I. G. v. Herd e r s sämmtliche Werke. Zur schönen Literatur und Kunst. Sechzehnter Theil. Gedichte.' Zweiter Theil. Mit Großherzoglich Badischem gnädigstem Privilcgio. Carlsruhe, im Bureau der deutschen Classik er. 1821. Sechstes Buch. i. Der schlafende Christus » » a. Der Stern » >- » » I, Ein Denkmal ...» st. Grabschristen » . ^ > b. An Hamann . . » ^ 6. An uz » . » > » 7. An Gleim » » » > st. An Frau von Fr. . > > g. An * ^ ' . . » » 10. An Olympia .... 11. An dem Geburtstag der Herzogin Amalia von Sachsen-Weimar; in Rom gesungen 1788 ..... 12. An Cornelia .... 1 3 . An * * . 1 2 3 st b 6 7 8 S ia 11 ist. In das Gesangbuch der Frau von 12 15. An Herrn G. R. von Schardl. 1790 — 16. An * * . . . . . i 3 17. Die Farbengebung; ein Gemählde der Angelika Kaufmann» 1788 . . ist ist. Am Meer bey Neapel. 1789 , . ib ig. Angedenken an Neapel. 1789 . . 19 Herders Werke Hit. u.Kunst. XVI, * Oe-l-cstie II, VI Inhalt. Seite Siebentes Buch. 1. Stacht und Lag. . . . 2. Die Lust .... 3. Das Gesetz der Welten im Menschen . 4. Die Harmonie der Welr . . 5. Das Gesetz der Natur . 6. Leben . . 7. Der Strom des Lebens . 8. Die fortwährende Täuschung g. Nichts verliert sich . . ru. Kranze des Lebens -1. Der Abglanz .... 12. Der Schmetterling auf einem Grabmal r3. Der Schmetterling und die Rose 25 rl,. Ein Kind setzt den Schmetterling auf den Alrar. Aus dem Griechischen. .. . — ib. Vergleichung 29 16. Die tragische Muse . — 27. Die goldene. Aue 3o 18. Die unbekannte Blume. . — 19. Die sinnende Zeit * 3r 20. Der Greis . . . . 32 21. Indien .... — 22. Der sinnende Geist 33 23. Die Muse der Lugend zur Muse der Kunst — 24. Die zehnte Muse . 34 -5. Der späte Kranz. Nach dem Jtalianischen 35 26. Die Sonue — 27. Die edlere Rache 36 28. Bereinigung der Lebensalter . 37 29. Der Alrar der Barmherzigkeit . 38 3a. Jupiter und Pluto l»c> 3r. Der Eistanz. 177/». 4' i>2. Warum? 43 Inhalt. VII Seite AZ. An den Schlaf. Aus dem Spanischen . hh 3H. Antwort auf eine Klage . . 45 35. Streit mit sich selbst. Ans dem Spanischen H7 35. Die Eiche. Aus dem Jtalianischen . H8 3/. An den Schnee . .- . . hg 38. An die Bäume im Winter . . bo 3g. An den Storch .... — ho. Uoung, über Gedanken und Siede . 5r hi. Amphion an die Thebancr, bey Erbauung der Stadt. Nach Sarbievius. . . bn ha. Die flüchtige Freude. Nach eben diesem. bh H3. An den Frühling und Frieden. N. Sarbievius. 55 hh. Des Lebens Winter. Ebenfalls. . 56 H5. An die Cicade. Ebenfalls. . . 5? H6. Die Frühlingsrose. Ebenfalls. . — Achtes Buch. r. Die Wage, 1800. ... 5g 2. Die Erde. (Fragment.) . . 6r 3. Die Aeolsharfe. Nach Thomson. i/g5 . 6Z h. Die Menschenseele. 177h» . . 67 5. Gott ..... 6g 6. Der liebende Schöpfer ... 7h 7. Friede . . . , . . 75 8. Die Reue .... 77 g. Zage nicht! .... 78 10. Das Schicksal der Menschheit. (Unvollendetes Fragment eines Lehrgedichtes.) . 7g rr. Voungs Nachtgedauken. r N. 1 -126.0.d.Engl, gr 12. Michel Angelo, im hohen Alter. A. d. Jtal. g6 13. Sehnsucht nach Gott. (N. Bittoria Colonna) g7 ih. Arist am Felsen. 1801, ... g8 ib. Die Nacht. 1801. . . . io3 16. Bitten. 1787. .... 107 2 VI n Inhalt, N e u i. r. 3. st. 5. 6 . 7. 8 . S- 10. 11 . 12. 13. ist. 15. 16. 17- 18. 19 20 . 21 . 22 . 23. 2st. 25. 26. 27. 28. 2Z. 30. 31. 32. Seite ntes Buch. Christliche Hymnen und Lieder. Die Schöpfung . . . . ,ic> Die Schöpfung: ein Morgcngesang. 1773. ii 3 Christus . . . . 123 Weihnachtsgesang . . . i-u Weihnachtsgesang ^ . .126 Lobgesang . . . . 127 Weihnachtgesaug ... 12g Johannes. 1773. . . . i 3 o Darstellung Jesu im Tempel . . i 33 Versuchung Jesu . . . i 35 Die letzte Freundesliebe . . i 38 Das Abendmal ... 4 istc> Das Abendmal .4.4 ist- Das Grab des Heilandes . . istst Am stillen Freytag . . ist 3 Der Heiland der Welt. Tod und Auferstehung Jesu z ein Gesang . . . 1H9 Der stille Triumph Jesu , . id- Jesus. (Nach Valentin Andrea.) . ibh. An den Erlöser. (Nach Sroll.) . 156 Der Hochgelobte. ^Nach eben diesem.) 157 Die Unbeständigkeit der Welt. (Nach ebcnd.) i 58 Psingstgesang .... iLg Kyrie Eleison .... 18-1 Die Gemeine des Herrn. (Nach Petersen) 176g. 161 Consirmationslied Lied des Lehrers Danklied . Nachahmung Jesu Liebe Menschenbestimmung Gebrauch der Gaben Zufriedenheit i6st 167 171 i?3 176 -78 179 181 Inhalt. IX Seite ZA. Gebrauch leiblicher Gaben . . 182 Zst. Die Sünde .... ^5 35. Das Gewissen . . - - E 36. Die Pfunde . . . . 19" 37. Die Frage der Sehnsucht . . 19b 38. Die Stimme zur Mitternacht. 1778. - '9^ Anhang. Kantaten. 1. Zur Einweihung einer Kirche. 1766. , -na 2. Die Auferweckung des Lazarus. 1772. . 208 3. Der Fremdling auf Golgcuha. 1772, . 216 ch. Pflngstkantatc 1778. . . . 233 5. Osterkantate. 1781. , . . rsti. 6. Handel's Messias. 1782, . . 246 7. Zwo Kantaten bey dem Kirchgänge der regierenden Herzogin von Sachsen-Weimar, nach der Geburt der Prinzessin und des Erbprinzen. 1779 und r?88, , , . 262 Verzeichniß von Gedichten des Versassers die in seinen Schriften zur Philosophie und Geschichte, und zur schönen Literatur und Kunst Vorkommen. Zur Philosophie und Geschichte. Seite VIH. LH. Vanini's Ode auf Gott. Aus dem Lat. 126 Shaftesbury's Naturhymnus. A. d. Engl. 2gr Gedichte v. LH. Campanella. A. d. Jtal. 333 IX. LH. Ueber Swifts Lod. Von ihm selbst» Aus dem Englischen .... u 3 r Das Mitgefühl. Ein Gegenst. zum vorigen 253 Eintritt Karls XII. in die Walhalla . 3->2 An die Ostsee . . . 366 Blick zum Himmel. Aus dem Spanischen l»oh. Orion. An den Erblandmarschall v. Hahn H.26 Himmel u. Hölle. Zum Lheil nach Swift Hg 3 X. LH. Lied zur Bewillkommung des großen Ruhetages der goldenen Zeit . . ri8 An die Aeolsharfe .... 186 Salomo's Lhron. Aus dem Engl, . . 196 Inhalt. XI Seite Die Verhängnisse. Ein Chorgesang . . 2hr Hoffnungen eines Sehers vor 3oao Jahren ah3 XI. LH. Der Wahrheit. Ode von de Thou. Aus dem Lateinischen . . . .HZ Das dreyerley Fäden. Eine Fabel . br Vom deutschen Nationalruhm. Eine Epistel 28g Neger-Idyllen .... 3o5 Die Waldhütte. Eine Erzähl, aus Paraguay 3a3 Der Hunnenfürst .... 35a. Das Kriegsgebct .... 352 Kahira , . . . . .352 Das Kriegsrecht .... 35h Das Seerecht .... 355 Der betrogene Unterhändler . . 355 Alhallil's Rede an seinen Schuh . . 362 Der Fürst ..... 377 Ruhm und Verachtung . , . A78 Alhallil's Klagcgesang . . . 38o Der Geist der Schöpfung , . . 3go Die Zeitenfolge .... 3^r Das Gegengift .... Z^Z S"ude . . . . . h»a Der Himmlische . . . . hoh XIII. Th, An Huttens Schatten . , . 117 Zur schön.» Literatur und Kunst. IN. LH. Der Cid . . . . 65 - 2H6 Legenden . . . . 271 - 35» VI. LH. Dramatische Stücke . . 3 - i5h Der Tod. Ein Gespräch an Lessings Grabe r63 ^^rise ..... 25a VII. Th. Cowlen's Erabschrift. Aus dem Latein. . 155 XII Inhalt. Seite Leber die Vergänglichkeit. Ode v. Sarbieviuö ib6 Philomele in Tiefurt . . . i 58 IX. Th. Sadi's persisches Rosenthal . 8g - rh8 Indische Blumenlese . . . , 5 / - 196 Gedichte aus verschied, morgen!. Dichtern . 197 X. LH. Blumen a. d. griech. Anthologie, 8 Bücher 11. Hyle. Kleine griechische Gedichte » . 2H.5 Gesänge von Pindar.... 368 XI. Th. Oden von Horaz .... 3 Satyren von Persius . . . i 3 a Fabeln, nach Phadrus . . . 168 Pope's, sterbender Christ an seine Seele . H.78 XII. Th. Geschichte u. Dichtkunst. Ein Musengespräch i 3 Die Garten der Hesperiden . . .56 Der Traum. Ein Gespräch m. d.Traume . rite Der erste Traum . . . .12? Ein griechischek Hayn . . .161. Die neuste deutsche Oper . . .180 Cäcilia ..... 20h, XIII. Th. Die Tonkunst. Eine Rhapsodie . 11h XIV. Th. Lerpsichore. Sechs- Sechstes Buch Der schlafende Christus. Schläfst du, liebliches Kind? Erwach und höre der Engel Hohes, himmlisches Lied, das dich auf Erden empfangt! Glück weissagend; es wird dich über Mangel und Krippe Trösten; es singet dir Freude der Himmel ins Herz. Doch du schlummerst ! du wiilt den Empfang der Erde nicht anschn, Und der Engel Gesang singt in der Seele dir schon. Herders Werke Sit. u.Kunst. XVI. A 6«-r-<-kre II. Herders Gedichte. 2 Der Stern. Himmlischer Stern, du führst aus fernem Lande die Weisen Zu der Krippe des Sohns, der wie ein Himmlischer schlaft; Und da knicen sie schon, sie bringen Myrrhen und Weihrauch Und ihr köstliches Gold deinem Gesegneten dar; Aber dort klagt Rahel untröstbar; ihre Geliebten Sind nicht mehr; sie entreißt ihr der würgende Tod. Ach, der Menschenschicksale auf unsrer rollenden Erde * Selbst der glücklichste Stern bringet hier Freude, dort Weh. Ein Dtznkmal. Strenge gegen sich selbst, nachgebend gegen die Freunde, War er dem Redlichen hold, aber dem Laster ein Feind; Thar und förderte Gutes und half als Vater den Armen; Seinem Andenken fey dankbar dies Denkmal . - geweiht. Zweiter Thcil. 3 G r a b s c h r i f t e n. i. Freundschaft trennet sich nicht; ihr Band wird m der Entfernung Fester; der Liebenden Her; folget dem Liebenden nach. 2 . Auch die Erinn'rung ist süß. Mit vollendeten Seelen zu leben, Himmlische Freundin, ist Trost, ist der Andcn- kenden Nuh. 3 . Erdenhvhcit geht mit der Abendsonne danieder, Himmlische Hoheit steigt mit dem ewigen Morgen empor. 4 - Was sie hienjeden war, Genießt sie dort. Der Gukthat Zweige senken sich zur Erde, Und wurzeln neu, und sprossen Zu Lauben Elisiums auf. 5 . Alles sinkt im Strom der Zeiten; Nur der Freundschaft Blume blühet A 2 4 Herders Gedichte. Unzerstörbar auf den Wellen: Und wie schön jenseit des Stromes! 6 . Alles verwandelt sich; nichts stirbt. In schöner Verwandlung Wird die Hoffnung Genuß und das Veclohrne Gewinn. 7 . Unverwelklich blüht im Herzen die Blume der Freundschaft , Hier und dort ein Elysium. 8 . Oft erlischt dem Guten zu früh die Fackel des Lebens, Daß ihm früher der Kranz ew'ger Belohnungen blüh'. An Hamann. Fliegt ihr Blatter der Blumen, entfliegt zu jenen Gestaden, Wo ich im Jugendtraum sproßen euch Nichtige fand; Nichtige, blühet ihr noch: so kränzt die Schlafe des Freundes, Die im Lebcn ja auch Distel und Rose gekränzt. Zweiter Theil. S Schwatzt ihm Jugendgcspräche: ihr Paramythien tändelt Meine Echo zu ihm und den ersterbenden Schwan. An Uz. 1795. Bei Uebersendung der Terpsichore. Laß meinen schlichten Vers dir sagen, was Ein langes Jahr die trage Prose dir Nicht sagen mochte, väterlicher Greis, Wie sehr mein ganzes Herz, als ich dich sah, An deinem Anblick hing, an deiner Brust, Auf deiner zarten Lippe ruhte, wie Dein sanftes Feuerauge zu mir sprach, Als hätt' ich lange, lange dich gekannt, Als sprachst du aus deiner Seele mir Die Worte meiner Seele. Wenn der Himmel Den treuen Wunsch erhört, und ach, es hört Der uns Durchdringende, Allgütige, Er höret ihn gewiß und liebt und schenkt Mehr, als wir wünschen; 0 so müsse dir Der Abend deiner Tage lieblich seyn, Und stillerquickend, wie die schönste Abendröthe, Bei der ein Engel je mit Frommen von Der cw'gen Ruhe süßen Kränzen sprach. »r 6 Herders Gedichte. Lies dieses Buch und wenn dich hie und de». Ein Wink, Ein Ahnen, Ein Gedanke labt, So freu' ich mich unsichtbar bei dir weilend, Als über nninen Lohn, und küsse dich Als Sohn und Bruder. Lebe, lebe wohl! An Gleim. Blatter, die du in deinem Busen bärgest ,. Kommen Dir jetzt, ein Buch! —Geliebter, bräche ten Dir sie zurück die Stunden, da des Hüttners liebliche Töne, Flötentöne, sich in den Hall der Tuba Mischten; wir sahen von der Höh' hinunter Und empfanden, o Gleim, das Glück harmonischen Lebens. An Frau von F. ° . Ideen, wenn es nicht Phantome sind. Sie schleichen sich, in etwas schwerer Tracht, Au deiner Abendlampe. Mustre sie, Du Weise, Liebliche, und wähle dir, Wenn Ein, und Andre sich das Glück verdient. Zweiter Th eil. 7 Zur stillen Freundin diese, jene zu Rathgebeciunen, Trösterinnen und Wozu du ihren treuen Dienst sonst magst; Die andern sende mit Protest zurück, Wie, oder laß sic Schwätzerinnen seyn, Die dir die Stunden kürzen. — Wie es sei)! —- Nur ihrem kühnen Autor bleibe hold, Und lebe, edle Weise, lebe wohl! An * * * Bei Ueberreichung der Lerpsiehore. Hier der katholische Dichter, der mir mehr Schmerzen und Freude, Als kein anderes Buch eigner Gedanken gebracht. Durch's Fegfeu'r mit ihm hat mich Herr Mauke*) gcführet; Führe Maria mit ihm jetzt mich, wo Ihr es beliebt. *) Der Buchdrucker. — Der ^Verfasser hatte die Cor- rectur bei'm Druck übernommen. Herders Gedichte, An Olympia. *) (Nach der Melodie: Schon prangt den Morgen zu verkünden rc., aus Mozarts Zauberpöte.) Willkommen aus dem schönen Thals Bei'm häuslichen Altar! Tie Freundschaft beut in goldncr Schaale Dir froh ihr Opfer dar; Und singt: „Ihr freundlich holdes Ledere Ist Ihr, ist uns zurückgegcben. " Der Treuen Kreis umschließet S i e Und was Sie fühlt, ist Harmonie. Der Sonnen schönste lacht hienieden In Seelen Freundlichkeit; Den Menschen ist kein Glück beschicken, Als in Gefälligkeit. Von Herz zu Herzen wird uns Leben Und Geist und Kraft zurückgegeben; Vom Himmel klingt die Harmonie; Und Himmelsseelcn bindet sie. Auf goldnen Flügeln schwingt der Morgen Vom Nebel sich empor; *) An die Herzogin Rmalia von Sachsen Weimar, als Sie von Ihrem Sommersitz auf dem Land in die Stadt zurückkehrre, und von einer Krankheit daselbst genesen war. / : .-l' ' L -' Zweitem Th eil. 9 Verscheucht das Heer geträumter Sorgen Und weckt der Sänger Chor. Aurorens Anblick macht die Stunden Des tragen Winters zu Secundcn! — Ihr Glück ist, sich in andern frcu'n —- Du, du wirst uns Aurora seyn. Am Geburtstag der Herzogin Amalia von Sachsen Weimar in Rom gesungen, den 24. Oktober 1788. lComponirt vom Ireyherrn Friedrich von Dalberg.) Sey gegrüßet schöne Sonne, Sey willkommen, Tag der Wonne, In der Musen Hciligthum! Ihre Schwester kommt zu ihnen, Holde Musen, Ihr zu dienen, Schafft uns ein Elysium. Fühl' ich nicht von jenen Höhen, Heitre, schöne Lüste wehen, Voll Gesundheit, voller Ruh? — Ach die Wünsche Ihrer Treuen, Die entfernt sich mit Ihr freuen, Weh'n uns diese Lüste zu. Wir, die heute sic umschließen, Die sie liebend naher grüßen, Gehn am Glücke jenen vor. Herders Gedichte. io Helfet sie mit uns umschließen, Helfet sie mit uns begrüßen, Musen, werdet uns ein Chor! Apollo komm, laß deine Locken fliegen, Und weih' ihr deinen jüngsten Kranz.. Wie Weste sich um ihre Göttin wiegen, Umschwebe Sic der Charitinnen Tanz. Hygea schling' um ihre Tänze, In ihren jugendlichen Reihn, Den schönsten ihrer Kranze, Den Kranz der Freuden ein.. Genieße diese Tage, Die lnngerwünschtcn Tage, Im alten Heiligthum; Auch im Andenken werde Dir einst aus fremder Erde Rom ein Elysium. An Cornelia. .Oftmals finden wir nicht, was wir uns sehnlich erflehten , Oft gewähret das Glück, was wir im Traume kaum sekm. im e X.--' Zweiter Thcjl. i r So, Cornelia, fanden wir dich, den Engel an Ente, Freundin vom zartesten Sinn , und in der Unschuld ein Kind. Lebe wohl, o du Edle; zwar trenn.n uns Strom und Gefilde, Aber die Seelen trennt Strom und Gefilde ja nie. Wie die gefundene Perle bewahr' ich Dich; und die Hoffnung Lispelt uns freundlich zu: fröhliches Wieder sehn. An**. Auch dir leuchtet der Kranz Ariadnens unter den Sternen, Den mit großem Gcmüth Güte der Frauen erstrebt : Denn von den Sternen hinab floß manche himmlische Gabe, Reifer Verstand in Dich, Grosse des Herzens und Huld. Leidend warst du dem Himmel nah; er ließ dich der Erde, Daß du der Menschheit hier wie eine Himmlische seyst. 13 Herders Gedicht«. Zn das Gesangbuch der Frau von — Ein Wunsch, der still für uns und Andre fleht, Ein Seufzer, der dem Herzen leis cntwcht, Den keine Lippe spricht, ist ein Gebet. Die Freude, die in unsrer Nrust erklang, Die neu sich fühlt mit Jubel, Preis und Dank, Zum Himmel steigt sic auf, und wird Gesang. Wenn sich dein Sinn im Streben einsam müht. Verschleiert und umwölkt sich dein Gemüth; Erheb' cntwölk' es durch ein heilig Lied. Gerührt von Freude, voll von süßem Dank, Ertöne dann des Herzens Silberklang, Und all dein Leben werde Lobgesang. An den Herrn Geheimen Regierungsrath von S c h a r d t. (Da derselbe nach Einem Jahr als Mitglied des Ober-- Consistoriums wiederum abging.) 1790. Wie bald, 0 Freund, wie bald ist es verschwunden , Das lange Jahr mit seinen kurzen Stunden! Zweiter Theil. r3 Was Dir einst Unlust, oft mir Sorge war, Vorüber ist's, das kurze lange Jahr. Doch Eins, o Freund, Eins sey uns nicht vorüber ! Vereinte Pflicht macht Menschen Menschen lieber, Vergangne Müh wird im Andenken süß, Und Treue wird der Freundschaft Paradies. Dank also Dir für Deine Hüls' und Treue! Wirf nicht auf sie den Blick zurück mit Reue, Du hörst nicht mehr der Kasten * * ) dumpfen Klang, Hör' also noch mein reines: Habe Dank! Einst sprech' auch ich: „hier sind die letzten Acten!" Sind sie mir Ruhmes - oder Leidespacten? Das weiß ich nicht. Eins weiß ich — und gewiß: „Vollbrachte Müh' ist Lebens Paradies." An***. Wen» einsame Gedanken zu fernen, entschwundenen Freunden Fließen, so ist's vielleicht nur durch der Töne Gewalt. *) Blecherne Kasten, worin die Consistorialacten den Mitgliedern zu vorläufiger Einsicht zugesand^ wurden. r4 Herders Gedichte. Diese finden den Weg zu Elysiums glücklichen Inseln , Auf der Empfindungen Strom gleitet die Seele dahin, Schaffet sich Harmonien, wo sonst Mißklängc betrübten , Fühlet in Einem das All, fühlet in Allem nur Eins! — Auf dann! heilige Seele, laß in der einsamen Zelle Wiederklingen dein Herz, und sich in Tonen erfreu». Locke die Geister hervor, die im Saitenspiele Dir harren , Sende, wohin du sie willt, send' auch zuweilen sie uns. Die Farbengebung. Ein Gemahlde der Angelika Kaufmann. 1788. (Mit begeistertem Blick taucht die Mahlerei den Pinsel in die „Farben der Iris. Mannigfaltige Blumen blühen ihr zu Füßen, und ein Chamäleon schleicht zwischen ihnen.) Nicht vom Chamäleon, so ofkermalen Er auch sein Kleid verändert, wunderschnell; Nein! um der Gottheit Abglanz uns zu mahlen, Nahmst du die Farben aus der Farben Quell; Zweiter Th eil. Tauchst in Aurorens, tauchst in Iris Strafen Den Pinsel, und dein Blick wird himmlisch hell, Zu sehn, wie aus dem Lichtstrom Buche fließen, Und Strahlen sich in Farben leise gießen. Wer hob die Hand dir? wer erhob zum Himmel Den Blick dir, himmlische Begeisterung? ' Daß über Nebel, über Erdgctünnnel, Im sanften Fluge, mit der Taube Schwung Du aufstcigst', fühlst in dir und trägst den Himmel In uns mit tauschender Beseeligung; Und lassest, was du dort in lichten Hohen Der Gottheit sahst, uns hier in Schalten sehen? Ein Gott wa?s. Und die Blume dir zu Füßen Weiht ihren Bcautschmuck deiner Schwester- Hand. Ein Lüftchen weilt » die Körper zu umfließen, Die du erschaffst» und wird ein Braulgewand Der Seele, die, sich sichtbar zu genießen, In deiner Seele Acther - Hüllen fand. Du mäklest, was du bist. Auf Edens Auen Eiebst du in Menschen Engel uns zu schauen. Am Meer, bey Neapel. 1789. Ermüdet von des Sommers schwerem Brande Setzt' ich danieder mich an's kühle Meer. Die Welle» wallten küssend hin zum Strande Des grauen Ufers, das rings um mich her In seinem frischen, blumichten Gewände Aufsing der Schmetterlinge gauckelnd Heer. Der Liebe luft'gcr Schleier, rings umflogen Von Zephiretten spielte mit den Wogen. Und über mir, hoch über mir in Lüften Des blauen Aethcrs säuselte der Baum, Der rein und lauter von der Erde Düften, Ein himmlisches Gewächs, den grünen Saum Umschreibet mit der Sonne goldncn Schriften Und giebt dem Fluge der Begcistrung Raum; Die schlanke, schöne Königin der Baume, Die Pinie hob mich in goldne Traume. Ich hörte; aus des Meeres leisen Wogen Erhob sich einer Stimme süßer Ton: „Ich kenne dich; du hast mich nie betrogen, Du liebst die Wahrheit, und verdienst zum Lohn, Daß dir die Hülle werd' emporqezogcn, Die alle Wesen bis zum lichten Tbron Der schaffenden Natur in Schatten hüllet; Vernimm mich, und dein Wunsch wird dir gestillet." „Was rings um dich dir deine Blicke zeigen, Was alldurchwallend die Natur bewegt; Was droben dort in jenem heil'gen Schweigen Des Aetbers, drunten sich im Würmchen regt; Und in der Welle spielt, und in den Zweigen Der Fichte rauscht, und dir im Herzen schlagt, Und Zweiter Th eil. 17 Und dir im Auge, jetzt von Thronen trübe, Jetzt freudetrunken himmlisch glänzt, ist — Liebe." „Die Liebe nur ist Schöpferin der Wesen , Ihr Herz und Geist, ist ihre Lehrerin Und Lehre. Willc du rings im Buche lesen, Das um dich liegt, lies diesen Inhalt drin»; Und will dein Geist, und will dein Herz genesen, So folge rein der hohen Führerin. Wer außer ihr, der'Mutter alles Lebens, Natur und Wahrheit suchet, sucht vergebens," ,,S i e ist Natur; sie wählt und knüpft Gestalten , Sic bildet Wesen und bcsceligt sie, Sie laßt, den Keim zur Blume zu entfalten, Die Blume liebend blüh'n in süßer Müh. Die zarten Bande, die das Weltall halten, Die ewig rege, junge Sympathie, Die Harmonie, nach der die Wesen brennen, Wie willt du anders es, als Liebe nennen?" „Schau, wie die Welle freundlich hier am Rande Des Ufers scherzet, und es zart begrüßt; Sie gleitet weg von dem geliebten Strande, Zerfließend, wie der Lippe Kuß zerfließt; Und kehrt zurück zu dem geliebten Lande, Wie wiedelkehrend sich das Herz ergießt; So drangen sich mit immer-neuem Schwellen In aller Schöpfung Meer der Liebe Weilen." „Und sieh, wie dort der ganze Himmel trunken Sich spiegelt in des Meeres Angesicht; Herders Werke Lit, u. Kunst, XVI, B Se-l-c/rte ll. Herders Gedichte. In Amphitritcns Silberschoos versunken, Wallt dort und zittert noch der Senne Licht; Und droben blühen schon der Liebe Funken, Die Sterne; sich! auch Luna säumtt nicht; . Sie schleicht heran mit zarten Sübcrsüßcn, ^ Um ihren Liebling, ihren Freund zu grüßen." „Da sieht sie sich bescheiden in dem Spiegel Der W llen an, und weilt, und schämet sich. Und sehnend hebt die Welle sich zum Hügel, Sie liebt, sie will umfassen, Luna, dich: Denn auf ihr g'immt der Li.be strahlend Siegel, Ihr zarter Blick durchdringend dich und mich, Der Göttin Anblick, die mit süßen Schmerzen Dein Herz durchdcin^t und aller Wesen Herzen." „Den Göttern selbst bei ihren Köttermahlcn Ist Lieb' allein der Freuden Uebcrfluß; Da labet Zevs sich in den süßen Strahlen Des schönen Jünglings mit dem cw'gen Kuß; Er blickt ihn an, er blickt zu tauscndmalen Und fühlt der Gottheit Wesen und Genuß, Fühlt Götterfcu'r in keinen Adern fließen Und neues Leben sich ducch's Weltall gießen. " „Der Götrer Bild und Liebling in der Kette Der Erdewcscn, Er, der schönste Ring, Der Mensch — o, daß er noch das Kleinod hatte, Das Zevs ihm liebend um den Busen hing! Er fühlte mit den Göttern um die Wette Den Kuß, mit dem ihn die Natur umfing; Und Liebe, Sic, die Führerin der Wesen, Würd' auch von ihm zur Führerin erlesen " / - / ... Zweiter Theil. „Ach! aber Er, zu stolz für diese Freuden Der Unschuld auf beblümter schöner Flur, Verschmabetc sein Glück und suchte Leiden Der Unvernunft auf falscher Weisheitsspur. So taumelt er, getrennet jetzt von beiden, Der Lieb' und ihre Tochter, der Natur. Mitleidig ließ die Göttin im Getümmel Der Sorgen ihn, und flog hinauf zum Himmel» Angedenken an Neapel» 1789. Ja verschwunden sind sie, sind verschwunden Jene kurzen, jene schönen Stunden, Die auch ich am Pausilipp erlebt. Holder Traum von Grotten, Felfett, Hügeln, Inseln und der Sonne schönen Spiegeln, Seen, Meer — du bist mir fortgeschwebt l Fortgeschwebt die zaubernde Sirene, Die mich ohne süßer Flöten Töne Schwesterlich in ihre Arme nahm; Und mein Herz schlug voller und geschwinder, Und mein Blut floß reiner und gelinder. Da ihr Athcm mir entgegen kam. Sehnend sah ich ihres Busens Wellen Sanfter sich und reger zu mir schwellen, B 2 20 Herders Gedichte. Schwamm dann mit der Flache sanft dahin; Sah den schönen Kran; von Fels und Hügeln, , Sah die Sterne, sah den Mond sich spiegeln In der süßen Freudcgeberin. Sah die Inseln in den Wellen schweben, Träumt' auf ihnen ein beglücktes Leben, Unbekannt und aller Welt entfloh»; Sammelt nur um mich den Kreis der Meinen — Ach ihr Wellen, oft saht ihr mich weinen Um sie, für sie, zu der Göttin Thron! Wenn die Abendcöth' im stillen Meere Sanft verschwebte, und mit feinem Heere Glanzender der Mond zum Himmel stieg, Ach ! da flößen mit so neuem Sehnen, Unschuldvolle, jugendliche Thranen, Nur ein Seufzer sprach und Alles schwieg. Nimmer, nimmer sollt ihr mir entschwinde», Immer wird mein Herz euch wicdersinden, Süße Träume, rein und zart und schön. Nie wird euch mein Auge nncderfehen, Doch ein Hauch wird lispelnd zu euch wehen: „Ich, auch ich war in Arcadien." Zweiter Theil. 21 Siebentes Buch. Nacht und Tag. Goldenes, süßes Licht der allerfreuenden Sonne, Und du friedlicher Mond, und ihr Gestirne der Nacht, Leitet mich sanft mein Leben hindurch, ihr heilige» Lichter, Gebt zu Geschäften mir Muth, gebt von Geschäften mir Ruh; Daß ich unter dem Glanze des Tags mich munter vergesse, Aber mich wieder sind' unter dem Schimmer der Nacht! Niedcn am Staube zcrstreu'n sich unsre gauckclnden Wünsche; Eins wird unser Gemüth droben, ihr Sterne, bey euch. S2 Herders Gedichte. Die Luft. „Trüber Schleier der Luft, der uns den gold'nen Tag raubt, Uns mit Seuchen und Frost, uns auch mit Launen betrübt." Also zürnetc ich. — Da klangen liebliche Tone, Und in entnebclter Luft sangen mir Genien zu. „Sterblicher, hast du die Morgen-, die Abendröthe gesehen? Hast du den lieblichen Ton deiner Geliebten gehört? Sahst du den Regenbogen, und trankst mit der Blume den Tbau auf. Der in der Rose dir lacht, der in der Traube dir glüht? Unzufriedner, küsse den Saum des wallenden Schleiers , Der durch den Aether und Licht, Athem und Speise dir ward! Da5 Gesetz der Welten im Menschen. Schönes Sternengessld, ihr weiten unendlichen Auen, Aus mir selber entzückt, Hang ich mit Blicken an euch, Zweiter Thcil. 23 Schaue die goldene Heerde der himmlischen Schaafe da weiden, Suche den Hirten in ihr, der mit dem Stabe sie führt. „Suchst du den Hirten der Heerde, die droben sich badet im Acther? Suchst das hohe Gesetz, welches die Welten bewegt? Sterblicher, blick in dich selbst, da hast du die höhere Regel, Die nicht die Welten allein, die auch sich selber regiert." Die Harmonie der Welt. Siehet das Auge? Höret das Ohr? dein innerer Sinn sieht; Er nur höret und weiß, was er von aussen vernahm. Und du zweifeltest, Freund, am hohtN inneren Welksinn? Hörst du die Harfe nicht? willst du auch sehen den Ton? 24 Herders Gedichte Das Gesetz der Natur, Alle tragen wir in uns den Keim zu unferm Verblühen ; Blüh'n und Verblühen ist nur Eine Entwicklung der Zeit. In dem Schooßc der großen Mutter empfangen wir Kräfte, Auszuwirken uns selbst, und zu verleben damit. Und du murrest, o Klügling, daß du nicht ewig hier scpn kannst? Wärest du ewig hier: wirst du's in andern nicht feyn. Also gehorche der Kette der Wesen, dir dich ziehet und abstößt, Was zur Vlüthe dich trieb, gab dir Vollendung und Frucht. Leben. Nur Ein Leben leben wir aus in manchen Gestalten; Unser Schauspiel, es ruft Scene nach Scenen hervor; Und doch binden so selten in uns sich Alter und Scenen, Neulinge sind wir als Kind, Neulinge geh'n wir in's Grab. Zweiter Theik. s5 Auch die uns hören und sch'n, Neulinge geh'n sie vorüber, Also spiele Dein Spiel; nicht für die Menge, für Dich. Der Strom des Lebens. Fließe, des Lebens Strom! Du gehst in Wellen vorüber, Wo mit wechselnder Höh' Eine die Andre begräbt. Mühe folget der Mühe; doch, kenn' ich süssere Freuden, Als besiegte Gefahr, oder vollendete Müh? Leben ist Lebenslohn; Gefühl sein ewiger Kampfpreis. Fließe, wogigcr Strom! nirgend ein stehender Sumpf. Die fortwährende Täuschung. Immer heisset es Strom, und tragt von der Quelle zum Ausfluß Einen Namen, obgleich nie er der Nämliche ist. Wellen folgen auf Wellen, und Jede begrabet die Andre; 2Ü Herders Gedichte. Tauschende Menschheit du! bist der benamete Strom. Eins nur bleibet dir treu, des Herzens innere Würde; Dein Element und Quell, Wellen und Qccan einst. Nichts verliert sich. Nicht der brausende Strom zürnt mit dem rieselnden Bache, Nicht der rieselnde Bach zürnt mit dem fallenden Thau; Alle rollen vereint zum weiten unendlichen Meere, Wo sich ihr Name verliert, wo ihre Welle zerrinnt; Aber sieh', vom gewaltigen Meer zieh'n Dampft gen Himmel, Schweben als Wolken umher, regnen in Tropfen herab. Ketten der Berge ziehen sie an und erhabene Gipfel, Quellen strömen in's Land, Krauter und Blumen entstehn. Nein, kein Tropft verlohr sich im Meer und dem Endlosen Aether; Darum, lieblicher Bach, rolle die Welle getrost. Zweiter Theil. 27 Kränze des Lebens. Manche der Kränze sind's, die uns für jegliches Alter Und für jede Gefahr lohnend die Gottheit bestimmt ; Lieblich lockt, mit Veilchen im Haar und mit Rosen am Busen, Uns die Hora den Pfad fröhlicher Jugend hinan ; Bis die Rose zum Kranz von Myrthen, das Veilchen zum Lorbeer Leder zum Eichenkranz, oder zum Oclkranz wird. Wenn ich sie alle gebraucht, und alle genossen nun habe, Reiche, Erpresse, mir deinen unsterblichen Kranz. Der Abglanz. Hinter Wolken die Sonne zu seh'n, gicbt trügliche Lichter; Ohne Wolke sie seh'n, blendet und stumpft das Gesicht. Also schaue du sic hienieden im ruhigen Abglanz; Thaten lehren uns mehr, als ein bezaubernder Blick. 28 Herders Gedichte. Der Schmetterling auf einem Grabmal. Trink, o Seele, berausche dich sanft mit dem Tranke des Schlummers! Daß du verjünget und neu sehest Elysiums Flur. Der Schmetterling und die Rose. Siehe den Schmetterling hier. Er küßt die blühende Rose; Bald ist der Schmetterling nicht, bald auch die Rose nicht mehr. Ein Kind setzt den Schmetterling auf den Altar. Aus dem Griechischen. Warum setzest du, Kind, den Schmetterling auf den Altar? — Daß ich die Seele früh reinen Betrachtungen weih'. Zweiter Theil, 29 Vergleichung. Wie der köstlichste Wein von seinem Boden Geschmack nimmt. Säst und Farbe; so sind wir die Gewächse der Zeit; Dies kocht reifer die Sonne, dem giebt sie süßere Anmuch, Aber des Bodens Natur ändert nicht Sonne, noch Zeit. Die tragische Muse. Unfern eigenen Schmerz durch fremde Schmerzen zu mildern, Durch mitleidige Furcht uns zu erheben den Much, Dazu betrat die Muse den griechischen Kothurn und erscheinet ' In verkleideter Tracht dir mit dem männlichen Trost. Götter und Menschen tragen des Schicksals wechselnde Bürden; Wer sic am besten erträgt, ist unter Menschen ein Gott. 3o Herders Gedichte. Die goldene Aue*). Reiches goldenes Thal! Mit Einem Blicke gewahrst du Wald und Felder und Strom, Hauser und Hecrdcn und Au'n. Langsam krümmet dein Pfad sich zu dir nieder, in jedem Tritte giebt er das Thal weiter und weiter zu schau'n. Also steiget die Jugend hinab in's Leben; cs lockt sie Ungesehener Lust reicherer Busen hinab, Bis sie rückwärts klimmet, das Thal verlassend; sie blicket Mühsam nieder; es wird enger und enger das Thal, Bis cs im letzten Blick wie ein Traum verschwindet. So lebet Wohl denn, beides ein Traum, Leben und güldene Au'l Die unbekannte Blume. „Unansehnliches Blümchen, wer bist du?" Du kennest mich also Nicht? und hast du mich denn auch nimmer vermißt? *) Ein schönes fruchtreiches Thal im Weimar'schen. Zweiter Theil. Patientin heiss' ich; zwar schämet der fröhliche Kranz von Myrthen sich meiner, doch blüh ich zur Erquickung ihm nah. Kranze dich heut mit mir; dein Herzen nahe verwandeln Sich die Blumen und sind, was du sie wünschest zu sevn. Die sinnende Zeit. Du blickest ernst auf deine Sense nieder, Die alles mäht, du alter Gott der Zeit! Suchst du die Blumen in dem Staube wieder, Die mordend du dem Moder hast geweiht? Wie, oder ruhen deine müden Glieder Vom traurigen Geschäft, das Allem dräut; Und blickst mit Schmerz auf Millionen Leichen, Die jetzt vielleicht im Grabe dich erweichen? Ach nicht! der Blick, mit dem die Götter sinnen, Ist Ruhe, wenn sic mah'n und mäh'n nicht mehr. Ihr Enden ist ein ewiges Beginnen; Sanft ist ihr Blick; nur ihre Hand ist schwer. Was jetzo sprießt, es eilet schnell von hinnen, Was wieder kommt, entflieht, wie das vorher. Drum laß mich, eine Blume, dir zu Füßen, O Gott der Zeit, mrch nur mein Jetzt genießen. 22 Herders Gedichte. Der Greis. Ach der Jugend! sie folgt so selten dem weiseren Alter! Also klaget der Greis, seufzet und warnet umsonst. Jünglinge halten ihn, er halt die Jünglinge Kinder ; Selten macht er sie klug; oft er mit ihnen ein Kind. Indien. Sanftes Gefühl der Indier gab dem Schalle zum Führer Nicht die gröbere Lust, gab ihm den Aether zum Reich. Er nur bildet den Ton zur zarten himmlischen Stimme , Die die Empfindungen spricht, die die Empfindungen weckt. Und entführet der gröberen Lust die Seelen der Menschen In ein einsam Gebiet, in das ätherische Land, Wo nicht rasselt der Wagen, der jetzt den Wolken entschwebet, Wo nur häusliches Glück bildet der Götter Genuß. Wo Zweiter Theil. 33 Wo Sakontala lebt mit ihrem entschwundenen Knaben , Wo Dufchmanta sie neu, neu von den Göttern empfängt. Sey mir gegrüßt, o heiliges Land, und du Führer der Töne, Stimme des Herzens, erheb' oft mich im Aethcr dahin! Der sinnende Geist. Großes und Kleines, Kleines und Groß, und Ruh' Und Bewegung, Trag' und Schnelles — o, wie martern die Worte den Geist! Im unendlichen All ist Alles Ruh und Bewegung, Maaß und Zahl und Gewicht schwinden im ewigen Raum» Die Muse der Tugend zur Muse der Kunst. Eitel erblickst Du Dich, du schöne Schwester der Künste, Hier im Spiegel des Sees, rückend den Kranz dir zurecht. Herders Werke Lit, u,Kunst. XVI, E t?e-i>i.Are II. Herders Gedichte Bleibe bespiegelnd stehn; ich eile -ur heiligen Quelle, Die mich erquicket und stärkt, stärkt mit erneu- ctcr Kraft. Kränze verwelken; der Spiegel zeigt nur innerer Schönheit Abglanz: ihn auch trübt oft schon ein Lüftchen im See. Tugend ist Leben; es. strömt von Welle zu Welle, der Tugend Immer verjüngte Gestalt zeigt nur Ein Spiegel, das Herz. Die zehnte Muse. Hohe Lehrerin, Noth, und trefftiche Schülerin, Ar- mutk; Zehnte Muse der Welt, o du erfandest so viel; Nicht nur schärfetest du den Witz der Pflegebesohl- nen, Noch eine schönere Kunst, Mäßigung lehrtest du sie. lind die Mäßigung ward ihr Gewohnheit, Gewohnheit zur Freude, Freude machte sie dann über den Reichest«» reich. Zweiter Theil, 25 Der späte Kranz. Nach dem I t a l i ä n i sch e n, Ich pflanzte früh ein kleines Lorbeerreis, Und sah gen Himmel auf mit stiller Bitte: »Haß Himmel dieses Bäumchen glücklich wachsen, Daß es mit Zier einmal den Pflanzer kröne." Und bat den Zephyr : „holder Zephyr, breite Die Schwingen ringsum über feine zarten, Mir lieben Zweige. Wenn der Nordwind heulet, O wehr' ihm, daß er nicht dem Bäumchen schade," Ich weiß es Wohl, die znrte Phöbuspflanxe Erwachset langsam; unter allen Baumen, Die hier die Aue tragt, ist sie die spatste, Was kümmert mich ihr tangeres Verweilen? Denn endlich, wenn auch spat nach Müh und Ar>- beit, Wird doch gekrönt, wer je den Krün; verdiente. Die Sonne. „Und sollt' der Eulen ganzes Heer Am Sonnenlicht erblinden; E 2 36 Herders Gedichte. Noch sendet sie ihr Strahlenmecr, Das weite Weltall um sich her -Mit Leben zu entzünden." Doch sieh, wie sanft sich in der Luft Die Nebel rings zerstreuen; Sie laßt den Eulen ihre Kluft, Dem Maulwurf seine düstre Gruft Und will mit Licht erfreuen. So laß wenn deine Flammen glühn, Nicht schrecken sie, nicht toben. Laß, wer da fliehen will, entflieh»! Was blühen kann, wird durch sie blühn Und dich als Sonne loben. Die edlere Rache. „Auf! rache dich!" sprach ein gerechter Zorn, Der starkbcwaffnet Nur im Herzen saß, „Auf, rache dich! und gieb der Welt und Nachwelt Zu wissen, Seine Schmach und deine Unschuld." Erschüttert ward mein Geist, wie auf den Klana Der kricg'rischen Trvmmet' ein edles Noß Empor schnaubt und den Sporn verachtet. Doch Ein zweiter edlerer Gedanke stieg In mir empor und hielt den Zügel ihm, Zweiter Theil. Z7 Und bändigte mein Herz: „Wie? und du willst Solch einem Namen, solcher nieder« Thcit Noch Welt und Leben geben? Nimmermehr! Erwarte ruhig, bis die starke Zeit Dich racher und dir sanft den Schmerz verwischt/* D i e Rache nimmt ein edler, stolzer Geist An seinem nieder» Feinde. Hochgcmuth Verachtet er des Neides Schmach — und schweigt. Bereinigung der Lebensalter. Der Jüngling. Am Morgenrots», im Lenz des süficn Lebens Erlvach' ich noch zu täglich neuem Glück. Nie reizte mich ein holder Wunsch vergebens, Und selten kam er reuend mir zurück. Der Mann. Der Sommer glüht. Es glänzcte mir prächtig Die hohe Sonn' am Hellen Firmament. Rach Ruhme schlug mein Herz und schläget »nächtig Und mächtiger, wenn mich der Nachruhm nennt. Der altere Mann. Ich sammle jetzt des Lebens falbe Garben, So lange mir's der goldne Tag erlaubt. Wohl manche Knospen sah ich, die erstarken, Und sammle Gold, eh mir's der Winter raubt. 3S Herders Gedichte, Die Natur. Und wenn ich jetzt euch alle Drei verbände, Und gäbe dir der Jugend Lenz zurück, Und dir den Ruhm um deine Schläfe wände, Und gäbe dir die goldne Frucht, das Glück? — Denn, Kinder, wißt: „den Anfang krönt das Ende; Der Ausgang ist der langen Laufbahn Preis." —^ Sie gaben der Natur sich in die Hände; Sie mischte glücklich, und es ward ein Greis, Der Altar der Barmherzigkeit« Die Sage will uns irre führen, Daß einst Prometheus von den Thicren Dem Menschen dies und das ecstahl. Er schuf nach schönen Götterbildern, Der Vorsicht Kunst darin zu schildern. Im Menschen sich ein Ideal. „Im Haupte soll die Pallas thronen, Hier, sprach er, soll die Weisheit wohnen Und zeig' im Blicke den Verstand. Die Stirn sey Tempel der Gedanken, Hier wcrd' erfunden, — was in Schranken Der Menschcnsiicn ein Mensch erfand." „Aurora soll auf seinen Wangen, Auf feinen Lippen Svada hangen; Der Zephyr fächle frischen Duft Mit unbemcrkbar-leichtem Flügel Zu diesem schongewölbttn Hügel; Hier athme, Mensch, der Gottheit Luft." „Ich will, daß diese Gcisteshohe Gebietend auf dem Thurmbciu stehe, Der über Thiere sich erhebt. In dieser Brust soll Stärke thronen, Auf diesem Busen Liebe wohnen, Empfindend, was im Menschen lebt." „Sein Arm soll Geisteskräfte regen, Die schlanken Hände sollen wägen Und wirken mit Behendigkeit. Sein Schenkel steb; und seinen Rücken Soll keines Atlas Last erdrücken, Dem Fuße geb' ich Schnelligkeit." „Und inwärts diesem Hciligthume Stell' ich mir selbst zum cw'gen Ruhme Der Fühlbarkeiten Wunder dar. Hier soll mit tausend Leidenschaften Erbarmen, Zorn und Sehnsucht haften, Hier sev des Mitgefühls Altar." Er schuf das Herz. „Aus macht'ger Quelle Mit nie - versi^tcr reger Welle Strom' hier des Lebens Uebecfluß. In engen schlaugcwundncn Schranken Strom' er dem Haupte zu Gedanken Und allen Gliedern Wohlgcnuß." 4 » Herders Gedichte. Ich ehr', o Vorsicht, Dein Geschäfte, Und Deinen Willen, deine Kräfte Stell' ich mir hocherbaben dar. Jedoch verzeih' dem schwachen Armen, In diesem Tempel ist Erbarmen, Ein Herz voll Liebe mein Altar. Jupiter und Pluto» Hast du die blühenden Horen, Die Siegsgöttinnen gefehn? Sie schweben im Tanz und tragen Des ewigen Vaters goldenen Thron. Aber er thronet milde; Sein Blitz und der Adler schlaft. Denn nicht mit blutigem Lorbeer, Mit dem Oelzweig kränzet die Weisheit ihn. Der Scepter in seinen Händen War einst ein ruhiger Hirtcnstab, Mit dem er die Völker besuchte, Mit dem er noch jetzt die Völker beglückt. Heil mir! o Vater der Götter, Ich habe dein Antlitz glanzen gefehn; Es blickte zu den Acthiopcn, Dem friedlichen, dem unschuldigen Volk. Das du noch gern besuchest, Und hältst mit ihnen ein fröhliches Mahl, Zweiter Theil. 4t Und zu dir strömen die Völker; Der Bittende kniet erhört vor dir. Nicht so dein dunkclcr Bruder; Des Rechtes Zweizack ist in seiner Königshand, Und ächzende Danaiden Mit leeren Krügen sein Ckientenhof. Die Furien seine Gesinde, Mit bunten Schlangen schön geschmückt. Tantalus, Jxion und Prometheus seine Dienen Und Sisyphus sein Eanzellar. Mit weggcwandtcm Blicke Thront neben ihm die gelbe Persephone —- O Jupiter, gib uns Fürsten Dir ähnlich, deinem Bruder nie! Der Eistanz» 1774. Wir schweben, wir wallen auf hallendem Meer, Auf Silberkrystallen dahin und daher: Der Stahl ist uns Fittig, der Himmel das Dach, Die Lüfte sind heilig und schweben uns nach. So gleiten wir, Brüder, mit fröhlichem Sinn Auf eherner Tiefe das Leben dahin. Wer wölbte dich oben, du goldenes Haus? Und legte den Boden mit Demant uns aus? 42 Herders Gedichte. Und gab uns den flüchtigen Funken im Stahl? Au tanzen, zu schweben im himmlischen Saal. So schweben wir, Brüder, mit fröhlichem Sinn Im himmlische» Saale das Leben dahin. Da stand sie, die Sonne in Düste gehüllt! Da rauchen die Berge, da schwebet ikr Bild! Da ging sie danieder und siebe, der Mond, Wie silbern er' über und unter uns wohnt. So wallen wir, Brüder, mit fröhlichem Sinn Durch Mond und durch Sonne das Leben dahin. Seht auf nun, da brennen im himmlischen Meer Die Funken; und brennen im Frost um uns her. Dcr oben den Himmel mit Sonnen besteckt, Hat's unten mit Blumen des Frostes gedeckt. Wir gleiten, o Brüder, mit fröhlichem Sinn Auf Sternengcsilden das Leben dahin. Er macht' uns geräumig den luftigen Saal Und gab uns in Nötben die Füße von Stahl, Und gab uns im Froste daö wärmende Her;, Au stehn auf den Fluchen, zu schweben im Scherz. Wir streben, o Brüder, mit ehernem Sinn Auf Fluthen und Abgrund das Leben dahin. Da kommt sie, die Göttin und schwebet ein Schwan, In lieblichen Wellen hinab und hinan. Zweiter Th eil. Gestalt, wie der Juno, mit rosigem Knie-, Die Lüfte, sie fühlen, sie tragen sie. Im Schimmer des Mondes, im schweigenden Tanz Wie fliestet ihr Schleier, wie schwebet ihr Kranz! Die liebenden Sterne, sie sanken hinab Zum Schleier, zum Kranz, der sie liebend umgab. Sie schwebte vorüber , da klang sie den Stahl, Da klangen und sangen im himmlischen Saal Die Sterne: da hat sich erröthend ihr Bild Wohin dort? in silberne Düfte gehüllt. Warum? Warum vcrzauntest du Natur mit Alpenhvhen Der Musen und der Künste Mutterland? Warum umschlössest du mit wichen Pyrenäen, Wo irgend sich ein holdes Tempc fand? Du bargst das Gold in tiefe Grüfte; Selbst Hygiäa's Quell entspringt Im Thale rauher Klüfte, Wo kaum ein Vogel singt. Das that ich, spricht Natur, um vor Barbaren Zu bergen jedes stille Musenland. Urn vor entweihenden cs zu verwahren, Macht ich die Straße wild und unbekannt. Herders Gedichte. 44 Dem Weichling schloß ich hinter Klüfte Den Quell Hvgäws, und das Gold Verbarg ich tief in Grüfte, Daß ihr's nicht suchen sollt. Durch Arbeit blühet euch in jedem Thale Des goldnen Glückes stiller Selbstgenuß; Durch Mäßigung in jedem eurer Mahle, Gesundheit und der Freuden Ucberfluß. Hyperboreer Geist und Sitten Umzäunen Wälder rings umher; Das Volk der wilden Britten Umschloß ich mit dem Meer. Und dennoch wandern plündernd sie, berauben Der Musen und der Künste Vaterland; Begraben ihren Raub; die Tborichtcn! und glauben Sie hatten seht der Griechen Kunstverstand — Der Weichling siechet an der Quelle Hpgaa's in dem rauhen Thal; Und suchet in der Holte Das Gold zu seiner Quaal. An den Schlaf. Aus dem Spanischen. O Schlummer, sanfter Sohn der Schattenreichen Thaucndcn Nacht; der armen Menschen Zuflucht, Zweiter Th eil. 45 Ein süß Vergessen aller aller Uebcl, Die ach so schwer, so hart das Leben drücken. Komm endlich, komm und gieb dem schmachtend märten, Ruhlosen Herzen Ruhe, diese Glieder, Sv schwach, so welk, erquicke sie und breite, O Schlummer, über mich die braunen Schwingen. Wo ist das Schweigen, das vor Licht und Tage So furchtsam fliehet? wo die leichten Traume, Die sonst mit gauckelnd ungcsporntem Tritte So bald, so gerne dir zu folgen pflegen? Vergebens ruf ich dir, vergebens winsele Elender ich euch vor, ihr schwarzen, kalten, Trostlosen Schatten. O der harten Pflaume! Und, 0 der herben bittern, langen Nächte! — — Antwort auf die Klage: „Ach, daß Jahre voll Vergnügen Schnellen Winden gleich verfliegen! Einen Augenblick voll Leid Macht der Schmerz zur Ewigkeit." Und die goldnen süßen Stundete Wären dir wie nichts verschwunden? 46 Herders Gedichte. Sich ein holder Augenblick Bringt dir Tausende zurück! Müh und Leid sind überwunden, Hellgclautert kehren Stunden, Und mit ihnen reines Glück, Rein von Müh und Leid zurück. Jede Furcht, Verdruß und Trauet Wird in ihnen süßer Schauer; Dulcamara bringt die Zeit, Dolce die Vergangenheit. Heil uns! jedes Jetzt hat Flügel; Die Erinnerung halt den Zügel; Jeder Augenblick enteilt; Süßes Angedenken weilt. Eine Nur der Göttergüben Ewigct: „genossen haben." Haben wird zum Ueberdcuß, Angedenken ist Genuß.' Nur geliehen war die Stunde, Nur geliehn auf fremdem Grunde» Meine Schatze, dort und hier Freigepflückt, trag' ich in mir. Und was mir im Rücken lieget, Groß, daß es mich übergnüget; Ist die UnerMeßlichkcit, Ist nicht Mein die Ewigkeit? Zweiter Theil. 47 Keine meiner Lebensstunden War mir dann wie Nichts verschwunden; Jeder Tropfe Freud' und Leid Mehrt den Strom der Süßigkeit. Diesen Schatz in mir zu Haufen, Weit und weiter stets zu greisen, Im Besitz der Künftigke.c, Macht mein Jetzt zur Ewigkeit. Streit mit sich selbst. Aus dem Spanischen. Wie ein armer Ehristensklave, Wenn ein Kreuzessegel aufblickt, Auf Corsarens drohend Rufen Macht'gcr nun zum Ruder greifet: Dorthin hoffen seine Blicke, Hieher rudern seine Hände, Bis zu einer fernen Wolke Sich sein Rettungssegel dämmert. Bitter fließen seine ThraneN In die blauen stillen Wellen; Lauter klingen seine Ketten Und das Ruder seufzet traurig: „Warum weinst du? warum weinst du? „Ruderst doch mit allen Kräften „Selbst dich in dein Elend." 4 « Herders Gedichte. Also wein' ich, also blick' ich Hin zum fernen Rcttungsscgcl; Lauter klingen meine Ketten Und mein Ruder seufzet traurig: „Warum weinst du? warum weinst du^ „Ruderst doch mit allen Kräften „Selbst dich in dein Elend." Fleuch heran, du Kccuzcssegel, Und du Wind des guten Geistes Weh's heran! ihr blauen Wellen, Die ihr meine Thran' empfanget, Bringt es! Ach wenn ich der Ketten, Dieser Ketten los noch würde, Und mein Vaterland noch sähe; Ach, der Sklave war' ein König! Die Eiche» Fragment. Aus dem Italianist hen. Wie wenn die Eiche, die Jahrhunderte Auf ihrem Berge tiefe Wurzel schlug, Und bot die Stirne den Winden und dem. Sturm, Wenn ringsum er die Flügel auf sie schlug; Erschüt- Zweiter Theil. 49 Erschüttert und entrissen liegt sie itzt Bon Schicksals Stürmen und den Jahren, misset weit Umher das Land mit ihrem mächt'gen Arm, Bedeckt den Boden weit mit dickem Haar. Da kommet denn das tapfre Baurenvolk Aus Höhlen und aus Hütten, hauet kühn Ihm ab die Glieder, kappet ihm das Haupt, Zerfallt den ungemessncn starken Stamm, Und haut und haut, daß rings der Berg erbebt, Und jede Kluft und Höhle wiederhnllt. Demüthig rollt der Arme jetzt hinab, Zerschlagen tragt man aus den Schultern ihn, Und lacht des Stolzes seiner alten Höh'- An den Schnee. Wciffcr, flockiger Schnee, o du des alten Sakurnus Graue Locke, die jetzt unsre Gefilde bestreut; Oder bist du Gefieder der Mutterhenne, die wärmend Auch im tödtendcn Frost decket die schlafende Brut? Himmlische Blumen, o deckt mit euerm wintrigen Frühling, Deckt mit wärmendem Frost auch mein ent- schlummcrtes Herz! -Herders Werke Lit. ».Kunst. XVI. D II, Lo Herders Gedichte. An die Bäume im Winter. Guten Bäume, die ihr die starren entblätterten Arme Reckt zum Himmel und fleht wieder den Frühling herab! Ach, ihr müßt noch harren, ihr armen Söhne der Erde, Manche stürmige Nacht, manchen erstarrenden Tag! Aber dann kommt wieder die Sonne mit grünendem Frühling Euch; nur kehret auch mir Frühling und Sonne zurück? Harre geduldig, Herz, und birg in die Wurzel den Saft dir! Unvermuthet vielleicht treibt ihn das Schicksal empor. An den Storch. Keuscher, frommer Vogel, auf welchem friedlichen Haufe Wohnest du jetzo und bringst seinen Einwoh- nendcn Glück? Auf dem Tempel vielleicht der Muselmannen und siebest Zweiter Th eil. ör Ihr andächtig Gebet, ihre genießende Ruh; Und dann kehrest du wieder zum alten freundlichen Neste, Ihm und dem Tage getreu, der mit dem Lenze dich ruft. Frühlingbringender Storch, o brachtest du auch dein Glück mir, Irgend ein ruhiges Haus und ein zufriedenes Herz! N o u n g, über Gedanken und Rede. Fehlt Tic ein Freund zum Ausfluß Deines Geistes , So wird Dein Jnnres Sumpf. Verschlossene Gedanken wollen Luft, oder verliegen Wie Waarenlagcr, denen Sonne fehlt. War' der Gedanke Alles, halten wir Die süße Rede nicht, die Rede, sic, Den Leiter und den Prüfstein der Gedanken. Was in dem Schachte liegt, kann Gold und Kies seyn, An's Licht gefördert und in's Wort geprägt, Erscheinet des Gedanken wahrer Werth. — — — Je mitgethcilter, desto eigner sind Gedanken unser. Lehrend lernen wir; D 2 62 Herders Gedichte. Geboren, werden des Verstandes Kinder Die unfern; stumm, vergäße man sie. Rede, Sie facht des Geistes Feuer an, sic mustert Die Rüstungskammcr, deren Waffen sie Zum Schmuck poliret, zum Gebrauche wetzt. O wie viel ihrer liegen, bis an's Heft Versteckt in Scheiden der Gelehrsamkeit Ehrwürd'gcr Bande eingerostet! Sic, Geschärft zur Schneide, hätten weit umher Geblitzt, und wären sie der Mutter Zunge Auch nur mit halbem Erbtheil Kinder worden. Gedankenwechsel ist's, was gleich dem Stoß Und Gegenstoß kämpfender Wogen bricht, Bricht den gelehrten Schaum und hellet auf Des Tiefstudirers stehenden Pfuhl. — Amphion an die The bau er, bei Erbauung der Stadt. (Nach Sarbievius.) *) „Fremde Sitte versag' ein schöner Bund euch, Ihr Thebaner. Des Vaterlands Gesetze, Matthäus Casimir Sarbiewsky oder Larbieviiis , der Pohlnische Horaz genannt, geboren rügö; Jesuire, Lehrer der Theologie , Philosophie und schönen Wissenschaften zu Wilna, endlich Hofprediger des Königs Ladis- lav's II.; starb zu Warschau i6sso. Zweiter Theik. SS Heilge Rechte, den Gottesdienst der Väter Schenket der Nachwelt. Andacht weihe die Tempel; cucrn Richtstuhr Billigkeit. In den Hausern wohne Tugend, Fried' und Liebe. Verbannt aus unsrer Stadt sei Laster und Unglück« Keine Mauer beschützt die Unthat. Strafe Dringt dem Frevelnden nach durch Thürm' und dreimal- Festvcrschlosscne Pforten. Blitze wachen Ucber Verbrechern« Trug mit Schminke gefärbt, anmassend - stolze Herrschsucht, trage Gewinn-Begier, ein fauler Wollustathmender Aufwand scy euch nimmer, Nimmer gestehet. Armuth stähle den Mann, des Vaterlandes Oft verdoppelte Last mir Muth zu tragen. Eisen kämpfe. Geraubte goldne Waffen Kämpfen nicht glücklich« Gelt' es Frieden, ihr Burger, oder Krieg euch, Stehet stets mit vereinter Kraft, für Jeden Jeder. Also bestehn auf hundert Säulen Ewige Tempel. Zwischen Klippen befragt der weise Schiffmann Viele Sterne. Der Anker, der mit doppelt. Festem Zahne das Schiff im Meere sichert, Sichert es fester. 54 Herders G (dichte, Bürgermacht, die ein cw'ger Bund begründet, Wachst mit jeglichem Triebe, wenn der Reichen Neid und Groll in geheimem Zwist die größten . Städte verheeret," Also tönete süß Amphions Leper; Dircc lauschte; Cythero n's Hain bewegte Seine Zweige, Da rollten von der Höhe Felsen und Baume. Harte Felsen ergriff der Ton des Dichters, Daß sie kamen; sie schloßen, Fels am Felsen, Sich zur ehernen, siebcnpfort'gcn Theke Fest an einander. Die flüchtige Freude, Nach Sarbievius. Des Buxus Tochter, hallende Leier, hier An dieser Pappel hange! Der Himmel lacht, bin Lüftchen spielet in der Pappel Hangenden Zweigen; ein sanfter Lüftchen Wird dich durchschlüpfen, liebliches Saitenspiel, Und mir melodisch lispeln, indcß ich hier An diesem Hügel in des Baumes Wehendem Wallen zum Traum entschlamm«. Zweiter Theil. 55 Wo bin ich? Dunkle Wolken umhülleten Den heitern Himmel; Regen ertönen. Komm, O meine Leier! ach, wie jede Kleinste der Freuden vorüberschlüpfet. An den Frühling und Frieden. Nach Sarbievius. Aura, komm! Mit des Frühlings erstem Hauche Komm' auf rosigem Dust, von vielen Seufzern Hergctragen; o taufend, Taufend Thranen erwarten dich. Wo du weilst, in welcher heil'gcn Grotte, Auf! Erwärme die Brust der harten Krieger, Schlüpf', o Göttliche, schlüpfe In's verschlossene Staatsgemach, Bring' ihm frischere Luft und Frühlingsodem; Und dem mordenden Krieger bring' Erbarmen, Und uns bringe den Frieden, Holde Aura, wir warten dein. 56 Herders Gedichte. Des Lebens Winter. Nach Sarbievius. Der die weissen Thaler umhüllt, der Winter, Wird sie wieder enthüllen, wenn die Sonne Jene Berge bestrahlt. Ein andrer Winter, Wenn er dir Einmal, Freund, mit Schnee und Reifen das Haupt bestreute. Weichet nimmer. Entflohen sind des schon'ren Jahres Sommer und Herbst; cntflohn des Frühlings Lachende Stunden; Nur der Winter bleibet. Sobald er Einmal Dir die Schlafen umzog, da bringen keine Narden, keine der Kranze deinem Haupthaar Wieder den Frühling. Eine Jugend schenkte dich uns; Ein Alter Raubt dich uns, o Geliebter. Ein's verlängert, Ein's verewiget deine Jahr', o Jüngling, Rühmliche Thatcn. Der, nur der hat lange gelebt, um dessen Tod die Bürger erseufzcn. Jeder wähle Sich die Fama zur Erbin; alles andre Rauben die Horen. Zweiter Th ei!- b? An die C i c a d a. Nach Sarbicvius. Hör' ich deinen Gesang wieder, o Sängerin? Die im Gipfel des Baums sich und den Hain ergötzt Mit Gesängen; ich höre, Freudentrunkne Cicada, dich. Unabläßigc, sing', singe die Tag' hindurch Und die Nächte. Sie fliehn, eilend entfliehen die Sommcrlnge. Der Winter, Nur der traurige Winter weilt. Schweigst du, Sängerin? Auf! koste dein Tröpfchen Thau, Eh's vertrocknet. Auch uns trocknet im Augenblick Unser Tröpfchen der Freude; Nur der traurige Schmerz, er bleibt. Die Frühlings rose. Nach SarbieiDus. Der Jüngling. Aurorens Blume, die um das Haar ihr glänzt, Was weilst du länger, liebliche Rose? Komm! 58 Herders Gedichte. Der Winter flieht; es locken sanfte Zephyre dich an der Sonne Lichtstrahl. Die Rose, Zm Strahl der Sonne welket die Rose bald; Der Zephyr, der sie wecket, entblättert sic. Aurora flicht. O Jüngling, gönne, Gönne der Säumenden noch ihr Knöspgen., Zweiter Theil. >^9 Achtes Buch. Die Waage. 1 8 c> o. Unter den Sternen hört ich klingen die goldene Wooge, Strebend im Gleichgewicht tönte sie ollen den Scholl: W i ed er v e r g e l tu n g, Er seuf;ct' hinob zu der Erde vom Himmel, Und vom Felsenoltor rief ihn die Echo zurück. Wie der Hagel onschjeßt und in gleichem Mooße zu- rückprollt, Hier der glänzende Strahl, dort der geworfene Voll; Also trifft sich im Winkel, im innersten Herzen des Menschen Gleiches mit Gleichen; cs poort immer sich Folge mit Thot. Herders Gedichte. 6c> Lohn dem Guten und Strafe dcm Bosen. Zm menschlichen Herzen Thront der Richter und wägt, klaget und zeuget und spricht, Bor ihm das offene Buch. Im Weltgerichte der Völker, In der Tyrannen Herz, selbst in des Heuchelnden Brust Tont die Stimme der Angst, des Vorwurfs, Neides und Abscheus; Nachts und am Tag ertönt bellend der höllische Schlund. Aber im Herzen des Frommen ist Ruh; er kennt seine That nicht; Doch ihn lohnet sein Werk sicher mit frohem Genuß. Auch in dem Kommen des Weltgerichts ertönet die Waage; Höret ihr Völker nicht kommen den mächtigen Tritt? Seufzend höret ihr nicht; doch er kommt! Die bc- kränzete Säule Geht aus Wolken hervor, Großmuth und stille Geduld. Und jetzt glänzet die Waage: Was ihr oem Geringsten der Menschen Thatct, thatet ihr mir — Kommt und genießet den Lohn. > Zweiter T h e i l. 6r Die Erde. Frag mente. I. Ich grüße Dich, o Mutter Erde, Dich, Du Viclgebährerin, in deren Schoos Der Vater aller Welt, welch Saanicnheer Lebendiger verbarg, die alle Du Zum Leben ausgebicrst, sie mütterlich Ernährst und tragest und dann friedlich sie In deinen Schoos begräbst. Wie nenn' ich dich, Du güt'gc Alte, du Langmüthige, Die Bös und Gutes, Gift und Arzcnei Mit gleicher Sorg' erzieht und gleiches MuthS Hier Wohlgerüche für die Sterblichen In taufend Blumen aushaucht, und dort Tod. Du Immer-Jungfrau, Du der Sonne Braut, Die ewig - uncrmüdet, rastlos sich Kehrt um sich selbst, sich an des Bräutigams Strahlvollen Blicken zu erwärmen, und In sich entschläft und wieder neu erwacht, Und prangt in süßen Jugendkraumen. Du Demüthige, die unser Fuß zertritt Und unser Blick verachtet, die sich selbst In dunkles Grau, wie oder in das Kleid Des kalten Winters hüllet, bis sie sich Mit neuen Farben, ihren Kindern, schmückt, Nicht sich, nur ihnen zur Erquickung und Jur Wohlgestalt und Freude. Herrliche, 62 Herders Gedichte. Ehrwürdige! Du Tausendkünstlcrin, Penelope, die ihren Schleier stickt Und trennet, die des Menschen sauren Schweis, Der Brüder Blut, und aller ihrer Kinder Geliebte Äsche sammlet und sie treu An ihren Busen drückt, mit Thrancn sie, Mit warmen Seufzern sie dann neu beseelend. — Und so denn will ich dich genießen, will Dich jetzt auch ansehn, mütterliches Land, Du reichst mir Blumen; doch nur für den Tag, Erquickst mit Früchten nur den Wanderer, Der nackct auf dir ankam und dich nackt Verlassen wird, wenn seine Stunde schlägt. Dann lebe wohl, du liebes Erdenrund, Du Tropfe Stein und Leimen, der dem Schoos Des Chaos einst entfloß und festgerann Und sich begrünte, dann ein großes Heer Bon Lebenden gebar und sie begrub, Und wieder wegschmilzt in des Chaos Nacht. 2 . Mir öffnet sich der Erde weites Reich! Borübergchcn mir Jahrhunderte — Und Volker. — Welch ein weiter Schattenzug! — Ich sehe Könige mit ihren Kronen Jn's Grab hinsinkend; sehe Schaar auf Schaar Sie streiten, bluten, morden, quälen sich -- Um eine Handvoll Erde, um ihr Grab. Ameisen seh ich, kämpfend um den Halm, Der ihnen nicht gekört und sonder denl Sie auch nicht leben können. Löwen seh ich Und Ticqer — welche Brut! zerreißend den Unschuldig-Armen! — Arme betteln Brod, Sie lesen auf vcrstohlnc Achren, die Du uns so reichlich zollest, liebe Erde, Und gramen sich und betteln um ihr Grab.s O Schattenspiel der Welt! Du Schaugerüst Fruchtloser Wünsche, leerer Eitelkeit. Ist au Dir Ewiges? Kann Ewiges Der Geist sich auf dir träumen? Und doch lebt Das bange Herz, dich zu verlassen, schlagt Unruhig, wie ein Fisch dicht übcr'm Meer. Und bin ich. denn an dich gebunden? Ich, Den zu beseeliqen du nie vermagst! Brennt das, was in mir brennt, als Flamme nur Des Aschenhausens in der Erde Dunst? L nein! o nein! Der Dunst der Erde flammt Nicht auf der Seele Feuer; er vertilgts; Und Geister fesselt ihre Schwere nicht! — Wie wird mir ftyn, o Sphäre, wenn ich dich Tief unter meinen Füßen sehe. Dich, Den kleinen Wandelstern, mit Dampf und Nackt Umgeben, fern der Sonne, dem Bezirk Des kalten Mondes nab; wie wird mir sevn, Wenn ich, ein Genius, mich über dich Erhebe , athmend ganz im Aekhcr - Strom ? Dann fesseln mich nicht deine Seufzer mehr, Dann rufen deine Thränen nie zurück Den froh-Entkommenen: es eilt mir nach, 64 Herders Gedichte. Was mein ist und ich segne, segne dich, Du meiner Kindheit väterliche Flur. . . .Ich umfasse Dich, Auch meine Mutter, meine Nährerin Und einst mein Grab: ich fass', so weit ich kann — Ein kleiner Raum, doch mehr, als Raumes gnug Au meiner Ruhestätte. Doch mein Blick Reicht auf dir weiter; nur mein träger Fuß Ist cs, der an dir klebt; mein edles Herz Schlägt freier, und mein Geist denkt höher auf. Gabst du mir den, o Erde? Gabst du ihn, So Dank dir des Geschenkes! Zieh ihn auf, O gute Mutter, Du erfüllst ihn nie. Du leitest seine Kindheitschritte, beutst Ihm deine Muttcrbrust, gewährest ihm Aus deinem Vorrath nur ein Bilderhaus Ausweichender Gedanken, weckst in ihm Durch gut und böses Schicksal deiner Sturm'- Und Sonnentage, deiner Frühlinge Und Winter, ach Empfindungen von Wohl Und Weh, von Quaal und von Genuß, Von Wechsel und der All-Vergänglichkeit! Za, heil'gc Mutter, oft lag ich auf dir Und weinte. Tröstend kühletest du dann Mit deinen Blumen, deinem Grase, das, Wie ich verwelket, meine Stirn voll Glut. Erquickend stieg aus dir ein Athem auf, War cs ein Seufzer, zu beklagen mich? War Zweiter Theil. Ls War es ein Mutterkuß? —> O Zärtliche, Wie viele Klugen Heist du schon gehört, Und nie gestillt; wie viele Seufzer sind In deiner Brust verbargen. Uno du wirst Nicht mutt und müde, DEnc Lebenskraft Geschöpfen mitzutheilen? freuest dich DeS Schatten-gaukelw.res, das auf dir spielt, Der Trümmer von zerbrochnen Königreichen Und Menschen e Herzen, ^ all' des leichten Volks Der bunten Traume, das sich auf dir jagt? -- Die Aeolsharfe. Nach Thomson» 4 7 9 5 . Kommt, ätherische Wesen, Luftbewohner, die ibr über der Menschheit L00S Euch betrübt und erfreuet, Aeols Saiten erwarten euch. Horch, sie kommen unsichtbar. Diesen traurigen Ton, sang ihm ein Liebender, Der zum Tod' in die Schlacht zog? — Jenen zarteren, fanftern Laut, Diesen Seufzer verhauchte Braut und Mutter! — Erklang diesen ein stehender Herders Werke Lit. ».Kunst. XVI, E 6e-/-'ck.-e tt. siü Herders Gedichte. Greis, der unter der Knechtschaft Harten Fessel danieder sank? — Süße Töne beginnen. Seyd ihr Kindesgelall? Oder der Säuglinge, Und des Knaben und Mädchens Erste Freuden? O weilet, weilt! — Weilt auch Ihr, die ihr wiedcr- Kehret, Seufzer des -Manns, die ihr den letzte» Hauch Seines brechenden Herzens Einem fühlenden Weltgeist gabt. Horch! In tieferem Tone Bebt die Saite; wer ist's? Eines Hermitcn Ton, Der, ein heiliger Barde, Sich beseufzt und das Vaterland. Horch! An Babylons Weiden Klang die Harfe so dumpf; und so erhaben jetzt, Da sie Freuden der Zukunft, Hell in Tönen, fortlockend singt. Horch! So klinget die Harfe Eines Engels im Chor himmlischer Geister, wenn Sich die lösende Seele Sanft von Athcm zu Athem hebt, Bis allmächtig erklinget Aller Seligen Ehor, Aller Bcfreieten, Die der drückenden Bande Los, beginnen den Weltaccord. § Zweiter Theil. 67 Singt ihr Hauche des Weltalls, Wandernde Strmm.n, singt eure phantastischen Töne, innen erwartend Meine künstliche Leycr schweigt. Die Menschenseele, r 7 7 4- Äw Nenn' ich es, das über Mcnschenseelcn Ein Siegel Gottes schwebt, Und ihre Tiefen (Niemand kann sie zahlen) Zu Einem Bilde webt! Zum Gottgebilde, das itzt zarte Pflanze Sich sauget Blut aus Thau, Wird, was nur Sie soll seyn, aus Sonnenglanze Und feuchter, wilder Au: Allmählich Baum, fühlt Baumäonenleden, So schlank und fest und grün, Und strebt mit Wurzeln, Zweigen fortzuweben Und neue Kraft zu ziehn. Ich fühle Pflanz' und Baum, in Frucht, in Saa- men, In Düften, Laub und Blatt, Blick' in sie tief, und doch — wer leiht mir Namen Was jedes ist, und hat? E 2 68 Herders Gedichte. Ich schweig' und staune nur, blick auf und nenne Oie Sonnen jener Nacht, Die Welten! — und blicke tiefer noch und kenne Den Abgrund seiner Macht, Die Seelen! mehr als Welten! der in's Leben Sie rief, der Gottheit Schein, Unnennbar, unersetzbar fortzuweben, Licht in die Nacht zu streun; Ihm sangen schon die Himmel hohe Fülle Des Einklangs der Natur, Und ungesättigt stand Er, sann' und stille Haucht' er — in Dich sich nur! In dich, v Seele! Fcire, Menschenseelc Dem tiefen Gotteswink, Und wenn dein Wesen, wenn aus Grabeshöhle Mit Schauer Dich umfing Ein heil'ger Schatte: sähest Bild — wie Züge Von Geistcsangeflcht — Das ging vorüber und des Bildes Züge, Sein Antlitz sahst du nicht — Und eine Stimme sprach, und tiefes Beben Erariff dich: wer bist du, Den Brunn zu öffnen, wo mit ew'gem Streben Die Gottheit quellet? du? Erzittre dcm Gebot! des Ew'gcn Schleier Umwebt mit Dunkelheit Der Schöpfung Allerhciligstes, wo Feuer Der Gottheit Flammen streut, Zweiter Thcil. l'S Die Menschenseele! Fühl's und sinke nieder Mit frohem Ungestüm, Dem alle Stern' und Seelen singen Lieder, Der Seelen Vater, ihm! Dem ihre Tief' und Höhe sinat, ihr Werden Und Se»n von Licht zu Licht, Won dumpfer Dammrung hier auf dunkler Erden Bis einst zu Angesicht — Ich zittre! — wag ich's? Seine Schatten winken, Der Seelen Abglanz winkt Mir Schaur auf Schauer schon — und ich? — soll trinken, Wie Seel' aus Seele trinkt, Wie Bruder hangt am Bruder, trinken Liebe Aus Ihm, der sich für mich Zur Seele haucht auf dieser Erdcntrübe Au meinem Bilde? — Ich? — O nenn' cs nicht, was über Menschenscelen Ein Siegel Gottes hangt Und ihre Tiefen, (Niemand kann sie zahlen!) Wohin? zum Ursprung drangt. Gott. Wie nenn' ich Dich, Du Unnennbarer? Du, Der Wesen Quell und Ende Seiner selbst; 70 Herders Gedichte. Ein ewiger, endloser Quell, Begriff Von allem, was da lebt, genießt und ist: Anfang und Ende jeder Kreatur: Ein ewig Seyn, doch über allem Seyn: Ein rastlos Weben in der tiefsten Ruh: Gedanlenguell, aus dem, was Bild und Form, Vorstellung, Wunsch und Streben ist, entsprang, Und stets entspringet und nach ihm verlangt, Nie ihn erreichend, nie ibn fassend. Du, Zusammenkiang der Sphären, Du, ihr Anklang Und Ausgang, Kraft der Kräfte, tiefstes Seyn Jedweden Seyns: Der ist und war und seyn wird. Wie fass' ich Dich, den keine Räume fassen . Du nirgend und doch über-überall Und allenthalben ganz, in jeder Kraft Der volle Gott, wie ihn das Pünktchen Raum Zu fassen nur vermag. Vor aller Zeit Und in und außer aller Zeit bist Du! Denn das, was Welt und Zeit und Ordnung heißt, Ist nur ein Schattezug, ein Bild von Dir, Für unfern Geist, nicht für den Ewigen. Sein Ewig Wort gebar und trägt sich selbst, Entwickelt alles, stets vollendet; stärkt Und hebet Alles ohne Seiner Kraft Veränderung, Der Wesen Abgrund, Fülle Des Dafeyns: Kurz Er ist's, er ist es gar. Versenke Dich in ihm, Gedanke: steig' Hin in den Abgrund aller Secligkcit Und Macht und Liebe: Du, der auch von ihm Bist ein lebcnd'ger Schatte, bist von ihm Zweiter Th eil. 71. Ein Abstrahl, ewig, wie das ew'ge Licht. Geneuß Dich ganz in ihm, auf ihm, dem Baum Des Lebens ein lebend'ger Zweig; im Meer Der Allvollkommcnheit ein Tropfe Du: Ein Mitklang in der Wesen Harmonie. Was ist's? was reichet an dies göttliche Gefühl in mir der Ewigkeit, durch Gott! Kein Engel, keine Macht der Schöpfung, nicht Zufall, noch Schicksal, weder Gegenwart, Noch Zukunft scheidet mich von Ihm, von Ihm! Könnt' er sich selbst zerstören? kann cm Glied Des ew'gen Seyns, der cw'gen Liebe sich In Nichts verkehren? Tauch herab, Geschöpf, Tauch tausendmal herab in's dunkle Reich Des Unsichtbaren; vor ihm ist es Tag, Er selbst durchstrahlet es: er hebet dich, Er hebet sich in Dir, dem sinkenden, In Reichen ew'ger Ordnung neu empor. O Wandelgang der Schöpfung! Labyrinth, Das dunkel uns, sich ganz von Lichte webt Und nur zu-göttlich hell, uns dunkel wird. So scheint, was sich am schnellesten bewegt, Für uns zu ruhn: so schweiget unferm Ohr Der lautste Sterncnklang: was sich gebiert Und rastlos fortgebiert, das schlummert uns; Und aller Wesen Abgrund wird uns Nichts. Verborgner Gott, Du mir so fern und nah, Andringend mir, in meinem Innersten Durchfassend mich, und will dich die Vernunft, Die Mücke, fassen, 0 so findet sie 73 Herders Gedichte. In dir ihr Flammengrabl Die Eule sinnt, Was Sonn ist, zu ergründ.n und ist b-ind. Je ferner von mir ich Dich suche, je Acrstückter ich Dich sehn und fassen will; Je mehr ist, was ich spreche, Lästerung. Im Seyn nur wohnest Du, und überall Ein unzectheilt.r Geist, Ein göttlicher Umfassender Gedank', Ein Gottesherz, In dem wir schlummerten und schlummern, daS Uns n>u gebiert und immer fortgebiert, Uns lautert und uns imme-r hober treibt Und mehr mich kennet, tffusindfach mich mehr Erfaßt und liebet, als mein eigen Herz. So schlage fröhlich denn mein Herz, du schlägst Im Quell der Lieb' und dieser schlagt in dir; Auf! atbme frei imin i-uist; Du athmest nicht Im Erd.ndunst, Du athmest Ackber: — Gott! Und schiffe, froh mein Schiff des Lebens; Sturm Und Welle mag dir nichts; dein Hafen ist, Dein Anker, selbst dein Schifforuch ist in Gott. Mein Herz eröffnet sich, es schließt sich auf, Es wallt in mir, die Quelle meiner Ruh. Mein Vater und mein Gott, durch den ich bin, Was ich nur biu und lebe; Du der mich Durchdachte, da ich noch nicht war, der mich Durchfühlr, als er versagt' und gab. Der in der Wesen Eher mich stellte, mich D-n leisen Ton, zum grossen, großen All, Die Harmonie ans seiner Harfe; Du Zweiter Theik. 7S Mein Vater, mein Erforscher, tiefster Freund, Der, eh ich rufe, hört, der meiner Noth Abhilft, eh ich sie seh und edel schweigt. O Schutzgott meiner Tage, der Du mir So oft im Durste Labial, der Du mir Quell Wie Echo in der Wüste warst; ein Freund, Der ciniam mich erquickte, dessen Spur Ich vor und bei mir sah, und horte stets In Wohl und Weh, in Freud' und Traurigkeit Den Anspruch seines Herzens an mein Herz: O Freund, wenn ich an dir verzweifelte, Wenn ich dich laugncte, so laugne mich! Wohlan mein Herz! — Auch in der Fehler, in Der Missethat Vergeltung fandest du Niemals den Neidischen, Rachgierigen; Du fandest stets den linden, milden Gott, Der sanft verzechend straft, nur Almdung winkt Und tödtend schafft und hart verbinden» heilt. Der Flecken abwascht mit der Liebe Hand, Und wenn er Dir den Fehl nur hat gezeigt, Ihn andern decket zu. Auf! fass' ein Herz, Mein Herz, und siehe scharf den Spiegel an, Der, was nicht Bild des Ew'gen ist, dir zeigt, Der, was dich brennen wird, dir nie verhehlt. Erfaß den Guten, der in dir die Kraft Zu wachsen, der dir Lautcrungsfeuer ist, Dich auszubrenncn, dir zu leuchten Licht, Dich zu erquicken Trost, zu hoffen Müth Und deinem Herzen wachsend süße Ruh. Eins ist der Ewige! im Einen wohnt 74 Herders Gedichte. Wahrheit und Leben, Göttlichkeit und Ruh. Getheilt ist unvollkommen; Er ist's ganz. Der liebende Schöpfer. Was singt ihr Vogel so mit Macht? Wem singet ihr so früh? „Ihm, der sie froh und frei gemacht, Dem Schöpfer singen sie." Wem blüht ihr Blumen auf der Au? Wem duftet ihr so früh? „Der ihnen Farben gab und Thau, Dem Schöpfer duften sie." Wach auf o Herz, erwache Geist, Sich, was tr dir gethan? Der aller Schöpfung Schöpfer heißt, Blickt dich als Vater an. Blüh auf, schwing' auf dich über Luft Und Sonn' und Himmelblau, Du mehr als aller Blumen Duft, Als Sang und Mergenthau. Du, als die Schöpfung lieblicher, Unendlicher, als sie, Wer ist, wie du ? Du bist wie Er, Der dir siin Bild verlieh. Zweiter Theil. 75 Fall an sein Herz, an seine Brust. Als Kind in seinen Schoos; Du bist in Vaters Lieb' und Lust Mehr als die Schöpfung groß. Und gehe fort an seiner Hand In Lieb' und Güte fest, Wird ihm sein eignes Herz entwandt, Alsdenn er Dich verlaßt. Friede. „Du suchest Frieden? Friede wohnt hier! " Hier in der Einsamkeit Der Klostcrmauern, Soll ich mein Leben Oede vertrauern? — Göttlicher Friede, Wohnest du hier? — Fremdling, es wohnet Zankbegier, Unmulh hier! — „Du suchest Frieden — Friede wohnt hier! " 76 Herders Gedieh Hier in der Dunkelheit Verschwiegner Kreise, Werd' ich ein Gott hier, Tugcndbastweise ? Friede der Brüder, Wohnest du hier? — Fremdling, es wohnet Gunst - Begier , Trugsucht hier. „Du suchest Frieden. Friede wohnt hier!" Hier im gelehrten Hain Am Quell der Musen; Dir, 0 Natur, am Liebenden Busen — Friede der Weisheit, Wohnest du hier? Fremdling, es wohnet Ruhmbegier, Zanksucht hier. Dort in der Ruhestatt Der stillen Grüite — Unter dem Säuseln Friedlicher Lüfte, Friede des Lebens — Wohnest du hier? Fremdling, im Herzen Wohnt er dir, Tief in dir! -X Zweiter Th eil. 77 Die Reue. Tröst', o tröste dich, mein Herz, Ueber deine Leiden. Blicke vor - und hinterwärts; Süß ist überwundner Schmerz Unverdienter Leiden. Und verdientest du den Schmerz, So verdiene Freuden. Jrrthum zwar und Thorheit sind Unser Loos hicnüden; Mißgestaltet, schwach und blind; Jeder Fehler ist ihr Kind Und verscheucht den Frieden; Ach der süßen Feinde sind Uns so viel beschicken. Aber jedem Fehl verband Jene cw'ge Treue, Jener göttliche Verstand, Seiner Liebe bestes Pfand, Daß sie uns erneue, Besserung wird sie genannt, Menschen nennen's Reue. Sanft zieht sic binweg den Flor Von des Fehlers Blicke, Warnend kommt sie ihm Zuvor, Deffnct sanft sein taubes Ohr, Führt ihn zart zurücke; ^ / 78 Herders Gedichte. Durch der Reue niedres Thor Wundern wir zum Glücke. O wie fröhlich fühlt das Herz Dann verlebte Leiden! Segnet seinen Arzt, den Schmerz, Blickt mit Schauer hinterwärts, Siehet vorwärts Freuden. Neu und freier wird das Herz Durch besiegte Leiden. Dank der mütterlichen Hand, Die den Kelch uns mischet, Die aus Schmerzen Lust erfand Und mit Lust den Schmerz verband, Der sie neu erfrischet. Dank der mütterlichen Hand, Die den Kelch uns mischet! Zage nicht! Der du in dem Sturm des Unglücks Mastlos und cntsegelt fährst, Zage nicht! noch ist zu hoffen, Plötzlich steht der Hafen offen, Wo du dich dem Sturm entwehrst. Man entwaffnet durch die Hoffnung Künft'gen Guts des Uebels Wuth; Sich, auf flüchtigem Gefieder Zweiter Theil. 79 Stürzet Nacht und Tag hernieder, Und der Nero ergrimmt und ruht. Unter wechselnden Gestalten Steht erschaffend die Natur; So geschäftig steht der Weise In der Aenderungen Kreise, Stürzet nicht, entweichet nur. Lieget unter kalten Schneen Sicher nicht die goldne Saat? Unter diesem starren Schleier Ruhet sie, bis daß das Feuer Titans sic erwärmet hat. Die du edler, als die Liebe, Meines Lebens Athem bist, Sanfte Hoffnung, dir zu Ehren Laß ich frohe Töne hören, Du bist mehr, als Amor ist. Das Schicksal der Menschheit. Unvollendetes Fragment eines Lehrgedichtes.*) O Muse singe mir den hohen Ratb Des Mcnschengottes mit der Menschenschaar, *) Geschrieben um 1787. 6o Herders Gedichte. Wie er durch Nebel und durch Dämmerung, Durch Finsterniß und Irren sie gefübrt Und führen wird zum Lichte. Singe mir, Wie er die Strahlen dieses Lichts zerstreut Durch Völker, Zonen und Jahrtausende, Und alle kennt und alle sammlen wird Au einer Sonne der Glückseligkeit. Allgütigcr, begeistre, lehre mich, Du mußt mich lehren' Denn wer bin ich Staub, Daß ich auf Lichtesflüqeln streb' empor Und deinen Rathfchluß höre? Wer bin ich, Daß ich hinein in jenes Dunkel seh', Wo die Vergangenheit die Zukunft wird, Und im erstorbn.n Keim der Gegenwart Der Baum der Nachwelt blühet. Wer bin ich» Zu schaun, wie bittrer Tod das Leben ist Und tiefe Tiefe sich zur Höhe schwingt Und sich in Höb'n und Tiefen überall Dein Vaterantlitz offenbaret? Hell Wird meine Leier, denn ein Gottcsstrahl Berührt sie, wecket ihre Saiten auf Zu seinem Nachhall und mein Auge glanzt, Mein Herz schlagt fröhlicher; denn, Brüder, hört's, Euch Menschen sing' ich eures Schicksals Gott. In dichten Finsternissen lag ich tief Verhüllt und irrte mich an Gottes Pfad Mit seinen Menschen. Sind sic oder nicht Geschöpfe seiner Hand zum Licht' ersehn, Zur Tugend, zur Glückseligkeit? Sie sind Dahin- Zweiter Th eil. Sr Dahingeschleudcrt in des Erdballs -Nacht, In Wüsteneien, Abgründ' unter Eis Und kalte Felsen, in den dürren Sand Und wo die heiße Sonn' ihr Hirn verbrennt Und ihnen Saft und Muth aus allen Röhren Hinwegkocht; sind verschlagen auf der See Bergspitzen, in der Wälder Labyrinth, Zu Leviathans Zahnen, Tiger - Klau'n, Des Löwen Rachen; ach, und schrecklicher, Furchtbarer noch, in Menschcntigers Klaue, In Menschcnlöwen Rachen, untern Fuß Des Wüthcrichs, des Kriegers, in das Netz Des Menschenfängers, der nicht Leiber nur, Der Seelen tausendfältig-künstlich fängt Und sie zu seinem Leckermale würgt, Und Gott verhöhnet. Meiner Brüder Schaar, Sie gehn, wie Fisch im Meer und wie Gewürm, Das keinen Herren hat, des Adlers Raub, Des Geyers Speise. Und blickt irgendwo Ein Netter, ein wohlthätig Licht empor, Ein Stern in dunkler Nacht; so wappnet sich Ringsum die dunkle, scheußlich kalte Nacht Ihn wegzutilgen mit des Regens Guß, Mit Donnerwolken rings ihn zu verbaun, Daß auch sein holder Strahl dem Wandrer nur Ein Blitzstrahl werde. Sog nicht Tyranncy Aus jeder Rettung neue Kräfte? schlang Und schmiedete sic immer fester nicht Das kaum zerschlagne Band? »nb thronte nun Auf Menschenschädeln nicht allein, sie thront Auf Menschenseclen: Trägheit ihre Burg, Verzweiflung ihre Veste! Waget's noch Herders Werke. Lir. u. Kunst. XVl, - § SeärVAle. II, 82 Herders Gedichte. Ein Mensch zu sehn, was Gott und Teufel sey? Und was er sah, es laut zu sagen? Dem Die Stimme zu verstopfen in den Schlund, Der Gott den Teufel nennt, den Teufel Gott Und auf den NackeN seiner Brüder tritt Und Ruh' und Unschuld höhnet? Waqet's noch Ein Mensch den andern Wahrheit zu vertrau», Arznei dem Kranken, dem die Arzenei Ja bitteres Gift nur würde? Heucheln sie Sich nicht mit süßen Aeffcrcien todt? Und freuen sich des Todes. Findet sich Aus Jrrlhum irgendwo ein Fünkchen Wahrheit; Schnell muß das Fünkchen Wahrheit wiederum Zum Jrrthum werden. So dreht wunderbar Der Volker, Zeiten, der Geschlechter Rad Sich auf und ab, erhebet oder stürzt, Zerquetschet aber immer. Sind wir weiter Gekommen in der Zeiten Wirbellauf? Sind wir zurück? Was ist geschchn, das Nicht jetzt gescheh? und was geschichet, das Nicht immerdar qefchehen werde? Sieh, (Sprach ich zu mir, und nagete mein Herz,) Den Aufgeklärten hier, der Tugend höhnt Und Gott verachtet, andere verführt Und sich ermordet; sieh den Wilden dort An Seelands Ufer, der den Schlamm des Meers In faulen Fischen frißt und kaum die Sonn' Erblickt und einen Gott kaum nennet! — ha! Den Gott, der ihn auch zur Unsterblichkeit, Zu feinem Bild erschaffen! — Da versank Mein Geist in öden Schlummer. Vor mir stand Ei-n schöner Engel. Licht wo» sein Gesicht, Zweiter Th eil. SZ Und Sonnenstrahlen seine Flügel. Glanz, Wie holde Negenbogcnschöne floß Sein Kleid hinunter. Er berührte mich Mit einem Stcrnenstabe, wie er dort Am Firmament in Hellen Nächten brennt. Der Stab erweckte mich, verwandelte Mir mein Gebein: der Staub siel ab von Mir, Die Hülle sank: Mein Her; ward ruhig: auf Gen HimMel zog mich seine Gegenwart Ihm natb, ihm nach. „Ich bin der Genius Des Menschlichen Geschlechts! sprach er zu mir; Sieh um dich, wo ist deine Erde?" Ich Sah rings umher und sah nur Sternenglanz Und schwebcte im hohen Skcrncnchor Und hörte ihren Klang, Ich hörete Der sieben Stern' um unsre Sonne Klang, Und sah auch meine Erd', ein kleiner Ball Mit ihrem Mond, ein leiser Uebergang Zum Mittelpunkt, der Sonne, hohen Einklang. Mein Herz ward Spharenharmonie. Ich wagte Den Genius nicht anzuschaun. Er sprach: „Sieb, Murrender, worüber murrtest du Im Winkel deiner Höhle drunten? Nennst Du das Vernunft, wenn du den kleinen Theil, Ein Nichts für's Ganze nimmst? Das Jetzt Der EcdcngegeNwart, der schnellesten Vergänglichkeit für's Unvergängliche, Für's Ewige. Sieh um dich: deine Welt Ist sie nicht Ton nur i» der Melodie Der Sonnen - Sterne! welch ein kleiner Ton! Und du aus dieser Saite, welch ein Nichts, Ein kleiner Nachhall dcö verhallenden v 84 Herders Gedichte. Vcrstummens! Sieh umher, die sieben Sterne Sind Ruhestätten für den Wandrer nur, Der in sein Vaterland, die Sonn' hinaufeilt! — Jn alle sieben Sterne sind die Klange Der Fähigkeiten zur Vollkommenheit Nach Maaß und Zahl des weisen Schöpfers, des Urkünstlers, schön vertheilct. Deine Welt Ist nur ein Mittelklang, doch näher schon Dem hohen Einklang als den gröberen Und streitenden Vortönen. Die Vernunft Des Menschenvolks mit ihrer Freiheit ist Das erste Auferwachen zur Natur Der Seligen in wahrer Wirksamkeit Und Geistesschöne. Rüste dich hinauf Und sieh nicht hinter dich, was nach dir bleibt. Was nach dir bleibt eilt auch i» Gottes Reich Langsamer und auf niedcrn Sprossen nur Hinaufwarts. Laß dafür, der sie gemacht, Den Vater sorgen. Du entschüttele Den schweren Staub und werde Himmels Licht Und werde Ruh.- Die nicdern Genien Der Erd' und ihrer Reiche sollen dir, Was diesem hohen Himmelsglanze viel Au niedrig war', erklären. Steig' hinab, Und immer schwebe dir der Hochgesang Der sieben Stern', ihr unauflöslich B.and, Das Eilen, das Verschlingen ihres Laufs Zum Mittelpunkt von ihrer Kraft und Art Und Zweck im Dhc: so wirst du selig sepn Und ruhig. Gottes Gang ist in der Nacht Im Heer der Sterne; und ein Sternengang Voll cw'ger Harmonien." Da verschwand Zweiter Theil. 85 Vor mir mein Genius, ich sank hinab Und sah mich wiederum in meiner Hülle; Ich schaut' den schönen Sternenhimmel an, Wie anders jetzt! wie ruhiq! — Sprach zu mir: Kannst du das Band Orions, kannst das Band Der sieben Stern' auflösen? Sprach zum Monde: Wer bist du, Tröster Meiner Einsamkeit Mit deinem matten sanften Strahle? mein Gefährt' hienieden in der Wanderschaft, Der Erde Wallfahrt; und im Tode mir Vielleicht ein Ruheort, der erste Schritt Des langsam zur Vollkommenheit hinauf Steigenden Geistes! Paradies vielleicht Mit süßen Traumen von der Unterwelt Verlebten Zeiten; Paradies vielleicht Mit süßern Traume» von der Oberwelt Schon nahen Seligkeiten. Sanfter Mond, Und du unzahlbar hohes Himmelshcer Seyd Auferweckung, Licht, Erquickung mir. Wenn ich auf diesem tragen Erdcnstaub' Und seiner Unruh, seinen Schatten wieder Versinke- Ew'gcr, ew'ger Nachhall ward In mir der Sternenklang. Wenn oft mein Geist In Newtons Wunderschöpfung ging umher Und sann und maaß und zahlte, sprach zu mir Der Himmelsgenius: hat Gott den Ball Der Erden so gewogen, wog er nicht Das Schicksal auch der Erdbewohner! Band Er jede Kugel mit noch feineren, Als Strahlenbandcn an die große Sonn', Und hatte nicht die Scenen aller auch Daran gebunden? dann ward Newtons Bau L6 Herders Gedichte. Mir ein Gebäude der Unsterblichkeit Mit Erden, Welten, Sonnen aufgeführt Zn aller Himmel Wüsten, Und mein Geist Stieg fröhlich dann non Welt zu Welten fort Und sang den Schöpfer stets in neuem Ton Des Lobes, bis er Welten übersprang Und in dem Mdcr der Atlvollkommenheit Gebadet, selbst der Erden Führer ward! — Wohin verschlägst du mein Gesang im Strom Der Hoffnungen und alles Spharenklangs Und aller Himmelsstuthen? Komm hinab Aon jenem Milch - und Stradlcnufer, komm Hinab zu deiner Erde! Konnte Gott Sie anders bilden, als ihr Stand und Ort, Ihr Lein, und ihres Lobgesangcs Ton Im hohen Sphärenliede federte? Und nach der Erde wardst du, armer Mensch, Von Staube, Staub, zu dieser dicken Luft, Zu dieser Sonnenferne, diesem Drehn Und Wanken deiner Erd' auch du ersehn, Gemacht so bildsam, daß dein feiner Staub In Nord und Süd und Ost und Westen, dort In Eisgcbirgen, hier im Glutstrem lebt, Im Meer hier, dort in dürrer Wüstenei, Und überall der Erden Herrscher wird Zn seines Ortes Seele. Welch ein Thier, Welch anderes Geschöpf bekam wie du Die Bildsamkeit, zur Bildsamkeit Verstand, Nom Baum des Schnec's und der Svnnenglut Die vielgefarbte, mannigfalte Frucht Glückseligkeit zu br-chen, und das Gut Der Fremde, als ob's nirgend wirklich sey, Zweiter Th eil. 87 Sanft zu vergessen. Preise mein Gesang Den Geber auch für das, was er versagt, Für jeden süßen Wahn der Erdenlust, Der tauschenden Alleinglückseligkeit: Denn muß nicht jedes Herz und jeder Blick In Saften seiner Hülle froh scyn? Muß Nicht Schwachheit unsre liebe Dammrung seyn, Die hier den Lappe», dorr den Indier, Den Tartar dort, den Fcuerlander dort Allein-glückselig wacht, daß niemand tauscht, Den andern jeder, keiner sich beklagt, Und stirbt auf seiner armen Scholle reich Und weis' und glücklich. Preis' ikn mein Gesang, Daß er des Menschen kurzes Lebensziel Nach seinem Staube, seiner Erde Drchn, Nach ihrer Leid - und Freuden möglichstem Genuß bestimmet?. So kurz der Weg Dem Wanderer zu seiner Vaterstadt Je werden konnte, kürzt' er ähn. Er gab Der grofiesten, zahllosen Menschenschaar Den Kindern schnellen, flücht'gen Durchgang nur Durch's Erdcnleben. Manches stehet kaum Mit Einem Bljck die Sonne, manches lernt Im süßen Vater-Mutter-Namen nur Den Namen Gottes lallen und entweicht; Es war ein Mensc h und wird ein höh' rcr M ensch, Ein Seliger, ein Engel. Dieser Baum, Der frühreif schon so schöne Blüthen trug, Er wirft die Blüth'en ab, und welkt hinweg; Sie sollten, durften, konnten alle nicht In dieser schweren Lust zu Früchten werden. Des Mannes Feuer brennt ihm auf sein Herz, 88 Herders Gedichte. In seinen Adern quillt der Flommcnstrom, Der früher ihn gen Himmel treigen soll: Er hotte viel in wenigem gelebt, Und viel genossen, viel ertrugen. So!! Er noch die Hefen seines Bechers kou'n, Die jenes Erdcthier so gerne trinkt Und noch noch mehrcrn dürstet? Alle Welt Ist des Gesonqes meines Gottes voll, Des Zweckes seiner Schöpfung. Der Borbor Und Weise, Griech' und Neuseeländer stimmt Dbwohl verschiednen Tons, vcrschiedner Höh' In Einen Lobgesong: wir wo re» Mensch! — Gemocht, die Schöpfung zu begrüßen, Gott Au nennen, Weisheit, Erdenseligkeit In Tropfen oder Strömen, doch ols Mensch Zu kosten und mit ganzem, holbcm Durst Zur Quelle selbst zu wandern. Schöpse Muth, Unglücklicher der Erde, Durchgang ist Dein Leben durch die Welt; dein Himmclsbild Ist Gottgestalt, die bleibet Dir. Du bist Mehr als der Adler, ols der Elephont, Auch du der Wild' und Heide, Gottes Mensch, Bist Vaters Ebenbild, dos zu ihm eilt. Zweiter Gesang. Gestärkt vom Himmelstrost des Genius Ging ich aus Erden ruhig still einher, Mein Vaterland war in den Sternen. Einst Wessel mich mitten im Gedankcnmcer Zweiter Thcil. 89 Von Gottes Schicksal mit der Menschenwelt Ein himmlsi'chcr ambrosisch - süsser Schlaf. Ich war im Paradiese. Vor mir stand Der Vater und die Mutter alles Heers Der Mcnschensöhne! — hohe Traumgestalten! Der Vater, Gottes Sohn und Abbild: Er, Das Urbild aller Manncswürdigkeit. Sie, Tochter Gottes, Paradieses Braut Und Jungfrau, Weib des ersten frohen Mann's, Das Urbild aller Weibesschöne! — Fast Anbetend sah ich sie und fühlte mich So klein, so tief hinab gesunken, fühlte So tief hinab gesunken mein Geschlecht Von jener Würd' und Schöne, von der Kraft Und Weisheit der beherrschenden Gestalt, Die Gottes Ebenbild hienieden war, Und ihrer Güt' und Unschuld. Wie der Bach Von seiner reinen Silberquelle fleußt Und trübt sich hie und da mit Schlamm und Koth, Und schwillt von Gifte, färbet sich mit Blut Und Eiter, ist mit Leichnamen bedeckt Und stirbt zuletzt im Sande; so erschien Dein Forlfluß mir, du armes Menschenvolk, Won schwächeren zu schwächeren Geschlechtern. Wo ist dein Gottcntsprung'ner Himmelsquell, Und kannst du armer, trüber, blut'ger Bach Zurück zur Quelle fließen? Kannst du je Die erste, reine Himmelsquelle werden? Und bleiben? — Bittre Thranen flössen mir Da, wo ich stand, in meinen trüben Bach Des Menschenlebens. Jene Traumgestalten Des Gottes und der Göttin meines Stammes Verschwanden und das Paradies verschwand, Zo Herders Gedichte. Ich sah im letzten Blick, des Lebens Baum Verdorren, sah des Baums der Weisheit Frucht Wie Sodoms Apfel sich mit Galle schwarzen, Und auf ihm Drachen zischen, Donner brüllen U>rd schwarze Wolken ruhn. Ich bcbete Und sah den Vater Adam wieder, weinen Um seinen liebsten, ach erschlgg'nen Sohn, Bon Bruders Hand erschlagen, sähe weinen Die unqlücksel'ge Mutter um den Sohn, Der ihres Herzens erstgcbo.rner Trost Und Freude war und nun in Wüsten irrt Von Gottes Rache tief verwundet. Ick) Sah statt des -Paradieses rings die Welt Bedeckt mit Dorn und Unkraut, und gedüngt Mit saurem Menschcnschweiß und Menschenblut. Ich sah Tyrannen, Riesen, himnielsstürmer, Verführer derer, die, wie Gottes Töchter, In Unschuld glanzten; sah der Menschen Weg Vor Gott verderbt und hörte seine Reu, Des Schöpfers Reue, daß er Menschen schuf; Und sah die schweren Wasser des Gerichts Einbrechen, sah, was lebet, mit dem Tode In schwarzen Fluthen ringen, hörete Ihr letztes Angstgewimmer, sah das Schiff Der Angst und der Errettung; ach, cs rettet Nur wenige! und wozu rcttet's sie? Sie bauen neue Thürmc, finden neue, Noch argre Laster und verwgndeln Gott In Götzen-- Vourig'ö Nachtgedanken, I, 1—126- Aus dem Englischen. Der Müden süßes Labsal, Balsamschlaf — Ach! gleich der Welt besucht er oft und gern Den Glücklichen: Unglückliche verlaßt er, Fliegt schnell auf seinen seid'nen Schwingen fern Dem Gram, und senkt aus Augenliedex sich, Die keine Thrgne flecket —- — Ich erwache Bon kurzer (meistens) und gcbrochner Ruh — O Glückliche! die nicht erwachen mehr! Doch glücklich nur auch sie, wenn Traume nicht Das Grab bestürmen. Ich erwach', empor Aus einem Meer von Traumen, ungestümen, Wo schiffgebrochen mein Gedank', verzweifelnd Von Well' auf Weste nur geträumten Elends Verloren trieb, das Steuer der Vernunft War ihm entsunken. Nun gefunden wieder Und doch nur Lsuaalenwechsel! bittrer Wechsel — Für harte, harc're Quaalen! der Tag ist Zu kurz für meine Trauer und die Nacht, Selbst in dem Zenith ihrer dunkeln Herrschaft, Ist Sonnenschein zu meines Schicksals Nacht! Nacht, dunkle Gottheit! --wie vom Eben? Thron Sie itzt in strahlenloser Majestät Ibr bleiern Scepter streckt auf eine Welt, Die schlummert! .., Tobte Stille! tiefes Dunkel! — S2 Herders Gedichte. Kein lauschend Ohr, kein Auge findet Etwas: Die Schöpfung schlaft. Als ob der große Puls Des Lebens stille stund' und die Natur Pauflrtc — fürchterlich pausirte! sich Prophetin ihres Endes! Kam' es bald! Laß fallen deinen Vorhang, Schicksal! mehr Kann ich verlieren nicht! O Finstcrniß Und Stille — heilige Schwestern! Zwillinge Der alten Nacht, die den Gedanken zart Erziehen zur Vernunft, und auf Vernunft Entschließung bau'n (Pfeiler der Majestät Im Menschen!) steht mir bei! ich will euch danken Im Grabe, euerm Reich! da wird mein Leichnam Ein Opfer fallen euerm grausen Altar — Doch was feyd Ihr? — O du, der in die Flucht Die Urnacht trieb, als Morgensterne jauchzend D-'M neuentschwungnen Erdenball frohlockten, Du, dessen Wort aus dichter Dunkelheit Den Funken schlug, die Sonne — schlage Weisheit Aus meiner Seele, die zu dir ausfleucht, Dir, ibrer Zuflucht, ihrem Schatz, wie Karge Zu ihrem Golde fliehn, wenn alles schlaft. Durch's Dunkel meiner Seel' und der Natur (Diefi doppelt Dunkel!) send' erbarmend mir Nur einen Serahl, zu leuchten und zu warmen — O leite meinen Geist, der gerne weit Entkäme seinem Schmerz — leit' ihn hindurch Die manchen Sccnen Lebens und des Todes, Daß jede mit den edelsten Gedanken Negeistre mich, und nicht nur dies mein Lied, Mein Leben auch! Vernunft lehr' meine beste Zweiter Th eil. l)3 Vernunft, und meinen besten Willen lehre Rechtschaffenheit, und ftstne meinen Vorsatz, Weisheit zu wählen und den langen Aufschub Ihr zu bezahlen! deiner Rache Schaalc, Geschüttet auf dies hinqegcbnc Haupt, O laß sie nicht umsonst geschüttet seyn! Die Uhr schlägt Eins. Wir nehmen nicht der Zeit wahr, Als im Verlust. So ist es Weisheit denn, Ihr Ton zu geben. Itzt — als sprach' ein Engel! — Fühl' ich den heiligen Schall: und hör' ich recht, Zst's meiner tobten Stunden Sterbeglocke — Wo sind sie? — Bei den Zähren vor der Sündfluth! Ein Zeichen mir zum Aufbruch! o wie viel Ist noch zu thun? All meine Hoffnungen Und Furchten starren erschrocken aus und schauen Ueb'rs Lebens schmalen Rand hinab, hinunter! Wohin? . . . ein bodenloser Abgrund! Ewigkeit! Und mein! — kann Mein seyn Ewigkeit, Der von den Milden einer Stunde lebt l Wie arm, wie reich! wie niedrig und wie hoch — Verflochten, wundervoll, groß ist der Mensch! Und über Wunder der, der so ihn schuf! Der lauter Aeußerstes in mir verband, Verschiedenster Naturen Wundermischung, Entfernter Welten auscrwahlte Bindung! In aller Wesen Kette herrlich Glied! Der Mittelpunkt vom Nichts zur Gottheit — Strahl, Aelhcrisch, und verschlungen und befleckt! Und wie verschlungen und befleckt — noch Göttlich! Ein Schattenbild von gränzenloser Größe! 94 Herders Gedichte. Der Herrlichkeit ein Erbe — und des Staubes! Ein schwaches Kind — Unsterblich — und ohn' Hülfe! Unendlich — und Insekt! Ein Wurm! — eia Gott! .Ich zittre vor mir selbst — bin in mich selbst Verloren! — — Seiner Heimath fremde, Steigt auf und nieder der Gedanke, wundernd, Erstaunt ob dem, was Sein ist! O wie taumelt Hier die Vernunft! Welch Wunder ist der Mensch Dem Menschen! Traurig im Triumphe! Freudig Und bangend! jetzt entzücket, jetzt entsetzt! Mein Leben, was kann's retten? was zerstören? Kein Engelsarm halt mich vom Grab ab — Engel Zu Legionen halten mich nicht drinn! Mehr als VsrmuthuNg ist dies; alle Dinge Stehn zum Beweis auf. Als des Schlafes Herrschaft Auf meine Glieder sanft verbreitet lag, Da, obgleich meine Seel' im Zaubcrtanz Auf FecNfeldcrn schwebte, traurete Durch dunkle, pfadelose Haine hin — Wie oder abgestürzt den schroffen Fels Durch grünbewachs'ne Pfuhle mühsam schwamm, Die Klipp' anklimmend, oder tanzete Auf hohlen Winden mit phantastischen Gestalten — einer wilde» Brut des Hirns! Db irrend gleich, doch nimmer rastend, spricht Ihr Flug im Traume, daß sie edler scy Von Wesen als der festgetret'ne Klos, Acthcrisch, wirkend, schwungvoll, unbeschränkt, Nicht angekettet an des Körpers Fall. Auch schweigend ruft die Nacht mir ew'qen Tag! Durch alles waltet Gott zum Menschenwohl, Der stumme Schlaf wird Lehrer, selbst der Traum Mit seinem Gaukeln winkt uns Wahrheit zu. Warum bewein' ich denn verloren sie, Die nicht verloren sind? warum denn irrt Unglücklich der Eedank' um ihre Gräber? Ungläubig traurcnd? Weilen Engel hier? Schlaft Himmelsfeueb hier verscharrt >m Staub? Sie leben! — ja sie leben ein auf Erden Unangefachtes, unbegriffnes Leben, Und aus dem Aug' voll Himmelszärtlichkeit Fallt eine Mitleidsthrän' auf mich herab, Der kodier ist, als sie. Hier ist die Wüste, Die Einsamkeit; das Grab ist lebenreich, Ist volkreich. Hier nur ist das Leichenthal, Der Schöpfung melancholisches Gcwölb, Das traurige Eypressen-Dunkel; Hier Das Land der Schatten und Erscheinungen; Ja, Alles, Alles auf det Erd' ist Schatten — Und jenseits Wesen: nur die Thorheit glaubt Es anders. O wie wahr muß alles seyn, Wo Nichts sich mehr verändert! Unsers Daseyns Ist dies die Knospe, ist der Morgcnanbruch, Oie Dämmerung unsers Tages, nur der Vorhof, Und Ltbens wahrer Schauplatz noch verschlossen l Der Tod, der strenge Tod allein kann heben Den schweren Riegel-— 96 Herders Gedichte. Aus dem Italienischen des Michael Angel o. Im hohen Alter. Ach ich Armer, wenn ich an die Jahre Meines Lebens nun zurück gedenke, Ach von allen nicht ein Tag, der mein war! Eitles Hoffen, trügendes Verlangen, Wünsche, Seufzer, Gram und Stolz und Liebe, (Was ein menschlich Herze je gefühlt hat, Ist nicht neu mir!) Alles zog — wohin mich? Ach, wie fern vom Guten und der Wahrheit! Und ich gehe nach und nach zum Grabe Und der Schatte wachset und die Sonne Wird mir trüber, bald erstick ich kraftlos. * * * Schwache Seele, da der Jahre Feile Deinen müden Körper stündlich abnagt; In vielleicht in kurzem deine Bürde Gar dir absallt und du dich in andcrm — Deinem wahren Vaterlande findest; Kannst du immer noch den alten Trieben, Die dich Schwachem, Acltern, immer mehr ja Drücken, geiscln, peinigen — noch dienen? Ach, du mußt! — O Gott, so leih' mir Kräfte! (Dir verhehl' ich's nicht. Kleinmüthig neid' ich Die entseelten Todten. Also zittert Vor Zweiter Theil. 97 Vor mir meine Seele!) Reiche du mir — Du aus fernem, mir in fernem Lande Deine milden Arme, und entreiße Mich mir selbst, und mache mich — was du willt! Sehnsucht nach Gott. Nach Victoria Co ton na. Wie ein nüchtern Vögelchen, das höret, Sichet seiner Mutter Flügel schlagen Ueber'm Neste, wenn sie Speis' ihm bringet, Und es neu belebt mit Blick und Speise. Ungeduldig regt cs seines Fittigs Sprößlinge, zu folgen ihr im Fluge, Girret Dank ihr, daß die schwache Zunge, Ueber Können girrend los sich windet; Also ich, wenn warmer Strahl der Gottheit Mächtiger, lebendiger sich reget Mir im Herzen, daß das Herz erquickt wird Und mit ungewohnter Flamm emporschlagk; Ungeduldig reg' ich meine Flügel Voll von innrer Liebe, daß ich selbst mich Wie vergessend, nur bei Ihm, bei Ihm bin, Ihn zu loben, ihm zu danken. Herders Werke Litt u. Kunst. XVl. G 6e-r,ckte H. Herders Gedichte. A r i s r am Felsen. 1801. An einem Felscnhange lag Arist Hin in die Wüste seufzend; „ach wie stumin Ist alles um mich! und wie Geist - und Herz Und Sinnenleer! Wie fern ist jene Sonne, Die untergeht und jener traurige Won keinem Lebenden bewohnte Mond! Es strecken ungeheure Wüsten sich Zum Mars, zu Aevs, Saturn und Uranus, Noch Ungeheurere von Stern zu Stern — Ein Quentchen ist das Leben in der Schöpfung, Und ach, wie noch ein kleiner Quentchen ist Verstand und Herz auf unsrer Erde! Fels War einst und ist sie noch; ein glühnder Brei, Der Jahremillionen um die Sonne, Hinausgeschleudert von ihr, schwebte, dann In kaltern, wüsten Regionen sich Allmählich härtete; allmählich flog Hier, dort und da ein Lebensfunk' ihn an, Glimmt' und verglimmte. Jener Kalk der Berge, Die Erde, die ich trete, Baum und Thier Und Pflanze, was auf Erden irgend lebt, Sind letzte Folgen eines Untergangs, In den einst alles sinkt. Des Menschen Geist Wie sparsam ist er ausgestreuet; schwach Zweiter Th eil. 99 Und machtlos funkelt hier und dort ein Strahl Vernunft im Dunkel und verschwindet. Stumm Ist alles um mich her; ach, ko verstummt Des Menschen Herz dem Menschen, Wohl und Weh ; Aufbrausend alübt es, quälend sich und andre, Vis es im stillen Grabe nicht mehr schlagt." Die Nachtigall seufzt' über seinem Haupt Ihr Lied der Liebe; unweit neben ihm Girrt' im getreuen Nest die Turteltaube, Er hört sie nicht. Es mucnielte der Bach, Der Westwind lispelt' in den Zweigen; er Vernahm den fernen und den nahen Laut Der Schöpfung nicht; in ihm war's wüst und leer. Da schwebt in holder Dämmerung ein Glanz Zu ihm herüber aus der Senne selbst; Wir nennen cs Licht des Zodiakus ; Gestalt - und Wortlos floß es in ihn ein Und sprach: „Dir ist die Schöpfung wüst und leer, Gedankenlos der Lebensotean, Der Dir Gedanken schafft? Was sind Gedanken In Dir, als Abbildung, n dessen, was Von außen du pernimmst und in Dir ordnest? Der Weltgcist, mnn ihn Aether oder Licht, Du siehst ihn nicht im Lichte, hörst ibn nicht Im Schall; der Unsichtbar', der Unhörbare Er macht Dich sehn und hören, fühlen, denken; Er denkt in Dir, Du bist nur sein Gefäß." „Und wähnst Du Dich sein einziges' zu seyn Dem jedes Element, selbst Luft und Licht G 2 MV ^ > NO Herders Gedichte. Organ ist, der im Wasser kühlt und rauscht, In Flammen glüht, und mir sich selber kämpft Zur Allerhaltung. Thätliche Gedanken, Nicht leere Worte bildet er Dir vor, Und denkt in ihnen. Blickt die Blume nicht Verständiger Dich an, als Du sie anblickst? Selbstständig lebt sie, und genießet sich Und dient der Schöpfung. Schau' im letzten Strahl Der untergehenben Sonne ihre Pracht, Vernimm tun Zeichnenden, der sie umschwebt Mit gold'ncm Griffel; hör' im Rauschen hier, Tort im Gesang, im Lispel dort, den Geist, Dcss Stimme nicht Gesang und Lispel ist. Gedankenvoll , verstandvoll ist die Schöpfung,' Ein großes Herz, das Wärm' in alle Adern, In alle Nerven Glut der Fühlung gießt Und sich in Allem fühlet. Er zerstört Und bauet stets; die große Mutter trägt In jedem Augenblick ein junges Kind Mit neuer Mutterfreud' an ihrer Brust. Sich schöner zu verjüngen, altet sie. Was nicht mehr wirken, nicht genießen kann, Das welket und wird unsichtbar; es lebt Im Andern schon verjüngt und munter. — Sie Erfreuet sich in Allem, liebet stets Die alten immer jungen Formen', schaut In jeglicher Veränderung neu sich an, In vielen Blumen und Gedank^nweisen. In Pflanzen, Tburen, Menschencharakteren Erkennt sie sich; Du schauest sie nur an In deiner Art; der große rege Geist Nur er versteht, und denkt und fühlt sich ganz." Zweiter Th eil. I.UI. Die Seel' Arists entwölkte sich; es schien Der Mond ihm freundlicher, das Abendroth Beglanzte heic'rer seine Stirn; jedoch Sein Herz blieb keilte Der Turteltauben Girren^ Der Nachtigall Licbseufzen rührt ihn nicht. „Wohl fließen, sprach er zu sich selbst, Gedanken In mich, Gedanken manch Jahrhundert alt, Der langst verstorbnen, nicht gestorbnen Geister Beseelen mich; ihr sprecht zu mir, Horaz, Homer und Plato; cm verborgnes Band Zieht von der allsten bis zur neusten Zeit Aus Seele sich zu Seele; Glückliche, Die in die güldne Geisteskette fcst- Gewebt die Schlage des Gehirnes fort Und fortgeleiten! Dreimal Glückliche, Die den geheimen feinsten Flammenstrsnr Zum Bcssrcn und zum Besten läutcrm Ist wohl ein großer unermeßlicher Verstand in der Natur! selbstständige Gedanken stehn vor mir, und doch verknüpft Das Kleinste mir dem Großestcn, gedrängt Und abgetrcnnt; wie buchstabircn sie, Doch wer vernimmt den Sinn des Ganzen? Wer Sah Dir, o Urgeist, in das Angesicht!" Ein warmer Licht umfing den Zweifelnden; Sein treuer Hund, (er hatte seinen Herrn Verlohrcn schon gewähnt und lang gesucht) Sprang auf ihn freundlich, bellt ihm Freude zu, Und warf sich festandrückend ihm zu Füßen! „Wähnst Du allein Dich in der Schöpfung? — sprach Der Sonnengenius ihm warmer zu. 102 Herders Gedichte. Was die>'cn Freund hier an dich bindet, sollt' Es allen, die mit Dir vcn Einem Blut, Von Einer Bildung sind, dann feblen? Wer Erzog Dich? wem verdankest Du Dich selbst? Dein bessres Selbst? Wer bildete Dein .pcrz? Wer dracht' auf Deiner Lebensbahn Dich oft Und unbewußt Dir, weiter, Eigennutz B> weite nicht die Dir begegneten, Dich retteten, Dich liebten. Ungchört Erklang Dein Seufzen in ihr Herz; der Wunsch,, Der in Dir selbst unausgebrütet lag, Bekam in ihrem Geiste Flügel, Kam Dir in der Zeit der Noch nicht oft ein Gott, Ein Genius in menschlicher Gestalt, Hülfreich entgegen? Fühltest Du, nicht selbst Dfc Ahnungen, di- in die Ferne Dich, Dich in die Zukunft rissen, die Dich sorgend, Errettend, tkätig machten für den Freund, Den du nicht kanntest? Nur die große Mutter Vorsehung kannte Dich und ihn; sie schuf Euch Beide für einander; euer Schicksal Gehämmert ward's auf Einem Ambos; Dir Zn seiner Noch der freudigste Genuß, In Deiner Hülf ihm hohe Seligkeit." Wie bei dem ersten warmen Sonnenstrahl Nach kalten Frühlingsnachtcn zitternd sich Die Blume öffnet, ungewiß, ob sie Dem Strahl verträum dürfe; so cnt'chloß Die tiefbeklemmte Brust Arists. „Es schlagt (So fuhr die Stimme fort) ein großes Herz In der Natur; vertrau' der Fühlenden. Dein reinester Gedank' entsprang dem Duell Zweiter Thcil. 10H Des reinsten Geistes und gehört ihm zu, Und fließt in ihn zurück, zum Allbelebcr. Dein tiefster Wunsch gehört dem großen Herz Der Schöpfung zu, und findet es gewiß. In Dein Verlangen stimmen alle guten, Gerechten Seelen; Dein ist ihr Gebet; Dein Echo ist ihr aller Busen. Höre Mit Geistes Ohr die hohe Harmonie" — Auf blickt er, und — da stand vor ihm sein Freund UgatchokleS. „Rastlose Unruh, Freund, Trieb mich hieher; Du leidest, und verbirgst Mir Deinen Gram; Die Ursach' sucht' ich lang.' In Deinem Blick, in Deinen MicveN. Wohl, Ich habe sie gefunden. Welch ein Nichts, Das Dich abharmct! ich verschaff cs Dir. Ein guter Genius hat mich für Dich Geängstet und, für Dich, wie langst gesorgt. O Freund, cs wacht ein allgemeiner Geist, Vorwirkend, fernesehend über uns; Die aller Wunsch und Herzen knüpfet , Freund, Es schlägt ein großes Herz in der Natur. " Die Nacht, r 8 o Kommst Du wieder, heil'ge, stille Mutter Der Gestirn' und himmlischer Gedanken, Kommst Du zu uns wieder? Dich erwartet Lechzend schon die Erd' und ihre Blumen Beugen matr ibr Haupt, aus deinem Kelche Nur zwei Tropfen Himmelstbau zu kosten: Und mit ibnen ueiget sich ermattet Meine Bi der-überfüllte Seele, Harrend, daß Dein sanfter Schwamm sie lösche Und mit Bildern andrer Welten tränke, Und mein lechzend Herz mit Ruhe labe. Sternencciche, goldgekrönte Göttin, Du, aus deren schwarzen weitem Mantel Tausend Welten funkeln, dft Du alle Sanft gebührest,um ihr rastlos Wesen, Jluen Feueeschwung. ihr reges Kreisen A ft d ni urm d r ew'g.n Ruhe festhaltst —- Welch .in Lobgesang ertönt in allen W t n Dir, Du aller Stermnchöre Ltift Fuhr^rin! — ftin hohes Loblied, D m der Sturm verstummet, d.m die Sprache, Dem des Herzens Laut, dem alle Töne Sanft entschlummern in ein heilig Schweigen. Heilig Schweigen, das die Welt jetzt füllet Sanfter Strom, der in den ew'gcn Ufern Endeloftr Schöpfung feiernd hinrollt! — Und Du herrlicher Gesang d,r Sterne, Licht aus Licht, des Himmels sanfte Sprache! Weite Nacht umfasset meine Seele! Meere der Unendlichkeit umfangen Meinen^ Geist, die Himmel aller Himmel! Nächtlich still, ein Meer voll lichter Sccnen, Wie das Weltmeer, voll von Feuerfunken. Hohe Nacht, ich knie vor deinem Altar! Alle Funken des allwciten Aethers Sind das Stirnband deiner heiligen Schlafe, Noll von Gottesschrift. Wer kann sie lesen, Diese Flammenschrist des Unerschassnen Auf der Stirn der Nacht? Sie spricht: Jehovah Ist nur Einer und sein Nam' unendlich Und sein Kind die Nacht. Ihr hoher Name Heißt Gehcimniß: ihren heil'gcn Schleier Deckte niemand auf. Sie hat geboren Welten, Raume, Zeiten. Ihren Kindern Stehn ewig vor Gesetz und Ordnung, Lieb' und strenges Schicksal, alle leitend, Alle leitend zum lebend'gen Water. Laß den Schleier sinken, heil'ge Mutter, Schlage zu dein Buch voll Gottesschriften; Denn ich kann nicht weiter, kann nicht höher Klimmen in Gedanken. Neige lieber Her das Füllhorn deiner Ruh und träufle, Träufle sanft mir zu, o Du des Schlafes Und der Traume Mutter, träufle sanft mir Zu Vergessenheit von meinen Sorgen. Fühl' ich nicht, wie ihre Schlummcrbinde Mich umhüllet, wie mit Mutterhantcn Sic mein fallend Augenlied mir zuschließt? Welche Geister, die schon vor mir gauckcln! — Angesichte, treffliche Gestalten Andrer Welt. Ein süßes Licht umstrahlt mich, Das mein wachend Auge nie gesehen. Welch ein Mond! o welche schöne Sterne: Schweb' ich? schwimm' ich ? steig' ich? sink' ich nieder Bor dem Thron des Unerschaffnen? Engel, Genien sind um mich, die Gespielen Meines Lebens und auch Du mein Bruder, Du mein Schutzgcist, den ich nimmer kannte — Reichst Du mir die Hand ? bist hold und freundlich ? Ziehst mich mit in diese Lobgesange, Ach! in die mein Geist verhallte. Schlummrc wohl indeß, Du trage Bürde Meines Erdengangcs. Ihren Mantel Deckt aus Dich die Nacht und ihre Lampen Brennen über Dir im heil'gen Zelte. Gottes Wächter steigen auf und nieder Bon den Sternen und des Himmels Pforte Steht Dir offen in verborgnen Traumen. Aller Engel, aller Sel'gen Seelen Göttliches Conccrt; Sie blicken alle, Monde, Sonnen auf, zu welcher Sonne? Welchem Mittelpunkt in allen Kreisen! — Welchem Allumfassec, Allecsüller — Mir auf meinem Wandelstern unsichtbar, Nicht unsichtbar einst dem Sonnenbürgcr! — Sieh! und alle blicken so vertraulich Auf mich nieder! — Seht ihr mich ihr Sterne, Mich des Staubes Staub, der ich euch denke, Meine Freund' euch nenne, die Gespielen Zweiter Th eil. 1107 Meiner süssesten, erhabnen Wollust, Meiner besten Ruhe stille Zeugen. JünglinLe des Himmels, süße Kinder Der verklärtet, Nacht, Du hold Geschwister Meiner Andacht, meiner Ruh und Hoffnung: Ach wie glanzet ihr so lange, lange Schon in euren schonen Feierkleidein, Eh' ich war und eh' die Erde da war, Und wenn ich nicht mehr, wenn lange, lange Sie nicht mehr ist: wenn der dumpfe, ferne Erdenton, das Seufzen seiner Pole Euer Lichtconcert nicht mehr wird stören, Nicht in eure Hymnen mehr wird jammern. Word' ich denn, Holdsel'ge, mit euch ziehen? Blüht in euren amarantnen Lauben Auch für mich ein Kranz der Lieb' und Unschuld?— Daß ich stimmend ein in euren reinen Jubel, auch vertraulich niederwinke, Einem Irrenden ein Strahl der Leitung, Einem Traurcnden ein Stern der Hoffnung. Bitten.*) Allmacht'ge Güte, Vater aller Wesen, Du Herz, das sich in jedem Herzen reget, *) Vermuthlich in Rom 1787 verfaßt. Du Mutterhand, die alles hebt und traget Und mich, aucy mich zu deinem Kind erlesen. Ich knie vor dir als Kind in stiller Dcmuth Du stehst ja innig, was ick will und denke, Du lenkest selbst mein Herz, wenn ich es lenke, Und gibst mir selbst die Thrane süßer Wehmuth. Mtin tiefstes Daseyn ist vor dir enthüllet, Mein Lebensbuch ist vor dir aufgcschlaacu, Und manche Wünsche, die stumm in mir lagen, Eh ich sie wägete, hast du erfüllet. Was kann ich dir, als was ich ganz bin, geben? Denn, Freund, du gabst mir, was ich bin und habe. Mein Wunsch, dir treu zu seyn, ist deine Gabe, Mein Licht ist dein, mein Trost und all mein Leben. Ach war' ich, wozu mich dein Blick bestimmte t Was seyn zu soll.n tief ich in mir fühle. Ich irre noch, ich irre fern vom Ziele, Und mancher Funk' erlosch, der in mir glimmte. Freund meines Lebens, reiche deine Hände, O sey mir selbst der Führer, der mich leite, Der Trieb, die Stimme, die mich stets begleite Und msine Fehler selbst zum Guten wende! Nie will ich thöricht dir mein Herz verhüllen, Nie tobendkühn die Wahrkeit von mir scheuchen. Wenn alles weicht, sollt du nicht von mir weichen; Denn du nur kannst und wirst mein Herz erfüllen. Du liebest mich und hast mich stets geliebet, Denn dein sind meiner Jugend frohe Zeiten, Zweiter Thcil> -09 Du wiest mich lieben, in die Ewigkeiten Mich lieben, -Peer, wie oft ich dich betrübet. Gib mir auf meinem kurzen Lebenswege Nur la.flich reine Dankbarkeit und Freude, Und frohen Muth, wenn ich unschuldig leide, Und neuen Muth zu jedem rauhen Stege. Und Glaub' und Lieb', die alles überwinden, Und meiner ew'gcn Hoffnung neue Flügel; Ich kwmme ab und auf den Lebens - Hügel, Wo dich, 0 Herr, wo mich ich werde finden. Und was ich mir, erfleh ich auch den Meinen, Die nah und ferne, Herr, wie ich hintreten, An deine Knie sich schließen, in Gott beten; Erhör uns Herr, wir sind, wir sind die Deinen. Herders Gedichte. Neuntes Buch. Christliche Hymnen und Lieder. Die Schöpfung. Einst war im weiten Schöpfungsraum Noch alles öd' und wüst und leer! Die Erd' ohn' Hügel, Thier und Baum, Ein großes, schwarzes, wildes Meer, Und Gottes Hauch schwebt drüber her; Das Licht war gülinn klar und schön; Gott sah's und freut sich, 's anzusehn Und nannt's und gab es seiner Welt! Das war der erste Tag! Drauf nahm Gott silberhelles Meer Und hub's so weit und breit hinan! Da floß es oben blau daher Hoch über'm alten Dcean. Und zwischen ward hellweite Bahn, Da sprach der Schöpfer aller Welt: Sey Licht! — Da stand das Meer erhellt, Zweiter Theil. irr Die nannt' der Schöpfer aller Welt Den Himmel! Und dies hohe Zelt Stand blau und hell und klar und schön: Gott sab's und freut sich, 's anzuscbn, Und nannt's und gab es seiner Welt. Das war der andre Tag. Drauf nabm Gott unten Erdcnmeer Und senkt es in die Tief' hinab! Das Land stieg hoch darüber her: Und unten fand das Meer sein Grab, Wo Gott ihm Thor und Riegel gab! Da nannt' der Schöpfer aller Welt Es Land! So gleich war grünes Feld Voll Kraut und Gras und Baum und Lau^ Und drüber wehndcr Saamenstaub: Gott sah voll Lust in's blüh'nde Feld. Das war der dritte Tag. Drauf schuf Gott hoch am Himmelszelt Zwei große Lichter glanzend klar, Zu leuchten über alle Welt, Zu herrschen über Zeit und Jahr; Und um sie große Sternenschaar: Da nannt' der Schöpfer machtiglich Die Sonn! und Mond! Und königlich Kam sie, die Sonn', in Tagespracht, Der Mond, als Königin der Nachte Gott sah sie an und freute sich. Das war der vierte Tag. Drauf sah Gott auf die Tiefen her! Da regt sich schwimmend große Schaar, V ^ V rr2 Herders Gedichte. Der Filch und Wallsisch in dem Meer, Der Vogel in den Lüften klar: Nach Ort und Art, wie jedes war: Da sprach der Schöpfer väterlich Sie segnend. Da freut Alles sich: Der Fisch und Walisisch hüpft im Meer, Der Vogel schwirrt in Lüsten her, Gott sah sic all' und Heute sich. Das war der fünfte Tag. Draus sah Gott hin in's grüne Feld, Da regt' sich staubend große Schaar Von Wurm und Thier und was die Welt Zum kriechen oder gehn gebar, Nach Ort und Art, wie jedes war. Da sann der Schöpfer siierlich Und sprach: Scp Mensch! Da regte sich Ein Götterbild, ging hoch einker Und herrscht' auf Erd' und Lust und Meer; Gott sah's und segnet's väterlich. Das war der sechste Tag. Nachdem nun Alles war vollbracht, Erd', Himmel und ihr großes Heer, Und Alles gut und froh bedacht In Luft und Kluft und Land und Meer, Und Gottes Bild herrscht drüber her. Da sprach der Schöpfer aller Welt Sey Sabbath! Und Und sein Himmelszelt Ward Ruh: die weite Schöpfung lag Und schwieg. Da heiligt' er den Tag Und nennt' und segnet ihn der Welt. Das war der siebente Tag. Die Schöpfung. Ern Morgengesang. 17 7 3 . Auf ihr Sinnen und erwacht Aus des Schlafes Mitternacht! Auf zu jener Gotteshöh', Daß ich seine Schöpfung seh! Nacht und Grausen ist um mich, Nacht und Grausen regte sich. Dort auf wüstem dunkeln Meer, Da webt Gottes Geist daher. Und er sprach: sey Licht! Das Licht Strahlt' aus Gottes Angesicht, In die dunkle Mitternacht, Wie es dort im Ost erwacht! — Licht! o Morgenlicht! o du, Heil'ger Strahl voll Gottesruh, Und voll Gottes reger Kraft, Kraft, durch die er Alles schafft! — Herders Werke Lit. ».Kunst. XVI. H 6e-A'cKte. II. iiH, Herders Gedichte. Leben, Freude, Wonne, Blick, Herz, Gedanke, Tbat und Glück, Gottes Wort und Angesicht Spricht und strahlet uns im Licht! — Licht, o du Gedankenmcer, Ach, wo nehn? ich Farben her, Dich zu mahlen, wie Gott mahlt, Und in unsre Seelen strahlt! Licht, o du der Freuden Meer, Wo, wo nchm' ich Worte her, Auszusprcchen, wie Gott blickt Und der Menschen Herz entzückt! Licht im Mtnschenangesi'cht, Christus Auge, Gotteslicht! — Menschenherz, du Feuermcer, Wallend Gottesglut daher — Licht in Tbaten, Licht im Scharsttt, Licht im Hoffen, Licht im Trau'n! —> Licht, was Saam' und Leben heißt, Aller Schöpfung Lcbensgeist, Wirkgeist, Kreudengeist! — o Licht, Strahl von Gottes Angesicht, Seines Sohnes Zeugungsbild, Das dies All mit Engeln füllt! Sie durchwandeln, kreuzen sich, Sie durchstrahlen mich und Dich, Warmen, schaffen — sterben nichtt Welt, voll Gottes Angesicht! Zweiter Th eil. r rö Sieh hinauf, da blauet sich Hoch der Himmel: sichtbarlich Geht er dort aus Meeres Duft, Spinnet sich zu Morgenluft. Zart Gewebe! blaues Gold! —- Gottes Stirn, wie hoch und hold, Unabsehlich tief und weit Wölbt sie sich Mit Herrlichkeit! — Und hier unten —- Erde gehl Aus der Tiefe. Seht, da steht Meeres Abgrund, und Gott spricht Sichtbar: hier und weiter nicht! Und die Wolken sind ihr Kleid, Eingewindelt weit und breit Har er sie mit Wellenmacht, Fest gcbirgt auf Wellcnmacht. Gottesberg, der Menschen - Land, Wie erhob dich seine Hand! Und welch neues Blumenheer Tritt dort auf sein Wort daher! Lichtcsstrahl und Mceresduft, Gottesgeist und Lebenslust, Wie so fein ihr euch schon regt, Daß die Schöpfung Blumen tragt! O daß ich mich ganz und gar, Erstgeborne Brüderschaar! In euch fühlt', und auf Einmal Dort vor jenem Morgenstrahl H 2 Herders Gedichte. nü Euch umarm?" O gebet mir, Ihr der Erde Kruft und Zier, Leiht mir Euer Lustgefühl, Leiht mir Euer Farbenspicl! Tränket mich mit Lcbensduft, Denn ihr keltert Gotkcsluft, Keltert Gottes Sonnenstrahl, Wie er euch zu khun befahl — Und erfrischt die tobte Luft Neu mit Gottes Lcbensduft, Und kocht allem, was da lebt, Othcm, dem Ihr Frischung gebt. O du Gottes Herrlichkeit, Du der Erde schönes Kleid, Zart Gewand, wo Alles webt, Und zu höherm Leben strebt. Nieder fall' ich, heil'ge Au, Nieder in den Mergenthau, Da traust seiner Güte Spur; Ach, wie feyert die Natur! Stiller Gottestempel! Kaum Daß im weiten Morgenraum Dort vor dir, o Gottesbild, Ein und noch Ein Lüftchen spiel? —- Herz, v werde deinem Gott, Wie vor jenem Morgcnroth Dieser Tempel! Jugend fey Wie dies Weltall still und frei Zweiter Th eit. 117 Und voll reger Gotteskraft, Die im Ruh'n hier alles schafft! Wie arbeitet sich hervor Sonne aus dem Morgenstor! Sonne! Meer der Herrlichkeit, Sie erfüllet weit und breit Alles mit Posaunenklang, Mit Triumph und Festgesang! Sonne! wer, der dich erfand? Ballte, und mit kühner Hand Dich in jene Laufbahn warf, Wo dein Fuß nicht gleiten darf? Sonne! Sieh mit Riesenschritt Kommt der schöne Jüngling, tritt Wie ein Bräut'gam an die Bahn Und die Erde lacht ihn an: Seine Blumenbraut. O Braut, Wer, der dich ihm anvertraut ? Daß, wenn er dich neu umarmt, Daß dein kalt Gebein erwärmt! Leben ringet und gebiert Tausend Leben! — Sieh da führt Schon ein buntes Vogelhecr Unser Sonnenjüngling her. Wie sie singen! schwingen sich Auf den Lüften ! Freue dich, Zartes reges Sängerchor Und erfüll' d.r Schöpfung Ohr! Herders Gedichte. ri3 Du ihr vielfach Saikenspiel, Tiefbelebt mit Lustgefühl, Jeder Vogel seiner Art, Eine Sait'. — Die Schöpfung ward Hier nur Gottes Lustklang und Unten regt der Meeresgrund Andre Fettige — Da schwimmt Wassecvolk, noch nicht gestimmt Zu der feinern Wasser Chor. So sind wir im Engel Ohr, Was der stummen Fische Schaar, Jenem Luftgestcdcr war. Noch umgicbt uns Ocean Grober Wasser. Unsre Bahn Ist noch nicht, wo Jenes schwimmt Und der Sonn' ihr Liedlcin stimmt. Noch ist unser Fittig schwer, Und doch schweben wir im Meer Voll von Gottes Freundlichkeit, Der's erfüllet weit und breit. — Sieh dort wimmelt Meeres Schovß! Sich dort reißt ein Berg sich los, Leviathan! speit ein Meer, Schwimmt, ein lebend Land, daher! Sich hier wimmelt Erdenschooß, Hier auch reißt ein Berg sich los Behemoth! und Elephant, Wunderbau von Gottes Hand! Zweiter Th eil. 119 König-Thier! Wie unbemüht Groß zu scheinen: sich er kniet Vor der Sonne, betet an — Fühlt' er ihren Strahl ctwann? Fühlst du Gott? und bist das Ziel Seiner Schöpfung? Voll Gefühl, Feiner fast als Menschenhand, Und voll Ruh und voll Verstand? —- Nein, 0 nein! Du nicht das Ziel Seiner Schöpfung, nur Gefühl, Wie cs dort den Löwen füllt, Der, auch Fürst im Walde, brüllt. Wie es dort im Adler blickt, Der, auch Fürst, die Luft durchzückt! Wie's im Walisisch sich dort regt, Der, auch Fürst sein Reich bewegt! — Nein! die Schöpfung, jetzt am Ziel Harret, schweigt noch! — Ihr Gefühl Wandelt in sich, und vermißt, Was Geschöpf und Schöpfer ist; ^ Suchet Einen, der mit Geist Schmeckt und was er ist, geneußt, Suchet, der mit Gottes Blick Alle Schöpfung strahlt zurück — In sich, von sich; und selbst sich In sich strahl' und väterlich Von sich strahl' und walte frei Und wie Gott ein Schöpfer sey! — Herders Gedichte. >- / 12ll Sieh den suchet, jetzt am Zie! Gottes Schöpfung, wirft Gefühl In sich deß, was sie vermißt, Und der Mensch — der Gott — er ist! Neu Geschöpf, wie nenn' ich dich! — Gott der Schöpfung, lehre mich — Doch ich bin, ich'bin es ja, Dem dies Gottesbild geschah! — Ich — wie Gott! Da tritt in mich Plan der Schöpfung, weitet sich. Drangt zusammen und wird Macht! Endet froh und jauchzt: vollbracht! — Ich — wie Gott! da tritt in sich Meine Seel' und denket Mich! Schafft sich um und handelt frei, Fühlt, wie frei Jehovah sey. Ich — wie Gott! Da schlagt mein Herz Königsmuth und Brüder - Schmerz. Alles Leben hier vereint, Fühlt sich liebend Aller Freund! Fühlt sich Sinn voll Mitgefühl Bis zur Pflanze, bis zum Ziel Aller Menschcngottlichkeit, Feint sich liebend weit und breit, Immer.tiefer, höher. Ich Bin's, in dem die Schöpfung sich Punktet, der in alles quillt Und der Alles in sich füllt! — Zweiter Thci !. r r r Bis zur letzten Schöpfung hin Fühlet, tastet, reicht mein Sinn! Aller Wesen Harmonie Mit mir — ja ich selbst bin sie! Bin der Eine Gottesklang, Der aus allem Lustgesang Aller Schöpfung tönt' empor Und trat ein in Goites .Ohr, Und ward Bild, Gedank und That Und ward Mensch. Der Schöpfung Rath, Mensch, ist in dir! Fühle dich Und die Schöpfung fühlet sich! — Fühle dich, so fühlst du Gott In dir. In dir fühlt sich Gott, Wie ihn Sonn' und Thier nicht fühlt- Wie er — sich — in M) — erzielt! —- Schweig', o hohe Harmonie Meiner Seelcnkraftc! Sie Faßt die Welt nicht. Gottes Bild Tief verhüllt und tief enthüllt, Was ich bin. — Da wölbst du dich Meine Stirn, so breitet sich Jener Himmel, schaut ihn an Gottes Licht und Wolkenbahn l Und was dies mein Haupt versteckt, Ist im Himmel dort verdeckt, Und was dies mein Auge spricht, Spricht Jehovah's Angesicht. 122 Herders Gedichte. Leben athmet hier und Geist, Der Jchovahs Othem heißt. Sprache schaffet dieser Mund, So schuf seines Herzens Grund Gott im Worte für uns hin! — Und so tief als Gottes Sinn, Reicht auch menschliche Natur Immerdar auf Gottes Spur: Uns ein unerschöpflich Meer! Ewigkeiten strömten's her, Ewigkeiten strömten's hin, Was Gott ist und was ich bin. Gottes Bild in Wort und That, Menschenbild in Gottes Rarh, Mittler, Schxpfcr, Pfleger bist Du in Allem DJesus Christ! — Erster, letzter! — Doch hier schweigt Meine Zunge! Abgrund zeigt, Segensabgrund mir dein Wort Nun und ewig, hie und dort. Eins in Allem, All' in Ein Warst, und bist und wirst du fepn, Du, aus dem die Schöpfung quillt, Du in Allen Gottes Bild! Der sie schuf und durch sein Bild Sie verwandelt, lautert, füllt, Auftceibt, segnet und in sich Einst zurückzieht! — Freue Dich, Schöpfung und du Menschenbild, Wirker Gottes, das sic füllt Und verwandelt! — Groß bist du, Mittelpunkt in Gottes Ruh! Christus. Du aller Sterne Schöpfer, Licht, Das aus des Himmels Tiefen bricht, Und gehst der Ewigkeiten Lauf Zn ewig-neuer Klarheit auf! Dir danken wir, dir beten wir, Und opfern hohe Hoffnung dir; Denn du durchbrachst der Erde Nacht Mit deines Glanzes stiller Macht; Besuchtest uns in unserm Thal Mit deiner Gott - Erkcnntniß Strahl, Aus welchem ewig Leben fleußt, Und sich in stille Seelen geußt, Und wird in ihnen Gottes Bild, Mit Weisheit, Lieb' und Kraft erfüllt, Und leitet sie durch's Todes - Thal Zu jener Sonne neuem Strahl, Bleib' bei uns, Herr, verlass' uns nicht, Führ' aus der Dammrung uns zum Licht, 124 Herders Gedichte. Der Du am Abende der Welt Dich treulich bei uns eingestellt. Sey uns Mitwanderer im Thal Der Hoffnung zu des Berges Ttrahl, Der dort in Wolken vor uns ruht Und auf ihm harret ewig Gut!-- *) Weihnachtsgesang. Der Friedenskönig kommt heran! Bereit t ibm den Weg ' Streut Palmen auf die Siegesbahn, Und ebnet jeden Steg! Sanstmüthig kommt er. Haß und Streit Ist fern von seinem Sinn. Demüthig kommt er. Demuth breit' Die Kleider vor ihm hin! Denn, wen noch wilder Zorn entstammt, Wen Rach' und Haß empört, Wer andre kühn und stolz verdammt, Ist nicht des Königs werth. *) Die letzte Strophe scheint zu fehlen. Er kommt zum Frieden. Fried' ernährt, Unfried' verheert die Weit. Der ist nicht dieses Königs wcrth, Der Bund und Treu nicht halt. Willkommen, Held für unser Heil! Der Menschheit Retter du! Wer Wahrbeit liebt, hat an dir Thcil Und Freud' und Himmelsruh; Auch wer für Menschenwohl und Glück Gefahr und Noth nicht scheut, Und ruft der Himmel ihn zurück, Sein Lebenwillig weiht. Ihm tönet Segen nach und Dank, Wenn sich sein Auge schließt. Jndeß ihn Himmelslobgeiang „Gesegnet sey! " begrüßt. Wohlauf wir stimmen in den Eher Das Hosianna ein ! Ein Engel schwingt die Palm empor Der Sanflmuth uns zu weihn! 126 Herders Gedichte. Weihnachtsgesang. Die ganze Menschheit freue sich! Du, der Mensch bist, freue dich! Geboren ist der gute Hirt, Der alle Völker weiden wird, In Treu und Wahrheit. Mit göttlichgroßem Königssinn Giebt er sich zum Opfer hin; Er nimmt auf sich die Last der Zeit, Verachtung, Schmach, Undankbarkeit Erwarten seiner. Doch Gottesgeist belebet ihn! Jedem Frevler wird er kühn Die Larv' entreifseN; suchen wird ^ Er das Verlorne, was verirrt Ist, wiederbringen. Sein Zeichen ist die Durstigkeit, Menschenbuld sein Ehrenkleid, Erbarmen ziehet ihn heran; Der Völker Heil ist seine Bahn Zum Himmelsfrieden. Drum singen froh willkommend ihm, Cherubim und Seraphim Ihr „Ehre sey Gott in der Höh' Und Fried' auf Erven! Leid und Weh Wird Wohlgefallen!" Zweiter Thcil. 127 Wir stimmen der Willkommnng ein: Unser Hirte soll er seyn, In Wahrheit und Gerechtigkeit, In Unschuld, Lieb' und Freundlichkeit Und Menschengüte. Wer unser arm Geschlecht entehrt, Ist nicht dieses Königs werth; Wer Menschen hasset und betrübt, Nicht statt des Bösen Gutes giebt, Ist sein Nicht würdig. O stimmt der Engel Glückwunsch bei: „Fried' auf Erden! Friede sey Den Menschen!" So ist Gram und Leid Verschwunden Unser Herz erfreut Sein Wohlgefallen. Lobgesang» Sing' o meine Seele, Deines Unsichtbaren Königs Reich! Von der Erd' hinauf gen Himmel, Werd' ihm im Triumphe gleich! Wie die Unschuld, wie die Wahrheit, Still und ewig ist sein Reich. „Ehre sei) Gott in den Hohen! „Fried' auf Erden! aller Welt ^'r ^ ^ ' '- ^ ^ ^ ^-^ ^ 128 Herders Gedichte. / „Heil! " so singen Gottes Engel Unter ihres Königs Zelt. Nächtlich-stille, hell im Dunkel, Also kommt, so herrscht der Held. Neiget euch ihm, Erdenkronen, Sinket nieder in den Staub! Sklavenjoch ist eure Fessel, Euer Lorbeer blutig Laub, Eure Babel wird zu Trümmer, Euer Purpur Wurmes-Raub! Aber ewig, wie die Sonne, Ist der Wahrheit gülden Licht. Auch das Schicksal überwindet Seine Ruh und wanket nicht; Seine Demukh, seine Liebe, Jst's, die Noch und Tod zerbricht. Oeffnet euch, ihr ew'gcn Pforten, Denn ein Sieger zeucht heran! „Wer ist er, der stille Sieger? „Blut bezeichnet seine Bahn!" Es ist Christ, der Wahrheit König, Der ein Geistesreich gewann. Alle Weisen, alle Guten Aiehn ihm im Triumphe nach: Sie, wie Er, im Blutespurpur, Sie, wie Ec, voll schöner Schmach. Freiheit ist's, was sie errangen, Kette, was ihr Arm zerbrach. König, Zweiter Theil. »SK König, laß von deiner Salbung Einen Othem mich durchwehn, Und die Stille deines Reiches Mir durch Herz und Seele gehn; Laß mich sterbend, laß mich lebend Mit dein Reich von ferne sehn! W e i h n a c h t s g e sa n g. Ewig aus des Vaters Herzen Uns gcborner Gottes Sohn! Aller Scköpfung Licht und Leben, Aller Sünder Gnaden-Thron! Den Gefang'nen ein Erretter, Und den Streitern ew'ger Lohn ! Kommst du endlich aüf die Erde, Den so lang' der Vater Herz Sah und freute sich, erhob sich Noch im Tode Himmelwärts, Dich zu fassen, dich zu ziehen Früher schon in unser» Schmerz? Kommst du endlich? — Und cs schlummert Rings um dich dein Volk und Land! Nacht ist weit umher, und Hirten, Armen Hirten wird bekannt, Wer du bist! — Und hoch in Lüften Wird dein himmlisch Reich genannt: Herders Werhe Llt. u. Kunst, XVI, I II. > 3o Herders Gedicht c. „Ehre scy Gott in den Hohen, Fried' auf Erden: aller Welt Hei! und Wohlgefallen!" Segnend Ruhe rings des Himmels Zelt Auf den Völkern, und die Völker Preisen Gott und ihren Held! Also hör' ich Himmelschöre, Also seh' ich über dir Jenen neuen Stern der Ehre, , Er ruft Völkern, er ruft mir: Höret's Völker, hör' eS Armer, Gottes Sohn bestrahl ich hier! Johannes. 1773. Der Engel des Herrn! Geist und Kraft! Ein Sturmwind, der durch Wüsten rafft; Die Thal' hinauf, die Höh'n zu Boden! Jehovahs Stimme! Sein Ldem! Elias! Wen ein Weib gebar, War keiner größer, als Er war! Johannes! Sollte viel bekehren, Erfreun und strafen, fällen, lehren, Bor-Christus sc>-n ! Zweiter Theil. Am Opfer-Altar Gabriel Verkündet' ihn: „der Windes schnell Vor'm Herrn daher ging! ungcboren Voll Geistes! Aber Volkes Ohren Ein Sausen! Wein und Ueppigkeit Hat er verschmäht! In Freudigkeit Elias, Greise zu verjüngen Zu Kindes Herzen! Volk zu bringen Dem Kommenden! " Sprach Flammen und Schwert: „Otternbruc! „O schauet's, was ihr Früchte thut! „Schon fällt die Axt und schonet keinen, „Volk Gottes kann er aus Steinen „Sich selbst erwecken. Grünest kaum „Lhn' Art und Gutes, öder Baum! „Schon fällt die Axt! Dein warten Flammen, „Die weht Jehovahs Zorn zusammen, „Der Lasterbrut! „Schon tritt er daher, „Worfelt schon! „Und Glut ist Spreu und Unkraut Lohn. „Ich taufe Wasser; Er von Oben! „Seht, wie die Götter ihn loben! „Der Himmel reißt! Der Himmel bricht, „Jehovah kommt! Zehovah spricht: „Mein Auserwählter! Du für allen, „Durch den mir alles soll gefallen! „Und ruht auf ihm. 2 2 l32 Herders Gedichte. „De st es, der kommt, „Gottes Lamm! „Dos Weltcnsünden auf sich nahm ,,Mit Feuer taust die Welt der Bösen — „Bin unwerth, Kleid ihm zu lösen! „Was hat ein Mensch, cs sey ihm dann ,,Gegeben? Er ist Bräutigam, „Ich Führer nur der Braut! von Erde, „Ein Jrrdischer. Er ist und werde „Der Himmlische." Im Feuer empor Fuhr er auf! Vollbrachte seinen Heldenlaus, Elias! Deiner Lebenstage War wenig, Wüst' und voll Plage, Doch groß! — „bist du's, der kommen soll!" Und Tod und Banden sind ihm wohl. Die Sonn' ist da! die Morgenröthe Verrörhct — Schwert im Tan;', o tödte Den matten Knecht! den freien Knecht! Gen Himmel hinauf Folgt ihm schnell Messias! trat, von Blute hell, In die Versammlung aller Lande, Durch größ're Marler und Schande; O, wie umfing er da den Freund, Der irdisch ihm's so treu gemeint, Mit ihm geboren, ihm zu leben, Gestorben ihm, ihm dort zu leben —> An Gottes Thron! Zweiter Theil. iS3 Ein Engel des Herrn, Zeuge - Licht, Wer ist's, wie Du? Nicht selbst das Licht, Nur Zeuge! Wüstenlaut! ein Hullen Vor dem, der ist! Nicht Wicdcrschallen Sein selbst; ach, wen ein Weib gebar Ist keiner, als Johannes war! Wird einst der erste Pfeiler stehen Am Thron! In Siegeskleid ihn sehen, Wer überwand. Darstellung Jesu im Tempel. Den Sohn im Arm, Maria lag Auf -Knieen am Altar, Und dankt' und bracht' ihr arm Geschenk, Ein Turteltaubenpaar, Und brachte mehr als alle Welt, Gott ihren Liebling dar. Und steh, da trat ein Greis zu ihr, (Der Greis'hieß Simeon) Er weinte Freud' und zitterte Und kniet' und nahm den Sohn, Umarmt und drückt ihn an sein Her; Und war im Himmel schon. „Laß mich, laß Herr, nun deinen Knecht „In Friede laß mich ziehn! ,Z4 Herders Gedichte. „Ich habe, was du zu mir sprachst, „Ich sollt' noch sehen, Ihn, „Ich seh' ihn, meinen Heiland! — laß „Nun meinen Blick entflieh»! „Der Menschen Heil, der Volker Licht, „Israels Preis und Ruhm! „Ich Hab', ich schau', ich küsse dich, „Der Erde Heiligthum; — „Und doch" (hier wandt' er tröstend sich, Prophet, zur Mutter um:) „Sieh, er wird Fels seyn! vieler Fall, „Und vieler Auferstehn; „Panier zum Kampf, und, Mutter, dir „Wird Schwert durch's Herz er gehn, „Und vieler, vieler Menfchensinn „Wird an ihm offen stehn —" Der Greis, er sprach's. Des Herren Geist Weht', was er sprach, ihm zu, Der regt' ihn: „Eil' in Gotteshaus, „Den Sohn da findest du!" Er ging und fand und segnet' ihn, Und brach und ging zur Ruh. Und Greises Segen sank auf's Kind, Sein Wort, es drang in's Herz, Er ward der Völker Heil und Licht, Israels Ruhm und Schmerz, Ein Fels zum Fall und Auferstehn, Der Mutter Schwert in's Herz. Zweiter Theil. ,35 Versuchung Jesu. Der Gottessohn vom Jordan kam, Noch schallte Vaterswort: „Mein Eingelicbtec der bist du!" Ihm in der Seele fort. Noch schwebt mit zartem Flug' auf ihm Die Taub' in Blick und Sinn, Wo Vatershuld und Rcinigkeit Und Gottheit wohnte drinn. Wohin? wo wendest du den Gang, Gepries'ner Gottessohn? Gehst einsam, Menschen fern und tief In Wüsteneien schon. Er geht und klimmt zu Gott empor, Vergisset Speis' und Trank, Und ringt und betet, vierzig Tag' Und vierzig Nachte lang. Und kommt zurück und wülhig fallt Nun auf ihn Hungersnoth; Um ihn die weite Wüstenei Und Thicrgeheul und Tod. „Bist du nun, bist du Gottessohn, „In deiner Hungersnoth? '„Sich diesen Stein (der Satan sprach's) „Und sprich den Stein dir — Brod." i36 Herders Gedichte. Und neu mit Löwenklauen fallt Der Hunger an sein Herz, Um ihn die weite Wüstenei, Und in ihm Todesschmerz. „Versucher, spricht er, das ist dein —> „Und was ist Gottes Wort? „Nicht Brod allein, auch Gottes Hauch „Webt unser Leben fort. „Das Wort aus Gottes Mund' cs ist „Dem Armen Himmelsthau," Er sprach's, die Wüste hört das Wort Und ward zur frischen Au. Und schnell die frische Au ist hin, Er steht auf Tempelshöh'n, „Schau nieder, wer kann Schwindello- „Ab in die Tiefen sehn? „Und du, du kannst, ein Gottessohn „Hinab dich senken. Fort „Tragt dich aus Gottes Mund ein Hauch, „(Auch ich weiß Gottes Wort,) „Der Engelschaar um dich, sie wird „Dir ihren Filtig leihn: «Ihr Arm dich tragen, und dein Fuß „Berühret keinen Stein." „Gott, deinen Herrn, versuch' ihn nicht?" Spricht Gottes Sohn, und nah Dem Sturze blickt sein Angesicht, Als war' ihm Eden da. Zweiter Th eil. chm war der Sturz: ein Zauberfeld Mit aller Erde Glück, Lag um sie, Herrlichkeit und Pracht Ging wie im Augenblick Vorüber. Blähend, eingehüllt In Glanz und Pracht und Schein Stand Satan. „Sink' und bete an „Mich — schnell ist Alles dein." „Hinweg, du Satan: sprach der Held, „Gott! Ihn, den Herren dein „Sollt du anbeten, dienen ihm „Und dienen ihm allein!" Hin wich der Satan, zitterte Hinweg des Sohnes Blick, Dem Engelschaar und Seeligkeit Und Himmel kam zurück. Und fort ging Jesus seinen Gang, So fern von Menschenruhm, Von Reichthum, Hoheit, Lust und Pracht Und ging in's Heiligthum. !>" >- rL3 Herders Gedichte. Die letzte Freundesliebe Als Jesus nun zum letzten Kumpf Ging in Gethsemane, Auf seiner Stirne brach schon Angst, Im Herzen Ach und Weh! Zum Vater wallt' er sehnend hin, Zu beten und zu stehn, „Ihr Brüder," sprach er, „harret hie, „Dort will ich beten gehn." Drei liebe Freunde nahm er hin, „Ihr," sprach er, „wachet hier, „Mein Herz ist traurig in den Tod, „Ihr Brüder, wacht mit mir!" Ging hin ein wenig fürder, siel Dahin auf's Angesicht Und betete und zitterte — Die Brüder wachten nicht. „Mein Vater," sprach er, „kann es scyn, „So geh' der Kelch von mir! „Nicht ich; wie du willt! wie du willt, „Mein Wille folget dir!" Er kam, sie schliefen. „Traget ihr „Mein Kreuz mir also nach? „Ach, wacht und betet! Willig ist „Der Geist, das Fleisch ist schwach!" Iw § iler Th eil. King hin zum andernmale, siel Dahin auf's Angesicht, Und zagte tiefer, zitterte, Die Brüder wachten nicht. „Kann nicht, o Vater, kann er nicht „Der Kelch vorübcrgehn? „Ich soll ihn trinken; nun wohlan, „Dein Wille soll gcschchn!" Er kam, sie schliefen — riß sich hin Und fleht zum drittenmal; Der Angstschweis trof von seiner Stirn In Tropfen ohne Zahl. Ein Engel kam zu stärken ihn, Er betet' angstcr, rang Schon mit dem Tode, daß sein Blut Durch alle Adern drang. Stand auf und suchte seine Drei, Fand alle schlummern sie, „Ach, wollt ihr schlafen nun und ruhn? „Die Stund', die Stund' ist hie, „Da 's Mcnschensohn in Sünderhand „Zum Tode von euch geht, „Wacht auf! steht aus! er ist schon da, „Ist da, der mich verrath." Sie nahmen ihn. Der Jünger Haus' Zerstob von ihm im Nu. Wo warst du nun, du liebes Drei, In Ferne schwindest Du! 14s Herders Gedichte. Der nimmer ihn verlassen wollt' Vor aller Jünger Zahl; Der heute mit ihm sterben wollt', Verlaugnet ihn dreimal^ O Jüngertreu! o Menschenwort! O Freundsvcrmessenheit! Wenn Stunde der Versuchung kommt. Wo sind wir weit und breit! Wenn Stunde der Versuchung kommt, Ich wachen soll für Dich! Der Geist, er will, das Fleisch ist schwach, Freund, bete du für mich! Das Abendmahl. Er sprach's und wollte scheiden: „Wie, Brüder, lieb' ich euch! „Noch einen Kelch der Freuden — „Bis Uns in Gottes Reich „Nach Müh und Blut und Streite „Empfangt ein Labemahl, „Genießt an Freundes Seite „Das letzte Freundes - Mahl!" Er sprach's und Herz und Liebe, Umgaben all' ihn da! Verklärt in Gottes Liebe Sie Jesus Christus sah: Zweiter Theil. „Wie ich geliebt euch bube, „Liebt ewig, ewig euch, „Wie ich euch jetzo labe, „Labt einst uns Gottes Reich." Er sprach von Blutvergießen, Von Lieben bis in's Grab: „Mein Blut muß söhnend fließen, „Mein Leben blühen ab! — „Seht, Euch zu Trost und Mulhe, „Seht hier euch ewig Mahl, „Den Bund mit meinem Blute, „Die Feycr meiner Quaal!" „Mein Leib! mein Blut! genießet „Hier ewig meine Kraft, „Des Freundes Blut, es fließet „Zu eures Lebens Saft. „Bald wird sich alles wenden, „Getrost ich bin bei euch, „Hin zu der Welten Enden „Bis hin in Gottes Reich ! " — Er sprach's und ging zum Leiden Vom letzten Liebesmahl; Und ewig nach dem Scheiden Ward cs Sein Abendmahl, Ein Mahl der Lieb' und Thranen, Der Freundschaft in den Tod! Voll Wehmuth, Wonn' und Sehnen Und Labsal hin zu Gott! Auf Paradieses Auen Umarmt er fern sie schon! Vom Kelche konnten schauen Sie auf zu Gottes Thron, Wo einst nach Müh und Streite Und Blut und Kampf und Quaak» An ihres Freundes Seite Empfangt sie Freudcmahl. Das Abendmahl. In jener Nacht, in der Verralh Und Tod sich unserm Herren naht, Nahm Christus, brach ein dürres Brod Und sprach: „so geh' ich in den Tod. „Zerbrochen wird das Waizenkorn, „Mein Leib; doch ist cs nicht verloren, „Es sprießt empor; Nehmt diesen Trank, „Den Kelch zu neuem Lobgesang. „Wie des unschuldigen Lammes Blul, „Gewahrt mein Tod ein neues Gut, „Befreiung von der Sklaverei), „Dankt und genießt! ihr werdet frei. „Zwar werd' ich in der Sterblichkeit „Nicht mit genießen diese Zeit, Zweiter Theil. 14) „Allein sie kommt; dann denket mein, „Mein Geist wird immer bei euch seyn. „Im Reiche Gottes sehen wir „Uns wieder; ihr hienieden ihr, „So oft ihr dieses Mahl genießt, „Denkt meiner, der stets um euch ist." Wir denken dein, 0 Menschenfreund, Der sich mit uns so ganz vereint, Deß Sache unsre Sache war, Der sterbend Leben uns gebar. Wir denken dein, großmüthig Lamm, Das Hohn und Undank auf sich nahm, Der Schmerz und Schmach unv Tod vergißt, Weil er der Menschen Netter ist. Wir denken dein, der hier und dort Mit uns will eins seyn fort und fort, Den Malten, den Gcfall'nen hebt, Und in der Seinen Herzen lebt. Wir treten ein in deinen Bund, Noch sterbend machtest du ihn kund, Befreiung war dein edler Zweck, Aufopferung zu ihm der Weg. Wer nur sich selbst, nicht andern lebt. Im Schlamm der Lüste sich begräbt Und Freund ist alter Heuchelei), Der ist nicht diesem Bunde treu. DZFMMWV.- r^ Herders Gedichte. Wem Wahrheit über alles gilt, Wem Menschen Heil die Seele füllt, Für andre wirkend sich vergißt, Der ist nach deinem Sinn ein Christ. *) Das Grab des Heilandes» So schläfst du nun den Todesschlaf im Grabe, Du junger Held, der schöne Dornen trug. Dein Leben war für tausend Lcbcnsgabe, Dein Tod erquickt auch Sterbende mit Muth. Ruh' dann, crlös't von allem Jammer, Womit dich Menschenhacte traf, In deiner stillen Kammer Den schwer errung'nen Schlaf! Du aber Freund, an diesem bittern Tage Komm, schau mit mir der Menschheit Scenen an. Sieh» welch ein Mensch! betracht' ihn tief und sage: Wer Menschen segnender je werden kann? Komm, laß an seiner Gruft uns denken, Was uns im Tod' allein erfreut; Aus Liebe sich zu kranken, Ist süße Dankbarkeit. In *) Scheint nicht ganz vollendet, Zweiter Theil. I45 Zn Nazareth, am Galilaermeere, Wer gab dem Jünglinge den hohen Geist, Der, wie entkommen schon der Eiden Schwere, Sein Reich den Himmel, Gott nur Vater heißt; Und schaut, wie seine Sonne leuchtet Auf Bost und Gute, wie sein Than So Rost, als Dorn befeuchtet Auf Einer Gottes - Au. „Auf, laßt uns Kinder sehn der Vatergüte, ,,Vollkommen, wie der Herr vollkommen ist:'' So pflanzt er in der Sterblichen Gemüthe Unsterblich Wesen, das sich selbst vergißt, Und im Verborgnen schafft und betet, Für Menschen schasst, für Feinde fleht, Still für die Zukunft säet Und still von dannen geht. ,,Glücksel'ge Armen! glücklich, die da leidest In sanfter Unschuld, die Erbarmend:», Die, reines Herzens, Menschen Fried' und Fbcuöen Und Mitleid reichen und den Haß bestehn. Seyd fröhlich und getrost! euch lohnet Zm Himmel ew'get Trost und Lohn, Wo jeder Gute wohnet, Dem Haß der Welt entflohst. Ahr seyd der Zeiten Licht, das Salz der Erde, Ein Stern der Nacht, ein Keim der Fruchtbarkeit, In euch ist Glanz, damit Glanz um euch werde, In euch ist Reichtbum, der die Erde nniht! Herders Werke Lit, u,Kunst. X VI, K N. i Herders Gedichte. Auf! dringet durch die enge Pforte; Eng' ist die Pforte, schmal der Weg, Der zu dem Freudcnorte Führt unbettlt'ncn Steg. Sv sprach er und ging selbst der Dornen Pfade, Die noch dem Sterbenden sein blutig Haupt Im Kranze schmückten. Haupt, du lächelst Gnade, Als bätte Ros' und Lorbeer dich umlaubt! Entschlummre. Bald wird deine Krone, Siegprangend, wie der Sterne Glanz, Dem Mcnschcngott zum Lobne Ein cw'ger Gotteskran;. Denn, sanft wie Gott, gefällig gleich den Engeln, War Güte nur und Huld sein Königreich. Mitfühlend unsrer Last und unser« Mangeln, Nur sich allein an Kraft und Würde gleich; Ein Gotteseifrcr ohn' Entrüsten, Der, nie verlohnend, oft beweint, Was Menschen dulden müßten, Ein äckter Menschenfreund. Wie? hatt' er nicht schon lebend gnug gelitten? Er, dessen Herz das Mitleid selber war; Ein zarter Sproß, um den die Stürme stritten, Ein Arzt, dem fremdes eigen Leid gebar. „Laß diesen Kelch vorübergehen: Doch, Vater, du hast ihn gefüllt — Dein Wille soll gcschehn! Nicht ich — wie du, Herr, willt." Zweiter Theil. 'ä-47 Er trank ihn: als nun seine zarten Glieder Gefühl der Gottvcrlassenheit durchdrang ; Schon drückte Nacht die matten Augenlieber, Des schweren Hohnes schwarze Wolke sank; Zerrissen war der letzten Schmerzen Geliebter Knote, der den Freund, Mit Freund'- und Mutter-Herzen Im Tode noch vereint: Da blickt' er auf und sah die schonen Auen Die er dem Sünder mitleidsvoll verhieß; ,/Gedenk' an mich Und laß dcitr Reich mich schauen! " — ,,Hcut sollt du's schau'n der Freuden Paradies!" — /,Empfang' in deine Äaterhätide Den matten Geist — es ist vollbracht!" Da kam sein stilles Eiidc, Seiii Auge schloß die Nacht. Nicht Thtanen, Fkcund, ein Leben ihm zu Weihen, Wie seines, das nur ist Religion. Was ihn erfreute, soll auch uns erfreuen, Was er Verschmähte, sey uNs schlechter Lohn. Mit Güte Bosheit überwinden, Den Haß der Welt, wie Er, verzeichn, Zm Wohlthuii Rache finden, Soll Ehristenthum uns feyn. Herders Gedichte. Am stillen Freitag. Er ruhet nun! Ich werde rubn, Wie Er, im kühlen Grabe! Wenn ich, lebt' ich ach! wie Ec, Ausgelebet habe. Er ruhet nun! Du konntest ruhn, Vollbracht dein schönes Leben, Thatig, duldend, ach das kann Ruh' im Tode geben. Auch dornumlaubt, Ersank sein Haupt Sanft, ohne Freundesküssen, Auf ein brechend edles Herz, Auf ein froh Gewissen. Sey Jesu, du Mir Bild der Ruh', Mir ewig Bild im Leben! Wallen laß mich sanft an's Grab, Froh mich Gott einst geben. Er ruhet nun! Ich werde ruhn, Wie Er, im kühlen Grabe! Wenn ich, lebt' ich ach! wie Er, Einst gelebet habe. Zweiter Theil. -49 Der Heiland der Welt. Tod und Auferstehung Jesu. Ein Gesang. Als des Erblaßten Leib in die stille Hohle gesenkt war, Mehr getodtet als Er, irrt' der Verlassenen Schaar; Wie zerknickte Blumen, wie Halme zerschmettert vom Hagel, Wilde zerschmettert, war niedergesunken ihr Muth. Siehe, da hörte ihr Ohr unfern dem heiligen Grabe Stimmen, es dünkte sic lieblicher Hirten Gesang : Genien sangen, der Menschheit Wächter und ihre Begleiter. In der unsterblichen Chor hob sich dcrTrauren- den Herz, In der Traurenden Herz goßcn sie himmlischen Trost: Die Genien. „Unser Führer erblich! seinen Geliebtem Freund und Vater, ein Hirt jedem verirrten Lamm, (Seht, die schmachtende Heerde Drunten schmachten im Todestbal) Führt die irrende Schaar, leitet zu Quellen sie, Herders Gedichte. i5o Quellen himmlischen Trunks, süßer Erwartungen- Denn der Bote des Lebens — Ist nicht todt, o, er schlummert nur. „Wiederkommen wird Er, seinen Verlassenen, Wiederkommcn ein Stern aus der umwölkten Nacht; Bald erscheinet die schönste Morgcn-röthe den Träumenden. Und sie werden ihn sehn; (wecket den zartesten Ton, den ihnen in's Herz schciduid der Edle goß!) W i c d c r k o m m en, ich will euch Zu mir nehmen, ihr sollt mich sehn, „Und euch freuen; wie sich ihres gebornen Sohns Eine Mutter erfreut; wje den gestorbenen Sohn der liebende Vater Lebend neu in die Arme schließt. Und sic werden der Welt werden, was Er ihr war, Jedes irrenden Lamms Hüter; in tiefer Nacht Segnend leuchtende Sterne, Er, der strahlende Morgenstern." Labend goß, wie erfrischender Thgu auf schmachtende Blumen, Sich der Himmlischen Lied in der Erstorb'nen Herz. Und sie wagten es, ngchzusiltgen dem Liede der Wach? ter, Zweifelnd löset? sich ihre beklommene Brust: Die Jünger. ,Wiederkommcn wird Er, den sie verschmaheten.', Zweiter Theil. r5r Wiedcrkommen auch uns, den wir verlaugncnd flohn; War die Heerde des Hirten, War die Aue des Sternes wcrth? Frieden gab er der Welt; aber sie kannt' ikn nicht! Wahrheit; und sie verschloß lästernd die Augen ihr. Welchen Sklaven die Kette Freut, genießet die Freiheit nie." Und der Gesang der Genien tönt in vollem Chören: Von der heiligen Gruft tönte das Echo darein: Die Genien. „So hoch der Himmel über der Erde, sind Gedanken Gottes über der Menschen Sinn. Der Morgensonne Thau befeuchtet Rosen und Lilien, Stepp' und Dornen. „Was nicht geschehn ist; (Alles hat seine Zeit,) Wird werden; Rüstet Herzen und Geist und Hand, Die Cent' ist groß, erhebt das Auge; Schauet die Fluren, die euch erwarten Im goldnen Kleide. Retter und Wächter seyn Der Mcnschenseelcn: lebend und sterbend sich Der Wahrheit weihen — macht unsterblich; Denn sic ersteht die begrabne Wahrheit!" Da ging die Morgenröth' empor; ein Sturm lDer Herr war nicht im Sturm) erschütterte Das Felsengrab; die Erde bebt'; cs sprang Des Grabes Siegel und der Fels entwich. Ein Feuer rings umstrahlete das Grab.; (Der Herr war nicht im Feuer) und ein Hauch Vom Munde Gottes weht im sausten Kuß Dem Tobten zu: „Erwache! " — Da erstand Der Erstling Gottes; alle Genien Der Menschcnvölker flößen hin zu ihm« Dem ersten großen Genius: zu Ihm, Dem Schutz und Retter« und Beseliget Und Fördrer seines Volks Aecnen hin. Doch Er« aus ihrer Milt' enteilend, sucht Die Seinen aus und ruft mit Liebelaut: Marsa! Der stille Triumph Jesru Brüder Jesu« kommt und singet Eures Königs Reich! Euer Lied und Euer Leben Scy dem Herren gleich! Von der Erd' hinauf gen Himmel Tone inein Gesang! Bon der Erd' hinauf gen Himmel Ging sein stiller Gang. Preiset Himmel, preiset Erden Gottes Wunderratb; Seine Li b und Allmacht wurden Stille Menschenlhat- Zweiter T h c i I. r53 Seine Lieb und Allmacht gingen Tief verkannten Gang , Von der Erd' hinauf gen Himmels Sing es mein Gesang! Ewig aus des Vaters Herzen Uns geborner Sohn, Aller Schöpfung Licht und Leben, UnH der Ljcbe Thron, Kamst du nieder, mitzufühlcn Unser Mcnschenberz, ßs zu heben, es zu leiten Himmel - himmelwärts! ' » » Heffnet euch, jhr ew'gen Pforten« Denn es zeucht heran Blutgefarbt der edle Sieger, Der sein Volk gewann! Alle seines Reiches Guten Folgen still ihm nach: Sse, wie Er, im Doenenkranze, Voll von schöner Schmach, Wahrheit Gottes war ihr Leben, Ihrer Liebe Glut; Hoffnung Gottes war ihr Streben, War ihr ewig Gut- Schaar der Lebenden und Tcdten Freue, freue dich! iSg. Herders Gedichte. Ob sein Saamenkorn verweset, Blüht cs ewiglich. Wo die Abendrötbe leuchtet, Wird sein Reich einst glnhn; Tief im letzten Keim der Schöpfung Wird sein Segen blüh». König, laß mich deines Reiches Komimn freudig sebn: Laß mich lebend, laß mich sterbend Mit dein Reich erhöhn! » Jesus. (Nach Valentin Andreä.) Scy gegrüßet, schönste Blume, Aller Menschheit Blume du! Zu dir kommen alle Frommen. Gottes Gnade, Himmels Zier Wohnt in dir. Ich komm auch; o war' ich kommen Lange schon und hatte Ruh! Lange bin ich irrgegangen, Suchte Ruh an falschem Ort. Meine Augen geh'n mir über, Und voll Wchmuth ist mein Herz , Zweiter Thei!. i55 Ist voll Schmerz: Denn ich suchte dich nicht, Lieber! Suchte mich n"r hie und dort. Könnt' ich, was ich suchte, finden? Wo ist Ruhe ohne dich? Gcistesqualen, Herzensquälen, Brunnen fand ich ohne Trank! Khne Dank Martern sich der Menschen Seelen, Martern oft sich ewiglich- Zn die Schöpfung will ich gehen, Sprach ich, da ist Gott gewiß. Unter Blumen werd' ich finden, Der der Blumen Vater ist. Mo du bist, Laß dich, Vater, laß dich finden. Hier, o Gott, bist du gewiß! Uebexall sah ich die Spuren Seiner nahen Gegenwart; Ahndet' Ihn auf Thal und Höhen, Fragte rings die Kreatur: Seine Spur Sah' ich; habt ihr Ihn gesehen ? Wo ist seine Gegenwart? Sey gegrüßet, schönste Blume, Du, der Gottheit Abbild, du! Lilien und Rosen blühen Um dich, und dein Dornenkran; Ist voll Glanz. - ' ^-- i56 Herder» Gedichte. Was soll ich mich weiter müden? Den ich suchte, Gott, ist hier! Kommt zu Ihm, die ihr mühselig Und beladen, suchet Rub! Er, Er wird euch Geistesleben, hlnschuld, Liebe, süße Kraft, Hcrzcnssast, Gottes Rah wird Er euch geben! Gott im Menschen — das gicbst du! An de n Erlöse r. *) Du Rose okme Dorn, der Menschen Heil! Und aller Freude» voll — Ich gebe mich zu deinem Theil, Als ich von Rechte soll. Du kannst beschirmen mich für Sünden und für Schanden, Mich lösen von des Satans Banden, Die er an mich gelegt, so manche, manche Weis'—> Erlöse mich! Hab' an mir deinen Preis! *) Nach einem Gedicht Meister Stollen im ritten Jahrhundert. lJn dem Jenaischen Codex» u. abgcdruckt in der Müller'schen Sammlung deutscher Gedichte, Berlin 178!,. B. 2, rh6 ff.) Zweiter T h e i I- Der Mann Kat immerwährend Leid, Ist unstat immerdar, kennt keine Seligkeit, Der dich nicht kennt; er lebt in freudelosem Wahne, Verflicht sich immerdar in neue wüste Plane — O hilf mir, daß ich werde frei, Und hier und dort ohn' Ende bei dir fcy! Der H o c h g e l o b t e. *) Lob aller Engel! Lob der Christenheit! — Und lobte dich in Ewigkeit, Was Othem hat, noch wäre nicht gesungen Dein Lob, o Herr! du hast den Tod bezwungen Den Himmel, Herr, uns wiederbracht Durch deines Blutes Macht! Seit unser Herr vom Tod erstand , Beut er uns feine Hand. Ein milder König! Löset uns von Pein, Daß wir Sein eigen feyn. Wer seines Himmelreichs von Herzen nur begehrt, Iürwabr, dem wird's gewahrt. Er laßt genießen uns des Lobes, Damit Sein Gott ihn preist. Wer recht Ihn seinen Herren heißt, Wird von der Sünde frei und nimmer satt des Lobes ! ) Ebenfalls nach Meister Stollen. e53 Herders Gedichte. Die Unbeständigkeit der Welt.*) Was mag gelicben Dir an der Unflätigkeit? O meine Seele/ prüfe dieser Zeit Und dieser Welt Bestand. Wer heut auf guter Fahre fahret, Ist morgen todt! hat er kein Vaterland, Das ewig wahret: O weh, o weh, wozu hat er sein Herz beschweret? Die Welt, sie baut auf ein gar krankes Eis, Wenn es die Sonne nnn verzehret, Wo bleibest du, hast du kein festes Land, Das ewig wahret? Die Welt ist Einen Augenblick Vorbei mit ihrer Freude: Die Sünden sind der Seele Strick, Zu fesseln ewig sie dem Leide; Ist Welt und Freude nun vorüber, Gebund'ner, armer Geist, was hatt'st du ißö liebet? Hilf, o Befreyer, Jesu Christ, Daß sich mein Kummer wende, O du, bev dem die Freiheit ist, Und Seeligkcit olm' Ende Weit über all mein Lob ist deiner Güte Werth; Du hörest gern das Lob, das deiner Huld begehrt- *)»Nach Meister Stollen. Zweiter ZA) c i l. Und wer so recht kann loben immerdar, Herr, Deine Huld und Deine Treu, Wird lobend von der Welt und ihren Banden frey. P f i n g s t g e s a tt g. Komm Schöpfer Geist, besuche du Dein Werk, der Deinigcn Gemüth, Und fülle selbst mit Himmelshuld Die Herzen, die du bildetest! Du heißest unser Rath und Freund, Des Höchsten theurcstes Geschenk, Ein Lcbensquell, ein flammend Licht, Des Geistes Salbung, Lieb' und Lust. An Gaben bist du reich und groß, Ein Finger Gottes der das Herz Uns bildet und der Zunge Wort, Und bildest und belebest uns. Auf dann! sev unsrer Seele Licht, Sey unserm Herzen Liebe! sey In unserm schwachen Gliederbau Uns Starke, ew'ge Starke du! Und treibe fern von uns den Fernd Und schaffe Fried' im Innersten, t 6o H trd e r s G e d i c h t e. Daß wir- vermeidend alle Schuld, Fortan nur dir Nachfolgen , dir! Daß wir, o Geist! durch deine Hulb Den Vater kcnneN und den Sohn! Du, beider Geist, verkläre sie Und nimm mit ihnen unfern Dank! Kyrie Eleison! Einiger! Und drei in Einigkeit! Vater, Sohn und hcil'ger Geist! Brunnqucll du uNd Strom und Allbelcbct! Erbarm dich unser! Christus, aller Welt Heil! Uns allen zu Thcil Bist, der du bist! — O Jesu, Gottes Sohn, Bruder, Mittler Dort am ew'gen Thron: Zu dir schrey'n-wir Mit Herzensbegicr, Erbarm dich unser! Herr Gott, heiliger Geist! Kraft und Geist sey uns, wie du es heißt, Daß Zweiter Th eil. iLr Daß wir vom Ecdenthal Auf einst schwingen uns zu jenem Lichtsaal! Erbarm dich unser! Die Gemeine des Herrn. (Nach Petcrsen.) 1769. Hort! cs singen Harfenspieler Droben hoch im Hciligthum! Hort und lernt, des Himmels Schüler Alle singen Gottes Ruhm! Jeder ganz nach seiner Weise Tief von Herzen, und allein, Und doch stimmen alle ein Lieblich, einig, Gott zum Preise! Hört! so wird der Geist gesandt, Siebenfach in alle Land. Wie sie droben lieblick) spielen, So ertönet überall, Wo hier Seelen himmlisch fühlen, Zarter, leiser Wicderhall. Tief im Herzen wird's so stille! Jst's so heilig, lieblich, rein! Da ertönt denn Engelfein Herders Werke Sir. u.Kunst. XVl. L II. »62 Herders Gedichte. Harfenklang in sanfter Stille, Und der Harfen Himmelston Tönet auf zu Gottes Thron. All' ein neues Lied sie singen, Das kein andrer lernen kann, Als die auf zum Lamme dringen Auf der Ueberwinder Bahn! Rein und heilig und Jungfrauen Alle Christus Ebenbild, Alle seines Sinns erfüllt, Er in allen anzufchauen! Von der Sünde rein und gut Sie gewaschen durch sein Blut. Erd' und Himmel ist verbunden Durch der Ueberwinder Zahl. Wie die droben überwunden, Hört man ihren Freudenfchall Wicderklingcn hier auf Erden; . Wie sie droben lobend stehn, Werden wir auch lobend gehn, Lobend dort gekrönct werden! Ihr und unser Bruder ist, Aller Bruder, Jesus Christ. Und Ein Geist in allen Kräften Und der Eine Gottesgcist Geht durch Stimmen und Geschäfte, Die er alle klingen heißt: Ein Lied Gottes, das sic singen Ueberall im Heiliglhum, Hoch und nieden, um und um Zweiter Theist »63 Ist es stille, und sie singen, Wie jedwedes Tiefe wird Von der Geisteskraft gerührt. Alles ist Ein Strahl von oben, Eines Geistes Ucberfluß, Wenn sie Gottes Werke loben, Wie Er alles wirken muß. Jesus Wott in allen Stimmen, Aller Lichter Jesus Licht! Wie in seinem Angesicht Alle Strahlen lieblich stimmen, Und in seinem Gottes-Werk Aller Glieder eine Stärk'! Aller Glieder Chor anstimmet Und lobsinget unserm Gott, Jeder singt in seiner Stimme Dank dem Herren Zebaoth! Nehmt die Harfen, Harfenspieler, Lobet Ihn in Einem Geist! Himmel, Erde! preiset! preist! Ihr die Meister, ihr die Schüler, All in Einem Ehore preist Gott in Einem, Einem Geist! L 2 Herders Gedichte. >64 Confir mationslied. Die Gemeinde. Tretet zum Altar des Herrn, Kinder, Gott euch zu geloben! Was ihr bittet, hört Gott gern, Euer treuer Vater droben. Was ibr kindlich ihm versprecht, Macht euch gütig und gerecht. Unsre Menschenseligkeit Ist ei» rein und gut Gewissen; Dies zu haben jederzeit, Kinder, seyd mit Ernst beflissen; Wer sein Herz in Frieden hält, Hat den Himmel aus der Welt. Die Kinder. Wir treten freudig zum Altar, Uns unserm Gott zu weihen, Ihm sind die Herzen offenbar, Er kennet seine Treuen, Db ich es mepne oder nicht, Wenn meines Mundes Wort cs spricht. Sein bin ich ja mit Leib und Geist Und allen meinen Gaben; Was man aus Erden glücklich preißt, Kann ich durch sie nur haben. Er gab mir Glieder und Verstand, Und Eltern, Freund und Vaterland. Er gab Gesundheit mir und Kraft, Und Freuden meiner Jugend; Wie man auf Erden Gutes schafft, Gefälligkeit und Tugend, Wie man von sich die Noch entfernt, Hab' ich erkennen froh gelernt. Was ich erkannte, Hab' ich Lust Mit ganzem Ernst zu üben, Aus redlicher und treuer Brust Vor allem Gott zu lieben. Den Nächsten, nicht mir selbst allein, Ihm dienen, ihm gefällig scyn. Mit Hand und Mund weih' ich mich dir, O Gott zu deinem Kinde. Du machest froh das Leben mir Und seine Last gelinde. Was ich vor deinen Augen thu, Das giebt mir süßen Fried und Ruh. Vor deinen Augen will ich dann Stets fromm und redlich handeln , Und nie der Spötter böse Bahn Nach eitcln Lüsten wandeln; Zum Abgrund eilt der Bösen Schritt Und Reu' und Strafe folgt ihm mit. Der Weg der Guten führt hinauf Mit Licht und Wohlgefallen. ,68 Herders Gedicht Gen Himmel gebt ihr froher Lauf, Ein Glanzbild ist er allen. Von Gott und Menschen wird geliebt, Wer sich der Tugend rein ergiebt. Wir weihen uns der Tugend ganz Eilt Herz und Sinn und Kräften. Es leuchte um uns Gottes Glanz Au jeder Art Geschäften, Und in uns wohn' ein guter Geist, Der stets das Richtigste uns Weist. Schaff' in mir Herr ein reines Herz, Ein neu und gut Gewissen , Das nie in Freud und nie im Schmer; Von Schaam und Ron darf wissen t Froh tret' ich vor die Augen dir, Den guten Geist nimm nie von mir! Die Gemeinde. Seyd gelobt dann und geweidet, Dem Vater, der in euch sich freuet, Der eures Lebens Bahn regiert! Eure Tage sind gezahlet, In Gottes Buch und keinem fehlet Der Segen, der den guten führt. Mit Euch scy Glück und Heils Euch scn das beste Theil, Herzensfrieden, Und froher Muth, Das schönste Gut Beschicken dem, der Gutes thut ^ 7 ' ' Z w e i te r Th eil. 167 Laß sic wachsen und gedeihen Und Menschen sich an ihnen freuen Als Bäumen der Gerechtigkeit! Gehn wir einst zum Staude nieder, O Herr so muss' in ihnen wieder, Aufblühen eine bcssre Zeit! Ein neues Licht vom Herrn, Auf Erden nah und fern Fried und Freude! Wir wollen nie Verlassen sie! Begleiten sie mit süßer Müh. Lied des Lehrers. O Vater, Vater, Dich soll ich Die Menschenkinder lehren! O lehre mich, erhebe mich, Dein Wort nur m i r zu hören, Und laß es denn im Munde mein, Den Brüdern Milch und Honig sey», Es ewig zu genießen, Es ewig fort zu gießen! O Gott, 0 Gott, verdiente ich, Ich deinen Sohn zu kennen? Du wähltest, du geliebtes! mich, In ihm nur dich zu nennen, Und zeigtest mir dein Himmelreich, Verbargen sonst uns allzugleich; rtiü Herders Gedichte. Was Witz und Weisheit schweiget. Hast du mir, Herr, gezeiget. Geheimnis?! Gottes Mcnschcnplan, Du Schatz der Ewigkeiten, Wie lieb' ich dich und bete an, Und dürste fortzuschreiten, Zu dir, der du mir Alles bist, Und dies inein armes Ich erkiest. Mir drinn in Himmelsstille Zu werden Licht und Fülle? Ich hörte den Gesang der Nacht, Das Lied der stillen Sterne; Ich sah den Schauplatz deiner Macht, Nur ahndend dich von ferne. Und Herr, da wardst du mir so nah. Dort überall und hier mir da, Wo sich's im Herzen reget, Wo dieser Puls dich schlaget. Ich fragte Sonn' und Mond und Stern, Dort Himmel und hier Erden, „Saht ihr ihn ? " — „Sahn ihn nur von strn, „Sein Hauch nur hieß uns werden; „Ein Wink aus jener Dunkelheit, „Wo Er sich selbst ist Licht und Kleid, „Nur dieses Winkes Zeugen, „Verkünden wir und schweigen. " Umringt von lichter Dunkelheit, O Gott! sank ich danieder, Zweiter Theil. r6g Fand Alles voll von dir allweit, Und Alles öde wieder, Und achzctc , dich nah zu sehn, Und Herz, tief in dein Her; zu geh'n Am Brunnquell aller Gaben Mich innig satt zu laben. Da sprach statt Sonne mir und Stern, Ein Bruder mir auf Erden: „Was tappst du da, so matt und fern, „Hieß er nicht Mensch dich werden ? „Und hat dir in dein Menschenbild „Der Gottheit Kräfte lief verhüllt, „Und sollt am Quell der Gaben „Dich satt, o satt einst laben! „Er ward, wie du!" — Mein Schöpfer dort, Mein Bruder hier auf Erden, Du wurdest Ich! Ach immerfort Soll ich, was du bist, werden! Dich suchen nicht auf ödem Thron, Dich schaun in mir, dich schaun im Sohn, Daß mir ein Bild der Liebe Mir in mir ewig bliebe! — Daß ich verklärt in's Angesicht Des Sohns den Vater preise, Und fühle nur, was mir gebricht, Und sey mir selbst nicht weise, Nicht mächtig, als in Vaters-Kraft Und saug' am Bruder Lieb' und Saft, Und steig' auf dieser Leiter Der Menschengvttheit weiter! i?a H e rders Ged i ch te. Weg, Sonn' und Mond und Siebenstern, Jbr Flimmer seines Thrones! Ihr glimmt und leuchtet nur von fern Dem Fußtritt seines Sohnes. Sein Bild bin ich! Lin Gcttesbild In diesen Leichnam tief verhüllt, Und werd' einst aufwärts flammen Mit Ihm, Ihm selbst zusammen. Noch sind wir nicht, was einst wir scyn, Sind hier nur Todsgebeine; Und doch, doch sind wir sein Gebein, Mein Herz hier ist das Seine. Gesäet jetzt in Gottesland Verwes' ich, mir noch unbekannt, Dort, dort werd' ich mich kennen Und mich in Ihm nur nennen! O Licht, Du Gottes - Menschen-Plan , Du Schatz der Ewigkeiten! Ich liebe dich und bete an, Und dürste fvrtzuschreitcn, Zu Ihm, der mir nun Alles ist, Und dies mein armes Ich erkiest Zu seyn, wonach ich thcane, Und mich ermattend sehne.. Zweiter Theil, 17 » D a n k l i e d« Was bin ich, Gott? was, Herr, bin ich? Der's wagt, zu dir zu singen! Herr starke mich! Herr lautre mich! Mein Herz dir zuzufchwingen: Ein Opfer, wie du's nie verschmäht, Ein Schuldzerknirschtes Angstgebet, Das noch, Herr! an dich glaubet! —- Wer war ich, da du riefest mich Und nanntest wich mit Namen! — Du riefst mich; Herr, ich preise Dich, Ich, dein Geschöpf, dein Saamcn! — Vor tausenden von dir beglückt, Vor tausenden hat mich entzückt Dein Wort, Herr, deine Lehr?! — Ich sah, was, Herr, nicht tausend sebn; Was hast du, Herr, zu sodern! Ich gieng wo tausende nickt gehn — Herr, soll, mein Licht Verladern? Mein Fünklein in der Asch', es flehti Es blinkt hinauf und will Gebet Und ach! es sinkt danieder! — Ach, Jesus Christus, warst du gleich Dem Schwächsten deiner Brüder, Und gicngst aus deines Vaters Reich Und sankst zur Erde nieder: Dem Aermsten, Schwächsten gleich zu. seyn Herders Gedichte. Und fühltest Schwäche, Müde, Pein, Und klagtest gottverlassen: Und giengst binauf in Baters Reich, Den Schwächsten zu erhören: Der Schwächste soll dir werden gleich An Sieg und Lohn und Ehren — Herr, wo du flehtest, fleh' auch ich! Erhörter, ach! erhör' auch mich! — Hilf mir zu deinem Bilde! — Au deinem Bild', o -Menschensohn Und Gottes Sohn dort oben! Daß ich, auch Ich dich könn' am Thron Und schon im Staube loben! Daß ich, auch ich, schon Dich hier seh', Schon hier von deinem Geiste weh', Weh' in mich Kraft des Lebens! Und meine Zunge singe Preis Und Dank mein Herz dir schlage. Und meine Stirn, in Todesschweis Dich nicht mehr, Herr verklage; Dir glänze, Herr, von deinem Licht! Und all mein Todtenangcsicht Dein Licht, o Herr, belebe! Und all mein Todtenleichnam weh', Weh' auf von Kraft des Lebens. Und ach! mein blödes Auge seh', Seh' nimmermcbr vergebens Dein Gotteslicht! — Es werde mir Zur Flamme, die mich, Herr, vor dir Durch Tag' und Nachte^lcite! Zweiter Thcil. »73 Was bin ich, Gott? was, Herr, bin ich? Dies Herr von dir zu singen ? Herr, starke mich, Herr läutre mich, Mich auf zu dir zu schwingen, Daß nicht mein Flehen selbst ein Pfeil Des Rächers werde! — Daß es Heil, Heil in mein Wesen senke! Vor tausenden bin ich beglückt, O Herr, durch all mein Leben; Vor tausenden will ich entzückt Vor deinem Throne schweben. Herr! in der Asch' ein Fünklein! — Sieh In deiner großen Harmonie Auch Ich ein Nachhall! — Amen i Nachahmung Jesu. Lebten wir, ihr Christen, so auf Erden, Daß wir Christo mochten ähnlich werden! Durch Lieb und Leiden, Gieng er auf zu Gott in's Reich der Freuden. Sohn war er, 0 mit wie edlem Geize Gottgehorsam, bis zum Tod am Kreuze; In Vaters Willen Alles bis zum Tode zu erfüllen. „Wer ist Mutter mir? wer sind mir Brüder ? „Die mit mir zu Vaters Willen nieder 174 Herders Gedichte. „Danieder sinken, „Und in Gotterkenntniß Leben trinken. „Ewig Leben ist's, den Vater kennen, „Ihn im Bruder, Sohne, Valet nennen l „In Kindcsglauben „Nie, sich nie den Vater lassen rauben." Ruft er nicht am Berg' in Todcswehc: „Meiner nicht, dein Will allein geschehe! „Geh' Kelch vorüber, „Oder nicht — Sein Wille ist mir lieber!" -- Hing er nicht aiN Kreuze gottverlassen, Unter Menschenfluch und Sünderhassen? Da gab sein Ende Vater, dir den Geist in deine Hände! Ach, er hielt's nicht Raub, mit Gott zu prangen, Mensch zu werden, das war sein Verlangen. Ihr Menschenbrüder, Mensch zu werden, stieg er zu uns nieder! War nur Gottessohn in Menschenliebe; Liebte Menschen, nur mit Gottes-Tri.be, Sie zu erretten, Sie zu freien aus der Laster Ketten. Sünder sucht' er, war ein Arzt für Kranke, Speis' und Trank war ihm der Gootgedanke: Sein Blut und Leben Für die Brüder alle hinzugeben! — Zweiter Theil. 17» Sucht' er je, womit er Ruh sich pflegte? Halt' er nur, wo er sein Haupt hinlegtc? Der Erde Kronen War ihm Lohn, den Satan konnte lohnen! Mensch für alle, Bruder alter Brüder, Bild und Haupt für alle seine Glieder. Des Lebens Quelle, Die durch alle rinnet, trüb' und Helle! — Hell', v Helle rinn' in uns, 0 Leben, Ehristusleben! sich Gott binzugcben, Durch Lieb' und Leiben Aufzusteigen in sein Reich der Freuden! Freut euch meine Glieder, Christus Glieder! Christus Geist, 0 hauche sanft hernieder, Die Todgebcine Sind ja ihm zur Auferstehung seine! Christus Bild, wenn wirst du mich verklären? Grab, wie lange, lange, wirst du wahren, Eh' er im Lichte Mir erschein' und Gottes Angesichte? Harr' auf Gott, 0 Seele! Harr' und warte, Wie auch er ja lange Gott erharrte: Ein Knecht aus Erden, Nichts zu scyn, heißt Christus ähnlich werden. Hat? ich Menschen-, hat? ich Engelzungen, Würde Gottes Lob von mir gesungen, Wie ein Sternen-, wie des Himmels Sang: Und mir fthlcte die Liebe, — Liebe, Liebe, Ohne dich sind meine Lieder todter Schellcnklang! Hall' ich Prophezeihung, alle Tiefen Der Geheimnisse, Eckenntnißtiefen, Berge zu versetzen hat? ich Macht: Und mir fehlete die Liebe, — Liebe, Liebe, Ohne dich war' all mein Glaube, all mein Wissen Nacht! Gab' ich Armen alle meine Haabe, Gabe meinen Leib zur Gottcsgabe Preis dem Feuer, lachete der Glut: Und mir fehlete die Liebe, — Liebe, Liebe, Ohne dich ist Thun und Leiden, leere, blinde Wuth ! — Liebe du bist gütig, freundlich, milde, Neidlos, eiferst nimmer toll und wilde, Nimmer stolz und ungebcrdig nie, Nicht argwöhnisch, fuchst das Meine, Nicht ') Nach r Corinth. Zweiter Theil. ^77 Nicht das Deine; Nur die Wahrheit, nicht die Lüge, Gutes freuet sie! — Alles deckt sie, glaubt sie, hofft sie, duldet, Duldet Alles, was sie nie verschuldet, Liebe, du wirst bleiben, Du allein! Alle Gaben werden schwinden, Sprachen schwinden, Alles Stückwerk dek Erkcnntniß; Liebe nur wird seyn. Stückwerk ist mein Wissen, Mein Dergleichen; Kommt das Ganze , muß das Stückwerk weichen; Kind ist Kind, und klügelt' wie ein Kind. Wird ein Mann an Kinderchen Sich erfreuen? Er, ein Mann, ist männlicher gesinnt. Jetzt im Räthsel, jetzt im dunkeln Spiegelt Einst erscheinet uns der Wahrheit Siegel Wirklich: Angesicht zu Angesicht; Glaube bleibet, Hoffnung, Liebe, Doch die Liebe Ist die größte aller, Liebe nur weicht nicht. Herders Werke. Lrt. u. Kunst. XVI. M 6ellr'cAie» II. Herders Gedichte. 178 M e n sc h e n b e st i m m u n g. Sey, was du bist und werden sollt In deines Lebens Schranken! Im Feuer lautert sich das Gold, Steh' fest und ohne Wanken. Den Läufer, und hätt' er auch viel Besieget, kränzet nur das Ziel. Um schlechten Lorbeer kämpft der Held, Der nur um Ehre kämpfet. Wer in und um sich eine Welt Voll mächtiger Feinde dämpfet, Und für die Menschheit Segen streut, Der ist's, deß sich die Menschheit freut. Die Blinden seh'n, die Lahmen geh'n, Sprach Christus, sagt es wieder! Der Tauhe hört; rs aufersteh'n Die lobten. Hört die Lieder Des Stummen, hört der Armen Ruhm, Mein tröstend Evangelium. Du watest, der du solltest seyN, Ein Hülfgott aller Armen. Dem Namen nach, Herr bin ich dein, O laß mit Thaterbarmen, Zu Meinem und der Menschen Wohl Mich auch sepn, was ich werden soll! Zweiter Th eil. r79 Gebrauch ver Gaben» Die Gabe nimmt sich niemand; sie Wird ihm von Gott verlieben; Nur wer sie mißbraucht, dem wird nie Der Mißgcbrauch verziehen. Wer sie nicht brauchet ganz und recht; Ist ein verworfner böser Knecht. Herr, lehre Mich Zufriedenheit Durch rechten Brauch dck Gabe! Weit Aber meine Dankbarkeit Reicht, was ich von dir habe. Hatt' ich gethan auch noch so viel, Wie ferne bin ich noch vom Ziel! Wo irgend eine ThkaNe fließt, Die ich wohl trocknen könnte, Wo irgend sich ein Gram eraießt, Der mir Zutrauen gönnte, Und ich nicht, was ich soll, gethan, O Herr, das Nichtthun klagt Mich an l Wo Mängel ich und JkrthUM sah — Wie viele sind hienieden! — Und Mein Gewissen trat nur nah: Die Pflicht ist dir beschicken, Zu helfen hier ist süße Müh Wie oft, Herr, unterließ ich sie! M s MV «E' -««Kl.- »«Bt -«Mt Herders Gedichte. r8o Und doch ist Menschenseligkeit Nur Eine, daß ich wollte Erfüllen, was die Pflicht gebeut Und treu ich leisten sollte. Was niemand, als ich, konnte thun, Zu thun, heißt in der Pflicht beruh'». Erbarmen Herr und Liebe hebt Uns über alles Streben; In guter Menschen Herzen lebt Sich wohl das schönste Leben; Kür andre wirken, ist uns Ruhm Und Trost und Evangelium. Und ach wie viel verstrichen schon Mir Tag' und Jahr' und Krastel Und ist verhallt des Lebens Ton, Vertrocknet seine Safte, — Wer täglich seinen Tag verlor, Ist bis zum letzten Tag ein Thor. Herr, hilf mir, baß ich werde bald- Was je ich werden sollte, Und eh' die letzte Stunde schallt, Daß ich es ernstlich wollte! Im Tod' und Leben ist uns wohl, Wenn man das ist, was man seyn soll» Zweiter Thcil. Zufriedenheit, Das süßeste Genießen Ist, nichts von Stolze wissen, Sich seiner Demuth freu'n. Wer seiner Pflicht sich freuet, Und jede Hoffarth scheuet, Der fühlt das Glück, Er selbst zu setM. Was nützen uns die Gaben, Die wir, nicht andre haben, Wenn wir nicht brauchen sie! Was stören uns die Gaben, Die andre für uns haben! Wer sich hat, der entbehrt sie nie. Mit dir hast du verloren Dich selbst, dich selbst, den Thoren, Der alles übernahm. Was hast du, als dein Leben, Und ward es dir gegeben, Daß du's verschwendetest im Gram? Herr, laß uns unser Fehlen Und unsre Tage zahlen; Nicht Eitelkeit uns sreu'n. Laß uns selbststchend werden, Und vor dir hier auf Erden, Wie dort im Himmel Kinder seyn! 1L2 Herders Gedieh tc. Was nützen uns Geschäfte, An die wir unsre Kräfte Verschwenden ohne Pflicht? In uns, in uns zu wohnen, Uns durch uns selbst zu lohnen: Die Demuth gieb uns, Hochmuch nicht' In Wolken schwinden Dünste, Nach Wolken zielen Künste, Die sich des Leeren freu'n-, Zn wem sich Menschheit reget, In wem sich Krott beweget, Der fühl' das Glück, Er selbst zu seyn- Gebrauch leiblicher Gaben- Wie klein! wie klein ist doch dein Herz, O Mensch! bedenk, du tragest Schmerz, Warum? um zeitlich Gut! — Die wahre, wahre Seligkeit, Die regt dich nicht in Lieb' und Leid' — Was Hilst dir Reichthum, Lust und Ehr? Sie sind nur Unruh und Beschwer, Ist nicht dein Herz in Ruh- Ertrink' in Buchen Milch und Wein, Die Quaal wird immer Quaal dir seyn! — Zweiter Th eil. i83 O wie so schwer zu glauben ist, Daß Geist und nicht der Mund genießt, Daß Geist es sey allein, Der sieht im Aug', im Obre hört, Und sich von Gott und Geist nur nährt! O wie's so schwer zu glauben ist, Daß wer nur Hüll' und Schaaken frißt, Nicht Mensch sey, sondern Bieh! — Daß Saft und Kraft im Innern wohnt Und nur den Hindurchbrecher lohnt! Ja Alles, Alles ist von Gott! Er ist in Lieb', Er ist in Noch, Ist Gott in Mensch und Stein! Nur, Blinder, soll er dir im Stein, Wie oder Mensche ngott dir seyn? — Ja, Menschengott! Herr Jesu Christ, Der du, was Gott und Vater ist, Uns, unser Bruder, zeigst. Erbarme Dich, von deinem Geist Gieb jedem, der, wie du sich heißt! — Daß Mensch in menschlicher Natur Nur schmecke Gott! daß jeder nur Dich fühle Jesus Christ, Der Menschen Bruder, und so frei Und rejn, wie Gott und Christus sey, — Daß ich in aller Erde Gut Nur fühle Gott! Daß all' mein Blut Nur schlag' und ruh' in Gott, 184 H e r d e r s G e d i ch t e. Daß jedes Menschenangesicht Mir spreche, was mir Christus spricht! — Daß alle meines Lebens Bahn Sich schlangle nur in Gottes Plan, Daß Licht und Finsterniß Und Heck' und Dorn und Berg und Thak Mir heiße Goltesberg und Thal. O Gott, wie wird mein Geist so rein. Und wie die Helle Sonne seyn, Wenn ich in Allem Dich, Wenn ich in Tief' und in der Höh', In Nuh und Stürmen, Gott nur seh' t O Gott, wie wird mein Geist so rem Und wie die warme Sonne seyn, Seh' ich alleine dich; Wenn Sünder, Last'rer, Bettler, Kind^ Mir Glieder Jesus Christus sind. Und munter werd ich seyn und froh, Nicht kriechen an der Erde so, Nicht Wurm der Erde seyn, Wenn Sonnenstrahl mir, oder Wind. Herr, deine, deine Boten sind Und ich auf Sonnenstrahl und Wind- Mich immer bei Jehovah find' Und schau' zu ihm empor. Und in der Blaue höh'rer Höh' Nur seine Stirn' und Willen seh, Zweiter Th eil. *85 Und mir in Lebens Labyrinth Nur seine Willen Diener sind, Und er mir Weg und Steg; Und mir in Bruders Angesicht, Nur Jesus, Jesus Christus spricht. O klein, o klein ist unser Herz, Daß es um Schaaken traget Schmerz, Um elend, zeitlich Gut! — Se» Bater! Sohn! sey Du mir Geist, In Allem, was Dich, Herr, gcneußt ! — Und laß mich ringen, wanken nicht, Wenn niedre Sehnsucht an mich sicht, Nur Erdeseligkeit! — Gott ist im Wurm und ist im Stein, Ich Mensch soll Ehristusselig seyn! Die Sünde. Wer war ich, als mich deine Hand Zum Menschen kam zu bilden! Ein Erdenklos, mein Vaterland Ein Staub auf Staubgcsilden! Da kam dein Finger, Herr! und fuhr Um meine Glieder: seine Spur Schuf in mich Bildsamkeiten. Da kam dein Lthcm: und der Thon Ward durch dein Leben, Gottes Sohn, Noll Lebensregsamkciten. ^6 Herders Gedichte. Weis spiegelt uns die Sünde vor? Macht unser» Ruhm zu Leide! In Lust wird unser Aug' ei» Thor, Spricht uns von Vaters-Neide, Von Neide deß, der Alles giebt, Wird fremde dem, der Alle liebt, Traut ihm nicht, und — der Schlange! „Sie ißt die Schlange? — sie allein, „So werd ich Gott und Göttin seyn, „Wenn ich, wie sie, dort prange. " Gewollt, ach schnell gcthan, bereut. Bereut mit Furcht und Zittern! Da kommt der Gott der Freundlichkeit; Kommt er in Ungewittern? Im Abendsguseln kommt der Herr, Ruft linde seine Schuldencr, Sie gnädig zu verschonen; Er fragt, er hört als Vater sie, Für Sünde will er sic mit Müh Und neuer Wohlfahrt lohnen. Barmherzig doch, auch wenn er straft, Auch noch sein Fluch ist Segen! — Ein harter Segen, aber noch Zum Wohl auf unfern Wegen. Dem Menschenvaker wird sein Brod In Schweiß und Kummer, Müh und Noch, Daß es ihm schmackhaft werde. Tod wird sei» Urtheil; aber Tod Der Retter nur von Müh und Noch Wird Erde, sanft zur Erde. 187 Zweiter Theil. lluch wenn er straft, barmherzig doch, Sein Fluch ist schwerer Segen, Ein bacter Segen; aber noch Zum Wohl auf unfern Wegen. Der Menfchenmutter wird der Schmerz Zur Freude; daß ibr Muttcrherz Mit Sieg ihr Kmdlein hcrze: Dem Manne wird sie unkerthan, Daß treu und stark, und fest am ManR Sie Lebens-Leid verschmerze. Auch wenn er straft, barmberzig noch, Auch noch sein Fluch ist Segen, Ein harter Segen, aber noch Uns noch zu unfern Wegen, Da kleidet Gott sein nacktes Kind — Ihr Hüllen die mein Elend sind, Das Denkmal meiner Schande: Seyd Hüllen der Barmherzigkeit; Mein Land voll Arbeit, Müh und Leid Wird mir zu Gottes Lande! — O Cherub steh' mit deinem Schwert Mein Eden zu bewabrm! — Dein Blick, der mein Gebein durchführt Mit taufend Flammcnfchaaren, Er winkt mir, daß ich aufwärts seh'. Zum Paradiese höh'rer Höh', Was nie sich kann verlieren; Da wird in neuen Jugend-Raum, Da wird zum neuen Lebensbaum Mein Bruder hin mich führen! — t83 Herders Gedichte. Da bin ich, was ich dort nicht blieb, Dem Vater, Kind der Liebe, Dem trau' ich, denn er hat mich lieb, Trau' ihm mit Kindestriebe. Da kommt mein erster Jugendtraum Der Unschuld und des Lebensbaum, bin schöner Eden, wieder! O Bruder, bring' mich in dein Reich, Den Kindern und den Engeln gleich Sing' ich dir Kindeslicder! Und seh' auf dich und bleibe treu Und' koste nicht vom Baume, Und weiß nicht mehr was Sünde sey, Und der vom Jugendtraume Geliebte Nest, wird Wahrheit mir; Lamm Gottes, lautre mich zu dir, Iu dir von jener Schlange, Die in sich krumm, daß ich wie du In Unschuld, Lieb' und Gottesruh, Des Lebens-Frucht empfange. Das Gewissen. Wann kommt der Herr der Herrlichkeit Mit seines Reiches Freuden? Wann kommt der Richter, Freud' und Leid, Und Bös' und Gut zu scheiden? Er ist nicht fern; er ist uns nah; In unserm Herzen ist er da! Du kannst ihn nicht vermeiden. Zweiter Theil. 189 IN unserm Herzen spricht sein Spruch, Wer mag dem Spruch bestehen? Frei aufgeschlagen ist sein Buch, Mit jeglichem Vergehen. Sein Blick wie Fcuerflamme fährt Und theilt, wie ein zweischneidig Schwert, Was keine Augen sehen. Was keines Feindes Mund erzählt, Erzählt uns das Gewissen, Was sich der Heuchler lang verhehlt, Wird er sich sagen müssen, Wenn Gottes Zeit kommt und ihn schilt, Wenn Gottes Zeit kommt und vergilt, Und laßt den Frevler büssen. Wem kam nicht diese Gotteszeit So oft und oft im Leben? Wer muß nicht die Gerechtigkeit Anflehn, ihm zu vergeben? Und fühlt in seinem Innern noch Viel stumme Schulden, denen doch Er einst wird müssen beben! Du Herzens-Richter! auf! ersah? Und prüfe, wie wir's meynen I Mach unsre Fehl uns offenbar, Was nützt es, gut zu scheinen! Dem Ausspruch des Gewissens treu, Und feind seyn jeder Heuchelcy, Dies stellt uns zu den Deinen. Denn wen sein eigenes Herz beschämt, Mit innerstem Beschämen, Die Schuld, die uns im Innern grämt, Wer könnt' uns die entnehmen? Herr gieb, daß wir der Sünde Schritt, Und deiner Strafe leisen Tritt, Eh' sie uns naht, vernehmen! Und wenn die letzte Stunde schlägt, Der niemand kann entgehen, So aieb Herr, daß wir unbewegt Auf unser Jnnres sehen; Daß unser Leben uns dann klar Und rein erschein' und offenbar Das kleineste Vergehen. Dann sprich in uns, o Richter: „komm! Dein Lohn ist dir bcschieden, Was du gethan hast, gut und fromm Dem Dürftigsten hienieden, Das hast der Menschheit du gethan, Dem Menschensohne; komm hinan! Genieße Himmelsfrieden!" Die Pfunde. Ein Edler zog fern über Land, Daß er sein Reich cmnähme, Und dann gekrönt mit Sieg und Huld, Ein Vater wiederkäme: Zweiter Theil. >9t „Wem soll ich meinen Schatz vertrau'«?" Sprach er zu seinen Treuen. „Nehmt, handelt! und ich komme bald, „Es soll euch nicht gereuen!" Sie handelten; er kam noch nicht, Ein Theil ward matt und müde; „Und kommt er denn? —er kommt noch nicht!"— Sie schlummerten in Friede. Er kam! Auch in der Ferne war Sein Herz lief an den Treuen! „Legt dar nun," sprach er, „Pfund und Pfand, „Es soll euch nicht gereuen." Mit Freuden trat der Erste dar, Für Eins mit zehen Pfunden, Hier, Herr, ist deiner Güte Pfand, Und was ich Armer fundeN. „Dank, treuer Knecht, im Kleinen schon „So großer, reicher Treue: „Komm, König über Lander zehn, „Zu deines Herren Freude!" Dcmüthig trat der andre dar, Für Eins nur fünf an Pfunden, Hier hast du Herr, dein edles Pfand, Wie wenig hat es funden! „Dank, Treuer! im Geringer« schoy „So großer, reicher Treue! „Herr über fünf der Lander, konim „Zu deines Herren Freude!" Herders Gedichte. Mit Beben naht der Dritte sich, In Trotz verhüllt sein Beben, „Herr," sprach er, „nimm dein Pfund und Pfand, „All' was du mir gegeben! „Ich kannte dich wohl, harten Mann, „Der erndttt ungesaet, „Und fremden Schweiß und saures Gut „Auf's Armen Aue mähet. „Drum hakt' ich, dir zu wuchern, Zorn: „Hier, Harter! ist das Deine, „Die sichre Erde barg es dir, „Dies Schweißtuch ist das Meine" — „— Dein Mund spricht selber dir Gericht, „Untreuer meiner Knechte, „So wußtest du mich harten Mann „Und wie so hart ich rechte, „Und übtest nicht, was du gewußt, „Knecht, deines Herren Willen, „Des harten Herren letztes Wort „Mit Wucher zu erfüllen? „Nehmt hin von ihm sein treulos Pfand, „Dem Reichsten sey's gegeben. „Wer nicht hat, büße, was er bat, „Wer hat, dem wird gegeben." Zwo Stufen gehn auf und binab Zum Himmel und zur Hölle! Wer hat, gewinnt bis auf zum Thron, Wer nicht hat, seine Stelle Sinkt Zweiter Th eil. iZ3 Sinkt immer tiefer, tiefer ab. Herr, laß mich deiner Gaben Geringste brauchen treu und ganz Und ich werd' Alles haben. Der Engel, der die Perlen flicht Zu unsrer Siegeskrone, Der ist es, der die Thränen zahlt Und sammlet uns zum Lohne, Was wir im Dunkeln hier gesät Und hielten langst verloren, Das blüht dort Erndte tausendfach Mit uns denn neugeboren. O Wahrheit, Wahrheit, Ewigkeit! Du reifst in Dorn und Blume; Das Staubklcid fällt, das alles hier Vcrtäuscht zu Hohn und Ruhme. Gewissens - Pflicht - Vergeßlichkeit, Du feige Heuchlcrhülle: Hin, hin, bist du! Wie dränget sich Auf uns der Wahrheit Fülle! Verläumder, Feinde, Neider, wo, Wo sind itzt eure Schatten? Seht, wie sich Licht und Wahrheit liebt, Und Treu' und Huld sich gatten! Zu Freunden drängt sich Freund und Freund, Die gleiches hier erlitten, Erwünscht, gewirkt, verloren und — Und sich die Krön' erstritten. Herders Werke Lit. u. Kunst. XVI, N Se-Uckl«. II. Herders Gedichte. Hier trennten Nacht und Nebel sie Jahrhunderte und Lande — Dort alle Glieder! Brüder nun An Eines Herren Pfände; Ihr Wille fleußt, wie Sonnenlicht Aus aller Welt zusammen! Zusammenflammt da ihr Gebet, Ihr Mühn in Hellen Flammen! Elias, Moses werd' ich sch'n Mit ihren tausend Pfunden, Und Paulus, Luther vor mir steh'n Mir ihren hundert Pfunben! O legt' ich freudig schüchtern dann Nach euch mein Quentlein nieder, Und fände, grüßte, fühlt' euch dann Mir Vater, Freund' und Brüder „Du locktest und du hobest mich, „Warst bei mir im Gebete, „Du strafetest, du halfest mir, „Daß freudig vor ich trete! „Ich dank' euch meine Seligkeit, „Ihr schön verkannten Seelen! „Wir sind itzt Glieder, Brüder nun „Und sind cs sonder Wahlen." Herr! Seligkeit und Himmel liegt In jeder Deiner Gaben, Wer neidet und verscharret sie Verdient er mehr zu haben? Theil Zweiter Wer treu ist, Alles hat er schon — Daß ich Mich ewig freue, D Geber, und mir Alles sey, Gieb mir im Kleinsten Treue! Die Frage dcr Sehnsucht. Herr, unser Gott, wann kommt dein Reich? Wir warten sein so lange! Wir beten: zu UNS komm' dein Reich! Und ist uns sehnlich bange. Der Frevler höhnt, der Spötter lacht; Der Fromme seufzt vergebens Am Morgen und in Mitternacht: Wo bleibst du, Fürst des Lebens? Du sprachst: ich komn?, ich komme bald Mit großem Lohn und Strafen — Wü ist, wo ist dein Aufenthalt? Die Vater sind entschlafen. Sie hofften, seufzten auch, wie wir Und legten sich danieder, Wir hoffen, seufzen auch nach dir — Und du erscheinst nicht wieder! N 2 rg6 Herders Gedichte. Bist du zu deines Vaters Hand, Wo du dein Reich genommen, Und siehst nicht mehr dein Erdensand Und kannst nicht wiederkommen? Und deine Lehre wär' ein Traum Und unser Wunsch verloren, Und wir erstürben wie der Baum — O besser, nie geboren! Wo sind sie, die dich je geliebt, Für dich ihr Leben gaben? Und hofften, die du hier betrübt, Du würdest dort sie laben; Sind sie in deines Vaters Reich, In deinem Freudensaale, Und wünschen uns nicht auch zugleich Zum ew'gen Abendmahle? Der Frevler höhnt, der Spötter lacht, Der Böse triumphirct, Und du, Herr, hast noch nicht vollbracht, Hast's noch nicht ausgcführet, Wofür du lebtest, littest, starbst Und aufcrstandest wieder, Und dir, ein Haupt zu seyn, erwarbst, Hier sind wir deine Glieder! Sipd ohne deinen Geist und Kraft Verwelkte todte Glieder, Beleb' uns Himmels-Lebenssaft Und weck', erweck' uns wieder! Zweiter Th eil. Wir fodern nicht, wir wünschen nur, Laß unsre Lampen brennen: Und wollst, o Herr der Kreatur, Uns einst die Deinen nennen! Ob Gott verzeucht, so harre sein, Er wird gewißlich kommen! Sein Ja ist Ja! sein Nein ist Nciir! Er hat das Reich genommen.; Und ist zu seines Vaters Hand, Und kommt, ein König, wieder; Und die er nicden Sein genannt, Sind ewig seine Glieder. Er theilt mit ihnen Herrlichkeit Und Freudenmahl und Krone, Und winkt, daß jeder beut, schon heut In seiner Hütten wohne; Und pfleg' im Himmel Bürgerschaft, Und bet' und ihm vertraue, Und herrsche hier in seiner Kraft, Bis droben er ihn schaue. Gebet und Glaube, Hoffnung, Muth Und stilles Thun und Leiden, Sind uns hienieden Himmelsgut Und Vorschmack jener Freuden, Die er für uns, für uns erwarb, Als, auch von Gott verlassen, Er für die Treugeliebken starb, Sie ewig zu erfassen. ig3 Herders Gedichte, Und ließ uns hier sein Abendmahl: Sein Wort: ich komme wieder Und sprach zu seiner kleinen Zahl: Lebt, sterbet wir, ihr Brüder! Wir leben dir, wir sterben dir, Dich wieder bald zu sehen, Dir leben wir, dir sterben wir, Dein Wort kann nicht vergehen. Bald, unser Leben ach ist bald Ein Nichts, ein Traum verschwunden, Komm' bald, du cw'ger Aufenthalt, Geht hin, ihr kurze Stunden! Dir Stimme zur Mitternacht« r 7 7 3. Wachet! wachet! ruft die Stimme, Der Wächter auf des Tempels Zinne, Wach' auf, du Stadt Jerusalem! Mitternacht heißt diese Stunde, Sie rufen uns mit Hellem Munde, Wo scyd ihr klugen Jungfrauen? Steht auf, der Braut'gam kommt, Auf! eure Lampen mhmt Hosianna! Macht euch bereit Zur Fceudenzcit, Ihr müsset ihm entgegen gch'n! Zweiter Th eil. i9S Ach, wir schlummern all' und schlafen! Der Hirte schlummert mit den Schaasen, Die Lamp' ist da! wo ist das Licht? Wie es war in Noah Tagen, Sie aßen, tranken, fern von Plagen, Bon Strafen fern und dachten's nicht; Wir fcey'n und lassen frey'n, Die Sorge wiegt uns ein, Wucmessorge! <— Erwacht! Erwacht! In Mitternacht, Ein Blitz soll seine Ankunft seyn! — Falsche Christus, und Verrather, Vernunft - Verführer, Wunderthatcc Der Lüge, sind das Licht der Welt. Meynst du, daß der Richter werde Noch Glauben finden auf der Erde, Wenn Wollust sie in Fesseln halt? Ihr Hügel fallet, fallt! Der Menschen Herz ist kalt, Kalt die Liebe! Voll Heucheley- Abgötterey, Sieh, ob nicht Alles, Alles sey! Schlangen sind der Völker Kronen, Und Nationen, Nationen Zur Geißel, statt der Bruderhand; Mütter, Töchter, Söhne, Vater In Einem Hause sind Verrather, Zerreißen Blut- und Herzensband! 2oc> Herders Gedichte. Wo meynct Freund und Freund Sich bieder? wo vereint Pflicht die Herzen? Pflicht und Gebet An heil'ger Statt', Das ewiglich bei Gott besteht. Ach, wie schlummern all' und schlafen. Der Hirte schlummert mit den Schaafen, Die Lamp' ist da, wo ist das Licht? Mit den Trunk'ne» schlasriqtrunken, In Nacht und Wahn und Graus versunken. Ach, sehen wir und Horen nicht! Wer tragt nicht Thieres Bild? Wer, dem das Herz nicht füllt Erdensorge? Ist Mitternacht! Erwacht, erwacht! Blitzschnell erscheint des Menschensohn. Meynst du, wenn der Hausherr wüßte, Zu welcher Stund' er wachen müßte, Er pflegen würde träger Ruh? Sieh und alle Frommen zagen, Verschmachten unter stillen Plagen — Und Alle sehn wir trunken zu? Im Feigenbäume steigt Der Saft schon! Knospe zeigt Frühlingszeiten! Hebt euer Haupt! Umlaubt, umlaubt Mit Frühling ist, wer an ihn glaubt. Zweiter Theil. 2vr Trunkne Knechte, sieh! sie schlagen Die Brüder Mitkncchl', höhnen, plagen, Statt Labung sie mit Drang und Spott, Meynst du, daß der König werde Noch Knechte finden auf der Erde? Wer ist sich selbst nicht Herr und Gott? ,,Er kommt noch lange nicht! „Vielleicht kommt gar er nicht! „Er kommt gar nicht! „Was Alle thun, „Will ich auch thun, „Und träumen, prassen, plagen, ruhn!" Herr, wer wird vor dir bestehen! Wer, vor dein Angesicht zu gehen Erkühnen, wenn die Erd' entflieht! Ach, ein Strohhalm in die Flammen Ist all mein Tagewerk zusammen, Wenn's Liebe aus der Glut nicht zieht! Erlöser stehe bei! Erneuer, mach' uns neu, Betend, brünstig, In Mitternacht, Wenn nichts mehr wacht, Wir schlummern — unser Herze wacht! Anhang Cantaten. Cantate zur Einweihung der Catharinen-Kirche auf Bickern. Riga den i. October 1766. Erster T h e i I. Choral. Wem tönt der erste Lobgesang Im neuen Heiligthumc? In vollen Ckören schallet Dank Zu unsers Gottes Ruhme! Lobsingt Jehovahs Majestät, Die sich ein Gotteshaus erhöht, Und will darinnen wohnen. Zweiter Theil. 20Z R e c i t. Hier, wo vorher ein dürrer Hügel stand, Um den die Heerde Jesu sich zerstreute: Hier — Christen schaudert — hier ist heilig Land! Jehovah wählt — frohlockt! — auf ewig wählt er heute Sich hier ein Haus! Hier ist des Herren Tempel, Den viele wünschten, hofften und nicht sahn, Den Sterbende noch in brünstigen letzten Gebeten Für Kinder und Enkel zum Erbtheil erflehten, Der ist — Ihr Brüder betet an! — Hier ist des Herren Tempel! Hier, Vater, werden eure Kindes - Kinder Mit Milch des Trosts und Unterrichts genährt. Hier wird vom Donner des Herrn der rohe Sünder Erweckt, gerührt, bekehrt, Und Frevlern zum Exempcl, Der Leiden Jesu wcrth. Hier, Arme, wird Gebet — Gebet wird hier erhört — Die schwache, stumme, zitternde Thran' erhört — Den Blöden mehr — mehr als ihr Wunsch gewahrt, Der Matte, Lechzende eilt aus dem Weltgetümmel Zum Tempel — Gottes Armen zu: Da findet er den Himmel Und Trost und Ruh. Duett. r. Greise, Männer, Jünglinge, 2. Mütter, Töchter, Säuglinge, 204 Herber? Gedichte. 1. Gott Jehovah soll hier thronen! 2. Jesu Name soll hier wohnen! r. 2. Fallet nieder! betet an! 1. Hier wird das Kind sein erstes A b b a lallen! 2. Hier wird die Mutter weinend niederfallen: 2. Der fromme Greis mit Himmelsin- brunst beten: 2. Der böse Sohn mit heil'ger Schaam erröthen: i. 2. Au edlen Thaten entschlieft der Mann, r. Greise, Männer, Jünglinge, 2. Mütter, Töchter, Säuglinge, 1. Gott Jehovah soll hier thronen! 2. Jesu Name soll hier wohnen! i. 2. Fallet nieder, betet an! Choral. Im Staube liegen wir vor dir: D u wohnst, Herr! unter uns; doch wir — Wir muffen schaamroth flehen. Geh' nicht mit Sündern in's Gericht! Der Gnade würdig sind wir nicht, Die wir so oft verschmähen. Schlechte Knechte, Böscwichter Sind wir! — Richter! Hab' Erbarmen: Laß noch, laß dein Wort uns Armen. Zweiter Th eil. 200 Zweiter T h e i l. Chor. ,M3ie heilig ist diese Stätte! Hier ist Gottes Haus! „Hier ist die Pforte des Himmels!" R e c i k. Des Herren Haus! — Entweicht, unheil'ge Spötter Der heiligen Religion, daß euch ein Wetter Der Rache nicht zum Abgrund schleudre! — waget Ihr euch hier vor den Richter? — Klaget Und pocht nicht euer Herz? — denn wißt, Daß hier Jehova Hs Wohnung ist! Und die ihr unrein vor ihn tretet, Und die Religion, die ihr hier schwöret, schmäht In nieder» Thaten: — zittert! — Eu'r Gebet Ist Fluch! Ist Gott ein Gräuel! — Bebt! Ihr schmäht Den Tempel, wo ihr plärrend betet, Was ihr nicht wünscht, nicht hofft, und nicht versteht. Zur Mördergrube wird sein Bcihaus! — Tretet Zurück und fleht! — Fleht! denn er donnert schon von fern - - - Wer? wer ist würdig zum Altar des Herrn Mit froher Stirn zu kommen, Und froher weg zu geh'n t — che Frommen! — 20k Herders Gedichte. Arie. Schallt, fromme Chore! Ihr Frevler, weicht! — In seinen Tempel zeucht, Der König der Ehre! Furchtbar, prächtig, Huldreich, mächtig! Wer kann vor Iehovah steh'n? Der Fromme, der unschuldig wandelt, Der Christ, der sich im Herren freut, Der Sünder, der das Laster scheut, Der Menschenfreund, der redlich handelt, Der kann zum Tempel Gottes geh'n! Schallt, fromme Chöre! Ihr Frevler, weicht! — In seinen Tempel zeucht Der König der Ehre! Furchtbar, prächtig, Huldreich, mächtig! Fromme können zu ihm flieh'n! Choral t. Herr, wenn dein Zorn einst uns und unsre Kinder drückt, Wenn alles hülflos ächzt, weil niemand uns erquickt — Und hier dann unser Angstgebet Bor deinem heil'gen Altar fleht: — Dann, Vater, rett' aus Nöthen, Die hier, als Brüder, beten. Zweiter Th eil. Solo. Wo drei in meinem Nomen beten, Do bin ich mitten unter ihnen, Und will sie retten. Choral 2. Wenn unser banges Herz in tausend Acngsten schwimmt: Und reuend seine Flucht zu Dir, Erbarmer, nimmt: Und wir auf unserm Angesicht Hier liegen — Herr! dann laß uns nicht: Komm, tröst' uns, Dir zum Ruhme, In deinem Heiligthume. Solo. Wo drei in meinem Namen beten, Da bin ich mitten unter ihnen. Und will sie trösten. Choral 8. Wenn unser kindlich Herz voll zarter Dankbarkeit Für Gnad und Lieb und Treu Dir nichts als Thra- nen weiht: So nimm, statt Jubel und Gesang, Nur einer stillen Thrane Dank, Und gieb, wie Vater pflegen, Uns Armen neuen Segen. Herders Gedichte. sc>3 Solo. Wo drei in meinem Nomen beten, Da bin ich mitten unter ihnen, Und will sie segnen. Schluß. -Choral. Sein Tempel und Sein Heiliglhum Sind Erd' und Himmel! — Seinem Ruhm Lobsingt das Chor der Seraphim: Ihr Christen! lebt und sterbet ihm! Die Auferweckung des Laz«us. Eine biblische Geschichte zur Musik. Maria (über dem Grabe). Er ist dahin! den Gott mir nahm! Wo nimmer keiner wieder kam Und was ich Thronen auf sein Grab Weine — kommen nicht hinab! Nein! — Er ist dahin! liegt öd' allein Und droben sein Leichenstein.- War 2V9 Zweiter Theik. War all mein Freund und Bruder - Herz» Und nun, zerrissen ist mein Herz! Ist bey ihm droben! zu ihm hin Seufzer! findet ihr ihn? Nein! Ist hin , ist fern in Gottes Land, Ich nieden im Erden-Tand' — Martha. Maria, üch, du murrest Zu Gott empor! du schiltst Des großen Vaters aller Lebenden Und Tobten Rath umsonst! — ^ Kann dich das Grab Erhören! Kann Ihn deine Thranc Wecken! Maria, Und was ich dcük' Und red' und tht? Nichts gibt doch, nichts dem Herzen Ärch. Blüht, sprach ich, BlumeN um ihn her, -Trost mir! — sie blüh'n nicht mehr! Nein! Ein Sturm, der kam! der Zweig et brach, Sein Blaktlein welket nach! — — Martha. Und ist Jesus unser Freund, Der Mitleidvolle nicht auf Erden? Kankt Er ihn, o Schwester, kann er ihn (A ri o s o.) Uns nicht auch wiedecgeben? Herders Werke Lit. u. Kunst. XVI. L> H. 2ic» Herders Gedichle Maria. Ach! Da ich an seinen Worten hing Und, Engel, in den Himmel gieng Und salbete mit Thronen Und trocknete mit meinem Haar Den Fuß des Lieben — ach, wie war Mir Freude da! Martha. Mein Herz Spricht: noch scy Freude da! Spricht: Jesus ist nah! (Sie eilt hinweg.) Maria. All' ihre Sorg' und Müh' und Freude Ist mir nicht mehr, Bin für die Schalten-Erde Kaum Schatte mehr. In seiner Welt Da ist mir Freude Und Herz und Theil! E h o r a l. Wenn Trost und Rettung schwunden ist, Die uns die Welt erzeiget! So kommt in tiefster Jammersfrist Der Schöpfer selbst! und neiget Die Baterhand dem Kinde zu Zweiter Theil. Und schnell am Jammer wohnet Ruh Und aus der Nacht bricht Morgen. Marth a. Maria! unser Freund erscheinet. Ausl Vertrau und bete! A r i a. Maria (rraurig). Ach, war'st du hie gewesen, Er wäre nicht verschieden, Mein Bruder, nicht verschieden. Jesus. Dein Bruder, er soll aufersteh'n! a r i a. Aufersteh'n am jüngsten, spaten Tage! Und dann doch seelig! frey von Plage, Von Trennung frey! Ich werd' ihn seist»! Den Bruder seh'n! Jesus. Ja, Arme! sollt ihn seh'n. Maria (mit Hoffnung). Ach, war'st du hier gewesen! E h o r. Christus ist Auferstehung und Leben, O 3 2t2 Herders Gedichte. Wer an ihn glaubt, der Tobte soll leben, Der Lebende sterben nimmermehr! Choral, (alte Kirchen-Mel.) Ich weiß, daß mein Erlöser lebt Und mit Ihm wcrd' ich leben, Aus meinem Grabe schweben, Wie Er einst seinem Grab entschwebt'; Auf neuen Himmels-Auen Den Herren werd' ich schauen, Mein Ich, mit neuer Hüll' umwebt, In diesen Augen schauen, Der für mich starb und für mich lebt ; Drum sterb ich ohne Grauen. Martha. Ach, Herr, da ist die Kluft, er modert schon Vier lange Tag' und Nachte, In seiner Höhl' allein! * Zuschauer. r. O sieh, Ihm thranet selbst sein mildes Auge nun! Er hat fürwahr ihn sehr zeliebet! 2. Und Der ihn so sehr geliebt, Und Blinde wieder sehend wähnet, ja Könnt' er nicht seinen Freund Unsterblich wahnen! r. Schwelg! Er zürnet! Alle weinen! (Klagende Accente der Musik sprechen allein, und erhe ben sich allmählig.) Ich Hab' Euch, Weinende, gesagt Und sage: könnt' ihr glauben? Und schauen Gottes Herrlichkeit! — Hinweg Den Fels! — „Dir, Vater, Dank, „Daß du mich hörest! hörest allezeit „Den du gesandt! — Komm, Lazarus, empor!" Accomp. Zuschauer^ O Gott, ein Weben! Schauer dringt Durch alle Wesen! Grab , Das Grab voll Feuerstrahl Und Leben! Seht Der Tobte regt sich! Kommt empor Mit Grabesbinden! Jesus. Löset ihn! Und ihr , erzittert nicht! Maria Nimm' ihn, den Bruder ! lebe Mit ibm gen Himmel, Ein Herz und Sinn Ihr sollet hier Nicht lange weilen! sollet bald In Einem Kuß der Schwester-, Bruder-Liebe Zum schöner» Leben scheiden! — Maria. Mein Bruder, wieder mir gegeben, Nach Grab und Noch zum schönem Leben! Herders Gedichte, Lazarus. Maria, wieder mir gegeben, Aus Nacht und Traum zum schöner« Lehens Maria. Lazarus. O Freund, nimm unsre Thranen an. Maria. Dem Moder hatt' ich ihn gegeben; Lazarus, O sieh' mich, dir zu Füßen beben; Maria. Wir wandeln Hand in Hand durch's Leben — L a z a ru s. Im Todeskuß zum schönem Leben — Maria. Lazarus. Gen Himmel hin, die schöne Rahn. O Freund nimm unsre Thranen an. Choräle. (Alte Kirchen-Mel.: Jesus Christus unser Heiland re.) r. Auferstehung Gottes, du wirst seyn! Mit Jesu geh'n wir ein Jn's Himmelsleben. D Tod, wo ist dein Beben? Mo wird es seyn? 2l5 Zweiter Th eil. Chor. Der Tod verschlungen in Sieg, Tod, wo ist dein Pfeil? Hölle, dein Sieg? 2. Auferstehung Gottes , du wirst seyn l Kein Pilger wollt allein, Sind alle Brüder Und Brüder Jcfu! Glieder Der Krone fein! Chor. In der Auferstehung Gottes die Gerechten werden ftyn, Wie Engel Gottes im Himmel! Z. Auferstehung Gottes, du wirst seyn, Nicht Schicksal mehr wird seyn! Sind überwunden Der Trennung bange Stunden, Der Erde Pein! Chor. Meine Seele sterbe Des Todes der Gerechten. Mein Ende sey Ihr Endel 2,6 Herders Gedichte. Der Fremdling auf Golgatha» Eine biblische Geschichte in Gesang, r 7 7 2 , Wer ist, der auf dem Hügel dort Das Volk in lauten Wellen Hinanzieht, wie sich Fluthen schwelte« Zum Felsen im Meer!-- Ein Todeshügel , weit umher Voll Menschenschädel und Gebein — Und hart erschlagner Phantaseyn Auch meiner Brüder! -- Grauser Orts Drei Sterbende!! Sie fühlen ihres Lebens Weh Vielleicht mit bittrer Rene Thränen! --- Wer Ist aber Er, Der hohe mittlere Gekrönte! der Da hanget blutiger Als alle ? Kreuz du träufst voll Blut k Sein schön Gebein Ist ach nur Ein'» Nur Eine Wunde. Hat dich Wuth O Edler, übcrmannt? Wie oder bist in eigner Thatcn Hand Du unter allen So tief und ach so früh gefallen? —- Lieber Jüngling, kannst du klagen« Welcher Wahn Deinen schönen jungen Tagen Todesleid hat angetban? Klang der Rrchm in deinen Ohren? Hat auf ihrer steilen Bahn Zauberliebe dich yerlohren, Holder Mann? Oder endet edleS Streben Und der Neid dein Leben? Lieber Jüngling, kannst du klagen. Welcher Wahn Deinen schönen jungen Tagen Todesleid hat angethan? Stimme des Schachers. Wir empfahen, was unsre Thaten werth sind. Dieser aber hat nichts Ungeschicktes gehandelt. Fremdling. Und blutet da und blaßt? — An seinem Kreuz,? steht Geschrieben: „Seht „Der Juden König;" und die Schaar Des wilden Volkes, gar Die Priester, Richter, Vater, bringen dar Dem Sterbenden wie frechen Spott: „Er traute Gott! „Gott rette seinen Sohn „Vom Kreuz, auf daß wir glauben! " Hohn, Du bittrer Labetrank Des Sterbenden! Verruchter Trostgesang i- Und war er Gottes Sohn? Der traute Gott 2l8 Herders Gedichte. Und stirbt'in Spott! Er betet! — Hör', da ringsum Alles schmäht, Hör' sein Gebet! „Mein Vater! ach! „Verzeih! sie wissen nicht, „Was sie beginnen!" Und das sprach Ein Sünder? Sieh, er traute Gott Und hangt in Hohn Und Spott und Schmach Und Todcsquaal Und traut ihm doch Und flehet noch Für seine Würger! Schau den Gottessohn An seinem Kreuz, wie auf dem Thron Der Majestät! Da ringsum alles schmäht! Schau an sein Angesicht Voll Todcsquaal — Wie aus ihm Licht Ein Sonnenstrahl Der milden Gottheit spricht! Himmelsruhe, selig Leben Ist im göttlichen Vergeben, Himmelsruh', wenn alles schmäht, Ist im göttlichen Gebet. Vater! wenn mich Brüder hassen. Kennest du nicht deinen Thon? Vater, ich will dich umfassen! Sie verkennen, den sie Hasseno Du nur kennest deinen Sohn. Himmelsruhe, selig Leben Ist im göttlichen Vergeben, Himmelsruh', wenn alles schmäht, Ist im göttlichen Gebet. Zweiter Thcil, 2,9 O Brüder, schauet, wen ihr schmäht, Hört an sein treu Gebet Voll Brüdermuth! Die Rose thauet Blut Auf dürres Land: Ach aber, duftet unerkannt Zum Himmel, süssen Dust, Und ihres Blutes Stimme ruft Auf von der Erden: „Rache!" Kein Erdenrichter hört. Es hört Sie Gott, der jede Sache Der Unschuld richtet, der die Thranen zählt Und ruft, bis keine fehlt. Er hört Geschrei Vom Blute seines Sohns und kommt und kommt herbei Zur Rache. (Die Finsterniß fangt an.) Seht ihr sein dunkles Nachtgewand Unb in der Hand Des Blitzes funkelnd Schwert? Es fahrt 'Aus feiner Scheide. Seht die Sonn' ist Nacht, Der Mittag ist wie Mitternacht Und Weh und Klagen ist in meinem Ohr erwacht! (Klagröne der Rachenget im Dunkel.) E h 0 r. Jerusalem, Jerusalem! Weine, weine Dich und deine Kinder? In dir ist Blut — 220 Herders Gedichte Stimme Prophetcnblut, Heilandsblut! Chor. Jerusalem, Jerusalem, In dir ist Blut ! r. Er sandte dir, dein Vater, Boten, Die dich lockten, die dir drohten, Du höhntest sie Und würgtest sie! C h o r. Er rufet sie: ,,Wo ist ihr Blut?" 2. Ec sprach: sie werden ihn doch scheuen Meinen Sohn, den Stillen, Treuen! Er kam, der Sohn Und stirbt in Hohn — Chor. „Wo ist sein Sohn? „Es ruft sein Blut!" 1. Hört ihr die Sphäre beben? Sein Fußtritt klingt! 2. Seht ihr sein Schlachtschwert schweben? Er zuckt! es blinkt! r. Kriegeswagen Rollen herbey, 2. Adler schlagen Heran die Flügel. Zweiter T h eil. 221 . i. 2. Ueber Thal und Hügel Ist Wehgeschrci! i. Hört ihr die Mutter klagen! 2. Seht ihr die Greise zagen, Den Aufruhr wüthen! Alles lechzt! ». Die Waage wagt 2. Sein Schwert, cs schlagt! E h o r> Gefallen, gefallen Ist alles in Wuth, Von allen, von alle» Dampfet Blut! a. Er wcinete für dich, 2. Die Rache rüstet sich, i. 2. Sein Blut. Chor. Jerusalem, Jerusalem Weine, weine Dich und deine Kinder. In dir ist Blut, a. Grau'n und Jammer In dunkler Kammer Es würgt die Mutter Ihr eigen Kind! Die Jungfrau'« weinen, Der Jüngling ächzt! i. Du riefest! grimmiglich 2. Sie fodert> 323 Herders Gedichte. r. Grau'» und Aechzcn Und Hungerlechzen, Die Zwietracht wükhet, Das Volk ist blind! —» Chor. Hinweg von hinnen, Der Tempel flammt! Draussctt und drinnen Zum Greuel verdarnmt. >— (die Stimmen fliehen») Fremdling. Grauser, grauser Todtcnklang, Der Rache Blutgesang In dieser öden Stille!-» Und Vater, ist dein Wille Zu rachen ihn, und Er Leidet schwer, Und du, du flehest ihn leiden?- Die jetzt mit Höllenfrcuden An ihm sich weidete, die ihn zertrat, Die Löwenschaar, für die er bat, Wo ist sie? Ist der Nacht voll Grausen Hinweggebebt zu ihrer Schlummerhöhle — Doch ihre Seele Fühlt Grimm und Glut! Ihr Ohr hört seiner Pfeile Sausen Und jeder Pfeil zischt: „Blut!" —- -- Welch heilig Schweigen ruhet hier Um seinen Thron! Ich flehe dir, Zweiter Theil. 223 O Gottessohn, Bist du entrückt Zu deinem Lohn? Und schwebst entzückt Hoch über ihrem Toben, Dort oben! — (wimmernd in der Finsterniß) „Mein Gott, mein Gott! „Wie hast du mich verlassen! " Gesang der Weiber. Mitten jetzt in dunkler Quaal Hast ihn du verlassen! Du! dein Unschuld-Marterlamm, Kannst du es verlassen? L du, sein Gott alleine! Des Tages schwieg er nie von dir: Mitternächte fleht' er dir, Du, seiner Vater Gott! , Israels Lobes Gott! Jedes Armen Gott und Trost und Vater! Wer weinete dir, Und ward nicht errettet? Wer, der auf den Herren traut, Ward je zu Schanden? Maria allein. Wurm ist er, der Menschen Spott, Wie sie all' ihn schmähen! 7. F' 22^. Herders Gedichte. „Klag' cr's seinem Herrn und Gott, „Höre Gott sein Flehen!" Erhör' es Gott und Vater! Von Kindheit an du seine Lust, Schon an seiner Mutterbrust, Dem Lallenden sein Gott, Du seiner Jugend Gott! Du ihm Lebenskraft und süße Freude! Als ich ihn empfing, Gäbest du ihn, Vater, Deinen Knieen gab ich ihn Aus Mutterliebe. Werber. Ausgegossen lechzt ec da Mil zcrschmolz'nem Herzen! Vater, auch dem Wurme nah — Schau in Todesschmerzen Verschmachten seine Glieder! Verdorrt ist unsrer Ceder Kraft, Dürre seines Mundes Saft, Der Milch und Honig floß, Der Trost dem Armen goß! Ach durchgraben quillt der Füß' und Hände Lebendiger Quell! Schmachtet jetzt danieden In des Todes finstern Staub Und du bist ferne? — Jesus. „Weib, siehe deinen Sohn, „Johannes, deine Mutter!" < Maria. Zweiter heil, L2S Marin. Du fühlest meine Schmerzen, Du, meines Herzens Sohn! Johannes. O Freund, für deine Schmerzen Ist meine Liebe Lohn? Beide. Dort nah' an seinem Herzen Johannes, Bin, Mutter, ich dein Sohn! Maria. D Jünger, sey mein Sohn! Stirb dann in Frieden, Dü, all mein Glück, Was ist hieniedcn, Mir, der Müden, Ohne dich mir jeder Augenblick! Du fühlest meine Schmerzen, Du, meines Herzens Sohn! Johannes, O Fremdling weine nicht, Er leidet, Gottes Lamm, Das alle Leiden auf sich nahm — Gott endet sein Gericht, Die Nacht wird Tag: sieh Licht! (Die Sonne kommt wieder) Herders Werke. Lir. u. Kunst. XVl. P II. 226 Herders Gedichte. F r e m d l i n g. O Gottes Sohn, Wie nahet schon Der blasse Tod Zu dir — und welch ein Morgcnroth Voll Himmelslohn Bricht oben schon herfür. — Er lebt Nicht auf der Erde mehr: er schwebt Im Himmel schon! Sich, wie er dort Zum Nebensterbenden hinüberhangt Und seine Seele lenkt, Und führet ihn aus Paradieses Auen, Den Labcort , e Der Dürstenden zu schauen- Noch in den letzten Augenblicken Vergißt er seiner Todesquaal Und rettet mit Entzücken Den Sünder, der in großer Zahl Der Frohen ihn noch heute Jn's Reich geleite! Schächer. O Herr gedenke mein In deinem Reich! Jesus. Mit mir zugleich Sollt du im Paradiese Dich heule freu'n! Schächer. O Herr gedenke mein In deinem Reich! Chor. Seelig, seelig, die im Herren sterben! Es ruft der Geist: sie ruhn von ihren L Und ihre Worte wollen noch. Wenn ich einmal soll scheiden, So scheide nicht von mir! Wenn ich den Tod soll leiden, So tritt du dann herfür! Wenn mir am allerbangsten Wird um dos Herze scyn, So reiß mich aus den Aengsten, Kraft deiner Angst und Pein! Erscheine mir zum Schilde, Zum Trost in meinem Tod! Und zeige dich im Bilde Non deiner Kreuzesnoth. Da will ich nach dir blicken, Da will ich gloubensvoll, Dich fest an mein Herz drücken! Wer so stirbt, der stirbt wohl. - Jesus. Mich dürstet! Fremdling. Ach, du lechzest nach Dem letzten Labetrank Nom Quelle dieser Erden, Und dir wird Gallentrank Und Essig werden Zum letzten Dank! — — Auch dieses ist vollbracht! P 2 228 Herders Gedichte. Sein letztes Wort mit Macht Und Flamme ruft: „Es ist vollbracht! „Nimm, Vater, meinen Geist „In deine Hände wieder!" Sein Haupt sinkt nieder, Hin ist sein Geist! — Hin ist sein Geist! Er hat Sieg gewonnen Von Noth und Tod! Nicht über Stern' und über Sonnen — Er ist bei Gott! Die Felsen spalten! Der Vorhang reißt! Wer will sie halten, Die Erde, die bebt! Er, der lebt! Der sie tragt und hebt! Hin ist sein Geist! — Hin ist sein Geist! Er hat Sieg gewonnen Wo» Noth und Tod!' Nicht über Stern' und über Sonnen Er ist bei Gott! Da strömet Blut Und Saft aus seinem Herzen. Saft -Voll Lcbensglut Und Balsamkraft Und heil'gem Schauer! Ich seh', ich seh' Vom stillen Opferlamm Am Sohnaltar drang in die Höh', Wie süßer Weihrauch. Und der Stamm DcS edlen Kreuzes blüth zum Lchrone Der Gottheit auf und seine Dornenkrone Zweiter Theil. 229 Wird aller Welt zum Lohne- Was hör' ich? droben in der Höh', Und aller Welt hicuicden Singen sie Frieden! Chor der Segenscngel. Jerusalem, Jerusalem, Frohlocke deiner Kinder! Du neue, schöne Mutter In seinem Blut! Stimme 1. Alle droben, die hier stammeln, Werden sich zum Lobe sammeln Bon fern und weit Aus aller Zeit, Chor. In Ewigkeit, Wie Thau ist ihm sein Volk bereit. Stimme 2. Er in seiner Brüder Freuden Ihr Lamm und Hirt wird selbst sie weiden Und leiten sie Und laben sie Chor. Nach Durst und Müh, An seinem Quell erquickt er sie. r.. Seht ihr den Frühling weben In neuem Raum? Herders Gedichte. 2. Seht ihr den Saft dort streben Zm Feigenbaum? 1. Hebt, erhebet Das frohe Haupt! 2. Die Schöpfung lebet! Hinan die Flügel, i. 2. lieber Thal und Hügel Ist alles belaubt! 1. Hört ihr die Zeugen singen, Die für ihn starben? Sie singen neu; 2. Seht ihr die Armen bringen Wie reiche Gaben Frohlockend herbei! 1. In Thrancn gesät, 2. In Freuden gemäht! Chor. Gefallen, gefallen Ist Fcindeswuth Von allen, von allen Glanzt sein Blut, r. O Braut, er starb für dich! Drum schmücke fröhlich dich In seinem Blut; 2 . Sie kämpften brüderlich Und schmückten glänzend sich In Lammes Blut. Chor. Jerusalem, Jerusalem Frohlocke deiner Kinder, Zweiter Theil. 2Zr Du neue, schöne Mutter In seinem Blut. Aus Trübsal kommen Und Schmerz und Hohn Nun sind die Frommen Vor seinem Thron. 2. Und all' ihr Sehnen Und Gram und Noch, All' ihre Thräncn Tröstet Gott — (die Stimmen schweigen.) Choral. Zion hört die Engel singen, Das Herz thut ihr für Freude springen, Sie wachet und steht eilend auf. Ihr Freund kommt vom Himmel prächtig Non Gnade stark, von Wahrheit mächtig, Ihr Licht wird hell! ihr Stern geht auf! Nun komm, o werche Krön! Herr Jesu, Gottes Sohn! Hosianna! Wir folgen all' Zum Frcudensaal Und halten mit dein Abendmahl. Johannes. Er kömmt in Wolken! Sieh', cs wird gc- schehn, Sie werden sch'n, Den sie zerstachen. Heult, ihr Mörder scher Die Wunden sind jetzt Majestät! Herders Gedichte. 2Zy Töne zum Begräbniß. Choral. Nu», Bruder, geh' in deine Ruh! Den Staub der Brüder weihest du Und wirst, ein Morgenstern! ersteh'», Der Brüder Heer voranzugch'n! Hier trauertest du in den Tod: Aus Tod und Trauer riß dich Gott! Du suchtest kummervoll dein Land, Und hast es dort in Gottes Hand. Ich halt', ich halt', und lass' ihn nicht! Er führt durch Finsterniß zum Licht, Durch's kühle, dunkle Thal zur Ruh; O Gottes Sohn, wer stirbt wie du? Zweiter Theil. 233 Pfingstkantate. 1773. E h 0 r. Herr, wie lange Willt du unser So gar vergessen, Daß unsre Feinde sagen sollen: Wo ist nun Euer Gott? N e c i t. Hat Jesus sie verlassen? Jbr Freund! Der's immer ihnen treu gemeynt! Ihr Bruder, Netter in Gefahr Und Lehrer, Vater war; Hat er sic jetzo, Waisen, gar Verlassen! Der sich von ihnen schwang, nur ihnen Trost zu senden, Zu dem sie lange stehn > Um den sie beben! — Kann er sehn Sie um sich beben? Untergehn Sein Evangelium? Zum Spott sie Rauberhanden Girrend dahingegeben sehn? Gilt ihm kein Flehn? gilt ihm kein Flehn? Schlummert in der Gottheit Armen Dein Erbarmen? Brüder, flehen unerhört? - s- n ^ i" ,571 riUMMsM i Herders Gedichte. 224 Oder in die Luft geschwunden, Trug, daß seine Heldenwunden Sonnenglanz verklärt? Ach! erwach' in Gottes Armen Dein Erbarmen! Brüder flehn und sind erhört! Choral. Komm, heiliger Geist, Himmels Glut! Erfüll mit deinem Freudenmuth Dieser Zagenden Herz, Muth und Sinn, Daß Gottheit! Gottheit! flamme drinn! Der du durch deines Lichtes Glanz Zum Glauben sollt dir sammlen ganz Den Erdenball in allen Zungen — Wann wird, 0 Geist! dein Lob gesungen? Hallelujah! R e c i t. Wie wird, wie wird cs? Aller Himmel Brausen Umringet, füllt Den Tempel, wo sie zittern. Der Herr in Ungcwittern? Heil uns! gestillt! Welch sanftes Sausen Umfleußt uns — Duft! Himmelsluft! (Accente himmlischer Musik lassen sich hören.) Seeliger Klang! Engelssang! — (Die vorigen verstärkt.) Zweiter Th eil. 235 Sie singen! olle singen Und flammen himmelan! (Zum dritten mal.) Völker dringen Staunend hinan, Beten an: Staunen an! „In all' all' unser» Zungen „Wird Gott, wird Gott besungen!" Gesang, Gesang, fleuch himmelan! a. Ihr Stummen singet! Stumme singen, U. Frohlockt, ihr Blöden! Blöde schwingen u. 1a. Zu Gott welch' hohen Jubel empor! Stimmt an ein Chor, stimmt an ein Chor! Chor. Gott giebt seinen Geist lieber alle! Jünglinge sehn die Zukunft! Greise den Himmel schaun! a. Ihr Stummen singet! Stumme singen, b. Ihr Blöden singet! Blöde schwingen a. U. Zu Gott wie hohen Jubel empor, Die Welt wird Chor, die Welt wird Chor! Choral. Du heiliges Licht! Gottes Wort Laß leuchten hie und da und dort! Daß Gott, den guten, all' erkennen, Daß alle Vater ihn nennen! 236 Herders Gedichte. O Gott! der wahren Weisheit Lehr' Ist ewig Leben! — Lautre, mehr', O mehre du der Weisheit Lehren, Daß Jcsum Christum alle ehren! Hallelujah R c c i t> Ich seh, ich seh! die Boten Jesu fliegen Wie Flammen Gottes in die Welt, Jn's Dunkel aller Nationen! — Fallt Das Dunkel graus' uralter Nebel! Er fallt! Seht hin in's Dunkel! Aufgehellt Geht Himmel aus der Nacht. Jauchze Welk! Morgen erwacht!- Nicht mehr Hohl' ein zu engen Kreisen, Umringt mit Aber sagen Tand, Wird man um Weisheit reisen — Und finden Tand! Auf Weg und Stegen, alles Land Wird Gott den Einen, Gott den guten preisen, Und werden heilig Land! — Ich sch', ich sehe! Engel Jesu kriegen Mit Götzen, Priestern, Furienheer, Scheusalen, kriegen — siegen sic? Arioso. Die Engel Jesu siegen, Die Götzen sind nicht mehr! Was seh ich? dort auch Märtyrer, Ein jauchzend, blutend Heer! Zweiter Th eil. 23 ^ Sie' tragen Heldcnwunden Wie Jesus! — Zittert nicht! — Sie Huben Tod gefunden, Die Welt hat Licht! Terzett der verschiedenen Nutionen. 1. Lang' ächzten wir in dunkeln Hainen: Wunn wird, wunn wird uns Licht erscheinen? Chor. Triumph! Triumph! mit Sonnenpracht Ist Wahrheit euch gebracht! 2. Lang' ächzten wir in Sklavenketten, Kommt auch ein Retter uns zu retten? Chor. Getrost, getrost! einst bruderfrei Die weite Erde sey! r. 2. Noch leben wir ein dunkles Leben, Jst's Tod oder Himmel, dem wir beben? — Chor. Getrost, getrost! Auf Grabes Nacht Des Himmels Morgenpracht!- 1. So wandeln wir und fallen nicht: Der Herr ist unser Licht! 2. Und kämpfen mit uns edeln Krieg: Der Herr ist unser Sieg! r. 2. Und eilen froh dem Tode zu, Im Tode wohnet Ruh! Lang ächzten wir rc. - - - - - Morgenprachk. Herders Gedichte. 2.38 Choral. Dn heilige Kraft, süßer Trost! Nun hilf »ns fröhlich und getrost In deiner Hoffnung ewig bleiben, Daß Trübsal nie uns abtreiben. Herr! deine Kraft mach' uns bereit Und stark' der Seele Mattigkeit, Daß wir als Ucberwinder ringen Und todt und lebend zu dir dringen. Hallclujah! Chor. Sie waren all' Ein Herz und Eine Seele Und große Freude bei ihnen allen Und beteten und lobeten Gott! R e c i t. Voll Gottes bin ich! Mich Regt Geistesodem! Mich Tragt seine Stimme! Wo nur ich Hingche, strahlt sein Licht! Und folg' ich nicht, Wie klaget Es in mir! zaget Mein Wesen inniglich! — tKlagende Töne.) Bis mein Sinn ' Bor Gott in Thronen Schmilzet hin, Wallt mit Sehnen, Zürnt zur Unschuld hin (Töne in sanfterem Gange.) Zweitei. Theist 2^9 Und fühlt wie neue hohe Triebe Zu Gottcssinne, Christusliebe, Wie Sonnenhelle, Sonnenglut! Dann bin ich gut! (Freudentone.) Und ob ermattet oft und müde, Ich stärke — nein, sie stärket mich — Die Flamm' in mir, mit Muth! Bezwifige mich, Klimm' auf, und Gottesfriede Geht aus in mir mit sanfter, süßer Ruh. (Sanfte Ruhetöne.) O Tröster du! o Tröster du! — Choral i. (Mel. Straf mich nicht re.) Geist der Gnade, laß mein Herz Stets nur richtig winken, Nicht in Freude, nicht in Schmerz Steigen, noch versinken. Himmelsruh Pflanze du In die blöde Seele, Daß sie WahrheH wähle! Chor. Welche der Geist Gottes treibt, Die sind Gottes Kinder! 2. Geist der Liebe, laß, v laß Selbst mich überwinden! Mich dem Spotte, mich dem Haß Eigne Nach' nicht finden! kÄ G 24» Herders Gedichte. Gutes thun! Edel ruhu! Ucber alle Kronen Jst's, mit Güte lohnen! Chor. 0 wir anders mit ihm leiden! aß wir uns mit Ihm fccun! 3. Geist des Trostes, Himmelspfand! Zeig' uns, wenn wir scheiden, Droben unser Vaterland Für der Erde Leiden! Sinkt mein Blick Malt zurück: Hilf empor dem Blicke, Wenn er sinkt zurücke! Chor. Der Geist vertritt uns auf's beste Mit unaussprechlichem Seufzen Und ruft in unfern Hetzen: Abba, Vater! Zweiter Theil. 241 Oster-Kantate. 1781. Des Lebens Fürsten haben sie getödtet, Den Heiland Israels. Sie nahmen ihn und würgten ihn. Der Fromme geht dahin, Und niemand ist, der es zu Herzen nehme. Der Heilige wird weggerafft Und niemand achtet drauf. Aber deine Tobten werden leben, Und auferstehn! Erwacht und blüht, ihr Schlafenden unter der Erde, Sein Thau ist Frühlingsthau. — <— - - AllMacht'gcr Schauer dringt Durch alle Wesen! - Ringt Das Leben und der Tod Um seinen Fürsten? — Gott Jehovah ruft den Sohn Im Schoos der kühlen Nacht! Vom tiefen Schlaf erwacht Sieht auf der Held und blickt empor. Wer mag ihn halten? — Durch das Thor Des Lebens zeucht er! Helle Schaaren, Die in dem Arm der Nacht gefangen mit ihm waren , 2 Ureiiclrtc II. Herders Werke Lit. u.Kunst. XVI. 242 Herders Gedichte. Sie ziehen nach ihm, ihrem Herrn, Wie Sterne nach dem Morgenstern, Sie dringen zu dem Licht hervor, Empor! empor! Timt auf die Pforten, die Thore der Welt! Es zeucht der König der Ehren einher! „Wer ist der König?" Es ist der Held, Schrecklich, mächtig, mächtig im Streit. „Wie kommt's, dein Kleid ist roth von Blut?" „Ich trat die Kelter, ich trat sie allein, Ich stritt allein am Tage der Schlacht, Und ward voll Blut." Thut auf die Pforten, die Thore der Welt! Es zeucht der König der Ebren einher, Und glanzet Heil. Er glänzet Heil! Christ ist erstanden von der Marter alle, Deß sollen wir alle froh seyn, Christ will unser Trost seyn. K. E. Hallelujah! Hallelujah! Deß sollen wir alle froh seyn, Christ will unser Trost seyn. K. E. Wie die fcrnabgcfchiedene Geliebte Sonne sich -Nach ihres Frühlings Kindern sehnet, Und wenn in kalter Nacht noch matt ihr Auge thra net, Z w e i te r T h e i l. llgli Als Morgenröthe schon, dcn düstcrn Nebel bricht, Zerreißt den Schleier und wird Licht: So sehnet sich, so stehet der betrübten Maria Jesus nah, Und nennt sie, und ist da! — Und eilt mit jenem Paar, die nach der Nuht stehn, Ein Wandrer, mitzugehn. Er raubet sanft ihr Herz und athmet fremde Glut, In ihren lechzenden, gesunkncn, kalten Muth, Enthüllt sich und verschwindet. — Bis er die Zebu Geliebten Verlohrencn zusammen wieder findet, Und Frieden ihnen gibt und haucht sie an mit Geist, Der von der Balsamkrast des andern Lebens fleußt.—' Er sucht den Irrenden in seiner Zweifel Nacht, Der, wie vom schweren Traum erwacht, Die Hand ihm legt in seine Wunden: „Ich habe dich gefunden! Mein Herr und Gott! Du lebest, ich bin todt." Und wandelt in des Morgens Früh? Mit seinen Kindern: „Liebt ihr mich? „Der mich nicht kannte, Simon, liebst hu inich?" Allwissender, o stehe Mein Herz! ich liebe dich, Q 2 244 Herders Gedichte. Auf der Lüste heil'gcm Weben, Zn der Schöpfung tiefstem Leben, Nahe meines Herzens Sehnen, Nahe meiner Freude Thranen, Siehe, sieh, da ist der Herr! Siehe, sieh, da wandelt Er! Süße Stimme ruft im Leiden; Ernste Stimme ruft in Freuden: „Liebst Du mich?" Ewiger, wir wollen lieben, Lieben Dich! V. A- Ach alles, alles, was ein Leben, Was Seel' und Othem in sich hat, Soll Seele mir und Othem geben: Denn meine Stimme ist zu matt, Die süßen Wunder zu erhöhn, Die ewig, ewig mit mir gehn. O Auferstandener, wo schwebtest Du ungesehn? In welchem Reiche lebtest, Ein König, du! der Retter der Natur, Die erste, schöne, neuerwachte Blume Auf Gottes Flur. Und trankst der Auferstehung Kraft Für deinen Kelch der Leiden, Einathmcnd Himmels Freuden, Verbreitend überall des ew'gcn Lebens Saft! Ich sehe dich! Dein schönes Kleid Ist Morgenroth in aller Menschen Blicken, Zw e i t er T h e i l.' 245 Die Hoffnung der Unsterblichkeit; Dein Leib die heilige verborgne Christenheit, Dein Angesicht Entzücken" Ich seh " Aus Deinem Grabe blüht DeS Lebens hoher Baum, An dem in weitem Raum Die Schöpfung sich aus Nacht und Moder zieht, Und ewig wachst und ewig blüht! Was tönet aus den Grüften Dort für Gesang hervor? Er steiget zu den Lüften, Das Feld der Tobten wird der Auferstehung Eher. Jesus, mein Erlöser, lebt! Ich werd' auch das Leben schauen, Schweben, wo mein Heiland schwebt, Auf des schönen Himmels Auen! Da wird Schwachheit und Verdruß Liegen unter meinem Fuß. Hallelujah! Der Tod ist verschlungen in Siegsgesang! Tod, wo ist dein Pfeil? Grab, wo ist dein Sieg? Gelobt sey Gott, der uns den Sieg gegeben, Durch Christum, unfern Herrn! Hallelujah! ! Herders Gedichte, H än d el' s Messias.*) r 7 8 2, Erster L h e i l. Tröstet, tröstet mein Zion! Spricht Eu'r Gott. Redet Trostesworte mit Jerusalem, Und ruft ihr zu: Daß ihr Kriegszug fty vollendet, Daß ihre Miffethat Sey verziehn. Ein Ruf erschallt! Er rufet in der Wüstcncy: Bereitet den Weg dem Herrn! Macht Bahn in der Wüste! Macht Heerweg unserm Gott. Alle Thale werden erhaben! Und all? Höhen und Hügel tief! Die Krümme gleich, Und die Steile gerecht! ') Aus dem Englischen, di? Worte genqu der Mu stk unterlegt. Zweiter Theil. 247 Denn die Hoheit, die Hoheit des Herrn Wird offenbaret! Und alles Fleisch soll schaun mit einander: Denn der Mund des Herrn Haffs zugesagt. So spricht der Herr! Gott Zebaoth: Es ist noch ein Kleines, So will ich regen Den Himmel und die Erd', Das Meer und die Trockne, Und will erregen die Völker, Bis das Verlangen der Völker erscheint. Der Herr, den ihr sucht, Kommt eilig zu seinem Tempel, Und der Engel des Bundes, Nach dem ihr verlangt. Er kommt, sieh', er kommt! Spricht der Herr Zebaoth. Doch wer mag ertragen Den Tag, wenn er kommet? Und wer besteht, Wenn Er erscheinet? Denn er ist gleich wie ein lauternd Fcur. Und er wird reinigen die Söhne Levi, Daß sie darbringcn Gott, dem Herrn, Ein Opfer in Rcinigkeit. Sieh da! eine Jungfrau empfängt! Gebiert einen Sohn, 248 Herders Gedichte. Und wird ihn nennen: Immanuel! Gott mit uns. O du, der bringet Frohlocken in Zion, Steig hinauf, auf die hoben Berge! O du, der bringet Frohlocken in Jerusalem, Ruf aus dein Wort mit Macht. Ruf es aus! scy nicht verzagt. Verkünde den Städten in Judah: Da ist Eu'r Gott! O du, der bringet Frohlocken in Zion, Wohlauf! glanze! dein Licht ist da! Und die Herzlichkeit des Herrn Erhebet sich aus dir! Schau umher! Dunkel bedecket die Welt, Und Mitternacht die Völker. Doch der Herr wird über Dir aufgehn, Seine Klarheit wird erscheinen auf Dir, Und die Heiden, sie kommen zum Licht, Die Fürsten zum Glanze, der Dir aufgeht. Die Völker, die wandeln im Dunkel; Sie sehn ein groß Licht. Und die da wohnen im Lande der Schatten des Todes; Auf ihnen glanzet der Morgen. Denn cs ist uns ein Kind gcbor'n! Es ist uns ein Sohn gegeben! Zweiter Thcil. 249 Und der Königsstab wird seyn auf seiner Schulter, Und sein Name wird heissen: Wunderbar! Hoher Rath! Der starke Gott! Der ewigew'ge Vater! Der Friedefürst. Es waren Hirten Beysammcn auf der Flur, Hüteten ihre Heerd zu Nacht: Als schnell der Engel des Herrn zu ihnen trat, Und die Klarheit des Herrn umglanztc sie, Und sie erschracken sehr. Alsdann der Engel zu ihnen sprach: Friede! Erschrecket nicht! Ich bring' euch Freude, große Freude, Für Euch und alles Volk. Denn es ist Euch Geboren heut In Davids Stadt Ein Heiland, der ist Christ, der Herr! Und alsobald war da bei dem Engel Die große Schaar himmlischen Heers, Lobend Gott und sagend: Ehre sey Gott! Ehre sey Gott in den Höhen, Und Fried' auf Erd' Und Heil! allen Heil! 25 c» Herders Gedichte. Erfreu, erfreu, erfreue dich mächtig, Erfreue dich, Tochter zu Zion! Jauchze, Tochter zu Jerusalem: Denn sich! dein König kommet her zu dir, Er ist ein rechter Heiland! Und redet zu, Friede den Völkern. Denn wird das Auge des Blinden sehend seyn, Und das Ohr des Tauben aufgethan! Denn wird der Lahme springen, wie ein Hirsch, Und die Zunge des Stummen singen: Er wird Hirte seyn Seiner Schaafe: Und wird sich fammlen die Lämmer in den Arm, Und tragen sic in dem Busen, Und sanfte leiten, die noch zart sind. Kommt her zu ihm, die ihr mühselig scyd, Kommt her zu ihm, die ihr seyd schwer beladen: Er wird euch geben Ruh. Nehmt sein Joch auf euch, Und lernt von ihm: Denn er ist sanft - demüthigen Sinns; So findet ihr Ruh für euer Herz. Sein Joch ist selig. Sein Tragen ist leicht. Zweiter Theil. ?5r Zweiter Theil. Sick, da ist Gottes Lamm! Es traget hinweg die Sünde der Welt, Er war verschmähet, Verschmähet und verworfen, Verworfen von Menschen, Ein Mann des Kummers, Und befreundet mit Grain. Er gab den Rücken der Geißel, Und die Wange dem, Der ihm die Haare riß: Er barg nicht sein Antlitz Vor Schmach und Speichel, Wahrlich, wahrlich! er trug unser Leid, Und litt unfern Kummer, Er ward verwundet um unsre Sünden, Er ward zerschlagen für unsre Missethat. Die Züchtigung zu unserm Frieden lag auf ihm, Durch seine Wunden sind wir gehcilct. Wir gingen all' in Irren umher: Wir kehrten alle, jeder seinen Weg, Und der Herr legt' auf ihn Unser aller Missethat, Und die ihn sahen, spotteten sein, Höhneten ihn und warfen das Haupt v 252 e» Herders Gedichte. Und sprachen: „Er trauete Gott! „Der könn' erlösen ihn. „Laß den erlösen ihn, „Wenn er hat Lust zu ihm." Deine Schmach Zerbrach sein Herz; Er ist voll von Traurigkeit. Er schauet' umher nach Mitleid umher — Aber da war Niemand; Noch fand sich Einer, Zu trösten ihn. Schau an und sieb! Ob irgend scy ein Kummer Gleich seinem Kummer? Man riß ibn aus, Aus dem Lande der Lebenden: Um die Miffethat Deines Volkes Mußt' er sterben, Doch du ließet nicht Seine Seel' in der Höll', Und gabst nicht zu, Daß der Heilige Dein Die Verwesung sah'. Erhebt das Haupt, o ihr Thore! Eröffnet euch weit, ihr Pforten der Welt! Denn der König der Ehre wird einziehn. „Wer ist der König der Ehre?" Der Herr, stack und mächtig, Der Herr, stark und mächtig im Streit. Zweiter Th eil. 253 „Wer ist der König der Ehre?" Gott Zebaoth, Er ist der König der Ehre! Denn zu welchem Engel Sprach Gott Jehovah je: „Du bist mein Sohn! Heut Hab' ich Dich erzeuget! " Laßt alle Engel des Herrn Feiren Ihn! Du bist gestiegen hoch! Haft geraubet, die da raubeten, Und empfangen Gaben den Menschen, Und Gaben deinen Feinden, Daß Gott der Herr noch wohne bey ihnen. Der Herr gab sein Wort. Groß war die Menge der Gottesboten. Wie lieblich ist der Boten Tritt! Sie kündigen Frieden uns an. Sie bringen freudige Botschaft, Die Botschaft unfers Heils. Ihr Ruf, er ergieng in alles Land! Und ihr Wort, Hin an die Ende der Welt. Wie? daß die Völker so wüthend ergrimmen zusammen? Wie? daß die Heiden berathcn eitcln Rath! Die Fürsten der Welt stehn auf, Und die Großen rathschlagen zusammen. Entgegen Gott Und entgegen seinem König. Herders Gedichte. „Laßt uns brechen ihre Bande/ ihre Band* entzwei) I — „Und werfen weg „Ihr Joch von uns." Er, der wohnet im Himmel, Er lachet der Wuth. Der Herr Wird spotten ihres Rathcs. „Sie zerbrechen „Soll dein Eisen-Scepter! „Sie zerschlagen in Stücke, „Wie die irrdne Scherbe." Hallelujah! Denn der Herr, Gott der Allmächt'ge herrschet Hallelujah! Das Königreich der Welt Ist worden das Königreich des Herrn Und seines Christus. Und Ec wird herrschen Ewig und ewig — Herr der Herrn, Der Götter Gott! Hallelujah- Dritter T h e i l. Ich weiß, daß mein Erlöser lebet, Und daß er erweckt An dem letzten Tage Meinen Staub. Zweiter Theil. 2SS Und, ob Würmer ihn zernagen; In meinem Fleisch wcrd' ich Gott schaun. Denn Christ ist erstanden aus der Gruft, Der Erstling Der Schlafenden. Denn durch Einen kam Tod; Durch Einen kommet die Auferstehung von dem Tod, Denn wie in Adam Alles starb, So wird einst in Ihm Alles lebend seyn. Vernehmet! Ich fprech' ein Geheimniß! Nicht alle entschlafen; Aber alle werden verwandelt! In dem Nu! Im Wink des Augenblicks! Bey'm Schall der Trommete. Es schallt die Trommel' Und die Tobten erstehn Unverweslich; Und wir sind verneut. Denn dies Vcrwesliche Neuß anziehn Unverwesung: Und dies Sterbliche Muß anziehn die Unsterblichkeit- Denn wird erfülle: seyn Das Wort des Ewigen: „Tod ist nun verschlungen „In Siegstriumph." O Tod, o Tod, wo ist dein Pfeil? .O Grab, wo ist dein Siegtriumph? 256 Herders Gedichte. Des Todes Pfeil ist Sünd' Und die Macht der Sünde Gebot. Drum Dank scy Gott! Der uns den Sieg gegeben hat Durch Christum, unfern Herrn. Wenn Gott ist mit uns, wer ist uns ent gegen ? Wer will anschuldigen Die Heiligen Gottes Key Gott? Es ist Gott, der frey sie spricht ! Wer ist der, der verdamme? Hier ist Christ, der starb! Ja, der da auferstanden Nun lebt! Er ist zur rechten Hand bey Gott! Und redet und bittet für uns. Würdig ist das Lamm, Das da starb! Und hat erkaufet uns dem Herrn Durch sein Blut, Zu nehmen Macht und Reichthum, Und Weisheit und Kraft und Ehre, Und Hoheit und Dankpreis! Dankpreis und Ehre, Hoheit und Macht, Sep Ihm dem Herrn, der sitzet auf dem Thron, Und Ihm dem Lamm, Auf ewig und ewig! — Amen. Kan- Zweiter Th eil. 267 Kantate beim Kirchgang der regierenden Herzogin von Sachsen-Weimar, Hfstl. Dchl. (Won Fürstl. Hofkapelle aufgeführt.) 1779. Chor« Lobet den Herren! Lobet den Herren! Er gibt uns neuen Lobgesang In unfern Mund Und hebt aus Adlerschwingctt unser Herz Zu ihm empor. R e c i t. Des Landes Töchter, kommt In eurer Unschuld Perlenkran; : Ihr Mütt.e mit dem besten Schmuck Der mütterlich.n Freuden angethan, Und Vater, Jünglinge, Und Ereile wallet heut Zu Gottes Tempel freudiger: Denn Eure Fürstin, Eure Mutter Vom Himmel euch geschenket neu — Sie geht voran. Herders Werke Lit. «.Kunst. XVI. R 6eä-cLte H. 2»8 Herders Gedichte. E h o r. Kommet, lasset uns anbeten Und kniecn und niederfallen Dem Herren, unserm Gott. N e c i t, Die Stunde nahete; Wir flehten hier für sie. Die Stunde kam, der Herr erhörte sie Und sandte seiner Liebe Boten Mit Himmelssittigcn, zu kühlen ihre Stirn, Au giess.n neue Kraft, Wie Thau auf Blumen traust, In ihres Lebens Kelch. Und sie genaß: umarmest Die Tochter ihres Lebens Und schloß sie an ihr Herz. C h o r. Lobet den Herren! Lobet den. Herren! Er rettet feiner Treuen Seele Und krönt mit Gnade sie. R e t i t. Wie die gesenkte Rose sich -Nach Nacht und Regen frischer hebt, Und blickt, der Freude Perlenthau Zn ihrem Aug', empor Und freut der neuen Sonm sich Und blühet fröhlicher. So hebt Luis e heut Zweiter Th eil. 25 9 An unscrs Fürsten Hand, Zn Gott ihr Aug empor, Des Dankes Thranc tiefgehcmmt Ins volle Herz -- Und kniect vor Jehsvahs Thron Und beut der Mutter, beste Gabe, Ihr Kind, zur Tochter ihm. Choral. (Mel. Run danket all rc.) Erwache, lauter Lobgesang, Erwache Christenchor: Denn über aller Sterne Klang Geht Menschensiimm empor. Der Schöpfung goldne Harfe singt Dem Ew'gen wunderschön; Zndeß die goldne Harfe klingt, Hört Er der Menschen Flchn. Und nimmt statt aller Sonnen Gold Und aller Auen Dust Die Thrane, die das Herz ihm zollt Und Segen! Segen! ruft. A c c o m p a g. Sic ist erhöret. Auf zum Throne drang Der Seufzer laute Menge, - Umschlang in zärtlichem Gedränge Des cw'gcn Vaters Knie, Und siehe, sich! R 2 26c» Herders Gedichte. bin Engel schwang Sich hell herab Ans unser» Fürsten guter Vater Grab; Und tritt vor ihre Bilder, den Altar, Der ihnen über Gur und Namen Hochheilig war. Erfüllt ist Gottes Haus Von seines Glanzes Wiederschein, Er spricht Weissagung aus! Wag' ich's, sic nachzusingcn? „Er! „Der Einem Fürstensaamen „Zublicket: Sey nicht mehr! „Und spricht zum andern: Meinem Namen „Sollt du ein Palmbaum sinn! „Jekovah spricht zu Sein- und Ihrem Spanien „Ich will mich an Dir fteun. , „Sey ewig mein!,, Arie. r. In den Lüsten rauschen nieder Goldne Flügel. Alle singen: „Ewig, ewig, ewig wahret „Gottes Treu," 2. Und die Berge tonen wieder Und die goldncn Auen klingen: „Jede schöne Morgenröthe „Wird sie neu. " 1. Wie die Sonne, stehet mächtig Gottes Macht! 2. Wie der Mond, erquicket freundlich Seine Pracht. V. A. Aw e i te r Th eil. 261 Lobet den Herren! Water aller Dinge! Der Brunn des Lebens thut von ihm entspringen Gar hoch vom Himmel her aus seinem Herzen, Lobet den Herren! Ein Palmbaum blühet Seiner Edeln Saame! Der Zeiten letzte werden zu ihm sagen: „In deiner Krone blüht Jehovahs Segen!" — Lobet den Herren! 26 2 Herders Gedichte" Kantate*) bei dem Kirchengange der regierenden Herzogin von Sachsen-Weimar und Eisenach Hochfürstl. Durch!, nach der Geburt des Erbprinzen, 1783. Chöre bewillkommender K i n d.e r. Blumen streuen wir vor Dir, Unsre Mutter nennen wir Dich, des Landes Krone. Hcil Dir, daß Dich Gott erquickt! Heil Dir, daß Du uns beglückt Mit dem Freudensohne. Unter Ihm einst werden wir, Fürsti n n, auch mit Dank zu Dir, Unsre Tage leben. Gute Vorsicht! sey Ihm hold! Deiner Gaben schönstes Gold Wollest Du Ihm geben. __ 4 "*) In Musik gesetzt und mit Hochfürstl. Kapelle in der Haupt- und Pfarrkirche zu Weimar aufge- sührt von E. W, Wolf, Herzogl. Kapellmeister. Zweiter Theil. 263 Wachse, Knabe, wachs' heran! Wcrd' ein Jüngling, wcrd' ein Mann, Deß sich Menschen freuen. Fürsti n n , tritt in's Heiligthum: Dein Gebet sey Gottes Ruhm Und ^)cs Sohns Gcheihrn. Chor der Gemeine, Gesegnet scy, Die dq kommt, im Namen des Herrn! Mutter des Landes, sey uns gesegnet! Vom Gott der Hülfe, der Dir half, Vom Gott des Trostes, der Dich reich getröstet, Sey uns gesegnet! Empfange Sie, du Chorgesang Dcmüth'gcr Hcrzcnslieder. Zu Gott auf steig' in hohem Dank Und bringe Segen nieder. Er ist's, der Sie uns neu geschenkt, Der neu des Fürsten Stamm gesenkt, Zum holden Fricdcnsbaume: In dessen Schatten spat einst sich Die Enkel werden segnen , Und ewiglich und ewiglich Sich Huld und Treu begegnen. Steig' auf, der'Herzen Chorgefang, Steig' auf, der stillen Freude Dank Und bringe Segen nieder. Stimme eines Greises. Von Deinen Armen reiche mir D Mutter Deinen Sohn, 264 Herders Gedichte. Dein Bild und unsers Fürsten Bild Und Unsrer Hoffnung Pfand, Daß ich Ihn anschau mit der Freude Blick Und Alles segne Ihn und Alles für Ihn bete. Chor. Cr ist gesegnet und wird gesegnet seyn! Stimme des Greises. Gott gebe Dir aus seiner reichen Höh' Der Gaben Fürstlichste, der Gaben Seltenste, Hochheiliges Gefühl von Ihm Und innce Ruh, den süßen Gottcsfriedcn. Chor. Gott gebe Dir aus seiner reichen Höh' Hochheiliges Gefühl von Ihm Und innre Ruh, den süßen Gottesfrieden. Eine andre Stimme. Dein schönes Auge finde Nur an Rechtschaffenheit und Menschenwonne Lust! Und kräftig scy Dein Arm und männlich Deine Brust Zu retten sie, zu lieben sie. Chor. Und kräftig sey Dein Arm und männlich Deine Brust Zu retten sie, zu lieben sie. Zweiter Th eil. 265 Eine andere Stimme. In schöne Zeiten falle Dein Loos, wenn Du Dein Volk regieren wirst, Wenn Du es weiden wirst mit Hirtenhand. Dann walle Dir entgegen Aus Deines Vaters Leben Des Guten Frucht — Und was Er pflanzetc, das ernte Du. Chor. Es walle Dir entgegen Aus Deines Vaters Leben Des Guten Frucht — Und was er pflanzcte, das ernte Du. Stimme. Weihe, weihe, Treues Volk, die Treue Deinem Fürsten und dem Sohne neu! Daß im Sohn der gute Vater, Daß der Sohn im Vater glücklich sey. Ehoral der Gemeine. Mit Dank und Liebe weihen wir Dem Fürsten Herz und Hand: Neu blühe Seines Hauses Zier, Neu unser Vaterland: Für das die Mutter froh ihr Kind Mit Sorg' und Fleiß erzieht: 266 Herders Gedrehte. Für daS auch, väterlich gesinnt, Des Fürsten Sohn aufblüht. Was hart mein Ohr? - Was fühlt mein Geist?- Es rauscht um mich Erwachen der Vater! - Cie schweben, selige Geister, heran - Ehrwürdig - schön! Erhabne Gestalten der alten Zeit! Ihr Sachsen, Katten, Guelfen, Erhabner noch im Glanz der andern Welt! — Ihr kommt, ihr kommt zu segnen den Knaben - - Cie blicken hold Ihn an: sie lieben Ihn: Cie segnen Ihn: ,,Heil Dw, Solm! Unsre Lieb' und unser Blut! Sey glücklich und sey gnt! " Und Du, wer bist Du? kleine glanzende Gestalt, geführt von einem Engel! — Ach, Cie isi's! Entsprossen Für jene schöne Welt. Sie fühlt noch zarte Erdenbande - - Ihm ähnlich, schwebt sie liebreich um den Bruder Glückwünschet Ihm, zu fepn der Eltern Freude Für Ihn und Sie: Und legt Ihm ihre Jahre zu, Blickt sanft zurück -— und schwebt hinweg. - - - Sie schweben weg. - E h o v, Bleibt, ihr hohen Gestalten! Weilt, Ehrwürdige, weilt! Zweiter Theil. 267 Euer Liebling wird Euch gleichen: Schwebt um Ihn. Choral. Gottes Huld wird Ihn umschweben: In diesem und dem andern Leben Glanzt um Ihn seine Lieb-' und Zier. In der Zeiten Wechfelstürmen Wird Gottes Rechte Ihn beschirmen, Sein Blick Ihn leiten für und für. Erhör' uns, Mächtiger, Erhör' uns, Gütiger, Allregierer! Uns hört der Herr! Uns höret Er! Wer ist ohn' Ihn? wer hilft wie Er? Hallclujah!