I. G. v« H e r d e r s sämmtliche Werke. Religion und Theologie. Vierter Theil. EM Christliche Reden und Homilien. Zweiter Theil. Mit Großherzoglich Badischem gnädigstem Privilegio. Carlsruhe, im Büre au der deutschen Elassiker, L 8 2 L, Inhalt. XXII. lieber die Seligpreisungen Jesu. (In Bückeburg gehalten, 1776.) . . . S. r. XXIll. Ueberdas Gebet. (Zu Riga gehalten 1768.) S-il». XXIV. lieber den Jüngling zu Nain. (Weimar 1778.) S. si 5 . XXV. Predigt am Dankfeste wegen der Geburt der Prinzessin Louise von Sachsen-Weimar, 1,78». S. 5 g. Rede bei derselben Taufe. . . S. 79. XXVI. Predigt bei Gelegenheit einer todtgebornen Prinzessin, r78e. . . . . S. 89. XXVII. Predigt bei der Geburt des Erbprinzen Carl Friedrich von Sachsen-Weimar und Eisenach, 1783. S. i» 3 . XXVIII. Rede bei desselben Taufe, . S. 129» XXIX. Predigt am Feste des Kirchganges der regierenden Herzogin Durchlaucht, nach der Geburt des Erbprinzen . . . . S. >87. XXX. Confirmation Sr. Hochfürstl. Durchl. Carl Friedrich, Erbprinzen von Sachsen-Weimar und Eisenach, >7gg. . . . . S. i 5 ?. XXXI. Rede bei der Taufe der Prinzessin Caroline Louise, 1786. ..... S- 218. XXXII. Rede bei der Taufe des Prinzen Carl Bernba"' 1792. ..... S- 22^. XXXIII. ConfirmationJhroHochfürstl.Durchl. derPrin- zessin Caroline Louise, 1802, . S. 281. XXXIV.i Zwo Lrauungsreden, gehalten in Weimar, XXXV. < S. 282. XXXVI/Predigt über die Göttlichkeit und den Gebrauch der Bibel. (Gehalten zu Riga.! . S. 298. XXXVII. Abschiedsrede von der Gemeinde zu Riga, 176g. S. 32 b. XXXVill. Stellen aus den Vorreden zu verschiedenen Ausgaben des Weimar's"chM^ Gesangbuches, 1778. und ( - S. 353 . XXXIX. Bü§llken auf die Fraget vb jeder das Abendmahl vKt sich nach seinem Gssgllen nehmen und ver- walteirrMnne? (Zu Bükeb'uvgiberfaßt.) S. 3 ?o. ^^Äachschrift des Herausgebers. Von obigen PlZlnate» und ^theologische» Aussäkcn waren Num. XXV., XXVl 1 ?,„XXIX., XXX. und XXXVIII. schon ehemals gedruckt; die übrige» alle erscheint» hier zum er- stcnmale aus der Handschrift. Diese zwec» Bände enthalten also Proben von des scl. Verfassers homiletischen Arbeiten in Riga, Bükeburg und Weimar — an diesen sei) es für einmal genug! XXII. Ueber die Seligpreisungen Jesu. Matth. 5 ,i — 12. (1776.) ^OHatthaus erzählt (IV, 18 — 21) die Geschichte des Berufs der ersten Jünger Jesu, und der Wunder, die zu ihm aus allen Seiten Volk herbrachten. Neuberufene Jünger also, die wer weiß welche große Anwartschaften und irdische Hoffnungen auf sein Reich hatten, und eine Volksmenge aus allen Gegenden, die in ihm doch nichts als irdischen Arzt, König, Helfer erwarteten, standen um ihn, und nun nahm er Anlaß zu seiner ersten ausführlichen Rede, die, wenn wir sie auch ganz allein hatten, uns ein edles, einfaches Bild von Jesu, dem Sirtenlchrer des Herzens, und nicht dem irdischen Gesetzgeber geben müßte» In ihr ist eine Tugend des Himmelreichs gefordert, die aus der schwersten und völligsten Selbsiverläug, Hcr-ers Werke r. Net. u, TtieSl. I V A 2 Christliche Reden nung geboren (V. r — 12), ein Licht der Erde wird, ohne cs seyn zu wollen (V. 12— 16); den Ueberfluß des Gesetzes geistig erfüllet (V. 17—2«), und doch von keiner Sclbstgcrechtigkeit weiß, sich kein minderes, unvollkommeneres Bild nimmt, als die Güte und Milde des himmlischen allscgnenden Vaters (V. 21—48), und nicht vor den Augen der Menschen, sondern allein vor den Augen des Vaters, der in das Verborgene schauet, gesehen seyn will (Kap 6. V. r -- 21): dabei einfältig und in wahrem kindlichem Zutrauen auf Gottes allgemeine Vaterliebe wandelt (V. 22 — .84), niemand richtet, überall nach Billigkeit verfahrt (Kap. 7. V. 1 — 12), und auf dem schmälsten, für sich engsten Wege, die meisten Früchte bringen und überall den Willen des Vaters rein und ganz thun will (V. r 3 — 27). — Das alles sagt Jesus in der einfältigsten Volkssprache, die er Wort für Wort aus ihrem Munde nimmt, sich oft ihren Sprüch- wörtern nähert; aber dabei ihren gemeinsten und liebsten Vorurtheilen entgegcnredet, und in dem simpelsten Ausdruck sein Evangelium vortragt, wie cs je das menschliche Herz fasset und begehret. In Allem also haben wir uns vor nichts so sehr zu hüten, als vor dem Herr! Herr! sagen, dem Betrachten, Nach sinnen, Schönfindcn; Thun ist die ganze Sache. Christus hat Alles so einfältig vorgclragen, daß cs keiner Erläuterung braucht: man erläutert sich nur weit weg der Sache , wenn man den Worten nachhanget. Christus predigt die simpelste Volkssprache; er fasset den Edelstein in so schmalen Rand, als er kann: lasset uns also nicht am Rande, sondern, am Inhalt E M -L' .LM 4M - MM und Ho Milien. S bleiben. Er führt aber auch auf keine geheime, verborgene Sache, auf göttliche Beschauung, solche und andre Gefühle; sondern auf Thun des Willens Gottes, auf Liebe, auf gemeinnützige Wirksamkeit aus reinem Geiste. Dies ist der einfaltige Weg, auf dem auch die Thoren nicht irren mögen: lasset uns ihn so einfältig gehen, als ihn uns Christus gezeigt hat und vorgegangen ist. Er endet im Genuß Gottes, in himmlischer Freude. Und du, o Erlöser, der immer versprach, bei seinem Worte zu seyn, und treue Menschen nach Dir zu bilden; Dein geschriebenes Wort ist nur die Form und das Bild deines Willens; wenn wirs halten, es zur That bringen, daß es ewig in uns lebet, haben wir erst deinen Willen ganz gethan. Gib uns deinen Geist, daß wirs also halten, und bewahre unsern Blick, daß er sich weder im Hören, noch im Ausüben davon zerstreue, jedesmal den einfachsten Gesichtspunkt nehme, es zu fassen und die weiteste, ausgebreitetfte Warme, es zu thun. Sey in deiner Einfalt vor und unter uns, wie du dort auf dem Berge lehrtest und selbst das Schwerste zuerst erfülltest, und laß dies dein einfältiges Wort eine Perle seyn, die uns über Alles gelte, nicht uns damit zu schmücken, sondern unser Herz in reine Himmelseinfalt zu verwandeln. Wie theuer wird uns dies dein erstes, einfaches Wort an die Menschen werden, wenn es uns auch durch Mühe, That und den Geschmack innerer Süßigkeit, der darin liegt, theuer geworden, und unser Leben ein im stillen Glanze ausgedrücktcs Bild desselben wäre! — B. U> A 2 4 Christliche Reden Jesus that seinen Mund auf, lehrte sie, und das feste Wort, was er öffentlich in seinem Werke sprach, war: Selig! — Er wiedec- holts eine Reihe male nach einander; er war nicht der Gesetzbote, der wie dort, als Moses von der Welt gehen sollte, den Fluch vom Berge herabricf; zu suchen und selig zu machen, das verloren ist, war Er gekommen. Sein erstes öffentliches Wort spricht uns Seligkeit, Vertrauen und guten Muth zu. Ein Menschengeschlecht, das Gott verworfen hat, dem sendet er keinen Erretter zu, und ein Erretter, der von Gott gesandt ist, daß die Welt durch ihn selig werde, wird auch seinen Zweck, bei Menschen, die Geschöpfe GotteS sind, nicht ewiglich verfehlen können. O Glaube an Gott durch Jesu ml du bist ein neues Wesen! ein getrostes Daseyn! höhcrn guten Muth im Leben und Sterben! Aber wer ist selig? wen preist Jesus selig? Die Armen im Geist, die Leidtragenden, die Sanftmüthigen, die nach Güte und Milde, d. i. Gerechtigkeit hungert und. durstet, die Barmherzigen, d. i. reines Herzens sind, die Friedfertigen, d. i. die Stifter der Glückseligkeit, wo sie es seyn können; endlich die um des Guten willen verfolgt, geschmäht, gelästert werden, und sich dennoch freuen —> das sind die Seligen Jesu. >— Hoher Zweck, schwere Laufbahn! Und das war das erste Wort, das Jesus zu sagen, die erste Gemüthsart, die er zu fordern hatte — wahrlich sein Reich und seine Tugend war nicht von dieser Welt! — und Ho milien. 5 Wir thatcn sehr unrecht, wenn wir hier jede der sogenannten acht Seligkeiten besonders nahmen, und die Worte Jesu zerrißen, die alle Eines Sinnes und Geistes sind. Noch unwahrer, wenn wir das Alles nur leiblich nähmen, und etwa für einen guten Rath ansahen, den er im Anfänge des Lehramts den Aposteln gebe. Er spricht zu Aposteln und zu Volk. Weltlicher Rathgeber hat Jesus nie werden wollen, und was wars für «in schöner annehmlicher Rath gewesen, das Leidetragen , Armseyn, Hungern und Dürsten für und wider nichts zu empfehlen! Jedes Wort in dieser Rede Jesu ist geistig und Religion des Herzens. Er nennt es arm im Geist feyn, nach G e- rechtigkeit und Milde hungern und dürsten, ums Reiches Gottes willen verfolgt werden, reines Herzens seyn und Gott schauen zu können — gewiß das geistigste Element von Tugenden und Pflichten. Was er ihnen verspricht, ist das, was ein jeder Christ wünschet und anstrebet und ohne welches es gar kein Christenthum gebe: Reich Gottes, Himmel, cwigenTrost, Kindschaft Gottes und Fülle der Glückseligkeit im Anschaucn Gottes. Der Weg dazu muß also auch der seyn, den hier Jesus fodcrt, und den er ja durch sein ganzes Leben in Wort und Thal bezeuget. Denn ward er nicht selbst arm um unsertwillen, daß wir durch seine Armuth reich würden? Opferte er sich selbst nicht auf und ward gehorsam bis zum Tode, ja bis zum Tode am Kreuz. War er nicht selbst sanftmüthig und von Herzen demüthig, und rief, wer ihm folgen woll- 6 Christliche Reden te, -u sich, nur auf solchem Wege Ruhe zu finden für seineScclc? Wer war barmherziger als er, und re incrn Herzens, der von keiner Sünde wußte, und sich für uns zur Sünde machen ließ: damit er Friede stiftete zwischen Himmel und Erde und glückselig machte alle Welt. Er hungerte und dürstete nach Gerechtigkeit; cs war ihm Speise und Trank, den Willen Gottes zu thun, und ein Werk zur Seligkeit des Weltalls zu vollenden. So lebte, so litt er und war fröhlich! und lebte immer in dem Himmel, in dem Trost und Anschau en Gottes, das er hier versprach. Sein Leben war also das eigentlich ausgedrückteste Bild dieser schweren Pflichten und Seligkeiten; und wenn wirs recht fassen, sein Bild recht tief in uns prägen, so steht in jeder Situation und Thal Jesu die beste Erklärung und ddernng dieser hohen Seligkeiten vor uns! — Auch was er sonst immer von seinen Jüngern, Nachfolgern und Bekennern federte, war Zug für Zug dies erste Bild. Alles verlassen zu können und ihm nachzufolgen ! Leib und Leben aufgeben zu müssen und doch nichts verlohren zu haben, sondern fr ö h l i ch z u sey n, daß man etwas höheres gefunden. Sein Kreuz, d. i. alle Verfolgung auf sich zu nehmen, um nur reines Herzens und sanftmüthig, wie Gott, wohl thun zu können. — Christus kannte kein anderes Christenthum als dies, und kein Heide ist gewesen, der dies nicht, (wie er sagt, wenn sie möglich wäre) für die höchste, edelste und einzige Tugend erkannt und Homilien. 7 hätte. Blos allein so würde der Mensch Gott gleich: er lege die irdische Nlitur ab, und trete in ein Reich höherer Wesen ! Er sey stets heiter, brauche nichts und könne immerdar geben, ströme wie das Licht immer Segen und Leben aus, ohne von der irdischen Materie etwas wieder zu empfangen: auch wenn er verzeihe und großmüthig sey und Böses immer mit Gutem überwinde, sey im ärgsten Sturm und Ungcwitter von Außen Himmel und Sonnenglanz in seiner Seele. Seine, Natur sey Spiegel der Gottheit, wir sic nur die irdische Scherbe auffangen könne, das schönste Wesen der Schöpfung. — Das ist nun ein schöner Traum: aber wo ist Wahrheit? Wie seltne Seelen haben sich auf den Weg gemacht, und wie noch seltnere sind darauf dem Ziel nahe gekommen? — In der einfältigen Evangelischen Geschichte finden wir Wahrheit davon über Wahrheit. Die Apostel waren zu Nichts, als dazu berufen und Jesus suchte von allen andern Träumen irdischer Hoheit und Bequemlichkeit sie aufs härteste, ernsteste und doch sanftmüthigste, dul- dendste, liebreichste zu entwöhnen. Mit dem ersten Worte sing ers an und fuhr bis zu Ende seines Lebens in fortschreitender Stärke fort; ja er selbst gab ihnen das größte Epempel. — So bald sie des Reichs Jesu durch den Geist inne wurden: sehen wir die Apostel, ungeachtet ihrer verschiednen und verschieden fortdauernden Denkart, genau in demselben himmlischen Leben, in dem Streben nach allgemeiner Gerechtigkeit und Milde, in Eintracht, Barmherzigkeit und Bruderliebe und auch unter 8 Christliche Reden dem größten Druck irdischer Verfolgung um des Namens Jesu willen, getrost und fröhlich. Dies ist ihre Geschichte in der Apostelgeschichte, ihr Wandel und einzig Streben in allen Briefen: das Chri- stenthum ist mit all seinem Geiste auf diese Pflicht und diese Seligkeit gebauet. Von Natur, sehn wir, sind wir das nicht. Wir gehören nicht zu dem Reich Gottes, sondern hangen mit hundert und tausend Fesseln am Boden der Erde. Bequem zu seyn, zu haben, was und mebr als unser Herz wünschet, in Freude und Erreichung jedes Wunsches, jeder aufstcigenden Begierde zu leben, die Fülle alles Guten heut und morgen zu athmen, bis an den Tag unsres Todes, und nur dann barmherzig, sanftmüthig und milde zu seyn, wenn es uns nichts kostet, wenn wir vom Ueberfluße oder für den Ruhm wegwerfen und Dank und Ehre davon erwarten; bei jedem rauhen Winde aber abzulassen, bei jeder Verfolgung zu schreien und zu toben, Unrecht mit noch argerm Unrecht zu vergelten, den Zorn und die Unterdrückung andrer, wo sie uns im Wege stehen, walten zu lassen— das sind unsre erste und letzte Neigungen, mit uns geboren und mit uns erzogen, durch alle Bedürfnisse, Gelegenheiten und Beispiele von aussen genährt. Wohin wir sehn, sehn wir andre darnach handeln: äußere Umstande zwingen uns, unter dem Anschein tausendfältiger guter Zwecke, auch so zu seyn und zu handeln: es ist das ganze allgemeine Reich der Welt. Auch als solches ists nun freilich ein Reich und Homilien. S Gottes: der Grund dieser Neigungen liegt in unsrer Natur; es ist alles eine irdische Schaubühne zu höhcrn Zwecken. Nur eben auf diese Zwecke kommts an, und sie sind eben das Reich, worauf Jesus weiset. Die irdische Materie ist da, und die irdische Materie ist gut — zu dem geistigen Edeln nämlich, das daraus gezogen werden soll, und nicht anders werden kann, als durch Feuer. Und eben das ists, worauf Jesus winket. Die Erde, das irdische Reich der Wesen, ist nur der Schauplatz zur Entwicklung des höhcrn gleiches Gottes. Lastet uns eine Neigung nehmen, welche wir wollen; als Herrscherin, als Tprannin ohne Schranken und Maas befolgt, reißt sie uns zum Thier, zum Vieh, zur Erdscholle herunter. Wir dienen nicht andern, sondern uns selbst, was wir auch zu dem Selbst rechnen mögen, wärs auch nur ein Hauch voll Lust, um den wir buhlen. Wollen wir unaufhörlich im Genuß, in sinnlichen Freuden der Phantasie leben, uns allein kennen und lieben: so werden wir weich, lüstern, üppig, unkraftig zu einem guten Willen, zu einer überwindenden That: wir stoßen andre von uns weg: es sitzt ein wildes Thier auf dem Throne, das alles um sich zerreißt, und doch nie gesättigt ist, sondern in unaufhörlicher Unruhe, in ewigem Hunger und Durst sort- schnappet, um weiter zu zerfleischen. Weder also Glückseligkeit dieser Welt und des Innern, wo doch allein Glückseligkeit wohnet, kann damit bestehen; noch weniger kann, wenn unsre Sinne weg sind, unser leergelassener, zerrissener, gieriger und ewig unzubesriedigendcr Geist, Ruhe oder Glückseligkeit in sich fühlen. Der glühende Abgrund, die Hölle, Christliche Reden ec» die nimmer befriedigt werden kann und soll, pocht in seinem Herzen. So bald also das Menschengeschlecht auf der Stufe der Sinnlichkeit beschlossen war, ward Religion beschlossen, die es auf derselbe» anfassc, bessere, veredle; die den ganzen Zeitlauf nur zu einem Schauplatz mache, wo Gott durch alle Grade und auf allen Stufen ihm Gelegenheiten, Anläße, Kräfte darbietet, in ein höheres Reich zu streben, sich selbst zu überwinden, dem Rausch der Sinne, und der Freude und Fülle des Jetzt zu entsagen, um am Allgemeinen, am Ewigen, an der Zukunft Geschmack zu finden. Er ließ ein Reich ihm nahe, kommen, wo ihm höhere Gäter und Freuden gezeigt wurden: sanftmüthig, barmherzig, milde, verborgen vor der Welt, reines Herzens, Gott ähnlich zu seyn; daran Freude, daran Seligkeit zu finden, wenn man sich selbst für andre überwindet, nicht hat und haben will, sondern gibt: nicht besitzet, sondern verlaugnct; nicht hinter sich ficht, sondern vorwärts strebet. Auch die blindeste Vernunft kann sehen: daß, wenn Ein Plan Gottes mit dem menschlichen Geschlecht ist, so ists dieser, wenn Eine Tugend cs gibt, die den edlen Namen verdient, so ists diese: endlich, wcnns Eine höhere Seligkeit gibt, die über das Thier reichen und sich nie erschöpfen und ins Unendliche fortstreben soll, so müsse es diese werden. Siehe da tritt also die Tugend des Ehristenthums auf den Schauplatz: S e l b stv e rlä u gn u n g und allgemeine Güte! Und cs eröffnet sich zugleich das Himmelreich, was Jesus in all diesen Tugenden ihnen ? § K-.-E E eM E „MS? . E und Ho Milien. i knnig und wesentlich verspricht: nämlich innige Ruhe, Fülle, Trost, Seligkeit, in der Gegenwart, Aehnlichkeit und Anschauung Gottes. Und es eröffnet sich zugleich das Angesicht und die Kraftfülle dieser Tugend und ihrer Belohnung: Jesus Christus, der durch sie allein, durch ihre tiefste Ausübung fürs ganze Menschengeschlecht zur höchsten Stufe der Herrlichkeit und Belohnung stieg zur Rechten Gottes. Lasset uns also aufsehcn, auf Jesum, den Anfänger und Vollender unsres Glaubens l In seinem größten Drange der Erde, von seinem Kreuz und von seinem Himmelsthrone ruft er uns zu: Selig, allein selig sind die Armen, Leidtragenden, Sanftmüthigen, Verfolgten um der Gerechtigkeit und göttlicher Milde wegen! denn das Himmelreich ist ihr: sie sollen satt, reich, getröstet werden: sie sollen in ihrer Kindschaft und Gottesgleiche Gott den Allseligcn schauen und immer ihm näher und ähnlicher werden. Wenn wir die Apostel alles verlassend und voll Muth und großer Freude-schauen, daß sic würdig geachtet wären, um des Namens Jesu willen, Schmach zu leiden: sie rufen uns mit ihrer unter allen Leiden fröhlichen Stirn und wonnevollen Herzen zu: Selig sind die entbehren können! die leiden, hungern und dürsten können, der Gerechtigkeit und edelsten Mcnschengüte wegen: denn der Himmel ist in ihrer Seele. Sie leiden äußerlich viel, aber inwendig haben sie reichen Trost: ihre Zunge durstet nach Labung; aber ihr Herz fühlt Freude, wie es keine Speise, kein Trank je geben ^>MMWW8W' 12 E h ristli che Red en kann. Sie werden gedrückt, aber Gott richtet sie, wie einen Palmbaum, in die Höhe: der äußere Mensch verweset, aber der innere wird von Tag zu Tag herrlicher..— Laßt uns auf unfern erstge- bocncn Bruder und Erlöser, Christum, sehen: wie er sanftmüthig ist und von Herzen demüthig, nicht wieder schilt, da er gescholten wird, nicht dräuet, da er leidet; er betet aber für seine Verfolger, er ist gutes Muths, er singet Psalmen: auch von Gott selbst verlassen, hängt er fest an ihm und nennt ihn Vater und geht also, als der liebste Gottessohn durch Leiden vollendet, zur Herrlichkeit über: mit überschwinglich süßer, kräftiger, eindringender Stimme ruft er uns vom Kreuze zu: Selig sind, die Leide tragen; denn sic sollen getröstet werden. Selig sind die Sanftmüthig en! die Barmherzigen! denn sie sollen Barmherzigkeit erlangen: die Glückseligkeitsstifter; denn sie sind Gotteskinder: die unschuldig Verfolgten; denn das Himmelreich ist ihr. Eben in diesem Zustande des Darbens, der Entsagung, der Gvttes- liebe, Milde und Güte, enthüllt sich der Himmel in ihrer Seele. Im Schoos ihrer schweren Tugend keimt eine neue, endlose Seligkeit höherer Ordnung, die ihnen nie ein befriedigter Trieb der Erde geben konnte, und die sie ewig in immernähernden Kreisen zu Gott bringt, dem Mittelpunkt aller Herrlichkeit, Seligkeit, Güte! — O Gott, wir liegen unter der Schaale des Irdischen, und verschmachten unter aller Fülle von äußerer Ruhe und Wohlthat, die du uns gibst, und Ho milien.' i3 inwendig am Geiste. Und je mehr unsre äußere Wünsche und Phantasien sich erfüllen, müssen wir verschmachten. Dein Geist allein muß uns wecken und uns die schwere Tugend lehren, dazu wir hier sind, daß wir alle durch Verlaugnung des Irdischen, durch Gewöhnung unsrer Seele zu Tugenden und Seligkeiten eines höhern Reiches, deinem Willen gleichförmig werden, o Vater. Laß unS nicht umsonst Christen sepn, Heiland! edelster und erster der Menschen und unser Bruder! Laß uns unter deinen ersten Erwählten und Auserkohcnen sepn, die dir der Vater gegeben, die an dir, dem Kraft - und Mittelpunkt aller leidenden und thati- gen Tugend zum Himmelreich der Gottesgleiche, neuer, höherer Seligkeit eingehen. Wenn ungeachtet unsres guten Willens uns die Affeckten zur Erde reißen, die Bequemlichkeit, das Fleisch, die Liebe zum Irdischen, oder wenn wir leiden, der Zorn, die Rache, die Ungeduld aufwacht, oder wir über andre herrschen und sie unterdrücken wollen: o rufe uns zu, Heiland! von deinem Kreuz und von deinem Throne: selig, allein selig sind rc. und gib uns auch auf den ersten Stufen des Kampfes und der Ueberwindung schon Tropfen des Meers von Seligkeit zu schmecken, das auf die völligen Ueberwinder wartet: damit wir in unserm Lauf nicht ablassen, bis zum Ziele! Christliche Reden §4 XXIII. Ueber das Gebet. (Gehalten zu Riga, 1768. -iVannich, darfich, soll ich zu meinem Gott beten oder nicht beten? Welch eine Betrachtung könnte einer menschlichen Seele wohl empfehlender und wichtiger seyn, darüber nachzudenken, sich eine Zkrt von Gewißheit und Ueberzeugung zu verschaffen, als diese! Kann ich zu meinem Gott beten? Ich sehe so viel Betende um mich, die hinzugehen, ohne vielleicht je über diese Frage nachgedacht zu haben: die mit ihrem Gebet so kühn und so knechtisch zu Gott um seine Hülfe abzuholen gehen, als bei einem Baum, um Früchte abzuschütteln; Betende , die ihr Gebet als ein Zaubermittel brauchen, um Wunderdinge durch den lieben Gott zu erreichen, die sie nicht durch sich selbst erreichen kenn- und Ho Milien. a5 ten; Betende, die Gott mit Schmeicheleien und kindischen Lobeserhebungen auf ihre Seite zu bringen gedenken, daß er ihre Parthey gegen andre oder gegen das Unglück nehme; Betende, die thö- richt genug sind, um Gott Zeit, Maaß, Stunde und Gattung der Hülfe vorzuschreiben; Betende, die ohne gehörige Ehrerbietung und Änstand, ohne Erhebung der Seele und Andacht, ja gar ohne einen vernünftigen Gedanken bei ihrem Plappern, bei ihrer gewohnheitsmäßigen Plauderey zu haben, beten; Betende , die die Lasterhafteste unter den Menschen sind, die sich kaum vor das Auge eines ehrlichen Mannes ohne Abscheu zu wagen getrauen, und doch so dreist sind, als bekannte Freunde Gottes in seinem geheimen Rathssaale mit kühnen Forderungen zu erscheinen — kurz, ich sehe, daß der größte Theil der Betenden solche niedrige, schlechte und unwürdige Begriffe vom Gebet hat, und sie täglich im Gebet äußert — daß solche Beispiele wohl nicht Lockungen dazu seyn könnten. Wenn, sollte man denken, wenn solche lasterhafte, niederträchtige Seelen auf so niederträchtige, todte Art, in so niederträchtiger oder gar böser Absicht beten: wer wollte mit ihnen beten? wer wollte ihrem Exempel folgen? Es ist wahr, meine Zuhörer, daß eine jede nachdenkcnde Seele ungemein oft Anstoß daher bekommen muß, wenn man steht, wie viele Unwürdige , Niederträchtige sich mit dem edelsten Dinge, das sie Gebet nennen, zu Gott drängen, und daß solche Beispiele, solche unwürdige Begriffe schon uns dasselbe sehr verleiden, uns in der Frage sehr bange machen können: Kann ich, darf ich, soll ich zu meinem Gott beten? Wie? ist aber eine würdigere Art von Geber, als eine solche möglich? kann ich wohl beten, ohne die erhabenen Begriffe zu verlaugncn, die ich von dem vollkommensten Gott habe? darf ich zu ihm beten, ohne daß es doch schiene, als wollte ich seine Allmacht mit meinem Gebet mir zu eigen machen? sein Mitleiden und seine Partheylichkeit gewinnen? darf ich beten, ohne daß es das Ansehen hätte, als wollte ich seine Weisheit meistern, seiner allwaltenden Regierung Mittel und Wege vorschreiben, als wollte ich, daß mein Gebet die Welt regiere? darf ich beten, ohne doch seine Allwissenheit zurückzusetzen scheinen, mit der er ja alle meine Anliegen und die verborgenste Situation meiner Roth kennet?' ohne seine Güte zu verkleinern, die mir ja selbst immer das Beste geben wird? Darf ich beten, ohne vielleicht zu viel zu fo- dcrn, daß Gott sich um die Angelegenheiten eines einzelnen Wurms bekümmern soll? ohne unverschämt zu fern, daß er die Stimme eines Elenden, wie ich bin, in dem ganzen Chor seiner Geschöpfe, in der Vielheit aller seiner Welten, unterscheiden, und zu Ohren nehmen soll? Darf ich beten, ohne eine Unverscham t- heit zu begehen und mit dem Herrn Herrn zu sprechen, wie wohl ich Staub und Asche bin? darf ich beten, ohne vielleicht meinem eignen Glücke zu schaden, und mit meinem Gebete mir selbst ein Unglück in den Arm zu bitten? darf und Homilien. 17 ich bctcn, ohne nicht vielleicht mit jedem Wort meines Gebets vor dem höchsten Wesen als ein dummer, schwacher, unwissender und kühner Thor zu erscheinen? Darf und soll ich beten? Findet meine Stimme denn das Ohr des Allerhöchsten, dessen Sitz und Wohnung ich nicht weiß? ich beten, der sein Schicksal so wenig kennt? ich beten, der ja mit seinem Gebet und mit seinem ganzen Daseyn viclleicht in der unendlichen Wüste des Weltalls so verstreuet bin, daß ich zu viel wage, Gott solle sich, so lange ich da bin, um mich bekümmern? Viclleicht bin ick) in dem Strome von Geschöpfen, Welten und Welt- gebaudcn, wenn ich bin und nicht mehr bin, vor meinem Gott wenig mehr, als eine au f- ^ kommende und zerspringende Wasser- ! blase. Und, 0 mein Gott und Vater! so wird mir der höchste Trost, der einzige aufmunternde Gedanke, benommen, daß ich, der ich doch dein bin, deiner Wissenschaft und Sorgfalt entnommen > und beraubt seyn sollte? So sollte ich, wie ein Ball, in dem großen Zusammensturz von - Wesen hingeschleudcrt seyn, und so hinkommen, i wo ich von mir selbst und von andern hinge- worfen werde; wohin mich der Zufall wirst, wohin mich das Glück oder Unglück spielt? So soll ich deiner väterlichen Aufsicht beraubt, der Freiheit beraubt, mit dir umzugehcn, mein eigner Gott und Freund und Tröster, verlassen von dir in dieser Weltwüstc, umherirren? Herders Werke z, Rel, u. Theol. IV, B Wie? so kann dich meine Stimme des GebetS, mein flehend Seufzen, meine betende Thrane nirgends finden? So sucht dich vergebens das Ach! das betende Winseln eines Sterblichen, der sich vor dich zu setzen, der mit dir zu sprechen, der dich an- zubcten glaubt, und ach! mit sich selbst, mir seinem Schatten, mit seiner eigenen Gutherzigkeit spricht? Sv werde ich mir, und der Welt um mich, und der Guthcit und Bosheit meiner Ne- bcnmenschen, und dem Ungefähren des Aufalls, und dem Eigensinn des Schicksals, und der Blindheit des Glücks allein überlassen, und soll mir selbst den besten Trost rauben, einest Gott zu haben, mit dem ich sprechen kann: einen Vater zu haben, der meine Umstande kennt, und vor dem ich kindlich vor treten darf: einen Erretter zu haben, der meine gerührte kindliche Dankbarkeit, das Gebet meines Herzens, sehe, der das Fühen des bittenden Redlichen höre, der sich meiner letzten sterbenden Seufzer erbarme? „Wen Hab' ich doch, als Gott allein, Der mir in meiner letzten Pein Kann Rettung, Trost und Hoffnung geben? Wer nimmt sich meiner Seele an, Wenn nun mein Leben nichts mehr kann Und ich muß mit dem Lode ringen? Wenn allen Sinnen Kraft gebricht? Bist du es, Gott, mein Retter, nicht? Und soll ich den süßesten Gedanken verlieren, daß ich zu dir beten kann? — Nein! mein Gott, dein Befehl, der würdige Begriff von deinen Eigenschaften, die ganze Anordnung der Schöpfung, mein , und Homilien. 19 ganzes Gefühl, was ich von dir habe und bedarf, die ganze Empfindung deiner Menschenfreundlichkeit und meiner Schwachheit — alles giebt mir die Ucberzeugung, daß ich einen kindlichen Zutrift zu dir habe, daß ich die Seufzer und Gedanken meines Herzens vor dir ausschütten darf! Und harf ich dies, o Gott, so höre auch jetzt das vereinigte Gebet dieser christlichen Versammlung um den Se, gen deiner Gnade zu dieser Rede. Siehe! wir wollen uns vor den Vvrurtheilcn des Betens warnen, uns würdige Begriffe darüber verschaffen, unsere Seele von der Verbindlichkeit, Billigkeit und Annehmlichkeit des Gebets zu überzeugen suchen. O du, der du aus die Versammlung deiner Verehrer gnädig herabsiehst, höre unser Gebet um Uebcrzeu- gung, Eindruck und Nutzbarkeit dieser unserer heiligen Betrachtung. V. U. Text: Ephes. III. i 3 — 21, In unserm Lert sehen wir den betenden Paulus, und der Text selbst ist das Gebet aus dem Munde des heiligen Mannes. Der verdienstvolle Apostel war, um seiner Religion willen, zu Rom ins Gefangniß gelegt: ihn hinderten seine Ketten und Bande, die er an seinen alten Händen trug, an der fortgesetzten Wirksamkeit seiner Verdienste: der Kerker schloß ihn ein: er konnte nicht reisen, predigen, bekehren, lehren, trösten, aber eins konnte er: schriftlich ermahnen und beten. Und siehe! das thgL er reichlich; die meisten Briefe, die wir von ihm haben, sind auS dem Gefangniß geschrieben, und es ist vermukh- B 2 lich, daß er noch mehr der Art geschrieben, die wir nicht besitzen. Wo seine Person, sein mündlicher Vortrag nicht hinkonnte, da drangen seine Schriften hin, ja bis zu entfernten Zeiten und Völkern. Noch hat er aber seinem brennenden Eifer um die Religion Jesu kein Genüge gethan: wo er nicht selbst helfen kann, siehe da betet er: wo er mit seinen Ermahnungen die Tugend nicht befestigen kann, da sucht sein Gebet die höchste Befestigung der Tugend, er betet. Rührendes Bild, derbe ten de Paulus in seinem Kerker! Ec vergißt seiner Ketten und Banden, feines Elendes und seiner drohenden Strafe, seiner zu besorgenden Todesgefahren und seiner gegenwärtigen Trübsale, und betet. Er beugt seine in dem Dienst Jesu alt und schwach gewordene Kniee, er erhebt seine mit den Ketten der Unschuld beladenen Hände zum Himmel: er betet in seinem finstern Kerker: aus der Höhle des Jammers dringt die Stimme der betenden Unschuld , des fürbittenden Heiligen hervor, bringt durch die Wolken, dringt zu Gott auf. Sein Gebet wählt die würdigste Vorstellung Gottes (V. 24. i 5 . 20.) er bittet nicht um sich selbst, um andre; nicht um die Befreiung aus dem Kerker, sondern für die Beförderung der Weisheit und Lugend (V. 16 -— 29.), nicht um leibliche Angelegenheiten des Eigennutzes, sondern um die Wohlfahrt hundert redlicher Seelen; nicht pochend und trotzend, sondern voll Ehrfurcht und Bescheidenheit: nicht eigennützig, sondern Gott lobend und preisend (V. 20.). In aller Betrachtung das würdigste Muster des Gebets. und Ho Milien. 3r Laßt uns das Muster des GebetS im betenden Paulus betrachten; Erstlich Vorurthcilc zu zerstören und würdige Begriffe zu pflanzen suchen, und Zweitens Anmunterung zum Gebet daraus leiten. Ich beuge meine Kniec w. Dies ist der erste würdige Begriff des Gebets: Andenken an ihn in der Seele des Betenden; tiesc Andacht in seinem Innern : Ehrerbietung und Ehrfurcht, die dem Geschöpf geziemt, wenn es mit dem Schöpfer, dem Sterblichen, wenn er mit dem Ewigen, dem Unvollkommenen, wenn er mit dem Inbegriff der Vollkommenheiten selbst spricht. Nichts ist diesem so würdigen Begriff so sehr entgegen, als die pöbelhafte Alltagsmcinung, die man mit dem Wort Gebet verbindet. Einige Worte sprechen, die man entweder nicht versteht, oder wenn man sie auch versteht, bei denen man gegenwärtig nichts denket, dazu gesaltne Hände machen, und nichts mehr, das heißt nach der gemeinen Handwerksmcinung, beten. Man hat gewisse un- oder halbverstandene Worte auswendig gelernt, die man bei gewissen wicderkommendcn Gelegenheiten auswendig hcrsagt; man hat sein Vaterunser, sein Morgen-, Abend- und Tischgebet, das man Gott, ohne weiter einen kahlen Gedanken ihm zuzuschicken, vorflüstcrt: jedes christliche Haus, jede fromme Schlafkammer, jede andächtige Toilette hak vielleicht ihr Gebet-, Gesang-, Communionbuch, wo man einige Gebete bei dieser oder jener Gelegenheit schon so vorgezeichnet findet, als bei dem Weber das Muster, nach dem er weben soll. Diese verfolgt man alsdann, in der Stille mit seinen Augen, oder mit regenden Lippen, oder mit sehr andächtig lautenden Worten, und auch wohl mit unterschobenen Seufzern; nur Schade, daß ich nicht darzu setzen kann, auch mit andächtigen eigenen Gedanken, mit prüfendem und untersuchendem Verstände, mit bedächtiger Langsamkeit; denn wäre dies, warum würde man nicht lieber aus seinem eigenen Herzen, mit seinen schwachen und ungewahlten Worten, Gott seine Anliegen und Wünsche vertragen, wenn man Anliegen und Wünsche har? Aber eben weil man nicht Lust hat seine Gedanken zu brauchen, seine eigene Aufmerksamkeit anzuwenden; so wählt man sich eben auswendig gelernte oder vorgcschricbene Gebete, plappert sie ohne ein andächtiges Gefühl, ohne einen vernünftigen Mcn- schcnqcdanken her — und nennt dies gedankenlose Geplauder Gebet, der unwürdigste Begriff, den ich in der Welt kenne, und, leider, der gemeinste! Wenn ich , m- Z., diesen unwürdigen Mißbrauch des Gebets betrachte, nichts scheint mir so eine große Unterstützung dieses gedankenlosen Geplauders zu seyn, als das Hersagen auswendig gelernter, vorgeschriebener Gebete, Jede Gewohnheit zerstreuet unsere Aufmerksamkeit, je länger und oster wir eine Sache thun, desto weniger dürfen wir unsere Gedanken auf sie verwenden, und desto weniger verwenden wir sie darauf; sie wird uns endlich so sehr zur Gewohnheit, als daß ick meine Fuße bewege, wenn ich gehen will, sie wird uns so na- und Ho Milien. -3 türlich und unwillkürlich, als daß ich ohne mein Wissen und Willen gähne, wenn ich die andern gähnen sehe. Mit eben solcher Gedankenlosigkeit wird täglich von den meisten Christen ihr Vater Un« ser, ihr Walte Gott! ihr Komm Herr Jesu! ihr, Der Name des Herrn sey gelobt! und auswendig gelernte Lieder, hergepeitschet; ohne zu wissen, was und mit wem man spricht? ohne es zu verstehen oder zu bedenken, was oder wie mans bittet? — Elendes Gebet der Christen! der Heide dachte an seinen Gott, wenn er dessen Bildsäule umarmte, und aus seinen Knieen vor seinem Apollo betete, und Lobgesänge sang: und Christen können das ein Gebet nennen, was wirklich ein bloßes Lippenspiel, eine bloße Lungen- und Aungcnbewegung, ein Schall ohne Sinn, und eine Spötterei des göttlichen Wesens ist. Leider, liegt aber hiezu, wie zu den meisten Unarten im menschlichen Herzen, wie zu den meisten üblen Gewohnheiten im Leben, der Grund in unsrer löblichen christlichen Erziehung. Man gewöhnt ein Kind so zum Gebet, wie, wenn man mir ein Gleichniß der Wahrheit verzeihen will, einen Vogel einige Worte nachzusprechen. Eben so muß der Unmündige die Hände falten, und einige Worte, vom himmlischen Vater, vom obersten Abba, von Gott dem Vater, Sohn und heil. Geist auswendig sagen, die noch seine Zunge vcr. stümmelt, und seine Seele ganz und gar nicht begreift: das Gebet wird ihm also von Jugend auf zu einer frommen Gewohnheit — klug, verständig, überlegt, nutzbar ist sie aber gewiß nicht. Das Kind tritt so hin, os sicht sein Gebet vor Tische und nach Tische so on, als etwas, das vor dem ersten Gerüchte vorausgehen muß, und nach dem letzten Gerüchte folgt, und leider vielleicht wird's cs seine Lebenszeit durch nicht anders ansehcn lernen. Es wird ihm von Kindheit auf als gedankenlose Gewohnheit, als eine Pflicht um Gottes willen, eingebunden, und das bleibt eS nachher immer: ein Zahlpfennig, den man Gott zu gewissen Zeiten ablragt, eine Pflicht, die man um Gotteswillcn thut, eine gottcsdiensiliche, aber, leider! auch gedankenlose, und warum soll ich nicht auch sagen, gottlose, von Gott entfernte Gewohnheit. — Jeder Verehrer der Gottesfurcht und Tugend muß in Eifer und Unwillen gerathcn, wenn man sieht, wie die herrlichste Sache in der Welt, mit dem höchsten Wesen zu sprechen, zu so elenden, sinnlosen Gewohnheiten wird, die nichts weniger als ein Gespräch eines vernünftigen Wesens mit Gott dem Allwissenden heißen können. Man steht von Tische auf, plötzlich, vielleicht mitten in einem halb abgebrochenen lächerlichen Einfall, vielleicht mitten in einer halb herausgesagten Zote fangt man zu beten, mit dem höchsten Wesen zu reden an, und siehe! man denkt bei seinen auswendig gelernten Stoß- und Herzens- scufzcrn die vorige Zote, den vorigen Einsall ganz zu Ende: man steht vor dem Allwissenden mit ge- faltenen Händen, mit bewegenden Lippen und mit einer Seele voll fremder, liederlicher, unnützer Gedanken. Ein Mensch würde cs übel nehmen, daß man so zu ihm spräche, und siche! so spricht man zum allwissenden Gott! Gespötts Gottes ist solches Gebet, es ist gottlos und nicht Gottesdienst. und Homilien. 2 5 Nein! dcr betende Paulus gibt würdigere Begriffe (V. 24.). Ec beugt seine vor Schmerz und Alter und Arbeit und Reisen und Trübsal gekrümmten Kniee: er erhebt seine mit Fessel beladenen Hände : sein redliches Auge sucht den Himmel: seine Seele ist voll Ehrfurcht und Anbetung und Unkcr- thänigkeit, die dem Wurm im Staube gebühret, wenn er mit dem höchsten Wesen spricht (V. 14). Er spricht mit dcr Ehrfurcht als Knecht mit sei- nein Herrn, er beugt, mit der Offenherzigkeit dcr Seele und herzlicher Aufrichtigkeit, mit dcr ein Kind, mit dcr Inbrunst und Erhebung der Seele, mit der Jesus betete, wenn er auf cinsa'mcn Bergen und in dunkeln -Nachten einsam mit seinem Vater die Stunden verwachte. (V. 14.) Aufs Knie beugen und Hände falten, aufs Augen verdrehen und gen Himmel sehen, aufs tiefe Seufzen und auf andächtige Zückungen kommts hier gewiß minder an, als, m. Z., auf innere Gedanken an Gott, Andacht an das, was du sprichst, und Ehrfurcht vor dem höchsten Wesen. Niemals, mein Zuhörer, bete, wenn du dich nicht den Augenblick in dcr Fassung befindest, mit Gott sprechen zu können, und wenn du einer guten Gewohnheit wegen mit andern beten mußt, so suche dich erst in die Fassung zu setzen, als wenn du mit dem höchsten Wesen des Himmels, mit dem vollkommensten Gott und Vater sprächest. Sprich keine Worte, die du nicht überdcnken solltest, und bringe ihm mehr die Gedanken deiner Seele und das innige Gefühl deines Herzens, als 26 Christliche Reden Worte und Redensarten, zum Opfer dar: denn Gott ist ein Geist. Verbanne, wenn du vor den Herrn trittst, die fremden Gedanken aus deiner Seele, sic flamme mehr von einer bösen Neigung und Leidenschaft, sie beschäftige sich nicht mit bösen Gedanken: alles Irdische und Niedrige entweiche deinem ganzen Geist, da du mit dem höchsten Geist sprichst: sey ganz Ehrfurcht und Gefühl und Anbetung, da du dich in seine Gegenwart, in die Geecnwart des Allmächtigen stellest, und ihm die Gedanken deiner Seele zu entdecken wagest: dann betest du würdig wie Paulus, und ohne daß es dein Mund spricht, wird das innere, ehrerbietige Gefühl deiner Seele von selbst dein heiligen Paulus die Worte nachempfinden : Ich beuge rc. du wirst mit Abraham sagen: „ich wage cs mit dir zu reden, wiewohl ich Erde und Asche bin!" Und eben mit diesem bessern Begriff sieht man sogleich eine Nutzbarkeit und Annehmlichkeit des Gebets. Indem ich mit meinem Gott spreche, so erhebe ich meine Seele über das Irdische und Flüchtige der Welt, ich gewöhne sie, von den sinnlichen Empfindungen abzuziehen, ich rücke sie gleichsam zur Gottheit, ich gebe ihr eine Würde und Hoheit, die sie mehr hatte. — In diesem erhebenden Augenblick lernt sie das Kleinfügige menschlicher Begebenheiten, Zufälle und Geschäfte fühlen, sie lernt die unrechtmäßigen Vortheile, niedrigen Eigennutz, unerlaubte thicrische Ergötzlichkciten verachten: sie gewöhnt sich an eine Reinigkeit, an einen Adel der Gedanken und Neigungen, sie erhebt M zu einer göttlichen Gesinnung — welch und Homiliem 27 ein großer, inniger Nutzen des Gebets, da ich jedesmal, da ich mit dem höchsten Wesen rede, großer, besser und edler werde! Wenn Unterredungen mit einem großen Manne unter den Menschen der Seele eine höhere Stufe von Würde, eine größere Weite und Umfang von Empfindungen gewahren: was nicht unendlich mehr das Gespräch, das wahre Geistes- und Herzcnsgesprach mir dem höchsten Wesen! Hier wird mein Geist eines Höher», des Allerhöchsten , voll. Ein tiefer und ewiger Eindruck der göttlichen Allgegenwart bemeistert sich der Seele: und dieser Eindruck davon, daß ich immer unter den Augen des vollkommensten Wesens bi», daß er alles, was mich angehet, aufs genauste kennt, wird auch mich weise und vorsichtig und redlich macken; denn wer wird schon unter den Augen eines ehrwürdigen Mannes unter den Menschen schamwürdige Dinge vornehmen? Hier wird mein Geist voll von Gedanken des heiligen Gottes, und natürlich, daß ein demüthiges Bekenntnis; der Sünden, mit Redlichkeit und Reine verknüpft, auch einen Abscheu aller begangenen Jtrthümer, und einen Vorsatz, Laster zu vermeiden, Hervorbringen wird. Mein Geist wird gleichsam an Gott ein hohes Ebenbild von Vollkommenheiten , Vorzügen und Tugenden erblicken, und von diesem hohen Ebenbilde, von dem Anschauen desselben, werden Spuren und Strahlen in meinem Antlitz zurückbleiben. Der Geist wird ein inniges Gefühl, eine lebendige, ewige Empfindung von seinem Gott, und von seiner Unterwürfigkeit gegen diesen Gott behalten: diese Spur von Ehrfurcht und Hochachtung Gottes als des Schöpfers und Beherrschers, als des Allgegenwärtigen und Voll- Ehristlichc Ncde n 2v koinmencn wird seine Seele veredeln und erhoben — ihm einen Eindruck der göttlichen Schönheit gewähren, und ihn reizen, auch so schön, so edel, so vollkommen, so seiner Natur gemäß zn handeln — großer Eindruck vom Gebet! Aber reichen nicht dazu schon ernsthafte, gottselige Betrachtungen zu! Was brauche ich völlige Gebete? Allein, m. Z., ohne Zweifel wird deine Aufmerksamkeit größer, deine Empfindung lebhafter, der Eindruck in dir starker, wenn du betest, als wenn du Gott allein kalt und todt betrachtest. Nimm dir einen abwesenden Menschen, an den du blos als einen Abwesenden denkest, und dein Andenken wird lange nicht das Feuer, die Wahrheit, den Eindruck haben, als wenn du ihn siehst, ihn anschauest und betrachtest, mit ihm sprichst, in seiner Seele liesest. Eine Unterredung mit einem würdigen Freunde, wie unendlich mehr kann sie begeistern, als wenn man an ihn als einen Abwesenden denkt. Der Anblick eines Erhabenen unter den Menschen kann unendlich mehr Erfurcht erregen, als an diesen Ehrwürdigen denken: die Gegenwart einer großen Menge von Zeugen oder Zuhörern kann einen unendlich feierlichem Eindruck machen, als wenn man sich die Sache allein denkt: und ein Selbstgespräch mit dir wird weit stärker seyn, wenn es vor den Augen Gottes geschieht, und ein Gespräch .mit Gott wird. Ein Gespräch mit Gott! welch ein großer Zeuge von den Versprechen, die wir uns lhaten! Ein entsetzlicher Augenblick, sich denn als einen Sünder, als einen Lasterhaften, als einen Abscheu der Natur fühlen ! Ein Gespräch mit und Homilien. 29 Gott! unvergeßlicher Entschluß, den ich alsdcnn zu cincr guten, einer edeln Handlung in mcincr Scelc fasse. Ein Gespräch mit Gült! große Idee, die alsdenn in meiner Seele wirkt — wo kann dies; alles eine kalte Betrachtung ersetzen! wie vercdlend, wie würdig, wie erhebend ist also das Gebet! Es ist nicht eine Pflicht gegen Gott blos, eS ist eine Pflicht gegen mich selbst: keine lobte Eercmonie des Gottesdienstes, ein Dienst, den ich mir selbst thue: ein Mittel zu meiner Besserung und Veredlung der Seele! ein- Augenblick, da meine Seele sich hoher zur Gottheit aufschwingt, die Würde ihrer Natur fühlt, Entschlüsse bildet, das Laster, die Verunzierung unsrer Menschheit abzulcgen. Wenn das Gebet auch nichts mehr als dies wirkte, wer wollte nicht beten? wer cs nicht unter seine seligen Stunden setzen, die Allgegenwart der Gottheit zu fühlen und vor ihr besser und schöner zu werden. Dcrhalbcn beuge ich u. s. w. Paulus betet Gott nicht an, als einen Privat-, als einen Hausgott, der ihm und etwa den Christen allein zugehörtc; den er also in seine Par- lhie gegen seine Feinde, gegen diese und jene Sekte, gegen das Glück dieses und jenes Menschen ziehen, und gegen alle Welt zur Rache reizen könnte, wenn er nur sein Gott wäre: er hat einen würdigen Begriff von dem rechten Vater über alles, was Kinder heißet, im Himmel und auf Erden. Und daß die ganze betende Welt diesen würdigen Begriff von dem Gott hätte, den sie anbetet! 3c> Christliche Reden daß er nicht blos ihr Gott, sondern der Gott der Welt sei). — Den Heiden ward zu verzeihen, wenn sic so dachten, wenn sie mir Opfern und Gebeten ihre Götter wider ihre Feinde gleichsam z u erkauf e n suchten : wenn ihre Heere Schuczgöt- ter harren, und mit ihnen gegen die Schutzgötter andrer Städte, Gegenden und Lander zu Felde zogen: wenn sie den Gott einer eroberten Stadt mir sich so r t sc h l e p p t en, daß er auch ihr Gort sey» sollte, wenn sie in einer belagerten Stadt Gelübde und Versprechen darbrachten, und ihren Gott auch wohl mit goldncn Fesseln banden, daß er sich nicht zu den Feinden schlüge. Den Heiden war dieß zu verzeihen, aber uns Christen nicht. Es ist unverzeihlich, wenn man mit seinem Gebet Gort zu bestechen denkt, daß er einem dritten schade, der uns etwas zu leide gethan — wenn man rachsüchtige Gebete zu dem schickt, der der rechte Vater ist, über alles was Kinder heißt. Unverzeihlich, wenn man ihn durch Lob und Preis in Ehrbegierde oder durch Winseln und Seufzen in Mitleiden setzen will, daß er uns helfe und andern schade: unverzeihlich, für unsre Hellen Zeiten und für die Religion, in der wir erzogen sind! Unser Gott ist ein Gott der Menschen, der Engel; aller Menschen, aller Welten; nicht etwa allein ein Gort der Christen, nicht etwa allein ein Gott der Lutheraner, oder zu welchen andern Bc- kennern ich gehören mag: nein er ist (V. rö.) der Vater des Weltalls. Wenn ich also vor dich trete, mein Gott, so denke ich nicht, daß ich allein vor dir stehe, oder mit meinem Gebete mich für alle Wesen her- und Homilicn. Zr vordrangen will: nein, v Gott, ich bin nichts als eine Kreatur, gegen eine unzahlbare Menge deiner andern Geschöpft, ich bin nur ein Glied in der grossen Kette; nur eine Sprosse in der großen Leiter der Wesen, und nicht das erste Glied, nicht dir ganze Kette. Ich bin ein Staub gegen das Weltall: ein kleines, einzelnes Nichts! ein einziger, kleiner Ton in der Harmonie aller Geschöpfe, die Gott zu Ehren einen einzigen großen unendlichen Chor ausmachcn. Wie wollte ich nun alle überschreien ? wie wollte ich mit meiner Bitte zu dieser Harmonie einen widrigen Ton geben? Nein, o Gott, die ganze Natur ist dein Tempel, das ganze Weltrund ist dein Altar: von Erde, See und Himmel schallt dir ein großes Loblied aller deiner Geschöpfe zu — ich bin hier nur ein schwacher Laut! Indem ich dich lobe, o Gort siehe, so lobe ich nicht allein; in allen Himmeln ohne Zahl erschallt dein Lob, dich loben die Sonnenheere, dich die blühende Erde, dich der lachende Frühling, dich der leuchtende Mond, dich die funkelnden Sterne und Welten und alle die Menge Geschöpfe, die in diesen Sternen und Sonnen leben — was bin ich nun gegen sie alle? Indem ich deine Allgegenwart mit meiner Vernunft denke, so empfindet vielleicht das Thier dich mit einem zwar dunkeln, aber desto lebendigern Gefühl, indem ich dir mit meiner schwachen Stimme meinen Morgengesang singe, so singt die Nachtigall ihr schönres Morgenlied, die Lerche schwingt sich zu deinem Himmel empor, und der Elephant sieht mit einem neuen, heitern Blick vergnügt deiner Morgensonne entgegen. Indem ich dich den Vater Ehristi nenne: so nennt dich 32 Christliche Reden vielleicht der redliche Heide den Gott der Götter: und der entzückte Wilde fällt bei dem Aufgang der Sonne vor dir hin. Indem ich meine Kniee vor dir beuge, so umfaßt ein David vielleicht den Altar seines Jehovah und der Seraph an deinem Throne deckt sein Antlitz vor dir! Welch ein Begriff von Gott, indem ich ihn mir also denke! Welch eine Erhebung der Seele, wenn ich zum Vater der Geister und der Menschen bete. Wie werde ich diesem höchsten Gott, diesem allgemeinen Vater, cs wagen, niedrige Anstnnun- gen zu thun! ihn für mich, wider ein anderes Geschöpf einnehmen zu wollen, das vielleicht bester vor ihm ist, als ich selbst?. Wie werde ichs wagen, andre vor dir mit heiligem Eifer zu verfolgen, zu verdammen, und deine gleich- müthige Güte, allerhöchstes, ewiges, auch in seiner Güte und Menschenfreundlichkeit unveränderliches Wesen, gegen sie anfzubringcn? Wie es wagen, auch nur mit irgend einer menschenfeindlichen Bitte, mit irgend einem Wunsch zum Schaden des andern, mit irgend einem niederträchtigen Ansuchen vor dich zu kommen? So niederträchtig zu seyn, dich mit Gelübden zu erkaufen, mit kindischen Geschenken und Versprechungen zu bestechen, daß du meine Parthei gegen andre nehmest. Nein, du bist Vater über alles was Kinder heißt, und eben von dir lerne ich den höchsten Begriff von Menschen freundlich- keit und allgemeiner Güte. Wenn ich also selbst Menschen geliebt habe, welche mich mit ihrer Freund- und Homilien. 3Z Freundschaft bis zu Thranen haben rühren kennen: wenn ich etwa eine gute Handlung unter den Menschen, eine stille Redlichkeit, eine außerordentlich thatige Freundschaft, eine erstaunende Probe von der Großmuth einer Menschcnseele: wenn ich mir diese hohen und süßen Bilder von Menschenfreundschaft und Gutheit der Seele so hoch gedacht und in Aufwallung so hoch geschildert habe, als ich nur kommen konnte: o Gott, so steigt mein Geist auf die höchste Stufe, ich denke dich! ich bete zu dir: ich beuge meine Kniee vor dir! In dir finde ich die Sammlung aller Güte, Größe, Vollkommenheit, den höchsten Grad der Menschenfreundlichkeit und Liebe, den größten Austheiler des Glücks, kurz, den Schöpfer und Erhalter der Welt! So, o Gott, will ich dich betrachten, so will ich dich sühlbn. Wenn alle deine Kinder, die Geschöpfe deiner Huld in der ganzen Natur, dich durch ein stilles Gefühl preisen, als den Vater über alles, so will ich meine Stimme vereinigen mit der Stimme der Natur — wenn ich meine Scelenkraste in der besten Fassung, in der schönsten Heiterkeit fühle, wenn ich am Morgen der wiederer ufge wachten Natur, auch mein Wesen neu belebt empfinde, wenn ich etwa die ausgehende Morgensonne, und das stille Vergnügen des -Frühlings oder den stillen Schauder der Nacht, oder den stillen Schatten des Abends mt Vergnügen empfinde: dann, Herr, mit diesem stillen Schauder will ich, ich ohnmächtiger! dich empfinden, ich will dich in der Natur sehen, forschen und aussuchen, und dich Herders Werke z, Rel, u, Lhevl. IV, E 34 Christliche Reden im Frühling und dich im Sturm des Herbstes und im Segen des Sommers und im Schnee des Winters dich, Herrn der Werke deiner Hände, sehen, und entzückt alsdann nach deinem Himmel blicken, und dir verstummt mit schwachem, ohnmächtigem Gefühl und mit einer stillen Thräne deinen Lobge- sang feiern: dir dem Vater über alles, was Kind heißt im Himmel und auf Erden! Aber, m. Z., wie sehr vorzüglich ist Gott unser Vater! Wie viel Vorzüge hat er uns gegeben, über so manches andre, was auch sein Geschöpf, sein Kind ist; und wie ists da nicht billig, diese Vorzüge zu empfinden, sie dankbar vor Gott sich zu erinnern, sie mit einem Gefühl der würdigen Ergebung, der kindlichen Demuth zu fühlen? Wie? und ist nicht dies dankbare, dies sich in Gottes Hand ergebende, dies kindliche warme Gefühl ein Gebet? das beste Gebet, das ein Geschöpf, wie ich bin, Gott bringen kann. Wenn ich meine Abhängigkeit von Gott fühle, wenn ich mich erinnere, was mir seine Güte gegeben, wenn ich etwa bei einer neuen Wohlthat, bei einem süßen und recht ruhigen Augenblick meines Lebens, wenn ich bei dem besten und stillsten Gefühl der Freude das Glück meines Dafeyns empfindet mein Leben, meine Gesundheit, meine vorlheil- haftcn Umstände, Gaben, so manches Glück, angenehme Begebenheiten, geistlich- und leiblichen Segen, daß ich mit Vergnügen genieße — wie, das bin ich ja den Händen meines Vaters schuldig, der für mich sorgt, mich in Zeit und Ewigkeit glücklich machen will — wie? und das sollte und Homilien. 8s ich nicht mit dankbar bewegtem Herzen fühlen? Und dies lebhafte Gefühl, das meine Seele durchbringt, sollte ich, wenn auch nur mit einem Seufzer, Gedanken meinem Vater nicht gestehen? Und wenn ichs ihm gestehe, bete ich dann nicht? O es hieße die natürliche und billige Regung des Herzens verleugnen, wenn man auf die Art nicht beten wollte? — Wie nun ferner? Das Gute in meiner Zukunft hangt das nicht ebenfalls auch von diesem Vater ab? Muß er nicht allem, was Kinder heißet, sein Schicksal bestimmen? und also auch mir? und wenn ich mir nun in der Zukunft das Gute wünsche, wie nicht auch von ihm, dem Vater, der es mir geben kann? und heißt das nicht beten? Ware es nicht im höchsten Grade widersprechend, mir Gutes zu wünschen, zu verlangen, aber nicht von dem, der es mir einzig geben kann? Ist es nicht die höchste Verbindlichkeit, und doch nur immer die schlechteste, daß ich mich a» meinen Wohlthater und Vater erinnere? kindlich erinnere, daß ich unter ihm stehe? kindlich bekenne, daß ich ohne ihn nichts Gutes habe und bin? kindlich von ihm Segen, Schutz, Beistand mir wünsche? kindlich hoffe, daß er mir meinen Wunsch erfülle, wenn er nicht seiner väterlichen Güte und Weisheit und Rath widerspricht? Und heißt das nicht beten? Und wird mir da das Beten zur Pflicht? zum Gesetz? zum sauren Gottesdienst, womit ich mir den Himmel erwerben will? Nichts weniger! das kindliche Gefühl meines Hec- C 2 36 Christliche Reden zens wirst mich auf die Knicc: die kindliche Freude dessen, was Gott an mir gethan, öffnet mir mein Herz, erregt meine Lippen und treibt mir frei und uncrzwungen eine kindliche Throne aus meinem Äuge. Natürlich, daß eine solche kindliche Empsinduna, ein solches unbescholtenes Gebet am liebsten von selbst die Einsamkeit suchen wird: wo ich mit Gott meinem Vater allein bin, wo ich in einer stillen Kammer ihm mein dankbares, kindliches Herz aufschließe, und ihm mit allem Wesen meine Seele ausschütte. Wie sollte der ewigen Liebe ein solches Gebet nicht gefallen? dem Allwissenden, wenn ich mich in seine Allwissenheit setze und sie feire? dem Gütigen, daß ich seine Güte erkenne und preise; dem Vollkommenen, daß ich durch sein Gebet schon unmittelbar weiser und vollkommener und besser werde? — Vater im Himmel! ich weiß, die Stimme des Säuglings ist dir sowohl ein Lobgc- sang, als der Lobgesang des Engels am Throne. Und hatte ein solches Gebet auch übrigens keine Jauberwirkung, um Wunder in der Narur zu erregen: so ist es an sich schon erfreuend, selig, nützend genug. Ich wills nicht aus Lohnsucht, nicht aus knechtischem Zwang darbringen, um es los zu seyn; als ein Kind des besten Vaters, das gerne mit ihm im Umgang ist, und von ihm das schönste Bild der Menschenfreundlichkeit eben durch dies betende Anschauen lernen, eben durchs Gebet ihm ähnlich werden will. Wie, wenn ich egglich mit ihm als dem gütigsten Vater der Welt mir die ganze Schönheit seiner Latcrslicbe, und Homilicn. 37 die ganze Seligkeit des Gedanken, ein allwaltender, väterlicher, beseligender Gatt, der Vater und Wohl- thäter aller Welt zu seyn, denke: und dies Bild meine Seele entzückt, werde ich alsdann wohl ein Menschenfeind, ein Nichtswürdiger, ein Eigennütziger, ein Ecdcnklos, der blos für sich sorgt, seyn können? Wenn ichs an Gott preise und liebe und anbcte, daß er seine Sonne scheinen laßt über Gute und Böse, werde ich alsdann wohl ein Teufel gegen meine Brüder, ein Neider, ein nichtswürdiger Betrüger, ein schädlicher Menschenfeind seyn können ? Wenn ich ihn den Wohltha- tcr alles, was Kind heißt, nenne, werde ich noch mein Herz in mich selbst zusammenziehen, aus Hochmuts), oder Geiz, oder Wollust meinen Erdklos zum Mittelpunkt der Welt machen, und alles außer mir verachten, verfolgen, verabscheuen, verleumden, hassen, beneiden, betrügen können? Unwürdige Seele, die betend so vor Gott seyn könnte! Unwürdige Seele, die seine Güte lobte, und nicht Much, nicht Großmuth, nicht Adel genug hatte, eben die Gutheit an ihrem Theile zu beweisen; die Gott um Verzeihung ihrer Sünden bitten dürfte, und schwarze Galle und bittres Gefühl in ihrem Herzen kochen hatte! Unnütze, kleine Seele! du spottest deinen Gott mit deinem Gebet! Wasche erst deine Hände, mache erst deine Seele rein und heilig und vergebend und nachsehend und demüthig und menschenfreundlich, dann komm und beuge deine Kniee vor Ihm! dann hört er dein Gebet. Sonst ists ein Greuel in seinen Äugen. Wenn ich also vor dich trete, so will ich mei- 39 Christliche Reden ne Seele erforschen, ob ich auch einen Flecken in ihr gewahr werde: eine böse wollüstige Neigung, einen giftigen Hgß, eine bittre Feindschaft, eine schwarze Mißgunst, abscheulichen Neid, verachtenden Hochmurh, Unrecht, schreiende Sünden, und andre Abscheulichkeiten; und finde ichs, o so will ich erst meine Hände reinigen, sie Gort Mitten , aus meinem Herzen tilgen und dann beten, dann vor ihn kommen. Mein Gebet an ihn soll Selbstprüfung seyn, und eine Reihe guter Entschlüsse erzeugen, und wenn ich von ihm aufstche,- so will ich mich prüfen, ob ich auch durch sein Andenken menschenfreundlicher in Gesinnungen geworden? Ja, mein Gott, indem ich dir vor deine Vaterliebe danke, und sie mit entzückten Freudenthrancn preise, und die Wollust fühle, Thronen der Dankbarkeit weinen zu können, so will ich mich auch entschliefen, wie du ein Menschenfreund zu seyn, und wie du, so auch Thronen der Freude und der Dankbarkeit zu erregen. Wenn ich ein Gutes deiner Hand fühle: so sei) der zweite Gedanke, was kann ich Gutes thun? kann ich nicht mit dem, womit ich von dir ergötzet bin, auch wieder einen Armen ergötzen? —- womit du mein Herz gesiarket, meine Wünsche erfüllet hast, auch die Wünsche meines Bruders, der unter mir ist, erfüllen, auch sein Herz stillen. Wenn du mich errettet, und ich fühle, was cs sey, aus einer Krankheit, Noch, Gefahr erretlet zu seyn, o so erwecke mein Herz, mir auch die göttliche Lust machen zu wollen, andre zu erretten, ihnen in ihrer Krankheit beizuspringcn, sic in ihrer Noch vergnügt zu machen, ihre Thronen zu endigen. Wenn ich dich lohe als den Ordner der Welt: so will ich, und Ho milien. 39 was du mir überlassen , wo hier die Ordnung in der Welt nicht billig zu feyn scheint, wo ich die Unschuld gekränkt, den Liebenswürdigen leiden, den Verdienstvollen verachtet, den Tugendhaften arm, einen edlen Geist verführt, einen Redlichen im Jrr- chum, eine gute, vortreffliche Seele weinend sehe: da will ich sie trösten, ihre Thrancn trocknen, Balsam in ihre Wunden streuen, ich will ein Bruder meiner Brüder seyn. lind wenn ich wieder zu dir komme, 0 Gott, so will ich machen, daß ich nicht allein, daß die Freudenthranen der Erretteten, die dankbaren Thränen der von mir Getrösteten, die gute» S.uster der von mir Beglückten, mit mir beten sollen, sie in ihrer, und ich in meiner Kammer; daß, wenn ich in meinem Tode zum letztenmal auf dieser Welt vor dir bete, die Freudcnthrä- nen und die dankbaren Gebete derer mit mir dich nnrufen, gegen die ich deinem Beispiel folgte: Vater, über alles was Kinder heißt! Und was ists denn, was Paulus bittet? zuerst ists sonderbar, nichts für sich, sondern für andere. Hatte er etwa nichts für sich zu bitten? fehlte ihm nichts? O der Mann lag ja im Kerker, Fesseln, Banden, in Gefahr des Todes, vielleicht in Noth; und siehe er vergißt das alles; seine Leiden und Trübsal sind ihm Ehre: sich überlaßt er stillschweigend Gott, er möge ihn leben oder sterben lassen, dem Schwert oder dem Blutdurst des tiran- nifchen Nero übergeben oder ihn frei machen — das alles vergißt er und — betet für andre. Würdiges Gebet! würdiges Vorbild! nicht blvs für meinen Aschklumpen allein will ich vor des Höchsten Thron /,o Christliche Neben treten, ich will auch in meinem Gebete, wo ich für andre nicht arbeiten, ihnen nicht helfen kann — da für sie beten. Einer edlen Seele wirds gleichsam schwer, für sich selbst etwas zu bitten; andre um Gutthaten für sich anzusprcchen, das will schwer vom Herzen: ein Wort, ein Seufzer, eine Bitte windet sich kaum heraus, aber für andre einen Menschenfreund zu bitten ist schon leichter. Da geht ein gutes Wort eher von den Lippen und findet eine gute Stelle. Und wer wollte nicht diese Menschenfreundlichkeit auch im Gebete bezeigen ? Wer wollte nicht das allgemeine Gebet oder die sogenannte Litanei, das auch in unsrer Kirche eins der rührendsten und einfältigsten Gebete ist, das ich kenne, mit einiger Empfindung mitbeten, und das Herr erbarme dich unser! mit aller Inbrunst anfangcn? wer wollte nicht, wenn er schon allen Unglücklichen in der Welt nicht helfen, alle Thranen nicht stillen, alle verborgenen Seufzer nicht auffinden kann, den anrufen, der alles was Kinder heißt, kennt, ihre Bedürfnisse weiß / und für sie beten? Und warum betet Paulus für seine Epheser? Ephesus war eine Handelsstadt, und ein Ort voll arbeitsamer Bürger im schönsten Erdstrich Asiens; bat ec also um Vermehrung des Handels, um gutes Gewerbe und glückliche Ernte? — Schöne und gute Gebete an sich, und in der gehörigen Ordnung; aber Paulus hat noch ein schöneres: um die Vermehrung des Reichs der Tugend und Weisheit unter ihnen (V. 16,). Er fleht ihnen nicht den Reichthum der göttlichen Gnade blos zu leiblichen Sachen, daß ihr Körper wohl gedeihe: sondern daß der inwendige Mensch, d. i. die gute edle Natur in ihnen gedeihe; nicht daß Reichthum in ihrn Hausern wohne: sondern daß Christus unter ihnen wohne; nicht daß sie auf neue Wund'er der Liebe Gottes warten, sondern die Liebe Gottes, die sie genössen, recht schätzen lernten (V> r8.);— und M. 3>, eben das ist auch der schönste Theil des Vater Unsers; aber zum Unglück auch der am mindesten verstandene. Die vierte Bitte endlich versteht noch jeder; aber die andern Bitten will niemand verstehen! daß nämlich der Name Gottes auch von uns geheiliget, daß wir auch fähig werden sollen, Kinder und Knechte Gottes zu seyn und seinen Willen so willig zu thun, wie cs von den Engeln geschieht — das bleibt unverstanden, und was ist wichtiger als dies? M. A., eben unsre Laster und Untugenden machen uns und die Welt unglücklich; und werden diese ausgerottet, so wird eben damit auch mehr das Glück der Welt befestigt, die Ruhe unsrer Seele gegründet, die Heiterkeit unsers Lebens erhalten. Lernen wir ruhig und zufrieden uns selbst genießen, unsrer Natur treu bleiben, die bösen Angewohnheiten in uns zerstören, die Flecken unsrer Seele auslöschcn, mit zur Ordnung der Welt so viel als nur möglich ist, beitragen: so werden wir eben dadurch glücklich seyn. Wenn unser inwendiger Mensch stark, d. i. unsere Seele fest ist, und das Andenken Gottes in uns wohnt und wir nur die Liebe Gottes recht schmecken, d. i. die Güter, die wir schon haben, recht genießen, nichts mehr begehren: so wird eben dadurch unsre Seele selig und ruhig und vergnügt und unser Leben glück- Christliche Reden 42 lich seyn (V. 19.). Ich kenne also kein würdigeres Gebet für mich und andre als: Mache, 0 Gatt, meine Seele fest und stark in der Tugend, lehre mich deine Güte schmecken, mache meine Seele weise und mein Her; tugendhaft und durchaus gutartig, so werde ich glücklich seyn —' so wird dein Name gehciliget, dein Reich auf Erden gegründet, dein Wille, 0 Vater, vollbracht werden : so sind wir alle deine glückliche Kinder! Im übrigen bittet Paulus mit Zurückhaltung und Mäßigung (V. 20.) und wer wollte nicht auch so bitten, insonderheit wenn es irdische Bitten beträfe ? Weisheit und Tugend ist immer unsrer Seele gesund und nützlich; aber ob die Erfüllung unsrer leiblichen Bitten es immer ist, das ist nicht so gewiß. Gott kann uns dieses Gebet versagen müssen, und siehe, er giebt uns was anderes und besseres. Er kann überschwenglich thun über alles, was wir bitten und verstehen. Sehr oft, M. Z., haben wirs in unserm Leben gesehn, daß wir Unsinnige mit unsern Wünschen sind, Dinge verlangen, die wirklich uns zum Schaden sind, wir meinen, wenn wir sie nicht bekommen, wir wollen sie erpvchcn, aber zuletzt sehen wirs ein, daß die gütige Vorsehung es gut gemeint, daß sie uns nicht unsern Wunsch erfüllt, diese und jene Bestimmung des Gebets nicht gab, die wir wollten — diesen und jenen Weg nicht führte, der uns im Auge lag. Hin andermal baten wir nicht: cs nahte sich eine Gefahr, die wir nicht sahen, und konnten also auch nicht um Errettung beten: Gott errettete uns: er thac über alles, das wir bitten und verstehen. Wir und Ho Milien. 43 sahen etwas für ein Glück nicht an, sträubten mit beiden Händen dagegen : Gott mußte uns zurWohl- lbat zwingen. Spät sahen wirs, daß er uns eine Wohlchat gegeben: er that über rc. Und solchem Gott wollten wir verschreiben? Stunde und Zeit und Ort und Gelegenheit bestimmen, wenn er uns helfen, wie er uns führen, durch die Welt bringen soll? Nein, 0 Gott, ich bescheidc mich, du kannst überschwenglich thun über alles, was ich bitte und verstehe. Aber dem- vhngeachtet will ich auch in der leiblichen Noch zu dir fliehen, von allen Menschen verlassen, dich suchen, mein Herz vor dir ausschütten. Wenn ich in der Welt denn wenig Freunde habe, wenn unsre Umstande auf diese oder jene Art bedrängt sind, wenn bekümmernde und sorgsame Erwartungen unser Her; drücken, wenn wir vielleicht keinen Freund haben, der auf Erden unser Elend bemerkt, sich unsrer annimmt, uns Beistand leistet, da ist immer der mächtige, gütige Freund in der Nahe, zu dem wir uns hinwenden, dem wir unser Anliegen offenbaren und anvertrauen können, der allein im Stande ist uns zu helfen. — Dann hebt sich die Seele aus den Wolken des trüben Kummers empor, es ist als käme sie in Freiheits-Gegenden. Das Herz findet Erleichterung, wenn es mit dem spricht, der die Liebe selbst ist. Man vergißt, was auf der Erden ist; selbst die Noch wird klein, das Elend leicht, das Leiden verliert viel von seiner Gestalt, so wahr ists, was ein alter Kirchenlehrer sagt: „wenn ich in Nöthen bet' und sing, so wird mein Herz recht guter Ding. " 44 Christliche Reden und Homilicn. Nur auch selbst alsdann laßt uns bescheiden scyn, und Gott nichts vorschreiben, ihn auch selbst in der Noth loben lernen, ohne seine Wundcrkrast herauszufordcrn, ohne ihm Bitten und Federungen vorzulegen. Das beste Gebet ist wohl für uns kurzsichtige Geschöpfe das: sein Gesicht vor der Gottheit zu verhüllen, und zu sagen: Mein Gott, das, was mir gut ist, gib mir, auch wenn ich dich nicht drum bitte; das Böse aber gieb mir nicht, auch wenn ich dich drum bitte! Amen. XXIV. H o m il ie über die Geschichte der Auferweckung des Jünglings züNain, Luca VII. —17.*) „Ich singe dir mit Herz und Mund rc." iE^eine nicht! war die liebliche Stimme Jesu, die der betrübten Mutter nicht blos Trost zusprach, sondern wirklich gab, und ihre Thranen in Freude verkehrte. Weine nicht! ist so oft der Trost der Bibel an klagende, gedrückte Menschen. Der Herr sieht euer Weinen, er zahlt eure Thranen; bei ihm *) Gewöhnlich schrieb der Verfasser von seinen Predigten, seit der Zeit, da er Riga verlassen halte, nur flüchtige, obgleich nach einer strengen logischen Ordnung verfaßte Entwürfe (Dispositionen) nieder. Nur wenige schrieb er bei besonder» Anlässen oder auf Verlangen von Freunden nachher ins Reine; andere (obwohl nur für seinen Gebrauch und wenn es ihm die Zeit erlaubte) etwas ausführlicher, aber mit sehr abgekürzter Schrift. Obige Homilie ist von dieser Art, und also, zwar nicht für andre ausgearbeitet, aber doch, selbst in diesem ersten Entwurf, des Druckes allerdings werth. 46 Christliche Reden ist viel Hülfe, viel Trost: er wird sie in Dank- und Lobgesänge verwandeln. Lasset uns die Geschichte des Evangelii in einen menschlichen Gesichtspunkt bringen, in ein Bild der Norsehung und Hilfe Gottes durch seinen Zuspruch im menschlichen Leben. Sie enthält alles in ihrem Bilde, dazu so gedrängt, schnell und voll That. Jeder Betrübte kann es hören, und in seiner Seele in Freude verwandeln. Und, o daß diese Stimme durch mich erschallte! Erlöser, daß dein sanftes Wort, dein kommender Tritt, dein Wink, das Ancühren des Sarges, deine Stimme der Macht, den Tcdlen ins Leben zu rufen, auch jetzt in unserm Herzen sich regte! daß wir mit dem lauten Jubel und Dank diese Stätte verließen: „der große Wunderthälcr ist noch unter Uns! Der Herr ist noch und nimmer nicht Won seinem Welk geschieden, Er bleibet ihre Zuversicht, Ihr' Hoffnung, Heil und Frieden'' re. i. Jesus nahte sich der Stadt Nain: einer Stadt, die von ihrer anmuthiqen Lage in einer schönen Ebene den Namen (die Angenehme) hatte; siehe da trug man einen Tobten heraus rc.: ein Bild des Zustandes unserer Erde, des Men- schenschicksals. Auf ihr ist Freude und Leid, schöne Aussicht und Schmerzen von Einer Schöpfershand ausgestreut. Es ist Ein Gott, der die Ebene Sa- rons und die schönen Gefilde der Natur schuf, und und Ho milien. 47 das menschliche Auge schuf, sich an diesen Gegenden zu freuen — und auf sie Thränen, bittere Throne» in den Schooß der schönen Mutter Natur zu weinen. Wer die Welt im Frühling ansieht, wer alle den Neichthum, womit sie geschmückt ist, alle die süße wohlüberlegte Pracht, die nur zum Vergnügen des Menschen da zu seyn scheint, betrachtet, wer das herrliche Auge des Himmels ansieht, und die goldenen Gestirne auf diesem Blau, und den Schoos der reichen Mutter betrachtet, und in das Angesicht eines Menschen sieht, das nur zur Freude geschaffen scheint, und die sanften Bande der Natur zwischen Freunden und Geliebten, Müttern und Kindern betrachtet ; wer überall die Wahrheit fühlt: nur ein guter Gott ists, der regiert, Güte und Liebe lacht aus seinem Angesicht, sein Kleid ist Huld, und seine tägliche Erscheinung Gnade — sollte er denken, was doch in der Welt ist, daß hier auch traurige, mißvergnügte Herzen gefunden werden könnten? daß oft die schönste Gegend von Menschen bewohnt wird, die sie entweihen, die sie nicht fühlen, die ihrer nicht werlh zu seyn scheinen! daß oft die sanftesten Verbindungen des Lebens die Quelle zu großem Un- muth, zur tiefsten Trauer, zum bittersten Schmerz werden können? Und zwar nicht immer durch die Schuld des Menschen, wenigstens nicht immer durch eine schwarze Schuld. Es giebt auch gerechte, auch verzeihliche Lhranen, die unter diesem Himmel fließen; nicht alles Leid des Menschen kommt von ihm selbst her, die Vorsehung mischt cs ihm selbst zu in seinen Kelch des Lebens, und oft den bittersten Therl ^3 Christliche Reden zu der Zeit, du er den süßesten Trank zu schmecken glaubte. „Ist auch ein Unglück in der Stadt, das der Herr nicht thue?" Ist ein harter Fall auf dem Wege unsers Schicksals, der nicht aus seiner Hand käme? Schuf er nicht unser Herz, und mischte den Brunn .unserer Empfindungen in demselben? Schuf er nicht unser Äuge, daß cS sich sowohl in Freude- als Trauerlhranen ergießen, sich sowohl am Licht der schönen Sonne erfreuen, als am Antlitz eines geliebten Tobten betrüben könnte? Wer senkte die Empfindungen in unsre Brust, mit denen wir aus solche cdec solche Art freudig oder traurig an den Dingen und Schicksalen der Welt Theil nehmen sollten ? Wer knüpfte die Bande des Lebens, die uns oft mit bösen, oft mit guten Menschen zusammenbringen, jetzt an Gegenden der Traurigkeit, jetzt der Freude fesseln sollten? Wer machte hier alles Glück auf der Erde vergänglich, und auch die reinsten Freuden oft zum Quell des bittersten Wehes? Nein, unsre Erde ist nicht ein Paradies, kein Haus der stolzen ewigen Ruhe, des immer unge- krankten, ungestörten Friedens! Thronen fließen auf ihr sowohl der Freude als des Leidens, und die reinsten, verschwiegensten sind oft die bittersten Thronen. Die Mutter, die ihr Kind verliert, den Sohn ihrer Hoffnung, die Freude ihrer höhern Tage: das Geliebte, das sich hier wie im Schattengange eines Labyrinthes findet, um sich bald, um sich unver- muthct trennen zu müssen, jeder Riß von unfern Herzen, wenn wir einen Freund, ein Glück unserer Tage, eine Hoffnung unserer reinsten Wünsche verlieren, jeder Umsturz unserer Ruhe und Zufriedenheit, und Ho milien. 49 heit, auf den wir nicht rechneten, nicht dachten — .— und warum nenne ick) das größte Unglück nicht zuerst, wenn wir selbst Tobte werden, Tobte in unfern Wünschen, Hoffnungen, Ergötzungen, Freuden , wenn uns alles verlaßt und wir uns selbst verlassen! wenn unsre Lebenskraft, unser guter Much und Hoffnung in unS erstirbt, und wir nur als Tobte, als lebendig-Tobte gleichsam fortgetragcn werden, um früher oder spater die Gruft, die einzige letzte Gruft der Ruhe zu finden! Redet mit mir, ihr Herzen, die ihr diese Zustande gefühlt habt, oder fühlet! Redet mit mir, ihr verborgenen Seufzer, ihr geheim und im Stillen fließende Thrancn! ihr Kranke, die der Herr schlug, ihr Betrübte, die er betrübte, bei denen der Lobgesang ihrer Jugend sich sobald in^Klagc, und die Hoffnung eines ungestörten Glückes an sich oder an den Ihren sobald in einen Todtcngcsang verwandelte: ihr, denen Gott die große Gabe, das Geschenk seiner Milde, nahm, den Muth zu leben, und sie lebendig unter die Tobten senkte ... in deren Morgen - und Abend- lieb bittere Thranen fließen, und in deren Nachte sich Sorgen , schwere Sorgen lagern : eure verschwiegene Thrane wird Zcugniß geben, daß nicht alles Na in sey, was so heiße; daß cs Uebel gebe, denen kein Mensch Helsen kann oder will, daß cs Zustande gebe, da unsre matten verlechzten Gebeine tobt sind oder Todte begleiten :-die ihr sagt: „Meine Harfe ist eine Klage worden, und meine Pfeiffe ein Weinen! ich schaue mich um, aber da ist kein Tröster! " ich suche Hülfe in andrer Menschen Augen, aber sie kennen mich nicht, sie wissen Herder? Werke z. Rel.u, Theos. IV, D nicht die Quelle meiner Schmerlen. „Gleißredner nur sind meine Freunde, aber mein Auge thcänet zu Gott" — und auch von dem, wie kann ich Rettung hoffen? wie Hülfe erwarten! wird ec auch unter den Lobten Wunder thun? werden ihn auch die Gebeine der Verstorbenen preisen und ihm der Staub des Grabes danken? Q wo sind' ich einen Freund, der mich hört? wo wandelt ein liebreicher Engel mir zur Seile, der meine Klage vernimmt, und Macht, Herz und Erbarmen hat mir zu helfen?- 2. Siehe, da nahete sich Jeffus, und da er die Mutter sähe, jammerte ihn Verse l b e n u n d s p r a c h zu ihr: Weine nicht! und trat hinzu und rührte den Sarg an und sprach: Jüngling, ich sage dir: Stehe auf! Und der Tobte richtete sich auf, und fing an zu reden. Und Jesus gab ihn feiner Mutter. So schnell, so unvermekt lind leise kam die Hülfe: so liebreich und erbarmend, so thatig, schnell, vollendend wirkte sie . . . Wenige Augenblicke spater, und die Hoffnung der Mutter wäre für immer unter die Tobten verscharrt, und die ganze schwarze Trauer ihres künftigen Lebens, die jetzt in ihrer Seele lag und ihr Thraucn auspreßte, für immer wahr worden. Aber Gott kennt die rechte Zeit, „die rechten Freudenstunden." Nun ists freilich sonderbar, aber wahr, daß Gottes Hülfe gleichsam mit dem tiefsten Leiden kämpft; daß er die Noch oft aufs äußerste kommen und Ho Milien. läßt, ehe sich seine Erbarmung zeigt. Wehe dem, der durch seine Klagen und Unmulh zu früh den Himmel erstürmen will! er erstürmt ihn nicht, er zerreißt sein Herz und sinkt ohnmächtig nieder. „Harre auf den Herrn, meine Seele! du wirst ihm noch danken, daß er deines Angesichts Hülfe und dein Gott ist! Befiehl dem Herrn deine Wege und hoffe auf ihn, er wirds wohl machen." Seine beste Stunde ist nicht immer die deine, denn „seine Wege sind nicht deine Wege, seine Gedanken sind nicht deine Gedanken." Ost ists der dunkle Weg seines Schicksals, daß wir den Todtengang aus der Gesellschaft des Lebens hinaus fast bis an den Rand des Grabes gehen müssen, ehe die freundliche Stimme sich Horen laßt, die den Quell unserer Thränen sanft trocknet: ehe der sanfte unerkannte Tritt des himmlischen Engels sich naht, der zu unserer Hülfe gesandt ist. O wie sonderbar knüpft Gott Zeiten und Umstande an einander! Wie muß sich der Gang Christi eben hier im Gedränge des Thors mit diesem Todtengange begegnen, um einer verlassenen Mutter ihren Sohn, und mit ihm die Freude ihres Lebens, um einem Jüngling Leben und Jugend wieder zu geben! Und wer ists , wer ordnete der Menschen Gänge ? wer flicht ihre Pfade in einander? Gott ists, der aller Menschen Wege kennt, der den Pfad jedes Menschenlebens lenket. Er bringt zu rechter Zeit herbei, auf den wir hofften — oder vielmehr nicht hofften, nicht mehr hoffen konnten. Er beschämt mit seiner Hülfe unsre leere Erwartung, un- D 2 ser Murren, unsre zu kühnen, unvorsichtigen, vergeblichen Wünsche. Da stehn wir zuletzt und sagen: „der Herr hat alles wohl gemacht!" oder wie wir' im Liede sagen: „Wenn Trost und Hüls ermangeln muß, Die uns die Welt erzeiget: So kommt und hilft der Ueberfluß, Der Schöpfer selbst, und neiget Sein Baterauge denen zu, Die sonsten nirgends finden Ruh; Gebt unserm Gott die Ehre!" 3. Lasset uns den schönen und stillen Äustritt der Hülse Jesu merken: in allen Worten ist ein Balsam des Trostes, leise Stimme der Hoffnung und Lehre. Da sie der Herr sähe, jammerte ihn derselben. Unter allen Weinenden im ganzen Traucrzug siel sein Blick zuerst auf die, die am meisten des Trostes bedürftig war: er fand sie in der Menge, und fühlte plötzlich mit ihr Leiden. Es jammerte ihn derselben: ec verstand ohne ein Wort der Erklärung die ganze Sprache ddr Traurigkeit, das ganze mütterliche Angstgefühl auf ihrem Gesichte, und sprach — er sprach nicht zu ihr: „Warum weinst du? cs ist eine Schande zu weinen, für dich, die du an Gott und eine Auferstehung der Tobten glaubst!" er sagte ihr nicht leere Trostsprüche vor: daß man nicht weinen, daß ein Mensch seine Thrancn bezähmen müsse, daß alle Menschen zum Sterben geboren sind, daß sie auch bald sterben und ihrem Sohn folgen werde — und dergleichen leere Hülsen, die keinen Kernen, leere Schaalen von Trostworten, die dem Betrübten rin d Homilien. 53 keine Kraft und Nahrung geben. Mitleidig trat er zu ihr: Weib weine nicht! trat an den Sarg hin und half ihr. — Meine Zuhörer, cs ist der ganze Zweck der Religion, uns von der Wahrheit zu überzeugen, daß es eine Vorsehung gebe, die auch über das einzelne wacht, die sich in das gekränkte Herz eines jeden fühlt, seine Leiden mit empfindet, und jedem nach seiner Weise mit dem schnellen Schritt des Erbarmens hilft, mit dem sich hier Jesus, sobald er das thräncnde Auge der Mutter sah, zu ihr und zu dem Sarge nahte. „Hat der Herr meiner vergessen? wird sich sein Auge nicht meiner erbarmen?" so spricht die Klage; und die Antwort spricht: „des Herrn Auge sicht auf den Elenden, sein Ohr vernimmt der Rechtschaffenen Seufzer, er merkt auf ihr Gebet." Auch der ungcborne Seufzer, das halberstickle Ach! des Elendes ist vor ihm, und ist das angenehme Opfer des Weihrauchs auf seinem Altar. „Der Herr ist nahe denen, die ihn anrufen; der das Auge gemacht hat, sollte der nicht sehen? der das Ohr gemacht hat, sollte der nicht hören? Zion spricht, der Herr hat mich verlassen, der Herr hat mein vergessen! —. Kann auch ein Weib ihres Kindes vergessen, daß sie sich sein nicht erbarmte, so will ich doch dein nicht vergessen, spricht der Herr: in meine Hände habe ich dich gezeichnet! Deine zerrissene Mauern, dein verwundetes Herz ist immer vor mir." In so mütterlichen Ausdrücken versichert uns die Bibel der Vorsehung, der immer wachenden 54 Christliche Reden Vorsehung Gottes; und sagt's uns nicht der Begriff von Gott? ja die Erfahrung unsers Lebens ? Er, der uns ins Leben rief, sah er nicht jede Noth vorher, wog er nicht unser Herz ab, die Last, die unS drücken könnte? setzte er sich nicht in jedes Geschöpfes Wesen, seine Empfindung, und gab ihm das beste Schicksal, das es ertragen konnte! Verflocht er nicht die Tage der Menschen zusammen, und übersah sie mit einem Blick- Sicht nicht sein Auge in Einem Alles und Alles in Einem, und seine Hand knüpft und webt Alles zusammen, das Beste aus dem Bösen? Ja, Ewigfühlender! du sichst mich, du fühlst mich, du erforschest mich! ich sitze oder stehe auf, so weißt du es, du verstehst meine Gedanken von ferne. Es ist kein Work auf meiner Zunge, das du nicht wüßtest; du schaffest, was ich vor oder hernach thue, du haltest deine Hand über mir. Finsterniß ist nicht finster bei dir und die Nacht leuchtet wie der Tag. Deine Augen sahen mich, da ich noch unbereitet war, und waren alle Tage auf dein Buch geschrieben, die noch werden sollten, ehe derselben einer da war." Gott! deine Gedanken sind köstlich, und deine Empfindungen eben so sehr. Sie wurzeln sich in die tiefste Tiefe meines Herzens, mit Seilen der Liebe ziehest du mich, mit Sonnenstrahlen lenkest du mich zu dir. „Du hast mich je und je geliebet, darum hast du mich zu dir gezogen aus lauter Güte." O könnte ich euch Jesum darstcllen, wie er mit thcilnehmendcm Gesicht und sanfter Stimme sagt: Äeib, weine nicht! — und auch diese Worte, wie oft sagt sie uns Gott, auch ehe seine und Ho Milien. 55 Hülfe erscheinen kann! wie oft muß sich der freundschaftliche Tritt eines Menschen, sein heiteres teilnehmendes Gesicht uns nahen, und er uns Trost zusprechen, ohne daß er's weiß! wie oft spricht uns in einer dunkeln Stunde ein Spruch, eine Erinnerung aus unserm Leben , ein Beispiel, oder oft ein stummer Gegenstand : Baum und Hügel, Quelle und That, sprechen und rauschen uns zu: „Weine nicht! der uns so schön gemacht, hat auch dein Schicksal gemacht." Wenn nach der dunkeln Nacht die Morgenrölhe anbricht, wenn den erstorbenen Baum im Frühling neues Leben, wenn sich in dunkler Nacht der Himmel mit Sternen ziert, wenn die erstorbene Saat auflebt, alles ruft uns zu: Weine nicht! Er hat das schöne Siebengestirn und auch die Bande des kurzen kleinen Erdenschicksales gebunden ; er führt aus der Nacht den Morgen hervor, und wird auch die Morgenröthc in die Seele senden: er, der den Baum und die Saat erweckt, wird auch deine Gebeine beleben; „wenn der Herr die Gefangenen Zions erlösen wird, so werden wir seyn wie die Träumenden!" Leise war die Hülfe Jesu, aber schnell und wirksam. Er trat zu dem Sarg, weckte den Jüngling auf, und gab ihn seiner Mutter wieder. Und es kam sie alle eine Furcht an, und preise ten Gott rc. Wen hat nicht diese Furcht, dieses schaucrvolle Staunen in seinem Leben oft befallen, wenn er die nahe Hülfe Gottes um sich merkte? Wenn er, da er seine besten Hoffnungen und sich selbst im 56 Christliche Reden Schoos der Tiefe glaubte, plötzlich sich wie durch ein Wunder, durch ein Nichts errettet sieht, was kann er sagen als: Gott ist nah! Gott ist da! seine Hand war's, die den Sarg berührte, seine Stimme, die den Tobten ins Leben rief! die Zunge hat keine Worte zu danken: der Schauer, der uns durchgeht, der das Gefühl des nahen Gottes spürt, ist unsre einzige beste Danksagung! Und o wie oft, eben so leise, eben so stille, naht sich uns der Tritt eines Freundes, findet uns seine Freundschaft! Es kostet ihm nur einen Wink, eine Stimme, ein Berühren des Sarges, und unsre Hoffnung lebt, unsre Leiden sind zu Ende. Glückliche Menschen, denen Gott diese Macht, diese Hand, dies Herz, dies Auge gegeben hat: dies Auge, den Gegenstand des Leidens zu finden, auf dem Gesicht, in der Seele des Leidenden zu lesen, auch ungehörte Seufzer zu Horen, auch von vcrlechz- ten, vertrockneten Thranenqucllen die Spur im Innern zu fühlen! denen er das schnelle Gefühl, das weise Herz, das sanfte Erbarmen gegeben hat, sich nicht bitten zu kaffen, nicht mit Borwürfen den Gequälten zu martern, noch weniger stumm vorüberzugehen und zu sagen: Hilft dir Gott nicht, so kann ich's noch weniger! — denen er die Macht gegeben hat, nur mit einem Wink, einem Anrühren, einem Druck der Hände das kranke Herz zu heilen! Menschen dieser Art sind die Götter und Schutzengel, ja Trostengel der menschlichen Gesellschaft. Sie wollen keinen Dank, kein lautes Lob: sie thun ihre Wohlthar wie im Vorübergehen, still und schweigend; sie geben der Mutter ihren Sohn wieder, und nehmen das stille Gefühl mit sich, daß und Homilicn. L? sie dies gethan heben: daß Gott sic dazu sandte und setzte, daß Gott durch sie sein Volk besucht. Das Gerücht ihrer Thaten verbreitet sich und ob sie gleich nicht wollen, so ist doch die lauteste , die stillste Nachricht, die Empfindung der durch sie Beglückten ihr Denkmal. Stellt dieWitt-- we zu Nain und ihren Sohn, Maria und Lazarus an's Kreuz Christi, und fragt euch, was ihre Empfindung mit dem unschuldig Leidenden, mit dem Sterbenden war, der ihnen ihren tobten Sohn und Bruder wieder gegeben hakte? „Wer sich des Armen erbarmt, dessen wird sich der Herr wieder erbarmen. Wer Barmherzigkeit erzeigt, wird Barmherzigkeit finden! " O du Ewiglebendcr! du Vater unsers Schicksals, vor dessen Blick das ganze Gemälde unsers Daseyns mit Leid und Freude ist: dessen Ohr unsere Freudentöne und Klagen vernimmt: in dessen Herzen alle unsere Empfindungen wiedcrtöncn ! Mit weiser Hand vcrtheilest du Leid und Freude, betrübest und tröstest und lehrest uns dadurch, daß auch wir trösten können. Gieb allen Betrübten und Blöden die Empfindung ins Herz, daß dein Auge sie sehe, dein Blick sie finde, und sich ihrer erbarme! die Stimme deines Geistes ins Herz, der zu ihnen spreche, wie niemand zu ihnen spricht, der ihnen das Wort sage: Weine nicht! und sie beten lehre. Sende aber auch zu rechter Zeit den Engel des Trostes, der sie starke und erquicke mit dem Kelch des Lebens. Erwecke in Menschen das hohe Gefühl, daß sie dein Arm seyn können, Menschen 53 Christliche Leeden und Homilien. zu tröste» und zu erfreuen! Herr, es werden dir einst, wenn die letzte Thrane auf unscrm Auge wird versieget seyn, wenn du mit deiner sanften Allmacht uns in ein höheres Leben aufgerichtet hast, wenn deine allmächtige Hand uns berühren wird und sagen: „Ich bins, der da lebt in Ewigkeit, und du sollst auch leben! —> cs werden einst für alle Fügungen und Verknüpfungen des Menfchen- schicksals, für Leiden und Freuden dir die Freudcn- thränen der Erlösten danken ! " ! XXV. Predigt am Dankfest wegen der Geburt der Prinzessin Luise Auguste Amalie von Sachsen-Weimar, Lobet de» Herr» l Schöpfer aller Dinge: Der Brunn des Lebens thut von ihm entspringe» Gar hoch vom Himmel her aus seinem Herzen! Lobet den Herrn! 44ns alle», meine Zuhörer, ist der Anlaß des heutigen Dankfestes zur Genüge bekannt: denn unsre Wünsche und Gebete gingen ihm vorher, und unsere verlangende Ungeduld konnte es zuletzt kaum erwarten. So oft wir hier für die glückliche Schwangerschaft unsrer vcrehrtesten und geliebtcsten Herzogin dankten, und um ihre glückliche Entbindung baten: zeigte die allgemeine Stille bei wahrendem Gebete die gesammelte Theilnehmung aller, und in den letzten Tagen voriger Woche war die allgemeine Hoffnung so weit gestiegen, daß die kleinsten Anlässe zu Gerüchten und Freudenrufen Gelegenheit gaben: sic sey da, die Stunde unsrer Erhörung! Sie kam endlich am vorigen Mittwoch, als den 3ten Februar früh um 6 Uhr, da für unser Land und unsre Stadt die Morgenröthe des Segens und der Freude aufging und Gott unsre geliebteste LandeS- herrschast mit einer gesunden und wohlgebildcten Prinzessin erfreute. Wenn in irgend einer Sache die Theilnchmung an Freuden des andern dem Herzen süß und angenehm ist, so ists an den reinsten und menschlichsten Freuden, die unsre Natur kennet, an Freuden der Vater- und Mutterliebe. Gott selbst hat zu dem, was seinem Herzen am nächsten und innigsten ist, kein andres Wort gewählt, als Vater, Mutter, Kind, Erstgeborner. Den Rath seiner Liebe über den Menschen, und sein Wohlgefallen über den Gelicblesten aller Menschen, konnte er nicht anders bezeichnen, als daß er jenen zum Bilde seiner Liebe schuf und in diesem das Kind sah, an dem sich seine Seele freute. Seine innigste Theilnchmung am Schicksal der Menschen ist Vatersorgfalt, Mutterliebe, so wie Christus die größte Freude der Erquickung nach Noch und Kummer, mit der Freude einer Mutter verglich, die ihr Kind geboren hat, bei der nun Angst und Sorge wie ein Traum vorüber schweben. An solcher Freude nimmt jedes menschliche Herz Thcil, und gewiß ein Land, eine Stadt Theil, wenn cs seinen Freund und Fürsten nun als Vater im lieblichsten Glanze der Menschheit sieht. Auch für Fürsten und Fürstinnen giebts keinen andern Lohn als Freuden der Menschheit. Das Gold auf dem Schmucke ist nur für den, ders sichet, nicht für den, ders tragt, und dumme Anbetung von Schmeichlern ist jedem Herzen, das geehrt und geliebt seyn will, Ueberdruß und Eckel. Nur menschliche und häusliche Wohlfahrt sind und Homilien. 63 "H das Glück der Menschheit; wehe dem Gipfel, der sich dieser Blume schämet, und sic dem niedrigen, verborgenen schonen Thal läßt; er steht kahl und, kalt und dürre über den Wolken — — Nur in seiner Gattin und seinen Kindern lernt ein Fürst sein Land und seines Landes Kinder lieben. Je Wühler es ihm in seinem Hause, in seiner Kammer, in seiner Brust ist: desto leichter und lieber wird ibm sein Fürstenamt, sein Land, seine Regierung. Gott ist nur dadurch der beste König, daß er der beste Vater ist, und er hat die Ordnung in unsre Natur gelegt, daß, wie das Werk unsres HauseS ist, auch meistens das Werk unsres Lebens werde. — — Ja, da diese Freude und der süße Name Mutter und Landesmutter oft mit Gefahr des Lebens erkauft wird, da ein Fest wie das heutige, gleichsam das Fest eines neugeschenkten Lebens, einer uns geschenkten edlen Fürstin ist, die uns mit diesem Pfände ihres mütterlichen Herzens, Segen und eine Morgenröthe der Hoffnung auf die Zukunft schenket: welcher Rechtschaffene wird sich nicht ohne Geschrei und Jubel in den stillen Dank und das Gebet ergießen, das die alleserfüllende Gottheit am liebsten annimmt, und in den Tiefen seines Ursprungs höret: Lobe den Herrn, meine Seele, und was in uns ist, seinen heiligen Namen: der das Leben unsrer Fürstin vom Verderben erlöset, und uns gekrönt hat mit Gnaden und Güte, der unfern Mund fröhlich macht, und Sie und Ihr Geschlecht verjünget mit Adlersjugend. Kinder sind eine Gabe GotteS und Leibesfrucht ein Geschenk des Höchsten. Gcseg- Christliche Neben 6 ^ net wird seyn der Mann, der den Herrn fürchtet, der auf seinen Wegen gehet, daß sein Geschlecht blühe wie ein Weinstock, seine Kinder wie Oehl- zweige um ihn her, und er sehe das Glück seiner Kinder, Friede über sein Land und Segen und Ehre auf die Nachwelt, Annen. Wir wollen mit vereintem Dank den Vers singen: So kommet vor sein Angesicht rc. rc. und beten das V. U. Text: Psalm i3g. v. rlr — Ich danke dir darüber, daß ich wunderbarlich gemacht bin; wunderbarlich sind deine Werke, und das erkennet meine Seele wohl. Es war dir mein Gebein nicht verholen, da ich im Verborgenen gemacht ward, da ich gebildet ward unten in der Erde. Deine Augen sahen mich, da ich noch un- bercitct war: und waren alle Tage auf dein Buch geschrieben, die noch werden sollten, und derselben keiner da war. Aber wie köstlich sind von mir, Gott, deine Gedanken? Wie ist ihr eine so große Summe? Sollte ich sic zahlen, so würde ihrer mehr seyn, denn des Sandes. Wenn ich aufwache, bin ich noch bei dir. Unser Text ist aus einem der umfassendsten und erhabensten Psalmen gleichsam Mittelpunkt und Tiefe. David fühlt die innigste Gegenwart Gottes, wie überall, so im Innersten seiner Seele. Er, dem aller Himmel Himmel nicht zu hoch, und die unterste Hölle nicht zu tief, und der Fittig der Mor- und Ho Milien. 65 Morgenröche, der erste funkelnde Strahl aus ihrem Köcher nicht zu schnell, und das Bett der Sonne im fernsten Abendmecre nicht zu entlegen ist- Er hat noch eine andere Allgcgenwart, die Her; und Nieren durchschauet, nehmlich, er verstehet Gedanken von fern, er hört das ungesprochenc Wort, das noch auf der Zunge schwebt, er sieht Entschluß und Thal in ihrer Geburtsstate. Die Finsterniß ist ihm Licht, und die tiefste Finsterniß, der Abgrund ungeborncr menschlicher Gedanken und Begierden ist ihm Mittag. Herz und Nieren sind in seiner Gewalt, denn er hat sie ja im Mutrerleibe gebildet. Schauerlich steigt hier David in den Grund göttlicher Allwissenheit aller menschlichen Werke und Wege: es war dir ja mein Gebein nicht verholen, da ich im Verborgenen gemacht ward, da ich gebildet ward unten in der Erde. Deine Augen sahen mich, da ich noch unbcreitet war: und waren alle Tage auf dein Buch geschrieben, die noch werden sollten und derselben keiner da war. Er fangt an, die Gedanken Gottes zu zahlen, in seinem Gliederbau wie in den Wirkungen seiner Seele, lauter köstliche, köstliche Gedanken GotteS; aber so unzahlbar in ihrer Summe! Er zahlt die ganze Nacht durch: sein Zahlen wird Traum; sein Denken Schlummer: er erwacht und ist noch am Anfänge beim ersten Eins des alles umfassenden, ihn innig umfangenden GotteS. Die Sprache erliegt mir, die tiefe Empfindung, die in diesem Psalm herrscht, naher anzudeuten oder zu umschreiben. Jeder lese ihn selbst, und er bleibt, hinter allem, was gesagt werden könnte, noch in jedem Wort ganz und neu. Herders Werke z. Rel.«. Theoll I V. E 66 Christliche Reden Wir nehmen daraus, was zur allgemeine» Erbauung am heutigen Tage dienen kann, und wollen von der Menge köstlicher Gedanken Gotles in einzelner Bildung eines Menschen und in Bestimmung seines Schicksals einige Worte stammle». Nicht, daß ich es unternehme, die Decke ab- zuziehen, oder nur zu berühren, die über diesen Geheimnissen schaffender oder ordnender Vakergüre, wie ein heiliger Schleier liegt; auch unser Text setzt die Bildung menschlicher Gebeine und Seelcnkräste ins Verborgene, in den Mittelpunkt der Erde. Hier im Reich der Seelen und Ungcbornen ist alles Dämmerung und Geheimniß: der Zustand unsers Da<- seyns, ehe wir hier erscheinen, hat mit dem Zustande, wenn wir von der Erde verschwinden, nur ein Wort, nur ein Bild: es ist das Reich der Schatten, der Tiefe, des Dunkels, wo jeder Lichtstrahl selbst Finsterniß und jeder Glanz des Mittags Nebel ist, wo die gestaltende höchste Ordnung selbst Unordnung scheint, und wo, wenn Alles zum Leben ringt und sich im Keim seiner Kräfte fühlet» überall Tiefe und Ruhe und stilles Schweigen herrscht. Gott hat die Räder der Natur, das erste Rauschen seines Lebensgeistes überall vor uns verborgen : wir haben kein Ohr, diesen ersten Anklang zu hören, kein Auge, in den Keim der Knospe, dielebensvoll ist, bis zum ersten Duft hinzuschauen. Es war ein anderes, höheres Auge, das mit einem Strahl bildender Ordnung hincinsah, und in die Finstcrniß des Nichts einen Funken werdender Schöpfung blickte. Deine Augen sahen mich, da jch noch unbereitet war und waren alle Tage auf dein Buck) geschrieben, die noch werden sollten, und derselben keiner da war. Denn auch Finsierniß nicht finster ist bei dir, und die Nacht leuchtet wie der Tag: Finsterniß ist wie das Licht. Du hast meine Nieren in deiner Gewalt; du warst über mir im Mutterleibe. Der bildende Geist erscheint in den letzten Worten, wie er im Anfänge der Dinge auf der Tiefen schwebte, und mit mütterlicher, belebender, regender Warme das Geschöpfe seiner Liebe umfangt. In den folgenden Worten wird Gott Künstler, der es wie aus zartem Leim bildet, seine Gebeine zahlet, zusammenfüget, und nun mit den» Athen» seiner Kraft anhauchet. Voll köstlicher, unzahlbarer Schöpfungsgedanken, griff er zuin Werk; die Summe ging in seine bildende Hand, in sein gebildetes Werk über: da stehts nun, das zum edelsten Etwas gebildete Nichts, schauerlich, wunderbar beseelt, durch und durch erfüllt und durchdrungen mit seinen Gedanken. Wer mag sie zählen? wer mag sie fassen und auskeden? Der kleinsteTheil unsres belebten Baues, das kleinste Grübchen voll Milch- und Lebenssaft bis zur mächtigen, strömenden Sonne unsres schlagenden Herzens — alles ist voll Gottes, voll seiner unmittelbaren Lebenskraft, Ordnung und Weisheit. Es ist daher tMch nicht eigentlich die Weisheit und der Sinn unsers Psalms, oder andrer solcher lobpreisenden Stellen, in dies Mechanische der göttlichen Biloung und in die Kunst einzugehen, mit E 2 V 63 Christliche Reden der Gott die Knospe eines menschlichen Baums in ihrem Anfänge geformt Hot. So unterhaltend diese Nachforschung seyn mag, so unendlich ist sie, und kann endlich den grübelnsten Forscher so weit verleiten, daß, wenn er ewig untersucht hat, wie Gott alle Herzen und Gehirne bildet, er am wenigsten daran gedacht hat, wie und wozu er denn das Sei- nige geformt und gebildet haben mag. Die Weisheit der alten Zeit war nicht so grübelnd und unendlich, sondern enger und desto tiefer in sich selbst zurückkehrend. Sie wollte nicht hinter den Vorhang Gottes lauschen, und aufdecken, was er aus zartem schonendem Herzen mit heiliger Nacht bedeckt hat; sie erfreute sich desto mehr an dem, was Gott ins Licht stellt, und suchte den Geist zu fühlen, der über jedem seiner unendlichen Werke, als ob cS das einzige wäre, mit einzelner Lebenskraft, Güte und Weisheit, mit einem Meer einzelner kostlich.r Gedanken schwebet. Der Betende dieses Psalms fühlt, daß Gott ihn durchdringt, ihm in das Tiefste seiner Seele schaue: seine Hand halte ihn umschlossen, weil er ihn, mit aller einzelnen Bestimmtheit aufs ganze Leben, zum voraus überdacht und gebildet. Und . so soll auch das Herz, das seine Hand halt, nicht daraus weichen, keiner der Gedanken sich vor dem Urlicht des Schöpfers verstecken wollen, sondern in dem Wege bleiben, den der Bestimmer seines Lebens ihm vorzeichneke. Das Gefühl und diese Betrachtung ists auch, die uns diese ganze Lehre menschlich und anwendbar macht. Nur durch sie werden wir uns selbst ehrwürdig und lieb und heilig: unser Daseyn die Spur eines liebenden Meisters, unsre einzelne Bestimmung eine und HoMilien. LZ Schatzkammer voll weiser, köstlicher GottcS - Gedanken. O daß mir ein Blick vom Strahle unscrs Psalms, und ein Funke seiner durchdringenden Regung würde, die Innigkeit zu bezeichnen, mit der der liebende Schöpfer jede einzelne Menschheit als ein eignes Werk seiner Liebe und Weisheit bildet! Wie er da in seiner dunkeln Werkstätte, wo ihn niemand belauschen kann, wo er niemanden Rechenschaft geben darf, als Künstler zählt und forschet, voraus bedenkt und überdenkt, sich als Vater in seinen zu bildenden kindlichen Ton versetzt, und jeden Schmerz und jede Freude dieses und keines andern Geschöpfs, jede Kraft und jedes Leiden selbst fühlet! Wie er sich ihm so einzeln und ganz mittheilt, daß cs mit keinem andern wechseln kann, oder es gehöret sich selbst nicht. Vater- und Mutterzüge fließen zusammen , aber mit einer Mischung, mit einer gegenseitigen Verbindung, die kein Auge, kein Geist verfolget, und in der überall die wunderbare Bestimmtheit zu einem einzelnen verschiedenen neuen Wesen aus allen Zügen hcrvorlenchtet. So wenig ein Geschlecht vom andern, ein Baum von andern Glieder, Kräfte, Früchte borgen kann: so wenig die Linde kann zur Eiche sagen: Gib mir von deinem Saft, von deinen Blättern, daß ich noch, was ich bin, bleibe; so ist in der menschlichen Natur, der kunstvollesten und höchsibcstimmtestcn aller Naturen, alles höchst einzeln und unermeßlich, unwandelbar unterschieden. Es ist, als ob der bildende Geist und Schutzgeist des Menschen sich selbst in ihn verwebt und vereinzelt habe, da in ihm zu blühen und zu 70 Christliche Reden leben, und jedes kleinste Thcil zu einer einzelnen Zahl seiner Gedankensumme, zu einem so besyndern Ganzen zu machen, als ob dies das Einzige wäre, das er zu bilden, dem er sich mitzutheilen hatte. Die Lehre oder der Traum einiger Volker, von einem besonder» Schutzgcist, der einem Menschen im ersten Augenblick seines Werdens mitgetheilt sey, oder von der Seele, die sich im Mutterleibs ihren Körper selbst gebildet, ist nur hieraus entstanden, und hat ursprünglich wohl nichts als Ausdruck der unendlichen Bestimmtheit und einzelnen Weisheit, Liebe und Ausammcnordnung seyn sollen, die jedes Geschöpf im Kleinen und Großen, im Aenßern und Innern, nennbar und unnennbar an sich traget. Unendlicher, du wärest über mir in Mutterleibs, du schufest was ich vor oder nach lhun sollte, »nd ließest dich in mich herab und wurdest die Seele meiner Seele, das Herz meines Herzens. Du hast mich bereitet, was ich um und an bin und erforschest und prüfest mein Herz bis auf die fernste Grenze seiner Macht und Ohnmacht- Solches Erkenntniß ist uns freilich zu wunderbar und zu hoch, wir könnens nicht begreifen: es ist indeß, wie alle Gottes-Wahrheit, einziger Quell der Nichtigkeit und Ruhe unsres Lebens. Wehe dem Menschen, der mit seinem Schöpfer hadert, dem dieser Theil seiner Bildung, jene Mischung seiner Kräfte und Neigungen, dieser Zweck, jene Absicht misfallt, die Gott bei seiner Bestimmung auf Erden hatte! Er miskennet und verachtet und versäumt sich, und hasset und beneidet, zerstückct und beraubet andere sehr unglücklich. Indem er das Gute ungebraucht laßt, was Gott ihm gab, und dem nächst«- und Ho Milien. 7l bot, was nicht ihm, sondern andern zu Theil ward, zerstört er auf doppelte Weise eine lebendige Kreatur Gottes, nagt an sich und seinem Herzen, wie er an andern naget, und erbeutet mit aller Bemühung nichts als fremden Rost, der sein eigenes Gold zernichtet. Ruhe auf sich selbst, Zufriedenheit mit dem, was uns Gott gab, was wir werden sollen, und niemand statt unsrer werden kann, dies ist die erste Lebensklugheit, der Grund aller Tugenden und aller Glückseligkeit, so wie die grösste Gabe Gottes, So lange wir umher schweifen, und uns selbst nicht haben, ist gleichsam Gottes bildende Hand von uns abgezogen, das Oel seiner Salbung ist verdorret auf unsrer Scheitel, und sein guter, gewisser, freudiger Geist ist nicht bei uns. Das schädliche Handwerk, andre zu zerstücken und uns ihre Glieder der Seele und des Körpers anzupassen, macht uns zu Plagegeistern an uns selbst: die fremden Federn, die wir uns aufzwingen, und wenns Adlers Federn wären, zerreiße» uns und fressen unser Fleisch, wie Feuer — — wir irren ewig ab vom rechten, dem einzigen, einzelnen Lebenswege, den uns Gott bestimmte, und können also auch nie zu der Wahrheit kommen, die unser Psalm preiset, und in der er das einzige Wohlgefallen des Allwissenden setzet. Erforsche mich, Gott, und erfahre mein Herz, prüfe mich und erfahre, wie ichs meine, und siehe, ob ich auf bösem Wege bin, und leite mich auf ewigem Wege. Die Worte sind in tiefer Empfindung gegen die Falschen, die Unwahren gesungen, die dem Geist entfliehen wollen, der sie durchschauet, der ihre verborgensten Wege kennet, gegen die Gottlosen, die ihrem Schutzgcist lügen und ihn hassen, 72 Christliche Neben § lind dem Engel ihres Lebens durch Zwenzüngigkeit, List und krumme Wege zu entgeben trachten. Wie seyd ihr so verkehrt? Kann auch das Werk zu seinem Meister sagen: ich will mich vor dir verstecken? der Thon zu seinem Töpfer: ich will deiner Hand und deinem Auge entgehen? Herr, du erforschest mich, und kennest mich, ich sitze oder stehe auf, so weißest du es, du verstehest meine Gedanken vcn V ferne. Ich gehe oder liege, so bist du um mich, und sichest alle meine Wege. Denn siche, eS ist kein Wort auf meiner Zunge, das du, Herr, nicht alles wissest. Du schaffest es, was ich vor oder hernach thue, und haltest deine Hand über mir. Wo soll ich hingehen vor deinem Geist? und wo soll ich hinfliehcn vor deinem Angesicht? Wie solltest du nicht jede Unlauterkeit, jedes Verirren unsrer Gedanken vom rechten, uns bestimmten Lebenswege, jedes halbe und noch ungeborne Lüqcnwort merken ? Du wärest über uns im Mutterleibe, und hältst uns immer wie im Mutterleibe umschlossen und umgeben. Du spannest den Keim unsrer Gedanken und Wünsche, du zeichnetest den Weg unsres Lebens. O komm über uns, himmlisches Salb- vhl, du gewisser, starker, freudiger Geist des Lebens, der uns mit allem, was wir sind, gebildet hat, und uns allein auf dem rechten Wege erhält! der uns immerfort tragen muß, und an seiner Brust nähren , daß wir nicht verschmachten. In unfern eignen Wegen verwelken wir, wie die Blatter, und unsre Sünden führen uns dahin, wie ein Wind. Dann stehen wir vor dir, wie zerlechzte Gefäße, wie dürre, abgerissene Blüthen, die von ihrem Stamme sielen, denen ihr Lebensgeist entwich. Aber du, Herr, bist unser Vater: wir sind Thon, du bist unser Töpfer, und wir sind alle deiner Hände Werk. Wenn wir auf deiner Wurzel bleiben, großer Baum des Lebens, ist uns wohl; wenn wir in deinem Saft blühen, was kann uns schaden? Erforsche mich, Gott, und erfahre, wie ichs meine, und siehe, ob ich auf bösem Wege bin, und leite mich auf ewigem Wege. Unser Psalm, meine Zuhörer, gibt uns zu diesem fortgehenden Vertrauen, zu dieser Zuversicht auf Gott im ganzen Gange unsres Lebens den überzeugendsten Grund an. Er stellt alle unsre Lebenslage und die Schicksale derselben nur als die Folge und ganze Summe vor, von dem, was Gott bei seiner Bildung über dies ihm köstliche liebe Geschöpf dachte. Er ward gleichsam Rechenmeister, und da er den ganzen Keim des Ungebildeten durchsah und die ganze Reihe seiner noch nngebvrnen Gedanken, Worte, Schritte und Handlungen überblickte, da er das Geschöpf bei jedem Punkte seines Daseyns mit andern gleickssam verrcchnete, und die Bahn seines Lebens, wie sie sich mit jeder andern Bahn begegnen, verschlingen und auflescn sollte, zog und verfolgte: da er dies alles wußte und übersah, so kam nun die Summe heraus, die wir das menschliche Schicksal nennen, die von der tiefsten Eigenheit eines Menschen, und von der sonderbaren einzelnen Bestimmtheit seines Lebens zum Leben andrer abhangt. Uns ist diese Rechenkunst göttlicher Gedanken freilich zu hoch und unbegreiflich; sie soll es aber auch scyn, und unser Psalm sagt es selbst im fünften Verse. Wir haben zu ihr keinen Schlüssel, eben weil wir den Keim nicht übersehen, aus de«. 74 Ehr ist liehe Reden sich das ganze Gewebe spinnet, und alle die Faden nicht übersehen können, mit denen es zusammen geschlungen und verwebt ist. Für den Schöpfer aber war alles ein leichtes Spiel: er schrieb jene und diese Zahlen; die Summe also, die er aus denscss hcn zog und zum Wohl seines Geschöpfs berechnete, war gewiß untrüglich. Sie standen alle auf sein Buch geschrieben die Tage unsres Lebens, die werden sollen, obgleich keiner derselben da war: Er prüfte unsre Schultern und ihre Last, wagte Freude und Leid, Starke und Schwache, Gefahr und Uebel, Rettung und Labsal. Er berechne!»' eS für sein Kind, den Menschen, der die Summe seines Lebens nicht wissen konnte; der nur als Kind, an seiner Hand, auf dem ihm bestimmten rechten und richtigen Ler benswege gehen sollte, und auf das verschlossene Buch der Vorsehung trauen und glauben. Solange «in Mensch dies thut, ist sein Glück das Glück und die Ruhe eines Kindes. Als ein Lamm kommt es auf die Aue der Welt; so lange eS dies weidende Lamm bleibt, kennt es keine Sorge des morgenden Tages, und überlaßt es seinen Hirten und Vormündern sich damit zu plagen. Es kommt auf die Welt und weiß nicht wozu? mit welchen Augen man es ansehe und grüße? wem es in die Hände gelegt werde ? und welche Augen cs bei den ersten Tritten seines Lebens leiten sollen? Unbesorgt und sicher über dicS alles, schlafts, und laßt ein höheres Auge für sich wachen; das auch schon gewacht hat, ehe es da war: denn selbst die Gesetze seiner Narur, seines Werdens und seiner Erscheinung sind Bande des Mitleids und der Liöbe, die ihm ein Vater- und Mutlerhcrz bereiten. So wenig es für und Ho Milien, 7 seine Bildung sorgte, sorgt es für seinen Gang des Lebens, denn dieser ist nur eine Fortsetzung und Entwicklung jenes ersten Gewebes. Jeder Mensch ist für seine Bestimmung gemacht und kragt den Saamen zu ihr in sich: er tragt in sich Wehr und Waffen gegen alles Uebel, das ihm begegnen soll, und Sinne und Werkzeuge zum Genuß alles Guten, das sein und keines andern zu werden bestimmt ist. Gott rief ihm, Gott gab ihm Zeit, Ort, Geburtsstunde, Eltern, Stand und Schicksal: kein Mensch kanns verrücken, kein Mensch sich selbst wählen. Er hat ihm Raum gemacht, zu scyn, und wird ihm Raum machen, was er seyn soll, zu werden. Jeder Tritt seines Ganges ist eine Zahl im Buch Gottes, jede Verwickelung und Auflösung einer seiner köstlichen/ verborgnen Gottesgedanken. O Gott! könnten wir sie zahlen! Mehr als Sterne am Himmel, mehr als Sandes am Meer, selbst in einem einzigen kurzen und armen Menschenleben. Wir zahlen und schlummern ein und schlafen den Schlaf des Todes, und nur erst, wenn wir aufwachen werden, werden wir ganz bei dir. sei-n, und die Summe der Gedanken sehen, die du über uns hattest. Welche Wahrheit, Gewißheit und Ruhe giebt uns dies verschlossene Buch auf dem Weg unsers Lebens. Es ist Gottes Weg und nicht der unsrige: ein gewisser, ewiger Weg, wenn wir an seiner Hand bleiben, der in der Tiefe und im Abgrunde nicht enden kann. Er schrieb ihn auf fein Buch, und wird gewiß kein leeres Gcwirre daran gezeichnet ha-> ?6 Christliche Reden ben: er machte ihn zur Summe seiner edlen Gedanken, er kann also in keinem Tritte gedankenlos und ohne Zweck seyn. Unser Beruf istS nicht, in das Buch Gottes zu spähen, daß wir mit Sorgen auf unsrer Stirn die ferne Zukunft unsres Schicksals zur Gegenwart machen wollen; aber hohe Pflicht ists, die Gedanken Gottes zu verstehen, die er uns durch alles, was uns zustößt, selbst saget. Die Sprache unsres Schicksals ist die geheimste Gottes- sprache für jedes einzelne Menschcnhcrz: da nimmt er ihn allein und sagt ihm, was er keinem andern zu sagen hatte, was kein anderer verstehen konnte und durste, was aber dieser Mensch, wenn noch etwas Lauterkeit und Wahrheit in ihm ist, bei jedem Tritt lebendig und innig fühlet. Gott redet nicht, wie ein Mensch redet, Wahngedanken, Meinungen, unbestimmte Sylben und Worte; er spricht Sache durch Sache, That durch That, Wahrheit durch Begebenheit und Wahrheit. Kein Schritt unsres Lebens, kein gerathcncr oder mißrathencr Erfolg, kein Gutes und Uebel, für daS wir können oder nicht können, ist ohne diesen Sinn, ohne diese tiefe Beziehung auf unser Herz und seine Belehrung und Bildung. Er weckt uns alle Morgen, er weckt uns das Ohr, daß wir hören sollen, wie ein Jünger. Der Lebensgeist, der uns bildete, ist immer um uns, in uns, sieht und kennt uns, versteht unsre Gedanken von fern, merkt auf alle unsre Wege. Er leitet sie, wo wirs nicht sehen, verflicht und entwickelt sie, wo wirs nicht merken, spricht durch sie auf unsre Gedanken, auf die geheimFen Triebe und Ho milien. 77 unsrer Seele. Wohl dem, der diese Sprache versteht, der auf jeden neuen Wink derselben merket. Es ist die Sprache des Vaters mit seinen Kindern : cs ist die Entsiegclung und Offenbarung des Buches Gottes, gerade da, und darin, und in dem Maaß, als wirs wissen mußten. Gott erforscht und prüft alle Tage das Herz seiner Lieben, prüft und erfahret wie sie's meinen: sieht er, daß sie auf bösem Wege sind, er kehrt um sie auf den richtigen Weg zu leiten, und wird lange nicht müde, Und ob sie schon oft seinen heiligen Geist erbitterten und erzürnten , und er alsdann ihr Feind zu scvn scheinen und wider sie streiten mußte: so ist und bleibt er doch ihr Vater, ihr Führer, ihr Erlöser, von Anbeginn ist das sein Name. Und das sey er auch Ihr, für die wir jetzt beten, der neugebornen Prinzessin unsres Landes, Luise, Auguste, Amalie. Er, der die Sterne rufet und führet ihr Heer bei der Zahl heraus, der sie alle mit Namen rufet und sein Vermögen und seine starke Kraft ist so groß, daß es nie ihm fehlen kann; er rief Sie und nannte Ihren Namen, ehe Sie war, und bestimmte Ihr Zeit und Stunde, Ort und Stand, und Eltern und Schicksal, und schrieb Ihre Tage auf sein Buch, und macht Sie zur Erstgebornen unsres Fürsten, zur ersten Freude unsrer Fürstin, zu einer Morgenröthe von Hoffnung und Freude. Der Herr, der ewige Gott, sieht den Weg Ihres Lebens und hat ihn gezeichnet mit Weisheit und Liebe. Er blickt in die noch verschlossene Knospe Ihrer Seele, und Hort die leisen Töne deS Saitenspiels, die in Ihrem Herzen schlummern. Er Christliche Reden und Homilien. wird sic erwecken und das Welk seiner Hände bilden, und Ihr Leben seyn lassen eine Summe seiner köstlichen Gedanken, Denn wahrlich, wenn ein Stand der Erde es nöthig hat, daß sich die Krast des göttlichen Lebensgeistes gleichsam doppelt wapne, so ists der Stand der Fürsten, wo von Jugend und Kindheit auf Alles Zusammentritt, ihn, den bildenden Lebcnsgcist, seines Amts zu entsetzen, statt seiner da zU seyn, und ihn der Mühe weiterer Bildung zu überheben. Es treten gleich menschliche Bücher an die Stelle des Buchs Gottes, so viel Menschengedanken an die Stelle seiner Gedanken; in weniger Zeit ist Gott und sein Geist völlig unnütz geworden, verdrängen Und entfernt: das Gebilde des obersten Bildners bleibt unvollendet. Aus seiner Hand gerissen, und desto mehr in den Händen der Menschen, in ewigen Windeln, oder gar noch Nicht am Lichte des Tages. Die Tochter un- sers Fürsten ist daran, und Gott gebe, daß sie daran bleibe, daß sie sich der Sonne alles Guten und Wahren freue, und durch den lebendigen Hauch des Geistes, der sie belebt hat, eine Sprosse der Gesundheit an Seele und Leib, eine Blüthe der Gerechtigkeit und Unschuld, ein schöner Baum werde in dem Garten Ihres Gottes, an dem er sich freue, an dem sich täglich Ihre Eltern freuen und alle die Ihren und Jedermann, der Sie nnschaut, segne Sie im Namen des Herrn, zUm Wohl unsres Landes, zum Segen des Landes, dem Sie einst bestimmt ist, zur Ehre und Freude der Menschheit. Amen. Rede bei dee Taufe der Prinzessin Luise Auguste Amalie von Sachsen - Weimar. ^§ie sind, gnädigste Anwesende, vor dem Angesicht Gottes hier gegenwärtig, ihin diese neugeborne Fürstliche Tochter durch Gebet und Gelübde darzubringen, und sie auf Lebenslang seiner Gnade zu empfehlen. Wenn etwas in der Welt uns heilig seyn kann: so ist es die Erscheinung eines neugcborneN Kindes. Es kommt wie ein Wanderer aus der Fremde in eine Fremde; aus einem Lande, das es nicht kannte, an ein anderes Ufer, das ihm noch eben so unbekannt ist. Die Stunde schlug, und der unerfahtne Wanderer Mußte ziehen: mit Schmerzen und Unbekannten Kräften, wie durch geheime Bande der Allmacht, hinüber gezwungen, hinüber geleitet. Weinen ist die Stimme, womit er das neue Land grüßet, und kein König, sagt die Schrift, hatte einen andern Eingang in das Thal der Wolken, der Abwechselung von Mühe und Freude. Wie der Gang Gottes überall in der Natur herrlich ist, aber dunkel, 8o Christliche Reden und stille verborgen: man hört nicht den Tritt seines Kommens, aber man steht, wo er ging und wie sein Fußtritt hinter ihm glanzet; gewiß ists also mit seiner Vorsehung über das Leben der Menschen. Sie ist da, unzweifelhaft und gewiß da: seine Hand ists, die sie, wie jener Psalm sagt, im Verborgenen wie in der Tiefe der Erde, schauerlich wunderbar bereitet, und wie er dorr bei der ersten Menschschöpfung mit sich zu Rathe gieng und überlegte, sodann den Abdruck seines Bildes mit Händen der Liebe bildete, und mit dem Othem seiner Weisheit beseelte; so kommt jeder Ankömmling, nicht unbe- reitct, nicht ungerüstet in seine neue Wüste. Auf sein Gesicht sind schon alle die Züge geprägt, die einst die Tafel feiner Gesinnungen, seines Ganges und Schicksals seyn werden; in fein Herz sind schon alle die Kräfte gehaucht, die sein Lebensschiff treiben sollen; der ganze Knäuel von Lebcnsfaden liegt da, nur vor Menfchenaugen noch unaufgcwickelt und verborgen; die Hand des obersten Vaters allein hat sich cs Vorbehalten, ihn schrittweise zu entwickeln, zu verflechten und zu entflechten, zu knüpfen und zu lösen. Der Mensch kommt als Kind Gottes auf die Welt, und soll Zeitlebens Kind Gottes bleiben. Wenn also, dünkt mich, ein Umstand uns vor den Thron Gottes treiben soll, so ists die Geburt eines Kindes auf unsre Erde. Die Decke der Zukunft liegt auf ihm, daß es vor den Augen Gottes erscheine, des Hüters, der nicht schlummert, der ein Auf- und Ho milien. 8r Aufsehen Hot auf seine Auserwahlten, und sie wie Kinder leitet, und wie seinen Augapfel bewahret. Hast du mich nicht wie Leim gebildet und wie zarte Milch lassen gerinnen? Mit Gebein und Adern hast du mich gefüget: Leben und Wohlthat hast dn an mir gcthan, und dein Aufsehen bewahret meinen Othcm. Und wiewohl du solches in deinem Herzen verbirgst, so weiß ich doch, daß du sein gedenkest. Beinah unter allen Völkern der Erde, selbst die wir wilde nennen, ists daher erster Trieb und Sprache des Herzens, ihr neugebornes Kind gen Himmel zu erheben, cs dem großen Weltgeiste und Weltgvtt, wenn sie ihn auch nur in der Sonne und den Elementen des Lebens suchten, feierlich zu schenken, einen milden Schutzgeist zu ihm zu rufen und es zu benennen mit Namen der Liebe und Herzensahnung. Jeder weitere Blick umher von Religion lind Empfindung unterdrückt nicht, sondern erhebt und bekräftigt diese Gefühle. Das Herz der Eltern ist mit dem Herzen der Kinder, wie das Schicksal beider mit einander verwebt: sie sind verschlungene Wurzeln eines Menschenglücks und Lebens. Das Herz der Eltern hangt am Herzen der Kinder: sie sind Tropfen aus ihrem Strome, losgeriffene Inseln aus dem Meer ihrer Gefühle, Neigungen und Bestimmungen. Die schönsten Freuden, wie die schmerzhaftesten und geheimsten Leiden, die unaussprechlichste Mitempsindung hat uns also die Vorsehung in den Sprossen und Blüthc» unsrer selbst beschicken, in denen wir wachsen und blühen, wirken und fortwahrcn, geliebt und gesegnet werden, wenn wir selbst nicht mehr sind, und auch wenn wir noch Herders Werke z. Rei. u. THeel. IV. § 82 Christliche Reden sind, in ihnen doppelt und vielfach leben. Wer setzt uns, sagt jenes alte Buch, einen Stein des Andenkens, wenns nicht die Hand eines Kindes thut ? und wo giebts bessere Steine des Andenkens, als wenn sic selbst, lebende Denkmale von uns zum Segen, zur Freude, hinter uns bleiben? Und da dies alles von dem Gott allein abhangt, der der ewige Vater ist aller Kinder und Eltern, und Herren der Erde, der ihr Haar gezahlt und ihr Herz bereitet hat, und ihren Namen nannte, ehe sie waren, und sie rief, daß und was und wo sie seyn sollten? der ihren Lcbensgang zeichnete, und eintrug mit dem Finger der Liebe, und Lebenslang zu ihnen sprechen muß: weiche nicht, ich bin dein Gott! ich starke dich, ich erhalte dich durch die Rechte meiner Barmherzigkeit; es sollen wohl Berge weichen und Hügel hinfallen, aber meine Gnade soll nicht von dir weichen, und der Bund meines Friedens soll nicht hinfallen, spricht der Herr dein Erlöser! — Was ist wohl mehr Menschen-, und Eltern-, und Freundes- und Christenliebe, als zu ihm zu bringen, die sein sind, sie durch Gebet und Vorbilte, die für jeden, der ihrer bedarf, wie viel mehr für ein neugebornes Kind bei Gott viel vermögen, an sein Herz zu legen, und in seinem Namen den Bund 'der Liebe und Treue zu schließen, der ihm ewig das Her; Gottes erhalte! Aus dem Munde der Unmündigen und Säuglinge hat er sich Macht und Lob bereitet. Das erste ihm geschenkte Lallen ist ihm schöner als der Glanz eines Morgensterns, der erste Strahl ihrer aufbrechenden Seele, und der Tugenden, die darin wohnen, lieblicher als alle Farben der Morgenröihe. — 83 und Ho milien. Lossen Sie also), gnädigste Anwesende, die hier im Name» der Eltern und des Kindes vor Gott stehen, ihm die erste Frucht des Segens, die er jetzo unserm Lande geschenkt hat, als sein Geschenk, als sein Pfand der Liebe zu übergeben — lassen Sie mich die Stimme Ihres Herzens, des Herzens jedes Rechtschaffenen unsers Landes seyn, und für unsere neugeborne Prinzessin also beten. Herr Gott, du Vater und Quell alles Guten, aller Kinder, und auch dieses Kindes Vater! Nimm das Pfand der Liebe, das du seinen edlen und guten Eltern, und durch sie unserm Lande geschenkt hast, als Pfand deines Eigenlhums ewig wieder. Du hast sein Herz gebildet, wie der Künstler Wachs bildet, ihm Kraft« und Gaben eingehaucht, wie der KünstlerTöne des Gesangs bildet: sey bei Ihr, du Ihr Gott und Meister, und sey Ihr Gott vonMutterleibe an! Deine Lieb hat sie umfangen, Ehe sie die Welt empfing: An dein Herz ist sie gehangen, . Eh sie auf die Erde ging; und so müsse Sie an dir und deinem Herzen Ihr Leben hin bleiben. Bilde Sie, die du gebildet hast, durchs Leben hin weiter, und rufe die Töne des Gesanges hervor, die dir bei jedem Schritt Ihrer Wallfahrt zutönen sollen, zu deiner Freude und zum Wohl der Menschen. Ihr christlicher Name soll jetzt genannt werden, nenne du ihn Himmel, und zeichne ihn ein ins Buch der ewigen Liebe, daß er auch unter den Menschen immerdar hold klinge, und sey ein Name der Liebe und der Verehrung. § 2 84 Christliche Reden und Homilien. Das Zeichen des Kreuzes deines Geliebten soll Siebezeichnen; bezeichne du Sie mit seiner Unschuld, seiner Sanftmuth und Liebe zu dir und den Menschen, daß die Religion dieses Kreuzes Sie erquicke, und Sie die Ruhe und Gottesfreude genieße, die dein geliebtester Sohn genoß auf Erden und jetzt ewig oben genießet! Taufe Sie mit Geist und Kraft und Strömen des immer erquickenden Lebens, daß Sie empor blühe als dein Baum, als die Sprosse deines unvcr- welklichen Segens. Erhöre uns Gott und das Ja in Ihrem Namen sey ewig vor dir Ja und Amen. Einsegnungs-Gebet beim Kirchgänge Zhro Durchlaucht der Herzogin. 1780. s^crr, unser Gott und Vater, Vater dieses Kindes und seines Schicksals, scy in unserer Mitte und laß die Worte, die hier gesprochen werden, von dir gehört und erfüllt scyn! Amen. Ich soll nach einem Gebrauch voriger Zeiten, der, so wie mehrere Ueberbleibscl der Art, von der Treue, häuslichen Einfalt und Gottesvcrehrung zeigt, da, ehe die Mutter ihren ersten Ausgang ins Haus Gottes vollbrachte, Vater und Mutter des Kindes nebst ihren Hausgenossen sich vcrsammleten, gemeinschaftlich über das Kind zu beten, und da es selbst dahin nicht folgen und als Gabe vor den Altar Gottes dargcsiellt werden konnte, cs in dem stillen Tempel ihres Hauses Gott selbst darzubringcn und ihm abscheidend beim ersten Ausgange den Kuß des Segens und Gebets zu hinterlassen; ich soll, sage ich, nach diesem alten ehrwürdigen Gebrauch, jetzt die Stimme und der Dollmetscher väterlicher und mütterlicher Gesinnungen seyn, und diesem Kinde im Namen der Religion den Segen anwünschen, de» Gott allein geben kann, so wie seiner edlen Mutter zu Ihrem ersten Ausgange das Gute wünschen, das jedes rechtschaffene Herz des Landes für Sie im Stillen erflehet. Ich stelle mich bei dem Ersten und Andern aus unserer Zeit hinaus, in jene edlere Zeit der Patriarchen, da man noch an die Erhörung eines gemeinschaftlichen Gebets und Segens glaubte , da man ihn wie die Stimme des Herzens und der Weissagung in die ferne Zukunft ansah, und er in der Seele des Kindes und seines Geschlechts lange Zeiten hinab mächtig wirkte. Der Vater der Menschen, der gerne segnet, hat cs sich eigen Vorbehalten, den Segen der Eltern, über Kinder in ihren ersten Tagen der Lebensblüthe ausgesprochen und mit ihrem Herzen besiegelt, überschwänglich zu erfüllen, und da sein Sohn, das Bild der göttlichen Liebe und Freundlichkeit, hier auf Erden wandelte, wars mit sein süßes Geschäft, Kinder zu segnen und über sie zu beten. Er hat uns das Wort der Verheißung nachgelassen, daß, wo zwei oder drei in seinem Namen Zusammenkommen, und Eins werden, warum sie bitten wollen, solche ihnen widerfahren von seinem Vater im Himmel: denn er ist bei uns alle Tage bis an der Welt Ende. Er ist auch jetzt unter uns und in unsrer Mitte, das stille Wort unsres Herzens zu hören, und es zu bekräftigen und überschwenglich zu erfüllen. Amen. Und so sey denn Gott mit dir und wolle über dich wachen, zarte Sprosse und Ankömmling der Erde, die du deinen Aufenthalt und Zweck noch nicht kennest und im Arme der Vorsehung, wie jetzt im Arme deiner Mutter, ruhest. Du kennst noch und Homilic n. 87 nicht die schone Sonne, die über dir scheint, die die ersten Toge deines Lebens zu so schönen, heitern Togen der Notur gemocht Hot; erlebe eS, sie zu schonen und dich on ihr zu freuen, und dein Leben sey heiter, wie der Himmel in deinen ersten Togen, und Gott der Herr sey unsichtbor deine Sonne, die tousendmol inniger dein Her; erfreue und durchwärme, ols cs die irdische Sonne thun konn. Er sey dos Herz deines Herzens und die Seele deiner Seele: Alles, wos ous ihr, der obersten Quelle von Licht ^ und Leben, in dich fließen und dein Gefäß soffen und onfnehmen konn, werde dir zu Theil, doß du seyst eine schöne Blume in seiner Hond, ein schöner Polmboum vor seinen Augen. Du bist in einer Welt, wo es keine reine Freuden, ober ouch kein unendliches Leid gibt, und die Vorsehung Hot dich zu beiden gerüstet: genieße die reinsten und edelsten Freuden, die die Erde geben konn, die Freuden der Unschuld und Menschenliebe, die keine Neue vergället, kein Nochwch trübet. Erfreue dich on der Schönheit der Notur, und tröge, so viel du konnst, zu ihr bei, sey fröhlich mit den Fröhlichen und weine mit den Weinenden, und werde die Hond und dos Herz der Vorsehung für den nochleidenden Theil der Menschheit, und wolle keinen bessern Donk, ols den Gott selbst einzig und über Alles liebet , den stillen Donk des Herzens, die ungesehene Lhränc, die dich liebet und für dein Doseyn dem Himmel blinket. Je mehr du solcher hoben und sommlen wirst in der Wondcrschnft deines Lebens , desto mehr ist dir Lohn in der Unsichtborkeit deines Herzens und der künftigen Welt beschieden. Behüte dich der Himmel für dem Rost, der ouch dos schönste Gold frißt, L8 Christliche Reden und Homilien. für Stolz auf deine Gaben, deine Weisheit, deinen Stand, deine Würde, um so mehr wirst du Fürstin seyn, je mehr du andern dienst, über freiwillige Gemüthcr durch Klugheit, Wohlthun und Liebe herrschest und eine Königin wirst im Reich guter, stiller und edler Thaten. Von Kindheit auf mache dich Gott zur Ehre und Freude deines Hauses, zur täglichen Freude deiner Eltern und aller guten Menschen , so wie zu einer unüberwindlichen Mauer gegen alle Heuchelei und Schmeichelei, gegen alle Bosheit und Niederträchtigkeit der Erde. Sey, was du der Zeit deiner Geburt nach warst, in deinem ganzen Leben, eine Vorläuferin des Friedens, ein Stern guter Hoffnung unserm und dem Lande, dem dich einst der Himmel gönnet. Sey eine bescheidene Morgenrose, die an der Brust ihrer Mutter in dieser und jener Welt blühet und ein Edelstein auf dem Herzen deines Vaters aus den Zeiten seiner Jugend. Amen. Erhöre uns Gott und nimm das stille Gebet des Herzens an, das dir die Eltern des Kindes über ihr Kind bringen : segne den Ausgang und Eingang und die ersten Tritte unserer vcrchrtesten Fürstin in dein Gotteshaus: gib ihr, was ihr Herz verlanget, und wvrnach das Innerste ihrer Seele dürstet! Der Herr segne dich und behüte dich; der Herr erleuchte sein Angesicht über dir und sey dir gnädig, der Herr erhebe sein Angesicht auf dich und gebe dir Friede! Amen. XXVI. Predigt bei Gelegenheit einer todtgebornen Prinzessin. 1781. Was willt du, armes Leben, Dich trotzig oft erheben? Du mußt ohn Säumnifi fort. Wie fern dort von der Erden Die schnellen Wolken werden Zerflattert durch den Nord. Das was man um dich spüret, Was dich betrüglich zieret, Was wir oft heiß erstehn, Ist eine Nacht von Träumen, Die itzt ein wenig säumen, Und itzt im Nu vergehn. Herr! aus der dunkeln Höhle Eilt unsre matte Seele, Zu kommen an dein Licht: Wo du, selbst Glanz und Sonne, Mit Strahlen ewger Wonne Verklärst mein Angesicht. go Christliche Neben Da werden wir aiischauen, Worauf wir hier nur bauen Durch Glauben an dein Work: Und mir der Schaar der Frommen , Aus Sturm und Wellen kommen Zum ewig sichern Port, Amen. V- U. Text: Hiob 14, B. r., 2. und 5» ^ederickann unter uns, m. A , ist die traurige Veranlassung bekannt, weswegen ich heute diesen Text wähle. Es hat der Vorsehung gefallen, unsrx Hoffnung in Klage zu verwandeln und uns selbst die Wahrheit zu predigen, die Hiob hier so rührend vortragt: Der Mensch vom Weibe geboren lebet kurze Zeit; gehet auf wie eine Blume, und fallt ab, fleucht wie ein Schatten, und bleibet nicht. Er hat seine bestimmte Zeit: die Zahl seiner Monden stehet bei dir, du Haft ihm ein Ziel gesetzt, das wird er nicht übergehen. Wenn also die Veranlassung selbst, wie ich voraussetzen kann, jedem eindrücklich und rührend gewesen, wenn sie vielleicht diese Woche her die Gedanken manches mit eben der Wahrheit beschäftigt hat, von der Hiob r>'det; wie könnten wir diese Stunde besser anwenden, als wenn wir die Lehre der Vorsehung, die sie uns selbst gesagt hat, zum Gebrauch unselö Lebens entwickeln? Der Text enthalt eine Klage üb?r die Kürze und Unruhe des menschlichen Lebens: er braucht dazu die wahren und rührenden Bilder einer abfallenden Blume, eines flüchtigen und bald verschwurt- und Homilicn. denen Schattens, in denen uns die Natur jährlich und täglich die Nichtigkeit unsrer selbst lehrt. Er enthalt aber auch den Trost darüber, den großen Aufschluß, daß auch hier sich Weisheit und Güte Gottes zeige. Auch dem flüchtigsten Schatten vom Menschenleben habe Er das Ziel gesetzt, das dieser erreichen muffe, daß er nicht übergehen werde. Lasset uns beides in dieser Stunde betrachten: zuerst die Klage Hiobs über die Nichtigkeit unsers Lebens selbst, und sodann den Ausschluß und Trost darüber, daß auch hier Weisheit und Güte Gottes sich offenbare. i. Allerdings ist es sonderbar und verwirrend für den Menschen, daß so viel Dunkelheit auf dem Wege seines Lebens liegt, daß über den Ursprung, die Dauer, den Ausgang desselben die Dunkelbeit sich am meisten hauset; daß er mit so viel Gaben und Anlagen hicnieden ein so flüchtiger Schatte werde. Ewigkeit liegt in seiner Seele; und alles um ihn, er selbst ist so nichtig, so vergänglich! So weise, so mächtig und allgewaltig er sich dünkt, daß er sein Leben in seiner Hand zu haben, den Gebrauch desselben sich überlassen glaubet; so wenig ist er doch Herr seines Lebens, so wenig ist er doch Rathgeber desselben gewesen. Ec kommt und weiß nicht woher? er gehet hinweg und weiß nicht wobin? ja, er weiß nicht einmal, wann er kommt? wann er gehet? Eine unbekannte Stimme rief ihn von einem unbekannten Ufer, und wirft ihn auf ein Meer hin, wo er noch weniger Weg und Anfuhrt kennt. Cr kommt in dir Welt, und weiß nicht, wem in dir Arme ? in welchem Stande? zu welchem Zwecke? ob er erwartet oder gesehener, gehofft oder gefürchtet werde? —- Eben so wird er abgerufen, und weiß nicht, wann seine Zeit kommt? Im Rathc der Wächter ists beschlossen, aber er hat diesen Math nicht gehört; er weiß auch die Umstande nicht, kennet den Wind nicht, der sein Schiff hinwegtrciben werde? Oft ist die Quelle des Lebens sein Tod, sein Komme» muß Weggehen werden. Das menschliche Geschlecht ist eine Art von Wanderern , von ziehenden Vögeln: es ist immer auf der Reise, immer im Zug. Seine Kette ist nie ganz; sie bricht und erneut sich jeden Augenblick in einzelnen Gliedern. Wir kommen und gehen, sind und sind nicht mehr; auch keine kleine Gesellschaft ist in kurzer Zeit dieselbe. Der Planet, auf dem wir wohnen, ist nur ein Ruheplatz, eine Wanderstatte; wir fliegen hinan, und fliegen weiter: wo ist unsere Statte? 2. Noch sonderbarer, daß die meisten Wandrer offenbar bestimmt scheinen, nur kurze Zeit aus demselben zu weilen. Die meisten Menschen sterben als Kinder, nur ein Ausschuß kommt in die höhern Jahre, und abermals nur ein kleiner, sehr kleiner Ausschuß kommt in die höchsten Jahre des kurzen flüchtigen Crdelebens. Die Natur ist so reich, sie treibt eine solche Menge von Blülhcn hervor, daß sie sie im kleinen Bezirk dieses Crdelebens nicht alle zur Reife zu bringen Raum hat. Die meisten zeigt sic nur, und nimmt sic wieder. Und gerade sind die, die sic nimmt, meistens und Ho milien. 9Z die zartesten, hoffnungreichsten Blüthen. Es ist ja beinahe ein Sprüchwort geworden, daß alles Liebliche auf unsrer Erde nur kurz dauern müsse, und daß die zarteste Blume immer am ersten welke. Kindern von ausnehmenden Anlagen, von vorzüglich schöner und früher Bildung weissagt man selten ein langes Leben, und bei Jünglingen, bei Männern bleibt immer dasselbe Vcrhaltniß Die edlere, überschwengliche Seele wird bald ihrem irdischen Körper zu mächtig ; ihr himmlisches Feuer zehrt die niedrige Hülle auf, und der höhere Geist, der sich hier überall als Fremdling fühlt, verlaßt auch bald diese Fremde, und sucht seine himmlische Heimarh. 3. Noch sonderbarer, daß bei diesem großen Naturgesetz auf keine Erdcnzwecke gerechnet wird, wenn sie uns auch die wichtigsten, die nokhwendig- stcn schienen. Ein Mensch, den jedermann für äußerst nützlich und unentbehrlich hielte, von dem jedermann glaubte, daß sein Leben, wenn es noch wenige Jahre wahrte, auf Jahrhunderte wirken müsse, dessen Verlust also Verlust für tausende ist, und vielleicht auf lange Zeiten ein uncrsetztcr Verlust seyn wird; ein solcher Mensch, den die Natur- eigen zu seinem Werke gebildet und als einen liebreichen Menschencngel hieher gesandt zu haben schien — sie rufet ihn weg bei unvollendetem, bei halbvollendetem Werke, und ein andrer kommt, und zerstöret dasselbe. Wittwen und Waisen weinen um ihn, aber das Schicksal hört nicht ihre Thranen: er ist hinweg, und kommt nicht wieder. Er mußte fort, und die unnütze Last der Erde bleibt. Die größten Werke des menschlichen Geistes, die edelsten 94 Christliche Reden Borsätze des menschlichen Herzens, denen wir mit jedem Gedanken Ewigkeit wünschen: das Schicksal schont sie nicht, cs hat auf ihre Erhaltung nicht gerechnet. Der Erfinder, der in wenig Jahren für Jahrhunderte erfunden hatte, muß weg, und die gedankenlose Heerde, deren tausende nicht wertst schienen, sein Leben zu kaufen, bleibet und weidet sicher. Der alte Regierer der Welt scheint unsrer Weisheit, unsrer Erdenewigkeit zu spotten, und spricht zu uns täglich: „arme Menschen, ich habe nach eurer Weisheit nicht gerechnet." 4. Ja endlich, wenn cs auch das Herz angreift, wenn er die zartesten Bande der Liebe, und der Freundschaft, aller Erdenverbindungen und Erden- verhaltniffe, die uns doch nach aller Aussicht, nach allem Gefühl, die reinsten, wahrsten Zwecke unsrer menschlichen Bestimmung scheinen, und denen wir deshalb so gern Ewigkeit wünschen— wenn er auch diese nicht schont, sondern Herz von Herz, Seele von Seele, so frühe, so blutig wegreißt, daß auch dem Ueberbleibenden sein Herz, sein Leben geraubt zu seyn scheint, was sollen wir dann sagen? — Mit zerrissenen Herzen stehn wir da und weinen und schlagen die Augen nieder. Gibt cs ein Band hie- nieden, das reiner, das wohlthatiger, das göttlicher wäre, als das zwischen Eltern und Kindern? und doch, welches Band der Herzen wird oster, wird schmerzlicher zerrissen als dieses ? Eltern werden ihre Kinder geraubt, oft ihre liebsten Kinder. Das Schicksal wollte ihnen zeigen, daß das, was sie am. eigentlichsten ihr nannten, nicht das Ihre, daß es ihnen nur geliehen^ und gleichsam vergönnet sey, daß und Homilien. LZ die schönsten Kleinode ihres Herzens einer höhcrn Mutter, der Ewigkeit, zugehören. Kinder verlieren ihre Eltern in Jahren, da sie sie am meisten vermissen, da sie ohne sie fast nicht seyn können auf der Erde. Arm und unerzogen irren sie umher, verlassene Wandrer auf wüstem Wege, abgerissene baumlose Zweig:! Der abgeschiedene Geist der Eltern, wenn er um sie schwebt, wenn er sie verlassen umherirren sieht, er kann ihnen nicht zu Hülfe kommen, kann ihnen die Hand nicht 'reichen. Wie manchen ward der süße Vater- und Muttername kaum auszuspccchen, kaum herzulallen vergönnt: sie sollten die, denen sie alles zu verdanken hatten, nicht kennen, und diese an ihnen keine Freude, keinen Trost genießen im Leben. Die liebsten Ehegatten werden getrennt, und die bleiben zusammen, die sich täglich von einander wünschen. Die besten Freunde werden getrennt, und die sich hassen, erhalt das Schicksal. Die Blume der Liebe fällt ab, die zarteste Nose der Freundschaft welkt, und der nackte Dorn steht da, als ob ihm die Ewigkeit gebührte. Was will der Regierer der Welt mit alle dem sagen? was will er uns sagen als dies zuerst: Menschen, auf eurer Erde ist nicht der Sitz der Ruhe: sie ist kein Wohnhaus ewiger Wünsche. Eine kurze Ruhestätte für den Wandrer ist sie, und nichts weiter. — Wenn wir auch keine Bibel hatten, wo uns dies aus allen Blättern gesagt ist: so sagt's uns die Natur, so sagen's Himmel und Erde. Unsre Erde dreht sich, und wir g6 Christliche Reden drehen uns mit ihr. Berge zerfallen, und Zedern sterben, die schönste Blume verwelkt, die süßeste Frucht vermodert: nichts auf ihr ist unvergänglich. Und unser armer Körper sollt's seyn, die nichtige Hülle, nur aus Staub gebildet? unser armes Leben sollt's seyn, das welke Gras, die zerfallende Blums ? Ein Wunsch, eine Erdenhoffnung sollt's seyn, die hier ein ewiges Paradies suchte und fände? Nein ! die süßesten Wünsche des Lebens sind mit uns sterblich, ja sie sind sterblicher, als wir selbst sind, wenige Jahre, wenige Schritte weiter, und wir sind sie, oder sie uns vorüber. Aber, o Mensch, erhebe deinen Blick gen Himmel, da ist ein freierer Raum, eine höhere Hoffnung ! Die Erde, auf der du wohnst, ist ein himmlischer Stern, mit unzähligen andern Sternen in Wirkung, in Verbindung, in Einem harmonischen Einklang. Sie empfangt von andern Licht, Kraft, Leben: sie wirkt auf andre, und wir sollen nicht mit ihr wirken, und weiter streben? Wir sollten, in sie cingeschlossen, auf ihrem Staube verwesen, als ob dieses Staubkorn die ganze Schöpfung wäre? Nein, ich wohne in einem armen Winkel der Schöpfung; aber auch in diesem Winkel strömt mir täglich aus allen Sternen und Sonnen Licht zu. Jede Nacht seh ich am Himmel das Buch der Unsterblichkeit aufgeschlagen, seine Schrift ist mit Gottes Finger geschrieben : Sterile sind seine Schrift, harmonische Welten sind die Buchstaben meines Schicksals. Alle in einem Zusammenhänge gehn sie, und wandeln ihren erhabnen Gang; ick wandle mit ih- und Homilien. 97 nen. Ich bin der Bewohner eines Sterns, und weiß, wo meine Hoffnung, wo mein Vaterland ist, unter den Sternen. Armer menschlicher Geist! und du wolltest ermatten auf diesem Staube der Erde? auf dem kleinen Ruhepunkt, dem armseligen Reisehause, wo du dich nur wenige Stunden aufhaltst! „Erdennoth ist keine Noth als dem Feig' und Matten/' Offenbar ist alles hier nur Durchgang, nur erste Vorbereitung. Wir sind hier nur auf der ersten Stufe der Vernunft, freier Thatigkeit und Weisheit: wir haben alles nur noch im Keim und nichts in den Früchten; wir find noch wenig, aber wir sollen und können viel werden. Es ist noch nicht erschienen, was wir seyn werden, wir wissen aber, es wird erscheinen! Hier ist alles Stückwerk und Kindheit: unser Wissen, unser Erkennen, unsere Religion, Thatigkeit und Uebung. Als Kinder lernen wir hier den Namen Gottes stammeln, und schöpfen die ersten Begriffe von ihm aus seiner Welt, aus seiner väterlichen Offenbarung , als Kinder. Das Schönste und Beste, was wir in unsrer Seele sammeln, ist ein schwacher Abglanz von ihm. Das Edelste und Schwerste, wozu wir uns gewöhnen, Weisheit, Schönheit , Güte sind Eigenschaften un- sers großen Wohlthakers, die wir hier in schwachen Nachahmungen und Kindcrproben lernen sollen und üben. Die Summe unsrer Lugenden ist Glaube, Liebe, Hoffnung, die Tugenden und Glückseligkeit eines Kindes. O welch höhere Stufen, welch Herders Werke z. Rel. u. Theol. IV, G Christliche Rede» höhere und festere Lebens-Alter stehen mir bevod, wenn ich mich in diesen den Jahren der Kindheit und Unvollkommenheit recht geübt habe! Darum Ist alles so unvollkommen um mich her, wie ich cs selbst bin; alles soll mich erinnern, dass ich hier nur aus der Reise bin, und nicht in meiner Heimat!), dass ich hier nur Kind bin, und suchen soll ein Mann zu werden. Sehe ich die Erde für meinen ewigen Wohnsitz, für das Haus meiner Bestimmung und Glückseligkeit än; was thäte ich anders, als ich verewigte unglücklicher Weise meine schwache und unvollkommene Kindheit! Kannst du dir einen Wunsch, einen Zweck, eine Glückseligkeit denken , die irdisch und zugleich ewig, von unsterblichem Genuß, von unendlicher Dauer wäre? Gieb dem Eiteln sein Spielwerk, Und gieb cS ihm ewig. Du hast ihm eine ewige Qual gegeben, die ihm in Kurzem selbst eckelt. Verewige die Wünsche des Reichen, des Geizigen, des Unterdrückers , des Wollüstlings ; du hast ihr Unglück verewigt. Der arme satte Wollüstling stößt den Becher der Freude von sich und spricht: mir eckelt! Aber was in mir Gottes-Natur ist, ist, wie Gott, mein Vater, unsterblich. Meine Seele ist seine Tochter, und was ich in sie von himmlischen Tugenden pflanze, das blühet im Himmel, das ist über alle Veränderungen des Erdenschicksals erhoben. Weisheit und Güte in mein Herz gepflanzt, sind eines unendlichen Fortganges fähig, sind Keime von unsterblichen Früchten. Eben weil ich hier nur noch ein Kind bin, muß ich ein Mann werden; weil ich so gar wenig bin, werde ich noch viel sepn; alle und Homilie n. yg weine Unvollkommenheiten sind mir hier für eine größere Vollkommenheit Bürge. Die Summe meines hiesigen Daseyns: Glaube, Liebe, Hoffnung sagt mir das, als ob es mir Gott sagte. Und wahrlich, dieser sagts uns auch: seine großen Naturgesetze sind eine deutliche Sprache, die uns die Offenbarung so tief ans Herz legt, und sie so herrlich aufklart. Eben so herrlich klaren uns beide auf: warum sogar wenige hier zum vollen Genuß deS Erdelebens kommen? indem es ein offenbares Naturgesetz ist, daß die meisten früh hinweggerückt werden. Sie werden hinweggerückt, damit sie weiter kommen: sic machen einen kurzen Durchgang durch dies Leben, und kommen desto eher zur Heimath. Der Gerechte, ob er gleich zu zettlieh stirbt, ist er doch in der Ruhe. Ec gefallt Gott wohl und ist ihm lieb und wird weggenommen aus dem Leben unter den Sündern. Er ist bald vollkommen worden und Hatviel Jahre erfüllet. So spricht das Buch der Weisheit, und das erste Beispiel eines frühen Hingangs aus dem Leben stellt die Bibel in eben dem Lichte dar. Henoch, der nicht zu den Jahren der Altvater kam, Henoch, der hienieden schon als Freund und Liebling mit Gott umging; weil er mit Gott wandelte, so nahm ihn Gott zu sich, man sah ihn nicht mehr unter den Menschen. Gewiß die schönste lieblichste Erklärung eines frühzeitigen Hingangs aus diesem Leben! Auch die Heiden haben den Wink dieser väterlichen Natur« G 2 rc>c> Christlich eRedcn ordnuug Gottes gefühlt, und in so liebliche Bilder gekleidet: „diesen frühzeitig Eutschlafnen haben die Götter geliebt! Jenes früh hinweggcnom- mene Kind hat Aurora entführt." Und gewiß,. m. Z., dies sind Nicht blos Bilder, sondern Wahrheit: eine ganze Naturordnung Gottes trüget uns nie. Seine Hand war reich von Leben; überall streute sie die Funken, die Keime hin, auch in Raume, wo sie nicht aufblühen konnten und sollten: nur keimen sollten sie da, und er verpflanzt sie weiter. Der eine langsame Weg der Crdentwicklung war der allgütigen Natur zu arm, zu langsam: sie öffnete tausend Pforten, lausend Wege; aus jedem Lebensalter, von jeder Stufe menschlicher Jahre wallen ihre Kinder zu ihr — ein unaufhörlicher Jug, ein immer neues Aufbrechen und Wandern! Ihren schönsten Kindern macht sie den kürzesten Durchgang : ihre Lieblinge ruft sie früh. Die Seele des Kindes ist eine völlige Men- schcnseele. Sie hat den ganzen Bau ihrer Fähigkeiten, Anlagen und Triebe, wie der Keim das ganze Gewächs in sich; aufs Antlitz des jüngsten neugcbornen Kindes, in seinen Bau und in sein Wesen ist schon seine ganze Seele gezeichnet. Was sich hier nun nicht entwickeln kann, sollte cs sich nirgends entwickeln? Der Gott, der kein Stäubchen untergehn laßt, sollte er eine Menschenseele untergehen lassen, die er so schön gebildet, so reich ausgestattet und beschenket hat? Ja wenn wir die vorige so allgemeine Erfahrung dazu nehmen , daß Kinder von der feinsten Bildung, von der reichsten und liebvollsten Ausstattung am frühsten hinwcgaerufen, und hier am wenigsten entwi- und Homilieu. i'oi .ckelt werden; ist nicht diese Nakurordnung Gottes selbst der reichste und lauteste Aufschluß? Unsre arme Erdentwicklung , wie langsam, zweideutig und gefährlich ist sie! wie wenig will sie sagen! Ein Lebensalter zerstört, was das andre gebauet hat: eine entwickelte Kraft der Seele schwächt die andre; und was findet sich am Ende oft mehr zerstört, als die Tugenden des Kindes, die Fähigkeiten des Himmelreichs: Einfalt und Unschuld ? Siehe darum bricht Gott seine liebsten, besten Rosen früh: eh' sie die Hitze des Tages gebeugt, eh' sie der Sturm entblättert, eh' sie der Wurm zernagt hat. Er wird hin ge rückt, sagt das Buch der Weisheit, damit die Bosheit seinen Verstand nicht vcrkeh re, noch falsche Lchresieine Seele betrüge. Seine Seele gefället Gott wohl, darum eilet er mit ihm aus dem bösen Leben. O kennten wir den Umfang, den Zusammenhang dieses und jenes Lebens — wie freundlich und gesellig würden wir die Grenzen beider in einander fließen sehen! wie würden wir gewahr werden, daß , in welchem Lebensjahr, auf welcher Stufe , unter welchen Umstanden ein Mensch von hinnen ziehe, er immer den leichtesten, für ihn schönsten Ucbergang habe. Gott muß auch unschuldige Kinder, er muß viel unschuldige Kinder in jener Welt brauchen: denn er reifet so viele zu sich. Ja, wie sollte er sie nicht brauchen, da ihre Seele noch unbefleckt ist, und er die ganze unberührte Knospe ihres menschlichen Daseyns itzt in seinem schönen Garten, unter mildern himmlischen Lüften zo2 Christliche Reden zur Blume entfaltet. Der Himmel ist sa für Kinder: Kinder müssen wir alle werden, wenn wir ihn erlangen und genießen wollen; wie sollte er also nicht für die seyn, die gleichsam seine Einge, bornen, die früher Vollendeten sind, die er selbst erzogen und gebildet. Sie sind Jungfrauen und folgen dem Lamm nach; als unschuldige Lämmer weiden sie auf den schonen Auen des Paradieses. Auch Heiden haben daher schon einen frühen Tod für eine Wohlihat der Götter gehalten; und mich dünkt, der nähere Anblick derer, die desselben gewürdigt werden, zeige es oft herzeindrücklich und rührend. Wenn wir gewahr werden, daß dies Kind mit seiner zartem Bildung, mit seinem feinem Geiste, ausdrücklich nicht für diese Erde gemacht schien; war's nicht Liebe Gottes, die's also bildete, und die zartere Blume sogleich für seinen Garten bestimmte? DieserMann, dieser Jüngling, der mit seinem Feuer, mit seinem Geiste höherer Abkunft, in wenig Jahren viel empfand, viel trug, viel lebte: ists nicht wahre Wohlthat für ihn, wenn ihn der himmlische Vater vom harten Gesetz losspricht, die Hefen des Alters zu trinken, und in vielen Iah, ren noch einmal wenig zu leben? Das höhere Feuer, das in ihm wallt und seine Hülle verzehrt, bereitet ihm selbst den Flammenwagen, der ihn Hühe gen Himmel tragen soll, und Gott kommt seiner Bitte zuvor: „cs ist genug, nimm Herr, meine Seele!" L du aller Menschen Vater! aller Menschen theilnehmender Versorger! wie sparest du uns die Tritte aus, mit denen wir zu dir kommen, Und Ho Milien. rol) wie ebnest, wie verkürzest du uns die Wege, auf welchen wir höher steigen I Eben dies ist auch der schönste Aufschluß dar' über : daß Gott bei den Verfügungen seines Schicksals so wenig auf unsre Erdenweisheic und Erdcn- glückseligkcit rechne, daß er so oft sowohl unsre besten Plane verwirre, als auch die zartesten Sailen des menschlichen Herzens verwunde. Unsre Erden- wcisheit ist nicht rein; die besten Wünsche ^unsres Herzens sind mit Staube befleckt und irdisch. Wenn wir uns mit ihnen nur anmaßend über Gott erheben und Wcltregicrer werden wollen, wessen sind wir werth, als, daß er unsre Entwürfe mit einem Winke zernichtet? Er zeigt uns, daß er uns nicht geben darf, was wir fordern, daß er uns eben itzt nicht geben dgrf, was wir schon in Händen zu haben glaubten; ja, daß das, was er uns gibt, noch nicht unser, sondern als sein Geschenk immer noch in seiner Hand scz>: dcr's gab, könne es den Augenblick auch wieder nehmen. Das sagt uns Gort durch manche Schickungen so deutlich; immer aber auch so väterlich und linde, daß cs entschlossene Thoren scyn müssen, die immer noch verkehrt ur- theilen, und den größten Gewinn des Lebens nicht lernen wollen: auch in Wünschen Mäßigkeit und Weisheit. Ja, in Wünschen Mäßigkeit und Weisheit! ihr seyd der schönste Gewinn, aber auch die schwerste Lektion des Lebens, und, wodurch ihr auch erkauft werdet, ihr werdet nimmer zu thcucr erkauft, ihr belohnet herrlich. Mir dem höchsten, besten, weisesten Wesen einträchtig und harmonisch zu denken, sich seinem Willen in allem io4 Christliche Reden zu unterwerfen, durch das, was er uns gibt und nimmt, was er gewahrt und verzögert, ihm näher zu kommen, und immer mehr davon entwöhnt zu werden, daß wir die Herren unsers Schicksals se>)N können; gewiß dieß ist, nur dies ist menschliche Glückseligkeit und Weisheit. Gott erziehet uns zu ihr auf die lindeste, aber eindrücklichstc Weise; und er belohnt uns reichlich, wenn wir auf seinen Wink merken. Gewiß ist dies auch sein Zweck, wenn er so oft die zartesten Bande menschlicher Herzen zwischen Eltern und Kindern , Ehegatten und Freunden auflöst. Hier werden Kinder Waisen ; Gott nimmt ihnen ihre Versorgung und Eltern weg — wozu thut cr's, als daß andre,, vielleicht kinderlose Eltern, in der Hinweggenommenen Stelle treten, und sie noch in der Ewigkeit verbinden, erfreuen sollen mit der an ihren Kindern erzeigten Liebe. Wahrlich, wenn Abgeschiedene verbunden lind erfreut werden können durch etwas auf der Erde: wenn in der Ewigkeit je Zähren der Dankbarkeit fließen können, so ist es in diesem Falle. Der hinweggerisse Geist schwebet gleichsam um die , die er verlassen mußte, und das schmcrzlichlosgewundnc Herz empfindet vielleicht jede Wohlthat und Liebe, denen, die Thcile von ihm sind, in Christus Namen erzeiget. Hier fließen die Empfindungen zweier Welten zusammen: wir können Engel vereinen, und Engel können unsre Gutthat beneiden. Wenn Eltern ihre Kinder verlieren, oder sonst ihre Wünsche, Hoffnungen, ihre nächsten Entartungen getäuscht sehen: wenn das Schicksal Freunde, und Homilicn. io5 Ehegatten trennt, die einander alles sind , und gern ewig seyn möchten: wer zeigt sich ihnen in diesen dunkeln Augenblicken näher als der Gott des Schicksals? Sein Gang ist im Dunkeln, aber dieMor- gcnröthe ist vor ihm; Ewigkeit ist in seiner Hand, wenn er etwas der Zeit raubet. Dort sollen sich wieder finden,. die sich hier trennen mußten, sie sind nur auf Augenblicke getrennt, und finden sich ewig wieder. Das Vorangegangene soll mit seinem leichten glanzenden Tritt dem Nachbleibenden den Weg in die Ewigkeit zeigen, dahin seine Gedanken, dahin allmahlig sein Herz ziehen --und ach! im tiefsten Schmerze, im Augenblicke der größesten Verwirrung und Beugung laßt sich ja eben die kindlichste, freudigste Religio» zeigen! Ein blutendes und doch stilles, doch zutrauendcs, und mit der Güte Gottes gleichsam kämpfendes Herz ist ihm das angenehmste Opfer. Und so ruhe denn auch du, Hingeschiedener Engel! ruhe sanft in deiner kalten Wiege, deinem Schlafkammerlcin in der Erde. Du liegst, ein Opfer unsrer Wünsche, neben dem Altar; aber dein unsterblicher Geist, ewig wie der unsrige, lebet in einer andern Welt, 'und sollte da seine Vlüthen treiben. Deine sanfte Gcberde, und dein schön gebildetes Antlitz zeiget uns, welcher Art er gewesen wäre, wenn er seine irdische Laufbahn hatte gehn müssen; es gefiel aber der Vorsehung ein Besseres. Deine Geburt ward Eingang in ein höheres Leben. Nicht am Strahl dieser irdischen Sonne sollte dein Ang sich freuen, noch dein Mund den Namen Gottes, den süßen Vater - und Mutternamen, rn §hri stlichc Reden 106 unsrer Erdensprachc lallen lernen ; damit eine bessere Sonne dir aufgjenge, und nicht Weinen, sondern Lobgesang deine erste Stimme würde. Mich dünkt, du winkest uns zu aus deiner seligen Ferne, und sprichst: „ich verließ euch, weil ich für euch nicht war! ich war geschaffen zu einem andern Leben, suchet cs zu verdienen, daß euch euer Wunsch, eure Hoffnung werde!" Lebe wohl! Du hast keinen irdischen Namen; dein erster Name sollte geschrieben stehen im Buche des Lebens: Blume, du stehst verpflanzet, wo du blühest, Werth, in unfern Beschattungen nicht zu wachsen, Werth, schnell wegzublühen , der Blume EdenS Beßre Gespielin! Und damit, gütiger Gott, du Water alle- Trostes, aller Barmherzigkeit, tröste und richte die auf, die du betrübt hast! Du selbst werde Balsam in das vcrwundete Her; der Fürstlichen Mutter, wenn Sie, Jhrcr schönen und christlichen Fassuflg ungeachtet, wiederum als Mensch Ihren Verlust, den Riß von Ihrem mütterlich,« Herzen fühlt. Du, Herr, enlzeuchst nichts, was du nicht reich erstattest: du versagst nichts, was du nicht edel belohnest. Jede Geduld und kindliche Unterwerfung, mit welcher Menschen deine Schickungen aufnehmen, entwaffnet dich, und füllt deine Hand mit väterlichen Segen: denn du bist ein guter Gott, „der nicht von Herzen die Menschen betrübet:" nach Traurigkeiten und Thronen überschüttest du uns mit Freude. Laß also Ihre dir kindlich ergebene Seele, auch in diesem dunkeln Vorfall, deine naheste Gegenwart und Homilien. 1V7 spüren, und eben aus Ihr die kühnste Hoffnung zu einer belohnenden Freude schöpfen. Mit eben diesem Eindruck segne auch das Her; unsers geliebtcsten Herzogs, der diese deine Schickung mit so viel väterlichem Gefühl, als standhafter Würde ertrage. Segne ihn mit Freude an seinem Hause, an seiner hoffnungsreichen Tochter, an seinem Lande, und an seinen Geschäften. Die kleine Hingeschiedene sey ein himmlisches Band zwischen seinem und seiner edlen Gemahlin Herzen , ein sanfter Zug und Wink für beide in eine ewige Welt hinüber. Und uns, 0 Herr, so unerwartet itzt unser Schmerz ist, so unerwartet laß unsre Freude werden , wenn du nach diesem Tropfen Bitterkeit den vollen und süssen Kelch deines Heils uns reichest. Laß bald die Zeit kommen, (und sie wird erscheinen!) da wir uns an diesem Ort, wo wir uns itzt deinen, Willen unterwerfen, mit Freude und Dank vereinen ! — Wohl dir, du Kind der Treue, Du hast und trägst davon Mit Ruhm und Dankgcschreie Den Sieg, die Ehrenkron! Gott gibt dir selbst die Palme» In deine rechte Hand, Und du fingst Frcudenpsalmen Ihm, der dein Leid gewandt. Amen. XXVII. - V Zwo Predigten bei Gelegenheit der Geburt des Erb p rinzen § a r l Fr iedric h von Sachsen-Weimar und Eisenach 178 3 . Worerinnerung. -^em Wunsch meiner Zuhörer werden diese Predigten übergeben, die sonst nicht für den Druck bestimmt waren. Sie werden sich bei Lesung derselben in die Stunden zurück setzen, da sie sie hörten und sic als ein Andenken der frohen Begebenheit betrachten, der sie gewidmet sind. Sollten sic in die Hände andrer kommen: so werden diese ersucht, sie nicht als Muster so genannter Gelegenheitsrcden zu betrachten, sondern sich etwa in den Kreis gemeinschaftlicher Empfindungen zu setzen, in welchem sie gehalten wurden. Eine Gemeine, die ihren Lehrer Jahre lang gehört hat, ist mit den Ausdrücken und dem Bortrage desselben bekannt; und diese gedruckten Predigten sollen nur ein kleines Andenken der Erinnerung an das sepn, was damals umschreibender und lebendiger gesagt wurde. Predigt am Dankfest wegen der Geburt des Erbprinzen. Gehalten am fünften Sonntage nach Epiphanias. t?83. Die Gnade Jesu Christi und die Liebe Gottes des Baters und die Gemeinschaft des -heiligen Geistes sey mit uns, Amen. ^s ist euch allen, M. A., die Veranlassung bekannt , die uns den heutigen Tag zum öffentlichen Dankfest macht; ich darf euch auch nicht durch weil- hergeholte'Worte zu einer Freude ermuntern, die ihr alle aus innrer Regung schon an den Tag gelegt und in deren Empfindung ihr euch auch jetzt in so großer Anzahl hier versammlet habt. Kaum erscholl heut vor acht Tagen die lang' erwünschte Nachricht, daß Gott unsre Gebete und Hoffnungen erfüllet und unserm verehrtesten Fürsten einen Sohn, den künftigen Erben dieses Landes, gegeben habeso ging die allgemeine Freude schon dem Morgen voraus; die dunkle Nacht ward Licht und Regung. Mit Ungeduld erwartete man die öffentlichen lauten Zeichen davon inS Land, und Haufen drängten sich am frühen Morgen in den Tempel, um Gott durch Lieder und stille Gebete zu danken; ihm zu danken, daß er die Mutter unser s Landes' gesund und glücklich erhalten und Ihr die Freude Ihres Herzens, unserm gelicb- i ic) Christliche Reden testen Fürsten einen Lohn seiner väterlichen Regierung, uns allen aber ci» Pfand glücklicher Hoffnungen und Wünsche für Ihn geschenkt habe. Äm Lage der Taufe unsers Prinzen, wie voll und still und feierlich war die Versammlung! Sichtbare Theilnehmung schwebte auf eines jeden Antlitz und alles schien ein Glückwunsch, ein Gebet der Freude und des Segens. Alle dies zeugt, M. Z., von der allgemeinen Liebe und Theilnehmung, mit der das Land seinen Vater segnet: es zeigt, daß jener alte Geist der Treue und des Gehorsams, in dem sich Deutschland und Sachsen von jeher gegen seine Fürsten ausgezeichnet, auch noch jetzt nicht ausgcstor- ben sey, sondern in der Brust jedes Redlichen lebe und daselbst mit stillen Flammen glühe. Wenn Gott das Haus und das Land seines Fürsten segnet, vergisset ein Zeder gerne sich selbst:.der Arme vergißt sein Elend, der Kranke seine Krankheit; jedermann wird in allgemeinem Wunsch, in allgemeiner Freude, Bürger des Landes. Erlaubet mir also, M. Z, daß ich diese eure Wünsche leite, daß ich laut sage, was jetzt eure Brust fühlet und die Funken guter Hoffnungen und Gebete sichtbar mache, die für das Glück und das Leben unsres geliebtesten Erbprinzen in eurer aller Herzen lodern. Ich weiß, daß ich damit aus der Seele unsres Fürsten rede: denn eben das, was wir für unfern Prinzen zu wünschen und zu erbitten haben , ist auch der Zweck Seines Lebens, das Vorbild Seiner Regierung und der Wunsch aller guten aufrichtigen Seelen für das Glück Seiner Tage. Was ein Land an seinem Fürsten nö- und Ho Milien. rt r thig hat, empfindet auch der Einfältige, der Geringe: Vernunft und Religion zeichnen ihm davon ein Bild vor, das er mit stiller Freude anstaunet, wenn Gott ihm die Hoffnung, wenn er ihm den Genuß davon ertheilet- — Da aber der Ort, auf dem ich rede, kein Ort des Lobes ist, das so bald deü Schein der Schmeichelei annähme: so wollen wir des Guten, das wir genießen, uns mit stillem Dank erfreuen und Uns auf den Flügeln der Hoffnung, die Gott uns bei der Geburt unfers Erbprinzen gibt, mit Gebet und Vorbitten für denselben in die Zukunft schwingen und fein Leben, seine Erziehung und einst in spaten Zähren seine Regierung segnen. Bereinigt also eure Herzen, M. Z., Gott mit Eiriem Munde das Opfer des Danks barzubringen , das wir Ihm, dem Erretter unsrer verehrtesten Fürstin, dem Wohlrhater unsres Landes, dem einzigen Geber aller guten Gaben und Wünsche schuldig sind, in dem Liede: Nun danket alle Gott! und in einem andächtigen Vater Unser. Text. Du hast vorhin die Erde gegründet und die Himmel sind deiner Hände Werk. Sie werden vergehen, aber du bleibest. Sie werden alle veralten wie ein Gewand: sie werden verwandelt werden wie ein Kleids wenn du sie verwandeln wirst. Du aber bleibest wie du ^ bist und deine Jahre nehmen kein Ende. Die 112 Christliche Reden Kinder deiner Knechte werden bleiben und ihr Seme wird vor dir gedeihen. Psalm 102, W. 26-29. <^ie verlesenen Worte, M. A., enthalten einen hohen Blick aus Gott, de» unsterblichen ewigen König, vor und unter dem Alles weicht und wechselt, kommt und verschwindet; aber er bleibt der er ist, der Scepter se i n e r R e g ier un g ist ein ewiger Scepter. Berge sinken und Geschlechter vergehn, und cs erheben sich andre Geschlechter. Selbst Gottes Gewand, die ewigen Himmel, veralten: (dann kleidet sich Gott in ein neues Gewand der Himmel;) aber er bleibet der er ist, und der Jahre seiner Negie- rungist kein Ende. Doch, fahrt der Psalm fort, ist durch seine Güte und Wohlthat auch etwas Daurendes und Bleibendes auf Erden; cs ist das Wort des Segens, das er über Völker-und Familien ausspricht- die ihn ehren, die er lieb bat: es ist das Bleiben und Gedeihen guter Menschengeschlechter. Mit jedem neuen Zweige lasset er auf solcheist Stamm, den er sich selbst zur Freude und zum Glück der Menschheit gepflanzt hat, eine neue Sproße seines Segens aufblühn: sein Auge wachet über dasselbe, denn, sagt der Psalm, der Herr schauet von seiner heiligen Höhe, er siehet vom Himmel auf Erden, daß, er die Wünsche der Menschen höre, daß er sich des Wohls seiner Völker annehme. Die Kinder sei- und HömilieiU i>3 ner Knechte werden bleiben Und ihr Scime wird vor ihm gedeihen. Lasset uns also, m. A., da Gott uns das Glück und die Hoffnung dieses Psalms gibt, daß wir den alten Fürstenstamm des Geschlechts unsers Herzogs, eines Geschlechts, das sich von alten Zeiten her durch Ehrfurcht gegen Gott, durch Liebe gegen die Religion, durch Güte und Treue gegen die Menschen ausgezeichnet hat, jetzt in einer neuen Kraft- und Segcnsvollcn Sproße unter uns auf- sprißen sehn, lasset uns, da in unser aller Herzen der Glückwunsch ist: es bleibe! es gedeihe der neue Zweig dieses Stammes! so, sage ich, lasset uns fragen: was wir etwa zu diesem Bleiben und Gedeihen unserm Prinzen wünschen? was wir für ihn zu erbitten haben, wenn er die Hoffnung seiner Ettern und Voreltern, wenn er die Freude des Landes werden soll, das ihm so bewillkommend seine Hände entgegen breitet. I. Das erste, das wohl ein Jeder im Wunsche des Bleibens und Gedeihens fühlt und daher auch seinem Fürsten und Prinzen wünscht, ist Gesundheit und Lebensblüthe. Gesundheit ist der Grund aller Tugenden, alles Genusses und Wohlseins des menschlichen Lebens; Gesundbeit an Körper und Seele. Sie ist daher auch der Segen , den so mancher Psalm seinem Fürsten anwünscht, damit seine Geschäfte gedeihen und ihn» selbst zur Freude werden Herr! der König freuet sich in deiner Kraft und ist fröhlich über deiner Hülfe. Du gibst ihn» seines Herzens Wunsch, Und weigerst Herders Werke z. Rel. u, Lheel. IV. H Christliche Reden ei4 nicht, was sein Mund bittet Er bittet dich um Leben: so giebst du ihm Leben und setzest ihn zum Segen und erfreuest ihn mit Freuden deines Antlitzes immer und ewiglich. Die Geschäfte eines Fürsten fordern diese Kraft und Freude. Er soll im Namen Gottes, und also auch mit dem Wohlgefallen Gottes, wirken, sich freuen über seinem Werk, Menschen glücklich zu machen und in ihrer aller Geschäften und Empfindungen leben. Er soll das Herz haben, sich allem Bösen seines Landes, woher es auch komme, mit Freudigkeit und festem Muth zu widersehen, zu Erreichung des Guten auch schwere, anhaltende Mühe zu übernehmen, und tapfer und stetig seyn in Entschlüssen und Tha- tcn. Allerdings gebört hiezu Gesundheit, Stärke und fröhlicher guter Muth des LebcnS. Bei einem schwachen Menschen wanken die Gedanken hin und her; alle Gegenstände zittern in seiner Seele, wie ein Bild im erregten Wasser. Einem schwachen Fürsten wird alles mühsam: er scheuet sich vor dem, dem er helfen soll: denn er fühlet sich jedem Entschlüsse zu schwach, dadurch er ihm helfen könnte. Er müßte nehmlich jenem Gefürchteten Einhalt lhun, diesen Unterdrücker beugen, jeden Bedrängten hören, überall nach der Quelle des Unrechts graben, Dornen ausrotcen, damit man statt ihrer Früchte pflanze — zu dem Allem gehört Festigkeit der Seele, unerschütterre Großmuch. Der Anfang des Guten ist überall schwer; der Grundstein seines Gebäudes will in die Tiefe gelegt seyn, wenn das Gebäude selbst dauernd seyn soll. Und dazu gehört Heldenmuth, der gewisse freudige Geist, und Homilie n> ai5 den Gott Königen gibt und nimmt, durch den er sie mit gutem Erfolg wie mit einer güldncn Krone krönet, oder durch Entziehung desselben zur Schmach macht uud zu unthatigen Schatten auf Erden. Selbst die Regierung des höchsten göttlichen Königes schildert die Schrift nicht anders, als daß er sich mit Gerechtigkeiten!) Treue fest gürte, daß er mit dem Stabe seines Mundes die Erde schlage und mit dem Athem seiner Lippen den Gottlosen tödte. Ein weiser König, sagt Salomo, zerstreuet die Gottlosen; er tilget das Arge mit seinen Augen und ruhet nicht, bis er mit Starke und Großmuth das Werk seines Berufs in allen Standen vollführt hat. — Zwei Laster insonderheit sinds, mit denen, wie die traurige Geschichte zeigt, laßige Schwachheit ihre Sklaven von jeher strafte; es sind die fürchterlichsten, die sich ein Land an seinem Beherrscher denken kann, nehmlich Tyrannei und Wollust. Selten waren Tyrannen wirklich starke und große Menschen : denn warum hatten fie's sonst seyn wollen und seyn dürfen? da es für eine edle, sich ihrer selbst bewußte Fürsten- scele tausendfach rühmlicher ist, über ein Land voll vernünftiger Menschen durch Vernunft zu herrschen, sie durch Liebe und Ueberzeugung zu lenken, als durch Gewalt und eigenmächtige Unterdrückung. So bald aber der schwache Regent Leidenschaften diente, denen er nicht widerstehen konnte, sobald sein inneres Gefühl ihm sagte, daß er bei seinen Absichten nicht durch Verstand und Liebe herrschen könne, und also zu schlechten Zwecken schlechte Mittel durchaus bedürfe: siehe! so ward er gezwungen ein H 2 Christliche Reden 116 Tyrann! und in sich selbst zuerst der Unglücklichste des Landes. Schwache gibt Argwohn ein: er fühlte sich in seinen Thatcn nicht geliebt, sondern veracht tet, in seiner Denkart nicht geehrt, sondern verabscheut; und so floh er bald den Anblick und das Wort offener Menschen — siel Schmeichlern und schlechten Geschöpfen in die Hände, weil er sich'vor ^ keinem andern mit Würde und Liebe zeigen konnte; endlich sank er gar der Wollust in den Schoos, jener schwachen, entkräftenden Wollust, die nur dadurch in das Herz eines Menschen kommen kann, daß er kein edleres Vergnügen , keine schönere Freude kennet, als trage und unwirksam sich täglich im Schlamm der Ergötzlichkeiten zu bade» — Der Prinz, für den wir beten, m. Z. , das Gewächs eines gesunden und edeln Stammes, mit Starke undBlüthe des Lebens von Gott geschmückt, wird, wie wir wünschen und hoffen, von Jugend auf eine edlere Freude kennen lernen, und sowohl das Vorbild, als die Erziehung seiner größmüthigen Eltern wird ihn zu derselben führen. Was legte den Grund dazu, daß Bernhard in männlichen Jahren ein Held für Religion und Freiheit Deutschlands mit so edlem Mulhe ward? nicht auch das, daß er in einer Schaar von Brüdern männlich und edel erzogen, das Bedürfnis seiner Zeit, die Bahn zur Ehre in seinem Stande, ja auch Arbeiten und Gefahren zu rechter Zeit kennen lernte, und sie also, da ihn die Umstande aufriefen, als seinen Beruf, als seine Lebensbahn ansah? Frühe Erziehung ist eine zweite Schöpfung. Der Zweig eines gesunden Baums, gesund erzogen, wird blühend und und Ho milien. ^7 stark, wenn die Pflanze des Treibhauses immerhin ei» schwaches, kraftloses Geschöpf bleibec. — Äuf lebcnslnng ist's für den Geist entscheidend, mit welchen Menschen wir zuerst umgehen: welche Beispiele, Sitten und Grundsätze sich am frühesten in uns drücken, und zum Gebilde unsrer Gedanken werden. Verleihe Gott unseren Prinzen die Gnade, Menschen von unverdorbenem Gefühl, von gerader Liebe zur Religion, Wahrheit und Menschenpflicht, von festen Grundsätzen und reiner Sinnesart um sich zu haben! Daß seyn Herz gesund bleibe, wie sein Mukh! Daß sein Verstand aufblühe, wie sein männlicher und schöner Körper! Von Kindheit auf wolle ihm Gott den guten freudigen Geist geben, der ihn immer auf ebner Bahn führe, und ihn nie verlasse sein Leben- lau g! II. Einsicht und Weisheit war die Gabe, um welche Salomo als um eine Fürstengabe bat, und um deren willen ihm Gott alles blendende Glück seiner Regierung nur als Zugabe Hinzuchat: die Gabe, sein Volk zu regieren mit Klugheit und es glücklich zu machen durch thatige Weisheit. Es gehört nicht eben dazu jene Salomonische Gelehrsamkeit, die zu reden wußte von der Ecder auf Libanon bis auf den Psop an der Wand, und noch minder eine ausschließende Neigung zu dieser und jener Kunst, zu dieser und jener Weisheit. Gelehrte Regenten sind nicht immer die glücklichsten gewesen, und der feinste Geschmack der Künste, so sehr ec das Leben ziert und den Geist verschönet, kann, wie wir aus Saloms's Beispiele Christliche Reden i>3 sehen, ernsthaftem, aber unangenehmem Pflichten, nothwendigen, aber mühsamem Kenntnissen sehr zum Nachtheile werden. Der schönste Weisheits- Kranz eines Fürsten, der Kranz, an dem sich das Auge jedes Untenhancn weidet, den jeder errettete Arme, jeder glücklich gemachte Elende mit seinen Freudentbranen trankt, ist das Lob thakiger Weisheit. Daß seine Ehre es sey, eine Sache zu erforschen, und sie mit richtigem Blicke zu schätzen und zu ordnen. Daß er das Auge des Landes, gleichsam die allgemeine Vernunft desselben sey, ein Strahl von der Weisheit des obersten Lichtes. Gort schafft Kräfte und Neigungen im Menschen; der Fürst kann sie nur finden, wählen und anwenden. Mit je hellerem Blicke er sie also findet, je unpartheyischcr er sie wählt und gebrauchet; desto mehr blühen seine Geschäfte, desto wirksamer ist sein Geist auch in andern Seelen. Auf jedem edlen und rechtschaffenen Diener glanzt sodann ein Strahl vom Angesicht seines Fürsten; und dieser genießt freiwillig das Zutrauen, den Glauben, den er auch in seinen Geschäften, in seinen Dienern, von jedem seiner Un- terthancn fordert. Genießt er dieses Zutrauens, dieses Glaubens; wie gern kommt jedermann ihm mit Liebe und Gehorsam zuvor! Ein Blick, Ein Wort des Fürsten gebeut, und jeder ist bereit, seine Befehle für die besten zu halten und sie mit kindlicher Unterwerfung zu befolgen. Der große Haufe der Menschen freuet sich, weise regiert zu werden. Er hat Gefallen daran, wenn ihm sein Fürst vordenket, so daß er, um glücklich zu seyn, nur gehorchen dürfe. Geist der Weisheit und des und Ho Milien. "9 Verstandes, deS Raths und der Klugheit ist also das göttliche Salböl aus dem Haupte des Regenten, das jeder mit Freude anerkennt und ehret. Gott giebt dazu Kraft und Anlage, die Erziehung bildet sie, das thätige Leben führt sie aus — und so möge Erziehung und Leben diese thatige Weisheit bei unserm Prinzen auSführcn! Weder Gelehrter , noch Künstler, aber ein weiser Regent müsse er werden, der, was seines Amts und Standes ist, frühe kennen lerne; und cs nur kennen lerne, damit ers auch auszuführen trachte. Frühe wird er die Geschichte aufschlagen und einschen lernen, was er von den Tugenden und Fehlern dahin gegangener Regenten für Vortheile zu ziehen habe? Er wird fragen, woher cs kam, daß seine edelsten grvßmü- thigsten Vater bei so mancher auswärtigen Unterhandlung verlohren? Er wird fragen, wer es war, der den ewig verdienten Johann Friedrich dem Feinde in die Hand gab? upd woher so oft die vorkheilhaftesten Zeitumstande für die Vlüthe seines .Hauses ungenutzt blieben? Die Geschichte wird ihm also Spiegel seyn, Menschen, Stände, Zeiten und Geschäfte kennen zu lernen, und darnach für seine Zeit, für sein Bedürfnis ihren Werth zu ordnen. Er wird unterscheiden lernen, was zur Last und zur drückenden Zierde, oder was zum Wohle deS Landes gehöre? was dem Staate diene, oder was ihn untergrabe und von ihm zehre? Die blendendste Pracht wird er für viel zu theucr erkauft halten , wenn auch nur der Seufzer eines einzigen gedrückten Unterthanen daran klebte. — Christliche Reden Ja, ich hoffe es, und jeder Gute hofft cs und jeder Gute, Fürst oder Weiser, arbeitet darauf auch in unser» Zeiten, daß einst eine besire glücklichere Zeit kommen möge! Eine Zeit, da die Einsichten, womit sich jetzt todte Bücher schmücken, die aber jeder anerkennet und lobpreiset — da diese Einsichten ersprießliche Thaten werden! — Mich dünkt, ich sehe diese glückliche Zeit voraus! Ich sehe Menschen, ich sehe Fürsten aufstchen, die bestrebsam sind, zum schönsten Guten auch den leichtesten Weg zu wählen, und die Borurthcile adzuwecsen, die jetzt noch so oft ihren erhabenen Stand als eine Bürde drücken, als ein Nebel umgeben. Die Menschheit wird aufwachcn und zu sich sagen: welche Schatten haben uns verführt! in welchen Wahn von Vorzügen und Blendwerken setzten wir einst Fürsten- Würde! Und das einzige Gott-gleiche Vergnügen, Kräfte der Menschen zu wecken, ihr Gefühl der Freiheit rege zu machen, ihr Wohl durch eigne Wirksamkeit zu erweitern — diese Sonne, die uns so nahe war, har uns nicht erwärmet! Wir wähnten, daß Regierung ein Joch, eine Bürde seyn müsse! daß Gesetze nur einschränkend, verbietend, drohend, strafend seyn könnten, da doch alle Gesetze Gottes in der Natur von einer andern Art sino, nemlich Kräfte weckend, ausmunternd, lockend, belohnend! Die gepriesenste Leidenschaft, das blendendste Vorrecht, waren sie eines Fürsten wcrch, sobald sie ihn von diesem seinem einzigen Gottähn- lichcn Zwecke abführten, und ihm ein anderes Interesse, ein anderes Wohlseyn gaben, als dies: in seinen Unterthanen , als Menschen , als seinen Kindern glücklich zu leben? Glückliche Zeiten, da man und Ho Milien. 12 , so denken wird! Möge sie unser Prinz erleben und befördern ! möge- sein edler Vater ihn zu ihnen führen! daß er das Herz seiner Unterthanen gewinne durch ihren Verstand, daß er ihre Glückseligkeit schaffe durch wohlgeleitetc Wirksamkeit ihrer Kräfte! — Wohlthätig, wie die Sonne, ist das Äuge eines weisen guten Fürsten. Sie blickt auf Alles, sie erquickt und belebt alles, daß cs hervorgehe und blühe, jedes in seiner eignen Kraft, in seiner eignen Schöne. III, Gerechtigkeitund Güte sind also die Eigenschaften, durch welche die Weisheit eines Fürsten auf seine Unterthanen wirkt; sie sind der gerade undgüldene Sccptcr, durch den er über die Herzen und Thaten derer gebietet, die un- ter ihm leben. Wozu hätten sich Geschlecht« und Länder Einem Manne unterworfen, als daß er ihr .Vater sey, daß er ihnen Stimme der Billigkeit und Hand der Gnade werde? Wozu hätten sie ihm über sich alle Macht gegeben, als daß er Allen wie Einem und Einem wie Allen Recht und Gerechtigkeit, Schutz und Hülfe widerfahren lasse, wo sie der Hülfe bedürften? Und wozu würde ein Prinz als Erbfürst geboren, wenn nicht dazu, daß cr, auch als Erbfürst erzogen, sich von Kindheit auf als den Schutzgeist seines Volks ansehen lerne, der dazu vom Himmel herniedergck mmen seösi daß cr allen ein segnender Engel werde! Durch seine Geburt über andere erhoben, soll er sich auch von allen Privatabsichten und Leidenschaften derselben schon durch seine Geburt getrennt fühlen, und den allgemeinen Blick, das Vatergefühl zu erlangen streben, durch welches ihm jeder seiner Unterthanen lhcuer, 122 Christliche Reden das Wohl auch des Geringsten sein eignes Wehl, die Sache auch des Aermsten im Lande seine eigne Sache werde! Der Name, den er als Kind schon tragt, sagt ihm, daß ibm die Vorsehung eine schöne Bestimmung, ein glückliches Erbe gegeben, von dem er sich unabtrcnnlich glauben, in dessen Freude er alle seine Freude genießen soll. Jene häßlichen Leidenschaften, die an einzelnen Standen nagen, Leidenschaften, die dadurch in das Herz der Menschen kommen, daß sie ihren Stand nicht wissen, daß sie auf Unrechte Weise darnach streben oder zu ihm nicht gebildet wurden, Neid und Eitelkeit, Stolz und Habgier, Heuchelei und Unterdrückung Andrer — alle sollen schon deshalb seiner Seele fremd bleiben, weil er ihter nicht nölhig hat, weil er als ein künftiger Vater des Landes nur edle Neigungen in seiner Brust fühlen darf. Liebe zu seinen Unterthanen soll die Beglaubigung seyn, die er vom Himmel bringt, daß er als ihr von Gott erwählter Erbsürst geboren worden. Dies sagt uns allen, m. Z. , ja dies fordert unser Herz, wenn wir für unfern Erbprinzen beten. Und um so mehr haben wir Gnade Gottes zu Erreichung dieser Hoffnung nothig, da sich auf dem Lebenswege eines gcbornen Fürsten von Kindheit an so vieles zusammcnsindct, das diesem Wunsche gerade encgegensteht und ihn aufhebet. Er, der zur höchsten Gerechtigkeit gegen sich und andre da ist, wird oft frühe schon von einer Schmeichelei umlagert, die ihm alle Eindrücke von Wahrheit und Gerechtigkeit wegnimmt. Die Seele, die Gott in die Welt sandte, nur durch rühmliche Thaten Lob zu verdienen, muß mit Gewalt Lobsprüche anerkennen und annehmen lernen, von denen sie fühlt, und Ho Milien. 123 daß sie sie noch nicht verdiene. Unvermerkt wird cs ihr eingepragt, daß sie ikrem Stande nach über die Uctheile Andrer erhaben se», und sie verachten dürfe, weil es doch nur gemeine Urtheile, Meinungen eines unterworfenen Volks sind; gerade, als ob der Name eines Fürsten ohne Volk nur statt fände! — Sie wird endlich am meisten verführt und vergiftet, wenn ihr alles gleichgültig gemacht, wenn sie überredet wird, daß cs gleich gut ftp, wie sie denke, wie sie handle. Fürst bleibe doch Fürst; das gehorchende Volk müsse doch gehorchen — Bei welchen Grundsätzen denn alle Pflicht aufhöret, und die Krone ihres hohen Berufs auf Erden entehrt in den Staub fallt. Eine Gleichgültigkeit, die sich nicht anders als mit der Verzweiflung an allem Guten oder mit ungebundener unglücklicher Will- kühr endigt. — Ferne mögen von unfcrm Prinzen alle diese Verführungen bleiben, von Kindheit an und auf immer ferne! Er lerne es einsehen, daß Gott selbst, der oberste König, der Quell alles Guten und aller Gesetze, am treuesten nach ihnen handelt, ja daß nur dadurch Weisheit, Ordnung und Schönheit in der Welt scy, wenn Gesetze zur Glückseligkeit unwandelbar und heilig befolgt werden. Von Kindheit auf erscheine ihm Schmeichelei als die verachtungswürdigste Unwahrheit, bei der ein Fücstcnfohn, der ihr glaubt, seine Vernunft hingiebt, die Vernunft, die doch im Namen des Gottes der Wahrheit sprechen und wirken soll auf Erden; daß ein Mensch, der ihr glaubt, den Schlüssel zu seinem Herzem hingiebt und sich unter die Falschheit des "E ",-'ü niedrigsten Menschen beuget. Der Geringste seiner Unterkhanen werde ihm lieb! das ganze Volk lieb, an dem er sein Glück bauen, in dessen Zutrauen er seine Freude finden, in dessen Wohlseyn allein er die Frucht seines Lebens kann kosten lernen. Sonnenklar sehe ers ein, daß einem Fürsten viel weniger erlaubt sey, als dem schlechtesten Privatmanne, weil er sich ganz seinem Lande schuldig ist, und nichts verborgen thun kann, das nicht in das Ohr der Menschen und vielleicht auf die spateste Nachwelt käme. Und da haben Fürsten vor Andern bas Unglück, daß man das Gute von ihnen schwerer glaubt, weil man cs für fremdes Werk oder für gewöhlichc Schmeichelei der Großen annimmt; das Dose aber, als ihnen zugehörig, um so geneigter ist zu glauben. — Endlich wird ihn der Himmel am meisten für dem Abgrunde alles Guten, für der erkaltenden, Alles nicderschlagenden, Zwcifelsucht und für dem ertödtenden Gedanken bewahren, daß ein Fürst nichts Gutes mehr thun könne: daß doch alles, wie es ist, bleibe, daß keine größere Ordnung, Aufklärung und Glückseligkeit mehr möglich sey auf Erden. Vielmehr wird ihm die Gestalt seines Volks, das Bcdäcfniß seiner Zeiten im lieblichsten Bilde erscheinen, ihn als ein menschenfreundlicher Engel locken, und auf den steilsten Höhen ihm eben die leuchtendste Krone zeigen: — die leuchtendste Krone darin, daß er freie Wirksamkeit der Menschen wecke und den süßbelohnenden Fleiß anzünde, der auch den Bösen sein Böses vergessen lehrt, weil er edlere Zwecke vor sich sieht und der Vater des Landes ihn zu diesen edleren Zwecken ausbeut! So dachten jene große, gute, ewiggepriesene Fürsten, am meisten die, so nicht zum Throne geboren , sondern dazu berufen, von Gott und Menschen dazu erwählt waren. Auch jene lobwürdigeir Heiden dachten so, die sich in ihrem Gemüthe ein Bild der ewigen Ordnung, Gerechtigkeit und Güte bildeten, und dessen Nachbilder hier auf der Erde zu seyn strebten; daß Ordnung in ihrer Seele herrschte, und Güte vor ihnen ginge und Gerechtigkeit ihnen zur Seite stünde. So dachten auch die cdeln Väter unsers Prinzen , die glorreichsten Fürsten des sächsischen Stammes, auf deren Angesichte auch in ihren Bildern Treue und Güte wohnet. Die Sprüche der Pflicht und Wahrheit, die die Geschichte aus dem Munde Otto's, Friedrichs des.Weisen u. a. aufbehalten, bezeugen cs, und noch mehr bezeugen cs die Maasregeln ihrer Regierung. Die Namen solcher Fürsten sind auch nach Jahrhunderten noch heilige Namen; wenn die, die blos der Geburt und dem Range nach Fürsten waren, vergessen im Staube modern. IV. Endlich scy Religion das heilige Siegel aller unsrer Wünsche; der erquickendste Ehcen- kranz, der das Haupt eines Fürsten je schmücken kann! Ich meyne nicht jenes falsche Bild, jene niedrige Geberde der Religion, die man lieber Abgötterei und Aberglauben nennen sollte. Noch weniger jene schlechte Heuchelei, die niedrigste Lüge unter allen Lügen, da ei» Fürst seinem Volke zn gut Religion haben muß, oder Religion zu haben vorgiebt. — Was alle aufrichtige und große Ge- müther Religion nannten, war von einer höhern 126 Christliche Reden Art; es war das innigste Gefühl von Erfurcht gegen Gott, ihren Wvhlthatec und obersten Richter. Sie fühlten, daß sie ihm alles schuldig seyn und seine Stelle nur vertreten auf Erden. Sie wurden gewahr, daß nur in Gottes Namen ihnen das Volk willige Pflicht und kindlichen Herzensgehorsam erwiese, und daß mit der Religion zugleich der Adel ihres Berufs, der Zweck ihrer Thatcn, ja das Band aller Pflichten und Verbindungen .wegfalle. Sie dachten sich also gern vor den obersten Blick der Güte und Ordnung, der sie Rechenschaft schuldig waren von ihren Werken; und je edlere Mühe sie aufznweisen harten, desto freudiger dachten sie an diese Rechenschaft vor dem höchsten Lichte. Das Gefühl einer unmittelbaren Vorsehung leitete sie also, und ward von ihnen unabtrennlich: denn cS gab ihrem Geiste Starke und Ruhe, Festigkeit und unerschütterte Großmuth. Sie verziehen sich nichts, auch wenn sie kein Mensch anklagen konnte; weil der innere Richter ihnen nichts verzieh, weil die Stimme in ihrem Herzen und ihr Vorbild sie strafte — sie strafte, aber auch dafür mit einer Gottesfreude lohnte, an deren Süßigkeit kein menschliches Lob, keine staunende Bewunderung reichet. In der Sprache aller Völker hießen Regenten von Alters her G o tt es - G e b o r n e, Himmcls- söhne; die Schrift selbst nennt sic Götter der Erde. Wie? und sic sollten ihren hohen Vater nicht kennen wollen? sie sollten den Samen ihres himmlischen Berufs und Ursprunges nicht in ihrer Brust tragen? So hatten sie die Beglaubigung veclohren, durch die sie sind, was sic sind, durch und HomiUen. 127 die sie so erhabne Rechte auf die Menschheit haben, und so wunderbar auf die Herzen der Menschen wirken. Religio» ists, die das Leben und die Negierung der Fürsten sichert, die ihre Person und Würde heiligt, die allen Pflichten ibrer Untertha- nen unzerstörbare Festigkeit unk Einheit gewahret. Religion ists, die auch der Denkart des Fürsten Festigkeit und Einheit giebt, die seinem Herzen bei d>c größesten Wirksamkeit, ja selbst im tiefsten Schmerze jenen Lohn, jene Goctesruhe gewährt, die allein das Pfand und Vorgefühl ist einer ewigen himmlischen Hoheit. Herr! unser Gott! gieb unserm geliebtestcn Erbprinzen Carl Friedrich, was wir im allgemeinen Gebete dieser Versammlung mit aufrichtigem Herzen Ihm wünschen. Verleib Ihm Starke- und Gesundheit, Einsicht und Weisheit, Gerechtigkeit und Güte, und den Gipfel von Allem, Liebe zu dir und der Religion deines Sohnes Jesu Christi, Liebe zu der herzlichen Religion, für die seine Vater so viel thaten und litten. Sie tröstete dieselbe in ihrem Leiden und gab ihrem Gemülhe Hoheit und Würde: denn sie enthalt das höchste Bild göttlicher Güte und Weisheit, in der wohlthätigsten, sanftesten Gestalt der Menschheit. Von Kindheit auf, Herr, mache ihm diese Religion lieb und dein Name werde ihm beilig! so unauslöschlich heilig, daß die ersten reinen Kenntnisse und Empfindungen desselben Zriile- bens ihm Quell der Glückseligkeit werden und die schöne Blüthe der Unschuld seines Herzens in sanftem Göttesfricden bewahren. Wie eine schöne Mor- Christliche 8reden und Hcmilien. genröthc kläre sich seine Seele auf, geschäftig und fruchtvoll sey sein Teig, heiter und erquickend der Abend seines Lebens. Sein Stand, sein Amt, sein Land und Volk werde ihm lieb; auch diese Stadt und dieser Tempel werde ihm lieb, in dem die Asche so vieler seiner edeln Vorfahren ruhet. Geziert mit aller Schönheit der Seele besuche er einst denselben und erfreue sich der Erhörung unserer Gebete. Herr, laß ihn uns gedeihen! Bau unsers Fürsten Thron: Daß er und wir uns freuen, Wenn du schmückst seinen Sohn Mit Weisheit und Verstand, Mit Gottesfurcht und Lugend, Mit Blüthc schöner Jugend, Mit Heil für Stadt und Land. Amen- XXVIII. XXVIll. Rede bei der Taufe des Durchlauchtigsten Erbprinzen Carl Friedrich, den 5 ten Februar 1783. Gnädigste Taufzcugcn! Ä)^it Dank und Freude treten Sie jetzt vor den Water des menschlichen Schicksals, indem Sie den Wunsch und die Hoffnung unsers Landes, unser» theuerstcn Erbprinzen, aus Ihren Armen hal» tend, Zhn durch Gebet und heilige Gelübde der Gnade dessen weihen wollen, der der Gott und Vater seines Lebens seyn wird. Gott hat uns diesen Prinzen geschenkt und Ihn vom Rande des Todes gesund und frisch erhalten: Ihm weihen die Durch- I Heederö Werke z.Nel. ». Theos. IV. Christliche Neben i3v lauchtig sten Eltern Desselben, Ihm weihet unser ganzes Land Denselben in dieser festlichen und fröhlichen Stunde wieder. Vergönnen Sie also, gnädigste Taufzcugen, daß ich, als Priester des Landes, zuerst mich zu Dem wende, der uns dies Pfand seiner Liebe gab und öffentlich hier die Stimme Ihrer Wünsche, die Stimme der Gebete und Wünsche des ganzen Landes, werde. Vater der Liebe und alles Guten! Du, aller Fürsten Herr und dieses fürstlichen Kindes liebrei. eher Vater! der du Menschen auf Erden sendest, die dein heiliges, dein beglückendes Bild tragen sollen, und die Wage des Schicksals in deiner Hand hast, damit du auch der Länder und Könige Schicksal wägest. Aus deinen Händen empfangen wir diesen Prinzen, und Alles vereinigt seine Hände, den Erben unsers Landes zu deinem unsterblichen Throne zu heben, von dem du Segen und Leben herabblickst auf Menschen und Völker. Blicke Ihn an mit väterlichem Auge und weihe Ihn zu der Fürsten Einem, die dein göttliches Bild auch in Wahrheiis- liebe, in Huld und FreunstlAkeit unter den Menschen, in Segen und Wohltbün an sich tragen. O Herr! die stille Freude dankbargerührter Menschen ist dir das beste Opfer auf deinem unsichtbaren Altar : ihre erstickten wortlosen Seufzer und Gebete sind der lauteste Lodgesang in deinem allumfassenden Tempel. Schau also gnädig herab auf die j Freude unsers Landes und erhöre die Seufzer jeder dir jetzt im Stillen dankenden, im Stillen vor dir -flehenden Lhrane. Du standest der Mutter unsers und Ho Milien. r3e Landes in Ihren kampfenden Schmerzen bei, und erquicktest Ihr Herz, und überschüttetest das Her; unsers beliebtesten »nd thcuerstcn Herzogs mit der neuen Freude, in seinem Sohne sein Bild zu sehen und sich mit ihm als ein segnender Vater des Volks auf ferne, ferne Zeiten hin verbreitet zu fühlen. Vater des menschlichen Schicksals! schmücke den jungen Zweig des edeln und guten Stamms auch mit der schönsten Blüthe und den unsterblichen Früchten desselben: denn du hast ihn aus einem Stamme entsprießen lassen, der reich ist am Ruhme glorwür- diger Vorfahren, die ewig, verdient um die Geschichte des Lichts und der Freiheit des menschlichen Geistes, um die Religion und Freiheit des deutschen Reicks, um die stille Tugend und Glückseligkeit ihrer Lander, im Andenken der spatesten Nachwelt leben werden. Nie unterdrückte dieser Stamm: kein Unrechtes Gut ist in seinen Händen; und als er litt, wars um die edelste Sache der Welt, um die heiligsten Gaben deiner Vorsehung — Religion, Freiheit und Licht der Völker. Vater des Lichts und der Freiheit! Laß also die Gulthatcn und Verdienste seiner Vater auf diesem Kinde, dem Erben ihres Fürstenstuhls, ruhen! Der Geist Friedrich des Weisen, der Geist Philipps des Groß- müthigcn, sammt allen guten und verdienten Fürsten der Ihm angestammten und unverwandten Geschlechter müsse von Kindheit an Ihn umschweb ben, müsse Ihn von Jugend an die leuchtende Bahn zum schwersten und rühmlichsten Guten führen. Das edle Blut, aus dem du Ihn gebildet hast, durch-? I 2 »32 Christliche Reden walle Sein Herz: das tapfere Wahrhei'ksgcfühl seines Vaters, die stille goldene Großmuth seiner Mutter müssen auch der Grund seines Daseyns, das felsenfeste Fundament seiner Tugenden, Bestrebungen und Verdienste werben! Vater des Schicksals der Fürsten! Du hast Ihm das glänzendste und gefährlichste Loos bestimmt, das einem Sterblichen werden kann, das Leos der Regierung. Regenten sind das gefürchtete Werkzeug in deiner über die Welt erhobnen Hand, Volker zu beglücken oder aufs empfindlichste zu strafen, Lander zu segnen oder im innersten Marke zu veröden Wir umfassen deine Knice, gütiger Vater! Er wird kein Werkzeug der Strafe, sondern der Gnade, der Huld, des Segens und Gedeihens in deiner regierenden Hand werden: denn mitAnmuth und Stärke hast du Ihn geschmückt und edlen guten Eltern an die Hand und in den Arm gegeben. Von Kindheit auf wirst du der Führer seines Lebens werden, daß Er seiner neugcbornen Würde sich nur dazu erinnere, um ihrer würdig und werth zu werden. Unter den Augen seiner Eltern wird Er von Kindheit auf die Pest der Fürsten, die Schmeichelei, und den benebelnden , verführenden Scheindienst hassen lernen. Frühe wird sich sein Ohr an Wahrheit, auch au bilrre Wahrheit gewöhnen, und nur dadurch wird sein Herz gesund, sein Verstand richtig, seine Hand und Tbat fest und treu werden. Die erschlaffenden Leitbanoe menschlicher Verzärtelung, knechtischer Un- «tcrwücsigkeit, gemächlicher Zwcifelsucht uzrd Mode- phliosophie, und insonderheit die entnervenden Lüste lind Ho Milien. i3Z der Jugend werden fern, fern von Ihm bleiben; dagegen Wahrheit und Treue Ihn küssen, Religion, Wissenschaft und ächte Freundschaft ihn leiten! — Ja, geliebter Prinz, mein Gebet zu Gott wird, dünkt mich, über Dir Weissagung. Du hörest mein Gebet nicht; aber Dein Schutzgeist, der Dich unsichtbar hier umschwebt, der Dich aus den Händen Gottes zu uns herbrachte, höret sie und wird sie Dir frühe ins Ohr lispeln: das Auge der Vorsehung, das Dich mit unanschaubar - heiligem Glanze umgiebt, wird in Dich blicken und sie Dir aus Deinem tiefsten Herzen sagen. Noch schlummerst Du im süßen Traume der Kindheit, und der erquickende Schleier, der die Zukunft verbirgt, ist wohlthatig über Dich gebreitet. Aber in Deiner Seele schlafen schon alle Keime der Thaten und Neigungen Deines Lebens: sie schlummern da, wie eine -zusammengcsaltete Knospe, von den Händen der obersten Güte und Weisheit gebildet. Sanft und schön müsse diese Knospe aufgchn, reich an Hoffnungen und an süßem innern Frieden, daß Du die Freude Deines Vaters, der Lohn Deiner Mutter, die Zierde Deines Hauses, die Liebe Deines Landes, der Liebling der Deinigen und, was mehr als Alles ist, ein Liebling der erhabensten Vorsehung werdest. Das Band, das jetzt durch Gebet und heilige Gelübde zwischen Deinem und Gottes Herzen ge- knüpft werden soll, sey und bleibe Dir von Kindheit an heilig, ein sanftes Band Deiner Pflicht und Treue zu Deinem obersten Herrn, Wohlthater und Leichter, unzerriffen und unentwciht durch mcnschli- Christliche Reden 2 34 che Verleitung. Dein Gewissen sey dein Alter! Wert Gottes sey Dir desselben innerer heiliger Ruf! Die Stimme des Geistes bleibe Dein Führer, der Dich jetzt wie himmlisches Salböl überströme und Dein Gemüth im Frieden Gottes fest bewahre! Carl Friedrich wirst Du genannt werden: cs verbinde der Name beide Tugenden in Dir, zu denen die menschliche Bestrebung gelangen kann, Starke und Sanftmuth, Tapferkeit und Frieden. Die feste Ceder und der schöne Palmbaum leihen ihre Zweige, um Dir in Deinem Namen eine unsterbliche Krone zu winden. Und so wie Du in Zeiten des Friedens geboren bist, wie die ersten Tage, da Du das Licht erblicktest, allen vier Welt- theilen Ruhe versprechen und Freude; so werde auch Dein Leben und einst in spaten Jahren, die wir alle nicht zu erleben wünschen und hoffen, Deine Regierung. Sterbend müssen Dich Greise ihren Kindern und Enkeln als einen Schatz der Hoffnung hinterlassen und zu ihnen sagen : „C a rl Friedrich wird ein Vater des Volks und ein Hirt seiner Lander heißen, daß die Berge unter ihm Friede verkündigen und die Hügel seine Gerechtigkeit und Güte preisen: daß er sein Volk regiere mit Gnade und den Unterdrückten helfe durch tapfre Weisheit. Zu seinen Zeiten wird blühen der Gerechte: der Fremde wird unter ihm Zuflucht suchen und seinen Schatten segnen. Denn er wird gnädig seyn den Geringen und Armen; die Seele deS Geringsten wird thcucr seyn in seinen Augen. Leben wird er und sein Land ihn lieben: sein Name wird genannt und Homilien. »35 werden unter den Gesegneten und Glücklichen der Erde. " Bekräftige unsre Wünsche, Du, der in die Zukunft blickt und das Gewebe aller menschlichen Verhängnisse webet. Die schönste Blume jedes Ruhms und jeder Tugend sey sein und der Gipfel aller menschlichen Größe, Deine Huld und Gnade: denn, o Herr, alles Auszeichnende, Edle und Göttliche in einem Menschen, in einem Prinzen und Fürsten ist nur Dein Geschenk: wen du segnest, der ist gesegnet! wen Du beglückest, der ist beglückt. Nach vollendeter Taufhandlung. Nun danket all und bringet Ehr Gott, unserm höchsten Gut, Der Gutes uns je mehr und mehr Und Heil und Wohlthat thut. Er lasse seine Lieb' und Gut' Mit diesem Prinzen gehn, Und was die Seele falsch bemüht, Fern, ferne von Ihm stehn. Er gebe Ihm ein fröhlich Herz Und reinen Muth und Sinn. Ihm werd' auch seines Lebens Schmerz Ein süßerer Gewinn. iZ6 Christliche Reden und Homilien« Glückseligkeit und feste Kreu Sey uns mit ihm beschert: Im Himmel und auf Erden sey Sein Name hold und werth, XXXI. Predigt am Feste des Kirchgänge der regierenden Herzogin Durchlaucht nach der Geburt des Erbprinzen. Gehalten am Sonntage Znvocavit. >ci der heutigen festlichen Versammlung, da wir die Mutter unsers Landes aufs neue in unseren Kreise sehn, wie Sie im stillen Herzensgebet den Sohn Ihrer Freude Gott zum Segen darstellt, und für die Ihr erwiesene Hülfe und Wohlthat dem Geber alles Guten danket; was kann ich,, m. A. , in dieser Versammlung zuerst und besser thun, als daß ich in eurer aller Namen die Stimme des allgemeinen Glückwunsches und der öffentlichen treuen Lheilnehmung an Sie werde? Im Namen dieser Gemeine also lege ich, gnädigste Fürstin, den Glückwunsch Ihnen zu Füßen, der überall wahr und gewiß, nie aber ungeschminkter und redlicher Ihnen dargebracht wird, als hier im Heiligthume des Landes. Wen Gott gekrönt hat, krönt keine sterbliche Hand; nur segnen kann sie ihn und für ihn beten. Und dies thun wir alle für die Mutter unsres Landes mit Liebe und kindlicher Ehrfurcht. Gott hat Ihnen die süßeste Unsterblichkeit geschenkt, die Hoffnung, Wohlthäterin des Landes auch in Ihrem Sohne zu werden und mit Ihm einen Baum gepflanzt zu haben, in dessen wohlkhatigem Schatten sich die spate Nachwelt segne. Einst, wenn Sie und unser verchrtester Fürst auf der Erde nicht anders mehr als im Andenken der Hochachtung und des i?! i /. Christliche Reden 140 Danks leben, wird man Ihre Namcn bei dem Namen Ihres Sohnes liebreich nennen, und Ihnen noch in die Gegenden einer andern Welt Seligkeit nachwünschen. Mich dünkt, ich sehe vor Jhgen.beiden das ganze Land kniecn und Ihnen seine Hoffnung, unsern Erbprinzen, zur besten Bildung empfehlen. .Ec gehört Ihnen und uns, unsern Kindern und. Enkeln, denen ihn die Vorsehung zum Hirten und Vater bestimmt hak. Der Schatz unsrer Wünsche ist in Ihren Händen: denn Ihnen ist die schöne Sorge anvertraut, Ihn als das Gewächs himmlischen Segens zu erziehen, in dem auch Sie selbst beide den schönsten Lohn Ihres Lebens, die Freude Ihrer Jugend und Ihres Alters, und einst beim Hingänge aus dieser Welt den fröhlichsten Zurückblick auf das, was Sie hinter sich lassen und was Ihnen einst in die Ewigkeit nachfolgt, genießen werden. Sic und wir alle werden einst mit'Ihm vor Einem Gott erscheinen, zu dem alles Gute und für die Menschheit Wohlkhatige aufsteigt, vor dessen Blicke, wenn alle Hülle dieser Zeitlichkeit verschwunden ist, nur Wahrheit und reine Güte Lohn hat. Ec werde Ihnen alsdann der fröhlichste Anblick, der Sie mit ewigen Palmen kröne! Vereinigt Eure Gebete mit mir, andächtige und theilnehmende Herzen, und breitet Eure Hände empor, daß Gott uns erhöre, und Kind und Eltern mit unsterblichem Segen segne. Es ist dir eine Freude, 0 Herr, wenn Menschen sich vor dir freuen, wenn sie dir Gutes zu- trauen, und für ihr Land und ibren Fürsten beten. Dein Blick erfreuet sich an der Unschuld eines Kin- und Ho Milien. 14» des, dos du zum Segen gesetzt hast: und der Sohn deiner Liebe selbst hatte, da er auf Erden wandelte, kein schöneres Bild, seine Gegenwart den Menschen zu empfehlen, als die unverdorbene Unschuld der Kinder. Wer sic liebte, liebe ihn; wer ihnen Gutes erzeigte, habe cs ihm erzeiget. Höre also auch jetzt unser Gebet, da wir für dies Kind im Namen Jesu beten. Die Tage seines Lebens sind auf dein Buch geschrieben und der Gang) den cs gehen soll, ist vor dir offenbar. Scy du ihm Schutzgott und Freund von Kindheit an: er lerne dich erkennen, und den Wohlthater-unsers Geschlechts lieben, dessen stilles schweigendes Bild Ihm Muster der edelsten Mcnschcntugend seyn möge. Er suhle, wozu er bestimmt sey, und bereite sich dazu und werde seinen Unterthancn so wecth, daß ihn jedermann zu seinem Fürsten wählte, wenn er auch nicht dazu geboren wäre. Ich weiß, mein Gott, daß Menschenthun Und Werk' in deinem Willen ruhn: Von dir kommt Glück und Segen- Wen du regierst, der gehr und steht Auf rechten, guten Wegen. Drum, lieber Vater, der du Krön Und Scepter trägst im höchsten Thron Und ihn so weise führest; Hör' unser Wort, hör' unser Flehn Vom Thron-, da du regierest. Gieb unser s Fürsten Sohn das Licht, Das sich von deinem Angesicht In reine Seelen senket; Christliche Reden »42 Und ihres ganzen Lebens Pfad Zum besten Endzweck lenket. V. U. Text: Siehe, also wird gesegnet seyn der Mann, der den Herrn fürchtet! Der Herr wird dich segnen aus Zion, daß du sehest das Glück Jerusalems dein Lebenlang- Und sehest deiner Kinder Kinder; Friede über Israel. Psalm 128. V- 4-6. ^^er Psalm, aus dem unsre Worte sind, schildert ein Glück, das auch der Aermste genießen kann, das Glück des Hauses. Er steigt von demselben höher hinauf zur Wohlfahrt des Landes und der Hauptstadt, zur Blüthe des Gottesdienstes und endlich zum Wohl der Nation auf spate Zeiten. In den verlesenen Worten singet er das Glück Eines, der seiner Kinder Kinder, sein Haus in Blüthe, sein Land in Ruhe sieht; preiset cs als den Lohn der Gottesfurcht und Weisheit. Auch bei Fürsten, in. Z., fangt das Glück von ihrem Hause an : denn dies ist das menschlichste und nächste, womit die Vorsehung ihre Verdienste um Land und Familien belohnen kann. Wie manche Fürsten gabs, die berühmt und siegreich, glanzend und dem äußern Ansehen nach glücklich, nicht aber glücklich in ihrem Innern waren, weil ihnen Ruhe deS Herzens, menschliche Freude fehlte. Der Wurm nagte also in ihrer Brust: sie brachten ein krankes Herz auch zu ihren Geschäften und Vergnügen; und jedermann weiß, wie unschmackhaft ein Vergnügen ist, wenn das Herz leidet. Es ist also auch Ehri- und Homilien. 143 stenpflicht, für das häusliche und innere Wohl seiner Fürsten zu beten: denn es gehört dasselbe so sehr zu dem Zwecke des Apostels, daß wir unter ihnen führen können ein geruhiges und stilles Leben in Gottseligkeit und Ehrbarkeit. Und wahrlich! hier kommt aller gutgesinnten Menschen Mitcmpsindung gleichsam der Pflicht zuvcr. Uebcr das Glück seines Fürsten freuet sich jeder, weil hier keine widrige Leidenschaft, kein Neid statt findet, der die Theilnehmung störe. Man findet seinen eianen Wunsch erfüllt, wenn Gott die, die er mit Würde gekrönt hat, auch mit häuslicher Wohlfahrt krönet. — Wie wir nun neulich die Wünsche beherzigt haben, die jeder für den Erbprinzen in seiner Brust heget; so lasset uns heute, m Z., gleichsam den zweircn Theil dieser Betrachtung uns deutlich machen, und die Ursache der Freude entwickeln, die ein guter Unterthan bei dem Wohle seines Landcsherrn fühlet. Es ist die Pflicht des öffentlichen Vortrages der Religion, unsre Empfindungen bei solchen Gelegenheiten aufzu- kläcen und zu ordnen, damit unsre Freude nicht bloßes Geräusch, sondern eine vernünftige und christliche Freude werde. Und nur das ist eine Freude solcher Art, die uns bessert, die uns mit unserm Zustande vergnügt, uns dem Schöpfer und der Obrigkeit dankbar macht, und uns das Gute, das wir genießen, auch mit dem Verstände zu genießen gebe. Wir wollen also, m. Z., von dem Glücke reden, das Gott fürs menschliche Geschlecht im Sinne hatte, da ec dasselbe an Regierungen band. r. Das menschliche Geschlecht ist geschaffen, re- r44 ENMDW-W-DA-',...,, Christliche Reden giert zu werden. Alle werden wir schon unter einer Regierung geboren, dos ist die Pflege und Aufsicht unserer Eltern ; und so wenig sich ein Mensch einen andern Eingang ins Leben wählen kann, als den die Vorsehung uns bestimmt hat, so wenig hangt überhaupt Regierung im Ganzen von unsrer Will- kühr ab; sic" ist vielmehr in der innern Einrichtung unsers Geschlechts selbst gegründet. Von der Geburt an hat Gott Bande zwischen den Menschen geknüpft, die die Willkühr einzelner und aller Glieder nicht erfand, die sie auch nicht zerreißen kann, ohne den Zweck des ganzen Geschlechts zu vernichten. Der Mensch wird schwach, und schwächer, als irgend ein ander lebendiges Geschöpf geboren : er bringt Fähigkeiten auf die Welt, und zwar unter Allem, was wie kennen, die großesten Fähigkeiten; sie sind aber alle noch unentwickelt, sie müssen erst durch Uebung, Gebrauch und Erziehung wirkliche Kräfte werden. Diese Erziehung ist also die erste Regierung; und cs ist unlaugbar, daß Gott für sie die sanftesten Bande gewählt habe, die Menschen an Menschen fesseln können. Es sind nämlich die Bande der Liebe und des kindlichen Gehorsams. Eltern lieben ihre Kinder, noch che sie liebenswürdig sind: sie lieben sie mehr, als diese sie je wieder lieben. Unmittelbar hat sie Gott an ihr Herz geknüpfet, daß sie sie als Theile von sich anseben und mit unnennbarer Regung sich selbst in ihnen lieben. Das Gute also, was sie ihnen erweisen, die Mühe, die sie für dieselben übernehmen, thun sie nicht aus kalter Pflicht oder aus eigennütziger Hoffnung, sondern aus innerni Triebe, aus einer Freude, die sich selbst be- und Homilien. belohnet. Gegenseitig macht die zarte Schwachheit der Kinder sie der Regierung und Leitung ihrer Eltern so ausgezeichnet fähig. Ein unverdorbenes Kind glaubt seinen Eltern, weil es noch von keiner Falschheit weiß : es folgt ihrer Leitung, weil es sich selbst noch nicht leiten kann: cs gewöhnt sich an Dankbarkeit und Liebe, weil cs sieht, daß man ihm mit Dankbarkeit und Liebe zuvorkommt, und weil cs ja alle Wohlthatcn des Lebens aus der Hand seiner Eltern genießet. Die höhere Macht, die reiferen Kenntnisse, das größere Ansehen dieser drückt sich als eine Gvttergcstalt, als das erste Bild einer Obrigkeit ihren Seelen ein; und so werden sie auf dem sanftesten Wege gewöhnt, auch den Vorschriften ihrer Lehrer, den Gesehen ihrer Lbcrn mit Unterwerfung und kindlichem Gehorsam zu folgen. Die Geschichte des menschlichen Geschlechts zeigt, daß alle Regierung ursprünglich aus dieser Vaterregierung entstanden sey: denn Familien waren eher als Völker, Vater waren früher als'Regenten, ja, die ersten Könige, Fürsten und Priester waren nur Vater. So heißt Abraham ein Fürst Gottes, weil Gort sagen konnte: ich weiß, er wird befehlen seinen Kindern und seinem Hause nach ihm, daß sie de» Herrn Gebot halten und thun, was recht und gut ist. Dies sind die Gründe, dies ist auch der höchste Zweck des Gebäudes aller menschlichen Regierung. Der Name: Vater des Volks, kindlicher Gehorsam der Unterthanen gegen ihren Fürsten, schließt alle Pflichten und alles Glück ein, was eine menschliche Ver, Herders Werke;> Rcl. u. Theot. IV. K Christliche Reden -46 fafsung je schaffen kann. Sobald sich ein Fürst als Vater des Volks suhlet, wird er eben die Treue, die uneigennützige Liebe und Großmuth gegen sein Land haben, die ein Vater seinem Geschlechts erweiset. Gern und aus innerer Neigung wird er sich demselben aufopfern, und alle Mühe übernehmen, die ein Vater so gern übernimmt, um die Glückseligkeit der Seinen als die schönste Blüthe seines Daseyns zu befördern. Sobald Unterlhanen kindliche Ehrfurcht gegen ihren Fürsten haben, wird der Gehorsam von selbst folgen. Aus Liebe und Zutrauen zu ihm werden sie auch schwere Pflichten gern übernehmen: sein Befehl wird ihnen seyn wie die Stimme eines Vaters, der das Kind glaubt, wenn cs auch nicht allemal die Gründe des Befehls einsähe. Es bescheidct sich, daß es sie nicht allemal einschen könne, sie aber in der Zukunft an seinem eignen Wohle erfahren werde, und so wird es durch diesen zutrauenden Gehorsam geschäftig und glücklich. Ueberall also, >vo wir auch bei Völkern hie und da Züge der ursprünglichen ValerMcgierung wiederkommen sehen, kamen immer auch Neste der ersten goldenen Zeit wiede-. Der Vater seines Volks ehrte die väterlichen Rechte in jedem Geschlechts; denn er wußte, daß seine eigne schönste Gewalt nur auf ihnen beruhe. Er suchte überall häusliche Glückseligkeit zu stiften, weil er überzeugt war, daß damit die Glückseligkeit des Ganzen, das nur in einzelnen Familien besteht, sich bilde. Gesundheit also und zufriedene Wirksamkeit seiner Unterthanen, insonderheit die gute Erziehung derselben von Kindheit auf war ihm das wichtigste Augenmerk: denn sind und Homilien. 147 wir nicht alle überzeugt, daß die meisten Nebel der größeren Gesellschaft aus einer vernachlässigten oder übel geleiteten Erziehung werden? daß Menschen, die den wahren Zweck des Lebens nicht frühe kennen lernen, oder nicht frühe schon durch ernste Ue- bungcn zu ihm gewöhnt werden, daß diese auch in spätem Jahren nichts anders als müßige, lästige, unzufriedene, unglückliche Glieder eines Staats scyn können? Jeder bringt sodann Jrrthünicr, Vorur- theile, Laster und Leidenschaften in seinen Stand, und so verderbt er denselben mit ihnen ; ja er pflanzt sie auf seine Kinder und auf andere, die sich ihm nähern, unglückseliger Weise weiter. Der Vater seines Volks also suchte vor allem in die erste Bildung der Menschen bessere Grundsätze zu pflanzen. Mehr als Reichkhum und Volksmenge, mehr als Uep- pigkeit und Wohlwollen einzelner Stände war ihm die innere Gesinnung der Menschen, daß jeder frühe erkennen lernte, wozu er lebe? dass er den Zweck und das Wohl seiner Tage auf rechten Wegen suchte, und nicht erst durch Schaden, vielleicht spät oder gar nicht klug werden dürfte. Wohl dem Vater seines Volks, der also dachte! der diese Wurzeln der Glückseligkeit seines Staats in der ersten frühen Bildung der Glieder desselben legte! Der Fleiß aller Stände blüht damit auf! Das Wohl aller Familien wird damit befestigt! Mit Recht heißt er ein Vater des Volks, weil ec dasselbe zum Guten nicht treibet, sondern erziehet. 2. Sobald sich also mehrere Familien zusam- menthaten, und das Glück hatten, von einem ge.» K 2 r.3 Christliche 3k eben nieinschaftlichcn Geiste gelenkt zu werden: sobald sehe» wir auch mehrere Fähigkeiten des menschliche» Geschlechts sich entwickeln; ihre Vernunft sproßte höher, ihre Thätigkeit gewann weitern Raum. — Es ist ein trauriger Anblick, wenn wir in der Geschichte sehen, wie tief ein einzelnes Volk, noch mehr ein einzelnes Geschlecht verfallen kann, wenn eS nicht durch die Verbindung mit andern Geschlechtern, durch den Antrieb einzelner großer und wohllhätiger Menschen gleichsam heraufgehoben, hecaufgestellt wird. Die besten Fähigkeiten upd Kräfte in ihm schlafe», als ob sie nicht da wären; das Volk weiß selbst nicht, daß cs sie habe, und so sind manche Menschengeschlechter, von einem engcn Kreise umschränkt, beinahe bis zum Thicre herabgesunken, und Jahrhunderte hin in einem rohen hüflosen Zustande geblieben. Was die schönsten Fähigkeiten der Menschen geweckt, was ihre Glückseligkeit und Bildung in einem viel höher» Grade befördert hat, war — Negierung: ihr sind wir die glänzendsten Früchte des menschlichen Geistes, die so sehr vermehrte Thä- tigkeil der menschlichen Kräfte schuldig. Ein Mensch, eine Familie, die sich Alles allein seyn sollen; wie wenig können sie sich seyn! wie unvollkommen müssen sic sich alles schaffen und aus- führen! — Gott hat eine Verschiedenheit in unser Geschlecht gelegt, die wir bei keiner andern Art der Lebendigen finden: eine Verschiedenheit an Kräften und Neigungen, an Fähigkeiten und Trieben. Die Gesellschaft der Menschen ist, wie Paulus sagt, ein Körper mehrerer Glieder, wo dies bestimmt ist, Auge, jenes Fuß zu seyn; kein einziges aber und HoMilien. >49 Alles seyn kann; keines sich auch dem Dienste des gestimmten Körpers entziehen mag, ohne daß es selbst und mit ihm der ganze Körper leide. Ewig verdient also ums Wohl des menschlichen Geschlechts waren jene große, vom Himmel berufene Menschen, die Familien zusammenbanden, ihre verschiedenen Fähigkeiten und Neigungen zu Einem Zwecke verknüpften , und- ihnen also das Gepräge einer Gesellschaft ausdrückten. Sie thaten das, was Gott, indem er unserm Geschlecht so verschiedene Kräfte gab, wollte gcthan haben, und so wurden sie gcwisscr- maaßen unsere zweiten Schöpfer. Nun wurden Fähigkeiten im Menschen rege, die vorher kaum bemerkt waren, und jeder konnte die seinige üben. Einer half dem Andern; einer stand dem Andern bei. Dieser erfand, jene folgten nach ; dieser schützte, jener konnte sich in stillem nützlichen Fleiße üben. So bekam jeder sein Eigenthum, und konnte es ruhig genießen: die einander naher gebrachten Menschen gewöhnten sich zu Pflichten gegen einander, weil sie sahen, daß sie einander unentbehrlich, daß sie für einander geschaffen waren. Der Geist solcher Versammlungen arbeitete also dem Ehristenthu- me vor, und soll ihm immer noch helfen und ihn fördern. Denn wozu, m. Z., wohnten Menschen so enge an einander? wozu hießen gewisse Striche der Erde Ein Land, Eine Stadt, Eine Gemeinheit? wenn nicht dazu, daß die Einwohner desselben sich auch als Eine Gemeinheit anschen, einander beistehen, helfen, rathen und allesammt als Bürger Eines Landes friedlich mit einander leben sollten? Der Name der Obrigkeiten ists, der die Menschen auf solche Weise verknüpft hat; ihm sind wir also auch Christliche Reden i5o die Früchte dieser Verknüpfung schuldig. Auch in diesem Betrachte heißts also: die Obrigkeit ist von Gott; wo Obrigkeit ist, ist sic von Gott verordnet: denn durch sie sind göttliche Wohlthaten dem menschlichen Geschlecht« zu Theil worden: Sicherheit und Ordnung, Erweckung der Thatigkeir und der edelsten Menschengüte. Durch sie hat sich die Vernunft emporgehoben, auch in verworrenen Fällen Ein gemeinschaftliches Beste anzuer- kenncn und durch Gesetze zu gründen. Das menschliche Herz hat sich gefallen lassen, auch beim Streite der Leidenschaften einer allgemeinen Stimme nach, zugeben, und ein fremdes Wohl als das seinige zu empfinden. Es waren also wirklich Schutzengel der Menschheit, Gottes Boten, die solche Einrichtungen zu Stande brachten, und überall ist noch die Obrigkeit mit dem Ansehen Gottes bekleidet, um das im Gange zu erhalten, wodurch die Menschheit nur Menschheit ward. Lasset uns setzen, daß der Körper einer Gesellschaft getrennt und alle heilige Pflichten ihrer Verbindung zerrissen würden: welch unglückseliger Zustand singe wieder an ! Der Schwa» chere würde dem Starker» zum Raube: Gewalltha- tigkeiten hatten ihr freies Spiel; ja die verfemten Laster der Menschen würden sich Abscheulichkeiten schaffen, davon keine alte Zeit wußte., Regenten sind also Statthalter Gottes, denen die heiligsten Rechte der Menschheit anvertraut worden, und Gott wird sie von den Händen derselben fordern. 3. Sobald also verschiedene Geschlechter Eine Regierung, mithin den gemeinschaftlichen Boden ihrer Geburt und ihrer Thätigkeit liebgewannen, so und Homilien. > 51 verstärkte sich das Band ihrer Glückseligkeit durch einen neuen Zauber: das süße, das kräftige Wort: Vaterland! ertönte. Auch hiezu hatte Gott Empfindungen in die menschliche Natur, und von außen Lockungen und Netze umher gelegt, daß diesem neuen Bande niemand entgehen könnte. — Lasset uns die schöne Verknüpfung desselben mit unserm Herzen sehen! Jedem Menschen sind die Jahre seiner Kindheit die angenehmsten. In ihnen blühet er noch als eine frische Pflanze, der Gottes Sonne schön leuchtet, die alles Erquickende der Schöpfung in sich sauget; oder (mit andern Worten) die ersten Empfindungen und Tätigkeiten eines Menschen sind ihm über Alles süß, sie bleiben ihm lebenslang die frohesten Erinnerungen der Seele. Alle Eindrücke sind ih alsdann noch neu und lebhaft: mit ihnen drückt sich zugleich alles ein, was sie umgiebt; sie werden auf Lebenszeit gleichsam die Form der menschlichen Seele. Wenn wir auf uns merken, werden wir öfters finden, daß wir, was uns in spätem Jahren vorkommt, unvermerkt auf unsre frühesten Eindrücke beziehen, und mit ihnen vergleichen; ja viele Menschen sind mit diesen ersten Eindrücken gar am Ziele, und wagen nichts für gut zu erkennen, was nicht mit jenen übereinkommt. Die ersten Vorbilder, die wir sahen, die ersten Lehren und Reize, die wir empfingen, sind von beinahe unauslöschbarer Wirkung: und siehe! diese ersten Empfindungen und Reize schufen das süße Wort: Vaterland! Glücklich ist der, der nur die besten Eindrücke jeder Art zu demselben rechnen darf, und in seiner Erziehung für dasselbe sogleich einen schönen Zweck seines Lebens kennen lernce. Er irret nicht als ein Verbannter umher, der für das Gute, das er stiften soll, gleichsam keinen Ort weiß. Der Heerd seines väterlichen Hauses, der Altar seines väterlichen Gottes ist ihm heilig. Unter den Augen der Seiniaen, ivo er fröhlich erwuchs, kann er auch für die Seimigen fröhliche Fruchte bringen, und die Verdienste seines Lebens in den Kranz seiner Vorfahren knüpfen. Wenn sein Vaterland ruhmwürdig geworden ist, sind nicht gewissermaaßen alle Tugenden und Thaten desselben fein? Sie muntern ihn auf und regen ihn an, auf der Bahn fortzugchen, die er schon durch so viele Fußtritte seiner Vater mit Lobe ausgezeichnet findet, und nichts zu thun, das der Berühmtesten desselben unwcrth scheine. Sachsen z. B. hat das unangcstrittene Verdienst vor sich, daß es in Aufklärung der wahren Religion, für Deutschland, die erste Provinz gewesen, die andern Provinzen und Ländern mit der Fackel in der Hand voranging. Immerhin also sollte dieser frühe Schritt, der die Bahn brach, Reiz und Aufmunterung bleiben, diese edle Bahn zu verfolgen. Die erste aufgeklärte Provinz Deutschlands sollte auch die aufgeklärteste zu feyn streben: denn im Laufe der Zeit stehet nichts stille, und was nicht vorwärts gehet, gehet zurück. Deswegen hat Gott das große Gesetz in Erhaltung und Fortpflanzung der Dinge gelegt, daß alles gliederweise wachst, und sich in neuen Sprossen der Baum ausbrcitet. Er wollte, daß mit jedem neuen Geschlechts der Menschen neue Kraft sproßte, daß die Jüngern auch von den Fehlern der Alten sowohl als von ihren Vorzügen lernen soll- und Homilicn. i53 ten. Sie sollten fortbaucn, eben weil sie auf das Werk ihrer Vater bauten, weil sie den Ruhm ihres Vaterlandes beförderten, und weil mit dem Namen desselben aucb der ihrige auf die Nachwelt reichte. Keine Tugend, kein edler Trieb hat daher, zumal in den frühern Zeiten, so viel große und schöne Wirkungen hervorgebracht, als die Liebe zum Vatcrlan- de. Ihr opferten die Menschen sich thärig und leidend auf: denn die ehrwürdige Stimme der Vater rief sie: sie hörten die Nachwelt ihrer Kinder noch ihr Andenken und ihren Schatten segnen. Sollte die edle Flamme des Bestrebens für andere nicht hell in ihren Seelen ausstammen, da sie für ein Bestes zu wirken hatten, das sie in ihrem liebsten Kreise vor sich sahen, das ihnen in der schönsten Jugend eingeprägt war, an das sie mit jedem rühmliche» Namen ihrer Vater, mit jedem Andenken ihrer Erziehung erinnert wurden? Gott selbst setzte bei seinem Volke Feste und Denkmale ein, da. mit Kinder fragen sollten: was das bedeute? und die Wundergefchichte ihrer Vorfahren in ihrer Seele fortwirkte. So band er Zeiten an Zeiten, Geschlechter an Geschlechter. Menschen, für deren Gesinnung die Pflicht allgemeiner Menschenliebe noch zu hoch war, sollten ihr erwärmendes Feuer wenigstens in einem kleinern Kreise durch Liebe zum Vaterlands kennen lernen. — Offenbar, m. Z., trug hiezu auch das Erbrecht der Vater des Vaterlandes bei, durch welches man die Familien der Beherrscher zu Einer Kette von Wohlthatern zu knüpfen suchte. Da sie alle, aus Einem Blute entsprossen, Ein und dasselbe Land ,54 Christliche Reden das Ihrige nannten, und also in einer fortgehenden GeschlechtSreihe wirkten: so hatte das ihnen untergebene Volk die Hoffnung, daß sie auch als Zweige Eines Stammes, als Glieder Einer Kette in einer fortgehenden Reihe väterlicher Gedanken, Sorgen und Verdienste wirken würden, und also gewisser- maaßen die Regierung ihres Stammvaters ewig wahrte. Sohn und Enkel, sagte man sich, werden in die Fußstapfen des guten Vaters treten; das nie vollendete Werk der Stiftung des Guten werden sie fortführen helfen, und also das Andenken ihrer Vorfahren thatlich ehren. Ein geborner Erbfürst steht in einer Kette von Fürsten. So wie er ins Leben tritt, tritt er in einen großen Tempel, wo alle Bilder seiner Vorfahren ihn anreden, ihn aufmuntcrn, ihn lehren, ihn warnen. Er steht auf ihren Gräbern, und der Geist eines jeglichen hebt sich wie ein Scharte empor, mit ernster oder freundlicher Stimme ihn an^edend. Wenn unser Erbprinz einst diesen Tempel besucht, und die Bildnisse seiner berühmten Väter*), wenn er die Gräber Johann Friedrichs und Bernhards in ihm sieht, wird ihn nicht manchmal ein heiliger Schauer in jene Zeiten set/en und ihn die Stimme hören lassen : „Du bist unser Sehn! du bist unser Nachfolger!" Das ist das Gefühl, das jeder edle Fürst in der Reihe seiner Väter und Nachkommen fühlet. *) Die Bildnisse Friedrich des Weisen, Johann und Johann Friedrichs, die des Herzogs Durchlaucht der Kirche geschenkt hatten. und Homilien. i55 Jene wirken auf ihn, da sic ihm ihr Land und ihr Beispiel zum Erbe ließen; er wirkt aus diese, da er nach einer Reihe von Jahren auch nicht mehr ist, und jede schöne Saat seines Lebens eine Ernte dem Sehne wird. 4 . Soll also auch, m. Z., unsre gegenwärtige Freude für den Sohn unsers Fürsten nicht müssig und gleichsam ein Traum der Wachenden sevn: so lasset uns fragen, was auch wir für ihn thun können? damit seine Regierung einst glücklich werde. Jeder Vater, der Kinder und Enkel hat, denke: sie sind für ihn geboren; er erziehe sie also auch für ihn, so wie er wünscht, daß unser Prinz für ihn erzogen werde. Er trage dazu bei, daß in unfern Nachkommen, in dem Geschlecht, das einst auf unfern Gräbern wandeln wird, der künftige Fürst ein Volk finde, das mit ihm zu jeder-Brauchbarkeit, zu jedem Guten erzogen worden. Jedesmal, wenn er Ihn in blühender Gestalt wird hcranwachsen sehen: so sage er sich: Er wird der Vater meiner Kinder seyn und ich will dieselben für ihn bilden. Nur auf diese Weise, m. Z,, bereitet sich eine gute und bessere Nachwelt. So wächst der Ruhm und die Blüthe der Geschlechter: so nimmt der Segen Gottes über ein Land zu, und wenn Wir nicht mehr da sind, lebt unser Gutes noch in unfern Kindern. Was wir nicht ausführcn konnten, werden sie ausführen: was bei uns Wunsch blieb, wird ihnen, frühe eingepragt, leichte und glückliche That werden. Sie werden unfern Namen mit Liebe nennen und ihren Kindern als Vorbild empfehlen. — Diese Denkart, dieser Entschluß sey das Geschenk, das wir iZ6 Christliche Reden uird Homilicn. nnserm Prinzen an s>ine Wiege legen, und womit wir auch heute, an Seinem Segnungstage, in unsre Hauser kehren, uns selbst und den Unsern zum Segen. So danke Gott und lobe Dich Das Volk in guten Thaten! Das Land bring' Frucht und beßre sich, Dein Wort laß wohl gerathen! Uns segne Vater und der Sohn, Uns segne Gott, der heilge Geist: Er geh' uns seiner Gnade Lohn, Den er dem Redlichen verheißt! Er wird ihn geben. Amen. Co n fir mat io n Seiner Hochfülsti. Durchlaucht § arl Friedrich, Erbprinzen von Sachsen - Weimar und Eisenach'. Den 20. Marz »799. (Gedruckt.) Gnädigster Herrl IDie sind hier vor Gott, vor Ihren Eltern und dieser Versammlung, um von Ihrer Ueberzeugung in dem, was Ihnen Religion sey, d. i. von Ihren wesentlichen Verhältnissen und daraus entspringenden Pflichten Rechenschaft zu geben. Sie selbst sind Zeuge, daß, nach dem von Ihrem Lehrer genossenen treuen und guten Unterricht, bei der Zubereitung zu dieser Handlung Ihre eigne Ucbcrzeu- gung gewissenhaft und geflissentlich zum Grunde gelegt worden. Sie haben kein Glaubensbekenntniß auswendig gelernt, das als Formular jetzt hcrzusa- gcn sey; keine Wahrheit ist Ihnen imponicend, auf bloßes Ansehen gebaut, als ein Joch aufgelegt worden. Aus Unterredungen haben Sie selbst die Sätze gezogen und niedergeschkieben, die Sic als Resultate der Wahrheit anerkannten; Sie selbst haben die Fragen, die Ihnen über Ihre Pflichten vorgelegl wurden, schriftlich, d. i. gefaßt und nach eigner Ueberlegung beantwortet. Keine andere als diese ist die Zubereitung zu dieser Handlung gewesen, damit es eine freie, vernünftige Handlung, würdig des Namens der Religion, einem erwachse» nen Prinzen anständig, seyn möchte. Eine solch» Unterredung soll jetzt öffentlich Vorgehen. Sie antworten aus eigner Ueberzeugung, wie Ihnen dtt Christliche Reden 160 Ausdruck zukommt; ich thue nichts als den Faden der Unterredung knüpfen und leiten. Was ist Religion? Religion ist, was das Gewissen bindet. Gewissen ist unsre innerste Ueberzeugung. Was gehört also nicht zur Religion? Was nicht mein Gewissen bindet: das ist, was mich nicht überzeugt, wovon ich keine Erkenntniß, keinen Begriff habe; oder was nicht meine Pflicht nach meinem innersten Bewußtscyn angeht. Was wird hiemit von der Religion sogleich ausgeschlossen? Alle unnütze Speculation; unverständliche aufs Wort des Lehrers wiederholte Worte und Formulare: denn Religion soll meinen Verstand überzeugen, daß mein Wille darauf angelobe. Was für eine Angelobung geschiehst bei der Constr- mation? Die Angelobung, die einst für mich in der Taufe geschehen ist. Nach solcher sollte ich frei von Aberglauben und Jrrthümern zur Verehrung Eines Gottes und zu Leistung der ihm gebührenden Pflichten erzpgen werden ; dies Bekenntniß und diese Angelobung soll ich für mich jetzt selbst thun. Warum also geschiehct die Confirmation in diesen Jahren ? Weil ich das Bekenntniß und die Angelobung jetzt aus freier Ueberzeugung thun kann. Warum ktid HomilicN ibl Warum geschiehet die Eonfirmation auf ein Symbolum? Symbolum helft Merkmal, Kennzeichen einet Gesellschaft Die christliche gseligion setzte Unterricht zum Grunde; ihr Symbolum war ein Bekennt- niß dieses Unterrichtes. Das Symbolum des Christcnthums setzt den Begriff Eines Gottes voraus: ist dieser Begriff der menschlichen Vernunft nothwendig? Er ist ihr nothwendig: denn Vernunft ist Ordnung der Gedanken. In jeder Wirkung suchet sie, ihrer Natur nach, die Ursache der Wirkung und schließet zuletzt aus allen Kräften und Wirkungen der Natur nothwendig auf eine erste höchste Ursache. Sie nennen wir Gott. Ohne diesen Begriff wäre die Vernunft selbst ein unzusammenhangender, verworrener Traum, keine Vernunft mehr: denn wo ich das Band zwischen Ursache und Wirkung zerreiße, hört alle Vernunft auf. Ist der Begriff von Einem Gott der Äernünft nützlich gewesen? Sehr nützlich. Sic hat sich dadurch aufgeklärt, und indem sic Ursachen und Wirkungen Unter einander ordnete, hat sie die wahren und höchsten Gesetze der Natur kennen lernen. Wovon hat sie sich durch diesen Begriff gereinigt? Von Abgötterei und Aberglauben, v. i. von Nichtigen Vorstellungen der Phantasie, und von Irr- thümern, die wider die Ordnung der Natur sind. Ist dieser Begriff von Einem Gott auch Unserm Hetzen un!r Gemüthe nothwendig? Nothwendig. Wir genießen die Wohlthatcn der Herders Wirke z. Nel.«. Theol. IV. L L6» Christliche Redete Natur, und müssen zu unsrer eignen Befriedigung auch ihres Urhebers eingedenk scyn. Du sollst lieben Gott, deinen Herrn, von ganzem Herzen, von ganzer Seele. Mit welchem einfachsten Namen wird dieser Urheber von Allem ausgesprochen? Cr ist, er war, er wird seyn; der Selbstständige. (Jehovah.) Ps. 90, i. 2. Wie sprach Christus diesen Namen aus? Als des Allein Guten. Niemand ist gut als der Einige Gott; wer zur Glückseligkeit kommen will, hält seine Gebote. Nach welchen Wohlthaten nennen wir diesen einzigen Wohlthärer? Nach drei Hauptwohlthaten, Schöpfung, Erlösung, Heiligung, die, wie Anfang, Mittel und Ende, unzertrennt bleiben. Wissen wir etwas von diesem höchsten Urheber aller Dinge? Wir ersehen wirkliche Eigenschaften, d. i. Ausdrücke von Vollkommenheit in seinen Werken; Macht- Weisheit, Güte. Wo und wie ersehen wir Macht? Die Schöpfung ist für uns unendlich und uncrmeßbar im Größesten und Kleinsten. Allenthalben wirken unendliche, unermeßliche Kräfte. Wegreisen wir, wie diese Kräfte Wirkungen hervorbrin- gen und durch sie Dinge werden? Nein. Unsre Gedanken und unser Wollen bringen wir allein aus uns selbst hervor; zu allem, was und Homitieck. t63 wir von außen Hervorbringen wollen, bedürfen wir eines Stoffes und mancherlei Werkzeuge. Was sagt die Schrift vom höchsten, ersten Urheber des Weltalls? So er spricht, - so geschiebts. So er gebeut, so st ehets da. Unsre Gedanken sind also nur ein schwaches Nachbild seiner wirksamen mächtigen Gedanken. Wirkt die ewige Macht als eine blinde Macht? Nein- Wir sehen allenthalben ausgedrückw Gedanken in der Schöpfung: Weisheit; Wen nennen wir weise? Web zu Erreichung der besten Zwecke die besteck Mittel erwählet. In der Schöpfung sind Zwecke und Mittel allenthalben verschlungen, weil Alles Mittel und Alles Zweck ist; dies eben zeigt höchste Weisheit. WorinB; stybn wir bisse Weisheit? An den einfachen großen Gesetze» der Natur» in der Bewegung der Himmelskörper, und der Zui sammenordnung des Weltgebäudes; Alles ist in ihb zum fortdauernden Gleichgewichte in unzerstörlicheb Bewegung nach Zahl, Maäß und Gewicht geordnet. Zunächst Um und an uns sehen wir sie in jeder lei bendigen Organisation. Was sehen wir bei jedeb lebendigen Organisation? Daß jede derselben, ihrer Art nach, in sich bblleNdet sey , daß ihre Natur sich selbst unterstütze und ersetze, so daß sie weder etwas entbehren könne» noch etwas ick ihr wesentlich mangle. L 2 Daß jede organisirte Nalur an Stelle und Ort, d. i. in und zu ihrem Elemente organisirt worden, für welches alle ihre Werkzeuge und Glieder, ihre Kräfte und Neigungen gemacht sind. Daß alle Klassen der Geschöpfe zu einander, und die Dauer ihres Lebens zu ihrem Dafcpn und seinen Wirkungen berechnet sind. Daß endlich gegenseitige Unvollkommenheiten «inander aufhcben, damit Eins des Andern bedürfen, gebrauchen und genießen lerne. Herr, wie sind deine Werke so groß und viel; Du hast sie alle weise geordnet und die Erde ist voll deiner Güter. Worin ersehen wir, daß ein guter Geist die Schöpfung geordnet? Die Schöpfung ist erfüllt mit Leben. Alles Lebendige erfreuet sich seines Lebens. Sind dazu alle Mittel in der Schöpfung geordnet? Kräfte, Neigungen, Werkzeuge, Glieder, der Bau und das Ausammensepn der Geschöpfe ist dazu geordnet, daß jedes Lebendige feines Lebens froh werde. ' Unter welchem allgemeinen Gesetze? Unter dem Gesetze der Thatigkeit, d. i. des Gebrauchs seiner Kräfte. Nur durch den Gebrauch seiner Kräfte ist ein Geschöpf, was es scyn soll, gesund, froh und glücklich; wohlthätig für sich und für andre. Welches Geschöpf unter allen, die wir kennen, hat die eoelsten Kräfte? Der Mensch. Er hat Verstand, Vernunft und und Ho milicn. i65 Freiheit des Willens, auch die kunstreichste Orga» msarion. Bringt er diese Vorzüge ausgcbildet auf die Welt? Nein. Vielmehr erscheint er als das schwächste Geschöpf; seine Kindheit dauert am längsten, damit er durch Unterricht, Erziehung und Uebung jede sei, ner Kräfte ausbildcn lerne. Wodurch bildet er seine Vernunft aus? Durch Sprache und eigne Bemerkung. Die Sprache, die er lernt, ist eine Summe von Gedanken Andrer, ein Spiegel des menschlichen Verstandes. Wie bildet er die Freiheit seines Willens aus? Wenn er die Macht, die ihm der Schöpfer gab, mit Weisheit und Güte gebrauchen lernet. Macht, Weisheit und Güte sind im Menschen ein Abbild seines Schöpfers. Und je mehr Macht Gott einem Menschen anvcrtrauete? Mit desto mehr Weisheit und Güte soll er solche zu seinem und Andrer Wohl anwenden. So genießet er dieselbe und wird Gottes Bild auf Erden, ein gütiger Herr der Schöpfung. Finden gegen diese Wahrheiten nichtZweifcl statt? Z B. Sollte ein Gott seyn, da ich ihn nie gesehen habe? Da er mir nicht im Raume und in der Zeit erscheinet? Keine Kraft kann man sehen;- folglich auch nicht die höchste Kraft. Eine Kraft erscheint nur in ihrer Wirkung; Wirkungen der höchsten Kraft sehen wir allenthalben. Gottes unsichtbares -Wesen, seine ewige Kraft und Gottheit wird ersehen, so man dcß wahr nimmt an den Werken, an der Schöpfung der Christliche Reden Welt. Gott ist ein Geist; die ihn verehren, müssen ihn im Geiste und in der Wahrheit verehren- Kann nicht Zufall die Welt hervorgebracht haben? Zufall ist ein leeres Wort. Nichts geschieht in der Welt ohne Ursache: Alles geschieht durch gewisse Bestimmung wirkender Krä.sre, wenn es uns noch so zufällig scheinet. Wie darf ich von Golk behaupten, das er sey, da seine Vollkommenheilen über allen meinen Begriff sind? Die Vollkommenheiten, die ich in der Natur wahrnehme, sind nicht über meinen Begriff; Weis» heit, Güte uyd Macht erkennen wir in allen Her- Verbringungen der Natur und in der Zusammcn- ordnung ihrer Kräfte. Was über unfern Begriff ist, wollen wir in der höchsten Ursache nicht ergründen. Wie darf ich aber von Gesetzen und Ordnung der Natur sprechen, da ich die Natur nichc ganz übersehe? Was wir von ihr übersehen, zeigt uns allenthalben Gesetze und Ordnung. Von dem, was wir nicht übersehen, urtheilen wir nicht; die Gesetze, die uns klar vorliegen, find uns eine heilige, göttliche Ordnung. Wie darf ich sagen, daß ein gütiges Wesen Urheber der Welt sey; es ist ja Tod, Vernichtung, Uebeh in. der Schöpfung? Vernichtung ist nicht in der Natur; wir haben von ihr keinen Begriff. Was wir so nennen, ist nur ein Verschwinden, ein Wechsel von Gestalten. Tod ist nur Uebergang in einen andern Zu- und Homklicn. 1K7 stand; also ein nothwendiges und heilsames Gesetz der Natur, indem nämlich ein Wesen dem andern Platz macht. Diesem allgemeinen Gesetze, nach welchem wir auftreten und abgchcn, müssen wir uns unterwerfen. ' Wahrend des Lebens aber giebt es so viele Uebel in der Welt; physische und moralische Uebel? Physische Uebel sind Erfordernisse der Natur, die immer einem höhern Zwecke zu einem größer» Guten dienen. Z. B- die Empfindlichkeit unsres Körpers für Schmerz war nothwendig: denn Schmerz ist uns der Anzeiger eines gegenwärtigen oder nahenden Uebels. Vielen dieser Uebel kann man zuvor kommen, andre abwendcn und erleichtern ; was sich nicht abwenden laßt, muß man standhaft ertragen. Zu Abwendung und Erleichterung dieser Uebel, was ist dem Menschen gegeben? Vernunft. Deswegen haben sich auch die Menschen in eine Gesellschaft verbunden, um gemeinschaftlich von einander Uebel abzuwenden oder sie zu mildern. Wodurch geschieht dies? Durch gemeinschaftliche Thätigkeit und Klugheit ; durch allgemeine Billigkeit und Ordnung. Aber die mora lisehen Uebel? Sie sind die kränkendsten von allen; sie rühren aber nur von Menschen selbst her, vom Mißbrauche ihrer Gaben und Kräfte. Gegen sie ist das höchste moralische Gesetz unverbrüchlich geordnet. ULLL 168 Christliche Reden Welches ist dies moralische Gesetz? Daß jedes Gute sich selbst lohne, jedes Bose sich selbst strafe. Dies Gesetz findet in der mora i- schcn Welt, wie irgend ein Naturgesetz in der phy? fischen, statt. Wird das Gute sogleich vergolten? das Böse sogleich gestraft? In unserm Gewissen sogleich; die Folgen da? von können früh oder spät erscheinen. Sie erscheinen aber gewiß und erstrecken fich auch auf die Nachwelt, d. i. ins Unermeßliche, weiter. Welch einen Kanon, d, i. welches weisende Richtmaaß haben wir für dies moralische Gesetz? Unser innerstes Bewußtstem. Es zeigt uns. jede Abweichung vym Gesetze mit ihren innern und äußern Folgen; es ist uns selbst beim Guten der größeste Lohn, bei Abweichungen vom Gesetz die empfindlichste Strafe. Ist dies moralische Gesetz heilig und unverbrüchlich? Unverbrüchlich wie alle Gesetze der Natur. Gott rst nicht ein G0tt, dem gottlos Wesen gefallet, wer böse ist, bleibet nicht vor ihm. Ist die große Ursache der Welt also allen Geschöpfen gegenwärtig? Der Allgegenwärtige, Allwissende erhält und regiert alles. In ihm leben, weben und sinh wir. Die Ueberzeugung von einem Allgegenwärtigen, Allwissenden, der höchsten Regel des Guten, was muß sie nothwendig in uns wirken? Aufrichtigkeit gegen uns selbst, die innigste Liebe lind Homilien. 169 zur Wahrheit. Herr, du erforschest mich und kennest mich lc. Ps. 139, 1 - 4. Er forsche mich, Gott, und. erfahre mich rc. v. 23 . 24. Was stehet also unter der Aufsicht und Vorsehung Gottes? Alles; das Größeste, wie das Geringste: denn das Größeste besteht nur aus dem Kleinsten; aus dem Kleinsten kann oft das Größeste werden. Matth, io, 29. 3 o. Stehen alle Wcltbegebenheiten unter der göttlichen Vorsehung? Gott stehet sie aus ihren Ursachen entspringen; er regiert und lenkt sie zu seinen Absichten, oft gegen die Meinung derer, die sie unternehmen. Steht auch das Böse, das in der Welt geschieht, unter Gottes Vorsehung? Ja. Oft lasset crs geschehen; oft kommt er «hm zuvor und thut ihni Einhalt. Immer aber setzt er ihm Grenzen und lenkets also, daß dennoch etwas Gutes dadurch bewirkt wird. Steht auch das Leben einzelner Menschen mit seinen Begebenheiten unter Gottes Vorsicht? Deine Augen sahen mich, als ich noch unbercitet war. Es waren alle Tage meines Lebens auf dein Buch geschrieben, die werden sollten, ehe Einer derselben war. Wann dürfen sich Menschen auf eine Vorsehung verlassen? Wenn sie ihre Kräfte wohl anwenden und ihrem Gewissen in Allem treu sind. Christliche Rede» 17A Wann dürfen sie sich darauf nicht verlassen? Wenn sie ihre Kräfte nicht anwendcn und ihrem Gewissen nicht treu sind. Alsdann verläßt sie ihr g u t e r Geistz. Wessen Werkzeuge sind edle und gute Menschen? Werkzeuge der Börse düng. Durch sie erweiset Getc den Menschen das edelste' Gute, oft durch Einen Menschen vielen Menschen und einer ganzen Nachwelt, Wessen Werkzeuge sotten also diejenigen feyn, die über andre Menschen gesetzt sind? Gottes Werkzeuge zum Glücke der Menschen. Um eures Lebens willen, sprach Joseph, hat Mich Gott vor euch her gesandt. Ist also der Glaube an eine höchste Vernunft, die glle Dinge lenkr und ordnet,, ein der Vernunft gemäßer» moralischer Glaube? Wir müßten unsrer Vernunft und unserm Gewissen entsagen, wenn wir dieser Ueberzeugung nicht folgte». Wann entsagen wir dieser Ueberzeugung? Wenn wir, unsrer Vernunft zuwider, der Natur eine falsche Ordnung anlügen; oder wenn wir, unserm Gewissen zuwider, ihrem Winke und Gesetze Nicht folgen. Wodurch geschieht jenes, daß wir der Natur eine falsche Ordnung anlügen ? Durch Aberglauben und Widersinnigksit. Wodurch geschieht dieses, daß wir, unserm Gewissen zuwider, ihrem Gesetze nicht folge»? Durch Trotz gegen sie und durch jede böse Ge- und Ho mi li en. 174 wohnheit; da sich dann für jeden gegen sie getha- nen Schritt die Natur rächet und ihren Beleidigerstrafet, Ist ein Fürst gesetzlos? Nein. Da er Andern Gesetze giebt, soll er ihnen ein Muster seyn, wie man dem höchsten Gesetzt her Vernunft und des Gewissens folge. -r Dürfen wir auf den uns innig Gegenwärtigen, Allwissenden unsre Gedanken richten? Ja; und die Erhebung seiner Gedanken zu Gytt heißt Gebet-.. Hst einer Narur, wie die unsrige, das Gebet also noth- wendig? Indem wir unsre Wünsche und Bitten für uns oder für Andre, oder unsre Freude und Dank, auf hen Urheber alles Guten richten, beten wir. Was z. B. tst ein Morgengebet? Die Sammlung unsrer Gedanken, da. wir unK freuen, einen neuen Tag erlebt zu haben, und ih>z wohl anzuwenden, rein und innig wünschen, Was ist ein Abendgebet? Die Sammlung unsrer Gedanken, da wir vor Gott uns prüfen, wie wir den Tag zubrachten, und, uns für die Zukunft zum Guten, oder zum Besser^ ermuntern. Ist eine solche Sammlung der Gedanken vor dem All» wissenden, uns nützlich? Gewiß, Wenn wir Wünsche vor Gott bringen, so lernen wir eben damit unsre Wünsche,, ob. sie rechter und reiner Art sind, prüfen. Wenn tM 172 Christliche Reden in Verlegenheiten uns seine Hülfe erbitten, lernen wir erforschen, ob wir uns nicht selbst in diese Verlegenheit gesetzt und nicht selbst unsre Kräfte entwenden können, uns daraus zu ziehen. Indem wir für Andre beten, wird unsre Seele theilneh- mend, wohlwollend und verpflichtet sich zur Wohl- thätigkeit. Im Dankaebeke endlich? Empfinden wir das Gute, das wir genossen, nochmals aufs reinste, indem wir es auf den Quell alles Guten zurückfuhren. Wie wird überhaupt die Seele des Betenden, wenn sie ihre Gedanken zu Gott, als dem Richimaaße alles Guten, erhebet und sammlet? Heiter. Zufrieden mit dem Willen der Vorsehung und bescheiden. Eine Stellung unsrer Gedanken vor Goct macht uns großmürhig und gerecht gegen Andre; sie stärkt uns in 'unsrer Pflicht. In welchem Gebete ist uns eine solche Gemülhsfassung des Betenden abgebildet? Im Vater unser. Es soll kein bloßes Formular seyn, sondern ein Spiegel der Denkart, mit welcher wir jederzeit bereit seyn sollen, an Gott zu denken. Es ist die reinste Summe menschlicher Wünsche in der reinsten Gemülhsfassung. Welche Denkart z. B. drückt die Anrede an Gott aus: Unser Bater? Daß wir mit vielen Hülfsbcdürftigcn gemeinschaftlich beten, voll Zutrauen zu einem Vater. Dieser Barer ist im Himmel; was heißc Himmel? Das Unermeßliche. Da ist Gott; und wir sind lind Ho Milien, Erdgeschöpfe auf einem Punkte des Weltalls. Herr, ich habe mich unter wunden zu reden mit dir, wiewohl ich Staub, Erde und Asche bin. Was werden also die drei ersten Wünsche, die das sterbliche Geschöpf dem Gotr im Uncrmeffenen verträgt? Ein Alles umfassender Wunsch und Lobgesang. Der Betende vergisst sich>> selbst und wünscht, daß der Name Gottes allenthalben heilig gehalten werde, daß sein Reich komme, sein Wille geschehe. Was ist der Name Gottes? Alles, was uns an Gott erinnert und von ihm kommt. Was seiner Natur nach heilig ist, soll heilig gehalten und nichts in der Schöpfung gemiß» braucht werden. Wann kommt das Reich Gottes zu uns? Wenn die Menschen die Ordnung Gottes in der Natur erkennen und seinen Gesetzen gemäß leben. Wessen Willen rhun sie alsdann? GotteS Willen; so froh und willig, wie ihn die ganze Natur thut; zufrieden mit seinen Fügungen , glücklich in Erfüllung ihres Berufs, als einer heiligen Ordnung. Wenn nach diesem allumfassenden Wunsche der Betende aus sich kommt , was drückt sein Gebet aus? Mäßigung seiner Wünsche und Zufriedenheit. Er wünscht sich nur das Nothdürstige und nur auf heule. Warum nur auf heute? Wir wissen nicht, ob wir morgen noch leben »74 Christliche Reden werden, Und sollen unser Herz mit unnützen Sorgen für die ungewisse Zukunft nicht beschweren. Heute leben wir und sollen, in Erfüllung unsrer Pflicht, unsers DascynS froh werden. Bitten wir dies Nolhdürftige allein für uns ? Für alle, die es, wie wir, bedürfen. Der Uebcrfluß Einiger ist ein drückender Mangel für andere nolhbedürftige Menschen. Das Wenige, das wir bedürfen, wie sollen wirs genießen? Mit Ehre, daß es unser Bcod sey; mit Zufriedenheit als eine göttliche Gabe. Was wir mehr als Andre haben, ist ein freies Geschenk der Vorsehung, von uns nicht verdient, und uns auf Rechnung gegeben. Wie sollen wirs also anwrnden? Daß auch Andre dessen genießen und durch UnK thatig und froh werden. Woran erinnert uns die fünfte Bitte? An unsre Pflicht und an unsre Fehler. Ob wir gethan haben, was wir thun sollten? oder ob wir Schuldner in dem sind, was uns oblieget. Und da es kein angenehmes Gefühl ist, täglich als Schuldner seiner Pflicht zu erscheinen, wozu muntert uns diese Erinnerung auf? Unsre Pflicht immer treuer zu thuN und sie ganz zu erfüllen; auch mit den Fehlern Andrer Geduld zu haben: denn auch wir sind fehlende Menschen , wie sie. Welche Gemüthsart soll also diese Bitte in uns erwecken? Eine großmüthige, billige, verzeihende Gemüths» ürt. Nur in dem Maaße bitten wir, daß uns Gott verleihe, wie wir andern verzcihn und vergeben. Matth. 7, 14. r 5 . Welche Gemürhsart bezeichnet die Bitte: führe uns nicht in Versuchung? Eine vorsichtig-bescheidene Gcmülhsart. Wir sollen unfern Krakien nicht zu viel Zutrauen und uns nickt muthwillig i» Gefahr stürzen; vielmehr jede Gelegenheit zur Verführung weiten. Und wenn uns ein Böses reizt, waS ist unsre Pflicht? Der Versuchung zu widerstehen, d. i. unfern Begierden nicht nachzuhangen, sondern ihnen vvn Anfang an Einhalt zu thnn. Sonst ubermannen sie den Nachgebenden und werden böse Gewohnheit. Welche Gemüthsfassung endlich schließt der Wunsch in sich, daß Gott uns vom Uebel erlöse? Eine entschlossene und tapfere Gemüthsart, die Hebel der Weit so viel zu vermindern, als man kann; norhwcndiges Uebel aber hoffnungsvoll auf eine Befreiung zu tragen. Und womit schließen wir das Gebet? Mit einem Lobgcsange und mit dem zutrauenden Worte: Ja, Amen. Also heiter und fröhlich. Wer hat uns diesen reinen Spiegel der Gemüthsfassung eines Menschen, der seine Wünsche zu Gott richtet, nachgelassen? Der Stifter der christlichen Religion, Jesus Christus, von dem der zweite Artikel des Glaubensbekenntnisses redet. 176 Christliche Reden Da dieser Artikel historisch ist, worauf beruht olle Geschichte? Auf historischen Denkmälern. Die Denkmal« dieser Geschichte sind die Evangelien des neuen Testaments *). Ist das Bekenntnis; dieser historischen Umstande an sich > Religion? Nein. Eine Geschichte unterrichtet uns als Geschichte. Christliche Religion ist, was Christo selbst Religion war. . Was war ihm Religion? Gott als Vater des Menschengeschlechts aNzu» erkennen, seinen Willen zu thun und sein Bild zu seyn in Güte und Wohlthun. Seyd barmherzig, wie euer Vater im Himmel barm- herzig ist, liebet eure Feinde, aufdaß ihrKinder sehd eu re s Va te cs i m H t m m eU Mit dem Worte Vater der Menschen, was sonderte er von Gott ab? Allen Dünkel, als ob er der Gott Eines Volks, ein Nationalgott sey, der mit Ceremonien verehrt werden müsse,- auch alle nichtige Spekulation über ihn, die den Menschen aus seinem Verhältnisse rückt und von seiner Pflicht abführet. Was ') Der Inhalt und die Geschichte einzelner biblischer Bücher, so sorgsam er durchgangen war, gehören nicht zu dieser gelobenden Handlung, deren Exposition nur ein zweckhafter ptaktischerAuszug seyn konnte. und Homilien. i77 Was weckte er durch diesen Namen im Menschen auf? Das Gott ticke, das in ihm liegt, und der Charakter seines Geschlechts seyn soll, Vernunft und Gewissen. Sind nämlich Menschen ein Kindesgeschlecht Gotres, wodurch können sie es allein-seyn? Durch Wahrheit und Güte: denn Gott ist Liebe, Gott ist die Wahrheit. Was soll also im Menschengeschlechte immer mehr geweckt und geschärft werden? Das Göttliche in ihm, Vernunft und Gewissen, daß sie der Menschheit Regel und Richtschnur werden. Was sind die Menschen, wenn sie ein Gettesgeschlecht sind, gegen einander? Brüder. Einer soll die Last des andern tragen , dem andern helfen und sein Gutes fördern: denn nur im Ganzen ist das Wohl jedes Einzelne» gegründet. Wozu knüpft also das Christenthum das Menschen- > geschlechr? Zu einem lebendigen hülfrcichen Ganzen, das in der gegenseitigen Thätigkeit aller seiner Glieder lebet. Wenn z. B- die physische Natur Krankheiten und Unordnung durch Schmerz ankündigt, was rhun die gesunden Kräfte sogleich? Sie eilen hinzu, den Mangel zu ersetzen, die Zerrüttung zu ergänzen. So sollen auch alle mora- Herders Werke z. Rek. «, Theol, IV. M i7» Christliche Reden lische Kräfte des Menschengeschlechts zur Gesundheit und Besserung des Ganzen wirken. Wie heißt also Christus dieser edeln Menschenreligio» wegen? Heiland, d. i. ein Heilbringender; Erlöser, d. i. ein Befreier der Menschen. Mit welchem bescheidenen Namen nannte er sich selbst? Den Me n sch e n so h n, d. i. einen Menschen; weil seine Religion den Charakter der ächten Menschheit ausdrückt'e. Ist diese Religion die einzig wahre, heilbringende und allgenieine? Sic ists. Für alle Gegenden und Zeiten, sül alle Nationen und Stände. Sie trifft den Punkt, in welchem das Menschengeschlecht zu Befreiung von seinen Uebeln und zu Erreichung seines Gesamml- zweckes Eins wird. Welches ist dieser lebendige Punkt? Gegenseitige Mitempfindung und Bestrebung zum Wähle des Ganzen. Der Starke soll für den Schwachen da seyn, und auch der Schwächste zum gemeinen Besten wirken. Was verbannte Christus also aus seiner Menschenreligion ? Jedes unterdrückende, übcrmüthige Selbstgefühl. Er war nicht gekommen, daß er sich dienen lasse, sondern daß Er diene. Wer unter euch will der Vornehmste, der Gewaltigste seyn, der werde es dadurch, daß er mit seinen Vorzügen andern diene, Matth. 20, 26-28. und Hl) Milien. -79 Dieser reinen Menschenreligion, was für Maximen legte Christus ihr zum Grunde? Vor allen das Gesetz der Billigkeit. Was ihr wollet, das Euch die Leute thun sollen, das lh ei t ihr ihnen. Das Gesetz des Äusharrens und der überwindenden Güte. Das Böse lasse sich nicht durch Böses, sondern nur durch ein überwiegendes Gute überwinden; dies zu erreichen müsse man nicht ablassen. Endlich das Gesetz der innern Vergeltung des Guten und Bösen; daß alles Gute sich selbst lohne, alles Böse sich selbst strafe. Wie weit drelret Christus dies Gesetz der Vergeltung aus? Lieber diese und jene Welt. Jede Wahrheit komme an den Tag, und das der Menschheit im Stillen erwiesene, auch unbemerkte Gute finde die reichste Vergeltung. Was ihr gcthan habt Einem dieser Geringsten: das habt ihr mir gethan. Matth. >o, 42. In welches Gieichniß hat er diese Maxime eingekleidet? Ins Gleichniß vom letzten Weltgerichte, wo alles Gute und Böse ans Licht tritt und nur das der Menschheit erwiesene, reine und stille Verdienst Belohnung findet. Matth. 26. Hat Christus in mehrere Gleichnisse dieselben Maximen eingektcidet? In Mehrere Gleichnisse, die allesammt rein menschliche Gesinnungen und Pflichten einpragen. M 5 räcr Christliche Reden Und aus welchem innersten Quell leitet Christus diese Gesinnungen her? ZsuS dem Herzen entspringen gute und dose Gedanken. Wie der Baum ist, so sind die Früchte. Nur wer reines Herzens ist, kann Gott schauen. War Christus selbst von solchen Gesinnungen? Seine Gesinnung war Gehorsam gegen Gott, Standhaftigkeit in Erfüllung seiner Pflicht, Grop- muth und Güte. Bewies er diese auch in den letzten härtesten Proben? Er bewies sie. Seine letzten Worte waren: Vater, vcrgieb ihnen, sie wissen nicht, was sie th un. Mein Gott, wie hast du mich verlassen! Vater, in deine Hände befehle ich meinen Geist. Er starb unter Hohn und Spott großmüthig und heiter. Und als ihm Gott das Leben wieder schenkte, was that er? Er sing sein Werk aufs neue an und rüstete seine Boten aus, zu einer Religion für alle Völker. Wie nannte Christus dieses sein Reich, das in menschlichen Seelen gegründet werden sollte? Ein Reich der Wahrheit. Ich bin dazu geboren und in die Welt gekommen, daß ich die Wahrheit zeuge; wer die Wahrheit lieb hat, höret meine Stimme. So jemand will deß Willen thun, der mich Lesandthat, d er wird inne werden, oh und Ho milien. i8r meine Lehre von Gott sey, oder ob ich sie von mir selbst rede. Gebühret Christo also der Name Sohn Gottes? Er gebühret ihm: denn er drückt den Charakter seiner Person und Sendung aus, das Princi- pium, aus welchem er handelte, und den Zweck, zu welchem seine Religion die Menschheit bilden solle. Gebühret ihm der Name eines Erlösers, d. i. eines Befreiers der Menschen? Ja. Er hat uns frei gemacht von Jrrthümcrn und Aberglauben. Seine Religion soll uns frei machen von bösen Neigungen und Lastern. Wer Sünde thut, der ist der Sünde Knecht. Wer die Wahrheit erkennet, den macht sie frei. Sollen wir also das Böse lassen aus Furcht der Strafe ? Nein; sondern das Gute thun aus Liebe zum Guten, weil es unsre Menschenpflicht ist. Nicht als Knechte, sondern als freie Menschen sollen wir Gutes wirken. Seyd vollkommen, wie euer Vater im Himmel vollkommen ist. * -i- -t- Wie nennet man die Gemüthsfassung, wenn man auS freier Einsicht, mit Lust und Liebe etwas thut? Man thut es mit Geist: denn Geist heißt Anhauch, innere Kraft, Belebung. Was nennet man einen guten Geist? Der nicht zerstört, sondern erquicket, belebet. Christliche Reden Was einen bösen Geist? Der zerstört, lähmt, unterdrücket und hindert. Was den Geisr Gottes oder einen göttlichen. G e i st? Der mächtige Kräfte amweckt zu Beförderung deS Guten, zu Unterdrückung des Bösen. So war Christus voll göttlichen Geistes. Auf ihm wird ruhen der Geist des Herrn, der Geist de r Weisheit und d c s V er s t a n d cs, des Raths und der Starke, der Geist der Erke n n k n i ß und der Furcht des Herrn. Ec wird mit Gerechtigkeit richten. Ihn werden gürten Treue und Wahrheit. Was heißt heiliger Geist? Wo Gutes und Böses nicht vermischt ist; der edelste Gebrauch der Gaben des Geistes, von allem Misbrauche gesondert. Was nenne» wir Gaben des Geistes? Unsere Neigungen und Kräfte, aufs Gute gerichtet, Jede ist uns zum besten Gebrauche gegeben. Wann also wird unser Verstand geheiligt? Wenn wir ihn durch Erlangung richtiger Kenntnisse aufs beste nuszubilden suchen und nichts Halb-, wahres in ihm dulden. Wie nennet die Schrift diese Ausbildung unsers Verstandes ? Erleuchtung, Sie feil mit den Jahren fortae- hen und uns immer hellere Begriffe geben von unfern Beziehungen und Pflichten. und Homilien. i83 Wie wird unser Wolle» geheiligt? Wenn wir nichts als das Beste wollen, mit Wahrheit und aus Uebcrzeugung, mit Kraft und dis zur Ausübung. Wie nennet die Schrift diese Heiligung unsers Wollens? Wiedergeburt, Erneuung, Palingeneste, neue Belebung. Mit jedem Tage legen wir Fehler ab und erwerben uns Tugend, aus neuem Muthe, mit neuem Triebe. Ist diese Hebung ein fröhliches oder trauriges Geschäft? Ein fröhliches. Vervollkommnung seiner selbst ist der edelste Zweck menschlicher Uebung; Wachsamkeit auf sich selbst, ist das Mittel zu aller moralischen Festigkeit und Stärke. Ist dies Geschäft das Werk einiger Stunden? Es ist fortdauernd durchs Leben. In seiner Geistesbildung muß der Mensch entweder vor- oder rückwärts gehen; stillstehcn kann er nie. Zu dieser moralischen Bildung oder Erziehung, was soll unser tägliches Gebet seyn? Schaff' in mir, Gott, ein rein Herz: und gicb mir einen neuen gewissen Geist. Wann haben wir diesen gewissen Geist? Wenn wir wissen, was wir zu lassen oder zu tbun haben,, und unsrer Pflicht unverrückt treu sind. Verwirf mich nicht von deinem Angesicht; deinen Geist nimm nie von m i r. Christliche Reden 'Ns Wann fühlen wir «ns von Gottes Angesichte verworfen? Wenn wir ohne Schaam und Erröthen an ihn nicht denken können, wenn wir uns selbst verachten. Wann weicht der heilige, freudige Geist von uns? Wenn wir in der Regel des Wahren und Guten , die in uns ist, nicht treu waren; dann weicht die innere Freude von uns; keine unserer Gaben ist an uns mehr heilig und schätzbar. Ist dies ein wünschenswcrther Zustand? Der traurigste, in dem man sich selbst hasset, oder sich selbst flicht und verachtet. * * * Im Glaubensbekenntnis nennen wir Eine allgemeine Kirche; wer ist diese? Die Gemeinde derer, die der Religion Christi folgen, wo sie auch leben mögen. Warum heißt sie Eine allgemeine Kirche? Weil die Glieder derselben Einer Regel des Wahren und Guten treu sind. Unter allerlei Volk, wer Gott fürchtet und recht thut, ist der ihm angenehm. Ist diese allgemeine Kirche der Katholicismus? Nein. Der Katholicismus, der sich der Tradition und menschlichen Aussprüchen unterwirft, ist eine Parthei, gleich andern. Was ist der Protestantismus? Das Bekenntniß derer, die ihre Ueberzeugung menschlichen Aussprüchen nicht unterwerfen; besonders das Bekenntniß derer, die gegen die Irrthü- und Ho Milien. i85 mer und den Gewissenszwang des Katholicismus standhaft protcstirten. Worauf gründeten sie ihre freie Ueberzeugung? Auf das Wort Gottes, von Vernunft und Gewissen bewahret. Ist der Protestantismus heilige wahre Religion? Ja, weil er auf dem wesentlichen Punkte der Religion, auf Gottes Wort, d. i. auf Ueberzcu- gung, Vernunft und Gewissen ruhet. Was hat der Protestantismus Gutes gcwirket? Er hat der Freiheit der Vernunft und des Gewissens aufgeholfen, so daß wir in Sachen der Religion keinem menschlichen Ansehen blindlings mehr folgen. Haben also die Stifter desselben sich um die Menschheit sehr verdient gemacht? Sehr verdient: denn der rechte Gebrauch der Vernunft und Gewissensfreiheit ist der Menschheit heiligstes Gut. Auch ist durch ihn in allen Wissenschaften und Verhältnissen der Menschen Licht geworden. Ist ein Fürst der Religion seines Landes Achtung schuldig ? Er ist ihr Achtung schuldig, weil sein Beispiel sonst die Schwachen irre macht, die Weisen und Guten kranket. Ist Religion einem Lande nothwendig und heilig? Nothwcndiq und heilig. Sie reicht dahin, wo keine weltlichen Gesetze hinreichen, indem sie Lastern zuvorkommt, die das Wohl des Staats und der r86 Christliche Reden Menschheit untergraben; gegenscits Pflichten angenehm und leicht macht, die kein Zwanggesetz aufle- gen kann. Und dies sind eben die nvthwcndigsten, der Menschheit wesentlichsten Pflichten. Darf ein Fürst Meinungen als Religion verschreiben? Meinungen sind nicht Religion; Uebcr-eugung lasset sich nickt erzwingen; aufgezwungene Meinungen machen nur Heuchler. Darf ein Fürst die Religion seines Landes ändern? Dazu hak er keinen Beruf: der Beruf des Fürsten ist, sein Land zu schützen und durch gute Gesetze zu regieren. Misbranchc aber im A'eußern erstellen und Religion auf ihren wesentlichen Zweck zurückführen, ist seine edle Pflicht. Darf ein Fürst Meinungen verbieten? Innere Meinungen lassen sich nicht verbieten; der Ausbreitung gefährlicher Meinungen aber kann er-zuvorkommen und sie hindern. Muß ein Fürst sich um die innere Religion einzelner Menschen bekümmern? Nein, wenn sie dem Staate ihre Pflicht treu leisten ; die Religion des Herzens stehet allein unter Gott. Was veranlassete es, daß die Worte „Vergebung der Sünde" ins Symbolum kamen? Die Harte einiger Christen, die in den Zeiten der Verfolgung die Gefallenen nicht wieder aufnehmen wollten. War dies recht? Nein. Keinem Fehlenden, wenn er Neue b,- und Homilien. 187 zeugt, soll der Weg der Besserung verschlossen werden. Nichts aber eine Vergebung der Sünde ohne Besserung ? Vergebung ohne Besserung findet nicht statt; sie ist ein Spott Gottes und der Religion. Was heißt es: „wir glauben eine Auferstehung?" Auferstehung heißt Wiederbelebung. Wie unser Leib für unfern jetzigen Zustand eingerichtet war, so glauben und hoffen wir in einem neuen künftigen Zustande ein ewiges, d. i. svrtdaurendcs Leben. Haben wir Gründe dies zu hoffen? Sichere Gründe. Keine Kraft der Natur wird vernichtet; wenn gleich ihre Gestalten wechseln. Die edelste Kraft in der Schöpfung, gottahnlich zu denken und zu handeln, kann also einzig und allein nicht vernichtet werden. Der Staub muß Wiede r ; u r E r d e werden, von der er genommen ist; der Geist kehrt wieder zu Gott, der ihn gab. Hat diese edle Kraft, die wir unser innerstes Selbst nennen, Anlagen und Neigungen, die mit unserm jetzigen Daseyn vollendet sind? Sie sind mit unserm jetzigen Daseyn nicht vollendet; vielmehr werden sie in demselben mir anhangsweise ausgebildet. ^ Welche z. B. sind dergleichen Anlagen und Neigungen? Zur Wahrheit und Güte. Die Anlage und Neigung, Wahrheit zu erkennen und Güte zu üben, sind ihrer Natur nach unendlich. Christliche Reden ,83 Sehen wir im Laufe der Natur irgend eine Anlage und Neigung umsonst gegeben, oder vernachlässigt? In der Narur ist nichts umsonst. Alle Anlagen und Neigungen finden Ort und Zeit ihrer Ausbildung; also auch unsre edelsten Anlagen und Kräfte. Was kann also allein unser Himmel und Hölle seyn? Unsre Anlagen und Neigungen, sofern wir sie ausgcbildet oder mißbildet haben. Was ist Himmel in Ansehung unsrer Verstandeskräfte? Eine immer reinere Ausbildung derselben, Ordnung der Natur und Wahrheit zu erkennen. Wir werden Gott schauen, wie er ist. Was ist Himmel in Ansehung der Kräfte unsers Willens? Das Gute rein zu wollen und üben zu können. Wir werden seyn wie die Engel Gottes im Himmel. Was ist Hölle in Ansehung der Kräfte des Verstandes? Dunkelheit des Verstandes, Widerspenstigkeit gegen die Gesetze der Natur. Was ist Hülle in Ansehung der Kräfte des Willens? Böse Neigungen und Laster, mit Vorwürfen und Gewissensbissen begleitet. Welche Gesellschaft ist Himmel und Hölle? Die Gesellschaft der Weisen und Guten ist Himmel; Hölle die Gesellschaft der Bösen, der Verzweifelnden und Verführten. Wenn nun nach dem Gesetze der Vergeltung jenes Leben die moralische.Folge und das Gegengewicht des jetzigen seyn soll, welche Werke treten dort ans Licht? Alle, die wir hier geübt haben, auch die ver- und Homilien. 189 borgensten, gute und böse, mit ihrem inner» Lohn, mit ihrer inner» Strafe. Kann durch spate Reue gut gemacht werden, was man im Leben Uebels gekhan hat? Nein- Die Folgen unsrer Handlungen und Versäumnisse bleiben hinter uns unauslöschlich; wir können ihren Schaden nicht vergüten und nehmen uns, wie wir sind, in die Ewigkeit hinüber. Wozu also soll uns dieser Glaube an die' unwandelbaren Gesetze auch der moralischen Natur, und ihren ununterbrochenen Fortgang, bewegen? Ihnen gemäß zu handeln, indem das Gute ewig sich selbst lohnt, das Böse fortgehend sich selbst strafet. Was der Mensch säet, das wird er ernten. Lasset uns Gutes thun und nicht müde werden; zu seiner Zeit werden wir ernten ohne Aufhören. Ist irgend jemand gesetzlos? d. i. kann irgend jemand sich diesem wesenrlichcn Zusammenhänge der Natur entziehen ? Niemand. Wir müssen alle offenbar werden, daß Jeder empfange, nachdem er gehandelt hat. Wie unsre Lebensalter und alle Zustände der Natur, so entwickelt sich auch dieses und das zukünftige Leben aus einander. * * Ilm der Verpflichtung, die hieraus folgt, näher zu treten , wollen wir einigen einzelnen Verhältnissen nachgehen, in welche Menschen gegen einander gesetzt sind. Warum sind alle menschliche Pflichten gegenseitig? Dies federt ihr Begriff selbst. Niemand beste- het für sich, unabhängig non andern. In der menschlichen Gesellschaft sind wir geboren, ihr gehören wir zu; Alles in ihr hat gegenseitige Verhältnisse und Pflichten. Welches ist das erste heilige Band, das die Natur zwischen Menschen geknöpft hat ? Das Band zwischen Eltern und Kindern. Nach Gott sind Eltern den Kindern die grcßesten Wohl- thater. Ihnen haben sie ihr Leben, ihre Gesundheit, ihre Bildung und Erziehung zu danken. Was sind sie ihnen also schuldig? Dankbarkeit, Ehrerbietung, Gehorsam. Was ist Kindern der schönste Lohn bei diesen Pflichten? Die Liebe der Eltern, der Beifall aller Guten und das innere Bewustseyn selbst: denn Wohllha- ten gebühket Dank: Liebe erweckt Gegenliebe. Und welches ist der schönste Dank, die beste Liebe, die Kinder den Eltern erweisen können? Daß sie ihnen Ehre und Freude machen: denn Eltern leben in ihren Kindern. Wie straft sich Vergessenheit der Pflichten gegen die Ellern? Durch die mindere Liebe, die die Eltern zu ihnen haben können, durch die Verachtung aller gutgesinnten Menschen und durch ihre eigene Verachtung , indem sie sich schlecht und niedrig fühlen. In welchem Grade der Treue müssen Kinder gegen ihre Eltern ihre Pflichten erfüllen? Wie sie wünschen, daß ihre Kinder solche einst gegen sie erfüllen sollen: denn auch hier findet das Gesetz der Vergeltung statt. Nach der Eltern- und Kindesliebe, welches ist das nächste Band der Menschen gegen einander? Die Geschwisterlicbe. Geschwister sind einander angeborne, von der Natur geschenkte Freunde. Was sind Geschwister einander schuldig? Verträglichkeit, Liebe und gegenseitige Hülse. Sie sind Zweige Eines lebendigen Baumes. Ist der Menschheit sehr daran gelegen, daß Kinder wohl erzogen werden? Erziehung ist das erste Bedürsniß der menschlichen Gesellschaft. Sie bildet oder mißbildct aufs ganze Leben. Wodurch wird im Staate eine gute häusliche Erziehung der Kinder befördert? Durch Wohlstand in den Familien, durch gute Vorbilder, und durch Beförderung glücklicher Ehen: denn Eltern sind das früheste Vorbild der Kinder, im Betragen gegen einander als Gchülfen des Lcbcns» Wodurch wird eine gute Erziehung gehindert? Durch Armuth in st>en Familien, durch schlechte Vorbilder und durch Unehen, bei denen niemand sich der Erziehung annimmt. Was gehört zur guten öffentlichen Erziehung )cdeL Kindes? Daß es Gelegenheit habe zu lernen, wozu cs von der Natur Anlage hat, wodurch es also auch dem Staate am nützlichsten werden kann. Eine vernachlässigte Erziehung der Kinder, fällt sic dem Staate zur Last oder zum Bortheile? Sie fällt ihm zur Last, indem er nützliche Werkzeuge entbehret, die er sonst gewonnen hatte, und sich mit Ungeschickten begnügen muß. Auch rühren die meisten Verbrechen und Thorhcitcn der Menscher; von ihrer Erziehung her. Wird der wohl leicht etwas Schlimmes thun, der etwas Besseres zu thun weiß? Etwas Besseres zu thun, wird ihm Freude machen, wenn er frühzeitig dazu geschickt gemacht und gewohnt ist. ^ ^ Welches ist dem Menschen das erste unter den zeitlichen Gütern? , Sein Leben und seine Gesundheit. Ist Gesundheit dem Menschen eben so nothwendig als sein Leben? Eben so nothwendig, weil er sonst sich selbst und andern zur Last wird. In Ansehung dessen, wofür har die menschliche Gesellschaft zu sorgen? Daß das Leben der Menschen geschützt und ihre Gesundheit erhalten werde. Wodurch wird sie erhalten? Durch Anstalten, Krankheiten zuvorzukommcn oder sie abzuwenden, durch Beförderung guter Sitten und Thatigkcit unter den Menschen. Ist diese Pflicht Religion? Sie ist Religion, weil nichts dem Menschen ther ist als Leben und Gesundheit. Wer sie zerstört, ist ein Menschenfeind. Es giebt indeß doch Kriege unter den Menschen, die das Leben und die Gesundheit so Vieler kosten? Der Krieg ist eine Schande des Menschengeschlechts : indessen ist er bis jetzt noch ein lraurig- nothweudiges Uebel. Die Obrigkeit straft ja aber auch am Leben? Sie thuts, weil sic das Leben schützen muß, verhütet aber und mildert, so viel sie kann, diese Strafen. Wodurch verkürzt man selbst sein Leben? Durch heftige Leidenschaften und Unordnung, indem man gegen die Gesetze der Natur kämpfet. Wodurch erhält Man sein Leben lange und froh? Durch Thätigkeit und Ordnung, indem man seinen Begierden Einhalt thut und in Allem Maaß halt. Jsts Pflicht sein Leben zu erhalten? Es ist Pflicht, für sich und für Andre. Auch der feinste Selbstmörder ist ein Kranket, dem man zu Hülfe kommen muß. Welches ist das beste Mittel gegen den Unmuth am Leben? Thätigkeit und Freundschaft. Ein Freund, dem man sich anvcrtrauet, entnimmt uns die Last des Unmuths; so lange man Menschen lieb ist, lehr man gern. * * * Herders Werke r. Rel, u. Lheoi. IV. N »24 Christliche Lieden Nach dem Lebe» und der Gesundheit, was ist das schätzbarste Gut der menschliche» Gesellschaft? Ehrbarkeit. Sie ists, die den Menschen voln Thiere unterscheidet; durch sie hat sich die menschliche Gesellschaft gebildet. Welches war der erste Stand, wodurch sie sich bildete? Die Ehe. Durch Verletzung der Ehrbarkeit sinken die Menschen wieder in den Zustand der Thiere oder unter das Thier zurück. Worin zeiget sich Ehrbarkeit? In Geberden, Worten und Handlungen. Nicht- muß in ihnen die Ehrbarkeit beleidigen. Wann wird sie beleidigt? Wenn wir uns etwas erlauben, worüber wir uns vor Menschen, gegen die wir Achtung haben, und vor uns selbst schämen oder uns verachten müssen. Was sichert uns also gegen alles Unehrbare, auch in der tiefsten Verborgenheit? Achtung gegen sich selbst. Daß man nie etwas thue oder begehre, auch nur wolle und denke, worüber man vor sich selbst erröthen oder sich verachten müßte. Was ist bei allen unfern Handlungen oder Gesinnungen unser schärfster Zeuge und Richter? Unser eigenes Bewußtsepn, das uns verklagt oder losspricht. Empfiehlt uns die Ehrbarkeit Andern? Sie empfiehlt uns allen Wohlgesinnten. Einem unehrbaren Menschen trauet man nicht; von Herzen achtet ihn niemand. und Ho Milien. Ist Ehrbarkeit eine,» Fürsten wohlanständig? Höchst wohlanständig. Er muß nie etwas thun, was ihn verächtlich macht und worüber er vor sich selbst erröthen müßte. * . * Gehört zur Ehrbarkeit auch, daß man sein Wort halte? Zur Ehrbarkeit und Billigkeit gehört es, daß man sein Wort halte; indem wir wollen, daß auch andere das ihrige gegen uns halten. Muß ein Fürst sein Wort halten? Bor allen ander» , da er andre, Wort und Treue gegen ihn zu halten, verpflichtet. Worauf gründet sich die innerste Sicherheit der menschr I-chen Gesellschaft? Auf Treu und Glauben. Was ist ein Eid? Eine Aussage oder Verpflichtung, bei welcher man Gott zum Zeugen der Wahrheit, zum Racher der Unwahrheit ancuft. Wann allein darf ein Eid aufgelegt werden? Wenn man kein anderes Mittel hat, die Wahrheit an den Tag zu bringen oder die Verpflichtung zu befestigen. Warum muß Meineid verhütet und im begangenen Fallt- strenge geahndet werden? Weil ec das festeste Band der menschlichen Gesellschaft, Treue und Glauben, auflöset. Ein Meineidiger spottet des Heiligsten, das die Menschen bindet. N 2 Ig6 Christliche Reden Warum muß man im gemeinen Leben nicht schwören? Weil man dadurch sein eignes Wort entehret. Man stellt sich selbst als einen Treulosen dar, dem man ohne Schwur nicht glaubte. Eure Rede se - Ja, was Ja ist, und Nein, was Nein ist; das Uebrigc ist vom Uebel. Wenn Fluchen sich zum Schwören gesellet, warum ist- doppelt niedrig ? Weil cs ein rohes Gemüth anzcigt. Man ruft Machte an, die man nicht kennet oder nicht glaubt, blos um zu schrecken, oder eine wilde Leidenschaft an den Tag zu legen. Erreicht man damit seinen Zweck? Nein. Dem Fluchenden und Schwörenden wird desto weniger geglaubt; man scheuet ihn als ein Thier. Was soll dem Menschen also im Reden das Heiligste scyn? Die Wahrheit. Sie zu sagen und sein Wort zu halten. Nichts soll dem Menschen heiliger seyn als ein gegebenes Wort. Ist Lüge abscheulich? Sie ist abscheulich, weil man dadurch sich verächtlich macht und alles Zutrauen verlieret. ^ Wer einmal log, von dem glaubt man, daß er niemals die Wahrheit sage. Dagegen Aufrichtigkeit, mit Verstand und Klugheit begleitet, ehret und zieret sie den Menschen? Sie ehret und zieret ihn. Nur den, der sich selbst und sein Wort zu achten weiß, ehren andere und Ho Milien. 197 Manschen. Aufrichtigkeit erwirbtZutrauen und giebt dem Gemüthe eine innere Festigkeit und Wahrheit. Dagegen Unwahrheit , auch nur leichtsinnig gesagt? Sie macht das Gemüth leichtsinnig und unbeständig. Ein Lügner weiß zuletzt selbst nicht mehr, wenn er leg; er hat das Richtmaas der Wahrheit in sich verloren. * . * Durch Ehrbarkeit erwirbt man sich einen guten Namen; ' warum ist dieser schätzbar? Weil man durch ein erworbenes Zutrauen viel Gutes selbst und durch Andre verrichten kann. Dagegen stehet ein böser Name dem, der ihn hat, allenthalben als Hinderniß entgegen. Wenn man für sich nach einem guten Namen strebt, muß man gegen Andere eine böse Nachrede vermeiden? Man muß sie vermeiden; nicht nur, weil man ihnen vielleicht Unrecht und gewiß Schaden thut, sondern weil es an sich niedrig ist, Abwesende, die sich nicht verantworten können, zu verurtheilen ; wodurch man dann Leichtsinn oder einen bösen Charakter verrüth. Was erwirbt sich der böse Nachredncr Anderer? Mißtrauen und Verachtung. Man glaubt, was einem Andern geschehe, geschehe uns, wenn wir abwesend sind, auch; man flieht den Veclaumder mit Scheu und Verachtung. Was erwirbt sich der, der von andern billig urthcilt? Zutrauen und Liebe. Man trauet ihm Gut- müthigkeit, Vorsicht und Billigkeit zu, und überläßt sich ihm gern. 1', H «i.- , ^ - >. 1 V! ^ ' l'.; elL 198 Christliche Reden Warum muß man über den Charakter und über die Geschicklichkeit Anderer nicht schnell aburthcilen? Weil zu diesem Urtheile, wenn es richtig fern soll, eine genaue Kenntniß gehört, und es Leichtsinn oder Anmaaßung verrakh, Menschen auf den ersten Blick zu beurrheilen. Auch thut man vielen dadurch Unrecht und benimmt sich selbst die Gelegenheit, verkannte Geschicklichkeiten zu gebrauchen und abgeur- thcilte Charaktere kennen zu lernen. Muß ein Fürst insonderheit in seinen Urlheilen vorsichtig seyn? Vorsichtig, weil sein Unheil viel gilt, und es unedel ist, einem Unschuldigen durch ein ausgesprochenes Wort zu schaden. * * * Warum muß das Mein und Dein, d. i. der Besitz des Eigenthums in der menschlichen Gesellschaft dem Eigen- thümer ungestört bleiben? Weil Menschen sonst Raubthiere werden, wenn statt der Gerechtigkeit Gewalt Antritt Was rüstet sich gewöhnlich gegen die unrechtmäßige Gewalt , um ihr das Gegengewicht zu leisten? Betrug und List. Niemanden bleibet sodann sein Eigenthum sicher. Wenn die Obrigkeit also alles Eigenlhum schützt, welchen Erwerb soll sie verhindern? Jeden unrechtmäßigen oder betrügerischen Erwerb. Sie ist das Auge der Gerechtigkeit für Alle. Welchen Erwerb soll sie auf alle Art befördern? Den rechtmäßigen und nützlichen. Dadurch er- und Ho Milien, i9S weckt sie Klugheit und Geschicklichkeit, Tätigkeit und Fleiß, W«6 soll der Zweck jedes guten Erwerbes sey»? Ein guter Gebrauch für sich und andre. Man erwirbt nur, damit man anwende, und kann darin oft mit Wenigem viel leisten. Warum muß man also nichr allein und ins Unendliche zu erwerben suchen? Weil man dadurch den Sinn für die Anwendung und den guten Gebrauch des Erworbenen verlieret. Auch macht die Sucht nach immer mehrc- xem Erwerbe unzusriedcn, unbillig und hart gegen die Menschen. Da alle Handlungen aus Neigungen und Begierden entspringen, wem muß ein Fürst vor Allem Grenze setzen? Seinen Neigungen und Begierden, sie mögen auf Ehre gehen oder auf Lust und Erwerb. Ist der Trieb zur Ehre an sich gut? Es ist lobenswürdig, nach dem Beifalle Andrer zu streben; insonderheit nach dem Beifalle der Besten. Ihr Beifall giebt die wahre Ehre. Worauf beruht also die wahre Ehre? Wenn man seine Pflicht thut, und in ihr das Schwerste jederzeit aufs Veste verrichtet Welches ist eine falsche Ehre? Die nur auf äußern Vorzügen, z. V. auf Pracht u.nd auf falschem Wahne der Menschen beruhet. Ist wahre Ehre unsterblich? Sie ist unsterblich in ihren guten Folgen, auch wenn der Namp des Stifters nicht genannt würde. 2VY Christliche Reden Ist falsche Ehre bleibend ? Nein. Sic wechselt mit dem Wahne der Men» schm und wird gar bald Verachtung. Ist Lust zum Angenehmen gut? Ja, in ihren Schranken. Außer diesen Schranken, macht Uebcrmaaß in der Lust glücklich? Nein. Vielmehr macht es Ucbcrdruß und Erschlaffung der Kräfte. Ists ei» glücklicher Zustand, nichts mehr zu haben, was uns freuet und reizet? Ein unglücklicher Zustand. Uebcrdruß ist die höchste Qual. Und welches ist die höchste Lust? Wohlzuthun. Lust und Freude zu seinen Geschäften. Macht bloßes und übermäßiges Erwerben glücklich? Es macht unglücklich, wenn man dabei eine gute Anwendung vergißt. Eine gute Anwendung des Erworbenen macht glücklich. Darf in dieser Anwendung ein Fürst Gunst erweisen? Von seinem Eignen wohl, dem, der seiner Gunst wcrth ist. In Anwendung der Güter seines Landes gehet Gerechtigkeit vor Gunst und Gnade. Gegen wen macht ihn diese Gerechtigkeit unpartheilich? Gegen jedes Verdienst in allen Ständen. Um diese Gerechtigkeit zu beweisen, wen muß er kennen lernen? Die Menschen, in allen Berufs- und Lebensarten, in allen Verhältnissen und Ständen. und Ho Milien. UM 201 Und UM diese Gerechtigkeit zu beweisen, was muß er lieben? Die Wahrheit. Muß ein Fürst auch die unangenehme Wahrheit nicht scheuen? Er muß sie nicht scheuen, weil er sonst nur angenehme Lügen höret. Kann ein Fürst nach Belieben seine Meinung statt der Wahrheit geltend machen? Nie: denn Wahrheit bleibt Wahrheit. Eine aufgcschmeichelte Meinung macht Schmeichler; eine aufgcdrungcne Falschheit erweckt Haß und Verachtung. Vor wessen Augen lebt ein Fürst? Vor den Augen Gottes und der Menschen. Alle find auf ihn aufmerksam. Lebt ein Fürst blos für seine Zeit? Er kann nicht anders als auch für die Nachwelt leben. Von der Vorwelt hat er empfangen; denen, die hinter ihm sind, lasset er Böses oder Gutes nach. Wie lebt er also aufs würdigste für die Nachwelt? Wenn er ihr viel Gutes und Rühmliches nachlaßt, das fortwährend Nutzen stiftet. Wie erreicht er dieses? Wenn er sich selbst das Unnöthige versagt und das fortwirkcnde Gute vorzüglich zum Zwecke hat. Was heißt Fürst, princapb? Der Vorzüglichste. In jedem soll er der Vor- 's ^ ^ I».i, 2 'ch LVL Christliche Reden züglichste sepn. Was wahrhaftig ist, was ehrbar, was gerecht, was keusch, was lieblich ist und wohllautek, ist etwa cine Tugend, ist etwa ein Lob, dem strebet nach. Gehört ein Land dem Fürsten, oder der Fürst seinem Lande? Beide gehören einander. Der Fürst ist die Seele des Landes, durch allgemeine Vernunft, Gerechtigkeit und Güte. Hat ein Fürst hiezu große Beweggründe? Edle Motiven, indem er statt Gottes da ist und nichts Böses thun darf; dagegen aber kann er viel Gutes thun, das ihn allenthalben mit Dank und Liebe belohnet. Muß ein Fürst mißtrauisch seyn gegen seineUnterthancn? Nie mißtrauisch, sondern zukrauend und vorsichtig; ihr Zutrauen muß er sich erwerben. Wodurch erwirbt ers? Durch treue Erfüllung seincr Pflichten mit Einsicht , Gerechtigkeit und Güte. Was spricht zur Zubereitung auf alle diese Pflichten, auch in jüngeren Jahren, hierüber ein biblisches Buch? Gedenke an deinen Schöpfer in deiner Jugend, ehe die Jahre kommen, da du wirst sagen: sie gefallen mir nicht. Und was spricht eben dies Buch als die Summe aller Lebensweisheit aus? Fürchte Gott und halte seine Gebe- uns Ho Milien, 20 Z te: denn bas gehört allen Men sehen zu. Gott wird alle Werke vor Gericht bringen, auch das verborgen ist, es sey gut oder böse, * . * Angelobung. Nachdem Sic, gnädigster Herr, diese Wahrheiten und Pflichten aus eigner Uebcrzeugung bekannt haben, so frage ich Sie vor Gott, vor Ihren Eltern und dieser Versammlung, oh Sie dieselben gewissenhaft für Ihre Religion halten, Sich von dieser nicht abwendig machen lassen, sondern darin verharren wollen? Ja. Wollen Sie jeden Jrrthum und jede Verführung fliehen, die Sie dieser Ueberzeugung und ihrer Befolgung abwendig machen können? Ja. Und versprechen, der Regel des Wahren und Guten, Ihrem innersten Bewußtfeyn nach, immer treu zu sepn? Ja. SowahrmirGotthelfe. (Handgelobend.) Im Namen Gottes, als in die heilige Hand Seiner Fürstlichen Eltern gegeben, empfange ich diese Angelobung vom Erbprinzen unsers Landes, auf Ehre und Treue. * * * Ehe im Namen des Hochheiligen die Worte des Segens über den Angelobenden gesprochen werden, vereinige sich, wer cm Seinem, am Wohle Seiner Fürstiichen Eltern und des Landes Theil nimmt, für Ihn im Gebete. Geber aller guten Gaben, Quell alles Segens! Vor Dir geschah diese Angelobung; Dir ward dies Ja gesagt. Aufseher aller menschlichen Handlungen, Lenker aller menschlichen Herzen, mache es zu einem Ja der Erfüllung, daß cS Dem, der es Dir gab, stets eine freudige Erinnerung, nie ein Vorwurf werde. Erhalte in Ihm ein reines Herz, und gieb Ihm stets einen gewissen Geist. Verwirf ihn nie von Deinem Angesichte; Dein guter freudiger Geist weiche nie von ihm. (Worauf die Worte des Segens folgten.) * * * Sie treten mit diesem Gelübde, gnädigster Prinz, in die Zahl der Erwachsenen; alle Guten und Edlen empfangen Sie darin; wohlwollend kommen Ihre Gesinnungen Ihnen entgegen. Der heutige Tag ist Ihnen ein Tag der Freude, deS Danks, der Ehre. Ein Tag der Freude und Ehre, daß Gott Ihnen mit guten Eltern eine Jugend geschenkt hat, die Sie .gesund und froh durchlebt, in der Sie Keime znannichsaltiger Kenntnisse in eine offne lchrbcgierigc Seele gesammlet haben. Das heilige Siegel der Bescheidenheit, Unschuld und Wahrheit auf Ihrer Stirne, offne Gutmüthigkcit in Ihrem Wesen, konnten Sie heute in diese Versammlung treten, und mit froher Ueberzcugung die Rechenschaft ablegen, die Gelobung thun, die, wie wir hoffen und wünschen, der daurcnde Grund Jh- rer Zufriedenheit, Ihrer Ehre und Ihres Glücks seyn wird. Ein gesunder, blühender Zweig stehen Sie hier, versprechend der Nachwelt nützliche Früchte. Nicht allen Fürstcnkindern, liebster Prinz, ward das Glück, an ihre Kindheit und Jugend so reuclos, froh und unbefangen denken zu können. Ihr gutmüthigcr Charakter beleidigte niemand, Ihre Bescheidenheit stieß niemand von sich; Sie können wahrscheinlich sagen, daß Sie keinen Feind in der menschlichen Gesellschaft haben, wenigstens daß Sie sich denselben nicht wissentlich machten. Der heutige Tag ist Ihnen also ein Tag des Danks; des Danks an Gott, daß er Ihnen diese Eltern, diese Gesundheit, diese Gelegenheit zu Erlangung guter Kenntnisse und Uebungen, und in Ihnen selbst diese Anlage zu mancherlei künftigem Guten, einen geraden Sinn für die Wahrheit, Gefühl für Sittlichkeit und Pflicht, gutmüthige Offenheit und Bescheidenheit gab. Ein Tag des Danks gegen Ihre Eltern, unter deren nicht drückender, sondern milder Aufsicht die Pflanze gedeihen konnte. Sie verehren einen Varer, an dessen Thatigkcit und vielumfassendem, schnell übersehendem, richtig scheidendem Geiste, so wie an Seinem Ruhm und an seinem Fortgang-liebcndcn Charakter Sie ein auf- munterndcs Vorbild haben. Sie verehren eine Mutter, deren Vorsorge sich Ihrer Jugend annahm, die Ihnen keine als edle und gute Gesinnungen nicht nur in Worten gab, sondern auch in Ihrem Beispiele zeigte, auch Jugendfehler Ihnen nicht verschwieg, sondern theilnehmend, als ob Sie in Ihnen lebte, Ihr Schutzgeist war, Sie ausmunternd, Sie leitend. Nicht jedem Für« 2«6 Christliche Reden stenkinde wurden solche Eltern zu Thcil; Ihr ganzes Leben, zur Ehre und Freude Ihrer Eltern sey Ihnen dafür Dank; Dank auch dadurch, daß Sie, mit Ihren Geschwistern, ein glückliches Dreiblatt, sie liebend und von Ihnen geliebt, als der Aeltere Ihnen in allem Guten ein Vorbild werden. Welch eine schöne Jugend, gnädigster H)rinz, steht Ihnen bevor! Dhne eine Bürde von Geschäften übernehmen zu dürfen, die, zu früh aufgebürdet, doppelt zur Last wird, sehen Sie eine Zeit vor sich, (wir wünschen sie Ihnen lange) da Sie sich zu diesen Geschäften tüchtig Machen und bei den Vorzügen Ihres Standes, mit reicher Gelegenheit zu Erlangung jeder nützlichen Einsicht und Uebung Ihre Jugend wein und würdig genießen können, ein freier edler Mann. Welch ein Glück dies sey, werden Sie nicht erst in spätem Jahren einsehen, sondern es in der besten Anwendung fortwährend zeigen. Es giebt kein schöneres Wort in der Sprache als: „Jugend," wenn sie verständig , fröhlich, nützlich gebraucht wird, und keine edlere Sprosse der Menschheit als: „ein Fürstlicher Jüngling," der mit ernster Absicht auf seine künftige Bestimmung sie also gebrauchet. Sie werden sie also anwenden. Die Menschen, ihre Gewohnheiten und Neigungen, ihre Fehlet und Lugenden, ihre Berufsgeschafte, ihr Glück und Unglück werden Sie kennen lernen; in der Absicht kennen lernen, um einst zu ihrem Wohle beizutragen, manchem ihrer Ucbel abzuhelfen, Fähigkeiten zu ermuntern, Thäligkeiten nach dem Muster Ihres, ver- und Homilien. 207 d! eN strei e h e n Vaters zu erwecken, mit jedem Menschen Menschlich zU fühlen. Unwenden werden Sie diese Ihnen von der Vorsehung geschenkten schönen Jahre, um die Kenntnisse, die Sie mit sü viel Freude und Lehrbcgierde in Ihr glückliches Gedachtniß aufnahmen, zu erweitern, im Verstünde sie zu befestigen, jede mit einem Blicke der Anwendbarkeit zu bezeichnen; da es dann unmöglich ist, daß irgend eine wahre und nützliche Wissenschaft Ihnen je zum Ueberdruß werde. Vielmehr werden Sie sich derselben als Ihrer Jugendfreunde einst auch bei ernsteren Geschäften fröhlich erinnern, Und in ihnen Erhebung der Seele, mit großen Und guten Grundsätzen einen Antrieb zum Edelsten und Besten, also mehr als Zerstreuung und Erholung, suchen und finden. Sie leben in Zeiten, gnädigster Herr, Und müssen-sich auf Zeiten bereiten, in denen, wie Sie es selbst einseben, mehr von einem Fürsten ge-> fordert Und an ihm geradelt wird, als in andern Zeiten. Was durch knechtische Anbetung die Vor- wclt dem Fürsten an übermenschlichen Vorzügen schmeichelnd undichtere, das ist die jetzige Welt geneigt , auch in Wahren Vorzügen und Verdiensten. oft zu mißkennen; vielleicht wird die Nachwelt, auf die Sie treffen, dazu noch geneigter seyn. Waffnen Sie sich dagegen, nicht mit Haß und Mißtrauen, oder mit Verachtung der Menschen: denn diese entfernen und erbittern die Gemüther, stakt sie an sich zu ziehen und zu sich zu erheben; sondern mit desto muntrer Ausbildung Ihrer selbst und einer vielseitigen frohen Zubereitung zu Ihren Christliche Neben 2c>ö künftigen Pflichten. Erfordernisse wecken Gaben; in dringenden Veranlassungen zeigt sich der Mann; durch Handlungen spricht ein Fürst und durch Charakter. Güte des Herzens gewinnt alle Herzen; eine unparthciisch - strenge Bearbeitung seiner selbst mit Aufweckung aller seiner Kräfte zu Erfüllung seines Berufes nach Ort und Zeit ist der schönste Kampf- preis des Lebens. Von der Vorsehung selbst ist Ihnen dies Ziel angewiesen: Ihr Beruf ist ein göttlicher Beruf; Sie wurden zu ihm geboren. Ihr Land liebet Sie, den Sohn verehrter Eltern, den Abkömmling großer und guter Vorfahren. Keine kleine Aufmunterung ists, Geschlechtsstammen anzugehören, in welchen mehrere Namen von der Nachwelt mit Dank und Verehrung genannt werden, Wohl- thatcr des Menschengeschlechts, Befreier der Vernunft und des Gewissens, Förderer ihrer Zeit, Vater ihres Volkes und Landes. Schließen Sie sich einst, (es geschähe spat!) hinter einem glücklichen Namen an diese glücklichen Namen an, ein schöner Glanz der zukünftigen Zeit, ein freundlicher segnender Stern unsres Landes. Wir wollen, und die meisten von uns werden, diese Zeiten nicht erleben; wenn wir aber schlafen, so sind die Unsrigen, so ist eine Nachkommenschaft da, die gewiß auch guter Fürsten bedarf, und auf sie hoffet. Nähren Sie, fortgehcnd mit den Jahren, diese Hoffnung, Prinz, und machen Sie, fortgehcnd mit den Jahren, Ihren Eltern und Jedermann diese Hoffnung zur Zuversicht, zur Gewißheit. Und und Ho Milien. 209 Und du, gütige Vorsehung, in deren Schooße, in deren mütterlichen Hand der Erfolg aller unsrer Wünsche ruhet, deiner höchsten Obhut sey die Leitung eines jungen Gemüths anvcrtraut, das dereinst auf das Wohl so Vieler Einfluß und Wirkung haben soll. Vor dir sprach der fürstliche Jüngling: „die Tage, meines Lebens sind auf dein „Buch geschrieben, die werden sollten, „ ch' Einer derf elben da war:" Unser Wunsch für Ihn flehet dich an: cs seyen heilbringende glückliche Tage! Rüste ihn aus mit allen Gaben, die er zu Seinem Stande und künftigen hohen Berufe bedarf, giebt ihm Liebe zu diesem Berufe, zu der schönen und schweren Pflicht, die auf Ihn wartet. Zu der schönen Pflicht, Menschen ein Wohlthater, Freund und Beschützer jedes Guten, Erhalter, Stifter und Ordner heilsamer Einrichtungen, ein Vater seines Volks zu seyn. Au der schweren Pflicht, vor Welt und Nachwelt, und vor Dir, du höchste Gerechtigkeit und Güte, Rechenschaft geben zu sollen von seinem Lassen und Thun, von jedem seiner Entwürfe und Gedanken. Zeitlebens halte Ihn rein von Vorwürfen, die Ihm diese Rechenschaft schwer, den Zurückblick auf Sein Leben traurig machen können > vielmehr erwecke in Ihm, mit einer unauslöschlichen Achtung für alles Heilige und Große, jeden Antrieb zur Erreichung des edelsten, des Vesten. Der Herr segne Dich u. f. N Herders Werker.Net. «,The»l. IV. Anrede am C o m m u n i o n t a g e. Den 2iten Merz 1799. -^ie heilige Handlung, zu der wir heute an ihrem Siftungstage versammlet sind, gewahrt, kraft ihrer Natur und der Umstande, unter welchen sie gestiftet und fortgesetzt ward, eine so reiche Ansicht von mancherlei Seiten, daß sie, rein menschlich betrachtet, in mancherlei Situationen des Lebens nicht anders als heilig und belehrend seyn kann. In der Stunde, in der sie gestiftet ward, bei der letzten Frcundesmahlzeit, die ihr Stifter mit den Seinigen hielt, war es eine traurig-fröhliche Voraussagung der Dinge, die ihm nahe und seinen Freunden unerwartet bevorstanden. „Wie ein dürres Brod, die Speise der Armen, würde er gebrochen werden; aber auf seinen unschuldigen Tod, unter Hohn und Verachtung, werde ein Kelch des Dankes und der Freude, für eine neue Befreiung, größer als die ihren Vätern geschehen war, folgen. Aus seinem Tode werde eine Christliche Reden und Homilien. neue Zeit hervorgehn; in der Hand der Vorsehung fließe sein Blut zu Abtilgung alter Gräuel und Schulden. Zwar werde er mit ihnen dies Danksest nicht feiern; aber was schade dies? Sie sähen einander im Reiche Gottes, in einer andern Welt wieder, und hienieden sollten sie sich sein mit Liebe erinnern. ,,Thut solches zu meinem Gedächtnis. Denkt an mich, als ob ich noch unter euch wäre." — In diesen Augenblicken also, da sich die Seele Christi so heiter und großmüihig, ergeben in den Willen Gottes und vertrauend ihm als dem besten Willen, erhaben über alle äußere, bald vorüberge- hehende, Umstände der Schmach, des Schmerzes, des Todes, großmüthig verzeihend seinen Feinden, voll Hoffnung und Zuversicht auf die Zukunft, gefaßt und liebreich aussprach, war die Handlung ein Moment der stillen und reinsten Wirkung seiner Seele. Alle begleitenden Umstände sprachen sie aus; jeder im Kreise verstand die Handlung; sie blieb allen unvergeßlich. Als ihre Bedeutung traurig und freudig in Erfüllüng ging, da sein Leben gebrochen ward und sich so wunderbar und unvecmuihet erneute, indem Gott ihnen ihren Freund aus dem Todtenreiche wieder schenkte; fortan ward das Andenken seiner letzten Voraussagung Eucharistie, d. i. ein Kelch des Danks, der Freude, der guten Hoffnung. Man erinnere sich an die aufmunternden Reden des Stifters dieser Handluug, an sein Beispiel, seinen Charakter; man lud ihn gleichsam ein zu dieser Dank - und Freundschaftslafel. Einander ermunterte man sich, treu zu sepn dee O 2 2t2 Christliche Reden Wahrheit wie Er, einander einträchtig zugethan zu seyn, wie Er es ihnen bis in den Tod gewesen, sich seinem Werke, seiner reinen Gedankenweise, ganz zu weihen; innig mit einander verbunden, als ob seine Seele in ihnen lebe. Das Frundesmahl ward also Eommunion, Gemeinschaft der Liebe und des Andenkens mit Ihm, Gemeinschaft der Liebe und Mitwirkung unter einander. Ein Glaube, Eine Hoffnung beseelte sie, der Glaube, die Hoffnung ihres abgeschiedenen und ihnen gegenwärtigen Freundes. Wir wissen, mit welchen Mißverständnissen und Aergerniffen diese einfache, durch sich selbstverständliche Handlung in jenen trüben und dunkeln Zeiten umwölkt wurde, in denen alles umwölkt war; nie aber haben diese Mißdeutungen hindern können, daß der Geist der Handlung nicht durch sich selbst spräche. Ec spricht zu jedem Herzen, zu jedem reinen Gefühle und Verstände. Ein Mensch, der in der Eommunion vor Gott tritt, öffnet ihm seine Seele; mit Fehlern und Unvollkommenheilen, mit Hoffnungen und Wünschen tritt er vor den Allwissenden und legt seine Gesinnungen an das reinste Richtmaas. Der Stifter des Abendmahls, in der Stunde, da er verrathen ward, stehet vor ihm, wie er das Drod brach und den Kelch des Dankes erhob über sein Leben. Sein stiller Blick fragt jeden Genießenden: „Ist deine Seele so heiter, so dankvoll über dein vergangenes Leben? so ergeben in den Willen Gottes, so zutrauensvoll in Ansehung der Zukunft? Bist du auch bereit, aus seinen Händen Leid und Freude mit gleichem Mulhe zu empfangen und in der nabenden Mitternacht an einer künftigen Morgenröthe nicht zu zweifeln? Bist du auch bereit, die liebsten Wünsche deines Herzens der Vorsehung aufzuopfern, wenn und wie sie von dir dies Opfer verlangt? Auch so bereit zu verzeihen, zu vergeben? über allen Haß, über alle üble Vergeltung deiner Feinde erhaben? Eben so edelgesinnt, nur im Herzen der Deinigen zu leben? in ihnen zu leben durch Liebe und Segen, durch eine stille Wirkung Deiner Gesinnungen und Lhaten in ihren Herzen, in ihrem Leben?" Und da die letzte Stunde eines Scheidenden im Kreise seiner Freunde uns natürlich in die Stunde setzt, wo auch wir von den Unsrigen uns trennen und scheiden; so wird die Eommunion in dieser Stunde natürlich ein ernster Rückblick auf uns selbst, auf unser ganzes Leben. ,,Wie wird, spricht zu uns das Abendmahl, dein letzter Zuruck- blick fcyn? auch so freudig und dankbar, so reuelos und heiter? zurückstrahlend auf die, in denen du zurückbleibest? Wirst du.auch gewiß, daß du in andrer Menschen Herzen, in der Deinigen Herzen mit Dank und Freude, mit froher Erinnerung und Liebe fortlebest, gesetzt und fröhlich dich von ihnen trennen, und nichts vor dir sehen als das Paradies, wo sie mit dir scyn werden. Oder wird Gram und Neue, Schaam über ein verlohntes, gehässiges, mißbrauchtes Leben, Unmuth in dir und Andern die Wolke seyn, in welcher du hinwegziehst?" Eine Familie tritt vor den Tisch des Herrn als Eommunion; natürlich mit der Erinnerung, was sie sich sey, was sie an einander habe, was "Al 'f r: A>r> AA-t, 214 Christliche Reden Gott ihr durch einander Gutes erwiesen. Im Laufe der Natur sind sie einander Comm Union, Gemeinschaft; Ein Band des gemeinschaftlichen Lebens knüpft sie, mit Leid und Freude. Himmel und Hölle können sie einander werden, die süßeste Lust, die bitterste Unlust. Diese heilige Commu- nion ruft sie auf, einander Freude zu machen; um durch einander Glück zu finden, „einander zu verzeihen, fo wahr sie wollen, daß Gott ihnen verzeihe und vergebe:" denn dies Denkmahl, zur Vergebung der Sünden eingesetzt, ist für die Genießenden ein Gelübde der Vergebung. Herzen mit einander zu verbinden, so daß die, die Gott verband, einander die Hand reichen, um sich zu jedem Guten zu starken ; dies ist Geme inscha ft, Commu- nion vor Gott; eine Verbindung reiner Gemü- ther, auf Einem Lebenswege, zu einerlei menschlichen und christlichen Pflichten, auf Eine künftige Hoffnung, in Erinnerung des letzten Abschiedes von einander, und einer gemeinschaftlichen Erscheinung vn- Gott in jener Welt der Wahrheit, in welcher Liebe und Güte allein Belohnung findet. In einzelnen Umstanden und Veranlassungen des Lebens, besonders bei Wohltbaten, die eine Familie im ersten frohen Andenken feiert, wird diese heilige Handlung ihr Eucharistie, ein Dankfest, indem sie die Genießenden aufregt, zu bedenken, was Gott im Vergangenen ihnen für besondere und einzelne Güte erwiesen; im Genüsse des Abendmahls, des Denkmals der größestcn Liebe Gottes empfinden sic die ihnen erwiesene Güte nochmals und vielfach. „Bis hjeher hat uns der und Ho Milien. 21 5 Herr geholfen!" ist sodann ihr inniges Gebet; „Er wird uns weiter helfen!" singt ihnen die Hoffnung entgegen: denn seine Güte ist jeden Morgen neu. Eine Freude so gemeinschaftlich empfunden, ein Dank, dem höchsten Wesen dargebracht mit reinen gemeinschaftlichen Wünschen in Absicht der Zukunft — wie geziemend sind sie der Handlung, in welcher Christus die Wünsche und Hoffnungen seines Herzens zutrauensvoll auch auf die Zeit, da er sichtbar nicht mehr auf der Erde seyn würde, als ob er auf ihr wäre, erstreckte. Die heutige Com munion ist ein solches Fest des Dankes und der Freude. Eine Mutter tritt mit Ihrem Sohne vor den Tisch des Herrn; mit Ihm, den Sie einst als Kind, unfern dieser Stelle, es auf Ihren Armen haltend, mit Dank und Gebet für Sein Leben, zum Segen darbrachte, erscheinet sie jetzt und stellet Ihn als den Ihr von der Vorsehung geschenkten und erhaltenen Pflegling Ihrer mütterlichen Sorge Gott dar, mit Dank für jede Gabe, die er Ihm gab, für jeden guten Keim, den er in Sein Herz senkte; mit Gebet, daß jede dieser guten Anlagen gedeihe und kein edler Keim verloren gehe, der in Seine kindliche und jugendliche Seele gelegt ward. Sie übergiebt Ihn, da Er jetzt mehr und mehr in die Welt tritt, in Ihrem Gebete den Händen der Vorsehung, daß sic Ihn leite, Ihn vor Verführungen schütze und das sittliche Gefühl, die Regel des Rechts und der Wahrheit in Ihm erhalte, befestige, stärke. Sie thut dies zutrauens- und hoffnungsvoll auf die ewige Gü- 2r6 Christliche Reden 1e, die in ihrem Reiche kein Gutes verloren gehen läßt, sondern es'pflegt und wartet, weil es ihr Geschäft ist, durch mancherlei Veranlassungen edle Menschen für die Zukunft zu erziehen und auszubilden. Ihr Auge schlummert nie; sie blickt weiter als Menschen blicken können, und bereitet im Stillen vor, was Menschen von ihr weder zu wünschen noch zu bitten wagen. Mit Seiner v c reh r ten M u tter tritt Ihr Sohn herzu, um die Gclobung, die Er gestern gcthan hat, durch den Empfang des Denk- und Gedächtnißmahles der Stiftung unsrer Religion vor Gott zu besiegeln. Ja, Prinz, freudig bekräftigen Sie Ihre geistige Angelobung durch dies Sakrament;. denn Sacrament heißt Gclobung. Ihr überzeugtes: ,,Ja gewiß," Ihre heilige Zusage: ,,so wahr mir Gott helfe!" wird Ihnen heute selbst ein Fest des Dankes auch dafür, daß der Eindruck der gestrigen Handlung Ihnen die Liebe der Ihrigen und Ihres dereinstigen Landes befestigt. Das Abendmahl, das Sie heute, als der erste Zweig der Familie, mit derselben, mit Ihrer verehrten Mutter und Großmutter genießen, von Ihren Wünschen und Gebeten begleitet, ist Ihnen, ist uns allen C o m m.u n i o n, Vereinigung der Herzen für Sie in den reinsten Wünschen für Ihre Wohlfahrt. Gütiger! nimm an unser Gebet. Mache den Eindruck auf die Seele des Jünglings, der im ersten Bunde der Liebe und Treue vor Dich tritt, zu einem ewigen Bunde mit Dir, dem heiligsten Wesen, Seinem Wohllhater, Freunde und Richter. und Ho Milien. 217 Die guten Entschlüsse, die Du in Seinem Herzen stehest, mache sie zur That und Wahrheit. In uns allen erwecke das Andenken, da wir einst auch zum ersten male zu diesem Bundes- mahlc traten. Wie war unsre Seele damals voll froher Gelübde! voll heitrer Entschlüsse und Hoffnungen auf die Zukunft! Führe uns in unser Leben, in unser Gcmüth zurück, was wir seitdem wurden; und gieb uns neue Jugend, neue fröhliche Entschlüsse, aus die noch vor uns liegende, längere oder kürzere, Zukunft. Denn dein guter Geist verjünget, deine immer neue Kraft und Güte erneut und belebet. Auch an die Zeit erinnre uns, da wir dereinst uns trennend von den Unsrigcn, zum letzten- male dies Denkmal feiern werden, da das ganze irdische Leben uns ein verschwundener Traum seyn wird, und nur gute Thaten, das Andenken derer, denen wir Gutes erwiesen, hinter uns bleibet; und'- nur gute Thaten, ein reines Gewissen, die Liebe derer, in deren Herzen wir leben, uns in die Ewigkeit begleitet. Muntre uns auf, diese schönen Wohnungen in menschlichen Seelen, so lange wir hier sind, durch wohlthatige Güte und Freundschaft täglich anzubauen und uns dadurch die ewigen Hütten zu bereiten, die kein Sturm zerstöret, die auch der letzte Sturm des Todes nicht verwüstet. Reines , edles Gemüth! Du sprachst: „ thut solches zu meinem Gedachtnißwir gedenken Deiner. Erforsche uns, Herr, und erfahre uns, u. f. - XXXI. Rede bei der Taufe . « der Prinze ssin Laroline Louise. July 1786. ' <^ie Taufe eines neugebornen KindeS ist eine danksagende Feier seiner Gebnrtsstunde und eine glückwünschende Einsegnung desselben auf den Weg seines Lebens. Wie wir den Fremdling, auf den wir hofften, mit Danksagung und Freude in unserm Kreise empfangen, und wenn er in dem neuen Lande, das er betritt, eine weitere Reife zu thun hat, ihn mit theilnehmenden Glückwünschen, mit sorgender Zärtlichkeit dahin begleiten: so erheben sich diese Empfindungen von selbst, wenn ein neuer Wanderer auf der Erde eintritt, der unter den Menschen und mit Menschen die Jahre seines Lebens hienieden nach dem Willen eines höhern Wesens vollenden soll. Wir wünschen ihm Glück, daß ihm Christliche Reden und Homilien. 219 das Licht der Sonne zu sehen vergönnet ward, das wirschen; wir freuen uns, daß er an unserm Schicksale Thcil nehmen soll, und deshalb in unsrer Gestalt, in einer edlen, der menschlichen Natur erscheinet, die das Bild Gottes tragt, die zur edelsten Wirksamkeit, zu Leiden und Freuden, wie wir, gemacht ist. Wir wünschen ihm Glück, daß er auf der Stufe der Wesen erschein«, die nicht nur Wohlthatcn genießen, sondern auch die Quelle dieser Wohlthaten erkennen, sich im Geiste, ja sogar in der Nachahmung zu ihr erheben und mit Danksagung, Liebe und Freude ihrDaseyn genießen soll. Ja, da die väterliche Vorsehung den Ankömmling vom Anfänge seines Daseyns an das empfindende , mitfühlende Herz seiner Eltern, seiner Freunde und Angehörigen geknüpft und gleichsam ihr beiderseitiges Schicksal zu Einem gemacht hat, so werden zugleich die Gemüthcr Andrer in eine nähere Beziehung und Regung gesetzt, ihn mit der Freude, mit dem Danke, mit der Ehrerbietung aufzunehmen, mit denen sie die Urheber seines irdischen Lebens arischen und lieben. Und da der Weg des menschlichen Lebens sowohl in seiner Glückseligkeit als in seinen Gefahren in allen Stände der Menschheit derselbe ist, weil jeder eigentlich nur dadurch glücklich wird, was er selbst ist, nicht wozu ihn sein Rang, sein Stand, seine Geburt von außen gemacht haben: so klopft unsre Brust höher, wenn wir ihm auf eben diesen Weg eigener Bestrebungen, der mit seinen Freuden und seiner Mühe noch unbekannt und dunkel vor ihm lieget, menschliches herzliches Glück wünschen. Wir wünschen ihm Glück, daß er werde, wozu ihn die Gottheit bildete, daß 220 Christliche Rcden er das Ziel erreiche, zu dem er seine Wallfahrt an- tritt, und daß hiezu ein günstiges Schicksal ihn fördre und leite. Ja, da dieser Wunsch, so herzlich und innig er sepn mag, immer nur ein ohnmächtiger Wunsch schwacher Sterblicher bliebe, deren Hand die Bahn des Lebens nicht verzeichnen , deren Wille den Willen der Vorsehung nicht lenken mag: so wird er natürlicher Weise Gebet: Gebet, das sich an die oberste Quelle des Lebens wendet, zu der wir den Säugling, mit Händen der Andacht und Liebe, vors Auge dessen erheben, der ihm das Wesen gab, der seine kindliche Stimme höret und in der Knospe bereits den ganzen Baum sichet, der sich unter den Strahlen dieser irdischen Sonne, noch mehr aber unter seinen Zuflüssen segnender Güte entwickeln wird. Mit demüthigcn, flehenden Wünschen legen wir ihn in den Schooß des Allmächtigen, der höchsten segnenden Güte nieder. Wenn, meine Zuhörer, diese Empfindungen sich je bei der .Taufe eines christlichen Kindes regen: so sprechen sie gewiß jetzt lauter und deutlicher in unfern Herzen, da wir einen Kreis um die Taufe des Fürst!. Kindes schließen, das der Abkömmling, großer Vorfahren, dcr Zweig uralter, edler, um das Wohl der Kirche und des Vaterlandes, um die Freiheit des menschlichen Verstandes und die Glückseligkeit ihrer Völker hochverdienter Stamme, ja endlich das Kind zweier Eltern ist, deren Namen wir alle mit Hochachtung und mit Ehrerbietung nennen, deren Tugenden und Verdienste wir alle mit Dank und Freude lieben. Ungeduldig crwgrte- ten unsre Wünsche und christliche Vorbittcn das und Ho milien. 221 . Geschenk deS Himmels, das jetzt in unserm Kreise, unbewußt dessen, was mit ihm vergeht, aber gesund und frisch schlummert, und jetzt unser ist, Unsre Gebete vereinigen sich also, daß Gott sic, die er uns gab, erhalte, daß er die Tochter unscrs Fürsten, die zu einer glücklichen Stunde die Welt betrat und nach so manchem traurigen Wechsel die Herzen der Ihrigen mit desto größerer Freude erfüllte, daß er diese neue glückliche Sprosse unserS Fürsten-Hauses so fröhlich emporblühcn lasse, als sie hervorblühte, daß ihr Leben so erfreulich scy, als ihre Geburt erfreulich war, und in dem Namen, der ihr gegeben werden soll, die Tugenden und Verdienste ihrer Fürstlichen Eltern und Angehörigen und mit ihnen der innere Lohn dieser Tugenden, Ihr segenrcicher, auszeichnender Name werde. Ja, Earolina Louise, Tochter Carls und Louisens, ein segnender Engel nenne deine Namen vor Gott und zeichne sie, als für die Menschheit wvhl- thatige Namen, ins Buch der Lebendigen ein. Deine Jugend blühe auf, wie eine Rose und jeder Zuwachs deiner Tage mache dich den Sterblichen und den Unsterblichen weither. Welchem Volke, welchem Lande dich einst die Vorsehung bestimmt habe, so komme mit dir dieses Landes Segen, daß du ihm werdest, was du von Kindheit auf deinen Eltern und Anverwandte» seyn wirst, Freude, Ruhm, Glück und Zierde. Dies sagen unsre Wünsche, dies müsse jetzt der unsichtbare Kreis der Himmlischen, die Schutzengel d.r Kinder sind und das Angesicht des Vaters im Himmel schauen, mit uns sagen und der ewige Vater im Himmel bestätige unsre Wünsche l 232 Christliche Reden Und Sie, gnädigster Fürst und gnädigste Fürstin , die jetzt die Stelle der Eltern dieses Kindes vertreten und im Namen desselben den Bund mit dem Ewigen schließen, der Zeitlebens die Quelle der innigsten Glückseligkeit Ihres TaufkindeS, der Prinzessin Caroline Louise, seyn wird, lassen Sie uns im Namen der Eltern, des Landes und dieser Versammlung unsere bisherigen Wünsche dem Allgegenwärtigen im Gebete darbringcn, der uns höret und dem Sie dies Kind auf Ihren Armen zum Segen der Taufe vortragen werden. Gütiger Gott, du Vater dieses Kindes, du Vater seiner Eltern und unser Aller Vater, im Namen deines Sohnes Jesu Christi rufen wir dich an, und erflehen von dir deinen Segen auf die ganze Lebensbahn dieser Ncugeborncn. Ihr Wesen ist ein Geschenk aus deiner Hand und alle Tage ihrer künftigen Wallfahrt sind auf dein Buch geschrieben, ehe sic noch da sind. Mit Demuth und Freude danken wir dir, daß du sie das Licht unsers irdischen Tages gesund erblicken lassen, und Kräfte in sie gelegt hast, die zu weiterer Ausbildung für die Glückseligkeit dieser und jener Welt in ihrer kindlichen Seele schlummern. Leben und Wohlthat hast du an ihr gethan: bewahre ferner ihr Leben, du Hüter der Menschen, und bilde jede Anlage zum Guten, die du ihr gabst, mit sorgsamen Vaterhänden Zeit ihres Lebens aus. Dein heiliger Name wird jetzt über ihr genannt werden; er sey ihr Zeitlebens ein heiliger, wohlthätiger, erfreulicher Name, an dessen Begriff und Eckenntniß sie ihre schönste Freude, ihre festere Beruhigung, ihre un- und Homilien. 223 zerstörbare, ewige Hoffnung knüpft: daß Sie den Urheber Ihres Daseyns von frühen Jahren an als den einzigen Quell aller Glückseligkeit und menschlichen Freude kennen, ehren und lieben lerne und damit die größeste Würde genieße, die du uns Sterblichen gegönnt hast, daß wir dich den Lebendigen erkennen und in dir das Leben finden können. Ihr Herz soll jetzt durch ein kindliches Gelübde mit deinem Herzen verknüpft werden; kein Vorurtheil Ihres Standes, kein Irrweg Ihrer Erziehung, kein irdischer Zufall löse dies selige Band der Pflicht und des Gehorsams auf. Sey und bleibe, o Herr, so wie du der Schutzgott Ihres Lebens seyn wirst, auch Ihrem Herzen ein als die Güte selbst bekannter Vater, der sie jetzt zu seinem Kinde annimmt. Sie sey dein Kind in Unschuld des Herzens und in allen den Tugenden, die du an deinem Sohne liebtest, und ihn bei seiner Tauft deswegen deinen Sohn nanntest, daß sein sanfter, dir ergebener und menschenfreundlicher Geist sic beseele, und sie wie eine Pflanze der Gerechtigkeit aufblühe, die du, o Herr, gepflanzt hast und an der du dein Wohlgefallen findest. So blühe sie auf und werde, nebst ihrem Bruder, die Freude ihrer Eltern bis in derselben spatestes Alter, der Ruhm und die Ehre ihres Hauses, das Glück ihres Volks, die Freude aller, die sie kennen und dein sanftes und edles Bild, das du in ihre Seele prägen wirst, an ihr lieben uns ehren. Geist Gottes schmücke sie mit Weisheit und mit Liebe, Mit sanftem guten Muth, mit jedem edlen Triebe, Zu dem, was dich erfreut, der Menschen Herz erquickt, Und gut und groß in sich, sie und Ihr Volk beglückt. Amen. 224 Christliche Neben und Homilien. Nach der Taufe. Laß uns dem ewgen Geber des Guten voll Freude danken! Zn Liebe gab er unfern Landesvater, Unsre Landesmutter Uns und in ihnen ihres Herzens Abkunft , Unscrm und andern Ländern zur Hoffnung! Segenreich wachse, segenreich blühe des Fürsten Stamm auf! Im Sohne streb' empor das Herz des Vaters, In der Fnrstentochter Der Mutter Herz: ein Palmbaum sey Car,l Friedrieh! Und eine Rose sey Caroline! Vater des Schicksals, der du der Völker segnende Wage In deiner Hand trägst und durch Menschen Menschen Glück und Unfall zuwagst, Laß unfern Fürsten, unsers Fürsten Kinder Boten der Gnade, Engel des Glücks seyn. - XXXII. XXXII. Rede bei der Taufe des Prinzen Karl Bernhard von Sachsen-Weimar. May 1792. H-usee erste Pflicht ist in dieser festlichen und fröhlichen Stunde dem Gott des Lebens Dank zu bringen, daß er uns dieselbe gegönnt hat. Mehrmals ward unsre Hoffnung in Trauer verwandelt, wir theilten mit den fürstlichen Eltern unsrer verehrtesten Landesherrschaft, ihren tiefen Schmerz, konnten aber keine Freude mit ihnen thcilcn, die Stundr einer glückwünschcnden Versammlung, wie die jetzige ist, war in stummes Schweigen verwandelt. Um so froher ist also die heutige Stunde, in der wir die Wünsche und Gebete, die dort gehemmt wurden, gleichsam vereint und neu verjüngt an den Fuß des Herders Werke z. Rel, u. Lhcol, IV» P r Christliche Reden 326 Thrones jener ewigen Güte legen, die uns unsere verehrteste Landesfürstin neugeschenkt, Ihr uns wer- lhes Leben erhalten und sie mit einer Munterkeit und Freude belebt hat, die, wie ein kaum erwarteter schöner Morgen, die grauenvolle dunkle Nacht besieget. Sie lebt, die gcliebteste Mutter dieses Prinzen und ihr Kind lebt mit ihr. Sie hat am Anblicke seiner gesunden schönen Bildung den süßen Trost ihrer Schmerzen, Mutterfreuden genießen zu können, und vereint jetzt in ihrer stillen Kammer Ihre mit unfern Danksagungen, Ihre mit unfern zum Himmel gerichteten Wünsche. Nimm, 0 du unsichtbare, ewige Liebe, nimm was du in den Herzen der edelsten Theilnehmenden bei der frohen Nachricht von der glücklichen Geburt dieses Prinzen an gerührtem Danke, an uneigennützigem, zartem Wohlwollen, an reiner, segnender Freude sähest, nimm von allem das Zarteste und Schönste und lege es als eine Blume der Erquickung zum Haupte der Mutter, als einen Kranz des Segens auf die Brust des Kindes, das wir mit aufgehobenen Händen auf deine Knie legen und deiner Obhut empfehlen. Von der Mutter also zum Kinde, wendet sich unser segnender Wunsch — zum neuen Ankömmlinge in unserm Kreise, den Vater, Großmutter, Bruder und Schwester, Verwandte, Freunde, Diener, alles, was unfern Fürsten, fein Haus, sein Wohl, das Wohl seines Hauses und Landes liebt, mit bewillkommender Freude empfangen und als Prinzen des Landes grüßen. Sey glücklich, junger Ankömmling, auf der Bahn deines Lebens. Du und Ho Milien. 227 bist in einer Zeit geboren, die für deinen Stand, für die wahre Ehr« und Würde deines Geschlechts merkwürdig ist, und wahrscheinlich in deinen Lebenszeiten noch merkwürdig seyn wird. Denn wie einst eine knechtische Schmeichler - Verehrung die Gottheit der Prinzen übertrieb, und sie damit eben so tief herabsetzle: so wird alles das, was niedrige Leidenschaft des Gegentheilcs, aufgebrachter Haß, tollkühne Frechheit, oder auch zu scharfer Tadel ist, dir desto mehr Gelegenheit verschaffen, deinen fürstlichen Namen auch mit fürstlichen Tugenden zu zieren, und dich als einen gebornen Prinzen und Herzog, das ist, als einen, der unter vielen Tausenden der edelste, ihr Vorgänger und Führer an Gcmüthe und Tapferkeit, an Verstand und Verdiensten ist, der dich ehrenden Menschheit zu beweisen. Deinem Stande, deiner Geburt nach trittst du auf einen Schauplatz, wo du von vielen gesehen wirst, wo viele, Welt und Nachwelt, dich be- urtheilcn und richten. Glückliches Kind, du kannst, du sollst auf ihm keine andere Rolle haben, als Menschen um dich her (welchen Kreis dir auch die Vorsehung bestimmt habe) Menschen um dich her glücklich zu machen, und also von ihnen mit Recht und aus erkannter Würde geschätzt und geliebt zu werden. Glückliches Kind, fange diese Nolle früh und fröhlich an, ende sie spät und fröhlich. Der Kranz der Verdienste, nach dem du streben wirst, hänge dir nicht zu hoch, nicht zu tief, erreiche ihn glücklich, nimm ihn aber aus der Hand der Wahrheit. Verstand und Menschenliebe mögen dich auferziehen und dir frühe den edeln Saft einflößen, der, wenn man ihn einmal gekostet hat, vor tausend Abwei, P 2 223 Christliche Reden chungen und Irrwegen bewahret: es ist das unbe- stochene, und nie zu bestechende Gefühl eigenen Werth es oder Unwerthcs, es ist der Zug zur Wirksamkeit in innerer, wahrer, bleibender Größe. Dies Gefühl werde als Stamm- Charakter dir eigen; der Geist desselben komme von deinen Eltern und cdeln Vorfahren auf dich; das Blut derselben, das in deinen Adern fließt, belebe auch dein Herz, cs starke deine edle Brust, es erhebe, wie dich dein Stand erhebt, auch deine Denkart. Sey und bleibe dein Auge von Vorurtheilcn jedes niedern Standes frei und rein; rein und frei dein Verstand von Vorurtheilcn auch deines Standes, aufgeklärt, seren und heiter sey deine Stirne, wie cs dein Titel sagt, angenehm und Helle zu durchleuchten von jedem wahren Lichte; ja du sey selbst dieses Licht, ein segnender Genius der Menschheit! Erleuchte, crheüre, beglücke Andre um dich her: denn du stammest von Vorfahren, denen Deutschland, Europa und die gestimmte Menschheit ein sehr schätzbares Licht, Aufklärung und Ordnung, ein sehr schätzbares Kleinod, Gewissensfreiheit zu danken hat. An ihre lichte Reihe schliessest du dich an; die Namen, die du trägst, werden dich an große Männer deiner Verwandten und Vorfahren erinnern, und die männliche Bc- strebsamkeit deines Vaters, das edleGemüth deiner Mutter, werden dich leiten. Nach diesen bcwillkommendcn Segenswünschen, die ich schwächer vortrage, als mein Geist sie denket , die aber das Gefühl eines jeden, der mich höret, nach seiner Weise mehren und verstärken mag, schreiten wir zn der heiligen symbolischen Handlung, die alle unsre Wünsche zum Gebete vereinigt. Im Namen dieses neugebornen Kindes soll ein Bund der Treue und des guten Gewissens mit dem unsichtbaren Wesen geschlossen werden, das der Urheber seines Lebens, der Regierer und Herr seines Schicksals ist, so wie einst der innigste Aufseher und Löhner seiner Tugenden und Verdienste seyn wird. Es erinnert uns dieser Bund an die edelste Würde des Menschen, eine sich selbst bestimmende moralische Freiheit, nach der wir daS Bose zn fliehen, das Gute, aus freiem Entschlüsse, oft auch mit Mühe und Gefahr, zu wählen vermögen; er erinnert uns auch an den schönsten Siegespre.is dieser Freiheit, nemlich ein gutes Gewissen vor Gott und Menschen, das unersetzliche und uner- kaufbare Gefühl der innern -Rechtschaffenheit, Vernunft und sittlichen Würde. Gebe Gott unserm geliebten Täuflinge dies reine Herz, dies tapfre Gemüth, diesen guten gewissen Blick und Geist zum Führer des Lebens. Er verwerfe ihn nie von seinem Angesichte, und nehme seinen heiligen Geist nie von ihm. Er erfreue ihn stets mit seiner Hülfe, und sein freudiger Geist halte ihn standhaft und muthig empor. In liefen Gesinnungen beginnen wir, gnädigste Taufzeugen,' unsre heilige Handlung. Nach der Taufe. Und so schließen wir denn den zum Bunde der Religion und Moralität eingeweihten Prinzen ,Zo Christliche Reden und Homilien. Carl Bernhard dem blühenden Paar seiner Gereister, unserm geliebten Prinzen Carl Friedrich und seiner Schwester Caroline Louise, mit Freude, Hoffnung und Zuversicht an. Mögen sie sich unter einander lieben, und mit einander aufblühen zum Ruhme Ihrer verehrten Eltern, zur Freude Gottes an Ihnen, zur Freude und zum Tröste der Menschheit! Blühe, edle Sprosse! Muth und Treu' Werk' in dir neu verehrt, Im Himmel und auf Erde sey Carl Bernhard s Name werth. XXXIII. Confirrnation Ihre Hochfürstl. Durchlaucht Laroline Louise Prinzessin von Sachsen-Weimar und Eisenach. Den i 5 . April 1802. Gnädigste Prinzessin! ^^a das Bekenntniß und das Gelübde, das jetzt abgelegt werden soll, Bekenntniß und Gelübde der Religion sind, die vor Gott und Ihrem Gewissen mit reinem heitern Geiste und innerer Ueberzengung geschehen, so entferne sich von Ihrem Andenken jedes Fremde und Aeußere, das Sic in dieser heitern schönen Fassung stören könnte. — Sie sind 2?2 Christliche Reden vor Gott und vor Ihnen selbst; die stille Aufmerk-, samkcit, die Sie jedesmal jedem Worte des Unterrichts schenkten, und diesen so angenehm machten, wache auch jetzt Ihre Stimme zu einem Tone des Herzens, der mit einer Wahrheit, ohne Zwang des Ausdrucks, spricht, was Ihr Verstand für wahr halt und Ihr Herz überzeugt empfindet. I. Von Religion. Was ist Religion? Alles das, was mich nach meiner innigen Ucberzeugung zu einer Gewissenhaftigkeit im Denken und Handeln verpflichtet. Ist sie dem Menschen wesentlich? Ja, sie ist seiner Natur nach nothwendig, weil Ueberzeugung im Verstände und Gewissenhaftigkeit im Handeln zu seiner Natur gehören. Unentbehrlich ? Um seines Verstandes und Herzens willen kann er sie nicht entbehren, sonst fehlet ihm in beiden Gewißheit und Regel. Wie seinem Verstände? Indem sie dem Verstände des Menschen die Cckenntniß einer höchsten Ursache lehrt, ordnet sie seinen Verstand, in Allem Ursache und Wirkung zu erkennen und sich dieser hohen Ordnung zu fügen. und Homilicn. 233 Wie seinen Neigungen? Die Neigungen streben nach Wohlseyn (Glückseligkeit). Die Religion, indem sie zu dem Glauben an Gott führt, der für das Wohl aller Wesen sorgt, wird sie auch eine Regel, unsere Neigungen zu diesem Zwecke zu ordnen. Wie seinem Gcmüthe und inner» Glücke? Ohne Religion kann das Gcmüth nicht ruhig und heiter seyn. Ein verwirrter Verstand und ein regelloser Wille sind sich selbst die größeste Strafe. Innere Vorwürfe sind die größeste Qual. Ist sie jedem Stande unentbehrlich? In jedem Stande sind Pflichten zu erfüllen und die Religion macht gewissenhaft in Pflichten, ohne welche kein Stand ist. Was fehlt einem Menschen ohne Religion? Gewissenhaftigkeit. Was entbehrt er? Inneres Glück. Vor welchem Richterstuhle steht Religion? Vor dem Richterstuhle unsers Gewissens, mithin vor Got allein Muß man über Religion streiten? Nein, Religion ist innige Gewißheit. Ueber Meinungen streitet man. Meinungen über Religion sind nicht Religion selbst; vielmehr wird man durch Streit über diese von wahrer einfacher Religion abgeleitet. Christliche Reden 234 Ist Religion Eine oder sinds viel« ? Als Gewissenhaftigkeit ist es nur Eine, denn die innigste Regel des Rechts und Unrechts, so wie die achten Grundsätze des Verstandes sind in allen Menschen dieselben. L. k > ' ^ ! II. Von den sogenannten Religionen. In welchem Verstände wird das Wort genommen , wenn man von mehrern Religionen redet? Man versteht darunter die verschiedenen Stufen menschlicher Erkenntnisse von Gott und unsrer Pflicht, oder die verschiedenen Arten, wodurch man ihm gefällig zu werden glaubte. Giebts Menschen und Völker ohne Religion? Nein, es müßten denn thierische Menschen seyn, die nie an Gott gedacht haben. Woher mehrere Religionen auf der Erde? Die Ursache liegt in der verschiedenen Cultur, Sprache, Zeilen und Klimaten. Religion des Staunens, der Furcht, woher entspringt sie? Aus dem ersten Anblicke der Natur; diese ist unüberlehlich, unermeßlich. So die Macht der Elemente. So erhabene Gegenstände, die Furcht, Schrecken, Bewunderung gebieten. Was ist in ihr Wahres, Gutes und Schlechtes? n> un > Ä! Sie erkennt eine höhere Macht an und zugleich die Abhängigkeit des Menschen, erweckt aber blos Staunen und keine Liebe: Staunen aber ist ein und Ho Milien. 235 bloser Stillstand unsrer Gedanken. Der Verstand muß erweckt und weiter geleitet werden. Wie mildert sich diese Religion zur Bewunderung ? In der nähern Betrachtung der Natur, z. B. in sanfteren Klimaten, bei mehrerer Bildung des Verstandes, indem man nebst Macht Ordnung und Schönheit entdeckt und liebgcwinnt. Auf welch Principium ist diese gebaut? Auf die Weisheit Gottes; weil allenthalben Mittel und Zwecke sichtbar werden, und zwischen beiden Harmonie, bestehende Weltordnung in sich und in der Folge der Begebenheiten und Wirkungen. Wie führt diese Religion auf Güte und Liebe? Durch die Erkenntniß des Lebens, Glückes und Wohlfeyns der Geschöpfe. 1) zum Leben ist alles eingerichtet: die Natur ist voll Leben. 2 ) Leben führt den innigsten Genuß mit sich und erhalt sich, so lange es kann. 3) Alles ist eingerichtet zur Fortsetzung des viel- artigsten Lebens und Genusses, jedes Wesen nach seiner Art, in seinem Elemente u, f. Können Macht, Weisheit, Güte ohne einander seyn? Nein; der Mensch könnte sonst kein Vertrauen und keine Liebe haben. Macht ohne Weisheit ist eine blinde Macht, die sich selbst nicht genießt oder sich zerstöret. Weisheit ohne Macht ist leer; Macht, von Weisheit geführt, wird durch sich selbst Wohl- 236 Christliche Reden ordnung, die zum Wohlseyn, zur Freude, zur Glückseligkeit führet. Beispiele von Religionen der Furcht, des Entsetzens? Die Religion der Völker, welche furchtbare Naturbegebenheiten anbeten. Z. B. an feuerspeienden Bergen, bei Wasserfallen, bei Uebcrschwem- rnungcn, Stürmen, schrecklichen Meteoren, unter Donner, Blitz, Erdbeben, u. s. w.., an tiefen Schlünden. Der Bewunderung der Ordnung der Welt? Die indischen Religionen. Jngleichen der chal- daische und persische Dienst der Sterne, als einer großen Weltordnung; daher die Stcrndcutung entsprungen ist. Ihrer Güte und Schönheit zur Glückseligkeit der Menschen? Die Religionen, da man in Bachen, Baumen und Flüssen Gottheit verehrte. Insonderheit die die Würde und Schönheit der menschlichen Natur in Gestalt und Zwecken darstclltcn. Religionen, die die Elemente der Welt personisicirten? Zum Beispiel die Religion der Griechen. Religionen, die die Ordnung der Welt darstellten? Die Religion der Nomaden, der Indier, Ehal, dacr, Aegyter, Perser. Religionen, die die Würde und Schönheit des Menschen darstellten? Der Griechen. und Homilien. 2Z7 Staatsreligionen? Solche Religionen, die in die Staatsvcrfassung verflochten sind, z. B. Römer. Ist Religion dem Staate nölhig? wozu? worum? Der Staat hat keine andern Mittel, die Gewissen der Menschen zu binden, als Religion. Auf Treue und Glauben beruht das Band der menschlichen Gesellschaft, die Heiligkeit der Eide, der Zusagen, häuslicher, stiller, verborgener Pflichten«, f. III. Bon einer grosse nbarten Religion. Was ist Offenbarung? ^ Leitung Gottes zur Eckenntniß der Wahrheit durch vorzügliche Gaben und günstige Umstände. Religion der Patriarchen, in welchen Zustand der Menschen gehört sie ? In den ersten oder kindlichen Zustand der Menschheit. Wie dachte man sich in ihr Gott? Als Hausvater oder Emir. Wie die Vorsehung? Als eine Haushaltung oder Obhut. Wie die Haushaltung der Welt? Wie die Vorsorge für eine Nomaden-Familie. Die Schöpfung? Als eine allmähligc Ausbildung der Erdkugel ;um Wohnhause der Menschen. 238 Christliche Reden Unter welchem Bilde erscheint diese? Der Geist Gottes Hobe still wirkend über dem Wosser geruht. Aus der Nacht bricht Licht, der Himmel wölbt sich als Decke; die Erde als Boden geht blumen- und fruchtreich hervor. Sonne und Mond erscheinen. Die Elemente beleben sich. Der Jnnwohner des Hauses tritt zuletzt auf — im Ganzen das Bild jedes werdenden Tages, des qrö- ßesten und schönsten Anblicks der Natur, der Morgen röthe, u. f. S. Ps. 104. Nach welchem Plane und zu welchem Zwecke.geordnet? Nach dem Plane eines menschlichen Baumeisters, und um alle Geschöpfe glücklich zu sehen. Wie erscheint in ihr der Mensch und die Menschheit? AlS ein Geschöpf von göttlicher Natur, in welchem Vorbedacht, Verstand, Uebcrlegung, Be- rathschlagung wohnet. Daher Gott über ihn rathschlaget, um als der Herr der Erde zu schaffen, zu wirken. Wie die Geschlechter gegen einander? Als Brüder - Geschlechter. Nach Elementen geordnet; Wasser, Luft, Erde. Unter den Menschen Mann und Frau^ als einander unentbehrlich, als Eins. Wie der erste Wohnplatz des Menschen? Wie ein Paradies, wo die Natur alles freiwillig giebt. Wie die Uebergänge in mehrere Zustände der Menschen? ») Durch ein Verbot, das den Menschen gegeben ward, und das sie übertraten. 2 ) Da dann ein andrer Zustand, das Beschwerliche der Menschheit, ihnen als Strafe auf- erlegt, d. i. vorhergcsagt ward. 3) Zu dem sie durch Kleidung und fortgehenden Kunstfleiß ausgerüstet wurden. Jetzt trennen sich die Lebensarten der Menschen; die Leidenschaften entwickeln sich; Erfindungen kommen zum Vorschein, u. f. IV. Von der mosaischen Religion. Ihr unterscheidender Charakter? Daß sie an einen Gott glauben lehrte, und zwar ganz unkörpcrlich, ohne Bild und Zeichen, welches als Abgötterei höchst straffällig gemacht ward. Sein Name war: er ist, er war, er wird seyn, d. i. ewiges Wesen, Bestandheil. Ob sie uns verbinde? Dieser Glaube an Einen Gott verbindet uns. Bürgerliche und Landesgesctze für Palästina und die damalige Zeit verbinden uns nicht. Was in ihr Go.rt war? Nationalgott und höchster König, der dem Volke Wohlthaten erzeigt, es zum freien Volke gemacht hatte und dessen Erbbesitzcr er war. Was Tempel und Priesterthum? Sein Wohnsitz und Hofstaat. Was Gesetze und Feste? Seine Gebote. Feste waren Tage, an denen er öffentlich verehrt wurde. Das Gesetz, Anvrd» 240 Christliche Reden nung der Nation. Die Feste; Zusammenkünfte derselben zu Anerkennung des Oberhcrrn und zur Nationalsreudc in einem Nationalbunde. Was Opfer? Geschenke, als Beweise der Achtung oder zur Erlangung seiner Gnade. Auch als Bekenntniß der Schuld und freiwillige Strafe. Ihre Gesänge und Lieder? Lob und Dankgesange, auch Aeusserungen des Vertrauens auf ihn. Zugleich Bekenntnisse der Schuld, Klagen, Bitten, moralische Anweisung, Trost rwf. Ihre Weisheitssprüche? Lebensregeln aus Gesetz und Erfahrung. Ihre sogenannten Weissagungen? Aussichten in die Zukunft. Ursprung und Fortgang dieser Weissagungen? Die Hoffnung besserer Zeiten, bei jeder Unterdrückung und Verwirrung. Wie sich an ihr die Hoffnung eines künftigen Reichs der Glückseligkeit entwickelt? Ihre Hoffnung war immer, daß noch ein großer König, Messias, zu ihrer Rettung kommen würde. Dessen Reich und die Glückseligkeit desselben , macht die Prophezeihung immer mehr und dringender aus. Mißverstandniß und Mißbrauch derselben? Daß sie diese Aussichten und Hoffnungen alle kor- und Homilien. 2.je. körperlich, zuletzt frech, stolz und menschenfeindlich gegen andre Völker deuteten. Ihr Staat ging durch diese Denkart zu Grunde. V. Religion Jesu. Lhr Begriff in Ansehung Gottes und der Menschheit? Gott als Vater und die Menschen als Kindes- gefchlecht desselben. Ihre innere Wahrheit? Die Religion Jesu liegt in dem Geiste eines jeden Menschen. r) Der Mensch hat ein Göttliches in sich; dies ist seine edle sstatur, sein Charakter; sonst ist er ein Thier und wird noch ärger als Thiere, weil ihm der leitende Instinkt fehlet. 2) Die Menschheit ist an sich schwach, nur durch Verbindung mit andern wird sie stark und in sich glücklich. Ihre Allgemeinheit und unzerthcilte Einheit? Sie ist Religion der Menschheit, jedermann verständlich. Das erste Principium kann ohne das zweite nicht seyn, dies nicht ohne das erste. Ihre Unentbehrlichkeit für alle Zustande der Menschheit? Weil sie in den Menschen Glauben und Liebe erweckt. Vom Stande der Kindheit bis zum Zustande der feinsten Bildung gilt sie; alle Bildung der Menschheit ist auf sie gebaut. Durch alle Lebensalter der Menschen erstreckt sie sich, durch alle Zustände, bis zum letzten Augenblicke der Hoffnung. Herders Werke j. Rel, u. Lheol. IV. Q 242 Christliche Reden Ihre Vollkommenheit und Reinheit als letzte und höchste Tendenz der Menschheit? Sie leitet den Menschen zu reiner großer Gvtt- ähnlichkeit, verbindet die Völker durch Billigkeit und Liebe, mildert die Neigungen und Sitten, cul- tivirt die Erde, macht alle durch alle glücklich. Ob sie aus Wundern und Weissagungen erweisbar sey? Nein, Wunder und Weissagungen gehörten in jene alte Zeiten. Zudem überzeugen Wunder uur den, der sie siebt, und auch ihm sind sie von der Wahrheit einer Lehre nie ein inniger Erweis. Eine Lehre muß durch sich überzeugen. Ob sie dieses Erweises bedürfe? Ihr einziger und wahrer Erweis? Sie bedarf dieses Erweises nicht, denn ihr einziger und wahrer Erweis ist ihre höchste Menschlichkeit. Ihr einziger und schönster Erweis ist Probe, Ausübung, Joh. 7, 17. Wie sie ausgeschrieben sey? Wie diese Schriften zu betrachten? 'Als eine Lebensbeschreibung Jesu, oder eine frohe Verkündigung für die damalige Zeit, nach den damals in Frage gestellten Kennzeichen von einem Messias, aus den Propheten. Die Briefe der Apostel sind sittlich-religiöse herzliche Briefe; als solche muß man sie lesen. Wie sie strtgepflanzt sey? Gute und böse Wege? Durch mündliche Belehrungen, zuerst in sehr redlicher, der Menschheit nochwendiger und ersprieß- und Ho milien. 243 licher Absicht; nachher auch bisweilen aus Schwärmerei, Herrschsucht, durch List und Gewalt. Wie sie immer mehr verderbt worden? Wodurch? 1) Durch die Meinungen fremder Volker, welche sic in ihre Religion mit aufnahmen. 2) Durch Zusatze, die man aus Autorität und Herrschsucht machte. 3 ) Durch Gewaltsamkeit und Gräuel, seitdem sie herrschten. Wie sie auf die Völker gewirkt? Gute und böse? 1) Sie hat die Menschen menschlich gemacht. 2) Abgötterei, grobe Laster hat sie vertilgt. 3 ) Buchstaben, Schrift, Cuflur, Gemeinschaft, sogenannten Gottesfrieden unter die Völker gebracht, U. f. Böse wirkte sie alsdann auf die Völker, da sie in nichts als Glaubenssätze verwandelt wurde. Insonderheit im Satze von der Aussöhnung durch fremde Verdienste, durch Fürbitten bei Gott, religiöse (Zeremonien, Gefangennehmung der Vernunft unter den Glauben, Austilgung der Vernunft durch Autorität, verzeihbare Sittcnlosigkeit u. f. Eine drückende Last wurde sie, da durch sie Vernunft und Gewissen unterjocht wurde und in allen Ständen Berdcrbniß der Sitten herrschte. Vl. Protestantismus. Wie entstand er? Durch die härteste Unterdrückung des Verstan« Q 2 244 Christliche Reden des bei tyrannischer Herrschaft ungereimter, schädlicher Meinungen der Menschen, aus welcher sich endlich ein gesunder menschlicher Verstand emporhcb, welcher stark genug war, sich davon loszureisscn. War er gerecht? Der Protestantismus war gerecht. Er prote- stirte gegen die Ungerechtigkeiten und verderblichen Gräuel der damaligen katholischen Kirche, z B. Jn- dulgenzen, Fegfeuec, Seclmessen, Lhrenbeichte, gegen äußere Werkheiligkeit des Gottesdienstes , Autorität des Papstes und der Kirche, Verfolgung rc. Worauf ging er hinaus? Er wollte die Menschen von der Unterdrückung ihres Gewissens und die reine christliche Religion von ihren hinzugekommenen Jrrthümern befreien. Wogegen protestiren wir? Gegen die unvernünftige Bindung des Gewissens und des Verstandes und gegen die menschliche Autorität in Sachen unsers Gewissens, also gegen allen Gewissenszwang. Wie sehen wir die Schrift an? Als die reine Quelle des ChristenthumS und als das Wort Gottes, das man mit eigner Ueber- zeugung und Gewissenhaftigkeit lesen und verstehen müsse, über welche also kein Richter des Glaubens sey. Worauf gründet sich unsre Religion? Auf den Willen Gottes, den uns die Gesetze der gesammten und menschlichen Natur kund thun, welcher in der Religion Christi klar und herzlich entwickelt liegt, von der Vernunft erkannt, von un- serm Gewissen gefühlt wird. Hat der Protestantismus der Menschheit Nutzen gebracht? Welchen? Er hat die ursprüngliche Religion Jesu den Menschen wiedergegcben, und damit eigne Ueber- zeung in moralischen Dingen, eine heitre Vernunft erweckt, die Verhältnisse der Menschen klarer ins Licht gesetzt, und Thaligkcit, Fleiß, Sittlichkeit, befördert. Wie denkt der Protestant gegen fremde Religionen? Tolerant. Was sind ihm die simbolischen Bücher? Ein Glaubensbekenntnis zur Unterscheidung von anders Glaubenden nach damaligen Zeitumständcn und Veranlassungen, auch nach dem Maaßc der Erkenntnis jener Zeiten; sie zwingen ihn aber nicht, gegen fein Gewissen zu handeln oder zu glauben. Was überhaupt aller Unterricht? Ec dient ihm zur Aufklärung seines Verstandes, und zur Ueberzeugung seines Herzens, und will durch frühe und unablässige Gewohnheit in Leben und Wirkung gesetzt seyn. Geht einen Protestanten an, was gegen den Katholi- cismus gesagt wird? Es geht in nichts an. Der Protestantismus lehrt das alles nicht, wogegen man im Katbolieis- mus spricht. Der Spott gegen das Christcnthum 2^6 Christliche Reden geht also blos gegen Mißverständnisse nnd Mißbrauche desselben. Ueber das reine Christenthum ist kein Spott möglich. Kann man auf ihn ein Glaubensbekenntnis ablegen? Sobald man weiß, was Protestantismus ist, und man im Tiefsten seines Herzens von ihm überzeugt ist, so kann man es. VII. Grundsätze des C h ri ste n th u m s. Da die Begriffe einer höchsten Macht, Weisheit und Güte von einander nicht trennbar sind, was entspringt daher? Ein Begriff von Gott, in welchem Macht, Weisheit und Güte vereinet sind. Mithin der reinste höchste Begriff, den der menschliche Geist zu fassen fähig iff. Sind sie fortwirkend, evident in der Natur? wie die Macht? Sie sind es. In den unermeßlichen und vielfachen Kräften der Natur. Wie die Weisheit? In der Ordnung der Natur, die unerschütterlich fest ist und auch bei scheinbaren Störungen einer Regel folgt. Wie Güte? In dem Leben und Wohlseyn der Geschöpfe. Alle verknüpft ein immerwahrendes Bestreben zu diesem Wohlseyn, das sie nur durch und miteinander genießen können. Dies ist die Kette der Schöpfung. Wie sind sie evident im menschlichen Leben? In der Ausbildung der menschlichen Kräfte, die sich unterMncht, Weisheit, Güte ordnen. Wie nennt Christus das höchste Wesen? Vater und den allein Guten. Welches ist der erste Begriff von Dre ie i n i gk e i t, Vater, Sohn und Geist? Daß sich Gott in den drei Haupt-Wohlthaten offenbaret hat. In der Schöpfung als Vater, durch den Sohn in der Erlösung und in der Heiligung durch den Geist, welcher über den Menschen ruht. Wie nennt man die fortwirkende Macht? Erhaltung. Wie die fortwirkende Weisheit und Güte? Negierung, oder Haushaltung der Welt. Aber die Uebel in der Welt? Sie entstehen meistens durch den Menschen selbst, oder sie dienen zur Erweckung seiner Kräfte. Die physischen Uebel sind Folgen weiser und guter Naturgesetze, mithin kein Uebel. Sie können von den Menschen abgewandt oder vermindert oder müssen ertragen werden. Die moralischen entstehen von Menschen selbst, alle Uebel dienen zu Erweckung menschlicher Kräfte. Nach welchem Principium wirken jene Mächte fork- strebend? Nach dem Principium der Erhaltung, der Bildung und Zerstörung mithin der Weisheit und Güte: 2pJ Christliche Reden. 1) Jedes Einzelne dient dem Allgemeinen und muß ihm, auch unbewußt und wider Willen , dienen. 2) Jedes Einzelne lebt in seines Gleichen fort; die Natur erhalt die Geschlechter, 3 ) Jedes einzelne Daseyn ist darauf berechnet; der Tod ist Mittel der Natur zu ihrer ewigen Jugend. Welches ist das Gesetz der Erhaltung? Thatigkeit der Geschöpfe. Der oberen Regierung? Gerechtigkeit, Wiedervergeltung. Der höchsten Haushaltung? Fortstrebcn zum gemeinsamen Wohlseyn. Wie drückt diese Gesetze Christus aus? 1) Thatigkeit in Liebe, 2) Wiedervergeltung in dieser und jener Welt, 3 ) Sieg des Guten über das Bose durch beharrliche Güte und Geduld. Wie sah Christus die Menschennatur an? Für eine schwache Natur, in der aber was Göttliches liegt. Was gründet er also für sie in Gesetze» ? Ihre Lebensregel, daß das Edle, Gottahnliche, Vernunft und Güte, in ihr erweckt, das Thieri- sche, blinde Macht und Neigung, gebändigt und geläutert werde, damit sie der Vernunft und Güte dienen. und Homilien. 2-i9 Welche Hoffnung gab er ihr? Die Hoffnung immer vollkommncr und göttlicher zu werden, einzeln und in Gemeinschaft, in diesem und einem künftigen Daseyn. Mir welchen Bewegungsgründen? Mit den Bewegungsgründen: werdet vollkommen, wie euer Water im Himmel vollkommen ist. Gicbt es außer dem, das Christus angab, ein andres Ziel der Menschheit? Es giebt kein anderes, denn es bezweckt reine und ewige, menschliche Glückseligkeit Aller durch Alle. VIII. Moral des Chbistcnthums. Ist Wollust das höchste Principium menschlicher Sitten? Nein, weil cs Geist und Körper schwächt, bessere. Triebe unterdrückt, sich auch zuletzt in Ucbcr- druß und in traurige Leere endigt. Jsts feinere Wollust? Vergnügen der Phantasie? Warum nicht? Auch nicht. Wer zu viel in der Phantasie lebt, stumpft sich für das wirkliche Leben ab; er nimmt z. B. keinen solchen Antheil an dem wirklichen Unglücke der Menschen, als an erdichtetem. Jsts Ehre? Warum nicht? Nein. Das Uebermaaß von Ehrgefühl ist dem menschlichen Herzen sehr schädlich, cs unterdrückt alle andere gute Neigungen des Herzens, wenn es nur handelt, seine Ehrsucht zu befriedigen. Es wird mithin zuletzt zu einer grausamen, nie besrie- ' s l Christliche Reden 25c, digten Selbstsucht, die Alles sich aufopfert und durch Unfälle herbe gestraft wird. Jsts Eigennutz? Warum nicht? Nein. Der Eigennutz ist der allergesahrlichste Trieb für die menschliche Gesellschaft; denn ein eigennütziger Mensch handelt Klos für sich allein, und nie für Andere. Im ewigen Begehren hat er nie; und ist selbst der Dürftigste, Niegenughabende. Eigennutz führt zu Betrug, Harte, Grausamkeit, und stumpft jede edlere Neigung. Unform der Menschheit, die der Lieb nach Vergnügungen bringt? Der übermäßige Trieb nach Vergnügungen bringt eine Mißbildung in den Menschen hervor, er erhebt nur die Sinnlichkeit im Menschen, aber nicht die Vernunft, mithin macht er thicrisch. Unform, die der Hang nach feineren Vergnügungen der Phantasie bringt? Die feineren Vergnügungen der Phantasie bilden den Menschen nicht für das menschliche Leben. Eine zu geistige, wesenlose Gestalt, die bald am Vergnügen selbst kein Vergnügen findet, und alle wesentliche Freuden, die nie ohne Mühe find, aufhebt. Unform der Ehrsucht? Die Ehrsucht strebt meistens nach etwas, das keine wahre Ehre ist, und dadurch verbildet sie sein Unheil und den Zweck seines Lebens. Unform des Eigennutzes? Der ist auch ein verbildeter Mensch, der alles für sich allein thut, denn ein Mensch ist für den Andern da. Sind alle diese Triebfedern der menschlichen Natur gut und nothwcndig? Sie sind gut und nolhwendig; denn sie erwecken den Menschen zur Thatigkcit und helfen auch seinen Geist und Herz ausbilden. Wiefern? Abschweifungen zu beiden Seiten? Allemal ist die Mitte die Regel, z. B- Fühllosigkeit ist ein Extrem. Wollust das andere. In der Mitte der Genuss. So bei feineren Vergnügen, der Ehre, dem Eigennutz u. s. w. Ein Mensch ohne Ehre taugt nicht, ein anderer, dem Ehre allein alles ist, ist eben so abschweifend. Ein Gei- tziger und ein Verschwender sind eben solche Extreme; in der Mitte, im rechten Gebrauche der Güter und Gaben ist die Regel des Wohlanständigen und der Tugend. Welch Principium ordnet und regelt, sie? Was du nicht willst, das dir die Leute thun sollen, das thue ihnen auch, nicht. Ist Mitgefühl das Principium der Natur? Wie allgemein ? Das ist es. Freude und Leid sollen wir mit-. einander fühlen. Und je ähnlicher der Andere selbst, je harmonischer fühlen wir in und mit ihm. Wie zur Erhaltung der Geschlechter? Es erweckt den Beistand der Geschlechter gegeneinander. 232 Christliche Reden Welche edlere Bande schafft es in der Menschheit zur Erhaltung der Geschlechter? Die Bande zwischen Eltern und Kindern, Geschwistern und Eheleuten gegen einander. Mütterliche und väterliche Liebe, wie stark sind st«? wie hat die Natur auf sie gerechnet? Daß sie sich selbst vergessen und alles für ihre Kinder thun. Die Natur hat auch ihnen ihrer Kinder Erhaltung und Erziehung ganz anvcrtraut. Liebe der Geschwister, Familienliebe? Sie sind enge an einander gebunden, durch das heiligste Band der Menschheit, Treue und Wort; durch innere Honettctat, ohne welche alle menschliche Gesellschaft zerfallt. Sie sind das höchste Princip? In Uebertreibungen, was geben sie für Folgen? In Uebertreibung nicht. Das so natürliche Familiengefühl darf auch nicht die Oberhand in dem Menschen haben, denn es führt ihn oft zu den größten Ausschweifungen in der Habsucht, dem Ehrgeitze, der Rache und Verfolgung, Unterdrückung, Haß, Verlaumdung. Zusprechendes Mitgefühl der Edleren, Gleichgesinnten, wie heißt es? Freundschaft. Welchen innern Lohn gewährt die Freundschaft? Die Uebereinstimmung der Seelen. Ist sie zwecklos? ihr Symbol? Nein. Menschenwohl ist ihr Zweck; gemein- und Ho Milieu. 253 schriftliche Tätigkeit, Aufmunterung, Stärkung durch einander. Ihr Symbol ist: Treue bis in den Tod. Welcher Stand ist das Gelübde unverbrüchlicher Treut und Freundschaft? Die Ehe. Was ist auf sich verbündende Lreue Und Freundschaft in der menschlichen Gesellschaft gebaut? Das Wohl der ganzen menschlichen Gesellschaft. Beschränkt sich das Mitgefühl auf Familie und einzelne Freundschaft? Es bezieht sich auf alles Fühlende und auf gemeinschaftliche Zwecke in der menschlichen Gesellschaft , dadurch wird es ein edles Mitgefühl für die Erhaltung des Ganzen. Das Gesetz der Billigkeit, auf welchem Gefühl ber ruht es? Auf dem Gefühle der Empfindung. Jsts nothwendig? Es ist nothwendig auch für fein eigenes Wohl. Jsts hinreichend? Ja, es crweißt dem Menschengeschlechts Gutes, und schützt es vor dem Bösen. Wie ist es vom schlaffen, momentanen Mitleide unterschieden? Die Billigkeit entsteht aus der Vernunft, das Mitleid hängt nur vom Gefühle ab. Jenes ist als fortdaurend, dieses als momentanes Gefühl vorübergehend. 254 Christliche Reden Wie wird das Gefühl der Billigkeit ein Gesetz der Gerechtigkeit? Wenn es uns antreibt, jedem zu geben und zu lassen, was ihm gehört, da das Mitleid mehr geben und nachsichtiger seyn kann. Heiligkeit dieses Gesetzes? Die Heiligkeit dieses Gesetzes liegt in dem Gesetze selbst, weil es von der Vernunft und also von Gott, dem Geber der Vernunft, kommt. Sein innerer Lohn? Das Gefühl, daß man recht handelt und Gottes Willen befolgt. Daß dies Gesetz der Gerechtigkeit nothwendig zum Wohlwollen,''nicht zur Zerstörung wirke? Wenn ich gerecht bin und einem jeden gebe, was ihm gehört, so befördre ich dadurch sein Wohl. Auch wenn man dem Strafbaren seine Strafe giebt, die ihm gehört, so ist cs zu seinem Wohie und zum Wohle des Ganzen, das immer durch eine ungerechte partheiische Nachsicht leidet. Wie es den Eigennutz regelt? Der Gerechte nimmt nur das, was ihm gehört, gönnet auch Andern das Ihrige, schützt und befördert es. Die Ehrsucht? Der Gerechte sucht dis Ehre, die er verlangt, zu verdienen, keine andre verlangt er. Nur der Beifall der Besten ist ihm lieb. Andern läßt er ihren Ruhm auch. und Homilicn, 255 Der Trieb nach feineren Ergötzungen? Es schränkt diesen Trieb ein, daß der Mensch nicht die Beförderung des Wohlseyns Andrer darüber vergißt. Die grobe Sinnlichkeit verbanne, als Thicrheit? Die grobe Sinnlichkeit erlaubt uns alles zu thun, zu dem wir Lust haben. Die Gerechtigkeit Nur das, was recht ist. Wie es die wahren Freuden in jenen Anlagen der Natur erhöht, z. B. wie des Besitzes? Daß man ihn Mit Recht besitze und ihn verdiene. Wie der Ehre, des Ansehens/ des Standes? Diese Freuden bedürfen am meisten zu ihrer Erhöhung des innern Gefühles der Gerechtigkeit, weil hierin nur innerer Werth liegt. Wie der schönen Künste? Daß auch sie nur zur Veredlung der Menschen als Mittel, nicht als Zwecke dienen. Innerer Lohn des moralischen Gefühls? Die Freude über die guten Handlungen. Daß es Unabtrennlich von Religion, d. i. von Verehrung einer höchsten Macht, Weisheit und Güte sey? Wer ein moralisches Gefühl hat, muß auch eine höchste Moralität oder einen moralischen Gesetzgeber erkennen. Daß diese Verehrung dem menschlichen Verstände, Herzen und ganzen Daseyn unabtrennbar sey? Dem Verstände, der die höchste Ursache der 256 Christliche Reden Dinge anerkennt; dem Herzen, weil es dankbar seyn will, und seinem ganzen Daseyn, weil es von ihm abhangt. Verlust des Menschen ohne moralisches Gefühl und Religion? Tugend und Gewissenhaftigkeit > wir hörten auf, menschlich zu seyn. Schicksale des Lebens, die nothwendig Religion und Resignation fordern? Z. B. Leiden um des Guten willen. Christus Charakter Und Schicksal? Ein höchst menschlicher Charakter und das Schicksal eines unschuldigen Menschen, durch welches seine Lehren noch mehr erhoben wurden. Was ist das höchste Ideal der Menschheit, nach Vernunft und Erfahrung, selbst auch in der Kunst? Ein Held in der Liebe für das Gute und für die Menschen. Oft auch einen unschuldigen Tod dafür zu erleiden. Also hohe Einfalt, stille Größe, Ihatig-unermüdete Güte, Beharrlichkeit, Sanftmuth. Wenn Mitgefühl, Billigkeit, Gerechtigkeit und moralisches sowohl als religiöses Gefühl zuletzt auf nichts so sehr als auf Wohlwollen und thatige überwindende Liebe gegen die Menschheit, leiten, wen hat Christus in dieser besonders empfohlen? zuerst? und warum - diese? Dir Armen und Verachteten, weil diese der thatigen Liebe am meisten bedürfen. Vor allen die Kinder, ihre Aufnahme und Erziehung, weil in die- - ^ und Homilien. 2Z7 diesen die Hoffnung eines künftigen Geschlechts liegt; weil von ihrer Erziehung ihr ganzes künftiges Leben und Glück abhangt; sie sind der Liebe der Menschheit übergeben. Soll dadurch Trägheit, Betrug, Partheisucht u. s. ft erhallen, befördert und vermehrt werden? Wo Liebe in den Menschen herrscht, da ist weder Trägheit noch Betrug, noch Partheisucht. Auch Güte und Wohlthäligkeit sollen nicht ohne Verstand wirken. Almosen sollen nicht die Trägheit, Lüge, Schmeichelei nähren, sondern die Geschäftigkeit der Menschen erwecken, den Fleiß unterstützen, gute Talente brauchbar machen, u. s. f. Wessen Werkzeuge sollen wir vielmehr seyn? in welchen Plan sollen wir auch gutmülhig forlwirken? Gottes Werkzeuge sollen wir seyn und in seinem Plane fortwicken, das ist, das Gute zu befördern, und da dieser Plan die Wirksamkeit und das frohe Da seyn seiner Geschöpfe zum Zwecke hat, so wirken Menschen in seinem Plane, wenn sie Regsamkeit, Ausbildung und Anwendung menschlicher Kräfte und dadurch Freude und Genuß befördern. Wie verewigen wir uns am besten und wirken fortlebend ? Wenn wir in der menschlichen Gesellschaft Gute« stiften und zwar ein Gutes, das lebend fortwirkt durch andre Menschen; nicht das todt dastehet. Einrichtungen, Anstalten, Stiftungen, unser Vorbild, Erziehung der Menschen wirken lebendig durch Andre weiter. Herders Werke r> Rel. u. Theos. IV» R uüü Christliche Reden IX. Gebräuche des C h r i ste n t h u m s. -V. Abendmahl. Was heißt Abendmahl? was zeichnete diese letzte Abendmahlzeit aus? Abendmahl heißt die Abend-Mahlzeit, welche die Juden, zum Andenken ihrer Befreiung aus Egypten, gestiftet hakten. Als Christus zum letzten- male mit seinen Jüngern das Osterlamm aß, so bestimmte er es zu seinem Gedächmißmahle. Was veranlaßte das neue Symbol, das Christus dabei gebrauchte ? Die Nahe seines Todes, der seinen Freunden unglaublich und unerwartet vorkam, bei dem sie alles fürchteten und verloren. Da eine symbolische Handlung sich selbst ausdrücken und verständlich machen muß, was soll das gebrochene, dürre Brod symbolisiren? Daß sein Leib bald für sie, wie dieses Brod, gebrochen werden würde. Was der neue Kelch der Danksagung? Daß durch diese Trübsal ein großes Glück hcr- vorgehen würde, worüber man sich freuen, und wofür man Gott danken müsse. War dies dem damaligen Kreise verständlich? Ja, als eine symbolische Handlung, denn sie symbolifirten'immer, wenigste das Osterlamm aßen. Sagen dies die Worte Christi selbst? Christi Worte sind so verständlich als möglich. und Ho milien. 2Z2 War dies dem damaligen Kreise nothwendig und herzlich? Jesus schied aus dem Kreise seiner Freund«. Ec kündigt ilmcn seinen Tod , an und lindert den Kummer darüber durch den Kelch der Danksagung, durch eine hohe freudenvolle Hoffnung. Welche Gesinnungen zeigt dieser Abschied in der Seele Christi, und zwar in Ansehung des Schicksals, das ihm so nahe vorschwebte? Größe der Seele und hohes Zutrauen in den Willen der Vorsehung, die aus seinem Tode ein großes Gut Hervorbingen werde; er wollte seinem Tode nicht ausweichen, weil er in der Welt zum Besten dienen sollte. In Ansehung seiner selbst? Er vergaß sich über die Menschen, er opferte sich für sie auf. In Ansehung derer, die er nachließ? Liebende, er wollte nie von ihnen vergeffenffehNt.' Wo und wie wollte er also noch gegenwärtig seyn und wohnen? Durch seinen Geist in ihrem Geiste. Wie heißt daher das Abendmahl? Gcdachtnißmahl, auch Communion, Gemeinschaft. Wozu wards also natürlich, nachdem alles darin Bor? hergesagte erfolgt war? Ein Dank - und Freuden-Mahl: di» Griechen nannten es Eucharistie. R s 26o Christliche Reden Wozu ist es uns jetzt als Gedächtnißmahl und Dankfest? Eine Erinnerung an die großmüthige Liebe Christi und nn alle auch uns zugckommene Wohl- thaten der göttlichen Vorsehung. Was als Stärkung fester Gesinnungen? Ein Erinnerungsfest an die Starke der Gesinnungen Christi, Aufmunterung also zum höchsten Zutrauen zu Gott, auch in den dunkelsten Schicksalen des Lebens. Was als Trost - und Hoffnungs - Denkmal? Ein Erinnerungsfcst an den fortlebcnden Christus. Ein Denkmal unsterblicher Hoffnung, die nicht nur über dies Leben, sondern über das Grab reichet. Als Wersöhnungs- Familien- und Freundschafts-Mahl? Einen Trost der engeren Vereinigung. Als Bund und Gelübde, nach geschehener Prüfung zu einer neuen Lebensperiode? Es ist uns ein Bundesfest mit Gott und un- serm Gewissen. Wie muß diese Prüfung geschehen? Mit Aufrichtigkeit. Jeder muß sich prüfen; Ein Fehler, den wir in uns wahrnehmen, zieht uns alle andre vor Augen, weil alle Zusammenhängen. Mit welcher Gemüthsfassung muß man zum Abendmahle gehen? Mit freudiger. und Homilien. 261 Ist ein Bekenntnis der Sünde dabei nöthig? und aller Fehler dabei möglich? Für den Menschen selbst ist es nöthig; aber nicht als öffentliches Bekenntniß aller Fehler. Gott und sich selbst bekenne der Mensch alle Fehler, nachdem es das Zutrauen und das Herz fordert oder untersagt. . Was bewirkt die Kraft des Sacraments? Jsts die Einsegnung? Das Gemüth dessen, der zum Abendmahle geht. Dürfen beide Symbole von einander getrennt werden? Warum nicht? Nein, weil eins aus dem andern entspringt, der Dank und die Freude aus dem Tode Christi, auch bei uns Freude und Sieg aus reiner völliger Ergebung. Ist beim Genüsse des Abendmahls ein Zwang der Gedanken und Empfindungen nur denkbar? Jeder Mensch geht mit eignen Gedanken und Vorsätzen zum Abenmahle, nach eines Ändern Denkweise kann und soll er sich nicht zwingen. L. Taufe. Auf wessen Namen geschieht sie im Christenthum? Im Namen Gottes des Vaters, des Sohnes und des heiligen Geistes. Was heißt, auf jemandes Namen taufen? Zu seinem Dienste und zu seiner Verehrung. 2t>2 Christliche Reden Wem wird in der Laufe entsagt? Dem Teufel und seinen Werken und Wesen, »d. i. allem Bösen, Jrrihümcrn, Aberglauben, Un-- redlichkeil des Herzens, Laster» rc. Woher entstand und was bedeutet diese Entsagung? Man glaubte, daß der Mensch, welcher noch nicht ins Christenthum eingeweiht sey, noch in der Gewalt des Teufels wäre, der insonderheit- im Hei- denthume durch Abgötterei und Laster herrsche. Durch diese Entsagung sage der Mensch sich los von allem Bösen. Wem wird. Glauben und Dienst zugesagt? Gott. Ist die Laufe an Kindern nicht gewalrthatig? Man bringt sic dadurch in eine Gemeinde von Menschen, in der ihnen eine gute Erziehung vcr» sprachen wird. Wozu werden Eltern und Pathen durch die Laufe ver. bunden? Für der Kinder Erziehung zu sorgen und sich ihres Lebens anzunehmen. X. Gebet des Christen thums. Was heißt beten? und wie spricht man zu Gott? Mit Gott reden: man spricht mit Gott aufrichtig, voll Vertrauen, Geist zum Geiste. Ist das Gebet der menschlichen Seele nothwendig? Ja, cs liegt in ihrer Natur; so wie der Wunsch, das Aufathmcn oder das Rufen um und HoMilien. 2 63 Hülse; und wiederum der Dunk, der Moment freudiger Erholung. Wie ist es ihr nothwendig als Bitte? Weil der Mensch Wünsche hat, deren Erfüllung er von Gott hoffen muß. Ais Gebet? Er bedarf der göttlichen Hülfe in der Notb. Als Fürbitte- Wenn wir andern Menschen nicht alles das Gute geben können, was wir ihnen geben möchten. Als Danksagung? Das Herz wendet sich gern an den, von dem es Wohlrhaten empfangt. Ist es ihr ein Zwang und schädlich, oder nützlich und erfreulich? Es ist ihr nützlich und erfreulich. Wie ist solches die Bitte? Wenn der Mensch zu Gott bittet, so reinigt er da auch seine Wünsche und lautert sie; denn nicht um alles, was uns als Wunsch in die Seele kommt, werden wir ein Gebet Gott vorzutragen uns erkühnen. Das Gebet- Wenn der Mensch in der Noch betet, so denkt er darüber, ob er sich die Noth selbst zugezogen habe, und daß er seine Kräfte brauchen müsse, um sich zu helfen: was er nicht kann, das erwartet er von Gott. 364 Christliche Reden Die Borbitre? Es macht das Gemüth mitleidig und wohl- 1 hat ig. Die Danksagung? ES crsreuet das-Herz, und macht, daß der Mensch in der Erinnerung das Gute noch einmal genießt. Es bereitet also das Gemüth in der Erinnerung an Andere, Freunde und Feinde, aus, macht uns theilnehmcnd, dankbar, grvßmüthig, mitfühlend. Gilt der Einwurf, Laß Gott auch ohne unser Gebet alles wisse? Er gilt nicht, weil wir nicht um Gottes, sondern um unsertwillen beten. Verrückt das Gebet Gottes Plane? Kann, so« und darf es solche verrücken? , Nein; auch unser Gebet sah Gott vorher; er gicbt uns nur das Beste und versagt uns Bitten, die uns zum Schaden gereichten. Sollen wir anmaßend, dürfen wir sündlich bitten? Nein, weil wir zu Gott beten, also mit Unterwerfung unfcrs Willens unter den seinigen. Sündliches wird nur ein Frecher und Schaamloser Gott vortragen. , Wovon ist das Gebet ein Spiegel? Von der Seele des Menschen. Wovon ein Spiegel das Gebet Christi? Von dem reinen Gemüthc Christi. und Homilicn. 265 Ist es ein Formular oder eine geistige Borschrist? Es lehrt uns, wie wir beten sollen: d. i. 1) Mir welchem Gemüthe, mit welcher Gesinnung. 2) Warum wir beten sollen und warum nicht. Welche Gesinnungen brückt die Anrede aus: Vater? Zutrauliche. Unser Aller Bater? Daß wir mit vielen andern Menschen beten, im Chore aller Hülfsbedürstigen. Im Himmel? Erfreuend. Es erhebt uns dieser Gedanke, daß wir dem Allschenden, Allmächtigen, Allcrfüllendcn unser Herz eröffnen; wir auf einem Staubkornc, der Erde. Welches der erste Wunsch, daß Gottes Name heilig gehalten werde? Die höchste Achtung gegen Gott, auch Hochachtung gegen alles Heilige, Göttliche, Gute, Schöne, das uns an ihn erinnert, und das von ihm kommt. Welche der zweite: daß sein Reich komme? Hoffnung auf Wahrheit und Güte in den Herzen der Menschen, daß solche immer fester gedeihen, immer mehr sich ausbreiten werden. Was ist dies kommende Reich? Güte und Gerechtigkeit in den Herzen der Menschen. 2>6Ü Christliche Reden Welche der dritte: daß sein Wille geschehe? Daß sein Wille der heiligste und beste ist, und daß wir unsern Willen unterdrücken sollen. Wie soll er geschehen? Wie ihn die ganze Natur vollbringt. Welche Gesinnungen, daß wir nur um Brod bitten, um Brod zur Nothdurft? Bescheiden und genügsam. Nur heute? Weil wir nicht wissen, ob wir es morgen noch bedürfen. Unser Brod? Kein unverdientes. Welche Gesinnungen, daß Gott es uns geben soll? Was muß er uns geben zum Gebrauche und Genüsse des Lebens? ' Kraft und Gesundheit,' es zu verdienen und zu genießen. Welche Gesinnung, daß wir hierum gemeinschafttich bitten? Wohlthatige Gesinnungen. Wir wünschen und gönnen einem jeden sein Brod. Welche Gesinnung, daß wir uns als Schuldner bekennen und fühlen? Demüthigc. Was heißt Schuld? Eine Versaumniß unsrer Pflicht; eine Pflicht , welche wir noch nicht abgetragen haben. und Ho m i li en. 267 Können wir diese aus der Vergangenheit nicht abtragen? Nein, weil wir die Vergangenheit nicht wieder zurückrufen können, und neue Pflichten fortge- hcnd auf uns haben. In welcher Maaße soll sie uns Gott erlaffen? In der, in welcher wir unsern Schuldiger» ihre erlassen. Welche Gesinnungen soll dieser Zusatz; „wie wir re." in uns wirken? Versöhnliche, verzeihende, schonende, fremde Fehler nicht zu scharf anznsehen, indem wir uns eigner bewußt sind. Was heißt Versuchung? Eine Reitznng, auch eine Prüfung. . , Was: in Versuchung führen? Jemand auf die Probe stellen. Führt Gott in Versuchung? Als Reizung zum Bösen nicht, als Prüfung zum Guten, ja. Ist Versuchung dem. Menschen gut oder schädlich? Wenn er sie überstchen kann, so ist sie für ihn gut; wenn er unterliegt, sehr übel. Menschen verlohnen oft durch Eine Versuchung den ganzen Pfad und Gewinn ihres Lebens. Welche Gesinnung soll diese Bitte im Betenden erwecken ? Eine vorsichtige: 268 Christliche Rehen s) Nie harte Prüfungen aufzusuchen, sich in Gefahr nie zu stürzen. k) Sich ihrer vor dem Ausgange nie zu rühmen, c) In der Prüfung selbst besonnen und standhaft zu seyn. Endlich der letzte Wunsch, von welcher Hoffnung zeugt er? Die Hoffnung, daß wir einmal von allem Uebel befreit werden, und daß das Gesetz Gottes von jedem Menschen ausgeführt werde. Wie schließen wir also das Gebet? Mit Zuversicht und Hoffnung. XI. Von der Fortdauer nach dem Tode. Wünschen wir fortzuleben? Za. Haben wir von der Vernichtung einen Begriff? Nein, wir haben keinen. Zeigt uns die Natur dergleichen? Zn der Natur wird nichts vernichtet. Sind die Kräfte in ihr sterblich oder unsterblich? Unsterblich. Nur die Formen verwandeln sich. Wie müssen die edelsten Kräfte in ihr seyn? Foctdaurend. Welches sind diese edelsten-Kräfte? Das Geistige der Kräfte. Verstand und Gewissen; in ihren Wirksamkeiten Weisheit, und Güte. Giebt es Ähnlichkeit im Gange der Natur, die diese Hoffnung bestärken? Ja- Beim Schlafe? Dir Seele wirkt fortwährend, der Körper ruht; der Schlaf erneuet die Kräfte, verjüngt, macht neues Leben. Bei der Saat? Die Frucht steigt aus der Verwesung hervor «nd zwar neu, jung, vielfältig. Bei der Verjüngung lebendiger Geschöpfe ? Ja, wie beim Schmetterlinge. Gebraucht das Christenthum alle diese Ähnlichkeiten und Bilder? Ja; Schlaf und Erwachen , Saat und Frühling; Palingenesie, Verjüngung. Kann unser Körper in jene Welt übergehen? Nein, weil er nur für die Elemente dieser Welt aus ihnen auf eine bestimmte Periode seiner Wirksamkeit zusammengesetzt ist. Unsre Sinnlichkeit, Phantasie, Affekten? Auch nicht; denn sie gehören zu diesem Körper. Was geht über? Der Geist. Was erwacht dort? Unser Bewußtseyn. Was belohnt sich? Das Gute, das wir hier geliebt und gethan haben 270 Christliche Rede» Was bestraft sich? Das Böse, was wir hier verübt haben- Lohnt und straft es sich fortgehend, ewig? Ja- Nehmen wir^also unfern Himmel, unsre Hölle mit uns? Ja, i» unserm Eemüthe. Worin bestehn die Freuden jener Welt? In größerer Erkenntniß, Liebe, Freundschaft, reinerer Wirksamkeit» Worin die Strafen und Qualen? In den schon hier verbildeten Kräften und ihren Folgen mit Reue und innerm Borwurfe. Quält Gott um zu quälen? Nein, sondern zu unsrer Besserung. Warum ist uns nicht mehr von jener Welt offenbaret? Weil wir alsdann zu wenig für dieses Lebe» leben würden. Wissen wir von ihr genug, zum Glauben, zur Liebe, zur Hoffnung? Ja. XII. Von der Bildung des Menschen durch den heil. Geist. Was heißt Geist? heiliger Geist? Belebende Kraft. -Ein Geist, der vom Bösen sondert und zum Guten leitet. Ist dieser Geist in uns? Ja. Und Ho milien. 271 Wie wirkt er auf den Verstand? Er klart ihn auf. Wodurch? Durch die Wahrheit. Wie auf den Willen? - Er macht ihn zu einem guten Willen. Wodurch? Indem tr ihn auf das Gute leitet. Durch das innere Bewußtseyn (Gewissen) bei unfern Erfahrungen an uns und Andern. Wie nennt man diese Wirkung? Erleuchtung und Wiedergeburt. Sind sie nothwendig am Menschen? Ja; denn der Mensch soll ja die Wahrheit erkennen und ausüben. Werden wir vollkommen oder unvollkommen geboren? Unvollkommen, wir bekommen unsre Kräfte nur in der Anlage. , Können wir es auf einmal werden? Nein, cs ist das Geschäft unfers ganzen Lebens. Ist dies sortgehendeStreben der Selbstbildung beschwer? lich oder erfreulich? Erfreulich. Wie lange soll der Mensch so fortstreben? Durch sein ganzes Leben. 272 Christliche Reden Mit Zwang oder mit Lust? Mit Lust. Was hebt de» Menschen über die Thierc? Seine große Bildsamkeit. WaS Einen Menschen als den edleren, besseren über den Andern? Seine größte Ausbildung des Verstandes und Herzens und daraus folgend seine edlere Wirksamkeit. Angelobung. Erkennen Sic die christliche Religion für die wahre, heilbringende, dem Menschen in seinen Verstand, in sein Herz geschriebene Religion, der man aus Uebcrzcugung, mir Freude und Thatigkeit folgen könne Und müsse? I a. » Bekennen Sie sich zur protestantischen, d. i. zu der Religion, die jeden Jrrthum, den der Verstand als solchen erkennt, jede böse Neigung, die unser Gewissen uns anzeigt, strenge und frei untersagt ? Ja. ' Geloben Sie an, dem guten Geiste in Ihnen, der Wahrheit und dem Gewissen mit innerer Treue und willig in allem zu folgen, das Gute fröhlich und mit Ueberwindung Ihrer selbst zu lieben und auszuüben ; das Böse mit Gutem, durch Großmuth, Güte und unermüdete Thatigkeit zu überwinden? Ja. Hei- und Ho Milien. 27Z Heiliges Wesen, dos um uns ist, das in uns blickt, mit dem unser Geist spricht, und das sich selbst zum schönsten Tempel seiner Gegenwart, ein reines Herz, einen fröhlich-wirksamen Mcnschengeist gewahlet hat, dir ist dies Ja gesprochen, dir das Gelübde einer unverbrüchlichen Treue, einer Herzens -Religion dargebracht, über die du selbst in unserm Innersten wachest und zeugest. Die Seele, die cs lhat, legte die Hand dabei aus ihr Herz. Erinnre Sie stets durch den guten Geist daran, der in Ihr wohnet; dieser, dein fröhlicher, gewisser Geist, weiche nie von Ihr! Heitre Aufrichtigkeit gegen dich und gegen Sich selbst, immer neue Lust und Munterkeit zu allem Heilbringenden, Löblichen und Guten, mache jede Ihrer Pflichten Ihr leicht und süß, so wie Ihr Leben zu einem Kranze reiner menschlicher Gesinnungen und Thaten. Die Gaben , die du Ihr gabst, das Göttliche, das du in Sie legtest, Ihr heitrer Verstand, Ihre stille Aufmerksamkeit, ein Heller, offner Sinn für alles Wahre und Gute, verbunden mit wohlwollender Güte, mit bescheidener Fassung, mit heitrer Wirksamkeit und Freude — alle diese schonen Gaben und Kräfte, Ihrem Gemüthe ein- wohnend, müssen auf dem heiligen Altäre Ihres Herzens dir wohlgefällig seyn, ewige Güte! und in Ihrem Leben die reichste, belohnendste Anwendung finden ! (Hierauf folgte die Einsegnung Und nach derselben:) Lassen Sie uns , die wir gegenwärtig sind, für das Mehl der Gesegneten beten: Herders Wirke z. Rel. u. Thcsl. lV. S Christliche Neben 274 Gott, der du den Weg Ihres Lebens kennest und ihn, mit väterlicher Hand, als die ewige Macht, Weisheit und Güte selbst gezeichnet hast, der du das Schicksal der Menschen Wiedcrhall ihrer Gesinnungen seyn lassest, und einem verständigen, gütigen, freudig-wirksamen Gemüthe auch ein freudig-wirkendes, glückbringendes Daseyn' bereitest, gewähre Ihr, für die wir bitten, ein solches, daß, unter deinem Wohlgefallen, Sie zum Ruhme Ihres Stammes, zum Ruhme und zur Freude Ihrer Eltern,' zum Wohle und Heile der Menschen, als eine verehrte und geliebte Fürstin, eine verständige Nathgeberin, eine glückliche Gemahlin und Mutter, der Menschheit eine neue Wohlthäterin, Retterin der Unglücklichen, Stifterin vieles unsterblichen Guten, der Dank und die Freude Aller derer werde, für die Sie lebte und wirkte. Und wie du Ihrem Geschlechts den Beruf und Segen gegeben hast, nichts als Gutes wirken zu dürfen, und zwar das reinste menschliche Gute, in jedem Verhältnisse, mit stillwirkender Kraft zu erhalten und zu befördern, wie du Ihrem Geschlechts und Ihr die Gaben dazu, ein treffendes Gefühl und Mitgefühl für die Bedürfniffe und Pflichten der Menschheit, ein zartes, treffendes Gefühl des Anständigen und Edeln, Freude machender Güte und Großmuth, sammt einem nie ermattenden, fortwirkenden Triebe, mit einer immer neu aufblühcnden Hoffnung, jugendlicher Munterkeit und Freude geschenkt hast: so laß in dieser himmlischen Pflanze jeden dieser Keime zu den erlesensten Früchten gedeihen und ordne gütig dazu das Geschick Ihres Lebens. » » * und Homilien. 275 Ihnen, gnädigste Prinzessin, werde und bleibe diese Stunde ein fröhliches Andenken Ihrer unter guten Eitern, unter einer verständigen liebevollen Leitung glücklich gelebter Kindheit und Jugend, ein. fröhliches Andenken Ihrer rein und verständig gefaßten Religion und Angelobung. Die Wünsche Ihrer fürstlichen Großmutter, Ihrer verehrten Eltern, Ihres auch in seiner Abwesenheit mit seinem Wunsche hier gegenwärtigen Bruders, sammt allen Theilnehmcnden, die Sie verehren und lieben, winden Ihnen unsichtbar im Geiste einen Blumenkranz um Ihr Haupt, der nie verwelken wird, weil er in Ihrer Seele blühet. Wohin die Vorsehung Sie verpflanze, blühe er in Ihrem Glücke, in Ihrem Leben.und dereinst noch im Andenken einer dankbaren Nachwelt, bei Nennung des Namens E'arol ine Louise! Der Herr segne dich, u. f. S 2 Anrede am Com m uniontage. Den r6ten April 1802. <4m Sterbetage dessen, der sich selbst einen König der Wahrheit nannte, der dazu gekommen war, daß er die Wahrheit verkündigte und für sie selbst sein Leben ließ — feiern wir das Andenken aller der großen, guten, um die Menschheit verdienten Seelen , deren Weck und Geschäft auch war, Wahrheit, Güte, Glückseligkeit unter den Menschen zu befördern. Je hoher und munterer ihr Geist vorwärts strebte, je weiter sie über ihr? Zeit hinaus dachten und wirkten, je mehr sie über Nationalvor- urtheile, über Lieblingsirrthümer und Schwächen ihres Zeitalters erhoben, ein reineres, größeres, festeres Reich der Glückseligkeit im Sinne hatten, als was dem Geiste ihrer Zeitgenossen im Auge lag, desto mehr wurden sie verkannt und verfolget; sie lebten und wirkten, von einem höhecn Geiste beseelt, in einem himmlischen Reiche der Wahrheit und Christliche Reden und Homilien. 277 Güte. Und je mehr sie die falsche Weisheit, die ^ angcmalte, erlogene Güte und Heiligkeit entlarvten , je mehr sie in dem Bessern selbst Muster wurden , und das Glück hatten, das Gepräge desselben in menschlichen Seelen nachzulassen und zu verewigen , desto daurender und herzlicher lebte ihr Geist, nicht nur im Andenken der Ihrigen, sondern auch in ihren Gesinnun^n, in Wirkungen und Thaten: denn das reine Gute ist von unsterblicher Natur; es ist wie Gott, die Wahrheit und Güte selbst; es ist, wie das Licht der Sonne, unvergänglich, ewig und höchst fruchtbar in seinen Folgen. Der Augenblick des Scheidens, den wir in diesem Denkmale Jesu Christi feiern, stellet uns seind Seele im wichtigsten Momente seines Lebens dar, was er über Gott und sein Schicksal, über das Menschengeschlecht, über Vergangenheit und Zukunft dachte und sich ihr großmüthig hingab. Die Vergangenheit ward ihm Dank; er nahm das Brod und Krachs, den Kelch und dankte; dankte Gott für die Laufbahn des Lebens, die er ihm gegeben, für das Werk, das er ihm beschicken hatte: das Heilige von ihm den Menschen klar zu machen, in seiner Güte und Weisheit ihn den Menschen zu offenbaren, durch diese Wahrheiten als Religion gefaßt, ewiges Leben seinem Geschäft einzuhauchen, und ihnen durch Nachahmung alles Edelsten und Liebenswürdigen in ihrem eignen Herzen und Verstände eine unversiegbare Quelle eigner Freuden, eignen Genusses zu öffnen. Mit Freuden hob er den Kelch und sprach: dies ist das neue Testament, eine neue Verfassung menschlicher Herzen und Gewissen, die durch meinen Tod 278 Christliche Reden gestiftet wird; denket daran, thut solches zu meinem Gedächtnis;; der bittre Augenblick der Trennung, alle vyr ihm stehenden Schrecken des Todes, und Dunkelheiten der Zukunft überwand er' durch Glauben, Liebe und Hoffnung. Durch Glauben an Gatt, aus dessen Hand er den Kelch seines Verhängnisses nahm, durch Liebe zu denen, die er als den schönsten Erwerb seines Lebens ansah, in deren Herzen und Gesinnungen er fortzulebcn wünschte; durch -eine unvcrtilgbare Hoffnung auf die Zukunft. Auch mit Blute bezeichnet war sein Geist eine Lilie, die ihren Geruch auf alle Zeiten ausbreiten würde; auch unter den Dornen, die sie hart umschlangen, war sein Geist eine königliche Rose. Wir stehen hier vor dem Altäre seines Bundes, eines Bundes, den er mit menschlichen Seelen in die Zukunft stiftete, denen sein Andenken auch noch Aufmunterung und Freude sei)» sollte. Auch wir sind dazu da, die Wahrheit, als das schönste Gut der Erde und des Himmels, zu lieben, das Gute mit reinem Sinne zu befördern, Großmukh und Güte Andern zu erzeigen, wie Gott sie uns erzeigte. Ein Gelübde darüber,, ein Wunsch des Herzens darnach, ein fester, innerer, heiliger Vorsatz sind Bund mit der Gottheit, die ein Geist ist, in menschlichen Seelen und auf dem Altäre ihres Gemüthes kein schöneres Opfer erkennet und annimmt, als Aufrichtigkeit und Liebe. Dieser Moment des innern Gebets bei dem Genüsse des heiligen Denkmals Jesu Christi verbreitet unsre Herzen in die Vergangenheit und Zukunft. — Zn die Vergangenheit, um Gott für alles cm- und Ho Milien. 279 pfanqcne und genossene Gute zu danken; mögen wirs erkennen oder nicht; wir Werdens immer mehr erkennen lernen: denn alle seine Tritte und Fügungen sind Güte; alle Blatter im Buche unsers Schicksals sind von der Hand der Weisheit, Gnade und Verschonung, bezeichnet; seine Güte und Treue^ist mit jeder Morgenröthe, unter deren Flügeln wir erwachen, neu. Bis hieher hat uns, sagen wir mit jenem Patriarchen, der Herr gcholsen; wir sind nicht werth aller Barmherzigkeit und Güte, die er uns erzeiget! So manche harte und bittre Schale zerbrach allgemach; wir genossen und genießen den Kern, oder er wartet unser in derZukunft.— Und so wird uns dieser Kelch des Abendmahls, was er Christo war, rin Kelch guter Hoffnung, Stärkung zu einem neuen Muthe, einem unüberwindlichen Glauben an Gott, an seine gütige, milde Vorsehung: denn wie der Mensch glaubet, so geschieht ihm; Zuversicht ist das Band unsrer Seele an Gott, Zuversicht das Band menschlicher Gemüthcr an einander; das wahre Andenken an die Gottheit, als ein lebendiges Vergißmeinnicht, blüht in unserm innersten Gemüthe an der Quelle des Zutrauens, - der Hoffnung, des Trostes. — Das heutige Abendmahl ist das Fest des Dankes und der guten Erinnerung an die Vergangenheit, und eines fröhlichen Rückblicks in dieselbe auf eine eigne besondere Weise. Ein Zweig des fürstlichen Stammes tritt in diesen Kreis, eine Blume, die an einem heitern stillen Morgen aufgeblüht, ihren Bund der Treue und Anhänglichkeit an Gott, Christliche Reden 28a sammt ihren reinsten Wünschen und Gebeten dem ewigen Wesen darbringt, und ihm für das Glück ihrer gelebten Kinder- und Jugendjahre, ihrer empfangenen Bildung und so mancher andern auszeichnend genossenen Wohlthat im stillen Gcmüthe danket. Mutter und Großmutter, dankend für sie und in ihre Seele, begleiten sie zu diesem frohen Moment , zum Altäre der innersten Erkenntlichkeit gegen Gott, der sanftesten Herzensergebung. Theil- nchmende, fröhliche und freundschaftliche Herzen begleiten sie auch dazu; der Wunsch ihres verehrten Vaters, ihres geliebten Bruders begleiten sie abwesend nicht minder; auch für sie ist das Abendmahl Las Fest einer schönen stillen ruhigen Hoffnung, der unvcrwelklicben Blume, die, im Garten der ewigen Vorsehung von ihren Händen gepflegt, blühet. Gütiges Wesen, nimm ohne Worte diesen stillen Dank an, Dank für jedes Eure, das du der fürstlichen Tochter erzeigt hast! Dank, daß du sie für so manchem Uebel der Erziehung andrer Fürstenkinder bewahrtest. Nimm das Gelübde Ihres Herzens , die Wünsche Ihrer Eltern und Freunde für Sie, vor allen aber den großen Wunsch an, daß jede gute Anlage in ihr zum edelsten Guten gedeihen und aus dem tiefsten Grunde ihres Herzens die vortreffliche Blüthe der Menschheit hervorgchen möge, Glaube an dich, thatige Güte, Hoffnung, Früchte des Verstandes und Herzens, die unser sind, die uns kein Zufall giebt oder raubet, die aber auch durch sich selbst und in guten Folgen unendlich, unzerstörbar, aufs süßeste lohnen. und Ho Milien. 2öL Der reinste Wunsch, den unser Herz begehrt, Er wird uns, Ewiger! gewiß von dir gewahrt! Zugleich bringen wir, Gütigel! hiemit das Be- kenntniß unsrer Fehler und Abweichung dar rc. k 1 :,->! XXXIV. XXXV. Zwo Trauungs-Reden. (Gehalten in Weimar.) I. Im Namen Gottes. Sie treten auf diesen Teppich, um vor Gott, vor sich selbst und den Ihrigen einen Bund der Treue und Liebe zu dem Stande zu schließen, der der Grund Ihrer wechselseitigen Glückseligkeit Zeitlebens sepn soll. Zu keinem andern Zwecke traten Menschen in »ine Gesellschaft zusammen, als daß sie einander beistünden, die Mühe des Lebens einander erleichterten und versüßten, fröhliche Tage einander machten, und durch vereinigte Kräfte zur gemeinsamen Glückseligkeit das bewirkten, was einzeln nicht zu erreichen stand, durch Geselligkeit aber wie eine neue Schöpfung emporblühte. Dazu ordnete die Natur in unserm Geschlechts Christliche Reden und Homilien. 283 alles. Durch Vater- und Mutterliebe- empfingen wir das Leben, Erziehung, Bildung. Geschwister knüpft Ein Band der gegenseitigen Theilnehmung und Freundschaft. Freunde wählen einander und stehen einander bei; was sich liebt, findet und knüpft sich zusammen; ein neues Leben entsteht durch dies gegenseitige Finden und Erkennen der Herzen in einander, durch gesellige Liebe und Freundschaft. Im Paradiese selbst sprach der Schöpfer,! Einsamkeit ist dem Menschen nicht gut; gesellige Liebe und Vci- hülfe ist ihm unentbehrlich. Wie also in unsrer Natur zu dieser harmonischen Gesellung süße Triebe und Neigungen liegen, ja zu ihr die ganze Ordnung unsres Geschlechts eingerichtet ist: so hak der Schöpfer sogleich dies innere regsame Band menschlicher Eemüthcr mit seinem höchsten Segen von innen belohnet. In Andern lebt der Mensch, nicht in sich; das Gute, das wir dem andern erzeigen, die Liebe, die wir ihm erweisen, die Freude, die er darüber genießet, genießen wir doppelt und vielfach. Eine für den, den wir lieben, übernommene Mühe, erhebt und stärkt unsre Kräfte; ein Nebel, das wir von ihm wandten, eine Thränc, die wir linderten, oder der wir zuvorka- mcn, eine unvermurhete Freude, die wir ihm schafften, ein Glück, das wir ihm gründeten oder gründen halfen, ist der schönste Genuß guter Menschen, ein Triumph und Kranz ihres Lebens. So leben Elter» in Kindern und für Kinder; so leben Freunde für einander; so sollen Ehegatten in und für einander leben: denn ihr Stand ist das persönliche Leben für einander, das Band, das sie verknüpft und 284 Christliche Reden zwei zu Einem macht, ist die heiligste, innigste Theil- nehmung und Freundschaft. Dies Band wird durch Ein Wort geknüpft, durch Ein Wort unverletzlicher Treue, gemeinschaftlicher Liebe und Ehre. Auf Treue und Ehre beruht alle Sicherheit der menschlichen Gesellschaft; das innigste, heiligste Band der Gesellschaft beruht auf ihm ganz. Mit diesem Za geloben sich einander zwei Freunde, die einander wählten, zu untrennbaren Gehülfen des Lebens, versprechend einander Treue und Ehre. Mit schöner und herzlicher Zuversicht sagt sich der Mann der Frau zu, die Frau dem Manne; und diese treue Zuversicht selbst ist daS Siegel einer innern Belohnung. Mit Zuversicht, im Herzen eines Andern zu wohnen, überzeugt, daß wir in seinem Gemüthe leben, daß dies Gemüth unser anderes und besseres Selbst fey, diese Ucbcr- zeugung ist das schönste Glück des Lebens, eine un- zerstorliche Hütte' des Paradieses. Im Gefühle dessen sprach der gütige, segnende Schöpfer: „Zutraucnd werden sie einander anhangen und Eins seyn." Zutrauend ergiebt sich die Braut dem Manne, der Mann der Braut; und eben dies Zutrauen giebt ihrem Ja Festigkeit und heilige Gewißheit- Bestärkt mit jedem Tage wird es zur Natur, zur süßen Le- bcnsgewohnhcit; von Herz zu Herz hallet es wieder. Wenn in der Welt alles vergänglich und brüchlich wäre; Eins ist unvergänglich und unverbrüchlich, in festen, treuen und reinen 'Seelen ein gegebenes Wort. Dies Wort werden Sie einander jetzt geben, 'Ms und Ho milien. 23S das Wort des Herzens und des Glücks auf Ihr Le» den. Das Wort des Herzens: denn Sie haben einander mit Liebe und Ueberzeugung gewählt, überzeugt, daß Sie mit einander glücklich leben können und leben werden. Sie sprechen dies Ja vor Gott; im Himmel wird es gehört: denn Ihr Herz spricht es aus mit dem Bcwußtseyn der Wahrheit, dem Himmel in menschlichen Seelen. Nie wird es von Ihnen weichen, vielmehr bei allen Ihren Pflichten vor Ihnen seyn und einander zuvorkommend die Sprache Ihres Herzens werden, willig Sie machend zu jeder Pflichr, Zutrauen erweckend, durch Zutrauen belohnt und lohnend. Auch die Mühe des Lebenwird Ihnen dies Ja leicht und süß machen: denn «S schallt von Herz zum Herzen wieder. Sie werden einander die rechte Hand geben, rreue Gehülfen und Mitwanderer auf Einem Lebens» wege zu seyn, den Hügel hinaus, den Hügel hinun» ter. Eine Hand wird die andre unterstützen und starken: denn beide Geschlechter sind für einander geschaffen in helfender Freundschaft. Thatigkeit ist die Seele des Lebens; gemeinsame Thatigkeit fördert, erweckt, unterstützt die Kräfte. Untrennbar ist dieser Bund: denn Sie geben einander Ihre Rechte zur lhätigen Beihülfe, zu unverbrüchlicher Freundschaft. Sie wechseln die Ringe mit einander, zum Zek» chen, daß Sie das Loos des Lebens mit einander wechseln, daß Jeder fortan des Andern Freude und Schmerz für die Seinigen erkenne, in Ihm Seine innigste Freude und Ihre Ehre finden, und auch mst Aufopferung, mit Ucberwinden und Vergessen A' 286 Christliche Reden sein selbst sie finden wolle. Dies Vergessen, diese Ueberwindung ist der festeste Knoten der Ehe, ihr süßestes Geheimnis!: denn da diese Aufopferung gegenseitigist, so wechseln sich mit ihr unvermerkt Gesinnungen, Herzen und Seelen. Einer lebt im Andern und durch einander; glückliche Eltern leben in einem glücklichen Geschlechte weiter. Gütiger Gott, du Stifter dieses Standes, Quell alles Segens, der du im Paradiese selbst das Weib dem Manne zuführtest und über sie zum Wohle des ganzen Geschlechts dein segnendes , väterliches Wort sprachst, mache auch dies Ja zum Ja des Glückes und Segens, daß Jedes der Gelobenden sich desselben und dieser Stelle und dieser Stunde, stets dankend zu dir, täglich mit wachsender Freude und Innigkeit erinnere. Die Tage Ihres Lebens, o Herr, sind auf dein Buch geschrieben; mit Weisheit und Liebe ist Alles in ihnen geordnet. Mache sie zu glücklichen Tagen, den Kranz Ihres Lebens zu einem heitern, dir und den Menschen wohlgefälligen, Kranze, lieber Ihnen sey der Segen Ihrer Eltern; die Liebe, die sie Ihnen erwiesen, lohne sie in Ihnen selbst und in Ihren Kindern. Knüpfe Ihre Herzen wie Ihre Hände durch täglich neue Liebe und Achtung, die sie einander erweisen, durch Zuvorkommenheit in jedem Guten und Eveln, durch wechselseitiges Zutrauen und Uebcrlreffen einander in froher Thatigkeit des Lebens und belohne Sie mit dem schönsten Lohne, der Freude an sich selbst und an den Ihrigen, der Freude aller Guten und Rechtschaffenen an Ihnen, niit Glück in Ihrem Stande und in Ihren Geschäften. und Homilien, Gieb deinen milden Se^en Zu allen Ihren Wegen, Daß jeden Tag aufs ne le Sie dieser Bund erfreu^. Amen, II. Trauungs-Rede. -verehrte Anwesende, Sie sind versammlet, um dem feierlichen Gelübde des gegenwärtigen Ehepaars beizuwohnen , das uns in mehrcrm Betrachte so wcrth ist, und dasselbe mit unsecm Gebet und Wünschen zu begleiten. Zeder Anfang eines neuen Werks, eines Bundes aufs Leben fordert gleichsam durch sich selbst gute Wünsche und einen Segen der Vorsehung, die allein den. ganzen Gang durchsiehet, mit ihrem segnenden Auge durchsiehet und mit ihrer mächtigen Hand das Schicksal zum Besten lenkt und leitet. Gewiß aber, unter allen ist der Bund und das Gelübde der Ehe das mächtigste. Hier knüpfen sich Herzen und Hände zur treuesten Freundschaft fest, um Zeitlebens alle Schicksale ihres beiderseitigen Da- sepns, Glück und Unglück, Freude und Leid, Gesundheit und Krankheit zusammen zu genießen und zusammen zu tragen. Jeder wird ein Thcil von des Andern Seele, um an seinen innersten Gemüths- bc- Christliche Reden und Homilicn. 289 bewegungcn und Eigenschaften Anthcil zu nehmen, sich daran zu erfreuen, sic zu bessern, sie zu lenken und mitzurragen, und gleichsam einen gemeinschaftlichen Baum zu bilden, der zur Glückseligkeit seines inner» Genusses, zur Freude der Seinigen, zum Wehle der Familie und des Geschlechts, zur Glückseligkeit und zum Nutzen der Welt Früchte trage. Zwei menschliche Leben, wie zwei Bache, fließen zusammen, um einen gemeinschaftlichen Strom zu bilden, der zwischen gemeinschaftlichen Usern mit vereinter Kraft fortfließe, alle kleinen Hindernisse des Lebens überwinde, und den besten Genuß menschlicher Seelen, Eintracht, Ruhm, Freundschaft und Friede, einen sanften Foctfluß des Lebens in sich selbst finde. — Die Ehe ist im Paradiese gestiftet, und ein Segen des Paradieses soll auch ihr Lohn und.ein 'göttliches Creditiv seyn. — Dieses beruht, wie alles wahre Göttliche, nur in menschlichen Gcmü- thern, es beruht im Glücke der innigen und zarten Freundschaft. Daß zwei Seelen fühlen, daß sie für einander geschaffen wurden, daß sie auf ihre gegenseitige Redlichkeit, Güte, Treue und Freundschast bauen, daß Einer des Andern Zweck des Lebens auch zu dem seinigen mache und sich der Wohlfahrt desselben aufopfere; daß er dem Andern zuvorkomme und fein eigen Glück nur im Glücke des Andern finde; ihm die Bürde nicht nur tragen helfe, sondern ihn auch mit seinem Daseyn starke, daß er sie fröhlich und leicht trage. Dies war der Zweck und Segen des Schöpfers, der auch in der Sache selbst, Herders Werkel, Re.l. u, The»K IV, T 2>D1 Christliche Reden im gemeinschaftlichen Bande der Liebe und Freundschaft liegt. Und eben dazu ist nach christlichen Gesehen das Band unauflöslich. Denn zwei Personen geben einander nicht nur was sie haben, sondern was sie sind; sie werden Eins, Ein Leib und Geist; sie werden in ihrem Lebenszwecke, in ihrem Geschlechte, Familie Eins, sie wehen als zwei Flammen zusammen, die nur Ein Licht, Eine Flamme bilden. Wie dies nun ausgemacht das wichtigste Band ist, das sich in der menschlichen Gesellschaft findet, so sind die gegenwärtigen Umstande dieses Brautpaars von der Art, daß sie natürlich die Wünsche freundschaftlicher und theilnehmender Seelen von selbst noch mehr Hervorrufen und beflügeln. Die Eltern der Braut geben ihre Tochter, der Vater die Liebe und das Kleinod seines Herzens aus seinen Armen in ein fremdes Land, wohin er sie Nur mit seinen Gedanken, mit seinen regesten Wünschen begleiten kann, und gewiß daselbst oft mit seinen Gedanken aufsuchen wird. Eine Familie laßt ihre wahre Zierde, Geschwister und Freunde ihre Schwester und Freundin, in die Fremde übers Meer ziehen; und cs ist wohl kein Zweifel, daß diese Stunde, die ein glückliches Eheband knüpft, auch unsrer Stadt und dem Kreise derer, die sie naher kannten, eine Blume ihrer Art, einen Gegenstand ihrer Hochachtung, Liebe und Freundschaft raubet. Sie folgt ihrem Geliebten in ein fremdes Land, in die Nation einer andern Sprache, mit sanfter und fester Entschlossenheit, mit Liebe und Ergebung. Sie und Ho Milien. 29 c trennt sich von den Ihrigen, um mit ihm Eins zu seyn, sein Glück zu bauen und in seinem Glücke das ihrige zu finden. Alles was uns hier Religion, Freundschaft, Gefühl der Menschheit und des Ehri- stenthums sagen, fordert uns zu einem Wunsche und Gebete auf, das in solchem Falle und in gewissen Umständen gewiß kein bloßer Gebrauch, sondern die reinste Sprache des Herzens wird. Gütiger Gott, du Herr und Vater des menschlichen Schicksals! zwei Personen stehen hier vor dir, um sich vor deinen Augen auf ihre Lebenszeit Hände und Herzen zu geben, und einen Bund der Treue und Liebe vor dir zu bekräftigen, der der Grund des Glückes derselben seyn soll und mir deinem Segen gewiß auch seyn wird. Du, der sie zusammengeführt hat, verbinde du sie auch mir deiner Kraft, Mil deinem Segen, knüpfe ihre Herzen und Hände mit dem Bunde der innigen Liebe und Treue, der süßesten Freundschaft, einer täglich wachsenden Hochachtung und Harmonie an einander. Laß das Ja, das sie hier sprechen werden, vor dir gesprochen seyn und nimm du es in deine segnende Vaterhand auf. Ihre Tage müssen fröhliche Tage, ihre Ehe ein glücklich paradiesischer Stand und die Zweige desselben fröhliche Zweige werden. Der Mann sey in seinem Lande, seiner Ehegattin, die ihm aus Liebe folgte, Freund, Rath und Hülfe; die Gattin, des Mannes Ehre und Freude, seine sanfte gesellige Freundin bis zu jener letzten Stunde, die aller Sterbliche scheidet. Ein jeder Tag, jedes neue Geschäft, jede neue Situation des Lebens mache sie L 2 292 Christliche Reden und Homilien. einander werther, knüpfe sie inniger und fester, daß auch in der Entfernung das Herz der Eltern über ihr sanftes süßes Gefühl erfreuet werde, und eine schone und edle Sprosse, englisch- und deutschen Blutes voll Glück und Segens, daraus erwachse. Bekräftige unsre Wünsche und Gebete, du Daker der Liebe! XXXVI. Heber die Göttlichkeit und den Gebrauch der Bibel *). eine Grundwahrheit in den Lehren des Chri- stcnthums, wogegen man tiefere, verschlossenere Zweifel zu hegen, die man aber auch in seinem Betragen sehr übel anzuwendcn pflegt, so ist es die Lehre von der heiligen Schrift. Wir alle sind Christen; wir bekennen also mit diesem Namen schlechthin, daß wir eine Offenbarung Gottes durch Jesum annchmen; daß wir mit dem bloßen Lichte der Natur in allem nicht so weit kommen können, als wir zu unsrer Beruhigung bedürfen; daß wir die Bibel für eine Wollfüllung, rin Supplement dieses Lichtes ansehen, daß wir, °) Zu Riga gehalten. 2§4 Christliche Reden was sie sagt, durchweg für göttlich erkennen« es als» glauben, ihm also gemäß uns betragen, und durch die Versprechungen, die uns dieses göttliche Buch für dieses und ein zukünftiges Leben mitt'heilt, gewiß und fürwahr glücklich zu werden erwarten. Dies alles schließt der Name, Christen, ein: denn Christus hat seine Offenbarung auf das alte Testament gegründet, und das neue Testament durch seine Nachfolger gestiftet. — Blos dadurch werden wir Christen , wen» die Bibel als eine Sprache Gottes an die Menschen, der Erkenntnißgrund unsrer Neligions- wahrheikcn und Religionspflichten und Religions- Hoffnungen wird, nach dem wir glauben, leben und die Zukunft erwarten. Indessen sind Loch unter dem Mantel des christlichen Namens verborgen, die in dieser Grundlehre unsrer Religion nichts weniger als Christen sind. Bei einigen keimen so viel gebeime Zweifel gegen die Wahrheit, bei andern herrschen so viel praktische Kezereicn gegen den Gebrauch der Bibel, daß es ohne Zweifel rin seltsamer Anblick ftyn würde, in diesem Punkte die Denkart eines jeden enthüllt zu sehen. Ich sage, einige nähren Zweifel — nur mit dem Unterschiede, daß manche sie nicht nähren wollen, und sich, so oft sich einer meldet, selbst betäuben, ihre Vernunft gefangen nehmen wollen, und alles unterdrücken, was auf die Art emporsteigt; manche hingegen tragen sie auf der Zunge; kein Witz ist ihnen willkommener, als etwa ein Spottwoct auf die Bibel, kein lächerlicher Gedanke ihnen angenehmer, als dies heilige Buch der Menschen lächerlich zu machen. Beide diese Gattungen von Menschen verdienen Aufmerksamkeit, nur jene aus Mitleiden und Teilnahme; diese aus Mitleiden und Verachtung. — Ich bin nicht damit zufrieden, wenn jemand sich selbst in solche Lage bringt, um Zweifel, die er doch suhlt, mir Gewalt nicht fühlen zu wollen, Zweifel, die er doch denkt, mit Gewalt, auch wenn sie schon halb herausgedacht sind, niederzusioßen, Dies ist eine unnütze Gefanqennehmung der Vernunft, ein sehr schädlicher Triumph gegen sich selbst, ja eine rechte Qual seines Wesens. Ein solcher Zweifel wird, wie ein schwimmendes Korkholz, mit Gewalt in den Abgrund heruntcrgestoßen, und kömmt, je öfter man ihn flößt, mit Gewalt wieder heraus, und endlich bildet man sich ein, daß solche Zweifel wirklich unauflöslich sind, weil man sic sich selbst nicht auflö- sen wollte oder konnte. Es ist also wahrlich heilige Pflicht gegen uns selbst, hierin uns zu schonen, einmal allen solchen dunkeln Stimmen recht Gehör zu geben, und ernsthaft zu horchen, was sie sagen, was man ihnen entgegen setzen kann; was man glauben und was man verwerfen müsse. Das alles müssen wir einmal mit aller Aufrichtigkeit der Seele, lln- partheilichkeit des Herzens und Anstrengung unsrer Ueberlegunq vor uns ausmachen, sonst sind wir Treulose gegen uns selbst. Die andre Gattung von Zweiflern ist schon roher und kühner. Was sie vielleicht bei sich selbst noch nicht recht überlegt haben, das leugnen sie vor den Ohren Andrer, und was sie mit sich selbst, vielleicht nicht einmal ernstlich und strenge überlege» können, das verspotten sie mit elendem Witze. Der 296 Christliche Reden Witz, die leidige Spötterei ist überhaupt, in Sachen der Religion von jeher von sehr schlimmen Folgen gewesen. Er gattet sich so sehr selten mit reifer kalter Vernunft und ruhiger Ueberlegung, daß er vielmehr diese immer in dem Grade ausrottct, in dem er in der Seele zunimmt. Je mehr witzige Brocken man gelesen oder auf der Zunge hat, um desto mehr wird man sich des eignen kalten Nachdenkens überheben: der Spott kommt jedesmal zwischen mit seiner lächerlichen Miene: er vertritt unS den Weg des Rachforschens, er schneidet uns eine Kapriole von Spotteinfall vor, und damit sind wir hinweggescheucht. Wir wollen zum zwcitenmale vielleicht Nachdenken, allein der Spotteinfall ist wie, der da, wir lachen wieder, statt zu untersuchen, und kommen also nie zur Erkenntniß der Wahrheit. — Sinds also nicht schändliche Leute, die solche Spott- zweifel wie ein Salz des Umgangs auf ihrer Zunge tragen, und damit die Seelen Andrer verwirren, und andern rechtschaffenen Herzen die Ruhe rauben? die unpartheiischen Eemükhern die Untersuchung der Wahrheit schwer oder unmöglich machen? Wie, und muß man nicht selchen begegnen? KaUn man's aber ohne Verachtung? — O würdet ihr, die ihr so viel witzige Einfälle gegen Religion und Bibel auf eurer Junge tragt, würdet ihr wahre Freidenker, wahre Philosophen, vernünftige Untersucher seyn, ihr würdet wahrlich nicht vor den Hhrcn aller Welt sie daher zischen wollen: ihr würdet eure Zweifel, wenn cS euch mit der Wahrheit ein Ernst wäre, lieber in die Stille eures Busens verschließen, und in der Einsamkeit über eine so wichtige Sache, auch selbst mir Thrancn, nach Wahrheit ringen! und Homilicn. 297 Die zweite Klaffe desMisbrauchs der Bibel ist noch vielartiger und allgemeiner. Denn wie wenig Menschen sicht man, die ohne Aberglauben oder dumme Gedankenlosigkeit von diesem göttlichen Buche alle den guten Gebrauch machen, den sie sollten und könnten? Wie wenige, die es so ganz zur Besserung ihrer Seele, zur Ermunterung ihres Geistes und zur Lehre der Wahrheit gebrauchen? Wie wenige, die mit diesem Buche in der Hand vor den Richterstuhl Gottes gehen können, um darüber und über jedes Wort desselben gerichtet zu werden? — O Erbarmer und Menschenfreund, bist du es, dessen Stimme ich in diesem Buche höre! und dessen Wort mir vermittelst desselben aus den Geheimnissen deiner Wohnung hier in den Sitz meiner Schwachheit hcrunterschallt! — Gott! bist du cs, der Moses auf Sinai und Horeb erschien, und zu Salomons Zeit den Tempel mit seiner Herrlichkeit füllte, und in Christo die Welt erleuchtete, und ihn zu deiner Rechten versetzte, und in ihm erscheinen wirst die Welt zu richten! — Gott! bist du cs, der mir dies Buch zur Richtschnur meines Glaubens, zur Regel meines Lebens, zum Grunde meiner Hoffnung , und zum Gesetzbuche gegeben hast, worüber du mich richten wirst? — Hier steht ein Geschöpf vor dir, blind und unwcise, vielleicht aber aufrichtig, verderbt vielleicht, aber nicht hartnäckig : es sieht vor dir und bietet dir den Grund seiner Seele. Rede, 0 Gott, denn dein Knecht höret! aber überzeuge mich auch, daß du es sevst, der da. redet! Du, Allwissender, stehest, daß ich nicht aus Kühnheit und Trotz die Wunder deiner Liebe anflehc — hei- 298 Christliche Reden liger Vater, darf ein Geschöpf, das oft.mit sich selbst kämpfet, dich um deine Gnade und Mitleiden anflehen? Wirst du die Stimme eines Elenden hören, der mit deinem Buche der Offenbarung vor dich tritt, dich um Aufschluß, um Befestigung der Seele an,;uflehen — Ja, 0 Gott, du bist nahe dem, der Wahrheit sucht, rc. !c. Text: R ö m. XV. 4-, 3 . „Was geschrieben ist, ist uns zur Lehre geschrieben u. s w. Unser Tert ist voll von Materie zu unsrer Absicht, um uns von der Wahrheit der biblischen Offenbarung zu unterhalten. Er besiegelt uns die Wahrheit des alten Testaments (v. 8.). Er erklärt uns die Gestalt, in der die christliche Religion in der Welt erschien, und so wunderbar auf die jüdische Religion gebaut wurde (v. 8.), daß diese Religion aber eine Religion für die Welt und für alle Völker habe scyn sollen (v. 9-12.), daß es also die erste Pflicht des Ehristenthums sey, einträchtig und einerlei gesinnt, nicht zänkisch in Meinungen und nicht voll Haß im Leben zu seyn (v. 5 -7.), daß es der Zweck der Bibel wäre, nicht streikende Parkheien zu unterbauen, sondern zur Lehre und zum Tröste zu dienen (v. 4.), und alles besiegelt er mit einem Wunsche, der auch unfern Vortrag bestätigen soll (v. r 3 .) Wir wollen also demnach den Glauben der Christen an eine göttliche Offenbarung retten, sowohl gegen einige Zweifel des menschlichen Herzens, als gegen den vielfachen Mißbrauch dieser Offenbarung. und Ho Milien. »99 „Wie sollte das wohl ein Wort Gottes, eine Gedankenreihe Gottes an die Menschen seyn, wo ich so viel Menschliches wahrnehme? wo so viel Unwürdiges und Klcinfügigcs ist, was ich mir kaum würdig der höchsten Gottheit denken kann? wo so vieles ein elendes Volk anbetrifft mit seinen Königen und Geschlechtern und Zeremonien, da cs doch eine Offenbarung für die ganze Welt seyn sollte? wo so vieles auf den wichtigsten Seiten, die ich gern wissen möchte, wegqelassen ist, und hingegen Unnützes füllet die Stelle ? wo bald so ein Ton von Ungeheuern und oft unwürdigen Bildern, bald von verworrenen Vorschriften, bald von unterstützten Versprechungen, bald von so unwichtigen Erzählungen herrscht, daß man nicht weiß, wo man anfangen, wo man aufhörcn soll, um die Stimme Gottes zu höre»? wo so sehr der Charakter eines jeden Zeitalters, in dem ein Buch geschrieben, und eines jeden Schriftstellers, von dem es geschrieben ist, her- vorleuchtet, selbst bis auf sein Temperament, auf seine Fehler und auf seine Unwissenheit hervorleuch- kct, daß ich wohl überall unwissende Juden, nirgends aber den allwissenden Gott sprechen höre? Wo vieles in solche Räthsel gehüllt ist, daß von jeher durch alle Jahrhunderte des Christenthums neue Streitigkeiten entstanden sind, wie man dieses oder jenes Wort verstehen, diesen oder jenen Vers auslegen, diese oder eine andre Wahrheit verstellen soll; wo diese Hunderte von Panheien sich jeder über seine Behauptung fast zu Tode hat martern lassen, und jeder sich doch auf die Bibel, auf die dunkle, so vieldeutige Bibel, als auf die Stimme Gottes, die nur ihm in die Ohren geschallt, berufen hat ? — Christliche Rebe« Zu» Wie kann etwas ein göttliches Buch an baS Menschengeschlecht heißen, das so viele Zeichen eines niedrigen armseligen Ursprunges tragt? —" Ich habe, m. Z., so viel hartes gegen die Bibel gesagt, allein noch nicht so viel, als manche tolle und freche Leute gesagt haben. Allein, mit allem ist nichts gesagt, was vor den Augen einer unpar- theiischcn strengen Wahrheitsliebe Platz behielte. Am besten Ware es, wenn wir alle die harten Borwürfe, die wir über einander wie große Steine gewälzt, einzeln nehmen und probiren möchten, ob sie Probe hielten: da dies alles aber für die wenigen Viertelstunden, in denen ich hier zu reden habe, zu viel ist: so bleibe ich bei dem Allgemeinen, um nur die Quelle zu verstopfen, aus der alle einzelne Zweifel stießen. Ich werde gleichsam eine Geschichte der biblischen Bücher geben, so wird sich alles Einzelne, wenn wir nur aufmerksam und aufrichtig sind, gewiß selbst in seine guten Wege finden. i. Nun und was hcißts denn, m. Z., die Bibel ist Gottes Wort? Soviel, als, just das sind Gottes Gedanken, wenn er selbst an dies und jenes denkt? so spricht er mit sich selbst, das ist die Vorsiellungsart Gottes ? hrißts das?.... . Nichts in der Welt weniger! Bei Gott, dem Allwissenden und Vollkommncn, ist alles Ein Gedanke: er denkt ohne Worte, ohne Reihe von Betrachtungen: er denkt die Dinge alle von Grund aus durch, und nicht blos, wie wir sic denken, von außen. Wir lernen alles durch die Sinne, und also von außen, von der Oberfläche, von einer Seite kennen; wir lernen erst Lurch Sprechen denken, und, indem wir und Ho Milien. 3nr Andern von Jugend auf Worte nachsprechcn, so auch ihnen nach denken. Alle allgemeine Wahrheiten, alle abgezogene Betrachtungen, alle Ueberlegungen der Vernunft lassen sich also von uns nickt ohne Worte denken ; wir sprechen mit uns selbst, indem wir denken, wir vernünfteln mit uns, indem wir sprechen. Aber bei Gott ist alles dieses nicht. Er weiß nichts von der Schwachheit, daß er zu Gedanken Werte nörhig hatte: er denkt ohne Hülle, ohne magere verwirrende Zeichen, ohne Reihen von Vorstellungen , oder Klassen von Ideen: bei ihm ist alles ein einziger vollkommener Gedanke. Jeder, der mich verstanden bat, sieht, daß man also nicht in dem Verstand« die Bibel Gottes Wort nennt, als wenn es eine Gedankcnreihe wäre, wie Gott mit sich selbst spricht, denn Gott spricht nicht; oder als wenn es gleichsam die Sprache der Götter und des Himmels wäre, wie die Heiden die ihrer Dichter nannten: denn Gott hat eigentlich für sich selbst keine Worte, mit denen er als mit Zahl- pfennigcn rechnen und als mit Ziffern sich selbst bekehren müßte. Und wie nichtig wird nun der Vorwurf, den man von der Niedrigkeit der Worte hernimmt, in dclren sich Gott soll geoffcnbaret haben. Du Thor! wenn es auf Gott als Gott für sich an- kommt, so sind die höchsten, die prächtigsten, die deutlichsten Worte für ihn Unvollkommenheit, sie sind Krücken, an denen wir eingeschränkte Menschen forthinkcn können, deren aber die Gottheit, die selbst ganz Gedanke ist, nicht bedarf; sie sind Zeichen unsrer Unvollkommenheit, und die willst du dem vollkommenen Gott leihen? du willst ihn behorchen in Christliche Reden 3or seinen Gedanken, welche Worte wohl seiner würdig gewesen wären ? Thor! vor Gott ist kein Wort, keine Sprache würdig. 2. Nun aber wollen wir setzen, Gott wolle sich Menschen offenbaren, und zwar noch anders als in seiner Natur: wie anders als in einer menschlichen Sprache? Wie kann er zu den Menschen anders als so, zu unvollkommenen Menschen anders als in der unvollkommenen mangelhaften Sprache reden, in der sie ihn verstehen, deren sie gewohnt sind? Ich sage viel, viel zu wenig, wenn ich sage: daß ein Vater zu seinem Kinde auch kindisch spreche; denn zwischen diesen beiden ist doch immer Ver- haltniß, Vater und Kinder sind doch beide Menschen, die nicht anders als durch Worte denken können, und eine gemeine Sprache des Verstandes haben. Aber zwischen Gott und Menschen ist gar kein Ver- hältniß, sie haben gleichsam gar nichts gemeinschaftliches, um sich zu verstehen; Gott muß sich also den Menschen ganz menschlich, ganz nach ihrer Art und Sprache, ganz nach ihrer Schwachheit und Eingeschränktheit der Begriffe erklären: er kann nicht göttlich, er muß ganz menschlich reden. Hätte man dies bedacht, wie hätte man wohl sv viele unnütze Grübeleien darauf verwandt, Geheimnisse und was Menschen schlechthin nicht verstehen können, zu erforschen? Ich nehme gleich die Geschichte der Schöpfung Zum Beispiele Die weisesten , gelehrtesten, erfahrensten Naturlehrcr. wenn sie aufrichtig waren, haben gern und laut bekannt, daß sic nicht einmal so weit wären, um zu begreifen, wie es möglich sey, daß ein Körper gleichsam und Homilien. 3»3 bestehe: viel weniger, wie er werde, daran also gar nicht zu denken, wie ein Geist, seinem innern Wesen nach, bestehe? was er sey? wie er werde? Und wenn dieses sür den Menschen schon schlechthin unbegreiflich ist, wie sollte es begreiflich scyn, daß eine Welt werde, die nicht war, daß eine Welt lebendiger Geister werde und bestehe, und jeder in sich die gan;eWelt genieße, und jedes in sich eine Welt sey? Welcher menschliche Verstand konnle dieses begreifen, da es selbst bei uns allein unsre Empfindung sich's nicht deutlich machen kann? Welche menschliche Sprache es ausdrücken ? Wie mußte Gort also nicht in seiner Offenbarung von der Weltschö- pfung niit uns weit tiefer herab, als wie mit Kindern reden? Und wie lhörichte Kinder sind wir nun, wenn wir über so etwas grübeln wollen, was schlechterdings nicht für uns ist, was Gott schlechterdings uns nicht offenbaren konnte, es sey denn, daß wir in dem Augenblicke ganz hatten aufhören müssen, sinnliche Menschen zu seyn, und ansangen müssen, Götter zu werden. Und wie elend ist also unser Grübeln Und Zweifeln darauf gewandt, wenn wir über den Ursprung der Welt, aus Nichts und zu Etwas, über Zeit und Ewigkeit, wie sie sich trennen und in einander fließen, über den Untergang und das Welt-Ende, über die Art der Dreieinigkeit in Gott, und in seiner Wirkung außer sich, über das Wesen der menschlichen Seelen und aller Geister grübeln wollen, und uns darüber zanken und verketzern, und daraus die Schrift bestreiten oder radbrechcn! da wir vielmehr bekennen sollten, von alle dem nichts zu wissen, nichts zu begreifen. Wir würden uns ungemein viel Schwierigkei, Christliche Reden 3 »4 ten verkürzen, wenn wir die vornehmsten Wahrheiten der christlichen Religion nach diesem Maaßstabe betrachteten. Wie viele unsrer Grübeleien würden sich dadurch mit einem Male abschneidcn, und wie viel unnöthige Zweifel und Bedenklichkeiten wegfallen ? Was z. E., was sollte eS mich hindern, kein Christ zu seyn, daß ich keine Dreieinigkeit mit meiner Vernunft begreifen kann? kann ich ja doch gar nicht einmal die Kräfte meiner Seele begreifen, wie sie gemeinschaftlich wirken und doch zusammen bestehen , und was geht mein Leben und meine Wohlfahrt eine Untersuchung an, die schlechterdings nicht menschlich ist? — Was sollte cs mir z. E. Schwierigkeiten machen, auf welche Art das Verdienst Christi bei Gott angesehen worden, als ob ein wirkliches Lösegeld und Genugthuung, die Sünden der Welt wegzunehmen, oder nur als der Grund zur Besserung einer ganzen sündigenden Welt, damit sie eben durch ihre Besserung bei Gott versöhnt werde ? In beiderlei Verstände isis ein Opfer, und in beiderlei Verstände ists etwas, dessen Ausgrübelung mich nichts angeht. Es ist eine Beziehung zwischen Gort und Christo — wie kann ich diese ausmachen ? Wenn ich nur so viel weiß, daß ich um Christi willen ganz und gar nicht von der Tugend losgesprochen werde, wohl aber, daß, wenn ich fromm und redlich bin, es mir zum Tröste gereicht, daß einmal auch für das Ganze der Welt, deren Bürger ich bin, ein solch Opfer gebracht fcy. Ucbrigens die Art der Erlösung zu bestimmen, ist ganz und gar nicht menschlich, also auch kein Gegenstand für menschliche Untersuchung. — Was soll ich mir darüber den und Homilien. 3oL den Kopf zerbrochen, wie der Geist in meine Seele wirke? Genug, daß er nicht anders als durch meine Gedanken wirkt, daß er blos durch moralische Ueberzeugung und Beweggründe in mich wirken kann; dieses fühle ich: ick will also mich selbst zu überzeugen und gut zu werden suchen: das ist sür mich genug. Tiefer sehe ich nicht auf den Grund meiner Seele, und ich sehe nicht, wie eine menschliche Sprache dahin dringen könnte, wohin die menschliche innere Empfindung nicht dringt. Das sey also immer Hauptgcficktspunkt bei den Wahrheiten der Religion: wie ist ihre Kenntniß menschlich? kann ich sie auch, vermöge meiner Natur, begreifen? und ist dies nicht, was will ich darüber grübeln, auf welche Art sie mir die Gottheit zu offenbaren für gut gefunden? Auch in diesem Stücke, m. Z., ist Bildung der Seele der beste Weg, sich in die Wege Gottes zu finden, und Furcht des Herrn und Ehrerbietung gegen seine Offenbarung auch hier der Weisheit Anfang. 3. Wenn Gott also sich für Menschen offenbarte: wie anders als in der Sprache und Denkart des Volkes, des Erdstrichs, des Zeitalters, zu dem seine Stimme geschah? Nun ists eine ausgemachte Sache, daß die Denkart und die Art deS Ausdruckes allen Völkern der Erde nicht gleich ist, und noch weniger in allen Zeitaltern dieselbe bleibe. Der Morgenländer drückt sich anders aus, als der Bewohner kalter Erdstriche, er hat eine ganz andre Welt um sich: einen Schatz von ganz andern Begriffen in seiner Seele gesammelt, und durch die Erziehung sei- Herder? Merke j, Nel. u. Lheol. IV. U 3o6 Christliche Reden nes Erdstrichs eine ganz andre Richtung, Wendung, Ton, Gestalt des Geistes bekommen, als derAbend- und Nordländer. Von seiner Gesichtsbildung und Kleidung an erstreckt sich der größte Unterschied, der in der Welt sepn kann, bis auf die feinsten Manieren und Schlupfwinkel seines Geistes; — der Unterschied ist zu bekannt und wahr, als daß ich mich dabei aufhalten sollte. Nun ist diese Religion in einem Morgenlande geoffenbarct; wie also anders als so, daß sie diesen -Morgenländern verständlich werde, und also in der iDenkart^die ihnen-geläufig war, sonst hatte Gott .völlig seinen Zweck verfehlt. Unsre Bibel trägt also auch die Spuren dieser Morgenländischen Denkart sauf allen Blättern; ihre Schreibart ist, insonderheit im alten Testamente und am meisten im Hiob, den Psalmen und den Propheten, voll hoher, kühner und feuriger Bilder. Selbst die Schöpfungsgeschichte ist in solchem erhabenen Tone und mit solcher Einkleidung erzählt; selbst die Rcisebeschreibung der Juden durch Arabien hat Spuren dieser verblümten bildcrvollcn Sprache an sich; selbst ihre Geschichte und Regentenhistorie in Kanaan, selbst die Schriften Salomons — alles tragt diesen Charakter der morgenländischcn Verblümtheit und bildervollen Einkleidung an sich. Es ist nicht-gut, m. Z., wenn wir aus so etwas die Göttlichkeit unsrer Bücher beweisen wollen: denn auf die Art sagen die Türken von ihrem so poetisch geschriebenen Koran ein Gleiches; aber das ist noch weniger gut, daß wir so etwas als Gelegenheit nehmen, die Göttlichkeit unsrer Bücher an- und Ho milien. 807 zufeinden und zu verspotten. Ein wenig Ueberlegung sollte es uns zu Gemükhe führen, daß jeder, der verstunden seyn will, für die Denkart seiner Zuhörer, seines Landes, seines Jahrhunderts sprechen muß, sonst wird er nicht verstanden. Da nun die Religion in den Morgenlandern gegeben und durch lange Wanderungen erst in unsre Nordländer gekommen, da sich die Denkart unsers Landes und unsrer Zeit so sehr von jener unterscheidet, ja da sich die Denkart und der Sprachausdruck eines Volkes fast alle Viertel-Jahrhunderte ändert — wie anders als daß viele Bilder und Vorstcllungsarten uns fremd seyn müssen, die es zu ihrer Zeit und an ihrem Orte nicht waren. Jeder meiner denkenden Zuhörer wird cinsehen, was das Erklären und Erläutern aus der dasigen Zeit und Gegend auch in der Bibel für eine gute und nöthige Sache sey: da es keinen Grund gegen die Bibel abgebcn kann, einer Erläuterung fähig und nölhig zu seyn. Jedes Buch aus einer alten Zeit, aus einer fremden Nation muß eben, weil es das ist, aus ihr erklärt werden e und es ist ungereimt , eine Schrift zu fordern, die durchaus für alle Menschen, Völker, Jahrhunderte gleich verständlich seyn solle. Bei keiner Schrift in der Welt gehl dieses an ; die deutlichsten Schriften unsrer Zeit werden nach zweihundert Jahren unfern Nachkommen in manchen Stücken eben so befremdend seyn, als es uns die vor zweihundert Jahren geschriebenen sind. Und was will dieses gegen den Zeitraum von dreitausend Jahren, und gegen eine so große Ent- U 2 3o3 Christliche Reden fernung von Völkern und Denkarten sagen! Nicht- ist also in der Welt kleiner oder narrischer, als einen solchen Ausdruck aus der Bibel, oder aus der Bibelübersetzung, die auch schon über zweihundert Jahre alt ist, auffangcn und sich darüber ergötzen? Ein solcher Spott, der zuweilen wirklich über Nichts ist, ist wirklich für jeden, der die Sache überlegt, das kälteste und narrischre Ding von der Welt. Wenn wir der Bibel Schuld geben, sic sey nicht artig, nicht witzig, nicht höflich oder gelehrt genug, so laßt uns doch zuerst bedenken, daß sie ja nicht in unsrer Zeit verfaßt, sondern aus den Sitten und der Denkart der damaligen Zeit auszulegen sey, und daß cs völlig ungereimt sey zu verlangen, daß das Hohelied Salomons ein Anakrcontisches Stück nach dem Gcschmacke unsrer Zeit, oder die Predigt Jesu eine Glaubenslehre nach dem Schnitte unsers Jahrhunderts seyn sott. Aber eben daraus crgiebt sich auch, was hier das Erklären, Erläutern und Vcrständlichmachen für eine gute und löbliche Sache sey, und daß, wenn der Predigcrstand auch zu nichts als dazu wäre, ec immer ein etwas unentbehrlicherer Stand sey, als mancher sich cinbildet. Was würde doch auch in andern Stücken der Bildung des Geistes für eine Barbarei einbrechcn, wenn für einige Jahre die öffentlichen Vorträge an das Volk wegsielen? wer würde alsdann noch die Bibel verstehen und lesen wollen? Wer würde wohl den geringsten Geschmack an dem, was über das Sinnliche geht, noch beweisen? Wer würde alsdann noch seinen Geist auf den Seiten bilden, wo er doch immer durch den Pre- und Hcmilien. 3oi) diger gebildet wird; daß der Grund der Seele weich erhalten, das Gewissen in seiner Sprache unterhalten , und der Verstand des Menschen über würdige Sachen in einer edeln unpöbelhaftcn Sprache zu denken gewohnt wird? Ich übergehe die andern Folgen aus meinem Satze. Ist die Bibel ein göttliches Buch, so sollte man, m. Z. , doch endlich das Vorurthcil fahren lassen, daß zu einem Geistlichen und Erklärer der Bibel nichts mehr erfordert werde, als eine leidige Predigt zu machen. Ist die Bibel ein göttliches Buch : in welchem christlichen Hause sollte wohl wenigstens ein Buch fehlen, wo die Haupt- und lehrreichsten Stücke der Bibel aus eine deutliche und einfältige Art nach dem Sinne unsrer Zeit erklärt werden, von welcher Art Erklärung wir, Gottlob, in unsrer Zeit schon manche haben. Ist die Bibel ein göttliches Buch, so sollte man ja die öffentli- lichen Vortrage nicht versäumen, in denen doch immer die Wahrheiten der Religion so vorgetragen werden , wie sie in unsrer Zeit am leichtesten zu fassen sind. Ja ist sie das, so denke ich, daß ich nicht unrecht thue, wenn ich mir die Mühe gebe, mich in meinen Predigten aller der Ausdrücke zu enthalten, die wir in unserm Katechismus auswendig gelernt haben, oder aus dem Gebctbuche wissen, sondern jedesmal die biblische Sprache in die fließende Sprache unsrer Zeit und Lebens zu übersetzen, um sie eben dadurch zu erläutern; mir Mühe gebe, jeden meiner Zuhörer mit Worte», die ich gleichsam seiner Zunge raube, zu eignem Nachdenken und Mit- mirdenken zu gewöhnen, daß er cS endlich lerne, oh- Christliche Reden 3io ne auswendig gelernte Worte, die er nicht versteht, mit einer so freien und ungezwungenen Spruche darüber zu reden, als er sich über alle Sachen in der Welt erklärt. Wie viel, wie viel hatte nicht die Religion gewonnen, wenn man so vernünftig über sie nachdachte, als jeder Mensch über die Sachen seines ge- schäftvollen Lebens nachzudenken vermögend ist! Glau, bet, m. A., cs ist kein Grundsatz der Religion, dem Denken abzusagen, es ist vielmehr ihr Werfall und der wahre Verfall der Menschheit. Selbst die Apostel, und sie waren doch von Jesu berufen zu lehren, lobten cs, wenn ihre Zuhörer ihnen „nachforschten, ob sichs also hielte;" und so wäre cs auch für mich die größte Beruhigung meines Amtes , Nachdenken und Aufmerksamkeit in der Religion erweckt zu haben, und dazu behülflich gewesen zu scyn, daß jeder sein eigenes Gewissen aufgeweckt, seine vorher dunkeln Empfindungen in sich entwickelt, seine Vernunft ausgebildet, und kurz, auch durch meine Erklärung der Religion weiser, mit sich selbst bekannter, edler und besser geworden wäre, als er war. Auf die Art dient die Religion auch zur Bildung unserer Zeit, und sie, die den menschlichen Verstand schon so erhöht hat, würde fortfahren, ihn und mit ihm die Tugend, die Menschlichkeit und die Glückseligkeit zu erhöhen -— glückliche Zeiten, glückliche Welt! 4. Gott hat sich in der Seele eines Menschen, der sein Schriftsteller wurde, gcvffenbaret: wie geschah dieses? Etwa so, daß derselbe Mensch den Augenblick zu denken aufhörte, und Gott für ihn und Ho milien. Zrr dachte? Unmöglich! Denken ist das Wesen der menschlichen Seele. Eine Seele, die nicht mit sich selbst denkt, hat ihre Vernunft, die Freiheit ihres Willens, ihr Wesen verloren, sie ist nicht mehr menschliche Seele: sie ist ein Unding. In dem Augenblicke also, da ein Wesen außer mir den Faden meiner Gedanken zerreißt, und mir unmittelbare Gedanken zwischenschiebt, die nicht meine Gedanken sind, von denen ich nichts weiß, und die ich nicht zu verantworten habe, in dem Augenblicke höre ich auf, ein Mensch zu scyn, denn das Wesen meiner Seele ist aufgehoben. Und wenn nun selbst Gott dies nur auf einen Augenblick thäte, so hatte er so ein Wunder gethan, als hatte er eine ganze menschliche Seele vernichtet, und wenn er mich wieder selbst denken laßt, eine ganz neue menschliche Seele geschaffen — welch ein Widerspruch! Nein! das sehe ich und ein jeder ja aus der Bibel, daß jeder Schriftsteller so gedacht hat, als er, nach der Fähigkeit seines Geistes, nach der Richtung und Proportion seiner Seelenkraste, nach der Mischung seines Temperamentes, ja selbst nach seinen erworbenen Kenntnissen und Geschicklichkeit in der Schreibart hat denken können und denken wollen. Der heilige Johannes schreibt, wie Johannes, weich, empfindsam, gefühlvoll, nach einer Reihe von Gedanken, die seine Lieblingsgedanken, und nach einer Reihe von Ausdrücken, die seine Licblingsaus- drücke sind. Der heilige Paulus schreibt feurig, rasch, ein Gedanke stürzt über den andern: ein Liebhaber von Allegorien, kurz, ein bekehrter Pharisäer. Jcsaias schreibt wie Jesajas, erhaben, prächtig, 3l2 Christliche Ire den wie ein Adler, der sich zur Sonne schwingt; Da- v i d wie David, wie ein Liebhaber des Landlebens und süßer, erquickender, fröhlicher Bilder; Salomo schreibt in seiner Jugend, in seinen mittler» Zähren und selbst in seinem hohen Alter, so wie jedesmal seine eigentliche Denkart es wollte; ja selbst Christus Jesus — er ist, nach Pauli Ausdruck, gewesen ein Diener der Bcschneidung; unter Juden erzeugt, nach jüdischer Denkart gebildet, mitten unter den Juden lebend und predigend, richtete er auch unter ihnen, unter den Trümmern ihrer Religion, seine bessere, so edle, so einfache, so moralische Religion auf, die nachher seine Apostel mehr ausgc- breitet und ausgebildcc haben. Zeder heilige Verfasser also weihcte die Kräfte seiner Seele auf dem Altäre Gottes ; der göttliche Geist weihcte selbst sein Temperament und heiligte es zum Werkzeuge Gottes. Man siehet also, daß Gott auf eine würdigere und seinem Wesen anständige Art Verfasser der Bibel sey, und zwar in Gedanken und Worten. Seine Allwissenheit hatte, wenn ich so sagen darf, gleichsam ein näheres Auge auf die Seele seiner heiligen Schriftsteller: seine Gnade, die ja in der ganzen Schöpfung da ist, und jedes Wesen jeden Augenblick mit der Kraft erhalt, als ob cs in dem Augen» genblick neu geschaffen würde, erleuchtete den Grund ihrer Seele damals auf eine wunderbare und göttliche Weise. Sie brachte entweder im Traume oder in einer wachenden Erhebung der Sinne Bilder vor das Auge ihrer Einbildungskraft, und heftete ihre Aufmerksamkeit auf dieselbe. So entstanden Gedanken in ihrer Seele, und mit diesen zugleich Worte; und Homilien. 3i3 diese flössen in ihre Feder und wurden .ein Buch für die Nachwelt und eine Regel der Kirstse. Sie dachten unter der innigsten Aufsicht Gottes und, unter der Lenkung feiner Gnade; aber noch immer behielten sie im Schreiben ihre Seelen, ihre Denkart, ihre Sprachart: Gott redete nicht statt ihrer, sondern durch sic; sie wurden Lehrer der Kirche; was ist Anstößiges und Unwürdiges in dieser Vorstellung von der Göttlichkeit unsrer Schrift? So wie nun in jedem heiligen Verfasser seine eigne Gaben wirkten: so, m. Z., muß cs noch viel mehr seyn, wenn wir die Schrift lesen und nützen wollen. Es wäre thöricht, zu erwarten, daß hier der Geist Gottes in uns wirken sollte, ohne daß wir selbst thatig dabei seyn müßten; thöricht, daß wir uns gute Gedanken wollten einwirken lassen, ohne dieselbe zu denken Eine solche Erwartung der göttlichen Hülfe bei dem Gebrauche des Wortes Gottes hebt allen Gebrauch der Vernunft auf, sie ist widersinnig und seltsam. Nichts kann in einer vernünftigen Seele wirken, ohne durch Mittel, durch Gründe der Vernunft, durch Beweggründe, und ich müßte den Augenblick das Wesen meiner Seele vernichten können, wenn ichs erwarten wollte, daß Gott in die Reihe meiner Gedanken Zwischengedanken ein- schieben, und mich, so unthäkig als ich wäre, zu etwas Besserm machte als ich bin. Laßt uns, m. Z-, bei dem besten Buche in der Welt klüger seyn, wenn wir etwas aus demselben lesen oder hören, und nicht erwarten, daß es durch eine Zauberkraft in uns wirke, ohne daß wir etwas dabei denken, sondern unsre Vernunft aufbiete», um jeden in uns Christliche Rede» eindringenden-Lichtstrahl zu empfangen, und jede Ueberzeugung ist unsre Herzen aufzunehmen. Alsdann werden wir, jeder nach seiner Denkart und Leseart, auch im Worte Gottes seinen Samen finden, zur Erbauung und Besserung unsrer Seelen, und so inne werden, daß diese Lehre von Gott kommt. H. Gott hak es für gut befunden, außer dem Lichte der Vernunft und außer der Stimme, die uns in allen Ereaturen zuruft, eine deutliche und bestimmte Stimme hören zu lassen, die uns lehre, was Gott und wir sind, uns unser Verhallniß gegen ihn zeige, uns zu allem Guten ermuntce, uns mit uns selbst bekannt mache, und insonderheit unS über die Unsterblichkeit der Seele Licht gebe. Wenn auch unsre Vernunft viele Wahrheiten von diesen wüsste, so waren sie doch nicht mit solcher Gewißheit und Zuverlässigkeit, ain allermeisten aber nicht so unverfälscht und bleibend, daß sie ein Schatz des Menschengeschlechts hakten seyn können. Nur gar zu bald wurden sie verdunkelt: die reinsten Begriffe von Gott wurden in der Seele des gemeinen Mannes die ärgste» Begriffe der Abgötterei; die reinsten Begriffe vom Menschen und von seiner Pflicht in der Seele des Lasterhaften selbst zu Laster, zu Untugend. Aus eben dem Grunde also, daß weltliche Gesetze nöthig wurden, ward auch ein Gesetz der Gottesfurcht und Tugend noch ungemein nöthiger. Die Gottheit nahm sich unser an ; sie ließ unter ihrer gnädigen Aufsicht und Lenkung die Regel unscrS Glaubens und Lebens verfassen: und siehe, das ist unsre Bibel! und Homilicn. 3i5 Sie ist noch mehr als dies. Mag immerhin das Licht der Vernunft für den Menschen hinreichen, der kein Sünder ist, der so heilig, so rein, so unschuldig, so thatig wäre, als er seyn sollte: mag dieser aus seiner bloßen Vernunft schon zu Gott das größte und beste Zutrauen haben: — aber ich? ich bin nicht so, wie ich seyn soll! ich bin eine verfallene Kreatur in den Augen meines Gottes, ich bin ein Sünder! wie soll ich mich trösten! wie ich gegen ihn voll guten Muths seyn, da eS mir ja mein Gewissen sagt, daß ich durch meine Schuld es geworden bin? daß ich als ein freies moralisches Geschöpf unter Verantwortung stehe, daß ich vor dem Geiste des Allwissenden nicht ganz gutes Muihes seyn kann; wie wird mir Gott vergeben? und auf welche Bcdingnisse vergeben, und auf welche Bedingnisse ich ihn versöhnen, und getrost vor ihn treten ? — ach, hier schweigt alles! Vernunft, Schöpfung, Gewissen, Vermuthunq, Weltweisheit! — Gott! svlliest du mich, solltest du das ganze Menschengeschlecht in dieser bangen Ungewißheit gelassen haben, es in dem traurigen Kampfe gelassen haben, daß cs mit sich selbst und mit seinen Sünden und Zwei, sein und Unruhen sich das Leben hinweg murren sollte? Großer Erbarmer, und ganz bin ich doch nicht durch meine Schuld unglücklich gewesen, ganz habe ich es doch nicht nur zuzuschreiben, daß ich verfallener Natur bin. Barmherziges Wesen, solltest du nicht Mitleiden mit deinem Geschöpfe gehabt haben, und ihm durch eine positive Offenbarung deinen Willen erklärt, und iLrost gegeben, und den Weg gezciget zur Versöhnung mit dir, und das 3.6 Christliche Reden Mittel, deiner Gnade gewiß zu werden?— Und sehet, das ist die Bibel! Sie ist noch mehr. Für mich selbst habe ich bei meinen besten Ansätzen nicht Kraft genug, meine ganze Natur umzukehren, meinen Lieblingslastern abzusagen, und die Feinde zu überwinden, die schon so lange in mich wurzelten — ich sehe, daß der Mensch, der in den Tag hinein lebt, und die Well und seine Sünden genießt, ohne an Gott zu denken, es besser hat als ich. Ich sehe in der Welt Glück und Unglück nicht nach Verdienste ausgctheilt, und oft geht es den Frommen, als wären sie Gottlose — meine Hände wollen mir ermatten und dahin sinken — wie, gütige Gottheit! soll ich nicht von dir hoffen und erwarten können, daß du durch «ine bestimmte Offenbarung mich ermunterst, mir Aufschlüsse über meine Bestimmung, über Zeit und Ewigkeit gebest, die Unsterblichkeit mir besiegelst, eugd mich, trotz aller Einwendungen, fest und gläubig in Tugend und Gemüthsruhe machest?— Und sehet, das thut >ie Bibel! Wer also, wer in der Welt wollte aus dieser etwas anders lernen, als was Gott will gelernt wissen, nämlich Wahrheit und Gottseligkeit und Tugend ! Mögen in der Bibel auch immer so viel Fehler der Erdbeschreibung, der Geschichte, der Sternkunde, u. dergl. seyn, (es ist aber bewiesen, daß keine sind): indessen nehmen wirs au: so ist mir doch dazu gewiß nicht die Bibel gegeben, um dicS alles, sondern um Religion und Tugend daraus zu lernen. Mag doch Iosua geglaubt haben, daß die Sonne am Himmel stehe — was geht cS mich an? und Ho Milieu. 3 -7 Fr hat es, seiner Zeit gemäß, immer glauben keinen, und Gott fand es, wie ich im ersten Theile gezeigct, nicht seiner selbst würdig, sich gegen ihn als einen Lehrer der Sternkunde zu beweisen, und ihm zu erklären, ob die Sonne laufe oder die Erde. Zu seinem Zwecke khat das so wenig, als 0? im gemeinen Leben thut, wenn wir sagen: die Sonne geht auf oder unter, und es ist höchst lächerlich, die Bibel in solchen Gesichtspunkten lesen und beurlhci» len zu wollen. Zu solchen Dingen ist uns die Bibel wahrlich nicht gegeben, sondern zur Erbauung und zur Besserung unsrer Seele. Wenn du, v Mensch, dich also der heiligen Schrift nahest, so tritt wie in ein Hci- ligkhum Gottes, wo dir ein andrer Sinn gegeben r»erden soll. Nähre nicht deine Wißbegierde und deine Eitelkeit oder Zweifclsucht mit neugierigen Fragen oder Anmerkungen, sondern dringe allezeit unmittelbar auf das, was dich angeht, und dir zu deiner Besserung dienen kann. Lies gleichsam in deiner eignen Seele, und biete alle deine Seelenkraste auf, dies Wort Gottes zu verstehen und zu empfinden. Jedes große Beispiel, was dir vcrgestellt, jede cindrückliche und erhabene Wahrheit, die Gott dir vorhält, das alles werde in dir lebendig und wirksam ! deine Seele stehe jedem guten Eindrücke offen — siehe! so liesest du Gottes Wort. 2. Ist dies, wie sehr werden, m. Z., alle solche liebe Kapitellektüren Wegfällen, da wir auf die dümmste Art von der Welt ein biblisches Buch zerstückelt und radbrcchcn, um Gott jedesmal und jeden Tag ein Kapitel als ein Schcrflcin auf seinen 3»8 Christliche Reden Altar zu legen. Es ist hier wohl die rechte Zeit zu sagen, daß sowohl Kapitel als Verse gar nicht von den ursprünglichen Verfassern der biblischen Bücher herrühren, sondern nur in einer sehr spaten Zeit und dazu von einem ehrlichen Bibellcser auf einer Reise in seinem Postwagen verfertigt sind. Schade nur, daß sie auch wirklich so sehr nach der Post anssehen ! Schade, daß so oft mitten im Verse oder Kapitel der Verstand abgebrochen ist, so daß, wenn in manchen Hausern die Gewohnheit cingcführt ist, Gott täglich ein Kapitel oder einige Verse zu opfern, sehr oft zu befürchten steht, daß Gott mit einem halben Opfer vorlieb nehmen müsse. Also lese man lieber seltner, und mit Verstände. Lies, mein lieber redlicher Christ, lieber für einmal ein ganzes biblisches Buch, denn gar zu lang ist keines, durch, so wirst du in den Zusammenhang und Ton des Scribenten und gleichsam in die Gedankenreihe seiner Seele cintreten, du wirst mit seinem Geiste beseelt werden, und lesen wie er schrieb.— Und wo kann ich dies mehr anrathcn, als bei den Briefen der Apostel und bei den Reden Jesu. Die Briefe der Apostel sind, so wie alle Briefe, über gewisse geistliche Vorfallenheiten ihrer Gemeinen geschrieben, und also nicht anders als im Zusammenhänge zu lesen. Wer sie zerstückt, wer sic kapitelweise liefet, wer den Verstand derselben trennt, der macht es so, als wenn er einen zusammenhängenden Text auf kleine Zettelchen schriebe, und sich es alsdann täglich zum Gewissen machte, eines, aber ohne allen Zusammenhang, Zweck, Wahl und Ordnung zu leisen. Und wie wirb auf die Art die Bibel verstümmelt ! Insonderheit versäume man dies nicht bei den Reden Jesu. Die Reden dieses Gesalbten haben so viel Edles, Unschuldiges und Moralisches, daß, wenn in den biblischen Büchern uns selbst die Wahl gelassen würde, wir wohl eine zusammenhängende Rede Jesu höher als manches andre achten würden. Nur muß man sie, z. E. die Bergpredigt im Matthäus und die letzten Reden Jesu im Johannes, nicht abgerissen, sondern auf einmal ganz lesen und überdenken und betrachten. Welche reine Begriffe von Gott sind da! Welche vortreffliche Sittcnlehre! Welche tiefe Einsicht in das menschliche Herz! welche unschuldige Seele blickt hervor! Welcher Eifer für die Tugend! welche Demuth, sich selbst keinen Namen machen zu wollen! und welche Ergebenheit in den Willen Gottes, seine Lehre mit seinem Blute zu besiegeln! — Nein! es hat nie ein Mensch geredet, wie dieser Mensch, und nie hat jemand durch sein ganzes Leben und durch seine letzten Stunden die Vortrefflichkcit seiner Religion so sehr bekräftigt, als Jesus, der Erstgeborne Gottes, der Heiland der Welt! Würden wir dieses, m. Z., thun, wie würden wir dann wohl Sprüche aus der Bibel hcrausreißcn, und oft in so einem Sinne anwenden, daß einem angst und bange werden muß? Welcher weltlich« Schriftsteller kann nicht äußerst gemißhandelt werden , wenn man einzelne Stellen aus ihrem Zusammenhänge reißt, aus denen man machen kann, Das man will, mißdeuten, verspotten, übel auSlegen, nachdem man dazu Lust hat? Und sollte man nun auch im Zusammenhang« 320 Christliche Reden nicht alles verstehen, so thut jeder christliche einfältige Leser gut, wenn er sich vorzüglich an die Stellen halt, die er versieht, und die idni deutlich sind. Findest du, mein Christ, einen Spruch, der dir Gott in seiner Regierung und Vorsehung etwa auf einer besonder» und eindrücklichern Sette zeigt, oder der dir dein eigen Herz enlrathselt, oder der dir deine Pflichten so kurz, genau, bestimmt sagt, als du sie dir nicht würdest sagen können: so präge ihn in deine Seele als die Stimme GorrcS. Er sey dein Geleitsmann im Leben und Tode. 3. Vorzüglich laßt uns zum Lesen des göttlichen Wortes volle Aufrichtigkeit und ein gutes Herz mitbnngen: dies gehört mehr dahin, als ein außerordentlicher Verstand oder eine glühende Einbildung. DaS ist nicht der Zweck unscrS Predigthörens, kritische Anmerkungen zu machen, darauf auszugehen, ob die Materie gut ausgeführt sey oder nicht u. dergl.; sondern wiefern sie uns angehe, erleuchte und bessere? Niemand bringe zur Bibel ein Herz, das mit Voruriheilen behaftet sey, es fty nun gegen die Bibel, oder für diesen und jenen Lehrbegriff seiner Kirche: denn sonst wird er freilich blos sehen, was er sehen will, an seinen Lieblingsneigungen kleben bleiben, und wohl gar arger werden als er war, mit sehenden Augen nicht sehen, mit fühlendem Herzen sich verhärten. Der Grund unsrer Seele sey weich und stille, baß Gott uns überzeugen, erleuchten, bessern könne — denn „Ec lehrt ja die Menschen, was sie wissen." Gehn wir mit dieser Aufrichtigkeit hinzu, welche und Ho Milien. Ire che Ehrerbietung wird uns gegen GotteS Wort ergreifen i Alsdann, o Mensch, bist du gleichsam noch auf eine näbere Art mit der Gottheit umgeben, als du cs sonst wärest: der Allwissende füllt deine Seele: derselbe Allwissende, der in der Seele Jesajas und Paulus gegenwärtig war, da sie sprachen und schrieben; der auf eine uns unbekannte Art ihre Seelen in seiner Hand hielt, damit sie aus dem Grunde derselben das hervordachten, was sein Wille war. Du bist vor ihm: du und deine Gedanken sind vor seinem allwissenden Auge. Welche Scheue wird dies vor deinem Gott wirken! wie sehr deine Kräfte aufbieten, um vor dem Herrn aufrichtig und rein erfunden zu werden! — Sv lies, o Mensch! die Bibel: nicht anders, als wenn du dazu tüchtig bist, als wenn du deine Seele in der Stimmung findest, um abgezogen von allen Geschäften der Welt, gesammlet von allen Zerstreuungen, ein Tempel Gottes und der Wahrheit seyn zu können — dann lies die Bibel! Ich habe schon dafür gewarnt, daß man sich bei keiner gottesdienstlichen Pflicht in die faule Ruhe versenken müsse, um selbst nicht zu denken, wohl aber um die Stimme deS Geistes zu erwarten : und ich muß es noch einmal lhun. Es ist unter den Menschen leider schon so üblich geworden, Andacht und Scelcnschlaf, Frömmigkeit und Gedanken-Trägheit zu verwechseln, daß cs, unter andern, auch immer mit eine Ursache von dem wenigen Nutzen des Predigthörens und Bibellcsens ist, daß kein Mensch mit dem Prediger oder dem Schriftsteller der Bibel Herder? Werke z. Rel. u. Lheol. IV. T mitdenken will, sondern daß jeder sich von dem Geiste Gottes will vordenken lassen, und freilich, da denkt alsdann keiner. Der Geist Gottes und seine Gnade wirkt in Menschen blos menschlich, in vernünftigen Geschöpfen vernünftig, in moralischen Wesen moralisch. Du mußt also Gedanken denken, du mußt die Empfindungen deines Herzens ausregen, du mußt dein Gewissen reden lassen, du mußt die Bibel so wirksam und selbst denkend lesen, als ein anderes lehrreiches, rührendes und erbauliches Buch. — Und siehe! o Mensch, sie ist das lehrreichste, das erbaulichste Buch, mit dem Vorurtheile kannst du hinantreten. Alsdann, wenn du rechtschaffen bist, wird sich deine Seele eröffnen, alsdann die Empfindung deines Herzens reden, alsdann sich dein Gewissen ermuntern — dann, und anders nicht, redet der Geist Gottes in dir. Sey kein maschinenmäßiger Christ! binde dich nicht an einige herzrührende Worte, die, weil du sie in deiner Jugend einmal mir Empfindung gehört hast, auch jetzt noch, aber ganz mechanisch, ganz zaubermaßig in dir Thranen erregen sollen.; spiele nicht init einzelnen biblischen Worten, als wenn diese dir, ihrem Klange nach, etwas Göttliches und Herzbrechendes cinwirken sollten. Vielleicht können sie cs thun, vielleicht dir eine Thrane erpressen, eine Art von Rührung erregen : aber wenn diese Rührung mehr als blos eine Vorbereitung scyn soll, so ist sie nichts. Die Thrane verfließt: die Rührung geht nicht in gute Entschlüsse und Handlungen über: und alles, was dahin nicht übergeht, was mich nicht bessert und veredelt, das ist — es habe noch so einen göttlichen Schein — das ist nicht von Gott; es ist Schwärmerei, eS sind und Homilien. 3s3 mechanische Zuckungen der Fibern unsrer Empfindung; es ist eine nachgemachte Rührung. Nein, o Gott! zur Lehre soll mir dein Buch dienen, zur Strafe, zur Besserung, zur Gottseligkeit und zu nichts mehr. Ich will,- so oft ich kann, die Frage an mich thun : wozu hö« test du Gottes Stimme? wozu liesest du Gottes Wort?—o daß mir mein Herz alsdann immer die gute Antwort geben könne, die ich erwartete ! daß ich jedesmal, wenn ich von dieser heiligen Gedankenfassung aufstche, sagen könne: siehe, du bist auch jetzt durch das Wort Gottes weiser und besser und gottseliger geworden. Wenn ich also am besten in der Fassung bin, über Gott und göttliche Dinge nachzudenken, Zeit und Ewigkeit zu erwägen, die Geschichte Zesu mir in allen ihren Verdiensten anschaulich zu machen und den Gedanken an die Unsterblichkeit nachzuhangen, die mir die heilige Schrift so herrlich bestätigt — wenn dies ist, dann will ich, o Gott, deine Stimme mit meinem Herzen hören, dann will ich mich betend vor dein Angesicht stellen, und mich zu dir, o Herr, erheben, daß du in meinem Herzen redest! Mein Bibellesen soll ein stilles, beständiges Gespräch mit dir, ein aufrichtiges Gebet seyn, das mich erhebe und bessere. Wiederum , wenn Stunden cintreten, da ich an allen Dingen der Welt meinen Geschmack verloren, wenn ich in Verlegenheit und Angst des Herzens bin, dann soll mich das Wort Gottes trösten, was so viele getröstet hat, so vielen Elenden Balsam auf ihre Wunden, Trost in den Stunden ihres Kummers gab: X 2 324 Christliche Reden und Homilicn. das soll auch mein Her; leicht machen, mich di« Menschen lieben lehren, mich naher mit meinem Gott verbinden, mich zufrieden und guter Dinge machen; es sey ein Licht auf meinem Wege! Und an dem Abende meines Lebens, wenn in den letzten Stunden meine Lebensgeister ermatten, und noch zum letztenmal ihre Flamme zusammennehmcn, um wie eine Lampe zu erlöschen, mein Gott, dann laß die Stellen deines Worts, die Stellen für mein Herz waren, auch noch zum letztenmale meinen Geist erheben, so daß ich, mit ruhigen himmlischen Gedanken, mit tröstlichen Hoffnungen mein künftiges Dasepn antreke l — XXXVII. Abschiedsrede von der Gemeinde zu Riga. Jun. 1769. darf es beinahe voraus setzen, daß dem grö» ßcsten Theile meiner Zuhörer die Ursache bekannt seyn wird, warum wir an einem außerordentlichen Sonntage eine außerordentliche Zusammenkunft haben. Da mir nämlich eine Abreise von diesem mir so lieben und schätzbaren Orte zu dem eine baldige Abreise in wenigen Tagen — mithin auch eine baldige Trennung von dem Amte bevorstcht, bei welchem ich bisher so viel Zutrauen, Liebe und Gewogenheit meiner Zuhörer genossen, sollte ichs nicht hoffen dürfen, daß mir noch eine halbe Stunde vergönnt sey, wo ich alle die Empfindungen meines Dankes und meines fühlenden Herzens, so verworren es auch seyn möge, ausschürten, wo ich noch Wünsche und Gebete für diesen Ort und diese Gemeinde opfern, wo ich noch zuletzt und gleichsam scheidend ein Wort der Ermahnung meinen Zuhörern ans Herz legen, und wie einen guten Stachel hin- Christliche Reden 3-3 terlassen, wo ich endlich noch zuletzt über manche Sachen, worüber wir uns beide an einander irren, Licht geben, mich noch zuletzt ihrem guten Andenken und uns alle der Hand Gottes empfehlen könne — sollte mir eine halbe Stunde, wo ich dieser Pflicht eines Wanderers noch zuletzt ein Genüge thuc, nicht vergönnet seyn? Ich darf cs voraus- setzen, und setze also auch einen erweichen Grad von Theilnehmung mit mir, ^mit meiner Veränderung und' mit meinem Abschiede voraus. Wenn ich wahrend meines Predigcrstandes aus so manchen Äußerungen eines guten Zutrauens, aus dem häufigen und aufmerksamen Besuche meiner Predigten nicht unrecht geschlossen: so bin ich meiner Gemeinde und auch den geneigten Zuhörern, die eigentlich nicht zu meiner Gemeinde gehörten, nicht ganz gleichgültig gewesen: so kann ich cs ihnen auch jetzt nicht fern, indem ich, wenigstens, für eine Acitlang mein Amt niederlege, und von hinnen gehe. Wir wollen also, m. Z., uns noch diese letzte Stunde genießen- Wir wollen sie als die freundschaftliche Zusammenkunft ansehcn, wo wir uns, indem wir einen Thcil un- sers Weges zusammen beschließen, auf einen Grenzstein niedersetzen, und den Weg noch einmal übersehen , den wir gegangen sind, und gehen sollen. Wir wollen uns aus dem Vergangenen noch dieses und jenes erinnern, worüber wir uns oft besprochen, und welcher ' als ein Wort s Abschiedes vielleicht noch eindruchücher seyn wird, als cs damals gewesen. Wir wollen uns noch zuletzt mit aller Treue ermahnen, jeder an seinem Thcile den Weg der Glückseligkeit zu gehen, und uns dann in die gnädige Hand unsers Gottes empfehlen, wo wir und Homilitn. 327 uns, es scy hier oder in einem andern Leben, wieder zu finden wünschen. Immer ist also diese letzte Stunde eine gute, aber auch eine traurige Stunde der Liebe. Jeder Abschied ist schon immer mir etwas Bitterm verknüpft, und, wenigstens unscrm dunklen Gefühle und unsrer blinden Aufwallung nach, etwas Belaubendes für unsre Natur; und wie sollte ccü für mich nicht sepn, da ich mir doch immer denken muß, daß ich vielleicht jetzt zum lctzkenmale das Glück genieße, wenigstens an diesem heiligen Orte dieser Gemeinde die Lehre und den Segen Gottes zu erthei- len: und daß Einer oder der Andre von uns sich ja bald aus der Zahl der Lebenden wegstehlen könne, und es also wohl nicht wahrscheinlich ist, daß wir uns alle mit einander, so wie wir hier sind, und an diesem Orte, noch einmal so sehen und sprechen werden. Und wie? wenn alsdann in der Zeit einer meiner gewesenen geliebten Zuhörer auch aus meinem Amte nicht genug bclelwt oder nicht genug gebessert, vor Gottes Richterstuhle erschiene? und auch über mich und mein Amt diese und jene Klage, diese und jene Irrung hatte? . . . So wenig ich also, meine Zuberer, gesonnen war und bin, meinen Abschsid feierlich zu machen, so ists doch besser und beruhigender, wenn wir, so verworren und zerstreut es auch sepn möge, von dieser Seite aus unsre Rechnung mit einander schließen, oder sie wenigstens von beiden Seiten gemeinschaftlich vor Gottes Thron legen, Wir wollen hiebei so viel als möglich die Empfindungen der Wchmuth bei unserm Scheiden unterdrücken und verbergen. Wir wollen Christliche Reden :-r8 nicht daran denken, was wir an einander gehabt, sondern was unsre Pflicht gewesen wäre, daß wir an einander hakten haben sollen? was unser Gott auch in Absicht auf unsre Beziehung von uns fordern wird? und was wir ihm für das, was er fordern wird, werden darbringcn, und auf das, was er fragen wird, werden antworten können? Gebet w. Text: Jacobi i, 21. „Nehmet das „Wort an mit Sanflmukh, das in euch „gepslanzet ist. welches kann eure Sce- „len selig machen." I. Nehmet das Wort an mit San sein uth re. Auch ich, m. Z., bin seit fast zwei Jahren dazu berufen gewesen, dies Wort, was Seelen selig machen kann, in eure Herzen zu pflanzen : das, m. Z., war mein Beruf, meine Bestimmung, meine Arbeit, mein redlicher Zweck: Gott wolle, daß es auch ein gesegneter Zweck gewesen feyn möge! Kein Stand vielleicht in der Welt wird unter so verschiedenen Gesichtspunkten angesehen, als der Stand der Prediger, und muß sich also auch auf die verschiedenste Weise beurtheilen und, welches noch verwirrender ist, nach den verschiedensten Maaßrcgeln behandeln lassen, als eben dieser. Der Weltmann sieht ihn für einen unnütze» Stand an, der blos um der Vorurthcile der Menschen willen da wäre: der Witzling halt ihn für eine Maske der größten Heuchler auf Gottes Erdboden: der Mensch, der bürgerlich denkt, für einen Anlaß zu guten Vrod- siellcn: der Ehrgeizige für einen Rang, in dem er doch auch was gelte: der Lässige sieht in ihm blos und Ho Milien. 32g Ruheplätze, wo man mit dieser und jener weniger geläufigen Arbeit so ziemlich gelinde obkommen könne, und der Unwissende endlich gor glaubt, daß er Vergleichungsweise noch so der beste Deckmantel seiner eingeschränkten Einsichten und Geschicklichkeit seyn könne. So nehmen viele diesen Stand : so wird er von vielen beurtheilt, vielleicht auch behandelt. Und wenn ein'Stand, eine ganze Lebensart, dir Bestimmung so vieler Menschen falsch, und auf so verschiedene Art falsch genommen werden kann : bleibt alsdann, m. Z., die öftere Unnutzbarkeit unerklärlich, die diesen Stand begleitet? oder muß nicht, je wichtiger eine Bestimmung ist, und je mehr sie verfehlt wird, um desto größere Verwirrung entstehen ? Ich habe es also für meine erste Pflicht gehalten, den wahren Gesichtspunkt zu finden, in welchem ich das Amt, das mir von meiner Obrigkeit oufgetragen wurde, führen wollte; und da hoffe ich mit Freuden sagen zu können : „ich habe nicht Bequemlichkeit oder gute Tage, oder Ifangstellen, oder „Goldgruben an meinem Stande begehrt: Herr, das „weißest du!" denn,'m. Z., wenn fo niedrige Gesichtspunkte und Triebfedern jeden Stand entehren können, so entehren sic den Stand, der die reine- sten Absichten und die gelautcrtsten Grundtricbe zu handeln haben sollte, doppelt. So angelegentlich die Bestimmung eines Predigers ist, eben selche niedrige Leidenschaften aus der Seele des Menschen weg- zuschaffcn: so nölhig cs bei diesem Stande, wie bei keinem, ist, die Möglichkeit und Schönheit solcher gelauterten Selen selbst an seinem eigenen Leben, 33o Christliche Reden an seinem eignen Stande zu zeigen: desto ärgerlicher wird das Verfahren des Gegenthcils, und cs ist wahrhaftig ein Unglück für einen Ort, ein wahrer Verlust für die Menschheit und ein Schade für die gute Sache der Religion, wo Priester die Ersten sind, ihre Warnungen gegen das Laster des Eigennutzes, des Stolzes und der bequemlichen Unnütz- lichkeit durch ihr Beispiel selbst zu widerlegen, und eben die Beweggründe zu Grundpfeilern ihres heiligen Amtes zu machen, die sie an Andern strafen. Nein! m. Z., keiner von allen diesen Beweggründen war der meiniqe, sondern ein Wort zu pflanzen, das menschliche Seelen glücklich machen könne. Das ist doch einmal gewiß. daß es eine Reihe von Wahrheiten giebt und geben muss, die für uns Menschen den Grund unsrer Glückseligkeit enthalten. Nur auf einem einzigen Wege ist Ruhe und Glück möglich; alles andre ist Irrweg, Unglück, Unruhe, Verwirrung. Da nun das menschliche Her; so vieler Ausschweifungen von diesem einzigen und richtigen Pfade fähig ist: da es nach unsrer Erziehung und Bildung menschlicher Seelen eine ungemeine Seltcuhe>t und fast eine Unmöglichkeit ist, eine menschliche Seele für ihr ganzes Leben so zu bilden und einzurichlen, daß sie keinen einzigen Trieb, keine einzige Leidenschaft üb>w die Grenzen des Wahren und Guten erhöhe, und bei keinem einzigen Auftritte ihres Lebens von der Bahn der Glückseligkeit abweiche: da wir, ohne auf unsre Well schma- lezi zu wollen, wirklich in einem verderbten Zeitalter leben, in dem, es mag so vieles Artiges und Bürgerliches und Witziges und Brauchbares aus der 33r u » d HoINilieNH Menschlichkeit gemacht werden, doch immer die wahre Menschlichkeit für ihre besten, größten und edelsten Anlagen des Geistes und HerzenS ungemein versäumt wird; da wir also, menschlich und moralisch zu reden, wirklich in einem Zeitalter der Entartung leben, wie es so viele unedle, niedrige und lasterhafte Seelen zeigen, die doch den größten Theil der Menschheit ausmachen — aus allen diesen Ursachen, hie ich so oft meinen Zuhörern ans Herz zu legen gesucht habe, ist noch immer ja ein Stand nöthig, der der edlen Sache der Menschheit wieder empvrhclfe, der die vortreffliche menschliche Seele aus dem tiefen Schlamme, m den sie gerathen kann und so oft gcräkh, errette, ihr ihre beste schöne glänzende gute Gestalt und ihr ursprüngliches Glück wieder gebe. Und dies ist das Amt, mit dem Worte, das menschliche Seelen glücklich machen kann; in dem großen Gesichtspunkte für den Nutzen der Menschheit habe ichS betrachtet, und mich würdig zu machen gesucht, diesen großen Zweck von meiner Seite zu erreichen- Man »erstatte mir also, m. Z.. einige Rechenschaft von dem Wege zu geben, auf dem ich dies gesucht habe. Es redet in meinem Vortrage nicht Stolz und Eigenliebe: cs redet ein Redlicher, der, indem er auf eine Zeitlang sein Amt vor einer Gemeinde niederlegt, das Buch — nicht seiner Verdienste aufschlägt, sondern das Buch der Schulden vorbringt, die er hatte abtragen sollen. Das Wort des Predigt amls soll Seelen selig machen; und was kann also wohl eine frühere Pflicht als die seyn, inenschliche Seelen zu kennen, sie von Christliche Rede« 3Zr rbren guten und bösen Seiten, von ihren Höhen und Liefen, von ihren Schlupfwinkeln und offenen Seiten aus, zu kennen, sie so vorzuftellen, sie durch diese Vorstellung zu bessern? das «st also das große Studium eines Predigers, in welchem er sein Leben durch nicht zu weit kommen kann, und auf welchem alle seine Werke beruhen, menschliche Seelen glücklich zu machen. In der Welt rührt uns eigentlich nichts als was wirklich menschlich ist, was aus den Empfindungen unsers Herzens bervorgeschöpft, mit dem innern Baue unsers Wesens gleichsam verwandt ist. Blos bei Betrachtungen von der Art öffnet sich unsre Seele, sic erkennet sich in dem und jenem innern Zuge, und wie die Betrachtung wiederkömmt, so erkennet sie sie wieder. Sie macht die ihr vorgelegte Gesinnung zu ihrer eignen: das Wort wird in sie ge pflanz et: es wachset gleichsam mit den Destandthcilcn ihres Wesens zusammen: sie fangt sich an, darnach zu bilden. Das ist der einzige und eigentliche Weg wahrer menschlicher Bildung zur Glückseligkeit. Meine meisten und liebsten Predigten, m. Z., sind also m enscb! ich gewesen. Von dem zu reden , was unsre wahre Bestimmung hier in diesem pnd in einem andern Zustande scy: die eigentliche herrliche Natur des Menschen, zu der ihn sein Gott geschaffen, mit allen ihren Vorzügen ins Licht zu setzen: ins Licht zu setzen, wie weit sich der Mensch durch jedes Laster erniedrige, wie viel er durch jede Ruchlosigkeit seiner Natur zu seinem eignen Unglück beitrage: ins Licht zu setzen, wie sehr wir unser Glück bauen, wenn wir dem Anlagen unsrer Natur treu lind Ho Milien. 333 öleiben, unsre Vernunft und Gewissen herrschend in uns machen, in jeder Thatigkcit der Seele vollkommen werden, und blos dadurch Anspruch auf Glückseligkeit haben, wenn wir vor Gott und unscrm Gewissen in allem Umfange unsrer Bestimmung und Pflicht, mit aller Redlichkeit des Herzens und aller Wirksamkeit, das sind was wir seyn sollen. Menschliche Materien von der Art, das sind meine liebsten Materien gewesen, und keiner meiner Zuhörer, der mich öfters besucht, und mir die Güte bewiesen, mich beständig zu besuchen, wird in dem Katechismus menschlicher Bestimmung und Glückseligkeit hoffentlich beträchtliche Lücken gefunden haben. Insonderheit habe ich mir, m. A., zu mehr als einem Male eine Materie angelegen seyn lassen, ohne deren Wahrheit unsre ganze menschliche Bestimmung m Anlagen, Zwecken und Pflichten, brüchig und unvollkommen bleibt, die Lehre von der Unsterblichkeit der Seele. Ich habe sie zu beweisen und in ihrer Wichtigkeit und Folgen ans Her; der Menschen zu legen gesucht. Menschlichkeit also in ihrem ganzen Umfange, mit allen ihren edeln Gesinnungen für Gott, sich selbst und Andre, mit allen ihren brüderlichen und lheilnehmenden Empfindungen, mit allen ihren angenehmen Pflichten, "mit allen ihren hohen Anlagen und Fähigkeiten zur Glückseligkeit— Menschlichkeit in diesem großen Umfange, das war jederzeit das große Thema meiner Predigten, meines Unterrichtes, meiner Ermahnungen. Und hiernach eben, wenn ich in meiner Rechenschaft fortfahren darf, hiernach richtete sich auch einzig und allein mein Vertrag: er war menschlich, 3.?4 Christliche Reden Wenn ich mich nicht in dunkle und subtile Fragen, nicht in unbegreifliche Geheimnisse, nicht in gewährte Grübeleien verloren : wenn ich immer die Seiten wählte, die der menschlichen Seele zunächst vorliegen, die das Herz zuerst und am stärksten und tiefsten zu treffen pflegen, wenn ich gerne auch eine menschliche Sprache zu reden mich befliß — so hatte dies alles keine andern Gründe und Absichten, als ein würdiger Lehrer der Menscheit zu wer-' den. Ich weiß, daß diesen Gesichtspunkt nicht alle" von meinen Zuhörern, insonderheit die, die mich, wie die Taube Noahs, so einmal besuchten, um ein' Oclbkatt, um ein Wort abzubrechen, und es zu ihren Zwecken anzuwenden, getroffen haben. Ich weiß, daß manche die Güte gehabt, Mich für einen Welc- weisen in schwarzen Kleidern zu halten, der wohl nicht als Theolog predige, sondern dessen Lehren in ein ander Feld auf daö Katheder, und in das Kabine! gelehrter Leute, nicht aber auf Kanzeln gehörten. Allein diese Zuhörer haben zu vorrheilhaft von mir gcurtheilk. Das, was ich auf Kanzeln und vor dem Altäre vorgetragen, ist nie etwas weniger, als Gelehrsamkeit, es sind immer wichtige menschliche Lehren und Angelegenheiten gewesen. Zch/Ha- be sie nie gelehrt, sondern immer menschlich', ^mit der ganzen Sprache Meines Herzens Upd Meiner Lheilnahme vorgetrageni ich habe immer guS einer gefühlvollen Brust, und wie einer, der für'Me gute Sache der Menschheit eifert, geredet. Äühcr kam es, m. Z., daß ich mich so oft, um meinem Vortrag die gehörige Nutzbarkeit und Anwendung zu geben/in das Einzelne von menschlichen Pflichten, in den Beruf dieses und'jenes Standes, in die Feh- und Ho milieN. 335 ler dieses und jenes Lebensalters, in die Sache dieser und jener Bestimmung entließ. Daher kam eS, daß ich so gerne von der Erziehung der Kinder redete , Und über sie eiferte. Denn ach! von diesen Jahren des Lebens, von der guten und bösen Bildung unsrer Seele in ihnen hangt ja alles Glück und Unglück in unserm Leben ab, werden fromme und gottlose, üppige oder verdienstvolle, weiche oder starre Seelen, nichtswürdige öder edle Gemüthet, glückliche oder unglückliche Menschen auf ihre ganze Lebenszeit gebildet. Und welcher Menschenfreund, der in unfern Zeiten die so verwilderte Erziehung ansteht, und nur etwas die Folgen fühlen kann, die aus solcher Ecziehungsart entstehen, nur etwas den Werth einer menschlichen Seele, für welche Jesus gestorben ist, zu schätzen weiß, und die auf solche Weise für Zeit und Ewigkeit unglücklich gemacht wird — wer, der dieses einsieht, wird nicht mit redlichem Und vollem Herzen für eine Besserung der Sitten und Grundsätze an diesem Werke arbeite», das immer das wichtigste Werk der Menschheit ist! daher, daß ich mich so gerne auch in die häuslichen Pflichten eingelassen; denn wir mögen uns hinter so viele Allgemeinsatze.der Religion und der Moral verstecken, so sind wir drch immer zu sehr Menschen, als daß nicht von der Erfüllung und Vernachlässigung dieser Pflichten alles abhangen sollte. Daher, daß ich mich so gern in einzelne Personen und Len,-' peramcnte versetzte: denn einmal handelt doch jeder Mensch nach seiner persönlichen eigenen Denkart; er muß sich also selbst sehen, stark und lebendig geschildert sehen, Beweggründe aus seinem Herzen und nach der Wendung seiner Seele hören : «der man 226 Christliche Neben predigt tauben Ohren. Daher endlich, daß ich keine liebere Anweisung habe geben können, als dis Menschen zum wahren Genüsse ihres Lebens in aller Unschuld des Herzens, in aller Lauterkeit des Gewissens, aber auch mit allen Anlagen und Zwecken und Fähigkeiten zu genießen, zu leiten: denn das ist doch einmal der Zweck Gottes über unser Leben. Wenn ich also eine Philosophie gepredigt habe, so war es immer eine Philosophie der Menschheit; ich redete ein Wort, um menschliche Seelen glücklich zu machen. Darnach bestrebte ich mich auch, meinen äußerlichen Vortrag zu bilden. Die denken wenigstens etwas zu klein von mir, die meine Predigten für ein Geklingel von schönen Worten nach Beifall der Beredsamkeit, für eine Kette von Gleichnissen, Bildern und Anspielungen, um eine halbe Stunde zu divertiren und ein Prediger von Geschmack zu heißen, gehalten haben. So lange man noch nach einem geistlichen Amte ringt, so mag ein solches Schönthun, um zu gefallen, noch hingehen; aber von einem eingesetzten Prediger in seinem Amte ur- rheilt man immer ungerecht, wenn man ihm solche Absichten beimißt, die seinem Zwecke gerade entgegen stehen. Was kann ihm doch das wohl für ein Lob seyn, wenn ein gähnender Zuhörer sich aus der Kirchthüre drangt und ausruft: das war eine schöne Predigt! oder was kann seinem Zwecke hinderlicher seyn, als wenn man die heilige Stunde, da man ihn hört, zu einem Divertissement seiner Gedanken macht! Nichts in der Welt habe ich mehr Unl> HomilleN. 33^ verwünscht, als einen solchen kleinen Zweck zu hör re», bei dem alle wahre Besserung menschlicher Seelen verschwindet. Nie ist mir also ein rauschendes Lob so angenehm gewesen, als die stille redliche Thränc einet gerührten Seele, der fromme einfältige Seufzer: o wäre ich so! und die stille heitere Entschließung zur Besserung. Nie habe ich also auch große Leidenschaften zu erwecken gesucht: mit einet kleinen Anstrengung meiner Stimme, zumal in dieser Kirche, mit heftigen Ausrufungen, wohl gar mit erpreßten Thränen wäre dieses endlich wbhl möglich gewesen. Aber ich weiß, daß die wahre Besserung nie in einet wildetregten Seele, nie im Taumel von Empfindungen gewirkt wird; ich weiß, daß die Andacht, sobald sie übertäubend und so ansteckend wird, wie das Gähnen oder wie der elektrische Funke, so bald votübergeht, als sie kam und Man die Kirchenlust ändert. Und daher, m. Z. , waren das meine liebsten Vorträge, für eine stille heitre Seele zu predigen, meine Zuhörer in ein sanftes Nachdenken, in einen heiligen Gang von Gedanken, Überlegungen, Entschlüssen zu bringen, ihnen die Lehre, die ich vortrug, so wichtig, so menschlich, so interessant zu machen, als eS möglich war, und ihnen erst Gründe zur Besserung, erst einen Geschmack an der Wahrheit, die ich sie lieben lehrte, zu geben, ehe ich aus ihren Entschluß Und auf die Annahme derselben drang. Vielleicht mag eS sich daher auch erklären lassen, wenn Man sagt, daß Meine Predigten am Ende oft malt würden, statt daß andre ihr Feuer dahin recht verspüren. Keine meiner Predigten hat freilich von solchen Endanwcndun» Herders Werke i. Siel,«. Lhesl, IV« Ä 338 Christliche Reden gen gewußt, ich habe immer Pflicht und Gründe vereinigt, und keine ohne die andre vortragen wollen; meine ganze Predigt mußte also menschliche Anwendung seyn, oder sie war außer meinem Zwecke. Daher auch, m. A., daß ich so gerne in menschlichen Worten, in verständlichen Ausdrücken unserS Umganges, und nur dann in der Sprache der Bibel redete, wenn ich diese erklärt hatte, wenn sie deutlich war, wenn sie ans Herz drang. Das ist noch keine biblische Predigt, die blvs eine Kette von biblischen Worten und Ausdrücken ohne Verstand und Zusammenhang ist: sondern das ist eine biblische Predigt, die nach den Lehren der Schrift in unsrer Sprache des Lebens so deutlich, so nachdrücklich, so eigenthümlich für uns ist, als der Vortrag der Bibel zu den Zeiten war, in welchen sie geschrieben worden. Blos hievon hängt der wahre Geschmack an der Religion ab. So lange wir blvs auswendig gelernte Worte wissen, die wir um so weniger verstehen, je früher wir sie gelernet, je mehr sie gäng und gebe sind, je weniger wir uns je Mühe haben geben wollen, darüber nachzudenken: so lange wird man immer die Verlegenheit sehen, daß die Christen lernen und lernen, und doch nicht zur Erkenntniß der Wahrheit kommen; man wird immer sehen, daß eine Person von den besten Einsichten, von den gesellschaftlichsten Talenten, von geläufigem Vortrage über alle Materien bei keiner einzigen stutzig wird, als wenn sie sich etwas aus der Religion erklären soll: und über nichts so sehr in Verwirrung geräth, als wenn sie einen genauen Gedanken über das sagen muß, was doch wirklich ihr« vornehmste Wissenschaft seyn soll. Woher ent- und Ho milien. 23g steht diese Verlegenheit, diese verworrene Miene, diese blöde wortlose Armuth? aus einer Armuth an bestimmten Gedanken, daraus, daß man in der Religion Worte lernt, ohne Sachen zu denken, daß wir über die menschliche Angelegenheiten der Religion nicht so nachdrücklich denken lernen, als über jede andre Angelegenheit unsers Lebens. Wie glücklich wäre ich, wenn ich meinen Zweck erreicht hatte, in den Sachen, über die ich geredet, so menschlich belehrt zu haben, daß jeder meiner Zuhörer es zu sich selbst immer sagen könnte; „da lernte ich eine Lehre verstehen, die mir dunkel war; da glauben, von dem ich vorher die falschesten Begriffe halte; da ward in mich, in meiner menschlichen Sprüche, nach meiner Denkart ein Wort gepflanzt, was ich noch itzt habe, und was meine Seele glücklich macht! Darum aber, m. Z., war mein Wort nicht bloßes Menschenwvrt, sondern, wie es denn wahrhaft ist, ein Wort Gottes. Von Gott hängt doch einmal unser ganzes Daseyn in Zeit und Ewigkeit ab. Wir sind aus seiner Hand gekommen, leben in seiner Hand, und werden einst spät oder frühe in seine Hand zurückkehrcn. Er gab uns also unsre Menschheit und in ihr alle unsre Anlagen zur Glückseligkeit und Nutzbarkeit in der Welt. Ergab uns unsre Pflichten: Pflichten, die so genau mit unsrer Natur verbunden sind, daß ohne sie unsre Glückseligkeit nicht bestehen kann. Er gab uns un» sre Kenntnisse und lehrte die Menschen, „was sie wissen," er gab uns, da unsre Natur verfallen und elend war, eine Wiederkehr zur Glückseligkeit und P 2 Christliche Reden 340 einer Gnade, durch die Erlösung Jesu; er gab uns eine hohe, göttliche Mitwirkung, um wieder zu der ursprünglichen Hoheit unsrer Natur und Glückseligkeit in dieser zu gelangen. So hangt alles, was menschliche Seelen glücklich machen kann, von Gott ab: und „das ist demnach das ewige Leben, daß wir ihn, den allein wahren Gott, und den er gesendet hat, Jesum Christum, erkennen." Die Er- kenntniß unsrer Abhängigkeit von Gott, der Weg, die Gnade des Höchsten zu erlangen, und für immer zu erhalten, die große Aufmunterung, immer vor Gott zu wandeln, und alles aus Beweggründen vor ihm zu khun, die große Pflicht, vollkommen wie er zu werden— da, m. A., ist der Grund unsrer Lehre, das Wort von Gott und von dem, den er gesendet hat, Jesu. Und so ist sie auch uns gewesen. Ich habein einer eignen Predigt die Lehre zu erklären und überzeugend zu machen gesucht, daß unsre heilige Schrift von Gott einqegeben und ein Wort sey, Seelen selig zu machen; und sie war in allen meinen Predigten der Grund meiner Betrachtungen und die Quelle meines Wortes, das ich in menschliche Seelen zu pflanzen suchte. Erhabne und würdige Begriffe von Gott zu verbreiten, unsre Abhängigkeit von ihm und seiner Vorsehung im rechten Lichte zu zeigen, den großen Zweck, nach seiner Gnade zu trachten, den vortrefflichen Charakter Christi zu entwickeln, ihn in allem, was groß und edel ist, zum Vorbilde zu machen, den Glauben und das Zutrauen aus Gott in Zeit und Ewigkeit zu befestigen, das war meine Absicht. Meine Worte waren nicht mensch- und Homilien. ?4t liche, sondern göttliche Worte, menschliche Seelen zur Glückseligkeit zu leiten. In eilen diesen Betrachtungen, m. Z., ist das Amt eines Predigers nicht schätzbar und vortrefflich? Und wenn er auch nur einige von diesen Zwecken erreicht, welchen cdlern schöner» Zweck gicbt es unter allen Zwecken in der Welt? Ein Wort, um menschliche Seelen glücklich zu machen — welch eine gute vortreffliche Bestimmung, wenn ihn die Vorsehung zu dem gesegneten Werkzeuge gebrauchet, um dies zu erreichen ! Ist es denn nichts, unwissenden Menschen Begriffe von Gott, von sich selbst, von Andern, und Wahrheiten beizubringcn, deren Anwendung sie zu gebildeten, glücklichen, christlichen Menschen machen kann? Ist es denn nichts, einem Irrenden Zweifel und Vorurtheile zu benehmen, die ihn ängstigen und quälen, ihm also das Beste, was ein Mensch haben kann, die Ruhe seiner Seele, wiederzugeben? ihn darüber gewiß zu machen, was er ist und seyn soll? Ist es denn nichts, einen Ruchlosen und Vösewicht, der sich selbst und andere in die Arme des Lasters, des Unglücks und der Verzweiflung zog, zu erschüttern, und ihn auf den Weg der Tugend und Rechtschaffenheit wieder zu bringen, oster ihm wenigstens die Hand zu fesseln, mit der er nach dem Throne der Tugend und Unschuld griff, um alles zu verwüsten? ihm die Hand zu fesseln, in der er die Fackel hatte, alle Tempel der Religion niederzubrcnncn? Ist cs denn nichts, einer gequälten, angstvollen Seele, bei ihren redlichen Absichten und Gewissensängsten , Zufriedenheit, Trost in ihren dunkeln Stunden, wenn 3g 2 Christliche Reden nichts sie tröstet, und Ruhe beim Abschiede aus die- ser Welt, und Seligkeit in dem künftigen Daseyii zu geben? Ist das nichts? — O eine einzige menschliche Seele selig zu machen! und sich selbst dieses tröstende Zeugnis geben zu können: schon das ist himmlische, göttliche Bestimmung und Seligkeit! Und an vielen Menscbeuseclcn , und auf viele Arten, und für Zeit und Ewigkeit das zu thun: was geht über diese große Bestimmung! über den Triumph, ein so nützliches Werkzeug der Menschheit, ein Gott der Erde, ein Seligmachcr der Menschen gewesen zu sivn! Was geht über das Amt, ein Wort zu predigen, das menschliche Seelen selig machen kann! — Wie hoch, m, 3 , halten wir nicht einen Freund, der nur das Mittel in seiner Hand hat, eine oder einige traurige Stunden uns heiler und vergnügt zu machen? Wir schätzen seine Gesellschaft hoch, wir wallfahrten zu ihm, als zu einer Quelle des Vergnügens, wir haben ihn auch in seiner Abwesenheit, auch oft nach seinem Tode lieb, und freuen uns, so oft sein Name genannt wird. — Und er schafft uns nur einzelne Stunden der Freude: wie, wenn nun ein andrer uns wirklich reel nützlich wird, und auf eine lange Zeit den wahrhaften Grund unserer Glückseligkeit gelegt hat: er ist der Stifter unserer Freude auf Jahre, auf eine ganze Lebenszeit geworden — wie weit Höker ist das! und was ist alles gegen das Work, das die Seele nicht blos auf Jahre, nicht blos auf eine Lebenszeit, die, so lange sie seyn mag, doch immer kurz ist, sondern auf eine Ewigkeit, auf unser ganzes Daseyn, so lange es wahre:, selig, glücklich, vergnügt, zufrieden, all- genießcnd machen kann, auf ein Dasexn, das so und Homilien. 3^3 lange dauert, als die Gottheit selbst! Und das, m. Z., ist, nach den Vorzügen, unsre Bibel, das Wort unsrer Religion. Eö zeigt unS den Weg, aus unserm Schlamme, aus dem Verderben unsrer Natur hier in der Welt schon zu einem beruhigten Gewissen, zum Genüsse der Freundschaft Gottes, zur größten Zufriedenheit und Seligkeit zu kommen. Welch eine Lehre, die menschlichen Seelen das geben kann, wvrnach alle Plane der Weltweiscn von jeher vergebens gesucht haben! Und es wolle die göttliche Gnade, daß auch das Wort, das ich gepredigt babe, nur einige von diesen großen Zwecken erreicht hätte! Wie glücklich, wie zufrieden Ware ich, wenn ich das Zutruen baden könnte, daß der Richter aller Welt auch meine Arbeit dieser Jahre nicht ganz ohne Zweck und Nutzen erkennen dürste, sondern daß sie wirklich zur Glückseligkeit menschlicher Seelen beigelragcn hatte! Freilich, zu äußerlicher Glückseligkeit und was die Welt so nennen möge, Silber und Gold, Reich, thum und Gepränge und Ehrenzeichen, zu alle dem haben meine Predigten nichts beitragen können: da sage ich, wie Petrus: „Silber und Gold habe ich nicht!" Aber ist denn unter meinen bisherigen, so öftern, so geliebten Zuhörern keine Seele, die auch nur in der Stille, zu sich selbst, vor ihrem Gewissen und vor Gott sagen könne: daß sic etwa durch meine Worte Nutzen geschöpft ? keine redliche Seele, die sagen könne: „ich war unwissend in der Wahrheit der Religion, und was ich von Gott, vom Gewissen und der Ewigkeit glauben oder nicht glauben sollte; jetzt habe ich von diesen Christliche Reden ^44 Sachen wahrhafte, feste und große Begriffe. Meine Zweifel sind mir widerlegt, die leichtsinnige Widersetzlichkeit meines Herzens zu Boden geschlagen. Gott» lob! jetzt weiß ich, was ich glaube, und weiß es gewiß?" Ist keine gute Seele, die sagen könne: „Voraus hatte ich keinen Geschmack an den Wahr, heiten der Religion, ich glaubte, daß sie auswendig gelernte, abgenutzte Formeln wären: nun sehe ich, haß cs Wahrheiten, gewisse Wahrheiten und daß diese der Grund meiner Glückseligkeit sind; ich höre sie gerne und denke ihnen gerne nach: ich suche sie in mich zu pflanzen, ich bringe sie zur Ausübung?" Ist keine redliche Seele, die sagen konnte: „Voraus hatte ich von Buße und Aenderung der Seele alberne Mönchsbegriffe: jetzt sehe ich dieses wirklich als mein Ziel, mein Vergnügen, als meine Voll, endung in dieser Welt an, an der ich mit Eifer und Wohlgefallen arbeite, in der ich meine Seligkeit finde?" Ist keine redliche Seele, die sage: „Voraus hatte ich duffe und jene Gcmüthsuuruhc: sie ist mir genommen, ich weiß, woran ich mich im Leben und Tode zu halten habe: ich lebe und sterbe selig?" — Ist dies nicht, ist keine Seele unter uns, die sich einer guten erbaulichen Stunde des Unterrichts, der Lehre, der Ucberzeugung, der Besserung, der Tröstung erinnre? keine, die sich cr- innre, aus diesem Tempel je von mir mit gerührtem Herzen, mit überzeugter Seele, mit Vorsätzen zur Besserung, mit getröstetem Mulhe gegangen zu se»n? — freilich, so wäre mein Amt vergeblich gewesen ! so müßte ich mit einem niedergeschlagenen Bücke das Buch meiner hiesigen Prcdigtlage niedcr- legen, und erröthen — und Homilien. A45 Aber, mein Gott! das hoffe ich nicht von deiner Gnade. Da ich das Wort der Religion jederzeit mit Redlichkeit, mit offnem vollem Herzen und mit den besten Absichten verkündigt« — eine innere Ueberzeugung der Seele laßt sich nicht verkennen — so habe auch ich, m. A., immer wenigstens so weit gute Spuren davon gehabt, als Menschen sehen können. Mit einem Vergnügen, das unabhängig ist von Stolz, von Eitelkeit auf meine Talente, oder gar von Eigennutz, welche Leidenschaften, wenn sie im Gewebe meiner Natur waren, ich ja auf andre Art befriedigen könnte, nein, m. Z., mit einem redlichen Vergnügen habe ich gesehen, daß eine gute Anzahl von Personen beiderlei Geschlechtes, Standes und Alters, sich gern und oft und willig zu meinen Predigten eingefunden, mir aufmerksam zu- gehörl haben; und warum sollte ich also nicht von der Gnade Gottes hoffen, daß ein redlich gemeintes Wort, das aus dem Herzen kam, nicht blos offene und willige Ohren, sondern auch eben solche Herzen gefunden habe? Ich habe ja gesehen, wie meine Stimme des Unterrichts, auch bei Seelen von verschiedener Denkart, Stand und Alter oft sichtbaren Eindruck gemacht, wie manche allmählig einen Geschmack an Wahrheiten fassen gelernt, an die sie vielleicht sonst in ihrem Leben nicht gedacht, und wie andre wenigstens eine äußerliche Ehrerbietung gegen die Religion bekommen, die sie voraus witzig verachtet hatten. Ich habe ja gesehen, daß auch selbst aus dem Alter, in dem man sonst am wenigsten der ernsthaften Stimme der Wahrheit Gehör giebt, aus dem Alter der Jugend, viele sich willig und ordentlich zu nur eingesunden, lieber ihren Ver- 346 Christliche Reden gnügungen und Lustbarkeiten, zu denen ihr Alter doch sonst so geneigt ist, entsagt, als meine Verträge versäumt Haben. Ich habe ja mit Vergnügen Beispiele gehabt, daß einige gutgcartete Seelen das Zutrauen zu mir hatten, mich auch besonders über verschiedene Wahrheiten der Religion, die sonst ihren Skrupeln ausgesetzt waren, persönlich und privatim zu befragen, wie z. B. über die Versetzung Gottes, über die Person des Erlösers, über die Eingebung der tzeiligen Schrift, über die Wirkungen des Geistes, über die Unsterblichkeit der Seele, über Taufe und Abendmahl; und ich habe meistens mit meinen Antworten und Belehrungen ihre Zufriedenheit und Beifall gewonnen. Ich tzabe ja gesehen, daß man mit dieser oder jener Materie gleichsam hörend noch nicht zufrieden gewesen, sondern sich schriftlich oder weiterhin mündlich die Belehrung darüber hat erweitern wollen. Ich habe tausend Aeu- ßerungen von Hetzen und niedcrn Zuhörern gesehen, daß ich ihrer Liebe, ihrer Achtung und Zutrauens nicht ganz unwürdig gewesen; und was kann ich anders, als für diese Gnade, Liebe und Gewogenheit allen meinen Zuhörern nach Stand und Würden , den tiefsten und innigsten Dank meines Herzens darbringen, u. s. w. Nehmet das Wort an mit Sanft- muth, das in euch gepflanzet ist Erinnert euch an die Wahrheiten, die ich euch so oft gepredigt, und die, wenn ich mich nicht irre, viele edle Seelen mit so viel Willigkeit und Begierde in sich gepflanzt haben. Das wolle der Himmel nicht, daß das blos ein Wort gewesen sepn sollte, das eine und Ho Milien. 347 Stunde hin gedacht und alsdann verflogen sev; sondern meine Worte müssen im Gedächtnisse, und was noch mehr ist, im Herzen meiner Zuhörer leben. Ich bin verschiedentlich von meinen Zuhörern ersucht worden, Predigten ihnen im Drucke zu liefern: ich habe cS verbeten: nicht aus Furcht oder aus falscher Bescheidenheit, sondern aus Grundsätzen. Predigten müssen gehalten seyn, sie müssen lcbenvig gefaßt, sie müssen im Herzen und nicht auf dem Papiere bleiben, sic müssen ewigen Eindruck Nachlassen. Da verwahre man sie, da drücke man sie sich tief ein, das Wort, das in uns gepflanzt werden soll, und Gott wird sein Gedeihen dazu geben. Wir wollen uns nicht daran gewöhnen, eine Predigt nach ihrer Disposition so aus dem Gedächtnisse hersagen zu können, sondern wir wollen sie mit ganzem offnem Herzen hören. Wir wollen uns den Eindrücken derselben überlassen, und sie auf dem Grunde unsrer Seele einpflanzcn: so werden sie bleiben und Früchte tragen. Und sollte ich nicht die Hoffnung haben, daß von den vielen Blüthen, die ich gesehen, nicht auch in meiner Abwesenheit sich schöne Früchte zeigen sollten? — Dies, m. Z., ist die beste Art des Gedächtnisses, das ich Nachlasse, und des guten Andenkens , das ich mir erbitte. Wenn sich eine Seele etwa eines guten Wortes, einer Ermahnung, eines Unterrichtes, eines guten Rathes, einer Belehrung, eines Trostes von mir erinnert, wenn dies gute Wort alsdann vermögend wäre, sie etwa vom Entschlüsse des Bösen zurückzuhalten, die Liebe zum Guten in ihr zu befestigen, oder Trost und Heiterkeit in ihr Christliche Rede» 348 auszubreiten, wenn sie sich alsdann meiner im besten erinnert, und Segen von meiner Erinnerung hat — Gott! siehe, das ist mein Wunsch und meine denntthige letzte Bitte vor deinem Throne an dieser Stelle! Gieb du das Gedeihen zu dem Guten, das ich in Schule und Kirche durch öffentlichen und besondern Unterricht gepflanzt, wenigstens mit Müde und Sorgfalt gepflanzt habe - mache du es gedeihen! Und wie sehr, m> Z., habe ich nöthig, dieses von Gott zu erbitten, da ich ja so oft Gelegenheit gehabt, zu sehen, wie wenig auch in Besserung der Menschen menschliche Bemühungen oft ausrichten können. Wie oft habe ich gesehen, daß z. E- die, die kurz voraus einem Vortrage von der Menschenliebe zuhörren, und mit innigem Gefühle zu fühlen schienen, doch hingingen, um in ihrer Menschcn- seindschaft, in ihrer Unterdrückung fortzufahrcn, oder nur Gelegenheit nahmen, ihre Uebervorthcüungcn feiner zu machen. Wie oft haben sich Beispiele gezeigt, daß auch Jünglinge von sonst großen Hoffnungen , die dem Eindruck der Religion Gehör zu geben schienen, doch plötzlich umfchlugen und die Hoffnung vereitelten!-Aber wir wollen unfern Muth nicht sinken lassen, zu ermahnen. Nehmet das Wort an, das in euch gepflanzt ist! Menschen, gebt der Religion Gehör, von der all euer Glück abhangt! Was sind die Güter der Erde, was ist ein eitler Name, was ist ein crscharrter Reichthum, was sind unmäßige Wollüste, Zerstreuungen und Ergötzlichkeitcn? — wahrlich Unseligkci- ten, die nur eine Zeitlang blenden und betäuben und Ho Milien. 349 können, aber nachher mit Ekel, mit Abscheu, mit Strafen lohnen! Die wahre Glückseligkeit besteht schon hier in der Ordnung der Seele, und liegt nicht auf dem Wege der Ausschweifung und des Lasters — und bald, ach wie bald! müssen wir sterben und sind nicht mehr. Wo bleiben dann alle unsre feindlichen Freuden und Ergötzungen t alles hinter unS! Nur eines nehmen wir mit: Gefühl der Gnade Gottes, eine beruhigte, gebesserte, heitere, tugendhafte Seele, und den Genuß des Lohnes guter Werke. Darum nehmet das Wort an, das in euch gepflanzt ist! Und fo, m. Z., lege ich denn jetzt mit diesem Worte das Amt nieder, das ich seit zwei Jahren als Prediget dieser Kirche auf den Ruf meiner Obrigkeit geführt habe, und von dem ich jetzt auf Meine Bitte zu Vergünstigung meiner Reise von meiner Obrigkeit erlassen bin. Da ich sehe, daß man sich in Absicht auf meinen Entschluß zur Reife, zum Theile aus gutem Herzen, so häufig irrst, so wird man mir erlauben, daß ich die wahre Idee der Sache so gebe, wie sie bei mir ist, und mir darin die Wahrhaftigkeit zulrauen, die man jedem ehrlichen Manne zutraut, wenn er etwas von sich sagt. Ich gehe auf eine Reise, ohne daß ichs im Sinne hatte, aus Unzufriedenheit mit meinem Orte Und Mit meiner Stelle, wo ich Mehr Liebe und Ächtung genoß, als ich verdiente, mich gleichsam wcgzustehlen. Ich gehe, ohne daß ich etwa ein auswärtiges Engagement vorhatte, zu dem ich mich Hinsichten wollte. Ich hatte oft Gelegenheit gehabt, ein solches anzunchmen, da es mir in 25o Christliche Reden geistlichen und gelehrten Ehrenstellen auswärts angetragen worden; allein ich habe es auSgcschlagen, und ich weiß nicht, warum, wenn das der Zweck meiner Reise wäre, ich nicht mit einem offenen Bekenntnisse lieber Weggehen könnte. Meine einzige Absicht ist die, die Welt meines Gottes von mehr Seiten kennen zu lernen, und von mehr Seiten meinem Stande brauchbar zu werden, als ich bisher Gelegenheit gehabt, es zu werden. Dazu fühle ich in mir Anlagen, und diese sind ein innerer Ruf Gottes an uns, der zu unsrer Bestimmung gehört, und dem wir folgen müssen. In diesem Punkte stehe ich allein vor Gott und meinem Gewissen; da will ich mich über die Redlichkeit meiner Absichten richten lassen, und nicht von den Vermuthungcn der Menschen. Den Vorwurf kann man mir nicht machen, daß ich meinen geistlichen Stand aufgebe: denn den gebe ich nicht auf; ich habe vielmehr eine eifrige brennende Begierde, in ihm noch nützlicher und würdiger zu werden. Eine Gemeinde verlass^ ich eigentlich noch nicht, da ich keine eigentliche Seelsorge bisher gehabt, und keine Beichtkinder, oder mir eigentlich persönlich anvertraute Seelen verlasse; da man es auch nicht der Ordnung gemäß gefunden, mir Beichtstühle anzuvertrauen, so sehe ich mich blvs als Hcffnungs- und Hülfsprediger, und also meine Lage als die einzige an, wo ich noch meinen Plan ausführen, oder ihn für immer aufgeben müßte. Und ist da wohl ein geistliches Verbrechen, wenn ein Hoffnungs- und Hülfsprediger deswegen eine Reise unternimmt, um etwa die Hoffnung und Erwartung von ihm noch mehr zu erhöhen, und als» einst mehr als Hoffnungs- und Hülfsprediger sepn zu können? Man erzeige mir also die Güte, meine Absicht von der guten Seite anzusehen, von der ich sie gefaßt, mich des geneigten Andenkens auch in meiner Abwesenbeil zu würdigen, und mir übrigens von Gott das Glück zu erbitten < daß ich mit den Früchten, die ich auswärts zu sammeln gehe, hier an diesem geliebten Orte, den ich gewiß liebe und für den ich nicht die Hoffnung aufgebe, auch in der Zukunft nützlich zu werden, oder an einem andern, wo mich Gott hinführl, ihm ein angenehmes Opfer bringen könne das ist mein Wunsch, meine Bitte und Hoffnung! So gehen wir beide aus einander, und werfen uns übrigens in die Hand Gottes. Ich wünsche nicht Aergernisse im Andenken meiner Zuhörer nachzulassen , die meinen Namen auf eine bösartige Weise schwärzen. Alle meine Fehler und Schwachheiten aber, die aus meinem Temperamente, aus meinen Jahren mögen geäußert seyn. wolle die christliche Liebe meiner Freunde und Zuhörer bedecken. Wir wollen uns hier noch bei unserm letzten freundschaftlichen Abschiede die Hände geben, oder vielmehr, wir wollen uns hier unter Gottes heiligem und allsehendcm Auge verbinden, daß wir beide die Wohlfahrt unsrer Seelen in Gott mir Redlichkeit und Aufrichtigkeit suchen und lebenslang darnach streben wollen, um uns wenigstens in der Ewigkeit wieder zu sehen, wo uns keine Trennung mehr bevorsteht. Ich gehe weg und erwarte meine übrigen Verhängnisse und die Bitterkeit und Süßigkeit meines zukünftigen Lebens aus der Hand meines Gottes, der doch niemand ganz unglücklich läßt, der nur 352 Christliche Reden und Homilien. seiner Vorsehung und seinem Willen treu ist. Diese Hoffnung, diese Gefaßtheit auf den guten Willen meines Gottes nehme ich mit mir und sic ist mir Unterstützung und Reichthum. Die Erinnerung, die ich in meinem Herzen von dieser Gemeine mitneh- me, ist die beste, daß ich in meinem Amte das Glück gehabt, Personen zu kennen, die edel dachten und die Religion liebten: diese Erinnerung bewahre ich in meinem Herzen und in meinem Gebete. Betet auch für mich, meine Freunde, daß cs auch mir wohl gehe, und daß Gott mit mir mache, was er nach seinen weisen Absichten für mich als da- best« erkennet. XXXVIII. XXXVIII. Stellen aus den Vorreden zu verschiedenen Ausgaben des Weimarischen Gesangbuches. I. Zur Ausgabe von 1778. ^s stund nicht in meiner Macht, abzuandern, wie ich wollte. Ich habe, wo hin und wieder die alten, zumal Luthers Lieder, durch Druckfehler verstellt waren, sorgfältig die alte, wahre Lesart her- vorgesncht, und glaube, den Rest dieser Vorrede nicht besser anwenden zu können, als wenn ich von dem Schatze und Kleinode rede, das wir an einem alten acht lutherischen Gesangbuche haben, und wie ein solches kaum —oder gerade herauszusagen — ganz und gar nicht durch neue Correk kuren und Reime ersetzt werde. Ich schreibe dies nicht, um fremde Gesangbücher zu richten, sondern um das gegenwärtige, das manche vielleicht ein ausge- HcrdersWerker.diel, u.Theel. IV. A 35ch Christliche Reden wärmtes Flickmerk alter Gesänge heißen werden, zu entschuldigen und dessen guten Gebrauch zu zeigen. Luther, in der dritten Vorrede zu seinem Gesangbuchs sagt, „weil ich sehe, daß des täglichen Zulhuns ohne allen Unterschied, wie cs einem jeglichen gutdünkt, will keine Masse werden, über das, daß auch die ersten Lieder je länger, je falscher gedruckt werden, habe ich Sorge, es werde diesem Büchlein die Länge gehen, wie's allezeit guten Büchern gangen ist, daß sie durch ungeschickter Köpfe Zusätze so gar überschüttet und verwüstet sind, daß man das Gute drunter verloren, und allein das Unnütze im Brauche behalten hat Bitte und vermahne alle, die das reine Wort lieb haben, wollten solches unser Büchlein hinfort ohne unfern Willen nicht mehr bessern oder mehren, wo es aber ohne unser Wissen gebessert würde, daß man wüßte, es sey nicht unser zu Wittenberg ausgegangenes Büchlein — Kann doch ein jeglicher wohl selbst ein eigen Büchlein voll Lieder zusammenbringen, und das unser für sich allein lassen ungemchrt bleiben, wie wir bitten, begehren und hiermit bezeugt haben wollen. Denn wir ja auch gern unsere Münze in unserer Würde behalten, niemand unvergönnt für sich eine bessere zu machen, auf daß Gottes Name allein gepriesen, und unser Name nicht gesucht werde. Amen." ^ Und mich dünkt, diese Forderung ist billig. Ein Wahrheit- und Herzensgesang, wie die Lieder Luthers alle waren, bleibt nie mehr derselbe, wenn ihn jede fremde Hand nach ihrem Gefallen ändert, so wenig unser Gesicht dasselbe bliebe, wenn jeder und Homilien. 355 Vorübergehende darein schneiden, rücken und andern könnte, wie's ihm, dem Vorübergehenden, gefiele. Wer die Entstehung dieser Lieder und die Geschichte unsrer Kirche weiß, dem darf ich's nicht beweisen, daß sie achte Gepräge unsers Ursprungs und der Rcinigkcit unsrer Lehre sind, und kein gesunder und würdiger Nachkomme wird das ererbte Siegel und Ehrenzeichen seines Stammes um ein Bild von der Gasse weggcben, wenn's auch noch so schön gewählt wäre. Der Kirche Gottes liegt unendlich mehr an Lehre an Wort und Zeugnis, in der Kraft seines Ursprunges und der ersten gesunden Blüthe seines Wuchses, als an einem bessern Reime, oder einem schon- und matten Verse. Keine Christengemeinde kommt zusammen, sich in Poesie zu üben, sondern Gott zu dienen, sich selbst zu ermahnen mit Psalmen und Lobgesängcn, geistlichen und lieblichen Liedern, und dem Herrn zu singen in ihrem Herzen. Und dazu sind offenbar die alten Lieder viel tauglicher, als die neuveränderten oder gar viele der neuen: ich nehme dabei alle gesunde Herzen und Gewissen zu Zeugen. In den Gesängen Luthers, seiner Mit- gehülftn und Nachfolger, (so lange man noch ächte Kirchenlieder machen und nicht schöne Poesie dichten wollte:) welche Seele, welche ganze Brust ist in ihnen! Aus dem Herzen entsprungen, gehen sie zu Herzen s erheben dasselbe, trösten, lehren, unterrichten, daß man sich immer im Lande der geglaubten Wahrheit, in Gottes Gemeine, in freiem Raume außer seiner alltäglichen Denkart und 3 2 356 Christliche Reden geschäftigen Nichtsthiicrei fühlt. Eins geworden mit vielen Andern, die Ein Anliegen mit uns vor Gottes Thron treibt, und Einerlei Vckenntniß, Eine Hoffnung, Ein Trost beseelet, fühlt mein sich wie in einem Strome zur andern Welt hin, fühlt, was es sey: ich glaube eine christliche Kirche und ein ewiges Leben. In allen Gesängen, die uns diese Ausbreitung und Erhebung nicht geben , die uns nicht mit dem unmittelbaren Gefühle der Wahrheit und der Stimme einer höhcrn Welt durchschaucrn, bleiben wir, wo wir sind und wer wir sind; sie sind also billig, bei all ihrem Guten, keine Kirchenlieder, so lang wir bessere haben. Sollten diese letzteren, die ich die bessere nenne, nun auch in alten Melodien und Reimen seyn; sollten sie auch die treuherzige Sprache der verlebten Zeit, und hie und da zu viele Splben in einer Reihe haben: gerade diese alten Melodien, diese treuherzige Altvatersprache einer verlebten Zeit, und der ungezählte, hinüberlaufende Hcrzens- überfluß zu vieler Sylbcn und Worte macht auf eine bewundernswürdige Weise den Reiz und die Kraft dieser Lieder, so daß man nicht glätten, nicht rücken und schneiden kann, oder der erste unmittelbare Eindruck wird geschwächt, und das Ehrwürdige der alten Vatergestalt geht verloren. Was ich von dem umfassenden Geiste einiger dieser Lieder gesagt habe, gilt von dem unaussprechlich kindlichen Tone anderer alten Lieder ebenfalls. Es ist in ihnen die wakre Stimme der Einsamkeit und Gebelsstille aus dem Kämmerlein, wie sie Christus will, und man sieht aus jeder Zeile, daß nur und Ho milien. ZZ7 die selbstgefühlte Noth, das eigen gehabte Anliegen den Verfasser des Liedes also beten lehrt. Solche Lieder gehen ins bedrängte Herz, machen den VerS eines eben solchen alten Liedes wahr: Wenn ich in Nöthen bet' und sing': So wird mein Herz recht guter Ding'. Der Geist bezeugt, daß solches frei Des ewgen Lebens Vorschmack sey. So mancher müde Pilger der Erde hat sich oft an diesen Gefangen, als an der Stimme Gottes und treuer Zeugen der Vorwelt erquicket, sie sind ihm im Gedächtnisse, im Herz und Sinn gegenwärtig und komme ihm in der Stunde der Kümmerniß gern mit der Zeile, in dem Zuge wieder, der itzt seiner Seele am meisten noth ist. — Sollte es nun nicht hart heißen, Gesänge der Art zu verändern, d. i. lebendige Thcilc aus dem Gedächtnisse und der Seele so vieler guten Menschen wegzuschneiden? Es thut uns weh, weltliche Bücher, die wir früher gelesen, die mit uns aufwuchsen, in neuen Auflagen verändert zu sehen, weil cs uns ist, als wenn man uns etwas gegeben und wieder genommen, mithin empfindlich getäuscht habe; weit weher thut es uns, wenn diese Veränderungen uns kindliche erste Eindrücke der Religion rauben. Da fühlen wir mit Macht: „Gutes muß immer gut, Gold immer Gold bleiben." — Muß der reinen erhabnen Natur schon alle Kunst weichen, wie viel mehr der höchsten edelsten Natur, der Ire ligion Gottes. Solche Gesänge waren Gespielen unsrer schönsten Jahre, die 358 Christliche Reden Gefährten unsers Lebens, die Freude unscrS Hauses , die vertrauten Tröster in unsrer Noch; der ist ein Feind, der sie uns raube, oder mit jeder Zeile, die unS erst wohl that, und die wir itzt nicht wieder finden, einen Geißelschlag gebe. Und übcrdem machen sich ja die, für die geändert wird, meistens aus allen Kirchengesängen, wie diese auch seyn mögen, wenig. So singen sie doch mit innrer Verachtung oder Kalte, weil sie in einer andern Welt leben — und um ihrcntwillcn raubte man das Brod den Kindern? Ich halte also jedes Land, jede Provinz für glücklich, der man noch ihren alten Gottesdienst und ihr altes Gesangbuch laßt, und eine ganze Gemeinde nicht täglich oder sonntäglich mit Verbesserungen martert. Die Lieder'unsrer Kirche haben das Zeug- niß ihrer Würde auf sich, nämlich die.großen Eindrücke, die sic gemacht, die trefflichen Wirkungen, die sie erwiesen. Andere Religionsverwandte haben sic sich zugecignet, und uns lange darum beneidet: sie sind in so viel andre, selbst wilde Sprachen übersetzt, und haben überall Herzen gereget. Da wir unter ihnen durch den Dienst und Anfang Luthers die besten älteren Gesänge der Vorzeit, bis zu den Kirchenvätern hin, die reinen Gesänge der böhmischen Brüder und nachher so vieler andrer würdiger Männer besitzen, denen er auch im Gesänge die Bahn brach: so ists undankbar, diese Vorzüge unsrer Kirche, dies Gold zu verkennen, und um ein Nichts wegzugeben, wcnn's nur glänzt- Der beste Dank aber ist's, die alten Zeiten und den alten Geist in Häuser und Kirchen zurückzuführen, da man und Ho milien. 359 noch cm diesen Gesängen mit Andacht und ganzem Herzen hing, da ein Hausvater keimn Tag gelebt hakte, da er nicht im schönen singenden Kreise der Seinen ansing und schloß. Wenn Luther das alte Testament ein trauriges stummes Testament nennt, das neue aber, das sich mit laucer Lobge- sangen anhebt, ein fröhliches Testament, in dem man viel singen und loben soll: wahrlich, so müssen wir aus diesem neuen fröhlichen wohl immer mehr ins Alte Testament rücken, da die Stimme des geistlichen Gesanges uns von Jahr zu Jahr gleichgültiger wird und immer mehr schweigt. Gott bringe die herzlichen, fröhlichen und gemeinschaftlich lobsingenden Zeiten wieder, denn er kann's allein, und mache, daß auch dies Buch dazu beitrage und sie erlebe! II. Aus der Vorrede zu einer folgenden Ausgab e. — Luther, in seiner unvergleichlichen Vorrede zum Psalter, nennt cs dieses Buches edle Art und Tugend, „daß andere Bücher wohl viel von den Werken der Heiligen rumpeln, aber gar wenig von ihren Worten sagen: da ist der Psalter ein Ausbund, darin es auch so wohl und süße reucht, wenn man darinnc liefet, daß er nicht allein die Werke der Heiligen erzählet, sondern auch ihre Worte, wie sie mit Gott geredet und gebetet haben, und noch reden und beten. Denn ein menschlich Herz ist wie ein Schiff auf einem wilden Meere, welches die Sturmwinde von den vier Lertern der Welt trei- 36c, Christliche Reden bcn. Hier flösset her Furcht und Sorge vor zukünftigem Unfälle: dort fahret Grämen her, und Traurigkeit von gegenwärtigem Nebel. Hier wehet Hoffnung und Vermessenheit von zukünftigem Glücke, dort bläfet her Sicherheit und Freude in gegenwärtigen Gütern. Solche Sturmwinde aber lehren mit Ernst reden, und das Herz öffnen, und den Grund hcrausfchütten. Denn wer in Furcht und Noch steckt, redet viel anders vom Unfall, denn der in Freuden schwebet. — Was ist aber das meiste im Psalter, denn solch ernstlich Reden in allerlei solchen Sturmwinden? wo findet man feinere Worte von Freuden, denn die Lobpsalmcn oder Dankpsalmen haben? Da siehst du allen Heiligen ins Herz, wie in schöne lustige Gärten, ja wie in den Himmel, wie feine, herzliche, lustige Blumen darinnen aufgehcn von allerlei schönen fröhlichen Gedanken gegen Gott und seine Wohlthat. Wiederum, >vo findest du tiefere, kläglichere Worte von Traurigkeit, denn die Klagepsalmen. Da stehest du abermals allen Heiligen ins Herz, wie in den Tod, ja wie in den Tod, ja wie in die Hölle. Wie finster und dunkel ists da, von allerlei betrübtem Anblicke des Zornes Gottes. Also auch, wenn sie von Furcht und Hoffnung reden , brauchen sie solche Worte, daß dir kein Mahler also könnte die Furcht und Hoffnung abmahlen, und kein Redekundiger also vorbilden. „Und wie gesagt, ist das das Allerbeste, daß sie solche Worte gegen Gott und mit Gott reden : welches macht, daß zwicfältigcr Ernst und Leben in den Worten sind. Denn wo man sonst gegen Menschen in solchen Sachen redet, gehet cs und Homilicn. 36i nicht so stark von Herzen, brennet, lebet und dringet nicht so fast Daher kommets auch, daß der Psalter aller Heiligen Büchlein ist, und ein jeglicher, in waserlci Sachen er ist, Psalmen und Worte drinnen findet, die sich auf seine Sachen reimen und ihm so eben sind, als waren sie allein um seinetwillen also gesetzt, daß er sie auch selbst.nicht besser setzen, noch finden kann, noch wünschen mag. Welches denn auch dazu gut ist, daß, wenn einem solche Worte.gefallen, und sich mit ihm reimen, er gewiß wird, er sey in der Gemeinschaft der Heiligen, und habe allen Heiligen gegangen, wie's ihm geht, weil sie ein Liedlcin alle mit ihm singen: sonderlich , so er auch also kann gegen Gott reden, wie sie gethan haben ; welches im Glauben geschehen muß, denn einen gottlosen Menschen schmecken sie nicht." Mit der gehörigen Entfernung, die sich zwischen biblischen Psalmen und frommen Liedern der Kirche findet und finden muß, sollten diese Worte Luthers die Vorrede eines jeden christlichen Gesangbuchs in Absicht des Inhalts der Lieder und des Gebrauchs derselben seyn können. In ihm sollte nur das Herz christlicher heiliger gottergebener Personen reden, denen es um ihr Gebet und um ihren Gesang zu Gott ein Ernst ist; und so sollte das Gesangbuch auch nur gebraucht werden, daß man zu ihm gehe, als zu einem Garten auserwählter Blumen, als zu einem Quelle auserwählter herzlicher Reden zu Gott und vor Gott, über alle Hauptstücke christlicher Lehre, und über die vornehmsten Wegegnisse und Anstände des menschlichen Herzens. Da singt dir gleichsam eine andächtige, herzliche 362 Christliche Reden Stimme vor: wenn dir ihr Ton gefallt und du dich mit ihr in gleichen Umständen und Noth zu beten findest, so schließ dein Herz an das ihrige, sie werden deine und der Deinigcn Stimme: denn ein Gesang will gleichsam Vereinigung, und je mehrere dazu zu Hause oder im Tempel mit einer Seele zusammenstimmcn, desto besser klingt er. Auch wenn unser Herz zu träge ist, mit Gott zu sprechen und zu beten, so hat das Wort eines Gesanges Kraft, diese Träge abzuschütteln, diesen Schlummer zu vertreiben , und unser Herz nachzuschwingen, wo ihm schon eine andre Herzensstimme gleichsam die Bahn macht. In Krankheit, Schwachheit, unvorgeschener plötzlicher Noth, in Klcinmüthigkeit und Harker Versuchung, auf dem Todtenbctte, und überhaupt wenn unsre Seele ohnmächtig ist, unsre Sinne wanken, und die Gedanken, selbst zu beten, selbst Worte zu finden, uns — Vergehen wie ein Licht, Das hi» und her thut wanken, Weil ihm die Flamm' gebricht — was alsdann treffliche Verse und Worte der Lieder für Wirkungen haben, lehrt die Erfahrung. Christus selbst, da er auf Erden an unsrer Schwachheit Theil nahm, wehrte sich in seiner Versuchung mit Gottes Wort, mit Sprüchen der Bibel, die in fein Herz geprägt waren, und so sind auch die rührenden Stellen des Worts Gottes in Liedern, die sich übccdem dem Gedächtnisse mehr cindrücken, und die Gedanken durch ihr Maaß der Worte gleichsam rufen; sie sind wie Stäbe des Freundes, darauf sich der müde Wandrer stützt, wie heilige Funken, die und Ho Milien. 363 kr vom Altäre der Ehristenversammlung, und aus der Asche ernstlich frommer Leute, die mit diesem Liede gleichsam für ihn, für seine Noth, in seine Seele gebetet haben, herholt. Was ist in diesem Betrachte ein gutes Lied, das nicht spielt und tändelt , sondern von Herzensgründe zu Gott steigt, was ists für ein köstliches Rauchopfer auf dem Grabe dessen, der es machte, der es zuerst sang! So oft es erschallt und die Andacht menschlicher Herzen erweckt, spricht der fromme Tvdte aus seinem Grabe, und redet, wiewohl er gestorben ist: sein Andenken grünet im täglichen Handbuche der christlichen Andacht, und stiftet lange und im Stillen Gutes, da böse Lieder auch lange nach dem Tode des Sängers verderben und verführen. Gott gebe also auch den Liedern dieses Gesangbuchs viel von diesem guten Gebrauche und Segen; er schließe unsre Herzen auf, daß wir uns unter einander erbauen mit geistlichen und lieblichen Liedern, und dem Herrn singen und spielen in unfern Herzen. III. Aus der Vorrede zu der Ausgabe von 1796. In den Vorreden der vorhergehenden Auflagen dieses Gesangbuches, wurde sowohl der Werth der allen Lieder als auch die Schwierigkeiten bemerkt, die der Einführung eines neuen, durchaus verbesserten Gesangbuchs entgegenstanden. Die Einrichtung dieser Auflage wird hoffentlich beide Theile befriedigen; sowohl die, die die alten Gesänge unv er- 364 Christliche Reden ändert beinhalten wünschten, als auch die beträchtliche Zahl derer, die, nach dein Vorgänge fast aller deutschen Lander, eine nach unsrer neueren Sprache eingerichtete Sammlung von Liedern vielfältig verlangten. Beide von diesen Partheien haben in ihrem Sinne Recht. Ein Lied, das man in der Kindheit auswendig gelernt hat, will man nicht gern im Alter verändert Horen: einen Gesang, an dessen kr vollen Ausdrücken man sein Herz erquickte, an dem der Niedergeschlagene Trost, der Sterbende Hoffnung genoß, wünscht man nicht, etlicher schlechter Reime wegen, in eine andre Form gegossen, und fast unkenntlich gemacht zu sehen. Man wünscht mit dem Glauben der Vater auch die Lieder beizubehalten, iw denen jene ihren Glauben ausdrücktcn und stärkte». Selbst mit den Melodien kommt uns ihr aUfmun- terndes Andenken wieder. Andre hatten auch nicht Unrecht, daß manche Zeitumstände, in welchen jene Lieder entsprossen sind, z. B. die Drangsale der Reformation und des dreißigjährigen Krieges, auch viele Sectirereien und Wortstreitigkeiten in der Religion, gottlob vorüber- gcganqen und uns nicht mehr gegenwärtig sind; daß es also höchst unschicklich sei), im Namen solcher - Personen zu singen, die vor hundert oder zweihundert Jahren lebten, und jetzt im Himmel andere Gesänge anstimmen, als sie damals hienieden an- stimmen mußten. Man hat nicht Unrecht zu sagen, daß dieser Reichthum alter Lieder uns ja nicht die neuern rauben dürfe, die unfern Bedürfnissen, unsrer Sprache und Denkart naher sind, und wohl auch von so aufrichtigen Herzen gesungen wurden, als jene. Man stellte vor, daß mitten im Vorra- lhe alter Gesänge es uns oft wirklich an Liedern fehle, die unfern Zeitumstanden, oder einzelnen Materien, insonderheit praktischen Lehren, dergestalt angemessen sevn, wie jene alte Lieder ihren Zeilen warK; un- daß mancher Lehrer sich und Homilien. 365 sich in Verlegenheit befinde, wenn er außer dem Liede: O Gott, du frommer Gott, und ein paar andern Gefangen die Andacht seiner Gemeine auch in Liedern auf einzelne Pflichten und Lebensumstande zu richten wünschet. Es sey ja, sagten sie, unverantwortlich, den Schatz nicht gebrauchen zu wollen, der vor uns liegt, und den u'^-auch Gott gegeben. Den Wünschen beider wird durch die Veranstaltung dieses Gesangbuchs friedlich abgeholfen. AuS dem alten Gesangbuchc sind 358 Gesänge beibehalten; und man hat sorgfältig aus den verschiedenen Bezirken unscrs Landes Nachricht eingezogen, welche Gesänge, dort oder hier, öffentlich oder besonders im Gebrauche scyn. Diese alle behielt man unverändert bei, außer daß hie und da ein Ausdruck, der der Sprache oder dem Glauben entgegen ist, oder der gar zum Spotte eines gemeinen Sprüch- worts worden war, (wie es leider dergleichen Lieder- Ausdrücke viele gicbt) unmerklich, oft nur mit einem Buchstaben oder Worte, verbessert wurde. Dg die vorigen Auflagen des Gesangbuchs, bis sie vergriffen sind, im Gebrauche bleiben sollten: so durften auch keine unnütze oder schlechten Verse ausgelassen werden, damit bei den beibehaltenen Liedern der Kirchengesang nicht gestört würde. Diese Verbesserung , daß nämlich aus alten guten Liedern schlechte Strophen weggethan werden, bleibt einer zukünftigen Zeit Vorbehalten; und ich wünschte, sie wäre bald da. Daher glaube niemand, daß jeder Ausdruck oder jede Bvrstellungsart, die auch in diesen 353 bci- behaltenen Liedern verkommt, durch dies Bcibe- halten gebilligt oder gepriesen werde. Aus heiligem Eifer gaben sich in der altern Zeit viele mit Lieder- dichten ab, die dazu nicht geschaffen waren. Sobald cs ihnen gelang, die Sylbcn in Reim zu zwingen, und mit Geheimnissen der Religion, oder mit Kreuz und Leiden, etwa auch mit einem Kcrnspruche der Herders Werke j. Siel» u. Theos. I V. A a 366 Christliche Reden Bibel andächtig zu spielen; insonderheit wenn sie dabei wohlgemeinte herzliche Empfindungen rührend übertrieben, so ward ihr Lied ausgenommen und fand Beifall. Hier muß es eines jeden Lehrers ernstliche Sorge seyn, seinen Zuhörern vorsichtig und bescheiden zu zeigen, was auch in diesen alten Gesängen hie und da dem wahren Sinne des göttlichen Worts nicht gemäß sey, daß es z. B. keine Frömmigkeit sey, mit dem Namen Jesulein, oder mit andern Namen unsers hochgelobtcn Erlösers, mit seiner Krippe und Windeln, mit seinem Blute, Striemen und Wunden zu tändeln, daß die unseligen Uebertreibungen der V u ß- Aengstc nach mißverstandenen Worten einiger Psalmen eben so unevangelisch, als unwahr seyn, wenn sie von einem rohen oder fröhlichen Haufen gesungen werden ; daß wir, statt über Verfolgung der Feinde, über Kreuz und Leiden zu seufzen und zu klagen, unfern Feinden vielmehr mit stiller Großmuth verzeihen und uns hüten sollen, daß wir uns Kreuz und Leiden unnöthiger und un- bedachtsamer Weise nicht selbst zuziehn; endlich, daß alles Schmähen auf dies irdische Leben, alles murrende H i n au s se ufzen aus demselben, meistens nur Heuchelei und ein leerer Wortschall oder eine wahre Versündigung sey: denn Gott hat uns hieher gesetzt und wir müssen seinen Wink abwarten, wenn er uns wegrufe aus dem Leben. Vor solchen und andern Mißbrauchen des heiligen Gesanges muß jeder Lehrer seine Zuhörer treu warnen. Er muß zeigen, daß zu andern Zeiten und unter andern Umstanden dergleichen Ausdrücke wahr oder wenigstens verzeihlich gewesen seyn können, daß aber, da im Allgemeinen kaum einer aus Hunderten sie mit Wahrheit nachsingen wird, der öffentliche oder besondere Ehristengesang zu etwas Besserem da sey, als dergleichen leere Wort- schalle zu unterhalten. Zu dem Ende vergleiche man solche Lieder mit den ernsten, biedern Gesängen Lu- und Ho Milien. 367 therS, oder mit Worten und klaren Anweisungen Christi und der Apostel. Der gelindeste Weg, die Menschen von aller geheimen Heuchelei und Falschheit auch in Gesängen zu entwöhnen, ist, daß man sie zur Prüfung dessen, was sie singen, mit gutem, geraden Sinne und mit Liebe zur Wahrheit weise. Im öffentlichen Gottesdienste halte sich der Lehrer an diese Liebe zur Wahrheit. Mit Sorgfalt wähle er die Lieder aus, damit er seine Gemeinde nicht zu einer öffentlichen Lüge, das ist, zum Bekenntniß von Empfindungen zwinge, die sie weder hat noch haben darf. Dafür sey ihm das reine Wort Gottes in alten oder in neuen Liedern desto werther. Bisweilen ist ein großer Theil von einem Liede anstößig; es hat aber einzelne, unvergleichliche Verse. Wohlan! diese gebrauche der Lehrer; er wende sie in seinen Predigten an, und mache vorzüglich aus sie aufmerksam; das Schlechte lasse er an seinem Orte, damit es in der Stille verschwinde. Er trage Aufsicht, daß auch die ihm untergebenen Sänger und Schullehrer sich nicht aus alten Vorurthei- len gerade an das Schlechteste im Gesangbuche halten; sondern vielmehr, wie es die Kirchenordnung S. 670 vorschreibt, durch das Auswendiglernen guter Lieder in der Schule, die Kinder von Jugend auf das Beste fassen und verstehen lernen. Ein Aehnlichcs ist von dem hinzugekommcnen zweiten Th eile des Gesangbuchs Zusagen. Man nenne diese Lieder nicht mit Verachtung : neue Lieder ; einige derselben sind schon ein halb Jahrhundert alt, und sie werden, so wie wir, von Jahr zu Jahr älter. Manche sind seit zwanzig, dreißig Jahren in allen protestantischen Ländern Deutschlands öffentlich oder besonders gelesen oder gesungen worden, und haben ihre Probe bestanden. Sie stehen als zweiter Theil hier; mithin wollen sie die guten Lieder des ersten Thcils, als ihre älteren Geschwister, nicht verdrängen: denn olle christliche Lie- Aa, 363 Christliche Reden der bekennen Einen Herrn und Heiland. Beide enthalten einerlei Lehre, und weisen auf einerlei Hoffnung und Pflichten. Die alten Lieder thun cs meistens in einer kräftigeren Sprache; die jüngeren oft mit mehrerer Bestimmtheit und Klarheit. Jene dringen tiefer ins Herz; diese sind unfern Umstanden, unferm täglichen Ausdrucke, auch dem Bortrage unserer Predigten und Katechisation angemessener : denn man sage, was man will, es ist schlechterdings unmöglich, sich jetzt in Allem so auszu- drücken, wie man sich vor zweihundert Jahren ausdrückte. Man sagt, wenn man dies thun will, oft dieselben Worte, bei denen indes? wenige dafselbige denken; wer verständlich sepn will, muß in der Sprache sich nach seiner Zeit richten. Uebrigens sind diese Lieder, so wie die alten, nicht alle von einerlei Werthc; und ob man sich gleich viele Mühe gegeben hat, allenthalben her die besten zu sammlen, und aus diesen die leeren Verse zu verbannen: so bleibt doch jedem Lehrer und Zuhörer die Wahl übrig, auch aus ihnen das Beste zu wählen. Was nicht für ihn ist, ist für einen andern. Um diesen Lwdern einen guten Eingang zu verschaffen , merke man sich folgendes: r) Kein Lehrer zeige für die jüngeren Lieder eine solche Vorliebe, daß er die alten vergesse und ausschließc. Er denke, daß viele Zuhörer sind, die mit ihnen erwuchsen, und sich an ihre Ausdrücke gewöhnten. Diese schone er und bequeme sich nach ihnen. 2) Wo aber im ersten Theile des Gesangbuches ihm Lieder zu seiner Materie fehlen, (welches oft der Fall ist;) oder wo im zweiten Theile ein Lied vorhanden, das seine Materie viel würdiger, klarer und schöner ausdrückt; da bediene er sich des bessern Liedes und wende es auch in seiner Predigt auf eine schickliche Weise an. Mit den leichtesten Gesängen thue er dieses zuerst; sie haben meistens auch schöne Melodien; und es kann nicht feh- und Homilien. 369 len, daß nicht ein gutes Lied, wenn es im Chore der Gemeine nach einer schönen Melodie gesungen wird, das Gemüth aufwecke und erhebe, mithin sich selbst empfehle. 3) Die Schule muß hiebei der Kirche helfen. Won Jugend auf muffen die Kinder, so wie aus alten, so auch aus diesen hinzugekommsnen Gefangen treffliche Verse auswendig lernen; sie gewinnen dadurch einen Schatz von Lebre und Unterweisung für ihr ganzes Leben. Hat man sie inne, so lernt man die Predigt und auch die Bibel mehr verstehen. Das Wort Gottes kommt gleichsam naher zu uns; und spricht in einzelnen Pflichten und Beziehungen mit uns nach unsrer Weise. Durch diese Lieder lernen wir so manchen Zweifel der neuern Zeit überwinden, von dem die altere Zeit noch nicht wußte; man lernt die Religion ansehen, wie sie für uns dienet. 4 ) Der schönste Platz der alten und neuen geistlichen Gesänge ist das Hauswesen. In vielen Familien sind die allen Lieder fast ausgestvrbcn; ist Hoffnung da , daß die'häusliche Andacht durch die uns näheren, jüngeren Gesänge werde erweckt werden? Man will in unserer Zeit, statt der alten Kirchenlieder, moralische Gesänge; wohlan! viele dieser Kirchenlieder sind moralisch; und viele derselben enthalten einen wahren Gesang des Herzens! Es kommt auf Väter und Mütter an, daß sic ihre Kinder diese Lieder singen lassen, und sie damit zu einer Fortdauer in ihre Familien entführen : Es kommt auf Prediger und Schullehrer an, die ihren Zuhörern und Schülern das lieb zu machen wissen, was sic an diesen Gesängen Gutes haben. Uebrigens, was Ein Jahr nicht thut, daS thun einige Jahre; niemand wolle der Zeit vorgreifen und auch ein gutes Vorhaben, durch unnöthige Mühe, nicht übertreiben. Gott segne Alles, was in alten und neuen Liedern gut ist; und er wird es gewiß segnen. WM XXXIX. Lb jeder das Abendmahl bei sich nach seinem Gefallen nehmen und verwalten könne *) ? lieber diese Frage dient 1) Aus der Schrift zur Antwort, daß Jesus «s im Kreise der Apostel eingesetzt habe, die, nach Joh> i3-r7., das Bild und Symbol der Gemeinschaft aller seiner Heiligen waren. Auch in den Gemeinen Paulus wards öffentlich verwaltet, wie Cor. 10. und 11. zeiget, wo er allen Absonderungen und Unterschieden cntqegenarbcitet, und eine Gemeinschaft vieler im Leibe und Blute Jesu will. 2) So Habens auch die ersten Christen gebraucht und wenn, Apostelg. 2, 42., vom Abcndmahle die Rede ist: so wäre überall allgemeine Gemeine, Gemeinschaft sichtbar. B. 46. und 47. ist noch dasselbe, weil der jüdische Tempel nicht in ihrer Gewalt war; eS scheint mir aber am letzten Orte, daß bloS von der Gemeinschaft der Liedesmahle und Liebeswerke ic. die Rede sey. Wie es aber auch sey, ist noch immer Gemeine, Gemeinschaft, wie sie's damals nur seyn konnte. 3 ) Die Ordnungen der Kirche haben nachher diesen allgemeinen öffentlichen Genuß bestätigt, und die für Sonderlinge (Separatisten) und Schwärmer erklärt, die sich mit dem Gedächtniß mahle, dem öffentlichen Verkündigen des Todes des Herrn von der Gemeine trennten. Will jemand an den Tod Jesu denken, so kann ers immer und bei jedem Gegenstände: jeder Brosam irdischen Brodcs und jeder Tropfe irdischen Tranks kann Stärkung seines geistlichen Lebens werden, wenn's mit Danksagung genossen wird. Auch kann er sich, ohne irdische Mit- *) Dieses Bedenken ist zu Bükeburg verfaßt. Christliche Reden und Homilien. 3?! tel, mit rindern im Gebete vereinigen, und die Verheißung Jesu erwarten: „Wo zwei oder drei versammlet sind in meinem Namen; da bin ich mitten unter ihnen." Das eigentliche Abendmahl aber kann, obgedachter Ursachen, und wäre es auch des bloßen Aergernisses wegen, nicht der Willkür eines jeden überlassen werden. Es wirds kein einzelner, wenn er rechtschaffen ist, fordern: da der geistliche Genuß immer in seiner Gewalt ist, und da Paulus bei weit geringern Sachen des Götzenopfers sagt: „meine Brüder, wenn wir gleich zu Allem Macht hatten, so frommet nicht Alles. Aergerst du deinen Bruder, um deswillen Christus gestorben ist, so wandelst du nicht nach der Liebe u. f." 4 . Endlich verdammt Christus alle äußerliche Absonderung als Heuchelei. „Siehe, hier oder da ist Christus — ihr sollts nicht glauben! Lasset beides mit einander wachsen, Unkraut und Weizen, bis zur Ernte, und um der Ernte Zeit will ich zu den Schnittern sagen (nicht ihr!) u. f." — Es ist das sicherste Kennzeichen vom Irrwege verführter oder verführender Einbildung, wenn man bei solchen äus- sern Absonderungen anfängt oder damit endet. Die Handwerkssprachc Kanaans ist leicht zu lernen, sie ist aber auch nicht des Lernens wcrth, und zu vergessen hernach sehr schwer. Je mehr man an solchen äußerlichen eigenmächtigen Schiboleths klebt: desto mehr hat die Sinnlichkeit Spielzeug und die reine Einfalt, das Reich Gottes, was nicht in Worten, nicht im hie oder da, sondern in Kraft besteht und inwendig in uns ist, wird sehr erschwert. Auch hier ist das Leben Jesu das ärmste Leben und das sicherste Vorbild. Er bequemte sich allem in der schon so veralteten Religion seines Landes, dem er sich nur bequemen konnte, besuchte die Feste, hielt die Gebräuche des Osterlammes und suchte in Eigenheit solcher Dinge nichts. Bei seinen Gebeten war er meistens in der Wüste, und sprach mit seinem Vater allein, ließ auch eben das Gebot -.'-c '-Fs >>> - >'V 3^2 Christliche Neben und Homilien. seinen Nachfolgern (Matth. 6 , 6 .) und die Jünger mußten ihn reckt eigentlich darum ersuchen, daß er sie das Unser Vater öffentlich lehrte. Sein Kraftwort konnte das Bcod weniger zur Speise vieler Tausend segnen, und doch gcschahs olmc Geräusch und Affektation mit dem Gebete der siillesten Danksagung. Je mehr also ein Mensch dem Innern, dem Geiste des Musters nahe kommt, desto weniger wird ihn das Aeußcre fesseln oder er sich dadurch wollen unterscheiden. Gebe Gott, daß die Gemeine der Cbriste» wieder eine reine Brüdergemeine, und unser Altar wieder ein Tisch der Bruder, der Apostel, der Jünger Jesu würoe: aber weder du, noch ich können sie auch durch alle Absonderungen dazu machen, und wer sich in der Absonderung für vollkommen und für höher hält, als seinen geringsten fremd- schcinendsten Bruder, der ist eben dadurch am fernsten vom. Reiche Jesu. M a tt h. r 8 , 3 - 7 .!! Behüt uns Gott für allen Vorurtheilcn! aber die Worurtheile der Absonderung und des geistlichen Stolzes und der Handwerkssormen des ChristcnthumS sind die unverbesserlichsten und also — ärgsten. Sich selbst kann jemand das Abendmahl nur im dringendsten Nothsallc geben, und auch da nur, wo möglich, in der Gegenwart Andrer, in der Gemeine des Herrn. Die Kirchcnvrdnung erlaubt es dem Prediger, wenn kein andrer da ist; ich würde mich aber auch dieser Erlaubniß aufs nvthdürstigste nur bedienen. Dies ist meine Meinung, unvorgegriffen jeder bessern.