut dankbarer Gefühle, eine schöne Röthe kehrte auf ihre Wangen zurück und ihre ganze Seele schien sich durch ihre beredten Züge in Worte des Dankes 111 ergießen zu Wüllen. Während sich aber ihre Lippen bewegten, schienen ihr die Worte durch einen neuen und plötzlichen Eindruck im Munde zu ersterben. Die Blüte ihrer Wangen wich der Bläffe des Todes; ihre sanften, schmelzenden Augen erstarrten und schiene» sich vor Entsetzen krampfhaft zusammen zu ziehen, während ihre Hände, zum Dankgebet gen Himmel erhoben, niedersanken nnd ihre Finger in eonvulsivischer Bewegung vorwärts wiesen. Alsbald folgten Heyward's Augen der angedeutcten Richtung und über dem obern Rande des Felsens, der die Schwelle des offenen Ansgangs bildete, erblickte er die boshaften, wilden und grimmigen Züge von le Nenard Subtil! In diesem Augenblick der Ueberraschung verließ Heyward seine Selbstbeherrschung nicht. In dem leeren, ausdrucklosen Gesichte des Indianers las er, daß sein Auge, an das Tageslicht gewöhnt, noch nicht im Stande war, das Dämmerlicht in der Tiefe der Höhle zu durchdrungen. Schon wollte er mit seinen Begleiterinnen hinter eine Krümmung an der natürlichen Wand zurücktretcn, die sie vielleicht verborgen hätte, als ein plötzlicher Schimmer der Freude, der über das Gesicht des Wilden fuhr, ihm sagte, es sey zu spät und sie seyeu verrathen. Dem empörenden Blick des Frohlockens und des barbarischen Triumphes, der diese schreckhafte Wahrheit bestätigte, konnte Heyward unmöglich widerstehen. Alles vergessend und nur dem Triebe seines heiße» Blutes folgend, hob Dunean seine Pistole und gab Feuer. Bom Knall dieser Waffe erdröhnte die Höhle, wie beim Ausbruch eines Vulkans, nnd als der Ranch von dem Luftzuge der Felsenschlucht vertrieben war, fand er die Stelle leer, die eben noch die Züge seines verrätherischcn Führers eingenommen hatten. An den Ausgang stürzend sah Hcyward nur noch den Schein seiner dunkel» Gestalt, wie er sich um den nieder» Rand eines Felsens schlich, der ihn bald seinen Augen entrückte. I Unter den Wilden herrschte eine Todtcnstille ans die Erplosion die sich aus den Eingeweide« des Felsens hatte vernehmen lassen. Als aber Renard seine Stimme zu einem langen und ihnen Ü jijj L? 112 verständlichen Geschrei erhob, ward es von allen Indianern, die es hören konnten, mit einem gleichzeitigen Geheul beantwortet. Die schreienden Rotten stürzten sich wieder über die Insel herab, und ehe Duncan Zeit hatte, sich von seiner Bestürzung zu erholen, war die schwache Barriere in alle Winde zerstreut. Von beiden Enden drangen die Feinde in die Höhle. Sie wurden aus ihrem Zufluchtsorte an das Tageslicht geschleppt und standen jetzt von der ganzen Bande triumphi- render Huronen umgeben. Zehntes Kapitel. Ich fürchte, morgen schlafen wir zu lang, Wie wir in dieser Nacht zu lange wachten. Sommernachtstrauin. Sobald sich Duncan von dem Schrecken über dies plötzlichcllnglück erholt hatte, stellte er über das Aeußcre und das Benehmen der Sieger seine Beobachtungen an. Gegen ihre sonstige Sitte hatten sich die Ein- gebornen im Ucbermuthe des Siegs weder an den zitternden Schwestern, noch an ihm selbst vergriffen. Zwar hatten verschiedene Individuen des Stammes die reichen Verzierungen seiner Uniform zu wiederholten Malen betastet, und ihre gierigen Augen drückten den Wunsch nach dem Besitze dieser Kleinigkeiten aus. Aber ehe sie ihrer gewohnten Heftigkeit den Lauf gelaffen, hemmte die gebieterische Stimme des schon erwähnten hohen Kriegers die aufgehobenen Hände und überzeugte Heyward, daß man iie zu irgend einem besonder» Zwecke ausbewabre. Während jedoch die Jüngere» und Prnnksüchtigen aus der Bande diese Schwäche z» Tage legten, setzten die erfahrnen Krieger ihre Nachforschungen in den Höhlen mit einem Eifer fort, welcher zeigte, daß sie mit dem bereits Gefundenen noch nichtzufricden waren. Nichtim Stande, neue Opfer anfzufinden, nahten sich die Rachsüchtigen ihre» männlichen Gefangenen, indem sie den Namen ln Innxno llnraliino mit einem Ungestüm aussprachen, das nicht nüßverstandcnwerdenkonnte. Duncan stellte 113 sich, als ob er ihre wiederholten und ungestümen Fragen nicht verstünde, während seinem Begleiter eine völlige Nnkcnntniß der französischen Sprache denBersuch einer solchenTäuschung ersparte. Ermüdet durch ihre Zudringlichkeiten und befürchtend, durch hartnäckiges Stillschweigen seine Sieger aufznreizen, sah sich Duncan nach Magna um, welcher seine Antworten aus die immer ernstlicher und drohender werdenden Fragen allein verdolmetschen konnte. Das Benehmen dieses Wilden war von demjenigen seiner Genossen sehr verschieden. Während die andern entweder ihre kindische Leidenschaft für den Putz zu befriedigen suchten und die ärmlichen Ge- räthschaften des Kundschafters plünderten, oder, blutdürstige Rache in ihren Blicken, nach dem abwesenden Eigenthümer forschten, stand le Renard in einiger Entfernung von den Gefangenen so ruhig und zufrieden da, daß man deutlich erkannte, er habe den Hauptzweck seines Verraths bereits erreicht. Als Hcyward den Augen seines früheren Führers zuerst begegnete, wandte er sich ab, voll Abscheu über den boshaften, wenn gleich ruhigen Blick, der ihn traf. Er bezähmt« seinen Widerwillen und redete mit abgewandtem Gesicht seinen siegreichen Feind in folgenden Worten an: „Le Renard Subtil ist ein zu großer Krieger," sprach der widerstrebende Hcyward, „als daß er einem unbewaffneten Manne nicht erklären sollte, was seine Sieger wissen wollen." „Sie fragen nach dem Jäger, der die Pfade durch die Wälder kennt," antwortete Magna in gebrochenem Englisch, indem er zu gleicher Zeit mit wildem Lächeln die Hand auf das Bündel Blätter legte, womit eine Wunde an seiner Schulter umbunden war. „l-a lonxue ltarabine! Seine Büchse ist gut und sein Auge Nie geschloffen; aber gleich dem kurzen Gewehr des weißen Häuptlings vermag sie nicht« gegen das Leben le SubtilS." „Le Renard ist zu tapfer, um der im Kriege erhaltenen Wunden, oder der Hände, die sie schlugen, zu gedenken." „War es Krieg, als der ermüdete Indianer am Zuckerahorn Der letzte Mobikan. N 114 ruhte, um sein Korn zu essen? Wer füllte die Gebüsche mit den kriechenden Feinden? Wer zog sein Messer? Wessen Zunge war Frieden, indes sein Herz die Farbe des Blutes hatte ? Sagte Magna, daß das Beil nicht mehr in der Erde sep, und daß seine Hand es ausgcgraben habe?" Duncan schwieg, weil er seinem Ankläger nicht damit antworten wollte, daß er ihn an seinen Berrath erinnerte, und oerschmähte es, eine Enischuldigung oorzubringen, um Jenes Ilnmuth zu besänftigen. Magna schien auchzufrieden, den Streit, so wie jede andere Unterhaltung beruhen zu lassen: denn ersehnte sich wieder an den Baum, von dem ihn nur augenblickliche Aufregung entfernt hatte. Aber der Ruf In lonxue Oai-abino! erneuerte sich, sobald die ungeduldigen Wilden bemerkten, daß die kurze Unterhaltung abgebrochen war. „Ihr hört," sprach Magna mit verstockter Gleichgültigkeit, „die rothcn Huronen rufen nach dem Leben der „langen Büchse," oder wollen sie das Blut derer, die ihn verborgen halten! „Er ist fort — ist entronnen; er ist zu weit fort, als daß sie ihn erreichen könnten." Renard lächelte mit stolzer Verachtung, indem er antwortete: „Wenn der weiße Mann stirbt, so denkt er, er ist im Frieden, aber die rothen Männer wissen selbst die Geister ihrer Feinde zu quälen. Wo ist seine Leiche? Laß die Huronen seinen Skalp sehen!" „Cr ist nicht todt, er ist entronnen." Magna schüttelte ungläubig den Kopf. „Ist er ein Vogel, nm seine Schwingen anSzubreiten, oder ein Fisch, nm ohne Luft zu schwimmen? Der weiße Häuptling liest in semen Büchern und hält die Huronen für Thoren?" „Obgleich kein Fisch, kann doch „die lange Büchse" schwimmen. Er schwamm den Strom hinab, als alles Pulver verschossen und die Auge» der Huronen hinter einer Wolke waren." „Und warum blieb der weiße Häuptling zurück?" fragte der immer noch ungläubige Indianer. Ist er ein Stein, der zu Boden sinkt, oder brennt der Skalp ihm auf dem Kopfe?" „Daß ich kein Stein bin, könnte euer Kamerad, der in die Wasserfälle stürzte. Dir sagen, wenn er nach am Leben wäre!" entgegncte der gereizte junge Mann, in seinem Aerger jener ruhmredigen Sprache sich bedienend, die am ehesten die Bewunderung eines Indianers zu erregen pflegt. „Der weiße Mann glaubt, daß nur Memmen ihre Weiber im Stiche lassen." Magna murmelte einige unverständlicheWorte zwischen denZähnen und fuhr dann fort: „Können die Delawaren eben sa gut schwimmen, als in den Büschen kriechen? Wo ist le xros Sorpent?" Duncan sah ans dieser kanadischen Benennung, daß seine letzten Begleiter seinen Feinden bekannter, als ihm selber waren, und antwortete ungern: „auch er ist »nt dem Strome hinab." „Ist Ic llerk axile nicht hier?" „Ich weiß nicht, wen ihr den flinken Hirsch nennet," antwortete Duncan, der gern eine Gelegenheit ergriff, nm Zeit zu gewinnen. „Nncas," antwortete Magna, indem er die delawarischen Namen nutnoch mehr Schwierigigkeit aussprach, als selbst die englischen Worte. „Das springende Elenn, sagt der weiße Mann, wenn er den jungen Mohikaner ruft." „Es herrscht einige Verwirrung in den Namen unter uns, leRe- nard," erwiederte Duncan, indem er eine Erörterung herbeizuführen hoffte, äai'm ist vas sranzöüsche Wort für Damhirsch und Ork für Hirsch; elg,, ist der richtige Ausdruck, wenn du vom Elennthicr sprichst." „Ja," murmelte der Indianer in seiner Muttersprache: „die Blaß- gefichter find geschwätzige Weiber! Sie haben für jedes Ding zwei Wör» ter, während die Rothhaut den Ton ihrer Stimme für sich sprechen läßt." Dann wieder in die freinde Sprache übergehend, fuhr er fort, indem er sich der unvollkommenen Ausdrucksweise, die er sich in der Provinz zu eigen gemacht, bediente: „der Damhirsch ist schnell, aber schwach; das Elenn schnell und stark, und der Sohn von le 116 Scrpent ist le Cers agile. Hat er sich in den Fluss gestürzt, den Wäldern zu?" „Wenndudenjungen Delawaren meinst, auch c rist den Fluss hinab." Da der Indianer in der Art ihres Entkommens nichts unwahrscheinlich fand, so nahm er die Wahrheit des Gehörten mit einer Bereitwilligkeit an, die ein weiterer Beweis dafür war, wie wenig Werth er auf so unbedeutende Gefangene lege. Seine Gefährten schienen jedoch die Sache anders anzusehen. Die Huronen hatten das Ergebnis; des kurzen Gesprächs mit der ihnen eigenthümlichen Geduld und einem Stillschweigen abgewartet, das immer mehr znnahm, bis endlich die ganze Bande verstummt war. Als Hehward aufhörte, zu spreche», wandten sich aller Augen auf Magua, indem sie ans ihre ausdrucksvolle Weise eine Erklärung des Gesagten verlangten. Ihr Dolmetscher wies auf den Fluß und machte sie thcils durch Geberden, theils durch wenige Worte, die er «usstieß, mit dem Inhalt des Gesprochenen bekannt. Kaum war dies allgemein bekannt, so erhoben sie ein furchtbares Geschrei, wodurch sie ihre Wuth über das Vorgefallene zu erkennen gaben. Die Einen rannten wie Rasende nach dem Ufer des Flusses und schlugen mit wüthenden Geberden in die Luft; Andere spuckten das Element an, um ihre Entrüstung über den Verrath auszudrücken, den es an ihren anerkannten Siegerrechten begangen hätte. Wieder Andere, und zwar nicht die minder Kräftigen und Furchtbaren der Bande schoßen finstere Blicke, in welchen die wildeste Leidenschaft nur durch ihre gewohnte Selbstbeherrschung gemäßigt wurde, auf die befangenen, welche sich in ihrer Gewalt befanden. Einer oder zwei machten ihren boshaften Gefühlen durch die drohendsten Geberden Luft, gegen welche die Schwestern weder Geschlecht noch Schönheit schützen konnte. Der junge Soldat machte einen verzweifelten, wenn gleich fruchtlosen Versuch, Alicen beizuspringen, als er sah, wie ein Wilder seine dunkle Hand mit dem üppigen Haare umwand, das in Locken über ihre Schultern herab- fioss, und mit einem Messer um ihr Haupt fuhr, als wollte.er bezeichnen, 117 auf welche abscheuliche Weise cs seiner schönen Zierde beraubt werden sollte. Aber Heyward's Hände waren gebunden; nnd anfdie erste Bewegung, die er machte, fühlte er dcnGriffdcs kräftigen Indianers, der die Rotte befehligte, seine Schulter wie mit einer Zange zusammcndrückeir. Erkennend, wie ohnmächtig ein Widerstand gegen die überlegene Gewalt erscheinen mußte, ergab er sich in sein Schicksal und crmuthigte seine zarten Begleiterinnen nnr dnrch die leise und freundliche Versicherung, daß die Tröstungen der Indianer gewöhnlich schlimmer als ihre Handlungen festen. Während aber Dnncan durch diese tröstenden Worte die Besorgnisse der Schwestern zu zerstreuen versuchte, war er nicht so schwach, sich selbst zu täuschen. Er wußte sehr wohl, daß das Ansehen eine» Indianerhäuptlings ans schwachen Füßen ruhe, und öfter durch physische Kraft, als dnrch moralische lleberlegenheit behauptet werde. Die Gefahr war deshalb in dem Maße größer, je bedeutender die Zahl der Wilde» war, die sic umgaben. Der ausdrücklichste Befehl dessen, der ihr anerkannter Führer war, konnte jeden Augenblick durch die rasche Hand eines Wilden überschritten werden, dem cs einfiel, den Mauen eines Freundes oder Verwandten ein Opfer zu bringen. Während er sich daher den äußern Anschein von Ruhe und Seelenstärke gab/schwebte er in tödtlicher Angst, sobald einer der Sieger den hülfloscn Schwestern näher trat, oder einen seiner finstern, irrenden Blicke auf jene zarten Gestalten warf, die so wenig im Stande waren, der geringsten Gewaltthätigkeit zu widerstehen. Seine Besorgnisse wurden jedoch nicht wenig gemildert, als er den Führer seine Krieger zu einer Berathung versammeln sah. Sie war kurz und bei dem Stillschweigen der Meisten wurde, wie es schien, ein einmüthiger Beschluß gefaßt. Da die wenigen Sprecher häufig nach der Gegend von Wcbbs Lager deuteten, fürchteten sie offenbar von dieser Seite Gefahr. Diese Besorgnis? beschleunigte wahrscheinlich ihre» Entschluß und beeilte die folgenden Bewegungen. Während dieser kurzen lleberlegung, die seine schlimmsten Befürchtungen etwas milderte, hatte Hestward Muße, die vorsichtige 118 Art bewundern, wie die Huronen, selbst nach dem Anshören der Feindseligkeiten, ihre Annäherung an die Insel bewerkstelligt hatten. Es ist schon erwähnt worden, daß die obere Hälfte der Insel ein nackter Felsen war, der außer einigen zerstreuten Stämmen Treibholz keine Scbntzwchr hatte. Diesen Punkt hatten sie z» ihrer Landung gewählt, und zu diesem Behrste das Canoe durch den Wald um den Wasserfall herum getragen. Nachdem sie ihre Waffen in das kleine Fahrzeug gelegt hatten, heiligten sich ein Dutzend Männer an die Seiten des Cannes und folgten seiner Richtung, während zwei der erfahrensten Krieger in Stellungen, die sie den gefährlichen Weg überschauen ließen, in ihm ruderten. Begünstigt durch diese Anordnung, gelangten sie an der Spitze der Insel an jenen Punkt, der für die ersten Wagehälse so verderblich geworden war, aber mit dem Dortherl einer größeren Zahl und im Besitze von Feuerwaffen. Daß dies die Art ihrer Landung gewesen, erkannte Dnncan jetzt: denn sie brachten die leichte Barke von dem ober« Ende des Felsens und ließen sie nahe am Eingang der äußern Höhle in's Wasser. Sobald dies geschehen war, winkte der Führer den Gefangenen, herabzukomincn und in das Canoe zu steigen. Da Widerstand unmöglich und Boistellungen nutzlos waren, so gab Heyward zuerst das Beispiel der Unterwerfung und schritt voran in das Canoe, wo er sich mit den beiden Schwestern und den« stets noch verblüfften David niederließ. Obgleich die Huronen die kleinen Kanäle zwischen den Stromschnelle» und Wirbeln nicht kennen konnten, so waren sie doch mit den gewöhnlichen Regeln einer solchen Schifffahrt zu vertraut, um einen bedeutenden Fehler zu machen. Als der Lootse, welcher das Canoe zu leiten hatte, seinen Platz eingenommen, sprang die ganze Rotte in den Fluß; das Schifflein glitt auf der Strömung dahin, und in wenigen Augenblicken befanden sich die Gefangenen auf dem südlichen Ufer des Stromes, beinahe dem Punkte gegenüber, wo sie jenes am vorigen Abend getroffen halten. 110 Hier fand eine zweite kurze, aber ernstliche Berathung Statt, während welcher die Pferde, deren panischem Schrecken die Eigen- thüiner ihr Unglück hauptsächlich zuschriebcn, aus dem Dickicht der Wälder und an den verborgenen Ort geführt wurden, wo sie sich befanden. Der Trupp theilte sich jetzt. Der oft erwähnte erste Anführer bestieg Hehward's Rost, zog mit dem größten Thcil seiner Leute quer durch den Fluß und verschwand in den Wäldern, indem er die Gefangenen der Obhut von sechs Wilden überließ, an deren Spitze le Renard Subtil stand. Dnncan betrachtete alle diese Bewegungen mit erneuter Besorgniß. Aus der ungewöhnlichen Schonung der Wilden gegen ihn glaubte er schließen zu dürfen, daß er Montcalm als Gefangener auS- geliefert werden sollte. Da die Gedanken der Unglücklichen selten schlummern, und die Einbildungskraft nie lebhafter ist, als wenn sic von der Hoffnung, sey sic auch noch so schwach und entfernt, aufgeregt wird, so hatte er schon daran gedacht, ob nicht die väterlichen Gefühle Munro's benützt werden sollten, ihn seiner Pflicht gegen den König untreu zu machen: denn, obgleich der französische Befehlshaber für einen Mann von Muth und Unternehmungsgeist galt, so sprach man ihn doch nicht von jenen politischen Ränken frei, welche nicht immer den Anforderungen einer strengen Moral Gehör gaben und die europäische Diplomatie jener Zeiten sehr entehrten. Alle diese geschäftigen und erfinderischen Betrachtungen waren nun durch die Maßregeln seiner Sieger zu Nichte geworden. Derjenige Theil des Trupps,, welcher dem riesenhaften Krieger folgte, nahm seine Richtung nach den Quellen des Horican und er und seine Begleiter hatten nichts Geringeres zu gewarte», als daß sie, hülflose Gefangene, in der Gewalt der Sieger bleiben müßten. Um über ihr künftiges Schicksal Gewißheit zu erhalten und je nach Umständen auch die Macht des Goldes zu versuchen, überwand Dnncan seinen Widerwillen, mit Magna zu sprechen. Gr wandte sich 120 also an seinen früheren Führer, welcher sich das Ansehen nnd die Miene eines Mannes gegeben hatte, der die künftigen Bewegungen des Trupps zu leiten habe, und sprach in so freundlichem und vertraulichem Tone, als ihm nur immer möglich war: »Ich wünschte mit Magua Worte zu sprechen, die nur ein so großer Häuptling hören darf." Der Indianer wandte seine Augen verächtlich auf den jungen Kricgsmann und antwortete: »Sprich! die Bäume haben keine Ohren!" „Aber die rothen Huronen sind nicht taub, und ein Rath, der sich nur für die großen Männer einer Nation eignet, würde die jungen Krieger trunken machen. Wenn Magna nicht hören will, so weiß der Offizier des Königs zu schweigen." Der Wilde sprach nachlässig mit seinen Kameraden, welche beschäftigt waren, in ihrer linkischen Weise die Pferde für die beiden Schwestern herzurichten nnd trat ein wenig auf die Seite, , wohin er mit vorsichtiger Geberde Heyward zu folgen winkte. »Jetzt sprich!" sag'e er, »wenn Deine Worte von der Art sind, daß sic Magua hören kann." „Le Renard Subtil hat sich des ehrenvollen Namens, den ihm seine canadischen Väter gaben, würdig erwiesen," fing Heyward an, »ich erkenne seine Weisheit und Alles, was er für uns gethan hat, und werde es ihm gedenken, wenn die Stunde seiner Belohnung kommt. Ja, Renard hat gezeigt, daß er nicht blos ei» großer Häuptling im Rathe ist, sondern auch weiß, wie er seine Feinde hintergehen kann." „Was hat Renard gethan?" fragte ihn kalt der Indianer. „Wie? hat er nicht gesehen, daß die Wälder mit lauernden Feindeshanfen angefüllt waren, und daß selbst eine Schlange sich nicht ungesehen durchschleichen konnte? Verlor er da nicht den Pfad, um die Augen der Huronen z» täuschen? Gab er nicht vorbaß er zu seinem Stamme, der ihn so sehr mißhandelt und wie einen Hund von seinen WigwamS vertrieben hatte, znrückkehrei» woiie? Und als wir seine Absicht erkannten, standen wir ihm nicht bei, indem wir ein falsches Gesicht macksten, »in die Huronen ans die Meinung zn bringen, der weiße Mann glaube, daß sein Freund sein Feind geworden sey? Ist nicht alles dies wahr? lind als le Subtil durch seine Weisheit die Augen seiner Nation verschlossen und ihre Ohren verstopft hatte, vergaßen sie nicht, daß sie ihm einst UeblcS gelhan »nd ihn gezwungen hatten, zn den MohawkS zu fliehen? Ließen sic ihn nicht ans der Südseite des Flusses mit ihren Gefangenen, während sic thörichter Weise nach dem Norden gingen? Gedenkt er jetzt nicht, wie ein Fuchs seine Schritte rückwärts zu wenden, um dem reichen, grauköpflgen Schotten seine Töchter wieder zuzuführen? Ja, Magna, ich sehe jetzt Alles und habe schon darüber nachgedacht, wie so viele Weisheit und Ehrlichkeit zu belohnen seyn wird. Erstlich wird der Befehlshaber von William Henry ihn für einen solchen Dienst belohnen, wie cs eines so großen Hauptes würdig ist. Magua's Medaille* wird nicht länger von Zinn, sondern von geschlagenem Golde seyn; sein Horn wird Pulvers die Fülle haben-, Dollars wird er so viel in seiner Tasche tragen, als Kiesel am Horican sind, und das Wild des Waldes wird ihm die Hand lecken, denn cs wird wissen, daß es vergeblich vor der Büchse flieht, die er führen wird. Was mich betrifft, so weiß ich nicht, wie ich den Schotten an Dankbarkeit übertreffen soll; aber ich — ja ich will —" „Was will der junge Häuptling, der Vom Anfgang der Sonne kommt, geben?" fragte dtr Hurone, als er bemerkte, daß Heyward gerade da ins Stocken gerieth, wo er bei der Aufzählung seiner * Es iii lange ein Kunstgriff der Meißen gewesen, wichtige Männ-r unter den Indianern durch Medaillen zu gewinnen, die diese dann statt ihres reden Schmuckes zu «ragen pflegten. Diejenigen, welche die Engländer gabt», trugen insgemein das Bildniß veS regierenden Königs, die der Amerikaner das ihres Präsidenten. Geschenke mit der Gabe enden wollte, die für einen Indianer das Ziel der höchsten Wünsche bilden mochte. „Er will das Fcuerwaffer^ non den Inseln des Salzsees vor Magua's Wigwam schneller fließen lassen, als der brausende Hudson strömt, bis das Herz des Indianers leichter wird, als die Feder eines Kolibri, und sein Athem süßer, als der Geruch des wilden Geisblattes." Le Nenard hatte Hepwards schlauer Rede mit tiefem Stillschweigen zugchört. Als der junge Mann von dem Kunstgriffe sprach, womit der Indianer seine eigene Nation hintcrgangen haben sollte, nahm die Miene des Zuhörers den Ausdruck vorsichtigen Ernstes an. Bei der Anspielung ans das Unrecht, das, wie Dnnean sich den Schein gab anzunehmen, den Huronen ans seinem heimatlichen Stamme vertrieben hatte, leuchtete aus des Andern Auge ein Strahl so unbezähmbarer Wildheit, daß der verwegene Sprecher glaubte, die rechte Saite angeschlagen zu haben. Wie er aber auf die Stelle kam, wo er den Durst nach Rache durch das Motiv der Gewinnsucht so listig zu verdrängen suchte, ward ihm die gespannteste Aufmerksamkeit zu Theil. Le Renard hatte seine Frage ruhig und mit aller Würde eines Indianers gestellt. Nus der nachdenklichen Miene des Zuhörers war ersichtlich, daß die Gegenrede auf das schlaueste angelegt war. Der Hurone besann sich einige Augenblicke, legte dann seine Hand auf den rohen Verband seiner verwundeten Schulter und fragte mit einigem Nachdruck: „Machen Freunde solche Zeichen?<' „Würde In lonzzme Oarabine einen Feind so leicht abfertigen?" „Kriechen die Delawarcn gegen diejenigen, welche sie lieben, gleich Schlangen daher, und winden sich, um sie zu stechen?" „Würde Io xro« Sorpent sich von Ohren hören lassen, von denen er wünschte, daß sie taub wären?" „Schießt der weiße Häuptling sein Pulver seinen Brüdern in'S Gesicht?" " Kranmwcm. 123 „Verfehlt er je sein Ziel, wenn er ernstlich gemeint ist zu tödten?" fragte Dnnean, mit einem Ausdrucke wohl angenommener Geradheit lächelnd. Eine wiederholte lange Pause des Nachdenkens folgte diesen klugen Fragen und schnellen Antworten. Dnnean sah, daß der Indianer unschlüßig war. klm seinen Sieg zu rollenden, wollte er die Belohnungen wieder aufzählen, als Magna mit einer ausdrucksvollen Geberde sprach: „Genug, le Renard ist ein weiser Häuptling, und was er thut, wird sich zeigen. Geh und Halle den Mund geschlossen. Wenn Magua spricht, wird's Zeit zur Antwort sehn." Als Hepward bemerkte, daß sich seine Augen unruhig auf den Nest der Gesellschaft richteten, wich er alsbald zurück, um den Anschein eines verdächtigen Einverständnisses mit ihrem Führer zu vermeiden. Magna trat auf die Pferde zu und that, als ob er mit der Sorgfalt und dem Geschick seiner Kameraden wohl zufrieden wäre. Er winkte jetzt Hey vard, den Schwestern in den Sattel zu helfen, denn selten ließ er sich herab, der englischen Sprache sich zu bedienen, wenn nicht eine mehr denn gewöhnliche Veranlassung ihn dazu nüthigte. Jetzt war kein weiterer Vorwand zum Aufschub abznsehen, und Dnnean sah sich genöthigt, wenn auch ungern, zu willfahren. Während seiner Dienstleistung flüsterte er jedoch seine wicdcrgewonnc- nen Hoffnungen den zitternden Mädchen z», welche, aus Furcht den wilden Blicken ihrer Sieger zu begegnen, selten ihre Augen aufschlugen. Da die Stute Davids von den Begleitern des Häuptlings in Beschlag genommen war, so mußte ihr Eigenthümer, wie Dnnean, zu Fuße gehen. Letzterer bedauerte jedoch diesen Umstand nicht, da ihm so vielleicht möglich wurde, die Eile der Reise zu vermindern: denn immer noch wandte er sehnsüchtige Blicke nach der Gegend von Fort Edward hin, in der eiteln Erwartung, von diesem Theile des Waldes her in irgend einem Laute ein Zeichen nahender Hülfe zu entdecken. 124 Als Alles bereit war, gab Magna bas Zeichen znm Aufbruch, indem er selbst als Führer au die Spitze des Zuges trat. Nächst ihm folgte David, welcher anstng, sich seiner mißlichen Lage bewußt zu werden, da die Wirkungen seiner Wunde immer mehr verschwanden. Die Schwestern ritten hinter ihm, neben diesen ging Heyward, während die Indianer die Seiten deckten und den Zug in gewohnter unermüdlicher Wachsamkeit schlossen. So zogen sie in ununterbrochenem Stillschweigen fort; nur hin und wieder richtete Hcyward einige Worte des Trostes an die Schwestern, oder machte David seinem Kummer durch fromme Ausrufungen Luft, womit er seine demülhige Ergebung ausdrückcn wollte. Ihr Weg ging nach Süden, der Richtung von William Henry beinahe entgegen gesetzt. Obgleich Magna der nrsprüngllchen Entschließung der Sieger treu zu bleiben schien, so konnte Heyward doch nicht glauben, daß seine lockenden Anerbietungen so bald vergessen worden seyn sollte»; er kannte die Krümmungen eines Jn- diancrpfads zu gut, um nicht anznnchmen, daß hier, wo kluge List vor Allem nöthig war, auch diese scheinbar genommene Richtung am Ende doch noch znm Ziele führe. Meile auf Meile wurde in diesen endlosen Wäldern znrückgelegt, und noch war kein Ende ihrer Reise abzusehcn. Hevward hatte immer die Sonne im Auge, wie sie ihre Mittagsstrahlcn durch die Aeste der Bäume schoß, und selmte sich nach dem Augenblick, wo Magua's Politik ihrem Zug eine seinen Hoffnungen günstigere Richtung geben würde. Ost bildete er sich ein, der listige Wilde wende, weil er nicht hoffen dürfte, Montealms Heer zu umgehen, den Zug nach einer wohlbekannten Pflanzung an der Gränze, wo ein ausgezeichneter Offizier der Krone und beliebter Freund der sechs Nationen große Besitzungen hatte und sich gewöhnlich aushielt. In die Hände Sir William Johnsons überantwortet zu werden, war freilich einer Reise in die Wildnisse Canadas bei weitem vorzuzichen; aber selbst um das Erstere auS- zuführcn, mußte noch manche ermüdende Meile im Walde znrückgelegt 125 werden, und jeder Schritt entfernte ihn weiter vor» Schauplatz des Kriegs, und folglich von einem Posten, auf den ihn Pflicht und Ehre riefen. Eora allein erinnerte sich an die Weisungen des scheidenden Kundschafters, und so oft sich Gelegenheit bot, reckte sie ihre Hand aus, um Zweige, die ihr in den Weg kamen, zu zerknicken. Aber die Wachsamkeit der Indianer machte diese Vorsichtsmaßregeln nicht nur schwierig, sondern auch gefährlich. Ost wurde sie in ihrem Vorhaben gestört, wenn sie den wachsamen Augen der Milden begegnete, wo sie dann eine nichtempfundene Unruhe heucheln und der Bewegung ihres Armes eine» Grund weiblicher Aengstlich- keii unterzulegen bemüht seyn mußte. Nur einmal war sie ganz glücklich, als sie den Zweig eines großen SnmachbaumeS abbrach und ihr plötzlich der Einfall kam, einen ihrer Handschuhe fallen zu lassen. Dieses Zeichen, das den Nachfolgenden einen Wink geben sollte, ward jedoch von einem ihrer Führer belauscht; er gab ihr den Handschuh zurück, zerbrach die übrigen Zweige umher, um den Schein hervorzubringen, als sey ein Mild dort dnrchgcbrochen, und legte dann seine Hand mit einem so bedeutungsvollen Blicke ans de» Tomahawk, daß er diesen verstohlenen Merkmalen ihres Zuges für immer ein Ende machte. Da sich überdies bei beiden Banden Pferde befanden, welche ihre Fußtritte dem Boden eindrückten, so vereitelte dieser Umstand alle Hoffnung, daß die zurückgelaffenen Spuren ihnen Hülfe und Rettung verschaffen würden. Heyward hätte vielleicht eine Einrede gewagt, wenn ihm nicht die finstere Zurückhaltung Magua's den Muth dazu benommen hatte. Auf dem ganzen Zuge wandte er sich selten, um nach seinen Begleitern zu sehen und sprach kein Wort. Ohne andere Führer als die Sonne und geleitet von Merkzeichen, welche nur dem Scharfblick des Eingebornen erkennbar sind, verfolgte er seinen Weg durch die öden Fichtenwälder, mitunter über kleine, fruchtbare Thäler, durch Bäche und Flüßchen und wellenförmige Hügel, mit instinktartiger 126 Sicherheit und fast in der geraden Richtung des VogclffugS. Nie schien er unschlüßig zu sehn, der Weg mochte kaum erkennbar werden, ganz verschwinden oder gebahnt und offen vor ihm liegen. Nichts hemmte seine Eile oder machte ihn zweifelhaft. Es schien, als ob Ermüdung ihm völlig unbekannt wäre. So oft sich die Angen der ermatteten Wanderer von dem gefallenen Laube, über das sie schritten, erhoben, schwebte seine dunkle Gestalt durch die vorderen Baumstämme hin, sein Auge blieb unbeweglich vorwärts gerichtet, während die leichte Feder auf seinem Schopfe in einem Luftzüge flatterte, der allein durch seine schnelle Bewegung hervorgebracht wurde. Aber alle diese Sorgfalt und Eile galt einem bestimmten Ziele. Nachdem sie durch ein tiefes Thal gekommen waren, durch welches ein rauschender Bach in Krümmungen dahinfloß, stieg er plötzlich einen Hügel hinan, der so steil und unwegsam war, daß die Schwestern, um zu folgen, absteigen mußten. Als sie den Gipfel erreicht, befanden sie sich ans einer Fläche, auf der nur wenige Bäume standen. Unter einem derselben hatte sich Magua's dunkle Gestalt nic- geworfcn, als wollte er jene Ruhe suchen, deren Alle so sehr bedürftig waren. Eilftes Kapitel. — Verfluchet sev mein Staun», Wofern ich ihm verzeihe. — Shylock. Der Indianer hatte für seinen Zweck einen jener steilen, pyramidenförmigen Hügel ausersehen, welche eine große Ähnlichkeit mit künstlichen Ervanfwürfen haben und in den Thälern Amerikas so häufig gesunden werden. Der fragliche Hügel war hoch und abschüssig, sein Gipfel, wie gewöhnlich, abgeplattet, eine Seite davon 127 aber weniger regelmäßig, als es sonst wohl der Fall ist. Der Ort hatte für einen Ruheplatz keine anderen Borlheile, als seine Höhe und Form, welche eine Vcrtheidigung leicht und einen lleberfall beinahe unmöglich machten. Da Heyward jedoch nicht weiter ans eine Befreiung hoffte, welche Zeit und (Entfernung gleich unwahrscheinlich machten, so betrachtete er diese geringfügigen Eigenthüm- lichkeiten mit gleichgültigem Auge, und war allein darauf bedacht, seine schwächeren Begleiter zu trösten und ihnen Mnth einzusprechen. Die Narraganscts ließ man die Zweige der auf dem Hügel sparsam wachsenden Bäume und Gesträuche abweiden, während die Reste des Mundvorrathes un'er dem Schatten einer Buche, die mit ihren wagerechten Resten sie gleich einem Dache überragte, ausgebreitet wurden. Trotz ihres eilfertigen Marsches hatte einer der Indianer Gelegenheit gefunden, ein verirrtes Hirschkalb mit einem Pfeile zu erlege», und die vorzüglicheren Thcile des Thieres geduldig auf den Schultern nach dem Ruheplatz getragen. Ohne Hülfe und Kenntniß der Kochkunst schickte er sich sogleich mit seinen Genossen an, diese schwerverdauliche Speise hinunterznschlingen. Magua allein hielt sich entfernt, ohne an dem widerlichen Mahle Theil zu nchmen. und schien in tiefes Nachdenken versunken. Diese Enthaltsamkeit, so auffallend bei einem Indianer, wenn er Mittel hat, seine Eßlust zu befriedigen, zog endlich Heyward's Aufmerksamkeit auf sich. Er gab sich der Hoffnung hin, der Hnrone denke darüber nach, wie er die Wachsamkeit seiner Gefährten am ehesten täuschen könne, um sich in den Besitz der versprochenen Geschenke zu setzen. Mit dem Gedanken, diese Plane durch seinen eigenen Rath zu unterstützen und die Versuchung noch zn verstärken, verließ er die Buche nnd kam, wie von Ungefähr, ans die Stelle zu, wo le Renard saß. „Hat nicht Magua die Sonne lange genug im Gesicht gehabt, um aller Gefahr von den Canadiern entronnen zn seyn?" fragte er, als ob er über das gute Einverständniß zwischen ihnen nicht 128 länger im Zweifel wäre; „und wird der Häuptling von William Henry nicht mehr erfreut seyn, wenn er seine Töchter'wieder sieht, «he noch eine zweite Nacht sein Herz gegen ihren Verlust verhärtet «nd ihn mit seinen Geschenken weniger freigebig gemacht haben wird?" — „Lieben die Blaßgesichter ihre Kinder weniger am Morgen, als am Abend?" fragte der Indianer kalt. „Keineswegs," erwiederte Heyward, besorgt, seinen Fehler zu verbessern, wen» er einen gemacht, „der weiße Mann vergißt oft den Begräbnißplatz seiner Väter; er gedenkt zuweilen nicht mehr derer, die er lieben sollte und zu lieben versprochen hat: aber die Zärtlichkeit eines Vaters für sein Kind darf nie ersterben." „lind ist das Herz des weißköpsigen Häuptlings sanft, wird er lange an die Kinder denken, die seine Sgnaws* ihm gegeben haben? Er ist so hart gegen seine Krieger, und seine Augen sind aus Stein gebildet!" „Er ist streng gegen die Trägen und Bösen, aber gegen die Nüchternen und Verdienstvollen ist er ein gerechter und gütiger Führer. Ich habe schon viele liebevolle und zärtliche Aeltern gesehen, aber noch keinen Mann, dessen Herz gegen sein Kind zärtlicher gesinnt gewesen wäre. Dn hast den Grankopf vor der Fronte seiner Krieger gesehen, Magna; aber ich habe erlebt, wie seine Augen in Thränen schwammen, wenn er von diesen Kindern sprach, die nun in Deinen Händen sind!" Heyward schwieg: denn er konnte sich den auffallenden Ausdruck nicht erklären, der sich über die schwärzlichen Züge des aufmerksamen Indianers blitzschnell verbreitete. Zuerst war es, als ob die Erinnerung an die versprochene Belohnung in seinem Geiste lebendig würde, wie er von den Quellen väterlicher Zärtlichkeit hörte, die ihm den Besitz jener sichern würden; während Duncan aber weiter redete, wurde der Ausdruck der Freude so grimmig » Weiber. 12S boshaft, daß er nothwendig befürchten mußte, es liege ihr eine unheimlichere Leidenschaft als Gewinnsucht zu Grunde. „Geh!" sprach der Hurune, indem er für den Augenblick diesen beunruhigenden Ausdruck seines Antlitzes mit einer todtenähnlichen Ruhe vertauschte, „geh und sage der schwarzlockigen Tochter, daß Magna sie sprechen will. Der Vater wird nicht vergessen, was die Tochter verspricht." Duncan, der in dieser Rede des Wilden den Wunsch nach einem weitern Unterpfands dafür erblickte, daß die versprochenen Gaben ihm auch wirklich zu Theil werden sollten, zog sich langsam und zögernd nach der Stelle zurück, wo die Schwestern von ihrer Anstrengung ausruhten, um seinen Auftrag an Cora auszurichten. „Sie wissen, von welcher Art die Wünsche eines Indianers sind," schloß er, sie zu der Stelle führend, wo sie erwartet wurde. „Sie müssen freigebig mit Anerbietungen von Pulver und Decken seyn. Geistige Getränke stehen jedoch bei Leuten, wie er, oben an; auch wäre es gut, wenn Sie ihm ein Geschenk,von Ihrer Hand mit. jener Grazie, die Ihnen so eigenthümlich ist, anbieten würden. Bedenken Sie, Cora, daß von Ihrer Geistesgegenwart und Besonnenheit sogar Ihr Leben und das Alicens abhängt!" „Und das Ihrige, Heyward!" „Das meinige kommt wenig in Betracht, es ist bereits an meinen König verkauft, und gehört dem ersten besten Feinde, der es mir nehmen kann. Ich habe keinen Vater, der mich erwartet, und nur wenige Freunde,-die ein Schicksal beklagen, nach welchem ich mit der nicht zu stillenden Sehnsucht der Jugend nach Auszeichnung gedürstet habe. Aber still! wir nahen uns dem Indianer. „Magna, die Lady, mit welcher Du zu sprechen gewünscht, steht vor Dir." Der Indianer erhob sich langsam von seinem Sitze und stand fast eine Minute schweigend und regungslos vor ihr. Dann Der letzte Mohrkan. 9 gab er Heyward mit der Hand ein Zeichen, sich zurückzuziehen, und sagte kalt,: „Wenn der Hurvne mit den Weibern spricht, verschließt sein Stamm die Ohren." Als Duncan noch immer zögerte, als wollte er nicht gehorchen, sprach Cora mit ruhigem Lächeln: „Hören Sie's, Heyward? Ihr Zartgefühl sollte Sie wenigstens veranlassen, sich zurückzuziehen. Geyen Sie zu Alice und trösten Sie dieselbe mit unser» wiederauflebenden Hoffnungen!" Sie wartete bis er sich entfernt hatte, und sprach dann, gegen den Eingebvrnen gekehrt, mit aller Würde ihres Geschlechts in Stimme und Geberden: „Was will Le Renard der Tochter Munro'S sagen?" „Hör'!" antwortete der Indianer, seine Hand fest auf ihren Arm legend, als wollte er alle ihre Aufmerksamkeit auf seine Worte lenken — eine Bewegung, welche Cora eben so fest, als ruhig zurückwies, indem sie ihren Arm seinem Griffe entzog — „Magna ward als Häuptling und Krieger unter den rothen Huronen an den Seen geboren; er sah die Sonnen von zwanzig Sommern den Schnee von zwanzig Wintern in die Ströme treiben, ehe er ein Blaßgesicht erblickte, und er war glücklich! Dann kamen seine canadischen Väter in die Wälder und lehrten ihn das Feuerwaffer trinken und er ward ein Büsewicht. Die Huronen trieben ihn von den Gräbern seiner Väter, als ob er ein gejagter Büffel wäre. Er rannte zu den Ufern der Seen hinab und verfolgte ihren Ausfluß bis zur „Kanonen-Stadt". Hier jagte und fischte er, bis das Volk ihn zurück durch die Wälder wieder in die Arme seiner Feinde trieb. Der Häuptling, welcher ein geborner Hurone war, wurde endlich ein Krieger unter den Mohawks!" „Ich habe früher so etwas gehört!" sagte Cora, als sie bemerkte, daß er schwieg, um die Leidenschaft zu unterdrücken, die bei der Erinnerung an das vermeintliche Unrecht, das er erlitten, in Helle Flammen aufzulodern begann. 131 „Ist es Le Renarv's Schuld, daß sein Haupt nicht aus einem Felsen geschaffen war? Wer gab ihm das Feuerwaffer? Wer machte ihn zu einem Bösewicht? Die Blaßgesichter, das Volk Deiner Farbe, thaten es!" „Und bin ich verantwortlich dafür, daß es unbesonnene, schlechte Menschen gibt, deren Gesichtsfarbe der meinigen gleicht?" fragte Cora ruhig den aufgeregten Wilden. „Nein, Magua ist ein Mann und kein Thor. Solche, wie Du, öffnen nie ihre Lippen dem Feuerstrome: der große Geist hat Dir Weisheit gegeben!" „Was habe ich also bei Deinem Unglücke, ich will nicht sagen, bei Deinen Verirrungen zu thun oder darüber zu sagen?" „Höre," wiederholte der Indianer, indem er seine ernste Stellung wieder annahm, „als seine englischen und französischen Väter das Beil aus der Erde gruben, zog Le Renard ans die Vorposten der Mohawks und sochi gegen seine eigene Nation. Die Blaßgesichter haben die RothhLute aus ihrem Jagdgebiet vertrieben, und jetzt, wenn sie kämpfen, führt ein weißer Mann sie an. Der alte Häuptling am Horica», Dein Vater, war der große Anführer unserer Kriegspartei. Er sprach zu den Mohawks: thut Dies und thut Jenes, und fand Gehorsam. Er machte ein Gesetz, daß, wenn ein Indianer Feuerwaffer trinke und in die Leinwand-Wigwams* seiner Krieger komme, es nicht vergessen werden sollte. Magua öffnete thöricht den Mund und das Feuergetränk führte ihn in Munro's Hüite. Was that der Graukopf? seine Tochter soll es sagen!" „Er vergaß seiner Worte nicht, übte Gerechtigkeit und bestrafte den Schuldigen," sprach das kühne Mädchen. „Gerechtigkeit!" wiederholte der Indianer, indem er den grimmigsten Seitenblick auf ihr unerschrockenes Antlitz warf, „ist das Gerechtigkeit, wenn man das Nebel schafft und dann dafür bestraft? Magua war es nicht selbst: das Feuerwaffer sprach und handelte ' Zcltk. für ihn! Aber Mnnro glaubte es nicht. Der Huronenhäuptling ward vor allen Kriegern mit dem Blaßgesichte gebunden, und wie ein Hund dnrchpeitscht." Cora schwieg: denn sie wußte nicht, wie sie diese unkluge Strenge ihres Vaters so rechtfertigen sollte, daß es der Fassungskraft eines Indianers angemessen wäre. „Sieh!" suhr-Magua fort, indem er den leichten Calieo, der seine bemalte Brust nur unvollkommen bedeckte, bei Seite riß: „hier sind Narben von Messern und Kugeln — dieser mag sich ein Krieger vor seiner Nation rühmen; aber der Grankops hat Spuren auf dem Rücken des Hnronenhänptlings hinterlaffc», die er, wie eine Sguaw» unter dieser bemalten Leinwand der Weißen verbergen muß." „Ich glaubte," begann Cora wieder, „der indianische Krieger sey ausdauernd, fühle, kenne nicht den Schmerz, den sein Körper leide." „Als die Chippewas Magna an den Pfahl banden und ihm diese Wunde schlugen," sprach der Andere, indem er seinen Finger in eine tiefe Narbe legte, „lachte ihnen der Hurone ins Gesicht und sagte: nur Weiber verwunden so leicht! Da war sein Geist in den Wolken! Aber als er Munro'S Streiche fühlte, lag sein Geist unter der Birkenruthe. Der »Geist eines Hnronen ist nie berauscht; er vergißt Nichts!" „Aber er kann besänftigt werden. Wenn mein Vater dir Unrecht that, so zeig' ihm, wie ein Indianer vergeben kann und bring' ihm seine Töchter zurück. Du hast von Major Heyward gehört —" Magna schüttelte den Kopf und verbot ihr die Anerbietungen zu wiederholen, die er so sehr verachtete. „Was willst du also haben?" fuhr Cora nach einer peinvollen Pause fort, indem sich ihr die Ueberzengnng immer mehr aufdrang, daß der zu sanguinische und edelmüthigc Duncan durch die Schlauheit des Wilden grausam getäuscht worden sey. 133 „Was ein Hurone liebt.—Gutes für Gutes, Böses für Böses!" „Sa willst du denn das Unrecht, welches Munro dir zugesügt hat, an seinen hülflosen Töchtern rächen? Wäre es nicht männlicher, du trätest ihm vor's Angesicht, und verschafftest dir als Krieger Genugthunng?" „Die Arme der Blaßgesichter sind lang und ihre Messer scharf!" entgegnete der Wildes mit boshaftem Gelächter; warum sollte Renard unter die Musketen seiner Krieger gehen, wenn er den Geist des Graukopss unter seinen Händen hat?" „Nenne deine Absicht, Magua/s, sprach Cora, alle ihre Kräfte aufbietend, um rnhig und standhaft zu bleiben. „Willst du uns als Gefangene in die Wälder schleppen, oder hast du uns noch größeres Nebel zngedacht? Gibt es keine Belohnung, kein Mittel, das Unrecht zn sühnen, und dein Herz zu erweichen? Wenigstens lasst meine zarte Schwester los und schütte alle Bosheit über mich aus. Erkaufe dir Reichthum mit ihrer Rettung und sättige -deine Rache an Einem Opfer. Der Verlust beider Töchter würde den alten Mann ins Grab bringen, und welche Genugthunng hätte dann Le Renard?" „Höre!" sprach der Indianer wieder, „die lichten Augen können zum Horican zurückkehren und dem alten Manne erzählen, was geschehen ist, wenn das schwarzlockige Mädchen bei dem große» Geist seiner Väter schwören will, nicht zu lügen." „Was muß ich versprechen?" fragte Cora, immer noch durch ihre Fassung und weibliche Würde eine geheime Gewalt über den wilden Eingebornen behauptend. „Als Magna sein Volk verließ, wurde sein Weib einem andern Häuptling gegeben; er hat sich jetzt Freunde unter den Huronen gemacht und will zn den Gräbern seiner Väter an die Ufer des großen See's zurückkchren. Die Tochter des englischen Häuptlings soll mit ihm gehen und für immer in seinem Wigwam leben." So empörend auch ein solcher Vorschlag für Cora sehn mußte, ^ /I- ' ' ' j/^R/ ^,:!l, - rn/ , Äft^ f. «it^- i>!U^! ^jf.!!. so behielt sie doch, trotz ihres mächtigen Abscheus, Selbstbeherrschung genug, um, ohne eine Schwäche zu verrathen, ihm zu antwortein „Und welches Vergnügen würde Magna daran finden, seine Hütte mit einem Weibe zu theilen, das er nicht liebt, das einer Nation und Farbe angehört, die von der seinigen verschieden ist? Es wäre bester, er nähme Munro's Gold und kaufte mit seinen Gaben das Herz eines Huronenmädchens." Der Indianer gab ihr fast eine Minute lang keine Antwort, heftete aber seine wilden Blicke in einer so seltsamen Weise ans Cora's Antlitz, dafi sie vor Scham ihre Augen sinken ließ, die zum erstenmal einem Ausdrucke begegnet waren, den kein keusches Mädchen ertragen kann. Während sie In sich selbst zusammcnschrack, fürchtend, ihre Ohren möchten durch einen noch schlimmern Vorschlag verletzt werden, antwortete Magua im Tone der schwärzesten Bosheit: „Als die Hiebe den Rücken des Huronen geißelten, wußte er schon, wo er ein Weib finden müßte, die Schmerzen zu büßen. Die Tochter Mnnro's sollte sein Wasser schöpfen, sein Kornfeld hacken und sein Wildpret kochen. Der Leib des Graukopfes sollte unter seinen Kanonen schlafen, sein Herz aber unter Le SubtistS Messer liegen!" „Ungeheuer! wohl verdienst du deinen verrätherischen Namen!" ries Cora, hingerissen von dem Gefühle empörter Kindesliebe, „nur ein Teufel konnte solche Rache ersinnen! Aber dn überschätzest deine Gewalt! Dn sollst finden, daß du wirklich Munro's Herz unter deinen Händen hast, und daß es deiner äußersten Bosheit Hohn spricht!" Der Indianer antwortete auf diesen kühnen Trotz mit einem schrecklichen Hohnlächeln, das seinen unerschütterlichen Entschluli verrieth, und winkte sie hinweg, als wollte er die Unterredung für immer schließen, Cora, die bereits ihre Uebereilung bereute, mußte gehorchen; denn Magua verließ sie sogleich und trat auf seine gefräßigen Gesellen zu. Heyward eilte deni aufgeregten Mädchen 135 entgegen und fragte sic über das Ergebnis; der Unterredung, welche er in einiger Entfernung mit dem lebhaftesten Antheil beobachtet hatte. Da sie aber Alicens Angst nicht erhöhen wollte, wich sie einer bestimmten Antwort aus und verrietst blos durch ihre bleichen Züge und die unruhigen Blicke, die sic auf alle Bewegungen ihrer Feinde heftete, dasi sie Nichts ansgerichtet habe. Auf die wiederholten und ernstlichen Fragen ihrer Schwester über ihr wahrscheinliches Schicksal antwortete sic nur dadurch, daß sie mit einer Bestürzung, die ste nicht mehr bewältigen konnte, auf die dunkle Gruppe hindeutete, und, Alice an ihr Herz drückend, laut ausries: „Dort! dort! lies unser Schicksal in ihren Gesichtern! Bald werden wir's sehen! Bald!" Die Geberden und die gebrochene Stimme Cora's sprachen deutlicher als alle Worte nnd richteten schnell die Aufmerksamkeit auch ihrer Begleiter auf eine Stelle, auf die ihr eigener starrer Mick mit einer Spannung gehestet war, der nur in der Wichtigkeit des Augenblicks Erklärung fand. Als Magna die Rotte lungernder Wilden, die, nachdem sie ihr ekelhaftes Mahl mit gieriger Gefräßigkeit verschlungen hatten, in thierischer Trägheit aufdem Boden ansgestreck> lagen, erreicht hatte, begann er, sie mit der Würde eines indianischen Häuptlings anzu- rcden. Seine ersten Worte hatten die Wirkung, daß seine Zuhörer mit den Zeichen ehrfurchtsvoller Aufmerksamkeit sich erhoben. Da der Hurone in seiner Muttersprache redete, so konnten die Gefangenen, obgleich von den Eingeborueu aus Vorsicht im Bereiche ihrer Tomahawks gehalten, nur aus den bedeutungsvollen Geberden, womit der Indianer stets seine Beredsamkeit beleuchtet, auf den Inhalt seiner Worte schließen. Anfangs waren Magna's Worte und Bewegungen ruhig und bedächtig. Als er aber die Aufmerksamkeit seiner Kameraden hinlänglich rege gemacht hatte, schloß Heyward aus seinem öfteren Hindenten nach der Gegend der großen Seen, daß er von dem Lande ihrer Väter und ihrem entfernten Stamme spreche. Häufige Beifallsbezeigungen folgten und mit dem ausdrucksvollen „Hugh!" sahen die Zuhörer einander an, als wollten fie ihre Zufriedenheit mit dem Redner zu erkennen geben. Le Renard war zu gewandt, um seinen Vorthcil nicht zu benützen. Er sprach jetzt von dem langen, mühevollen Wege, den fie znrückgelegt, seitdem fie ihre weiten Jagdgehege und ihre Dörfer verlassen hätten, um mit den Feinden ihrer kanadischen Väter zu kämpfen. Er zählte die Krieger ihrer Partei auf, ihre zahlreichen Waffenthaten, ihre der Nation geleisteten Dienste, ihre Wunden und die Zahl der Skalpe, die fie gewonnen hätten. Wenn er auf einen der Anwesenden anspielte (und der schlaue Indianer vergaß keinen), strahlten die Züge des Geschmeichelten vor Entzücken, und er säumte nicht, die Wahrheit seiner Worte durch Geberden des Beifalls zu bekräftigen. Jetzt sank die Stimme des Sprechers, und die lauten, lebhaften Siegestöne, womit er ihre glücklichen Erfolge und Großthaten aufgezählt hatte, verstummten. Er beschrieb Glenn's Wasserfalle die unzugängliche Fclseninsel mit ihren Höhlen, ihren zahllosen Strudeln und Wafferwirbeln: sprach den Namen In lonxue 6»rabine'aus und brach ab, bis der Wald unter ihnen das letzte Echo eines lauten und langen Geheuls wider- tönt hatte, womit der verhaßte Name ausgenommen wurde. Er deutete auf den jungen Kriegsgefangenen und beschrieb den Tod eines beliebten Kriegers, der von seiner Hand in die tiefe Schlucht gestürzt worden war. Er schilderte nicht nur das traurige Loos dessen, der zwischen Himmel und Erde hängend, der ganzen Truppe ein so gräßliches Schauspiel dargeboten hatte, sondern stellte von Neuem die Schrecken seiner Lage, seine Standhaftigkeit und seinen Tod an den Aesten eines jungen Baumes dar und schloß mit einer kurzen Angabe der Art und Weise, wie jeder ihrer Freunde gefallen war, wobei er nicht versäumte, ihren Muth und ihre Verdienste rühmend anzuerkennen. Als diese Aufzählung der Ereignisse zn Ende war, wechselte seine Stimme ihre Töne abermals und wurde 137 klagend, sogar melodisch in ihre» tiefen Kehllauten. Er sprach jetzt von den Weibern und Kindern der Erschlagenen, ihrer Verlassenheit, ihren, leiblichen und geistigen Elend, ihrer Entfernung, und dem Unglück, noch nicht gerächt zu seyn. Dann erhob er plötzlich seine Stimme zu furchtbarer Kraft und rief: „Sind die Huronen Hunde, daß sie Solches ertragen? Wer soll dem Weibe Menowana's sagen, daß die Fische seinen Schädel haben und sein Volk noch nicht Rache genommen? Wer wagt cs, der Mwter Waffawattinne's, dem stolzen Weibe, mit unblutigen Händen unter die Angen zu treten? Was soll man den alten Männern sagen, wenn sie nach Skalpen fragen, und wir ihnen kein Haar von einem weißen Schopfe vorweiscn können? Die Weiber werden mit Fingern ans uns deuten. Ein schwarzer Flecken haftet auf dem Namen der Huronen, mit Blut muß er abgewaschen werden!" Seine Stimme verhallte unter dem Rachcgeschrei, das in die Lüfte erscholl, als ob der Wald, statt der winzigen Rotte, von dem ganze» Stamme „„gefüllt wäre. Während dieser Anrede konnten die bei dem Erfolge des Redners am meisten Betheiligten in den Mienen der Zuhörer die Fortschritte des Redners nur zu deutlich erkennen. Seine Klage und sein Leid hatten diese durch Mitgefühl und Trauer, seine Behauptungen durch Gebcrden der Bekräftigung und sein Nuhmreden mit dem lauten Frohlocken der Wilden beantwortet. Wenn er von Muth sprach, waren ihre Blicke fest und entsprechend: wenn er aus ihre Verluste anspielte, glühten ihre Augen vor Wnth: als er auf die Schmähungen der Weiber kgm, senkten sie beschämt ihre Häupter; wie er aber aus die Mittel zur Befriedigung ihrer Rache wies, berührte er eine Saite, die noch nie verfehlt hatte, in der Brust eines Indianers wiederzuklingen. Auf den ersten Wink, daß die Schlachtopfer in ihrem Bereiche setzen, sprang die ganze Rotte auf, stieß ein wüthendes Rachegeschrei aus und stürzte mit gezückten Messern und hocherhobenen Tomahawks auf die Gefangenen los. Heyward warf sich zwischen die Schwestern und den Vordersten, welchen er mit der Stärke ver Verzweiflung erfüllte und für einen Augenblick seinem Ungestüm Einhalt that. Dieser unerwartete Widerstand gab Magna Zeit, dazwischen zu treten, und durch seinen blitzschnellen Ruf und seine Geberden die Aufmerksamkeit der Bande aufs Neue zu fesseln. In jener Sprache, der er sich mit solcher Gewandtheit zu bedienen wußte, brachte er seine Kameraden von ihrem augenblicklichen Vorhaben ab und forderte ste auf, die Qual ihrer Schlachtopfer zu verlängern. Sein Vorschlag wurde mit Beifallruf ausgenommen und mit Blitzesschnelle ausgeführt. Zwei kräftige Krieger warfen sich über Heyward her, während ein Dritter sich des minder gefährlichen SingmcisterS bemächtigte. Keiner der Gefangenen unterlag jedoch ohne einen verzweiffungs- vollen Kampf. Selbst David warf seinen Angreifer zur Erde, und -Heyward wurde erst bewältigt, als der Sieg über seinen Begleiter die Indianer in den Stand setzte, ihn mit vereinten Kräften anzugreifen. Er wurde gefesselt und an den Stamm des jungen Baumes gebunden, an dessen Resten Magna den Verhängnisvollen Tod des Hnronen pantomimisch dargestellt hatte. Als der junge Kriegsmann wieder zur Besinnung kam, hatte er die peinvolle Gewißheit vor Angen. daß sie alle ein gemeinsames Schicksal erwarte. Zn seiner Rechten war Eora, gleich ihm an einen Baum gebunden, blaß und aufgeregt, aber mit festem Blicke alle Bewegungen ihrer Feinde verfolgend. Zu seiner Linken leisteten Alice die Weiden, womit man ste an eiiH Fichte gebunden hatte, einen Dienst, den ihre zitternden Glieder versagten, und schützten ihre zarte Gestalt allein vor einem schnellen Zusammenssnkcn. Ihre Hände hatte ste vor sich, wie zum Gebete gefaltet' statt sich aber aufwärts zu jener Macht emporzurichten, die allein noch retten konnte, wanderten ihre Augen unbewußt und mit kindlicher Abhängigkeit nach Dunean's Antlitz. David hatte gekämpft, und die Neuheit dieses Umstandes hielt ihn schweigend und in stiller Ileberlcgung, ob er daran Recht oder Unrecht gethan habe. Die Raebe der Huronen hatte jetzt eine neue Richtung genommen, und sie schickten sich an, dieselbe mit jener rafsinirten Grausamkeit zu befriedigen, die seit Jahrhunderten bei ihnen an der Tagesordnung ist. Einige suchten Aeste, um den Holzstoß zu errichten: einer schnitzte die Splitter einer Fichte, um sie brennend den Gefangenen ins Fleisch zu stoßen, während Andere die Wipfel zweier jungen Bäume zur Erde bogen, um Heyward mit den Armen daran zu binden und dann zurückschnellen zu lassen. Aber Magua'S Rache suchte einen Hähern und noch boshaftern Genuß. Während die minder rafsinirten Ungeheuer der Bande, vor den Augen der Opfer ihrer Rache, diese wohlbekannten und gewöhnlichen Mittel der Marter vorbereiteten, trat er zu Cora, und machte sie mit dem Ausdruck teuflischer Bosheit auf das Schicksal aufmerksam, das sie im nächsten Augenblick erwartete: „Nun!" rief er, „was sagt die Tochter Munro'S? Ihr Haupt ist zu gut, um ein Kissen in dem Wigwam Le Renard's zu finden: wird sie's besser haben, wenn es, ein Spielball der Wölfe, um diesen Hügel rollt? Ihr Busen kann nicht die Kinder eines Huronen nähren, sie soll ihn von Indianern angespieen sehen!" „Was will dieses Ungeheuer?" fragte der erstaunte Heyward. „Nichts!" war ihre feste Antwort. „Er ist ein Wilder, ein grausamer, unwissender Wilder und weiß nicht, was er thut. Laßt uns mit unsrem letzten Athem Buße und Verzeihung für ihn erflehen!" „Verzeihung!" echo'te der wilde Hurvne, indem er in seiner Wuth den Sinn der Worte mißverstand: „das Gedächtniß eines Indianers ist länger, als der Arm der Blaßgesichter: sein Erbarmen kürzer, als ihre Gerechtigkeit! Sprich, soll ich die gelben Locken ihrem Vater senden, oder willst du Magua zu den großen Seen folgen, um sein Wasser zu tragen und ihn mit Korn zu nähren?" Cora winkte ihm mit einer Bewegung des Abscheu's, den sie nicht zu unterdrücken vermochte, sich zu entfernen. 140 „Verlaß mich!" sprach sie mit einer Feierlichkeit, die für einen Augenblick sogar die Wildheit des Indianers zurückdrängte; du mischest Bitterkeit in meine Gebete; du stehst zwischen mir und meinem Gott!" Der leichte Eindruck, den fie auf den Wilden machte, war jedoch bald vorüber und er fuhr mit bitterem Hohn, auf Alice deutend, fort: „Sieh!" sprach er, „das Kind weint! Sie ist noch zu jung zum Sterben! Schicke ste zu Munro, ihm die grauen Haare zu kämmen und Leben in dem Herzen des alten Mannes zu erhalten." Cora konnte dem Verlangen nicht widerstehen, auf die jugendliche Schwester zu schauen, in deren Auge ste einem stehenden Blicke begegnete, der Liebe zum Leben verrietst. „Was sagt er, liebste Cora? fragte Alice mit zitternder Stimme. „Sprach er davon, mich zu unfern Vater zurückzusenden?" Einige Augenblicke ruhten die Augen der ältern Schwester ans der jüngern, während in ihren Zügen mächtige und mit einander streitende Gefühle kämpften. Endlich sprach sie, obgleich ihre Töne jene reiche, ruhige Fülle verloren hatten, mit einem Ausdruck fast mütterlicher Zärtlichkeit: „Alice, der Hurone bietet uns beiden das Leben an — ja, inehr noch als dies; er will sogar Dnncan — unfern unschätzbaren Duncan sowohl, als dich, unfern Freunde» — unsrem Vater — unserem kinderlosen, unglücklichen Vater znrückgeben, wenn ich diesen rebellischen, eigensinnigen Stolz beuge und mich dazu verstehe —" Ihre Stimme stockte und ihre Hände faltend blickte fie gen Himmel, als suchte sie in ihrer Todesangst Erleuchtung von der Weisheit des Unendlichen. „Sprich!" rief Alice; „zu was, theuerste Cora? O.daß das Anerbieten mir gemacht würde! euch zu retten, den betagten Vater zu trösten! Duncan zu befreien, wie freudig könnte ich sterben!" „Sterben!" wiederholte Cora mit einer ruhiger» und festeren 141 Stimme, „das wäre leicht! vielleicht ist es die Wahl nicht weniger, die er mir läßt. Er wollte von mir haben/' fuhr sie fort, während ihre Stimme unter dem Bewußtseyn des Entehrenden eines solchen Vorschlages sank, „daß ich ihm in die Wildniß folge, mit ihm zu den Behausungen der Hnrvnen gehe und dort bleibe: kurz, daß ich sein Weib werde! Sprich denn, Alice, theures Kind, Schwester meiner Liebe! Und auch Sie, Major Heyward, helfen Sie meiner schwachen Vernunft mit Ihrem Nathe auf. Darf man das Leben mit einem solchen Opfer erkaufen ? Willst du es, Alice, ans meiner Hand um solchen Preis empfangen? llnd Sie, Duncan, leiten Sie mich! Verfügt über mich! Euch gehöre ich ganz!" „Wie?" rief der Jüngling voll Unwillen und Erstaunen. „Cora! Cora! Sie spielen mit unsrem Jammer! Sprechen Sie nicht mehr von dieser entsetzlichen Wahl. Der Gedanke schon ist schrecklicher als tausendfacher Tod!" „Daß Sie so antworten würden, wußte ich!" rief Cora, während ihre Wange erröthete und ihre dunkeln Augen noch einmal von einer Aufwallung erglänzten, wie sie dem Weibe natürlich war. „Was sagt meine Alice? Ihrer Entscheidung will ich mich ohne Murren unterwerfen." Beide, Heyward und Cora, horchten mit peinlicher Erwartung und mit der gespanntesten Aufmerksamkeit, aber keine Antwort erfolgte. Es schien, als sey die zarte und gefühlvolle Alice, nachdem sie diesen Vorschlag gehört, vernichtet in sich selbst zurückgesunken. Ihre Arme hingen herab, die Finger bewegten sich in leichten Zuckungen; ihr Haupt war auf ihren Busen gesunken, und ihre ganze Gestalt schien, ohne eigene Kraft, nur durch ihre Bande am Baume aufrecht erhalten zu werden, gleich einem schönen Sinnbilde verwundeten Zartgefühls ihres Geschlechtes, scheinbar ohne Leben und doch noch des Lebens sich bewußt. In wenigen Augenblicken begann jedoch ihr Haupt sich langsam zu bewegen mit dem Zeichen der innersten, unbezwinglichsten Mißbilligung. 142 „Nein! nein! nein! besser, wir sterben, wie wir zusammen gelebt!" „So stirb'" schrie Magna, seinen Tomahawk mit Ungestüm gegen die wehrlose Sprecherin werfend, zähneknirschend und mit einer Wuth, die er nicht länger bezwingen konnte, über diesen unerwarteten Beweis von Festigkeit in einem Wesen, welches er für das schwächste unter allen gehalten hatte. Die Art schwirrte an Heyward's Stirn vorbei, durchschnitt eine von den flatternden Locken Alicens und fuhr über ihren Kopf in den Baum. Dieser Anblick brachte Duncan zur Verzweiflung. Mit gewaltsamer Anstrengung sprengte er seine Fesseln und stürzte auf einen andern Wilden, welcher mit lautem Geschrei und besser zielend, einen zweiten Streich zu führen im Begriffe war. Sie faßten stch, rangen, und fielen zu Boden. Der nackte Leib seines Gegners bot Heyward keinen Halt; er entschlüpfte ihm, führ ihm mit einem Knie auf die Brust und drückte ihn mit Riesenkraft darnieder. Schon sah Duncan das Messer in der Lust blitzen, als ein zischender Laut an ihm vorbeipflff und von dem scharfen Knall einer Büchse mehr begleitet als gefolgt ward. Er fühlte sich von der Last, die ihn niedergedrückt hatte, erleichtert, und sah, wie der grimmige Ausdruck in seines Gegners Miene in einen Blick leerer Wildheit überging. Der Indianer sank todt aus die dürren Blätter zu seiner Seite nieder. Zwölftes Kapitel. Elown. Ich bin fort, Sir, Und im Nu, Sir, Bin wieder ich zurück. Shakespeare'» heiliger DreiköuigSabend. RegungS'oS standen die Huronen bei diesem plötzlichen Eintritte des Todes in ihre Reihen. Als sie aber der verderbenbringenden 143 Sicherheit eines Schusses gedachten, der sich sein feindliches Ziel mit so viel Gefahr für den Freund gewählt hatte, ertönte Plötzlich der Ruf: „4m lonzue Oaeabino" aus Aller Munde, und ein wildes, fast klägliches Geheul ließ sich hören. Ein lautes Geschrei aus einem kleinen Dickicht, wo die Unvorsichtigen ihre Waffen aufgestellt hatten, antwortete, und im nächsten Augenblick stürzte Hawk-epe, zu ungeduldig, die wiedergcwonnene Büchse zu laden, auf sie zu, indem er die gewichtige Waffe schwang und die Luft m it weiten und mächtigen Schwingungen durchschnitt. So kühn und rasch aber auch die Bewegungen des Kundschafters waren, so überholte ihn doch die leichte und kräftige Gestalt eines Wilden, welcher mit unglaublicher Behendigkeit und Kühnheit an ihm vorbei mitten unter die Huronen sprang und hier unter furchtbaren Drohungen einen Tomahawk schwingend und ein blitzendes Messer zückend stch vor Cora stellte. Schneller, als der Gedanke diesen unerwarteten und verwegenen Bewegungen folgen konnte, in der unheilbringenden Vvil- rüslung des Todes, glitt eine Gestalt vor ihren Augen vorbei und stellte sich in drohender Haltung zur Seite des Andern auf. Die wilden Quäler schracken vor diesen kriegerischen Eindringlingen zurück und stießen bei ihrem Erscheinen den oft wiederholten eigenthüm- lichcn Ruf des Erstaunens aus, auf den die wohlbekannten und gefürchteten Benennungen: 4,e Oei-kaxile! xro« ideegant! folgten- Aber der schlaue und wachsame Führer der Huronen war nicht so bald außer Fassung gebracht. Mit scharfem Auge um sich blickend, überschaute er die Art des beginnenden Kampfes mit einem Blick, und seine Begleiter durch Stimme und Beispiel ermnthigend, zückte er sein langes, gefährliches Messer und stürzte mit lautem Geheul auf den erwartenden Chingachgook los. Dies war das Signal zu allgemeinem Kamps. Kein Theil hatte Feuergewehre und der Streit mußte auf die tödtlichste Weise, Hand gegen Hand mit Waffen des Angriffs und keinen der Bertheidigung entschieden werden. UncaS stürzte sich, das Kampfgeschrei erwiedernd, auf einen Feind 144 und zerschmetterte ihm mit einem einzigen, wohlgerichteten Schlage den Schädel. Heyward zerrte Magua's Waffe ans dem jungen Baume und eilte mit Ungestüm zum Streit herbei. Da die Kämpfenden sich jetzt an Zahl gleich waren, so ersah sich jeder seinen Mann unter den Gegnern aus. Angriff und Streiche folgten sich mit der Wuth eines Wirbelwinds und der Schnelligkeit des Blitzes. Hawk-eye nahm alsbald einen zweiten Feind in den Bereich seines Armes: mit einem Schwünge seiner furchtbaren Waffe wehrte er die einfache, kunstlose Vcrtheidigung seines Gegners ab und schlug ihn mit demselben Streiche zu Boden. Heyward schleuderte, zu hitzig, nm zu warten bis er seinem Gegner nahe genug war, den Tomahawk auf ihn ab. Er traf den Indianer, den er sich ausersehen, vor die Stirne und hemmte für einen Augenblick seinen Angriff. Ermuthigt durch diesen geringen Vortheil, sprang der ungestüme junge Mann mit »»bewehrten Händen auf seinen Feind los. Ein Augenblick aber reichte hin, ihn von seiner Uebereilung zu überzeugen: denn alsbald mußte er seine ganze Gewandtheit und allen Mnth aufbieten, um sich der verzweifelten Meffcrstöße des Huronen zu erwehren. Unfähig, einem so behenden und wachsamen Gegner länger zu widerstehen, umfaßte er ihn mit seinen Armen und es gelang ihm, dem Feinde mit eisernem Griff die Hände fest an den Leib zu drücken;, aber diese Anstrengung war zu stark, als daß sie ihn nicht hätte bald erschöpfen müssen. 2» dieser äußersten Gefahr ertönte eine Stimme neben ihm: „Vernichtet die Schufte! keinen Pardon den verfluchten Mingos!" Im nächsten Augenblick fiel der Kolben der Büchse Hawk-eye'S auf den nackten Kopf von Heyward's Gegner, dessen Muskeln unter dem Streiche zu verdorren schienen, während er kraft- und bewegungslos aus Duncan's Armen niedersank. Als Uncas seinen ersten Feind niedergeschmettert hatte, wandte er sich wie ein hungriger Löwe, einen zweiten zu suchen. Der fünfte und einzige Hurone, der bei dem ersten Angriff keinen Gegenmann gefunden, hatte eine Meile unentschlossen da gestanden und dann mit teuflischer Bosheit versucht, das unterbrochene Werk der Rache zu vollenden. Ein Siegcsgeschrei erhebend sprang er auf die wehrlose Cora zu und schleuderte, als furchtbaren Vorboten seiner Annäherung, seinen scharfen Tomahawk nach ihr. Dieser streifte ihr die Schulter, durchschnitt die Weiden, welche sie an den Baum gefesselt hielten und ließ ihr Freiheit, zu entfliehen. Cora entschlüpfte dem Griffe des Milden, warf sich, um die eigene Sicherheit unbesorgt, an Alicens Busen, und versuchte mit krampfhaften, zitternden Händen die Weiden zu lösen, die jene noch festhielten. Nur ein Ungeheuer konnte bei diesen, Zuge edelmüthiger, aufopfernder Liebe ungerührt bleiben, aber die Brust des Huronen kannte kein Mitgefühl. Er ergriff Cora an den üppigen Locken, welche ihr in schöner Verwirrung über Nacken und Schultern fielen, und riß sie mit dem rohesten Ungestüm auf die Kniee nieder. Hierauf wand er sich die reiche Fülle der Haare um die Hand und, sie hoch mit ausgestrecktem Arme emporhaltcnd, schwang er ein Messer um das schöngeformte Haupt seines Schlachtopsers, indem er ein höhnisches und frohlockendes Gelächter erhob. Allein er mußte diesen Augenblick grausamer Lust theuer bezahlen. In demselben Moment erschaute UncaS diese entsetzliche Scene. Emporspringenb schoß er durch die Lüfte und stürzte gleich einer Kugel aus die Brust seines Feindes herab, indem er ihn jählings viele Schritte weg zu Boden schleuderte, Die Heftigkeit, der Anstrengung warf den jungen Mohikaner samt dem Feinde zur Erde. Beide sprangen zugleich wieder auf, fochten, bluteten wechselseitig. Aber der Kampf war bald entschieden: der Tomahawk Heyward'S und die Büchse Hawk-eye'S fielen i» demselben Augenblick auf den Schädel des Huronen, als linear Messer sein Herz erreichte. Der Kampf war jetzt entswicden bis auf das immer noch währende Handgemenge von „le Renard Subtil" und „le groS Serpent." Die wilden Krieger bewiesen, daß sie diese bezeichnenden Namen Der letzte Mvhika». 10 146 die ihnen für frühere Kriegsthaten zu Theil geworden, Wohl verdienten. Als sie handgemein wurden, verging einige Zeit damit, daß sie den schnellen und kräftigen Hieben, die sie ans einander führten, gegenseitig auswichcn: plötzlich aber stürzten sie auf einander IvS, umfaßten sich und fielen zu Boden, indem sie sich, Schlangen gleich, in unaufhörlichen Krümmungen um einander wanden. In dem Augenblicke, da sich die Sieger unbeschäftigt fanden, war die Stelle, wo diese erfahrenen und verzweifelten Kämpfer lagen, nur an einer Wolke von Staub und Blättern erkennbar, welche sich von den, Mittelpunkte der kleinen Ebene, wie durch einen Wirbelwind getrieben, an den Rand derselben fortbewegte. Bon kindlicher Liebe,/Freundschaft und Dankbarkeit angetrieben, stürzten Heyward und seine Genossen nach dem Orte und umgaben die kleine Staubwolke, welche über den Kämpfenden schwebte. Umsonst schoß UncaS um die Wolke, dem Feinde seines Vaters das Messer in das Herz zu stoßen; umsonst war Hawk-eye'S Büchse drohend emporgehoben ; umsonst suchte Duncan einen Fuß des Huronen zu erfassen — seine Hände schienen all' ihre Kraft verloren zu haben. Bedeckt, wie sie waren, von Staub und Blut, schienen sie durch ihre schnellen Bewegungen in einen Körper verwachsen. Die todtenähnliche Gestalt des Mohikaners und die düstere des Huronen wechselten vor ihren Augen in so schneller und verworrener Aufeinanderfolge, daß die Freunde des Erstem nicht wußten, wann oder wohin sie ihre hülsreichen Streiche führen sollten. Zwar gab eS kurze, flüchtige Augenblicke, wo die grimmigen Augen Magua'S gleich denen - des fabelhaften Basilisken durch den ihn umgebenden Staubwirbel funkelten, und mit diesen kurzen und tödtlichen Blicken konnte er das Schicksal eines Kampfes mit solchen Feinden lesen. Ehe jedoch eine feindliche Hand auf sein dem Tode geweihtes Haupt herabsinken konnte, war schon an seiner Stelle das finstere Gesicht Chingachgook'S sichtbar. Auf diese Weise hatte sich der Kampf au« dem Mittelpunkte der kleinen Ebene an den Rand derselben gezogen. Dem 147 Mohikaner gelang es setzt, seinem Gegner einen gewaltigen Stoß mit dem Messer zu versetzen; Magna ließ ihn plötzlich los, und sank regungslos, wie es schien, ohne Leben zurück. Sein Gegner sprang auf die Füße und ließ die Laubgewölbe des Waldes von Siegsgeschrei ertönen. „Sieg den Delawaren! Sieg den Mohikanern!" rief Hawk-eye, indem er noch einmal den Kolben seiner langen Todeswaffe erhob; „ein letzter Kolbenßreich von Einem, dem reines Blut in den Adern rinnt, ist nicht wider seine Ehre und raubt ihm sein Recht auf den Skalp nicht." In dem Augenblick aber, da die verderbliche Waffe herabfuhr, entzog stch der geschmeidige Hurone schnell der Gefahr durch eine Bewegung, durch welche er über den Rand des Absturzes rollte, auf die Füße zu stehen kam, und mit einem einzigen Sprung in das Dickicht eines niedern Buschwerks verschwand, das stch zu seinen Seiten schloß. Die Delawaren, welche den Feind todt geglaubt hatten, stießen ihren Ruf der Verwunderung aus und verfolgten ihn wie zwei Windspiele, wenn sie das Wild erschauen, mit stürmischer Eile, als ein schrilles nnd eigenthümliches Geschrei des Kundschafters ihr Vorhaben änderte und sie auf den Gipfel des Hügels zurückrief. „Das steht ihm gleich!" ries der alte Waidmann, dessen Vorurteile so viel dazu beitrugen, seinen natürlichen Sinn für Gerechtigkeit, so bald es die Mingo'S betraf, zu berücken. Ein lügenhafter, betrügerischer Kerl! Ein ehrlicher Delaware, einmal bestegt, wäre ruhig liegen geblieben, nnd hätte stch den Todesstoß geben lassen; diese schurkischen MaquaS aber haben ein Leben, wie wilde Katzen. Laßt ihn gehen — laßt ihn gehen; 'S ist nur ein Mann ohne Büchse oder Bogen und hat manche gute Meile zu seinen französischen Kameraden; und wie ein Eber, der seine Fänge verloren, kann er keinen Schaden mehr thun, ehe er und auch wir die Tritte unsrer Moccasstns einer weiten Sandstrecke eingedrückt haben. Sieh, Uncas," fuhr er in delawarischer Sprache fort, „dein Vater hält bereits seine Skalpenärnte. Er thut recht, daß er nach den Vagabunden sieht, sonst entspringt uns wieder Einer durch die Wälder und kreischt wie 'ne Elster, der man die Flügel freigelaffen hat!" Mit diesen Worten hielt der ehrliche, aber unversöhnliche Kundschafter seinen Umgang bei den Tobten, und stieß ihnen mit solcher Kaltblütigkeit sein langes Messer in die leblose Brust, als ! ob es eben so viel Ueberreste von Thiercn gewesen wären. Der ältere Mohikaner war ihm jedoch zuvorgekommen und hatte den widerstandlosen Häuptern bereits diese Sinnbilder des Sieges abgezogen. > Uncas aber fiog, seine Sitte und wir möchten wohl sagen, seine Natur verläugnend, mit instinktmäßigem Zartgefühl, von Heyward begleitet, den Mädchen zu Hülfe, befreite schnell Alice von ihren i Fesseln und führte sie in Cvra'S offene Arme. Wir wollen unterlasse», den Dank gegen den allmächtigen Lenker der Ereignisse zu j schildern, der in den Schwestern glühte, die dem Leben und ihrer Liebe so unerwartet wieder geschenkt worden waren. Ihr Gebet war innig und still; die Opfer ihres edeln Gemüths brannten hell und rein ans den geheimen Altären ihrer Herzen; und ihre ne« belebten irdischen Gefühle drückten sich in langen, glühenden, wenn auch sprachlosen Liebkosungen aus. Als Alice von ihren Knieen, auf die sie zur Seite Eora'S gesunken war, sich erhob, stürzte sie an den Busen ihrer älter» Schwester und sprach unter lautem Schluchzen den Namen ihres betagten Vaters ans, während ihre sanften Taubenaugen von den Strahlen der Hoffnung erglänztem „Wir sind gerettet! wir sind gerettet!" sprach sie leise; „um in die Arme unsres thenren, thcüren Vaters zurückzukehren, und sein Herz wird nicht vor Gram brechen. Und auch du, Cora, meine Schwester, die du mir mehr als Mutter bist; auch du bist gerettet, und Duncan!" fuhr sie fort, indem sie mit einem unaussprechlichen Lächeln der Unschuld auf den Jüngling schaute; „auch unser tapferer, edslmüthiger Duncan ist ohne Verletzung der Gefahr entronnen!" Ans diese feurigen nnd fast unzusammenhängendeu Worte antwortete Cora blos damit, daß sie die jugendliche Sprecherin an ihr Herz drückte, nnd sich mit inniger Zärtlichkeit über sie beugte. Der männliche Heyward schämte sich nicht, über diesen Anblick zärtlichen Entzückens Thränen zu pergießen, nnd Uneas stand, frisch und mit Blnt bedeckt vom Kampfe kommend, ein ruhiger und anscheinend ungerührter Zuschauer da, aber mit Angen, die bereits ihre Wildheit verloren hatten, und von einem Mitgefühle strahlten, das ihn weit über den geistigen Gesichtskreis und wahrscheinlich um Jahrhunderte über die Sitten seiner Nation erhob. Während sich diese ihrer Lage so natürlichen Gefühle anssprachen, nahte sich Hawk-eye, dessen vorsichtiges Mißtrauen ihn überzeugt hatte, daß die Huronen, welche eine so himmlische Seene entstellt, ihre Harmonie nicht mehr zu unterbrechen im Stande waren, David und befreite ihn von de» Banden, die er bis zu diesem Augenblick mit musterhafter Geduld getragen hatte. „Jetzt!" rief der Kundschafter, die letzte Weide hinter sich werfend, „jetzt seyd Ihr wieder Herr eurer Glieder, ^obgleich Ihr im Gebrauche derselben nicht mehr Verstand zeigt, als die Natur, die solche geschaffen hat. Wenn euch der Rath eines Mannes, der nicht älter ist, als ihr, aber den größten Theil seines Lebens in der Wildniß zugebracht hat und also wohl sagen kann, daß er Erfahrung über seine Jahre besitzt, nicht verdrießt, so wäre er folgender: verkauft das kleine Pfeif-Jnstpumcnt in eurer Tasche da an den ersten besten Narren, den Ihr treffet, und kaust mit dem Geld 'ne brauchbare Waffe und wär'S auch nur der Lauf einer Reiterpistole. Mit Eifer und Sorgfalt könntet Jhr'S noch zu was bringen: denn jetzt sollt' ich meinen, müßten eure Augen deutlich sehen, daß eine Aaskrähe ein besserer Vogel, als eine Spottdrossel ist. Die Eine 190 schafft wenigstens dem Menschen das stinkende Aas aus dem Gesicht, indes die Andere in den Wäldern Nichts als Unheil stiftet, indem sie die Leute irre führt." „Waffen und Zinken für die Schlacht, aber Lobgesang für den Sieg!" antwortete der befreite David. „Freund," fügte er bei, seine kleine, zarte Hand freundlich gegen Hawk-eye auSreckend, indem seine Angen blinzten und sich mit Thränen füllten; „ich danke dir, daß die Haare meines Hauptes noch wachsen, wo sie die Vorsehung hingepflanzt hat. Wenn auch die der Andern glänzender und gekräuselt sind, so habe ich doch die meinen immer noch gut genug gefunden für den Schädel, den sie decken. Daß ich keinen Theil an dem Kampfe nahm, geschah nicht sowohl aus Abneigung, als wegen der Bande, in die mich die Heide» gelegt. Tapfer und flink hast du dich im Kampfe bewiesen, und hiefnr danke ich dir, ehe ich mich noch anderer und wichtigerer Pflichten entledige, weil du dich des Christenlobes würdig erwiesen hast." „Das ist nicht der Rede werth, und noch oft könnt Jhr's zu sehen bekommen, wenn Ihr länger bei uns verweilt," erwiederte der Kundschafter, ein gut Theil milder gestimmt gegen den Mann des Gesangs, der so unzweideutig seiner Dankbarkeit Worte geliehen hatte. „Ich Hab' meinen alten Kameraden, den Wildtödter, wieder," setzte er hinzu, indem er mit der Hand an den Kolben seiner Büchse schlug; „und das ist allein schon ein Sieg. Die Irokesen sind schlau; aber das war ein dummer Streich, daß sie ihre Büchsen sich so weit ans der Hand legten; und hätten llncas oder sein Vater auch nur die gewöhnliche Jndianergeduld gehabt, so wären wir mit drei Kugeln statt mit einer hinter die Schelme gestiegen, und das hätte dem ganzen Pack den Garaus gemacht, dem Springhasen dort, wie seinen Spießgesellen. Aber 'S war Alles so vorher- bestimmt und wird auch so am besten seyn." „Du hast Recht," versetzte David: „hast ganz den Geist de« ChristenthumS erfaßt. Wer gerettet werden soU, wird gerettet 151 werden, und wer zur Verdammniß vorherbestimmt ist, wird sicherlich verdammt werden. Dies ist die Lehre der Wahrheit, und eine höchst tröstliche und erquickliche für den wahren Gläubigen! Der Kundschafter, der in dieser Zeit dageseffen hatte, den Zustand seiner Büchse mit einem gewissen väterlichen Eifer prüfend, blickte zu dem Andern mit einem Ausdruck des Mißvergnügens auf, den er keineswegs zu verhehlen gemeint war, fernere Rede rauh unterbrechend: — „Lehre oder nicht," sprach der kecke Waldmann, „das ist der Glaube von Schurken und der Fluch eines ehrlichen Mannes. Ich kann glauben, daß der Hurone dort durch meine Hand fallen mußte: denn ich Hab' es mit meinen eigenen Augen gesehen. Aber nur weun ich Zeuge davon bin, will ich glauben, daß er irgend einen Lohn empfangen, oder daß Chingachgook dort am jüngsten Tag verdammt werden wird." „Ihr habt keine Gewährleistung für solch eine verwegene Lehre, noch eine Autorität, auf die Ihr euch berufen könnet," rief David, dessen Glaube eine starke Färbung jener metaphysischen Spitzfindigkeit trug, durch welche man zu jener Zeit und vornehmlich in seiner Provinz die schöne Einfachheit der Offenbarung verhüllte, indem man sich bestrebte, in das heilige Dunkel der göttlichen Natur einzudringen, Selbstgenügsamkeit an die Stelle des Glaubens setzte und folglich Alle, welche von solchen menschlichen Dogmen ausgingen, in Absurditäten und Zweifel verwickelte; „euer Tempel ist auf Sand gebaut, und der erste Sturm wird ihn von seiner Stelle reißen. Ich frage euch, welche Autoritäten habt Ihr für eine so unchristliche Behauptung (gleich andern Vertheidigern eines Systems war David nicht immer genau in der Wahl seiner Ausdrücke). Nennt Kapitel und VerS: in welchem der heiligen Bücher findet Ihr einen Tert, welcher für euch spräche?" „Buch!" wiederholte Hawk-eye mit auffallender, unverholener Verachtung; „haltet Ihr mich für einen wimmernden Knaben, der 152 einer eurer alten Großmütter an der Schürze hängt; und die gute Büchse auf meinem Knie da für eine Gänsefeder, mein Pulverhorn für ein Tintenfaß und meine Jagdtasche für ein übergeschlagenes Taschentuch, mein Essen drin in die Schule zu tragen? Was? Buch? Was Hab' ich, ein Krieger der Wildniß, obgleich ein Mann von reinem Blut, mit Büchern zu schaffen? Ich las immer nur in einem, und die Worte, welche in diesem geschrieben sind, sind zu einfach und zu klar, um viel Schulens zu bedürfen; und doch kann ich mich rühmen, vierzig lange und harte Jahre darin gelesen zu haben." „Was meint Ihr da für ein Buch?" fragte David, der de- Andern Meinung nicht recht verstand. „Es liegt offen vor euern Augen," erwiederte der Kundschafter, „und der Eigenthümer ist nicht karg damit, läßt gerne darin lesen. Ich hörte schon sagen, es gebe Leute, die in Büchern lesen, um sich zu überzeugen, daß ein Gott ist. Es ist möglich, daß sie in den Niederlassungen seine Werke so verunstalten, daß das, was in der Wildniß so klar und deutlich vor Augen liegt, unter Krämern und Priestern zweifelhaft wird. Wenn's einen Solchen gibt und er will mir von einer Sonne zur andern durch die Windungen der Wälder folgen, so soll er genug sehen, um sich zu überzeugen, daß er ein Narr ist und daß seine grüßte Narrheit darin besteht, an ein Wesen hinanreichen zu wollen, dem er niemals, weder an Güte noch an Macht gleichkvmmen kann." Sobald David, merkte, daß er mit Einem stritt, der seinen Glauben aus Natnranschaunngen geschöpft habe, und sich aus keine Spitzfindigkeit der Lehre einließ, so gab er gerne einen Kampf ans, in dem er weder Vortheil noch Ehre ärnten konnte. Während der Kundschafter sprach, hatte auch er sich gesetzt, und das allzeit bereite Büchlein nebst der in Eisen gefaßten Brille hervorziehend, schickte er sich an, eine Pflicht zu erfüllen, die allein in Folge des unerwarteten Angriffs auf seine Rechtgläubigkeit so lange unerfüllt 153 geblieben war. Er war in der Thal ein Minstrel des westlichen Continents in einer weit später» Zeit, als jene begeisterten Barden, welche früher den profanen Ruhm eines Freiherrn oder Fürsten besangen; aber er war ein Barde im Geiste seiner Zeit und seines Landes, und jetzt im Begriff, den so eben errungenen Sieg zu verherrlichen, oder vielmehr einen Lobgesang dafür anzustimmeu. Er wartete geduldig, bis Hawk-epc ausgeredet hatte, und begann, seine Augen erhebend, mit lanter Stimme: „Ich lade euch ein, meine Freunde, euch mit mir zu einem Lobgesang für die wunderbare Errettung aus den Händen der Barbaren und Ungläubigen zu vereinigen, nach der kräftigen und feierlichen Melodie, genannt,Northm»ptolck." Er benannte nächstdem Seite und Vers, wo die von ihm gewählten Strophen zu finden waren und brachte die kleine Pfeife an seine Lippen mit einem so würdevollen Ernste, als ob er in der Kirche sich befände. Dies Mal blieb übrigens seine Stimme ohne Begleitung: denn die beiden Schwestern erfreuten sich noch an jenen zärtlichen Liebesbeweiseu, von denen wir bereits gesprochen haben. Nicht abgeschreckt durch die kleine Zuhörerschaft, welche in Wahrheit nur aus dem verdrießlichen Kundschafter bestand, erhob er. seine Stimme, begann und endete seinen heiligen Gesang, ohne durch irgend Etwas unterbrochen zu werden. Hawk-epe hörte zu, während er seinen Flintenstein zurecht machte und seine Büchse wieder lud; aber die Töne, welche durch keine Seenerie und keine, verwandte Empfindung unterstützt wurden, waren nicht vermögend, seine schlummernden Gefühle zu Wecken. Nie hatte ein Minstrel, oder welchen paffendern Namen man David geben wollte, vor unempfänglicheren Zuhörern seine Talente entwickelt, und doch, sah man auf die Einfalt und Innigkeit seiner Andacht, so drang wahrscheinlich noch keines Barden Gesang so unmittelbar zu dem Throne dessen, dem allein Preis und Ehre gebührt. Der Kundschafter schüttelte den Kopf, murmelte einige 154 unverständliche Worte, unter denen „Kehle" und „Irokese" allein vernehmbar waren, und ging weg, um das eroberte Arsenal der Huro- ncn zu sammeln und in Augenschein zu nehmen. Bei diesem Geschäfte unterstützte ihn Chmgachgook, der sowohl seine eigene, als seines Sohnes Büchse unter der Beute sand. Selbst Heyward und David wurden jetzt mit Waffen versehen; auch fehlte es nicht an Schießbedarf, um sie wirksam zu machen. Als die Waldbewohner ihre Auswahl getroffen und ihre Beute wertheilt hatten, kündigte der Kundschafter an, daß sie anfbrechen müßten. Mittlerweile war Gamuts Gesang verstummt, und die Schwestern waren im Stande, der Aeußerung ihrer Gefühle Schranken zu setzen. Gestützt auf Hcyward und den jungen Mohikaner stiegen sie den steilen Abhang des Hügels hinab, den sie erst noch unter so ganz verschiedenen Anspicicn erklommen hatte», und dessen Gipfel beinahe der Schauplatz ihrer grausamen Ermordung geworden wäre. Am Fuße desselben fanden sie ihre NarragansetS, welche an den Gebüschen weideten; sie bestiegen solche und folgten den Bewegungen eines Führers, der sich in den gefährlichsten Lagen als ihr Freund bewährt hatte. Die Reise war jedoch kurz. Hawk-eye verließ den Pfad, auf dem die Hnronen gekommen waren, bog rechts durch ein Dickicht, ging dann über einen rieselnden Bach und hielt in einem engen Thälchen unter dem Schatten einiger Waffcrulmen. Die Entfernung von dem Fuße des verhängnißvollcn Hügels betrug nur einige Ruthen, und die Pferde hatten den Schwestern nur dazu gedient, sie trocknen Fußes über den seichten Bach zu bringen. Der Kundschafter und die Indianer schienen den abgeschiedenen Platz, auf dem sie sich befanden, genau zu kennen: denn sie lehnten ihre Büchsen an die Bäume, und fingen an, das dürre Laub weg- zuränmen und die blänlichte Thonerde aufznscharren, worauf plötzlich eine klare, reine Quelle glänzend hervorsprudelte. Der Weiße blickte um sich, als ob er etwas suchte, was er zu finden hoffte, aber nicht sogleich finden konnte. 135 „Die sorglosen Schufte, die MohawkS mit ihren TuScarora und Onondagabrüdern haben hier ihren Durst gestillt," murmelte er, „und die Landstreicher haben die Kürbisflasche weggeworfen! So geht es, wenn man Einem einen Dienst erweist und es mit undankbaren Hunden zu thun hat! Hier hat der Herr zu ihrem Besten mitten in der heulenden Wildnis die Hand ausgereckt und ans den Eingeweiden der Erde eine Quelle springen lassen, welche dir reichsten Apothekerbuden in allen Kolonien zu Schanden machen kann. Nun seht! die Taugenichtse haben die Erde eingetreten und den hübschen Platz »erschündet, als ob sie dumme Bestien und keine Menschen wären." Uncas reichte ihm stillschweigend die gewünschte Kürbisflasche hin, die er bisher in seinem Spleen nicht an dem Ast einer Ulme hatte hängen sehen. Er füllte sie mit Wasser, und zog sich in einige Entfernung zurück nach einer Stelle, wo der Boden fester und trockener war. Hier setzte er sich nieder, und nach einem langen und. wie es schien, erquickenden Zuge fing er an, die Reste der Nahrungsmittel, welche die Hnronen zurückgclaffen hatten und die sich in seiner Waidtasche befanden, in genaue Untersuchung zu nehmen. „Dank Dir, Junge," fuhr er fort, indem er die leere Kürbisflasche an UncaS zurückgab, „jetzt wollen wir sehen, wie diese Kriecher, die Huronen, auf ihren Wegelagerungen lebten. Da seht 'mal! die Kerls kennen die besten Bissen an dem Wilde, und man sollte denken, sie könnten ein Stück Wildpret abschneiden und braten trotz dem besten Koch .im Lande! Aber alles ist roh: die Irokesen sind noch ächte und gerechte Wilde. Uncas, nimm nieinen Stahl und zünd' ein Feuer an! Ein Stück zarten Rostbratens hilft nach einem so langen Marsche der Natur wieder auf." Heyward, welcher bemerkte, daß ihre Führer ernstliche Anstalten zu einem Mahle machten, half den Ladies von den Pferden und nahm an ihrer Seite Platz, mit Freude sehend, daß sie nach der blutigen Scene einiger Augenblicke Ruhe genießen sollten. Während 186 die Küchenvorbereitungen vor sich gingen, spornte ihn die Neugierde, nach den Umständen zu fragen, die zu ihrer so zeitigen als unerwarteten Rettung geführt hatten. „Wie kommt es, daß wir Euch sobald wieder sahen, mein edel- müthiger Freund?" fragte er, „und ohne hie Hülfe der Garnison von Edward?" „Wären wir der Krümmung des Flusses nachgegangen, so wären wir noch zeitig genug gekommen das Laub über Eure Leichen zu rechen, aber zu spät, um Eure Skalps zu retten," antwortete der Kundschafter kaltblütig. „Stein, nein, statt Kraft und Zeit mit dem Rennen nach dem Fort zu vergeuden, blieben wir am Ufer des Hudson im Hinterhalt, um die Bewegungen der Huronen zu beobachten." „So wäret Ihr denn Augenzeugen alles dessen, was mit uns vorging?" „Keineswegs, die Augen der Indianer sehen zu scharf, als daß man ihnen entgehen könnte; wir hielten uns verborgen. Schwer hielt es, den Mohikaner-Jungen da im Versteck zu halten. Oh! Uncas^ Uncas, Dein Benehmen war mehr das eines neugierigen Weibes, denn eines Kriegers, der auf der Lauer liegt." Uncas wandte sein Haupt einen Augenblick nach der finstern Miene des Sprechers; aber er sprach nicht, noch gab er ein Zeichen der Reue. Im Gegentyeile lag, wie Heyward zu bemerken glaubte, in der Miene des jungen Mohikaners ein Ausdruck von Stolz, wo nicht von Verachtung: er unterdrückte eine Leidenschaft, die im Begriff war auszubrechen, sowohl aus Rückficht gegen seine Zuhörer, als aus gewohnter Achtung für seinen weißen Genossen. „Ihr saht, wie sie uns gefangen nahmen?" fragte Heyward weiter. „Wir hörten eS," war die bezeichnende Antwort. „Ein Jn- diancrgeschrei ist eine verständliche Sprache für Leute,, die ihr Leben in den Wäldern zugebracht haben. Aber als Ihr lanvetet, mußten 157 wir wie Schlangen unter dem Laube kriechen und verloren Euch gänzlich aus den Augen, bis wir Euch wieder erblickten, an die Bäume gebunden, um auf gut Indianisch niedergemetzelt zu werden." „Unsere Rettung war ein Werk der Vorsehung. Fast ei» Wunder war es, daß Ihr den rechten Weg einschluget: denn die Huronen theilten stch, und jeder Haufen hatte seine Pferde." „Ja, beinahe hatten wir die Fährte verloren, und wären irre gegangen, wenn Uncas nicht gewesen wäre; wir entschieden un« jedoch für den Weg, der in die Wildnis führt: denn wir schlosse» mit Recht, daß die Wilden mit ihren Gefangenen diese Richtung einschlagen würden. Aber als wir schon manche Meile zurückgelegt hatten, ohne einen einzigen Zweig geknickt zu finden, wie ich doch gerathen hatte, wurde ich sehr besorgt, besonders da ich sah, daß alle Fußstapfen von Moccasfins herrührten." „Unsere Sieger hatten die Borficht gebraucht, uns auf ihre Weise zu beschuhen," sagte Duncan, indem er den Fuß aufhob und die kleinen Halbstiefel zeigte. „Das war klug und steht ihnen ähnlich; doch wir waren zu erfahren, um uns durch diese gewöhnliche List von unsrer Fährte abbringen zu lassen." „Welchem Umstande verdanken wir also unsere Rettung?" „Einem Umstande, den ich als ein Weißer, der keinen Tropfen JndianerbluteS in seinen Adern hat, fast mich schämen sollte zu gestehen; — der Einsicht des jungen Mohikaner«, in Dingen, die ich besser verstehen sollte, als er, und an die ich jetzt noch kaum glauben kann, obgleich meine eigenen Augen mir sagen, daß eS so ist." „Das ist sonderbar! Wollt Ihr mir nicht sagen, was es ist?" „Uncas war kühn genug, zu behaupten," fuhr Hawk-ehe fort, indem er seine Augen nicht ohne Neugierde auf die Pferdchen der LadieS heftete, „daß die von den Frauen gerittenen Thiere beide Füße auf einer Seite zu gleicher Zeit zur Erde setzten, was doch dem Gange aller vierfüßigen Bestien, die ich kenne, widerstreitet, 158 dem des einzigen Bären ausgenommen. Und doch sind hier Pferde, die immer so gehen, wie meine eigenen Augen mich überzeugten, und wie ihre Fährte zwanzig lange Meilen bewiesen hat. „Das ist der Vorzug dieser Thiere! Sie kommen von den Ufern der Narragansetbai, in der kleinen Provinz der Providence-Kolonien, und sind berühmt wegen ihrer Ausdauer und der Leichtigkeit ihrer Bewegungen; doch lassen sich auch nicht selten andere Pferde so abrichten." „Mag seyn! mag scyn!" sagte Hawk-eye, der mit besonderer Aufmerksamkeit auf diese Erklärung gehört hatte, „obgleich ich ein Mann bin, dem das reine Blut der Weißen in seinen Ader» fließt, so ist doch mein Urtheil, was das Wild und den Biber betrifft, gründlicher, als über lasttragende Thiere. Major Effingham hat viele edle Rosse, ich habe aber nie eines auf so wunderliche Weise seitwärts gehen sehen." „Gewiß: denn er schätzt den Werth der Thiere nach ganz andern Eigenschaften. Immer aber ist dies eine sehr beliebte Race, und wie ihr seht, erfährt sie viel Ehre durch die Lasten, die man ihr anvertraut." Die Mohikaner hatten ihr Geschäft an dem Feuer eingestellt, um zuzuhören; und als Duncan ausgeredet hatte, sahen sie einander verwundert an, während der Vater den nie fehlenden Ausruf des Erstaunens vernehmen ließ. Der Kundschafter sann nach, als ob er die neu erworbene Kenntniß verdauen wollte, und warf wieder einen verstohlenen Blick auf die Pferoe. „Ich darf wohl sagen, man bekommt in den Niederlassungen gar wunderbare Dinge zu Gesicht!" begann er langsam: „die Natur wird vom Menschen schwer gemißbraucht, wenn er 'mal die Oberhand über sie gewinnt. Doch der Gang dieser Thiere mag nun seyn, wie er will, tlncas hatte sich einmal die Bewegung gemerkt, und ihre Spur führte uns an den eingeknickten Busch. Der höchste Zweig unter dem Tritt eines Pferdehufs war aufwärts gebogen, wie eine Lady die Blume von dem Stängel bricht, alles Andere aber zerrissen und niedergebrochen, als ob die starke Hand eines Mannes daran gezerrt hätte. So schloß ich denn, daß das schlaue Otterngezüchte das Knicken des Zweiges bemerkt und dann auch die übrigen zerbrochen habe, um uns glauben zu machen, ein Rehbock habe an den Zweigen sein Geweih versucht." „Ich glaube. Euer Scharfblick täuschte Euch nicht; es ist s» etwas vorgefallen!" „Das war leicht abzusehen!" fuhr der Kundschafter fort, keineswegs gemeint, hier einen besonder» Scharfblick bewiesen zu haben, „etwas ganz Anderes war es mit dem watschelnden Gange des Pferdes. Da siel mir ein, die MingoS könnten zu dieser Quelle gehen, denn die Schelme kennen die Kraft ihres Wassers recht wohl." „Ist sie denn so berühmt?" fragte Heyward, mit neugierigem Auge das abgeschiedene Thälchen und seine sprudelnde Quelle betrachtend, die mit einer braunen Erde umgeben war. „Wenige Rothhäute reisen südlich oder östlich von den großen Seen, die nicht von ihren Eigenschaften gehört hätten. Wollt Ihr sie nicht selber kosten?" Heyward nahm die KürbiSssasche, warf sie aber, nachdem er ein wenig von dem Wasser getrunken hatte, mit Geberden des Ekels wieder weg. Der Kundschafter lachte aus seine Weise aus vollem Herzen still vor sich hin und schüttelte mit großer Selbstzufriedenheit den Kopf. »Ja, Ihr müßt erst durch Gewohnheit den rechten Geschmack daran erhalten! ES gab 'ne Zeit, wo mir's eben so wenig schmecken wollte; nun ich mich daran gewöhnt habe, lechze ich darnach, wie der Damhirsch nach den Licks. * Eure starkgewürzten Weine sind * Viele Thicre der amerikanischen Wälder besuchen Orte, wo sich Salzquellen finden. Diese heißen »Licks' oder , Salzlicks' in der Sprache de? Landes, weil die Vierfüßler oft die Erde auflecken (U°w) müssen, um die Salztheilchen zu erhalten. Diese Lick« sind 160 Eurem Gaumen nicht angenehmer, als der Rothhaut dieses Wasser, besonders im Zustande der Erschöpfung. Aber UncaS ist mit dem Braten fertig, es ist Zeit, an's Essen zu denken, denn unsere Reise ist lang und zum geringsten Theile zurückgelegt." Das Gespräch durch diesen raschen Nebergang abbrechend, machte sich Hawk-eye an die lleberreste des Mundvorraths, die der Gefräßigkeit der Huronen entgangen waren. Das Essen wurde mit eben so wenig Umständen anfgetragen, als zubereitet; »nd er und die Mohikaner begannen ihr bescheidenes Mahl mit der Stille und Sorgfalt von Männern, welche sich zu großen und anhaltenden Anstrengungen stärken wollen. Sobald sie sich dieser nothwenvigen und zum Glück angenehme» Pflicht entledigt hatten, that jeder der Waldbewohner zum Abschied noch einen tüchtigen Zug aus der einsamen, stillen Quelle,* um welche sich innerhalb der nächsten fünfzig Jahre der Reichthum, die Schönheit und die Talente einer ganzen Halbkugel sammeln sollten, Gesundheit und Vergnügen zn suchen. Hawk-eye kündigte nun den Aufbruch an, die Schwestern setzten sich wieder zn Pferde; Duucan und David griffen nach ihren Büchsen und folgten ihnen l der Kundschafter ging voran und die Mohikaner beschlossen de» Zug. Die ganze Gesellschaft zog sich auf dein schmalen Pfade rasch gegen Norden und ließ das Heilwaffer mit dem benachbarte, Bache sich vermischen, die Leichen der Gefallenen aber unbeerdigt auf dem nahen Berge faulen, ein Schicksal, das die Krieger der Wälder zu häufig trifft, als daß es Mitleid erregen oder auch nur zu einer weiterern Bemerkung führen könnte. Hauptpunkte für die Jäger, welche a» den Pfaden, die dahin führe», ihrem Wilde auflauern. » Die eben geschilderte Scene ist derjenige Punkt, wo jetzt da« Dorf Balliston, einer der wichtigsten Badeorte Amerika», steht. K ! st l st' 161 Dreizehntes Kapitel. Ich suche einen nähern Weg. Parnell. Der Weg, welchen Hawk-eye einschlug, führte quer über die sandigen, hier und da von Thälern und Wellungen der Hügel durchschnittenen Ebenen, über welche sie am Morgen desselben Tages unter Magua's Führung gekommen waren. Die Sonne war jetzt tief gegen die entfernten Berge gefallen, und da ihr Weg durch die endlosen Waldräume ging, so war die Hitze jetzt nicht mehr so drückend. Ihre Reise ging also rascher von Statten, und lange vor Einbruch der Dämmerung hatten sie eine gute, obwohl beschwerliche Strecke ihres Heimweges zurückgelegt. Der Jäger schien, wie der Wilde, dessen Stelle er eingenommen hatte, auf geheime Merkzeichen in der Wildniß mit einer Art von Instinkt zu achten, ließ selten von seiner Eile nach und hielt niemals an, um mit sich zu Rathe zu gehen. Ein schneller Blick im Vorübergehen ans das Moos an den Bäumen, auf die niedergehende Sonne, auf den Lauf der zahlreichen Gewässer, reichte hin, ihm Gewißheit zu geben, daß er auf dem rechten Wege sey, ohne ihm irgend einen Zweifel darüber zu lassen. Mittlerweile begann der Wald seine Farbe zu wechseln, und das lebhafte Grün, das seine Lanb- gewölbe verschönert hatte, verlor sich in das dunklere Licht, welches den Einbruch der Nacht zu verkündigen Pflegt. Während die Angen der Schwestern zwischen den Bäumen durch in die goldene Strahlcnflut blickten, die einen glänzenden Hof um die Sonne bildete und eine längs den Hügeln im Westen anf- gethürmte Wolkenmasse bald hier und dort mit Purpnrstrcifen durchzog, bald mit einem schmalen Saume des glänzendsten Goldgelb begränzte, wandte sich Hawk-eye plötzlich und sprach, indem er auf den vrachtvollcn Himmel wies: „Dies ist das Zeichen für den Menschen, die Nahrung und Ruhe Der letzte Mohikan. 11 n t zu suchen, deren er bedarf. Besser und weiser wäre es, wenn er auf diese Zeichen der Natur merken und sich von den Vögeln in der Lust und den Thicren ans dem Felde eine Lehre nehmen wollte. Unsere Nachtruhe wird jedoch bald vorüber scyn: mit dem Monde müssen wir wieder anfbrechen und weiterziehen. Ich erinnere mich noch, hier mit den Magua's gekämpft zu haben, in dem ersten Kriege, in dem ich Menschenblut vergoß. Wir errichteten ein Blockhaus, um dieses Rabengezüchte von unfern Skalpen fern zn halten. Wenn meine Merkzeichen mich nicht täuschen, so finden wir's ein paar Ruthen weiter zur Linken." Ohne eine zustimmende Aeußerung oder auch nur eine Antwort abzuwarten, trat der rüstige Kundschafter unbedenklich in ein dichtes Gehölz von jungen Kastanienbäumen, Indern er die Zweige der üppigen, auf dem Boden empor wuchernden Schößlinge bei Seite schob, als erwartete er mit jedem Schritte eines früher bekannten Gegenstandes wieder ansichtig zn werden. Seine Erinnerungen täuschten ihn nicht. Nachdem er sich einige hundert Schritte weit durch das mit Brombeersträuchen verwachsene Unterholz durchgearbeitet hatte, gelangte er auf eine offene Stelle, die ein niedriger, kleiner Rasenhügel umgab, auf welchem das verfallene Blockhaus stand. Dieses rohe, vernachläßigte Gebäude war eines jener verlassenen Werke, zu augenblicklichem Gebrauche aufgebaut, und, wenn die Gefahr verschwunden war, wieder aufgcgeben; cs lag jetzt in der Emsamkeit des Waldes, verfallen, vernachläßigt und beinahe vergessen, wie die Umstände, die seine Errichtung hcrbeigeführt hatte». Solche Denkmale früherer Kämpfe findet man noch häufig ans der breiten Gränze der Wildniß, welche einst die feindlichen Provinzen trennte: sie bilden eine Art Ruinen, die mit den Erinnerungen der Kolonialgeschichte im engsten Verbände stehen und dem düster» Charakter der umgebenden Schauplätze vollkommen entsprechen. ^ » Vor einigen Jahren jagte der Verfasser dieser Zeilen in der Nachbarschaft der Ruinen des Forts Oswego, das jetzt an den Ufern de- 163 Das Niudendach war längst zerfallen und hatte sich mit dem Erdreich vermischt; die mächtigen Flchtenblücke aber, die eilig über einander geschoben wurden, ruhten noch an ihrer Stelle; doch war eine Ecke des Gebäudes 'gewichen und drohte den baldigen Einsturz des Ganzen. Während Heyward und seine Begleiter zögerten, das zerfallene Gebäude zn betreten, beschritten Hawk-eye und die Indianer nicht allein ohne Furcht, sondern selbst mit sichtbarem Interesse die niederen Wände. Jndeß der Erstere die Ruinen innen und außen mit der Neugierde eines Mannes, dessen Erinnerungen mit jedem Augenblicke wieder lebendiger werden, betrachtete, erzählte Chingach- gook seinem Sohne in delawarischer Sprache und mit dem Stolze des Siegers die kurze Geschichte des Scharmützels, das in seiner Jugend auf diesen: abgeschiedenen Punkte Statt gefunden hatte. Ein Zug der Schwermuth mischte sich jedoch in seinen Triumph und gab seiner Stimme, wie so oft, etwas eigenthümlich Sanftes und Musikalisches. Mittlerweile waren die Schwestern nkunter vom Pferde gestiegen und schickten sich an, in der Abendkühle an einem Orte, dessen Sicherheit, wie sie glaubten, nur durch die Thiere des Waldes gestört werden konnte, ausznruhen. Ontariosees stellt. Er jagte auf Rothwild und sein Jagdgrund erstreckte sich mit geringer Unterbrechung fünfzig (englische) Meilen landeinwärts. Unerwartet stieß er auf sechs oder acht Leitern in den Wäldern, die in geringer Entfernung von einander lagen. Sic waren roh gcarbeiter und schon sehr verwittert. Da es ihn: aufficl, so viele dieser Werkzeuge an einem so einsamen Platze zu finden, so bat er einen alten Mann, der in der Nähe wohnte, um Aufschluß. Während des Krieges im Jahrel77ü wurde das Fort Oswego von den Engländern verthcidigk. Eine Expedition wurde zweihundert (englische) Meilen weit in die Wildniß ausgesandt, um das Fort zn überrumpeln. ES scheint, daß die Amerikaner an diesem Punkte, welcher nur noch eine Meile oder zwei von dem Fort entfernt ist, zuerst merkten, daß man sie erwarte, und daß sic Gefahr liefen, abgeschnitten zu werden. Sie warfen ihre Leitern weg und zogen sich eilig zurück. Diese blieben so dreißig Jahre auf der Stelle, wo sie zuerst hingeworfcn wurden, unberührt liegen. „Wäre es nicht besser gewesen, mein würdiger Frennd," fragte der wachsamere Duncan, als er sah, daß der Kundschafter seine kurze Untersuchung beendigt hatte, „wenn wir unfern Abstand an einem weniger bekannten und seltener besuchten Orte genommen hätten?" „Wenige sind am Leben, welche von der Errichtung dieses Blockhauses etwas wissen," antwortete dieser langsam nnd nachdenklich, „es ^ geschieht nicht oft, daß Bücher gemacht und Erzählungen geschrieben werden über ein solches Scharmützel, wie hier in einem Krieg zwischen den Mohikanern und den Mohawks Statt gefunden hat. Ich war damals noch ein junger Bursche und zog mit den Delawaren ans, weil ich wußte, daß sie ungerechter Weise verleumdet waren. Vierzig Tage und vierzig Nächte lagen die Schufte, nack> unserem Blute dürstend, um dieses Blockgebäude, dessen Plan ich selbst entworfen, nnd das ich zum Thcil selbst mit anfgesührt habe, obgleich ich, wie Ihr wißt, kein Indianer, sondern ein Weißer von unverfälschtem Blute bin. Die Delawaren halfen mir's anfführen nnd wir hielten's zehen gegen zwanzig, bis unsere Zahl beinahe gleich war: dann machten wir einen Ausfall ans die Hunde, und ^ Keiner entkam, das Schicksal der Seinigen zu verkünden. Ja, ja, ich war damals noch jung nnd der Anblick des Blutes war mn neu, ich konnte den Gedanken nicht ertragen, daß beseelte Geschöpfe, wie ich, ans der nackten Erde von den Thieren zerrissen oder im Regen gebleicht werden sollten. Deshalb begrub ich die Todten t mit eigenen Händen unter eben dem Hügel, auf dein Ihr Plan genommen haot, nnd angenehm sitzt sich's darauf, obgleich er ans menschlichen Gebeinen besteht." ' Heyward und die beiden Schwestern fuhren augenblicklich von dem Rasengrabmahl auf, nnd Letztere überlief unwillkürlich ein Grauen. , obgleich sie selbst erst so schreckliche Seenen erlebt hatten, als sie sich in so unmittelbarer Berührung mit dem Grabe der gefallenen Mohawks fanden. Das Dämmerlicht, das düstere Dickicht, binter welchem sich die Fichten in athemloscm Schweigen bis in die Wolken erhoben, und die Todtenstille in dein weiten Walde umher — Alles vereinigte sich, ein solches Gefühl noch zu steigern. „Sie sind dahin und thun Niemand mehr etwas zu Leide," fuhr Hawk-eye fort, indem er, melancholisch lächelnd über ihrer ächtbaren Unruhe, die Hand bewegte: „die erheben kein Schlacht- gcheul mehr, können keinen Streich mit dem Tomahawk mebr führen! Und von allen denen, die sie bestatten halfen, sind Chin- gachgook und ich noch allein am Leben! Die Brüder und die sianülie Chingachgook's bildeten unsere ganze Kricgspartei. und Zhr seht hier Alles beisammen, was noch von seinem Geschlechtc übrig ist." Die Augen der Zuhörer suchten unwillkürlich die Gestalten der Indianer in mitleidiger Theilnahme an ihrem trostlosen Schicksale. Zu dem Schatten des Blockhauses gewahrte man ihre dunkeln Umrisse: der Sohn lauschte der Erzählung des Vaters mit der gespanntesten Aufmerksamkeit, wie sie ein Bericht zur Folge haben mußte, der so sehr den Ruhm von Männern pries, die er schon lange um ihres Muthes und ihrer wilden Tugenden willen verehrt hatte. „Ich hatte geglaubt, die Dclawaren scyeu ein friedfertiges Volk," sagte Dnncan; „hätten nie persönlich Krieg geführt, und die Verthcidigung ihres Landes eben den Mohawks anvertraut, die Ihr erschlagen habt." „Das ist zum Theil wahr," antwortete der Kundschafter, „und doch im Grunde eine heillose Lüge. Ein solcher Vertrag ward in früheren Zeiten dnrch die teuflischen Kniffe der Holländer geschlossen. Zic wollten dadurch die Eingebornen entwaffnen, die das meiste Recht auf ein Land besaßen, in dem Jene sich niedergelassen hatten. Die Mohikaner, obgleich zu demselben Stamme gehörig, achteten in ihrem Verkehre mit den Engländern nie auf diesen thörichten Vertrag, sondern vertrauten ihrer Tapferkeit, und so thatcn anrb 166 die Delawarcn, als ihnen die Augen über ihre Thorheit geöffnet wurden. Ihr seht den Häuptling der großen Mohikaner-Saga- morcn vor Euch! Seine Familie konnte einst den Damhirsch über Länderstreckcn jagen, größer als die von Albany Patteroon, ohne über einen Bach wder Hügel zu kommen, der ihr nicht zngehörie. Aber was ist ihrem Abkömmling geblieben? Er findet, so's Gott gestillt, seine sechs Fuß Erde nnd ruht hier vielleicht im Frieden, wenn er einen Freund hat, der sich die Mühe nimmt, sein Haupt so tief in die Grube zu legen, daß die Pflugschaar es nicht erreichen kann." „Genug!" fiel Heyward ein, welcher besorgte, der Gegenstand möchte ans eine Erörterung führen, welche die zur Rettung seiner schönen Schutzbefohlenen so unumgänglich nothwendige Eintracht stören könnte. „Wir sind weit gereist, und Wenige unter uns besitzen eine Körperkraft wie die Enrige, die keine Ermüdung, keine Schwäche zu kennen scheint." „Meine Sehnen und Knochen helfen mir allerdings überall durch," sagte der Jäger, indem er seine muskulösen Glieder mit einer Schlichtheit des Ausdrucks überschaute, die verrietst, mit welch aufrichtigem Behagen er diesen Lobspruch anfnahm; „es gibt größere nnd stärkere Leute in den Niederlassungen, Ihr könnt aber viele Tage in einer Stadt umgehen, bis Ihr einen findet, der im Stande ist, seine fünfzig Meilen zu gehen, ohne zu halten, um Athem zu schöpfen, oder der den Hunden auf der Jagd mehrere Stunden nicht ans der Hörweite kommt. Da aber Fleisch nnd Blut nicht immer dieselben sind, so ist es nach alle dem, was die Frauenzimmer heute erlebt nnd durchgemacht haben, nicht mehr als billig, anzunehincn, daß sie zu ruhen wünschen. Nncas, reinige die Quelle, während Dein Vater nnd ich über ihre zarten Häupter von diesen Kastanicnschößlingen ein Obdach nnd aus Gras nnd Blättern eine Lagerstätte bereiten." * 167 Das Gespräch verstummte, während der Jäger und seine Gefährten beschäftigt waren, für die Bequemlichkeit und den Schutz der ihrer Führung Anvertranten zu sorgen. Eine Quelle, welche vor vielen Jahren die Eingebornen veranlaßt hatte, diesen Platz für ihre zeitigen Verschanzungen zu wählen, war bald von den Blätter» gereinigt und goß nun ihren reinen Krystall über den grünenden Hügel herab. Eine Ecke des Gebäudes ward jetzt in so weit mit einein Obdache versehen, daß der in diesem Himmelsstriche stark fallende Nachtthau eine Abhaltung fand, und Schichten von weichen Zweigen und dürrem Laub wurden darunter zum Ruhelager für sie ausgebreitet. Während die emsigen Waidmänner in dieser Weise beschäftigt waren, genossen Cora und Alice Erfrischungen, die mehr Bedürfniß als Geschmack sie annehmen hieß. Bald darauf zogen sie sich in das Blockhaus zurück, dankten erst dem Himmel für die Gnade, die ihnen bisher zu Theil geworden war, und flehte» um Fortdauer der göttlichen Huld auch für die künftige Nacht; dann legten sic ihre zarten Glieder auf das duftende Lager, und trotz aller peinlichen Erinnerungen und Besorgnisse sanken sie bald in jenen Schlummer, den die Natur so gebieterisch forderte und mit Hoffnungen auf den kommenden Morgen versüßte. Duncan hatte sich angeschickt, die Nacht gerade vor der Ruine zu durchwachen; aber der Kundschafter, welcher seine Absicht bemerkte, deutete auf Chingachgook, während er sich unbekümmert auf das Gras niederstreckte, und sagte: „Die Augen des weißen Mannes sind zu schwerfällig und zu blind für eine solche Wache! Der Mohikaner wird unsere Schild-- wache scyn: wir dürfen ruhig schlafen." „Ich bin vorige Nacht auf meinem Posten eingeschlummert," entgegnet? Heyward, „und habe weniger Ruhe nöthig, denn Ihr, die Ihr dem Charakter eines Soldaten mehr Ehre gemacht habt! Laßt darum Alle schlafen, ich allein will Wache halten." 168 „Wenn wir unter den weißen Zelten des sechzigsten Regiments und vor einem Feinde, wie die Franzosen lägen, wünschte ich mir keinen bessern Wächter," versetzte der Kundschafter, „aber in der Finsterniß nnd mitten in der Wildniß würdet Ihr nicht viel schärfer beobachten können, als ein Kind, und Eure Wachsamkeit wäre umsonst. Macht es denn wie ich nnd Nncas und schlafet: schlafet unbesorgt!" Heyward gewahrte wirklich, daß der jüngere Indianer, während sie noch sprachen, sich an dem kleinen Hügel niedergelegt hatte, wie einer, der die zur Ruhe vergönnte Zeit sich bestmöglich zu Nutze machen will; seinem Beispiel war auch David gefolgt, dessen Stimme buchstäblich „an seinem Schlunde klebte", während das Fieber seiner Wunde durch die Anstrengungen der Reise nur gesteigert worden war. Nicht gemeint, eine nutzlose Erörterung fortzu- Ipinnen, that der junge Mann, als ob er willfahren wollte, lehnte seinen Rücken, halb zurückliegend, an die Stämme des Blockhauses, war aber fest entschlossen, kein Auge zu schließen, bis er sein chm anvertrantes kostbares Gut in Munro's Hände überantwortet hätte. Hawk-eye, in der Meinung, seinen Gefährten überredet zu haben, schlief seinerseits alsbald ein, und eine Stille, so tief als die Einsamkeit, die sie umgab, herrschte durch diese abgeschiedenen Räume. Eine Zeit lang hielt Dnncan wirklich seine Sinne munter nnd aufmerksam auf jeden Laut, der sich in dem Walde hören ließ. Sein Gesicht ward schärfer, während die Schatten der Nacht über seine Umgebung sich lagerten, und selbst, als die Sterne über seinem Haupte funkelten, konnte er noch die rückgelehnten Gestalten seiner Begleiter, wie sie auf dem Grase hingestreckt lagen, selbst die Gestalt Chingachgook's, unterscheiden, der aufrecht und bewe- gungslos da saß, einem der Bäume ähnlich, welche die dunkle Gränzlinie auf jeder Seite von ihnen bildeten. Noch hörte er die leisen Athemzüge der Schwestern, welche wenige Schritte entfern» von ihm lagen, nnd der Luftzug bewegte kein Blättchen, dessen 169 flüsternden Laut sein Ohr nicht vernommen hätte. Endlich mischte» sich die melancholischen Töne eines Waldvogels mit dem klagenden Geschrei der Eule; seine müden Angen suchten noch hin und wieder das funkelnde Licht der Sterne, und dann war ihm, als sähe er sie noch durch seine geschlossenen Augenlieder. In Augenblicken flüchtigen Erwachens hielt er einen Busch für seinen Mitwächter; sein Kopf sank aber bald wieder auf die Schulter und diese suchte ihrerseits auf der Erde eine Stütze; endlich erschlaffte seine ganze Gestalt und der junge Mann verfiel in einen tiefen Schlaf; er träumte, er sey ein Ritter alter Zeit, der seine mitternächtliche Wache vor dein Zelte einer befreiten Prinzessin halte, deren Gunst er durch einen solchen Beweis der Aufopferung und Wachsamkeit zu gewinnen hoffe. Wie lange der erschöpfte Duncan in diesem Zustande der Bewußtlosigkeit lag, wußte er selbst nicht zu sagen. Seine Schlummer- gestchte waren aber lange schon vorüber, als ihn ein leichter Schlag auf die Schulter weckte. Aufgeschreckt durch diese Mahnung, sprang er empor mit der verworrenen Erinnerung an die Pflicht, die er fick zu Anfang der Nacht aufcrlegt hatte. „Wer da?" fragte er, nach der Stelle greifend, wo sonst sein Degen hing. „Sprich! Freund oder Feind?" „Freund," erwiederte die leise Stimme Chingachgook's, welcher auf den Lichtkörper deutete, der seinen milden Schimmer durch die Oeffnung der Bäume gerade ans ihren Bivonac ergoß, und i» seinem gebrochenen Englisch fortfuhr: „Mond kommt und weißen Mannes Fort weit — weit entfernt. Zeit zum Aufbruch, wenn Schlaf beide Augen des Franzmanns schließt!" „Du hast Recht, rufe Deine Freunde auf und sattelt die Pferde, während ich meine Begleiterinnen für den Marsch vorbereite." „Wir wachen, Duncan," sparch Alice mit ihrer sanften Silberstimme, innerhalb des Gebäudes, „und fühlen uns nach einem so 170 erquickenden Schlafe zn der eiligsten Reise gestärkt. Mer Sie haben die ganze Nacht hindurch für uns gewacht, nach den langen und großen Anstrengungen des gestrigen Tages!" „Sagen Sie vielmehr, daß ich wachen wollte; aber meine treulosen Augen haben mir einen Spuck gemacht; zum zweiten Mal habe ich mich des anvcrtrauten Gutes unwürdig gezeigt." „Nein. Dnncan. längncn Sie nicht," unterbrach ihn lächelnd Alice, indem sie in aller Lieblichkeit ihrer frisch erblühten Reize aus dem Schatten des Gebäudes in das Licht des Mondes trat, „ich weiß, sorglos sind Sic. wenn Sie an sich selbst zu denke» haben, und nur zu wachsam für das Wohl Anderer. Können wir hier nicht noch ein wenig verweilen, bis Sie die Rühe gefunden, deren Sie bedürftig sind? Mit Freude, mit der größten Freude werden Cora und ich Wache halten, während Sie und diese wackern Männer einigen Schlafes genießen." „Wenn Scham mich von meiner Schläfrigkeit heilen könnte, so sollte sich mein Auge nie mehr schließen," sprach der unzufriedene Jüngling, Alice in ihr offenes Antlitz blickend, in dessen zarter Besorgniß er jedoch nichts las, was seinen halb erwachten Argwohn hätte bestätigen können. „Aber es ist nur zu wahr, nachdem ich Sie durch meine Unbesonnenheit in diese Gefahr gebracht habe, bleibt mir nicht einmal das Verdienst, Ihre Ruhe so überwacht zu haben, wie es die Pflicht des Soldaten ist." „Niemand außer Dnncan kann sich selbst einer solchen Schwäche anklagen. Gehen Sie denn zur Ruhe, glauben Sie mir, keine von uns beiden, so schwache Mädchen wir auch sind, wird sich als läßige Wache erweisen." Der junge Mann sah sich der Verlegenheit, seine Schuld auf's Neue zu betheuern, durch einen Ausruf Chingachgook's und die Stellung gespannter Aufmerksamkeit, die dessen Sohn einnahm, über- lwben. „Die Mohikaner hören einen Feind!" flüsterte Hawk-eye, der 171 indessen mit den klebrigen wach und munter geworden war. „Der Wind lässt sie Gefahr wittern." „Das wolle Gott verhüten!" rief Heyward. „Wir haben genug Blutoergiessen gehabt." Mit diesen Worten jedoch griff der junge Kriegsmann nach seiner Büchse und trat in den Vordergrund, bereit, seine unverzeihliche Nachlässigkeit abznbüssen, indem er sein Leben für die Ver- theidignng seiner Schutzbefohlenen unbekümmert aussetzte. „Es ist das Knistern eines Waldthiers, das um uns herum Futter sucht," flüsterte er, sobald die leisen und anscheinend entfernten Laute, welche die Mohikaner ausgeschreckt hatten, sein eigenes Ohr erreichten. „St!" entgegncte der aufmerksame Kundschafter, „'s ist ein Mensch; ich selbst erkenne jetzt seinen Tritt, so unvollkommen auch meine Sinne im Vergleich mit denen eines Indianers sind. Der entwischte Hnrvne ist wahrscheinlich auf eine Streis- partie Mvntcalm's gestoßen und hat jetzt unsere Fährte. Es sollte mir Leid thun, wenn ich an diesem Orte noch mehr Blut vergießen sollte," fuhr er mit einem unruhigen Blick ans seine düstere Umgebung fort, „aber wenn es scyn muss, muß es seyn! Führe die Pferde in das Blockhaus, Uncas, und Jhrl, Freunde, folgt ihnen nach. So alt und dürftig das Gebäude ist, so gewährt es immerhin einigen Schutz, und hat manchesmal schon von Büchsenknall wiedergetönt!" Er fand keine Widerrede, und die Mohikaner führten die Narraganscts i» die Ruine, wohin sich auch die übrige Gesellschaft in größter Stille begab. Das Geräusch nahender Fußtritte ließ sich jetzt zu deutlich vernehmen, als daß man noch über die Art der Unterbrechung hätte ungewiß seyn können. Bald mischten sich Menschenstimmen darein, sie riefen sich einander in einer Mundart zu, die, wie der Jäger Heyward znflüsterte, die Syrache der Huronen war. Als sie an die Stelle kamen, wo die Pferde das Dickicht in der 172 Umgebung des Blockhauses betreten hatten, verloren sie offenbar die Spur, weil ihnen die bisherigen Kennzeichen mangelten. Nach den Stimmen zu schließen, waren bald ihrer zwanzig an jenem Orte versammelt, und gaben lärmend ihre verschiedene» Meinungen und Rathschläge. „Die Schelme kennen unsere Schwäche," finsterte Hawk-epe, welcher neben Heyward in tiefem Schatten stand und durch eine kleine Oeffnung zwischen den Stämmen blickte, „sonst würden sie kein so müßiges Sguawgeschwätz führen. Da hört 'mal das Gewürm, jeder von ihnen scheint zwei Zungen und nur ein Bein zu haben." So tapfer Dnncan im Kampfe war, so vermochte er doch auf diese kaltblütige und charakteristische Bemerkung des Kundschafters nicht zn antworten. Er faßte nur seine Büchse fester und heftete mit steigender Unruhe seinen Blick durch die enge Oeffnung auf die moudbeleuchtete Umgebung. Die tieferen Töne eines Wilden, der mit gebieterischem Nachdruck zu sprechen schien, ließen sich vernehmen, und die Stille, mit welcher sein Befehl, oder vielmehr sein Rath ausgenommen wurde, bewies die Achtung, in der er stehen mußte. Aus dem Rauschen der Blätter und dem Brechen der dürren Zweige ging jetzt hervor, daß sich die Wilden trennten, um die verlorene Spur wieder aufznsinden. Zum Glück für die Verfolgten war das Mondlicht, welches einen milden Schimmer über die kleine Lichtung vor der Ruine verbreitete, nicht stark genug, um die dichten Wäldgewölbe zu durchdringen, wo alle Gegenstände noch in trügerischem Schatten lagen. Die Nachforschung blieb erfolglos: denn so kurz und plötzlich war der Uebergang von dem schwachen Pfadstrich der Reisenden in das Dickicht gewesen, daß jede Spur ihrer Fußtritts in der Dunkelheit der Wälder sich verloren hatte. Nicht lange jedoch währte es, so hörte man die rastlosen Wilden durch das Gestrüpp brechen und sich allmählich dem inner» 173 Rande des dichten Kreises von jungen Kastanienbäumen nähern, welche die kleine Fläche umgaben. „Sie kommen/' murmelte Hcyward, indem er seine Büchse zwischen zwei Räumen durchzusteckcn suchte ; „wir wollen bei ihrer Annäherung Feuer geben." „Haltet Alles im Schatten/' sprach der Kundschafter; „das Schnappen des Feuersteins, oder selbst der Geruch eines einzigen Pulverkorns auf der Zündpfanne würde sie uns wie hungrige Wölfe über'n Hals bringen. Sollte es Gott gefallen, daß wir für unsere Skalpe kämpfen müßten, so vertraut auf die Erfahrung .von Männern, welche die Wege der Wilden kennen und selten dahinten bleiben, wenn das Kriegsgcschrei ertönt." Duncan blickte zurück und sah, wie die zitternden Schwestern siw in einem fernen Winkel des Gebäudes an einander schmiegten, indes; die Mohikaner gleich zwei aufrechten Posten im Schatten standen, bereit loszufeuern, sobald es nöthig sehn würde. Seine klngedulr bekämpfend, blickte er wieder durch die Ocffnnng auf die lichte Fläche und erwartete schweigend den Ausgang. Alsbald öffnete sich das Dickicht und ein hoher bewaffneter Hnrone trat einige Schritte ani die offene Fläche vor. Während er das stille Blockhaus betrachtete, siel das volle Mondlicht auf seine schwärzlichen Züge und verriet!, sein Erstaunen und seine Neugierde. Er stieß jenen 'Ausruf ans, der die erstere Empfindung bei dem Indianer stets zu begleiten psiegt und ein leichter Ruf führte einen Begleiter an seine Seite, Diese Kinder der Wälder standen einige Augenblicke stille, indem sie auf das verfallene Gebäude deuteten, und in der unverständlichen Sprache ihres Stammes sich mit einander unterhielten. Jetzt näherten sie sich mit langsamen, vorsichtigen Schritten, indem sie jede Minute inne hielten, das Gebäude anznstarren, gleich verscheuchten Damhirschen, deren Neugierde mächtig mit Besorgnissen um die Oberhand streite. Plötzlich stieß einer mit dem Fuße an den Erdhügel und untersuchte ihn. In diesem Augenblick bemerkte Heyward, daß 174 der Kundschafter sein Messer in der Scheide lockerte, und den Hahn seiner Büchse spannte. Diese Bewegungen nachahmend, schickte sich der junge Mann gleichfalls zu einem Kampfe an, der jetzt unvermeidlich schien. Die Wilden waren so nahe, daß die geringste Bewegung eines der Pferde? oder selbst ein stärkerer Athemzug die Flüchtlinge ver- rathen hätte. Die Untersuchung des Erdhügels schien jedoch die Aufmerksamkeit der Hnronen ans einen andern Gegenstand abgelcnkt zu haben. Sie sprachen mit einander; aber der Ton ihrer Stimmen war so tief und feierlich, als hätte sie ein Gefühl der Ehrfurcht und geheimer Scheu ergriffen. Sie zogen sich vorsichtig zurück, indem sie ihre Angen auf die Ruine geheftet hielten, als erwarteten sic Geister der Todten ans den schweigsamen Räumen hervorschweben zu sehen. Endlich erreichten sie den Saum des freien Platzes, traten langsam in das Dickicht zurück und verschwanden. Hawk-eye ließ den Kolben seiner Büchse ans die Erde sinke» und sprach, lang und tiefansathmend, in hörbarem Geflüster: „Ja, sie scheuen die Todten, und das hat ihnen und vielleicht bessern Menschen als sie, das Leben gerettet." Heyward lieh seine Aufmerksamkeit einen Augenblick dem Gefährten, antwortete aber nicht, sondern wandte sich nach denen, die ihn in diesem Moment näher angingen. Erhörte, wie die beiden Hnro- nen das Gebüsch verließen. Der ganze Haufe hatte sich, wie sie jetzt deutlich hörten, um sie versammelt, um mit gespannter Begierde ihren Bericht zu vernehmen. Nach wenigen Minuten ernster und feierlicher Berathung, die sehr verschieden war von dem Lärm, mit dem sie sich zuerst um die Stelle versammelt hatten, wurden die Töne immer schwächer und entfernter, und verloren sich endlich in den Tiefen des Waldes. Hawk-eye wartete, bis ein Zeichen des lauschenden Chingachgook ihm die Gewißheit gab, daß jeder Laut der Rückziehenden von der Entfernung verschlungen ward, und gab. dann Heyward ein Zeichen, isie Pferde vorzuführen und den Schwester» in 175 den Sattel zu helfe». Sobald dies geschehen war, schritten sie aus dem zerfallenen Thorweg und verließen in einer Richtung, derjenigen, in welcher sie gekommen waren, gerade entgegengesetzt, den Ort, indem die Schwestern verstohlene Blicke nach dem stillen Grabmal und dem verfallenen Blockhaus warfen, als sie aus dem sanften Mondlichte traten, um sich in die düstere Tiefe der Wälder zn begraben. Vierzehntes Kapitel. Wache: tzui esb Irr? Johanna d'Nrc: l'az'sans, pauvi-es §ens üv König Heinrich VI. Während der schnellen Entfernung von dein Blockhause und ehe sie sich tief in dein Walde befanden, waren die Reisenden zu sehr mit ihrem Entkommen beschäftigt, als daß sie ein Wort auch nur mit einander geflüstert hätten. Der Kundschafter nahm seinen alten Platz an der Spitze des Zuges wieder ein, obgleich seine Schritte, auch als schon ein großer Raum zwischen ihnen und ihren Feinden lag, bedächtiger waren, als bei ihrem früheren Marsche, da er die Ocrtlichkeit der ihn umgebenden Wälder nicht kannte. Mehr denn einmal hielt er, um mit seinen Genossen, den Mohikanern, zu Rail; zu gehen, indem er aufwärts zum Monde wies und die Rinden der Bäume sorgfältig untersuchte. In diesen kurzen Pausen lauschten Heyward und die Schwestern mit Sinnen, welche die Gefahr doppelt schärfte, ob nicht irgend ein Laut die Nähe ihrer Feinde verkünde. In solchen Augenblicken war ihnen, als ob hier ein weites Land in ewigem Schlaf begraben liege; nicht der geringste Laut ließ sich im Walde hören, außer dem entfernten und kaum hörbaren Murmeln eines Baches. Vögel, Thiere und Menschen schienen, wenn es überhaupt welche iu dieser Wildnis; gab, alle zu schlummern 176 Mein die Töne des Baches, obgleich schwach und leise murmelnd, machten mit einem Mal den Bedenklichkeiten ihrer Führer ein Ende und alsbald schlugen sie ihre Richtung dahin ein. Als die Ufer des kleinen Flusses erreicht waren, machte Hawk-eye noch einmal Halt, nahm die Moccassins von den Füßen und lud Hcyward und Gamnt ein, das Gleiche zu thun. Hieraus trat er in das Wasser und fast eine halbe Stunde gingen sie in dem Bett des Flusses fort, um keine Spur zu hinterlafsen. Der Mond war bereits hinter eine Masse ungeheurer schwarzer über dem westlichen Horizonte hängender Wolken gesunken, als sie aus dem niedern und unwegsamen Gewässer traten, um wieder ans die sandige, aber bewaldete, höher gelegene Fläche zu gelangen. Hier schien der Kundschafter wieder zu Hause zu seyn: er verfolgte seinen Weg so sicher und schnell, wie Einer, der seiner Ortskenntnis vollkommen vertrauen kann. Der Pfad wurde bald unebener, die Reisenden sahen sich von beide» Seiten immer enger von Bergen eingeschloffen und bemerkten, daß ne bald durch eine Gebirgsschlucht kommen müßten. Plötzlich hielt Hawk-eye, wartete bis die ganze Reisegesellschaft beisammen war, und sagte dann in leisem, vorsichtigem Tone, den die Ruhe und das Dunkel des Platzes noch feierlicher machten: „Es ist leicht, in der Wildniß die Pfade zu kennen, und die Licks und die Strombette zu finden," sagte er; „aber wer kann sagen, ob nicht hinter jenen stillen Bäumen und ödsst Bergen ein Heer gelagert ist?" „Sind wir denn so nahe bei William Henry?" fragte Hey ward, aus den Kundschafter zutretend. „Es ist noch ein langer und ermüdender Weg dahin; aber wann und wie wir ihm nahen sollen, ist jetzt die Hauptfrage, Seht," sprach er, durch die Bäume nach einem Punkte deutend, wo in kleines Wasserbecken den Glanz der Sterne ans seinem ruhigen Spiegel wicderstrahlte, „hier ist der,BluttcichH und ich bin ans einem Grund und Boden, auf dem ich nicht nur oft gewandelt, 177 sondern mich auch von Aufgang der Sonne bis zum Untergang mit dem Feinde herumgeschlagen habe." „Ha! so ist denn jene matte, düstere Wasserfläche das Grab der wackern Männer, die in dem Kampfe gefallen sind. Ich habe sie nennen hören, bin aber nie zuvor an ihr Ufer gekommen." „Drei Schlachten schlugen wir mit dem Deutsch-* Franzosen** an einem Tag," fuhr Hawk-eye fort, mehr dem Gange seiner Gedanken folgend, als auf Duncans Bemerkung antwortend. Er stieß ans uns, als wir gerade auszogen, seiner Vorhut einen Hinterhalt zn legen, und trieb uns wie gescheuchtes Wild durch das Destle bis zu den Ufern des Horican. Hier sammelten wir uns wieder hinter unserem Verhau, stellten uns ihm unter Sir William entgegen, der für diese Waffenthat erst zum Sir William wurde, und zahlten ihm tüchtig heim für den Unstern am Morgen. Hunderte von Franzosen sahen an dem Tag die Sonne zum letzten Mal, und selbst ihr Anführer Dieskau fiel in unsere Hände, so zusammengeschossen und verwundet, daß er, zn fernerem Kriegsdienste untüchtig, in sein Vaterland zurückkehren mußte." „Das war ein ruhmvoller Tag," rief Heyward in der Hitze seines jugendlichen Feuers; „der Ruf desselben drang schnell bis zu unserem Heere im Süden." „Ja, 's war aber damit noch nicht zu Ende. Ich ward vom Major Effingham auf Sir Williams ausdrücklichen Befehl abgesandt, die Flanke der Franzosen zu umgehen und die Nachricht von ihrem Unstern über den Bergrücken hin nach dem Fort am Hudson zu überbringen. Gerade dort, wo Ihr die Bäume auf der Anhöhe emporwachsen seht, traf ich auf ein Hülfscorps und führte es nach " Durch, holländisch, wird von denNordamerikanern häufig für deutsch gebraucht. Anm. d. Ueb. " Baro» Dieskau, ein Deutscher, im Dienste Frankreichs. Wenige Jahre vor der Periode der Erzählung wurde dieser Offizier von Sir William Johnson aus Johustown, NcwKork, an dem Ufer de» See'S George geschlagen. Der letzte Mohikan. 12 178 der Stelle, wo der Feind just sein Mittagsmahl hielt und sich Nichts weniger träumen ließ, als daß sein blutiges Tagewerk nicht zu Ende sey." »lind Ihr überfielet sie?" „Wenn der Tod ein lieberfall für Leute ist, die blos daraus denken- den Magen zu füttern. Wir ließen ihnen keine Zeit zum Besinnen: denn sie hatten uns in dem Strauße am Morgen auch übel mitgespielt, und nur Wenige unter uns waren, dis nicht einen Freund oder-Verwandten unter ihren Händen verloren hatten. Als Alles vorbei war, wurden die Todten, und einige sagen, sogar die Sterbenden in den kleinen Teich dort geworfen. Mit diesen meinen Augen sah ich das Wasser so mit Blut gefärbt, wie nie eines aus den Eingeweide» der Erde floß." „Ein paffendes und, wie ich hoffe, friedliches Grab für einen Soldaten! Ihr habt also auf dieser Gränze viele Treffe» niil- gemacht?" „Ich?" sprach der Kundschafter, indem er sich mit einem Ausdrucke militärischen Stolzes zu seiner vollen Höhe erhob; „'s gib! nicht viele Echos unter diesen Hügeln, die nicht den Knall meiner Büchsenachgerufen, und wenig Geviertmeilen zwischen dem Horican und dem Flusse, wo nicht mein ,Wildtödter* einem lebendigem Geschöpfe, sei's nun einem Feind oder einem Thiere, den Garaus machte. Ob das Grab da drunten so ruhig ist, wie Ihr meinet, ist eine andre Frage. Es gibt Leute im Lager, die sagen und meinen, wenn ein Mann ruhig im Grab liegen soll, so dürfe man ihn nicht darein legen, wenn noch Leben in seinem Leibe sey; und so viel ist gewiß, daß die Aerzte nur wenig Zeit hatten, zu bestimmen, wer todt oder lebendig war. St! Seht Ihr Nichts am llfer des Teichs auf- und niedergehen?" „Es ist nicht wahrscheinlich, daß sich Jemand so heimathloS, wie wir, in diesem öden Wald befinde." „So einer, wie der, fragt vielleicht wenig nach Haus und Obdach, und der Nachtthau thut Dem Nichts, der den Tag in dem 179 Wasser znbringt," entgegnete der Kundschafter, Heyward mit so krampfhafter Heftigkeit an der Schulter ergreifend, daß dieser mit Schmerzen inne ward, wie sehr abergläubische Furcht in einem sonst so unerschrockenen Manne die Oberhand gewinnen konnte. „Bei Gott! es ist eine Menschengestalt und kommt auf uns zu! Die Waffen bereit, meine Freunde! Wir wissen nicht, mit wem wir's zu thun habend „gui vivo?" fragte eine strenge, rasche Stimme, die wie ein Ruf aus einer andern Welt von jener einsamen und unheimliche» Stelle herüberklang. „Was will er?" flüsterte der Kundschafter; „er spricht weder indianisch noch englisch." „tzui vivo?" wiederholte dieselbe Stimme, und dem Rufe folgte ei» Raffeln der Waffen und eine drohende Stellung des Trägers. „Ki-nnoo," rief Heyward, aus dem Schatten der Bäume auf das Ufer des Teiches und in die Nähe der Schildwache hervor- treiend. „Woher kommt Ihr? wohin wollt Ihr so früh?" fragte der Grenadier in der Sprache und mit dem Accent eines Mannes aus Altfrankreich. „Ich komme vom Rekognoöciren und will mich wieder niederlegen " „Seyd Ihr ein Offizier des Königs?" — „Natürlich, Kamerad: hältst du mich für einen Provincialen? Ich bin Hacchtmann. bei den Jägern." (Heyward wußte wohl, daß der Andre, von einem'Linienregimente war.) „Ich habe die Töchter des Kommandanten der Festung bei mir. Sicher hast du davon gehört — ich nahm sie in der Nähe des andern Forts gefangen, und bringe sie zum General." „Meiner Treu! meine Damen, das ist mir leid für Sie!" rief der junge Soldat, seine Mütze mit Anstand berührend; „Aber so geht's im Krieg. Sie werden finden, welch braver Mann unser General ist und wie artig gegen Frauen. „Das ist das Auszeichnende eines ächten Kriegsmanncs," versetzte Cvra mit bewundernswürdiger Geistesgegenwart und ebenfalls französisch — „lebe wohl, Freund, ich wünschte dir wohl einen an- genehmcrn Berns zu erfüllen!" Der Soldat salutirte sie höflich für ihre Artigkeit. Nach einem „Gute Nacht, Freund!" von Heyward zogen die Reisenden bedächtig weiter. Die Schildwache, welche wieder am Ufer des Teichs ans und niederging und sich nicht em- fallen ließ, daß ein Feind so frech herbeikommen könnte, trillerte beim Anblick der Frauen, der vielleicht Erinnerungen aus seinem fernen und schönen Frankreich in ihm erweckte, die Strophen eines Liedes, das mit den Worten anfängt: Vivo Io vin, vivo l'omoui-, ete. „Das war gut, daß Ihr den Schelm verstandet!" flüsterte der Kundschafter, als sie sich ein wenig entfernt hatten, und ließ seine Büchse in die Biegung seines Armes sinken; „ich sah gleich, daß es einer von den unruhigen Franzmännern war; und er that wohl daran, daß er so freundlich sprach, sonst hätte er unter die Gebeine seiner Landsleute gebettet werden können." Hier wurde er von einem langen und heftigen Stöhnen unterbrochen, das aus dem kleinen Wasserbecken kam, als ob die Geister der Hingeschiedenen um ihr Waffergrab spukten. „Gewiß hatte Der Fleisch und Bein," fuhr der Kundschafter fort; „kein Geist hätte sein Gewehr so fest handhaben können." „Hatte Fleisch und Bein; ob aber der arme Schelm noch dieser Welt angehört, muß ich wohl bezweifeln," erwiederte Heyward, als er, um sich blickend, Chingachgook in ihrem kleinen Auge vermißte. Ein zweites Stöhnen, schwächer als das erste, folgte auf einen lauten, unheimlichen Sturz in das Wasser, und Alles ward wieder still, als ob die Ufern dieses düsteru Teiches seit der Schöpfung nie in ihrer Ruhe gestört worden wären. Während sie noch in Ungewißheit waren, sahen sie die Gestalt des Indianers aus dem Dickichte gleiten. Als der Häuptling wieder zu ihnen herankam, 181 befestigte er den noch rauchenden Skalp des unglücklichen jungen Franzosen an seinem Gürtel und steckte auf der andern Seite das Messer und den Tomahawk, mit seinem Blut gefärbt, an ihre Stelle. Chingachgook nahm seinen gewöhnliche» Platz mit der Miene eines Mannes wieder ein, der ein verdienstliches Werk verrichtet zu haben glaubte. Der Kundschafter ließ das eine Ende seiner Büchse auf die Erde sinken, und mit den Händen auf das andere gestützt, stand er eine Weile in tiefem Nachdenken. Dann schüttelte er traurig den Kopf und murmelte vor sich hin: „Von einer Wsißhaut war' das 'ne grausame, unmenschliche Handlung gewesen; aber für den Indianer lag sie in der Natur: das läßt sich, glaube ich, nicht wohl läugne». Lieber wollt' ich, 's war'einem verfluchten Mingo begegnet, als dem lustigen Jungen aus den alten Landen!" „Genug," sprach Heyward, besorgt, die arglosen Schwester» möchten diesen Grund des Aufenthalts errathen, während er seinen Abscheu durch ähnliche Betrachtungen, wie der Jäger, niederkämpfte; „es ist einmal geschehen und läßt sich nicht mehr ändern, obgleich es besser unterblieben wäre. Wir sind, wie Ihr sehet, offenbar in die Vorpostenlinie der Feinde gerathen. Welche» Weg gedenkt Ihr mm einzuschlagen?" „Ja," versetzte Hawk-eye, sich wieder erhebend, „ja, so ist ks, wir dürfen 's uns nicht verfehlen. Die Franzosen haben das Fort wirklich in allem Ernste eingeschloffen, und eine kitzliche Sache ist es, da durchzukommen." „lind nur wenig Zeit bleibt uns dazu!" fügte Heyward bei, indem er seine Augen auf die Dunstmasse heftete, die den niedergehenden Mond verbarg. „Und nur wenig Zeit dazu!" wiederholte der Kundschafter. „Die Sache läßt sich mit Hülfe der Vorsehung auf zweierlei Weise angreifen, einen dritten Ausweg weiß ich nicht." „Nennt sie schnell! Die Zeit drängt." „Die Eine wäre, wir lie^n die Frauenzimmer absteigen, ihre 182 Thiere auf der Ebene weiden» schickten die Mohikaner voraus, brächen eine Bahn durch die Schildwachen und zögen über deren Leichen in das Fort ein." „Das geht nicht — das geht nicht!" unterbrach der edel- müthige Heyward; „ein Soldat könnte sich vielleicht so durchschlagen, aber nicht in solcher Begleitung." „Es wäre allerdings ein blutiger Pfad, auf dem die zarten Füße gehen müßten," erwiederte mit ähnlichem Widerstreben der Kundschafter: „aber ich glaubte, ihn als Mann nennen zu sollen. 2m andern Falle müßen wir wieder zurück, und fast aus dem Bereiche ihrer Späheörter. Wir wenden uns »ach .Westen und gehen auf die Berge, wo ich euch Monate lang so verbergen will, daß alle Tenfelshnnde in Montealms Sold die Fährte dazu nicht finden sollen." „Thun wir das nnd zwar augenblicklich!" Weitere Worte waren nicht von Nöthen: denn Hawk-eye kehrte mit dem einzigen Rufe: „Mir nach!" auf demselben Wege zurück, ans dem sie in diese mißliche nnd selbst gefährliche Lage gerathen waren. Stillschweigend und vorsichtig gingen sie vorwärts, ohne das geringste Geräusch: denn mit jedem Augenblicke mußten sie befürchten, einer Nundwache oder einen: Piguet von Feinden zu begegnen. Während sie still an dem Rande des Teiches «orübergingcn, warfen Heyward und der Kundschafter verstohlene Blicke in das unheimliche Dunkel. Vergeblich suchten sie die Gestalt, die so eben noch an seinen stillen Ufer» einhergewandelt war, währeüd ein leises und regelmäßiges Anschlägen der kleinen Wellen zeigte, daß dis Wasser sich noch nicht wieder beruhigt hatten: ein schreckhaftes Zeugniß für die blutige That, die so kurz zuvor in ihrem Bereiche verübt worden war. Gleich der ganzen flüchtigen nnd düstern Scene schwand auch das niedrige Wasserbecken schnell in die Finsterniß dahin und vermischte sich mit der Masse schwarzer Gegenstände im Rücken der Reisenden. Hawk-eye wich bald von der Nietung, der sie bisher auf ihrem 183 Rückwege gefolgt waren, ab, sich aufwärts gegen die Berge wendend, welche die westliche Gränze der engen Ebene bildeten, und führte mit schnellen Schritten seine Begleiter tief in die Schatten, die von den hohen nnd steilen Gipfeln der Berge fielen. Der Weg wurde jetzt beschwerlich, da der Boden bald in ungeheure Felsmaffen emporlief, bald von tiefen Schluchten durchschnitten war, so daß ihr Zug verhältnismäßig nur langsam sich fortbewegte. Rauhe, schwarze Gipfel umgaben sie dun jeder Seite und entschädigten sie zum Theil für die größere Anstrengung durch das Gefühl von Sicherheit, welches sie einfloßtc». Endlich begannen sie einen steilen, rauhen Abhang hinanzuklimmen, auf einem Pfade, der sich zwischen Felsen und Bäumen, hinwand, die einen umgehend,-von den andern unterstützt, in einer Weise, die. kundgab, daß sie von Männern her- rührte, lange , erfahren in den Vortheilen der Wildniß. So wie sie sich allmählig über den Thalgrund erhoben, begann die dichte Finsterniß, die gewöhnlich dem nahenden Tage vorangeht, sich, zu zerstreuen, und, dir Gegenstände, in der Ebene .erschienen in den klaren und deutlichen Farben, die ihnen, die Natur verliehen hatte. Als sie aus dem Gehölz verkrüppelter Bäume,, die sich um die kahlen Wände des Gebirges zogen, auf einen flachen,, moosbewachsenen Felsen, der den Gipfel bildete, hervortraten, begrüßte sie der Morgen, seinen röthlichen Glanz über den grünen. Fichten eines Hügels zeigend, der auf der entgegengesetzten Seite des Horicanthales lag. Der Kundschafter.-ließ, jetzt die , Schwestern absteigen, nahm den ermüdeten Thieren Zaum und Sattel ab, und. ließ sie in voller Freiheit das Gestrüpp und die kärglich vorhandenen Kräuter dieser hohen Region.abweiden. „Geht," sagte er, „sucht euer Futter, wo die Natur es euch auweist, und nehmt euch in Acht, daß ihr nicht selbst auf diesen Hügeln ein Futter der Wölfe werdet." „Bedürfen wir . ihrer "nicht weiter?", fragte Heyward. „Seht und nrtheilt mit eigenen Augen," antwortete der 184 Kundschafter, indem er an den östlichen Rand des Berges trat und den Andern winkte, ihm dahin zu folgen; „wenn es so leicht wäre, in das Herz des Menschen zu blicken, als man von diesem Punkte aus erspähen kann, was mitten in Montcalm's Lager vorgeht, so gab' es wenig Heuchler, und die Arglist der Mingos Ware im Vergleich mit der Ehrlichkeit eines Delaware» verlorenes Spiel." Als die Reisenden den Rand des Absturzes erreichten, sahen sie mit einem Blicke, daß der Kundschafter nicht Unrecht gehabt hatte, und bewunderten seine Vorsicht in der Wahl dieses Platzes. Der Berg, ans dem sie standen, erhob sich vielleicht tausend Fuß über die Niederung, gleich einem Ungeheuern Kegel, und trat ein wenig aus der Reihe hervor, die sich meilenweit an den westlichen Ufern des See's hinzicht, bis er, seinen Schwestergipfel jenseits der Wasser erreichend, in verworrenen, schroffen FelSmaffen, schwach mit Immergrün bedeckt, bis gegen Canada anslänft. Unmittelbar unter ihren Füßen beschrieb das Südufer des Horican einen großen Halbkreis von einem Berge zum andern, und bildete ein weites Gestade, das sich in eine unebene und hochgelegene Fläche erhob. Gegen Norden erstreckte sich der klare und, wie es von dieser schwindligen Höhe erschien, schmale Spiegel des heiligen See's, in unzählige Buchten ausgezackt, durch fantastische Formen von Vorgebirgen verschönert und mit zahllosen Inseln besäet. Zn der Entfernung von einigen Stunden verlor sich das Bett des Sees zwischen Bergen oder wurde durch eine Dunstmaffc bedeckt, welche von einer, leichten Morgenluft langsam über seine Fläche hergctrieben ward. Aber eine enge Oeffnung zwischen den Kämmen des Gebirges deutete den Ausgang an, durch welche er seinen Weg weiter gegen Norden fand, um seinen klaren und weiten Spiegel noch einmal auszubreiten, ehe er dem fernen Champlain seinen Tribut bezahlte. Gegen Süden erstreckte sich das Defile oder vielmehr die bewaldete Ebene, die so oft schon erwähnt worden ist. Einige Stunden lang, aber noch innerhalb Sehweite, senkten sich 185 die Berge, scheinbar »»gerne ihre Herrschaft ausgebend, und liefen in die niedrigen Sandflächcn aus, über weiche wir unsere Abenteurer auf ihrer zweifachen Reise begleitet haben. An beiden Bergreihen hin, welche die gegenüberliegenden Seiten non See und Thal begränzten, stiegen Dunstwvlken in Schneckenwindungcn van den unwirthbaren Wäldern, wie Rauch ans verbargen liegenden Hütten empor, oder trieben langsam an den Abhängen hinab, um sich mit deni Nebel der Niederungen zu verbinden. Eine einzelne schneeweiße Wolke schwamm über dem Thal und bezeichnete die Stelle, unter welcher der stille Mutteich lag. Gerade am Ufer des See's, etwas mehr gegen den westlichen, als den östlichen Rand hin, lagen die ausgedehnten Erdwälle and die niedrigen Gebäude von William Henry. Zwei der Hauptbastionen schienen aus dem Wasser, das ihren Fuß bespülte, aufzntauchen, während ein tiefer Graben und ausgedehnte Sümpfe die anderen Seiten und Winkel vertheidigten. Das Land war auf eine beträchtliche Strecke rings um die Festungswerke der Bäume beraubt, sonst aber lag der ganze Schauplatz in dem grünen Kleide der Natur: ausgenommen da, wo die klaren Gewässer den Gesichtskreis bcgränz- ten, oder steile Felsen ihre schwarzen, kahlen Häupter über die Wellenlinien der Gebirgsketten erhoben. Bor dem Fort waren hin und wieder Schildwachen zu sehen, welche ihre zahlreichen Feinde aufmerksam zu beobachten schienen, und innerhalb der Wälle erblickten die Reisenden Soldaten, nach durchwachter Nacht in Schlummer versunken. Gegen Südosten, aber in unmittelbarer Berübrung mit dem Fort, stand ein verschanztes Lager ans einer Felsenanhöhe, einem Punkte, den man weit geeigneter für das Fort selber gewählt hätte. Hier zeigte ihnen Hawk-cye jene Hülfstruppen, welche erst kürzlich in ihrer Gesellschaft den Hudson verlassen hatten. Aus den Wäldern, ein wenig weiter gegen Süden, stiegen zahlreiche schwarze und finstere Rauchsäulen aus, die man von den reiner» Ausdünstungen der Quellen leicht unterscheiden konnte: nach der Aussage deK 186 Kundschafters sichere Zeichen, daß der Feind sich dort in Masse gelagert, hatte. Das Schauspiel, welches sich am Westufer des See's, dem südlichen ganz nahe, darbet, nahm dis Aufmerksamkeit des jungen Soldaten vor Allem in Anspruch. Ans einem Streifen Landes, welcher von seinem Standpunkt aus zu schmal schien für ein so beträchtliches.Truppencorps, sich aber wirklich mehrere tausend Fuß von den llfern des Horican bis an den. Fuß. des Berges erstreckte, sah man weiße Zelte nnd Kriegswerkzeuge für ein Lager von zehn- tauiend Mann. Bereits waren.vorne Batterien anfgeführt, und während die Zuschauer mit so. verschiedenen.Empfindungen lauf eine Scene herabhlickten, die einer Landkarte gleich vor ihren Füßen ausgebreitet lag, erscholl bereits der Donner einer Artillericsalve aus dem Thale herauf uns tönte von Echo zu Echo .durch die östlichen Berge hin. „Da unten fangt's nachgerade, an zu tagen," sagte, der bedächtige.und besonnene Kundschafter, „und die Wachenden wollen die Schläfer mit Kanonendonner wecken. Wir sind um ein. Paar Stunden zu spät. Montcalm hat bereits die Wälder mit seinen Vermaledeiten Irokesen angesüllt." „Der .Platz ist in der That eingcschloffen," bemerkte Duncan! „Aber bleibt uns denn gar kein Mittel., .hineinzukommen? Besser noch, innerhalb der Werke gefangen genommen zn .werden, als den herumschwärmenden Indianern in die Hände zu fallen." „ Seht! "! rief der Kundschafter, die. Aufmerksamkeit. Eora'S unwillkürlich auf das Onartier ihres eigenen.Vaters richtend, „wie dieser Schuß die. Steine aus dem Hans des Kommandanten.emporschlug l Ja, diese Franzosen werden es, so solid nnd massiv es ist, in kürzerer Zeit zusammenschießen, als es aufgebapt wurde." „Heyward, ich.sterbe beim Anblick eines Gefahr, die ich nicht theilen kann!" sprach die unerschrockene», aber besorgte Tochter. „Gehen wir zu Montcalm und bitten ihn, uns einzulaffen: er wagt es nicht, dem Kind die Bitte.zu versagen." 187 „Ihr würdet schwerlich noch mit einem Haar auf dem Kopf in das Zelt des Franzmannes kommen!" entgegnete der derbe Jäger. „Wenn ich nur eines der tausend Boote hätte, die leer am User stehen, dann ließ' es sich noch machen. Ha! da wird'S bald mit ihrem Feuern ein Ende haben: dort kommt ein Nebel, der den Tag zur Nacht machen muß, in der ein Jndianeryfeil gefährlicher als eine Kanone wird. Jetzt, wenn Jhr's euch getraut und mir folgen wdllt, will ich's versuchen: denn es verlangt mich recht ins Lager hinab, und wär's auch nur, um die Mingohunde, die ich da drunten in dem Birkendickicht lauern, sehe, auseinanderzutreiben." „Wir sind bereit," antwortete Cora muthig: „einem solchen Ziele entgegen trotzen wir jeglicher Gefahr!" Der Kundschafter wandte sich mit dem Lächeln aufrichtigen und herzlichen Beifalls zu ihr um und antwortete: „Ich wollt', ich hätte tausend Mann mit sehnigen Armen und scharfen Angen, die den Tod so wenig fürchteten, als Ihr! Ich wollte diese schnatternden Franzosen, eh' noch 'ne Woche um wäre, in ihr Nest znrückgejagt haben, daß ste heulen sollten, wie Hunde an der Kette, oder wie hungrige Wolfe. Aber voran!" fuhr er gegen die klebrigen fort, „der Nebel kommt so schnell, daß wir ihn kaum noch auf der Ebene treffen, um unfern Zug zu decken. A!vr denkt daran, daß Ihr, falls mir was Menschliches begegnet, den Wind immer auf der linken Wange behaltet — oder folgt den Mohikanern, die fänden ihren Weg so'gut bei Nacht als bei Tag." Er winkte ihnen jetzt mit der Hand, ihm zu folgen, und eilte mit freiem, aber vorsichtigem Tritte den steilen Abhang hinab. Heyward unterstützte-die Schwestern, und in wenig Minuten waren sie am Fuße des Berges, den.sie mit so viel Mühe und Anstrengung erklommen hatten. Der von Hawk-eye cingeschlagene Weg brachte die Reisenden bald auf die Ebene,: einem Ausfallthor an dem westlichen Mittelwallc des Forts gegenüber, ungefähr eine halbe (englische) Meile von dem 188 Punkte entfernt, wo er innehielt, um Duncan Zeit zu lassen, mit seinen Begleiterinnen nachzukommen. Bon Ungeduld get iebcn und durch die Beschaffenheit des Bodens begünstigt, waren sie dem Nebel, der nur langsam über den See hcrabkam, vorausgeeilt, und mussten deshalb warten, bis er das Lager in seinen dichten Mantel eingchüllt hatte. Die Mohikaner benutzten den Aufschub, aus den Wäldern zu schleiche» und die Umgebungen anszuspähen. Ihnen folgte in einiger Entfernung der Kundschafter, um früher zu erfahren, was sie gesehen hätten, und selbst über die Oertiichkcit seine Beobachtungen anzustellen. In wenig Minuten kehrte er zurück, roth vor Aerger, nnd machte seinem Unmuth in folgenden Worten Luft: „Hier haben die pfiffigen Franzosen ein Piquet uns gerade auf den Weg gestellt," sprach er; „Rothhänte und Weiße: und wir können im Nebel eben so gut mi ten unter sie gerathen, als an ihnen vorbei kommen."^ „Können wir keinen Umweg machen, um der Gefahr zu entgehen?" fragte Hepward, „und später wieder, wenn wir vorbei sind, auf unfern Weg zurückkommen?" „Wenn einer im Nebel einmal von der geraden Linie abweicht, wie kann er wissen, wann und wie er sie wieder finden soll? Die Nebel des Horican find nicht wie die Ringe aus des Schmauchers Pfeife, oder der Rauch eines Mnsketenschuffes!" Er sprach noch, als sich ein furchtbarer Knall vernehmen ließ, eine Kanonenkugel in das Dickicht und den Stamm eines jungen Baumes schlug und von der Erde zurückprallte, da ihre Kraft durch den früher» Widerstand gebrochen war. Die Indianer langten fast zur wlben Zeit mit dem schrecklichen Boten an und Uncas begann unter lebhaften Geberden eifrig in der Sprache der Delaware» zu reden. „So wird es gehen. Junge," murmelte der Kundschafter, als Jener ausgesprochen hatte; «hitzige Fieber kann man nicht wie Zahnweh behandeln. So kommt denn! der Nebel stellt sich ein." 189 „Halt!" rief Heyward; „sagt mir vorher, was Ihr glaubt hoffen zu dürfen." „Das ist gleich gesagt; es ist nur wenig, aber etwas ist besser als Nichts. Der Schuß, den Ihr sähet," fuhr der Kundschafter fort, indem er das harmlose Eisen mit dem Fuß anstieß, „hat die Erde auf seinem Wege von dem Fort aufgepflügt und wir können diese Spur verfolgen, wenn alle andere Zeichen uns trügen. Keine Worte mehr! Folgt mir, sonst verläßt uns der Nebel mitten auf dem Wege, und man schießt von beiden Heeren auf uns." Heyward erkannte, daß wirklich der entscheidende Augenblick gekommen war, wo gehandelt, nicht gesvroche» werden mußte, und trat zwischen die beiden Schwestern, um ihre Schritte zu beschleunigen, indem er die halb sichtbare Gestalt ihres Führers im Auge behielt. Bald zeigte sich, daß Hawk-eye die Stärke des Nebels nicht überschätzt hatte: denn kaum waren sie sechzig Schritte weit, als sie ihre verschiedenen Reisegefährten in dem Dunste nicht mehr zu unterscheiden vermochten. Sie hatten bereits einen kleinen Umweg zur Linken gemacht und wandten sich wieder zur Rechten, nachdem sie, wie Heyward glaubte, wohl den halben Weg nach den befreundeten Festungswerken znrückgelegt hatten. Plötzlich wurden ihre Ohren etwa zwanzig Schritte von ihnen von dem schrecklichen Rufe begrüßt: „0»> va I»?"2 „Vorwärts!" flüsterte der Kundschafter, sich wieder links wendend. - Vorwärts!" wiederholte Heyward, als der Zuruf von einem Dutzend Stimmen in drohendem Tone wiederholt wurde. „Ich," rief Duncan französisch, indem er die Schwestern mit sich fortzog. „Dummkops! — welcher Ich? —" „Freund von Frankreich!" * Wer da? „Du scheinst mir eher ein Feind von Frankreich! Halt! oder bei Gott, ich will Dich mit dem Teufet gut Freund machen! Kameraden, Feuer!" Der Befehl fand sogleich Gehör und der Nebel wurde von dem Knall von fünfzig Musketen erschüttert. Zum Glück war falsch gezielt, und die Kugeln durchpfiffen die Lust in einer verschiedenen Richtung, aber doch immer so nahe, daß es den ungeübten Ohren Davids und der beiden Mädchen dünkte, sie sausten nur ein Paar Zoll von ihnen vorbei. Der Ruf ward wiederhold und der Befehl nicht allein znm Feuern, sondern selbst zur Verfolgung war nur zu gut vernehmbar. Als Heyward kurz den Sinn des Gehörte» erklärt hatte, hielt Hawk-eye an und sprach entschlossen und fest: „Laßt uns anch Feuer geben, dann glauben sie, es sey ein Ausfall und weichen, oder warten auf Verstärkung." Der Plan war gut, blieb aber ohne Erfolg. So bald die Franzosen die Gewehrsalve hörten, war es, als ob die ganze Gegend lebendig würde, und Flinten klirrten die Ebene entlang von den Ufern des See's bis an den. fernsten Saum der Wälder. „Wir kriegen das ganze Heer auf den Hals und führen einen allgemeinen Sturm herbei," sprach Duncan; „voran, mein Freund, wenn euch euer und unser Leben lieb ist." Der Kundschafter wollte willfahren, aber in der Verwirrung des Augenblicks hatte er seine Stellung verändert und die Richtung verloren. Vergeblich hielt er seine Wangen gegen den Wind, nicht das leiseste Lüftchen wehte mehr. In dieser Noth bemerkte Uncas die Furche der Kanonenkugel, welche hier die Spitzen von drei nahe an einander liegenden Ameisenhaufen weggenommer. hatte. „Laßt mich 'mal schauen!" sagte Hawk-eye, bückte sich, um die Richtung zu erkennen, und setzte rasch seinen Weg fort. Geschrei, Flüche, rufende Stimmen, Flintenschüsse folgten sich ununterbrochen und, wie es schien, von allen Seiten. Plötzlich erleuchtete ein starker Feuerstrahl die Scene, der Nebel stieg in 191 dichten Wallungen empor, mehrere Kanonenschüsse flogen über dir Ebene und alle Echo der Berge hallten den Donner des Geschütze» wieder. „Das ist von dem Fort!" rief Hawk-eye und blieb plötzlich stehen, „und wir laufen, wie mit Blindheit geschlagen, nach dem Walde, den Maquas in die Messer." Sobald sie den Jrrthuni erkannt, beeilten sie sich, ihn gut zu machen. Duncan überließ gerne Uncas Arme die Sorge, Cora zu führen, und sie nahm diesen willkommenen Beistand bereitwillig an. Offenbar waren nicht Wenige eifrig in ihrer Verfolgung begriffen, und jeder Augenblick drohte Gefangenschaft, wo nicht Verderben. „Keinen Pardon den Schuften!" rief ein eifriger Verfolger, welcher die Bewegungen der Feinde zu leiten schien. „Steht fest und bereit, meine Tapfern vom Küsten Regiment!" rief plötzlich eine Stimme über ihnen: „wartet, bis ihr die Feinde seht; feuert tief und fegt das Glacis rein!" „Vater! Vater! rief eine durchdringende Stimme aus dem Nebel; ich bin's! Alice! deine Elfte! Halt ein, o rette deine Töchter!" „Halt!" schrie der frühere Sprecher im furchtbarsten Tone väterlicher Angst, so daß der Ruf dis in die Wälder drang und in feierlichem Echo zurückrollte. „Sie ist's! Gott hat mir meine Kinder wieder geschenkt! Das Aussallthor geöffnet! Hinaus, ihr Sechziger! hinaus! Thut keinen Schuß, ihr könntet meine Lämmer tödten! Treibt die französischen Hunds mit dem Bayonette fort!" Duncan hörte das Raffeln der rostigen Angeln, und rasch zu der Stelle eilend, deren Richtung der Laut bezeichnete, stieß er auf eine lange Reihe dunkelroth unssormirter Krieger, die nach dem Glacis eilten. Er erkannte sie als sein eigenes Bataillon der königlichen Americaner, flog an ihre Spitze und entfernte bald jegliche Spur von Verfolgern aus den Festungswerken. Einen Augenblick hatten Cora und Alice zitternd und verwirrt 192 da gestanden, als Dnncan sie so unerwartet verließ; aber ehe sie Zeit zu sprechen fanden, oder auch nur daran zu denken vermochten, stürzte ein Offizier von fast riesenhafter Gestalt, dessen Locken die Jahre und der Dienst gebleicht und dessen militärischen Stolz die Zeit zwar gemildert, aber nicht vernichtet hatte, mitten aus dem Nebel auf sie zu und. drückte sie an seine Brust, während große Thronen über sein bleiches und tiefgefnrchtcs Antlitz rollten. „Ich danke dir, Herr!" rief er in seinem eigenthümlichen schottischen Aeeent. „Laß Gefahr kommen, welche da wolle, dein Knecht ist vorbereitet!" Fünfzehntes Kapitel. So tretet ein, zu hören seine Botschaft, Die alsbald ich errathen wollt und deuten. Eh' noch der Franzmann sprach' ein Wort davon. König Heinrich V. Die nächsten Tage verflossen unter den Entbehrungen, der Verwirrung und den Gefahren der Belagerung, welche ein Feind, dessen Macht Mnnro nicht den gehörigen Widerstand leisten konnte, anfs Lebhafteste betrieb. Es war, als ob Webb mit seinem Heer, das unthätig an den Ufern des Hudson lag, die bedrängte Lage seiner Landsleute gänzlich vergessen hätte. Montcalm hatte die Wälder mit seinen Wilden angefüllt, deren Geschrei und Geheul durch das brittische Lager scholl und die Soldaten entmuthigte, welche bereits nur zu geneigt waren, die Gefahr zu vergrößern. Nicht ebenso war es mit den in den. Fort Eingeschloffenen. Durch die Worte und das gute Beispiel ihrer Führer angefeuert, hatten sie Muth gefaßt und ihren alten Ruf mit einem Eifer behauptet, welcher der Strenge ihres Anführers Ehre machte. Der französische General hatte seinerseits, als begnügte er sich mit großer 193 Anstrengung durch die Wildniß gezogen zu sepn, um vor den Feind zu kommen, bei all' seinem Geschick dennoch verabsäumt, die benachbarten Höhen zu besetzen, von denen ans er die Belagerten ungestraft vernichten konnte, ein Vortheil, den die neuere Kriegskunst keinen Augenblick zu benützen unterlassen hätte. Diese Geringschätzung der Anhöhen, oder vielmehr diese Scheu vor der Anstrengung des Erklinunens, kann als die Hauptschwäche der damaligen Kriegführung betrachtet werden. Sie schrieb sich von der einfachen Weise der Jndianerkrisge her, wo bei der Art der Kämpfe und den dichten Wäldern Festungen selten waren und das Geschütz beinahe alle Bedeutung verlor. Die Nachlässigkeit, welche solchergestalt überhand genommen hatte, reichte bis in die Zeit der Revvlutions- kämpfe herab und verlor den Amerikanern die wichtige Festung Ticonderoga, ein Verlust, der Bourgoyne's Heer den Weg in das Herz des Landes öffnete. Erstaunt blicken wir auf diese Unwissenheit oder Bethörung, wie inan es nennen darf, zurück: denn inan weiß, daß das Uebersehen der Vortheile einer solchen Anhöhe — wenn auch die Schwierigkeit, fich auf ihr festzusetzen, wie bei Mont Defianee, sehr übertrieben worden ist — einen Ingenieur, der in unserer Zeit die Anlegung der Werke an ihrem Fuße zu leiten, oder einen General, der sie zu vertheidigen gehabt hätte, um ihren Ruf bringen würde. Der Reisende, der Siechling, oder der Freund von Naturschönheiten, welcher jetzt in seinem Viergespann durch die Schauplätze, die wir zu beschreiben versucht, dahinrollt, um Belehrung, Gesundheit oder Vergnügen zu finden, oder gemächlich seinem Ziele entgegen auf jenen künstlichen Wasserstraßen getragen wird, dir unter der Verwaltung eines Staatsmanns^ entstanden sind, weleber für das Gelingen des gewagten Unternehmens seinen politischen Ruf einsetzte, darf nicht glauben, daß seine Vorfahren mit gleicher * Offenbar De Witt Clinton, der im Zahr 1826 als Gouverneur von New-Uork ftarb. Der letzte Mohikan. 18 194 Leichtigkeit über diese Berge gegangen sind und die Strömungen überwunden haben. Die gelungene Herbeischaffung einer einzigen schweren Kanone wurde oft einem Siege gleichgeschätzt, wenn anders glücklicher Weise die Schwierigkeiten des Bodens sie nicht zu weit von ihrer nothwendigen Begleiterin, der Munition, entfernten, ohne welche sie nichts als eine schwerfällige, nutzlose eiserne Rohre ist. Die llebel, welche aus einer solchen Lage entspringen mußten, machten sich dem entschlossenen Schottländer, der jetzt William Henry vertheidigte, sehr fühlbar. Obgleich sein Gegner die Berge nicht benützte, hatte er doch seine Batterien mit Einsicht in der Ebene aufgepflanzt und sie wurden mit Geschick und Nachdruck bedient. Diesem Angriff konnten die Belagerten nur die unvollkommenen und in Eile ««geordneten Bertheidigungsmittel einer Festung der Wildniß entgegenstellen. ES war am fünften Tage der Belagerung und dem vierten seines eigenen Dienstes in dem Fort, daß Major Heyward Nachmittags eine eben angekündigte Parlamentirung benützte, um sich auf die Brustwehr einer Wasserbastion zu begeben, wo er die frische Seeluft athmen und die Fortschritte der Belagerer beobachten konnte. Er war allein, wenn man die einsame Schildwache, die auf dem Erdwall auf- und niederging, nicht rechnen will: denn die Artilleristen hatten sich entfernt, um die zeitige Unterbrechung ihres gefahrvollen Dienstes zu benützen. Der Abend war äußerst still und das Lüftchen, welches von dem klaren See her wehte, sanft und erfrischend. Es schien, als ob auch die Natur den Augenblick, wo der Donner des Geschützes und das Pfeifen der Kugeln verstummte, gewählt hätte, in ihrer mildesten und entzückendsten Gestalt zu erscheinen. Die Sonne goß ihre scheidende Glorie über d>e Landschaft, ohne jener stolzen Strahlen zu entbehren, die dem Klima und der Jahreszeit eigenthümlich sind. Das frische, liebliche Grün der Berge wurde bald durch da« sanftere Licht der Sonne gemildert, bald durch die leichten Wölkchen verdunkelt, welche zwischen ihnen 195 und der Sonne schwammen. Zahlreiche Eilande ruhten im Schooße deS Horican, so niedrig und tief, als wären sie in die Wasser gebettet, andere über den Fluthen schwebend, gleich leichten Hüllen grünen Sammtes. Zwischen diesen ruderten die Fischer des Belagerungsheeres friedlich ihre Nachen umher, oder gaben sich auf dem klaren Wasserspiegel ruhig dem Vergnügen des Fischfanges hin. Die Scene war belebt und doch still; und Alles, was der Natur angehörte, lieblich und einfach groß, während, was von dem Willen und den Bewegungen der Menschen abhing, lebhaft und muthwillig erschien. Zwei kleine weiße Flaggen wehten, die eine auf einem hervor- springenden Winkel des Forts, die andere auf der vorgeschobenen Batterie der Belagerer, — Sinnbilder der Ruhe, nicht blos für die Feindseligkeiten, sondern selbst für die Erbitterung der Kämpfenden, hinter ihnen wehten, in schweren, seidenen Falten sich ausbreitend und schließend, die nebenbnhlerischen Standarten Englands und Frankreichs. Hunderte junger Franzosen, munter und sorglos, zogen Netze an den kieselreichen Strand, in der gefährlichen Nähe der düstern, aber schweigsamen Geschütze des Forts, während die östlichen Berge den lärmenden Jubel der Fischenden wiedertönten. Die Einen kamen eilig herbei, um die Belustigungen auf dem Wasser mitznmachen, während Andere mit der unruhigen Neugierde ihrer Nation bereits die benachbarten Hügel erklommen. Von all' diesem Treiben, dieser Lust waren diejenigen, welche die Belagerten zu beobachten hatten, und die Belagerten selbst müßige, wenn schon nicht gleichgültige Zuschauer. Hier und da stimmte auch ein Piquet einen Sang an, oder begann einen Tanz, der die düsteren Indianer aus ihren Hinterhalten in dem Walde um sie versammelte. Kurz Alles hatte mehr den Anschein eines Freudentages, denn einer den Gefahren und Anstrengungen eine« blutigen, erbitterten Kriege« gestohlenen Stunde. 196 Duncan hatte, diese Scene betrachtend, eine Weile in nachdenklicher Stellung dagestanden, als seine Angen durch den Laut nahender Fußtritte sich auf das Glacis vor dem schon erwähnten Ausfallthore richteten. Er trat in den Winkel einer Bastion und sah, wie der Kundschafter unter der Bewachung eines französischen Offiziers auf das Fort Herzukain, Hawk-eye's Züge waren eingefallen und bekümmert, seine Miene niedergeschlagen, als fühlte er sich tief entehrt, daß er den Feinden in die Hände gerathen war. Er trug seine Lieblingswaffe nicht und die Hände waren ihm mit Riemen aus Hirschhäuten auf den Rücken gebunden. Das Herannahen von Fahnen, zum Schutze der Parlamentirer bestimmt, war in letzter Zeit so häufig geworden, daß Heyward bei dem ersten nachläßigen Blick auf die Gruppe wieder einen Offizier in gleichem Auftrag zu sehen erwartete. Sobald er aber den hohen Wuchs und die immer noch trotzigen, wenn gleich niedergeschlagenen Züge seines Freundes, des Waidmanns, erkannte, fuhr er erstaunt zurück, und eilte von der Bastion in das Innere der Festung herab. Töne anderer Stimmen zogen jedoch seine Aufmerksamkeit auf sich und ließen ihn einen Augenblick seinen Vorsatz vergessen. In einem innern Winkel des Erdwalls traf er auf die beiden Schwestern, welche längs der Brustwehr umherwandelten, um, wie er, die frische Abendluft zu genießen. Er hatte sie seit dem peinlichen Augenblick, wo er sie nur verließ, um für ihre Sicherheit zu sorgen, nicht wieder gesehen. Von Sorge gebeugt und durch Anstrengungen erschöpft hatte er sie verlassen und fand sie jetzt frisch und blühend, obgleich sie immer noch einige Schüchternheit und Unruhe verriethen. Unter solchen Umständen dürfen wir uns nicht wundern, wenn der junge Mann eine Zeit lang alles Andere vergaß, mn sie anzureden. Die arglose, jugendliche Alice kam ihm jedoch zuvor, „Ha, des läßigen, pflichtvergessenen Ritters, der seine Damen mitten in den Schranken verläßt!" rief sie. „Tage, Jahrhunderte warteten wir darauf, daß Sie zu unfern Füßen um Gnade und 197 Verzeihung bitten würden für Ihr feiges Entweichen, Ihre Flucht — denn wirklich flohen Sie mit einer Eile, daß kein angeschoffenes Wild, wie unser würdiger Freund, der Kundschafter, sich ausdrücken würde. Ihnen hätte gleichkommen können!" „Alice spricht, wie Sie wissen werde», von uuserm Danke und unfern Segnungen," setzte die ernstere, besonnenere Cora hinzu. „Wirklich haben wir uns ein wenig gewundert, daß Sie sich so streng von einem Orte entfernt hielten, wo die Dankbarkeit der Töchter in der des Vaters Unterstützung gefunden hätte." „Ihr Vater selbst konnte Ihnen sagen, daß ich, obgleich oon Ihnen entfernt, um Ihre Sicherheit stets bekümmert war," erwiderte der junge Mann. „Um den Besitz des Dorfs von Hütten dort," — erwies aufdas benachbarte oerschanzte Lager, „ist indessen lebhaft gestritten worden. Wer dieses besitzt, ist bald auch im Besitze des Forts und alles dessen, was sich darin befindet. Meine Tage und Nächte sind seit unsrer Trennung dort vergangen, weil ich glaubte, daß meine Pflicht mich dahin riese. Aber," fuhr er mit einer Miene des Unmnths fort, den er vergeblich zu verbergen suchte, „aber hätte ich geglaubt, daß Soldatenpflicht so ausgelegt werden könnte, so wäre Scham noch zu der Zahl meiner Gründe gekommen!" „Hepward! — Duncan!" rief Alice, sich vorwärts beugend, um in sein halb abgewandtes Antlitz zu sehen, bis eine Locke ihres goldenen Haars auf ihrer Wange ruhen blieb und die Thräne verbarg, die ihrem Auge entquoll; „könnte ich glauben, daß diese geschwätzige Zunge Ihne» wehe gethan, so wollte ich sie zu ewigem Stillschweigen verdammen. Cora mag sagen, wenn sie will, wie hoch wir Ihre Dienste geschätzt haben, und wie innig, wie inbrünstig unsere Dankbarkeit ist." „Und wird Cora die Wahrheit davon bezeugen?" rief Duncan, indeß ein Lächeln innigen Vergnügens die Wolken des Mißmnths von seiner Stirne trieb. „Was sagt unsre ernste Schwester? Wird 198 sie für die Vernachlässigung des Ritters eine Entschuldigung in der Pflicht des Soldaten finden?" Cora antwortete nicht sogleich, sondern wandte ihr Gesicht auf das Wasser, als ob sie beobachtete, was auf dein Hvrican vorqehe. Als sie ihr dunkles Auge auf den jungen Mann richtete, lag ein solcher Ausdruck von Bangigkeit darin, daß er jeden andern Gedanken, als den herzlicher Besorgniß, aus seinem Gemüthe verdrängte. „Sie sind nicht wohl, theuerste Miß Munro?" rief er; „wir tonnten scherzen, während Sie leiden!" „Es ist Nichts," antwortete sie, indem sie seinen angebotenen Arm mit weiblicher Zurückhaltung ablehnte. „Daß ich das Leben nicht von seiner Sonnenseite betrachten kann, wie diese harmlose, glühende Schwärmerin," fuhr sie fort, indem sie ihre Hand leicht, aber zärtlich auf den Arm ihrer Schwester legte, „ist die Schuld der Erfahrung und vielleicht ein unglücklicher Zug meines Wesens. Sehen Sie," fügte sie hinzu, als wollte sie aus Pflichtgefühl sich aller Schwäche entschlagen, „blicken Sie um sich, Major Heyward, und sagen Sie mir, welche Aussicht dies ist für die Tochter eines Soldaten, dessen größtes Glück seine Ehre und sein Kriegsruf ist." „Beide sollen und können nicht befleckt werden durch Umstände, denen er nicht gebieten kann," erwiederte Duncan mit Wärme. „Aber Ihre Worte rufen mich zu meiner eigenen Pflicht zurück. Ich gehe jetzt zu Ihrem ritterlichen Vater, um seinen Entschluß in Dingen von höchster Wichtigkeit, unsere Vertheidigung betreffend, zu vernehmen. Gott segne Sie in jeglichem Geschick, edle Cora, — denn so kann und muß ich Sie nennen." Sie reichte ihm frei die Hand, obgleich ihre Lippe bebte, und ihre Wangen allmälig eine Todtenblässe überschlich. „In jeglichem Geschick werden Sie, ich bin's gewiß, eine ehrenreiche Zierde Ihres Geschlechtes seyn. — Alice, adieu!" — sein Ton ging von Bewunderung in Zärtlichkeit über — „Adieu, Alice; wir werden uns bald Wiedersehen, als Sieger hoffe ich, und unter Freudenbezeugungen!" 199 Ohne die Antwort einer der Schwestern zu erwarten, eilte der junge Mann die Rasenstufen der Bastion hinab, mit raschen Schritten über den Paradeplatz und stand nach kurzer Weile vor ihrem Vater. Munro ging, als Duncan eintrat, mit unruhiger Miene und Riesenschritten in dem engen Zimmer auf und nieder. „Sie sind meinen Wünschen zuvorgekommen, Major Heyward," sagte er, „ich wollte Sie eben um die Ehre Ihres Besuches bitten lassen." „Mit Bedauern sah ich den Boten, den ich so warm empfohlen, unter dem Gewahrsam der Franzosen zurückkehren! Ich hoffe, Sie haben keinen Grund, in seine Treue Zweifel zu setzen." „Die Treue der ,langen Büchsill ist mir wohl bekannt," versetzte Munro, „und über allen Zweifel erhaben; aber sein gutes Glück scheint ihn endlich verlassen zu haben. Montcalm hat ihn gefaßt und mit der verdammten Artigkeit seines Volkes ihn mir wieder zugesandt unter der demüthigenden Erklärung: da er wisse, wie große Stücke ich auf den Burschen halte, so wolle er mir ihn nicht vorenthalkcn. Eine jesuitische Manier, Major Heyward, einem Manne zu sagen, daß er im Unglück ist!" „Aber der General und seine Hülfe?" „Sahen Sie nach dem Süden, als Sie hereinkamen, und konnten Sie noch Nichts von ihnen erblicken?" fragte der alte Soldat, bitter lachend; „gehen Sie! gehen Sie, Sie sind ein ungeduldiger Knabe, Sir, und wollen den Herren keine Zeit zum Marschiren lassen!" „So kommen sie denn! Hat der Kundschafter davon gesagt?" „Wann? und auf welchem Wege? Das hat der Dummkvps mir nicht gesagt. Es war ein Brief vorhanden, und das ist das einzige Erfreuliche bei der Sache. Was die gewohnten Aufmerksamkeiten Ihres Marquis von Montcalm betrifft — ich stehe dafür, Duncan, Der von Lothian könnte ein Dutzend solcher Marquisate kaufen — wenn die Nachrichten in dem Briefe schlimm lauteten, so würde 200 diesem französischen Herrn die Artigkeit gewiß nicht erlauben, sie uns zu verschweigen." „Er behält also den Brief und läßt den Boten frei?" „Ja, und das Alles aus sogenannter Bonhonmüe. Ich wollte wetten, wenn man die Wahrheit wüßte, so würde sich finden, daß des Burschen Großvater in der sdeln Kunst des Tanzens unterrichtet hat." „Aber was sagt den» der Kundschafter? Er hat Augen und Ohren und eine Zunge: wie lautet sein mündlicher Bericht?" „Oh! Sir, an den natürlichen Organen fehlt's ihm nicht, nnd er bedenkt sich auch nicht, zu sagen, was er gehört und gesehen hat. Alles aber läuft darauf hinaus: an den Usern des Hudson befindet sich ein Fort Sr. Majestät, zu Ehren Sr. königlichen Hoheit des Prinzen von Dvrk, Edward genannt, wie Sie wissen, und ist wohl gefüllt mit Bewaffneten, wie es einem solchen Werke ziemt." » „Bemerkte er keine Bewegung, keine Zeichen, daß man uns zu Hülfe kommen wolle?" — „'s gab Morgen- und Abendparaden, und wenn einer von den Lümmeln aus den Provinzen — Sie wiffen's ja, Duncan, sind selbst ein halber Schottländer — wenn Einer sein Pulver auf seinen Kochtopf fallen ließ und es traf die Kohlen, so gab's Feuer!" Plötzlich aber ging er von seiner bitter» Ironie in einen ernstern, bedächtlichern Ton über und fuhr fort: „und doch müßte und muß in dem Brief etwas stehen, das zu wissen für uns gut wäre." „Unser Entschluß sollte schnell geschehen," sagte Duncan, welcher gern diese veränderte Stimmung benützte, um die Unterredung auf wichtigere Gegenstände zu lenken: „ich kann Ihne» nicht verhehlen, Sir, daß sich das Lager nicht mehr lange halten läßt, und es thnt mir leid, hinzufügen zu muffen, daß es mit dein Fort selber nicht besser zu stehen scheint: mehr als die Hälfte unsers Geschützes ist zersprungen." 201 „Und wie sollte es anders seyn? Die Einen wnrden aus dem See aufgefischt; andere rosteten seit der Entdeckung des Landes ln den Wäldern, und wieder andere sind gar keine Kanonen, nur Spielzeug für Korsaren. Glauben Sie, Sir, man könnte dreitausend Meilen oon Grvßbrittannien, mitten in einer Wildniß, Woolwichcr Waare bekommen?" „Die Mauern stürzen uns über dem Kopfe zusammen, und der Mundvorrath fängt an zu fehlen," fuhr Heyward fort, ohne diesen neuen Ausbruch seines llnmuths zu beachten; „selbst die Mannschaft zeigt Spuren yon Unzufriedenheit und Unruhe." „Major Heyward," sprach Munro, mit der vollen Würd- des Alters und eines höheren Ranges zu dem junge» Manne sich wendend, „umsonst hätte ich Sr. Majestät ein halbes Jahrhundert gedient und meine Haare im Feld ergrauen sehen, wenn ich das, was Sie sagen, und die Dringlichkeit der Umstände nicht selbst begreifen würde; und doch sind wir der Ehre der königlichen Waffen und unsrer eigenen Alles zu opfern verpflichtet. So lange noch Hoffnung auf Unterstützung vorhanden ist, werde ich diese Feste vertheidigen, und sollt' ich dazu die Kiesel vom Seeufer auflesen. Alles kommt darauf an, den Brief zu Gesicht zu bekommen, damit wir die Absichten des Mannes kennen lernen, den uns der Earl von London als seinen Stellvertreter hinterlassen hat." „Und kann ich hiebei von Nutzen seyn?" „Ja, das können Sie, Sir; der Marquis von Montcalm hat mich »eben seinen übrigen Artigkeiten auch zu einer persönlichen Unterredung zwischen de» Festungswerken und dem Lager eingeladcn, um mir, wie er sagt, weitere Aufschlüsse zu geben. Nun denke ich, würd' es nicht sehr weise seyn, wenn ich ein zu großes Verlangen zeigte, ihn zu sprechen, und ich könnte Sie, einen Offizier von Rang, zu meinem Stellvertreter nehmen: denn es würde Schottland keine Ehre bringen, wenn es hieße, eines seiner Kinder habe sich von dem Eingebornen eines andern Landes an Höflichkeit übertreffen lassen." 202 Ohne sich in eine überflüssige Erörterung oder Vergleichung her Höflichkeitsverdienste dieser oder jener Nation einznlassen, verstand sich Duncan mit Freuden dazu, bei der bevorstehenden Unterredung die Stelle des Veteranen zu vertreten. Ehe er sich verabschiedete, folgte eine lange, vertrauliche Mittheilung, in welcher der junge Mann von dem, was ihm oblag, noch genau unterrichtet wurde, wie es eben die Erfahrung und der eigenthümliche Scharfsinn seines Obern eingeben mochte. Da Duncan nur als der Stellvertreter des Befehlshabers auftrat, so sielen natürlich die Förmlichkeiten, welche eine Unterredung der Häupter beider feindlichen Strcitkrlfte begleitet hätten, weg. Der Waffenstillstand dauerte noch fort, und unter dem Wirbeln der Trommeln trat Duncan, von einer kleinen weißen Fahne begleitet, zehen Minuten nach dem Empfang seiner Verhaltungsbefehle aus dem Ausfallthor. Er -wurde von dem Offizier, der die Vorposten befehligte, mit den ge- viöhnlichen Förmlichkeiten empfange» und sogleich zu dem entfernten Zelte des berühmten Kriegsmanns geführt, der an der Spitze des französischen Heeres stand. Der feindliche General empfing den jugendlichen Abgesandten, -umgeben von seinen hohen Offizieren und einer dunkeln Schaar indianischer Häuptlinge, welche ihn mit den Kriegern ihrer verschiedenen Stämme in das Feld begleitet hatten. Hepward stand einen Augenblick stille, als seine Augen mit einem flüchtigen Blicke über die dunkle Gruppe der letztem schweiften und den boshaften Zügen Magna's begegneten, welcher ihn mit der diesem Wilden eigenen, ruhigen, aber düstern Aufmerksamkeit betrachtete. Ein Ausruf des Erstaunens wollte den Lippen des jungen Mannes entschlüpfen; schnell erinnerte er sich aber seines Auftrags und seiner Umgebung, und jeden Schein von Aufregung unterdrückend, wandte er sich gegen den feindlichen Anführer, der ihm bereits einen Schritt entgegen getreten war. Der Marquis von Montcalm stand in der Zeit, von welcher 203 wir schreiben, in der Blüthe seiner Jahre und, könnte inan hinzu» setzen, im Zenith seines Glückes. Aber selbst in dieser beneidens- wcrthen Lage war er leutselig und zeichnete sich eben so wohl durch seine Aufmerksamkeit gegen die Gesetze der Höflichkeit, als durch jenen ritterlichen Muth aus, der ihn schon zwei Jahre später auf den Ebenen von Abraham das Leben verlieren ließ. Duncan's Auge wandte sich von der boshaften Miene Magua'S ab und heftete sich mit Vergnügen auf die lächelnden, feinen Züge und den edeln kriegerischen Anstand des französischen Anführers. „Mein Herr," sprach Letzterer, „es macht mir viel Vergnügen, daß — aber wo ist der Dolmetscher?" „Ich glaube, er wird uns entbehrlich seyn," erwiederte Heyward bescheiden, „ich spreche ein wenig Französisch." „Ah! das ist mir lieb," sprach Montcalm, indem er Duncan vertraulich unter dem Arme nahm und ihn in die Tiefe des Zeltes führte, wo sic sich eher besprechen konnten, ohne gehört zu werden. „Ich Haffe diese Schelme, man weiß nicht recht, wie man mit ihnen daran ist." — „Nun, mein Herr," fuhr er fort, immer noch französisch sprechend, „obgleich ich stolz darauf gewesen wäre, Ihren Chef bei mir zu empfangen, so schätze ich mich dennoch glücklich, daß er es geeignet fand, einen so ausgezeichneten und sicher eben so liebenswürdigen Offizier an mich abzuvrdnen." Duncan verbeugte sich tief, denn er nahm die Schmeichelei gerne hin, obgleich er den heroischen Entschluß gefaßt hatte, sich durch keinen Kunstgriff bethören zu lassen, die Interessen seines Fürsten außer Acht zu setzen. Montcalm fuhr, nachdem er einen Augenblick geschwiegen hatte, als ob er seine Gedanken sammeln wollte, fort: „Ihr Kommandant ist ein wackerer Mann und wohl versteht er, meine Angriffe abzuschlagen. Aber ist es nicht Zeit, der Menschlichkeit mehr, als dem Muthe Gehör zu geben? Jene ziert den Helden ebenso, wie diese." „Wir halten diese Eigenschaften für unzertrennlich," versetzte 204 Dimcan lächelnd, „während wir aber in der Energie Eurer Ercel- lenz alle Aufforderung finden, diesen zn beleben, so sehen wir doch noch keine Veranlassung, jene in Anwendung zu bringen/' Montcalm verbeugte sich seinerseits leicht, aber mit der Miene eines Mannes, der zu erfahren ist, um auf die Sprache der Schmeichelei zu hören. Nach kurzem Nachstnnen fuhr er fort: „Möglich, daß meine Gläser mich täuschten, und daß Ihre Werke unserm Geschütze besser widerstehe», als ich geglaubt hatte. Sie kennen unsere Stärke?" „Unsere Berichte lauten verschieden," antwortete Duncan nach- läßig, „aber die höchsten schätzen Ihre Macht auf nicht mehr, als zwanzigtausend Mann." Der Franzmann biß sich in die Lippen, und faßte den'Andern scharf in's Auge, als ob er in seinen Gedanken lesen wollte; dann fuhr er mit der ihm eigenthümlichen Gewandtheit fort, als ob er die Richtigkeit einer Angabe, welche die Stärke seines Heeres verdoppelte, anerkenne. „Es ist ein schlechtes Compliment für uns Soldaten, mein Herr, daß wir, was wir auch angewandt, unsere Zahl nicht haben verbergen können. Wenn es irgendwo möglich wäre, so glaubte ich, es müßte in diesen Wäldern geschehen können. Wenn Sie es aber auch für zu früh halten, auf die Stimme der Menschlichkeit zu hören," fuhr er arglistig lächelnd fort, „so darf ich doch glauben, daß die Galanterie bei einem jungen Manne, wie Sie, ihr Recht finden wird. Die Töchter des Kommandanten sind, wie ich höre, in das Fort gekommen, seit es eingeschloffen ist." „Es ist wahr, Monsieur; aber weit entfernt, unfern Muth zu schwächen, geben sie uns in ihrer eigenen Seelenstärke ein Beispiel des Muthes! Bedürfte es nur der Entschlossenheit, um einen so vollendeten Kriegsmann, wie Monsieur de Montcalm, zurückzuschlagen, so würde ich der älteren dieser Damen mit Vergnügen die Vertheidigung von William Henry anvertrauen." 205 „Es ist eine weise Verordnung in unserem salischen Gesetz, ,die Krone von Frankreich soll nie von der Lanze an den Rocken übergehen/ versetzte Montcalm trocken und mit einer gewissen Hoheit, ging aber sogleich wieder in einen Ton leichter Höflichkeit über: „da alle edleren Eigenschaften sich vererben lassen, so will ich Ihnen gerne glauben; aber, wie ich schon sagte, auch der Muth hat seine Gränzen »nd auch die Menschlichkeit spricht ihr Recht an. Ich hoffe, mein Herr, Sie find bevollmächtigt, über die Bedingungen der Uebergabe des Forts zu unterhandeln?" „Haben Euer Ercellenz unsere Vertheidigung so schwach gefunden, daß Sie diese Maßregel nothwendig glauben?" — „ES sollte mir leid thun, wenn sich die Vertheidigung so lange hinauszöge, daß meine rothen Freunde dort noch mehr gereizt würden," fuhr Montcalm fort, indem er seine Augen auf die Gruppe aufmerksamer und finsterer Indianer richtete, ohne auf die Frage des Andern zu achten: „ich finde es schon jetzt schwierig, sie in den Gränzen unsrer Kriegsgebräuche zu halten." Heyward schwieg: denn eine peinliche Erinnerung an die Gefahren, denen er eben erst entronnen war, und an die Leiden, welche jene wehrlosen Geschöpfe mit ihm getheilt hatten, drang sich seinem Geiste auf. „Diese Herren da," fuhr Montcalm fort, indem er seinen vermeintlichen Vortheil verfolgte, „find äußerst furchtbar, wenn sie sich in ihrer Hoffnung getäuscht sehen, und ich brauche Ihnen nicht zu sagen, wie schwer es mir fällt, ihren Unmuth in Schranken zu halten. Nun, mein Herr, wollen wir von den Bedingungen sprechen?" „Ich fürchte, Euer Ercellenz find über die Stärke von William Henry und die HülfSquellen der Besatzung getäuscht worden!" „Ich belagere nicht Quebec, sondern eine Erdschanze, die von zweitausend dreihundert wackern Soldaten vertheidigt wird," war seine kurze, aber lakonische Antwort. »r. ,. / „Unsere Wälle find Erdschanzen, es ist wahr» und ruhen auf seinem Diamantfelsen, aber fie stehen an einem Ufer, das Dieskau und seinem Heer verderblich geworden ist. Nur wenige Stunden ist eine beträchtliche Macht von uns entfernt» die wir als einen Theil unsrer Vertheidignngsmittcl betrachten." „Ja, sechs bis achttausend Mann," erwiederte Montcalm, wie es schien, mit großer Gleichgültigkeit, „und ihr Chef hält sich hinter seinen Schanzen für sicherer, als in offnem Felde." Jetzt war es an Heyward, sich vor Aerger in die Lippe zu beißen, da der Andere so kaltblütig von Truppen sprach, deren Stärke, wie der junge Mann wohl wußte, so sehr übertrieben worden war. Beide schwiegen eine kleine Weile; endlich nahm Montcalm wieder das Wort und gab zu verstehen, daß er bei dem Besuche des Offiziers keinen andern Zweck voraussetze, als Bedingnw gen zur Nebergabe vorzuschlagen. Auf der andern Seite suchte Heyward dem französischen General Aeußerungen zu entlocken, aus denen sich auf die in dem aufgefangenen Briefe enthaltenen Entdeckungen hätte schließen lassen. Keiner von Beiden erreichte jedoch seinen Zweck; und nach einer länger» und fruchtlosen Besprechung entfernte sich Duncan mit einer vortheilhasten Meinung von der Artigkeit und den Talenten des feindlichen Anführers, aber ohne Aufschlüsse über den eigentlichen Zweck seiner Sendung erhalten zu haben. Montcalm begleitete ihn bis an die Thüre seines Zeltes und wiederholte seine Einladung an den Kommandanten des Forts, mit ihm auf einem offeness, Platze zwischen beiden Heeren zu einer unmittelbaren Besprechung zusammen zu treffen. Sie trennten sich und Duncan kehrte unter gleicher Begleitung, wie zuvor, an die Vorposten der Franzosen zurück, von wo er sich sogleich in das Fort und in das Quartier seines Befehlshabers begab. 207 Sechzehntes Kapitel. Edg. Eb' Ihr zum Kumpfe gehet, lcs't den Brief. Lear. Major Heyward fand Munro allem mit seinen Töchtern. Alice saß auf seinem Knie und theiltc die grauen Haare des alten Kriegers mit ihren zarten Fingern, und als er über ihre Tändelei die Stirne zu runzeln schien, drückte sie ihre Rosenlippen auf das befurchte Haupt, um den scheinbaren Nnmuth zu beschwichtigen. Cora saß neben ihnen, eine ruhige und heitere Zuschauerin, indem sie die kindischen Bewegungen ihrer jünger» Schwester mit jener Art von mütterlicher Zärtlichkeit betrachtete, die ihre Liebe zu Alice so eigenthümlich bezeichnete. Nicht blos die Gefahren, die sic Überstunden hatten, sondern auch die zukünftigen, die sie noch bedrohten, schienen in diesem harmlosen Familienkreise vergessen. Es war. als ob sie den kurzen Waffenstillstand benützen wollten, um sich für einen Augenblick dem Ergüsse der edelsten Zärtlichkeit hinzugeben. Die Töchter vergaßen ihre Befürchtungen, der Veteran seine Sorgen in der Sicherheit des Augenblicks. Duncan, welcher in dem Eifer, von seiner Sendung zu berichten, unangemeldet eingetreten war, blieb einige Augenblicke ein unbemerkter Zuschauer bei einer Scene, die ihn entzückte. Bald aber erblickte das lebhafte, bewegliche Auge Alicens seine Gestalt in einem Spiegel, sprang erröthend een ihres Vaters Knie auf und rief mit lauter Stimme: „Major Heyward!" „Was soll der Junge?" fragte ihr Vater, „ich schickte ihn zu. dem Franzmann in's Lager, um ein wenig mit ihm zu schwatzen. Ha! Sir, Sie sind jung und flink! Entfernt Euch, Ihr Schelme! hat der Soldat nicht Beschwerden genug, muß er auch noch das kager voll solcher Schwätzerinnen haben, wie Ihr scyd?" ^ Alice folgte lächelnd ihrer Schwester, welche sie aus dem 208 Zimmer führte, wo man ihre Gegenwart nicht länger wünschte. Munro schritt, statt den jungen Mann nach dem Ergebnis seiner Sendung zu fragen, einige Augenblicke in dem Zimmer ans und nieder, die Hände auf dem Rücken und das Haupt zu Boden gekehrt, als ob er in tiefes Nachdenken versunken wäre. Endlich erhob er seine Augen, die in dem Ausdruck väterlicher Zärtlichkeit erglänzten, und rief: „'s sind 'n paar köstliche Mädchen, Heyward, aus die sich ein Vater was zu Gute thun darf." „Sie wollen, hoffe ich, gewiß nicht erst meine Meinung über Ihre Töchter kennen lernen, Obrist Munro?" „'s ist wahr. Junge, ja," unterbrach ihn der ungeduldige Alte. „Sie wollten mir Ihr Herz am Tage Ihrer Ankunft umständlicher Offnen, und ich glaubte, es zieme sich für einen alten Soldaten micht, von Hochzeitfreuden und Hochzeitscherzen zu sprechen, wenn die Feinde seines Königs sich als ungebetene Gäste bei dein Feste sinstnden könnten! Aber es war Unrecht von mir, Duncan! Junge, 's war Unrecht und ich bin jetzt bereit zu vernehmen, was Sie rnir zu sagen haben." „So viel Freude mir Ihre Versicherung macht, theuerster Herr, so habe ich Ihnen jetzt eine Botschaft von Montcalm" — „Laßt den Franzmann mit seinem ganzen Heere zum Teufel gehen!" rief der ungestüme Veteran. „Er ist noch nicht Meister von William Henry, und soll es auch nie werden, wofern Webb seine Schuldigkeit thut. Nein, Sir, dem Himmel sey Dank, wir sind noch nicht so in der Klemme, daß Munro nicht einen Augenblick seinen häuslichen Angelegenheiten widmen könnte. Ihre Mutter war das einzige Kind meines Busenfreundes, Duncan, und ich will Sie jetzt anhören, wenn auch alle Ritter von St. Louis vor dem Ausfallthor stünden mit ihren, französischen Heiligen an der Spitze, und ein Wörtchen mit mir sprechen wollten. Ein sauberer Ritterorden, den man mit Zuckertonnen kaufen kann, und dann 209 ihre Pfennigmärguisate! Die Distel ist der Orden der Ehre und des Altcrthums: das wahre nein» me impune laeeeisit des Ritter- thmns: Sie hatten Ahnen, Dnncan, in diesem Orden, und sie waren eine Zierde der schottischen Ritterschaft." Hehward, welcher wahrnahm, daß sein Oberer ein boshaftes Vergnügen daran fand, die Botschaft des französischen Generals verächtlich zn machen, wollte einem Spleen keine Nahrung geben, von dem er wußte, daß er nur von kurzer Dauer sehn werde, und erwiederte deshalb mit so viel Gleichgültigkeit, als er hier annehmen konnte: „Mein Verlangen, Sir, ging, wie Sie wissen, soweit, nach der Ehre zu geizen, mich Ihren Sohn nennen zu dürfen." „Ja, Junge, darüber haben Sie sich so ziemlich deutlich auszudrücken gewußt. Aber lassen Sie mich fragen, Sir, haben Sie sich ebenso verständlich gegen meine Tochter ausgesprochen?" „Bei meiner Ehre, nein," rief Dnncan warm, „es hieße ein mir geschenktes Vertrauen gemißbraucht, hätte ich mein Verhältniß zu einem solchen Zwecke benützt!" „Sie haben als Ehrenmann gehandelt, Major Hehward, Ihr Benehmen war ganz an seiner Stelle. Aber Cora Munro ist ein zu verständiges Mädchen, ihre Denkungsart zu erhaben und befestigt, als daß sie der Leitung selbst eines Vaters bedürfte." „Cora!" „Ja — Cora! wir sprechen von Ihrer Bewerbung um Miß Munro'S Hand, nicht wahr, Sir?" „Ich — ich — ich glaube, ihren Namen noch nicht genannt < zu haben," stotterte Dnncan. „lind wen wollten Sie venu hcirathen, daß Sie meiner Zustimmung bedürften, Major Heyward?" fragte der alte Soldat, mit der Würde verletzten Gefühls sich emporrichtend. „Sie haben eine zweite, nicht minder liebenswürdige Tochter!" „Alice!" rief der Vater, ebenso überrascht, als es Dnncan Der letzte Mohikan. 14 210 gewesen war, als er den Namen der Schwestern' wiederholt hatte. „Sie war der Gegenstand meiner Wünsche, Sir." Der junge Mann erwartete schweigend das Resultat der außerordentlichen Bewegung, die eine, wie sich jetzt zeigte, so unerwartete Mittheilung hervorgebracht hatte. Mehrere Minuten lang ging Munro mit großen und raschen Schritten im Zimmer auf und nieder; seine GesichtSmnskelu arbeiteten krampfhaft, und jedean- dere Geistesthätigkeit schien in seinem tiefen Nachdenken zu schlummern. Endlich blieb er vor Heyward stehen, heftete seine Augen fest ans ihn und sprach, indem seine Lippe heftig zitterte: „Duncan, Heyward, ich habe Sie wegen des Mannes geliebt, dessen Blut in Ihren Adern stießt, ich habe Sie um Ihrer eigenen guten Eigenschaften willen geliebt und habe Sie geliebt, weil ich dachte, Sie würden mein Kind glücklich machen. Aber alle diese Liebe würde sich in Haß verwandeln, wüßte ich, daß das, was ich fürchte, wahr ist." „Gott wolle verhüten, daß ich das Geringste thuu oder denken sollte, was einen solchen Wechsel herbeiführen könnte!" rief der junge Mann, dessen Auge unter dem durchdringenden Blicke, der ihn traf, nicht wankte. Ohne daran zu denken, daß Heyward zu fassen unvermögend war, was in seinem Innern vvrging, schien Munro durch den unverändert ruhigen Blick besänftigt, dem er begegnete, und fuhr in milderem Tone fort: „Sie wollen mein Sohn werden, Duncan, und kennen die Geschichte dessen nicht, den Sie Vater zu nennen wünschen. Setzen Sie sich, junger Mann, und ich will Ihnen mit wenigen Worten ein Herz öffnen, dessen Wunden noch nicht vernarbt sind." Montcalm'S Botschaft war jetzt sowohl von dem, der sie überbringen, als auch von dem, der sieianhörcn sollte, vollkommen vergessen. Jeder nahm einen Sitz, und während der Veteran einige Augenblicke mit seinen eigenen Gedanken verkehrte, scheinbar 211 bekümmert, unterdrückte der junge Mann seine Ungeduld und suchte in Blick und Geberden achtungsvolle Aufmerksamkeit zu legen. „Sie wissen bereits, Major Heyward, daß meine Familie alt und ehrenvoll ist/' begann der Schottländer, „obgleich sie mit Glücksgütern nicht so begünstigt war, wie es ihrem Adel gebührt Härte. Ich war ungefähr in Ihrem Alter, als ich mich Alice Graham mit Herz und Mund verpflichtete; sie war das einzige Kind eines benachbarten LairdS, nicht ohne Vermögen. Allein ihr Vater war nicht für die Verbindung, weil außer meiner Armuth noch Mehreres seinen Wünschen entgegen war. Ich that daher, was jeder Mann von Ehre gethan hätte, ich gab dem Mädchen sein Wort zurück und verließ das Land im Dienste meines Königs. Ich hatte schon viele Länder gesehen, schon an vielen Orten mein Blut vergossen, als mich mein Dienst nach den westindischen Inseln rief. Hier wollte mein Schicksal, daß ich mit einem Mädchen bekannt ward, die bald mein Weib und Coras Mutter wurde. Sie war die Tochter eines Mannes von Stand auf jenen Inseln, dessen Gattin das Unglück hatte, wenn Sie so wollen, in einem entfernten Grade von jener unglücklichen Menschenklaffe abzustammen," sprach der alte Mann stolz, „die zu so schändlicher Sklaverei vernrtheilt ist, um den Bedürfnissen eines üppigen Volkes zu fröhnen. Ja, Sir, das ist ein Fluch, den Schottland seiner so unnatürlichen Verbindung mit einein fremden Handelsvolke zu danken hat. Aber würde ich unter diesem Einen finden, der sich geringschätzig über mein Kind äußerte, der sollte das volle Gewicht meines väterlichen Zorns empfinden! Doch! Major Heyward, Sie selbst sind im Süden geboren, wo diese unglücklichen Geschöpfe als eine niedrigere Menschenklaffe betrachtet werden." „Das ist unglücklicher Weise nur zu wahr, Sir," sprach Dun- can, so verlegen, daß er seine Augen zu Boden zu senke» gezwungen war. „Und Sie werfen deshalb einen Tadel auf mein Kind? Sie 212 H K-,' ^ -- fr-.-. , '^K ! j ' .^n!: ' - -L ^ßrü , . r» 4L UW»-z-Ä :r lU ^ i 'E ! j R -'' -:VM -n !ß jlLi 212 verschmähen es, das Blut der Heyward mit dem Blute eines so verachteten, wenn auch noch so liebenswürdigen und tugendhaften Mädchens zu vermischen?" fragte der mißtrauische Vater. „Der Himmel behüte mich vor einem Vorurtheil, das meiner Vernunft so unwürdig wäre!" erwiederte Duncan, wiewohl er sich sagen mußte, daß wirklich ein solches Vorurtheil so tief in ihn, wurzelte, als ob es seiner Natur eingepflanzt worden wäre. „Die Anmuth, die Schönheit, der Zauber Ihrer jüngern Tochter, Obrist Munro, werden meine Beweggründe hinlänglich erklären, ohne mich einer solchen Ungerechtigkeit schuldig erscheinen zu lassen." „Sie haben Recht, Sir," versetzte der alte Mann, der wieder in den Ton der Güte oder vielmehr Sanftmuth überging; „das Mädchen ist das Bild ihrer Mutter in jenem Alter, bevor sie noch den Gram hatte kennen lernen. Als mich der Tod meines Weibes beraubte, kehrte ich, durch diese Heirath reicher geworden, nach .Schottland zurück, und werden Sie es glauben, Duncan! der leidende Engel war zwanzig lange Jahre in dem herzlosen Zustand der Ehelosigkeit verblieben, und zwar wegen eines Mannes, der sie vergesset; konnte! Sie that noch mehr, Sir; sie vergab mir meine Treulosigkeit, und da alle Schwierigkeiten nun beseitigt waren, nahm sie mich zu ihrem Gatten." „Und wurde Alicens Mutter?" rief Duncan mit einer Heftigkeit, die verderblich hätte werden können, wäre nicht Munro in diesem Augenblicke so tief in seine schmerzlichen Erinnerungen versunken gewesen. „Ja," antwortete der alte Mann, „und theuer bezahlte sie das kostbare Geschenk, das sie mir hinterließ. Doch sie ist eine Heilige im Himmel, Sir; und nicht ziemt es einem Manne, der mit einem Fuß schon in dem Grabe steht, ein so wünschenswer- thes Loos zu beklagen. Ich besaß sie blos ein Jahr, ein kurzes Glück für ein Weib, das ihre Jugend in hoffnungsloser Sehnsucht hatte dahinschwinden sehen." 213 Es lag in dem Knmnier des alten Mannes etwas so lieber- wältigendcs, daß Heyward kein Wort des Trostes an ihn zu richten wagte. Munro schien Duncans Gegenwart völlig vergessen zu haben, seine Züge kämpften gegen den Schmerz seiner Empfindungen. während schwere Thränen seinen Augen entquollen und über seine Wangen rollten. Endlich rührte er sich, als sey er plötzlich wieder zu Besinnung gelangt: er stand ans, ging ein Mal durch das Zimmer, und trat dann mit einem Ansdrucke kriegerischer Größe vor Heyward, mit der Frage: „Haben Sie mir keine Botschaft von dem Marquis von Mont- calm zu überbringen. Major Heyward?" Duncan fuhr auf und begann sogleich mit verlegener Stimme des halbvergeffenen Auftrags sich zu entledigen. Es ist nnnüthig, bei der gewandten, wenn gleich höflichen Art zu verweilen, womit der französische General jedem Versuche Heywards ansgewichen war, ihn über den Inhalt der Mittheilnng, die er hatte machen wollen, auszuholen: oder bei der Botschaft, durch welche er seinem Feinde in artigen, aber bündigen Worten bedeuten ließ, daß er selbst kommen und die Erklärung holen, oder darauf verzichten möge. Während Munro die Einzelnheiten des Berichtes anhörte, wich das aufgeregte Vatergesühl allmählig den Rücksichten für seine Dienstpflicht; und als Duncan zu Ende war, erblickte er nur noch den Veteranen, dessen Ehre als Soldat gekränkt worden war. „Sie haben genug gesagt, Major Heyward!" rief der erzürnte Alte: „genug, um einen Kommentar über französische Höflichkeit zu schreiben. Da ladet mich der Herr zu einer Zusammenkunft ein, und wie ich ihm statt meiner in Ihnen einen tüchtigen Stellvertreter schicke, denn das sind Sie, Duncan, so jung Sie auch noch sind, so antwortet er mir in einem Räthsel." „Er hatte vielleicht eine «linder günstige Meinung von dem Stellvertreter, mein theucrster Herr! und Sie werden sich erinnern, 214 daß die Einladung, die er nun wiederholt, an den Kommandanten des Forts und nicht an einen Untergebenen geht." „Recht, Sir; ist aber nicht der Stellvertreter mit aller Gewalt und Würde desjenigen bekleidet, der ihm den Auftrag gibt? Er wünscht mit Munro zu sprechen! Meiner Treu, Sir, ich habe große Lust, ihm die Unterredung zu gewähren, und sollt' es nur seyn, ihm zu zeigen, wie fest wir ihm trotz der Zahl seiner Truppen und seinen Uebergabevvrschlägen ins Auge sehen, 's wäre vielleicht keine üble Politik, junger Mann." Duncan, welcher es für höchst wichtig hielt, möglichst bald den Inhalt des von dem Kundschafter überbrachten Briefs zu erfahren, unterstützte ihn gerne darin, indem er sagte: „Ohne Zweifel wird unsre Gleichgültigkeit seine Zuversicht herabstimmen." „Nie haben Sie wahrer gesprochen. Ich wollte, Sir, er käme, und beschaute sich unsere Werke am Hellen Tage und zwar in einem Sturm. Das ist das untrüglichste Mittel, zu sehen, ob sich der Feind wacker hält, und tausendmal besser, als das Be- schießungsspstem, welches er angenommen hat. Das Schöne und Männliche der Kriegskunst hat durch die Künste Ihres Monsieur Vanban sehr gelitten, Major Heyward! Unsre Vorfahren waren über diese systematische Feigheit weit erhaben." „Das mag ganz wahr seyn, Sir; jetzt aber müssen wir uns eben mit den Waffen vcrtheidigen, mit denen wir angegriffen werden. Was sind Sie gesonnen in Betreff der Zusammenkunft?" „Ich will den Franzosen sprechen, und das ohne Furcht oder Aufschub; prompt! Sir, wie s einem Diener meines königlichen Gebieters ziemt. Gehen Sie, Major Heyward, lassen Sie eine Fanfare blasen und schicken Sie einen Trompeter, um dem Marquis zu melden, wer komme. Wir folgen mit einer kleinen Bedeckung: denn Ehre gebührt dem, der über die Ehre eines Königs zu wachen hat; und hören Sie, Duncan," fügte er halbflüsternd, obgleich sie 215 allein waren, hinzu: „cs wird gut seyn, eine Verstärkung bei der Hand zu haben, falls eine Verrätherei zuletzt Allem zu Grunde läge." Der junge Mann benützte den Befehl, um das Zimmer zu verlassen, und beeilte sich, da der Tag zu Ende ging, unverzüglich die nöthigen Verkehrungen zu treffen. In wenigen Minuten waren Truppen unter das Gewehr getreten, und eine Ordonnanz mit einer weißen Fahne abgcschickt, die Ankunft des Kommandanten von Fort William Henry zu melden. Sobald dies geschehen war, führte er die Bedeckung nach dem Ausfallthor, wo sein Oberer bereits auf ihn wartete. Nach den bei einem Auszug von Truppen üblichen Förmlichkeiten verließ der Veteran und sein jüngerer Gefährte, von der Bedeckung begleitet, die Festung. Kaum waren sie einige hundert Schritte aus den Festungswerken marschirt, als der kleine Trupp Soldaten, der den französischen General begleitete, aus einem Hohlwege hervorkam, der das Bett eines zwischen den Batterien der Belagerer und dem Fort fließenden Baches bildete. Sobald Munro seine eigenen Werke verließ, um keinen Feinden entgegenzutreten, nahm seine Miene eine gewisse Hoheit an, und Schritt und Haltung wurden ächt kriegerisch. In dem Augenblicke, da er des weißen Federbusches, der von Mont- calms Hute wehte, ansichtig ward, blitzten seine Augen und das ganze Feuer der Jugend schien wieder in dem hohen, muskulösen Körper des Greises zu erwachen. „Sagen Sie den Jungen, sie sollen auf ihrer Hut seyn," flüsterte er Duncan zu, „und Flinten und Säbel wohl bei der Hand halten, denn man ist bei einem Diener dieser Louis niemals sicher: dabei wollen wir aber die Stirne von Männern zeigen, rie sich in tiefer Sicherheit glauben. Verstehen Sie mich, Major Heyward?" Ein Zeichen mit der Trommel unterbrach sie, und ward sogleich von ihrer Seite beantwortet. Während jede Partei eine Ordonnanz mit einer weißen Fahne vortreten ließ, hielt der vorsichtige Schotte seine Bedeckring dicht hinter dem Rücken. Sobald diese flüchtige 216 Begrüßung vorüber war, trat Moutcalm mit leichtem, anstandsvollem Schritte auf ihn hinzu, und entblößte sein Haupt gegen den Veteranen, so daß sein weißer Fcderbnsch beinahe den Boden berührte. War das Aenßere Munro's männlicher und ehrfurchtgebietender, so fehlte ihm dagegen die leichte, einschmeichelnde Artigkeit des Franzosen. Beide schwiege» eine Weile, indem sie sich mit neugierigem Auge betrachteten; sodann unterbrach Montcalm, wie es sein höherer Rang und die Art der Unterhandlung mit sich brachte, das Stillschweigen. Nach der gewöhnlichen Begrüßung wandte er sich an Dnncan und fuhr mit einem Lächeln des Wieder- erkennens in französischer Sprache fort; „Es freut mich, mein Herr, daß Sie uns bei dieser Veranlassung das Vergnügen Ihrer Gegenwart schenken. Wir können so des gewöhnlichen Dolmetschers entbehren: denn bei Ihnen fühle ich die gleiche Sicherheit, als wenn ich selbst Ihre Svrache spräche.» Dnncan dankte für dieses Eompliment: Montcalm aber wandte sich zu seiner Bedeckung, welche nach dem Vorgang von Munro'S Leuten sich dicht hinter ihm aufgestellt hatte, und fuhr fort: „Zurück, Kinder — es ist warm: zieht euch ein wenig zurück!" Ehe Major Heyward diesen Beweis von Vertrauen erwiederte, warf er einen Blick ans die Ebene umher und gewahrte nicht ohne Unruhe die zahlreichen dunkeln Gruppen von Wilden, welche als neugierige Zuschauer der Zusammenkunft ans dem Saum der sie umgebenden Wälder hervorschauten. „Herr von Montcalm wird ohne Zweifel den Unterschied unserer Lage cinsehen," sprach er mit einiger Verlegenheit und wies zugleich auf die gefährlichen Feinde, die von allen Seiten sichtbar wurde». „Entließen wir unsere Bedeckung, so wären wir der Willkühr unserer Feinde preisgegeben." „Monsieur, sie haben das Ehrenwort eines französischen Edelmannes für Ihre Sicherheit!" erwiederte Montcalm, die Hand ans das Herz legend: „das sollte genügen." 217 „lind genügt auch. Zurück!" sprach Duncan zu dem Offizier, der die Bedeckung befehligte. „Zurück, Sir, bis auf weitere Ordre, so weit, daß Sie uns nicht hören können." Munro sah diese Bewegung mit sichtbarer Unruhe und fragte sogleich, was sic zu bedeuten habe. „Liegt es nicht in unserem Interesse, Sir, kein Mißtrauen zu werratheu?" versetzte Duncan. „Monsieur de Mvntcalm verpfändet sein Ehrenwort für unsre Sicherheit, und ich habe den Leuten befohlen, sich etwas zurückzuziehen, um zu zeigen, wie fest wir auf seine Zusicherung bauen." „Sie können Recht haben, Sir: ich habe aber kein überschwängliches Vertrauen auf diese Marquis, oder wie sie sich nennen. Ihre Adelspatente sind zu gemein, als daß man ihnen auch das Siegel wahrer Ehre zutrauen könnte." „Sie vergessen, theuerster Herr, daß wir einen Offizier vor uns haben, der sich durch seine Thaten in Europa und America gleich ausgezeichnet hat. Von einem Kriegsmann seines Rufes können wir Nichts zu befürchten haben." Der Veteran machte ein Zeichen, daß er nachgebe; allein seine strengen Züge verricthen immer noch das Beharren in einem Mißtrauen, welches seinen Grund eher in einer gewissen »vererbten Verachtung seines Feindes haben mochte, als in klaren, ein so liebloses Gefühl rechtfertigenden Gründen. Mvntcalm wartete geduldig das Ende dieses halblauten, kurzen Zwiegesprächs ab, trat dann näher und eröffnet? die Unterredung mit folgenden Worten: „Ich habe Ihren Obern um diese Zusammenkunft gebeten, Monsieur, weil ich glaube, er werde sich überzeugen lassen, bereits Alles gethan zu haben, was für di- Ehre seines Fürsten noth- wendig war, und jetzt auf die Stimme der Menschlichkeit hören. Ich werde ihm stets das Zeugniß des tapfersten Widerstandes geben, der so lauge fortgesetzt wurde, als noch Hoffnung vorhanden war." Als dieser Beginn Munro mitgetheilt wurde, antwortete er mit Würde, aber mit hinreichender Höflichkeit: „So sehr ich ein solches Zeugniß von Monsieur de Montcalm zu schätzen weiß, so wird es mir doch noch werther sehn, wenn ich «s besser verdient haben werde." Der französische General lächelte, als ihm diese Antwort übersetzt wurde, und bemerkte: „Was man erprobtem Muthe so gerne gewährt, dürfte nutzloser Hartnäckigkeit verweigert werde». Monsieur beliebe, mein Lager anzusehen, meine Truppen zu zählen und sich selbst von der Unmöglichkeit eines längeren Widerstandes zu überzeugen!" „Ich weiß, daß der König von Frankreich gut bedient ist," rrwiederte der unerschütterliche Schotte, sobald Duncan seine Ueber- setzung beendigt hatte; „aber mein königlicher Gebieter hat ebenso wiele und ebenso getreue Truppen." „Die aber zum Glück für uns nicht bei der Hand sind," entgegnen Montcalm, ohne in seinem Eifer auf den Dolmetscher zu warten. „Es gibt ein Kriegsgeschick, dem sich der tapfere Mann mit demselben Muthe unterwerfen muß, mit dem er den Feinden die Stirne bietet." „Hätte ich gewußt, daß Monsieur de Montcalm des Englischen so mächtig ist, so hätte ich mir die Mühe eines so unvollkommenen Ver- dolmeischens erspart;" versetzte Duncan empfindlich und trocken, indem «r sich augenblicklich seines neulichen Jntcrmezzv's mit Munro erinnerte. „Verzeihen Sie, mein Herr," entgegnete der Franzose, indem «ine leichte Röthc über seine dunkle Wange flog. „Es ist ein großer Unterschied zwischen dem Sprechen und dem Verstehen einer fremden Sprache, Sie werden daher die Gefälligkeit haben, mir auch ferner Ihren Beistand nicht zu entziehen." Dann fuhr er nach einer Pause fort: „Diese Berge hier machen es uns sehr bequem, ihre Werke zu rekognosziren, meine Herren, und ich kenne vielleicht ihren schwachen Zustand so gut, als Sie selbst." „Fragen Sie den französischen General, ob seine Gläser bis an den Hudson reichen!" sprach Munro mit Stolz; „und ob er weiß, wann und wo Webb's Heer erwartet werden darf." „General Webb mag sein eigener Dolmetscher seyn," versetzte der schlaue Montealm, indem er mit diesen Worten Munro einen offenen Brief hinhielt; „Sie werden daraus ersehen, mein Herr, daß seine Bewegungen meinem Heere nicht eben viel in den Weg legen werden." Der Veteran ergriff das dargebotene Papier, ohne zu warten, bis Dnncan Montcalm's Worte verdolmetscht hatte, mit einer Heftigkeit, welche verrieth, wie wichtig ihm sein Inhalt sehn müsse. Während sein Auge das Schreiben überlies, ging seine Miene plötzlich von dem Ausdruck militärischen Stolzes in den des tiefsten Kummers über. Seine Lippe begann zu beben, das Papier entfiel seiner Hand und das Haupt sank ihm auf die Brust, wie einem Manne, dessen Hoffnungen ein Schlag vernichtet hat. Dnncan hob den Brief auf und ohne die Freiheit, die er sich nahm, zu entschuldigen, warf er einen Blick auf dessen grausamen Inhalt. Ihr gemeinschaftlicher Oberer ermunterte sie nicht nur nicht zum Widerstande, sondern ricth ihnen sogar selbst, sich unverzüglich zu ergeben, indem er mit dürren Worten als Grund anführte, es seh ihm durchaus unmöglich, ihnen auch nur einen einzigen Mann zu Hülfe zu senden. „Hier findet keine Täuschung Statt!" rief Dnncan, indem er den Brief sorgfältig außen und innen untersuchte. „Er trägt Webb'S Siegel und es muß der aufgefangcne Brief seyn." „Der Mann hat mich verrathen!" rief Munro endlich bitter aus; „er hat das Haus eines Mannes entehrt, dem Schande bisher unbekannt war, und Schmach über meine grauen Haare gebracht!" „Sagen Sie das nicht!" rief Duncan; „noch sind wir Herren des Forts und unserer Ehre. Wir wollen unser Leben um einen Preis verkaufen, der selbst unfern Feinden zu thener erscheinen soll!" „Sohn, ich danke dir!" rief der alte Mann, der wie aus einer 220 Betäubung erwachte. „Mit einem Male hast du Munro zu seiner Pflicht zurückgerufen. Wir wollen heim, und unsere Gräber hinter jenen Bollwerken graben!" „Messieurs." sprach Montcalm, mit edelmüthiger Theilnahme, einen Schritt vortretend, „Sie kennen Louis de St. Veran wenig, wenn Sie ihn für fähig halten, diesen Brief zur Demüthignng tapferer Soldaten und zur Befleckung seines eigenen Rufes benützen zu wollen. Höre» Sie meine Bedingungen, ehe Sie mich verlassen." „Was sagt der Franzose?" fragte der Veteran finster; „macht er sich ein Verdienst daraus, einen Kundschafter mit einem Zettel aus dem Hauptquartier aufgefangen zu haben? Sir, er thäte besser, die Belagerung aufzuhcbcn, und sich vor Fort Edward zu legen, wenn er einen Feind mit Worten einznschüchtern wünscht." Duncan erklärte ihm, was Montcalm gesagt hatte. „Monsieur de Montcalm, wir sind bereit, Sie anzuhören," fügte der Veteran hinzu, als Duncan geendet hatte. „Das Fort zu behaupten, ist jetzt unmöglich," sprach sein hochsinniger Gegner; „das Interesse meines Gebieters fordert, daß es zerstört werde; was aber Sie selbst und Ihre wackern Kameraden betrifft, so soll Ihnen kein Vorrecht, das dem Soldaten theuer ist, verweigert bleiben." „Unsre Fahnen?" fragte Heyward. „Nehmen Sie nach England, um sie Ihrem Könige zu zeigen." „Unsre Waffen? „Sie sollen ihnen bleiben; Niemand kann sie besser führen." „Unser Auszug, die Uebergabe des Platzes?" „Alles soll auf die ehrenvollste Weise für Sie vor sich gehen." Duncan wandte sich jetzt zu seinem Kommandanten, um ihm diese Punkte mitzutheilen. Der Greis hörte ihn mit Erstaunen an und war von einem so ungewöhnlichen und unerwarteten Edelmuth tief ergriffen. „Gehen Sie, Duncan," sprach er, „gehen Sie mit diesem 221 Marquis, der ein ächter Marquis ist, gehen Sie mit ihm in sein Zelt und bringen Alles in Ordnung. Zwei Dinge habe ich in meinem Alter erlebt, die ich nie für möglich gehalten hätte. Ein Engländer ist so feig, seinem Waffenbruder Hülfe zu versagen, und ein Franzose hat zu viel Ehrgefühl, um seinen Vortheil auszubeuten." Mit diesen Worten ließ der Veteran sein Haupt wieder auf die Brust sinken und kehrte langsamen Schrittes nach dem Fort zurück, wo seine Niedergeschlagenheit die bestürzte Besatzung üble Botschaft erwarten ließ. Dieser unerwartete Schlag hatte Mnnro's stolzen Sinn so niedergebeugt, daß er sich nie mehr erholte. Von dem Augenblicke an war in seinem entschiedenen Charakter eine Veränderung vorgegangen, die ihn bald mit in das Grab begleiten sollte. Duncan blieb zurück, um die Bedingungen der Kapitulation festzusehen. Man sah ihn um die erste Nachtwache in das Fort zurückkehren und unmittelbar nach einer kurzen Besprechung mit dem Kommandanten dasselbe wieder verlassen. Es ward jetzt öffentlich bekannt gemacht, daß die Feindseligkeiten aufzuhören hätten. Munro hatte eine Kapitulation unterzeichnet, laut welcher der Platz mit dem anbrechenden Morgen dem Feinde übergeben werden, die Besatzung aber ihre Wasftn, ihre Fahnen und ihr Gepäcke, folglich nach militärischen Begriffen ihre Ehre behalten sollte. Siebenzehntes Kapitel. Laßt weben »ns. Den Faden dreht geschwind. Webt das Geweb. Das Werk ist schon zu End'. Gray. Die feindlichen Heere, welche in den Wildnissen des Horican gelagert waren, brachten die Nacht des neunten Augusts 1757 ungefähr auf dieselbe Weise zu, wie wenn sie auf dem schönsten 222 Schlachtfelde Europas zusammengetroffen wären. Während die Besiegten still, verdrossen und niedergeschlagen waren, triumphirten die Sieger. Aber Trauer wie Freude haben ihre Gränzen; und lange vor der Morgenwache wurde die Stille der endlosen Wälder nur noch durch den Jubelruf eines lustigen jungen Franzosen bei einem entfernten Piquet, oder durch ein drohendes Anrufen aus dem Fort unterbrochen, das jede Annäherung von feindlichen Fußtritten vor der festgesetzten Zeit verbot. Selbst diese gelegentlich laut werdenden drohenden Töne verstummten in der unheimlichen Stunde, die dem Anbruch des Tages vorangeht, und auch ein Lauscher hätte vergeblich auf irgend ein Zeichen gehorcht, daß die Anwesenheit der an den Ufern des „heiligen SeeS" schlummernden Streitkräfte verkündigt hätte. Während dieser Augenblicke tiefer Stille wurde der Vorhang vor dem Eingänge eines geräumigen Zeltes in dem französischen Lager bei Seite geschoben, und ein Mann schlüpfte unter demselben in die freie Luft hervor. Er war in einen Mantel gehüllt, der ihn gegen die kalten Dünste der Wälder schützen, aber auch seine ganze Gestalt verbergen sollte. Ungehindert ließ ihn der Grenadier, welcher den schlummernden französischen Befehlshaber zu bewachen hatte, vorüber, und die Schildwache machte nur das gewöhnliche Zeichen militärischer Ehrerbietung, als er flüchtige» Schritts durch die kleine Zeltstadt in der Richtung von William Henry sorteilte. So oft der Unbekannte auf eine der zahlreichen Schildwachen auf seinem Wege stieß, war seine Antwort kurz und, wie es schien, befriedigend, Herrn man ließ ihn überall ohne weitere Ausforschung vorüber. Mit Ausnahme solcher oft wiederholten aber kurzen Unterbrechungen störte ihn auf seiner stillen Wanderung von der Mitte des Lagers bis zu den äußersten Vorposten nichts. Als er sich dem Soldaten näherte, der zunächst an den feindlichen Festungswerken Wache hielt, ward er mit dem gewöhnlichen Rufe empfangen: 223 „Wer da?" „Frankreich," war die Antwort. „Die Losung?" — „Der Sieg!" sprach der Andere, ihm so nahe tretend, daß? er ihm seine Antwort zuflüstern konnte. „Gut," versetzte die Schildwache, die Muskete wieder auf die? Schulter nehmend, „Ihr geht frühe spazieren, Herr!" „Man muß wachsam sepn, mein Kind," bemerkte der Andere, indem er eine Falte seines Mantels fallen ließ und beim Borübergehen den Soldaten scharf ins Gesicht faßte, indem er seinen WeA nach den brittischen Bastionen verfolgte. Der Soldat fuhr aus, seine Waffen erklirrten stark, als er sie zum ehrerbietigsten militärischen Gruße vorwarf, und ging dann, seine Flinte wieder ausnehmend und zwischen den Zähnen murmelnd, auf und nieder. „Gewiß muß man wachsam scyn! Ich glaube, wir haben da einen Korporal, der nie ein Auge schließt!" Der Offizier that nicht, als hätte er die Worte, welche der überraschten Schildwache entschlüpften, gehört, und ging weiter, bis er das niedrige Ufer des Sees in der etwas gefährlichen Nähe der westlichen Wafferbastion des Forts erreichte. Das Licht des überwölkten Mondes reichte eben hin, die Umriffe der Gegenstände schwach unterscheiden zu lassen. Er gebrauchte daher die Vorsicht, sich an den Stamm eines Baumes zu stellen, wo er sich eine Weile anlehnte, und die dunkeln, stillen Erddämme der englischen Festungswerke mit gespannter Aufmerksamkeit zu betrachten schien. Sein Blick nach den Bollwerken war nicht der eines neugierigen oder müßigen Gaffers, sondern wanderte von einen» Punkt zun» andern und bewies militärische Kenntniß, verrietst aber auch, daß seine Untersuchung nicht ganz frei von Mißtrauen war. Endlich schien er befriedigt, er warf die Augen ungeduldig auf das östliche Gebirge, als könnte er den Airbruch des Morgens nicht erwarten, und war im Begriff, wieder zurückzukehren, als ein leises Geräusch auf 224 Ler nächsten Ecke der Bastion sein Ohr erreichte und ihn zu bleichen bewog. Eben näherte sich eine Gestalt dem Rande der Brustwehr, wo sie stehen blieb und die entfernten Zelte des französischen Lagers zu betrachten schien. Ihr Haupt wandte sich nach Osten, als sehe sie dem nahenden Tage mit Bangigkeit entgegen, und schien dann, an den Erdwall gelehnt, die klare Fläche der Wasser zu überblicken, die wie ein zweites Firmament das Bild von tausend Sternen wiederflrahlte. Das melancholische Aussehen, die Stunde und der hohe Wuchs des Mannes, welcher sich sinnend an die englische Brustwehr gelehnt hatte, ließ den aufmerksamen Beobachter über die Person nicht im Zweifel. Zartgefühl nicht minder als Klugheit geboten ihm nun, sich zurückzuziehen, und vorsichtig hatte er sich um den Baumstamm gedreht, um nicht bemerkt zu werden, da zog ein anderer Laut seine Aufmerksamkeit auf sich und hieß ihn abermal stille stehen. Leise, kaum hörbar bewegte sich das Wasser, dann war es, als ob Kieselsteine sich aneinander rieben. In einem Nu erhob sich eine dunkle Gestalt, wie aus dem See, und schlich geräuschlos au das Land, einige Schritte von der Stelle, wo er stand. Nächstdem erhob sich zwischen seinen Angen und dem Wasserspiegel eine Büchse, aber ehe sie noch lvsgeschoffen werden konnte, war schon keine Hand auf dem Schloß. „Hugh!" rief der Wilde, dessen verrätherische Absicht so seltsam und unerwartet unterbrochen worden war. Ohne ein Wort zu sprechen, legte der französische Offizier seine Hand auf die Schulter des Indianers und führte ihn in tiefem Stillschweigen von der Stelle weg, wo ihr folgendes Zwiegespräch hätte gefährlich werden können, und wo wenigstens einer von ihnen ein Schlachtopfer zu suchen schien. Den Mantel zurückschlagend, um seine Uniform und das Ludwigskreuz an seiner Brust zu zeigen, fragte jetzt Montealm in strengem Tone: „Was soll das? Weiß mein Sohn nicht, daß die Kriegsart 225 begraben ist zwischen dem Engländer und seinem canadischen Vater?" „Was so"en die Huronen beginnen?" entgcgnete der Wilde, ebenfalls französisch, aber nur unvollkommen sprechend. „Kein Krieger hat einen Skalp und die Bladgeäcbter werden Freunde." „Ha! Le Renard Subtil! Mich dünkt, ein übertriebener Eifer für einen Freund, der jüngst noch ein Feind war! Wie viele Sonnen gingen unter, seitdem le Renard den Kricgspfahl der Engländer berührt hat!" „Wo ist iene Sonne?" fragte der trotzige Wilde. „Hinter den Bergen und ste ist schwarz und kalt. Aber wenn sie miede» kommt, wird ste glänzen und warm senn. Le Subtil ist die Sonne seines Stamms. Wolken und viele Berge waren zwischen ibin und seiner Nation; aber jetzt scheint er hell und es ist klarer Himmel!" „Daß le Renard Macht über die Männer seines Volkes hat, weiß ich wohl," sprach Montealm, „denn gestern jagte er noch nach ihren Skalpen, und beute hören ste ihn bei dem Versammlungsfeuer." „Magna ist ein gro er Häuptling." „Er zeig' es dadurch, Last er sein Volk lehrt, wie cS stch gegen unsere neuen Freunde zu betragen hat." „Warum führte der Häuptling von Eanada seine jungen Krieger in die Wälder und feuerte sein beschütz nach dein Haus von Erde ab?" fragte der schlaue Indianer. „vm es in Be ätz zu nehmen. Meinem Herrn gehört das Land und Euer Vater bekam de» Befehl, diese englischen Eindringlinge daraus zu vertreiben. Sie willigen ein, zu gehe», und jetzt hegst er sie nicht inebr Feinde." „Das ist gut. Aber Magna nahm die Kriegsart, um ste mit Blut zu färben. Jetzt glänzt ste: »venu ste roth ist, füll sie wieder begraben werden." „Aber Magua ist verpflichtet, Frankreichs Lilien nicht z« Der letzt« Moditaii. t!> 226 beflecken. Die Feinde des großen Königs über dem Salzsee sind seine Feinde; seine Freunde die Freunde der Huronen." „Freunde!" wiederholte der Indianer verächtlich. „Der Vater Magua's lasse ihn seine Hand nehmen." Montcalm, welcher wußte, daß er leinen Einfluß auf die kriegerischen Stämme, die er versammelt hatte, mehr durch Nachgiebigkeit, als durch Gewalt behaupte» könne, willfahrte ihm widerstrebend. Der Wilde legte den Finger des französischen Befehlshabers in eine tiefe Narbe auf seiner Brust und fragte dann frohlockend: „Weiß mein Vater, was dies ist?" „Welcher Krieger sollte das nicht wissen? Es ist von einer bleiernen Kugel." „Und das?" fuhr der Indianer fort, dem Andern den nackten Rücken znkehrend, denn er trug gerade seinen Calicomantel nicht. „Dieß! mein Sohn ist hier schwer mißhandelt worden. Wer hat es gethan?" „Magua schlief hart in den englischen Wigwams, und Streiche haben ihre Spur zurückgelaffen," antwortete der Milde mit dumpfem Gelächter, das gleichwohl seinen wilden Trotz nicht zu verbergen vermochte, der ihn beinahe überwältigte. Bald aber faßte er sich und fuhr mit seiner angebornen und schnell wieder gewonnenen Würde fort: „Geh', sag' Deinen jungen Kriegern, es ist Friede. Le Renard Subtil weiß, wie er mit dem Huronenkrieger sprechen muß." Ohne weitere Worte für der Mühe Werth zu halten oder eine Antwort zu erwarten, nahm der Wilde seine Büchse in den Arm und schritt langsam durch das Lager auf die Wälder zu, wo sein Stamm sich gelagert hatte. Jede paar Schritte wurde er von den Schildwachen unterbrochen, ging aber trotzig weiter, ohne den Ruf der Soldaten zu beachten, die sein Leben nur schonten, weil sie das Aussehen und den Tritt nicht weniger als die Tollkühnheit des Indianers kannten. 227 Montcalm verweilte mich lange und trübsinnig an dem Ufe» wo ihn der Wilde verlassen hatte, und verfiel in tiefes Nachsinnen über die Stimmung, die sein unbändiger Verbündeter an den Tag gelegt hatte. Bereits war sein Ruf einmal durch eine Gräuelseene ,befleckt worden, und unter Umständen, die mit den jetzigen eine furchtbare Aehnlichkeit hatten. Je weiter er nachsann, desto lebhafter drang sich ihm das Gefühl auf, welche Verantwortlichkeit derjenige auf sich lade, welcher die Mittel, die ihm für seinen Zweck zu Gebote stehen, nicht gehörig bedenke, und eben so wenig die Gefahr, Kräfte in Thätigkeit zu setzen, deren Leitung über den Bereich menschlichen Vermögens geht. Er entschlug sich aber dieser Gedanken, die er im Augenblick des Sieges für Schwäche hielt, kehrte in sein Zeit zurück und gab im Vorbeigehen Befehl, das Heer aus seinem Schlummer zu erwecken. Der erste Schlag der französischen Trommeln fand ein Echo im Innern der Festung, und augenblicklich füllte sich das Thal mit den anhaltenden und durchdringenden Klängen einer Kriegs- »msik, die ihre lärmende Begleitung noch übertönte. Die Hörner der Sieger bliesen heitere und fröhliche Weisen, bis der letzte Mann im Lager unter den Waffen war; sobald aber die bcittischen Pfeifen im Fort ihr schrilles Signal gaben, verstummten sie wieder. Unterdessen war der Tag angebrochen, und als das französische Heer zum Empfange seines Generals in Reche uno Glied bereit stand, erblitzten die Waffen der Krieger von den Strahlen einer glänzenden Sonne. Der gewonnene Vortheil, schon so wohl bekannt, wurde nun öffentlich verkündigt, nnd die begünstigte Schaar, welcher die Auszeichnung zu Theil wurde, die Thore des Forts zu besetzen, zog vor ihrem Chef vorüber; das Zeichen zum Aufbruch ward gegeben, und alle üblichen Vorbereitungen eines Wechsels der Herrschaft wurden unter den Kanonen der bestrittenen Festungswerke getroffen und sogleich ausgeführt. Einen ganz verschiedenen Anblick gewährten die Reihen deS englisch-amerikanischen Heers. Sobald das Abzugssignal gegeben war, gewahrte man alle Zeichen eines übereilten, gezwungenen Abmarsches. Finstern Blickes warfen die Soldaten ihre ungeladenen Feuerrohre auf die Schulter, und als sie in ihre Reihen traten, sah man wohl, daß ihr Blut durch den so lange geleisteten Widerstand erhitzt war, und sie blos nach einer Gelegenheit verlangten, einen Schimpf zu rächen, der ihren Stolz immer noch verletzte, so sehr er auch unter den gewöhnlichen Formen militärischer Etiguette verdeckt worden war. Weiber und Kinder liefen hin und her, theils die spärlichen Reste des Gepäckes tragend, theils in den Reihen der Soldaten die Gesichter derjenigen suchend, von denen sie Schutz und Schirm erwarteten. Munro erschien festen Antlitzes, aber niedergeschlagen, in der Mitte seiner schweigenden Truppen. Offenbar hatte dieser unerwartete Schlag sein Herz hart getroffen, obgleich er sich anstrengte, sein Unglück als Mann zu tragen. Duncan war tief bewegt von dem ruhigen und doch so eindringlichen Gram, der aus seiner Miene sprach. Er hatte seine eigene Pflicht erfüllt und eilte jetzt an die Seite des alten Mannes, um ihm seine Dienste anzubieten. „Meine Töchter!" war der kurze, aber bedeutungsvolle Bescheid. „Gott des Himmels! Sind noch keine Vorkehrungen für sie getroffen?" „Heute bin ich blos Soldat, Major Heyward!" sprach der Veteran. „Alle, die Sie hier sehen, wollen ebenso meine Kinder seyn!" Dunean hatte genug gehört. Ohne einen Augenblick der jetzt so kostbaren Zeit zu verlieren, eilte er nach der Wohnung des Kommandanten, um die Schwestern aufzusuchen. Er, fand sie auf der Schwelle des nieder» Gebäudes zur Abreise bereit und umgeben von einem Haufen weinender und jammernder Weiber, welche sich gleichsam insiinktmäßig hier versammelt hatten, wo sie am 229 ehesten Schutz erwarten dursten. Cora hatte nichts von ihrer Festigkeit verloren, obgleich ihre Wange blaß und ihre Miene unruhig war. Alicens Augen aber waren entzündet und verriethen, daß sie lange und bitterlich geweint hatte. Beide empfingen den jungen Mann mit unverhohlener Freude, die Erstere gegen ihre Gewohnheit das Gespräch beginnend. „Das Fort ist verloren," sprach sie mit melancholischem Lächeln, „aber unser guter Name ist, darauf traue ich, unverloren!" „Er steht glänzender da, als je! Aber theuerste Miß Munro, es ist Zeit, weniger an Andere zu denken, und für sich selbst zu sorgen. Militärische Sitte — Stolz — der Stolz, den Sie selbst so hoch schätzen, verlangt, daß Ihr Vater und ich, eine kleine Weile an der Spitze der Truppen ziehen. Aber wo einen geeigneten Beschützer für Sie gegen die Verwirrung und die Wechselfälle eines solchen Abmarsches finden?" „Es ist keiner nöthig," versetzte Cora, „wer wird es wagen, die Töchter eines solchen Vaters zu einer Zeit, wie diese, zu beleidigen oder zu beschimpfen?" „Ich möchte Sie nicht für das Kommando des besten Regiments in königlichem Solde allein lasten," entgegnete der Jüngling, flüchtig um sich blickend. „Bedenken Sie, unsere Alice besitzt nicht Ihre Seelcnstärke, und Gott weiß, welche Schrecken sie könnte auszilstehen haben!" „Sie mögen Recht haben," sagte Cora, wieder lächelnd, aber viel ernster, als zuvor. „Hören Sie, der Zufall hat uns bereits einen Freund gesandt, da wir ihn am nöthigsten haben." Dnncan horchte und verstand sogleich, was sie meinte. Die langsamen, ernsten Töne des heiligen Gesangs, so wohl bekannt in den östlichen Provinzen, trafen sein Ohr und führten ihn in das Zimmer eines nahen Gebäudes, das bereits von seinen bisherigen Bewohnern verlassen war. Hier fand er David, der seine frommen Gefühle in der einzigen ihm eignen Weise aussprach. Dnncan 23 «) wartete, bis er aus dem Aufhören seiner Handbewegung schließen durfte, daß der Gesang zu Ende sey, klapste ihm dann auf die Schulter, um seine Aufmerksamkeit rege zu machen, und sprach ihm in wenigen Wvrten seine Wünsche aus. „Recht gerne," sprach der schlichte Jünger des Königs non Israel, als der junge Mann ausgcredet hatte, „ich habe viel An- nmth und viel melodische Anlagen bei diesen Mädchen gefunden, und es will sich ziemen, daß wir, die wir so viele Gefahren getheilt haben, auch ferner in Frieden zusammenreisen. Ich will sie begleiten, wenn ich mein Morgenlied beendigt habe, wozu bloS noch die Lobpreisung fehlt. Wollen Sie mit anstehen, Freund? Das Sylbenmaß ist bekannt und die Weise ,Southwelst." Dann schlug David sein Büchlein auf, gab mit wohlüberlegter Achtsamkeit den Ton an, begann und endigte seinen Gesang mit jener Bestimmtheit, die nicht leicht eine Unterbrechung sich gefallen ließ. Heyward konnte kaum erwarten, bis die Verse zu Ende waren, und fuhr, sobald er sah, daß David seine Brille in das Futteral und das Buch in die Tasche steckte, fort: „Eure Pflicht wird seyn, dafür zu sorgen, daß Niemand den Ladies in einer rohen Absicht sich nahe, oder das Unglück ihres tapfer» Vaters schmähe oder verhöhne. Die Diener ihres Hanö- halts werden euch hierin behülflich seyn." „Ganz gut." „Es ist möglich, daß euch Indianer oder Streifzüge der Feinde etwas anhaben wollen. Ihr verweiset sie dann nur auf die Bedingungen der Uebergabe, und drohet ihnen, die Sache Montcalm zu berichten. Ein Wort wird genügen." „Wo nicht, so Hab' ich hier etwas, das seine Wirkung thut," versetzte David, mit einer Miene frommer Zuversicht nach seinem Buche greifend. „Hier stehen Worte, welche mit gehörigem Nachdruck und im richtige» Zeitmaße gesprochen oder vielmehr gedonnert, den unbändigsten Sinn zähmen müßen:" .Warum toben die Heiden so wüthcnd?» „Genug!" sprach Heyward, seine musikalische Standrede unterbrechend; „wir verstehen einander; es ist Zeit, daß jeder von uns seiner Pflicht nachgehe." Gamut stimmte ein und sie suchten die beiden Schwestern auf. Cora empsing ihren neuen, etwas sonderbaren Beschützer wenigstens mit Artigkeit; und selbst Alicens blaffe Gesichtszüge überschlich wieder ein Zug ihrer angebornen Schalkhaftigkeit, als sie Heyward für seine Fürsorge dankte. Dnncan versicherte ihnen, er habe so viel gethan als die Umstände erlaubten, und, wie er glaube, genug für ihre Sicherheit, da keine wirkliche Gefahr vorhanden sei. Er sprach dann heiter von seinem Plane, einige Meilen vom Hudson wieder mit ihnen zusammenzutreffen, sobald er die Vorhut bis an den Fluß geführt, und nahm alsbald Abschied. Das Zeichen zum Abmarsch war indessen gegeben worden, und die englische Kolonne bereits in Bewegung. Die Schwestern erschrocken bei dem Trommelschlag, und um sich blickend wurden sic die weißen Uniformen der französischen Grenadiere gewahr, welche die Thore des Forts bereits in Besitz genommen hatten. In diesem Augenblicke schien plötzlich eine ungeheure Wolke an ihren Häuptern vorüberzuziehen, und emporschauend erblickten sic über sich die weiten Falten der Standarte von Frankreich. „Laßt uns gehen!" sprach Cora; „dies ist kein schicklicher Aufenthalt mehr für die Kinder eines englischen Offiziers." Alice hing sich an den Arm ihrer Schwester und zusammen verließen sie den Paradeplatz, umringt von der sich langsam fortbewegenden Menge. Als sie durch den Thorweg gingen, verbeugten sich die französischen Offiziere, welche ihren Rang erfahren hatten, oft und tief, enthielten sich aber weiterer Aufmerksamkeiten, die, wie ein feiner Takt ihnen sagte, nicht an der Stelle seyn konnten. Da alle Wagen und Lastthierc für Kranke und Verwundete in Anspruch genommen waren, so hatte Cora beschlossen, mit ihrer Schwester lieber 232 die Beschwerden eines Fickmarscbes zu tbeilen, als Jener Bequemlichkeit zu verkürzen. Wirklich mn le mancher verstümmelte und schwache Soldat, weil es in diesen Wildnissen an den nö higen Befördernngsmittcln fehlte, seine erschürften Glieder hinter de» Kolonnen herschleppen. Alles war jedoch in Bewegung: die Schwachen und Verwundeten stöhnend und leidend, ihre Kameraden still und verdrieklich, und die Weiber und Kinder von Schrecken ergriffen. ohne zu wissen warum. Als der verworrene, schüchterne Hanfe die schützenden Wälle des Forts verliest und auf die offene Ebene gelangte, stellte sich mit einem Mal die ganze Scene vor Augen. In einiger Entfernung zur Rechten und etwas nach hinten stand das französische Heer unter den Waffen, da Monkcalm alle seine Truvpen,zusammen gezogen hatte, so bald seine Wachen Be'H von den Festungswerken genommen. Sie waren aufmerksame, aber sck'weigende Beobachter der Bewegungen der Be"eefien, keine der stipulirten militärischen Ehren versäumend, und im Bewu'tsetzn ihres Sieges ohne allen Hohn oder Spott gegen ihre minder glückliche» Feinde. Kriegerische Schaaren der Engländer, im Ganzen beinahe dreitausend Mann stark, zogen langsam über die Ebene zu dem gemeinschaftlichen Centrnm heran und näherten sich einander allmälich, der Richtung ihresMarsches zueilend. einem durch den hohen Wald gehauenen Wege, der die Strecke nach dem Hudson bildete, lim den gedehnte» Saum der Wälder hing eine finstere Mcklke von Wilden, welche den Marsch ihrer Feinde beobachteten und Geiern ähnlich in einiger Entfernung lauerten, während fie nur die Gegenwart und der Zwang eines überlegenen Heers abhielt, über ihre Beute herzustürzen. Einige hatten sich sogar unter die Kolonnen der Beilegten gemischt, wo sie in finsterem lliimuth, als aufmerksame, für jetzt noch unthätige Beobachter der sich bewegenden Menge mitwanderlen. Der Vortrab, von Hiyvard angeführt, hatte bereits das Defile erreicht und verschwand allmälig, als Cora's Aufmerksamkeit sich durch ein lautes » 233 Gezänk auf einen Trupp von Nachzüglern richtete. Ein Soldat von den Provinzialen büßte seinen Ungehorsam, indem er eben der Effekten beraubt wurde, die ihn vermocht hatten, seinen Platz in den Reihen zu verlassen. Der Mann war von starkem Körperbau und zu eigennützig, um sich seine Habe ohne Widerstand entreißen zu lassen. Von beiden Seiten mischte man sich in den Streit, die Einen, den Raub zu verhindern, die Andern, um ihn zu unterstützen. Die Stimmen wurden immer lauter und ungestümer, und Hunderte von Wilden erschienen wie mit einem Zauberschlag, wo man vor einem Augenblick kaum ein Dutzend zählen konnte. Jetzt erblickte' Cora die Gestalt Magua's, unter seinen Landsleuten umherschleichend, mit seiner arglistigen und verderblichen Beredsamkeit zu ihnen redend. Die Masse der Weiber und Kinder blieb stehen und drängte sich gleich einer verscheuchten, hin- und herflatternden Taubenschaar an einander. Doch die Raubsucht des Indianers war bald befriedigt und der Zug ging wieder langsam vorwärts. Die Wilden zogen sich jetzt zurück, und schienen ihre Feinde ohne fernere Störung weiter ziehen lassen zu wollen. Als aber der Weiberhnufen herannahte, zog die bunte Farbe eines Shawls die Augen eines wilden und unbewachten Huronen auf sich. Er kam herbei, um sich desselben ohne Weiteres zu bemächtigen. Die Frau hüllte, mehr aus Schrecken, denn aus Liebe zu dem Kleidungsstück,, ihr Kind in den gefährdeten Schmuck und drückte beide fester an ihre Brust. Cora wollte eben sprechen und dem Weibe rathen, die Kleinigkeit dem Wilden zu überlassen, als dieser den Shawl fahren ließ und das schreiende Kind aus ihren Armen riß. Alles den gierigen Griffen der Wilden um sie her überlassend, stürzte die Mutter verzweifluugsvvll aus ihn, um ihr Kind zurückzufordern. Der Indianer lächelte grimmig und reckte eine Hand aus, seine Bereitwilligkeit zu einem Tausche anzudeuten, während er mit der andern das Kind an den Füßen um den Kopf schwang, als wollte er dadurch das Lösegeld steigern. 234 „Hier — hier — da — Alles — Alles!" rief die unglückliche Mutter mit zitternden, ungeschickten Fingern die leichtern Kleidungsstücke sich vom Leibe reißend, „nimm Alles, nur gib mir mein Kind wieder!" Dxr Wilde verschmähte die werthlosen Lappen und sobald er gewahrte, daß der Shawl bereits die Bente eines Andern geworden war, ging sein spöttisches, aber tückisches Lächeln in einen Ausdruck der Wuth über; er zerschmetterte dem Kinde den Kopf an einem Felsen und warf die noch zuckenden Glieder der Mutter vor die " Füße. Einen Augenblick stand die Arme regungslos, ein Bild der Verzweiflung da und blickte wild auf das entstellte Wesen, da« sich erst noch an ihren Busen geschmiegt und ihr zugelächelt hatte; dann erhob sie Augen und Gesicht gen Himmel, als flehte sie Gott an, den ruchlosen Verbrecher zu verderben. Die Sünde eines solchen Gebetes blieb ihr erspart: wüthend über die getäuschte Hoffnung, und durch den Anblick des Blute« aufgeregt, spaltete ihr der Hurone mit seinem Tomahawk den Schädel. Die Mutter sank unter dem Streich und stürzte zu Boden, nach ihrem Kinde mit derselben überwältigenden Liebe greifend, mit der sie es im Leben umfaßt hatte. In diesem gefahrvollen Augenblick brachte Magna beide Hände an den Mund und ließ das verhängnißvolle, furchtbare Kriegsgeschrei ertönen. Die zerstreuten Indianer fuhren bei dem wohlbekannten Rufe auf, wie Rosse, ungeduldig, die Schranken des Ziels zu durchbrechen, und plötzlich erscholl durch die Ebene und die Baumgewölbe des Waldes ein so schreckliches Geheul, wie es selten aus Menschenlippen vernommen ward. Denen, welche cS hörten, gerann das Herzblut in einem Entsetzen, wohl nicht viel geringer, als wenn die Posaune des jüngsten Tags ertönt hätte. Mehr als zweitausend Wilde brachen auf dieses Signal wüthend aus dem Walde und zogen mit instinktmäßiger Eile auf die verhängniß- »olle Ebene. Wir verweilen nicht bei den empörenden Gräuelscenen, 235 die jetzt erfolgte». lleberall war der Tod, und zwar in seinen schrecklichsten, abscheulichsten Gestalten. Widerstand diente nur dazu, die Wuth der Mörder noch mehr zu entflammen. Sie führten noch ihre wüthenden Streiche, wenn ihre Opfer sie schon lange nicht mehr fühlen konnten. Die Ströme von Blut glichen den Woge» eines Gießbachs, und sein Anblick machte die Eingebornen so hitzig und wüthcnd, daß manche unter ihnen niederknieten, um unter höllischem Jauchzen die dunkelrothe Fluth aufzutrinken. Die regelmäßigen Truppen warfen sich schnell in gedrängte Massen zusammen, um den Angreifern durch eine geschloffene Schlachtordnung zu imponiren. Der Versuch gelang zum Theil, aber nur zu viele Soldaten ließen sich, in der eitel» Hoffnung, die Wilden zu beschwichtigen, die ungeladenen Flinten aus den Händen reißen. Während einer solchen Scene vermochte niemand die vorübereilenden Augenblicke zu zählen. Zehn Minuten, für sie ebenso viele Jahrhunderte, mochten die Schwestern erstarrt vor Entsetzen und beinahe rettungslos gestanden seyn. Als der erste Streich gefallen war, hatten sich ihre Begleiterinnen laut kreischend um sie zusammengedrängt, jede Flucht verhindernd, und nun, da Furcht oder Tod die Meisten, wo nicht Alle, zerstreut hatte, sahen sie nirgend einen Ausweg, der nicht unter die Tomahawks der Feinde geführt hätte. Von allen Seiten hörte man Geschrei, Gestöhn, Ermah- , nungen und Flüche. In diesem Augenblick war es Alicen als erblickte sie die hohe Gestalt ihres Vaters unaufhaltsam über die Ebene in der Richtung des französischen Lagers dahin eilend. Er war allerdings, keine Gefahr achtend, auf dem Wege zu Montcalm, um die nur zu späte Begleitung, die er ausbedungen hatte, zu verlangen. Fünfzig blitzende Streitäxte, Sperre mit Widerhaken drohten seinem Leben, aber selbst noch in ihrer Wuth achteten die Wilden seinen Rang und seine unerschütterliche Ruhe. Die verderblichen Waffen wichen der immer noch nervigen Hand des Veteranen, 236 oder senkten sie sich, als hätte Keiner den Mnth, den lange gedrehten Streich zu vvllführen. Zum Glück suchte der rachesüchtige Magna sein Opfer gerade unter der Abtheilung, welche der Veteran so eben verlassen hatte. „Vater! — Vater! — wir sind hier!" schrie Alice, als er in geringer Entfernung, wie es schien, ohne auf sie zu achten, an ihnen vorübereilte. „Komm zu uns, Vater, oder wir sterben!" Der Hülferuf ward wiederholt und in Worten und Tönen, die ein Felsenherz gerührt haben würden, aber er blieb unbeantwortet Einmal wohl schien der alte Mann wirklich die Töne vernommen zu haben, denn er hielt inne und horchte; aber Alice war besinnungslos zu Boden gesunken und Cora kniete ihr zur Seite, mit unermüdlicher Zärtlichkeit über der leblosen Gestalt weilend. Munro ging getäuscht und kopfschüttelnd weiter, nichts als die hohen Pflichten seiner Stellung im Auge. „Lady," sprach Gamut, der, so hüls- und nutzlos er auch war, nicht davon träumte, seine Schutzbefohlenen zu verlassen, „das ist ein Jubelfest der Teufel, und kein Ort, wo Christen verweilen können. Auf! laßt uns fliehen!" „Geh," sprach Cora, immer noch ihre besinnungslose Schwester anstarrend; „rette dich. Mir kannst du nichts mehr helfen!" David begriff die Festigkeit ihres Entschlusses vermöge der einfachen, aber ausdrucksvollen Geberde, welche ihre Worte begleitete. Einen Augenblick schaute er noch auf die dunkeln Gestalten, welche rings um ihn her ihr Höllenwerk vollbrachten, und seine hagere Gestalt ward noch höher, während seine Brust sich hob, jeder seiner Züge schwoll und die Gewalt der Gefühle, die ihn beherrschten, hervorströmen zu wollen schien. „Wenn der jüdische Hirtenknabe durch den Klang seiner Harfe und die Worte heiligen Gesanges Saul's bösen Geist bezwingen konnte, so wird es nicht am Unrechten Orte seyn," sprach er, „wenn ich hier die Macht der heiligen Musik versuche." 237 Seine Stimme zur höchsten Höhe erhebend, begann er einen so mächtigen Gesang, daß er selbst in dem Getümmel des blutigen Schlachtfeldes hörbar wurde. Einige Wilde stürzten eben heran, um die unbeschützten Schwestern ihres Schmucks zu berauben, und ihnen die Skalpe abzuziehen, als sie aber diese seltsame und unbewegliche Gestalt fest an ihre Stelle gefesselt erblickten, blieben sie horchend stehen. Ihr Staunen ging bald in Bewunderung über, und offen ihren Beifall über die Standhaftigkeit aus- drückend, womit der weiße Krieger sein Todtenlied sang, wandten sie sich ab, um andere, weniger muthige Schlachtopser zu suchen. Erhoben und zugleich getäuscht durch diesen ersten Erfolg verdoppelte David seine Anstrengung, um die Kraft dieses, wie er glaubte, heiligen Einflusses zu erhöhen. Diese ungewohnten Laute drangen in das Ohr eines entfernten Wilden, welcher wüthend von Gruppe zn Gruppe eilte, gleich einem, der, den gemeinen Haufen anzurüh- ren verschmähend, nach einem Opfer jagte, würdiger seines Rufes. ES war Magua, der einen Freudenschrei ausstieß, als er seine alten Gefangenen wieder in seiner Gewalt erblickte. „Komm!" rief er, seine befleckte Hand auf Coras Kleid legend, „der Wigwam des Huronen ist noch leer. Ist er nicht besser als dieser Ort?" „Hinweg!" rief Cora, ihre Augen vor seinem empörenden Anblick verhüllend. Der Indianer lachte höhnisch und antwortete, seine rauchende Hand emporhaltend: „sie ist roth, aber das Blut kommt von weißen Adern!" „Ungeheuer! Blut, Ströme von Blut lasten auf deiner Seele: — dein Geist hat diese Scene herbeigeführt!" „Magua ist ein großer Häuptling!" erwiedertc der frohlockende Wilde; — „will das schwarze Haar zu seinem Stamme gehen?" 238 „Nimmermehr! führe deinen Streich, wenn du willst, und vollende deine Rache!" Der schlaue Indianer zögerte einen Augenblick; dann aber faßte er rasch die leichte und anscheinend leblose Gestalt Alicens in seine Arme und enteilte über die Ebene dem Wald zu, „Halt!" schrie Cora, und eilte ihm mit wildem Ungestüme nach. „Laß das Kind! Elender! was willst du mit ihr?" Aber Magna war taub für ihre Stimme; oder vielmehr er kannte seine Macht und war entschlossen, von ihr Gebrauch zu machen. „Haltet — Lahy — haltet!" rief Gamut der besinnungslosen Cora nach. „Der heilige Zauber beginnt zu wirken und bald werdet Ihr diesen schrecklichen Aufruhr gestillt sehen!" Da er sah, daß man nicht auf ihn hörte, folgte der treue David der trostlosen Schönster, seine Stimme wieder zn einem heiligen Gesang erhebend, mit seinen langen Armen in steter Begleitung die Lust durchfurchend, das Zeitmaß anzugeben. So eilten sie über die Ebene hin, mitten durch Fliehende, Verwundete und Tvdte. Der wilde Hurone war Schutz genug für sich selbst, wie für das Schlachtopser, das er trug; aber Cora wäre mehr denn einmal unter den Streichen ihrer wilden Feinde gefallen, hätten nicht die erstaunten Eingebornen das außerordentliche Wesen, das ihr auf dem Fuße folgte, mit dem schützenden Geiste der Verrücktheit begabt geglaubt. Magna, welcher den dringendsten Gefahren zu entgehen wußte, trat, nm alle Verfolgung zu vereiteln, durch eine kleine Schlucht tn de» Wald, wo er bereits die Narragansets seiner wartend fand, welche die Reisenden so kurz zuvor verlassen hatten. Hier bewachte sie ein Hurone, dessen Züge eben so wild und boshaft waren als die seinigen. Er setzte Alice auf eines der Pferde und winkte Cora, das andere zu besteigen. 239 Trotz des Abscheus, den die Gegenwart Magua'S in ihr erregte; , fühlte sie sich doch für den Augenblick erleichtert, daß sie dem tz gräßlichen Schauspiele auf der Ebene entronnen war. Sie nahm ihren Sitz ein, und streckte ihrer Schwester die Arme entgegen, mit einem bittenden Ausdruck der Liebe, dessen Gewalt sich sogar der Hurone nicht entziehen konnte. Er brachte Allee auf dasselbe Pferd, auf welchem Cora saß, ergriff den Zügel und drang, seinem Weg fortsetzend, in die Tiefe des Waldes. Als David merkte, daß man ihn allein ließ, als einen, den es nicht einmal verlohne zu verderben, warf er eines seiner langen Beine über den Sattel des znrückgelaffenen Pferdes und kam so schnell vorwärts, als es die Schwierigkeiten des Pfades erlauben wollten. Bald begannen sie zu steigen; da aber diese Bewegung die schlummernde Lebenskraft Alicens wieder zu erwecken schien, so war Cora's Aufmerksamkeit zu sehr zwischen der zärtlichen Sorgfalt für die Schwester, und dem Geschrei, das sich immer noch laut genug von der Ebene her vernehmen ließ, getheilt, um darauf achten zu kennen, nach welcher Richtung hin sie reisten. Als sie jedoch auf die ebene Fläche eines Berggipfels gelangt waren, und dem östlichen Absturze nahten, erkannten sie den Platz wieder, zu welchem sie vor einigen Tagen unter der freundlicheren Leitung des Kundschafters geführt worden waren. Hier ließ sie Magna absteigen, und trotz ihrer eigenen Gefangenschaft, trieb sie doch die Neugierde, die vom Schauder unzertrennlich scheint, einen Blick auf das entsetzenvolle Schauspiel unter ihnen zu werfen. Das grausame Werk war noch nicht zu Ende. Auf alle» Seiten flohen die Besiegten vor ihren erbarmungslosen Verfolgern, während die bewaffneten Kolonnen des allerchristlichsten Königs mit einer Gefühllosigkeit stehen blieben, die sich nicht erklären läßt und die auf den sonst so hohen Ruf ihres Anführers einen unauslöschlichen Flecken wirft. Das Schwert des Todes ruhte nicht eher, als 240 Lis die Raubgier der Wilden über ihren Blutdurst die Oberhand gewann. Endlich wurde das Gewinsel der Verwundeten und das Schlachl- geheul der Mörder allmählig schwächer, und die Schreckensrnse ver- siummten oder wurden von dem lauten, langen, durchdringenden Tri- «mphgeschrei der Wilden übertünt. — Achtzehntes Kapitel Ja, so etwas: Ein ehrenwerther Merdcr, wenn Ihr wollt; — That Nichts aus Haß, der Ehre wegen Alles. L>thctto. Die blutige, barbarische Scene, die wir im vorigen Kapitel mehr nur flüchtig erwähnt, als im Einzelnen geschildert haben, führt in der Geschichte der Kolonien den wohlverdienten Namen des „Blutbads von William Henry." ^ Der Ruf des französischen Heerführers hatte schon durch einen früheren Vorgang ganz ähnlicher Art gelitten, und diesen neuen Flecken konnte selbst sein frühzeitiger, ruhmvoller Tod nicht völlig tilgen. Die Zeit hat ihn jetzt etwas verwischt, und Tausende, die erfahren haben, daß Montcalm auf den Ebenen von Abraham den Tod eines Helden starb, wissen vielleicht nicht, wie sehr es ihm an jenem moralischen Muthe gebrach, ohne den es keine wahre Größe gibt. Seiten ließen sich schreiben, um an diesem allbekannten Beispiele die Mängel menschlicher Vortrcfflichkeit zu zeigen —um darznthnn, wie die Eigenschaften der Großmuth, feiner Höflichkeit und ritterlicher Tapferkeit vor dem erstarrenden Frosrhanch der Selbstsucht dahinschmiudcu, und wie ein Mann, groß nach allen niederen Attributen des Charakters, zu Falle kommen kann, wenn es gilt, zu zeigen, wie hoch über der Politik die Forderungen des Sittengesetzcs stehen. Aber diese Aufgabe würde die Gränzcn unsres Werkes überschreiten; und da die " Die Zahl der in diesem Gemetzel Gefallenen wird von den Einen zu fünfhundert, von Andern sogar zu fünfzehnhundert angegeben. Der letzte Mohikan. il- 242 Geschichte, gleich der Liebe, ihre Helden so gern mit einem Heiligenschein umgibt, so wird wohl die Nachwelt in Louis de Saint Veran nur den ritterlichen Vertheidiger seines Vaterlandes erblicken und seine grausame Fühllosigkeit an den Ufern des Oswego und des Horican vergessen. Mit Bedauern über diese Schwäche unsrer Schwcstermnse, treten wir aus ihrem geheiligten Gebiete zurück auf das Feld unsres eigenen bescheidencrn Berufs. Der d.itte Tag nach der Uebergabe des Forts ging zu Ende; doch muß der Leser noch etwas an den Ufern des heiligen Sees verweilen. Als wir seine Gewässer zuletzt sahen, waren die Umgebungen der Festungswerke der Schauplatz der Gewal that und des Aufruhrs; jetzt herrschte dort eine Todtcnstille. Die blutbefleckten Sieger waren abgezogen; und ihr Lager, das erst noch vom Jubelruf eines siegreichen Heeres ertönt hatte, war nun eine verlassene Hüttenstadt. Die Festung lag in rauchenden Trümmern: verkohltes Sparrwerk, Stücke zerrissenen Geschützes, zersprengtes Mauerwerk sah man in verworrener Unordnung auf den Erdwällcn umher zerstreut. Ein grauenhafter Wechsel war selbst in der Witterung eingetreten. Die Sonne hatte ihre wärmenden Strahlen hinter eine undurchdringliche Duustmaffe verborgen, und Hunderte lebloser menschlicher Gestalten, welche die glühende Hitze des Augusts geschwärzt hatte, erstarrten vor einem Winde, der mit der Strenge des Novemberfrostes daherstürmte. Die wogenden Nebclwolken, welche über die Berge nach Norden zogen, wurden jetzt mit der Wuth eines Orkans in einem endlosen, schwarzen Streifen nach Süden getrieben. Der ruhige Spiegel des Horican war dahin: statt seiner peitschten grüne, ungestüme Fluten die Ufer, als ob sie alle Unreinigkeit unwillig an den entweihten Strand zurückwerfen wollten. Doch immer noch behielt das weite Becken einen Theil seiner Klarheit, spiegelte aber nur das düstere Gewölk zurück, das den Himmel über ihm verdeckte. Die liebliche, feuchte Atmosphäre, welche sonst der Landschaft Reiz verlieh und den Charakter der Wildheit und Strenge 243 milderte, war verschwunden, und der Nordwind brauste sv scharf und ungestüm über die Wasserfläche, daß weder dem Auge, noch der Einbildungskraft etwas blieb, mit dem sie sich gerne hätten beschäftigen können. Das ungestüme Element hatte das Grün der Ebene so verdorren lassen, als wenn ein verzehrender Blitzstrahl darüber hingefahren wäre. Hier und da erhoben sich dunkelgrüne Stellen, inmitten der Verödung, als wollten sie die künftige Fruchtbarkeit deö mit Mcnschcnblnt getränkten Bodens verkündigen. Die ganze Landschaft, welche bei günstiger Beleuchtung und Temperatur so lieblich erschien, glich jetzt einem Bilde des Lebens, wo die Gegenständem« ihren grellsten, aber treuen Farben hervortreten, doch ohne durch irgend einen Schatten gemildert zu werden. Wenn aber die vereinzelten, versengten Grashalme sich vor den darüber hinstreichendcn Windstöüen nur furchtsam erheben konnten, so traten dagegen die kühnen Felsenberge in ihrer Nacktheit um so dentlicher hervor, und vergeblich suchte das Auge einen Ruhepnnkt, indem es die nnbegränzte Leere des Himmels, der durch trübe, da- hintrcibendc Ncbelznge dem Blicke verschlossen war, zu dnrchdringen snchte. Der Wind blies ungleich: bald strich er dicht über dem Boden hin, als wollte er sein dumpfes Stöhnen in das kalte Ohr der Todten finstern, bald erhob er sich in ein schrilles, klägliches Pfeifen und fuhr in die Wälder mit einem Ungestüm, welches die Luft mit abgerissenen Blättern und Zweigen erfüllte. Mitten in diesem unnatürlichen Regenschauer kämpften einige hungrige Raben mit dem Sturm, waren aber nicht sobald über das grüne Wäldermeer, das unter ihnen flutete, hinweg, als sie aufs neue zu der willkommenen, scheußlichen Mahlzeit niedcrschosscn, die dort ihrer wartete. Mit einem Wort, es war eine Scene wilder Verödung; und es schien, als hätte der unerbittliche Arm des Todes Alle ergriffen, die sich in seine Nähe wagten. Doch dieser Bann war vorüber: und znm Erstenmale, nachdem die Urheber jener Gräuclthaten, die 244 den Schauplatz hatten entweihen helfen, verschwunden waren, wagten es wieder menschliche Wesen, dem Orte zu nahen. An dem bereits.erwähnten Tage, etwa eine Stunde vor Son- nennntergang, sah- man fünf Männer aus dem Waldpfadc, der nach dem Hudson führt, hervortreten und den zerstörten Festungswerken znschreiten. Ihre ersten Schritte waren langsam und vorsichtig, als ob sie nur widerstrebend in den Bereich dieses Ortes träten, oder die Wiederholung seiner SchreckenSscenen fürchteten. Die leichte Gestalt eines Jünglings schritt den andern voran mit der Vorsicht nnd Gewandtheit eines Eingcbornen, stieg auf jeden kleinen Hügel, nin zu spähen und zeigte durch Gebcrden seinen Begleitern den Weg, welchen er für den sichersten hielt. Auch die ihm Folgenden ließen es nicht an jener Vorsicht und Wachsamkeit fehlen, die bei einem Kriege in den Wäldern unerläßlich ist. Einer unter ihnen, ebenfalls ein Indianer, hielt sich etwas bei Seite, indem er seine Angen, gewohnt, die nahende Gefahr an dem leisesten Zeichen zu erkennen, unverwandt auf den Saum der Wälder heftete: die drei andern waren Weiße, aber in einem Anzug, der nach Stoff und Farbe für ihr gefahrvolles Unternehmen berechnet war — einem sich znrückziehenden Heere in der Wildnis aus dem Fuße zu folgen. Die Eindrücke der schrecklichen Scenen, die sich mit jedem Schritte auf ihrem Wege nach dem See den Augen der Wanderer darboten, waren so verschieden als ihre Charaktere. Der Jüngling warf, leichten Schrittes über die Ebene wandelnd, ernste aber verstohlene Blicke auf die verstümmelten Schlachtopfer, ängstlich, die Gefühle, die sich ihm anfdrangen, zu verbergen, und doch zu unerfahren, um ihrem mächtigen Einflüsse sich ganz entziehen zu können. Sein rother Gefährte dagegen war weit über eine solche Schwäche erhaben. Festen Schrittes und mit ruhiger Miene ging er durch die Gruppen von Leichnamen hin, so daß man wohl erkannte, lange Gewohnheit habe ihn mit dergleichen Scenen Vertraut gemacht. 2-15 Selbst die Gefühle, welche dieser Anblick in den Gemüthcrn der Weißen erregte, waren verschiedener Art, doch herrschte bei ihnen Allen der Kammer vor. Der Eine, obwohl jetzt als Waidmann verkleidet, vcrricth durch seine grauen Haare, die gefurchte Stirne und seine kriegerische Haltung einen Mann, der an Scenen des Krieges schon lange gewohnt war; er schämte sich aber gleichwohl nicht, laut zu seufzen, wenn ein ungewöhnlich schrecklicher Anblick ihm vor Augen trat. Der junge Mann an seiner Seite schauderte, schien aber aus zarter Schonung für seinen Begleiter solche Empfindungen zu unterdrücken. Unter ihnen allen sprach allein der Letzte, welcher gleichsam den Rachtrab bildete, seine Empfindungen ohne Scheu und Rückhalt laut aus. Mit Blicken und einem Spiel seiner Muskeln, die die tiefste Bewegung verkündigten, schaute er ans die Gräuel- scenen um ihn her und mit den stärksten und bitterste» Verwünschungen gab er seinen Abscheu vor den Unthatcn der Feinde zu erkennen. Der Leser wird in den beschriebenen Personen alsbald die Mohikaner und ihren weißen Freund nebst Munro und Hcpward erkannt haben. Es war wirklich der Vater, der seine Kinder suchte, begleitet von dem jungen Manne, der so innigen Anthcil an ihrem Schicksale nahm, und voll den wackern und zuverlässigen Waldbe- ü'vhnern, welche schon in so gefahrvollen Legegniffen Beweise ihres Geschicks und ihrer Treue gegeben hatten. Als Uneas, welcher vorauging, die Milte der Ebene erreicht hatte, stieß er einen Schrei aus, der sogleich die Gefährten an seine Seite rief. Der junge Krieger stand vor einer Gruppe von Weiber», welche, eine verworrene Masse von Leichen, beisammen lagen. So abschreckend auch die Ausgabe war, so eilten gleichwohl Munro und Hepward auf den Haufen zu, und suchten mit einem Eifer, den keinerlei Sehen mindern konnte, nach Spuren der Vermißten unter den zerstreuten und bunten Gewändern, die nmhcrla- gcn. Der Vater und der Liebende fanden in dem Ergebnis' ihrer 246 Nachforschung augenblickliche Erleichterung, obgleich sie sich wieder aufs neue zu den O-ualen einer Ungewissheit vernrtheilt sahen, die fast eben so peinlich als die schreckhafteste Ucbcrzeugnng ist. In nachdenkliches Stillschweigen versunken standen sie vor den Todten, als der Kundschafter herbeikam. Die klägliche Scene mit Entrüstung betrachtend, sprach der derbe Waldbewohner zum Erstenmal-, seit sie die Ebene betraten, laut und verständlich: „Ich habe mehr als ein grauenvolles Schlachtfeld gesehennnd die Spuren des Blutes oft manche ermüdende Meile weit verfolgt, aber nie habe ich die Hand des Teufels so sichtbar im Spiele gefunden, als hier! Rache ist ein Gefühl des Indianers, nnd alle, die mich kennen, wissen, dass kein Tropfen ihres Blutes in meinen Adern rinnt; aber so viel will ich sagen — hier, im Angesicht des Himmels, und vor dem Allgewaltigen, der in der heulenden Wild- niß seine Macht so laut verkündet — wenn diese Franzosen mir wieder in Schußweite kommen, so gibt cs eine Büchse, die ihre Schuldigkeit thnt, so lange der Stein noch Feuer gibt und das Pulver zündet! — den Tomahawk nnd das Messer überlasse ich denen, die von der Natur angewiesen sind, sie zn führen. „Was sagst du dazu, Chingachgook?" fuhr er in Delawarischer Sprache fort: „sollen die Hnroncn sich dessen gegen ihre Weiber rühmen, wenn der tiefe Schnee fällt?" Ein Nachcstrahl blitzte über die sinstcrn Züge des Mohikaner- Häuptlings, er lockerte sein Messer in der Scheide, wandte aber sein Auge von dem Anblick wieder ab und sein Gesicht wurde so ruhig, als wäre ihm jede Leidenschaft fremd. „Montcalm! Montcalm!" fuhr der tiefcntrüstete Kundschafter fort, der sich weniger Zwang anferlcgte; „man sagt, es komme eine Zeit, wo man alle seine Handlungen ans Erden mit Einem Blicke überschaue nnd zwar mit Augen, die von menschlicher Schwäche gereinigt sind! Wehe dann dem Elenden, der geboren ist, um Rechenschaft von dem abznlegen, was sich ans der Ebene hier 247 begeben hat. Ha — ich bin ein Mann von weißem Blut, aber dort liegt eine Rotbhant, der man den Schopf abgezogen hat. Sich nach ihm, Delaware, 's ist vielleicht einer von enrem Volk, den Ihr vermißt' und der sollte ein Begräbnis; haben, wic's ein wackerer Krieger verdient. Ich les'es in deinen Angcn, Sagamorc: ein Hnrone zahlt dafür, eh' noch die Winde von den Wasserfällen den Geruch seines Blutes weggeweht! Chingachgook nahte sich dem Verstümmelten, und ihn umkeh- rend, gewahrte er die unterscheidenden Zeichen Eines ans den sechs verbündeten Stämmen oder Nationen, wie man sie nannte, die, obgleich sie in den Reihen der Engländer fochten, Todfeinde seines Volkes waren. Den unwillkommenen Gegenstand verächtlich mit dem Fuße znrnckstiHcnd, wandte er sich mit derselben Gleichgültigkeit ab, als ob es die Ueberrcste eines Thieres gewesen wären. Der Kundschafter begriff die Meinung des Andern wohl und verfolgte bedächtlich seinen Weg, während er fortfnhr, seine rachcdürstenden Verwünschungen gegen den französischen Heerführer ausznstoßen. „Nur der tiefsten Weisheit und schrankenloser Macht sollte es zu- stchen, so viel Menschen ans einmal wegznraffen," sprach er; „denn der ersten nur kommt es zu, die Zeit des Gerichts zu bestimmen und wer will sich der zweiten vergleichen, die die Geschöpfe Gottes zn ersehen im Stande ist? Ich halte es schon für eine Sünde, einen zweiten Rehbock zn schießen, ehe der erste verzehrt ist; ich müßte denn einen Marsch in der Fronte oder einen Hinterhalt Vorhaben. Etwas Anderes ist cs, wenn man mit wenigen Kriegern in offenem, herbem Kampfe ist: da gilt es den Tod mit der Büchse oder dem Tomahawk in der Hand, je nachdem Eines Haut gerade roth oder weis; ist. Uneas, komm her. Junge, und laß die Naben ans dem Mingo sich niedcrsetzen: ich weiß, sie haben eine Vorliebe für das Fleisch eines Oneida, und der Vogel mag seinem natürlichen Appetit folgen." „Hngh! " rief der junge Mohikan, auf die Spitzen seiner 248 Zehen tretend und aufmerksam geradeaus blickend, indem er die Raben durch den Laut und die Bewegung auf eine andere Beute scheuchte. „Was gibt cS, Junge?" flüsterte der Kundschafter, seine hohe Gestalt wie ein Panther zusannnendrückend, der auf seine Beute losspringeu will. „Gott gebe, daß es ein saumseliger Franzose ist, der noch plündern will. Ich glaube, mein Wilrtödter würde sich heute ganz besonders gut halten." Ohne zu antworten, enteilte Ilneas und hatte einen Augenblick darauf oon einem Gebüsch ein Stückchen Von Eora's grünem Schleier herabgehvlt, das er nun wie im Triumphe schwang. Die Bewegung, die Gcbcrde und der Schrei, der den Lippen des jungen Mohikaners entführ, riefen die Andern im Augenblick herbei. „Mein Kind," rief Mnnro mit ungestümer, wilder Stimme; „gebt mir mein Kind!" „Nneas will's versuchen," war die kurze nnd bewegliche Antwort. Diese einfache aber bedeutungsvolle Zusage ward von dem Vater nicht beachtet. Er ergriff das Stückchen Schleier, preßte es krampfhaft in die Hand, während seine stieren Blicke sich auf die Büsche umher hefteten, als hoffte oder fürchtete er, sie mochten ein Geheimnis; enthüllen. „Hier sind keine Todte!" sprach Hcyward, „der Sturm scheint nicht diesen Weg genommen zu haben." „Das ist so klar, wie der Himmel über uns," bemerkte der unverzagte Kundschafter; „aber entweder sie selbst oder diejenigen, die sie entführten, sind durch dieses Gebüsch gedrungen: „ich erinnere mich noch recht gut, das; sie diesen Lappen trug, um ein Gesicht zu verbergen, in das Alle so gern schauten, llncas, du hast Recht; das schwarzlockige Mädchen ist hier gewesen und wie ein verscheuchtes Hirschkalb in den Wald geflohen — und wer hätte sich auch der Flucht entzogen, um sich morden zu lassen? Wir wollen nach ihrer Spur forschen: cs ist mir oft, als ob für 240 ein Jndianerange selbst der Kolibri Merkzeichen in der Luft zurück- lassen mickte." Der Mohikaner stürzte wahrend dieser Bemerkung fort, und kaum hatte der Kundschafter ansgerchet, so erhob der Erstcrc vom Saume des Waldes ei» neues Frcudengeschrci. Als sie an die Stelle kamen, gewahrten stc ein zweites Stückchen Schleier, das an dem niedrigen Aste eine; Buche stotterte. „Gemach! gemach!" rief der Kundschafter, dem eiligen Hcyward die lauge Büchse verhaltend; „wir wissen jetzt, wo wir daran sind; aber die Schönheit der Spur darf nicht entstellt werdcu- Ein Schritt zu früh kann uns Stunden laug zu schaffen machen: wir haben sie; das ist nicht zu längncn." „Gott segne euch, Gott segne euch, würdiger Mann!" rief Mnnro; „wohin sind sie denn geflohen, und wo sind meine Lieben?" „Der Weg, den sic genommen haben, hangt von mancherlei Umständen ab. Wenn sie allein geflohen sind, so können sic ebensowohl im Kreis hernm, als gerade aus gegangen sehn: dann sind sie wohl nicht mehr als zwölf Meilen von uns. Haben aber die Huroncn, oder andere französische Indianer Hand an sie gelegt, so sind sie wahrscheinlich bercils den Kränzen Canadas nahe. Aber was thut das? fuhr der besonnene Kundschafter fort, der Angst und Bestürzung in den Mienen seiner Zuhörer las; „hier lind die Mohikaner und ich an dem einen Ende der Fährte, und verlaßt euch darauf, wir finden das andere, wenn auch hundert Stunde» dazwischen lägen! Sachte! sachte; llneas! du bist so ungeduldig, wie einer aus den Kolonien! dn vergißt, daß leichte Füße nur schwache Spuren hinterlassen!" „Hugh!" rief Ehingachgook, eine Lessnnng untersuchend, die, wie man nur zu deutlich sah, durch das niedrige, den Wald nm- sämneude Unterholz gemacht worden war, richte'e sich auf und deutete auf die Erde in der Stellung und mit der Geberde eines Mannes, der eine widerliche Schlange erblickt hat. 230 „Hier ist die deutlichste Spur eines Männerfustes!" rief Heyward, indem er sich auf die bezeichnete Stelle nicderbückte: „er ist an den Rand dieser Pfüzc getreten, das sieht man deutlich. Sie sind Gefangene!" „Bester als wenn man sie in der Wildnist hätte Hungers sterben lasten!" versetzte der Kundschafter! „und um so sichtlicher wird ihre Fährte werden. Ich wollte fünfzig Biberfelle gegen eben so viel Flintensteine wetten, daß die Mohikaner und ich innerhalb eines Monats in ihren Wigwams sind! Bücke dich, Ilncas, und sich, was du aus dem Moccasin machen kannst: denn ein Moccasin ist's offenbar und kein Schuh!" Der junge Mohikaner bückte sich über die Spur, entfernte die zerstreuten Blätter in der Nähe und untersuchte Alles mit der Sorgfalt eines Geldmaklers, der in unfern Tagen der Bedenklichkeit «inen verdächtigen Schuldbrief betrachtet. Endlich erhob er sich von den Kniecn, mit dem Erfolg seiner Untersuchung, wie es schien, zufrieden. „Nun, Junge," fragte der aufmerksame Kundschafter, „was meinst du? Kannst du etwas daraus machen?" „Le Renard Subtil!" „Ha, wieder der schleichende Teufel! Es wird kein Ende mit ihm nehmen, bis mein Wildtödtcr ein vertrauliches Wort mit ihm gesprochen hat." Heyward räumte nur widerstrebend die Nichtigkeit dieser Betrachtung ein und drückte mehr Hoffnung als Zweifel aus, während er sprach: „Ein Moccasin ist wie der andere, 's wird eine Täuschung seyn." „Ein Moccasin wie der andere! Eben so gut könntet ihr sagen: ein Fnst ist wie der andere: und doch wissen wir alle, daß die einen lang, die andern kurz sind, die eine» breit, die andern schmal, daß bei den einen der Rist hoch, bei andern nieder ist: daß die einen einwärts, die andern auswärts gehen. Die MoccasinS 231 sehen einander so wenig gleich als ein Buch dein Andern, wenn schon derjenige, der in dem einen liest, nicht immer im Stande ist, etwas vom andern zn sagen. So ist alles aufs Beste geordnet und Jedem sein Bvrtheil vor dem andern gegeben. Laß mich auch darnach sehen, Uncas: Buch oder Moccasin, zwei Meinungen sind immer besser, als nur eine." Der Kundschafter bückte sich und fügte augenblicklich hinzu: „Dn hast Recht, Junge: hier ist die Spur, die wir so oft gesehen haben, wenn wir Jagd auf ihn machten. Der Bursche trinkt gern, wenn er dazu kommen kann. Wenn ein Indianer den Trunk liebt, so hält er immer ein weiteres Geleise, als der Wilde im Naturzustand, da ein Säufer sich gerne spreizt, mag seine Haut nun von rother oder weißer Farbe scyn. 's ist auch die rechte Länge und Breite! Da sieh her, Sagamorc: dn hast die Fnßstapfcn mehr denn einmal gemessen, als wir das Geziefer von Glenn's bis zur Heilquelle verfolgten." (§hiugachgook willfahrte, und nach einer kurzen Untersuchung stand er wieder auf und sprach mit seiner eigcnthümlichen Ruhe nur das Wort: „Magna." „Ja, soviel ist gewiß; hier ist das Mädchen mit dem schwarzen Haar und Magna vorbcigckommen." „Und Alice nicht?" fragte Hcpward. „Von ihr haben wir noch keine Spuren endeckt," antwortete der Kundschafter, die Bäume, die Gebüsche nnd den Boden aufmerksam beäugend. Aber was sehe ich hier? Uncas, hol' mal das Ding, welches dort an dem Dornbüsche hängt." Der Indianer gehorchte nnd der Kundschafter nahm den Fund, hob ihn in die Höhe und leichte still nnd herzlich vor sich hin. „Das ist das Spielzeug des Sängers! Jetzt haben wir 'ne Spur, die ein Priester verfolgen könnte," sprach er. „Uncas, such' 'mal die Spuren eines Schuhs, der lang genug ist, um ein sechs Fuß zwei Zoll hohes schlotterndes Menschengestell tragen zu können. Ich fasse einige Hoffnung für den Burschen, er gibt sein Geguiek auf, um sich auf eiu besseres Handwerk zu legen." „Wenigstens hat er treu auf seinem Pasten ausgehalten," sprach Heyward: „und Cora und Alice sind doch nicht ohne Freund." „Ja," entgcgucte Hawk-cye, indem er seine Buchse senkte und sich mit sichtbarer Verachtung darauf stützte! „er singt für sic! Aber kann er 'neu Nehbock zum Mittagsmahle schießen, nach dem Moos an den Buchen den Weg ermessen, oder einem Huronen die Gnrgel abschneidcn? lind kann cr's nicht, so lauft ihm der erste beste Spottvogel, ^ den er trifft, den Rang ab. Nun, Junge, findest du was, das 'ne solche Grundlage gibt?" „Hier ist so was, wie der Tritt von einem, der Schuhe getragen hat: kann es der unsers Freundes seyn?" „Berührt die Blätter leicht, sonst verrückt ihr die Form. Dies? dies ist der Tritt eines Fußes, aber es ist der des schwarz- lockigen Mädchens und klein für eine so edle Höhe und herrliche Haltung. Die Ferse des Sängers würd' ihn von vorne bis Hinte» bedecken." „Wo? laßt mich die Fußtritte meines Kindes schauen," sprach Mnnrv, indem er die Büsche bei Seite schob, und sich sehnsüchtig über den halbverwischten Eindruck des Fußes bückte. Obgleich der Tritt, der die Spur hintcrlassen hatte, nur leicht und eilig gewesen war, so ließ er sich doch noch deutlich unterscheiden. Die Augen des alten Soldaten verdunkelten sich während der Beobachtung, und als er sich erhob, sah Heyward, daß er den Fußtritt * Die Geschicklichkeit des amerikanische» SpottvogelS ist allgemein bekannt. Aber der eigentliche Spvtkvogel findet sich nicht so weit nördlich als Ncw-Dork, wo er jedoch zwei Stellvertreter von geringer» Fähigkeiten bat; den kkatzenvogel (ent kii-tl), dessen der Kundschastcr so oft erwähnt, und den Vodendrcscher l§rounä tbiesNor). Jeder dieser zwei letzteren Vögel ist der Nachtigall oder Lerche weit überlegen, obgleich im Allgemeinen die amerikanischen Vögel weniger musikalisch sind als die europäischen. 253 seiner Tochter mit einer heißen Thräne benetzt hatte. Um den Schmerz zu mildern, der jeden Augenblick über den ihm auferlegtcu Zwang zu siegen drohte, und den Sinn des Veteranen auf etwas Anderes zu lenken, sprach der junge Mann zu dem Kundschafter: „Da wir nun untrügliche Kennzeichen besitzen, so wollen wir unfern Weg beginnen. Ein Augenblick in solcher Lage muß den Gefangenen zu einer Ewigkeit werden." „Der Hirsch, der am schnellsten läuft, gibt nicht die längste Jagd," cntgegnete Hawk-eye, ohne sein Auge von den Spuren, die sich ihm darboten, abzuwenden; „wir wissen, daß der schleichende Hurone —- und das Schwarzhaar — und der Sänger hier vorbeigekommen sind — aber wo ist das Mädchen mit den blonden Locken und den blauen Augen? Wenn auch klein und bei weitem nicht so muthvoll, wie die Schwester, ist sie doch lieblich anznschauen und anmnthig !m Gespräch. Hat sic keinen Freund, daß Niemand nach ihr fragt?" „Das wolle Gott verhüten! Hunderte für Einen! Suchen wir sie nicht eben jetzt? Für Einen stehe ich, ich höre nicht auf zu suchen, bis sie gefunden ist." „In diesem Falle müssen wir vielleicht verschiedene Wege ein- schlagen: denn hier ist sie nun einmal nicht gegangen, so leicht und klein auch ihr Fußtritt ist." Heyward schrack zurück, all sein Eifer schien in diesem Augenblicke zu verschwinden. Ohne ans einen so plötzlichen Wechsel in der Stimmung des Andern zu achten, fuhr der Kundschafter nach kurzem Bedenken fort — „Es gibt kein Weib in dieser Wildniß, das eine solche Spur hinterlassen könnte, wie die Schwarzlockige oder ihre Schwester. Wir wissen, daß die Erstcre hier gewesen ist aber wo sind die Spuren der Andern? Laßt uns die Fährte schärfer verfolgen, und wenn sich Nichts zeigt, so muffen wir zurück auf die Ebene und Merkmale aufsnchcn. Geh' voran, Nncas, und richte dein Auge auf das dürre Laub. Ich will die Büsche untersuchen. während dein Vater die Nase dicht auf den Baden halten wird. Freunde! die Sanne sinkt hinter die Berge." „Kann ich Nichts dabei thnn?" fragte der ängstliche Heyward. „Ihr!" wiederhalte der Kundschafter, der mit seinen rathen Freunden bereits in der vorgeschriebencn Ordnung vorrückte: „ja Ihr kännt hinter uns hergchen und darauf Acht haben, daß Ihr die Fährte nicht durchkreuzt." Wenige Ruthen waren sie vorangeschritten, als die Indianer hielten und mit größerer Aufmerksamkeit die Erde betrachteten. Beide, Vater und Sahn, sprachen schnell und laut, indem sie bald den Gegenstand ihrer Verwunderung, bald einander selbst mit der größten Freude anblickten. „Sie haben den kleinen Fuß gefunden!" rief der Kundschafter, indem er auf sie znlief, ahne weiter daran zu denken, was ihm selbst obläge. „Was gibt es hier? Ein Hinterhalt lag an diesem Orte! Nein, bei der sichersten Büchse auf den Gränzen, hier haben wir die einseitigen Pferdchen wieder! Jetzt ist das ganze Gehcimntß heraus, und Alles sa klar und hell, wie der Nordstern um Mitternacht. Ja, hier sind sie aufgestiegen. Dort waren die Thiere an den jungen Baum gebunden und warteten, und hier führt die breite Fährte in voller Eile nach Canada!" „Aber immer sind nach keine Spuren von Alice — der jüngeren NUß Munro — vorhanden," sagte Dnncan. „Wenn nicht das schimmernde Spielzcüg, das llncas just vom Boden aufgehoben, uns daraus Hilst. Bring es her, Junge, daß wirs untersuchen." Heyward erkannte es sogleich als das Geschmeide, welches Alice gerne trug, und das, wie er sich mit dem getreuen Gedächtniß eines Liebenden erinnerte, an dem verhängnißvollcn Morgen des Blutbades um den schönen Stacken seiner Geliebten hing. Er ergriff das theure Kleinod, und hatte kaum den Fund seinen Gefährten angekündigt, als er auch schon aus den Augen des Kundschafters 235 verschwand, während Duncan das Kleinod längst gegen sein schlagendes Herz drückte. „Ach!" klagte Hawk-cys, der eine Weile vergeblich mit dem Kolben seiner Büchse in dein Lande wühlte! „cs ist ein sicheres Zeichen, daß das Aller naht, wenn Einem das Gesicht abzunehmen anfängt. Ein so glitzerndes Ding, lind soll nicht zu finden scpn! Nun ich kann doch noch, selbst wcnn's trübe ist, über den dunkeln Lauf einer Büchse hinschielcn, und das ist genug, nm allen Streit zwischen mir und den Mingos zu schlichten. Gerne möchte ich das Ding wieder finden, wär's auch nur, um es der rechten Eigen- thümcrin wieder zu bringen, und das hiefe die zwei Enden einer langen Fährte hübsch znsammcngebracht — denn jetzt ist der breite St. Lorenz oder vielleicht selbst die großen Seen zwischen uns," „Ilm so mehr Grund für uns, den Marsch nicht aufznschieben," »ersetzte Heyward: „ziehen wir sogleich weiter!" „Junges Blut und heiües Blut, sagt man, sind alle Zeit bei einander. Es gilt nicht, Eichhörnchen zu jagen, oder ein Wild in den Horican zu treiben: wir sind Tage und Nächte unterwegs und müssen durch eine Wildnis;, die selten ein Menschcnfnß betritt, und wo eure Bücherweisheit euch nicht unversehrt durchbringeu würde. Ein Indianer unternimmt nie einen solchen Zug, ohne zuvor an seinem Bersamm- lungsfcuer zu schmauchen: und ob ich gleich ein Mann von weißer Abstammung bin, so ehre ich doch auch diesen Punkt ihrer Sitte, da ich sehe, daß sie weise und Wohl überlegt ist. Wir wollen daher zurück, heute Nacht unser Feuer in den Ruinen des alten Forts anzünden, und am Morgen frisch und gestärkt das Werk wie Männer beginnen, und nicht wie plaudernde Weiber und unbesonnene Knaben." Hcyward sah an dem Benehmen des Kundschafters, daß jede Einrede vergeblich wäre. Mnnro war in jenen Zustand von Thcil- nahmlostgkcit znrnckversnnkcn, ans dem er seit den letzten überwältigenden llnglücksfällcn nur durch neue und lebhafte Eindrücke anf- geruttelt werden konnte. Aus der Noth eine Tugend machend, nahm der junge Man» den Veteran unter dem Arm und folgte den Schlitten der Indianer und des Kundschafters, welche bereits den Rückweg nach der Ebene eingeschlagen hatten. Neunzehntes Kapitel. Salarino. Nun, ich bin's gewiß, wenn er dir verfällt, so nimmst d» dock sein Fleisch nicht, zu was wär's nütze? Shvlock. Um Fisch'dainit zu angeln: und sättigt'es sonst Nichts, so sättigt'S meine Rache. Shakespeare. Die Schatten des Abends hatten das Unheimliche des Platzes noch vermehrt, als die Ne.senden die Ruinen von William Henry lbctra'cn. Der Kundschafter und seine Begleiter trafen sogleich Anstalten für die Nacht, aber mit einem Ernste und einer Besonnenheit, welche den tiefen Eindruck verriethcn, den der schreckliche Anblick, den sie gehabt hatten, selbst auf ihre abgehärtete Natur hatte auö- übcn müssen. Einige Trümmer von Balken wurden an eine geschwärzte Wand gelehnt, und nachdem Uneas sie leicht mit Gestrüpp überdeckt hatte, schienen sie ein genügendes Obdach darznbietcn. Der junge Indianer deutete auf die einfache Hütte hin, als seine Arbeit zu Ende war, und Heyward, welcher den Sinn dieser schweigsamen Geberde verstand, drang freundlich in Mnnro, einzutreten. Indem er den alten verlassenen Mann mit seinem Kummer allein ließ, trat er in die freie Luft zurück: denn er fühlte sich zu aufgeregt, um selbst der Rnhe zu genießen, die er so eben seinem alten Freunde empfohlen hacke. Während Hawk-eyc und die Indianer ein Feuer anzündctcn und ihre frugale Abendmahlzeit, in gedörrtem Bärenflcisch bestehend, verzehrten, begab sich der junge Mann auf einen Zwischenwall des zerstörten Forts, der auf die Wasserfläche des Horican hinaussah. 237 Der Wind hatte sich gelegt, und die Wogen schlugen bereits in regelmäßigerer, minder ungestümer Folge an das sandige llfer unter ihm. Die Wolken zcrtheiltcn sich, als wären sie ihres wnthenden Treibens müde; und die schwerer» unter ihnen scinnnmelten sich in schwarzen Massen um den Horizont, während die leichteren über das Wasser dahinglitten oder um die Gipfel der Berge wirbelten, dem unterbrochenen Fluge gescheuchter Vögel gleich, die um ihre Nester flattern. Hie und da rang sich der rothe, funkelnde Schimmer eines Sterns durch die treibenden Nebel und goß ein schwaches Dämmerlicht über den finstern Himmel. Im Schooße der umgebenden Berge ruhte bereits undurchdringliche Finsterniß, und die Ebene lag wie ein weites, ödes Beinhaus vor ihm, ohne daß selbst das leiseste Geflüster den Schlummer der zahlreichen auf ihr liegenden Unglücklichen zu unterbrechen versuchte. Lange stand Duucau in tiefer Betrachtung der Scene versunken, die mit der Bergangenheit in so schrecklichem Einklänge stand. Seine Augen wanderten von dem Innern des Erdwalls, wo die Waldbewohner um ihr schwaches Feuer saßen, nach dem schwächer» Lichte, das immer noch am Himmel-weilte, und ruhten dann lange und besorgt auf dem tiefen, unheimlichen Dunkel, das gleich einem öden Chaos über der Strecke lag, wo die Todten schlummerten. Bald aber war es ihm, als drängen von dieser Seite her unerklärliche Laute so leise und unbestimmt in sein Ohr, daß er über ihren Ursprung und selbst ihre Wirklichkeit ungewiß blieb. Der Unruhe, die ihn unwillkührlich überschlich, sich schämend, wandte sich der junge Mann nach dem Wasser, um seine Aufmerksamkeit auf die Sterne zu lenken, die sich auf der bewegten Oberfläche des See's spiegelten. Aber immer thaten seine ängstlichen Ohren ihren undankbaren Dienst, als ob sie ihn vor einer drohenden Gefahr warnen wollten. Endlich schien ein rascher Fußtritt ganz hörbar durch die Finsterniß zu tönen. Unfähig, seine Unruhe länger zu beschwichtigen, sprach Duncan leise mit dem Kundschafter, und Der letzte Mohikan. 17 238 ersuchte ihn, auf den Erdwall nach der Stelle zu kommen, wo er gestanden hatte. Hawk-cye warf seine Büchse über den Arm und nahte mit einer so unbeweglichen, ruhigen Miene, daß man wohl sah, er glaube sich in völliger Sicherheit. „Horcht!" sagte Dnncan, als sich der Andere bcdächtlich an seine Seite gestellt hatte, „ich höre da halblaute Töne auf der Ebene, die mich glauben machen, daß Mvntcalm seine Eroberung noch nicht gänzlich verlassen hat!" „Dann sind die Ohren besser als die Augen," bemerkte der Kundschafter, der, ein Stück Bärenflsisch zwischen seinen Backenzähnen, schwer und undeutlich sprach, wie Einer, dessen Mund zwiefach beschäftigt ist. „Mit meinen leiblichen Augen Hab' ich ihn mit seinem ganzen Heere auf den Ty gehen sehen: denn wenn eure Franzosen einen guten Streich ausgeführt haben, so eilen sie gleich nach Hause und stellen mit ihren Weibern einen Tanz oder andere Lustbarkeiten an." „DaS weiß ich nicht; aber ein Indianer schläft selten während des Kriegs, und die Lust zu plündern kann Wohl einen Huronen noch zurückgehalten haben, auch nachdem sein Stamm schon abgezogen ist. Es wäre besser, wir löschten das Feuer aus und blieben auf unsrer Hut. Horcht! hört Ihr nicht das Geräusch, das ich n»«ine?" „Ein Indianer schleicht selten um Gräber herum. Er ist bei der Hand, wenn es gilt, Feinde zu erschlagen, und über die Mittel nicht sehr bedenklich. Er begnügt sich aber gemeiniglich mit dem Skalp, wenn sein Blut nicht zu erhitzt und seine Leidenschaften zu aufgeregt sind. Ist aber der Geist aus dem Körper geschieden, so vergißt er seine Feindschaft und gönnt den Todten ihre Ruhe. Da wir einmal von Geistern sprechen, Major, glaubt Ihr, daß die Rothhäute und wir Weiße dereinst in einen und denselben Himmel kommen?" „Ohne Zweifel — ohne Zweifel. Aber es war mir, als ob 239 ich wieder den gleichen Laut vernähme! Oder war es vielleicht das Rauschen der Blätter aus der Buche dort?" „Für meinen Theil," fuhr Hawk-epe fort, sein Gesicht einen Augenblick mit einer nichtssagenden, gleichgültigen Miene nach der Seite kehrend, nach welcher Hcpward wies; „ich glaube, das Paradies ist zur Glückseligkeit bestimmt, und die Menschen werden je nach ihren Neigungen und Anlagen derselben theilhaftig werden. Meine Meinung ist daher, daß die Nothhaut nicht so ganz Unrecht hat, wenn sie die schönen Jagdgebiete, wovon die Sage spricht, wieder zu finden hofft: und so würde cs für einen Mann, dessen Blut nnvcrmischt ist, nicht so ganz uneben scpn, wenn er sich die Zeit mit —" „Hört Jhr's nicht wieder?" unterbrach ihn Dnncan. „Ja, ja, Wenns Futter knapp geht, oder im Ucbcrsiuß da ist, werden die Wölfe keck," bemerkte der unbewegliche Kundschafter. „Es wäre eine hübsche Jagd, die Häute dieser Satane, wenn wir Tag und Zeit zur Kurzweil hätten. Was aber das künftige Leben betrisst, Major, so hört' ich Prediger in den Kvlouieen sagen, der Himmel scy ein Ort der Ruhe. Nun sind aber die Begriffe der. Menschen von Glückseligkeit sehr Verschieden. Für mein Theil säg! ich bei aller Achtung vor den Fügungen der Vorsehung, — ich: würde cs ihr nicht groß danken, wenn ich in den Wohnungen von welchen sie predigen, eingcschlvssen bleiben würde, der ich doch von Natur einen Hang zur Bewegung und zum Jagen in mir fühle." Dnncan, der nun die Natur des Geräusches erfahren zu haben glaubte, das ihn beunrnhigt hatte, ging in seiner Antwort näher ans den Gegenstand ein, den der Kundschafter sich zur Unterhaltung anScrschen hatte. „Es ist schwer," sagte er, „die Gefühle zu benrtheilen, die bei jenem letzten großen Wechsel sich aufdringen mögen." „Das wäre freilich ein Wechsel für einen Mann,, der seine Tage unter freiem Himmel verlebt, und so oft an den Quellen des 260 Hudson seinen Morgenimbiß eingenommen hat," versetzte der schlichte Kundschafter, „wenn er im Bereich eines heulenden Mohawk sein Schläfchen halten sollte. Aber 's ist ein Trost zu wissen, daß wir einem barmherzigen Herrn dienen, Wenns auch jeder auf seine Weise thnt, und viele Wildnisse zwischen uns liegen. — Was war das?" „Ist das nicht der Tritt der Wölfe, von denen Ihr gesprochen habt?" Hawk-eye schüttelte langsam den Kopf und winkte Dnnccm, nach einer Stelle zu kommen, die das Feuer nicht beleuchtete. Nach dieser Vorsichtsmaßregel nahm er die Stellung der gespanntesten Aufmerksamkeit ein, und horchte lang und scharf, ob sich der so unerwartete leise Laut nicht wiederholen würde. Er schien jedoch vergeblich zu lauschen: denn nach einer Minute fruchtloser Stille flüsterte er Duncan zu: „Wir müssen Nncas rufen, der Junge hat indianische Sinne und hört, was uns ganz verborgen bleibt: denn ich, als eine weiße Haut, kann meine Natur nicht verlängnen." Der junge Mohikaner, der sich am Feuer leise mit seinem Vater unterhielt, fuhr auf, als er den Ruf einer Eule vernahm, und blickte nach den schwarzen Erdwällen, als suchte er den Ort, woher der Laut ertönte. Der Kundschafter wiederholte den Schrei und in wenigen Augenblicken sah Dnnean Uncas Gestalt vorsichtig nach der Brustwehr heranschleichen, wo sie standen. Hawk-ehe theilte ihm in kurzen Worten seine Wünsche in de- lawarischer Sprache mit; und sobald dieser vernommen hatte, um was es sich handle, warf er sich mit dem Gesicht auf die Erde, wo er, wie es Dnnean schien, ruhig und regungslos liegen blieb. Verwundert über die unbewegliche Lage des jungen Kriegers, und neugierig zu beobachten, wie dieser die gewünschten Erkundigungen einziehen werde, trat Heyward einige Schritte vor und bückte sich zu dem dunkeln Gegenstand nieder, auf den er seine Augen geheftet 261 hielt, entdeckte aber, daß Nneas verschwunden, und was er erblickte, nur der dunkle Umriß hcrvorstehcndcr Trümmer war. „Was ist aus dem Mvhikaner geworden?" fragte er den Kundschafter, indem er sich erstaunt wieder umwandte; „ich sah ihn hier niederfallcn und hätte geschworen, daß er hier auch geblieben scy!" „St! sprecht leiser: denn wir wissen nicht, was für Ohren uns belauschen, und die Mingos sind eine scharfsichtige Brut. Un- cas ist ans der Ebene und die Maqnaö, wenn welche um uns sind, bekommen vollauf mit ihm zu thun." „Ihr glaubt, Montcalm habe nicht alle seine Indianer wcgge- zogcn? Wir wollen den Unfern rufen und zu den Waffen greifen. Wir sind fünf und nehmen es schon mit einen, Feinde auf." „Kein Wort zu ihnen, wenn euer Leben euch lieb ist. Seht den Sagamorcn an, wie ganz ein großer Indianerhäuptling sitzt er an dem Feuer! Wenn Laurer in der Flnstcrniß nmherschleichen, so erkennen sic gewiß nicht an seiner Miene, daß wir an Gefahr denken!" „Aber sie entdecken ihn und das ist sein Tod. Seine Gestalt ist am Scheine des Fcners zu deutlich sichtbar und er wird das erste und sicherste Opfer sepn." „Die Wahrheit eurer Worte ist nnlängbar," antwortete der Kundschafter, mehr als gewöhnliche Unruhe verratheud, „aber was ist zu thun? Ein einziger Blick des Verdachts führt einen Angriff herbei, che wir zum Widerstand »ns bereitet haben. Aus dem Zeichen, das ich Uneas gegeben habe, weiß er, daß wir Unrath wittern. Ich will ihm bedeuten, dal? wir den Mingos auf der Spur sind: sein Jndiancrinstinkt wird ihm sagen, was er zu thun hat." Der Kundschafter hielt die Finger an den Mund und ließ einen leisen, zischenden Laut hören, über welchen Dnncan zuerst bei Seite fuhr, als hätte er eine Schlange gehört. Chingachgook's Haupt ruhte auf seiner Hand, und er schien in Gedanken versunken; sobald er aber den warnenden Laut des Thiercs vernahm, von dem 262 er seinen Namen trug, richtete er sich ans nnd seine dunkeln Augen bückten schnell nnd scharf nach allen Seiten hin. Mit dieser Plötzlichen nnd vielleicht unwillkürliche» Bewegung war jeder Anschein Von Ueberraschung und Unruhe verschwunden. Seine Büchse lag unberührt nnd, wie eS schien, kaum beachtet, im Bereiche seiner Hand. Der Tomahawk, den er, zu seiner Bequemlichkeit im Gürtel gelockert hatte, fiel sogar auf den Boden nnd seine Gestalt schien, wie bei einem Manne, dessen Sehnen und Nerven sich der Ruhe überlassen dürfen, znsammenznsinkcn. Schlau seine frühere Stellung wieder einnehmend, wechselte der Eingcbornc gleichwohl die sage seiner Hände, als ob die Bewegung bloS geschehe, um den Arm zu erleichtern, nnd erwartete den AnSgang mit einer Ruhe nnd Scelen- stärkc, die nur ein indianischer Krieger zeigen konnte. Aber Hcyward bemerkte, während der Mohikaner-Häuptling für ein minder geübtes Ange zu schlummern schien, wie seine Nasenlöcher sich erweiterten, nnd sein Haupt sich ein wenig ans die Seite neigte, um den Gehörorganen zu Hülfe zu kommen — wie seine lebhaften nnd schnellen Blicke sich nnanshürlich nach jedem Gegenstände wandten, den er mit dem Ange erreichen konnte. „Sehet einmal den edlen Kämpen an!" flüsterte Hawk-epe, Hcyward's Arm drückend! „er weist, dafi ein Blick, eine Bewegung unsre Plane vereiteln nnd uns der Satansbrut in die Hände liefern könnte" — Hier unterbrach ihn der Blitz nnd Knall einer Büchse. Fencr- funken erfüllten die Luft rings' um den Srt, ans den Hcywards Augen noch mit Bewunderung nnd Erstaunen gerichtet waren. Ein zweiter Blick sagte ihm, das; Ehingachgook in der Verwirrung verschwunden war. Mittlerweile hatte der Kundschafter seine Büchse vvrgeworfcn, zum Schüsse bereit und erwartete mit Ungeduld den Augenblick, wo ein Feind sich sehen lassen würde. Aber mit dem einzelnen, fruchtlose» Versuche auf Chingachgook's Leben schien der Angriff beendigt. Ein oder zwei Mal glaubten die Horchenden 263 ein entferntes Rauschen der Gebüsche zu vernehmen, wie wenn unbekannte Massen sich durchdrängten: aber bald deutete Hawk-cye auf ein Rudel verscheuchter Wölfe, die eilends vor dem Eindringling in ihre Gebiete Reijsans nahmen. Nach einer athcmlosen Panse der Ungeduld plnmptc etwas in's Wasser und gleich darauf folgte der Knall einer andern Buchse. „Das ist Uncas!" sprach der Kundschafter; „der Junge führt eine herrliche Büchse! Ich kenne ihren Knall, wie ein Vater die Stimme seines Kindes: denn ich trug sie lange selbst, bis sich mir eine bessere anbot." „Was soll das heissen?" fragte Dnncan: „wir werden bewacht und es scheint auf unser Verderben abgesehen." „Der zerschossene Feuerbrand dort zeigt, daß man nichts Gutes im Schilde führte, und der Indianer hier mag beweisen, daß er keinen Schaden genommen hat," versetzte der Kundschafter, indem er seine Büchse wieder in den Arm fallen ließ und Chingachgook, der eben wieder innerhalb des Lichtkreises erschien, in das Innere der Festungswerke folgte. „Wie steht cs, Sagamore? Sind uns die Mingos ernstlich auf der Fährte, oder isUs blos einer von dem Gewürm, das dem Heere nachzieht, um die Todten zu scalpircn — heimznziehen, um sich bei den Squaws seiner ritterlichen Thaten gegen die Blaßgesschter zu rühmen?" Chingachgook nahm ruhig seinen Sitz wieder ein, und gab keine Antwort, bis er den Feuerbrand untersucht hatte, den die Kugel getroffen, die ihm selbst beinahe verderblich geworden wäre. Hierauf hob er einen Finger empor und begnügte sich das englische Wort auszusprechen: » „Einer." „Das dachte ich!" versetzte Hawk-eye, sich wieder setzend, „und da er den Schutz des Sees gewonnen hat, ehe Uncas abfenern konnte, so ist es mehr denn wahrscheinlich, daß der Schurke den Leuten von einem großen Hinterhalte vorlügcn wird, in welchem er 264 gegen zwei Mohikaner und einen Weißen Jäger gelegen habe — denn die beiden Offiziere können nur als müßige Zuschauer bei einem solchen Scharmützel betrachtet werden. Thn' cr's immerhin. Es gibt überall in jeder Nation ein Paar ehrliche Kerls, — obgleich sie, der Himmel weiß cS, unter den Maqnas dünn genug gcsä't sind — die einen solchen Glückspilz zurcchtweiscn können, wenn er es gar zu bunt macht. Aber das Blei von diesem Schuft hat dir recht an den Ohren vorbeigcpfiffcn, Sagamore." Ruhig und gleichgültig wandte Chingachgook sein Auge nach der Stelle hin, wo die Kugel aufgcschlagen hatte, und nahm dann seine frühere Haltung mit einer Fassung wiener au, die ein so unbedeutender Vorfall nicht stören konnte. Jetzt glitt klneas wieder in ihren Kreis und setzte sich mit derselben Gleichgültigkeir, die sei» Vater zeigte, an das Feuer Hcyward war mit Erstaunen und der lebhaftesten Theilnahme Zeuge aller dieser Bewegungen. Es schien ihm, als hätten die Walebewohner geheime Zeichen, durch die sie sich verständlich machten, die aber den Sehkrciö seiner Beobachtungsgabe überstiegen. Statt jener eilfertigen Geschwätzigkeit, womit ein junger Weißer das, was in der Finsternis; der Ebene vorgcgangen war, mitgethcilt und vielleicht übertrieben hätte, war der junge Krieger, wie cs schien, zufrieden, seine Thaten für sich sprechen zn lassen. Es war wirklich hier für einen Indianer weder der Augenblick noch der Ort, sich des Vollbrachten zn rühmen; und wahrscheinlich wäre kein Wort über den Gegenstand mehr geäußert worden, hätte Heyward nicht dazu Veranlassung gegeben. *„Was -ist aus unsrem Feinde geworden, Uneas?" fragte Dnncan, „wir hörten deine Büchse und hofften, du werdest nicht umsonst geschossen haben." Der junge Häuptling schob eine Falte seines Jagdhcmdes zurück nnd zeigte ruhig den vcrhängnißvollen Haarschopf, den er als Siegeszeichen trug. Chingachgook legte die Hand auf den Skalp und betrachtete ihn einen Augenblick mit tiefer Aufmerksamkeit; dann ließ er ihn, mit einem Ansdruck von Verachtung in seinen strengen Zügen, loS und rief: „Ein Oneida!" „Ein Lneida!" wiederholte der Kundschafter, dessen Antheil an dem Ereigniß sich beinahe in die Gleichgültigkeit seiner rothen Genossen verlor, betrachtete aber das blutige Sicgcsuntcrpfand mit ungewöhnlichem Ernste. „Bei Gott, wenn die Oneidas uns anfiaucrn, dann sind wir auf allen Seiten von Teufeln umgeben. Nun, für weiße Augen ist zwischen diesem Stückchen Haut und dem eines andern Indianers kein Unterschied, und doch erklärt der Sagamore, sie komme von dem Schädel eines Mingo; ja er nennt sogar den Stamm des armen Teufels mit so viel Sicherheit, als ob der Skalp das Blatt eines Buches und jedes Haar ein Buchstabe wäre. Welches Recht haben die christlichen Weißen, sich ihrer Gelehrsamkeit zu rühmen, wenn der Wilde eine Sprache lesen kann, welche die Kunst ihres Weisesten beschämen müßte! Was sagst du dazu. Junge? Von welchem Volke war der Schurke?" llncas schaute in das Antlitz des Jägers und antwortete mit seiner klangreichen Stimme: „Oncida!" „Wieder Oneida! Wenn ein Indianer etwas sagt, so ist es gewöhnlich wahr; aber wenn ein Anderer seines Volkes cs bestätigt, so darf man's für ein Evangelium halten!" „Der arme Schelm hat uns für Franzosen gehalten," sagte Hcyward, „sonst hätte er nicht einem Freunde nach dem Leben gestanden!" „Er einen Mohikaner, mit den Farben seines Volks bemalt, für einen Hnronen halten! Eben so leicht könntet Ihr die weißen Röcke von Montcalms Grenadieren mit den rothen Jacken der königlichen Amerikaner verwechseln," cntgegncte der Kundschafter, „sitein, nein, die Natter kannte ihren Weg wohl. Auch ist's am 266 Ende kein so großer Verstoß: denn zwischen einem Delawnrcn und einem Mingo ist die Liebe nicht eben groß, gleichviel für wen ihre Stämme in einem Kampfe zwischen den Weißen auch streiten mögen. Was das betrifft, obgleich die Oncidas Seiner Majestät dem König dienen, der mein Souverän und Gebieter ist, ich hätte mich eben nicht lange bedacht, meinen Wildtödter auf ihn loszu- laffen, wenn er mir in die Quere gekommen wäre." „Das wäre eine Verletzung unserer Verträge und Eures Charakters unwürdig gewesen." „Wenn Einer viel mit einem Volke verkehrt," fuhr Hawk-eye fort, „und sie sind ehrlich und er kein Schuft, so werden sie einander zngethan. — Es ist wahr, die Arglist der Weißen hat unter diese Wilden eine solche Verwirrung gebracht, daß man kaum mehr weiß, wer Freund oder Feind ist. So ziehen denn die Huronen und die Oneidas, welche dieselbe oder beinahe dieselbe Sprache reden, einander die Skalpe ab, und die Delawaren sind in Spaltung unter einander. Einige sind daheim an ihrem Flusse bei ihrem großen Versammlungsfencr geblieben und fechten für dieselbe Sache, wie die Mingo'S, indeß der größere Theil aus natürlichem Haß gegen die Maqna's in Canada ist: so ist Alles in Unordnung und kein rechter Gang im Kricgführcn! Es liegt jedoch nicht in der Art der Rothhäutc, mit jedem Kunstgriff der Politik die Farbe zu wechseln, und darum gleicht die Freundschaft zwischen einem Mohikaner und einem Mingo so ziemlich der Neigung eines Weißen zu der Schlange." „Es thnt mir wehe, dies zu hören: ich hatte geglaubt, die Eingebornen, die innerhalb unserer Gränzen wohnen, hätten uns zu gerecht und zu gutgesinnt gefunden, als daß sie nicht unsere Sache ganz zu der ihrigen machten." „Nun, ich meine, es sey doch natürlich, daß man den eignen Streit vor dem fremden auskämpfc. Ich für mein Theil liebe die Gerechtigkeit und will deshalb nicht sagen, ich hasse einen Mingo, — das würoe sich weder für meine Farbe noch für meine Religio» 267 schicken — doch — noch einmal: die Nacht allein war Schuld das; mein Wildtödter bei dem Tode dieses schleichenden Oneida nicht betheiligt ist!" Uebcrzcugt von dem Gewicht seiner Gründe nnd unbekümmert um den Eindruck, den sie auf die Ansicht des Andern machten, wandte sich der ehrliche, aber unversöhnliche Waldmann von dem Feuer ab, zufrieden, den Streit ruhen zu lassen. Hcpward begab sich wieder auf den Wall, weil er sich, nicht vertraut mit dieser Art von Kriegführung, zn unbehaglich fühlte, um ruhig an einem Orte zu bleiben, wo sich so hinterlistige Angriffe wiederholen konnten. Nicht so der Kundschafter und die Mohikaner Ihre feinen und lange geübten Sinne, deren Schärfe oft in's Unglaubliche ging, hatten sic nicht nur in den Stand gesetzt, die Gefahr zu entdecken, sondern ihnen auch über den Umfang und die Dauer derselben Gewißheit gegeben. Keiner von den Dreien schien jetzt im Geringsten zn zweifeln, das; sie in vollkommener Sicherheit sepen: nnd sie bewiesen ihren Glauben durch die Vorkehrungen, welche sie alsbald trafen, um weitere Maßregeln zn berathen. Die Verwirrung unter den Nationen, ja selbst den Stämmen, auf welche Hawk-eye angesviclt hatte, war um diese Zeit auf's Höchste gestiegen. Das mächtige Band der Sprache, nnd sonach auch der gemeinschaftlichen Abkunft war mancher Orten gelöst, und so kam es, daß der Delaware und der Mingo (mit welchem Namen man die sechs Nationen bezeichnet), in denselben Reihen kämpften, während der Letztere den Skalp des Huroncn suchte, der doch für einen Sprössling desselben Stammes galt. Die Delawaren selbst waren unter sich getheilt. Die Liebe zn dem Boden, der seinen Ahnen zugchört hatte, hielt zwar den Sagamoren der Mohikaner mit einem kleinen Trupp Delawaren, die in dem Fort Edward dienten, unter den Fahnen des Königs von England zurück: derbe! weitem grösste Thcil seiner Nation aber stand, wie man wohl wußte, als Montcalms Verbündete im Felde. Der Leser weiß 268 wahrscheinlich, wenn es ans dem Verlauf unserer Erzählung noch nicht erhellt haben sollte, daß die Delawarcn oder LenapcS darauf Anspruch machten, das Stammvolk jener zahlreichen Völkerschaften zu seyn, welche einst Herren der meisten östlichen und nördliche» Staaten Amerikas waren, und unter denen die Gemeinschaft der Mohikaner einen alten und in hohem Ansehen stehenden Zweig bildete. Mit den kleinlichen und verwickelten Interessen, die Freund gegen Freund bewaffnet und geborue Feinde als Waffenbrüder neben einander gestellt hatte, vollkommen vertrant, schickten sich der Kundschafter und seine Gefährten zur Bcrathnng der Maßregeln an, die ihre künftigen Bewegungen unter so vielen entzweiten und rohen Stämmen zu leiten hätten. Duncan wußte von den indianischen Sitten genug, um zu verstehen, warum das Feuer wieder aufgeschürt wurde, und die Krieger, Hawk-eye nicht ausgenommen, sich mit feierlichem Anstande unter den Wolken des Rauches wieder znsammensetzten. An die Ecke eines Winkels der Festungswerke gelehnt, wo er die Scene im Innern beobachten und zugleich ein wachsames Auge für jede Gefahr von außen behalten konnte, wartete er das Ergebnis; der Bcrathnng mit so viel Geduld ab, als er sich abgewinnen konnte. Nach einer kurzen, bedeutungsvollen Pause zündete Ehingach- gook eine Pfeife mit hölzernen Rohre an, deren Kopf aus eiucm weißen Steine des Landes künstlich gearbeitet' war, und sing au zu rauchen. Nachdem er den Dnft des sänftigenden Krautes zur Genüge eingeathmct, gab er das Instrument in die Hände des Kundschafters. Auf diese Weise hatte die Pfeife drei Mal die Runde gemacht, und einige Zeit verging im tiefsten Stillschweigen, che einer der Gefährten seinen Mund öffnete. Endlich trug der Sagamore, als der Aeltcste und Höchste im Rang, in wenigen Worten mit Ruhe und Würde den Gegenstand der Bcrathnng vor. Ihm antwortete der Kundschafter, und Chingachgook entgegnete, als der Andere Einwendungen machte. Der jugendliche Uncas blieb ein 269 stiller und ehrerbietiger Zuhörer, bis ihn Hawk-cye in freundlicher Rücksicht um seine Meinung fragte. Heyward schloß ans der Miene und den Geberden der verschiedenen Sprecher, daß Vater und Sohn die eine Meinung verfochten, während der Kundschafter auf der andern beharrte. Der Streit wurde allmählig wärmer, bis man deutlich sah, daß sich die Sprecher ziemlich in ihren Gegenstand vertieft hatten; trotz des zunehmenden Eifers aber, womit die Freunde stritten, hätte die ehrsamste christliche Versammlung, selbst die Zusammenkünfte ehrwürdiger Geistlichen nicht ausgenommen, an der Zurückhaltung und dem Anstande der Streitenden sich ein heilsames Muster der Mäßigung nehmen können. Uncas Rede wurde mit derselben Aufmerksamkeit angehört, als die Worte gereifterer Einsicht, die sein Vater gesprochen; und weit entfernt, Ungeduld zu verrathen, antwortete Keiner, ohne zuvor einige Augenblicke, wie es schien, in stillem Nachdenken über das Gesprochene, schweigend verbracht zu haben. Die Rede der Mohikaner war von so natürlichen und ausdrucksvollen Geberden begleitet, daß es Heyward nicht schwer fiel, den Faden ihrer Beweisführungen zu verfolgen. Dunkler blieb ihm dagegen der Kundschafter, weil er aus geheimem Stolz auf seine Farbe jener kaltblütigen und nüchternen Sprechweise sich befliß, die allen Klassen der Angloamerikaner eigen ist, so lange sie sich nicht in Aufregung befinden. Aus ihrer häufigen Wiederholung der Merkmale eines Waldznges ließ sich schließen, daß sie auf eine Verfolgung zu Lande drangen, wogegen des Kundschafters immer wiederkehrende Armbewegnng gegen den Horican anzndenten schien, daß er für die Wasserstraße sprach. Der Letztere schien zu verlieren, und die Sache war ans dem Punkte, gegen ihn entschieden zu werden, als er sich Plötzlich erhob, alle seine Ruhe fahren ließ, und ganz die Weise eines Eingeborncn aunehmend, alle Künste indianischer Beredsamkeit anfbot. Seinen Arm emporhaltend, wies er auf den Lauf der Sonne und wiederholte 270 diese Geberde für jeden Tag, den er für ihre Aufgabe erforderlich glaubte. Er beschrieb sodann einen langen, mühevollen Weg über Felsen nnd durch Gewässer. Das Alter und die Schwäche des schlummernden und arglosen Mnnro wußte er durch Zeichen anschaulich zu machen, die verstanden werden mußten. Selbst von Duncans Kräften schien er in seiner Rede keine gar hohe Meinung zu haben: er reckte seine stäche Hand aus und bezeichnet? ihn mit der Benennung „offene Hand," — ein Name, den ihm seine Freigebigkeit bei allen befreundeten Stämmen erworben hatte. Dann folgte eine Darstellung der leichten und zierlichen Bewegungen des Canoe in schreiendem Cvntraste mit den schwankenden Schritten eines müden nnd erschöpften Wanderers. Zum Schlüsse deutete er auf den Skalp des Oneiva, und drang offenbar darauf, eilig auf- znbrechcn, und zwar so, daß keine Spur von ihnen znrückblieb. Die Mohikaner hörten mit vielem Ernste zu, und man las in ihrem Ausdrucke die Wirkung der Rede des Andern. Sie ließe» sich allmählig überzeugen und begleiteten gegen das Ende Hawk-eye's Worte mit dem gewohnten Ausruf der Einwilligung. Mit einem Worte, Uncas und sein Vater bekehrten sich zu seiner Meinung nnd verließen ihre bisher verfochtenen Ansichten mit so viel Bereitwilligkeit nnd Offenheit, daß sie in Folge eines solchen Mangels an Conseguenz sicher allen politischen Ruf eingcbüßt hätten, wären sie Repräsentanten eines großen civilisirten Volkes gewesen. Sobald die Sache nun entschieden war, schien der Streit vergessen, mit allem was daran hing, ausgenommen seinem Resultate. Ohne umzuschauen, um in den Augen der Zuhörer einen Triumph zu lesen, streckte Hawk-eye seine hohe Gestalt ruhig vor dem erlöschenden Feuer auf die Erde nieder und entschlief. So gleichsam sich selbst überlassen, benützten die Mohikaner, die sich seither so ausschließlich den Interessen Anderer gewidmet hatten, diesen Augenblick für sich selbst. Mit einem Male den Ernst und die Strenge des Indianerhäuptlings ablegend, begann jetzt 271 Chingachgovk in dem sanften nnd heitern Tone der Zärtlichkeit zil seinem Sohne zu sprechen. Uncas begegnete vergnügt der vertraulichen Stimmung seines Vaters, und ehe das tiefe Athemholen des Kundschafters vcrrieth, daß er eingeschlafen scy, war in dem Benehmen seiner beiden Gefährten ein völliger Wechsel vorgegangen. Wir versuchen nicht, den Wohllaut dieser Sprache für Ohren, die so melodische Tone noch nie gehört haben, zu beschreiben, während sich die Mohikaner in Scherzen und Liebkosungen ergingen. Ihre Stimmen, besonders die des Jünglings, waren von wunderdollem Umfang und vereinigten den tiefsten Baß mit Lauten von fast weiblicher Sanftheit. Die Augen des Vaters folgten de» plastischen und sinnigen Bewegungen des Sohnes mit sichtbarem Vergnügen, nnd er stimmte wohlgefällig in das hinreißende und doch mir halblaute Lachen desselben ein. Unter dem Walten dieser zärtlichen und so natürlichen Gefühle war aus den gesänftigten Zügen des Sagamoren jede Spur von Wildheit verschwunden, und die Sinnbilder des Todes, die in grauenhaften Farben ans seinen Körper gemalt waren, schienen mehr den Scherz einer Mummerei^ als die stolze Absicht zu verkünden, Vernichtung und Zerstörung seinen Fußtritten folgen zu lassen. Eine Stunde war in diesen Ergießungen edlerer Gefühle hingegangen, als Chingachgook plötzlich den Wunsch nach Ruhe zu erkennen gab, indem er den Kopf in seine Decke hüllte nnd sich auf der nackten Erde niederstreckte. Uncas gebot alsbald seiner lauten Fröhlichkeit Schweigen, schürte sorgfältig die Kohlen des Feuers zusammen, damit sie die Füße seines Vaters wärmen sollten, und suchte dann selbst unter den Ruinen deS Forts eine Lagerstätte. Ans der Sicherheit der erfahrenen Waldbewohner neues Vertrauen schöpfend, folgte Heyward ihrem Beispiel, und lange vor Mitternacht schienen sie, die im Schooße der Festungstrümmer ruhten, in so tiefen Schlaf versunken, als die leblosen Schlachtopfer, deren Gebeine auf der umgebenden Ebene bereits zu bleichen begannen. Zwanzigstes Kapitel. Albanien, mein Auge weil' auf dir, Du rauhe Amme wilder Männer! — Ehilde Harold. Der Himmel war noch mit Sternen besäet, als Hawk-eye kam, die Schläfer zu wecken. Ihre Mäntel bei Seite werfend, waren Mnnro und Heyward schon auf den Beinen, während der Waldmann am Eingang des knnstlosen Obdaches, unter dem sie die Nacht zugebracht hatten, noch mit gedämpfter Stimme ihre Namen rief. Als sie aus ihrem Verstecke traten, fanden sie Hawk-eye nahebei ihrer wartend. Ihr einziger Gruß war das bedeutungsvolle Zeichen des Stillschweigens, das ihr scharfblickender Führer wiederholte. „Betet in Gedanken!" flüsterte er, ans sie zutreteud, „denn Er, zu dem Ihr betet, versteht alle Sprachen, die des Herzens sowohl, als des Mundes. Aber sprecht keine Sylbe; selten trifft eines Weißen Stimme in diesen Wäldern den rechten Ton, wie wir an dem Beispiel des armen Teufels, des Sängers, gesehen haben. „Kommt," fuhr er fort, nach einem Walle des Forts sich wendend, „wir wollen in den Graben hinabsteigen und beim Gehen sorgfältig auf die Steine und Holzstücke treten." Seine Begleiter willfahrten, obgleich für zwei unter ihnen die Gründe dieser außerordentlichen Vorsichtsmaßregeln noch ein Ge- heimniß waren. Als sie sich in der nieder» Höhlung befanden, welche die Erdwälle des Forts von drei Seiten umgab, trafen sie den Weg beinahe ganz durch Trümmer versperrt. Vorsicht upd Geduld machten es jedoch möglich, dem Kundschafter nachzuklettern, bis sie das sandige Ufer des Horican erreichten. „Das ist 'ne Fährte, die man nur mit der Nase verfolgen kann," sagte der Kundschafter, auf den schwierigen Weg zurück, blickend; „Gras ist ein verrätherischcr Teppich für Fliehende; aber Holz und Stein nehmen keine Spur eines Moccasin an. Hättet 273 Ihr eure besporntcn Stiefel angehabt, so wäre immerhin noch etwas zu fürchten gewesen; aber mit einer paffend zugcrichtcten Hirschhaut unter den Füßen darf sich Einer gemeinhin den Felsen ganz sicher aiwcrtraucn. Ein wenig näher an'S Land mit dem Canoe, Uncas; in den Sand drückt sich ein Fuß so leicht ein, als auf die Butter der Deutschen'* am Mohawk. Gemach, Junge, gemach! Es darf das Ufer nicht berühren, sonst merken die Schelme, wo wir den Ort verlassen haben," Der junge Mann beobachtete diese Vorsicht: der Knndschafter legte ein Brett, das er ans den Trümmern mitgenommen hatte, auf den Kahn, und winkte den beiden Ofsicieren, einzusteigen. Sobald dies geschehen war, wurde Alles wieder sorgsam in den früheren Zustand gebracht und Hawk-ehe gelang es, sein kleines Birkenfahrzeug zu gewinnen, ohne eine jener Spuren zu hinterlassen, die sie so sehr zu fürchten schienen. Hehward schwieg, bis die Indianer das Canoe vorsichtig eine Strecke von dein Fort weggc- rudcrt hatten, in den Schutz der breiten, dunkeln Schatten, die von den östlichen Bergen auf den Wasserspiegel des Sees fielen: dann fragte er: „Warum mußten wir so verstohlen und eilig abziehen?" „Wenn das Blut eines Dneida eine so reine Wasserfläche, wie die, auf der wir fahren, färben könnte," versetzte der Kundschafter, „so würden eure zwei Augen diese Frage selbst beantworten. Habt Ihr den schleichenden Wurm vergessen, den Uncas erschlagen hat?" „Keineswegs. Aber es hieß ja, er sch allein, und Todte sind nicht mehr zu fürchten." „Ja bei seiner Teufelei war er allein! Aber ein Indianer, dessen Stamm so viele Krieger zählt, darf nicht leicht fürchten, sein Blut fließe» zu sehen, ohne daß dafür einigen Feinden der Todesschrei entrissen wird." * äarmnns im Tert steht wohl, für vermans, und Deutsche hier für Holländer; so in Amerika in der Conversation häufig vutok für Deutsche obgleich es sonst Holländer bedeutet. A. d. llcbers. Der letzte Mohikan. 18 274 „Aber unsre Gegenwart — das Ansehen Qbrist Munro'S würde hinlänglicher Schutz gegen den Unwillen unsrer Verbündeten seyn, besonders in einem Fall, wo der Elende sein Schicksal nur zu wohl verdient hat. Ich hoffe zum Himmel, daß ein so wenig triftiger Grund euch nicht einen Schritt von der geraden Richtung nnserS Weges abzuweichen vermocht habe/' „Glaubt Ihr, die Kugel des Spitzbuben wäre ausgewiche», wenn Seine Majestät der König ihr in dem Wege gestanden hätte?" cntgcguete der unbeugsame Kundschafter. Warum ließ der große Franzose, der Generalkapitän von Canada ist, nicht die Tomahawks der Huronen begraben, wenn das Wort eines Weißen so großen Einfluß auf die Natur eines Indianers übt?" Heyward's Antwort wurde durch einen Seufzer Munro'S unterbrochen: er schwieg deshalb aus Achtung vor dem Kummer seines betagten Freundes einen Augenblick, fuhr aber dann fort: „Der Marquis von Montcalm kann diese Schuld allein mit seinem Gott abmachen," sprach der junge Mann in feierlichem Tone. „Ja, ja, nun ist Vernunft in eucrn Worten: denn sie stützen sich auf Religion und Ehre. Es ist ein großer Unterschied, ein Regiment Wcißröcke zwischen Wilde und Gefangene werfen, oder einem wüthcnden Wilden mit Worten, die stets „mein Sohn" beginnen müssen, aus dem Gedächtnisse zu bringen, daß er ein Messer und eine Büchse trägt. Nein, nein," fuhr der Kundschafter fort, indem er nach dem verschwindenden Ufer von William Henry zurückblickte, das iminerweiter zurückwich — und dabei, wie er pflegte, still und herzlich lachte: „sie müssen unsere Spur auf dem Wasser suchen, und wenn die Satane nicht mit den Fischen Freundschaft schließen und von ihnen hören, wer an diesem schönen Morgen über ihren Sec gerudert hat, so kriegen wir den ganzen Horican hinter uns, ehe sie mit sich im Reinen sind, welchen Weg sie einschlagen wollen." „Feinde vor und hinter uns, kann es unserer Reise nicht an Gefahren fehlen." „Gefahren!" wiederhalte Hawk-eye ruhig; „nein, nicht eben Gefahren: mit wachsamen Ohren und scharfen Augen können wir den Schelmen immer ein Paar Stunden rwrausbleibcn; und wenn wir zu den Büchsen greisen müssen, so verstehen drei von uns sie so gut zu gebrauchen, wie nur irgend Einer auf der weiten Gränze. Nein, von Gefahr ist gerade keine Rede; nicht daß ich behaupten wollte, wir würden ganz frei ausgehen, dies ist unwahrscheinlich: 's kann zu einem kleinen Strauß, einem Scharmützel oder anderer Kurzweil kommen: aber wir können uns immer decken und haben reichlichen Schießbedars." Wahrscheinlich hatte Heyward, wenn er von Gefahr sprach, einen andern Maßstab, als ,dcr Kundschafter: denn statt etwas zu erwiedcrn, schwieg er jetzt, während das Cauoe mehrere Meilen lang auf dem Wasser dahinglitt. Gerade als der Tag anbrach, kamen sie in die Engen des Sees^ und stahlen sich schnell und vorsichtig durch die zahllosen kleinen Eilande. Auf diesem Wrge hatte sich » Die Naturschönhciten des Gcorgsees sind alle» amerikanischen Reisenden bekannt. In der Höhe der ihn umgebenden Berge, ebenso nach den Verschönerungen der Kunst, siebt er den berriichsten Seen der Schweiz und Italiens nahe, während er ihnen in seinen Umriffen nnd der Reinheit des Wassers völlig gleich kommt, »nd sie alle in der Zahl nnd der malerischen Lage seiner Inseln und Jnselchcn bei weitem überirifft. Ans einer Strecke von weniger als zwöls Stunden solle» Hunderte von Eilanden über seinen Wasserspiegel ragen. Die Engen, welche ihn in zwei Becken theilcn, sind mit Inseln so sehr umlagert, daß häufig nur Durchfahrten von einigen Fuß Breite übrig find. Der See selbst hat eine Breite von einer bis drei (englischen) Meilen. Der Staat New-Bork zeichnet sich durch die Menge und Schönheit seiner Seen aus. Eine seiner Gränzen stößt an die weite Wasserfläche des Ontario, während der Ehamplain ihn auf einer andern Seite beinahe vierzig Stunden weit begränzt. Der Oneida, der Cavuga, der Canan- daigua, der Sencca nnd der Georgsee sind alle ihre zwölf Stunden lang, während der kleineren Gewässer eine zahllose Menge ist. Auf den meisten dieser Seen liegen jetzt reizende Wohnsitze, und viele werten von Dampfbooten befahren. 276 Montcalm mit seinem Heere zurückgezogen und unsere Abenteurer mußten für möglich halten, er habe einige Indianer als Hinterhalt zurückgclaffen, um den Nachtrab zu decken und die Streifzügler zn sammeln. Sie nahten sich also der Durchfahrt in tiefstem Stillschweigen und mit ihrer gewöhnlichen Vorsicht. Chingachgook legte sein Nnder bei Seite, während llucas und der Kundschafter das leichte Fahrzeug durch die Schlangenwindungen der Kanäle trieben, wo sic mit jedem Fuße, den sie vordrangen, ans ein plötzliches Hemmniß gefaßt scyn mußten. Die Angen des Sagamoren rollten, während das Canoc sich leicht fortbewegte, behutsam von Insel zu Insel, von Busch zu Busch; und sein scharfer Blick schweifte, sobald die Weite des Spiegels cs erlaubte, längs der kahlen Felsen und der darüber hängenden Waldungen, welche die enge Wasserstraße begränzten. Heyward, den die Schönheit der Natur auf der einen Seite, ans der andern die in seiner Lage natürlichen Besorgnisse zn einem doppelt aufmerksamen Zuschauer machte, glaubte schon, daß für die letztem kein genügender Grund vorhanden gewesen, als die Ruder auf ein von Chingachgook gegebenes Zeichen plötzlich stille hielten. „Hngh!" rief Nncas beinah in demselben Augenblick, wo sein Vater durch einen leichten Schlag auf de» Rand des Canocs auf eine nahe Gefahr aufmerksam gemacht hatte. „Was gibt es?" fragte der Kundschafter; „der See ist so glatt, als ob nie ein Wind darüber geweht hätte, und ich kam ihn meilenweit überblicken: nicht einmal der schwarze Kopf einer Waffcrentc ragt über seine Oberfläche hervor." Der Indianer hob ernsthaft sein Ruder aus und deutete auf einen Punkt, dem sich seine Augen unverrückt znwandten. Dnncans Augen folgten der Bewegung. Wenige Ruthen vor ihnen lag eine niedere, bewaldete Insel, schien aber so still und friedlich, als ob ihre Einsamkeit nie durch den Tritt eines Menschen gestört worden wäre. 277 „Ich sehe Nichts/' sprach er, „als Land und Wasser; und entzückend ist der Anblick!" „St!" unterbrach ihn der Kundschafter. „Ja, Sagamore, du thust nie etwas ohne Grund, 's ist blos ein Schatten; aber doch ist er nicht natürlich. Ihr seht den Nebel, Major, der sich über die Insel erhebt; Ihr könnt es keinen eigentlichen Nebel nennen: eS ist mehr wie der Streif eines dünnen Gewölks." „Es sind Dünste, die aus dem Wasser kommen!" „Das steht ein Kind. Was i>l aber der Rand eines schwärzer» Dunstes, der sich weiter unten hinzieht und den Ihr bis in das Dickicht von Haselstauden verfolgen könnet? 's ist von einem Feuer, das man aber, wie mir vorkommt, hat abbrennen lassen." „So wollen wir denn anlegen, und unsere Zweifel lösen," sprach der ungeduldige Dunean; „der Trupp muß klein seyn, der auf einem so kleinen Fleckchen Land liegen kann." „Wenn Ihr die List der Indianer nach den Regeln, die Ihr in «lern Büchern findet, oder mit dem Scharfsinn eines Weißen be- »rtheilen wollt, so führt's euch in die Irre, wo nicht dem Tode entgegen," erwiedcrte Hawk-cye, indem er diese Merkmale mit seinem eigenthnmlichen Scharfblick betrachtete. „Wenn ich meine Meinung sagen darf, so haben wir nur Zweierlei zu wählen: das Eine ist, wir kehren um, und geben alle Gedanken an die Verfolgung der Huronen auf —" „Nimmermehr!" rief Hcyward, mit viel lauterer Stimme als die Umstände räthlich machte». „Gut! Gut!" fuhr Hawk-cye fort, indem er ihn hastig bedeutete, seine Ungeduld zu unterdrücken: „ich bin auch eurer Meinung, aber ich glaubte meiner Erfahrung schuldig zu seyn. Alles zu sagen. So müssen wir denn voran! Und wenn die Indianer oder die Franzosen in diesen Engen find, so müssen wir durch die hohen Berge hinSpießruthen lausen. Ist Vernunft in meinen Worten, Sagamors?" Der Indianer antwortete nur damit, daß er das Ruder in 278 das Wasser senkte nnd das Canoe weiter trieb. Da ihm die D Lenkung des Laufes oblag, so war sein Entschluß durch diese Be- M wegnng genugsam ausgesprochen. Auch die klebrigen ruderten jetzt M kräftig zu, und in wenigen Minuten hatten sse einen Punkt erreicht, I von wo aus sse das ganze, bisher verborgen gewesene nördliche I Ufer der Insel mit einem Blick beherrschen konnten. I „Da sind sie! wenn nicht alle Kennzeichen täuschen!" flüsterte ^ der Kundschafter; — „zwei Canoe und ein Ranch! Die Rügen der Schelme sind noch in dem Nebel gefangen, sonst hätten wir schon ihr verdammtes Kricgsgcschrei hören müssen. Zngerndert, Freunde! Wir entfernen nnS von ihnen nnd sind schon beinahe ans der Schußweite einer Kugel." Der wohlbekannte Knall einer Buchse, deren Kugel ans der ruhigen Wasserfläche daherhüpfte und ein schrilles Geheul von der Insel unterbrach seine Rede, nnd verkündete, daß sic entdeckt setzen. Einen Augenblick darauf sah man mehrere Wilde in die Canoe stürzen, die bald in eiliger Verfolgung auf dem Wasser dahcrtanzicn. Diese furchtbaren Vorläufer eines nahenden Kampfes brachten, so weit Duncan entdecken konnte, in den GesschtSzügen und den Bewegungen seiner drei Führer keine Veränderung hervor, außer daß ihre Rnderschlägc stärker nnd übereinstimmender wurden: nnd die kleine Barke schien nun wie mit belebtem Flügelschlage dahinzueilen. „Bleibe in dieser Richtung, Sagamore," sagte Hawk-eye, kaltblütig über seine linke Schulter blickend, während er immer noch fortruderte; „halte das Fahrzeug gerade so! Die Huronen habe» nie Gewehre, die so weit reichen; aber mein Wildtödter hat ein Rohr, auf welches ein Manu bauen kann." Als der Kundschafter sich überzeugt hatte, daß die Mohikaner allein vermögend waren, das Canoe in der erforderlichen Entfernung zu halten, legte er ruhig sein Ruder bei Seite und erhob die verhängnisvolle Büchse. Dreimal legte er sein Gewehr an die Schulter, die Gefährten erwarteten den Schuß, nnd dreimal senkte er es 279 wieder, um die Indianer zu bitten, ihre Feinde ein wenig näher herankommen zu lassen. Endlich schien sein genaues, scharfes Auge befriedigt, erbrachte seine linke Hand unter den Lauf und hob eben die Mündung langsam empor, als ein Ruf aus Uncas' Munde, der am Buge sah, seinen Schuß abermals verhinderte. „Was gibt es, Junge?" fragte Hawk-eye; „dn hast einen Huronen vom Todcsschrei errettet! Hast du Grund dazu gehabt?" — Ilncas wies nach dem Felscnufer, wo ein anderes Kriegscanoc ihren Weg gerade zu dnrchschneiden im Begriffe war. Offenbar war jetzt ihre Lage so änderst mißlich, daß es keiner Worte darüber bedurfte. Der Kundschafter legte seine Büchse weg und ergriff das Ruder wieder, während Chingachgook den Bug des Canoe ein wenig gegen das Westufer richtete, um die Entfernung zwischen ihnen und dem neuen Feind möglichst zu vergrößern. Zugleich drang sich ihnen die Gegenwart der Feinde wieder auf, die in ihrem Rücken waren und nun ein wildes und frohlockendes Geschrei ausstießcn. Eine so bedenkliche Seene weckte selbst Munro ans seiner Theil- uahmlostgkeit. „Laßt uns den Felsen dort am Lande zu," sprach er mit der Miene eines erfahrnen Soldaten; „und mit den Wilden kämpfen' Gott möge mich und alle, die mit mir und den Meinigen verbunden sind, davor bewahren, je einem Diener dieser Ludwige wieder zu trauen!" „Wer im Jndianerkrieg gut fahren will," entgcgnete der Kundschafter, „darf nicht zu stolz seyn, von der Erfahrung der Ein- gebornen zu lernen. Mehr ans Land, Sagamore; wir umsegeln die Schelme, und vielleicht werden sie versuchen weiter ansznholcn." Hawk-eye hatte sich nicht geirrt; sobald die Huronen sahen, daß der Weg, den sic genommen, den Verfolgten einen Vorsprung ließ, steuerten sie allmählig weniger geradeaus und nahmen immer mehr eine schiefe Richtung, so daß die beiden Canoes bald in gleichlaufenden Linien etwa zweihundert Ruthen von einander fuhren. Jetzt 280 galt es, wer am schnellsten ruderte. Die Bewegung der leichten Fahrzeuge war so schnell, daß der See vor ihnen kleine Wellen warf und sie durch ihre eigene Schnelligkeit in eine wogende Bewegung kamen. Dieser Umstand und die Nothwendigkcit, alle Hände beim Andern zu beschäftigen, war vielleicht Ursache, daß die Huronen nicht sogleich Feuer gaben. Die Anstrengungen der Fliehenden waren jedoch zu groß, um lange andancrn zu können, und die Verfolger hatten den Vortheil der Ucberzahl. Duncan bemerkte nicht ohne Bangigkeit, daß der Kundschafter verlegen um sich zu blicken begann, als suche er nach neuen HülfSmitteln, ihre Flucht zu beschleunigen." „Fahr' ein wenig mehr ans der Sonne, Sagamore," sprach der unverzagte Waidmann, „ich sehe, einer von den Schelmen denkt an seine Büchse. Ein einziges verwundetes Glied könnte uns unsere Skalpe kosten. Fahr' etwas aus der Sonne, so haben wir bald die Insel zwischen uns und ihnen." Das AnskuustSmittcl war nicht ohne Erfolg. Ein langgc- dehnles, niedriges Eiland lag in geringer Entfernung vor ihnen und als sie an dasselbe herankamcn, war das verfolgende Canoe genöthigt, sich aus der andern Seite zu halten. Der Kundschafter und seine Gefährten ließen diesen Vortheil nicht unbenutzt; sobald sie durch die Gebüsche jeder Beobachtung entzogen waren, verdoppelten sie ihre Anstrengungen, die schon vorher an's Wunderbare gräuztcn. Die beiden Cauoes kamen um die letzte niedrige Spitze, wie zwei Nenner am Ziele ihres Laufes: die Fliehenden aber voran. Diese Veränderung brachte sie jedoch einander näher, während sie auf der andern Seite ihre beiderseitige Lage änderte. „Du hast gezeigt, daß Du Dich auf die birkenen Fahrzeuge verstehst, Nncas, als Du dieses unter den Canocs der Huronen auswähltest," bemerkte lächelnd der Kundschafter, mehr befriedigt durch ihren Vorsprung im Rudern, als durch die schwache Aussicht, endlich zu entrinnen, die sich nun öffnete. „Die Schelme haben 281 sich wieder ganz aufs Ruder» gelegt, und wir müssen mit Stücken glatten HvlzeS, statt mit dem dunklen Nähr und scharfen Angen um unsere Skalpe kämpfen. Holt weiter mit dem Ruder aus, Freunde, und schlagt zumal!" „Sie schicken sich zum Schießen an," sagte Hcyward, „und da wir in einer Linie mit ihnen sind, so werden sie kaum fehlen." „So legt Euch auf den Boden des Fahrzeugs," erwiederte der Kundschafter, „Ihr und der Obrist; es sind dann schon ein Paar Zielpunkte weniger." Heyward antwortete lächelnd: „Das wäre ein gutes Beispiel, wenn die Höchsten am Rang sich ducken würden, während die Krieger im Feuer stehen." „Gott und Herr!" rief der Kundschafter, „das ist wieder einmal eines Weißen Muth und eine Ansicht, die vor der Vernunft ganz zusammenfällt! Meint Ihr, der Sagamore, oder Uncas, oder selbst ich, dem kein »nächster Tropfen Blutes in den Adern rinnt, würden sich bei einem Scharmützel bedenken, ein Versteck zu suchen, wenn cs nichts nützte, sich bloS zu stellen? Wozu haben sich die Franzmänner in Qucbek verschanzt, wenn man immer im freien Felde fechten muß?" „Alles dies ist sehr wahr, mein Freund," erwiederte Heyward, „und doch verbietet unsere Sitte uns. Euren Wunsch zu erfüllen." Eine Salve der Huronen unterbrach das Gespräch, und als die Kugeln um ihre Ohren pfiffen, sah Duncan, wie Nncas sich umwandts, um nach ihm und Mnnro zu sehen. Ungeachtet dev Nähe des Feindes und der eigenen großen Gefahr, drückte die Miene des jungen Kriegers, wie Heyward glauben mußte, keine andere Empfindung, als Erstaunen darüber aus, daß Leute sich so nutzlos einer Gefahr aussetzen wollten. Chingachgook war wahrscheinlich mit den Begriffen der Weißen inehr bekannt: denn er blieb, ohne einen Seitenblick zu thun, einzig mit dem Werkzeuge der Lenkung des Kahns beschäftigt. Gleich darauf,schlng eine 282 Kugel dem Häuptling das leichte und geglättete Ruder aus den Händen und schleuderte cs weit vor sie in die Luft. Die Hnroncn stießen einen Jubelschrei aus und ergriffen die Gelegenheit, eine zweite Salve zu geben. Nncas beschrieb mit seinem Ruder einen Bugen in dem Wasser, und während das Canoe pfeilschnell verschoß, erhaschte Chingachgook sein Ruder wieder, schwang eS hoch empor, das Schlachtgeschrei der Mohikaner erhebend, und wandte dann wieder alle seine Stärke und Geschicklichkeit der wichtigsten Aufgabe des Rnderns zu. Der weittönende Ruf: b-o xoos 8orpont! In, loiixuo Onra- di'no! Qe 6vrk nxilo! erscholl mit einem Male auf den CanocS hinter ihnen und schien die Verfolger mit neuem Eifer zu beleben. Der Kundschafter ergriff seinen Wildtödter mit der Linken und schwang ihn trinmphircnd über seinem Haupte den Feinden entgegen. Die Wilden beantworteten diesen Hohn mit einem Geheul, und unmittelbar darauf folgte eine weitere Salve. Die Kugeln sausten auf dem Sec daher und eine schlug sogar durch die Rinde ihres kleinen Kahns. Keine merkliche Aufregung war während dieses kritischen Augenblicks an den Mohikanern zu entdecken, ihre Gesichtszüge drückten weder Hoffnung noch Furcht aus; aber der Kundschafter sah nach Heyward um und sagte still vor sich hin lachend: „Die Schufte hören sich gerne schießen; aber kein Auge findet sich unter den MiugoS, welches in einem ans den Wellen tanze» den Canoe die Schußweite bemessen könnte. Ihr seht, die dummen Teufel nahmen einen Mann zum Laden weg, und aufs Geringste angeschlagen machen wir drei Schuh vorwärts, wenn sie zwei!" Duncan, welcher sich während dieser gemüthlichen Schätzung der Entfernungen nicht ganz so behaglich fühlte, als seine Gefährten, war froh, als er sah, wie sie durch ihre überlegene Gewandtheit und die Ausweichung der Feinde einen merklichen Vorlheil gewannen. Die Hnronen feuerten wieder, und eine Kugel schlug 283 in die Schaufel von Hawk-cyc'S Ruder, doch ohne ihn zu verletzen. „Nicht übel!" sprach der Kundschafter, die leichte Zersplitterung an seinem Ruder untersuchend; „es hätte einem Kinde nicht die Haut geritzt, viel weniger Männern, die, gleich uns, schon aller llngnnst des Himmels in Wind und Wetter getrotzt haben. Nun, Major, wenn Jhr's etwas mit dem Stücke flachen Holzes versuchen wollt, so will ich meinen Wildtödter an der Unterhaltung Theil nehmen lassen." Heyward ergriff das Ruder und machte sich mit einem Eifer an's Werk, der sein geringes Geschick ersetzte, während Hawk-cye das Zündkrant seiner Büchse untersuchte. Er zielte schnell und feuerte. Der Hnrone im Bug des vorder» Canoe hatte sich in gleicher Absicht erhoben, sank aber zurück und ließ seine Büchse in's Wasser fallen. Doch raffte er sich in einem Augenblick wieder auf, aber seine Geberden waren wild und verstört. Zugleich hörten seine Begleiter aus zu rudern, die verfolgenden Cannes stießen zusammen und blieben stille stehen. Chingachgook nnd Uncaö benützten die augenblickliche Panse um Athen, zu schöpfen; Dnnean aber fuhr fort, mit ausdauerndem Eifer zn arbeiten. Vater nnd Sohn warfen jetzt ruhige, aber forschende Blicke auf einander, um zn sehen, ob keiner durch das Feuer der Feinde verletzt worden sey: denn beide wußten wohl, daß kein Schrei oder Ausruf in einem solchen Augenblick der Noth, den Unfall hätte verrathen dürfen. Einige große Tropfen Blutes rannen über die Schulter des Sagamoren herab, nnd als er sah, daß Uncas Blicke zn lange darauf verweilten, schöpfte er etwas Wasser in der hohlen Hand, um den Fleck damit zn waschen, nnd begnügte sich, den Sohn ans diese einfache Weise von der geringen Bedeutung der Wunde zn überzeugen. „Gemach, gemach, Major!" sagte der Kundschafter, welcher indessen seine Büchse wieder geladen hatte. „Wir sind schon ein wenig zu weit entfernt/ als daß eine Büchse ihre Vorzüge entfalten könnte, und Ihr seht, die Schelme berathen sich so eben. Laßt sie auf Schußweite herankommcn; ich darf mich wohl auf mein Auge verlassen! Sie sollen den ganzen Horiean hinab gelockt werden, und ich will dafür stehen, daß seiner ihrer Schüsse im schlimmsten Falle mehr als die Haut streifen soll, wahrend mein Wildtödter zweimal in drei Tempos ihneü an's Leben gehen soll." „Wir vergessen den Zweck unserer Reise," entgegnete der besorgte Duncan. „Um Gottes Willen laßt uns diesen Vortheil benützen, um uns immer weiter von den Feinden zu entfernen." „Gebt mir meine Kinder!" ries Mnnro mit unterdrückter Stimme, „treibt kein Spiel mit der Angst eines Vaters, gebt nur meine Kinder wieder!" Seit langer Zeit geübte Achtung gegen die Befehle seiner Obern hatte den Kundschafter die Tugend des Gehorsams gelehrt. Einen letzten, zaudernden Blick auf die entfernten Canoes werfend, legte er seine Büchse bei Seite und ergriff, den ermüdeten Duncan ablösend, wieder das Ruder, das er mit Sehnen, die keine Erschöpfung kannten, regierte. Seine Anstrengungen wurden durch die Mohikaner unterstützt, und in wenigen Minuten war eine solche Wasserfläche zwischen ihnen und den Feinden, daß Heyward wieder freier athmete. , Der See dehnte sich jetzt, weiter aus und ihr Weg ging über weite Wasserränme, die, wie bisher, von hohen, rauhen Felsen eingefaßt waren. Die wenigen Inseln waren leicht zu vermeiden. Die Nnderschläge wurden abgemessener und regelmäßiger, während die Ruderer nach der hitzigen, gefahrvollen Verfolgung, von der sie sich kaum etwas erholten, ihre Anstrengungen mit einer Kaltblütigkeit fortsetzten, als ob ihre bisherige Eile nur ein Spiel, nicht das Gebot dringender, ja verzweifelter Umstände gewesen wäre. Statt dem westlichen Ufer zu folgen, wohin ihr Weg führte, steuerte der schlaue Mohikaner mehr auf die Berge zu, hinter 283 welche, wie man wußte, Montcalm sein Heer nach der furchtbare» Festung Ticonderoga geführt hatte. Da die Huroucn allem Ansehen nach die Verfolgung anfgegcben hatten, so war scheinbar kein Grund für eine so übermäßige Vorsicht vorhanden. Dennoch dauerte sie Stunden lang, bis sie in eine Bucht am nördlichen Ufer des Sees gelangten. Hier wurde das Canve aists Ufer getrieben und Alle stiegen an's Land. Hawk-eye und Heyward bestiegen eine nahe Anhöhe, und jener, die weite Wasserfläche unter ihnen überschauend, machte diesen aus einen kleinen schwarzen Fleck aufmerksam, der in der Entfernung von mehreren Meilen unter einer Landspitze sichtbar war. „Seht Ihr ihn?" fragte der Kundschafter. „Für was würdet Ihr nun diesen Fleck halten, wenn Ihr mit Eurer Erfahrung als Weißer allein den Weg durch diese Wafferwildniß machen müßtet?" „Nach der Entfernung und der Größe würd' ich es für einen Vogel halten. Kann es etwas Lebendiges seyn?" „Es ist ein Canoe von guter Birkenrinde und wird von wilden, listigen Mingos gerudert. Obgleich die Vorsehung den Bewohnern der Wälder Augen verliehen hat, die in den Niederlassungen nutzlos wären, wo es künstliche Mittel gibt, die Sehkraft zu heben, so sind doch menschliche Organe außer Stande, alle die Gefahren zu bemerken, von denen wir in diesem Augenblicke umgeben sind. Die Schelme thun, als dächten sie nur an das Abendmahl: sobald es aber finster ist, sind sie, Spürhunden gleich, uns auf der Fährte. Wir müssen sie los werden, oder auf Renard Sub- til's Verfolgung verzichten. Diese Seen sind manchmal zu etwas gut, besonders wenn das Wild ins Wasser stürzt, „fuhr der Kundschafter fort, mit etwas bcsorglicher Miene um sich blickend; „oberste geben Niemand Schutz, wenn nicht den Fischen. Gott weiß, wag ans dein Land werden würde, wenn die Weißen je ihre Niederlassungen weit über die zwei Flüsse ausdehnen wollten. Jagd und Krieg würden alle ihre Schönheit cinbüßcn." 286 „Laßt nuS keinen Augenblick verlieren, ohne gute und dringende Gründe." „Der Ranch will mir gar nicht gefallen, den Ihr dort an dem Felsen über dem Canoe anfsteigen sehet," uterbrach ihn der zerstreute Kundschafter. „Ich setze mein Leben daran, andre Augen, als die unseren sehen ihn und wissen, was er zu bedeuten hat. Nun, Worte machen nichts besser, und es ist Zeit, daß wir handeln." Hawk-eye stieg tief nachdenklich von seinem Späheort an das Ufer hinab. Hier theiltc er den Erfolg seiner Beobachtungen seinen Gefährten in dclawarischcr Sprache mit, und eine kurze, ernstliche Berathung folgte. Als sie zu Ende war, schritten alle Drei sogleich zur Ausführung ihrer Beschlüsse. Sie hoben das Canoe aus dem Wasser und trugen es auf den Schultern nach dem Walde, indem sie möglichst breite, in die Augen fallende Spuren hinterließen. In kurzem erreichten sie ein Gewässer, welches sie überschritten und sich bald an einem nackten Felsen von bedeutendem Umfange fanden. Von hier aus, wo ihre F»s- stapfen nicht weiter sichtbar seyn konnten, wandten sie ihren Peg zurück nach dem Bache, indem sie mit der äußersten Vorsicht rückwärts gingen. Jetzt folgten sie dem Bett des kleinen Flusses bis nach dem See, und ließen ihr Canoe alsbald wieder ins Wasser. Ein niedriger Felsenvorsprnng verbarg sie hier vor der Landspitze, und der Rand des Sees war eine Strecke weit mit dichten, herabhängenden Büschen bewachsen. Unter dem Schutze dieser von der Natur gebotenen Vorthcilc, verfolgten sie ihren Weg mit ausdauerndem Eifer, bis der Kundschafter für angemessen hielt, wieder zu landen. Hier blieben sic liegen, bis der Abend die Gegenstände dem Auge unkenntlich und ungewiß machte. Daun nahmen sie ihren Weg wieder auf und ruderten, von der Finsterniß begünstigt, in aller Stille rüstig auf das westliche Ufer zu. Obgleich die rauhen Umrisse der Berge, auf die sie loSstenerten, Dunean'S Auge keine 287 unterscheidenden Merkzeichen boten, so liefder Mohikaner doch in de» kleinen Hasen, den er gewählt hatte, mit der Sicherheit nnd Umsicht eines erfahrenen Lotsen ein. Das Boot wnrde wieder ansgehobcn nnd in die Wälder getragen, wo sie cS sorgfältig nnter einem Hansen Strauchwerk verbargen. Die Reisenden nahmen jetzt ihre Waffen nnd ihr Gepäck zn sich, nnd der Kundschafter kündigte Mnnro und Hepward an, daß er mit den Indianern endlich bereit scy, ihre Wanderung anzutreten. Eimindzwaiizigstes Kapitel. lind findet ihr dort einen Mann, so stirbt Er eines Flohes Tod. Die lustigen Weiber von Windsor. Die Wanderer hatten an der Gränzc eines Landsirichs gelandet, der bis ans den heutigen Tag den Bewohnern der vereinigte» Staaten weniger bekannt ist, als die Wüsten Arabiens oder die Steppen der Tatarci. Es war das unfruchtbare und rauhe Land, das die dem Ehamplain zinsbaren Flüsse von denen des Hudson, des Mohawk nnd des St. Lorenz trennt. Seit der Periode unserer Erzählung hat der Unternehmungsgeist des Landes dasselbe mit einem Gürtel reicher, blühender Niederlassungen umgeben, obgleich anH bis jetzt nur der Jäger oder der Indianer in seine wilden Gebiete eingedrnngen ist. Da jedoch Hawk-cpe und die Mohikaner die Berge und Thä- ler dieser endlosen Wildniß oft durchstreift hatten, so bedachten sie sich nicht lange, in ihre Tiefen zu dringen, mit der Zuversicht von Männern, die, an Entbehrungen nnd Anstrengungen gewöhnt sind. Mehrere Stunden lang hatten die Reisenden, von einem Sterne geleitet, oder dem Lauf eines Waldbachcs folgend, ihren mühsame» Weg fortgesetzt, da rief der Kundschafter Halt: nach einer kurze» 288 Berathnng mit den Indianern wurde ein Feuer angezündct nnd die gewöhnlichen Vorkehrungen getroffen, den Nest der Nacht an diesem Orte zuzubringcn. Dem ermnnternden Beispiele ihrer erfahreneren nnd zuversichtlicheren Gefährten folgend, überließen sich Munro und Duncan ohne Furcht, wenn auch nicht mit Behaglichkeit der Ruhe. Der Thau war verdunstet, die Sonne hatte die Nebel zerstreut, nnd goß ein starkes und Helles Licht in den Wald, als die Reisenden ihre Wanderung wieder begannen. Nachdem sie einige Meilen znrückgclegt hatten, fing Hawk-eye, -welcher voranging, an, bedächtlichcr nnd wachsamer vorwärts zu schreiten. Er blieb oft stehen/ die Bäume zu untersuchen, nnd ging über keinen Bach, ohne die Tiefe, Schnelligkeit und Farbe seines Wassers zu beobachten. Seinem eigenen Nrthcile mißtrauend, holte «r häufig und angelegentlich die Meinung Chingachgook's ein. Während dieser Besprechungen bemerkte Hepward, daß llncas stets «in ruhiger und stillschweigender, obgleich wie es schien, theilnahm- voller Zuhörer war. Er fühlte sich stark versucht, den jungen Häuptling anzuredcn und ihn über seine Ansicht Von ihren Fortschritten zu befragen; aber die ruhige, würdevolle Haltung des Eingeborncn ließ ihn glauben, daß auch der Andere dem Scharfsinne und der Einsicht der Aelteren unbedingt vertraue. Zuletzt sprach dev Kundschafter englisch und erklärte mit einem Mal die Verlegenheit ihrer Lage. „Als ich fand, daß die Spuren des Heimwegs der Huroncn nordwärts gingen," sprach er, „da brauchte es kein gereiftes llrthcil, um zu schließen, daß sie den Thälern nachgehen und sich zwischen den Wassern des Hudson und des Horican halten würden, bis sie zu den Quellen der Flüsse Canadas kämen, die sie in das Herz des Franzvsenlandcs führen müßten. Jetzt sind wir hier nicht weit von dem Scaroon, und keine Spur einer Fährte haben wir getroffen! Es tdrt der Mensch, und möglich ist, daß wir nicht den rechten Weg eingcschlagen haben!" „Der Himmel bewahre uns vor solch einem Jrrthnm!" rief Dnncan. „Wir wollen zurück und mit schärferen Blicken suchen. Hat Nncas in solcher Noth keinen Rath zu ertheilen?" Der junge Mohikaner warf einen Blick ans seinen Vater, schwieg aber mit der vorigen Miene der Ruhe und Zurückhaltung still. Chingachgook hatte dieß bemerkt und winkte ihm mit der Hand, zu sprechen. Kaum war die Erlaubniß erthcilt, so ging die ernste Ruhe des Jünglings in einen Ausdruck der Freude und des Scharfsinns über. Mit der Geschwindigkeit eines Wildes lief er eine kleine Anhöhe hinan, die sich kaum vor ihnen erhob, und blieb frohlockend über einer Spur frisch aufgewühlter Erde stehen, die von dem Tritt eines beschwerten ThierS herzurühren schien. Aller Augen folgten der unerwarteten Bewegung und lasen in der trinm- phirenden Miene des Jünglings den glücklichen Erfolg seiner Forschung. „Das ist 'ne Spur!" rief der Kundschafter, auf den Ort vortretend; „der Junge ist schnell von Blick und kühn für sein Alter!" „Es ist sonderbar," murmelte Duncan zur Seite, „daß er mit seiner Entdeckung so lange an sich gehalten hat." „Es wäre noch mehr zu verwundern gewesen, wenn er unaufgefordert gesprochen hätte. Nein, nein; ein Junge bei euch Weißen, der seine Weisheit aus den-Büchern schöpft, und sein Wissen nach den Seiten eines Buches mißt, mag sich einbildcn, daß er mit dem Kopfe, wie mit den Beinen seinen Vater überhole: aber hier, wo eS auf Erfahrung ankommt, lernt der Schüler den Werth der Jahre schätzen und achtet sie demgemäß." „Seht!" sprach Uncas, nach Norden und Süden auf die deutlichen Zeichen einer starken Fährte zu beiden Seiten deutend; „das schwarze Haar ist hier dem Froste zu gegangen." „Kein Spürhund hat je eine schönere Fährte gefunden," versetzte der Kundschafter, plötzlich auf dem angedeuteten Wege vorwärts eilend; „der Himmel ist uns günstig, sehr günstig, und wir Der letzte Mohikan. 13 290 brauchen jetzt die Nase nicht mehr aus die Erde zu halten. Ja, hier sind wieder die zwei einseitigen Pferdchen; der Hurone inarschirt wie ein General der Weißen. Er ist nicht recht bei Trost, er ist toll! Sieh, Sagamore, ob du kein Nadgcleise findest," fuhr er fort, indem er mit neuerwachter Befriedigung lachend rückwärts blickte; „bald wird der Thor noch in der Kutsche fahren, indeß ihm sechs der besten Augen ans der Gränze dicht auf der Ferse folgen." Die Aufgeräumtheit des Kundschafters und der unerwartet glückliche Erfolg, der ihren über mehr denn vierzig Meilen ausgedehnten Weg nun gekrönt hatte, verfehlte nicht, auch den Andern neue Hoffnung »utzutheilen. Ihr Vordringen geschah überaus schnell und mit einer Zuversichtlichkeit, die ein Reisender auf der Landstraße hätte haben können. Wenn ein Felsen, ein Bach, oder etwas härterer Boden den Faden des Knäuels, dem sie folgten, unterbrach, so fand ihn das untrügliche Auge des Kundschafters in einiger Entfernung wieder auf, und selten war es uöthig, auch nur einen Augenblick stehen zu bleiben. Sehr erleichtert wurde ihre Reise durch die Gewißheit, daß Magna eS nothwendig gefunden, seinen Weg durch die Thäler zu nehmen: ein Umstand, der die Hauptrichtmig ihrer Straße nnbezweifelt sicher machte. Der Hurone hatte übrigens die gewöhnlichen Kunstgriffe der Eingebornen, wenn sie sich vor einem Feinde zurückziehen, nicht gänzlich verabsäumt. Falsche Spuren und plötzliche Wendungen waren häufig, so oft ein Bach oder die Bildung des Bodens es thunlich machte; aber die Verfolger ließen sich nur selten täuschen, oder verfehlten wenigstens nicht, ihren Jrrthnm zu entdecken, ehe sie Zeit oder Richtung auf der trügerischen Spur verloren hatten. Gegen die Mitte des Nachmittags waren sie über den Scaroo» gegangen und folgten nun der Richtung der untergehenden Sonne. Nachdem sie von einer Anhöhe herab in eine Niederung herabgestiegen waren, durch welche ein kleiner Bach dahin eilte, kamen sie unerwartet an eine Stelle, wo Le Ncnard'S Zug offenbar Halt gemacht hatte. Halbverzchrte Feuerbrände lagen uni eine Quelle: Ueberrefte eines Damhirsches waren umher zerstreut, und die Bäume trugen unverkennbare Spuren einer Abmeldung durch die Pferde. In einiger Entfernung entdeckte Heyward ein kleines Laubdach, das er mit zärtlicher Rührung betrachtete, in dem Gedanken, daß Cora und Alice darunter geruht hätten. Während aber die Erde rundum zertreten war und Fußstapfen von Männern und Thieren im ganzen Umkreis des Platzes deutlich hervortraten, schien hier mit einem Make alle Spur zu verschwinden. Leicht konnte man die Fährte der NarragansetS verfolgen, sie schienen aber ohne Führer umhergelaufen und nur ihrem Futter nachgegangen z» sehn. Endlich fand Uncas, der mit seinem Vater der Spur der Pferde gefolgt war, ein Zeichen, das ihre Nähe unwiderleglich verkündete. Ehe er aber den Tritten nachging, theilte er die Entdeckung seinen Begleitern mit, und während die letzteren sich über diesen Umstand beriethen, erschien der junge Indianer wieder, die beiden Pferdchen herbeiführend mit zerbrochenen Sätteln und beschmutzten Decken, als wären sie mehrere Tage sich selbst überlassen umhergelaufen. „Worauf deutet dies?" — fragte Duncan erbleichend, und besorgt um sich her blickend, als ob die Büsche und Blätter ein entsetzliches Geheimniß entdecken könnten. „Daß wir mit unsrer Reise zu einem schnellen Ende gekommen sind uird uns in Feindesland befinden," versetzte der Kundschafter. „Wäre der Schurke gedrängt worden und hätten die Mädchen keine Pferde gehabt, um mit den klebrigen Schritt halten zu könne», so hätte er ihnen vielleicht die Skalpe abgezogen: aber ohne einem Feind auf den Fersen, und mit solchen Thieren, hat er ihnen kein Haar auf dem Haupte gekrümmt. Ich weiß, was Ihr denket; und Schande ist'S für unsere Farbe, daß Zhr Grund dazu habt; wer aber glaubt, ein Mingo mißhandle eine Frau, eS sey denn, um sie dann zu erschlagen, der kennt die Zndianer und das Leben in den 292 Wäldern nicht. Nein, nein, ich habe gehört, daß die französischen Indianer in diese Berge gekommen sind, um das Mußthier zu jagen, und wir sind in die Nähe ihres Lagers gekommen. Warum sollten sie auch nicht? Jeden Tag kan» man Morgens und Abends die Kanonen von Ty in diesen Bergen hören: denn die Franzosen führen eine neue Verthcidigungslinie zwischen den Provinzen des Königs und Canada auf. Es ist wahr, die Pferde sind hier, aber die Huronen sind fort. Wir müssen jetzt den Pfad anfspüren, auf dem sie sich davon gemacht haben." Hawk-epe und die Mohikaner gingen alsbald ernstlich an'S Werk. Ein Kreis von einigen hundert Fußen ward um den Platz gezogen, und Jeder nahm sich seinen Theil davon. Die Forschung führte jedoch zu keinem Resultate. Häufige Spuren Von Fußtritten waren vorhanden; allein die Leute schienen nur umhergelaufen zu seyn, ohne die Absicht, den Ort zu verlassen. Der Kundschafter und seine Gefährten machten noch einmal die Runde um den Ruheplatz, indem Einer dem Andern langsam folgte, bis sie in der Mitte znsammcntrafcn, ohne inzwischen klüger geworden zu seyn. „Solche Arglist deutet auf den Satan!" rief Hawk-eye, als er den ängstlichen Blicken seiner Gefährten begegnete. „Wir müssen wieder hinab, Sagamore, und von der Quelle an den Boden Zoll für Zoll untersuchen. Der Hurone soll sich bei seinem Stamm nicht rühmen, daß sein Fuß keine Spur hinterlaffe." Mit gutem Beispiel vorangehend, begann der Kundschafter die Untersuchung mit erneutem Eifer. Jedes Laub wurde umgekehrt, jedes dürre Reis weggeräumt, jeder Stein ausgehoben — denn eS war eine bekannte List der Indianer, sich solcher Mittel zu bedienen, um jeden Tritt mit der größten Geduld und Sorgfalt zu verdecken. Noch immer blieb die Untersuchung ohne Erfolg. Endlich überdämmte Uncas, den eine gewohnte Lebhaftigkeit am ersten zur Vollendung seiner Aufgabe geführt hatte, den kleinen Bach, der jener Quelle entsprang, mit Erde und lenkte so seinen Lauf in ein anderes 293 Bett. Sobald sein schmaler Grund hinter dem Damme trocken lag, bückte er sich mit scharfem, neugierigem Blicke darüber nieder. Ei» Ruf ausgelassener Freude kündigte sogleich den Erfolg des jungen Kriegers an. Alle umstanden die Stelle, wo UneaS in der feuchten Anschwemmung auf die Spur eines MoccasinS deutete. „Der Junge wird seinem Volke Ehre machen," sprach Hawk« eye, die Fährte mit so vieler Bewunderung betrachtend, als der Naturforscher dem Hauzahn eines Mammuths oder der Rippe eines Mastoden schenken würde: „ja, und deu Hnronen ein Dorn im Auge seyn. Das ist aber kein Fußtritt eines Indianers! Das Gewicht rnht zu sehr auf der Ferse, und die Zehen sind viereckig, als wäre einer der französischen Tänzer hier gewesen und hätte seinen Leuten Kunststücke vorgcmacht! Geh zurück, Uncas, und bring mir das Maß von des Singmeisters Fuß. Dort dem Felsen gegenüber an dem Abhang des Hügels findest du einen herrlichen Abdruck davon." Während der Jüngling mit diesem Auft-mg beschäftigt war, betrachteten der Kundschafter und Chingachgook die Spuren mit großer Aufmerksamkeit. Das Maß traf zu, und der Erstere that unbedenklich den Ansspruch, daß es Davids Fußtritt sey, der seine Schuhe wieder mit MoccasinS hatte vertauschen müssen. „Jetzt ist mir Alles so klar und deutlich, als ob ich Le Snbtil's Künsten zngesehen hätte," fuhr er fort; „da der Singmeister ein Mensch ist, dessen Hanptkrafl in seiner Kehle und in seinen Füße» liegt, so mußte er vorausgehen, und die Andern find in seine Fußstapfen getreten." „Aber," rief Duncan, „ich sehe keine Spure» von —" „Den Mädchen!" unterbrach der Kundschafter; „der Schelm muß ein Mittel gefunden haben, sie so weit zu tragen, bis er glaubte, er habe allen Verfolgungen die Spur entzogen. Mein Leben daran — ehe wir eine große Strecke hinter uns haben, treffe» wir wieder die Spur ihrer niedlichen Füßchen!" 294 Der ganze Zug brach jetzt auf und verfolgte den Lauf des Bachs, mit aufmerksamen Augen die regelmässigen Spuren verfolgend. Das Wasser floß bald wieder in sein altes Bett, aber sie behielten den Boden auf beiden Seite» stets im Auge, überzeugt, daß unten im Wasser die Fährte fortgehe. Mehr als eine halbe Meile* waren sie gegangen, bis der Bach um den Fuß eines großen und kahlen Felsen rieselte. Hier hielten sie, um sich z» vergewissern, daß die Huronen an dieser Stelle das Wasser nicht verlassen hätten. Und wohl ihnen, daß sie dies nicht unterließen. Das lebhafte, scharfe Auge des jungen Kriegers fand bald die Spur eines Jndianer- fußeS auf einem Büschel Moos, auf den jener aus Unachtsamkeit getreten war. Diese Entdeckung verfolgend, trat er in das nahe Dickicht und fand eine Spur, so frisch und deutlich, als jene-, die sie vor der Quelle gefunden hatten. Ein zweiter Ruf. verkündete das gute Glück des Jünglings seinen Begleitern und alles Suchen hatte nun ein Ende. »Ja, ja, indianische Schlauheit war es," sagte der Kundschafter, als sich alle um die Stelle versammelt hatten; „und sie hätte weiße Augen sicherlich irre geführt." „Gehen wir weiter?" fragte Heyward. „Gemach! gemach! Wir kennen jetzt unfern Weg, es wird aber gut seyn, wenn wir Alles genau untersuchen. Das ist mein Grundsatz, Major; und wenn Einer in dem Buche der Natur zu lesen verabsäumt, so erfährt er nicht, was ihm offen vor Auge» liegt. Alles ist jetzt klar am Tage, nur nicht, wie er die Mädchen über die nasse Fährte gebracht hat. Selbst ein Hurvne wäre z« stolz, die zarten Füße das Wasser berühren zu lassen." „Erklärt uns dies vielleicht das schwere R.ithsel?" fragte Hcy- ward, auf die Bruchstücke einer Art von Tragbahre deutend, die, * So oft von Meilen die Rede ist, sind eS englische Meilen, deren fünf auf eine deutsche gehen. Anm. d. Uebers. 295 aus ruhen Acsten verfertigt und mit Weiden zusammengebunden, als unnütz jetzt nachlässig bei Seite geworfen schien. „Jetzt haben wir's!" rief der entzückte Hawk-epe. „Wenn die Schelme den Weg in einer Minute zurückgelegt haben, so waren Stunden nöthig, ihrer Fährte ein Lügen-Ende zu zimmern. Nun ich weiß, daß sie mit so geringfügiger Arbeit schon Tage zugebracht haben. Hier haben wir drei Paar Moccasins, und zwei von kleinen Füßen. ES ist erstaunlich, daß menschliche Wesen auf so kleinen Gliedern gehen können! Uncas, gib mir den bock'edernen Riemen, daß ich die Länge dieses Fußes messe. Bei Gott, 'S ist der eines Kindes, und doch sind die Mädchen schlank und stattlich. Der Himmel ist parteiisch mit seinen Gaben, wiewohl er seine weisen Gründe dazu haben mag: das müssen die Besten und Zufriedensten von uns zngeben." „Die zarten Glieder meiner Tochter sind diesen Mühseligkeiten nicht gewachsen," sagte Munro, die leichten Fußtritte seiner Kinder mit väterlicher Zärtlichkeit betrachtend; „wir werden ihre verschmachteten Gestalten in dieser Wüste finden." „Das habt ihr eigentlich nicht zu besorgen," versetzte der Kundschafter, langsam den Kopf schüttelnd; „das ist ein fester und gerader Schritt, wenn auch kurz und leicht. Seht, die Ferse berührte kaum den Boden, und hier hat die mit dem dunkeln Haar einen kleinen Sprung über Wurzeln gemacht. Nein, nein; wie ich die Sache verstehe, so war hier keine von ihnen dem Verschmachten nahe. Der Sänger fängt aber nun an wunde Füße und müde Beine zu kriegen, das sieht man an der Fährte da. Hier, seht ihr, ist er ansgegleitet. Er hat ein weites und sicheres Geleise; da ist es, wie wenn er auf Schneeschuhen gegangen wäre. Ja, ja, Einer, der immer nur seine Kehle schult, kann seine Beine nicht recht ziehen." Durch solch untrügliche Zeugnisse errieth der geübte Wachmann die Wahrheit so sicher und treffend, als ob er bei allen den > >SK!,. »4 >/ ^V >/p>. - Um DU S'L-iE '''' W DM Vorfällen, die sein Scharfsinn so leicht erklärte, gegenwärtig qe- wcsen wäre. Erfreut über diese Resultate, und beruhigt durch seine so schlagende, einfache Schlnßfolge, setzte die Gesellschaft ihren Marsch fort, nachdem sie eine Weile gehalten, um ein eiliges Mal cinzunchmen. Nach beendigtem Eisen, warf der Kundschafter einen Blick auf die nntcrgehenden Sonne und eilte mit einer Schnelligkeit dahin, daß Hepward und der immer noch kräftige Mnnro alle Muskeln ansirengen mußten, um gleichen Schritt zu halten. Ihr Weg ging immer längs der schon erwähnten Niederung. Da die H„- roncn keine weitere Vorsicht gebraucht hatten, ihre Fährte zu verbergen, so hielt keine Ungewißheit die Verfolger mehr auf. Ehe jedoch eine Stunde verging, ließ die Eile Hawk-cye'S merklich nach, und sein Haupt wandte sich, statt die frühere gerade Richtung nach vorne beiznbehalten, vorsichtig bald auf diese, bald ans jene Seite, als ob er eine nahende Gefahr ahne. Endlich hielt er an und wartete, bis die ganze Gesellschaft zu ihm herangekommen war. „Ich wittere die Hnronen," sagte er zu den Mohikanern! „dort zwischen den Banmgipfcln wird es Licht, wir kommen am Ende ihrem Lager zu nahe. Sagamore, nimm du den Hügel hier zur Rechten und Uneas geht links den Bach entlang, indeß ich die Spur verfolge. Wenn es was gibt, so wird dreimal wie 'ne Krähe gekrächzt. Ich sah so eben einen dieser Vögel durch die Luft streichen, gerade über jener abgestorbenen Eiche — auch ein Zeichen, daß wir an ein Lager kommen." Die Indianer entfernten sich, ohne ein Wort zu erwiedcrn, Jeder nach seiner Seite hin, während Hawk-eye mit den beiden Ofizicren weiter vorschritt. Hepward drängte sich bald an die Seite ihres Führers heran, begierig, der Feinde, die er mit solcher Mühe und Angst verfolgte, ansichtig zu werden. Sein Begleiter wicS ihn an, nach dem Rande des Waldes zu schleichen, der wie gewöhnlich mit einem Dickicht umgeben war, und zu warten bis er 297 komme: beim er wollte einige verdächtige Zeichen, die sich zur Seite darboten, untersuchen. Dunean gehorchte, und fand sich bald an einem Punkte, wo er eine Aussicht beherrschte, die ihm so außerordentlich, als neu erschien. Die Bäume waren viele Morgen weit gefällt und die Glut eines milden Sommcrabcnds lag ans der Lichtung, in schönem Kontrast mit der dunkleren Färbung der Wälder. In geringer Entfernung von der Stelle, wo Dunran stand, hatte sich der Bach in einen kleinen See erweitert, der den größten Theil der Niederung zwischen den Bergen einnahm und aus diesem weiten Becken in einem so regelmäßigen und sanften Wasserfalle abstoß, daß man mehr das Werk von Menschenhänden, als ein Gebilde der Natur zu erblicken glaubte, Hunderte von Wohnungen aus Erde standen an dem Rande des Sees und selbst noch in dem Wasser, als ob die Flut über ihr gewöhnliches Ufer getreten wäre. Die eigcn- thnmlichen Dächer, zum Schutze gegen das Unwetter wundersam gerundet, zeugten von mehr Sorgfalt und Umsicht, als die Eingeborne» ihren gewöhnlichen Hütten zu widmen pflegten, und waren denen am wenigsten zu vergleichen, die nur zu zeitigem Gebrauche während der Jagd und des Kriegs dienten. Kurz das ganze Dorf oder die kleine Stadt, wie man cs nennen konnte, war niedlicher und mit mehr Kunstanfwand gebaut, als die Weiße» bei den Indianern gewöhnlich verauSzusetzen pflegten. Der Ort schien jedoch verlassen; wenigstens war Dnncan eine Weile dieser Meinung: endlich aber glaubte er mehrere menschliche Gestalten zu erblicken, die auf allen Bieren hcrankamen, und etwas Schweres, wie er schließen wollte, vielleicht eine furchtbare Kriegsmaschine, hinter sich schleppten. Eben jetzt schauten mehrere schwarze Köpfe aus den Wohnungen hervor und der Platz schien plötzlich von Wesen belebt» die so schnell von Versteck zu Versteck eilten, das es ihm unmöglich war ihre Stimmung oder Absicht zu unterscheiden. Beunruhigt durch diese verdächtigen und unerklärlichen Bewegungen, war er 298 im Begriff, das Krähensignal zn geben, als ein nahes Rauschen der Blätter seine Augen nach einer andern Seite zag. Der junge Mann fuhr auf und prallte einige Schritte instinkt- mäßig zurück, als er einige hundert Schritte vor sich einen fremden Indianer erblickte. Er ermannte sich jedoch augenblicklich wieder, und blieb, statt Lärm zu machen, der ihm selbst hätte verderblich werden können, unbeweglich stehen, ein aufmerksamer Beobachter des neuen Ankömmlings. Ein Augenblick ruhiger Betrachtung überzeugte Dnncan, daß er noch unentdeckt sey. Der Eingcborne schien, wie er, beschäftigt, die niedrigen Hütten des Dorfes und die eiligen Bewegungen seiner Bewohner zu beschauen. Unter der Maske einer grotesken Malerei waren seine Gesichtszüge unmöglich zu erkennen: doch war es Dunean, als ob sie eher Schwermuth als Wildheit ausdrückten. Sein Kopf war, wie gewöhnlich, geschoren bis aus den Scheitel, von dessen Schopf drei oder vier verwitterte Falkenfedcrn lose herabwehtcn. Ei» zerrissener Calicomantel umgab seinen Leib zur Hälfte, während der untere Theil seiner Bekleidung ans einem schlichten Hemde bestand, dessen Aermel einen Dienst versahen, der sonst durch eine weit bequemere Vorrichtung geleistet wird. Seine Beine waren uackt und von Dornen kläglich zerrissen, seine Füße aber trugen ein paar Moccasins von gutem Hirschleder. Kurz das Aussehen des Individuums war verwahrlost und elend. Dnncan war immer noch mit neugieriger Betrachtung seines Nachbars beschäftigt, als der Kundschafter still und vorsichtig an seine Seite schlich. „Ihr seht, wir haben eine ihrer Niederlassungen oder ein Lager erreicht," flüsterte ihm der junge Mann zn, „und hier ist einer der Wilden selbst, der unsere ferneren Bewegungen sehr störend hemmt." Hawk-eye fuhr ans und ließ seine Büchse sinken, als er, dem Finger seineSBegleiterS folgend, den Fremden gewahrte. Doch senkte er 299 die gefährliche Mündung wieder nnd streckte seinen langen Nacken vor, als sollte dieser eine so mißliche Untersuchung noch weiter unterstützen. „Der Schelm ist keinHuronc" sprach er, „auch keiner aus den Canadastämmen, und doch seht Ihr an seinen Kleidern, daß er einen Weißen geplündert hat. Ja, Montcalm hat die Wälder für seinen Einfall gcdrandschatzt und eine lärmende, mörderische Rotte um sich versammelt. Könnt Ihr sehen, wo er seine Büchse oder seinen Bogen abgelegt hat?" „Er scheint unbewaffnet, und überhaupt keine schlimmen Absichten zu hegen. Wenn er nicht seine Gefährten, die dort unten am Wasser sich ducken, in Allarm bringt, so haben wir nur wenig von ihm zu fürchten." Der Kundschafter wandte sich gegen Heyward und sah ihn einen Augenblick mit unverholcnem Erstaunen an; dann öffnete er den Mund weit nnd brach in ein volles nnd herzliches Lachen aus, aber immer in jener schweigsamen Weise, die ihn häufige Gefahr gelehrt hatte. „Gefährten, die am Wasser herumschleichen!" wiederholte er: „das hat man davon, daß man seine Jugend in der Schule nnd innerhalb der Niederlassungen verbringt! Der Schelm hat jedoch lange Beine und wir dürfen ihm nicht ganz trauen. Haltet ihn mit eurer Büchse im Respekt, bis ich durch das Gebüsch von hinten heranschleiche und ihn lebendig fange. Schießt aber auf keinen Fall!" Schon war sein Gefährte halb in dem Dickicht verschwunden, als Heyward seinen Arm vorstreckte, und ihn mit der Frage noch einmal anhielt: „Wenn ich euch in Gefahr weiß, sott ich da nicht einen Schuß wagen?" Hawk-eye sah ihn einen Augenblick an, wie einer, der nicht recht wußte, wie er die Frage nehmen sollte; dann nickte er mit dem Kopfe und antwortete lachend, obgleich kaum hörbar: 300 „Ein ganzes Pelotonfeuer, Major!" Im nächsten Augenblick verbargen ihn die Blatter. Dnncan wartete einige Minuten in fieberhafter Ungeduld, bis er den Kundschafter wieder gewahrte. Jetzt kam dieser von neuem zum Vorschein, auf der Erde liegend, von der ihn sein Anzug schwer unterscheiden ließ, und gerade auf seinen beabsichtigten Gefangenen zukriechend. Als er noch einige Schritts von ihm entfernt war, richtete er sich still und langsam auf. In diesem Augenblick fielen mehrere laute Schläge in das Wasser und Dnncan wandte seine Angen gerade noch zur Zeit, um hundert schwarze Gestalten zusammen in das kleine in Aufruhr gebrachte Gewässer plumpen zu sehen. Er griff nach seiner Büchse; und seine Blicke richteten sich wieder auf den nahen Indianer. Statt über den Lärm zu stutzen, streckte der Wilde unwillkührlich den Hals vor, als ob auch er die Bewegungen um den düstern See mit einer Art einfältiger Neugierde bewache» wollte. Mittler Weile schwebte Hawk-eye'S Hand über ihm, sank aber wieder ohne sichtbaren Grund, und ihr Eigcnthümer überließ sich von neuem einem langen, obgleich immer noch verborgenen Ausbruch von Heiterkeit. Endlich nachdem sein herzliches Gelächter zu Ende war, gab er, statt sein Schlachtopfer an der Kehle zu fassen, ihm einen leichten Schlag ans die Schulter und rief laut: „Wie, Freund, habt ihr vor, die Biber singen zu lehren?" „Gewiß," war die schnelle Antwort. „Das Wesen, das ihnen möglich machte, seine Gaben so gut anznwenden, wird ihnen nicht die Stimme versagen, sein Lob zu singen." 301 Zweiundzwanzigstes Kapitel» Grund. Sind wir alle beisammen? Quitte. Nun hier ist ein ungemein Bequemer Ort für unsere Probe. Shakespeare. Der Leser wird sich Heyward's Ueberraschung eher vorstellen können, als wir sie zu beschreiben vermögen. Seine lanernden Indianer waren plötzlich in vierfüßige Thiere umgewandelt, sein See in einem Biberteich, sein Wasserfall in einem Damm von diesen fleißigen und erfinderischen Vierfüßlern angelegt, ein verdächtiger Feind in einen erprobten Freunv, David Gamut, den Meister im Psalmengesang. Die Gegenwart des Letzter» rief so viel unerwartete Hoffnung in Betreff der Schwestern ins Leben, daß der junge Mann, ohne sich einen Augenblick zu bedenken, aus seinem Verstecke hervor sprang und auf die beiden Hauptspieler in dieser Scene zneiltc. Hawk-cye's lustige Laune ließ sich nicht so leicht unterdrücken. Ohne Weiteres drehte er mit rauher Hand den geschmeidigen Gamut auf der Ferse herum und versicherte mehr denn einmal, die Wahl seines CostümS mache den Huronen alle Ehre; dann ergriff er des Gefährten Hand, drückte sie mit einer Kraft, die dem ehrlichen David Thränen aus den Augen preßte, und wünschte ihm Glück zu seiner neuen Stellung. „So wäret Ihr also wirklich im Begriff, unter den Bibern eine Singschule aufzuthun, nicht wahr?" fragte er: „die gelehrigen Teufel haben de» Handel schon halb los, sie schlagen mit ihren Schwänzen den Takt, wie Ihr eben gehört habt. Uebrigens hatten sie Zeit dazu, sonst hätte ihnen mein Wildtödter den ersten Ton angegeben. Ich habe Leute gekannt, die lesen und schreiben konnten, und nicht halb so viel verstanden, als ein alter Biber. Was aber 302 das Singen betrifft, so läßt sich nichts mit ihnen machen. Die armen Thiere sind stumm geboren. Was haltet Ihr von einem Gesang, wie dieser?" David hielt sich die Hände vor die beleidigten Ohren, als das Krächzen einer Krähe durch die Lust ertönte, und selbst Heyward, obgleich er die Natur des Geschrei'S kannte, sah unwillkürlich empor, als wollte er den Vogel suchen. „Seht," fuhr der Kundschafter lachend fort, indem er auf seine zwei Begleiter deutete, die, dem Signale folgend, bereits her- bcikamen, „das heiß' ich 'ne Musik, die Saft und Kraft hat! Sie bringt zwei gute Büchsen an meine Seite, der Messer und Tomahawks zu geschweigen. Doch wir sehen, daß Ihr gesund und wohlbehalten seyd, nun sagt uns, was aus den Mädchen geworden ist." „Sie sind in der Gefangenschaft der Heiden," sprach David, „und wenn auch im Geiste sehr betrübt, doch körperlich völlig wohlbehalten und sicher." „Beide?" fragte Heyward, beinahe athemlos. „Gewiß. Wenn auch unsere Reise anstrengend, und unsere Kost nicht die beste war, so hatten wir doch wenig zu klagen, außer dem Zwang, den man unserer Neigung anthat, indem man uns in ein fernes Land zur Gefangenschaft führte." „Gott segne Euch für diese Worte!" rief der zitternde Munro, „so erhalt' ich denn meine Kinder so unverletzt und engelrein wieder, als ich sie verloren habe!" „Ich glaube nicht, daß Ihre Befreiung so nahe ist," entgegnest der zweifelnde David. „Der Anführer dieser Wilden ist von einem bösen Geiste besessen, den nur die Allmacht des Herrn zähmen kann. Schlafend und wachend habe ich's bei ihm versucht, aber weder Töne noch Worte scheinen seine Seele zu rühren." „Wo ist der Schurke?" unterbrach ihn der Kundschafter ungestüm. „Er jagt heute mit seinen jungen Leuten das Mußthier, und morgen, höre ich, ziehen sie weiter in die Wälder, näher an 303 die Grenze Canadas. Das ältere Mädchen ist zu einem benachbarten Volke gebracht worden, dessen Wohnungen dort hinter jenen schwarzen Felsengipfeln liegen; die jüngere aber muß bei den Weibern der Huronen bleiben, deren Hütten nur zwei kurze Meilen von hier auf einem Tafellands stehen, wo das Feuer die Dienste der Art versehen, und den Ort für ihre Aufnahme bereitet hat." „Alice, meine sanfte Alice!" rief Heyward mit gedampfter Stimme, „Du hast sogar den Trost verloren, bei Deiner Schwester zu seyn." „Gewiß. Aber alle Aufrichtung, die das Gebet und Lobgc- sänge dem niedergebeugten Geist geben können, ist ihr zu Theil geworden." „Hat sie denn noch Sinn für die Musik?" „Ja, wenn sic ernst und feierlich ist; obgleich ich bekennen muß, daß das Mädchen, allen meinen Bemühungen zum Trotz, öfter weint, als lächelt. In solchen Augenblicken gebiete ich den heiligen Gesängen Schweigen; aber es gibt manche liebliche Momente tröstlicher Mittheilung, da dann die Wilden erstaunt aufhorchen, wenn wir unsere Stimmen zum Himmel erheben." „Und warum läßt man Euch so unbewacht umher gehen?" David versuchte seinen Zügen einen Ausdruck bescheidener Demuth zu geben, ehe er mit sanfter Stimme antwortete: „Wenig Rühm gebührt einem Wurme, wie ich bin. Aber wenn auch die Macht des Psalmengesangs während der Scene auf jenem schrecklichen Blutfeld unterbrochen ward, so hat er doch selbst auf die Gemüther der Heiden seinen Einfluß wieder gewonnen, und ich darf gehen und kommen, wie ich will." Der Kundschafter lachte, berührte bedeutungsvoll seine eigene Stirne und erklärte vielleicht diese absonderliche Nachsicht noch genügender, indem er sagte: „Die Indianer thun einem Verwirrten nie etwas zu Leide. Warum aber, wenn der Weg offen vor Euch lag, wandeltet Ihr 304 nicht auf Eurer eignen Fährte, die nicht so spurlos ist, als die eines Eichhorns, zurück, und habt Kunde nach dem Fort Edward gebracht?" Der Kundschafter, der blos seine unerschütterliche Eisennatur im Auge hatte, verlangte von David eine Leistung, die dieser wahrscheinlich unter keinen Umständen vollbracht hätte. Ohne aber seinen sanften Ausdruck ganz zu verlieren, begnügte sich der Psalmensänger zu antworten: „Wenn sich auch mein Geist nach den Wohnungen des Christcn- thums zurück sehnt, so wollten dvch meine Füße lieber den zarten Wesen, die meiner Obhut anvcrtrant worden, selbst in die abgöttische Provinz der Jesuiten folgen, als einen Schritt rückwärts thun, wahren» sie in Gefangenschaft und Kummer schmachten." Obgleich die figürliche Sprache Davids nicht sehr verständlich war, so konnte doch der treuherzige, entschiedene Ausdruck seines Auges und das Feuer seiner ehrlichen Miene nicht leicht mißdeutet werden. NncaS trat näher zu ihm heran und betrachtete den Sprecher mit beifälligem Blick, während sein Vater.durch den gewohnten, kräftigen Ausruf der Befriedigung sein Wohlgefallen zu erkennen gab. Kopfschüttelnd erwiederte der Kundschafter: „ES war nie des Herrn Wille, daß der Mensch alle seine Sorgfalt ans die Kehle verwenden, und andere edlere Gaben darob vernachlässigen sollte! Aber er ist in die Hände einfältiger Weiber gefallen, statt daß er unter dem blauen Himmel und unter den Schönheiten des Waldes seine Erziehung hätte suchen sollen. Hier, Freund! Ich wollte mit diesem Eurem Tutinstrument ein Feuer anzunden; da Ihr es aber hoch haltet, so nehmt und pfeift wieder nach Herzenslust!" Gamut empfing seine Pfeife mit einem so lebhaften Ausdruck von Freude, als er mit seinem wichtigen Beruf für verträglich hielt. Nachdem er das Instrument, seiner eigenen Stimme gegenüber, zu wiederholten Malen geprüft hatte, endlich überzeugt, daß eS keiner seiner Klänge verloren sey, machte er einen ernstlichen Versuch, einige Stanzen aus einem der längsten Herzensergüsse in dem oft erwähnten Büchlein abzusingcn. Heyward störte jedoch eilig diesen frommen Vorsatz mit Fragen über Fragen über die bisherige und dennalige Lage seiner Mitgefangenen, und zwar mit mehr Zusammenhang, als seine Gefühle beim Beginn der Unterredung gestattet hatten. David sah sich, obgleich den wiedergewonnenen Schatz mit sehnsüchtigen Augen betrachtend, gezwungen zn antworten, zumal da auch der ehrwürdige Vater an den Fragen Theil nahm, und mit einem Interesse, das gebieterisch Befriedigung forderte. Auch der Kundschafter verfehlte nicht, bei schicklicher Gelegenheit eine Erkundigung einzuwerfen. Auf diese Weise gelangten die Verfolger, obgleich mit häustgen Pausen, welche gewisse drohende Töne aus dem wiedererlangten Instrumente füllten, zur Kenntnis; der wichtigsten Umstände, die ihnen zur Ausführung ihres großen, alle 3 Heiligkeit in Anspruch nehmenden Unternehmens, der Befreiung der beiden Schwestern, von großem Nutzen sehn konnten. David's Erzählung war einfach und der Thatsachen nur wenige. Magna hatte auf dem Berge gewartet, bis sich ein sicherer Augenblick zum Rückzuge bot; dann war er hcrabgestiegen und hatte den Weg längs der Westseite des Horican in der Richtung von Canada eingeschlagen. Da der kluge Hurone die Pfade kannte und wußte, daß keine unmittelbare Gefahr der Verfolgung drohte, so drangen sie nur langsam und ohne alle Ermüdung vor. Aus der ungcschmückten Erzählung David's ging hervor, daß seine Gegenwart mehr geduldet, als gewünscht wurde; obgleich auch Magna nicht ganz frei von der Verehrung war, womit die Indianer diejenigen betrachten, die der große Geist an ihrem Verstände heimgesncht hat. Nachts wurde die größte Vorsicht gegen die Gefangenen beobachtet, um sie vor den Dünsten der Wälder zn schützen, aber auch ihre Entweichung zn verhindern. An der Der letzte Mohika». 20 Quelle ließ man die Pferde laufen, wie wir gesehen haben, und ungeachtet der Entfernung und Länge der Fährte wurden dach die bereits erwähnten Kunstgriffe gebraucht, um alle weitere Spur zu ihrem Versteck abznschneiden. Bei ihrer Ankunft im Lager seines Volks trennte Magna die Gefangenen, einer Politik zu Folge, die selten verlassen wurde. Cora war zu einem Stamme gesandt worden, der ein benachbartes Thal vorübergehend bewohnte: David aber war zu unbekannt mit den Sitten und der Geschichte der Eingebornen, um über seinen Namen oder seine Eigenthüm- lichkeit genügende Auskunft geben zu können, und wußte blos, daß er den letzten Zug gegen William Henry nicht mit gemacht hatte; daß diese Wilden, gleich den Hnrvnen, Verbündete Montealm's waren und einen freundlichen, wie Wohl behutsamen Verkehr mit dem kriegerischen und wilden Volke unterhielten, das der Zufall eben jetzt in so nahe nnd unangenehme Berührnng mit ihnen gebracht hatte. Die Mohikaner und der Kundschafter horchten auf seine oft unterbrochene nnd unvollständige Erzählung mit einem Antheil, der sichtbar stieg: und als er die Weise des Volksstamms, unter welchem Cora gefangen war, schildern wollte, fragte der Letztere plötzlich: „Sähet Ihr die Form ihrer Messer? Waren sie englische» oder französischen Ursprungs?" „Meine Gedanken waren nicht ans solche Eitelkeiten gerichtet, sondern blos auf Trost für die beiden Mädchen bedacht." „Die Zeit könnte kommen, wo Ihr das Messer eines Wilde» für kein so verächtliches Ding ansehen werdet," versetzte der Kundschafter, mit dem Ansdrnck tiefer Verachtung für die Einfalt des Andern. „Haben sie ihr Kornfest gefeiert? Oder könnet Ihr etwas von den Totem« ihres Stammes sagen?" „Was das Korn betrifft, so hatten wir oft und reiche Feste: es war im Nebcrfluß vorhanden, auch ist das Korn, in Milch gekocht, lieblich für den Mund nnd heilsam für den Magen. Was die 307 Totems betrifft, so weiß ich nicht, was das ist; wenn eS sich aber in irgend einer Weise ans die indianische Munk bezieht, so darf man bei ihnen gar nicht darnach fragen. Nie erheben sie ihre Stimmen, Gott zn vreiscn; nno es scheint, daß sie zu den gottlosesten Götzendienern gehören." „Da lästert Ihr die Natnr der Indianer. Selbst der Mingo betet nnr den wahren, lebendigen Gott an; nnd ich sag' es zur Schande unsrer Farbe — 's ist eine heillose Erfindung der Weißen — wenn sie den indianischen Krieger zu einem Anbeter selbstgc- schaffener Bilder machen wollen. Wahr ist es, sie suchen mit dem bösen Feinde Frieden zn schließen, wie's Einer mit einem Gegner thut, über den er nicht Meister werden kann; aber um Gunst und Beistand flehen sie nur den großen und guten Geist an." „Das mag scpn," bemerkte David; „aber ich habe seltsame, fantastische Bilder gesehen, womit sie sich bemalen; nnd ihre Be- lmmderung und Sorgfalt für dieselben hatte viel von geistlichem Stolze; besonders eines, das noch dazu ein ekelhaftes, unreines Thier vorstcllte." „War es eine Schlange?" fragte schnell der Kundschafter. „Fast so was. Es hatte viel von einer gemeinen, kriechende» Landschildkröte." „Hugh!" riefen die aufmerksamen Mohikaner, in einem Athen«, während der Kundschafter den Kopf schüttelte, mit der Miene eines Mannes, der eine wichtige, aber keineswegs erfreuliche Entdeckung gemacht hat. Dann sprach der Vater in der Mundart der Delaware» und mit einer Ruhe und Würde, die sogar die Aufmerksamkeit derer fesselten, denen seine Worte unverständlich waren. Seine Geberden waren ausdrucksvoll und mitunter energisch. Einmal hob er seinen Arm hoch empor, und als er ihn wieder sinken ließ, schoben sich die Falten seines leichten Mantels bei Seite nnd ein Finger blieb ans der Brust ruhen, als ob er durch diese Stellung seine Meinung bekräftigen wollte. Duncan's Augen folgten der 308 Bewegung, und er gewahrte, daß das eben erwähnte Thier in blauer Farbe schön, aber schwach auf die schwärzliche Brust des Häuptlings gemalt war. Alles, was er von der gewaltsamen Trennung der mächtigen Stämme der Delawaren je gehört hatte, drängte sich jetzt seinem Geiste auf, und er erwartete den geeigneten Augenblick zum Sprechen mit einer Ungeduld, die sein lebhafter Antheil an der Sache beinahe unerträglich machte. Seinem Wunsche kam jedoch der Kundschafter zuvor, der, von seinem rothen Freunde sich abwendend, begann: „Wir sind ans etwas gekommen, das uns nützlich oder schädlich werden kann, wie der Himmel e.s fügen wird. Der Sagamore stammt aus dem cdcln Blute der Delawaren und ist der große Häuptling ihrer Schildkröten! Daß Einige aus diesem Geschlecht unter dem Volke sind, von dem der Sänger erzählt, ist ans seinen Worten klar; und hätte er nur die Hälfte des Athems, den er ausblies, indem er ans seiner Kehle eine Trompete machte, ans kluge Fragen verwendet, so wüßten wir jetzt, wie viel Krieger sie zählen. Es ist immer ein gefährlicher Weg, den wir betreten: denn ein Freund, der sein Gesicht von euch abgewandt hat, ist oft blutdürstiger, als ein Feind, der auf euern Skalp ausgeht." „Sprecht euch aus," bat Duncan. „'s ist ein langer, trauriger Verlauf, an den ich nicht gern denke: denn cs läßt sich nicht läugnen, daß das Uebel vornehmlich von Weißhäuten angerichtet wurde; und das Ende vom Liede war, daß der Bruder gegen den Bruder den Tomahawk erhob und der Mingo mit dem Delawaren aus einem Pfade wandelte!" „So vermuthet Ihr denn, daß es ein Theil jenes Volkes sey, bei welchem sich Cora gegenwärtig besindet?" Der Kundschafter nickte bejahend, obgleich er wenig geneigt schien, die Erörterung eines ihm peinlichen Gegenstandes weiter fortznspinnen. Der ungeduldige Duncan entwarf jetzt hastig mehrere tollkühne Vorschläge, die Befreiung der Schwestern zu versuchen, und Munro entschlug sich seiner Thcilnahmlvsigkeit, ans die verzweifelten Pläne des jungen Mannes mit einer Rücksicht hörend die man vvn seinen grauen Haaren und seinem Alter nicht hätte erwarten dürfen. Der Kundschafter aber Verzug, bis die Hitze des Liebhabers sich ein wenig gelegt hatte, und wußte ihn dann von der Thorheit vorschnellen Handelns in einer Sache zu überzeugen, welche die kaltblütigste Nebcrlegnng und die äußerste Seelcnstärke erfordere. „Es wäre am besten," fügte er hinzu, „wir ließen diesen Mann wieder hineingehe», daß er in ihrem Lager bliebe und den Mädchen Kunde von unserer Annäherung brächte, dann rufen wir ihn wieder durch ein Signal zu weiteren Berathungen. Ihr könnt doch das Geschrei einer Krähe von dem Pfeifen des Windfängers unterscheiden?" „'s ist ein unterhaltender Vogel," antwortete David, „und hat einen so sanften und melancholischen Ton, obwohl sein Takt zu schnell und regellos ist." „Er meint den Wish-ton-wish," sagte der Kundschafter; „nun gut, wenn euch jenes Pfeifen gefällt, so soll das euer Signal seyn. Mcrkt's euch denn, wenn Ihr den Ruf des Windfängers dreimal hört, so kommt Ihr in die Büsche, wo Ihr den Vogel ver- muthet" — „Halt!" unterbrach ihn Heyward; „ich will ihn begleiten." „Ihr!" rief der erstaunte Hawk-eye; „scyd Ihr müde, die Sonne auf- und untergchen zu sehen?" „David ist ein lebendiger Beweis, daß die Hnronen nicht immer unbarmherzig sind." „Ja, aber David kann seine Kehle benützen, und kein anderer Mensch, der bei Sinnen ist, wird sie so mißbrauchen." „Auch ich kann den Narren, den Wahnsinnigen, den Helden spielen, kurz Alles, wenn es gilt, sie, die ich liebe, zu befreien. Nennt keine Einwendungen mehr: ich bin entschlossen." 310 Hawk-cye, sah den jungen Mann einen Angenblick mit sprachlosem Erstaunen an. Aber Dnnean, der ans Achtung vor dem Geschick und den Dicnsien des Andern bisher beinahe blindlings gefolgt war, nahm jetzt vic Miene des höheren Ranges an, ans eine Weise, der man nicht leicht widerstehen konnte. Kr winkte mit der Hand, zum Zeichen, daß er jede Gegenvorstellung verschmähe, und fuhr dann mit ruhigerer Stimme fort: „Ihr habt die Mittel, mich zu verkleiden; wandelt mich um, bemalt mich, wie cs euch beliebt, kurz, macht einen andern Mann aus mir, einen Narren, wenn Ihr wollt. „Für einen, wie ich bin, ziemt es sich nicht, zu sagen, daß er, der bereits durch die mächtige Hand der Vorsehung gebildet ist, eine llmwandlung nüihig habe," murmelte der unzufriedene Kundschafter. Wenn Ihr eure Ablheilung in den Krieg schicket, so findet Ihr es wenigstens gerathen, Plätze und Abzeichen für ein Lager zu bestimmen, damit die, welche auf eurer Seite fechten, wissen, wann und wo sie einen Freund zu erwarten haben." „Hört mich an," unterbrach ihn Dnnean; „Ihr habt von diesem getreuen Begleiter der Gefangenen gehört, daß die Indianer von zwei verschiedenen Stammen, wo nicht Nationen sind. Bei einem, den Ihr für einen Zweig der Delaware» haltet, ist sie, die Ihr Schwarzhaar nennet, die andere und jüngere der Ladies befindet sich unstreitig bei unser» erk,arten Feinden, den Hnronen. Meiner Jugend und meinem Range kommt es zu, das letztere Abenteuer zu bestehen. Während Ihr daher mit enern Freunden die Befreiung der einen Schwester unterhandelt, will ich die andere erlösen, oder sterben!" Neucrwachtes Feuer glühte in den Nngcn des jungen Soldaten und seine ganze Gestalt erhielt unter diesem Einflüsse etwas Ehr- furchtfordcrndes. Hawk-epe. welcher den Scharfsinn der Indianer zu gut kannte, um nicht die Gef hr eines solchen Unternehmens vorher zu fühlen, wußte gleichwohl nicht recht, wie er diesen plötzlichen Entschluß bekämpfen sollte. 311 Es lag vielleicht in diesem Gedanken etwas, was seiner eigenen kühnen Natur und >ener geheimen Vorliebe für verzweifelte Abenteuer zusagte. Diese war mit seiner Ehrsahrung gestiegen, bis Wagniß und Gefahr ihm gewissermassen zum Lebensbedürfnis? geworden waren. Statt dem Plane Duncans sich weiter entgegenznsetzen, schlug seine Stimmung plötzlich um und er bot sich zur Mthülfe an. „Kommt," sprach er wohlwollend lächelnd! „dem Bock, der in'S Wasser will, muß man vorangchen, nicht folgen. — Chlngachgvok hat so viele Farben, als die Frau eines Jngenicurofsszicrs, der die Natur auf Papierschnitzcl malt, so daß die Berge wie Haufen verdorbenen Heues anssehen, und man den blauen Himmel mit den Händen erreichen könnte. Der Sagamore kann auch gut damit umgehen. Setzt euch da auf den Baumstamm, und ich wette meinen Kopf, er macht noch schneller einen natürlichen Narren ans euch, so daß Ihr euch selbst gefallen sollt." Dnncan gehorchte, und der Mohikaner, welcher der Unterredung aufmerksam zugehört hatte, unterzog sich gerne dem Geschäft. Lange geübt in all den feineren Künsten der Eingebornen, zog er mit großer Gewandtheit und Schnelligkeit jene fantastischen Schat- tenlinicn, welche die Wilden als ein Zeichen fröhlicher und scherzhafter Gemnthsstimmnng zu betrachten pflegen. Jeder Zug, der möglicher Weise auf eine geheime Neigung zum Kriege hätte bezogen werden können, wurde sorgfältig vermieden, während er auf der andern Seite auf jede Nuance achtete, die eine freundliche Gesinnung bekräftigen konnte. Kurz, er opferte gänzlich den Krieger der Mummerei des Narren. Solche Erscheinungen waren bei den Indianern nicht ungewöhnlich: und da Dnncan bereits durch seine Kleidung zur Genüge unkenntlich war, durfte man mit einigem Grund annehmen, er werde sich bei seiner Kenntnis? des Französischen für einen Gaukler von Ticonderoga ausgeben dürfen, der unter den verbündeten und befreundeten Stämmen umherschwärme. 312 Hi! Als er sich gehörig bemalt glaubte, gab ihm der Kundschafter manchen freundlichen Rath, verabredete Signale und bezeichnet den Ort, wo sie sich im Falle gegenseitigen Erfolges treffen wollten. Mnnro's Trennung von seinem jungen Freunde war schwerer, und doch ergab er sich mit einer Gleichgültigkeit darein, die bei seiner natürlichen Wärme und seinem Edelmuth sich nur aus einer so gedrückten Stimmung erklären ließ. Der Kundschafter führte Heyward bei Seite und theilte ihm mit, daß er den Veteranen unter dem Schutze Chingachgook's an einem sicheren Orte nnterbringen wolle, während er und Uncas unter dem Volksstamm, den sie mit Grund für Delawaren halten dursten, Nachforschungen anstcllen wollte». Nachdem er ihm wiederholt seinen Rath ertheilt und die nöthigen Vorsichtsmaßregeln angegeben hatte, sprach er endlich in feierlichen, Ton und mit einer Wärme des Gefühls, die Duncan tief bewegte: „Und nun segne Ench Gott! Ihr habt einen Mnth gezeigt, wie ich ihn liebe: er ist das Angebinde der Jugend, mehr noch eines warmen Blutes und kühnen Herzens. Aber glaubt der Warnung eines Mannes, der Gründe genug für die Wahrheit seiner Worte hat. Ihr werdet all eurer Mannheit und schärferen Verstandes bedürfen, als man aus den Büchern lernt, um einen Mingo zn überlisten, oder seinen Mnth zu übcrtresfcn. Gott segne Euch! Wenn die Huronen Herren Eures Skalpes werden, so verlaßt Euch auf das Wort eines Mannes, der zwei tapfere Krieger in seinem Rücken hat: sie sollen ihren Sieg theuer bezahlen — ein Leben für jedes Haar. Noch einmal, junger Herr, die Vorsehung segne Eure gute Sache, vergeht nicht, daß, um diese Schelme zn täuschen, Dinge erlaubt sind, für die ein Weißer sonst nicht geschaffen ist." Duncan schüttelte seinen, würdigen und widerstrebenden Gefährten mit Wärme die Hand, cmpsahl den betagten Freund aufs Neue seiner Fürsorge und gab, seine freundlichen Wünsche erwiedernd, David das Zeichen zun, Aufbruch. Hawk-eyc sah dem hochsinnigen, abenteuerlichen junge» Manne mehrere Augenblicke mit nnverholcner 313 Bewunderung nach, schüttelte dann bedenklich das Haupt, wandte sich und begab sich mit seinen Begleitern in den Schutz des Waldes. Der Weg, den Duncan und David gingen, führte gerade über die Lichtung längs des Biberteiches hin. Als Heyward sich allein mit einem Menschen sah, der, bei seiner Einfalt, so wenig im Stande war, in Fällen der Noth Beistand zu leisten, fing er an, der Schwierigkeiten seiner Aufgabe sich erst recht bewußt zu werden. Das verschwindende Tageslicht erhöhte noch das düstere Aussehen der öden und rauhen Wildniß, die sich nach jeder Richtung hin erstreckte, und selbst die Stille der kleinen, so stark bevölkerten Hütten hatte etwas Unheimliches. Während er diese stannenswerthen Baue und die wundervollen Vorsichtsmaßregeln ihrer scharfsinnigen Bewohner betrachtete, drang sich ihm ans, daß selbst die Thiere in dieser weiten Wildniß einen Instinkt besäßen, der sich beinahe der Vernunft des Menschen vergleichen dürfe, und konnte nicht ohne Bangigkeit an den ungleichen Kamps denken, in den er sich so unbesonnen gestürzt hatte. Dann trat wieder in glühenden Farben Alicens Bild, ihr Unglück, die Gefahr, in der sie schwebte, vor seine Seele, und alles Bedenkliche seiner eigenen Lage war vergessen. Er munterte David auf und ging mit dem leichten, kräftigen Schritt unternehmenden Jünglingsmnthes dahin. Nachdem sie beinahe in einem Halbkreis um den Teich gegangen waren, verließen sie den Lauf des Wassers und erstiegen eine kleine Anhöhe auf der Niederung, über welche sie wunderten. Binnen einer halben Stunde kamen sie an den Saum einer zweiten Lichtung, wie es schien, gleichfalls das Werk der Biber, von diesen scharfsichtigen Thieren aber wahrscheinlich aus irgend einem Grunde um der günstigern Stelle willen, die sie jetzt inne hatten, verlassen. Ein sehr natürliches Gefühl ließ Duncan einen Augenblick zögern, als scheue er sich, den Schutz des Waldpfads aufzugebcn, einem Manne gleich, der alle seine Energie für ein gewagtes Unternehmen ausbietet, in welchem er ihrer, wie er sich insgeheim sagt, in 314 vollem Maße bcnöthigt ist. Er benutzte die kleine Pause, sich durch einige flüchtige, eilige Blicke, so weit als möglich, zu unterrichten. Auf der entgegengesetzten Seite der Lichtung und nahe der Stelle, wo der Bach von einer höheren Fläche über Felsenstücke hcrabfiel, entdeckte er fünfzig bis sechszig Wohnstellen, ganz roh aus Baumstämmen, Zweigen und Erde aufgebant. Sie standen ohne Ordnung durch einander und schienen mit wenig Rücklicht auf Zierlichkeit und Schönheit errichtet. Wirklich so weit blieben sie hinter dem Dorfe das Dnnean so eben gesehen hatte, in jenen beiden Beziehungen zurück, daß er eine zweite, nicht geringere Ncbcrraschung zu erwarten begann. Dieser Eindruck verminderte sich auch keineswegs, als er in zweifelhaftem Dämmerlicht zwanzig bis dreißig Gestalten erblickte, die sich ans rem Verstecke des hohen, rauhen Grases vor den Hütten abwechselnd erhoben, und dem Auge wieder entschwanden, als ob sie in die Erde schlüpfen wollten. So plötzlich und flüchtig gesehen, erschienen sie mehr wie finstere Gespenster oder andere übermenschliche Wesen, denn als Geschöpfe, aus dem gewöhnlichen Stoffe von Fleisch und Blut gebildet. Eine hagere, nackte Gestalt ward für einen Augenblick sichtbar, warf ihre Arme wild in die Luft und plötzlich war ihre Stelle wieder leer. Mit einemmal erschien sie weit davon von neuem, oder machte einer andern von eben so räthselhaftem Aussehen Platz. Als David bemerkte, daß sein Begleiter zögerte, folgte er der Richtung seines Blickes und rief Heyward einigermaßen zur Besinnung zurück, indem er sagte: „Hier ist viel fruchtbarer, unbebauter Boden, und ich darf, ohne den sündhaften Sauerteig des Selbstlobs, wohl hinzufügen, daß seit meinem kurzen Aufenthalt in diesen Hütten des Heidenthums viel guter Same, aber leider nur auf den Weg, ausgcstreut worden ist." „Diese Stemme lieben die Jagd mehr, als Arbeit und Landbau," antwortete der arglose Duncan, noch immer auf die Gegenstände seiner Verwunderung schauend. „Es ist eher Freude, als Arbeit für den Geist, die Stimme zum Lob zu erheben; aber diese Jungen mißbrauchen ihre Gaben auf eine traurige Weise; selten habe ich Knaben ihres Alters gefunden, welche die Natur so freigebig mit der Anlage znm Psalmgesang beschenkt hätte : und gleichwohl vernachlässigt sie Niemand mehr. Drei Nächte Hab' ich hier verweilt, und zu drei verschiedenen Malen die Unholde zu einem heiligen Gesang versammeln wollen, und eben so oft haben sie meine Bemühungen mit einem Geheul und Geschrei erwicdert, daß es mir das Herz dnrchschnitt." „Von wem sprechet Ihr?" „Von den Teufelskindern dort, welche die kostbare Zeit mit so eiteln Possen vergeuden. Ach, der heilsame Zwang der Kinderzucht ist bei diesem sich selbst dahingegebenen Volke wenig bekannt. In diesen: Lande der Birken sieht man keine Ruthe: und es sollte Einen nicht Wunder nehmen, daß die kostbarsten Segnungen des Himmels zu solchen Mißtönen verschwendet werden." David hielt sich die Hände vor die Ohren gegen das schrille Geheul der jungen Horde, das den ganzen Wald erfüllte, Duucan aber verzog die Lippe zu einem Lächeln, als spotte er über seinen eignen Aberglauben, und sprach dann mit festem Tone: „Wir wollen weiter gehen." Ohne die Schutzmittel von den Ohren zu entfernen, willfahrte der Singmeistcr, und üe verfolgten zusammen ihren Weg nach den Zelten der Philister, wie David sich zuweilen auszudrücken liebte. 316 Dreiundzwanzigstes Kapitel. Spricht auch des Waldes edles Thier Sein Recht an in dem Jagdrevier! Gibt man dem Hirsche Raum und Frist, Eh' springt der Hund, der Bogen zischt: — Wo, wie den Schleicher Fuchs man schlägt, Wann man ihn fängt, doch Niemand frägt. Die Jungfrau vom See. Nicht leicht findet inan die Lager der Eingebornen gleich denen der besser unterrichteten Weißen von bewaffneten Kriegern bewacht. Don dem Nahen jeder Gefahr, während sie noch ferne ist, wohl unterrichtet, bleibt der Indianer im Allgemeinen sicher mit seiner Kenntniß der Zeichen des Waldes und im Vertrauen auf die langen und schwierigen Pfade, die ihn von den gefürchtetsten Gegnern trennen. Der Feind, der durch ein glückliches Zusammentreffen von Umständen Mittel gefunden, die Wachsamkeit der Kundschafter zu täuschen, begegnet in der Nähe ihrer Wohnungen selten Schildwachen, welche Lärm machen könnten. Zudem kannten die den Franzosen befreundeten Stämme das Gewicht des Schlages zu gut, der ihre Feinde eben betroffen hatte, um unmittelbare Gefahr von de» Nationen zu fürchten, welche der brittischen Krone untcrthan waren. Als sich daher Duncan und David inmitten der Kinder befanden, welche die bereits erwähnten läppischen Spiele trieben, hatten diese nicht die geringste Kunde von ihrer Annäherung gehabt. Kaum aber waren sie erblickt worden, so erhob die ganze Kinderrotte einstimmig ein gellendes Warnnngsgeschrei und verschwand wie durch einen Zauberschlag vor den Augen der Fremden. Die nackten, lohfarbigen Leiber der sich duckenden Unholde gingen zu dieser Tageszeit so ganz in die Farbe des verwitterten Grases über, daß es Anfangs wirklich schien, als ob sie die Erde verschlungen hätte. Als aber die erste Ueberraschnng vorüber war und Duncan genauer hlnschaute, begegnete sein Blick überall schwarzen, lebhaft rollenden Augen. 317 Dieses plötzliche Vorspiel der Ausforschung war für Heyward eben nicht sehr ermuthigcnd und sagte ihm, was er erst von dem reiferen Urtheile der Männer zu erwarten hätte. Es war ein Augenblick, wo der junge Krieger gerne den Rückweg angetretcn hätte; allein jeder Schein von Zögerung wäre zu spät gekommen. Das Geschrei der Kinder hatte ein Dutzend Krieger an die Thür der nächsten Wohnung gezogen, wo sie in einer düstern und wilden Gruppe zusammen blieben und mit ernster Würde die Annäherung der unverhofften Besucher erwarteten. David, einigermaßen vertraut mit der Scene, schritt mit einer Festigkeit voran, die jedes leichten Hindernisses zu spotten schien, und trat eben in jene Hütte ein. Sie war das Hauptgebäude des Dorfes, obgleich roh aus Rinde und Baumästen errichtet. Innerhalb seiner Wände hielt der Stamm bei seinem zeitigen Aufenthalte an den Grenzen der englischen Provinz seine öffentlichen Versammlungen und Berathnngen. Während Duncan zwischen den dunkeln und mächtigen Gestalten der Wilden, die an der Schwelle zusammengedrängt waren, hindnrchging, konnte er nur mit Mühe in seiner Miene die nothwendige Unbefangenheit behaupten; in der Neberzeugung aber, daß sein Leben von seiner Geistesgegenwart abhängc, überließ er sich der Willkühr seines Begleiters, und ihm auf dem Fuße folgend, suchte er auf dem Wege alle Gedanken für das nun Kommende wieder zu sammeln. Sein Blut stockte, als er sich in der unmittelbarsten Berührung mit so wilden und unversöhnlichen Feinden sah; er bemeisterte aber seine Gefühle in so weit, daß er, ohne in seinem Ausdruck eine solche Schwäche zu verrathen, in die Mitte der Hütte gelangte. Nach dem Beispiel des besonnenen Gamut nahm auch er einen Bündel wohlriechenden Buschwerks von einem Haufen in der Ecke der Hütte, und ließ sich schweigend darauf nieder. Sobald der neue Ankömmling an den beobachtenden Kriegern vorbcigeschritten war, verließen diese den Eingang, stellten sich um 318 ihn her und schienen geduldig den Augenblick zu erwarten, wo die Würde des Fremden ihm zu sprechen gestatten würde. Bei weitem der grösste Thcil stand in müßiger, träger Stellung an die aufrechten Pfvsten gelehnt, die das schwache Gebäude stützten, während drei oder vier der ältesten und ausgezeichnetsten unter den Häuptlingen sich etwas mehr im Vordergründe niedersetzten. Eine blendende Fackel brannte, und sandte, wie sie unter der Zugluft hin und herflackerte, ihren röthlichen Schimmer von Gesicht zu Gesicht und von Gestalt zu Gestalt. Duncan benützte ihr Licht, um aus den Mienen seiner Gastsrennde zu erforschen, welcher Empfang seiner wartete. Aber sein Scharfblick half ihm wenig, der wohlüberlegten Hinterlist des Volkes gegenüber, unter dem er sich befand. Die vorne sitzenden Häuptlinge warfen kaum einen Blick auf seine Person, ihre Augen mit einem Ausdruck auf die Erde heftend, den man für Achtung nehmen, aber eben so leicht als Mißtrauen fürchten konnte. Die Männer, welche im Schatten standen, waren weniger zurückhaltend. Duncan begegnete bald ihren forschenden, aber verstohlenen Blicken, wie sie seine Gestalt und seinen Aufzug Zoll für Zoll musterten, und keinen Zug seiner Miene, keine Geberde, keine Linie seiner Malerei, ja keinen Thcil seiner Bekleidung unbeachtet und unbeurtheilt ließen Endlich trat Einer, dessen Haare bereits mit Grau sich zu mengen begannen, dessen sehnigte Glieder und fester Tritt aber ankündigten, daß er noch allen Ansprüchen des Mannesalters genügen könne, aus dem Dunkel eines Winkels hervor, wohin er sich wahrscheinlich begeben hatte, um ungesehen beobachten zu können, und sprach. Da er aber in der Mundart der Wyandots oder Hnronen redete, so blieben seine Worte Heyward unverständlich, schienen aber nach den Geberden, die sie begleiteten, mehr Artigkeit, als Unwillen auszndrücken. Duncan schüttelte den Kopf und bedeutete durch eine Geberde, daß er nicht zu antworten vermöge. „Spricht Keiner meiner Brüder französisch oder englisch?" fragte er in der ersteren Sprache, von einem Gesteht ans das andere schauend, und in der Hoffnung einem bejahenden Nicken zu begegnen. Obgleich inehr denn ein Kopf sich wandte, den Sinn seiner Worte zu fassen, so blieben sie doch unbeantwortet. „Es wäre mir leid," fuhr Duncan langsam und in dem einfachsten Franzonsch, dessen er mächtig war, fort, „wenn ich glauben müßte, daß keiner in dieser weisen und tapferen Nation die Sprache des ,großen Monarchen/ deren er sich gegen seine Kinder bedient, verstehe. Schwer würde es ihm auf das Herz fallen, müßte er denken, daß seine rothen Krieger ihm so wenig Ehrfurcht bezeigen!" Eine lange und ängstliche Pause erfolgte, keine Bewegung eines Gliedes, kein Ausdruck eines Auges ließ die Wirkung er- rathen, die seine Bemerkung hervorgebracht hatte. Duncan, welcher wußte, daß Stillschweigen eine Tugend bei seinen Wirthen hieß, benützte gerne diese Sitte, unterdessen seine Gedanken zu ordnen. Endlich antwortete derselbe Krieger, der sich vorher an ihn gewandt hatte, mit der trockenen Frage in canadischcr Mundart: „Wenn unser großer Vater mit seinem Volke spricht, geschieht es in der Sprache der Hnronen?" „Er kennt keinen Unterschied unter seinen Kindern, mag die Farbe ihrer Haut roth, schwarz oder weiß sepn," antwortete Duncan, ausweichend, „obgleich er besonderes Wohlgefallen an den Hnronen hat!" „Wie wird er aber sprechen," fragte der schlaue Häuptling, „wenn die Läufer ihm die Skalpe zählen, die vor fünf Nächten noch auf den Köpfen der Pengeese* wuchsen?" „Sie waren seine Feinde," sprach Duncan, unwillkürlich schaudernd, „und ohne Zweifel wird er sagen: es ist gut — meine Hnronen sind sehr tapfer." „Unser Canadavater denkt nicht so. Statt vorwärts zu schauen " Engländer. 320 und seine Indianer zn belohnen, sind seine Augen rückwärts gewendet. Er sieht die tobten Uengeese, aber keine Huroncn. Was kann dies bedeuten?" „Ein großer Häuptling, wie er, hat mehr Gedanken als Zungen. Er schaut sich um, zu sehen, ob ihm keine Feinde auf der Fährte seyen." „Das Canoe eines tobten Kriegers schwimmt nicht mehr auf dem Horican," eutgegnete düster der Wilde. „Seine Ohren sind den Delawaren offen, welche nicht unsere Freunde sind, und sie füllen sie mit Lügen." „Es kann nicht sepn. Seht, er hat mich, da mir die Kunst, Kranke zn heilen, eigen ist, geheißen, zu seinen Kindern, den rvthen Huronen an den großen Seen zu gehen, um zu fragen, ob welche krank sepen." Eine zweite Pause folgte dieser Ankündigung des Berufs, den^ sich Duncan gegeben hatte. Alle? Augen hefteten sich zu gleicher Zeit auf ihn, als wollten sie die Wahrheit oder Falschheit seiner Aussage erkunden, und mit so kühnem Scharfblick, daß der Gegenstand ihrer Ausforschung zittern mußte. Er wurde jedoch von dem früheren Sprecher wieder beruhigt. „Bemalen die kunstfertigen Männer in Canada sich die Haut?" fragte der Hurone kaltblütig weiter: „sie rühmten sich doch sonst ihres blassen Gesichtes!" „Wenn ein Indianerhäuptling zn seinen Weißen Vätern kommt," versetzte Duncan mit großer Festigkeit, „so legt er seine Büffelkleidung ab, um das Hemd zn tragen, das ihm angeboten wird. Meine Brüder haben mir diese Farben gegeben, und ich trage sie." Ein halblautes Gemurmel des Beifalls verkündigte, daß diese Artigkeit für den Stamm günstig ausgenommen wurde. Der ältliche Häuptling machte eine Geberde der Zufriedenheit, in welche die meisten seiner Genossen einstimmten, ihre Hand ausreckend und mit einem kurzen Ausrufe des Wohlgefallens. Duncan athmete 321 wieder freier, in der Meinung, das Schwerste sey vorüber, und da er sich bereits auf eine einfache und leicht glaubliche Erzählung zur Stütze seines angeblichen Berufes vorbereitet hatte, so fand seine Hoffnung ans endliches Gelingen neue Nahrung, Nach einem kurzen Stillschweigen erhob sich ein anderer Krieger, als wollte er seine Gedanken vorher ordnen, um ans die eben gegebene Erklärung des Gastes gebührenden Bescheid zu er- theilen, und schickte sich zum Sprechen an. Schon bewegten sich seine Lippen, da erschollen dumpfe, aber schreckhafte Laute aus dem Walde, denen unmittelbar ein helltönendes, schrilles Geschrei von solcher Dauer folgte, daß es dem kläglichen langen Geheul eines Wolfes glich. Diese plötzliche und furchtbare Unterbrechung schreckte Duncan von seinem Sitze auf und ließ ihn über dem Eindrücke dieser gräßlichen Töne alles klebrige vergessen. In demselben Augenblick verließen alle Krieger zumal die Hütte, und die Lust außerhalb erfüllten lante Ausbrüche von Geschrei, die jene schrecklichen, immer noch aus den Blätterhallen des Waldes schallenden Laute beinahe übertönten. Unfähig, ckich länger zu halten, eilte auch der Jüngling aus der Hütte und fand sich Plötzlich mitten unter einem unordentlichen Hausen, der beinahe Alles, was in den Gränzen des Lagers Leben hatte, in sich schloß. Männer, Weiber und Kinder; Alte, Gebrechliche, Rüstige, Starke — Alles war aus den Beinen: die Einen riefen laut. Andere schlugen wie verrückt vor Freude die Hände zusammen, und Alle drückten ihr wildes Frohlocken über ein unerwartetes Ereigniß aus. Obgleich anfangs wie betäubt von dem Aufruhr, fand Heyward bald in der folgenden Scene alles erklärt. Der Himmel gab noch hinreichendes Licht, um die helleren Oeffnungen zwischen den Gipfeln der Bäume bemerken zu lassen, wo verschiedene Pfade aus der Lichtung in die Tiefen der Wildniß führten. Auf einem derselben kam eine Reihe von Kriegern aus dem Walde hervor und näherten sich langsam den Wohnungen. Der leptc Molükan. 21 322 Einer der Vordersten trug eine kurze Stange, an welcher, wie man nachher sah, mehrere menschliche Skalpe aufgchängt waren. Die erschütternden Töne, welche Duncan gehört, waren das, was die.Weißen nicht ungeeignet das Todesgcschrei nennen, und jede Wiederholung derselben sollte dem Stamme das Schicksal eines Feindes verkünden. So weit konnte Heyward von seiner Erfahrung Aufschluß erhalten: und da er jetzt wußte, daß die unerwartete Rückkehr aus einem glücklichen Kriegsznge Ursache der Unterbrechung gewesen war, so verschwand jede Besorgniß und er wünschte sich innerlich Glück zu einer so willkommenen Erleichterung, die viele Aufmerksamkeit von ihm abzichen mußte. Etwa hundert Schritte von den Hütten machten die neu angekommenen Krieger Halt. Ihr klägliches und erschreckendes Geheul, bald das Wehklagen der Sterbenden, bald den Triumph der Sieger darzustellen bestimmt, hatte gänzlich aufgehört. Einer von ihnen rief jetzt laut in Worten, welche ferne davon, die Ohren der Zuhörer zu erschrecken, ihnen doch kaum verständlicher waren, als das eben verstummte ausdrucksvolle Geheul. Es würde schwer scyn, einen Begriff von der wilden Verzückung zu geben, mit welcher die so mitgctheilte Kunde ausgenommen wurde. Das ganze Lager bildete in einem Augenblicke den Schauplatz der wildesten, geräuschvollsten Bewegung. Die Krieger zogen ihre Messer und bildeten, sie cmporschwingend, zwei Reihen zu einer Gaffe, welche von dem Siegerhaufen bis zu den Hütten führte. Die Squaws ergriffen Keulen, Aerte oder die erste beste Angriffswaffe, die sich ihren Händen darbot, und stürzten herbei, um in dem grausamen Spiele, das nun beginnen sollte, ihre Rollen zu übernehmen. Selbst die Kinder wollten nicht ausgeschlossen seyn: Knaben, schwer vermögend Waffen zu handhaben, rissen ihren Vätern die Tomahawks aus dem Gürtel, schlichen sich in die Reihen und ahmten geschickt die wilden Bewegungen ihrer Aeltern nach. 323 Große Haufen Gestrüpp lagen in der Lichtung zerstreut umher, und eine erfahrene, alte Squaw war beschäftigt, deren so viele anzuzünden, als zur Beleuchtung der kommenden Scene erforderlich war. Die Flamme schlug empor, ste war mächtiger als der scheidende Tag, und ließ die Gegenstände zwar deutlich, aber nur um so gräßlicher erscheinen. Die ganze Scene bot das fesselndste Gemälde, dessen Rahmen der dunkle Saum der hohen Fichten bildete. Die neu angekommenen Krieger waren am weitesten entfernt, tm Vordergründe aber standen zwei Männer, aus der Zahl der klebrigen anserwählt, um in dem nun beginnenden Schauspiele die Hauptrollen zu spielen. Das Licht war nicht stark genug ihre Gesichtszüge deutlich erkennen zu lassen, aber man sah wohl, daß sie von sehr verschiedenen Gefühlen bewegt wurden. Während der Eine in fester Haltung aufrecht stand, bereit, seinem Schicksal als Held sich zu unterwerfen, senkte der Andere sein Haupt, als wäre er von Schrecken gelähmt oder von Scham darnieder gedrückt. Der edelmüthige Dnncan fühlte sich mächtig angetrieben, dem Ersteren Bewunderung und Theilnahms zu zollen, obgleich sich keine Gelegenheit bot, seinen edeln Regungen Worte zu geben. Er bewachte mit unverwandtem Auge seine geringsten Bewegungen, und während er den leichten Umrissen eines wunderbar schön gebildeten und kräftigen Körpers folgte, suchte er sich zu überreden, daß wen» es in der Macht eines Menschen stehe, unterstützt durch Muth und Entschlossenheit die Probe so schwerer Gefahr glücklich zn bestehen, der junge Gefangene wohl aus Glück in dem ihm bevorstehenden gewagten Laufe hoffen dürfe. Unvermerkt näherte sich der junge Mann den dunkeln Reihen der Huronen, und athmete kaum, so gespannt war sein Interesse für das ganze Schanspiel. Jetzt ertönte das Signalgeschrei, und die augenblickliche Stille, welche vorangegangen war, wurde durch einen Ausbruch von Geheul unterbrochen, der seines Gleichen noch nicht gefunden hatte. Das eine so sehr niedergeschlagene Schlachtopfer blieb regungslos stehen. 324 der Andere aber sprang bei dem Schrei mit der Geschwindigkeit und Gewandtheit eines Hirsches davon. Statt durch die feindlichen Linien, wie man erwartet hatte, zu stürzen, hatte der Gefangene kaum die gefährliche Enge erreicht, als er sich wandte und ehe ein Streich gegen ihn geführt werden konnte, über die Köpfe einer Reihe Kinder setzte und mit einem Mal die äußere, sicherere Seite der furchtbaren Kriegerreihe gewann. Dieser List folgten hundertstimmige Verwünschungen: die ganze, aufgeregte Menge stob auseinander und zerstreute sich in wilder Verwirrung über den Platz. Ein Dutzend Hansen brennenden Gestrüppes ergossen ihr röth- liches Licht über den Platz, der einer unheimlichen, geisterhaften Kampfstätte glich, wo böse Dämonen sich versammelt hatte», ein blutiges, ruchloses Werk zu beginnen. Die Gestalten im Hintergründe glichen überirdischen Wesen, während sie vor dem Auge vorbeiglitten und die Lüfte mit tollen und sinnlosen Bewegungen durchschnitten: die wilden Leidenschaften solcher aber, die an der Flamme vorüber kamen, erschienen furchtbar deutlich in dem Lichte, das über ihre wuthsprnhenden Züge lief. Es läßt sich leicht denken, daß unter solch einem Getümmel rachedürstender Feinde der Flüchtling nicht zu Athcm kommen konnte. Einen einzigen Augenblick schien es, als ob er den Wald erreichen würde; aber der ganze Schwarm der Sieger warf sich ihm entgegen und trieb ihn in die Mitte einer erbarmungslosen Verfolgung zurück. Sich umwcndcnd, wie ein eingeholtcr Hirsch, schoß er pfeilschnell über ein hoch anfloderndes Feuer, durchdrang die ganze Menge ungefährdet und erschien wieder auf der entgegengesetzten Seite der Lichtung. Aber auch hier traf er aus einige der älteren und schlaueren Huronen, die ihn abermals zurücktriebcn. Noch einmal warf er sich in das Gedränge, als ob er in der allgemeinen Verwirrung Sicherheit suchte, und dann vergingen einige Augenblicke, während welcher Duncan den gewandten und muthigen jungen Fremdling verloren glauben mußte. 325 Man konnte nichts unterscheiden als eine dunkle Masse menschlicher Gestalten, welche sich in einem verworrenen Getümmel stießen und durch einander drängte,,. Arme, blitzende Messer und furchtbare Keulen ließen sich erkennen aber die Streiche wurden augenscheinlich nur aufs Gerathewohl geführt. Der furchtbare Eindruck dieser Scene ward „och erhöht durch das durchdringende Geschrei der Weiber und das wilde Geheul der Krieger. Hier und da fiel ein flüchtiger Lichtschein auf eine leichte Gestalt, welche in verzweifeltem Sprunge durch die Luft schoß, und ließ Duncan mehr hoffen als glauben, der Gefangene sey immer noch Herr seiner bewundernswürdigen Stärke und Gewandtheit. Plötzlich warf sich die Menge zurück „ach der Stelle, wo er selber staud: die schwerfällige Masse der Verfolger drängte die Weiber und Kinder im Vorgrunde und warf einige zu Boden. Der Fremde ward in der Verwirrung wieder sichtbar. Menschliche Kräfte aber mußten einer so fürchterlichen Probe erliegen. Dies schien der Gefangene zu fühlen: die augenblickliche Oeffnung benutzeud, brach er aus der Mitte der Krieger hervor und machte einen verzweifelten und, wie es Duncan schien, letzten Versuch, den Wald zu gewinne». Gleich als wüßte er, daß ihm von dem jungen Soldaten keine Gefahr drohe, berührte er ihn beinahe aus seiner Flucht, dicht an ihm vorbei eilend. Ein hoher, mächtiger Huronc, der seine Kräfte bisher geschont hatte, war ihm auf den Fersen und drohte mit aufgehobenem Arm einen tödlichen Streich zu führen. Duncan streckte seinen Fuß vor und dieser Stoß warf den ungestümen Wilden weit vor sein beabsichtigtes Opfer gestreckt auf die Erde hin. Mit Gedankenschnelle benützte der Verfolgte den Vorthcil: er wandte sich, blitzte einem Meteore gleich vor Duncan vorbei und im nächsten Augenblick, als dieser seine Besinnung wieder gewann und nach dem Gefangenen nmschaute, sah er ihn ruhig gegen einen kleinen bemalten Pfosten vor dem Thor der Haupthütte gelehnt dastchen. Aus Furcht, die Nolle, die er bei dieser Rettung gespielt. 326 möchte ihm selbst verderblich werden, verließ Dnncan ohne Verzug seinen Platz und fvlgte dem Haufen, der sich unmuthig und düster nach den Wohnungen zog, einer schaulustigen Volksmenge ähnlich, die vergeblich auf eine Hinrichtung gewartet hat. Neugierde oder vielleicht ein besseres Gefühl trieb ihn, sich dem Fremden zu nähern. Dieser hielt mit einem Arm den schützenden Pfosten umschlungen und athmetc nach seiner verzweifelten Anstrengung tief und schwer, doch zu stolz, das geringste Zeichen des Leidens von sich zu gebe». Er war jetzt durch eine unvordenkliche und heilige Sitte geschützt, bis der Stamm in voller Versammlung sein Schicksal berathen und entschieden hatte. Wenn man übrigens ans der Stimmung derer, die den Platz umgaben, Schlüsse ziehen dürfte, so war das Ergebniß leicht vorauszusehen. Kein Schimpfwort gab es in der Huroncnsprache, das die getäuschten Weiber nicht gegen den glücklichen Fremden verschwenderisch ausgestoßen hätten. Sie höhnten seine Anstrengungen und sagten ihm mit bitterem Spott, daß seine-Füße besser als seine Hände seycn; daß er Flügel verdiente, da er weder Pfeil noch Messer zu kennen scheine. Der Gefangene gab ans alles dies keine Antwort, sondern begnügte sich, eine Stellung zu beobachten, in der sich Würde wunderbar mit Verachtung mischte. Diese Ruhe sowohl, als das gute Glück des Gefangenen erbitterten die Weiber gleich sehr, ihre Worte erstickten und gingen in ein schrilles, durchdringendes Geheul über. Gerade jetzt drang die geschäftige Alte, welche die Vorsicht gebraucht hatte, das Gesträuch in Brand zu stecken, durch die Menge und machte sich vor dem Gefangene» freie Bahn. Die schmutzige und verwitterte Erscheinung dieser Nnholdin mochte leicht auf ein Vorhandenseyn übermenschlicher Kräfte schließen lassen. Ihr leichtes Gewand znrückwerfend, streckte sie höhnisch ihren langen knöchernen Arm vor und rief, um dem Gegenstand ihrer Schmähungen verständlicher zu werden, in der Sprache der Lenapen: 327 „Höre mich, Delaware," schrie sie, indem sie ihm in's Antlitz ein Schnippchen schlng, „Deine Nation ist ein Geschlecht von Weibern; die Hacke schickt sich besser sür Eure Hände als die Büchse. Eure Squaws gebären Hirsche; käme ein Bär, eine wilde Katze oder eine Schlange unter Euch zur Welt, so würdet Ihr Reißaus nehmen. Die Huronenmädchen sollen dir Weiberröcke machen und wir wollen nach einem Manne sür dich sehen." Ein wildes Gelächter folgte diesem Angriff, und die sanften, melodischen Tone der jüngeren Frauen klangen seltsam mit der kreischenden Stimme der Altern nnd boshafteren Genossin zusammen. Allein der Fremde trotzte allen diesen Bemühungen. Sein Haupt blieb unbeweglich, nicht die leiseste Kenntniß schien er von den Anwesenden zu nehmen, außer wenn sein stolzes Auge von Zeit zu Zeit gegen die dunkeln Gestalten der Krieger rollte, welche — schweigende, finstere Beobachter der Scene — in dem Hintergründe aus und nieder schritten. Wüthend über die Selbstbeherrschung des Gefangenen, stemmte die Alte ihre Arme in die Seite, warf sich in eine herausfordernde Stellung und brach von Neuem in einen Strom von Schmähungen, welche keine Kunst vermögend wäre, mit Erfolg zu Papier zu bringen. Sie verströmte jedoch vergeblich ihren Athem: obgleich sie unter ihrem Volke als eine Heldin in der Kunst zu schmähen gelten konnte, und sich in eine Wuth gesteigert hatte, die ihr den Schaum aus dem Munde trieb, so konnte sie cs doch nicht dahin bringen, daß der regungslos dastehende Fremde auch nur eine Muskel rührte. Der Aerger über diese Gleichgültigkeit begann sich auch den andern Zuschauern mitzutheilen, und ein Jüngling, der eben erst aus dem Knabenalter in die Jahre der Mannheit hinüberschritt, kam der keifenden Alten zu Hülfe, indem er, einen Tomahawk vor dem Schlachtopfer schwingend, ihren Hohn mit seinen leeren Ruhmreden verstärkte. Jetzt wandte der Gefangene sein Antlitz nach dem Lichte und sah auf den Knaben mit einem Blick herab, der mehr als 328 Verachtung ausdrückte; in: nächsten Augenblick aber nahm er die ruhige, lehnende Haltung gegen den Pfosten wieder ein: aber diese Veränderung der Stellung hatte Duncan vergönnt, einige Blicke mit den festen, durchdringenden Augen des Gefangenen — mit Uncas zu wechseln. Athemlvs vor Erstaunen und schwer geängstet über die gefährliche Lage des Freundes, wich Heyward diesem Blicke ans, zitternd, das Verderben des Gefangenen — wußte er auch nicht wie — zu beschleunigen. Doch diese Furcht war für den Augenblick unnütz. Jetzt drängte sich ein Krieger durch die erhitzte Menge, Weiber und Kinder mit ernster Miene bei Seite weisend, nah::: Nneas beim Arm nnd führte ihn gegen die Thüre des Versammlnngshanscs. Alle Häuptlinge nnd die meisten ausgezeichneten Krieger der Nation folgten, und der ängstliche Heyward fand Mittel, sich unter ihnen mit einzudrängcn, ohne eine ihm selbst gefährliche Aufmerksamkeit zu erregen. Einige Minuten gingen darüber hin, den Anwesenden nach ihrem Rang und Einfluß in den: Stamme Plätze anznweiscn. Die Ordnung war ziemlich dieselbe, wie bei dem früheren Zusammentreffen: die älteren nnd höheren Häuptlinge nahmen den Vordergrund des geräumigen Gemaches ein, hell beleuchtet von dem blendenden Lichte einer Fackel, indeß die jüngeren, untergeordneteren Krieger im Hintergründe sich sammelten, eine dunkle Masse schwärzlicher Gestalten und scharf ausgeprägter Gesichtszüge. Mitten im Kreise, unmittelbar unter einer Oeffnung, durch welche ein Paar Sterne flimmerten, stand Nneas, ruhig, erhaben, gefaßt. Seine Hoheit nnd Würde verfehlte ihres Eindruckes auf die Sieger nicht: ihre Blicke wandten sich oft mit einen: Ausdruck auf ihn, der, die Unbeugsamkeit ihrer Entschlüsse verkündend, dennoch von Bewunderung für den kühnen Muth des Fremdlings zeugte. Anders das Individuum, welches Duncan vor dem verzweifelten Reihenlanf neben seinem Freunde hatte stehen sehen. Statt an der Jagd Theil zu nehmen, war der Gefangene während dieses wilden Aufruhrs, einem Bilde der Schain oder des Unglücks gleich, niedergedrückt dagestanden. Obgleich keine Hand sich ausgereckt hatte ihn zu grüßen, kein Auge sich herabließ, seine Bewegungen zu bewachen, war auch er gleichfalls in die Hütte eingetretsn, als zöge ihn ein Verhängnis;, dem er sich ohne Kampf fügen müsse. Hcyward benützte die erste Gelegenheit, ihm ins Gesicht zu sehen, in der geheimen Besorgniß, auch in seinen Zügen einem Bekannte» zu begegnen; allein sie waren die eines fremden, und, was ihm noch unerklärlicher schien, er trug alle unterscheidenden Merkmale eines HuronenkricgerS. Statt jedoch unter seinen Stamm zu treten, setzte er sich bei Seite, einsam mitten unter der Menge, und duckte sich in eine dcmüthige Stellung, als wollte er so wenig als möglich Raum einnehmen. Als Jeder den ihm zukommenden Platz eingenommen hatte und allgemeine Stille eingetreten war, begann der Häuptling mit grauen Haaren, den wir bereits erwähnt haben, in der Sprache der Lenni-Lcnapen: „Delaware," sprach er, „obgleich aus einer Nation von Weibern,- so hast du dich doch als ein Mann erprobt. Gerne würd' ich dir Nahrung geben, aber wer mit einem Huronen ißt, muß sein Freund werden. Ruhe im Frieden bis zur Morgensonne, dann soll unser letztes Wort gesprochen werden." „Sieben Nächte und sieben Sommcrtage habe ich aus der Fährte der Huronen gefastet," erwiederte kaltblütig Uncas. „Die Kinder der Lenapcn wissen auf dem Pfade der Gerechten zu wandeln, ohne sich mit Essen aufzuhalten." „Zwei meiner jungen Krieger verfolgen deinen Begleiter," fuhr der Andere wieder fort, ohne, wie es schien, auf die Rnhm- rede seines Gefangenen zu achten; „wenn sie zurück sind, werden unsere weisen Männer zu dir sagen: leb' oder stirb!" „Hat ein Hurone keine Ohren?" ries Nncas verächtlich aus. „Zwei Mal hat der Delaware, seit er euer Gefangener ist. den Knall einer Büchse gehört, die er wohl kennt. Eure jungen Männer kehren nimmer zurück!" Eine kurze und düstere Pause folgte dieser kühnen Behauptung. Duncan, welcher merkte, daß der Mohikaner auf die verhängniß- volle Büchse des Kundschafters anspiclte, beugte sich vorwärts, ängstlich zu beobachten, welchen Eindruck diese Worte auf die Sieger machen würden; der Häuptling begnügte sich aber, einfach zu erwiedern: „Wenn die Lenapen so geschickt sind, warum ist einer ihrer tapfersten Krieger hier?" „Er folgte den Fußstapfen eines fliehenden Feiglings und siel in eine Schlinge. Auch der schlaue Biber kann gefangen werden." Während Uncas so sprach, deutete er mit dem Finger auf den einsamen Huronen, ohne jedoch einem so unwürdigen Gegenstände weitere Aufmerksamkeit zu schenken. Diese Antwort und die Miene des Sprechers brachten unter seinen Zuhörern große Aufregung hervor. Aller Augen wandten sich finster auf den durch jene einfache Geberde Bezeichneten und ein dumpfes, drohendes Gemurmel lief durch die Versammelten. Diese verhängnißvollen Laute erreichten die äußere Thüre und das Ohr der Weiber und Kinder, die so dicht zusammengcdrängt standen, daß zwischen Schulter und Schulter keine Lücke blieb, die nicht durch die dunkeln Lineamente eines neugierigen menschlichen Gesichtes ausgefüllt worden wäre. Indessen verkehrten die älteren Häuptlinge in der Mitte unter einander in kurzen, abgebrochenen Sätzen. Kein Wort ward gesprochen, das nicht die Meinung des Sprechers auf die einfachste, kräftigste Weise zu erkennen gab. Abermals trat eine lange, feierliche Stille ein. Sie war, wie Alle wußten, der ernste Vorbote eines wichtigen und schweren Urtheilspruchs. Die den äußeren Kreis Bildenden, stellten sich auf die Zehenspitzen, um sehen zu können; selbst der Schuldige vergaß für einen Augenblick seiner 331 Schmach und gab, da» einem stärkeren Gefühle ergriffen, seine niedergeschlagenen Gesichtszüge preis, um einen ängstlichen, unruhigen Blick ans die finstere Versammlung der Häuptlinge zn werfen. Das Stillschweigen ward endlich von dem oster genannten betagten Häuptlinge unterbrochen. Er erhob sich von der Erde, ging an der unbeweglichen Gestalt des Mohikaners vorbei und stellte sich in würdevoller Haltung vor den Schuldigen. In diesem Augenblick trat die vorerwähnte alte Squaw, eine Fackel in der Hand in den Kreis, auf die eine Seite geneigt einen langsamen Tanz beginnend und die unverständlichen Worte einer Art von Beschwörung murmelnd. Obgleich sie sich ungernfen eindedrängt hatte, so ließ man sie dennoch gewähren. Als sie sich Uncas genähert hatte, hielt sie ihm den lodernden Feuerbrand dicht entgegen, dessen rother Schein ein so volles Licht auf ihn warf, daß man die geringste Bewegung in seinen Gcsichts- zügen unterscheiden konnte. Der Mohikaner beharrte in seiner festen, stolzen Haltung; und sein Auge, verschmähend, ihrem forschenden Blicke zu begegnen, schaute fest in die Ferne, als ob es die Hindernisse, die seine Blicke hemmten, durchdräuge und in die Zukunft schaute. Zufrieden mit ihrer Untersuchung, verließ sie ihn mit einein leichten Ausdruck des Vergnügens, um ihren schuldigen Landsmann derselben Probe zn unterwerfen. Der junge Huronc war mit den Kriegsfarben seines Stammes bemalt und sein Anzug verhüllte wenig von seinen schön gebildeten Formen. Das Licht ließ alle Glieder und Gelenke genau unterscheiden; aber schaudernd wandte sich Duncan ab, als er sah, wie sie in unbesiegbarer Todesangst rangen. Die Alte stimmte bei diesem traurigen und schimpflichen Anblick ein tiefes klagendes Geheul au; der Häuptling aber streckte seinen Arm ans und drängte sie sanft auf die Seite. „Schwankendes Rohr!" sprach er, den jungen Schuldigen bei seinein Namen und in seiner Muttersprache anredend; „obgleich der große Geist dich gefällig für das Auge geschaffen hat, so wäre cs doch besser, du wärest nicht geboren worden. Deine Zunge ist laut in dem Dorf, aber stumm in der Schlacht. Keiner meiner Jünglinge schlägt den Tomahawk tiefer in den Kriegspfosten — keiner so schwach auf die Dengeese. ^ Dis Feinde kennen die Gestalt deines Rückens, haben aber nie die Farbe deiner Augen gesehen. Drei Mal haben sie dir zugernfen, zu kommen, und eben so oft hast du vergessen zu antworten. Dein Name wird in deinem Stamme nie wieder genannt werden. — Er ist bereits vergessen." Während der Häuptling langsam diese Worte sprach, und nachdrucksvoll zwischen jedem Satze innchielt, erhob der Schuldige aus Achtung vor dein Rang und den Jahren des Andern sein Antlitz. Scham, Schrecken und Stolz kämpften in seinen Zügen. Sein Auge, vor innerem Schrecken krampfhaft zusammengezogen, irrte auf den Personen umher, von deren Athem sein Ruf abhing, und Stolz gewann für einen Augenblick die Oberhand. Er stand auf, entblößte seine Brust und blickte fest auf das scharfe, blinkende Messer, das sein unerbittlicher Richter bereits empor hielt. Als die Waffe ihm langsam in das Herz drang, lächelte er sogar, als freue er sich, den Tod nicht so furchtbar zu finden, als er erwartet hatte, und fiel in schwerem Falle ans sein Gesicht zu den Füßen des starren und unbeugsamen Uncas nieder. Die Squaw erhob ein lautes, klägliches Geheul, stieß die Fackel ans die Erde, und begrub Alles umher in tiefe Finsterniß. Die ganze schaudernde Gruppe der Zuschauer eilte gleich anfge- schreckten Geistern aus dem Hause; und Duncan glaubte sich mit dem noch zuckenden Schlachtopfer eines indianischen Richterspruchs allein in demselben zurückgelaffen. * Engländer. Vierrmdzwauzigstes Kapitel. Der Weise spracht, alsbald der Fürsten Ratb Sich auflöSt', ihrem Haupte zu gehorchen. Pope'» Zliadc. Ein einziger Angenblick überzeugte den Jüngling, daß er sich getäuscht hatte. Eine Hand legte sich mit kräftigem Druck auf seinen Arm, und llncas' leise Stimme flüsterte ihm in das Ohr: „Die Huronen sind Hunde. Vor dem Anblick des Blutes eines Feigen erzittert ein Krieger nicht. Das ,graue Haupt' und der Sagamore sind in Sicherheit, und Hawk-eye's Büchse schläft nicht. Geh — Nncas und die ,offene Hand' sind sich jetzt fremd. Es ist genug!" Heyward hätte gerne noch mehr gehört, aber ein sanfter Druck des Freundes schob ihn nach der Thüre hin und mahnte ihn an die Gefahr, die mit einer Entdeckung ihres Verkehres .verbunden seyn müßte. Langsam und widerstrebend fügte er sich in die Noth- wendigkcit, verließ die Hütte und trat unter die Menge, welche in der Nähe verweilte. Die erlöschenden Feuer der Lichtung warfen ein düsteres, ungewisses Licht auf die dunkeln Gestalten, welche stillschweigend hin und her schritten; von Zeit zu Zeit drang ein hellerer Schein, stärker als gewöhnlich, in die Hütte, und ließ llncas' Gestalt immer noch in derselben aufrechten Stellung, neben ihm die Leiche des Huronen, erblicken. Ein Trupp Krieger traten wieder herein und trugen jene leblosen lleberreste in den benachbarten Wald. Nach diesem Auftritte wanderte Duncan, unbefragt und unbeachtet, den Wohnungen entlang, bemüht, eine Spur von ihr aufzufinden, für welche er sich in solche Gefahr begeben hatte. Bei der jetzigen Stimmung der Wilden wäre es ihm leicht gewesen, zu entfliehen und seine Freunde wieder zu finden, hätte ihm ein solcher Gedanke kommen können. Aber außer der nimmer ruhenden Angst um Alice hielt ihn auch die 334 neue, wenn gleich minder quälende Sorge um Uncas an dem Orte fest. Er streifte daher von Hütte zn Hütte weiter, doch immer nur um neuer Täuschung auf seine suchenden Blicke zu begegne», bis er im ganzen Dorfe die Runde gemacht hatte. Endlich gab er eine Nachforschung auf, die so fruchtlos blieb, und kehrte nach der Berathungshütte zurück, entschlossen David aufzusncheu und zu befragen, um seinen Zweifeln ein Ende zu machen. Als Duncan das Gebäude erreicht hatte, das Gerichtsstätte und Hinrichtungsort zumal geworden, fand er, daß die Aufregung bereits verschwunden war. Die Krieger hatten sich wieder versammelt und rauchten ruhig ihre Pfeifen, während sic sich über die Hauptvorfälle auf ihrem letzten Zuge nach der Quelle des Horican ernsthaft unterhielten. Obgleich Duncan's Rückkehr sie an seinen vorgeblichen Stand und die verdächtigen Ilmstände seines Besuchs erinnern mußte, so blieb sie doch ohne sichtbaren Eindruck. Ja die kaum entschwundene schreckliche Scene begünstigte sogar seine Zwecke, und er durfte nur in sein Inneres blicken, um sich von der Noth- wcndigkeit einer schnellen Benützung dieses unerwarteten Vortheils zn überzeugen. Ohne sichtbare Zögerung, trat er in die Hütte, und nahm seinen Sitz mit einem Ernste ein, der zn dem Benehmen seiner Gastfreunde ungemein gut stimmte. Ein flüchtiger, aber forschender Blick genügte ihm darzuthun, daß Uncas an seinem früheren Platze geblieben war, David aber nicht wieder erschienen sey. Jener war keiner andern Bewachung unterworfen, als den aufmerksamen Blicken eines jungen Huroncn, der ihm zur Seite stand. Ein bewaffneter Krieger lehnte überdies an dem Pfosten, der eine Seite des engen Thorweges bildete. In jeder andern Hinsicht schien der Gefangene frei zn sehn, nur war er von aller Theilnahme an der Unterhaltung ansgeschloffen, und glich mehr einer schön geformten Bildsäule, als einem Manne, der Leben und Willen in sich trug. 335 Heyward hatte vor zu kurzer Zeit ein schreckliches Beispiel von dem schnellen Strafverfahren eines Volkes erlebt, in dessen Hände er gegeben war, um sich durch übertriebene Keckheit einer Gefahr auszusetzen. Er hätte daher gerne statt aller Unterhaltung in schweigendem Nachsinnen verharrt, da eine Entdeckung seines wahren Charakters so augenblicklich verderblich für ihn hätte werde» können. Zum Unglück aber für diesen klugen Entschluß schienen die Anwesenden anders gestimmt. Er hatte den Platz noch nicht lange inne, den er klüglich etwas im Schatten eingenommen hatte, als ein zweiter älterer Krieger, der französisch sprach, sich an ihn wandte. „Mein Canadavater vergißt seine Kinder nicht," sagte der Häuptling, „ich danke ihm. Ein böser Geist lebt in der Frau eines meiner jungen Männer. Kann der kundige Fremde ihn hinwcgschrecken?" ' Heyward besaß einige Kenntnis von den Gaukeleien, dis unter den Indianern gegen vermeintliches Bescssenseyn im Schwange waren. Er sah mit einem Blicke, daß dieser Umstand vielleicht für seine eigenen Zwecke ausgebeutet werden könne, und es hätte ihm daher eben jetzt wohl nicht leicht ein erwünschterer Vorschlag gemacht werden können. Da er aber von der Nothwendigkeit überzeugt war, die Würde seines vorgeblichen Charakters zu bewähren, so unterdrückte er seine Gefühle und antwortete in einein entsprechend geheimnißvollen Tone: „Der Geister sind verschiedene: die einen weichen der Macht der Weisheit, die andern sind zu mächtig für sie." „Mein Bruder ist ein großer Arzt," sprach der schlaue Wilde, „will er es versuchen?" Eine Gebcrde der Zustimmung war die Antwort. Der Hnrone war mit der Zusage zufrieden, nahm seine Pfeife wieder ans und wartete auf einen schicklichen Augenblick zum Aufbruch. Der ungeduldige Hcyward verwünschte innerlich die ruhige Sitte der Wilden, die dem Scheine so viel Opfer brachte, nahm aber klüglich 336 dieselbe Gleichgültigkeit, wie der Häuptling au, der wirklich ein naher Verwandter der gequälten Frau war. Minute um Minute schwand, und der Aufschub dünkte den angehenden Charlatan stundenlang, da setzte endlich der Hurone seine Pfeife bei Seite und zog seinen Mantel über die Brust, als sey er im Begriff, ihn nach der Wohnung der Kranken zu führen. In diesem Augenblicke aber verdunkelte die mächtige Gestalt eines Kriegers das Licht des Thorwegs, und setzte sich, stillschweigend durch die aufmerksame Gruppe hinschreitend, auf das andere Ende des niederen Hansens Gestrüpp, welcher Duncan trug. Dieser warf einen ungeduldigen Blick auf seinen Nachbar, und ein unwillkürlicher Schänder überlief ihn, als er sich in so unmittelbarer Berührung mit Magna fand. Die plötzliche Rückkehr dieses arglistigen und gefürchteten Häuptlings ließ den Huroncn seinen Weg aufschieben. Mehrere Pfeifen, die bereits ausgelöscht waren, wurden wieder angeznndet, während der neue Ankömmling, ohne ein Wort zu sprechen, seinen Tomahawk ans dem Gürtel zog, den Kopf an dem oberen Ende desselben füllte und die Dünste des Krautes durch den hohlen Schaft mit einer Gleichgültigkeit einsog, als wäre er nicht zwei ermüdende Tage ans einer langen und anstrengenden Jagd ausgewesen. Zehn Minuten, welche Duncan eben so viele Menschenalter schienen, mochten anf'diese Weise verflossen seyn, und sämmt- liche Krieger waren in eine weiße Rauchwolke eingehüllt, ehe einer von ihnen sprach. „Willkommen!" rief endlich einer, „hat mein Freund das Mnßthier gefunden?" „Die jungen Krieger schwanken unter ihren Lasten," versetzte Magna, „das schwankende Rohr gehe ans den Jagdpfad; er wird sie treffen." Eine tiefe, feierliche Stille folgte dem Klange des verbotenen Namens.. Die Pfeife fiel aps jedes Mund, als ob Alle im nämlichen Augenblicke etwas Unreines eingesogcn hätten. Der Rauch I 337 wirbelte in kleinen Säulen über ihre Köpfe empor und zog sich schneckenförmig und schnell durch die Oeffnung am Dache der Hütte, den Platz unter sich von seinem Dunste reinigend, so daß die dunkeln Gesichter zumal wieder deutlich sichtbar wurden. Die Blicke der meisten Krieger waren auf die Erde geheftet, und nur wenige Jüngere, minder Begabte kn der Versammlung ließen ihre wilden, blitzenden Augäpfel auf einen Greis mit weißen Haaren rollen, der zwischen zwei der geehrtestcn Häuptlinge des Stammes saß. Es lag übrigens nichts in dem Acußern und dem Anzug dieses Indianers, das ihn zu solcher Auszeichnung hätte berechtigen können. Seine Miene drückte eher Niedergeschlagenheit ans, als daß sie sich durch die den Eingebornen eigene Haltung bemerklich machte, und . seine Kleidung war die gewöhnliche eines Indianers der niederen Klaffen. Wie bei den Meisten um ihn her, war auch sein Blick eine Meile zur Erde gerichtet; als er aber endlich einmal seine Augen verstohlen bei Seite sehen ließ und gewahrte, daß er der Gegenstand allgemeiner Aufmerksamkeit geworden war, stand er auf und erhob mitten in der allgemeinen Stille seine Stimme: „Es war eine Lüge," sprach er, „ich hatte keinen Sohn. Er, der mit diesem Namen genannt wurde, ist vergessen; sein Blut war blaß, und kam nicht aus den Adern eines Hnroncn; die verruchten Chippewas hatten mein Weib bethört. Der große Geist hat gesagt: Wiß-en-tnsh's Geschlecht soll enden — Glücklich der, Welcher weiß, daß das Verderben in seinem Geschlecht mit ihm stirbt! Ich habe gesprochen." Der Redner, dessen Sohn der feigherzige junge Indianer gewesen war, blickte umher, als wollte er in den Angen der Zuhörer Beifall über seinen Stoicismus lesen. Aber die strengen Sitten seines Volkes hatten dem alten schwachen Manne eine zu harte Probe anferlegt, der Ansdruck seines Auges widersprach seinen bilderreichen, ruhmredigen Worten, während jede Muskel seines mit Runzeln bedeckten Gesichtes vor innerer Qual zuckte. Er blieb Der letzte Mohikan. N 338 noch einen Augenblick stehen, umseinen Littern Triumph zu genießen und wandte sich dann ab, als schauderte er bei dem Anblick der Menschen, verhüllte das Gesicht mit seiner Decke und entfernte sich mit dem geräuschlosen Tritte eines Indianers', um in der Abgeschiedenheit seiner eigenen Hütte die Theilnahmc einer Gefährtin zu suchen, alt, kummervoll und kinderlos wie er. Die Indianer, welche an eine Vererbung der Tugenden und Fehler des Charakters glauben, ließen ihn stillschweigend hinausgehen. Als er sich entfernt hatte, zog einer der Häuptlinge, getrieben von einer zarten Rücksicht, die manche gebildetere Kreise der Gesellschaft anstreben dürften, die Aufmerksamkeit der jungen Krieger von der Schwäche ab, von der sie so eben noch Zeugen gewesen waren, und wandte sich in freundlichem Tone an Magna, den letzten Ankömmling. „Die Delawaren sind um mein Dorf geschlichen, wie die Bären nach den Honigkörben. Aber wer hat einen Huroncn je schlafend gefunden?" Die finstere drohende Gewitterwolke, die dem Donnerschlagc vorangeht, ist nicht schwärzer, denn Magua's Braue war, als er rief: „Die Delawaren von den Seen!" „Nicht doch. Die, welche Weiberröcke an ihrem eignen Flusse tragen. Einer von ihnen ist durch den Stamm gegangen." „Haben meine jungen Krieger seinen Skalp genommen? —" „Seine Beine waren gut, obgleich sein Arm besser für die Hacke als für den Tomahawk taugt," erwiederte der Andere, auf die unbewegliche Gestalt des Mohikaners deutend. . Statt mit weibischer Neugierde seine Augen an dem Anblick eines Gefangenen zu weiden, dessen Volk er mit so vielem Grund haßte, rauchte Magna mit der nachdenklichen Miene fort, die ihm eigen war, wenn seine Arglist oder Beredsamkeit nicht unmittelbar in Anspruch genommen wurde. Obgleich über die in der Rede des alten Vaters kundgewvrdcnen Thatsachen insgeheim verwundert. 339 erlaubte er sich doch keine Frage, jede weitere Ausforschung auf eine schicklichere Zeit aufsparcnd. Erst nach einer geraumen Weile schüttete er die Asche aus seiner Pfeife, nahm den Tomahawk wieder zu sich, zog den Gürtel fester an und stand auf, zum ersten Mal einen Blick auf den Gefangenen werfend, der etwas hinter ihm stand. Der aufmerksame, obgleich scheinbar in Gedanken vertiefte Uncas bemerkte diese Bewegung, wandte sich plötzlich dem Lichte zu und ihre Blicke begegneten sich. Fast eine Minute standen diese kühnen, unbeugsamen Geister einander gegenüber, sich fest in das Auge schauend, und keiner schlug den Blick vordem stolzen Ausdruck des Gegners nieder. Uncas' Gestalt hob sich und seine Nasenlöcher öffn-cken sich gleich denen des verfolgten Tigers; aber so entschieden und unbeugsam war seine Stellung, daß die Einbildungskraft leicht ein treffliches, fehlerloses Abbild der kriegerischen Gottheit seines Stammes aus ihm geschaffen hätte. Die Umrisse der spielenden Züge Magna's waren geschmeidiger; seine Miene verlor allmählig an Trotz, in einen Ansdruck wilder Frcnde übergehend; er athmcte tief auf, den furchtbaren Namen — „le eoisa^ilv!"— aussprechend. Alle Krieger sprangen auf, als dieser wohlbekannte Name genannt wurde, und eine Weile hindurch wich die stoische Standhaftigkeit der Eingebornen gänzlich der Gewalt der Neberraschnng. Der verhaßte und doch geachtete Name ward ans aller Munde wiederholt und ertönte selbst über die Gränzen der Hütte hinaus. Die Weiber und Kinder, welche den Eingang belagerten, nahmen ihn auf wie ein Echo, dein ein schrilles, klägliches Geheul folgte. Dieses war noch nicht verhallt, als die Aufregung unter den Männern sich bereits gänzlich gelegt hatte. Alle Anwesenden setzten sich wieder, als schämten sie sich ihrer Uebereilung: aber noch manche Minute ruhten ihre Augen auf dem Gefangenen, einen Krieger mit neugierigen Blicken prüfend, der so oft an den Besten und Stolzesten ihrer Nation seine Tapferkeit bewährt hatte. Uncas genoß diesen Sieg, begnügte sich aber, seinen Triumph 340 durch ein ruhiges Lächeln auszudrückcn — ein Zeichen der Verachtung, das allen Zeiten und Völkern eigen ist. Magna gewahrte diesen Ausdruck, erhob seinen Arm und schüttelte ihn gegen den Gefangenen, so daß die leichten Silberzierrathen au seinen Armbändern von der zitternden Bewegung des Gliedes raffelten, während er in rachedrohcndem Tone auf Englisch ausrief: „Mohikaner, du stirbst!" „Die heilenden Wasser bringen die todten Huronen nie mehr an's Leben," erwiederte Uncas in der wohlklingende» Sprache der Delaware»; „die rollenden Wogen bespülen ihre Gebeine: ihre Männer sind Weiber, ihre Weiber Eulen. Geh — rns die Hunde von Huronen zusammen auf, daß sie einen Krieger schauen mögen. Meine Nase ist beleidigt, sie riecht das Blut eines Feigen." Die letzte Anspielung schlug tief und die Wunde brannte. Manche unter den Huronen verstanden die fremde Sprache, in welcher der Gefangene redete: so auch Magna. Der schlaue Wilde nahm seinen Dortheil wahr und eilte ihn zu benützen. Sein leichtes Fell von der Schulter werfend, reckte er seinen Arm aus und ließ seiner arglistigen, verderblichen Bercdtsamkeit freien Lauf. Wie sehr auch sein Einfluß durch die unheilvolle Schwäche, der er sich zu Zeiten hingab, und durch seinen Abfall von dem Stamme gelitten haben mochte — sei» Muth und sein Ruf als Redner war unbestritten geblieben. Er sprach nie ohne Zuhörer, und selten, ohne daß er Anhänger für seine Meinung gewann. Im gegenwärtigen Falle wurde sein natürliches Talent noch durch den Durst nach Rache gestachelt. Er erzählte von Neuem die Ereignisse bei dem Angriff auf der Glenn-Insel, den Tod seiner Genossen und das Entkommen ihrer furchtbarsten Feinde. Dann beschrieb er die Natur und die Umgebung des Erdhügels, wohin er die Gefangenen geführt hatte, die in seine Hände gefallen waren. Seiner eigenen blutdürstigen Absichten gegen die Mädchen und seiner vereitelten Bosheit gedachte er mit keinem Wort, sondern ging rasch zu dem Neberfall durch 341 K», lanxus Oarabino mit seinen Genossen und dessen unglücklichem Ausgang über. Hier machte er eine Pause, und schaute um sich, Ehrfurcht für das Andenken der Gefallenen heuchelnd, in Wahrheit aber, um den Eindruck seiner beginnenden Rede zu beobachten. Wie gewöhnlich waren Aller Angen auf sein Antlitz geheftet, die düstern Gestalten schienen belebte Bildsäulen, so regungslos war ihre Stellung, so gespannt die Aufmerksamkeit jedes Einzelnen. Jetzt ließ Magna seine Stimme, die bisher hell, stark, erhoben gewesen war, sinken, und berührte die Verdienste der Gefallenen. Keine Eigenschaft, die ans das Mitgefühl des Indianer Einfluß üben konnte, blieb ungerühmt. Der Eine war als nimmer fehlender Jäger bekannt; ein Anderer war unermüdlich gewesen, die Fährte des Feindes zu verfolgen. Dieser war tapfer, Jener edelmüthig. Kurz, er wußte seine Anspielungen so gut anznbringen, daß es ihm bei einem Volksstammc, der aus so wenigen Familien bestand, gelingen mußte, jede Saite anznschlagen, die in irgend einer Brust wiedcrklingen konnte. „Sind die Gebeine —- so schloß er — meiner jungen Krieger auf dem Begräbnißplatze der Huroneu? Ihr wißt es, nein. Ihre Geister sind nach der untergchenden Sonne gegangen und ziehen bereits über die großen Wasser nach den glücklichen Jagdgründcn. Aber sie sind hingegaugen ohne Nahrung, ohne Büchsen oder Messer, ohne Moccasins, nackt und arm, wie sie geboren wurden. Soll das so scyn? Sollen ihre Seelen in das Land der Gerechten treten, gleich hungrigen Irokesen oder unmännlichen Delaware» — oder sollen sie ihren Freunden begegnen, Waffen in der Hand und Mäntel ans dem Rücken? Was, werden unsre Väter denken, ist aus den Stämmen der Wyandots geworden? Mit finstrem Blicke werden sie auf.ihre Kinder schauen und sprechen: geht! Ein Chippcwa ist unter dem Namen eines Huroncn hiehcr gekommen. Brüder, wir dürfen der Todten nicht vergessen; einer Rothhaut Gedächtnis! ist immer frisch. Wir wollen den Rücken dieses Mohikaners beladen, bis er unter unseren Gaben zu Boden sinkt, und ihn den 342 jungen Kriegern nachscnden. Sie rufen uns um Hülfe an; aber unsere Ohren sind micht offen; sie sprechen: vergeht uns nicht. Wenn sie den Geist dieses Mohikaners unter seiner Bürde ihnen nachkeuchcn sehen, werden sie erkennen, daß wir noch der gleichen Gesinnung sind. Dann werden sie glücklich ihres Weges ziehen, und unsere Kinder werden sagen: dich thaten unsere Väter für ihre Freunde, wir müssen ein Gleiches für sie thnn. Was ist ein Ucngee? Wir haben Viele erschlagen; aber die Erde ist noch blaß. Ein Flecken auf dem Namen eines Huroncn kann nur durch Blut getilgt werden, das aus den Adern eines Indianers strömt. So sterbe denn dieser Delaware!" Die Wirkung einer solchen Rede, die in der nervigten Sprache und mit dem hinreißenden Vorträge eines Hnronischen Redners gesprochen ward, war nicht zu mißkennen. Magna hatte die natürlichen Gefühle und den religiösen Aberglauben seiner Zuhörer auf eine so schlaue Weise zu vermengen gewußt, daß ihre Gemüther, schon durch Gewohnheit darauf vorbereitet, den Manen ihrer Landsleute blutige Opfer zu bringen, jede Spur von Menschlichkeit in dem Wunsche nach Rache verloren. Ein Krieger insbesondere, ein Mann von wilder, unbändiger Miene, hatte sich durch die Aufmerksamkeit ausgezeichnet, welche er den Worten des Sprechers geschenkt hatte. Sein Ausdruck wechselte unter jeder vorübergehenden Bewegung, bis er sich in einen Blick tödtlicher Bosbeit festsetzte. Er sprang auf, als Magna kaum geendet hatte, und schwang, ein dämonisches Geheul erhebend, eine kleine hellgeschliffene Streitart, die im Fackellicht erglänzte, über sein Haupt. Die Bewegung und das Geschrei erfolgte zu plötzlich, als daß Worte die blutige Absicht hätten abwcnden können. Es war, als ob ein blitzender Strahl seiner Hand entschöße, in demselben Augenblick mächtig durchkreuzt von einem dunklen Streifen. Die schnelle, entschlossene Bewegung des Häuptlings kam nicht ganz zu spät. Die kühne Waffe durch- schnitt die Kriegsfeder auf dem Skalpirschopf des jungen Mohikaners 343 und fuhr durch die schwache Wandung der Hütte, als wäre sie dem einer furchtbaren Maschine geschleudert wurden. Dunean war Zeuge der drohenden Handlung gewesen und sprang schnell auf seine Füße, während sein Herzblut stockte und die edelmüthig- stcn Entschlüsse zu Gunsten seines Freundes in ihm erwachten. Ein Blick sagte ihm, daß der Streich gefehlt hatte und sein Schrecken ging in Bewunderung über, llncas stand ruhig da, seinem Feinde mit einer Miene, die über jede Aufregung erhaben war, fest in'S Auge blickend. Marmor konnte nicht kälter, unbeweglicher, starrer seyn, als der Ausdruck, womit er diesem plötzlichen, rachsüchtigen Angriff begegnete. Dann aber lächelte er, den Mangel an Geschick, der ihn gerettet hatte, gleichsam bemitleidend und murmelte einige Worte der Verachtung in seiner Muttersprache. „Nein," sprach Magna, nachdem er sich beruhigt hatte, daß der Gefangene unbeschädigt war, „die Sonne muß seine Schande beleuchten. Die Squaws sollen sehen, wie sein Fleisch zittern wird, oder unsre Rache ist nur ein Knabenspiel. Geht, bringt ihn an einen Ort, wo Schweigen herrscht. Wir wollen sehen, ob ein De- lawarer in der Nacht schlafen kann, und am andern Morgen sterben." Die jungen Krieger, welche den Gefangenen zu bewachen hatten, wanden alsbald ihre Bastriemen um seine Arme und führten ihn unter tiefer unheimlicher Stille aus der Hütte. Nur unter der Oeffnung des Eintritts zögerte Uncas' fester Tritt: er wandte sich und warf einen eilenden, stolzen Blick auf seine Feinde umher. In diesem las Dunean gerne den Ausdruck eines Muthcs, der immer noch nicht alle Hoffnung aufgab. Magua begnügte sich mit dem gewonnenen Erfolge, oder war er zu viel mit geheimen Planen beschäftigt, um seine Nachforschungen fortzusetzen. Seinen Mantel schüttelnd und über der Brust faltend verließ auch er die Hütte, ohne einen Gegenstand zu verfolgen, der für seinen Nebenmann so leicht verderblich werden konnte. Trotz des in ihm wachsenden Rachegefühls, trotz seiner natürlichen 344 Festigkeit und der Besorgniß für Uncas fühlte sich Heyward doch durch die Entfernung eines so gefährlichen und listigen Feindes merklich erleichtert. Die Aufregung, welche Magua's Rede hervorgerufen hatte, legte sich allmählig. Die Krieger nahmen ihre Sitze wieder ein, und Wolken von Rauch füllten abermals die Hütte. Fast eine halbe Stunde ward keine Silbe gesprochen, kaum ein Blick bei Seite geworfen. Ein ernstes, nachdenkliches Schweigen war die natürliche Folge dieser Scene der Gewaltthat und der Aufregung unter Menschen, die neben solcher Leidenschaftlichkeit so viel Selbstbeherrschung zeigen. Als der Häuptling, welcher sich Dnncans Hülfe erbeten, seine Pfeife zu Ende geraucht hatte, machte er eine letzte und ungehinderte Bewegung zum Aufbruch. -Ein Wink mit dem Finger war für den vermeintlichen Arzt das Zeichen, zu folgen; und während Duncan durch die Rauchwolken schritt, war er in mehr als einer Hinsicht froh, bald die reine Lust eines kühlen und erfrischenden Sommerabends wieder athmen zu dürfen. Statt den Weg nach den Hütten zu nehmen. Wo Heyward bereits seine erfolglose Nachsuchung angestellt hatte, wandte sich sein Begleiter seitwärts und schritt gerade auf die Ansteigung eines nahen Berges zu, der über den zeitigen Wohnsitz der Huronen ragte. Ein Dickicht von Unterholz umgab seinen Fuß und ein schmaler, geschlängelter Pfad lag gerade vor ihnen. Die Knaben hatten ihre Spiele in der Lichtung wieder begonnen und gaben eben unter sich eine mimische Vorstellung von der Jagd nach dem Kriegspfosten. Um ihre Spiele der Wirklichkeit so nahe als möglich zu bringen, hatte einer der kecksten einige Fenerbrände in Bündel von abgehauenen Baumwipfeln geworfen, die bis jetzt der Flamme entgangen waren. Der Schein eines dieser Feuer leuchtete dem Häuptling und Duncan auf ihrem Wege und erhöhte noch den wilden Charakter der rauhen Landschaft. In geringer Entfernung von einem kahlen Felsen und gerade vor demselben kamen sie an eine Grasfläche, die sie eben durchschreiten wollten. In diesen: Augenblick erhielt das Feuer neue Nahrung, und das Licht der mächtige» Flamme drang selbst bis zu jener entfernten Stelle. Es fiel auf die weiße Oberfläche des Berges und warf sich auf ein dunkles, geheimnißnißvoll anssehendes Wesen zurück, das sich unerwartet auf ihrem Wege erhob. Der Indianer zögerte, als sey er unschlüssig, ob er weiter gehen sollte, und ließ seinen Begleiter zu sich heran kommen. Ein großer schwarzer Knäuel, der Anfangs stille zn liegen schien, begann sich jetzt ans eine für Duncan unerklärliche Weise zu bewegen. Das Feuer flammte von Neuem auf, und sein Schein fiel deutlicher auf den Gegenstand. Jetzt erkannte selbst Duncan das Thier an der unruhigen und schwankenden Stellung, die den obern Theil seiner Gestalt in beständiger Bewegung erhielt, während das Ganze zu sitzen schien — für einen Bären. Obgleich er laut und wild brummte, und von Zeit zu Zeit seine feurigen Augäpfel sichtbar wurden, gab er doch kein Zeichen von Feindseligkeit. Der Hnrone wenigstens schien von den friedlichen Absichten des seltsamen Eindringlings überzeugt, denn er verfolgte nach einer aufmerksamen Betrachtung ruhig seinen Weg. Duncan, welcher wußte, daß dieses Thier unter den Indianer» oft als Hausthier gefunden wird, folgte dem Beispiel seines Begleiters, in der Meinung, ein Lieblingsbär des Stammes habe, auf Futter ausgehend, seinen Weg in das Dickicht gefunden, und sie kamen unangefochten vorbei. Obgleich genöthigt, mit dem Ungeheuer in nahe Berührung zu kommen, schritt der Hnrone, der anfänglich über diesen seltsamen Gast sich so vorsichtig zn beruhigen gesucht hatte, nun ohne einen Augenblick, weiteren Forschens voran, aber Hey ward konnte nicht umhin, sich nochmals umzusehen, in wachsamer Hut gegen Angriffe von hinten. Seine Unruhe verminderte sich in keiner Weise, als er bemerkte, wie das Thier den Weg entlang rollte und ihnen aus dem Fuße folgte. Er wollte eben s sä 346 sprechen, als der Indianer in diesem Angenblick eine Thür von Rinde bei Seite schob und in eine Höhle im Innern des Berges trat. Zufrieden, sich einen so leichten Rückzug gesichert .zu sehen, folgte ihm Dnncan ans dem Fuße und wollte die leichte Thüre der Oeffnung hastig hinter sich schließen, als er sie seiner Hand durch das Thier entrissen fühlte, dessen zottige Gestalt «»verweilt den Eingang verdunkelte. Sie befanden sich jetzt in dem engen und langen Gang einer Felsenspalte, wo jede Umkehr, ohne auf das Thier zu stoßen, unmöglich war. In dieser Noth das Beste wählend, eilte der junge Mann vorwärts, sich möglichst nahe an seinen Führer haltend. Der Bär brummte häufig dicht auf seinen Fersen, und ein- oder zweimal legten sich ihm seine ungeheuren Tatzen auf den Rücken, als wollte er ein weiteres Vordringen in die Höhle hindern. Wie lange Heyward's Nerven in dieser so außerordentlichen Lage ansgehalten haben würden, läßt sich schwer entscheiden, denn glücklicherweise wurde er bald erlöst. Ein Lichtschimmer war beständig vor ihnen gewesen, und sie befanden sich jetzt an der Stelle, von welcher er ausging. Die geräumige Höhlung des Felsens war auf eine rohe Weise znm Dienste verschiedener Gemächer eingerichtet worden. Die Unterabtheilungen waren einfach, aber sinnreich aus Stein, Aesten und Rinde in buntem Gemisch anfgesührt. Oeffnungen von oben ließen das Tageslicht herein, und bei Nacht vertraten Feuer und Fackeln die Stelle der Sonne. Hieher hatten die Huronen ihre meisten Besitzthümer von Werth gebracht, besonders diejenigen, welche Gemeingut des Stammes waren; und hieher, wie sich jetzt zeigte, war auch die kranke Frau, die man für ein Opfer übernatürlicher Mächte hielt, geschafft worden, in dem unbewußten Eindrücke, ihrem Quälgeiste werde es schwerer fallen, mit seinem Angriffe durch die Steinwände, als durch die Laubdächer der 347 Hütten zu dringen. Das Gemach, in welches Dnncan mit seinem Führer zuerst eintrat, war ausschließlich der Bequemlichkeit der Kranken gewidmet. Er näherte sich Ihrem Lager, das von Weibern umgeben war, in deren Mitte Heyward zu seiner Ueberraschung den vermißten Freund David entdeckte. Ein einziger Blick überzeugte den vorgeblichen Arzt, daß die Kranke der Hülfe der Heilknnst bereits entrückt sey. Sie lag In einer Art Lähmung, gleichgültig gegen ihre ganze Umgebung, und schien zum Glücke ihre Leiden nicht zu empfinden. Heyward war es keineswegs unlieb, daß er seine Gaukeleien an einem Wesen üben sollte, das sich viel zu schlecht befand, um an ihrem Erfolg oder Mißlingen noch Interesse zu nehmen. Der leichte Gewissensskrupel, den sein vvrgehabter Betrug in ihm erregt hatte, war alsbald beschwichtigt, und er begann eben seine Gedanken zu sammeln, um seine Rolle mit gebührendem Nachdruck zu spielen, als er fand, daß ein Anderer seiner Geschicklichkeit zuvorkommen und die Gewalt der Musik erproben wollte. Gamut, der bereit gewesen war, seinen Geist zu einem Gesang zu erheben, als die neuen Ankömmlinge eintraten, zog nach augenblicklichem Aufschub einen Ton aus seiner Pfeife und begann eine Hymne, die Wunder gewirkt haben würde, wenn der feste Glaube an ihre Wirksamkeit hier von Belang hätte seyn können. Man ließ ihn zu Ende singen, da die Indianer seine vermeintliche Geistesschwäche schonten, und dem jungen Soldaten der Verzug zu gelegen kam, um die geringste Unterbrechung zu wagen. Die letzte hinsterbende Cadenz klang eben in Duncan's Ohren, da fuhr er erschreckt bet Seite, denn er hörte dieselben Strophen hinter sich mit einer Stimme wiederholen, die, nur halb menschlich, wie aus einem Grabe herauftönte. Er sah um sich und erblickte das zottige Unthier in einem schattigen Winkel der Höhle, auf den Hinterbeinen sitzend, wo es seinen Leib in der unruhigen Weise dieser Thiere rastlos hin und her wiegte, und mit dumpfem Brummen Laute, wo nicht Worte wiederholte, die mit der Melodie des Sängers eine entfernte Aehnlichkeit hatten. Die Wirkung eines so unerwarteten Echo's auf David läßt sich leichter denken als beschreiben. Er öffnete die Augen weit, als ob er an ihrer Wirklichkeit zweifelte, und seine Stimme verstummte augenblicklich vor Erstaunen. Ein tief durchdachter Plan, Heyward wichtige Mirtheilungen zu machen, ward aus seinem Gedächtniß durch ein Gefühl vertrieben, das so ziemlich der Furcht glich, von ihm aber gerne für Bewunderung gehalten wurde. Unter solchen Einflüssen rief er laut: „Sie erwartet Euch! — sie ist in der Nähe!" und rannte eilig zur Höhle hinaus. Füilfiindzlvairzigftes Kapitel. Snug. Habt ihr des Löwen Nelle aufgesibricben? Wenn i», so gebt sic mir, ich studire sehr schwer ein. Quin ce. Zhr könnt sie aus dem Stegreif sprechen, dürft nur brüllen. Sommcrnachtstraum. Es lag eine sclsame Mischung von Komischem und Feierlichem in dieser Scene. Das Thier setzte seine wiegenden Bewegungen, wie es schien, mit unermüdlicher Beharrlichkeit fort, obgleich sein possierlicher Versuch, Davids Melodie nachzuahmen, anfhörte, sobald dieser das Feld verlassen hatte. Gamut's Worte waren, wie wir gesehen, englisch gesprochen worden, uud Duucan glaubte irgend einen verborgenen Sinn darin zu ahnen, obgleich kein Gegenstand seiner Umgebung ihm die Anspielung enthüllen half. Jeder weiteren Vermuthung hierüber setzte indeß der Häuptling alsbald ein Ziel, indem er an das Lager der Kranken trat uud die ganze weibliche Gruppe, die sich hier zusammeugedrängt hatte, um Zeuge von der Kunst des Fremden zu seyn, hinwegwinktc. Wenn auch mit Widerstreben, so gehorchten die Frauen dennoch sogleich, und als das leise 349 Echo aufgchört hatte, welches längs des hohlen, von der Natur gebildeten Ganges von dem Schließen der fernen Thnre her ertönte, deutete er auf seine unempfindlich daliegende Tochter und sprach: „Jetzt zeige mein Bruder seine Kunst!" So unnmwunden aufgefordert, seinen angenommenen Berns auszuüben, mußte Heyward fürchten, der geringste Verzug möchte verderblich werden. Er bemühte sich also seine Gedanken zu sammeln, und schickte sich an jene Beschwörungsweise und die seltsamen Gebräuche in Anwendung zu bringen, unter welchen die indianischen Zauberkünstler ihre Unwissenheit und Nnmacht zu verbergen gewohnt sind. Ohne Zweifel aber hätte er bei dem ungeordneten Zustande seiner Gedanken bald einen verdachterregenden, wenn nicht unheildrohenden Fehler begangen, wenn seine ersten Versuche nicht durch ein wildes Gebrumm des Vierfüßlers unterbrochen worden waren. Zu drei verschiedenen Malen erneuerte er seine Bemühungen, und eben so oft begegnete er demselben unerklärlichen Widerstand: jede Unterbrechung schien grimmiger und drohender als die vor- hergegangenc. „Die Meister der Kunst sind eifersüchtig," bemerkte der Hurone; „ich gehe. Bruder, die Frau ist das Weib eines meiner wackersten jungen Krieger; nimm dich ihrer an! Ruhig!" fügte er hinzu, dem ergrimmten Thiere Stille bedeutend: „ich gehe." Der Häuptling hielt Wort, und Duncan fand sich jetzt in dieser wilden, öden Behausung allein mit der hülflosen Kranken und dem grimmigen, gefährlichen Unthier. Dieses lauschte mit dem Scharfsinne, der den Bären eigen ist, ans die Bewegungen des Indianers, bis ein zweites Echo verkündigte, daß auch er die Höhle verlassen habe. Jetzt wandte sich der Bär, watschelte auf Duncan zu, und setzte sich in seiner natürlichen Stellung aufrecht wie ein Mann vor ihn hin. Der junge Mann sah sich ängstlich uach einer Waffe um, mit der er dem Angriffe Widerstand zu leisten vermöchte, den er nun ernstlich erwartete. Das Thier schien jedoch 350 seine Laune plötzlich geändert zu haben. Statt unzufrieden fortzubrummen, oder weitere Zeichen von Unwillen zu geben, schüttelte es gewaltig seinen zottigen Pelz, wie von einem seltsamen, innern Krampfe ergriffen. Mit seinen Ungeheuern, schwerfälligen Tatzen kraute es täppisch an der grinsenden Schnauze, und während Heyward seinen Bewegungen mit ängstlicher Wachsamkeit folgte, fiel der grimmige Kopf auf die eine Seite und statt seiner erschien das ehrliche, kecke Gesicht des Kundschafters, der von Grund des Herzens und auf seine eigenthümliche Weise in ein heiteres Lachen ausbrach. „St!" sprach der vorsichtige Waidmann, Heyward's Ausruf der Neberraschnng hindernd; „die Schelme sind noch in der Nähe, und jeder Laut, der nicht zu eurer Zauberei paßte, brächte den ganzen Hausen zu uns zurück!" „Erklärt mir erst den Zweck dieser Mummerei; und warum Ihr ein so verzweifeltes Abenteuer gewagt habt." „Ach, Vernunft und Berechnung werden oft vor dem Zufall zu Nichte!" versetzte der Kundschafter. „Weil aber 'ne Geschichte immer mit dem Anfang beginnen soll, will ich euch Alles in guter Ordnung erzählen. Als wir uns trennten, brachte ich den Com- mandanten mit dem Sagamoren in ein altes Biberquartier, wo sie vor den Hnroncn sicherer sind, als sie in dem Fort Edward wären: denn eure Indianer vom hohen Nordwesten her, die noch nicht viel Krämer unter sich gehabt haben, hegen stets Achtung vor dem Bibergeschlecht. Dann gingen wir, wie besprochen, nach dem andern Lager ab; habt ihr den Jungen gesehen?" „Zu meinem großen Leidwesen! — Er ist gefangen und ver- urtheilt mit Sonnenaufgang zu sterben!" „Ich besorgte immer, daß es so mit ihm kommen würde!" sagte der Kundschafter in minder zuversichtlichem und minder heiterem Tone. Bald aber gewann er die natürliche Festigkeit seiner Stimme wieder und fuhr fort: „sein Mißgeschick ist der eigentliche Grund meines Hierseyns: denn es wäre eine Schande, einen 351 solchen Jungen in den Händen der Huronen zu lassen — ein seltenes Fest wär' es sür die Schurken, wenn sie das ,springende Elendthier* und ,1a lonK-ue Larabine*, wie sich mich heißen, an einen Pfahl binden könnten! Und doch weiß ich nicht, warum sie mir einen solchen Namen gegeben haben: es ist zwischen den Tugenden meines Wildtödters und den Leistungen eurer ächten Canadischen Carabiner so wenig Ähnlichkeit, als zwischen einem Stück Pfeifemrde und einem Flintenstcin!" „Bleibt bei eurer Erzählung!" sprach der ungeduldige Heyward; „wir wissen nicht, wann die Huronen wieder kommen." „Fürchtet nichts I Ein Beschwörer muß seine Zeit haben, so gut wie ein wandernder Priester in den Kolonien: wir werden so wenig unterbrochen, als ein Missionär am Beginn einer zweistündigen Rede. — Nun gut — Uncas und ich stießen aus eine heimkehrende Bande dieser Schelme; der Junge war viel zu vorschnell für einen Kundschafter; nun, was das betrifft, er hat einmal heißes Blut, und ich will ihn darob nicht so sehr tadeln; kurz einer der Huronen war eine Memme und brachte ihn fliehend in einen Hinterhalt." „Und thener hat er seine Schwäche bezahlt:" Der Kundschafter fuhr mit der Hand bezeichnend um seine Kehle, nickte, indem er sagte, „ich verstehe, was Ihr meint." Hieraus fuhr er etwas lauter, wenn auch nicht verständlicher fort: „Nach dem Verlust des Jungen fiel ich auf die Huronen, wie Ihr Wohl denken könnt. Es gab ein paar Scharmützel zwischen mir und einigen ihrer Wegelagerer; doch das wollte nicht viel heißen. Nachdem ich die Schelme angeschossen hatte, kam ich ohne weitere Störung nahe genug an ihre Hütten heran. Was konnte mir das Glück Kesser zuweisen, als mich an eine Stelle führen, wo einer der berühmtesten Beschwörer ihres Stammes sich, wie ich wohl sah, zu einen, großen Strauß mit dem Satan anputzte. Doch warum soll ich Glück nennen, was nun als eine vesoikdcre Fügung 352 der Vorsehung erscheint? Ein gut gezielter Schlag auf den Kopf streckte dem Schelm für eine Weile die Beine:^ich ließ ihm zum Abendimbiß einen Wallnußknebel zwischen den Zähnen, um Lärm zu verhüten und hängte ihn dann zwischen zwei jungen Bäumen auf. Endlich zog ich ihm seinen Putz vom Leibe und übernahm selbst die Bärcnrolle, damit die Operation nicht in's Stocken gerietst." „Und bewunderungswürdig habt Ihr den Charakter dargestellt; das Thier selbst wäre von eurer Vorstellung beschämt worden." „Du mein Gott, Major!" versetzte der geschmeichelte Waidmann; „ich wäre für Einen, der so lang in'^er Wildniß seine Studien getrieben hat, ein armseliger Stümper, wenn ich nicht die Natur und die Bewegungen einer solchen Bestie inne hätte! Wär'S erst ein recht großer Panther oder eine wilde Katze gewesen, da hättet ihr sehen sollen, wie ich Euch ein Stückchen anfgcführt hätte, des Ansehens Werth! Es Witt eben keine Heldenthat heißen, ein so dummes Thier nachzumachen; aber auch bei einem Bären kann man's übertreiben. Ja, ja; nicht Jedermann weiß, wie viel leichter man die Natur übertreibt, als sie erreicht! — Absr wir haben noch Alles vor uns. Wo ist das Mädchen?" „Das weiß der Himmel; ich habe jede Hütte im Dorfe durchforscht, ohne die geringste Spur von ihrer Anwesenheit unter dein Stamme zu entdecken. " „Ihr hörtet doch den Sänger beim Fortgehen sagen: — Sie ist hier und erwartet euch!" „Ich mußte glauben, er habe das unglückliche Weib da gemeint." „Der einfältige Mann hatte Angst und plumpte mit seiner Botschaft heraus; sicher lag mehr darin. Hier sind Wände genug, die ganze Dorfschaft getrennt unterzubringen. Ein Bär muß klettern können; ich will 'mal hinüber spioniren, es sind vielleicht Honigtöpfe in diesen Felsen verborgen, und ich bin eine Bestie, die auf solche Süßigkeiten erpicht ist." 353 Der Kundschafter sah zurück, seinen eigenen Einfall belachend, wahrend er unter beständigem Nachahmen der linkischen Bewegungen eines Bären die Scheidewand hinaufkletlerte. Sobald er den Gipfel erreicht hatte, winkte er Heyward zu schweigen und glitt so schnell als thunlich wieder herab. „Sie ist hier!" flüsterte er; „und durch diese Thüre könnt Ihr zu ihr kommen. Gern hätt' ich ein Wort des Trostes zu dem betrübten Kinde gesprochen; aber der Anblick eines solchen Ungeheuers hätte ihren Verstand gefährdet. UebrigcnS — Major, Ihr seyd in eurer Malerei eben auch nicht der Einladendste." Duncan, der bereits hastig vorgeeilt war, zog sich bei dieser eutmuthigenden Rede alsbald wieder zurück. „Seh' ich denn wirklich so abstoßend ans?" fragte er ärgerlich. „Ihr würdet damit keinen Wolf schrecken, noch ein Regiment der königlichen Amerikaner vom Angriffe abhaltcn, aber ich weiß eine Zeit, wo Ihr besser in die Augen fielet. Solche gestreifte Gesichter stehen den Squaws wohl an, aber Mädchen von weißem Blute ziehen ihre eigene Farbe vor." „Seht," fügte er hinzu, auf eine Stelle weisend, wo das Wasser aus einem Felsen rieselte, ein kleines Krystallbecken bildend, ehe es einen Ausfluß durch die nahen Felsenspalten fand; „da werdet Ihr leicht des Sagamorcn Tünche los, und wenn Ihr znrückkommt, will ich meine Kunst zu einem neuen Schmuck versuchen. Es ist so gewöhnlich bei einem Beschwörer, daß er die Malerei wechselt als wenn ein Windbeutel in den Kolonien seinen Putz ändert." Der besonnene Waidmann konnte nicht viel Argumente suchen, um seinem Rathe Nachdruck zu geben. Er hatte noch nicht ausgesprochen, als Duncan sich bereits das Wasser zu Nutze machte. In einem Augenblick war jeder schreckhaste oder zurückstoßende Zug verwischt, und der junge Mann erschien wieder in der Gesichtsbildung, mit welcher ihn die Natur begabt hatte. So zu dem Besuche bei seiner Geliebten vorbereitet, nahm er hastig Abschied Der letzte Mohikan. 23 334 von seinem Begleiter und verschwand durch den bezeichneten Gang. Der Kundschafter sah sein Weggehen mit Wohlgefallen, nickte freundlich mit dem Kopfe und murmelte seine besten Wünsche, worauf er mit aller Kaltblütigkeit die Speisekammer der Huronen untersuchte, da die Höhle unter Anderem dazu diente, den Ertrag der Jagden auszubewahren. Duncan hatte keinen andern Führer als ein entferntes flimmerndes Licht, das dem Liebenden jedoch den Dienst des Polarsterns vertrat und ihm in den Hafen seiner Hoffnungen einlaufen half. Dieser war nur eine andere Abtheilung der Höhle, einzig zum Gewahrsam einer so wichtigen Gefangenen, wie die Tochter des Commandanten von William Henry war, in Stand gesetzt. Der Raum war voll von zerstreuter Beute aus der unglücklichen Festung. Mitten unter diesem Chaos fand er sie, die er suchte, bleich, ängstlich, erschrocken, aber immer liebenswürdig. David hatte sie auf einen solchen Besuch vorbereitet. „Duncan!" rief sie mit einer Stimme, die über ihrem eigenen Klange zu zittern schien. „Alice!" antwortete er, sorglos über Koffer, Kistchen, Waffen und Hansgeräthe hinwegspringend, bis er an ihrer Seite stand. „Ich wußte, daß Sie mich nie verlassen würden," sprach sie, zu ihm anfblickend, während eine flüchtige Röthe über ihr bekümmertes Antlitz lief. „Aber Sie sind allein! So dankenswcrth es ist, in solchem Andenken zu stehen, so wünschte ich doch, Sie wären nicht ganz allein." Duncan, welcher sah, daß sie zitterte und nicht länger im Stande war, aufrecht zu bleiben, nöthigte sie sanft zum Sitzen und erzählte ihr die Hauptbegebnisse, die wir bereits zu schildern hatten. Alice horchte mit athemloser Aufmerksamkeit, und obgleich der junge Mann der Sorge des niedergebengten Vaters nur leicht erwähnte, doch immer so, daß er die Selbstschätzung seiner Zuhörerin nicht verletzte, so rannen doch die Thränen so reichlich über die Wangen ! 355 der Tochter, als ob sie noch nie zuvor geweint hätte. Die besänftigende Zärtlichkeit Duncan's stillte jedoch bald den ersten Ausbruch ihres Schmerzes, uud sie hörte ihm mit ungetheilter Aufmerksamkeit, wenn nicht mit Fassung zu, bis er mit seiner Erzählung zu Ende war. „Und jetzt, Alice," fügte er hinzu, „werden Sie sehen, wie viel wir noch von Ihnen erwarten müssen. Mit Hülfe unseres erfahrenen und unschätzbaren Freundes, des Kundschafters, könnte es möglich werden, den Händen dieses wilden Volkes uns zu entziehen. Sie werden aber alle Ihre Seelenstärke ausbieten müssen: bedenken Sie, daß Sie den Armen Ihres ehrwürdigen Vaters zueilen, und wie sehr sein und Ihr Glück von Ihren Anstrengungen abhängt." „Kann ich anders für einen Vater handeln, der so viel für mich gethan hat?" „Und auch für mich," fiel der Jüngling ein, ihre Hand, die er zwischen den seinigen hielt, saust drückend. Der Blick der Unschuld und Ueberraschung, der aus ihrem Auge auf Heyward fiel, sagte diesem, daß er sich deutlicher erklären müsse. „Hier ist weder Ort noch Zeit, Sie mit selbstischen Wünschen bekannt zu machen," fügte er hinzu, „aber welches Herz, so gepreßt, wie das meinige, sollte nicht wünschen, seine Bürde abzuwerfen? Unglück, sagt man, sey das mächtigste aller Bande; was wir gemeinschaftlich um Ihretwillen erduldet haben, ließ nur wenig zwischen Ihrem Vater und mir dunkel." „Und meine theuerste Cora, Duucan; gewiß ist Cora nicht vergessen worden?" „Nicht vergessen! nein, sie ist bemitleidet, betrauert worden, wie selten ein Mädchen zuvor. Ihr ehrwürdiger Vater kannte keine» Unterschied zwischen seinen Kindern; aber ich — Alice, Sie werden mir vergeben, wenn ich sage, daß für mich ihr Werth in etwas verdunkelt — " 336 „Dann haben Sie den Werth meiner Schwester nicht kennen gelernt/' sprach Alice, ihre Hand zurückziehend, „sie spricht immer von Ihnen, als von ihrem theuersten Freunde." „Mit Freude darf ich sie dafür halten," versetzte Duncan hastig, „ich wünschte, sie wäre es mir in noch höherem Grade; aber mit Ihnen, Alice, darf ich nach Ihres Vaters Erlaubuiß noch ans ein näheres, thenreres Band hoffen." Alice zitterte heftig und wandte ihr Gesicht einen Augenblick bei Seite, einer ihrem Geschlechts so natürlichen Empfindung nachgebend: doch bald schwand dieser Eindruck und sie war wieder Herrin ihrer Fassung, wenn nicht ihrer Gefühle. „Heyward," sprach sie, ihn mit einem rührenden Ausdruck von Unschuld und Vertrauen anblickend, „geben Sie mir die heilige Gegenwart und die Einwilligung meines ehrwürdigen Vaters, bevor Sie weiter in mich dringen." „Mehr durfte und weniger konnte ich nicht sagen," war der Jüngling im Begriff zu antworten, als ihn ein leichter Schlag auf seine Schulter unterbrach. Er sprang auf, wandte sich gegen den Eindringling, und seine Blicke fielen auf die dunkle Gestalt und das boshafte Gesicht Magua's. Das gedämpfte Lachen aus der Kehle des Wilden tönte in einem solchen Augenblick für Duncan wie der höllische Hohn eines Dämons. Wäre er dem ungestümen, heftigen Drange des Augenblicks gefolgt, so hätte er sich auf den Hmronen geworfen, und sein Schicksal dem Ausgang eines Kampfes um Leben und Tod anvertraut. Da er aber keine Waffen hatte und nicht wußte, welche Hülfe dem listigen Feind noch zu Gebote stehe — da er zudem für die Sicherheit eines Wesens zu wachen hatte, das eben jetzt seinem Herzen theurer als je geworden war, gab er diesen verzweifelten Entschluß eben so schnell ans, als er ihn gefaßt hatte. „Was hast Du vor?" fragte Alice, ihre Hände sanft auf ihrer Brust kreuzend, während sie damit kämpfte, die todtliche 337 Angst für Heyward in dem sernehaltenden und kalten Benchmew zn verbergen, womit sie ihren Sieger bei jedem Besuche zn empfangen pflegte. Der triumphirende Indianer hatte seine strenge Haltung wieder angenommen, zog sich aber vor den drohenden Blicken aus dem feurigen Auge des jungen Mannes vorsichtig zurück. Er betrachtete beide Gefangene eine Weile mit festem Blicke, trat dann bei Seite und walzte ein Stück Holz vor eine andere Thüre, als die, durch welche Duncan cingetreten war. Dieser begriff jetzt die Art des Ueberfalls, und da er sich unrettbar verloren glaubte, zog er Alice an seine Brust, und stand bereit, sich einem Schicksal zu unterwerfen, das ihm sehr nahe ging, da er es in solcher Gesellschaft erleiden sollte. Magua sann aber nicht auf augenblickliche Gewaltthat: seine ersten Maaßregeln gingen nur dahin, sich seines neuen Gefangenen zu versichern, ja er warf nicht einmal einen Blick weiter auf die regungslosen Gestalten in der Mitte der Höhle, bis jede Möglichkeit, durch die geheime Pforte, zu entfliehen, die er benützt hatte, abgeschnitten war. Heyward blieb ein aufmerksamer Beobachter aller seiner Bewegungen, ruhig da stehend, indem er die zarte Gestalt Alicens an sein Herz gedrückt hielt, zu stolz und zu hoffnungslos, einen so oft überwundenen Feind um Schonung anzuflehen. Als Magua seine Vorkehrungen getroffen, näherte er sich den Gefangenen und sagte in englischer Sprache: „Die Blaßgesichter fangen die schlauen Biber; die Rothhäute aber wissen, wie man die Bengeese sängt." „Hurone, thue, was Du kannst!" rief der ansgereizte Hey- ward, vergessend, daß er jetzt zwei Leben auf's Spiel setzte. „Ich verachte Dich, wie Deine Rache!" „Wird der Weiße Mann auch am Pfahle so sprechen?" fragte Magua, seine Worte mit einem Hohnlächeln begleitend, das zeigte, wie wenig Glauben er in diesen Entschluß des Andern habe. 338 „Hier, Dir dem Einzelnen in's Gesicht und in Gegenwart Deines Stammes!" „Le Nenard Subtil ist ein großer Häuptling!" erwiederte der Indianer, „er wird seine jungen Leute herbeiholcn, damit sie sehen, wie standhaft ein Blaßgesicht Martern verlachen kann." Mit diesen Worten wandte er sich ab und war im Begriff, durch den Gang, durch welchen Duncan gekommen war, sich zu entfernen, als ein Brummen sein Ohr traf und ihn etwas zögern ließ. Die Gestalt des Bären erschien jetzt unter der Thüre, setzte sich nieder und wiegte sich wieder mit gewohnter Beweglichkeit. Magua betrachtete ihn, wie der Vater der kranken Frau, einen Augenblick scharf, als wollte er sich über seine wahre Natur in's Klare setzen, lieber den gewöhnlichen Aberglauben seines Stammes weit erhaben, unterschied er bald die wohlbekannte Maske des Beschwörers und wollte in kalter Verachtung an ihm vorüber- geheu. Doch ein lauteres und drohenderes Brummendesselben veran- laßte ihn noch einmal stille zu stehen; endlich aber schien er entschlossen, sich durch die Posse nicht länger aufhaltenzu lassen und ging festen Schrittes weiter. Der kunstfertige Bär, welcher vorgetreten war, zog sich langsam vor ihm zurück, bis an den Eingang, wo er sich auf seine Hinterbeine stellte und nach der Weise seines Vorbildes in der Thierwelt mit den Tatzen in der Luft herum schlug. „Narr!" rief der Häuptling aus Huronisch, „geh', spiele mit Kindern und Weibern, und mache Dich nicht an weise Männer!" Noch einmal versuchte er, an dem vermeintlichen Charlatan vorbeizukommcn, indem er selbst eine Scheindrohung mit dem Messer oder dem Tomahawk verschmähte, der an seinem Gürtel hing. Plötzlich aber streckte das Thier seine Arme oder vielmehr Füße ans und umschloß ihn mit einer Gewalt, die sich selbst mit der des weitberühmten Riesenbären hätte messen dürfen. Duncan war allen Bewegungen Hawk-eye's mit athemloser Erwartung gefolgt. Er ließ zuerst Alice los, haschte dann nach einein Riemen von 359 Bocksledcr, der uni einen Bündel geschnürt gewesen war, und stürzte, als er seinen Feind beide Arme an die Seite gepreßt von den cisenfestcn Muskeln des Kundschafters umschlungen sah, ans Magna zu, ihn festzubinden. Schneller, als wir es erzählen, hatte er> ihm Arme, Beine und Füße zwanzigfach mit den Riemen umzogen- Rls der furchtbare Huronc so ganz und gar gefesselt war, ließ der Kundschafter seine Beute los und Duncan legte seinen Feind, Völlig hülflos, auf den Nücke». Während dieser plötzlichen nnd unerwarteten Operation hatte Magua nicht den leisesten Ruf von sich gegeben, obwohl er sich mit Leibcskraft sträubte, bis er überzeugt war, daß er sich in den Händen eines Mannes von weit stärkeren Muskeln befinde. Als aber Hawk-ehe, um sein Verfahren in Kürze zu erklären, die zottigen Bärcnkinnbacken bei Seite schob, nnd sein eigenes, finsteres nnd rauhes Antlitz den Blicken des Gegners wies, war die Philosophie des Huronen so weit aus dem Feld geschlagen, daß er das nie fehlende „Hugh!" ausstieß. „Ja, nun bist Du wieder Deiner Zunge mächtig!" sprach der nnerschütterte Sieger, „damit Du sie aber nicht zu unserem Verderben gebrauchst, muß ich mir erlauben, Dir den Mund zu stopfen." Da keine Zeit zu verlieren war, so machte sich der Kundschafter sogleich herbei, diese nöthige Vorsichtsmaßregel iu'S Werk zu setzen; und nachdem er den Indianer geknebelt hatte, schien dieser mit allem Fug als kampfunfähig betrachtet werden zu dürfen. „Wo kam der Schurke herein?" fragte der emsige Kundschafter, als er sein Werk vollendet hatte. „Seit Ihr mich verlassen habt, ist nicht eine Seele an mir vorbei gekommen." Dunean wies auf die Thür, durch welche Magua seinen Eingang genommen hatte: der Rückzug durch sie bot aber jetzt zu viele Hindernisse dar. „So kommt mit dem Mädchen," fuhr sein Freund fort, „wir 360 müssen versuchen, durch den andern Ausgang in den Wald zu gelangen!" „Es ist unmöglich!" entgegnete Duncan, „die Furcht hat sie bewältigt. Sie kann sich keine Hülfe geben. Alice, meine süße, meine einzige Alice, raffe Dich auf! jetzt ist der Augenblick zur Flucht! —Es ist nmsvnst. Sie hört uns, ist aber unvermögend zu folgen. Geht, edler, würdiger Freund! Rettet Euch und überlasset mich meinem Schicksal!" „Jede Fährte hat ihr Ende und jedes Unglück gibt eine Lehre!" entgegnete der Kundschafter. „Da, wickelt sie in diese Jndianer- kleidung, doch so, daß ihre kleine Gestalt ganz unsichtbar wird! Nein, der Fuß hat seines Gleichen nicht in der Wildniß; er wird sie verrathen! Alles, auch das Geringste verborgen! Jetzt nehmt sie in die Arme und folget. Das klebrige sey mir überlassen!" Dnncan war, wie man aus den Worten seines Gefährten schließen wird, eifrig beschäftigt zu gehorchen, und kaum hatte der Andere ansgcredct, so nahm er die leichte Gestalt Alicens in seine Arme und folgte den Fußtritten des Kundschafters. Sie fanden die kranke Frau, wie sie sie verlassen hatten, ganz allein, und schritten schnell durch die Felsengallerie dem Ausgange zu. Als sie sich der kleinen Rindenthür näherten, verkündigte ihnen ein Gemurmel von Stimmen, daß die Freunde und Verwandten der Kranken außen versammelt waren, geduldig eine Aufforderung zum Wiedereintritt erwartend. „Wenn ich meine Lippen öffne, um zu sprechen," flüsterte Hawk-eye, „so wird den Schelmen mein Englisch, die wahre Sprache einer Weißhaut, verrathen, daß ein Feind unter ihnen ist. Ihr müßt daher Euer Kauderwelsch preisgebcn, Major, müßt sagen, daß wir den bösen Geist in die Hülle eingeschloffen haben und die Frau in die Wälder nehmen wollen, um stärkende Wurzeln für sie zu finden. Nehmt all Eure Schlauheit zusammen, denn hier ist dergleichen wohl erlaubt." 361 Die Thüre öffnete sich ein wenig, als ob Jemand von anßcn horche» wollte, was innen vorgehe. Dies nöthigte den Kundschaf- ter, mit seinen Anleitungen zn schweigen. Ein wildes Gebrumm trieb den Lauscher zurück, der Kundschafter stieß kühn die Rindenthür auf und verließ den Ort, fortwährend die Bärenrolle spielend. Duncan ging dicht ans seinen Fersen und fand sich alsbald mitten in einem Trupp von zwanzig ängstlich neugierigen Verwandten und Freunden. Der Hanfe wich etwas zurück und ließ den Vater und einen, welcher der Gatte der Frau zu seyn schien, näher treten. „Hat mein Bruder den bösen Geist ausgetrieben?" fragte der Erstere. „Was hat er in seinen Armen?" „Dein Kind!" sprach Duncan feierlich; „die Krankheit ist von ihr gewichen und ist in den Felsen eingcschlofsen. Ich trage die Frau eine Strecke weit fort, und will sie dann gegen künftige Anfälle stärken. Sie soll in dein Wigwam des jungen Mannes seyn, wenn die Sonne wieder kehrt!" Als der Vater des Fremden Worte in die Huronensprache übertragen hatte, verkündete ein unterdrücktes Murmeln das Wohlgefallen, mit welchem die Nachricht ausgenommen wurde. Der Häuptling winkte Duncan selbst mit der Hand, weiter zu gehen, indem er mit lauter, fester Stimme und stolzem Ausdrucke sprach: „Geh — ich bin ein Mann, ich will nach der Höhle und mit den: bösen Geiste kämpfen." Heyward hatte gerne gehorcht und war schon an der kleinen Gruppe vorbei, als ihn diese beunruhigenden Worte wieder anhieltcn. „Ist mein Bruder von Sinnen?" rief er; „ist er grausam? Er wird der Krankheit begegnen, und sie wird in ihn selber fahren: oder er treibt sie heraus, damit sie seine Tochter in die Wälder jage. Nein — meine Kinder mögen außen warten, und wenn der Geist erscheint, ihn mit Keulen Niederschlagen. Er ist schlau, und wird sich in den Berg begraben, wenn er steht, wie viele gerüstet sind, ihn zn bekämpfen." 362 Diese sonderbare Warnung hatte den erwünschten Erfolg. Statt in die Höhle zu treten, zogen der Bater und der Gatte ihre Tomahawks und hielten sich bereit, ihre Rache an dem vermeintlichen Qnäler ihrer armen Verwandten zu üben, während die Weiber und Kinder in gleicher Absicht Schöße von den Gebüschen brachen oder Felsenbröckel anfnahmen. In diesem günstigen Augenblick verschwanden die vorgeblichen Beschwörer. Obwohl Hawk-eye so viel auf die abergläubische Natur der Indianer rechnete, wußte er doch recht gut, daß die weiseren Häuptlinge deren Aeußernngen mehr nur duldeten als theilten — wußte, wie kostbar ihre Zeit in einer so dringenden Noth sey. So weit auch die Selbsttäuschung der Feinde gehen mochte und wie sehr sie ihre Plane begünstigt hatte, so konnte doch der geringste Verdacht, der bei einem klügeren Indianer aufstieg, ihnen nach Allem verderblich werden. Er schlug deshalb den Pfad ein, der am wenigsten beobachtet werden konnte und hielt sich mehr am Rande als innerhalb des Dorfes. In einiger Entfernung waren die Krieger bei dem Lichte der erlöschenden Feuer immer noch sichtbar, von Hütte zu Hütte schreitend. Die Kinder aber hatten die Spiele mit ihren Fellbetten vertauscht, und die Ruhe der Nacht begann über die Aufregung und Unruhe eines so geräuschvollen, denkwürdigen Abends zu siegen. Alice lebte unter dem erfrischenden Einflüsse der freien Lust wieder auf, und da mehr ihre physischen als ihre Geisteskräfte Ursache der früheren Schwäche gewesen waren, so bedurfte sie keiner Erklärung dessen, was sich zugetragen hatte. „Jetzt lassen Sie mich versuchen, zu gehen," sprach sie, nachdem der Wald erreicht war, insgeheim erröthend, daß sie nicht früher im Stande gewesen war, Duncan's Arme zu verlassen, „ich fühle mich wieder vollkommen hergestellt." „Nein, Alice, Sie sind noch zu schwach!" Das Mädchen sträubte sich sanft, um frei zu werden und Heyward mußte die kostbare Bürde verlieren. Der menschliche Bär hatte 363 sicherlich keine Ahnung von den köstlichen Empfindungen des Liebhabers, während er die Geliebte in seinen Armen hielt, und vielleicht war ihm sogar das Gefühl keuscher Scham unbekannt, das die zitternde Alice beherrschte. Als er sich in gehöriger Entfernung von den Hütten befand, machte er Halt und sprach über einen Gegenstand, dessen er ganz Meister war. „Dieser Pfad führt Euch nach dem Bache," sprach er; „folgt seinem nördlichen llfer, bis Ihr zu einem Wasserfalle kommet; dann, steigt Ihr auf den Berg zur Rechten und Ihr werdet die Feuer eines andern Volkes erblicken. Dahin müßt Ihr gehen und um Schutz bitten; wenn es ächte Delaware» sind, so seyd Jhr geborgen. Mit dem zarten Geschöpfe weiter zu entfliehen, ist jetzt unmöglich. Die Huronen würden unsrer Fährte folgen und Herren unsrer Skalpe sehn, ehe wir noch ein Dutzend Meilen gegangen wären. Geht, und die Vorsehung schirme Euch!" „lind Ihr?" fragte Hcyward überrascht, „wir trennen uns doch nicht hier?" „Die Huronen haben den Stolz der Delawaren, den Letzten aus dem hohen Blute der Mohikaner, in ihrer Gewalt," entgegnete der Kundschafter; „ich geh' und sehe, was für ihn geschehen kann. Hätten sie sich eures Skalps bemeistert, Major, so wäre, wie ich versprochen habe, für jedes Haar daraus ein Schurke gefallen: wird aber der junge Sagamore an den Pfahl geführt, dann sollen die Indianer sehen, wie auch ein Mann von unverfälschtem Blute sterben kann." Nicht im Geringsten gekränkt durch den entschiedenen Borzug, den der unerschrockene Waidmann Dem gab, der gewissermaßen sein Adoptivkind genannt werden konnte, fuhr Duncan fort, alle Gründe geltend zu machen, die sich gegen ein so verzweifeltes Vorhaben darboten. Alice unterstützte ihn, Heyward's Bitten durch die ihrigen verstärkend, indem sie den Freund beschwor, einen Entschluß aufzugeben, bei dem sich so viele Gefahr und so wenig Hoffnung 364 auf Erfolg voraussehcn ließ. Ihre edelmüthige Beredsamkeit sprach sich aber vergebens ans. Der Kundschafter hörte sie aufmerksam, aber ungeduldig an und schloß die Erörterung in einem Tone, der Alice sogleich zum Schweigen brachte, während sich Heyward überzeugte, >vie fruchtlos fernere Vorstellungen bleiben würden. „Ich habe sagen hören," sprach er, „es gebe in der Jugend ein Gefühl, das den Mann fester an das Weib kette, als den Vater an den Sohn. Das mag seyn. Ich war selten, wo Frauen meiner Farbe weilen; aber innerhalb der Kolonieen mag dies in der Natur liegen. Ihr habt euer Leben und Alles, was euch theuer ist, auf's Spiel gesetzt, um dieses zarte Geschöpf zu retten, und ich vermuthe, daß eine solche Empfindung dem Allem zu Grunde liegt. Was aber mich betrifft, so habe ich den Jungen gelehrt, was eine Büchse Werth ist, und reichlich hat er mir dafür gelohnt. In manchem blutigen Scharmützel habe ich an seiner Seite gekämpft; und so lange ich den Knall seiner Büchse mit dem einen Ohr und die des Sagamoren mit dem andern hören konnte, wußte ich, daß kein Feind mir im Rücken war. Winter und Sommer, Tag und Nacht haben wir gemeinsam die Wildniß durchstreift, aus derselben Schüssel gegessen und Einer wachte, indeß der Andere schlief. Ehe man aber sagen soll, Uncas sey den Martern übergeben worden, während ich in der Nähe war — es ist nur ein Herrscher über uns Allen, welche Farbe wir auch haben mögen, und ihn ruf' ich znm Zeugen an — ehe der Mohikaner-Junge stirbt, weil ihm kein Freund zu Hülfe kommt, eher soll Treu' und Glauben von der Erde weichen und mein Wildtödter so harmlos werden, als die tutende Waffe des Sängers." Dunean ließ den Arm des Kundschafters los; dieser wandte sich um, und schlug festen Schrittes den Weg nach den Hütten wieder ein. Nachdem sie eine Weile stille gestanden, ihm nachzusehen, nahm Heyward, so glücklich und dennoch sorgenvoll, mit Alice seinen Weg nach der entfernten Wohnstätte der Delaware». 363 Sechsundzwanzigstes Kapitel. Grund. Laßt mich auch den Löwen spielen! Sommernachtstraum. Trotz seines hochsinnigen Entschlusses sah Hawk-eye recht wohl ein, welche Schwierigkeiten und Gefahren vor ihm lägen. Auf dem Rückwege nach dem Lager hatte sein scharfer und geübter Verstand vollauf zu thun, auf Mittel zu sinnen, wie er der mißtrauischen Wachsamkeit seiner Feinde begegnen konnte, die, wie erwähl wußte, der seinigen in Nichts nachstand. Nur die Farbe seiner Haut hatte Magna und jenem Beschwörer das Leben gerettet: sie wären als die ersten Opfer für seine Sicherheit gefallen, hätte nicht der Kundschafter eine solche Handlung, so sehr sie auch mit der Jndianernatur znsammenstimmen mochte, für durchaus unwürdig eines Mannes gehalten, der sich seiner nnvermischten Abstammung rühmte. Deshalb vertrante er den Weiden und Banden, womit er seine Gefangenen gefesselt hatte, und verfolgte seinen Weg gerade nach dem Mittelpunkte der feindlichen Wohnungen zu. Als er sich aber den Gebäuden näherte, wurde sein Schritt bedächtlicher und sein wachsames Auge ließ kein Zeichen, ob günstig oder drohend, unbeachtet. Eine verwahrloste Hütte stand den übrigen etwas voran, und schien halb vollendet verlassen worden zu sehn, ohne Zweifel, weil es an einigen wichtigeren Erfordernissen, als da sind Holz oder Wasser, gebrach. Ein schwaches Licht schimmerte durch die Ritzen nud verkündete, daß sie dessenungeachtet nicht ohne Bewohner war. Hierher lenkte der Kundschafter seine Schritte, wie ein kluger Heerführer, welcher erst die Außenwerke seines Feindes untersucht, ehe er den Hauptangriff wagt. Eine Stellung annehmend, die der Weise des nachznahincndcn Thieres entsprach, kroch Hawk-eye nach einer kleinen Oeffnung, 366 durch die er das Innere überblicken kannte. Die Hütte war Davids Zufluchtsort. Hieher hatte sich der getreue Singmeister begeben, mit seinen Sorgen, Befürchtungen und seinem demüthigen Vertrauen in den Schutz des Himmels. In demselben Augenblick, da Gamnt's unförmliche Gestalt dein Kundschafter unter die Augen trat, war der Waidmann selbst, obwohl in der täuschenden Bärenhülle, der Gegenstand tiefsten Nachsiuncns für den einsamen Sänger. So unbedingt auch David auf die Wirklichkeit der alten Wunder baute, so mied er doch den Glauben au eine unmittelbare übernatürliche Einwirkung auf den Gang des jetzigen Weltlaufs. Mit andern Worten: während er unbedingt an die Sprechfähigkeit von Bileam's Esel glaubte, war er doch über das Singtalent des Bären noch tn einigem Zweifel; und doch hatten ihm für das Letztere seine eigenen vortrefflichen Organe Zeugniß abgelegt. Es lag in seiner Miene und seiner Geberdung etwas, das dem Kundschafter eine völlige Verwirrung des Geistes verrieth. Er saß auf einem Bündel Sträucher, die hie und da einen kleinen Beitrag zur Nahrung seines bescheidenen Feuers gaben, das Haupt auf einen Arm gestützt, in einer Stellung melancholischen Nachdenkens. Das Costüm des Jüngers der Musik hatte außer der neulich erwähnten keine weitere Veränderung erlitten; nur hatte er seinen Kahlkopf mit einem dreieckigen Biberhute bedeckt, der nicht anziehend genug gewesen war, die Habgier eines der Sieger zu reizen. Der scharfsinnige Kundschafter, der Hast eingedenk, mit welcher jener seinen Posten am Bette der kranken Frau verlassen hatte, war nicht ohne Muthmaßungen über den Gegenstand einer so feierlichen Betrachtung geblieben. Nachdem er die Runde um die Hütte gemacht und sich versichert hatte, daß sie ganz vereinzelt dastehc, wagte er, überzeugt bei dem Gcmüthszustande des Bewohners vor Besuchern geschützt zu seyn, durch die niedere Thüre cinzutreten, gerade vor Gamut hin. Die Stellung des Letzteren ließ das Feuer gerade zwischen ihnen, und als Hawk-eye sich auf seine Hinterbeine 367 gelassen, sahen sie einander nahezu eine Minute lang sprachlos an. Diese plötzliche, so sehr überraschende Erscheinung war beinahe zu viel, ich will nicht sagen für die Philosophie, aber für de» Glauben und die Entschlossenheit Davids. Er tappte nach seiner Pfeife und erhob sich in der dunkeln Absicht eine musikalische Beschwörung zu versuchen. „Finsteres, geheimnißvolles Ungeheuer!" rief er, mit zitternde» Händen seine hülfreiche Brille auf der Nase befestigend und nach dem nie fehlenden Helfer in der Noth, der gefeierten Psalmen-Neber- setzung suchend; „ich weiß nicht, wer dn bist, noch was du begehrest: verfolgst du aber die Person nnd die Rechte eines der dcmüthigsten Diener des Tempels, so höre die begeisterte Sprache des Jünglings in Israel und hebe reuevoll dich von hinnen!" Der Bär schüttelte seinen zottigen Körper, und eine wohlbekannte Stimme crwiederte: „Steckt euer Pfeif-Jnstrument ein nnd lehrt eure Kehle Bescheidenheit! Fünf Worte einfaches, verständliches Englisch sind jetzt gerade so viel Werth, als stundenlanges Schreien!" „Wer bist du?" fragte David, durchaus unfähig, seine ursprüngliche Absicht anszuführeu, nnd beinahe nach Athem schnappend. „Ein Mensch, wie ihr, dessen Blut sowenig von einem Bären oder einem Indianer hat, als das enrige. Habt ihr sobald vergessen, von wem das närrische Instrument kommt, das ihr da in der Hand haltet?" „Ist es möglich?" rief David, freier athmcnd, als ihm die Wahrheit zu tagen begann. „Gar manches Wunderbare habe ich seit meinem Aufenthalte unter den Heiden gesehen; aber hierüber geht nichts!" „Kommt, kommt," versetzte Hawk-cye, sein ehrliches Gesicht enthüllend, um das wankende Vertrauen seines Freundes noch mehr zu befestigen; „da seht ihr eine Haut, die zwar nicht so weiß wie ein Mädchengesicht ist, aber doch nicht mehr Nöthe hat. 368 als Wind und Sonne ihr gegeben haben. Aber jetzt an die Arbeit!" „Zuerst erzählt mir von dem Mädchen und dem jungen Manne, der sie muthig ausgesucht hat," unterbrach ihn David. „Ja, die sind glücklich vor den Tomahawks der Schufte gerettet. Könnt ihr mich aber auf llncas' Fährte bringen?" „Der jnnge Mann ist in Banden, und ich fürchte sehr, sein Tod ist beschlossen! Es thut mir sehr weh, daß ein so reich begabter Mensch in Unwissenheit dahinfährt — ich habe eine so schöne Hymne ausgesucht" — „Könnt ihr mich zu ihm führen?" „Das wird nicht schwer seyn!" antwortete David zögernd, „obgleich ich sehr fürchte, daß eure Gegenwart sein Unglück eher steigern, als erleichtern wird." „Kein Wort mehr! Führt mich zu ihm!" versetzte Hawk-eyc, sein Gesicht wieder verbergend, indem er, das beste Beispiel gebend, sogleich die Hütte verließ. Unterwegs erfuhr der Kundschafter, daß sein Gefährte bereits einmal Zugang zu Uncas gefunden habe, kraft des Vorrechts, das ihm seine vermeintliche Geistesschwäche verlieh, und durch die Gunst eines der Wächter, den er für sich eingenommen und schon früher, weil er etwas englisch verstand, zu einem Gegenstände der Bekehrung ansersehen hatte. Wie weit der Hnrone die Absichten seines neuen Freundes begriff, läßt sich nicht entscheiden; weil aber ausschließliche Aufmerksamkeit einem Wilden ebenso schmeichelhaft ist, als civilisirteren Menschen, so war der schon erwähnte Erfolg leicht erklärlich. Wir wiederholen nicht, mit welcher Gewandtheit der Kundschafter dem schlichten David diese Einzelheiten zu entlocken wußte; auch verweilen wir nicht bei den Anweisungen, die er ihm gab, nachdem er im Besitze der nöthigen Thatsachen war, da das Ganze dem Leser im Verlaufe der Erzählung hinlänglich klar werden wird. 369 Die Hütte, in welche Uncas eingeschlofsen war, stand in der Mitte des Dorfes, nnd in einer Lage, die jede unbemerkte Entfcr- nung oder Annäherung gleich schwer machte. Hawk-eye's Politik erforderte aber auch nicht den leisesten Schein von Heimlichkeit. Im Vertrauen auf seine Verkleidung und sein Geschick, die übernommene Rolle durchznführcn, schlug er den geradesten und nächsten Weg nach der Wohnung ein. Die nächtliche Stunde gewährte ihm jedoch einigermaßen den Schutz, ans welchen er so wenig Werth zu legen schien. Die Knaben lagen bereits in tiefem Schlafe, und die Weiber so wie die meisten Krieger hatten sich für die Nacht in ihre Hütten begeben. Nur vier oder fünf Wilde hielten sich in der Nähe des Haft-Ortes auf, um das Benehmen ihres Gefangenen behutsam aber streng zu beobachten. Als sie Gamut mit einem Begleiter in der wohlbekannten Maske eines ihrer angesehensten Beschwörer erblickten, machten sie Beiden ohne Widerrede Platz, hatten aber wie es schien keine Lust, sich zu ! entfernen. Im Gegcntheil fühlten sie sich jetzt offenbar bestimmt, um > so eifrigere Wächter zu bleiben, indem sie von einem solchen Besuche I das Schauspiel geheimnißvoller Zauberbräuche erwarteten. Da der Kundschafter ganz unfähig war, mit den Hnronen in ihrer Sprache zu reden, so mußte er die Unterhaltung allein an David überlassen. Trotz seiner Einfalt machte dieser dem empfangenen Unterricht alle Ehre und erfüllte selbst die kühnsten Hoffnungen seines Lehrers. „Die Delaware« sind Weiber!" rief er, an den Wilden sich > wendend, der ein wenig von der Sprache verstand, welche er redete; „die Yengeese, meine Landsleute, waren thöricht genug, ihnen zu sagen, sie sollten den Tomahawk gegen ihre Väter in Canada ergreifen, ohne ihres Geschlechtes zu gedenken! Wünscht mein Bruder zu Horen, wie le Oerk aZilo um den Weibcrrock bittet?— will er ihn am Pfahle vor den Hnronen weinen sehen?" Ein entschieden beifälliges „Hugh," in scharfem Tone gesprochen. Der letzte Mohikan. 2l 370 bewies, mit welcher Freude der Wilde Zeuge einer solchen Darlegung von Schwäche an einem lange gehaßten und so sehr gefürchteten Feinde sehn würde. „So laßt ihn bei Seite treten und der weise Mann wird den Hund anblasen! Sag' es meinen Brüdern!" Der Hnrone erklärte seinen Kameraden Davids Absicht, und diese vernahmen sie mit einem Vergnügen, wie man es bei so zuchtlosen Gcmüthern über die Aussicht auf eine raffinirte Grausamkeit erwarten durfte. Sie zogen sich ein wenig vom Eingang zurück und winkten dem vermeintlichen Beschwörer einzntreten. Der Bär aber, anstatt zu gehorchen, blieb in seiner sitzenden Stellung und brummte fort- „Der kundige Mann fürchtet, sein Athen: möchte seine Brüder treffen und auch ihnen den Muih nehmen," fuhr David fort, den ihm gewordenen Wink benützend, „sie müssen weiter davon stehen." Die Huronen, welche ein solches Mißgeschick für den schwersten Schlag hielten, der sie treffen könnte, zogen sich insgesammt zurück, in eine Stellung, wo sie zwar außerhalb Hörweite waren, aber doch den Eingang mit, ihren Augen beherrschten. Jetzt verließ der Bär, als wäre er über ihre Sicherheit beruhigt, seinen Platz und schritt langsam hinein. Der Ort war stille und düster, da der Gefangene ganz allein war, und nur die erlöschende Glut eines Feuers, das zum Kochen benutzt worden war, erleuchtete ihn. llncas nahin einen entfernten Winkel ein, an die Wand gelehnt, und an Händen und Füßen mit starken, schmerzhaften Banden festgeschnürt. Als der furchtbare Gegenstand dem jungen Mohikaner zuerst unter die Augen trat, warf er nicht einen Blick auf das Thier. Der Kundschafter, welcher David an der Thüre zurückgelaffen hatte, um sicher zu bleiben, daß man sie nicht beobachte, hielt es für rathsam, seine Verkleidung Leiznbehalten, bis er hierüber Gewißheit hatte. Statt zu sprechen, bemühte er sich 371 dk Fratzen des Thiers, das er vorstcllte, nachzuahmcn. Der junge Mohikaner, welcher anfänglich glaubte, seine Feinde hätten, um ihn zu quälen und seine Nerven ans die Probe zu stellen, einen wirklichen Bären hereingctrieben, entdeckte bald in diesen Bewegungen, die Heyward so naturgetreu schienen, gewisse Mängel, die ihm mit einem Mal den Betrug vcrriethen. Hätte Hawk-eye geahnt, wie niedrig der erfahrnere Uncaö seine Kunstleistungcn anschlage, so hätte er wahrscheinlich ihm zum Verdruß diese Unterhaltung noch etwas verlängert. Der verächtliche Ausdruck des jungen Mannes erlaubte aber so viele Deutungen, daß dem würdigen Kundschafter « das Kränkende einer solchen Entdeckung erspart blieb. Sobald daher David das verabredete Zeichen gab, ließ sich statt des wilden Bärengebrumms ein leiser Zischlaut in der Hütte vernehmen. Uncaö hatte sich gegen die Wand der Hütte herumgeworfen und hielt seine Augen geschlossen, als wollte er den Anblick eines so verächtlichen und widerlichen Gegenstandes meiden; sobald sich aber das Geräusch einer Schlange hören ließ, richtete er sich aus, bückte sein Haupt tief, wandte sich nach allen Seiten und blickte forschend umher, bis sein kühnes Auge auf dem zottigen Unthier ruhen blieb, unverwandt, als wäre es durch Zauberkraft gefesselt. Dieselben Töne wiederholten sich und kamen offenbar aus dem Rachen des Thieres. Noch einmal durchstreiften die Augen des Jünglings das Innere der Hütte, blieben aber ans derselben Stelle haften, und er sprach mit tiefer, gedämpfter Stimme: „Hawk-eye!" „Schneide seine Bande entzwei!" gebot Hawk-eye dem eben herantrctenden David. Der Sänger that, wie er angewiesen wurde, und Uncas fand seine Glieder wieder in Freiheit. In demselben Augenblick raschelte die dürre Bärenhaut, und der Kundschafter, in eigener Person, sprang auf seine Füße. Der Mohikaner begriff die Absicht des Freundes und seine Plane ohne Worte: weder ein Laut noch ein 372 Ausdruck seiner Züge verrietst Ueberraschung. Als Hawk-cye sein zottiges Gewand abgeworfen hatte, wozu es nur der Losung einiger Riemen bedurfte, zog er ein langes, blitzendes Messer hervor und gab es llncas in die Hand. „Die rothen Huronen sind draußen," sprach er, „laßt uns bereit seyn." Zu gleicher Zeit legte er seinen Finger bezeichnend ans eine andere ähnliche Waffe, die Frucht seiner Tapferkeit unter den Feinden an dem verflossenen Abend. „Wir wollen gehen," sprach Ilueas. „Wohin?" , „Zu den Schildkröten, sie sind die Kinder meiner Großväter." „Ja, Junge," sprach der Kundschafter englisch — eine Sprache, deren er sich gerne bediente, wenn er etwas zerstreut war, „dasselbe Blut rinnt in Euren Adern, ich glaub' es gern, aber Zeit und Entfernung haben seine Farbe etwas verändert. Was sangen wir mit den Mingo's vor der Thüre an? Sic sind ihrer sechs, und der Sänger ist so gut als niemand." „Die Huronen sind Prahler," sagte llncas verächtlich! „ihr Totem ist das Mußthier, sic laufen wie Schnecken. Die Dela- waren sind Kinder der Schildkröte und überholen den Hirsch." „Ja, Junge, in Deinen Worten ist Wahrheit, und ich zweifle nicht, daß Du in einem Lauf die ganze Nation hinter Dir ließest, so wie Du auf einer Strecke von zwei Meilen zum Ziele, und wieder zu Athem gekommen wärst, ehe einer dieser Schelme in die ^Hörweite des andern Dorfes gelangte. Aber die Gaben des 'weißen Mannes liegen mehr in seinen Armen, als in den Beiuen. So gut als einer, will ich jedem Huronen das Hirn eiuschlageui wenn's aber einen Wettlauf gilt, kann ich mich nicht messen mit den Schelmen." llncas, der sich bereits dem Eingang genähert hatte, im Begriff vorauszugehcn, fuhr wieder zurück und stellte sich noch einmal in die Tiefe der Hütic. Hawk-eye aber, mit seinen eigenen Gedanken zn sehr beschäftigt, nm auf diese Bewegung zu achten, fuhr fort, mehr mit sich selbst, als zu seinem Begleiter sprechend: „Bei alle dem ist es unvernünftig, einen Mann von den Gaben des andern abhängig zn machen. So wirst du besser thnn, Uncas, wenn du den Lauf beginnst, indeß ich die Haut wieder anlege, und mich in Ermangelung der Schnelle aus die List verlasse!" Der junge Mohikaner antwortete nicht, sondern schlug ruhig die Arme über einander und lehnte sich gegen einen der Pfosten, welche das Gebäude trugen. „Nun," sprach der Kundschafter, ihn anblickend, „warum zögerst Du? Ich habe Zeit genug vor mir, da die Schelme doch zuerst ihre Jagd auf dich beginnen werden." „Uncas bleibt," war seine rnhige Antwort. „Wozu?" „Um mit meines Vaters Bruder zu kämpfen und zu sterben mit dem Freunde der Delawaren." „Ja, Junge," erwiederte Hawk-eye, Uncas' Hand zwischen seinen Eisenstngern drückend, „'s hätte mehr einem Mingo, als einem Mohikaner gleich gesehen, wenn du mich verlassen hättest. Aber ich dachte, ich wollte dir's anbieten, da ich weiß, daß die Jugend gemeiniglich am Leben hängt. Nun, was sich im Krieg nicht durch offnen Muth ausrichten läßt, muß durch Umschweife geschehen. Leg' die Bärenhaut an, ich zweifle nicht, daß du vielleicht so gnt als ich den Bären spielen kannst." Was auch immer Uncas' geheime Meinung von ihrer beiderseitigen Geschicklichkeit in diesem Punkte seyn mochte, so verrieth doch seine ernste Miene keinen Anspruch auf Ueberlegenheit. Schweigend, aber rasch steckte er sich mit vielem Geschick in die Bärenhülle, weiterer Schritte gewärtig, die sein älterer Begleiter angeben wurde. „Nim Freund," sprach Hawk-cye, au David sich wendend, „ein Kleidcrtansch wird Euch sehr lieb sepn, sintemal Ihr Euch an diese Nothbchelfe der Wildniß doch nicht recht gewöhnen könnet. Da nehmt mein Jagdhemd und meine Mütze, und gebt mir Eure Decke und Euren Hnt dafür. Auch Euer Buch, Eure Brille und Euer Tutinsirumeut müßt Ihr mir anvertranen, und treffen wir uns je in besseren Zeiten wieder, so sollt Ihr Alles zurückerhalten und meinen besten Dank obendrein." David überließ ihm diese verschiedenen Dinge mit einer Bereitwilligkeit, die seinem Edelmnlh große Ehre gemacht Haben würde, hätte er nicht in mancher Hinsicht bei dem Tausche gewonnen. Hawk-cye bedurfte nur kurzer Zeit, die erborgten Kleider anzulcge», und als seine rastlosen Augen hinter den Glaser» verborgen waren, der dreieckige Castorhut sein Haupt überragte, so konnte er, da beide tu ihrer Statur nicht zu verschieden waren, beim Sternenlicht Wohl für den Sänger gelten. Sobald diese Vorkehrungen getroffen waren, wandte sich der Kundschafter an David und gab ihm zum Abschiede seine Vcrhaltungsregeln. „Seyd Ihr von Natur sehr furchtsam?" fragte er ihn mit derbem Frcimuth, um sich erst das ganze Verhältniß angemessen klar zu machen, ehe er eine bestimmte Vorschrift zu geben wagte. „Meine Bestrebungen sind friedlich und meine Gemüthsart, wie ich in Demuth glaube, neigt sich hauptsächlich zur Milde und Liebe," versetzte David, etwas verletzt durch diesen unmittelbaren Angriff auf seine Männlichkeit; „aber Keiner kann mir nachsagcn, daß ich selbst in den größten Nöthen mein Vertrauen auf den Herrn verloren hätte." „Die Hauptgefahr wird Euch in dem Augenblick drohen, wo die Wilden finden werden, daß sie betrogen sind. Schlägt man Euch da nicht ans das Haupt, so schützt Euch Euer Geisteszustand; und Ihr könnt dann mit gutem Grund erwarten, in Eurem Bette zu sterben. Wenn Ihr bleibt, so müßt Ihr Euch hier in den 375 Schatten setzen und Uncas' Rolle übernehmen, bis die schlauen Indianer den Betrug entdecken: dann wird, wie ich schon erwähnt, Euer Prüfungsstündlein kommen. So wählt denn selbst, ob Ihr einen Laus mitmachen oder hier bleiben wollt." „Das letztere!" antwortete David entschlossen; „ich will an der Stelle des Delawaren hier bleiben. Tapfer und edelmnthig hat er für mich gekämpft; soviel und noch mehr will ich für ihn thun." „Ihr habt wie ein Mann gesprochen, und wie Einer, der unter weiserer Zucht wohl Größeres geleistet hätte. Drückt Euer» Kopf herab und zieht Eure Beine ein; ihre Beschaffenheit möchte sonst die Wahrheit zu früh an den Tag bringen. Schweigt, so lang Ihr könnet; nnd wenn Ihr sprecht, so war' es am klügsten, sogleich einen Eurer lauten Gesänge anznstimmen: dies wird die Indianer daran erinnern, daß Ihr nicht so zurechnungsfähig wie andere Menschenkinder seyd. Wenn sie euch aber den Skalp abzichen, wiewohl ich hoffe nnd glaube, daß sie dies nicht thun werden, so verlaßt Euch darauf, daß Nncas und ich es ihnen gedenken und Euch rächen, wie's ächten Kriegern nnd treuen Freunden ziemt." „Halt!" sprach David, als er merkte, daß sie-ihn mit dieser Zusicherung verlassen wollten; „ich bin ein unwürdiger nnd geringer Nachfolger Dessen, der nie den verdammlichen Grundsatz der Rache predigte. Sollte ich fallen, so bringt meinen Manen'kein Opfer; verzeiht vielmehr meinen Verderbern; nnd wenn Ihr überhaupt an sie denkt, so scy es nur im Gebet um Erleuchtung ihres Geistes und um ihr ewiges Heil." Der Kundschafter zögerte und schien in Nachdenken versunken. „Das ist ein Grundsatz," sprach er, „nicht wie man ihn in den Wäldern hat, nnd doch schön und edel, und sehr beherzigenswerth." Mit einem schweren Sehnsuchtssenfzer, einem der letzten vielleicht nach dem Leben, das er so lange schon verlassen hatte, fuhr er fort: „ich möchte sehr gerne selbst ihm nachleben, als Einer, der keinen Mächten Blutstropfen in seinen Adern hat; er ist aber nicht 376 immer so leicht bei einem Indianer zu befolgen, wie bei einem Mitchristcn. Nun, Gott segne Euch, Freund; Ihr scyd, glaub' ich, nicht eben aus einer falschen Fährte, betrachtet man die Sache recht, wenn Ihr die Ewigkeit Euch immer vor Augen haltet. Freilich kommt viel auf die Natnrgaben an und die Stärke der Versuchung." Mit diesen Worten kehrte der Kundschafter um und schüttelte David herzlich die Hand. Nach dieser Freundschaftsbezeigung verließ er, von dem neuen Darsteller des Bären begleitet, die Hütte. Sobald sich Hawk-eye unter den Augen der Huronen befand, richtete er seine hohe Gestalt nach der unbeholfenen Weise Davids empor, reckte seinen Arm aus, als ob er den Takt angeben wollte und begann eine Art Nachahmung seines Psalmgesangs. Zum Glück für den Erfolg dieses mißlichen Versuchs hatte er es mit Ohren zu thun, die an den süßen Wohlklang harmonischer Töne wenig gewöhnt waren: sonst hätte sich dieses klägliche Beginnen unfehlbar entdeckt. Sie mußten in eine gefährliche Nähe mit der dunkeln Gruppe der Wilden gelangen, und je mehr sie heranschritten, desto lauter ertönte des Kundschafters Stimme. Als sie zunächst au de» Feinden waren, streckte der Hurone, welcher englisch sprach, den Arm aus und hielt den vermeintlichen Singmeister an. " „Der Hund von Delawarer —" sprach er, sich vorwärtslehnend, um den Ausdruck des Andern durch das Dämmerlicht zn erkennen: „fürchtet er sich? Werden die Huronen Seufzer von ihm hören?" Ein so entsetzlich natürliches Brummen aber erscholl in diesem Augenblick ans dem Bärenrachen, daß der junge Indianer seinen Mann losließ und bei Seite fuhr, als wollte er sich erst überzeugen, ob, was vor ihm hertrollte, ein wirklicher Bär oder eine Nachahmung sey. Hawk-eye, in der Furcht, seine Stimme möchte ihn den schlauen Feinden verrathen, benützte die Unterbrechung mit Freuden zu einer neuen musikalischen Produktion, die in der Sprache 377 der verfeinerten Gesellschaft ohne Zweifel ein Höllenlärm genannt worden wäre. Bet seinen jetzigen Zuhörern aber gab es ihm nur einen Anspruch mehr aus die Achtung, welche sie Solchen, die ihrer Meinung nach geisteswirr sind, nie versagen. Der kleine Indianer- Haufe zog sich zumal zurück und ließ den vermeintlichen Beschwörer mit seinem begeisterten Gchülfen weiter ziehen. Es war keine geringe Aufgabe für Uncas' und des Kundschafters Seelcnstärke, den langsamen, gravitätischen Schritt beizubehalten, den sie längs der Wohnhütten angenommen hatten, besonders, als sie gleich darauf gewahrten, daß die Neugierde bei den Wächtern die Oberhand über die Furcht gewonnen hatte, so daß sie sich der Hütte näherten, um Zeugen der Wirksamkeit der Bezauberungen zu seyn. Die geringste unüberlegte oder ungeduldige Bewegung Davids konnte sie verrathen, und für die Sicherheit des Kundschafters bedurfte cs nothwendig einiger Zeit. Der laute Gesang, den der Letztere gerathen fand fortzusetzen, zog verschiedene neugierige Gaffer unter die Thüren der Hütten, an denen sie vorübergingen, und ein- oder zweimal führte Aberglaube oder Wachsamkeit einen finsterblickenden Krieger quer über ihren Pfad. Sie wurden jedoch nicht angehalten. Die Dunkelheit der Nacht und die Keckheit des Wagestücks waren ihre besten Verbündeten. Die Abenteurer hatten das Dorf hinter sich und näherten sich nun rasch dem Schutze der Wälder, da ließ sich ans der Hütte, in welcher Uncas bewacht worden war, ein lautes, anhaltendes Geschrei vernehmen. Der Mohikaner stand auf seine Beine und schüttelte sein zottiges Kleid, als ob das Thier, welches er darstellte, eine verzweifelte Anstrengung machen wollte. „Halt!" sprach der Kundschafter, seinen Freund an der Schulter greifend, „laß sie noch einmal schreien; es war nichts als ihre Verwunderung!" Sie hatten keinen Grund zu zögern: im nächsten Augenblick erfüllte ein neues Geschrei die Lüfte und lief durch das ganze 378 Dorf. Uncas warf seine Haut ab und schritt in seinem eigenen schöngesorinten Gliederbaue weiter. Hawk-eyc schlug ihn leicht auf die Schulter und glitt voran. „Jetzt mögen die Teufelskindcr unsere Fährte finden!" sagte der Kundschafter, indem er zwei Büchsen mit allen nöthigen Erfordernissen unter einem Busch hervorzog, seinen Wildtödter schwang und Uncas die andre Waffe hinhielt; „zwei wenigstens laufen dem Tode in die Arme." Gleich Jägern, die des Wildes harren, ihre Gewehre niederhaltend, eilten sie fort und waren bald in der Dunkelheit des Waldes begraben. Sieben,nidzwanzigstes Kapitel. Antonius.Ich will inir's merken: Wenn Cäsar sagt: thu dies, so ist's gethan. Julius Eäsar. Die Ungeduld der Wilden, welche um llncas' Gcfängnißhütte schleuderten, hatte, wie wir gesehen haben, ihre Furcht vor dem Hauche des Beschwörers überwunden. Vorsichtig und mit klopfendem Herzen stahlen sie sich an eine Spalte heran, durch welche der schwache Schein des Feuers flimmerte. Mehrere Minuten hielte» sie Davids Gestalt für die ihres Gefangenen, bis es kam, wie Hawk-eye voransgesehen hatte. Müde, die Enden seiner langen Person so nahe beisammen zu halten, ließ der Sänger seinen untern Gliedmaßen Freiheit, bis einer der unförmlichen Füße mit der Glutasche in Berührung kam und sie bei Seite schob. Zuerst glaubten die Huronen, der Delaware sey durch Zauberkraft so entstellt worden. Als aber David, der nicht an Beobachtung dachte, seinen Kopf nmwandte und sein mildes, ehrliches Antlitz statt der stolzen Züge ihres Gefangenen sehen ließ, da hätte es mehr denn der 379 Leichtgläubigkeit eines Eingcbornen bedurft, um längere Zweifel ;u hegen. Sie stürzten alle in die Hütte, legten ohne viel Umstände ihre Hände auf den Gefangenen nnd entdeckten alsbald den Betrug. Jetzt erhob sich das erste Geschrei, das die Flüchtlinge vernommen hatten: ihm folgten die grimmigsten nnd rachcdrohendsten Gebcrdcn, so daß David, obwohl fest entschlossen, den Rückzug seiner Freunde zu decken, glauben mußte, sein eigenes Stündlcin scy gekommen. Seines Buchs und seiner Pfeife beraubt, mußte er wohl sein Gedächtnis in Anspruch nehmen, das ihn auch in solchen Dingen selten im Stiche ließ; und in einer lauten, leidenschaftlichen Weise seine Stimme erhebend, suchte er sich den liebergang in die andre Welt durch das Absingen eines Leichengesanges zu versüßen. Die Indianer wurden noch zu rechter Zeit an seine Geistesschwäche erinnert, stürzten an die freie Luft nnd brachten in der vorbcschriebcncn Weise das ganze Dorf auf die Beine. Der eingcborne Krieger ficht, wie er schläft, ohne durch besondere Schutzmittel gedeckt zu seyn. Kaum war daher das Lärmgeschrei ausgestoßen, als schon zweihundert Huronen auf den Beinen waren, zum Kampf oder zur Jagd bereit, wie es der Augenblick erheischte. Die Entweichung des Gefangenen war bald bekannt, nnd der ganze Stamm schaarte sich in Masse um die Bcrsamm- lungshütte, ungeduldig der Befehle seiner Häuptlinge wartend. Bei einem so unerwarteten Anruf an ihre Weisheit, mußte die Abwesenheit des schlauen Magna tief empfunden werden. Sein Name ward genannt und verwundert schauten alle um sich, als er nicht erscheinen wollte. Boten wurden nach seiner Wohnung entsendet, ihn herbeiznrufen. Mittlerweile erhielten einige der schnellsten und besonnensten jungen Krieger die Weisung, unter dem Schutze des Waldes die Lichtung ringsum zu durchsuchen, ob nicht ihre verdächtigen Nachbarn, die Dclawaren, Schlimmes im Schilde führten. Weiber nnd Kinder rannten hin nnd her; kurz das ganze Lager bot abermals den Anblick wilder Verwirrung. Allmählig jedoch schwanden die Merkmale der Unordnung und in wenigen Minuten waren die ältesten und ausgezeichnetsten Häuptlinge in der Hütte zu ernstlicher Berathung oersammelt. Ein Geschrei vieler Stimmen verkündete bald die Ankunft einer Streifparthie, von der man einigen Aufschluß über diese räthsel- hafte Neberraschung erwarten durfte. Die Menge draußen machte Platz und mehrere Krieger traten ein, den unglücklichen Beschwörer mit sich führend, den der Kundschafter in solche Noth gebracht hatte. Obgleich der Mann bei de» Huronen sehr verschieden angesehen war, — die Einen glaubten unbedingt an seine Macht, die Andern hielten ihn für einen Betrüger — fand er doch jetzt bei Allen die gespannteste Aufmerksamkeit. Als seine kurze Geschichte zu Ende war, trat der Vater der kranken Frau vor und erzählte dagegen, was er wußte. Diese beiden Berichte bildeten die beste Grundlage für die folgenden Nachforschungen, welche alsbald mit der den Wilden eigenthümlichen Schlauheit begonnen wurden. Statt in einem verworrenen, unordentlichen Haufen nach der Höhle zu stürzen, wurden zehn der weisesten nnd entschlossensten Häuptlinge für den Verfolg der Untersuchung ausersehen. Da keine Zeit zu verlieren war, erhoben sich diese nach beendeter Wahl sogleich und verließen die Hütte ohne ein Wort zu sprechen. Am Eingänge angelangt, machten die jüngeren Männer den älteren Platz nnd Alle betraten den niederen, finsteren Felsengang mit dem festen Mnthe von Kriegern, die entschlossen sind, sich dem öffentlichen Besten zu opfern, wie Wohl sie zugleich geheime Zweifel über das Wesen der Macht hegten, mit der sie streiten sollten. 2» dem düstern Vorgemach der Höhle herrschte Stillschweigen. Die Frau lag noch an demselben Orte und in ihrer früheren Stellung, obgleich mehrere Anwesende gesehen haben wollten, wie sie der vermeintliche Arzt der weißen Männer in die Wälder getragen habe. Ein so offenbarer und ausfallender Widerspruch mit der Erzählung des Vaters richtete Aller Augen ans ihn. Verletzt von dem stillen Vorwurf und von einem so unerklärlichen Umstand innerlich beunruhigt, trat der Häuptling an die Seite des Lagers und warf einen ungläubigen Blick ans die Züge seiner Tochter, als ob er ihr wirkliches Daseyn bezweifle. Sie war todt. Die mächtigen Gefühle der Natur gewannen für einen Augenblick die Oberhand: der alte Krieger bedeckte sich in seinem Kummer die Augen. Bald aber faßte er sich wieder, schaute seine Begleiter an und sagte, aus die Leiche deutend, in der Sprache seines Volkes: „Das Weib meines jungen Mannes hat uns verlassen! Der große Geist zürnt mit seinen Kindern." Die traurige Kunde wurde in feierlicher Stille ausgenommen. Nach einer kurzen Pause schickte sich einer der älteren Indianer zum Sprechen an, als ein dunkel anssehendcr Körper aus dem anstoßenden Gemache mitten in das Zimmer, in welchem sie standen, hereinrollte. Unbekannt mit der Natur der Wesen, denen sie hier begegnen sollten, wichen alle ein wenig zurück, verwundert dareinschauend, bis der Gegenstand mehr an's Licht kam, sich ausrichtete, und die verzerrten, aber immer noch wilden und grimmigen Züge Magua's sichtbar wurden. Dieser Entdeckung folgte ein allgemeiner Ausruf des Erstaunens. Sobald jedoch der wahre Zustand des Häuptlings entdeckt war, setzten sich mehrere Messer in Bewegung und bald waren Maguas Glieder und Zunge in Freiheit. Der Hurone erhob sich und schüttelte sich wie ein Löwe, der sein Lager verläßt. Nicht ein Wort entschlüpfte ihm. Seine Hand spielte krampfhaft mit dem Griff seines Messers, während seine dunklen Augen über die Anwesenden hinkiefeu, als suchten sie einen Gegenstand für den ersten Ansbruch seiner Rache. Es war ein Glück für Uncas, den Kundschafter und selbst David, daß sie alle in diesem Augenblick außer dem Bereiche seines 382 Armes waren: denn sicher nicht die raffinirteste Grausamkeit hätte jetzt ihren Tod verzögert, dem Ausbruche wilder Leidenschaft gegenüber, der dem Wilden beinahe die Stimme erstickte. Da Magna aber überall nnr Gesichter traf, die er als Freunde kannte, knirschte er mit den Zähnen, wie mit eisernen Raspeln und schlang seine Wuth in sich, in Ermanglung eines Opfers, an dem er sie hätte auslaffen können. Diese Zorneswuth entging keinem Anwesenden, und mehrere Minuten verflossen, ohne daß ein Wort gesprochen wurde, weil Jeder fürchten mußte, eine jetzt schon an Wahnsinn grunzende Leidenschaft noch zu steigern. Endlich aber nahm der älteste Häuptling das Wort: „Mein Freund hat einen Feind gefunden," sprach er. „Ist er in der Nähe, daß die Huronen Rache nehmen können?" „Laßt den Delaware» sterben!" rief Magna mit einer Donnerstimme. Eine abermalige, lange und bedeutungsvolle Panse erfolgte und ward wie zuvor mit gebührender Vorsicht von demselben Häuptling unterbrochen. „Der Mohikaner ist schnellfüßig und springt weit!" sprach er, „aber meine jungen Männer sind auf seiner Fährte." „So ist er fort?" fragte Magna in tiefen Kehltönen, die aus dem Innersten seiner Brust zu kommen schienen. „Ein böser Geist ist unter uns gewesen, und der Delaware hat unsere Augen geblendet." „Ein böser Geist!" wiederholte der Andere spottend, „cs ist der Geist, der schon so vielen Huronen das Leben geraubt hat. Der Geist, der meine jungen Männer an dem hcrabstürzenden Flusse erschlug; der ihre Skalpe an der Heilguelle nahm und jetzig die Arme Le Renard Subtil's gebunden hat!" „Von wem spricht mein Freund?" „Von dem Hunde, der unter einer blassen Haut das Herz und die List eines Indianers hat, von la lanxns Oarabine!" 383 Dieser furchtbare Name übte den gewöhnlichen Eindruck ans seine Zuhörer. Als sic aber Zeit zum Nachdenken gewannen und die Krieger daran gedachten, daß ihr kühner und furchtbarer Feind mitten in ihrem Lager gewesen war, Unheil stiftend: trat furchtbare Wuth an die Stelle der Verwunderung, und alle jenen wilden Leidenschaften, die eben noch in Magna's Brust gekämpft hatten, gingen plötzlich auf seine Gefährten über. Die Einen knirschten vor Grimm mit den Zähnen, Andere machten ihren Gefühlen in einem Geheul Lust, während noch Lindere wie wahnsinnig in das Leere schlugen, als ob der Gegenstand ihrer Rache wirklich diese Streiche empfände. Allein dieser plötzliche Ausbruch der Leidenschaft verwandelte sich alsbald in jene stille, finstere Zurückhaltung, deren Miene sie in Augenblicken der Nnthätigkeit immer annahmen. Magna, welcher seinerseits Zeit zum Nachsinnen gewonnen hatte, veränderte jetzt sein Benehmen und gab sich mit einer Würde, die der Wichtigkeit der Sache entsprach, das Ansehen eines Mannes, der weiß, was er zu thnn und zu bedenken hat. „Laßt uns zu meinem Volke gehen," sprach er, „sie warten auf uns." Seine Gefährten willigten schweigend ein: der ganze Haufe verließ die Höhle und kehrte nach der Rathshütte zurück. Als sie sich niedergelassen hatten, wandten sich aller Augen auf Magna, der aus diesem Zeichen abnahm, daß sie ihm einstimmig die Pflicht der Erzählung des Geschehenen übertragen wollten. Er stand auf und gab seinen Bericht ohne Zweideutigkeit oder Rückhalt. Die ganze Täuschung, die Duncan und Hawk-eye unternommen, lag jetzt offen vor Augen; und selbst die Abergläubigsten in dem Stamme konnten über den Charakter der Begebenheiten nicht länger im Zweifel seyn. Es war zu offenkundig, daß sie empörend, schimpflich getäuscht worden waren. Als er geendet und seinen Sitz wieder eingenommen hatte, sahen sich die versammelten Stammge- nofsen — seine Zuhörer schloffen die ganze Zahl der streitbaren 384 Männer ein — gegenseitig an, so oerwundert über die Keckheit, als über den Erfolg ihrer Feinde. Der erste Gegenstand der lleber- legung waren Mittel und Gelegenheit zur Rache. Eine weitere Schaar Krieger wurde den Flüchtlingen nachge, sendet, und die Häuptlinge schickten sich zu der ernstlichsten Berathnng an. Verschiedene Auskunftsmittel wurden nacheinander von den älteren Kriegern vorgcbracht, und Magna hörte sie alle mit ehrfurchtsvollem Stillschweigen an. Der verschlagene Wilde hatte seine ganze Umsicht und Selbstbeherrschung wieder gewonnen, und ging jetzt mit gewohnter Vorsicht und List auf sein Ziel los. Erst als Alle, die reden wollten, sich geäußert hatten, sprach auch er seine Ansicht aus. Besonderes Gewicht erhielt sie durch den Umstand, daß indessen einige der Läufer zurückgekehrt waren und berichteten, ihre Feinde hätten nach den Merkzeichen der Spur ohne allen Zweifel in dem benachbarten Lager ihrer verdächtigen Verbündeten, der Delaware«, Schutz gesucht. Im Besitze dieser wichtigen Kunde, legte der schlaue Häuptling den Genossen seine Plane vor, und sie wurden, wie sich von seiner schlauen Beredsamkeit erwarten ließ, ohne Widerrede angenommen. Seine Meinungen und Gründe waren kurz folgende. Es wurde bereits erwähnt, daß die Schwestern einer Politik zu Folge, von welcher die Wilden nur selten abgehen, getrennt wurden, so bald sie das Huronendorf erreicht hatten. Magna hatte bald entdeckt, daß er, so lange Alice in seiner Gewalt sey, auf Cora den entschiedensten Einfluß besitze. Er behielt daher die Erstere im Bereiche seiner Hand, und vertrante die Letztere, auf welche er am,meisten Werth legte, der Haft seiner Verbündeten an. Diese Anordnung, die übrigens nur für den Augenblick getroffen war, »sollte eincstheils seinen Nachbarn schmeicheln, andern Theils einer unumgänglichen Regel indianischer Politik huldigen. Während der Häuptling unaufhörlich von den Rachegefnhlcn 383 gestachelt wurde, die in einem Wilden selten schlummern, behielt er seine bleibenderen, persönlichen Interessen nichtsdestoweniger im Ange. Die Thorheiten und Treulosigkeiten seiner Jugendzeit mußten durch eine lange und peinvolle Buße gesühnt werden, ehe er auf den vollen Wiedergenuß des alten Vertrauens hoffen durste, und ohne Vertrauen war 'öei einem Jndianerstamme an kein Ansehen zu denken. In dieser schwierigen und mißlichen Lage hatte der listige Eingeborne kein Mittel versäumt, seinen Einfluß zu vergrößern; und eines seiner glücklichsten Mittel war der Erfolg gewesen, mit welchem er die Gunst ihrer mächtigen und gefährlichen Nachbarn gewonnen hatte. Das Ergebniß seiner Mühen hatte allen Erwartungen seiner Politik entsprochen: denn die Hnronen waren keineswegs frei von dem mächtigen Hange der menschlichen Natur, jeder Gabe nur in dem Grade Werth beizumessen, als sie von Anderen geschätzt wird. Während aber Magna den Rücksichten für das Gemeinwohl dieses vorgebliche Opfer brachte, ließ er seine persönlichen Beweggründe nie außer Acht. Die unvorhergesehenen Ereignisse, die alle Gefangenen seiner Gewalt entzogen hatten, waren ihm sehr in den Weg getreten; und er sah sich jetzt in die Nvthwendigkeit versetzt, diejenigen um eine Gunst anzugehen, denen er noch vor so kurzer Zeit Verbindlichkeiten aufzuerlegen sich bemüht hatte. Mehrere Häuptlinge hatten tief angelegte, verrätherische Plane zu einem Ueberfall der Delawaren vorgelegt, um durch Eroberung ihres Lagers mit einem Schlage auch die Gefangenen wieder zu gewinnen: denn Alls waren darüber einig, die Ehre und das Interesse ihrer Nation, der Friede und die Glückseligkeit ihrer gefallenen Landsleute erheischen gebieterisch einige Opfer für ihre Rache. Aber es wurde Magua nicht schwer, Plane verwerfen zu machen, deren Ausführung so gefahrvoll und deren Erfolg so zweifelhaft war. Er setzte die damit verbundenen Wagnisse und die möglichen Täuschungen mit gewohntem Geschick auseinander, und erst nachdem Der letzte Mohikan. LS 386 jedes Hinderniß, das ihm andere Meinungen brachten, beseitigt war, wagte er es, mit seinen eigenen Vorschlägen heranszutreten. Er fing damit an, der Eigenliebe seiner Zuhörer zu schmeicheln, ein untrügliches Mittel, sich Aufmerksamkeit zu sichern. Nachdem er die vielen Anlässe aufgezählt, bei denen die Huronen, Beleidigungen rächend, ihren Mnth und ihre Tapferkeit gezeigt hätten, schweifte er in ein beredtes und hohes Lob der Weisheit ab. Er zeichnete ihnen, wie diese Tugend den großen Unterschied zwischen den Bibern und andern Thieren, zwischen diesen und de» Menschen und endlich insbesondere zwischen den Huronen und den übrigen Geschlechtern der Menschen bilde. Nachdem er das Gewicht der Besonnenheit gehörig hervorgehoben hatte, ging er darauf über zu zeigen, wie sie in der jetzigen Lage des Stammes in 'Anwendung zu bringen sey. Ans der einen Seite, sprach er, blicke ihr großer blasser Vater, der Statthalter von Canada, mit nnmuthigcm Auge auf seine Kinder, seit ihre Tomahawks so geröthet sehen; ans der andern Seite würde ein Volk, so zahlreich als sie selbst, eine andere Sprache redend, und mit ganz verschiedenen Interessen, welches sic nicht liebe, jeden Vorwand willkommen heißen, die Huronen bei ihren großen weißen Häuptlingen in Ungnade zu bringen. Er sprach sodann von ihren Bedürfnissen, von den Belohnungen, welche sie für ihre früheren Dienste anzusprcchen hätten, berührte die Entfernung von ihren eigenen Jagdgebieten und Stammdörfern, — die Nothwendigkeit endlich, unter so mißlichen Umständen mehr die Klugheit, als die Neigung um Rath zu fragen. Als er gewahrte, daß zwar die älteren Männer seiner Mäßigung Beifall zollten, viele der wildesten und ausgezeichnetsten Krieger aber mit finsteren Blicken seine listigen Plane anhürtcn, so führte er sie schlau aus einen Gegenstand zurück, den sie am meisten liebten: er redete offen von den Früchten ihrer -Weisheit, die, wie er kühn aussprach, ein vollständiger, endlicher Triumph über ihre Feinde sehn würden. Ja er deutete an, daß bei gehöriger Vorsicht ihr Erfolg sich auf die 387 Vernichtung aller derer, die sie zu hassen Grund hätten, werde ansdehnen lassen. Kurz er wußte das kriegerische Element mit der Politik, das Klare mit dem Dunkeln so zu vermischen, daß er der Vorliebe beider Parteien schmeichelte und Jeder Hoffnungen übrig ließ, während keine sagen konnte, daß sie seine Absichten vollkommen verstehe. Der Redner oder Staatsmann, der einen solchen Stand der Dinge hcrbeizuführcn weiß, ist gemeiniglich bei seinen Zeitgenossen beliebt, wie ihn auch die Nachwelt ansehen mag. Alle merkten, daß mehr zu Grunde lag, als ausgesprochen wurde, und Jeder glaubte, die verborgene Meinung voranssetzen zu dürfe», die seine Fassungskraft oder seine Wünsche ihm an die Hand gab. Bei dieser günstigen Stimmung der Gcmüther war es kein Wunder, das Magna die Oberhand behielt. Der Stamm erklärte sich bereit, mit Besonnenheit zu Werke zu gehen, und die Leitung des ganzen Unternehmens wurde einstimmig einem Häuptling übertragen, der zu so weisen und verständlichen Hülfsmitteln geführt habe. Magna hatte ein großes Ziel seiner verschmitzten und unternehmenden Politik erreicht. Er hatte nicht nur den Grund wieder gewoüuen, den er in der Gunst seiner Landsleute verloren gehabt, sondern sah sich selbst an die Spitze der Angelegenheiten gestellt. Er war in Wahrheit ihr Herrscher, und so lange er seine Popularität behaupten konnte, war kein Monarch der Erde unumschränkter, besonders so lange sein Stamm sich im Feindeslands befand. Er warf daher das Ansehen eines Berathers ab und nahm den Ernst und die Würde an, die ihm nöthig schienen, um ein so wichtiges Amt zu stützen. Lauser wurden nach verschiedenen Richtungen abgeordnet, um sich zu unterrichten: Kundschafter mußten sich dem Lager der Delaware» nähern und es ausspähen; die Krieger wurden nach ihren Wohnnngcn entlassen, mit dem Bedeuten, daß man ihrer Dienste bald benöthigt seyn werde; die Weiber und Kinder erhielten den 388 Befehl, sich zurückzuzichen, mit der Weisung, daß Stillschweigen ihre Sache sey. Als diese verschiedenen Anordnungen getroffen waren, durchschritt Magna das Dorf, und trat hier und dort in eine Hütte, wo er mit seinem Besuche dem Bewohner zu schmeicheln glauben konnte. Er bestärkte seine Freunde in ihrem Vertrauen, crmuthigte die Wankenden und befriedigte Alle. Jetzt suchte er seine eigene Wohnung auf. Das Weib, das der Huronenhänptling verlassen hatte, als er von seinem Volke verjagt wurde, war todt. Kinder besaß er nicht; und er hatte jetzt seine Hütte allein inne, ohne irgend einen Gefährten. Es war die halbverfallene, einsame Wohnung, in welcher David entdeckt worden war: diesen hatte Magna bei den wenigen Gelegenheiten, wo sic sich trafen, mit der gleichgültigen Verachtung stolzer lleberlegcnheit um sich geduldet. Hieher zog sich Magna zurück, nachdem seine politische Thä- tigkeit beendigt war. Aber während Andere schliefen, kannte und suchte er keine Ruhe. Wäre einer neugierig genug gewesen, die Bewegungen des nenerwählten Häuptlings zu belauschen, so würde er ihn in einem Winkel seiner Hütte sitzend gefunden haben, von der Stunde an, da er sich znrückzog, bis zu der Zeit, die er den Kriegern zur Versammlung bestimmt hatte, in stillem Brüten über seine Pläne. Gelegentlich strich der Wind durch die Spalten der Hütte und das schwache Feuer, das hin und wieder über die Kohlenglut lief, warf ein flüchtiges Licht auf den Bewohner der düsteren Klause. In solchen Augenblicken wäre es der Einbildungskraft leicht geworden, den grimmigen Wilden in den Fürsten der Finsterniß nmznschaffen wie er über vermeintlich erlittenes Unrecht brütet und auf Verderben sinnt. Lange ehe der Tag graute, trat ein Krieger nach dem andern in Magua's einsame Hütte, bis ihrer zwanzig versammelt waren. Jeder trug seine Büchse und das übrige Zubehör des Kriegs, obgleich ihre Malerei durchaus einen friedlichen Charakter zeigte. Unbeachtet war der Eintritt dieser wildaussehenden Wesen geblieben; 389 die Einen setzten sich in dem Düster des Ortes nieder, Andere standen gleich Bildsäulen regungslos da, bis die ganze beabsichtigte Zahl erschienen war. Jetzt erhob sich Magna, gab ein Zeichen zum Ansbruch und trat selbst an die Spitze. Sie folgten ihrem Führer je Einer nach dem Andern in der wohlbekannten Ordnung, die man bezeichnender Weise den „Jndianerzng" genannt hat. Gänzlich verschieden von der Weise, in welcher das unruhevolle Kriegshandwerk sonst betriebe« Wird, schlichen sie still und unbeachtet aus ihrem Lager, mehr vorüberhuschenden Gespenstern gleich, als Kriegern, welche eitcln Ruhm durch tollkühne und verzweifelte Wagstücke gewinnen wollen. Statt den Weg einzuschlagen, der unmittelbar nach dem Lager der Delawaren führte, folgte Magua mit seinen Leuten eine Strecke weit den Windungen des Stromes, an dem kleinen, künstliche» Biberteich dahin. Der Tag brach eben an, als sie die von de» fleißigen, kunstfertigen, verständigen Thieren geschaffene Lichtung betraten. Magua hatte sein altes Kostüm wieder angenommen und trug aus der znbereiteten Thierhant, die seine Bekleidung bildete, die Umrisse eines Fuchses; ein anderer Häuptling in dem Trupp führte den Biber als sein Abzeichen oder „Totem." Dieser hätte gewissermaßen eine heilige Pflicht versäumt, wäre er an einer s» mächtigen Gemeinschaft vermeintlicher Verwandten ohne ein Zeichen der Achtung vorübergcgangen. Er hielt daher inne und redete die Thiere so freundlich und liebreich an, als ob er zu vernünftige» Wesen spräche. Er nannte sie seine Vettern, bedeutete ihnen, daß sie nur seinem schützenden Einflüsse ihre ungestörte Ruhe zu verdanke» hätten, während so manche habsüchtige Handelsleute die Indianer reizen wollten, ihnen das Leben zu nehmen. Er versprach ihnen auch für die Zukunft seine Gunst und ermahnte sie, dankbar hiefür zu sehn. Er sprach sodann von der Unternehmung, in der er begriffen seh, und gab ihnen, wiewohl auf eine sehr zarte Weise und durch Umschweife zu verstehen, wie gut es sehn möchte, wenn sie 39l) ihrem Verwandten einen Theil der Klugheit zukommen ließen, durch die sie selbst so berühmt sehen. ^ Während dieses merkwürdigen Vortrags blieben die Begleiter des Sprechers so ernst und aufmerksam auf das, was er sagte, als ob auch sie von dessen Schicklichkeit vollkommen überzeugt wären. Ein oder zwei Mal erhoben sich schwarze Gegenstände über die Oberfläche des Wassers, und der Hurone bezeigte Freude darüber, wie wenn seine Worte nicht vergeblich gewesen wären. Als er eben seine Rede beendigt hatte, streckte ein großer Biber den Kopf aus der Thüre einer Wohnung hervor, deren Erdwände sehr gelitten hatten und welche die Indianer ihrer Lage nach für unbewohnt halten mochten. Ein so außerordentliches Zeichen von Vertrauen wurde von dem Redner als ein höchst günstiges Omen ausgenommen, und obgleich sich das Thier etwas eilig znrückzog, so verschwendete der Häuptling dennoch Lobsprüche und Worte des Dankes. Magna dachte, es sey nun genug Zeit damit verloren worden, der verwandtschaftlichen Neigung des Kriegers ihre Ehre anzuthnn, und gab ein Zeichen, weiter zu gehen. Während die Indianer mit so leisen Tritten weiter zogen, daß sic kein gewöhnliches Ohr gehört haben würde, wagte derselbe ehrwürdig aussehendeBiber noch ein Mal den Kopf aus seinem Verstecke hervor. Hätte einer der Hnronen sich umgcwandt, so müßte er bemerkt haben, daß das Thier ihren Bewegungen mit einem Interesse und einem Scharfblick folgte, die man leicht für Vernunft hätte nehmen können. Wirklich waren die Bewegungen des Vierfüßlers so ausdrucksvoll und verständlich, daß selbst der erfahrenste Beobachter sic nur schwer hätte zu enträthseln vermögen, che der Trupp Wilder in den Wald getreten war und Alles sich damit ausklärtc, daß das ganze Thier » Diese Anrede» an Thiere sind Lei den Indianern häufig. So reden sie oft ihre Schlachtopfcr an, schelten sic ob ihrer Feigheit oder rühmen ihre Entschlossenheit, sie nachdem sie unter ihren Martern Seclenstärkc oder daS Gegcnthcil zeige». 391 aus der Hütte kroch und zugleich die ernsten Züge Chingachgook'S aus der Pelzmaske hervortralcn. Achtundzwaiizigftes Kapitel. Nur kurz, ich bitte euch: Ihr seht, ich Hube viel zu thun. Dick Lärmen um Nichts. Der Stamm oder vielmehr Halbstamm der Delaware», den wir schon so oft erwähnt haben, und dessen Lagerplatz so nahe bei dem jetzigen Wohnorte der Huronen war, konnte ungefähr die gleiche Anzahl Krieger versammeln wie das letztere Volk. Gleich ihren Nachbaren waren sie Montcalm ans das Gebiet der englischen Krone gefolgt und machten ernstliche und drückende Einfälle in die Jagdgründe der Mohawks, obgleich sie mit der bei den Eingcbornen so häufigen geheimnisvollen Zurückhaltung für gut fanden, ihren Beistand gerade da zu versagen, wo er am willkommensten gewesen wäre. Die Franzosen hatten sich diesen unerwarteten Abfall eines Theils ihrer Verbündeten ans verschiedene Weise erklärt. Die vorherrschende Meinung war jedoch, daß cs aus Ehrfurcht vor einem alten Vertrage geschehen sey, kraft dessen sie einst von den sechs Nationen Schutz im Kriege erhielten, und somit jetzt nicht gerne ihren früheren Herren feindlich gegenüber getreten wären. Der Stamm selbst hatte sich begnügt, Montcalm durch seine Abgesandten mit indianischer Kürze zu verkünden, ihre Streitäxte sehen stumpf: es bedürfe Zeit, sie wieder zu schärfen. Der staaiskluge Befehlshaber von Canada hielt es für gerathener, nachzugebcn, um einen nn- thätigcn Freund zu erhalten, als ihn durch Maßregeln einer übel angewandten Strenge zum offenen Feinde zu machen. An dem Morgen, an welchem Magna seinen schweigsame» Trupp aus die vorbeschriebene Weise von der Biberkolonie nach dem Walde führte, beschien die über dem Delawarenlager ausgehende 3S2 Sonne ein geschäftiges Volk, eifrig in Anspruch genommen von den gewöhnlichen Vorbereitungen für den Mittag. Die Weiber rannten von Hütte zn Hütte, die Einen ihren Morgenimbiß bereitend, Andere eifrig daran, ihren Anzug zu vervollständigen, die meisten aber in hastigem Flüstern mit ihren Freundinnen. Die Krieger standen unlhätig in Gruppen beisammen, mehr nachdenksam, als gesprächig, und wenn je ein Paar Worte fielen, so geschah es im Tone von Männern, die ihre Meinung zuvor gehörig erwogen haben. Die Jagdgeräthc lagen in Menge zwischen den Hütten; aber Niemand schickte sich an, sie zn benützen. Hier und da prüfte ein Krieger seine Waffen mit einer Aufmerksamkeit, wie sie selten vorkommt, wenn man keinem andern Feinde, als dem Thicre des Waldes begegnen will. Gelegentlich hefteten sich die Augen einer ganzen Gruppe ans eine große, stille Hütte mitten im Dorfe, als ob sie den Gegenstand ihrer gemeinsamen Gedanken in sich schlöße. Während dieser Scene erschien plötzlich an dem äußersten Ende des Felscngrundes, der die Fläche des Dorfes bildete, die Gestalt eines Mannes. Er war unbewaffnet, und seine Bemalung war eher darauf berechnet, den natürlichen Ausdruck seiner strenge» Züge zu mildern, als zu erhöhen. Sobald er von den Delawaren gesehen werden konnte, blieb er stehen und machte ein Zeichen der Freundschaft, indem er den Arm gen Himmel emporwarf und dann bedentungövoll ans die Brust sinken ließ. Die Bewohner des Dorfes erwiederten seinen Gruß mit einem leisen Gemurmel des Willkomms und munterten ihn durch ähnliche Zeichen freundlicher Gesinnung auf, näher zn komme». Ermuthigt durch diese Zusicherungen verließ die dunkle Gestalt den Rand der natürlichen Felsenterraffe, wo sie einen Augenblick verweilt hatte, in dunkeln Umrissen gegen den sich röthenden Morgenhimmcl gezeichnet, und trat würdevoll mitten in den Umkreis der Hütte». Während der Mann sich näherte, hörte man Nichts, als das Klirren der kleinen silbernen Zierrathcn, die Hals und Arm schmückten, und das Klingen der Glöckchen, die seine 393 hirschledernen Moccasins umgaben. Mit aufmerksamer Achtung grüßte er die Männer, an denen er Vornberging, ohne die Weiber zu beachten, als hielte er ihre Gunst in der Angelegenheit, die ihn herführte, für durchaus unwichtig. Als er die Gruppe erreicht hatte, die augenscheinlich, nach der Hoheit der Mienen zu schließen, die angesehensten Häuptlinge vereinigte, hielt der Fremde inne, und die Delawaren erkannten nun in der rüstigen, hohen Gestalt vor ihnen den wohlbekannten Huronenhäuptling Le Renard Subtil. Der Empfang war ernst, schweigsam, gemessen. Die vorne stehenden Krieger traten bei Seite, ihrem bewährtesten Redner Bahn öffnend, einem Manne, aller Sprachen mächtig, die unter den nördlichen Ureinwohnern gepflegt wurden. „Der weise Hurone ist willkommen," begann der Delaware in der Sprache der Maquas; „er ist gekommen, Succatusch * mit seinen Brüdern von de» Seen zu essen." „Er ist gekommen," wiederholte Magna, sein Haupt mit der Würde eines morgenländischen Fürsten neigend. Der Häuptling reckte den Arm aus, nahm den Anderen bei der Hand und neue Freundschaftsbezeigungen wurden gewcchselt- Dann lud der Delaware den Gast ein, in seine eigene Hütte zn treten und sein Morgenmahl zn theilen. Die Einladung wurde angenommen, die beiden Krieger, von drei oder vier älteren Männern begleitet, entfernten sich langsam, indeß die übrigen Delawaren vor Begierde brannten, den Grund eines so ungewöhnlichen Besuches kennen zn lernen, und doch weder durch Zeichen, noch durch Worte die geringste Ungeduld verrathen mochten. Während des kurzen und mäßigen Mahles spann sich die Unterhaltung äußerst umsichtig fort und berührte allein die Ereignisse der Jagd, auf welcher Magna vor Kurzem begriffen gewesen war. Selbst Männer von der feinsten Bildung hätten sich nicht besser * Ein Gericht aus gequetschtem Korn und Bohnen, das auch häufig von Weißen gegessen wird. Unter Korn ist Mais zn verstehen. 394 denn seine Wirthe, das Ansehen zu geben vermocht, als betrachteten sie Magua's Besuch als etwas ganz Unverfängliches, obgleich jeder Anwesende vollkommen überzeugt war, es liege ihm eine versteckte Absicht zu Grunde, die sicher von Wichtigkeit für sie selbst sey. Nachdem Aller Eßlust befriedigt war, entfernten die Sgnaws die hölzernen Teller und Kürbisflaschcn, und beide Parteien schickten sich an, die Waffen ihres Scharfsinns auf eine Hauptprobe zn stellen. „Ist das Antlitz meines großen Canadavaters wieder seinen Kindern, den Hnrvnen, zngewendct?" fragte der Sprecher der Delawaren. „Wann war es anders?" entgegnete Magna. „Er nennt mein Volk vielgeliebt." Der Delaware gab mit einer Verbeugung zu, was er als falsch erkennen mußte, und fuhr fort: „Die Tomahawks Eurer jungen Krieger sind sehr roth geworden?" „So ist es; aber sie sind jetzt blank und stumpf: denn die Uengeese sind todt, und die Delawaren unsere Nachbarn." Der Delaware erwiederte diese friedeverkündende Artigkeit mit einer Bewegung der Hand und schwieg. Magua, als würde er erst durch die Anspielung aus das Blutbad wieder daran erinnert, fragte: „Macht die Gefangene meinen Brüdern Beschwerde?" „Sie ist willkommen." „Der Pfad zwischen den Hnronen und den Delawaren ist kurz und offen; sendet sie an meine Squaws, wenn sie meinem Bruder lästig fällt." „Cie ist willkommen," erwiederte der Häuptling der andern Nation mit größerem Nachdruck. Magua, in leichter Verwirrung, blieb einige Äinuten still, anscheinend in völliger Gleichgültigkeit darüber, daß sein erster Versuch, Cora wieder zu gewinnen, scheiterte. 395 „Lassen meine jungen Krieger den Delawaren Raum auf den Bergen für iljre Jagden?" fuhr er endlich fort." ° „Die Lenapen sind Herren ihrer eigenen Berge!" versetzte der Andere etwas stolz. „Es ist gut. Gerechtigkeit ist die Lenkerin der Rothhäute! Warum sollten sie gegen einander ihre Tomahawks schärfen und ihre Messer wetzen? Sind nicht der Blaßgesichter mehr als der Schwalben in der Blnthczeit?" j „Gut!" riefen zwei oder drei seiner Zuhörer zu gleicher Zeit. Magna wartete ein wenig, bis seine Worte die Delaware» etwas milder gestimmt hatten, und fügte dann hinzu: „Sind nicht fremde Moccastns in den Wäldern gewesen? Haben meine Brüder nicht die Fußtritte weißer Männer getroffen?" „Möge unser Canadavater kommen," antwortete der Andere ausweichend, „seine Kinder sind bereit ihn zu sehen." „Wenn der große Häuptling kommt, so geschieht es, mit den Indianern in ihren Wigwams zu rauchen. Die Hnronen sagen ebenso: er ist willkommen. Aber die Ucngeese haben lange Arme und Beine, die nie ermüden! Meinen jungen Männern träumte, sie hätten die Spur der Vengecse nahe an dem Lager der Dela- waren gesehen!" „Sie werden die Lenapen nicht schlafend finden." „Es ist gut. Der Krieger, dessen Auge offen ist, kann seinen Feind sehen," sagte Magna, und suchte einen anderen Boden zu gewinnen, als er sich außer Stande sah, die Vorsicht seines Gegen- mannS zu dnrchdringen. „Ich habe meinem Bruder Geschenke gebracht. Seine Nation wollte nicht den Kriegspfad gehen, weil sie es nicht für geeignet hielt; aber ihre Freunde haben seiner Wohnungen gedacht!" Als der schlaue Häuptling auf diese Weise seine freigebige Absicht verkündet hatte, stand er auf und breitete mit würdevollem Ernste vor den geblendeten Augen seiner Wirthe die Geschenke aus. 396 Sie bestanden hauptsächlich in Schmuckwaaren von geringem Wcrthe, den erschlagenen Frauen von William Henry abgenommen. Die Bertheilung dieser Kleinigkeiten machte der Klugheit des Hnronen nicht weniger Ehre, als ihre Auswahl. Während er das Werthvollere den zwei ausgezeichnetsten Häuptlingen übergab, von denen einer sein Wirth war, würzte er seine Gaben an die Geringeren mit so gut angebrachten, treffenden Schmeichclreden, daß auch sie sich nicht beklagen durften. Knrz, bei der ganzen Cercmonie wußte er Freigebigkeit und Schmeichelei so glücklich zu verbinden, daß der Geber in den Angen der Empfänger alsbald die Wirkung einer Großmuth erkannte, die er so geschickt an Lvbsprüche geknüpft hatte. Dieser wohlberechnete Kunstgriff von Seiten Magua'ö blieb nicht ohne augenblickliche Resultate. Der Ernst der Dclawaren ging in einen Ausdruck von Herzlichkeit über; und Magua's Wirth insbesondere wiederholte, seinen reichlichen Anthcil an der Beute einige Augenblicke mit besonderem Wohlgefallen betrachtend, mit großem Nachdruck die Worte: „Mein Bruder ist ein weiser Häuptling. Er ist willkommen!" „Die Hnronen lieben ihre Freunde, die Delawaren," versetzte Magna. „Warum sollten sie nicht? Dieselbe Sonne hat sie gefärbt, und ihre gerechten Männer werden nach dem Tode in denselben Jagdgründen jagen. Die Rothhäute sollten Freunde seyn und mit offenen Augen auf die Weiße» Männer schauen. Hat mein Bruder keinen Kundschafter in den Wäldern anfgespürt? — Der Delaware, dessen Name Hartherz bedeutete, eine Benennung, welche die Franzosen in l-c Oocur äur übersetzt hatten, vergaß seines festen hartnäckigen Sinnes, der ihm wahrscheinlich einen so bezeichnenden Namen verschafft haben mochte. Seine Miene verlor merklich an Ernst und er vermochte es über sich, deutlicher zu antworten. 397 „Fremde Moccasills sind um mein Lager gewesen; ihre Spur reichte bis an meine Hütten." „Hat mein Bruder die Hunde lstnausgejagt?" fragte Magna, ohne auf die frühere Zweideutigkeit in der Antwort des Häuptlings zu achten. „Das ging nicht an. Der Fremde ist den Kindern der Lena- Pen stets willkommen." „Der Fremde, aber nicht der Spion!" „Schicken die Vengeese ihre Weiber als Spionen? Sagte nicht der Hnronenhänptling, er habe Weiber in der Schlacht zn Gefangenen gemacht?" — „Er hat keine Lüge gesprochen. Die Vengeese haben ihre Kundschafter ausgesendet. Sie sind in meinen Wigwams gewesen, haben aber keinen Willkomm gefunden: dann flohen sie zu den Delaware» — denn, sagen sie, die Delawarcn sind unsre Freunde; ihre Gemüthcr sind unserem Canadavater entfremdet!" Diese Wendung, die in das Herz traf, zeigte den Meister und hätte Magna in gebildeteren Kreisen der. Gesellschaft den Ruf eines geschickten Diplomaten verdient. Der neuerliche Abfall ihres Stammes hatte den Delawaren, wie sie selbst wohl wußten, viele Vorwürfe von Seiten ihrer französischen Verbündeten zngczogen, und sie mußten jetzt fühlen, daß ihre künftigen Schritte mit Eifersucht und Mißtrauen bewacht werden würden. Es bedurfte keiner tiefen Einsicht in Ursache und Wirkung, um vorausznsehen, daß eine solche Lage der Dinge ihren künftigen Bewegungen höchst nachtheilig werden konnte. Ihre entfernten Dörfer, ihre Jagdreviere und Hunderte von Weibern und Kindern, selbst ein wesentlicher Theil ihrer Streitkräfte, befanden sich augenblicklich innerhalb der Gränzen des französischen Gebiets. So wurde diese beunruhigende .Kunde, wie Magna beabsichtigte, mit offenbarer Mißbilligung, wo nicht mit Bestürzung ausgenommen. „Mein Vater blicke in mein Gesicht," sprach l,e voeur äur, „er wird keinen Wechsel finden. Es ist wahr, meine jungen Krieger gingen nicht auf dem Kricgspsade; fie hatten Träume, die es ihnen verwehrten. Aber sie lieben und verehren den großen Weißen Häuptling." „Wird Er so denken, wenn er hört, daß sein größter Feind in dem Lager seiner Kinder genährt wird? — Wenn man ihm erzählt, daß ein blutdürstiger Uengee an eurem Feuer raucht? daß das Blaßgesicht, welches so viele seiner Freunde erschlagen hat, beiden Delawaren aus und eingeht? Geht — mein großer Canada- vater ist kein Thor!" „Wo ist der Uengee, den die Delawaren fürchten?" entgegnete der Andere; „wer hat meine jungen Männer erschlagen? Wer ist der Todfeind meines großen Vaters?" „Ilm lonAne Oarabine!" Die Delawarenkriegcr schracken bei dem wohlbekannten Namen auf und verriethen durch ihr Erstaunen, wie sie jetzt erst erfuhren, daß ein unter den indianischen Verbündeten Frankreichs so vielgerühmter Krieger sich in ihrer Gewalt befinde. „Was meint mein Bruder?" fragte Im voear 402 im Laufe seines langen Lebens non verschiedenen christlichen Herrschern empfangen hatte. Er trug ferner Armbänder nnd Spangen nm die Knöcheln der Füße aus demselben Metall. Sein Haupt, auf welchem ringsumher das Haar frei wuchs, da er so lange schon das Kriegslebcn verlassen hatte, umschloß eine Art Diadem von Silber, mit minder werthvollen aber blinkenderen Zierrathen geschmückt, ans welchen drei glänzende Straußenfedern niederwallten nnd in ihrem tiefen Schwarz einen auffallenden Contrast mit seinem schneeweißen Lockenhaar bildeten. Sein Tomahawk war mit Silber beinahe überdeckt, und der Griff seines Messers schimmerte wie ein Horn von lauterem Golde. Sobald sich die erste freudige Aufregung über das unerwartete Erscheinen dieses verehrten Mannes ein wenig gelegt hatte, hörte man den Namen „Tamenund" von Mund zu Mund flüstern. Ost hatte Magna den Ruhm dieses weisen und gerechten Delawaren- hänptlings preisen hören; einen Ruhm, der so weit ging, daß man ihm die seltene Glücksgabe geheimen Umgangs mit dem großen Geiste zuschricb, eine Meinung, die seinen Namen sogar, mit geringer Veränderung, als den vermeintlichen Schutzheiligen eines großen Reiches bis ans die weißen Usurpatoren seines alten Gebiets gebracht hat. ^ Der Huronenhäuptling eilte daher hastig aus dem Gedränge hervor, nach einer Stelle, von wo ans er die Züge des Mannes näher ins Auge fassen konnte, dessen entscheidende Stimme einen so wesentlichen Einfluß ans seine eigene Angelegenheit haben sollte. Die Augen des Greises waren geschlossen, als wären sie müde, das selbstsüchtige Treiben menschlicher Leidenschaft so lange mitangesehen zn haben. Die Farbe seiner Haut war verschieden von dem Aussehen der meisten Indianer um ihn her; sie war tiefer * Die Amerikaner nennen ihren Schutzheiligen zuweilen Tan,enav, wasblos eine Verzerrung des Namens jenes berühmten oben angeführten Häuptlings ist. Wiele Sagen erwähnen Tamenund'S Macht nnd Charakter. und dunkler, was von den feinen labyrinthischcn Umrissen vieler verschlungenen und doch regelmäßigen Figuren hcrrührcn mochte, die durch Tättowiren seinem ganzen Körper eingezeichnct waren. Ungeachtet der in die Augen fallenden Stellung des stumm beobachtenden Huronen ging er an Magna vorüber, ohne ihn zu beachten und schritt, ans seine ehrwürdigen Begleiter gestützt, der erhöhten Stelle zn, wo er sich mit der Würde eines Monarchen und der Miene eines Vaters mitten unter seinem Volke niederließ. Nichts ging über die Ehrfurcht und Liebe, womit dieser unerwartete Besuch, der eher einer anderen Welt anzngehören schien, von dem Volke ausgenommen ward. Nach einer anstandvollen Pause erhoben sich die angesehensten Häuptlinge, traten vor den Patriarchen und legten ehrerbietig seine Hände auf ihre Häupter, als wollten sie seinewSegen erbitten. Die jüngeren Männer begnügten sich, sein Kleid zu berühren oder sich ihm nur zn nähern, um in derselben Luft mit dem so betagten, gerechten und tapferen Manne zn athmen. Aber nur die ausgezeichnetsten jungen Krieger wagten das Letztere zu thun: die große Masse der Versammelten fühlte sich glücklich genug, auch nur die Erscheinung eines so hochverehrten und innig geliebte» Mannes schauen zu dürfen. Sobald dieser Tribut der Zuneigung und Ehrfurcht dargebracht war, traten die Häuptlinge wieder auf ihre Plätze zurück und tiefes Schweigen herrschte in dem ganzen Lager. Bald aber erhoben sich einige junge Krieger, die von einem der betagten Begleiter Tamcnnnd's in der Stille ihre Weisung erhalten hatten, verließen die Versammlung und begaben sich nach der Hütte, welche den ganzen Morgen her Gegenstand so vieler Aufmerksamkeit gewesen war. In wenigen Minuten erschienen sie wieder, die Fremden nach dem Sitze des Gerichts geleitend, welche Ursache aller dieser feierlichen Vorbereitungen waren. Die Menge öffnete eine Gasse und als der Zug eingetreten war, schloßen sich die Reihen wieder, in weitem Halbrunde einen dichten Gürtel menschlicher Leiber bildend. 40-1 Neunundzwanzigstes Kapitel. Die Völker saßen, auf Achilles stand Und zu der Fürsten Führer so sich wandt'. Popc's Jliadc. Die erste nufer den Gefangenen war Cora, die in zärtlicher Schwesterliebe ihren Arm in den Alicens geschlungen hatte. Trotz der furchtbaren, drohenden Umgebung von Wilden auf allen Seiten konnte keine Sorge um ihr eigenes Schicksal das hochsinnige Mädchen abhalten, ihre Angen unverwandt auf die blassen und ängstlichenZligc der zitternden Alice zu heften. Dicht an ihrer Seite stand Heyward, der in einem solchen Augenblicke ängstlicher Ungewißheit mit einer Theilnahmc auf beide Gefährtinnen blickte, die seiner Liebe für Alice kaum ein Uebergcwicht ließ. Hawk-eye hatte sich ein wenig mehr in den Hintergrund gestellt, einer Achtung für den höher» Rang seiner Geführten folgend, die selbst die Gleichheit ihrer jetzigen Lage ihn nicht vergessen lassen konnte. Uncas war nicht zugegen. Als wieder Stille hergestellt war, erhob sich nach der gewohnten, langen, eindrucksvollen Panse einer der bejahrten Häuptlinge, die an der Seite des Patriarchen saßen, und fragte in sehr verständlichem Englisch mit lauter Stimme: „Welcher von meinen Gefangenen ist km loiixiio Oarabine?" Weder Duncan, noch der Kundschafter antwortete. Erstercr aber ließ seine Augen über die dunkle, schweigsame Versammlung kaufen und fuhr einen Schritt zurück, als er auf Magna's boshaftes Angesicht traf. Er sah mit einem Male, daß der tückische Wilde seine Hand bei ihrer Anklage vor dem Stamme mit im Spiele habe, und war alsbald entschlossen, der Ausführung seiner verderblichen Plane jedes mögliche Hinderniß in den Weg zu legen. Ein Beispiel des schnellen Rechtsverfahrens der Indianer war noch ganz frisch in seiner Erinnerung und er fürchtete, sein Gefährte möchte für 405 ein zweites ausersehcn scyn. Da ihm dieser entscheidende Angenblick wenig oder leine Zeit znr Ileberlegnng ließ, war er schnell bestimmt, seinen unschätzbaren Frennd zn schirmen, welche Gefahr auch aus ihn fallen möchte. Ehe er jedoch Zeit zu sprechen hatte, wurde dieselbe Frage lauter und mit klarerem Ausdruck wiederholt. „Gebt uus Waffen," antwortete der junge Mann stolz, „und laßt uns in jene Wälder dort gehen. Unsere Thaten sollen für uns sprechen." „Das ist der Krieger, dessen Name unsere Ohren erfüllt hat!" sprach der Häuptling, Heyward mit jener neugierigen Theilnahme betrachtend, die so natürlich ist beim Anblick eines Mitmenschen, den Verdienste oder Zufall, Tugenden oder Verbrechen berühmt gemacht haben. „Was hat den weißen Mann in das Lager der Delaware» geführt?" „Meine Nvth. Ich kam um Nahrung, Obdach und Freunde." „Das kann nicht seyn, die Wälder sind voll vou Wild. Das Haupt eines Kriegers bedarf keines Obdachs, als des unbewölkten Himmels; und die Delawaren sind die Feinde und nicht die Freunde der Jengeese. Geh —dein Mund hat gesprochen, aber dein Herz sagte Nichts." Duncan, ein wenig verlegen, wie er fortfahren sollte, schwieg; der Kundschafter aber, welcher aufmerksam die ganze Zeit über zugehört hatte, trat muthig hervor und erwiedertc: „Daß ich auf den Nuf l,a lonxue ltarabine nicht antwortete, hatte seinen Grund nicht in Scham oder in Furcht: denn weder die eins, noch die andere ziemt dem Manne von Ehre. Aber ich gestehe den Mingos nicht das Recht zu, Dein einen Namen zu geben, dessen Freunde seiner Gaben in diesem Betreff nicht unein- gedenk geblieben sind; zudem ist ihr Name eine Lüge; mein Wild- tüdter ist ein gezogenes Rohr und kein Carabiner. Ich bin der Manu, der von seiner Verwandtschaft den Namen Nathanael erhalten hat, den Ehrennamen Hawk-eye von den Delawaren, die 406 an ihrem eignen Flusse leben: der Mann endlich, den die Irokesen, ohne alle Gewähr von nur, der doch am meisten dabei betheiligt ist, ,die lange Büchse' zn betiteln sich erlaubt haben." Die Augen aller Anwesenden, welche bisher Dnncan's Person mit ernstem Blicke gemessen halten, wandten sich nun augenblicklich auf die aufrechte, eisenfeste Gestalt des neuen Prätendenten für jene ausgezeichnete Benennung. Es fiel keineswegs aus, daß sich zwei .Individuen fanden, welche eine so hohe Ehre anznsprcchcn Miene machten: denn Betrüger waren unter den Eingebornen, wenn auch selten, doch nicht unbekannt. Aber dennoch war es wesentlich für den gerechten und strengen Sinn der Delawarcn, hier jeden Jrrthum zu zerstören. Einige ihrer älteren Männer gingen bei Seite mit sich zu Rathc und schienen bald entschlossen, ihren Besucher darüber zn befragen. „Mein Bruder hat gesagt, eine Schlange sey in mein Lager gekrochen," sprach der Häuptling zn Magna, „welchen meinte er damit?" Der Hurone deutete auf den Kundschafter. „Will ein Weiser Delaware einem kläffenden Wolfe Glauben schenken?" rief Dnncan, noch mehr überzeugt von den schlimmen Absichten seines alten Feindes. „Ein Hund lügt niemals; wann aber hat man einen Wolf die Wahrheit sprechen hören?" Die Augen Magua's sprühten Feuer; aber schnell besann er sich, wie nothwendig es sey, Geistesgegenwart zn behaupten, und wandte sich mit der Miene stillen Unwillens ab, versichert, daß der Scharfsinn der Indianer die Wahrheit in der Streitsache bald entdecken würde. Er täuschte sich nicht: nach einer zweiten kurzen Berathung kehrte sich der behutsame Delaware wieder zu ihm und thcilte, wiewohl in den gewähltesten Ausdrücken, den Entschluß der Häuptlinge mit. „Mein Bruder ist ein Lügner genannt worden," sprach er, „und seine Freunde sind darob erzürnt. Sie wollen zeigen, daß er die Wahrheit gesprochen hat. Gebt meinen Gefangenen Gewehre, und lasset sie zeigen, welcher der Mann ist." Magna stellte sich, als nähme er dieses Auskunftsmittel für eine Artigkeit, obgleich er wohl wußte, daß nur Mißtrauen gegen ihn zu Grunde liege, und machte eine Geberde der Zustimmung: wohl damit zufrieden, daß ein so geschickter Schütze, wie der Kundschafter, seine Wahrhaftigkeit zu erhärten bestimmt war. Die streitenden Freunde erhielten alsbald ihre Waffen, mit der Weisung, über den Häuptern der sitzenden Menge hinweg nach einem irdenen Gefäße zu schießen, das zufällig etliche und sechzig Schritte von der Stelle, wo sie standen, auf einem Baumstamme lag. Heyward lächelte bei sich über dem Gedanken eines Wettkampfes mit dem Kundschafter, obgleich fest entschlossen in der Täuschung zu beharren, bis er die wahre Absicht Maguäs kenne. Er hob seine Büchse mit der größten Achtsamkeit empor, zielte zu drei wiederholten Malen und feuerte. Die Kugel zerriß das Holz wenige Zoll von dem Gefäß und ein allgemeiner Ruf des Beifalls verkündete, daß man den Schuß als einen Beweis von großer Geschicklichkeit im Gebrauche der Waffe ansebe. Selbst Hawk-eye nickte mit dem Kopf, als wollte er sagen, es sey besser gegangen, als er erwartet. Statt sich aber zu dem beabsichtigten Wettstreite mit dem glücklichen Schützen fertig zu machen, lehnte er sich länger als eine Minute aus seine Büchse, als sey er gänzlich in Gedanken begraben. Ans diesen Träumereien ward er jedoch von einem der jungen Indianer ausgestört, der die Waffen gebracht hatte. Dieser berührte seine Schulter und sprach in ausnehmend gebrochenem Englisch: „Kann das Blaßgestcht besser machen?" „Ja, Hurone!" rief der Kundschafter, seine kurze Büchse mit der Rechten erhebend und sie gegen Magna mit einer Leichtigkeit schwingend, als ob es ein Rohr wäre; „ja, Hurone, ich könnte dich jetzt treffen, und keine Macht der Erde könnte die That hindern. Der kreisende Falke ist der Taube nicht gewisser, als ich deiner in diesem Augenblicke bin, wollte ich dir meine Kugel durch das Herz jagen! Warum sollt' ich's nicht? Warum? Weil meine Farbe mir's nicht zuläßt, und ich über zarte, unschuldige Wesen Unheil herab- rufcn könnte! Wenn du ein Wesen kennst, wie Gott, so danke ihm in deinem innersten Herzen — du hast allen Grund dazu!" Die wutherglühtc Miene, das grimmige Auge und die schwellende Gestalt des Kundschafters brachte einen Eindruck stiller Ehrfurcht ans die Hörer hervor. Die Delaware» hielten vor Erwartung den Athem an: aber Magua blieb, wiewohl er der Schonung seines Feindes mißtraute, ruhig und unbeweglich stehen, wo ihn die Menge in dem Gedränge festhielt, als scy er mit der Erde verwachsen. „Besser machen!" wiederholte der junge Delaware, an der Seite des Kundschafters. „Besser machen — was? Narr? — was?" rief Hawk-eye, immer noch ergrimmt seine Waffe über dem Haupte schwingend, obgleich sein Auge nicht länger Magua suchte: „Wenn der weiße Mann der Krieger ist, für den er sich ausgibt," sprach der betagte Häuptling, „so schieße er näher an das Ziel!" Der Kundschafter lachte laut — ein Geräusch, welches Heyward wie übernatürlich klang und ihn znsammenschrccken machte — ließ das Gewehr schwer in die ansgereckte linke Hand fallen, es ging los, scheinbar durch die Erschütterung, trieb die zerschmetterten Stücke des Gefäffes in die Luft und streute sie auf allen Seite» umher. Beinahe in demselben Augenblick hörte man den rasselnden Schall der Büchse, wie er sie verächtlich zu Boden warf. Der erste Eindruck eines so außerordentlichen Auftritts war steigende Bewunderung. Dann lief ein leises Gemurmel durch die Menge, das allmählig lauter ward und inehr und mehr anschwellend endlich einen lebhaften Gegensatz in den Gefühlen der Zuschauer kund gab. Während Einige einer so beispiellosen Geschicklichkeit unverholen ihren Beifall zollten, war der bei weitem größere 409 Theil des Stammes geneigt zu glauben, der Schuß danke seinen Erfolg nur dem Zufall. Heyward zögerte nicht eine Meinung zu bestätigen, die seinen eigenen Ansprüchen so günstig war. „Es war Zufall!" rief er, „Niemand kann schießen, ohne zu zielen." „Zufall!" echo'te der gereizte Waidmann, der sich nun einmal in den Kopf gesetzt hatte, die Identität seiner Person um jeden Preis zu behaupten, und bei dem alle geheimen Winke Heyward's, die Täuschung zu begünstigen, gänzlich verloren waren. „Hält jener lügnerische Hurone es auch für Zufall? Gebt ihm ein Gewehr, stellt ihn uns gegenüber, offen, ohne Schutz, auf daß die Vorsehung und unsre Augen die Sache entscheiden. Euch mach' ich diesen Vorschlag nicht, Major: unser Blut ist von einer Farbe, und wir dienen einem Herrn. „Daß der Hurone ein Lügner ist, liegt am Tage," versetzte Heyward kalt; „Ihr habt ihn selbst behaupten hören, Ihr seyet Tm loiiAne Oai'nbino." Es läßt sich unmöglich sagen, zu welch heftigen Betheurungen den eigensinnigen Hawk-eye der ungestüme Wunsch, seine Identität zu verfechten, noch geführt hätte, wäre nicht der betagte Delaware noch einmal in's Mittel getreten. „Der Falke, der aus deu Wolken kommt, kann zurückkehrcn, wenn er will," sprach er, „gebt ihnen die Gewehre!" Diesmal ergriff der Kundschafter die Büchse mit Begierde, und Magna, obwohl die Bewegungen des Schützen mit scheelsüchtigen Augen beobachtend, hatte keinen weiteren Grund zu Besorgnissen. „Nun soll es sich entscheiden, im Angesichte dieses Delawaren- stammes, wer der bessere Mann ist!" rief der Kundschafter, mit dem Finger, der so oft zu einem tödtlichen Schuß lvsgedrückt hatte, auf die Zielmarke seiner Büchse deutend. „Ihr seht die Kürbisflasche dort an dem Baume hängen, Major; wenn Ihr ein Schütze seyd, wie er in den Gränzlanden seyn muß, so schießt ihr einmal die Schale ein!" 410 Duncan faßte den Gegenstand in's Auge und schickte sich an die Probe von neuem zu bestehen. Die Kürbisflasche war eines jener kleinen Gefäße, deren sich die Indianer bedienen, und hing an einem Riemen aus Hirschleder von dem dürren Aste einer kleinen Fichte herab, volle hundert und fünfundzwanzig Schritt entfernt. Ein so wunderliches Gefühl ist die Eigenliebe, daß der junge Soldat die ursprüngliche Veranlassung dieses Wettstreites über dem Wunsche, zu siegen, vergaß, während er die gänzliche Werthlosigkeit der Stimme seiner wilden Kampfrichter kennen mußte. Wir haben bereits gesehen, daß seine Geschicklichkeit nichts weniger als unbedeutend war, und er beschloß nun, sie auf die höchste Spitze zu treiben. Hätte sein Leben von dem Ansgang abgehängt, er hätte nicht aufmerksamer und sorgfältiger zielen können. Er gab Feuer, und drei oder vier junge Indianer, welche bei dem Knalle vorgesprnngen waren, verkündeten jubelnd, die Kugel stecke dicht neben dem eigentlichen Ziele in dem Baum. Die Krieger erhoben allesammt ein Freudengeschrei und wandten dann ihre Augen forschend auf die Bewegungen des Nebenbuhlers. „Das reicht hin für die königlichen Amerikaner!" sprach Hawk-eye, noch einmal in seiner stillen, innerlichen Weise lachend, „aber hätte mein Gewehr oft nur so weit die rechte Linie verfehlt, so würde mancher Marder, dessen Pelz jetzt den Muff einer Dame ziert, noch in den Wäldern seyn; ja und mancher blutdürstige Mingo, der dähingegangen ist zum letzten Gericht, würde noch heutigen Tags seine Teufeleien in den Gränzprovinzen treiben. Ich hoffe, die Squaw, der die Flasche gehört, hat noch mehr dergleichen in ihrem Wigwam; denn diese da wird kein Wasser mehr halten!" Der Kundschafter hatte unter dem Sprechen sein Zündpulver geschüttelt und die Büchse gespannt; als er fertig war, setzte er einen Fuß rückwärts und hob die Mündung langsam in die Höhe; die Bewegung geschah sicher, gleichförmig und in einer und derselben Richtung. Als sie gänzlich wagrecht lag, ruhte sie einen 411 Augenblick, ohne im geringsten zn zittern über die Lage zn ändern, als ob Mann und Büchse in Stein gehauen wären. Während dieses Stillstands entlud sich ihr Inhalt in einem Hellen, glänzenden Feuerstrain. Abermals sprangen die jungen Indianer vor; doch ihr hastiges Suchen und die Täuschung in ihren Blicken verkündeten, daß keine Spnren der Kugel zn sehen waren. „Geh!" sprach der alte Häuptling zu dem Kundschafter im Tone tiefer Mißbilligung, „du bist ein Wols in der Haut eines Hundes. Ich will mit der langen Büchse der Aengeese sprechen." „Ach, daß ich die Flinte hätte, welche mir den Namen gab, den du gebrauchst: ich wollte mich verbindlich machen, den Riemen durchzuschießen und die Kürbisflasche herabzuwerfen, ohne sie zu brechen!" sprach Hawk-eye, keineswegs außer Fassung gebracht durch das Benehmen des Andern; „Narren, wenn ihr die Kngel eines Scharfschützen aus diesen Wälder» finden wollt, müßt ihr in, nicht außer dem Ziele suchen!" Die jungen Indianer verstanden seine Meinung sogleich, denn er sprach dies Mal delawarisch; sie rissen den Kürbis vom Baume herab und hielten ihn unter ausgelassenem Jubelgeschrei in die Höhe, ans ein Loch in dem Boden zeigend, das die Kugel, durch die gewöhnliche Mündung in der Mitte der obcrn Seite dringend, geschlagen hatte. Bei dieser unerwarteten Aufklärung brach ein lautes und stürmisches Beifallrusen ans dem Munde aller anwesenden Krieger. Es entschied die Frage und gab Hawk-eye den Besitz seines gefährlichen Ruhmes wieder. Die Augen voll Neugierde und Bewunderung, welche sich wieder zu Heyward gewandt hatten, blieben jetzt auf der verwitterten Gestalt des Kundschafters ruhen, und dieser war von nun an der Hauptgegenstand der Aufmerksamkeit für die einfachen und unverdorbenen Wesen um ihn her. Als die plötzliche, geräuschvolle Aufregung sich ein wenig gelegt hatte, nahm der betagte Häuptling sein Verhör wieder auf: „Warum wolltest du meine Ohren stopfen?" fragte er wieder, 412 an Duncan gewandt; „sind die Delawaren Thoren, daß sie nicht im Stande seyn sollen, den jungen Panther von der Katze zu unterscheiden ?" „lind doch werden sie in dem Hnronen einen falschen Singvogel finden!" sprach Duncan, indem er sich bemühte, die Bildersprache der Eingeborncn anzunehmen. „Es ist gut. Wir werden sehen, wer die Ohren der Männer schließen kann. Bruder!" fügte der Häuptling hinzu, seine Augen ans Magna lenkend, „die Delawaren hören." So besonders und unmittelbar aufgefordert, seine Absicht zu erklären, erhob sich der Hnrone, schritt mit großer Würde und Besonnenheit in die Mitte des Kreises, den Gefangenen gerade gegenüber, und schickte sich zum Sprechen an. Ehe er aber seinen Mund öffnete, ließ er seine Blicke langsam über den ganzen lebendigen Gürtel ernster Gesichter schweifen, als wollte er seinen Vortrag der Fassungskraft der Zuhörer anbequemen. Ans Hawk-eye warf er einen feindseligen und doch achtungsvollen Blick, auf Duncan einen des unauslöschlichsten Haffes: die zusammenschauernde Gestalt Alicens würdigte er kaum hes Ansehens; als aber sein Auge der kühnen, gebieterischen, und doch so liebenswürdigen Erscheinung Coras begegnete, blieb es eine Weile mit einem Ausdrucke hasten, der sich schwer beschreiben ließe. Dann sprach er, ganz von seinen finstern Plänen erfüllt, in der Sprache Canadas, die, wie er Wohl wußte, von den meisten seiner Zuhörer verstanden wurde. „Der Geist, welcher die Menschen schuf, färbte sie auf verschiedene Weise," begann der schlaue Hurone. „Die Einen sind schwärzer als der träge Bär. Diese, sprach er, sollen Sklaven seyn, und er gebot ihnen, gleich dem Biber, immerwährende Arbeit. Wenn der Südwind weht, mögt ihr sie stöhnen hören, an den Gestaden des großen Salzsees, lauter als die brüllenden Büffel, wo die großen Canoes sie heerdenweise bringen und wegführen. Andere schuf er mit Gesichtern, blässer als der Hermelin in den Wäldern: 413 diese hieß er Krämer werden, Hunde gegen ihre Weiber und Wölfe gegen ihre Sklaven. Diesem Volke gab er die Natur der Taube, Schwingen, die nie müde werden, Junge, zahlloser als die Blätter der Bäume, und eine Freßlust, die Erde zu verschlingen. Er gab ihm Zungen, gleich dem falschen Rufe der wilden Katze, Herzen, wie den Kaninchen; die Schlauheit des Schweins (aber nicht die des Fuchses), und Arme, länger als die Beine des Mußthisrs. Mit seiner Zunge stopft es die Ohren der Indianer; sein Herz räth ihm, Krieger zu dingen, um seine Schlachten ansznkämpscn; seine Schlauheit lehrt ihn, die Schätze der Erde an sich zu raffen, und seine Arme umschließen das Land von den Gestaden des Salzwafsers bis zu den Inseln der großen Seen. Seine Gefräßigkeit macht es krank. Gott gab ihm genug, und doch will es Alles haben. So sind die Blaßgesichtcr. „Noch Andere schuf der große Geist mit Häuten, glänzender und rother, als die Sonne dort," fuhr Magna fort, ausdrucksvoll gegen den matten Lichtkürper deutend, der sich durch die Nebelatmosphäre am Horizont känchste; „und diese bildete er nach seinem eigenen Sinn. Er gab ihnen dies Eiland, wie er es geschaffen hatte, bedeckt mit Bäumen und voll Wildes. Der Wind bahnte ihnen Lichtungen, die Sonne und der Regen reiften ihre Früchte und der Schnee kam, sie Dankbarkeit zu lehren. Was bedurften sie Straßen, um darauf zu reisen! Sie sahen durch die Berge. Wenn die Biber arbeiteten, lagen sie im Schatten und sahen ihnen zu. Die Winde kühlten sie im Sommer; im Winter hielten Felle sie warm. Wenn sie unter einander fochten, so war es nur, um sich als Männer zu erproben. Sie waren tapfer, sie waren gerecht, sie waren glücklich." Hier machte der Redner eine Panse und blickte abermals um sich, ob seine Worte das Gefühl der Zuhörer gewonnen hätten, llcberall traf er auf Augen, die sich auf ihn richteten, die Häupter emporgehvben, die Nasenlöcher weit geöffnet, als ob jeder Einzelne 414 Kraft und Muth in sich fühlte, das seinem Geschlecht widerfahrene Unrecht wieder gut zu machen. „Wenn der große Geist seinen rothen Kindern verschiedene Sprachen gab," fuhr er in gedämpftem, leisem, fast melancholischem Tone fort: „so war cs, damit alle Thiere sie verstehen möchten. Die Einen wies er auf die Schneegesilde zu ihrem Vetter, dem Bären; Andere nach dem Untergang der Sonne, aus dem Wege nach den glücklichen Jagdgründen; Einige in die Länder um die großen frischen Wasser. Seinen Größesten und Geliebtesten aber gab er die sandigen Küstcnflächen des Salzsee's. Kennen meine Brüder den Namen dieses begünstigten Volkes?" „Es waren die Lcnapcs!" riefen zwanzig Stimmen hastig und in einem Athem. „Es waren die Lenni-Lenapcs!" erwiederte Magna, das Haupt wie ans Ehrfurcht vor ihrer ehemaligen Größe beugend. „Es waren die Stämme der Lcnapen! Die Sonne ging ihnen auf aus dem Wasser, das salzig, und ging unter in dem Wasser, das süß war: nie verbarg sie sich ihren Augen. Doch warum sollte ich, ein Hurone aus den Wäldern, einem weisen Volke seine eigenen Ueberliefernngen erzählen? Warum es erinnern an die erlittene Unbill, an seine alte Größe, seine Thaten, seinen Ruhm, sein Glück, seine Verluste, seine Niederlagen, sein Elend? Ist keiner unter ihnen, der das Alles mit angesehen hat, der weiß, daß ich Wahrheit rede? Ich bin zu Ende. Meine Zunge ist stumm, denn mein Herz ist von Blei. Ich höre." Als der Sprecher plötzlich verstummte, wandte sich jedes Gesicht und aller Augen, wie durch gemeinsamen Antrieb, aus den ehrwürdigen Tamennnd. Von dem Augenblick an, da er seinen Sitz eingenommen, bis jetzt, hatten die Lippen des Patriarchen sich nicht geöffnet, und kaum war ihm ein Zeichen des Lebens entschlüpft. Er saß, von Schwäche niedergedrückt, und schien während der ganzen Eröffnungsscene, in der die Geschicklichkeit des Kundschafters sich so glänzend 415 gezeigt hatte, auf nichts zu achten, was um ihn her vorging. Als aber Maguä die Töne seiner Stimme nnmerklich steigerte, zeigte er einige leise Theilnahme und hob sogar ein oder zwei Mal das Haupt, als wollte er lauschen. Als der schlaue Hurone aber seine Nation beim Namen nannte, öffneten sich die Augenlieder des alten Mannes, und er schaute auf die Menge mit jenem leeren, bedeutungslosen Ausdruck, den man dem Gesichte eines Gespenstes zuschreiben möchte. Er machte jetzt eine Anstrengung, aufzustehen: unterstützt von seinen beiden Freunden, ward er seiner Glieder mächtig und hatte nun eine Haltung gewonnen, die durch ihre Würde Ehrfurcht gebot, wiewohl seine Kniec oor Schwäche zitterten. „Wer ruft die Kinder der Lcnapcn auf?" sprach er in tiefem Kehltone, der durch die athemlose Stille der Menge hörbar wurde; „wer spricht von Dingen, die vergangen sind? Wird nicht daö Ci zum Wurme? der Wurm zur Fliege, die dann zu Grunde geht? Warum den Delawaren von Gütern sprechen, die verloren sind? lieber dem Manitto danken für das, was geblieben ist." „Ein Wyandot thut es," sprach Magna, dem rohen Erdhügel näher tretend, ans welchem der Andere stand; „ein Freund von Tamcnund." „Ein Frennd!" wiederholte der Weise, dessen Braue sich finster zusammenzog, so daß sein Ausdruck eine» Theil jener Strenge wieder gewann, welche sein Auge in früheren Jahren so furchtbar machte — „Sind die Mingo's Herren der Erde? Was führt eine» Huronen hicher?" „Gerechtigkeit. Seine Gefangenen find bei seinen Brüdern, und er kommt nach seinem Eigenthum." Tainenund wandte sein Haupt gegen einen der Alten, die ihn unterstützten, und ließ sich mit kurzen Worten berichten. Dann faßte er den Bittenden ins Auge, betrachtete ihn eine Weile mit tiefer Aufmerksamkeit und sprach mit leiser Stimme, zögernd: „Gerechtigkeit ist das Gesetz des großen Manitto. Meine 416 Kinder, gebt dem Fremden zu essen. Dann, Hurone, nimm, was dein ist und entferne dich!" Nach diesem feierlichen Nrtheilssprnch ließ sich der Patriarch nieder, schloß die Augen wieder, als hätte er größeres Gefällen an den Bildern seiner eigenen gereiften Erfahrung, als an den Gegenständen der Außenwelt. Gegen einen solchen Ausspruch zu murren, geschweige sich zu widerstehen, wagte kein Delaware. Diese Worte waren kaum ausgesprochen, als vier oder fünf jüngere Krieger hinter Heyward und den Kundschafter traten und ihre Arme so geschickt und schnell mit Riemen umschlangen, daß sie beide gänzlich gefesselt waren. Duncan war zu sehr in Anspruch genommen von seiner kostbaren, beinahe besinnungslosen Bürde, um ihre Absicht zu merken, ehe sie ausgeführt wurde; und Letzterer, der sogar die feindlich gesinnten Stämme der Delaware» als eine Art höherer Wesen betrachtete, unterwarf sich ohne Widerstand. Vielleicht hätte er sich nicht so leidend verhalten, wenn ihm die Mundart, in welcher das vorhergehende Gespräch geführt worden war, völlig verständlich gewesen wäre. Magna warf einen Blick des Triumphes aus die ganze Versammlung umher, ehe er zur Ausführung seines Vorhabens schritt. Da er die Männer außer Stand sah, Widerstand zu leisten, wandte er sich nach Cora, ans deren Besitz er den größten Werth legte. Sic begegnete seinem Blicke mit einem so ruhigen und festen Auge, daß sein Entschluß zu wanken begann. Seines früheren Kunstgriffs gedenkend, nahm er Alice aus den Armen des Kriegers, an den sie sich lehnte, bedeutete Heyward, ihm zu folgen, und winkte der ihn umgebenden Menge, ihm einen Weg zu öffnen^ Statt aber diesem Antrieb zu folgen, stürzte Cora zu den Füßen des Patriarchen, erhob ihre Stimme und rief: —- „Gerechter, ehrwürdiger Delaware, an deine Weisheit und Macht wenden wir uns nur Gnade! Scy taub gegen jenes arglistige, gewissenlose Ungeheuer, das deine Ohren mit Falschheit 417 vergiftet, um seinen Blutdurst zu stillen. Du, der du lange gelebt und die Nebel der Welt kennen gelernt hast, solltest das Elend der Unglücklichen zu mildern wissen!" Die Augen des alten Mannes öffneten sich schwerfällig, und noch einmal blickte er auf die versammelte Menge. Als die durchdringenden Töne der Flehenden sein Ohr trafen, bewegten sie sich langsam nach Cora und blieben endlich fest auf ihr ruhen. Auf die Kniec geworfen nnd mit ineinandergeschlnngencn, auf die Brust gedrückten Händen, war sie ein schönes, athmendes Musterbild ihres Geschlechts, während sie mit einer Art heiliger Ehrfurcht auf das verwelkte, aber majestätische Antlitz des Greises blickte. Allmählig veränderte sich der Ausdruck von Tamcnund's Zügen und ihre Leere girr^ in Bewunderung über; ein Theil jenes Geistes flog wieder über sie, dessen jugendliches Feuer ein Jahrhundert früher so oft in die Adern der Delawarenstämme überstimmte. Ohne Hülfe, und wie es schien, ohne Anstrengung sich erhebend, fragte er mit einer Stimme, deren Festigkeit seine Zuhörer in Erstaunen setzte: „Wer bist du?" „Ein Weib — von einem verhaßten Geschlechts, wenn du willst — eine Uengee, aber ein Wesen, das dir nie Etwas zu Leide gethan hat nnd deinem Volk Nichts zu Leide thnn kann, wenn cs auch wollte, — ein Wesen, das dich um Beistand anfleht." „Sagt mir, meine ^Kinder," fuhr der Patriarch mit heiserer Stimme fort, seiner Umgebung winkend, obgleich seine Augen immer noch auf der knienden Cora verweilten: „wo haben sich die Dela- waren gelagert?" „Ans den Bergen der Irokesen, jenseits.der klaren Quellen des Horican." „Mancher sengende Sommer ist gekommen nnd gegangen," fuhr der Weise fort; „seit ich von den Wassern meines eigenen Flusses getrunken habe. Die Kinder des Mignon^ sind die gerechtesten * William Penn hieß bei den Delaware» Miqnon; und da er sich nie Der letzte Mohikan. 27 418 unter den weißen Männern; aber sie waren durstig und nahmen ihn für sich. Folgen sie uns so weit?" „Wir folgen niemand nach; wir begehren nichts." antwortete Cora. „Als Gefangene gegen unfern Willen wurden wir in eure Mitte gebracht und bitten nur um Erlaubniß, im Frieden zu den Unsrigen heimkchrcn zu dürfen. Bist dn nicht Tamenund — der Vater — der Richter — fast möchte ich sagen, der Prophet — dieses Volkes?" „Ich bin Tamenund, der so viele Tage erlebt hat." „Es sind jetzt sieben Jahre her, daß einer aus deinem Volk in den Händen eines weißen Häuptlings an den Gränzen dieser Provinz war. Er machte darauf Anspruch, von dem Blute des guten und gerechten Tamenund zu sehn. Geh', sprach der weiße Mann, um deines Verwandten willen bist du frei! Erinnerst du dich des Namens dieses englischen Kriegers?" „Ich erinnere mich." versetzte der Patriarch mit der eigcnthnm- lichen Erinnerungsgabe des höchsten Alters, „als ich noch ein lachender Knabe war. stand ich an dem Sande des Meer-Ufers und sah ein großes Cauoe mit Schwingen, weißer als die des Schwans und breiter als die vieler Adler vom Aufgang der Sonne kommen —„ „Nein, nein, ich spreche von keiner so fernen Zeit, sondern von einer Wohlthat, die der Meinigen Einer, einem Verwandten von dir erwiesen hat: dein jüngster Krieger kann sich dessen erinnern!" „War es. als die Dengeese und die Holländer um die Jagdgebiete der Delawaren kämpften? Da war Tamenund ein Häuptling und vertauschte zuerst den Bogen mit dem Blitze der Blaßgesichter —" eine Gewaltthat oder Ungerechtigkeit zu Schuld kommen ließ, war seine Biederkeit zum Sprnchworte geworden. Der Amerikaner ist mit Rechtauf den Ursprung seines Volkes stolz, der vielleicht seines Gleichen in der Geschichte der Welt nicht mehr findet; die Pennsplvanicr und Jerseper aber dürfen sich auf ihre Vorfahren vor den Bewohnern eines andern Staates etwas zu Gute thun, da sic sich gegen die ursprünglichen Eigenthnmcr des Bodens kein Unrecht vorzuwcrfen haben. 419 „Auch da nicht," unterbrach ihn Cvra, „viele Jahrzehnte später! Ich rede von Etwas vvn gestern her. Gewiß, gewiß, — du hast es nicht vergessen!" „Erst gestern noch," fuhr der Me mit rührendem Pathos fort, „waren die Kinder der Lenapen Herren der Welt. Die Fische des Salzsees, die Vögel, die Thiere und die Mengwe's der Wälder erkannten sie als Sagamorcn." Cora ließ bitter getäuscht ihr Haupt sinken und kämpfte einen Augenblick mit ihrem Schmerz; dann erhob sie ihr sprechendes Antlitz und ihre strahlenden Augen und fuhr in einem Tone fort, der beinahe ebenso eindringlich, als die überirdisch klingende Stimme des Patriarchen war: „Sag' mir, ist Tamenund Vater?" Mit einem wohlwollenden Lächeln aus seinen erstorbenen Zügen blickte der Greis ans sie herab, warf seine Augen langsam über die Versammlung und antwortete: „Vater einer Nation." „Für mich selbst erbitte ich nichts. Wie bei dir und den Deinigen, ehrwürdiger Häupling," fuhr sie fort, ihre Hände krampfhaft auf das Herz gedrückt, und das Haupt so tief senkend, bis ihre glühenden Wangen von der Fülle glänzend schwarzer Locken, welche unordentlich über ihre Schultern fielen, beinahe bedeckt wurden — „ist der Fluch meiner Vorfahren schwer ans ihr Kind gefallen. Aber dort ist Eine, die nie zuvor des Himmels Ungunst gekannt hat. Sie ist die Tochter eines alten, schwachen Mannes, dessen Tage ihrem Ende nahe sind. Sie hat Viele, sehr Viele, die sie lieben, deren Wonne sie ist, und sie ist zu gut, viel zu kostbar, ein Opfer jenes Schurken zu werden!" „Ich weiß, die Blaßgesichter sind ein stolzes und hungriges Geschlecht. Ich weiß, sie wollen nicht nur die Erde besitzen; selbst der Gemeinste ihrer Farbe soll besser als die Sachems der rothen Männer seyn. Die Hunde und die Krähen ihrer Stämme," fuhr 420 der ernste, alte Häuptling fort, ohne auf die tief verwundeten Gefühle seiner Zuhörer!» zu achten, deren Haupt sich vor Scham beinahe in die Erde drückte; „würden betten und krähen, ehe sie ein Weib, dessen Farbe nicht weiß wie der Schnee wäre, in ihre Wigwams nähmen. Aber sie mögen nicht zu laut vor Manitto'S Angesicht prahlen! Bei Sonnenaufgang kamen sie in's Land, sie könnten's wieder bei Sonnenuntergang verlassen müssen. Ost Hab' ich die Heuschrecken das Laub von den Bäumen streifen sehen; aber die Zeit der Blüthen ist immer wieder gekommen." „So ist es," sprach Cora, mit einem tiefen Seufzer, als ob sie aus einer Erstarrung wieder anflcbte. Sie erhob ihr Gesicht, warf ihren glänzenden Schleier zurück, und fuhr fort, mit einem Auge, dessen Feuer der tödtlichen Blässe ihres Gesichtes widersprach; „aber warum? dürfen wir nicht fragen. Doch noch Einer von deinem eigenen Volke ist da, der noch nicht vor dich gebracht worden ist; ehe du den Huronen im Triumphe sortziehen lässest, höre ihn!" Als Tamenund zweifelhaft um sich blickte, sprach einer seiner Geleiter: „Es ist eine Schlange — eine Nothhant im Solde der Uen- geese. Wir behalten ihn für die Marter." „Laßt ihn kommen!" sprach der Weise. Noch einmal sank Tamenund auf seinen Sitz zurück, und während die jungen Krieger sich anschickten, seinem einfachen Befehl zu willfahren, herrschte eine so tiefe Stille, daß man die Blätter auf den Bäumen des Waldes umher, von dem Hauche eines leichten Morgenwindes hin und her getrieben, deutlich säuseln hörte. Dreißigstes Kapitel. Wenn Jhr's mir weigert, pfui auf Eu'r Gesetz Dann sind Venedigs Uitheii' ohne Kraft: Ich will mein Recht; antworte, soll ich's haben? Shakespeare. Manche ängstliche Minuten dauerte das Stillschweigen und kein Menschenlaut unterbrach es. Dann öffnete sich die wogende Menge, schloß sich wieder und llncas stand in dem Kreise der Versammelten. Aller Augen, welche bisher in den Gcsichtszügcn des Weisen, als dem Born ihrer Einsicht, neugierig geforscht hatten, wandten sich jetzt und hasteten in stiller Bewunderung auf der hohen, geschmeidigen, tadellosen Gestalt des Gefangenen. Aber weder die ganze Umgebung, noch die ausschließliche Aufmerksamkeit, die er auf sich zog, störte die Selbstbeherrschung des jungen Mohikaners. Er warf einen bedächtigen, beobachtenden Blick um sich her und begegnete dem entschiedenen feindseligen Ausdruck der Häuptlinge mit derselben Ruhe, wie dem neugierigen Gaffen der Kinder. Als aber sein stolzes und forschendes Auge zuletzt auf Tamenund siel, blieb es ruhen, als ob alle andere Gegenstände vergessen wären. Dann trat er mit leisem, geräuschlosem Schritt auf dem Platze vor, unmittelbar zu dem erhöhten Stuhle des Weisen. Hier stand er unbeachtet, Jenen scharf ins Auge fassend, bis einer der Häuptlinge Tamenund von seiner Gegenwart in Kenntniß setzte. „In welcher Sprache spricht der Gefangene mit Manitto?" fragte der Patriarch, ohne die Augen aufzuschlagen. „In der seiner Väter," antwortete Uncas; „in der Sprache der Delawnren." Aus diese plötzliche, unerwartete Aenßerung lief ein gedämpftes, wildes Murren durch die Menge hin, dem Brummen des Löwen vergleichbar, wenn seine Leidenschaft erwacht: ein furchtbares Vorzeichen künftigen Grimmes. Der Eindruck dieser Worte auf 422 den Weisen war ebenso stark, obgleich er sich ans andere Art zu erkennen gab. Er fuhr mit der Hand über die Augen, als wolle er sie vor einem so schmachvollen Anblick ferne halten, und wiederholte in seinen leisen Kehllauten die so eben gehörten Worte: „Ein Delaware! Ich habe erlebt, daß die Stämme der Le- napen, von ihren Bersammlnngsfcnern vertrieben, gleich zersprengten Rudeln Wildes zwischen die Berge der Irokesen zerstreut wurden. Ich habe die Aerte eines fremden Volkes die Wälder in den Thälern fällen sehen, welche die Stürme des Himmels verschont hatten. Ich habe gesehen, wie das Wild, das auf den Bergen geht 7 und die Vögel, welche über die Bäume stiegen, in den Wigwams der Menschen leben, aber noch nie zuvor Hab' ich gefunden, daß ein Delaware so niederträchtig war, einer giftigen Schlange gleich, in die Lager seiner Nation zu kriechen." „Die Singvögel haben ihre Schnäbel geöffnet," entgegnete Ilncas in den sanftesten ä'vnen seiner melodischen Stimme; und Tamenund hat auf ihren Gesang gehört!" Der Weise fuhr empor und neigte sein Haupt auf die Seite, als wollte er die fliehenden Töne einer verklungenen Melodie erhaschen. „Träumt Tamenund?" rief er. „Welche Stimme klingt in seinem Ohr? Sind die Winter rückwärts gegangen? Wird der Sommer wieder zu den Kindern der Lenapen kommen?" Feierliches, ehrfurchtsvolles Schweigen folgte diesem nnzn- sammenhängenden Ansbruch aus dem Munde des delawarischcn Propheten. Sein Volk bildete diese unverständliche Rede gerne zu einer jener geheimnißvollen Unterredungen, die er, wie sie glaubte», öfter mit einem höheren Wesen Pflege; und Alle erwarteten mit heiliger Scheu den Schluß der Offenbarung. Nach einer langen Pause jedoch wagte einer der betagten Männer, als er wahrnahm, daß der Weise die Erinnerung an den anwesenden Fremdling ganz verloren habe, ihn an den Gefangenen zu mahnen. „Der falsche Delaware zittert, Tamenund's Worte zu 423 vernehmen," sprach er. „Es ist ein Spürhund, welcher heult, wenn ihm die Uengeese eine Fährte zeigen." „lind ihr," entgegnete Uncas, finster um sich blickend, „seyd Hunde, welche winseln, wenn euch der Franzmann den Abfall von seinem Wilde vorwirft!" Zwanzig Messer blitzten in der Lust und eben so viele Krieger sprangen nach dieser beißenden und vielleicht gerechten Erwiederung auf, aber ein Wink eines der Häuptlinge unterdrückte den Ausbruch ihrer Wuth und stellte scheinbar die Ruhe wieder her. Dies wäre vielleicht schwieriger gewesen, hätte nicht Tamenund durch eine Bewegung angcdeutet, daß er wieder sprechen wolle. „Delaware," begann der Weise wieder, „wenig verdienst du deinen Namen. Mein Voll hat seit vielen Wintern keinen Hellen Sonnenschein gesehen, und der Krieger, welcher seinen Stamm verläßt, wenn Wolken ihn verhüllen, ist ein doppelter Verräther- Manitto's Gesetz ist gerecht. So ist es: so lange die Ströme stießen und die Berge stehen, so lange die Blüthen ans den Bäumen kommen und wieder gehen, muß es so seyn. Er ist euer, meine Kinder, verfahrt mit ihm nach Gerechtigkeit." , Kein Glied hatte sich bewegt, kein Athemzug hatte sich lauter und länger hören lassen, bis die letzte Silbe dieses Endurtheils Tamenund's Lippen entflohen war. Jetzt aber erscholl mit Einemmal ein Rachegeschrei, wie es schien, aus dem Munde der ganzen Nation, ein schrecklicher Vorbote ihrer barbarischen Absichten. Mitten unter diesem langanhaltenden, wilden Geheul verkündete ein Häuptling mit lauter Stimme, der Gefangene sey verurtheilt, die schreckliche Probe der Fcucrqual zu bestehen. Der Kreis löste sich unordentlich auf und frohlockende Rufe mischten sich in den Lärm und Tumult der Zurichtungen. Heyward rang halb wahnsinnig mit seinen Siegern: Hawk-eye begann ängstlich und mit besonderem Ernste um sich zn blicken, und Cora warf sich dem Partriarchen zu Füßen, noch einmal seine Gnade anzuflehen. 424 In diesen Augenblicken der Prüfung war Nncas allein heiter geblieben. Standhaft blickte er ans die Vorbereitungen/ und als die Onäler nahten, um ihn zu ergreifen, erwartete er sie in fester, aufrechter Haltung. Einer unter ihnen, wo möglich noch grimmiger und wilder als die Andern, griff den jungen Krieger bei seinem Jagdhemd und zerrte cs ihm mit einem Griff vom Leibe. Dann stürzte er mit wahnsinnigem Jubel auf sein widcrstandloses Schlacht- opser, um es an den Pfahl zu führen. In dem Augenblick aber, da der Wilde den Gefühlen der Menschlichkeit am meisten entfremdet schien, hielt er so plötzlich inne, als ob eine übernatürliche Macht für Nncas gesprochen hätte. Die Augäpfel des Delaware» schienen aus ihren Höhlen treten zu wollen; sein Mund öffnete sich und seine ganze Gestalt war vor Erstaunen wie erstarrt. Langsam und gemessen erhob er seine Hand und wies mit dem Finger auf die Brust des Gefangenen. Seine Begleiter drängten sich verwundert um ihn, und aller Augen waren, gleich den seinigen, auf die Gestalt einer kleinen Schildkröte geheftet, die in glänzend blauer Farbe auf die Brust des Gefangenen tättowirt war. Ruhig lächelnd genoß klncas einen Augenblick seines Triumphes. Dann wies er die Menge mit einer stolzen Bewegung seines Armes zurück, trat mit der Würde eines Königs vor das Volk und sprach mit einer Stimme, welche das laut werdende Gemurmel der Bewunderung übertönte: „Männer der Lenni-Lenapen! Mein Geschlecht trägt die Erde! Euer schwacher Stamm steht auf meiner Schale! — Welches Feuer, von einem Delawaren angezüudet, würde das Kind meiner Väter verbrennen?" fuhr er fort, mit Stolz auf den einfachen Bildcrschmuck seiner Haut deutend. „Das Blut aus einem solchen Born müßte eure Flammen ersticken. Mein Geschlecht ist der Grosvater von Nationen!" „Wer bist du?" fragte Tamenund und erhob sich, mehr in Folge der erschütternden Laute, die in sein Ohr drangen, als eines aus den Worten des Gefangenen geschöpften Sinnes. 425 „Uncas, der Sohn Chingachgook's!" antwortete der Gefangene bescheiden, sich von der Menge wendend und sein Haupt ehrerbietig vor dem Rang und den Jahren des Andern beugend; „ein Sohn des großen Unamis!"^ „Tamennnd's Stunde ist nahe!" rief der Weise; „der Tag hat sich endlich zur Nacht gewendet! Ich danke dem Manitto, daß Einer hier ist, meinen Platz an dem Bersammlungsfeuer einznnehmen. Uncas, das Kind des llncas ist gefunden! Laßt die Augen des sterbenden Adlers in die anfgehende Sonne blicken!" Der 'Jüngling trat leichten, aber stolzen Schrittes auf die Erhöhung hinan, wo er der ganzen bewegten und verwunderten Menge sichtbar ward. Tamenund hielt ihn lange an seinem Arme gefaßt vor sich, und nahm jeden Zug des schönen Antlitzes in sich aus, mit unverwandtem Auge auf Uncas schauend, wie Einer, der sich glückliche Tage wieder zurückruft. „Ist Tamenund ein Knabe?" rief der verwirrte Prophet endlich aus. „Habe ich von so manchem Winter geträumt — geträumt, daß mein Volk gleich dem fluchenden Sande zerstreut worden ist — von den Uengeese, zahlreicher als die Blätter auf den Bäumen! Tamennnd's Pfeil würde das Hirschkalb nicht mehr schrecken, sein Arm ist welk, wie der Ast einer abgestorbenen Eiche; die Schnecke würde schneller im Wettlauf seyn; und roch steht Uncas vor ihm, wie damals, als sie zum Kampfe mit den Blaßgesichtern zogen! Uncas, der Panther seines Stammes, der älteste Sohn der Lenapen, der weiseste Sagamore der Mohikaner! Sagt mir, ihr Delawaren, hat Tamenund hundert Winter lang geschlafen?" » Die ruhige, tiefe Stille, die diesen Worten folgte, verkündete zur Genüge, mit welch ehrerbietiger Scheu die Mittheilung des Patriarchen von seinem Volke ausgenommen worden war. Niemand wagte zu antworten, und Alle starrten in athemloser Erwartung, Was folgen werde. Uncas aber, der ihm mit der Zärtlichkeit und * Schildkröte. 426 Verehrung eines Lieblingskindcs ins Antlitz sah, erwiedertc, ans seine hohe, anerkannte Stellung vertrauend: „Vier Krieger seines Geschlechts haben gelebt und sind gestorben, seit Tamenund's Freund sein Volk in die Schlacht führte. Das Blut der Schildkröte rann in den Adern vieler Häuptlinge; ste sind aber in die Erde znrnckgekehrt, aus der sie kamen, außer Chingachgook und seinem Sohn." „Es ist wahr — es ist wahr," versetzte der Weise, dem ein Blitz der Erinnerung alle die lieblichen Bilder zerstörte und ihm mit «inemmale das wahre Bewußtsein von der Geschichte seines Volkes wiedergab. „Unsere weisen Männer haben oft gesagt, daß zwei Krieger aus dem alten, wandellosen Geschlechte noch in den Bergen der Dengcese weilten. Warum sind ihre Sitze bei den Versamm- lungSseuern der Delawarcn so lange leer geblieben?" Bei diesen Worten richtete der junge Mann sein Haupt empor, das er seither ehrerbietig gesenkt hielt, erhob seine Stimme, um vor der ganzen Menge mit einem Male die Politik seiner Familie zn erläutern und sprach laut: „Es war eine Zeit, da wir in unserem Schlafe den Salzsee in seiner Wnth sprechen hören konnten. Damals waren wir Herrscher und Sagamoren über das Land. Als sich aber an jedem Bache ein Blaßgesicht zeigte, folgten wir dem Wilde, zurück nach dem Flusse unserer Nation. Die Delawaren waren fortgezogen. Wenige Krieger nur blieben, um von dem Strome zn trinken, den sie liebten. Dann sagten meine Väter: hier wollen wir jagen. Die Wasser des Flusses gehen in den Salzsee. Gehen wir dem Untergang der Sonne zn, so finden wir Ströme, welche in die großen Seen von süßem Wasser fließen: da würde ein Mohikaner sterben, gleich dem Fische der See, wenn er in das klare Wasser kommt. Wenn Manitto bereit ist und spricht: kommet! so folgen wir dem Flusse nach dem Meere und nehmen wieder was unser ist. Dies, Delawarcn, ist der Glaube der Kinder der Schildkröte. 427 Unsere Augen blicken nach der ausgehenden, nicht nach der niedergehenden Sonne. Wir wissen, woher sie kommt, aber nicht, wohin sie geht. Es ist genug!" Die Männer der Lenapen hörten seinen Worten mit all der Achtung zu, die der Aberglaube zu leihen vermag, und fanden selbst in der bildlichen Sprache, in welcher der junge Sagamore seine Gedanken mitthcilte, einen geheimen Reiz. Uncas selbst beobachtete mit kundigem Auge den Eindruck dieser kurzen Erläuterung und stimmte den Ton der Hoheit, welchen er angenommen hatte, allmählig wieder herab, als er bemerkte, daß seine Zuhörer befriedigt waren. Sein Blick, der über die, um Tamenund's erhabenen Sitz versammelte Menge schweifte, traf Hawk-eye in seinen Banden. Ungestüm vorschreitend drängte er sich zu seinem Freunde heran, durchschnitt mit schneller, ungeduldiger Hand die Riemen und winkte der Menge, sich zu thcilen. Die Indianer gehorchten schweigend und wieder bildeten sie einen Kreis, gleich dem vor des Jünglings Erscheinen unter ihnen. Uncas nahm den Kundschafter bei der Hand und führte ihn zu den Füßen des Patriarchen. „Vater," sprach er, „sieh dieses Blaßgesicht an: er ist ein gerechter Mann und ein Frennd der Delawaren." „Ist er er ein Sohn Miqnon's?" „Nicht doch; ein Krieger, bekannt unter den Ncngeese und gefürchtet von den Maquas." „Welchen Namen hat er durch seine Thatcn gewonnen?" „Wir nennen ihn Hawk-eye!" ^ versetzte Uncas, des Dclawarischcn Ausdrucks sich bedienend, „denn sein Blick fehlt nie. Die Mingos kennen ihn noch besser durch den Tod, den er unter ihre Krieger bringt: bei ihnen heißt er die lange Büchse." lonxuo varabino!" rief Tamennnd, seine Augen öffnend, und den Kundschafter streng ansehend. „Mein Sohn hat nicht wohl gcthan, ihn Freund zu nennen." * Falkenauge. -128 »Ich nenne den so, der sich als solchen erweist," entgegnete ker junge Häuptling mit großer Ruhe, aber mit fester Miene. „Wenn Nncas unter den Delaware» willkommen ist, so ist auch Hawk-eye bei Freunden." „Das Blaßgesicht hat meine jungen Männer erschlagen; sein Name ist groß durch die Streiche, welche er gegen die Lenapen geführt hat." „Wenn ein Mingo dies den Delaware» in das Ohr geflüstert hat, so hat er nur bewiesen, daß er ein Lügen-Vogel ist," sprach der Kundschafter, der nun die Zeit vorhanden glaubte, sich selbst von so beleidigenden Anschuldigungen zu reinigen. Er bediente sich der Mundart des Mannes, an welchen er sich wandte, bequemte aber die indianische Bildersprache seinen eignen Begriffen an. „Zu längnen, daß ich die Maguas erschlagen habe, dazu bin ich der Mann nicht, selbst nicht vor ihren eignen Bersammlnngöfeuern; aber daß wissentlich meine Hand jemals einem Delaware» etwas zu Leide gethan, widerstreitet meiner innersten Natur, die freundlich für sie gesinnt ist." Ein leiser Ausruf des Beifalls lief durch die Krieger hin, und sie wechselten Blicke mit einander, wie Menschen, die einen Jrr- thum inne werden. „Wo ist der Huronc?" fragte Tamenund. „Hat er meine Ohren verstopft?" Magna, dessen Gefühle während dieses Austritts, in welchem Uncas seinen Triumph feierte, leichter zu denken als zu beschreiben sind, antwortete dem Ruf, indem er keck vor den Patriarchen hintrat. „Der gerechte Tamenund," sprach er, „wird nicht behalten, was ein Hurone ihm geliehen hat." „Sag' mir, Sohn meines Bruders," war des Weisen Antwort, der das finstere Gesicht Le Subtil's vermied und mit Vergnügen auf Uncas' sinnvollen Zügen verweilte; „hat der Fremde das Recht des Siegers über dich?" 429 „Er hat keines. Der Panther kann in Schlingen gcrathen, die ihm Weiber legten; aber er ist stark und weiß über sie zu springen." „b,n lonxue llarabino?" „Er lacht der Mingos. Geh, Huronc, frag' deine Squaws nach der Farbe des Bären!" „Der Fremde und das weiße Mädchen, die zusammen in mein Lager kamen?" „Sie sollen auf offenem Pfade reisen." „Und das Weib, das der Hurone bei meinen Kriegern znrückließ?" Uncas erwiederte nichts. „Und das Weib, das der Mingo in mein Lager brachte?" wiederholte Tamenund mit Würde. „Sie ist mein!" schrie Magna, seine Hand triumphircnd gegen Uncas schwingend. „Mohikaner, du weißt, daß sie mein ist." „Mein Sohn ist stumm," sprach Tamenund und bemühte sich, in dem Antlitz zu lesen, das der Jüngling bekümmert von ihm abwandte. „Es ist so!" war seine leise Antwort. Eine kurze, bedeutungsvolle Pause folgte, und es war offenbar, mit welchem Widerwillen die Menge das Recht von Magua's Ansprüchen einräumte. Endlich sprach der Weise, von dem allein die Entscheidung abhing, mit fester Stimme: „Hurone, entferne dich!" „Wie ich kam, gerechter Tamenund," fragte der schlaue Mingo, „oder mit Händen, gefüllt durch die Treue der Delawarcn? Der Wigwam Le Rcnard Subtil's ist leer. Mache ihn stark mit dem, was sein ist!" Der alte Mann sann einen Augenblick für sich nach; dann wandte er das Haupt gegen einen seiner ehrwürdigen Begleiter und fragte: „Sind meine Ohren offen?" 430 „So ist es!" „Ist dieser Mingo ein Häuptling?" „Der Erste in seiner Nation!" „Mädchen, was willst du? Ein großer Krieger nimmt dich znm Weib. Geh, dein Geschlecht wird nimmer enden." - „Tausendmal eher mag es enden," rief Cora, vor Entsetzen schaudernd, „als solcher Schmach begegnen!" „Hnrone, ihr Geist ist in den Zelten ihrer Väter. Ein Mädchen, das gegen seinen Willen den Wigwam betritt, bringt Unglück herein." „Sie spricht mit der Zunge ihres Volks," entgegnete Magna, sein Schlachtopfer mit bitterem Spotte betrachtend. „Sie ist ans einem Geschlecht von Krämern, und feilscht mit einem freundlichen Blick. Laßt Tamcnnnd die Worte sprechen!" „Nimm dir das Wampum und unsere Gunst!" „Nichts Wik Magna mit sich nehmen, als was er hierher gebracht." „So entferne dich mit dem, was dein ist. Der große Manitto verbietet dem Delawaren, ungerecht zu seyn." Magna trat vor und faßte seine Gefangene mit fester Hand am Arme; die Delawaren wichen schweigend zurück, und Cora, als fühlte sie, daß jede weitere Vorstellung nutzlos sey, wollte sich ohne Widerstand in ihr Schicksal ergeben. „Halt! halt!" rief Dunean, vorstürzend; „Hnrone, Hab' Erbarmen! Ihr Lösegeld soll dich reicher machen, als je Einer deines Stammes gewesen seyn kann." „Magna ist eine Rothhaut, er bedarf des Flitters der Blaßgesichter nicht." „Gold, Silber, Pulver, Blei — Alles, was ein Krieger bedarf, soll in deinem Wigwam seyn; Alles, was dem größten Häuptling gebührt." „Le Subtil ist sehr stark," rief Magna, heftig die Hand 431 schüttelnd, mit der er Cvra's Widerstandsofen Arm gefaßt hielt, „seine Rache ist erfüllt." „Allmächtiger Lenker der Schicksale!" rief Heyward, verzweiflungsvoll die Hände in einander ringend, „kann das zngelassen werden? An dich, gerechter Tamennnd, wende ich mich, Hab' Erbarmen !" „Die Worte des Dclawaren sind gesprochen!" entgegnete der Weise, seine Augen schließend, und erschöpft von geistiger und leiblicher Anstrengung in seinen Sitz znrücksinkend, „Männer sprechen nicht zweimal." „Daß ein Häuptling seine Zeit nicht damit verschwendet, was er einmal gesprochen hat, zurückzunehme», ist weise und vernünftig," sprach Hawk-eye, Dnncan winkend, zu schweigen; „aber es ist auch klug von jedem Krieger, sich vorher wohl zn bedenken, ehe er den Tomahawk ^ nach dem Haupte seines Gefangenen wirft. Hnrone, ich liebe dich nicht; noch kann ich sagen, daß je ein Mingo meiner Gunst sich erfreut hätte. Es läßt sich Wohl annehmen, daß, wenn dieser Kampf nicht bald ein Ende nimmt, noch mancher Krieger von Euch mir in diesen Wäldern begegnet Betrachte dir einmal, was wolltest du lieber: eine Gefangene wie dieses Mädchen in dein Lager nehmen, oder einen Mann wie ich, den deine Nation'mit Freuden empfangen würde, käme er mit nackten Händen?" „Will ,die lange Büchse* sein Leben für ein Weib hingeben?" fragte Magna zögernd: denn er hatte bereits eine Bewegung gemacht, mit seinem Schlachtopfer den Platz zu verlassen. „Nein, nein, so viel Hab' ich nicht gesagt," erwiedcrte Hawk- eye, mit angemessener Vorsicht zurücktretend, als er sah, mit welcher Begierde Magna ans seinen Vorschlag hörte. „Es wäre ei» ungleicher Tausch, einen Krieger in der Blüthc seiner Jahre und seiner Kraft für das beste Weib in den Gränzprovinzen zu geben. Ich * Ist eigentlich mehr ein Veil, als eine Art, und wird gewöhnlich ge» worfelt. Am», des Hebers. 432 könnte mich dazu entschließen, in die Winterquartiere zu gehen, jetzt — wenigstens sechs Wochen, ehe die Blätter ihre Farbe wechseln — unter der Bedingung, daß du das Mädchen frei ließest." Magua schüttelte den Kopf und gab der Menge ungeduldig ein Zeichen, ihn dnrchzulaffen. „Wohlan denn," fuhr der Kundschafter fort mit der nachdenklichen Miene eines Mannes, der noch nicht im Reinen mit sich ist, „ich geb' den Wildtödter noch in den Kauf. Nimm das Wort eines erfahrenen Jägers, das Gewehr hat aus der ganzen Gränze seines Gleichen nicht." Magua verschmähte zu antworten und bemühte sich fortwährend, durch die Menge zu dringen. „Vielleicht," setzte der Kundschafter hinzu, der immer mehr von seiner angenommenen Kälte verlor, je mehr Gleichgültigkeit der Andere gegen den Tausch bezeigte; „vielleicht vergleichen wir uns doch noch, wenn ich verspreche, eure jungen Leute den rechten Gebrauch dieser Waffe zu lehren." - Le Renard befahl den Delawaren, die, in der Hoffnung, er werde auf diesen Vorschlag achten, immer noch einen undurchdringlichen Gürtel um ihn bildeten, trotzig, ihm einen Weg zu öffnen und sein Blick drohte eine zweite Berufung auf die unfehlbare Gerechtigkeit ihres Propheten. „Was geschehen soll, muß früher oder später eintreffen," subr Hawk-eye mit einem trauervvllen, niedergeschlagenen Blicke auf Uncas fort. „Der Schurke kennt seinen Vvrthcil und nützt ihn! Gott segne dich, Junge, du hast Freunde unter deinem eigenen Geschlechts gefunden, und ich hoffe, sie werden dir so treu seyn, als die Genossen aus unvermischtem Blute, denen du begegnet bist. Was mich betrifft, so muß ich doch früher oder später sterben; es ist deshalb ein Glück, daß es nur Wenige sind, die Todtenlieder für mich anstimmen können. Wahrscheinlich wäre es den Tenfels- kindern doch einmal geglückt, mir den Skalp abznziehen, und ein 433 oder zwei Tage werden in der großen Zeitrechnung der Ewigkeit nicht viel Unterschied machen. Gott segne dich," fuhr der rauhe Waidmann fort, indem er sein Haupt zur Seite neigte, dann sogleich wieder hob, den Jüngling scharf in's Auge fassend, „ich habe dich und deinen Vater geliebt, Uncas, obgleich unser Haut nicht von einer Farbe nnd unsere Gaben etwas verschieden sind. Sag' dem Sagamoren, ich hätte ihn auch im größten Gedränge nie aus dem Auge verloren; nnd du, gedenke zuweilen meiner, wenn du auf einer glücklichen Fährte bist, und verlass' dich darauf, Junge, ob es nun einen oder zwei Himmel gibt, ein Pfad in der andern Welt muß seyn, aus dem ehrliche Männer wieder zusammen kommen. Du wirst die Büchse an der Stelle finden, wo wir sie versteckten; nimm fie und behalte sie zum Gedächtniß: und höre. Junge, da deine Farbe dir die Rache nicht verbietet, so laß sie ein wenig frei gegen die Mingo's gewähren. Es wird den Schmerz über meinen Verlust erleichtern nnd dein Gemüth besänftigen. Hnrone, ich nehme dein Anerbieten an. Lass' das Mädchen los. Ich Lin dein Gefangener." Ein unterdrücktes, aber immer deutliches Murmeln des Beifalls lief durch die Menge hin über diesen cdelmüthigsn Entschluß; selbst die wildesten unter den Delawaren-Kriegern bezeigten ihre Freude über die Männlichkeit eines solchen Opfers. Magna zögerte, und ängstliche Erwartung begleitete seine Unentschlossenheit; dann warf er seine Augen aus Cora, mit einein Ausdruck, in dem Wildheit und Bewunderung seltsam gemischt war, und sein Entschluß war für immer gefaßt. Mit einer Bewegung des Kopfes deutete er sein Verschmähen des Anerbietens an, und sprach in festem, sicherem Tone: „Le Renard Subtil ist ein großer Häuptling, er hat nur einen Sinn. Komm," fügte er hinzu, indem er seine Hand vertraulich auf die Schulter der Gefangenen legte, um sie vorwärts zu drängen, „ein Hnrone ist kein Schwätzer; wir wollen gehen." Der letzte Mohikan. 28 434 Das Mädchen wich mit hoher, weiblicher Würde zurück, und ihr dunkles Auge funkelte, während ihr vor Unmnth das Blut, dem flüchtigen Glanze der Sonne gleich, bis an die Schläfe trat. „Ich bin deine Gefangene und werde bereit scyn, dir zur Zeit, sey es auch zum Tode, zu folgen. Aber es bedarf keiner Gewalt," fuhr sie kaltblütig fort, indem sie sich unmittelbar daraus an Hawk-cye wandte: „Edelmüthiger Jäger," sprach sie, „von Grund meines Herzens dank' ich Euch. Euer Anerbieten ist vergeblich, cs war unmöglich es anzunehmen, aber immer, könnt Ihr mir noch Dienste leisten, selbst größere, als in Eurem edlen Entschlüsse lagen. Seht das Kind an, wie es sich abhärmt, vom Unglück gebeugt! Verlaßt sie nicht, ehe sie in den Wohnungen civi- lisirter Menschen ist. Ich will nicht sagen," fuhr sie fort, die harte Hand des Jägers in der ihrigen drückend, „daß ihr Vater Euch belohnen wird: denn Männer wie Ihr stehen über dein Lohn der Menschen; aber er wird Euch danken und Euch segnen. Und .glaubt mir, der Segen eines gerechten und alten Mannes findet Gnade in den Augen des Himmels. Wollte Gott, ich könnte ihn in diesem schauerlichen Augenblicke von seinen Lippen vernehmen." Die Stimme versagte ihr und einen Augenblick schwieg sie. Dann trat sie einen Schritt näher auf Duncan zu, der ihre besinnungslose Schwester unterstützte, und fuhr in leisem Tone fort, in welchem ihr Gefühl mit der Sitte ihres Geschlechtes furchtbar kämpften: „ich darf Ihnen nicht empfehlen, über den Schatz zu Wachen, den Sie besitzen sollen. Sie lieben Alice, Heyward, dies würde tausend Fehler bedecken, wenn sie deren hätte. Sie ist so gut, so sanft, so süß, so edel, als eine Sterbliche seyn kann. — Kein Fehl haftet an Geist oder Leib, den der stolzeste Mann tadeln könnte! Sie ist schön — oh! wie über die Maßen schön!" Hier legte sie ihre schöne, wenn gleich minder blendende Hand in melancholischer Zärtlichkeit auf Alicens Alabasterslirne, das goldene Haar, das über die Brauen fiel, mit ihren Fingern theilend, „und 435 gleichwohl ist ihre Seele rein und so makellos, wie ihre Haut. Ich könnte noch viel sagen, mehr vielleicht als die kältere Vernunft gutheißen würde; aber ich will Sie und mich schonen." Ihre Stimme wurde unhörbar und ihr Gesicht beugte sich über die Schwester. Nach einem langen glühenden Kuß erhob sie sich, und mit der Farbe des Todes auf ihren Zügen, aber ohne eine Thräne in dem fieberhaft glanzenden Auge, sprach sie so würdevoll, als je: „Nun, wenn es dein Wille ist, will ich dir folgen!" „Ja, geh'!" ries Duncan, indem er Alice den Armen eines Jndiancrmädchens übergab, „geh', Magua, geh'! Diese Delawaren haben ihre Gesetze, welche ihnen verbieten, dich znrückzuhalten; aber mich — mich bindet kein solcher Zwang. Geh', boshaftes Ungeheuer, — warum zögerst du noch?" Es würde schwer scyn, den Ausdruck zu beschreiben, mit welchem Magua diese Drohung anhörte. Zuerst war es wilde, un- verholene Freude, die aber bald in die Miene kaltblütiger Verschmitztheit überging. „Die Wälder sind offen," antwortete er ruhig, „die,offene Hand' kann kommen." „Halt!" rief Hawk-eye, Duncan am Arm ergreifend und mit Gewalt zurückhaltend; „Ihr kennt die List des Schurken nicht. Er würde euch in einen Hinterhalt führen und euer Tod —" „Hurone," unterbrach sie Uncas, welcher, der strengen Sitte seines Volkes getreu, ruhig, aber aufmerksam zugchört hatte; „Hurone, die Gerechtigkeit der Delawaren kommt von Manitto. Sieh nach der Sonne; noch ist sie in den obersten Aesten jener Schierlingstannen: dein Pfad ist kurz und offen. Wenn sie über den Bäumen steht, werden Männer auf deiner Fährte seyn!" „Ich höre eine Krähe!" rief Magua mit höhnischem Gelächter. „Gehr!" fuhr er fort, seine Hand gegen die Menge schüttelnd, die ihm nur mit Widerstreben einen Durchzug öffnete — „Wo sind die Weiberröcke der Delawaren? Sie mögen ihre Pfeile und Büchsen den Wyandot's schicken, sie sollen Wildpret zu essen und Korn zu behacken erhalten! Hunde, Kaninchen, Diebe — Ich speie euch an!" Mit düsterem, Unheil weissagendem Schweigen wurde die Hohnrede des Scheidenden angehört, und mit diesem Spott im Munde trat der trinmphirende Magna unangefochten in den Wald, gefolgt von der widerstandlosen Gefangenen und beschützt durch die unverletzlichen Gesetze indianischer Gastfreundschaft. Einuilddreißigstes Kapitel. FkueNen: Die Linder und den Troß erschlagen! 's ist ausdrücklich gegen LriegS- gebrauch; 'S ist der schändlichste Schurkenstreich, merkt'ö euch, den es auf Erden geben kann! König Heinrich V. Solange ihr Feind und sein Schlachtopfer noch sichtbar waren, blieb die Menge regungslos, als wäre sie von einer dem Huronen günstigen Macht an die Stelle gebannt; sobald er aber verschwand, erschien Alles von wilder Leidenschaft mächtig aufgeregt. Uncas blieb auf seinem erhöhten Standpunkte, Cora im Auge behaltend, bis sich die Farben ihrer Kleivung in dem Laube des Waldes verloren; dann stieg er herab, schritt schweigend durch das Gedränge und verschwand in der Hütte, welche er vor Kurzem erst verlassen hatte. Einige ernstere und aufmerksamere Krieger bemerkten, wie die Augen des jungen Häuptlings im Vvrübergehen Blitze des Zornes schoßen, und folgten ihm nach dem Orte, den er zur stillen Neberlegung sich ausersehen hatte. Jetzt wurde Tamcnund und Alice entfernt, de» Weibern und Kindern aber befohlen, sich zu zerstreuen. Während der bedeutsamen Stunde, die nun folgte, glich das Lager einem Schwarm ausgcstörter Bienen, welche nur 437 das Erscheinen und den Vorgang der Führerin erwarten, um einen wichtigen Flug in die Ferne zu unternehmen. Ein junger Krieger trat endlich aus Uncas'Wohnung; er ging mit ernstem, bedächtigem Schritt auf eine Zwcrgfichte los, die aus den Spalten der Felsenterrasse wuchs, zog ihr die Rinde ab und kehrte, ohne zu sprechen, wieder dahin zurück, woher er gekommen war. Ihm folgte bald ein zweiter, welcher den Baum seindr Aeste beraubte und den Stamm kahl und entblößt ^ zurückließ. Ein dritter färbte den Pfosten mit einer dunkelrothen Malerei. Alle diese Zeichen von feindlicher Absicht bei den Führern der Nation wurden von den umstehenden Kriegern mit düsterem, bedeutungsvollem Schweigen aufgenommen. Endlich erschien der Mohikaner wieder selbst: er hatte seinen Anzug bis auf den Gürtel und die Beinkleider abgelegt, und die eine Hälfte seiner schönen Gesichtszüge war mit tiefem Schwarz, wie mit einer drohenden Wolke bedeckt. Langsam und würdevoll näherte sich Uncas dem Pfosten und begann ihn alsbald abgemessenen Schrittes zu umkreisen, nicht unähnlich einem Tanze des Nlterthnms; während er zugleich seine Stimme zu einem wilden, regellosen Kriegsgesang erhob. Die Töne stiegen zn der äußersten Höhe menschlicher Laute, oft so melancholisch und klagend, daß sie mit dem Gesänge der Vögel wetteiferten; und dann wieder in plötzlichen Uebergängen so tief und kraftvoll, daß die Zuhörer darunter schauerten. Der Worte waren wenige, sie wiederholten sich oft, gingen von einer Art Hymne oder einem Anrufen der Gottheit allmählig darauf über, das Kriegsvorhaben anzukündigen, und schloßen, wie sie begannen, mit der Anerkennung seiner Abhängigkeit von dem großen Geiste. Wenn es möglich wäre, die ausdrucksvolle, melodische Sprache des jungen Kriegers zu übertragen, so möchte die Ode etwa so lauten: * Ein Baum, welcher theilwcise oder ganz seiner Rinde beraubt ist, heißt in der Landessprache dlareS (gebläßt). Der Ausdruck ist gut, da ein Pferd mit einem weißen Abzeichen ebenfalls dta-wä genannt wird. 438 Manitto! Manitto! Manitto! Du bist groß, du bist gut, du bist weise: Manitto! Manitto! Du bist gerecht! In den Himmeln, an den Wolken, oh! da gewahr' ich Viele Flecken — viele schwarz, viele roth: An den Himmeln, oh! da seh' ich Viele Wolken. In den Wäldern, in der Luft, oh! da hör' ich Kriegsruf, Geschrei und langes Geheul. In den Wäldern, oh! da hör' ich Lauten KriegSruf! Manitto! Manitto! Manitto! Ich bin schwach — du bist stark; ich bin langsam — Manitto! Manitto! Leih' mir Hülfe! Am Ende jedes Verses, wie man cs nennen konnte, machte er eine Panse, indem er seine Stimme erhob und länger anshielt, wie es den gerade auSgedrnckten Gefühlen eben entsprach. Der erste Schluß war feierlich und sollte den Gedanken der Verehrung nahe legen; der zweite beschreibend und an das Aufregende gränzend; und der dritte war das wohlbekannte, schreckliche Kriegsgeschrei, das wie eine Vereinigung all der furchtbaren Klänge einer Schlacht den Lippen des jungen Kriegers entströmte. Der letzte war gleich dem ersten, demüthig, stehend. Dreimal wiederholte er diesen Gesang und ebenso oft umtanzte er den Pfosten. Am Schluß der ersten Runde folgte ein ernster, hochgeachteter Häuptling der Lcnapen seinem Beispiele, selbstgedichtete Worte singend, aber nach einer ähnlichen Weise. Krieger um Krieger schloß sich dem Tanze an, bis Alle, die in einigem Ruf und Ansehen standen, dabei versammelt waren. Das Schauspiel wurde jetzt wild und schreckhaft; die grimmigen, drohenden Gesichter der Häuptlinge erhielten einen noch gewaltigeren Ausdruck durch die grauenerregenden Töne, die sie aus tiefster Kehle ausstießen. Jetzt schlug Uncas seinen Tomahawk tief in den Pfosten und erhob die 43Ä Stimme zu einem Geheul, das man sein eigenes Schlachtgeschrci nennen konnte. Damit kündigte er an, daß er die oberste Leitung in dem beabsichtigten Kricgsznge übernehme. Dieses Signal weckte alle schlummernden Leidenschaften des ganzen Stammes. Hundert Jünglinge, die bisher die Scheu der Jugend znrnckgehalten hatte, stürzten, Wahnsinnigen gleich, ans das Sinnbild des Feindes, und hieben Splitter um Splitter zusammen, bis von dem Stamme nichts mehr als die Wurzeln in der Erde übrig war. Während dieses Tumults wurden an den einzelnen Ncbcrresten des Baumes alle Gränelthaten des Kriegs, wie es schien, mit einer Wnth verübt, als ob sie die lebendigen Opfer ihrer Grausamkeit wären. Die Einen wurden skalpirt, die Andern erhielten Streiche mit der scharfen, blinkenden Art, wieder Andere erlitten Stöße von dem tödtendcn Messer. Kurz, der Eifer und die wilde Freude waren so groß und unzweideutig, daß man wohl erkanntes die Unternehmung werde zu einem Kriege der ganzen Nation werden. Sobald Uncas den Streich geführt hatte, trat er aus dem Kreise und warf sein Auge nach der Sonne empor, welche eben den Punkt erreichte, wo der Waffenstillstand mit Magna zu Ende ging. Ein entsprechendes Geschrei verkündete den Augenblick, und die ganze tobende Menge verließ unter durchdringenden Frcudenrufcn ihr mimisches Kampfspiel, um sich für die gefährlichere Wirklichkeit vorznbcreiten. Augenblicklich war das ganze Lager wie umgewandelt. Die Krieger, bereits bewaffnet und bemalt, wurden so stumm, als ob sie keines ungewöhnlichen Ausdrucks ihrer Gemüthsbewcgung fähig wären. Dagegen stürzten die Frauen aus ihren Wohnungen, abwechselnd Gesänge der Freude und der Klage erhebend, in so seltsamem Gemisch, daß man schwer sagen konnte, welche Empfindung die vorherrschende sey. Keine war jedoch müßig. Die Einen trugen ihre kostbarste Habe, Andere ihre Kinder, wieder Andere alte und gebrechliche Personen in den Wald, der wie ein glänzend grüner Teppich die Anstcigung des Berges bedeckte. Hieher begab sich auch Tamcnnnd mit ruhiger Fassung nach einer kurzen und rührenden Unterredung mit Uncas, von welchem sich der Greis mit dem Widerstreben eines Vaters trennte, der ein längst verlorenes, eben wieder gewonnenes Kind verlassen soll. Mittlerweile hatte Dunean Alice in Sicherheit gebracht und suchte jetzt den Kundschafter auf, mit einem Ausdrucke, welcher deutlich verrietst, wie sehr auch er nach dem nahen Kampfe dürste. Hawk-eye aber war an den Schlachtgesang und die kriegerischen Bewegungen der Eingebornen zu sehr gewöhnt, um an der Scene um ihn her Theilnahme zu zeigen. Gelegentlich nur warf er einen Blick auf die Zahl und Tüchtigkeit der Krieger, .welche von Zeit zu Zeit ihre Bereitwilligkeit, Uncas in den Kampf zu begleiten, kundgaben. Hierin sah er sich bald befriedigt: alle streitbaren Männer der Nation hatten sich, wie wir bereits gesehen haben, schnell um den jungen Häuptling gesammelt. Nachdem er über diesen Hauptpunkt im Reinen war, sandte er einen indianischen Knaben ab, seinen Wildtödter und Uncas' Büchse von der Stelle zu holen, wo sie die Waffen bei ihrer Annäherung an das Lager der Delawaren niedergelegt hatten. Diese Vorsicht war doppelt klug gewählt worden: sie schützte ihre Waffen vor gleichem Schicksal, wenn sie selbst als Gefangene znrückgehalten wurden, und gab ihnen den Vortheil, unter den Fremden mehr als Nothleidende. denn als Männer zu erscheinen, die Mittel zur Vertheidigung und zum Unterhalte besäßen. Wenn der Kundschafter einen Andern wählte, um seine hochgeschätzte Waffe wieder zu gewinnen, so hatte er damit nur seine gewöhnliche Behutsamkeit gezeigt. Er wußte, daß Magna nicht unbegleitet gekommen war, und ebenso, daß Spione der Hnronen dem ganzen Saume der Wälder entlang die Bewegungen ihrer neuen Feinde belauerten. Hätte er selbst den Versuch gemacht, so konnte er ihm Verderben bringen, wie jedem andern -141 'Krieger. Gefahr für einen Knaben war aber erst voransznschen, swenn man dessen Absicht entdeckte. Als Heyward zn dem Kundschafter trat, erwartete dieser ruhig den Erfolg dieses Versuches ab. Dem Knaben, der wohl unterrichtet und schlau genug war, schwoll die Brust vor Stolz über das ihm geschenkte Vertrauen nnd vor jugendlichem Ehrgeiz: er eilte sorgenlos über die Lichtung hin nach dem Walde nnd betrat ihn in geringer Entfernung von der Stelle, wo die Gewehre verborgen lagen. Sobald er von den Blättern der Büsche gedeckt war, sah man seine dunkle Gestalt einer Schlange gleich, nach dem gewünschten Schatze Hingleiten. Er gewann ihn und flog im nächsten Augenblick, in jeder Hand einen Preis seines Mnthes, pfeilschnell über die schmale Lichtung hin, welche die Terrasse des Dorfes begränzte. Schon hatte er die Felsen gewonnen nnd sprang mit unglaublicher Behendigkeit hinan, da fiel ein Schuß aus dem Walde nnd bewies, wie wahr der Kundschafter geurtheilt hatte. Der Knabe antwortete mit einem leichten, verächtlichen Schrei; und sogleich ward ihm von einer andern Seite des Verstecks eine zweite Kugel nachgesendet. Jetzt erschien er auf der Fläche oben und eilte, seine Büchsen im Triumphe emporhebend, mit der Miene eines Siegers auf den berühmten Jäger zu, der ihn mit einem so ruhmvollen Auftrag beehrt hatte. Trotz des lebhaften Antheils, den Hawk-eye an dem Schicksale seines Boten genommen hatte, empfing er doch den Wildtödter mit einer Freude, die für den Augenblick alle anderen Gedanken aus seiner Seele verdrängte. Nachdem er das Gewehr mit scharfem Auge gemustert, die Zündpfanne zehen bis fünfzehen Male geöffnet und geschlossen nnd verschiedene andere wichtige Versuche mit dem Schloß gemacht hatte, wandte er sich an den Knaben und fragte mit vieler Güte, ob er beschädigt sey. Der junge Held sah ihm stolz ins Gesicht, gab aber keine Antwort. „Ja, ja! Ich seh's. Junge, die Schufte haben dir den Arm gestreift!" setzte der Kundschafter hinzu, indem er das Glied des 442 standhaften Dulders, -welches eine tiefe Fleischwunde von einer der Kugeln erhalten, emporhielt; „aber ein haar gequetschte Erlenblätter werden Wunder darauf thun. Indessen will ich ein Wampum-Stück darauf binden! Frühe hast du das Kriegshandwerk begonnen, wackrer Junge, und wirst ohne Zweifel eine gute Anzahl ehrenvoller Narben mit in dein Grab nehmen. Ich kenne manche junge Männer, die schon Skalpe abzogen und kein solches Zeichen aufzuweisen haben. Geh," sprach er, nachdem er ihm den Arm verbunden hatte, „aus dir wird dereinst ein Häuptling werden." Der Knabe entfernte sich, stolzer auf das Blut, das an ihm herabfloß, als der eitelste Höfling auf sein rothes Band sehn kann, und wandelte unter seinen Gespielen umher, ein Gegenstand des Neides und allgemeiner Bewunderung. Aber in einem Augenblick, wo so ernste und wichtige Pflichten mahnten, fand dieser einzelne Zug jugendlichen MutheS nicht die Beachtung und das Lob, die ihm in günstigeren Zeiten zu Theil geworden wären. Er hatte jedoch dazu gedient, die Delawaren über die Stellung und die Absichten ihrer Feinde zu unterrichten. Sofort wurde eine Abtheilung von Plänklern, einer solchen Aufgabe besser gewachsen, als der schwache, wenn gleich mnthvolle Knabe, abgeordnet, um die Laurer zu vertreiben. Dies war bald gethan: denn die meisten Hnroncn hatten sich von selbst zurückgezogen, sobald sie sich entdeckt sahen. Die Delawaren folgten ihnen eine ziemliche Strecke weit von dem eigenen Lager weg und warteten dann weiterer Befehle, um nicht in einen Hinterhalt geleitet zu werden. Da beide Theile sich verborgen hielten, so wurde der Wald wieder so still und ruhig, als ihn ein milder Sommermorgen uud tiefe Einsamkeit nur immer machen konnten. Der ruhige und doch ungeduldige Nncas versammelte jetzt seine Häuptlinge nnd verthcilte seine Streitmacht. Er stellte ihnen Hawk-eye als einen oft erprobten Krieger vor, der unbedingtes Vertrauen verdiene. Als er fand, daß sein Freund günstig 443 ausgenommen wurde, stellte er zwanzig Krieger unter seinen Befehl, gleich ihm rüstig, gewandt und entschlossen. Dann erläuterte er den Delawaren Heyward's Rang bei den Truppen der Dengeese, und bot tl,m eine eben so wichtige Stelle an. Duncan aber lehnte den Antrag ab nnd erklärte sich bereit, an der Seite des Kundschafters als Freiwilliger zu kämpfen. Nach diesen Bestimmungen wies IlncaS mehreren cingeborncn Häuptlingen ihre Obliegenheiten an. nnd gab, da die Zeit drängte, das Zeichen zum Marsche. Schweigsam, aber mit Freuden gehorchten mehr denn zweihundert Krieger. Ihr Eintritt in den Wald blieb vollkommen unangefochten: sie begegneten keinem lebenden Wesen, das sie hätte beunruhigen oder ihnen Ausschluß geben können, bis sie an die Verstecke ihrer eigenen Kundschafter gelangten. Hier wurde Halt gemacht, nnd die Häuptlinge versammelten sich zu flüsternder Be- rathnng. Verschiedene Operationsplane wurden vorgeschlagen, doch keiner von der Art, daß er mit den Wünschen ihres feurigen Anführers znsammenstimmte. Wäre llncas dem Drange seiner Neigung gefolgt, so hätte er, olme einen Augenblick zu zögern, seine Gefährten zum Angriff geführt und den Kampf mit einem Male entschieden; ein solcher Gang aber wäre mit der Gewohnheit und Ansicht seiner Landsleute in zu grellem Widerspruch gestanden. Er war daher genöthigt, eine Vorsicht zu beobachten, die er in seiner jetzigen Stimmung verwünschte, und Rathschläge anzuhören, die seinen feurigen Geist ln Entrüstung versetzten, wenn er Cora's Gefahr und Magna's llcbcrmuth lebhaft gedachte. Nach einer unbefriedigenden Bcrathnng von einigen Minuten sahen sie von feindlicher Seite her einen einzelnen Mann scheinbar so eilig an sie herankommen, daß sie glaubten, er könnte ein Bote mit Friedens-Vorschlägen sepn. Als sich der Fremde aber dem Versteck, hinter welchem die Delawaren der Bcrathnng pflogen, auf etwa hundert und fünf und zwanzig Schritte genähert hatte, zögerte er; wie cs schien, ungewiß, welchen Weg er einschlagen 4-14 solle, und blieb endlich stehen. Aller Augen waren jetzt ans Uncas gerichtet, als erwarteten sie von ihm Verhaltungsregcln. „Hawk-eye," sprach der junge Häuptling mit leiser Stimme, „er darf nie wieder mit den Huronen sprechen." „Sein Stündlein hat geschlagen," sprach der Kundschafter lakonisch, indem er das lange Rohr seiner Büchse durch die Blätter steckte und bedächtlich sein verhängnißvolles Ziel suchte. Statt aber abzudrücken, senkte er die Mündung und überließ sich einem Ausbruch der ihm eignen Heiterkeit. „Ich nahm den Schelm für einen Mingo, so wahr ich ein armer Sünder bin!" sprach er; „als mein Auge aber an seinen Nippen hinschweifte, um einen Platz für die Kugel zu suchen, da bekam ich — wirst du es glauben, llncas — unseres Musikers Blasinstrument zu Gesicht! und so ist es, Allem nach, unser Gamnt, dessen Tod Niemand nützen, dessen Leben uns aber, wenn seine Zunge anders etwas mehr als singen kann, für viele Zwecke nützlich zu werden vermag. Wenn Töne nicht alle Kraft verloren haben, so will ich alsbald mit dem ehrlichen Burschen ins Gespräch kommen, und das mit einer Stimme, die er angenehmer finden wird als meinen Wildtödter." Mit diesen Worten legte Hawk-eye seine Büchse bei Seite, kroch durch die Büsche, bis ihn David hören konnte, und wiederholte jene musikalischen Versuche, welche ihn mit so viel Sicherheit und Glanz durch das Lager der Huronen geführt hatten. Davids verfeinerte Organe ließen sich nicht leicht täuschen (und wirklich wäre es auch jedem Andern, außer Hawk-eye, schwer gefallen, einen ähnlichen Lärm hcrvorznbringen), und da er solche Töne schon ein Mal gehört hatte, erkannte er, woher sie rührten. Der arme Schelm schien mit einemmale einer großen Noth enthoben: er folgte der Richtung der Stimme — eine Aufgabe, die für ihn nicht viel weniger schwierig war, als wenn er einer Batterie hätte entgegengehen sollen — und entdeckte bald den verborgenen Sänger. „Ich möchte wohl wissen, was die Huronen hievon denken!" 4L3 sprach der Kundschafter lachend, indem er seinen Begleiter am Arme nahm n»d ihn in den Hintergrund zog. „Wenn die Schelme innerhalb Hörweite liegen, so werden sie sagen, statt eines Narren sind nun zwei da. Aber hier sind wir sicher," fuhr er fort, indem er auf Uncas und seine Krieger deutete. „Nun erzählt uns in gutem Englisch, was die Mingos alles Vorhaben, aber ohne Eure Künsteleien mit der Stimme." David gaffte die trotzigen und wild anssehenden Häuptlinge in stummer Verwunderung an; aber durch den Anblick bekannter Gesichter wieder ermuthigt, nahm er sich in soweit zusammen, daß er eine verständliche Antwort geben konnte. „Die Heiden sind in großer Anzahl ansgezogcn," sprach David; „und ich fürchte, sie haben nichts Gutes im Sinne. Seit einer Stunde war ein Geheul, ein gottloses Jauchzen in Tönen, die auszustoßcn Sünde ist, unter ihnen, daß ich davon floh, um bei den Delawaren Frieden zu suchen." „Eure Ohren hätten bei dem Wechsel nicht viel gewonnen, wenn Ihr schneller zu Fuß gewesen wäret," antwortete der Kundschafter etwas trocken. „Doch lassen wir das — wo sind die Huronen?" „Sie liegen zwischen hier und dem Dorfe zahlreich in dem Walde verborgen, so daß es der Klugheit gemäß wäre, sogleich umznkehren." Uncas warf einen Blick längs der Banmreihe hin, die seine Schaar verborgen hielt, und fragte: „Magna?" „Ist unter ihnen. Er brachte das Mädchen zurück, welches bei den Delawaren gewesen war, ließ sie in der Höhle zurück und stellte sich dann, einem wüthcnden Wolfe gleich, an die Spitze seiner Wilden. Ich weiß nicht, was seinen Geist so gewaltig aufgeregt hat!" „Er hat fie, sagt Ihr, in der Höhle zurückgclassen?" unterbrach 446 ihn Heyward. „Es ist gut, daß wir deren Lage kennen! Können wir nichts thun, sic sogleich zu befreien?" Nncas sah den Kundschafter ernsthaft an, und fragte dann: „Was sagt Hawk-eye?" „Gib mir meine zwanzig Büchsen, dann wend' ich mich rechts, dem Wasser nach, geh' an den Biberhütten vorbei und nehin' den Sagamoren und den Obrist zu mir. Dann sollst du das Schlachtgeschrei von jener Seite Horen; bei diesem Winde dringt es schon eine Meile weit. Dann, Nncas, greifst du sie von vorne an, und wenn sie uns in Schußweite kommen, sollen sie eine Salve haben, daß sich, die Ehre eines alten Gränzjägers zum Pfände, ihre Linie wie ein Bogen von Eschenholz biegen soll. Dann gehen wir auf das Dorf los, befreien das Mädchen ans der Höhle und bringen die Sache mit dem Stamme zu Ende, nach europäischer Kampfweise durch einen siegreichen Schlag, oder auf indianische Manier durch List und Hinterhalt. Dieser Plan ist zwar nicht sehr gelehrt, Major, aber mit Mnth und Ausdauer läßt sich Alles zu Stande bringen." „Er gefällt mir wohl!" rief Duncan, sobald er sah, daß Cora's Befreiung des Kundschafters Hauptaugenmerk war, „er gefällt mir wohl. Nun sogleich zur Ausführung!" Nach einer kurzen Besprechung war der Plan zur Reife gelangt und den verschiedenen Partien deutlicher gemacht. Signale wurden verabredet, und die Häuptlinge trennten sich, ein jeder auf den ihm zugetheilten Posten. 447 Zweinnd dreißigstes Kapitel. Es mehren Seuchen sich und Leichcnfeuer, Vis ohne Lösegeld der große König Nach Ehrysir schickt das Mädchen, schwarz von Augen. Pope. Während Uncas seine Streitkräfte ans diese Weise vertheilte, waren die Wälder so still und mit Ausnahme derer, die sich so eben berathcn hatten, scheinbar so unbewohnt, als ob sie eben erst aus den Händen des Schöpfers gekommen wären. Das Auge konnte nach allen Richtungen hin durch die langen und schattigen Wölbungen der Bäume blicken, aber nirgends war ein Gegenstand zu sehen, der nicht zu der friedlichen und schlummernden Seens rings umher gestimmt hätte. Hier und da hörte man einen Vogel zwischen den Besten der Bäume flattern, oder ließ ein Eichhörnchen eine Nuß fallen, deren Geräusch den anfgeschreckten Trupp einen Augenblick nach der Stelle Hinblicken ließ. Sobald aber die zufällige Unterbrechung vorüber war, hörte man die Luft wieder leise über die wogende grüne Waldfläche dahinsäuseln, die sich, nur hin und wieder von einem Fluß oder See unterbrochen, über eine so endlose Strecke Landes verbreitete. Der Strich der Wildniß zwischen den Delaware» und dem Dorfe ihrer Feinde schien noch von keinem Fuße eines Menschen betreten, so tief und athemlos war die Stille, die auf ihm ruhte. Aber Hawk-eye, dessen Amt es war, am weitesten vorzudringcn, kannte den Charakter seiner Gegner zu gut, um dieser verrätherischen Ruhe zu trauen. Als der Kundschafter seine kleine Schaar um sich gesammelt sah, warf er den Wildtödter in den Bug des Armes und gab ihr schweigend ein Zeichen, daß sie ihm folgen sollten. Er führte sie einige Ruthen weit rückwärts nach dem Bett eines kleinen Baches, den sie beim Vorrücken überschritten hatten. Hier machte er Halt, 448 bis sich die ernsten und aufmerksamen Krieger alle dicht an ihn angcschlosscn hatten, und fragte dann in delawarischcr Sprache: „Weiß einer meiner jungen Männer, wohin dieser Bach uns führt?" Ein Delaware streckte die Hand aus, hielt zwei Finger auseinander, auf die Stelle deutend, wo sie sich unten wieder vereinigten, und antwortete: „Ehe die Sonne ihre Bahn durchläuft, wird das kleine Wasser in dem großen scyn. Dann," setzte er hinzu, nach der Richtung des erwähnten Ortes weisend, „werden die zwei groß genug für die Biber." „So dacht' ich auch," versetzte der Kundschafter, sein Auge nach den Oeffnungcn der Baumgipfel erhebend, „seinem Laufe nach und der Lage der Berge gemäß. Genossen, wir wollen uns unter dem Schutze seiner Ufer halten, bis wir die Hnronen wittern." Seine Begleiter ließen den gewohnten kurzen Ausruf des Beifalls hören: als sie aber sahen, daß ihr Anführer sich nun an ihre Spitze stellen wollte, bedeuteten einige durch Zeichen^ daß nicht Alles so sch, wie es seyn solle. Hawk-eye verstand ihre Blicke, wandte sich um und gewahrte, daß der Singmeistcr ihnen bis dahin gefolgt war. „Wißt Ihr, Freund," fragte der Kundschafter ernst und vielleicht mit einigem Stolz auf die Anerkenntniß seines Verdienstes, — „daß ihr unter einer Bande von Streitern seyd, zu dem verzweifeltsten Dienste erlesen, und unter den Befehlen eines Mannes, der, wenn auch ein anderer so etwas mit besserer Stirne sagen dürfte, sie nicht müßig gehen lassen wird? Sicher in den nächsten dreißig, vielleicht schon in fünf Minuten, schreiten wir über den Leib eines lebendigen oder todten Huroncn weg." „Obgleich nicht mit Worten von eurer Absicht unterrichtet." versetzte David, dessen Gesicht etwas geröthct war, während sein sonst ruhiges, wenig sagendes Auge von ungewöhnlichem Feuer 449 erglänzte, „so haben mich doch Eure Männer an die Kinder Jacobs erinnert, wie sie gegen die Sichemitcn zu Felde zogen, weil die ruchloserweise eine Dirne oon dem auserwählten Volke des Herrn in die Ehe begehrten. Nun bin ich mit dein Mädchen, das Ihr suchet, weit gewandert, in Freud und Leid mit ihr zusammen gewesen, nnd obgleich ich kein Kriegsmailli bin, der seine Lenden gegürtet und das scharke Schwert in Bereitschaft hat, so wollte ich für sie doch gerne einen Streich sichren." Der Kundschafter zögerte, als erwäge er die möglichen Folgen einer so seltsamen Genossenschaft und antwortete dann: „Ihr wißt ja keine Waffe zu gebrauchen. Ihr habt keine Büchse, nnd glaubt mir, was die Mingoö einnehmen, geben sie auch reichlich wieder heim. „Obgleich ich kein prahlerischer, blutdürstiger Goliath bin," erwiedertc David, eine Schleuder unter seiner formlosen, vielfarbigen Kleidung hcrvorzieheud, „so habe ich doch das Beispiel des jüdischen Knaben nicht vergessen. Mit diesem alten Kriegswerkzeug bin ich in meiner Jugend viel umgegangcn, nnd vielleicht hat mich mein Geschick noch nicht ganz verlassen." „Nun," sprach Hawk-cye, den hirschledernen Riemen nnd das Schurzfell mit kaltem, entmnthigendcm Auge betrachtend; „das Ding möchte gegen Bogen und selbst gegen Messer seine Stelle ansfüllen, diese Mcngwe's aber sind von den Franzmännern Mann für Mann mit gutgezogenen Röhren versehen worden. Doch da es Euch einmal gegeben scheint, unversehrt im Feuer zu bleiben, und Ihr bisher so begünstigt wäret — Major, Ihr habt den Hahn gespannt gelassen, ein einziger Schuß vor der Zeit könnte unnützer Weise gerade zwanzig Skalpe kosten — Sänger, Ihr mögt uns begleiten, wir können Euch beim Kricgsgcschrei brauchen." „Ich dank Euch, Freund," entgcgnete David, indem er sich gleich seinem königlichen Namensvetter an dem Bache mit Kieselsteinen versah; „obgleich mein Sinn nicht aufs Tödten gerichtet Der lebte Mobikan. 29 450 ist, so hätte es doch meinen Geist betrübt, wenn Ihr mich weggeschickt hättet." „Merkt's Euch aber," setzte der Kundschafter hinzu, an dem eigenen Haupte bedeutungsvoll auf die Stelle deutend, wo Gamut seine Wunde gehabt, „es geht zum Kampfe, nicht zum Mustciren. Ehe das allgemeine Kriegsgeschrei ertönt, darf hier nur die Büchse sprechen." David nickte, um seine Zustimmung zu diesen Bedingungen anzndeuten; daun warf Hawk-eye noch einen beobachtenden Blick auf seine Gefährten und gab alsbald das Zeichen weiter zu ziehen. Ihr Marsch ging eine Meile weit dem Bette des Gewässers entlang. Obgleich vor der Gefahr einer Entdeckung durch die steilen Ufer und das dichte Gestrüpp geschützt, das den Bach umgab, versäumten sie dennoch keine Vorsichtsmaßregel eines indianischen Kriegszuges. An jeder Seite ging oder kroch vielmehr ein Krieger, um hie und da verstohlene Blicke in den Wald umher zu werfen. Jede paar Minuten machte der Trupp Halt und horchte nach feindlichen Lauten mit einer Schärfe der Organe, unbegreiflich für Menschen, die dem Naturstande ferne stehen. Ihr Zug blieb jedoch ungestört, und sie erreichten den Punkt, wo sich der kleinere Bach in den größeren verlor, ohne das geringste Zeugniß, daß sie beobachtet worden wären. Hier machte der Kundschafter wieder Halt, um die Zeichen des Waldes zu Rathe zu ziehen. „Wir werden Allem nach einen guten Tag zum Gefecht haben," bemerkte der Kundschafter in englischer Sprache gegen Heyward, indem er nach den Wolken aufschaute, welche in breiten Schichten am Firmameute dahinzogen; ,/ne glänzende Sonne und ein blinkendes Rohr sind keine Freunde eines richtigen Zielens. Alles begünstigt uns: sic haben den Wind, der uns den Schall von ihnen herwcht und den Rauch dazu, was schon an sich von Bedeutung ist, da wir nach jedem Schuß wieder freie Aussicht vor uns haben. Aber hier ist's am Ende mit unserem Versteck; seit Jahrhunderten 451 haben die Biber hier das Wasser innegehabt, und zwischen ihren Nahrungsplätzen und den Dämmen, wie Ihr sehet, sind wohl manche todte Stämme, aber nur wenig grünende Bäume zu erblicken." Hawk-ehe hatte wirklich mit diesen wenigen Worten keine üble Beschreibung der Aussicht gegeben, welche jetzt vor ihren Angen lag. Die Breite des Baches war hier sehr ungleich: bald schoß er durch enge Felsenspalten, bald verbreitete er sich über Strecken flachen Landes, kleine Becken oder Teiche bildend. Ueberall an seinen Ufern hin schwammen zerbröckelte Uebcrreste abgestorbener Bäume in allen Stufen des Dahinwelkens: solche, welche auf ihren wankenden Stämmen dröhnten, und wieder andere, kaum erst jener rauhen Hülle beraubt, welche auf eine so geheimnisvolle Weise ihre Lebenskraft eingeschloffen hält. Einige lange, niedere, moosbedeckte Holzstücke lagen zerstreut umher, gleich Denkmälern früherer, längst vergangener Geschlechter. Alle diese kleinen Einzelheiten beachtete der Kundschafter mit einem Ernst und einem Interesse, das ihnen wahrscheinlich noch nie zu Theil geworden war. Er wußte, daß das Huronenlager nur eine kurze halbe Meile an dem Bache hinauf lag, und mit jener charakteristischen Aengstlichleit, die eine verborgene Gefahr fürchtet, suhlte er große Unruhe darüber, daß er nicht die geringste Spur der Nähe des Feindes finden konnte. Ein paar Male war er versucht, den Befehl zu einem plötzlichen Hervorbrechen zu geben und einen Ueberfall des Dorfes zu wagen; aber seine Erfahrung rief ihm schnell die Gefahr eines so nutzlosen Versuches in's Gedächtnis. Dann lauschte er angestrengt und mit peinlicher Ungewißheit nach feindseligen Lauten aus der Gegend, wo er Uncas verlassen hatte; aber Nichts ließ sich hören, als das Pfeifen des Windes, welcher in sturmdrohendcn Stößen durch das Innere des Waldes daherrauschte. Endlich beschloß er, mehr seiner dringenden Ungeduld folgend, als dem Rathe der Erfahrung, die Sache zu einer Entscheidung zu führen, mit seinen Leuten hervorzutreten und vorsichtigen, aber festen Schrittes an dem Flusse hinaufzuziehcn. Der Kundschafter hatte während dieser Beobachtungen hinter dem Schutze eines Gebüsches gestanden und seine Gefährten befanden sich tief unten noch in der Schlucht, durch welche der kleinere Bach stoß. Auf sein leises, aber verständliches Signal schlich dagegen der ganze Trupp an dem Nfer, gleich dunkeln Gespenstern herauf und sammelte sich stillschweigend um ihn. Nach der Richtung, die er gewählt hatte, weisend, ging Hawk-eye voran, der Trupp löste sich in eine Reihe von Einzelnen auf, und Jeder folgte so genau des Führers Fußstapfen, daß es, etwa Hehward und David ausgenommen, nur die Fährte eines einzigen Mannes zu sehn schien. Kaum aber hatten sie sich blosgestellt, als sich in ihrem Rücken eine Salve von einem Dutzend Büchsen hören ließ. Ein Delaware sprang wie ein verwundeter Hirsch hoch in die Luft und stürzte der Länge nach angenblicklich todt zu Boden. „Ach! Eine solche Teufelei Hab' ich gefürchtet!" rief der Kundschafter englisch, und fuhr mit Blitzesschnelle in seiner eben erst angenommenen Sprache fort: „ins Versteck, Freunde, gebt Feuer!" Der Trupp zerstreute sich auf sein Wort, und ehe Heyward sich von seiner Neberraschung hinlänglich erholt hatte, fand er sich mit David alleinstehend. Zum Glück waren die Huronen bereits zurückgewichen und er hatte, von ihrem Feuer Nichts zu befürchten. Aber so konnte es offenbar nicht lange bleiben: denn der Kundschafter gab das Beispiel, die Feinde zum Rückzuge zu treiben, indem er seine Büchse losschoß und von Baum zu Baum sprang, dem Feinde nach, der langsam zurückwich. Der Angriff wurde, wie es schien, nur von einer sehr kleinen Abthcilung der Huronen gemacht; ihre Zahl nahm aber zu, so wie sie sich aus ihre Freunds zurückzogen, bis ihr Feuer beinahe, wo nicht ganz so stark wurde, als das, welches die vordringenden 453 Delawaren unterhielten. Heyward warf sich mitten unter die Kämpfenden und feuerte, die notwendige Vorsicht seiner Gefährten beobachtend, immer wieder schnell seine Büchse ab. Der Kamps wurde hitzig und blieb auf Einer Stelle. Nur Wenige wurden verwundet, da beide Parteien sich so viel als möglich durch die Bäume gedeckt hielten, und nie, als während des Zielens, irgend einen Theil ihrer Person blosstelltcn. Hawk-eye kam jedoch mit seinen Leuten all- mählig immer mehr in Nachtheil. Der scharfblickende Kundschafter erkannte die Gefahr, kam aber auf kein Hülfsmittel. Er sah größere Gefahr im Rückzuge, als im Bleiben, während er doch bemerken mußte, daß der Feind sie zu überflügeln begann, was den Delawaren sehr schwierig machte, sich gedeckt zu halten und ihr Feuer beinahe verstummen ließ. In dieser Verlegenheit, wo sie bald von dem ganzen feindlichen Stamme eingeschlossen zu werden fürchten mußten, hörten sie mit einem Mal Schlachtgeschrei und das Echo von Waffenklang durch den Wald von der Gegend her erschallen, wo Uncaö sich aufgestellt hatte. Dies war eine Niederung, gewissermaßen unter der Fläche gelegen, ans welcher der Kundschafter und seine Genossen kämpften. Dieser Angriff wirkte augenblicklich und erleichterte Hawk-eye und seine Freunde sehr. Es schien, als sey sein eigener lieberfall voransgesehen worden und habe deshalb sehlgcschlagen; dagegen mochte der Feind aber in dem Plane desselben und der Zahl der Streitenden sich getäuscht und zu wenig Streitkräfte zurückgelassen haben, um dem ungestümen Anfall des jungen Mohikaners zu widerstehen. Dies war um so klarer durch die Raschheit, mit welcher sich der Kampf aus dem Walde heraus nach dem Dorfe zog, wie durch die augenblickliche Trennung der feindlichen Streitkräfte, von welchen ein Theil zur Behauptung der Fronte eilte. Hier war, wie sich jetzt zeigte, der Hauptpunkt der Verteidigung. Mit seiner Stimme und durch eigenes Beispiel die Mannschaft ermunternd, gab jetzt Hawk-eye dis Weisung, auf den Feind loSzustürzen. Der Angriff bestand bei einer so knnstlosen Weise, Krieg zu führen, allein darin, von Versteck zu Versteck zu springen, näher und näher an den Feind: dies geschah alsbald und mit Glück. Die Huronen mußten sich zurückzichen, und die Scene des Kampfes zog sich reißend schnell von dem offenen Waldgrunde, aus dem sie Anfangs gewesen war, nach einem Dickichte, wo die Angegriffenen sich wieder halten konnten. Hier spann sich der Streit hartnäckig fort: wie es schien, mit zweifelhaftem Ausgang. Non den Dela- waren war zwar noch Niemand gefallen, aber ihr Blut floß reichlich, in Folge ihrer unvortheilhaftcn Stellung. In diesem bedenklichen Augenblick gelang es Hawk-eye hinter denselben Baum zu schlüpfen, der auch Heyward deckte; die meisten seiner Krieger waren im Bereiche seiner Stimme, etwas zur Rechten, wo sie ein rasches, aber wirkungsloses Feuer auf ihre geschützten Feinde unterhielten. „Ihr seyd noch ein junger Mann, Major!" sprach der Kundschafter, indem er des Wildtödters Kolben ans die Erde senkte und, von seinen Mühen etwas erschöpft, sich auf das Rohr stützte; „und es kann Euch einmal beschieden werden, Truppen gegen diese Schelme, die Mingos, zu führen. Hier habt Ihr die ganze Philosophie eines Jndianerkampfes! Sie besteht hauptsächlich in einer flinken Hand, einem scharfen Auge und einer guten Deckung. Nun, wenn Ihr eine Compagnie königlicher Amerikaner hier hättet, was würdet Ihr sie unter diesen Umständen thun lassen?" — „Das Bajonett müßte eine Bahn brechen!" „Ja, als Weißer sprecht Ihr da ganz vernünftig: aber in diesen Wildnissen muß man sich fragen, wie viel Menschenleben man schonen kann. Nein — das Pferd,"*» fuhr der Kundschafter, » In den amerikanischen Wäldern laß: sich die Reiterei wohl verwenden, da sic nur ganz kleines »nterliol, und wenig verschlungene Gesträuche haben. Hawk-epe's Plan i > der, welcher i» den Kämpfen zwischen den Weißen und den Indianern immer vom besten Erfolge war: wie nachdenklich den Kopf schüttelnd, fort, „das Pferd, fast schäm' ich mlch's zn sagen, das Pferd muß früher oder später in diesen Scharmützcin entscheiden. Das Vieh ist da besser als der Mensch, und ans Pferd müssen wir uns am Ende halten. Setzt einen beschlagenen Huf ans den Moccasin einer Nothhant, und wenn seine Büchse einmal leer ist, wird er nicht mehr inne halten, sie wieder zu laden." „Das ist ein Gegenstand, den wir besser ein anderes Mal erörtern," versetzte Hcyward; „wollen wir angrcifen?" „Es widerspricht der Ausgabe eines Mannes nicht, wenn er in Augenblicken der Erholung und frischen Athcmschöpfcns nützliche Betrachtungen ansteiit," entgcgncte der Kundschafter. „Was aber ein Hervorbrechen anlangt: ein solcher Versuch kostet immer ein paar Skalpe. Und doch," setzte er bei, indem er den Kopf bei Seite neigte, um den Tönen des fernen Kampfes zn horchen, „und doch müssen nur die Schelme vor uns los werden, wenn wir llncas etwas nützen wollen!" Hierauf wandte er sich schnell und mit entschlossener Miene ab und rief laut seinen Indianern in ihrer Sprache zu. Seine Worte wurden von einem Geschrei crwiedert, und ans ein gegebenes Zeichen glitt jeder Krieger schnell um den Baum, hinter welchem er stand. Der Anblick so vieler dunkeln Gestalten, die zn gleicher Zeit vor ihren Augen erschienen, veranlaßte die Huroncn zn schnellem und deshalb unwirksamem Feuern. Ohne einen Augenblick zn verlieren, sprangen die Delawaren in langen Sätzen dem Walde zu, Mahne hielt auf seinem berühmte» Feldzug am Miami das Feuer seiner Feinde in Reihe und Glied aus, ließ daun seine Dragoner um die Flanken schwenken, und dir Indian» wurden aus ihren Derste-kcn vertriebe», ehe sie Zeit hatten, wieder zu laden. Einer der ausgezeichnetsten Häuptlinge, welche in der Schlacht am Miami mitkämpftcn. versicherte den Versager, daß die rotbcn Männer die Krieger mit den langen Messern und den Liderstrümpfc» ler meinte die Dragoner mit ihren Säbel» und Stieseln) nicht bekämpfen könnten. 436 wie Panther, die sich auf ihre Beute stürzen, Hawk-ehe war voran, seine furchtbare Büchse schwingend und die Gefährten durch sein Beispiel ermunternd. Einige der alteren und erfahrenen! Huronen hatten sich durch die List, die sic zum Feuern hatte verleiten sollen, nicht bethören lassen und gaben jetzt eine geschlossene und tödtliche Salve. Die Besorgnis, des Kundschafters ging in Erfüllung, denn drei seiner vordersten Krieger sielen. Allein dieser Schlag konnte das Ungestüm der Angrcifendcn nickt anfhaltcn. Die Delawaren brachen mit gewohnter Wildheit in das Versteck, und die Wuth ihres Anlaufs machte jeden Widerstand unmöglich. Der Kamps dauerte nur einen Augenblick, Mann gegen Mann, und die Angegriffenen wichen schnell zurück, bis sie den entgegengesetzten Rand des Dickichts erreichten, unter dessen Schutz sie mit einer Hartnäckigkeit sich wieder fcsisenten, wie man sie bei gehetztem Wilde so oft findet- In diesem entscheidenden Augenblick, wo der Erfolg des Kampfes wieder zweifelhaft wurde, lies sich ein Flintcn- knall im Rücken der Huronen vernehmen, eine Kugel pfiff von einigen Biberhntten her, die an der Lichtung im Hintergründe standen, und gleich darauf ertönte das wilde, Schrecken erregende Schlacktgehenl. „Hier spricht der Sagamore!" rief Hawk-cye freudig, das Geschrei mit seiner Stentorstimme erwiederndz „wir haben sie jetzt von vorn und von hinten!" Der Eindruck ans die Huronen zeigte sich augenblicklich. Ent- muthigt durch Angriffe von einer Secke her, die ihnen auch das letzte Versteck abschnitt, stießen sie sämmtlick ein Geschrei der Verzweiflung ans, stoben aus einander und eilten zerstreut über die Lichtung hin. auf nichts als auf die Fluckt bedacht. Manche fielen unter diesem Versuche unter den Kugeln und den Streichen der verfolgenden Delawaren. Wir halten uns nicht dabei ans. das Zusammentreffen des Kundschafters mit Chingachgook, oder das noch rührendere Wiedersehen 437 Duncan's und Munro'S zu beschreiben. Wenige eilige Worte reichten hin, beide Theile mit dem Stand der Dinge bekannt zu machen; Hawk-eve stellte den Sagamoren seinen Gefährten vor und legte den Oberbefehl in die Hände des Mohikanerhäuptlings nieder. Chingachgook übernahm diese Stellung, für welche ihn Geburt und Erfahrung so besonders berechtigten, mit der Würde und dem Ernste, welche den Befehlen des eingeborncn Kriegers stets Ansehen verleihen. Den Fußstapfen des Kundschafters folgend, führte er den Zug durch das Dickicht zurück: seine Krieger skal- pirten die gefallenen Huronen und verbargen die Leichen ihrer eigenen Todten, bis ein Punkt erreicht war, wo der Elftere für gut fand, Halt zu machen. Die Krieger, welche sich nach dem vorangegangencn Kampfe wieder etwas erholt batten, wurden jetzt auf einer kleinen Fläche aufgestellt, die genugsam mit Bäumen bedeckt war, um ihnen Schutz zu gewähren. Das Land fiel jäh vor ihnen ab, und unterhalb breitete sich ein enges, dunkles Waldthal mehrere Meilen weit aus. In diesem dichten, finsteren Walde, war NncaS mit der Hauptmacht der Huronen immer noch im Kampfe begriffen. Der Mohikaner und seine Freunde traten an den Rand des Hügels vor und horchten mit geübtem Ohr auf das Getöse des Kampfes. Einige Vögel, von ihren einsamen Nestern aufgescheucht, schwebten über dem Blättertcppich des Thales, und hier und da stieg eine leichte Rauchwolke über den Bäumen empor, die sich bereits mit der Atmosphäre zu vermischen schien, und deutete einen Platz an, wo der Kampf hitzig und hartnäckig gewesen seyn mochte. „Das Gefecht kommt den Abhang heraus/' sagte Duncan, nach einer Richtung deutend, wo sich eben wieder Feuerwaffen hören ließen. „Wir sind zu sehr im Mittelpunkt ihrer Linie, um mit Nachdruck wirken zu können." „Sie werden sich nach dem Hohlwege ziehen, wo sie besser geschützt sind," sagte der Kundschafter; „und dann können wir sie 438 gerade in der Flanke nehmen. Geh', Sagamore, es wird Zeit seyn, daß du dein Kriegsgeschrei erschallen lassest und die jungen Krieger voranfnhrst. Ich will in diesem Scharmützel neben Kriegern ran meiner eigenen Farbe fechten. Du kennst mich, Mohikaner; kein Hurone von ihnen allen soll über die Anhöhe dir in den Rücken kommen, ohne daß mein Wildtödtcr dazwischen tritt." Der indianische Häuptling zögerte noch einen Augenblick, um die Zeichen des Kampfes zu beobachten, der sich nun schnell den Abhang heraufzog, ein sicherer Beweis, daß die Dclawaren trium- phirtcn. Er verließ den Platz nicht früher, als bis er von der Nähe seiner Freunde sowohl als der Feinde durch einige Kugeln überzeugt wurde, welche, von den Ersteren herrührend, in die dürren Blätter auf dem Boden niederschlngcn, Hagelkörnern gleich, die dem Ausbruch eines Sturmes vorangehen. Hawk-eye und seine drei Begleiter zogen sich einige Schritte in ein Dickicht zurück und erwarteten den Ausgang mit einer Ruhe, wie sie bei einer solchen Scene nur lange Erfahrung geben konnte. Bald darauf verloren die Flintenschüsse das Echo der Wälder und klangen, als würden sie in die freie Luft gethan. Jetzt wurde hier und da ein Krieger an den Saum des Waldes getrieben, um hier an der Lichtung, als an dem Orte, wo zum letzten Male Stand gehalten werden sollte, wieder Fuß zu fassen. Immer Mehrere sammelten sich, bis sich endlich eine lange Linie schwarzer Gestalten mit der Hartnäckigkeit der Verzweiflung zu diesem letzten Schntzorte drängten. Heyward wurde ungeduldig und wandte sein Auge ängstlich nach Chingachgook. Der Häuptling, von welchem nichts als sein ruhiges Antlitz sichtbar war, saß auf einem Felsen und betrachtete das Schauspiel so bedächtlich, als ob er hier nur um des Zuschauens willen seine Stellung genommen hätte. „Es ist Zeit für den Delawaren, losznschlagen," sagte Dnncan. „Nicht doch, nicht doch!" cntgegnete der Kundschafter; „wenn er seine Freunde wittert, wird er sie schon wissen lassen, daß er da ist. Seht! seht! die Schelme schließen sich dort in jene Fichten zusammen, wie Bienen nach dem Schwärmen. Bei Gott, eine Squaw könnte eine Kugel in die Mitte eines solchen Knäuels von dunkeln Häuten jagen!" In diesem Augenblick erscholl ein Kriegsgcschrei, und ein Dutzend Hnronen sielen auf Chingachgooks und seiner Leute Feuer. Das Geschrei, das nun folgte, ward von einem einzelnen Kricgsrus aus dem Walde beantwortet, und ein Geheul erfüllte die Lust, als ob tausend Kehlen sich dazu vereinigt hätten. Die Hnronen stutzten, verließen das Centrum ihrer Linie und klncas brach an der Spitze von hundert Kriegern aus dem Walde in die entstandene Ocffnung. hervor. Mit den Hände» rechts und links winkend zeigte der junge Häuptling seinen Gefährten den Feind, und sie trennten sich sofort in der Verfolgung. Der Kampf war jetzt getheilt, beide Flügel der durchbrochenen Hnronen-Reihen suchten wieder Schutz in den Wäldern, hart gedrängt von den siegreichen Kriegern der Lenapen. Kaum war eine Minute vergangen, als sich das Getöse schon nach verschiedenen Richtungen hin entfernte, und unter dem Wiederhall der Waldgewölbe allmählig seine Deutlichkeit verlor. Eine kleine Schaar Hnronen hatte jedoch verschmäht irgend einen Schutz zu suchen, und zog sich gleich bedrängten Löwen langsam und düster die Anhöhe hinan, welche Chingachgook mit seinem Truppe eben verlassen hatte, um dem Kampfe näher zu rücken. Magna ragte unter diesen durch sein wildes, trotziges Aussehen und die stolze Herrschermiene, die er noch immer behauptete, deutlich hervor. In seiner Hast, die Verfolgung zu beschleunigen, war Uncas fast allein geblieben; sobald aber sein Auge die Gestalt Le Subtil's traf, war jede andere Rücksicht vergessen. Er erhob sein Schlachtgeschrei, das sechs oder sieben Krieger an seine Seite rief, und stürzte auf den Feind, der Ungleichheit der Zahl uneingedeuk. Le Renard, der diese Bewegungen bemerkt hatte, hielt mit heimlicher Freude, um ihn zu erwarten. In dem Augenblick aber, da er 460 den jungen Gegner durch ein so tollkühnes Ungestüm in seine Hände gegeben glaubte, ertönte ein neues Geschrei, und Da lonxui: Oarabine eilte, von allen seinen Weißen Gefährten begleitet, zur Hülfe herbei. Der Hnrone wandte sich alsbald und begann seinen eiligen Rückzug die Anhöhe hinan. Zu Grüßen oder Glückwünschen war keine Zeit. Uncas setzte mit Windesschuclle die Verfolgung fort, als bemerkte er die Gegenwart seiner Freunde nicht. Umsonst ermahnte ihn Hawk-epe, sich gedeckt zu halten: der junge Mohikaner trotzte dem gefährlichen Feuer seiner Feinde und zwang sie bald zu einer Flucht, die seiner Eile an Schnelligkeit gleich kam. Zum Glück war ihr Rennen von kurzer Dauer und die Weißen wurden durch ihre Stellung sehr begünstigt, sonst hätte der Delaware alle seine Begleiter überholt und wäre ein Opfer seiner Verwegenheit geworden. Aber ehe ein solches Unglück eintreten konnte, hatten Verfolger und Verfolgte das Dorf der Wyandots erreicht, einander so nahe, baß sie handgemein werden konnten. Durch den Anblick ihrer Wohnungen aufgeregt und ermüdet von der Flucht, machten die Huronen Halt und fochten mit der Wuth der Verzweiflung um ihre Vcrsammlungshütte. Anfang und Ende des Kampfes glichen einem zerstörenden Sturmwinde. Uncas' Tomahawk, Hawk-cye'S Streiche und selbst Munro's immer noch kräftiger Arm waren in dem flüchtigen Augenblick gleich thätig, und bald bedeckte sich der Woden mit Feinden. Immer aber entging Magua, obgleich er sich unerschrocken preisgab, allen Angriffen auf sein Leben, als stünde auch er unter jenem Schutze, mit welchem die Sage des Alterthums ihre Liebliugshelden überwacht seyn ließ. Ein Geheul aus- stvßend, das seine Wuth und seine Täuschung tausendfach zu erkennen gab, stürzte der arglistige Häuptling, als er seine Genossen gefallen sah, nur von zwei Freunden begleitet, die allein noch am Leben waren, von dem Kampfplatze, und überließ es den Delaware», die Köpfe der Tobten des blutigen Siegeszeichens zu berauben. Uncas, der ihn vergeblich in dem Gewühls gesucht hatte, stürzte fort, ihn zu verfolgen; Hawk-eye, Heyward und David flogen ihm nach. Alles aber, was der Kundschafter thun konnte, war, daß er die Mündung seiner Büchse seinem Freunde vorhielt, dem sie übrigens alle Dienste eines Zauberschildes leistete. Einmal war es, als wollte Magna eine zweite und letzte Anstrengung machen, seine Verluste zu rächen; allein er gab den kaum gefaßten Vorsatz wieder aus, sprang in ein Dickicht von Gebüschen, gefolgt von seinen Feinden, und schlüpfte plötzlich in die Höhle, die unsere Leser bereits kennen. Hawk-eye, welcher bisher nur aus Zärtlichkeit für Uncas nicht gefeuert hatte, erhob jetzt ein Siegsgeschrei und erklärte laut, daß ihr Opfer ihnen jetzt gewiß sey. Die Verfolger stürzten in den langen und engen Gang, noch zeitig genug, um einen flüchtigen Schein von den forteilenden Huronen zu erhaschen. Während sie durch die natürlichen Gänge und unterirdischen Gemächer der Höhle stürmten, flohen unter Geschrei und Geheul Hunderte von Weibern und Kindern vor ihnen her. Der Ort glich in dem ungewissen Dämmerlichte den Schatten-Regionen der Unterwelt, durch welche Schaaren unseliger Geister und wilder Dämonen durcheinander jagten. Immer aber hielt Uncas, als ob das Leben für ihn nur noch Eine Aufgabe hätte, sein Auge auf Magna gerichtet. Heyward und der Kundschafter blieben ihm auf der Ferse, von demselben Gefühle, wenn auch vielleicht nicht in gleich hohem Grade beseelt. Ihr Weg aber wurde in den düsteren, finsteren Gängen sehr mühevoll: seltener und minder deutlich zeigten sich ihnen die fliehenden Krieger und für einen Augenblick glaubten sie sogar die Spur derselben verloren, als an dem fernen Ende eines Ganges, der auf den Berg zu führen schien, ein weißes flatterndes Kleid sichtbar wurde. „Es ist Cora!" rief Heyward in einem Tone, in welchem sich Entsetzen und Freude seltsam mischten. 462 „Cora! Cora!" wiederholte NncaS, indem er gleich dem Hirsche des Waldes vorwärts stürzte. „Es ist das Mädchen!" schrie der Kundschafter; „Muth, Lady; wir kommen! wir'kommen!" Die Verfolgung erneuerte sich mit einem Eifer, den der er- muthigende Anblick der Gefangenen verzehnfachte: der Weg aber wurde ranh, unterbrochen, an einigen Stellen beinahe ungangbar. Ilncas warf seine Büchse weg und sprang mit Sturmeseile vorwärts. Heyward folgte rasch seinem Beispiel. Beide wurden aber augenblicklich daran erinnert, daß ihr Beginnen Thorheit war: denn sie hörten den Knall einer Flinte, welche die Huronen in den Felsenweg herab losfeuerten, und die Kugel brachte sogar dem jungen Mohikaner eine leichte Wunde bei. „Wir müssen ihnen aus den Leib!" sprach der Kundschafter, indem er mit einem verzweifelten Sprung seine Freunde hinter sich zurückließ: „in dieser Entfernung schießen uns die Schufte alle weg; und seht, sie halten das Mädchen als einen Schild vor sich!" Ohne ans diese Worte zu achten, oder vielmehr, ohne sie zu hören, folgten die Begleiter seinem Beispiel und kamen durch unglaubliche Anstrengungen den Fliehenden so nahe, daß sie sehen konnten, wie Cora von zwei Kriegern fortgetragen wurde, während Magna Richtung und Weise ihrer Flucht vorschrieb. In diesem Augenblicke zeichneten sich die vier Gestalten deutlich gegen eine lichte Oeffnung, die in's Freie ging, und verschwanden dann gänzlich. Fast wahnsinnig über diese Täuschung machten Uncas und Hcyward Anstrengungen, die übermenschlich zu nennen waren, und stürzten aus der Höhle an der Seite des Berges, noch zeitig genug, um die Richtung der Verfolgten zu erkennen. Der Weg ging jetzt die Anhöhe hinan und war noch immer mühsam und gefährlich. Durch seine Büchse gehindert, oder vielleicht nicht von dem tiefen Interesse für die Gefangene getrieben, wie seine Begleiter, ließ der Kundschafter Letztere ein Wenig voraus, und Uncas ließ 463 seinerseits Heyward hinter sich. So kamen sie in unglaublich kurzer Zeit über Felsen und Abstürze weg, und siegten über Gefahren, die zu anderer Zeit und unter anderen Umständen für un- übersteiglich gehakten worden wären. Aber das Ungestüm der jungen Männer wurde belohnt: sie fanden, daß die Huronen, durch Cora gehindert, in der Flucht zurückblieben. „Halte, Hund von Wyandot!" rief Uneas aus, seinen blinkenden Tomahawk gegen Magna schwingend; „ein Delawaren-Mädchen gebietet dir Halt!" „Ich geh' nicht weiter!" rief Cora, indem sie unerwartet an einer Felsenspitze stehen blieb, die über einem tiefen Abgrund nahe dem Gipfel des Berges hing. „Tödte mich, wenn du willst, abscheulicher Hurone; ich geh' nicht weiter!" Die Wilden, welche das Mädchen trugen, erhoben bereitwillig ihre Tomahawks mit jener ruchlosen, teuflischen Freude, die man bösen Geistern zuschreibt, wenn sie Unheil stiften können; aber Magua wehrte ihrem Arme. Der Huronenhäuptling rang seinen Begleitern die Waffen aus der Hand, warf sie über den Felsen hinab, zog sein Messer und wandte sich mit einem Blicke an die Gefangene, in dem sich die widerstrebendstcn Leidenschaften malten. „Weib," sprach er, „wähle: Le Snbtil's Wigwam oder sein Messer!" Cora achtete nicht auf ihn: sie warf sich auf die Kniee und erhob Augen und Arme zum Himmel und sprach mit sanfter, aber vertrauensvoller Stimme: „Dein bin ich! Thu' mit mir nach deinem Rathschluß!" „Weib!" wiederholte Magna mit barscher Stimme, indem er vergeblich einen Blick aus ihrem heiteren, strahlenden Auge zu erhaschen suchte, „wähle!" Aber Cora hörte oder beachtete nicht, was er sprach. Jede Fiber zitterte an dem Huronen; er hob seinen Arni, ließ ihn aber mit einem Ausdruck der Verwirrung wieder sinken, wie Einer, der 464 noch zweifelhaft ist. Noch einmal kämpfte er mit sich und hob die scharfe Waffe empor — da hörte man aus der Höhe herab ein durchdringendes Geschrei, Uncas erschien und sprang in wahnsinnigem Drange von einer furchtbaren Höhe ans die Felscnspitze herab. Magna fuhr einen Schritt zurück und Einer seiner Begleiter benützte diese Gunst, sein Messer Eora in das Herz zu stoßen. Der Huronc sprang wie ein Tiger auf seinen verwegenen Landsmann, der bereits znrückwich; der herabstürzcndc Nncas aber trennte die unnatürlichen Gegner. Durch diese Unterbrechung gestört und durch den Mord, dessen Zeuge er eben gewesen war, in Raserei versetzt, stieß Magna dem ans dem Bode» liegenden Dclawaren das Messer in den Rücken, ein teuflisches Frohlocken über diese feige That ansstoßcnd. Aber Uncas erhob sich von dem Stoße, wie ein verwundeter Panther auf den Feind stürzt, und streckte mit der letzten Anstrengung seiner unkenden Kraft Cora's Mörder zu seinen Füßen nieder. Dann wandte er einen finstern, festen Blick ans Le Subtil, und sein Auge verrietst, was er gcthan haben würde, hätten ihn nicht seine Kräfte gänzlich verlassen. Magna ergriff den kraftlosen Arm, des zu jevem Widerstande unfähigen Delawarcn und stieß ihm dreimal sein Messer in den Busen; dann erst fiel das Schlachtopser, den Blick immer noch mit einem Ausdruck der tiefsten Verachtung auf den Feind geheftet, todt zu seinen Füßen nieder. „Erbarmen! Erbarmen, Hnrone!" rief Heyward von oben, in Tönen, die vor Entsetzen beinahe erstickten, „Hab' Erbarmen, und du sollst Erbarmen finden!" Das blutige Messer nach dem flehenden Jünglinge schleudernd, stieß der siegreiche Magna ein so grimmiges, wildes, und zugleich frohlockendes Geschrei aus, daß der Nus wilden Triumphes sogar bis zu den Ohren der Krieger drang, welche tausend Fuß unter ihm im Thale fochten. Ein Schrei aus dem Munde des Kundschafters antwortete, und seine hohe Gestalt über die gefahrvollen Felsenklippen mit so kühnem, rastlosem Schritte auf Le Subtil zueilte, als ob er die Gabe, in der Lust zu wandeln, besäße. Als aber der Jäger die Scene eines so gransenhaften Mordes erreicht hatte, waren die Todten allein auf der Felsenspitze. Sein kühnes Auge warf einen einzigen Blick auf die Schlachtopfer und überschaute dann die Schwierigkeiten der vor ihm ansteigenden Felscnhöhe. Auf der Höhe des Berges stand, gerade am Rande des schwindlichen Absturzes, in furchtbar drohender Stellung eine Gestalt mit hoch emporgehobenen Armen. Ohne die Person näher zu betrachten, erhob Hawk-eye seine Büchse; aber ein Felsstück, das einem der Flüchtlinge unten ans den Kopf geworfen ward, zeigte das vor Entrüstung glühende Antlitz des ehrlichen Gamut. Jetzt kam Magua aus einer Felsenspalte hervor, schritt mit gleichgültiger Ruhe über die Leiche seines letzten Gefährten, übersprang einen weiten Felsenriß und klomm an einer Stelle, wo Davids Arm ihn nicht erreichen konnte, den Berg hinan. Noch ein einziger Sprung hätte ihn über den Abgrund gebracht und er wäre in Sicherheit gewesen. Ehe er jedoch den Anlauf nahm, hielt er inne, schüttelte die Hand gegen den Kundschafter und schrie: „Die Blaßgesichter sind Hunde! Die Delaware» sind Weiber! Magua läßt sie auf den Felsen den Krähen zur Speise!" Unter heiserem Gelächter that er einen verzweifelten Sprung, erreichte aber das Ziel nicht, obwohl seine Hände im Fallen noch ein Gestrüpp an dem Rande der Höhe zu erreichen wußten. Hawk-eye drückte sich zusammen, wie ein wildes Thier, das im Begriff ist, einen Sprung zu machen, seine ganze Gestalt zitterte so gewaltig vor Hast, daß die Mündung der halberhobenen Büchse wie ein Blatt im Winde spielte. Ohne sich mit fruchtlosen Anstrengungen zu erschöpfen, ließ der kluge Magua seinen Leib der Länge nach herunter gleiten und fand ein Felsstück, auf dem seine Füße ruhen konnten. Dann bot er alle seine Kräfte zu einem Der letzte Mvhikan. 30 466 neuen Versuche auf, der ihm auch so weit gelang, daß er sich mit den Knieen ans den Rand des Berges zu schwingen vermochte. Jetzt, da der Leib des Feindes am meisten zusammcngckausrt war, zog sich die bewegliche Büchse des Kundschafters an die Schulter. Die Felsen rund umher konnten nicht steter seyn, als es die Flinte in dem Augenblick wurde, da sie ihren Inhalt entlud. Die Arme des Huronen verließen ihren Halt, sein Leib fiel ein wenig zurück, während seine Kniee noch in ihrer Lage blieben. Einen unversöhnlichen Blick auf den Feind wendend, schüttelte er in grimmigem Trotze die Hand. Aber sein letzter Halt schwand und einen Augenblick sah man die dunkle Gestalt kopfüber die Luft durchschneiden, bis sie hinter dem Saume von Gesträuch, das den Felsen umgab, verschwand, ein unwiederbringlicher Raub des Todes. Dreiimddreißigstes Kapitel. Wie Tapfere sie fochten lang und gut. Sie thürinten Leich' auf Leich' von Moslemin. Sie siegten — doch Bozzaris fiel. Sein Blut Aus jeder Ader rann. Die kleine Schaar der Kameraden sah Ihn lächeln, als ihr stolzes Siegshurrah Durch'S rothe Blutfcld drang; Dann sah'n sie, wie zum Tod sein Auge zu Sich schloß, so milde, wie zur NachtcSruh, Der Blume gleich, bei Sonnenuntergang. Halleck. Die ausgehende Sonne fand die Lenapen als ein Volk von Trauernden. Die Tone der Schlacht waren verklungen. Ihr alter Haß war reichlich gesättigt und den letzten Strauß mit den Meng- we's hatten sie durch die Vernichtung einer ganzen Stammgemeinde gerächt. Trüb und düster lag die Atmosphäre über der Gegend, 467 wo das Lager der Hnronen gewesen war, und verkündete nur zu gut das Schicksal dieses wandernden Stammes, während Hunderte von Raben, über den bleichen Gipfeln der Berge durcheinander fliegend oder in krächzenden Schwärmen über den endlosen Waldränmen schwebend gräßliche Wegweiser zu dem Schauplatz des Kampfes abgaben. Kurz, jedes Ange, mit der Kriegführung an de» Gränzen nur in etwas vertraut, hätte diese untrüglichen Spuren der Gräuel einer Jndianerrache leicht erkennen müssen. Und doch fand die ausgehende Sonne das Volk der Lenapen in Trauer. Kein Jubellaut, kein Triumphgesang, den Sieg zu feiern, ward gehört. Der letzte Nachzügler war von seinem gräßlichen Geschäfte heim- gekehrt, nur um die schrecklichen Abzeichen seines blutigen Berufes zu entfernen und in die Klagen seiner Landsleute, die sich ein geschlagenes Volk nennen durften, einzustimmen. Stolz und Frohlocken waren der Dcmüthigung, und die wildesten menschlichen Leidenschaften den Acußcrnngen des tiefsten, unzweideutigsten Schmerzes gewichen. Die Wohnungen waren verlassen: Alles, was Leben hatte, war nach einem Orte in der Nähe gezogen, wo jetzt Alle in tiefem, feierlichem Stillschweigen versammelt waren, ein breiter Gürtel ernsthaft blickender Gesichter. Menschliche Wesen jedes Ranges und Alters, von beiden Geschlechtern und von den verschiedensten Be- rnfsarten waren in dieser lebendigen Mauer versammelt, und doch belebte sie alle Ein Gefühl. Aller Augen hefteten sich auf die Mitte des Kreises, wo sich die Gegenstände so lebhafter und so allgemeiner Theilnahme befanden. Sechs delawarische Mädchen, deren lange, dunkle Haarflechten nachläßig über ihre Brust Herabflossen, standen bei Seite und gaben kein anderes Zeichen ihrer Gegenwart, als daß sie von Zeit z» Zeit süßduftende Kränter und Waldblumen auf eine Sänfte, von wohlriechenden Zweigen bereitet, streuten: sie enthielt unter einem Leichentuche aus indianischen Gewändern die irdischen Neberreste * 468 der feurigen, hochsinnigen, edelmüthigen Cora. Ihre Gestalt war unter vielen Hüllen ans demselben einfachen Stoffe verborgen, und ihr Gesicht für immer dem Anblick der Menschen entzogen. Zu ihren Füßen saß der trostlose Mnnro. Sein ehrwürdiges Haupt beugte sich beinahe zur Erde nieder, in schmerzlicher Unterwerfung unter die Schickung des Himmels; aber ein verborgener Gram kämpfte um die gefurchte Stirn, die nur thcilweise durch graue, nachläßig über seine Schläfe fallende Locken bedeckt wurde. Gamut stand an seiner Seite, sein mildes Haupt war entblößt und den Strahlen der Sonne prcisgegebcn, während seine Augen, unstät und befangen, ihre Blicke zwischen dem kleinen Buche, das so spitzfindig ansgedrückte und doch so hochheilige Lehren enthielt, und zwischen dem Wesen thcilten, dem sein Gemüth gerne Trost gespendet hätte. Heyward stand in der Nähe und lehnte sich an einen Baum, bemüht, die plötzlichen Ausbrüche- des Schmerzes dari-iederzuhalten, zu deren Bekämpfung er seiner ganze Männlichkeit bedurfte. So traurig und melancholisch man sich auch diese Gruppe denken mag, so war sic doch nicht so ergreifend als eine andere am entgegengesetzten Ende dieser Räume. Dort saß Nncas, wie wenn er noch am Leben wäre. Gestalt und Haltung voll Würde und Anstand, mit den glänzendsten Zierrathen geschmückt, die der Ncich- .thum des Stammes hatte auftreiben können. Reiche Federn rollten von seinem Haupte: Wampum, Hals- und Armgeschmcide, Denkmünzen waren an ihm verschwendet, aber sein erstorbenes Auge und seine leblosen Züge widersprachen zu sehr der stolzen Absicht eines so eitlen Schmuckes. Gerade vor dem Todten saß Chingachgook, ohne Waffen, ohne Bemalung, ja ohne Verzierung irgend einer Art, das glänzend blaue Stammbild seines Geschlechtes ausgenommen, das der nackten Brust unvcrtilgbar eingcgraben war. Während der langen Zeit, da der Stamm hier versammelt war, schaute der mohikanische -169 Krieger fest und kummervoll auf das kalte, leblose Antlitz seines Sohnes. So unverwandt und innig war dieser Blick, seine Haltung so unvcrrückt, daß ein Fremder den Lebenden von dem Todten nur an dem gelegentlichen Spiel eines aufgeregten Geistes, das sich auf dem düstern Antlitze des Vaters uralte, und an der todten- ähnlichen Ruhe, die sich für immer auf den Zügen des Sohnes gelagert hatte, unterschieden haben würde. Der Kundschafter stand dicht daneben, in nachdenklicher Stellung aus seine todbringende Rächerwaffe gelehnt, während Tamc- nund, von den Aeltesten seiner Nation unterstützt, einen erhöhten Platz einnahm, von wo er die stumme, von Gram bewegte Versammlung überblicken konnte. In dem innern Rande des Kreises stand ein Offizier, in der Uniform einer fremden Nation; außerhalb war sein Schlachtroß, von einer Anzahl berittener Diener umgeben, die sich, wie es schien, auf eine ferne Reise bereitet hatten. Der Anzug des Fremden zeigte, daß er in der nächsten Umgebung des Statthalters von Canada eine angesehene Stellung inne habe. Wie es schien, war seine Absicht, Frieden zu stiften, durch das wilde Ungestüm seiner Verbündeten vereitelt worden, und er mußte sich nun begnügen, ein schweigsamer Zeuge der traurigen Früchte eines Streites zu seyn, dein vorzubeugen er zu spät gekommen war. Der Tag nahte sich dem Ende seines ersten Viertels und immer noch verharrte die Menge in dem athcmlosen Schweigen, welches seit dem vergangenen Abende unter ihr herrschte. Nichts hörte man, als etwa einen unterdrückten Seufzer, kein Glied hatte sich die lange Zeit über gerührt, außer um die einfachen und rührenden Opferdienstc zu versehen, die von Zeit zu Zeit dem Andenken der Verstorbenen gebracht wurden. Nur die Geduld und Ausdauer indianischer Seelenstärke konnte solch einen Anschein lebendigen Todes ertragen, welcher die dunkeln, bewegungslosen Gestalten in Stein verwandelt zu haben schien. Endlich reckte der Weise der Delaware» einen Arm ans, stützte sich auf die Schultern seiner Begleiter und erhob sich mit einem Ausdruck von Schwäche, als ob auf dem Manne, der gestern noch vor seinem Volke gestanden, heute, da er auf seinem erhabenen Sitze wankte, ein Menschenalter mehr lastete. „Männer der Lenapen!" sprach er in hohlen Tönen, deren Klang eine Prophezeiung zu verkünden schien; „Manitto's Gesicht ist hinter einer Wolke! Sein Auge ist von euch gewandt; seine Ohren sind verschlossen; seine Zunge gibt keine Antwort. Ihr seht ihn nicht, und doch sind seine Gerichte vor euer» Augen. Eure Herzen setzen offen und eure Geister sprechen keine Lüge! Männer der Lenapen! Manitto's Antlitz ist hinter einer Wolke!" Als diese einfache und doch furchtbare Ankündigung in die Ohren der Zuhörer drang, erfolgte eine so tiefe und schauerliche Stille, als ob das hohe Wesen, das sie anbeteten, die Worte ohne Hülfe menschlicher Organe gesprochen hätte: selbst der entseelte Uncas schien belebt im Vergleich mit der demüthigen, unterwürfigen Menge, von der er umgeben war. Jedoch der unmittelbare Eindruck verschwand allmählig, und leise, murmelnde Stimmen begannen eine Art von Gesang zu Ehren der Todten. Es waren weibliche Laute, durchdringend, sanft und klagend. Die Worte hatten unter sich keine regelmäßige Folge: wenn Eine aufhörte, nahm eine Andere den Lobgesang oder die Tranerklage, wie nian es nennen mochte, wieder auf und drückte ihre Empfindungen in einer Sprache aus, wie sie ihr das Gefühl und die Verhältnisse eingaben. Dazwischen wurden die Sprecherinnen von lauten und allgemeinen Ausbrüchen des Schmerzes unterbrochen, während welcher die Mädchen um Cora's Bahre die Pstanzen und Blumen auf ihrem Körper in wilder Hast zerpflückten, als wären sie vor Gram wahnsinnig. In milderen Augenblicken jedoch wurden diese Sinnbilder der Reinheit und süßer Anmuth mit allen Zeichen zärtlicher Theilnahme wieder an ihre frühere Stelle gelegt. 471 Obgleich ihre Worte durch die vielfachen, stärkeren Ausbrüche der Empfindung unzusammenhängend erschienen, so würde eine Ueber- tragnng derselben doch regelmäßig wicderkehrende Wechsel und in ihnen eine Reihenfolge von Gedanken zu Tage gebracht haben. Ein Mädchen, durch ihren Rang und ihre Eigenschaften hiezu besonders auserlesen, begann mit bescheidenen Anspielungen auf die Verdienste des gefallenen Kriegers, und schmückte ihre Ansdrucksweise mit jenen morgenländischen Bildern, welche die Indianer ohne Zweifel von de» äußersten Enden des andern Festlandes mit herübergebracht haben, und die an sich schon ein Gelenk in der Berbindnngs- kette der Geschichte der zwei Welten bilden. Sie nannte ihn den Panther seines Stammes und schilderte ihn als Einen, dessen Moccastn keine Spur auf dem Thaue znrücklaffe; dessen Sprung dem des jungen Hirschkalbes gleiche; dessen Auge glänzender als ein Stern in finsterer Nacht sey, und dessen Stimme in der Schlacht so laut klinge, als der Donner des Manitto. Sie erinnerte ihn an die Mutter, die ihn geboren, und verweilte namentlich bei dem Glücke, das diese im Besitze eines solchen Sohnes empfinden müsse. Sie bat ihn, ihr zu sagen, wenn er sie in der Welt der Geister treffe, daß die Delawaren-Mädchen über dem Grabe ihres Kindes Thränen vergossen und sie eine Gesegnete genannt hätten. Ihr folgten Andere, welche in einer noch milderen, innigeren Weise mit der ihrem Geschlechts eigenen zarten Empfindsamkeit das fremde Mädchen besangen. Sic seh so nahe an Uncas' Tode dieser Erde entrückt worden, daß der Wille des großen Manitto mit Beiden sich deutlich offenbare und nicht mißverstanden werden könne. Sie ermahnten ihn, freundlich gegen sie zu sehn und Nachsicht mit ihr zu haben, wenn sie die Fertigkeiten nicht besitze, die einem Krieger, wie er, für seine Bequemlichkeit so nöthig sehen. Sie verweilten bei ihrer unvergleichlichen Schönheit und ihrem entschlossenen Edelsinn, ohne einen Gedanken von Neid, wie etwa Engel an noch höheren Wesen ihre Freude finden mögen. Sie 472 fügten bei, daß diese reichen Gaben kleinere Mängel der Erziehung mehr als ersetzen würden. Nach ihnen redeten Andere, in wohlbedachter Folge, in der Sprache der Zärtlichkeit und Liebe zu dem Mädchen selbst. Sie ermunterten sie, fröhlichen Sinnes zu seyn und nichts für ihre künftige Wohlfahrt zu fürchten. Ein Jäger werde ihr Gefährte seyn, der ihre kleinsten Bedürfnisse zn befriedigen wisse: ein Krieger ihr zur Seite stehen, der sic gegen jegliche Gefahr zu schützen vermöge. Ihr Pfad, verhießen sie, werde anmnthig, und ihre Bürde leicht seyn. Sie warnten sie vor vergeblicher Sehnsucht nach den Freunden ihrer Jugend, nach den Landen, wo ihre Väter geweilt hätten, mit der Versicherung, die gesegneten Jagdgesilde der Lenapcn enthielten so anmuthige Thäler, so klare Ströme und so liebliche Blumen, als der Himmel der Blaßgcstchter. Sie riethen ihr, aufmerksam für die Bedürfnisse ihres Gefährten zu seyn und nie zn vergessen, welchen Unterschied Manitto so weislich zwischen ihnen festgestellt habe. Dann besangen sie, ihre Stimmen stärker erhebend, die Sinnesweise des Mohikaners. Sie nannten ihn edel, männlich, großmüthig; Alles vereinige er, was einem Krieger zieme — was ein Mädchen lieben könne. Sie kleideten ihre Gedanken in die entferntesten, gesuchtesten Bilder und gaben zn verstehen, daß es ihnen in der kurzen Zeit ihres Zusammenseyns gelungen sey, seine geheime Neigung mit der ihrem Geschlechte eigenen schnellen Auffassungsgabe richtig zu erspähen. Die Delawaren-Mädchen hätten in seinen Augen keine Gnade gefunden. Er sey von einem Stamme, dessen Glieder einst Herren der Gestade des Salzsees gewesen, und seine Wünsche hätten ihn zurück nach einem Volke geleitet, das um die Gräber seiner Väter wohne. Warum sollte ein solcher innerer Zug nicht begünstigt werden? Aber sie gehöre einem reineren und reicheren Blute an, als Andere ihrer Nation, wie jedes Auge leicht erkennen werde; daß sie den Gefahren und Wagnissen des Lebens in den Wäldern gewachsen L73 sey, habe ihr Benehmen gezeigt. Und jetzt," fuhren sie fort, „habe ,der Weise der Erde< sie an einen Ort versetzt, wo sic ebenbürtige Geister finden und für immer glücklich scpn werde." In einem zweiten Uebergange wechselten sie abermals Ton und Gegenstand und gingen zn der Jungfrau über, die in der nahegelegencn Wohnung weinte. Sie verglichen sie mit den Flocken des Schnees: so rein, so weiß, so glänzend, so leicht schmelzbar in der heftigen Sommerhitze, so leicht dem Gefrieren ausgesetzt in dem Froste des Winters war sie. Sie zweifelten nicht an ihrer Liebenswürdigkeit in den Augen des jungen Häuptlings, dessen Farbe und dessen Schmerz dem ihrigen so ähnlich scheine, wenn sie auch weit entfernt blieben, einen solchen Vorzug deutlich auszusprechen. Doch war es klar, daß sie Alice nicht so hoch stellten, als das Mädchen, um welches sie tranerten. Sie versagten ihr jedoch keinen Ruhm, den ihre seltenen Reize ansprechen dursten. Ihre Locken wurden mit den üppigen Ranken der Weinrebe, ihr Auge mit dem blauen Himmelsgewölbe verglichen, und das fleckenloseste Gewölk, von dem glühenden Hauche der Sonne gerüthet, war nicht so reizend als die Blüthe ihrer Wangen. Während dieser und ähnlicher Klagelieder hörte man nichts als das Gemurmel des Gesangs, gehoben oder vielmehr furchtbar gemacht durch die gelegentlichen stärkeren Ausbrüche des Grames, die gleichsam ein Chor genannt werden konnten. Die Delaware» horchten, wie von einem Zauber gefangen, und das wechselnde .Spiel ihrer ausdrucksvollen Mienen gab kund, wie tief und innig ihr Mitleid war. Selbst David lieh willig sein Ohr den Tönen so lieblicher Stimmen, und lange bevor der Gesang zu Ende war, verkündete sein Blick, wie tief sein Gemüth im Hören gefesselt war. Dcr Kundschafter, dem allein unter den anwesenden Weißen diese Worte verständlich waren, erhob sich etwas aus seiner nachdenklichen Stellung und neigte sein Haupt bei Seite, um den fortlaufenden Sin» derselben aufzufassen. Als sie aber von den L7L künftigen Aussichten Cora's und Nncas sangen, schüttelte er den Kopf, wie Einer, der die Jrrthümer ihres schlichten Glaubens Wohl erkannte, und nahm dann wieder seine zurnckgelehnte Stellung an, in ihr oerharrend, bis die Ceremonie zn Ende war — wenn man Ceremonie eine Handlung nennen darf, die von so tiefem Gefühl zeugte. Hcyward und Munro verstanden, zum Glück für ihre Fassung, den Sinn der eben vernommenen wilden Laute nicht. Chingachgook allein bildete eine Ausnahme unter den so tief ergriffenen übrigen Eingebornen. Sein Blick wechselte nie während des ganzen Austrittes, selbst bei den wildesten oder feierlichsten Theilen der Wehklage.bewegte sich keine Muskel auf seinem starren Antlitz. Die kalten, leblosen Ueberreste seines Sohnes waren ihm Alles, und jeder andere Sinn, außer dem Gcsichtsinn, schien erstorben, während sein Auge zum Letztenmale nach den so lange geliebten Zügen schaute, deren Anblick ihm bald für immer entrissen werden sollte. Jetzt trat ein Krieger, berühmt durch seine Waffenthaten, besonders aber durch seiue Leistungen in dem letzten Kampfe, ein Mann von ernster, würdevoller Haltung, langsam ans der Menge hervor und stellte sich vor den Todtcn. „Warum hast du uns verlassen, Stolz der Wapanachki?" sprach er, sich an die tauben Ohren des jungen Mohikaners wendend, als ob die leere Hülle noch die Fähigkeiten des Lebenden besäße; „deine Zeit war die der Sonne, so lange sie hinter den Bäumen ist; dein Ruhm war glänzender als ihr Licht um die Mittagszeit. Du bist dahingegaugen, junger Krieger, aber Hunderte von Whandot's räumen die Brombeersträuche von deinem Pfade nach der Welt der Geister. Wer sah dich in der Schlacht und glaubte, daß du sterben könntest? Wer vor dir hat Uttawa den Weg in die Schlacht gezeigt? Deine Füße waren gleich Adlcrschwingen; dein Arm schwerer als Aeste, die von der Fichte fallen, und deine Stimme glich der Stimme Manitto's, wenn er in den Wolken spricht. Die Zunge Uttawa's ist schwach," fügte er hinzu, indem er mit traurigem Blicke um sich schaute, „und sein Herz wird ihm schwer. Stolz der Wapa- uachki, warum hast du uns verlassen?" Ihm folgten der Reihe nach Andere, bis die meisten der hohen und begabten Männer der Nation sprechend oder im Gesang den Manen des dahingeschiedenen Häuptlings das Opfer ihrer Lobpreisungen dargebracht hatten. Als sie zu Ende waren, herrschte abermals athemlose Stille über die ganze Versammlung. Jetzt ließ sich ein leiser, tiefer Ton vernehmen, ähnlich der gedämpften Begleitung einer fernen Musik. Er war laut genug, um hörbar zu werden, blieb aber so unbestimmt, daß man so wenig wußte, woher er kam, als was er bedeutete. Er stieg jedoch höher und höher, bis er zuerst in lang ansgehaltencn oft wiederholten Ausrufungen und endlich in Worten deutlich in das Ohr der Hörer drang. Die Lippen Chingachgook's hatten sich nun in so weit geöffnet, daß man erkannte, cs sey des Vaters Trauergesang, für UncaS. Obgleich kein Auge sich nach ihm wandte, nicht das geringste Zeichen der Ungeduld laut wurde, so sah man doch an der Weise, wie die Versammelten ihre Häupter erhoben, daß sie die Töne mit einer Aufmerksamkeit verschlangen, so gespannt, wie sie bisher nur Tamennnd zu Theil geworden war. Sie horchten aber vergeblich. Der Gesang wurde gerade so laut, um vernehmbar zu werden, dann immer schwächer nnd zitternder, bis er dem Ohre völlig entschwand, als würde er von einem flüchtigen Windhauch davvngetragen. Die Lippen des Sagamoren schlossen sich und er blieb schweigend sitzen, mit seinem starrblickenden Auge und der regungslosen Gestalt einem Wesen gleich, das der Allmächtige nur mit dem Bilde, aber nicht mit dem Geiste eines Menschen begabt hatte. Die Delaware», welche an diesem Zeichen erkannten, daß ihr Freund noch nicht zu einer so mächtigen Erhebung des Geistes fähig sey, ließen ihre Aufmerksamkeit sinken und schienen in 476 angebornem Zartgefühl alle ihre Gedanken nur auf das Leichenbegängnis des fremden Mädchens zu richten. Einer der älteren Häuptlinge gab den Frauen ein Zeichen, die in der Nähe van Cora's Leiche standen. Dem Winke gehorchend, erhoben die Mädchen die Bahre zu der Höhe ihrer Häupter und schritten langsam und regelmäßig vorwärts, einen zweiten Klaggesang zum Preise der Verstorbenen anstimmend. Gamnt, welcher ihre ihm so heidnisch dünkenden Gebräuche beobachtet hatte, beugte jetzt sein Haupt über die Schulter des besinnungslosen Vaters und flüsterte: „Sie nehmen die Ncberreste deines Kindes auf: wollen wir nicht ihnen folgen und auf ein christliches Begräbnis bedacht scyn?" Munro fuhr auf, als hätte die letzte Posaune in sein Ohr geklungen und warf einen hastigen, ängstlichen Blick um sich her; dann erhob er sich und folgte dem einfachen Zuge mit der Miene eines Soldaten, aber mit dem ganzen Gewichte des Vaterschmerzes. Seine Freunde drängten sich mit einem Ausdrucke des Kummers um ihn her, der zu stark war, um Mitgefühl genannt zu werden. Selbst der junge Franzose schloß sich an, offenbar lebhaft ergriffen von dem frühen und traurigen Ende eines so liebenswürdigen Wesens. Als aber die letzten und niedrigsten Weiber des Stammes dem anscheinend regellosen und doch geordneten Zuge sich angereiht hatten, schloffen die Männer der Lenapen den Kreis um UncaS' Leiche wieder so ernst, so würdevoll, so regungslos wie zuvor. Die Stelle, welche sie zu Cora's Grab gewählt hatten, war ein kleiner Hügel, wo ein Kreis junger, gesunder Fichten Wurzel gefaßt hatte, deren Schatten nur ein melancholisches, so wohl geeignetes Dämmerlicht gestattete. An dem Platze angekommen, setzten die Mädchen ihre Last nieder und warteten mit der ihnen cigenthümlichen Geduld und mit angeborucr Schüchternheit auf irgend ein Zeichen der Zustimmung von Denen, deren Gefühle bei diesen Anordnungen am meisten betheiligt waren. Endlich sprach 477 der Kundschafter, welcher allein ihre Gebräuche verstand, in ihrer Mundart: „Was meine Töchter gethan haben, ist gut; die weißen Männer danken ihnen." Zufrieden mit diesem Zeugniß, schickten sich die Mädchen an, die Leiche in eine Art Sarg, künstlich und nicht ohne Geschmack aus Birkenrinde gefertigt, zu legen, und senkten sie dann in die finstere, letzte Behausung hinab. In derselben schlichten Weise und ebenso stumm wurde die Leiche bedeckt, und die Spur der frischen Erde mit Blättern und anderen Hüllen, wie sie die Natur und die Gewohnheit an die Hand gaben, verbargen. Als die Arbeit dieser freundlichen Kinder der Natur, die eine so traurige Pflicht so liebevoll erfüllt hatten, vollendet war, zögerten sie, um zu zeigen, daß sie nicht wüßten, wie weiter fortzufahren. Jetzt wandte sich der Kundschafter wieder mit den Worten an sie: „Meine jungen Weiber haben genug gethan," sprach er, „der Geist eines Blaßgesichtes bedarf keiner Speise noch Kleidung. Sie haben, was sie in dem Himmel ihrer Farbe bedürfen. Ich sehe," fuhr er fort, einen Blick auf David werfend, der eben mit seinem Buche beschäftigt war und die Absicht verrieth, einen heiligen Gesang einznleiten; „daß Einer reden will, der die christlichen Gebräuche besser kennt, als ich!" Die Mädchen, welche bisher eine Hauptrolle gespielt hatten, traten nun bescheiden bei Seite, rnhige und aufmerksame Zuschauerinnen bei dem, was folgte. Während David aus die angedcutete Weise die frommen Gefühle seines Herzens ergoß, entschlüpfte ihnen kein Zeichen der lleberraschung, kein Blick der Ungeduld. Sie lauschten vielmehr gleich denen, welche den Sinn der fremden Worte verstanden, und es schien, als ob sie die gemischten Gefühle des Schmerzes, der Hoffnung und der Ergebung mit empfänden, die der Gesang Hervorrufen sollte. Aufgeregt von der Scene, deren Zeuge er gewesen war, und 478 vielleicht in Folge der Bewegung seines Innern, leistete der Sing- meister Ungewöhnliches. Seine volle, reiche Stimme litt nicht, verglichen mit den sanften Tönen der Mädchen, und seine kunstgerechten Weisen besaßen wenigstens für die Ohren derer, an welche sie sich vornehmlich wandten, das Uebergewicht leichteren Verständnisses. Er endete das heilige Lied, wie er es angefangen hatte, mitten unter ernstem, feierlichem Schweigen. Als jedoch der Schluß des Gesanges in den Ohren seiner Zuhörer verhallt war, verriethcn die geheimen, schüchternen Blicke der Angen, und die allgemeine, wenn gleich unterdrückte Bewegung unter den Versammelten, daß man von dem Vater der Verstorbenen einige Worte erwartete. Munro schien zu fühlen, daß auch für ihn die Zeit gekommen seh, vielleicht die größte Anstrengung zu machen, deren die Menschcnnatnr fähig ist. Er entblößte sein graues Haupt und schaute fest und mit gefaßter Miene auf die ihn umgebende scheue und ruhige Volksmenge. Dann winkte er dem Kundschafter mit der Hand und sprach: „Sagt diesen guten, liebreichen Mädchen, daß ein schwacher Greis, dessen Herz gebrochen, ihnen seinen Dank abstatte. Sagt ihnen, daß das Wesen, welches wir alle verehren, wenn auch unter verschiedenen Namen,-ihrer Liebe gedenken wird: daß die Zeit nicht mehr ferne sehn kann, wo wir alle ohne Unterschied des Geschlechts, des Ranges oder der Farbe, um seinen Thron versammelt sehn werden." Der Kundschafter hörte diese Worte, die der Veteran mit zitternder Stimme sprach, aufmerksam an, und schüttelte, als er zu Ende war, langsam das Haupt, als ob er an ihrer Wirksamkeit zweifelte. „Ihnen dies mitznthcilcn," sprach er, „hieße so viel, als wenn ich sagte, daß der Schnee nicht im Winter komme, oder die Sonne am wärmsten scheine, wenn die Bäume ihres Laubes baar sind." Er wandte sich zu den Weibern und drückte ihnen Munro's 479 Dankbarkeit aus, wie er es der Fassungskraft seiner Znhörerinnen für am angemessensten hielt. Munro's Haupt war wieder aus seine Brust gesunken, und er war nahe daran, sich wieder der früheren Schwermuth hinzngeben, da wagte der junge Franzose seinen Ellbogen leicht zu berühren. Sobald er die Aufmerksamkeit des trauernden alten Mannes gewonnen hatte, wies er ans einen Trupp junger Indianer, welche mit einer leichten, aber dicht verschlossenen Sänfte herannahten, und deutete dann aufwärts nach der Sonne. „Ich verstehe Sie, mein Herr!" versetzte Munro im Tone erzwungener Festigkeit; „ich verstehe Sie. Es ist der Wille des Himmels, und ich unterwerfe mich. Cora, mein Kind! Wenn die Gebete eines Vaters, dessen Herz gebrochen ist, dir jetzt helfen könnten, wie selig solltest du seyn! — Kommen Sie, meine Herren!" fuhr er fort, mit einer Miene stolzer Fassung um sich blickend, obgleich der Gram, der in seinen gebleichten Zügen bebte, zu gewaltig war, um sich verbergen zu lassen — „Wir haben hier nichts mehr zu thun; laßt uns gehen!" Heyward gehorchte gerne dem Rufe, der ihn von einem Orte entfernte, wo, wie er Wohl fühlte, seine Selbstbeherrschung ihn jeden Augenblick verlassen konnte. Während seine Begleiter aber zu Pferde stiegen, fand er noch Zeit, dem Kundschafter die Hand zu drücken und ihm ihre Uebereinkunft noch einmal ins Gedächtniß zu rufen, sich wieder bei den Posten des brittischen Heeres zu treffen. Dann warf er sich getrost in den Sattel und spornte sein Schlachtroß an die Seite der Sänfte, ans welcher ihm ein leichtes, halb- nntcrdrücktes Schluchzen die Gegenwart Alicens verkündete. Munro senkte wieder das Haupt auf die Brust: Heyward und David folgten in düsterem Schweigen, von Montcalm's Adjutanten und seiner Bedeckung begleitet; so entschwanden alle Weißen, mit Ausnahme Hawk-cye's, den Augen der Delawaren und waren bald in den endlosen Wäldern des Landes begraben. Das Band gemeinschaftlich erlittenen Unglücks aber, welches 480 Liese einfachen Waldbewohner mit den Fremden vereinte, die so vorübergehend unter ihnen verweilt hatten, konnte sich nicht so bald lösen. Jahre vergingen, ehe die sagenhafte Neberltescrnng von dem weißen Mädchen und dem jungen Krieger der Mohikaner aufhörte, den Delaware» lange Nächte und ermüdende Märsche zu verkürzen, oder ihre Jünglinge und ihre Tapferen mit dem Verlangen nach Rache zu erfüllen. Auch Diejenigen, welche in diesen bedeutenden Erlebnissen eine weniger hervorragende Rolle gehabt hatten, wurden nicht vergessen. Durch Vermittlung des Kundschafters, welcher noch Jahre nachher eine Art von Mittelglied zwischen ihnen und der civilisirten Welt bildete, erfuhren sie als Antwort auf ihre Erkundigungen, daß das ,graue Haupt< bald zu seinen Vätern versammelt worden sey, darniedcrgedrückt, wie sie irrig glaubten, durch sein Unglück im Kriege: und daß die ,offene Hand< seine überlebende Tochter weit hinweg nach den Niederlassungen der Blaßgesichtcr geführt habe, wo ihre Thränen endlich aufgehört hätten zu fließen, dem lieblichen Lächeln weichend, das ihrer heiteren Natur besser ziemte. Doch diese Begebenheiten fallen in eine Zeit, welche außer dem Bereiche unserer Erzählung liegt. Von allen Gefährten seiner Farbe verlassen, kehrte Hawk-cye an den Ort zurück, wohin ihn seine Neigungen mit einer Gewalt zogen, wie sie kein blos eingebildetes Band der Einigung schaffen konnte. Er kam noch eben znr Zeit, einen Abschiedsblick auf Uneas' Züge zu werfen, den die' Delawaren bereits in seine letzten Pclzgewänder hüllten. Sic hielten eine Weile inne, um dem beherzten Waidmann seinen zögernden Blick der Sehnsucht nicht zu verkümmern, und der Leib wurde eingchüllt, um nie mehr aufgedeckt zu werden. Dann folgte ein zweiter feierlicher Zug, und die ganze Nation versammelte sich um das vorläufig gewählte Grab des Häuptlings — vorläufig, denn seine Gebeine sollten einst in kommenden Tagen unter denen seines eigenen Volkes ruhen. Die allgemeine llebereinstimmnng der Gefühle brachte auch hier eine Theilnahme hervor, von der sich Niemand ansschloß. Derselbe ernste Ausdruck des Grams, dasselbe strenge Stillschweigen, dieselbe Ehrfurcht gegen den Hauptleidtragenden, die wir bereits einmal zu schildern hatten, war auch um diese Begräbnisstätte zu bemerken. Die Leiche ward in ruhender Stellung niedergelassen, das Gesicht gegen die ausgehende Sonne gerichtet, neben ihm seine Kriegs- und Jagdgeräthe, bereit für die letzte große Reise. In dem Sarge, durch welchen der Körper gegen die unmittelbare Berührung der Erde geschützt war, ließ man eine Oeff- nnng, damit der Geist, sofern es nöthig wäre, mit seiner irdischen Hülle verkehren könne. Das Ganze ward mit dem den Eingcbornen eigenen Scharfsinne gegen den Instinkt und die Verwüstungen der Raubthiere geschützt. Die Gebräuche, bei denen Mehrere thätig zu seyn hatten, waren nun zu Ende, und Aller Sinn wandte ssch wieder dem geistigeren Thcile der Feierlichkeiten zu. Chingachgook wurde noch einmal der Gegenstand allgemeiner Aufmerksamkeit. Er hatte noch nicht gesprochen, und doch erwartete man bei einein so wichtigen Anlasse von einem so berühmten Häuptling etwas Tröstliches und Belehrendes zu hören. Die Wünsche des Volkes errathend, erhob der Krieger, seinen Schmerz bezwingend, das ernste Antlitz, das er zuletzt in sein Gewand verhüllt gehalten hatte, und schaute mit festem Auge um sich. Seine fcstzusammengeprcsitcn, ausdrucksvollen Lippen öffneten sich, und znm Erstenmale während der langen Cercmvnie ließ sich seine Stimme deutlich vernehmen. „Warum trauern meine Brüder?" sprach er, auf die dunkeln Krieger schauend, die mit niedergeschlagener Miene um ihn standen: „warum weinen meine Töchter? weil ein junger Krieger nach den glücklichen Jagdgestldcn gegangen ist — weil ein Häuptling seine Zeit mit Ehren erfüllt hat? Er war gut; er war pflichttreu; er war tapfer. Wer kann es läugnen? Manitto hatte einen solchen Der letzte Molnkan. 31 -182 Krieger nöthig, und er hat ihn abgerufen. Was mich betrifft, den Sahn und den Vater eines llncas, so bin ich eine abgeschälte Fichte in einer Lichtung der Blaßgesichter. Mein Geschlecht ist geschieden von den Gestaden des Salzsees nnd wn den Bergen der Delawaren. Aber wer kann sagen, daß die Schlange seines Stammes ihrer Weisheit vergessen hat? Ich bin allein —" „Stein, nein," rief Hawk-eye, welcher bisher mit einem Ausdruck der hingebendsten Theilnahme auf die strengen Züge Chin- gachgook's geschaut hatte, und nun seine gewohnte, bisher nur mit Mühe behauptete Fassung sinken lassen mußte; „nein, Sagamore, nickst allein. Unsere Gaben und unsere Farbe mögen verschieden scyn; aber Gott hieß uns auf demselben Pfade mit einander wandeln. Ich habe keinen Verwandten, und kann, gleich dir, sagen, ich habe auch kein Volk. Er war dein Sohn und eine Rothhaut von Natur; und es mag seyn, daß dein Blut näher — aber wenn ich je den Jungen vergesse, der im Kriege so oft neben mir gefuchten, im Frieden an meiner Seite gernht hat, so soll Er, der uns alle erschuf, wie auch unsere Farbe oder unsere Natur scyn mag — meiner vergessen! Der Junge hat uns für eine Weile verlassen: aber, Sagamore, du bist nicht allein!" Chingachgool ergriff die Hand, welche der Kundschafter in der Wärme seines Gefühls ihm über die frische Erde hinüber streckte, und in dieser Stellung der Freundschaft neigten die beiden kräftigen, unerschrockenen Waidmänner ihre Häupter zusammen: heiße Thränen rollten auf das Grab nieder und befeuchteten Uncas' Ruhestätte, wie fallende Regentropfen. Mitten in dem ehrfurchtsvollen Schweigen, mit welchem ein solcher Ausbruch der Empfindung von Seiten der zwei berühmtesten Krieger jener Regionen ausgenommen ward, erhob Tamenund seine Stimme, das Volk zu zerstreuen: „Es ist genug!" rief er. „Geht, Kinder der Lenapen, der Zorn Manittos hat sich noch nicht gelegt. Warum sollte 483 Tamenund weilen? Die Blaßgcsichter sind Herren der Erde, und die Zeit der Rothhäute ist nvch nickt wieder gekommen. Mein Tag ist zu lang gewesen. Am Morgen sah ich die Sohne des dlnamis glücklich und mächtig, und jetzt, bevor die Nacht eingebrochen ist, musste ich leben, um den letzten Krieger von dem weisen Geschlechts der Mohikaner zu schauen!" '