I. G. v. Herders sämmtliche Werke. Zur Philosophie und Geschichte. Vierzehnter Theil. Metakritik zur Kritik der reinen Vernunft. Mit Großherzvglich Badischem gnädigstem Privilegs». Carlsruhe, im Büre au der deutschen Classiker. ^ 8 2 o. Vorrede Dl- fte Herausgabe nachfolgender beider Werke, der Metakritik und Kalligone, hatte der sel. Thorild, Professor und Bibliothekarius zu GreifSwalde, Herderö Verehrer und Freund *), übernommen. Es war erst die Absicht, sie nur *) Thomas Thorild (eigentlich Ilioren) aus Bosus in Schweden gebürtig: Verfasser verschiedener kleiner philosophischen Schriften: IVl-i.xiiiii.ini, keil Lroliimetriii; -Berlin 179g (von Herder re- censirt: s. den XIII. Lheil dieser Sammlung, S. H3 g—H.H6.);— Die Größe des Geistes, einProgramm an seine Zuhörer, GreifSw. i8o3; Reform der Universitären durch eine Lehrstelle für Harmonie oder Conciliation, 180h; Lheome- lie der Genien, oder Allverein der höhern Geister; Helißio netern» ; I.sx miirilli iinivex8a1is8iiiia; I.ux vitss vera; wodurch er sich als einen der scharfsinnigsten Denker unserer Zeit beurkundet hat. Er war gebohren 175g und starb zu Greifsmalde, i8c>8. VI Vorrede. fragmentweise, mit Weglassung des Pole» mischen *), hcrauSzugcben; Thorild erklärte sich aber ganz bestimmt dagegen in nachfolgender Stelle eines Briefes ( 5 . Sept. 1807), welche er ausdrücklich anstatt einer Vorrede vorzusetzen ricih. 2ch trete demnach ab und lasse Ihn reden. M. „Nachdem ich hinlänglich Zeit gehabt habe, die gewünschte'neue Anordnung der Metakritik, durch ein genaueres Vergleichen aller Lheile, zu prüfen; so sind mir dabei allmählich folgende allzu große Bedenklichkeiten vorgckomme» : I. Da in diesem Werke alles mit der feinsten Kunst einzig und stets auf das Kan tische bezogen wird, so ist die geforderte Absonderung des Polemischen , ohne eine Zerstörung des Ganzen, unmöglich. II. Da es immer Gelehrte giebt, die jede Verstümmelung eines berühmten Werkes bald genug durch die Ergänzung wieder Herstellen, so ist jenes ganze Unternehmen vergeblich. III. Da man doch nie aus den vielen Gegenschriften und vorzüglich den bleibenden Lite- ') Ungefähr wie Hayne die Kritischen Wälder: (im h. und 5. Thcil für Literatur und Kunst.) Vorrede. VII raturzejtungen dies nämliche Polemische, obgleich dort in aller möglichen Verzerrung , wegftreichen kann; so ist dieS Wegstreichen hier, wo alleS in seinem ganzen Wohlverhältniß dasteht, höch st unbillig. IV. Da man weder aus der Bibel oder Luthers Schriften, noch aus den Werken Friedrichs, oder LesskngS, daS oft schreckliche Polemische wegläßt; so ist auch diese Strenge hier, bei leichten Zügen einer blos litcrären Kritik, ganz unrichtig. V. Und folglich muß man einen Wunsch, der das Unmögliche, Vergebliche, höchst Unbillige und ganz Unrichtige übersehen hat, vor der ersten, achten, eigenen Geisteshoheit des Verfassers selbst schwinden lassen. VI. Ja, wären alle Einwürfe gegen die Metakritik eben so wahr, als sie wirklich falsch sind; dennoch verbleibe für Deutschland die Ehre, an dem Metakritiker auch seinen eigenen Nizolius oder bumanistifchen Reformator der Philosophie zu besitzen. VII. Diejenigen aber, die eine deutsche Philosophie annehmen, gleichsam wie eine deutsche Wahrheit oder eine deutsche Sonne, müßten doch nicht vergessen, wie oft in den Zeiten Methode nur Mode und Systematisirung nur Battologic war: hingegen wie beständig das metakritische Princip, nämlich die Naturbil- VIII Vorrede. düng aller Begriffe, in der ganzen edleren Geiehrtenwclt, gerade für daS Wesen aller wahren Philosophie galt; ein Princip, wodurch, in allen Werken Herders, jene seltene Größe seines Geistes verherrlichet wird." *) Thor ild. Ueber Veranlassung und Zweck dieser beiden Bücher werden des Verfassers Briefe und Leben s ge schichte nähere Auskunft geben. M» O I. Verstand und Erfahrung. Eine Metakritik zur Kritik der reinen Vernunft. Erster Theil. r 7 9 S- ^4-uf seiner Reise ins Thal der akademischen Weisheit entschlief vorm Eingang desselben ein ermatteter Jüngling. Der allenthalben umherzichcnde, spähende Gedan ke, Hugo *), (so erzählt die alte nordische Chronik) trat im Traum vor ihn, und als er die redliche Gesichtsbildung des Jünglings ersah; (die Wünsche seiner Eltern umschwebten ihn) sprach der vielcrfahrne Wandersmann also: „Du steigst, o Jüngling , in ein Thal, wo dir nebst vielen Reizen und Verführungen, d.ie beste und gefahrvollcste Göktergabe, der Baum der Erkenntnis; bcvvrstcht. Er prangt in einem Dornengchege mit lockenden bittersüßen Früchten. Vernimm von mir, dem Wanderer Hugo, drei kurze Worte, und grabe sie dir wie Runen in dein Gedächtnis: Zuerst. Lerne kennen, che du ent, scheidest. Ohne Gegenstände grübelt man in einer hohlen Nuß, und füllet sic mit Spinnwcb, oder höhlt sie weiter zu Staub aus. Ich ziehe umher *) Hug, Hugo, Hngr hieß ln der nordischen Sprache der Gedanke, der innere Sinn, die Neigung. Er zog umher, allenthalben spähend, leicht wie ein Gedanke. Hugsa, Hägsa Heist denken, geheim aussinnen, im Schilde führen. lind spähe; deßhalb nennt man mich den sinnenden^ Wanderer Hugo. Zweitens. Verstehe was du hörest. Verstand kommt dir nicht zu; er wohnet in dir. Du kennest Odiies Spruch: „das Herz allein weiß, was im Herzen ist; der Verstand selbst ists, der errat!) und saßt, was der Verstand saget." Ohne ihn sprechen zu dir keine Rune, soviel Weisheit sie auch enthalten mögen. Deinen Verstand zu üben, lerne: denn Lernen ist Uebung. Vermochte ein andrer zu denken, warum nicht du? Und kannst du einem andern anders Nachdenken, als mittelst deiner eignen Gctzanken und Wörter Wider ihren Willen sind alle Selbstdenker Despoten; sie drangen, was siedachten, mit Macht auf. Auch das drängen sie aus, was ihre eigenste Gcdankenweise, Trümmer der Zeit, in welcher sic zu dieser Gedankenweise strebten , kurz ein Angehangc ist, das dir als dein Eigcnthum zu tragen nicht ziemet. Wie du dein Gesicht vor fremden Eeberden bewahrest, so halte deinen Mund von nachsprechenden Worten rein. Verstehe, was du hörest. Drittens. Dir selbst lerne, keinem andern. Hörest du um ein Pult, von welchem Jabre hin ein lauter Vortrag geschah, dem niemand cinreden durfte, Wortgeister zischen, poltern, ja dem Lehrer selbst gebieten, daß ec sage, was er nicht sagen wollte, blos weil er sich an diese Wortschalle, die er umherwälzt, gewöhnte; sichest du Schatten, seine alten Jugendfreunde daherschleichen, die er unbesehen aufnimmt und cinführet ; (leicht erkennest du sie in de» Worten, die unversehens wiederkommcn, und die er am liebsten brauchet;) für diesen hüte dich am meisten. Ihm mögen sie zulässig seyn; was sollen sie aber, wenn du in deine Welt zurückkehrcst, Dir? Was würden die Deinigcn, was deine Geschäfte sagen, wenn du mit einem Gewände solcher Act bekleidet, begleitet von diesen Larven, vor ihnen erschienest? Denke, daß du dies Thal verlassen mußt, daß du dir selbst, deiner künftigen Bestimmung, der Welt lernest. Es ist eine Welt, mein Sobn, die du weder erschaffen hast, noch erschaffen kannst und sollst; lerne sie kennen, werde ihr brauchbar." Er legte den Finger an des Jünglings Stirn, blickte ihn väterlich an und wanderte weiter. Im nämlichen Augenblick trat eine Unholdin vor den Schlafenden, Hägsa *), die bekannte Zau- *) Schwerlich hat düs Wort Hexe den Ursprung, den ihr die kritische Philosophie (Anthropol. S. ha) also anweiset,- ,,das jetzt deutschgewordenc Wort Hexe kommt von den Ansangsworren der Meßfor-r. mel bei Einweihung der Hostie her, welche der Gläubige mit leiblichen Augen als eine kleine Scheibe Brod sieht, nach Aussprechung derselben aber mit geistigen Augen als den Leib eines Menschen hu sehen verbunden wird." Nach mehreren Dialekten der nordischen Sprache kommt der zum Scheuwort gestaltete Name wie das edelgebliebene Hu-gh, Hugo, wahrscheinlich von hegen her, d. i. im- Sinn führen, in Gedanken hegen. Bösen Gedanken, einem bösen Blick und Wort schrieb man die Jncanration zu, die Macht im Stillen zu behexen, d. i. durch bösen Sinn heimlich zu schaden, so wie die Hexerei auch von jeher Gehege, d. i. umschlossenen Kreis, Zauberzirkel mit einer geheimen Sinnesversendung liebte. XIV den», die sich Weib des sinnenden Hugo nennt, obgleich seine böseste Feindin. Dreimal bezeichnetc sie ihn mit schnellen Worten: „dies für die Sinnenwelt! dies für den Verstand! dies für die Vernunft!" und sprach weiter: „Folge nicht dem Rath, den dir der Alte gab, munterer Jüngling, am mindesten seiner Schlufwar- nung. Sein Rath fordert Mühe und Aufmerksamkeit , in welcher er selbst rastlos umherwandert; ich fodere nichts, ich bringe dir Geschenke. Hier nimm dies kleine Rohr; aus ibm blasest du Formen", Formen der Sinnlichkeit und jedes möglichen Denkens vor allem Denken. Merk' auf! ich blase: Raum und Zeit, Kategvrieen der absoluten Nothwendigkeit, Po- stulate alles Denkens. Siehe, wie hoch sie steigen, sie transcendiren. — Hier einen,Ka stc n voll schöner Bilder, den achten kritischen Idealismus. Stelle dein Lichtchen hinein; alle Gegenstände der Welt werden nach deinem Willen erscheinen; (dann se» rasch und gieb ihnen Namen!) bis sic sich zuletzt in ein angenehm-beruhigendes Nordlichtauflosen. Schau auf, ich zünde das Licht an." — Sofort erschienen Gesichte auf Gesichte; die rasche Gesetzgeberin der Natur nannte und nannte. „Nun siche, sprach sie, Oder es kommt von der Schnelligkeit her, die man diesen Künstlerinnen' znschrieb: denn Hag, Hag, Hagr hs^ßt ein gewandter, in Ausrichtung seines Werks geschickter Künstler. Der wahrscheinliche Ursprung des Hocuspocus (eines viel neueren Worts) ist seit Litlotson bekannr. S. seine llisoaursa uZaiusk Druus- «'Mstautiatiou, Ihre Glossarium u. f> XV das wahre Bild der Vernunft, ein mit sich selbst kämpfendes Nordlicht. Siehst du die Spcere, die Spieße, die gegen einander rennen, verschwinden, und sich neu verwandeln? Sie sind das Regulativ der Vernunft, aus einem Brennpunkt der Imagination entspringend, auf einen Brennpunkt der Imagination jenseit aller Grenzen des menschlichen Wissens, die absolute Vollständigkeit hinspielend. Erleuchte dies Kästchen für die Geweihten ; ibr Grauen vor der Dunkelheit wird sich zuletzt in ein angenehmes Staunen über den Imaginations-Brennpunkt der absoluten Allheit jenseit aller Grenzen der menschlichen Vernunft sanft verlieren. So weit warf noch niemand Geschoß und Pfeile; seitdem aber der Weg offen ist, (cs ist jetzt der einzig - offne Weg) schwingt jeder Zaunkönig sich mit allgültiger Vollmacht der absoluten Welt - und Wortallheit entgegen, überfliegend bei weitem den Erfinder des Weges. — Hier ein drittes schönes Geschenk, die vierfachgcflochlne Discipli- nargeißel für die reine Vernunft: denn diese ist ohne allen Kanon. Durch sic, (gegen andre, nicht gegen dich geschwungen; denn du magst allgülkige Dogmen und Hypothesen vortragcn , so viel du willst !) durch sie wirst du furchtbar. — Und dann das prächtigste von allen, den Plan und Riß zur Architektonik alles künftigen möglichen Erke n n e n s und Wissens aller menschlichen S e clcn k raste. Umfang, Grund, Höhe, alles ist gezeichnet; keine Linse, keinen Zoll können sie weiter. Schau auf." Und es erschien die glänzendste si'ata MnrZuna. Zerbrochne Säulen, umgekehrte Hauser, Pallastc und Schiffe, zerrissene, schwebende Brücken, Gestalten aus dem-Pallast Pala- XVI qoiiiader Jüngling fuhr zusammen im Traum, voll widernden Schauers. „Das sind, sprach Hagsa, die alteren philosophischen Systeme, wie man sie kritisch verstellt und auch du verstellen mußt; es macht Eindruck. Nun siehe weiter:" — Und es erschien die ganze neue Architektonik. (Hier fehlen der Chronik Blatter, bis Hagsa fortfahrt:) „Jetzt noch mit meinem Fcenkuß ein kleines niedliches Andenken, ein Messer zum Zerspalten, voll magischer Kraft! Was je eine Feder schrieb, nicht etwa nur Worte; Svlben, Buchstaben, Spinnengewebe möglich-unmöglicher, unmöglich-möglicher Gedanken kannst du mit ihm zertrennen, zerschneiden; ja du mußt. Ganz ist jede Sache nur für den gemeinen Verstand: erst muß das philosophische Messer axriorisein Werk thun, damit man aus bloßen Begriffen urthcile, wenn dem kritischen Idealisten Einerseits das dinglose Ding, Anderntheils das Alldingvolle Unding erscheinen soll *). Doch *) „Meißel und Schlägel können ganz wohl dazu dienen, ein Stück Zimmerholzzu bearbeiten, aber Mn Kupferstechen muß man die Radiernadel brauchen. So sind gesunder Verstand sowohl als spekulativer, beide, aber jeder in seiner Art brauchbar; jener wenn es auf Urtheile ankommt, die in der Erfahrung ihre unmittelbare Anwendung finden; dieser aber wo im Allgemeinen aus bloßen Begriffen gcurtheilt werden soll." S. Prolego- mena S. rZf Und gegen wen wird dies gesagt? Gegen Neid und Beattie; sie sollen den Meiste! und Schlägel gebraucht haben; hoffentlich ist in der nachfolgenden Metakritik auch die Radiernadel angewandt und kann noch schärfer gebraucht werden. XVII Doch du begreifst diese Geheimnisse noch nicht,> schlafender Jüngling; ich scheide, und bleibe doch bei dir. Meine Jungfrauen werden meine Stelle vertreten." Ein Wink, und sie erschienen. Ungemüth, die stolze, Mo de sucht, die begeisterte, und ihre jüngste, gewandteste Schwester, die Kabale erhoben tanzend sich in die Lüfte. Solch einen Zauberten; sah niemand: denn was wir (sagt der Ehronikfchrei- ber) seit verschiednen Jahren lasen, sind nur grobe Stellungen dieses Tanzes. „Schaue, sprach H a g s a, diese Huldinnen; sie werden dich zu einem Hause führen, woher dein Ruhm, der Ruhm selbst deiner ungebohrnen Säuglinge, erschall.cn wird in alle Winde. Es beißt das Buchstabenhaus, von Len hohen Äsen die Runenb u cg genannt, wo alle mcin.L Lieblinge absteigen. Gedenke npeiner." Hier verschwand Hagsa. WaS der erwachende Jüngling gethan habe, wird der Vorrede vor der Meta k r! t i k zur Kritik dcr U r t h e i ls.k r.a ft, d. i. zur Kritik der kritischen Kraft anvertrauet werden. Jetzt sind wir nur noch bei einer Vorrede zur Metakritik der Ver- nunftkritik, d. i. des Kriteriums aller Kritik, ohne Kriterium, ohne Kanon und Lieget. M e ta kri ti k also ; der Name erkläret sich selbst. „Der kritische Weg ist allein noch offen," und vor Ablauf des Jahrhunderts, wo alles geendet sepn muß, soll jeder dazu das Seinige beitragen, sagt der Verfasser der Vernunftkritik selbst *). Metakritik zur Kritik der reinen Vernunft; von einem Buch ist also die Rede, von *) Kritik der reinen Vernunft. S. 88h.» Herders Werke z.Phil.u.Gesch.XIV. b IUetaLr-nL» XVU1 keinem Verfasser. Noch weniger von eines Vtrsassers Gaben und Absicht; sondern von eines Buchs Inhalt und Wirkung. Wer diese Begriffe verwirrt, und den Verfasser zum Buch, das Buch zum Verfasser macht / weiß weder von reiner Vernunft, noch von Kritik und Metakritik etwas. Auch soll mid kann, dieser Metakritik wegen, die Kritik der reinen Vernunft, der angenommene Codex der kritischen Schule, in keiner Zeile geändert werden: denn es ist ein Denkmal der Zeit, ein Muster kunstreicher Buchstabendichtung. Auch der Schreibart nach ists (nach Niedrerer Erzkcitiker entscheidendem Ausspruch) das höchste Vorbild philosophischer Ordnung und Kürze, Bündigkeit und Klarheit. Die aus der „Kritik der reinen Vernunft" der Metakritik eingerückten Stellen sind also ihre noth- dürftige Basis. Mit Schrift unterschieden mußten diese Stellen werden, damit niemand sage, daß man dem Verfasser einen falschen Verstand andichte oder ihm seine Gedanken raube: denn hier spricht er selbst und zwar im Zusammenhänge, ohne Zwischenrede. Den Kern seiner Schrift auszuheben, war der Metakritik größestc Sorge. Mit den bisherigen CoMme'ntatorcn der kritischen Philosophie hat sich die Metakritik ganz lMverworren gelassen, und fast keinen davon bat ihr Verfasser gelesen. Seit langer als dreißig Jahren kannte er die Grundsätze, aus denen die Kritik der reinen Vernunft selbst entsprossen ist, in Keim und Blülhen; also solus et rotus, peiickst nh> vre sVluAistri. „Für wen diese Metakritik fern solle und seyn werde?" Für die kritische Schule nicht; sie bat sich, wie sie selbst gesteht, in dies System hineinsru- XIX dick, und muß seinen oant reden. Verbiete dem Raben, der den Imperativ mit Mühe qelernt hat, sein ralvo und er hat nichts mehr zu sagen. Außer dieser Schule aber giebt es ein? Nation; eine Nation unpartheiischer Leser. Zu ihnen, Männern und Jünglingen, spricht mit kalter Zuversicht, (denn cs wäre Beleidigung der Nation an ihrem Menschensinn zu verzagen) zu ihnen spricht der ihnen Jnwoh- nende, ihr heileres Selbst, der Verstand also: „das ists mit den Formen und Denkformen, mit den Am- phibolieen und Antimonieen, mit der Disciplinicung und Architektonik; lies. Die Dichtungen zerfallen, ehe du sie anregest; sie bestehen weder in sich, noch mit einander. Frage darüber dich selbst, deine Sinne, deinen Verstand, deine Vernunft; sie haben unver- jahrbare Rechte. Wollen jene in leere, Formen , de.r Verstand in ein sinnloses Buchstabiren, die Vernunft in eine Betrügerin ohne Kanon, ohne End' und Zweck, (als den endlosen Betrug selbst) transsubstanziirt seyn? Als wirkliche, edle Kräfte, haben ste Regeln ihres Gebrauchs in sich, und eine andere Tendenz, als die ihnen der kritische Philosoph andichtet." — Sollte der Verstand , wenn er also spricht, (durchgängig ein Antipode kritischer Uebervernunft,) der keinen Verstand ohn' ein Verständliches, kein Erkennen ohn' ein Erkennbares, keiy prius ohne ein posterius denkbar findet, und eben dadurch dem Verstände seine Priorität, der Sprache ihre Bedeutung, der Erfahrung ihre Unmittelbarkeit bewährt, dagegen jede!» leeren Wortschaum, wie eine niedergefallcne Schnuppe, oder wie die Staubfaden des Löwenzahns wegbläset, sollte Er mit Einer Stimme, die in jedem Verstände, in der gesummten Sprache , aus aller innern und außer» b 2 Erfahrung wiederhallt, kein Gehör finden? Eine Nation ist keine Schule; Kabalen und Zünfte können die Wahrheit aufhalten und beleidigen; nie aber unterdrücken und vernichten. Eine Zeithin darf man daS Lied singen: Ikair is kuul und koul is kair, die Stunde aber geht vorüber. NIis cchariri's rvounci Zwölf Jahre hat die kritische Philosophie ihre Rolle gcspiclet, und wir sehen ihre Früchte. Welcher Vater (jeder frage sich selbst) wünscht, daß sein Sohn ein Autonom kritischer Art, ein Metaphysikus der Natur und Tugend, ein dialektischer oder gar Revolutions-Rabulist nach kritischem Schlage werde? Nun sehet umher und leset. Welches jüngere Buch, welche Wissenschaft ist mehr oder minder mit Flecken dieser Art nicht bedeckt, und wie manche edle Talente sind (wir hoffe», nur auf eine Zeit) zu Grunde gerichtet! Auswärtige Nationen höhnen uns: „seyd ihr da, ihr Deutsche, die ihr in Manchem so weit wäret ? Ihr speculirt, wie cs irgend möglich sey, daß euer Verstand cverde? und wie Ihr etwa dazu gelangen möchtet ? Ungewordcne Nation, an wie andre Dinge solltest du denken? Der Zauber ist vorüber. Daß man dieser Philosophie ein so zutraueudes günstiges Dhr lieh, geschah in großer und guter Erwartung. Sie versprach so ^ viel; anmaßend drang sie sich auf; was hat sie geleistet'? Mit Protcstationen gegen allen Dogmatismus ist sie die absprcchendste Gebieterin in einer Sprache worden, die sich vorher keine Schule erlaubte. Außer ihr ist kein Heil, kein ^Ins undminus menschlicher Bestrebung. Siehat den Schatz gefunden, ihre gemeinsten Aus- wücse sind Goldstücke der Wahrheit. Was sic nicht gesagt hat, gilt nicht, bis sie es saget. XX! Nlrs sliarrri's vvouncl up. Verlacht werden die Ausflüchte: ,,man habe den Meister nicht verstanden; wallfahrten muffe man zu idm, um den authentischen Sinn der Gesetzgeber der Natur, Vernunft >rnd Tugend zu vernehmen." Wer verstanden werden will, schreibe verständlich, und hier hatte man verstehen können seit der ersten Zeile. Jetzt stehet der Bau da; Pflicht ist es, und wie zu hoffen ist, heilbringende Pflicht, ihn zu durchgehen und mit strengester Unparteilichkeit zu prüfen. Es ist foderndes Zeitenbedürfniß. üleu ns rsculo plus lss proAvüs rlss sonnoissan- sss —aff Versuch, sich zu orienriren. 1. Was ist Erkenntnis! n priori? . . . 2 st— 2 K 2 . Was heißt Synthesis oder synthetisch? . . . . . , . 26 — 2 I Z. Sind in allen theoretischen Wissenschaften der Vernunft Sätze, in denen das Prädikat mehr als dqs Subject sagt? > . . 2 g — Zs st. Giebts synthetische Nrrheise a priori? und gebet der Zweck der Metaphysik dqhin aus, unser Erkenntniß über Erfahrung durch solche Urcheile zu erweitern? . . . .32 — 35 XXIV Inhalt. Seite. 5 . Kann die Metaphysik durch eine Transcen- dcntalphilosophie geheilt, gebessert, fortgeführt werden? . . . . .35 — 37 B a c 0 n s Gedanken. . . . . .38 — 3 g 2. Metakritik der sogenannten Transccnden- tal-Äeslhetik.^0 . Von Anschauung, empirischer Anschauung, Form der Erscheinungen, reiner Form i> priori, Transeendental - Aestherik. . . . . lxo— l^6 Vom Raum und von der Zeit als Anschauungen 3 priori. ....... H.7 Erörrernng des Worts Raum. . . . Ü7 — br Zwiefache Bedeutung desselben. . . . 5 r —ba Metakritik der kritischen Behauptungen vom Begriff des Raumes. . . . . .53 — 57 Genese des Begriffs der Zeit nach Ostis der menschlichen Sprache. . . . . . 57—63 Metakritik der kritischen Behauptungen vom Begriff der Zeit. . . . . .63 — 66 Veranlassung dieser Behauptungen. . .66 — 68 Construction der Begriffe des Raums und der Zeit durch einen dritten. . . . .68 — 71 Gesicht und Raum. . . . . .71 Gehör und Zeit. . . . . . .72 Gesicht und Gehör, Raum und Zeit, durch Kraft vereinigt. . . . . . . . 7Z — 76 Erste Kategorie über Seyn, Dascyn, Fortda- scyn, durch Kraft. . . . . .76—77 Leibnitz über Philosophie in der deutschen Sprache. . . . . . . .78—81 3 . Metakritik der sogenannten TranZcendcntal- Analytik. ...... 82 Exposition der kritischen Idee einer „rransccn- dentalen Logik." . . . . . 82-—87 Inhalt. XXV Seite. Exposition des kritischen „Leitfadens aller reinen Vrrstandesbegriffe." . . . . .87 — 88 Zweifel dagegen und gegen die Kategorieentafel 89 — 92 Aristoteles, Leidnitz und andre Kate- gorieen. . . . . . . .92 — 95 „Kritische Deduction reiner Verstandesbegriffe." 96 — 97 Vom Ursprünge und der Entwickelung menschlicher Verstandesbegriffe. .... 97 — rag Metakritik der „transcendentalen Deduction reiner Berstandesbegriffe. . . . rag — rr6 Von der innern Verknüpfung und Reihung unsrer Verstandesbegriffe. ... . rr6 — 12» Erste Reihe der Verständigungen. Kategorie des Seyns. . . . . . ' r22 Zweite Reihe. Kategorie der Eigenschaften. 128—128 Dritte Reihe. Kategorie der Kräfte. . 12g — 182 Vierte Reihe. Kategorie des Maaßes. . 1.82—186 Beziehung der Kategorieen aufdie vierWissen- schaften des menschlichen Verstandes, , r 36 — r 3 g 4. Vom Schematismus reiner Verstandesbegriffe. . . , . . . 140 Darlegung und Metakritik des kritischen Schematismus. . . . . . . rsto—1H.6 Von Denkbildcrn menschlicher Berstandesbe) griffe. . . . . . . . rstö — r 58 Kategorie des Ausdrucks menschlicher Berstandesbegriffe. ..... r 58 —r6c> Grundriß, der Sprache als Typus einer zusammenhängenden Berstandcshandlung. . r6r — 16S 5 . Metakritik des Systems aller Grundsätze des reinen Verstandes. . . . 164 Darlegung des kritischen Systems aller Grundsätze des reinen Verstandes. . . . 16h.—167 Metakritik der Lasel dieser Grundsätze. . 168— 178 Besonders der Analogieen aller Erfahrung. 178 — rär XXVI Inhalt. Seite. Nichtigkeit der transcendentalen Postulats alles empirischen Denkens. . . . > 8 r Wahre Grundsätze des menschlichen Verstandes, nach seinen Katcgorieen; subjectiv . 182—,88 Grundsätze des Verstandes, objeceiv ausgesprochen. ...... 188—igo 6. Vom Idealismus und Realismus. . 19 r Der kritische Philosophie hat das Berkelcy'- sche System weder gekannt noch widerleget, igr— igh lieber Idealismus und Realismus. . . igh. Verschiedene Bedeutung des Seyns in den Katcgorieen. . . . . . . igo I. Anerkennung des Daseyas meiner selbst. >g 6 —20h II. Anerkennung der Eigenschaften und Arten der Dinge. . . . . , . 20,1 III. Anerkennung des Zusammenhangs zwischen Ursache und Wirkung. . . . 200 — 207 IV. Anerkennung des Maaßes der Dinge. 207 Die kritische Lasel der Grundsätze des. reinen Verstandes zu praktischen Grundsätzen des erfahrenden Verstandes geordnet. . . 207 — 20g Elasten der Idealisten nach vier Welten der Anerkennung. . . . . . . . 20g — srs Wahre Darstellung des Berkeleyschen Systems, womit sich dies System selbst berichtigt. ...... siii—216 Wahn des kritischen Egoismus. . . 217 — 2t8 7. Vom Dinge an sich, neben und hinter aller Erscheinung/ . . . . - 219 Vom Grunde der Unterscheidung aller Gegenstände in kliaeuonrenu und l^oui^nerr»; Metakritik darüber. .... 21g — 22h. Inhalt. XXV» ^ Seite» Ursprung des abentheuerlichen Mißverständnisses, das Noumenon außer dem Phänomenen als ein Ding an sich zu betrachten. 22h—22H Anhang von der Amphibolie derNcflexions- bcgriffe..229 Was Reflexion, Ucberlegung sey? . . 22g — 280 Kritische Topik der Reflexionsbcgriffe, . 28 c Metakritik dieser Utopik. , » , '» 2^2 — 283 Grundsätze der Berknüpfung aller Verhält- nißbegriffe des menschlichen Geistes. . 23 h. — 2hr Giebts eine Grenzbestimmung zwischen Begriffen der Einbildungskraft und des Verstandes? ....... 2h>—2HH Topik der Regionen der Sinne, der Einbildungskraft und des Verstandes. . . 2HH Rettung Leibnitzens gegen Anschuldigun- gen der kritischen Philosophie.. 2H.5 — 25 t. Inhalt der kritischen Philosophie nach der Tafel des Nichts tabulirt. . 2Üt — 202 '8. Metakritik der transcendentalen Dialektik. 2.35 Einleitung, vom transcendentalen Schein. 255 — 258 Was ist Vernunft? . . . . , 209 — - 269 „Der transcendentalen Dialektik erstes Buch, von transcendentalen Ideen." . . 265 — -266 „System der transcendentalen Ideen." , 269 — -2?r Vom Ursprünge, Zweck und Gebrauch allge- meinerBegriffe in der menschlichen Seele. 27c — -281. 9. Von Paralogismen der reinen Vernunft. 282 Ob solche ihr wesentlich seyn? . . , 282 — 28b Urtheil der Vernunft über das: „Ich denke;" und die Schlüffe daraus über Unsterblichkeit, 280—29» an. Von Antinomieen der Verminst. . 298 „Äntinomische Einrichtung der Vernunft." 298—-296 XLVIII Inhalt. Seite, llriheil der Vernunft über diese Antinomieen. 297 Erster Widerstreit der transcendentalcn Ideen, lieber die Endlichkeit oder Unendlichkeit der Welt. . . . . . . . 297 —Zoo. Zweiter Widerstreit, lieber das Einfache und die Zusammensetzung der Dinge. . . 3oc>— 3 or Dritter Widerstreit, lieber Causalität und Freiherr. ...... 3si — 3oZ Vierter Widerstreit, lieber ein schlechthin nothweiidiges Wesen in der Welt. . . 3o3 —3o5 n. Vom Ideal der Vernunft. . . 3o6 „Kritische Vorstellung des I'rotot^pon trnns- LLüäeutale." ...... 3o6— 3ic> Mißverständnisse darüber. .... 3r>—3ia Wahrer Begriff von der reinsten Idee der menschlichen Vernunft. .... 3,3 Ob solche cxistire? . . . . . 3iss Ob sie als Phanrasie imaginirt werden könne oder müsse? . . . . . . 3 r 5 — 3 i 8 12 Vom regulativen Gebrauch der Vernunft. . . . 3 >g „Kritische Vorstellung desselben," metakritisch erwogen. ...... 3 , 9-333 Schema der Verstandes- und Vernunft- Einheit. ....... 333 Gesetz oer Vernunft. ..... 33ss — 3ssg i3. Vom Discipliniren der Vernunft. . 35o „Vorstellung der kritischen Disciplin," von Metakritik begleitet. .... 350 — 35/ Gicbt cs eine Disciplin der reinen Vernunft? Welches ist sie ? und wodurch wird dieselbe? 35/ — 366 lieber das Discipliniren durch Scherz und Spott. .. 367 — 368 I n h al t. XXIX Seite. sKategorieen des Scherzes »nd Spottes. . 36g Swift über den Ursprung neuer Schemen in der Philosophie und ihre mächtige Verbreitung. ...... 3/o— .374 14. Bom Kanon der Vernunft. Jmgleichen vom Mepneu, Wissen und Glauben, Und von der Sphäre menschlicher Erkenntnisse.376 „Die Disciplin der reinen Vernunft in Ansehung ihres polemischen Gebrauchs." . 37b — 3^6. Exkanonisirte reine Vernunft. . S?? 1. Vom Fürwahrhalten. . 379 2. Von Neberzcugunn. . . 38o 3. Von Uebcrredung, . > . 38 r 4. Bon Wahrheit. . 3.82 b. Vom Meynen. . . 383 6. Vom Glauben. . . 384 7. Vom Wissen. . . . 383 8. Bon Erlaubnis zu mcynen. . . 385 9. Vom pragmatischen Glauben. . . 38? 1«. Vom Docrrinalglauben. . . . 388 ri. Vom moralischen Glauben. . . 38g Künftiger Weg der Metakritik. . . 3g3 Welches ist die Sphäre menschlicher Erkennt»ißkräfte? besonders der Vernunft? Wie orien- t i r t m a n si c h i n i h r? , . . 39h. I. Vernunft als Vermögen betrachtet. . 3g5— 3g8 Sphären der menschlichen Erkenntnißkraste. 3g8 II. Vernunft als Erkenntnißquelle betrachtet. 3gg-4oc Perioden der Vernunft. .... 401 Hl. Vernunft als Gegenstand betrachtet. . 402-—4p5 Arten der Gewißheit des menschlichen Erkenntnisses. , . ^ . . . , 406 — 407 XXX Inhalt» i5. Verfehlte Kritik der reinen Vernunft. I. Veranlassung des Werks. Hume's Zweifel. II. Probe mißangewandrer mathematischer Begriffe und Worte. . . . . 1. X priori. ...... 2. Synthesis a priori. . . . . Z. Lranscendeinal. » . . . . ff. Anschauung. ...... b. Postulat. ...... 6 . Allgemeingültig. III. Ein Zwiespalt der menschlichen Naiur. r. Spaltung der menschlichen Erkenntniß- kräfte. ....... 2. Spaltung der ganzen»Natur. Z. Spaltung der Vernunft selbst. IV. Verwirrung im Hauptbegriff des Werks. Leibnitz vom philosophischen Vortrage. Zugabe. Neueste Nachricht von einer kritischen Facnllät der reinen Vernunft. Kritischer Begriffvvn Universitären, als „Anstalten , den ganzen Inbegriff der Gelehrsamkeit und die derselben gewidmeten Kopfe fabriiniaßig zu behandeln." Karegoricen der stdecane „kritisch aus dem Lhierkreiie herabgeyoicl." Von Gelebrien außer der Universität. . Von Sludierten oder Literaten, als Werkzeugen des Staats „unter richtender Gewalt der Facullaten." . . . . „Von einer durchaus nothwendigen Faculiat, die alle Befehle der Regierung zu beurthei- len die Freiheit habe." . . . . . Seite. ffo 8 ffr >8 — ff >9 ff2i> ff2« ffar —ff22 ff22 — ffaff ff2ff—ff2v ff 2 N-ffv 6 426 —ff2 7 ffvst ffvli — ff2g ff 2 P ffvg— ffor ^4— 4^9 44--ffffü ffffff — ffffb 445 — ffffst 44g—45 r XXXl Inhalt. Seite. „Bon einem Departement, gestiftet, alle obern Facuttaten zu controlliren." . .H5i.-H.b3 „Die philosophische Faculrat kann von der Regierung nicht mit einem Jnterdict belegt ' werden." ....... H53— H5ö „Was sich die ober» Facultaten von der philosophischen gefallen lassen müssen." , H56— Hb? „Geschäftsleute sollen sich nicht erkühnen, den Philosophen zu spielen , weil sie ihr Wissen nur von den Facultaten herhaben." . . HL?—H58 Protestatio» gegen diese Behauptungen. . hbg—hör Der Screit der Faculrären. Eine kritisch- freundliche Anrede. .... . hßu— H6H r. Titel und Einleitung. K-m, Titel der reinen Vernunft;" *) der befremdet. Ein Vermögen der menschlichen Natur kritisirt man nicht; sondern man untersucht, bestimmt, begrenzet cs, zeigt seinen Gebrauch und Mißbrauch. Künste, Wissenschaften, als Werke der Menschen betrachtet, kritisirt man, entweder in ihnen selbst cder in ihren Hervorbringungen; nicht aber Naturvermögen **). < Zweite verbesserte Auflage. 1^87. bocke, Lcibnitz, Hume, Neid u. f. felgten dem Sprachgebrauch, da sie ihre Werke ron- acrointz buinan unclc:r8tanckinß, IXouveau .°nr 1'entenäoinent buurain, l'roatiss e>5 Iiunrain natura u. f, nannten. In andern bestimmteren Sprachen würde der Titel Orilion intallectu» buinaui, Oritigus cke In purs raison, Online c>n bnman unäerstanckinA sogleich einen widrigen Begriff erwecken, da man nur von einem critigneur sagt: il critigue In rai«oii Iiuinaine. Herders Werke z.Phil.u.Gesch. XI V. A ^etaLr-l-L. 2 I. Verstand Den Schülern des großen Mannes, dck eine „Kritik der reinen Vernunft, der Urteilskraft" u. f. schrieb, ist indeß dieser Name so lieb geworden, daß sie nicht nur Kritiken über Natur- und Uebernatur - Vermögen schrieben, sondern sich unterscheidend kritische Philosophen nannten, und alle, wenigstens die höchste Philosophie zuletzt, in eine Kritik dieser Vermögen setzten. Diese kritische Philosophie, sagt man, sey die einzig-mögliche, die einzig-wahre. Wohlan dann! Eben der ungewohnte Name legt eine größere Pflicht auf. Jeder Richter, er richte Naturvermvgen oder Kunstwerke, muß von einem klar Gegebenen ausgehn und nicht ruhen, bis dies Gegebene deutlich bestimmt sey. Er muß nach einem Gesetz richten, dieses in seinen Ur- theilsgründen deutlich angebcn und genau anwenden. Endlich muß sein Urtheil selbst klar, gewiß, aus dem Gegebenen nach der ihm gegebenen Norm entsprungen seyn; oder es wird gelautert. Jede Läuterung unterwirft sich denselben Gesetzen ; und da der Verfasser der Kritik der reinen Vernunft seine Schrift als das Werk anführt, „welches das reine Vernunstvermögen seinem ganzen Umfange und Grenzen darftellk," *) so darf und kann es nicht anders als mit Prüfung, d. i. kritisch gelesen werden. Die Anmerkungen, die daher ent- *) Prolog zu einer jeden künftigen Metaphysik, die als Wissenschaft wird auftreten können. Riga »783. Borr. S. rh,. und Erfahrung. 3 springen, können keinen bescheidener» und eigenem Namen als Metakritik, d. i> Kritik der Kritik führen. Wenn aber Vernunft kritisirt werden soll; von wem kann sie es werden? Nicht anders als von ihr selbst; mithin ist sie Parthei und Richter. Und wonach kann sie gerichtet werden? Nicht anders als nach sich selbst; mithin ist sie auch Gesetz und Zeuge. Sofort erblickt man die Schwierigkeit dieses Rich- teramtes. Um uns diese zu erleichtern, setzen wir fest: Erstlich. Von keiner als der menschlichen Vernunft ist hier die Mede. Wir kennen keine andre, besitzen keine andre; in der menschlichen Vernunft eine höhere, allgemeinere als die Men- schcnvecnunft richten, hieße die Vernunft selbst trans- cendiren. Zweitens. Menschliche Vernunft können wir zwar in Gedanken und Worten zu einem gewissen Zweck von andern Kräften unsrer Natur sondern; nie aber müssen wir vergessen, daß sie in ihr abgesondert von andern Kräften nicht subsistirc. Es ist dieselbe Seele, die denkt und will, die versteht und empfindet, die Vernunft übet und begehret. Alle diese Kräfte sind nicht nur im Gebrauch, sondern auch in ihrer Entwickelung, vielleicht auch in ihrem Ursprünge einander so nah, so mitwirkend und verwickelt in einander, daß wir nicht wähnen dürfen, wir haben ein anderes Subjekt genannt, wenn wir eine andere Verrichtung desselben nannten. Mit Namen zimmern wir keine Fächer in unsrer Seele; A s 4 I. Verstand wir kheilen sie nicht ein, sondern bezeichnen ihre Wirkungen, die Anwendung ihrer Kräfte. De> empfindende und sich Bilder erschaffende, die denkende und sich Grundsätze erschaffende Seele sind Ein lebendiges Vermögen in verschiedener Wirkung. Drittens. Die menschliche Seele denkt m i t Worten; sie äußert nicht nur, sondern sie bezeichnet sich selbst auch und ordnet ihre Gedanken mittelst der S p r a c h e. Sprache, sagt Leib nitz, ist der Spiegel des menschlichen Verstandes, und, wie man kühn hinzusetzen darf, ein Fundbuch seiner Begriffe, ein nicht nur gewohntes, sondern unentbehrliches Werkzeug seiner Vernunft *). Mittelst der Sprache lernten wir denken, durch sie sondern wir Begriffe ab und knüpfen sie, oft haufenweise in einander. In Sachen der reinen oder unreinen Vernunft also muß dieser alte, allgemein-gültige und nothwcndige Zeuge abgchört werden, und nie dürfen wir uns, wenn von einem Begriff die Rede ist, seines Heroldes und Stellvertreters, des ihn bezeich- neten Wortes, schämen. Oft zeigt uns dieses, wie wir zu dem Begriff gelangt sind, was er bedeute , woran es ihm fehle. Eonstruirt der Mathematiker seine Begriffe durch Linien, Zahlen, Buchstaben und andre Zeichen, ob er gleich weiß, daß er *) S. Sulzers Zergliederung des Begriffs', der Vernunft: seine Anmerkungen über den gegenseitigen Einfluß der Sprache in die Vernunft, der Vernunft in die Sprache. (Vermischte philosophische Schriften. Th. S. 2H6, LH. a., S. r68.) Lamberts Semiotik u. f. und Erfahrung. 5 kcinen mathematischen Punkt machen, keine mathematische Linie ziehen könne, und eine Reihe anderer Charaktere von ihm gar willkührlich angenommen sind, wie sollte der Vcrnunttrichter das Mittel übersehen , durch welches die Vernunft eben ihr Werk hcrvorbringt, festhalt, vollendete Ein großer Theil der Mißverständnisse, Widersprüche und Ungereimtheiten also, die man der Vernunft zuschreibt, wird wahrscheinlich nicht an ihr, sondern an dem mangelhaften oder von ihr schlecht gebrauchten Werkzeuge der Sprache liegen, wie das Wort Widersprüche selbst saget. Glaube niemand, daß die hohe Kritik der reinen Vernunft hiedurch erniedrigt, und die feinste Spekulation zur Grammatik werde. Es wäre gut, wenn sie in allem dies werden konnte; worauf auch Leibnitz mit seiner Charakteristik ausging. Dem großen Sprachkenner, Sprachenforscher, Sprachenvergleicher war, wie hundert seiner Bemühungen zeigen, die Bezeichnung unsrer Begriffe in ihren Ableitungen sowohl als C o mp l i c a t i o n e n die letzte und höchste Philosophie. Auch dem weisen Locke, (wie seine Nation ihn Ehrenhaft nennet) war das Organon unsrer Vernunft, die Sprache, nicht gleichgültig. Nicht nur das dritte Buch seines bescheiden also genannten Versuchs, denmensch- lichen Verstand betreffend, handelt von der Natur, dem Gebrauch, der Bedeutsamkeit der Worte; sondern er bekennet selbst das Mangelhafte seines Versuchs auch deshalb , daß er zu spat an dies unentbehrliche Mittel der menschlichen Erkenntnisse gedacht habe. „Als ich diesen Diskurs über den I. Verstand menschlichen Verstand begann und eine gute Weile nachher, kam mir nicht der mindeste Gedanke bei, daß Worte in Betracht zu ziehen dabei irgend nö- thig wäre; sobald ich aber die einfachen und die zusammengesetzten Ideen unsres Verstandes durchwan- dclt hatte, und den Umfang sowohl als die Gewißheit unsrer Erkenntnisse zu untersuchen ansing, fand ich eine so nahe Verbindung zwischen Erkenntnissen und Worten, daß, falls man nicht zuvor die Kraft und Bedcukungsart der Worte wohl bemerkte, über menschliches Crkenntniß äußerst Weniges klar und hchörig gesagt werden könne. Zwar gebt dieß auf Dinge hinaus; größtcnthcils aber geschieht es so sehr durch Worte, daß von unfern allgemeinen Begriffen Worte kaum trennbar scheinen." So Locke *) ; und ein scharfsehcnder Sprachforscher seiner Nation hat sogar den Gedanken geäußert, daß *) Im Briefe an den Leser der fünften Lusgabe sagt er, VnAua null iusitzuikiogrik lbo z o k 8 posoIi > a u kk l> u s o ok Uangn ritz e, Kava so loutz passeä kor Mysteriös ok Lcienoos; ancl linrä auä uiissplieck Worcks, vvitli IiktIe or I o iv IVIeanintz üavo k>^ Uresoripkion suoli » Uitzbt, ko k>o inistaleen kor äoep l, earuintz sricl kki tzb k ok 8 p e c ul a ti o ii , iliak it ivill uok l>e ko persvsclo, eitlier kliose, ivbo spoak, or kbose, ivbo lienr klieui, klink klie)' nro buk klio (lovars ok Itzuorairoo anä lkin- ärauco ok iruo R. u o >v I e cl tz o. I'o breale in uxou t I, e 8aiictuar)i okVa- und Erfahrung. 7 der Philosoph seinen Versuch über den menschlichen Verstand lieber einen grammatischen Versuch, einen Tractat über Worte hatte nennen mögen * *). „Nach Aristoteles Unheil, sagt Skaliger, war Grammatik nicht nur, was kein Gesunder laugnen wird, ein Theil der Philosophie, sondern sic selbst hielt er von der Grammatik untrennbar. Er, Aristoteles, bessert oft, oft untersucht und erklärt er Ausdrücke; oft schaffet er solche. In einem fortgchenden Ecmmen- tar war er beflissen, die mancherlei Arien der Bedeutung der Worte uns wissen zu machen u. f."**) — Von Plato ist bekannt, wie hohen Werth er der Sprache beilegte, so daß er, um Begriffe zu erforschen, mehrmals, auch unglücklich, etymologisirte. Die Stoiker deßglcichen. Ueberhaupt drückten die nit^ nne, I snx- Pose, seine Lervioe Io linnian llnclerstan- äing. *) UerliaPS it >vas kor Nianlciiiik a Inolc^ inistiilce, (kor il was a inistLli.el vvliicli lVlr, k, oeks inacle, vvlien Ire o-Uleä bis lioolc Ln Lssaif on .Iinrnan kl n ä e r s t a n cl i n tz> ?or seine Part ok the nnsstinialilo denekit ok tliat boolc lins, nierel^ on aoeounI ok its title, rsaoliecl to innii^ tliousancl inore tlian, I kesr, it vvyulcl liave clone, lintl Iie calleck it svvl>st it is inerel^) LOraininsticalklssa^ or L 1'rsatise on kV o r ck s, on k,angnage. Hör ne lkoolce LTtL« P. 42, *^) Lealigsr cle csnss. lat, linguae, kraek. 8 I. Vcrsiand Griechen Vernunft und Rede mit Einem Wort aus, Es ist Zeit, vom Titel zum Buche selbst zu kommen, die Einleitung zeigt den Zweck desselben. I. „Vom Unterschiede der reinen und empirischen Erkenntnis." „Wenn gleich alle unsre Erkenntniß mit der Erfahrung anhebt, so entspringt sie darum doch nicht eben alle aus der Erfahrung. Denn, es konnte wohl s e y n, daß selbst unsre Erfahrungscrkcnnlniß ein Zusammengesetztes aus dem sey, was wir durch Eindrücke empfangen , und dem, was unser eigenes Erkenntnisvermögen (durch sinnliche Eindrücke bloß veranlaßt) aus sich selbst hcrgiebt, welchen Zusatz wir von jenem Grundstoffe nicht eher unterscheiden, als bis lange Uebung uns darauf aufmerksam und zur Absonderung desselben geschickt gemacht hat." *) Bekannt ists, daß mit gleichen oder ähnlichen Ausdrücken dies Leibnitz sagte. „Es fragt sich, heißt cs in seinem lesenswürdigen Weck über Locke **), ob die Seele an sich selbst eine unbeschriebene Tafel, und ob das, was in sie gezeichnet *) S. **) ldlonvesn iklsüai sur I entcmcienient Iiunisin. p. 4 in den Oeuvr. pliilosopliignes cle l,eih- uitr, pudlivs pur und Erfahrung. S sey, lediglich von den Sinnen und ans der Erfahrung komme ? Oder ob sie selbst ursprünglich die Principien vieler Nationen und Lehren enthalte, welche die äußern Gegenstände in ihr blos erweckten? Ob alle Wahrheiten von der Erfahrung abhangen, oder ob cs Wahrheiten gebe, die ein anderes Fundament haben? Denn wenn einige Ereignisse vor aller Probe, die man darüber macht, vorausgesehen werden können, so ist offenbar, daß wir dazu etwas an unserm Theil beitragen. Die Sinne, so nothwen- dig sie zu allen unfern wirklichen Kenntnissen sind, reichen doch nicht hin, um uns alle Erkenntnisse zu geben; immer geben sie nur Exempel, d. i. besonder oder individuelle Wahrheiten. Alle Exempel aber, die eine allgemeine Wahrheit bekräftigen, wie zahlreich sie auch feyn mögen, reichen nicht hin, um die allgemeine Nothwendigkeit dieser Wahrheit zu begründen u. f." Da Leibnitz in dieser Hinsicht alle von Locke vorgeführte Ideen mit seltner Geduld prüfet: so durfte Eberhard mit Recht sagen,,daß die Leibnitzische Philosophie eben sowohl eine, Vcr- nunftkritik als die neuere enthalte, (sie liegt in diesem Werke der Welt vor Augen,) obgleich daraus noch nicht folgt, daß durch sie alle neuere Kritik entbehrlich gemacht worden *). Die Vernunft wird sich kritisircn und jede Kritik derselben muß sich gefallen lassen, kritisirt zu werden, so lange Vernunft und *l Ueber eine Entdeckung, nach der alle neue Kritik der reinen Vernunft durch eine altere entbehrlich gemacht werde» soll, von I. Kant. Königsberg r?go. L0 I. Verstand Kritik ist. War ihre Rechnung richtig, warum sollte sie sich scheuen, aufs neue überrechnet zu werden? Wenn aber eben diese Frage, die auch Leibnitz aufwarf, so auZgedrückt werden will: „ob es ein von der Erfahrung und selbst von allen Eindrücken der Sinne unabhängiges Erkenntniß gebe?"' und diese Erkenntnisse a priori mit der Bestimmung genannt werden, „daß sie schlechterdings von aller Erfahrung unabhängig statt finden, und ihnen gar nichts Empirisches bei gemischt sey;" *) so enthält sie etwas, was in jener Frage nicht war. Dort würde angenommen, daß sinnliche Eindrücke Erkenntnisse veranlassen, daß, wie Leibnitz sagt, äußere Gegenstände Begriffe erwecken, mithin diese Erkenntnisse und Begriffs, auch wenn sie in der zehnten höheren Potenz erschienen, von allen Eindrücken der Sinne, von aller vorhcrgegangenen Erfahrung nicht ganz unabhängig wären; hier sollen sie es schlechterdings seyn und nur dann, wenn sie es sind, s priori heißen. Es ist zu zweifeln, daß ein einziger solcher Begriff in unsrer Seele statt finde; wenigstens ist gewiß , daß das Wort n priori in keiner menschlichen Wissenschaft, selbst nicht in der Mathematik, diese Strenge mit sich führe. Sätze und Schlüffe erkenne ich in ihr u priori, d. i. Kraft meiner Vernunft erkenne ich die in ihnen liegenden Wahrheiten durch sich selbst an ; obgleich ihr Material, Körper, Flachen, Linien, Figuren, durch welche ich den Begriff forme und in solchen allein habe, auch wenn ich sie im *) Kr. der r. Wern. S. 2. 7. und Erfahrung. i t Verstände construire, mir nur als ein posterius gegeben waren. Im gemeinen Gebrauch bezieht sich das Wort a priori nur auf das was folgt; bloß in Beziehung hierauf heißts a priori: denn aus dem Leeren schließet sich nichts. Woher dieß prius sey? ob eine Erfahrung, d. i. ein inneres Datum nach den Regeln meines Verstandes, oder ein äußeres nach Maßgabe meiner Sinne? wird damit nicht ausgemacht, Sich von sich selbst unabhängig zu machen, d. i. aus aller ursprünglichen, inncrn und äußern Erfahrung sich hinauszufetzen, von allem Empirischen frei über sich selbst sich hinaus zu denken, vermag niemand. Das wäre ein prius vor allem n priori; damit hörte, ehe sie anfing, die Menschenvernunft auf. II. „Wir sind im Besitz gewisser Erkenntnisse L priori, und selbst der geineine Verstand ist niemals ohne solche." H Solche Erkenntnisse sind nach diesem Buch zuerst „Sätze, die mit ihrer Nothwendigkeit in strenger Allgemeinheit gedacht werden, und auch von nothwendigen Sätzen abgeleitet sind; dergleichen sepn alle Sätze der Mathematik." Auch aus dem gemeinen Berstandesgebrauche führet es den Satz an, „daß alle Veränderung eine Ursache haben müsse. Hier enthalte der Begriff einer Ursache so offenbar 0 S. ch 12 I. Verstand den Begriff einer NothwenLägkcit der Verknüpfung mit einer Wirkung und einer strengen Allgemeinheit der Regel, daß er gänzlich verlohren gehen wurde, wenn inan ihn von einer öftern Beigescllung dessen, was geschieht, mit dem, was vorhergeht, ableiten wollte." — Dies Exempel beiseite gesetzt, giebt es allerdings unter der Form des Nokhwendigen und Allgemeinen ausgesprochene gemeine Wahrheiten in der menschlichen Seele und Sätze der Art in der menschlichen Sprache; woher aber ihre Noch. Wendigkeit entspringe? wie weit ihre Allgemeinheit reiche ? endlich, da alle allgemeine Sätze sich zuletzt auf einfache Begriffe müssen zurückführen lassen, woher und welcher Art diese seyn ? kurz, das pri- rnurrr dieses n priori ist eben die Frage. Außer den Urth eilen findet die Kritik auch in Begriffen einen Ursprung er priori, wiez. B. im Begriff des Raums, der Substanz u. f. Ob und wiefern dies von aller Erfahrung un a b hängige Begriffe sepn? bleibt gleichergestalt Frage. HI. ,,D ie Philosophie bedarf ei »er Wissen schüft, welche die Möglichkeit, die Principien und den Umfang aller Erkenntnisse a priori, bestimme." *) Allerdings bedarf sie solche, und so lange cS Philosophie gab, hat man sich darum bemühet. Nicht als ob die Frage selbst, wie nämlich „Erkenntnisse n priori möglich sind? auf welchen Principien sie *) S. 6. und Erfahrung. rA beruhen? und von welchem Umfange sie seyn können?" so hoch über uns hinaus läge: denn wir haben ja uns selbst und dürfen unsre Erkenntnisse nur prüfen; sondern weil allgemeine Behauptungen hierüber wenig helfen, wenn nicht zugleich die Erkenntnisse gesondert und geordnet, in Reihen auf ihren Ursprung zurück - durch Stufen und Arten durchqe- führt, in Symbolen^,, welcherlei diese auch seyn mögen, gezeigt, und sodann aus der Natur des menschlichen Verstandes klar gemacht werde, was in ihnen ein xrius oder xonterius scy. Da nun derselbe Eine inenschliche Verstand in mancherlei Sprachen seine Begriffe anders construiret, d. i. bindet, trennt und andeutet, da mit den Zeiten sich die Bedeutung des Symbols ändert und jetzt diesem, jetzt jenem Nebenbegriffe Raum giebt, da endlich gerade mit abgezogenen, allgemeinen Begriffen der Lecrsinn der Menschen am meisten spielt, so wird jene leichte Wissenschaft, welche die Möglichkeit, die Principien und den Umfang aller Erkenntnisse u priori bestimmt, erschweret. IV. „Aon dem Unterschiede analytischer und synthetischer Urtheite." *) Da auf diesen Unterschied, als auf den Schlüssel zum großen Geheimniß der transscendentalen Philosophie, alles ankommt **), so lasset uns die Kritik darüber ausführlich hören. *) S. io. ^*) „Diese Einlheilung ist in Ansehung der Kritik des menschlichen Verstandes unentbehrlich und verdient daher klassisch zu seyn. Prolegom. S. 3o. 3i. -4 I. Verstand „Analytische Urthcile sind diejenigen, in welchen die Verknüpfung des Pradicats mit dem Subject durch Identität; diejenigen aber, in denen diese Verknüpfung ohne Identität gedacht wird, sollen synthetische Urtheile heißen. Die erster? könnte man auch E rl ä u te rung s -, die andern Erweiterung« urtheile heißen, weil jene durch das Prä- dicat nichts zum Begriff des Subjects Hinzuthun; sondern diesen nur durch Zergliederung in seine Theil- begriffe zerfallen, die in selbigem schon, obgleich verworren , gedacht waren; dagegen die letztere zu dem Begriff des Subjects ein Prädicat hinzulhun, welches in jenem gar nicht gedacht war, und durch keine Zergliederung desselben hätte können herausgezogen werden. Z. B. wenn ich sage: alle Körper sind ausgedehnt, so ist dieß ein analytisches , dagegen wenn ich sage: alle Körper sind schwer, ein synthetisches Urtheil." „Erfahrungsurtheile als solche sind insgcsammt synthetisch. Es ist die Erfahrung, worauf sich die Möglichkeit der Synthesis des Prädicats der Schwere mit dem Begriff des Körpers gründet, weil beyde Begriffe, obzwar einer nicht in dem andern enthalten ist, dennoch als Theile eines Ganzen, nämlich der Erfahrung, die selbst eine synthetische Verbindung der Anschauungen ist, zu einander, wiewohl nur zufälliger Weise gehören." „Aber bei synthetischen Urkhcilen u priori fehlt dieses Hülfsmittel ganz und gar. Man nehme den Satz: alles, was geschieht, har seine Ursache. Der Begriff einer Ursache liegt ganz außer jenem Begriff und zeigt etwas von dem was geschieht V e r- und Erfahrung. r5 schiedenesan, ist also in dieser letzter» Vorstellung gar nicht enthalten. Wie komme ich denn dazu, von dem was überhaupt geschieht, etwas davon ganz Verschiedenes zu sagen, und den Begriff der Ursache, obzwar in jenem nicht enthalten, dennoch als dazu und sogar nothwendig gehörig zu erkennen? Was ist hier das Unbekannte — X, worauf sich der Verstand stützt, wenn er außer dem Begriff von ein demselben fremdes Pradicat L aufzusinden glaubt, welches ec gleichwohl damit verknüpft zu seyn erachtet? Erfahrung kann es nicht seyn, weil der angeführte Grundsatz nicht allein mit größerer Allgemeinheit, sondern auch mit dem Ausdruck der Nothwendigkeit, mithin gänzlich n priori und aus bloßen Begriffen, diese zweite Vorstellung zu der ersteren hinzufügt. Nun beruht auf solchen synthetischen, d. i. Erweiterungs-Grundsätzen diel ganze Endabsicht unserer speculativenErkenntniß axriori: denn die analythifchen sind zwar höchst wichtig und nöcbiq, aber nur um zu der>enigen Deutlichkeit der Begriffe zu gelangen, die zu. einer sichern und aus- gcbreiteken SvnkhesiS, als zu einem wirklich - neuen Erwerb erforderlich ist." V. „In allen theoretischen Wissenschaften der Vernunft sind synthe-. tische Urt heile a priori als Prin? cipien vorhanden." i. „Mathematische Urtheile sind insgesammt synthetisch. Dieser Satz scheint den Bemerkungen der Zergliederer der menschlichen Vernunft bisher entgangen, ja allen ihren Vermu- I. Verstand 16 thungen gerade entgegengesetzt ju scyn, ob er gleich unwidersprechlich gewiß und in der Folge sehr wichtig ist. Denn weil man fand, daß die Schlüsse der Mathematiker, alle nach dem Satz des Widerspruchs fortgehen, (welches die Natur einer jeden apodiktischen Gewißheit ersodert,) so überredete man sich, daß auch die Grundsätze aus dem Satz des Widerspruchs erkannt würden ; worin sie sich irreren; denn ein synthetischer Satz kann allerdings nach dem Satz des Widerspruchs angesehen werden, aber nur so, daß ein andrer synthetischer Satz vorausgesetzt wird, aus dem er gefolgert werden kann, niemals aber an sich selbst." „Zuvörderst muß bemerkt werden, daß eigentliche mathematische Satze jederzeit Urtbeile u xrrori und nicht empirisch seyn, weil sie Nothwendigkeit bei sich führen, welche aus Erfahrung nicht abgenommcn werden kann. Will man aber dieses nicht einrau- men, wohlan, so schranke ich meinen Satz auf die reine Mathematik ein, deren Begriff es schon mit sich bringt, daß sie nicht empirische, sondern bloß reine Erkenntniß n priori enthalte. Der Satz 7 Z- 5—i2 scheint analytisch und ist synthetisch." „Eben so wenig ist irgend ein Grundsatz der reinen Geometrie analytisch. Daß die gerade Linie zwischen zweien Punkten die kürzeste scy, ist ein synthetischer Satz. Denn mein Begriff von Geraden enthalt nichts von Größe, sondern nur eine L-ualitat. Der Begriff des Kürzesten kommt also gänzlich hinzu und kann durch keine Zergliederung «us dem Begriff der geraden Linie gezogen werden. An- und Erfahrung. Anschauung muß also hier zu Hülse genommen werden , vermittelst deren allein die Synthesis möglich ist." 2 . „Naturwissenschaft (Physica) enthalt synthetische Begriffe a priori alS Pcincipien in sich. Z. B. der Satz: daß in allen Veränderungen der körperlichen Welt die Quantität der Materie unverändert bleibe, oder daß in aller Mitlheilung der Bewegung, Wirkung und Gegenwirkung einander jederzeit gleich seyn müssen. An beiden ist nicht allein die Nothwendigkeit, mithin ihr Ursprung u priori, sondern auch daß sie synihensche Satze sind, klar. Denn in dem Begriff der Materie denke ich mir nicht die Beharrlichkeit, sondern bloß ihre Gegenwart im Raum durch die Erfüllung desselben. Also gehe ich wirklick über den Begriff von der Materie hinaus, um etwas n prioin zu ihm hineinzudenken, was ich in ihm nicht dachte. Der Satz ist also nicht analytisch, sondern synthetisch und dennoch n priori gedacht; und so in den übrigen Sätzen des reinen Theils der Naturwissenschaft." 3. „In der Metaphysik sollen synthetische Erkenntnisse -r priori enthalten seyn, und es ist ihr gar nicht darum zu thun, Begriffe, die wir uns a priori von Dingen machen, bloß zu zergliedern und dadurch analytisch zu erläutern , sondern wir wollen unsre Erkenntniß a priori erweitern, wozu wir uns solcher Grundsätze bedienen müssen, die über den gegebenen Begriff etwas hin- zuthun, was in ihm nicht enthalten war, und durch synthetische Urthcile u priori wohl gar so weit Hin- Herders Werke i.Phil.u.Gesch.XlV. B I. Verstand 18 ausgehen, daß uns die Erfahrung selbst nicht so weit folgen kann, z. B. in dem Satz: die Welt muß einen Anfang haben u. a. m. Und so besteht Metaphysik wenigstens ihrem Zwecke nach aus lauter synthetischen Sätzen s. priori." VI. „Allgemeine Ausgabe der reinen Bernun fr." „Die eigentliche Aufgabe der reinen Vernunft ist in der Frage enthalten: Wie sind synthetische Urlheile u priori möglich?" „Daß die Metaphysik bisher in einem so schwankenden Zustande der Ungewißheit und Widersprüche geblieben, ist lediglich der Ursache zuzuschreiben^ daß man sich diese Aufgabe und viclleicbt sogar den Unterschied der analytischen und .synthetischen Ur- theile nicht früher in Gedanken kommen ließ. Auf der Auflösung dieser Aufgabe oder einem genug- thuenden Beweise, daß die Möglichkeit, die sie erklärt zu wissen verlangt, in der That gar nicht statt finde, beruht nein das Stehen und Fallen "der Metaphysik. David Hu me, der dieser Aufgabe unter allen Philosophen noch am nächsten trat, sie aber sich bei weitem nicht bestimmt genug und in ihrer Allgemeinheit dachte, sondern bloß bei dem synthetischen Satze der Verknüpfung der Wirkung mit ihren Ursachen (?riiroipiurn osnsulitatis) sieben blieb, glaubte herauszubringen, daß ein solcher Satz u priori gänzlich unmöglich sey, und nach seinen Schlüssen würde alles, was wir Metapbissik nennen, auf einen b'loßen Wahn von vermeynter Vernunft-Einsicht hinauslaufen, was in der Thal blaß aus der Erfahrung erborgt und durch Gewohnheit den Schein der Nothwendigkeit überkommen hat; auf welche, alle reine Philosophie zerstörende Behauptung er nie gefallen wäre, wenn er unsre Aufgabe in ihrer Allgemeinheit vor Augen gehabt hatte, da er denn eingefehen haben würde, daß nach stimm Argument es auch keine reine Mathematik geben könnte, weil diese gewiß synthetische Satze n priori enthält, für welcher Behauptung ihn als- denn sein guter Verstand wohl würde bewahrt haben." „In der. Auflösung obiger Aufgabe ist zugleich die Möglichkeit des reinen Vcrnunfrgebrauchs in Gründung und Ausführung aller Wissenschaften, die eine theoretische Erkennrniß n priori von Gegenständen enthalten, mitbegriffen, d. i. die Beantwortung der Fragen: „Wie ist reine Mathematik möglich?" „Wie ist reine Naturwissenschaft möglich?" „Von diesen Wissenschaften, da sie wirklich gegeben sind, laßt sich nun wohl geziemend fragen: wie sie möglich sind? denn daß sie möglich seyn müssen, wird durch ihre Wirklichkeit bewiesen. Was aber Metaphisik betrifft, so muß ihr bisheriger schlechter Fortgang, und weil man von keiner einzigen, bisher vorgetragrnen, was ihren wesentlichen Zweck angeht, sagen kann, sie sey wirklich vorhanden, B 2 > 4 ,u I. Verstand eine» jeden mit Grunde an ihrer Möglichkeit zweifeln lassen." „Nun ist aber diese Art von Erkenntnis in gewissem Sinn doch auch als gegeben anzusehen und Metaphysik ist, wenn gleich nicht als Wissenschaft, doch als Naturanlage, naturslis) wirklich. Denn die menschliche Vernunft geht unaufhaltsam, ohne daß bloße Eitelkeit des Vielwis- sens sie dazu bewegt, durch eigenes Bedürfniß getrieben , bis zu solchen Fragen fort, die durch keinen Erfahrungsgebrauch der Vernunft und daher entlehnte Principicn beantwortet werden können, und so ist wirklich in allen Menschen, sobald Vernunft sich in ihnen bis zur Spekulation erweitert, irgend eine Metaphysik zu aller Zeit gewesen und wird auch immer darin bleiben. Und nun ist auch von dieser die Frage: „Wie ist Metaphysik als Naturanlage möglich?" ,,d. i. wie entspringen die Fragen, welche reine Vernunft sich aufwrrft, und die sie, so gut als sie kann, zu beantworte», durch ihr eignes Bedürfniß getrieben wird, aus der Natur der allgemeinen Menschenvcr- nunft „Da sich aber bei allen bisherigen Versuchen, diese natürliche Fragen, z. B. ob die Welt einen Anfang habe, oder von Ewigkeit her sey? u. s. w. zu beantworten, jederzeit unvermeidliche Widersprüche gefunden haben, so kann man es nicht bei der bloßen Naturanlage zur Metaphysik, d. i. dem reinen Vcr- minflvermögcn selbst, woraus zwar immer irgend eine Metaphysik (es sey welche es wolle) erwachst, bewenden lassen, sondern cs muß möglich seyn, mit ihr cs zur Gewißheit zu bringen, entweder im Wissen oder Nichtwissen der Gegenstände, d. i. entweder der Entscheidung über die Gegenstände ihrer Fragen, oder über das Vermögen und Unvermögen der Vernunft in Ansehung ihrer etwas zu urthcilen, also entweder unsre reine Vernunft mit Zuverlässigkeit zu erweitern, oder ihr bestimmte und sichere Schranken zu setzen. Diese letzte Frage, die aus der obigen allgemeinen Aufgabe fließt, würde mit Recht diese seyn: „Wie ist Metaphysik als Wissenschaft möglich?" „Die Kritik der Vernunft führet also zuletzt nothwendig zur Wissenschaft; der dogmatische Gebrauch derselben ohne Kritik dagegen auf grundlose Behauptungen, denen man eben so scheinbare entgegensetze» kann, mithin zum Skepticismus." „Auch kann diese Wissenschaft nicht von großer abschreckender Weitläufigkeit seyn, weil sie es nicht mit Objecten der Vernunft, sondern bloß mit sich selbst, mit Aufgaben, die ganz aus ihrem Schoofi entspringen und ihr nicht durch die Natur der Dinge, die von ihr unterschieden sind, sondern durch ihre eigne vorgelegt sind, zu thun hat; da es denn, wenn sie zuvor ihr eigen Vermögen in Ansehung der Gegenstände , die ihr in der Erfahrung Vorkommen mögen, vollständig hat kennen lernen, leicht werden m iß, den Umfang und die Grenzen ihres über alle Erfahrunqsgrenzen versuchten Gebrauchs vollständig und sicher zu bestimmen." „Man kann also und muß alle bisher gemachten Versuche, eine Metaphysik dogmatisch zu Stande zu bringen als ungeschehen ansehen; denn was in der Einen oder der andern Analytisches, nämlich bloße Zergliederung der Begriffe ist, die unsrer Vernunft u priori beiwohnen, ist noch gar nicht der Zweck, sondern nur eine Veranstaltung zu der eigentlichen Metaphysik,, nämlich seine Erkenntniß u priori synthetisch zu erweitern, und ist zu diesem untauglich , weil sie zeigt, was in diesen Begriffen enthalten ist, nicht aber wie wir u priori zu solchen Begriffen gelangen, um darnach auch ihren gültigen Gebrauch in Ansehung der Gegenstände aller Erkenntniß überhaupt bestimmen zu können. Es gehört auch, nur wenig Selbstverlaug- nung dazu, alle diese Ansprüche aufzugeben, da die nicht abzuleugnende und im dogmatischen Verfahren auch unvermeidliche Widersprüche der Vernunft'mit sich selbst jede bisherige Metaphysik schon langst um ihr Ansehen gebracht haben. Mehr Standhaftigkeit wird dazu nöthig seyn, sich durch die Schwierigkeit innerlich, und den Widerstand äußerlich nicht abhalten zu lassen, eine der menschlichen Vernunft unentbehrliche Wissenschaft, von der man wohl jeden hervorgeschoffenen Stamm abhauen, die Wurzel aber nicht auSrotten kann, durch eine andre der bisherigen ganz entgegengesetzte Behandlung endlich einmal zu einem gedeihlichen und fruchtbaren Wüchse zu befördern." und Erfahrung. 23 VII. „Idee und EintHeilung einer besonder» Wissenschaft unter dem Namen einer Kritik der reinen Bern» n ft." „Sie soll eine Wissenschaft der bloßen Beur- theilung der reinen Vernunft, ihrer Quellen und Grenzen, mithin eine Propädeutik zum System der reinen Vernunft und ihr Nutze in Ansehung der Spekulation wirklich nur negativ seyn, d. i, nicht zur Erweiterung, sondern nur zur Läuterung unsrer Vernunft dienen und sie von Jrrthü- mern frcihalten. Um die Principien der Synthesis ist uns zu thun, (sagt der Verfasser,) sie in ihrem völligen Umfange einzusehen. Diese Untersuchung giebt eine transscen dentale Kritik, weil sie nicht die, Erweiterung der Erkenntnisse selbst, sondern nur lue Berichtigung derselben zur Absicht hat, und den Probierstein des Werths und Unwerths aller Erkenntnisse n priori abgeden soll. Eine solche Kritik ist die Vorbereitung zu einem Organon der reinen Vernunft, wenigstens zu einem Kanon derselben, nach welchem allenfalls dereinst das vollständige System der reinen Vernunft dargestellt werden könnte. Den ganzen Plan der Transscendentalphilosophie entwerfe sie architektonisch, d. i. aus Principien mit völliger Gewahrleistung dcr Vollständigkeit und Sicherheit aller S t ü ck e , die d i e ß Gebäude a u smachcn. Das vornehmste Augenmerk bei der Eintbeiiung einer solchen Wissenschaft sey, daß gar keine Begriffe hineinkommen müssen, die irgend etwas E m- 24 I. Verstand xirisches in sich enthalten; oder dafi die Erkenntniß -r xriorr v ö! I i g r c i n s e y. Es gebe zwei Stamme der menschlichen Erkenntniß, die vielleicht aus einer gemeinschaftlichen aber uns unbe- kannren Wurzel entspringen, nämlich Sinnlichkeit und Verstand, durch deren ersten uns Gegenstände gegeben, durch den zweiten aber gedacht werden. Sofern nun die Sinnlichkeit Vorstellungen enthalten sollte, welche die Bedingung ausmachen, unter der uns Gegenstände gegeben werden, s o würde sie zur Transscendcntal- philosophie gehören. Die tranSscendale Sinnenlehre würde also zum ersten Lhcil der Elemcntar-Wiffen- schaft gehören müssen, weil die Bedingungen, worunter allein die Gegenstände menschlicher Erkenntniß gegeben werden, denjenigen Vorgehen, unter welchen selbige gedacht werden" *). Ehe wir in diesen propädevtifchcn Saal treten, wird es nöthig seyn, uns (nach der Sprache der kritischen Philosophie) zuvörderst zu orientiren, damit wir wissen, wie wir hinauskommen mögen. r. Was ist Erkenntniß u priori? Erkenntniß, das ich aus mir beiwohnenden Begriffen vor einer anzustellenden Erfahrung voraus habe. Woher ich cs habe? obs ohn' alle und vor aller Erfahrung in meine Seele gekommen ftp? sagt der Ausdruck nicht. Ware dem Mathematiker kein Raum und im Raum kein Körper als möglich oder *) S. ro — Z». und Erfahrung. wirklich, d. i. durch innere oder äußere Erfahrung gegeben: so könnte er von Körper» keine Flachen, von Flachen keine Linien abfondern, noch solche als Begriffe im Raum construlren *). Die Regeln der Vernunft, nach welchen er sie construirt, sind ihm im Wesen der Vernunft selbst gegeben. Um also Mißverständnisse zu vermeiden, wollen wir das Wort a priori ganz weglassen, und reine, d. i. abstracto Begriffe rein, allgemeine Begriffe allgemein, noihwendige nothwendig nenne», ohne den fremden unterschobenen Begriff einer Priorität vor aller Erfahrung ins Spiel zu bringen **): denn dieser kann keinem Erkenntniß, falls es nicht seiner *) Daß dies die Ordnung und Genesis der genannten mathematischen Begriffe, nicht aber die gegenseitige vom Punkt zum Körper sey, hat Kästner mehrmals (s. Hamburg. Magazin LH. ff. S. H.6. LH. S. 90.) und sonst gezeigcr. ") „Da wir diese Vordersätze haben muffen, ehe wir den Schlußsatz ziehen können, so gehen die Vordersätze dem Schlußsatz vor, und dicß heißt allerdings a priori gehen. Hingegen wenn wir die Vordersätze nicht haben, oder uns derselben nicht zugleich bewußt sind, um den Schlußsatz ziehen zu können: so haben wir kein anderes Mittel als die Erfahrung. Dieß hat man » posteriori genannt und dadurch aus diesem letzten Begriff einen terrninum iirkriitirnr gemacht. Man si'ehet aber leicht, daß diese beiden Begriffe müssen verhältnismäßig genommen werden. Denn wollte man schließen, daß nicht nur 1 26 I. Verstand Natur nach allgemein und nokhwendig ist, Allgemeinheit und Nothweudigkeit geben. WaS er aus dem Begriffe selbst schließet, nennt der Mathematiker einen Schluß er xriori, ohne zu untersuchen, woher ihm der Begriff gekommen? noch weniger die ihm einwohncnde Beweiskraft aus einem verneinenden Nebcnbegriff „vor aller und ohn' alle Erfahrung" her zu leiten, womit er sich in unnütze Fragen verwirrte. 2. Was heißt Synthesis? oder synthetisch? Synthesis heißt Zusammensetzung; die Griechen brauchten das Wort von einer regelmäßigen Wortfügung zumal der Dichter, wie sie in anderm Verstände das Wort Sintaxis gebrauchten. Zn der Mathematik bezeichnet? mau damit einen Gang der Meth o d e. Einen Beweiß nämlich, der von den ersten Begriffen und Grundsätzen in zusammenhängenden Schlüffen auf den zu erweisenden Satz die unmittelbaren Erfahrungen, sondern auch alles, was wir daraus finden k ö live n , a pooteriori seyn: so würde sich der Begriff s priori bei wenige» von den Fällen gebrauchen lassen, wo wir etwas durch Schlüsse voraus bestimmen können, weil wir in solchem Fall keine von den Vordersätzen der Erfahrung müßten zu danken haben. Und so wäre in unsrer ganzen Erkenntniß so viel als gar nichts a priori." Lamberts Organon S. 666 .637. S. gu 3 . tz-rss. und Erfahrung'. 27 fortschrcitet , nennet man synthetisch, den ge- genseitigen Gang vom zu erweisenden Satze zu Grundsätzen der Vernunft oder zu Erfahrungen ana lytisch. Jeder Lebrart laßt man ihren Ort, ihr Verdienst, prüft Eine durch die andre, und setzt sie, weil im Grunde beide zu einander gehören, nach Erforderniß der Sache zusammen. Keinen Synthe- tiker hat man den Analysten verachten gesehen, wenn er wohl analysiere; auch hat sich die Mathematik in diese zwei Namen als besondere Schulen nie getheie lct. In der Philosophie fängt die wahre synthetische Methode von Erfahrungen, als dem Gegebnen an und steiget hinauf; die Analyse von. allgemeinen Begriffen steiget hinunter; jede dieser Lehrarten ist an Stelle und Ort gut, ja keine kann ohne die andre lange ihr Werk treiben. Was soll nun aber die Eintheilung analytischer und snnthetischer Urtheile? An sich ist jedes Unheil (Thesis) eine Zusammensetzung (Synthesis) des Subjects und Pradicats, es möge bejahet oder verneint werden. Wird es bejahet , so muß sich immer eine Verknüpfun g des Subjects und Prä- dicats denken lassen, sonst könnten sie zu einander nicht gehören. Die Bestimmung, daß das Pradicat im Begriff des Subjects enthalten und ein Theil desselben sey, der a n a ly l i sch durch T h ei- lung herausgebracht werden müsse, ist viel zu enge gedacht: denn da sich durch Nennung des Subjects nicht sogleich alles, was in ihm liegt oder zu ihm gehöret, irgendein Merkmal, ein Verhältnis;, eine Beschaffenheit desselben, offenbaret; so müssen uns, wenn wir nicht ewig Identitäten, 28 I. Verstand d, i. Ein »nd Dasselbe ^ L herbeten oder § in 2 -j- 2 auflöscn wollen, Urtheile Vorkommen, die unsre Kenntnisse erweitern, d. i. in denen das Pradicat etwas saget, das nicht sogleich im Subject erscheinet. Will man diese Urtheile synthetisch nennen, wohlan! nur wolle man damit nichts'Neues gesagt, auch keine wesentliche Eintheilung der Urtheile gemacht haben, indem dem Einen neu seyu kann, was dem andern nicht neu ist, und Einer die Verknüpfung der Begriffe schneller als der andre wahr- nimmt. Daß z. B. Ersahrungssatze, sie mögen innere oder äußere, wahre Erfahrung enthalten, unsre Kenntnisse erweitern, wußte man; man nannte daher auch die Lehrart, die vom Gegebnen, d. i. von Erfahrun'gssatzcn ausgeht, die synthetische Methode, ohne dass man deshalb auch in ihrem Gebrauch die Analysis auöschloß. Auch diese, wenn sie, nicht etwa aus dem Subject allein mittelst einer Worterklarung, sondern aus einem höhcreu Begriff, unter welchen Subject und Pradicat gehören, Jenem Dies zuführet, erweitert unsre Begriffe und ist d.r Synthese eben so schätzbar als unentbehrlich, Ue- berhaupt gehört der Unterschied von Synthesis und Analyse zur Form eines Unheils nicht, da derselbe Satz seiner Verbindung nach in jener und dieser Gestalt Vorkommen kann. Das Kind, das, indem cs den Stein aufhcben wollte, aussagket Der Stein ist schwer, sprach l nach dieser .Benennung) ein synthetisches, d. i. Ersahrungsurtheil aus, nicht anders, als wenn es den Berg ansah und sagte: der Berg ist groß, lang, weit, breit, hoch, (ausgedehnt;) Ausdehnung und Schwere geben also keinen standhaften Unterschied eines synthetischen und und Erfahrung. 29 analytischen Unheils *); wer beide Begriffe, der Schwere und Ausdehnung, aus einem böbern abzuleiten weiß, der analysicet. Auf dem „Hinausgehen aus dem Begriff des Subjects" beruhet die wahre innere Synthesis des Unheils nicht, sondern auf der Verknüpfung des Subjects und Pradicats durch ein Drittes; scy dieses nun ein höherer Begriff oder ein Merkmal der Erfahrung. Wir werden also wohlkhun, wenn wir auf den Unterschied der Syntbesis und Analyse bei einzelnen Ur- theilen nicht achten, Theils weil er ungewiß und relativ ist, sich also auch nach Ort und Zeit ändert, insonderheit aber, weil er vom Wesen des Urtbeils, d. i. von seiner innern verknüpfenden Form abführct. Jedes behauptende Urtbeil, als eine Verknüpfung zweier Begriffe, die nicht Ein und Dasselbe sind, muß einen Grund dieser Verknüpfung haben, folglich synthetisch, und sofern dieser Begriff mit andern zusammenhängt, aus denen er entwickelt wird, analytisch feyn: denn in der menschlichen Seele sind alle Begriffe verbunden. Möge diese Verknüpfung durch Erfahrung oder durch Ableitung aus höheren Grundsätzen gefunden werden ; genug, wenn der Satz erwiesen ist oder erweiset. 3. Sind in allen theoretischen Wissenschaften der Vernunft Sätze, in denen das Prädicat mehr als das Subject saget? Allerdings, sonst wäre nie eine Wissenschaft worden: statt Aller betete man das Einmal Eins. *) S. in I. Verstand Z» Da aber bieß Mchrenthaltcne sowohl aus böheren Grundsätzen als aus neuen Erfahrungen in die Ur° thcile gebracht werden, ja Eins ohne das Andre nicht seyn kann, so bedürfen Analyse aus höheren Begriffen und Synthese aus neuen Erfahrungen fortwährend einander. Der Satz: „mathematische Urteile sind insgesammt synthetisch, der so unwidcr- sprechlich gewiß als der Bemerkung bisher entgangen seyn soll*) bestehet keineswegcS. Tausend und zehntausend Urkhcile in der Mathematik sind analytisch ; die synthetische Methode selbst kann nicht anders als analytisch fortschreiten, bis sie zu identischen Begriffen gelangt. Dies will das Wesen der mathematischen Lehrart. Der Satz z. E. 7 -s- 5 — 12 , der durchaus synthetisch seyn soll **), ist weder synthetisch, noch analytisch, sondern identisch 1 — r. Denn cs ist Ein und Dieselbe Anerkennung der Vernunft, die die Einheit in 7, in 5 , in 12 wahrnimmt; es ist derselbe Begriff in andern Zahlzeichen. „Daß die gerade Linie zwischen zwei Punkten die kürzeste sen," ist kein Satz, der etwas Neues synthetisch hinzu- thut, sondern der, sobald ich die Begriffe, Gerade, Kurz, Linie, Punkt inne habe, aus der Eonstruetion der mathematischen Linie, in der sich Ein Punkt zum andern bewegt, unwidersprcchlich folgt, mithin ist er analytisch. Die Begriffe, Gerade, Kurz, Linie, Punkt aber sind gegebne *) Kritik d. r. Bern. S. itz. S. >5. und Erfahrung. 3r Begriffe, über welche die Mathematik nicht hinaus- schreitet. Endlich beruhet die ÄllaeMcinheit und Noth- wendigkeit malheinatischer Satze auf nichts weniger, als auf dem negativen Merkmal, daß sie unabhängig von aller Erfahrung, vielmehr beruhet sie auf dem höchst positiven, daß sie ihrer Natur nach unscrm Verstände gewiß, also aufs innigste mit der Erfahrung verbunden und diese selbst sind, wenn sie auch nicht dargestellt würden. In den Regeln des Verstandes nämlich sind sie so genau, ja genauer als in der Darstellung selbst gegeben, welche letztere jene innere Erfahrung immer nur unvollkommen bezeichnet. Ueberhaupt sind die Begriffe der mathematischen Evidenz und der zu ihr führenden verschiednen Lehrart dergestalt ins Licht gesetzt, daß die Behauptung, als sey „der Unterschied zwischen Analyse und Svnlhese ihrer Urtheile" bisher übersehen worden, befremdet *). In der Na tur wi sse n sc h a ft giebts allerdings Urtheile, in denen das Prädicat mehr als das Subject saget; übel, wenn dieses nicht wäre. Auch sie aber, was sind sie? Entweder Erfahrungssähe oder aus höheren Urtheilen abgeleitete Begriffe, deren Richtigkeit erwiesen werden muß, oder sie verschtbin- *) Kein mathematisches Lehrbuch hat den Unterschied beider Methoden unbemerkt gelaffen, so auch fast keine Logik. L ambert in seinem Organon und inseinen logischen Abhandlungen hat von beiden Methoden scharfsinnig gehandelt; aber freilich nur als von Methoden, wohin beide Bkgriffe auch nur gehören. ?2 I. Verstand den. Sätze der Art, z. B. „daß in allen Veränderungen der körperlichen Welt die Quantität der Materie unverändert dleibe *), ist entweder ein bloß identischer Satz, der aus den Begriffen Körpcrwelt, Veränderung, Quantum, wie sie hier gesetzt sind, entspringet, oder er ist unbewiesen und darf als kein Axiom gelten. Der Satz „daß in aller Mitlbeilung der Bewegung Wirkung und Gegenwirkung jederzeit einander gleich seyn müssen" heißt, recht ausgesprochen: „der Wirkung ist die Gegenwirkung gleich, aber entgegengesetzt," mithin ists ein identischer Satz, der auf den Begriffen der Kraft, der Wirkung und Gegenwirkung beruhet. Soll er etwas mehr sagen, so muß er aus der Erfahrung, synthetisch, oder aus höheren Begriffen, analytisch seinen Deweiß finden. Der Satz „was geschieht, mnß eine Ursache haben" ist identisch: denn im Geschehen setzen wir die Ursache des Werdens mit und voraus. Ueber- haupt sind die Beispiele synthetischer Satze in der Kritik durchaus übel gewahlet. 4. Giebts synthetische Urtheile u priori? und gehet der Zweck der Metaphysik dahin, unsre Erkenntniß über die Grenzen aller Erfahrung hinaus, durch synthetische Urtheile u priori zu erweitern? Urtheile unsrer Seele vor aller und ohne alle Erfahrung, da sie ganz ohne Jnbalt wären, sind leere, d. i. keine Urtheile: denn selbst wenn ich sage, muß mir der Gegenstand als ein dcnk- ) S. 17. und Erfahrung. 33 denkbarer, d. i. als ein innerer Erfahrungsbegriff gegeben seyn, oder ich habe nichts gedacht und qefaget. Soll nun das Unheil auslprccheud im Pradicat ein Neues sagen; woher dieß Neue? Es muß seinc'Wahrheir entweder in sich selbst, oder im Zusammenhänge des Subjekts mit ihm unter einem Mi tte l b e gc i ff haben, der beide bindet; außer welcher Bedingung das Unheil kein Unheil wäre. Lage Einer oder der Andre dieser Begriffe völlig außer den Grenzen unsrer Erkenntnis, d. i. unsrer innern oder äußern Erfahrung, so hatten wir von einem Nichts geredet, ein Nichts' behauptet; wohl verstanden nämlich, daß hier nicht bloß von äußerer grober Erfahrung an Gegenständen im Raum und in der Zeit die Rede sey, sondern auch von innerer Erfahrung, d. i. von einer Zusammensetzung der Begriffe nach der Natur unsers Verstandes, die weder Raum noch Zeit zur Anschauung bedürfen. Eine Synthesis a priori also, d. i. die Hinzufügung eines Prädikats zu einem Subjekt vor und außer aller Erfahrung ist ein cr -j- c>, ein Nichts. .,Und doch strebet die Metaphysik über den Kreis aller Erfahrung hinaus." Es wird sich zeigen, oü und wiefern und woher sie dahin strebe. Ihr doppelsinniger Name M et a p hy si k will, daß sie n a ch oder über der Physik die ersten Gründe der Prin- cipicn der Dinge, d. i. unsres Erkenntnisses von ihnen erforsche. Sonach mußte sie freilich von der Physik, wie von der Moral und den Redekünsten getrennt werden, und es war ein verdienstliches Werk des Aristoteles, daß cr sie trennte; sie lag bei seinen Vorgängern unter physischen und andern Fragt» HerdersWerkez.Phil.u.Gesch.LIV. C As-laKr-t-L. 34 I. Verstund gleichsam begruben. Wenn Er sie uls eine eigne Wissenschaft uufstelltc, die er die erste Philosophie, Weisheit, nannte, so ward sie eben damit auch die letzte Philosophie: denn alle die Wissenschaften mußten ihr v o r h e r g e g a n g e n seyn, deren Ursachen und Grundsätze sie erforschen sollte. Da diese nur in den gegebnen Dingen selbst liegen können, so ward sie von ihm nicht aller Erfahrung v o ra n g e sch i ckt, sondern dcm Kreise vorangegangener Erfahrung eigentlich zugefügct und ange- eignet. Wer sie als eine Lhörin betrachtet, die ausser und vor aller Erfahrung etwas sucht, wovon sie durchaus keinen Begriff hat und haben kann, der dichtet, wie die Scholastiker, sich selbst eine Metaphysik, die lieber Pro- oder Hyper Physik heißen sollte; die menschliche Vernunft erkennet diese nicht an. Nirgend anders hin als in sich selbst kann sich die Vernunft verirren, durch Mißbrauch ihrer Kräfte oder ihres Werkzeugs; sich außer sich in einen Zustand, che menschliche Vernunft war, setzen, um zu sehen, wie menschliche Vernunft werde? ist nicht Philosophie, sondern Platonische Dichtung. Daß in der Metaphysik viel Schwankendes und Ungewisses ist *), kommt nicht davon, daß man den Unterschied zwischen synthetischen und analytischen Urtheilen nicht wußte; ohne diesen schwankenden Unterschied zu nennen, weiß jeder, ob er den gegebnen Begriff bloß zergliedere oder ob er etwas Neues sagt. Auch mußte eine Philosophie, die die ersten Gründe der Dinge erforschen wollte, doch wohl darauf kommen, *) S. ig. und Erfahrung. 3S woher sie solche entdecken möge. Die Schwierigkeiten, mit denen die Metaphysik zu kämpfen hatte, lagen ganz in etwas Anderm, in der Sache selbst, in, dem hohen Ziel, das sie sich vorsteckte, an ihren ungewissen Werkzeugen, und vielen andern Umstanden, die Bacon's Drganon vortrefflich darstellt. Die ersten Gründe und Pcincipien der Dinge festzustellen, ist doch wabrlich nichts Leichtes; Tausend Irrungen mußten dabei vorgeh», und die erste Philosophie, mit der wir der Anlage nach geboren werden, konnte der Ausbildung nach nicht anders als die letzte werden. Sie wird dies gern: denn sie bescheidet sich, daß ihr kein andrer Platz gebühre und weiß, daß, je spater sie ihn cinnimmt, sie ihn desto ehrenhafter bekleide. Auf synthetische Urtheile u priori verlaßt sie sich in ihrem Foctstreben am wenigsten; vielmehr wo, aus der Lust gegriffen, dergleichen Metathesen und Hypothesen synthetisch in die Sprache gekommen sind, müssen sie weggethan werden. Das will ihr Amt. Sic verdiente den Namen Metaphysik nicht, wenn sie Dichtungen aus der Luft griffe, und ohne Grund und Band zum Alten Nichts ein neues Nichts aus sich selbst fügte. 5. Kann also die Metaphysik durch eine T ran sce n d en ta l - Ae sth e tik, TranS- ce »dental-Analytik, Transcendental- Dialektik geheilt oder verbessert und fort geführt werden? Das hieße den Schaden mit einem ärgern Schaden heilen. Hatte sich die Vernunft, z. B. durch Transcenden; ihrer selbst in luftleere Gegenden verirret und verstiegen; bringt inan sie zurecljt, wenn man noch hoher steiget und die Transccndenz trans- cendirct? Vollends wenn uns einen Unbegriff, Syn- tlxsis vor ollem und außer ollem Gegebnen die Sache ankommcn soll, und mein von lauter Undingen, ( V — i) von einer Vernunft, che Vernunft war, von Gegenständen, ehe Gegenstände sind, redet: so lauft man Gefahr, den wahren Gebrauch der Vernunft propädeutisch völlig wegzuvernünfteln. Ist der Vernunft, wie die Geschichte zeigt, insonderheit'dadurch'viel Unheil zugestoßen, daß man sie mit der Streit- und Disputirkunst (Dialektik) verwechselte; wie könnte diese böse Feindin je ihren Schaden heilen , oder einen bessern Gebrauch derselben gründen, wenn sie durch ein Decret u xriori sich sogar zur Schöpferin der Vernunft u priori machte e Gerade der entgegengesetzte Weg ist der einzige, der fordert. Statt nämlich zu tra n sce n d i r e n, kehre die Vernunft auf den Ursprung ihres Besitzes, d. i. in sich selbst zurück, mit der Frage; „wie kamst dri zu dir und zu deinen Begriffen? wie hast du diese ausgcdrückt und angewandt, verkettet und verbunden f woher kommts , daß du ihnen allgemeine, norhwendige Gewißheit zucigncst ?" Unterlasset sic diese -Frage und isolirt sich von aller Erfahrung: so thate sie wohl, wenn sie sich auch von der Sprache isolirte: denn diese hat sie gewiß doch nur durch Ersa h- r u n g. Geriethe sie endlich so weit ins Wahnreich, daß sie ihren .Urtheilen von aller Erfahrung d e ß- ha lb Allgemeinheit und Nothwendigkeit zuschricbe, weil sie (nach der mißverstandenen Anwendung des und Erfahrung. 37 Worts) a priori, d. i. vor aller und abgetcennt von aller Erfahrung waren: so ist sie im Lande vor aller Vernunft, die sammt der Erfahrung durch sie erst möglich werden soll, indem sie solche synthetisch u priori erdichtet. Es ist zu zweifeln, ob es einen ärgern Mißbrauch der Sprache gebe, als diesen. Ec constituirt in Wortlarveneine Uebervernunft, die alle -Philosophie abschncidet und nur Figmentc möglich macht, Figmente sx wuNis aclnuila, ein a priori, das, ehe es ist, sich selbst schafft, getrennt von sich selbst und ohn' alle Erfahrung. Auf verständliche Worte zurückgeführt heißt also die Frage nicht: wie ist menschlicher Verstand, menschliche Vernunft möglich? als ob diese sich selbst erst zu setzen oder zu fabriciren hatten; sondern da sie gesetzt und gegeben, ja die edelsten Gaben sind, die wir zu erkennen und anzuwenden haben, so heißt die Frage: Was ist Verstand und Vernunft? Wie kommen sie zu ihren Begriffe»? wie knüpfen sich solche? Was für Recht haben wir, uns einige derselben allgemein und nothwendig zu denken? Und da Verstand und Vernunft unsres Geschlechts Charakter ist, so fragen wir damit nach diesem, nach unsres Geschlechts wirksamsten Macht, nach seiner eiqenthümlichsten Art. Das unzicmende Wort Kritik der Vernunft verliert sich also in das anständigere, wahre: Physiologie der menschlichen Erkenntnißkrafte. 38 I. Verstand Bacon. , „Der Mensch, ein Diener der Natur und ihr Ausleger, kann und verstehet nur so viel, als er von der Ordnung der Natur durch Erfahrung oder durch seine Gemüthskrafte bemerkt hat; mehr weiß und kann er nicht." „Es ist kein kleiner Unterschied zwischen Idolen des menschlichen Geistes und Ideen des göttlichen Verstandes, d. i. zwischen leeren Satzungen und wahren Bezeichnungen der Dinge, wie wir sie finden " „Die gewöhnliche Vernunft anticipirt die Natur; die wahre Vernunft legt sie aus." „V o r a u s se tz e n d e Dichtungen, (Antici- pationen der Natur) erwerben sich Beifall, weil, wenn die Menschen auf Einerlei Weise auch raselen, sie einander Beifall gaben." „Und wenn die Genien aller Zeiten zusammentraten und ihre Mühe verbanden: so würde kein großer Fortschritt in den Wissenschaften bewirkt werden , sobald sie anticipirtcn: denn den Erund- irrthümern des menschlichen Geistes , die in den ersten Wegen der Verdauung liegen, würde damit nicht abgcholfen." „Markt-Idole nenne ich, die aus Verknüpfung der Worte und Namen sich dem Verstände cinschlcichen; sie sind sehr beschwerlich. Zwar glauben die Menschen, daß ihre Vernunft den Worten gebiete; oft aber wirken die Worte auch gewalr- sam auf den Verstand zurück, wodurch dann Philosophie und Wissenschaften sophistisch und unthatig » nnd Erfahrung. 39 werden. Große und feierliche Disputationen gelehrter Männer gehen oft in Wortstreitigkeiten aus, da sie doch nach Art der Mathematiker, 'in Bestimmung der Worte und Namen von Definitionen in Reihe und Ordnung hatten anfangen sollen. In Auslegung der Natur aber können auch diese Definitionen dem Uebel nicht abhelfen: denn auch sie bestehen aus Worten , und Worte erzeugen Worte, daß es also nothwendig bleibt, zu besondern Instanzen (aci irrstsriiins zoartiaularss) und deren Reihe und Ordnung zurückzukehren " „Da wir keine Sektenstifter seyn wollen, so wollen wir nur aus Werken und Erfahrungen Ursachen und Grundsätze, aus Ursachen und Grundsätzen sodann neue Werke und Erfahrungen herausziehen: denn wir sind Ausleger der Natur, nicht ihre Gesetzgeber." Bacons neues Organon. Aphorism. 1. 23 . 26. 3 c>. 69. 2 . Metakritik der sogenannten Transcen dental-Aesthetik. ,,^4-nschauung ist die Art, wodurch sich Erkennt- niß auf Gegenstände unmittelbar bezieht. Sie findet nur statt, sofern uns der Gegenstand gegeben wird; uns Menschen wird er nur dadurch gegeben, daß er das Gemüth auf gewisse Weise afficir'. Die Fähigkeit, Vorstellungen durch die Art, wie wir von Gegenständen afficirt werden, zu bekommen, beißt Sinnlichkeit. Vermittelst der Sinnlichkeit also werden uns Gegenstände gegeben, und sie allein liefert uns Anschauungen; durch den Verstand aber werden sie gedacht, und von ihm entspringen Begriffe." *) Das Wort „Anschauung" in diesem Verstände ist dem Sprachgebrauch fremd; wer hat von *) Kritik der r. Bern. S. 3o. f. I. Vers! and und Erfahrung. gr der Anschauung eines Tons, eines Geruchs, Geschmacks , Gefühls gehöret? Sofern der Gegenstand den Sinn afstcirt, nennen alle Sprachen es Empfindung ; in unsrer Sprache deutet dies Wort selbst schon an, daß an dem Gegebnen als an einem nicht etwa nur Gefundenen, sondern sich nahe Gebrachten, also auf gewisse Weise sich An gefundenen die Seele Theil nehme *). Wird diese dunkle Empfindung Apperception: so nennen wirs nicht Anschauen, sondern In ne wer den. Die Seele (nicht das Gemüth,) w i rd eines Gegenstandes inner durch welchen Actus sie ihn als den ihrigen betrachtet. Das Gegebne gehört jetzt ihr Selbst der Sinn des Gesichts, von dem das Wort „Anschauung" erborgt ist, kann sich dieser Bezeichnung nicht entziehen. Wird das Auge afficirt, wie cs auch durch Schmerz, durch Wunden, durch übermäßiges Licht bis zur Zerstörung afficirt werden kann, so wirkt dies Afficiren bloß Gefühl. Or- *) I M servit rnoiui aä leenni. (Zuancko coßniti- onern nosiranr cornitainr grsia vei ingrsis rei eognitae xercexiio , inuc ckieiinur e m- pfindcn sentire. tVaebier. Die Worte. seiisns, senssiio sagen mehr oder minder dasselbe. Adelung sagt kurz: sich einer Sache als gegenwärtig bewußr seyn. In xraeposiiio esi, priori bereit liegen soll, daher sie abgesondert von aller Empfindung betrachtet werden können." *) Wer denkt sich hiebei, bei einer „Form aller Erschcinun- ) S. 3ß. I. Verstand gen," d. i. sinnlichen Gegenstände, „die im Gcmüth bereit liegt, etwas?" bei einer Form zu Erscheinungen , die, „von aller Empfindung abgesondert, a xriori betrachtet werden können, und dennoch keine Erscheinungen sind?" sonst waren sie nicht a xriori. Die Namen Materie und Form haben in der Metaphysik so viel leere Begriffe, schneidende Behauptungen und aus ihnen entspringende Wortkriege verursacht,' daß wir uns, wenn von irgend einer Sache etwas Bestimmtes gesagt werden soll, vor ihnen zu hüten haben. Materie heißt Bauzeug *); Form ist die Construction des Baues. Die Baumeisterin Seele kann , wenn Sinne ihr den Bauzcug liefern, diesem nicht jede Gestalt geben, die ihr gefallt, oder mit einem Material, was ihr gefallt, ihr aber nicht gegeben ist, bauen. Die innige Eoncurrenz, in der bei jeder sinnlichen Empfindung das Acußere und Innere zusammcntrifft, wird auch durch die symbolische Unterscheidung der Materie und Form nicht bezeichnet: denn nicht tobte Materie ists, was die Sinne geben; und was der innere Sinn sich zucignet, d. i. nach inneren Kräften und Gesetzen in sich verwandelt, drückt das grobe Töpferwort Form nicht aus. Behauptet man weiter: „daß die reine Form sinnlicher Anschauungen überhaupt im Gemüth *) Im Griechischen ÜLy, Vorrath, ein viel schicklicheres Wort. Luch hier wurde die Seele als eine Bildnerin betrachtet, die sich Gestalten aus der uXy schafft. . und Erfahrung. gst, s priori vor aller Erfahrung angetroffen werde, worinnen dann alles Mannigfaltige der Erscheinungen an ge sc ha riet wird, und diese reine Form der Sinnlichkeit selbst reine Anschauung heiße*) so stehet dem Leser eine weiße Wand da, deren mannigfaltige Gestalten vhn allen Inhalt nur Transcendentalisten zu sehen erlaubt ist. Eine reine Form sinnlicher Anschauungen, worin alles Mannigfaltige sinnlicher Erscheinungen angeschakiet wird; eine Form, die selbst Anschauung ist, Anschauung, die auch ohne einen wirklichen Gegenstand der Sinne oder der Empfindung, als eine bloße Form der Sinnlichkeit er priori im Gemüth statt findet; diese leere Wertformen ohne Anschauungen und Gegenstände mahlen fich selbst. Das Beispiel **), daß, „wenn ich von der Vorstellung eines Körpers das, was der Verstand davon denkt, absondre, mir ans der empirischen Anschauung doch noch etwas, nämlich Ausdehnung und Gestalt übrig bleibe," erläutert bicbei nichts; da dieß Ucberbleibende bloß ein Bild der Pban- tasie aus vorigen wirklichen Erfahrungen ist, dcm Jeder nach seiner Weise dies oder jenes Wahr- gcnommene beifüget. Solche Züge der oft eigensinnigen Phantasie gehören nicht „zur reinen Anschauung die u priori, auch ohne einen wirklichen Gegenstand der Sinne oder Empfindung, als eine bloße Form der Sinnlichkeit im Gemüth statt findet." *) S. ZA. '*) S. Ztz. 46 I. Verstand Und „eine Wissenschaft von allen Principien der Sinnlichkeit a xriori, eine rransccndale Aeslhctik? In ihr wird die Sinnlichkeit isolirt nnd alles abgesondert, was der Verstand dabei denkt, damit nichts als empirische Anschauung übrig bleibe. Auch von dieser wird noch alles, was zur Empfindung gehört, abgetrennt, damic nichts als reine Anschauung und die bloße Form der Erscheinungen übrig bleibt, welches das einzige ist, das die Sinnlichkeit u priori liefern kann." *) Was sollen wir von dieser sonderbaren Wissenschaft, die eine iso- lirte Sinnlichkeit, abgesondert von allen V e r st and s b e g ri ffe n, und dennoch u xriori angeschauet; von allem, was zur Empfindung gehört, ab getreu nt und dennoch Sinnlichkeit; reine Anschauung als Form der Erscheinungen ohne alle Erscheinung behandelt, erwarten? „Nichts als zwei reine Formen sinnlicher Anschauung, Raum und Zeit; mehrere kann es auch nicht geben." **) Hinan also zum Tempel der Form aller Sinnlichkeit in seinen beiden einzig-möglichen Idolen, Raum und Zeit. *) S. 35. ") S. 36. und Erfahrung. 47 Der transcen dentalen Aesthetik Erster und zweiter Abschnitt. Von dem Raume und von der Zeit, „Der Raum ist kein empirischer Begriff, decvon äußern Erfabrungen abgezogen worden; sondern er ist eine nothwendige Vorstellung a xrioiü, die allen äußern Anschauungen zum Grunde liegt." „Der Raum ist kein allgemeiner Begriff von Verhältnissen der Dinge überhaupt, sondern eine reine Anschauung. Er wird als eine unendliche gegebne Große vorgestellt: denn alle Lbeile des Raums ins Unendliche sind zugleich. Also ist die ursprüngliche Vorstellung vom Raum A risch auung er priori und nicht Begriff." *) Lasset uns dieser „metaphysischen Erörterung, die das enthalt, was den Begriff als a xriori gegeben, darstellt," eine Exposition beifügen, die das In new erden des Raums (man topisire ihn, wie man wolle,) der Erfahrung und Sprache gemäß darstellt. Erörterung des Wortes Raum. i. Wir sind und zwar mit andern; daS w o wir sind , hangt unserm Daseyn an , eben so wohl als das Wo derer, die nicht wir sind. Dieß Wo heißt Ort unsers Daseyns; wir nehmen ihn *) S. 33. f. I. Verstand ein, d. i. ein Anderes kann in diesem Augenblick nicht seyn, w o wir sind. 2. Unser Seyn ist umgrenzt, und wo wir nicht sind, können andre seyn; dies verneinende Wo nennen wir Raum. Es ist Raum für andre da; sie können darin ihren Ort haben. Nehmen sie diesen ein, so ist der Raum besetzt, erfüllt; einem andern Platz zu machen, muffen sic ihn raumen. Ein Umfang, wo viele Plätze, d. i. Orte des Daseyns oder zum Daseyn sind, heißt geräumig. 3 . Sofern ist Raum bloß ein Erfahrungsbegriff, veranlaßt von der Empfindung, daß ich weder das All, noch allenthalben bin, daß ich im Universum nur einen Ort einnehme. Das unge- bohrne Kind in seiner engen Wohnung ist, durch manchen Druck und Stoß, dieser Empfindung schon in ne geworden. 4. Es kommt auf die Welt in einen Raum, wo nicht nur außer und neben ihm viel andere da sind, sondern wo es auch Anlaß findet, mit feinen Kräften Raum um sich zu machen: denn bald lernt es die Grenze jcnfcit welcher es nicht ist, aber seyn kann, munter überschreiten. B ewegung überschreitet sie; mittelst ihrer lernen wir also den Raum messen, verändern, überwinden, zuletzt unfern Ort finhcn *). Der Blindgebohrne, dem ein sichtliches Bild des Raums fehlet, misset den Raum mit *) Orr heißt daher i» der Bergsprache Ende: Endeört der Bewegung. x und Erfahrung. 49 mit seinen Gliedern, und kann im Verstände die ganze Wissenschaft feiner Abtbcilungen erlangen, ob er gleich vom Anschauen desselben bildlicher Weise keinen Begriff hat. 5. Natürlich aber ists das Auge, das die genauesten, schnellestcn, feinsten Messungen des Raums der Seele möglich macht und zuführct: denn die feinste Linie, die wir kennen, ein Lichtstrahl, ists, der den Raum und was in ihm Platz nimmt, unterscheidet, trennet, zeichnet. Er grundirt die Welt, auf diesem Grunde erscheinen der Seele fortan alle ihn bewohnende Gestalten. Dadurch wird ihr ein Bild des Raumes. 6. Und da unsre Sinne sich in Gemeinschaft üben, so kommt, was das Auge entdeckt und der Verstand wahrnehmend bestimmte, den andern Sinnen zu Hülfe. Das Augenmaas wird allen Sinnen ein Lehrer; die Wirkungen des Verstandes und der Vernunft selbst nehmen aus diesem Messen des Raums, aus diesen Bewegungen im Raum ihre Bezeichnung. Unsre Sprache ist von Ausdrücken des Raums bei allem Seyn, Thun und Leiden voll; vor und nach fügen sie sich den Verdis an und bestimmen, vermehren, vermindern ihre Bedeutung. Mit unglaublicher Kunst, mit Sparsamkeit und Verschwendung sind diese Bezeichnungen in die Rede verflochten; sic ordnen und erörtern gleichsam die Wahrnehmungen des Universum *). *) So finds die Wörter vor, nach, zu, in, bei, über, unter, u. f., die mehr nur allein- H-rders Werke z.Phil.u.Gesch.XlV. D All-iaKr-t-L. I. Verstand so 7. Wenn also die Begriffe von Raum, Räumen, Aufräumen, von Vor, Ueber, Unter, In, Ausser, Neben, miteinander den Begriff der Ordnung mit sich führen, wohin konnte Leibnitz in seiner Verstandcswclt den Raum stellen, als unter den Begriff der Ordnung? Ein höherer Geist, der das Viele in Einem wahrnimmt, flehet das, was wir Raum nennen, nicht anders als ein Ganzes zusammengeordneter Orte an; uns sinnlichen Geschöpfen selbst, die das Auge leitet, ward der Begriff vom Raum ein Leiter zur Ordnung. 8. Da wir aber außer dem Verstände und den Sinnen zugleich mit Phantasie begabt sind, so entwirft sich diese vom Universum empfangener Eindrücke gleichsam ein stehendes Bild des Raumes. Dies behält sie, spielet damit, und dichtet darin nach Gefallen, eben weil die ganze Tafel ihr Werk ist. Ein Fieber, ein Traum versetzt uns m stehend, sondern auch zusammengesetzt mit Namen und Worten (noininidns und verbis) die ganze Rede, also auch die Welt der Begriffe in ihr, gleichsam mahlen. Auch die kleinen Verkürzungen, z. B. er-, ent-, gen-, ab-, zu-, die dem Verstände so viel sagen, waren ursprünglich Erörterungen, d. i. Bezeichnungen des Orrs im Raume. Bei allen kan» man, daß sie an wirklichen Gegenständen entsprossen sind, zeigen, wie in Ansehung der englischen Sprache Hör ne Looke in seinen LTrs« Tri-L^oevi'« es gezeigt hat. und Erfahrung. 5 r andre Räume; aus jugendlichen oder andern starken Eindrücken hellet die Seele sich diese luftige Tafel auf; die Phantasie« schafft darin, dem häßlichen «der lieblichen .2 c t gemäß, Gestalten. Da die Leidenschaft den geliebten oder gehaßten Gegenstand immer an Ort und Zeit knüpfet, in der Erinnerung über die kleinsten Nebenumstände das Ganze wecken; so sind die Nagel unsers sinnlichen Gedächtnisses an Ort und Zeit gleichsam geheftet. 9. Ja an Jenen mehr als an Diese. Wenn die Merkmahle der Zeit längst schwanden, stehen die Denkmahle örtlicher Erinnerung noch da; der grvßeste Theil unsrer Einbildungskraft ist topographisch. Mit dem Bilde des Raumes also, da es sich ins Unendliche erweitern läßt, ging die Phantasie über Sterne und Sonnen hinaus; sie fand der Welt, d. i. dem Raum kein Ende. Aus dieser Erörterung des Wortes Raum er- giebt sich eine zwiefache Bedeutung desselben; Erstlich als sinnliche Wahrnehmung ist Raum ein räumender, d. i> privativer Begriff. Unsre Schranken nämlich' haben den Verstand darauf geführt, daß Da, wo wir sind und nicht sind, zu bemerken, es i» tausend feinen Unterscheidungen zu bestimmen, zu messen, zu bezeichnen- bis es sich endlich zum reinen, d.i. ganz unsinnlichen Verstandesbegriff hat erheben wollen. Ein solcher reiner Begriff ist cs indessen nicht. So wenig in meiner Seele selbst ein Raum ist, so gewiß abstra- hiren allgemeine Begriffe von allem Raume. Unter ihnen steht Raum bloß als eine Zusammenfas- D 2 t>2 1. Verstand sung sinnlicher Orte, deren jedem übrigens die ihn bewohnende Gestalt Form giebt, nicht daß diese solche vom Raum erhielte. Zweitens als Schema des Wahrgenommenen, d. i. ein Bild der Einbildungskraft. Wie er, (an sich ein privativer Begriff,) zugleich die Umgrenzung des Positiven, des Ortes war, mithin mehreren Orten Raum machte, so schafft die Einbildung ein Zusammenhängendes aus diesen Orten, das vielen Dingen und Bewegungen Platz giebt. Bon Kindheit auf ist dies Phantasma insonderheit durchs Gesicht uns vorgemahlet; es gehet in und mit uns. In ihm stehet das Auge Gestalten, die Phantasie schaffet solche, die der Verstand sodann bestimmt, mißt, ordnet. Wer dies Phantasma aber, den Raum der Einbildungskraft, zu einem Verstandeswesen, etwa dem alten Nabbinen- Gvtt Maksm schaffen, und als eine Form deS Mannigfaltigen aller sinnlichen Gestalten anschauen wollte, geriethe selbst in den leersten der Raume. In solchem sprach man „vom Raum außer der Welt, von Schöpfung des Raumes vor der Welt, vom Endlosen Raum nach Untergang der Welt, fragte: ob Gott in oder außerhalb dem Raum wohne? wie er aus sich getreten, den Geschöpfen neben sich Raum gemacht oder selbst ihr Raum geworden sey u. s." — welche Phantastereien bei klarer Exposition des Worts nach seiner genetischen Bedeutung sammt- lich das Feld raumen. Nach dieser Erörterung werden sich die Begriffe und Schlüffe der Transcendental-Aesthetik auch sondern. und Erfahrung. 53 t. „Raum ist kein E r fa hcu ngsb e gri ff." Allerdings ist ers, ja unsre erste Erfahrung; mit unserm beschrankten Daseyn im Universum ist sie gesetzt und gegeben. Mit uns selbst brachten wir den Raum, d. i. ein Außer- und Nebeneinander, ein in verschiedenen Orten Darge- stclltes in die Welt, und brachten eine Seele mit, dies in ne zu werden, zu bemerken. Die Erfahrung des Raums war also mit unsrer organi- sirtcn Gestalt, mit unserm begrenzten Dasevn dem Verstände mitangebohren, congenialisch; und Alles trug dazu bei, ein Jnnewerden unsrer selbst in unsern Gliedern, mit andern die nicht Wir sind, d. i. im Raum, zu erwecken und zu entwickeln. Schon die Unterscheidung „Ich und nicht Ich" war ein Erfahrunqsbegriff des Raumes; an und außer uns war uns, unabtrennlich von unserm Daseyn, dieser Begriff gegeben. 2. „Raum ist eine nothwen di ge Vorstellung, die allen Anschauungen zum Grunde liegt." Wahre Anschauungen, d. i. allgemeine Begriffe, verläugnen den Raum; schon in der Apperception wird das Viele zu Einem. Aeußerc Gegenstände führen die Vorstellung des Raums mit sich, eben weil sie äußere Gegenstände, d. i. nicht mein Ich sind; in meiner Vorstellung müssen beschränkte Wesen irgendwo seyn, und wo ich nicht bin, ist für sie Raum genug da; meine Vorstellung aber schaffet ihnen ihr W o nicht an ; es ist mir mit dem Begriff ihres Daseyns gegeben. Wenn ich mir keine Vorstellung machen kann, „daß nirgend Raum sey," so kommt dies daher, weil ich wir keinen Unsinn denken kann: denn da mein den» kendes Ich nicht das All ist, so ist neben und außer mir Raum; wo ein Irgend ist (guogncrversnin) ist Raum g egeben. 3. „Raum ist ein discnrfiver, oder,, wie man sagt, allgemeiner Begriff von Verhältnissen der Dinge." Er ist allerdings geworden. Daß man sich nur einen einzigen Raum vorstellet, auch wenn man von vielen abgetbeilten Raumen redet, kommt daher, weil der Raum ein gewähltes Nichts, eine Bezeichnung ist, daß wo -etwas nicht ist, etwas scyn könne; dies große Bild vom Nichts, wo etwas seyn kann, fügt sich zusammen und kann nicht anders, zumal wenn wir seinen interpolirenden Inhalt auslaffen, als ein Endloses Eonlinuum imaginirt werden. Deßhalb aber ist dieß schwarz-blaue Lustbild so wenig eine reine Anschauung a priori, daß man seinem Feinde selbst diese ewige Anschauung des Leeren nicht gönnen möchte. 4 . „Raum stellet keine Eigenschaft der Dinge, an ihnen haftend vor, deßhalb weil er eine Anschauung ist, die auch vor dem Daseyn der Dinge statt-fände." Nicht deßhalb: denn vor allem Daseyn der Dinge schaute niemand an; sondern weil er dem Verstände die Bezeichnung, der Einbildungskraft das Schema ist, daß Dinge mit ihren Eigenschaften hier scyn können. Er ist das tem- fAum, das der Sinn wahrnimmt, die Phantasie als ein vantinunm mahlet, der Verstand ordnet, die Macht erfüllet und nur der Leersinn, ins Unendliche Hinaufgetrieben, anschaut und anstaunet. und Erfahrung. 55 5. „Raum ist eine Form der Erscheinung äußerer Sinn c." Das ist er nicht, sondern die leere Tafel, auf welcher sich uns Gestalten, und mehr als Gestalten zeigen. Die Einbildungskraft kann diese dahinein dichten, der Verstand hineinzeichncn; Er selbst aber, der Raum ist keine Form, noch weniger eine Form vor aller Wahrnehmung ; am wenigsten, daß durch ihn „alle sinnliche Gegenstände Principien bekämen oder bekommen müßten." Kein Gegenstand bekommt vom Raum ein Principium seiner Existenz, seiner Gestalt, oder andrer Eigenschaften, so wenig als die Charaktere, die der Mathematiker auf die leere Tafel schreibt, von dieser ihr Principium nehmen. 6. Die transccnd'cntale Erörterung *), „daß ohne eine Anschauung des Raums a xriori keine apodiktisch-gewisse geometrische Sätze möglich waren," fällt ganz ins Leere. Die Geometrie zergliedert den Raum nicht; sie leitet nichts aus ihm her. Sie gebraucht ihn, wie er ihr sinnlich gegeben ist, als ein coritinuurn uni- kornas. und ziehet auf ihm Linien und Figuren, ohne sich um das, was er der Metaphysik sey ? auch nur zu bekümmern. Die Gewißheit keines einzigen Satzes der Mathematik folgt aus der metaphysischen Natur des Raumes; alle Figuren und Verhältnisse, die der menschliche Verstand auf ihn trug, d. i. in ihm merkbar machte, nehmen nicht von ihm, einem Nichts, ihre Beweiskraft; auf seinen leeren Rücken *> S. 5. S. ll». 56 I. Verstand aber konnte man Sinn und Gedanken schreiben. Daß aus der Erklärung des Raums durch eine Anschauung s priori ,,die Möglichkeit der Geometrie als einer synthetischen Erkenntniß einzig und allein begreiflich werde," ist eine Täuschung Hat die geometrische Erkenntniß in sich keinen Grund, so wird sie ihr der pulimxssstris Raum nicht geben. Ec kann nichts geben, weil er selbst nichts hat; sondern nur zuläßt. 7. „Wie sich andre denkende Wesen mit dem Begriff des Raums abflnden," ist für uns eine leere Frage. Sind diese Wesen nicht Kolosse, die allen möglichen Raum einnehmen, (ein Unding, indem man es ausspricht) so haben sie Raum neben sich, zu dessen Wahrnehmung sie "früher oder später kommen müssen. Eristiren sie mit andern, die nicht sie sind, so ist zwischen beiden Raum gegeben. Sind sie organisirt, so tragen sie ein Nebeneinander an sich, das nicht nur einen Ort erfüllet, sondern auch mißt. Wie sich, ihrer Sinnlichkeit gemäß, ihre Phantasie das Bild des Raums mahle, mit welchen Kunstgriffen ihr Verstand den Raum messe und berechne, geht »ns nicht an; genug, alle eingeschränkte, organifirte, denkende Wesen haben Begriff vom Raum; das wollen ihre Schranken und Eonformationen, das fodert ihr Zusammenfeyn mit andern. 8. Die kritische Schluß-Erinnerung *) , „daß überhaupt nichts, was im Raume angeschaut wird, *) S. ich. und Erfahrung. -7 eine Sache an sich, noch daß der Raum eine Form der Dinge sey, die ihnen etwa an sich selbst eigen wäre," (die hier nicht gehöret,) zeigt, wozu diese ganze Transcendental-Dichtung ersonnen worden. Sie soll nämlich den Beutel mit dem Gelds, den Raum mit allen seinen Gegenständen unter dem Vorwände in uns spielen, daß der Beutel nur eine Anschauung und die Dinge in ihm nicht Sachen, sondern nur durch den Beutel veranlaßte Erscheinungen, mithin Vorstellungen seyn, die uns zugehören. Wovon dann ein Weiteres an seinem Ort. Da ein verneinender Begriff so wenig die Form der Dinge als Form unsrer Sinnlichkeit seyn, am wenigsten was Dinge an sich selbst sind, erklären kann: so ist vom Raum hier räumlich genug geredet. Und weil die Zeit ein flüchtiges Ding, unsre Lebenszeit auch zu kurz ist, als daß wir statt Raum und Zeit zu gebrauchen, sie nur an sc hauen und darüber speculiren sollten: so dürfen wir bei ihr, als einem Correlatum des Raums, munterer forl- schreiten. I. Genese des Begriffs der Zeit, nach Daris der menschlichen Natur und Sprache. Lange, scheint es, war der Mensch auf die Folge der Veränderungen in und um ihn unaufmerksam; er genoß die Dauer seiner Existenz, ahne ein Maas an sie zu legen. Nur wenn der Augenblick -8 I. Verstand kam, daß etwas geschehen mußte, sagte er: „min ist Zeit!" der gebietende Augenblick rüttelte ihn gleichsam vom Schlaf auf. Er ließ die Früchte wachsen; dann brach er sie und sprach: „nun sind sie zeitig." Kam ihm etwas ungelegen, d. i. zu früh oder zu spat; so sagte er: „das ist unzcitig." Die Natur ging indessen den großen Gang ihrer Veränderungen fort und lehrte ihn Zeit bemerken. Die auf- und untergehende, die steigende und sinkende Sonne wies ihm Tages-, der Mond Monates- und I a h r sz e i te n ; diese mit ihren verschiedenen Beschaffenheiten und Witterungen (tsmxsstutikus, Imri?) federten ihn zu vcrschicdnen Geschäften auf, und lohnten ihn dafür mit den verschiedensten Gaben ihrer selbst, den Tages-, den Jahrsfrüch- t e n. Der Kalender der Natur also war das erste Regulativ der Menschen; die Zeilenweise, die sie beobachten mußten, wenn sie nicht umkommen wollten, ward, auch ungeschrieben, ihre Lebensweise, ihre Zeitenberechnung. Das erste Gesetz , das ihnen die Natur aufkegte, Hausvater geboten, die Musen ihnen einsangen, waren Werke und Tage, (-§>>« ««, y«5§s-«.) Aber auch an sich trug der Mensch das Bild der Zeit sichtbar gleichsam und lebendig. Alle Volker der Erde haben die Lebensalter dcrMenschen mit den Jahres- und Tagszeiten verglichen, und aus dieser Vergleichung, fröhliche und traurige Bilder, so wie weisere Menschen weise Lcbensregeln hergelei- tet. Das Weib insonderheit, in seiner Bestimmung sowohl als in seiner veränderlicheren, zarteren Natur .ward ihnen ein merkbares Bild der Zeiten. und Erfahrung. ZS Von den jugendlichen Horen an bis zu den ernsten weissagenden Parzen unterschied man an ihm die wechselnden Perioden der menschlichen Natur *), gleichsam von der äußern sittlichen Seite; indeß die männliche Natur der Mythologie und Kunst die kräftiger», die allgemeineren Eigenschaften und Wirkungen der Zeit angab. Kronos, der alles mähet, Bert umnuS, der alles verwandelt, Saturn, der seine Kinder verzehrt, der vvr- und rückwärts sehende Janus, ein Bild der Zei- tenweisheil und vorsichtigen Erfahrung, stehen den Haren, Grazien und Parzen männlich gegenüber. Die rohesten Volker haben sich chronische Abbildungen der Art gedichtet. Allerdings ward also mit dem Lauf der Zeiten und ihren Veränderungen dem Menschengeschlecht eine „Anschauung" der Zeit, nicht aber a priori, auch nicht zur metaphysischen Spekulation, sondern aus Bemerkungen, auf praktische Zwecke hinaus sehend. Den leisen Gang der Zeit, ihren nie zu- rückkehcenden Fortschritt, in großen Veränderungen, ihren Wandel- und Krcisgang sollte der Mensel), wahrnehmen, um sich darnach selbst zu zeitige n, d.i. ihm gleichförmig oder zuvorzukommcnd zu leben. Alle Völker haben in Lehrfprüchsn und Sprüchwör- tern hierüber ihre Bemerkungen der Nachwelt vorgezeichnet **). *). Außer den Griechen haben fast alle Völker der Erde so symbolisirt und berechnet. **) Unsre. Sprache hat schöne und verständige Sprüche über den Gang und die Veränderung der Zelten, I. Vcrstand 60 Der ganzen Sprachfügung bemächtigte sich also die Zeit allmälich; sie, die alles regieret, ordnete auch die Folge der menschlichen Gedanken. Da alles Thun und Leiden sich in der Zeit zutragt, und cs nie gleichgültig ist, wenn etwas geschehe, oder geschehen sev, oder geschehen werde, so fügete sich die Zeit an alle That - und Leidensworte (verbm). Statt daß in ungebildeten Sprachen der Infinitiv, allenfalls mit Hinzufügung der Personen, allein gegolten hatte, traten klarere mocli, vor allen der Jndicativ auf, mit bestimmtem Unterschiede der Z e i- len. Dieser waren Anfangs wenige; die Unterschiede der Vergangenheit und Zukunft wurden nur grob bemerket, bis man nach und nach feinere und in der griechischen Sprache die feinsten Unterschiede in beide Zeitbestimmungen brachte *). Außerdem schießen sich den Verdis durch Partikeln, so wie Ort-, so auch Zeitbestimmungen an; Adverbien und Präpositionen mischten sich in die Rede; durch Conjunctionen endlich ward der ganze Strom derselben Zeitmäßig in Ufer gebracht und geleitet. Was dieser genaueren Zeitenbezeichnung vorzüglich zu Statten kam, war die Analogie zwischen Raum und Zeit. Da bei jenem als die sich aus Schriften sowohl als aus der gemeinen Rede leider verlieren. *) S. Harris Hermes oder philosophische Untersuchungen über die allgemeine Grammatik (übersetzt Halle 1788, l B. 1. Kap. 7. und Erfahrung. 6r «mein sichtlichen bleibenden Gegenstände sich die Bestimmung der Orte, nochgedrungen, bald finden - auch , seiner daurenden Gegenwart wegen, erhalten mußte, und stark vermehret ward, so trugen sich diese Bestimmungen auf den leisen Gang der unsichtbac-rastlos-fortgehenden Zeit über. Die meisten Zeitbestimmungen, z. B. Morgen (Aufgang), Mittag, Abend (Abgang), vor, nach, mit, zwischen u. f. sind von Bestimmungen des Orts hergenommen. Der Ort, wo die Sonne auf- und unterging, oder mitten in ihrem Lauf stand, gab Anlaß, daß man auch die Zeit dieses Standes Abend, Morgen, Mittag nannte. Die Vergangenheit ward vor-, die Zukunft hinterwärts gedacht; Tag und Stunde waren etwas, was an beraumt, betagt, gestundet wurde. Monat hieß ein Mondeslauf, Woche heißt Ordnung, das Jahr ein Kreis, ein Eirkel *). Letzter war allen Völkern das Sinnbild der in sich selbst wiederkehrcnden, neubeginnenden Zeit. *) In unsrer Sprache bedeuten Jahr, Woche, Tag, Stunde die Begriffe, die hier «»gezeigt sind, generisch. In andern Hauptsprachen erzeigten sie sich in Umstanden anders, und doch nach eben dem Gesetz des Begriffe bildenden Verstandes. Non Verdi8 und dlonrinibus an bis hinab zur kleinsten Partikel kann es erwiesen werden, daß alle sie an w i r k l i c h e n, sinnlichen, und zwar den gemeinsten, oft vor ko m menden Gegenständen gebildet worden. Ohne und vor der Erfahrung s priori wird keine Sprache erfunden. i gz I. Verstand Judeß war mit diesen anschaulichen Zeitmessungen der eigene Charakter der Zeit, diskrete Größe, Zahl noch nicht getroffen; und es ist sonderbar zu bemerken, wie mübsam die Menschen zahlen lernten. Weit entfernt, daß „der innere Sinn, vermittelst dessen das Gemüth sich selbst anschauet, durch diese Anschauung, als durch eine bestimmte Form, in der alles Innere in Verhältnissen der Zeit vorgestellt wird," sie zählen gelehrt hatte , war selbst von außen die laut-wiederkehrende Folge der Veränderungen der Dinge lange nicht mächtig genug, sie zum Zählen in bestimmter Zahl zu führen. Endlich brachte sie die immer und immer wiederkchrende Reihe der Tage und Nachte zu dem Versuch, nachahmend durch Striche und andre Symbole ein wiederkehrendes Quantum der Tage zu bemerken , d. i. zu zählen. Weit später lehrte der fallende Tropfe sie das erste künstliche Stundenmaas; die Zahl der Finger gab ihnen den ZahIenryklus, di«.Dekade. Von allen Völkern des Alterthums ward dieser Fund einer Z«i- tenbestimmung durch Zahl heilig gehalten; -Gebrauche und Feste bemerkten, erhielten, feierten ihn; Weife, sagte man, hatten die Zahl vom Himmel geholet. Wie schwer es aber auch diesen ward» Zahlen und Zeiten rein zu denken, zeigt der ganze Vorrats) von Nebenumständen, den man astrologisch Mit ihnen von den Sternen herunter holte. Eigentlich hat jedes veränderliche Ding das Maas seiner Zeit in sich ; dieß bestehet, wenn auch kein anderes da wäre: keine zwei Dinge der Welt haben dasselbe Maas der Zeit. Mein Pulsschlag» und Erfahrung. 63 der Schritt oder Flug meiner Gedanken ist kein Zeitmaas für andre; der Lauf Eines Stromes, das Wachslhum Eines Baums ist kein Zeitmesser für alle Ströme, Baume und Pflanzen. Des Ele- phanten und der Ephemere Lebenszeiten sind einander sehr ungleich, und wie verschieden ist das Zeilcnmaas in allen Planeten! Es giebt also (man kann es eigentlich und kühn sagen) im Universum zu Einer Zeit unzählbar viele Zeiten; die Zeit, die wir unS als das Maas Aller denken, ist bloß ein Verhält- nißmaas unsrer Gedanken, wie es beider Gesammtheit aller .Orte einzelner Wesen des Universums jener endlose Raum war. Wie dieser, so wird auch seine Genossin, die ungeheure Zeit» das Maas und der Umfang aller Zeiten, ein Wahnbild. Wie Er, der bloß die Grenze des Orts war, zum endlosen Eontinuum gedichtet werden konnte; so mußte Zeit, an sich nichts als ein Maas der Dauer, so fern diese durch eigne oder fremde Veränderungen bestimmbar ist, durch ein immer und immer fortgesetztes Zahlen zu einer zahllosen Zahl, zu einem niegefüllten Ocean hinabgleitender Tropfen, Wellen und Ströme werden. Nach dieser genetischen Herleitung ordnen sich abermals die Assertionen der Transcendental-Aesthetik zum geraden Gegentheil dessen, was sie s. priori behaupten *). S. l»6 - ?S. r. Die Zeit ist allerdings ein Er- fahrungsbegriff, vom Lauf der Begebenheiten, von der Folge der Veränderungen um-, in- und an uns sehr langsam abgezogen, d. i. vom Verstände bemerket. Ohngeachtet den Menschen seine Gedan- kenreihe, sein Pulsschlag und alles sich Verändernde um ihn her zu dieser Bemerkung einlud, lebte er doch, wie man sagt, lange hinein in den Tag, und ließ die Zeit sich selbst berechnen. 2. Die Zeit ist keine not h wendige Vorstellung, die allen Anschauungen zum Grunde läge. Wahre Anschauung (Intuition) vergisset der Zeit. Fällt alles Veränderliche weg, so ist auch das Maas der Veränderungen, die Zeit, verschwunden. 3 . Auf die Noth we nd igke it einer Zeitanschauung a priori gründet sich die Möglichkeit apodiktischer Grund- satze oder Axiome nicht; wie könnte sie sich auch darauf, auf ein flüchtiges Unding, gründen? Ihre Gewißheit gründet sich auf die von unserm Verstände bemerkte, in ihnen selbst gegebne Verhältnisse; von der Vernunft generalisict gellen diese als Regeln. 4. Die Zeit ist allerdings ein discur- siver, d. i. allgemeiner Begriff des Maaßes aller Veränderungen worden. Denn da verschiedne Zeiten, d. >. Zeitkäufe zu Einer Zeit nicht nur möglich, sondern wirklich sind, die man idealisch unter Ein Hauptmaas bringen mußte, so ward endlich jene sogenannte Unendlichkeit der und Erfahrung. .65 der Zeit, die auf keiner Anschauung u priori, (ein Unendliches bat kein Bild) sondern auf einer immer fortzusetzcnden Reihe von Veränderungen und jhrer Bestimmung, der Zahl, beruhet. 5. Die Zeit ist nicht ,,d i e F o r m u n sr e S inneren Sinnes, d. i. des Anschaucus unserer selbst und unsres innern Zustandesdenn was hießen die Worte „Form des inneren Sinnes ? des An- schauens seiner selbst durch Anschauung der Zeit?" Unsre Gedanken folgen einander nach den Gesetzen unsrer Seele; an ihre, so wie an jede andre Folge, den Pulsschlag, die Jahrcheiten u. f. kann rin Maas gelegt werden, dadurch sic unter Verhältnisse treten. Durch Anschauung geschiehet dies nicht, sondern durch Bemerkung. Möge ich sie in Linien, Zahlen oder Buchstaben verstellen; daraus erwachst meinem innern Sinn keine Form *). 6. Eben so wenig ist die Zeit „eine formale Bedingung u priori aller Erscheinungen überhaupt." Veränderungen subsumire ich unter den Begriff der Zeit, sofern ich ihre Folge bemerke; der Typus hiezu ist mir in der *) Sehr bekannt und merkwürdig sind die Erfahrungen, da nach einem gefaßten Borsatz auch Träumende, Schlaftrunkne, Wahnsinnige, Kranke, Ererbende ei» sehr bestimmtes Maas der Zeit aus ihrem Innern äußern; zur Zeitform unsrer Gedanken a priori aber thut diese Erfahrung nichts, und ist mit vielen andern ein zu erklärendes Rathscl der Seelecherders Werke z.Phil.u.Gesch.XlV. E ZCet-^ritiL. 66 I. Verstand Folge meiner Gedanken und aller Naturerscheinungen gegeben. Durch diesen Ealcul schaffe ich meinem Verstände Reihen der Begriffe nach einander (seriss), wie ich im Raum ihr Reihen der Begriffe mit einander (situ?) schaffe. Dadurch wird ihm eine Ordnung der Dinge; die Veränderungen aber gingen vor sich, wenn auch kein Zahlen, kein Ordner wäre. Wie andre Wesen die Veränderungen um und an ihnen merken und bezeichnen, sey ihnen überlassen; für uns hat das Maas der Z:it nichts anders als einen menschlichen , d. i. VerstandeS-Werth; meinen Sinn formt die Zeit nicht, und dem gezählten Object liegt nichts daran, wie wirs messen und zahlen. Entweder sagen die Ausdrücke: „Form unsers innern Sinnes, formale Bedingung aller Erscheinungen" nichts, oder sie sagen etwas sehr Gemeines, nämlich, daß wir in der Zeit leben, daß unsre Gedanken und Empfindungen einander folgen. Die Zeit als Zeit aber formt nicht sie; sondern sie geben Form, d. i. den Begriff der Zeiten. Jedem Leser, der nicht des Widersprechcns wegen liefet, muß es unangenehm seyn, in der Schrift eines berühmten Verfassers, schon den ersten Grundsätzen nach, sich so unübereinstimmend mit ihm zu finden; und er wird nach der Ursache so seltsam ausgedruckter, der Natur der Sache und Sprache widerstreitender Grundsätze fragen. Die Kritik der reinen Vernunft verhehlet dies nicht. und Erfahrung. 67 Ihr war um ein Fundament zu thun, durch welches „die Notwendigkeit der Verstandeswahrhei- tcn, die durch Raum und Zeit erwiesen würden," gesichert wäre. Da diese Vernunstwahrheitcn aber vom Raum und Zeit nicht abhangen, indem selbst die geometrischen Satze zwar im Raum, als einem leeren oonürioo durch Figuren sichtbar gemacht, nicht aber aus dem Raum als einem Begriff oder einer Definition hergeleitek und erwiesen werden; noch weniger aus dem Begriff der Zeit die notwendige Wahrheit der Zahlvcrhaltniffe folget; am wenigsten aber auf FRaum und Zeit als auf Anschauungen s priori, die aller Erfahrung vorhergingen und vor- hikgehen mußten, oder auf ihnen als Formen der Vorstellungen" irgend Eine, geschweige alle Verstandes- und Sinnenwahrheit beruhen kann: so laste man diese herbeigezwungcnen Mißgeschöpfe der Sprache „Anschauungen a priori, Formen der Sinnlichkeit, Transcendental-Aesthetik u. f." als inhalllose, sich selbst widersprechende, übelgeformte Worte fahren. Denn was hieße auch den Worten nach „Transcendental-A es thetik? Philosophie des gefühllosen Gefühls, abstrakter Formen oln' allen Inhalt. Welcher menschlichen Scelenkraft gehörten sic zu? „Dem Gemü'.h." Dies hak mit Formen der Sinnlichkeit nichts zu schaffe». Der Phantasie ? So sind sie nicht L priori. Verstand und Vernunft verwerfen sie als Anschauungen a priori völlig, indem sie sie in die Reihe der Wahnbilder, aus Erfahrung zusammengebichtet, stellen, oder sie als Ve r sta n d e s b egr i ffe gleich andern Maaßen gebrauchen. Anschauungen a priori bliebe Es 68 I. Verstand also nichts als der dunkle Seeleng rund verschiedener Mystiker übrig, in welchem allein sich Anschauungen leerer Idole offenbaren. Da offenbaret sich nämlich das Nichts im Nichts, um die einzig-mögliche Bedingung aller Offenbarung des sinnlichen sowohl als verständlichen Weltalls zu werden. Wie können überhaupt einer Philosophie Phantome zum Grunde liegen, die selbst eines Grundes bedürft»? Formten sic auch die Sinne: wovon werden sie dann geformet? II. Construction der Begriffe des Raums und der Zeit mir eins »der durch ein Drittes. ^ i. Seyn ist der Grund aller Erkenntniß. Wo nichts ist, erkennet nichts und wird nichts erkannt ; darüber kann nicht philosophirt werden. Nichts ist ein Unbegriff; selbst das Wort wäre nicht da, wenn man nicht mit ihm ein Etwas (Jchts) weg- raumte. 2. Scyn ist also auch der Grundbegriff der Vernunft und ihres Abdrucks, der menschlichen Sprache. Keine Wahrnehmung, kein Begriff in ihr, er betreffe Sache oder Beschaffenheit, Zeit und Ort, Tbun oder Leiden kann gedacht werden, ohne daß ihm ein Seyn, das man zeigt oder voraussetzt, zum Grunde liege. Das Seyn knüpft jedes Ur- ihcil des Verstandes; keine Regel der Vernunft kann ohne ein Seyn gedacht werden. Ers cheinung führt auf Täuschung; die Worte Da seyn, Gegenstand, Wahr, Wissen, Wese n u. f. bezeichnen ein Daseyendes, Gewisses , Bestes. und Erfahrung. 6 g 3. Dies Seyn (Jchts, Etwas) offenbart sich durch Kraft; foust wäre es Nichts. Kraft seiner selbst (woher cs auch diese Kraft habe) ist es da und dauert. Dascyn (Da sey n) heißt an einem Ort scyn, ihn bebaupten. Wesen heißt verharren an einem Ort, dauren. Wahr ist, was wahrt und sich bewahret. Wo Etwas ist, kann ein andres nicht seyn; es widerstehet, indem es sich selbst bewahret. Daker jene Eigenschaften der Undurchdringlichkeit, des Beharrens auf sich selbst u. f. , die man jeder undurch- schauten Masse von Dingen, die man Materie nannte , beilegen mußte. Für so todt man sie hielt, so erkannte man in ihr Kräfte. Selbst der Schat- temBegriff Raum ist ohne den reellen Begriff Da seyn nicht denkbar. Nur weil ein Orr ist und Etwas in ihm ist, wird neben ihm Raum, wo ein andres seyn kann. Da seyn giebt den Begriff des O r t s; dieser den Begriff mehrerer, vieler, unzähliger Orte, also des Raumes. 4 . Etwas, was da ist, d. i. seinen Ort mit Kraft einnimmt, kann ihn auch andern. Durch eine größere Kraft von demselben vertrieben oder durch eigene innere Kraft geregt, kann es ihn verlassen und einem andern raumen. Dies geschieht durch Bewegung, einer Wirkung der Kraft im Raume. Durch Bewegung wird also der Raum gemessen, ^ dem Scheine nach gleichsam ge- theilt, der Wahrheit nach aber nur neu bestimmt, d. i. es werden in ihm neue Orte, zu deren Bestimmung Er nichts, das ihn bewohnende Da seyn kräftiger Gegenstände aber alles thut. Sie wirken oder bestehen im Räume. 7» I. Verstand 5. Am Begriff der Fortdauer in einem Lrt, so wie des F o r t r ü ck e n s an einen andern Lrt durch Kräfte entspringt der Begriff der Zeit, als ihre Bezeichnung. Nichts Todtes gab idn, auch die Erscheinung als Erscheinung nicht; sondern was die Fortdauer oder die Veränderung bewirkt, Kräfte. Alle drei Begriffe schließen sich also an einander, erläutern einander; Seyn aber, d. i. kräftiges Daseyn zur Fortdauer ist der gegebne Grundbegriff, die Wurzel von allen. Und so dürfen wir sicher und gewiß die erste Genealogie menschlicher Ve r stan des begriffe also construiren: Erste Kategorie menschlicher Werstandes- begriffe. Se y n, Dascyn, Dauer, Kraft, aus welchen die Nebenbegriffe des Raumes und der Zeit von selbst hervorgchn. 6. Die Mathematik beschäftiget sich mit diesen drei Begriffen, Raum, Zeit und Kraft; wie beschäftiget sie sich mit ihnen ? Nicht anders, als daß sie Kräfte als Verhältnisse zu einander im Raum und in der Zeit setzet, und solche als ihre eigne Ideen nach Zahl und Maas construiret. Selbst die Linie wird ihr nicht ein todtes Aggregat aus Punkten, sondern durch Bewegung Eines Punkts zum andern, d. i. von Grenze zu Grenze; die Fläche nicht aus Linien, sondern aus Körpern, die mit und Erfahrung. Flachen enden. Am Himmel und Erde bat sie ihre Aufgaben aufgelöset, wenn sic in Punkten oder Massen Kräfte und Zeit in Verhältnissen zeiget. 7. Wie kann es auch anders fern, da diese drei Begriffe das Maas aller Dinge, die drei Dimensionen sind, mit denen unser Verstand rechnet? Das Neben-, Nach- und Durchein- «nder oder Ineinander bat die Natur in unfern Bau construiret. Ohne Begriffe von Raum, Zeit und Kraft, daß Dinge neben-, nacb- und durcheinander seyn können, wäre keine menschliche Vernunft denkbar. Lasset uns sehen, wie jede dieser drei Dimensionen die andre gleichsam beschließet und umschranket. 1. Gesicht und Raum. Der Begriff von Raum, obgleich mehrere Sinne zu ihm gelangen können und müssen, ist vorzüglich die Welt des G e fi c h t e s, das uns auf einmal viele Dinge neben einander zeiget. Da dies Nebeneinander der Phantasie ein stehendes Bild bleibt, so bekommen wir Gestalten zu betrachten, zu vergleichen, Achnlichkeiten und Unterschiede zu finden, sic endlich zu messen, zu bezeichnen. Entbehrten wir mit dem Sinn des Gesichts dies große Neben- und Miteinander der Schöpfung, so daß unsre Denkkraft auf einen Punkt eingeschränkt wäre, in welchem alles nach einander vorginge: so waren wir zahlende oder musikalische Rechner ohne bildhafte Phantasie, mithin auch sehr eingeschränkte Denker. Die Vlindgebohrne unsre? 72 I. Verstand Geschlechts, denen das sichtliche Bild des Raums fehlt, nahmen daher andre Sinne zu Hülfe; durchs Gehör und Gefühl hatten sie sich ein hör- und fühlbares Phantasma vom Raume erworben, das uns ^grausenhast vorkommt, weil wir das Bild der Dunkelheit in dasselbe bringen, von welchem aber der Blindgcbohrne, der das Licht nicht kennet, nichts weiß. Sander son, der nicht nur die Geometrie, sondern die Optik selbst als eine Verstandeswissenschaft lehrte, hatte mittelst des Gefühls und der andern Sinne, auch ohne ein Gesicht, einen Begriff des Raumes. 2. Gehör, Zeit. Bestimmungen der Zeit gehören eigentlich dem Ohr, da dies Organ die Folge der Dinge, gleichsam horchender aufnimmt. Dem Gehör ist der Ton, was dem Auge der Lichtstrahl ist; dieser, die feinste Bestimmung einer Linie, jener des Moments, eines Punkts 'fließender Momente. Das ganze Gebiet der Modulation, das Maas jeder langsameren und schnelleren, regelmäßigen und unregelmäßigen Bewegung ist dem Ohr zugezählt; vor allem das edelste Nacheinander, die Sprache, als eine Folge menschlicher Gedanken. Schon vom PulSschlage: vom Othemholcn, vom Antagonismus unsrer wirkend-nachlassenden Körper-Kräfte hangt in unsrer Organisation so viel ab, daß man sagen darf, diese sey nach einem Mit- und Nacheinander wesentlich constnüret. Organisch erisiircn in unsrer Seele also Reihen der Gedanken, dcr Gmpsin- und Erfahrung. düngen, der Bilder. Zn jedes 'Nebeneinander bringt unsre Seele ein Nacheinander, Zeit.. 3. Gesicht und Gehör, Raum und Zeit durch Kraft vereinigt. Gesicht und Gehör bestimmen und beschran» ken unaufhörlich einander, und geben dadurch der inncrn Kraft, die beide zusammenfaßt, selbst Raum und Zeit. Bewegung, Folge bringt Leben inS todtc Nebeneinander durch Kraft; M iltel, Anfang, Ende, als gegenwärtig und verbunden gedacht, führen zum Begriff der Ursache durch Kraft. Da ich mir also keine Folge vbne diese Drei denken kann, indem mein gegenwärtiges Moment ein voriges endet und zugleich ein künftiges anfängt: so werden Raum, Zeit, Kra f r dadurch Eins, d. i. sie fließen selbst in einander. Die Zeit hat den tobten Raum belebt, der Raum hat das Vergangene, so wie die Zukunft zur Gegenwart gemacht, und da beides nicht ohne Kraft geschehen kann, auch ohne lebendige Kraft nicht vorgestellt werden konnte, so begreift die Seele, d. i. sie umfasset, verstehet in Vielem ein Eins; ein Eins im Nach- und Nebeneinander, das nicht anders als durch ein Drittes, daS Seyn, die lebendige Kraft entstehen konnte. Alle unser Verstellen, Bilden, Einbilden, Verlangen, Wollen, Begehren beziehet sich auf diese Drei und wird aus ihnen; Raum und Zeit aber sind nichts als die Medien, in denen Kraft wirket. Drei Dimensionen unsres Daseins nach der Organisation unsrer^Natur, die selbst 74 I. Verstand eine nach- und nebeneinander wirkende Kraft ist. Staunende oder angcstaunte Anschauungen ohne Gegenstand, Danaidenfaffer leerer und immer leerer Formen verschwinden hiebei gänzlich. 8. Durch ein reelles Seyn, das ibnen vor- ausgchcn muß, werden sie gegebne Maaße des Daseyns, Dimensionen. Zwei dieser Dimensionen , Raum und Zeit ohne Inkalt construircn nichts, als etymologisch etwa das Wort Langeweile; durch ein Drittes, das beide setzt, bestimmt, ordnet und in sich selchst darstellt, werden sie moäi einer organischen Kraft, Hülfsbegriffe zum Begriff einer Substanz, eines Wesens. 9. Organische Kraft; darf das Wort genannt werden ? Es darf und muß, da wir ohne dasselbe vom Da seyn und Beharren keinen reellen Begriff haben. Dastyi muß sich offenbaren; wodurch anders, als durch Kraft, die in der Wirkung erkannt wird, durch Leben. Es muß sich von dem, was es nicht ist, unterscheidend sondern; wodurch geschieht dies als durch abstoßende, scheidend., >onder»deKräfte. Indem es auf seinem Ort beharret und Gestalt hat; wodurch wird ihm Gestalt? als durch Ordnen des Mehreren zu sich selbst, durch Kräfte. Kraft also, wenn man das Wort nicht im Spiegel sehen oder als einen Körper zergliedern will, ist Maas der Realität eines Daseyns von innen, da Raum und Zeit nur von außen seine Gestalt und Dauer messen und ordnen. In Wirkung offenbaret sich Kraft ; ihrer Natur nach gestaltet sie sich, sie vrga- und Erfahrung. 7 '§ nisiret. Transcendental-Aesihctik, auf einen ver« standllchen Begriff zurückgebracht, kann nichts ander- als Organik heißen, d. i. Wiffnschaft des SepnS, sofern dies nicht etwa nur neben sich Raum und Zeit möglich macht, sondern wie es sich selbst auS- drückt, dar stellt, und durch sich Raum und Zeit co n sti t u i re k. Dies ist das einzig- denkbare energische a priori; Raum und Zeit, al- durch sich selbst gegebne Anschauungen betrachtet, heben das wahre ?rius des Daseyns daurcnder energischer Kraft auf, durch welches sie als äußere Maaße nur werden. rc>. Keine vierte giebt es außer diesen drei Dimensionen. Wie das Nebeneinander eine Flache ausdrückcn mag, so ward die Linie nur durch die Bewegung eines Nacheinander; der Körper selbst kann nicht anders als durch Segmente und Radien, mittelst eines Durch- und Ineinander, gemessen und ausgedrückt werden. Wie den Raum am hellcsten das 'Auge gab, und die Zeit dem Ohr gehorchte: so ist der Sinn des Maaßes der Kräfte das Gefühl, dem wir auch die meisten Ausdrücke schuldig sind, die dies Maas bezeichnen. Ausdehnung, Undurchdringlichkeit, Schwere, Zusammenhang, Anziehen, Zurückstoßen, Form, Gestaltung, das Wort Kraft selbst sind seine Produkte. Und da mehrere Kräfte in einander scyn und außer sich wirken können ; so entspringt nothwendig daraus der Begriff von Bewegung und Ruhe, von Innen und Außen, von Treiben, Drängen, Zurück- dran gen, nebst hundert andern Kraftebezcichnendcn 76 I. Verstand Worten. Statt nichts formender Formen construiren wir also die' erste Tafel unsrer Verstau- desbegriffe daraus, daß wir selbst sind, und daß Etwas ist, also: L S e y n, Grundbegriff, s Dase yn, gicbt Dimension des Raum s. (extensive) r K o r t - D a s e y n, giebt Dimension der Zeit. (grotsnsive) 4 Wirklichkeit giebt Dimension der Kraft» (intensive). Oder: L Seyn giebt ein 2 3 Nebeneinander, Nacheinander, 4 In-sund Durcheinander. und Erfahrung. Und organisch in uns selbst gegeben: 77 Be wu ß t seyn, 2 3 Gesicht, Gehör, als als Organ des Neben- Organ des Nacheinander. einander. 4 Gefühl, Organ des In - und Durcheinander. Das a xrioi-i, dieser Aller beruhetAucht auf einer Position außer und vor aller Erfahrung, in welcher ich mir diese, mithin mein eignes Daseyn und die Form meiner Sinnlichkeit ausklügeln müßte, sondern auf einem lebendigen Daseyn in und mit der Erfahrung: denn sobald lebendiges Daseyn gesetzt wird, erfahrets. Es ist sich selbst Erfahrung; ein sich selbst in Raum und Zeit innerer Kräfte zusammen fassendes, offenbarendes Wesen. Das xrius und xostsnius dieses Wesens sind mit einander; denn ohne ein mit ihm gesetztes posterius konnte ss wenig ein prius seyn, als dies ohne Jenes. I. Verstau» L e i b n i tz. Ueber Philosophie in der deutschen Sprache *). „Daß in England und Frankreich die scholastische Art zu philosophiren sich nach und nach verloren, glaube ich, kam daher, weil diese Nationen die Philosophie in ihrer eignen Sprache früher auszubilden anfingen, wodurch dann auch der gemeine Mann zu philosophischen Urtheilen einen Zutritt bekam. In Italien wäre ein Gleiches geschehen, wenn dort die scholastischen Theologen nicht ihren Verwandten, den Philosophen, zu Hülfe gekommen waren. In Deutschland steht, andre Ursachen ungerechnet, die scholastische Philosophie fester gewur- zelt, weil man spat, jetzt kaum deutsch zu philosophiren angefangcn hat" „Und doch wage ichs zu behaupten, daß zu diesem Probeversuch, zu einer Prüfung philosophischer Satze durch eine lebendige Sprache keine in Europa geschickter sep, als die *) l.eil,n.itr. Opp. nmnia 1?, IV. p. g, 7 . Der großeste Lheil der Leibnitzischen Vorrede zu Ni- zolius verdiente eine Uebersetzung, da sie mit Gründen sowohl als Beispielen der barbarischen Philosophastrik entgegengearbeitet, und was philosophische Schreibart sey, deutlich und bestimmt lehret. und Erfahrung. 79 Deutsche- denn bis zum Neide aller andern ist sie voll Realwerte, da seit vielen Jadrhuuderten keine Nation reelle und mechanische Wissenschaften, fleißiger getrieben hat, als die Deutsche, so daß die Türken selbst in ihren griechischen und klein-asiatischen Bergwerken sich in der Metallurgie deutscher Worte bedienen. Leere Dinge dagegen (aomrnsntitis.) zu sagen, ist die deutsche Sprache weil ungeschickter, als die französische, Italianische und die andern Töchter der lateinischen Sprache; in diesen durfte man das barbarisch-lateinische Wort nur leicht verändern, so klang es nicht mehr barbarisch; e§ ward ein italianisches oder französisches Wort. Viele Ausdrücke der scholastischen Philosophie gingen daher ins Französische gerade hinüber, da in der deutschen Sprache bisher niemand so etwas, ohne öffentlich ausgezischt zu werden, hat versuchen mögen. Hätte er lateinisch-scholastische Wörter beibehalten, und ihnen eine deutsche Endung geben wollen, so hieß dies nicht Deutsch, sondern Latein philosophiren; auch wäre es ohne Nutzen und unverständlich gewesen- denn die lateinische und deutsche Sprache stehen weit aus einander. Dies also war die Ursache, weßhalb man bei uns im Deutschen später zu philosophiren angefangen hat; die deutsche Sprache widerstand zwar nicht der Philosophie, aber jener barbarischen Philosophie, die leider so spät, ja noch nicht ganz vertrieben ist. Daher unsre späte philosophische Sprach e°" „Was vom Deutschen gilt, gilt auch von den Töchtern der deutschen, der schwedischen, dänischen, englischen, holländischen Sprache, außer daß die I. Verstand beiden letztgenannten der näheren Nachbarschaft wegen fremde Worte kükmer anfnchmen, wogegen sich die deutsche Sprache sträubet. Wenn auch einige ScholastikasterS oder artige Reisende Latinismen, Jta- lismen, Gallicismcn um sich werfen, so ist doch die Sprache ernster Männer und der gemeine Volksgebrauch dagegen *). Eine Bemerkung des scharfsinnigen Hob des kann ich nicht übergeben, daß nämlich die Volker, die das Wort Ist gewöhnlich auslassen, wie mehrere Morgenländer, einen großen Lbeil der barbarischen Philosophie entweder gar nicht oder nur mühsam ausdrückcn können, da doch jene Nationen zum Philofophircn nicht weniger aufgelegt sind als andre Völker, und eine an Realwörtern reiche, gebildete Sprache haben." „Ich habe es zu Zeiten unsrer Sprache zum Lobe anqezogcn, daß sie nichts als rechtschaffene Dinge sage, und ungegründete Grille» nicht einmal nenne (i^norst irispla). Daher ich bei den Jlalianern und Franzosen zu rühmen gepfleget: „wir Deutsche batten einen sonderbaren Probierstein der Gedanken, der andern unbekannt sev." Und wenn *) Manches hat hierin die Zeit sehr verändert. Unsre galante Sprache ist voll Gallicismen; unsre gelehrte Sprache hat die kritische Philosophie mit Warbarismen bedeckt, die zu keiner Sprache gehören; daher sie auch, unübersetzbar, uns eigen bleiben. Schwerlich konnte in der iralianischen, französischen, englischen Sprache eine Kritik der reinen Vernunft,, wie sie da steht, geschrieben werden. und E r f a h r u n g. k>, wenn sie begierig waren, etwas davon zu wissen, so habe ich ihnen bedeutet, daß es unsre Sprache selbst sey: denn was sich darin ohne entlehnte und ungebräuchliche Worte vernehmlich sagen lasse, das sey wirklich was Rechtschaffenes; aber leere Worte, da nichts hinter, und die gleichsam nur ein leichter Schaum muffiger Gedanken seyn, nehme die reine deutsche Sprache nicht an." *) „Es finden sich auch täglich bei uns in der Sprache allerhand crläuterunqswurdige Dinge und Anmerkungen, die Gelegenheit sum Nachdenken geben **). Dergleichen Worte entdecken nicht nur der Dinge Ursprung, sondern geben auch zu erkennen , daß die Worte nicht eben w willkührlich oder von Dhngefabr hervoraekommen, als einige meynen; wie denn nichts ungefähr in der Welt ist als nach unsrer Unwissenheit, wenn uns die Ursachen verborgen sind. Und weil die deutsche Sprache vor vielen andern sich dem Ursprünge zu nähern scheinet: so sind die Grundwurzeln in derselben desto kenntlicher." ***) *) Leibnitz Gedanken, betreffend die keine Ausübung und Verbesserung der deutschen Sprache» Z. n» Opx. vinn. I'» VI» k>. II. p. ic>. ii. **) Leibnitz giebt eine Probe am Wort Welt (ursprünglich W e r e l r) das nichts anders sey, als Umkreis der Erde, orbis terraruin. H. gg, *") S. g.8 — So. Herders Werke z.Phil.u.Gesch.XlV. F A/er-^iinL. 5 . Metakritik der sogenannten Transcendental-Analytik. „Idee einer transcendentalen Logik." *) der Einleitung **) war ohne Beweis die Vorerinnerung eingcflosscn, „daß es zwei Stamme der menschlichen Erkenntniß gebe, die vielleicht aus einer gemeinschaftlichen, aber uns unbekannten Wurzel entspringen, nämlich Sinnlichkeit und Verstand." Zum Behuf des ersten Stammes wurden in der transcendentalen Aesthetik zwei trans- cendentale Anschauun gen , als reine Formen der Sinnlichkeit ersonnen, die aber als Formen , die nichts formen, verschwanden. Eben derselbe Satz wird der transcendentalen Logik zum Grunde *) S. 7ls. ") S. 29. I. Verstand und Erfahrung. L3 geleget. „Unsre Erkenntniß entspringt aus zwei Grundquellen des Gemüths, deren die erste ist, Vorstellungen zu empfangen, (Receptivität der Eindrücke,) die zweite das Vermögen, durch diese Eindrücke einen Gegenstand zu erkennen, (Spontaneität der Begriffe.) Durch die erstere wird uns «in Gegenstand gegeben; durch die zweite wird dieser im Verhältniß auf jene Vorstellung, (als bloße Bestimmung des Gemüths) gedacht. Anschauung und Begriffe machen also die Elemente aller unserer Erkenntniß aus." *) Und diese zwei Gcundquellen fließen neben einander? Zwei Stamme menschlicher Erkenntniß stehn neben einander? Welch Geschöpf hat dann die Natur aus zwei verschiednen Stammen, „deren vielleicht gemeinschaftliche Wurzel uns völlig unbekannt wäre, zusammengeleimet? Schon die beiden Kotyledonen der Pflanze zeigen ihre einhellige Tendenz zum Ganzen; die Eine sprießt in die Luft, die Andre in den Boden ; beider Sprößlinge bilden die Pflanze, und lassen sich sogar wechseln. Bei Thie- rcn streben alle ihre Empfindungen und Kräfte in Einen Instinkt; sie wissen von keinen gesetzlichen Widersprüchen ihrer Natur aus Natur, der Natur entgegen. Der Mensch allein sollte ein so zusammengeflicktes Geschöpf seyn, dessen beide Ende, (wenigstens aus keinem für uns übersehbaren Grunde) zu einander nicht gehörten? Und wie kann die Receptivität der Eindrücke ,,rine Grundquelle L 2 *) S. 7I>. «4 I. Verstand der Erkenntnisse unsres Gemüths, der äußere Sinn eine Eigenschaft unsres Gemüths"*) genannt, wiederum aber dem Verstände bei der ihm unentbehrlichen Rcceptivität der Eindrücke ,,S p o n tan e i t a t der Begriffe" zugeschricben werden? Die Kritik der reinen Vernunft muß unS hierüber noch viel lehren. Sie lehret uns, daß es außer der besondern und allgemeinen „eine transcen dentale Logik gebe, die nicht etwa nur von allem Inhalt der Erkennt» iß, d. i. von aller Beziehung derselben auf das Object abstrahiret, und nur die Form des Denkens überhaupt,betrachtet, sondern auch auf den Ursprung unsrer Erkenntnisse von Gegenständen geht, sofern er nicht den Gegenständen zu geschrieben werden kann. In der Erwartung, daß cs Begriffe geben könne, die sich a priori auf Gegenstände beziehen mögen, bloß als Handlungen des reinen Denkens, die mithin Begriffe, aber weder empirischen noch ästhetischen Ursprungs sind, machen wir. uns die Idee einer Wissenschaft des reinen Verstandes und V e r n u n ft e r k e n nt n i s s c s, dadurch wir Gegenstände völlig a xriori denken. Eine solche Wissenschaft, welche den Ursprung, den Umfang und die objective Gültigkeit solcher Erkenntnisse bestimmte, S. und Erfahrung. 85 würde transcendentale Logik beißen m üssen, weil sie es bloß mit den Gesctzew des Verstandes und der Vernunft zu khun hak, aber lediglich sofern sie auf Gegenstände s priori bezogen wird, nicht wie die allgemeine Logik auf die empirischen sowohl als reinen Vernunftkenntnisse ohne Unterschied." *) Eine Wissenschaft, die „den Ursprung, den Umfang, und die objective Gültigkeit aller reinen Verstandes - und Vernunftkenntnisse, bloß nach den Gesetzen des Verstandes und der Vernunft, als Handlungen des reinen Denkens, von Gegenständen n priori ohn' alle empirische Erkenntnisse enthalt," wer wird sie nicht mit Austncrksamkeit erwarten? Wie die allgemeine, so iheilt sich diese „Trans- cendentallogik" in die Analytik und Dialektik ein; sie isolirt den Verstand, und hebt bloß den Theil des Denkens aus unserm Erkenntnisse heraus, „der lediglich seinen Sitz im Verstände hat." Nochmals verspricht sie in der transcendentalen Analytik, „unser gestimmtes Erkenntnis a priori in die Elemente zu zergliedern, und macht es dabei zum wesentlichen Gesetz: r) daß die Begriffe reine und nicht empirische Begriffe seyn, 2) daß sie nicht zur Anschauung und zur Sinnlichkeit, sondern zum Denken und Verstände gehören; 3 ) daß sie Elementarbegriffe seyn, und von den abgeleiteten oder daraus zusammengesetzte» wohl unterschieden werden ; 4) daß ihre Tafel vollständig sey, und sie *) S. 79. u. f. 86 I. Verstand das ganze Feld des reinen Verstandes ganz ausfüllen. Diese Vollständigkeit sey nur vermittelst einer Idee des Ganzen der Verstand e s er ke n n tn i ß n xriori, mithin durch ihren Zusammenhang in einem System möglich. Der reine Verstand sondere sich nicht allein von allem Empirischen, sondern sogar von aller Sinnlichkeit völlig aus. Er sey eine vor sich selbst beständige, sich selbst genügsame, und durch keine äußerlich hinzukommende Zusätze zu vermehrende Einheit;, daher werde der Inbegriff seiner Erkenntniß ein unter einer Idee zu befassendes und zu bestimmendes System ausmachen, dessen Vollständigkeit und Artikulation zugleich einen Probierstein der Nichtigkeit und Aecht heit aller hineinpassenden Erken nt nißstücke abgeben könne." *) Zu diesem großen Ziel sollen uns zwei Bücher, deren das Eine die Begriffe, das. Andre die Grundsätze des reinen Verstandes enthält, führen **). Im ersten Buch und dessen erstem Hauptstück wird uns ein „Leitfaden der Entdeckung aller reinen Verstandesbegriffe in drei Abschnitten" dagereicht, und nachdem uns der erste Abschnitt über den „logischen Verstände s ge b ra u c h" überhaupt belehn hat, zeigt uns „des Leitfadens zweiter Abschnitt und Erfahrung. 87 die Function-des Denkens im Urtheil, von allem Inhalt abstrahirt, als bloße Berstandesform erwogen," unter vier Titeln, deren jeder drei Momente unter sich enthalt, in folgender Tafel *): 1. Quantität der Ürtheile. Allgemeine, Besondere, Einzelne, 3 . Relation. Kategorische, Hypothetische, Disjunctive. 4. Modalität. Problematische, Assertorische, Apodiktische. Wie? nach solchen Zubereitungen sehen wir nur dies? Wir sollten „die ersten reinen Verstandesbegriffe aus dessen prima tivem Handeln" kennen lernen; und empfangen aus der gemeinen Logik eine Tafel von E nun cia ti 0 ne n logischer Ürtheile, deren Begriffe vorn und hinten im Urtheil, wer weiß wie geschöpft? und zu welchem Zweck so ausgesprochen? vertreten. Eben daraus hatte Baco L. Qualität. Bejahende, Verneinende, Unendliche. 83 1. Verstand das langsame Fortkommen des menschlichen Verstandes erwiesen, daß man sich, stark erste Begriffe zu erforschen, an Propositionen und Syllogismen, an eine Form der Aussprüche halte, und dieser gemäß so und s o weiter forme. In allen Urthcilen hat der Verstand nur Eine Function, UrtheNen. Ja oder Nein, Setzen oder Nichtsetzen ist ihm sein eigentliches einziges Geschäft. W i e er dies Unheil aussprcche? ob all» gemein, besonders, einzeln, kategorisch, hypothetisch, disjunctiv, problematisch, assertorisch, apodiktisch? ist Form der Rede oder Wendung des Unheils nach Beschaffenheit des Inhalts oder dem Zusammenhänge nach, d. i. nach Umstanden. Von diesen aber, ja von allem Inhalt des Unheils, von allem Empirischen überhaupt sollte ja der reine Verstand abgesondert werden, damit man „den Ursprung, den Umfang und die Gültigkeit aller seiner Producte L priori" kennen lerne. Eine Aufzahlung der Formen seiner Aussprüche, (Enunciationen) deren Gestaltung sich offenbar auf Gegenstände a posteriori bezieht, und von ihren logischen oder rhetorischen Ordnern solchen angemessen ward, kann dies nicht erreichen. „Im dritten Abschnitt des Leitfadens von den reinen Verstandesbegriffen oder Kategorien" wird eine Tafel gegeben folgender Gestalt *): *) S. i und Erfahrung. SZ Tafel der Kategorieen. i. Der Quantität. Einheit, Vielheit, Allheit. S. Der Relation. DerJuharenz u. Subsistenz, Der Causalitat u.Depcndenz, Der Gemeinschaft, (Wechselwirkung.) 4 ^ Der Modalität. Möglichkeit — Unmöglichkeit, Daseyn — Nichtseyn, Nothwendigkeit — Zufälligkeit. „Dies ist nun, (sagt der Verfasser,) die Verzeichnung aller ursprünglich reinen Begriffe, die der Verstand s priori in sich enthalt, und um deren willen er auch nur ein reiner Verstand ist. Diese Einteilung ist systematisch aus einem gemeinschaftlichen Princip, nämlich dem Vermöge» zu ur th eilen, (welches eben so viel ist als das Vermögen zu denken) erzeugt, und nicht rhapsodisch, aus einer auf gut Glücks unternommenen Aufsuchung reiner Begriffe entstanden, von deren Vollzähligkeit man viemals gewiß seyn kann. Diese Kategorieen sind Der Qualität. Realität, Negation, Limitation. 90 I. Verstand die wahren Stammbegriffc des reinen Verstandes." *) Dagegen nun drangen sich Fragen und Zweifel auf: denn 1. Wie sind diese Begriffe aus der reinen Verstandeshandlung des Urtheilens, ohne Rücksicht auf Gegenstände, entsprungen und geordnet? Woher die vier Elassen, Quantität, Qualität, Relation, Modalität ohne von Gegenständen entsprungen zu seyn? Wie liegen diese und nicht mehrere in der reinen Form des urtheilendcn Verstandes? Dieser verfährt bei dem Quanto wie bei dem Quali; er hat bei beiden nur Ein Geschäft, ll r t h e i l c n. 2. Woher dann aber auch, daß dies Geschäft selbst nur in Einer Kategorie, in welche cs der Inschrift nach gar nicht gehört, der Qualität, und auch da nicht rein ausgedrückt ist? Beim Quanto kann der Verstand ebenfalls nur bejahen oder verneinen: gleich oder ungleich, größer oder kleiner; nichts mehr. 3 . Die Allheit steht gar nicht unter der Function des Größe- beurtheilenden Verstandes. Keine Zahl, keine Größe giebt ihm ein All; sie steigen hinauf und hinab ohne Grenzen. 4. Die Function des urtheilcnden Verstandes, bei der Relation ist in der vorstehenden Tafel nicht ausgedruckt. Wie er die Begriffe dcrJnharenz, ) S. ia6. und Erfahrung. l9> Subsistenz, Causalität, Dependenz und Gemeinschaft aus sich entspringen lasse- weiß man nicht, noch wie sie sich seinem Wesen nach zu einander verhalten? denn das Wort Relation drückt diesen Ursprung nicht aus. 5. Die Modalität der Begriffe endlich, wie sie hier erscheinen, bewerkstelliget sich gar nicht in der Werkstatte des Verstandes. Ueber Möglichkeit und Unmöglichkeit, Nothwendigkeit und Zufälligkeit maßt sich bloß die Vernunft einen Ausspruch an; Daseyn und Nichtseyn aber liegt allem Prädiciren zum Grunde. Das Schema der Kategorieen geht also nicht aus Einem Princip, dem wirkenden Verstände hervor; es ist nicht systematisch. 6. Auch als Tafel zusammen- und untergeordneter Ve rstan desb e gr i f fe ist es weder vollständig noch richtig. Der Quantität fehlt das Continuum der Größe. Realität, Negation, Limitation gehören der Qualität nicht ei- genthümlich; durch sie ist auch Zein yuals charakteristisch erkennbar. Die drei Unterordnungen der Relation vermissen den Grund ihrer Zusammenordnung: auch gehört die dritte zur zweiten. Auch ist in keiner Kategorie die Regel der Jusam- menordnung dieselbe. Wie Einheit, Vielheit, Allheit hcrvorgehn , so gehn nicht Realität, Negation, Limitation; Jnharenz, Caufalität, Gemeinschaft hervor. Als Tafel der Zusammen-, Neben- und Unterordnung verläugnet das Schema das, dessen kein Schema entbehren darf, Gleichförmigkeit, s ist h selbst ausspreche n.de Ordnung. I. Verstand 22 7. Und wie dann ist eine solche Tafel, „die reine Form des reinen menschlichen Verstandes?" Ist sie in ibm aufgeheftet r Laust er ihre Facher wie ein Rechenbrct durch mit der Frage: wohin ec seine u priori vhn' alle Gegenstände erzeugten Begriffe ordne e Oder sind diese Facher vier Eisternen seiner Kraft, jede mit drei Laustohren versehen, woraus die Begriffe sprudeln ? Oder giebts eine vierfache Wurzel seiner Wirksamkeit n priori, jede mit drei Wurzeln? Kurz, wie sind diese Fächer, „völlig leer von Gegenständen und ohne den mindesten empirischen Ursprung" der Seele so wesentlich, dafi nur ,,durch die Erfahrung möglich wird, und ohne sic durchaus keine Erfahrung statt findet 2" Wie ist sie, völlig leer vott Gegenständen, allen künftigen Gegenständen so angemessen, daß „diese durchaus nur durch jene Materien-leere Formen ihre Gegenstände werden?" Wir erwarten de» Aufschluß der kritischen Philosophie über dies hohe Kategoriccn - Rätksel, Von allen Gegenständen gesondert, eine selbstgebohrne Pallas aus dem Haupt des reinen Verstandes in dreimal vier Wortformen. Jndcß wollen wir für einen Mann', „dessen Absicht uranfanglich mit dieser zwar einerlei gewesen, ob sie sich gleich davon in der Ausführung gar sehr entfernet," *) den Aristoteles, ein Wort reden. Er hatte mit seinen Kategoriccn nicht die Absicht, weder damit a priori den menschlichen Verstand *) S. roZ. und Erfahrung. auszuschöpfen und auszugründen, noch ibm damit als auf einem einzig - möglichen Wege Gültigkeit zu verschaffen; ein Gedanke, der schwerlich in eines Griechen Seele kam; Kategorieen waren ihm ein Fachwerk, in welchem seine vier dialektischen Unterschiede, , >-"->5, -rv^Se/Z^s^) gefunden werden konnten, die er in der gerichtlichen Sprache seines Orts Kategorieen, d. i. Klagpunkte *) nannte. Der Dialektik, d. i. seiner Methode, über jedes Problem wahrscheinlich zu argumentiren, sollten sie als einem Gerichtshöfe dienen, und zu solchem Zweck dienten sie. Nach Aristoteles haben andre die allgemeinen Verstandes Begriffe zu einem andern Zweck anders geordnet; warum nicht? Es kommt darauf an, wer sie am besten ordne; jener scharfsinnige Alte, der in seiner Sprache nach Begriffen nicht leicht umhertapptc, ordnete sie nur dialektisch **). Daß sich unter die in vorbenannter Tafel angegebene Begriffe sogar „auch ihre eben so reine abgeleitete Begriffs" führen lassen, zeigt die *) Xristot. Dopic. I,. I. 6ap. IX. **) Leib Nitz IN seiner arte oornkuiatoria steht selbst in der Zahl dieser Ordner und hat eine Reihe anderer angezeigt, die vor ihm die Begriffe zu ordnen sich bestrebet. Ihm sind andre gefolget; - der Kategorieenordner ist eine große Zahl. Daher es nichts ass tiefe Unwissenheit verrath, ein neues, dazu übergeordnetes Fachwerk als ein un- erhör.es Wunderding anzustaunen. S4 I. Verstand gegebne Probe nicht *). Unter den Begriff der Kausalität z. B. steht das Pradicabile der Kra ft nicht; jener Begriff setzt diesen voraus: denn offne Kraft kann kein Ding eine Ursarhe werden. So fttzt G emei nhe it eine Gegenwart der Dinge voraus ; nicht, daß dieser Begriff aus jenem folgte. Und wenn weiterhin gesagt wird : „Ueber die Tafel der Kategorieen lassen sich artige Betrachtungen anstellen, z> B. daß sich diese Tafel mit ihren vier Gassen in zwei Abteilungen zerfallen laßt; daß allerwarts eine gleiche Zahl der Kategorieen oder Gaffe, nämlich drei erscheinet, welches zum Nachdenken auffodert! da sonst alle Einlhei- lung n xriori durch Begriffe, ein Zwiespalt, (Dichotomie) seyn muß; daß die dritte Kategorie allenthalben aus der Verbindung der zweiten mit der ersten entspringt u. f." so können diese Betrachtungen endlich doch nur auf die Bemerkung hinausgehn: der Kategorist hats also geordnet, und freuet sich seines Spieles. Db diese Tafel also „erhebliche Folgen in Ansehung der wissenschaftlichen Forbn aller Vcrnunftcr- kenntnisse haben könne, indem sie im theoretischen Theil der Wissenschaft ungemein dienlich, ja unentbehrlich ist, den Plan zum Ganzen einer Wissenschaft, sofern sie auf Begriffen L xriori ruht, vollständig zu entwerfen, und sie m a the m a tisch nach bestimmten Principien abzutheilen," **) ist sehr zu zweifeln, da gedachte S. ro8. iog. und Erfahrung. 9 ^ Tafel weder alle Elementarbegriffe vollständig, noch die Form jeder Wissenschaft im menschlichen Verstände enthalt, folglich „auf alle Momente einer vorhabenden spekulativen Wissenschaft und ihre Ordnung" keine Anweisung geben kann. Für den, der aus dem Begriff der Wissenschaft, die er treibt, Plan und Ordnung zu ziehen nicht vermag^ mag sie das, was die Pradicamente und Prädicabilien durch Mißbrauch wurden, ein leeres Gerüst, mit Fächern und Winkeln seyn, vor welchem der Wissenschaft - Verständige vorbeigeht. „Der iranscrndentalen Analytik zweites Hauptstück, Won der Deduktion reiner Der ständes- begriffe." *) Hier also werden wir Licht finden. Aber behüte der Genius der Philosophie! nicht durch eine Deduktion yuo jure? denn wie käme das äur hieher? sondern <;uu rutione. Wir wollen, nachdem wir so große Anmaßungen gelesen, es endlich «insehen, „wie dann der Verstand s, xriori reine Verstandesbegriffe, ohn alle Gegenstände erzeuge? und wie Jene erzeugten, die vollständige Form *) S. 96 I. Verstand aller ihm künftig möglichen Gegenstände seyn können und seyn müssen?" Wir dürsten — Und müssen lange dürsten. Wir hören*): wie eine Deduction der im Schema gegebnen reinen Ver- standcsbegriffe zwar möglich sey, wie (welches nicht ist) eine solche Deduction der sinnlich-reinen Anschauungen u priori gegeben worden ; sie sey aber nicht unumgänglich nöthig. Nur trete eine Schwierigkeit in den Weg **), wie subjective Bedingungen des Denkens objective Gültigkeit haben, d. i. Bedingungen der Möglichkeit aller Er- kenntniß der Gegenstände abqeben können? Denn es könnten Erscheinungen allenfalls wohl so beschaffen seyn, daß der Verstand sie den Bedingungen seiner Einheit gar nicht gemäß fände, und alles so in Verwirrung läge, daß z. B. in der Reihenfolge der Erscheinungen sich nichts darböte, was eine Regel der Synthesis anböte***). Es wird also ein „Uebergang der trans- cen dentalen Deduction der Katego- riecn durch ein Principium gemacht f), worauf die ganze Nachforschung gerichtet werden müsse. Dies Principium ist: daß jene Begriffe s. priori als Principien der Möglichkeit aller Erfahrung erkannt werden müssen, *) S. r>6 — rar. **) S. 122. *'*) S. > 23 . f) S. 1211 — >rg. und Erfahrung. 97 m ü sse n, w e i l o b n e sie keine Erfahrung möglich sey." (). O. Stall in diesem beschwerlichen Stelzengange zur Deduction des Menschenverstandes aus sich selbst, ohn alle Gegenstände, fortzuschreilen , lasset uns aus- rukn; Menschen dürfen von menschlichen Kräften und Erkenntnissen menschlich reden. Wir nehmen den Faden auf, wo wir ihn bei den „sinnlichen Anschauungen n priori" sinken ließen, und fragen: Wie entspringen, wie entwickle» sich menschliche Verstandesbegriffe? ÄoNr Ursprünge und der Entwickelung menschlicher Verscandesbegriffe. i. Den Eindruck auf unsre Sinne, sofern wir sein inne wurden, nannten wir Empfindung; das Wort sprach die Sache aus. Wir fanden etwas uns an, uns sich mittheilend; wir mußten (das bewirkte der Eindruck) daran Theil nehmen. 3. Dies sich uns Miktheilende war nie der ganze Gegenstand selbst, sondern etwas von ihm, das sich mitthcilen konnte; der Gegenstand blieb, (außer wenn zermalmende Handlungen der Empfindung vergingen oder beigesellet waren,) was er war. Bei Gegenständen des Auges empfinden wir mit Hülsedes Lichtstrahls F a r b e n , Gestalten, bei Gegenständen des Ohrs Schälle, Töne. Geruch Herders Werke z. Phil.u.Eiesch,XIV. G XletaLrüii, I. Verstand und Geschmack empfangen die ihnen analogen Eigenschaften der Dinge; und das Gefühl, der tiefste, aber auch dunkelste Sinn giebt uns die v i e ln ah m i gs te n Beschaffenheiten fremder Existenzen zu empfinden. Aus dem unendlich- Vielcn, das diese Existenzen an sich und für andre Sinne seyn mögen, wird uns alfo nur Eins oder Einiges, Das nämlich mitgetheilt, das für den Sinn, durch den es empfunden wird, gehöret (oz/.oXo^op Die Sinne selbst, als Organe betrachtet, sind alfo Sonderungs-Werkzeuge, des zu ihnen Gelangenden lauternde Eanale. Ohne daß meine Spontaneität dabei etwas lhut, empfängt die bewegliche Netzhaut des Auges ein Bild; der Schall hat sich vom tönenden Körper gerissen und bildet sich in unserm Obr zum Tone; das flüchtige' Salz der duftenden Rose wird uns Geruch. Ein vermöge unsres Organs uns gleichsam zuorgani- sirtes Eins aus Vielem für unsere Empfindung. 3. Aus allen Sinnen strömen diese uns zuor- ganisirten Ein- und Vielheiten, die manche Sekten der Alten etwas zu körperlich sirnulaci'L nannten , in uns zus ammen ; unser Inneres wird ein fortwährendes seirsvriuin ooin- inuns aller Sinne. Wir stehen im Strom, um- fluthet von den Eindrücken einer Kraftcreichen, sich uns mittbeilcnden Welt. Indem wir Horen, scben und fühlen wir auch; wir sind zu Einer und derselben Zeit in verschiedenen Weifen vielfach berührte Empfindungsorgan e. Die Psyche, die sich die Alten als ein in unfern Körperbau ergossenes und Erfahrung. 99 Wesen dachten, ist, wenn der Ausdruck frei steht, unser ganzer empfindender Mensch. Fehlt ihm ein Organ, so fehlen ibm auch, j,n Vorrath seiner Empfindungen, die Produkte dieses Organs, wie Blind-, Taub- und Stummgchohrne zeigen. Seinem Gefammtorganon mangeln sodann ganze Register. Im tiefen Schlaf ruhen diese Zuströmun- gcn des Weltalls auf uns von außen; wachend dauern sie fort, nur daß gewöhnlich Aufmerksamkeit sie leitet. 4. Was ist diese Aufmerksamkeit? Richtung des Organs auf einen Gegenstand, der uns mit verstechendem Merk mahl, (wie die Worte Merk mahl und Aufmerksamkeit selbst sagen,) ein Eins in Vielem merkbar macht, auf welches wir unfern Sinn richten. Nie wirken nämlich alle Gegenstände, nie Alles in den Gegenständen mit gleicher Macht auf uns; Eine Eigenschaft ruft den andern vor, und so wird das, was man in einem Gegenstände das Anziehende (Interessante) icl c;uoä iniursst nennt, ein federndes Eins aus Vielem. Könnte man die Pflanze fragen, warum sie sich nach dem Licht beuge? die Wurzel, warum sie ihre Nahrung in der Eroe fortlaufend suche? so würden sie antworten, daß diese Gegenstände sie vor allen andern, als ihnen zugehörig, afsiciren. Die Fibern des Geschmacks und Geruchs heben sich ihrem verlangten Gegenstände entgegen, wie das junge Laub nach Regen dürstet. Im ganzen Thierreich wird die sinnliche Aufmerksamkeit durch das Bedürfniß und die Begierde G » too I. Verstand von innen, durch entgegenkommende, gleichsam vorspringende Merkmahle der M i l the i I b a rke i t von außen, so mächtig gereizt, so genau bestimmt, so unfehlbar geleitet! 5. Gedarbt niß nennen wir den inncrn Behälter , der diese empfangenen Eindrücke in uns aufbewahrt, aus welchem bei gegebnen ähnlichen Merkmahlen oder Aufrufungen sie die Erinnerung wieder hervorruft. Gedachtnist, Erinnerung, vortreffliche Gaben und Namen! Gedachtniß zeigt an, daß etwas mit einem Merkmahl gedacht sey und wieder gedacht werde; Erinnerung, daß ich einer innegewordenen Sache wieder inne werde. Beide, sagt man mit Recht, wirken durch die E i n- b i I d u n g s k r a f k; sic sey es, die Bilder erfaßt, niederlegt, wieder aufstellt; wodurch anders als durch die v o r ste c h e n d e n Merkmahle, die ihr einwirkten, dadurch sie ihr Bilder wurden? Durch diese bildete, d. i. prägte sie sich solche ein; sie schuf sich ein Eins aus Vielem. 6. Lasset uns wachend den Traum unsrer Einbildungskraft behorchen; bei allen seinen Verwandlungen wird Ein großes Gesetz offenbar: ,,Eins in Vielem durch vorrufende Merkmahle." Ein lebhaft empfundenes Merkmahl ruft die Gestalt, Ein Zug das ganze Gemahlde hervor! so verketten sich die Bilder, so gehen oder fliegen sie ihren Gang fort. Jeder Mensch hat seine Einbildungskraft, wie er ein eigner Mensch ist; bei diesem sind die Töne mächtig, und rufen das Ganze; bei jenem Farbe, Gestalt, Wort, Handlung. Das Gedachtniß charaktcrisirc sich und Erfahrung. 101 eben so verschieden, daher man es bald ein Sach- bald ein Wortgedachtniß nennet; es giebt aber auch ein Gestalt-, ein Farben- undTvn- gedachtniß, das in Diesem und Jenem nach der Beschaffenheit seiner Organe, seiner Triebe, seiner daher entspringenden Aufmerksamkeit sich oft wundersam auszeichnct. Bei einigen Menschen nämlich bemerkt man sonderbare Verbindungen Z Heils sinnlicher Eindrücke unter einander, Lbeils dieser mit dem Gedachten, die man mit dem bedenkenden Wort Jdio sy nkrasiecn, „e ig e n th ü m I i c b c Zusammenfassung" nennt, und bei sieb und andern zu Führung einer gleichstimmigcn Lebensweise, gefälliger als es oft geschieht, schonen sollte. Mit wenig Achtsamkeit auf die Starke und Schwache eines Menschen inseinen leitenden Ideen und Hauptmotiven ist oft die ganze Denkart seines empfindenden Wesens zu lenken, zu rühren, zu erschüttern, aber auch zu ärgern und zu verderben. An wie Wenigem hangt bei uns Vieles! 7. Leidenschaften und die gewohnte Handlungsweise zeigen dies, und am unglücklichsten der Wahnsinn. E i n Bild, Ein Gedanke oder Eindruck ist dem Wahnsinnigen herrschend geworden; ein Tyrann, dem das ganze Heer der Empsindnisse dienet. Zu ihm muß sich alles richten, alles fügen. Starke Leidenschaften, wie langst bemerkt ist, nahen sich dem Wahnsinn; sie werden Einen Gedanken nicht los, in welchem sie Alles sehen, mit dem sie Alkes verbinden. Werke der Einbildungskraft ahmen diesem Wahnsinn gleichsam schöpferisch nach. Nicht nur wissen sie jedem em- 102 1. Verstand pfindenden Wesen seinen Ton, seinen Charakter, seine Welt außer und in ihm zu geben, sondern auch die Empfindung davon im Sinn des Lesers oder Hörers oft mit einem Nichts, mit den kleinsten Merkmahlen, Worten und Zeichen dergestalt zu erwecken und festzuhalten, das jetzt nicht unser, sondern der Geist des Dichters, des Künstlers uns gebietet. An einem kleinen Mcrkmahl wacht eine Welt der Gefühle in uns auf; was mit ihm gesagt wird, ist uns innig gefaget, da ohne dergleichen mächtige Einheiten, denen die ganze Seele zu Gebot steht, der große Markt andrer Signifikationen uns ein todtec Wortkram bleibet. 8. Wozu dies alles? Bemerkbar zu machen, daß unsre Natur, so viel Kräfte wir ibr auch mit Recht zuschrciben, nur Eine Hauptkraft des In Irrwerdens, und zwar unter dem großen Gesetz: „Eins in Viele m" kenne, welches das Wort I n- newerden selbst ausdrückt. Und zwar geschieht dies durch ein sich uns aufdringendes, uns analoges, mitgethciltes Merkmahl; wir empfinden. Jedes Empfinden ist Empfangen, d. i. Aneignen eines Einen aus Vielem, das unsrer Natur zugehörct. Dahin ist unsre Kraft gestimmt, dazu sind unsre Organe bereitet; auf eine wülkühr- liche Synthese kommt es hiebei nicht an. Weder den Geruch noch die Farbe der Rose setze ich mir zusammen; in ihrem Bilde aber, wie in ihrem Geruch, eigne ich mir die charakteristische Einheit an, die sie von Allem, was nicht Rose ist, für mich unterscheidet. Dies Schaffen der Einheit durch Sonderung, durch Läuterung von jedem Fremden zeigt und Erfahrung. in3 sich in allen Verrichtungen dcr Natur, die man organisch nennet. Jedes Gefäß eines Thiers, einer Pflanze lautert; es schaffet Einheit, indem es sich aus vielem Fremden das Seinige durch eigne Kraft a n e i g n e t. 9 Auf dieser allgemeinen Stufenleiter dürfen mir auch vor den inner» Sinn im Menschen treten; er ist kein Unbekannter a. priori , kein abgerissener, von allen Gegenständen abgesonderter Theil der Schöpfung. I» mehreren Sprachen heißt er Sinn, wie der äußere, dcr sein Organ ist. Innerer Sinn! ein schöner Name; er umfaßt alle niedrige Seelenkräfte, sie zu seiner Natur, einem höheren Eins erhebend. Gedächtnis, Erinnerung, Einbildungskraft werden in ihm Besinnung. Wenn er Mcrkmahle sucht, sinnet er nacb; indem er sie aufspürct, ist er scharfsinnig, sucht er sie in der Tiefe, tiefsinnig; gleitet er darüber hin, so zeigt er sich als Leichtsinn; sinkt er auf Eins, als ob es keine andre gebe , heißt er mit Recht Schwe rsinn. Der Gcistescharakter eines Menschen heißt seine Sinnesart; dem inneren. Sinn eines andern etwas nahe legen, heißt es ihm ansinnc n. Der freie Sinn endlich, diese edle Gabe des Menschen, konnte sich keinen trefscndern Namen als Besonnenheit wählen. Ihrer Natur nach eignet auch sie sich Fremdes an; nur aber nüchtern, sofern es ihrer Natur anqehöret. Eben dadurch lautert sie und sondert; sie schuf sich aus Fremdem ein ihr zugehöriges geistiges Eins — wodurch? durch ihre innere Kraft, durch Richtung derselben auf den Gegenstand und ein Jnncwerden I. Bcr stand 104 Seiner mittelst des Merkmahls, das für sie gehöret. Diese Aneignun g war ihre Function; und da diese Function alle Naiur- krafte haben, solche auch in allen Organen, jede auf ihre Art, unablässig üben; so entdeckt sich hiedurch jene große Homologie der Natur, im Kleinsten und Größestcn ein allenthalben neu entspringendes E ins i n Vie l e m, das Geschäft aller Organisationen. 10. Wenn ich einen Gegenstand betrachte, wie soll er zu mir? und ich zu ihm? Ewig werde ich speculiren: „wie Er ich und ich Er werde? ob mein Denken ihm Existenz, oder seine Existenz mir Gedanken geben möge?" Da beides ein Ungedanke ist, so speculire ich fruchtlos. Ist -'s nicht aber Eine Natur, in der ich ihn und mich finde? bin ich nicht selbst mein Gegenstand und mein Betrachter? Warum sollte ich also unter tausenden Eine Aeuße- rung meiner Naturkraft von allen Kräften der Natur abgetrcnnt, ja ihnen entgegengesetzt wahnen? Thut irgend ein Organ, irgend «in Gefäß meines Körpers je etwas anders, als das ihm Gleichartige lauternd sich aneignen? 11. Was heißt Denken? Innerlich sprechen, d i. die innegewordnen Merkmahle sich selbst aussprechen; sprechen heißt laut denken. Im Strom solcher Gedanken kann uns vieles blcß dauch len und dünken; denke ich aber einen Gegenstand wirklich, so geschiehet dies nie ohne Merkmahl. Denkend erschaffet sich die Seele fortgesetzt ein Eins aus Vielem, wie der inncre Sinn solches in der Empfindung erfaßte; es ist und Erfahrung. rnl, dieselbe Naturkraft, die sich hier dunkler, dort Heller und thatiger, jetzt in einzelner, jetzt in zusammenhängender Wirksamkeit zeiget *). . a2. Dürfen wir diese Selbstthätigkeit Spontaneität der Begriffe nennen? Oer Ausdruck ist dem Sprachgebrauch und der Sache selbst zuwider. Denn was heißt sponts? Was aus eignem Willen geschieht, mit Ausschluß jedes fremden Impulses. Die lateinische Sprache bat kein eigentlicheres Wort, die Unabhängigkeit einer Handlung von allem äußer» Zwange oder Einstuß zu bezeichnen. Unfern Begriffen eine solche Unabhängigkeit von Empfindlingen oder den Gegenständen zuschreiben, heißt sie vernichten. Als mein Verstand sich Gedanken aus Empfindungen aufhelkete, war er in seiner höchsten Selbstthätigkeit eben so abhängig von diesen, wie sie von den Gegenständen waren; deßhalb aber wirkte er doch als Verstand, d. i. vermöge *) Denken hat mit Dünken, Dänehten Einen Ursprung, d-her es mehrmals etwas Ungewisses ein Nachdenken, Hin- und Her- Denken, ein Suchen in Gedanken oder gar ein Zweifeln, r. B. -Bedenken, Bedenklichkeit u. f. ausdrückt. Ans dieser Dämmerung muß man das Wort ziehen, sobald man cs dem klaren Verstände zueignet; der Verstand muß wissen, woran und was er denket, d. i. was er im Innern sich selbst ausspricht. Im Schwedischen heißr äsnk» umher sch weifen, wahrscheinlich der ursprünglich« Begriff des H i n- und Her-Denkens. I. Verstand rnü seiner eigentlichen Kraft, wie das empfindende Organ durch die seinige wirkte. Da (Einmal für alle gesagt) der Gegenstand nicht die Empfindung, die Empfindung nicht der Gedanke ist, so blieb jede Na^ur- kraft, obgleich keine unabhängig wirkte, in-ihrer Function ungestöret. Denn eben dicß ist ja das große Band der Natur, daß ihre Kräfte nicht abgetcennt oder widersinnig, sondern nach einer großen Regel, einander gleichförmig, d. i. analogisch wirken. Dadurch wecken, fördern, beschranken sie einander, daß keine losqebunden in einer erdichteten Spontaneität nmherschweifen kann und soll. Gewiß dürfen wir uns nicht schämen, den Gesetzen unsrer und der gesammten auf uns wirkenden Natur harmonisch zu denken; und eben so wenig fürchten, daß wohl etwas in der Natur Vorkommen möchte, was nicht für unfern Verstand, und wofür unser Verstand nicht fabricirt seyn möchte. Was für dich nicht verständlich ist, laß unverstanden; glaube aber nicht, daß du durch dein Dünken und Denken das Verständliche in den Dingen schaffest oder in sie hineintragest. Da uchten und Dünken mag jedem nach Lust und Willkühr; Erkennen, Begreifen aber muß er, wie die Natur und der Sinn ihm ein zu Erkennendes, zu Begreifendes verhalt. S p o n t a neit ä t ist hier ein gemißbrauchter Name *). *) Ueberhanpl wird Spontaneität auch in der Sprache der Philosophen Willeashandlungen zugeschrieben, nicht Erkennrnißkrästen, geschweige der Kraft, die jeder höheren zur Grundlage dienen soll. Ist sie auf Spontaneität gebauer, so hört alle Sicherheit des Erkenntnisses auf. und Erfahrung. i3. Statt des freiwillig umhcrschwei'ftnden discursiven Denkens sagen wir also lieber Erkennen, und zoar in der ursprünglichen Macht des Wortes. Kennen, erkennen, anerkennen ist ein Geschlechtswort; es heißt gemeinschaftliche Natur und Art, Stamm und Abkunft innig und schnell empstnden. So erkenne ich mein Kind, den Freund, die Geliebte; so erkenne ich Wahrheit, Güte, Schönheit. Ich erkenne sie mir an, und sage laut: sie sind meiner Natur, meines Geschlechts, wobei dann alles spontane Dünken und Dauchten von selbst aushvret. Es ist schwer zu begreifen, wie dis kritische Philosophie, außer ihren leeren Gebilden des Raums und der Zeit, unsrer Erkenntnißkraft Anschauung absprechen mag. Bei jedem wahren Begriff thut die Seele viel mehr als anschauen, sie erkennet, sie eignet sich an; nur dadurch werden ihr eigenthümliche, der Natur, den Sinnen, und sich selbst harmonische wahre Gedanken *). *) Kennen hieß ursprünglich zeugen, gebähren, geboren werden; davon leinä Geschlecht und viel andre Geschlechtswörter, die man in Wächter, Skinneru. f. finden kann. Erkennen, auch im geistigen Sinn, heißt einen Begriff genetisch, d. i. in seiner Stammesart erfassen, wahr finden, sich zueignen. Für den Verstand sind Erscheinungen, die er sich in Wahrheit nicht zu gestalten weiß, noir entia, keine Gedanken. Er erkennet an, was seiner Art, seines Geschlechts, wahr, wie er selbst, ist. 14 ' Ist also die Harmonie, die ich in den Gegenständen wakrnehmc oder die Verbindung, in welcher ich sie mir denke, von mir in die Gegenstände gebracht worden? Mein Gedanke, er möge trennen oder verbinden, ist freilich Actus meiner Seele, (woran niemand zweifelt;) daß ich aber durch diesen Dcnkactus Ordnung in die Gegenstände hinein lege, daß ich sic gar Strich für Strich durch eine Zusammensetzung (Synthesis) hineinaddice, ist ein aus unvergvnnker Spontaneität unternommener, irreführender Mißbrauch der Sprache. Anerkennend zerlege ich sowohl als ich zusammensetze; Synthese und Analyse bieten einander die Hand. Willkührlich aber addire ich so wenig, als ich sub- Irahire; durch beide Partikularhandlungen entginge mir der in seiner Wahrheit anzuerkennende Gegenstand selbst, den ich in seinen Merkmahlcn begreifen, d. i. mir a. neignen soll. Dies Begreifen, diese Aneignung ist die Handlung meines Verstandes; das Zusammensetzen, wie das Zertheilen^ war eine Theiloperakion, die zu jener führet. Wo die Natur kein Synrhema gab, ist jede eigenmächtige Synthesis ein Spiel der Ein und Zwanzig. r5. Wir kommen also auf das Principium zurück, das durch die ganze Natur herrschet: kein xrius ist ohne ein xosterins, kein Verstand ohne ein Verständliches denkbar; kein Nehmen findet statt ohne ein Geben. Du kannst nicht erkennen, wo nichts zu erkennen ist; du kannst in dir nichts verbinden, wo nicht ein von der Natur Verbundenes dasteht. Die und Erfahrung. 102 Funktion des Verstandes ist: anerkennen was da ist, sofern cs dir verständlich ist, d. i. deinem Verstände gehöret; dcßwegen heißt der Verstand V e r st a n d , i nt s 11 e otrr s. Erliefet aus und verstehet, d. i. er ergreift der gelesenen Dinge Bedeutung; so erkennet er sich an, was sein ist. Ehe wir diesem Geschäft naher treten, lasset uns sehen, was die Kritik der reinen Vernunft darüber sage. „Transcendentale Deduktion der reinen Berstandesbegriff e." *) i. „Von der Möglichkeit einer Verbindung überhaupt." ,,Durch Sinne kann die Verbindung eines Mannigfaltigen (Lvnjurmtio) nie in uns kommen: denn sie ist ein AckuS der S p o n ta ne i t a t der Vorstellungskraft, und da man diese zum Unterschiede von der Sinnlichkeit Verstand nennen muß: so ist alle Verbindung, wir mögen uns ihrer bewußt werden oder nicht, eine Ver st a n d e s han dl u n g , die wir mir der allgemeinen Benennung Synthesis belegen würden, um dadurch zugleich beaiecklul> zu machen, daß wir uns nichts, als im Object xerbandm, verstellen können, ohne es vorher selbst verbunden zu haben, und daß unter allen Vorstellungen Verbindung die einzige ist, die n i c h t vom Object gegeben, sondern nur vom Subjcct verrichtet werden kann, weil sie ein Actus seiner Sclbstihatigkeit ist. Die Hand- *) Kritik der r. Lern, S. 12g. lang ist ursprünglich einig und für alle Verbindung gleichgeltcnd." Daß, ehe wir dachten, wir nicht dachten, daß, ehe wir verbanden, in unserm Verstände nichts Verbundenes war, bedarf keiner Deduction; daß aber auch chne Gegenstände dem Verstände nichts Verständliches gegeben sey, mithin in ihm keine Verbindung statt finden konnte, ist eben so gewiß. Dagegen mußte auch ohne unsre Synthesis in den Gegenständen ein Verbindbares, obgleich von uns nicht wahrgenommen, vorhanden seyn, sollte es anders von uns je bemerkt und gedacht werden. Indem die Sinne empfindend sich zueigneken, lauterten sie und verbanden. So auch der innere Sinn, so die Erinnerung, und mittelst ihrer aller der Verstand, der bis zur ersten Sensation hinunter urtheilcnd wirkte. Es ist der Sprache nicht angemessen, daß jede Vorstellungskraft, die von der Sinnlichkeit verschieden ist, Verstand heißen muß, und nicht Synthesis allein macht den Actus des anerkennenden Verstandes. Ihr voran geht Analysis der Mcrk- mahle, ohne welche keine Anerkennung statt findet. Auch ist jene Synthesis (uorijuriatio) keine A ritt nd Nebcneinandersetzung durch Spontaneität, als ob ich weglassen konnte, was mir beliebet, und mir auch andre Zusammensetzungen zu dichten erlaubt wäre; noch weniger ist cS wahr, daß ich etwas vorher verbinden müsse, ehe ich im Object verbunden anerkenne. Auch ist unter allen Vorstellungen Verbindung nicht die einzige, die nicht vom Object gegeben, sondern nur vom Sub- ject selbst verrichtet werden kann: denn keinen Actus und Erfahrung. r r r meiner Sinne oder meiner Seele verrichtet das Object statt meiner. 2 . „Von der ursprünglich synthetischen A v P e r cepti on." *) „Diese, die reine oder ursprüngliche Avperceprion, um sie von der empirischen zu unterscheiden, ist das Selbstbewußk- seyn, das, indem es die Vorstellung: Ich denke! hervorbrinqt, die alle andre muß begleiten können, und in allem Bewußkseyn Ein und Dasselbe ist, von keiner weitern begleitet werden kann. Die Einheit derselben ist die tra n s cend en tale Einheit des Selbstbewußtseyns, um die Möglichkeit der Erkennt- niß u priori zu bezeichnen. Die mannigfaltigen Vorstellungen, die in einer gewissen Anschauung gegeben werden, würden nicht i » sgesammt meine Vorstellungen scyn, wenn sic nicht insgesammt zu einem Sclbstbewußtseyn gehörten, und in einem Selbstbewußtscyn zusammcnstehen könnten." **) Am letzten zweifelt niemand; daß aber diese durchgängige Identität der Apperception nur dadurch möglich werde, indem ich Eine Vorstellung zu der andern hinzu setze, und so ein Mannigfaltiges in Ein Bewußtieyn verbinde ***), ist dem reinen Begriff des Bewußrseyns so wenig angemessen, daß dies Hinzusetzen gegen jene Identität eher Zwerfel erregte. Durch Addiren, und wenn ich ewig addirte, wird mir das Eins, das aller Addition zum Grunde *) S. i3i. **) S. ll»2. S. r33. rr2 I. .Verstand liegen mußte, nicht gegeben; eben so ist die Einheit, die der Verstand sich schafft, nicht eine durch H inzufügen zu einer begleitenden Vorstellung erworbene, sondern eine in ihm selbst gegebene, durch Anerkennung eines Einen im Mehreren jedesmal neuervrobte Einheit. Im Verstände liegt die zusam- mensaffende, begreifende Kraft, nicht in den, hjnzuko m m enden Begriff, „Ich denke," Ein Gedanke, der das Selbstbcwußlseyn bereits vvrnus- setzt, kann zur Anerkennung eines Gegenstandes so wenig etwas hinzutkun, als überhaupt die transccn- dentale Einheit des Selbstbewußtseyns irgend ein Erkenntniß andrer Gegenstände u priori begründet. Ewig kann ich zu mir sprechen: Ich denke, und werde, wenn nichts Erkennbares mir gegeben ist, nichts erkennen; auch folgt aus jenem „Ich denke" die Wahrheit des Anzuerkennenden nie. Heißt es: „Verbindung liegt nicht i» den Gegenständen, und kann von ihnen durch Wahrnehmung nicht etwa entlehnt werden," so ist dies sofern wahr, als meine Vorstellung nicht den Gegenständen, sonder» mir, der sie hat, zukommt; (woran niemand zweifelt.) Wenn meine Vorstellung aber nichts anders als diese Wahrnehmung selbst ist, die zwar nicht aus den Gegenstände» (die sie nicht halten und haben konnten) in den Verstand hinübergekragen, aber auch ohne jene Gegenstände vom Verstände nicht bewirkt oder erschaffen werden konnte; wozu eine Disjunktion zweier untrennbaren Stücke, von der die Natur nichts weiß i ja die allen Begriff der Worte Verstand und Gegenstand aufhebt. 3. „Der Grundsatz der synthetischen Ein- und Erfahrung. ^rZ Einheit der Upperception ist das oberste Princip alles V e r s t a n d e s gebrauch s." *) In der bekannten Sprache hieße es: der Verstand erkennet. Woraus zugleich aber «uch folgt: wo nichts zu erkennen ist, erkennet er nicht; vor allem gegebnen Erkennbaren giebt es keinen erkennenden Verstand. Er kann sodann seine Kraft nicht erweisen. 4. ,,Was objektive Einheit des Sclbstbewußtseyns sey?" **) Hier werden wir belehret, es sey „die transcendcntale Einheit der Upperception, durch welche alles in einer Anschauung gegebene Mannigfaltige in einem Begriff vom Object vereinigt werde, und darum 0 b- jectiv heiße. Sie sey allein objectiv gültig; die empirische Einheit der Upperception habe nur subjektive Gültigkeit." ***) (). L. O. 5 . „Die logische Form aller U r- theile besteht in der objektiven Einheit der Upperception der darin enthaltenen Begriffe. Denn ein Urtheil ist nichts anders, als die Art, gegebne Erkenntnisse zur 0 bjectiven Einheit der Perccpti 0 n zu bringen. Darauf zielt das Verhaltnißwörtchen ist, um die objektive Einheit gegebner Vorstellungen von der subjektiven zu unterscheiden." st) — Sind die gegebnen Erkenntnisse, (wie können diese vor der *) S. i36. ") S. i3g. S. i3g. st) S. iho. Herders Werke z.Phil.u.Gesch. XIV. H MetaLr-E ii4 I. Verstand Perception Erkenntnisse heißen?) keine Erkenntnisse, so wird das Verhälknißwörtchen isk, dadurch sie zur objectiven Einheit der Perception gebracht werden, und ihnen objectivc Gültigkeit verschafft werden soll, ibnen weder diese noch jene geben. Lauter leere Wertformen, die weder das Verstehen noch das Verstandcnwerden, weder die objective Einheit noch objective Gültigkeit erklären. Form ohne Materie ist leere Form; jene kann diese weder schaffen noch bewahren. 6. „Alle sinnliche Anschauungen stehen unter den Kategor ieen als Bedingungen, unter denen allein das Mannigfaltige derselben in ein Bewußt se y n zusammenkommen kann." *) Ein sonderbares Hysteron-Proteron! d.i. ein Vorn- Hinten. Die Kategorieen sind ein in unsrer Sphäre der Begriffe aus menschlichen Erkenntnissen abgezogenes Fachwerk, das seinen Zweck erreicht hat, wenn jeder Begriff in ihm Stelle findet; was sollen sie aber zu Erklärung der Nerstandeskraft, „als Bedingungen, unter denen allein das Mannigfaltige aller sinnlichen Anschauungen in ein Be- wußtseyn zusammenkommen kann." Ist unser Verstand rings um unser Bcwusstsepn nach diesen Fächern gezimmert? und wie kommt daS Mannigfaltige unter der Bedingung einer Wort-Kategorie in ein lebendiges Bcwußtseyn z ll- sammen? „Also steht das Mannigfaltige in ei» *) S. -43. und Erfahrung. I 13 ner gegebnen Anschauung nvth wendig unter Kategorieen als unter Bedingungen, unter denen alleines in ein Bewußtseyn ; usammenkom men k a n n." tz. L. O. 7. „Die Kategorie hat keinen andern Gebrauch zum Erkenntnis, als ihre Anwendung auf Gegenstände der Erfahrun q." *). Was nützte also ibre leere Form vor und außer aller Erfahrung? ibre allgemeine und objeckive Gültigkeit in Objecten überhaupt, die ohne einzelne Objecte nichts bedeutete Zeigte uns jemand ein in vier Rauten getbeiltes mit Namen beschriebenes Glas, das er für mehr als jenen Wunderspiegel der Morgenländer ausgäbe, weil man in ihm nicht nur alle Dinge der Welt sehe, sondern ohne solches auch nichts zu sehen vermöge, fügte aber bintennach bei, daß man darin ohne Objecte nichts wahrnehme, dies Wunderglas auch nur als ein gewöhnlicher Hausspiegel zu gebrauchen sey, was würden wir von der Abkunft dieses Lmulets sagen? Es hieße leeres Stroh dreschen, wenn wir die folgenden Titel 8. „Von Anwendung der Kategorieen auf Gegenstände der Sinne überhaupt." 9. „T r a n s ce n d e n ta li sc h e Deduktion des allgemein-möglichen Erfahrungsgebrauchs der reinen V e r s t an de s b e^ griffe" und das - H 2 ') S. ih.6. I. Verstand n6 i». „Resultat dieser Deduction der Ve r sta n d es be g ri ffe" weiter verfolgen wollten. Möge Zeder, der diese „einzig-mögliche Bedingungen zum Verstandesgebrauch" zu brauchen Lust hat, sie im Buche selbst lesen. Wir treten aufs freie Feld, und entlastet von den Wortformeln: „wie man zum Verstände kommen soll?" fragen wir: wie reiben sich unsre Verstandest, e- griffe? Von der innern Verknüpfung und Reihung unsrer Verstandesbegriffe. 1. Soll unser Verstand verstehen, so mutz ein Verständliches vor ihm seyn, das für ihn Bedeutung habe; Verstand ohn' alles Verständliche ist ein Unding, so viel leere Wortkapseln wir ihm auch anhängen mögen. Auch ein Zusammensetzen und Hin zu fügen, von dem Begriff deS Sclbstbewußtseyns begleitet, macht nicht das Verstehen aus, so wenig als Worte einer fremden Sprache, wenn wir sie buchstabiren, sylbiren und aussprechen, des Buchstabircns wegen von uns verstanden werden, auch wenn wir uns dieses Wuch- stabirens und Sylbirens deutlich bewußt sind. Den Sinn des Worts anerkennen, ist etwas ganz anderes. 2. Zu Anerkennung dieses Sinnes gehört ein Zwiefaches, Subject und Dbject, ein Berste- ' - 4 ' und Erfahrung. 117 hender und ein Verstandenes; sogar wenn ich mich selbst verstehen will, muß ich mein Object werden. Auch im Gegenstände kann der Verstand sein behauptendes Ist oder Ist nich t auf keine Weise anwenden, wenn er nicht unterscheidet. Er unterscheidet den Gegenstand von sich oder etwas in dem Gegenstände, daher ohne Subject und Prädikat kein Urtheil statt findet. Sogar kein Name eines Dinges findet stakt, wo nicht ein Zwiefaches wahrgenommen, gesondert und verknüpft wird. Durch Auflösen und Verknüpfen also erkennet der Verstand den Sinn des Gegenstandes, den er als ein geistiges Ganzes sich a n e i g n e t. 3. Dies Mehrere sowohl zusammenzufassen als von einander zu sondern, hat uns die Natur nicht leere Anschauungen und Wertformen a xriori, sondern wirkliche Sinne, d. i. Organe gegeben, die dem Verstände seinen Sinn nicht etwa nur möglich machen , sondern vordereiten. Ohne sie und das durch sie Verständlich-ge woc- dene ist kein menschlicher Verstand denkbar. Beide sind iNnig verbunden, die Kraft und ihr Organ; in jede sinnliche Empfindung drangt sich von Kindheit auf beim Menschen Verstand; Verstand zu haben sind wir organisiret. Alle Sinnesproben, die ein Kind macht, sind mit Urtheil begleitet, mithin Versuche und Ausbildungen- seines Verstandes. Wenn es mit seiner Hand nach dem Monde greift oder die Sonne im Wasser zu haben gedenkt, so beweisen diese Fehlurthcile, daß cs urthcile; daher es kein uneigenllicher Ausdruck ist, zu sagen: der Ver- i>8 I. Verstand stand siehet durchs Auge, erhöret durchs Ohr; denn ohne diese Sinne könnte er weder sehen, hören, noch verstehen, folglich auch nicht Verstand scpn. Die Sinne praformiren, d. i. sie bilden ihm das Mannigfaltige zu Einem, das er sich nicht erschafft, sondern anerkennend sich aneignet, und eben hiedurch Verstand ist. 4. Drei Sinne sinds vorzüglich, die ihm dies Mehrere zu Einem nicht etwa nur als einen vermischten Stoff zuführcn, sondern vermöge i h- rerForm zu bilden; vom allwirkenden Verstände sind sic für den Verstand organisiret. Das Auge führt ihm ein Nebeneinander zu; a^er wie ? geordnet. Dazu sind seine Häute und Flüssigkeiten, sein Krpstall und Boden eingerichtet; dazu sind die Gesetze des Lüchtes. In einem gesunden Auge ist nur Ein Punkt aufS helleste erleuchtet, zu dessen beiden Seiten sich die Gegenstände in der regelmäßigsten Abstufung des Lichts und Schattens gestalten. Für entferntere und nähere Gegen? stände, für helleres und schwächeres Licht hat das Auge eine Beweglichkeit, sich selbst zu formen, die wir anstaunen, aber noch nicht einsehn *). So tbeilet sich das Licht nach den verschiedenen Graden seiner Brechbarkeit in unveränderlicher Ordnung; die festesten und feinsten Gesetze einer Zusammenordnung der Dinge, nach Angrenzung, Licht, Farben und Gestalten, kurz eine Logik des Sehens ist dem Verstände durch die Form seines ) S. Kästners angewandte Mathem, 60 — und Erfahrung. "9 Werkzeuges selbst "gegeben. Er kann nicht anders als nach diesen Gesetzen wahrnehmen; wo er fehlurtheilet, führt ihn die Form dieses oder eines andern Sinnes zurecht. Mittelst des Auges lernt er also seine ihm cingebohrne Funktion, die nichts anders war, als ordnend zu sa m m cn z u fa s- sen, d. i. zu trennen und zu verknüpfen, aufs feinste üben; wenn er sie nicht oder schlecht übt, ist er so ungesund, wie ein fehlerhaftes Auge. Dagegen würden ihn erdichtete Anschauungen in Ewigkeit nichts lehren; in ihnen ist weder Form noch ein Aehnliches (o^-oAs^on) des urtheilenden Verstandes. 5. Wie das Auge, so das Ohr in dem Nacheinander; es ist dazu eingerichtet, daß es in Einem Moment drei Momente, den verhallenden, gegenwärtigen und zukünftigen Ton giebt, wo dann der mittlere nur als die Granze zwischen beiden schwebet. Ohne diese Verknüpfung ist kein Gehör möglich; und eben mit ihr ist dem Verstände Melodie, d. i. eine verknüpfte T Infolge gegeben. Verknüpfen könnte er sie nicht, wenn sie das Ohr nicht bände, mit der Gestaltung dieses ist sie ihm also vor- und zuorganisirt, daß er an ihr als einer Folge dreier gegenwärtiger Augen, blicke seine Function übe. Ware unser Sinn nicht also geschaffen, daß er in Einem ein Drei uns gegenwärtig machen, d. i. den Ton hakten, tragen und übertragen könne, ja müsse: so wäre die Regel der Zeitenfolge, in der das Jetzt nur die Grenze des Vergangenen und des Zukünftigen ist, dem Verstände unbekannt und unanwendbar. -12S I. Verstand Diese Regel findet er nur dadurch in sich, weil sie ihm ft in Werkzeug unveränderlich verzeichnet. Er trug sic dahin nicht, sondern wirkt als ein edles xrius, gebrauchend sein Werkzeug. 6. Ein Gleiches ists mit dem Sinne des G e- fühls in unsrer ganzen Organisation; eine Verknüpfung von Kraft und Wirkung konstitnirt unser Gefühl, und ist dieses Sinnes Basis. Daß, unbewußt uns selber, wie cs geschehe? unser Daicyn wirket, daß Gedanken in uns werden und Glieder des Körpers unserm Gedanken gehorchen, daß unsre Begierde Triebe regt und dem Willen Macht folget; dies ist eine so innige, uns angebohrne Verknüpfung, daß ohne sie wir nicht daseyn, wirken, leben könnten. Unser Verstand wird dessen unaufhörlich inne, Er selbst ein Lebendiges, ein Handelndes, das pri- wrum moloils, das Kraft und Wirkung vereinigt. Sich selbst müßte er also vergessen und vernichten, wenn er das Gesetz, wodurch er ist: ,,Ursache schafft Wirkung" Einen Augenblick außer Acht lassen könnte. Nicht von der Zeitenfolge (ss^uslu teirnrorrs) lernt er dieses Gesetz; er übcts wesentlich, zusammenwirkend mit jeder Art von Gefühl und Willenshandlung seines beseelten Daseyns. Ohne Zcitmaas übet ers in seinem Innern, und tragts in jeden Gegenstand über: denn nur durch Anerkennung, durchs Innewerden, mithin durch Verknüpfung einer Ursache und Wirkung wird der Verstand, was er heißt. Jeden Augenblick wird ers mittelst eines neuen In ne werde ns, d. i. so- fern er sich selbst als Kraft erprobet. und Erfahrung. I2L 7. Hieraus ergeben sich Gesetze einer drei sacken Verknüpfung, dem Verstände nicht durch Fermen L xriori, sondern mittelst seiner ihm unableglichen, unentbehrlichen Organisation gegeben : 1. Gesetze der Eontiguitat, vermittelst des Auges und Lichts im Nebeneinander, durch Einen lichten Punkt auf die bestimmteste Weise ihm durch sein Organ gegeben. 2. Gesetze der Zeitfvlge, mittelst des Gehörs und der innern Empfindung im Nacheinander dreier Momente unzerreißbar, unvercückt geltend. 3 . Gesetz der Kraft und Wirkung, mittelst seiner selbst und des wirkenden Da- seyns , zu dem er gehöret. Mit diesem ist der Verstand sich selbst ein lebendiges Bild des In-, Mit- und Durcheinander, d. i. einer Verknüpfung der Ursache und Wirkung; nur durch dies Gesetz ist er Verstand. Demnach ist die Verknüpfung und Anreihung unsrer Derstandesbe- griffe weder willkührlich, noch durch Denkformen und Anschauungen n xriori, sondern, wie der Begriff des Verstandes selbst saget, mit einem ihm gegebnen Verständlichen mittelst bestimmte r F o r m e n , d. i. Organe, die wir alle kennen und üben, gegeben. Jede Räckweisung auf ein s xriori außer und vor aller Erfahrung ist ein Mißbrauch der Sprache, der uns unser selbst, d. i. unsrer Sinne und unsres Verstandes beraubet. 1L2 I. Verstand Fanden wir also die Begriffe Seyn, Dascyn, Dauer, Kraft, «ls Urbegriffe unsres Verstandes, so können und müssen wir ihnen zugleich ihr organisches Schema, und mit diesem die Verknüpfung der Begriffe nach Gesetzen bcigesellen, die mit seinem Organ jedem Verstandcsgcbrauch zum Grunde liegen. Erste Reihe der Verständigungen. Kategorie des Seyns. Lebendiges Seyn. 3 . Da seyn. Ein verknüpftes Nebeneinander. Mittelst des Lichts und Auges. Nach Gesetzen der Contiguitat. Dauer. Ein verknüpftes Nacheinander. MittelstdesSchal l es und Ohrs. Nach Gesetzen der S u c c e s s i o n. Kraft. Ein verknüpftes In-, Mit-, Durcheinander. Mittelst des Gedankens und Erfolgs in einer lebendigen Organisation. Nach Gesetzen der C a u sta l i t ä t. und Erfahrung. 123 Diese Analogie unsrer selbst können wir nicht anders als auf Alles außer uns anwenden, weil wir nur durch und mit uns selbst sehen, bören, verstehen, bandeln. Wir tragen sie aber nicht in die Objecte über: denn wenn in die« sen nichts Verständliches, Hör- und Sichtbares wäre, so cxistirte an ibnen keine Kategorie, d. i. kein Sinn und kein Verstand. Sogar in die E o n- formärion der Sinne tragt der Verstand solche nicht über: denn nicht Er, der diese Eonformation nicht einmal verstehet, sondern nur gebraucht, einzig und allein der allumfassende Verstand des Weltganzen bat ihm diese Eonsormation ztl bereitet. Eine Philosophie, die dem Verstände diese wahre Eonsormation seiner Organe nimmt, und ihm dagegen leere Wortbeutel giebt, damit er sie s^onts zu seiner Zeit mit Verständnissen füllen möge, entlockt ihn so wie den Gesetzen so auch dem Verständnis seiner selbst, d. i. seines Verstandes. Organisation ist unsre Form, Wesen des Verstandes, wie des Verstandenen, ohne welche dieses ihm nichts, ohne welche er sich selbst aber auch nichts bedeutet. Ec hat diese Form und nimmt sie in Alles, worüber er sich v e r- s t ä n d i g t. Zweite Reihe der Verständigungen. Die nächste Reibe von Verständigungen, auf die der menschliche Verstand geführt ward, war dies 124 I. Verstand „was ist Das, was da ist?" Hier zeigte sich ihm «in unabsehbares Feld von sogenannten Beschaffenheiten der Dinge, die er erkennen, d. i. sofern er konnte, sich aneignen mußte. Darum, was ein Ding an sich oder für andre sey? blieb er unbekümmert; was es ihm sey? was für Eigenschaften es für ihn habe? das war die Frage. 1. Und da zeigt schon das Wort Eigenschaft an, daß von Anerkennung eines Unterschiedes die Rede sey; unterscheiden aber kann ich nicht, als wo eine Aehnlichkeit statt findet. Dies Aehnliche drängte sich dem Menschen zuerst und allenthalben auf: denn der gemeinschaftliche Begriff von Seyn, Daseyn, Fortdauer, Kraft erschien in allem Verschiedenen wieder. Der Anerkennende durfte also nur sprechen, „dies', das! Dasselbe! nicht Dasselbe; ein Anders," so war die ganze Kategorie des Unterscheidens gegeben. So viel und verschiedene Eigenschaften ihm an einem Dinge aus Einmal und fast übertaübend vorkamcn; er lud sie alle dem Dinge aus, sobald er sagen konnte: „es ist Dasselbe, kein Anderes!" Daher in allen Sprachen die zahlreiche Menge Beschaffenheiten eines Dinges, (Adjective) die durch neues Beobachten sich immer vermehrten; alle kamen darin überein, daß sie dem Dinge an hin g en , und so ward, ohne daß der Anerkennende des Anerkannten innere Natur kannte oder kennen wollte, dem Dinge ein Name. 2. Woher nahm der Bezeichnende den Namen? Nirgend anders her, als aus den Eigenschaften, die er am Gegenstände bemerkte, nach- und Erfahrung. ' 125 dem diese oder jene andere vorrief; es war ihm ein bedeutendes Eins aus Vielem. Bei tönenden Dingen, z. B. war Ton, dem Ausdruck der Sprache am nächsten; das Tönende sprach gleichsam sich selbst aus, und lehrte die Menschen seinen Namen ihm nachtönen. Bei andern war cs eine vor- rufende Eigenschaft der Farbe, der Gestalt, am meisten aber, weil dies auf den Menschen am lebhaftesten wirkte, Thatigkeit, Bewegung. 3. Alle alte Sprachen bezeugen dies. Entweder Naturlaute, oder Infinitiven des Handelns (activi) wurden die. ersten Substantive; eine große Menge ist cs in vielen Sprachen noch, nur durch den Artikel oder sonst durch eine kleine Veränderung bezeichnet. Dies kleine Zeichen, der Artikel, der den Wink der Hand vertrat, machte den Schall, die Eigenschaft, die Handlung zum bestehenden Wesen, dem man alles andre , was und wie cs bemerkt wurde, beifügen durfte. So viel Eigenschaften, z. B. der Stein haben mag; bei uns bekam er vom Stehen den Namen: denn er bestand. So die Schlange von ihrem sich schlingenden, windenden Gange, der Fluß vom Fliesten, der Strom vom Strömen, der Blitz von seinem schnellen Blick, der Donner vom Schall u. f. — Unterrichtend ists, die Sprachen verschiedener Völker in dieser Namengebung, d. i. Substanzurung zu vergleichen. Nicht nur den ver- schiednen Charakter ihrer Erfinder zeigt solche Vergleichung, sondern auch die vcrschiednen Seiten der Dinge, die bemerkt werden konnten und das Moment der Bezeichnung selbst. Allenthalben 126 l. Verstand aber ging 'der Namengcbende Verstand nach Einem Gesetz zu Werk: „Bezeichne Vieles mit Einem, dem Merklichsten, daß wicderkcmmcnd das .Object dir nicht nur als dasselbe erscheine, sondern dir auch im Namen die Eigenschaft bemerkbar werde, die für dich gehöret." 4 . Ob nun gleich natürlicher Weise diese merklichste Eigenschaft nicht immer die wesentlichste seyn »rechte, indem sehr oft das Moment der Erfahrung, mithin ein Nebcnumstand Anlaß zur Bezeichnung gab; obgleich eben so natürlich nach dieser einmal - und einscitig.-getroffenen Bezeichnung andre Eigenschaften des Dinges vorbcigegangen wurden, und deshalb vielleicht lange im Dunkel blieben: so verliert deswegen die Sprache als ein Verstände s a u s d r u ck nicht ihren Charakter: denn keine menschliche Charakteristik bezeichnet wesentlich und vollständig. Vielmehr ist die eigentliche Bedeutung der Worte ein Riegel gegen ihren Mißbrauch. Sprache sst, und bleibt auch hier das Lagerbuch des menschlichen Verstandes. 5. Auf dem Wege der Anerkennung des Aebn- lichen und Verschiedenen kam man gar bald auf Gattungen, Geschlechter, Art. Ein Begriff führte auf den andern, da es nur immer Ein und Dieselbe Kraft war, die Aehnlichkeit und Unterschiede, d. i. Eins in Vielem erkannte. Aehnlicb ist, was das Bild der Ahnen an sich tragt; Kinder gleichen den Eikern, Gatten paaren sich mit einander; natürlich entstand also ein Fa m i l i e n v e rb ä l t n iß, eine Genealogie zwischen^en anerkannten Dingen, da Kennen, »27 und Erfahrung. Erkennen selbst ein Jnnewerdcn der Stamm es- a r t (kinä) bezeichnet. Wähne man doch nicht, daß der sinnliche Verstand der Menschen, wie man ihn zu nennen pflegt, sich an Allem, was er mit Der und Die bezeichnete, kvrperlich-grob einen Mann und ein Weib gedacht habe. Was sich zu einander fügt, was thätig oder leidend auf einander wirkt, das nannte er mit diesem gattenden Namen. Und zwar mit Recht: denn Thun und Leiden ist das große Geschäft der Natur, eine Haushaltung, in der sich Gleiches zu Gleichem, Aehnliches zu Aehnlichem gattet und paaret. Mit dieser lebendigen Anerkennung und Erfassung des Einen im Vielen paarte und gattete er also nicht nur lebendige , sondern alle thatige und leidende Dinge. In einigen Sprachen entstand neben ihnen eine dritte Reihe der Namen, unfruchtbare neuira; meistens aber sind diese späteren Ursprunges, entweder aus jenen Fruchtbaren oder aus der unmittelbaren Handlung , den Infinitiven, erwachsen. 6. Natürlich gab man diesen Geschlechtern und Gattungen der Begriffe auch Kinder. Die mor- genlandischen Sprachen zeichnen sich insonderheit dadurch aus, daß sie alle Wirkungen und Erfolge, sogar Werkzeuge der thatigen Kraft, endlich auffallende Darstellungen und Aehnlichkeiten am liebsten mit dem Wort Sohn und Tochter bezeichnen. Die Kübn- heit der Morgenlander gehet hierin weit; ihre späteren Uebertreibungen und Mißverständnisse dieser einst so natürlichen Bezeichnung liegen zu Tage. Jndeß war und blieb A e h n l i c h k e i t, d. i. Anerkennung des Geschlechts der Dinge, such bei dieser ,23 !. Verstand ^ Filiation der leitende Begriff des Verstandes bei allen Völkern. 7. Don Gattungen und Geschlechtern schritt man zu Anerkennung der Art, (Uakülu!;, rA?) ein Name, der in unsrer Sprache seine Vcrstandes- Ursache selbst ausspricht. Alle Geschlechter nämlich arten. Sie arten n a c b und aus; eigenthüm- liche Art ist in allen Geschlechtern. Je mehr man also diese beobachtete, und auf die ganze Art des Seyns eines Dinges merkte, desto umfassender konnte man urrheilen, desto gründlicher das Eins im Vielen bezeichnen. Der Mann hieß weise, der viel Weisen der Dinge erkannt, und selbst eine verständige Weise sich eigen gemacht halte. Der Mann, dessen innerste Eigenschaft gut oder vortrefflich war, hieß ein Mann von guter, edler Art. Höher hinaufsteigen konnte man mit diesem Begriffe nicht, indem Art sowohl das Eigenthüm- liche des Geschlechts als der Lebensweise nach dem ganzen äußern Habitus umfaßte. Und so dürf.n wir die Kategorie der Frage: welcherlei ist ein Ding? oder der Qualität, nicht mit leeren logischen Functionen; sondern mit Verstandesbegriffen, in deren jedem sein wirkendes Urgesetz: „Erkenne Eins in Vielem" sichtbar ist, vollständig anordnen. Zweite und Erfahrung. l2g Zweite Kategorie der Eigenschaften. i. Dasselbe, ein Anderes. 2. 3.' Gattungen, Geschlechter, 4- Art. Dritte Reihe von Verständigungen. Sofort fangt eine Reihe von Vcrstandesbegriffen Unentweichbar an. Wüs ist innere Art? Wenn sie durch innere Kraft bestehet und forterbt; wie bestehen, wie wirken Kräfte? Da diese Frage ins Innere drang, war sie zu beantworten schwerer, als wo man von außen bloß Eigenschaften und A e h » l i c h kc i tc n bemerkte. r. Auf die Frage: „wie bestehet ein Ding?" konnte der menschliche Verstand bloß antworten : „es erhalt sich." Eine sich selbst haltende Kraft legte man also allen auf ihr ruhenden Eigenschaften zum Grunde, und ließ Jene diese tragen, erhalten. So wurden die Begriffe S u b j e c t, Substanz, Substantiv gebildet, und denen ihnen zukommenden Eigenschaften, Qualitäten, Attributen , AccidentieN, Adjectiven u. f. gleichsam u n- tergelegt, unterworfen, wie auch die Herders Werke z.Phii.u.Gesch.XlV. I I. Verstand »3c> Worte Lux^ositum, Substrat sagen. Damit war freilich nichts erklärt; der Menschenverstand will aber auch nicht erklären, wo er cs nicht kann und darf; er will das Eins in vielem anerkennen und bezeichnen. Also auch die Worte: Kraft, Bestandheit, Werk, Wirkung sollten ihm nicht mehr leisten; daß man ihnen in der Folge so viel Vcrstandlose Spekulationen aufgcbücdet hat, daran sind diese Worte selbst unschuldig. 2 . Da der Verstand nämlich mrr von dem, was ist, einen Begriff, vom Nichts aber keinen hat, als daß es nicht ist: so gnügte er sich hiemit auch in Bezeichnungen der Kraft und Wirkung. Bestand ein Ding nicht, so fiel, so sank es; es schwand und verschwand, d. i. cs war für ihn nicht mehr, es ging, wie die Sonne, unter. Auch das Wort Tod heißt nichts anders, als Abgang, Hingang. 3. Kräfte wirken neben-, auf-, in- und durcheinander, freundlich oder feindlich. Im ersten Fall verstärken sie sich; im zweiten beschränken sie oder heben einander auf. Die ganze Natur ist ein Schauplatz solcher Kräfte; der größeffe Theil der Vcrstandessprache ward also auch ein Register des Thuns und Leidens. Verba, thätig und leidend sind gleichsam die Triebräder der menschlichen Rede; die bedeutendsten Substantive sind aus ihnen, d. i. aus Thun und Leiden gebildet. Zn der Gestaltung der Thuns - und Leidcnswörter (verboruiri) nach Geschlecht, Weise, Personen und Zeiten liegt ein Schatz von Bezeichnungen des ausdrückcndcn Verstandes. und Erfahrung. rZr 4 . In allen Sprachen ist daher mit Verdis die meiste Acnderung vorgegangen; sie sind aufs vielseitigste ausgcarbcitet worden, weil Thun und Leiden die ganz« Natur, und wie alles Leben, so auch das Leben der Menschen construiret. 5. So reich aber auch der Vorrats) dieser That- und Leidcnsworte in allen Sprachen ist, in so wenige Hauptarme gehet er doch zusammen in allen Sprachen. Sie mahlen ein Bewegen zu-oder von uns, hinauf und hinab, langsam oder schnell, hart oder gelinde. Das Wicken i n - oder a u s uns bezeichnen sie mir Liebe und Leid, mit Theilnehmung oder Entfremdung. Eine tiefe Innigkeit liegt in diesem Theil der Sprache, m jeder nach ihrer Weise; der bezeichnende Verstand erwies, daß er, gereizt von äußern Gegenständen, empfindend ihren Eindruck, diesen selbst zum Ausdruck machte. 6 . Am sonderbarsten nimmt sich die Sprache, wenn sie das Werden der Dinge bezeichnet; konnte sie sich bei diesem Wunder der Natur anders neh. men? Daß Etwas ist, gewährt eine ruhige Ansicht; aber daß Etwas, ein Andres aus dem Andern, werde? dies ist der Natur großes, tägliches und augenblickliches Wunder. Natürlich ist der Sprache Ausdruck hier abgebrochen und schnell, wie sie dann auch die Ursache oder den Anfang der Wirkung meistens mit dem kräftigen Er- oder Ur- anzeigk *). Das letzte Wort deutet nicht nur ^ Z. B. Erarbeiten, Urvater u. f. Erstehn, Erringen, Ursache Ä 2 t 32 I. Verstand ans eine frühere Zeit, sondern auch auf einen erwirkten Anfang, den, wenn er ans Schwierigkeiten her- vorgeht, bedeutungsvoll die Sylbe ent- ausdrückt*). Zerrinnet eine Wirkung oder verlieret sie sich: so drücken cs die traurigen Sylben (zcr-, ver-) aus **). Allcntbalbcn zeigt sich auch im Gebiet der Kraftauficrungen derselbe menschliche Genius, der nie weiter gehen konnte, als daß er in Wirkungen die Ursache anerkannte, und ihr sein Merkmahl, einen Namen aufdrückte. Also dürfen wir die Kategorie der Frage: ,,was vermag das Etwas? so weit der Verstand blickt, also ordnen: Dritte Kategorie der Kräfte. i. Bestehend, 2. 3. Entgegcnwirkend, Mit wirkend, 4- Erwirkend. Vierte Reihe der Verständigungen. Sofort ergiebt sich die vierte Kategorie des Maas es. An Alles kann Maas gelegt werden, an Daseyn, Dauer, Kraft. Das Maas *) Z. B. Entkommen, Entstehen, Entnehmen u. f. **) Zerrinnen, verlieren u. f. und Erfahrung. i33 zwischen Ort und Ort misset der Raum; Maas der Dauer misset die Zeit; Maas der Kräfte misset der Verstand in Wirkungen, wobei er jene Maaße zu Sinnbildern gebrauchet. Drei Dimensionen. 1. Maas ist Gr ö ßcn - B est i m m u ng. Zu genau kann diese nie seyn: also ist jedes Maas, das bestimmen soll, in Absicht der Genauigkeit selbst unbestimmbar. Immer kann es genauer genommen oder gedacht werden; Raum und Zeit als Maaße sind also ins Unendliche, d. i. ins Unermeßliche rheil- bar. Ueber und unter jeder Zahl, über, unter und außer jedem Raum ist Raum und Zahl jener in Weiten, diese in Brüchen denkbar. 2 . Des Maaßes Grenze mußte also ein Unerreichbares, aber doch Höchstbcstimmendes, ein Moment, der Punkt werden. Ec, untheilbar, ward das Ende einer Linie, die ins Unendliche ge- theilt werden könne; so endet die Linie eine Flache, Zlache den Körper. Nichts als Grenzbestimmungen sind diese Begriffe, die in höchster Genauigkeit nie außgcdrückt werden können; und da zu Bestimmung diskreter Größen runde Zahlen nicht hinreichten, so verließ die Rechenkunst des Unendlichten gar alle Zahl, und erfand für ihr Unendliches Zeichen. 3. Eines der größesten Verdienste des unsterblichen Leibnitz ists, daß er dicß Maas des Unendlichen auch ins Gebiet der Metaphysik, d. i. unsrer allgemeinsten Begriffe, mithin der Scelen- krafte selbst brachte. Alle unsre Sensationen sind ihm Fluxionen aus dem Unmerklichen ins Un- 134 I. Verstand merkliche hinüber reichend; die Klarheit der Vorstellungen , die ihnen zur Seite gehet, ist eben desselben Maaßes fähig. Wahr und gewiß ist diese Theorie : denn sie beruhet auf der allgemeinen Idee alles Maaßes; auch an feinen und großen Ideen ist sie fruchtbar. Diese Maasbestimmung weiß also von keinem All als einem geendeten Ganzen; sie schreitet ins Ungemesseue weiter. 4. Nickt anders dachte der gemeine menschliche Verstand, seit er mit seinen Sinnen wahrnahm. Fuß-, Schritt-, Mannes-, Kvpfslange waren ihm zuerst ein hinreichendes Maas, das dann ein andrer für sich genauer bestimmen mochte. Die Zahl seiner Finger, wie seine Faust, waren ihm ein Eins, dessen Mehrheit er leicht überzahlen konnte; mochte ein andrer die Gelenke der Finger, die Körner, die seine Faust hielt, rechnen. Er maas mit der Metze, (wovon Maas, messen herkommt,) mit dem Stabe; die Körner der Metze, die Striche des Stabes mochten weiter gezahlt werden. An einem absoluten vollendeten All war ihm nie gelegen. Wo er nicht weiter zu zahlen nöthig fand oder nicht weiter zu zählen hatte, das hieß ihm All, Alles. 5 . Mißverstanden wäre also der Sinn des Verstandes-beim Messin und Zählen, wenn man seinen Begriff ins Hinzu fetzen einer neuen Zahl zur alten setzte; dies ist kein Verstandeswerk, sondern ein Spiel, eine mechanische Arbeit. Nicht daß 4 ff-, 3 — 7 scy, ist ein Produkt des Verstandes, sondern die Anerkennung, daß in 4 -s- 3 X und Erfahrung. i35 das Eins siebenmal enthalten sey, ists. So bei den gröbsten und feinsten Maaßen. Die Handlung des Verstandes ist Anerkennung des Eins in Vielem, wobei das All, ein Unendliches, ungemcfsen bleibt, das auch für den Verstand nicht gehöret. Die Glieder dieser Kategorie sind also allefammt idealisch:, Vierte Kategorie des Maaßes. Punkt, Moment. 2. 3. Unermessener Raum. Unermessene Zeit. 4 - Unermessene Kraft. Mit welcher Kategorie wir an die Schwelle der Vernunft treten. Setzen wir diese Grdankenreihen nach einander, so steht man: Ein Faden führte sie herbei; Eine Verstandeshandlung „Anerkennung des Einen in Vielem" hat sic ronstituiret: I. Verstand r36 Kategorie des Seyns. Scpn, Daseyn, Fortdauer, Kraft. 2 . Kategorie der Qualität. Dasselbe, (ein Anderes.) Gattungen, Geschlechter, Art. 3. Kategorie der Kräfte. Bestehend. E n l g e g e nwi r k e n d, Mitwick e nd , Erwirkend. 4- Kategorie des Maaßes. Punkt, Moment. Unermessener Raum, angemessene. Zeit. Unermessene Kra st. Wer ist, dem beim Anblick dieser Ableitung nicht sogleich vier Wissenschaften, die Hauptwissenschaften des menschlichen Verstandes, in ihren Princixien sichtbar werden? und Erfahrung. iZ7 i. Ontologie. Zur Kategorie des Seyns gehörig. 2. 3. Na tur kenn tn i ß. Naturwissenschaft. Kategorie der Qualität. Kategorie der Kräfte. 4 M a t h e ni a t i k. Kategorie des Maaßes. Deren Verhältnisse zu einander in diesem Schema durch sich selbst erscheinen. .Ontologie liegt allen zum Grunde: denn alle gebrauchen ihrer Sprache; rechtvcrstanden ist sie nichts als Philosophie der allgemeinen Verstaudesspräche. Die Naturkunde, (Naturgeschichte genannt) bedarf ihrer Begriffe, gebraucht solche und bemerkt Eigenschaften der Dinge; sie ordnet Gattungen, Geschlechter, Arten, Die Naturwissenschaft (Physik), ihre reifere Schwester, ordnet Naturkräfte; Anerkennung der Kraft in Wirkungen ist ihr Ziel. Mathematik endlich, zu allen vorigen, insonderheit zur Naturwissenschaft das Maas, wird durch sich selbst ein Dcnkbild der Vernunft, die in ihrer Art auch misset, zählt, rechnet. Jede der genannten Wissenschaften findet im vorgezeichncten Schema das Principium ihres Dasepns und Fort- wuchses. Daß man über die erste, Ontologie, streitet, kommt daher, weil man sie in Kategorien L priori sucht; und so lange man sie dort sucht, wird man über sie streiten. Ihrer Natur nach ist sie nichts als die reinste Philosophie der Verstandes- und Be r n un ftspra c he. i38 I. Verstand Zugleich erzieht sich aus der Tafel selbst der Grund der Zusammenstellung ihrer Begriffe in solcher Zahl und Ordnung. Ein Verständliches muß dem Verstände gegeben scyn, und er verstehet cs nur durch Unterscheidung. Das Unterschiedene aber muß er verbinden; sonst kam er nicht zum Verstände des Ganzen. Ein Datum also (Thesis,) und in ihm Disjunction (Analyse) und C o m p rc h c n s i o n (Synthesis) ordnen sich selbst in vier Glieder, deren letztes, indem cs zum ersten zurückkehrt, zugleich zu einer neuen Kategorie weiter schreitet. Die beiden mittleren Glieder , die aus dem ersten entspringen, verbreiten das erste Glied und geben dadurch das vierte. So z. B. in der Kategorie des Seyns, wo ohne diesen Begriff weder Raum noch Zeit statt findet, beziehen Liese beide sich disjunckiv auf einander, bis der erste Begriff eben durch diese Auseinandersetzung im vierten zusammengefaßt vollständig erscheinet. So in der Kategorie der Kräfte, wo weder aus Streit ohne Einheit, (die ihr Grund und ihre Folge ist,) noch aus Einheit ohne Streit eine Zusammen- vrdnung sich denken lasset; die Kategorie ordnet Streit und Einheit zum Ganzen der Fortwirkung. Dieselbe Regel ist in der Kategorie der Qualität und des Maaßes sichtbar. Und wie ihre Glieder, so stellen sich die vier Kategorieen selbst zusammen, allesammt mit der Aufschrift des Verstandes: „Anerkenne dich selbst; an jedem Gegebnen erkenne in Vielem Eins, das dir angehöret." Wie entstanden also diese Kategorieen? Etwa priorisch, ohne Gegenstände, von einem andern und Erfahrung. iZg Wesen dem menschlichen Verstände als eine Tafel «ngeheftet, damit durch sie Erfahrung möglich würde? Offenbar nicht also. Menschlich sind diese Begriffe gedacht, in einer menschlichen Sprache ausgesprochen; der Actus, durch den sie hcrvorgebracht wurden, ist dieHandlung des Verstandes selbst, und zwar seine einzige, fortwährende Handlung, ohne welche er kein Verstand ist. Sobald der menschliche Verstand begreift, muß er katcgorifiren; er thuts aber weder durch ein Adbiren der Begriffe zu einander, noch durch eine Synthesis, die aus dem Gegebnen hinaus schreitet; sondern durch Erfassung» Distribution und Eomprehension des Gegebnen; das Eins wird ein Mrhrercs, das Mehrere wieder zu Einem. Dies Vierfache ist Ein Actus der Seele; wer diese Tatraktys trennt, vernichtete das Wesen des menschlichen Verstandes. Synthese und ^Analyse sind Mittel; sein Ziel ist Anerkennung des Erkennbaren durch beide. Durch beide, wechselnd und zusammenwirkend, erwirbt er sich sein Gut, den Begriff, und spricht: ich habe ver- s landen." L. Vom Schematismus reiner Derstandesbegriffe. ,,»/^un ist klar, sagt die Kritik *), daß es (außer den reinen Verstandeebegriffcn und den Erscheinungen) ein Drittes geben müsse, was einerseits mit der Kategorie, anderseits mit der Erscheinung in Gleichartigkeit stehen muß, und die Anwendung der ersten aus die letzte möglich macht. Diese vermittelnde Vorstellung muß rein, ohn' alles Empirische, und doch einerseits intellektuell, andererseits sinnlich seyn. Eine solche ist das transcendentale Schema." — Also eine dritte Fiction zwischen zwei verschwundenen Fic- tionen. Die priorischen Visionen, als Luftwcsen, wollen zu uns Herabkommen, und können nicht, da S. 077. I. Verstand und Erfahrung. 141 sie hienicdcn nichts Gleichartiges finden, ohne ein kranscendentales Schema. Da aber auch dies Schema chn' alles Empirische sepn soll, mithin jene ^zum Empirischen nicht hinabbringen kann, so lehnt die Zwischenleiter, auf der sie hinunter müssen, oben und unten an Nichts. „Das Schema ist an sich selbst jederzeit nur ein Produkt der Einbildungskraft."*) So ist es nicht rein: denn unsre Einbildungskraft ist nur eine Schülerin der Erfahrung. „Aber indem die Synthesis der Einbildungskraft keine einzelne Anschauung, sondern die Einheit in der Bestimmung der Sinnlichkeit allein zur Absicht hat, so ist das Schema doch vom Bilde zu unterscheiden. Diese Vorstellung von einem allgemeinen Verfahren der Einbildungskraft, einem Begriff sein Bild zu verschaffen, nenne ich das Schema zu diesem Begriffe." Also ist das Schema ein Bild und kein Bild? Und eine Einbildungskraft, die ohn alle einzelne Anschauungen der ganzen Sinnlichkeit ein Schema zu geben weiß, welch ein Panurgus! „In der That liegen unsern reinen sinnlichen Begriffen nicht Bilder der Gegenstände, sondern Schemate **) zu Grunde. Dem Begriff von *) S. .79. **) Man sagt nicht Axiomate, Theoremate, Dogmate Philosophemate, sondern Axiome, Theoreme, Dogmen, Philosophemc; also müßte man auch Schemen sagen. Was Schemen im Deui- * Ist2 I. Verstand einem Triangel überhaupt würde gar kein Bild desselben jemals adaguat scyn. Das Schema des Triangels kann niemals anderswo als in Gedanken existircn, und bedeutet eine Regel der Synthesis der Einbildungskraft in Ansehung reiner Gestalten im Raume." — An der Regel reiner Gestalten im Raum denke ich kein Schema, weder des Triangels noch Cirkels. Denkt man unter der Regel ein Beispiel, z. E. einen Triangel, so denkt man sich solchen, wie er uns in den Sinn kommt; merke ich, daß von einem rechtwinklichten die Rede sey, so muß ich, wenn ich mir vorher durchs Ungefähr einen gleichseitigen gedacht hatte, das Bild andern. „Der Begriff vom Hunde bedeutet eine Regel, nach welcher meine Einbildungskraft die Gestalt eines vierfüßigen Thiers allgemein verzeichnen kann, ohne auf irgend eine einzige besondre Gestalt, die mir die Erfahrung darbietet, oder auch ein jedes mögliche Bild, das ich irr coiiersto darstellen kann, eingeschränkt zu seyn *). — scheu heiße, darüber s. Frisch Wörterbuch. Er nennet es eine leere Gestalt, ein Butzen- anrlih; und das waren wirklich die Schemata s priori. Der Name Schematismus ist wahrscheinlich aus Bako genommen, der aber ganz etwas Anderes und Reelleres damit wollte. S. L. III. Lax. st. äe sriZrireulis Loioiriiar. *) S» rLo» X und Erfahrung. 14? Unter der Gestalt eines vierfüßigen Thiers allgemein darf ich mir nicht eben einen Hund, sondern warum nicht auch Pferd und Esel denken. Soll ich X es mir aber, „ohne irgend eine Gestalt, die mir die Erfahrung darbietet, ohnb jedes mögliche Bild, das ich 'in 0 0 n- crerodarstellcn kann," denken, so denke ich an der Regel (denn kein viecfüßiges Thier laßt sich ohne Thiergestalt und ohne vier Füße denken) gar nichts *). „Dieser Schematismus unsres Verstandes in Ansehung der Erscheinungen und ihrer bloßen Form ist eine verborgene Kunst in den Liefen der menschlichen Seele, deren wahre Handgriffe wir der Natur schwerlich jemals abrathen und sie unver- deckt vor Augen legen werden." **) — Unsre Seele hat viele Tiefen, die Einbildungskraft in ihren Gestaltungen übt viel verborgne Künste und Handgriffe; ihr aber einen, den sie nicht übt, auch nicht üben kann, sich Bilder in abstracto ohne jedes mögliche Bild in concreto, einen Hund als allgemeine Regel ohne Hundsgcstalt vorzustcllcn, gelingt nur der lranscendentalen Einbildungskraft n xriori, die ohne *) l.et msn trz- to coneeivs er triangle in Aenersl, rvhich is weither" Isosceles wor 5cs- lewwwr, war Iras sw^ particwlsr leiißtlr, wor xroportiow ok siäes; -incl he will soow psr> ceive the shsurrlit^ ok sll ths seholastie wotions rvith re^nrä to uhstrrietiow swä Ae- nersl iäeas. Nurwe Lsssvs Xil. S. 18,. 1 44 I- Verstand alle einzelne Anschauung die ganze Sinnlichkeit schematisiret. Der Verfasser giebt Beispiele seiner „trans- cen dentalen Schein ate tr a n sc e n d c n teile r reiner V e r sta n d e s b e g r i ffe ü b e r- haup t." Das reine Bild aller Größen (ynanto- rurn) vor dem äußern Sinn ist der Rau in." *) Warum Er? Bei dem Begriff einer Größe (c^uanti) denkt man allenfalls einen Gegenstand im -Raume, nicht den Raum selbst. Ec ist nicht Größe, geschweige das Schema aller Größen. ,,Das Schema aller Gegenstände der Sinne ist die Zeit." **) Zeit ist das Schema keines Gegenstandes, geschweige aller und zwar sinnlichen Gegenstände, mit denen sie nichts gemein hat. Zeit ist ein Maas der Dauer, und verlangt selbst ein Schema. „Das reine Schema der Größe (guanriratis) als eines Begriffs des Verstandes ist die Zahl, welche eine Vorstellung ist, die die successive Addition von Einem zu Einem zusammen befaßt." Als successive Addition von Einem zu Einem ist die Zahl kein Schema eines Begriffs des Verstandes; Anerkennung der Einheit im Mehreren ist Zahl, wie ibre Srmbole selbst zeigen. Sieben z. B. werde ich schwerlich durch sieben Punkte hinter einander schematisiren, die ich in Einen deutlichen Blick nicht fassen kan», also wieder überzahlen müßte. Durch über und neben einander gesetzte gleichsam zu einer Figur geordnete Punkte werde ich dem Auge sichtbar machen, in wie Vie- lem sich das Eins finde. Wenn *) S. -.8«. **) S. 182. und Erfahrung. igS Wenn vollends der Verfasser seine Katego- rieentafel schematisiert, so giebl er langweilig-dunkle § or Ni e ln statt Schemen *). „Das Schema der Realität, z. B. ist die continirliche Erzeugung derselben in der Zeit, die bis zum Verschwinden hinab oder von der Negation zur Größe der Empfindung hinaufsteigt **). Wem ist Realität je unter dieser Formel erschienen? die nicht Sie, die Realität, sondern etwas ganz anders, das Maas unsrer Empfindung von ihr anzeigt. Wer wird fich das Seyn durch Mchtseyn, die Realität des Gegenstandes durch sein Verschwinden imaginiren? „Das Schema der Substanz ist die Beharrlichkeit des Realen in der Zeit ***). Zeit thut nichts zur Substanz. Wenn das Zufällige vom Bestehenden auch nicht getrennt würde, so soll das Schema sagen, was Substanz an sich sey, nicht was ein fremder Begriff von ihr wegführe. „Das Schema der Ursache und Eausali- tät eines Dinges überhaupt ist das Reale, worauf, wenn es nach Belieben gesetzt wird, jederzeit etwas Andres folgt. Es besteht also in der Succession des Mannigfaltigen, sofern sie einer Regel unterworfen ist." -s) Aus welchem Belieben wird das Reale gesetzt? und ists Eausalitat, wenn etwas Anderes, was es auch sey, darauf, nicht daraus folget? Sind Succession und Ur° *) S. 182 . ") S. i83. *'*) S. i83. t) S. >83. Herders Werke j.Phil.u.Gesch.XIV. K ll/etakriei'L. >46 I. Verstand sache Eins? Und wenn sie einer Regel unterworfen ist, welcher Regel? Das Schema drückt weder den Begriff aus, den es ausdrücken soll, noch ists ein Schema. „Endlich das Schema der Gemeinschaft (Wechselwirkung), der wechselseitigen Causa l i t a t der Substanzen. Sie soll das Z u- gleickseyn der Bestimmungen der Einen mit denen der Andern seyn, nach einer allgemeinen Regel *). Gewiß eine friedliche Ehe, aus deren Z u- gleichseyn weder Gemeinschaft, noch Wechselwirkung , noch Eausalität wird. Nach diesem Schema- Epitaphion liegen die Todten im Grabe. Das Schema der Möglichkeit, des Daseyns, endlich gar der N 0 t h wend i gkei t, aufzuführen sey mir erlassen; sie sind weder Schemata, noch ausdrückende Formeln. Ueberhaupt mußte diese ganze Schematopöie mißrachen, da sie von einem Undegriff, (der Vorstellung eines Triangels, der alle Gestalten der Triangel, eines Hundes, der alle Hundesgestalten vorstcllre,) ausging. Lasset uns, vergessend diese dunkeln Formeln, von Denkbildern deS' menschlichen Verstandes reden. ) S. r83. und Erfahrung. -47 Bon Denkbildern menschlicher Berstundes- begriffe. 1. Da ohne ein Verständliches kein Verstand denkbar ist, so sind innere Denkformen ohne Gegenstände schon ihrem Namen nach leere Schemen , die nicht einmal verständliche Wortformeln geben; dagegen Eindruck des Gegenstandes wird dem Organ, und dadurch dem anerkennenden Sinn sofort ein geistiger Typus. Durch eine Mctastasis, die wir nicht begreifen, ist uns der Gegenstand ein Gedanke. 2 . Und da jedes Organ seine Typen empfangt, da Bilder, Tone, Gerüche, Geschmacks- Und Gefühlsarten sich in Ansehung ihrer Beschaffenheit nicht, höchstens in Ansehung des Grades ihres Eindrucks vergleichen lassen, so wird unser innere Sinn, das 8eir8c>rium coinrnurrs, das aller dieser verschiedenen Eindrücke inne ward, nothwen- dig eine Versammlung der Abdrücke (Ektppen), sehr verschiedner Type n. 3. Wie diese sich im Nerv des Organs fortpflanzen, wie sie materiell aufbehalten werden U. f., wissen wir nicht. Das Bild, das Meine Seele empfängt, ist ganz ihrer Art, nicht das Bild auf der Netzhaut des Auges; es ist von ihr empfangen , in ihre Natur m e t a s ch e m a t i si r e t. Indessen wacs vom Eindruck veranlasset, und sofern ein geistiges Bild einem körperlichen ähnlich seyn kann, ist es ihm ähnlich. K 2 I. Verstand 148 4 . Die Einbildungskraft behalt diesen geistigen Typus, die Erinnerung weckt ihn auf, der Traum stellet ihn dar, andre Seclenkräfte erhellen ihn, machen ihn gar zum Triebe. Menschen, denen Ein Sinn fehlt, ermangeln der Typen dieses Sinnes; ein Blinder der Farben- und Bildtypen, ein Taubgebohrner der Typen des Schalles, des Tons, des Wortlauts u. f. 5. Langst ist die Stufenleiter bemerkt, die bei diesen Ein- und Abdrücken aus der Entfernung entsteht, in welcher der einwirkende Gegenstand vom Organ seyn darf. In diesem Fall nämlich mußte ein Mittleres (Medium) zwischentreten, das den Gegenstand dem Sinn zubereite, und dessen Typus ihm gleichsam z u b i l d e> Dem Auge thut dies das Lieht, dem Ohr die Luft, sofern sie den Schall bildet und forttragt; hiedurch, insonderheit bei Ohr und Auge, erweitert sich nicht nur die Sphäre des Sinnes, sondern es wird auch (wunderbare Iwischenkunft!) zu Bildung reinerer Typen durch dies Jntermedium Raum gewahret. Gegenstände , wenigstens Theile von ihnen, die sich dem Sinn aufdrängen, schreiben mit lebhaften, aber groben und verworrenen Zügen sich ihm ein; die T y- pen des Auges und Ohrs sind abgehetzter, reiner, Heller und klarer. 6 . Und diese beiden Sinne selbst — wie verschieden sind nicht nur ihre Abdrücke, sondern auch die Arten ihres Eindrucks von einander; gewissecmaße sind sie Feinde gegen einander und schranken einander ein. Indem das Auge ein und Erfahrung. § 4 !) Nebeneinander dem inner» Sinn metaschcma- lisiret, zwingt das Ohr uns, Dinge, die nach einander sind, in ganz andern, eben so künstlichen Typen aufzunehmen. Zu gleicher Zeit werden wir also, fortwährend in zwei Richtungen gezogen, und unwiderstehlich gewöhnt, nicht nur beide zu verbinden, d. i. beiderlei Typen durch einander zu erklären, Erscheinungen des Auges durch Töne des Ohrs und gegenseitig; sondern unser Verstand kann auch nicht anders als in beiderlei Kunstsormen seine Begriffe unverrückt und zu gleicher Zeit gestalten. Durchs Nacheinander wird von ihm das Nebeneinander, dies durch Jenes zu einer helleren Ordnung bestimmt; entfernte Gegenstände drücken sich durch Töne successiv in uns; dunkle, mit Augenblicken verschwundne Laute bleiben vor uns durch Gestalten. So typisirt der Verstand, und so ward (durch welche Förderung es auch geschehen seyn möge) aus Verbindung zweier dem Schein nach einander entgegengesetzter, einander aber unentbehrlicher Sinne, unter der Leitung des Verstandes — Sprache. 7. Und zwar eine Sprache durch Artikulation. Artikulationen der Sprache wurden dem Menschen, der sich vermittelst Auge und Ohrs im Besitz so vieler innern lebendigen Typen fand, gleichsam nothgedrungen ein Abbild derselben. Er mußte, er wollte äußern, was er in sich sah und fühlte; so ward, unterstützt von Stimme und Gebehrden, den innern Abdrücken seiner Seele ein lautbares Merkmahl, das Wort. Zwischen beiden Sinnen, dem Ohr und I. Verstand i5o Auge und den verschleimen Eindrücken, die beide gewährten, drängte es sich hervor; es ward der empfangenen Eindrücke tnpis> rendcr Ausdruck. Ein neuer M c t a s c k em a t i s m » s tönender G c- dankenbiider. Wozu Gcbchrdcn nicht hinrcich- len, die feinsten Typen der Seele drückte ein Ton aus. 8.. Ein Ton; und dies war (wofür mans oft halt,) kein Nachtheil für das Bedürfnis; der Menschen. Tone rollen fort; sie folgen, wie das, was sie bezeichnen sollen, Begebenheiten, Empfindungen , Gedanken schnell auf einander. Das Plötzliche des Vorfalls weckt einen plötzlichen Verkündiger desselben, den Laut. Auch der Wechsel der Empfindungen wird durch die biegsame Men- schenstimme vielfach, reich, natürlich bezeichnet. Die Stimme tönt auch in der Nacht und auf alle Seiten; da das Auge nur, wen n und wo cs siebet, Gestalten wahrnimmt. Die Stimme rufe inS Herz; sie tönt im Innern nach; sie baftet gewaltig, da Gedankenbildcr, die dem Auge vorscbwe- h, n, als eine gemahlte Oberfläche, vorüber schweben, und vielleicht dem Innern nichts sagen. Sobald das Bild aber rufend kommt, zerreißt es den Faden unsrer Gedanken, und stört alle Rübe der Seele. Menschen, die Gedankenbildcr, als Gegenstände des Auges, in sich umhcrtrugen, gingen ruhig einher; sobald ihnen diese, mit Stimmen bc- glesiet, zumal in der Nacht, ,m Traum, oder bei plötzlichen Vorfällen lautend zukamen, glaubten sic sich durch sie, wie durch eine böhere Zusprache, gerufen; sie mußten folgen. Erinnerungen an und Erfahrung. r5i Gestalten der Abwesenden geben ein ruhiges Andenken; das Wiederkommen ihrer Stimme mit Bewegung , mit Handlung begleitet, bringt sie lebend zu uns; sie gebieten unsrer Seele. Wenn also Gedankenbilder eindringen, wecken, einander schnell folgen, wenn sie regsam bezeichnen, daurend in uns Hallen und wiederhallen sollen, so mußten sie töne n. 9. Daß sie hiemit weniger mahlten, war dem Begriff der Sache, mithin dem Verstände selbst zuträglich. Nur etwa Bewegung oder Geräusch, Schall, Langsamkeit und Schnelle, Sanftheit und Heftigkeit kann die Sprache durch ihre Modulation mahlen; Begriffe, Empfindungen mahlt und mahle sie nicht. Jene wollen gedacht, diese empfunden seyn; beide soll die Sprache nur wecken, dnß die Seele sie sich aus eigner Kraft hervorbringe, nicht an den Workbildern hafte. Deshalb tönt und klingt die Sprache at h eri s ch. Ein grober Sinn ists, der, wenn die Seele begreift oder erfaßt, wenn sie anschauet, findet, erfindet, jedesmal aus Begreifen und Erfassen der Hand, aus Anschauen und finden durch ein Glas denken mag, unter dem Vorwände, daß diese Ausdrücke ursprünglich Bilder, Metaphern gewesen. In diesem Verstände ist die ganze Sprache Allegorie: denn jederzeit drückt in ihr die Seele ein Andres durch ein Andres aus, («»0 «7-frue,, -rXXo no5i,) Sachen durch Zeichen, Gedanken durch Worte, die im Grunde nichts mit einander gemein haben. Mit demselben Recht sie also das Begreifen mit der Hand ei» Erfassen nennen ^MWWMK . iÜ2 I. Verstand konnte; mit eben dem und einem innrgern Rechte konnte sie das Ergreifen und Erfassen mit ihrer eigensten Kraft, dem Verstände, also nennen: denn hier ward die Sache mehr die Ihrige als durch jenes Ertasten. Trägheit oder Hvhlsinn ists, in Bezeichnung solcher Art am Bilde zu haften oder Bilder zu fliehen, als ob sie den Gedanken widerstünden. Daß sie den Gedanken andcuten, ist ihr Zweck; und daß ein Bildausdruck dies oft viel reiner und vollständiger als Sinnlos-lange Wortformeln thue, daran ist kein Zweifel. Selbst die Mathematik ist voll Bildausdrücke; den Verrichtungen der Analysis liegen sogar Dichtungen zum Grunde, bei denen der Lehrer zeigt, was sie bedeuten, d. i. was man in ihnen suchen und nicht suchen soll. Zn der Sache selbst liegt es, daß, je abgezogner ein Begriff ist, sich das Bildhafte feines Ausdrucks mindere, bis cs zuletzt ganz zu verschwinden scheinet. Die höhere Ordnung des Begriffes nämlich gebot, daß nach und nach Merkmahle der niedern Ordnungen von ihm gesondert würden, dagegen aus Vielen E i n Hauptmcrkmahl desto Heller ans Licht trat; mithin ward der Ausdruck vom Mannigfaltig - Sinnlichen entkleidet. Da indeß der helleste Begriff immer noch ein Eins im Mehreren darstellen muß, mithin eine Anschauung höherer Arc grebt, so kann ihm das Bildhafte nie ganz entnommen werden. Die Algebra selbst mit ihren Zahlen und Zeichen, durch Ordnung, Stellung, Verwandlung und Minderung derselben hat dieses Bildhafte (es betreffe Größe oder Operation,) und Erfahrung. >53 aufs genaueste bestimmt, und eben hierauf die Sicherheit ihres Geschäfts gegründet In der Philosophie ging man leider nicht also zu Werk. Der Genius der Metaphysik möge es wissen, unter welchem Bildhaften die Scholastiker sich ihre Entitäten und Quidditäten gedacht haben; und eben so wisse Ers, was Anschauungen und Dcnkformen vor aller Erfahrung für Schemata haben, wkiers urrcl (^uiclclitv tlis 61iost5 ok stskwrrLt Loclies 6zr. U. f. ii. Hier also liegt der Knäuel der Verwirrung, der die metaphysische Sprache solange zum babylonischen Dialekt gemacht hat, wahrscheinlich auch, uns Deutschen zumal, lange noch machen wird. Da man sich nämlich bei spekulativen Begriffen keine grobe Bilder der Erfahrung denken konnte, nahm man, wie der Zufall sie gab, aus dem Zusammenhang der Sprache, aus Erinnerungen, wo und wenn man das Wort zuerst gehört hatte, oft aus dem Schalle des Worts selbst Züge zusammen, und formte daraus eins Nebelgestalt, wie die „Kritik" sie angiebt, ein Schema. Man bildete sich ein, aus Spontaneität des Verstandes mss demselben bezeichnen zu können, was man äußerst dunkel imaginirtc, worin man seine Nebcngefühle mischte, oder wobei man gar nichts als Schälle oder Lettern dachte. Bei dem Wort Essenz z. B. hing dem Einen eine Erfahrung aus der Ehemie, bei dem Wort Substanz dem andern ein Geschmack aus der Schüssel an, die ihm seine dunkle Wortgestall bilden halfen. Der eine dachte siel) den Raum, dies breite Nichts, als einen schwarz- I. Verstand 164 oder blaugefarbten Fleck, begrenzte damit als mit einer Decke die gestimmte Sinnlichkeit und erhob dies Phantasma zu einer ewigen Anschauung. Der Andre zog die Zeit, (ein langes Nichts) als eine Linie hin, in der Punktweise ein Augenblick dem andern folge, und glaubte damit Substanzen, ja gar Ursache und Wirkung erklärt zu haben. So ferner. Dergleichen Wahnbilder schleichen in metaphysischen Untersuchungen umher; unbemerkt begleiten sie und modeln die Gedanken. So lange des Schriftstellers dunkler Schematismus dem unfern nicht widerspricht, gehen wir mit ihm; gerathen beide in Zwist, dann erst fragt man: ,,wie konnte das der Schriftsteller sagen?" Gefällig modelt man sich nach ihm, brauchet das Wort wie Er und manche Jünger oder Streiter fragten jene Eardinalsfrage: ciovs cha piZIiato? nie. Daher man zuletzt Widersprüche, Amphiboliecn, Antimonieen der Vernunft unumgänglich hielt, andre aber die ganze Metaphysik als einen Wortkram dunkler Schemate verwarfen. Nicht vom Verstände und der Vernunft, sondern, wie es ihr Name sagt, vom Mißbrauch der Sprache, mithin der Vernunft und des Verstandes rühren diese Amphibolieen her, von unbestimmter Erfassung der Begriffe und ihrer Bezeichnung durch trüglich - dunkle Schemate. Ein leidiges cgcrici pro <^uo sind sie, aus Nebenbegriffen und falschen Wortformen erwachsen. In diesen Wortformen unterscheiden sich zuweilen, durch ihre Sprache verwöhnt, ganze Völker; ihre Mctaphysiker strittcn und verstanden einander nie. Wenn zwischen E la rk e und Leibnitz dcr Streit noch so lange fortgesetzt X und Erfahrung. Ware, glaubt inan, der Brittc batte dem Deutschen sich gefüget? 2 2. Gewohnte Wertformen nennet man Formeln; hüte man sich vor ihnen, sobald sie unüber- sehlich lang find oder unverständliche Worte enthalten. Auch der Form nach sind sie sodann schlechte Formeln. Denn was heißt Formel, als eine verständlich-kurze, genau bestimmende Form? Ziehen sie sich wie krumme Linien mit Lücken und Abweichungen hin und geben keine Figur; beim letzten Wort haben Ohr und Seele längst vergessen, was das erste sagte, so sind sie Larven, nicht Formen. G-Hc man die Schema tc der Kritik durch; wer wird in den Worten „die Vorstellung des Realen als eines Substrakum der empirischen Zeitbestimmung Üderhaupt" den Begriff der Substanz? in der „Succession des Mannigfaltigen, insofern sic einer Regek unterworfen ist," den Begriff der Causalikät? im „^»gleichsevn der Bestimmungen Einer Substanz mit den Bestimmungen der andern nach einer gewissen Regel" die Wechselwirkung? unter der „Bestimmung der Vorstellungen eines Dinges zu irgend einer Zeit" seine Möglichkeit denken? Legt diese Schemate als Räthsel vor; wer sie nicht auswendig lernte, wird schwerlich das Wort des Räkhsels finden. i 3 . Auf keine andre Weife ist diesem Uebel zu entkommen, als wenn man drei Dinge, Sache, Begriff und Wort rein unterscheidet. Unser Begriff macht die Sache nicht, weder möglich noch wirklich; er ist nur eine Kunde derselben, wie w i r sie haben können, nach unscrm Verstände und unfern Organen. Das Wort macht sie noch weniger ; es soll nur aufrufen, sie kennen zu lernen, i56 I. Verstand ihren Begriff festhaltcn und reproduciren; Begriff und Wort sind also auch nicht Eins und Dasselbe. Dies soll die Andeutung jenes se»n; sein Abdruck kann und soll es nie werden. Wer also sich an Formeln gewöhnt, als ob er den Begriff, an Begriffe, als ob er die Sache habe, wer alle unter sich verwirret und glaubt, Schcmate stellen V>r- standesbegriffe dar, hat sich mächtig getauschet. Mit Einer nichtssagenden Wortformel ( v/ — i.) konnte er ein ganzes Wörterbuch dunkler Formeln einlei- len, die alle so wenig als jene erste Wortformel bedeuten. Sie sind Gestalten, wie sie auf dem Brocken erscheinen sollen, scholastische Phantasmen, die man ehedem mit dem ausdrückendcnNamen Wortkram nannte. Unsre Zeit dränget und treibt. Wie viel Sachen haben wir kennen zu lernen! wie viel reelle Kenntnisse zu erlangen und anzuwcndcn! und wie weit gehen uns andre Nationen in richtiger Bestimmung der Sprache vor! Sollten wirs gestatten, daß unsre gesunde Verstandessprache ein Körper voll transcendentalifcher Bandwürmer, voll langhinschlei- chender Wortschemate werde? Es wird die Zeit kommen, da man einen großen Theil der über die „kritische Philosophie" geschriebenen Wörterbücher als die Regel ansehen wird, wie philosophische Begriffe nicht müßten ausgesprochen, oder, wie Kaiser sb erg sagt, nicht müßten gewartet werden. Komme diese Zeit bald. 14. Und warum wollten wir sie nicht hcran- fördern? Der Schematismus reiner V erst a n de s b e g r i ff e, wie ihn die Kritik will, ist, und Erfahrung. 107 gleich ihren reinen Anschauungen und Denkformen u priori eine bestandlose Dichtung. Schemen oder Schemate sind die trüben Hefen, von vergangnen Eindrücken dem Gedachtmß oder der Einbildungskraft auf dem Grunde zurückgeblieben, aus denen man jetzt solche und andre Gestalten wahrsaget; vierfüßige Thiere ohne vier Füße, Triangel ohne drei Winkel u. f. Im Niedersatz der gemeinen Rede-, wo auf deutliche Bestimmung nichts ankommt, mögen sie ihre Stelle behaupten; wo aber ein Verstandesbegriff rein angegeben werden soll, müssen sie weg, diese dunkeln Schemate. r 5 . Auch crniedre man den menschlichen Verstand nicht so tief, daß man ihm die Gabe zu sche- matisiren, d. i. unbestimmte Nebelformen zu schaffen , als eine Leiter andichte, auf der allein er zur Erfahrung gelangen konnte. Denn sind diese Schemen nicht Worte? Worte aber bis auf den kleinsten Theil der Rede entstanden an Gegenständen; und gerade sind dies die abgegriffensten Worte, Wortschatten, die man , „ichc nennen sollte. Der menschliche Verstand hat eine viel höhere Kraft, als dunkel zu schema- tisiren; er kann seine erfaßten Merkmahle durch Worte aus drücken, er kann sprechen, daß man die Dinge sehe und ihn vernehme. 16. Hiemit theilet sich nach den vier Regionen seiner Begriffe auch der Ausdruck (Lni-i-Trwa-«?) des Verstandes. Im Felde der allgemeinen Erkennt- niß, wo von Seyn, Daseyn, Dauer, Kraft nach ihren ersten Erfassungen die Rede ist, herrschen zuerst sinnliche Vorstellungen; sie constituiren den I. Verscand -»8 Gemeinsinn, und sind das Grundgewebe aller Sprachen. Je mehr Dinge und Eigenschaften der Dinge der menschliche Verstand auf dies dunkle Gewebe tragt, an Ähnlichkeiten und Unähnlichkeiten, an Geschlechtern, Gattungen und Arten, desto reicher und Heller in Figuren wird nach und nach seine Verstandessprache. Eine Vernunft spräche wird sie, je m.hc er den Verknüpfungen zwischen Ursache und Wirkungen nachforscht; bis sie über daS Maas der Dinge am liebsten sich durch Zeichen ausdrückt, und die Worte selbst als ma- rhematsiche Zeichen sich gleichsam nur zu zählet. Scact eines öden Schematismus tritt also unter der wuksamen Kraft des anerkennenden Verstandes ein Ausdruck seiner Begriffe hervor, der nach Beschaffenheit seiner erkennbaren Dinge von Stufe zu Scufe an Klarheit zunimmt: Ausdruck (s>c'rl>7r-w-!-.-5) der Verstandesbegliffe. I. Ueber Seyn, Seyn, Daseyn, Fortdauer, Kraft der Dinge. Die sinnliche, gemeine Verstandessprache. und Erfahrung. > Zg II. Ueber Eigenschaften dcr Dinge. Dasselbe, Ein Andres, Gattungen, Geschlechter, Art, die klarere Ver stände s s p r a c h e. III. Ueber Ursache und Wirkung. In sich bestehender, Freundlich- Feindlich- Fortwirkender Dinge, die deutlichere Bernunftsprache. IV. Ueber Maas. Seine Bestimmung, Im »»ermessenen Raum. In unermessener Zeit» In unermessener Kraft. Die genaueste, d. i. mathematische Sprache. Au erweisen ist, daß sobald sich der Verstand aus Einer Region in die andre verirret, z. B. daß, wenn Gattungen zu bestimmen ihm Zweck ist, cr melaphysiret, oder wenn Ursachen erforschend, er in der verworrenen gemeinen Sprache redet, sein Ausdruck in einen Schematismus ausarte, der seinen eignen Zweck aufhebt. Denn was nicht reiner Ausdruck des Begriffs, sondern nur sein Schema ist, war nur die Frucht eines schematischen, d. i. Wort- spielcnden Schattenverstandcs. Sinn kann durch nichts dargestellt oder vertreten werden, als durch sich selbst; ein Schema seiner ist Leersinn. I. Verstand 17. Da in ihrer Zusammenvrdnung die Kategorien, selbst kein Zauberschema, sondern die Hand- l u n g (sutus xurus) des wirkenden Verstandes sind: so muß nicht nur in Elasten und Arten des Vortrages der Begriffe, sondern in Bildung der Begriffe selbst die gesammte Sprache ein Ausdruck des anerkennenden Verstandes seyn und als solcher ihre lebendige Form bewahren. Dis allgemeine philosophische Sprachlehre erweiset dies aus und in jeder menschlichen Sprache. Die ersten Begriffe von Seyn, Daseyn, Fortdauer, Kraft gaben selbstständige Worte (noruius und xrouoruius, Substantivs.) mitVor- und Zusätzen des Ortes und der Zeit, als ihren Bestimmungen (Präpositionen) und Modisicationen (ossus). Die an ihnen bemerkten Eigenschaften gaben unselbstständige Worte (uoiuius und prouourins säjectivs) , die Dasselbe oder ein Andres in Geschlechtern, Gattungen, endlich der Art nach bezeichneteng welche Ähnlichkeiten und Unterschiede, als selbstständige Begriffe gedacht, neue Bestandwörter mit bestimmenden Artikeln und Endungen wurden. Die in den Dingen bemerkte Kraft schuf sich gleichfalls ihren Ausdruck, verbs. Die verbs Substantivs Seyn, Werden u. f. bezeichnen diese Kraft selbstständig; thätige und leidende Verbs weisen sie auf ihren Gegenstand hin; so ward die Welt der Vernunft, d. i. der Ursachen und Wirkungen bezeichnet. Das Maas der Dinge endlich druckten Zahlwörter, Grade und mancherlei andre Partikeln aus; der Grundbau der Rede in allen Sprachen ist Typus Eines zusammen- und Erfahrung. 161 mcnhangenden Acts des wirkenden Vers tan des. Grundriß der Sprache als Typus Einer zu«, sammenhangenden Verstandes Handlung. Selbstständige Worte, mit Bestimmungen Des Orts, Der Dauer, Der Kraft, (uomiua und yronorriins. sudsiantiva. mit Präpositionen) der Grund aller Sprachen. 2 . Eigenschaften, Dasselbe, EinAndres, (Nomina und krononiina schsariva,) die durch Artikel und Endungen neue Substantive, G e sc h l e c h ker, G a t t un- gen, Art werden. 3 . Kräfte, In sich bestehend, (Vsrftuiri sukslsnii- vurn,) Gegen- Mitwirkend, s^chsLtiva, pmssiva) Erwirkend. sMsclis.) 4 Maas sich ausdrückend in Zahl-, Größe-, S tu fen w o r te n. Herders Werke z.Phil.u.Gesch. XIV- L Welchen Grundriß der Sprüche des Verstandes die verknüpfende Vernunft nachher in Gliedern vermehrt und enget verbindet. Er selbst führet sich in seinen wesentlichen Theilcn auf das zurück, was jeder Satz (Präposition) enthalt, auf ein Selbstständiges und minder Selbstständiges, durch eine Bezeichnung der Kraft (vscrkuin) getrcnnet oder verbunden *). 18. So erscheinet dann, wie die Sprache er priori erfunden sey. Vermöge der eigenrhümlichen Kraft des Verstandes ward sie an Gegenständen, sie n ne rke n nen d erfunden; aus sich selbst, ohne diese, bringt der Verstand selbst keine Schatten (o'-cux^.-x'p«) hervor. An Gegenständen aber erfreuet der Verstand sich seiner priorischen, d. i. Innern Kräfte, und drückt sich selbst ab in jedem Satz, in jedem Worte. Nicht anders als nach seiner Natur und Regel konnte er wirken; kein Gegenstand gab oder lieh ihm diese. So viel Fehltritte er in Erfassung und Bezeichnung der Dinge begangen haben mag, so erwies er seine privrischö Kraft, *) Ein ziemlich unbekannt gebliebenes Buch: Versuch einer an der menschlichen Sprache abgebildete» Vernunftlehre von I. W. Meiner, Leipzig 1781, verdienet hier eine rühmliche Erwähnung. In manchen Theilen kam der Verfasser weiter, als Harris und andre kamen; das Schätzbarste des Werks ist der Ueberblick des Ganzen. und Erfahrung. 16) ein ihm gegebnes und mit ihm gegebnes xosterius zu erfassen und zu bezeichnen. Jedes andre Schema gegen- standlos aus seiner dunkeln Urtiefe gezogen, ist ein Nichts, ein Wahnbild. Velui: LSAri somni-e V3I1LS k'ingunrur sxscies. Metakritik des Systems aller Grundsätze des reinen Verstandes. „System aller Grundsätze des reinen Verstandes." *) ^OHan erwartet viel an diesem Namen: denn der Verfasser erklärt sein Geschäft dahin, „die Urtheile, die unser Verstand unter kritischer Vorsicht wirklich er priori zu Stande bringt, in systematischer Ordnung darzustellen." **) Weniger erwartet man dabei , da er sich sogleich „auf diejenigen Grundsätze, die sich auf die Kategorieen (seine Kategvriecn) beziehen ," einschränkt, und die mathematischen Grundsätze selbst ausdrücklich ausschließt ***), „weil sie nur aus der Anschauung, aber nicht aus dem ) S. rö 7 . ") S. 1L7. S. 18L. ' I. Verstand und Erfahrung. r65 »einen Vcrstandesbegriff gezogen sind." Wie? Sind mathematische Grundsätze nur aus der Anschauung, «her nicht aus dem reinen Verstandesbcgriff gezogen ? Stehn Anschauungen und reine Verstandes- bcgciffe einander entgegen? Sind diese ohne ;cne, ^sene ohne diese möglich? Und was hieße es endlich, „Grundsätze aus der Anschauung ohne Vcrstandcsbe- griffe ziehen?" „Das System der Grundsätze des reinen Verstandes fängt mit einem obersten Grundsatz aller analytischen Urlheile, und einem andern obersten Grundsatz aller synthetischen Urtheile an." Und diese wären unverbunden? sie stünden beide nicht unter Einem obersten Grundsatz? Synthesis und Analysis sind Lheilhandlunge» Eines Verstandes, Methoden; wie leicht können sie in einander verwandelt werden, da im Grunde Eine ohne die Andre nicht seyn kann? Kein Urtheil des Verstandes kann ohne Aufsindung des Merkmahls (Analyse) und ohne Verbindung des Prädikats mit dem Subject (Synthese) gedacht werden. „Der oberste Grundsatz des analytischen Urtheils ist der Satz des Widerspruchs; der oberste Grundsatz aller syntheti, schen Urthei'le soll seyn: ein jeder Gegenstand steht unter den nokhwendigcn Bedingungen der synthetischen Einheit des Mannigfaltigen der Anschauung in einer möglichen Erfahrung." *) Da der erken- i66 I. Verstand uende Verstand mit möglicher Erfahrung, mit nothwendigen Bedingungen u. f. nichts zu thun hat; so heißt, vom Nebel getrennt, der Satz nichts als „was ich erkennen soll, muß mir erkennbar gegeben seyn; ich erkenne nur, was und wie es mir erkennbar ist." Nichts weiter. Mithin ists mit dem. ersten Grundsatz Eine Regel des Verstandes. Die Kritik der reinen Vernunft schreitet hierauf zu einer „systematischen Vorstellung aller synthetischen Grundsätze des reinen Verstandes/' und giebt sie nach dem Modell der Kategorieen in einer Tafel *), „Alle Grundsätze des reinen Verstandes find; r, „Axiomen der Anschauung. ,. r. Antieipctionen Analogieen der der Wahrnehmung. Erfahrung. 4 - Postulat? d e s empirischen Denkens überhaup t." „Diese Benennungen sind mit Vorsicht gewählt, UM die Unterschiede in Ansehung der Evidenz und *) S. 200. und Erfahrung. 167 der Ausübung dieser Grundsätze nicht unbemerkt zu lassen. Die beiden ersten, die einer intuitiven Gewißheit fähig sind, sollen die mathematischen Grundsätze, die beiden letzten, die einer bloß dis- cursiven Gewißheit fähig sind, die dynamischen Grundsätze heißen; durch welche Eintheilung sich die eben ersehene Stellung der Elasten selbst änderst Nach dieser zweiten Exposition wäre der Inhalt der Tafel: ,,Q uantitat. Axiome der Anschauung. Grundsatz. Alle Anschauungen sind extensive Größen." 2. „Q ualitäst Anticipationen der Wahrnehmung. Grundsatz. In allen Erscheint! n g e n h a t das Reale, was ein Gegenstand der Empfindung ist, intens/ve Größe, d. i. einenGra d." Und sofort wird das Mangelhafte ihrer Construction offenbar. Da Quantität nicht bloß extensive, sondern auch pro- und intensive Größen begreift, so gehörte das Principium der zweiten Elasse der ersten zu; und die zweite steht leer * **), da intensive Größe *). S. 202 — 2t8. **) Daß Epikur das Wort nicht im Sinne des Verfassers gebraucht habe, wie S. 208. I »63 I. Verstand der Empfindung in der Qualität derselben nicht- bezeichnet. Noch weniger ergicbt sich, wie diese Sätze „Principien aller Urthcile über Quantität und Qualität" der erste gar „Principium aller Axiome" heißen möge, da ihm der Verfasser einen Beweis zu geben nöthig gefunden * *). Bedürfen Axiome keines Erweises; sollte ihr oberster Grundsatz dessen bedürfen? Endlich sind beide Sätze, als Principien betrachtet, unerwiesen. Anschauung, ein Zustand der Seele, weiß in sich von keiner extensiven Größe; im Angeschauten selbst vernichtet diese die Seele, sofern sie anschaut. Nennet vollends der Verfasser extensive Größe „diejenige, in welcher die Vorstellung der Theilc die Vorstellung des Ganzen möglich macht, und also nothwendig vor dieser vorhergeht, so daß jede Erscheinung nur durch successive Synthesis' von Theil zu Thcil erkannt werden könne, und daß sich darauf die Mathematik der Ausdehnung (Geometrie) mit ibren Axiomen gründe**) so steht dies alles der Erfahrung entgegen. In jeder Anschauung geht nothwendig die Vorstellung des Ganzen in seinen Theilen der Vorstellung dieser vor- aus; so lange ich noch aggrcgire, und theilwcise schreite ohne dm Begriff des Ganzen, ist keine Anschauung denkbar. Indem ich den Triangel und behauptet wird, ist bekannt. S. Kerns äiss. lllpicuri , s. antiaipsrioire« sensi- bas lleinuiir allnrinisirin llausiae, irorr vero meiiri irinataa. Götling. >766. *) S. Lvn. ^ S. 20A — 206, und Erfahrung, 169 Eirkel mit der Hand ziehe, bringe ich zwar einen Theil nach dem andern hervor; um aber zu ihrer Hervorbcingung die Hand anzulegen, mußt« ich den anschauenden Begriff des Ganzen, des Triangels, des Eickels in meiner Seele schon haben. Aus einzelnen Theilen werden diese nicht zusammengesetzt, nicht aggrcgiret. So bei jeder Linie und Figur. Der Begriff der Mathematik, statt sich auf solch Principium zu gründen *), würde dadurch zerstört: denn selbst, wenn Mathematik analysirt, hatte sie, lvas sie zur Anschauung bringen will, den Begriff des Ganzen. Nicht „Mathematik der Ausdehn u n g" ist Geometrie: sondern wissenschaftliche Maasbcstimmung der Größen, die im Ausgedehnten erscheinen. Unbekümmert um diese Ausdehnung behandelt Mathematik ihre Verhältnisse als Berstandeswesen, die sic der Ausdehnung gleichsam enthebet. Groß oder klein gezogen ist ihr ein Winkel, ein Triangel gleich; klein oder groß hat ihr Eirkel 36 » Grade. Und dann, wo ist beim Punkt, der allen mathematischen Erscheinungen zum Grunde liegt; wo ist in den Anschauüngen der Ald gebra e rt e n sive Größe ? Mit der Pro- und Inten skon ists nicht anders. In der kleinsten Zeit denke ich mir nicht „den successiven Fortgang von einem Augenblick zum andern, wo durch alle Zcittheile und deren Hinzuthun endlich eine bestimmte Zeitgröße erzeugt wird **). So wenig eine Linie gus Punkten z u- S, 20h, ") S. 20Z. L. Verstau d sammengesetzt ist , so wenig besteht die Dauer aus Augenblicken, aus denen sic etwa, wie ein Haufe aus Sandkörnern, accumulirt würde; wie jener der Punkt, so ist dieser der Augenblick bloß Grenze. Ebenfalls ist das Verhältniß der Zahlen (7 -s- 6 — 12) nicht aus Thcilcn ohne ein Ganzes dem Verstände zu einem Ganzen erwachsen; der Begriff des Ganzen, Einheit im Mehreren, Zahl, war ihm in jedem Elicdc (7. 5 . 12.) wie im Eins selbst da und gegeben. Der Grad intensiver Größe endlich macht weder im Anschatten noch im Empfinden das Reale der Erscheinung oder Empfindung; er missct es nur und setzt es voraus, ohne es »uszumachen oder zu erweisen. Vollends als „Principien der Urthekle" was sollen diese Sätze? Weder aus noch nach ihnen ist zu urtheilen, d. i. Quantität und Qualität zu bejahen oder zu verneinen; als oberste Kriterien aller Sätze, die zu diesen Kategorieen gehören möchten , find sie ganz unbrauchbar, da sic das Wesen der Quantität und Qualität weder enthalten, noch fast berühren. Die Grundsätze des reinen Verstandes, die hier d yn a rni sch e genannt werden, leiden unter einer gleichen Verwirrung. Sie sollen „eine bloß discursivc, obgleich völlige, nicht aber intuitive Gewißheit haben. Da sich das Dascyn der Dinge nicht ccnstruiren laßt, so werden sie nur auf das Verhältniß der Dinge gehen und keine andre als blo. regulative Principien abgeben können. Da ist weder an Axiome, noch und Erfahrung. 271 an Anticipationen zu denken; nicht als Grundsätze des transccndcntalen, sondern blos des empirischen Verstandes können diese Analogiecn ihre alleinige Bedeutung und Gültigkeit haben, mithin auch nur als solche bewiesen werden, daß folglich die Erscheinungen nicht unter die Kategocieen schlechthin, sondern nur unter ihre Schemate subsumirt werden müsse n." *) — Ist dies, warum stehen sie unter den Kategocieen ? was nützt ihre Deduction a priori, wenn sie nur durch Schemata der Einbildungskraft , die aus den Sinnen entspringt, zu construiren sind? Hier ist ihre vorgebildete Zusammenordnung **). r. „E au sali tat. Analogi een der Erfahrung. Grundsatz. Erfahrung ist nur durch die Vorstellung einer nvthwendigen Verknüpfung der Wahrheiten möglich." xc „Erste Analogie/ Grundsatz der Beharrlichkeit der Substanz. Bei allem Wechsel der Erscheinungen beharret dieSubstanz; das Quantum derselben wird in der Natur weder vermehrt noch vermi ndert." *) G. 221. u. s. ^ **) S. 228 — 27!». Verstand 172 „Zweite Analogie. Grundsatz der Zeit folge nach dem Gesetz der Kausalität. Alle Veränderungen geschehen nach dem Gesetz der Ursache und Wirkung." „Dritte Analogie. Grundsatz des Zugleichseyns nach dem Gesetz der Wechselwirkung oder Ge m e i n sc h a ft. Alle Substanzen, sofern sie im Raum als zugleich wahrgenommen werden können, sind in durchgängiger Wc ch se lw irk u ng." 4- „Die Postulate des empirischen Denkens überhaupt." 1. „Was mit den formalen Bedingungen der Erfahrung (der Anfchauung und den Begriffen nach) übereinkommt, ist möglich/' 2 . „W as mit den materialen Bedingungen der Erfahrung (der Empfindung) zusammenhangt, ist wirklich." 2. „Dessen Zusammenhang mit dem Wirklichen nach allgemeinen Bedingungen der Erfahrung bestimmt ist, ist (existirt) n o t h w e n d i g." und Erfahrung. 17- Welch ein Heer völlig-gewisser Analogieen ''und Postulate im Felde des gesummten empirischen Denkens hakten wir an diesen Grundsätzen! Die Frage ist nur: woher sind sie? und wie kommt der Verstand dazu, sie in solcher Allgemeinheit, unter dem großen Siegel der Nothwendigkeit behaupten zu dürfen? z. B, „Bei allem Wechsel der Erscheinungen beharret die Substanz; das Quantum derselben wird in der Natur weder vermehrt noch vermindert. Alle Substanzen sind in durchgängiger Wechselwirkung. U. s" Kennet der Verstand die gesammke Natur in allem Wechsel der Erscheinungen und ibrem «zuauto? Kennet er alle Substanzen in ihrer durchgängigen Wechselwirkung? oder weiß Er, der Verstand, auch nur, was, Erscheinungen entgegensetzt, Substanz sey? Legt er dabei bloß Worte zum Grunde, z. B. „alle Veränderungen geschehen nach dem Gesetz der Verknüpfung der Ursache und Wirkung," da dann im Wort Ursache freilich schon die Wirkung gesetzt, das Gesetz der Verknüpfung beider aber nichts weniger als gezeigt ist: so wird mit solchen Bebaup- tungen nichts behauvtet. Und wie verbeilten sich dann diese Grundsätze zu einander? wie kommen sic zu der Würde oberster Principien? und welches ist ihr Grundsatz? Zuerst also der Name Analogieen. „In der Philosophie bedeuten Analogieen etwas sehr Verschiedenes von demjenigen, was sie in der Matbematik vorstellen. In dieser sind es Formeln, welche die Gleichheit zwee- ner G r ö ß e» v e r h ä ltn i sse aus sagen, und jederzeit constitutiv, so daß, wenn zwei Glieder der »74 I. Verstand Proportio» gegeben sind, auch das Dritte dadurch gegeben wird, d. i. construirt werden kann. In der Philosophie aber ist die Analogie nicht die Gleichheit zweenec quantitativen, sondern qualitativen Verhältnisse, wo ich aus drei gegebnen Gliedern nur das Verhaltniß zu einem vierten, nicht aber dies vierte Glied selbst erkennen und a priori geben kann, wohl aber eine Regel habe, es in der Erfahrung zu suchen, und ein Merkmahl, es in derselben auf- zusinden." *) Uebel wäre cs, wenn die Wissenschaften in ihren Benennungen Einer Operation des menschlichen Verstandes so dißharmonirten; dem ist aber nicht also. In der Mathematik ist Analogie, was sie in der Philosophie ist, Aehnlichkeit der Verhältnisse. Daß in jener die Aehnlich- keic bis zum Einerlei genau seyn kann, entspringt aus der Art der Dinge, die ins Verhaltniß gesetzt werden; es sind rein ausgedruckte Größen, in deren erstem Gliedc der Exponent so bestimmt als im letzten, in den äaiis wie im c^uuosito erscheinet. Da in der Philosophie die Glieder der Verhältnisse nicht Qualitäten allein, sondern Gegenstände mit allen ihren Qualitäten, Facta mit vielerlei Umstanden, endlich Worte von mancherlei oft versteckter Bedeutung sind: so sind freilich die Data sowohl als das f)iEsituil» in der Philosophie selten, wie jene Größen der Mathematik, rein bestimmt; der Begriff der Analogie aber, d. i. die Handlung des Verstandes, die Verhältnisse setzt, ist dort und hier dieselbe. Dort, wie hier, muß das zu findende *) S. '222. und Erfahrung. 170 Glied die Natur und Art der gegebnen Glieder haben; dort, wie hier, soll der Verstand das Einerlei in mehreren gegebnen Fallen erkennen, und um dies thun zu können, ist: „die Glieder des Verhältnisses möglich rein zu setzen," seine erste Regel. Daß übrigens auch, in der Mathematik der obere Begriff, unter welchem die Analogie steht, oft versteckt sey, und durch die Analogie nur annähernd gefunden werde, ist bekannt. Eigentlich also gicbts nicht Analogicen, sondern Analogie, d. i. Achnlichkeit der Verhältnisse, die der Form nach auch bei veränderter Materie und Sache in allen Wissenschaften dieselbe bleibet. Welches ist nun die Regel der Analogie für die Erfahrung? ,,Analogie der Erfahrung ist die nvthwendige Verknüpfung der Wahrnehmungen;" Wohl! was aber knüpft diese Wahrnehmungen noth- wendig ? „Die Zeit! Die Bestimmung der Existenz der Objecte kann nur durch ihre Verbindung in der Zeit überhaupt, mithin durch er xiiori verknüpfende Begriffe geschehen, die jederzeit zugleich Nvlh- wendigkeit bei sich führen." *) Dadurch wird nichts, geschweige alles nothwendig verknüpfet. Die Zeit knüpfet nichts; Ursachen und Folgen knüpfen sich in der Zeit. Ohne Data wirklicher Gegenstände wird durch ein bloßes Maas der Dauer weder wirkliche noch mögliche Erfahrung. Da überdem jedes dau, rende Wesen seine eigne Zeit hat, so kann ein angenommenes allgemeines Jdealmaas der Gesummt- ) 21g. X ,76 I. Verstand dauer aller Wesen so wenig der verknüpfende Exponent aller Wahrnehmungen seyn, daß er vielmehr als ein fremder falscher Exponent vom Gefragten seitab führet. Die drei aus angeblichen drei rnoäis der Zeit vorgeführten Analogieen aller Erfahrung werden dies klar zeigen. i. Aus dem inoäo der Zeit, daß sie behar r- lich sey, soll der Grundsatz entspringen *), daß „bei allem Wechsel der Erscheinungen die Substanz beharre, und das Quantum derselben in der Natur weder vermehrt noch vermindert werde;" wie folgt dieß? Was hat Zeit mit dem Wesen der Substanz oder dem Unwesen der Erscheinung zu thun? geschweige mit dem allgemeinen ()uanto der Substanz in der Natur? und was heißt dies allgemeine Substanz-Quantum? Daß allen Veränderungen etwas Beharrliches zum Grunde liege, erkennet der Verstand; wie jenes Beharrliche aber aus dem Begriff der Zeit folge, in der nichts Beharrliches ist, erkläret dies unbewiesene Dogma nicht. Ihr, der Räuberin sowohl als der Herführerin aller Zufälligkeiten, und zwar ihrer Beharrlichkeit soll die Beharrung der Substanz mit einem nie vermehrten, nie verminderten (^usnto anverlrauet seyn? So wäre die beharrende Welt nicht dem Rücken einer Schildkröte, nicht dem Stäubchen auf einem Schmetterlings-Flügel einmal, (denn die Zeit ist noch ein Minderes als dies Stäubchen) sondern einem Wahnbilde anvertrauet, das nur in Gedanken da und Erfahrung. *77 da ist. Ueberhaupt will ich, wenn von Eaufalität die Rede ist, nicht wissen, was beharrlich und zufällig , (Substanz und Accidens) sondern was Ursache und Wirkung sei). Auch hat der Verstand keinen Begriff von einem allgemeinen, nie vermehrten, nie verminderten ()uantc> aller Substanzen. Als Regel der Analogie geht also dieser angebliche Grundsatz verkehren; er ist unerwicsen, hiehcr ungehörig, und führet zu nichts. 2 . Aus dem moäo der Zcitfolge soll der Grundsatz entspringen: *) „Alle Veränderungen geschehen nach dem Gesetz der Verknüpfung der Ursache und Wirkung!" Entspringet er daher? Zcitfolge gewahret den Begriff von Succession; nicht aber von Ursache und Wirkung, geschweige von deren nothwendigcr Verknüpfung. Wie vieles folgt zu Einer Zeit auf einander, was als Ursache und Wirkung nicht mit einander verknüpft ist! und dies geheime, feste Band, wie kann es die Zcitfolge, ein sachleerer Begriff knüpfen? Daß man sich die Ursache gewöhnlich vor der Wirkung denket, daß, wenn zu Hervorbringung dieser eine Zeit gehöret, oder wenn die Wirkung nicht sogleich sichtbar wird, wir zwischen beiden eine Zeit messen, dies erklärt in der Hcrvorbringung nichts. Sobald unser Verstand Ursache und Wirkung anerkennt, vernichtet er das Bild dieser Zwischenzeit, indem er die Ursache wirkend, die Wirkung in der Ursache sichet, mithin Einen Begriff im andern denket. -) S. 232. Herders Werke;. Phil.u.Gesch.XIV. M AletnLr-'tr'L, 178 I. Verstaub „Wenn wir also erfahren, daß etwas geschieht, so setzen wir dabei, jederzeit, voraus, daß irgend etwas, voraus gehe, worauf es nach einer Regel folge." *) Nicht dies setzen wir .voraus, sondern daß etwas da sey, woraus das Andre folge. Vorüber, verschwunden, — 0 kann jenes nicht seyn, sonst konnte es nicht Ursache von — 1 werden; und eben die Regel suchen wir, nach der die Wirkung aus ihm, nicht auf dasselbe folget. „Diese Regel ist, daß in dem, was v 0 rhergeht, die Bedingung anzutreffen sey, unter welcher die Begebenheit, jede r z e i t, d. i. n 0 th w e n d isg e r Weise folgt." **) Die Bedingung aber ist nie die Zcitfolge, sondern das Wirkende in ihr, wornach eben gefragt wird. Die gegebne Regel also ist kein Aufschluß, sondern eine Tavtologie der Frage. „Also ist der Satz vom zureichenden Grunde der Grund möglicher Er- fahrung, nämlich der objektiven Erkenntnis; der Erscheinung in Ansehung desVerhaltnisses derselben in Reihenfolge der Zeit." — Der Satz des zureichenden Grundes hat mit der Reihenfolge der Zeit nichts zu schaffen; er kann in diesem ihm fremden Begriff keinen Erweis finden. Auch Dinge, die als Ursache und Wirkung zusammen existiren, müssen in einander gegründet seyn, nicht durch die Zeit, sondern durch die Beschaffenheit ihres Daseyns. „Demnach ist die Zeitfolge allerdings das einzige empirische Kriterium der Wirkung in Beziehung auf die Eausalität der *) S. S. Lh6. und Erfahrung. 179 Ursache, die vvrhergeh t." *) Die bloße Zeitfolge ist kein Kriterium des Eausalzusammenhanges beider; oder den gemeinsten Trugschlüssen wäre die Pforte weit geöffnet. Dadurch, daß Eins auf das andre folgt, werde ich aufmerksam zu forschen, ob Eins mit dem andern in Eausalvcrbindung stehe? oft ists; oft ist es, der Zeitenfolge ungeachtet, nicht; jsts aber, und habe ich die Verbindung wahrgenommen , sb vergesse ich der Zeitfolge als eines fremden Umstandes und spüre dem Grunde jener Verbindung selbst nach. Der ganze Grundsatz hat uns also über die Regel des Zusammenhanges zwischen Ursache und Wirkung nicht nur nichts gesagt, sondern auch, indem er einen fremden unfruchtbaren Nebenbegriff, die Zeitsolge, der Eausalfolge unterschob, auf einen Irrweg der trüglichsten Suppositionen geführet. 3. Aus dem inoäo des Zugleichseyns der Zeit soll der Grundsatz entsprießen: **) „Alle Substanzen, sofern sie im Raum als zugleich wahrgenommen werden können, sind in durchgängiger Wechselwirkung." Freudig erschrickt man vor dem ungeheuren Aufschluß, alle Substanzen in durchgängiger Wechselwirkung zu sehen; bald aber verschwindet die Freude: denn worauf beruht der Aufschluß? Daß Dinge „als zugleich wahrgenommen werden können." Gern gesteht jedermann ein, daß wenn sie nicht zugleich waren, keine Wechselwirkung zwischen ihnen statt fände; wie *) S. -kg. ") S. E M- I. Verstand i3c> aber ans diesem Z u g le i eh se >) n und meiner Wahrnehmung die Wechselwirkung entstehe, vollends daß „als Substanzen, s o f c r n sic, i m fli a u m, als zugleich wahrgenommcn werden können, in durchgängiger Wechselwirkung seyugleich, als ob sie's ohne diese Wahrnelnnung, und zwar im Raum, nicht waren, dies ist entweder Offenbarung oder das leerste Dogma. Welcher menschliche Verstand hat Substanzen als Substanzen w a h r- geno m m e n ? und alle Substanzen , im R a u- m e ? und wie folgt daher ihre d u r e h g a n gige Wechselwirkung? Als ob der Raum eine Tbalamus, und da§ Zugleichseyn in ihm ein die Wechselwirkung treibendes Philtrum Ware. Lacnlus und xluvia sind durch Raum und Zeit verbunden; sic werden wahrgenommen, mithin sind sic, „in Wechselwirkung, in realem Einfluß, (irr coimiiewiio rsali, non tantunr in connnunions.)" Wie weit übrigens diese Grundsätze vom ersten Begriff einer Analogie sich entfernen, lehrt der Anblick. Bei jeder Analogie suche ich einen Exponenten gleicher oder ähnlicher Verhältnisse; ist dieser in Einem dieser Satze zu finden? Daß an den Dingen der Welt Einiges wechsele, ein Andres bleibe, sehen wir; nach welcher Regel es wechsle und bleibe, wollten wir wissen; wo ist die Regel? Daß Ursachen und Wirkungen einander oft folgen, da sie auch mit einander bestehen können, ja ein Moment des Zusammenscyns zwischen beiden fern muß, sehen wir; die Regel ihrer Verbindung war unsre Frage. In keiner der drei Analvgicen wird uns diese, dagegen in der ersten und dritten beweislose Satze gegeben, zu denen der Verstand sich und Erfahrung. i8r nimmer «ersteigen sollte. Wenn der Verfasser endlich glaubt *), daß diese feine „Gesetze apriori eine Natur allererst möglich machen, daß seine Analogieen die Natureinheit Hn Zusammenhänge aller Erscheinungen unter gewissen Exponenten erst darstellen," so ist dies ein ausser aller Analogie der Vernunft: denn diese Grundsätze stellen nichts dar; sie machen nichts möglich. Wenn er seine Beweisart dieser Satze als die „einzig-mögliche," verkleinernd jede andre Beweisart, rühmt: **) so möchte man wünschen, er hatte sie, da sie doch nicht Axiome sind, als Lehrsätze schlicht dogmatisch erwiesen. „Die Post u late des empirischen Denkens überhaupt" dürfen uns nicht aufhalten: denn sie sind, wie die Kritik selbst gesteht, leere Satze, die nicht hieher gehören ***). Möge die transcendentale Vernunft „die artigen Fragen: ob das Feld der Möglichkeit größer sey, als das Feld, was alles Wirkliche enthält, dieses aber wiederum größer, als die Menge desjenigen, was noth- wendig ist?" beantworten; der urtheilende Verstand scheuet diese Höhe, geschweige daß er, aus seiner Function schreitend, über das Gcsammt-Mög- laiche, Daseycnde,Nothwcndige in Po- stulaten absprcchen wollte. „Posculate des em- *) S. 26Z, **) S. 262 — 265. S. 266. I. Verstand i8r pirischen Denkens überhaupt" — was sind sie? und zwar diese Postulats? Müde vom Durchwandern öder Wüsten voll leerer Hirngeburten im anmaaßcndsten Wortncbel, wird der Leser sich gern erholen. Wir wollen unsre Kunstlose Tafel der Begriffe eines anerkennenden Verstandes vor uns nehmen, und sehen, wie ebenso kunstlos, theoretisch und praktisch, jedes Feld dieser Begriffe in seinem Grundsätze sich selbst ausspricht. Der Grundsatz aller kann kein andrer seyn, als: „der menschliche Verstand erkennet, was ihm erkennbar, in der Weise, wie es ihm, seiner Natur und seinen Organen nach, erkennbar is t." Die erste einfachste Clafse, Die Kategorie des Seyns, Seyn, Daseyn, Fortdauer, Kraft, spricht sich selbst aus. — Wie aber? Etwa: „alles Seyn ist an Raum und Zeit gebunden? in Raum und Zeit enthalten?" Das hieße die wesentlichsten Begriffe an zwei von ihnen abgeleitete Phantasmen heften. Vielmehr sagt der Grundsatz: und Erfahrung. i83 1. Theoretisch. Daseyn offenbaret sich selbst. Es setzt seinen Ort. Es hak seine Dauer durch Kraft. Wie, wenn und woher es diese Kraft erlangt? seit wenn cs sie besessen habe? ob es mit ihr auf andre wirke? ob andre darauf wirken? von dem Allen ist die Frage nicht. Es ist da und hat seinen Ort, auf dem esdauret. Neben ihm entstehe für andre Raum, seine Dauer werde durch innere oder äußere Veränderungen gemessen, so entstehe Zeit; Raum und Zeit sind nicht sein inneres Wesen. 2. Der praktische Grundsatz dieser Kategorie spricht sich selbst aus: „Verwirre die Begriffe nicht; mache nicht Raum und Zeit zu Anschauungen, zu Formen. Daseyn erkenne an, das sich, Kraft seiner und deiner, organisch dir darstellt. 2 . Die zweite Kategorie war Kategorie der Eigenschaften der Dinge. Dasselbe, (ein Andres.) Gattungen, Geschlechter, , Art. Ihr Grundsatz spricht sich selbst aus: i. Theoretisch. „Was du anerkennest, (wahrnimmst, empfindest,) ist Dasselbe oder ein Anderes. Jenes und Dieses zeiget sich dir in Merkmahlen, die einer Zusammenordnung fähig sind." I. Verstand 1L4 2. Praktisch. „Erkenne und ordne. Bemerkend Unterschiede und Achnlichkeiten dieser und höherer Art, erkenne im Vielen das Eine; im Einen das Viele; nUr so nimmst du wahr." Ein reicher Grundsatz zu gemeinschaftlicher und wechselnder Uebung unsrer muntersten Erkenntnißkrafte, des Scharfsinns im Unterscheiden, des Witzes im Vergleichen, des Verstandes im Anerkennen und Ordnen. Nicht die Naturgeschichte allein, alle Wissenschaften freuen sich der Anwendung dieser Kräfte; sie führen Gcdankcnreihen herbei und ordnen die Bemerkungen des Lebens. Mittelst ihrer treibt der menschliche Geist im großen Vorrathshause von Achnlichkeiten und Verschiedenheiten der Naturwesen sein sortwir- kend Geschäft. 3 . Die dritte Elaste der Verstandesbegriffe, Kategorie der Kräfte. In sich wirkend, Entgegen-, Mit wirkend, Erwirkend, spricht sich selbst aus: 1- Theoretisch. „In Wirkung zei- getsich Kraft. Ihre Arten sowohl als ihre Tendenzen und Erfolge im Zusammenhänge der Natur müssen durch Beobachtung erkannt, durch Versuche erforscht und angewandt werden." 2. Praktisch. „Beobachte, erkenne, und Erfahrung. ,35 wende sie a n." Der Mensch ist ein Herr der Schöpfung nur durch den Gebrauch ihrer Kräfte. Nicht der Naturwissenschaft allein, auch der Geschichte und Erfahrung giedt dieser Grundsatz Leben. Auch in diesen spielen Naturkrafte, deren Triebfedern und Arten, deren Tendenz und Erfolge fortwährend zu bemerken und anzuwendcn jmd. Die Natur ist dem Menschen ein endloses Reich der Kräfte. 4 > Auf dem vi erten Felde der Begriffe endlich spricht die Kategorie des Maaßes. 'Punkt, (Moment,) Ungemeffcner Raum, Unermeffene Zeit. Uner messe ne Kraft sich am klarsten aus. Sie sagt 1. Theoretisch. ,,A ll es d e i n Maa s im Endlosen ist Etwas, was du bestimmen muß t." Je zweckhafter und feiner, desto besser; nur nimm es nie für ein beendetes All. lieber jenes Feine laßt sich ein Feineres denken. 2. Praktisch. „Wende dies Maas auf Alles an, worauf du kannst," auch auf Kräfte, Empfindungen, Handlungen, Gedanken. Das Schwächste und Stärkste, das Dunkelste und Helleste sind mit einander verbunden; ^ unserm Verstände sind beide Tendenzen endlos. Bekannt ists, daß die Mathematik durch die Wissenschaft des Unendlichen die größestcn Fortschritte gewonnen; der Philosophie, in welche diese Wissenschaft des Unendlichen Leibnitz gebracht, in welcher Lambert sie fortgeführt hat, stehen ihre wahren Fortschritte noch bevor. Nur durch Maas schaffet die Vernunft sich Gewißheit und Regel. Ueber alle diese Satze des Verstandes liegen theoretisch und praktisch die schätzbarsten Bemerkungen sowohl als Anwendungen vorm Auge der Welt; und noch darf die „kritische Philosophie" sagen : „vor ihr, der „kritischen Philosophie" sey keine Philosophie in der Welt gewesen? Außer ihr gebe es keine?" Nicht einmal der Zweifel Humc's, „daß die Verbindung zwischen Ursache und Wirkung auf einer Analogie gleichartiger Wahrnehmungen beruhe," der nach dem Bericht ihres Urhebers die kritische Philosophie veranlaßt hat *), ist durch sie gehoben: denn die von ihr gegebne Regel des Zusammenhanges zwischen Ursache und Wirkung, die Zeitsolge, oder bei der Wechselwirkung das Zügle ichseyn ist, wie -wir sehen, für diesen Zusammenhang kein Exponent, keine Regel. Den nothwendigen Zusammenhang der Weltbegcbcnhciten hat die Vernunft, so lange sie denkt, noch nie aus dem Begriff des Raums und der Zeit, aus ihnen nie eine Kraft oder Wirkung der Natur n priori errathen, so wenig das bloße Zusammenseyn im Raum und in der Zeit Eine *) S. Prolcgom. zu jeder künftigen Metaphysik u, f. und Erfahrung. 187 Elaste lebendiger Wesen hat fortpflanzcn oder befruchten mögen. Auf etwas Festeres gierigen Baco, Carl es, Leibnitz, L am b e r,t aus, wenn sie von allgemeinen Grundsätzen des Verstandes sprachen. Der erste, ein wegebereitender Herold der Wissenschaften, wünschte in einer Ur- oder Grund- philosophic aus allen Wissenschaften allgemeine Grundsätze gesammlet, die auch für alle dienten; und gab davon Proben. Eartes und seine Schule nannte die reinen Principien unsres Verstandes e i n g e- bohr ne Ideen, und machte sie zum Nichtmaas aller Erkenntnis; die Idee von Gott selbst hieß ihm deßwegen eingebohren, weil ohne den Be- griffein.es durch sich Ncthwendigcn, Daseyenden, Festen, wie in der Mathematik ohne den rechten Winkel, ohne Kreis und Mittelpunkt alles unstat und fluc- tuirend bliebe, Leibnitz fügte dem Grundsatz der Identität, auf den er alle reine Verstandeswahrheit bezog, das Principium der Eausalität: „nichts ist ohne zureichenden Grund" zu keinem andern Zweck bei, als Jenen aus dem Reich des Da sei) ns ins Reich des Werdens hinüber zu führen, und auch in Diesem zusammenhängende Gewißheit zu gründen. Lambert endlich hat in feinen großen Gebäuden des Organon und der Architektonik Grundsätze aller Art gesammlet, denen nur die Zusam- mcnordnung unter einander, und die Zurücksührung auf ihre einfachsten Principien fehlet. Keiner der drei letzten schloß Grundsätze der Mathematik von seinem Geschäft aus, weil sie „nur aus der Anschauung , nicht aber aus Verstandesbegriffen gezogen seyn;" vielmehr war ihnen bei allen Verstandesprin- -88 E. Verstand- cipien Gewißheit mathematischer Grundsätze die höchste Regel. Lasset uns also, da man die vorhin gegebnen Axiome, die der menschliche Verstand auS seiner einzigen Kraft, der Anerkennung, außsprach, gern objectiv, d. i. den Gegenständen nach auszudrücken pflegt, auch in dieser Gestalt sie aussprechen, und ihre Identität mit dem vorigen dadurch zeigen: Grundsätze des Verstandes, obsectiv ausgesprochen. i. Kategorie des Seyns. Grunds atz. Was ist, ist: d. i. Das von uns Erkannte, in der Maaße, wie wirs erkennen, müssen wir als erkannt annehmen, d. i. ich muß wissen, daß ich weiß. 2 . Kategorie der E i g en sch a ftc n, Grundsatz. Was einander in einem Dritten ähnlich oder gleich ist, ist einander selbst gleich oder ähnlich. 3 . Kategorie der Kräfte, Grundsatz. Aus nichts wird nichts, oder: Was wird, hat eine Ursache seines Werdens. und Erfahrung. r8g 4 - Kategorie des Maaßes. Grundsatz. Zwei Dinge sind einander entweder gleich, oder kleiner, oder grösser; nach einem gemeinschaftlichen Maas. Unter welchen Grundsätzen dann eine Reihe andrer steht, nachdem diese oder jene Region der Gegenstände ihre Modifieakion fodert. Kein innigeres Vergnügen hat der menschliche Verstand, als wenn er auch in den verflochtensten Objecten dieselben ewigen und festen Grundsätze unsres Versian, des anerkenntlich wiederkommcn stehet; er hat sich sodann, seinen gewissesten Regeln nach, in ihnen selbst gefunden. Anerkannt von ihm heißen sie Axiome; praktisch anwendbar P oftulate; Analogie heißt die Regel deS Verhältnisses m ihnen bei mehreren Gliedern; zwischen welche» A n- ticipation nur als Hypothese statt finden kann, bcwahrbar durch Erfahrung. Daß durch jene von der kritischen Philosophie gegebnen Grundsätze, die nichts weniger, als durch sich klar, mithin nicht u priori sind, keine Erfahrung möglich werde, zeigt ihr Inhalt. Entweder sind sie aus der Erfahrung mangelhaft ausgenommen, und einem Unrechten Ort zugeeignet, oder gehen hinaus über alle Erfahrung. Was hieße es auch: durch einen Grundsatz wird Erfahrung möglich?" Erfahrung muß durch sich selbst gegeben seyn, ein posterius zum priori, die beide ohne einan- 190 I- Verstand und Erfahrung. der nicht statt finden. Der praktische Grundsatz spricht eine mir mögliche Erfahrung aus, weil sie da ist, einem theoretischen Grundsatz in mir gleichförmig. Beide enthalten sie, wie ein Theorem die Demonstration, ein Problem seine Auflösung enthält, in und mit ihnen gegeben. — Gehen wir jetzt zu einem neuen Phantasiespicl, zur „kritischen Widerlegung des Idealismus," über *). *) S. 27h,. 6 . Vom Idealismus und Realismus. -^^a der kritischen Philosophie der Vorwurf der Idealismus gemacht war, schützet sie sich dagegen, indem in der zweiten Auflage sie ihn zweimal widerleget *). Die Beweiskraft dieser Widerlegung soll darin liegen, „daß ich mir meines Daseyns in der Zeit, folglich auch der Bestimmbarkeit desselben in dieser durch innere Erfahrung bewußt bin. Dieses Bewußtseyn meines Daseyns in der Zeit sty mit dem Bewußtseyn eines Verhältnisses ausser mir identisch verbunden; cs sey also Erfahrung und nicht Erdichtung, Sinn und nicht Einbildungskraft, welches das Acußere mit meinem innern Sinn unzertrennlich verknüpft. Nun setze alle Zeitbestimmung etwas Beharrliches in der Wahr- Einleitung S. XXXIX. und S. 2?ß.. f. 192 I. Verstand nehmunq voraus; dies Beharrliche aber könne nicht eine Anschauung in mir seyn. Denn alle Bestim- mungsqründe meines Daseyns, die in mir ange- trrffen werden können, seyn -Vorstellungen, und bedürftn als solche scldst ein von ihnen unter- schicdncS Beharrliches, worauf in Beziehung der Wechsel derselben, mithin mein Daseyn in der Zeit, darin sie wechseln, bestimmt werden könne." — „Das ist ja eben, wird Berkeley sagen, ver- stündlicher ausgcdruckt, meine Meynung. Ei» Beharrliches, der ewige Geist ists, der (Ideen cxistircn nur i n Geist,) alle Ideen, die ihr Dinge nennt, mir >n der Seele vorstellig macht, nach den Regeln, die er sich selbst vorgeschrieben. Die Folge meiner Ideen heißet die Zeit; glaubst du, daß dies Wort, das mir ein Verhaltniß, das Maas der Dauer meiner Vorstellungen bezeichnet, und nur an ihrer Folge entstehet, meine wabre, d. i. idcalische Welt vernichten möge? Die Worte ,,a ußer und in mir identisch verbunden" sind eben mein Gedanke, da meine Vorstellungen nicht außer, sondern in mir sind; die Folge derselben, Succession, ist ein nokhwendiqes Verhaltniß, da der große Beharrende sie in mir nach einem Gesetz der Ordnung erscheinen laßt, in welchem Alles verknüpft ist." Die kritische Philosophie har sich also die Mühe genommen, der Hypothese des feinsten Idealisten ihre Sprache zu leihen, nicht abcr sic zu widerlegen *). Und . *) Bcrkelcy's System ist von wenigen gekannt; noch öfter wirds mißverstanden. Die Hauplschrift, in der cs dargelcgt wird: n spraatisa uoircer- und Erfahrung. r^3 Und was könnte auch die Zeit dem Idealismus anhaben? Jedes tiefere Nachdenken, jede ernstere Beschäftigung, ein Gedankenfpiel sogar entnimmt uns der Zeit, wie dem Raum, und macht uns auf eine Zeit zu Idealisten. Ein lebhafter Traum schaffet sich seine eigne Zeit, in der alles nach einem andern Maas als beim Wachenden verknüpft ist. Kann und darf der Wahnsinnige, oft mit einem fortgchcnden, ihm unableglichcn Wahn sich sogar eine andre Person, als der er ist, und. Trotz seiner offenen Augen, sich an einem eingebildeten Ort dünken; wie sollte ihn der feine Wecker, die Zeit, mit dem, was um ihn ist, in Harmonie bringen? Da eben ja die Zeit, die tt in sich hat, d. i. die Folge seiner Gedanken, wie eine gehende Uhr ihm diese Harmonisirung untersaget. In starken Unternehmungen und Leidenschaften sind wir alle Idealisten; kein Dichter, insonderheit kein dramatischer Dichter verdient seinen Namen, der uns nicht auf eine Zeit zu Einwohnern seiner Welt, nach seiner, nicht nach unsrer Uhr, machen könnte. Die kritische Philosophie selbst, als eine Folge von Dichtungen, die an der Imagination haften, bat nicht nur dialektische Idealisten gebohren, die, Kraft riinK klio priiioiplss ok Iiuirinn lenowlegäs ist meines Wissens noch nicht übersetzt; in der Uebersetzung (Georg Berkeley's philosophische Werke Th. i. Leipz. 1.781.) sind nur seine Gespräche zwischen Hylas und Philo- nous, die schon übersetzt waren, wiederholet. Herders Marke z.Phil.u.Gesch.XIV, N lUetni'-itii:. I. Verstand >94 des Worts ihres Meisters, fortan Raum und Zeit als Formen ihrer Sinnlichkeit a xriori an sc da rieten, und da die Kategvrieen allein die Möglichkeit aller Erfahrung und alles Denkens enthalten, fortan nicht anders als nach diesen Kategorien erfuhren; sondern sie hat ein noch viel Größeres bewirket. Da nämlich, um eine Sinnenwelt empfinden zu können, sie sich die Möglichkeit derselben selbst erschaffen zu müssen glaubte, ehe und ohne daß man sie empfindet, und um Gegenstände denken zu können, sich die Möglichkeit des Denkens durch Kategorien; und Schemate selbst zubereitet: so hat sie weit mehr als Berkeley gethan; sie hat den Idealismus priori s i r e t. Weil über das Wort Idealismus mancherlei Mißverständnisse vorwalten, so ist eine Erörterung desselben vor allem nöthig. Ueber Idealismus und Realismus *). Der menschliche Verstand, wie wir ihn kennen, spricht sein kurzes Machtwort Ist, (worauf zwischen *) Die.Schrift: David Hu me über den Glaube» ; oder Idealismus und Realismus, ein Gespräch von F. H. Jacobi (Brest. 1787.) war Eine der ersten, die dem Wahnglauben der kritischen Philosophie entgegentrat; sie bedarf keiner Anpreisung, da sie ihren Werth selbst mit sich führet. und Erfahrung. dem Idealismus und Realismus alles ankommt,) in sehr verfchicdnec Energie aus, nach dem Felde von Begriffen, wo ers anwendct. Spricht er vom Seyn, Daseyn, Dauer durch Kraft; so ists ihm ein wesentlicher Begriff; Ist bedeutet ihm dann Existenz, Daseyn, auf sein Selbstbewußt s e y n gegründet. Spricht er von Eigenschaften der Dinge nach Aehnlichkeiten und Unterschieden, so wird sein Ist gelinder; unbekümmert seht er das gegebene Daseyn des Dinges voraus, und redet von dem, was dem Dinge zu kommt, was es an sich traget. Redet er von Ursache und Wirkung, so ändert sich sein Ist in ein „es wird, es geschieh t." Hier ist er, bis er die Wirkung in der Ursache erkennet, bloß ein Bemerker. Wenn endlich von Maas und Größe die Frage ist, verschwindet sein Ist ganz; cs wird das Zeichen -j- — — x: Also ergiebt sich ein Unterschied der Behauptungen des Verstandes nach folgender Tafel: i. Ist des Daseyns, das Daseyn selbst mit Kraft und Dauer, lest, exsistit, 6;t.) 2 . Ist der Eigenschaften. Zukommend, ähnlich, verschieden, (inest, 3 . Ist der Urfacheund Wirkung. Es wird, es geschieht. (fit, HET-ce« , nu^5<.) N 2 I. Verstand 196 4 - Ist des Maaßes st- — — x: Nach diesem Unterschiede lasset uns die Behauptungen von Wirklichkeit der Dinge unterscheiden. I. Anerkennung des Dascyns. 1. Anerkennung des Daseyns meiner selbst. So sonderbar es scheint, so gewiß ist cs, daß deutlich-erkennend (exxlicits, cüsiinate:) der Mensch seiner selbst nicht zuerst, sondern fast zuletzt inne wird. Er hat und gebraucht sich, als ein Gegebenes, der Besitzer ein Besitzthum, ohne über sich, ob und wie er dasei? zu speculiren. Ein Kind spricht von sich in der dritten Personwie cs sich nennen gehört hat; das Ich, das es^nachah- mend ausspricht, scheinet ihm fremde. Ja wenn man einen im Wirken und Leiden graugcwvrdenen Mann mit der Frage anginge: „Bist du auch? weißt du, daß du bist?" so würde ec uns wahrscheinlich Wirkungen seines Daseyns entweder nennen oder zu fühlen geben; übrigens aber scherzhaft-wahr sagen: „mich dünkt es also." Ucbcr dies Dünken, aber gewisse Dünken geht also unser Denken, eigne Existenz betreffend, nicht hinaus. Durch Schlüffe aus meinem Denken, oder daß ich und Erfahrung. l97 „mein transcendentales Bcwußtsey» von dcm Gedankens Ich denke, begleiten lasse," wird uns kein hörerer Grad von Gewißheit, als den uns unser Bewußtseyn gab: denn das „Ich denke" ist selbst nur eine Art meiner Existenz, ein Gedanke, so wie jeder Schluß eine Art des Denkens. Anerkennen sollen wir uns in dem, was wir vermögen; haben sollen wir uns und gebrauchen. Wie alles um uns her, ist der Mensch sich selbst ein Gegebnes; er findet sich im Universum wohin er sich nicht selbst setzte, und findet sich am innigsten als Kraft, als Ursache. Sehr verschieden scheint bei verschiednen Menschen der Grad des Selbstbewußtseyns, in welchem sie sich selbst finden, d. i. anerkennen und innewecden. Nicht durch „innere Anschauung vermittelst der Zeitform a priori" gelangen sie dazu; sondern durch Aufregung ihrer Kraft, durch Weckung von außen. Wie den Neuqebohrncn, sobald er in die Welt tritt, äußere Reize gleichsam bestürmen, und seine Bedürfnisse, innere Reize aus sich drangen, damit er vom Acußern Besitz nehme; wie hiedurch allein, d. i. im Gebrauch seine Sinne und Kräfte sich ihm offenbaren, d. i. ihm zu erkennen geben, daß und wozu er sie habe; so bleibt der Mensch Lebenslang ein solches Kind der Natur, ein Zögling der Schöpfung. Nur durchs Thun werden wir inne, daß wir zu thun vermochten; durch Anwendung unsrer Kräfte erweisen wir uns selbst, daß wir sind, daß wir »ns besitzen und haben. Im freudigsten Gebrauch dieser Vermögen erkennet der Mensch so viel von seinem Da- MILW'SWM...-. seyn, als er es sich selbst erprobte. Daher jene edle Unruhe des Jünglings, wenn was dunkel in ihm schlaft, was er unbewußt und doch bewußt in sich heget, ans Licht will und Gebrauchlos sich ein todtes Eigcnthum dunkel. Durch fremde Beispiele oder durch äußere Umstande geweckt, richtet sein Inneres sich aus, meldet sich an, und verlangt Anwendung. Geschäft und Gefahr wecken den Mann, daß er sich anerkenne, der Gefahr bestehe, und zuletzt das freudige Gefühl habe: „das bin ich, weil ichs erprobte." Man darf also sagen, daß das wirkliche Bewußtscyn vom Dafeyn eines Menschen in seiner erwiesenen, oder zum Erweis sich rüstenden Kraft l e b e; worin auch alle groß- und wohldenkende Völker die wahre Existenz, das Wesenhafte eines Menschen setzten. Er ist, so fern er vermag. Ob wir von unserm Daseyn ein sinnliches Bild, (Phantasma) in uns tragen? thut nichts zur Sache; zu hell vorschimmernd würde ein solches Blendwerk dem Fortstrebendcn sogar hinderlich und schädlich. Der Mensch ist gleichsam nie ganz; seine Existenz Ist Werden. Glaubt er schon geworden zu sepn, so wird er selten mehr; er gehet rückwärts und schwindet. Wie Augen, die ihre eigne Figur vor sich sehen, krank sind, und Menschen, denen ihr sichtbares Idol vorsteht, zu Wahnsinnigen gehören: so ists mit denen, die ihre Geistes- oder Körpergestalt sich zum begleitenden Wahnbildc geschaffen haben. Es müssen nach einer bekannten optischen Erscheinung dichte, dunkle Wolken um uns seyn, wenn unsre Zwittergestalt sichtbar neben uns reitet. Indessen fehlt cs nicht an Ostis, die zu erkennen geben, daß wir von unsrer eignen Existenz ein Idiom in uns tragen; und zwar, sonderbarer Weise, ists oft rin fremdes Bild, das mit der Gestalt, die wir im Spiegel oder Andere an uns gewahr werden, nicht übereinkommt. Woher dies befremdende Ereignis? Es zeigt, daß der Mensch von dem koas er ist, oder vielmehr was er kann und seyn soll, eine Eornprehension in sich trage, die er sich zwar selten oder nie zur ganzen Anerkennung bringt, deren ec nur Theilweise inne wird, die aber demohngeachtet als ein Ganzes, als die Gestalt seiner Anlagen und Kräfte ihm einwohnet *): *) Es sind Beispiele vorhanden, da verbildete Menschen, die zu großen schönen Gestalten bestimmt waren, auch ohne Eitelkeit, dem Bilde dessen, was sie seyn sollten, treu blieben, und ihre gedruckte Form, als ein fremdes Accidens, vergaßen. Sie denken sich als die, die sie seyn sollten. Biele von Menschen angenommene Gebehrden, über die man ohne Verstand spottet, wenn sie zu der Gestalt gehören, die ihr inneres Bewußr- scyn ihnen einbildet, erklären sich hieraus. Jener unschuldige, ich möchte sagen, natürliche Wahn der Mißgebildeten, daß fremde Augen an ihnen nicht sehen, was ihr inneres Auge selbst nicht als ihre Gestalt anerkennt, ist ein Zutrauen zum Verstände ihrer Mitmenschen, der absondern werde, was nicht zu ihnen gehöret, was ihnen ein bößer Dämon, der Zufall, anschob und gleichsam anlog. Alle, dem Körper nach nicht rein und ganz ausgebildete Menschen fühle», was 20 » I. Verstand Die erste Lebensregel ist also: „Anerkenne dich selbst." Werde der Form inne, die in dir liegt, und drücke sie aus. Wie der griechische Künstler das anständig - Eigne des Menschen im reinsten Umriß darstellte, so thue auch du von dir, was du nicht selbst bist; dich selbst erkenne und bilde aus." Ein so glücklich Ausgebildcter erscheint wie ein Gott; er ist, der er seyn soll, sagen wir; ganz'Er, Idee, Seele *). dem Ganzen ihrer Gestalt fehle, worin sie versäumt, oder verbildet wurden, und wollen ihre ächte Gestalt zeigen. Daher so manche Disparaten, z. B. kleiner 'Menschen in Ansehung ihres Benehmens. Ein Gesicht, das sich im Spiegel fremd ansieht, fühlt, es drucke nicht aus, was es ausdrucken möchte, könnte, sollte. Da das weibliche Geschlecht das Bild seiner Sinnlichkeit lebhafter, als wir mit sich trägt, cs sich dieses auch mehr als wir aufhellel und ausbildet: so bemerken wir öfter in ihm als unter uns Gestalten, die sinnlich sich gleichsam ganz erkennen, besitzen und darstellen. Wir sagen: „sie sind ganz, die sie sind, lebendige Seele;" da Gegenthcils der Mann, mit fremdem Gepäck beladen, sich oft lebenslang vergaß, und sich sinnlich fast nie, gewiß nicht immer auch verständig und vernünftig anerkannte. Sich selbst besitzen, in jedem Moment des Lebens besitzen, ist der höchste Lobspruch eines Mannes. „Nimm dich zusammen!" ruft man dem Jünglinge zu; muß und Erfahrung. 20 t 2. Anerkennung dessen, was ich nicht selbst bin. Meinen eignen Körper, so fern ich ihn durch äussere Sinne wahrnchme, betrachte ich als Etwas, das mit 'Allem, was sonst die Sinne mir zeigen, auf Einer Stufe der Unerkennbarkeit stehet. Dies Anerkennen, vom inncrn Gefühl und Bewußtseyn unterschieden, ist bloß sinnlich; vergebliche Mühe ists, es durch transcenden- tale Formen intelligibilislren oder gar prioristren zir wollen. Was eben sinnlich anerkannt werden soll, warum wollten wirs in eine fremde Region der Anerkennung stellen, in der es sein Wesen verlieret? Sinnen gebührt sinnliche Gewißheit; mit dieser ihrer Behörde sind sic nicht nur zufrieden, sondern in ihr ruht ein Universum, das Verstand und Vernunft weder zu ersetzen noch auszu- ' drücken viel weniger zu anticipircn vermögen. Wie aber? worauf ruht die Zuverlässigkeit mehrerer Sinne neben und mit einander, da sie uns die ungleichartigsten Weltseiten zeigen? Würde uns das Problem vorgelegt, wie Farbe, Licht, Gestalt, Figur, Schalk, Geruch, Geschmack und alle tastbaren Eigenschaften der Dinge in einem fühlbaren Wesen zu Einer Gesammt-Ein- bildungskraft verknüpft werden sollten; wir könnten man dem Mann sagen: „fasse dich!" so wich in diesem Augenblick die Männlichkeit von ihm. Regem ei Dominum ballere ckebet, gni ss non b a k> s t. 2i)2 I. Verstand die Frage um so weniger anflösen, als wir im Anerkennen selbst immer ja nur diese verschiedene Fühlbarkeiten gleichsam b u c h sta b i r e n, d. i. trennen und zusammensetzen, um den Sinn der Schöpfung in ganzen Worten, d. i. in Objecten auszusprechcn und zu ordnen. Lasset uns in Proben sehen, wie sich beim Anerkennen des Verschiednen verschiebner Sinne der sich sichernde Verstand nehme. Dem klarsten Sinn, dem Gesicht, trauet er am wenigsten : denn seine Gegenstände, Farben und Umrisse, sind ihm fern. Er hat sich an ihnen oft hintergangen gefunden, d. i. (da kein Sinn hintcrgchen kann,) zum Gebrauch dieses Sinnes, des Auges, werden so feine Regeln erfordert, ohne welche seine an sich höchst richtige Anwendbarkeit leidet, daß der Verstand fast nicht vorsichtig genug seyn kann, durchs Auge zu erkennen und auszusprechcn : „das ist! das ist nicht! so ist es." Da im Gebiet dieses Sinnes der Gegenstand uns nicht nur entfernt ist, sondern auch zwei wo nicht mekr Medien, Luft und Licht, zwischen uns und ihn in die Mitte treten, da unser Auge selbst endlich ein so kunstreiches Organ ist, daß feine feinste Bewegbarkeiten uns noch hinter dem Schleier liegen; wie mancherlei Täuschungen können veranlaßt werden, in welche sich Auge, Medium und Gegenstand thei- len! Krankheiten oder Ermattungen des Organs, Verschiedenheiten der Luft und des Lichts, endlich die Beschaffenheit und Stellung der Gegenstände selbst zeigen »ns eine Menge solcher Täuschungen, deren Ursachen die Physik und Mathematik angiebt, deren Wirkung optische Instrumente wiederholen, deren Effecte die Zeichen- und Mahlerkunst sogar künstlich nachahmt: denn der höchste Effekt dieser Künste beruht auf optischem Truge. Wie ging die Natur also zu Werk, um uns vor Täuschungen dieses Sinnes nicht nur zu sichern, sondern uns auch an diesem scheinbar.-trügendcn Organ sogar eine Regel der Gewißheit für andre Sinne zu geben? Sie gesellete ihm mehrere, die verschiedensten Sinne zu, und nahm ihren Aufseher, den sie gebrauchenden und vereinigenden Verstand, damit fortgehend in ihre Schule. Allenthalben tastet das Kind, gleich als ob es dem Blendwerk des Lichts, der Luft, der Farben und Figuren nicht traucte; es misset mit Fingern, mit Händen, Füßen, gar mit Zunge und' Lippen; sobald cs sich in der Irre merkt, nimmts andre Sinne zu Hülfe. Das tastende Gefühl ist gleichsam die Basis aller Gesichts-Ideen; neben ibm wird das Gehör allenthalben Wecker und Warner. Indem cs auf eine Welt innerer Kräfte aufmerksam macht, die weder das Auge sehen, noch das Gefühl ertasten konnte, rufet es den Verstand auf zur Wache, zur Verglei. chung. Die verschiedensten Vernehmbarkeiten der Natur faßt also unser innerer Sinn deutend zusammen, und er würde stutzen, wenn man ihn fragte: was denn außer diesem Allem, wenn es hinweggethan würde, das sinnliche Ding an sich seyn möchte ? ,,Von allem S i n n l i che n abgezogen, das sinnliche Ding ? würde er antworten ; du träumest. Suchst du etwa das Bild hinter dem Spiegel?" l. Verstand Ganz auf etwas anders führet uns die Natur, als auf Spekulationen hintcrihr; Anerkennung ihrer selbst, d. i. des Eignen jedes Sinnes in ihrer G e sa m m t - D a r s t c l l u ng und Hal- tung ist ihre fortgehende Aufgabe. Vermische diese Formen nicht, ruft sic, bringe kein Ding aus sich selbst, damit es ein andres werde. In dem Verschiedensten, was sich dir darbeut, empfängst du- sinnliche, d. i. wie ein Sinn sie dir geben kann, ein A n a log o n g c i ft ig e r Wahrheit, sofern diese für dich gehöret. Wie weit die Macht menschlicher Sinne reiche, zeigen die Beispiele aller Naturmenschen, ja ganzer Naturnationcn *). Auch der Kunstreiche Liebhaber der Natur gehört zu diesen ; durch Uebung nimmt er in den Gegenständen wahr, was der transccndentale Philosoph mit Raum und Zeit weder ermißt, noch erdenket. Ueber daS Sinnliche hinaus aber will der sinnliche Vegriffnicht; sonst zerstörte e^ sich sind suchte ein Luftbild in fremden Regionen. „Bin ich selbst ein Tkaum, antwortet er ruhig dem Zweifler, so mag, was ich mir aneigne, auch ein Traum scyn, Traum meines Traumes; mein Traum aber ist mir sinnIi che Wahrhe i t." *) S. unter vielen andern D. Mezgers Abhandlung über die körperlichen Vorzüge des Men« schengeschlechts vor Thieren. und Erfahrung. II. Anerkennung der Eigenschaften und Arten der Dinge. Hier sind wir in einer Region, in der dciS Wort Ist sich linder ansspricht. Der Verstand, auf sinnliche Gewißheit bauend, bemerkt bloß und ordnet. Mit je mehrerer Klarheit der Mcrkmahle dies geschieht, je mehr der Sinn nicht bloß zusam- menzahlt oder willkührlich hinzufngt, sondern der Verstand zusammenfaßt, im Eins das Viele, im Vielen das Eins anerkennend, desto glücklicher hat er sein Werk vollendet. Der ordnende Verstand eines Linus, der alle Reiche der Natur nach Merk- mahlen sich gegenwärtig machte, fragte nicht, waS diese Dinge ohn' alle von uns erspahbare Beschaffenheiten wohl an sich seyn möchten? Ihm war eine Frage der Art (das Schlimmste, was man von einer Naturaufgabe sagen kann) außc r na t ü rl i c h. Wenn Anerkennung der Eigenschaften, Gattungen und Arten nicht auf ein bloßes Spiel des Ähnlichen und Unähnlichen, sondern auf die ganze Eon- formation des Dinges, mithin auf eigen- thümliche genetische Art hinausgeht, so entspringt von selbst aus ihr III. Anerkennung des Zusammenhanges zwischen Ursache und Wirkung, welche nicht anders als von Verstandesart sepn kann. Denn da mein Sinn nie siehet, daß etwas wird; (wenn cs ihm da ist, ist- schon gewsr- > l,. -ll - 4- d 2»6 1. ?Verstand den; da Ursache und Wirkung Begriffe sind, nicht tastbare oder sichtliche Gegenstände; da der Verstand aber nur dadurch Verstand ist, daß er nicht etwa nur auf Achnlichkeiten, sondern auf die innere genetische Art der Dinge merket; so trifft er eben hiemit auf seine eigendste Energie, den lebendigen Punkt seiner Wirkung. Denn was heißt verstehen? als wissen wie etwas wird, woraus cs folgt, wohin es leitet. Nur dann verstehe ich im Gange der Natur etwas, wenn ich ihr die Gesetze ihrer Energie, die immer knüpft und auflöset, in der mir gehörigen Modulation ablerne. Je verständiger also ein Mensch ist, desto mehr hat er anerkennenden Sinn des Zusammenhanges zwischen Ursache und W i r- kung; er siehet jene in dieser, diese in jener. Eigenschaften bemerken, Aehnliches und Unähnliches ordnen, ist bloß eine Vorübung zu dem Hauptwerk, genetische Art der Dinge, d. i. ihre Abkunft anzuerkenncn im Werden und Gc- wordenseyn, im Schaffen und Wirken. Nie empfinden wir eine größere Hochachtung für den menschlichen Verstand, als wenn wir, sohne daß er metaphysisch weiß, was Wirkung und Kraft ist), diese seine Macht, das Band zwischen Ursache und Wirkung mit anschauendem Blick, mit gewaltiger Hand ergreifen zu können, in ausgezeichneten Proben bemerken. Wie Götter stehen sie da, diese forschenden Ausleger der Natur, ihre Gehülfen und Mitwirker. „Dies war, dies ist, dies wird seyn" spricht ihr Blick; die Kette der Natur ist in ihren Händen. Mochten sie sich in tausend Fallen, unbe- und Erfahrung. achteter Ncbenumstande wegen, irren und tauschen; die Kraft selbst, in der sie dachten und wirkten, war kein Sclaven-Eindruck träger Gewohnheit, keine Vernünftele! aus Zeit und Raum a xriori, sondern die eigenste Energie unsres Wesens. IV. Anerkennung des Maaßes der Dinge führt jenes Erkenntnis mit sich: denn es war selbst aus dem engsten und schnellestcn Maas entsprungen. Da nun Maas, wie an sich selbst, so auch in seinen Bezeichnungen, der Seele eignes Geschöpf ist, so wird cs auch ihrer bestimmtesten Anerkennung nicht nur fähig, sondern höchstbedürstig, weil es ohne solche Nichts ist. Die von der kritischen Philosophie gegebne „Tafel der Grundsätze des Verstandes." r. „Axi o m e d e r Anschauung. 2 . Anticipationen der Wahrnehmung. 3 . Analogien der Erfahrung. 4 - Postulate des empirischen Denkens überhaupt," ordnet sich hiemit durch sich selbst anders, 2i»8 I. Verstand 1. Es giebt nur Ein Axiom zur Erfahrung: „Du bist. Du bist mit, andern. Nach Art und Graden der Anerkennung werde dessen gewiß; erfahre." Da es hiebei keine A n ti c ip at io n c n ohne Erfahrung geben kann und muß: so suche 2. Analogiccn der Natur, und zwar v.or Allem stehende, d. i. beständige Analogi een an Eigenschaften, Achnlichkciten, Unähnlichkeiten, Geschlechter, Gattungen, Arten, die man endlich Substanz nennet. Merke diese Analog! een in dem rastlos-fortgehenden Strom der Zeit. Sofort führt dieser dich 3 . Auf Analogieen des Wechsels der Dinge, in Ursache und Wirkung. Und da der Zweck des Verstandes Schließen, Handeln ist: so kann er seine wahrgenc-mmcncn Analo- gicen nicht anders, als zu Anticipationcn der Zukunft gebrauchen. 4. Anticipationen sind also nichts als Resultate vergangener Erfahrung. Als solche sprechen sie die Regel des Verstandes, wie zu drei gegebnen Gliedern das vierte Glied des Verhältnisses, also aus: ,,aus jenem kann nur Dieses folgen. Also." Und so stehet die Tafel der sogenannten Grundsätze des reinen Verstandes, die vorher ein unzusammenhangender Sätze war, im System des Verstandes, d. i. in seiner Naturkraft also da: P r a k- und Erfahrung. 2VZ Praktische Grundsätze des erfahrenden Verstandes. Der Energie (Ea u sa l i ta t.) Lege dies Maas an. An andre Postulate zum empirischen Denken überhaupt ist nicht zu gedenken. Nach dieser Zusammenordnung» wie stehets mit dem Idealismus? Er sondert sich selbst in Elasten und Arten. Wie die Natur ihr großes Ge- Herders Werke z.Phil.u.Gesch. XIV. O Axiom zu aller Erfahrung. „Du bist mit Andern. Erfahre." Analogie der 2 . 3 . Analogie der E i g e n sc h a ften. Kra fte. Du stehest Dasselbe» ein Anderes; Du bemerkst wechselnde Kräfte. Suche Analogieen der Ursache Und Wirkung. Suche Analogieen bleibender Art. 4 - A n t i c i p a t i o n e n. Du missest nach dem Maas Der Eontiqui tat, Der Dauer» (Prorensitat,) 210 I. Verstand mahlde uns nicht allenthalben mit gleichem Licht verstellen konnte, und unsre Organisation nicht dazu eingerichtet ist, alles mit gleicher Helle und Lebhaftigkeit sich anzueigncn: so giebt cs verschiedene G c a- de und Arten des Jnnewerdens, mithin auch der Wahrnehmung des Universum. Die erste Elaste der Weltbeschauer, die alles, was ihr vorkommt, für die Sache selbst hält, möchte sich gern R e a l i st e n nennen, da ihr doch eigentlich nur, sofern sie den Sinnen traut, der Name Sensualisten gebühret. Sie bewahret den Fond, (kuncluin) die stehende Gewahrschaft des untersten Grades menschlicher Erkenntniß. Wer seinen Sinnen nicht traut, dünkt ihnen albern; und das mit Recht, mehr nur für die Geschäfte des Lebens, sondern auch gegen jene Vernünftler, die sich den Bestand und Genuß, die Bereitschaft und Baarfchaft des Sinnen-Erwerbs arm und schwach erklügeln oder vielmehr hinwegklügcln. Unrecht aber hatten sie, wenn sie sich der Vergleichung, der Berichtigung und Verstärkung der Sinne widersetzten , und z. B. ein Vcrgrößerungs- oder Fernglas verschmähten, weil es ihnen den Mond oder die Milbe nicht mehr, wie diese ibr unbewafneteS Auge sah, zeiget. Will man den Namen verschwenden, so lebt auch diese Elaste von Menschen in einer idealischen, d. i, Phantasie-Welt, in einem Universum sinnlicher Eindrücke , lebhaft empfangener Typen. Sie bewohnet das untere, festeste Gebäude unsrer Erfahrungen, und die Natur hat dafür gesorgt, daß dies nie zertrümmert oder in einen Luftpallast verwandelt werde. und Erfahrun g. 211 Die zweite Elasse bemerkt Eigenschaften der Dinge, Aehnlichkeiten, Arten; sie wohnt in der Region des Gedächtnisses, des Witzes und Scharfsinns. Witz und Scharfsinn spielen mit den Beschaffenheiten der Dinge, wie die Natur selbst spielet; jede Scelenkraft lhuts auf die ihr eigene Art. Die Naturgeschichte sammlet und classisicirt; der Scharfsinn trennet, der Witz verbindet. Jeder schaffet sich dadurch eine eigne Welt in Charakteren, Kennzeichen, Formen; also auch mit dieser Welt eine eigne Sprache. Lasset ihm die Seine, oder berichtigt, bessert sie, aber in seinem, nicht in einem fremden Gebiet; nur dann tadelt ihn, wenn seine Welt erträumt ist, wenn er sich leere Anschauungen und Formen dichtet. Eine dritte Clafse vernünftiger Idealisten bewohnt das Reich der Wirkungen und Kräfte. Naturforscher, die in allen Gestalten die Verwandtschaft und Abkunft der Dinge verfolgen; Philosophen der Geschichte, denen in den Begebenheiten der Welt nur Ursache und Folge vorleuchtet; Menschen, die selbst große Ursachen sind, und nur nach dem umhcrblickcn, worauf oder wodurch oder wiefern sie Wicken mögen; sie leben in einem Ideenreich der Kräfte. Kräfte der Natur und des Verstandes (denn beide sind untrennbar) sind ihr Gegenstand und Werkzeug. Diese Verstandes - und Thatenmän- ner sind zu Einer und derselben Zeit mächtige Idealisten und Realisten; sie wollen und es wird, oder sie sehen, wie etwas geworden sey, werden könne und werde. O 3 212 I. Verstand Die vierte Elasse endlich, die ein geistiges Maas an alles legt, erschaffet im eigentlichsten Sinn sich ihre Welt, ihr Maas, i h r Object und Werkzeug. Sie verdient den Namen der Idealisten im reinsten Verstände. , Vier Welten erscheinen also hier in Einem Ge- mahlde; ihr Licht und ihre Schatten fließen in ein-, ander. Welten der Anerkennung. i. Die sinnliche Welt. Der Sensualist spricht: Dies ist, weil ichs empfinde. Die Welt der Ähnlichkeiten. Dies ist, weil ichS Witz und Scharfsinn sprechen: zusammenfüge, unterscheide. 2 . 3 . Die Welt der Ursachen und Wirkungen. Der Verstand spricht: Dies ist, weil es wird, indem ichs aus Ursachen erkenne und erprobe. 4 - Die Welt der Größen. Der Mathematiker spricht: Dies ist meine Welt, die ich bestimme, messe und zahle. und Erfahrung. 2,3 Dir Sprache jedes philosopbischen'Snstcms zeigt, in welcher Welt von Ideen sie gebildet worden; an den Alten sowohl als am Cartesianismus, Spionismus , an Lcibnitz Philosophie, endlich an Werke ley's Idealismus selbst kann dies gezeigt wcrdm. An Berkelcy' s Idealismus. Denn Unrecht thut man diesem ernsten und feinen Denker, wenn man sein System als eine Neckerei ansieht, oder es gar dem Realismus cntgcgenstellet. Die Ideen, die er, als im beharrenden Geist existirend, seinem Geist vorstellig gemacht annahm, waren ihm die reellsten Ideen , die er, wiederholt, mit der größten Macht und «Wahrheit, leeren Figmenten und Abstractionen der Sprache eben entgegensetzte. Nur dem Undinge, der tobten Materie ist er feind, die als em Todtes wirken und selbst Begrifflos Begriffe geben soll; sie verbannet er als einen Widerspruch aus der Philosophie, und als ein Unding aus der Schöpfung *). Es ist daher ein falscher Begriff vom Berkeley» scheu System, wenn in der kritischen Philosophie gesagt wird: „der zweite, des Bcrkley dogmatischer Idealisim^, der den Raum mit allen den Dingen, welchen er als unabtrennliche Bedingung anhängt, für etwas, was an sich selbst unmöglich sey, und darum auch die Dinge' im Raum für bloße Einbildung erklärt." Kritik der r. Bern. S. L7h. So viel Worte, so. viel Aufbürdungen, dem Berkeleyschen System fremde. 214 I. Verstand Im m a t e r i a l i s m u s also, (wenn man ihm ja einen Namen geben wollte,) sollte Berkeley's System heißen, wie man in England denn auch seine Anhänger ursprünglich Im Materialisten nannte *). Berkeley kam es indessen so wenig in den Sinn, eine Secte zu stiften, daß er vielmehr durch Entkleidung des abstrakten Unwesens aller philosophischen Scctcn diese aushebcn, und die Menschen lediglich zur genaueren Erfahrung zurückführen wollte. Au solchem Zweck schrieb er z. B. seine Theorie des Gesichts, in welcher er dem Ursprünge und Unterschiede unsrer Gesichts-, Gefühls- und Verstandesbegriffe, fein und bestimmt, obgleich nicht ohne einige Fehler, nachspürtc **). Eben aber, wenn man sein System treu hinstellt , hat man Berkeley mit sich selbst verständigt. Indem er annahm und geflissentlich wiederholet, daß diese uns zukommenden reellen Ideen aus dem Grunde unsrer Seele nicht entspringen, auch nicht *) Hs deaains tlis konnäer ok 2 Lect, oalleä tbs Iininatarinlists, li)' tlie koraa ok 2 ver^ anrions liaole on tbat snlijaat; O. Linalriclgs 2ncl inan^ otber eminent persans rvere bis proselzites. Ln^ikt. **) ^en 1^882^ tovvarcls 2 nevv tlieor^ ok vision. Die Schrift verdiente mit seinem trentise con- eerning tbe prineiples ok bnnian kno>vieägs eine Uebersetzung und Erörterung: denn insonderheit ist er mit seinen mathematischen Einreden auf Unrechtem Wege. Er fodert von der Mathematik, was nicht ihres Amts ist. und Erfah>'ring. 2,5 willkührlich in unsrer Gewalt sind, sondern von einem andern Geist, d. i. von Kräften der Natur, (die todte Materie dabei ganz vergessen) uns ein gewirkt, eingedrückt, cingepflanzt werden, oder wie sie uns sonst zukommen mögen: so räumte er damit die ganze Sinncnwelt völlig ein. ,,Warum also, darf man zu diesem Menschenfreundlichen Denker *) sagen, warum machest du dir die Sprache selbst unbehülflich, und willst deine wahren Bemerkungen und Unterschiede auf ein gezwungenes Paradoxon baun? Gern geben wir dir zu, daß Ideen und Empfindungen nur in uns sind und seyn können, daß z. B. die Tafel der Gefichtsgcgenstande dem Neu- oder Blindgebohrnen, wenn diesem sein Sinn eröfnet wird, als eine colorirte Lichkflache unmittelbar auf seinem Auge liege: Erfahrungen haben dies bestätigt. Von Kindheit auf aber haben wir diese Flache von uns gesondert, und vermittelst mehrerer Sinne die Welt um uns geweitet. Wir schufen uns die Begriffe und Maaße vom Raum, von Größe, Gestalt, Bewegung, Entfernung, deren Ursprünge und Verhältnissen du selbst so fleißig nachforschest; dadurch ward die auf uns liegende Fläche ein ertastetsichtbares, ein in Ordnung gestelltes, meßbares oder ermessenes Gemählde, dessen Bezeichnungen, wenn gleich nicht immer genau, doch aber verständlich und andeutend unsre Sprache ausdrückt. Diese enthält den Schatz von tausend Erfahrungen, die du selbst schätzest, indem du jede Idee, die wir Gegenstand *) l'c» Lerleols^ ever^ virtae rmäsr IiLLv'n. ? o p e. 2lt> I. Verstand nennen, als eine Complication von Ideen voll Eigenschaften und Meßbarkeiten bewunderst; warum willst du uns in den ersten Augenblick unsrer ungeübten Kindheit und die ganze gelichtete Schöpfung als eine Helle Flache in uns zurückwerfen? Das willst du nicht; nütze also den Reichthum crworbner Erfahrungen; bessere ihre Bezeichnungen, zerstöre sie aber- nicht. Mit deinem ersten Satz, daß alle diese Ideen uns unwillkührüch zukommen, (wie und von wem sic uns zukommen mögen,) hast du die ganze Welt außer dir gesetzt, gegeben." Dies ist also auch der Grund, der allen Idealismus, (wenn ein solcher Zweifeltraum je in eines Menschen Seele kam) von Grundaus aufhebt. Nicht der Begriff e-ines Zeirmaaßcs ists, der den Träumenden aufweckr, sondern der seinem Selbstbcwußt- sepn einwohnende Begriff von U r sa c h e und Wirkung. Wissen muß er, der Ideals, durch sich selbst wissen, daß nicht alle Ideen aus dem Grunde seiner Seele entspringen, sondern daß ihm andre in Reih und Ordnung, nach Gesetzen, in stehenden oder wechselnden Analogieen zukommen, über welche seine Beacht nicht weiter reicht als sic auszuarbeitcn, festzuhalten, zurückzurufcn, zu trennen und zu verbinden. Wohlan! diese von uns nicht erschaffenen, aber nach Gesetzen uns zukommenden Ideen oder Empfindungen nennen wir die Welt unsrer Sinne, die-äußere Welt; der Idealist selbst nennet sic also, indem er sie von andern eigenmächtig aus sich entsprossenen Ideen unterscheidet. Sein Paradoxon also ist nichts als Mißanwcndung der Sprache, ein unbehülflicher Idiotismus und und Erfahrung. Sl/ Solocismus. Wir können ihn seinem Liebhaber lassen, wenn dieser nur freundlich ist, imd uns un- sern Ausdruck läßt. „Bin ich, Vorstellung in dir, so mußt auch du Vorstellung in mir sc»n wollen; wir laden einander, jeder in seine Welt, als Gaste. Sei ein anmuthiger Gast in mir, kein Unhold, und ich lasse dir deine Familiensprache." Fährt aber, Nie in Swifts Mährchcn, Bruder Peter ungeberdig fort, dem andern seine Sprache a u fz u z w i nge n, und sie für die allein wahre, einzig-philosophische Sprache der Welt zu erklären, sogar daß er seinen Idealismus in den ausschließend- grobstcn Egoismus verwandelt: „ich schaffe die Welt: denn ich habe den menschlichen Verstand, mit ihm die ganze Sinnlichkeit geschaffen; da, stehe die Formen. Ohne mich wäre keine Natur: denn ich gebe der Natur Gesetz und Ordnung!" so gehe man diesem Gott-Vater still aus dem Weg§. Den Namen Idealismus verdient sein Wahn nicht, da er weder wahre Ideen giebt, noch eine Kritik über sie zulaßt; leere Anschauungen, Inhaltlose Formen und Schcmate, kurz Letternphantasmen giebt er, und so kann sein Wahn, wenn er einen Namen haben soll, nicht anders als Lette rnp h a n tas- mus heißen. Es gab einen Mann in unserm Jahrhundert, der mit Engeln und Geistern sprach, und durch welchen mittelst seiner Organe Engel sahen, Geister fühlten und sprachen, Schw ed e n b o r g; wir erfuhren aber aus seinen himmlischen Geheimnissen, (araana ccmlnstia) auS allen seinen Gesprächen, die er mit Geistern hielt, nichts als was Schwedenborz 2rsi I. Verstand und Erfahrung. mit sich selbst sprechen konnte und mußte, indem er sich diesen oder jenen Geist nach seinen Begriffen und Vorurtheilen imaqinirce. So erfabren wir vom kritischen Jdealism nichts, als das Resultat der gemeinsten Erfahrung in der verworrensten Abstrac- tionssprache. Materie, Ausdehnung, Form, Raum, Zeit, Synthesis, Schema; alles liegt wie im Knäuel der gemeinen Rede da, unentwickelt oder zum Phantasma u xriori gedichtet. Das Wort Idee hieß bei den Alten sehr viel; das"Wort Idealismus sollte nur die Region der reinsten Ideen bezeichnen. Dann steht es der Realität gewiß nicht entgegen, sondern ist selbst der reichste, der strengeste Realismus. 7 - Dom Dinge an sich, neben und hinter aller Erscheinung. Nebst einem Anhänge von der Amphibolie der Reflexions begriffe. „Der trans cendentalen Doctrin der Urth eilskraft drittes Hauptstück. Vom Grunde der Unterscheidung aller Gegenstände überhaupt in k ll n SIIOIN «ZIIN und Naurus UN." d^achdcm der Verfasser „das Land des reinen Verstandes nicht nur durchreiset, und jeden Theil davon sorgfältig in Augenschein genommen, 220 I. Verst a n d sondern es auch durchmessen, und jedem Dinge auf demselben seine Steile bestimmt hat,"*) bringt er daraus als Resultat seiner Reise die Nachricht, „daß alles, was der Verstand aus sich selbst schöpft, ohne es von der Erfahrung zu borgen, das habe er dennoch zu keinem andern Behuf, als ledigIich zum Erfahrungsgebrauche?" Ein Resultat, das der beschwerlichen noometrischen Reise nicht werth war. Hat der Verstand aus sich geschöpft, ohne von der Erfahrung zu borgen, und konnte, zu kcinem andern Behuf schöpfen, als lediglich zum Erfahrungsgebrauch; so lasset ihm auch aus der Erfahrung schöpfen, und'zu seinem eignen Behuf von sich selbst borgen; beides laust auf Eins hinaus. „Die Grundsätze des reinen Verstandes enthalten nichts als gl.cichsam nur das reine Schema zur möglichen Erfahrung." **) — Grundsätze des Verstandes, ein Schema zur möglichen Erfahrung? Mögliche Erfahrung in einem Schema dem Verstände gleichsam n ti r als Schema angehaftet? doch also daß dies Schema einer künftigen Möglichkeit „sogar der Quell aller Wahrheit sey, dadurch, daß es den Grund der Möglichkeit der Erfahrung, als des Inbegriffs aller Erkenntniß; darin uns Objecte gegeben werden, enthalte?" Entweder sagen diese E l e i c h sa m^ n u r - Sc h e m a t e nicht, oder sie sagen als Grund der Möglichkeit, enthaltend den Inbegriff aller Erkenntniß, etwas sehr Falsches. ') S. ». f> **) S. 206» und Erfahrung. 221 „Wenn der Verstand von allen seinen Grundsätzen, ja von allen seinen Begriffen keinen andern als einen empirischen Gebrauch machen kann: ein Satz, der, wenn er mir Uebeczeugung erkannt werden kann, in wichtige Folgen hinausstcht *); kann keine einzige Kategorie real definirt, d. i. die Möglichkeit , ihres Objects verständlich gemacht werden, ohne daß man sich sofort zu Bedingungen der Sinnlichkeit herablasse, als auf welche als ihre einzige Gegenstände sie folglich eingeschränkt seyn müssen, weil, wenn man diese Bedingung wegnimmt, alle Bedeutung, d. i. Beziehung auss Object wegfallt:'' was sind die Katcgorieen anders als ein aus den Wirkungen des Verstandes an wirklichen Gegenständen abgezogenes Fachwcrk, das man, gereinigt und geordnet, ihm unterlegt, nicht als ein aller Uebung vorhergehendes, ihm eiitgepflanztes Schema, durch welches allein alle seine Kraftaußeruugen, d. i. Er selbst möglich werden. Es wäre ein Schema des Verstandes vor allem Verstände, ein Verstandregister, „unangewandt ohn' alle Bedeutung," d.i. ohn allen Verstand. > „Das wichtige Resultat der transcendentalcn Analytik: daß der Verstand u xriori niemals mehr leisten köryre, als die F 0 r m e ine r m ö g l i ch e n Erfahrung zu a n t i c i p i r e n," **) löset sich also dahin auf, daß er diese Erfahrung so wenig anticipiren k ö n n e als solle, und daß dergleichen vor aller und ohne alle Erfahrung ihm untergelegre *) S, 2Z7. *"») S. 3v3. 223 I. Verstand Formen dunkle Wort-Blendwerke scyn, bei denen wir mit unferm eignen Schatten tändeln. ,,Das Denken ist die Handlung, gegebne Anschauungen auf einen Gegenstand zu beziehen," *) Ohne Denken und ohne Gegenstand gicbts keine Anschauung; und was hieße cs eine Gegenstandlofe Anschauung auf den Gegenstand beziehen? Und wo sind dergleichen Gegenstandlofe Anschauungen uns gegeben? „Die schwer zu vermeidende Täuschung, die hiebei zum Grunde liegt, indem sich Kategorieen ihrem Ursprünge nach nicht auf Sinnlichkeit, wie die An sc h a u u n g s so rm e n Raum und Zeit, gründen, aber doch ihrerseits wiederum nichts als Gedankenformen sind," **) ist eine selbstgemachte Täuschung. Wie cs ohne Gegenstände keine Anschauungsformen gab, so giebt es ohne sie auch keine Gedankcnformen: denn Begriffe des Verstandes, d. i. wahre Gedanken entspringen nur an Gegenständen durch Anerkennung des Verstandes. „Die Zweideutigkeit, die großen Mißverstand veranlassen kann: daß da der Verstand, wenn er einen Gegenstand in einer Beziehung bloß Phänomen on nenNt, er sich zugleich außer dieser Beziehung noch eine Vorstellung von einem Gegenstände an sich selbst macht, und sich daher vorstellt, ec könne sich auch von dergleichen Gegenstände Begriffe machen," ***) rührt gleichfalls aus einem selbstgemachten Mißverstände her: denn der wahre Verstand stellt sich außer der Vorstellung -Hs ») S. 3o4. ") S. 3o5. **») S. 3o6. und Erfahrung. 22 3 des Gegenstandes nichts vor, stellt sich auch nicht vor, daß er dergleichen sich verstellen könne; Begriff und Berstandesvorstellung sind Eins und Dasselbe. Wo ihm die Einbildungskraft ein Neben- und Hinterbild vorgaukelt, treibt ers hinweg, oder löfet es in einen Verstandesbegriff auf. Es ist ein völliges Mißverständlich des Sinnes der alten und Neuern, (Schwärmer ausgenommen) was sich die kritische Philosophie an Nou menen, Phänomenen entgegengesetzt, nicht denkt, sondern dichtet. Phänomenen heißt, was erscheinet; N o u- menon, was sich der Verstand ("L-r) denket. Dies denkt er sich nicht hinter und außer,, sondern an dem Phänomenen; und damit ist die ganze Verwirrung gehoben. Die griechischen Worte bezeichnen beide Begriffe so genau, daß hiebei kein Mißverständnis sepn sollte. Versteht aber die „kritische Philosophie" unter dem Noumenon ganz etwas anders, nämlich: „das Object einer nichtsinnlichen Anschauung in einer besonder» A n s c ha u u ng s a r t, von welcher wir auch die Möglichkeit nicht ein sehen können; ein Etwas überhaupt außer unsrer Sinnlichkeit," *) so schaffe^ sie dies Gespenst sich selbst. Es ist weder ein Vcr- standeswcsen, noch verdient die Anschauungsart, in der es angeschaut werden soll, die intellektuelle zu heißen: denn den Begriff eines „Dinges, welches gar nicht als Gegenstand der Sinne, *) S. Zs?. 1. Verstand 2 sondern als ein Ding an sich selbst gedacht worden soll," kennet bei sinnlichen Gegenständen der Verstand nicht. Die Vorwürfe, die der Leibnitzischen Philosophie über den Gebrauch des Worts „I n te l I ectu a lwe l t" gemacht werden, gehn aus einem ähnlichen Mißverstände hervor *); und die kritisch - i n tc l l ig i b l e Welt, die ,,durch zwei Formen der sinnlichen Anschauung, durch vier Kedankenformcn, welche bleiben, wenn gleich alle Anschauung wegfällt, desgleichen durch problematische Noumenen, d. i. Vorstellungen der Dinge an Pich selbst außer dem Verstände" unsre Sinncnwclt vor aller und ohne alle Erfahrung i n- telligibcl machen soll, verschwindet als ein Phantom, sobald man die g l e i c h sa m - schematischen Worte nur intelligirt, d. i. aus einander liefet. Woher nun entstand das abentheuerliche Miß- verständniß, sich an Noumenen „Vorstellungen ohne Gegenstand, Dinge an sich selbst" zu denken t Der Ursprung liegt klar am Tage. Da unser Verstand nämlich nicht anders als durch Mcrkmahle, die er in Worten fesihalt, den Begriff fassen kann: so hat er die Macht, im erfaßten Begriff wieder ein Merkmahl, Eins in Vielem , sich besonders anerkennbar zu machen, und durch ein Wort festzuhalten. Da dies in der Sprache nun als Begriff, mithin als Sache des Verstandes a u s'g e d r ü ck t werden muß : so nimmt es einen S. 3rr. u. f. einen Namen, wohl gar das Bild einer Personifikation an, und da alle Namen der Sprache in Geschlechter vertheilt sind, kann es nicht anders als durch der, die,das bezeichnet werden. Alle abgezogenen Begriffe also, d. i. die in Begriffen bemerkte und für sich als Begriffe vorgestellte Merkmahle, haben die Gestalt von Gedanken- oder V e c sla n d esw e se n, die sie im rechten Sinne des Worts auch sind, ob sie gleich damit nichts weniger als Vorstellungen ohne Gegenstand, Dinge an sich selbst werden. Nicht a l s Gegenstände, aber a n Gegenständen sind und bleiben sic anerkennbar; je höherer Art und.Ordnung sie sind, an desto mehreren erscheinen sie; wahre Kategorieen endlich, als unsre allgemeinsten Verstandesbegriffe, haben zum Kriterium, daß sie allenthalben erscheinen. Wenn ich z. B. das Taugliche, das Schöne und Anständige in Personen oder Sachen als Begriff abziehe, und in seinen Merkmahlen, mit dem Wort Tugend, Schönheit, Anständigkeit als ein Ver- standeswesen gleichsam constituire: will ich damit Tugend, Schönheit, Anständigkeit als Ding an sich, als einen Gegenstand neben Gegenständen realisirt sehen? In Gegenständen, an Personen sollen sie mir erscheinen. An je mehreren, je öfter und inniger ich sie anerkenne, desto geltender sind sie mir; wahre Kategorieen endlich sind ihrer Natur nach allgeltend. Blendwerke hingegen, Noumeiien als Dinge an sich gedacht, Anticjpationen des Verstandes vor aller Erfahrung, dies sind „G e d a n h e n d i n g e r," die Aristoteles schon d. i. C i c a d e rege; witscher nannte. Herders Werke z.Phil.u.Gesch.XIV. P MtnLrrtr'L» ,,Unmöglich, wird man sagen, kann das Suchen des „Dinges an sich außer und innrer den Gegenständen" aus diesem Teretisma entstanden seyn; es muß einen Grund in der Natur haben." In der Natur unsrer Phantasie gewiß; nicht aber in der Natur unsres Verstandes. Lose z. B. dies Zwiebelgewächs Schale nach Schale auf; du erwartest das „Ding an sich," die wahre Zwiebel, und verlangst vielleicht gar neue Sinne, sie zu betaste», zu beäugen. Würden sic dir; du fvdcrtest neue Sinne, um im neugcfundncn Kern den Kern, den Keim, die Substanz oder wie du es sonst nennen willst, zu finden; und was fändest du an ihr? Kraft, die das Ganze constituirt, die in allen Theilen und Gliedern lebt, läßt sich wed-cr betasten, noch beäugen. In ihr können tausend Kräfte zusammenflie- ßen, die sich in tausend Eigenschaften äußern; die organisirende Kraft kannst du weder spalten noch theilen. Wohl aber kannst und sollst du sie in ihren Wirkungen kennen lernen, das Ganze in seinen Theilen als einen Verstandesbcgriff (vosz/.5vsv) zusammenfassen; den Begriff selbst außer dem Phänomenen als ein Phanomenon zu suchen, ist kein usr^«, kein Werk des Verstandes. Sehe man die Dinge der Welt als Worte eines Buches an, in welchem wir den Sinn des unbekannten Urhebers lesen. Kein Knabe wird Einen Buchstaben nach dem andern hinwegthun, und sodann fragen: wie das den Buchstaben entnommene Wort heiße? Kein Knabe wird .aber auch, sobald ec den Sinn des Worts erfaßt hat, diesen Sinn außer und hinter dem Wort, sondern in ihm suchen, und Erfahrung. 227 und mittelst seiner sich zucigncn. Träte irgend eine -Philosophie aus Ueberfeinheit diesem Knaben weit vor, und stünde keinem Dinge, man nenne es Geist, Kraft, Substanz u. f. ein Daseyn zu, falls cs sich im Raum und in der Zeit nicht besonders darstellt, d. i. sich beäugen und ertasten laßt, oder ließe gar das Ding-an sich problematisch hinter dem Spieg'cl; vernichtete sie nicht mit diesem blinden Spiel das Werk des Verstandes selbst, das ^Lvon sn ? Erkennen will der Verstand; nicht sehen und tasten. Eine bloße Phänomenologie , d. i. ein Buchstabircn ohne Sinn ist sein Werk so wenig als sich außer oder hinter den Worten einen Sinn zu dichten, zu welchem man zwar nie kommen könne und werde, der aber, prob- lematisch wenigstens» doch da sei. Wie reiner dachten hierüber Berkeley, Spinoza, Leibnitz. Sie ließen den Sinnen das ihre, aber auch dem Verstände das seine; und verwirrten beide Welten nicht. Das Ding an sich im Raum ertasten zu wollen, ist eben so unverständlich, als die ganze Sinnenwelt durch Raum und Zeit a priori zu formen ; wäre sie daraus geformt, so müßte ja das „Ding an sich," sofern es die Sinnlichkeit betrifft, in diesen Formen ohne weiteres Nachsuchcn erscheinen. Eonstituirte der Verstand mittelst seiner Kategorieen aus innerer Spontaneität die Erfahrung: so wüßte er ja, wie er mit diesem „Dinge" daran wäre: denn er hätte seine Möglichkeit selbst constituirt. Hinweg das Blendwerk! Wenn Etwas ins Reich der Dinge an sich, d. i der Wahrheit gehöret: so ists unser Verstand, oder wir reden im Traum P 2 228 I. Verstand und Erfahrung. Worte des Traumes. Sein »oee^Losn also, d. i. der Sinn, den er an Gegenständen erfaßt, ist ihm das Ding an sich, d. i. Wahrheit. Diesen ersieht und erspähet er am Seyn und Daseyn, an Eigenschaften und Kräften der Gegenstände in ihren Wirkungen; ein Verständliches, das zu ihm, dem Verstände, ein Geistiges, das zu ihm, dem Geiste spricht: denn das Ganze, das sich ein Geist denkt, die Kräfte und Eigenschaften, die er in Wirkungen oder in einer lebendigen Organisation wahrnimmt, sind seiner Art, LN ^««no^Lno^. Banne ich diese hinweg, und will in der Schöpfung nur Zeichen buchstabiren, deren Sinn problematisch anheim gestcllet bliebe, oder will ich den Sinn der Schöpfung ohne Buchstaben, d. i. Objecte, selbst als Buchstab im Raum und in der Zeit erfassen, mithin ohne Krug und Hand und Mund und Zunge das Wasser schöpfen: so weiß ich nicht, was ich will. Ueberfüilt mit Weisheit, suche ich den Strom außer dem Strom, „das Ding an sich," den wahren Wald, hinter den Bäumen. „A n h a n g." ,,Von der Amph ibolie derReflexionsbegriffe, durch die Verwechselung des empirischen Berstandesgebrauchs mit dem transcendentalen." ,,-^^en Zustand des Gemüths, in welchem wir uns zuerst anschicken, um die subjektiven Bedingungen ausfindig zu machen, unter denen wir zu Begriffen gelangen können *), nennet die kritische Philosophie Reflexion, Ueberlegung. Sie nennet ihn so, der gewohnten Bedeutung der Worte zuwider. Denn indem ich überlege, schicke ich mich nicht zuerst dazu an, um Bedingungen ausfindig zu machen, unter denen ich zu Begriffen gelangen könne; sondern ich habe Begriffe oder Gründe, die ich auf der Waage der *) S. Z16. r3c> I. Verstand Vernunft, um zu einem Schluß zu kommen, hin und her lege. Ueberlegung ist eine Handlung der Seele , nicht ein Zustand. Noch weniger ist sie bloß „das Bewußtseyn des Verhältnisses gegebner Vorstellungen zu unfern verschiedenen Erkennt- riißquellen *) , dies Bewußtseyn oder die Erforschung solches Verhältnisses kann zuweilen der Uebcr- legu,ig dienen; nicht aber ist sie diese selbst oder allein, als ob Ueberlegung bloß eine Einschachtelung des Begriffs in eine Topik der Seelenkräfte wäre. Die rra n s cen d en ta l e Ueb erleg una der Kritik ist indeß leider nichts anders, als diese; Einordnung der Begriffe in eine T ranscendental-Topik. Reflexion endlich, diese edle Handlung der Seele, die (ihrem Namen selbst nach) den cm- pfangnen Lichtstrahl wendet, mithin dem Bilde einen neuen Seh Winkel gewahrt; wenn sie Reflexionsbegriffe giebt, so können diese keine andre, als durch Zusammenhaltung mehrerer Ideen entsprungene Resultate, und je schärfer der Winkel ist, in dem sic zusammengesetzt wurden, desto genauere Resultate seyn. Eine Amphibol > e, d. i. ein Umhcrwcrfen derselben, wäre also ein Widerspruch der Handlung selbst, wenn man nicht etwa die rohen M,rlerialien meynt, die hin und hergewvrfen werden, bis der Reflexionsbegriff sich ergebe. Da dieser ganze Abschnitt den gewöhnlichen Sinn der Worte verlaßt, zeigt er selbst wovon er redet, Amphi b o l i e der Worte. *) S. 3,6. und Erfahrung. r3, Denn nun soll transcendentale Ueberlegung „die Vergleichung der Vorstellungen überhaupt mit der Erkenntniß Zusammenhalten, darin sie (die Vergleichung) eingestellt wird, und dadurch unterscheiden, ob sie (die Vorstellungen) als zum reinen Verstände oder zur sinnlichen Anschauung gehörend unter einander verglichen werden *). Und das Ver- hältniß, in welchem d i e Begriffe, in einem Ge- mülhszustande einander gehören können, sollseyn", i. „Die der Einerlei- ^ und Verschiedenheit. Der Einstimmung und des Widerstreits. Des Innern und A e u ß e r n. 4- Des Bestimmbaren und der Bestimmung. (Materie und Form.)" „Die transcendentale Topik enthalt nicht mehr, als die angeführten vier Titel aller Vergleichung und Unterscheidung, die *) S. 3»7. 232 I. Verstand sich dadurch von Kategorieen unterscheiden, daß durch jene (Titel) nicht der Gegenstand nach demjenigen, was seinen Begriff ausmacht, sondern nur die Vergleichung der Vorstellungen, welche vor dem Begriff Won Dingen vorhcrgeht, in aller ihrer Mannigfaltigkeit dargcstellt wird;" *) wodurch die kritische Philosophie dann Einer ihrer Kategorieen, der zweiten, selbst das Urtheil spricht, durch welche nicht „der Gegenstand, nach demjenigen, was seinen Begriff ausmacht," sondern eine Handlung der Seele dargcstellt ward, die ihn setzte, einschrankte, laugnete, und also nach diesem Ausspruch keine Kategorie war. Aber wenn wir nun „alle Vergleichungen der Vorstellungen, welche vor dem Begriff von Dingen vorhergehn," in diesen vierfachigcn Kaffen geräumt hatten, wohin setzen, wir den Kasten? Der Sinn empfindet. Allerdings empfindet er das Einerlei und Werschiedne, das Einstimmige und Streitige, das Innere und Aeußere, endlich auch, (die feineren Sinne wenigstens,) Materie und Form;, immer aber ist nur der innere Sinn, der diese Comparate und Disparate vergleicht, unterscheidet, bestimmt, und daher eben seinen Begriff oder Schluß, das Eine aus Mehreren!, fördert. Dem Thier selbst, wenn cs vergleicht, unterscheidet und Schluß nimmt, schreiben wir ein Analogon des Verstand es oder der Vernunft zu; beim Menschen kann die Handlung des Ueberlegens gewiß keinem andern ») S. 325. und Erfahrung. 233 Vermögen zugehören. Zum ersten menschlichen Begriff, zum Anerkennen und Wiedcrerkennen eines Dinges, zum ersten menschlichen Wort: du bisiS! du bists nicht! gehörte eine Handlung in der sich cille diese Vergleichungen und Unterschiede, des Einerlei- und Ve r sch i e d c n se yn s, der Einstimmung und des Widerstreits als Eoef- sicienten zusammenfanden. Wenn also diese ganze Topik niemanden als dem Verstände zugehört, so muß sie recht geordnet, mit den Kategoriccn zusammcnfallcn; oder diese waren nicht, was sie seyN sollten. Beide Tafeln müssen einander zur Probe dienen. Den VerstandcSbegriffen, z. B. von Daseyn, von Fortdauer, Kraft, halfen die Vergleiche und Unterschiede von Innen und Außen, Jetzt und Dann nebst vielen andern *). Sie bezeichnen Zustande und Lage n des Dascycndcn, Daurenden. (sitrw und nroinsi) Daß sie nicht n xriori, sondern an wirklichen gemeinen Dingen entstanden sind, beweiset ihre Etymologie selbst. (Hör ne Took in seinen en-s« hat den Beweis in der englischen Sprache gcführet, der in der unscrn noch augenscheinlicher gemacht werden körMre.) Frage ich: „Was ist die Sache?" so antwortete der Verstand: Dasselbe oder Ein andres. Ward K r a ft gesetzt, so entstand Vergleichung verschiedener zusammen-, durch-, gegeneinander-wirkender Kräfte, *) A. B. Oben, Unten, Neben, Bei, Durch, Bor, Nach u. f. I. Verstand 2Z4 mithin nicht nur Einstimmung und Widerstreit, sondern auch durch Beide ein Drittes, F o r t w i r k u n g. Maas endlich konnte nicht anders als durch V e r h ä l t ni ß - B esti m m u n g des Unbestimmten erlangt werden, und so ordnet sich nicht nur, sondern berichtigt sich auch diese To- pik der Begriffe , die, weil ihr Inhalt ganz dem Verstände zugehöret, nichts anders als eine Hülfs.tafel, d. i. ein Verzeichniß der Erfordernisse (reyiiisitorriiii) und Th eil operativ neu gicbt, durch jene Eine Verstandeskcaft zu ihren Begriffen gelangte. Als eine Rückseite ordnet sie sich zu den Karegorieen also: i. Seyn, Innen und Außen, Vor und Nach. Durch. 2 . Eigenschaften. Dasselbe; Ein Andre s. Art. 3 . , Kräfte. Wider-, In u, Mit einander Fortwirkend. 4 - Maas. Besti mmung des Unbestimmten. Fortwährend - bestimmbar. Nicht anders, als also haben sich diese HülfS- begriffe der Einen großen Berstandesoperation auch in die Sprache eingeführet. Als Präpositionen und Erfahrung. 23 ., und Adverbien, oder als Pronomina, Endungen, Adjective stehen sie, den Hauptwörtern zur Seite, vor und nach; sie fördern, erleichtern, binden den Verstand der Rede, allenthalben zeigend was sie sind, Coefficienten des Hauptbegriffs, He l fe r. Damit zeigen sie sogleich, wozu sie da sind? Nicht die Sinnen - und Verstandeswelt zu unterscheiden, die sie viel eher verwirren würden, weil in beiden das Vor und Nach, das I innen und Außen, Dasselbe' und Ein Andres Hülfe leisten muß; sondern weil sie, dem Verstände zugc- hörend, ihm zu Bestimmung seiner Begriffe helfen. Zustande sollen das Seyn, das Einerlei und ein Andres sollen die Art, Harmonie und Widerstreit sollen die Kraft, Verhältnisse selbst das Maas bestimmen, so daß mit dieser Sprach - und Sachähnlichen Deduktion (denn Materie und Form gehören nicht bieder) die ganze akr irische Amphibokie der Re f lex ionsbe griffe und ihre Topi? verschwindet. Wie konnte sie auch nur entstehen, diese A m- phibolie sowohl, als diese Utopik? Das lehrt uns die kritische Kategorieentafcl. Gezeichnet wie sie ist, blieben diese Begriffe nach, die also in einen Anhang gebracht werden mußten, in welchem sie selbst müssige Amphibolieen wurden. Das aber sind sie in der Natur nicht; vielmehr sind folgende Satze unwiderleglich r. Kein Ding lernen wir außer aller Relation kennen; ohne Verhältnisse 236 I. Verstand ist nichts denkbar. Denke dir Etwas (Jchts;) sogleich stehet ihm das Nichts entgegen. Ein Wo? das Außen und Innen, das Ueber und Unter, Zwischen und Neben, Vor und Hinter u. f. ist von ihm untrennbar. Keine Dauer ist ohne Vor, Jetzt und Nach, keine Handlung ohne Anfang , Mittel, Ende; so wie keine Ursache ohne Wirkung, kein Maas ohne — größer und kleiner. 2 . Diese Verhältnisse können nicht von einander gerissen*werden, sondern sind dem Verstände Eins. Wer sich ein Vor ohne Nach, ein xrins ohne ein posterius, Materie ohne Form, Form ohne Materie, ein Innen ohne Außen, ein Außen ohne Innen u. f. denken kann, hat Lust mit Worten zu spielen. Ein sehr übler Gebrauch des Worts N e flex i o n sb e g ri ffe, wenn Ein Verhältniß aus dem andern, wie ein Wiederschein reflectiren soll, da durchaus Eins ohne das Andre nicht stakt fand. 3. Verstandesart ists, diese Verhältnisse untrennbar zu verknüpfen; nur durch diese Verknüpfung erweiset er sich als Verstand. Eben daß er sich als das energische Eins fühlet, das ein Etwas dem Nichts entreißt, das im Wo und Wann das Vor, Neben, Nach, in Ursache und Wirkung das In-, Mit-, Durcheinander, im Maas das -st- — in Theilen das Ganze, das Ganze in Theilen zusammenfaßt, und als Eins denket, nur dadurch empfängt und äußert er Sinn seines Gegenstandes. Nicht willkührliche Synthesis ist dies, sondern 23 / und Erfahrung. t>i, l e b e n d i g e V e r k n ü p f u n g. Form ohne Materie, Materie ohne Form denken, sogenannte Reflexionsbegriffe, wie tobte Waare, aus Kasten in Kasten räumen, heisst den anerkennenden Verstand vernichten. Die innigste Wechselwirkung und Reciprocation dieser Begriffe macht eben ihr Wesen. 4> Alle diese Verhältnisse sind an wirklichen Gegenständen vom menschlichen Verstände, wie wir ihn haben, anerkannt worden; dies zeigt unwiderleglich der Bau der menschlichen Sprache. Bei den meisten Verhaltnißwörtern ists ihrem Ursprünge nach gezeigt, worden; bei andern kann cs gezeigt wilden *). Eben dieser Bau menschlicher Sprache vow *) Ohne die Reihe aller berühmten Etymologisten der morgenländischen, altclassischen und heutigen Völkersprachen herzahlen zu dürfen, will ich über die Verhältnißworte der Englischen Sprache nur Einen, ^olin Ikorne looke, (L7NL« Trapper?'«) anführen. Er ward mit allen ziemlich fertig, bis auf die Wörter in, our, olk, on, ar, von denen er aus Luther sagt: je les äekenckrais aiseineni ckevani 1e ?spe, inais je ne suis coinineni les jnsiilier äevant le Oiable. His explansrion anck et^inolog^ ok rllese vvorcks reg^nire u ckegree ok lenorvleclgs in all rlls sneisnr novrbern langnages, änclgslljll inids appliearion ok rliar Irnnvvleäge, vvliicd I am ver^ kroin assurning. Ohne Anmaßung dieser Kenntniß und Geschicklichkeit halte ich diese Explanation äevrnr ls?axs er äevanr 1« 238 I. Be rsland ihrem Grunde aus vernichtet Grundaus das Spiel- werk eines Gegenstandlosen Verstandes s xriori. Wenn Monboddo sagt, daß jede Art von Ver- hältniß eine reine Vcrstandesidee sey, die nie durch Sinne erfaßt werden kann, (nkbrelisncleä) so hat er Recht und Unrecht; eine reine Vcrstandesidee ist sie, nicht anders — aber« als an Gegenständen erweckt, erfaßt, gebildet * *). 5. Aufdieser wesentl-ichcn Verknü- pfung (nu^trArny) der Verhältnisse, beruhet alle Gewißheit der Grundsätze und Aussprüche des m cnsc hl jeden V erst and,es. Wem Seyn und Richtleyn (Jchts und Nichts) wem Dasselbe und ein Andres gleuchgeltend sind , für den giebts keinen Grundsatz des Widerspruchs und der Identität; er schwebt in einem «den Traume. So wem die Verhaltnißbegriffe des Vor und Nach, des Innen und Außen dergestalt trennbar Diablo nicht nur für möglich, sondern in unsrer Sprache für leicht. Hievon an einem andern Orr. *) Wenn H. Tooke dem guten Monboddo diese Worte so sehr zur Last legt, daß er darüber das Wort Metaphysik selbst für ein nonsenss und alle Systeme derselben, die je in die Welt gebracht sind, für kounclecl 011 tbe grosses! ignoranoo of veorels anä o k tbo n a- inro ob speook erkläret, (rer. x. lcho. 5 >.) so ist das Erste zu viel gesagt, das Letzte ist in manchem Beispiel ohne Zweifel, und Erfahrung. 23 ^ sind, daß er Einen Begriff ohne den andern zu denken vermag, für den giebts keine Regel des anerkennenden Verstandes. Kein Begriff der Kategorien! konnte ohne die lebendige Verknüpfung (cru^.7rAs-e>?) dieser unzerreißbaren Verhältnisse cvn- stituirt werden, deren .Eins das andre setzt oder aufhebt, einschrankt oder erweitert, dergestalt, daß nur im lebendigen Punkt dieser Verknüpfung der Verstand seine Energie äußert. Die getroffene Coinci- Lcnz des Beiderseitigen, oft einander Entgegengesetzten ist der Punkt seiner Wirkung. 6. Wie alle wesentliche Verstände sverhältnisse, so auch Ursache und Wirkung: denn sie sind das wes e ntlicb- s l e V e r h ä I t n i ß. So wenig ich Vor und Rach, Innen und Außen trennen mag; so und noch weniger Ursache und Wirkung. Jene kann es nur in der Möglichkeit seyn, ^uv«o-.s<) wird sie wirklich, (rv 5v5^5<«) so ,stz eben diese Energie, die mein gleichmäßig energischer Verstand anerkennet 'und .sich aneignet. Schwebt das Band zwischen Beiden ihm dunkel vor, so ahnet er nur; er erkennet, sobald er die Verknüpfung lebendig erfaßt, und seiner innern Art gemäß findet *). ') Ahnen ist wie Erkennen ein Geschlechtswort. Es hieß anfangen, anheben, ein Geschlecht anfangen, gebühren. Daher Ahnen, (Vorfahren» Ahnherr, Ahnfrau, ähnlich. Achnlichist, in dem ich das Bild der Abkunft, der Ahnen wieder finde: so ahne ich in der Wirkung die AS»' 240 I. Verstand 7. Eine Philosophie, die dieser Verhältnisse nolhwcndige Verknüpfung trennet, hebt alle Philosophie, ja das Wesen unsres Verstandes selbst auf. Sein Werk ist Anerkennen, wozu ein Inneres und Aeußcres gehört, sogar daß, wenn er über sich selbst denkt, er sich zum,Object machen muß. Räume ich dies Ausser mir weg, also,'daß das Universum nur ein Wicderschein meines Innern werde; so bin ich nicht weiter, als wenn ich mein Inneres für einen Wiederschein des Universums erklärte. Dort wie hier phantasire ich zwar, und mag manches. ausphancasiren; ich verstehe und erkenne aber nicht, sondern dichte, mich daucht. Die'Asymptote kann der Parabel, eine Parallellinie der andern ewig neben anlaufen, ohne daß sic einander erreichen; durchschneidet aber die Linien, schafft einen lebendigen Punkt der Eoincidenz, sogleich entspringen Ne- flexionsbegriffe, aus- und einspringcnde Winkel. Nach ewige» Gesetzen sind sie da, einander bestimmend, wechselswcise in einander wirkend. Lohnt Ursache, in der Ursache die Wirkung, im Jetzt den Abstamm aus der Vergangenheit, die Zukunft. Sehe ich die Verknüpfung deutlich, so erkenneich, was ich geahnet habe; der Traum des' Aehnlichen oder Forlwirkenden wird zur Wahrheit. Ganz ein anderes ists mir dem Wort Ahnden,-d. i. rachen, strafen. (Ob diesem Unterschiede in der kritischen Anthropologie gleich widersprochen worden, so bestehet er doch und ist erweislich.) und Erfahrung. 24 r Lohnt es nach diesen Sätzen noch die kritische Topik mit der Frage zu durchgehen: in welches Fach Verhaltnißbegriffe geräumt werden solle»? ob ins Fach der Einbildungskraft oder des Verstandes? Es lohnet. Giebts eine Grrnzbestimmung zwischen Begriffen der Einbildungskraft und des Verstandes? eine kritische Topik? r. Topik hieß dem Aristoteles ein Fachwerk, in welchem Disputanten zu jeder wahrscheinlichen Materie ihr Material fanden; sein Zweck hatte also mit der Frage: ob gewisse Begriffe dem Verstände, andre der Einbildungskraft zugchö- rcn? oder ob das Umherwerfen derselben in ein fremdes Fachwerk Irrthümcr in der Philosophie, z. E. den L e i b n i tz i an i sm u s gcbohren habe ? *) keine Gemeinschaft. Aber auch hinweggesehcn von Aristoteles und Leib nitz, giebts zwischen Begriffen des Verstandes und der Einbildungskraft eine Grenzbestimmung ? ist sie möglich? 2. Dem alten Spruch: Nichts ist im Verstände, was nicht im Sinn war, kann und muß man seinen Gegenspruch beifügen: bei Menschen gicbt es keinen sinnlr- chen Begriff, an welchem nicht der Verstand Th eil hatte und ihn formte. *) S. Z26. Herders Werke z.Phil.u.Gesch.XlV. Q I. Verstand 242 Sinne gewahren uns ein reiches Material; sobald das Material Begriff werden sollte, mußte der Verstand es begreifen. Den Typus, den zwischen beiden die Einbildungskraft schuf, den das Gedächtnis aufbcwahrte, den die Erinnerung weckt und mancherlei Zufälligkeiten modisiciren, Er war weder Empfindung noch Begriff allein, sondern ein Abdruck beider. 3 . Sogleich erhellet, daß zwischen diesen drei Vermögen mit Worten keine Grenze zu ziehen sey, als ob gewisse Worte, z. B. Ä! aterie, Form; Dasselbe, Ein Andres; von Innen, von Außen Einem derselben ausschlicßend zukamen, und wie in ein Fachwerk dahinein topisirt werden können. Der Sinn z. B. hat seine Materie und Form, sein Innen und Außen wie der Verstand; die Einbildungskraft zwischen beiden mahlt diese Unterschiede sowohl in der Region des Verstandes als der Empfindung aus, und hindert keine am Besitz ihres Eigenthumes. 4. Sichere Gewährleistung hierüber giebt uns das Lrganon aller Verstandes-, Einbildungs- und Sinnenbegriffe, die Sprache. Die feinsten Begriffe des Verstandes kann sie nicht anders', als durch ^Derselbe, ein Andrer;" i n und außer, vor und nach bezeichnen, wie sie die abstraktesten Unterschiede der Naturwirkungen auf kein anderes Gesetz als Harmonie oder Streit, Gegen- und Mitwirkung zurückzuführcn vermag. Durchaus bezeichnen in ihr sinnliche W 0 rte die feinsten Begriffe des Verstandes; so daß nicht welches Wort, sondern in welchem Sinn das Wort dort und hier gebraucht werde, den Ort des Begriffs entscheidet. und Erfahrung. 243 5. Anders nicht, als nach innermcigen- thüm liehen Gesetz kennen die Regionen des Verstandes, der Sinn« und der Einbildungskraft non einander gesondert werden; dies Gesetz ist in jeder Region klar. 1. Der Sinn unterscheidet sinnlich. Mit allen Transcendentalworren werde ich dem Blindge- bohrnen das „Dies und Jenes" der Farben, dem Gehörlosen das ,,Vor und Nach" der Melodie zu geben nicht vermögen. 2. Die Einbildungskraft unterscheidet nach den Medien ihrer beiden Hauptsinne, des Ge- sichls und Gehörs. Wie die Vorstellungen jenes als ein ContinuuM, dieses als eine R c i h e grenzen, so verbindet und trennet die Phantasie solche nach ihrem Gesetz. Bei Vorstellungen im Raum heißt dies Gesetz Eontiguität, bei Ereignissen in der Zeitsolge hat mans Association genannt, weil in dieser, des Unerwarteten und der größern Lebhaftigkeit wegen, die Verbindungen der Vorstellungen mehr aufsiel. Beide Gesetze sind indeß ursprünglich Eins. Sie geben eine Menge Relationen und Rcci- procitaten. 3. Der Verstand bindet und trennt nachdem Gesetz des G r un d e s u n d d e r F 0 lge, der Ur- sache und Wirkung- und schafft sich dadurch sowohl bei sinnlichen Eindrücken, insonderheit des Gefühls, als bei gegebnen Bildern der Einbildungskraft, anerkennend sein Merkmal energisch, Grund des ZusammcnsenNs und der Folge, Zusammenhang der Dinge. Hiernach benennet Ec Materie und Form, Dasselbe und Ein Andres, Streit und Harmonie, Innen und Auße n» Q 2 244 I. Verstand Er bestimmt diese Unterschiede anders, als sic in jenen Regionen bestimmt werden konnten. 4. Vernunft endlich legt ihr Maas an alle, und spricht zum Innen und Außen, zum Vor und Nach nichts anders, als Gleich, Meh r, Minder. Die wahre Topik der Sinnes-Em- pfangnisse, so wie der Phantasieen und achter Verstandesbegriffe, ist also nach dem wesentlichen Prin- cipium der Thätigkeit dieser Vermögen folgende: Topik der Regionen der Sinne, der Einbildungskraft und des Verstandes. 1 . S i n ne n - Em p fa ngn i sse. Jeder Sinn eignet sich aus dem Gegebnen das Eigne seiner Art an. (Dsx 86U8Ulic>nis.) 2. Phantasieen. Sie sind neben, mit und nach einander nach Gesetzen der E 0 ntigui- tat und Association, in Raum und Zeit, nach Maas des Eindrucks. (Dax iiriLAir>Ltic>ni8,) 3 . Verstandesbegr iffe. Sic heben sich über Raum und Zeit, nach dem Gesetz des Grundesund der Folge, der Ursache und Wirkung. Dadurch schaffen sie sich selbst Zusammenhang der Dinge aus innerem G r u n d e> (Dux iwtelisctuo.) und Erfahrung. 2g ä 4 - Vernunft-Ideen, deren Gesetz bald erscheinen wird. Jetzt ruft uns der Name Leibnitz, dessen sogenanntes „intel- lcctuelles System der Welt," durch ein Umherwerfcn vorgeblicher Neflerionsbegriffe zur kindischen Amphibolie gemacht wird *). Ohne Lcibnitzianer zu seyn, d. i. ohne die Hypothesen, mit welchen dieser große Denker den Zusammenhang des Weltalls vorstellig machen zu können glaubte, in jeder von ihm gewählten Einkleidung für auslangend zu halten, dürfen wir seinen Scharfsinn doch dadurch ehren, daß wir ihn verstehen, nicht Mißgestalten. ,,J n Ermangelung einer transcendentalen Topik, und mithin durch die Amphibolie derRc- flerionsbegriffe h intcrgang en, errichtete Leibnitz ein intcllcctuelles System der Welt, oder glaubte vielmehr der Dinge innere Beschaffenheit zu erkennen, indem er alle Gegenstände nur mit dem Verstände und den abgesonderten formalen Begriffen s c i n'e s Denkens verglich." **) Leibnitz? Ihm sollte, weil er diese Blatter einer Transcendental - Utopik nicht gelesen, eine wahrere Topik der Begriffe gefehlt haben? ihm, der in seinem Eommencar über Locke jeden dieser Begriffe nicht nur topisirt, d. i. durch Unterscheidung des Sinnlichen und Unsmnlichen an ihm genau bestimmt und ordnet, sondern, den von Kindheit auf eben die ihm als Lieblingsidec einwohnende Top ix ") S. 236. ) S. 325. I. Verstand 2/, 6 der Begriffe zu seinen kühnsten Hypothesen, zu seinen geistreichsten Aufsätzen veranlaßt? und verführte. Lese man seinen Briefwechsel, seine Entwürfe; To- pik der Begriffe war allenthalben seine Leiterin, sein herrschender Gedanke, Und durch eine Amphibolie der Rcflexionsbe- griffe „hintergangen," hätte er sein System errichtet, weil er „die innere Beschaffenheit der Dinge zu erkennen glaubte?" da er seine Hypothese gerade deßhalb ersann, weil er diese, uns undurchschaubar, als Spiegel voll Gestalten und Verhältnisse des Weltalls, dem Unendlichen allein durch- schaubar, vorstellte? Er hätte jenen Wahn geglaubt, weil er alle Gegenstands „nur mit dem Verstände und den abgesonderten Formen seines Denkens verglich?" Er, der die Körper- und Geisterwelf sogar trennte, weil er die Wirkung Jener auf diese sich nicht verständlich machen konnte, zwischen beiden aber mittelst der bescheidensten Hypothese allenthalben Harmonie nicht nur zum Grunde setzte, sondern wo er konnte, erwies, ,,Lcibnitz verglich alle Dinge bloß durch Begriffe mit einander." *) Lassen sie sich durch etwas anders vergleichen? „Und fand, wie n a t ü r l i c h, keine andre Verschiedenheit als die, durch welche der Verstand seine reinen Begriffe von einander unterscheidet. Die Bedingungen der sinnlichen Anschauung, die ihre eigne Unterschiede bei sich führen, sah er nicht für ursprünglich an; denn die Sinnlichkeit war ihm *) S. 327. und Erfahrung. 247 nur cine verworrene Vorsiellungsart, und kein besonderer Quell der Vorstellungen." Ist sie etwas anderes? daß aber Lcibnitz keinem sinnlichen Gegenstände und der Empfindung desselben, die ihnen ur- prünglich zukommendcn Bedingungen versagte, bezeugt jede seiner Hypothesen. „Erscheinung war ihm die Vorstellung des Dinges an sich selbst, obgleich von der Erkenntnis durch den Verstand, der logischen Form nach, unterschieden, da nämlich jene, bei ihrem gewöhnlichen Mangel der Zergliederung, cine gewisse Vermischung von N c b envorstcllungcn in den Begriff des Dinges zieht, die der Verstand davon abzusondern weiß."*) Wer dies für Lcibnitzens System, dazu in seiner Genese, halt, der suche ferner das problematische Ding an sich hinter dem Spiegel **). Wird man denn nicht aufhörcn, den besonnenes S. 326. ") Leibnktzens wahre Gestalt kennen wenige; ein Schemen ists, den man gewöhnlich ihr unterschiebet. Was mag z. B. Kästner von solchen Unbegriffen denken, die man Leib nitzen beimißt, und von den mathematischen Unbegriffcn, auf welche sich die „kritische Philosophie" zu stützen vermcynct? Wie übel Spinoza in dieser „kritischen Philosophie" verstanden sey, hat Jacobi in seiner Schrift über den Idealismus und Realismus gezeigt. — Doch wer würde von dieser „kritischen Philosophie" verstanden? Jedes fremde System wird von ihr „i n s Bessere gcdeuret," d. i. geködtct. I. Berstend 248 sten Denker, unzweifelhaft einen der größten Meß- künsiler Europa's mit dem Trivialsten zu belehren? Er, der Erfinder einer höhere» Analyse und eines Systems der Dynamik sollte nicht gewußt haben, ,,daß zwei gleiche Kräfte im Widerstreit einander auf- bcben? *) Er hatte seine bekannte Hypothese substantieller Einheiten erfunden, „weil er den Ncflexionsbeqriff des Innen und Außen noch nicht ins rechte Fach der T ra n s c e n d e n ta l- Lopik zu legen gewußt," und unsre Seele wahrscheinlich als die Innenfeike der Windm ü h l e, mit Spiegeln des Universums austapezicrte? „Leibnitz imellectuirte die Erscheinungen, wie Locke die Werstandesbcgriffe nach seinem System der Noogo- n ie insgcsammt se nsi fi c i rte." **). Weder Jenes, noch Dieses, da Locke der erkennenden Natur in uns ausdrücklich ein Reflexionsvermögen zucrkannte, und Leibnitz die Erscheinungen nicht anders als in einer I n t e ll c c t ua l w e l t, wo keine als Vcr- ffandesbegriffe auftreten konnten, intellectuirtc. Der Sinnlichkeit ließ er ihre Phänomene; die körperliche Welt stellte er der geistigen sogar entgegen. Jsts nicht befremdend, daß gerade die feinste Sorgsamkeit des mathematischen Mannes, Begriffe nicht zu verwirren, ein rohes Umherwersen der Begriffe seyn soll? Eben weil er nicht amphiboliflrcn wollte, erfand er seine sondernden, ordnenden Hypothesen."***) H S. -lüg. ") S. 327. ***) Wenn übrigens Lockc's Werk eine Noogo- »i e genannt wird: so muß die kritische Philosophie Noopöie, d. i. die Verstandes- und Erfahrung. -->9 „Meine, (sagt der kritische Philosoph) ist eine intelligible Wett. Ich finde in den Schriften der Neueren einen Gebrauch der Ausdrücke eines awuncki sswsiftilis und IntsIliAittilis, der von dem Sinne der Alten ganz abweicht, und wobei es freilich keine Schwierigkeit hat, aber auch nichts als leere Wortkrämerei angetroffen wird. Nach demselben hat cs einigen beliebt, den Inbegriff der Erscheinungen, sofern er angeschaut wird, die Sinnen weit, sofern aber der Zusammenhang derselben nach allgemeinen Verstandesgesetzen gedacht wird, die Vcrstandeswelt zu nennen. Jntcllectucll oder sensitiv sind nur die Erkenntnisse; was aber nur ein Gegenstand der Einen oder der andern Anschauungsart scyn kann, die Objecte also, muffen intelli- gibcl oder sensibel heißen." * *) — Nenne man sie auch tangibel, audibel, vistbel, phantasibel; sobald du den für die Sinne sensibel» Gegenstand in- teiligirest, so tritt er in die Welt der Verstandesbe- griffe, d. i. die I nt e l le ctu a lw c l t. In ihr können die Gegenstände nicht anders, als nach Verstau d es g c setz e n , welche die Gesetze der Sinncn- welt nicht ausheben, sondern voraussetzcn, mit andern Bcrsiandesbegriffcn verbunden werden. Dadurch wird also, nicht neben, sondern in der Sinnenwelt , ein intsllsctus. Kann man Gegenstände ohne Verstand intelligircn? und wenn fabrik heißen, da eigentlich sie den Verstand durch Wortschemate u priori dichtend sa- briciret, *) S. 3i2. 200 I. Verstand jntelligirte Gegenstände nach keinem allgemeinen Vcrstandesgcsetz intelligirt wurden, sind sie i n- telligibel? So dachten die Alten nicht, ihr rrrurrclus war auch rs-ta-tuc?, d. j ihre verständliche und verstandene Welt war auch eine V c r sta n d csw e l t, uocru.ax. Phantasmen , Transcendentale Formen, aus denen eine Welt nicht gedacht, sondern phantastrt wird, machen sie nicht verständlich. Wenn ich Eine Linie mit einer andern schneide: u k darf ich bei den vier einander gcgcnüberstehenden Winkeln vom Winkel a. aus sc h l i e ß e n d sagen, Er habe die andern intelligibel gemacht, ohne daß man mit gleichem Recht sagen dürfte, durch sie sey jener intelligibel worden. So mit dem prius und posterius; das Eine ist ohne das andre weder g c- geben, noch verständlich. Kehre die Winkel um, so wird das posterius ein prius, wie jede Wissenschaft in reichen Beispielen zeiget.. Der Mann, (Leibnitz) der die Linien ziehend bescheiden sagte: „dies sind ihre Verhältnisse; ich weis nicht, wie Körper- und Gcisterwclt in einander wirken; aber Harmonie ist zwischen ihnen ; die zeige ich euch." Darf ich von dem Manne sagen, er habe beide Welten verwirrt, er habe ä zu u in tellectuiret? Die Philosophie hingegen, die sich s. nennet und spricht: „ich sinne, wie durch mich b>. o. <1. möglich werden? und es für erwiesen hält, daß jene durch und Erfahrung. 20 r sie mittelst transcendentaler Anschauungen möglich worden; sie hat nicht nur die Verstandes-, sondern auch die Sinnenwclt aus sich heraus, u xriori, "zwar nicht intellectuirt, aber schematisch phantasiret, und eben durch diese Phantasie-Schemate den wahren Begriff einer anzucrkennenden Verstandeswelt vernichtet. Wenn also die kritische Philosophie am Schluß dieses Hauptstücks eine Kategorientafel des Nichts giebt, *) „Nicht s als i. Leerer Begrif föhne Gegenstand eris rutionis, 2. 3. Leerer Gegenstand Leere Anschauung eines Begriffs ohne Gegenstand nidril privurivuin. ens iirlUAiriorlurn. 4- Leerer Gegenstand ohne Begriff nilail neAStivum. so mögen wir diese Tafel mit ihrem bisherigen Inhalt also füllen: Kritische Philosophie, r. Reines Denken uxriori ohne Gegenstand und vor allen Gegenständen. Nichts. (kns rationis.) *) S. 3!,.8. 252 I. Verstand und Erfahrung. 2 . Materie ohneForm; Form ohn eM at e ric; Schemate a xriori. Nichts. (nikll xrivativnrn.) 3 . Anschauung des Raums u. derAeit; als reiner Formen der Sinnlichkeit. Nichts. (entia ma^inaria.) 4 - Aus sich selbst schreitende Synthese u priori. Nichts. (niiail neALtivum.) Und so wäre hier zum zweitenmal die Welt sammt der Möglichkeit aller Erfahrung aus Nichts, aber auch durch Nichts und zum Nichts erschaffen worden. II. Vernunft und Sprache Eine Metakritik zur Kritik der reinen Vernunft. Mit einer Zugabe, betreffend ein kritisches Tribunal aller Facuttäten, Regierungen und Geschäfte. Zweiter T h e i l. 1 7 9 9 - 6 . Metakritik der transcendentalen Dialektik. Die transcendentale Dialektik *). e<^)ir treten jetzt dem Heiligthum der reinen Vernunft näher, vor welchem uns über statt eines einladenden Lichts eine „Einleitung vom transcendentalen Schein" fast zurückscheuchet **) „In unsrer Vernunft, als ein menschliches Erkenntnißvermögen betrachtet, liegen Grundregeln und Maximen ihres Gebrauchs, welche *) S. 3hg. **) S. 3hg u. f. Das Wort ist wahrscheinlich au» Lamberts Organum, welcher mathematische Denker davon aber einen würdigem Gebrauch macht. 256 II. Vernunft gänzlich das Ansehen objektiver Grundsätze hoben, und wodurch es geschieht, daß die subjective N o t h w c n d i g k e i t einer gewissen Verknüpfung unsrer Begriffe, zu Gunsten des Verstandes, für eine objective Nochwendigkeit der Bestimmung der Dinge an sich selbst gehalten wird. Eine I llus i o n, die gar nicht zu vermeiden ist. Der transcendentale Schein hört nicht auf, ob man ihn schon aufgedeckt und seine Nichtigkeit durch die transcendentale Kritik deutlich eingcsehen hat. Daß er verschwinde, kann die transcendentale Dialektik nie bewerkstelligen. Denn wir haben es mit einer natürlichen und u n- vermeidlichen Illusion zuthun, die selbst auf subjektiven Grundsätzen beruhet. Es giebt eine natürliche u n d u n v e r m e id- lichc Dialektik der reinen Vernunft, die der menschlichen Vernunft u n h i n t e rtr ei b l i ch anhangt, und selbst, nachdem wir ihr Blendwerk aufgedeckt haben, dennoch nicht aushören wird, ihr vorzugaukeln und sie unablässig in augenblickliche Verirrungen zu stoßen, die jederzeit gehoben zu werden bedürfen." *) — Stehts mit der reinen Vernunft also? Wie kämm Grundsätze und Maximen ihres Gebrauchs, die sie unhintertreiblich anlocken und verführen, in sie? jene natürliche, unvermeidliche Illusion, die sie nie verläßt und verlassen wird? Und was haben wir uns von einer Dialektik zu versprechen, die, indem sie den falschen Schein der 'Vernunftschlüffe sufdecken und ver- *) S. 355. 35ü. und Sprache. 267 verbitten soll, daß er uns nicht betrüge, selbst eine Gauklerin wird, die nie anshort, der Vernunft, dec sie unhnwl-!weiblich anhängt, vorzugaukeln? Die Zu- rechtwetkrin stlbst ist also unser Betrüger! — „Der Verstand mag ein Vermögen der Einheit der Erscheinungen vermittelst der Regeln seyn; die Vernunft ist das Vermögen der Einheit der Ver- standesregeln unter Principien. Ihr reiner Gebrauch ist, zu dem bedingten Erkenntnis! des Verstandes das Unbedingte zu finden, womit die Einheit desselben vollendet wird. Da aber das Bedingte aufs Unbedingte sich nicht beziehet, auch aus demselben verschiedne Sätze entspringen, von denen der reine Verstand nichts weiß, das Unbedingte aber, wenn es wirklich Statt hat, besonders erwogen werden kann nach allen den Bestimmungen , die es von jedem Bedingten unterscheiden , und dadurch Stoff zu manchen synthetischen Sätzen a priori geben muß: so werden die aus diesem obersten Princip der reinen Vernunft cnisprin- gende Grundsätze transcendent seyn, d. i. es wird kein ihm (dem Princip) adäquater empirischer Gebrauch von demselben (Princip der Vernunft) je gemacht werden können. Es (das Princip) wird sich also von allen Grundsätzen des Verstandes ganssich unterscheiden " — Betrügerische Einrichtung der menschlichen Seelenkräsre! Die Vernunft sucht etwas, was sie nicht stndcn kann; sie sucht es in etwas, worin cs nicht liegt; sie sucht es, ohne je einen ihm adäquaten Gebrauch davon machen zu können, und mich es ihrer Natur nach doch suchen, d. i. sich unaufhörlich tauschen. „Ihr Principium unter- Herders Werke z.Phil.u.Gesch. XIV. R ÄLt-rLrr'tiL 253 H. Vernunft scheidet sich von allen -Grundsätzen des Verstandes gänzlich." *) „Ob jener Grundsatz: daß sich die Reibe der Bedingungen, in der Synthesis der Erscheinungen oder auch des Denkens der Dinge überhaupt, bis zum Unbedingten erstrecke, seine objcctive Richtigkeit h a b e vd e r nicht? welche Forderungen daraus auf den empirischen Menschenverstand fließen? oder ob es vielmehr keinen dergleichen o b je c ti v - g ü l ti g e n Vernunftsatz gebe, sondern eine bloß logische Vorschrift, sich, im Aufsteiqen zu immer höheren Bedingungen, der Vollständigkeit derselben zu nahern7 und dadurch die höchste uns mögliche Vernunft-Einheit zu bewirken? ob, sage ich, dieses Bedürfnis der Vernunft durch einen Mißverstand für einen transcendentalen Grundsatz der reinen Vernunft gehalten worden, der eine solche unbeschränkte Vollständigkeit übereilter Weise von der Reihe der Bedingungen in den Gegenständen selbst postulirt u. f., das wird unser Geschäft in der transcendentalen Dialektik seyn: welche wir jetzt aus ihren Quellen, die tief in der menschlichen Vernunft verborgen sind ^entwickeln wollen." **) Ehe wir dieser Entwicklung aus tiefen Quellen beiwohnen, wird cs vergönnet seyn, den Begriff der Vernunft, wie er nicht in der Tiefe des Abgrundes, sondern dem Verstände klar vorliegt, zu entwickeln. Eine fortwährende Tendenz zu unvermeidlichen, unableglichen Fehlern kann ihr constituirendes Principium nicht seyn. *) S. 565. *») S. 365 — 66. und Spruche. 25A Was ist Vernunft? In unserer Spruche kommt dus Wort von Vernehmen, einem genauen Zusummen neh- m e n her, welches letzte dus LZort Vernunft mit seiner Endung ausdrückt *). In andern Sprachen heißt sie Vcrhältniß, Ursache, Rechnung (i'utio, Aog,o?.) Beide Namen drücken ihre "Natur und ihren Gebrauch, aber auch ihren möglichen Mißbrauch aus. Denn nehme ich nicht Alles oder nicht reche zusamm.n, was zusammen genommen werden soll; habe ich entweder nicht alle Data, oder rechne mit ihnen nicht richtig: so ist nach beiden Bezeichnungen der Zweck der Vernunft verfehlet. Sowohl Rechnen als Vernehmen (xwv- cipore-, exurniimrs) setzt einen Zweck voraus: denn Zwecklos sammlet und rechnet niemand. Keinem andern Worte legt man also den Begriff des Brauchbaren, der geschäftigen Anwendung so untrennbar bei, als dem Wort Vernunft. Wirkliche Erfahrungen sollen in ihr zusammengenommen, durchbört, gefaßt seyn; ins Praktische soll sie übergehen und darin angewandt, erprobt werden — das erwartet, das lobt man an der Vernunft. Sobald sie von dieser Rvgel abweicht, heißt sie Unvernunft, Bernünftelci. In der alten Sprache hieß das gerichtliche Vornehmen und Verhör Vornunfi, Ver- *) Die Alte» sagte» auch Vernum ft; welche Endung (Zunft, Ankunft u. f.) immer ein Zusam- menuehmen, oder eine Vollendung bezeichnet. N 2 26t) n. Vernunft nunft *); ein genaues Vernehmen alles dessen,"was gehört werden soll, schließt das Wort Vernunft in sich. Vernunft ziehet ihren Schluß also mit Richter-Strenge. Der erste Satz, den sie setzte, war ein Gesetz; der zweite war That oder Fall, die sie dem Gesetz unterstellt, und darauf einen Schluß fallet. Dieser Schluß heißt Bescheid oder Weisung. Vernunft ist unser höchstes Gericht; von dem Verstände laßt sich an sie, von ihr in Bernunftsachen nicht an den Verstand appelli- ren; denn, um jene zu entscheiden, muß dieser erst selbst Vernunft, d. i. ein strenger Vernetz- mer werden. Sein Amt war, den Richter mit dem, was Er verstanden hatte, zu unterrichten; dann wage und richte dieser. In der Vernunftsprache der Menschen hat also ein Ver nu nftsp ruc h oder Ausspruch Gesetzeskraft; in diesem Gerichtshöfe giebts kein doppeltes Gesetzbuch, d. i. Antionomieen und Gegcnvernünfte. Vernunft (das erkennen alle) ist nur Eine, so wie zwischen zwei Punkten nur Eine gerade Linie statt findet. An dem, was zu lassen oder zu thun ist, d. i. in praktischen Fallen mußte sich Vernunft also zuerst erproben; hier rief Bedürfnis, oft schnelle Noch das Gericht zusammen , daß es vernähme und spräche. In verwickelten Fallen fand Ueberle- gung statt; noch genauer wurde erwogen, die Zunge der Waage oder ein Strich am Balken gab *) Unvernunft hieß die Folter, da man eine Aussage erpreßte. und Sprache. 261 Urtheil, d. i. Ertheilung des Ausschlags So schied man Fälle des Rechts und Unrechts, der Pflicht und Freiheit, des Befuguisses, Zwanges, des Wahren und Falschen durch ein Ist und Ist nicht. Offenbar crgicbt sich hieraus, daß die Vernunft ein a n w c n d e n d - h 0 h e r e r Verstand sey, die Grundsätze beider stehen einander nicht entgegen. Auch der Verstaub erkennet, d. i. er unterscheidet das Wahre vom Falschen durch ei» Merkmal; mittelst dieses spricht er den Namen der Sache bezeichnend aus. Die Vernunft erkennet auch; nur schließend, d. i. beschließend aus vorgelcgtem Grunde. Was Jener kur; aussprach, führt sie mit deutlicher Ursache herbei. Der Verstand hatte diese Ursache auch in sich; aber ec verschweigt sie und spricht in abgekürzten Schlüffen; statt der Gründe nennet ec Resultate. So sind viele Sprüchwörtcc nichts als aus gesammelten Erfahrungen gezogene Urtheile, geprägte Ausdrücke, sowohl der Vernunft als des Verstandes. Der ausführliche Veruunftfchluß ist eine ordnungsmäßige Exposition des Spruchs als eines Gesetzes, angewandt aufs Factum. Was in der einfachen Anerkennung Merkmal, im Urtheil -Prädikat hieß, heißt in ihm Mittelbegriff (irrs- clius tsrrnrrius): dort aber wie hier war der Ur- theils-Actus der Seele Ein und derselbe. Erkcnnt- *) Urtheilen ist ertheilen, nach richtiger Abwägung jedem seinen Lheil geben: Die deutsche Sprache hat prägnante Gerichtsworre; viele davon sind auf den Gebrauch unsrer Seelenträfte trefflich angewandt. 2Ü2 II. Vernunft uißkraft erkennet NN, sie heiße Verstand oder Vernunft, Urkheilskraft oder in praktischen Fällen Gewissen; ihr inneres Principium ist Gins - und dasselbe. Je richtiger und lebhafter also die Vernunft anerkennet, je treffender sic das Factum unter das Gesetz stellt, als ob cs nur für diesen Fall gemacht wäre; desto biederer richtet sie. Nicht auf des Gesetzes weit umfassende Formel kommts an; sondern auf das Dringende derselben zu diesem Fall. Nicht die ganze Welt darf es umgreifen; aber ergreifen muß es den vorliegenden Gegenstand; sonst stehet cs in seiner muffigen Allgemeinheit todk da. Der Gesetzgelcbrte, der aus ungehörigen oder unbestimmten Gesetze» subsumirt, hat unrecht gesprochen, falsch gerichtet. Dies Treffende und Eigentliche jedes Vernunft- ackus drückt unsere Sprache redend aus. Ding nannte sie die Sache, über welche gerichtet ward *). *) Ding heißt H a u s r a t h, Sache, sodann G e- sprach darüber, Factum, bann Sache, Gerichtssache, Gerichts Handlung, Gericht; daher Dingen, B e d i n g e n u. f. Dom rechten Bcrständniß dieser Worte hängt in dem, was man beim Bcrnunftgebrauch bedingt, unbedingt nennt, alles ab. Ueber die Bedeutung und Ableitung dieser Worte s. Wächter, Schiller, Frisch, H a l r aus, Ihre. Der von Adelung bemerkte Doppelsinn des Worts, nach welchem es. die Sache selbst und und Sprache. 263 Zm allgemeinen, d. i. unbedingten Gesetz konnte dies Ding nicht genannt werden, der Kraft nach aber mußte cS darin enthalten seyn, wenn dies Ding, d. i. das Factum darunter gehören sollte. Angcwendet auf diesen Fall, (das Ding, wovon die Rede war) ward der Satz bedingt; und eben daß er sich also bedingen, d> i. hierauf so beziehen ließ, als ob er diesen Fall allein ausdrückte, schloß er und ward des Dinges Spruch, Ausspruch. Die Vernunft findet also keinen Skrupel darin, daß sich gegebne Bedingungen eines gewissen Falls auf etwas Unbedingtes erstrecken, oder (richtiger zu reden) darin erkannt werden mögen; ein so blöder Zweifel hübe nicht nur die Vernunft, sondern jedes Eckenntniß des Verstandes auf. Auch in ihm erkenne ich ein Besonders im Allgemeinen, das Eins im Vielen, ein Bedingtes im Unbedingten. Der gemeine Verstand sicht dies so klar ein, daß er in seinen Vernunfkschlüffen den ersten unbedingten Satz sogar verschweiget; er nennet Ding und Folge; das Unbedingte den allgemeinen Satz, thue der Hörende hinzu, er hat ihn in seiner Seele. Sofort erhellet, daß das eben nicht der größe- ste Mißbrauch der Vernunft sep, wenn sie ini Obecsatz zuviel zusammen nimmt and ihn etwa zu weit, d. i. leer ausbreitet. Kinder thun dies gern und alle die den Kindern gleichen. Sie sprechen die Rede darüber bezeichnet, ist vielen Worten unserer Sprache, die ob - und subjectiv bezeichnen , eigen. 264 II. Vernunft ein All aus, wo sie nur Viel meyncn; das Viele ist nämlich das All ihrer Erfahrung, oder ihres Glaubens. Tagtäglich sprechen wir solche Alls aus, ohne daß wir denken, ob auch Eins derselben ein All fep; unschädlich dem Sinn der Rede. Wir hatten sie auslassen oder einschranken können; der Bezug auf dies Ding bliebe doll) richtig*). Wenn der Naturmensch sagt: „viel, wie der Sand am Meere, wie die Haare meines Hauptes," so will er damit nicht Sand und Haar gezablt baden. Dieser transcendentc Irr sehe in der Vernunfkaus- drücke ist also meistens nur Exergesie oder Pleonasmus. Ich z. B. werde sterben, wenn auch eben nicht alle Menschen gestorben waren; der Dbersatz eines Schlusses, der dies ohne Gewährleistung allgemein ausdrückte, „alle Menschen sinh sterblich; du bist ein Mensch u. f. schadet durch sein All der Folge nicht, indem alle Menschen, die wir kannten, gestorben sind und sterben werden. Dagegen ist zweitens die schlimmere Krankheit der Verminst die, nicht richtig beziehen zu können, das Gesetz vor sich zu haben und in ihm die klare Bedingung des Gegebnen nicht anerkennen zu wollen. Dies Unvermögen heißt lässige Vernunft, Stumpfheit des richterlichen Blicks, Trägheit. — Nach diesen Voraussetzungen werden uns die *) Daher auch die Boransctzung des All bei so vielen Worten: all bereits, allda, also u. f. Der gemeine Verstand spricht immer gern mit vollem Munde. und Sprache. 265 Fehler und Irren der Vernunft Heller als an jenem tauschenden Dämmerlichte erscheinen, in welchem Vernunft ihrer Natur nach ewig -ctrügcn und betrogen werden mußte. * „Der transcendentalen Dialektik Erstes Buch. Von den Begriffen der reinen Vernunft. I. Von den Ideen überhaupt. II. Von den tr a nsc e nd c n ta le n I d e e n. III. System der transcendentalen Ideen." *) „Vcrnunftbegrisse sind geschloffene Begriffe. ,Die Benennung eines Vcrnunftbegriffs zeigt schon vorläufig, daß er sich nicbt innerhalb der Erfahrung wolle beschranken lassen, weil er eine Erkenntnis betrifft, von der jede empirische nur ein Lheil ist, bis dahin zwar keine wirkliche Erfahrung jemals völlig zureicht, aber doch jederzeit dazu gehörig ist." **) Die Benennung eines Vcrnunftbegriffs sagt, daß er sich nicht innerhalb einer einzelnen Erfahrung wolle beschranken lassen, sondern im Gemeinsatz viele Erfahrungen als Verstandcsbegriffe zusammen nehme; sie sagt aber zugleich, daß Vernunft solche zusammen ) S. 566. ") S. 366. u. ft 266 II. Vernunft nehme, um in ihnen ein Eins als D ing zu finden. Aufs Gcrathewohl gehet sie eilso nicht umber, nach Gcmeinsatzen, die sie als Vernunft nicht brauchen könnte; anwendend ziehet sie diese Gemeinsatze vielmehr auf Dinge nieder. Daß Wrnunftbc- griffe übrigens eine Erkenntnis feyn, von der jede empirische nur ein Theil ist, mithin nie ganz übersehen werden kann, paßt auf jeden Vernunft- begriff nicht, sonder» nur auf die sogenannten unendlichen Begriffe in allgemein kategorischen Sätzen, die auch nur da stehn, damit in ihnen ein Besondres anerkannt werde. „Wenn Vernunftbegriffc das Unbedingte enthalten , so betreffen sie etwas, worunter alle Erfahrung gebärt, welches selbst aber niemals ein Gegenstand der Erfahrung ist; etwas, worauf die Vernunft in ihren Schlüssen aus der Erfahrung führt, und wornach sie den Grad ihres empirischen Gebrauchs schätzet und abmifit, (was) n jemals aber ein Glied der empirischen Synthesis ausmacht." *) — Das Unbedingte, das allen Vernunftbegriffen zum Grunde liegt, soll auf ein Bedingtes angewandt werden; dies ist das Amt der Vernunft, außer welchem sie keine Vernunft ist: in feiner größer» Weite stehet das Unbedingte" müßig da, und wird von ihr nicht geachtet. „M c'm s c h, sterblich, der Mensch Casus" sind das Schließende im Begriff, das Wörtlcin All schließet nicht; es gehört aber zur Form der Rede. Der menschliche Verstand *) S. 667, / und Sprache. 267 hat aus Gedanken, Schlüssen und Erfahrung viel zusammen getragen, das er als einen Gemein- satz ausdrückt; unter ihn aber subsumirt die Vernunft, d. i. sie prüft seine Anwendung auf den gegenwärtigen Fall; dicß heißet S ch l u ß. Nicht also leere Ausbreitung und Ausdehnung der Vernunftsatze ist ihr Geschäft; sondern Umschließung, U mschrankung. Jene Vernünfteleien ehrest wir nicht mit dcm Namen conospiiu!; rariomw- nanws*); sie heißen laxe Begriffe, Gemeinorte, und der gesunde Verstand nennt sie noch derber **). Der Algcbraist streicht in feiner Nccl> nung das Müßige weg, das dahin nicht gehöret. „Ideen sollte man nach Plato bloß Vernunftbegriffe nennen; Begriffe aus Nationen, die die Möglichkeit der Erfahrung übersteigen." ***) Bewahre unS Plato's Genius vor Begriffen aus Nationen, die die Möglichkeit aller, auch innerer Erfahrung übersteigen; in den lieblichen Dichtungen seiner Phantasie dachte Plato an solche nicht; seine Ideen waren schaffend, wirkend-. „Ein reiner Vernunftbegriff kann überhaupt durch den Begriff des Unbedingten, sofern er einen Grund der Synthesis des Bedingten enthalt, ..erklärt werden." ff) Damit wird er nicht erklärt, sondern verdunkelt». Gegen unbekannte Frevelthatrn giebt der *) S. 368 . ")W er d sp rüch e, Eselsbrücken, undwexmfie. betrüglich sind Ulfanzerei, ***) S. 370. ff) S. 3 /g. 263 II. Vernunft Gesetzgeber kein Gesetz, noch giebt er cs in der Absicht, daß dadurch der Grund'zu ihnen gelegt werde; diese müssen unter solchen und andern Bedingungen gegeben sc»n, weshalb sic sein unbedingtes Gesetz untersaget. Das Gemeine auf ein Besonderes, das Unbedingte auf ei» Bedingte», Gesetz auf ein Factum anzuwcnden ist das Amt der Vernunft. Die sogenannte Allgemeinheit oder Allheit ihres ersten Satzes bedeutet nichts als eine Totalität im Umfange der Vernunft, die den Satz setzte. - Sie nabm zusammen, was sie hatte, was sie sich dachte; subsumiret aber darunter und umschrankc sich selbst. Von oben herab wird der Grund des Bedingten nicht gegeben; dieses giebt sich selbst und wird dem Unbedingten nur Untergestelle, unterzogen. „So viel Arten des Verhältnisses es giebt, die der Verstand vermittelst der Kategorien sich vorstellt, so vielerlei reine Vecnunftbegriffe wird es auch geben; also *) r. Ein Unbedingtes der kategorischen Synthesis in einem Subject. 2 . Der hypothetischen Synthesis der Glieder einer Reihe. 3. Der disjunktiven Synthesis der Theile zu einem System. „Also alles Verhältnis der Vorstellungen, davon wir uns entweder einen Begriff oder eine Zdcc machen können, dreifach: *) S. 3/2. und Sprache. 269 1. Das Verhaltniß zum Subject. 2. Zum Mannigfaltigen des Objects in der Erscheinung. 3 . Zu allen Dingen überhaupt. „Alle transcendente Ideen also gehören zu drei Elaffen: Classe r enthalt die unbedingte Einheit des denkenden Subjccts; 2. Die absolute Einheit der Reihe der Bedingungen der Erscheinung. 3 . Die absolute Einheit der Bedingungen aller Gegenstände des Denkens überhaupt." Welche dann wiederum auf Psychologie, K 0 smv! 0- g i e und Theologie, und wiederum auf die drei großen Ideen der Metaphysik Gott, Freiheit, U n s t c r b li c h k e i t zurückgcführt, und darnach ferner die Stücke des Buchs eingethcilt werden. Der reine Liebhaber der Vernunft wünscht, daß dies nicht geschehen, daß die Materie nach diesen drei ausgetretenen Streitplatzen nicht vertheilt wäre: denn da, wie die Kritik selbst sagt, die Vernunft alles kategorisiert, worüber der Verstand denket, so erwartete man der Aufschrift nach, statt der drei Winkel des alten Fcchtbvdcns, wo über Seele, Welt und Gott dialektifirt wird, ein System t r a n s c e n d e n t a l e r Ideen nach allen Kategorien und P r ä d i c a m e n te n. So wichtig jene drei Gegenstände in moralischer Rücksicht seyn mögen, so machen sie doch bei weitem das ganze Reich der Vernunftbegriffe nicht aus; am wenigsten sind sie besten natürliche und verhältnismäßige Ein- 27 « II. V e r n unft theilung, wie die zwanZvollc Dcduction derselben selbst zeiget *). Da die dialektischen Vernunftschlüsse gleichfalls nach diesen drei Orten cingetbeilt werden: so bekommen wir drei Classcn vernünftelnder Vecnunft- schlüffe "). 1. „Para l ogi sm c n der reinen Vcr- n un ft." Eine Probe davon über die Seele. 2. „Vier Antinoinieen der reinenVer- nunfr." Ueber die Welt. 3. „Das Ideal der reinen Vernunft, Gott," Gott ist also, der „kritischen Philosophie" zufolge, einer vernünftelnden Vernunft höchstes Operatum. Che wir uns auf diesen Fechtboden dialektischer ParalogiSmen, Antinomieen und eines berausver- nünstelten Ideals wagen, wird die Frage nothwen- dig : „ists denn auch wahr, daß ein solches System von Vernünfkeleien ;u crricht.n, Amt der Vernunft sey?" Ist» wahr, daß sie „nichts anderes zur Absicht habe, als die absolute Totalität der Synthesis auf der Seite der Bedingungen, und daß sie mit der absoluten Vollständigkeit von Seiten des Bedingten nichts zu schaffen habe?" ***) Oder, deutlich gesprochen, ists wahr, daß sich eine Seele, eine *) S. ligo. f. **) S. 3g7- *") S. 3gZ. und Sprache. 271 Welt, einen Gott auszuvernünftcln, ihr Zweck, ihre Lenden; sei)? Wie kommt sie zu allgemeinen Begriffen? hat sie sich diese erdichtet, erträumet? und zu welchem Gebrauch hat sie solche? Vom Ursprünge, Zweck und Gebrauch allges meiner Begriffe in der menschlichen Seele. 1. Wir sind da als Theile der Welt; niemand von uns ist ein isolirtes Weltall. Menschen sind wir, im Leibe einer Mutter empfangen, und als wir in die größere Welt traten, fanden wir uns sogleich mit tausend Banden unsrer Sinne, unsrer Bedürfnisse und Triebe an ein Universum geknüpft, von welchem sich keine speculirendc Vernunft trennen mag. Ohne dies Allgemeine, dem wir angchören, ist nichts in uns anwendbar oder erklärlich ; wir sind nur als Glieder einer großen Kette da, ohne welche so wenig unser Verstand als unsre Vernunft statt fände. Wir epistiren nur als ein Besonderes im Allgemeinen. 2. Dies Allgemeine war vor uns Und wird nach uns se y n; es empfing uns, trägt uns, und bestürmte unS gleichsam mit einem Meer von Welten, d. i. Obiecken. Aus ihm empfingen unsre Sinne, an ihm erwachte unser Verstand; unsre Vernunft kann nichts bearbeiten, als was ihr an Materialien das Universum zuführct. Das Zugesührte kann der Verstand sich nur klar machen, die Vernunft nur lautern; die Möglichkeit 272 II. Vernunft einer Erfahrung des Universum kann sic sich so wenig schaffen, daß sie vielmehr an ihm sich erst als Vernunft , der Verstand als Verstand erkennen lernet. In allen unfern Erkenntnissen geht also ein Allgemeines dem Befondcrn voraus; beide sind mit einander so verknüpft, daß Dies in Jenem nur erkennbar wird, immer nur als das Glied einer Kette zum Ganzen. In einem vor uns stehenden ungeheuren Spiegel nehmen wir mit andern auch uns wahr, und sind dem Universum gleichsam- verhaftet. 3 . Uebersehen wird von uns. dies Allgemeine nicht; aus den dunkeln Empfindungen seiner müssen wir uns Helle und deutliche Begriffe mit Mühe sondern. Den Himmel voll Sterne tdeilen wir also in Sternbilder, in Milchstraßen, in Sternlagen. So zergliedern wir das Licht und die Luft, so Wasser, Gewächse, Körper. Aus einer dunkeln Wolke von Allgemeinem uns das hellere Bild eines Be sondern zu schaffen, ist das Bestreben unsrer Sinne, unsrer Vernunft, unsres Verstandes. 4. In der menschlichen Sprache trat also auch das A l lg e m e i »e d e m Bes 0 ndern v 0 r, obgleich jenes nur an diesem erkannt wurde. Nicht nur der Kürze und Erinnerung halben; der Sache und dem Begriff des Verstandes selbst nach sah man das Eine im Vielen und bauete damit auf eine große Grundlage; man rechnete, indem man benannte, das Bewndre dem Allgemeinen, den Tben! lnm Ganzen zu; nur so bildete sich die menschliche Sprache. Wozu chat man dieses? Nicht etwa nur um wiederum im Einzelnen daS Mehrere, in andern und Sprache. 273 andern Meisen das Ganze anzuerkennen, seine vorigen Erfahrungen zu reihezr und wieder zu finden, kurz im ungeheuren, unübersehbaren Weltall sich eine Welt zu schaffen, die für den menschlichen Gesichtskreis gehörte; sondern weil dieser Actus das Wesen des anerkennenden Verstandes selbst war. Er konnte nicht anders als im Allgemeinen das Besondere, im Besonder» das Allgemeine finden und knüpfen. In ihm selbst wie in der Natur waren und wurden sie Eins. 5. So philosophirte die Vernunft, ehe sie das Wort Philosophie kannte. Nicht über den Kreis aller Erfahrung hinauszulaufen, „um eine absolute Totalität der Synthesis auf der Seite der Bedingungen zu Stande zu bringen," war ihr blinder Zweck; sondern GegcntheilS aus dem unübersehbaren Ganzen des Universum sich einen Theil zu entwölkcn, indem man den dunkeln Begriff von Jenem auf ein Besonders zurückführte, d. i. eine unbestimmt- hingeworfene Zahl von Bedingungen auf ein Bedingtes bestimmt anwandte; dies Bedingte aber wiederum in dem Allgemeinen sah, in welchem es gegeben war, aus welchem man es nicht reißen konnte. Die drei von der „.Kritik" gewählten Begriffe, Seele, Welt, Gott mögen dies zeigen. 6. Der Mensch fand sich im Universum als ein Belebtes. Mancherlei Kräfte sein selbst kamen ihm zur Erfahrung, die er zuerst nach den Gliedern nannte, durch welche sich ihre Wirkung offenbaret. Sein Zwerg feil (Hs":'') , sein Herz, seine Brust waren ihm Seele; sie gaben ihm Gedanken, Herders Werke z.Phil.u.Gesch.XIV. S Trieb, Much; wo sich Leidenschaften offenbarten, war sein ganzes Gemüch zugegen. Die Vernunft thcilte dies Chaos; scheidend die vielnamiaen Glieder der Seele, fübrte sie das unbestimmte Allgemeine auf ein denkendes Subject (^?) zurück, das sie feiner und feiner bestimmte. Ging sie in das Zufeine und zog daraus Schlüffe, die aus dem Gegebnen sich nicht ergaben, so war dies ein Febler nicht der Vernunft, sondern der falschen Vernunftkunst, des dialektischen Mißbrauchs einer gewonnenen Vernunftsprache» Indem man weiter und weiter Merkmale theilte und ihnen die Allgemeinheit lieh, ohne welche der menschliche Verstand nicht prädiciren kann, so entstanden Schatten nach Schatten; man schritt rückwärts, indem man vorwärts zu kommen glaubte. Der wahren Vernunft Amt ist, die Wortspalterin Dialektik zu zahmen, einer Schwätzerin den Mund zu stopfen, indem sie solche rein vernimmt: „was weißt du? was weißt du nicht?" 7. Der Begriff von Welt drang dem Menschen als ein Allgemeines, Unendliches, Unermesse- nes zu; die Vernunft konnte nichts khun, als Vernehmen, Unterscheiden, Ordnen. Dies that sie und wirds khun. Je mehr sie im Allgemeinen einzelne Dinge entnebelt und diese mit andern vergleicht, enlwölkt sie sich ein Universum. Nicht anders als stückweise, in denen ihr vorliegenden Theilen kann dies geschehen; welche Enthüllung sie dann verfolgt und recht oder unrecht auf andre noch unentwölkte Theile verbreitet. 8. Der Begriff von geistigen Kräften im Universum hatte die Menschen so überwältiget, und Sprache. 2^5 daß sie allenthalben in der Natur, wo sie Ueber- macht und ein Unendliches mit Furcht und Schrecken, oder mit Dankbarkeit und Liede inne wurden, ein Göttliches nannten. So ward die Natur mit Gottheiten erfüllt; sie selbst ward Göttin. Die Vernunft trat hinzu, theilend, sondernd, ordnend diese Heere. Sie warf hinweg aus ihnen, was ungöttlich war, und so flohen zuletzt alle jene Gebilde der Phantasie vor dem höchsten Begriff der Vernunft, dem Einen. Nicht damit nur Einer da sey, hatte ihn die Vernunft gesucht: denn wenn sich die Gottheit theilen ließe, warum sollten nicht Mehrere Götter seyn, wie mehrere vernünftige Seelen? Nur weil der Begriff selbst Einheit fordert, entschied sie für ihn aus eben dem Grunde, aus welchem sie die Welt, die Seele Eins nannte. Nicht um ihrem System als einer Pyramide Spitze zu geben, ordnete sie die Begriffe also; sondern weil das auf sie dringende Universum, eine ungeheure Kugel, zu seiner Bestandheit diesen Mittelpunkt soderte und mit sich führte. Wenn sich nachher die falsche Sprachmcisterin, die Klügelei, wie an Alles, so auch an den Begriff von Gott machte, und ihm mancherlei Unbilde anbog: so war und ists Amc der Vernunft, ihn rein zu erhalten und mir strenger Hand das ihm Nicht - Zukommende hinweg zu thun: denn als Spielwerk hat sie ihn nicht ersonnen, will ihn auch nicht als dialektisches Spielwerk gebrauchen. 9. So entstanden diese drei Begriffe, nicht aus einem klügelnden Streben zur unbedingten Ein- S 2 2^6 II. Vernunft heit! denn die höchste Einheit ist allbedingt: in ihr ist alles gegeben; sondern weil ein unbedingtes, d. i. unbestimmtes Allgemeine auf sie drang, in welchem sie Bedingung, d. i. Bestimmung, suchte, und Kraft ihrer Natur suchen mußte. — ro. Doch warum weilen wir bei dreien von der Dialektik mißbrauchten Begriffen, als ob sic die einzigen Ideen der Vernunft wären? Die Tafel der Kategorien liegt vor eins; auf ihr sind die allgemeinen Begriffe, denen die Vernunft nicht entsagen konnte, über welche sie aber auch weder hinaus kann, noch hinaus will, verzeichnet. Seyn, Daseyn, Fortdauer, Kraft drangen allenthalben auf sie; der Verstand bemerkte; sie waget, misset und entscheidet. Eigenschaften der Dinge treten allenthalben hervor; der Verstand bemerkt; sie spricht: „Dasselbe, ein Anders! Dies v e r- geht, jenes bleibet; es ist des Dinges eigentliche Art u. f." Kräfte dringen auf sie, bestehend, gegen - mitwirkend , erwirkende Kräfte ; der Verstand bemerkt; sie . wagt und entscheidet. Ein M a a s, eine Waage ist ihr gegeben; sie tritt in sich zurück und spricht: „ich bin selbst Maas." Aus sich nimmt sie ein solches, um >es an Alles, wo sie es kann, im uncrmeßbaren Weltall zu legen. Dies ist ihr Amt; nicht zu vernünfteln. ii. Der Grund ihrer Verirrungen ist also auch durch sich klar. Eben weil sie im Allgemeinen lebet und wie die Pflanze aus allen Elementen an sich zu ziehen hat, waS für sie gehöret, muß sic auch mit der Pflan-e die ttngemächliehkeitcn des Allgemeinen theilen, Vom Weltall bringt so und Sprache. - r?7 unermessen-Vieles auf sie; in ihrem Werkzeug, der Sprache, kommen ihr Allgemeinheiten vor, die, als ob sie schon geformte richtige Begriffe waren, von der Einbildungskraft in Worte gefaßt, und vom Gebrauch mit einem falschen Ansehen beurkundet sind; trauet sie ihnen, so ist sic betrogen. Ost vermehrt die sogenannte tägliche Erfahrung dies falsche Ansehen; und die trügerische Vcrnunftkunst, eine Meisterin im Betrügen, thut das Ihrige hinzu, wo nicht aus Stolz und Eitelkeit, so aus baa- rer Worttändelei und langer Weile. Was ist dem Menschen leichter als Geschwätz ? und worüber freuet sich dns Kind mehr als über ncugefundene A l l- g e m e i n h e i t e n, d. i. Puppenworte, mit denen es spielet. i2. Von den Zeiten der Griechen an, durch alle Jabrhunderle der Scholastiker hindurch ist also eine Menge Universalien in Gang gebracht, die nicht nur in den Schulen, sondern auch im gemeinen Leben für allgemeine Vernunftbegriffe gelten, da sie doch beim kleinsten näheren Anblick wie Wort- schatten verschwinden. Bei den redseligen Griechen galt Dialektik, d. i. sophistisch-rhetorische Sprachkunst und Logik, oft für Eins; bei den Scholastikern war das Geschäft der Vernunft Worte theilen und disputiren. Kaum hat also die wahre Vernunft einen ärgern Feind als den, der ihr den Mißbrauch ihres eigenen Werkzeugs, d. i. dialektische Spitzfindigkeiten, als einen ihr un- ableglichen Naturfehler und als ihr wesentliches Geschäft anweiset. Er verbeugt und zerknickt die Sprosse durch solche Subtilitäten: denn längst haben alle 278 . II. Vernunft ächte Vernunftlchrer Logik und spitzfündige Dialektik von einander gesondert. r 3 . Die kritische Philosophie also, wenn sie von keinem achten Vcrnunftgebrauch, aber von Dialektik der Vernunft, d. i. von Paralogismen, An- tinomieen und einem vernünftelten Ideal, desto mcbr weiß, hat das Wesen der Vernunft, wie vorher der Sinne und des Verstandes, verkannt, indem sie ihr eine falsche Tendenz als Natur zurechnek. Auf bedingungslose Einheit gehet sie nie hinaus: denn bedingen heißt bestimmen; das Unbedingte will eben sie bedingen, d. i. zum Schluß binden. Dies Unbedingte, d. ist unbestimmt Allgemeine, erdichtete sie sich nicht, es ist ihr in der Natur als etwas, dessen sic sich nicht erwehren kann, gegeben; sie thut das Ihrige, indem sie es sich zur Welt macht, d. i. particula- risirend totalistret. Auch kann sie nicht dafür, daß ihr in der Sprache grob geformte Allgemeinheiten gegeben sind: denn ein menschlicher Verstand in der Kindheit, von Leidenschaften und Phantasie be- -flügelt, nur Er batte diese geformec. Ihr Amt ists zu cntnebeln, (äskrouiilsr) das Falsche hinweg zu tbun, und standhafte Begriffe zu bilden. Alle jene Ausdrücke vom „Haschen nach dem Unbedingten, vom Setzen des Bedingten durchs Unbedingte bedingt und spricht aus nach Erkenntniß. Urtheil der Vernunft über das: ^ „Ich denke." Traten Parthelen vor sie mit dem Satz: „ich denke!" und der Frage: „was folgt da raust'' so weiset sie die Fragenden ab: denn sie ralh- schlaget nicht, sondern richte t. Aus der Erfahrung : „ich denke" kann viel folgen und doch nicht was diese Partheien wünschen. Sie antwortet: „wer bist du denkendes Zehs und was nennest du denken? Bringt euer Gesuch an; ich will vernehmen, und wenn ich ein Gesetz darüber habe, entscheiden; mehr kann ich nicht." Die Partheien sprechen wilde durcheinander: „meine Seele denkt; sie denkt aus eigner Kraft, unaufhörlich. Deshalb ist sie eine Substanz, fortdauernd , unzerstörbar; sie ist immateriell, personell, spirituell, incorruptibel." Sondert euch, spricht die Vernunft: bestimmet, tkeilet! Was nennet ihr Seele, Kraft, Substanz, Materie, Person, Geist, Zerstörung?" Erste Parthei. „Meine Seele ist, wss meinen Leib beseelet. Sich durch alle Glieder erstreckend, wirkt sie unaufhaltsam; und vom Leibe getrennt, bleibt sie noch wirkend: ein geistiges Bild, ein Liiriulaarum. Dies war der Glaube der gesummten alten. Welt, und ist noch Glaube des gemeinen Menschenverstandes. Sie ist mir e r- sckienen." — Wenn sie dir erschienen ist, (sagt die Vernunft,) so glaube deiner Erfahrung; prüfe sie aber vorher, denn lausend Jrrtbümer sind in ibc möglich. Willst du ohne Untersuchung dem Glauben der alten Welt glauben: so nenne dies nicht Product des Menschenverstandes,' sondern der Pbantasie, deren Veranlassung dein Verstand eben untersuchen sott, ehe du glaubest. Weder als einzelne Erfahrung, noch als Phantasie gehört dein Glaube vor meinen Richcstuhl; kein gemeines Gesetz, auch keine Analogie solcher Erscheinungen findet sich im schuf meiner Akten." Zweite Parthei. „Meine Seele ist Kraft; Kraft, die bewegt, empfindet, versteht, denkt, will, wirket: tbatige Selbstkraft, sic daurek " — So lange sie wirkt, gewiß" (antwortet die Vernunft:) wer sagt dir aber, daß sie immer wirke? Nur in Wirkungen erkennet der Verstand die Kraft; ihren Anfang so wenig, als ihr Ende verstehet er; Beides ist ihm nur Anfang und Ende seiner Bemerkung. Da nun mein Maas über jede Dauer lediglich eine Bestimmung im Unbestimmten ist: so begnüge ich mich zu sagen, weder bei dem, was dem Beobachter Entstehen, noch was ihm Vergehen dünkt, kann ein Widerspruch i — o seyn. Auch jenseik seiner Bemerkung geht Dauer ins Unbestimmbare weiter. Wie sie aber in Absicht dieser Kraft fortgehe ? welche Kräfte sich ihr gesellen, sie zu erhalten, zu heben, zu vermehren? dies kann ich dir nicht sagen: denn mein Blick 288 11 . Vernunft erstreckt sich nicht über das innere Reich der Kräfte. Ich habe zu ihnen, so fern sie dem Verstände bemerkbar sind, nur ein vergleichendes Maas. Dritte P a r t h e i. „Meine Seele ist bin Subject, eine Substanz, beharrend, unzerstörbar." Ein Subjcct ist sie, (spricht die Vernunft,) denn wir sprechen von ihr; was Substanz scy, verstehe ich nicht, und vom Zerstören einer Substanz weiß ich gar nichts. Halte dich also, so lange du kannst; brauche jede deiner Kräfte, wirke, lebe. Damit stärkst und hast du dein Leben. Das Nichtstun o giebt keinen Begriff. Dies ist ein Rath, den dir der Richter giebt, kein Unheil. Vierte Parthei. ,,Ein Urthcil federe ich: denn meine Seele ist immateriell, indestruc- tibel." Zu diesem mag der Richter geradehin sagen: schweige und halt dich an das, was den andern gesagt ist; du bringst nichts Neues vor. Aus grobem Baugcrath (Materie) ist deine denkende Natur nicht zusammen gezimmert; wenn du diese, einen todten Klotz, mir vor den Richtstuhl führen willst, mit der Frage: „ob auch der todte Klotz, als solcher, zu denken vermöge?" so ist deine Frage keiner Antwort werth. Ob aber deine denkende Natur keiner Organe zu ihrem Denken bedürfe? kannst du nach dem, was du aus der Erfahrung weißt, mit dem verhaßten Namen Materie nicht wegsprechcn. Nichts, was wir in der Schöpfung kennen, ist unorganisch; in Jedem äußern sich Kräfte nach seiner seiner Art, so wie wir gegcnseits keine Kraft kennen, die anders als durch Mittel, durch grobe oder feinere Werkzeuge wirket. Daß deine Seele zu ihren innersten Verrichtungen der Organe bedürfe, weißt du; was sie ohne Organe thun könne oder sey? weißt du nicht. Ich auch nicht. Fünfte Parthei. „Meine Seele ist Ei n s. länuin, vnicuni, ^ — Die Einheit deines Gedankens beziehet sich nur auf das Zusammengesetzte, das dir von außen vorkommt, (spricht die Vernunft,) da dein Denken und Wollen ein innerer Zustand, ein Bewußtsein ist, das du, ungetheilt und untheilbar, gleichsam auf seiner Spitze wahrnimmst. Eine Zerchei- lung wie mit der Holzart oder der Marmorsage fallet dabei weg; bemerke aber, daß in jedem deiner Gedanken nach feiner Art immer noch ein Eins in Vielem sey; bemerke, daß selbst meine Schlüsse nur aus einem Zusammennehmen des Vielen und seiner Bestimmung zur Einheit werden, daß dein Verstand nur anerkenne, d. i. in und aus Vielem, ein Eins, sein Merkmal finde. Trotze also nicht auf die Einheit oder Unicitat deiner denkenden Natur deßhalb, weil ihre Wirkung so fein ist. Dir sey sie das innigste Eins, das viel Mannigfaltiges in reiner Klarheit mächtig vereine. An die reine höchste Ursach alles Dafeyns halte dich fest, in Dessen Reich geht nichts verloren. So spräche die Vernunft und zeigte hiemit, daß sie ihrer Natur nach Betrug durch falsche Rechnung nicht liebe, noch weniger, daß ein unaufhörlicher Grund der Falschheit in ihr liege. Sie antwortet Hebers Werkez.Phil.u.Gesch.XIV. T nicht mehr,' als worüber sie gefragt wird; andern Gründen würde sie anders antworten. Ihrer Natur nach ist sic nur Vernehmcrin zu richtiger Rechnung. Zugleich ergiebt sich, woher ihr Paralogismen, d. i. Verrechnungen kommen mögen? Das sagt der Name Paralogismus.. Sie verrechnet sich, entweder weil unklare Data ihr vorliegcn, oder aus Ueberei- lung und übler Gewohnheit, oder endlich weil ein geheimes Interesse sie leitet *). Von Kindheit auf empfangen und erweitern wir unsre Gedanken mittelst der Sprache. In diese sind so viel von andern erworbene , oft einseitig gedachte Begriffe unvollkommen geprägt, noch öfter werden sie mißverstanden , unzeitig hervorgerufen, falsch angewendet. Trägt der Verstand nun in zusammengerafften Worten seine Sache vor; ist die Vernunft nicht besonders auf ihrer Hut, jedes Wort abzuhören und den in ihm liegenden Begriff wie ein rechnender Algebraist genau zu bezeichnen; freilich so urtheilet sie falsch, nicht aus Falschheit ihrer innen, Regel, sondern weil aus dem, woraus und worüber sie erkennen sollte, nicht zu erkennen ist, indem cs ihr tauschend oder irrig gegeben, und sie nicht auf ihrer Hut war **). Beispiele davon waren in der vorgelegtefl *) Der Name Diale ktik sagt eben dasselbe. Dialektisch denken heißt hin und her sprechen, endlich gar, aber nur durch Mißbrauch, rabulisiren. ") Bakons Warnungen gegen die Marktgöhen (räola kori), d. i. die falschen oder unbestimmten und Sprache. 291 Probe die Worte: Seele, Geist, Person, Substanz, Materie. Solcher Worte, voll unbestimmter , zum Theil roher Begriffe ist jede, am meisten die von den Scholastikern empfangene metaphysische Sprache voll. Durch hinabgeerbte Sophistereien hangen an einer Menge sogenannt-philosophischer Wörter die unklarsten Vorstellungen; der Lehrling der Schule lernt solche, gewöhnet sich an sie und rechnet mit ihnen weiter. Meistens erfand jeder neue Sektenstifter eine Menge dergleichen dunkler Worte; wie viele z. B. hat die kritische Philosophie erfunden! In leeren Köpfen, die einmal solche Wortschälle gefaßt haben, reverbcriren diese gewaltig. Nicht also die reine, d. i. die wahre Vernunft brütet Paralogismen aus; sondern die höchste unreine, dialektische Zank- und Kathedcrvcrnunft, die auf jedes Wort ein Gegenwort, auf Vernunft «sogar eine Ge- genvernunfc hat. Nicht Richter ist diese, sondern Rabukistin. Wollen wir die wahre Vernunft vorm dialektischen Transcendentalschein bewahren, so müssen wir vor allem die Sprache, die vor sie gebracht wird, mit dem schärfsten Obeliskus läutern. Nichtige Abstraktionen, verworrene Begriffe gehören nicht vor den Richtstuhl der Vernunft; vor ihr rede man verständlich. Die kritische Philosophie, die sich ihre Wortformen dadurch zu sichern geglaubt hat, daß sie der verständlichen Philosophie unter dem Scheltwort „Popularphilosophie" Unfreundlichkeiten sagte, sprach Worte der Philosophie s. äe su^rn. sciLnr, 1, 5 , e. h. und sonst häufig, T 2 292 II. Vernunft und Sprüche. dies ihrem eigenen Zweck zuwider. Denn war dieser, nlle jenseit der Erfahrung gebildete Kaukelcicu weg- zutbun; so muß sie Begriffe des Verstandes in ihrem verständlichen Ausdruck schätzen und ehren *). *) Da die Philosophen unsres Deutschlanbes Jahrhunderte langer, als die Lehrer andrer Völker lateinisch schrieben: so erhielten sich die am Latein haftenden Scheinbegriffe und Speculationen in unfern Schulen, und gingen, weil sie sich nicht übersetzen ließen, in ein lateinisch Deutsch über. Leibnitz, Lhomasius, Wolf, Kästner, Reimarus, Lessing, L i c h t c n b e r g u. a. glaubten nicht, daß die wissenschaftliche eine Hexensprache seyn müsse, die wir als Pa- pageyen lernen. In der Sprache des Lebens nennen wir falsch aufgenommene Begriffe und halbwahre Meynungen Vorurtheile; sinnlosgelernte Morte sind solche; wir nehmen sie auf, gewöhnen uns an sie, und rechnen mir ihnen unbedacht weiter. Das Werk des Verstandes und der Vernunft ist, diese spanischen Schlösser zu zerstören. Von Antinomien der Vernunft/ „Der transcendentalen Dialektik zweites Buch. Zweites Haupt stück. Die Antinomie der reinen Vernunft." *) schrift nicht. Sie, die ihrem Wesen nach Gesetze handhabt und selbst ein Gesetz ist, soll in ihrer Natur ein constituirtcs Gcgengesetz, ein gleich- gegründetes Tribunal ihr widersprechender Regeln, Antinomie haben? Im Recht giebts Antino- wieen, weil verschiedne Gesetzgeber oder Einer zu verschiedener Zeit Gesetze gaben; in unsrer Vernunft aber, wo keine Institutionen und Novellen, kein Lostex rspetitus leetionia statt hat, in ihr eine „Thetik und Antilhetik der reinen Vcr- f^m Gebiet der Vernunft e-wartet man diese Auf- *) S. Ü32. 294 II. Vernunft nun ft," d. i. zwei sich selbst widersprechende reine Vernunft? annebmen, heißt die Vernebmerin zur Zwietracht (Eris) machen und das Amt der Vernunft in eine Streitkunst (E ri stik) verwandeln. „Ganz anders fallt es aus, wenn wir die Vernunft auf die objective Synthesis d er Erscheinungen anwcnden. Hier zeigt sich nämlich ein neues Phänomen der menschliche» Vernunft, nämlich: eine ganz natürliche Antithetik, auf die keiner zu grübeln und künstlich Schlingen zu legen braucht, sondern in welche die Vernunft von selbst und zwar unvermeidlich gerätst und dadurch zwar vor dem Schlummer einer eingebildeten Ucberzeugung, den ein blos einseitiger Sc.hein hervorbringt, verwahrt, aber zugleich in Versuchung gebracht wird, sich entweder einer skepti schen Hoffn u ngs losig keit zu überlassen oder einen dogmatischen Trotz an; unehmen und den Kopf steif auf gewisse Wehauptun gen zu setzen, r>hne den Gründen des Gegcntheils Gehör und Gerechtigkeit wiederfahren zu lassen. Beides ist der Tod der gesunden Philosophie." *) — Und doch stürzt uns in Eins von Beiden die nat ü r l ic h - a n t i n o- mische Beschaffenheit unsrer Vernunft, sobald wir sie auf die objec rive Synthesis der Erscheinungen, d. i. auf alles in der Welt anwenden. Alle unsre Begriffe von Gegenständen sind „Thetik und Antithetik, d. f. antinomische Vcrnünftelei," der wir nur auf Eine *) S. 433. und Sprache. 295 Weise entgehen können, nämlich durch den trans- cendentalen Idealism: „daß alles, was im Raum oder in der Zeit a n g e sc h aue t wird , mithin alle Gegenstände einer uns möglichen Erfahrung nichts als Erscheinungensind, die, so wie sie vorgestellt werden, als ausgedehnte Wesen oder Reihen von Veränderungen , außer unsern Gedanken keine an sich gegründete Existenz haben. Dies ist der einzige Schlüssel zu Auflösung der kosmolv gischen Dialektik, und dieser Satz ist in der cranscendentalen Aesthetik hinreichend bewiesen ," *) — mit welchem auflösenden Schlüssel sich dann alle Spuckerestn u m uns zu Spuckereien in uns verwandeln. Was ist nun durch diesen „Schlüssel aufgelöst t ?" Diesen sogeüannten ,,Lehrbegri ff" zugegeben, wie kommts, daß Erscheinungen so an- kinomischer Art i n uns spucken? Unsrer zu einer immerwährenden Thetik und Antithetik „natürlich" eingerichteten Vernunft wegen? Da liegt, wie er lag, der unausgelösete Knote. Und an kein Buch seines mühsame» Werks scheint der Vers mehrere Mühe gewandt zu haben als an dies ernste Spielwerk. Nachdem er ein sogenanntes „System der kosmologischen Ideen" nach seinen Kategorien in einer Tafel gegeben, wo alles „auf vier" hinauslaust**), giebt er seine „Antithetik der reinen Vernunft" , 1 296 II. Vernu n ft auf Blatt und Gegenblatt mit Beweisen und Gegenbeweisen seiner ,,vier Thesen und Antithesen" auf fünf und dreißig Seiten *), zeigt sodann das „Interesse der Vernunft bei diesem ihrem eignen Widerstreit" auf sieben Blattern **) und eben so ernstlich, „wiefern transccn dentale Aufgaben der reinen Vernunft schlech- -terdings müssen aufgelöset werden können," ***) führt eine „skeptische Vorstellung der kosmolo gischen Fragen durch alle vier transccndentale Ideen" durch -fl, und reicht uns mit magischer Hand „den Schlüssel zur Auflösung, den tran s- cen dentalen I d e a l i s m -f-s) worauf die „kritische Entscheidung des kosmologischen Streits der Vernunft mit sich selbst" also folget: „Es bleibt kein Mittel übrig, den Streit gründlich und zur Zufriedenheit beider Theile zu endigen, als das, da sie einander doch so schön widerlegen können, sie endlich überführt werden, daß sie um Nichts streiten und ein gewisser transcendentaler Schein ihnen da eine Wirklichkeit vorgemahlt habe, wo keine anzu treffen i s t." -i-s-f) Der irreführende transccndentale Schein führt also beide Ritter in die sichre Burg des lrans- cendentalen Idealismus , „daß alle Gegenstände nichts als Erscheinungen seyn, ohne Existenz außer unfern Gedanken," wo sie sich damit trösten dürfen, daß, ") S. H90 f. ^-s) S. 25b. *) S. lck 8 u. f. -f) S. 5r3. ***) S. 5al». -s-sf) S. 52g. und Sprache. 297 indem sie um Nichts stritten, sie ihrer Natur nach streiren mußten, unaufhörlich auch streiten müssen, weil diese Fehde durchaus zwar kein constituti- ves Princip, (wobei etwas ausgemacht werde) wohl aber ein regulatives Princip der reinen Vernunft sey, ihre Kräfte in Uebung zu erhalten." Zwei Ritter oder zwei Windmühlen der reinen Vernunft stehen also im ewigen Kampf gegen einander, und eben dieser Kampf schafft der Vernunft ein regulatives Princip, dessen sie, obwohl in ihrer eignen Natur entsprossen, gleichwohl in ihrer eignen Natur als einen Kanon entbehret. Lasset uns nicht zwei Gcgenvern ünfte, auch nicht zwei Wissenschaften, zwischen welche man sonst diesen Streit theilt, (die Mathematik und Metaphysik, als ob sie Gegenzünftc waren,) sondern zwei unsrer Seelenkräfte, die immer zusammen, oft gegen einander wirken, vor den Richkstuhl der Vernunft stellen, Einbildungskraft und Verstand. Sie mögen die Theses und Antilhe- ses der Kritik vortragen, daß sie die Vernunft vernehme. r. „Erster Widerstreit der txanscenden- talen Ideen über die Endlichkeit oder Unendlichkeit der Welt."i Einbildungskraft spricht: „Die Welt hat keine Grenzen im Raume; sie ist in Ansehung des Raums unendlich." *) ') S> H.5H.. II. Vernunft Du hast Recht, spricht die Vernunft, wie d u dir Welt und Raum denkest, d. i. phantasirest. Welt ist dir ein Bilderhaus von unermeßlichem Umfange; Umfang läßt sich immer erhöhen, immer erweitern. Du darfst nie still stehen und sagen, „hier endet die Welt. Hier strecke ich meine Hand ins Leere." Denn auch dies Leere ist eine mögliche Welt, wo etwas seyn kann. Raum ist dir ein Bild, das du von Dingen um dich her, vielleicht aus der Anschauung deines Firmaments genommen hast, und als eine immer zu vergrößernde Weite mit dir umhertragest. Wie deine Dichter ihn dir furchtbar-prächtig gemacht haben, so müssen deine eigne Schwingen zuletzt ermüden, wenn du ihren großen Maaßen im Unendlichen nachfliegcst *). Verfolge diesen Flug; den Verstand aber störe mit deinen Bildern nicht. Er fasset die Welt anders. „Mir ist die Welk, spricht der Verstand, in Grenzen geschlossen." Verstehe dich selbst, antwortet die Vernunft; auch dir ist die Welt ein Unübersehbares, aber voll dasivender Dinge, voll wirkender Kräfte. An Jedes dieser Dinge legest du dein Maas, d. i. im Uncrmessenen bestimmest du es nach deinem und seinem Ort, nach dem Umfang deiner und seiner Kräfte. Allenthalben schaffest du dir ein Ganzes; «in All aber kennest du nicht. Totalität des Weltalls bedeutet dir Inbegriff, Umfassung mit deinen Gedanken, O rd nung (220-^5). *) S. Hallers Gedicht von der Ewigkeit, stellen >»> Mitten, Peung u. s. und Sprach?. 299 Im Kleinsten wie im Größesten erscheint dir diese; an ihr begnüge dich; mit dem Umgrenzen im Reich der Phantasie laß dich nicht ein. Kein Gedanke umfasset den Raum; er braucht ihn nur als Maas im Unermessenen. Daseycndc Dinge geben ihn, zugleich scyende Dinge schließen ihn ein; nie aber kann er dir außer allen Dingen eine Grenze werden. Diese Grenzen bestimmen dir Kräfte, die du in Ansehung des Weltalls als uncrmesscn annehmen mußt, weil dir zu Bestimmung einer endlichen Grenze derselben aller Grund fehlet. Du darfst also mit der Phantasie Eins fern, ob'jeder von Euch gleich die Welt nach seiner Weise de sin ixet, d. i. im Unbegrenzten begrenzet. Phantasie fahrt fort: „die Welt hat keinen Anfang; auch in Ansehung der Zeit ist sie unendlich." Die Vernunft antwortet: dir kann sie nicht anders als also erscheinen. Zeiten nach Zeiten verfolgst du und findest vor - und rückwärts kein Ende. Der Verstand spricht: „die Welt hat einen Anfang in der Zeit." „Einen Anfang in der Zeit? spricht die Vernunft. Verstehe dich selbst. Wo Etwas dauret, da legst du dein Maas, die Zeit, an; wo etwas dir zuerst vorkommt, da sagst du: „es beginnt! Dieser Moment war sein Anfang." So lange also etwas war, war dir Zeit; und wo etwas beginnt, ist dir Anfang. Im Inbegriff deiner Gedanken vom Da- scyn der Dinge, vom Maas ihrer Dauer und vom Beginn jedes Emporkommenden im Weltall hast du jeden Augenblick Anfang und Ende, scheinbares Aufkommen und Untergeben, immer aber fortwährende Zeit. Diese an sich hat allenthalben und nirgend Anfang und Ende; sic ist, wie der Raum, im Unermessenen nur ein bestimmendes Maas. Wo die Phantasie ,,unermeßlich!" ausruft, da sage du-, „unermeffcn;" Beide behauptet ihr Eins, sobald ihr euch verstehet. 2 . „Zweiter Widerstreit der transcenden- talen Ideen." Ueber das Einfache und die Zusammensetzung der Dinge. Phantasie spricht: „Kein zusammengesetztes Ding in der Welt besteht aus einfachen Theilen; cs cxistirt überall nichts Einfaches in derselben." Du sprichst nach deiner Art, antwortet die Vernunft, d. i. eingebildet. Vom Bestehen der Dinge weißt du nichts; phantasirend kannst du sie zusam- mensetzen und auflösen. Das thu und theile unaufhörlich; nur sprich dann nicht von Dingen, vom Bestehen der Dinge, von Existenz in oder aus einfachen Theilen; sondern nimm was du ohne Mühe und Äufhalt immer theilen kannst, ein Leeres, z. B. Raum, Zeit. Es soll ein erprobtes Mittel zum Einschlafen seyn, wenn man nach dem Necepk der hypothetischen Synthesis einer Endlosen Gliederreihe immer und immer theilet und thcilet, hauset und hauset. „Ich wache, ruft der Verstand. Eine jede zusammengesetzte Substanz in der Welt besteht und Sprache. SOI aus einfachen Theilen, und cs existirt überall nichts als das Einfache, oder das, was aus diesem zusammengesetzt ist." Verstehe dick) selbst, antwortet die Vernunft; wer hat dir solche Verwirrungen in den Mund geleget ? Substanzen setzt man nicht aus Theilen zusammen, wie man ein Machwerk zusammensetzt. Dir ist Substanz, was sich selbst halt und tragt aus innerer Kraft: dazu bedarfs weder Zusammensetzung noch Theile. Mit ihnen zerstörst du die Substanz : denn was sich aus Theilen zusammen setzen lässt, laßt sich auch Theilweise wegnehmen. Du wolltest sagen: ,,was bestehet, bestehet durch Kraft, so vielfach, auch seine Kräfte seyn mögen!" Dagegen hat die Einbildungskraft nichts zu sagen; so vielfach sie diese Kräfte theile, Substanz, sofern sie cs ist, erhalt ihre Kräfte. Auch im Widerstreit erhält sie solche: denn als Substanz ist sie ein Band der Kräfte. 3 . „Dritter Widerstreit der transcen- dentalen Ideen. Ueber Causalität und Freiheit." Es ist keine Freiheit! ruft die Phantasterei auS, sondern alles in der Welt geschieht lediglich nach Gesetzen der Natur! — Was soll dein Satz und Gegensatz, antwortet die Vernunft, da beide einander nicht entgegengesetzt sind. In der Natur ist alles frei; nur durch diese Freiheit können Kräfte der Natur wirken. .Wirkt jede 3v2 H. Vernunft Kruft in ihrer Natur, so wirkt sie frei, und wenn sie durch andre eben so frciwirkende Kräfte eingeschränkt, d. i. in Wirkungen begrenzt wird, so entspringen daraus höhere Gleichungen, die man Gesetze der Natur nennt. Diese Gesetze heben jene freiwirkenden Kräfte so wenig auf, daß sie vielmehr solche voraussetzen und ohne sie nicht seyn würden. Dein Ausruf: „es ist keine Freiheit!" hebt also die Gesetze der Natur selbst auf; und wie willst du einen läugnenden Wahn, eine Negative begründen ? „So ist auf meiner Seite die Wahrheit, spricht der Verstand: Die Eausalität nach Gesetzen der Natur ist nicht die Einzige, aus welcher die Erscheinungen der Welt insgesammt abgeleitet werden können. Es ist noch eine Eausalität durch Freiheit zu Erklärung derselben anzunehmen nothwendig." — Verstehe dich selbst, antwortet die Vernunft; du redest schlaftrunken. Freiwirkende Kräfte der Natur unter einer Regel gedacht, geben Gesetze; aus solchen werden nicht „Erscheinungen abgeleitet," sondern Wirkungen erkläret. „Außer den Gesetzen der Natur »och eine Eausalität und zwar zu Erklärung derselben, (der Gesetze der Natur) annehmen zu müssen, "weil es nothwendig ist," ist ein Postulat, wobei man nichts denket. Freiheit, selbst die wildeste Freiheit ist Kraft der Natur; wenn sie Gesetzen widerstrebt, rächen sich diese, und die höchste Kraft, die wir in unsrer Natur kennen, die Selbstbestimmung, ist nur dann frei, wenn sie den höchsten Gesetzen der Natur, Kraft ihrer selbst, als Selbstbestimmung, gehorchet. Frei gehorchet sie und gebietet dadurch der Schöpfung. Die Gesetze der Natur, sofern solche sie betreffen, und Sprache. 3o3 bestimmet sic im Gebrauch ihrer selbst als der edelsten Freiheit mit; cs werden Gesetze aus ihrer Bestimmung, nicht der Natur zuwider, sondern Gesetze der edelsten Natur selbst. Selbstbestimmung nach Gesetzen der Natur, nicht außerhalb solcher Gesetze, ist die höchste Freiheit, indem sie, jenen Gesetzen gemäß, selbst Gesetze schafft und ordnet. Verbanne die Verwirrung deiner Gedanken, als ob es außer der Kausalität eine Causalitat, und in der Natur eine Außcrnatur gebe, die im Grunde ein armer Stolz ist. 4- „Vierter Widerstreit der transc enden taten Ideen» Ueberein schlechthin n oth wendiges Wesen in der Welt." Phantasterei spricht: „es cxistirt überall kein schlechthin nothwendiges Wesen, weder in der Welt noch außer der Welt, als ihre. Ursache. Ich wills beweisen." — Was willst du beweisen? spricht die Vernunft, eine Negation? Kennest du das Ueberall? Und welchen Begriff hast du von einem schlechthinnothwendigen Wesen, da du es gleichgültig in oder außer der Welt setzest, und dtis Höchstnothwendige, den Grund aller Gewißheit weg- läugnest. — Wollte der Verstand den Streit also auf- nehmen: „Zu der Welt gehört etwas, das entweder als ihr Theil oder a l s ihre Ursache ein schlechkhinnorhwendiges Wesen ist:" so hieße die Vernunft ihn ebenfalls schweigen. Ein schlechthin- II. Vernunft 304. nothwcndiges Wesen „als Theil der Welt" giebt keinen Begriff; wer ein solches „entweder-oder" auSspcicht,. hat sich selbst nicht verstanden. Widrig ists, ein Spiel von Wortfehden als „das höchste Product der reinen Vernunft" mit Beweisen und Gegenbeweisen ausgestellt zu sihen, in welchen beinahe nichts erweiset. Antim onieen sollten diese blinden Kampfe in keinem Sinn genannt werden, als weil sie selbst gegen das Gesetz der Vernunft sind : Antil 0 gieen , avT-i ist ihr dialektischer Name. Und warum sind ihrer vier? Die Tafel, durch welche die Kritik sie auf die Kategorien zu beziehen sucht, indem sie „nur vier k osmo l 0 g i sc h e Ideen erkennet, „Die absolute Vollständigkeit der Zusammensetzung des gegebnen Ganzen aller Erscheinungen. 2. Die absolute Vollständigkeit der THeilung eines gegebnen Ganzen in der Erscheinung. 3 - D i e absolute Vollstän digkeit der Ent slehung einer Erscheinung überhaupt. 4. Die und Sprache. 3c>5 4- Die absolute Vollständigkeit der Abhängigkeit des Daseyns des Veränderlichen in der Erschein u n g " ist in solcher Zusammenordnung ungeordnet: denn offenbar gehörten in ihr das erste und zweit« Feld gegen einander, das dritte Feld vor beide, und das vierte allen voran. Da aber alle Felder an den Begriff „der absoluten Vollständigkeit" geheftet sind, so sind sie an einen unsrer Vernunft angedichteten Zweck, mithin an Nichts geheftet. Herders ÄerkeL.PHil.u.Gesch.XlV. U II. Vom Ideale der Vernunft. „Des zweiten Buchs der transcendentalen Dialektik drittes Hauptstück. Das Ideal der reinen Vernunft"*). Hz „<^)deen sind noch weiter von der objectivcn Realität entfernt als Kategoricen: denn es kann keine Erscheinung gefunden werden, an der sie sich in ceonorsto vorstellen lassen. Sie enthalten eine g e- wisse Vollständigkeit, zu welcher keine mögliche empirische Erkenntniß zulangr; und die Vernunft hat dabei nur eine systematische Einheit im Sinn, *) S. LgL. II. Vernunft und Sprache. 807 welcher sie die empirische mögliche Einheit zu nähern sucht, ohne sie jemals völlig zu erreichen." „Aber noch weiter als die Idee scheint dasjenige von der objcctivcn Realität entfernt zu feyn, was ich das Ideal nenne und worunter ich die Idee nicht blos in concreto, sondern in inäivi- cluo, d. i. als ein einzelnes, durch die Idee allein bestimmbares oder gar be- stimmtcs Ding verstehe." *) „Ohne uns zur Platonischen Idee zu «ersteigen, müssen wir gestehen, daß die menschliche Vernunft nicht allein Ideen sondern auch Ideale enthalte, die zwar nicht, wie die platonischen, schöpferische, aber doch praktische Kraft, als regulative Principicn haben, z. B. der Weise dos Stoikers u. f. Das Ideal aber in einem Beispiel, d. i. in der Erscheinung realisircn wollen, wie etwa den Weisen im Roman, ist unkhunlich, hat überdem etwas Widersin n isches und wenig Erbauliches an sich, indem die natürlichen Schranken, welche der Vollständigkeit in der Idee conti- nuirlich Abbruch thun, alle Illusion in solchem Verstände unmöglich und dadurch das Gute, das in der Idee liegt, selbst verdächtig und einer bloßen Erdichtung ähnlich machen." **) ") S. bgä. **) S. 5g8. Der Berf. einer Schrift: „die Religion, innerhalb der Grenzen, der bloßen LZer- nunst vorgestellt," scheint dies „Widersinnische U 2 3oö II. Vernunft „Die Geschöpfe der Einbildungskraft, darüber sich niemand erklären und einen verständlichen Begriff geben kann, die Ideale der Sinnlich- k e i t" *) lassen wir an ihren Ort gestellt seyn, da das tra n s ce n dent a le Ideal (xrotot)'xon trunsoeirclsntuls,) vor uns stehet **). „Dies Ideal ist die Idee von einem All der Realität, (oirrnituäo rsalitatis) durch deren Allbesitz der Begriff eines Dinges an sich selbst, als durchgängig bestimmt vorgestellt, mithin eines entis reulissirni g e s e tz t wird. Es ist dies das einzige eigentliche Ideal, dessen die menschliche Natur fähig ist, weil nur in diesem einzigen Falle ein an sich allgemeiner Begriff von einem Dinge durch sich selbst durchgängig bestimmt, und als die Vorstellung von einem und wenig Erbauliche, das alle Illusion unmöglich , ja das Gute, das in der Idee liegt, verdächtig macht," nicht zugestanden zu habe», da er nicht nur die Idee des guten Princips jninäiviäno darsrellte, sondern auch «ine allbekannte Geschichte dabei einer bloßen Erdichtung ähnlich machte. *) S. bg8. ") Grammatisch müßte dies freilich heißen xroto- trLiisoeulleiitalls; wie Kaiser Sigismund aber sebisinoin sagte und das Concilimn ihm «odismani nachsagre, so behalte auch dies Ideal der reinen V crnunst den Namen krotat^pon trnnvaenclenlale. und Sprache. Ic>9 Individuum erkannt wird. Es verficht sich aber von selbst, daß die Vernunft zu ihrer Absicht, nämlich sich lediglich die nothwendige durchgängige Bestimmung der Dinge vorzustellen, nicht die Existenz eines solchen Wesens, das dem Ideale gemäß ist, sondern nur die Idee desselben voraussetzt, um von einer unbedingten Totalität der durchgängigen Bestimmung die bedingte, d. i. die des Eingeschränkten abzuleiten. Das Ideal ist ihr also das Urbild aller Dinge, welche insgesammt als mangelhafte Eopeien (satter) den Stoff zu ihrer Möglichkeit daher nehmen, und indem sie demselben (Stoff oder Urbilde?) mehr oder weniger nahe kommen, dennoch jederzeit unendlich weit daran fehlen, «s zu erreichen. Dieser blos in der Vernunft befindliche Gegenstand ihres (der Vernunft) Ideals wird auch das Urwesen, (ans oriZins- rinin) sofern es keins über sich hat, das höchste Wesen, (ans runnnuna) und sofern alles als bedingt unter ihm steht, das Wesen aller We- s e n (ens antirun) genannt. Alles dies aber bedeutet nicht das objsctive Verhältnis eines wirklichen Gegenstandes zu andern Dingen, sondern der Idee zu Begriffen, und laßt uns von der Existenz eines Wesens von so ausnehmendem Vorzüge in völliger Ungewißheit." *) „Wenn wir nun dieser unserer Idee, indem wir sie hypostasiren, so ferner nachgehn, so wer- *) S. bol», u. f. II. Vernunft Arc» den wir das Urwesen durch den bloßen Begriff der höchsten Realität als ein einziges, einfaches, allqe- nngsamcs, ewiges u. f, mit Einem Wort es in seiner unbedingten Vollständigkeit durch alle Prädi- camente bestimmen, mithin zu Gott im transcen- dentalen Verstände machen können; indessen wrrrde dieser Gebrauch der tranScendentalen Idee doch schon die Grenzen ihrer (der Idee) Bestimmung und .Zulässigkeit überschreiten. Denn die Vernunft legte sie nur als den Begriff von aller Realität, der durchgängigen Bestimmung der Dinge überhaupt zum Grunde, ohne zu verlangen, daß alle diese Realität ob jectiv gegeben sey, und selbst ein Ding a u s m a c h e. Dies letztere ist eine bloße Erdichtung, durch welche wir das Mannigfaltige unsrer Idee in einem Ideal als einem besonder» Wesen zusammenfaffen und rcalisiren, wozu wir keine Befugniß haben, sogar nicht einmal d i e M ö g l i c hke i t e i n er s ol- chen Hypothese geradezu anzunehmen; wie denn auch alle Folgerungen, die aus einem solchen Ideal abfließen, die durchgängige Bestimmung der Dinge überhaupt, als zu deren Behuf die Idee allein nöthig war, nichts an gehen und darauf nicht den mindesten Einfluß haben. Durch eine natürliche Illusion, durch einen dialektischen Schein wird das Ideal des allerrcelsten Wesens, ob es zwar eine bloße Vorstellung ist, zuerst rea- lisirt, d. i. zum Object gemacht, darauf h y post asirt, endlich durch einen natürlichen Fortschritt der Vernunft zur Vollendung der Einheit so- und Sprache. 3" gar personi fic ir t, zur Intelligenz gemacht u. f." Könnte es dem Inhaltlosesten Begriff ärmlicher ergehen als diesem „allerreelsten Wesen," das durch eine Illusion der Vernunft, die ihr „zwar natürlich, zu der sie a b e r n i c h t b e c e c h- tigt ist," durch eine unbefugte Erdichtung, die ihr „zwar nöthig ist, aber zu ihrem Zweck nichts hilft," erst realisirt, dann hy- postasirt werden mußte? Aus dem Gebiet der Vernunft als eine Erdichtung vertrieben, wird die Erdichtung nachher für die praktische Vernunft als Postulat postulirct, als ob außer der Vernunft, die diese Erdichtung profcribirte, es noch eine zweite Vernunft gäbe, die das verbannte Figmcnt aus dem Reich der Erdichtungen gebietend wiedcrfodcrn könnte! Wie wir auf unferm bisher zurückgelegten Wege uns aller transcendenten Wortnebel enthielten, vielmehr die Schemata dazu in den „Dingen an sich, außer und neben wirklichen Dingen" in ihrer leeren Form als Larven zu zeigen, insonderheit aber den der Vernunft „angeblich-natürlichen Schimmer, durch welchen sie stets über die Grenze der Erkenntniß verlockt werden muß," aufzulösen suchten; so wollen wir auch hier kein Wortgcbilde schonen. Hatte die Vernunft, ihrer wesentlichen Function uneingedenk, ihre eigenste reinste Idee widernatürlich gebildet: so wollen wir sie eine ihr selbst °) S. bgg — 6rr, u. ff 3l2 II. Vernunft untreu gewordene Vernunft nennen, der ihr Name „Vernehmcrin" in diesem Geschäft nicht gebührte. Versuchte sie z. B. einen Beweis des höchsten Da- seyns aus den Begriffen „absolute Allheit, Möglichkeit, Totalität der Begriffe u. f. spräche sie vom Ende der Dinge, (tsrnainus roruna) da wir, was ihre Grenze fcy, weder einsehcn können, noch zu erforschen Beruf haben; erschüfe sie sich einen Prototyp, gegen den „alles was da ist, eine mangelhafte Eopie ist": oder summirte sie sich gar „ein 8,urnrnuin" der Vollständigkeit und des Ansehens wegen, damit neben uns doch auch ein Wesen „von so ausnehmendem V o rz ug e" existire; ja wenn der edle Ausdruck 2!/ , das wesen- hafle Wesen, selbst so mißverstanden würde, daß er „das Wesen aller Wesen" mit dem Zusatz, „sofern alles bedingte unter ihm steht," heißen sollte *) : so entsagte die Vernunft diesem Wortge- klingcl ganz. Ihr kann ihre reinste Idee keine andere, als die ihr nächste, innigste, ihr allenthalben gegebene Mittel-Idee seyn, mittelst deren sie nicht nur alle ihre Begriffe zusammenfaßt und ordnet, sondern durch welche sie Vernunft ist, d. i. die sie selbst constituicet. Ihr, der Rechnen«, ist der reinste Exponent ihrer Rechnung; ihr, der Richte rin, der reinste Grund ihres Schluffes; ihr, der Messe rin, der feinste Grad ihrer Bestimmung, kurz die Wahrheit des Worts I st nvthwendig. *) S. 606. Im Seyn, Daseyn, Dauer, Kraft Das daurende Urseyn. 3 . 3 . Zn Eigenschaften In Kräften Alles Verschiedenen Gegen-, mit-, ein- dec bleibende wirkend, fortwirken- Grund der Art. die Urkraft. 4 - Im Maas des Unermessenen das Bestimmende das Urmaas. Er ist, spricht sie, Grund und Maas der Dinge, ihres Scyns und Dascyns, ihrer Dauer und Kraft; Best! mm er ihrer Eigenschaften zur bleibenden Art; Ursach der Kräfte, die fortwirkend alles Erscheinende bilden; Er, der große Exponent ihrer Verhältnisse, der Bestimmen alles Bestimmbaren, nicht nur die höchste sondern auch die tiefste, einfachste, reinste Idee. Aber existirt solche? Dem Verstände, wie der Vernunft muß die Frage so auffallen, daß sie nicht anders als wieder fragen kann: ist Etwas? bin Ich? sind Wir? Ist nichts da; wohlan so ist nichts und wir spekuliren, nichts seyend, vergebens. Sind wir aber, empfindet unser Sinn, erkennet unser Verstand, giebts eine Vernunft, die ihren Grrvid II. Vernunft Zi4 in sich selbst hat und weiß, daß sie ihn habe; wohlan, so ist auch eine höchste Vernunft, die den Grund des Zusammenhanges aller Dinge in sich hat und weiß, daß sie ihn chabe. Nicht um das Weltall zu completiren, sondern mit Vernunft zu begreifen; nicht als Tangent oder Setter suche ich den Begriff eines höchsten Wesens; er ist mir in mir selbst und in Allem gegeben; der tiefste Ruheort, Mittelpunkt der Kugel, ohne welchen weder sic, noch mein Begriff von ihr fern kann. Entweder sind wir alle Götter, jeder Atom und Sperling ist ein selbstständiges Wesen, das durch sich ward, durch sich ist und durch sich nicht mehr ist, (sodann ist die Vernunft gestorben,) oder e S ist was da ist in seinem daurenden Zusammenhänge , im Seyn, Daseyn, Fortda- seyn, in Eigenschaften, durch Kräfte, in Fortwirkung nach einem Endlosen, allenthalben aber in sich beschlossenen Maas, in einer höchsten Vernunft gegründet. Diese erkennet meine Vernunft an: weil sie selbst Vernunft ist. Für sich erkennet sie an: über sich selbst und über das ihr Gegebne kann und will sie nicht hinaussteigen. So die Vernunft , und der Einbildungskraft wollen wir gebieten, daß sie diesem bleibenden Grunde der Dinge weder Kopf noch Füße gebe; personisicirt nach Menschenweise darf und kann die reinste Idee nicht werden. Verlange ich nicht, daß, wenn ich Kraft und Ordnung in der Welt sehe und sie nach meiner Weise symbolisire, mein Nachbar sie mit mir gleich nennen und, symbolisiren müsse; wie wollte ich ein Wesen, dessen Daseyn ich kaum auszusprechen wage, mit meiner Einbildungskraft gestalten? Noch minder werde ich ihm Thcilc der Welt als Gliedmaaßen oder Attribute zucignen. Raum ist so wenig seine Eigenschaft, als menschliches Denken seine Function ist; ihn Seele der Welt zu nennen ist eben so uneigentlich, als wenn ich ihn Ort oder Träger der Welt, den großen Elephan- ten, die Basis der Welt nennte. Die reinste Idee verschmäht Bildworte: Geist, d. i. Kraft ist er; als geistige Wahrheit will er anerkannt seyn oder seine Idee ist verdunkelt. Nach diesem Begriff darf ich die Widerlegung „aller onto- und kosmvlogischen Beweise des Da- seyns Gottes" nicht durchgehn *). Vom nothwcn- diqen Daseyn als dem Grunde „aller Möglichkeit" verstehen wir nichts, außer sofern diese Möglichkeit das Wesen unsrer Vernunft ausmacht und sich in Wirklichkeit offenbaret. Auch die sogenannte „Widerlegung der physiko-theologischen Beweise fürs Daseyn Gottes" kann schwerlich für etwas anders, als für eine Kritik des Mißbrauchs derselben gelten; obwohl, wenn Wahl statt fände, ich lieber eine zu ihrer letzten Absicht auch mangelhafte Exposition großer und schöner Naturgesetze geschrieben haben möchte, als die scharfsinnigste Kritik ihrer Fehler **). *) S. 6ri. Unmöglichkeit eines ontologischen, kosmologischen, physikotheologischen Beweises vom Daseyn Wortes u. f. **) Nachdem dies längst geschrieben war, kommt mir die kleine vortreffliche Schrift des TU Reima- M !' M! 1 ..', . 3t6 II. Vernunft Ordnung, Daseyn, Fortstreben, Maas wird in der ganzen Welt offenbar; diese geistigen Verständnisse (rasier« w-pEl-i-o^psi?) mache man allenthalben anschaulich, und das menschliche Ge- müth wird, auch ohne Nennung des heiligen Namens, der nie unnütz genannt werden sollte, Gottheit erkennen, Gottheit verehren. Federte nun irgend ein kritischer Philosoph, daß die selbstständige Kraft, die unS nicht anders als eine Vernunft-Idee (voil,u5»-o»-) scyn kann, ihm «in Gegenstand der Sinne werde, und ihm vor Augen wohlcorporirt erscheine, damit ihr ,,objektive Realität im Raum und in der Zeit gebühre:" so müßte man sich des Worts Kritik und Philosophie schämen. Mit solcher Foderung hatte die Vernunft ihre Natur aufgegeben und jede ihrer Ideen, mithin auch ihre reinste Idee verloren. Müs- rus über die-Gründe dermenschli- ehen Erkenntnis und der natürlichen Religion (Hamb. 1787) zu Gesicht, die ich Jedem, der durch die Kritik der reinen Vernunft die Lramontane, i>. i. den Polarstern verloren, zu lesen anrathen möchte. Den Schriften des Prof. Reimarus über die natürliche Religion, über die Triebe der Lhiere, wie auch dessen V e r n u n ft l e h r e schließet ste sich bündig an; Schriften dieser Art werden von keiner kritischen Dialektik verdrängt werden. und Sprache. 3^7 sen nicht selbst Verstandcsbegriffe, wenn sie an Phänomenen erscheinen, um Verstandcsbegriffe zu seyn, von ihnen getrennt werden? oder sie werden Mischbegriffe, Schematismen, Imaginationen. Warum vergißt die reine Mathematik di« Gegenstände, deren Großen und Verhältnisse sie in Aehnlichkeit- losen Zeichen ausdrückc? Damit sie reine Begriffe habe. Eine Philosophie, die keinen reellen Gegenstand kennet, als der mittelst Anschauung im Raum und in der Zeit ihr erscheint, hat, da mittelst solche? Formen nichts erscheinen kann, sich selbst alle Gegenstände vernichtet. Wenn also die Imagination nach einem körperlichen Gott ruft und spricht: „ohne Bild kann ich mir nichts denkenso hat sie den Begriff des Wesens, geschweige des Urwesens verfehlet. Sobald du den Grund und Quell alles Daseyns in eine Gestalt oder in einen Winkel schließest, (der Winkel sey Himmel oder Erde) so ist er ein Idol, nicht die allgegenwärtige lebendige Idee, die er deiner Seele seyn soll. Diese mußt du an dem, was ist und wird, erkennen, sie in dir selbst erfassen) je öfter, je lebendiger, in je mehreren Fallen sie dir wieder- kommt, desto mehr hast du Gott, nicht außer dir sondern in dir. Nimm ein Beispiel an jedem andern Verstandesbcgriff, z. B. der Schönheit^ Ehrbarkeit, Tugend. Personisicire sie dir in Gemählden; es sind tobte, in Attributen sich selbst widersprechende Larven, ausgestopfte Allheiten, kritische Ideale. An wirklichen Gegenständen erkannt, als Realitäten erscheinend, werden sie dir 3,8 II. Vernunft und Sprache. Realität, die dein Verstand und dein Her; ergreift ; sie wirken auf dich als Muster deines Lebens. So die Idee von Gott, dem Grunde aller Schönheit, Harmonie und Ordnung; aller Ideen fruchtbarste, wirksamste, schönste. Sem Gemüth, das ihrer fähig und zu ihr gebildet ist, kann und muß sie in Allem erscheinen. 12 . Dom regulativen Gebrauch der Vernunft. „Anhang zur transcendentalen Dialektik. Bon dem regulativen Gebrauch der Ideen der reinen Vernunft." *) ,,-^^er Ausgang aller dialektischen Versuche der reinen Vernunft bestätigt nicht allein, daß alle unsre Schlüsse, die uns über das Feld möglicher Erfahrung hinausführen wollen, klüglich und grundlos seyn; sondern er lehrt uns zugleich dieses besondere, daß die menschliche Vernunft dabei einen natürlichen Hang habe, diese Grenzen zu überschreiten, daß transccndenlale Ideen ihr eben so natürlich seyn, als dem Verstände die Kategoricen, obgleich mit dem Unterschiede, daß so wie die letztem zur Wahrheit, ) S, 670. 32 « II. Vernunft d. i. zur Uebcreinstimmung unsrer Begriffe mit dem Object führen, die ersten einen bloßen aber unwiderstehlichen Sehe in bewirken, dessen Täuschung man kaum durch die schärfste Kritik abhalten kann *), Unser Gang belehrte uns, daß nicht nur Schlüsse, sondern auch Anschauungen und Begriffe, außer aller Erfahrung synthetisch a xriorl geformt, entweder der Erfahrung entwandt oder bloße Dichtungen und Wortnebel senn, die dem Verstände seine anerkennende Natur verdunkeln oder rauben. Unser Gang lehrte uns, daß, wenn man der Vernunft einen natürlichen Hang zu Ucberschrei- lung ihrer Grenzen beimißt, man ihr Amt verkenne, das Regelmaas der Gewißheit in uns zerbreche, und ihr Phantasie oder eine dialektische Schrauben-Vernunft unterschiebe. Wir sahen, daß, wie keine eingepflanzte Kakegorieen den Verstand zur Wahrheit führen, der Vetrugesschein phantasircnder Vernünfteln eben durch jene Dialektik entstehe, die ihre Kritik seyn will. „Alles, was in der Natur unsrer Kräfte gegründet ist, muß zweckmäßig und mit dem richtigen Gebrauch derselben einstimmig seyn, wenn wir nur einen gewissen Mißverstand verhüten, und die eigentliche Richtung derselben ausfindig machen können." **) Nicht ein gewisser, sondern jeder Mißverstand unsrer Kräfte muß verhütet; auch darf ihre Richtung nicht erst ausfindig gemacht oder ihr eine angedichtet werden; sie muß sich wie jede Naturkcaft offenbaren. „Als» *) S, 670. **) S. 670, und Sprache. 321 „Also werden die transcendcntalen Ideen allem Vermachen nach ihren guten und folglich imnumenten Gebrauch haben, obgleich, wenn ihre Bedeutung verkannt und sie für Begriffe von wirklichen /Dingen genommen werden, sie transcendent in der Anwendung und eben darum trüglich sei-» können." Wahre Vernunft-Ideen, die aus richtiger Verknüpfung des Allgemeinen und Besondern entspringen, können nicht anders als einen guten Gebrauch haben, der blos immanent nicht bleiben kann, indem er Verstandesbeqriffe bestimmt, und alles, was von ihnen abhangt, regelt. Der Unterschied zwischen kranscenv.nt und transcen- dental ist, wie dis meisten der „kritischen Philosophie," ein spitzfindiges -Wortspiel *). „Die Vernunft hat eigentlich nur den Verstand und dessen zweckmässige Anstellung zum Gegenstände, und wie dieser das Mannigfaltige im Object durch Begriffe vereinigt, so vereinigt Jene ihrerseits das Mannigfaltige der Begriffe durch Ideen, indem sie eine gewisse collective Einheit zum Ziele der Verstandeshandlungen setzt, welche sonst nur mit der distributiven Einheit beschäftigt sind." **) Die Vernunft hat nicht nur *) Die Engländer nennen es Laut, worüber man auch in seinen Nebenbedeutungen Johnsons Wörterbuch nachschlagen mag» Man wird jede derselben in der kritischen Secte bewahrt finden, so daß man diese Philosophie a xlrilosopsi^ ok Uints auä Lauts nennen könnte. **) S. 672. Herders Werke z.Phil.u.Gesch. XIV. X AketaLritiL. 322 II. Vernunft den Verstand, noch weniger dessen Anstellung allein zum Gegenstände; sie regelt durch ihn mittelbar Alles. Durch Ideen vereinigt sie seine Begriffe nicht, sondern in Ideen; nicht durch Collection, welches Zusammenzahlen dem Gedächtnis und der Einbildungskraft zustehet, sondern Lurch erkennende Entscheidung. Ihr Amt ist distributive Wahrheit, d. i. Erwägung des Ganzen in seinen Gliedern zum richterlichen Spruch, wie es das Amt des Verstandes war Anerkennung des Gegenstandes zum Begriff. ,,Jch behaupte demnach: die kranscendentalen Ideen sind niemals von constitutivem Gebrauche, so daß dadurch Begriffe gewisser Gegenstände gegeben würden, und indem Falle, daß man sie so versteht, sind es blos vernünftelnde Begriffe. Dagegen aber haben sie einen vortrefflichen und unent- behrlichnothwendigen regulativen Gebrauch, nämlich den Verstand zu einem gewissen Ziele zu richten." *) Daß Vernunfturtheile leitende Ideen seyn können, daran hat niemand gezweiselt, da es Begriffe höherer Ordnung sind und die Vernunft in ihnen als Entscheiden» urtheilt; eben deshalb aber sind sie auch constitutiv, ja die constitutivsten unsrer Erkenntnisse; es sind Deere te. Der Verstand constituirt nicht; sondern unterrichtet sich und den Richter. Die Wortbestimmung der „kritischen Philosophie, daß constitutiv heißen soll, wodurch Begriffe von Gegenständen" gegeben werden, ist eben ) S, 672. und Sprache. 323 so willkührlich als unbestimmt; auch durch Vernunft- idccn werden Begriffe von Gegenständen, d. i. Wahrheiten gegeben, und zwar in einer gewisseren höheren Ordnung, als der Verstaub seine Begriffe geben konnte. Gewähren sie solche nicht, so sind es keine Vcrnunstidecn, sondern Dichllmgen, Spekulationen. „Die Vernunft richtet den Verstand zu einem gewissen Ziele, in Aussicht auf welches die Richtung slinien aller seiner Regeln in einem Punkt zusammcnlaufen, der, ob ec zwar nur eine Idee (kocus ima^inmnus), d. i. ein Punkt ist, aus welchem die Verstandesbegriffe wirklich nicht ausgehen, indem er ganz außerhalb den Grenzen möglicher Erfahrung liegt, dennoch dazu dient, ihnen die größte Einheit neben der größten Ausbreitung zu verschaffen. -Nun entspringt uns zwar hieraus die Täuschung, als wenn diese Richtungslinien von einem Gegenstände selbst, der außer dem Felde empirischmvglichcr Erkenntnis läge, ausgefloffen wären, so wie die Objektive hinter der Spiegelfläche gesehen werden; allein diese Illusion, welche man doch hindern kann, daß sie nicht betrügt, ist gleichwohl unentbehrlich nothwcndig, wenn wir außer den Gegenständen, die uns vor Augen sind, auch diejenigen zugleich sehen wollen, die weit davon uns im Rücken liegen, d. i. wenn wir, in unserm Falle, den Verstand über jede gegebne Erfahrung (dem Theile der gestimmten möglichen Erfahrung) hinaus, mithin auch zur größtmöglichen und X 2 824 II. Vernunft äußersten Erweiterung abrichten wollen." *) — Leeres Phantasma in einem unpassenden Bilde. Unser Verstand steht in den Gegenständen, die wir von ihm sind, was da ist; das G e d a c h t n iß erinnert ihn an die, die ihm im Rücken liegen; ein Verstand der über jede gegebne Erfahrung hinauszujagen ab gerichtet würde, wäre so wenig ein richtiger Verstand, als der Spiegel, der uns mehr als den Horizont seiner Gegenstände wiese, ein richtiger Spiegel. Mit Zauberei ginge es zu, wenn der gemeinste gesunde Verstand auf solche Weise sein Erkenntnis! größtmöglichst und äußerst erweitern wollte. Eine Vernunft, die ihn dazu, abrichtet," indem sie ihm ein Ziel außerhalb den Grenzen möglicher Erfahrung, sogar als einen Focus einbild et, auf welchen die Nichtungslinien aller sei ner Verstandesregeln, außerhalb seiner Grenzen erzeugt, außerhalb derselben zusammenlaufen, wäre eine „abcichtcnde" Täuscherin, die milder Unwürde, mit der sie ihr eigen Amt aufgab, den anerkennenden Verstand aus seiner eigenthümlichen Function verlockt und Grundaus verderbet. Leere Spiegelgebilde, die selbst im Reich der Fabel nicht bestünden. ,,U ebersehen wir unsre Verstandeserkenntnisse in ihrem ganzen Umfange, so finden wir, daß dasjenige, was Vernunft ganz eigenthüm- lich darüber verfügt und zu Stande zu bringen sucht, das Systematische der Erkenntnis; sey, d. i. der Zusammenhang derselben aus einem Princip." **) — *) S. 67-,. **) S. 67Z, Nur der letzte Vernunftactus kann dies thun, dem viele andre vergehen mußten; auch wird kein System von der Vernunft allein errichtet, noch weniger verfüget; indem zu einem System Verstand, Einbildungskraft, Witz und Scharfsinn beitragen müssen. Wenn ihre Beitrage die Vernunft regelt, so kann sie dies nicht anders als anerkennend thun, wie der Verstand Begriffe anerkannte, indem sic den lichten Punkt trifft, oder bestätigt, aus welchem und zu welchem sich ein System ordnet. Ohne diesen Punkt, der kein eingebildeter k'ocus hinter dem Spiegel aller Erfahrung, sondern ein in der Vernunft selbst liegender Erkennungs - ein Brennpunkt der Wahrheit seyn muß, ist alles collective Zusammcnraumen zu einem System ,,cine Zusammenstellung der Gegenstände, die uns im Rücken liegen, zu einem kouo iinnAiriaiio" Himer dem Spiegel, wo das „Ding an sich" wohnet, d. i. eine Synthesis a xriori. „Wenn die Vernunft ein Vermögen ist, das Desondre aus dem Allgemeinen abzuleiten, so ist entweder das Allgemeine schon an sich gewiß und gegeben, und alsdann erfordert cs nur Urtheils- kraft zur Subsumtion, und das Besondrc wird dadurch nothwendig bestimmt. Dieses will ich den apodictischen Gebrauch der Vernunft nennen. Oder das Allgemeine wird nur problematisch angenommen und ist eine bloße Idee; das Besondre ist gewiß, aber die Allgemeinheit der Regel zu dieser Folge ist noch ein Problem: so werden mehrere besondre Falle, die insgesammt gewiß sind, an der Regel versucht, ob sic daraus fließen, und in diesem 326 II. Vernunft Falle, wenn es den Anschein hat, daß alle anzugebende bcsondre Falle daraus ab folgen, wird auf die Allgemeinheit der Regel, aus dieser aber nachher auf alle Fälle, die auch nicht angegeben sind, geschlossen. Diesen will ich den hypothetischen Gebrauch der Vernunft nennen."*) — Die Namen waren langst bekannt; hier werden sie verführend angewendet. Ist der Vernunft das Allgemeine nur problematisch, als eine bloße Idee, (mißbrauchter Name!) d. i. als ein Wabnbild, ein Allgcmeinspruch gegeben, so hilft das Versuchen einzelner Falle an der Regel nichts, um sie dadurch zur Allgemeinregel zu erbeben. Ein so hypothetischer Gebrauch der Vernunft wäre kein Vernunftgebrauch, sondern ein Prokuren unter einer Vorspiegelung, mit der ich mich, lüstern nach einem Nichts, täusche. Anerkennen des Allgemeinen im Besonder» ist die Vernunftregel. Möge der für mich unüberfthliche, mithin unerweisbare Allgemeinsatz an sich seyn, was er wolle; er gik für diesen Fall: denn dies Besondre ist in ihm erkennbar. ,,Der hypothetische Vernunftgebrauch geht also auf die systematische Einheit der Vcrstandescrkennt- nisse; diese aber ist ein Probirsrein der Wahrheit der Regeln. Umgekehrt ist die systematische Einheit (als bloße Idee) lediglich nur projectirre Einheit, die man an sich nicht als gegeben, sondern nur als Problem ansehen muß." **) — Abermals umgekehrt. Eine projectirte Einheit, die man *) S. 6?/l. ,**) S. 675. und Sprache. 327 nicht als gegeben, sondern nur als Problem ansehen muß, ist kein Probirstein der Wahrheit aller Vernunftregeln. Die Waage der Vernunft hinge sodann an einem erdichteten Nichts, an einer pro- jectirten systematischen Einheit. „Man stehet aber hieraus nur, daß die systematische oder Vernunfteinheit der mannigfaltigen Verstandeserkenntnisse ein logisches Princip sey, um, da wo der Verstand allein nicht zu Regeln hin langt, ihm durch Ideen fort zu helfen und zugleich der Verschiedenheit seiner Regeln Einhelligkeit unter einem Princip (systematische) zu verschaffen, so weit a l s es sich thun läßt." *) Ein höchst - u n l 0 g i sch e s Princip wäre diese vorgespiegelte Vernunfteinheit, wenn sie auf nichts anderm beruhte, als wo der Verstand zu Regeln nicht hi n- lan gt, (als ob er Regellos diese suchen könnte?) ihm hinkend f 0 r t z u h e h l e n. ,,Ob aber die Beschaffenheit der Gegenstände, oder die Natur des Verstandes, der sie als solche erkennt, an sich zur systematischen Einheit bestimmt sey, und ob man diese a zri-iori, auch ohne Rücksicht auf ein solches Interesse der Vernunft, in gewisser Maaßc postuliren, und also sagen könne: alle mögliche Vcrstandeser- kenntnisse (darunter die empirischen) haben Vernunfteinheit, und stehen unter gemeinschaftlichen Principien, woraus sie, unerachtet ihrer Verschiedenheit, abgeleitet werden können; das würde «in transcendcntaler Grundsatz der Vernunft seyn, welcher die systematische Einheit, *) S, 676. Z2Ü II. Vernunft nicht blos subjectiv und logisch als Methode, sondern objectiv - nothwendig machen würde." *) Und so stehen wir denn, wo wir waren, im Lande des „kritischen .Idealismus d. i> der dialektischen Phantasterei, in welchem es bei aller Mühe, dem Regellosen Verstände mittelst einer vorgespiegelken Ver- nunsteinheit zu Regeln zu verhelfen, völlig unausgemacht bleibt, ob die Beschaffenheit der Gegenstände, oder die Natur des Verstandes an sich zur Einheit bestimmt sey? Bestimmt von wem? für wen ? Schlaftrunkener Idealismus! Er mühet sich in schweren Traumen; sein Phantasma, die leere Gegenstandlose Vernunft drückt ihn. Im Lande der Unbegriffe, des Wüsten und Leeren vor aller Schöpfung dialektisirt er träumend, ob je eine Schöpfung werde? „Es zeigt sich aber, wenn man auf den trans- cendentalcn Gebrauch des Verstandes Acht hat, daß die Idee einer Grundkraft nicht blos als Problem zum hypothetischen Gebrauche bestimmt sey, sondern objective Realität vorgebe. Denn ohne daß wir einmal die Einhelligkeit der mancherlei Kräfte versucht haben, setzen wir doch voraus, es werde eine solche anzutreffcn seyn. In der That ist auch nicht abzusehen, wie ein logisches Princip der Vcrnunfkeinheit der Regeln statt finden könne, wenn nicht ein trans- cendentales vorausgesetzt würde, durch welches eine systematische Einheit als den Objecten selbst und Sprache. 2-g a n h ä n g e n d, a xriori als nvthwendig angenommen wird. Denn mit welcher Befuq- niß kann die Vernunft im logischen Gebrauch verlangen, die Mannigfaltigkeit der Kräfte, welche uns die Natur zu erkennen gicbt, als eine blos versteckte Einheit zu behandeln, wenn es ihr frei stände zuzugeben, daß es eben so wohl möglich fey, alle Kräfte wären ungleichgültig, und die systematische Einheit ihrer Ableitung der Natur nicht gemäß?Denn alsdenn würde sie gerade wider ihre Bestimmung verfahren, indem sie sich eine Idee zum Ziele setzte, die der Natureinrichtung ganz widerspräche. Auch kann man nicht sagen, sie habe zuvor von der zufälligen Beschaffenheit der Natur diese Einheit ab ge nommen. Denn das Gesetz der Vernunft, sie zu suchen, ist nvthwendig, weil wir ohne dasselbe gar keine Vernunft, ohne diese aber keinen zusammenhängenden Verstandesgebranch, und in dessen Ermangelung kein zureichendes Merkmal empirischer Wahrheit haben würden, und wir also in Ansehung des letztcrn die systematische Einheit der Natur durchaus als obicctivqültig und nothwen- dig voraussetzcn müssen." *) Also setzest du sie voraus, Schlaftrunkner Idealismus, weil wir sie, selbst ehe wir sie versucht haben, vorausse tzen, und weil nicht abzusehen ist, wie ein logisches Principium sie voraus setzte, wenn man sie nicht auch cranscendental voraussetzen müßte: denn transcendenral muß sic vorausgesetzt werden- *) S. 678 67g. 33o II. Vernunft weil man nicht sagen kann, sie sey zuvor, als den Objecten selbst anhängig, von der zufälligen Beschaffenheit der Natur abgenommen worden. Man muß sie vornussetzen, weil sonst keine projectirte Einheit der Verstandes- und Vernunftbegriffe zu Stande käme, und ohne solche gar keine Vernunft statt fände. Damit also dies Project, eine Vernunft, zu Stande käme, müssen wir vor aller Vernunft, eine Vernunft, auch als objectivgültig annehmen. Nur in Ansehung des letzter» thun wirs, sonst Ware uns keine ob- jectivgültige Vernunft nöthig. Zeigte uns jemand ein Mittel, wie wir ohne objectivgültige Vernunft eine subjectivgültige Vernunft haben könnten; so wäre die Voraussetzung und Annahme nicht nothwcndig. (). H>. O. „Wir finden diese transcendentale Voraussetzung auch auf eine bewundernswürdige Weise in den Grundsätzen der Philosophen versteckt, wiewohl sie solche darin nicht immer erkannt oder sich selbst gestanden haben. Daß alle Mannigfaltigkeiten der Dinge die Identität der Art nicht ausschließen, daß die mancherlei Arten nur als verschiedentliche Bestimmungen von wenigen Gattungen angesehen werden müssen u. f., ist eine Schulregel oder logisches Princip, ohne welches kein Gebrauch der Vernunft statt fände. Daß aber auch in der Natur eine solche Einhelligkeit angetroffen werde, setzen die Philosophen in der bekannten Schulregel voraus: swtia ^rastsr wscsesitaterri non esse ninltifilicairäa." *) Warum setzen sie es vor- ) S. 680. und Sprache. 3Zi aus? weil sie es in der Natur anerkannten. Alle Naturlehrcr, die Geschlechter, Acten, Gattungen aufzählten, verschwiegen sich, wenn sic deutlich dachten, dies Gelctz nicht; noch weniger warteten sie auf eine Plnlosophie, die ihnen solches transcenden- tal, damit eine objcctivgültige Vernunft möglich würde, nicht beweisen, sondern a xriori kritisch vorschreiben sollte. In der dürftigsten Sprache liegt dies Gesetz, da keine menschliche Sprache ohne dasselbe entstehen konnte. Wenn also die kritische Dialektik, writlauftig an Worten, und arm an Sinn zu ihm noch ein andres erfindet: „entiuirr vuriatatss rion teinsrs 8S8S ininrmnäas und herausbringen will, „wie das Gesetz der Speci- fication auch wobl nicht von der Erfahrung entlehnt sepn könne *) **); wie die transcendentale Vernunft dem Verstände durch ein Gesetz der Gleichartigkeit, Varietät und dazu noch durch ein Gesetz der Affinität aller Begriffe ein Feld bereite:^ so wundert man sich über die Mühe dieses Spielwerks, da Jedermann den Ursprung dieser Begriffe durch Anerkennung in den Gegenstände» weiß, jede Vernunftlehre ***) ihn entwickelt und jede Sprachlehre ihn vorträgt. Vor aller Erfahrung weiß die Vernunft von Gattungen, Arten und Geschlechtern gleich wenig, und kann sich über Gleichartigkeit, Varietät und Affinität keine Gesetze geben. Wird - *) S. 684. **) S. 685. *") Z. B. Reimarus, Lambert und welche nicht? 332 Ik. Vernunft vollends „aus der scholastischen Regel des cowtrnui rpeoiorum oder kurnmrunr loZinsrrina" des mathematischen Leibnitz Gesetz der Conti nuität hergeführet und des Leibnitz mit Bonnets Stufenleiter topistrct *): was kann man bei diesen Lraumrcdcn thun, als sich gähnend und gähnend verwundern. „Die Dcrstandcshanvlungcn ohne Schemate der Sinnlichkeit sind unbestimmt; eben so ist die Vernunftcinheit auch in Ansehung der Bedingungen, unter denen, und des Grades, wie weit der Verstand seine Begriffe systematisch verbinden soll, an sich selbst unbestimmt. Allein obgleich für die durchgängige systematische Einheit aller Verstandesbegriffe kein Schema in der Anschauung ausfindig gemacht werden kann: so kann und muß doch ein Analogon eines solchen Schema gegeben werden, welches die Idee des Maximum der Abtheilung und der Vereinigung der Verstandeserkenntniß unter einem Princip ist. Denn das Großeste und Abso- lutvollständige läßt sich bestimmt gedenken, weil alle restringircndcn Bedingungen, welche unbestimmte Mannigfaltigkeit geben, weggclassen werden **). — Kein Großestes läßt sich außer seiner Reihe des Kleineren , kein Absolutvollständigcs ohne den Inbegriff seiner Jntegraltheile bestimmt denken; mithin wäre dies Schema der Vernunft ohn' alles Schema. Dem ist aber nicht allo: denn der Grund der Vernunft ist nicht absolute Vollständigkeit, sondern Noth- 3 S. 686. 696. *') S. 692. 6 g 3 . und Sprache. 323 Wendigkeit, innere Gewißheit. Auch ists nicht also, daß 'für die Einheit der Verstandesbegriffe kein Schema ausfindig gemacht werden könne, da recht gefaßt es die Kategorieen selbst sind; in ihnen (denn Vernunft und Verstand bearbeiten Eine und Dieselbe Welt von Gegenständen) ist in Sätzen und Schlüssen höherer Ordnung auch das Schema der Vernunfteinhcit gegeben. Und zwar gegeben in ihrem anerkennenden Wesen selbst mit Gesetz und Ordnung: sie können und wollen darüber nicht hinausschreiten. Schema der Verstandes- und Vernunfteinheit. Seyn Daseyn Fortdauer Kraft. Vernunftgesetz der Identität. 2 . 3 . Eig en scha ften. Dasselbe, Ein andres, Geschlechter. Gattungen. Art. Bernunftg ese tz der Homogeneitat, Differenz u. Artung. Kräfte. Bestehend, Freundlich -Feindlich- wirkend. Fortwirkend. Vernunftgesetz der E a us a l it a t , Affinität und des rrsxus ekksctivus. 334 II. Vernunft 4 - Maas. Punkt * Extension Protension Intension Wernunftgesetz des Eontinuum, Maximum, Minimum u. f. Sollte es noch einer Entwicklung bedürfen? Gesetz der Vernunft. 1. Wenn Erkennen beißt: in Vielem ein Eins unterscheiden, fassen, sich ancignen: so ergiebt sich, daß Beides, das Viele und Eins nicht ohne' einander seyn können. Das Eins, das ich mir aneigne, heißt das Besondere, und ist in dem Gemeinen, aus dem ich es sondere, enthalten. Die Sonderung konnte nicht geschehen, wenn das Ungesonderte nicht vorher meine Sinne oder meinen Verstand traf. 2. Vom untersten Sinn bis zur höchsten Kraft der Vernunft reicht dies Zusammen -, Mit - und In einander seyn des Gemeinen und Besonder». Jedes Organ eignet sich aus der gemeinen Masse das Scinige zu, und lasset das Andre. So wird unser Leib erhalten, indem jedes Gefäß desselben dabei einen Dienst thut. So sondert jeder Sinn aus dem Gemeinen, der großen Vorrathkammer der Welt, sich das Seinige; so die Einbildungskraft, der Verstand, so endlich auch die Vernunft. Das menschliche Erkenntnisvermögen hat nur Eine, diese Kraft, im Allgemeinen ein Beson- und Spruche. 335 deres zu erfassen, dies Dcfondre im Allgemeinen anzuerkennen, Jenes in Diesem, Dieses in Jenem zu sehn, und Eins auf das Andre'zurückzufükren. 3. Von Kindheit auf particularisiren wir also aus dem Allgemeinen und umgekehrt, weil wir im großen Ehaos der Gegenstände Ähnlichkeiten und Unterschiede zugleich bemerken. Der Mensch z. B. sah eine Heerde; wird er zuerst jedes Individuum mit einem eignen Namen bezeichnen? Ihrer gemeinschaftlichen Ähnlichkeit wegen nennt er die Heerde mit Einem Namen, Schaafe, Bäume , Sterne; er sah das Einzelne im Allgemeinen. Oder wenn er zuerst nur ein Einzelnes erblickte und ihm darauf ein Ähnliches wieder kam, wiederholte er den Namen, als ob es Dasselbe wäre, ihn auf alle Fälle ähnlicher Wiederkunft deutend; er sah das Einzelne im Allgemeinen. So entstand die menschliche Sprache; sie ist von Gcmeinwörtern voll, die in einer langen Zeitfolge erst particularisirt wurden, lange noch nicht alle particularisirt sind, und nie alle particularisirt werden können und werden. Das Wort Baum war dem Menschen leichter zu nennen, wo irgend ein Baum sich zeigte, als jede verschiedene Baumgattung. So allenthalben *). -G *) Dies ist der Schlüssel zu Bildung der menschlichen Sprache in allen Lheilen der Rede. Der Raine (nomen) war an Einem oder mehreren Individuen erfunden; man wiederholte ihn als eines Gemeinnamen und zu Bezeichnung dieses Gegenstandes ward er durch der, die, das, particularisiret. Mann, Frau, Kind, bei II. Vernunft 4. Ein Kind generalisirt gern. Wenn cs Einen Elephantm sieht, so glaubt cs, alle gesehen zu haben; das Individuum wird ihm Typus des Geschlechts mit allen seinen Particularitaken. War der Elephant grau, so müssen alle Elephanten grau scyn , bis es hört oder liefet, daß cs auch weiße Elc- phanten gebe. In allen Sprachen sinder man Reste von dieser Kindheit der Menschen in Gcneralisirung der Individuen zu Geschlechlsnamen durch ein oft sehr einzelnen mehreren Objecten anerkannt, waren Gemeinnamen; der Mann, die Frau, das Kind mußten den Gemeinnamen parricularisiren. So entstanden verkürzende Anweisungsworte, (Ich, Du, Er, D i e s e r, I e n er,) bei denen die uoruiiia selbst verschwiegen werden konnten, die also, obgleich stets in Particularfällen gebraucht, die Rede generalisirten. Alle Worte des S e y n s, L e i d en s und Thuns (verlla) wurden, (obgleich bei einzelnen Gelegenheiren erfunden,) G e m e i n b e g r i ffe. Ein Infinitiv bezeichnet? mit weniger Veränderung beim Thun und Leiden alle moäos und Zeiten, bis diese nach und nach durch Endungen, Vor- und Beiworte einzeln bestimmt, d. i. particularisirt wurden st). st) Setzen z. B., der Hauptbegriff, war da, den man nach und nach durch Präposirioncn und Adverbien (vor-, zu-, bei-, nach - setzen u. f.) particularisirte. Mir den tlssibus der vloniirirnir ists ein Gleiches: manche Sprachen declinirten, d. i. particularisirten noch jetzt wenig oder gar nicht. und Sprache. 337 sehr unwesentliches oder besonderes Merkmahl; und in wie Manchem bleiben wir Zeitlebens solche Kinder! Jeder mahlt sich den Engel und Teufel seines Geschlechts aus Particular-Eindrücken nach seiner Weise. 5. Ein Kind generalisirt gern. Nach Einer oder zwei gemachten Erfahrungen ist seine rasche Seele sogleich mit einem allgemeinen Erfahrungssatz fertig, unter der Firma des Wörtleins All: „alles waS Federn hat, fliegt," bis es aus neuen Erfahrungen inne wird, daß Manches, was Federn bat, auch nicht fliege. So bildet sich die sogenannte Analogie unsrer Erfahrungen aus wenigen oder mehreren, genau- oder schlecht-bemerkten Fällen, mangelhaft oder hinreichend: immer aber, wenigstens verschwiegen, mit dem Wörtchen All ausgerüstet, das sie doch selten oder eigentlich nie verdienet. 6 . Denn, wenn sind unsre Gemeinbegriffe vollständig? wenn können wir im genauesten Sinn All, Alles, sagen? Nie, als wo der Begriff dies All selbst enthält, oder wo er ganz unser ist und wir also zu ihm so viel nehmen können, als uns beliebt. Da wohnen wir in unserm Eignen und dürfen sagen: „dies Alles ist mein! d. r. dies Alles, was ich habe." 7 . Also lügen mr immer, wenn wir all sagen? denn wie selten haben wir überzahlt und können überzahlen, ob dies Alles sich auch als AU constituire. — So will das Wort nicht verstanden scyn, oder wir können es beinah nie gebrauchen. All sagen wir, wenn zu unserm Zweck nichts fehlet, Herders Werke z.Phil.u.Gesch.XIV. Y MtaLnt-'L. "7 333 H. Vernunft oder wenn sich von dieser Bemerkung Nichts ausnehmen soll, was zu ihr gehöret, oder endlich, wenn wir genug hüben und zu zahlen, zu bemerken aufhören. Aus bloßer Lässigkeit sagen wir dann ein so allgemeines Machtwort. Kurz, wir gen er allst re n immer nur in Absic-Htzu Partien! arisi reu , so wie wir nicht particularisircn können, ohne ein All im Sinne zu haben; beide Begriffe sind wie das xvirrs und xo8terius innig verknüpfet. 3. Wenn also der Obersatz des Vernunft- schluffes mit einem All hervortritl, was will dies All? Legt es uns auf zu zablen und fü-.rzuzaklcn, bis wir zur „absoluten Vollständigkeit" der Zahl dessen gelangen, das mir AU genannt ist? Nichts weniger! denn damit kamen wir eben von dem Schluß weg, zu dem das All einleiket. Das Wort heißt blos: „nichts ausgenommen von dem, was das Subject sagt, was mir und dir in ihm bekannt ist, und was jetzt zu unscrm Zweck gehöret " .Oft kann es daher auch gar ausgelassen, und das Subject, wenn es seinen Begriff ganz bezeichnet., allein gesetzt werden. Ob ich sage: „alle Kinder sollen ihre Eltern lieben" oder „Kinder sollen ihre Eltern lieben" ist gleichgültig, ja das letzte wird treffender, weil sich damit das Subject in seiner Natur nackt darstellt, ohne durch ein scheinbares Uebcrzahlungs- wort irre zu führen. Das All und Keiner des Syiloaismus sind also blos Elasten - und Schulworte, zu verbüken, daß sich kein t)niäani von der Regel auSncbme. Dem Schluß soll sich nichts entstellen, pas zur Particuiarisation des Allgemeinen auf diesen und Sprache. 339 Falk gehöret. Möge in andern Beziehungen das Subjcct mit sich führen, was es welle, hier tritt es nur zur Subsumtion und Entscheidung, zur Form eines Evnclusum auf, daher wir im gemeinen Reden die Allaemeiniatze gar weglassen, und den für einen Pedanten halten, der sich mit ihnen als einer prächtigen Universalität brüstet. Wir setzen sie voraus, oder deuten sie nur an und subsumiren. Auch halten wir den gewöhnlich für einen leeren Kops, der auf unübersehbare Allgemeinsatze losgeht. Nicht auf ihr weites Umfassen und Ausdchncn kommt es uns an; sondern auf ihr Zusammenfassen und Anwenden. 9. An wenden; ein ausdrückender Name. Ich wende den Satz, daß ich ihn zum Erdrauch bringe, zum Pradicat deS gegenwärtigen Falles; an seiner weitern müßigen Ausdehnung ist mir jetzt und hier nicht gelegen. 10. Der Vernunft Amt i!A also, ein gegebenes Allgemeine zu partikular isi re n, im Unbedingten das Bedingte anerkennend zu finden und festzustellen; eine Jagd im Allgemeinen bis zur „absoluten Vollständigkeit eines Subjekts, dessen absolute Vollstanoiqkeit von uns gar nicht begriffen," noch weniger darqestellt, am wenigsten genutzt werden kann, ist kein Nernunft- wcrk. Was z. B. sollte der Vernunft daran liegen» eine „absolute Vollständigkeit der Zusammensetzung des Ganzen aller Erscheinungen, oder der Theilung des Ganzen in der Erscheinung, oder der Entstehung einer Erscheinung überhaupt, oder A 2 II. Vernunft 3 40 endlich gar die absolute Vollständigkeit der Abhängigkeit des Daseyns des Veränderlichen in der Erscheinung" zu dichten, wenn sich ihr diese Gemeinsatze nicht selbst aufdrangen, .damit sie solche parti- cularisire? Weshalb soll sie den Verstand über die Schranken aller Erkenntniß hinaus spornen? Gerade das Gegentheil thut sie, als eine zusammennehmende, scheidende, bescheidende Vernunft. Was über uns ist, spricht sie, bleibe au seinem Ort; zu uns steige daraus nieder, was unser ist und zu uns gehöret. Dies macht sie im Allgemeinen als Merkmahl klar, und bindet es zu einem Schluß; sie stützt sich aufs Allgemeine, damit daraus im Besondcrn etwas gegründet werde. ri. Das regulative Principium der Vernunft kann also nicht ,,ein Problem seyn, um dcr Vollständigkeit in der Idee gemäß, eine Regel vorzuichreiben, nach welcher sic vom Bedingten, vermittelst aller einander untergeordneten Bedingungen zum Unbedingten fortgeht, obgleich dieses niemals erreicht wird," welcher kvaus iirmZinarius eine Lockung wäre, die zu nichts führet. Umgekehrt sucht sie aus dem Bedingungslosen, das ihr die Einbildungskraft in allgemeinen Ausdrücken vorspiegelt, den Weg zum Bestimmten, d. i. zum Bedingten. Statt B. aus den phanlasirenden Worten: „W elt, Weltall, WeItganzes, Materie u. f. Sprünge ins Unermeßliche zu thun, und diese hyperbolische Bahn gar für ihr „regulircndes Princip" zu nehmen, kehrt sie von solchen Allge- meinbegnffen auf das Besondere. Seyn, D a- scyn, Dauer, .Kraft will sie, jene nur in und Sprache. A41 Gestalten und Eigenschaften, Geschlechtern, Gattungen, Art, diese in Wirkungen sehen und sich daraus Gesetze sondern. Defi- halb legt sie ihr Maas daran; statt eines Endlosen Progressus, der zu nichts dienen würde, will und muß sie in jedem Schluß den Regressus in sich selbst vollenden. 12. Wie ftehts also mit der Trans ce irden; der Vernunft? Die'wabre Vernunft transcen- dirt nie; nie steigt sie aus sich selbst oder über sich selbst hinüber. In ihren höchsten Gleichungen befolgt sie' dasselbe Gesetz, das sie in den niedrigsten befolgte: „im Allgemeinen das Bcsondre ;u finden, im Mittelwort (irreäirw terininus) cs festzuhalten und im Schluß zu gründen." Je höher sie ihren Begriff nahm, in desto Mchrerem muß er ancr- kennbar werden; im kleinsten und größcstcn Umfangt aber ist das Wesen der Vernunft wie des Eickels: „Radien sind ohne Mittelpunkt nicht; von ihm gehen alle aus und kehren zu ihm wieder." 1 3 . Bei diesem Begriff der Vernunft, wo ist der falsche Schimmer, der ihr natürlich se»n und sie ewig aus sich selbst jagen soll? Wo sind die unvermeidlichen Antinomieen , jener unablegliche Jank und Zwist, in dem sie selbst von der Wurzel auS getheilt ist? Nicht nur verschwunden sind sie; sondern als die eigentliche Unvernunft (torturrr iNsutis) verschwunden. Wollte das „regulative Prin- cipium" dieser diStorquircnden Unvernunft, daß sie unaufhörlich aus sich selbst schreite und ein unendlicher Radius ohne Mittelpunkt und Umkreis werde: so spricht,die wahre Vernunft „das bin ich nicht; 3^2 II. Vernunft mein Amt ist beschließen. Was Einbildungskraft , Verstand und Sprache in Allgemeiniatzen mir zufübren, wende ick an, ich subsumirc; in mir ist kein Zwiespalt, in mie ist Friede. Friedestiftcrin ist die Vernunft zwilchen dem Allgemeinen und Be- sondern, da Beides nicht ohne einander seyn kann; indem sic Beides einiget, Beides v e rk n ü p fe t. 14. Wodurch knüpft sie beides? Durch sich selbst, weil sie Vernunft ist. Sie macht das unbestimmte wüste All (omris), an' welchem sich nichts denken laßt, zu einem ihr eigncmOanzcn (tow) bedingt und bestimmt in seinen Gliedern. 1 5 . Ein Ganzes, bestimmt in seinen Gliedern; hicmic flieht jene transcendentale Synthesis, die Feindin alles menschlichen Ancrkennens, die Thcile zu Theilen, Raumen zu Raumen setzt, um ein Achsolutiarn zu erhaschen, wovon der Verstand keinen Begriff hat, welches auch auf diesem Wege des a -s- 1 nicht einmal zu finden wäre. An ihre Stelle tritt Umfassung des Begriffs (Lorrr- xi-eckensio) durch Z u sa m m c n 0 r 0 n u n g. Nicht aus Thiilen wird der Vernunft ein Ganzes zusammengesetzt, (synthesi'ret) noch in Theilen von ihr zerstückt, dicholvmir.t; sondern als Ganzes (towin) lebendig anerkannt in seinen Gliedern. Diese constimiren das Ganze energisch und höchst bestimmt, weil es nur in ihnen unzcrtrennt und untrennbar lebet. Absolut heißt ihr nicht das Bedingungslose, sondern das in und zu sich selbst Geordnete, durch sich selbst höchst Bedingte. Als Richcerin vernahm sie und Sprache. 343 Den Grund des Anbringcns. Parthci und Gegenpartei; und Entscheidet. Die Entscheidung kehrt zum Grunde des Anbringcns zurück, der in beiden Mittelgliedern nur geweitet, d. i. von beiden Lheilen auseinander g e se tz t ward. Di« beiden Extreme finden durch Ja oder Nein ihre Mitte wieder. >6. Hieraus crgiebt sich, warum unsre Kate- gorieen als 1. 2. 3. 4- gestellt wurden; ein leeres Spiel der Dichoto- m i e sollte dies nicht scyn. So gestellet geben sie den Actus der Vernunft selbst an, und sind nichts als drei Glieder des Syllogismus, indem die zwei mittleren den rrmclius tsrniinuo verbreiten und die vierte Zahl zur Ersten zurückkehrct *). Wenn ich z. B. den Begriff vom Seyn in seinen großen Dimensionen Raum und Zeit wahrgcnommcn habe, kehren beide Extreme in ihn selbst, in den Begriff einer bestehenden Kraft zurück, durch H Der Construction der Rede nach würben sie tbesix, ixniologieis , apockos-is heißen. In andrer Rücksicht können die beiden Mittelglieder als integri- rende Thcile des Hauptbegriffs betrachtet werden, derJin 1 und g. erscheinet. Z44 II. Vernunft welche zwischen beiden der Zustand einer Be har- rung wird. Der Begriff der Qualität, durch Geschlechter und Gattungen verfolgt, kann nirgend hin, als in sich selbst zur e i g en th ü m li chen Art zurückkehren, in welcher jede Gattung, jedes Geschlecht beharret, wenn Eigenschaften und Individuen in immerwährendem Strom sind. In der Kategorie der Kräfte werde ich aus Anziehung und Zurückstofiung nie eine Welt zimmern; es maß eine Kraft fern, aus welcher beide entspringen, und in welcher beide mit neuer Verjüngung, d. i. einem Effect sich wieder vereinen. Die aus einander gesetzten Extreme waren nur Mittelglieder. Im Begriff des Maaßes endlich kehren seine beiden Dimensionen Extension und Protension, die vom Punct ausgingen, als weitgenommene Extreme zur dritten Dimension, der Intensität, wieder. Die Kategorie ist also nichts als der in seiner Eonstruction dargestellte Ver nu n f t-A c t u s; die beiden Arme der Waage müssen an einer Unterlage befestigt seyn, worauf zwischen beiden ein viertes, die Zunge, den Ausschlag giebt, d. i. entscheidet. 17. Den vier Hauptbegriffen der Kategorie legten wir vier Wissenschaften unter, dem Begriff des Seyns Ontologie, d. i. eine Philosophie der Verstandessprache, dem Begriff der Eigenschaften N a tu rk u n d e, der Kräfte Naturwissenschaft, der Größen Mathematik; in der Eonstruction aller muß sich die angegebne Regel der Vernunft zeigen. Und sie bestehet ihre Probe. Die Zusammenhäufung eines Wörterbuchs, in welchem Wort auf Wort, wie Blatt auf Blatt folget, und Sprache. 345 giebt uns den Begriff einer Sprache nicht, sondern Ableitung und Zusammensetzung der Begriffe, Etymologie und Sy ntax is. Nicht Synthesis des Einzelnen zum Einzelnen, sondern avz/erXoxy, Eomprehension des Ganzen, d. i. die Verknüpfung des Allgemeinen mit dem Desondern. In der Naturkunde giebt das Hin- und Herzahlen der Gattungen und Geschlechter keinen Begriff der Wissenschaft, sondern ihre Zusammenfassung unter den Hauptbcgriff, Charakter, Genesis, Art, d. i. die Anerkennung des Allgemeinen in dem Besondern und Wechselseitig. In der Physik bringt eine Dichotomie mechanischer Kräfte nie zum Ziel; beide, aus Einer Ursache entsprossen, in Eine Wirkung zusam- mengchend, wirken durch Verwandschaft auf einander, freundlich, feindlich; nur also wird etwas in der Natur, die sich nicht anders als genetisch durch Abkunft, Verwandtschaft, Erzeugungen halt und in ihnen fortlebet. Ihr Typus Genetische Abkunft, Freundschaften, Feindschaften, Products, tragt den Typus der Vernunft selbst an sich. 18. Entgegengesetzt also einem natürlichen Hange zu Paralogismen, Antinomieen und einem sinnlosen Laufen ins Unendliche dürfen wir die Vernunft als unser letztes, in sich selbst beschlossenstes Vermögen ansehcn, und wenn wir in jedem andern eine Regel bemerkten, auch dieser ihr inneres, ewiges Gesetz nachzeichnen. sich. 346 II. Vernunft S in n e n em p fa n g n i sfe Phantafieen V e r st a n d c s b e g r i ffe. Vernunft-Ideen. Gesetz: „Wäge zu beiden Seiten. Umfasse den Begriff in allen seinen Gliedern und führe ihn in sich selbst zurück. Nur das in sich höchst- bestimmte ist absolut und n 0 t h- wendig. 19. Hier also scheiden sich Vernunft und Phantasie oder vielmehr Phantasterei völlig. Eine Philosophie, die das gelammte Reich der Sinnlichkeit in zwei nichlausdrückende Formen auflöset und damit das Wesentliche desselben, unser In new erden vernichtet: sie, die das Wesen des Verstandes, Anerkennung aufhob, und statt ihrer einen dunkeln Schematismus nirgend entsprossener Worilarven setzte; sie, du das Amt der Vernunft mißkennend, diese selbst zur dichtenden Jägerin im Unvernehmbaren machte, und den einfachsten Begriff der Vernunft als ein Ideal, d. i. als ein Gcdankenbild der Phantasie imaginiret, hat eben damit dem Amt der Vernunft entsaget. Diese wirft ein gesammlctes, sich selbst widersprechendes Ideal hinweg und spricht: „Nichts Heiliges ist in dir. Mein Begriff von Gott ist die ewige Vernunft selbst; sie ist mir in mir und in Allem gegeben." Auf einem Da- seyenden, Nothwcndigcn, in sich Höchstbestimmten stehet alle Veränderung; jeder Begkiff des Verstandes, jedes Unheil der Vernunft hangt am Wort Ist oder Ist nicht; er setzt Wahrheit voraus, Wahrheit in sich, zuletzt ewige Wahrheit. und Sprache. 347 ' 20. Könnte das Auge oder irgend eine Organisation der Natur sich selbst aussprechen; sie spräche sich aus als Formel einer unendlichen Vernunft, d. i. unendlich vieler, in ihr dargestellteir Verhältnisse, in sich selbst zusammentreffender Gedanken. Der Vernunft spricht sie flch also aus; sich selbst spricht die Vernunft also aus, auf ein Noth- wendiges, d. i. Höchstbestimmtes Daseyn mit seinen Folgen, auf Verknüpfung zwischen Ursache und Wirkung gegründet. Nehmet dies weg, so ist Alles ein Traum, ein Phantasma. 21. Aber die Vernunft weiß, daß sie ist; sie weiß cs allein. Selbst di« Pbamafle könnte ohne sie nicht dichten; die dichtende Phantasie setzt Vernunft voraus , und hüllet, was sie nicht genau kennt, nur ein in ihre Bilder. Auch der Wild« , drr vor dem mächtigen Wasserfall als einer Wirkung des großen Geistes knieet, ehrt die Verknüpfung zwischen Ursache und Wirkung;' hundert Stufen dev Naturwirkungen höher hingufgestiegen, kntcen wir anerkennend wie Er. Die Phantasie selbst hat droben ihre Flügel verloren; auch sie erkennet eine durch sich bestehende Wahrheit. Keine Naturgesetze, keine Mathematik findet ohne diese statt; nichts bliebe uns übrig, als erdichtete Prototypen, gehauste Summen, synthetische Ideale, Schwärmereien, die die reine Philosophie weder anerkennet noch ausspricht. 22. Hinweg also mit dem Wort: ,,Ideal der reinen Vernunft;" die Vernunft dichtet und schafft keine Ideale. Nothwendigcn Begriff, Zusammenhang zwischen Ursache und Wirkung sucht sie; in 348 II. Vernunft ihr selbst ist ihr dieser gegeben. Sie deirf damit nicht tändeln, oder sie ist keine Vernunft mehr; der Prototyp derselben ist Bestehen in sich, noth wendige Wabrheit. Eine beschränkte, aber keine mangelhafte Copic ist sie dieses Urtnpus: denn auch im kleinsten Wassertropsen spiegelt sich die Sonne als Sonne; der kleinste Cirkel ist seinem Wesen nach Cirkel. Wer die reinste Idee der Vernunft für Phantasie erklärt, erklärt auch für Phantasie, daß 2 -j- 2 --- 4 sey; er gab die innere Nethwendigkeit des Begriffs aus, der alle unsre Ideen bindet und festhält. 23 . Ein Wahn ists, daß die Idee von Gott den Forscher der Natur störe oder aufhaltc; willkühr- liche Wortidole, Phantasmen stören ihn, nicht aber der Begriff von absoluter, durch sich gegebner, noth- tvendigw Wahrheit. Lege diesen allenthalben zum Grunde; in jedem Daseyn suchend das lVlsxiruurrr -oder Muilnuiri seiner Beharrung, in jeder Kraft- außerung Verknüpfung der Ursache und Wirkung; du gehest nie irre. Der Begriff von Gott und seiner Einheit als einer reinen Vernunft-Ursache hat die menschliche Vernunft aufgeklärt, und von den Hefen der Phantasterei gereinigt. Er lehrte sie Einheit anerkennen, wo Einheit war, nokhwendige Gesetze finden, wo sie sich ihr aufdrangen, d. i. allenthalben. Auf diesem Wege wird sie fortgehen, sich ihrer selbst freuend als eines lebendigen Abdrucks jener großen Verknüpfung, mit dem Siegel innerer Noth Wendigkeit bezeichnet. Selbst die gaukelnde Phantasie wird sie zurcchcweisen ; denn diese ist doch nur ein Traum der Vernunft, ein Schatte der Wahrheit. und Sprache. ^49 2,4. Wundern dürfen wir uns also nicht über die Streitigkeiten, die, wie über jeden mißverstandenen Begriff, so auch über den reinsten und einfachsten aller, über Gott, entstanden. Da er durchaus keine Zumischunq der Phantasie leidet, in welcher er sogleich ein Unbegriff wird, ließ sich über ihn in eine Mißgestalt gehüllt, viel streuen. Jedes Philosophie aber ist die reine Anerkennung dieser gewissesten Jde; Kriterium; verkannte sie diesen Begriff, welchen reinen Begriff sollte sic nicht verkannt haben ? iZ. Vom D i s c i p l i n i r e n der reinen Vernunft. der tronscendentalen Elcmentarlehre hoben wir zum Gebäude des Inbegriffs oller Erkennmiß der reinen Vernunft den Bon zeug übcrschlogen und bestimmt, zu welchem Gebäude, von welcher Hohe und Festigkeit er zulonge. Jetzt ist cs uns nicht sowohl um die Moteriolien, als vielmehr um den Plan zu lhun, und indem wir gcwornck sind, cs nicht ouf einen beliebigen blinden Entwurf, der vielleicht unser gonzes Vermögen übersteigen konme, zu wogen, gleichwohl doch von der Errichtung eines festen Wohnsitzes nicht wohl abst.hen könne», den Anschlag zu einem Gebäude in Verhältnis ouf den Vorrotb, der uns gegeben und zugleich unserm Bedürsniß angemessen ist, zu machen." *) ) S. II. Vernunft und Sprache. 35 1 „Die tr a n s c e n d en ta le Methoden- lehre, soll also die Bestimmung der formalen Bedingungen eines vollständigen Systems der reinen Vernunft enthalten, und in dieser Absicht mit einer DiSciplin, einem Kanon, einer Architektonik unv einer Geschichte dcr reinen Vernunft zu lhun haben *). I. „Die Disciplin der reinen Bernunft." Sic bedarf, wo weder empirische noch reine Anschauung sic in einem sichtbaren Geleise halten, nämlich in ihrem trauocendentalen Gebrauch nach bloßen Begriffen, sosehr einer Disciplin, die ihren Hang zu Erweiterung über die engen Greiizen möglicher Erfahrung bändige, und sie von Ausschweifung und Jrrthum abhalte, daß auc^ die ganze Philosophie der reinen Vernunft blos mit diesem negativen Nutzen zu thun hat. Wo, wie in dcr reinen Vernunft, ein ganzes Sy» stem v v'n Täuschungen und Blendwerken angetroffen wird, die unter sich wohl verbunden und unter gemeinschaftlichen Principien vereinigt sind: da scheint eine ganz eigne und zwar negative Gesetzgebung erforderlich zu seyn, welche unter dem Namen einer Disciplin, aus dcr Natur der Vernunft und dcr Gegenstände ihres reinen Gebrauchs gleichsam ein System der Vorsicht und Sclbst- prüfung erreichte, vor welchem kein falscher vernünftelnder Schein bestehen kann, sondern sich sofort, *) S. 786, unerachtet aller Gründe seiner Beschönigung, verrs- then muß." *) Die reine Vernunft, dem Hange nach eine Lein^sr uVwArwta, soll also disciplinirt werden: von wem? Von ihr selbst? Wie kann die alte und immer junge Verführerin, Mutter so vieler Täuschungen und Blendwerke, sich selbst ziehen und bessern, da nach dem kritischen System diese Blend- nerke und Täuschungen in ihrer Natur liegen. Der transcendentere Zuchtmeister der transcendirenden Vernunft ist also niemand als der kritische Philosoph selbst, in dem die reine disciplinirende Vernunft substanziell, habituell, allgültig wohnet. „Die Disciplin der reinen Vernunft im dogmatischen Gebrauche. „Reine Vernunft hofft im transccndentalen Gebrauch sich eben so glücklich und gründlich erweitern zu können, als es ihr im mathematischen gelungen ist, wenn sie vornehmlich dieselbe Methode anwcndet. Es liegt uns also viel daran zu wiffen- ob die Methode, zur apodiktischen Gewißheit zu gelangen, die man mathematisch nennt, mit derjenigen einerlei sey, womit man eben dieselbe Gewißheit in der Philosophie sucht, und die daselbst dogmatisch genannt werden müßte." „Die ) S. 73g- „Die philosophische Erkenntnis? ist die Vcr- nunftcrkenntniß ans Begriffen, die inatheinarische aus der Eonftrnction der Begriffe. Einen B e- griff aber construircn heißt, die ihm corre- spondirende Anschauung er priori darstellcn." Dieser Unterschied, aus dem fortan alles abgeleitet wird, Hilst so wenig dem Nebel ab, daß er auch nicht einmal den Punkt trifft, der Mathematik und Philosophie scheidet. Auch die Philosophie con- struirt Begriffe, zwar nicht durch Linien oder andre mathematische Zeichen, aber durch Worte. Sind diese bestimmt und verständlich: warum sollte mittelst ihrer der anerkennende Verstand und die aussprechende Vernunft sich mehr Begriffe construircn? Entsprang nicht eben jener falsche Schimmer der transcenden- ten Vernunft, der in Amphiboüecn, Paralogisinen und Arttinomiecn umherlief, daher, weil die Trans- rendentalphilosopbie ein Nichts als Etwas, d> i. unbestimmte Zeichen als Begriffe übel construirte? Dagegen ist die mathematische Erkenntniß eben so wenig aus der Eonstruction, als die philosophische; aus Anerkennung construirter oder con- struibler Begriffe entspringen beide, ,a es gicbt Falle in der Mathematik, da ich die Wabrheit der Sätze apodiktisch erkenne, ob ich sie gleich nicht construircn kann; und Gegenthcils Falle, da die Eonstruction dem Begriff zu widersprechen scheint, der dennoch apodiktisch gewiß ist. *) S. phn. Herders Werke z.Phil.u.Gesch.XIV. Z Ä5ctaLi-ü-L-. 354 II. Vernunft „Die philosophische Erkenntnis betrachtet also das Bcsondre nur im Allgemeinen; die mathematische das Allgemeine im Besonder», ja gar im Einzelnen, gleichwohl doch a priori *). Auch die Philosophie betrachtet das Allgemeine im Besonder», indem sic jenes auf dieses bezieht; außer solchem Bezüge ist ihr das Allgemeine müßig; wie andern- thcils Mathematik am Besonder» das Allgemeine erkennet, ohne sich darum zu kümmern. Es geschieht dort wie hier Eine Handlung der Seele. Ueber- haupt kann das Allgemeine, wenn cs kein leeres Wort seyn soll, nur am Besonder», das Besondre nie ohne ein Allgemeines philosophisch gedacht werden. „In dieser Form, (daß ich philosophisch das Besondre nur im Allgemeinen, mathematisch das Allgemeine im Besonder» und Einzelnen betrachte) besteht also der wesentliche Unterschied dieser beiden Arten der Vernunfterkenntniß und beruhet nicht auf dem Unterschiede ihrer Materie oder Gegenstände. Diejenigen, welche Philosophie von Mathematik dadurch zu unterscheiden vermcynten, daß sie von jener sagten: sie habe blos die Qualität, diese aber nur die Quantität zum Object, haben die Wirkung für die Ursache genommen. Die Form der mathematischen Erkcnntniß ist die Ursache, daß diese lediglich auf Quanta gehen kann." **) Da keine Form ohne Materie denkbar ist; so gehet Mathematik ihrer Natur nac h auf quanta, d. i. aufs Maas der Dinge. Wo ein solches statt findet, *) S. 7g2. **) S. 7H2, und Sprache. 35 Z treibet sic ihr Werk und würde cs treiben, gesetzt, daß sic ibre Begriffe auch nicht in der Form, wie sie es thut, construirte. Da aber Maas im Un- ermeffenen icder Art schlcchtbin unser Begriff ist, den wir nach Belieben construircn mögen, so geschieht es im Raum darstellend; in Zahlen und der hohem Analyse nicht also. Als diese erfunden wurden,-d. i. als ein neues Maas des Unendlichen an die Dinge gelegt ward, stand den Erfindern ihre Symbolik frei; zum Theil bezeichnet«!» und bezeichnen Britten und Deutsche noch jetzt anders. An der Materie entsprang die Form, obwohl vom Verstände erfunden. Wenn einige den Begriff der Philosophie blos auf Qualität einschranken; so «haken sie übel: denn alle Begriffe des menschüchen Verstandes, sie mögen DaseyN, Eigenschaften, Ursache, Wirkung, selbst Maas, Zahl, Sprache oder jedes andre Symbol betreffen, sind im Gebiet der Philosophie. Dagegen mißt Mathematik; sic b e- tc achtet nicht, sondern anerkennet und bestimmt Maaßverhältnifse in Allem Meßbaren, d. i. im unermeffencn All Alles. „Nur der Begriff von Größen laßt sich con- struiren, d. i. n priori in der Anschauung darlegen; Qualitäten lassen sich in keiner andern als empirischen Anschauung darstcllcn; daher kann eine Vcr- nunfterkenntniß derselben nur durch Begriffe möglich fern." *) Auch bei s)uuirtis kann eine Ver- nunftcrkenntniß anders nicht als durch Begriffe statt 2 *) S. 7^2. 356 II. Vernunft finden; denn Verhältnisse find Begriffe; und wenn sich Qualitäten in keiner andern als der empirischen Anschauung darstellen ließen, so hinderte dies ihre Eonstruction als Begriffe nicht. Da sich aber nicht alle Qualitäten in empirischer Anschauung, d. i. sinnlich darstellen lassen müssen: (es gicbt Eigenschaften und Verhältnisse, die die Vernunft als Ab- stracta anerkennt, Begriffe höherer Act, die dennoch völlige Gewißheit haben;) da auch nicht Größe allein und nicht jeder Begriff von Größen sich in der Anschauung darstcllcn läßt; (ein großer Theil der höheren Analyse stellt ihre Größen in keiner Anschauung dar,) so sieht man, daß anschauliche Darstellbarkeit das Wesen der Sache nicht erschöpfe. Wahre Verstandes- und Vcrnunstbegriffe werdender Seele ursprünglich an den Gegenständen selbst, abgeleitet und erhöht in richtigen Worten, anerkennbar, welches mehr ist als an sc haubar oder angaffbar. Alle diese Unterschiede, flach gegriffen, geben flache Disparaten. I. B. „die Philosophie handelt eben sowohl von Größen als die Mathematik, von der Totalität, Unendlichkeit u. f." Sie handelt davon; aber nicht wie die Mathematik handelt. „Die Mathematik beschäftigt sich auch mit dem Unterschiede der Linien und Flachen als Raumen von ver schiedner Qualität, mit der Eontinuitat der Ausdehnung als einer Qualität derselben." Linien und Flachen als Räume von verschiedner Qualität find undenkbar; wie ist Raum von Raum in Qualität unterschieden? Und wäre ers, ssv wird dieser Unterschied so wenig ein Geschäft der Mathematik, als im Eontinuum der Ausdehnung jemals die Qualität derselben. und Sprache. 35 ^ (sofern sie nicht die Größe verändert,) ein Gegenstand der Mathematik wird. Im Ausgedehnten zeichnet sie Verhältnisse, unbekümmert, ob das Conti- nuum von Gold, Eisen oder ein Nichts scy. Unnütz und langweilig wäre cs, die weitern Behauptungen der kritischen Philosophie vom Begriff der Mathematik und ihrem Unterschiede von der Philosophie zu durchgehe»; zumal allen der Radical- Mißbegriff zum Grunde liegt, als ob sichtliche Con- struction die Sache erschöpfe. Erweitern wir also lieber den Gesichtskreis und fragen: Giebt es eine Disciplin der reinen Vernunft? welches ist sie? und wodurch wird dieselbe? 1. Da Disciplin hier Zurechtweisung, Zucht heißen soll, so. verdiente die Vernunft ihren Namen nicht, wenn sie als Richterin sich nicht selbst discipli- nirte. Oder würde sie als Baumeistern', betrachtet, so kann sie freilich mit schlechtem Vaugeräth nicht anders als schlecht bauen; ihr Diener, der Verstand , aber mit seinen Dienern, den Sinnen und der Einbildungskraft muß die Macht haben, ihr besseres Gerath zu liefern, und sie selbst muß vermögend scvn, anzuer ken nen, daß sich mit Schlechtem nichts Gutes bauen lasse. Kann sie dies nicht, so ist bei ihr alle Schul- oder Kricgszucht vergebens. 2. Die Rivalität zwischen der Philosophie und Mathematik in Ansehung gelhaner Fortschritte ist ein leerer, jetzt ziemlich abgekommcncr Streit. In bei- 358 II. Vernunft den Wissenschaften keim es auf Umstande an, die sie weckten oder hinderten; jede aber ging Uwes Weges. Die Mathematik mißt, zahlt, berechnet. Da mit Genauigkeit nichts ohne sic constrrurt werden kann, so fand sie nicht nur in allen Bedürfnissen des Lebens, im Mordzcuge des Krieges selbst, ihre ' Werkstatte, sondern da Alles in der Natur nach Maas, Zahl und Gewicht geordnet ist: so stellen Sonne und Mond, Himmel und Erd^e ihr ein un- untcrbrochncs Schauspiel von Bewegungen dar, mit dem Zuruf:' ,,miß! zahle! wage!" Die Schiffsund I'rieg :":nst, an denen in unsrem politischen Zustande beinah alles hangt, samnit ihrer unterirdischen Schwester, der Berglvcrkskunde, neben ihnen die vermehrten Bedürfnisse des Lebens, der wetteifernde Handel, endlich die Kunst fast jedes kleinsten Gewerbes, federn unaufhörlich auf, Raum, Zeit und Kraft dem Gedanken gehorsam zu machen, das Meiste mit dem Mindesten-, das Größeste mit dem Kleinsten zu verrichten. Da nun nach einigen großen Erfindern des vierzehnten bis sechzehnten Jahrhunderts der menschliche Geist einmal auf diesem Wege vorgedrungcn war, schritt er in den beiden folgenden Jahrhunderten mächtig weiter; und wird weiterschrei- tcn: denn das Maas aller Dinge, auch i» der nächsten Anwendbarkeit .für Menschen ist nie vollendet. Außerdem geht die Mathematik, wie jede andre sichre und höhere Kunst, gleichsam dem Instinkt zur Seite. Als Talent meldet sie sich sehr bestimmt an, überwindet Hindernisse und schreitet zum Werk; so lange es Dienen giebt, wird cs auch Bau - und Mcßkünstler geben. lind Sprache. 359 3 . Die Philosophie nahm einen andern Weg, nicht weil sie einen andern Vcrnunftgebrauch oder eine eigne kransccndentale Bernnnftform erfodert; sondern weil ihr ein weiteres, tieferes Feld der Begriffe zukcmmt. Mit Maas, Zahl und ihren bestimmten Zeichen kann die Mathematik, solange Mond und Sonne in ihrem Lauf fortgchn, ihr Geschäft treiben. Die ältesten und neuesten Bemühungen der Mathematiker knüpft» sich aneinander: denn Waas und Zahl bleiben immer dieselbe. Die Philosophie hingegen, die das Daseyn der Dinge, ihre Eigenschaften, ihr Achnliches und Unähnliches, ja tiefer hinein Ursache und Wirkungen erforschen und bei allem diesem auch das Maas nicht vernachlässigen soll, das in ihrem Gebiet versteckter lieget, und dennoch jedem Dinge zukommt, ohne Zweifel hat sie ein ungleich schwereres, längeres, vielartigeres Geschäft als jene ihre nur Erosienbcstimmcnde, Schwester. Nicht mit Einer Kategorie umfaßt sie die Dinge; in allen Kategorien,, die des Maaßes selbst nicht ausgeschloffen, dazu in allen Rücksichten und Anwendungen vom höchsten bis zum geringsten Gebrauch des Lebens findet sie ihr Werk. Alle Gegenstände der Welt soll sic construircn, soweit die Natur, ihre Meister - und Schülerin, ihr unumschränkter Herr und ihr folgsamster Diener reichet. Wer also die Mathematik, weil sie an viele Wissenschaften gelegt wird, und die Philosophie, die alle diese Wissenscbaften selbst in sich begreifet, an Inhalt und Umfang gleichsttzt, thut eben, so viel, als wenn er das Maas, das an eincn Menschen gelegt wird, dem Inhalt und der ganzen Beschaffenheit dieses Menschen in allen Rücksichten gleichsctzke 36c, II. Vernunft Me Wissenschaften und Künste, die Mathematik ftlbst, umfasset die Philosophie; ihr Gebiet ist unendlich. 4 . Und dennoch ist ihre Bezeichnung so vielen Schwierigkeiten unterworfen: denn sie construirt Begriffe durch Worte. In diesen unterscheiden sich nicht nur Völker und Zeiten, sondern auch einzelne Menschen so unlaugbac, daß ja eben diese einzelne Worthaber mit ihrer anmaßenden Wortherrschaft ins Gebiet der Vernunft jederzeit die größte Verwirrung brachten. Mißverstandne, halb oder uncechtaufg-- nommene Begriffe monopokisirlen sie; ein falsches' Metall ward oft als Gold gestempelt. Und eS lief Jahrhunderte umher; ihre Schüler zankten blutig darüber, bis wiederum ein andrer unternehmender Geist aufstand, der vielleicht nicht mit größerem Scharfsinn, aber mit glücklicherem Trotz neue Wortmünze in Umlauf brachte. Jetzt hatte man der alten satt; abgegriffen war sie unkenntlich geworden, und die neue, vielleicht schlechtere an Werth, glanzte. Mit jedem verrufenen System sind wahre und schöne Ideen zu Grunde gegangen; und nur ein Geist, wie Leibnitz, der in allen Systemen das Wahre und Nützliche schätzte, (wie wenige sind dergleichen zu allen Zeiten!) verdient den Namen eines acht philosophischen Geistes. 5. Ohngeachtet dieses großen Hindernisses aber, daß die Philosophie ihre Begriffe mittelst unbestimmter veränderlicher Worte construirt, ist sie, bei weiten! nicht rückwärts gegangen', sondern, wenn man, wie eS sevn muß, ihren Umfang mit berechnet, schritt auch sie vor. Und wodurch schritt sie vor? und Sprache. 36r Dadurch, daß sie, gleich der Mathematik einen neuen Calcul gewann, die Landessprachen. So lange man in ihr ein griechisch Latein redete, das weder Aristoteles noch Cicero hatten verstehen mögen, schleppte man den alten Trödelkram mißver- standner Abstraktion fort, und zwang den Geist in diese verlebte Wortformen. Sobald man aber in seiner Sprache zu denken wagte, ließ sich der gesunde Verstand nicht überwältigen; er warf die fremden Wortlarvcn ab, anerkennend seine Begriffe, in seiner Sprache *). *) Auch hier war Luther für uns Deutsche e!n hochverdienter Mann. In einer männlichen Ver- standessprache machte er der Philosophie Raum; er stürzte auf dem Felde, das er tapfer bearbeitete, die Scholastik. Man ging ihm nicht nach, wie man halte thun sollen; im Gebrauch der Landessprache kamen Frankreich und England uns weit voran. Zu lieb war den Schulen die scholastische Lranscendentalphilosophie, bis nebst andern, (Thomasius z. B.) Leibnitz den großen Sinn hatte, bei der genauesten Technologie die Philosophie des Verstandes und der Vernunft zur verständlichen Philosophie zu machen, wie es seyn sollte. Er selbst zeichnete nur Risse, meistens in fremden Sprachen, aber für- alle Wissenschaften, gleich philosophisch. Niemand ehrte den Scholasticismus mehr als Er, niemand aber verwarf auch bestimmre-r als Er dessen leere Wortformen. Daß Wolf, obgleich mit eingeschränkterem Geiste, seine Philosophie 362 II. Vernunft 6. Da , seit Des-Eartcs und Leibnih, Philosophie und Mathematik, wie cs seyn soll, vereint getrieben wurven, glaubten einige, die äußere Euklidische Form sey der Philosophie günstig. Hatten sie daran Unrecht? Sie Haltens, wenn sie dachten, daß mit der äußern Form, auch übel angewandt, Alles gethan sey; war aber wohl Jemand so schwach, dies zu denken? Methode heißt Lchrart; Unterschied und Ordnung also, Bestimmung wollten sie ihren Lehrsätzen durch diese Methode gehen; war dies unrecht ? Daß kein Satz für etwas anders genommen würde, als was er seyn sollte, daß keiner am Unrechten Orte stünde und sich eine falsche Gewißheit aumaßte, dies war Zweck des mathematischen Lehrvertrages; war er, recht gebraucht, verwerflich ? Der kritischen Philosophie wäre freilich in verständlichem Deutsch schrieb, gereicht ihm zu seinem größesten Verdienst; dadurch und durch Uebcrsetzungen aus andern Sprachen oder durch das Lesen fremder philosophischer Schriften ist der Geist der Deutschen etwas gelichtet worden ; sonst saßen wir noch auf den Schulbänken alter Quidditäten und Hocceitaten. Jedem System, das uns in neuen Wortformen diese alte Nacht wiederbringt, sollen wir, der Ehre unsrer Nation halben, cntgegentretcn: denn nichts lähmt den Verstand mehr als das Nachplappern dunkler Formen. Mit welcher Mühe «urden sie drei Jahrhunderte lang aus dem schweren Gehirn der Grübler allmählich verscheuchet ! und Sprache. 363 diese Methode ein Fegfeuer, und vielleicht noch mehr. 7 . Langst ists erwiesen, daß das Wesen der mathematischen Lchrart G r ü »düng in P r i n- cipien, deutliche Bestimmung, Ableitung und Ordnung der Begriffe sey *): sind diese nicht auch ohne ariicnlirte Benennung Erfordernisse jedes gründlichen , ordentlichen Lehrvertrages? Soll der Name ,,d i s c u r si v e" Philosophie bedeuten, daß, wie im Di-kurs, durch ein Umherwandeln in der Rede alles gethan sey; so gebt uns statt solcher Diskurse lieber den alten steifen Dogmatismus wieder, bei dem man doch, was man las, w u ß t e. 8 . Da aber Methode nicht alles ist, sondern cs auch in ihr auf die ersterfaßten Begriffe und Worte vor allem ankommt, da alle Jahrbücher der Geschichte es bezeugen, daß durch Sprachfor- meln der Philosophie ihr Unheil gekommen, indem durch sic jene Paralogismen, Antinomieen, Am- phiboliecn nach Zeit und Gegend erzeugt, genährt und erzogen wurden; so hat man von etwas mehr als von Mathematischer Methode zu reden, wenn es auf eine B e r n u nftzucht ankommt. Zucht dev speculircnden Phantasie, des Letternwitzes und Wortscharssinns sollte sie heißen; und eben diese *) In mehreren Abhandlungen hat Kästner manche Mißverständnisse gerügt, die man von mathematischen Begriffen in der Philosophie oft wiederholen und auch jetzt wiederkommen stehet. 364 II. Vernunft Jucht kann kein andrer als der Verstand und die Vernunft üben. Zwar bat schon die Zeit diesen Wortspeculatismus in manchem trefflich diöcipliuiret. Hundert Widerstreite in dialektischen Discussionen, die einst Ruhm brachten, an denen, wie man glaubte, das „Interesse der Vernunft," der Wissenschaften und der Menschen - Glückseligkeit hing, erregen jetzt Schaam, Ueberdruß und Ekel; andrer jetzt geltenden wird man sich schämen und sie bald zu den Heldenwaffcn stellen, die man einst Morgensterne nannte. 9. Da aber, was die Zeit thun soll, nur durch Kräfte in der Zeit bewirkt wird: so verwalte Vernunft das Amt der Zeit. Keinen Wortlarven gönne man Raum; den falschen Tief- und Leersinn, wie anmaßend er sich auch gebehrde, decke man, (unerschrocken, was die Menge sage,) auf. Man kommt dadurch trüben Verirrungen vor, oder hilft ihnen ab, und vertreibt die Schwere aus Blci- beladnen Köpfen. ro. Vor allem entferne man den Wahn, daß eine wissenschaftliche und verständliche Sprache Zweierlei scy. Habe jede Kunst, wie jedes Handwerk, ihre Kunstsprache; der Lehrling lerne sie und schäme sich ihrer nicht. Jeder strengen Wissenschaft gebührt die Ihrige; sie halte darauf mit Genauigkeit und Ordnung; diese sind ihre Disciplin. Verständig aber und verständlich muß diese Sprache seyn , d. i. sie muß in klaren Ausdrücken Begriffe, nicht leere Formen und Schemen enthalten; sonst ist sie kein wissenschaftliches, kein Kunstwcrkzeug. Verstand der Sache bewahrt die Vernunft vor Abwegen nichtiger und Sprache. 365 Speculation; von innen heraus wird sic knedurch disciplinirek. Mit jeder Entdeckung der Naturgeschichte und Naturlehrc, der vergleichenden Anatomie, Astronomie, Chemie u. f. hat die falsche Vernunft von ihrem Trödelkram einen Zierrath verloren; indem die wahre Vernunft eine neue Formel der Wahrheit gewann. Wenn ringsum junger Frühling blühet; wer würfe nicht gern Len alten leeren Winterstrohkran; des Transcendcntalismus bei Seitee Diesen Frühling wecke man auf; ja ec ist da, er ist da; wem wäre er unsichtbar ? 11. Phkso soph ire (sagten die Alten) aber kurz und z u L'e c h t e r Zeit. Was soll jungen Leuten, die von der Schulbank kommen, jenes Wort- geschwatz transcendentaler Grillen, das sie weder verstehn noch anwenden, noch prüfen und widerlegen können, mit desto größerem Enthusiasmus aber auf- nchmcn, da sie mit ikm Alles zu habe» glauben? Statt wahren anerkennenden Verstand, der sich nur an Gegenständen erproben kann, statt wahre prüfende Vernunft in ihnen zu starken, nimmt der Transcendcntalismus ihnen solche, wogegen er sie mit einem Ruhekissen der Trägheit, der stolzen Verachtung des Empirismus, mit dem Geschmack an Nichtigkeiten und Wortgezank, das die Summe von Weisheit seyn soll, reichlich verstehet. Alles a priori habend, Gesetzgeber aller Natur und Schrift verachtet er fortan wirkliche zumal mühsame Kenntnisse, und dünkt sich, leer wie er ist, einen kritischen Philosophen. Diese kritische Leerheit, diesen Stolz, der sich mit Distinctionen brüstet, diese Anmaßung, Natur und Kunst aus 366 II. Vernunft sich entspringen zu lassen, disciplinire man, oder wenn sie indisciplinabcl sind, so übe man gegen sie die achte Kritik und Philosophie der Alten, d. i. aller aufgeklärten Köpfe, die in vergangnen Jahrhunderten lebten; man zeiae ihnen, waS von jeher (der von ihnen mißgcbcauchte Name), wahre feine, scharfe Kritik war. 12. Was wars, das z. B. im Jahrhundert der Reformation die Philosophasters bändigte und disciplinirte ? Noch jetzt nennt man neben den Namen eines Valla, Vivcs, Luthers, M e- lanchthons u. f. die sich den ^Lgrderbern der Wissenschaften und Lehrart mit Ernst widersctzten, auch die Namen Erasmus, Hutten, Nue- nnrö, V u s c h "und jene andre mit Dank, die die rolozissirnos iVlaAistros nustros, ejui sciunt urAusrs ziro et contra, den illuniina insiinurn Ortuinurn Oratiuni, I'etruin Ltranskecis- riuin, Io. Lrasiacinin, 8 tad>Isruin, l^rnolcluni sie HiunAaris und idlicol. Drinrinatorein d i s- ciplinirten. Wer schreibt uns jetzt epistolss ^liiloso^siorum. criticoruni, Briefe der kritischen Philosophen in ihrem eignen Styl, sowohl um Jünglinge ;u entnebeln als um von unserer Nation die Schmach abzuwälzen, daß die gesummte Philosophie der Deutschen (xliilosonliin teutonica) tr a n s c e n d i r e? und Sprache. 367 Erinnerung. Bekannt ists, wie laut die gravitätischen Wahr- heitsfccunde dagegen gesprochen habe», daß Scherz mit Ernst, Spott und Wahrheit mit einander nicht vermischt wurden. Unzeitig vermischt oder gar verwechselt mit einander dürfen sic nie werden. Wenn sich aber statt der Wahrheit ein ander Ding cinstcllct, das 1. Wahn *) heißt; gesetzt er stammte auch nur aus Iirrirronr, d. i. aus dem sich gehen lassen und aus einsamer nie gescholtener Gewohnheit; wer wird es für Feindcshand ansehen, die dem Humoristen den Spiegel vorhält und spricht: ,,Siehe!" Ein solcher Spiegel ist der leise Sokra- tische oder Horazische Scherz, der dem Gebebr- dendcn nur seine eigne Gestalt zeiget: „so sprichst *) W a h n hieß ehedesscn Wohn und heißt» in einigen Provinzen noch also. Er ist eine eingebildete Meynung, eine Gedankengewohnheit. Den Iwuwour beschreibt Lew. lodwsow also: Ls vvdcw sowie owe pecwliar grislit^ Ootd so possess a iwaw, tdst it clotd elraav LU dis akkeets dis Spirits awcl dis povvd's Iw tdcir eowstrwctiows, nU to ruw owe vt Idis iwa^ de trwl^ ssiä to de a dwwiowr. Lnt tdat a rood d^ — sdowlrl alle et » dwiwour! O it is rwore tliaw wiust rirlieulous. 368 II. Vernunft du: so diskurirst du; u. f." — Würde aber diese possirlichc Eigenthümlichkeit 2 . Zur Anmaßung und diese Anmaßung zur Mode, also daß jeder Höfling Alexanders den Kopf wie sein König trüge und idn so tragen müßte; wer fühlt nicht, daß der linde Scherz sich hier in einen höheren Scherz, in leisen Spott verwandle? „So wollen Wir ihn nicht tragen, spricht der Mensch mit fccigeborncm Nacken; jeder trage den Seinen, wie die Natur ihn ihm gab." Und je stolzer die Anmaßung spräche, wenn sie sogar der leerste, "ein blos verneinender Dogmatismus, aber mit einer Behauptung würde, als ob es vor und nach ihr keine Hälse gegeben, und sie das ausschließende Recht hatte, zu bestimmen, wie alle getragen werden müßten ; würde der Scherz über diesen allein seligmachenden Dogmatismus, d. i. über eine gebietende und nachgesprochene Nichtssagerei, nicht lauter und lauter? 3. Wenn diese Anmaßung zur Unduldsamkeit wüchse, so daß Jeder, der den Kopf nicht also trägt, eben dadurch des seinigen verlustig, und gerade heraus erklärt würde, daß Jeder, der ihn nicht also getragen , nie eines Kopfs werkh gewesen. Wenn der Sultan eines neuen Reichs dasselbe dadurch begründete, daß ec nicht nur seine Brüder, sondern seine Vorgänger in den Gräbern des etwa noch scheinenden Lichts ihrer Augen beraubte, weil von jetzt an das Licht aufgchen müßte; verwandelte sich nicht ohne Willkühr, aus innerm Zwange, der hellere Scherz in einen mißbilligenden Spott? Denn und Sprache. 369 Denn welcher Sterbliche oder Gestorbene verliert gern das dunkel - oder hellscheinende Licht seiner Augen? 4. Würden solcher Intoleranz sogar Tribunale errichtet, denen diese Äffectation und Anmaßung, diele gebietende Nichlssagerei die gewöhnliche Rechts- und Urtbeils'prache wäre; würfen sich diese Tribunale unberufener, unbeglaubigter Geheimrichrer zu Inquisitoren aller Kopfe blos und allein in Vollmacht ibrer Lettern-Besorger, auf; bemächtigte sich diele Äffectation und Anmaßung, diese gebietende Nwhtsagerei und Jnquisitwnskabale öffentlicher Lebrstühie, um eine unerfabrne feurige Jugend vielleicht auf ihre Lebenszeit zu verwahrlosen; wem verwandelte sich hierüber sein leiser oder lauter Spott nicht in laute Rüge m>t Hohn und Verachtung. Der schärfsten kritischen Philosophie gemäß, in aller Menschen Herz geschrieben ist diese Kategorie des Scherzes und Spottes. 1. Wahn und Äffectation erweckt und verdienet Scherz. 2. 3 . Stoltze Anmaßung Anmaßende Intel e- lauten Scherz. ranz mißbilligenden Spott. Geheime JnquisitionSgcrichte und Kabalen lauten Hohn, rügende Verachtung. Herders Werke z.Phil.u.Gesch.LlV. A a AletaLrr'tH, II. Vernunft 370 Die Geschichte der Zeiten bestätigt diese Kategorie durch einen unwiderstehlichen Empirismus. Gegen die Sophisten sprachen Sokrates, und seines Gleichen ironisch; gegen anmaßendstolze Sektirec Lucian und seine Nachfolger mit lauterlachendem Scherz. Ucker die verfolgende Intoleranz schrieb Butler seine Knittelreime, andere ihre scharfer- rachcnden Verse, und über jede Kabale Swift mit höhnender Verachtung. Wie ein Riese des Verstandes ragte er über die Kabalen seiner Zeit, und ragt noch die unsren hinüber. Lasset uns eine Probe seiner reinen Vernunft-Disciplinirung hören. ^ Swift über den Ursprung neuer Schemen in der Philosophie und ihre mächtige Verbreitung *). „Demnach lasset uns die großen Einführer neuer Schemen in der Philosophie untersuchen, und aussinden, aus welchem Vermögen der Seele die Disposition entstehe, daß sterbliche Menschen sich dergleichen in den Kopf setzen, und zwar mit so bitterem Eifer, in Dingen, die nach Jedermanns Eingestandniß für uns unerkennbar sind ? aus *) 1>Io ok a 1nl>. 8ect, g. L äigiession oonoer- ninA tlis original, rlie nss ancl iinproveinenl: «k niaänes 8 in a oonrinonveealtli, ? nnd Sprache. 371. welchem Keim diese Disposition erwachse? und welcher Qualität der men'chlichen Natur diese großen Neuschöpfer den Zulauf ihrer Schüler verdanken? Zumal eS bekannt ist, daß verschiedene dieser Anführer sowohl unter Alten als Neuern von ihren Gegnern gewöhnlich und in der That von Jedermann außer ihren Anhängern für Leute genommen wurden, mit denen es nicht richtig stünde, da sie überhaupt im gemeinen Lauf der Worte und Handlungen nach einer Methode vorschritten, die von den gewöhnlichen Dictaten der unverfeintcn Vernunft sich sehr entfernte, dagegen aber in ihren ver- schiednen Modellen mit ihren unbezwciftlten Nachfolgern in der ** Akademie sehr übercinstimmten. Von dieser Art waren *****, die, wenn sie jetzt, auf Einem Haufen, jedoch ohne ihre Anhänger, aufträten , in unscrm nicht - unterscheidenden Zeitalter offenbar Gefahr liefen, daß man ihnen Aderlässe vcrordnete oder sie gar in dunkele Kammern bannte. Denn welcher Mensch im natürlichen Zustande oder Gcdankenlauf ließe sichs einkommen, daß er es in seiner Macht habe, die Begriffe des ganzen Menschengeschlechts sämmklich und sonders genau auf die Länge, Breite und Höhe der Seinigcn zu rcdu- ciren? und doch ist dies die erste demüthige und höfliche Absicht aller Innovators im Reich der Vernunft. Bescheiden hofft Epicur, daß ein- oder ein andermal ein gewisses ungefähres Zusammentreffen der Meynungen aller Menschen, nach einem fortwährenden Gestöß des Spitzigen und Glatten, des Leichten und Schweren, des Eckigten und Runden durch gewisse Elinamina die Begriffe des Leeren und der Atome so vereinen würde, wie diese Aa 2 II. Vernunft 372 sich im Anbeginn der Dinge vereinten. Cartest us rechnete darauf, es »och vor seinem Ende zu erleben, daß die Meynsngen aller Philosophen, gleich so manchen kleineren Sternen seines romantischen Weltsystems, in seinen eignen Wirbel gezogen und von ihm weggeführt werden würden. Min möchte ich gern darüber belehrt seyn, wie es möglich sey, über dergleichen Einbildungen einzelner Männer Auskunft zu geben, ohne daß man auf mein Phänomenen von Vapeurs zurückkomme, die, aus den untern Kräften aufstcigend, das Gehirn umwölken , und sich da in Eonceptionen auflösen, für die unsie enge Muttersprache bis jetzt noch keinen andern Namen hat, als — Wahnsinn. „Dem zufolge müssen wir jetzt auch untersuchen, wie es komme, daß es keinem, dieser großen Verschreibet je fehlen könne, ihm selbst und seinen Notionen eine Menge Schüler zu verschaff.» , die im- xlnTts glauben. Und davon, dünkt mich, ist die Ursache leicht anzugeben. Es giebt eine besondre Saite in der Harmonie des menschlichen Verstandes, die in vcrschicdnen Individuen genau denselben Ton giebt. Verstehst du diese recht zu stimmen und dann sanft anzustreichen; hast auch das Glück, zwischen Instrumenten von gleicher Höhe den Ton anzugcben; so tönt durch eine geheime nothwcndige Sympathie zu gleicher Zeit jedes Instrument nach. In diesem einzigen Umstande liegt bei der ganzen Sache die Kunst und das Glück. Denn streiche die Saite an zwischen Instrumenten , die über oder unter der Höhe der Deinigen sind; statt deinem System zu unter- schrefben, werden sie dich binden, toll nennen und mit Brod und Wasser füttern. Es ist daher ein Punkt delicatcr Führung unterscheiden zu können, und dies edle Talent mit Rücksicht auf die Verschiedenheit der Personen und Zeiten zu fügen. Cicero verstand dies sehr wohl, wenn er an einen Freund in England schrieb: ,,Freue dich, daß du in Gegenden gekommen bist, wo man dich für etwas hält." Denn, gerade heraus zu sprechen, es ist doch immer eine fatale Mißlage, sich so übel eingerichtet zu haben, daß man in der Einen Gesellschaft für einen Philosophen, in der andern für einen Narren gilt; welches ich einigen Herren von meiner Bekanntschaft, als ein wohl zu beachtendes inwusncio, beflissen ans Herz lege." „Das Gehirn in seiner natürlichen Lage und Heiterkeit disponirt seinen Eigenkhümer, sein Leben ordentlich foltzuleben, ohne sich den Gedanken an- kommen zu lassen, daß man seiner Macht, seiner Vernunft, seinen Visionen eine Menge andrer unterwerfen müsse; ja je niehr ein Mensch seinen Verstand nach Mustern humaner Wissenschaft gestaltet, desto weniger ist er geneigt, seinen Particular- notionen Parthei zu machen, weil eben jenes Studium ibm sowohl seine eigne Schwache als die hartnäckige Unwissenheit des Pöbels zeiget. Geht aber eines Mannes Phantasie mit seiner Vernunft durch, gerathen Einbildung und Sinne so auf einander, daß der gemeine Verstand sowohl als der gemeine Sinn zur Thür hinausqeworfen werden: so ist der erste Proselpt, den er macht, Er selbst, und ist dies geschehen, so ist die Schwierigkeit nicht groß, auch andre Proselytcn hinüberzukriegen; eine feste Berhö- 374 H- Vernunft und Sprache. rung wirkt eben so kräftig von außen hinein, als von innen hinauswarts. Wortspitzen und Anschauungen (cant ancl vision) sind dem Ohr und Auge das, was das Kitzeln dem Gefübl ist. Solcherlei Unterhaltungen und Vergnügen dupiren uns angenehm wie Taschenspiele. Denn wenn wir genau untersuchen, was man überhaupt Glückseligkeit nennt, sofern es sowohl auf den Verstand als auf die Sinne Be s hat, so werden wir alle seine Eigenthümlichkcitcn und ^ckjnncta unter die kurze Definition zusammenstcllen können: Glückseligkeit ist eindaurendes Besitzthum, wohl betrogen zu werden. In Ansehung des Verstandes ists offenbar, was für mächtige Vortheile Dichtung über die Wahrheit hat; die Ursache liegt uns auch vor der Hand, weil Einbildung Stellen bauen und Revolutionen hcrvorbringen kann, die Mück und Natur aus ihren Mitteln zu gewahren nicht vermögen. U. f. ' 4 . Vom Kanon der Vernunft. Imgleichen vom Meynen, Wissen und Glauben, und von der > Sphäre menschlicher Erkenn t- niß krafte. „Die Disciplin der reinen Vernunft in Ansehung ihres polemischen Gebrauchs." *) wahre Vernunft streitet nicht; sie erkennet und wendet an. Die Nichkerin zum Kriegsknccht discipliniren, ihr eine natürliche Streitsucht, also auch einen ewigen Streit ansinnen, heißt sie ernie- dern- Der Richter nimmt keine Parthei; er vernimmt alle Partheien und entscheidet. ') S. 766 — 797. 376 II. Vernunft „Ein Schlachtfeld, auf welchem Luftsichter sich mit ikrem eignen Schatten hcrumbalgen, wo die Schatten, die sie zerhauen^ wie die Helden in Walhalla in einem Augenblick wieder zusammenwachsen, um sich aufs neue in unblutigen Kämpfen belustigen zu können * *), ist eine Aussicht, womit man wenigstens die akademische Unterweisung verschonen sollte. Kein Krieg wird geführt als in Absicht de» Friedens; je früher die Partheien Übereinkommen, desto mehr erweisen sie ihrer Vernunft Ehre. Das Amt des Richters, da er Partheien verständiget und zu beider Wohlgefallen ihren Streit schlichtet, heißt nobils juäicis officium, das edle Amt des /Richters. Wo Disciplin die Vernunft in Ansehung ihres polemischen Gebrauchs im Zaum halten muß, ist sie eine Sklavin; keine reine freie Vernunft mehr. Worte entzweien; halbvcrstandne Begriffe, schief oder zu rasch genommene Schlüsse verwirren; Anmaßungen, Stolz, Prätensionen erbittern. Verstand und Vernunft also, sofern sie diese Fehler enthüllen, Worte bestimmen, Mangel ergänzen, sie enden den Streit und schlichten *). *) S. 784. *) Die beiden folgenden Abschnitte „Disciplin der Vernunft in Ansehung der Hypothese» und Beweise" sagen nichts, was nicht anderswo schon bestimmter und besser gesagt wäre. Eigentlich ists auch nicht die Vernunft, die Hypothesen erdichtet; eine mit Verstandes- und sinnlichen Kenntnissen versehene Einbildungskraft entwirft sie und die Vernunft soll sie richten. und Sprache. 377 „Der transcendentalen Methodenlehre zweites Hauptstück. Kanon der reinen Vernunft." *) „Wo kein richtiger Gebrauch einer Erkcnntn ißkraft möglich ist, da giebt eS keinen Kanon: denn dieser ist der Inbegriff der Grundsätze a priori des richtigen Gebrauchs g e- wisser Erkenntnißvermögen überhaupt. So war die transccndcntale Analytik der Kanon des reinen Verstandes: denn der ist allein wahrer synthetischer Erkenntnisse a. priori fähig. Nun ist aber alle synthetische Erkenntniß der reinen Vernunft in ihrem speculativen Gebrauch gänzlich unmöglich; also giebts gar keinen Kanon des speculativen Gebrauchs derselben, (denn dieser ist durch und durch dialektisch) sondern alle transrrndentale Logik ist durch und durch Disciplin." **) Eine Erkenntnißkraft, bei welcher kein richtiger Gebrauch möglich ist; eine reine Vernunft, deren Gebrauch durch und durch dialektisch, d. i. zanksüchtig und rechthaberisch ist, die keinen Kanon hat, noch haben kann, wohl aber einer vierfachen Disciplin bedarf, die bei der Disciplin keines Kanons, die ohne Kanon der Disciplin fähig ist; wäre cs zu kühn, wenn *) S. 823. ") S. 82t». wir Behauptungen der Art gerade hin ir rationelle Grundsätze in grammatisch-logischem Sinn nennten? So insultiren sollte man die menschliche Vernunft auch nicht in Scherzen und Paradoxen. Der Kanon des Verstandes war: „verstehe!" der Kanon der Vernunft ist: „vernimm!" Nicht aber: „dialektisire, streite, hadrc; oder gar vernünftle!" Eines Mißbrauchs wegen, der durch eine Welt von Umstanden veranlasset ward, den achten Gebrauch und die Natur unsres edelsten Vermögens anfbebcn, heißt mehr als durch eine Bulle iw cosna die gcsammte Menschen - Vernunft exkanoni- siren *). Auch wird sie in ihre Rechte nicht eingesetzt, wenn man ihr eine andre, die sogenannte praktische Vernunft, und zwar mit drei Gegenständen 1. ,,Der Freiheit des Willens, 2 . Der Unsterblichkeit der Seele, 3. Dem Daseyn Gottes, als der Endabsicht **), worauf die Spekulation der Vernunft im rranScendenkalcn Gebrauch zuletzt doch hinauslauft," substituiret. Denn zu geschweige», daß in der Methodologie vom Inhalt der Erkenntnisse abstrahirt werden sollte; zu geschweige», daß *) Uebernehme es ein andrer, nicht demüthige Ausflüchte der menschlichen Vernunft - sondern standhafte Belehrungen über einen Wahn (uns raison -ans raison) einzugeben, der durch sich nichlS' ist. und Sprache. 2?9 ohne theoretische keine praktische Vernunft statt findet, so erhellet gar nicht, wcßbalb die Vernunft in diese drei Gemeinplätze beschränkt, an drei Wörter gebunden, eine Disputantin über drei Kathcdcrfra- gen seyn und bleiben müßte. Werden diese Katheker- fraqen endlich sogar drei Kanzelfragen, über welche: „was glaubst du? wie lebst du? was hcffest du?" nach jedem Evangelium einst Jahrgänge von Predigten gehalten wurden: r. „Was kann ich wissen? 2 . Was soll ich thun? 3. Was darf ich hoffen? in welchen Fragen alles Interesse der Vernunft, das speculative Interesse sowohl als das praktische sich vereinigt *): so wird die theoretische Vernunft nicht anders antworten können, als: r. Wissen kann ich, was für mich erkennbar ist. 2 . Thun soll ich, was aus diesem Wissen für mich folget. 3. Hoffen darf ich, was sich hoffen laßt. Und so stehen wir, wo wir waren. Der exkanonisirten. reinen Vernunft folgt ein Abschnitt „Vom Meynen, Wissen und Glauben." 'Der Sprachgebrauch fast jedes Worts ist darin verändert. i. ,,Fürw ahrh a lten." Das Fürwahrhalten soll seyn „eine B e- *) S. 833. ZSc, II. Vernunft gebenheit in unlerm Verstände, die auf objektiven Gründen beruhen niag, aber auch subjektive Uriachen im Gemüth dessen, der da urthcilt, crfodcrt." *) Die innigste Handlung eines Verstandes, der Wahrheit erfasset, d. i. für wahr halt, wäre also eine Wetter-Begebenheit in ihm, die auf objektiven Gründen auch nicht beruhen darf, wenn nur subjektive Ursachen im Gern ü t h des Urtheilendcn da sind ? Der elendeste Wahn kann den Namen mit diesem. Fürwahrhalten wechseln **). 2. „U e l> e r z e u g ung." ,,Wenn das Fürwahr halten für Jedermann gültig ist, sofern er nur Vernunft bat, so ist der Grund desselben objektiv hinreichend, und da- FürrvabrKalten heißt nl-denn Ue Kerzeu- g u n g." ***) Ukbcrzeugung wessen ? Meiner ? die schließt jedes ächte Fürwahrhalten in sich, dessen Grund dem Ueberzeugten jedesmal hinreichend seyn muß. Ec geht mit seiner Ueberzcugunq nicht umher zu fragen, ob sie auch für Jedermann gültig sei), „sofern dieser Jedermann nur Vernunft *) S. 6h8. **) Vielleicht sollte es Dafürhalten heißen. Das Fürwahrhalten in obigem Sinn wird aber mehrmals wiederholet. Und welche elende Rolle spielt der Name Gemüth in diesen wie in andern Stellen des kritischen Probabilismus! S. 8H3. 3Uj. und Sprache. hat." Ncberzeugung andrer dagegen hangt nicht blos von vbjectiv zureichenden Gründen, sondern auch von der Art ab, wie die-'e Gründe zu ihnen gelangen und von ihnen aufaenvmmen werden. Auch ihnen ist Ueberzeugung, waS sie dem Ueberzeugen- den ist, ein inniger Zustand des Verstandes. 3. „Ueberredung." „Hat das Kürwahrhalten nur in der bc sondern Beschaffenheit des Subjects seinen Grund, so wird es Ueberredung genannt." So wird es nicht genannt, sondern Wahn, Wahnen. Ich überrede mich , wenn cs mir Mühe kostet, Zweifel zu überwältigen, eine andre Gedankcnwcise mir auszu reden, oder wenn Wahrscheinlichkeiten mich zwar nicht überzeugen, doch aber meinen Beifall mir endlich ablocken, indem sie mein Inneres gleichsam überhäufen. So überredet man auch andre , oft für -, oft gegen die Wahrheit; wobei die besondre Gemüthsbcsch>>ffenheic des Ueberredenden sowohl als des Ueberredetca freilich in Anschlag kommen mag, nicht aber immer als Förderung, sondern auch als eine Hinderung des Ueberredcns. „Ueberredung ist ein bloßer Echem, weil der Grund des UrkheilS, welcher lediglich >m Subject liegt, für objcctiv gut gehalten wird." Ein bloßerScheiu darf Ueberredung nicht sey» , noch der Grund des Urth-ils lediglich im Subject liegen; noch weniger, daß ich diesen für vbjectiv halten müßte. Auch Wahrscheinlichkeiten, deren Mangelhaftes ich im Ealcul der Gewißheit nicht völlig einsehe, überreden. „Daher hat ein solches Urthcil auch nur Prwatgüs- 292 II. Vernunft tigkeit, und das Fürwahrbalten laßt sich nicht mittkeilen." Es laßt sich mittheilen, wenn der Fürwahrhaltende überredet. 4. „W ahrhei t." „Wahrheit aber beruht auf der Ueberein- stimmung mit dem Object, in Ansehung dessen folglich die Urtheile eines j e d e n Verstandes einstimmig seyn müssen: uonüsntientia unä tertio uonssntiuirt intsr ss." Wessen Ueberein- stimmung mit dem Object? Meiner Gedanken? Ob diese mit ikm übereinstimmen, war und bleibt die Frage. Jeden andern Verstand darüber zu befragen, ist eine greise in de» Mond, wo nach Ariost der verflogne Jedermanns - Verstand wohnet. Beim ersten Schritt solcher Umfragreise an die Gerichtshöfe fremder Verstände kabe ich den meinigen aufgegeben, mithin das Kriterium der Wabrheit verloren. Nie können alle Verstände in dem Einen Dritten übereinstimmen, wenn nicht jeder Eine damit übcreinstimmc; und de» Einen hatte ich in mir. Liegt im Eonsens vieler die Wabrheit: so ist ihr innerer Eharakter verschwunden : denn in die Scheinlügc haben jederzeit Viele, ja die Meisten consentirct. „Der P r0 b i r ste in des Fücwakrhal- tens, ob es Uebcrzcugung oder bloße Ueber- redunq sey, ist also äußerlich, die Möglichkeit dasselbe mitzutheilen und das Fürwahrhalten für jedes Menschen Vernunft gültig zu befinden." Kein Fürwahrbalten, es sey Ueberredung oder Ueberzeugung, hangt von diesem äußern Prokuren ab. Ein elender Fürwahrbehalter, der seine und Sprache. 3«3 Ueberzeugung an jedes Menschen Vernunft prcbi- ren müßte, oder erproben wollte. Und wie könnte ers erproben? Wo liegt der allgemeine Probirstein der Wahrheit? Die Möglichkeit, seine Ueberredung andern m i tz Ilth e il e n ist dieser Prüfstein auch nicht. Die größten Dialektiker, Schwätzer und Rabulisten besitzen diese Möglichkeit der Mittheilung im reichsten Maas, machen von ihr auch den meisten Gebrauch, und entwenden eben damit den Pro- birstein der Wahrheit. Dies war nicht nur S o- krates, Baco's, aller Weisen Urtheil, sondern die Geschichte der Welt ist darüber Zeuge. Auch der Erfolg des Ueberredens ist kein Kriterium der Wahrheit; getauschte Enthusiasten waren meistens die glücklichsten im Ueberreden. Auf Schwätzen und Disputiren führt alles dies hinaus, nicht aber auf ein Kriterium der Wahrheit. 5. „Meynen." „Das Fürwahrhalten in Beziehung auf die Ueberzeugung, (welche zugleich objectiv gilt,) hat folgende drei Stufen: Meynen, Glauben und Wissen. Meynen ist ein mit Bewußtseyn sowohl subjectiv als objectiv unzureichendes Fürwahrhallen." *) Dies heißt Meynen ursprünglich nicht. Meine Gesinnung und Absicht, mein Wollen, Zweck, Sinn, heißt Meynen, wie jeder mit den Worten: „das meyne ich, das ist meine eigentliche Meynungj ich meyne es wohl *) S. 8Lo. 384 II. Vernunft mit dir; ich thue es in dieser Meynung, das war nicht die Meynung u. f." denkt und saget. Im Fall einer Frage oder Berathschlagung enti»ckt der treue Freund, was der Disputant verfehlt oder verzögert oder nicht hat, seines Herzens Meynung. Daß dies Fürwahrbalten sowohl ob-, als subjecriv unzureichend sev, liegt nicht im Wort, und stehet, der Subjectivitat nach, ihm gerade entgegen. Ich kann nichts überzeugter sagen, als mei :e Meynung, die mich selbst, das Alleinige, mein Innerstes ausdrückt. Wenn man mit dem Worre spielt, fremde Meynung ohne Ueberzeugung nachspricht und sic doch als bloße Meynungen darstillt, so wahnt man und sollte Wahn sagen. Gefallt dir meine Meynung nicht, so habe und behalte die Deine. 6. „Glauben." „Ist das Fürwahrhalten nur subjectivzureichend, und wird zugleich für objectw - unzureichend gehal» ten, so heißt es Glauben." *) Das heißt es nicht. Glauben kommt von Geloben her; der andre hat mir Wahrheit gelobt; ich stelle ihm Glauben zu, d. i. ich gelobe ihm wieder. Eben Las Zureichende, d. i. Entsprechende von beiden Seiten ist Grund des Glaubens, oder ich glaube nicht; wir betrügen einander wechsclsweise. Da (sagen hundert Sprüche und Sprüchwörter) hat aller guter Glaub' ei» Ende. Eben deßhalb bezeichnet man einen *) S. Lsi°. und Sprache. 33Z einen Leicht- und W a h n g l a u b i ge n mit Spott und Verachtung, damit ob- und subjectiv dem Bande aller Angelobung Treu und Glauben, das Zusagende, d. i. sein zureichender Werth bleibe. 7- »Wissen." „Endlich heißt das sowohl subjektiv- als objec- kivzureichende Fürwahrhalten das Wissen." Wissen hieß ursprünglich genau bemerken, unterscheiden i daher das Wort Witz, (Wir, Verstand;) daher Anerkennung mit Gewißheit Wissen. Für mich weiß ich, wie ich für mich meyne und glaube. Die drei Worte sind keine drei Stufen, sondern Arten des Fürwahrhaltens. Mit meiner innersten Gesinnung mepne ich; Glauben stelle ich einem andern zu; nach scharfem Ersehen und Unterscheiden weiß ich, es scy mit dem Verstände oder im Gedächtnis. 8. „Erlaubniß zu mennen." „Ich darf mich niemals unterwinden zu mepne n, ohne wenigstens etwas zu wissen, vermittelst dessen das an sich blos problematische Urtheil eine Verknüpfung mit Wahrheit bekommt, die, ob sie gleich nicht vollständig, doch mehr als will- kührliche Erdichtung ist. Das Gesetz einer selchen Verknüpfung muß überdcm gewiß scyn." *) Dagegen darf man sagen: man muß sich unterwinden zu meyncn, sobald es Mcynung gilt, d. i. wenn es *) S. 8vo. Herders Werke z.Phil.u.Gesch.XlV. B b M'-taLe-r-L. 386 II. Vernunft ans Gutachten ankommt. Oft muß dies gesagt werden, wo man auch nichts gewiß, manches aber wahrscheinlich weiß. Soll Entschluß und Tbar folgen, so handle jeder nach seiner oder nach eines andern besseren und besten Meynung. Denn eine Meynung kann wahr seyn, der Erfolg oder die Erfahrung kann sie erproben, da doch, als sie gutachtcnd geäußert ward, sie zwar ein reiner Spiegel der Wahrheit, doch aber nur des Meynenden Meynung war. Daß in den spekulativen Wissenschaften die sogenannten Leh r m c y n u n g en sich verächtlich gemacht haben , zeigt von ihrem wenigen innern Werth; mit Gründen und Gegengründen vorgetragen, sind in andern, z. B. in der Naturlehre, Geschichte, Arzneiwissenschaft, den Rechten, der Staatskunde M c yd nun gen erfahrner Männer sehr schätzbar. Eben in der verflochtensten Sache kann niemand dem Freunde etwas Weicheres geben -als seine Meynung. „In Urtheilcn aus reiner Vernunft ist es gar nicht erlaubt zu meynen." So hatte die Kritik der reinen Vernunft nicht müssen geschrieben werden: denn da ihr transcendentaler Theil sich von aller Erfahrung lossagt: was sind ihre neuaufgestellten Wortformen als Meynung? „Es ist ungereimt, in der Mathematik zu meynen; man muß wissen, oder sich alles Urthei- lcns enthalten." Des End - Urtheilens wohl; die größten Erfinder aber in der Mathematik, wie in ollen Wissenschaften, ehe sie wußten, m eynten und versuchten. Ihre Meynung, unterstützt mit Gründen, leitete zum Wissen durch Probe, durch Erfahrung. und Sprache. 3L? Eben so ist es mit den Grundsätzen der Sittlichkeit bewandt, da man nicht ans bloße Meynung, daß etwas erlaubt sey, eine Handlung wagen darf, sondern dieses „w issen mu ss." Eine barte Behauptung ! indem es Trotz aller gewissen Grundsätze bei jeder einzelnen Handlung auf die Verknüpfung derselben mit dem Grundsatz ankommt. Diese kann nicht anders als durch die Ueberzeugung des Handelnden, folglich nach seiner innersten Meynung geschehen, die sich selten in ein klares Wissen auflvset. Sey Jeder hiebei s e i n e r Meynung gewiß; der allgemeine Grundsatz kann diese nicht vertreten. 9. „Pragmatischer Glaube." „Es kann überall blos in praktischer Beziehung das theoretisch-unzureichende Fürwahrhalten Glauben genannt werden. Diese praktische Absicht ist nun entweder die der Geschicklichkeit oder der Sittlichkeit; die erste zu beliebigen und zufälligen, die zweite aber zu schlechthin noth- wendigen Zwecken. Der Arzt muß bei einem Kranken, der in Gefahr ist, etwas thun, kennt aber die Krankheit nicht. Er sieht auf die Erscheinungen und urtheilt, weil er nichts besseres weiß, cs sey die Schwindsucht. Sein Glaube ist s e Ib st in seinem eigenen Urtheile blos zufällig, ein andrer möchte es vielleicht besser treffen. Ich nenne dergleichen zufälligen Glauben, der aber dem wirklichen Gebrauch der Mittel zu gewissen Handlungen zum Grunde liegt, den pragmati- Bb 2 383 II. Vernunft sehen Glauben." *) Einem so gläubigen Arzt müßte sein Pragma gelegt werden; er fordere di« Kranken unter die Erde. Ein Arzt, der die Krankheit „nicht kennet" und doch verschreibt, weil er etwas lhun „m uß ;" besten Glaube „b los zufällig" ist, d. i. der in allen Symptomen nichts Bestimmendes siebet, „das vielleicht ein andrer besser treffen kann ," ist nach dem alten bedeutenden Namen ein Pfufrber. Ueberhaupt ist dieser Glaube „der Geschicklichkeit" ein sehr ungeschickter Glaube; mein Zutrauen auf die Mittel zu meinem Geschäft muß auf Ansicht des Verhältnisses beider zu einander, mithin auf Gründe gebaut seyn, oder ich pfusche, d. i. ich tappe im Dunkeln. 10 . „D octri n a lg lau be," „In blos theoretischen Urtheilen giebt es ein Analogon von praktischen., auf deren Fürwahrhaltung das Wort Glauben paßt, und den wir den doctrinalen Glauben nennen können. Wenn es möglich wäre , durch irgend eine Erfahrung auszumachen, so möchte ich wohl alles das Meinige darauf verwetten, daß es wenigstens in irgend einem von den Planeten, die w i r fehe n, Einwohner gebe. Daher sage ich, ist es nicht blos Meynung, sondern ein starker Glaube, (auf deffen Richtigkeit ich schon viele Vortheile des Lebens wagen würde) daß es auch Bewohner andrer Welten gebe. — Nun müssen wir gestehen, daß die Lehre vom Daseyn Gottes zum doctrinalen *) S. 85r. und Sprache. 389 Glauben gehöre." *) Dahin gehört sic? zum Mann im Monde ? Doctrinaler Glaube kann nichts beißen, als ein Fürwahrhalten aus dem Ziu'ammen- lange der Lehren, die eine Doctrin vortrug. Stehen aber die allerdings wahrscheinlichen Einwohner „irgend eines von den Planeten, die wir heben," mit dem Dasenn der höchsten Vernunft, die in Allem erscheinet, ich will nicht sagen auf Einer Stufe des Fürwahrbaltens, sondern nur in Einer Schlußart? So ists auch mit dem „dcctrinalen Glauben des künftigen Lebens der menschlichen Seele." n. „M oralisoher Glaub e." „Aber der blos doctrinale Glaube hat etwas Wankendes in' sich; man wird oft durch Schwierigkeiten , die sich in der Spcculation vorsinden, aus demselben gesetzt, ob man zwar unausbleiblich immer wiederum zu demselben zurück- kchrt. Ganz anders ist es mit dem moralischen Glauben bewandt. Denn da ist cs schlechterdings »othwendig, daß etwas geschehen muß, nämlich, daß ich dem sittlichen Gesetz in allen Stücken Folge leiste. Der Zweck ist hier unumgänglich festgestellt, und «S ist nur eine einzige Bedingung nach aller meiner Einsicht möglich, unter welcher dieser Zweck mit allen gcsammten Zwecken zusammenhangt, und dadurch praktische Gültigkeit bade, nämlich: daß ein Gott und eine künftige West sep.. Ich weiß auch ) S. 853. II. Vernunft 390 ganz gewiß, daß niemand andre Bedingungen kenne, die auf diefclbe Einheit der Zwecke unter dem moralischen Gesetz führe. Da aber also die sittliche Vorschrift zugleich meine Marime ist, (wie denn die Vernunft gebietet, daß sie es seyn soll) so werde ich unausbleiblich ein Dasem Gottes und ein künftiges Leben g l a u- ben, und bin sicher, daß diesen Glaube» nichts wankend machen könne, weil dadurch meine sittlichen Grundsätze selbst umge- s t ü r z t werde n w ürden , denen ich nicht entsagen kann, obne in meinen eignen Augen ver- a b s c hc uungs wü rdig zu seyn?' *) — Das heißt freilich ein sehr zweck Hafter Glaube, bei welchem ich zwar nicht weiß, weßhalb, aber wozu und wofür ich glaube! Fragte nun Jemand: woher weißt du, daß „der Zweck von Allem deine Moralität ist?" und ein Andrer fragte: woher weißt du, daß „nur eine einzige Bedingung möglich sev, unter welcher dieser Zweck mit allen gesamm- t e n Zwecken zusammenbange ?" Kennest du alle diese Zwecke ? und wie darfst du sagen: „d u wissest ganz gewiß, daß nie in and andre Bedingungen kenne, die auf dieselbe Einheit des Zwecks führen?" Führe ein Dritter fort: „wenn es schlechterdings nothwendig ist, daß du dem sittlichen Gesetz in Allem Folge leistest, da es dir die Vernunft gebietet, und die sittliche Vorschrift deine Maxime ist, so hast du ja an ihr genug. Du mußt ihr folgen, oder das Gebot der Vernunft ) S. 856. und Sprache. 39t ist nicht klar, und die Maxime ist nicht deine Maxime. Du abrvgirst also ihr Gesetz, wenn du ein fremdes, dir unbekanntes Wesen zu Hülfe rufen, d. i. erdichten mußt, damit jenes Gesetz dadurch praktische Gültigkeit erhalte. Du erklärst es damit eben für unhinreichend, d. i. für null und nichtig. Wenn, ohngeachtet jenes lauten Sillcngcbots der Vernunft, deine sittlichen Grundsätze „u m g estürz t" werden würden, falls jenes indemonstrable Ding, von dem du keinen Begriff zu haben vorgiebst, nicht da wäre, so verabscheue dich, nur sogleich, ohne zugleich auch heuchlerisch-schwach zu werden, indem du dich zwingst, etwas Unbeweisbares zu glauben. Sobald du das Unglaubliche glaubst, blos um dir nicht so oder anders zu erscheinen, simulirst du und spielst sowohl mit dem geglaubten Unglaublichen, als mit deinen moralischen Grundsätzen, die du selbst nicht glaubest, einen elenden Betrug. Kleinlicher und erbärmlicher noch, als jener pragmatische Pfuscherglaube, ist dein moralischer Glaube. Träte ein vierter Kühnerer hinzu und spräche: „deinen hin- gestürzten Grundsätzen zu Gut, soll Der existircn, den du dich für verbunden hieltest, nicht existircn zu lassen, „damit deiner Vernunft alles reine Natur sey." Jetzt bewegt sich auf einmal die ganze Natur, alle Sonnenheere und Milchstraßen bewegen sich um das Küchlein am Feuer, damit es ohne Umwenden des Spießes gahr werde. Ein elender Heuchelglaube, der sich den Namen „Vernunftglaube" nicht anmaßen sollte, da ihn die Vernunft eben so sehr, als das reine sittliche Gefühl verachtet. Ein Glaube endlich, „der, auch vom moralischen Interesse getrennt, doch genug übrig läßt, um zu machen, 3Z2 II. Vernunft daß man ein göttliches Daseyn und eine Zukunst fürchte *), ist ein knechtischer Prügel-Glaube; jener und dieser, ohne Schminke zu reden, sind Spitzfindigkeiten, aus Selbstgefälligkeit, Heuchelei und Schwachheit erkünstelt, nichr aber Vernunst- und Herzensglaube. So lahm geht die Kritik mit ihrem praktischen Kanon der reine n V er nun ft, und ihren dadurch gefundenen zwei „Glaubensartikeln" hinaus *H. Was sie vorn gebietend wegwarf, nimmt sie hinten am mißlichsten Ort unbesehen wieder. Anerkennet die Vernunft keine Ordnung und Harmonie in der Natur, so darf sie solche auch in der moralischen Natur nicht anerkennen. Sind sie dort selbstständig, vielmehr sind sie es hier: da moralische Ordnung, Güte und Schönheit als Eigenschaften und der schönste Erwerb srei- wirkender Wesen nothwendig auf sich selbst beruhen, und durch cine herbeigezwungene fremde Idee, sis mache hoffen oder fürchten, ihre eigne Art verlieren. Der postulirte Gott der kritischen Philosophie, er werde als ein Hoff- oder Schreckgespenst aufgefüh- ret, ist also ein Ungott für die Moralität, ihrem aus einander fallenden Sostcm ein erbettelter Nothnagel. (Usus idsotttwLAslius, Nicht eben die angenehmste Bemerkung ist es, daß gerade diese Schleichpforte des pragmatischen Doctcinal- und moralischen Glaubens yon hinten hinein der kritischen *) S. 858. ") S. 858. und Sprache. 3^3 Philosophie vielleicht den meisten Eingang verschafft hat. Kraft des pragmatischen Glaubens mag man immer Arznei verschreiben, wenn man gleich die Krankheit nicht kannte, weil doch „etwas gethan werden mußte." Vermöge des D o c tr in algl a u- bens glaubte jeder aus seiner Doctrin in das Gebiet der Vernunft hinübertragen zu dürfen, was ihm ckoctrinalitsr gefiel. „Der Ausdruck deS Glaubens ist in solchen Fallen ein Ausdruck der Bescheidenheit in objektiver Absicht, aber doch zugleich der Festigkeit des Zutrauens in subjektiver *): welche Festigkeit des Zutrauens dann auch die kritischen Philosophen reichlich erwiesen haben. Nicht etwa nur die Einwohner irgend eines Planeten, „den wir sehen," haben sie „mit starkem Glauben, auf dessen Nichtigkeit sie schon viel Vortheile des Lebens wagen würden," erwecket; sondern ganz andre Stücke ihres Doctrinal- und DiSciplinglaubens. Der. „moralische Vernunftglaub e" endlich war das gefälligste Kissen für Schlaftrunkene: denn auf ihm erhielten sic alles durch Pos tulate. Was mir unentbehrlich ist, damit ich mir nicht selbst verab- scheuungswürdiq erscheine, das ist, und zwar mit allgemeiner Gültigkeit; ich rufe das Wort. Jauchzend rief man aus: „Sieg der praktischen Vernunft über die theoretische: Sieg!" Als ob eine praktische Vernunft ohne eine theoretische möglich, und ein Krieg zwischen beiden, oder ein Sieg der Einen über die andre erfreulich wäre. *) S. Lüö. II. Vernunft „Metaphnsik ist die Vollendung aller Cultur der menschlichen Vernunft, die unentbehrlich ist, wenn man gleich ihren Einfluß, als Wissenschaft, auf gewisse bestimmte Zwecke bei Seite setzt. Denn sie betrachtet die Vernunft nach ihren Elementen und obersten Maximen, die selbst der Möglichkeit einiger Wissenschaften und dem Gebrauch aller zum Grunde liegen müssen." *) „Der kritische Weg ist allein noch offen. Der Leser mag urthnlen, ob nicht, wenn cs ihm beliebt, das Seinige dazu beizutragen, um diesen Fußsteig zur Hecresstraße zu machen, dasjenige, was viele Zahrbundeite nicht leisten konnten, noch vor Ablauf des gegenwärtigen geleistet werden möge: nämlich, die menschliche Vernunft in dem, was ihre Wissbegierde jederzeit, bisher aber vergeblich beschäftiget hat, zur völligen Befriedigung zu bringen." **) Da also der kritische Weg allein noch offen, jeder andre also zugcschlossen se»n soll: so wollen und müssen wir den allein offnen Weg noch vor Ablauf des gegenwärtigen Jahrhunderts verfolgen, zu solchem Zweck aber vorher uns orientiren. Welches ist die Sphäre menschlicher Erke nntnißkr äste, besonders der Vernunft? Wie orientirt man sich in ihr? ') S. 878. ") S. 88!c- und Sprache. 395 I. Vernunft als ein Vermögen betrachtet. Wenn eine Kraft da ist, frage ich nicht zuerst: wie war sie möglich? sondern wie wirkt sic? Vorzüglich gilt dies von ursprünglichen, nicht abgeleiteten Kräften. Denn da außer ihrer Wirkung das Wort Kraft (Vermögen) für uns keinen Sinn hat: so kann der Versuch, Möglichkeit einer Kraft zu erklären, ehe ich von ihr selbst einen Begriff habe, nichts geben als leere Worte. Ist Denken meine innigste Kraft, so ist sie mir gegeben; wie sie wirkte, kann ich also nur bemerken; ich vermag aber etwas viel mehreres, ich kann sie lenken und gebrauchen. In mir ist ein doppeltes Ich; mir selbst bewußt, kann und muß ich mir Object werden. Dieser Vorzug erhebt uns über die Thiere; er ist der Charakter unsrer Art. Indem ich zu mir sagen kann: „Lasset uns," habe ich die Macht ausgeübct, von der alle Wirkung meines Geistes abhängt; ich kann auf mich selbst wirken. Denksormen erklären diese Kraft nicht; der Gedanke hat keine Form, aber er schafft Formen. Als eine geistige Rede zu mir hat er mancherlei Glieder, Artikulationen. Mit dem innigsten Bande unter einander verknüpft, ist diese Gedankengestalt uns ein Lebendiges, in seinen Gliedern zu sich selbst gehörig, in einander wirkend, untheilbar. Als organisirte Wesen brachten wir, statt einer Transcendental--Aesthetik vor aller Erfahrung, eine lebendige Aesthetik auf die Welt, erfahrend. II. Vernunft 396 Raum und Zeit formten unsre Sinne nicht; wir formten die Begriffe von Raum und Zeit rin Gegenständen , erfahrend. Auch im ödesten Traum ist uns kein Raum und keine Zeit ohne Gegenstand denkbar: denn nehmen wir in diese schreckliche Einöde nicht uns selbst mit e Als organisirte Wesen sind wir angehörig dem Allgemeinen. Im ersten Anblick der Dings sahen wir ein unermessenes Sichtbare; im ersten Schall körten wir ein unermessenes tönendes Universum ; unser Gefühl knüpfte uns in tausend Fäden an einen Knäuel, den wir fortwährend entwirren und loswinden. Ueb ermannend halt ein Universum uns fest; wir sind ein Besonderes nur durch ein 'Allgemeines. Und eben dadurch ein innig Bestimmtes, Gestaltetes, organisirres Besondre; unser Verstand kann nicht anders als sinnlich, d. i. mittelst der uns gegebnen Form Begriffe, sich erwirken. Jeder Sinn hat wie seine Bildung, seine Welt, seine Art der Aneignung, so auch seine Sphäre. Schärft unsre Sinne, gebet uns deren mehrere, so, nur so gewinnen wir neue Gegenstände und Denkformen. In der alten thut sich uns eine neue Welt auf. Aber auch in der uns zugeordneten Sphäre gewinnen wir nicht alle Begriffe in gleicher Nahe, iy gleichem Verhältnis Jeder Gegenstand hat sein Licht, seinen Schatten; das Gemahlde davon wird uns in Farben klar, die ihm Verstand, Wille, Neigung, Organisation geben. So moduli- ren sich Gcdankenweisen wie Tonarten in uns; so Handlungen und Gestalten. und Sprache. 397 Die menschliche Rede wird ein Abdruck des Allen, ein lebendiges Bilo unsrer Eedankenweisc, voll Licht und Schatten, voll (Glieder und Articulationcn. Und dies lebendige Erwirken dauert fort. So lange unser Verstand verstehet, wird er; Begriffe bildend regeneriert er sich selbst unaufhörlich. Wie der Verstand Erfahrung, so bat di« Vernunft zu ihrer Sphäre das weite Reich menschlicher Gedanken, mittelst der Rede. Was durch irgend ein Zeichen ausgedrückt, sestgebalken, verständlich gemacht werden kann, darf sich vor die Vernunft als eine Vcrnchmerin wagen; auf Angaffun- gcn im Raum und in der Zeit läßt sie sich nicht einschränken. Mittelst der Sprache ist ihr alles gegcbcn, was sich durch Sprache im weitesten Sinn« des Worts ausdrncken laßt; sie selbst ist und heißt Sprache. Kein Vorwitz also, das wesentliche Amt der Vernunft ist Abstraktion; ohne Abstraktion wäre weder Vernunft noch Sprache. Also darf sie auch , so weit ihr Vermögen und der Ausdruck desselben rftcht, ihre Abstraktion verfolgen. Eine Vernunft, d>c auf halbem Wege stehcn bleibt, und ein Richter., der die Acten halb liefet, sind gleich lässig; der genaue Richter liefet sie vor - und rückwärts. Da sich nun durch Sprache und Zeichen alles Denkbare ausdrncken laßt, so ist die Vernunft Richlerin über alle Abstraktionen. Sie lebet im Allgemeinen; zu keinem Zweck aber, als daß sie cs sich verständlich mache, und im Allgemeinen das Besondere finde. Alle Begriffe in dieser »nermcfsrnen Sphäre find ihr nicht gleichgeltend. Eine Vernunft, der jener -,-EWL- II. Vernunft 3,98 dialektisch - geführte Proccß über das erste Ei und die erste Henne, oder über den Ort, wo die Welt mit Bretern verschlagen sey? so wichtig wäre, als die Frage über den uns unerkennbaren Zusammenhang und Grund der Dinge, die scherzte auf ihrem Richtecstuhle. Kleinfügige Zankereien weiset der Richter ab, geschweige daß er sie aufhetzen und ihren kostbaren Zwist als ein unerschöpfliches verewigen wollte. Auch ists das Amt der Vernunft nicht, ihre Gerichtssphare nur zu erweitern. Ueber ihre Sphäre hinaus, wo die Abstraktion selbst kein Wort, kein Zeichen fände, wo sie die Sprache der Querulanten also nicht einmal verstünde, kann sie nicht erkennen und richten. Ihrer Natur nach umschließet sich ihr das Allgemeine in ein gegliedertes Ganzes, das aus gegebnen Oatis, so weit Sprache oder Zeichenkunst reicht, ihr Schluß, ihr Werk ist. In friedlichen Sphären, nicht neben, sondern in und durch einander ordnet sich also das Feld menschlicher Erkennlnißkrafte also: Sphären der menschlichen Erkenntnißkräfte. i. S i n n e n w e l t. Jeder Sinn hat seine Sphäre; jeder Gegenstand seine Bedeutung. Die Einbildungskraft ordnet sie mit und durch einander. und Sprache. 2 . V er s tan d e swelt. Ihre Sphäre ist alle innere und äußere menschliche Erfahrung. 3 . V e r nu n ftw e l t. Ihre Sphäre ist alles, was Rede oder ein Verstandeszeichen ausdrückt. 4 - Welt der Größen. Ihre Sphäre ist das unermessene Meßbare. H. Vernunft, als Erkeniittußquelle betrachtet. Hier wird sie ein Collection ame dessen, was in mehreren Menschen die Vernunft als Er- kenntnißvermögen hervorgcbracht und zufammengekra- gcn har, durch Unterricht, Sprache, oermehrte Erfahrung, Einrichtungen und andre Werkzeuge. Vernunft und Unvernunft, Neigungen und Leidenschaften in einem Ehaos von Veranlassungen nach Z^ten und Völkern haben hier zusammengewirkt, und wie in jenem Zauberkessel ein Allerlei bereitet, dessen Schaum man oft philosophische Vernunft nennet, wo auch auf einer Blase dieses Schaumes dort und dann ein Philosoph sich selbst setzt und spricht, als ob Er die allgemeine Mensch en- vernunft wäre. Er ists nicht, sondern eine einzelne, oft eine sachleere Sckulvernunft; was er kri- tisirt, sind oft auf Verirrungen des menschlichen Geistes gebaute S c h ul ve r nünfte. Die Menschenvernunst hat einen weitern Umfang. Aus einer Kindheit, von der wir uns selten richtige Begriffe machen, unter vielen Hinderungen und Drangsalen hat sie sich emporgearbeitet, ist über Meere und Länder gegangen und hat, so manchen Unrath der Kessel um sie goß, sich von ihm zu erledigen gewußt, oder mindstens gegen die Form des Unraths tapfer gekampset. Was kann über das Leere und Anmaßende der Transccndentalphilosophie gesagt werden, das nicht schon gesagt sey? Spottend und ernsthaft. Ist also von Vernunft und Unvernunft, von Vernünftelet und Sophistik die Rede, so unterscheide man, wessen Unvernunft und Vernunft dies war? wer solche Aussprüche veranlasset oder daran Theil genommen habe? „Warum muß ich meinen Namen leihen, spricht die Vernunft, zu dem, was eine Gilde, (Schule oder Facultät genannt,) oder waS ein Toller in ihr gesagt hat? Afterrcdnerei ists, wenn ich, was ein Thor in der Klause sprach, der allgemeinen Menschenvecnunft zucigne. Eine gesammte, leider aber verflogne reine. Menschenvernunst fand Ritter Astolfo nur im Monde: klrs come vir li^nor- rottile 6 Molle. H.ito s. e 8 nIsr, so rroir 8 i iierr lrerr clr 1» so, kl 8i veiles rsooolio in vsris smxolls tzu-U piu > cxnul men Lsxsce. — Statt also ein blaues Mahrchen zu kritisiren, lasset uns vom Gange der Menschenvernunst nach Zeilen und Völkern lernen. Jedes Volk hat seine und Sprache. 40 r se i ne'sog e n ann t-gem ei ne Vernunft, die sich in Sprache und Verfassung, in Sitten und Einrichtungen ausdrückt. In einfachem Zustande einfach, entfaltet sie sich allmählich zur Eultur, dann schweift sie in Uebercultur aus; wo es ein Glückszufall bleibt, ob sie daraus zur höheren reinen Eul- tur aufsteige, oder zur völligen Barbarei zurückkehre? Die Geschichte zeigt, daß man in jedem Zustande die Summe des Gesammtdenkens Vernunft nennet, wenn es gleich oft Vernünftelet oder grobe Unvernunft war. In den Schulen nicht anders. Von einfacher Weisheit steigen sie zur Eultur, endlich zur Uebercultur hinauf, in welcher alle Wissenschaften verwirrt werden; was darauf folgt, ist entweder gelauterte Weisheit oder Transcendentalphilo- sophie, jcnscit aller Erfahrung, das Reich der Dünste. In diesen wiederkehrenden Perioden der Vernunft. 1. Vernunft als Lebensweisheit, 2. 3 . Vernunft Vernunft als Eultuc, als Uebercultur, 4 - Vernunft als reingelauterte Lebensweisheit, oder als TranscendeNtaldampf. Herders Werkez.Phil.u.Gesch.XIV. Cc ZLt«Lr-t-'L, II. Vernunft 40s Lasset uns von oder an ihr lernen; nie aber glauben, daß, ehe wir im Monde waren, und daselbst alle Ampullen leerten, in Einem von uns die gelammte Menschcnvcrnunft wohne. III. Vernunft, als Gegenstand betrachtet. Als solcher ist sie die r e i n aus g e sp ro ch c n e Regel, die ich in mir gleichstimmig der Natur wahr nehme. Der Satz der Identität und des Widerspruchs ist nichts als Ausdruck eines einfach und fest anerkannten Wahren. Möge ich mich in Anwendung dieses Grundsatzes irren; der Grundsatz selbst (u ist u), d. i. innere Anerkennung der Wahrheit eines Gegebnen ist wahr; mein eigner Jrrthum entdeckt sich an dieser Regel der Wahrheit *). *) „Was heißt: sich im Denken orientiren?" (Kants sammtliche kleine Schriften B. si. S. 27L). Die Abhandlung hat den Sinn des Worts verfehlet. Orientiren heißt: die vier Welrgegenden finden; so orientirt man Charten, Segel u. f. Bon den Levantefahrern stammet der Ausdruck. Nun waren, ehe wir waren, Welrgegenden da, die auch, wenn ich sie nicht beachte, daseyn wer- ' den; durch meine eigensinnige Stellung rechts und links kann ich sie weder bestimmen noch andern. Der wandelbare, Horizont meiner Person ändert nicht den festen Horizont der Weltgegend. und Sprache. 4v3 Daß dasselbe Gesetz in mir wie in der Natur , im Erkenntnißvermbgen wie im Erkennbaren, obwaltet; daß, wenn ich irrte, mir die Natur, d. i. die weitere Erfahrung zurechthilft, und ich wie einen Zusammenhang meiner Gedanken, so auch weiter und weiter einen Zusammenhang ihrer Werke, beide in Harmonie wabrnchme; dies sic >rt meine Vernunft, denn ich sehe, meine innere ist auch des mir zur Anerkennung gegebenen Weltalls Regel. Die Vernunft, sehe ich, gebört zum Gegenstände, wie der Gegenstand zur Vernunft; nach Einem Gesetz, zu einander geordnet. Schon der Begriff, daß ich im Denken mich orientiren könne, schließt in sich, daß ich mich orientiren müsse, d. i. daß es außer, wie in mir, feste Punkte gebe, die ich in Ueber- einstimmung zu bringen habe. Dies heißt, ohne Sophismen, sich orientiren, finden, wo man in der Welt sey, wie sie sich zu uns, wir uns zu ihr verhalten. Orientire ich mich blos mit mir selbst, d. i. werfe ich alle Weltgegenden in mich hinein, und bestimme sie nach meinem eigensinnigen Egoismus: so kann ich in der wahren Welt sehr Lesorientirr seyn. Unternähme ichs gar, die Welt nach mir zu vrienti- ren, so desorientire ich sie wie ich mich drehe, oder wie mir Kopf schwindelt. Der Welten orientirende Egoismus kann nicht anders als eine Schwindclphilosophie werden; in ihr ist man mit jeder Gewißheit am Ende» Ec 2 4»4 II. Vernunft Hierauf ruht apodiktische Gewißheit, oder cs giebt keine. Mein Setzen und Lege» schafft sie nicht; sie muß in mir durch eine unwandelbare Regel gesetzt, und außer mir in jedem gegebnen Gegenstände anerkennbar seyn; sonst wäre jenes eine unanwendbare, mithin keine Regel. Wer mir die Welt der Gegenstände, an denen ich die Vernunft erprobe, entwendet, hat mir die Vernunft selbst entwandt, die fortan mit ihr selbst im kritischen Idealismus, d. i. in einem synthetischen Traum nur dichtet, nur spielet. Auf der Regel meiner Vernunft, in jedem Gegenstände anerkennbar, beruht einzig der Vernunftglaube. Einen andern giebt es nicht; Dialektik kann ihn weder abläugnen, noch ersetzen, noch vertreten. Mittelst seiner weiß ich, und was ich über dies Wissen hinaus der Vernunft als Vernunft- glaubcn andichte, ist Dichtung. Die Vernunft kann und darf nur sich selbst, nicht aber ohne Gegenstände, sondern anerkennend die Gegenstände, glauben. Diese Ueberzeugung ist das Ding an sich; es giebt kein andres; das Ding an sich heißt an erkennbare Wahrheit. Es cxistirt in dir, in mir, wie in allen Gegenständen, und daß cs in allen uns harmonisch existirt, daß ich es im Zusammenhangs der Welt wie im innersten Zusammenhänge meiner Gedanken finde, dies sichert mich über das Ding an sich, wie über mich selbst. ^6 ist nämlich das liebe kleine Wortlein Ist, wie das Wort Ding (L>irs) selbst saget. Wer mich solches als ein problematisches, nie zu findendes, und Sprache. 406 aber immer zu verfolgendes Gehe im ding suchen lehret, der suche im blinden Kinderspiel sich selbst und finde sich nie. Da die anerkennbare Natur aber, ein großes Gemählde, ohne Licht und Schatten, ohne Haltung und Farben nicht sei,n kann; das Ding an sich also, d. i. die Idee des ganzen Gemahldes in dieser Harmonie anerkannt werden muß, oder man erkennet kein Gemählde; so erhellet, daß es der Gewißheit unsrer Erkcnntniß nichts weniger, als schade, wenn wir unsrer viclartiqen Organisation nach das Ding an sich (a ist er) in mehreren Verhältnissen mit Licht und Schatten kennen lernen, es auf mehrere Weise aussprcchen, und jeden Gegenstand mit der Gewißheit, die ihm gebühret, in seiner und nicht einer fremden Art anerkennen müssen. Unbedacht ists, wenn wir dabei zu verlieren glauben, da wir an Vielseitigkeit und der sich dadurch bewährenden Gewißheit selbst unstreitig gewinnen: denn eine Linien-, Zahl- oder gar eine dunkle Formulargewißheit ist gewiß doch die Einzige nicht, deren unsre Sinne, unser Verstand und unsre Vernunft bedürfen. Erkenne ich einen sinnlichen Gegenstand besser, wenn ich ihn durch Raum und Zeit geformt denke? vielmehr entgeht mir mit diesem fremden Behelf eine Kleinigkeit, die mir nur der Sinn verleihen konnte, sein Daseyn. So ists mit der Gewißheit aller Regionen; jede ist in ihrer Art gewiß, ohne mit einer andern zu wechseln, oder auch die mathematische selbst für etwas anders als für ihr Maas, nicht für ihren Stellvertreter 406 II. Vernunft zu erkennen *). Genug, daß alle einander analog, einander mit harmonischem Zwist bestärken. Arten der Gewißheit des menschlichen bestimmende Maasgewißheit. Vier verschiedene, einander analoge Arten und Regionen, die von jenen berühmten vier Künsten der Dialektik, der Pirastik, Sophistik, Eri- stik und Psevdograpbie zwar verwirret, nie aber vertilgt oder einander substituirl werden mögen. Gäbe es also auch eine reine Transcendemalwissen- schaft des gestimmten Weltalls, und ließe sich das Ding an sich nackt und verbindungslos im Raum und in der Zeit anschaun; ich mag sein nicht. Anerkennen will ich das Universum, wie es mir gegeben *) S. klrnssii cketsnsio veir. kbilosopliorum, eävei.'8>is eos meibollurn inarbem-iriesui, sd iis vel iAiroretgin vel viele nsZIecrem esse coritenclnnt. vxnse. xliilol. vrit. P. r83. sec^. Erkenntnisses. i. Sinnliche, d. i. innewerdende Gewißheit. 2 . Anerkennende 3 . Vcrstandesgewißhei't. Grund und Folge zu sa mm e n sa ksc nd e d. i. Vernunftgewißhcit. 4 - Im Unermessenen und Sprache- ^7 ist und ich ihm gegeben bin; nicht von oben herab, sondern von unten hinauf soll die Menschheit bauen und sich durch ihre eigne Mühe Kenntnisse erwerben. Eben diese Mühe ist Genuß, Bildung, Selbstbelohnung; da gegentheils es keinen engeren traurigeren Begriff giebt, als die Anmaaßung, die Vernunft ausgcmessen, umpfahlt, erschöpft zu haben. Und wodurch ? Durch ein Hintcn - V 0 rn (u55§ov n-Loa-LLw), durch eine sich selbst aufhebende Wortdichtung. > 4 . Ve rfehlte Kritik der reinen Vernunft. . , — — kams, daß bei der oft wiederholten Absicht „die speculaiivc Vernunft von ihren Streifereien jen- seit der Erfahrung in das ihr angewiesene Land zu- rückzuführcn," die auf dies Werk gewandte Mühe zum gcgengesetzten Ziel ausschlug? Einige Ursachen davon liegen am Tage. K Äk I. Veranlassung des Werks. Hume's Zweifel. „H u m e schlug einen Funken , bei welchem man wohl ein Licht hätte entzünden können, wenn er einen empfänglichen Zunder getroffen hätte, dessen Glimmen sorgfältig wäre unterhalten und vergrößert worden. Er gieng hauptsächlich von einem einzigen, II. Vernunft und Sprache. -409 aber wichtigen Begriff der Metaphysik, nämlich dem (Begriff) der U r s a c h e und Wirkung, (mithin auch dessen Folgebegriffe, der Kraft und Handlung) aus, und forderte die Vernunft, die da vor- giebt, ihn in ihrem Schooffe erzeugt zu haben, auf, ihm Rede und Antwort zu geben, mit welchem Rechte sie sich denkt: daß etwas so beschaffen seyn könne, daß, wenn es gesetzt ist, dadurch nothwendig auch etwas anders gesetzt werden müsse: denn das sagt der Begriff der Ursache. Er bewies u n w i- d er spr ech l ic h, daß es der Vernunft gänzlich unmöglich sey, u priori und aus Begriffen eine solche Verbindung zu denken, denn diese enthalt Noth- wendigkeit; cs ist aber gar nicht abzufehen, wie darum, weil Etwas ist, etwas anderes nothwendiger Weife auch seyn müsse, und wie sich also der Begriff von einer solchen Verknüpfung u priori c inführen lasse. Hieraus schloß er, daß die Vernunft sich mit diesem Begriffe ganz und gar betrüge, daß sie ihn fälschlich vor ihr eigen Kind halte, da er doch nichts anders als ein Bastard der Einbildungskraft sey, die durch Erfahrung b e s c h w a n g e rt, gewisse Vorstellungen unter das Gesetz der Association gebracht hat, und eine daraus entspringende subjec- tive Nothwendigkeit, d. i. Gewohnheit vor eine objektive aus Einsicht, unterschiebt. Hieraus schloß er: die Vernunft habe gar kein Vermögen, solche Verknüpfungen, auch selbst nur im Allgemeinen, zu denken, weil ihre Begriffe alsdenn bloße Erdichtungen seyn würden, und alle ihre vorgeblich a priori bestehende Erkenntnisse wären nichts anders als falsch- gestempelte gemeine Erfahrungen, welches eben so n. Vernunft 410 viel sagt, als es gebe überall keine Methaphysik und könne auch keine geben." *) So magistralisch drückt sich nun zwar der feine Akademiker Hume nicht aus, da überhaupt seine ganze Zweifelphilosophie über den Werth der Abstraktionen sowohl, als über die zwischen Ursache und Wirkungen obwaltende Verbindung dem Grunde nach nicht ihm , sondern Berkeley zugehört **). Ohne Zweifel war dem Geschichtschreiber Hume beim Lauf seiner Geschichte nichts so eindrücklich geworden, als die Frage ***): „wie ketten sich Begebenheiten, d. i. Ursachen und Wirkungen an einander? wie entspringt aus dem Vergangenen die Zukunft?" Und, da fand er im Gebiet der Metaphysik langst vor ihm Berkeleys idealische Auflösung ****). Ihm, dem diese Auflösung nicht genügen konnte, theilte sich also die Frage: r. Wie kommen wir zum Begriff der Ursache und Wirkung? *) Prolegvmena zu jeder künftigen Metaphysik. S. 7 . 8. **) Lerleelsxs Urinoiples ok Iiumsn knovvleckgs Lsct. 6g. 66. *") Hume giebt selbst diesen Gang seiner Gedanken an: Lsrax lH. ok tbo nssooiation ok^cless. p. 33. Illllit. I.ouil. i/gg. ****) 1llre oonnsxion ok ielsns cloes not linpluz: tlie relstion ok osuss s n ä okkoct but onl^ ok s rn-irle or sign witl» cks tliing signi- kiecl. Lerltsle^'s prinoipl. sect, 65. und Sprache. 411 2 . Wie hangen diese beiden Begriffe in unserm Erkenntnis; zusammen? 3. Giebts nach Regeln der Nothwendigkeit einen Schluß von einem Begriff auf den andern? Au Auflösung der ersten Frage bringt Hume treffende Jnductivnen bei *), die er mehrmals dadurch aufbellt, daß er einen Menschen, (sey's Adam oder der Ankömmling aus einer andern Welt,) unbekannt mit dem Zusammenhänge der Begebenbeiten unsrer Welt einführt. Aufregend ist eine solche Dichtung; sie ist aber nicht rein, weil in einem Ankömmlinge oder Protoplasten solcher Art immer schon eine gebildete Vernunft zum Grunde gesetzt wird, die wir auf denz Wege, wie uns die Natur in die Welt sandte, nicht mitbrachten. Unser Verstand erwachte an und durch Erfahrung; durch unsre und fremde Erfahrung mittelst des Unterrichts, der Sprache, der Nachahmung gelangte unsre Vernunft zu schnellerer Verknüpfung der Begriffe, wie aller, so auch der von Ursache und Wirkung. Daß wir durch Erfahrung zu diesen Begriffen gelangt sind, daß öftere Wiederholung (auswrri or siukit) ihre Verknüpfung uns geläufig gemacht, daß wir, nicht nur im gewöhnlichen Traum des Lebens, sondern auch in neuen schweren Fallen, vorige Erfahrungen zu Hülfe rufen und habituell verknüpfen, wird dem scharfsinnige» Zweifler niemand laugnen, Was aber verknüpfte bei der ersten Erfahrung die Begriffe von Ursache und Wirkung? Der Ein-- *) 4. g. 7. Es*- '' §12 II. Vernunft druck (iimxrsssion) nicht; sondern die Idee, (iäea), mithin der wirkende Verstand. Im ersten leisen Gefühl des Säuglings, sobald cd wahrnimmt : „in ihm und durch ihn werde etwas" äußert sich die Kraft, Ursache und Wirkung zu verknüpfen, die nur des Verstandes seyn kann. Auch das Thier hat dies Analogon des Verstandes; der Mensch, zum Verstehen von der Natur bestimmt, übt ihn vom ersten Moment seiner Empfindung, und lernt durch jeden Fehlversuch ihn scharfer üben. Die sogenannten Jrrthümec unserer Sinne, d. i. die gemeinsten Erfahrungen, in denen wir uns den Eindruck (irnprsssion) überlassen, ohne aus andern Verbindungen den gebildeten Verstand oder die rechnende Vernunft zu Hülfe zu nehmen, zeigen, daß jede Empfindung mit einem Urtheil, obgleich oft mit einem Trugurtheil begleitet war; und wer vermag zu urtheilen, als der Verstand? Der Eindruck (irnxrossion) thut es nicht. Wenn also Hume von einem Gefühl des Zusammenhanges zwischen Ursache und Wirkung redet *), so meynt er das, was wir Jnnewerden nennen, tind in jeder, auch der dunkelsten Empfindung vom Eindruck (irnprsssion) unterscheiden. Uebcr- *) Hiess eonnoxion, >vdiolr wo koel in tlie minä, or onstomer^ irsnsirion ok rde iina- gineiiou kroin one objeot io its usrnil erren- cknnt, is ilie senrimeni or Impression, krom wlrieli we Form tbe iilea ok povver or neeesser^ eonnexio», Usss^ VH. p- -tg- und Sprache. 4 r3 Haupt ist seit Lcibnitz unsre philosophische Sprache in Bezeichnung der Seelenkraftc an eine Genauigkeit gewöhnt, die, Britten und Galliern oft fremd ist; die Verwirrung der Ausdrücke, (imprssoiou, xsutimslii, aorislArmurioir ok ssrniirmrrts mit Perception und Apperception,) überhaupt der zähe Materialismus mancher Ausländer sowohl als die neue Verwirrung der Transcendcntalsprache ist der Genauigkeit zuwider. Also beantwortet sich auch die zweite Frage: „wie hangen die Begriffe von Ursache und Wirkung in unserm Erkenntnis zusammen?" Als Ein Verstandcsbegrifs; nicht anders aber, als (wie alle Verstandesbegriffe,) an der Ersah-, rung erwacht und vom Verstände gebildet. Beide Begriffe sind relativ, Ein Begriff also in zwei Gliedern. Von der Ursache weiß ich nichts, als durch die Wirkung; diese verstehe ich nicht, als durch ihre Ursache. Dem Verstände sind sie, und wenn hundert Jahre sie trennten, unauflöslich beisammen: denn Ein Begriff ist nur im andern gegeben. Die kritische Philosophie gieng völlig fehl , da sie Hume's Zweifel durch die Zeitfolge auflösen wollte, die hiebei nichts erkläret, auch hieher nicht gehöret; der Verstand kennet keine Zcitfolge in Verbindung seiner Begriffe von Ursache und Wirkung; in und durch einander sind sie ihm gegeben. Eben deshalb aber ist dieser Begriff auch nicht „ohne und vor aller Erfahrung denkbarohne diese sind beides leere Begriffe, da ich was Ursache ohne Wirkung sey, nie, jene also in dieser, diese in jener erfahren muß, indem ich. 4'4 II. Vernunft sonst ewig ein o — o construire. Hierüber batte Humc klare Begriffe, indem er, gleich Berkeley *) , Abstractionen ohne Gegenstände, gar Allgemeinheiten **), (also ein kritisches Schema) und ihre Schemate nicht nur für ungereimt, sondern für das Kriterium der Absurdität erkannte ***). Blos Mißverstandniß seiner selbst, (nui-uon- nexiow ok läsas) und skeptischer Schlummer wars, wenn H u m e das Verstandhafte (tUs iritsUactual connexion) der Begriffe von Ursache und Wirkung nicht anerkennen mochte; und er widerspricht sich bierüber von Seile zu Seite. Als Begriffe (iäens) müssen sie dem Verstände zugchoren, ob sie gleich nicht anders als in einzelnen Fallen anerkannt sind und ihre A nwendung finden. Auch war cs ein Mißverstandniß dessen, was man Vernunft und Erfahrung (rsasow uwä ex^sriewas) *) Iniroänoiion io ibs principles ok Iinmsn kno^vIeUge, und im Buch selbst häufig, li ssoms io ms not impossibls io uvoict sd- snrcliiies nnä soniruelisiions, ik ii bs aclniii- isä, ibui ibsro is no snob ibing sksirsot snä L^enersI icleus, properl^ sxsabing; Uni ibui all tzensrul iUeLS urs in reulii^ pintion- lar onss , Lttuob'cl io ü gensrgl ierm , vvbioli reoslls nxon ocossion oilior puriisulor onss, ibsi resembls in oerioin siroumsienoes ilis iäeu xreseni io ibs mlncl. iUsss^ XII. x. 240. Note. ***) Lsss^ XII. x. 2Z7. nennt, wenn er diese Begriffe einander entgegensetzte, als ob jene ohne diese in Sachen der Erfahrung irgend nur statt fände. Kann Jemand über Sachen bürgerlicher Verfassung und Lebensführung (ok oivil Avverninent sink oonäuot ok liks) aus Vernunftgründen (krorn rsersori) nur urtheilen, wenn er nicht aus Erfahrung (kroirr expsrisrice) weiß, was bürgerliche Verfassung und Lebensführung fty *) ? Daß unser Urtheil über Ursache und Wirkung sich durch mehrere Erfahrung bildet, ist kein Einwand; mit allen Verstandcsurtheilen, ja mit der Uebung jeder Kraft hat dies Urtheil diese Uebung gemein; und daß es sich als ein allgemeiner Begriff jedem einzelnen Fall, wie wenn es der erste und einzige wäre, anfügen müsse, erfordert ebenfalls seine Natur als einer Verstandesecfahrung. Daß die Vernunft einer solchen Aenderung, d. i. Anwendung unfähig sey **), ist ihrem ersten Begriff zuwider : denn kein Gesetz der Mathematik (z. B. von der Kraft elastischer, weicher, flüssiger Körper u. f) ist ohne diese Specialanwendung (Variation). Auch wird durch lange Syllogismen die Verbindung zwischen Ursache und Wirkung nicht gesunden ***); *) Lssa/ V. I. Ngte. **) Ueason is inospabls ok an/ suoli Variation eto. Lssa/ V, p. 7g. ***) dlo reasoning oan ovor givs ns a nerv, original, simple irlsa; tbis therekore can nsver Us tbe original ok tlrat iäe», Lisa/ VII. Note p» roI. II. Vernunft /,i6 Leide werden weder zusammcnqekoppelt noch zusam- mengenähet (aonjointecl, coirnacteä); sondern sind Ein relativer Begriff. Vom erfahrenden Vecstands werden fie anerkannt und distri- b u i c e t. Es crgicbt sich hieraus die Auflösung der dritten Frage: mit welcher Gewißheit beide Begriffe in einander gegründet sind? Mit n o t tz- wendiger Gewißheit, weil Wirkung ohne Ursache, Ursache ohne Wirkung dem Verstände nichts ist; sie fallen in einander, relativ-identisch. Nur kommt cs darauf an, in welcher Region der Gewißheit die Gegenstände sind, an denen sie hasten. Sind es sinnliche Gegenstände: so ist ihre Gewißheit sinnlich. Z. B. das Feuer brennt. Ist das Feuer kein Feuer, der brennbare Körper nicht brennbar: so findet keine Verbindung zwischen Ursache und Wirkung statt; das Derstandcsurtheil selbst aber bleibt norhwendig und unbeweglich. Db ein klarer Strom ertränke? ist mir unbewußt, so lange ich Strom und Gefahr, d. i. Ursiwhe und Wirkung nicht kenne: denn von unbekannten Dingen kann kein Menschen -, Engel - und Göktervcrstand urthei- len. Daß zwei glatte Marmorflächen Luftberaubt an einander hangen, weiß nur der, der die Beschaffenheit der Luft kennt; die Kraft des Schießpulvers nur der, der die Kraft seiner Jngredienlien kannte und erprobte. Er erprobte sie aber nur Kraft seines Ursache in Wirkung anerkennenden Verstandes. Das 2 st- 2 — 4 ist nicht gewisser, als: „Ursache geben Effecte, gleiche Ursachen gleiche Effecte." Da Da es Hi, me mehr um Zweifel, als um Auflösung der Zweifel zu tkun war, so gab er seine Beispiele, ohne die Region zu bestimmen, in welcher sie beantwortet werden sollten: denn ohne Zweifel antwortet der gemeine und philoso^kische Verstand über die Verbindung zwischen Ursache und Wirkung anders. Z. B. ob morgen die Sonne aufgehen werde ? Der gemeine Mann, der von der Ursache ihres Auf- und Unterganges nichts weiß, kann darüber nicht antworten; er erwartet nach dem Gesetz der Aehnlichkeit, d. i. der bisher gehabten Erfahrung. Der Mathematiker, der die Gesetze des Auf- und Untergangs der Sonne kennet, antwortet aus Gründen , die in sich sicher bleiben, wenn morgen auch die Sonne nicht aufgienge, d. i. wenn heute die Ordnung aller Himmelskörper gestört würde; mit dieser neuen Ordnung traten nämlich andre Gesetze ein, eben so sicher wie jene. Das Band zwischen Ursache und Wirkung bleibt ungefährdet; weder dort noch hier konnte es willkükrlich gesetzt oder geändert werde». Eine Analyse dessen, was Kraft ist, gekörte zum Urtheil des Verstandes nicht, sondern Anerkennung der Kraft in der Wirkung. Eben so wenig gekörte daz» , daß der Verstand alle Mittel cinsehen müsse, durch welche die Kraft wirket. Wenn mein Wille den Arm bewegt, darf er nicht alle Muskeln und Bänder des Arms kennen; vielmehr würde durch eine dergleichen anatomische Anschauung seine Anerkennung eher zerstückc und aufgehalien. Die Kraft seines Arms ist in der Herders Werke z. Phil.u.Gesch.XIV. D d AdetaLriilL. II. Vernunft That, der Wille des Künstlers in der Hccverbring» ng des Werkes. Die erste innige Empfindung: „ich will und es wird!" knüpfte auf 'die ganze Lebenszeit des Menschen für ihn Ursache und Wirkung. So wenig unauflöslich sind Hum-e's Zweifel, die einzeln hier nicht verfolgt werben können.' Durch die seit Leib.nitz bei uns genauer bestimmte psychologische Sprache lösen sie sich, sobald man den Begriff Kraft nicht vor die Augen gewählt haben will, selbst auf; und dies Mahlen oder Anschauen der Kraft im Spiegel hatte schon Berkeley als ungereimt genüget. Dem kritischen Philosophen dünkte es anders. Hum e's Zweifel schienen ihm so wichtig, daß er sie auf alle Verknüpfungen der Dinge anwandle; daher er dem Verstände auftrug, sie sammtlich u priori ohne und vor aller Erfahrung zu verknüpfen. Aus'Hum e's drei kleinen und leichten Versuchen entstand die Kritik der reinen Vernunft, ein neues Karthago. Unglücklicher Weise schlich sich hiebei ein Mißverstand des Worts a priori ein , den Hu me selbst sehr ernst von sich ablehncn würde. In seinen populär geschriebenen Versuchen hatte er dies Wort dem gemeinen Redeausdruck nach gebraucht, daher ers auch auf Gegenstände bürgerlicher Verfassung und täglicher Lebensführung anwandte, /ü. priori hieß ihm nichts, als was ich aus Gründen durch sich selbst erkenne, ohne es erst aus der Erfahrung zu lernen; ob aber meine Gründe nicht auch an der Erfahrung voreinst Grundsätze geworden? blieb ihm völlig unbeachtet. Noch weniger dachte er dabei an ein Raisonniren (reasoninA) vor aller und außer aller menschlichen Erfahrung: denn seinem System nach, das alle Ideen auf Eindrücke (irn- xrsssion?) sogar, gründet, und dem Verstände alle Kraft abspricht, durch sich selbst (rsusoninA) zu einer neuen Idee zu gelangen, mußte er eine solche Jsolirung und Priorisirung des menschlichen Verstandes überhaupt für ungereimte Sophisterei und Illusion erklären *). ,,Jns Feuer! würde er gesagt haben, mit diesem un k r iti sc h'e n Buch; sein schwangrer Schoos enthalt eine Bibliothek von Sophistereien und Illusionen." So David HuMe. Das mißverstandene »n priori" indcß zog eine Reihe andrer mißan- *) Im >2ten Versuch hat er sich deutlich genug hierüber erklärt. Er schließet ihn also: „Gehen wir von diesen Grundsätzen überzeugt, unsre Büchersammlungen durch, welche Verheerung müßten wir ankichten! Nehmen wir z. B. einen Band theologischer oder Schulmetaphysik in die Hand, so laßt uns fragen: „enthalt er abstracte Vernunft über Zahl und Größe?" Nein. „Enthält er Erfahrung s v e r n u n f t über wirkliche Dinge oder Facta? Rein. So mit ihm ins . Feuer; er kann nichts als Sophisterei und Täuschung enthalten." S. 2vc>. Dd 2 420 II. Vernunft gewandten Worte insonderheit der Mathematik nach sich; von vielen davon mögen nur einige zur Probe dienen: II. Probe mißangcwandler mathematischer Begriffe und Worte. i. priori". Was der Mathematik das Wort heiße, ist angeführt *); ganz anders wird es genommen, wenn es in der Transcendentalphiloso- phie den Verstand vor und über alle Erfahrung Hinnussetzen soll, damit er Anschauungen, Kategorien, Schemate aus sich spinne, und Gcgenstandlos sich Verstandesgegcnstande erträume. Wie dies Unternehmen n priori, d. i. an sich selbst keinen Sinn hat, so zeigt seine Ausführung n posteriori, daß cs mit Anschauungen, Kategoriecn und Sche- maten mißglücken mußte **),. *) S. Th. r. der Metakritik, Abschn. i, *') Kein prius ist ohne ein posterius, kein ohne denkbar. Aristoteles selbst ordneie beide Begriffe nur auf- und zu einander nach Verhältnissen des Orts , der Zeit, der Bewegung u. f. re«?-« -ron-on, /ZrATnsn, u. f» Sich Eins ohne das Andere, ein Vor ohne Rach zu denken, und auf diese Trennung, als ob sie ein Begriff wäre, ein System zu bauen, hebt wie eine Vorder- ohne Hinten feite sich selbst und Sprache. 421 2. Synthesis nxriori. In der Mathematik bezeichnet das Wort Synthesis eine Methode; neben der Analyse hat die synthetische Methode ihre Regeln und Vortheile, ohne jene entbehrlich zu machen oder ihren Werth zu mindern. Ohne Zusammenhang auf einzelne Satze angewandt , da a- n a l y t i s 0 h ein erläuterndes, synthetisch ein erweiterndes Pradicat be, zeichnen soll, wird die Eintheilung ein scherzhafter Reim. Dem Einen erweitert, was dem andern nur erläutert und wcchselsweise. Ueberdem fuhrt diese Eintheilung vom reinen Begriff des Ur- theilS weg, bei welchem cs Haupt-Augenmerk seyn muß, daß das Pradicat dem-Sübject zuk 0 m in e, aus welchen Gründen es ihm auch zukommen möge: denn alle unsre Begriffe hangen zusammen, und woher die Erweiterung ge'schehe, so muß Verbindung des Subjccks mit dem Pradicat statt finden, wie das Wort Synthesis selbst sagt. Erläuternd und erweiternd, erweiternd und erla.ule.rnd, ist sie das auf. Man hat die kritische Philosophie ein dargestelltes Hysteron proteron genannt, in dem das kooterius Antlitz und das Antlitz ?c>storius sey. Da man aus ihr bereits den Raum und die Zeit gemahlt hat, so ließe sich ihr wcsenhaftes Bild, das Interims als leeranschauendes Antlitz , das Antlitz als ein kosterius , worauf sich jenes leere krius mir Absonderung alles Empirismus setzt, auch mahlen. II. Vernunft 422. Hauptwerk *). Gleich Hume's Zweifel beruhet die kritische Philssophie also auf einer unstatthaften Disjunktion; ihr Neues ist etwas Altes und Falsches, ein übel angewandter, bei hellerem Licht verschwindender Humischer Zweifel. 3. TrgnScendental. Aus der scholasts- *) Offenbar hat Hume zu dieser Disjunction sowohl, als zu dieser Benennung verführt, da er von Ursache die Wirkung als einen neuen Begriff trennte; eben diese Trennung aber war des Humeschen Aweifelbegriffs Fehler. Die Wirkung kann später gesunden, oder als neu bemerkt werden; sie war aber, solang' ihre Ursache war, in ihr. Erkennen wir diese, d. i. das Subject: so erkennen wir in ihr auch das Prädikat, die mögliche Wirkung, die als eine versteckte Eigenschaft jenem gehöret. Schrieben wir sie zuerst, unwissend des Zusammenhangs, dem Subject sy ätherisch zu: so analysiren wir sie jetzt aus ihm mit vollständiger Erkenntniß. Weil gefehlt also, daß Synthesis die vollko minnere Erkenntnißart scyn scllte; entweder ist sie ein hypotherisches erstes Ergreifen eines Begriffs, der so lange noch in der Irre gehet, bis er dem Subject mit Grunde, d. i. analytisch zugcschrieben werden kann, und Mit ihm, wie Wirkung mir der Ursache, Eins wird; (da dann die Synthesis, d. i. der erste hypolherische Versuch einer Zusammensetzung sogleich verschwindet;) oder sie bleibt eine kririsch- dialektische Synthesis, d. i. Einfall, Dichtung. und Sprache. 423 scheu Philosophie hatte die Mathematik das Wort genommen, um damit Gleichungen zu bezeichnen, die auf keine gewöhnliche algebraische Gleichung zu- lückgcführt werden können, z. B. worin die unbekannte Größe keinen gewissen Grad hat, der Exponent also eine veränderliche Zahl ist. Und sehr nutzbar hatte dieser Begriff in der Philosophie angewandt werden mögen, indem er gerade auf den Quell kranscendentaler Irrungen, das Unflate und Veränderliche der L ra.ns c endcntalworte hatte führen mögen. Die kritische Philosophie, statt ihn also zu nutzen, hat dagegen den alten scholastischen Begriff sogar trans - lransccndicek. In eine Gegenstandlose Welt gestiegen, aus welcher sie ohne Schemate nicht hin- absteigen kann, befindet sie sich in dieser so verworren, daß ihre Transcendentalphilosophie der Logik bald entgegengesetzt, bald als ein eignes Vermögen und natürliches Geschäft der Vernunft, bald als ihr ärgster Fehler behandelt wird u. f. Durchs ganze Buch hin herrscht dieser Doppelsinn des Worts lr a ns ce n de n t a l, so daß man nicht weiß, ob man transccndiren soll oder nicht soll? indem man bald will und nicht kann, bald kann und nicht darf; am Ende aber doch auf ein neues Transcen- diren alles hinausgeht. Daher dann auch jeder Lehrling der kritischen Schule seinen Meister extranscen- diret. Einer solchen Transcendenz war weder H time, noch irgend jemand hold, der das daher entspringende Verderben aller Wissenschaften, und die bedaurenswertbc Verschwendung der besten Seclen- krafte aus vorigen Zeilen kannte. Wie man von 424 II. Vernunft einem Menschen nichts Schlimmeres sagen kann, als: „er har sich selbst und alle Erfahrung überstiegen: er brütet darüber, wie er ohne Verstand zum Verstände kommen, und vor allem Denken das Denken, ohn' allen Gegenstand ein Gegenstand möglich werdeso ist das Unternehmen, auf solchem Lufrball einer Lranscendental - Aestbetik, Analytik und Dialektik Jünglinge ins "Land des Gegenstandlosen Nichts zu führen, statt sic nützliche Gegenstände kennen zu lehren, eine Reise in den Mond beim Schimmer eines Meteors, des reinen Vernunft- Unvermögens. 4. Anschauung. Was ich in der Mathematik an sc haue, ist nicht die Figur, sondern ihr Verhältnis: denn bekannt ists, daß kein mathematischer Punkt, keine Flache und Linie gezeichnet werden kann, wie es ihr Begriff fordert. Mathematisch also, d. i. g e i st i g - l c r ne n d schaue ich an, um Begriffe rein anzue rken» en, die die Figur unvollkommen darstellt. Einen Schüler, der nur sinnlich angaffet, d. i. der ohne Begriff an der Figur haftet, wird jeder wahre Meister der Wissenschaft von ihr hinweg, auf das Innere Anerkennen führen, ohne welches seine Wissenschaft ein kindisches Spiel ist. Zudem wird nicht alles in der Mathematik angeschaut; schon in der gemeinen Rechtnkunst, geschweige in der Analysis verschwindet das Angaffen gemahlter Figuren. Die kritische Philosophie hat das Wort „Anschauung" gewählt, um Theils die Mathematik zu preisen, daß in ihr auf dem An sc h a u e n alles beruhe, sintemal ihre eigenthümliche Art, ihr Wesen lind Vorzug „nicht in Begrifft«, sondern lediglich in Eonstruction der Begriffe" liege; Theils bat sie, um selbst zur mathematischen Evidenz zu kommen, für sich Anschauungen erdacht, vor denen als leeren Pbantasmen, man ja den Lehrling warne. Denn nicht zu Laputa einmal war man so weit gekommen, um „Formen zu Anschauungen, Anschauungen ohne Gegenstände zu Formen derselben zu machen, mittelst zweier Anschauungen die ganze Sinnenwclt fühlbar zu machen, und ohn' alle Gegenstände sie alle zu formen. Keinem Gegenstands soll Existenz zukommen, der sich nicht Anschauung in Raum und Zeit zu schaffen weiß ; dem Verstände, der Vernunft mangelt das Anschauen völlig u. f." *) Als ob mathematische Wahrbeit anders, als ein Vcr- nunftbegriff, d. i. im Geist anschaulich wäre. 5. Postulat. In de.r Mathematik enthalt das Postulat eine praktische Möglichkeit, die durch sich evident ist, z. B. eine gerade Linie, einen solchen und andern Eirkel zu ziehen u. f. Was soll» aber hefßen, wenn man den Begriff von Gott für die praktische Vernunft postulirct? Ihn oder einen güldenen Berg in Gedanken zu construiren, wenn er nicht erwiesen ist, gründet weder eine praktische noch theoretische Wahrheit. Postulate der Art, (welches *) Man vergleiche das Project kor improving spo- oulative lcuowleclgs b)- prnotioal uiirl irroolls- riioal Operation, (Zwists.-; voz-aAe to k,aputs tRsp. g.l um zu sehen , wie weit man zu Lapura hinter der kritischen Philosophie zurück war. II. Vernunft 426 Wort bei theoretischen Begriffen ganz außer Ort und Stelle ist) sind Heischesatze; ein Name, den man den mathematischen „Federungen" ungeschickt beilegte, der aber den kritischen Postulaten gerecht ist. Sie heischen, d. i. was sie erweisen nicht können oder nicht wollen, wird trotzig erbettelt, und eben so trotzig a u fg e d r u n g en, als ob cs keines Beweises bedürfe. Das; mit dergleichen Postulaten alle wahre Philosophie verloren gehe, ist durch sich selbst klar. Sie fodern nur Eine Tugend: „sey dreist! postulire!" 6. Allgemein, a l l g e m e i n g ü l t i g. Der Mathematiker construirt seinen Triangel bescheiden für sich selbst und für jeden, der mit ihm gleiche Vernunft hat. Was er an ihm erweiset, ist nicht nur für diesen Triangel, sondern für jedes ihm ähnliche Verhältniß erwirken; im Besondersten erweiset er allgemcingülkig das Allgemeine. Der Philosoph kann seine allgemeinsten Begriffe nicht anders constrniren , als im Besonder n, im Fe s t b est i m m t e n, wie ihm dazu allenthalben die Natur selbst den Weg zeiget. In ihren Gestalten , nach Individuen, Gattungen, Geschlechtern, nur im Besondcrn coustruirt sie das Allgemeine. Verliert man diesen Weg, und will jenseit aller Erfahrung der Natur verschreiben, Gesetze geben, wie sie construiren solle: so bauet man ein Gebäude vom Dach herunter. Lehrsätze, mit Universalität, Allgemeingülrigkeit, absoluter Vollständigkeit u. f. ausgeschmückt, treten prächtig ans Licht, die aber lieber Lecrsätze, (Kenologie) heißen sollten, weil sie aufs Besondere zurückgesühct, nirgend gelten. Nichts ist leichter, als bekannte Satze ins Allgemeine hinaufzuspielen, wo sie vor lauter Allgemeinheit und Allgemeinqültigkeit in die Wolken fliegen, um dort wie Dünste zu verschwinden. Keine Philosophie war auch je so reich an allgemeinen Prachtworten als diese, sogar daß sie jcnseit der Erfahrung sich eine Fabrik allgemeiner Denkpostulate anzulegen getraute, und der Vernunft kein ander Geschäft weiß , als daß sie nach dem „All" in Form einer Gewißheit laufe, die, recht betrachtet, alle Gewißhcil aufhebt. Dürftiger aber ist auch wohl keine, als mit ausstafsirter Allgemeingülligkeit der bekanntesten Eemcinsatzc diese Philosophie gewesen; eine Schema topöie im griechischen Wortverstande, d. i. eine Gesticulatlons- lehre für die reine Vernunft n priori. Durch diese üble Nachahmung mathematischer Allgültigkeiten hat die kritische Philosophie eine Gestalt'genommen, die dem Mathematikverstandigen sehr zuwider wird, da er die Worte seiner Wissenschaft mißangewandt und mißbraucht, kurz auf Wortstelzen mathematische Männchen flehet, die nichts bedeuten. Darf ich fortfahren? ich muß. Noch Weiler hat Hume die kritische Philosophie wieder Willen verführet. In seiner lässigen Art zu philosophiren nahm er Eindrücke und Ideen an, (iinxros- sion anä iäees) aus welchen er das ganze Gebäude menschlicher Erkenntnisse bestehend glaubte; worüber ihm dann, zumal über den verschwendeten Namen der Ideen , von mehreren seiner Landsleute über 423 H. Vernunft Verdienst harte Vorwürfe «gemacht sind. Die kritische Philosophie geht hierin Hume'n nach, zu einem Ziel, wohin er nicht wollte. Durch eine leichthingeworfene Behauptung *), „daß es zwei Sram- me menschlicher Erkenntnis, Sinnlichkeit und Verstand gebe, deren gemeinschaftliche Wurzel unbekannt sey," wird IH. Ein Zwiespalt der menschlichen Natur errichtet, in welchem nicht nur beide Stamme Wurzellos als Trauergestalten dastehn, sondern auch der Weg ins Land andrer Zcrtbeilunqen, Widersprüche und Doppelgestalten ohn' Ende und Ziel gebahnt war. Z. B. i. Spaltung der menschlichen Erke n n tn i ß kr afte. Schon die Grundfragen dieser Philosophie, „wie komme ich zur Vorstellung irgend eines Objects? wie zu einer Erfahrung? wie aus Erfahrungen zu einem System ?" zeigen den Geist der Spaltung, in welchem Hume Ursache und Wirkung trennte. Da nun in dieser Philosopbie Alles, mithin jede Erkcnntnißkraft eine Form a priori bekam, so entstand Noch über Noch, wie wiederum diese Formen zu einander kommen mochten? d. l. wie die Sinnlichkeit Verstand, der Verstand Vernunft werde? Hatte z. E. der Taschen'picler Verstand aus seinem Kategoriecnbchaltniß Begriffe in die Gegenstände gespielet; urthcilen konnte er deshalb noch nicht. Die Vernunft eben so wenig, die, wie *) S. r. 2 g, 33. u. f. Orion im Reich der Schotten Luftbilder jaget; zwischen beiden mußte einer besondern „Urteilskraft" eine Bank errichtet werden, und doch können die Katcgvrieen nicht hinunter, als durch „Schcmate." Am übelsten.ging es hierbei der gelammten Sinnlichkeit. Von zwei leeren langweiligen Larven, Raum und Zeit, die ihre Form Formlos tragen, hinwegqcschcucht, verschwand sie; man hört von ihr nur unter dem bösen Namen Empirismus. Ei» Land voll Klüfte wird die menschliche Seele, eine traurige Mondcharte. 2 . Und, wie sie, spaltet sich die ganz; Natur in „Erscheinungen," die der Verstand mittelst jener Formen sich selbst schaffet, und in das Ding an sich, — x," von dem wir zwar nichts wissen, zu dem wir auch nicht gelangen, das aber doch ein gar merkwürdiges Ding ist — o und — ov, von allem was erscheint, ewig gesondert. 3. In die Vernunft selbst trat die Zwiespalt, nicht nur durch Antinomieen, die ihr natürlich, unableglich sind; sondern durch die Entdeckung, daß wir zwei einander entgegengesetzte Vernünfte, die theoretische und praktische haben. Jene ein uns vor- schwebendeS Irrlicht; diese gebietet kategorisch ohne Vernunftgcünde. Zu zweien Welten gehört der Mensch; aus der übersinnlichen verstehet und weiß er zwar nichts, dafür soll er in ihr aus übersinnlicher sich selbst gebietender Freiheit handeln. Was die theoretische Vernunft als Widerspruch erkannte, und als Vernünstelei erwies, darf die praktische alS II. Vernunft g3c» Postulat aufnehmen. U. f. Statt daß man die kritische Philosophie die zermalmende genannt hat; (sie hat bisher nichts zermalmet) hätte man sie also eber die zerspaltende (psiilosopüin gasiiswe» tma) nennen sollen: denn wohin sie klickt, werden AntiNomieen und Spalten. Dichotomieen sind ihr Weck , sie wundert sich irgendwo sogar, daß ich nicht Alles in zwei spalte. Eine scharfsinnige Philosophie! Bis auf Sylben und Buchstaben, wie z. B. Deist und Zlhcist, Transccndent und Trans- cendental und so viel andres gespaltenes Sinnengeweb zeiget sie den künstlich-gespitzten Wortscharfsinn, den die Englische Sprache mit dem Wort cant längst nannte. Wie anders die Natur ! Auch sie liebt Auseinandersetzung, Gegencinandcrstellung, Antagonismus; aber aus Einem zu Einem. Ihre Farben verlieren sich in einander; ihre Antiphonieen heben einander, ihre Gegensätze verschmelzen. Ein leiser FadcN knüpft die dunkelste Empfindung mit der Hellesten Vernunft- Handlung ; alle Erkenntnißkräste beschäftigt dasselbe Werk, Znne werden, Anerkennen, sich aneignen. Das Unterste arbeitet dem Obersten vor, nach Einem und demselben Gesetz, in Einer vielarticulirten Symmetrie, Harmonie, Eintracht. Auch unsre altere Philosophie war auf dieser Bahn; seit Bako führte jede Entdeckung im Reich der Körper und Geister sie darauf weiter. So sorgsam Leibnitz, (dem Descartes hierin zu nahe) Körper und Geister schied: so wahr und fest band er beide durch die sogenannten dunkeln Begriffe, (rwtionss ccmkusas) an einander und unsre Seele ans gestammte Universum. Wie Nebelsterne durchs Fernrohr sich in Milchstraßen auflvsen: so entwickelt sich uns aus dunkeln Empfindungen eine Welt von Gegenständen, Farben, Tönen, sobald der Verstand sich zu ibrer Erkennung ein Werkzeug zu- verschaffen weiß. Viele Nebel find aufgelöset, andre werden aufgölöset werden; die Aussicht muntert auf; ein Unendliches liegt außer und in uns, zu dem wir kommen mögen; dagegen der kritischen Philosophie zufolge die uns einwohnende Thörin Vernunft u priori ewig und ewig nach Wortphantvmcn jaget. Natur der Sache wars , daß aus diesen Zer« theilungen IV. Eine Verwirrung im Hauptbegriff des Werks entstehen mußte. „Kritik der reinen Vernunft?" Reine Vernunft h'eißt richtige Kritik; Kritik also der richtigen Kritik, ohne welche es keine Kritik giebt. Denn Krümmen zu bemerken, muß eine gerade Linie, Abweichungen einzusehn, sin Richtmaas zum Grunde liegen, so daß eine gerade Linie, ein vollkommener Eirkel nur durch sich selbst kritisirt werden kann. Ist die reine Vernunft so unrein, daß ihr sogar ein Kanon fehlet ; ohne Kanon ist sie einer Zurechtweisung weder fähig, noch würdig» Und doch sott wiederum diese undisciblinable reine Vernunft alle Cultur des Menschengeschlechts bewirken, ja dem Entwurf nach noch vor Ablauf unsres Jahrhunderts bewirkt haben. , Ohne Kriterien findet keine Kritik statt; was II. Vernunft 4Z2 würde man vom Kritikus einer Kunst denken, der ihre Betrügereien aufdecken wollte, die Zeichen aber, an denen diese Betrügereien verabredet oder natürlich haften, nicht nur fein verschwiege, sondern in ihrer Handhabung selbst die größeste Kunst zeigte? Du wirst eine Menge Schüler haben, (darf man ihm prophezeien) die dich aus- und über vernünfteln wollen; dein Zweck aber, die menschliche Vernunft zu reinigen, mißlang, weil du ihn selbst nicht rein nähmest. Sprache ist das Kriterium der Vernunft, wie jeder achten Wissenschaft, so des Verstandes; wer, gesetzt es geschehe auch durch den feinsten Scharfsinn, sie verwirret, verwirret die Wissenschaft, verwirret den Verstand des Volkes, dem sie gehöret. Und diese Sprache nennet sich kritisch? d. i. genau, bestimmt, bis zum Kriterium deutlich: schwerlich ist der Name Kritik je gemißbraucht worden, wie bei dieser kritischen Sprache. Zusammenhängend, höchst-systematisch nenne man diese Philosophie; als ob ein Gebäude von Ficrioncn auch mit unzähligen Eintheilungen und Kettengliedern an einander gehängt, ein System seyn könnte! Beruhet in ihm nicht Alles auf der Kiction einer reinen Vernunft vor aller Erfahrung und einer Synthesis u xriori? Durch alle Abtheilungen begleitet die Kritik der reinen Vernunft der Mißbegriff ihres Namens. Das Wort Transcendental- Aesthecik heißt eine Gefühlslehre, abstrahirt von allem Gefühl; die Transcendental - Analytik und Dialektik find ihren Seelcn- kräftrn, und Sprache. 433 kraften, selbst dem Namen nach, widrig zugcthcilet: denn Analytik gehet auf Demonstration, die der Vernunft zukommt. Dialektik disputirt über das Wahrscheinliche, das zur Logik oder Rhetorik gehöret. Da das Werk, wenn es seinen zweideutigen Titel aufgiebt, für nichts als eine kritische Logik, angewandt auf einige m c t a p hi si sch e Begriffe, geachtet werden kann: so konnten, vom Transccndcntalfchein gesondert, seine Theile keine andre seyn, als Organik. Philosophie der Sinnen - und Zeichcnwelt. 2. 3. N 0 etik. Dian 0 etik. Philosophie der Verstan- Philosophie dey. Vernunft- dcswelt. welk. 4- Noometrik. Maasbestimmung des Jnnewerdens jener drei Welten, welche letzte, die schwerste von allen, einer Philosophie, die allenthalben nur Erscheinungen findet, fehlen mußte. L am b e rt, als er Logik und Metaphysik, d. i. Form und Materie besonders abhandelte, verfuhr wissenschaftlich ; er sonderte was unter einander nicht gehöret, da die sogenannte Kritik der reinen Vernunft eine .Zwittergestalt von Logik und Metaphysik, und (rückt ihre Theile zusammen!) eine sich selbst setzende und selbst au (hetz ende Dichtung, ein Spiel mit sich selbst ist. Herders Werke z.Phü.u.Gesch.XIV. Ee II. Vernunft 434 L e i b n i tz, vom philosophischen Vortrage *). „Philosophische Gewißheit, wenn auch der strengste Dcstnitor sie bestimmte, kann nichts anders, als Helle Wahrheit seyn. Keines Satzes bin ich gewiß, als durch seine mir hellcinleuchtende Wahrheit." „Metaphysische Kunstwörter muß man wie Schlangen und Ottern flichn. Hast du ein Wort erklärt, so bleibe der Erklärung treu; und hättest du es auch nicht erklärt, so brauche es dennoch Einmal wie das andre. Lieber Populär - als Kunstworte ! Jene braucht jedermann in solchem Verstände; diese gehören Einem > Mann , Einer Sekte. Sie sind wie das Rothwelsch, von welchem Gcßner in seinem Mithridat ein kleines Wörterbuch gesammlet. Aber auch bei diesem V 0 ca- bulificium sollte man darauf sehen, daß man Worte nicht nach Lust und Willkühr, sondern mit Verstand und Vernunft bilde. Je schicklicher die Ursache ihrer Bildung ist, desto löblicher sind sie." „Immer kann man Kunstwörter nicht vermeiden; man würde sonst durch Umschreibungen sehr weitläuftig werden müssen; aber das ist gewiß, daß sich Alles, wenn gleich mit mehreren Worten, populär sagen läßt. Daber Nizolius nicht unrecht behauptet, „das sey für erdichtet, für unnütz, für *) mliiiit. üiss. äs stiln kliilonopbico, lViro- lii conimentsr. pbilosopli. xr»eniisss. Oxp. omni» 1 °. I V. x. 56. eä Hutoirs. und Spracht. 435 nichts zu halten, was in der gemeinen Sprache nicht verständlich gemacht werden kaffn," d. i. (wie ichs verstehe,) wofür sich kein Hauptwort fände, unter welchem cs sich, mit mehreren Hauplbegriffui gefeilt, deutlich machen ließe." „Denn Philosophen sind andern Menschen nicht immer darin voran, daß sie andre Dinge wahrnch- men; sie nehmen sie nur anders walir, mit dem Auge des Gemüths nämlich, mit Reflexion und Aufmerksamkeit, vergleichend die Dinge mit einander. Aufmerksamkeit der Menschen kann nun zwar nicht besser erweckt werden, als daß man die Dinge benennt; (der genannte Name war mir ein Merkmal des Gedächtnisses, andern wird er ein Zeichen meines U r t h e i l s;) außer diesem aber fehlt es so viel, daß Philosophen erhabnere und edlere Dinge v.-. andern Menschen denken, daß vielmehr, cbe z. B. der unvergleichbare Bako und andre treffliche Männer die Philosophie aus ihren Luftgängcn oder aus dem Gebiet der Einbildungskraft auf unsre Erde zum, Gebrauch des Lebens heruntcrriefen, oft ein schlechter Alchymist gründlichere und bessere Begriffe von der Natur hatte, als mancher Philosophastcr, der in der Celle seinen Hocceitäten oder Hoc- citaten oblag " „Es bleibt also dabei, was in Popularworten nicht verständlich gemacht werden kann, falls es nicht durchs unmittelbare Sinnenqefühl sich erprobet, ist Nichts und Üls ein Nichts auS der Pbilosophie zu verbannen. Daher mehrere sinnreiche Philosophen jene berühmten dialektischen Disputatoren dahin zu treiben pflegten , daß sie entweder alle ihre Kuusiworte deutlich erklären, oder wenn sie diese Mühe scheuten, Ee 2 436 II. Vernunft in einer lebenden Landessprache ihre Gedanken sagen mußten. Zum Verwundern wars, wie sehr jene Dialektiker entweder aus ihrer Fassung gcricihen, oder wenn sie die Sache unternahmen, wie sebr sie sich dem Gelachter der Verständigen bloß stellten." „Isis also gewiß, daß jede Sache ein Nichts sey, die nicht in Popular-Ausdrücken erklärt werden kann, so ists eben so gewiß, daß je populärer der Ausdruck ist, um so Heller die Rede werde; es sey dann, daß dabei durch die weitlauftige Umschreibungen, dem Vorkrage Vergessenheit, Dunkel und Ucber- druß zuwüchse. Diesen zuvorzukommen ist ein M a a s nöthig, die populärste stürze, die compendiöseste Popularität. Gewährt die gcwohnliche'Sprache Worte, die eben so kurz und bestimmt sind, so enthalte man sich der Kunstworte. Insonderheit se» dies für Metaphysiker und Dialektiker eine Grundregel: denn die meisten Dinge, von denen'die Metaphysik und Dialektik handelt, komme» in den Gedanken und Reden des gemeinen Mannes häufig vor , und werden in jeder Lebensart hin und wieder verhandelt. Durch dies öftere Vorkommen haben diese Materien so viel eigcnthümliche, kurze, bekannte und natürliche Bezeichnungen erhalten, daß es eine Sünde ist, durch neuerdichtete, unbequeme und ungewöhnliche Ausdrücke sie dunkel und sich selbst, bewundert von Unverständigen , Verständigen lächerlich zu machen. In der Mathematik, Physik und Mechanik sind oft neue Worte nöthig, weil ihr Inhalt dem Sinn nicht vorschwebt, auch im gemeinen Leben nicht eben vorkommt. In diesen Wissenschaften werden Sachen vorgekragen oder Eigenschaften der Dinge entdeckt, um die sich und Sprache. 437 der große Haufe nur aus Noch bekümmert und sie dem Künstler überlaßt. In der Philosophie aber müssen Kunstausdrücke, waren sie auch etwas kürzer als die Popularsprache, sobald es, ohne weitläuftig zu werden, geschehen kann, dem Popularausdruck weichen. „Auch das ist wider die gemeine Meynung zu bemerken , daß beim genauen Philosophiren man lieber Lorrersta nennen müsse, als asistrama. Ich sehe, daß Aristoteles dies meistens gechan hat. Hoo-rn, -erown, i"« ^ sagt er lieber als <7A/scr<5 oder wenn es ein griechisch Wort wäre, A-§-o<7'rmo'r-!?5. Seine Anhänger entschuldigen dies und halten sich für weit spitziger, wenn sie abstracto Wörter Haufen, da es doch erprobt ist, daß eben diese Sucht, abstracte Worte zu erdenken, uns beinah die ganze Philosophie verdunkelt hat, da man solcher doch im Philosophiren völlig entbehren kann. 6c>rrornta sind wirkliche Dinge; asistrsLta sind mocki der Dinge, Verhältnisse derselben zu unserm Verstände, Fähigkeiten ihrer Erscheinung. Nun giebt es rriocki und eine Verflechtung von wroclis ins Unendliche, Qualitäten der Qualitäten, Zahlen der Zahlen, die, wenn sie lauter Dinge sind, nicht blos eine Unendlichkeit, sondern Widersprüche geben. Denn wenn z. B. die Entität ein Lns, wenn Realität eine Sache, die Aliquidditat ein Etwas ist, so ist auch die Form seiner selbst ein Th eil des Begriffs seiner selbst, ein besondres Etwas. „Wollte jemand einmal Elemente der Philosophie vollkommen festsetzen, der muß sich nothwendig fast 438 II. Vernunft und Sprache. aller abstractcn Worte entkalken. Ich weiß zwar, daß Hobbes iknen einen Nutzen zuschreibt; soll ich aber die Wahrheit sagen, so habe ich beim genauen und strengen Philosophiren nie einen großen Vorkheil absiracter Wörter, wohl aber viele und große und sehr schädliche Mißbräuche derselben erfahre». Im ex oteäi sehen Vorträge, glaub« ich, haben abstracke Wörter, am rechten Ort gebraucht, ihren Nutzen ; sie geben der Meynunq eine Spitze und heften die Aufmerksamkeit fest, daß man sich vor jetzt fremder Gedanken entschlage. Sie sind hier zweite Begriffe,, (irotiowss gecwrnclas) denen überhaupt ich die abstrakten Worte aus vielen und wichtig,n Ursachen gleichschätzen möchte. Denn allgemein denke ich so: wenn jemand statt wirklicher Dinge Abstraktionen setzr, so spricht er nicht nur tropisch und überflüssig, sondern es ist, als ob er sagen wollte: „das ist gewiß so! daran kann niemand zweifeln ! wer Acht Kak, muß dies bemerken! u. f." Dergleichen Variationen zum genauen Philosophiren in Definitionen, Einlheilungcn, Demonstrationen durchaus nichts thune Zugabe. Neueste Nachricht vtzN einer kritischen Facultät der reinen Vernunft. „v^-s war kein üblcc Einfall desjenigen, der zuerst den Gedanken faßte und ihn zur öffentlichen Ausführung vorschlug, den ganzen Inbegriff der Gelehrsamkeit, (eigentlich die derselben g e w i d m e- ten Köpfe) gleichsam fab r ike nmaßig, durch Verthcilung der Arbeiten zu behandeln, wo, so viel es Facher der Wissenschaften giebt, so viel öffentliche Lehrer, Professoren genannt, als Depositore derselben , angestellt würden, die zusammen eine Art von gelehrtem gemeinen Wesen, Universität, (auch hohe Schule) genannt, ausmachten, die ihre Autonomie hatte/, (denn-über Gelehrte als solche können nur Gelehrte urtheilcn,) die daher vermittelst ihrer Fakultäten (kleiner, nach Verschiedenheit der Hauptfächer der Gelehrsamkeit, in welche sich die Universitgtsgelehr- ten theilen, verschiedner Gesellschaften) theils die aus niedern Schulen zu ihnen aufstrebende Lehrlinge aufzunchmen, theils auch freie, (keine Glieder derselben ausmachende) Lehrer, Doc t ore n genannt, nach vorhergehender Prüfung, aus eigner Macht mit einem von jedermann anerkannten sträng zu versehen; (ihnen einen Grad zu ertheilcn), d.ü sie zu creiren berechtigt wäre/' *) Auf diesem Wege „durch einen nicht Übeln Einfall" sind Universitäten nicht entstanden; alsSchulen *) Der Streit der Facuttaten von Kant. Köiügsb. 1798. S. /. Zugabe. ää- entstauben sie; ihr Zweck ist Schule zu seyn; deshalb beiße» sie hebe Schulen. Lehrlinge aus nieder» Schulen sollen sie nicht blos aufnehmen (im- matriculiren) sondern un te r ri chten und zu tüchtigen Mitgliedern des Staats bilden. Dazu sind sie gestiftet; ihre Mitglieder sind Lehrer. Deßbalb ist ihnen auch die Macht verliehen, nach vorherge- gangner Prüfung geltende Zeugnisse auszustellen, weit man ihnen als Leh rern die Geschicklichkeit dazu zu- traute, und ihnen als b e fte lleten Dienern des Staats Rechtschaffenheit dabei zur Pflicht machte. Verliehen ist ihnen diese Macht, nicht rmt ihnen geboren; sie üben solche nicht als Gelehrte, sondern als dazu bestellte Facultätsmitglieder, außer welcher Facultat ihr Urtheil blos eine Privatmeynung bleibet. Die Gültigkeit ihrer Zeugnisse erstreckt sich nicht über die Grenzen der Obrigkeit, die ihnen solche zu crtheilen, Macbt verlieh; in fremden Ländern ist sie, ohne neue Bestätigung, ein Titel, wie jeder andre, den nian aus der Ferne mitbringt, und in Ansehung der -Geschicklichkeit ihrer Geschöpfe (der Creirten) wird Jedermanns Urtheil nichts weniger als gebunden. Zum Depositor der Wissenschaft, die ein Universitäts- proseffor zu treiben hat, ist er nicht anders als jeder andre Lehrer bestellet, daß er sie selbst wohl inne habe und rechtschaffen lehre; weiter ist bei ihm nichts d e- ponirt worden. Bei vielen Depositors wäre auch das Depositum, (wie die Geschichte zeigt,) in schlechten Hände», da, wie hierangegeben wird, in dieser ihrer ,,Fabrik, nach einem nicht Übeln Einfall, nicht nur der ganze Inbegriff der Gelehrsamkeit, sondern die Köpfe selbst fabrikmäßig behandelt werden sollen." Oder das Depositum war bei den Zugabe. 44 I Depositors in zu guten Händen, indem sie es, unbekannt mit ihm, deponirten, d. i, nicht brauchten. Wissenschaft überhaupt, die Immer - rege, immer Fortbringende, sie, den lebendigsten Erwerb unsrer thätigen Erkenntnißkraft, als das Depositum eines alten Schaupsennings, Professoren als Wächter dieses Erbschatzes zu denken, den sie, (wie es die Natur eines Diposirum fodert,) ja unberührt lassen mögen, ist ein Lob, womit man die Tobten beerdigt. Was die Universitätsgelchrten als Zunft betrifft, so verhalt sichs mit dieser, wie mit allen Zünften. Sie bat Lehrlinge, Gesellen, Altgesellen, Meister; wohl ihr, wenn sie jeden sein Probestück rechtschaffen machen laßt und keinen sich zur Schande creiret. Sie hat Handwerksgebräuche, ihren Gruß, eine Lade, Statuten; dies alles hat sie nicht aus eigner, sondern aus verliehener Macht, die sie mit jedem öffntlichen Actus bekennet. Ihre Ger ic h ts üb u ng ist abhängig und untergeordnet, ein ihr aufgetragenes Geschäft. Wer von einer ihr als Universität angebohr- nen Autonomie, einer Autonomie in Wissenschaften redet, hebt den Begriff der Universität sowohl als der Wissenschaft auf. Zünfte, Gilden sind Universitäten im Staat, oollsgla licita privileZiata; für die Wissenschaft sind sie Schulen, nichts mehr und nichts minder *). *) Die kritische Philosophie bildet sich eine ihr ange- bohrne Machtvollkommenheit ein, Alles aus sich entstehen zu lassen, und fabrikenmäßig zu creiren, daher sie auch die Universitäten durch einen Einfall entstehen läßt, ganz anders, als sie nach Loulla^, (lrevieu, Conring u, s. wirklich entstanden. Wer ihre Autonomie kennen lernen Zugabe. <44 „Außer diesen zünftige» kann es noch Zunft- freie Gelehrte geben , die nicht zur Universität gehören, sondern indem sie bIos einen Theil des großen Inbegriffs der Gelehrsamkeit bearbeiten, entweder gewisse freie Korporationen, (Akademiecn, auch Socie- tateu der Wissenschaften genannt) als soviel Werkstätten ausmachen; oder gleichsam im Naturzustände der Gelehrsamkeit leben und jeder für sich ohne öffentliche Vorschrift und Regel, sich mit Erwei- will, bekümmere sich um ähre Statuten. Sogar den Facultäts-Dec-an hat die kritische Philosophie aus dem Thierkreisc herabgeholt; und da sie, wie das Depositum der Wissenschaften, so auch den Thicrkreis wahrscheinlich unter die Dccane als einen Facultätsschmuck, wie ihn einst die Zauberer trugen, theilet, so entstehen daraus nach dem bekannten Vers: sunt nirrios, tarirrrs etc, folgende Kategorien für die Universitärs-Faculrären und ihre Lhierkreis-Dccane: Kategorie der Facultäten und Decane von der kritischen Philosophie aus dem Lhierkreise herabgeholet: i. Theologische Facultät. Widder, Stier, Zwilling. 2. 3. Juristische Medici irische Facultät. Facultät. Krebs, Löwe, Jungfrau. Waage, Scorpion, Schütz. 4 - Philosophische Facultät. St einbock, Wassermann, Fische, Der Steinbock ist, wie wir sogleich sehen werden, dev kritische Philosoph für alle Facultätcn und Staatsbeamte, S. Kants Streit der Faculläten S. 3. Note. Zugabe. 445 tcrung oder Verbreitung derselben als Liebhaber beschäftigen." Unglück für die Facultatsgelchrten, wenn sie aus dem Naturzustände der Gelehrsamkeit herausgetreten, diese „Liebhaber" nicht sind; eben solchen Liebhabern hat jede Wissenschaft (denn ohne Liebe zur Sache geschieht in Wissenschaften nichts) ihre wesentlichste Erweiterung und Verbreitung zu danken. Erasmus und Grotius waren keine Facultats- theologen und nahmen sich die Freiheit, in der Theologie viel aufzuräumen. Der Mönch RvgerBaco und sein großer Namcnsgenannter, Franz Baco, Des Eartes, Leibnitz, Tsirnhauscn, und wie viel andre, die jede Wissenschaft nicht mit Worten, sondern Begriffen erweitert haben, waren Lieb- baber der Wissenschaften, obgleich keine Faculiäts- Depositöre. Als die Facultäten schliefen ober bar- barisirten, stand eine freie Gesellschaft der Liebhaber, die Akademie zu Florenz aus; ihr sind in allen Landern Europa's, auf Universitäten selbst, andre gefolgt, denen wir die grvßcsten Fortschritte dcr^Wissen- schafken zu danken haben. Leibnitz hielt von diesen freien Liebhabern der Wissenschaften viel, und suchte sie allenthalben zu vereinen; er sagte nicht: „außer zünftigen kann es noch zunftfreie Gelehrte geben," sondern: es giebt solche; unglücklich, wenn es solche nicht mehr gäbe." „Von den eigentlichen Gelehrten sind noch die Literaten, (S t u d i r t e) zu unterscheiden, die als Instrumente der Regierung von dieser zu ihrem eignen Zweck (nicht eben zum Besten der Wissenschaften) mit einem Amt bekleidet, zwar auf der Universität ihre Schule gemacht haben müssen, allenfalls aber vieles davon, was die Theorie betrifft, auch könne» vergessen haben, wenn ihnen nur soviel als zu Führung eines bürgerlichen Amts , das seinen Gr und lehren nach nud von Gelehrten ausgehen kann, erforderlich ist, nämlich empirische Kenntnis der Statuten ihres Amts (was also die Praxis angehk) übrig behalten haben; die man also Ged a c htnißle ute oder ^ Werkkundige der Gelehrsamkeit nennen kann. Diese, weil sie als Werkzeuge der Regierung, (Geistliche, Justizbeamte und Acrzte) aufs Publikum gesetzlichen Einfluß haben, und eine besondreElaffe von Literaten ausmachen, die nicht frei sind aus eigner Weisheit, sondern nur unter der Censur der Faculkaten von der Gelehrsamkeit öffentlichen Gebrauch zu machen *), müssen, weil sie sich unmittelbar ans Bolk wenden, welches aus Idioten besteht, (wie etwa der Elcrus an die Laiker) in ihrem Fache aber zwar nicht die Gesetzgebende, doch zum Thcil die ausübende Gewalt haben, von der Regierung sehr in Ordnung gehalten werden, damit sie sich nicht über die richtende, welche den Facul taten zukommt, weg setzen**). Welche richtende Gewalt haben die Aacultaten? wer hat in Wissenschaften eine richtende Gewalt als die Wissenschaft selbst, die innere Wahrheit und Genauigkeit selbst? Und wer hat die Stande, alle gelehrte Stande des Staats unter die richtendeGe- waltFacultaten gestellet? Und ist es nicht Schmähung aller Stände, sie namentlich, Geistliche, *) Vielleicht fehlen die Worte: Befugniß haben. **) Kants Streit der Faculkaten S. 5. Justizbeamte, Aerzte, als Instrumente der Regierung, nicht eben zum Besten der Wissenschaften, als Werkleute aufzuführen, die von Gelehrten wohl zu unterscheiden seyn, weil sie zwar auf der Universität ihre Schule gemacht haben müssen, aber wohl nur empirische Kenntniß der Statuten ihres Amts übrig behalten haben. Was sind Statuten des Amts? welche empirische Kenmniß derselben erlangt man davon auf Universitäten? und welche, ehe es bekleidet wird, ist bei vergeßnec Theorie möglich? Und welch ein Staat ists, der diese Geschäftsleute zu seinen Instrumenten so unverständig macht, daß er deshalb vom Kritikus gewarnt werden muß, weil sie sich „unmittelbar ans Volk wenden, und zwar nicht die Gesetzgebende, doch aber zum Theil die ausübende Gewalt, z. B. der Clerus an die Laiker haben!" — Wie diese, so muß Euch der Staat in Ordnung halten, Selbst- dünkler, die ihr das Volk „Idioten," alle Geschäftsmänner und Werkzeuge des Staats Spottweise „die Studirten" nennt, euch eine „richtende Gewalt" über sie anmaßet, die euch der Staat nie verlieh, und von welcher kein Wachender unter euch weiß, ja sie, alle Geschäftsträger des Staats, als ob sie ihre Gewalt mißbrauchten, argwöhnisch injuriret. Wenn sie, um ihr Amt führen zu können, manche eurer Hirnge- spenste vergessen mußten, und sich glücklich schätzten, wenn sie sie vergaßen; (wahre Theorie wird durch die Praxis gewisser, fester) so scyd Ihr, statt dem Staat vorzuschreiben, wie er sich gegen seine Geschäftsleute verhalten soll, oder euch eine richterliche Censorqewalt über sie und den Staat anzumaßen , auf Eure Pflicht zu weisen. Lehrmeister einer Schule, kurz Zugabe. 448 Schulmeister seyd ihr, wie euer Name sagt *), ein nicht verächtlicher, sondern ehrwürdiger Name; seyd gute Schulmeister, und der Staat wird euch ehren. Die Grille eurer richterlichen Gewalt aber, einer obwaltenden Eensur über alle Staatsdicner, stimmt eurer Warnung vor ihnen, wird von „Idioten von den Studirten, die ihre Schule gemacht haben," belacht und bcdauret. Ganz etwas anders zeigt die Geschichte. Geschafts- manner waren es, die zum Besten der Wissenschaften aus reiner und freier Einsicht viel thaten. Auf ihren Rath wutden Schulen, Gymnasien, Universitäten, Akademiecn gegründet, ausgestattct, verbessert, geordnet. Sie unterdrückten Aergernissc der Männer, die „frei aus eigner Weisheit" sich oft sehr unfrei betrugen; sie steuerten der Unord > mg alter Körper, die Ml selbst nicht zu regieren wußten, und halsenden verfallenden Werkstätten der alten Universitatsgilde auf. In den Wissenschaften selbst schritten sie oft voran und zeichneten auf ihrem freieren Standort Wege für alle Wissenschaften. Wem sind, um sie nochmals zu nennen, die Namen Bac 0 n' s, Sarpi, Gr 0 tius, Leib nitz, Montesquieu und so vieler, vieler andern unbekannt? Geschaftsmänner waren es und keine Facultisten. Welch ein enger Gesichtskreis ists überhaupt, das unermeßliche freie Feld der Wissenschaften unter einige Cellen und Clausuren, (so viel diesen übri- *) Der Name Magister, Magister soliolae, Schul- und Ku n st l e h r m eis t e r, (ein sehr schätzbarer Name) ist alter als alle Faculrätcn , und ihre crcirte und mißcreirte Docioreni Wer kein guter Lehrmeister ist, von dem ist schwerlich zu begreifen, wozu er als Lehrer auf einer Lehrschule wäre. Zugabe. 449 übrigens an ihrer Stelle Lob und Verdienst gebühre,) zu vertheilen, damit sie Wissenschaften und Kopfe fabrikmäßig behandeln, .und in ihnen jede Wissenschaft bei den Depositors deponirt werde. „Eine Regierung, die sich mit den Lebren, also auch mit der Erweiterung und Verbesserung der Wissenschaften befaßte, mithin selbst in höchster Person den Gelehrten spielen wollte, würde sich durch diese Pedanterei nur um die ihr schuldige Achtung bringen, und es ist unter ihrer Würde, sich mit dem Volk, (dem Gelehrtensiande desselben,) gemein zu machen, welches keinen Scherz versteht, und alle, die sich mit Wissenschaften bem engen, über einen Kamm schiert. Es muß zum gelehrten gemeinen Wesen durchaus auf der Universität eine Facul- tat geben, die in Ansehung ihrer Lehren vom Befehl der Regierung unabhängig keine Befehle zu geben, aber doch alle zu beurthei- len die Freiheit habe."*) Dazu ist keine Facul- tät gestiftet; ein vom Befehl der Regierung unabhängiges , alle Befehle der Regierung censirendes Amt, einen tLpoorisiariuin u. läss^onsalarri rreAotioiurrr xuklioorurrr Asueralerri, kennen keine unsrer Universitätsstatuten, und wenn es ein solches Amt durchaus aufder Universität geben muß, so ist eine solche „vom Befehl der Regierung unabhängige, alle Befehle derselben beurtheilende Facultat," die m a g istra lr sc h- kritische genannt, noch zu stiften. Mit Anmaßungen dieser Art schlagt die kritische Philosophie ihrem eigne» Faß den Boden aus , indem sie ihre eigentliche Tendenz unverholen angiebt. Schwerlich wird ein *) Kants Streit der Facuttären. S. 8. g. Herders Werke z.Phil.u.Gesch. XIV. F f M-taKr-t-'L. c Zugabe. /,5o Geschäftsmann, der auf Universitäten „seine Schule gemacht hat, und das Volk, den Gelebrtenstand desselben," kennet, zu Errichtung dieser kritischen Kathedra rathen; weniger noch werden die Vater der Studircn- den ein solch unabhängiges Forum, vor welchem ihre Söhne „unabhängig vom Befehl der Regierung alle Befehle der Regierung beurthcilen lernen ," wünschen. Die Regierung selbst endlich, die sich „mit dem Volk der Gelehrten, das keinen Scherz versteht," nicht eben gemein zu machen Lust hat, und weder den „Kamm noch das Scheermcsssr derselben" fürchtet, wird ebne Furcht für Kamm und Scheerc sagen: „die Erweiterung uird Verbesserung der Wissenschaften ist nicht unter unsrer Würde; wir glauben dazu auch etwas gekhan zu haben; die erste Verbessecungsregel ist aber die : ris sutor ulria — Professor der Metaphysik, bleibe bei deinem Amt. Unsre Befehle zu kritischen, bist du nicht gesetzt; sondern Lehrlinge., was du gelernt hast, zu lehren." „Es muß durchaus auf der Universität eine Fakultät geben , die mit dem wissenschaftlichen Interesse, d. i. milder Wahrheit zu thun hat." *) Jeder, der eine Wissenschaft redlich treibt, hat dieses Interesse der Wahrheit, ohne welches cs keine Wissenschaft gicbt; hat er es nicht, so wird es ihm sein« Facultat nicht geben. Vielmehr zeigt die Geschichte, daß durch Facultaten, als Zünfte betrachtet, daS Interesse der Wahrheit oft grob beleidigt, die Wakrheit hintergangen und aufgehalten worden **). Wahrheit ') S. g. **) Lese man hierüber nur die Geschichte der Universitäten. Außer den obengenannten und andern, die Zugabe. 421, in Facultäten verbietend einschließen, heißt vor aller Welt Augen sie morden. „Es muß durchaus auf der Universität eine Fakultät geben, wo die Vernunft öffentlich zu sprechen berechtigt seyn muß, weil ohne eine solche (Facultat) die Wahrheit nie an den Tag kommen würde." Jeder Vernünftige muß mit Vernunft sprech.n und handeln, öffentlich und besonders; mit dem Facultäts-Sprechen istS gewiß nicht ausgerichtct. Jeder Diener des Staats muß die Vernunft in seinem Geschäft und für dasselbe sprechen lassen; er kann cs der Facultät nicht auftragen. Jede Facultat in ihrem Geschäft muß ein Gleiches thun; sie kann es der neu zu errichtenden kritischen, und ihrem Worthabendnr Apoorisisrio nicht überlassen, für sie vernünftig zu sprechen und zu denken. Daß ohne ein solches kriüsches Katheder die Wahrheit nie an den Tag kommen würde, ist eine Verhöhnung des menschlichen Geistes und Herzens in allen Kacul- taten, Geschäften und Ständen ; der kritischen Philosophie eigenthümlicher Vorzug, der Ihr allein auch cigenthümlich bleibe! „Die philosophische Facultat, darum, weil sie für die Wahrheit der Lehren, die sie aufnchmen,odcr auch nur ein räumen soll, stehen muß, wird, in sofern als frei und nur unter der Gesetzgebung der Vernunft, nicht der Regierung stehend gedacht werden müssen." Jeder Lehrstuhl wird also gedacht, sonst wäre in jedem Katalog der Litcrargeschichte anzutrcffen sind, die unlängst erschienene Iiistoire äe 1a Sorbonne, clans lacsncllo on voit l'intluenoe clo l-r 'NIieoInAie sur l'orclrc social p, Ouverner ?ar. 1790. Ein Reccpt gegen alle politische Oberlichter und elpocrisinrios auf Universitäten, Ff 2 Zugabe. ^2 er nicht errichtet; oder er wird als ein Don der Lüge zur Lüge errichtetes Organ, das blinde Werkzeug einer auf Betrug deS Volks gerichteten Negierung geschniähet. Die obern Facriltäten, wie die Geschäftsmänncr und die fleegierung selbst sind im angcfübrten Brrrl) in ein so schimpfliches, gehässiges Licht gestellt worden, daß diese Probe „kritischer Bernunftbcunheilung aller Befehle und Anstalten der Regierung" für die übrigen, die vom kritischen Katheder erschalle» würden, bürget. Kein Lehrer hat für eine andre Wahrheit zu stehen, als die er selbst lehret; für die stehe er ganz und „bc- menge sich" nicht mit dem, was für ihn nicht gehöret. Er ist kein Oberrichter der Gesymmtwahrheit; hat auch bei ihr nichts weder ein- noch auszu raumen, als was seine Ucberzeugung fodert. „Auf einer Universität muß ein solches Departement gestiftet, d. i. cs muß eine philosophische Facultät seyn. In Ansehung der drei obern dient sie dazu, sie zu controllirc n." *) Dazu ist sie nicht gestiftet. Jeder Lehrer soll seine Wissenschaft verstehen und treu lehren; das Resultat davon in Ansehung seiner Nutzbarkeit für das Werk andrer Lehrer und für die Brauchbarkeit seiner Lehrlinge im Staat findet sich von selbst. Sobald er einen andern Lehrer „c ontrol l i r t," schreitet er aus seinem Amt, und verdient die Eontrolle des Staats, d. ü Zurechtweisung oder Abndung. Denn wenn der andre Lehrer gegen ihn dasselbe thate, (und warum sollte-ers nicht dürfen, wenn crs thun will?) so wird das Reich der Professoren ein Reich der Contrvlleurs gegen einander, zum Verderb der Lehrlinge, zur Schande der Wissenschaften, zum *) S. 25. Zugabe. 4Z.' Aergerniß der Welt. Und wer ist der kritische General- Kontrolleur, der alle drei obern Facultäten, d.i. jede in ihnen vorgetragene Wahrheit und Unwakrbeit scheidenzukönnen, sich anmaßtc? Eine Facultätnach der andern wird den Anmaßenden mit dem Spruch heimsenden: „warte deines Amts und laß deinen Borwitz." „Die philosophische Facultät enthalt zwei Depar- tcmente, das eine der historischen Erkcnntniß, wozu Geschichte, Erdbeschreibung, gelehrte Sprachkenntniß, Humanistik mit allem gehört, was die Naturkunde von empirischem Erkcnntniß darbietet." — Dies Departement wird den hohen Beruf eines „Eensor- amts über alle Befehle der Regierung, unabhängig von ihren Befehlen, so wie das Dberrichtcramt über alle Geschäftsleute des Staats," aus Liebe zu jeder jedem Lebrer angewiesenen Wissenschaft mit der alten Fabel ablehnen: „soll ich Delbaum, Feigenbaum Weinstock, meine nützliche süße Früchte aufgcben und l ingehn, um alle Befehle der Regierung und ihre Werkleute zu richten? Dem spitzigen Anbringer, dem kritischen Dornbusch bleibe die Ehre." „Das andre Departement der philosophischen Fa- eultat ist das der reinen Bernunfterkcnntnisse, (reinen Mathematik und der reine» Philosophie, Mcthaplwsik der Natur und der Sitten)." Auch hier trennet sich die Mathematik sogleich, und will aus Liebe zur Wissenschaft, ihrer Lehre, zum eigenmächtigen Rich- teramt alles dessen, wovon sie nichts weiß, nicht verdammt sepn. Der iVlaAislsv aritie.as ratiuriis puraa, der l>chetazo1i)'5icus naturus ot niorurn stehet also allein. Da von einem solchen aber die Statuten der ) S. 26. Zugabe. 454 Faculrät nichts wissen, auch seine Namen selbst das Lächerlich-Widersprechende seiner Function aus höchster Selbstbestellung „aus eigner freier Weisbeit" anzeigen: so ist von ibm als einem Uns, das seiner absoluten Vollkommenheit wegen, nach eigener Maasgabe der kritischen Philosophie, gar nicht cxistircn kann, nicht mehr die Rede. „Die philosophische Facultär erstreckt sich aufalle Theile des menschlichen Wissens, mithin auch historisch über die obcrn Faeultaten ; nur daß sie nicht alle, nämlich die cigenthüinlichei-a Lehren und Gebote der Obern zum Inhalte, sondern zum Gegenstände ihrer Prüfung und Kritik, in Absicht auf den Vorthcil der Wissenschaft macht." *) Jeder Lehrer der obern Fakultäten muß Philosoph in seiner Wissenschaft seyn, und als solcher die Geschichte seiner Wissenschaft, tiefer sogar als der Allgemeinlehrer aller Geschichte, inne haben; oder er ist ein schlechter Lehrer. Müßte er vollends den kritischen Metaphysikus, der „ohne Kennt- niß des Inhalts jeder eigenchümlichen Lehre" über alle zu urtheilen sich anmaßet, erst um Rath fragen; so wäre er ein Professor aus des Inhaltlosen Metaphysikers Barmherzigkeit (ex Zrntis et inisericorelia (Iritici wostrr tLpoerismrii, KllnZistri werturns, Metapilaisici moruna;) welche neue akademische Diplomatik erst eingeführt werden müßte. Da aber die philosophische Facultat in diesem Einen Suchtet, dem Metaphysikus nicht w o h net; da ohne Kenntniß des eigenthümlichen Inhalts einer Lebre oder Wissenschaft es keine Prüfung derselben zum Vortheil der Wissenschaft geben kann, vielmehr es zum Verderben jeder ') S. 27. Zugabe. 455 Wissenschaft gereicht, wenn der ununterrichtete Prüfer in den Rahmen einer Wissenschaft Inhaltlos sein metaphysisch- kritisches Wortgewebe flicht , und wie jeder Pedant vor dem KricgSanfübrer über die Kriegskunst schwatzet: so wird offenbar auf beiden Wegen, sowohl wenn der Lehrer einer Wissenschaft einem andern die Philosophie und Geschichte derselben unkundig überlaßt, als wenn dieser unkundig des Inhalts jene zu prüfen sich an maßt, das Reich der Wissenschaften nicht gebauct, sondirn verwüstet. In allen Faculta- len bekamen wir kritisches Spinngewebe, und jede reelle Wissenschaft ginge zu Grunde. „Die philosophische Faculkat kann also alle Lehren in Anspruch nehmen, um ihre Wahrheit der Prüfung zu unterwerfen." *) Sie d a,r f es, wenn sie es kann, d. i. wenn sie die Lehren verstehet und zu prüfen weiß. Sie thut es aber nicht als Faculkat, die zu solcher Prüfung weder gesetzt, noch legitimirt ist; jedes Mitglied derselben thuts für seine Rechnung, als Kenner der Wissenschaft, über welche er urtheilt, als Gelehrter. Von dem richterlich „in Anspruch nehmen," ist in wissenschaftlichen Dingen gar nicht die Rede; der Disputant oder streitende Schriftsteller ist Kampfer. Geklopft wird der Pankratiast, sobald er in Anspruch nimmt, was er zu bestehen nicht vermag, d. i. was er nicht bestehet, und jedermann in oder außer der Facul- tat hat das Recht und die Macht ihn zu klopfen. „Die philosophische Faculcät kann von der Regierung, ohne daß diese ihrer eigentlichen wesentlichen Absicht zuwider handle, nicht mit einem Interdikt belegt werden." **) Da die Facultät als Faculkat die ) S» 27. **) S, 27, 456 Zugabe. Befehle der Regierung zu kritisi'ren, die Lehren ihrer Nebenfacultäten zu controlliren nicht bestellt ist, jeder achte Lehrer seiner Wissenschaft sich dieser fremden Richterei auch gern überhebct: so ist die Regierung nicht nur befugt, sondern zur Ordnung des Ganzen nothgedrungen, den eigenmächtigen Kritikus, der sich ein oberrichtliches Amt über alle ihre Befehle, die Kontrolle über alle Lehren seiner Mitlebrcr, Eensur über alle Geschäfte der Staatsbeamten anmaßt, nicht mit einem Internet zu belegen: (denn gegen solche Kritiker bedarf es keiner Jnterdicte;) sondern — jeder ergänze den Satz nach Belieben. Dies erfordert der Regierung e i g en thüm l i c h e w e se n tl ic h e Absicht. Warum also soll der Name „Facultät" länger gemißbraucht werden, die zu solchen Anmaßungen keine Facultat hat? Trete der metaphysische Kritikus auf, der für die Wahrheit in oorzaors stehen zu müssen vorgiebt! Er, ein Oberlichter aller Befehle der Negierung, aller Gefchaftsmanner, Eensor aller Facuk- taten, Oberlichter des Verstandes der Welt. „Die obern Facultatcn müssen sich seine Einwürfe und Zweifel, die er öffentlich vorbringt, gefallen lassen, welches jene zwar allerdings lästig finden dürften, weil sie ohne solche Kritiker, in ihrem , unter welchem Titel es auch sey, einmal innehabenden Besitz ungestört ruhen, und dabei noch despotisch hatten befehlen können." *) Hoffentlich werden die obern Facultäten, die ihnen in der benannten Schrift angewiesenen Schlaf- und Volksbetrügerplatze nicht im Schlaf einnehmen; vor Allem wird Der, dem der Verfasser die Schrift zugeeignet, ) S- 27, Zugabe. 467 den sein er Facultätglorreich-angewieftnen Standort, ausdrücklich, laut daß es alle Facultäten hören, unter seinen Schatten und Schirm nebmen *). Sie wissen jetzt alle, woran sie sind; die Vernunftvertrctcnde kritische Philosophie bat desiniret. „Nur den Geschäftsleuten jener obern Facultäten, den Geistlichen , Rechtsbcamten und Aerztcn kann es allerdings verwehrt werden, daß sie den ihnen in Führung ihres respcctiven Amts von der Regierung zum Wortrage anver trauten Lebren nicht öffentlich widersprechen, und den Philosophen zu spielen sicherkühnen: denn das kann nur den Facultäten, nicht den von der Regierung bestellten Beamt!» erlaubt seyn, weil diese ihr Wissen nur von jenen hcrhabcn." Hier rube die Feder, wo aller Zusammcnbang der Gedanken aufbört, und mehr als blindes Papsttbum, der Lamadienst cintritt. Kein verständiger Geschäftsmann wird dem ihm anvertrauten Geschäft weder öffentlich noch heimlich widersprechen; er wird es nach der ihm vorgcschriebenen Norm treu und aufs beste verwalten. Auch wo Lehren sein Geschäft ist, wieder aufs treueste, aufs beste lehren. Da aber der Rechtsbeamte so wenig als der Arzt von Lehren weiß , die ihm der Staat anverkrauet hatte, so wird kein, auch nicht der geringste Geschäftsmann sich vom Metaphysikus der Facultät seine e iq e n th ü m l i c h e Plsilosophie untersage» lassen ; am wenigsten aus dem Grunde, „weil er ftin *) „Dem Herrn Karl Friedrich Staub lin, Docror und Professor in Göttingen , zugeeigner ron dem Verfasser." S. Kants Streit der Faculta- ten, Blatt L. Königöb. 179b. 453 Z u g a b- e. Wissen nur von der Facultat herhabe." Armer Werkmann , der sein Wissen nur von der Facultät herhat! Tibetanische Lamafacultat, die ihm die Ercretion ihrer Hirnschale nur unter der Bedingung mittbeilte, in seinem Geschäft und über Dasselbe n» zu philosophiren, „weil den Philosophen zu spielen, nur den Fakultäten erlaubt sey." -Ihn zu spielen überläßt er dem verbietenden Kritikus gern; (der Facultät würde ein solches Spiel zu keiner Ehre gereichen;) nur warum der Geschäftsmann fernerhin die Lama'sgeschenke des Kritikus, zumal mit verunglimpfenden Interdikten begleitet, annchmcn müßte, ist unerfindlich. „Weil er sein Wissen nur von der Facultat berhat?" läicnnii isnsatis, eunici. Und hätte ers daher; soll ers nicht anwenden, nicht gebrauchen dürfen, weil ers von Facultaten „herhat." Vernunft ist eine freie Himmelsgabe, von keiner Facultat erschaffen, von keiner Facultat gepachtet; jedem Geschäft, es sev des Staacs oder de-s Lebens unentbehrlich, des Menschen unveräußerliches Eigenlbum und Vorrecht. Wer den Gebrauch irgend einer Vernunft, d. i. irgend eines Menschen Philosophiren „in Anspruch nehmen" will, ist ein Feind der allgemeinen Menschenvcrnunft; wer solche ausschließend, gar aus Macht einer Facultat, die ihn dazu nicht bevollmächtiget hat, auch nicht bevollmächtigen kann, sichzueig- nen mag, hat ihrem ersten Begriff entsaget. Vernunft wecken, Vernunft bei jedem Geschäft verbreiten, ist des wahren Philosopl-en Pflicht und Sorge; wessen ists aber Vernunft verbieten? sie in Anschauungen, Schemate, Amphibolicen, Paralogismen, Autino- miecn, d. i. in dialektische Phantasmen verwandeln, und die ersten Schulen eines Staats in die glcichar- tiges Äntinomiecnspiel der Facultäten umformen *) ? z. B. „Theologische Facultäk. Blinde Norm eines allen Vibcibuchs. 2 . 3. Juristische Facultät. Blinde Norm des Landrechts. Mcdicinische Facultät. Blinde Norm der Medicinalordnung. 4> Philosophische F a c u l t a t. Der metaphysische Kritikus, Beurtheiler oller Befehle der Regierung, Controllern: oller Facultäten, Oberrichtcr der Philosophie oller Geschäftsleute des Stoots, ^poorieiarius, Avtokroto r." Wenn nun eben Gtschäftleure die ersten seyn müßten, die bekennen und sogen: „die von der Universität uns zukommcnde Jünglinge sind verderbte Gewächse. Mon lehrte sie ihre Sinne, ihren Verstand und Vernunft o priori schaffen, nicht ober die erschaffenen gebrauchen; vielmehr lehrte man sie als Werk und Wesen des Satans, den leidigen Empirismus verachten, fliehen und meiden; daber sie bei einer unableglichen Sucht, Welten zu schaffen a priori, eine unüberwindliche Scheu vor aller Erfahrung, destomehr aber Lust und Begierde äußern, gleich ihrem gewesenen Magisicr-Oberrichter, alle Befehle der Re- *)