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Bei allem, was diese Gedichte in meiner Ucbersetzung gegen ihre Ursprache verlohrcn haben mögen, haben sie (mit aller Bescheidenheit gesagt,) dies gewonnen, daß sie uns jetzt in unsrer Sprache naher ans Herz treten, und eines deutschen Dichters deutsche Gedichte sind. Wie Wenige kannten sie in der Ursprache! Wie Wenige mochten sic zu dem Zweck, wozu sic geschrieben waren, lesen! Jetzt erwacht unser Landsmann aus seinem lateinischen Grabe; die Lyra in seinen Händen klingt mit neuen Tönen. Lasse man ihm die Idole, an denen er sich zu seiner Zeit erquickte; sein Geist aber spreche zu uns; sein Gemüth rede. Wie manche süße Stunde der Mitternacht, ja ich darf sagen, wie manche tiefere Furche der innern X Vorrede. Eultur habe ich unscrm Dichter zu dünken! Auch wo ich in seine Vorstellungsart nicht eingehcn konnte, hörte ich, nach dem Ausdruck des großen Königes, in ihm den Wohllaut himmlischer Musen, P o l y h y m n i e 11 s Saiten, Und Uraniens Lied, Unterrichtend die Weisen Und die Beherrscher der Welt. Ein kleines Kenotaphium, dem Dichter aus seinen eigenen Werken erbaut, soll ihm hierüber mit Nennung seines Namens im nächsten Bande meinen Dank bezeugen. Weimar den r8. August 1794. Inhal t Lyrische Gedichte. Erstes Buch. Die Täuschung. S. i. Die Jugendfreundschaft. S. 2. Orest und Pylades sind Hetdenmuster der Freundschaft bei den Griechen. Zu Str 0 phius war nach Agamemnons Tode Orest gerettet, und Pylades war Str 0 p hius Sohn. Sie wurden zusammen erzogen. Das Schachspiel. S. 3. Die Schifffahrt. S. 5. Lebensregeln an einen Jüngling. S. 6. Thomas Morus. S. 7. Dieser Held und Märtyrer der Gerechtigkeit, Canzler Englands unter Heinrich dem Achten, verdient, daß man sein Leben, seine Schriften und die Art, wie er seinen Tod aufnahm, in der Geschichte lese. XII Inhalt. Das Ungemeine. S. 8. Das böse Gewissen. S. io. Marius, ein Römischer Held, ein großer Soldat, Triumphator, Lriumvir; aber eine rohe Seele» Er füllte Rom mit Unruhen, Blut und Leichen. Vielleicht mahlte unser Dichter seinen Namen, da bei Cicero schon Cotta der Akademiker es als einen Beweist gegen die Vorsehung anführt, daß ein Marius in seinem höchsten Alter, zum siebenten- mal Consul, auf dem Bett ruhig und ehrenvoll habe sterben können. Kronen. S. ro. Das stille Gemkith. S. i>. Syenens Wüste in Afrika, und Seythien in Norden gelten als Extreme der Hitze und Kalte. Bajä war der Lustort der Römer in Companien; die schwimmenden Inseln des Aegeer-Meers gelten sür Orte der Verbannung; der Tyrann Sulla wars, der die Verbannung der Würdigen in Gang brachte. Der Blinde. S. 22. Der Verlust. S. 04. Die Tugend, ein Genius. S. i 5 . Das Bild dieses Genius erscheint hier, der Handlung nach, viel verändert; wie sich denn weder die Griechen, noch Horaz in lyrischen Gesängen an die Fortsetzung Einer mahlerischen Vorstellung gefesselt hielten. Der Pfeil. S. 16. Inhal t. Xlll An die Nachtigall. S, 17. Die Hut der Augen. S. 18. Cynthia war des Proper; Geliebte. Die Vergleichung einer Cynthia mit dem Glanz des Mond- lichcs ist ein kleines Wortspiel. An die Nachtigall. S. 18. Die Lcyer des Pythagoras. S. 19. Die Entführung der Proserpina von Pluto war bei den Griechen das Bild einer unglücklichen, schwarzen Hochzeit. Lust und Schmerz. S. 21. An die Bildsäule eines schonen Knaben. S. 22. Pygmalion, Praxiteles sind berühmte Bildner. Flora, die Blumengörtin, die N a- pae» Nymphen der Lusthaine; Aura das perso- nificiertc Frühlingslüftchen; die Glanzenden sind die Gestirne. Auf einen Garte» , die Stcrnenau genannt. S. 28. Die am Ende des Gedichts genannten Orte sind berühmte Lustgegenden des AlterthumS, in Asien, Griechenland und Italien. Der letzte ist das sabelhafte Grab Phaerhons am Po, das von einem Haine, in den die klagenden Schwestern des Begrabenen verwandelt waren, angenehm umschattet wurde. Lyäus ist Bacchus. Der goldnc Ring des Plato. S. 25 . C haonien, eine bcrgigtc Waldgegend in Epi- rus. Die Sage, daß die Menschen, ehe Ceres den Bau der Fcldfrüchte erfand, in Wäldern und von Eichen gelebt, ist so bekannt wie der Circe Geschichte. XIV Inhalt. Die Nachtigall. S. 27. Tie Mcnfchcnseelc. S. 27. Der Sternenhimmel. S. 28. Die in dieser Ode verkommende Götternamen sind Sterne und Sternbilder. Zweites Buch. Die ernste und fröhliche Dichtkunst. S. 32. Anspielungen auf einzelne Oden des Horaz. Der dreifache Seufzer der Monarchie. S. 3g.. Der Reiter des Bucephalus ist Alexander; Lhanatos der Tod. Das Durchbrechen des ungeheuren Bergs Athos, wie das Bepflastern des Meeres sind Bilder unmöglicher und unnützlicher Riesen-Entwürfc. Thal und Höhe. S. 36. Die alten Münzen. S. 37. Nero, Hadrian, Titus, Julian, Pho- cas, Nerva sind alte Römerkaiser. Die Fabier, Gracchen, Cato, Boörhius, Thrasea, Skaurus gellen für Patrioten und Weise. Mahlerei und Dichtkunst. S. 38. Parrhasius und Zeuxis, Pr otogenes und Apelles, berühmte Mahler. Was Lessing in seinem Laokoon philosophisch ausführt, zeigt unser Dichter in Handlung. Der Gegenstand des Wettstreites mußte eine Caricatur seyn. Podalirius, ein Arzt. I n h a l t. XV Dreifache Trunkenheit des Ohrs. S. 46. „Wie der Hund aus dem Nilstrom kosten" heißt furchtsam, schnell vorübergehend, im Lauf kosten. Cypris, die Göttin der Liebe. Bcrecyn- thia, Cybele, die Mutter der Götter, die mit Tänzen, unter Cymbeln- und Paukenschall in heiligen Rasereien verehrt ward. Rcichthum. S. 48. Bei dem Brustbilde des M. T. Cicero. S. 48. Der Sklave V 0 lumnicns ist der Triumvir Antonius, den Cicero durch seine Philippische Reden zu seinem unversöhnlichen Feinde gemacht hatte. In jener berühmten Zusammenkunft der Triumvirs auf einer Insel unweit Bologna opferte Octavius seinen Alten, ums Vaterland und ihn verdienten Freund dem Hasse des Antonius auf. Popilius der Tribun, ward ausgesandt ihn zu morden. Die Freigelassene Volumnia, auch Cytheris genannt, war die Buhlerin des Antonius, der mit ihr öffentlich in Wollüsten lebte. Verschlossenheit. S. 49. Der verschlossene Oranicn ist Moriz, Prinz von Nassau, der dieser polirischen Lugend wegen allgemein bekannt war. Gegen die falschen Staatskünstlcr. S. 5 o. Diese Ode mahlt die Politik der damaligen Zeiten, sogar daß sie Namen zu nennen waget. An den Staatsköcher treuloser Politik. S. 62. Lriberius, ein Muster treuloser Verstellung, Tisiphone, eine Furie. XVI Inhalt. Die Romerbildcr. S. 53 . Eine Gallcrie der berühmtesten Römerbüste», deren Namen und Charaktere jedermann bekannt sind. Brutus ist hier Iunius Brutus, Der Schwiegersohn und Schwiegervater sind Casar und Pompejus. PaIatinus ist der römische Berg der Kaiserpalläste. Der Räuber- S. 56 . Der Ausgang der Ode spielt ans die ersten Zeiten der römischen Sirteneinfalt an, da manche Helden vom Pfluge gerufen wurden, und wen» sic dem Baterlande die größesten Dienste geleistet hatten, in ihre Armuth zurückkehrten. Nero. S. 67. Die Ungeheuer, mit denen Nero verglichen wird, sind aus Herkules Fabelgcschichte bekannt, der Ne- meische Löwe, der Lernäische Drache, das Ery- manthischc Schwein, die Stymphalischcn Raubvögel — die hier angeführten Abscheulichkeiten dieses Unmenschen mahlt der Dichter nach Lacitus eignen Worten aus, z. B. die brennenden, die in Thiere verkleideten Körper, den Fußtritt auf die schwangere Poppäa an welchem sie starb. Nero hielt ihr darauf öffentlich die Leichenrede. Menschenfürsten. S. 69. Trajanus Schwert. S. 61. Dem Licinius Sura, den einige dem Kaiser als seinen ihm heimlich nachstellendcn Feind angc- zcigt hatten, reichte Trajanus ein nacktes Schwert mit den Worten: acoipo ^laäiniw. pro nio, Inhalt. XVII me, si Kens stgue cum rsticme imperavero äistriuKes , sin MINU8, eo aci interitum utere. — Farben der Iris sind Farben des Regenbogens. Die Fabel, daß in der Muschel die Perle aus einem herabgefallenen Regen- oder Lhautropfen entspringe, ist auch unter uns i» mehreren Einkleidungen bekannt. Der politische Pythagoras. S. 64. Das Hirtenlcbcn. S. 65. Der Sinn der ersten Strophe ist: „ehe es den in der Fabel berühmten Widder des Phryxus mit dem goldenen Felle gab, gab es natürliche und schönere Wollenheerden." Die Ode ist an einen geistlichen Fürsten gerichtet, und zeigt den Vorzug seines Standes, wenn er ihn würdig bekleidet , vor dem Glanz weltlicher Höfe. Daher auch die Gleichnisse der Bibelsprache. Die Schiffenden. S. 68. Nicht die Schifffahrt wird hier verwünscht, sondern es beklagt, daß sie nur der Habsucht, der Gewinn- und Eroberungssucht dien«. Könige. S. 68. Hy bla, ein Berg in Sicilien. Hyblaischer Honig galt für den besten. Der Consul. S. 70. Lynceus, ein Weitsehender. Thule, das letzte Land für die Schiffenden, westwärts. Durch Herkules Säulen kam man ins Atlantische Meer, Herders W. Lit.«.Kunst. XIV. b XVIII Inhalt. wo Thule, wo auch die I n se l n d e r Glücklichen lagen. Tirus, das Muster eines leutseligen, guten Regenten. Tantalus verrielh die Götter, und schwatzte von ihrer Tafel aus. Bcim Grabe eines Mächtigen. S. 71. Aus der elfenbeinernen Pforte kamen nichtige Traume. Den Obolus, einen Pfennig für die Ueberfahrt des Charon legte rnan dem Todten unter die Zunge. Das Leichenbegängniß. S. 72. Fabricius, Brutus, Cato, Britan- nicus, edle Römer, stehen hier für alle große, würdige, verdienstreiche Menschen. Die Grabschrist. S. 74. Manen sind di« Todten. Drittes Buch. Der Kran;. S. 76. Die Andacht des Dichters bei dem Bild« der heiligen Jungfrau mag uns als eine fromme Mythologie gelten. Ihr siuliches Bitd hat in der Kunst und Dichtkunst so viel und mehr bedeutet, als das Bild einer Pallas oder Diana. Die dunkle Kapelle. S. 77. Palatinus, der Berg der Küiserpallaste. Weihung eines Kindes. S. 78. Mutter und Kind. S, 78. Inhalt. X!X Bei diesem und ähnlichen Stächen denke Man ein Gemahlde Raphaels, das beide verstellt. Der Sänger des Frühlings. S. 79. Eine reiche Sammlung von Anlagen zu Idyllen und Frühlingsgedichten; dem gkößesten Theile nach noch jetzt Ungebraucht» Jupiter ist hier der Himmel, Tellus die Erde. Aegvn und Iotas, Namen der Hirten, Nereiden, Dryaden, Hamadryaden sind Nymphen des Meeres , der Baume, der Wiesen.. Die Linde, die der Verfasser besang, folgt. An die Gesundheit. S. 82. Ein Danklied nach wieder erhaltener Gesundheit. S. 83 . Aonien ist das Land der griechischen Musen, An die Magerkeit. S. 84. Der dürre Dichter. S. 65 . Der Maja Sohn ist Merkur, Er schwebt zwischen Schatten und Göttern; denn er gehr als Ge- leirer bis zum Lodtenreich nieder. Das Vögelchen. S. 88. Atrvpos, die Parze, die den Faden schneidet, Pierisches Rosenlager, ein Begrabniß auf Rosen aus den Gärten der Missen, Die Neue Geburt. S. 87, Aeson, Jasons Vater, wurde durch Medeens Kunst verjünget. » h n Der Schattentanz S. 83 . Ein schauerliches Gemählde schwebender Schallen zu Mitternacht beim Mondlichte. Tiare ist die päpstliche Krone, Insul der Kopfschmuck des Prälaten. Beim Tcde eines Kindes. S. 89. Die diamantene Pforte ist die Pforte des Tod- tenreichs, die sich keinen Bitten um Rückkehr ins Leben eröffnet. Trauerklage. S. 90. Der schlummernde Greis. S. 91. Asträa, die himmlische Gerechtigkeit. Caste» liden, die Musen. Das glückliche Alter. S. g 3 . Die Linde. S. 9-3. Der Dichter, wetteifernd mit Ovid, mahlt so» wohl eine fliehende, als eine verwandelte heilir ge Daphne. Mutter und Kind. S. 97. Die Langsam - Sterbende. S. 97. Der Liebling, der hier kühn gewünscht und neu personificiert wird, ist der Tod, bis auf die letzte überraschende Erscheinung. Das ungebundene Schicksal. S. 9-. L'achesis, eine der Parzen. Naturordnung. S. roi. Anhalt. XX k Philosophie des Lebens. S. rc»i. Bisco nischen Tuba, die Kriegstrommete wilder lhrazischer Völker. Die Todtenstatte. S. ro 5 . Gott. S. 1N7. Das Jonische und K a r p a t i sc h e Meer zwischen Asien, Aegypten, und den griechische» Inseln war wegen seiner gefährlichen Schifffahrt und öfter aufhaltenden Winde bekannt. Die Hörner des Mondes sind seine Veränderungen. Der dunkel ausgehende Orion prophezeihet Stürme und böse Fahrt. Das Götterleben. S. 108. Das letzte Opfer. S. m. Tarnen sind Opferbinden. Diertes Buch. Die heilige Begeisterung. S. 112. Apollo's Sonnenpftrde, Adrastus, Pollux, Achilles Rosse sind in Gedichten berühmt. Argos erzog kriegerische Rosse; dem Lhau oder dem Reif schrieb man in bergigten Gegenden ihren Glanz zu. In Sy perns Scholle wühlen, heißt hier im Reich der Wollust dienen. Neronen, Maxi mine, Decier sind die Namen tyrannischer Verfolger. Die eigenwillige Lcycr. S. 114. Nach der Eroberung Breisachs. S. 116. XXII Inhalt. Für Bernhard von Weimar ist es das größeste Lob, daß ihn ein Dichter der erbitterten Gegenpartei den Brenn us nennt, der Jupiters Tarpejerburg, das deutsche Capitolium, erobert. Dcr Tod des Helden. S- 117. Pappenheim blieb bei Lützen. Er hatte in seinem Leben ungeheuer viel Wunden empfangen, und war ganz zerkerbt am Körper. Die Ode ist traurig und kolvstalisch. Die Ehrbcgierde. S. rr8. Ein sehr wahres Gcmählde der Politik und des Kriegsgeistes damaliger Zeiten. Wallenstcin, S. ng. Die Laufbahn dieses unternehmenden, glücklichen, stolzen, anmaßenden Feldherrn im dreißigjährigen Kriege ist durch die Parallele mit dem Sejan, dem Lieblinge des L i b e r i >1 s , im Kurzen fest gezeichnet. Das Bild vom Pferde i» der Rennbahn beider will sagen : eben so groß waren S e- jans Anstrebungen; eben so schnell besten Sturz und Ende. Die Mitra ist ein bischöflicher Kopfschmuck. Eharon, der alte Ruderer, ein Knecht des Pluto. Die Geschichte Erösus, Crassus, Hannibals, Polikrats muß jedem bekannt seyn; hier wäre es zu weitläuflig, sie zu erzählen. Die Kriegszucht.. S. a2i, Venus war die Buhlerin des Krie^sgottes. Der Punie r ist -Hannlbgl. Nach dem Siege Inhalt. XXIII -ei Cannä schwächte sich sein Heer in den Wollustreichen Gegenden Campaniens. — Zu den Zeiten unsres Dichters waren Aberglaube, Zeichendeu, terei, Prophezeiungen ungemein verbreitet und sehr wirksam. — Der Zweikampf, der damals auch sehr gewöhnlich war, kann schwerlich ein besseres Bild finden, als jene Brut gewassneter Männer, die aus Cadmus gesäeten Drachenzähnen entsprang und sich unter einander selbst würgte. — . Nemesis ist die Feindin des Uebermuths, die den Stolzen stürzt, dem Unterdrückten cmporhilfr, und in der tiefsten Stille dem Zuviel und Zuwenig eine Gleichung bereitet. Fabius, der Feldherr errettete Rom durch sein Zaudern und bekam den Namen llunatator. An einen im Kriege vertriebenen Landsmann. S. i 23 . Wirkungen des Unglücks. S. 124. Atlas trägt die Himmelskugel. Daß schwere Zeiten von neuen, unglücklichen Constcllationen entspringen, war und ist ein sprüchwörrlicher Glaube. Beim Anblick einer Karte des Weltsystems. S. 12Ü. Im Traum des Scipio bei Cicero ist diese hohe Ansicht der Dinge still und schön angegeben. Wo Xerxes ungeheure Flotte unterging, wo die Heere der Römer auf der Pharsalischen Ebne fochten; wiederum wo sein elendes Leben Liberius auf der Insel Capreä lebte; die villa Aäriani, die noch in ihren Trümmern Erstaunen einflößet; diese Gcenen werden hier gezeigt, ^ie gehören!» zum XXIV Jnbalt. Grsßesten, das auf der Erde vorging und sind wie Traume verschwunden. — Thalamus ist das Hochzeitberti Nereus der Gott des Meeres. Das Roß vor Troja. S. 127. Die vielen fremden Kriegsheere, die man damals nach Deutschland zog und von beiden Seiten als die Erretter Deutschlands ansah, gaben dem Dichter zu dieser traurigen Allegorie Anlaß, die er im Geist Alcäus ausgeführt hat. Sie gilt für mehrere Gelegenheiten und Zeiten. Aus Homer und Birgit sind alle Namen bekannt, die hier Vorkommen. Das Kleine. S. 129. Deutschlands Klagcgesang. S. i 3 c>. Die damaligen bedrängten Zeiten besingt unser Dichter in einem ganze» Buch Threnodieen, von denen uns ein paar Stücke statt Aller sey» mögen. Der Janustempcl, an die verfammletcn Friedensstifter. S. r 3 r. FünfLustren, d. i. fünf und zwanzig Jahre hatte damals der Krieg gedauert; seine Folgen in und außer Deutschland werden hier geschildert. Der Janustempcl ward geschloffen, es mußte endlich Friede gemacht werden; er ist aber nicht lange verschlossen geblieben, und am wenigsten ist der Wunsch unsres Dichters erfüllt worden , daß die Habsucht in ihm fest versperret, Ajax mächtiger Stein, davor gewälzt, und kein Ritzchcn am Inhalt. XXV Tempel erspähet werden sollte. Mit tausend Fackeln hat man seitdem den Westphälischen Friedensschluß beleuchtet, die Thür mit Petarden gesprengt und den ganzen Hain umher gelichtet. Gebet, als sich die . Friedens - Unterhandlungen verwirrten. S. i 33 . Das Ungeheuer. S. 134. Das Opfer. S. r 35 . Elysium, die Rosen von Pa st um, der blühende Berg Hymertus, des Alcinous Haine sind im Alterthum als die lieblichsten Gegenden bekannt und hier bedeutend angewandt worden. Zwo Göttinnen. S. 137. Die Kriegsgöttin wird hier die Themis, d. i. l die Gerechtigkeit der Völker genannt; ob sic es je wäre? und seyn könnte? Die Wechselung der Attribute des Krieges und Friedens giebt dieser Ode einen großen und schönen Sinn. Der unauflösliche Knote. S. r 3 g. Den Gordischen Knoten, den Alexander zerhieb, wendet unser Dichter neu und zart an. Ar ach ne war die künstliche Weberin, die mit der Pallas wetteiferte und in eine Spinne verwane delt ward. Das Feuerwerk. S. 141. Nach geschlossenem Frieden. Damals war die Feuerwerkerei in großer Achtung; ungeheure XXVI Inhalt. Summen wurden auf diese barbarische Lustbezeu- guag verwandt. Die Idee des besseren Feuerwerks, das Unser Dichter angiebt, sein Gebet und die Verwünschung, mir wclher er patriotisch endiget, sind leider nicht erfüllt worden. Das neue Saiten^piel. S. 142. Der Präsident äs iVlssmss , erster französischer Botschafter beim Westphälischen Friedensschlüsse ist der IVleiuuiius unsers Dichters; ein von mehreren Seiten berühmter und verdienter Mann, auf dessen Landsitz auch Grotius sein Werk äs jure llelli et pucis zu schreiben anfing. Er brachte dem Sänger, der lange geschwiegen hatte, die Stimme wieder. Die Verwandlung. S. 146. Ln eben denselben. Unserm Dichter war der Verlust des Saitcnspiels gedroht worden; (S. ihb.) es entsinkt ihm, wird aber belebt und verwandelt. Ohne Zweifel lagen im Leben unsres Dichters jedem dieser Züge Umstände zum Grunde, wie er es im Eingänge dieses Gedichts selbst deutlich sagt. Im Lobe des Memmius erschien sein Gesang neu belebt mit de» höchsten Ehren wieder. Eine sehr glückliche Dichtung. Der Bau n. S. 146. Der Staatsmann, dessen dies Denkmahl ist, war unserm Dichter näher ; er lagert sich also unter seinen Schatten. Lganippe ist Eine den Musen geweihete Quelle des Helikons. Svada, die Göttin der Uebezredung. Iberier und Tusker, Inhalt. XXVII Spanier und Italiener, deren Sprachen nebst der Lateinischen / für Staatsmänner damals unentbehrlich waren. Als der Verfasser eine Geschichte seiner Zeit schreiben wellte. S. Er hat angcfangen, sie zu schreiben; sie aber, weil er sich zu strenge an die Wahrheit hielt, nicht geendigt. Er warf den Spiegel zur Erde, der unleidliche Wahrheit zeigte. — Scopas ein griechischer Bildhauer; Acakus, einer der drei un? partheiischen Lodtenrichter. An die Deutschen. S. i5i. Der Phiüppische Skrasredner. S. a53. Die Philippinen Reden des Cicero gegen den Antonius, als einen Feind des Vaterlandes kosteten ihrem .Redner Ruhe und Leben. Unser Dichter schlagt seinem Redner andre Philippische Strafreden vor, die ihn selbst bessern. — The r fites, ein häßlicher Lästerer . bei Homer. Harpyen, häßliche Raubvögel bei Virgil. Den Beinamen Nasika hatten die Scipionen. 'Pompilius ist N u m a. Am den Schlaf. S. i55. Apollo's Schwester, der Mond. DK b e- fieberten K ö c-h e r voll Gesangesp feile, die Vögel. XXVIII Inhalt. Fünftes Buch. Die wiedergefundenen Lieder. S. 167. Hekatombe, ei» Opfer von Hunderten. iZynthiüö, Apollo. Alcides Herkules. Der hohe und niedere Dichter. S. i 53 . Pegasus war Beller ophons Roß und ward späterhin das Roß der Dichter. EatullS Sperling, zwei bekannte liebliche Gedichte Beifall. S. r6c>. Die Zigeunerin. S. ibo. Terminus, der Gott der Grenze. Sar- matien, Pohlen. Sarbievius ein lateinischer Dichter, der den Namen des zweiten Horaz hatte und noch hat. Die Räthsel der Dichtkunst. S. i 63 . Momus, der Spötter im Kreise der Görter. Puni sehe Uepfel, Granatapfel. An einen deutschen Schriftsteller. S. i 65 . Geschichte und Dichtkunst. S. 167. Harpokrates, der Gott des Schweigens. Bekanntermaßen ist viel darüber geschrieben, mit welchem Recht Virgil seine Dido dem A e- neas gleichzeitig machen, eine Liebe zwischen beiden und den freiwilligen Tod der Königin habe erdichten dürfen? Nogus ist der Scheiter- Haufe, den sie in seinem Gedicht besteiget. Inhalt. XXIX An einen furchtsamen Dichter. S. 168. Venusia war der Geburtsort des Horaz. Das Sprüchwvrt: „nicht jedem wird es so gut, nach Corinlh zu gelangen," wird hier auf Venus! a angewendet. Das Mährchen von jenem Mahler, der sich, den Schaum eines rennenden Pferdes zu mahlen, lange vergebens gequält harte, jetzt also verdrießlich den Pinsel hinwarf und siehe, der Schaum stasd da! erhalt hier die gehörige Berichtigung und Einschränkung. Der Grafische Mund, das 08 rotnu-luin der Griechen ist ihr klarer, vollendeter Ausdruck. Gebrauch und Mißbrauch der Fabel. S. 171. Der Dichter hat hier eine ganze Mythologie zum Lheil ungeläufiger Namen vorgeführt, um den Mißbrauch derselben zu verleiden. In einem Lorbeerhain Lorbeer zu finden, ist kein Fund; von Midas Ohren und einem schenkten Bräutigam zu singen, ist weder ein seltener noch reizender Schmuck des Dichters, Auf den Sinn des Ganzen, behauptet unser Meister, komme alles an, nicht auf einen Putz in Bildern. Wunder der Liebe. S. 178. Das Erbtheil der Menschen. S. 174. An einen Nckrciß. S. 176. Jphis, ein Mädchen, wurde als ein Knabe erzogen und als ein Jüngling an die Janrhe verheirathet. Eine unfruchtbare Ehe war die Folge dieser Liebe. — Lyndarisist Helena, Tyndarus Tochter. Man har dieser berühm? XXX Inhalt. ten Schönen soviel angcdichtet, daß auch diese Sage: „sie scy als eine Eite.le, die den Plato selbst fesseln zu können geglaubt habe, zum Los kus hinunter gestiegen," an ihr noch Platz fand» Die Artigkeit der Lais, die ihren Spiegel im Alter der Güttin wicderschenktc, haben mehrere griechische Sinngedichte in verschiedenem Sinne verewigt» Das flüchtige Wort. S. 176. Einem, der an den Hof ging. S» 177. Hoffnungen» S. 179. Verschwiegenheit» S. '80. „Unter der Rose" im Kreise der Vertraulichkeit und Freundschaft Hannibals und überhaupt die Punische List war ein Sprüch- wort. Arkader-Ohr; das Ohr eines Ungebildeten , Unverständigen. Der mildgewordene Dichter. S. r8r. Panisches Ohr. Die Punier, (Phönicier, Karthager) galten den Römern für treulose, grausame, eitele, gottlose, aller Uniyaten fähige Menschen; koenus plane esl, Hwill Verdis opns?— Der verschiedene Genius der Sqtyre Zuvenals, Horaz, Lucilius, Persius wird hier bezeichnet. Die Sabiner waren ein ländliches Volk: also waren auch ihre Gesänge, friedliche alte Weisen» Des Androklus dankbarer Löwe, der mit seinem Wohlthäter und Herren freundlich umherzog, ist eine bekannte Geschichte. Inhalt. XXXI Vergessenheit. S. r 83 . Styx ist der Strom des Haffes, der unversöhnlichen Feindschaft, unwiderruflicher Gelübde; Lethe der Vergessenheit. Medea, das Bild der abscheulichsten Rache. Ein Junonischer Haß bezeichnet eine unversöhnliche Feindschaft; gegen Troja entsprang er aus Eifersucht und Stolz, vom Apfel des Paris. Absagung. S. 184. Die Steine, die Deukalion Nach der tle- berschwemmung rückwärts warf, wurden Männer; sie blieben aber auch lange Zeit ein Felsen - und Steingeschlecht, bis Orpheus, Amphions Leyer diese Felsen belebte. Die Gegenwehr. S. 186. An einen jungen Helden. S. »86. Acca Laurentra war di« Pflegemutter des Romulus und Remus. Evanders Sohn, Palias , wird in der Aeneis.mit einem rührenden Gebet zur Schlacht gesandt unp kommt nicht wieder. Statt Alcestes ist Ac e sr es zu lesen; dieser gute Greis ist auch aus der Aeneis bekannt. Argos bewachte Mit seinen hundert Augen die Io; um die ihn dennoch Merkur betrog. Jacchus ist Bacchus. Die Erziehung Achills von Chiron ist das bekannte Muster der Helden-Erziehung bei den Alten, in Künsten des Krieges und der Weisheit. Das Schwimmen im S p e rc hiu s - Strom gehörte zu diesen uebungen. xxxn Inhalt. An einen Krieger, der sich zur Rechtswissenschaft zurückwandre. S. 188. Pythagorapche Dcnksprüche. S. 189. Die Urne des Minos. S. 190. Der Sphinr war ein Symbol des Geheimnisvollen und sprach selbst Räthsel. ManIius gilt hier für einen zu strengen, La lins für einen zu gelinden Richter. Cato war ein strenger, Atticus ein gefälliger Freund und Bürger. Das Scherbengericht (der OstracisnnM verbannet- auch die ersten Männer des Staats, wenn sie dem Vaterlande gefährlich waren. Sym- rnachU's, des Ermorderen, Haupt erschien nach Procopius Erzählung seinem Mörder, dem Könige Lheodorich in der Gestalt des Fischhaupts, das aufgetragen wurde. Vielleicht eine Fabel. Milo. S. 191. Milo, aus Krotone, war in Ansehung seiner körperlichen Stärke ein Sprüchwort. Den Riesen Antaus warf Herkules in seinen Armen erdrückt zur Erde. Gleichgültigkeit. S. 192. Genuß des Lebens. S. 193. An einen römischen Prälaten. S. ig 3 . Die Mutter der Dinge. S. 196. Pyrrha, Deukalions Weib, war die Mutter des neuen Menschengeschlechts nach der Fluth. P ro- xxxm Inhalt. Prometheus, der Bildner der Menschen, Ey- thcrea, Benuö, Lyäus, Bacchus, Themis die Gerechtigkeit. Den Pfeil gegen die Sonne schießen, dem Winde Backenstreichc drohen, sind Frechheiten gegen die Natur, die sich die Mene scheu so oft erlaube». Die Brgrabnißstatte. S. 198, Auf Inseln des Aegeer - Meeres wurden die Römischen Missetbäter oft verwiesen. Cadmus Saat, aus Drachenzähnen erwachsen, würgte einander selbst. Die sterbende Nachtigall. S. 201. Attis, eine Alhenerin, heißt die Nachtigall, weil Philomele, Pandions Tochter, eine Athenerin war. Philomele an ihre Schwester Progne. S. 20Z. Philomele, der die Zunge geraubt war, zeigte ihrer Schwester Progne ihr Unglück durch Symbole an, die sie in ein Gewand webte. T e- reus, ein König ln Lhracien, hatte sie mißhandelt. Vielleicht ist diese Poesie der erste Versuch einer Einkleidung gewesen, die späterhin viele Liebhaber gehabt hat, und die man Briefe der Verstorbenen an ihre Hinter- lassencn nannte. Kenotaphium des Dichters Jakob Balde. S. 206—267. Herders Werke. Lit. u. Kunst. XIV. c Derprw),. XXXIV I n h a l t. Nachlese aus Jakob Balde's Gedichten, zu Erläuterung seiner Denkart und seines Lebens. S. 258 . Me'ancholie. S. 2.53. Das .Gedicht ist Eingang zu mehreren Oden, in renen, wie in einer Vision, der Dichter Con- stantinopcl sicher und zu Beschämung seines Vaterlandes die Sitten der Türken darstellt. Verwünschungen des Katarrbs. S. 269. In poetischen Bildern ist die Entstehung und das Ungemach dieses Uebels pathologisch beschrieben. Es ertappt den Sorglosen schlafend; eine Erkaltung kann cs mir allen den Folgen geben, die hier vom Leidenden selbst geschildert werde». Die Virginischc Pflanze. S. 26a. Die sinnreiche Einkleidung rechtfertigt den Dichter, der diese Pflanze seiner Gesundheit wegen gebrauchte. Moly ist eine vor dem Zauber beschützende Pflanze bei Homer (Oä^-s. k. 287. f.) Die Siege Bacchus in Indien, sein Einzug im Olymp, die Bestürmung des Olymps durch die Titanen, Mars Wohnung in Lhracien, Merkurs und Dianens Verrichtungen sind aus der Fabel bekannt. Nord-Amerika war das Land der Jagd-Nationen; den Weinbau kannte es nicht. An einen Nachaffer seiner Gedichte. S. 264. Skandcrbeg, (Georg Castriota,) war Inhalt. XXXV esn Prinz in Albanien, ein unversöhnlicher Feind der Lücken. Der Sultan, der von ihm oen Sabel begehrt«, der so viele Wunder der Tapferkeit gethan, war Murad 2» Die Rache des Dichters. S. 266. Im Original heißts die christliche Nemesis, eine poetische Darstellung der Redart 1 feurige Kohlen auf des Feinoes Haupt sammlen» Tue Versart ist der zornige Jambus, der aber jeden Fluch in Segen umwandclt. Formia- ner ist ein guter Campanischer Landwein. Gastereien des Lukullus gelten für die üppigsten des Alterthums. Lucca ein Gast mit gutem Appetit. Manlius Krüge, volle große Krüge. Ibis, ein Feind Ovids, an dem er sich mit einem beißenden Spottgedicht rächte. Donner zur Linken waren ein glückliches Zeichen. N a- sika ist Scipio, der den Römern sehr wohl- wollre. Mäcenas und Fl accus gellen für Freunde, die sich einander das Liebste wünschten. Die christliche Rache ist in diesem Gedicht etwas weit getrieben. Der weichliche Hcldenfanger. S. 268. Friederich Gänserich heißt er im Original; Balde wählte zum Inhalt seiner Gedichte sehr glückliche Namen, Die Ahnen. S. 269. Die meisten Wappenbilber unsres hohen und niedrigen Adels sind aus dem Jagd - und Kriegs- c 2 XXXVI I n h a l t. lebe», aus Ritter- und Krcuzzügen gegen Heiden und Saracenen. Eie prangen mir Büffelstöpfen und Einhörnern, und mir des entlegenen Himmels, (Orients und andrer bekämpften Länder) für uns längst uniergegangenen Sternen. Tie Ungeheuer. S. 270. Das Geld. S. 271. Der falsche Glanz. S. 272. Der Glückliche. S. Die zweite Euridice. S. 276. Das Geschlecht der Lamien war Eines der ältesten adclichcn Geschlechter Noms, das von Lamus, einem Könige der Läsrrigoncn abstammte. McteIlus, einer der größesten Triumphatoren; die Metellcr eine Familie roll verdienter, berühmter Männer. Die G r a c- cyen, kühne Patrioten; Cornelia, ihre Mutter, die berühmteste Mutter berühmter Söhne, roll hohen Römergeifres. — Dagegen Briseis, Achills schöne Gefangene, um welche der ganze Zwist der Jliade entstand. — Calpurnia, jene dreufre Römerin, die das Edict vcranlaßte, daß künftig kein Weib in Person ihre Sache vor Gericht treiben sollte. — Jene ersten S a- bine rinnen, die von den Römern geraubt wurden, blieben in Ansehung der Folgsamkeit und Treue Bilder der uralten ländlichen Eheweiber, denen die Römerinnen im Zeitalter der Ueppigkeit sehr ungleich waren. Penelope, Inhalt. XXXVII die die Freier mit ihrem fortdaurenden Gewebe rauschte und dadurch den Untergang ihres Hauses und Landes abwand, ist aus der Odyssee bekannt. Niobe, war eine Mutier von sechs schönen Söhnen und sechs schönen Töchtern» L u- cina, die Helferin glücklicher Geburt. Gespräch mit der Muse. S. 278. Die deutschen Verse unscrs Dichters sind rauh. Gegenstände, wie das Lob der Maqcrkeit, ironisches Lob der Feisten u. f. sind auch keine Gegenstände der Muse. Beides wird getadelr. Gespräch mit der Muse. S. 280, Labcrius, Ravius, Ennius, Pacu- vius, Mutins sind Ält-Römische Dichter, aus deren Fragmenten Balde seine O sei sehe Sprache lernte. (Opx. 1 '. II. p. 107. sag.) Der verschnittene Sänger. S. 282. Cybelens Priester waren Verstümmelte. Ihr Gottesdienst war in Phrygien; und die wilde Musik dieses Gottesdienstes behielt fortan den Namen phrygischer Tonkunst. Der Hochzcitsängcr. S. 283. Das Barbaren-Nest, das Deutschland drohetc, war damals die Türkei; jetzt haben sich Namen, aber nicht die Lage der Sache geändert. Segen und Fluch. An die versammleten Friedensgesandte. S. 284 XXXVIII Inhalt. Asträa die Göttin der Gerechtigkeit, die Wicderbringerin der glückliche» Zeit. Bellona, die wilde Äriegsgöttin. Mulei der, Vulkan; Penaten, die Hausgötter; Evius, Bac- ä>us; Rhadamanthus Einer der unerbittlichen Richter, die über völligen Untergang oder Erhaltung, über Leben und Tod urtheilen. Pompcjus, Casar und Cato. Bei einem Ge- mählde von Albrccht Dürer. S. 287. Der Streit zwischen Pompejus und Cäsar kann wohl für den, der in unsrer Geschichte zwischen den zwei größesten Männern über die größcste Sache geführt ward, gelten. Die Ooe, obwohl ohne Vorbereitung geschrieben, ist in einem großen Sinn gedacht, Jene» beiden steht Cato entgegen, ein größerer Wcltüber- winder. — Wo das Gemählde von A. Dürer, worauf sich die Ode beziehet, zu finden scy, ist mir nicht bekannt; bekannt aber ists, daß Dürer drei Figuren neben einander vorzustellcn liebte. Fabricius Tag. S. 289. Fabricius galt den Römern als ein Muster unbestechlicher Großmuth und jener alten Biederkeit, die auch nach den größesten Verdiensten und Timten sich ihrer alten bauslichen, selbst armen Lebensweise nicht schämte. Demokrit. S. 29N. Einem, der Philosophie zu lehren auf die Akademie ging. S. 292. I n h a l t. XXXIX In der Sseftllschaft, zu »reicher der Dichter gchörre, schickte man Diesen und Jenen, einen gewöhnlichen Cursus zu lehren, hier und dorihin. Manches vom heilsamen Rath dieses Abschiedes gehörte auch in unsrer Philosoph i e - L e r n e » d c n Stammbuch. Das Stadt - und Landleben. Eine Rhapsodie- S- 292. Ich habe diesen poetischen Brief eine Rhapsodie genannt, weil die Bilder desselben ohne einen strengen Plan ans einander sich encrvickcln. Luskulum war die villn, in welcher Cicero sich erholte und einige philosophische Schriften geschrieben har. — Horrensius, ein großer Redner und Rechtsverstandigcr Roms, des C i- c e r 0 grbßester Nebenbuhler. Nachdem er alles erlangt hatte, was erwünschte, begab er sich zur Ruhe. ?o5t Oansiilatnin SIIMNIUII» illiiä 8NNNI »triclinm vLinisir, iir oinirinirr rcrnin nbirnänntin volirit deatius, nt lp-ca priiabai, rernissins aerts vivere. — ZI r i t 0 - nia, die den Helm ablegt, ist die kriegende Pallas: denn auch Holland nahm damals an den Unruhen des Krieges Lheil. Sakulansches Lied, an die Gesellschaft, zu welcher der Dichter gehörte. S. 296. Ein großes Stück, das die ganze Geschichte des ersten Jahrhunderts der Gesellschaft fiinaxi- Iienr priinl ssscnrli) in lyrischem Fluge darstellt; eben diese ganze Geschichte ist also Com- XI. Inhalt. mentar des Liedes. Der letzte Wunsch ist des Dichters würdig. Eosmas »ndDamianus waren beide Liebhaber der feineren Wissenschaften, und dabei voll Eifer für Religion und Eitlen gegen herrschende Mißbrauche und freche Lebensart. Solche wiederkebrendc Sterne, die den Eifer fürs Gute mir dem Geschmack fürs Schöne verbinden, wünschte Balde seiner Gesellschaft. Der Kampf mit dem Tode. S. 299 , Der längere Tod. S. 3on, Mystische Ch 0 r q esangc, 1 . Schmerzen der Liebe. S. 3oi. 2 . Nachtfeier der Liebe. S. 3»3. Das letzte Stück ist im Schwünge des alten pevvi»i1ii Veneris, voll Glut und Flamme, aber einer Flamme ganz anderer Art. Der Beherzte. S. 3u5. Acra, die Zeitrechnung. Birnia und Paullus gelten hier dem Liede für alle stoische Philosophen, Mari a. S. 3c>H. Liebhaber der Mahlerei und Poesie werden sich bei jedem der folgenden Stücke an Gemahldc der größcsten Künstler erinnern, unter welche» Raphael wie ein himmlischer Genius voransticg. Inhalt. XI. l Die Unnennbare. S Zog. HerINon und Karmel, Berge in Pal ä- stina, Libanon ein Gebirge in Syrien, auf welchem die alten Gedern standen, die man so alt als die Welt hielt. Hesbon, eine Stadt jenscit des Jordans. Mutter und Kind. S. 3r<>. Mehreren Lesern werden Gemählde bekannt seyn, wo dies sanfte Zusammenschmiegen der Mutter und des Kindes, und das geistige Band, das beide zu Einem verbindet, unbeschreiblich schön ausgedrückt ist, Die Mutter unterm Kreuze. S. 3rr. Auch dieser stille Schmerz, diese hohe Ergebung, sammt dem Blick, der beide Leidende verbindet, hat in Poesie und Kunst unter dem Namen der Iiratar äolorosa den stärksten und zartesten Ausdruck gefunden. Der Anblick der Liebe. S. 3i2. Die bekannte Vorstellung, da die Mutter mit dem Kinde tnumphirend vom Glanz der Sonne umleuchtet wird, (Offenb. 12, 1.) ist hier mit dem Moment, da sie im tiefsten Schmerz mit einem Blick der Liebe dem Leidenden Sohn Tröstung zusandte, schön gruppiert Die Göttin des Frühlings. S. 3ru. Bei unserm Dichter in der Oscischen Landsprache ; säst unübersetzbar. Lola bvlla, sola. XI.II Inhalt. inalta, kols dH'inpsia inaltliana ist die Schlußzeile. Einzelne Vorstellungen z. B. von denen sie umschwebenden Engelknabcn kennet man auch aus Gemahlden. Die Ecttin des Haines. S. 314. Tie Himniel'adrt. S. 3> 4 . Das Gemahlde Raphaels in Dresden ist in demselben Geist gedacht, wie diese Ode. Tie Tadellose. S. 3,5. Das Bild der berathenden schaffenden Weisheit (Sprüchw. 8, 24 . ». f.) bat den morgen- ländischen und christlichen Dichtern zu sehr phi- loscphischen Einkleidungen Anlaß gegeben. Hier wird sie als die Schutzgötnn und Retterin des menschlichen Geschlechts beschrieben, die aus jeder Verwirrung eine höhere, lichtere Ordnung hcrvoraebracht habe, l^elix unlpa ^.äsini, gnao laiein 8ervatoreii> pvoineruit, singen die christlichen Hymnen. Schwanengesanq des Dichters. S. 817. Die Verwandlung der Lever in einen Schwan war nach Zeicumstanden (Lerpsichore S. istb.) gesungen; eben so zeiimäßig lasset jetzt der Schwa» seine Stimme hören. Die Anspielung auf seine Gespielen am Cayst er, Po, Mincio, Mäander geht auf andre Dichter Homer, Catull, Virgil u. f. Die Waldrast. Ein Maricnklosicr auf den Ty- rolergebirgen. S. 821. Inhalt. XI-III ie Ruinen. Sibyllinischc Blatter von Jakob Balde. S. 322 . I, Troja-Jlium (S. 322.) kUiimus Droes! war ein Sprüchwort. Die Zerstörung Troja's ward durch die Griechischen und Römischen Dichter ein so berühmtes Symbol des Unterganges, wie im Orient die Zerstörung Babels, Jerusalems, Tyrus, Ninive u. f. Dardaniden, ein alter berühmter Königsstamm, die Beherrscher Troja's. — (S. 32g,) Pompeji, eine Stadt in Campanicn, ward von der Asche des Bcsuv bedeckt, wie Hcrkulanum von dessen Lava.— Atropos, die unerbittlichschneidende Parze. — Jede Dryade belebte eine» Baum; wenn er gefallt wurde, oder verdorrte, entfloh sie traurig. (S. 32g.) — In der Provinz E l i s war der Wettkampf der Griechen in allerlei Spielen, (S. 325.) II. Die sieben Wunder der alten Welt. (j^. 32.5.) — Der Kolossus (S. 326.) im Traumbilde des igorgenlandischen Königes ist aus Daniel Kap, 2, — Die Krone Roms, und Remus Grabmahl, (S. 327.) ist die Mauer Noms, nach dem bekannten Symbol der Mauerkrone. — Die Zeitalter, die Rom durchlebt hat, werden in der Personifikation (S. 627 — 33v.) so treffend charakterisirt, als es^eine Personifikation zuläßt; die Geschichte ist Commentar darüber. Auf den Felder» bei Pharsalus in Thessalien ward die Schlacht gegeben, die zwischen Pompejus und Cäsar entschied; der lieber- XI.IV Inhalt. gang Casars über dcn Fluß Rubicon, der zwischen Rimini und Ravenna ins Meer fällt, rrar die Erklärung des bürgerlichen Krieges. (T'. .Null) — Der Muttermörder (S. 82g.ü ist Nero. Der fremde Barbar (S. 38 ». 1 ist Ala- rich, Genserich u. f. Die S. 880. genannten Gebaute sind noch jetzt berühmte Ruinen des alten Noms; nur von Nero's gold- nem Hause ist auch nicht die geringste Spur übrig. HI. Di: Lin'e Speltes (S. 88».f ist das Srm- bol eines Zuges von Meisterhand, so wie Dürers Cirkel mir freier Hand gezogen. Hierauf werden die berühmtesten alten und neuen Künstler genannt; und S. 882. Homers u. a. rerlchrne Gedichle. Auf der B i l l a T u s k u- lana (S. 88st.ü schrieb Cicero seine philosophisst en Schriften; auf den Ro streu zeigte er sich als B ater des Vaterlandes. Diesen vermißt und wünscht der Dichter vor Jenem. !V. Nusin u s und EucropiuS, Vollmächtige des Reichs in Constaniinopel, hatten die Macht und das Schicksal, das S. 886. beschreibet. — Nach dem Siege bei Canna konnte Hgnnibal einige Scheffel goldene Ringe von den gefallenen Römischen Rittern sammlen. Um den Römern nicht ausgelicfert zu werden, nahm er zuletzt Gift, das er in seinem Ringe mir sich trug und beschloß sein Leben. (S. 886.) Das Unglück Belisarius ist ein allgemein - angenommenes Sinnbild von Verdiensten, Inhalt. XI.V die mit Undank an einem Hofe, wie JustinianS Hof war, vergolten werden. Noch zeigt man in Rom die Pforte und den Stein, wo er gesessen; einen Stein, den man, wenn es auch nur Sage- wäre, nie untergehen lassen sollte. — Von Ge lim er, dem letzten Wandalenkönige, der zu Constantinopel im Triumph aufgeführt ward, erzädlet Procopius: „Als Gefangene bei dem Triumph Belisarius waren Ge lim er selbst, im Purpurkleide um die Schultern, und alle seine Anverwandte, auch die Längsten und Schönsten aus der Nation. Als G e l i m e r in den Cirkus trat und den Kaiser auf dem hohen Lhron, auch ron beiden Seiten das hier und dort stehende Volk sah, und jetzt nachdachte, wie tief er gesunken sey, so entrann ihm keine Lhrä- ne, kein Seufzer. Er halte nichts als jenen alten Ebracrspruch im Munde: „O Eitelkeit! Eitelkeit! Alles ist eitel!"— So kam er vor den Lhron, man zog ihm den Purpur aus; er mußte auf das Gesicht nieder- sallen und anbetcn. Nachher wies man ihm nicht zu verachlende Güter in Galatien an, wo er mit seinen Verwandten lebte." — S. 338. Die Kriege der Kraniche mit einem Pygmäenvolk in Indien waren alle Sagen, die auch Plinius noch erzählet. Die Himmeistürmcnden Riesen wurden unter den Ac:na geschleudert. — Die Geschichte der Europa, die vom Jupiter über das Meer getragen wurde, ist bekannt; so auch die (S. 33g.) angeführten Helden des dreißigjährigen Krieges. Der Jason, der (S. 3^o.) auftritt, ist Guslaph Adolph. XI.VI I >r !) a I t. V. Adamiden (S, 3hl.) Adamssohne. Die Jungfrau im Zodiakus und das Sternbild Orion l,S. Ihr. 3hu.) werden edel gedeuter. Nachschrift. Eine Rechenschaft des Uebcrsetzcrs. Nebst zwei Briefen von Barlaus an Balde. S. 3h6— 36 1 . Nachwcisung der übersetzten Stücke aus Balde xoe- inata. S> 362 — 367 . Lyrische Gedichte. Erstes Buch. Die Täuschung. -^Velche holde Gestalt schwebt überm Haupt mir? Glanzend wie ein Gestirn, auf goldnen Flügeln. Jüngling, zeigest du Mir und bringest Mir die Grünende Krone? Dreimal winket er mir, und schlagt die Schwingen; Jetzo sitzet er nieder, meinem Scheitel Nahend. — Soll ich nehmen den Kranz? — O wehe, Lachend entflog er. Böser Knabe, du spottest Meiner. Habe, Und behalte dcn Kranz, den nie ich suchte; Ohne Lorbeer, an dem die Ziege naget, Bin ich ein Dichter. Herders Werke. Lik. u. Kunst. XlV. A 2 Lyrische Gedichte. Die Jugend-Freundschaft. Als in Strophius Blumenreichen Gärten Traurig Orest und mit beladnem Herzen Irrte, schlang ihm Pylades, auch ein Jüngling, Liebend den Arm um: „Bruder! Du meiner Seele beßre Seele, Heilige Blüthe meines Jugendfrühlings! Lern' in diesen Garten, die um uns her blühn Was dir ein Freund scy. Lockt das Veilchen dich nicht, das sonder Arglist Duftet? Die Ranke nicht, die um den Stamm sich Liebend schwingt? Die Lilie, die den Busen Schuldlos eröffnet? Nicht die Rose, der Lieb' und Jugend Blume? Schönerer Liebe Rosen blühn der Freundschaft, Auf des Lebens Dornen, im Lenz der Jahre, Nimmer verwelkend. Sieh' den silbernen Bach hier.' Tief im Grunde Zeiget er spiegelnd dir das kleinste Stcinchen; Murmelnd sein Geheimniß,, ladet er ein zu Liebcgesprachen. Warum birgest du mir der Seele Kummer? Oeffnc das Herz; es leichtert sich durch Zutraun — Auf, Orest! mit dir will ich Freud' und Schmerzen Thcilend, Dein Freund scyn." 3 Lvriscbe Gedichte Das Schachspiel. Warum schlagen wir noch Bücher und Blätter auf? Alle Lehre Sokrats über die Nichtigkeit Unsres Erdcgedrängs lehret im Spiel uns hier Ein mit Puppen besetztes Brett. Sichest du, Freund, wie das Glück Würden und Aemter theilt? Wie's die Platze bestimmt? wie sie im Wechsel sind? Freund, so spielen auch wir, selber ein Spiel des Glücks, Ungleich, aber im Ausgang gleich. Mächtig stehet Ein Heer gegen das Andre auf; Hier Trojaner, und hier tapferer Griechen Reihn, Stark mit Tbürmen verwacht. Muthigc Ritter stehn Vor den Thürmen. Es schweigt das Heer. Wartend schweiget das Feld: denn die Gebieter sind Noch im Kampfe mit sich , sinnen Entwürfe. Furcht Und die Ehre gebeut. Jetzo beginnt die Schlacht, Arme Bauren, in Euren Reihn! Schau, sie fallen dabin. Siehe, mit ihrem Blut Wird der Lorbeer erkauft. Ihre Gefilde »näht, Ihre Hütte beraubt Jeder der Streitenden: Sie nur haben die Schuld verübt. Armer Eorydoi , Du! Armer Alexis, Du Liegt und schlafe.. Die Herrn stehen noch hinter euch. — Auf dann, wavnc dich Mann, wenn du gleich Bauer bist, Werd' ein streifender Tamerlan, A 2 4 Lyrische Gedichte. Doch wer springer hervor? Listiger Springer, Du! Aus der Mitte des Heers, über die Kopfe der Kämpfer? Willt du zurück, Partber! Es hütet sich Vor Dir Schwarzen das ganze Feld. Und doch wünschet sich auch keiner den Tod von Dir, N arr und Lau fcr. Du hast eine beträchtliche Zunft in unserer Welt. Narren und Läufern stehn Häuser offen und Hof und Zelt. Sieh, die Königin regt als Amazone sich, Geht, wie Ihr es beliebt; Damen ist viel erlaubt. Vor ihr weichet hinweg Ritter und Elephanl, Bau re n, Porus und Hannibal. Alles weichet der Macht weiblicher Krieger, die Viel begehren und viel wagen. Sie kennen nicht Das zu viele. Die jetzt ihren Gemahl beschützt, Jsts, die jetzo den Herrn verräth. Schach dem Könige! Tritt, höchster Gebieter, selbst Von dem Platze der Ruh. Traue die Majestät Nicht Beamten allein, nicht der Gemahlin an; Aber leider es ist zu spät. Schach dem Könige, Schach!—Siehe, geendet sind Unsre Züge. Du stehst Ritter und B aue r n jetzt König, Springer und N arr hier in der Büchse Grab Durch- und über einander ruhn. ?y rische Gedichte .1 Also gehet die Welt. Lictor und Consul geht In die Büchse : der Held und der Besiegete. Du vollführe dein Amt; spiele des Lebern, Spiel, Das ein Höherer durch dich spielt. Die Schifffahrt. Lcben, Freund , ist ein ernst Geschäft; Auf dem trüglichcn Meer ists eine Schifferfahrt. Fährt man dich, o so kostcts Lohn; Oder fährst du dick) selbst, mußt du des Meeres Herrn Zoll entricht,». So zolle dann Jede Sorge, die dich tief in dem Innern nagt; Zolle jegliche Todesfurcht. Wo der Wind dich auch hin treibe; du mußt die See Ausstehn lernen. Das Leben ist, Freund, ein ernstes Geschäft; dulde ftin Ungemach; So nur wird dir die Reise sanft. Endlich landest du doch sicher am Ufer, in Deinem Hasen; ec heißt das Grab. Wenn das Segel, der Mast, wenn das Gebalke nun Mürb' und müde zusammensallt, Sagt ein Täfelchen einst: „Wandrer, cs ruhet hier W.iland Schiffer Euphorien." O wie lächerlich, Freund, wenn du zg dieser Fahrt Charons Alter dir Wünschetest! Fahr' in Frieden und einst sage die Tafel nur, Daß du fröhlich gesegelt hast. 6 Lyrische Gedichte Lebensrvgeln an einen Jüngling. Früh in bleibender Jugend lern', o Jüngling, Lebens Glück. Sie entflieh», die holden Jahre! Wie die Welle die Welle, treibet Eine Stunde die Andere. Keine kehret zurück, bis einst dein Haupthaar Schneeweiß glanzet; der Purpur deiner Lippen Ist erblichen; nur Eine Schönheit blieb dir, Männliche Tugend. Ohne sic ist das Leben Tod; um sie nur Lebt man. Schiebe nicht auf, vor allem andern Dich zu haben, und werd' in vestem Herzen Deiner gewiß erst. Meide Schuld; sie verflicht mit tausend Dornen Dich in Strafe. Wer vor Ih m selbst erröthct, Tritt vors höchste Gericht, sein eigner Klager, Richter und Zeuge. Steuve nicht zu des Meeres Höh'; am Ufer Schwimmt dein Rache den Silberstrom hinunter, Sichrer, sanfter; es lachen dir zur Seite Grünende Wiesen. Ueber Güterverlust erlaß dem Himmel Deine Klagen. Verlust an Seelcnschmerzcn Macht dich reich. O crleichtre dein Gewand dir, Zwinge den Körper. Jnnrc Schatze beglücken. Dir im Innern Lieget Edelgestein und Gold; da grabe In den Grüften. Von außen suchst du ewig Ruhe vergebens. Lyrische Gedichte 7 Niedrig nenne, dem Glück zu schmeicheln; schändlich , Seine Gunst zu erbetteln, und zu weimn, Wenns den Rücken dir kehrt. Ein Knabe putscht Zürnend die Säule, Die die Stirn ihm verletzte. Sieb', das Meer duckt Süße Strome, und dennoch bleibt es bitter; Alles Bittere wird zum süßen Trank der Lippe des Weisen. Der Unglückliche, der mit Muth sein Unglück Traget; gegen das Schicksal selbst erscheint er Wie ein Sieger: „Ich bin, so spricht er schweigend , Größer als Du bist." Thomas Morus. Schau, dies ist Morus! Uebcr Brittannien Sah nie die Sonne einen gerechtem Mann! — Als Heinrich gegen Anna Bulen Lüstern in schändlicher Liebe brannte, War Ers, der frei die Hochzeit vcrdammete, War Ers, der kühn der Drohung Gerechtigkeit Entgegenstellte, unbezwinglich, Muthiger, als des Tyrannen Grimm war. 8 Lyrische Gedichte Kein Kerker, seine flehende Gattin nicht Erweicht' ihn; nicht sein zitternder Schwiegersohn; Nicht, da dem Pater die geliebte Bittende Tochter in Thränen dastand. Mit Lächeln trieb er seine Rathgebende Gemahlin, (die ihm, was sich nicht ziemte, rieth;) Mit heiterm und grausamem Lächeln Trieb er sie streng', eine Thörin, von sich. Und als er bald zu seinem Triumphplatz gicng, Ihm folgte weinend jeder Britannier; Er Thränenlcs und fest wie Marmor Nahte dem -Platze mit heiterm Antlitz. Und dennoch wußt' er, was ihm an Lohnes stakt Sein Königlicher Henker bereitete; Er nahm das Beil, wie Sulla seine Lorbeer-umwundene Fasces aufnahm. „Hilf mir hinauf, (so sprach er,) das Blutgerüst; Hinuntcrsteigend will ich dich nicht bemühn!" Und lohnt den Henker, und mit Scherze Bot er den Hals dem erhobnen Beil dar. Das Ungemein?. Nichts Gemeines geziemt Königen. Ich Sing' Ungemeines jetzt. Lyrische Gedrehte v Was dem Fürsten geziemt , Ist ein Gemüth, Das auch gehorchen kann. Was dem Fürsten geziemt, Ist eine Stirn, Jeglichem Blicke frei. Fürstlich denket der Prinz, Z)cr sich enthält, Nicht sich allein begehrt, Der, wenn Höflinge, wenn Eigne Begier Offenes Feld ihm zeigt, Saat zu mähen; die Saat Edel verschont, Und sich als Fürst beherrscht. Daß in Purpur er glänzt, Daß er zum Trank Goldene Becher hebt, Und in persischer Pracht Schlafe; nicht Dies, Dieses nur kümmert mich, Daß ein fürstlicher Mann Allen befiehlt, Einzig nur nicht sich selbst. Den Mächtig-Reichen nennst du den Glücklichen? O Florian, auch unter der glatten Haut Verbirgst mancher tiefe Foltern, Die den Verbrecher im Innern quälen. Der Schuld'gc büßet, glaub' es, die Schuld zuerst In sich. Sie fodert Rache; die Nemesis Wird er sich selbst. O welch ein Ruhbett Wiegctc je ein beschwert Gewissen In sanften Schlaf ein? Welche der Tafeln ist Jbm frei von Gisten? Flöge der Goldfasan Zn seine Schüsseln, schenkte Bacchus Selber ihm ein die erles ne Traube; Bei frohen Gästen brütet er Unstiuthvoll, Versenkt in tiefes, trauriacs, eignes Weh. Wie der verdammten Schatten Einer Kostet er Alles mit stumpfem Zahne. Im Schocs des Friedens träumet er Feinde sich; Vom Lictor träumt ihm, der mit dem Beile droht Ihm selbst dem Consul, weil er Consul- Marius ist, und sein Her; ihn richtet. Kronen. Ist dem also? So ists! Es stürzen die Trümmer der Reiche, Lyrische Gedichte Dann stehn Wunden und Beulen , die sonsftdie Krone bedeckte , Und Schmeicheleien lang' genährt, Offen dem Auge der Welt. Keine Edelgesteine, kein Glanz des Tyrischcn Purpurs Kein Stcrnefunkelnd Diadem Lindert den brennenden Schmerz. Also ist es. Zur Lust ist nicht die Krone geschaffen, Der Völker Last, in sie geknüpft, Drücket und eitert zuletzt. Gebe Jupiter dann den Königen prächtige Kronen! Mit weichem Kränzen zieret uns Dichtern Apollo das Haar. Das stille Gemüth. Wer Lasterrein, von innerem Vorwurs srei Sein Herz bewahret, lebet auf Erden schon Der Götter Leben. Vollen Zuges Trinkt er ein ewiges Meer der Freude. Syenens Wüste wird ihm ein Schattenhain; Nach Scythicn begleitet der Frühling ihn Mit sanften Lüsten: denn sein Herz kennt Schmachtende Glut nicht und Eis und Winter. 42 Lyrische Gedichte Von Wolken frei und fröhlich ist seine Stirn; Ein heitres Lächeln, Scherze mit holder Schaam Vermählt am freundlichen Falerner, Und eine Leier von sanfter Tonart, Sie weihten ihn zum Freunde des Phöbus, Ihn, Den vesten Mann! und brache die Himmeisburg Dicht über ihm, die Erd' ersänk' ibm Unter den Füßen; er steht in Mitte Der Trümmer ruhig. Bannete Sulla ihn Don Baja fern auf schwimmende Inseln; Er Wird Bajä gern mit ihnen tauschen, Und sich auf besserer Erde fühlen. Zum Leckerbissen wird ihm ein schwarzes Brot; Im Sumpfe strömt ihm lieblicher klarer Wein; Sokrats Cicuta tränk' er heiter, - In der Verbannung sich selbst ein Bürger. Der Blinde. Du bedaurest, o Freund, unfern Tiresias, Der des fröhlichen Lichts lebend entbehren muß; Ein Anwohner des Todes, Ein Begrabener scheint er Dir. Freund, berichtige Dich. Betet er gleich nicht an Jene Sonne, die sich auf- und hinunterwälzt; Eine schönere Sonne, Und ein milderer Hesperus Lyrische Gedicht« .3 Stralt im Inneren ihm. Liebliches Morgenroth Uederglänzet die Nacht , die ihn von außen birgt; Höre, welchen Gesang ich Ungesehen von ihni belauscht. Also sang er: „Du stralst, Wachterin Flamme, mir Nicht im Auge; du stralst Heller dem inncrn Sinn. O wie heiter umher schaut Meine stillere Seele jeht! Ungetauschct vom Glanz blendender Farben, trennt Sie vom Wahren den Schein, Gutes vom Nützlichen; Bis in süßer Begeistrung Zukunftahnend sie sich erhebt. Dichter suchen den Hain, suchen die heilige Dammrung; Götter, sie schwebt, über mir schwe, bet sie, Daß mein trunkenes Auge Fernen wandert und Höhn hindurch. Meine glückliche Nacht ward mir ein sanfter Tod; Abgeschieden der Welt wandelnder Täuschungen, Los der feineren Bande, Irrst du, schneidende Atropos, Wenn die Sonne du mir cinst zu entnehmen denkst; Ohne brechenden Blick schwimm' ich ins ew'ge Licht, Das dem Auge des Leides Nacht ist, seliger Geister Strahl! —" >q Lyrische Gedichte Der Verlust. Auch im herben Verlust, o Freund, Sprich den herben Verlust nie mit Verzweiflung aus. Laß die Vögel des Glücks entflieh», Wohin, nächtlicher Zeit, sie ihre Göttin rief. Willt du trauren, da heute du Ausgeflogen die Schaar, morgen erjauchzen, wenn Du die Flüchtigen wiedersiebst? Lieber schütte das Nest mit dem Gefieder aus, Aus die flüchtige, falsche Brut! — Sind Pallaste dir noch, wenn dich ein Winkel birgt? Nur der Boden, worauf du stehst, Ist der Deine; das Land , das mit dem Finger du Oder gar mit dem Namen nur Dein bezeichnest, o Freund, glaube, gehört dir nicht. Eine friedliche Hütte, wo l Nicht die Sorge, wcrinn Fleiß und die Tugend wohnt, (Sey sie noch so beengten Raums!) Ist dem frohen Gcmüth über Olympia's Rennbahn, über den Kaifersitz, Den das Laster bewohnt, herrlich und weit und groß. Hab' ein freies, ein edles Herz, Jede State wird dir frei und zur Königsstadt; Wie zum Kerker der Goldpallast, Wenn dein inn'res Gemüth dich zum Gefangnen macht. Horchst Du meinem Gesänge, Freund? Folg' ihm; und du wirst reich, größerund mächtiger. Als wenn beiderlei Indien, Und der Araber dir, Paktol und Tagus dir Schatze zollten und Specerei'n. i Lyrische Gedichte i5 Die Tugend, ein Genius. Freund, ätherischen Bluts fühlet die Tugend sich, Fühlt sich edleren Stamms, als in den Thälern hier Unter Schwämmen und Dornen Hinzuschlcichen. Sie schwinKt sich, Sie, des hohen Gestirns Schwester und Bundgcnofi, Uebcr Wolken, wo ihr, würd' er von Winden auch Hingetragen, der Adler, Jovis Adler nicht folgen mag. Arbeit ist ihr ein Lohn. Süsserer Schlummer stärkt Ihr nachsinnendes Haupt, wenn es am Schilde ruht, Und nach schonen Gefahren Neue schönste Gefahren träumt. Dann theilt mit dem Gestirn wachend die Ruhe sie, Bis mit Blitzen des Zevs, mit dem befruchtenden DonnerknaUc die Lust sie Segnend kühlet und reiniget. Schau! mit glanzendem Fuß tritt sie die schwache Furcht Tief zu Boden; es hebt üoer des Schicksals Macht Sic ihr Fittig; im Unglück Steht sie vester und ganz sich gleich. Glaubst du, wenn sie vom Schweiß mühender Kämpfe troff, Daß ein Bad sie erquickt? Schönergebadet im Schweiße nützlicher Thaten, In nachlaßiger Anmuth schön, Lyrische Gedichte 16 Geht sie munterer fort, ohne Gewinns - Begier : Denn zum Boden hinab richtet den Pfeil sie nie. Ihre Senne der Brust spannt Sich zum höheren, höchsten Ziel. Und verheißet den Tod ihr die empfangene Letzte Wunde; sie folgt ihrem Gebieter nach, Stolz, dem trägeren, Erben Nachzulassen, was Sie erkämpft. Der Pfeil. Träum' ich? oder es rauschte durch die Lüste Mir zum Herzen ein Pfeil? — Ich fühl', ich fühl' ihn, Und ich -kenne die Hand, die mir aus gold'nem Köcher ihn sandte. Ihr Jungfrauen, die ihr um meine Göttin Wandelt, saget ihr an, o sagt Dianen, Daß ein Pfeil mich, ein süßer Pfeil im Herzen Liebe-verwundet. An 7 L >) ri sche G e di chte. An die Nachtigall^ Waldsirene, du liebliche Frühlingssangorin , auf! und sey Mir ein Bote der Liebe. Siehst du meinen Geliebten: so Sag' ihm nn mit dem innigsten ^ Ton: „E s g r ü ß e t die Deine dich!" „Grüßet" singe mit Hellem Laut; „Dich die Deine!" mit Seufzen nur. Fragt er, was ich beginne: so Sag' ihm an mit gebrochenen Klagetönen: „Ihr brennt die Brust Voll von heiliger Flamme. Sie Ruhet unter dem Apfelbaum, Hingesunken, zerflossen in Thranen. Nach dem cntscrnctcn Liebling schießt sic den Flammenpfeil." Bleibt er stumm, wie ein Fels im Meer, Hört dich kaum, und bewegt sich nicht, Giebt ein trauriges Lebewohl Dir zur Antwort, und denket mein, Mein nicht mehr» o so dringe Du Lauter, zärtlicher ibm ans Herz; Suche, suche den kühnsten Ton, Und beweg' ihn. - - Du fleuchst noch nicht? Weilst du, Bote der Liebe t Weh, Weh mir Armen! — O fleuch, o fleuch. Herders Werke. Lit. u. Kunst. XIV. B 7'rr^ic/-. Lyrische Gedichte. Die Hut der Augen. Mit reinem Feuer zündetest du, Natur, Der Kindbeit holden zärtlichen Anblick an, Daß Unschuld in dem offnen Auge, Liebliche Schaam im gesenkten wohne. Die heilige Flamme leider! entweidet oft Cythere. A m o r's glühende Fackel streut Mit schwarzem Rauch unreine Funken, Trug und Begier in die zarte Flamme, Die unter unsrer göttlichen Stirne strahlt. Dann blitzen P-eile, funkelndes Kriegsgefchoß, Und Tod und Grausen auf der Ferne Sicheren Hafen vcrtraundcr Unschuld. Dem Strahl des Mondes ziehst du den Vorhang vor» O Jüngling, wenn am Tage dir Cynthia, Die aus ProperzeN's Kammer schleichet, Listig erscheinet, hinab den Vorhang! An die Nachtigall. Die du durch Auen und Hain und angenehme Ge- silde, Liebliche Sängerin, fliegst, Und im grünenden Waldthealer uns Klagen des Herzens Singest, Nachtigall, komm. Lyrische Gedichte. Komm! mit dir kommt Frübling und Freude. Das traurige Jahr fleucht; Wolken und Regen und Schnee Sind entwichen. O schmelzende Stimme des liebenden Herzens Nahe dich, nahe dich mir. Höre mich an, du sollt zu Meinem Geliebten, du sollt ihm Botschaft bringen von mir, Einer Entfernten, einer Gefangenen. Den ich nicht sehn kann, Sollst du sehen, und ihn Trösten. Er leidet wie ich. Fleuch hin! mit dem süßesten Seufzer Leichtre sein leidendes Herz. Die Leier des Pythagoras. Lieblich klinget der Ton von goldnen Saiten, Wenn dev göttliche Sänger sie belebet; Aber lieblicher klingt die mebr als güldne Leier des Herzens. Freund, du kennest sie Wohl. Von vielen Saiten Wirbeln Töne, wie aus der Aeolsharfe, Ungeregelt, wo Kunst sie nicht und sanfte Lehre sie ordnet. Hoffnung, Furcht, und Begier, und Haß, und Wünsche, Schmerz und Freuden ertönen dumpf und lauter, Daß die Nerven in uns, daß Seel' und Körper Innig erzittern. B 2 20 Lyrische Gedichte. Laut vor allen erklingt die macht'ge Liebe Inden Saiten, ein schmeichelnd-süßer Tonklang. Lern' ihn, lerne die ganze volle Leier Weise beherrschen. Hoffe Würdiges, wünsche nur das Edle, Hasse Laster, und fürchte, was zu fürchte» Ist, verehre die Gottheit, frei von Unmuth, Fröhlich und schuldlos. Nicht die Menschen allein, du wirst die Götter, Und die Schöpfung umher, das Ehor der Sterne, Baum' und Thiere bezaubern mit der Leier Süßem Gesänge, Aber liebest du , Freund, was hassenswcrth ist, Fliehst, was lieben du solltest, bist im Unglück Wie in Freuden, in Zorn, und Furcht, und Kühnheit Nimincr ein Weiser; O dann rasseln in wilden falschen Tönen Alle Saiten des Herzens durch einander; Deine Muse des Lebens singet grause Stygische Lieder.' So als Pluto voreinst auf Aetna's Fluren Ceres blühende Tochter wüthend raubte, And die Traurige nun, die Unglückselige Nieder zum Orkus Kam; da sang Hymenaus auch ein Brautlied Vor der Pforte des Orkus, alle Manen Und die Traurige zu erheitern, die jetzt Trauriger weinte. „Unglückselige! rief sie. Schwarze Hochzeit Hier; o sangen um michVulkan's Zyklopen,. Daß die Felsen umher und Aelna's wilde Hohlen erbebten." Lust und Schmerz. Ach, Freud' und Tbranen mischten die Götter uns;. Und ungemischet findest du nirgend sie. Umsonst ist, sie zu trennen. Fliehend Suchen sie sich und ereilen wechselnd Einander. Ost dann wohnen dem Auge sie Zn Einem Blick beisammen. Und könntest du Das Band der Eharitinnen lösen; Dennoch, o Freund, den geschlung'nen Knoten, Der Sorg' und Würde, Freuden und Schmerzen knüpft, Den wirst du nimmer trennen. Wer heute lacht, Wird morgen weinen; dem Geliebten Weinte noch heut die verlaß'ne Braut nach. Du kanntest unsern schönen Alonius, Der Esther kundig, blühend im ersten Lenz , Und reich und glücklich; um ihn weinen Seine Verwaiset,:, Weib und Kinder. Du kanntest unsre süße Loisia, Im Mai gebohren, fröhlich im Mai vermählt; Und Hymen ward ihr Todesfanger, Und zu Proferpinens Bett ihr Brautbett. :2 Lyrische Ged ichte. Dem Kran; von Rosen, welchen die Liebe wand. Wer flocht in ihn die Dorne»? Die Parze wars, Die unerbittlich Leid und Freude, Die mit dem Schlafe den Tod vermahlte. An die Bildsäule eines schönen Knaben, in einem Garten die Stcrnen-Av, genannt. Hat dich, o schöner Knabe, Pygmalion Geschaffen? oder Flora, nachdem sie hier Die Blumen alle dieses Gartens Mütterlich ordnete, dich gebohcen? Und setzte dich zum Hüter der schönen Au, Daß du die Mutter, die dich in ihr gebahr, Niemals vergaßest? Denn dein Haupthaar, Deine Gestalt und das holde Antlitz Macht dich zum König' aller gepriesenen, Geliebten Knaben. Ware Praxiteles Nicht gern dein Schöpfer? Tauschte Cypris Gerne dich nicht um den schönen Amor? O süßer Knabe, sprachest du wie du blickst, Du würdest, was du hier in der Höh' belauscht, Der Satyrcn Gespräch, der Sterne Stille Geheimnisse mir enthüllen. Denn du, du börest Nachts, was am Himmel dort Die Glänzenden, was hier in dem Garten die Napäen sprechen; ihre Tanze Siehest du an, im verschwiegnen Mondlicht. So fahre fort dann, freundlicher Knabe, dem Zulächeln, der die A u de s Ge s ti r n s betritt, Und fahre fort, mit zartem Finger Leise die Blume zu pflücken, leise: Als wärest du des Frühlings Mundschenk. Dich, Der Zepbprinnen Bruder, es soll dich auch Des Lenzes schönste A u r a jährlich Kränzen und salben mit süßen Veilchen. Auf einen Garten, die Sternenau genannt. An Deiner Seite darf ich hinunterfchaun Zur Tief' hinunter, über den Säulen hier; Und darf in deinen neugeschaffnen Hangenden Gärten mit Lust verweilen. O Blüthcnluft, der Zephyre Wohnungen! - In diese Haine lassen sich oft bei Nacht Die Himmlischen, wenn holde Sterne Fröhliche Feste der Hochzeit feiren. Ja duftet hier von lieblichen Sternen nicht Der Blumen - Aethcr? Siehe, wie schimmern dort Die Beet' in Flammen! Wie die Rose Leuchtende Strahlen aus ihrem Kelche Aushauchet! Neu von Liebe belebet schwillt Der Pflanzen Busen. Neigen sie zitternd nicht Sich zu einander? Ihre Augen Glänzen, gebadet in Silberthaue. 24 Lyrische Gedichte, Mit tausend Farben pranget die Schöpfung hier? — Dort drangt der Schnee zur Krone des Halmes sich; Hier schleicht am Boden er; cs windet Leise die Blume vom Mutterschooß sich Zn Purpurwindeln. Mancherlei Edelstein, Verstreut im Grase, spielet umher. Der Mohn Erhebt sein wankend Haupt; die Beete Schimmern, umwunden mit dunkelm Grüne, Aus hohlem Felsen quillet die Nymphe dort, Rein wia Aurora. Sieh' wie empor sie hüpft Im Becken hier, und niederstürzend Sprenget sie Lichter in tausend Farben. Und horcht der Baum nicht? Siehe, wie neiget er Sich zu dem Sänger. Sah ich nicht säuselnd oft Das Laub sich kräuseln? Zweig am Zweige Bogen sich über und sprachen leise. Der Dichter, Er, ein bciliger Orpheus fühlt Mit Baum' und Blüthen, lauschet der Muse Wink I» Allem, und vernimmt die Stimmen Lispelnder Blatter im Abcndregen, Und schaut Lyaus fröhliches Hochzeitfest I» Hymens Garten , sieht wie die Rebe sich Dein Ulm anschlinget, wie jungfräulich Blumen sich öffnen dem Hauch der Liebe. O welche laue, liebliche Lust umweht Mich hier! Es bringen säuselnde Winde mir Den süßen Schlaf, und frohe Traume Gaukeln um mich im Geräusch der Blatter. Lyrische Gedichte. 25 Dort athmet Kühle, liebliche Kühle, wenn Der Sommer glühet. Unter den Hangenden, Des Phöbus Pfeilen undurchdringbarn Hainen erscheint mir am Tage Luna. Nein! Cydnus Wiesen, Antiums holder Hain, Das kühle Tuskulum und das heilige Prä neste, Ti Kurs Quellenthale, Sammt den Gefilden der Hesperiden, Ich tausche sie um diese Gefilde nicht. Nicht Pchobus Flur, das Tempe Thessalien s, Noch jenen Schwestcrhain am Padus, Heilig umschattend des Bruders Gcabmahl. Der goldene Ring des Plato. Was nützt dem Thier im Kothe der goldne Ring In seiner Nase? Auf, oTrebatius, Gebrauchen laß uns unsres Geistes, Laß uns genießender Himmelsgabe! Dahingestreckt am Boden Ehaonische Eicheln verzehren, oder mit schnödem Geiz Sie sammlen; in der Circe Stallen, Sich in dem Pful der Begierde wälzen, Geziemt das Menschen? Acther genießen wir, Wir athmcn Aether! Sie, die vom Himmel stammt, Der Gottheit Strahl, die Mcnschenseele, Sie, des Unendlichen, Ungemeßnen 26 Lyrische Gedichte. Umfasserin, sie strebt zu dem Lichtkreis' auf, Aus dem sic nieder in ein Gebilde floß. Mit angebohrnen, ewgen Schwingen Tritt sie den nie ihr gereunden Flug an Zum Strom der Gottheit, der die Natur umfließt, Der alle Wesen tränket mit Feuerstrahl Und Leben. Tausend Lichtgestalten Spähet sie auf, und erjagt sich Formen Und kebrt mit Allem Aussen - Erspaheten Zurück in sich, und fasset und ordnet es In heitrer Stille. Was gestaltlos Oder Gestalt ist, erkennt und weiß sie. Und weiß, (o hohes Wunder!) daß fie es weiß Ihr Wissen weiß sie, schauet zurück in sich, Und vorwärts, gehet um sich selber, Misset und senkt sich in eigne Tiefen. Du goldner Ring des Plato, der Alles faßt, Der Alles ordnet, ordnet zum eignen Selbst, Du Janusantlitz, das hineinwarts In sich und vor - und zuxückwärts schauet, Aus Ungewissem sich das Gewisse schafft, Sich Licht aus Dunkel rufet, o heilqe Kraft, Die aus Vergangenem das Jetzt sich Bildet und greift in die fernste Zukunft. Lyrische Gedichte. 2z» Die Nachtigall. Wer bcgabete mich mit dieser Stimme? Flößte meiner Kehle den süßen Hauch ein? Bildete mir zur Harfe den Hals? Ihr.Schwestern, Mich, die ein Nichts war, Sagt, Gespielinnen, welch ein Gärtner setzte Uns in diesen grünenden Hain? und sprach uns Sanftgebietend: „fröhliche Kinder, werdet Stimme des Haines." Unsere Liebe du, du Unbekannter, Der aus Strömen des Lichts, des Wohllauts Strömen Uns die Stimme der Brust und diesen Fluren Genius-Glanz gab, Dein ist diese Stimme; der Laut der Schöpfung! — Und ich säume zu singen? Weicht, ihr Sorgen, Schaam und Furcht. Ihr Saumungcn, eilt, 0 eilet, Daß ich ein Opfer, Ganz ein kleines Opfer der Liebe werde, Dem, der mich in die kleine Brust gesenkt hat. Werde Stimme mein Her;, und Du mein Athen» Athem der Liebe, Die Menschenseele. Was ich empfinde? Welche Lust , Meine Sinne durchströmet? Ist es Honig der Blumen, die Keine Flora gekannt hat? I Lyrische Gedichte. Träufelte mein Geliebter mir Sie aus rosigen Wolken? Räuberisch-kühn erfaßt mein Herz Seiner Liebe Geschenke. Wo, o Geliebter, flohst du hin, Der dies Tempe der Schöpfung Pflanzte? pflanzte für uns und floh Weilst du hinter den Büschen? Deine Geliebte rufet dich, Deine Dienerin ruft Dich. Komm', o Geliebter! Wessen ist Diese Schöpfung im Herzen? Pflanzetcst, wartest du nicht selbst Meinen inneren Garten? Früchte des Dankes bringt er dir,. Blumen zärtlicher Ahnung. Schöpfer, ein kleines Tongefäß Bebt und nennet dich freudig Seinen Schöpfer; erfüllt' es ganz, Ganz mit süßestem Weihrauch. Soll ick) ihn lieben nicht, der mich, Eh ich wurde, geliebt hat? Der Sternenhimmel. Was weilen wir hienieden? Den Berg hinauf, L Jüngling, mit mir! Frühlinges Lüfte wehn. Der Himmel heitert sich. Wohlauf denn, Auf in die Lüfte des heitern Himmels! Lyrische Gedichte. Mein Pegasus mit schallendem Hufe schlagt Den Boden. Laß den gläsernen Mas hier, Bei Arc h imedes Cirkeln; droben, Droben zu schauen des Himmels Kreise. Urania wird unsere Führerin! - - Der Wagen hebt sich. Siehe, da stehen sie, Die Kriegesschaaren! Sich' die Felder Ocde, zertreten — o welche Wüste! Hier wehen Adler; Lilien blinken dort, Dort brüllen Löwen *). Heere zu Land und Meer Verfolgen sich. Du armer Erdball, Also zerrüttet! — Und uns ein Punkt jetzt. Uns heben Lüfte höher und höher in Anmuth'gem Ungestüme. Dort unter uns Glühn Donnerwolken. Sieh, die Blitze Funkeln darnieder. Wir sind in Aether. O Mond, wie herrlich leuchtet dein Antlitz hier! Von Phöbus Strahlen lauterte Cynt hia Die schönsten sich. — Dort strahlt die Pforte Phöbus; hinweg von der goldnen Flamme! - Und sieh', dort glänzt der fröhliche Morgenstern! Dort drohet Mars mit röthsichem, dunklem Blick. Hier leuchtet Jupiter mit st inen Monden, Saturn mit dem Hellen Ringe. ) Fahnen der damaligen Kriegsheere. Lyrische Gedichte. Hinausgcschiffct über der Sonne Kreis, Im Ocean unzab,sicher Sterne schwebt Das Schiff der Muse. Welche Töne Klingen um uns! Wie die Symphonie steigt! Von jeder Sonne, jeglichem Stern' erklang Ein ungehörter, himmlischer Silbcrton! Die Pole klingen, Sonnen tönen; Alles ein Chor, ein Gesang der Welten! O heiliger Wahnsinn! Hör' ich ätherischer Musen Gesänge? Bilder der Sterne, seyd Ihr Musen? Sieh' den Schwan! er schwimmet Ewig im Strome der blauen Fluten, Und singt sich selber ewig ein Sterbelicd. Des Orpheus Leier schwimmend inHebrus Strom Zieht an sich Sterne. Schau Orion Prachkiggegürtet, er hebt zum Lanze Den Fuß; und Cepheus, Eassiopea dorr, Androm'edn, und Perseus und Boot, Der Jager; sieh' den Bär dort wandeln! Höher hinauf, und wir sind am Weltpol. Nein! weiter, weiter waget die Muse nicht. Allein die Tugend waget den höhern Flug. Jetzt schau' umher, und sieh' vom hohen Gipfel die Salischcn Heilgen Tanze Des ungemeßnen Weltentheaters. Schön, O schön bist du, du weite verschloßne Burg! Du glanzendgoldne Himmelsbühne Singender Ehöre, wie bist du herrlich Lyrische Gedichte. 3 4 Von außen! Drinnen, o wie so schöner einst! Mein Vaterland! - - Doch wende den Wagen sanft Zurück, o Muse. Dort am Erdball Soll ich erwarten der Zukunft Freuden, Und auf-ihm sterben. Neiget der Wagen nicht Sich leise nieder? Sinken, wir sinken, Freund, Und jmd am Boden. Laß uns Kränze Heiligen Dankes der Muse flechten. Zweyteö Buch. Die ernste und fröhliche Dichtkunst. Wollt' ich, könnt' ich es auch. Immer die Leier mir Kränzen mit des Gesangs süßester Rose, könnt' Ihre lindeste Saiten Nur berühren; ich mag cs nicht Immer. Hoher Gesang wechsle mit zartem Ton Diesen linderen heb' itzo der starkre Griff: Denn die Muse des Wohllauts Liebt den wechselnden Reigentanz. Süß ist eigene Art; wie auch die meiliige. Auch mein Flakkus gefiel in der Verandrung sich; Kein Lucilius raubte Seine holde Natur Ihr selbst. Selbst kein Pindar. Er sang, o wie verschieden sang Mein Appulier einst! Nüchtern und trunken, sanft Und erhaben. Er weinet Jetzt um seinen O. uintilius, Jetzt Jetzt beim fröhlichen Wein rufet er: „Evoe! Water Bacchus, ich glüh'! Bacchus, ich glüh' von Dir! Deine Tiger erscheinen, Die M anaden umjauchzen dich!" Jetzt in Orphischem Ton ziehet er Fels und Hain, Ström' und Thiere zu sich; tändelnder jetzt und sanfte- Hingcstrccket im Rasen Singt er Ruhe, nachlaßig - schön. Lügt zum Schwane sich jetzt, jetzo zum Jünglinge, Jetzt zum Zeno sich um, jetzo zum Epikur — Dir, a o n i sche r P ro t c u s, Folgend, möcht' ich o süß wie du Fehlen! Möchte so süß wechseln im Saitenspiel Meine Griffe; der Neid sah' cs, Verzweiflungsvoll Nachzunhmcn die leichte Wie die hohe Veränderung. Sang ich frohen GemüthS schmelzende Freuden jetzt, Und mich PH öbus ergreift — o der Begeisterung! Nein! ich kann sie nicht halten Mir im Busen, die machtgc Glut. Schone meiner, o Gott! Schone des Schmachtenden! Athme sanfter mich an: denn meine Hand ersinkt Aufzuhcben die schwere Pfunde, die du da vor mich legst. Manche fahrliche Höh' bin ich hinausgcklimmt» Manche Tiefe vor mir sah' ich und schwindelte Bebend. — Wiedergegcbcn Meinem Boden, wie lechz' ich hier! Herders Werke.Llr.u, Kunst, XIV, C 7-r^r'c/-. 3^ Lyrische Gedichte. Der dreifache Seufzer der Monarchie. (Zu erlangen, zu erhalten und zu verlieren*). Wenn unser Herz mit Gottes Geschick vergnügt In Glück und Unglück Beide mit Einem Muth Zu tragen wüßte; wie so selig Würden die Menschen auf Erden leben ! Dahingerissen von der Begierde Macht, Sich nichts versagend, Alles mit Ungestüm Anstrebend, Alles wagend, Alles — O wie zerreißen das Herz des Menschen Die Furien! Wo enden die Seufzer, wo? Zu haben? Ach, wir wünschen uns Alles, stets In Furcht, es zu verlieren, immer Drückend die Beute, sie zu behalten. Nach Allem strebt der Sterbliche. Höchstes war Ihm nie zu hoch, und kennet (ein arm Geschöpf,) Des Schicksals Maas nicht, daß die Urne Immer sich walzet und Nichts bestehet. Wie Pfeile fliegen unsere Wünsche, jetzt Woran, vorüber, wieder im Rücken uns; Der Schütze schießt und liegt von eignen Brennenden Pfeilen, wie tief verwundet! *) tzuick est IVIonsucllin, nisi triplex silüpirium, vdtineuäi, reiinencki, sinirtencki? Diese politische Sentenz stand an der Decke eines Kurfürstlichen Zimmers geschrieben. Lyrische Gedichte. Jtn Mederlande konnte ja Terxes still Regieren; und der hungrige Lowe griff Nach Mehreren!, als Er verschlingen, Als Er im Glücke verdauen konnte. Hin übern Pontus, über Thermopyla Durchbrach den Athos Er, ein Unsinniger; Der Thor bepflasterte die Fluthen, Hüpfend auf ihnen, ein toller Knabe. Der alle Strome wollte mit Einem Zug' Ausleeren, kehrte Flotten - und Siegberaubt Zurück. Die Peitsche, die das Weltmeer Geißelte, war in die Fluth gesunken. Und Jener, den der stolze Butephal trug — Des Vaters Reiche waren ihm viel zu klein; Zur Sonnengran;' hinaus, der Lander- Ufer hinüber, erjagt' ein Reich Er. Schon waren Baktra, Susa, Perfepolis Vereint dem Indus; als er die andre Welt Zn Schiffen suchte. Da crseufzte Thetis, «s brüllte der Occan auf, Und lauter brüllt dem Wagenden seine Brust: Denn keinen Theil der Erde, das Ganze will Der Räuber, will hinauf zu Sternen — Siehe, da liegt er im engen Grabe. Im Tode nur ermattet die Habbcgjer; Je mehr sie trinkt, je scharfer entflammt der Durst, VisThanatos mit seinem Tranke Kühlet dem Lechzenden Glut und -Flamme. E 2 36 Lyrische Gedichte. Da stirbt dann Crö sus, (glaub'ich,) dem JruS gleich, Und Crösus möchte lieber ein Jrus seyn. — Deckt uns der Himmel und ein wenig Erde; was halfen uns Ehrenmählrr, Pompejus, Casar, als ihr darniederlagt? L bittersüßer Taumel der Ehrbegier! Du Krone, die von Sorgen blinket, Triefest du Aloe, oder Honig? Thal und Höhe. Wenn das Glück dich zu Berges Höh' hinaufrufl; Laß dein stilles Gemüth im Thal zurücke. Sicher wohnet es sich auf schöner Ebne, Sichrer im Thale. Mancher streute mit ach! wie leerem Wurf« , Ins Gefilde der Luft der Mühe Saaten; Statt der goldenen Ehren - Ernte wuchs ihm Schmähliche Reue. Nicht dem Gipfel der Berge traut der Landmann Seine Saaten; er trauet sie der Ebne. Und auch Ehre gedeiht nicht auf dem höchsten Felsigen Gipfel. Lyrische Gedichte.' 3? Die alten Münzen. Die Nömermünze, die man in Grüften fand, Das Griechen - Geldstück, das in der Trümmer dumpf Aufklang, gefallet dir; es freu'n dich Alte Tyrannen, vom Rost benaget. „So, sprichst du, wandte Nero den FlammerMck! An diesen Zügen kennet man Hadrian Und Titus. Jener Ochs mit Hörnern Zeigt Julian und das Beil den PhocaS?* Wie prächtig steht dem Golde die wilde Pracht, Dem Herrscher-Antlitz drohend hinzngepragt! Der rostge Lorbeer und der Adler lieber dem Stabe dem Weltbezwinger. Vier Roße lenket Nerva, der Sieger, hier. Der Triumphator sitzet und höret stolz Des Volkes Freudenspott. Der Dacer- Gehet gefangen einher und traurig. — So sab ich neulich, edler Brcvanus, viel Der Bilder mit dir; aber bei allen hört' Ich Dich nur, Dich! des alten Cato Und des Boethius weise Rede Erklang aus Deinem Munde. Der Fabier Und Gracchen Tugend wohnet in Deiner Brust, Die uns des ganzen Alterthumes Heiliger Tempel und Weisheitschatz ist. 33 Lyrische Gedichte. Ein Römer trittst du in den Semit und sprichst, Als hörten dich die Götter des Vaterlands. Des Thrasea und Skaurus 'Antlitz Zeigest du uns im lebendgen Bilde, Auf dem mit Anmuth Güte des Herzens glanzt, Und Redlichkeit und vester erhabner Muth. Mit Phöbus Pfeilen theilt Dein Auge Wolken, und sieht in die heitre Zukunft. Mahlerci und Dichtkunst. Als ein gutes Geschick jüngst zween Belgische Mahler Zu uns sührete; Einer ein Zeuxis, Der die Vögel betrog mit duftenden Blumen und Früchten; Ein Parrhasius selber der Andre, Der den Zeuxis betrog. So mächtig rief er Gestalten In das Leben; cs hauchte die Leinwand Warmen Athem; du glaubtest, den Mann zu sehen, er sprach dir Worte, nur nicht dem Ohre vernehmbar. Lraurend sah' ich die Werke, die ihnen die Schwester der Dichtkunst, (Sie, die mit Schatten dichtet und Farben,) So vollkommen geschenkt; und sprach, im Stillen beschämet: „Mahlest Du mit der Leier, wie Diese?" Lyrische Gedichte. 89 Seufzend ergriff ich die Leier und vor'm Altäre des Phöbus Weiht' ich ihm Thranen und Bitten und Wünsche. — Siehe; da ging an der helleren Wand ein goldener Griffel Vor und zeichnete. Wie sich die Töne Aenderten meines Gesangs, so wandte der goldene Pfeil sich, Aenderte schnell die Gestalt und den Umriß. Also bewegt die lebendige -Nadel zum winkenden Pol sich; Also bewegt sich im Lichte der Schatten >— Und dem Staunenden stand Apollo vor Augen. Der goldne Köcher erklang und die goldne Harfe. Freundlich sprach er zu mir: „Du wünschtest Farben zu mischen; Und verkennest die Kraft des Gesanges? Mahlet die Dichtkunst nicht? und grabt sie tiefere Züge, Holde Züge nicht ein in die Herzen? Daß in Worten sie leben, und wiederkommen dem Auge, Und in Gedanken Dir vor der Stirn stehn? Auf! verbanne die Furcht! Dich soll ein Wunder begleiten; Mahl' in Tönen, und Jene Gestaltung Wird dir folgen. (Er wies auf die Wand.) Zum ersten Versuche Wähl' ein niedres, verworfenes Bild dir." Lyrische Gedichte. 40 Und Apollo verschwand. Sein Wort erfüllt' den Dichter, Der „auch ich bin ein Mahler!" ihm nachrief. Bald verbreitete dann, (ich glaub' auf CynthiuS Antrieb) Durch alle Strassen sich der Ruf, Daß ein neuer Mahler erschienen; er mahle mit Tönen Ersichtliche Gestalten. — Schnell Flogen zu mir die Ersten der Stadt; es wünfcheten Männer Und Weiber, schön gewählt zu seyn Durch die Kunst des Gesangs. In Reihen fassen ste um mich; Und ich, in ihrer Mitte, sprach: „Mahlen kann ich nicht anders, als wie der Gott mir gebietet!" Und schlug beherzt mein Saitcnfpiel. Siehe, da ging der Griffel hervor! Der goldene Griffel Bewegte mit den Tönen sich An der bestrahleten Wand: sie glanzt' in himmlischem Lichte. — Betroffen saß die Menge da. „Bebt nicht! sprach ich, es ist Apollo's Pfeil, der erscheinet! Sein glanzendes, sein himmlisch Licht. — Lyrische Gedichte. 4 ^ Welche verworfne Gestalt soll ich, o Göttlicher, mahlen?" „Den Schmeichler!" Und es trübte sich Schnell die verklagte Wand. Ich sang: Auf! und erscheine, Gestalt! Zwar weiß sie am Abende nicht, Wie sie am Morgen erscheint. Sie bildet nach lebenden Spiegeln sich, Keine Stunde sich gleich. Erscheine, Proteus, der du jetzt Fuchs und Wolf, Lamm und Schwein, Und endlich gar ein Vogel bist. Und es erschien ein Gesicht; im Nu enthüllten die Züge Den Fuchs und Wolf, das Lamm und Schwein; Endlich ward es ein Aas- und umwitternder Vogel. Die Leier Sang fort mit zauberischem Ton: Aber verstelle dick) nur! » In jeder häßlichen Truggestalt Fehlet dir immer Eins — Die offne freie Stirn. Und sie schwärzete sich mit scheußlichen Schatten. Die Stimme Sang fort: Und dein verratherischer BM Glüht wie die Fackel der Nacht. Unstat immer; er schaut Nach jedem Winke mit Unruh, Oder mit gierigem Geiz; 42 Lyrische Gedichte. Schielt, erblindet mitten am Tage, Laurct, horchet jeglichem Ton, Jeglichem Husten des Herrn. Aber vor allen hat das Antlitz eine Nase; Eine Nase, sie riecht In die Küche nicht nur; sie unterscheidet Tausend Gerüche des Herrn Im heimlichen Gemach. Spottend entschlüpft der Leier das Wort und der spottende Griffel Zog hie- und dahin lächerlich Jetzt die blitzenden, jetzt die schielend-blinzendcn Au» gen. Zu Midas - Ohren hoben sich Fein-beweglich empor die laurenden, lauschenden Späher, Bis endlich da die Nase stand Allen Gelachter und Spott! — Die zürnende Leihe ertönte: Seht das grinsende Antlitz! So lachet», wenn der Geschmeichelte Kaum den Rücken gewandt. Die Midgs-Ohren Wachsen ihm jubelnd empor; Ausrccket er die Zunge, Wie im glühenden Sommer Der Apulische Hund. Und die Ohren hüpften vor Freude; die schändliche Zunge Erschien - - O Fürsten, liebet ihr Solche Gestalt? Ihr reiche, gewaltige Herren der Erde, Ihr Schmcichelsüchtige, liebet ihr Lyrische Gedichte. 43 Solche Gestalt? — Mein schauender Kreis schlug nieder die Augen, Und mancher fühlte sich verwirrt , Wenn er in Zügen des häßlichen Antlitzes eigene Züge Mit stummer Schaam und Abscheu sah. Lange weilte das Bild; doch wenn es in ewigen Farben , Gemahlet von Apollo's Hand, Noch an der Mauer stünd' und das Haus eMiffen die Flammen; Ich rettete cs wahrlich nicht. 3 . Einen höheren Ruhm als Proto genes Ruhm und Apelles Hat Apollo beschiedcn dem Dichter, Der die Falte nicht nur des Gesichts, der Falten der Seele Mahlet, und dringt in das innerste Herz uns. Reiche mir, Vater Apoll, noch einmal die Leier, damit ich Nicht das Cadavcr allein des Schmeichlers, Daß ich sein Inneres zeichne. Er bat eine doppelte Seele, Laster und Trug. Sobald du den Lobspruch Von ihm duldetest, spinnet er dir das dickestc Schiffscil Deiner Fehler zu Faden der Spinne, Glättet dir aus mit dem leichtesten Bimstcin deine Gebrechen, Reibet sie dir mit dem lindesten Wort ab. 44 Lyrische Gedichte. Aber ein höherer Klang ertönt von deinem Verdienste, Jedes „Geruhen" ist des Triumphs werkh. Und vcrschlucketest du an Einem Abende sieben Wittwcn und Waisen; die fraßige Milve Preiset den Geier in dir, deß mächtige Klaue des Adlers, Jupiters Flammenadelers wcrth ist. Dienst du dem Reiche der Venus ; warum soll Eine der Blumen (Blühet sie doch dazu!) dir versagt seyn? Mutter und Tochter genießen — was liegt daran? Du genießest Eben so wohl die Henn' und das Küchlein. Rist du kleiner Gestalt; er wird dir vor Augen zum Zwerge; Bist du größer; so wachst ihm der Absatz. Lachst du; lachet er mehr. Du weinst; er zerfliefset in Thrancn; Wasser- und Schwindsucht theilct er mit dir. Und tragt zärtliche Sorg' im Kleinsten um deine Gesundheit , Daß dir die Spcichelschaale nicht mangle, Daß in dem goldnen Becher kein Tröpfchen Giftes gemischt sei, Dder aus Mattigkeit Appetit dir Fehle. Der unverdaute Fasan sitzt dir in dem Magen f Dein Podalirius mischt dir ein Pulver Zur Verdauung dafür. Er springt in Feuer undStröme, Wenn es dem gütigen Herren an Schlaf fehlt; Schimpft die Parzen , bedroht sie mit Prügeln , wenn du nicht plötzlich Wicdergenefest; „Erhänge sich selber!" Lyrische Gedichte. Gehst du etwa ins Bad; er gelobt dem Gotte des Meeres, Stiere, wenn du erhalten zurückkehrst. Glaub'ihm nun, was er sagt, so hat er was er begehrte, Daß er hinter dem Rücken dich auslacht, Und nach geleertem Faße so schnell verschwindet, wie neulich Jener Stern der Eassiopea — Dies, mein Eorydon, ist der Schwarze, wenn er dir weiß scheint; Noch Scheuwürdigcr ist er im Zorne, Wenn er die Ohren dir fest anpacket und hundert Gerüchte Aus den Straßen und Gassen l'incinblas't, Wahres und Falsches mischet, dem Angeherten hinzu lügt — Unerträglicher endlich in Hoffnung, Wo er den Nebenbuhler befürchtet. Da spület den Mund er Sich mit Salz und artigen Reden. Daß er dem Feinde so grimmiger schade, lobt und entschuldigt Er, den Er zu stürzen gedenket, Schießt vom güldenen Bogen den Pfeil, der gerat»' an das Herz trifft, Und verschlucket die Worte mit Seufzen, Schämt sich, es thut ihm leid, er murmelt zwischen den Zahnen, Laßt sich zweimal fragen uno dreimal — „Schweige," gebot Äpoll, die beredteste Leier ermüdet Diesem häßlichen , schändlichen Bilde. 4 « Lyrische Gedichte. Mchreres füg' hinzu, wer selbst den Schmeichler erlernt hat; Er vollende das Bild mit ihm selber. Dreifache Trunkenheit des Ohres. Unser durstendes Ohr trinket die Rede, wie Unser lechzende Gaum Wasser der Quelle trinkt; Nur von welchem Gewässer, Und von wem es sie trinke? Dies Dies entscheidet, o Freund. Rein und erquickend strömt Wahrheit, wer sie vom Quell, wer sie sich selber schöpft; Aber vjele Kanäle Durchgrflossen, am Markte jetzt Ein Stadtkundiger Born, wo in versauerten Krügen jegliche Hand Sümpfe zu Sümpfen schöpft, Und durch Straßen und Gaffen Ausposaunct: „wer trinken will, „Kaufe! Zeitungen, neu-neueste Neuigkeit, „Staatsencschlüsse, Gewinn, Schlachten, Erobrung, Sieg!" — Wie der Hund aus dem Nilstrom Koste solche Gewässer, Freund. Einen süßeren Trank, einen gefährlichem Beut die Liebe dem Ohr; o wie erhaschet es Jedes Flüstern der Lippe, Jedes leiser - erstohlne Work Lyrische Gedichte. 47 Des Geliebten! Wie Gift strömet die Adern durch Der bezaubernde Trank; Busen und Herz erhüpst Am Altäre dcr Lypris, Am Altar Berecynt hiens. Ach da sorgest du nicht, was dir der Trank gewährt ? Welchem Quell er entfloß? wenn ihn ein lieblicher Kuß des Mundes, ein Becher Rings von Rosen umduftet, reicht. Doch den schändlichen Trank aller Getränke schlürft Aus dem Stygischen Pfuhl, wer der Verleumdung Wort Won besudelten Lippen Saugt, ein Athem der Hölle selbst. Und ihn saugen so gern Fürsten und Mächtige! Wen nicht Bacchus ertrankt, schlürfet ein trübes Naß Aus dem Munde des Schmeichlers, Des belügenden Höflinges. Immer durstiger wird, immer begehrender Das belogene Ohr. Trunken und trRnkener Lechzet nach dem getretnen Trank die Seele mit Todesdurst. Fürsten, kostetet ihr edlen Falerner,.wenn Euer Sklave den Bart in ihm gesäubert hat? Und ihr trinket den Geifer Seiner Lippe, das cckle Naß? §8 Lyrische Gedichte. R e i c h t h u m. Prahle nicht, o Nigrin. Des Goldes Schätze Sind nur leichtere Glückesgaben. Reichthum Mag, wenn du cs so willst, dich glücklich machen; Aber nicht selig. Was der Pöbel erwählt, kann nicht das höchste Gut styn. Ehren und Macht und Gold und Wohllust, Wer in Strömen sie hat, er lechzt im Strome Immer noch durstend. Sieh', dort schwimmet im Meer des Berges Schatten; Jsts der Berg? Es umflattern dieses Gold hier, Jene Würde, der Freude Schatten viele; Sind cs auch Freuden? Willst du sicherer froh seyn, lös', v löse Auf, Gefangener, dir der Sorge Fesseln. Macht dich glücklicher, was dich scheu und zitternd, Eitel und hart macht? Bei dem Brustbilde des M. T. Cicero. Ein undankbarer Wüterich, ein Barbar Mehr als der Lictor, der dir das Haupt entriß, D Marcus Tullius, war Jener, Der es dem Lictor zu thun erlaubte, Octavianus. — Hatte den goldnen Stuhl Er je besessen in der gewalt'gcn Stadt, Die über alle Welt das Haupt hob, Mächtiger Consul, wenn deine Rede Ihm Lyrische Gedichte. 49 Jbm nicht binaustalf? — Dennoch, o stigester Verrath! Als jener Sklave Volumniens, Gestützt aut Meuchelmörderwaffen, Dich des Popilius Sklnvenschwcrte Gebot zu morden; reichte der mächtige Günstling der Römer Octavianus dir Die Hand zur Hülfe ? Webrt' er dankbar Seinem Beschützer den blut gen Streich ab? Mit Wohlgefallen opfert' er seinen Freund, Des Vaterlandes Vater, der Herrschsucht auf, Und sah mit ungetrübtem Blicke, Göttliches Haupt, an des Marktes Rostren Dich hangen. Also lokmen Philwpische Siegesredcn. Also lohnet den alten Freund Des Glückes Günstling, wenn sein Haupt ihm, ,aWie seine Zunge, den Weg zum Thron bahnt Verschlossenheit. Also ist cs der Tugenden Größte, daß du dich selbst in dir verbergen kannst! Wie Lichtscheuend der Maulwurf, wie Das Kaninchen sich tief unter die Erde grabt. —> O du zweiter Oranien, Der des Schiffes im Meer, der des Gefieders Weg In den Lüsten, der Schlange Weg Unterm Felsen, so weit, in umrspahlichen Geistesgangen zurücke laßt! Herders Werke. Lit. ». Kunst. XIV. D 5o Lyrische Gedichte. Dessen Phidia s-Werk niemand auch ahnen kann! - - Seltne Tugend! ein Laster fast!- Aufdenn, schnüre den Schlauch deiner Gedanken fest, Daß kein Tropfe daraus entkommt: D.enn der kleineste Riß leeret das ganze Faß. Auf! ummaurc den Busen dir, Daß kein Manschen den Weg sind' in die Eisenburg. — Aber wisse, des Redlichen Offnes, reines Gcmüth kennet die Riegel nicht, Nicht die Mauren. Ein freier Markt, Stehts dem Könige da, wie dem geringsten Mann, Auch in Mitte der Lautenden. Gegen die falschen Staatskünstler» Ich hasse die Zweizüngelnden, die um Gold Wie Glas zerbrechen ihre gegebne Treu. Verabscheu' ihn, der Gott nicht scheuet, Den ein gegebnes Wort nicht bindet! Dein Rath im Rath des Königes sey gerecht, Nicht mit Schattirung tauschender List geschmückt Und nicht vom Eigennutz gcsauget, Der an den Brüsten der Armuth selbst saugt. Des Eharons Angel, goldne Geschenke, wirf Hinweg; verschmäh' die Stücke von rothem Blech, Und wenn ein Prachtgefaß sich anbeut, Sage: „mich durstet es nicht nach Golde." Lyrische Gedichte. 5t Wev Schmeichel-Gold verachtet, wer über Gold Erhaben ist, sieht Alles zu Füssen sich; Und glanzt in eignem Glanz, wie Morus Dort aU Britanniens Hofe glanzte. Gestellet auf den Gipfel der Ebrc war Et größer durch die Würde, die E r sich gab, Regierend Sich, wie den Tyrannen; List und Gewalt, weder Furcht noch Liebe Entfernten von der Regel des Rechts ihn nie Ein Haarbreit! Eher wäre die Sonne selbst Aus ibrcr Bahn gewichen, mit zer- Brochencr Axe des Hellen Wagens. O blüht' in unfern Zeiten ein solcher Baum! Des Reiches Apfel flöge, dem Spielball gleich, Nicht hie - und dorthin durch die Lüfte, Wie ihn die Hände der Spieler schlagen. Kein Knabenzwist des Ranges verewigte Des Reichs Verwirrung, Handel und Raubbegiet; Der langvcrbannte Friede kebrte Jauchzend zurück in der Deutschen Grenze, Und Jeder lebt' im Schatten des eignen Baums Ein sichres Leben. Aber das stolze Heer Der Kämmerlinge raubt dies Glück uns, Machiavelle des Lrkus graben, Kaninchen graben unter dem Boden sie. — Gefärbte Weisheit handelt und tauscht und trügt Uni schnöden Vortheil. Füchse schleichen Unter des Löwen Gewand', und mancher D 2 52 Lyrische Gedichte. Ahitophel veradelicht sein Geschlecht Durch niedre Listen. Aber die Larve sinkt; Die Sonne bricht hervor durch alle Tauschende Nebel. Da fallt der Gyps ab Won buntgemahlten Wanden. Das nackte Haus Steht scheußlich da. Sie zittern am Tagesstrahl Die Eulen: Denn die Mittagssonne Leuchtet am Himmel, und sie erblinden. An den Staatsköcher treuloser Politik. Du, der Bosheit und List In sich verbirgt, Graulicher Köcher Du, Fahr' hinunter zum Styx, Wenn du dich gleich Weisheit des Staates nennst. Wer den Köcher erfand, War er Sarmat, Oder Ausonier; 'Aus Tisiphonens Hand Nahm er den Stahl Und das Gefiederhol;. Zwar du glanzest in Gold, Prächtiger Schrein, Rosen umgürten dich; Lyrische Gedichte. 53 Doch von außen allein; Drinnen zernagt Fäule dein Bleigeschoß, Das zum Ziele nicht trifft. Himmelan reicht Nie ein Tiberius. Die Römerbilder. Entrissen Euch, ihr Freunde", begeistert mich Der Gott. Mir pocht der Busen, und höher hebt Das Haupthaar sich, und meine Glieder Beben, da Phöbus-Apollo selbst mir Der Römer Bilder zeiget. Da stehest du, O Brutus, der das strafende Beil erfand; Dort Ankus; Numa, den zum Stifter Heiliger Sitten die Nymphe weihte. Hier steht der Zaudrer Fabius, dort Eamilk Der Rasche; Beide zähmcten selbst den Neid Durch edle Thaten. Du von großem Stamme gebohrner, du Retter Roma's, Der aus Ruinen schnell sie zum Glan;' erhob, Des Siegers Sieger, Hannibals Hannibal, O tritt mit deinem Heldenantlitz, Scipiv, weiter hervor; du warests,' 54 Lyrische Gedichte. Als über Alpen, (die er mit Eßig riß,) Und Schnee und Wolken, Jener, der Schielende, Sein Afrikaner - Heer dahingoß, Brausend, daß vor ihm Guropa bebte; Du warests, der den blut'gen Sauger zwang Hinauozuspeyn die Beute; so ward der Streit, Der zwischen Puniern und Römern Lange schon hatte die Welt verheeret, Durch dich entschieden. Was duentschieden, gab Gin Schwiegersohn und Vater dem Schicksal Preis. Um einen Eftlsschatten zankten Beide, die Knabenl Und Rom erlag sich, Sich selbst. — O wie erscheinest du heiter mir, Augustusl Friedlich - glücklicher Lorbeer kränzt Die Sclstafe dir. Nie hat das Schicksal Einen der Lieblinge, wie es dir that , Mit starken Flügeln mütterlich-sanft beschützt Was Wuth und Frevel lange mit Bürgerblut Erworben und Tyrannen säten, Erntetest du, die Gewalt, den Reichthum, Nur nicht den Namen eines Tyrannen. — Der, Dahinter dir, der listige Dieb der Welt, Der seinen Trojern Macht und Rechte, Ihnen vom Haupte die Freiheit weglog. Und einen Kappzaum höflich anscherzete, Tiberius, zweizüngig, ein doppeltes Gcmüth und Antlitz; sieh, der Erbe Octavians und des Weltalls Erbe, Das Füchslcin lauscht' in Eaprea's Holen einst, Ein furchtsam weicher, und ein unglücklicher Tyrann. — O welche Ungeheuer Nährtest, Italien, du dem Throne, Soldaten - Ungeheuer! Kaligula Im Krieg' erzogen, wechselte bald das Schwert Mit Messern, Becher mit dem Helme, Seiner Geburt und des Taglichts unwerth. Was weil' ich länger unter abscheulichen, Verworfnen Schatten? Treibe siefort, Merkur, " Hinab zum Lrkus. Eilt ihr Larven, Viehische Larven, hinab zur Hölle, Du Claudius, der sich und die Bürger trog, Wahnsinnig-grausam. Schändlicher Galba du, Blutschänder Flavius, du weicher Otho, du üppiger Caracalla. War Maximin dein Kaiser, o Rom? Er war Dein Lictor, Sieh' den fetten Vitellius, Den Commodus in Wein ertrunken, Heliogabalus, seines Bauches Geweihten Priester!--Mörder der Mutter, halt Du Brudermörder, Nero! — Er zittert blaß Hinweg; wie seine Schwcfclsackeln Bleich, ein entehrter feiger Gaukler. Ihr Messalinen, Livia, Julia, .Ihr art'gen Mütter zierlicher Töchter, zählt Erzählt uns eure Buhlereien; Unter den Trümmern des Palatinus 56 Lyrische Gedichte. O welche Schaar der schwärzesten Lüste liegt Begraben! Weg, ibr Scheusale!-Denn ich seh', Evö! Evö! ich seb erjauchzend Bespasian us, und dich, o Titus, Der Gottheit Racher an dem verbannten Volk, Den Ruhm, die Lust, die Wonne der Menschheit. Dich Severus, dich von grossen: Namen Würdig im Marmor der spatsten Nachwelt, Trajanus. Dich, o H)ius und Mark-Aurel, Der stillen Ehrfurcht jeder Bewundrung Werth — Wo bin ich? Von Apollo's Höhen Kehr' ich zu euch in die Ebne nieder , Ihr Freunde. Viel ists, ewig gekannt zu seyn Im Marmorbilde; schöner und größer ists, Verehrt zu seyn in stillen Thaten, Ewig geliebt in der Menschen Herzen Auch ohne Bildniß. Möge mein Antlitz cinst Zu Stagd verwesen; Bilder, ich ncid' euch nicht, Ihr Kaiserlarven. Wer verborgen Schlummert und ruht, o er ruhet glücklich« Der Räuber. Nackt, o Rosa, kämest du auf die Welt einst. Nackt, o Rosa, wirst du von hinnen wandern. Außer daß du, dem Räuber ähnlich, Leinen Mit dir hinwegnimmst. Und du bist noch immer Gewinns begierig! Häufst zu früherem Raube neuen Raub dir! Fühllos, daß du dir selbst mit Dem Erwerbe Schaden erhandelst! Denn dein inneres Gut verliert mit jedem Neuerworbenen, das dir die Begierde Mehrt, nicht mindert. Willst du ein Reicher werden, Werd' es enthaltsame Hör' am Pfluge den Landmann. O er singt dir: „ Edelgestein' entbehren ist nicht Armuth! Einst ward von dem Pfluge des Vaterlandes Retter gerufen!" Nero. Wer hinter Nero wollte noch seiner Lust Den Zügel lassen? War' er der Schlechtste auch, Und börste nie das Glück er fürchten, Zittr' er vor sich und vor seiner Willkühr. Wie elend ist ein Bube, der, treu sich selbst, Jedwedem Wunsche, segiicher Schandbegier Des Herzens frohncnd, auch das Kleinste Sich zu versagen nicht Muth, nicht Kraft bat. Regenten, denen in der verschloßnen Brust Die Winde brausen, schauet das Unthier an, Deßgleicbcn nicht der Stymphaliden Sumpf, der Nemeische Wald nicht zeugte. 58 Lyrische Gedichte. Nicht Lerna's Drache, nicht Erimanthus Schwein — War gleich dem Wilden, welcher der Mntter Leib, Der ihn getragen, (jetzt sein Mörder, Mörder und Buhler) mit Lustgier ansah. Zu solcher Frechheit führte den Herrn der Welt Ein Leichter Fußsteg, daß er sich nichts versagt. Jünglinge und Verschnitt'nc kühlten Ihm, dem Gebietenden, alle Lüste. Zunächst der Wohllust stieg ihm der Blutdurst auf; Dem Frevel gab cr Rechte! Da beugt' ihn nichts,^ Nicht Alker, Würden. Graue Haare Bluteten unter dem Schwert des Henkers, Wie Jenes edlen Jünglinges Unschuld. Gut War ihm Verbrechen, lockender Reichthum ihm Sein Erbtheil. Werth, Verdienst und Ehr?, Tugenden waren dem Scheusal Laster. Und o der Armuth! Schauet den dürftigen Tyrannen! Lichter fehlen ihm in der Nacht; Da brennen Körper ihm zum Nachtmahl, Lebende, Schwefel - umwundne Körper. Die Finger flammen, Haare mit Lehl gesalbt, Pech-Häupter. Horch! Der lebende Leuchter ächzt! Die Fackeln glühen trübe. Easar Freuet der Seufzer sich und der Wolken Und kostet Weine. Selber Hyperion Und Luna könnten schöner ihm leuchten nicht; Er würzt das Mahl mit Kaiscrschcrzen, Und eine Furie statt Dianens Lyrische Gedichte. ög Bereitet ihm die fröhliche Jagd daraus. Den Wolf, den Hirsch Aktäon, dun Eber jagt Und trifft cy. —> Menschen-Thiergestalten Weidet er aus zu des Volks Gelächter. Er selbst, der hohe Gräber des Isthmus, steht Und scherzt und schlägt die Lache des Orhus ayf; Jndeß daheim Poppäa weinet, Wunde - gestoßen von seiner Ferse. M en schen fü r st e n. Andere mögen preisen die Pracht der hohen Paläste, Ihre mit Lorbeer umwundene Säulen, Goldene Wände darin und Elfenbcinenc Tafeln; Ich nur preise den Wohner des Palasts, Der in Würden und Glanz und Rcichthum dennoch ein Herz hat, Das durch Güte der Menschlichkeit huldigt. Auf der göttlichen Stirn erscheint ihm keine der Run- zeln, Die den Bittenden traurig hinwegtreibt. Menschliche Majestät entzücket; die stolze beleidigt; Ungebcrdige fliehet und haßt man. Miele fesselt die Pracht; nur Wcnigs zähmet dgs Schrecken; Alle Herzen gewinnet die Güte. Mög' ein Barbaren-Despot in Stolz sich brüsten. und lieber -Furchtbar erscheinen, ein schreckender Schwanzstern; tiv Lyrische Gedichte. Könige seyn wie die Sonne! Sie glänzt am heiteren Himmel, Und umwandclt die Erde mit Segen. Könige seyn wie die Sterne der Nacht! Wir schauen die Pracht an, .Ohne Zittern, in süsser Vewundrung: Denn sie gehn hoch über den Wolken die leuchtende Bahn bin; Unten nur tobet der Blitz und der Donner. Selbst die Sonne, sobald sie der Mond und die Wolke bedecket, Fürchten sie lraurend die Erdebewobner; Bögel und Thiere trauren. Sobald ihr Antlitz hervorbückt , Jauchzet die Welt, wie befreiet vom Tode — Schau' das ruhige Meer; es glanzen in ihm die Gestirne, Knaben und Fische spielen und Schiffe; Also des Königes Blick, in dem mit freundlichen Winden Ahnet das Volk di- glückliche Schifffahrt; Aber die Klippen im Meer, die Unglück drohen und Schiffbruch, Sind auch im Antlitz der Könige nimmer, Nimmer geliebt! — Wer bringet dies Lied zu meinem Gebieter? Soll Urania nieder vom Himmel Steigen? oder Merkur? Soll Flakkus lieblicher Schwan es Zu ihm tragen? wie oder die Lüfte Pegasus schnell durcheilen? — Und bracht' es der rauheste Nord ihm Selbst, in Gestalt des bccistten Winters, Lyrische Gedichte. 6c Nahm' er es gütig an : denn Ihn begleiten des Frühlings Schmeichelnde Lüste, die Liebe des Volkes, Das sein Wohl ihm danket und von ihm fröhlich erwartet. Eine Macht, die nimmer gebaßt wird, Menschlichkeit, und gefällige Zucht, und erhabener Anstand Leuchten in ihm; ein himmlischer Amor! Trajanus Schwert. „Wo nackte Schwerter sprechen , da schweig', o Freund; Sie sind von scharfer Zunge; sie schneiden dir Mit Römerworten ab die Antwort.—" Ihnen entgegen wohlan denn, laß uns Trajanus Schwert gebrauchen, ein Nömerwort! Schon horcht der Rath uns. Siehe, der Hof, die Stadt, Das Volk, es horcht der Kaiserrede, Die von dem blinkenden Schwerte flammet. Hört" Also sprach mein Eonsul lakonische Gebieterworte: „Brauche das Schwert für mich," (Und reicht es seiner Wache Feldherrn) „Oder auch gegen mied, wenn ichS we rth bin." 62 Lyrische Gedichte. Den Königen die treuste Beschützerin Zieh' aus, o Muse, ziehe der Wahrheit Schwert Für jeden Würdigen, und wend' es Gegen Verbrecher, der Thronen Schande. Verabscheut sind mir, die sich mit Menschcnblut Den Purpur färben! War er nicht roth genug? Und muß der Bürger Blutstrom fliesten, Daß er sich färbe zu höh'rer Rothe? Die Casars haß' ich, die den Senat bei Nacht Zu Todesfurcht versammle». In Thracicn Scy Menschenopfer Königsweihe, Taurien würge den Gast als Fremdling. Mein König wandl' im fröhlichen, weißen Saal. Sein Schlafgemach bring' an den Tapeten ihm Kein blutig Bild vor, das mit schwerer Drohender Faust ihm den Schlaf verscheuche. Tyrannen mögen, (Rosse mit Mcnschenfleisch Genährt,) Nur Zorn ausschütten; mein König wägt Auch den gerechten Schmerz, und säumet Linde das Wort, das Gesetz uNd Tod spricht, Und säumet dennoch nie die Gerechtigkeit. — Wenn unheilbarer Frevel die Guten kränkt, Ist Arztes es und Königsgüte, Daß er den Frevel voN Unschuld sondre. Neroncn singen, während dem Brande Roms! „Erlaubt ist, waS beliebet!" Mein König singt: „Nur was erlaubt ist, das b elie bt mir.^ Königen auch ist erlaubt nicht Alles. Lyrische Gedichte. 63 Wer sich beherrschet, herrschet im weitern Reich, Als wenn erPo und Tiber, und Don und Rhein Ausammensuhrte. Wer Gesetze Gab, der befolge sie, Aller Vorbild. Und fern sey ihm die schändliche Kupplerzunst, Die fein-gefällig Laster und Schande rath; Des schmeichelnden Schooshündchcns Biße Sind ihm gefährlicher als der Löwen. Lob ist ein Gift. Das Offene schadet viel, Noch mehr Geheimes, und das Erdichtete Am meisten; tödtlich war und wird es Jedem wahnsinnigen Alexander. Er bricht in Wuth aus gegen die Freunde selbst; Am frohen Mahle donnert ein Jupiter, Und plötzlich fahren seine Blitze Zwischen dcN Schüßeln umher im Wahnsinn. Die Stirne meines g üt i g en K ö ni g s sey Ein immer hcittcr Himmel. Wer wcihete Den.Göttern Opfer und Gebete, Deren Altar nur in Blitzen dampfte? Kein Afrika, kein Neger- und Sklavenland Ist unser Weltthcil. Indien mag den Klotz Verehren, und vor Königs Bilde (Jährlich, o Wunder! einmal gesehen!) Anbeten. Meine Sonne, sie strahlet Glanz Auf finstre Wolken, die sie mit Farben mahlt Der Iris; und die Wolke träufelt, Und in der Muschel entspringt die Pekle, «4 ! ! Lyrische Gedichte. Des Landes Ströme fliessen zum Ocean; Vom Oceanc steigen in Wolken auf , Die neuen Quellen. Also fliessen Gaben zum Könige, daß er gebe. Die Hand, die Segen strcuete, wird geküßt; Wer wohlthut, hat der Wache zum Schutz nicht noth ; Wer nicht erschrecket, dark nicht zittern; Ruhe der Seele gebietet Frieden, Und fahret sicher über den Wogen her Und lenkt den Pöbel mit dem gelindesten Zaum Unmerklich. Was sie rath, befiehlt sie; Stille Gewalt ist der Götter Allmacht. Wer wagts, ein König wie mein Trajan Zu scyn? Er nehm' und reiche mit des Trajanus Wort Sein Schwert; und frei von niederm Furchtsinn Wird er regieren, ein achter König. >. s, i ii 4» Der politische Pythagoras. Glaubst du, weil du, Mete ll, Vielen der Obre bist, Daß der Junge du jetzt Alles erlauben darfst? Wisse, Sceyter und Fasten Machen weder beredt noch klug. Schlecht verwaltet sein Haus, wer wie im schweigenden Staats-Vergleiche dem Knecht Zaum und Gebiß anlegt, Daß mit vollerem Munde Er ihm Lügen und Lästerung Sage, ii Sage, sage: „wie hoch Er die Gerechtigkeit Ehret, wenn er verschmäht, was er erheben soll, Und mit Würden und Neichthum Den Nichtswürdigen prächtig lohnt." Freilich machet cs kühn, wenn dem gebietenden Herrscher Sklavengeduld, (lange gewohnt der Schmach,) Furchtsam - schweigend das Haupt neigt; O da spricht der Gewaltige Mächtig — sage zugleich, thöricht. Im Inneren Seines Knechtes erweckt kühne Gedanken Er. Du, der Worte verstummt macht, Fürchtest stumme Gedanken nicht? Sind Gedanken, o Thor, die dich im Inneren Strafen, mächtiger nicht, asö ein cntflognes Wort? Schon' o schone der Seele Deines Sklaven; sie blieb ihm frep l Das Hietenleben. Bor Phryrus goldnem Widder, der einst im Meer Der Helle Namen traurig verewigte, Ging langst die schönste Wollenheerde Ruhig im Thale, des Hirten Sorge. ' Des Hirten Sorge! Gab es ein seliger, Ein weither Glück dein mühenden Mcnschcnvolk, Als in der Aura jenes Thales Friedlich - unschuldige Lämmer weiden? Herders Werke, Lir, u. Kunst, XIV. E 66 Lyrische Gedichte. Da schallt kein Kriegshorn, keine Trommet' ertönt; Trabant und Büttel rusen dich zu Gericht Und Hofe nicht. Die schöne Aue Ist dir ein Hof, und der Hain die Welt dir. In Baumes Schatten breitet ein weiches Bett Der Rasen; ringsum wölben die Zweige sich Zum grünen Vorhang', und die hci'ige Murmelnde Quelle zu deinem Haupte, Sie fübrt den Schlummer leis' und gesund herbei. Die Erde zollt dir küblende Beeren, Milch Die Heerde, die Sylvan, dein Schutzgott, Gütig beschützet und mächtig leitet. Kaum glanzt im Thau der goldene Morgcnstrahl So eilt hinaus die Heerde. Mit jungem Muth Begleitet sie der Hirt, und grüßet Seine Gefilde mit neuen Tönen. Und steigt die Sonne; siche, da badet sie Ein frischer Strom; der zitternden Mutter bringt Der Hirt das junge Lamm. Indessen Heben sich lauter die Abendlüfte; Die Bäume sprechen; grüßet die Erle nicht Dort ihre Schwester Erle? Die Eiche dort Die Mutter Eiche? sanft gebogen Lispeln vertraulich sie zu einander. Die Vögel alle singen in Hellem Streit; Das Töchtcrchen versuchet den neuen Ton, Den früh im Nest ihm seine Mutter Lehrete, jetzt in dem Hain-Theater. Hier quillet Milch der Freude, der Urwelt einst Ein süßer Strom. Vergaßen die Söhne nicht Und Tochter jener alten Zeiten, Würden und Güter um diese Auen? Der Zweite Sohn des Königes unsrer Welt, Sang Abel nicht der Heerde das Hirtenlied? Der Vater aller zwölf Geschlcchte Weidete Lämmer uM die Geliebte, Den süßen Fährlohn. Oester am Abend sprach Er zu den Schafen: „gehet, ihr Glücklichen, Zur Heimath. Liebenden verschwinden Tage nach Tagen, wie kurze Stunden." Beim Schäfekstabe lernete Moses einst Den Führerstab zu tragen. Isai Sohn, Des Volkes und der Heerdt Retter, Sang an der Quelle Jehovahs - Psalmen. Dir reicht, o Fürst, die- heilige Stimme: „geh! Und weide meine Schaafc!" den Hirtcnstab. O schäme dich der süßen Pflicht nicht, Lanimer iN Armen am Vaterherzen Zu tragen. Treibe Schlangen und Wölfe ser«, Und halte rein von Gifte den heiligen Quell. In deinem Hirtenlande tönen Karolomannus geweihte Thaten. Sein Name glänzt' in deiner, der Stern enan*) Und Manche deines Stammes zur Seiten ihm- *) Ein Garten dieses Fürsten. E 2 68 syrische Gedichte. Dich nennen einst, (vielleicht im Purpur,) Dankende Hirten den zweiten Daphn is. Die Schiffenden. Daß die Kühnen des Meeres heilige Rechte, Daß den Hoden Trident sie frech beleidigt, Klag' ich. War es ein Fell, das goldnc Fell Werth, Daß ikr, o Schiffer Argonauten, die Blitze Zevs und alle Aeols Winde, den Grimm Neptuns verschmähet? Hat die Erde nicht Grüfte genug? Bedarf cs Urnen des Abgrunds? Sieh' die Schuldigen, die der Klolho Faden Murrend lästern, er sey zu zart, zu brüchig; Und vom brüchigen Faden spannen Segel Sie an den Mastbaum, Rudern selbst mit der Parze heilgcn Spindel — O ihr Getter des Meers, warum ersäuftet Zhr die Sträflichen nicht, die nur der Habsucht Lander vereinen? Könige. Wahl' ein fröhliches Bild Dir von den Königen! Gärtner sind sie; sie sind Wächter der Bienen, dis Ucber Blumen des Hy bla Honig suchen mit Dädals Kunst. Lyrische Gedichte. 6 - Dörfer, Städte, sie sind Körben der Bienen gleich. Kaum ergrauet der Taq; siehe, so fleucht ein Schwarm Aus zur fröhlichen Arbeit, Munter, wie der gewordne Tag. Alle suchen Gewinn, süßen Gewinn; er lockt Holden Dustets sie an; jeder erwählet sich Seine Blume. Sie saugen Lcbensbalsam, und tragen ihn Acmsig, Mutter und Kind, Männer und Jünglinge, In die Celle der Kunst, bauen sie sinnreich fort, Bis das wächserne Füllhaus Ganz von goldenem Reichthum fließt; Zoll dem Gütigen, der ihnen ein Hüter war, Der haushälterisch auch, wenn er die Speicher leert Seinem ämsigen Volke Nicht den Boden der Kunst zerstört, Nicht ihm Wohnung und Muth , Leben und Nahrung raubt, Gern zu neuem Gewinn ihm des Gewinnes Theil Lasset, daß cs zu neuem Fleiße fröhliche Brut erzieh'; Ihm genüget ein Theil göttlicher Gabe, die Als Ambrosia jetzt labet, als Nektar jetzt Freuden schaffet, und Kranken Süße Pflege des Lebens wird. Alles wendet er an; alles gebraucht er klug, Selbst den wächsernen Bau; aber die Aemstgeir Sind ihm heilig. Ein blöder Dörfling ist es, der sie vertilgt. * 70 Lyrische Gedichte, Der C o n s u l. Sey' ein mächtiger Consul; doch Nicht im herrschenden Rom, in Laeed ämon nicht In Dir schlichte die Händel, und Lern? kennen sie erst, eh du sie schlichten willst. Jeden Winkel in deiner Brust Späh' mit Lynceus Blick; snche das Thule auf Dir im Busen. Es hindern dich Auf der forschenden Fahrt Herkules Säulen nicht, Dringe fürder! Dahinten erst, (Fern , o ferne der Bucht, wo sich der Pöbel drangt,) Liegt die Insel der Seligen, Ruh' der Seel§. Du fragst, was der Ligurier Treibe? Erntet und sa't und trinkt Wohl dein Nachbar für dich? O wie so manches ist, Was du sicher nicht wissen darfst, Was du weist sogar stehest, als sahst du's nicht. Laß die Flecken auf Titus Stirn! Laß Lictoren ihr Amt, daß sie den schändlichen Pobel, (selber mit Pöbelarm,) Vor den traurigen Stuhl strafender Richter ziehn, Du durchwache die Nacht für Dich; Keine niedrige That bringe dir Lohngewinn. Jener Späher und Laurer und Argwohngeber, er mag Anderen nützlich styn; Sich selbst ist er ein Schädlicher. Feldherrn nutzen Berrath; doch der Verräther bleibt Ihnen immer ein Böstwicht. Tantals Name, noch jetzt ist er dem Ohr verhaßt k — Und vor allen abscheulich ist, Wer an anderen straft, was er an sich selbst verzeiht, Lyrische Gedichte. 71 Beim Grabe eines Mächtigen. Hieker, im großen Kerker Gefangene, Und lernt im kleine» Kerker gefangen seyn. All' eure Freiheit, eure Willkühr Schließet sich hier in die enge Bucht einst. Ein schmaler Winkel und ein Gemach von vier, Fünf Brettern wird dann Euer Verbannungsort; Wo sind nun eurer stolzen Schlosser Prächtige Säulen- und Marmorgänge? Wo Eure Länder, die mit ermattetem Gefieder kaum in Jahren der Adler sah? Wo jene Namen eurer Ahnen, Die von d.cm blutgcn Tyrannen Urahn Gerüche zoHcn lange Jahrhunderte — Wo schwimmen jetzt die Blasen? Der Nuhmesdampf, Der ausgestoßcn aus Trommeten Uebcr Gestirnen und Völkern hinzog, Und Euer Bauch, das große Geschäft der Welt, Wo ist er? Wer doch liefet die Austern jetzt Für euren Gaum aus? Welche Flasche Aeltesten, köstlichen Weins behagt Euch? Und welche Baumfrucht? Etwa der fernesten Luftkissen Einer? Seit ihr die alte Frucht Aus Morgenland, den Adamsapfel Tödtlich gencßen; und Euer Erbe, 7 ? Lyrische Gedichte. Undankbar-freudig, was ihr verlohrt, besitzt. Er theilt nach seinem Plane den Pallast aus,- Und hüpft auf deinem Grab', o Schädel, Reißet die Titel hinab und tritt sie Mit Füßen; tragt Goldketten, indeß Dich hier Die Schlang' umwindet; trinket den edlen Wein Aus Goldpokalen, da dich , As che, Keiner der Tropfen des Quelles labet. Er schlaft in Schwanenbctten; ein harter Stein Ist deine Decke. Deinen ersparten Schatz Verstundet Er, und gab dir keinen Obolus unter die starre Zunge. Wenn Er Dir Thranen schenkte, da Du, sein Haß, Sein lieber Haß zu Grabe getragen wardst; So waren es erkaufte Thranen, Drei aus dem Lethe geschöpfte Tropfen. O Nichtigkeit der Dinge! Du eitle Macht! Du Spiel der Hoheit! Traume der Traume, dis Aus Ritzen jener Trugespforte Wieder zurück in die Ritze schlüpfen. Das Lerchenbegängniß. Freilich lieget es viel daran, Daß die Leiche mit Pracht unter die Erde gehl Daß in Salben und Byssus noch Dein Entseeleter sich stattlich verherrliche! Ach, wie geht der Zufriedene Fröhlich, wo es auch sey, hin in die gütge Nacht. Jeder Winkel der Erde wird Ihm ein Konigspallast, wenn er in Friede ruht. —^ Alles sammlet in ihren Schoos Sie, die Alles gebahr, jeglicher Asche gleich Günstig. — Wird mir ein schmaler Raum, Und «in Rasen daraus, ward mir im Tode gnug. Ferne sey dem Bescheidenen. Die barbarische Pracht, die mit den ehernen Schicksalstaseln zu kämpfen scheint, Und den hungrigen Wurm langer nur an sich lockt. Ach vergebens umduftet den Leichnam theurcs Gewürz, Myrrhen und Cafia, Wenn ihn edlere Salben nicht Aus dem Moder der Nacht und der Verwesung zichtt. Nero's Asche, sein Name schon Athmct bösen Geruch; aber Fabricius, Brutus, Eato, Britannicus, Wo verscharret sie scyn, leben in Herzen, find Aller Redlichen Wohlgeruch. Freund, die Baare! sie kennt einig und ewig nur Eine Würze; sie heißt Verdienst. 74 Lyrische Gedichte. Die Grabschrift. Wenn meinen Geist zu seligen Geistern einst Der Himmel aufnimmt, sage, warum, o Freund, Soll meinen Staub, die Handvoll Asche, Marmor bedecken mit Pyramide? Hinweg den Marmor! Tilget die goldne Schrift, Die über Moder Namen und Titel prahlt, „Hier liegt ein Held, ein Weltbezwinger, Mächtig im Rath, mit dem Schwerte tapfer- Zu Polen und Britannen, nach Wien sogar, Ging als Gesandter dreimal und viermal Er! Triumvir, Eons ul und Senator, Sonne des Landes; er starb am Abend!" Und ringsum hangt in wilder Barbaren - Pracht Das Schwert, der Harnisch, Sporen und Fcder- busch, Und Helm und Handschuh. Auf dem Schilde Glanzet in prachtjggemahltem Felde Auf Bergeshöh' der Tiger; das Lowenhaupt Gekrönt mit Golde; Geier und Büffelskopf; Bei Hirschgeweih des Elephanten Rüffel und Zahn und das muthge Einhorn. Lyrische Gedichte, Wozu dies Alles? Daß hier ein edlerer Leichnam verwese? Modert im Grabe dann Er lieblicher? Die Manen hassen Alles Gepränge, das sie belüget. Mir einst, o Freund, mir schreibe zur Inschrift nur: „Hier ruht ein Dichter, nicht ein unrühmlicher." O Eitelkeit! Hinweg auch dieses! Lösche die Worte ; genug, ich ruhe. Drittes Buch Der Kranz. Du Knabe mit der goldenen Locke, der Dort unter Blumen sitzet, und rings umschwarmt Von taufend Honigsaugcrinnen, Nur Philomelcns Gesänge lauschet, Versäume nicht, indeß du dem Liede horchst, Den Kranz zu flechten, den ich von dir begehr z Zu Myrthen füg' in holder Reihe Rosen und Lilien mit einander. Weiß sep der Blumen jegliche fünfte; dann Die zehnte dunkel. Neben das Veilchen flicht Die Narbe, die von Liebe duftet, Füge sie zierend dem Kranz ans Ende. Der schönsten Jungfrau soll er geweihet scyn! Um ihre Schlafe wird er entzückend blühn Und sanfter wird dein Haar dir wallen, Lieblicher wallei» die goldne Locke. Lyrische Gedichte. 77 Was säumest du? Wie wenn du dem heiligen Gelübde trag' erschienest? Die Jungsrau dort Erwartet mein Gelübd'. O eile, Reiche der Holden den Kranz der Liebe. Die dunkle Kapelle. Jungfrau, Du, der ein Tempel huld'gen sollte, Wie Roms Pantheon ist, wie hoch.am Himmel Uns die Iris erscheinet; wählst du diese Kleine Kapelle? Nennest dich die Verborgne? — Sonncnjungsrau, Warum wählst du so oft geheime Schatten Heil'ger Dämmerung, wo in zarter Lieb' uns Schauer ergreifen? Ist es, weil du die dunkle Hütte Kedars Jenem Strahlen - Llymp verziehest? Willst du, Magd des Herren auch hier, die Pracht der stolzen Höfe beschämen? Dder, Gütige, willst du uns das Schaamroth Und die Blässe der Wangen mild' erlassen, Wenn wir knieend dem Richter hier geheime Schulden bekennen? Was es sey, mich ergreift dies heilge Dunkel; Holde Dämm'rung, in der die Gottheit wohnet! — Kleiner Winke!, ich liebe dich vor jenem Berg Palatinus. 78 Lyrische Gedichte. Weihung eines Kindes. Warum denn soll ich, heilige Jungfrau, Dir Das Kind nicht weihen e NebM ich es doch damit Der Mutter nicht; der bessern Mutter Bring' ich ihn dar, den unschuldgen Knaben. Nimm an das Pfand der Liebe, du Liebliche! Des Lebens erste Dämmerung werd' ihm bald Zur holdesten Aurora. Frühe Trinke die Blume das reinste Licht ein. Vor Dir, der Mutter, spiele der Knabe, wie Dein Knabe spielte. Wenn er dein Mittag Naht, Durchhauch ihn ganz mit deiner Anmuth Süßestem Athem; und kommt der Abend, So schenk' ihm Rübe, reine Gemüthes - Ruh. Der Frühling mag die Seele, der Sommer ihm Das Hcrz, der Herbst die Wange brennen; Schmücke den Winter mit Schnee der Unschuld Mutter und Kind. Schau' den reinen, schau' den krystallnen Spiegel, Dem im Blicke sein Bild der e w'ge Vater Liebend eingeprägct; er sah mit Huld die Reine Gestalt an. Göttin, schön bist du; o wie ganz durch dich schön! Jungfrau, aber du bist des Kindes Mutter, Dieses Kindes! Siehe, der Knabe macht dich Uebcr dich selbst schön. Lyrische Gedichte. 79 Der Sänger des Frühlings. Allgemach heb' ich mich aus meiner Denusjschen Höhle; Statt Flakkus folg' ich, Na so, dir. Wer wirds glauben? Ich selbst, der sonst im strahlenden Wagen Apollo's über Bergen fuhr, Schleich' in den Thalcrn itzt, und möcht', am Boden ein Veilchen, Aufduften in ein zartes Lied. Frühling lachet mich an, des Jahrs unschuldiger Knabe, Um dessen Kinn die Flocke keimt, Ehe der Sommer sie reift zur stachlichen Aehre. Der Ursprung, Der Welten Ursprung grüßet mich. Frühling war der Wesen Geburtstag; im Frühlings wand sich Aus dunkeln Hüllen die Natur. Wo sie spielte, wohin sie blickte, blüheten Garten, Von Zephyren umgaukelt. Mir, Mir auch gaukelt er jetzt, der Blumcngönner; er mahlet Die Wiesen wie Apelles mir. Jupiter lasset sich nieder zu Tellus zarter Umarmung , Die sich in Laub und junges Gras » Hüllet; so hüllete sich in den Hochzeitschlcier die Braut einst, Der ihrer Liebe Thranen barg. Strahlet die Wiese nicht, wie ein Pfau der himmlischen Juno? so Lyrische Gedichte. In unzählbaren Farben glanzt Inner qesiickte Tepvich, in dem mit schwellender Dlüthe Die Kelche sich eröffnen. Rings Tönen Hirtengcsänge; mit Aegon streitet Jolas. Und in der Bäume Zweigen kämpft Andrer Jdyllengesang. Die Waldbewohncr erwachten Aus ihrem langen Winterschlaf. Frühling weckte sie auf. „Ihr Träumerinnen, so sprach er, Wohlauf! erzählt uns euren Traum." Und sie schwatzen anjetzt im Laube; sie singen in Wolken — Wie Delphische Orakel will Ich die Schwätzer belauschen, und ihre Träume verkünden , Will ihre Kämpf' und Siege, will Von der Wiege sic an, durch alle Geschlechts begleiten — Da soll sich Lerch' und Nachtigall Nicht beklagen der Stimme, die nachfolgt ihren Gesängen , Und mit dem freisten Fittig fliegt. Jndeß rinne vom Stamm der goldene Honig; es gieße Die Nymphe ihren Si.'bcrstrom. Auch in silbernen Wellen ergötzt sich die Muse. Sie schwimmet Und badet im einsamen See, Spielt mit den Fischen im Bach und scherzt mit den Nymphen im Strome, Mit Nereiden in der Fluth, Hört der Sirenen Gesang und schifft in Vene- dischem Stolze, Ner- Lyrische Gedichte. 8r Vermählend sich das hohe Meer. Schau' das erneuete Jahr! Wie sich die Schlange verjünget! Der Widder auf der Aue buhlt; Heerdcn blocken. Es Hüpfen die Faunen. Mit H a m adryadcn Begehn Dryaden Wechseltanz. Und ich kenne den Hain der scheu - gefälligen Echo, Wo sie sich lauter offenbart. Fragen will ich sie dort, die Sibylle. Sie wird mir vom Hain aus Antworten über Krieg und Zeit — Dann schreib' ich mit Lust, was zu erzählen mir Pein ist, Und sich mit fchoN'rcr Anmuth liest, Lock' aus ihren Nesten hervor die Täubchen der Mu- fest, Und sende sie wohin ich will. Auch die Muse Tibulls. — Doch nein! eine keuschere Muse Wird mir erscheinen: denn warum Soll ich cs hehlen? Ich will dein Leben singen, o Jungfrau, Und deine Liebe, Liebliche. Tief in der Seele ritzt mich dieser Stachel. Aurora, Aurora selbst gebot es mir. Eine ist meine Taube. Sie bringt, als Schwalbe, den Frühling Mir wieder und die goldne Zeit. Laß dich grüßen von mir, o du Mcinige. Lachst nnr lieblich, (Wenn Etwas Süßes mir gelang, Herders Werke. Lit» u. Kunst, XIV. F 82 Lyrische Gedichte. Winketest du mirs zu.) So sey dein lieblicher Name Denn jedem Blümchen auch vertraut! Wie ich die Linde sang, enthüll' ich in deiner Geschichte Noch manchen süßen hcilgen Kern. Zephyre sollen dir dienen, und Thetis; jede der Nymphen Dir Kranze winden. Rust mein Lied „Aura, Aura!" Du bists, die mir mein Leben erquicket, Und meine Glut des Herzens kühlt. An die Gesundheit. Gesundheit, die du bis zu dem letzten Hauch Mir treu zu seyn verbuchest; o wandelst du Zur Mitternacht mir meinen Mittag? Siehe, wie Frost mich, und Hitze quälen! In Flammen glüh' ich, bis mich die Kalt' ergreift; So wechseln Tage, Monate wechseln so — Gesundheit, denkest du nicht meiner, Denke des Deinen, o Deines Dichters, Des Sängers! - - Horch! was klinget im Wjnkel dort? Erklingt von selbst die Cither und rufet mich? Wie oder seufzet sie mitleidig, Traurig im Fieber mit mir erbebend? — Lyrische Gedichte. «3 Sie tont mir Deine fröhliche Wiederkunft, L Göttin! — Auf! ich springe vom Laqerbett, Und wenn mein matter Fuß nicht wanket, Sing' ich dich wieder zu Mir, Gesundheit, Ein Dakkiietz nach wiedercrhaltener Gesundheit, Ach, wie dank' ich, 0 Göttin, Dir? Die mein LtbeN erhielt, die es mit ANmuth schmückt. Auf dem glänzenden WagcN der LuNä kommst dU zu mir, bringest mit endlich doch Meine frühere Lust zurück! —- Hüpft die Ader mir nicht wieder, die sonst im Frost Starrte? Diese NetjüNgte Hand Schlagt die Cither; und süß tönet das Danklied dir, Dit, 0 GöttinDeNn ohne dich KlaNg die Saite mit nie; aber sobald dceN Hauch Sie anwchete, sproßen ihr Ringsum Rosen, ein KraNz RofeN AoNieNs; Und ihr hörchtt der Hain, und hüpft. '— Süßt Mutter der Lust, Mutter der lieblichsten StundcN, komme mir oft! Mit dir Kommt die Muse, mit dir kommen die Grazien. Mit dit leben, und (schlagt dereinst Meine Stunde) Mit dir sterben ist leicht und süss. K 2 84 Lyrische Gedichte. An die Magerkeit. Galenus Schwester, Du die Gesundheit selbst Dem Körper, der sich willig und ganz dir weiht, O Du der Huldgöttinncn Vierte, Wende den klingenden leichten Tritt her, In meine Zelle. Fröhliche Magerkeit, Ich öffne Dir, ich öffne mit frohem Gruß Die Pforte deines kleinen Tempels, Der an Mißfälligem Nichts dir zeiget. Kein weiches, kein verzärtelndes Hausgcräth, Kein Schmecrbauch, der im mächtigen Armstuhl dampft, Wird dich beleidigen; der Mmstein Glättete hier und verklärte Alles. Dem Haupte dient zum Kiffen ein glatter Stein, Und Tisch und Stühle glänzen in reinem Holz; Ich selbst, durchleuchtend fast am Körper, Bin nur gewichtiger als mein Schatte. Wenn Du den Pallast liebest; (du liebest ihn, O Göttin,) banne, banne nur Eins von mir, Die Mücken, die mit scharfem Zahne Leben und Seele dem Sänger saugen. Tritt ein, o Göttinn! Du Pol y hymnia Mir sonst gegrüßet, oder Terpsicho re; Jetzt größer mir als selbst Minerva, Freundin und Wonne des dürren Dichters. Lyrische Gedichte. 85 Der dürre Dichter. Große Opferung wars, sich der beschwerenden Bürd' entlasten und frcy werden, Lavendula. Abgelegct die Glieder, Ausgezogen den Körperbau, Ward ich Schatte. Wohlan! wünsche dem Schatten Glück, Der die Fessel entschlug seiner Gefangenschaft. Noch des Staubes ein wenig; Und ich glüh' wie ein Funk' empor. Jetzo scheu' ich nicht mehr Schlachter und Speisebank: Abgelcqet das Thier, schweb' ich ein Halbgott schon Zwischen Schatten und Göttern, Leicht und frei, wie der Maja Sohn. Freigeworden bin ich; (lebe, du Fäulnis wohl!) Ncingelautert und hell. (Lebet, ihr Hefen wohl! Schwere Bauche.) Mein Geist ist Bei den Sternen; mich hebt die Lust. Das Vögelchen. Was der bundeste Papagey, Was kein strahlender Pfau, ob er den Wagcn der Juno zöge, ja Phönix nicht, (Der sich selber beerbt,) kühn sich erlauben darf, Wagst du, Vögelchen, meine Lust. 36 Lyrische Gedichte. Waldsirene, du wagst mich im Gesangs mst Süßem Necken zu stören oft, Wenn die Mandel du mir stichlest, und wehr' ich es§ Flatternd auf mit den Flügeln schlägst ; Oder mitten im Lied', unter den Saiten, mir Pikst den Finger , und hinderst mich Zu vollenden den Ton; oder, gefallt es dir Selbst zu singen ein ländlich Lied, Wenn das Köpfchen du dann spülest Md waschest und Mit den Nqgelchcn kratzest, daß Ja dem zierlichen Hals' einer Gebadetelt Wiederkomme der Früblings - Ton; Da dann, eh du dich kämmst, eh du dich schmückest^ Mhl Eine Stund' und ein Jahr vergeht. So viel Plaöschcrn erregst, efteler Vogel, du — Aber komme nuy her, du bist Doch mein Lieber. Hieher! Fürchte das Bauer nicht;, Kein Gefangener bist du mir. Darfst die Stäbchen hinwegschieben, und Hüpfen, und Lustig spielen im freien Robr. Sieh, hier streu' ich dir auch Hirsen, unschuldige Landkost; picke die Körnchen weg; Und sey ohne Gefahr, daß dich ein Geyer holt. Lebe dann, o du glücklicher Sänger, lang«! Dereinst, (denn auch Unschuld'gen Euch Droht die Parze!) wenn Atropos Dir mit leiserer Hand sanft am Gefieder zupft, Wartet dein ein Pierisches Roscnlager. Ich streu' Veilchen, und hange dir Jmmcrgrünende Kranz' umher; Lyrische Gedichte. 87 Indes, Vögelchen, dich, wenn du von hinnen bist, Deine Schwester Melp 0 mene Hin zum lieblichsten Hain auf dem Parnassus tragt. Die neue Geburt. So spricht der Dichter. Wer sich im Tode selbst Bezwinget, frei von Kummer und eitler Furcht, Gewinnt den Tod für sich, und reichet Ruhig den Schatten die Freundeshand dar. Du fürchtest, Freund, das Scheiden? Unwerthe Furcht! Dein Weinen , als zum Lichte der Welt du kamst, Verziehen die Götter dir dem Kinde; Nicht so verzeihen sie dir die Thrane, Die eines Greises Wange mit Schmach bedeckt. Von Kindheit auf, was lehrte das Leben dich?' „Er tragen!" Und hast nicht gelernct, Ohne die wimmernde Kindesthrane Zum neuen Dascyn, heiter, ein Mann zu gehen ? — Der Tod gebiert dich, loset mit sanftem Schmerz Die Bande dir, und neuverjüngct Siehst du die andre Welt, ein Aeson. L y rische Gedicht e. Der Schattentanz, Auf zum schwebenden Tan;! Schließet zum Reigen euch, Schatten ! — Hefperus blinkt. Siehe, dort winket uns Scheit,, mit blässerem Strahl, hinter den Wolken dort, L u n a. Reichet die Hand' euch dar — Jungfrau'» , Greise, Wir sind Einer dem Andern gleich; Ohne Krone der Fürst, ebne Tiare der ' Pontifex, der Prälat ohne die Znful. Schließt,. Schatten, schließet zum. Reigen euch. Niemand midet von uns, keiner dem Andern sein Ehrenmahl und den Ruhm hoher Geschlechter, —^ Uns Riß, verschiedenen Weg's, aber zu Einem Ziel, Unser König, der Tod hinweg. Auch uns schimmern obwohl dunklere Stern'l Auch uns Säuseln Zephyre, zwar Frühlingesweste nicht; Doch ein leiserer Hauch geistiger Lüfte rauscht Durch Cypresscn in unserm Hain, Süße Seelen, die ihr alle des Lebens Last Bon euch lcgetet, streut Blumen zum Tanz umher, Dunkle Blumen, ostreut Veilchen und Rosmarin, Und Narciffcn und Lilien. Lyrische Gedichte. 8g Auf! Wie hebet sich leicht webender Schatten Tanz! Ohne drückende Last schweben am Boden wir, Flüstern leisen Gesang, schwingen uns dreimal dann Auf und hin gen Elysiu m. Der du, Sterblicher , Nachts unsere Stimmen hörst, Bald wirst du sie mit uns flüstern. Wi ' waren auch Was du bist, und du wirst werden, was wir je^t. sind. Folg' uns, Sterblicher, lebe wohl! Beim Tode eines Kindes. Das verbietet die diamantne Pforte, Daß dein Sohn dem Flehenden wiederkehre; Klopft' auch Orpheus selbst mit Zaubertönen An die verschloßns. Deine Thranen, o Vater, sind verloren; Drum bekämpfe den Gram, bis er sich selbst bricht. Ein Kind ist dir entnommen; doch ein Einz'ges, Einziges Kind nicht. Sieh', dein Heinrich lebet. Der Rosenknabe Benno glüht, wie die edle volle Traube. Deine Töchter blühen; die Aeltcste zieret Jetzo der Brautkranz. Und auch Edmund lebet. Er hat im Grabe Nur die staubigen Kleider abgelegct. Zn der Urne liegen die Fesseln; Er durch- Wandert den Archer, M Lyrische Gedichte. T r a u c r k l a g e. Ach, Veiler ins, ach!, wohin du dich wendest, erblickst du Ucber dich fallende Lasten des Schicksals! Vier der Kinder, nach ihnen die Mutter, in Einem Jahre Sind dir geraubt. Ich fühle den Jammer — Nie wird Dir, wenn der Thüre du nahst, dein lieblicher Benno Rufend entqegenbüpftn., Es wird dich Keiner der Andern mehr mit stilleren Küssen empfangen , Auf dem, Schooße der Neuvermählten Nie dich ein Eichel grüßen. — Die andere rosige Tochter Reichte dir auch die dunkle Cypresse; Und nach Allen die Mutter, dein liebendes Weib. Sie begleitet Treu ihre Kinder binab in die Erde,, Fern dem Abwesenden D i r. Du findest, wenn du zurückkehrst, Keines von ihnen; und foderst Sprüche, Sprüche der Musen von. mir. Valerius fodre sie nicht mehr., Hülle-dich ein in den Schmerz, und verstumme. Dulde mit tapfrer Brust die Pfeile, die dir das Schicksal Aus dem Köcher des Todes bestimmte. Seufzen will ich mit dir und klagen: „Güter der Erde, Freuden der Erde, Alles ist eitel! Lyrische Gedichte. 9t Fluchtiges Leben > Von Menschen und Reichen ertönet Ein Nachhall: Ilion, Priamus, Troja, wo sind sie Der schluWmernde Greis *). An jenem Tage wehten die Winde sanft, Und kündigten der Erde den Lusttag an; Die Blumen blühten, und am Abend Träufelte leiser der Ahendcegen, Als Dich, o Sohn der schöneren Grazie, Die Mutter sanft im Arme zuerst umfing, Aus einer Himmelsmutter Armen Dich, ein Geschenk, an das Herz sich drückte. Vom Quell des Lichtes sogest du kindlich schon D.r Weisheit Milch, den Trank der Astraa. Dir, Es schöpften Dir die Eastaljden Frühe den Nektar der hcilgen Quelle. Ein Knabe warst du Eine der Bienen, die Von jeder Au dje zarteste Blume nur, Von jeder Blume nur den zarten, Heiligen Henig sich auscrwahltcn. In deinen Büchern athmet der Wohlqeruch Für alle Welt, jetzt. Viele der Becher hat Dein süßer Trank gefüllt und viele Durstende Seelen mit Lust erlabet. Jeremias Drexel, von der Gesellschaft Jesu. (A. d. H.) Lyrische Gedichte. S2 Wer hat dcn Weg der Sterne, der Tugend Pfad Dem Menschenuolk mit holderer Anmuth je Als du geöffnet i Furcht und Schauer Sinken dem Zitternden, selbst wenn Deine Gerichtstrommet', die Stimme der Ewigkeit, Ertönet. Leise wehen die Schauer ihm Nur Nahe Gottes. Unvermcrket Lernt er die Listen des falschen Glückes Verachten, lernt die Schimmer des Ruhmes, lernt Der Fama Donner, und des gefürchteten Hochgrimmes Blitz, dcr Ungcwitter Kühlende Regen mit Füßen treten. Hoch über Zufall, über Vergänglichkeit Und nichtqe Sorgen rücket im Hauch uns fort Dein Sonnenwagen, der durch alle Sterne der himmlischen Laufbahn fahret*) So lebtest Du Dein Leben, für andre nur; Im stillen Schatten, selber ein Schauplatz Dir, Zuschauer dir und Spieler. Friedlich Wallten die Stunden, ein reiner Bach, hin. Dein Mund war aber mehr als Apollifches Orakel; Deine Mäße, die heitre Stirn, Die sanfte Wohlgestalt, die schlanke Heilige Dürre gebot Verehrung. *) Anspielungen auf dieses Greises Schriften und Lehrari. Lyrische Gedichte. 9Z Nun bist du Asche. — Muse, du weinest? Wen Beweinest du ? Tritt, nahe dem Grabe, sanft! Er schlaft. Des müden Greises Ruhe Störe der leiseste Tritt und Ton nicht. Das glückliche Alter, Den nur nenne den Glücklichen im Alter, Der der nützlichen Jahre viel gelebt hat, Der mit Edelgesteinen, nicht mit schlechten Kieseln ste zahlte. Mehr als nackte Gebirge gilt Ein Demant. Lange Jahre des Thoren übertrifft Ein Tag des Weisen, wie eine Traube tausend Beeren am Schleedorn. Wiele weben umher, und ach wie wenig Leben! Lebet der Körper? Das Gemüth nur, Frei von Sorgen und Schuld genießt und brauchet Tage des Lebens. Die Linde. Nach dem Tode zu leben, ist Etwas! singen die Dichter; Ich sing' ein solches Leben euch. Sammlet euch her zu mir hier unter den Schatten des Baumes, 94 Lyrische Gedichte. Der vor dem Heilgen Tempel grünt. Nicht entwachsen ist Er der gemeinen Wurzel des Waldes; Er war ein Mädchen. Höret Mich! Eine Elsaßcrin sie, in Zabern war sie geboren, Schön- daß auch Paris ihr vielleicht, Hatte sie es begehrt, den Apfel ertheilet. Sie wollte Den Apfel nicht. Es herrschete Pallas in ihrer Brust, eine höhere Pallas. Und obwohl In aller Musen Künsten sie Mutter und Vater erzogen, die Rosalinde sie Nannten - So blieb sie doch Ihr selbst getreu, Eine der heili gen Musen. Und sprach zu der Rede des Vaters: ,-O Tochter, Willi du dann uns Nicht Einett Enkel geben?" und sprach zur Rede der Mutter : „ O Tochter - Willi du dich nicht bald Froh vermählen?" ein sittsames Nein. — Und floh, eine Daphne, Sie floh der Haine viel hindurch - Und stand hier vor dem Bilde der Göttin. Strahlen des Ausgangs Umglanzten die H iM m l isc he. Also flehte sie ihr: „Auch soll kein wilder Orkan Mich " Von dir abtcißcN, Liebliche! Gönne mir Zuflucht! Hier will ich leben und sterben." — Mit Zittern Thal sie dctt hcilgen, süßen Schwur. Lyrische Gedichte. ö6 Und umkcanzte die Göttin mit Waldesblumen , mit Blüthen Der Linde, die sie ihr erkohr. Ach, und wünschcteost ein Zweig zu werden der Linde, Ein Blümchen in der Göttin Kranz , Eins der Veilchen, der Narben. — „Und wenn Mir dieses versagt ist, So, sprach sie, Hilst mir Frömmigkeit. Eine Dienerin bin ich der Göttin." — Sie baute den Pilgern Laubhütten zur Erquickung. Sie Holte dem Durstenden Wasser der Quelle. Sie labte den Fremdling Mit Waldesfrüchken, küblete Kranke; sie war dem MattcN die duftende Blüthe des Baumes; Und streute süßen Wohlgeruch Vor dem Zuge der Jauchzenden, die Zum Tempel der Jungfrau In vollen Strömen wallcteN. — Fünfzehn kurze Jahre verlebt' ein blühendes Leben Das Mädchen also; und der Tod Stand vor ihr. „O Göttin, so bat sie, rcineste Göttin, Auch mit dem Staube unvermahlt Möcht ich bleiben!" — Sie starb, und im Augenblicke des Scheidens, (Ein süßes Wunder!) sprosseke Nicht zum Lorbeer empor die heilige Daphne; zur Linde, Zu dieser Linde sproßte sie. Thut sie nicht noch, was sie lebend gethan? Sie dienet der Göttin, gß Lyrische Gedichte. Und wacht vor ihrem Tempel hier, Neiget das Haupt und bewegt die Arme Mit süßem Verlangen, Und grüßt mit sanftem Säuseln sie. Könnte dein Dhr vernehmen die zarten Worte der Blatter; Du Höretest ihr Ave noch. Und sie winket den Pilger in ihre Schatten; sie küdlt ihn Vom Sonnenbrände, decket ihn Wie sic im Leben gcthan, mit duftenden Zweigen; sie labt ihn Mit Blükhen himmlischen Geruchs. Höret ihr nicht, wie sie jetzt dem Ehorgesange des Tempels Zulispelt? wie ein hcilger Schauk Sie ergreifet? Auch schonet der Blitz die heilige Daphne; Wer einen Zweig von ihr empfing, Fürchtet Jupiters Strahlen nicht mehr. Der umliegenden Gegend Heißt sic die hei lige Linde jetzt. — Nach dem Tode zu leben, ist Etwas, singen die Dichter; Ein blühend Leben lebet sie. Mutter Lyrische Gedichte. 97 Mutter und Kind. Jungfrau, der ihr Knabe dies Himmels-Antlitz, Und Sich selber verlieh, scy mir gegrüß.t! Viel Gelübde danken dir hier ; es flehn dir Viele Gebete Schutzgcttin der Gebeugten, wende gnädig Dessen Herz, den im Arm du tragest, zu mir- Nicht mit Worten; du darfst mit Einem holden Blick ihn nur anschaursi Die Langsam-Sterbende *)r Der Bach des Lebens rieselte sanft hinab > Da hoben neue Freuden die Seel' empor Der Sterbenden; und ihre Seufzer Wurden zu Tönen: So sprach die Heil'gb: „Verweilst Du? Du mein Leben, 0 süßer Tod! Sieb, Schmerz und Krankheit, Deine Gesandten unß Brautwerberinnen, zierten längst schon Deine Geliebte. Die Kranze duften, Es flammt das Dehl der heiligen Lampe; die Vestale wartet! — Flamme der Jugend nicht; Es brennet sie der Reif der Jahre, Eisiger Winter wird in ihr Flamme. Die heilige Genovefa von Paris. (H.) Herders Werke: Lit. u. Kunst. XIV: G 98 Lyrische Gedichte. Tod schwimmt in Augen, klopfet im Herzen mir; Mein Eingeliebter Liebender ist der Tod. O Bräutigam, hast du vergessen, Wie du mir einst in der Mutter Garten , Als sie, von deinem Baume die Hochzvitfrucht Für mich auch brechend, dir mich gelobcte, Hast du vergessen, wie du damals Mir dich gelobetest: „D u wirst sterbeNi" Der Hochzcitgabe nah' ich in Freude jetzt; Sie ward ja allem Lebenden zum Geschenk. Auch uns gehört wie unfertt Vätern Staubes ein wenig, die Handvoll Asche. Komm also, Larve, schöner als Iris mir! Ihr holden Schatten, Helle Gestirne, kommt! Geliebtes Dunkel, meiner Seele Naher - und näheres, Licht, erscheine! Glänzt nicht mein Stern der Liebe, mein Braut sterN dort? Mich dünkt, die Manen streuen (Zypressen mir ZuM Brautbctt. Scl'ge Nacht! Der letzte Tödtliche Schauer wird mir Entzücken, Entzücken froher Geistes - Umarmung. Brennt Die Fackeln an. Es leuchten zu Grabe mir Der Hochzeit Fackeln. Ihr Jungfrauen, Kleidet in Lilien mich die Braut an. Blaß ist die Liebe. Sollte die Wange mir Nicht blaffen? Fliehe, fliehe den Lippen dann Die letzte Rose! — Wo, Geliebter, ^ Weilest du? welche der Pyramiden, Welch Mausoleum treuer Bcgrabnen halt Dich mir zurück? Wie, oder verweilet dich Ein zarter junger Lebensfaden, Den du mit lindem Erbarmen kürzest? Wenn du nicht eben Völker und Schaaken »iahst- Auf dunklem Roß ein Sieger. Und hast darob Vergessen meiner armen Kammer, Daß die Vcrmahlete jetzt dem Tauben Beredt, dem Blinden schön ist. Du pflegtest sonst, Barmherziger, die Hütte der Armen gern Pallästcn vorzuziehn, und früher Sie zu erquicken mit deinem Balsam. Bin ich aus Deinem goldenen Köcher nicht Des Pfeiles wcrth? Sieh, offen ist meine Brust- De» süßen Pfeil erwartend. Lieben, Lasset uns lieben! Die Adern brennen In Glut mir. Windest, windest den Kran; du mir Von Myrth' und Rosen? Blumen Elysiums Umduften mich. - - Kein Tod! - Es reicht mir Dunkle, erquickende Bluirien Christus. Das ungebundene Schicksale öaß die Muse mit losgebundcnem Haar gehn! Löse, Thalia, das Haar. Zu beweinen dm Tod des erblichenen rosigen Jünglings 100 Lyrische Gedichte Darf cs keiner gebundenen Tone. Lachesis liebt sic nicht; sic eilt und kürzet den Faden , Ohne die Jahre zu zahlen. — Gesetzlos Kümmert sie nicht das Band und die Reihe der Dinge. Unser Rosanius! Da Liegest du nun! die frühgebrvchne, Schnellzertretene Rose der Musen. Ach von seinen Purpurlippen Ist die Rothe geflohn! Ein Fieber Hat sic verjaget. -— Blume der Mutter, des Vaters Auge, der Brüdek glanzendes Kleinod, Bist verscharrt in plebeischcr Urne. Wir, so lange wir leben, tragen verschiedene Namen , Heissen Künstler, Schiffer und Edte, Heissen Dichter, Mächtige, Fürsten, Oder zu Gaben und Steuer gebohrne Bürger uitd Bauern. Wenn wir nicht mehr leben, so haben wir alle Einen Namen; wir heissen Schatten; Anders nennet uns nicht der Schatten König. Wem aniho die Fackel der Jugend Herrlich flammet; in kurzem wird mit erloschener Flamme Er in Asche sinken. Es geht zum Grabe Jeder von unfern Tagen; der Tage letzter Kommt hinan. Kein nahender Tod ereilet Uns; wir eilen zum irahcnden Tode. Naturordnung. Naturgesetze walten im weiten Reich. Des Lebens. Jüngling, sind sie dir zweifelhaft? Aufsteigt die Sonne, daß sie sinke; Blühet die Blume nicht, daß sie welke? Nothwcndig ist der hohen Natur Gesetz, Nothwendigkeit die Krone des Erdenlaufs, In dem auch du, o schöner Jüngling, Wurdest, und bist, und dereinst "n ic ht mehr bist. Philosophie des Lebens. An Caspar Barlaus. Trennen Länder uns gleich, Wälder und Berg' und Strom; Dichter, wo sie auch sind, sammlet der Helikon. Fels und Mauer durchdringt, Riegel und Schloß verschmäht Ihre Stimme, die göttliche. Also sind'ich auch Dir, ferne zum Mecresstrand' An die Amstel hinaus meine Picrische Töne, schliefse mein Herz, schliessc den Busen aus, Der im Deinigcn wiedcrklingt. io2 Lyrische Gedichte. -Mein Barlaus, vernimm. Gold, die verächtliche Erdc-vschvllc, sic stiehlt Ruhe der Seel' hinweg. Ncichthum ist mir verhaßt, der mir cin Mciniges Mehrt, und raubet mir selber M i c h. Kleinen Seelen ist groß, was den erhabenen Seelen klein ist. Ein Gut möcht' ich besitzen, das Mir zum bleibenden Gut nützlicher der Gebrauch, Und die Zeit mir geliebter macht. Was die Schickung gewahrt, kann mir die' Schickung auch Nehmen, Ich hoffe nicht, weil ich nicht fürchten mag. Hoffnung flieget voran, und die Begleiterin Furcht ist immer im Rücken ihr. Ohne Sorge, wer ists? Wenn die Bistonisch? Tuba tönet, wer ists? Der des erworbenen Schatzes sicher, nur Si c h, einig allein nur Sich Und nichts sonst zu bewahren hat. Laß die Rotten umherstreifen! Die Trommel tönt, Tönt zum Raube; das Horn rufet zur Plünderung; Laß sie plündern; begehrt irgend cin Raubender Meine Leier? Begehrt er mich? Pöbel wünsche sich Viel! auch ein Unendliches! Mein geschlichteter Streit legt mir ein Urthcil auf, ,,Abzusagen dem Wunsch." Kann ich erjag?» nicht, Darf verachten ist desto mehx. Lyrische Gedichte. > io3 Hat Pythagoras wohl, hatte Diogenes, Dieser, wenn cr den Strom schöpfte mit eigner Hand, Jener, wenn er Gemüf ohne Fasanen aß, Je den Schlemmer beneidet? Nie! Kaisers Tasel besetz' Auster und wildes Schwein; Schwarze Sorge besetzt jegliche Schüssel. — Dampf Bon Germaniens Glut, Rauch der verödeten Städte steigt von den Schüsseln auf. Manche Larve des Glücks klopfet an unsre Thür, Spielwerk beut sie uns an, Sceptcr und Würd' und Gold. Reiß' ihr, eh' du den Tand kaufest, die Larv' hinweg Vom Gesichte, so schön cs lacht. Scheue jegliches Rad, das dir mit Quaalen droht. Nicht des Henkers allein, siehe, der Zeiten Rad Und des Glückes, das sich auf- und darnieder stürzt. Droht mit Quaalen und Schande dir. Weiß ich, daß sich mit Muth Alles ertragen laßt, Trag' ichs. Klagend der Noth schmeicheln, ist Knech- tessinn; Mir gefallet im Schmerz, mitten im Schmerz gefallt Mir die duldende Majestät. Was gebeutst du, Geschick? „Leiden!" Ich folge dir. „Froh zu leiden," Geschick, wenn du mir das verbeutst, Folg' ich nimmer. Du thatst, was dir gebührete; Laß mich thun, was auch mir gebührt. Lyrische Gedichte. Meine dürre Gestalt prüftest du oft und lang', Warfst mit letzter Gefahr nieder zu Boden mich; Dank dir, daß du damit mir in dem Kerker schon Leicht die Fessel und los gemacht. Fahre weiterhin fort; siche, so stiegt der Geist Auswärts: denn er ist frei. Drohe mit hartrer Pein; Auch sie machet die Zeit, oder der Tod mir leicht; Leicht die Zeit, und der Tod sie kurz. Wenn mein Nache zerfällt, wenn ihm der Lüfte Sturm Und die Welle des Meers Segel und Mast und Boort, Ruder, Steuer entreißt, bleibet mir Eines noch; „Schwimme!" rufet die Noth miv zu, O wie wird das Gemüth , (rufet die letzte Noth, Ruft das höchste Gesetz: „Schwimme!") wie wird es groß! Warum soll ich den Tod fürchten? Er kam und sich. Er, der Linie letzter Punkt. Gelten Meynungen dir, oder die Wahrheit? — Ganz, Ganz verdampfen wir nicht in die gemeine Lust. Dem Verdieneten bleibt Leben; die Lebensform Scheint zu schwinden, und wechselt nur, Unsre Fabel, gespielt wird sie und ausgespiclt. Völker, Reiche, die Welt spielen die Fabel; oft Jsts die kürzere nur, selten die längere, Die uns schön und die schönste deucht — Lyrische Gedichte. roh End' auch du, o Gesang. Lege, Melpomene, Ab die Leier, leg' ab, Muse, den Rosenkranz Deines bräunlichen Haars. Werde Najade, schwimm' Als Najadezur Amstel dort. Singe, was ich dir sang, meinem Barlaus. Dann Wirs die fremde Gestalt, Oceanide, ab, Zeig' ihm, was du ihm bist, Schwester; und grüß' ihn hold Mit vertraulichem Schwesterkuß. Er ists, .der dich so oft, Göttin, und neulich noch Tauschte. Glaubtest du nicht, daß von Apollo selbst Wiederklänge der Hain ? Muse, du irrtest dich; Nicht Apollo, Barlaus sang. Die Todtenstätte, Wie sich des Meeres müdeste Fluch zuletzt Am Ufer leget! Wie sich der Segel Stolz Zusnmmenzieht, und alle Wellen Endlich im Hasen dgniedcrbrauscn! Hier ruhen sie in Stille beisammen. Kein Sturmwind ertönt. Der Pomp des Gewitters ist Vorüber. Auch die Ungeheuer Liegen im dämmernden Schlaf begraben. Der Hofwind ist vorübergesauset. Neid Und Rachgier sind verstummet. Verläumdung bat Den Hauch verweht. Nur Eine Stimme Lispelt hier leise: „Der Mensch ist Asche!" Auch uns erwartet unwiderruflich einst Die Statte. Früher, später ereilt sein Loos Den oder Jenen. Diesen ziehet, Jenen Rebellen des Schicksals zwinget Ein Machtgebot hin unter die Erde. -— Lang' Befürchten wir, was kommt und vorüber ist; Und stehen bereit auf jeden Zufall , Alle gebohren sogleich zum Tode. Im Namen Leben lieget der Tod. Es treibt Ein Jahr, Ein Alter treibet das Andre fort. Den Knaben tödtcte der Jüngling, Diesen der Mann, und den Mann der Greis einst. Ein Raub ist unser Leben; die Räuber Wir, Und fliehen als Räuber Alter nach Alter durch In wechselnder Gestalt; Dieselbe Nimmer, und immer im Wahn Dieselbe. l < Verwandle dich, o Proteus, wie du magst; Wenn Gott gebeut, so bleibet dein Antlitz dir,. Die Todtenlarve. Schiff und Nache Liegen im Hafen hier bei einander. Gekrönte, wie geschorene Häupter sind Hier Schädel. Suche, such' und erkenne siel Der Herbstwind hat die Blatter alle Niedergesauset, und Blüth' und Blumen. Wer mahlte seine Wange? Wer schwärzere Sein Haar? Die Schlange wühlt im Jdalischen Lustgarten. Schauet her, ihr Schönen, Denen das Leben ein süßer Schein ist, Lyrische Gedichte. 107 Kommt her und schauet, denen im Spiegel jetzt Ihr Antlitz,-wie der Stimme die Echo süß Zurücke klingt, in diesen Spiegel Schauet. — Wo bin ich? Es schweigt die Muse. Gott. Hangen wir alle dann von Einem mächtigen Blick ab; Wohl! so sey es gewagt, Alles Ihm zu vertrauen, nichts für uns selber zurück zu Halten; wir hangen an Ihm, Will Er, daß wir tpeiben den Pflug in Lybischem Sande; Oder in Caucasus Schnee, Will Er, daß in Jonicns Meer wir kreuzen , und stocken In Karpathischer Bucht; Mögen andre des Meers Untiefen messen, und horchen Auf der Vogel Geschrei; Aengstljch lauschen, wohin die Lüfte streichen? Der Neumond, Was er mit seinem Gesicht Prophezeihe? ob dunklere Nebel? wie oder mit heiterm Antlitz glückliche Fahrt? Ob^er schlummre, oder imit seinem Horne den Abgrund Wühle zu Fluthen empor? Hieß uns gehen der Gott; so halt kein Nebel-Orion Unter den Wellen uns auf; io3 Lyrische Gedichte. Spaltet' er auch mit seinem Orions-Schwerte das Schiff uns, Brüder, uns rettet ein Brct. Auch mein Alter meß' ich nicht mehr nach Jahren der Sonne; Hang' ich am sonnigen Strahl? Meine Sonn' ist ein höheres Licht, ein schöneres! Djcs nur Zählet die Stunden mir ab. Ueber des Himmels Bogen und über alle Gestirne Spann' ich zum ewigen Ziel Meine Senne der Brust, und schieße den Pfeil, der unendlich Fliegt und so sicherer trifft. Das Götter leben, Dich besing' ich, wahres Leben, Süßes Leben, Götterleben, Das kein Alter je beleidigt, Keine Hora neidend kürzet, Das in Paradiesesströmen Nektar uns, und Milch und Honig, Seligkeit und Freude strömt. Wo im Purpurlicht Aurorcns Unvcrwelkt der Freundschaft Rose, Und der Liebe Rose blübet; Wo auf Wiesen nur die Blume Sich mit Edelsteinen zieret, Und im Glanz der Morgensonne ewig neu die Schöpfung lacht. Wo der Mai, ein schöner Jüngling, Dem Verdienste Kronen windet; Alle Frühlingsweste bringen Balsamdüste, den zu laben, Den der Ausecwahltc krönet, Lieb' und Anmuth, Scherz und Wahrheit, jeder Huldreiz krönet ihn. Und die Goldbedcckten Baume Neigen sich zu ihm hernieder; Vlüthenbüsche steigen aufwärts In Gerüchen) und die Eeder Rauschet Lobgesang der Palme; Frcudcnthranen weint die stiebe; die Cypresse mangelt hier. In den Thälern, auf den Höhen Wandeln Grazien. Sie singen Hier der Unschuldliebe Freuden, Dort die Trauer der Geliebten, Schwingen sich zu ihnen nieder, Freundlich trocknend ihre Thronen, lösend sie zu süßem Schmerz. Jene feiern in 'Triumphen Schwere frohbestandne Leiden, Schauen unter sich die Erde, Eingehüllt in Blitz und Wolken, Und in dunkle Nacht und Nebel; Blitze zischen; Leidenschaften morden und beneiden dort- Sic in cwger Fricdensaue Werden nie des Friedens müde- Ihre Dienstbarkeit ist Freiheit/ 110 Lyrische Gedichte. Ihre Tätigkeit Erquickung, Einklang ihre Wcchseltöne, Harmoniken ihre Zwietracht; all ihr Leben ist Gei sang. Und das Ende des Gesanges » Ist sein Ansang. Wie die Sonne, Wenn sie aus dem Meere steiget, Wie der Mond im Kreis der Sterne, Wie die Stern' im Iubeltanze Glanzen ewig und beginnen ewig sie der Freude Ehor. Wagst du, mein Gesang, dich hoher? Tauchest dich in jene Tiefen, Wo mit jeglichem Genüße, Seliger und stets verlangend, Freude, Wunsch, Begierde wachsen, Wo die höchste Fülle Lechzen, süßer Durst die Labung ist. Wo im Abgrund aller Freuden Untergang sich jeder wünschet, Und im Untergange niemand Sich nach Käst' und wer sebnet, Wo Entrinnen Qualung Ware — Tauche, mein Gesang , den Dichter , tauch' ihn ganz in dieses Meer. Dir, meines Lebens sanfte Regiererin, Des zweiten Lebens fröhliche Hoffnung, Dir O Göttin, ward ich eigen; gönne Gönne mir also, eh dies mein Auge Sich brechend schließet, Thränen in süßem Schmerz, Die meine Schulden tief in den Abgrund hin Verschwommen; dann o zarte Jungfrau, Ende mit gleitendem sanftem Finger Den Faden. Keine, keine der Parzen trennt Wie Du ihn leise. Möge des Lebens Born Aus meinem Herzen, wie ein Bächlein In das unendliche Weltmeer rinnen, Ins Meer der Ewigkeiten. O ebne mir Die dunkeln Pfade, die ich da wandern muß, Und bette meinen Leib im Schlummer Unter die Erde. — Geloben mögen Dir Andre große Gaben; ich sinke selbst, Ein willig Opfer, Lorbeer - umkranzet, rings Mit Tanten die Stirn umwunden, Schweigend danieder vor deinem Altar. Viertes Buch. Die heilige Begeisterung» Von Himmels Auen führ' ich ein Roß dir vor, Von Au'n der Sterne ! Keines der Goldnen, die Apollo treibt, Adrasts Arion, Siegend im Kampfe, mag Ihm sich gleichen» Nicht Pollux Roß mit flammenden Fittigcn, Nicht Lanthus, der den stolzen Peliden trug Schau, wie das goldene Gebiß es Beisset, und schüttelt mit edlem Unmuth Den ZauM-Smaragd^ sein glanzendes Halsge schmcid'; Und schäumt, als ob es Zügel und Edelstein Und Schmuck verachte. Am erhobncn Prächtigen Nacken , wie fliegt die Mähne > Die nicht der Hebrus, nicht der Argäcr-Reif Gespült; es wusch sie heilige Jordanfluth. Des blauen Himmels und des Meeres Dunkleres Blau ist des Rosses Farbe. Jetzt Lyrische Gedichte. r l3 Jetzt vor der Rennbahn stehend des Erdelaufs Blickt es hinauf gen Himmel. Es wird dir nie Den Hals zum Ackerpfluge beugen, Oder zu wühlen in Eyperns Scholle; Nicht mahlen dir im schmaklichen Mühlcngang', Nicht tragen ein unwürdiges Joch der Müh; Auch des gemeinen Ruhmes Bahnen Edel verschmähend, erhebt das Haupt es, Und stürzet schnell wie Winde, wie Blitze schnell, Durch Feu'r und Flukben, über die Felder hin, Daß seinem Hufe kaum der Halm sich Beuget, cs netzet ihn kaum die Welle; Dahin, wohin sein höherer Trieb es ruft. Wie Donner tönt sein freudiges Ungestüm, Wenn die Trommct' erklingt; es schnaubet, Stampfet den Boden und eilt zum Streite, Und achtet weder Pfeile, noch Lan;' und Schwert, Noch Fackeln, die ihm drohend cntgegenwirst Der Zorn, die Ehrsucht, die Begierde, Oder der blähende Stolz des Feindes. In Kampfes Mitte kennet es keine Flucht; Von fernher witternd, mitten im Sturm des Streits Erspäht's Neronen. Mari Minen, Deciern schnaubet es Grimm und Weh zu, Und tritt zu Füßen, was ibm entgegenstrcbt, Und hebt den Reiter hoch zum Olymp empor Als Sieger. Kreisend in den Lüften Traget es ihn zu Elea'ö Palmen. Herders Werke, Lir» u. Kunst.XIV. H Lyrische Gedichte. Schwing' auf das Roß dich, Edler! Es fliegt mit dir Hindurch dns Leben, über Gefahren hin. Ergreife nicht den Zügel; muthig Traget cs dich zum Olymp und sicher. Die eigenwillige Leyer. Eitel ist, auch die Dichtkunst selbst ist eitel! Oft beschämet sie uns; uns tauscht Apollo, Daß die Leier unwillig uns'die liebsten Tone versaget. Huldreich lachte der Morgen. Dort am Himmel Stand der bleichende Mond; indeß die Sonne Aus dem Bette der Rosen stieg, und freundlich Alles umstrahlte. Vogelfängen; sie hatten kaum verlassen Ihre Neste; vor allen sang die holde Königin der Gesänge, die dem Dichter Frühe den Schlaf raubt. Aufstand ich und beschaute weit den Himmel, Schaute munter umher die rege Schöpfung. „Laß uns singen, so sprach ich, holde Leier, Morgengesange, Frohen Morgengesang dem Vaterlande. Könnten unsre Töne des armen Deutschlands Jammer stillen, und seiner bittern Tbranen Ströme vertrocknen!" Lyrische Gedichte. n5 Munter griff ich; die widerspenstge Leier . Tonte fremden Gesang. Wie Balaam dort Mußt' ich Segen singen, den ich im tiefsten Herzen verwünschte. Also wallet im Meer das schwache Segel, Widrigem Wind' ein Spiel, indes? das Steuer Machtlos kämpft und die Ruder und der Schiffmann Traurig crseufzen. Starker griff ich den Ton. Des Vaterlandes Unbezwingliche Glut im Herzen sollte Glück ihm singen, und ach im Todesfroste Starrte die Hand mir. Wie im Schlafe, so sang ich: „Hohes Deutschland! Laß den Kummer hinweg! Die Feinde fliehen; Ein glückseliges Land, du wirst es bald scyn, Allen zum Neide. Reich an edler Bcrathung! Reich an Klugheit, Wie an tapferem Muth! an Fürslentrcue, Wie an Treue des Volks; an seiner Glieder Innigen Eintracht, An Vernunft, am Geiste des Vaterlandes!" — Also sang ich matte gezwungne Töne; Andre gab mir Apollo nicht; und hatt' ich Wilde zerrissen Meine Saiten. O eitel ist die Dichtkunst! Dft beschämet sie uns, uns tauscht Apollo, Daß die Freundin Leier uns ihre liebsten Töne versaget. H 2 i r6 Lyrische Gedichte Nach der Eroberung Breisachs im dreißigjährigen Kriege. Des Flakkus Eithcr reiche mir, Knabe, die Dort an der Wand hangt; jene, die silberne, Nicht dieses Rohrgewachs, das Pan mir Nur zu Gesängen der Landlust schenkte. Was soll mir Buchsbaum? Jene, Böotier, Die dir zur Hand ist. Weißt du nicht, wie ich langst In ihre scharfen Silbertöne Liebende Thrancn und Trauer mischte? Nun schleuß die Thür, und ziehe den Riegel vor, Daß meine Seufzer, Seufzer ums Vaterland, Kein fremdes Ohr belausche. Muse, Gib mir, o Muse, Gesang zu Thrancn. „Wo Gott der Herr nicht selber das Haus beschirmt. Wo Gott der Herr nicht selber die Stadt bewacht; Umsonst sind Eure Wall' und Thürme, Wachen und Sorgen, sie sind vergebens. Des Reiches Brustwehr, Unseres Jupiters Tarpejer-Burg hat Brennus erobert!"—> Wer O Knabe, hat an dieser Cither Alle die Saiten gelöset? Wer hat. Unglücklicher, die Töne mir ganz und gar Verwirret? Stimm' ein anderer Flakkus sie! Mich eckelt der sinnlosen Mübe. — Reiche den Becher! hinweg die Saiten! Lyrische Gedichte. !L a 17 Der Tod des Helden. Was erzählst du , Gerücht? „Er ist gefallen? Pappen heim! Er erkämpft im Schlachtgesildr Nicht mehr Siege des Ruhms; er feiert drunten Schattcntriumphe." Schweig', Unglückliche, schweig'. O deine Waage Wagt Verdienste der Männer nach Erfolgen , Nicht nach Werthe der That. Kein Zufall schmälert Würde der Tugend. Körper fallen im Unglück; doch kein Unglück Raubet ihnen die Ruh auf großen Thaten; Ruhe, die den Gefallnen, sank er würdig, Würdiger darstellt. Was ist'Pöbelgerücht? Der Großgefallne' Liegt in Große. Den Tupfern drückt der Sturz nicht; Sondern hebt ihn empor. In schönem Zorne Bebte der Stamm nach, Äls die Eiche daniederstürzt. Ein mordend Eisen fällete sie; da neigte brausend Sich der Wipfel; es sauseten im Wipfel Heulende Winde. Schaut den Helden; es zieren ihn die Wunden. Dieses strenge Gesicht, noch streng' im Tode, Dies zerhackte Gebein — es füllt mit heiligem Schauer die Seele. Lyrische Gedichte. n8 So erfüllet den Geist die hingesunknc Mauer Roms; es erschreckt mit hohem Grausen Uns im Grabe der Vorwclt ein zertrümmert Heldengcbildc. Also lag, wie die Fama sagt, auf RhoduS Einst dnniedergesiürzt vom Sturm dcr Zeiten Jener Sonnenkoloß; auf Meer und Lande Lagen die Trümmer, Und der Wanderer sprach, indeß Kamccle Eine Spitze des Fingers fortbewcgten: „Großer Mann! den Olymp hinüber ragt' er Dis zu den Sternen." Die E h r b e g i e r d e. Nach edsln Männern strecket die Ehrbcgier Sorgfältig aus die Scheeren, und halt sie fest. Die Hände bluten; der Ergriffne Seufzet im Inneren. Dcnnoch läßt sie Die Hand nicht los ihm, bis, wie ein Kind, ec weint — Und ließ sie loß ihn; kehret er bald zurück Zur alten Pein. Mit neuer Sehnsucht Sehnet er sich nach gewohnten Schmerzen. — Was füllet unsre Tage mit Noth und Weh Und Gram und Unruh? Traurige Ruhmbegier, Um welchen Lohn, mit welcher Mühe, Suchest du Krieg und Gefahr und Wunden Lyrische Gedichte. irc, Und Tod! — Wo irgend, irgend des Reiches Zaun Ein Ritzchcn spaltet; siebe, da steht der Wolf, Und wetzt den Zahn, indes im Innern Lämmer, unschuldige Lämmer zittern. Er wetzt den Zahn nach Beute. Die Beute macht Ihn Ruhmvoll, glücklich! — Glücklich? o glaub' es nicht. Triumphe, Krieg, und Nahm'und Titel, Ehren und goldene Beut' und Wohllust Sind nicht Gemüthesgabcn. Der Dichters spricht: „Wer, wenn er Alles, Alles Sich einig schenkt, Und nichts von außen sich versaget, Außer Sich selbst, der verstrgt sich Alles." W a l l e n s t e i n. Nicht, wieviel im Besitz, oder worinn du ihn Habest, machet dich reich, machet dich groß, Myr- till; Sondern wie dn das kleinste Eigenthum zu verwalten weißt^ Schätze werden im Brauch Schatze. Das beste Gut Nützt der Schlechtere schlecht; selber dem Glück erlaubt Ers nicht, daß es sein Füllhorn Ihm ausleerc zu seinem Wohl. 120 Lyrische Gedichte. Diesen Schönen, es ziert seine Gestalt ihn nicht; Jenen Großen beglückt Titel und Würde nie. Auch dev Schatte des Lorbeers Machet Manchen am Haupt nur kahl. Wer sein edleres Blut schnöde mit Lastern schmäht, Ist ein Armer; und säß' hoch er aus Crösus Thron. Manchen schändet der Purpur, Und je mehr er ihn aushellt, mehr. Dies unwürdige Haupt traget die Mitra, wie Pluto's Sceptcr der Kahn-rudernde Charon trägt. Ist der Consul ein Weichling, Drohen Fasten und Bei!' ihm selbst. Goldestrunken erlag CrafsuS; wie Hannibal, Selbst vom Siege besiegt, unter der Beut' erlag. Jene wiedcrgcfundne Gemme drohte dem Polykrat. — Zugezahlet wird einst diesen Geschichten auch Wallcnstein. Wie ein Dampf stammet' er und erlosch, Er, ein Balle des Glückes, Er, ein Mahrchen erhabner Macht. Hochmuthsthwindelnd ersah Er des Sejanus Bahn Sich zum Laufe; da trug Ihn auch Sejanus Pferd. Uebercilet und stolpernd Stürzt' es nieder ; er brach den Hals. Lyrische Gedichte. r2r Die Kriegszucht. Der Feldhcrrn giebt es Wenige, denen MarS Auch ohne seine Eypria wohlgefallt; Die an den Schild die keusche Schläfe Muthiger drücken im kalten Lager. Was tönen dort für Stimmen im Kriegsgezelt? Geschrei der Kinder, Weh der Gebahrenden. Wen traget jene Schaar von Wagen? Wcibergcpack; o der Zeiten Schande! Denn stumpfte Venus jeglichem Helden nicht So Schwert als Lanze? spannte den Bogen ihm, Und Arm und Muth ab, daß die strengen Sieger, ein weichliches Heer, erlagen. Mein Zeug' ist jener Punier. Kapua BesiegteiEann a's Sieger. In Wohllust sank Das Heer zu Boden, dessen Fußtritt Spanien, Gallien, Rom erbebt war. Entfernt dem Lager bleibe das Weib. Und fern Dem Lager bleibe nichtige Deut er ei. Dein Glückcszcichcn sey, o Krieger, Männliche Brust und gerechte Sache. Denn sangen Schwane sieben - und siebenmal Dir Siegesgesange; brütet im Herzen dir Des innern Vorwurfs stumme Kröte, Furien singen dir in dcn Schwänen. 122 Lyrische Gedichte. Dem Vaterlande fließe dein edles Blut Zum Früdensopfcr. Fried n erkämpfe dein Umlorbecrt Schwert; und deine Lanze Sprieße zum schattenden schönen Palmbaum. Krieg ist Entscheidung. Wer sie im Augenblick Versäumt; es säum' ihn Trage, Vermessenheit, Vergnügen, Stolz — er ist ein Räuber, Räuber und Mörder des Vaterlandes. Wie viel der Reiche, o wie so manchen Sieg Verdarb Ein Dämon, neidische Eifersucht! Europa seufzet drob, und Knaben, Mädchen erzählen, was Ich beweine. Ein schneller Zaudrer (Fabius hieß er einst) Beschwingt zu Thatcn, wenn er zu säumen schien, Er eilet langsam, bis die goldne Reifere Frucht in den Schoos ihm sinket. Des Eadmus Enkel mögen im Streite sich Einander würgen; führe du offnen Krieg, Mein Feldherr, und dein Lager werde Keine Arena der falschen Ehre. Umschanze Deine Zelte mit Pflicht und Recht; Um keinen Preis verletze das hcilge Wort, Das Du gegeben; Ehr' und Treue Glänze Dir schöner als Gold und Perlen. Ein Sieger, der den Himmel und sich verschwur, Ist ein Besiegter; richtcrisch folget ihm Die stille Nemesis und Zeichner Was er berühret und Ihn zum Opfer. Lyrische Gedichte. 123 Dem Unterjochten, der du ein Feldbcrr bist , Laß Joch und Ochsen; laß ihn die Felder bau», Und gönne seiner Saut zu wuchsen, Daß sie dir reise zur Bürgcrkrone. Wenn werden meine Lehren erfüllet? Dann, Wenn alle Ströme meine» Germanien» Im Laus umkehren und der Rhein sich Eilig zurück in die Quelle walzet. An einen im Kriege vertriebenen Landsmann. Schallt mein freundliches Saitcnspiel In die Ferne zu dir, Summara; so vernimms. Der ich sonst mit des Orpheus Kunst Rhein und Donau verband, sende der Oöne Macht Nach Helveticas Thalern jetzt. Warum quälest du mich mit den verlangenden Seufzern hin in dein Vaterland? Klagst der Kriege Geschick, harter als sich» gebührt, Weich dir selber, mit Unmuth an ? Lern' entbehren. Auch ich meide mein Vaterland .Zwanzig längere Jahre schon. Bacchus kelterte dort; aber für mich nicht mehr: Ceres erntete; nur nicht mir. Langst entwöhnet anjetzt Jenen Gefilden, zieh, Wenn das Schicksal es so gebeut, Nach Sarmatien ich, oder ans schwarze Meer, Oder unter den Weltpol selbst. Mein Haus ist ein Pallast. Wo ich verweile, bin 124 Lyrische Gedichte. Ich gebohren. Ein Vaterland Wird mir jeglicher Ort; Tapfere finden es, Oder schaffen sichs überall. Wiel zu sehnend ersiehst du von dem barten Glück Deine Scholle zurück, und halst Dich vertrieben. Du bist, glaub'es, gewandert nur. — Gingen Römische Eolonien Zu bewohnen das Land, das sie eroberten, Sey du auch wie ein Römer dort, Und verbanne das Leid. Dein ist der Himmel ja, Der dich decket, die Erde dein, Die dein flüchtiger Fuß, (auch des Verbanneten Fuß) betritt. Und so lebe wohl! Wunderbar! Es erklingt dreimal die Cither mire Lebe, lebe getrost und wohl! Wirkungen des Unglücks. Wenn schwer der Himmel, schwer in Gestirnen drückt. Ertraget Atlas, bis das Gewölbe selbst, Daniedersinkt zu Herkuls Säulen; Also, Beladener, du auch trage Des Lebens Lasten. Ungemach machet nicht. Es zeigt, wer glücklich oder unglücklich sey , Und deckt im Kamps verborgne Schand' auf; Wen es erlegete, war nie tapfer. Lyrische Gedichte. 125 Beim Anblick einer Karte des Weltsystems. Sieh, oMemmius, sieh den wundernswürdigen Punkt hier, Auf welchem seit Jahrtausenden Casare Kriege geführt: Sprich, wo breitete sich die weite Pharsalische Ebne? Wo ist der Wassertropfe, der kkerxes Armade verschlang? Und doch standen sie dort bei Philippendie schrecklichen Heere; Vor Lerxes Flott' erzitterte Nereus; so singet das Lied. Dieses Punktum lheilet man sich mit Feuer und Schwertern; Non nah' und ferne fallen dann Heere der Menschen dahin. Ballspiel spielen die Fürsten; sie schlagen den Ballen zur Erde; Aufflieget er; und jeder rafft, Was er vermochte, für sich. Auf dem Punkt hier donnert der Zufall; seine Geschenke Verkauft das Glück; die Liebe schenkt Thalamus, Wiegen und Sarg. 126 Lyrische Gedichte. Zn dem Punkt hier sind die Tyran nen-Nester. Wo Jencr Sich stellte und verstellcte, Eaprca liegt in dem Punkt. Hier regierten die Galba; Nero nen sangen und tanzten; Hier bauete sich Adrian Seine Aegyptische Burg, Und noch immer erreget der Punkt so heiße Begierden ; Zu Schlachten ruft die Ehre, sie Ruft in das blutige Feld. Arme Streiter! Ihr schisst in einer mäßigen Urne; Ein kleiner V-ückcnflügel deckt Alles, worüber ihr kämpft. Habsucht zeih' ich euch nicht; in gar zu engen Kanälen Beschranken eure Wünsche sich, Nur um ein Pünktchen des Punkts. Ich bekenne den Stolz; mein Geist treibt höhere Wünsche; Vom Himmel stammend, schwinget er Ueber den Staub sich empor, Und durchwandert die Welt. Mein großes Haus ist der Himmel; Kein Erdcnwinkel schließet mich Ein wie den räudigen Hund. Lyrische Gedichte. 127 Mein Ocean ist der Aetber; in ihm verlieret der Punkt sich. Mein Ziel der Wünsche, meine Bahn Ist das Unendliche, Gott! Das Roß vor Troja. So ist es! Deutschland stirbt einen kostbaren Tod. Mit viel Gefahren, Leichen und Mühe baut Es sich sein Grabmahl. Sonder Aufwand Sollen die Trümmer es nicht begraben. Uns schmerzen Wunden, die wir mit eigner Hand Uns schlugen, und sie nähren mit eigner Hand. O Troja, Troja! unter Hektor Stündest du noch unerschüttert-glücklich, Hatt' eigner Frevel willig dich nicht entehrt. An deine Mauern stellte der schlaue Feind Den Waffen schwängern Berg, das Roß, hin, Das die erlesensten Krieger einschloß; Und deine Jugend scherzte, das Roß von Holz Beschauend; Haufen stürzten hinaus zu ihm, Und lauter Jubel scholl, je naher, Naher sie es zu der Mauer rückten. Denn also wollts die göttliche Schickung. Wer Vermag der Götter Willen zu widerstehn? Vergebens warnt und rennt den Spieß ihm Tapfer Laokoon in die Seite; 128 Lyrische Gedichte. Schon knüpfen Greise, Männer und Mütter sich Zum Einzugsrcigen. Knuden und Mädchen sind In Arbeit, unter Siegsgesängen Jauchzend das Roß in die Stadt zu fördern. Die knüpfen Seile; Jene, mit Leitern kühn Aufklimmcnd, Wersen um den erhabnen Hals Des Rchses Bande; Jene schenken Räder den Füßen des zahmen Unthiers. Der reißt die Pforte, jener die Mauer ein; Nun steht es endlich auf der erhabnen Burg, Und schaut in Unglückschwangrer Stille Aus die Gebäude der armen Troja. Ach, Haus des Priams! würdig des Untergangs, Das seinen Todfeind selbst in die Mauern zog. Ihr Bürger, konntet ihr den Sinon Nicht an dem tückischen Blick erkennen? Bald also rauchten P erg am ns Trümmer; spät, Zn spat nur ward der kindische Phcygcr klug. O Alcimus, und immer werden Kindische Phryger zu spat nur weise. Nicht Jlus nur hat thörichte Söhn' erzeugt; Auch in Europa pranget ein Ilion. Wie mancher Simois und Tanthus Färbte von Tcoisch-Ger manischem Blut sich. An unserm Busen nähren die Feinde wir, An unfern Busen locken wir Feind' hinan. —^ Ein glanzend Ende! Sonder Aufwand Sollen die Trümmer uns nicht begraben. Das Lyrische Gedichte. 129 Das Kleine. Alles Große beginnt Kleinen Beginns; Also dann endets auch. In der Hütte begann IeglicheS Reich, Jegliche Königsstadt. Dieser brausende Strom, Riß er am Quell Brücken und Mauern weg k Jener wimpelnde Mast, War er als Zweig, Was er im Meer jetzt ist? Alles wachst mit der Zeit; Freuden und Schmer; Häufet die Zeit hinan. Wer in Frieden und Krieg Kleines verschmäht, Hüte vorm Großem sich. Wer in Frieden und Krieg Kleines benutzt, Nutzet das Größte einst. Herders Werke. Lit. «. Kunst. XIV. H Lyrische Gedichte. i3o Deutschlands Klagegrsang. Den Kranz von Rosen legte Germanim Zur Erd', und streuet Asche sich auf das Haupt; Ihr Antlitz welket. Ihre Locken Fliegen zerstreuet umher. Was tönen Für Klageseufzer hoch zu den Wolken auf? Unüberwindbar - mächtige Königin Der Völker, sitzest du als Wiktwe Nieder am Boden, und schlägst die Brust dir? .„Was athm' ich langer? Ich, die Verachtete! Des Feindes Beute, Beute der Spottenden, Ich ringe zur Geburt, und kann nicht, Kann nicht gebären. O welchem Schicksal Erspar' ich mich? von innen und außen gleich Bedrängt, begraben. Neben einander liegt Macht, Ehre, Tugend, Glück und Würde. War es nicht Höhe, oie mir zum Fall ward? Wo sind die Zeiten, als ich der Erde.rings Gesetze gab, hinüber den Alpen, dort Am Belt, der Tiber, an der Scheide Weichsel und Rbone, wo Md die Zeiten? O gebt mich wieder meinen gefürchteten Eiskalten Wäldern, wo mich ein Tacitus Lobpries, und meine iapfern Söhne, Biedere Söhne die Mutter schützten/' Lyrische Gedichte. r3l Der Janustempel. An die versammleten Friedensstifter. Ja ich gedenke Deiner und weine. Was quälst du das Herz mir? Ich weiß es, daß du kaum noch Akbem holst, Deutschland. — Weiß, du li gest im Blut, .zertreten, im Staube, So lange jener Tempel osten steht. — Schließet den Tempel, o ihr verftmMlctc heilge Quirlten ; Fünf Lustren hat uns Mavoes Wuth geraubt. Schließet den TcMpel! Es hat der Lrkus traurige Schatten (Kaum fastete die Hausen Charon s, Schiff,) Gnug empfangen. Germanien raucht. Es trocknet die Augen Der Bürger sich an seines Hauses Glut. Anderes hat er nichts, sie zu trocknen; Scpthen und Barbarn Entrissen ibm sein durstig-letztes Kleid. Was Numanlium einst, was Ilion, ArgoS und Theke An Noth erfahren, haben wir durchprvbt. Sinnlos irret der Schmerz mit losgelastencm Zügel Durch öder Dörfer wüste Wohnungen, Durch begrabene Städte. Das Kind, am Busen der Mutter Verschmachtend, drückt die Nahrungslose Brust. — I u »22 Lyrische Gedichte. Ceres schauet sich selbst und die hungrigen Schaar ren mit Zorn an, Daß ihre Frucht von Menschcnblut erwuchs. Grausam herrschte der Tod. Den rafft' er in Eile; dem Andern Versagt' er sich; die Junafran dorste nicht Unentweihet zum Grab. Geschändet - niedergetretne Leichname sahn die ernsten Manen scheu. Und wie im brennenden Walde die Glut, so wachset der Krieger Ruchloser Sinn und Frevel Jahr auf Jahr. Weithin wütet die Pest. Nicht Deutschlands Fluren allein drückt Der Jammer; ganz Europa mit ibm bebt. Thems' und Schelde, der Rhein und die Elb' und Wcserund Donau, Ihr' aller Wogen hat der Sturm empört, Spanien schleicht mit sinkendem Tritt. Auch Gallien singet Triumphgesänge zwar, doch ächzend nur. Rahel weinet um ihre Kinder; der traurige Sieg weint Um lausend arm-erschlagne seines Volks. Schließet den Tempel, o Jhr von himmlischen Pfeilen Erstickte, Ihr Friedensboten, schließet Janus Thor. Bannet hinein den Krieg, das Ungeheuer, und fesselt Mit hundert Ketten dem Altar es an. Ihm zu Füßen bindet den Neid und die schrecken, de Rache, Den drohnden Ehrgeiz und den wilden Zorn, Lyrische Gedichte. ,33 Bindet die Habsucht fest; und stoßt der Psorte den Riegel, Und wälzet Ajax mächtigen Stein ihr vor. Dann umpflanzet das Haus mit dichten Hainen-, auch Phöbus Geschärftes Feuerauge sind' es nicht. Auf ihm ruhe die Nacht, daß Argwohn, Zweifel und Trug sinn, Gewalt und Neid ke.n Ritzchcn an ihm späh'. Palmen sprossen umher und der Oelbaum. Sage die Inschrift Des dunkeln Haines vor der Pforte dann: „Lasset den Tempel in Ruh. Der Gott von Innen ist dem hold, Der ihn in fernster Ferne scheu verehrt." Gebet. Als sich die Friedens-Unterhandlungen verwirrten. Welch ein Ende der Last, die wir getragen, So viel Jahre getragen ohn' Erbacmung, Hast du uns bestimmet, o du der Mcnschen Retter und Vater. Heilige, erste Vernunft, die aus dem Chaos Einst erfand das rosige Licht, und unser Dunkel stehet, o holde Macht, erfind' uns Selber den Frieden. ,34 Lyrische Gedichte. Das Ungeheuer. Unter Arkadius ward ein Ungeheuer geboren; (Mich dünkt, es war bei Ehalcedon.) Seiner Mutter, (ein Weib, die der Stolz und Gei; in Person war; Den Vater wußte selbst sie nicht.) Ihr schien hold das lächelnde Kind; nur reckten die Ohren, Wie Mi das-Ohren sich empor. Sonst ein Affengesicht; und unterm häßlichen Kinne Hing ihm ein wahrer Eurus-Kropf. Seine Glieder starrten in Kälte, wie wenn der D r- cember Aus Scvthien geboren sey. Wer cs berübrete, stand erstarret. Es blinkte dis Zähne; Und warf die Augen bin und her. Widriger Schaum stand ihm vorm niegeschlossenen Munde; Unruhig hob cs sich, und sank Kraftlos nieder. Das Volk, die Obern liefen zusammen: „Ist es ein Mensch? ein wildes Thier? Lebt es?" — „Leider, cs lebt! (so sprach der göttliche Weise; Chrvsostomus.) Sein Vater ist Pluto ! Doch ists kein Mensch. Das heilige Wasser der Taufe Gebührt ihm nicht; doch geb' ich ihm Einen Namen; der werde mit Scheu von allen ge- nennet Lyrische Gedichte. E Es heißt: das kalte Mein und Dein!" Seitdem ward in Europa dies Ungehcur geboren; In Staatsgemachcrn brüteten Sorgsam es aus die Diener des Staats und nannten eS anders, Und tauften oster es — mit Blut- Das Opfer. Opfer flammen nicht mehr auf unfern Heilgen Altären, Seit sich ein Gotteslamm zur Söhnung gab; Dennoch weiß ich ein Opfer, das angenehm zu den Sternen, Und lieblicher als Weihrauch aufwärts steigt. Soll ich der Opserer ftyn? Ihr Hohen, bringet das Thier her, Das häßliche, das kalte Mein und Dein. Reiche das schärfste Messer, v Knabe. Mit heiligen Binden Und Kränzen führt es festlich zum Altar. Sprenget Wasser und streuet Salz. Du, zünde die Klammen, O Knabe, ja nicht mit Eypressen an, Nicht mit der Cedct; mir Bäumendes Vaterlandes, und hingen Ehbrecher, Räuber, Dieb' und Mörder dran^ Schaffe mir viel von dem edlen Gehölz. Jetzt fache die Lohe iZ6 Lyrische Gedichte. Mit Schwefel, Harz und Drachenkugeln, wie Einst sie der Be l zuBabel genoß. Jetzt alle, die Ballen Sophistischer Staatsschriften oben drauf: Schaut, wie die Flamme steigt. Nun, Ungeheuer, zum Altar! Entsühnend weih' ich dich den Himmlischen. Singet den Opfergesang. Wohlauf! — Es zischet die Flamme; Die Funken sprühn; der Aether beitcrt sich. Schaut! Sie sinken hernieder, des Himmels heilige Jungfraun, Religion und Treu und Redlichkeit, Einfalt, Frieden und Heil. Im Tanze der Grazien schwingen Sie dreimal segnend sich um den Altar. Hort ihr der Seligen Lied? Die Gestirn' antworten dem hohen, Dem süßen Jubel. Welch ein holder Duft Steiget vom Opferaltar! Die Baume rings und die Wiesen Erquickt der Anhauch; schöner grünen sie. Ist Elysium hier? Dort niegesehene Rosen! Bin ich in Pastum? Blüht Hymettus hier? Dort Alcinons Hain? — Gesöhnt sind eure Verbrechen; Der Himmel lacht; die Erde freuet sich. Lyrische Gedichte. 1Z7 Zwo Göttinnen. Nicht jm Schlummer allein genießt der Dichter Göttertraume; dem Wachenden erscheinet Auch Apollo. So trat mir heut am Mittag' Herrlich ein Bild vor; Zwo Göttinnen. Die Eine weicht der hohen Pallas kaum an Gestalt und Königs röße; Und der anderen weicht die Meer - eutsprungne Paphia selber. Stoffen Ganges erschien dieKriegesgöttinn, In erschreckender Pracht; es klangen Waffen, Goldenes Erz erklang, wohin ihr Fuß sich Drohender wandte. Bor der Brust den leuchtenden unanschaubarn Harnisch; aus dem Haupte den Helm. Es flogen An dem blinkenden Helm, gefledert flogen Rauschende Büsche. In der Rechte das nackte Schwert; die Linke Hielt die Waage, worin aus Einer Schale Alle Reich' Europens, und in der andern Tod und die Pest lag, Schmerz und Thranen und Grimm und Weh und Ketten. — Ernsten, heiteren Blickes trat sie vor mich; Doch mein Auge vermocht auch nicht den mildern Blick zu ertragen. r33. Lyrische Gedichte. Jbr entgegen erschien im Lichtgewande, Glänzender als der Schnee, und mit smaragdnem Gurt umgürtct, die liebliche, die schlanke Göttinn des Friedens. Um ihr bräunliches Haar den Kranz von Myrthen Und von dustenden Veilchen leicht geschlungen; Freude strömten die Augen, und die Lippen Liebliche Worte. In der Rechte den Oelzweig, in der linken Sions Palme; sie ging der furchtbar» Göttin» Froh entgegen: „o Schwester, endlich, endlich Seh' ich dich wieder, Nach so vielen de Jahre. Ach , dein Kleid ist Blutroth!" — Traurig erwerbe-.te der Völker Themis: „Mall von Strafen und matt von Jammer, Komm' ich vom Schlachtsech Deutschlands Ström? von Blut sind gestochen.' Jetzt, o Schwester —" Umarmend küssten beide Sich die Wange; so küssen sich am TanthuK Glänzende Tauben. „Lass die Gewand' uns wechseln! sprach die muntre F r i cd ensg ötti nn. Ich will die schweren Waffen Mir versuchen. Hinab den blutgen Panzer! Drohender Helm, ab!" Und sie umwand ihn ringsum mit des OelbaumS Dichten Zweigen. Dem wilden Haar der Schwester Wand sie Myrthen und Veilchen um, und Kühlung- Wehende Palmen. Lyrische Gedichte. ^9 Jetzo setzte sie sich den schönern Helm auf, 'Schwanz das blinkende Schwert in leichtem Tanze, Und verbarg cs. Die Waag' in ihren Händen Sprossele Rosen, Sproßte Lilien: denn das Glück der Volker Tragend, waget sie Fleiß und Lobn, der Arbeit Müh' und süßen Genuß, Verdienst und Ruhm in Goldenen Schalen. Und mir entschwand das Büd. O daß die Schwestern, Spat vereinet, sich niemals mehr entzweiten! Daß kein Frevel der Mächtigen die Gättinn Wieder bewafne! Der unauflösliche Knoten. Nicht mit der Schärfe des Schwerts, mit Macht des Geistes und Herzens Den Feind besiegen, ist der schän're Sieg. Was der Sterblichen Hände zu baun vermochten, vermag auch Die Hand der Sterblichen in Staub zu streun. Dies zeizt Troja; Babylon dies. An der Sonne gekochet , Zerfiel in Scherben es vom Hauch der Lukt. Sank nicht einst der Coloß? Du suchst im neueren Troja Das alte Rom des Romulus umsonst. Sein C 0 losse u m steht, und die Tem pel stehen verödet, i4o Lyrische Gedichte. Theater, Circus, Capitolium. — Was die Sterblichen bauen, ist sterblich; möge der Zufall Cs stürzen, oder Ehrgeiz, List und Trug. Thörichter Phrygicr auch, der, auf die Stimme von Delphi Gestützet, jenen ewgen Knoten flocht! Ein leichtsinniger Held, ein Jüngling trennte de« Knoten Mit Einem Streiche seines Jugendarms. Ob er auch lösen könnte den Knoten, den, o Quirlten Ich Euch darreiche? Diesen Ewigen! Schlagt die Hände zusammen, und knüpft ein ehrliches Bündniß; Was Einem gilt, das gilt euch Allen, Treu. Komme der Macedomer dann; in Frieden und Kriege Besteht der Knote, den die Eintracht schützt. Sie selbst wohnet in ihm, und halt ihn zusammen; erprobe, Erprobe sich an ihm ein frecher Arm. Meynt ihr, er sey von Riemen und Hans geflochten? Ein zartes Gewebe, daSArachne, Pallas selbst Seidener weben nicht könnte, betbaut mit himmlischem Nektar Ist biedern Seelen ihr gegebnes Wort. Lyrische Gedichte. 14» Das Feuerwerk. Nach geschlossenem Frieden. Die ncuersundne prächtige Flammen-Kunst Will ich zu Eurem Ru! me, Quiriten, nicht Anpreisen, daß in Sinne!bildern Eure Verdienste zu Dampf verlodern. Kein Ehrenbogen strahle von farbgem Licht, Kein Feuerdrache neben Centauren sprüh' Mit offnem Schlunde. Die Rakete Soll in die Lüste nicht aufwärts steigen, Und lösen sich in Sterne; der Feuerball Nicht über Wellen Hüpfen und untcrgehen, Daß fürchtend - froh der Pöbel jauchze, Und der beleidigte Strom erröthe. Statt solches eitlen schreckenden Aufwands Pracht Beut mir der Aether schönere Wunder dar. Ich schaue sie umsonst, die schnellen Feurigen Welten, die droben weilen. Um Eurer Arbeit Früchte der spätesten Nachwelt zu melden, lasset ein Feuerwerk, Laßt ein Trojanisch - großes Grabmal,! Hier uns erbauen mit glühenden Fackeln. Iu seiner Flamme darf es Neronischer Mordbrande nicht; kein heiüges alles Rom, Kein Buchenwald erglüh'; es seufze Kein Dryade um ihren Ulmbaum. Lyrische Gedichte 14s Zu seiner Flamme haben wir Zunders gnug Hierher des Krieges schreckliches Werkzeug! Bringt Die Panzer der, und Helm' und Waffen, Schwerter und Spieße, die Riesensporne, Und jeden Schild, der kriegenden Uebcrmuth Beschützte, brin.,t Trommcten und Horner, bringt Die goldnen Stiesel, die Soldaten, Unter Soldaten auch Weiber schmückten, Und Schcrp' und Gürtel; bringet die Fahnen her, Standarten, KriegeSwagcn und Kriegsgeschoß — Was säum'ich? Bringt den ganzen Krieg her, Bringet ihn her, daß er auswärts flamme. O Sonne, lang'verdunkelter heilger Glanz, Hyperions des Mächtigen Sohn! Erhörst, Erhörtest je du deines Dichters. Flehend Gebet , o so wend', o wende Dein Strahlenantlitz mit dem verzehrensteN Lichtblick herab, und zünde den Altar an, Auf dem der Krieg, der wilde, tolle Traurige, schändliche Krieg zerstäube. Dann reinige den Boden, o goldnek Strahl, Wenn mit dem Schwerte du auch die Scheide selbst Verzehret hast; und Ihr, Quirlten, Setzet dein Sonn-mgcricht die Inschrift: „Wer Einen Dolch, wer Einen verbannten Speer Aus dieser heilgen fressenden Flamme stahl, Wie Achan sey er ein Verfluchter, Unter den Steinen des Volks erliegend." Lyrische Gedichte. »43 Das neue Saiten spiel. Lauer wehten die Lüste nach endlich entflogenen Stürmen ; Frühling erneute die Welt. Da erwärmte der Busen sich mir; zu Jugend - Verlangen Kehrte die Seele zurück. „Ware das Saitenspiel, das einst ich sxielete mejn noch! Gab' eS Terp sichere mir Wieder; wen» sie mir nicht ein Schöneres schenkte >. Begehr' ich ., Schweigende Muse, zu viel? — Nur den Schatten der Kranze, die einst mich schmückten, erfleh' ich. Nicht zur Zierde für mich. Meinem Memmius möcht' ich singen ein Lied, wie ich einst saügl — Schweigst du, wie Niobe noch, Felsgewordene Muse?" — Ich sich zum Himmel, und siehe, Wolken u'nringetm mich. Blitze fuhren; ich bebt', und wie mir selber entrissen, War ich in anderer Welt, Und mir sprach eine Stimme; sie sprach in das innerste Her; mir.- (Meiner Gefährten rer nabm Keiner ein Wort.) „Undankbarer du, Alsatiec, hoffst du Neue Gesänge von mir? Da du das Saitensttel, das ich dir schenkte, zertrümmert, Lyrische Gedichte. Selber mit Füßen zertratst. Bist du der Jüngling noch, der sich einst dem Apollo gelobte? Sage, wie bist du verirrt? Unmuth raubete dich mir selbst; du haßtest die Musen ; Alle wir waren dir fremd'. Und verdieneten wirs? Dich lesen Bataver und Franken; Rom selbst schenket dir Huld. Und weil Neid dich neidet, so flohst du unsre Gespräche , Tratest die Cithcr zu Staub. Undankbarer, und wagst von uns eine neue zu so« dern? Statt Bellerophons Roß Wahle das Roß Silens, und sprich wie der Pöbel und schreibe Wie es dem Pöbel gefallt. — Dir nicht, einig dem Manne ^ für den du die Leier begehrest, Ihm nur senden wir sie. Wahre das Hciligthum; es entsinkt dir, eh du es denkest —" Sprachs und die Wolke verschwand. Zitternd erhob ich mich, und sieh vom beiteren Himmel Segelt' ein Schwanengespann Zu mir nieder, je Zwei und Zwei; sie trügender Muse Köstliches neues Geschenk Mir in den Arm , und Huben sich auf und schwangen sich viermal Kreisend Lyrische Gedichte. 246 Kreisend in Lüften umher. Viermal sangen sie, Memmius, Dich, und kehrten zum Himmel, Singend zu Sternen zurück. Als ich die Cikher betrachtete , glanzend in Strahlen der Sonne Lilien ringsum besät, Sah ich Deinen Namen auf ihr mit himmlischen Zügen: „Memmius!" Memmius klang Sie von selber, und singt, wenn ich den Namen ihr nenne, Himmlischer Schwäne Gesang. Die Verwandlung, An Memmius, einem der vornehmsten Kriedensstiftcr Deutschlands, Keine Verwandlung, Freund, die uns die Dichter erzählen, (O glaube mir, dem Dichter!) war Ohne bedeutenden Grund. Battus wurde zum Stein: Lykaott wurde zum Wolfe; Zum Berge Atlas; Hyacinth Sproßte zur Blume hervor. Herders W. Lit. u. Kunst. XIV. K 1^6 Lyrische Gedichte. Eine Weberin ward zur webenden Spinne; zur Welle Die Wellensanfte Salmacis; Daphne zum grünenden Baum. Höre, was neulich auch mir selbst für ein Wunder begegnet, Als ich am Ufer meines Stroms Memmius Lhaten besang. Mitten im höchsten Fluge des Lieds entschlüpfte die Either, Wie zauberisch entrissen, mir Unter den Händen hinweg. „Rettet, sprach ich, ihr Musen, mir meine süßeste ' Habe!" (Und griff — vergebens langte sich Meine bemühende Hand). „Rettet euer Geschenk!" Umsonst! die entsunkene Either, Vom Strome fortgeriffen, schwamm Ueber den Fluchen dahin. Traurig sah ich ihr nach; und sieh! Terpsithore selber, Die Mir das Saitenspiel geschenkt, Eilte zur Rettung herbey. Wie eine Taube bestrich sie den Strom, und küßte die Saiten, (Mein Innerstes durchdrang der Kuß!) „Lebe!" so sprach sie, und stieg m Lyrische Gedichte. 147 Eine Göttin hinauf zum Olymp. O Wunder, ich sähe Die Cikher sich beleben; sanft Hob sie, ein Schwan, sich empor. Was ihr Hals gewesen, woran mit himmlischen Händen Die Muse mir den Druck gezeigt, Beugte zum Halse des Schwans Sich hinüber; das Haupt, das einst die Saite befestigt, Zum Schwanenhaupte wand es sich, Ohne gespitzeten Stolz. Weiche Federn umhüllten die Brust des göttlichen Kleinods; Die Saiten waren Fiktige; Also begann er ein Lied: (Was die Either gesungen, das sang ein blendender Schwan jetzt) „Europens Nestor, Memmius, Lebe Nestorische Zeit. So viel Federn an mir, Schneeweiß, im reinesten Glanze Die Göttin mir zue Pracht geschenkt, Lege die Parze dir zu An glückseligen Jahren, an glanzend - helleren Tha- ken" — Entschwunden meinem Ohre zog Weiter das schiffende Licd- K 2 Lyrische Gedichte. i,c Der Bau M. Du, der die Wälder liebt, de» ich in Wäldern erkannte , Welcher Baum soll dir in den Hainen, Die Aga nippe beströmt, zum Denkmal grünen? Die Eiche Dir dem Bürger? wie oder der Oelbaum Dir dem Friedestifter ? Die weiße Pappel dem klugen, Und die Palme dem nützlichen Staatsmann? Oder die Ceder dem Geist, der zum hohen Aether emporsteigt? — Wahle den Lorbeer, Muse. Dem Dichter Ziemt der Lorbeer; und schreib' in Apollo's heilige Rinde Seinen Namen, und schreibe das Lob ein, Das mit dem Baume wachst, den keine Hippe beleidigt , Den auch Jupiters Blitze vorbeygchn! — Aber rvas schreib' ich zuerst dem immergrünenden Baume,, Welche seiner Gaben zuerst ein? Sein holdselig Gemükh, das in nie umdunkeltec Stirn glanzt, Seine Sitte, die Genius-Anmuth, Die sein Leben umstrahlt? Die Svada, die ihm in Jeder, Jeder Sprache der Musen zur Seit' ist: Denn wenn Galier ihn, und Jberier, wenn ihn der Tusker Für den Seinen erkannte; so nennet Ihn der Römer zuerst den Seinen, Tullius, Gracchus, Lyrische Gedichte. 149 Oder in wessen Gestalt er erscheine. — Weis' und behend' in nützlichem Rath, der im Rechte den Punkt trifft, Und in der Freyheit offenen Sprache Treffliche Worte strömt, wie Jupiters goldenen Regen — Sollt' ihm ein Baum nicht blühen, dem Manne, Den die Ehre gesucht, der nie die Ehre gesucht hat, Die ihm Tugend allein zusührte. Daphne, bewahre dies Wort, das der Wahrheit heilige Hand schrieb, Und dir Apollo's Leyer verkündet. Grüne mit diesem Wort, so lange die Donau strömet. Jede Napäe, die dich beleidigt, Bleib' ein daurendes Jahr von jeglichem Fest? gesondert! Wenn dir ein Satyr, wenn dir cin Bock naht, Büße der Satyr cs schwer in den Wellen, der Bock an dem Altar! — Aber Ihr, holdselige Nymphen , Schwestern der Musen, kommt! Schleicht her mit silbernen Füßen, Daß ich euch meinen heiligen Baum hier Anvertraue. Bekränzet ihn schön mit Rosen und Veilchen; Nährt mit ambrosischem Saft ihm die Wurzeln. Kommt, ihr Nymphen, ich hange die Either an meinen geliebten Baum, und ruh' in seiner Umschattung. Lyrische Gedichte. i5c, Als der Verfasser eine Geschichte seiner Zeit schreiben wollte. Nach dem dreyßigjahrige» Kriege. Des Noah Altar, als er der grausen Fluth Entstieg, die über Bergen, und Höh'n gebraust, Und dankbar seine Hand' emporhob, Einen Altar unb'ehauner Steine, Weih' ich, o Göttin, Dir, die mit fliegendem Prunklofem Haar geht, ländliche Wahrheit, Dir! Nicht Parischer, noch bunter Marmor, Keine Gebilde von Scopas Händen, Kein Gold soll dich entweihen, noch Elfenbein. Der Einsalt Göttin liebet die Einfalt auch In Opfergaben. Erdenfrüchte Will ich dir opfern und reinen Weihrauch. — Gehüllt in Balsam, athmet der Leichnam nicht Leichnam-Gerüche? — Mische der Lüge Tran? Mit Honig und mit Ambra-Düften, Um so verderblicher wird ihr Gift uns. Und glaubst du, Frevler, der mit Betruges Dunst Statt Heller Wahrheit, Blätter und Bücher füllt, Und glaubst, die Nachwelt du zu tauschen? Sie, die wie Aeakus über Tobte Gericht halt? Wenn Sie Thaten der Ahnen wagt, Sie streift der Vorwclt Bilde den Firniß ab, Und haßt den Lügner, der für Wahrheit Fabel ihr gab und ein Spiel der Farben. Lyrische Gedichte. r5i Hinweg dann, Larven. Ferne von meinem Blick Unreine Fama! Schmeichlerin, deinen Kuß Veracht' ich. Süße Buhlerin, Lorbeer? umwundene Züge mahlen, Das mög' ein andrer! Lieber ergreif' ich still Den Spiegel, der unleidliche Wahrheit zeigt, Und werf' in bitterm Hohngclächtcr Nieder zur Erd' ihn, und sitz' und schweige. An die Deutschen. Unsre Vater, o Deutschland, meine Sorge! Waren nicht, wie wir jetzt sind. Lies der Vorwelt Biedre Sitten und präge deiner Jugend Sic ins Gcmülh ein. Mittelglück ist das goldne Glück des Lebens. Breite nicht das Gefieder übers Nest aus. Nimm die Hacke zur Hand, und übe deine Munteren Kräfte. Auch mit Wenigem, Wen'gcm lebt man glücklich. Zu verschmähen den Reichthum ist auch Reichthum; Nüchtern-fröhliche Armuth machet nüchtern, Tapfer und fröhlich. Krieg um Kriege zu führen, ist ein Wahnsinn; Um des goldenen Friedens willen führt man Kriege, daß in die Sichel sich des Schwertes Schärfe verwandle. 152 Lyrische Gedichte. Sich auf andere Lander. Zichn umher sie, Daß sie nirgend in aller Welt, als sich nur Fremde bleiben? Sie sehn das Ausland an mit Stolzer Verachtung.. Und Du Deutscher allein willt deine Mutter, Aus der Fremde gekehrt, Französisch grüßen ? O spey aus, vor der Hausthür spey dcr Seine Häßlichen Schlamm aus. Rede Deutsch, o du Deutscher, Sey kein Künstler In Geberden und Sitten. Deine Worte Seyn wie Thaten, wie unerschütterliche Felsen der Wahrheit. Eine keusche Vestalin, deine Tochter, Dien' am Heerde des Hauses, nicht am Altar Cythcreens, damit die Jungfrau würdig Trage den Brautkranz. Vom erwachsenen Baume, nicht vom Strauchlein Sey die Fackel, mit der ihr Hymen leuchte. Eine Mannin die Braut; die Schwieger sey ihr Mutter und Freundin. Zucht und Ehre den beyden Hausgenossen Heilig; schnöde Gewinnsucht beyden schändlich. Arbeit und die Muse, Geschäft und Umgang Theile die Stunden. Deutschland, lerne den Fleiß durch Preise fordern. Lob befruchtet die Seele, wie den Acker Milder Regen, damit die Saat im ersten Wüchse nicht sterbe. Lyrische Gedichte. i53 Aechkes Gold und die alte Biedcrtreue Kehre wieder zu uns, daß Freunde-Seelen Sich den Freunden eröffnen, und der Sohn den Liebenden Vater Mit gebrochenem Herzen, nicht mit falschen Hcuchelrhranen des Krokodills begrabe! — Neid ersterbe. Der Stolz auf hohen Stelzen Stürze zum Abgrund, Der Philippische Strafrednev. Wer die strengeste Wahrheit sich Weibisch nicht, wer sie sich richterlich sagen darf, Solche Redner hat unsre Zeit Wohl sehr wenige nur; aber der Tadler viel. Viel der Tadelnden, die sich selbst Nicht im Rücken, die nur anderer Stirne sehn, Welchem Griechen- und Tr oj er-Heer, Welchen Städten entging je ein Thcrsitcs? Wachst Nicht in jeglichem Schlamme, wachst Nicht das Pilzengeschlccht über- und überall? Die dem Wanderer, wenn er still Seine Straße verfolgt, Kleiber und Antlitz an- Tasten, die, wie Harpyen ihm Seine Speise beschmahn, deren, o Losa, giebts Viele; viele der Eulen, die Blind für sich, für die Welt sehende Falken sind, Ihr Genosse sei) nicht, o Freund! Lochen Römer dich an, werd' ein Pompilius, Sey Nasika, der Biedere, i5/, Lyrische Gedichte. Ernst wie Brutus, und streng, strenger als Ente selbst; Werd' ein Tullius; doch erst dir! — Nicht von außen, in dir fange die Beßrung an Deines Staates; in dich hinein Wirf den Donner des Rechts und der Beredsamkeit. Rom laß Rom, und die Welt laß Welt Bleiben; schaue du nur gerad' in den Spiegel. Da Steht der Gegner des Kapitols. Ihm entgegen tritt auf, der den Antonius Tief im innersten Busen hegt, Ihm entgegen tritt auf, halte Philippische Reden, Vater des Vaterlandes! — Wenn her Tag dir entschlüpft, wenn dir das stille Herz Schnöde Gräuel und Schulden zeigt, Dann erhebe das Wort, frage: „Warum du dich, Du ein Edler, den Niedrigen Zugeselltest? Warum du den Unschuldigen Würgtest? Keusche beleidigtest? Zogst die Wollust dem Zevs, Frevel der Tugend vor, Gabst dem Pöbel, der Buhlerin, Preis dich — Lictor , herbey! Denn der Beklagte will Nicht gestehen; die Fasten her!" — Also rede für Rom, und du wirst Vaterlands, Wirst ein Vater dir selbst erst styn. i55 Lyrische Gedichte. An den Schlaf. Des Todes sanfter Bruder, der, aus dem Reich Der Schatten schlüpfend, nur dem gebrochenen, Dem sinkenden, gcschloßncn Auge Dämmernd erscheinet; ein mächkger Jüngling, Der jedem Kummer, der uns dem Gram entnimmt, O Schlummer, wende, wende den Blüthenzweig, Mit seinem lindernd-süßen Balsam Sanft zu bethauen auch meine Schlafe. Geliebte Gottheit, die dem ermüdeten Gebein Erquickung schaffet und Lebenskraft, Die uns den Ueberdruß der Tage Leise verwischt und uns neu verjünget. Schon blinket dort der fröhliche Abendstern, Schon stellt die Nacht ihr glanzendes Himmelschor In Reihen; auch Apollo's Schwester Tritt die uns nähere, sanfte Bahn an; Befiedert ruhn im Köcher die schmetternden Gesangespfeile, denen die Luft erklang; Der Stier mit heimgekehrtem Pfluge Ruht und erathmet sich neue Kräfte. Es schweigt die Welt; es schweiget der Aethcc, kaum Noch athmend. Holdes Schweigen! Und mich nur flieht Die Ruhe? mich, dem tiefe Schmerzen, Klebende Sorgen die Brust zernagen. Was weilst du lange, süßer, geliebter Freund? Wenn je ich deine Gaben, (ich weiß cs nicht,) Gering geschätzt, verzeih' dem Armen, Der Las Vergehen zu streng schon büßte. r56 Lyrische Gedichte. O kehre wieder, ströme Vergessenheit Aus deinem Füllhorn über den Reuige»; Gruß himmlische Berauschung nieder Ueber die trockene Augenwimper. Komm, sanfter Schlummer! Siche, der lieblichste, Der schönste Mohn soll dir in den Garten blüh»; Und mit den zartesten der Traume Fülle die Nacht das geleerte Horn dir. In deiner Höhle, wenn du der Ruhe pflegst, Soll nichts dich stören. Donner und Stürme nicht, Kein widriges Gekrachz' erschalle Irrender Vögel; ein sanftes Murmeln Des Baches, der durch sprießende Blumen rauscht, Ein leises Flüstern, das die Platane kaum Beweget, säusle dich zu eignen Lieblichen Traumen, o holder Schlummer. Wie wird mir? Fühl' ich den Kommenden? Die Hand ersinkt mir. Schlingen sich um mich nicht Ache sanfte Fesseln? Komm', o Schlummer! Setze die Harfe beyseit, o Knabe. Die wiedergefundenen Lieder. Dichter sind den Unsterblichen Werth. Ihr Freunde, mit mir freut euch, dem Fröhlichen. Wieder, wiedergefunden sind Meine Lieder, an Zahl hundert. Ich weihe sie Froh dem Attiscben Jupiter, Wie Pythagoras einst seine gepriesene Hekastombe. Warum soll ich Eines Theiles von mir, eines so großen Theils Mich nicht freuen? Die Jahre fliehn; Sonnen sinken hinab; unter dem mächtigen Zeitenrade, dem schnellen Tritt Ihrer Rosse zerstäubt Alles in flüchtgen Staub. Nur die Muse, die Muse giebt Daurend Leben; sie giebt Himmclsunsterblichkeit!— Aber dir, o mein Bögelchen, Das, entschlüpfend zum Hain, (führctc dich das Glück, - ... 128 Lyrische Gedichte. Oder Cynthins selbst dahin?) Mich zum Baume gelockt, wo die verwaiset?» Musenblätter ich wiederfand, Dir, 0 Vögelchen, soll deine Verdienste Krone werden, ein ewig Lob. Hat dir gleich die Natur jenes nachäffende Papageyen-Geschwätz versagt; Streitest du mit dem Schwan weder an Majestät, Noch an Glanze der Lieblichkeit, Da in kleiner Gestalt du nur gefällig bist; Soll doch weder der schwatzende Staar, der hähernde Specht, noch auch die liebliche, Tausendstimmige Nachtigall Dich besiegen an Ruhm, mit mir unsterblicher Vogel. Und, 0 du guter Baum, Dessen grünender Schoos meine Gesänge barg, Du auch sey der gepriesenen Baume Einer. Mit dir, Pappel, umwind' ich jetzt, Statt der Lorbeer», die Schläfe mir; Schämt Aleides sich doch, als ec die Ungeheur Ueberwunden, der Pappel nicht. Der hohe und niedere Dichter. Wenn dein Gesang, die Ceder, ge» Himmel steigt, Verachte nicht die kleinen Gebüsche, die Am Fuß des Pindus nur die Muse Gütig geschenket, ein enges Gärtchen. Dich kränzen Flakkus blühende Kränze, dir Umschlingen sanft sie jenes erhobne Haar, Das PH obuS selbst begeisternd sträubte, Und ein umschattender Wald von Lorbcern. Denn als du jüngst Gesänge dem Vaterland' Erhobest, jauchzte Pegasus selbst Dir zu; Bcllerophon gab dir die Zügel, Und es antwortete laut die Echo. Bon deiner Höhe blicke zum Thal hinab Großmüthig. Jedem öffnete sich der Weg Dahin nicht; Allen aber fließet, Wenn auch im Thale, der Musen Duelle. Dem Weltall strömt die Quelle des Helikons. Was dich erquickte, gönnest du Jeglichem; Nie schamete sich Pindars Muse Ihrer in Einfalt erhabnen Schwestern. Catullus Sperling ziemte dem Maro nicht; Jedoch gefallen konnte der Sperling ihm: Denn an dem Sternenreichen Himmel Leuchtet der Mond und die Sterne glänzen. Dianen weiht man jedes Geschenk der Jagd; Der reichen Ceres beut der Apulier Die kleine Aehre. — Fließet endlich Nicht auch der leiseste Bach ins Weltmeer? Lyrische Gedichte. r6o B e y f a l l. Allen immer gefallen ist ein Glücksspiel. Wenigen gefallen ein Werk der Tugend, Wenns die Besseren sind. Gefallen Niemand Schmerzet und kranket. Soll ich Wahlen? Ich wählte gern die Mitte, Wenigen gefallen und nur den Besten. Aber unter Beydcn, ob Allen oder Keinem?— o Keinem! Die Zigeunerin. Unser Norden war einst den Alten ein grauscNdes Ur-Land; Gelegen unterm kalten Bär. Deutsche bewohneten Wälder; mit Polnischen Baren bewohnte Der Pole, brüderlich das Land. Alles erstarb für Frost; und unter dickerem Himmel Verdickten die Gedanken sich. Eicheln aß man, und Eicheln sprach man; wie Schollen des Eises, Wie Felsensteine scholl das Wort. — Diese Zeit ist dahin. Wie unter milderem Himmel Entsprang ein etwas mildrer Geist. Schone Gedanken blühn auf Deutschen Fluren; es blühten Noch holdre, würden sie gepflegt. Also das Ausland auch. Ihm nahn SaturNische Zeiten ! — — D» — Du freuest Freund, und wunderst dich? Höre! — Seil der Parnaß von den allverwüstendcn Türken Verheert ward, wandten Krisen sich Jede mit ihrem Spiel, hin zum lateinischen Ufer, Und fanden reiche Tempel da. Aber die schwärmenden Mädchen, (du kennst der Flüchtigen Leichtsinn, Die einmal auf der Reise sind,) Wurden des Weihrauchs satt, den ihnen Italien streute; Sie haßten den Gott Terminus. Alles versuchten sie, aus Lust und Liebe zu wandern ; Und spähten jeden Schleichweg aus. Um nicht erkannt zu werden, ergriffen sie fremde Gewände — Hör' an, was neulich mir geschah. Als ich bey meinem Gcaffa die Cithec spielte, so trat mir (Du kannst es glauben!) Clio vor, »ine Zigeunerin sie; sie schlug die Cymbel de» Isis, e Weissagte mir aus meiner Hand, „Lebst du lange, so stirbst du spat!" und fügte dazu noch, (An diesem Scherz erkannt' ich sie,) „Aber ein Magrer bleibest du stets." — Und nannte bcym Namen Mich. Und —.als Göttin stand sie da! — Auf sprang ich i ,,v Göttin, wozu die niedre Verhüllung, Die deinen Himmelsblick entweiht? " — Herders W. Lit. u. Kunst, XI V. L ^62 Lyrische Gedichte. — Lächelnd sprach sic: „so lieben wirs! durch Länder und Städte, Wohin uns unsre Neigung treibt, Wandern wir hin und her; neun Schwestern! Meine Gespielen Sind alle Eines Sinns mit mir. Unter Verkleidungen mancherlei) Art durchwandern die Welk wir, Zum großen Wohl der Sterblichen. Denn wie der Wind die Wellen, wie Er die Lüfte beweget, Und sie bewegend reiniget, Fächeln wir auf der Menschen Gemüth duxch geistigen Anhauch; Sonst moderten in Trägheit sie. Eeres streute voreinst, als sie auf Wegen und Stegen Die liebe Tochter suchete, Fröhliche Saaten umher; auch wir streun frökst'che Saaten Ins rohe Herz der Menschen. Wir Wecken den Geist, und bezähmen die Brust; denp Gesänge der Leyer Horcht auch der wildeste Barbar. Weder Alpen noch Strom, uns halt kein tobendes Meer auf; Uns schrecket nicht die dickre Luft. Hin zum eisigen Pol, wir gehn zum fernesten Volke, Das kaum die Sonne selbst besucht." — Also die Göttin; sie schlug noch einmal die Epmbel der Isis Und war entschwunden meinem Blick. — Wundre stich also nicht, wenn außer Italiens Grenze Die goldne Tuba süß erklingt. Beigen und Bataven rühren der Musen Ci- ther; du hortest Noch neulich unfern Grorius. Und ein SarMate selbst *) singt Orpheus Lieder; die Weichsel Wagt mit der Tiber Wettgesang. Die Rächst! der Dichtkunst. Auf den Tafeln erblickest du oft verdeckete Speisen; Die süßesten entziehet Man Naschenden Fliegen zuerst. Ein grausames Geschöpf ist jene naschende Fliege; Den Honig, den ihr Rüffel sog, Laßt sie besudelt zurück» Also Momus. Er bohrt den Rüssel in Attische Waben, Und setzt auf ihren Wohlgeruch Widrigen Eckel zum Dank. — *) Sarbievius, ein Zeitgenoß unsers Dichters. 164 Lyrische Gedichte. Und du zürnest, 0 Freund, daß meine kleinen Gedichte , (Wenn etwa Nektar sie durchhaucht,) Ich vor der Fliege verwahrt? Oder den Pfeffer auch, das Salz, und den heissenden Essig., In zugedeckten Büchschen dir Reiche, daß keines verdampft. Jener Knabe trug Punische Aepfel verhüllet im Korbe; „Was hast du, sprach ein Gieriger, Laß mich durchsuchen den Korb. " „Hatte die Mutter gewollt, antwortet der Knabe bescheiden, Daß Jeder, was ich trage, sah'; Trüg' ich es offen und bloß." Also laß auch, 0 Freund, vor meiner Thüre den Riegel. Zu seiner Zeit wird ausgethan; Aber erwarte die Zeit. Mancher listige Fuchs erwittert Dieses und Jenes. Er wittre dann; das Innere Bleibet dem Dichter allein. Lyrische Gedichte. i65 An einen deutschen Schriftsteller. Geh; ich neide dich nicht. Vollführe das Werk und gewinne Lästerung dir zum Lohn! Eile der Welt zu schenken ein Buch, das Herkules selber Kaum zu tragen vermag. — Wenn Wir schreiben, so bringen Wir Deutsche mit ängstigcr Eile Blinde Hündlein ans Licht; Kurzer Ruhm und ein langer, verdrießlicher Eckel verfolgt uns, Daß man uns nennet — gelehrt. Wie die Taube der Benus, so fleucht ein Blatt in die Lüste; Und kehrt nimmer zurück. Wie die Frühlingsschwalbe; sie freut sich des freye- ren Lebens, Und kehrt nimmer zurück. — Deutsche Natur ists, hohe Gebäude von Hirn zu erbauen, Etwas in Allem zu seyn, Mahler und Todtengräber, Sterndeuter, Färber und Tänzer, Gerber, Schmidt und Poet, Und wohl dazu noch gar ein Bote der Götter, ein Augur; Alles sind wir und Nichts. — Deutsche Natur ists, viele Papiere mit 'offenem Munde Auszuwerfcn, vergnügt. ;66 L yr i sc h c G ed i c h te. Rasend läuft man dem Ruf in den Rachen: es wäre ja Schande, Langsam zu ihm zu gehn. Und zum fchncUesten Ruhm erschwingt sich mitDa- dalus Flügel Jeder tragest« Kopf, Achtet der Feile nicht, kennt nicht den glättenden Bimstein, Krauete nie sich das .Ohr. Daher seufzen die Pressen von ungescheueten Schriften; Jeder Buchstab crseufzt. Und Italien lacht; Hi spanten, jegliches Ausland Lachet, wenn man — uns kennt. Aber wir nähren als Patrioten mit unseren Schriften Motten und Kramer dafür. Scp du anderer Art, o Geliebter, wenn du die Ehre, Wenn du das Vaterland liebst; Wenn du dir rathen lassest; o steur' entgegen dem Strome; Schäme der Feile dich nie. Zehnmal glatte die Tafel von neuem, und lege den Finger An die Lippe. Du darfst Ihn dir blutig auch kaum Aus diesem blutigen Tropfen Springt eine Pallas hervor. Wer von der spateA-n Welt sich Ehre wünschet, der ehre Selber die späteste Welt. Dann laß Feinde verläumden; cs mag dein grausamer Freund dich Tadeln; der Tadel verfliegt, Und dir bleibet dein Werk. Dein Ruhm erwächst wie die Eiche Langsam, die Pilze zerstäubt. Geschichte und Dichtkunst. „So sind wir alle Lügner! Und Keiner mag Unwissend auch, der süßen Gefahr entgehn Zu täuschen. Eine Rettung bleibt uns, Eine, Harpokrates Wink: „Verstumme." Nicht also! sprach der weisere Diodor: Die Jungfrau, die der Gabe sich nicht erkühnt, An Vesta's heiligem Altäre Schuldlos zu dienen; sie wählt den Gatten, Und kränzt mit keuschen Früchten das Ehbett ihm, Sich selbst anständig, und des Gemahles Ruhm. Du auch, o Jüngling, den die Musen Lieben, erwähle Dir Ihrer Eine, Thalia sey cs, oder Terpsichore, Sie schützet dich vor fährlicher Lüge Schmach Durch süße Täuschung. Fabel heißt sie, Dichtende Fabel, und wird zur Wahrheit. r63 Lyrische Gedichte. Wer tadelt Maro's Panische Dido, die A cneas sah? Sie reichet den Lorbcerkranz Dem Sänger vom erträumten Roqus; Lüge der Musen ist schön're Wahrheit. An einen furchtsamen Dichter. Auch dich lächelte Phöbus mit holdem Frühlingcs- blick an: Denn deine Muse gefällt. Und du zweifeltest noch, ob dich auch Fama be- günste? Freund, o verbanne die Furcht. Kostete nie dein C enso r die Quelle des PinduS, so ist er Pöbel; und kostet' er sie, War' er Pindarus selbst und Horaz, er verdammte dein Werk nicht; Oder mir lüget Apoll. Horche den Zeiten umher. Laut bellt und schnattert der Unsinn; Aber o singet ein Schwan Dir zur Seite; was heischest du mehr? Zahl' alle die Dichter, Wenige singen wie du. Manchem lachte die Pforte V e nu si a's; aber nicht allen War sie zu grüßen gegönnt. Mehrere preisen den runden, den grajisclicn Mund; doch ein Ring hangt Lyrische Gedichte. 169 ° Ihnen in Mensen davor. Andre öffnen ihn breit wie der Landmann. Breit wie der Landmann Säen sie Bcrse daher. Andre jagen in hohem Galopp; und in Mitte der Bahn steht Pegasus scheuend am Sumpf. Diesem fehlet die Kunst, und dem andern Natur, und dem Dritte» Fleiß, der bcyde vereint. Denn vereint er sic nicht, und übte die Künstlerin Pallas Dich nicht in Wachen und Müh; O so warfst du vergebens den Pinsel, daß er zu Schaum wird, Lüste verwehen den Schaum. Freund, dich hat aus edlerem Thon zum schöneren Anblick Günstig die Sonne geformt; Aechte Gesteine, mit Gold umfaßt, sind deine Gedanken , Deine Worte Krystall. Zärtlich weinet die Elegie, und der steigende I a m b u s Kamvst in deinem Gedicht, Honig strömet dein Sap phischer Vers. — Wie manche der Sänger Logen zu Schwanen sich um, Schlichen hinein in die heiligen Haine der PallaS und krächzen Ewig nur Krahengesang. Diesem schwillct die Ader; die Brust ertönet; ein Aetna » 7 » Lyrische Gedichte. Strömet Flammen und Graus. Andere putzen den Vers, wie die Aeffin streichelt die schöne Holdgebobrenc Frucht, Drücken in jedem Wort ihn ans Herz, bis der süsse Gedanke Zärtlich am Herzen erstirbt. — Freund, erstorbene Blumen, und faßtest du sie in Smaragd ein, Oder in lauteres Gold, Du verkaufest Leichen in goldenem Sarge; dein Epos Heult wie ein Jammergedicht. O Ga larin, was deine Geliebte nach Jahren der Jahre, Was deine Muse gebiert, Mache ja, daß es lebt, und das Licht der fröhlichen Sonne Schaue mit.frohem Gesicht. Ist cs ein Knabe, so werd' es ein Held, der Tha- ten besinget, Ihnen zum Ruhme wie dir; Oder ein Mädchen, und hinkt mit dem Einen Fuße, so hink' es Tanzend mit zierlichem Fuß. *) Anspielung aufs Heroische und Elegische Sylben- maaß der lateinischen Sprache. Gebrauch und Mißbrauch der Fabel. Des Atreus Gräuel, wie der Atri den Haß Und wildes Schicksal (glaubet es,) sind auch mir Bekannt. Wie meiner Jugend Fluren Kenn' ich die heiligen, nie - vergeßnen Gefilde, die im frühesten Lenz ich schon, Als mich die Muse unter den Blüthcn des Belaubten Hains in ihre Grotten Wcihcte, reg' in Entzückung ansah. Apvllo's Haine, Berge der Götter, dich Parnaß und Jda, Dindymus, Eynthius, Und Jsmarus und Naxus; Nysa, Schallend von Ehören der Bassariden, Die schwimmenden Eykladen Hab' ich gesehn, Das stehende Delos, Sestus und A b y dus. Des Atlas und der Plcjas Ursprung Hab' ich vernommen, und sah Eybelen Auf ihrem Löwen mitten im Prachttriumph; Und kenne Pclops Vater und Jasons Braut, Und Kolchis Schatze; die Titanen, Wie den gefräßigen Ery sicht hon. Bekannt sind alle Frauen der Fabel mir, Medusa, Progne, Jphis und Pholöe, Harmonia und Philomele, Merope, Herse, die fliehende Syrinx. 172 Ly r i s c h e G c d i c h te. In Flammen sah ich brennen die Scmcle, Zn vollem Rechen Hort' ich Pasiphae, Das Antlitz sah ich der Ag lauros, Als sie beftürzet ein Marmor dastand. Und soll bewundern, wenn in Apollo's Hain Ein Knabe Lorbcern findet und Lorbeer» kaut? , Und singet mir von Mi das Schicksal, Oder vom Brautgam Anaparetens, Der ach vor ihrer Thür sich erhenkte! — Nein! Bekannte Mahrchen sind mir veraltete. Der schwatzt in Fabeln, wer der Fabel Sitten unkundig, sie neu erst lernet. So wenn der Gott der Götter den vollen Rath Versammlet; schweigend harren die Mächtigen Auf seinen Wink, vergessend alle Zierde des Saales, und schauen Ihn an, In seinem Blicke spähend des Vaters Rath — Der Pöbel nur, der Pöbel der Götter, zahlt Die Ampeln seiner Burg; bewundernd Winken die Faunen, wie schön das glanze! Wunder der Liebe. Wunderbar ist die Liebe, blind und sehend, Sehend - blind ; in die Fern'am stärksten brennend, In der Nähe, der langen nächsten Nähe Leise verlöschend. Reich an Thränen, Key oft wie trockncm Herzen! Und in Thranen erglüht die Zaubcrfackel, Die das Licht dir entnimmt, und heftig lodernd Schneller zu Staub wird. Weise Rosen erspäht der kühne Räuber, Die er bald wie Violen und Narcissen Färbet. Selten enthüllt der schöne Amor, Selten die Stirn sich; Schwimmt im Trocknen, flieget ohne Flügel; Klein und mächtig; er schießt gewaltge Pfeile, Deren Einer so oft das Herz des stärksten Mannes erlegte. Meynest du, er verschieße sie vom Bogen? Ach ein winkender Blick, ein Hauch der Lippe War sein Pfeil; und der Bogen zwo vcrschlungne Liebende Arme. Das Erbtheil der Menschen. Laß bekennen die.Wahrheit uns! Seit am Baume der Lust, am Paradieses Raum, Unser Vater die Schuld gebüßt, Sind wir alle, wie Er, Thoren. — Wir erbeten Unglückselig ein Vatertheil, SüßeThorheit. Es ward Vielen getheilet zwar, Aber Jeder empfing sein Loos. Süß ist, singet Horaz, Thorheit an rechtem Ort; Doch nicht immer zu rechter Zeit Sprießet Diesem ein Ohr, Jenem ein Hörnchen auf! — Freund, verlauane Du auch denn nicht Dein Geschlecht. Du entfliehst; aber dir selber nie. Hier am Rhein und am Ganges bist Du ein Menschengeschöpf, Enkel des A damS du. Also will cs das Schicksal, das Auch dem Weisesten oft leise den Schädel rückt, Daß die Thorheit ein Lied ihm singt. Lyrische Gedichte. 175 An einen Na reiß. Der Schönheit holde Gabe, die Lieblichkeit, Die sich so gern im wollenden Spiegel schaut, O welcher unacht amen Jugend Flüchtigem Alter ward sie vertrauet. Der Jugend Blume schauer in Stolz umher; Den Wurm verachtend, der ihr im Busen nagt, Mit allen Fcühlingswinden buhlend, Sichet, bewundert und liebt sie sich nur. O Freund, die Liebe, die sich im Spiegel küßt, Sie, die ihr eigen Strahlengebiid' umfangt, Nur Schattenkinder kann sie zeugen, Söhne der Jphis, Ja nt he ns Töchter. So einig du dir, wie ein Narciß, gefällst i So einsam liebst du, ohne geliebt zu senn. Auf dann! verlaß dich selbst, und wähle Dir eine Gattin zu achter Liebe. Hier steht die Braut, einst Mutter des blühendsten Geschlechtes. Ihre Schwester, die Ehre, wird, Begleitend sie, den Haushalt führen, Und in den Armen des schönsten Weibes Umkränzen Kinder, edele Thaten, Dich. Die Tugend heißt sie. Schön an Gemüih und That Nennt dich die Muse dann; ich selbst will Edel dich preisen, so wie du schön bist. Lyrische Gedichte, Nicht sterben mußt du welkender Rosen Tod; Nicht altern, wie einst Tyndaris alterte; Die Thörin wähnte »och de» Orkus In sich entbrannt, einen zwcyten Paris, Als sie bedeckt mit Runzeln hinunter stieg. Und Jene, die einst Flamme der Jugend war, Ach Lais wcihcte den Spiegel Traurig im Alter der Göttin wieder. Das flüchtige Wort. Wenn zuweilen ein leichter Scherz, Wenn mit Worten, die dir labenden Honig scim Tcofen, mir auch ein Salz entfuhr, Freund, wie stellest du dich mürrisch und ungc stüm! Wolken decken die Stirne dir; Dein gerötheter Blick fliehet den Meinen; tief Kocht die Galle dir in der Brust. — Fallt im Scherze denn noch irgend ein Pfeffer körn, O so wütet die volle Schlacht. Glaubst, Melone, du dann, daß ich mit Ti gcrw h Dich zerreissen und fressen will? Hör' Lyrische Gedichte. 177 Hör' gelinde mich aus; wahrlich, es krümmen dir Meine Scherze kein eingcs Haar. Wist du Mann, so empfang' Pfeile mit tapfrer Brust; Wcibcrklagen ernicdern dich. —- Nichts fliegt schneller dahin, als ein gesprochnes Wort, Halt du selber es nur nicht fest. Mit den Winden entflicgts, ohne gelaßne Spur, In der Zephyre Vaterland. Einem, der an den Hof ging. Geh deinem Ruf nach! Aber vor allem weih' Der Hofgeduld ein großes, unendliches Gelübd', ihr sanftes Zoch mit Sanftmuth All' ihre Lasten mit Lust zu tragen. Hof ist ein Hafen; schiffe mit Hoffnungen, Doch nah dem Ufer. Wer sich dem hohen Meer Zu sehr vertraut, und jctzgen Winden Leidet an Klippen Gefahr und Schiffbruch. Verlaumdung stellt die Klippen; indessen lacht Der Hafen, daß du kühn und so übel fuhrst, Und ringsum schwimmen deine Trümmer; Sehen sie einst den Gebieter wieder? Herders W. Lit. u. Kunst. XIV. M 178 Lyrische Gedichte. Den Sturm bezähme, wo du ihn leise fühlst; Ein niedriges-verachtet, ein Kluft-Gcmülh Mag Ehre gern hinüber springen. Allen scy milde; nur einig Dir hart. Der gute Ruf lieg' innig am Herzen dir; Doch fremde sey dir jede vermeßne Stirn, Und wie das Glück die Würfel auswirft, Glaube nicht, jeder der Glückeswürfe Soll Dir gerathen. Purpur verändert oft Die Farbe. Sterne glanzen und sind bedeckt; In Jahreszeiten theilt das Jahr sich, Also der Hof auch in Hofeszeiten. Der größte Theil des Glückes (so meyn' ich,) ist, Daß man dem Glücke minder und minder trau'. Wer unvcrborgen gern' und lieber Ware verborgen, der Mann ist weife. Du weißt, am Hofe glättet den Boden man, Um leicht zu fallen. Selber die Stiegen sind Bon Glase, daß man oft hinauffallt, Aber noch öfter hinunter gleitet. — Doch mehr als Alles, achte genau auf Dich; Was Du nicht selbst kannst, möge das Schicksal thun; Vergebens nagt am Herzen Sorge, Schmerzen vermehren sich mit den Schmerzen. Lyrische Gedichte. 179 Der Himmel droht mit Blitzen; erwarte sie! Dich reizet Wollust; Eile, vermeide sie! Dir schmeichelt Glück; tritt sanft zurücke. Waffen des Unglücks ertönen; lache. Du bist in Gnaden; werde vorsichtiger! In Ungnad'; 0 so liegest du im Triumph. Du wirst erhoben; steige langsam. Niedergcdrücket; ertrag' cs beugsam. Der Feind verhöhnt dich; denke, du sahests nicht. Es schmerzt; cs muß nicht schmerzen. Was Hauff ich noch Vergebens Worte? Nur durch Tugend Wirst du bestehn, nur in Tugend glücklich. Hoffnungen. Wer den Hoffnungen sich zu sehr vertrauet, Ist ihr Sklave; wie oder wird es werden. Mir geliebct des sanfter» Mittelglückes Daurender Wohlstand. Wer die Seele verschwendet, ist der größte Schwenker. Ueber die Ufer gießt er wild aus Seine Wünsche. Des Lebens Glück und Weisheit Kennet nur Ufer. M 2 Lyrische Gedichte. 180 Jener will in Vielem, in Allem groß seyn; Diesem bleibt, von Erfahrung fest beschränket, Stets ein nüchterner Sinn; im Kleinsten sucht er Dauernde Große — Wer die Wogen der Brust, und Glücks und Unglücks Stürme tapfer beherrscht und weise lenket, Weiß, daß was die Schickung gewahrt, sie uns auch Könne versagen. Verschwiegenheit. Beym Wein, so sagt man, zeiget die Seele sich Wie Glas durchsichtig. Freunde, das sey sie nie! Dem edleren Gemüthc wurden Fenster der Brust nicht umsonst versaget. Verhüllen muß die Wolke des Schweigens uns Des Herzens Tiefen. Was der Senat beschloß, Darf nicht der Pobel wissen. Dein ist Sicher das Wort, das die Zunge wahret; Dein ist cs nicht mehr, wenn cs der Lipp' entfloh. Auf Reden folgen Reden; ein Mundgefecht! — Entflieh ihm, Freund, die Waffen klingen; Rufe die Zunge zurück bey Zeiten. ' ' '' ^ ' Lyrische Gedichte. Wer weiß, was hinterm Treffen dir Hannidal Für Listen stellte? Unter der Rose selbst Sey nicht vertraulich; mancher schwatzte Unter der Rose sein Herz und Glück weg. Ein andrer soll verschweigen, was du verrathst? — Auch deinen Unmuth trau dem Arkader-Ohr Nicht an; im Herzen, wie im Grabe Lieg' und verwese der todte Unmuth. Ach, Herz des Menschen, Grube, die viel verbirgt l * Berlaumdung, Unrecht, Schmähungen, Zorn und Haß Und Rache — Balfamirte Leichen, Liegt und verweset! mit euch der Neid auch! Der mildgewordne Dichter. Der in rascherer Jugend kühne Pfeile Schoß aufs Puni sche Ohr; dem Juvenal einst Seine Ader erglühte, wie der Baccha Fackel cmporflammt; Dem dann Flatkus die Brust, von Eifer kochend, Mit dem Salz des gelindem Spottes würzte, Wenn Lucilius zürnend ihn — und ernst ihn Persius weckte; i8r Lyrische Gedichte. Niemand schont' ich; wer mich hcrausgcfodcrt, Sollts entgelten! Die Pfeile vor - und rückwärts Flogen; ich ging, ein Stachel-Vgel, ringsum Spitzig gcwaffnet. Manche Helden erlagen. Jener Tiger, Dem die Jungen geraubt sind, wüthct minder. Nemesis ward ich Diesem; Andre fühlten Blutig die Geißel — Eben einst, da ich neue Pfeile wetzte, Sank die Hand mir; erschlaffet ding der Vogen. Milderer Sinn umwandclte den Wolf zum Wolligen Lämmchen. Meinen Wurfricm kenn' ich nicht mehr. Es zündet Kaum ein Funke des Streits, so spreng' ich Wasser Ueber, und gebe nach; die Leyer spielend, Wie ein Sabiner. Mein Gesang ist der heilge Hain, des Thales Stille Blume, der Hügel Quellen, oder Grazien-Schwestertanz, und meiner Jungfrau Heilige Anmuth. Lebend mir, und den Wünschen abgestorben, Trag' ich still im Busen so Glück, als Unglück Mit mir; fürchte Keinen und werde keinem Schwachesien furchtbar. Hart beleidiget kenn' ich nur Verzeihung. Stumpf geschmahet; es zupft mich Der und Jener Oft am Barte; doch Ich bin des Androklus Freundlicher Löwe. Starb die Ader in mir? Und bin ich jedem Fuchs gestorben? O Simsen, greif', ergreife Beyde Säulen und wirf das Haus auf alle Schnöde Philister. Vergessenheit. Trink' aus dem Sethe; trinke vom Giftstrom nicht Des St»xes! Lethe fülle den Becher dir, Daß wenn dich Neid und Bosheit quälen, Süße Vergessenheit das Gefühl dir Des Unmuths sanft entnehme. Mit Milde schmückt Sich ernste Starke. Rache der Weiber ists, Med eens Rache, die dem Feinde Giftigen Trank und den Dolch bereitet. Du sey ein Mann, und halte die Wunde nicht Mit scharfen Nageln offen. Den Wüthenden Kannst du mit Einem Vorsatz strafen, Den du dir selber gelobst; zu schweigen. „Die Wunde blutet!" Schmerzender blutet sie, Wenn du sie aufreißst. Aber geheilt ist sic, Wenn du die Hand dem Feinde reichest, Heiter im Blick, mit versöhntem Herzen. Als unauslöschlich einst in der Juno Brust Ein Feuer brannte, Ilion, dir zum Weh! Von ach wie kleinen Funken glühte Fressend die Flamme! Von Einem Apfel. Lyrische Gedichte. ^4 Du, Freund, ernähre nicht die verborgne Gluth, Und kaue nicht die bittere Wurzel stets Bon neuem wieder. Das Bergcmgne Scy dir vergangen; wie oder scherze Den Gram, der wütheud dir an die Seele fällt, Hinweg mit Freunden. Gib ihn dem Zephyr. Hier Nimm meine Leyer und bezähme Singend den Löwen, der in dir aufbrüllt. Willst an verdientem Lobe du dich crfceun; So werde willig erst der Verlaumdung stumm. Der Götter Weg auf Erden wandelt Uebcr begrabenem Haß und Zorne. A b s a g u n g. Bleibet hinweg von mir, ihr lebenden Felsen und Steine Aus Dcukalions Hand, Die je kein Amphion mit seiner Leyer beseelte, Oder vom Boden erhob! — Fast war' ich gefangen; doch mir zerrissen die Bande, Wie von der Flamme versengt. Ja Ihr scyd cs! Ihr seyd die Weisen des ewigen Rechtes, Und der gebietenden Pflicht. Eure Augen sind trocken von Thcanen ; es kennet die Wange Nie ein Lächeln; es schwillt i8L Lyrische Gedichte. Nie euch die Gülle; die Brust kennt keine Stürme; bey euch ist Alles so ruhig und groß! — Elaubts, Pisoncn! ich nicht. Mich Hut die Erfahrung gelehret, Und ich vertraue mich ihr. — Hört Zhrs, deren Tugend in Wolken wandelt, und die ihr Nieden das Leben versitzt, Aufgeblasene, hört. Ich wende mein Schiff in die Wellen, Hin in das freyeste Meer, Wo es in Winden spielt, und sich zu sichern dem Sturme Ruder und Steuer bedarf. Eine Weisheit ist meine; (bcwalirt das stille Geheimnis; l) Mäßigung mitten im Brauch Und im Genuß. Mich füg' ich den Dingen, ich füge sie mir an, Ohn' anmaßenden Stolz. Ist zum Lachen die Zeit; ich lache mit fröhlichen Freunden; Rettet mein Eifer ihn jetzt, Eifr' ich. Ist es die Zeit mit ihm zu weinen; ich weine Herzliche Thranen mit ihm. Mensch bin ich und ein Mensch will ich ganz in Leiden und Lust seyn; Nirgend ein Stock oder Fels. ,86 Lyrische Gedichte. Die Gegenwehr. Wie einen irdnen Krug, der im Staube rollt, Laß dich von niemand wälzen; und beut den Griff Dazu nicht dar, daß man dich werfe Hin in die Gassen, ein Spiel der Knaben. Nur träge Seelen sinken in Furcht hinab Vor fremder Sage. Keinen Gerüsteten, Kein männlich Herz schlug sie zu Boden, Daß es vor flüchtigen Vorwurf bebte. Was sind dir leere Namen? Sie sind nicht Du. Mit Dir zufrieden, achte des Volkes Wahn, Sein blindes Urtheil, seinen Taumel, Wie das Gebraust der Wasserwegen. Durch seine Beugung kannst du dem Lästerer Nicht stets entweichen; mächtiger wirkt auf ihn Ein Gegenstoß. Fahr' also fort Du, Tapfer zu handeln, und zu mißfallen. An einen jungen Helden. Schäme dich nicht, o Guelfe, deines Lehrers Wink zu folgen. Auch RomuluS gehorchte Seiner Acca; Ev anders Pallas folgte Seinem Accstes. Lyrische Gedichte. »87 Alle bedürfen wir in jedem Alter Jetzt der Sporne, des Zügels jetzt. Vereinte Macht gebietet. Ein doppelt Ruder fördert Schneller das Fahrzeug. Unter des Argus mißgefall'gem Auge Ware Jupiter nicht zum Stiere worden, Hätte nie, ein Verbrecher selbst, die schärfsten Blitze verdienet. Schlinget der Epheu nicht sich an die Eiche? Prangt die Traube nicht sicherer am Ulmbaum? Bacchus selbst, er gehorchte feinem Führer, Bis er, ein Gott, kam Rcbenumkranzt; es jauchzen um den Sieger Frohe Ehöre; der Indus sammt dem Ganges Huldigt' ihm ; der Olymp empfing den Freude - Geber Jacchus,. Auch der Pelide ward in Chirons Händen, In Thessalischcr Höhle, was er Dir war, Troja! —' Spcrchius Fluth entgegen, feinem Schneidenden Eislauf, Thiercn entgegen, jetzt mit Wurf und Pfeilen, Jetzt mit Armen — der Kampf ward Jugend-Spiel ihm; Kehrte dann vom Jagen, vom Lauf ermattet, Wieder der Jüngling; Nahm der Centaur ihm ab den krummen Bogen, Reichend ihm die gestimmte Leyer. Lerne, Sprach er, liebliches Kind, die Macht mit Anmuth Weife beherrschen. i83 Lyrische Gedichte. An einen Krieger, der sich zur Rechtswissenschaft zurückwandte. Du wechselst also Waffen des Mavors mit Der Th cm is Büchern, die du zur Braut dir wählst? O mehr als Danae, Geliebter Wahre die Braut vor dem goldnen Regen. Ein Ehebrecher, wer das Gesetz entehrt, Ein Kuppler, wcc's um schändlichen Lohn verkauft. Spür' auf den Rechtspunkt im Verborgnen; Aber nicht auf im verborgnen Beutel. Das Edle fey dir über dem Nützlichen; Was dich bestäche, wage nicht anzuschaun. Auch auf dem Richtstuhl fey ein Krieger, Der mit dem Schwerte der Heilgen Themis Das Ungcheur, die fressende Räubcrbrut, Das Wortgczank in jeglicher Hohle straft. Was lange Jahre schlau verwirrten, Schlichtet und ordnet mit Einem Blicke Der edle Pratoc, wenn er, ein gütgcr Arzt, Des Rechts Gebrechen heilet. Er bannt hinweg Won seinen siechen Todeskrankcn Schwindsucht und Fieber und Pest und Acmuth. Lyrische Gedichte. 180 Pythagoräische Denksprüche. Daß des'Heiligen unnennbarer Name Dir im täglichen Brauch gemein nicht werde, Trage Gott, auch im schöngegrabnen Steine, Nicht an dem Finger. Rüttle nie dcn kochenden Topf. Das Feuer Theile nie mit dem Schwert. Damit im Glase Du die Hefe nicht trinkest, trinke nie zum Boden das Glas aus. Nie erniedere du der Staaten Krone, Wandle nicht auf des Pöbels Heeresstraße, Speise nie Gerichte mit schwarzen Schweifen, Speise das Herz nie. Fremde Becher erfaß' auch mit der Linken Nirgend. Spring' im Laufe nicht über's Ziel hin. Schau beherzt in den Spiegel, nie befürchtend, Was er dir zeige. Auch dem Feinde rupfe dcn Bart nicht. Reiche Deine, Rechte nicht bald. Den Göttern weihe Reinen Trank; und donnert der Himmel, sinke Nieder zur Erde. 29 » Lyrische Gedichte. Die Urne des Minos. Dem Richtcrstuhle bleibe der Zweykampf fern, Wo gegen Gold mit Eisen der Richter kämpft; Wie oft erlag sein schwacher Stahl schon Jener gefürchteten gvldnen Schneide! Mein Sphynx spricht Heller. Ferne dem Richterstuhl scy Verkauf der Stimmen, schmählicher Gunstverkauf. Den höchsten ungerechten Richter Straft' und verbannete einst die Scherbe. Pech sind Geschenke. Keine gewaschne Hand Berühre sie. Der goldne Becher glänzt Auf jenes feilen Richters Tafel Ihm zur Verdammung. In Ruhme glänzet Das kleine Salzfaß, das des gerechten Manns Beherzte Armuth preiset. — Wohin im Streit Nach eigenem Gewicht die Waage Sinket, da sinke sie hin dem Auge Dcr, die sie hält, der sehn den Gerechtigkeit! — Dann ruh das Meer des wüthenden Wcllenstreits In seinen Ufern. Viele Klagen Hat es verschlungen der armen Wittwen, Der Waisen, deren Segel hinunterfuhr Im Schiffbruch. — Richter! werde des Streites Arzt, Erforsche tief der Krankheit Quelle, Ocffnc die Ader der Patienten. Lyrische Gedichte. 19c Nicht Manlius, auch Lälius Urtheil nicht Gefällt mir. Tugend wohnt in der Mitte. Furcht Umgebe rings die Gnade. Cato Werde mit Atticus Freund und Bruder. Den Stab zu brechen säume. Verhülle nicht Das Haupt zu bald; noch schlachte die Sachen ab In Laufes Mitte. Todesbuchstab Machet erseufzen; auch du erseufze. Gar bald begrabt man Leichen; die Manen ruft Man nicht sobald ins Leben; es komme dann Ei» Symmachus als Fischhaupt wieder, Wilde zu schrecken so Wirth als Gaste. Verehre den Allfthenden Richter. Einst Spricht er auf Iris Wolke das Unheil aus; Und wenn die Rache säumt, vergilt sie Jegliche Stunde mit härtrer Straft. Milo. Du, der üppigen Muths die Faust umhcrwirst, Und was heut er vermag, nach hundert Jahren Noch zu können erhofft; sieh her, und höre, Höre den Milo. Aus Kcotone bin ich. Die Faust erlegte Statt des Beiles voreinst den Stier mit Einem Schlage. Kennest du mich? Dem Greift sinken Matter die Arme. >92 Lyrische Gedichte. So sank PHaethon einst vom Sonncnmagcn; So Antaus. Es warf Alcidens Arm ihn Todt danieder. Mich haben Göttersöhne, Jahre, gebändigt. Der den Löwen erschlug , entweicht dem Wolf jetzt Traum' ich, daß ich cs war, von dem die Sage Meldet? Oder entfloh ich mir? Ich suche Mich in mir selber. Was beweinet ihr dann die flüchtge Rose, Wenn die Eiche zerfallt? O Jüngling, nutze, Nutze weise der Jugend Kraft, und denk' ans Kommende Alter. Gleichgültigkeit. Ja Freund! verachtend tret' ich mit edlem Stolz Auf Manches. Soll ich — sage, warum soll ich Dem Murmeln des Gerüchtes frohnen? Und die geschwätzige Zunge fürchten? Mich ftcun, wtnn jetzt mich billig der Pöbel lobt? Mich gramen, den unbillig der Pöbel schmäht? Nicht Dies, nicht Das ist mir geziemend; Rühmlich- und Schändliches auf dem Fischmarkt Um Eine Münze kaufen, das mag ich nicht! — Db tadelnd oder preisend er auf mich zeigt; In meinen Mantel cingehüllet, Geh' ich hindurch ih«, wohin mich Pflicht ruft. Genuß Lyrische Gedichte. tq3 Genuß des Lebens. Lebst du? oder schiebest du auf zu leben? Leere Hoffnungen webt, wer jenem Faden Trauet, den uns Lachesis oft mit schnellem Finger zerrciffet. Kurzen Laufes eilen dahin wir. Flüchtig, Gleich dem Vogel und Pfeil entflicht der Tagt Jeder, der der letzte nicht ist. Der letzte, Traurige dauret. Als geboren wir auf die Erde kamen, Kam ein Schatte mit uns; der Schatte wachset Vor und hinter uns her, bis selbst als Schatten Wir in die Gruft gehn. Wie zum Brunnen der KrUg, bis unvermuthet Er als Scherbe zerfallt, so schleicht das Leben Jum Verfalle. Geneuß das Heute; morgen Bist du gewesen. An einen römischen Prälaten. Die hcilgen Fasten bietet dir Janus dar; Prälat der Kirche. Lerne die Nomcrmacht Durch Güte mildern, lerne Würden, Geistliche Würden, mit Snnftmuth zieren. Herders W. Lit. u.Kunst. XlV. N Der ist ein Herrscher. der dem Beherrscheten Gefällig wird, als wäre der Niedre Er. Die stolze Stirn, die sich in Unmulh Feiltet, verrät!) ein Gemükh, das Anecht ist. Du wach' am Steuer, daß dich die Winde nicht Auf Klippen treiben oder auf lockern Sand; Doch wenn du hinten wachst dem Schiffe, Laß auch zuweilen das Vorschiff schlafen. Die Ehre schwitzt und frieret; sie findet stets, Und bringet Sorgen. Sehe dein Herz in Ruh, Und habe Dich, fo wirst du alle Glieder des Ganzen mit Einem Willen Regieren. Wer nicht über sich selber Macht Gewann, der dient sich selber. Elende Macht, Die jedem eignen Jrrkhum fröhnet, Und in Begier und Gewohnheit Knecht ist. Gesetze giebst du. Wisse, was du befiehlst, Und thu zuerst es. Königen folgt der Troß, Dem Feldherrn der Soldat; Lpkurgus Lebte voran, Lacedamon folgte. Vorbilder zwingen; Worte belehren nur. Durchschau geheime Winkel; du aber steh Der Welt zur Schau. Des eignen Herzens Tugend entflammet; die fern - entlehnte, Die man aus fremden Grüften und Höhlen stahl Verdampfet. Sey dir selber, nicht andern hart. Wer Herkules Gefahren andern Müßig gebeut, und dem Mattgejagten Befiehlt zu dürsten, weil er die Quelle selbst, Ein Afrikanischer Drache, mit Gier umschleußt, Der ist ein Ungeheuer. Fürsten, Bannt die Gewohnheit und werdet Menschen. Die Mutter der Dinge. Neulich, als ich im Hain am Quell der Nymphen Saß: (es klagelen mir zu Füßen weinend Ihre Stimmen; eS seufzten übernl Haupt mir Winselnde Winde.) Da erschien mir ein Bild. Die große Göttin Stand vor mir, mir gethürmter Krone; ringsum Flog das Haar um den offnen, weißen Busen — „Schreibe!" so sprach sie, „Dichter, schreibe, was Ich, die alte Mutter, Al? Gesetz der Natur dir sprach und klagte." (Wie das Rauschen des Stromes, der ins Meer stürzt, Tönte die Stimme.) „Thöricht Volk! Es begehrt, was ihm versagt ist! Dieser Kraniches - Hals ; des Nas'horns Nase Jener; Dadalus Flügel der; ein Andrer Jahre der Hindin. Hast du Kraniches-Hals, so Hab' auch Kranichs Flügel. Wache wie Er, und sey des Jägers Raub. Als Hindin erdulde Durst und Winter, Bis dich ein Pfeil trifft. Lyrische Gedichte. 196 Was ich fügte zusammen, trennet niemand; Niemand füget zusammen, was ich trennte. Jeder sey mit dem Seinen froh und glücklich, Wenn er cö seyn will. Was ersinnet chr euch für eitle Namen? Ich war P>, rrha, die Mutter-Eiche war ich, Deren Schoos euch gebar, und war P r0m eth e us, Der euch das Licht gab, Jenen himmlischen Funken, Euch zur Flamme! Ich umglattete rings die Lcimgeschöpfe, Goß euch Strahlen ins Aug', erhob das Antlitz Euch zu den Sternen, Und verdeckte das Herz Euch. — Wünscht ein Tadler Andern Fenster der Brust, so öffn' er Schaamroth Seine eigene Kammern. Eine Zunge Ward euch im Munde, Ihr Zwcyzüngler. Zur Unschuld und zur Güte, Zum aufrichtigen Sinn erschuf ich Menschen; Und sie brüllen, als Löw' und Stier, sie heulen Mich wie die Wölf' an. Ueber Rache der Menschen kennt der Orkus Keinen größeren Grimm: sic würgen selbst sich, Unersättlich im Haben. Kaum der Wiege Windel entkommen Lyrische Gedichte. 197 Ist dem Knaben ein Reich, die Welt nicht weit gnug! — Gold, das schädliche, das die Augen blendet, Barg ich unter den Boden, und sie suchen's Tief in der Hölle. — Alle Gräuel der Nacht in Cythereens Kammern oder Lyaus deck' ich schaamhaft Zu mit Dunkel. Sie schänden, sie entreißen Sich ihr Geschlecht selbst. Meine schöne Gestalt, die ich der Jungfrau Schenkte, gnüget ihr nicht; sie heuchelt Schönheit Sich mit Giften ins Antlitz. Jahr' und Jahrszeit Wirren die Thoren. Nicht die Rose des Mays, die Wintcrrose Duftet ihnen. In Goldpokalen röchelt Ihnen süßer der Wein. Im Spiegelzimmcr Quillet ein Lustbad. Jener Wütherich peitscht das Meer mit Ruthen; Dieser drohet der ihm zu heißen Sonne Seinen Pfeil, und dem Aeol Backenstreiche — Alle verklagen Mich! O Thorcngeschlecht, du Handvoll Erde, Hast du also vergessen deines Ursprungs, Daß du Staub und ein wenig Hauch und Luft bist,? Hast du vergessen Lyrische Gedichte, rgö Deiner Mutter, und eilst zum Untergange? —, Aber, heilige Themis und o Göttin, Die dem Frevel im Rücken folgt; ich nehm' euch Beyde zu Zeugen Seufzer hinderten jetzt das Wort der Göttin; Sie verschwand in den Hain ; der Hain erbebt?, Traurig rauschte der Strom, und um mein Haupt stand Gräßlicher Schauer, Die Begyabnißstätke. Des Lebens Fabes, minder und mehr berühmt, Des kurzen Lebens Fabel ist ausgcspielt Von Euch, ihr Tobten. Euer Pallast Ist ein verschlossener, enger Sarg itzt, Und Niemand von den Tausenden störet noch Dem Nachbar sein? Rechte, sein Eigcnthum; Der Feind daneben seinem Feinde, Streitende Brüder in Einer Urne, Die keusche Jungfrau neben der Buhlerin, Der Ehebrecher neben dem Ehemann, Der Heilige zunächst dem Frevler, Laster und Tugend, sie sind beysammen Begraben. O was streitet im Herzen mir? Geheimes Wort, erdrückest, erdrückst du mich? Und darf ausreden meine Zunge, Was sich im Busen mir fluchend walzet? Du säumst, der Gottheit Sprecher? und fühlest nicht Den hcilgen Pfeil, der dich zu enthüllen zwingt Die schreckliche, die süße Wahrheit Ueber der Äsche der Abgeschiednen: „Hier liegen Holl' und Himmel, im engen Rau m Vermischt beysammen." Neben dem Unkraut schlaft Der Weizen; unter dicken Dornen Keimen die Lilien künstgen Frühlings. O schöne Jahrszcit, wenn sie erwachen, wenn Was hier in Hoffnung keimet, zur Blüthe sproßt. Du Bett der Nuhnden, milde Erde, Triefend vom Thaue der bcßren Welt einst, Wenn auferwacht, weH hier in Erwartung schlaft, Ecsat in TKranen, reifeich der Herrlichkeit; Und überglanzt die Sonn' und alle Glanzende Sterne mit innrer Würde. Und neben ihm ein Dunkel der Holle, wo Die Nacht herberget! Schatze des Zornes sind Hier auch begraben, wo der starre Freveler reifet zum zweyten Tode. 2vc> Lyrische Gedichte. Du Haus des Traurens! Order Verbannungsort, Mehr als die Znse! auf dcm Ae ge er-Meer. Du Kadmus-Saat, sich selbst zum Unheil Wiedergebohren. — Es wankt die Erde Mir unterm Fuß. Sie scheiden, cs scheiden sich Die Neubelebten. Freunde, Geliebte, die Ein Vaterland, Ein Rasen deckte, Brüder und Gatten, von Eltern Kinder, Sie scheidet nun und immer die Ewigkeit. — Wie wird mir? Kalter Schauer ergreift mein Herz. Sie regen sich. O ruht, ihr Tobten, Ruhet im Grabe, bis Eure Zeit kommt. Noch schweigt die Tuba; aber sie schimmert schon. Der Tage jüngster hinter den alteren Geschwistertagen regt die Schwingen, Harrend im Neste, noch unbestedert. Aus tiefer Brust erheb' ich ein Seufzerlied, Und sprenge Kühlung übrr die Grüfte. Ruht, Ihr Lobten! Eure Lebensfabel Ist und dje unsere wird geendet, Lyrische Gedichte. ?(>i Die sterbende Nachtigall. Höret das Ende der Sängerin Nachtigall. Wenn die letzte Stande Ihr jetzt nahet; sic ahnet der Stimme baldiges Verstummen , Will sie noch sättigen sich an Gesängen, und im Gesänge sterben. Kaum erwachet der Tag, so erflcucht an des Hellen Stromes User, Sie eine Pappel, und wieget den Gipfel, und stimmt die kleine Kehle, Daß Aurora fröhlicher lacht, und die hingcwein- ten Thräncn Schneller enttrocknet der Flur. Wie der Tag sich hebt am Himmel, Hebt das Herz der Sängerin sich, und erweitert schlägt ihr Busen; Tausend Stimmen erklingen in ihr, Polyhym- niens Gesänge, Bis zur höchsten Höhe der Sonne. Da wendet schnell der Ton sich; Zärtlicher rufet sie — wen? wen rufet sie, unersättlich-schmachtend Male nach Malen? So oft bewegen im stillen Hain die Blätter Und im Meere die Wogen sich nicht, die der schnelle Sturm empörte, Als aus ihrem Busen das Rufen und Rufen tief hinaufsteigt. — L v r i sc h e G e d i c h t e. Wie sich die Sonne neiget, celeichtert die stark- veklommne Brust sich; Elegieen verfließen in süßere Sapphische Gesänge. Zartlia) fragt sie, redet sich an, und erwiedcrt sich die Antwort, Halt jetzt inne, strömet hervor Melodicen; denn die Sonne Sinket; ihr Ende naht. Nun stimmet, sie stimmt das Schwanenlied an. Unter ihr murmelt der Bach; es träufelt der Regen. Sehr, die Sonne Weilet; Hefpcrus lauscht; es lauschet in süßen Sr-m- pathiecn Rings die Natur. Und die Künstlerin steigt zur höchsten Füll' und Einfalt Aller Lust des Gesanges, bis mit zersprengter Brust vom Aste Sie danieder sinket und schweigt. — Ein Saiten- spiel des Sängers, Der ihr lauschte, fanget sie auf. Es belebt' ihr letzter Athcm Seine Saiten; er singet den Grabegesang ihr und mit Thranen Sehet er ihr die Schrift: „Hier ruhet sie, Attis war ihr Name, Königin aller Gesänge: sie ruht im stummen Grabe." Mutter und Lyrische Gedichte, 20 ? Philomcle an ihre Schwester Progne. Waren Tauben voreinst der Liebe Boten, warum soll Philomele dir nicht bringen ein freundliches Lied, Schwester Progne? Sie kann dir nicht mehr singen im Haine, Dickerer Erdenluft tönet die Stimme nicht mehr. Aber sin stummes Gewand kann sie dir zeigen; du liesest In ihm, was dir entfernt deine Getreueste spricht. Schwester Progne, wir liebetcn uns und wählten verschieden; Du die gerauschige Stadt, ich mir den einsamen Hain. Da schwang ich mich empor zu diesen stilleren Hainen , Wo kein Räuber uns mehr, keine der Klagen verfolgt, Wo mit dem Adler die Taube scherzt, und die steigende Lerche, Selbst das Zeistchen nicht Kranich und Geyer erschreckt; Wo kein Rabe mehr krächzt, kein Sperling buhlet, und nicht mehr Euer erfabelte Schwan singet den Sterbegefang. Städte, wie du sie liebst, sind nicht in unseren Auen; Schwalbe, dein irdenes Nest — ist es nicht schöner als sie? Unsre Städte — jedoch du begreifst von ihnen den Namen Nicht, und die innere Lust dünket dir Nebel und Traum. Komm hinüber zu uns. Hier ladet ein ewiger Frühling, Den du vergebens dort, ziehende Wandrerin, suchst, Ewiger Frühling ladet dich hier mit dem lauesten Duft ein; Narben und Krokus blüh», Progne, sie blühen für dich. Komm hinüber. Es weicht in unserm Lande der Wahrheit Jegliche Fabelgcstalt. Hier bist du Schwalbe nicht mebr; Ich die Nachtigall nicht. Es verstummten meine Gesänge, Als ich in diesen Hain höherer Hymnen gelang. Komm hinüber. Du wirst hier mit mir wohnen. Es trennen Hier sich Häuser und Hain, Flur und Palläste nicht mehr. Jedem gewähret sich hier sein Wunsch, und jeglicher Wunsch ist, (Kaum begreifest du dies,) hier auch des anderen Wunsch. Schwester, Königin, du, die im Rauch der leimcrnen Hütte, Die im staubigen Nest kältender Festungen wohnt; Lyrische Gedichte. 2«5 Ach, erblicktest du diese Gefilde; wie würdest du sagen : „Hier ist der Frühling! o leb', eisiges Thrakien, wohl. " Kennst du dcx Schwester Stimme nicht mehr? Phi- lomclens Gewnnd nicht? Ihr Blutroths Gewand, das sich im Herzen dir regt , Mit dem Pfeile der Liebe geschrieben? Was tönet ins Ohr mir Lauter und lauter? Sie kommt, meine Verlassene kommt! KenötaphLum des Dichters ZakobBalde. ^er Dichter, dessen Stimme wir in dieser Sammlung lyrischer Poesieen hörten, hieß Jakob B a l- d e. Gegenwärtiges Kenokaphium soll sein Andenken blos als eines Dichters erneuern, wie er sich in seinen Werken selbst schildert. i. Jakob Balde war zu Ensisheim in Elsaß i6c>3 gebohren. Dieses schöne Land gehörte damals noch zum deutschen Reiche; er war also ein Deutscher. Lebenslang hat er zu seinem Vaterlande die innigste Liebe bezeuget, und als im dreyßigjahri- gen Kriege cs dem armen Elsaß so übel erqieng, äußerte er in vielen Gedichten darüber sein regcstcs Mitleid. Brüderlich tröstet er seine vertriebenen Kcnotaphium des Dichters Jakob Balde. 207 Landesleute, und stärkt ihr Her; mit den erlesensten Sprüchen der Weisheit; wobey er nie unterlässt, sich selbst als einen Vcrbanneten zu betrachten und das Land zu rübmen, in dem er zuerst das Licht sah *). Alis vielen gaben wir nur Eine Ode, ein Tr 0 stsc h reiben**); es sagt uns den Inhalt der andern. Jedermann, der jene Länder und legenden sah, bedaurct, daß die schönen Tkaler längs dem königlichen Rhein Jahrhunderte hin einer immer wiederkomm.nden schrecklichen Verwüstung auSgesetzk gewesen. — Daher der Schmerz unsres Dichters, als Breisach eingenommen war ***); daher seine öfteren Verwünschungen des Krieges. Er nennet sich gern einen Alsatier, und läßt die Muse ihn also nennen ****); er spricht gern mit seinen Landsleuten; auch jene Heilige, die zur Linde aufsprvßte, war eine Elsässerin ch). — Erleben musste es der Dichter, daß dies Land vom deutschen Vaterlandc abgerissen, eine französische Provinz ward. Schon vor geschlossenem Fcie- LalLs posmata Lolon. 1660. I,. 7 H- OL. Z4. aL exsvkes Llraras» I-. III. OL. 6. aL nobi- lenr Llsatam, nr pairiae calüinitLiein, moL». rste kerat. I,, III. OL. 20. I,. II. OL. 27. Lerpsichore S, 12Z. ***) Terpsich. S. n6. ***') Terps. S. itzL, -j-) Lerps. S. gii. r». » 208 Kenotaphium den giebt ihm der erste französische Botschafter beym westphalischcn Frieden, fein Memmius davon Nachricht und nennet ihn seinen Landsmann*); Balde aber sah sein Vaterland nie wieder. 2 . In Bayern lebte unser Dichter; und cs ist nicht zu bergen, daß er zuweilen mit Mißfallen darinn lebte. Er klagt über den Himmel, der seine zarte Gesundheit mit Katarrh und Flüssen, mit Fiebern quäle, die ihn mehrmals an den Rand des Grabes versetzten. Schwerlich ist der häßliche Ka- tacr h von einem Dichter arger verwünscht worden, als von dem unfern; zum Trost aller, die bey der ewigen Feindschaft unsrer Lebensart und unsres Klima von ähnlichen Nebeln leiden, theilen wir ihnen Eine Verwünschungsode desselben mit **). — Das Kraut, mit dessen wohlthatigem Rauche unser Dichter diesen bösen''Feind verjagte, hat ihm ein Lobgedicht dieser Pflanze abgelockt ***), vor bcrcn Mißbrauche er in einem langen Gedicht warnet ****). Gegen den Vorwurf der Muse, daß er statt der Flöte der Pallas dies Rohr ergreife ch), schützet er sich mit dem harten Ecforderniß seiner Gesundheit und seines Klima. Ueber *) Laläe yoem. N. II. y. 2 i.l. *') 1°. I. Nib. 17. Oä, Zg,. Dirne in Oalarrlrnm S. die folgende Nachlese von Balde's Gedichten. S^lv. I.. VIII. Oll. 6. '"*) Nom. III. x. iSo. s) 8v7v. 7Hr. D. IX. Oä. z. des Dichters Jakob Balde. 209 Ucbcr dies Klima ist er mebrmals so ergrimmet, daß er sich ia Gedanken, auf den Fittigen seiner Muse, in die Lst- und Südwclt, nach Eonstanti- nopcl und Aegypten hin verseht, und seinen aufgebrachten Genius dadurch gleichsam tauschet, a) Diesem und andern Ausflügen seiner Phantasie, die er Enthusiasmen nennet, baden wir mehrere starke Oden zu danken, bei denen man cs fühlt, „der Dichter wollte sich vergessen; er wollte sich selbst entfliehen;" immer aber waren diese Ausflüge nur Täuschungen seines Eckels, seiner Langenwcile. Aus Eonstarttinopel und Aegypten kam er nach Deutschland in sein Bayern zurück, und ersank matt in sich selber. Dann erhob er seine Stimme, und predigte andern, daß man sich selbst nicht entfliehe, wenn man auch an den Ganges entflöget)). Auster dem Klima waren einige damals herrschende Sitten Bayerlandes unserm Dichter nicht freundlich. Um gesund zu seyn, war ibm die strengste Diät nothwendig; die Magerkeit war also seine Muse, die er pries und anpries; a) keinen trifft L) 1 -. I. L. Itl. Ocl. 47. r.. IV. Och 26. k) Terpsich. S. 17/,.. und sonst. Eine ausführliche Beschreibung des bayerschen Klima enthält die i8. Ode des g. B. seiner Wälder, wo er es nach Monaten hererzählet. e) Lerpsichore, S. 84. 85 . S> i>8. I^r. l,. VIII. Ocl. 2. cwnviviis Oermnnnr. Herders W.Lit.u.Kunst. XIV. O 210 Kcnotaphiuni seine Geißel schärfer , als die Schlemmer, die dicken Bauche. Bis ins Grab bim in verfocht er diese; dagegen er die strcngeste Mäßigkeit, als eine Schwester Galenus, als eine Tochter der Gesundheit selbst preiset. Er spricht oft von einer Gesellschaft der Magern, (iriaoilentooum) in der er diesem oder jenem Freunde zu seinen Fortschritten scherzend Glück wünschet. Von sich rühmt er, daß er, leicht wie ein Schatte, zwischen Göttern und Abgeschiedenen schwebe. In solcher Gesinnung konnten ihm die prassenden GasiMahle der Deutschen nicht sehr erfreulich seyn. Er schilt seine Landsleute oft darüber, so wie über ihre Modesucht und Nachahmung fremder Länder. Ein ganzes Buch, den Aga th yr s us, hat er „voM Lobe uttd Wohlstände der dürren Gesellschaft;^ und ein andres, den An ta gathy r su s, eine saty- rische Apologie der Fetten geschrieben, von welchen Schriften wir späterhin reden werden. 3. Da unser Dichter in Bayern lebte, so hat er nicht ermangelt, manche schöne und große Gegenstände dieses Landes zu schildern, sowohl Gegenden, als Werke der Menschen und Charaktere. Die Hangenden Garten des Herzogs Albert des sechsten in München *), Ebers- *) Terps. S. 22. 28. des Dichters Jakob Balde. 21t bürg u), bei Thalkirchen die romantische Gegend Hasene-Loh genannt b), wo der Dichter die Echo über Krieg und Zeit befragt, und niedrere Gegenden der schönen Aue, in der die Hauptstadt Bayerns liegt, hat er geschildert c). Einige Gedichte, die er in Ncuburg und an der Donau schrieb, hat er mit Lokalumständcn dieses prächtigen Stroms bezeichnet st). Das Kloster Wald rast in Tyrvk, Mehrere Kapellen der Maria in einsamen Waldgegenden e), ihre Bildsäule auf dem Markt zu München u. f. k) besang er, mehventheils als Gelübde. Die angenehmen Waldgegenden dieses Landes machten seine Muse zur Jägerin und seine Schutzgottin zu einer DiaNa A). Das erste Buch seiner lyrischen Wälder enthält vielleicht alles was für und gegen das JagdlcbeN gesagt werden kann; zuletzt versöhnen sich Pallas und Diana in einem lyrischen Gespräche kr). Wenn ein Literator in r») 8>I. hr. I». Kill. Ost. 2o» t>) 8 ^Iv. I^r. I». IX. Ost. 27 . 0) Westenrieders Beschreibung von München» (München 1782.) erwähnt mehrere dieser Orte, st) S. lorviisr. encoM» st). IIl. st» 8z» Oanedli- liad. hlaoburA» 1'. II. st» lg. e) Lerpsich. S. die Waldrast, in der Nachlese. iHric» I,. I. Ost. Il» l». Ill» Ost. 2 . eie. 1) IHric. I,. III, Ost. 1 b. 26 . 28 . ß) O^ric:. I. z. Ost. 2 . I, 2 . Ost» 1 h» Ii) 8^Iv. I. 1, Ost» 16. O » 212 Kcnotaplium Bayern, der mit allen Gegenden und Umstanden der Zeit bekannt ist, Baldcns Gedichte Ort- und Zcitmaßig erläuterte, würde er ilm vielleicht als Bayerlands Dichter darstellen können, wie z. B. Opitz, Loga» und andre, Schlesische Dichter waren. Die lyrische Muse hat vor andern Schwestern den Vorzug, das sie die Gegenden, die sie durchwandclt, gleichsam zu einem klassischen Boden macht, und auch im Dunkeln leuchtende Fußtapfen zurücklaßt. Griechenland, .Italien sind voll dieser glänzenden Spuren; fast kein Berg, kein Hain, keine Quelle, kein Thal ist , deren Genius nicht einst die Muse in daurende Gesänge aufnahm. In Deutschland sind große Erdstrecken völlig noch unklassischcr Boden; einige rauhe Stimmen, die sie wirrst besangen, vergißt man gern, indeß Brock cs, Hagedorns, Hallers, Klopstocks, Gcß- ners und andrer treffende Localbeschrcibungcn sich erhalten werden und auch durch Gesang Deutschlands Boden gleichsam veredeln. Wie an Gegenden, so schlang sich auch an mehrere große und berühmte Männer Bayerns die Poesie unsres Dichters an. In des Kurfürsten Maximilians Zimmer fand er den dreifachen Seufzer der Monarchie angeschricben, über welchen er sein Herz ergoß *); in wenigen, aber prächtigen Oden besingt er die Vorsicht, die über den Kurfür- lH-t-ie, I.. IV. Ock. z. Zerpsich. S. Ah, des Dichters Jakob Balde. 2lZ sten auf seinen Kriegszügen gewacht hatte er); keine ist leer an großen Gesinnungen und Lehren. An den Prinzen Albrccht Siegmund von Bayern, Coadju- tor zu Frcinngen, ist die Lde, das Hirte »leben Ich gerichtet; einem geistlichen Fürsten in diesem Wald - und Hirtenlande konnte man die Pflichten seines Amts schwerlich ernster und schöner sagen. Mehrere Gesänge sind durch Umstande des fürstlichen Hauses veranlasset u) ; zur Ode Nero U), die Römerbilder ech , an M. T. Gicero u. f. k) begeisterten den Dichter Kunstwerke. Der edle Brevanus, der ihm die alten Münzen zeigte, stehet selbst als ein Gepräge der alten Zeit da Z); der Staatsmann, der als ein Lorbeerbaum grünet, war Wolfgang Silbermann, Kanzler der Pfalz Neuburg Ir). Verdiente Namen sollten dem Lande, dem sie zugehörten, auch in Gedichten nicht veralten. ->) 1.71-. U. IV. Oä. z. Ich Lerpsich. S. 65. 1.71- I. 3. Oä. H.5. r ungerecht gegen sie machte. Niemand wird es ihm verdenken, daß er im dreißigjährigen Kriege die Parthci der katholischen Ligue nahm, deren Haupt sein Kurfürst war n), daß Tilly sein Held ist k>), daß er die Siege des Dcsterrcichischen Hauses fciret e); auch wird cs ikm Niemand verargen , daß ihm das Glück der Schweden ei), selbst Wallensteins Glück verhaßt war e), und daß er die Unthaten seiner Gegner sehr zur Schau stellt k). Leider war dies damals die sogenannte Staats- R aison beider gegen einander sehr erbitterten Parthci.n. Dreißig Jahre zogen die Kinder Deutschlands in ihrem eignen Lande umher, um allenthalben die Brust der Mutter zu verwunden, die Gebeine ihrer Brüder zu zertreten. Es war kein 'Re- ljgions - sondern ein Plünderungs - und Raubkrieg, der den herumziehenden Horden wohlgesicl, den sie also wohl auch verewigt wünschten 8). Die Verwün? I, g. Oll. r. 2, si) Oxille- I. g.. Oll. ri. c) I. i. Oll. 26, z 3 . I.- 2. Oll, Z, ll) I. 1. Oll. 36 . eg Li^rie. I. 2. Oll. 3 /, Terpsich, S, irg. k) I. 2. Oll. r?. I-. Z. Oll. 20, rr, 26. 3 ?. I.. IV. Oll. 8- xg Illpoll. Oll. 1, ?) 1 v, H'r. IV, I.. IX. Oll, 2l6 Kenotaphium schlingen dieses Krieges waren von jeder Seite gerecht. Je länger die Verwüstung währte, desto partheiloser ward jedermann, so daß man auch an unserm Dichter zuletzt bei seinen brennenden Wünschen nach Sicherheit und Frieden durchaus keine Partheüichkeit mehr bemerket a). Vielmehr haben ümi seine reine patriotische Oden über Deutschlands Wohl und Weh k>), über die Sitten der Deutschen ess, über Deutschlands damaligen Zustand u. f. den meisten Ruhm erworben: denn wer Balde auch sonst nicht kennet, kennet ihn als einen patriotischen Dichter. — Wenn er indeß in früheren Jahren sich von seiner genommenen Parthci so weit ausbcingen ließ, daß ec z. B. über den an Wallen stein begangenen Mord frohlocket ä); wenn er gegen die Häupter und Lehrer der Prctesiant.n in unwürdige Schmähungen ausbricht s): so kann man dies durchaus nicht anders, als durch die Hitze des Augenblicks in der damaligen Zeit.nlage, so wie denn auch durch die frühausgefaßlen Vcrur- theile seiner Erziehung, und durch seine Unwissenheit entschuldigen. Balde, wenn er jetzt lebte, ») Terpsich. S. 2c>/. u. f. k>) Lg'lv. I. IX, Oä, 11, iz. 14. ig. ig. 20. sz. ag. u. f. v, Lvlv. l. III. IV. ä) lHrio. I. a. Oä. iZ. e) Xut-ig-ltbvrs. I,VIII — I.XIII. deS Dichters Jakob Balde. 2^ würde nicht mebr so schreiben; indessen verstehet es sich, daß zur Ehre des Dichters selbst von j.der Spur solcher Fehler meine Terpsichore frei bleiben misste. 5 . Balde gehörte zu der sogenannten Gesellschaft Jesu. Ob ich nun gleich nicht glaube, daß Einer meiner Leser bei Ansicht dieser Worte sogleich das Buch wegwerfen, und was er in ihm vorher gut oder vortrefflich fand, fortan böse oder abscheulich finden werde; so verdient doch, auf der Stelle, aus welcher Balde selbst als Dichter stand, dies Pradicat allerdings eine unparthciische Erwägung. Allgemein wissen wir, daß selten jemand sich seinen Stand selbst wählet. Wir treten in ihn meistens zu einer Zeit, da wir ihn noch nicht übersehen , da Ncbenumstände uns mehr bestimmen, als die Sache selbst. Beispiele, Vorbilder, der Rath Anderer, endlich Zufälle und die liebe Noth habe» ihre Hände dabei so gewaltig, daß wir auf die Bahn unsres Lebens uns mehr fortgestoßcn, oder von Winden fortgetricben fühlen, als daß wir frci- wollend und freiwählend dahin wandern sollten. Nicht also welchen Stand jemand ergriff, oder zu welchem Stande er gebohren ward, ist der gerechte Titel seines Lebens; sondern was Er ixi 2:3 Ke.no taphium dem Stande war, wie Er sich dem Stande oder den Stand sich anfügte, das ist die Losung. In der damaligen Zeit, da die Gesellschaft Jesu im höchsten Anfthcri blühte, war es kein Vorwurf, Jesuit zu fty», sondern hohe Ehre. Es war der Weg zur vielseitigsten Wirksamkeit: denn der Orden lehrte und regierte die Welt. Nicht nach Begriffen unsrer, sondern der damaligen Zeit müssen wir richten. Nun ist auch bei den heftigsten Anfeindungen des Jesuitcn-Ordcns niemand so weit gegangen, daß es ikm gelehrte, fähige, wirksame, rechtschaffene Männer wesentlich abgesprochey hatte. Die ganze Geschichte des Ordens spräche dagegen; in allen Feldern der Literatur hat er Talentreiche, verdiente Arbeiter gehabt; fast jede Wissenschaft ist den Jesuiten Etwas schuldig *). Lateinische Dichter zumal *) In Harenbergs Geschichte des Jesuiterordens Th. 2. Kap. 7. findet man einen wiewohl sehr unordentlichen karraßo über die Gelehrsamkeit des Ordens. Die Verdienste und Mißverdienste der Jesuiten um die lateinische Sprache zumal in Deutschland, sind von Burkhard t,äe lut. lignuL in dorinania katis 6ap. 7. p. b22.) kurz, aber unparlhciisch angegeben; so ,me auch in dtaltsuii lex. untibarbar. D. II. (I-ips, 1788,) die Schriftsteller, die über die lateinische Sprache geschrieben , ohne Parlheilichkeit beurtheilt sind. Eine literarische Geschichte der Jesuiten mit einem Par- des Dichters Jakob Balde, reg hak die Gesellschaft i» großer Anzahl, fast in jeder Gattung der Dichtkunst, fast auf allen Stufen des Werths und Unwerths hervorgcbracht, die sich dann auch nach Landern und Zeiten unkerscl)«iden. Balde muß als ein Deutscher, als ein Bgyer- schcr Jesuit des vorigen Jahrhunderts betrachtet, und dabei rein gefragt werden, was Er auf Seiner Stelle war? wozu Ihm der Orden geholfen, worinn er ihm geschadet habe? Wir haben also, wie bei jedem andern Stande, von Bortheilen und Nachthcjlen seiner Situation zu reden; und dies zwar mit Billigkeit und mit Menschen- gefühl: denn keine Situation in der Welt ist ganz ohne Nachtheile. 6 , Erstens ist es bekannt, mit welchem Fleiß, aber auch in welchem Geschmack die Jesuiten des vorigen Jahrhunderts in Deutschland die ürtei- Nische Sprache und Dichtkunst trieben; ja wüßten wirs nicht aus Masenius, Balbjnus und andern theoretisch, st) lernten wirs praktisch aus theilosen Urthell über das Ganze nach Beschaffen? heit der verschleimen Zeiten und Gegenden, in denen die Gesellschaft blühet?, ist meines Wissens nech nicht geschrieben. Kcnotaphium 220 unser», Dick-ler. I» allen Sylbenmaaßen, in jeder Gattung der Dichtkunst hat er sich geübt, und dadurch eine Gelenkigkeit, eine Versatilikät erlangt, die, selbst wenn fte mißfallt und ermüdet, dennoch Verwunderung erreget. Beim Verzeichnis seiner Werke werden wir finden, daß ec durchaus keine Dichtungsart unversucht gelassen; wie aber auch mit Sylbenmaaßen gespielt habe, davon mag sein großes Gedicht von Eitelkeit der Welt, sein Aga- thyrsus, seine oh'mpiia sacru, seine Philomele zeugen. Beim ersten Gedicht z. B. s) giedt er sich einen biblischen Spruch als Thema auf, und verändert diesen sechsfältig, Lateinisch, Deutsch, im Kirchen- und Volkstöne, Elegisch, Anakreontisch, in Hendckasyllabcn, und im schwersten Scazon. Themata solcher Art setzt er hundert und neunzig zusammen, und beschließet sie mit reich abwechselnden Epilogen. Sein Agathyrsus hat dergleichen Absätze fünf und achtzig l'); ähnliche Abwechslungen enthalten seine Olympia, seine Philomele c). Schülern der lateinischen Verskunst mögen diese Variationen manchen Handgriff in Bearbeitung des Materials der Sprache zeigen; uns thut es äußerst wehe, große, schone, zarte Gedanken in solcher Palastra umhergcjagt und endlich erliegen zu sehen. Es tbut uns wehe, ein n wirklichen Dichter als ebnen Handwerker zu erblicken, der schweres Baugc- n) Inin, IV. Loloie. 1860, 1 >) l'airi. IV. p. igg. l'om. IV. x. zK6. 487. des Dichters Jakob Balde. 221 . rüst tragt und damit spielet. Da es indessen bekannt ist, daß dies der Geschmack und die Lehrart seines Ordens war; so wird man es ihm zu gut halten, wenn er auch in solchen Hebungen sich als Meister zeigen wollte. Ich glaube, daß ihn niemand, selbst Mäsen ins nicht, in diesem ungeheuren Luxus von Versifications-Künsten übcrtcoffcn habe. Zweitens. Natürlich erstreckte sich diesir falsche Geschmack unvermerkt weiter. Er, der erhabne Gedanken so einfach, so stark auszudrücken wußte, wird in Eomposition der ibm gleichsam zu- stromcndcn Bilder oft so überfließend, daß er der schonen Ausdrücke und Sentenzen kaum ein Ende weiß. So gehet es ihm insonderheit in den Oden, die er Enthusiasmen nennet; aber auch in andern Werken, insonderheit in sseinem Trauerspiel, die Tochter Jcphtha *), wo er in Farben und Sentenzen den Seueka selbst , wie Herkules den Antaus überwindet. Ob es mir gleich bei Ueberse- tzung seiner Odcn, in denen ihn Horaz noch am meisten in Schranken erhielt, hie und da leid tbat, diesen üppig-schönen Wuchs abschneiden, das zu viele Gold wcgwischcn zu müssen; so that ichS dennoch; und ward dabei an jenen Geschmack erinnert, in dem der Jesuitcn-OrdeN einst seine Kirchen und Sale ausschmückte. Bei aller Hoheit und Reinheit, ja bei einem imponirenden Ernst bemerkte man in ih- *) 1?om» IV. x. ghg. 222 Kcnctaphium Nen immer ein Etwas, das den Geschmack des Ordens zusammenhängend auch im Kleinsten verrieth; auf eine blendende Popularität nämlich war alles berechnet. Drittens. Daß bei diesem lateinischen Je» suiter-Geschmack die deutsche Sprache sehr Zurückbleiben mußte, war Natur der Sache; wie ungleich ist Balde sich in lateinischen und deutschen Versen! In jenen so oft rein und groß; in diesen fast durchgehend niedrig und possierlich *). Nicht Unfähigkeit des Dichters wats, die diesen auffall.irden Unterschied machte! denn einzelne Strophen und Absätze sind auch im Deutschen von ibm mit Würde und Nachdruck geschrieben; es war der üble Geschmack seiner Zeit, seiner Gegend und scin.es Standes. Seit den Minnesingern, seit Kaisersberg und Luther war die deutsche Sprache sehr verfallen; die vielen und bitrern Streitigkeiten politischer - und Religicnsparthcien hatten sie entweder UNaNgcbaut vernachlässiget, ^oder sie zu groben Schimpfreden erniedrigt. Hinter der lateinischen , spanischen, französischen, italienischen galt sie *) hpotn. III. IV. In iVlexoliski (Georg Litzers) Schrift: der Undeutsche Katholik, Jena >73o. wird S. hi. an eine Gesellschaft gedacht, die Balde, Simon Meier, Bidermann, Pepen selber und SonNenbcrger für die deutsche Sprache haben stiften wollen. Näher rts weiß ich nichts von dieser Gesellschaft. des Dichters Jakob Balde. 223 damals nur als eine qcm eine P ö b e lsv ra c h e, m der man grob befahl, oder grob scherzte und schimpfte. Da nun übcrdcm in den obern Gegenden Deutschlands, wo Balde lebte, der Charakter des Volks von fröhlicher Art ist: so glaubten auch die Lehrer der Religion und der guten Wissenschaften nicht besser aufs Volk wirken zu können, als durch Schwanke. Selbst Predigten wußten beides, Ernst und Pöbelscherz, sinnreich zu verbinden, so daß bis jetzt da wir chöch ein Paar Jahrhunderte weiter sind, für manche Gegenden Deutschlands in der Volkssprache die Linie des Unterschiedes noch nicht gefunden ist, wo Würde anfängt und gemeiner Scherz aufhört; beide stehen noch in sehr vertraulicher Freundschaft. Also lege man unfenn Dichter Nicht Zur Last, was der Fehlet seines Orts und seiner Zeit war; in deutschen Versen wollte er p o- pular seyn, und glaubte, daß er cs nicht besser als also seyN könnte. Dek protestantische schwäbische Dichter, der mit Balde zu Einer Zeit lebte, der nicht wie er, auf der EaNzel oder in einer Eklle steckte, sondern unter gebildetcrn Nationen an Höfen lebte, Weck Herl in, schreibt dennoch nichts weniger als correct Deutsch; er übcrladct die Verse mit Wörtern wie Balde. Und wie schreibt Fischart, der um eben diese Zeit den Rabelais übersetzte? ^ Nur spat und mit äußerster Mühe hat sich unsre Sprache aus dem UngeschMack, in dett sie gesunken war, Zur Ordnung und Reinig- kcit eines bestimmten klassischen Styls erheben können, der auch noch jetzt schwerer und seltner ist, als man glaubet. 224 Kenctaxhium Lasse man also den lateinischen Balde mit seinen deutschen Versen unvcrspottct; selten dich-ete und schrieb Ein Autor in zweien Sprachen gleich gut. Welch ein Deutsch z. B. schrieb Melanch- thon? welch ein Deutsch mancher andre große Gelehrte! der größeste A'lgebraist unsres Jahrhunderts soll Balde für den qrößesten deutschen Dichter gehalten und mit unsäglicher Lust Verse von ihm angeführt haben; wahrscheinlich hatte er selbst ähnliche Verse geschrieben. Mögen die Baldischen deutschen Verse uns zeigen, aus welcher Tiefe wir Deutschen uns haben heraufarbeitcn müssen, und was für ein neues Ding bei uns der gute Geschmack einer reinen deutschen Schreibart sei). Vielen Standen ist er noch jetzt fremde. Viertens. Wenn Balde seiner Lage nach, einer ausgebildeten Muttersprache entbehrte, so mußte er in solcher vielleicht einer noch größeren Wohlthar entsagen, der Liebe und Freundschaft. Ncth- wendig galten in einem Jesuitercolleoium viele Stellen, die Horaz beschreibt und schildert, als La- sterscenen des Heidenthums; als solche lernte sic der Jüngling ansehen, und ward vor ihnen gewännet. Lojola nämlich hatte seine Liebe einzig der Jungfrau Maria gewidmet; Sie halte er allen seinen ritterlichen Ordenseenossen, zur Braut ihres Herzens, zur Dame ihrer Gedanken verordnet. Auch Balde hat an sie die zartesten Seufzer gesandt, ihr in Lobpreisungen und Wünschen die schönsten Kranze gewunden. — Verzeihe mir die heilige Jungfrau, daß ich ihr einige dieser Kranze entwandt zu des Dichters Jakob Balde. 225 zu haben scheine, indem ich sie ohne ihren Namen meiner Sammlung cinfägte. Die Liebe zu ihr bleibt immer doch nur Sehnsucht nach einem Ideal aller weiblichen V o r t r e sfl i c h k e i- ten und Reize; warum also sollte dies Ideal nur in den Wolken, auf dem Altar, in einer tobten Statue, in einem tauschenden Gemahlde, oder in Erscheinungen jenseit des Grabes gesucht werden? Je zarter und schöner Balde sang, desto mehr bedauert man ihn über die Wesenlose Gestalt, die seinen Flug so hoch spannte. Hatte der Ritter von Pampelona ihn nicht um den schönsten Thcil seiner Empfindungen getauscht? — Und sollte cs mit den Aufopferungen der Freundschaft viel anders seyn, bieder Orden gebot *) ? In ihm gab es Obere und Untere, Lehrer, Schüler, Mitgenossen, Mitstreiter, Mitwickcr; gab es aber auch oft in ihm, was man im freien Leben also *) Hiemit wirb gar nicht gesagt, daß dieser oder ein andrer Orden keine Freundschaft erlaube; eben in Orden, d. i. in männlichen Verbindungen zu Einem Zweck, vielleicht mit Erfahr des Lebens giebt es gewiß innigere Freunde, als in Borsälen oder auf dem Markte. Nur von der Sage unsers Dichters ist hier die Rede, wie sie in seinen Gedichten vorm Aiuge der Wett erscheinet. Herders W. Lit.u.Kunst. XlV. 226 KcNotaphium nennt, Freunde? Der Zweck des Ordens sollte alle Begierden des Herzens an sich ziehen; von allen Anhänglichkeiten der Person sollte er die Seele reinigen und lautern. Gut für den Orden; aber auch eben so gut für die zarteste Ausbildung des menschlichen Herzens? für sein geheimstes Glück deS Lebens? endlich auch so gut für die lyrische Dichtkunst? Diese will persönliche Anhänglichkeit; sie will freie Lieblingsplätze des Herzens; mit jedem Eigensinn, mit jeder Abwechselung des Glückes der Liebe federt sie Freunde und Geliebten. Zn den Gedichten eines Ordensmannes findet man dergleichen selten. Dankbar feiert Balde z. B. das Andenken seines Lehrers *); ec hat Landsleute, Bekannte, MitgcNosscn, Neider, Bekehrer, schriftstellerische Freunde und Feinde, mit denen er scherzt, oder zanket, die ek lehrt, tröstet, ermähnet; nicht aber (seltenes Glück auch unter bürgerlichen Geschäften) ein andres Ich, einen unthcilbaken, unabwendbaren Freund des Lebens. Freund- .llind- Weib - selbst fast Personlos fährt er auf dem Schiff des Ordens und der Kirche durchs Leben — Endlich freuet es mich, daß ich bei NNferiN Dichter den höchsten Verlust Nicht anführen darf, den mancher Ordensinann litt, deN Verlust feinet selbst, mit allem, was dazu gehöret. Zwar hat *) I. 2 . Oä. 5 o. I.LUS x08l.hutna soo. lori, äskunLki H,nnc> r 63 i. sb Lueiors xür iresnikus impensL 16^0. des Dichters Jakob Balde, 227 er die erste Woche der Ueb ungen des heiligen Ignaz auch beschrieben *) und zu seinem Orden als zu den Inseln der Seligen eingeladen **); seine Philomele sowohl, als seine Urania singen sehr mystische Töne; auf eine eigentliche Verschraubung der Sinne ist cs indessen bei ihm nicht angelegt; und man bedauret in seiner Asche den Dichter, dem zuletzt dergleichen süße Quaalen ohne Gegenstand und Innern Werth Labsal werden mußten. — Gnug von den N arhlhei- len; lasset uns auch einige Vorth eile bemerken, die der Orden damals seinem -Dichter gewahrte» 7 - Der erste Borthcil ist Gewißheit der Regel. In einer Zeit, wo alles zu schwanken scheint, wo Man mit einer groben Probabilitat fast an jedem Grundsätze der Moral künstelt oder zweifelt, kommt uns aus dem Munde eines Jesuiten diese *) 8x1v. I^r. I-. Vllt. Oll. g. **) L^lv. l. 7. oä. 8. Das Säkulargedicht über die Erhaltung des Ordens erscheint in der mitfolgenden Nachlese. P 2 22Ü Kenotaphium Gewißheit nicht eben unrecht. Der feste Ton, in welchem der Dichter Würde, Tugend, Pflicht, und die ersten Verhältnisse des Lebens singet, weckt uns auf, kehrt unfern Blick in uns selbst, predigt uns Besitz unsrer selbst, Zucbt, Lehre. In Balde tönt diese Katonische Stimme ernst und lieblich; er ist voll der bestimmtesten Anweisungen zum Gebrauch des Lebens. Der zweite Vortheil, den ihm der Orden gab, ist sein schneidender Blick auf die politischen Verhältnisse und Verwirrungen der Staaten. Nicht stehet ec kriechend auf diese von unten hinauf, sondern von oben auf sie hinunter. So spricht er über Pflichten der Regenten, der Prälaten, der Hofleute, der Minister, der Feldherren, der Krieger; so über das Elend des Krieges, über die Nothwendigkeit des Friedens. Man Hort die Stimme aus einem Institut, das gewohnt war, Staaten zu regieren. Der dritte Wortheil, den unserm Dichter sein Stand gab, ist die vornehme Absonderung, in der er sich gegen alle drückende Verhältnisse fühlet. Selbst zu seiner Kirchespricht er als ihr Verbündeter; ein Standort, der der lyrischen Dichtkunst sehr angemessen lst, in der Anwendung aber vielen Mißbräuchen ausgefttzt war, und als die Zeit gekommen war, den Orden an den Rand des Verderbens brachte. Er ist gefallen; seine Hülle hatte sich überlebt und schien zuletzt selbst der Barbarei ähnlich. Sein Geist aber ist so lange un- vertilgt, als es Menschen giebt, die andre leiten, des Dichters Jakob Balde. 229 und Menschen, die von andern geleitet werden. Je reiner, sanfter und erspri.ßlicher dies geschieht; desto edler. Helfe dazu allenthalben die Stimme der Musen! — 8 . Selbst ist der Mann. Nicht Orden, Stand, Regeln, Sprache und Uebung schaffen den Dichter, ob sie ihm gleich helfen oder ihn sehr behindern können, sondern der Genius; eine glückliche Natur mit einer glücklichen Kunst vereinet. Wir wollen hierüber unfern Dichter hören *): „Ich weiß nicht, woher es kommt, daß die größten Gesetzgeber der Dichtkunst gegen ihre Regeln am meisten selbst sündigen. Hebammen anderer, miß- gebahren sie selbst; sind bald zu kühn, bald zu furchtsam. Bilde dir nicht ein, daß dein Pfeil das Ziel treffen müsse, weil du zu zeigen vermagst, daß es erreicht werden könne. Ein andres ist, Waffen schmieden; ein andres, die Waffen recht wissen zu gebrauchen. Beschwert mit zu vielen Regeln klemmt man sich in der Enge und kann nicht hindurch; man zittert abergläubig vor seinen eignen Idolen, und zankt mir Sylben oder Namen, als ob sie^die *) Oisseri. äs siuclio sioerioc». 1?. III. p, Z, secs. 23o Kenokaphium. Sache wären, Jndeß ermatten die Kräfte, der fröhliche Keim erstirbt, die blühende Heiterkeit eines glücklichen Gedankens, der wie durch eine Eingebung leicht und lebendig hervortreten sollte, ging verloren." „Ein Dichter werde! mein Crescentius, kein Versificator; nichts ist niedriger, als diese Gattung Menschen. Sie füllen Wände, den Fußboden selbst beschreiben sie mit ihren Versen; Wiegen und Gräbern stellen sie nach; bis zum Hejser- werden besingen sie Lebendige und Todte. Die Thoren! Sie halten sich glücklich , weil sie flink sind. Unwissenheit, nicht Grazie, ist die Fertigkeit, deren sie sich rühmen. Die wahre Kunst dichtet nie zu schnell, nie zu langsam." „Nicht alle Wissenschaften werden auf gleiche Art erfaßt. Einige find Dein, wenn du von ihnen einen Hellen Begriff hast; so z. B, wirst du ein Aristoteljker, ein Plgtoniker, wenn du des Plato, des Aristoteles Lehrgebäude klar und deutlich inne hast, wenn du es vcrtheidigen kannst, und zu deinem Gebrauch anwendest. Deshalb aber darfst du diese Systeme nicht erfunden haben; du darfst keine Probleme schreiben, wie Aristoteles, keine Gespräche, wie Plato. Mit der Dichtkunst ist es anders. Wisse die Ilias, Aencis und Thebais, wisse die Metamorphosen und Phgrsalien, ja die ganze Encyklopadic der Dichter auswendig, und verstehe sie genau; dies klare Verständnis macht dich zu einem guten Ausleger, zu einem gelehrten Eommen- tator nicht aber zum Dichter. Dem jEommcn- des Dichters Jakob Balde. 281 tator lieat das heilige Dunkel der Dichter wie im Mittagsglanze vor Augen; er zahlt die Verse auf den Fingern her, erklärt ihren Nachdruck, setzt ihre Dichtungen aus einander, als ob er sie erfunden hatte. Laß ihn erfinden, laß ihn dichten; hier ist seine Kunst zu Ende. Er schreibt vom Lorbeer; er erkämpft sich aber keine Lorbeerkrone. Hier gilt cs nicht, ein Virgilianer, wie dort ein Aristotelikcr, zu seyn; du mußt selbst ein Virgil werden, damit deine Statue neben der Seinigen stehe und dein Gedicht wie das Seinige auf menschliche Gemächer wirke. In der Philosophie sucht man Wahrheit, nicht Neuheit; die Poesie will neues Vergnügen, neue Dichtung, sie will S elb st erst n d u n g. Wir sollen Muster nachabmen, daß wir selbst Muster werden. Der Wein der Alten soll in unserm Kelch mit neuer Anmuch duften." „Hier liegt die Sache. Verlassest du die ausgetretenen Fußtapfen deiner Vorgänger nicht: so bleibst du ein Nachtwandler, cjn Nomo. Man wird Dir sagen: „in Horaz, Virgil, Lucan habe ich langst dasselbe gelesen; wozu also es noch einmal sagen?" Als einem Räuber fremder Gedanken und Worte wird man Dir ein Kreuz vor die Thür stellen, und Du hasts verdienet. Blos fremde Gedanken und Worte borgen, nichts Eignes wagen» nichts selbst ausdenken, auch sogar keinen eignen Ausdruck; wahrlich das zeigt ein dürftiges * emüth, einen Sklaven und Bettler an, nicht einen Freige- bohrnen und Dichter." „Bei den Griechen heißt der Dichter ein Schöpfer. Er schaffet sein Werk wie Gott die Welt schuf, aus dem Nichts; mächtig rufet crs aus Kcnoraphium r)2 sich selbst hervor, und stellet es als eine Welt dar, in Ordnung und Schönheit. Vom Redner braucht man schon nicht diesen Ausdruck des Schasse ns; man sagt, er c o m p o n i r e. Bringest du also, Kraft einer glücklichen Natur, aus deinem eignen Garten nicht lebendige Blumen hervor, sondern läufst umher, sie aus andern hcrübcrzupflan- zcn; so bist Du ein Dieb fremder Garten, indeß der Deinige Disteln und trauriges Moos tragt." „Werden wir nicht aber zur Nachahmung der Alten gewiesen?" Allerdings. Wir sollen sie genießen, aber auch verdauen, und in unfern Nahrungssaft verwandeln; nicht wie Polyphem ihre Phrasen in Stücken von uns geben. Siehe den Claudia». Er lebte vierhundert Jahre hinter dem goldenen Zeitalter; er hatte alle große Dichter gelesen, und ohne Zweifel in sein Blut, in scinen Lebenssaft verwandelt; deßhalb aber sehen wir nicht, daß er diesen Theil seiner Poesie dem Virgil, jc- n c n einem andern schuldig scy. Seines erworbenen Ncichthums bedienet er sich als Herr, als Eigen- thümer; und bedarf einer alten Zeitgenossen- schaft nicht. Catull hat ein Epithalamium gesungen, Stativs auch, Elaudian auch. Ein Paris urtheile, wem unter den Dreien der Apfel gebühre; ich mochte ihn hierin» fast dem Elaudian reichen, so wie ich sonst nach Virgil vor allen andern dem Statins den Platz einraumcn mochte. „Aus diesem allem wirst du leicht abnehmcn, Crcscentius, daß cin neues, seltnes, schönes des Dichters Jakob Balde. 233 Gedicht, das ohne stolzen Aufwand gclebrt, ohne Schminke geputzt, geglättet ohne Ziererei, auf der Waage des Witzes und gefunden Unheils richtig abgewogen — daß ein solches Gedicht, wenn cs aus dem angenehmen Dunkel tiefer Empfindungen anmuthig emp ersteigt, eine nicht so gar leichte Sache sey. Durch feine anscheinende Leichtigkeit reizt cs zur Nachahmung und tauscht den Nachahmer mit vergeblicher Mühe; in gemeinen Worten sagt und bedeutet cs mehr, als ein anderes in den ungewöhnlichsten Worten sagen könnte. Noth- wendig aber muß man, um es hecvorzubringen, im Styl geübt seyn: denn hättest du alle Poeten innc, und Dir aus ihnen eine Menge von Worten ge- sammlet, kenntest aber die Gewalt, die Ordnung, den Genius, die Abwechselung und Mischung der verschiednen Gattungen des Styls nicht, wüßtest sie auch nicht Deiner Materie, der Natur der Dinge, der Zeit, den Personen, dir selbst und jcdxm Affekt des andern anzumeffen; so wird immer ein Chaos aus deiner Schöpfung werden. Du wirst dem Ei- thcrschläger gleichen, der sich für einen Orpheus ausgab, und sein Instrument wicht zu stimmen wußte." ,,Laß uns z. B. von Horaz reden. Seine Oden gelten als Muster aus dem verehrten Alter- thumc, und von allen Gelehrten wird ihr glanzender Ausdruck, ihr Salz, ihre Scherze, ihre mannigfaltige Anmuth und Zierde empfohlen; sie fließen sanft ins Ohr, in ungesuchter Grazie, in Müheloser Lieblichkeit und Schönheit. Auch wo sie anstoßen , thun sie es mit einer liebenswürdigen, ge» Kenotaphium suchten Nachlässigkeit. So sagt man, und dies müssen wir glauben. Täglich also ergreifen auch die kundigsten Meister sein Saitenspiel, irren hie und da auf demfelben leicht umher, und singen -Horazisch. Ob Horaz aus bloßer Liebe zur angenehmen Ruhe sich nicht immer ganz, wer er sey, habe zeigen, ob er seinem Saiten- spiel nicht alle Sorgfalt habe widmen wollen, die ihm gebührte? So viel ist gewiß, daß ihm zuweilen sehr laue Verse entwischen, die, wenn sie ein Neuerer geschrieben hatte, schwerlich also bewundert und gepriesen würden." — „Wie nun? hat uns sein großer Ruf unser freies Urtheil, unsre Wahl benommen? Sollen wir blos verehren, seine Phrasen als Heiligthümer umhertragen, seine lyrischen Wendungen unabläßig wi derholen? Auch dann werden wir, wenn wir die Gräcismen abziehen, bald mit ihnen fertig seyn: denn unermeßlich ist dieser Hausrath nicht *)." „Wie nun? Entweder also muß Horazens Nachahmer dieselben Artigkeiten immer wiederholen, und seinen Dichter gleichsam nur parodiren; da wird man ihm denn mit Recht sagen: „das habe *) Hier führt Balde ein Berzeichniß Horazischer Ausdrücke an, die theils vorzüglich glücklich sind, theils in aller Nachsinger Munde waren, D. 117. x. rb. Im Deutschen könnte man eine gleiche Phraseologie anführen. des Dichters Jakob Balde, 235 ich hundertmal gehört! das steht im Horaz besser!" Oder er muß sein Vorbild verlassen, und seines Weges gehen; er muß sich über das Gemeine hin- wegschwmgcn, wenn blöde Augen ihn auch aus dem Gesicht verlieren sollten, und hiebei die Stimme der Aristarchen nicht achten." -- So dachte unser Dichter, und glcbk seinem-.Lehrlinge nach Worten des Horaz in seinen Sermonen und Briefen einzelne vortreffliche Lehren *). Wir wissen also, welche Norm er sich selbst verhielt; mit ihr wollen wir seine eignen Gedichte durchgehn, wie er sie selbst geordnet zu haben scheinet **), 9 - Gleich dem Horaz hat Balde seine lyrischen Gedichte in vier Bücher und Ein Buch Epoden geordnet ***). An Zahl der Gesänge übertrifft er den Römer bei weitem, vielleicht auch an Rcjchthum eigcnthümlicher Wendungen und an dem, was man genialische Eomposition nennen könnte; natürlich aber stehet er ihm in sehr wesentlichen Dingen nach. H l'. Ilt. x. 18, *') Lalcle poemat, Lylon- l66y, *") I. I,xriy. 236 Kcnctaphium Zuerst an Reichthum eines gegenwärtigen lebendigen Inhalts. Alle Gesänge der Liebe, die Horaz entweder nach griechischen Vorbildern oder aus eignen Veranlassungen dichtete, und in welche er die größeste Abwechselung von Situationen brachte, gehen bei unscrm Dichter in ein andächtiges, zärtliches Lob der heiligen Jungfrau zusammen, auf welche er zwar allen Schmuck der Dichtkunst legt, indem erste bald als M utter, bald als die Liebe selbst, bald als seine unsterbliche Hoffnung, als Göttin und Muse, als Diana, Hygiea, die Himmelskönigin, die Schutzgöttin seines Landes singet; mit Allem aber kann er nicht verhindern, daß sie blos ein Ideal bleibet. So stehen auch seine heroisch-lyriscben Gesänge an Größe des Inhalts, nicht an Genie und Kunst, den Römischen nach. Sein München konnte er nicht in die Hauptstadt der Welt, Rom; seinen großen Maximilian nicht in einen Casar-Augustus um- schaffcn; die Herrlichkeit der römischen Welt, die Reihe großer Thaten, die Rom vcllführc, die Charaktere, die es gezeigt und erprobt hatte, bleiben seiner Nordischen Herrlichkeit überlegen, selbst wenn er bis zu Skanderbeg, Johann von Oesterreich und Hunniades hinaufsticg, und dazu noch aus England den Thomas Morus borgte *). An einem Mäcenas des Horaz fehlte es ihm in Deutschland ganz und gar; so wie an einem Virgil, Ti bull u. a. als Zeitgenossen ) I-xr. Oä. 3. 3g. ho. hi. Terpsich. x> 7 . des Dichters Jakob Balde. 2Z7 und Freunden *). Die Nachtigall seiner Gesänge sang in einer schönen, aber waldigten Wüste. Ue- bcrdem waren die Zeiten des drcisigjährigen Krieges gewiß nicht so reich an fröhlichem Inhalt zu allen Gattungen der lyrischen Dichtkunst, als die Zeiten des Horaz unter Augustus; es waren Zeiten, die wie Log au sagt, eher behe ult als besungen werden mochten. Seine Muse genoß auch nicht der seligen Muse der vornehmen Bequemlichkeit des Lebens, und wenn ich so sagen darf, der seinen Lüsternheit des Geschmacks, die des Horaz lyrische Gedichte so anziehend macht. Ale aus konnte er also wohl, in diesem allen aber Flakkus nie wer- *) Es wird hiemit nicht gesagt, daß es Bayern damals an Männern gefehlt habe, die eines Balde werkh waren. An Andreas Brunner, von dessen Bayerschen Geschichte (Ln-rsles virtniiz er kortrenae Lcssorum, IVlonneli. 162H — 3/. Vol. 3.) die Leibnitz mit großer Achtung (Oeidnit. Prsetat. irr Acklrreiteri annsles Loitss Dentis, Oeibnit. opp. 1 ?, IV. p. 6g,.) seiner Ausgabe von Adlzreiters Bayerschen Annalen beigefügt hat, hat er mehrere Oden gerichtet. So an andre merkwürdige Männer, wie insonderheit die Borreden zu seinen lyrischen Wäldern zeigen. — Ist die tllsinan- nis, die er in der Borrede zum bten Buch der Wälder (1?. I. x. h<,6.) gnführt, gedruckt erschienen? 2§S Kenotaphium den; am wenigsten durste und wollte er sich itt Cpo- den erlauben, was sich der Römer erlaubte. — Zweitens. Also stehet er Hörest durchaus auch an Feinheit des Griechen- und Römer gcschmacks, im Genuß der großen Welt und in jener Qnjriten - Würde nach, die außer der Römischen keiner Nation erreichbar war, und von diesem Drdensmann nicht nachgeahmt werden wollte. Dem Libertinismus des Ho- raz in der Denkart war nicht Nur seine Regel, sondern auch sein Charakter zuwider. Dagegen, was moralisch groß und schön, oder heilig-lieblich und wohllautend ist, Deutsche Starke, stoische Tugend, christliche Sittlichkeit, andächtige oder thätige Liebe hat er in jeder ihm nahen Situation angepriesen. Mmhiger aber noch und starker hat et die Laster angegriffen, den Frevel entschleiert, die Heuchelei und Tyrannei gebändigt. Er kann und soll uns nicht statt des Horaz, wohl aber Stimme und Vorbild scyn, wie auch wir, in und außer Horazens Weise, für unsre Zeit werden, was an uns unsre Zeit bedarf. Auf die DdeN und Cpodcn folgen, nach der Zahl der Musen, neun Bücher poetischer Wälder *), voll des verschiedensten, oft eines sehr angenehmen Inhalts, mit wachsendem Reichthum; die drei letzten Bücher sind die reifsten und *) >r. I. x. Zv7. l des Dichters Jakob Balde. 23 g stärksten. Weis Horaz in Sermonen und Briefen, weis Stntius und andre nach ihm, in sogenannten Wäldern abzwcckten , nämlich ein« Mannigfaltigkeit von Sachen in einer leichten, gleichsam nur hinwerfenden Manier, das findet sich auch in diesen fast überreichen neun Büchern; alles in lyrischer Weife. Offenbar wars diese Weife, die unseren Dichter am besten gelang; sie ist auch die abwechselndste und angenehmste. Das erste Buch der Wälder enthält Jagdgedichte in Thesen und Antithesen, beschlossen mit einem lyrischen Gespräch zwischen der Diana und Pallas, und einem Jagddithyrambus u). Das zweite enthält Schäfer- und Bie- Ncngedichte, geistlichen Inhalts, hie und da nicht ohne kindische Anwendung. Die Part Herr ien dieses Buchs sind Botschaften der Liebe und Andacht an die heilige Jungfrau, in Gedichten von den leichtesten Füßen, wie es Boten der Liebe oder eilenden Bitten geziemet k). Das dritte Buch enthalt Gedichte über die Sitten des alten und neuen Deutschlands, deren Verfall der Dichter im mildesten, er) l. x. 33i. k) I. x. 340—70. 2Ho Kenotaphium das ist, dem Sapphischcn Sylbcnmaaße bekla- gct a). Das vierte Buch enthalt Klagelieder über den damaligen Zustand und die Verwüstung Deutschlands, voll Seufzer und blutiger Thcäncn b). Das sechste Buch, Wettkampf eines Riesen und Zwerges ist seiner nicht vollkommen wcrth; so wie ihm auch im achten Buch, gsnialia betitelt, nicht alle Scherze gleich gcrathen. Uebrigcns sind die Bücher fünf, sieben, acht, neun voll des lebendigsten Inhalts; das letzte, Msuamin- na genannt, enthalt außer den sinnreichsten Einkleidungen zum Lobe dieses Staatsmannes die feurigsten Gedichte über Krieg und Frieden c). Wenn ich den Inhalt dieser Wälder durchlaufe, und den ungeheuren Aufwand von Geist, Witz, gesundem Urtheil, gutem Willen , feurigen Wünschen und einer Heldenkraft von Patriotismus betrachte, der in ihnen vergraben und verscharret liegt; Stimmen, die niemand hörte, niemand hören mochte: so kann ich in die Wälder Deutschlands nichts als den Ehoclaut der Threnodieen unsres Dichters rufen: elasu! Und mit hundertfacher Stimme antwortet der Nachhall: elieu! des Dichters Jakob Balde. 24 r 10 . Der zweite Band der Bald! schm Werke enthalt heroische d. i. Hexametergedichtc, und ein Drama. Die ersten, über Geburten und eine Hochzeit fürstlicher Personen habe ich nickt gelesen; nach Morhvfs Polyhistor, der in seiner Hyle poetischer Erfindungen Manches aus ihnen ansühct, mögen sie viel Artiges enthalten, wie denn unfern Dichter sein Bilderreicher Genius wohl in keiner Materie verlassen konnte a). Es folgt ein Frofchmausekrieg in fünf Büchern, nach den damaligen Zcitumstanden, den ich auch nicht gelesen habe, weil ohne Zweifel eine genauere Kenutniß kleiner Zeitverbindungcn und einzelner Personen zu feinem Verständnisse gehört, als ich mir zu erwerben Muse habe k>). An saty- rischer Laune fehlte es unferm Dichter nicht, und daß diese Epopee ihm am Herzen gelegen, erhellet daraus, daß er sie nicht nur mit einer lateinischen Uebersetzung der griechischen Batrachomyoma- chie, sondern auch mit einer Synopse ihres Inhalts , und wider feine Gewohnheit mit einer ethisch-politisch-pole mischen Nutzanwendung begleitet hat. Sollte sie nicht im vori- s) TV n. x. r — 57. k) T. It. x. 58 — 206. HerdersW.Lit.u.Kunfr. XIV. Kcnotaphium 242 gm Jahrhundert ins Deutsche übersetzt und durch einen historischen Schlüssel erläutert seyn? Man liebte damals dergleichen satyrisch-politische Schriften. Die poesis Osoa, oder das Landdcama über die Nebel des Krieges und das Gute des Friedens in alt-Jtalienischer Dau- rensprachc a) zeigt von der sonderbaren Gewandtheit unsres Dichters in Erfassung jeder Verschiedenheit des Styls der lateinischen Sprache. Aus Ennius, Lucius P 0 mp 0 nius Atellanus u. a. brachte er soviel alte Worte zusammen, als er nicht nur zu diesem seinem Zweck für Gegenstände seiner Zeit nöthig hatte, sondern daß er sogar seine heilige Jungfrau Oscisch mit zwei Dithyramben in dieser Mundart begrüßen konnte K). Die Vorrede au Memmius zeigt, mit wir dankbarem, freudigem Herzen er dessen freundschaftlichen Brief ausgenommen hatte; eben aber diese Freude zeigt auch, wie selten dem Dichter in seiner Gegend eine so teilnehmende Stimme gewesen. Nicht lange dauerte dieses für Balde aufmun- lernde Verhältnis: denn sein Memmius (Llau- clo äs lVlssinss, Loirtts ä'^vuux) dem er nur bei dessen Friedensgeschaft in Deutschland bekannt geworden zu seyn scheint, . starb ein paar Jahrs -a) IV II. p. 207 — 288. I>) 1 '. II. x. 28g—Lgz. des Dichters Jakob Balde. 24 Z nachher, i65o *). Balde, der an ihm seinen einzigen, in der Ferne spat gcfundnen Schatten- Mäcenas verlohren hatte, fand ihn in Deutsch-, land nicht wieder. Fortan bekommen die Arbeiten unsres Dichters mit einem herberen Geschmack auch eine traurigere Gestalt; die wenigsten des dritten und vierten Theils habe ich ganz durchlesen. Nach eurer Dissertation über das Studium der Poesie **), aus der eine Stelle ungezogen worden, folgen Satyren gegen die Stutzer, (torvitatis snco- iiaiuira) ***); gegen die Stümper in der Arzncy- kunst (msäicinae Zloiüa xsr Zat^ras XXII. ss- serta) ****) gegen den Missbrauch des Tabacks, (con- trer astuswn sstadLui) -s), eine satyrische Apologie der feisten Wanste (antsAUtMus, axoloKia xin- Auircm) -j-j-), die in vielen Stellen nichts weniger als fein ist. Eben fo wenig ,'sts der Agathyrsus selbst, vom Lobe und Wohlstände der dürren Gesellschaft stss), welche Schrift Balde mit *) VrsZrnent. kanvliris elcigii ^lanidur k! 1 an» äli tVleminii l'. II. p. 3o). 7-. III. p. z - 50 . *") x. bo — 87. "") p. 88 - IZg. st) x. 160 — 188» -s-s) -r. III. x>. löc» — 2S2. ss-k) r» iv. x. rgg — 86z. Q 2 Kcnotaphium 244 cincr deutschen Bbrrede, einem Gespräch, sieben Ue» Versetzungen und einer Schatzkammer fremder Spruche , offenbar zu reichlich und seiner Ehre zuwider ausgestaNet hat. Man sichet aus diesen Aufsätzen, welche Sprache, welche Scherze damals im gemeine» deutschen Leben, also auch in dieser magern Gesellschaft galten. D-Is große Gedicht Eitelkeit der Welt, (6e vanitats niuncli) enthalt alles, was über diese traurige Materie gesagt werden kann, wiederholt in allen Sylbcnmaaßen. Ein feyerlichcr Glockenton fangt an; ein hüpfender Skazon schließt. Sechsfach wird jede Strophe dem inenschlichen Gemüth zuge- tonet; wer sie nicht in Einer Weise vernehmen kann, fasse sie in einer andern *). Sonderbar muß ^dern Dichter dies Thema am Herzen gelegen haben: denn er ist alle Gegenstände in ihrer Nichtigkeit durchgangen; die Welt wird uns durch ihn völlig eine Wüste. Die Zuflucht, die er uns dagegen amveiset, zieht unsre Brust noch enger zusammen. Es ist ein Olympischer Gesang an die heilige Jungfrau in sechs und dreyßig Strophen **). Ein Protestant hat cs der Mühe werch gehalten, den ganzen Gesang, Strophe nach Strophe, auf den Sohn der Gebcnedeyeten anzuwenden ***)» H 1 . IV. p. 3 — igg. s iv. Z66 - 422. *") ,, Reformirter Ehrenpreis, darin die hochgelobte Jungfrau Maria die ihr vom Jesui- ter Jakob Balde angebotene göttliche Ehr ihrem des Dichters Jakob Balde. 246 Er scheint viele Wirkung auf die gemacht zu haben, für die er damals und zunächst gemacht war; in ihm herrscht eine fürchterlich-ernste und glühend- zärtliche Andacht. Ein T 0 dtentanz, „ wi ^ Glück und Unglück neben dem Tode über menschliche Sachen gewaltig herrsche/' in kurzen Strophen, offenbar auch fürs Volk geschrieben, beschließt diese lateinisch-deutschen Gedichte * *). Armer, einsamer, trübsinniger Dichter, sst das der Zweck des menschlichen Lebens, zuletzt also umher zu blicken, und wie in einer schauerlichen Wüste zu sterben? Ist das der Zweck einer menschenfreundlichen Religion, oder einer religiösen Gesellschaft, uns dergestalt in die Enge zu bringen, daß uns zuletzt alles Trug und Täuschung, oder gar Ek- kel und bittrer Ueberdruß werde? Ist dem also? oder zeigt nicht vielmehr ein solcher Ausgang des Liedes, daß das Lied selbst in einem übcrstrcngten Ton angestimmt gewesen, da viele sogenannte Heiden über das Leben gesunder gedacht, nützlich darin gewirkt, cs fröhlicher genossen und geendet haben. - Es folgt ein Ehrcntcmpel, Ferdinand dem Dritten in Emblemen errichtet und mit ver- Kind Jesu, dem solche allein zuständig, überreicht. Ilosrinm ?i>rnassiriiri, uni. lob. Illr. Urliarä. Stuttgart 167g." Mehrere Baldifche Gedichte, lateinisch und deutsch, sind hier parodiert. *) 1 . IV. x. 42; — 32 . 2^6 Kenotaphium sisicirken Sprüchen begleitet *). Sodann eine Philo mcle, die ihre Liebe zum leidenden und sterbenden Erlöser in sehr zarten, abwechselnden Tönen besingt; ach aber, warum besinget sie solche unter den Fesseln kirchlich-gesetzter Stunden und Gebrauche? Philomelens Gesang an ihre Schwester Progne endet diese Abtbeilung **). Die Tochter Jephtha's, ein Trauerspiel, schließet die ganze Sammlung Baldischec Gedichte ***). Es ist im Geschmack des Scneka verfasset , voll kühner Charaktere und starker Sentenzen; festgchalten und strenge geendigt. Die Tochter Jephtha's wird geopfert. Bekannt ists, daß ein andrer, sehr berühmter lateinischer Dichter, Bucha nan, denselben Gegenstand behandelt hatte; Buchanan reiner in der Sprache, Balde genievoller und starker, Für uns ist die^c Geschichte wohl nicht anders, als in einem. Gesangspiel brauchbar; zu einem solchen leihen Buchanan und Balde treffliche Stellen. Bey Balde ist ein Knoten der Liebe Mit cingewebct, der dem Ganzen viel Interesse giebt; pur müßte bei? einer lnrischen Umarbeitung dieses Stückes für uns nothivendig die lindere Auslegung dieser Geschichte gelten. Die Tochter Jephtha's müßte, wie die griechische Jphigenia, von der Hand weder des Priesters noch des Vaters, eines abscheulichen .Opfertodes nicht sterben. Noch liegen zwey bcsondre Werke von Balde vor mir, über die, wenn sie seine einzigen waren, *) 4- M bZZ 486. *'I 1 °. IV. p. g.87 — 546. Aerpsichore S, 20Z. ***) lN. IV. x. bi»9 — 700. des Dichters Jakob Balde. 2,47 manches zu sagen seyn möchte; jetzt verlieren sie sich in der Menge seiner andern Produktionen. Maximilian I. eine Art Eyropädic *). Es ist, wie V 0 e t h i u s Wcrkchen, in Prose, untermengt mit Versen allerlei) Sylbenmaascs, geschrieben. Thaten lind Züge aus dem Leben des Kaisers sind zum Grunde gelegt, nach einem Systeme geordnet, und auf geistige Tugenden emblcmatisch gedeutet. Gedankenreich ist das Werk; viele Verse in ihm sind schön; der ganze Zweck löblich; eine natürliche Ansicht der Dinge aber, und Lenophons Einfalt wird man in ihm nicht erwarten. Das Buch, durch welches Balde sich dem Papst Alexander VII. empfahl, und wofür dieser ihm eine goldene Ehrcnmünze zusandte, ist, meines Wissens, das letzte, das er geschrieben , seine Urania die Siegerin *^). Die Ehrcnmünze weihete der alle Dichter der heiligen Jungfrau ***); den Pabst aber hatte Er frühe und persönlich selbst in seine Gunst genommen, da dieser als Prälat Ehigrzu den Westphalischen Friedcnsunterhand- lungen reifete. Er hatte ihm damals sehr zarte Lybcsgcdichte gewidmet ****). Die Urania, die der Papst schwerlich wird gelesen haben, ist ein moralisch-mystisches Lehrgebäude in *) I. Lnstriucuis reckivivus, ex eäit» I-Iiernn^rn. UanKeirmuutel, August. 167g. ") Ualrls Ursniii viatrix. Mansch. 1668, Baile Wörterbuch, Artik. Ralde aus Stativ e l l s Lidliotlieau scriptar. 8oaiat. 3 esu. **") 8)'lv. I. g. Ods 17. Terpsich. S. 5 g, Kenotaphium »48 mancherlei) Einkleidungen, durchaus in elegischen Briefen. Jede Macht und Kunst, ja jedes Vergnügen unsrer Sinne wird von dem Künstler, der für diesen Sinn aebeitet, gepriesen; Urania zerstört jedem Künstler seinen Ruhm, jedem Sinn seine Freuden; sie will die Seele des Menschen, gelautert von jeder tauschenden Einbildung, zum Himmel erheben. Ein hartes, im Grunde unpoetisches System ! Da cs aber in Briefen, fü r und wid er jede Sinnlichkeit vorgetragen ist: so sind Stellen und Einkleidungen in ihm sehr schätzbar. Wie viel Mühe und Fleiß hat unserm Dichter sein poetischer Lorbeer gekostet! wie viel unnöthige Mühe hat er an manche Gegenstände verschwendet *)! Solch einen Nachtheil bringts, in einem böotischen Lande gebohren und unterrichtet zu seyn, nach einem angenommenen Übeln Geschmack lehren zu müssen, unter Zcitumstandcn eines geistlichen Enthusiasmus, eines politischen Fanatismus zu leben! So viel Nachtheil bringts, eine ungebildete, ja eine gröblich-mißgebildete Muttersprache vor und um sich zu finden, in welcher man doch sprechen und wenigstens alltägliche Dinge denken muß, wenn man gleich in ihr nicht dichtet oder geistige Dinge denket! Ja endlich, so viel Nachtheil bringts, in H Es gibt noch andre Gedichte unsres Autors, die mir nicht zu Gesichr gekommen sind. Sein xn- raäoxon music«m, z, B. sein aeKritiiäiliom oanarn, 5. 5 »Isriurn soaietatis poäaAricae, seine cle eclipti solari 1645. U. f. Hatz? ich nie gesehen. des Dichters Jakob Bälde. 249 einer fremden Sprache die innersten Empfindungen seines Herzens ausdrücken zu muffen; sie bezaubert uns mit Wortformen eines Mysticismus, zu dem man in Vorstellungen der natürlichen, treuherzigen Muttersprache schwerlich gelangt wäre. Wie leichter wurde Griechen und Römern der Kranz der Unsterblichkeit in ihrer natürlichen Gedankenwcise! Daß die Poesieen unsres Dichters von allen gleich ausgenommen scyn, ist nicht zu erwarten. Protestanten und Katholische, seine damalige Zeit rmv die Nachwelt denkt über sic anders. Liebgewinnen konnten sie z. B. die Protestanten nicht, deren Glaubens - und Kriegs-Anführer vom Dichter mehrmals hart behandelt waren; überdem war damals Alles, was Jesuit hieß, den Protestanten mit Recht gehaßt oder gefürchtet. In Landern, in denen die deutsche Sprache weiter fortgerückt war, durfte man deutsche und bayerische Scherze, wie Balde sie gab, mit Recht auslachen oder verachten. Auch in der lateinischen Poesie hatte sich in Holland mehr als Ein Siebengestirn glänzend- classisch gezeigt, das fest an einander hielt, und dem bei) aller ihrer genialischen Leichtigkeit und Warme Balde'6 Gedichte un klassisch scheinen mußten. Sie, diese kaltern Bataver gingen nämlich nicht sowohl auf Gedankenfülle, auf eigenthümlichen lyrischen Flug, aus eine neue mächtig zu erregende Wirkung aus, die ihnen ihre ruhige und ruhmvolle Lage nicht nolhig machte; sondern auf reine, zierliche Wortsor- men und Weisen. Ihnen war also Balde nicht > 200 Kcnotaphium da; in seinen Gedichten finde ich nur von Varlaus und Neu Haus (Mlarrsius) ein paar freundschaftliche Spuren *). Von erstem erscheinet ein Gedicht an Bälde selbst **), dessen er auch in seinen Briefen rühmlich gedenket ***). Sonst lassen ihn unter den lateinischen Dichtern sogar manche Literatoren aus, als ob er gar nicht gelebt habe. — Allgemein indeß war dieß bcy den Protestanten nicht der Fall; worüber ich außer Barlaus nur den einzigen M orhof zum Zeugen anführe ****). 6 a l- dcnbach hat unter seinen Oden ihm eine derselben acht! iigsvoll zugceignet ch); Andreas Gryphius hat einige Stücke von ihm in deutsche Alexandriner übertragen 77) u. f. *) An Wartaus ist die starke Ode (87t v. I. g. Oä. 12. Lcrpsichore S. 265.) a» N e u h au s die Verwandlung des Saitenspiels (8xlv. I. g. Oä. r8. Lerpsichorc S. rg 5 .) an den ersten auch sein Ab- dolonymus sl-. VIII. Oä. z.) gerichtet, ") V. I. 7. 670. garlaai epist. OOOOOXVI 7 . n. OOOOOXXXVH. Unter andern sagt Barläus: restituisti nabis I)n-.ain nszleatain äiu et intsrinisssm, nt jsin naerito voeari possig Ivriaornin scriptor -aut potins L 0 i o r n in li ä i c e n 1 7 r a e , vt aä läor-ati vorkn a.IInäain. Geschrieben in; Jahr >6^- "") ^äorbnk. kalz-lrist. citirl und lobt ihn öfters. S. die Register. -f) OaläenhsLli. Ixric. I. p. aklg. LrunsderA. 1651. uä ilnaola Laläs, O^ricnin insiKnanr. -ff) ^näreas Lr^pkii poetische Wälder LH, 2. S. 20. des Dichters Jakob Balde. 2.5 r Unter seinen Glaubens - zumal Ordcnsgenost.n stand Balde desto höher. Masenius, Bälden u. a. geben ihm nebst Sarbiev unter den neueren lateinischen Odendichtern die erste Stelle; und ich glaube, keine Jesuiterschule in Deutschland wird ihm diese streitig gemacht haben. Für die Schulen des Ordens waren seine Gedichte vorzüglich eingerichtet; wegen 'seines überschwänglichen Reichthums an Sylbenmaasen, Gedichten und Materien war aus ihm und aus Masenius das Meiste zu lernen. Einige lateinische Poeten haben sich ganz nach ihm gebildet; ihn daher auch in Ode» und in Prose hoch gepriesen *). Der Herausgeber seines Maximilians sagt kurz und kräftig, „daß B a l- d e das Königliche des Maro, das Fruchtbare des Na so, das Hohe des Statius, das Gewichtige des Seneka, das Beistende Juvenals, die Scherze Katulls, die Fülle des Horaz, nach dem Zeugnis und mit dem Bcysall des ganzen Europäischen Helikons in sich vereine;" womit denn Ulles gesagt ist. Auch ausser dem Orden ehrte man ihn; der Kardinal Fürstenberg, Bischofs von Paderborn, nimmt, da er nach Italien ging, unter Deutschlands Dichtern und seinen Freunden auch von ihm Abschied **). Jetzt haben die Zeiten Alles verändert. Der Jesuitenorden ist aufgehoben, und mit ihm alle *) z>. B. Adam Widl« l^rlo, (Laiuberg I7§0.) Der auch seinen Tod besungen hat. 1 ^, II. 06 » 2» Leptem lllustr, pciel.aruin poemata, Amsteboä» 1672, 266, u6 umiuos 6e>iiianoL. 252 Kenotaphium Schuld des Ordens, für die ein einzelnes Mitglied, dazu ein Lehrer der Redekunst und ein Dichter ohne dem nicht haften durfte. Wer hat jemals Bedenken getragen, einen Petau und Sirmond, einen Sch einer und Riccioli zu nutzen, weil sie Jesuiten waren? So viel andre Dichter der Gesellschaft Jesu sind in Aller Händen; warum nicht auch, zumal »ach einer zweckmäßigen Auswahl, dieser Dichter? Die Zeiten des dreyßigjahrigen Krieges sind vorbcy; und wenn sein Orden zu dessen Erregung bcykrug, so that Er was er konnte, den Frieden Herhey zu rufen und die Gräuel des Krieges zu versöhnen. In vielem, worüber er klagt, hat er Recht; patriotische Gesinnungen für Deutschland kann ihm Niemand absprcchcn. Kein katholischer also, kein baycrscher Dichter allein; wie ich ihn dar- zustellen gewagt habe, ist er ein Dichter Deutschlands , auch für unsre und vielleicht für zukünftige Zelten. In diesem Betracht wird mirs Niemand Verargen, daß ich wählte und wegliefi, hin und wieder auch verändern mußte; es gehörte dieß zur Gestalt unsrer Sprache. Wenn Denis oder ein andrer Mann von Geschmack eine lateinische Ausgabe Balde's für unsre Zeit veranstalten wollte; wie klein würde und müßte sie werden! 12 . Noch in einem andern Felde wollte Balde nützlich scyn, in der Geschichte. Er dachte, wie mehrere Steilen feiner Gedichte zeigen *), mit Ernst H Lerpsich. S. , 5 o. l. Oä. 47. 5 ^lv. I. 5. Ocl. 20. I. g, Oä. 2Z. des Dichters Jakob Balde. 35Z an eine Geschichte seiner Zeiten; daß er einige Stük- ke auch ausgcarbeitct babe, darüber ist Leibnit; Zeuge. „Jakob Balde, sagt Vieser *), sollte die bayrische Geschichte schreiben. Gr sing an, ich habe ei» Fragment gesehen, den Donauwerthschen Feldzug, der mit großer Klugheit geschrieben war (prrc- äentissimc scriptum). Den Bayern mißfiel aber dieser Anfang, weil er zu srey geschrieben war; F e r« vaux und Adlzreiter setzten nachher die Geschichte fort" — An einem andern Ort sagt er **): „Die Prcdigermönche und Minoriten sind den Tem- *) Otiinn Hannover. Kellers p. ihb. VIII. ** ) ibiä. p. ibst. X-l.II. I.eidnit. opp. on>». D. VI. p. 20g., Sno. Daß Balde, eben so wenig als Boileau oder Racine zu einem eigentlichen Historiographen geschaffen gewesen, zeigt sowohl sein prosaischer Styl, als auch folgende Stelle aus Leibnitz Borrede zu Adlzreiters annali- 1)US koieae Aentis: Historiae Levsricae con- tinnanclae neAOtinni, c^nnntnrn intelliAo, ls- cvdo Haläe clatunr est, viro ciooto et ingeniöse, eujns et speeinrinn gnaeäarn Iristoriae, seä in novissiinis, visiere inernini. Ille vero longi lnlioris paruin patiens, onrininidus nni- inrnn ainieos^ue okleetnkat, nulnegue con- vietn tantisper luedatnr. Lest non inaAnos proZressns leeisse ciepreliensus est. I-eidnit. Opp. oinn. D. IV. p. 67. Den Namen Loio- ruin liäieen I^rue, den ihm Barlaus zieht, hat er dagegen gewiß verdienet. Kenotaphium 254 pelherren, die Jesuiten diesen nachgefolget; ohne Zweifel werden den Jesuiten Andre Nachfolgen, die in der Geschichte, Arzneykunde und Mathematik unterrichteter sind, als es die Jesuiten im Verhältnis; der Grösse ihrer Gesellschaft zu seyn pflegen. Nachgelassene Werke von Mitgliedern ihres Ordens geben sic nach dem Tode derselben nicht heraus; sie zerstreuen solche hie und dorthin, und wissen zuletzt selbst nicht, wo sie sich finden. Einige Handschriften des Balde, von denen sie nichts wußten, hat man anderswo gefunden. " So Leibnitz. Wenn ich einen Vertheidigee meines Unternehmens in Wiederaufwcckung dieses Dichters nöthig hatte, könnte ich mir einen bessern wünschen als Leibnitz? Vielleicht also tragt mein Versuch dazu bey, daß an Ort und Stelle Andre sich um die Nachlassenschaft, wenigstens um die Lebensumstände desselben bekümmern, und dem Publikum mittheilen, was für dasselbe dienet *). Las H I» Aiegambe hlblioiki. Script. soc.posu steht von ihm wenig, weil der Dichter damals noch lebte. Die Supplemente dieser Bibliothek sind nicht in meinen Händen. Baile scheint seinen Artikel meistens aus Sotwell geschöpft zu haben. (In dem Reichsanzeiger von 1796 Nro. stl. vom 18. Febr. giebr ein Borderöstreichischec Schriftsteller S> noch einige Nachrichten). des Dichters Jakob Balde. 255 Denkmal, das ich ich ihm errichtete, sollte und konnte nichts, als ein eigentllchzs Kcnvta- phium seyn aus seinen Schriften, nicht aus seinem Leben. „Er starb, sagt Joch er, zu Neuburg ,663 „den v. August. Dessen Feder hat nach seinem Tode I. Balde wurde r 6 o 3 oder >6og zu Ensisheim gebohren. Er legte sich auf die Rechtsgelehrsamkeit, begab sich aber hernach, man sagt, aus unglücklicher Liebe, in den Jesuitenorden, und wurde im 20. Jahr in das Kollegium zu Landsberg ausgenommen. Zu Ingolstadt und München erhielt er als Lehrer der Rhetorik und als Hofprediger ungemeinen Beysall; — wahrend der Bayerische Hof entzückt von seinen Predigten war, bewunderte Deutschland seine Gedichte, und nannte ihn seinen Horaz, und die berühmtesten Männer im In - und Auslande bewarben sich um seine Freundschaft. — Seine Lebensweise war sehr einfach und seine Gemüthsarr ausserordentlich sanft; einzig mit der Bildung seines Geistes beschäftigt, vernachläßigte er seinen Körper. Er dachte im höchsten Grade bescheiden von sich und seinen Werken, führte mit unnachsichtli- cher Strenge die Feile und konnte allen angehenden Dichtern Horazens Regel, nunuin prsms- i,nr in NNNUNI, nicht genug empfehlen. Erstarb 1668 an der Auszehrung, nachdem er sich schon lange vorher wegen körperlicher Schwächlichkeit allem Umgang mit Menschen entzogen hatte. 256 Kenotaphium „ein Rathsherr zu Nürnberg bekommen und solche „zum Andenken in einer silbernen Kapsel verwahret *). Ich wollte, daß er von ihm mehr geerbt hatte, als dessen Feder. Nichts, dünkt mich, sollte uns Deutschen angelegener seyn, als daß sich zu guten Zwecken alle -Provinzen Deutschlands vereinigen. Kein Gebirge, kein Strom, keine Mundart, keine Rcligionsformel sollte sie trennen; wo irgend in einem Lande, auch mit Fehlern seiner Zeit und Erziehung behaftet, ein talcntrcicher Schriftsteller sich hervorthat, sollte das Vaterland sich ihn zueignen, nicht seinen Provinzialismus verspotten und verhöhnen. Hatte in Italien, Frankreich, England keine Provinz an der andern Theil genommen, und jedes folgende Jahrhundert das vorhergehende nur verachtet; gewiß wäre in diesen Landern die Literatur nicht dahin gekommen, wohin sie gekommen ist. Wie vielen Fleiß haben diese Nationen auch auf ihre alten Schriftsteller und Dichter gewandt l. Dadurch hat sich ihre Kritik geschärft, dadurch ihre Sprache bestimmt und berichtiget. Wir unterscheiden uns dadurch von allen Völkern Euro- pens *) Balle führt an, daß mehrere Rathsherren sogar darum gestritten und endlich geloset haben; und Baillet weiß nicht, ob ers nicht gar für einen Kirchenraub Hallen solle, daß diese Feder einem Bilde oder Altar der heiligen Jungfrau dadurch entwandt sey, der sie Balde, wie Lipsius die seiniae, gewiß würde vermacht haben. Schwerlich war Balde so eitel. des Dichters Jakob Balde. 257 pcns, baß wir uns selbst verspotten und unsre Vorfahren verachten. Verzeihe mir also die artige, gelehrte und politische Welt, daß ich das ernste Gesicht (torvairr tueisin) eines katholischen Dichters, eines lateinischen Jesuiten aus dem Grabe hervorrief, ihm seinen Staub entschüttelte, und seine Stimme wieder tönen zu lassen wagte. Kein zierlicher Horaz, aber ein patriotischer Ale aus sollte er uns seyn. Einen Mann, den Leibnitz auch in kleinen Anfängen Und Fragmenten, die schwerlich sei» Hauptwerk waren, schätzte, ibn wollen wir im vielgearbci- teten Werk seines Lebens weder verkennen noch verachten. Einige das Leben und die Denkart des Dichters erläuternde Gedichte füge ich diesem Denkmale aus seinen Werken bey, nicht als Muster, sondern als historische Belege. Herders Werte. Lit. u. Ärmst. XlV. R Nachlese aus Zakob B a l d e' s Gedichten. Zu Erläuterung seiner Denkart und seines Lebens. Melancholie. Muß ich rm Kerker dann, in diesem traurigen Lande Oede vcrbiühn und frühe verwelken? Sind die Bande, die hier mich fesseln, nimmer zu lösen? Nicht zu zersprengen der Thurm, der mich ein- schlicßt? Dadalus schuf sich Flügel; ich darf der wächsernen Flügel Nachlese aus Jakob Balde's Gedichten. 25 g Nicht, die über dem Meere zerschmelzen! Kann mein freies Gcmüth sich nicht aufschwingen, wohin cs Will? Kein tobender Wind in den Fluthcn, Auf dem Lande kein Riegel verhindert den Geist, daß er auffliegt, Ucber Alpen und Wolken und Sterne. Und hat Apollo mir nicht der Gaben höchste, die Dichtkunst, Milde geschenkt, die auf Flügeln des Ostwinds Aus der Aurora Flügeln sich hebt?-O Erretterin , auf dann! Ferne von hier! bis zum Bett derAurora! — Verwünschungen des Katarrhs, Du Pful des Lebens! Seuche dem armen Volk Der Sterblichen! Ob Cerberus dich gespien Aus seinem heiscrn Höllenrachen, Oder der tückische Krokodill dich Ausweinte, als den Schlafenden er ergriff; Wie oder haben lachend die Furien Dich ausgebohren, als im Tanz sich Gistger die Schlangen der Haare küßten. R 2 26o Nachlese Woher du stammest, sinke, versink', o Pest Des Mcnschcnvolkes! Fahre zur Holl' hinab, Du Lungenzehrcr, Lungenbohrer, Erebus Schaum und des Hauptes Henker. Was fallest frech du, Räuber der Stimme, selbst Auf dürre Dichter, die, dem Olymp verwandt, Des Erd.nccifs und Erdennebcls Quälende Seuche nicht kennen sollten! Auf jene Feisten falle, du Unglückssohn! Die Müßig-Feisten fordere du zur Gruft, Du Todesbote! - - Weh! er fördert Früher mich selbst zum ereilten Grabe. Den Kahn des Lebens ruderten jugendlich Des Mannes Kräfte; siche, da sprang ins Schiff Ein Räuber; ach! und kehrt die Spitze Mächtig hinab, und das Schiff ersinket. Vergebens scheun wir fürder des Meeres Schlund, Auf trockncr Erde fahren im Schiffbruch wir Zum Orkus; hundert Gräber öffnen Sich dem erschleichenden leisen Mörder. Die Dirginische Pflanze. Bacchus Einzug feircten einst die seligen Götter, Als er nach vielen und reichen Geschenken, Die er der Erde verlassen, mit Lüchsen hinauf zum Olymp kam. 2(il aus Jakob Balde's Gedichten. Seine Triumphe hatte der Thyrsus Ihm erfochten. Er kam mit Kränzen von duftendem Weinlaub, Nicht geschmückt mit dem traurigen Lorbeer. Hinter ihm flössen Ströme von Wein, statt blutiger Ströme; Um ihn sangen Manaden und Nymphen, Und der Satyren Eher. Er bot den goldenen Becher Seines Getränks dem fröhlichen Vater, Der den Nektar dafür verschmähte. Desgleichen die Götter Tranken und sangen und dankten ihm alle, Für den labenden Trank, womit er die Menschen beseligt. — Unvcrmuthet erschollen die Pforten Von unbändigem Lärm. Es hatten die Riesen den Ossa Hoch auf Pelions Gipfel gethürmct, Und erstiegen die Burg. In Gestalt des brüllenden Löwen Warf sich ihnen entgegen Jacchus. Pallas griff nach dem Helm und dem Speer; der Vater der Götter Nach dem flammenden Blitz, und bemerkte, Mavors fehle. (Der grausame Gott, der Jammer und Blut liebt, Neidend Dionysus schönere Siege, Wohnete seinem Triumphe nicht bei.) „Auf! eile zu Mavors!" Sprach zum Füßegeflügclten Sohne, Aevs. „Er komme zum Streit! und Dich begleite Diana." 262 Nachlese Rastlos-cilend gingen die Beide; Aber als sie vom heitern Olymp in die Thracischcn Wolken, Voll von Schnee und Hagel und Kalte Kamen, ergriff den beredten Gott der häßliche Schnupfen Also grimmig, daß er verstummte. War es, weil er in Eile mit unbedeckctcm Haupt ging? Oder vom ungewohnetcn Tranke Warm, in die Eisluft kam? Genug, ihm stockte die Rede, Und sein Haupt war ihm wie ein Fels schwer. — Als er zu Mavors Pforten gelangte. „Wie soll ich die Botschaft Jetzt ausrichten?" athmet er hcisern, „Wie bewegen den harten Gott mit lieblicher Rede?" — Und Diana zog eine dürre Pflanze hervor; sie bestreute die Pflanze mit glühenden Funken. — Auf stieg aus der zerfallenden Asche Ein wohlthatiger Rauch. Dem gedrückten Gott war die Stirn frei Wie ein Olymp, und die klingende Sprache Wiedergegeben. Sie traten hinein, und brachten die Botschaft 263 aus Jakob Balde's Gedichten. Glücklich. Mavors eilte zum Himmel (Zwar unwillig) hinauf, und die Riesen wurden gebändigt. ,,Schwester, sprach nach geendetem Streite, Maja's Sohn, o sage mir, Schwester, woher du das Kraut nahmst, Das so schnell mir die Sinnen enthüllte, Und dem entlasteten Haupt den Klang der Sprache zurückgab? Sieh', ich wandre beschwerliche Wege Oft hinaus und hinab, durch Wolken, bis in dis Hohle Pluto's, wo ich die Schatten geleite. Dumpf dann fühl' ich mich oft. Ich musi durch Regen und Kalte — Komm', und zeige mir, jagende Schwester, Wo die Pflanze dir blüht." — „Sie blüht in westlichen Wäldern, Fern entlegen, hinter dem Meere. Bacchus setzte dahin nie seine Tritte. Der Stolze Rühme sich nicht auch dieser Erfindung. Für den Jäger blühet sie dort. Ich lehrte den Jager Ihre verborgnen nützlichen Kräfte. Wenn in düsterer Wolke der Regen dort und die Nebel Wälder umhüllen und Häupter der Menschen, Treibt dies Mo ly die Nebel hinweg durch sanftere Wolken; Frei wird das Haupt und die Nässe des HirnS sinkt. — 26g. Nachlese Brauche die Pflanze, jedoch nur reisend im Zuge der Lüste, Oder drunten in Höhlen des Pluto, Nicht im Olymp; sonst fliehen Dich bald Göttinnen und Götter; Aber im Freien wird sie Dir wohlthun." Und die Jagerin führte den Gott zum Lande der Jager, Und umwand mit der Pflanze den Stab ihm, Der zum Rohre gedieh. Virgin icn heisst das Geburtsland Dieser Pflanze, Dianens Erfindung. Allen Freunden Merkurs auf Wegen und Stegen, in Hainen, Oder auf Nebelbeschwcreten Küsten, Ueber den Wogen des Meers, in nassen Thalcrn und Ebnen, Rednern, denen die Sprache versiegt ist, Allen blühet sie jetzt die Sorg'-entnehmendc Pflanze, Mutter ruhiger, weiser Gedanken. An einen Nachaffer seiner Gedichte. Mein Spiel der Saiten, das du so oft verlangt, Ich sende dirs, und schwöre b.i Phöbus Pfeil Und Bogen, und bei seiner Esther, Und bei der goldenen Locke Phöbus: aus Jakob Balde's Gedichten. 265 Es ist das Meine, das mir so oft erklang In dunkeln Hainen, oder am heilgcn Duell. — Jedoch wenn etwa deinem Fine,er Zürnend sich weigert die goldne Saite; Gieb mir die Schuld nicht. Sandte dem Türken einst Nicht Skanderbeg, der Schrecke des Türken auch Den Sabel? Aber seine Rechte Sandt' er ihm nicht, die den Sabel führte. Die Rache des Dichters. Hieher, Verruchter! Der mir meine Lieder schmäht, Und naget sic mit schwarzem Zahn, Hieher! daß ich mich grausam rache, daß ich dich Bezähme, beißgcr Zoilus. Zuerst, Verbrecher! weih' in süßer Rach' ich dich, Ich weihe dich — den Grazien, Daß, wenn du weinen willst, du lachen müssest, wenn Sie dir die Zwiebeln, wenn sic dir Den Rettig und den scharfen Knoblauch nehmen, der Dir unrein deinen Athcm macht. Dafür dann dufte deine Livre süßen Duft, Vom Nektar, den die Biene sog. 266 Nachlese Ich wünsch', o Abscheu, ferner dir, daß nie der Schlaf — Daß dich der Schlaf am Morgen nie Beschleiche, und dafür die ganze Nacht hindurch Versenke in den schönsten Traum. Wenn du erwachest, reiche Ceres dir ein Brot Von ihrer zarten reinsten Frucht; Im andern Korbe Bacchus einen Wein, den du Für Form inner etwa hältst; Und dazu, Unverschämter, wünsch'ich Hunger dir Des Tucca bei Lucullus Mahl. Den Durst des Cato, als er Afrika durchstrich, Bei voll,n Krügen Manlius. Gebt' ihm , ihr Götter , daß mein unversöhnter Feind, Mein Theon, wider Willen froh Und glücklich werde, ja, wo möglich, glücklicher, Als Der, den er so rauh verfolgt. In seiner schlechten Schüssel w,rd' ein Stockfisch ihm Zum Karpfen oder gar zum Stör. Betrogen wcrd' er, daß der Sperling seinem Gaum Nur wie ein Kramimtsvogel schmeckt, Die wilde Taube wie Fasan. — Was weil' ich noch, Langmüthigcr als Naso, Ihn Den Ibis völlig abzutbun. Ihr Furien! — (Ihr weißen Furien;) wo seyd aus Jakob Balde's Gedichten. 267 Ihr, Schicksalssternc! — Weilst du noch, 0 Blitz? — Der Casars Haupt umleuchtete, Ihr Donner, die zur Linken tönen? — Was vereinst Nasika auf die Römer lud, Wie seinen Flakkus dort Macenas,Flak- kus ihn Verwünschte, so verwünsch' ich dich. Gcqualet werde deine Brust — von süßem Schmerz; Bestürmt dein Ohr — von Orpheus Ton. Unwürdgcr Momus, wcrth daß dreigespaltner Blitz Vom Jupiter Dich treffe, Dich Der Occan ersaufe, Dich der Erde Schlund Verschlinge, — wie ? Du blickest mich Gleich einer Kröte an? betroffen und erstarrt. Hast Du an meinen Klüchen gnug, So fort von hier! Hinweg! — Und wenn du eilig nicht Gen Himmel fliegest, streu' ich dir, Ein Unversöhnlicher dem Unversöhnlichen, Noch glühndre Kohlen auf dein Haupt. 268 Nachlese Der weichliche Helden sänge r. Zarter Genfer ich, Du, (sage beim Jupiter!) Du willst Waffen und Mann, Schluchten und Feldherrn Du Singen? hüpfend in leichtem Flügelkleide, den chrnen Mars? Jüngling, schaue Dich an! Cy p r iens Insel hat Dich mit Grazien, Dich mit Amvrettinnen, Weich wie Albions Schäfchen, Glatt wie Indische Muschelchcn, Auferzogen; und Du, girrendes Täubchen, willst Adler preisen im Kampf? Wenn Dir ein Gott noch rath, So verstecke die Cithcr, Jndeß Pauk' und Trommet ertönt. Statt des Rosses ergreif' artig ein Steckenpferd, Statt des blutigen Speers schwinge den bunten Ball In die Lüfte. Du magst auch Zierlich singen das Rad des Glücks, Doch nicht Jenes, das sich aus- und danieder walzt Im Gefilde der Schlacht; singe Dein Kreiselspiel. Und — o siehe, da kämpfen Spatzen! werde des Kampfs Homer. " .s-— e / ,dv ' ^ . aus Jakob Balde's Gedichten. 269 Die Ahnen. Den hohen Ahnen, die in dem alten Saal In abgelebten Trachten den grauen Bart Dir zeigen, deck' ihr strafend Antlitz, Junger Feronius, mit Tapeten. Und prange nicht im Schilde der Vater mit Erlegten Ungeheuern der alten Zeit. Und klinge nicht den Sporn, und glanze Mit des entlegenen Himmels Sternen. Du führest Löwen, der du ein Haschen bist, Und nennst dich Adler, der wie ein Täubchen girrt. Du willst Ulyß seyn; fey Achilles. Gleißenden Reden erliegt kein Hektar. Dem Schwert erlag er. — Die wir, entartet jetzt, Urahnen nennen, boten dem Feinde Brust Und Leben dar; sie trieben herzhaft Tatern und Hunnen zurück mit Schande, Wir sind in Worten tapfer; in Thaken sind Wir weich und höflich, sprechen von eherner Vorfahren Kriegs - und Ritterzügen, Selber gediehen zu Wachfespüppchen. 27 » Nachlese Die Ungeheuer. War' ein Kind gcbohrcn, das lahm an Füßen und Händen Blind und taub und dazu noch gehörnt ist; O wie würde der Vater, wie würde die Mutter es anfchaun! Wie das Ungeheuer beweinen! Und in unserer Welt, o Freund, wie viele der Scheusal Wandeln umher, und je offner, je wcrtherk Blind ist die Liebe, das Glück; die Gelegenheit kahl-, und der Wollust Triefen und thränen die schielenden Augen. Dem Schaam losen mangelt die Stirn, dem Frechen der Schädel, Jenem das Herz und die Brust und die Zunge. Ruhmsucht blähet den Kropf, und die Ehrsucht blaset die Backen Auf, als bliese sie Pfeifen und Hörner. Hundert Ohren recket die Fama, entgegen dem tauben Zufall! — Freund, wie freche Gestalten! Unter solchen wandelt der Mensch und härmt sich das Herz ab; aus Jakob Balde's Erdichten. 27L. Zwischen ihnen dreht sich das Leben Schlüpfrig. — Was wir lieben und fli.hn, und hoffen und fürchten Und begehren, sind— diese Gestalten. Das Geld. In Kaufmannsladcn wie in Pallastcn blinkt Das Helle Gold; in riechenden Kellern, wie Auf Weihrauch-duftenden Altären Und in der Höhle der feilen Unzucht. Der Räuber, wie der Vater des Vaterlands, Der Priester, wie der Augur begehret Geld. L wäre Geld der Menschenwürde Wahres und einziges Gut; die Tugend Würd' es allein besitzen. Das Laster sah Man allvcrachtet betteln die Straßen hin; Und Tugend ging' auf allen Wegen Reich und geehret und groß und glücklich. Jetzt ist es anders. Freund, und so denke dann: Kann Geld nicht großer machen an Geist und Hcrz, Den der es hat, und auch nicht kleiner, Dem es entgehet; und können Schatze Nachlese Aufwiegen nicht die goldene Seele, die Sich selbst genug ist; ach, so genüget mir Was ich besitze. War's ein Kleines, Größer ist Das, was ich selbst mir werth bin. Der falsche Glanz. In dem Glanzenden Allen ist Etwas Niedriges, Freund, Etwas Unlauteres, Das mir Eckel und Abscheu macht. Möge Jenen des Ruhms schallender Eymbelklang, Und sein prächtiger Ehrenbrief Laut verkünden; er hat, was er sich laut erwünscht. Diesen quälet die Rangessucht Heimlich. Was er begehrt, scheint er zu fliehe» und Zürnt dir, wenn du es ihm versagst. Nicht mit trotziger Stirn, nicht vor den Thüren will Er erbetteln die holde Braut; Desto gieriwr doch, desto verschlagener Sitzt der Kreier ihm in der Brust. Jenen aus Jakob Balde's Gedichten. 273 Zmen hebet die Last, die mit einträglichen Würden lohnet, das Laurer- A m t. Er merkt anderen auf, die er mit guter Art Falle. (Schändliches Knabenspiel!) Mit wie gleißendem Ernst, mit wie ersonnenem Schweigen decket man List und Trug, Tauscht das glaubende Volk, lasset den Himmel selbst Drohen, stellet den Ohren nach. — Daß im salzigen Meer außer dem Hauch der Gunst Kein gefährliches Lüftchen weh', Weiht dem Aeolus man heiße Gelübde, kehrt Oft die Segel, das Steuer oft, Bis den Hafen anitzt, bis man ihn froh erreicht. Kränze krönen den Mastbaum nun Stolz. Um Ufer erbaut steht ein Altar und dampft Festcsopfcr den Göttern auf! — Ich nicht also. Der Stuhl, den ich besitze, sey Nicht ein goldner; ein eichner Stuhl. Ferne, ferne von mir, schimmernde Büberei! Jede niedrig-erkaufte Macht, Und die Ehre, die mit Schande beladen drückt! — Auch gehorchen ist Macht. Ein Herz, Das sich selber regiert, sich zu gehorchen weiß, Hat das weiteste, schönste Reich. Alles übrige sey froh übergeben Gott. Herders W.Lit.u.Kunst. XIV. S Nachlese Der Glückliche. Wer ist denn glücklich? Neiden die Götter selbst Den tapfcrn Weisen , der mit dem Schicksal kämpft: So ist der Arme, der des Reichen Goldene Tafel verschmäht, auch glücklich. Er hat, (und äß' er einsam im Winkel dort) Bei seinem Mahle fröhliche Gäste stets, Sich selbst; und muntre, frohe Diener, Würzenden Hunger, Geschmack und E situ st. Natur ist seine Wirthin; Gesundheit kränzt Mit unerkauster Freude die Tafel ihm. Weiß wie die Milch, die er genießet, Rein wie das Wasser, das Er sich schöpfte. Ist seine Seele. Schmecket die Traub' ihm nicht Auch ungckeltert? — Freude des Herzens, Freund, Ist inniger, als die die Lippe Schlürfend erhaschet im duftgen Nebel. Ernsthafte Freuden dauren. Ein Lächeln, das Mit Kunst gebildet auf dem Gesicht erscheint, Gleicht dem gewählten irdncn Kruge, Rühr' ihn nicht an; er zerfällt in Scherben. aus Jakob Balde's Gedichten. 270 Die zweite Euridice. Willst Du wissen, warum Dein und mein Benno des Hymen Glanzende Fackel verschmäht, Und Sich nur und den Musen lebt? Hör': als Vater und Mutter ihm Hymens reiche- ste Gaben Priesen, ergriff ihn der Gott; Begeistert sang er dieses Lied. „Seid mir, Lamien, fern! Ihr Enkelinnen Mete! l u s, Töchter von hohem Geschlecht, Denkbilder des uralten Roms. Selbst der Mutter der Gracchen, ich mag Eor- neliens Mitgift Nicht; sie bringet zu viel Von Thaten ihrer Ahnherrn mit. Ihr auch, schöne Gestalten, die ihr im leichten Gewände Keusche Dianen erscheint, Des alten Sparta Zöglinge; Ach wie trüglichsn Glanz schuf oft die weibliche Schminke! S 2 2^6 Nachlese Paphia's Reize, wie oft Verwischte sie der Schwamm der Nacht! Schöne Briseis! Es wirst dein Auge brennende Flammen; Aber, o leider! in ihm Entzweien Schaam und Liebe sich. Keusch ist jene Calpurnia, keusch mit drohendem Auge. Manche Bacchante zerriß Im Stillen ihren Pentheus. Eltern, quälet mich nicht mit Bräutewählcn. Ich habe Meine geliebtere Braut Vor allen langst mir auscrwahlk. Orpheus zweite Euridice sie; sie stammet vom hohen Gipfel des Libanon nicht, Von Pindus Hainen stammet sie. Als ich Ihre Stimme vernahm, «jauchzte das Herz mir; (Werber der Liebe sind Die Augen wahrlich nicht allein.) Gleich erkohr ich sie mir zu meiner Getreuen; es kränzten Himmlische Musen das Fest Mit Kränzen aus Elysium. aus Jakob Balde's Gedichten. 277 Fünfzehn goldene Jahre, die wir zusammen gelebct, Ohne Gezänk und Groll, Wie goldne Tage schwanden sie. Folgsam, wie die Sabinerinnen, ist meine Geliebte; Frag' ich, antwortet sie mir; Und nicht unwillig schweiget sie. Meine Echo; sic spricht, wie ich empfinde. De» zarten, Jcho den helleren Ton Des Herzens gibt sie mir zurück, Zürnet auch nicht, wenn ich ihr zuweilen nahe mit Unmuth; Zürnender Liebe Gewalt Entgegen kämpft sie freudiger. Ist gelehrter als Sappho, jedoch auch keuscher. Sie labet Jeden geselligen Gast Mit Anmuth, die sein Herz begehrt. Eine Penelope sie; auch unter Schaaren der Freier Bleibt sie dem Manne getreu, Und hat für Jeden ihre List. Aber was allen Glauben besiegt, sie kostet de!« Mann nichts, Lebet vom Acthcr der Luft, Und liebet weder Pracht noch Mahl. --78 Nachlese Und auch Mutter ist sic; o Mutter holdseliger Kinder, Reicher als Niobe selbst; Lucina bringt aus ihrem Schoos Schmerzlos Töchter und Söhne, Gesang' und die süßesten Freuden — Wißt ihr den Namen der Braut? Die Zither hier in meinem Arm. Gespräch mit der Muse. Als der Dichter die Magerkeit in deutscher Sprache besungen hatte. Der Dichter. Seit den lyrischen Dichtern mich Zugescllte der Gott, der den Gesang beherrscht. Und mir reichte die Cithcr, Lieb' ich, Römerin-Muse, Dich. Die Muse. Seit Teutonischen Sängern Dich Zugcsellte die Zunft hagerer Dürftigen, Und Du ihre Gestalt sangst, Haß', Untreuer, ich hasse Dich. aus Jakob Balde's Gedichten. 27Z Der Dichter. Tönt die Sprache Germaniens, Die statt Dciner anjetzt Sprache der Casarn ist, Scheint die schlanke Gestalt Dir Also widrig, 0 Himmlische? Die Muse. Keiner himmlischen Muse ziemt Solch ein Trauergesang; Eine der Schrecklichen Ruf' hinauf vom Avernus, Fieber, Sorge, den Hunger selbst. Dev Dichter. Kam' ich aber, 0 Zürnende, Reuig wieder und flöh', flöhe den rauhen Lo»^ Und in süßer Begeistrung Sang' ich unserer Liebe Glück. Die Muse. Bist Du gleich, wie ein Thracicr Unbesonnen und sangst rauh wie der Boreas; Dennoch, kehrest Du wieder, Bleibt Dir meine, der Muse Gunst 23 » Nachlese Gespräch mit der Muse. Als der Dichter in, allrömischer Sprache singen wollte. Die Muse. Diesen jüngesten Frühling, Wer Legt' auf meinen Altar, hing an die Säulen ihn? Welcher Bittende störet, Philomcle, mir jetzt Dem Lied? Der Dichter. Darf, versöhnete Göttin, ich Deinem freundlichen Wort, darf ich ihm schüchtern traun, O so gönne mir Eines — Gib ein Zeichen der Liebe mir. Die Muse. Auf zweigipflichem Felsen zwar Droben auf dem Parnaß wohnen die Musen; doch Ihre Worte sind einfach. Rede, Dichter, ich höre Dich. Der Dichter. Aus der Duelle des Altcrthums, Wo Lader, ns trank, Navius, Ennius, Möchl' ich schöpfen, und Osei sch Singen, Töne der allsten Welt. aus Jakob Balde's Erdichten. 2iit Die Muse. Welche volle Begierde treibt, Wankelmüthigxr, Dich! Gnügt Aganippe Dir, Gnügt Dir Pegasus Quell nicht? Sieh', wie hell er dem Fels entstürzt! Der Dichter. Flakkus (Muse, Du weißt es selbst,) Ist mir süßer als Most; aber Pacuvius Quell und Mutius Becher Möchk' ich kosten; wo ist der Quell? Die Muse. . -hinter drohenden Felsen quillt Er verborgen im Hain, ohne bctretnen Weg. Mancher stechende Dorn wird Blutig ritzen dir Hand und Fuß. Der Dichter. Keine drohende Fclsenklust Schrecket mich; ich erklimm' Ossa und Pelion; Durch Dadalsche Gange Schlüpf', ein anderer Theseus, ich. Die Muse. Ungeheuer bewachen ihn, Schreckgestalten! Der Wald schallet von Löwen. Laß, Laß den kindischen Vorwitz, Du mir lieber als Dir jetzt selbst. 282 Nachlese Der Dichter. Scheuchte mit der Meduse mich P a l l a s. selber hinweg; drang' ich so emsigem Bor! — Mich schützet ein Harnisch, Schwert und Helm und die Lilie. Die Muse. Wohl dann! (wenn mir Apollo nicht Meine Bitte versagt,) morgen in Frühe wird Dich erwecken ein Lichtstrahl, Phöbus Blitz, der den Weg Dir zeigt. Der Dichter. Lebe wohl, o Hvrazische Süße Muse, Du bleibst meiner noch eingedenk; Nach bestandncn Gefahren Abends kehr' ich in Deinen Arm. Der verschnittene Sänger. Dich entzücket, Marull, der arme Sänger, Der durch Phrygische Kunst Cybelens Raub ward; Süßer singet er dir, als alle Schwäne Unsres Apollo. aus Jakob Balde's Gedichten. 283 Mir nicht also. Die Stimme der Natur dringt Mir ins klopfende Herz. Der falsche Triller» Ton' er Klagen und tiefe, tiefre Seufzer Als Philomele Nührt mich nicht. Mich erquickt der Turteltaube Wahres Girren; ich hasse, (Freund, verzeihe Meinem ländlichen Ohr,) ich haß' unbartge Lebende (sichern. Der Hochzeitsänger. Vergebens lockst du mich, den Ermüdeten', Zur Hochzeitflötc. Ließe sich Herkules Die Keule winden aus der Rechte; Liebcsgesange mir abzuschmeicheln Vermag itzt Keiner. Siche das Vaterland In Blut und Lhrancn. Siehe von Waffenklang Und Mord und Grausen cs erfüllet; Konnte die traurende stumme Muse Da lüstern forschen, was Hymenaus singt?. Mein Pegasus, (und waget' er seinen Flug,) Er schwinget ihn in ernste Fernen, Hin zur Geschichte der Römer-Vorzeit, 2§4 Nachlese Wie, oder hin zn jenem Barbaren - Nest, Das Deutschland drohet, oder zum Lager selbst Der Deutschen, die in wilder Irre Lander verheeren und selbst sich würgen. — Kommt dann zurück ermattet das Flügelroß, Leg' ich den Zaum ihm, lege die Rüstung ab; Und sitze sinnend wie ein Eonsul, Traurig erwägend der Völker Schicksal. Segen und Fluch. Rn dir vcrsammlcten Fnedensgefandte. Also nahet der Tag ! Es besucht uns wieder Astraa; Mit Schande wird Bellona weggebannt. Seliger Tag, da einmal durch langen Jammer gewitzigt, Der Plage wir verziehen stilles Glück. Seh' ich die Furien fliehn? Den Neid mit zerbissener Lippe, Die wilde Ehrsucht mit dem Schlangenhaar; Zwietracht mit zerrißnem Gewände, die grämliche Habsucht, Die auf verscharrten Kisten wachcte. Wo sie gewandelt, wird mit 'Feuer die Erde gereinigt, Die Wunden ihrer Klaue schließen sich. aus Jakob Balde's Gedichten. u65 Friede knüpfet die HerZeN, indeß er die Schläfe mit Blumen Umwindet, und den Kuß der Liebe weiht. Schaut sein weißes Gespann! Ein Amor lenket den Zügel; Das keusche Eher der Hul dgöttinnen scherzt Ringsum den Triumphator, und streut vom glänzenden Wagen Mit vollen.Händen Ros' und Lilien. Mu leib er hämmert nicht mehr in Actna's Schlunde dem Mavors; Dianen und der Ceres schmiedet er Nützliche Waffen, den Pflug, die Hacke, den blinkenden Iagdspieß; Es wandeln Helm und Schwert sich gern in sie. Faunen besuchen die Stadt; sie bringen die Gabe des Waldes; Pomona tragt am Arm den vollen Korb, Nymphen pflückten im Tanz der Wiese Blumen und knüpfen Im Spiele sie zum Braut- «nd Hochzeitkranz. Festlich geschmückct stehn die Penaten; sie laden den Gastfreund, Den Nachbar an den traulichen Kamin. Hesperus sieht den fröhlichen Kreis, und winket ihm Segen, Und grüßt ihn öfters noch als Morgenstern. Evius schlingt die Rebe nicht um den schattigen Ulmbaum Allein; durch Dorn und Hecken zieht er sie, Hier an der Mauer, und dort zum Fenster hinüber; er suchet 286 Nachlese Den nächsten Weg zum heitern Freundesmahk. Nicht mehr zahlet der Hirt di- Heerde; sie weidet ihm sicher; Menalkas schlummert, oder lehrt den Hain Hirtenlsider. Cr singt Amaryllis; reicher als Maro An Landgcsangcn, kennet er sein Glück. — Dies, o Quirlten, und mehr, wenn Eure Herzen zur Eintracht Sich neigen, schenkt ihr der entzückten Welt. Aber wendet ihr euch starr aus einander; so höret, Was mich der Gott in mir zu singen zwingt. Zeiten werden kommen, da über- und unter einander Die Volker stürzen und sich Alles wirrt, Cimder und Gallier, Deutscher und Schweb', Engländer und Dacer, Pannvnc, Belg' und Eeltiberier. — Und wie ein Sturmwind wird der Thracer kommen; er brennet Den Weinberg weg in fressend kaltem Reif. Oder ihr Mächtigen, soll der Kothurn euch Wunder enthüllen? (Wer Frieden haßt, ist sie zu sehen werth.) Schaut! die Himmlischen schütteln, wie über Tobte, die Urnen Des Rhadamanthus; Euch ereilt das Loos. aus Jakob Baldc's Gedichten. 287 Schauet! Die Luft entzündet sich selbst. Nicht I u- piters Arm warf Die Blitze. Schwerter funkeln um euch her, Flammenschwerter. Es scharfcten sie nicht Hände der Menschen; Die Erde schleudert sic aus ihrem Schoos. Und den Vater würget der Sohn, dis erbarmende Mutter Das eigne Kind. Es treten zum Altar Flehende Greise; der Altar schweigt. Es bebet der Altar; Und stürzet und begrabt die Betenden. Also drohete der Gott. Ich leg' euch Segen und Fluch vor, Ihr Hohen, wählt den Segen Uns und Euch. Pompejus, Cäsar und Cato. Bei einem Gemählde von Alb recht Dürer. Schwer ists, erhalten was sich ein Reich erwarb, Wenn seine Tapfern selber im Kampfe stehn Mit sich, um Alles. Also brach einst Unter den Beiden die Welt in Stücke. Hier steht, der keinen Gleichen ertragen kann, Dort, der als Großer» niemand erkennen mag; Und bürgerliche Waffen klangen Untw Pompejus und unter Casar. 288 Nachlese Den Frevel thcilten beide. Der Eine kehrt Dem Recht entgegen; Der dem Senat den Speer. Es tönt der Stoß, und ach der Freiheit Letzter erschrockener Schatte schwindet. Nur Einer steht entgegen des mächtigen Tyrannen Antlitz, unüberwindlich ihm. Der Römer Freiheit ist dem Eato Werthcr als Rom und die Gunst der Römer, Ihm als sein Leben theurer. Und gleich mit Ihm, Denkt Eato's Gattin. Nacket durchwandern sie Die Wüste Lybiens und wählen Beide den Tod mit gezücktem Dolche. Den Tod des edlen Eato von eigner Hand Mag Casar hören; aber den Eato sehn Als Knecht vor sich, das soll er nimmer! — Viele der Leichen hast du begraben, Du Todtengraber Julius. War kein Feind Euch, Römer, übrig, daß ihr euch selbst erwürgt? Kein Thrazier? kein Dacer? Schrie nicht Erassus Gebein euch noch an um Rache? Fabricius aus Jakob Balde's Gedichten. 269 Jabricrus Ta Mit vortrefflichem Sinn Ordnete Rom Sich ein Gedenkfest an» Des Fabricius Tag» Der vom Triumph Wieder zum Pstuge ging» Groß als Conseil und Held» Großer jedoch, Daß er es nicht mehr war. Zum Andenken an ihn Legcte dann Jeder die Fasten ab» Trat zu seinem Geschlecht Wieder und ward Was er gewesen war. Andre Zeiten, 0 Freund» Anderer Sintt Ewiger Diktatur, Würden kleben am Mann, Wie an der Leim- Ruthe der Vogel klebt, Herders W.Lit.».Kunst. XIV», T Nachlese Und o Wunder! Die Lcim- Rnthc, sie schafft Adjer aus Hänflingen; Adler, welche dem ZevS Schmetternden Blitz Tragen ins Schlafgemach; Pfauen, welche des Schweifs Goldenes Rad lieber sich selbst erhebt. — O wie träte der Pfau, Träte der Aar Sanfter und sittiger, Wenn Fabricius Lag Stellte den Pfau Wieder zu Krähen hin; Wenn Fabricius Tag Wieder den Aar Jagte zu Hänflingen! Demokrit» Hyniker sind wir nicht; auch jene Schule sey ftm uns, Die uns zu starrem Eisen macht. aus Jakob Dalde's Gedichten. 291. Linder, 0 Freund, und gesellig und hold sey unsere Tugend, O Jüngling, du von offner Brust. Zwar wir dürfen im Geist die Sekten alle durchwandern, Es schleift daran sich Wissenschaft. Wenn den Demokritus ich dir jetzt erkläre, so höre Mit Lust an, was er Gutes sagt; Das Mißfällige laß ihm. Er pflegte, (saget die Fabel) Zu lachen, selber auch im Schlaf. Also hatte zum Scherz die Natur ihn lachend gebildet;' Du weißt, sie spielt oft so und so. Diesen beherrschet die Leber, den andern die kochende Galle, Was ihn beherrschte, war die Milz *), s *) Ihr wurde» aus einem physiologischen Jrrthum die fröhlichen Gemüthsbewegungen zugeschrieben. T - 1 Nachlese 292 Einem, der Philosophie zu lehren auf die Akademie ging- Des Hochgclahrtcn Stage eiten Rennbahn, Gehst du mit raschen Rädern zu Durchlaufen und gelehrten Staub zu sammlm, Bereit zu jeglicher Gefahr. Dich abzurufen von dem hohen Vorsatz, War' eines unbesonnenen Kathederfcindes Rath, ob deine Wange, Dein Auge zwar und deine Brust Dir selber abrathcn. Aus dann zur Maschine! Drei volle Jahre drehe sie; Doch nimm noch mit dir deine» Freundes Lehre: Erhalte dein Gemüth gesund, Gesund die Brust, das Haupt von spatem Wachen, Von Zank und Neuerungen frei, Und bleibe lieber bei der alten Leier. Das Stadt- und Landleben. An einen Rechtsgelehrten in Amsterdam, der sich aufs Land begab. Eine Rhapsodie. Gehr ihr graulichen Sorgen, ihr häßlichen Namen, P r 0 ce sse, Und was sonst Städtisches in Städten lebt! Geht, verberget euch tief in jene Trauerpalläste, aus Jakob Baldc's Gedichten. 2Z3 Du prachtges Elend, glanzender Verdruß! Mir gefallet des Freundes Entschluß, der, dem Kerker der Mauern Entronnen, sich sein Tuskulum erwählt. Warum tbürmten Unsinnige wir die gehauenen Felsen? Zu fürchten etwa ihren schnellen Stur;? Oder uns zu vcrbau'n des Himmels glanzenden Anblick ? Zu rauben uns einander selbst die Lust? Anders lebte voreinst in freier und fröhlicher Unschuld, Von solcher Thorheit fern die junge Welt Auf dem Lande. Da hlühn unschuldige Freuden. Sie füllen Mit immer neuer Wollust unsre Brust. Da schaut man den Himmel; da raubt kein Nachbar den Tag uns; Apoll' aus frischen klaren Quellen beut Trank des Genius uns. O kennten die Menschen ihr Glück nur, Gewiß in finstre Städte barg es nicht Unsre Mutter Natur, nicht hinter Schlösser und Riegel; Für alle blühts auf offner freier Flur. Wer's nicht suchcte, fands. Wer reich ist ohne Procente, Genießt. Scin Schatz ist, was die Erde beut, Hier der rinnende Bach, sein Silber. Es steiget in Aehrui Scin Gold empor und lacht an Baumen ihm- Dunkel jm Laube verhüllt singt seine Kapelle. Da klaget, Frohlockt und streitet seiner Sänger Chor. 294 Nachlese Anders klagt in der Stadt der gefangene traurige Vogel; Ein Sklave, der ihm seine Körnchen streut, Glaubt, er singe dem Herrn; mit jedem Tone verwünscht er Den Wütrich, der ihm seine Freiheit stahl. — Auf dem Lande beglückt die Natur; ihr Affe, die Kunst darf Nur furchtsam dort und züchtig sich ihr nahn. Schau hier diesen Pallast, die grüne Laube. Ge- wölbct Von wenig dichten Zweigen birgt sie dich, Wie den Pcrsermonarch sein Haus von Cedern und schenkt dir, Was Jenen flieht, gesunden süßen Schlaf. Große Städte sind große Lasten. Der eigenen Freuden Beraubet, hascht nach fremden Freuden man. Alles in ihnen ist gemahlt, Gesichter und Wände, Gcbcrden, Worte, selbst das innre Herz« Alles in ihnen ist von köstlichem Holz und von Marmor, Von Holz und Marmor selbst auch Herr und Frau, Eine Niobe sic. Sab ine rinnen in Städten Sind seltne Regen in Aegyptenland. Wandte die Straßen hindurch; da stehen prächtige Tempel, Doch was Lebendiges in Straßen webt, Jagt nach Gelbe. Da fluchet und ebbt die stürmende Menge, Gcthcilt von Winden widrigen Geschicks. Laurcn auf den Gewinn mit tausend Künsten und kennen M aus Jakob Balde's Gedichten. Nur Eine Kunst nicht, würdigen Gebrauch. Und wie kenneten sic die zarte Kunst? dg Begierde, Und Sorg' und Angst ihr Herz mit Quaalcn peitscht. Setze man Schüsseln auf; es ströme achter Falerner; Die Würze duften; und der traurige Nicht sich selbst gehörende Wirth sitzt matt an der Tafel — O Landes-Armnth, o wie bist du reich! Wenn man hungert, so ißt man dort, was jegliche Iabrszcit An mannigfaltiger Erquickung dir Froh gewahrer. Der Pflug wird Tafel, das grünende Blatt wird Ein reiner Teller für die schöne Frucht, Reinliches Holz dein Krug, dein Wein die erfrischende Quelle, Die frei von Giften dir Gesundheit strömt, Und mit sanftem Geräusch zum Schlaf dich ladet. Indessen Hock) über dir die Lcrch' in Wolken singt, Steigend auf und hernieder und schießt dir nah' an den Füßen In ihr geliebtes kleines Furchenncst. Solchen Freuden vermahlest du, Freund, noch schönere Freuden, Ein ;w>iker glücklicher Hortenfi u s. Jede Blume, das Veilchen, die neugcbohrenc Rose Verjüngen dich, und wenn der Himmel droht, Fliehst du jn deinen Aonischen Hain, das Tempo der Musen, Wo hcilgcr Lorbeer jeden Baum umkranzt, 296 Nachlese Jeglicher Eichenzweig eine Cither traget. In T i- bur, In Flakkus Tibur findest du dich dort. Pegasus Huf schlagt. Siche da springt eine Quelle. Du trinkest; Bar laus mit dir schöpft und schöpfet tief. Satyrcn horchen mit spitzigem Ohr und geschlossener Lippe ; Tritonia legt ihren blanken Helm Nieder und lauschet. Jndeß wetteifernd Phöbus- Apollo Die Eicher selbst ergreift und kämpft mit ' Euch. Glückliche Zwei! — Kein heiliger Dichter wohnet in Städten; Und weilt er da, so wohnet fein Gcmüth Auf dem Lande, wo Chöre singen in grünenden Hainen, Da wars, wo Orpheus Hain und Felsen zwang. Göttcrgeliebtcr Greis, vergebens knüpf' ich an deinen Auch meinen Faden. Lebe, lebe wohl. Säk ula r i sc h es Lied an die Gesellschaft, zu welcher der Dichter gehörte. Die du menschlichen Elends dich erbarmend, Einer heiligen Angelobung Tochter, Dies Gelübde geknüpft, das bis zum spaten Enkel hinausreicht, aus Jakob Balde's Gedichten. 297 Göttin, fruchtbare Mutter, edle Jungfrau, Der von Rosen ein Kranz und weißen Liljen Ihre Schlafe bekränzt; Jo! der Päan Singet Triumph dir. Denn du wuchsest empor, beherzt im Unglück Und versehend im Glück, Wenn Weste schwiegen, Führt im Sturme der Nordwind froh und sicher Dich in den Hasen. Nutzen mußte dir, wer dir schaden wollte, Feinde nak roten dich. In Ungcwittcrn Trof aus Wolken, die Untergang dir drohten, Honjg und Milch dir. Wie dort Herkules Berg, bestürmt vom Meere« Unerschütterlich unter schall'ndcn Wogen Steht; so unter den Fluthcn, die dich deckten, Stehest und standst du. Was ich singe, bezeugt der umgewälzte Kreis der Zeiten; ein säkularischer Paan Schallt dir, Lorbecrumkränzte, der Altäre Ziemen und Musen; Andacht ziemet der Göttin, frommer Weihrauch Und ein heiliger Schau'r. Aus wilden Tbieren Schuf sie Menschen; es folgten ihrer Stimme Wütende Tiger. Blitze sandte sie ungeweihtcn Hainen; Welcher Winkel im Meere am Erdenrande, Welches Thule war je ihr unzugänglich? Welche der Alpen? Nachlese 29k) Wo die Stürme der Welt das Nest sich pflanzten- Dort wo ewiges gelbes Eis die Gipfel Deckt; es wachcten Greift; doch ihr Fuß ging Ebenen Weges Ucbcr Gipfel und Abgrund. Allenthalben Wandeln Boten der Göttin, allenthalben Fremd' und Bürger. Dem Tugcndreichen gnüget Eigener Ncichthum. Wenn ein einziger Wink das Schiff erschüttert, Stürzt ein Bret in die Woge; kaum drei, Finger Ucberm Rande des Todes schwimmt der Kühne Sicher und furchtlos.' Und ein Kühnerer schwimmt ohne Schiffbrct Au Molukken und Magellanus Inseln, Trinkt Maotischen Sumvf, als trank' er süßes Wasser des Rheinstroms. Deine Segel, 0 Göttin, schwellen aller Zonen Winde, der Ost- und West- und Südwind Wie der Norden; cs wallen deine Schiff' auf Jeglichem Meere. Bis zum Lande der Fabel reicht dein Weltruhm, Der Japaner und Indier, der schwarze Neger danket im Wasscrlosen Lande Duellen des Heils dir. Päan auf! und Triumph, dreimal Triumph dir, Der Tyrannen zu ihrem Siege dienten, Purpur bringen sie dir von Ost und Westen, Glanzenden Purpur, aus Jakob Balde's Gedichten. 299 Siegeskranze, von köstlich - fremdem Laube Dir gestochten; du hast mit deinem Blute Dort Brasiliens, Sina' s, Englands, Deutschlands Fluren gefärbct. Ueberwunden besiegen wir. Zu Boden Tief darnieder gedrückt erstebn wir glorreich» Unsre blutige Saat entsprießt zu reicher Fröhlicher Ernte. So bisher. Es beginnt ein neu Jahrhundert; Herr, mit welchem Verhängnis;? Mit Demselben! Wiederkehxen die Heilgen Sterne Eos m a s Und Damianus. Der Kampf mit dem Tode« Was wird endlich werden? So oft ergriff ich die Leier; Ach sie bringt mir keine Gesundheit. Fühl' ich des Lebens Kahn nicht abwärts schleichen? Er zittert Langsam hinab zum Strome der Lethe. Wohl denn! Komme der Tod mit Köcher und Bogen gerüstet; Diesen Schild halt' ich vor die Brust mir. Fester gls Ajax Schjld wirst Er die Pfeile des Todes Zoo Nachlese Rückwärts. Sehet, es ist meine Lyra. Und erlieg' ich alsdann; du hast nicht Ehre vom Siege, Tod! Du hast einen Schatten erleget *) Der längere Tod. Sechzig Ernten und sechzigmal, Freund, crlcbctcst du, daß dir Dionysus Trauben preßte. Du willst noch mehr Ernten sebcn und fühlst glühenden Lebensdurst Bis zur Hefe des Kelchs. — Wohlan, Trinke, trinke den Kelch bis an die Hefe. Schon Naht dem Auge, dem Ohre naht Dunkle, schweigende Nacht. Schwindel und Blödsinn nähn Deinem Haupte. Wie zittert dir Hand und Fuß! Du erliegest unter dem Ungemach, Das in Regen und Sturm und Schnee Und in Schloßen auf dich , armer Beladener, fallt. Ach, die schöneren Jahre — sind Sie vorüber o Freund, wünschen am Leben wir Uns nur längeren schwerem Tod. Anspielung auf die dürre Gestalt des Dichters. aus Jakob Balde's Gedichten. 3oi Mystische Chorgesänge, r. Schmerzen der Liebe. Bittere Qualen sind Qualen der Liebenden, Deren Labung ein Durst, denen Ambrosia Ihr unendliches Sehnen, Ihre Trauer Erquickung ist. Deines Herzens tiefe Wunde, Liebende, wer kann sie heilen? Da des Arztes Hand du scheuest, Sprich, wer wird dir helfen ? Marterin, und suchst der Marte» Neue, dir geliebte Schmerzen! Dir gefallt dein Qualgelübde; Sprich, wer kann die helfen? Was die milde Erde darbeut, Kühlend Wasser, Balsam-Aether, Milch und Honig, aller Blumen Wohlgcruch ist dir wie Galle; Ach, wer kann dich heilen? Nachlese 3 02 Wie weissagend die Furcht mir oft Eine Warnerin sang; sie fang: „Unter den Unbezwingbar» ist Liebe das Unbezwinglichste. Glühende Pfeile schießet sie, Unauslöschlichen Feuers voll. Und die ernstere Liebe, sie, Deren Flamme der Ackbcr ist, Ach, sie scherzet und spielet nicht; Cie umbildet das weiche Herz, Bricht die Harte mit ihrem Pfeil, Wirst zu Boden, bis sie erhebt." — Eure Schwester, Gespielinnen, Die im Tode der Sehnsucht liegt, Ist nicht todt; o sie schlummert nur. Seht, wie athmend das Herz ihr schlagt, Wie ihr Mund nach Erquickung lechzt! Nehmt, o nehmet in euren Schoost, Unterstützt die Gesunkene, Schlingt den liebenden Arm um sie, Daß sie ruhe von ihrer Quaal. aus Jakob Balde's Gedichten. 2 . Nachtfeier der Liebe. Liebe jetzt, wer nie geliebt hat! Wer geliebthat, liebe jetzt! Wie der Hirsch vom Pfeil getroffen, in sich traget er den Pfeil, Elühndcr Durst verzehrt den Matten, Durst verzehrt den Blutenden; Ueber Fels und Dornen eilend, lechzend nach dem frischen Quell, Hört er rauschen, sieht ihn blinken, stürzet nieder und crlechzt. Liebe jetzt, wer Nie geliebt hat! Wer geliebt har, liebe jetzt! So die Seele, die der höchsten Anmuth süßer Pfeil durchdrang, In sich trägt sie ihn und liebt ihn; er verzehrt ihr Innerstes. Nicht genesen von der Wunde, zur ersehnten Quelle will Sie hinüber, sieht die Quelle, dürstet, lechzet, und erlcchzt. Liebe jetzt, wer nie geliebt hat! Wer geliebt hat, liebe jetzt! Süßer Tod, du Wunsch des Herzens, neues Leben, höchster Wunsch, Zog. Nachlese Wenn nach hingesunkner Bürde freier Acther uns umfangt, Dem entkommnen Erdenpilgcr öffnet sich des Himmels Thor, Alle Seligen empfangen ihn mit Brüder-Schwcstcr- gruß. Liebe jetzt, wer nie geliebt hat! Wer geliebt hat, liebe jetzt! Schweigt, ihr Thräncn! Keine Flöte klage den ge- sunknen Staub. Eine Stimme tönet droben, Eine tausendstimmige Freude! Freude! Keinen seffgcn Märtyrer beweint man mehr; Man besingt ihn. Auf! besinnet, singt der Liebe Märtyrer. Liebe jetzt, wer nie geliebt hat! Wer geliebt hat, liebe jetzt! Hört! die Chöre tönen lauter! Süße Namen tönen sie: „Rose, Königin der Blumen, unter Dornen aufgeblüht! Perl' aus tiefem Mecresabgrund', aller Erde Köstlichstes ! Kleine Lilie des Thales, unentwcihte Lilie! Liebe jetzt, wer nie geliebt hat! Wer geliebt hat, liebe jetzt! Schöner ist der Tag des Todes, als die Stunde der Geburt. Zn des ewgen Friedens Zelte ruhet die Entkommene; Kranze aus Jakob Balde's Gedichten. 3->5 Kranze duften. HvmenauS stimmet an den Brautgesang : Und die Königin der Blumen, Selige, sie blühet dir. Liebe jetzt, wer nie geliebt hat! Wer geliebt hat, liebe jetzt! Weinst du noch? Der Freude Thrancn fließen, wenn umher du schaust; Deine Saat ist nicht verlohren, deine Trauben prangen schön; Jeder Wunsch ist dir gewahret, mehr gewahrt als jeder Wunsch: Denn wer Den hat, den du liebest, trinkt der ewgen Wonne Meer. Der Beherzte. Umsonst verschwenden seufzend die Tage wir; Vergebens zanken wir um die Weisheit. Laßt Das eitele Gezänk, ihr Streiter; Höret der Muse begeistert Lied an. Wer ist der Weise? Wer sich genüget, wen Vom Heilgen Rechte lüsterne Willkühr nicht Hinweglockt, noch des Machtgebieters Drohendes funkelndes Schwert hinwegschreckt. Herders W. Lit.u.Kunst. XlV. U 7^?§-e/r. 3o6 Nachlese Der ist ein Kenia, welcher die Furcht bezwang! — Zn Gottes schönem Tempel, der weiten Welt, Ist seine Brust des heilycn Tempels Stiller Altar, der der Gottheit ziemet. -Nicht Rhein und Donau zeichnen die Grenzen ihm Des Vaterlandes. Ob zu Italien, Zu Böhmen Prag und Nom gehöre, Kümmert den fremden erhabnen Gast nicht, Der Gottes Welt bewohnet. Sein Pallast ist Die weite Burg, um die sich die Sonne walzt, Sein Dach der Himmel. Enge Mauern Kothiger Städte sind sein Bezirk nicht. Das Jahr der Aera, als er gebohren ward, Der Vater, der ihn zeugete, sind nicht Er. Am Licht deS Tages, frei vom Truge, Offen zu leben ist seine Weisheit. Recht leben heißt ihm Leben. Den Hauch der Lust Genießen ist kein ganzer Genuß dem Mann, Der nur von Rubmcswerthcn Thatcn, Früchten des Geistes, im Geiste lebet. Wie jedes Jahr vom Himmel herniedersteigt, Jsts ihm das Beste. Gestern und morgen sind Ihm unbekannt; für heute lebt er, H eure mit Göttern und mit sich selber. aus Jakob Balde's Gedichten. Auf Einen Punkt versammlet, gebraucht er stets Sein ganzes Leben; eben so froh bereit,- Die Bürde fortzutragen oder Weg sie zu werfen mit heitrem Blicke. Der ist ein Freimann, welcher sich selbst besitzt, Ein Edler, der sich edler als alles Gold > > Das sein ist, achtet, und die Güter Jenfeit der Grenze, der weiten Grenze DeS eignen Muthes, großer Bckümmcrniß Nicht wcrth halt. Wollt' ein männlicher Sinn das Haar, Das ihm entfiel, mit bangem Seufzen Dder mit Sorge zurück erbetteln? Dann sorgt der Weise, wenn es zu wohl ihm wird; Wenn ihm das Schicksal schmeichelte, fürchtet er, Im Unglück tapfer. Steht der Unfall Eifern, ein kämpfender Schütze vor ihm; Er kämpft und wirst entgegen mit gleicher Kunst Und fängt und nutzt die Pfeile des Schicksals, bis Die letzte Stund' erscheinet; freundlich Nimmt er sie auf, die er längst erwartet, Wie sie die Götter senden. Ist unser Tpd Entkcrkerung des Geistes; wer zitterte, Wenn Ihm, dem Langgefangnen, endlich Sinket die Fessel, und Freiheit sein ist? U 2 3o8 Nachlese aus Jakob Balde's Gedichten. Wer mir gehorchet, sage der stillen Schaar Der Schatten, wenn ihn leise das Schicksal ruft: „Hier bin ich!" Weihend sich den Göttern, Laß^ er dahinten was nicht mehr sein ist. Wollende, Lied. Was könnte mein Virnia, Mein Paullus sagen, das du nicht auch gesagt? Jetzt ruhn wir unter dieser Eiche; Morgen beginnen wir andre Lieder. Maria. Die Unnennbare. Wo beginnen und wie soll ich vollenden, Jungfrau, deinen Gesang? den hundert Sprachen Singen, hundert Sprachen in jeder Zone Singen einst werden; Der die Berge der Welt, als sie zum Himmel Aufstieg, alle den Scheitel neigten. Alle Ströme rauschten Gesang Dir mit der Berge Wehenden Wipfeln; Her ms ns Ham, und die Au En ged di, Karmel, Und vom Himmel gepflanzt, die alte Ceder Libanons, und der Palmenhain, Cyprcffcn Und Terebinthen. Maria. Arc> Deines heiligen Landes Strom, der Jordan, Theiltc sich und berührte dir die Ferse Sanft; in Hesbon spielte mit deinem Abglanz Leise der Zephyr. Und wie soll ich dich nennen? Dich, des Lebens Heilqucll, Schatte der Müden, dich in Flammen Glanzender Roscnbusch? Den Stern am Morgen Oder Aurora? Jene Taube, die einst des Friedens Oelzwcig Ueber Ströme der Sündenfluthen brachte,? Turteltaube, die unsecm Erdcnjammer Tröstungen zugirrt? Regenbogen der Gnade über dunkeln Wolken? Rose der Dornen? Wenn einst Jede Schöne Blume verblüht, der Blumen schönste Blühet unsterblich. Mutter und Kind- Holder strahlet das Auge Dir Süße Mutter, im Glanz himmlischer Freude, wenn Auf den rosigen Knaben Du Nicdcrblickest, und Ihn leise dem Herzen nahst. Zarter schlingen sich Blum' und Stamm Maris. 3ir Nicht zusammen, wie Du, Kind, an dcr Mutter Blick, Wie die Mutter an Deinem Bück Hangt und trinket in ihm Athem der Seligkeit. O Ihr Beide, die nur Ein Her;, Eine Seele belebt! Mutter dem Sohne Du, Sohn der Mutter des Lebens Band *). Die Mutter unterm Kreuze. Unsäglich ist dein Schmerz, und dennoch stehest du, O Mutter, unterm heilgen Kreuz, Mit deiner Brust es stützend. Was du siehst, Und wer dich stehet, Freund und Feind, Drängt tiefer dir das Schwert ins blutge Herz. Doch seht! Sie blicket ruhig an, den Sohn. Die Martern haben alle ihre Kraft erschöpft; Sie saugt in sich des Sohnes Tod. O Hochbekrübte, theile deinen stillen Schmerz, O theile deinen Schmerz mit mir. Losgulunr vitie. 3lZ Maria. Der Anblick der Liebe. Rings umwacht van der hcilgen schönen Flamme, Göttin, küsset der Mond, es küsst die Sonne, . Deine Dienerin, Dir den zarten holden Segnenden Fußtritt. Bring' es Gnade dem Dichter, dass er Dich sang, Dich, umwacht von der heileren schönen Flamme. Nichts versaget dir Der, nichts ist, was Er Dir Könne versagen, Der am Kreuze, so oft mit Mutterblicken Du Ihn schauetest an, der Liebe Stärkung Ihm zusendcnd, mit festem Blick hinaussah. Auf zu dem Vater. Die Göttin des Frühlings. Einzig Holde, Zarte, Schöne, Deren Glanz die Welt erleuchtet, Deren Lieblichkeit den Frühling Wiederbringt mit tausend Blumen, Zarten Blumen, die dir gleichen, Sei gegrüßet, Frühlingsmuticr, Blumengöttin, sei gegrüßt. M a r i ,1. sr3 In dem Chor der schlanken Schonen, Ihren Bräutigam zu kränzen, Suchen viele Gold und Kleinod. Du, ein Kleinod selbst, erscheinest Wie der Mond im Chor der Sterne, Wie die Sonn' im blauen Aelhec glanzend Alles überdeckt. Wenn aus unlerm Thranentbale Du zum Himmel wieder aufsteigst, Liebend wallet jeder Zephyr Zu berühren deine Locke; Und den Schleier dir zu losen Drängen sich im Taubenfluge Engclknaben zu dir an. Darf ich was von dir erflehen, Königin, so laß der Sonne Schonen Glanz uns froh genießen, Treibe weg die bösin Tage, Bändige der Seelen Aufruhr, Und zerbrich des Krieges Waffen, holde Friedenskönigin. Laß den Müttern ihre Knaben, Ihre Tochter froh erwachsen, Töchter, wie die leichten Rehe, Knaben, wie die jungen Löwen. — Wenn der Rächer Wolken sammlet, So besänftige, du Holde, bittend ihn mit deinem Kuß. Maria. S'4 Die Göttin des Haines. Jungfrau j.ner Haine, der Berge Göttin, Rings umschattet und rings umgrünt von Zweigen, O wie sehnet' ich mich, zu knien vor deinem Hohen Altäre. Aber der Wagen eilt. Ich send' hinauf dir, Wie getrennct ein Freund dem Herzgeliebten, „Heit dir!" Sag« die Echo mir vom Berge: „Liebender, Heil dir!" Die Himmelfahrt. An dem Tage, da du der Erd', o Jungfrau, Dich entschwingend, hin über die Gestirne Stiegst, da neigetc sich, bestr.ut mit Blumes Dir der Olympus; Und ein süßer Gesang, als Du hineintratst, Scholl den Himmel hindurch dir laut entgegen: „Wer ist Sie, die aus wilden dunkeln Hainen Glanzend hcrvorgcht? Eine Göttin, in Sich, o ganz in Sich schön, Uebersließend an Reiz, und süßen Freuden; Um sie duftet der Aether; lieblich lehnt sie An den Geliebten Mari«. Zi5 Ihre holde Gestalt. So tritt in seine Stillen Reiche der Mond; so blickt die Sonn» Auf am Morgen; es küsst ihr Blick auf, alle Thranen Aurorens." Unter solchen Gesängen hobst du höher Dich, o Mutter im Arm des Sohns, und über- Stiegest Alles was Gott nicht ist und tauchtest Dich in der Gottheit Glanz. O selige, Gnadenreiche Jungfrau, Lass vom Meere der Freuden, laß aus deinem Vollen Becher, auch nur ein Tröpflein stillen Unsere Thränen. Die Tadellose. Welche Nymphe des Hains erwählst du, Lied, dir? Keine Nymphe des Hains: die Unbefleckte, Die als ewige Weisheit vor dem Schöpfer Liebend im Rath stand. Berge waren noch nicht, nicht Thal und Hügel, Meer' und Ströme. Den Stcrnenplan zu ordnen- Sann der Vater; da reichte sie den goldncn Glänzenden Plan ihm, i Mdi- >4« - -SS" M a k i m Ward dü Schafferm, theilte Licht und Dunkel, Gab den Wellen ein Ziel, erschuf sich Menschen; Kein Bergehen der Menschen nahm ihr ihren Leitenden Zügel. Aus Verbrechen erschuf sie neue Gnaden; Weisheit aus Labyrinthen; tief im Dunkel Neues schöneres Licht. Sie schwamm als Arche Aeber der Sündfluth, Brannt' im feurigen Busch, die Unversehrte; Unentweiht, eine Lilje unter Dornen. - Was geboren ist, stirbt; sie ging unsterblich. Auf zum Olympus. Geht zu schauen hinaus, ihr Töchter Sionch Eure Königin. Auf viel schöne Perlen Strahlt der Morgen ; sie ist des Aufgangs schönste Thaucnde Perle. Diele Jungfraun schweben in Himmelschörrn Um den Einiggeliebten; unter allen Ist nur Eine die Auserwahlte, reine Glänzende Taube. '>-> / - Mari«. ^17 Schwanengesang des Dichiers, Wankt nicht unter mir die Erde? Weigernd sich den Undankbaren, Den Vergessenen ;u kragen, Der so oft, vom Himmelsfeuer Lngeglühl, die Saiten rührte, Und in träger Ohnmacht seine Nazarenerin nicht sang, Die ihm, was in seinem Liede Lieblich ist, den Kranz von Rosen, Lilien und Myrthcn reichte, Dsie ihm, was in seinem Herzen Liebe war, zur Liebe w.tkte; Und in langem lodlem Schweigen undankbar vergaß ich sie! Mein unziemendes Verbrechen Welche Quelle wirds versöhnen? Seit des Denusiners Leyer Mir entsank, und Hippokrene Mir versiegte. Wobin soll ich Wenden die zcrrißnen Segel? woher schöpfen Lobgesang ? Soll ich sie mit jenem weichen Eitlen Dithyrambus pr.rcn, Wie ihn anstimml Hymenaus, Wie Dionysus ihn anstimmt? 4 - 3-3 Maria. Nein! aus Thetis Silbcrwcllen Steige niir ein reines Loblied, steig' ein Schwa« nenlied hervor. Denn die mir entsunkne Leyer Meines Flakkus ward zum Schwane. Tauchend in die Silberfluthen, Glanzend wie am Strom Cayst er Sich Apollo's Liebling sonnet, — Warum sollt' ich ihn nicht rufen, ihn nicht locken zum Gesang? Schöner Schwan, bei deinen Schwestern Die im Padus, im Mäander, Die im Mincius sich baden, Ruf' ich dich, o du der Nymphen Freude, du der Wellen Orpheus, Komm mit deinen tausend Stimmen, schiffend Loblied, schwimm' heran. Du, dem Phöbus seine Lieder Und Weissagung mitgctheilet, Der aus dieser Welt in Jene Ahnend sich hinüber singet, Du mit heiligen Gesängen Schönbeladnes holdes Fahrzeug, zeige dich und schwimm' heran. Weilst du noch? Die Lüfte wehen Lieblicher. Die Nymphen horchen: Siehe ringsum die Gewässer, Hier in diesem stillen Hafen, Mart«. 3ig Auen, Hügel, Alles schweiget. Auch dein Bruder unter Sternen glanzend, sieh' er. hcrchct Dir. — Sehet er erscheint und schwinget Weit sein glanzendes Gefieder, Taucht hinein sich in des Himmels Abglanz, blickt hinaus gen Himmel, Wendet itzt den Hals und segelt — Singend, was ich singen sollte, halt er rudernd an. Er singt: „Aller Anmuth, aller Gnade Aller Huld geliebte Mutter, D'-i Bescheidene, du Keusche, Sinnenrcin und rein im Herzen, Heilige, hochkeilge Jungfrau, Nimm von Luft und Strom und Sonne, nimm ein reines Loblied an. Du Krystall, in dem sich Himmel, Sonn' und Mond und Sterne spiegeln, Demuthvolle, die den stillen Glanz der Gottheit offenbarte, Du des ewigweisen Rathcs Hciligthum, Gefäß der Liebe, Mutter aller Lieblichkeit. Engel reichen dir den Scepter. Heil'qe Vater, Patriarchen Neigen sich vor dir der Tochter. Junqfrau'n weibn dir ihre Kronen, Märtyrer dir ihre Palmen, Und in Einem Lobgcsange preffet Dich des Himmels Ehor., Maria. Aao Friedebringerin, du öffnest Sündern die verschlafne Pforte Zur Verzeihung. Aller Kranken Pflegerin, du der Betrübten Arzt und süßer Trost und Labsal, Retterin zu Land und Meere, Du der Sinkenden im Schiffbruch, der Verirrten Retterin. Alle Christcnheere danken Dir den Sieg. Du gibst der Erde, Wirst ihr geben Fried' und Freude; Darum feirct dir der Aether, Darum wallen die Gestirne Liebend um dein Haupt; es küssen Mond und Sonne deinen Tritt. Königin." — Er kehrt die Segel, Taucht hinein sich in die Wellen, Schlaget dreimal noch die Flügel, Singet dreimal noch Maria, Und erhebt sich im Triumphe Auf zu seinem Sterncnbrudec und verschwindet meinem Blick. Königin, nimm an das Loblied, Das die Schwangewordne Cither Dir noch einmal sang, und führe, Führe mich mit deiner Rechte Hin durch Krieg - und Weltgekümmel, Unvcrrückt will ich dir folgen, wie durch Freude, so durch Leid. D i e Maria. Die W a l d r a s t. (Ein Marien - Kloster auf den Tyrolergebirgen.) Die ein heiliger dunkler Hain in Wolken Rings umschattet und deckt mit seinen Zweigen, Jndeß über den Wolken sie umwallen Liebende Sterne. O wie lüstete michs, dort ihren hcil'gen Sitz zu schauen, umringt von hohen Felsen; Tief zu schauen hinab ins Thal der Erde, Nahe den Sternen. Liebe rief mich hinauf. Ihr Freunde, kehret Kehrt und nehmet hinab mein Wunschgelübde, Hier zu sterben. In welchem Schatten fand' ich Süßere Ruhe? Haucht aus jeglicher Höhle mir nicht hcjlger, Schau'r entgegen? Es ist, es ist die Nymphe, Die mich liebend umfangt! Es ist der Gottheit Nähere Nahe. — Laßt mich! Werde der Gipfel eh' ein Abgrund, Eh' der heiligen Wald rast ich entsage. Gönn' o Göttin, dereinst in Deinem Schoos hier Ruhe dem Müden. Herders Werke» Lrt, u, Kunst, XIV, T Die Ruinen. S i b y l l i n i s c h e B l ä^t t e von Jakob Balde- I. Wo ist jetzt Troja-JliumL Gewesen ists! Gewesen! Dahin ist Pr'iams Burg! Dahin Der Dardaniden Name. Die hohe Mauer pflüget« Des Feindes scharfe Pflugschaar; Wo Troja stand, da wallen jetzt Zerstreuet wilde Aehren. So endet alle Pracht der Welt In Schutt und Staub und Asche Nuc in der Unbeständigkeit Ist Ecdmglück beständig. Die Ruinen. 323 Es setzet allem Ziel und Maas; Es mischet Hohn und Tiefen. Jetzt ist die Losung Kampf und Sieg, Jetzt Kampf und Fall und Ende. Aller Lebendigen Chor mit tausend wechselnden Stimmen Singt und girret sich selbst Einen, den Ster- begesang. Diesen ächzet der Stier am Pfluge; das wiehernde Siegsroß, Fühlend das eitle Nichts, beißt in den goldenen Zaum. Fühlend das eitle Nichts blickt vor dem Wagen des Feldherrn Langsam der Elephant, Alles verachtend, umher. Höre die Turteltaube. Sie klagt den verlorenen Gatten, Und beseufzet in ihm eigenen nahenden Tod. Was unter dieser Sonne je Gebohren ward, muß sterben. Geburt und Tod, Tod und Geburt, Sie wechseln mit einander. Berandrüng blicket uns der Mond Mit blasser Wange nieder, Und zieht die Erde mit sich fort In ewiger Verandrung. Mond und Sonne, sie scherzen mit einander; Wenn jetzt Cynthia, Phöbus jetzt auf unfern Schauplatz siehet und unsrer Eitelkeiten L 2 Z24 Die Ruinen. Prachttriumphe beschaut, sie lachen unser, Kehren weiter den Wagen und das Schauspiel,. Tod und Leben, sie spotten mit einander Der Unsterblichen, die im Nu dahin sind. Nichts stehet unveränderlich, Nichts stehet ringsum sicher. Die Saat zertritt ein Roß; der SturM Zersplittert Eich' und Ceder. Pompeji decket der Vesuv; Die Donau Damm und Bogen. In Thrancn schwimmt das niedre Thal; Den Gipfel treffen Blitze. Wie der Weise vereinst die Menschen warnte: „Nichts ist sicherer als die Furcht." Es fürchtet Jene Ceder des Aeols Arm; es scheuet Diese Blume des Mädchens zarten Finger. Glaubst du, heiliger Hain, gepflanzt von Händen der Borwelt, Daß dich Religion sichre vor Wunden und Tod? Auch dem heiligen Hain droht seine Parze. Das Alter Ist dir Atropos einst, ohne die fallende Apt. Deiner spotten die Satyren dann, und jede Dryade Klagt im Seufzer entstehn ihren veralteten Baum. Das Leben ist ein kurzes Spiel, Kaum ist es angesau, ", Die Ruinen. 325 In besten Freuden horcts auf; Da weinen dann die Knaben. Die Sanduhr lauft; vorüber «st Dem Redenden die Stunde. Die Sanduhr laust; vorüber ist Dem Sterblichen das Leben. Unaufhaltbar im Laufe, fliegt das Sicgsroß Zum El ei sehen Ziel; so eilt das Leben. Ist die Stunde vorüber, gicbt der Richter Keine längere Dir und keine neue. Also lebe Du jetzt; das I e tz t ist Dein nur; Morgen — sage mir, wer verbürgt Dir Mor» gen? Geflügelt sind die Freuden; schnell Entweichen sie auf Flügeln. Auch Lust und Lieb' und Liebesrerz Sind flüchtige Momente. Ein schwerer oder leichter Traum Entfloh mit jedem Alter. Erwachend reibet man die Stirn, Und spricht: cs warm Traume. II. Wer führt mich zu den Wundern hin? Zu jener Vorzeit Wundern. Wer zeiget mir Semiramis Und Ninus Burg und Garten? 326 Die Ruinen. Der Sonne Bild auf Rhodus? Wer Dianens stolzen Tempel? Und Herkules Säulen? Alles ist Begraben und verschwunden. Jener Kolossus, den im schreckenden Traume der König Sah, es bebte vor ihm schweigend die fcirende Welt. Golden das Haupt, und silbern die Brust, und ehern die Schenkel; Aber den Fuß verdarb Eiscngemengeter Thon. Siehe, da riß vom Gebirge der Fels und schmettert den Fuß ab; Gold und Silber und Erz lagen im leimigen Thon. .Laßt, ihr Mächtigen, euch des Traumes Rathscl, Hofgesinde, den Traumscherz dir gesagt seyn, Daß ein goldenes Haupt auf Thonesfußen Stand und klingend im Jubel schnell hinabfuhr. Sie fraßen selbst einander sich, Des Ungeheuers Glieder. Das goldne Haupt sank in die Brust, Die Silberbrust der Perser. Die Brust verschlang der weite Bauch Des ehrncn Alexanders. Den weiten chrnen Bauch durchstach Mit kurzem Schwerte Roma. Und Roma selbst, wie lange blieb Ihr ihre Kraft und Schöne? Die Ruine«. )27 Erblickte sie im Tiber sich; Sie spräche zu sich selber: Ist das mein Antlitz? meine Stirn? Mein Mund und meine Wange? Wo ist die Krone meines Haupts, Mit Remus Blut gefarbet? Wo ist Roma? Sie war, sie war einst mächtig, Tapfer, kriegerisch, Ruhmesreich und glücklich. Wohin bin ich, ein Wanderer, verirret? Ist dies Roma? Wo ist das Grabmahl Remus? Die edle Tochter Romulus, Erzogen von Camillus, Die stolze Braut des Seipio, Verschmäht den Afrikaner, War Amazone, schlank und kühn; Bellona war ihr Name; Die Welt ihr Raub; ihr Busen ward Von Völkcrblut gefarbet. Later des Vaterlands, Heil Dir, o tapferer Brutus, Heil auch, Eato, Dir, Zähmer des Neides und Glücks. Ihr erhieltet den Staat in weisen Schranken. Gesetze Walteten. Vor euch ging Lictor und Fasern und Beil. Weise Beredenheit sprach im Senat; die friedliche Toga Sandte dem Fcldhcrrn zu, Waffen und ernstes Gebot. 223 Die Ruinen. Tullius sprach zum Volk: „ihr wölkt? Gebietet, o Römer!" „Wir gebieten!" so rief strenge gehorchend das Volk. Ach aber, wie ein Waisenkind Gcri-th es unter Knechte. Um Recht und Unrecht haderten Sie wüthend mit dem Schwerte. Hin ging es nach Pharsalicn; Mit Gold erkaufte Bürger Entgegen Bürger», Adler stehn Im Kampfe gegen Adler. Wellen des Rubikon, Euch, und Dich, o geworfener Würfel Einer unendlichen Noth rufe zu Zeugen ich an: Was die Kriege, die mehr als Bürgerkriege gekostet. Wenn den Vater der Sohn, Söhne der Vater begrub. Ein Vater und ein Schwiegersohn, Ein Magnus und ein Easar Bekämpfen sich; der Acrgste siegt Und tbeilt das Pünktchen Ehre. Die FUdcr bluten; Rom erlag, Verzagt an eignen Kräften. Wie schlagt sein Puls! Es jammert taut, Ermattet, krank und sterbend. Won allen feinen Gliedern rinnt Dic Angst. Es ruft mit Weinen: Die Ruinen. Z29 „Augustus, Dir dem Einzigen, Vermach' ich meinen Weltkreis." Augustus nahm die Schenkung an, Und Rom ging in den Lrkus. Die Leiche ziert Tiberius; Sie brennet unter Nero. Kommt, ihr Bürger und hebt der Mutter den Trauer- gesanq an; Auf dem Rogus dort, liegt sie, gesunken das Haupt, Todt. Kein Klagegeschrei erweckt die Gestorbene. Sprenget Wein und Gerüche; sie liegt modernd, die Herrin der Welt. Wer schloß ihr das Auge? „Die Blinden." Wer flammet das Holz an ? Muttermördcr, wohlauf! stecke dein Troja in Brand. So begrabet sie dann. War das die 3? 0 m a, Die Numantia einst, die einst Karthago Niedertcat und dem Rheinstrom seine Hörner Abstieß? Klaget, sie war, sic war einst Roma. Jauchzend plündert am'tzt der Muttermördcr das Haus aus; Ihre Verlaffenschaft theilcn Nepoten mit ihm, Scheußliche Sklaven. Erschöpft sind jene Schatze, den Völkern Blutig erpresset; anitzt vielst-'chen Sklaven ein Raub. 33 -, Die Ruine». Armuth schleichet heran und der Zahnebleckende Hunger, Bis den ärmlichen Rest raubet ein fremder Barbar. Wo quillen die Balsame jetzt In Ncro's goidncm Hause? In Earacalla's Badern schwimmt Und badet nun die Ente. Die Ziege klettert im Pallast Augustus und Macenas. Severus Ehrenbogen drückt Die Last des Alters nieder. Mo sind des Cirkus Spiele? Wo Das Jauchzen der A r e n a? Die Ehrengaben und das Gold, Dem Volke hingeworfcn? Wo sind die Schauspielhäuser? wo Terenzens Larv' und Soccus? Schauspieler und Zuschauer sind In Einer Gruft begraben. Setzt, ihr Enkel, die auf der Mutter Grabmahl, Ihr an Sitte so ungleich, wohnen, setzet Dieser prächtigen Gruft die kurze Inschrift: „Hier liegt Roma, begraben in sich selber.". Die Ruinen ZZi III. Drohet Städten ollem, droht nur dem Steine das Alter? Ach sein Schicksal drückt selber die heilige K unst. Was bekümmerte mich dies Rom ? Mir fließet die Throne, Daß die Muse verbannt traurig im Elende wohnt. Wenn einen Pfefferkrom die Glut ergreifet, so weint man; Schatze des Geistes sieht lachend in Flammen man stehn. Willst du bleichen und blassen, und willst der Welt eine Fabel, Ein Gelächter ihr seyn; weihe der Muse dich nur. Wer, ihr süße Gespielen, wer, ihr RuhmcS- Gcbcrinnen, ihr holden Aonidcn, Welcher wüste Barbar, der euch ins Elend Stieß, Gefangene, mit geschnürten Händen? Zeiten! Sitten! Gelächter, Ueppigkeiten, Stolz und bäurische Macht, sie zwangen grausam Euch, Unsterbliche selbst, ihr heiligen Götter Unsrer Seele, zum Jammervollen Tode. Wo ist der zarte Mcisterzug, Die Linie Apellcs? Lvsippus und Praxiteles 332 Die Ruine n. Und Myrons Kunstgebilde? Der Donnerer des Phidias, Des Zeuxis schone Lüge? — Des Alterthumes Götterkunst In Nacht ist sie begraben. Auf ihrem Grabe wuchs hervor Ein neuer Sproß der Künste. Die freie Hand des Dürers zog Den Eickel ohne Eirkel. Bramante, Michel - Angelo. Und Raphael erschienen; Mit ihm Correggio, Titian^ Erschienen und verschwanden. Die Palme, die man ihnen weiht, Wird sie auch ewig grünen? Es kommen Zeit«» , da man selbst Die Göttlichen nicht kennet. „Wer mablte dies?" Der Enkel spricht „Er hieß Beth, Aleph, G h i m e l." Wis ihre Werke selbst die Zeit, Die Mörderin vertilget. Wo ist Homers Margites? Wo DieCyprischen Gesänge? Vielleicht zernagte sie die Maus; (Das größte hangt am Kleinem) Ein böser Augenblick zerstört Gedanken - Millionen; Was uns die Heit gegönnet hak, Verschonte nur der Zufall. Die Ruinen. 333 Klagt, ihr Musen. Der Mantuaner Schwan sang Langst das süßeste Lied sich selbst. Die Either Aus Venusia tönt dem Schattenreiche Vor Proserpincn jetzt. Der Heerd Tibullus Steht verlassen; Kat ullus artge Schalkheit, Und Propertius süße Thorensreude, Naso's Scherze; sie sind hinab zum Orkus. Der Griechen Pegasus zerhieb Ein wilder Tückensäbel; Apollo's Daphne reicht nicht mehr Dem Sänger Lorbeerkranze. Sie steht verdorret. — Vom Parnaß Flohn Grazien und Musen. Der scheuen Laute kommt anitzt Ein schrecklich Echo wieder. Euren Garten, ihr Musen, wer hat den blühenden Garten Also verwüstet, und hat keine der Blumen geschont ? Welcher Rüssel wühlte die Erd' auf? Riechende Ziegen Haben an jedem Baum Blätter und Zweige zernagt. Warum liebet die Ranke nicht mehr den vermählenden Ulmbaum? Warum hangen nicht mehr Kränze der Freuden umher? Und wer pflanzte die Dornen, die Nessel, die stechende Disteln? „Rühre die Distel nicht an, Fragender, oder sie sticht." 334 Die Ruinen. Das Delphische Orakel kocht Auf scincm Dreifuß Speise. Der H irt Apollo weidet nicht, Er scheret jetzt die Schaafc. Dem Staatsgcweb' Arachncns muß Die Kunst der Pallas weichen. „Mein ist, so spricht die Spinnerin, Mein ist die Kunst der Künste." Ach des Delphischen Tripus, der vom Schmiede Nun in Ordnung gebracht ist! — Ach^dcs armen Phöbus; Unter dem Feigenbäume sitzt er Hungernd, über den Stab das Haupt gesenket. Und die Weberin Pallas? O sie waget Zn ihr eigenes Schlafgemach sich nicht mehr, Wo Arachne, die Siegerin, ihr eigen Bett mit ftincstem Spinngeweb' umsponnen. Versieget ist Kastaliens Geweihter Quell, versieget! Sonst Heller als Blandusia, Jetzt trübe, stockend-trübe. Kameele waten in dem Sumpf, Wo einst die Götter tranken; Kein Finger mehr, es rührt der Huf Apollo's zarte Saiten. Auch Dich klag' ich, o Tullius. Ich klage Dich Ermordeten. Nicht um deine Villa Tuskulana, die ihren Herrn entbehret; Daß die Rostra des Marktes Dich entbehren, Wo jetzt Stimmen der Gaukler tönen, klag' ich. Die Ruinen. 335 Verstummet ist Demosthenes, Verhallet Plato's Rede. In seinen Gärten gluchset jetzt Die Attisch - weise Eule, Arehytas und Empedokles, Und Sokrates und Solon, Der schweigende Pythagoras, Sie schweigen all' im Grabe. Unterdrücke den Zorn, o mein NarcissuS, Daß vom grünenden Lorbeer ich dir diese Blatter reiche; sie sind Sibyllen - Blatter, Voll von heiligem Schicksal. Aller Reiche, Aller Mächtigen, Weisen und Gelehrten Blühn und Welken bezeichnet ihre Aufschrift; Was will immer bestehn , wenn Rom zur Gruft ging? IV. Schöner Knabe, den Leda's Schwan im glanzenden Eie Zeugte; wie Ganymed, strebst du zu Göttern empor; Glaubst, dich müsse verschonen die Parje, weil du das Glück dir Hast vermahlet und liebst deine gefällige Braut. Jüngling, traue der Schmeichlerin nicht. Es buhlen und werben Tausend Freier um sie; Tausende hat sie getäuscht. 336 Die Ruinen. RufinuS und Eutropius, Die Günstlinge des Glückes, Gefürchtet in Byzantium, Und schnöd' hineiusgcstoßen! Aus ihren Bildern schmiedete Man Krug' und Nachtgefaße; Mit eignen Ruthen peitschetc Fortuna den Eunuchen. „Hannibeil, sprach das Glück,, setz' über zerschmetterte Felsen, Ueber ?slpen und Eis. Ströme mit stürzendem Fall, Alles besiege! Rom erzittre." Der Sieger bei Canna Stebt vor den Thoren, es führt seinen Vermahlten das Glück! — Nemesis sprach: „halt ein, Afrikaner! Die goldenen Ringe Werden zum Becher. Daraus trinke dir eigenen Tod." Also spielet das Glück. Der Triumphator Ziehet morgen den Siegeswagen selber. Vom Eurulischen Stuhle wandert Jener In den Kerker, und Jener auf den Richtplatz. Mancher Brust mit dem Ordenssterne drohet Zum vollendeten Schmuck ein Stirnen-Brandmahl. Dem armen Belisarius, Er sitzt an jener Pforte, Durch die er im Triumphe zog; O reicht ihm eine Gabe! Mit Ws—V^-M- Die Ruinen. 2^7 Mit ausgestochnen Augen sitzt Der Völker - Uebcrwinder, Vertrieben aus der Welt, die Ec Beschützet hat, und hungert. Also spielet das Glück, der Hofkapelle Tonner-ständige Künstlerin. Wie artig Jetzt ibr Fingcrchen auf der Saite Diesen Niedcrdrücket und Jenen hebt und Jenen Zierlich sprenget hinweg! In Dur und Mollton Spselt das Stück und in leisem Pizzicato; Vis die Spielerin, selber satt des Gaukelns, Schnell an fürstlicher Gruft und unter lautem Hofgeheule die Geige wild zertrümmert. Schöne Sirene, du singst so lieblich. Schone Sirene, Wie du so artig kannst heben und kragen den Ton, Schweben ihn lassen und schwinden. Du steigst zum Himmel, damit du Pfeilschnell schießest herab, murrend im tiefcsten Laut. Fröhlich beginnen stets und jauchzend deine Gesänge; Aber den Erundton hört hinten am Ende man erst. Philomele des Hofes, hör' ein Lied an -. „König Gelimer, ein Wandalenkönig, Und ein stolzer Wandal; pom Glück verlassen, Spielt' ein trauriges Er und lehrend Schauspiel Allen Höstingen zu Eonstankinopel. Ucbcrwnnden und im Triumph gcsühret, Herders W.Lit.u.Kunst. XIV. Y 238 Die Ruinen. Rief er: Alles ist eitel, eitel, eitel! Gab den Purpur dahin und ward ein Landmann. Was oben ist, wird unten stehn, So knirrt das Rad der Zeiten; Das Unken kehrt nach Oben sich. Damit es niedcrstcige. So sah ich steigen, sinken viel, Und werde mehr noch sehen. Mit Zwergen kämpfen Kraniche, Der Aetna deckt Giganten. Glaubst du, daß ich zu lang' in traurigen Tönen dir singe; Schaue die Zeiten an; sind sie die goldene Zeit? Schöne Sidonerin, die 'ßeste Meister des Uebcrsetzcns in unserer Sprache, Luther, hielt die sogenannte buchstäbliche für die ungeschickteste Uebersetzung. Man Na chschrift. 349 lese seinen Sendbrief vom Dollm-ct sehen, wie er denen, die ihm verwarfen, er habe hier das Wörtlein allein cingerückt, dort die Maria voll Gnaden, den Mann der Begierungen u. f. nicht buchstäblich überseht, antwortet, und wie er es mit dem Bock Emser 'aufnahm. „Ich habe Deutsch, sagt er, nicht lateinisch und griechisch reden wollen, da ich Deutsch zu reden im Dollmetschcn füracnommen hatte. Ich habe verdeutschet auf mein bestes Vermögen, habe damit niemand gezwungen, daß ers lese, sondern srcige- lasscn und allein zu Dienst gethan denen, die cs nicht besser machen können. So ist auch niemand verboten, ein bcßres zu machen. Wers nicht lesen will, der lasse es liegen; ich bitte und feire niemand darum. — Ich weiß wohl, was für Kunst, Fleiß, Vernunft, Verstand zum guten Dollmetschen gehöret; cs heißet, wer am Wege bauet, hat viel Meister. Aber die Welt will Meister Klüglich bleiben , und muß immer das Roß unter dem Schwänze zäumen, alles meistern und selbst nichts können. Das ist ihre Art." — So Lulhcr. Weit entfernt , den geringsten Vorzug seiner Sprache und Fähigkeit, zumal bei einem so ganz verschiednen Gegenstände mir beizumessen, führe ich die Worte blos an, um zu zeigen, worin Er die Kunst des Dollmetschens setzte. Die Sylbenmaße meines Dichters warm mir nicht gleichgültig; sie trugen mich auf ihren Flügeln. Da Balde sich mit allen versucht und über alle nachgcdacht hatte, wie seine Vorreden, seine Scherze mit dem Skazon, und mehrere 35c- Nachschrift. Stellen seiner Gedichte selbst zeigen: so habe ich von der eigentlichen Art eines Jeden durch ihn Manches gelernet. Ihm galt es nicht gleich, wo und wie er ein Snlbenmaß gebrauchte. Insonderheit zeigen die Variationen seines großen Gedichts von Eitelkeit der Welt, seines Agathyr- sus, seiner Olympia und Philo me le, wie Ein und dasselbe Thema in diesem und- jenem Syl- benmaßc eine ganz neue Gestalt annimmt; da man dann offenbar stehet, daß das Svlbcnmaß ihm mehr als Kleid war; es war ihm Form der Gedanken. Bei jedem seiner Gedichte fühlte ich, daß sobald ich aus seinem gewählten Sylbenmaße schritt, ich in einem fremden Takt spielte, daher ich, soviel es meine Sprache zuließ, mich demselben folgsam bcquemte. Einer zwiefachen Regel folgte ich bei dieser Ue- bertragung. Zuerst, daß ich mich hütete, Sylbenmaße ins Deutsche zu bringen, die mir der Sprache ganz fremd und widrig schienen; ein Kennzeichen davon ist, daß man sic ohne vorgcschriebene Formel nicht erkennet, und wenn man natürlich liefet, den Vers anders als die Formel will, scandiret. Sv wagte ich mich z. B. nicht an das Metrum Denn die Worte müßten sehr glücklich gewählt und sehr stark bezeichnet seyn; oder man liefet, sich selbst gelassen, den Vers anders. So ists mit andern, plötzlich sich wendenden, umkehrenden Sylben- rnaßen, insonderheit mit dem Skazon. Nun Nach sehr »ft. 351 halte ichs aber für den ersten unverzeihlichen Fehler eines Sylbcnbaues, wenn man mit gleichem oder mit mehrcrem Rechte den Vers anders lcfcn darf, als es der Baumeister wollte. Das Sylbenmaß, dünkt mich, müsse sich der Sprache selbst einsingen und dem Verse gleichsam unveränderlich ein- prägen. Das zweite Gesetz, das ich mir auflegte, war, daß der künstliche Gesang, (Rhythmus) und die natürliche Deklamation nach dem Sinn und Affekt des In halls, (der Accent) sich einander unterstützten, nie aber einander widersprachen. So viele Nachtheile nämlich unsre Sprache im Gebrauch dieser Sylbenmaße gegen die Sprache der Alten hat, in welcher sie entsprossen waren, und daher in Manchem, worauf Jene drangen , insonderheit in der Verkettung der Worte nach Regionen große Nachsicht verlanget: so dringet sie doch auf Einen Vorzug vor jenen Sprachen, nämlich , daß Sinn und Affekt des Inhalts mit der Stelle, die das Wort im Metrum einnimmt und dem Ansehen, den es darinn behauptet, nie in Streit sey, vielmehr diesen Sinn auch der Stelle und dem Gewicht nach bezeichne, die ihnen das Metrum anwies. Auch der Leser, der ohne Kcnnt- niß der Prosodie blos dem Inhalt nach mit Verstand und Affekt laut liefet, muß durch Hebung und Senkung der Stimme, in Intervallen, Lange und Kürze der Sylben, ohne es zu wissen, dasselbe Ge- rnählde ausdrücken, was der Sänger im höheren Laut ausdrückt und der Dichter metrisch bezeichnet. So würde z. V- in unsrer Sprache das Otium 352 Nachschrift. ciivos ro^at des glücklichen Horaz eben so wohl, als sein eckits rsAikus ein Fehler seyn, da dem Sinne nach das erste Wort hier einen zu leisen, das zweite einen zu vollen Laut im Gange deS Gemahldes erhalten zu haben scheint. Und doch ist eben Hora; der Dichter, der diese innere Eongrucnz des Sylbcnmaßcs, Sinnes und Affekts unter allen Römern vielleicht zum höchsten Einklänge gebracht hat, wie fast jeder Tritt jedes seiner der verschiedensten Sylbenmaße in jeder Art des Sinnes und AffektS zeiget. Unsre Sprache darf sich hierin nichts Nachsehen, da sie an der Vollkommenheit des Wort- baucs und am festen Klange des Rhythmus der Römischen weit nachstehet. Weil ihr der Helle Ton des Gesanges (aeri tibia) oft fehlet: so muß sie für Verstand, Ohr und Herz desto genauer m o d tili r c n. Zu dieser genauen Modulation für Verstand und Ohr gehöret, daß sie die Sylbenmaße der Alten nie in erzwungener Manier, sondern ihrer eigenen Natur und Art ge m a ß brauche. Wohl höre ich z. B., was der Sap- phischcn Ode ihr festbestimmter Abschnitt Otiurn clivo? § j keatius vives § § desgleichen der Alkäischen Ode ihr bestimmter Abschnitt 3ustunr et lemacem j ^ für eine Fülle und Würde giebt; ich weiß aber eben sowohl, daß den Sapphifchen Vers seine Erfinderin Sappho selbst viel weicher gebraucht hat, und daß Hora; sich an Stelle und Ort auch das yuem, virnm aut Iieroa erlaubte. Elcichergestalt. macht es Li- flüchtigste Vergleichung klar, Nachschrift. 353 klar, daß unsre Alcäen, wo sie nicht hoch austö- ncn sollen, bei jenem cinförmig-bcobachteten Ah- schnitt insonderheit in längeren Oden sehr eintönig werden, und daß bei sanfteren und vertraulicheren Wildern der unerwartete Ucbergang aus Einer Region in die andre nicht nur dem Zusammenhänge des Bildes vortheilhaft sey, sondern in der Decla- mation auch unser Ohr gleichsam sanft hinübertausche. So ist auch unser Sapphische Vers in der Abwechslung die ihm Klopft ock z. B. in seiner Elarissa und sonst gegeben, der Versart seiner Erfinderin vielleicht näher, als der Römische selbst. Uebcrbaupt hat der Geist des Dichters auf die von ihm angewandten Sylbenmaße einen unaussprechlichen Einfluß. Wie er diesen Vers hier brauchte, kann er ihn anderswo vielleicht nicht brauchen; Empfindung und Inhalt geben ihm dort einen andern Tritt und Ton. Der lyrische Hexameter z. B. ist durchaus nicht der Hexameter Virgils oder Tibulls, ja auch in seiner Gattung ist er nicht allenthalben Derselbe. Der kleine Vers nämlich oder die paar kleinen Verse, die auf ihn folgen, und zu ihm gehören , bestimmen ihn hier so eigenthümlich, als der Pentameter ihn bei der Elegie bestimmte: denn beide Sylbenmaße bilden dem Ohr und Gemüth nur Ein Ganzes. Wer von diesen Dingen kein Gefühl und in ihnen keine Ucbung hat, sondern die Verse blos nach dem — ^ ^ an den Fingern abzählt, oder mit dem Fuß herklopfet, der ist kaum einer andern als einer Eentauren-Musik und Kritik fähig. Aber warum so viel von Sylbenmaße»? Weil wir Deutsche sie noch so wenig im Ohr haben, und Herders W.Lit.u.Kunst. XIV. A 3 5 ^. Nac hschrift. in unscrm Urtheil oft rohe Begriffe von ihnen äußern. Nur Wenige haben ihr Gehör an Griechen und Römern weise geübt, Einige haben es sogar an ihnen gelehrt verübet; die Anwendung jener Vorbilder und Regeln auf unsre Sprache sodcrt ein glückliches Zusammentreffen vieler Kleinigkeiten, deren Eine ohne die andre nicht seyn will. Insonderheit haben unsre gereimten Jamben das Ohr der Deutschen so verderbet, daß wir uns in ihnen, selbst in Sonncttcn und Stanzen, die doch di? wohlklingendsten Gedichte seyn sollen, oft die äußersten Harten, Zusammendrückungen der Sylben, Beleidigungen des Sinnes der Rede, ja im Ganzen eineii'Pfcrdetritt erlauben, der nothwendig zuletzt für jedes feinere Gefühl eines mannigfaltigeren , volleren und höheren Wohlklanges, kurz einer Musik des Sinnes der Worte, das Ohr stumpf macht. Wer an Versen, wo es laut zischt, oder zischt laut, hallt dumpf, oder d u m p f k n a l l t sein Ohr gebildet hat und dem Vorurtheile treu bleibt, daß alle cinsylbige Wörter lang und kurz seyn dürfen, nachdem man sie zu gebrauchen Lust hat, dem wird sonderbar zu Muth, wenn er sich in eine Höhe erhoben fühlt, wo jedes Wort seinem lebendigen Inhalt nach auf seiner Stelle ganz aus tön et. Ist eine bestimmte Prosodie unsrer Sprache möglich, so muß sie durch die Syl- benmaße der Alten in unser Ohr gebracht werden; durch das kur; pflockt, und pflockt kurz unsrer Jamben wird sie es nie *). *) Zu.Erläuterung dieser Stelle füge ich hinzu, daß ich den Jambus so wie den Reim an Seelle und Nach sc h c i ft. 2,'>5 Noch füge ich ein Gedicht unsres Balde bci, das ich Anfangs ungedruckt lassen wollte. Wie? sprach ich zu mir selbst, leiden wir nicht unter sichtbaren und hörbaren Uebeln unsrer Zeit > nug, daß wir uns noch durch vergangene Uedel der Vor. Ort liebe und ehre, ja daß ich einen reinen und wohlklingenden Jambus sogar für das schwerste Sylbenmaß unsrer Sprache balle. Wohlverstan- den nämlich, daß in ihm der Accent des Sinnes eben sowohl als die wahre Quantität der Syl- ben genau beobachtet werde, und daß er nicht ctwa'blos Lchrsprüche zusammenzwänge, sondern Bilder und Empfindungen rein und .weit auß- mahle. Jedermann, der darinn arbeitete, wird gefunden haben, daß unsrer Sprache zum Gebrauch ihrer v i e l s y lb i g e n, der Poesie sehr erwünschten Worte, an denen sie »ach der Flexion ihrer Adjectiven, ternporum und Parlicipien, noch mehr aber in der Zusammenstellung ganzer Redarten glücklicher Weise auch sehr reich ist, ein immer sortgehender Jambus äußerst drückend werde. Fast alle wohlklingenden vielsylbigen Wörter schließet er aus oder preßt sie zusammen oder mißt ihnen eine falsche Quantität bei. Zur Probe dessen schlage man das erste beste Buch z. E. die Bibel auf, und sehe wie wenig reine Jamben im natürliche» Fortgange der Rede vor. kommen; wie viel schöne Sylbenmaße der Alten aber in jeder höheren Rede gleichsam von selbst ertönen. Das Vater Unser z. B. ist ganz poly- metrisch und der Anfang desselben Z 2 - 356 ' Nachschrift. zeit quälen müßten? Was ist ansteckender, al« Uebcrdniß und Eckel an dem, was man stehet und höret? und wir wollten diesen eckelnden Ucberdruß noch durch Erinnerungen aus der Vorwell, durch eine reine Uebersicht aller Dinge der Sichtbarkeit Vater unser im Himmel, dein Name werde geheiligt Zu uns komme dein Reich. Dein Wille gescheh' wie im Himmel u. st enthalt, bis auf das Wort Dein, reine Hexameter. So fast auf jeder Seite der Bibel, wenn sich der Sinn erhebet: z. B. Alle gute Gaben und jede vollkommene Gabe Kommt von oben herab, vom Vater des Lichtes, bei welchem Keine Veränderung ist, kein Wechsel des Lichtes und Dunkels, Ich sage nicht, daß diese Hexameter gut seyen, aber Hexameter sinds, der natürlichen Wortfolge nach; keine Jamben. Wie diese die Sylben drücken und die Quantität beleidigen müssen, um sich einigermaßen im Gange zu erhalten, davon suche man selbst Proben. Der lebendige Laut prangt auf der Dichtkunst Stelzen, We^n der Poöte ihn mit gar anmuthgen Pelzen Warm zuschnürt, daß es kracht -- Wenn dergleichen Scansionen im Jambus hie und da, nur nicht zu dicht hinter einander verkommen, hat gewöhnlich niemand etwas dagegen. Nachsch rift. 357 starken? zu einer Zeit in uns starken, da wir unter Ruinen, die wir sehen, unter Ruinen, die uns drohen, einander nicht gnug aufmuntcrn können, zu ertragen, abzuwcnden, zu helfen, wo und wie man kann. — Eben aber solche Betrachtung foderte mich auf zur Herausgabe dieser Ruinen. Wir müssen sehen, was in der Vorwclt war und geschah , damit wir, was um uns ist und geschieht, schätzen lernen. Hier gilt es keines Einschläfcrns und Traumens; es gilt, daß unser Auge munter gemacht und wach erhalten werde, indem mit Uns das Schicksal wahrlich doch keine Ausnahme von seinem großen Weltgesetz machen wird. Eine Ucber- sicht solcher Art schlagt nicht nieder, sondern erhebt; sie macht nicht matt, sondern stärket: denn ganz anders ists, wenn Salomo oder wen» ein Thor, wenn Sadi und Eonfucius oder wenn St. Evremont, und Bussi Rabutin sagen: alles ist eitel. Die Friedensstadt, zu der sich unser Dichter aufschwingt, darf nicht allem zwischen Sternen gesucht werden; allenthalben ist sie daS Land der Seelen, in denen Erkenntniß, Redlichkeit, Liebe und Eintracht wohnen. Nach dem letzten Buche der Schrift und dessen letzter Aussicht sollte das himmlische Jerusalem vom Himmel niedersteigen auf Erden; und Jeder soll streben mitten unter Ruinen der Zeit ein Ewiges in sich zu gründen. — Warum sollte ich also das Testament unsres Balde verheimlichen? Es ist die Summe der Erfahrungen und Betrachtungen seines Lebens, voll Poesie, in einem sehr abwechselnden Wohlklange. Ich gebe es indessen auch nur Thcil- weise, Ruinen aus Ruinen. 356 Nachschrift. Aus ciner teilnehmenden Anzeige «einer Tcrpsi- chore, datirt im Ober-Oesterreichischen Fr. in Br. Bon S. (Reichsanzciger, n. gi. dcn >8. Febr. 96.) erfahre ich eben, daß eine Ausgabe der Werke unseres Dichters im Jahre 1729 zu München in 7 Dc- tavbanden erschienen, die eine vollständige Sammlung seiner Gedichte enthalte und mir unbekannt war. Ich werde sic zu erhalten suchen, und falls sie eine Zugabe ^röthig macht, diese mit größcster Schonung unsrer beiden Anschauungen der Dinge, des Raumes und der Zeit bewirke». Jetzt rufen uns andere Musen. Lebe also wohl, du kleine unansehnliche Nachtigall, die an der Jser und an der Donau einst mit rührenden Klagen auch erquickende liebliche Töne sang. Nach mehr als hundert Jahren hat deine hcllmnmutbigc Stimme vom Belt bis in die Schwci- zergcbicge dir eine dankende, freudige Echo geweckt; wo singest du jetzt? Nachschrift. 359 Zwei Briefe Barlaus an Balde. -üssx-iris Lsrlaei Lpi8tol3ruin Inder. ?gr» prior Lmsieloäsirii spuä losimein Rlser. MOci.XVH. 1) Lpist. 467. x->A. gio. I s 0 0 t> 0 Laläo» larri men8S8 aliquot sxacti sunt, vir cla- rissirns, cum littsras iuas miiri traäerst pictor csledsrrimn8 Lanärart. ?>lon sxpsctaverarrt 6 Bavaria tam Incnlsntam amicitiss ts88sram, st ai> t^Ipinm raäicibu8 tam Arancls ersctioris inAsnii pi^nn8. Vicientnr tiki pancnli vsrsus, 9U.08 in skkiAisrn princi^iis vsstri scripsi, sali- varn movi 856 , nt extranei iioininis ainioitiam alic^uo in prscio Irai>srs8. BZo 8icnti sruciitio- nis karna cuivis, ita Iinmanitatis st dsnsvolsn- tias okiicÜ8 nulii cs88src>. Lorum, c^nas s lon- Ainc^uo mitti solsnt. inaior sst rsvsrsntia st precium; i^uamokrsm 8urnrna vsnsrations sx- cspi aursnm ^osmatnm tuorum opnz, Quorum Isctions non 8srns1 incaiui, st psr similia corn- rnsnta ^>rasoi^>itavi anäacsrn 8piritnm. Bs8ti- tni8ti nokis l^ram nsAlsotam cliu et intermi8- 8SM, nt jsm rnsrito vocari po88i8 B^ricorum 8vriptor, gut po.in8 Bojornm üciicsn I)'ras, nt aä Bloratii vsrlaa aünäam. li^iro miiii placst copia st natnrali pnlciirittniins a88ur^sn8 oratio, dacra Iii>sntiu8 st ksiicins tracta8, nt tilri non Nachschrift. Z6o Parum sancta et beata Nomina äebeant, ^uas uti immortslitatem a Oeo st (lbristo babent; ita a ts ab bominum in terris oblivions gloriose viuäieantur. Issra, mi Laläaes, tibi pro konte Lastalio est; karnassum in Vinäslicis st Karisois invenis, Oanubii st Osni ri^as b)ri- sorum carminum lauäs Ulustras , uti l^bsrim suum oüm blacsus. 8uut <;ui bis in terris äs Poematum tuorum Nova säitious oogitsnt. Intsrea ms aäkectu tuum Puta, fiset in aliis äisParem; et si <^ua sst stuäiorum eognatio, srsäs ms bas cjuocjus aüinitate tibi^unctum. ^mstsi. Lai. A/Iart. s) Lxist. ^87. x»A. 9Z6. Iscc> b 0 8 s 1 äs. Ilnäs araneis supputsnt tslas, uti^us nss- cio: neo unäs tibi tanta sarminum vis. Inter svicuiss nulla magis variat moäulos >;uam pbi- lomsla; at tu pbilomslam vinsis, hui Piuribus illam moäulis sansntsm lacis, ^uam natura äocuit. I^on soium libsllus tuus pbilomslas inseriPtions gauäst, verum ixss xbilomelam agis. 17 ti enim baso iterat saepe sonos, et Per intsrvalla canit; stiam tu vsluti singulti- bus Psrioäos poeticas clauäis, et äum animi Pios motus impetus^us ssqueris, saeps aä car- minum PrinsiPia reäis. pbilomsla arbusta mutat, non silvas, non bortos: neo tu e pista- Nachschrift. 36» ti, cainpo exis, etiarn8i arAunientuin innte8. ItL ^lsces lectori, uti xkiloniels auäitori. H- kris tui8 äe vanitate niunäi nikil xerennit>8. Ita sain äsxinAis, ui vanitsti sstsrnitstsin coin- xaravisss iniki viäeari8. Dum oinnia inoinen- tsnea kacis ei xsritura, äno reenlo exiinis, kainam et pistatein; <;uaruNi k-ine coelo sei» äeberi, illani ^o8terornin insinoriae. — Vki isrn kasieat 8anärartiu3 no8tsr xiotor insigni, ntii^ue neseio. Logitakat in ^n8triarn ei vicin» loca euin eonjuAe. 8sä lila ex eo Kelli8 sxsr- ;it, nt niinn8 eonnnoäo teinpore eo Prokectu8 viäeatur. 8i istkie sxnä vo8 68t, plnriinunt a ine 8slveat. 1^08 kie inter Kella et kurore» lVlartio8 ex8pectsrnn8 Pnklicss xaci8 voce8. 81 01NNS8 iäein 8entirent, c^uocl L^lennnii ^van8i- gx. 8eä lila Oeornrn in Aenuku8 p08ita 68t, nt lo^ni aniat IVIaeoni- üe8. Vale, ^rnstel. io. Oeckr. 1646. Nachw-isung oer übersctzleir Stücke aus Jak. Balde posmats (lpl. 1660. 1 'via. VI. 12» Laläe 1^» l. Oä. 2. 3. 7. 8 . 9. »3. il». 16. 17. 19. 21. 22. 2!». 26. 27. 28. 29. 3». 3i. Zs. 3l». Kerpsichore Seite 186 7 173 125 7 » 1!» 2 91 8 Nachlese Nachlese 117 176 2b 188 11 3oo 175 282 k-9 18» 93 8ll Nachlese 363 , I.. n. oa. 2 . Lerpsichore Seite igr 5. 17!» 6. 176 8. 71 10. Nachlese 3o5 it. Nachlese 321 i5. Igo 18 . Nachlese 3io 20. 23 21. ig »2. 22 23. 87 25. 63 27. 123 3o. ig3 33. 88 3Ii. Nachlese 27!» 35. Nachlese 25g 36. i55 37. ' l-9 38. Nachlese 3,5 39. io5 tio. 176 !l'. 82 63. 56 66. 73 -65. 56 . 66. Nachlese 26g 67. 72 68. 101 l.ik. III. Oä. i. 28 , 2. Nachlese 3i6 3. 186 6. S7 5. Nachlese 3l2 7. Nachlese 3i6 4^'^.,. - - -V .-iv 364 I^ric. L. IH. Ock. g. 10. 12. 13. ik- 17 . lg. 2!». s5. -7. 3>. Z-. 33. 36. li3. l»Ii. t»5. I16. i»8. Lxrio. L. IV. 08. 3. . :: 7. 8 . s- 11 . 12 . Iü. 15. 16. 11. 20 . 21 . 2l». Terpsichor« Seite 8Z 189 184 3 68 21 i58 18 !»8 167 37 181 "' 5 i8c> 85 36 65 Nachlese 272 1 34 68 129 193 12l» 195 121 l6 6l 97 5 9" i-l. 160 '7. 7-i 18. 108 0ä. 3. Nachlese 2g2 6. Nachlese 26i> 8. l65 ii. Nachlese 28g 1-1- i63 22. 168 26. 11-1 lx. 3. i-i3 -1. i3i 6^ 8. 1-18 11. Nachlese 28-l 12. ivi i3. 52 1-1. 125 iS/ V? 13g . ->s> i3-i 20. i35 22, -16 2Z. i3/ 25. i-ii 26. Nachlese 29g 28. 1-^5 32. bg 3-1. Nachlese 3l2 9ias. 1 . Nachlese 278 lom. II. ?oek. Osoa vial. 2,3. Nachlese Seite 280 Lxicitli. k. H> Nachlese 3>2 IV. Oe vanitüte inunäi Nachlese 282 kkilouiel, Oä. 76 1. 17 2, 18 l^. so l 8 . 27 g. 27 27. Nachlese 3 o>. 28. Nachlese 3 o 3 SI. 203