I. G. v. Herders fammtliche Werke. Zur Philosophie und Geschichte. Dreyzehnter Theil. Nachlese historischer Schriften. < Mit Großherzoglich Badischem gnädigstem Privilegio. Carlsru he, im Bureau der deutschen Classiker. 1820, t. d a l l e r i e grosser und weiser Männer. Herders Werke r.Phil.u-Sesch.LNi. A 1 . ueber Thomas Abbts Schriften» »768, A L Ueber Thomas Abbts Schriften: geschrieben schon 1768, eine der frühen Arbeiten des Verewigten. Man wird im Anfang etwas Wortreichthum, im ganzen Aufsatz keine Anekdote für die Neugier, aber das hehre Bild des edlen Jünglings finden, welchen wir nie vergessen sollten. Es war in ihm ganz ein eigner, origineller Anflug teutschen Geistes. Diese Schrift ist ein Muster der Analyse solch eines Mannes, der Kennern lieb seyn wird, so lang der Kampf nach Verdienst unter uns besteht, und Tod für das Vaterland nicht von allen für schwärmerische Grille gehalten wird. Siehe zu deinen Schätzen, 0 Teutschland! laß nicht zu, daß sie dir aus dem Herzen gerissen werden. Der Verfasser dieser Zeilen schreibt sie mit bewegtem Gemüth. cx^ch trete an das Grabmal eines Mannes, den ich nicht von Person gekannt, mit welchem ich nie Briefe gewechselt; allein ich kenne die Schriften desselben, und habe bcy dem Nachsinnen über sie gewünscht: „mochte ich ihren Verfasser kennen!" ein Wunsch, den ich gewiß nicht bev jeder Schrift thue. Zwar hat derselbe keine schreiende Revolution in der Gelehrsamkeit erregt: keine Bibliothek von Folianten geschrieben : keinen Nnchtritt von sieben gelehrten Akademien hinter seinem Namen. Allein, was kann ich dafür, daß ich in seinen zerstreueten Gedanken mehr finde, als in den gewölbten Paragraphen, die in Proceßion systematisch daher traben: was kann ich dafür, daß mir in seinen unvollendeten Schriften die Gestalt eines großen Geistes erscheint; und daß ich mich von dem kühnen weißa- genden Blicke nicht entwöhnen kann: „von dem, „was ein Schriftsteller sagt, darauf zu schließen, „was er könnte sagen!" Trauriger Gedanke! „was er könnte sagen" da ich jetzt dazu sehen muß „und was er nicht mehr sagen wird"! denn er ist Deutschland entrissen. 6 I. Gallerie Abermal ein Erempel, daß die Erstgeburt der Söhne Deutschlands, wie durch ein grausames Schicksal, dem Würgengel zur ersten Beute bestimmt zu seyn scheinet:, daß Genie zu haben, beynahe ein tödtliches Geschenk, oder eine Auszeichnung zum frühen Tode sey: denn wenn die Würdigen unsres Vaterlandes sich nie erkennen, so finden sie sich an den Pforten, eines zu frühzeitigen Grabes. Einer jeden Elaste von Lesern, werden hier andre Namen beifallen: ich nenne drey, die ich vorzüglich hedaure. Alex. Gottl. Baumgarten, Joh. Dav. Heilmann, Thomas Abbtr freylich drey Männer aus verschiedenen Feldern, von verschiedenen Talenten und Verdiensten; allein hier rücken sie leider! in einen Gesichlspunct. Da sic alle drey Schriftsteller meiner schönsten Stunden gewesen: alle drey in ihren wenigen Schriften gediegene Goldstücke, stakt leichter klingender Scheidemünzen dahin zahlen: alle drey der Barbarei), der Dunkelheit,, und weiß Gott! wessen mehr beschuldigt sind; so wollte ich zu, ihren Häuptern ein gemeinschaftliches Denkmal errichten, so gut ich könnte : ein Denkmal aus ihren eigenen Materialien. Das Gemälde über Baumgartens und Heilmanns Schriften stelle ich nicht zur öffentlichen Schau aus: jenes, weil es dem Geiste seines Urbildes nicht entsprach : dieses, weil, ich nicht gern die unverdiente Ehre haben möchte, in ein Ketzerlexi- eon verdammt zu werden, weil ich einen Ketzer zu loben mich unterfange. Nur von Abbt wollte ich meine Stimme, so schwach sie auch wäre, nicht unterdrücken : ich sähe seinen Schatten vor mir, der großer un d w c i s er Männer. ^ mich an sein frühes Grob winkte: ich folgte' ihm, überdachte, was Deutschland an ihm verloren, und kam so wie Hamlet von seiner Erscheinung, mit einem Denkwort zurück, seine Asche zu ehren. Ich bins nicht allein, der sie ehret: ich sehe vor mir andre, jeder mit einem Opfer der Liebe und Achtung nach seiner Art: lo daß ich mich bep dem Tode Abbts beynahe in die Morgendämmerung der alten Zest zurückgezaubert, und die Parcntalie eines Lodkenfestes vor mir zu sehen glaube. Zch will diese edlen Opfer zuerst nennen;, und alsöenn meine Armuth aufzeigcn. » Der erhabene Fürst, der unfern Abbt kannte, besaß, und zu schätzen wußte, hat gezeigt, auf welche vorzügliche Art ein regierender Herr das Verdienst einen kenne: Er, der mir der Tapferkeit eines römischen Helden, und mir der Sorgfalt eines deutschen Landesvatcrs, die Gesinnung eines griechischen Weisen zu verbinden wußte: hat Key Abbts Tode, jene güldene symbolische Zeit erneuert, da auch für das stille und betrachtende Verdienst Denkmale und Bildsäulen, und festliche Gebrauche bereit standen. Das Monument *), das Er errichtet,, spricht Mehr, als alle Denkmale von Papier erbauet. Das beste Geschenk, das ein merkwürdiger Mann noch nach seinem Tode der Welt mittheilet, ist, wenn er einen Freund findet, der sein Leben aufzeichnet, harmonisch mit seiner Denkart undThatcn. ') S. Mbts Sallust. Ihm ist dicß Leben alsdenn Ehrengedächtniß: für die Geschichte eins Urkunde und zu seinen Denkwürdigkeiten , er Hube sich denkwürdig gedacht, oder gehandelt, ein Commentar. Abbt hat einen Freund gefunden, der unS sein Leben*), sein Bild, und seine Schriften zum Geschenk macht, und ihm ein Ehrengedächtniß aufricdtet, das bender würdig ist: dessen, der cS schrieb, und von dem es handelt. Alle Parentationcn in Zeitungen und Journale» übergehe ich: denn tvenn Abbts Schriften sich nicht selbst Denkmal sind, so dürste das Notabene in den meisten Büchern dieser Art mit ziemlich aus- loschbarer Tinte geschrieben seyn; und so auch das vrs, xro nokis l das ein neuer Erasmus**) ziemlich unerwartet und sonderbar an den Schatten un- sers Schriftstellers ausstoßt. Nur das Zeugniß muß ich nennen, mit welchem Abbts Lehrer***) das uns angestorbne Fragment seiner Geschichte in die Welt «inführt: es wirft nämlich einige Strahlen mehr auf die Denkart Abbts. Vorzüglich aber preise ich die Platonische Schrift****), in welcher das Andenken derselben ge- *) S. Abbts Ehrengedächtniß von Friedrich Nicolar, Bert. 17L7. **) E. Xlotrii sats literar. Vol. IV, I?. 1. p. 12» *") Millers Borrede zu Abbts Fragment der- Weltgeschichte. ****) Phädon, oder über die Unsterblichkeit der Seele von Moses Mendelssohn, Berlin, «767, großer und weiser Männer. 9 feyert wird. So wie dort der weise Idiot Griechenlandes sich aus Athen, an seinen Zauberort schlich, neben einer murmelnden Quelle unter dem Schatten eines Ahorns niedersank, an der Seite seines Lieblings sein Gesicht verhüllte, und Geheimnisse der Schönheit sah, und sprach Dithyrambische Worte: so sehe ich unsern Sokrates mit gesenktem Haupte über der Asche seines Freundes sitzen, und über die großen Worte: Menschliche Bestimmung, Unsterblichkeit der Seele denken. Vorübergehender Wanderer! setze dich neben ihn, und werde sein PH adon: denn wisse, dieser Lrt ist heilig! Lies, als hörtest du noch aus dem Grabe die Stimme des philosophischen Zweiflers: und alsdenn denke, wie wenn du seinen unsterblichen Schatten vor dir sähest. In welch großem Verstände hast du das Andenken dieses würdigen Tobten ge feyert. wenn du von seinem Grabe weiser und tugendhafter zurückkehrest. Aber von welchem Contrast wird mein Auge bestürmt, wenn ich auf einmal eine Prasica *) gewahr werde, die in dem Leichenzuge mithinkt! Ja leider! da steht sie! buchstabiret dem Vater des Verstorbenen die Worte: Dein — einziger — Sohn ist todl! in den drey herzbrechenden Stro-- phen voll würgender Donner vor: in drey andern bestürmen Blitz, und Feuer und Geheul und Donner und Geräusch und Flammen unser Dhr; bis wir darauf die Lebcnsumstände des Tobten Stück vor ') S., Ode aus Lbbls Tod an seinen Water. Ulm 1767.. Stück in Strophen verrheilt in einer rasenden Sprache voll poetischen Unsinns altweiberisch hergezählet sehen. Unter uns wird diesen schreienden Thcrsi- t e s seine gute Absicht entschuldigen; aber unter den Griechen würde ihn die Strafe derer treffen, die die Tobten gcschmahet. Da ich also vor zugespitzten Lobreden Eckel, und die musikalische Sprache sanfter Elegien nicht in meiner Gewalt habe: — was bleibt mw übrig? — Eben das, wozu ich mich sogleich entschloß, ehe jemand vom Abbt schrieb: nämlich, mich an sein Grab zu schleichen, und seine Schriften, wie in ferner Gegenwart, und wie vor den Richtern der Tobten , zu lesen. Leser! setze dich neben mich und lies mit mir, denn der Geist, der Abbts Körper überlebt, alhmct in seinen Schriften: wisse ihre todten Worte zur Hülle zu nehmen, um denselben zu erblicken, damit er in dich wirke, und dich wie mit einem Hauche, belebe. Das haben die. Seelen, sagt Plato, mit dem Magnete gemein, daß sie einander ihre Kraft mittheilen und sich, wie in einer sortgehendcn Reihe von Wundern beseelen. In der TKat man achtet die Verlassenfchaft eines vortrefflichen Schriftstellers oft zu wenig, wenn man die Schätze desselben mit seiner Urne einschar- ket. In der gelehrten Geschichte stellet man ein magres Skelett feiner Lebensumstande auf: und verschlingt die Titel seiner Schriften, und die Anekdoten seines Lebens, wie trockne und unverdauliche Schalen. Darüber vergißt man,, daß seine Schriften einen Abdruck seines Geistes enthalten, und die schätzbarste Reliquie sind, die wundecthatig großer und w e i s c r M a n n er. e i- seyn konnte, nns zu seinen Schülern und Nacheiferern zu machen. Man vergißt, an fss, als eine. Quelle zu eilen,, aus welcher man sich Starke in die Nerven und Heiterkeit ins Äuge trinken könne. Wenn übsrdem solche Männer aus unvollende-, ten Planen gerissen werden,, so wie jener wilde Römer den Ar ch im edes niederstieß: alsdann sollte, auf ihrem Grabe die himmlische Stimme schallen^ die andere aufriefe,, zu vollenden diese verlaßne Entwürfe, und da. in die Laufbahn cinzulrenn, wo sie- dem andern abgekürzt wurde, um mit cimmmal naher dem Ziele zu seyn. Ein Salböl sollte man aus ihren Schriften ziehen, das uns zu. ihren Nachfolgern cinwcihete: so hat man von ihnen das große Erbthcil, daß ihr Geist, auf uns ruhe. Denn das» glaube ich, ist die wahre Metcmpsi'chosiö und Wanderung der Seele, von der die Alten in. so a.ngeneh- men Bildern träumen, wenn uns ein Genius oder, ein Sokratischer Dämon daran zu erinnern scheint,, daß der Geist, dieses verstorbenen Weifen uns belebe: wenn uns, wie dort dem Agamemnon ein Traum, vom Jupiter in Gestalt des weisen Nestors,, erscheint; noch wachend seine Stimme in unserm Ohr tönet, und uns aufruft,, in ihre. Fußstapfen zu treten: wenn alsdcnn unser Herz schlägt, und in. unfern Adern ein Feuerftmken sprühet, wie sie- zu seyn! Dieß, glaube ich,, ist das einzige- Mittel, dem Tode zu trotzen, wenn er die Dlüthen eines Landes zuerst abschkägt, damit stets neue her-, verkeimen, und er doch endlich sagen müsst, was der. Tyrann Tiber ins bey einem andern Falb sagteo siehe! der ist mir doch entronnen. Wie glücklich wäre ich, wenn zu diesen großen I. Galerie 12 Zwecken meine Arbeit auch nur ein geringes beytrü- ge! Wie? wenn ich einen einzigen Leser auf den Pfad risse, den Abbt ging: ihm die Abwege zeigte, auf denen jener sich verirrte: ihm die Fußsteige anwiese, wo er die Schriften seines Vorgängers überholen konnte. Wenn ich einem andern die zer- stücktcn Entwürfe darlegte, damit er sie ergänze, einen andern auf die Spur brächte, sich Abbts Denkart zu eigen zu machen, und einen andern wenigstens vom Nachäffen rettete: — eine einzige dieser Hoffnungen erleichtert, eine einzige Erfüllung derselben belohnt meine Arbeit. Sollte ich es aber nicht vermögen, den Geist dessen, über den ich schreibe, zu erwecken, und in ihm eine lebendige Wcrkstätte aufzuschließcn, so gieße ich doch wenigstens ein Opfer der Liebe an das Grab des Tobten. Statt ihn zu loben, versuchte ich das lobenswürdige zu zeigen, was er geleistet, und ihm aus seinen Schriften eine Ehrensäule, ich weiß nicht, ob in Jkonischem oder Idealbilds aufzurichten. Entspricht sie nicht dem Geist des Abgebildeten: vorübergehender Künstler! reiße sie nicht nieder, sondern rücke sie, als einen verstümmelten Torso zu den Füßen des Grabmals und errichte an seinem Haupt eine bessere. Um die unsichere Unsterblichkeit mögen sich die Werke meines Abbts selbst bemühen, oder nicht bemühen: meine Schrift soll unsrer Zeit nützen. Für sie schreibe ich dieselbe, und widme sie den Freunden und Liebhabern meines Schriftstellers ungenannt und von ihnen entfernt. großer und weiser Männer, -3 Einleitung von der Kunst, die Seele drS andern abzubilden. Eine Menschcnseele ist ein Individuum im Reiche der Geister: sic empfindet nach einzelner Bildung, und denket nach der Starke ihrer geistigen Organen. Durch die Erziehung haben diese eine gewisse eigne, entweder gute oder widrige Richtung bekommen, nach der Lage von Umstanden, die da bildeten, oder miß- bildeten, So wird also unsre Denkart geformt, zu einem ganzen Körper, in welchem die Naturkrafte gleichsam die specifische Masse sind, welche die Erziehung der Menschen gestaltet. Nach gewissen Jahren der Formung kann ein spateres Lerne» selten, wie ich glaube, eine neue Schöpfung verursachen, selten Gestalt und Maße umändern aber desto kenntlicher kann es durch vielfache Erscheinungen auf der Oberfläche wirken, Anstrich, Gewand, und Miene und Anstand geben, und nehmen, und auszeichnen. Meine lange Allegorie ist gelungen, wenn sic es erreicht, den Geist eines Menschen, wie ein einzelnes Phänomenen, wie eine Seltenheit darzustellen, die würdig ist, unser Auge zu beschäftigen; noch besser aber wäre es, wenn ich durch sie, wie durch eine Zauberformel, auch unser Auge aufthun könnte, Geister, wie körperliche Erscheinungen zu sehen, zu betrachten. Immer ist unsere Psychologie noch nicht weit über die Kindheit hinaus, wenn sie bloß nach dem Bekanntesten, das alle menschliche Seelen gemein ha- 1. Gallerte bi-n, ihren Weg durch Schlüsse und Errathunqen fortsetzt; o'bne auf die Besonderheiten einzelner Subjekte mit der Genauigkeit zu merken , mit welcher der Naturforscher die Körper der Thiere zergliedert, um sich in die innere Werkstatt« der Natur einzuschleichen. Ungeheuer, Mißgeburten, Seltenheiten sind ibm willkommen, unterrichtend und nützlich; und so sollten cs dem Weltwcisen alle außerordentliche Geister seyN, die wie Comeken aufgehen nnd verschwinden. Wenn unsre systematische Philosophen in der Gcisterlehre L inneu s sind , die eigensinnig schichten, und clastssiciren: so ist ein un- sr.stemaiischer Köpf an ihre Seite zu stellen, der, 'wie Büffon, eigensinnig in ihre Elaste» falte, und Zndividua zerglwdre. Hier muß ich aber sagen: welcher Mensih weiß, was im Menschen ist., ohne der Geist des Menschen in ihm? und auch dieser kennet-sich nur, so wie wir unser Gesicht kennen, anschaucnd, aber nicht deutlich. Mit einem lebendigen aber verworrc- Bewußtseyn unsrer selbst, gehen wir einher wie in einem Traume, von welchem uns nur bei Gelegenheit ein und ander Stück einfallt, abgerissen, Mangelhaft, ohne Verbindung. Selbst geben wir «ft nicht auf unsre Gedanken acht; allein den Augenblick erkennen wir uns, wie in der platonischen Erinnerung aus dem Reich der Geister, we n n e i n A n d re r Gedanken vorzeige t,, die unsrer Seele entwandt scheinen. Selbst können wir nicht 'vollständig darauf antworten, wie die Gestalt unsres Antlitzes sey; wohl aber werden wir aus uns fahren, wenn uns ein großer und weisor Männer. r 5 Bild unsrer selbst, ein zweytcs Ich, aufstieße. So fand sich Socrates getroffen, da der Gesichtsdeu- ter in seiner Seele las; er schüttelte aber den Kopf, da er sähe, was Plato in ihm finden wollte. Ich übergehe den ganzen dunkeln Grund unsrer Seele, in dessen unabsehbarer Tiefe, unbekannte Kräfte, wie ungeborne Könige, schlafen: in welchem , wie in einem Erdreich, das mit Schnee und Eis bedeckt ist, der Keim modert zu einem Frühlings paradiesischer Gedanken: in welchem, wie in dunkler Asche der Funke zu großen Ludenschaften, und Trieben glimmet. Wie erhebt sich hier a u f « i n mal die Idee, in der ich mir das Bild der Gottheit gedenke: er, d.r die Morgensterne und die Geister mit Namen rufet; den Gedanken von Ferne kennet, ehe er geboren wird: nur Er, der Schöpfer, kennet eine von ihm erfchaffne Seele! Wenn unsre Philosophen also diese Kenntniß einzelner Geister noch nicht so häufig versuchen, so hat ein andrer dazu mehr Gelegenheit und Pflicht: der Geschichtschreiber: und der hat mehr gethan, als jener Maler der Seele, Parrhasius, und Aristides, der eine Menschliche Seele in ihrer ganzen Denkart zu sehen, zu zeichnen, vvrzustel- len weiß. Man wird mir aber doch zutrauen, daß ich hier etwas anders verstehe, als was unsre witzige Nachbarn, Charaktere und Portrait« nennen. Bilderchen, die fast nie die Wahrheit, sondern die Künsteley gezeichnet, die aus der Phantasie, nicht nach der Natur entworfen und von einem kindischen Geist ausgemalet sind, der oft nur zum Zweck l. Galler,e 46 hat, sich durch abwechselnd? Schattenbilder an der Wand zu vergnügen, und durch rasende Eontraste das Auge des Zuschauers zu bestürmen. Ich ärgere mich, wenn ich einen neuern deutschen Schriftsteller so kühn nennen höre, einen pragmatischen Geschichtschreiber unsres Jahrhunderts, blos weil er seinem trocknen und kreuzlahmen Skelett ein paar solcher französischen Bilderchen, ganz am Unrechten Ort angeheftet.- Vorzüglich muß ein Biograph die Gestalt seines Helden ihm gleichsam vom Antlitz zu reisten wissen, wenn er dieses Namens wcrth seyn will. Und da, wie voraus gezeigt ist, wir uns selbst nicht einmal von innen kennen: und wir als», wenn wir auch alle wie Montag ne wären, schwerlich vollkommene Biographen unser selbst werden konnten: so hat der Geschichtschreiber seinen Autor desto mehr von außen zu studieren, um die Seele desselben in Worten und Handlungen aufzuspähen. So zeichnet er das Bild der Sonne nicht aus ihrem strahlenden Antlitz, sondern nach ihrem Wicderschein im Wasser. Es ist das große Unterscheidungszeichen, das dir Biographen alter und neuer Zeit Himmel weit von einander absonderl: jene zeigen uns ihren Mann in Thatcn, und Handlungen, die bis auf die kleinsten Nüancen, Vcrrather seiner Seele sind; dir neuern malen uns selbst seinen Charakter; der oft ein Roman ihrer, öfter ein Roman ihres Autors ist. Ich weiß sehr wohl die Ursachen, warum die Alten eker, als wir, haben Biographen der Seele se»n können; allein schriebe ich ein Leben, so würde ich ihnen großer und weiser Männer. 17 ihnen entweder nacheifern, und statt selbst zu reden, Handlungen reden lassen: oder wenn ich ihnen ja nachbliebe: so würde ich getrost vor mein Werk hin» schreiben: „einige Begebenheiten von dem Leben - - so wie ich sic weiß" und der Charakter desselben, wie er der Gestalt und Schwache meiner Augen vorkommt. Was wird nicht zu einem Biographen erfodert, der das wahre Bild seines Autors weder verschönert, noch entstellt, noch unähnlich an seinen wahren Ort im Range der Geister stellen will? Wie Rousseau den Sohn seiner Phantasie, den wunderbaren Emil vor der Geburt und im Ehebette kannte: so müßte er seinen Freund durch alle Scenen seines Lebens begleitet haben, und der Vertraute seiner Geheimnisse geworden seyn ; und immer müßte er ihn doch fremde, wie ein müßiger Zuschauer beobachten können, um jeden Augenblick mit Aufmerksamkeit zu verfolgen. Unpartheyisch, wie ein Richter der Tobten müßte er uctheilen: und doch — gehört nicht fast ein kleiner Grad von verliebter Schwärmerey dazu, seinen Mann so sehr der Phantasie cinzuprägen, daß man sein Bild nachher, wie aus dem Kopf entwerfen kann? Und soll dieß Bild aus dem Kopf entworfen werden, wie leicht können alsdenn aus der Kammer des Herzens Säfte Heraufwallen, um es zu tuschen und auszumalen? Es wird in unserm Geist gepräget, und siehe da! unser Gepräge drückt sich von unten ein, und trist in die Züge des andern. Ich führe einige absolute Schwürigkeiten an; die hypothetischen wird ohnedem jeder fühlen, der je auf den Gedanken auch nur gekommen ist, ein Leben zu schreiben. Herders Werke z.Phil.u.Gesch. XIH. B 3 I. Gallcrie Ich hätte mit meiner langen schweren Vorrede vielleicht zu weit ausqcholt, wenn ich nicht eben den sonderbaren Weg cinfchlüge um cs desto deutlicher zu sagen; wie viel ich liefern sollte, und wie wenig ich .liefern kann? Abbt hat sich selbst geschildert, aber nur als Schriftsteller: ich betrachte also nur eine Seite seines Geistes, das Gelehrte Denken, ohne cs zu unternehmen, sein Menschlich Denken zu entwerfen. Ich weiß, -daß bepde Seiten sich einander erklären, wie bey den Münzen Bild und Gegenbild ; ich fühle auch so gut, als jemand, die mächtigen Züge der Aufrichtigkeit, Treue und Wahrheit, mit welchen Abbt aus seinem Geist und aus seinem Herzen schreibt: ich werde diese Züge auch sehr nutzen. Aber im Ganzen bin ich nicht so sehr auf der Seite derer, die in die Schriften, als in einen Spiegel des Herzens und der menschlichen Gesinnungen sehen wollen; ich beschcide mich, daß ich über einen Schriftsteller schreibe. — Und diese Bescheidenheit wird mich aus mancher Verlegenheit reißen. Ich werde Abbt freylich nicht in die erste Clafse der Verdienstvollen setzen, weil er vom Verdienst geschrieben: denn er zeigt uns selbst die große Kluft, die vom Gedanken bis zur Thal ist. Ich werde ihn freylich nicht unter die Helden setzen, die den Tod fürs Vaterland starben, weil er den Tod fürs Vaterland angepriesen: denn sicherlich würde ein Held, der vor der Schlacht vom Tode fürs Vaterland schreibt, nicht wie Abbt geschrieben haben. Ich werde dafür aber auch entübriget seyn, ihn einen leichtsinnigen zu schelten, und zum Avto da g r o ß e r u n d we i s e r M a n n e r. lg Fe zu verdummen, weil er dieses fliegende Blatt geschrieben : Denn welch unermeßliches Feld dazwischen sey, fromm zu schreiben, als Gelehrter, und fromm zu denken, als Mensch; dieß Feld mögen die ausmessen, die Abbt in die Holle werfen, weil er ein Aviv da Fe, und sich in den Himmel setzen, weil sie Predigten schreiben können. Wo ich indessen nöthig habe, Abbt als Mensch auftreten zu lassen, da werde ich auf seine Lebensbeschreibung einen Seitenblick werfen. Ich empfehle sie meinen Lesern als Einleitung und Grundlage zu meiner Schrift: denn so wie ich nicht ohne dieselbe halt« schreiben können: so kann ich auch nicht ohne dieselbe gelesen werden. Ueberdem so verrath sich eben dadurch die Meisterhand eines Biographen, daß sie von AbbtS Werken auf seinen Geist, und von seinem Geiste auf seine Werke schließt: eins aus dem Andern erkläret, und Abbt den Mensche» und Freund neben Abbt den Schriftsteller zu stellen weiß. Indessen wiederhole ichs, daß meine Blicke auf dieses Feld bloß Seitenblicke bleiben werden. Ich schranke mich noch mehr ein: ich ziehe die Linien zu meinem Bilde blos nach dem verjüngten Maasstabe seiner wenigen, unvollendeten Schriften. Freylich sind diese lebendigen Abdrücke von dem Geiste ihres Verfassers, da er keine Larve um sich genommen; allein nie erschöpfen sie seine Gesichtszüge. Hat man seinen Autor als Freund gekannt, als Schüler lebendig gehört: so studiert man ihn in weniger Zeit tiefer, als in desn rodten Lesen seiner Schriften es je ge» B 2 2 V I. Gallerte schchen kann. Hier habe ich nnr die Snmmarien seiner Denkart, dort das Capitel selbst; und man weiß, wie gewaltig die stolpern , die bloß aus Registern und Titeln gelehrt sind. Noch minder können die wenigen, unausgearbeiteten Schriften ein MaaS- stab seines Geistes scyn. Diese Ehre bleibt denen eigen, die ihren Geist in ihre Bücher so einkcrkern, als jener Spanier den hinkenden Teufel in die Boule ille, oder Ariost den Verstand seines Helden in die Mondglasec einschloß, daß ihnen nichts übrig blieb. Diese haben alsdenn das Vergnügen, sich im doppelten Verstände selbst nuszuschreiben, im doppelten Verstände sich selbst zu überleben, und ihren ganzen Geist der Welt ohne Rückhalt und Hinterlist treuherzigzu vermachen. Abbt war nicht Professor genug, um so für seine Schüler, und der Tod nicht langsam genug, um so für seinen Biographen zu sorgen: seine Schriften sind ein kleines Fragment, eine kleine aber um so schätzbarere Reliquie seines Geistes. Und wenn ich nun Abbt aus diesen seinen Schriften eine Ehcensäule errichten will: wie kann ich sie anders nennen, als einen verstümmelten Torso? Aber Key diesen Einschränkungen insgefammt setze ich mich doch durch Versprechen sehr in Schulden. Ich soll zuerst die eigene Manier meines Schriftstellers zeigen, und die Driginalstriche seiner Denkart bemerken: ein schweres aber zugleich nützliches Geschäfte. Schwer sind die Augenblicke abzulauern , da sich die Seele entkleidet, und sich uns wie eine Schöne in bezaubernder Nacktheit darstellct: daß wir uns an die Denkart des andern anschmie- g r o ß e r u nd wc r se r M ä n ne r. 2 r qen, und wie durch einen Kuß Weisheit lernen. Einige Züge von der Art, wo mc»> unmittelbar lernen kann: sind nützlicher, als große Gelehrsamkeit, dis wir aus dem tobten Buchstaben fürs Ge- dachtniß lernen, und dabey in unsrer eignen Seele alt und grau werden. Daher hören wir so gerne Erfinder und Denker und Originalköpfe von der Methode reden, in der sie denken: sollten sie uns auch nur Embryonen von Begriffen, und unausge- bildete, halb entworfne Gedanken liefern; daran liegt mir nicht, was B aco ausgedacht hat; sondern wie er dachte. Ein Bild von der Art ist nicht todt: es bekommt Leben: cs redet in meine Seele. Daß die Arbeit, die ich nenne, nicht so leicht seyn müsse, sieht man auch aus der Seltenheit derer, die sich ihr unterziehen. Einem großen Manne kleine Fehler abzulauern: uns höckerigte Auszüge seiner Gedanken zu geben: ihn, wie durch ein Voc- urtheil seines Namens, zu preisen; sreylich das sind leichtere und rühmlichere Verrichtungen; die aber nichts helfen, und öfters schaden. Was kann es einem Leser helfen, daß er durch solch einen regelmäßigen, oder krüppelhaften Auszug durchmischet? Der Geist des Autors ist weg aus diesem Gerippe! Was kann es Helsen, daß ich meinem Autor ein paar eigne Gedanken anflicke, und sie ihm wie Höcker aufbürde? Muß cs nicht äußerst schaden, das Auge eines Lehrlinges daran zu gewöhnen, daß es zuerst Fehler sucht; sein Gefühl für die Schönheiten zu verhärten, und feine Seele damit zu verstümmeln, daß er tadelt, statt nachzueifern? Muß cs nicht schaden, wenn wir geleitet vom Vorurthcil des 22 1. Gallerie Namens, alle Gedanken in guten Büchern für göttlich; und gute Gedanken in mittelmäßigen Büchern für schlecht halten? — Und siede! dies sind die Vortheile unsrer Gelehrsamkeit aus Journalen! Wir laufen durch Auszüge hin: sehen viel, und nichts ganz, und erwerben uns ein Compcndium des Vere standes. Wir lesen Urtheile, die uns entweder irre führen, oder doch gemeiniglich leer lassen; so wie der Schein des Mondes leuchtet, aber nicht erwärmet. Wir lernen Fehler finden, statt Schönheiten zu kosten, und erreichen es also, gelehrt scheinen zu können, ohne selbst ein Sohn der Weit heit zu fern. In der That, so wie in der bürgerlichen Welt, der artige Umgang, sich von Nichts unterhalten zu können, das wirkliche Commercium menschlicher Geister und Herzen merklich geschwächt hat: so geben sich unsre Kunstrichterscelen auch alle Mühe, durch ihre Gelehrsamkeit und Scharfsinn die süßen Augenblick« uns zu rauben, da wir den Geist des andern sehen» und uns nach ihm bilden. Ich wills versuchen, diese eigne Manier Abbts zu zeichnen, denn seine Eigenheit ist meistens Vorzug. „So*), wenn an den Ufern des Eurotas, „oder auf den Anhöhen des Cynthus Diana ihre „Chöre übt: rings um sie, von allen Seiten um- „gebcn sie Tausende ihrer Orcaden: sie aber, den „Köcher auf ihrer Schulter, fortschreitend, ragt her- „vor über alle Göttinnen; und geheime Freuden „wallen in der Brust Latonens auf;" so werden wir Abbl, wenigstens in Gedanken oft mit andern zu- *) Virg. ^.sneick L.. I. v. boa. großer und weiser Männer. 23 sammcnhalten, um seine Muse zu erkennen- Erlangen wir dies, so wird das zweyte seyn, zu bemerken, wie er diese seine Art auf verfehl ebne Gegenstände anwcndet, und sie nach einerley Handgriff bearbeitet. Dies gibt seiner Denkart Schranken und Umriß, jedem Leser aber einen Knäuel zueignen Betrachtungen in die Hände. Der Schriftsteller hat alles getban, wenn er diese Eigenheit nur mit verstvhlnem Wink zeigt, und sic, durch ein und das andre stille Wort zu erklären sucht; alsdenn überlaßt er den Leser sich selbst, und dem lebendigen Anschauen, um diese Auge zu fühlen und be» sich aufzuklarcn. So gab sich Venus ihrem Sohne Aeneas durch einen Blick und einen Tritt zu erkennen: denn *) „als sie ausgesprochen, und sich wandte: schimmerten Strahlen an ibrem Rosenbalse herauf: göttliche Gerüche duftete ihr Ambe ff äies Haar: ihr Kleid rauschte zu den Füßen herunter, und in ihrem Gange erschien sie als Göttin."- Da zu dieser eignen Manier auch uotkwendig Schwächen und Fehler gehören: so soll ich auch einen kritischen Commentar über AbbtS Schriften entwerfen: „welche Fehler sich in das Ganze und in einzelne Theile weben? — wo Berge abzutragen, und Klüfte auszufüllen sind? — wo Leuchtlhürme errichtet werden können, um ein ganzes Feld von Begriffen zu übersehen, und wo mebr in die Tiefe zu graben ist, um Schätze zu finden ? — wo hier Samenkörner liegen, die zu den größten Baum.n erzogen werden können; und dort dürre ) VirA. Leiieicl. Il>. I. v. g.06. 24 I. Gallerte Bäume stehen, die zu grünen anfangen müssen, wenn sich, nach jener Fabel von Mahomed, ein Prophet an dieselbe lehnt? — wie hier eine unnöthi- ge Geldsumme zu verschenken; dort mit einem Capital zu wuchern ist? — wie hier ein. ausgcstoßneS Kind des Geistes aufzunehmen, und dort ein Dürftiger mit Hülle und Fülle, zu versorgen stehet? — Ich rede durch Bilder, die wie ein übel zusammen geordnetes Gemisch verkommen müssen: wenn ich aber offenbar spräche, so halte ich über meine Obliegenheit mir selbst zu viel zu verantworten. Am meisten ists nöthig, daß man von einem Autor abzicht, was seiner Zeit oder der Vor- weit zugehört, und was er der Nachwelt übrig laßt. Er tragt die Fesseln seines Zeitalters, dem er sein Buch zum Geschenke darbeut: er steht in seinem Jahrhundert, wie ein Baum in dem Erdreich , in das er sich gewurzelt, aus welchem er Safte ziehet, mit welchem er seine Gliedmaaßen der Entstehung decket. Je mehr er sich um seine Welt verdient machen will, desto mehr muß er sich nach ihr bequemen, und in ihre Denkart dringen, um sie zu bilden. Ja da er selbst nach diesem Geschmacks geformt ist und sich die erste Form nie ganz zurückbilden laßt: so muß ein jeder großer Schriftsteller die Muttermale feiner Zeit an sich tragen. Du kunstrichterischer Thor! der du sie ihm rauben wiklt: du nimmst ihm Züge seiner Eigenheit, Stücke seiner Schönheit, Narben feiner Verdienste. Aber bemerken kann und soll man sie: denn sie sind lehrreich, und der Eommentator eines Autors ist für mich der größte, nicht der denselben nach großer und weiser Männer. 25 feinem Jahrhundert umbildet: sondern ihn in allen Nuancen seiner Zeit erklärt, und alsdenn ergänzet. Er suche ihn nicht von seinen Schlacken zu reinigen: denn wenn in diesen Schlacken gleich nicht Gold bleiben sollte: so verliert der immer viel mit ihnen, der sie zu brauchen weiß. Sondern er übernehme nur geduldig die chemische Operation, alles in seine Bcsiandlhcile auszulösen, damit wir die Entstehungsart sehen. Daran ist mir nicht so viel gelegen, daß jemand aus dem Geiste eines Autors wieder den Geist heraus zu ziehen weiß, und mit einer bedeutenden Miene zu mir tritt: siehe da! ich habe dir trinkbar Gold verschafft: denn mit diesem Geist und trinkbarem Golde ist gar zu viel Betrug vorgegangen. Aber der Erklärer ist mein Mann, der der Vvrwclt, und der Zeit-, und der Nachwelt eines Autors ihre Granzen ziebet: was ihm die erste geliefert, die zweytc geholfen oder geschadet, die dritte nachgearbcitek. Eine Geschichte der Schriftsteller, die nach dieser Idee ausgesührt, welch ein Werk wäre sie! Die Grundlage zu einer Geschichte der Wissenschaften und des menschlichen Verstandes. Hatten wir auch nur einen einzigen Vacv auf diese Art erkläret aus der alten Zeit, gerechtfertigt aus der seinigen, aus der unsrigcn verbessert und ergänzt: so hätten wir «in großes Hülfs- mittel, das uns weiter brächte: und cs könnte an ihm ein zweyter Baco entstehen, so wie Alerander an dein Grabe des Achilles, und Cäsar an der Bildsäule Alexanders. Wäre A r i sto t e l e s wohl je. so schädlich geworden, hatte man auch nur einen einzigen solchen Blick auf ihn geworfen e Abcr wenn die, Muttermale eines Autors, die für senie 26 I. Gallerte Zeit sind, dies Zeitalter überlebm, und unzeitig nachgeahmt werden: io steht der Bediente Alexanders vor mir, der den schiefen Hals seines Herrn nachmacht, der meinetwegen seinem Herrn gut stehey kann, oder muß; ihm aber jämw.rlich läßt. Auf diese Weise wird, was die Ehre eines Autors scyn kann: eine Schande für uns — und was uns nützen konnte, schadet. -> Doch ein Ende mit meiner langen Einleitung k Ich fodre freylich viel von mir, daß, wenn ich wenig leiste, mich andre entschuldigen, und meine Fo- drungen an andern Orten bester als ich ausführen mögen. Ich mache freylich viel Vorbereitung, um den raschen Lesern, die ohne Vorbereitung, wie im Fluge, einen Autor durchstreichen, ihr Lesen etwas schwerer und nützlicher zu machen. Ich schreibe freylich eine etwas sonderbare Einleitung, damit ich einer Reihe von Beurtheilern, die ein akademisches Leichenlob erwarten, das Wort ersparen möge, das, jener Krieger ausricf, da er an der GerichtSstakke seinen Todtenapparat ansichtig wurde: et ns iioe quiclein ex ilisci^Iina ! diesen darf ich sagen, daß ich nicht nach akademischen Regeln, sondern nach meiner Art habe schreiben wollen. großer und weiser Männer. 27 Ab bis Bild: im Torso. Die Geburt Thomas Abbts*) hat ohne Zweifel dazu beigetragcn, daß man ihn mit Recht einen Schriftsteller für die Menschheit, und einen Weltweisen deS gemeinen ManneS nennen kann: ein Titel, der selten und in meinen Augen ehrwürdig ist. Solche Schriftsteller haben wir endlich genug, die unter Büchern geboren und erzogen, unter Büchern leben, schreiben und sterben; Gelehrte, denen daher auch der Name Mensch, Bürger fremde ist. Die vom Apoll gezeugt, von einer Muse geboren, wie Scriblerus, in einer römischen Vase getauft, von Jugend auf dazu ein- peseqnet wurden, unter den Büchern, der Welt, des- Volks, der Menschheit zu vergessen, den gesunden Verstand gegen Gelehrsamkeit zu vertauschen, und statt nutzbar dem Staat, mühsam zu seyn. Ich will nicht die alten Züge wiederholen, mit welchen man den Wort - Bücher - Schul - und Stubcngelcbrtcn lächerlich zu machen pflegt: denn die Saryre über diese Leute ist wegen ihrer Leichtigkeit so sehr zur Mode geworden, daß wir beynahe lieber den Schuk- gelebrten selbst, als seinen Stachelrichtcr bören wol» len: da ehedem, was noch arger ist, oft beode sich m einer Person vereinigten. Allein um so viel lic- der sey uns Ein Mann in Deutschland, der den ) s- Ehrengedächtnlff. p. S. 23 I. Galkerie Stand des Gekehrten unter die übrigen Stände des Lebens so vortrefflich einzuschieben weiß, daß man sieht, dieser Schriftsteller war erst Mensch, ehe er Gelehrter wurde. Und so einer ist Ubbt, wo ers nur seyn kann. Er schildert den Krieg*): jeder Zug ist imVerbältniß auf die Menschheit, er zeichnet die politische Tugend**): jeder Zug ist im Gesichtspunkt des Bürgers, der feine Pflichten fühlt: er denkt sich einen Entwurf gegen die Liebe zum Vaterland***): sogleich stellen sich alle die Folgen vor sein Auge, die !der Einwurf auf das Ganze-des Volks haben kann, und mit edler Begeisterung spricht er wider die, so. dasselbe aus tugendhaften Grundsätzen herauslachen wollen: seine ganze Schrift vom Tode fürs Vaterland ist von einem Manne, der als Mensch fühlte, als Bürger dachte, als Unterthan schrieb. Am allermeisten feine Schrift vom Verdienst, wo die Stimme des Volks, die er fo ehrwürdig zu machen weiß****), ihm, wo nicht immer Leitstimme ist: so doch nie aus seinem Ohr sich verliert. Ohne die Eitelkeit des Rousseau zu affektiren, der, dem stolzen Namen eines Scrift- ste l l e rs der M en sch h e i t zu gut, den Philosophen, den Gelehrten, den Kenner von Schriften andrer Menschen nicht blos verlaugnen, sondern auch erniedrigen, anschwärzen, lächerlich machen will; ohne diese Eitelkeit zu affectiren, der er an mehr als *) Vom Lode fürs Vaterland p. 8. **^ p. 16, 17. *'*) p. 27^ ****) Vom Verdienst p. 8. großer und weiser Männe r. 29 einem Orkn) begegnet, spricht er mir Bescheidenheit aus vollem Herzen, der Natur gemäß, als ein Lehrer des Menschen und des ehrwürdigsten Theils derselben, des Volks. Nicht Speculntion ist bey ihm dir erste Größe des Geistes, sondern erhabne thätige Sorge d>) für ein Volk : die meisten c) Elassen der Geistesstärke sind aus den Kammern des bürgerlichen Lebens: und die schönsten Beyspicle des Wohlwollens ci) aus den Kammern des menschlichen Herzens gehoben. Und wenn er insonderheit das Verdienst ausmißt: nie verliert er das ganze Wohl und die ganze Natur des Menschen aus seinen Äugen: oft reißt er sich gar unter das Volk hin, (0 warum hat man dies edle Wort entadelt): und jetzt spricht er, wie in seinem Kreise. Höre ihn von der geduldigen Seele e), von der Herzhaftigkeit gegen VorurtheileH von der Bildung zum guten HerzenZ), und Verstärke desselben bey Kindern U) von der Erziehung zur Weichheczigkeit i) von der wahren Menschenliebe Ir) nach ihren Graden : vom Maas des Verdienstes!) in- s> p. 88 g. b) p. 28. u. s. w. c) p. 58 . u. s. w. ü) p. ibr. re. e) p. g2-g8. k) p. III- 18Z. 8) p. -bi. d) p. 180-igo. i ) p. 200 - 2l0. Ir) p. 2 l 2 - 2 bl». l) P>'2Z7- Hu 1 Gallerie sonderheit des brauchbaren Mannes u); und denn die vortreffliche Schätzung der Erbauungsschriflen b); der Leibes - e) und Seelensvrge ä) : der Nutzbarkeit des Privatlebens e) : des redlichen Bürgers k) und der verdienstvollsten Matrone K reden: er wascht alle diese große Situationen nicht mit seinen Worten aus, wie die meisten Büchergelehrte, wenn sie über solche Gegenstände sprechen: ec deklamirt nicht, wie von der Bühne, demvn- strirt nicht, wie von Katheder, predigt nicht wie von der Kanzel: er spricht, als keiner der in diese Welt gehört, sie für sein Loos erkennet, und von ihr den Kranz der Belohnung erwartet ki). Spräche noch jetzt in Delphi Apollo: er würde unserm Schriftsteller den Preis der Weisheit zuerkennen , weil er seine Philosophie auf die Erde rufet, für die Menschheit schreibet, und sich der seinen nicht schämet. Mit welchem Feuer preiset ec in den Briefen die neueste Literatur betreffend, die WeItweisheit für den Bürger an, und nimmt die Schriften der Schweizer in dieser Art, eben ihres Jnnhalts wegen, mit so viel Aufmerksamkeit auf. Ja, wie demüthig und entschlossen schreibt er m feiner Vorrede zum Verdienst: „daß „er in dieser Schrift nichts gesucht habe, und wenn „er noch anders von dieser Act jemals schriebe. s) p. 277 -Lgr. h) p. Jl» 5 -ble. ei p. A) p. 3?3 - 38o. e) 38>. k) p. tzoz. ß) P° tm7. tzad. !i) s. Borred« Seite 7. großer und weiser M ä n n e r. 3r „nicht-? suchen werde, als gesunden guten „Verstand seinen Lesern vorzulegen. Seiner ,,Meynung nach ists das brauchbarste an der Philosophie, sie zur Berichtigung der Urtheile über „Sachen im gemeinen Lc1>rn anzuwenden, „und ihr dadurch das Ansehen des natürlichen „M enschenverstandes zu geben." Habe ich also Unrecht, wenn ich diesen Zug als den Haupt- strich in seinem Charakter angegeben? Und wie schätzbar sind solche Schriften; da wir Deutsche noch in der Philosophie des Volks wenig gegen unsre Nachbarn aufzuzeigen haben; wenn doch eben unser Abbt den schlichten guten Verstand zxlaiir Acmci vsnss) für den National-Charakter der Deutschen halt von der Seite des Kopfs. Einem einzigen Buch vom Verdienst wollen wir eine Hekatombe von philosophischen Schulcompcndien aufopfern, und einen Schriftsteller dieser Gattung, die im edelsten und heiligsten Verstände das Ltuckiurn Uumanitatis genannt werden kann, wenn er aufblickt, mehr ebre», als drcy neue Pindars, und hundert neue Anakreons. Schade! daß auch die historischen Werke Abbks be»m Anfänge abgebrochen wurden, denn auch dieß Feld durchlauft bey ihm die nemliche Ader: das erste, wo wir in seinem Fragmente vor der Sündfluth Abbt finden, ist ein Gemälde der Menschheit, und wenn seine Geschichte kein Verdienst hat, so ists, daß er die belacht, die Key ihren Fragen und Untersuchungen vergessen haben müssen, daß sie Menschen von gestern sind. Ich habe als eine vermutliche Ursache zu diesem Charakter Abbts auch seine erste Erziehung in einer Mittlern, bürgerlichen L e - bcnsact angegeben: und hoffe jeden auf meiner Seite zu haben, der bey sich nachftägt, wie mächtig die ersten Eindrücke des Lebens in uns wirken: und daß, wenn die reifern Jahre uns fceylich Materialien zum Denken verschaffen, die erste Jugend gleichsam die Form bilde, in welche sich unsre Begriffe gießen, nach welcher sie sich modeln. Stärke und Schwache unsrer Augen ist eine Gabe der Natur ; aber zu welchen Aussichten, zu welcher Nähe, zu welchem Sehwinkel wir uns gewöhnen, von welcher Seite, und so gar oft in welcher Farbe wir die Gegenstände erblicken wollen; dieß kommt auf die frühe Bildung an. Und da muß doch wohl, denke ich, der, so in einem mittleren Stande, unter geschäftigen Bürgern geboren ist, der die ersten Eindrücke in dieser Welt von Menschen bekommen, sie zu sehen, zu kennen und lieben zu lernen, Gelegenheit gehabt; dieser muß doch eher das Gcburtsrcchk haben, ein P h ilosoph des gemeinen Mannes zu seyn; als der am Hofe, oder unter Büchern das Licht einer ganz andern Welt erblickte — Will indessen jemand diesen letzten Umstand als Bcy- trag zur Denkart Abbls nicht annehmen, oder ihn gar unter Huarts oder Hclvetius Träume setzen — meinetwegen! Ich werde es ihm nicht durch Instanzen zu erweisen suchen, daß unsre blos gelehrte Erziehung den guten gesunden Verstand über Dinge des gemeinen Lebens eher unterdrücke, als..wecke, eher die Eindrücke menschlicher Obliegenheit schwäche, als stärke: die Gesichtspunkte bürgerlicher Beziehungen öfter entferne , als beranrückc. Ich werde nicht weitläuf- lig untersuchen: warum wir so wenig Schriftsteller 33 großes und weiser Männer. steiler für Menschen : sondern Meistens Schriftsteller für Schriftsteller, Gelehrte für Gelehrte haben: warum nach der Lebensart der Griechen der gute gesunde Verstand über Dinge des Lebens ein Erbstück ihres "«X« x ftyn mußte, wie dicß den ganzen Zuschnitt ihrer Literatur vor der unsrigen vortrefflich ausnimmt; wie viel die Wissenschaft an Fruchtbarkeit, Nutzen, Sicherheit und Faßlichkeit verletzten, da Man sie vöN der Sphäre des gemeinen Lebens und der Menschheit ab- getrenNet -— alles dieß will ich nicht Untersuchen, sondern preise Abbt kurz und gut: als einen Welsen der M e ms c h h e i t, als einen Lehrer des Volks:/und wünsche ihm viel Nachfolger. Zweitens: der erste gelehrte Anstrich seines Geistes war nach der Methode der öffentlichen Unterweisungen, das Studium der Alten; uNd diese Farbe erhielt sich bis an das Ende seines jungen Lebens. Die Alten las er, als Schüler, uNd — verstand sie; als Lehrling auf Akademien und bildete sich; als Lehrer und wandte sie auf kritische Arbeiten an: am Höfe Und übersetzte. Sallusr und Tacitus waren seine Lieblingsschriftsteller, und von ihrem Erklärer Gvrdön bekam er, wie eine angenehme Anekdote *) saget, den Geschmack aN Lesung der Alten: wie viel Einfluß dies Studium in seine Denkart gehabt, ist augenscheinlich. Ich sage in seine Denkart; denn die Klasse seiner Schriften, die über das Studium der Alten geschrieben *) S. Nicolai EhrengedächtNiß p. ff Herders Wxrke z. Phil. u. Gesch. XU!. C HAc/ckcre. sind, wird unter einer eignen Abtheilung steheN. Hier führe ich also blos an: aus Tacitus und Sallust fuhr in ihn der Geist der Geschichte, und die Neigung, nach ihnen einen Styl zu bilden. Ueberall in Abbts Werken schwebet und reget sich ein historischer Geist, der jeden seiner philosophischen Gedanken und Situationen aus der G e- schichte zu beleben sucht: über sie philosophirk, und aus ihr beweiset. Wie unerwartet ist dies, bei einem Genie, dessen Einbildungskraft fruchtbar gnug war, Kinder zu gebaren, und dessen Kenntniß der Menschen ihm Charaktere und erdichtete Beispiele in Menge hatte aufbieten können. Alsdenn wäre unser Abbt vielleicht ein deutscher Toußaink geworden , in dessen Sittenschule so viel artige Puppen auftretcn, als in der Sittenschule Aesopus Thiere, und in der Sittenschule Homers Götter und Helden. Aber Lank sei dem Freunde, der ihm fast auf jeder Seite seines Manuscripts an den Rand schrieb *): „weg mit den Zierrnthen von eigner Erfindung! Geschichte dafür!" Denn eben durch diesen pragmatischen Gebrauch der Historie bekommt Abbts Denkart Festigkeit, die ihr sonst mangeln würde: Mannigfaltigkeit der Auftritte bei jeder neuen Blattscite, und eine eigne Manier, die ich manchem deutschen Schriftsteller wünsche. Millers Abhandlung von einem ausgebreitetern Gebrauch der G e sch i ch l s k und e steht also vor Abbts Fragment recht an ihrer Stelle: ich em- *) S> Millers Vorrede zu Abbts Fragment. großes und Weiser Männer. 3t> pfchle sie zu lesen» und wünsche ihr viele Anwem düng: damit uns die Muse der Geschichte bald eine Colonie von MänNerN schicke, die dieß große Feld bearbeiten, daß wir auf ihm Blumen und Früchte, in ihm Schatze und Kleinode finden: daß sie uns Schriften gäbe» die» wie Abbts Schriften, im Garten dek Geschichte gewachsen, und mit deln Golde aus ihren Tiefen bereichert sind. Wenn ich gesagt habe» daß Tacitus und Sallust unserm Abbt deN Geist der Geschieht? cinqehaucht: so meyne ich ja Nicht, daß seine Welthistorie eine Sal lu sti a n i sehe und Noch Minder eine Geschichte des Tacitus zu nennen sey: ich schreibe cs ihnen blos zu, daß sie Abbt Geschmack im der Historie und jenen Reflerionsgeist eiNgeflößct, der sich in allen seinen Schriften äußert '; denn wie Süllust und Tacitus über Begebenheiten und Personen philosophiren » um sie zu beschreiben und zu erklären; sv philosophirt er über Wahrheiten und Erfahrungen, UM sie zu erläutern und zu beweisen. Er wollte aber vom Tacitus und Sallust noch. Mehr lernenWie sie zu schreiben: er verglich das Genie der deutschen UNd lateinischen Sprache» und wollte aus dieser in jene die machtvolle Kürze bringen, die wir bei den meisten Deutschen vermissen» und bei deN Römern bewundern. Wie fern er das Genie beider Sprachen recht gegeneinander abgewogen; wiefern er den Sallust in die unsre glücklich oder unglücklich verpflanzet, werden wir unten sehen. Hier bemerke ich überhaupt» daß die natürliche Denkart des Tacitus sich Mit der Wendung» die AbbtS Genie Nahm, etwas zu stoßen E s 36 I. Gallerte scheint; daß jene ernsthafter und langsamer, diese n-untrer und flüchtiger gewesen; daß in jener ganz und gar der reife tieft Verstand, in dieser oft rasche Einbildungskraft und glanzender Witz herrsche; daß jene Betrachtung- und Spruchreichcr; diese Bildervoller spreche. Was also auch unsre Kunst- lichter an Abbts Styl aussetzcn mögen: es betrifft mehr die Bildercomposition, als Kürze und Nachdruck; mehr die Verwirrung, als Hausung der Ideen; mehr den mißlungnen, als den zu gewagten Ausdruck — und als ein Nachahmer der Kürze des Ta citus, ist mir Abbt immer untadelhast. Man lese doch unsre matte und wäßrige Schriftsteller, die jeden Gedanken in einer Sündfluth von Worten ersaufen, jedes erhaschte Bild bis zum Eckel zerren und auskramen: alsdenn kehrte man zu Abbts Style zurück, zum Styl einiger wenigen deutschen Schriftsteller: — wo findet man mehr die deutsche Stärke und Nachdruck? Was helfen uns doch unsre verkettete Predigtperioden ? Unser schleppender Paragraphenstyl? Die Hüst- und Marklose Sprache der Wochenblätter? Der aufgeblahcte Vortrag unsrer Schulübersetzungen, und Schulredner? Der langsame Trab unsrer Geschichtschreiber? Der artige Anstand unsrer schönen Geister? Die ganze Zunft unsrer Gott sey Dank! deutlichen, ausführlichen und verständlichen Alltagsschriftsteller, die unsre Aufmerksamkeit schonen, unseren Verstand nicht überhäufen, unsre Einbildungskraft in Ruh und Friede selig schlummern, und großer und weiser Männer. ^3? unsre Wissenschaft,. Belesenheit und Scharfsinn aus freundschaftlicher Liede nicht demülhigcn wollen. So lange wir nur einen Lcßing für die kurzen Sprach- gaukeleien der komischen Bühne, und einen Weiße swenn er ohne Reime schreibt) für den Ausdruck des Cothurns haben:, so lange nur ein Gleim durch Umbildungen fremder Trauerspiele die Sprache versucht, die wie C a l I i o p e n s Tuba dienet: so lange uns in Profe wenige Schriftsteller zum Rückhalt sind, auf die wir trotzen könnten: „siehe! dieser sagte nie zu viel!" so lange wollen wir uns freuen, wenn ein nachdrücklicher Wortarmer Spartaner erscheint, ihm als Deutsche die Hände reichen, und sagen:, „kurz und gut ! wir sind Brüder!." Wer hiezu nicht Lust hat: wohl! dem geben wir Meiers Commentarien über den barbarischen, dunkeln, lakonischen Baumgarten in die Hand: hier kann er sich satt lesen. Wer noch weiter geht, und Abbt feierlich tadelt: der soll verdammt werden, alle Wochenblätter nach der Reihe hin zu lesen, die in Halle erschienen sind und erscheinen werden. Laßt es sich gar jemand einfallcn, TacituS selbst zn tadeln,, (so wie es der Herr Conrektor, Johann Samuel Müller, bewiesen hat, daß er vortrefflich, Tacitus aber schlecht schreibe) so weiß ich keine härtere Strafe, als daß er diese gepriesene Hamburgische Ueberfehung, die dem Tacitus völlig treu bleibt, weil sie ihn d ur c h aus verbessert, langsam und deutlich,,Wort für Wort, mit Vorrede und Noten lese: ohngefahr wie Mahommcd nach einer Sura seines Korans denselben gelesen haben will.— 33 f. Galle rie Meinetwegen se» Abbts Kürze Fehler oder Barbarei; ich für meine Person wende mich zurück, und falte die Hände: „Heilger Tacitus! gib uns mehrere Abbts!" oder mindstens: „strafe uns doch nicht nzchr mit Uebersetzern, die deine rauhe.Kürze glgttcn !" O warum kann ich Abbt, dkm Schüler Tacitus, kein solches Denkmnhl aufrichten, als dieser dem Agrikola setzte! — Denn stehe da! Agrikola lebet! Ich habe schon gesagt, warum Abbt vielleicht wegen seiner innern Denkart, kein vollkommener Tacitus hat werden können; der, so wie ich ihn kenne, nicht bilder- sondern spruchrcich ist; jetzt eine äußere Ursache,, warum crs vielleicht nicht hat werden wollen. Und nun bin ich bei dem dritten Auge: Abbt kannte, liebte und las die französischen und englischen S c h r i ft s te l- l er. Vielleicht war der französische Witz seiner Munterkeit angemeffner, als der stille schwere Gang des Römers: und so machte er sich auf her einen Seite die schönen Sprünge und Wendungen eigen-, die wir so häufig in seinen Schriften finden. Auf der andern reihte das oft überlydne Kolorit der Engländer, und ihre launische Ausdrücke seine an Bildern reiche Einbildungskraft, seine zum Eignen des Ausdrucks geneigte Feder; und nun ward aus diesen Ingredienzen Abbts Styl: kurz und spruchreich, wie der Römer, munter und blendend, wie ein Voltaire, kolorirt und launisch, wie ein Dritte. Allerdings ein seltnes Gemisch; aber laßt Ms zu dieser schönen Seltenheit naher hinan! Spuren des französischen Geistes lassen sich in » O gro ßer und weiser Männer.. 3g » Abbts Schriften nicht verkennen, und ein Montesquieu, Rousseau und Helvetius, ja auch in den Wendungen einiger Beispiele, Thomas, baden vielleicht an seinem Buch vom Verdienst sofern einigen Anlheil, daß sie ihn auf eine Reihe freilich eigner Gedanken geleitet und den Ton seiner Denkart hie und da gestimmet. Bon Helvetius nahm er die Idee dazu, wie uns sein Freund und Biograph erzählet *); allein er hat seinen Nebenarbeiter weit hinter sich: das Verdienst in seiner Schrift ist auf allen Seiten mehr werth, als der dampfende und sprudelnde Esprit im andern **). Auf einigen Spuren seiner Menschenphilosophie ist augenscheinlich Rousseau sein Führer, mit welchem er auch hie und da eine Situation so lebendig auszumahlen weiß, daß er uns hinreißt. Montesquieu hat ihn auf einige politische Ideen geleitet,, und vielleicht seinem Buche etwas von der zerstückten französischen Methode gegeben ,, wider die er sonst selbst eifert. Da er nun außerdem Voltairen für das Muster der Schreibart mittlerer Geschichtbücher hielt: so werden wir daher, und wo wirs am wenigsten wünschen, in der Geschichte, den muntern Ton finden, der uns hie und da kitzelt, um nur zu lachen ***). Abbt *) Nicolai Ebrengedächtniß S. ab. **) Doch ist dieser Esprit eines der Bücher, welche mit offnem Sinn und ganz, vorzüglicher Menschenkenntnis geschrieben sind. M. ***) Das ist aber nicht der wahre Geist der Geschichte- 4ü I. Kaller io war zu groß, um iu dem Tode fürs Vaterland, wie in einer Parentation, zu dcklamiren: zu groß, um in seinem Verdienst ein H e lv e t i u s: zu groß, um in seiner Geschichte ein Bo l ta i r c zu werden: Tacitus mindstens wäre keines von dreien geworden. Vielleicht haben zu dieser Munterkeit auch die L i t c r a tur b r i e fe bcigctragen, deren Ton er sich bequemen wollte, und so bequemer hat, daß seine Schreibart in ihnen die originalste ist. Unerwartete Wendungen: angenehme Krümmen im Styl: rasche Einfälle: launischer Spott: muntre Sprünge unterscheiden ihn von außen, so wie von innen Ncichthnm an Planen, und in Vorschlägen, ein Blick , der immer auf das Ganze fallt, von einer Seite zur andern fliegt, und wo nicht durchdringt, so doch die ganze Hberflächc ins Auge nimmt. Der Verfasser der Fragmente über die neuere Literatur hat es daher so oft mit A b b t zu thnn, ohne noch in die eignen Ländereien desselben gekommen zu fern: denn die meisten Betrachtungen und kleine Abhandlungen in ihnen gehören Abbt zu. Und wer die Briefe ihrer äußern Einkleidung wegen liefet, wird sich die meisten mit B. unterschrieben , auszeichncn. Nach ihrem Ableben haben dein gebührt 7°o und etwas von lernst und ein über die Welt hinaussehendes Gefühl). Voltaire nach Thucydidcs zu lesen, war wir schon in der Jugend unmöglich. M. 4t großer und weiser Männer. die Literaturbriefe einen neuen Werth erhalten, uw, gefahc wie eine verstorbne Gattin durch eine Nachfolgerin, die sie nachahmen will, und nicht kann: ich meyne durch die Briefe über Merkwürdigkeiten der Literatur, in denen bier brit, tischer Spleen und Humour zusammen herrscht, dort ein Kapriccio hervvrgukt, mit französischen Modcausdrücken um sich wirft, upd auf einmal wieder dastcht, in den deutschen Harnisch eilige, sllMicdet. Möchten diese Briefe, die brittisch denken, doch auch hrittisch, schreiben, und andern die leichten Einkleidungen überlassen, die auf ihrem Körper, wie presihafte Ordenskleider scheinen. Ihr Genius in den Todtengrabern mit Klopstocks Lewa gefallt nicht so, als selbst Bodmers Crdmännchen, odev die deg Alcipbrons, die die Litera- turbriefe aus einem Herkulanum retten, Ihr Bibliothekar am Fischteiche tritt hier gyr nicht aufr laß ihn, wie der Barbier Niklas im Bo» - D.ussvl.e unter Büchern wühlen. Ich finde mich zu Abbt zurück, um ein paar Worte über seine Bildercompositiou und Laune im Ausdruck zu sagen: beide hat er von den Britten, nur freilich sich zu eigen gemacht. Wenn jene, insonderheit ihre Poeten, die Fülle im Eolorit bis zum Ueberladncn treiben, daß sie gegen die griechische Einfalt abstechen, wie ein gemahltcr Heiliger in der griechischen Kirche gegen ein Gemahlde von Raphael: so überließ cs Abbt freilich den Schil- derern, die monatweise bezahlt werden, sie so zu kopiren, wie sie sind, oder gar ihre schwere Drap- perieu so zu zerren, daß man rufen muß in der 42 I. Gallerte Hälfte des Bildes: ofts jam s-rtis! Allein eben weil er in jeden Zug neue Bedeutung legen will: aus jeder Farbe eine neue ganze Figur macht: so wird freilich nicht das Colorit eines Bildes klumpenmäßig ; aber die Bilder sind zu gedrängt, zu fremde zusammengesetzt, um ein ganzes zu bilden. Sie verwirren sich, stoßen gegen einander, und zerstreuen. So ganz Unrecht haben freilich die Kunstrichter nicht, die dies tadeln ; aber so ganz Recht können sie sich auch nicht schaffen. Freilich ist die Einfalt der Alten der erste Vorzug ihres Styls, daß sie Nicht in Bildern reden, sondern Bilder geben: jedes so weit ausführen, als sie es brauchen, und wenn sie bei diesem Bilde sind, ganz in demselben zu seyn wissen^ Schriebe ich also über die Schreibart der Alten, so würde ich. diesen Vorzug gewiß weit führen, und zu Betrachtungen nutzen, da Geddes kaum darauf gekommen ist. — Aber lasset uns einen Augenblick vergessen, daß diese Einfalt Vorzug ist; laß sie blos Unterscheidungszeichen seyn, um beide Stücke richtiger gegen einander zu setzen. Wohl l so nenne ich jenes den griechischen Styl des ganzen einfältigen Ausdrucks; diesen, den Styl der Verkürzungen. Jener hat mehr Vorzüge; diesem aber fehlt es daran.auch nicht ganz; nur müssen Heide nicht nach einem Gesetze beurtheilt werden. Dieser sagt uns mit wenigem mehr; jener zeigt uns sein Eines stärker: dieser setzt mehr neben einander; jenen etwas Ganzeres in einandere jener ist der griechischen Zeit treu; dieser, darf ich sagen ! paßt mehr großer und w eis er Männer, 43 auf die Unsere. In unserer Zeit ists schwer, ohne solche Verkürzungen zu reden, und nicht zu ermüden; denn selbst einige Griechen würden ermüden, wenn wir sie nicht als Griechen lasen. >§s ist schwer, die klare einfältige Weisheit der Griechen, jeden Perioden bilden lassen, ohne ihn nicht oft den Händen der Kunst anvertrauen zu müssen: denn wer will alles selbst sagen, ohne etwas voraus zu setzen, und hinzudenken zu lassen? Nur wenigen glückts im Deutschen, dieser griechischen Grazie so zu opfern, daß sie alles, was sie sagen, ganz sagen. Ohne Zweifel werden einige Leser darüber den Kopf schütteln, allein nicht jeder, der d i e s nicht ist, ist darum Nichts, Wenn Horsz' Drehbank und Amboß zusammen wirst: so hat ex vielleicht den Feksser durch ein Beispiel zeigen wollen, indem er davon spricht: Tr insle rorysros iuaiuli reällere vorsuü. und er hat also di« Verbesserung der Bentleis, Cuningh, ams und Sa. nadons nicht nöthig. Wenn seine Bilder in den bekannten Versen: nsgiio sckeo serus etc:, sich dem Kunstrichter nicht freundschaftlich gnug mit einander zu besprechen scheinen: so könnte ich vielleicht parodiren: „kein Periode ist so überladen an Bildern, daß man ihn nicht ebnen könnte, wenn man nur Geduld hat, alles stückweise auszukramen, und hinzuzahlcn," Allein wo hat ein Genie diese Geduld? die Bilder drangen sich von allen Seiten herzu: fodern Anschauen und Bemerkung: eines stößt an das andre, daß es klingt: 44 I. Gallerte ober endlich machen sie sich doch Raum. Gedanken zeugen Gedanken: diese trete», wider unfern Willen, in Sprüchen hervor: hier kommt eine Metapher zur Hülfe; warum soll ich sie abweiscn? Dort ein Zug aus einer Geschichte, ich will ihn behalten. Aber daß das Gefolge nicht schleppend werde , wie DariuS Kriegsherr: so muß sich jedes einen kleinen Raum gefallen lassen: das Glcichniß wird zur Metapher, die Metapher zum Beiwort: die Geschichte Epempel; das Erempcl Anspielung in einem Zuge: die Mcynung wird Gedankeund der Gedanke Spruch. Run hat jedes Platz,, und da ich mein .Heer nicht ausbreiten konnte: so sorge ich, daß es sich nicht im Wege stehe; Schlachtordnung ist da, nur daß sie nicht ins Gedränge komme. Kann ich noch überdem daserreichen, daß eben diese Rahe und Gedrungenheit Worthril ist, eins dem andern zur Seite steht, beispringt, die Hände reicht: desto besser l Und hat der Feldherr auch darauf gesehen, daß in den ersten Angriff Stärke» Leichtigkeit in die Flügel, und Nachdruck in den Hinterhalt kommt; Tadler! was willst du mehr? ,,Den Gasten soll mein Gericht schmecken; nicht dem Koch gefallen!" so sagt ein Schriftsteller, der sich auf sich selbst verlassen kann. Erzeugen will ich dem andern Gedanken: aufrusen in ihm Bilder: ln ihm Ideen schaffen: in ihm Empfindungen aufregen — nicht aber ihm me ine Gedanken blos erzählen, meine Bilder vvrkramen, meine Empfindungen hingaukcln. Genies will ich wecken, Leser lehren, nicht Kuuflrichtcr gnügcn! Wenn ich einen Amor von dieser Art einmal in die Hände großer und weiser Männer. 40 bekomme: so danke ich der Muse feierlich : „dieser Mann .lehrt mich vergessen, daß ich Kunstrichtec bin!" Er hat nicht jenen regelmäßigen tobten Stvl, bei dem ich schleichen und ,edcn Fehltritt bemerken muß: Freilich hier sind Auswüchse; aber Dank seinen Freunden, daß sie ihm diese Auswüchse nicht raubten, ihm seine Gestalt ließen, wie sie ist: hätten sie ihn bessern wollen, wie ein Bent lei unsrer Zeit den Vater Hagedorn: so würden wir statt seiner eignen Züge sehen ein Gesicht voll Narben und Striemen. Selbst der kunsirichterische QuintiliaN Macht dir Auswüchse, die zu verschneiden wären, und die überflüssige Fruchtbarkeit zu Zeichen des Genies: die Erfahrung aller Zeitalter bestätigt dies, und eben so kann ich Mich auf Erfahrung berufen, daß solche Auswüchse am meisten neue Genies hervorbrinaen. Das Genie ist eine Pflanze, die von der überflüssigen Fettigkeit det Erde, die vom Schlamm hervorgebracht wird, sich von ihm nährt, und in ihm sich weiter fortpflanzt. Das schöpferische Vergnügen unter seiner Feder, Gedanken werden, Bilder entstehen zu sehen, .paaret sich selten mit der sparsamen Genauigkeit, Bilder zu ordnen, Gedanken zu feilen. Hingeworfen liegt eines über das andere, aber das Hingeworfnc sind Schatze. Äsi'e aber? fodcrt die Armuth unsrer Sprache, sich durch Metaphern deutlich zu'machen? So sonderbar dies im Anfänge scheint: so konnte ichs doch nicht gerade weglaugnen, und Meine Ursache ist eben so sonderbar. In Griechenland wurde die 46 I. Gallerie Weisheit gemeinschaftlich mit der Sprüche gebildet: beide gingen in gleichem Schritt fort: und jene wuchs in dieser, wie auf eignem Grund und Boden. So ober nicht mit den NeuerN: so nicht Mit unsrer Sprüche. Hier bekommen wir Begriffe aus fremden Gegenden, in unsre Sprüche zu verpflanzen: sie kommen übet Meer und Land, um bei uns Wohnplütz zu ncbmcn. Kann es hier nicht seyn, baß ich neue Worte schaffen, daß ich Metüphern zu Hülfe nehmen Muß, Um mich deutlich zu machen ? Niemand kann dies laugnen, der die Eigenheit, oder den Eigensinn jeder Sprache, oder ihre Dürftigkeit fühlet: wie aber und Mit welchem Glück ein Schriftsteller diese ArMuth ersetzt, diese Eigenheit behandelt, und wie Abbt sie behandelt? Hier hilft alles Vernünfteln im Ganzen nichts; suchr Proben, urtheile über einzelne Falle, oder schweige! So komme ich also von ungefähr auf düs Eigensinnige im Ausdrucke, was man in einer Sprüche, oder einem ihrer Schriftsteller findet: UNd hier ist mir Abbt ein schätzbarer Schriftsteller, in seinem Sallust ein schätzbarer Uebersetzer. Er kennet das Schroot und KorN der Unsrigen, und sucht starke Worte zu prägen, alte Müchtworte hervorzusuchen, die Wortfügung Nach feinem Zweck und der Eigenheit unsrer Sprüche zu lenken: freilich also ungewohnt zu lesen, schwer zu übersetzen. Aber Web will sich denn leicht lesen, und in Französisch Deutsch übersetzen lassest? Nach einigen Jahren wird vielleicht ein Sprachforscher an ihm sitzen, ihn wagen, seine Besonderheiten prüfen, uNd endlich sagen: „Dieser Schriftsteller arbeitete für die Sprache, und großer und weiser Männer, 47 in der Sprache; ein Nationalautor im doppelten Sinn!" Ich will nicht aufs neue, gegen unsre gangbare, geläufige Schreibart dekllttniren: Laune und EigenthnMIichkeit kann ich doch damit keinem geben. Nur so viel sage ich, dies Idiotistische hall Adblen bei mir schadlos gegen alles Zu-Franzö- sische, oder Z u - B r i t t i sc he , worüber er bei andern Schriftstellern selbst spottet. Lange habe ich mich bei Abbts Styl aufgehal-l ten; aber vielleicht aufhalten müssen, weil die m.i- sten Kunstrichter gegen ilm schreien, und selbst sein Lebensbeschreiber *) nicht genau genug das Vortreffliche vom Fehlerhaften unterscheidet. Allerdings „ist „unsre Sprache (durch das Verderben ganzer „Jahrhunderte) zu weitschweifig; und muß „zusaM mengezog cn werden, wenn sie „nicht schleppen soll: allerdings ist jeder „B e g r i ff i n der Woctfügungso zu 0 r d- „nen, daß er auf den Leser mehr Wir- „kung thue, man muß sic also nach b e- „svndern Absichten rücken: oft muß „man neue W 0 rke prägen, muß sich durch „Metaphern deutlich zu machen suchen: „Muß oft kurz und mit einem Worte „andeuten:" wo aber alles dies geschehen muß, können blos einzelne Fälle entscheiden. „TacituS hat Abbrnie inFehler verleitet; dadurch, daß er, wie dieser, tief denken, spru ehre ich schreiben, und die Wortfügung bequem *) Ehrengedächtniß, S. 20. 21. 22. I. G olle r i e 48 ordnen wollen sondern dadurch fehlte Abbt, daß er den TacikuS verließ. Auch das Metaphorische seines Styls ist kein, »nd das zugcdrangte Metaphorisch ein nutzbarer Fehler: das Eigen- 1Hüm liehe und Launische seines Ausdrucks Ist unschätzbar, und selbst seine Auswüchse sind bildend. Abbt ist bei deN Fehlern seiner Schreibart Wir theurer, als wenn er keine hatte: Versuche, wie er, muß man machen, um unsrer noch gewiß unausgebildeten Sprache, Reichthum, Fülle, Leichtigkeit zu verschaffen : Schriftsteller, wie er, muß man mit mehrercm Eifer und Aufmerksamkeit auch in Absicht ihres Styls, empfangen, wenn wir je einmal klassische Schriftsteller haben wollen: und eigensinnige Journalisten, wie viel sind , die über Abbts Styl dumm und dreist, d. i. kunstrichterisch haben urkheilen wollen, haben hier gar nicht Sitz und Stimme, schaden unsrer Sprache, und thun Abbt Unrecht, der gewiß auch über den Styl ur- theilen konnte. Und batte ich mit diesen Betrachtungen nichts ausgerichtet, als uns eifriger gemacht auf die Ehre, Nakionalschriststellcr zu seyn, das Innere unsrer Sprache hervorzugraben, zu lautern, zu nützen : uns eifriger gemacht auf die Ehre , solche Nationalschriftsteller zu erleben; damit wir mehr auf sie merken, und sie prüfen: oder auch nur uns eifriger gemacht auf die Ehre, Deutsche in der Sprache zu seyn, in deren Schooß noch unendlich viel unbekannte Schatze ruhen, die auf die Hand dcS Genies und Künstlers warten! Abbt starb zit frühe, für uns ein klassischer Schriftsteller zu werden, denn großerund weiser Männer. 49 denn er hat, wie jener Grieche die Helena mahlet«, mehr reich als schön geschrieben: Abbt starb zu früh, für uns der erste elastische Uederfeher zu werden, denn sein Sallustius ist ein woklae- bildetes, aber verwaisetes Kind: Abbt starb zu früh, in der Philosophie über unsre Sprache der erste ei- aier neuen Bahn zu werden; aber da hangen noch die Kranze für den, der darnach strebet: ich bin kein Hellanodik, um sie auszutheilen. Daß Abbt ein Apostat der Theologie geworden, gibt Miller seinem Geschmack an den französischen Schriften, und seiner Liebe mehr für das Schöne in der Erkenntniß, als für das Mühsame im Systeme, Schuld. Warum er das Studium der Theologie verlassen, geht mich hier nichts an; aber ob dies Studium auch einen Einfluß gehabt, in das, was wir von ihm haben, das ist Meine Frage! — Trügt mich nicht mein Gedachtniß: so hat Abbt unter den Nachrichten von Baumgartens Büchern auch einige verfertigt; allein die rechne ich hier nicht. Verschiedene Steilen seiner Bücher, die an die Granzen der Theologie streifen: und sein Stil, der manchmal ins Biblische fallt, dies kommt hier in Betrachtung. Zu denen Philosophen gehört Abbt ganz Und gar nicht, die in ihren Schriften jener Grundregel des Protagocas zu folgen scheinen: „ob Götter sind oder nicht sind? davon Hab ich nichts zu sagen!" Ich wills zugeben, daß Abbt auf Religionsseiten desto eher gerathe: weil er sich einige Zeit gewöhnt, Dinge unter solchen Gesichtspunkten anzusehen: und daß unsrer Seele dir HerdersWorkez.Phit.u.Gesch. XIII. D lVacKlen. öc> 1. Gallerie Situationen oft unvermerkt wieder kommen, mit welchen sie sich lange beschäftigt. So viel bleibt immer, daß Abbt oft seine Materien auf die Religion leite. — Ein schönes Verspiel für die Weltweisen, die in ihren Büchern mit dem Pöbel zu glauben scheinen: nur am Sonntage und in Predigten müsse an Gott gedacht werden l — bin schöner Fund für den, der sich nicht darüber ärgern darf, Religion zu finden, wo ers nicht glaubte: und eine kleine Schadloshaltung für das Studium der Theologie, das an Abbt gewiß viel verloren hat. Abbt will die Stimme ausrufcn: sterbt fürs Vaterland! er sieht keinen Ort, wo sie unter uns gehört werden könnte, und kommt auf den Gedanken, sic dem Diener der Religion anzu- preiscn*). Ein Gedanke, den jemand**), der kein Diener der Religion ist, sehr unschicklich angestritten; den ich aber unsers Abbts nicht unwürdig finde. — Abbt will beweisen***), daß die Liebe zum Vaterlande die Furcht vor dem Tode bezwinge: er lhut es auf eine Art, die es zeigt, nur Religion könne über die Schrecken des Grabes erheben. Im Vorbeigehen gibt er****) ein Bild von dem Enthusiasmus der Märtyrer: und das Bild lebet. Er geht dem Begriff de« Verdienstes nach: und siehe da! *) Vom Tode fürs Vaterland. S. 7. ") S. Reliquien. *") Vom Tode fürs Vaterland, S. bü. die An merk. ****) Vom Tode fürs Vaterland. S. ge. As. großer und weise rMänn er. Li endlich 2) sinder er sich vor dem Richterstuhle deS obersten Richters der Verdienste. Er sucht star ke Seelen auf: auch die schwache Seelen sind ihm stark, die Gott trauend), die zu leiden wissen u), die es vermögen, Wahrheit zu suchen, und die Tugend, auch mitten unter Zweifeln zu lieben ä), aber die starkcn Geister entblößet er, die wider sich wüten, oder über die Religion spotten e). Nicht schämt er sich des Worts, das den Geist unsres Glaubens auSmachl: Erlösetcr! sondern legt ein Scherflein auf den Altar Gottes, das über große Summen gilt f>. Mit Verehrung im Staube nennet ec Z) das unendliche Verdienst des Erlösers: mit ernsthafter Unparlheilichkeit wägt er daS Verdienst des HeiligenK), des Schriftstellers der Erbauung i), des Predigers k), und mit gewissenhaftem Scharfsinn setzt er sich den frommen Misanrhropien eines Schriftstellers 1 ) entgegen, der jetzt dahin gerakhen, wohin ich ihn nie gewünscht habe, Mösers Schreiben an den Vikar gibt er uns m) in dem religiösen Tone, der auch seine Zweifel n) stimmet; und mehr als ein'Ort seiner jüdischen Geschichte vercäth, daß ihm die Theologie kein fremdes Land sep. -r) Vom Verdienst, S. 17. b) Eb. das. S. 6r. o) S. 2» — 97- ä) S. »3a. i33. 0) S. rib — i3i. H S. 261 — sbl» A) E. 2b6. b) S. 3r8 — 827. i) S. 3/»t» — 35t». kg S. 373 — 38o. I) S. s. Rec. über Mösers Schr. in den Litt. Br. u. der deutschen Bibl. m) S. Litt. Br. n.) S. Litt. Br. ' D 2 < Hieraus leite ich auch seinen biblischen Stil, den ich nicht sowohl anpceisen, als rechtfertigen, entschuldigen, erklären muß, weil viele ehrliche Leute sich vor diesem Namen segnen, und einige Re- censenten es feyerlich für eine Entweihung der Schrift halten, mit Worten aus ihr zu reden. Abbl bedient sich Beyspiele aus der biblischen Geschichte: einiger starken Bilder der Religion: einiger Ausdrücke der Bibelübersetzung Luthers. — Diese drey Stücke habe ich aufgefunden, und will sie naher betrachten, weil das Wort biblischer Stil in dem Munde einiger Kunstrichler so etwas zu seyn scheint, als viele Ausdrücke des biblischen Stils im Munde einiger Prediger: nem- iich etwas, wovon sie nicht wissen, was es ist. Beyspiele aus der biblischen Geschichte — warum wollen wir sie aus einer so lehrreichen und ernsthaften Schrift verweisen, als Abbts Verdien st ist? haben beyde nicht einen Zweck, den Menschen weiser zur Tugend zu machen? Zsts, oder soll es ein Widerspruch bleiben, als Philosoph und als Christ, schön und biblisch, religiös und gründlich zu schreiben? Will man trennen, was Gott verbunden hat, bas Herz eines Menschen, und das Gedächlniß eines im Christenthum crzognen? Beyspiele der biblischen Geschichte haben ja die Würde, die durchgängige Bekanntheit, Deutlichkeit, Faßlichkeit, die kein erdichtetes Beyspiel hat, die wenige Beyspiele der Geschichte für eine große Reihe Leser baden können: warum will sie uns ein frommer Eigensinn verbieten , wenn wir sie würdig brauchen können? Wa- 53 großer und weiser Männer. rum soll Abbes Gleichniß von der Bunde «lade nicht in seinem Tode fürs Vaterland? und mehrere dieser Gattung in seinem Verdienst stehen? Meinetwegen immer! Und B i l d cr a u s der R e li gi o n ? Warum nicht! wenn sie passend, schildernd, bekannt, oder gar rührend sind. Die Religion ist eine reiche Quelle solcher Bilder, und warum soll ich es mir verbieten, daß, wenn ich nicht blvs für den reinen Verstand, sondern mit Bildern reden will, und muß, daß ich zu der Quelle eile, in die meine Einbildungskraft in zarter Kindheit getaucht wurde, aus der in das Gedächtnis? meiner Leser Ströme geleitet wurden: die mir am nächsten zur Hand, meinen Lesern die sicherste, und für meine Materie vielleicht die ergiebigste, die nahrhafteste, die wohlschmeckendste ist? Warum ein Bilderkabinet verschließen, das ehrwürdig, reizend, reich ist, jedem offen steht, und zum Glücke uns von Jugend auf offen stand? Und denn sta r ke alte Ausdrücke aus Luthers Bibelübersetzung? — Wenn es wahr ist, daß die deutsche Sprache seit einigen Jahrhunderten viel von innerer Starke verlohren: und jede Bemühung also gülden sey, die sic zu dieser verlebten Jugendstärke zu verjüngen suchet: wenn es wahr ist, daß allein in alten Schriftstellern diese Ader gediegene!! Goldes anzutreffen, und zuerst an den bekanntesten Orten aufzuspäkcn sey, so schlagt bcy dem Stil der Bibelübersetzung Luthers, die Wünschclru- tl e zuerst. Reichhaltig ist die Ader, dieß kann niemand läugnen, wer wahres Deutsch fühlet: Noth thuk uns das Gold aus derselben; dieß giebt jeder Z4 I. Gallerie zu, der unsere Nationalschulden an franzosirendm und briltischen Ausdrücken kennet: überdem ist eS von hieraus am leichtesten unter die Leute zu bringen: warum soll es denn verschlossene Schatze enthalten ? Ich will nicht anführen, daß in jeder Nation die ältesten Sprachschätze stets für Heiligthümer des Apollo gehalten sind, und daß , da die Religion gemeiniglich eine Wächter!» dieses Heiligthums gewesen, zu ihr sich jedesmal Dichter und Schriftsteller mit ehrerbietigen Schritten genahet, um cigcnthüm- lich und über das Gemeine zu reden So kamen Homer und Birgst und Sallust und andre aus diesem geweiheten Haine Avolls, als ehrwürdige Personen zurück, weil sie sich ohne Strafe hatten erkühnen dürfen, einen Lorbeerkranz in ihm zu brechen; — und so sollen wir, denen schon nicht erlaubt ist, bis in die heiligen Wälder Theuts zu dringen, und von der goldncn Sichel des Druitcn im weißen Kleide geweiheten Vogelleim aus der Hoho aufzufan- gcn: wir sollen uns wenigstens nicht durch das /3L,Si;X.-r Vorrede zu s. histor. Fragm. 53 I. Gallerie So habe ich einige Hauptstriche zu Abbts Charakter angegeben: Striche vielleicht, wie jenes Co- rinthische Mädchen um den Schatten ihres schlafenden Liebhabers zog, in denen sie sein Bild zu sehen glaubte, weil ihre Einbildungskraft den Umriß aus- fülltc; ein fremder Zuschauer aber nichts erblickte. Abbt war ein Philosoph des Menschen, des Bürgers, des gemeinen Mannes, nicht ein Gelehrter: er war durch die Geschieh- te, wie unter Thaten, gebildet: in Ta - citus Kürze verliebet, die er aber mit französischen Wendungen, und brittisehen Bildern mischte: zur Theologie erzogen, von welcher er auch etwas biblische Sprache behielt; und übrigens nicht für den strengen systematischen Vortrag. Nun sollt ich sein Bild umkehren, wie Anakre- on das Bild seines Bathyilus, und sagen: „die „Kunst ist neidisch, daß sie das Beste nicht ausdrü, „cken kann, seine Seele." Ich sollte, da ich ibn jetzt von außen betrachtet, in das innere Triebwerk greifen, das so große Dinge wirkte: mit starker Hand dasselbe anhaltcn, und die Räder und Federn zerlegen, die, alles bewegten. Oder, damit ich mich dem Tone der Zeit bequeme: so sollte ich mich in der Psychometrie üben, und ihn wie ein preußischer Werber, ausmeßen: ein Gericht, das Dichter und Maler nach ibrem Tode haben über sich mäßen ergehen lassen, und zu welcher noch neulich unser Kleist seine Schuhe hat ablegen mäßen. Allein da ich mich auf diese Kunst nicht verstehe: und Abbt nicht gern, wie jener Hy las Er" großer und weiser Männer. 5^ Len Agamemnon vorstellte, mehr langstreckig als groß machen wollte: so verweise ich hierüber auf sein Ehrengedächtniß, dessen Vers, ihn persönlich gekannt hat. Wie sehe ich, wenn ich Abbts Schriften in seine Seele lese, so viele Kräfte derselben in Bewegung! Sinnliche Aufmerksamkeit heftet sich auf jeden Punct des Gegenstandes, fliegt von Seite zu Seite, und auf jeden wirft sie Strahlen: seine Idee wird lebhaft, gehäuft, Helle, und seine Rede schimmert. Das Licht ist nicht scharf, nicht strenge, aber ausgebreitet, immer im neuen Zustrome. Er wird faßlich, durch die Menge seiner Merkmale: ec kläret auf, wenn er auch nicht bewiese: er stellt ins Licht, wenn er auch nicht entwickelte: er macht sicher, gewiß, stark: wenn er auch nicht überzeugte, so überredet er bis zum Augenschein. Sein ganzes Buch vom Verdienst ist hier ein einziges großes Verspiel. Oft spricht er, wie durch einen innern Sinn: wie z. E. da er die Größe -f), Stär kc-j-j-) und Güte des Herzens schildert, wie niemand sie vor ihm schilderte. Er geräth auf Begriffe, die er innig fühlet, mit Anstrengung denket, aber mit Mühe ausdrucket. Da er sie, wie durch eine Divination, empfand, und wie in einem Gesichte anschauete: so sagt er sie auch alsdenn, wie ein Bote der Geheimnisse, und nimmt zu Bildern seine Zuflucht, die uns oft ein Blendwerk der Sinne scheinen; eS -k) - 5r. -f-f) S. 56 - -H.5. 6a I. Gallcrie Kik vielleicht aber für ihn nicht waren. Diese Seite von Abbts Geist ist für mich die heiligste; und jede Entdeckung in ihr ein Aufschluß in der Seelenlehre, obgleich unsre entseelte Äunst.ichter Abbten eben ihretwegen der Dunkelheit und der Unbestimmtheit an- klagen. Seine Einbildungskraft ist reich, fruchtbar , rhapsodisch, und auf eine edle Art unbändig: n cht immer ein Baumeister, der wohl geordnete Gebäude errichtet; aber eine Zauberin, die an den Boden schlägt, und siche! plötzlich sind wir mitten unter prächtigen Materialien. Sie rührt sie an, und siehe! diese bewegen sich, heben sich, verbinden sich, ordnen sich: und o Wunder! da entstehet wie von sich selbst, oder vielmehr, durch eine unsichtbare Kraft, vor unfern Augen ein Pallast, prächtig, groß, bezaubernd, nur nicht nach der Kunst der V i- truvc und Vincenti. Wir treten naher, um zu erfahren, ob cs ein bloß Luftgebäude für unser Auge ist: wir betasten es, und siehe! cs ist wirklich ; wir fühlen nach Festigkeit, eS steht: wir wagen uns endlich in dasselbe, überzeugen uns von der Dauer, und nehmen es uns zur Wohnung. Selten ists, daß die Phantasie immer eine Schwester der Wahrheit bleibet, wie bey Abbt meistcnthcils. Das macht, sie paaret sich überall mir dem guten gesunden Verstände, laßt diesem die Herrschaft des Mannes, und wird ihm »ur eine Mutter der Fruchtbarkeit, und eine Haushälterin seines Vermögens. Uebcrall hören wir be« Abbt Unheil, und sei» Unheil ist feurig, scharf und richtig, vollständig. Feurig: er hat ein starke.- Gefühl für das großer und weiser Männer. Lr Schöne, das Menschliche und Sittliche; daher ist sein ästhetischer Geschmack, sein menschliches und moralisches Uctheil auf Empfindung, nicht wie bey fühllosen Sitten-- oder Kunstlchrern auf Regeln gebauet. Man stehet, daß er mit Lust oder Unlust urtheile: nicht in dem schalen Ton der Gleichgültigkeit, in welchem entmannete Wortkrämer schwatzen. Die Gegenstände, die er betrachtet, werden bald mit ihm vertraut, und einheimisch seiner Seele: er hält sie nah an seine Augen und an sein Herz: er kann das Schöne nicht sehen, ohne gereizt, das Gute, ohne gerührt zu werden: jeder Zug seines Gesichts, jede Bewegung seiner Hände zeigt, daß in ihm nicht ein Etwas spreche, das von kalter Erde, oder von reiner Lnft gemacht, sondern das mit der Flamme verwandt ist, und wie zu Leuten spricht, die erwärmt werden können. Daher sind seine ästhetischen Urtheile voll Geschmack, wie viele Proben in den Litteraturbriefcn zeigen: seine psychologische Untersuchungen nicht ohne Empfindung, wie der Eingang zu seinem Artikel von der Größe desGeistes, viel Bemerkung von der Stärke derSeele, und insonderheit seine Einschaltung von Empfind- niß und Empfindung beweisen: und in menschlichen Situationen redet sein ganzes Herz. Sehr selten ist dies dreyfache Gefühl für das Schöne, für das Menschliche, für das Gute vereinigt: und wo sie vereinigt sind, müssen sie den Enthusiasmus Hervorbringen, den Nikolai auch bey unserm Abbt bemerket. Wenn das bloße Gefühl von der Schönheit den Virtuosen, das bloße Gefüllt für Menschheit und Tugend den Verdienstvollen, bis zur Begeisterung erheben kann: so wird wo sich diese drey Göttinnen vereinigen, die Begeisterung eine Art von Enthusiasmus selbst für die Wahrheit werden können: und solch ein liebenswürdiger Schwärmer war Abbt. Ich sage nicht, daß sein Gefühl für alle drey Gattungen gleich stark gewesen wäre: dicß ist selten, oder auch halb unmöglich: denn wenn eine Art zu stark wird, so schwächt sie die andre. Sein Gefühl für Dichter war nicht bis zur Dichterey: seine Neigung zu den schönen Künsten nicht bis zur Hauptbeschäftigung : er blieb auf der Mittelseite der menschlichen Empfindung, von da er die Saiten des ästhetischen Geschmacks, und des moralischen Gefühls gemeiniglich zu berühren pflegt, wie ich an verschiednen Stellen diesem Gange seiner Seele mit Vergnügen nachgeschlichen bin. Da auch sein Gefühl mehr heftig als zart ist: so hat mich bey diesen Urthcilen oft gedünkt, als wenn mir jener Held Homers, der an Weisheit fast dem Jupiter glich, vor Augen stände: „wie er mit starker Stimme Worte aus seiner Brust läßt, die Zügen von Schneeflocken gleichen." Schars und richtig ist sein Urtheil; denn es ist vom gesunden Verstände gebildet, der da überleget, vergleichet, schnell zusammenfaßt und spricht. Nicht ist dasselbe unter Büchern abgestumpft, verhärtet und eigensinnig gemacht; sondern nur mehr gesellet und berichtiget: nicht ists durch die gelehrten Düfte eines Viehstalles, den man jener französischen Herzogin zur Kur vorschlug, und uns zur Bildung verschlägt, zum Empfinden eingeweihet: großer und weiser Männer. 63 denn wer unter so etwas erzogen ist, sagt Petro- niuS von der verfallnen Gelehrsamkeit seiner Zeit mit Recht, kann so wenig klug denken, als die, so in der Küche wohnen, wohl riechen; sondern da Abbt mit Empfindung und Starke, wie der gemeine Mann, und mit Scharfsinn, wie ein Denker, urlheilet: so ist er, es sey denn, daß ein spielender Witz seine Scharfe hintergeht, und rasche Einbildungskraft seine stille Ueberlcgung, wie mit einem Sturm von Bildern durchjagt, ein Muster. Ja an der Vollständigkeit seines Ur- theilsgcistes, (ich sage mit Fleiß nicht: Tiefe) noch mehr: da er, „sobald er sich nur in dieser oder „jener Provinz des Reiches der Wissenschaften um- „sehen wollte, sie in schnellem Fluge, mit unglaublichem Fleiße, durchzog, und Proben ablegtc, daß „sie ihm bereits, gleichsam nach einer allgemeinen „Karte, bekannt sey *)!" da er sich nicht unter einen Schutt von Antiken Trümmern vergrub, oder 'n ein enges Gebäude der Handwerkslitteratur ein- teckerte, und da insonderheit sein reiches Gedächtnis; ihm aus Erfahrung und Geschichte so viel zuführte, als nölhig war, sein Unheil vollstan- dig zu machen. Wenn ich auf solche Art Abbts Geist in seinen Schriften zergliedere: so gerathe ich auf den Gedan- ) s. Müllers Vorrede. ken zuerst: „wie viel enthalt eine Menschenseele!^' und nachdem ich eine große Kluft übersprungen » seufze ich: „wie viel haben wir mit Abbt verloren!" Olsuclits jam karcss nimium reserata sexulcv» (^lauäire xlus ju8io jaur äoinus i8i-> pstet. O vi ä. Jetzt will ich mich, wie die Biene des Horaz, oder Anakreons Grille, auf die Fluren wagen die in Abbts Schriften vor mir liegen: unermeßlich sind sie nicht, und noch dazu überall blumenreich und voll Nahrung: ich schwärme also, wie am schönen Sommertage, unter dem rochen Antlitz der Morgenröthe über sie hinaus. — — — spi8 Mstinas more inoäo^as Ooats carpeut» tbZ'niL psr lakorsm klarinrum circa IISMU 8 , uviäi<;us 1'ldllri8 rixar.- Ende des ersten Stückes. (Die Fortsetzung unterblieb.) großer und weiser Männer. 65 2 . Nikolaus Kvpernikus. *) Der Erfinder des neuen Weltsystems , Köper« tlikus, hat größer Glück gehabt, als der Erfinder des neuen Welttheils, Colunibus. Das Verdienst dieses wurde schon bei Lebzeiten unterdrückt und vcr- drangen; der Muhm Jenes ging erst nach seinem Tode recht auf, und die größten Männer der Nachkommenschaft bauten ihre Unsterblichkeit nur auf die Seine. Am Himmel haben überhaupt mehr würdige Namen neben einander Platz als im Koch und Gewühl der Erde. Dabei kam Kopernikus zu seiner Monarchie Unter den Sternen (die größte, die je ein menschlicher Name umfaßte) nur von Gottes Gnaden, durch Erbschaft und Zueignung, durch Besitznehmung einer alten abgestorbnen Meynung. Schon die Aegypter waren drauf gekommen, den Merkur und die Venus um die Sonne wandern zu lassen: ApollvniuS Pergaus nahm mit Mars, Jupiter und Saturn eben die Fahrt vor. Die *) Aus dem deutschen Merkur 1776 (zu des K. Bild- niß.) Herders Werke z. Phil. u. Gesch. XUl. E 66 I. Gallerie Erde selbst war durch Pythagoras schon vom Mittelpunkt der Welt gestoßen, und Philolaus, sein Jünger, ließ sie recht deutlich und eigentlich uni die Sonne wandern. Alle Stückwerke der Koperni- kanischen Mcynung waren also schon alt: er selbst leugnete es nicht, daß er eben auf diesen Trümmern zu seinem Gebäude gekommen. Er aber war der Mann von Kraft, ders baute; der dem allgemeinen Vorurtheil entgegen, eine tobte Meynung wieder erweckte, und, so viel seine Zeit zuließ, mit Grund und Bemerkungen in die Welt führte. Der Folgezeit kams zu, seinen halbgeweifsagten Sonnenplan zu bewahren oder zu zerstvM; sie hat ihn bisher bewahret, und ob ein neuer Kopernikus möglich scy ? muß erst eine neue größere Folgezeit lehren. Doch wir reden hier nicht von Revolutionen des Himmels, sondern des menschlichen Geistes. Wir wollen bei Kopernikus Bilde dem Leser etwas vom Manne sagen. Nikolaus Kopernikus ward in einem Lande geboren, das fast für eine literarische Wüste gilt, zu Thorn in Preußen, den 19. Febr. r§73; und ward in einem Lande erzogen, das fast noch mehr dafür gilt, zu Krakau in Polen, wo er in der Nacheiferung mit Mitschülern der Mathematik schon alle die Funken fühlte, die ihm keine Ruhe ließen, ihn im 23 sten Jahr nach Italien trieben, und den künftigen Kopernikus weckten. Insonderheit reizte ihn der Name R eg i o m o n tan s, der damals Fackel der Welt war: er legte sich auf Perspektiv und Mahlerei, weil er sie zu seiner Reise und zu seinem Beruf einst nöthig abnete: er erschien in Italien, und war bald so berühmt, als. Negiomontan selbst. In Bologna war er be« Dominikus Maria, dem damals berühmtesten Lehrer der Mathematik, wie man will, Lehrling und Mitarbeiter: ihm behagte die Meynung dieses Beobachters von der veränderlichen Weltaxe, die man damals mehr ahnetc als wußte, und gab ihm vielleicht zu seinem künftigen großen Weltenbau Aufflug. Zu Anfang des r6ten Jahrhunderts war er zu Rom, als Lehrer der Mathematik im Glanze; er kehrte in sein Vaterland zurück, und da er nun durch seiner Mutter Bruder Domherr zu Frauburg in Preußen ward , so bekam er Zeit genug, seine korus fortzusctzen unter Linien, Zahlen und Sternen. Hypothesen sind Traume und bei jedem Traume, sey er himmlisch oder irdisch, sey er durch die schwarze oder weiße Pforte zu uns geschlüpft, bleibts für den Menschensinn die bildendste Kenntniß, zu wissen, wie er ward? wie sein Finder oder Dichter dazu gekommen? Kopernikns kam leicht auf den seinen; aber sein Verdienst war, daß er ihn ergnff, ihn hinaus zu träumen wagte, ihn wachend mit so viel Bemerkungen und Rückerinnerungen unterstützte, als seine Zeit, seine Lage, seine Gegend ihm verschaffte. Zeichnunqßgefühl ncmlich, sein Sinn für Symmetrie und Verhak tu iß zum Ganzen war der Finger Gottes, der ihm das Weltall wies. L8 I. Gallerie Unter allen homocenttischen Eirkeln, mit denen seine Vorgänger gebnnct hatten, fand er so wenig Ordnung, Grund, Aufschluß. Martin uns Ka- pella mit seinen Aegyptcrn, und A p o l l on i u S zeigten ihm Stückwerke, woraus was bessers werden könnte: Pythagoras und Philolaus trafen naher, und nun schien Ordnung. „Soll, sagte er, „das Wcltgebaude ein Riß seyn, wo Hand, Fuß, „Auge, Haupt, Herz, alle Glieder, zwar einzeln, „j-edes für sich genommen, schön und hold sind, alle „zusammengesetzt aber ein Ungeheuer, kein Ganzes, „kein Körper? Wer zeichnet, welcher Baumeister „entwirft so? Und Gott unter Sonn und Erden „soll also entworfen haben?" Auf dem Wege dieser Malerei gingen seine Gedanken in Bemerkungen (so viel er ohne Fernglas bemerken konnte) Zusammenhaltung, Rechnung fort: vieles mußte er weissagen, was er nicht sehen konnte; überall aber ward Ordnung, Grund und Zweck, aus Einem Alles zu begreifen , kurz ein Weltall. So bauete Kopernikus: Kepler und Newton bauten ihm nach. Seine Skizze ward ihnen Poem, eine Philosophie des Weltsystems mit Grund, Maaß und Verhältnis. Zu den größten Entdeckungen also, die wir dafür halten, winkle Einbildung, Malerei, Poesie herauf und hielt die Leiter. Nur wollte ich nicht, daß jemand diesen Gang des Geistes in Kopernikus und Eonsortcn für das fliegende Jucken der Phantasie hielte, das Neuerer, Jünglinge und Klüglinge fühlen. Koper- pernikus war ein Mann, in seiner Wissenschaft erfahren, auch in seiner Domherrn - Stille Beobachter, 6z großer und weiser Männer. Prüfer, Arbeiter. Er verbesserte die Ptolomäische und Alxhonsische Tafeln, machte sich Instrumente, so gut er konnte: sein Buch war r53o (ein langer Aritraum seit seiner Reise nach Italien!) fertig, und noch i53ch mahnte ihn der Kardinal Schömberg, von Kapua aus, darum umsonst. Im Jahr r53g verließ der berühmte Rheticus, Professor der Mathematik in Wittenberg seine Stelle und wallfahrtete zu ihm, als Schüler eines Weisen, der Pythagoras Meynung lehrte, und sie auch wie Pythagoras lehren wollte, lebendig, mündlich. Der eingeweihete Lehrling ward bald vom Geiste seines Lehrers voll, daß er überall Kopernikus predigte; noch aber gab dieser ihm sein Werk nicht selbst, sondern nur einen kleinen Thei! desselben, den Traktat von Triangeln, zum Druck mit: das Werk selbst übergab er erst Jahre nachher, auf fortwährendes Ansuchen, seinem Bischof, und das erste gedruckte Exemplar kam r5g3, wenige Stunden vor seinem Tode an, wo ers arischen, aber nicht mehr lesen konnte. So eigentlich war seine Hypothese nicht xrrrritns, sondern Werk seines Lebens. Es scheint nicht, daß Kopernikus aus Furcht so lange gesaumet. Er stand bei seiner Kirche in großem Ruf, so daß die Vater des Lateranischen Eonciliums in der Kalendersache schon r5i6 ihn in seinem Sarmatien schriftlich aufsuchten und fragten. Bischof und Kardinale waren ans seiner Seite, und plagten ihn, da seine Hypothese, der Sage nach, längst umherging, um den Beweis derselben, sein Werk. Auch weiß jedermann, wie freier das Jahrhundert Lyons und seiner Nachfolger vor dem Zeit- 7 » I. Gallerte alter war, in dem Galilai litt. Kopcrmkus hatte das Herz, sein Werk dem Pabst Paul III. selbst zuzueignen, und sein Bischof war Druckbesorger. Amtsgenoffen und Landsleute ehrten ihn lebend und nach dem Tode, vielleicht um so mebr, als weniger sie ihn beurtheilen konnten; Lobschriften und Epitaphien um sein Grab her, und aus dem Rümpfen der Unwissenden, machte sich Kopernikus so wenig, daß er den Spruch jenes Alten oft wiederholte: nungusin volui xo^ulo xluoers; nam guus SAN scio, non prosiat ^opulus, v 8 ches Gewissen ein drittes System, wobei die Erde stünde. Galiläj ward ein Märtyrer von Kopernikus Lehre, und Vonllieu mußte hundert Jahr nachher den alten -Philo laus wieder hervorsuchen, um nur den Namen Kopernikus zu vermeiden. Jetzt würde aus- gelacht werden, wer an Kopernikus nicht glaubte --so wechseln die Zeiten. Bekanntlich hat Gaßendi fein Leben geschrieben, fo billig, sachverständig und fein, als das Leben Tycho's, Pe urbachs, Peirescius und Regio montanus. In Polen oder Westpreußen sind vielleicht noch Reliquien oder Brie- fe des stillen Mannes, die bekannt zu werden verdienen. Das einige Werk, das er geschrieben und nicht gelesen, das Werk, das solche Revolution im Weltbau gemacht hat, heißt: Mo. Lozosrnioi äs rsvolutionibus orüiurn, coslsstitirn Dibri Vst. Koriinlrsi'A 16,43,. Sein Bildniß ist aus B 0 ißard, aus dem auch Gaßendi das seine genommen, der schon Frischt ins, Verse mit Recht darauf angewandt hat: Ilsunr ZorutWti siwistswi, cimilsmgus äoosnti Läsxiosres» Dualis stusrat, oum siäsra jnssit st coeluirr constars loco, terrarri^ris rotari stinxit et in insäio uiianä! litaria iocavit. Ich weiß nicht, ob es dem Strasburgischen gleich ist, das Bernegger aus Preußen kommen ließ? noch ob das von K 0 pernikus selbst für Tycho gemahlte *) irgendwo existire ? ch Nicht als wären sie Zeitgenossen gewesen» aber bas. Glück wollte, daß das Gemählde dem Tycho einst Dussel. M. großer und weiser M ann er.. 3 . Hieronymus Savonarola *). Savonarola ist einer der Menschen, über welche die Stimmen nwhl immer getheilt, der größte Lheil der Stimmen gegen ihn, die wenigen auf seiner Seite aber mich um so eifriger und warmer scyn werden. So wars in Florenz unmittelbar nach seinem Tode, so ists die drittehalb Jahrhunderte seitdem gewesen, und noch hat sich nichts vorgefunden, das im mindesten die Sache verändern konnte. Seine Geschichte ist kurz und sehr bekannt. Gebürtig aus Ferrara 1462 war er zuerst Arzt, ward nachher Predigcrmönch, zuerst in Bologna, nachher in Florenz,, (hat sich durch seinen Eifer, durch Strenge des Lebens, Gelehrsamkeit, Klugheit und hinreißende Beredsamkeit hervor, daß er bald die Mönche, die er launig schalt, bald auch den pabstlichen Hof selbst gegen sich bekam, destomehr aber das Volk in Florenz aus seiner Seite hatte. In den damals so unruhvollcn Zeiten Italiens und seiner Republik besonders, die zwischen dem Regiment der Medicis und der Vol-ksfrciheit im letzten *) Deutscher Merkur, 1777, Dec. (zu. S. Bildniß.) I. Gallerte 76 Kampf schwankte, war Er der Medicis strenger Feind und ganz auf des Volks Seite, ward Karl dem achten, Könige in Frankreich, der damals Italien überzog und sich Florenz nicht im besten Sinn nabte, mit Friedcnsvorschlagcn entgegcngesandt, und richtete sein Geschäft wohl aus, wie er auch immer nachher auf der Seite dieses Königes blieb und von ihm große Dinge hoffte. Der Haß der Mönche, die er angriff, der Bann des Pabsts, den er auch nicht schonte, die Gegenparthey in der Republik, durch die die vertriebenen Medicis wirkten, Übermächten endlich: durch einen sonderbaren und (wenn er sich nicht so grausam endigte) fast lächerlichen Prozeß kam er auf eine jammernswürdige, harte Tortur, und endlich zum Feuer. Seine Asche ward in den Fluß geworfen, damit sie den Resten seiner Parthei nicht zum Heiligthum diente, und nun ward, wie gewöhnlich, über ihn geschrieben und raisonnirt. Von seinen Freunden zum Himmel erhoben, von seinen Feinden, weil das irdische Feuer ohne Zweifel nicht hinrcichte, ihren Haß zu kühlen, in die tiefste Hölle verdammt: und die spatern Schriftsteller schlagen sich hie oder dorthin, nachdem es ihnen gut daucht. Ohne Zweifel hat die Geschichte und der Stand eines solchen Mannes zu viel Selten, als daß ein flaches. Urtheil auf einmal sie alle umfaßte oder beschriebe. sMr müssen also (ohne doch die mindeste Entscheidung geben zu können oder zu wollen) wenn ja über ihn ein Wort gesprochen werden soll, nvth- wendig theilen. Als Religiöse war er ohne Zweifel ein Mann großer und weiser Männer. 77 von großen Talenten, von warmem Herzen, großer und guter Absicht. Der Verfasser dieses Aufsatzes hat nur ein Schriftchcn von ihm, von der christlichen Einfalt und einige geistliche Briefe gelesen; in beiden aber viel scharfe Blicke, reinen Sinn und Ausdruck, ja selbst oft viel von der christlichen Einfalt gefunden, die er so sehr lobet. Diese Schriften machen nothwendig auf die Reden begierig, mit denen er eine Zeitlang Florenz umkehrte und so große Wirkung gethan hak; da die meisten ihm aber nur nachgeschriebcn sind, und ec sich über so viele Lügen und Halbwahrheiten, die man ihm nachtrüge, beschwert, so sind sie vielleicht auch nicht immer richtig. — Wer in diesem Betracht sein Bild am hellsten gcmahlt sehen will, darf nur seines Freundes, des jüngern Pikus, Leben von ihm lesen. Savonarola erscheint in ihm fast nicht als Mensch mehr, sondern als Heiliger und Engel; gerade aber das thut seiner Sache bei den Meisten Schaden. Uebcr einen Glanz, den man nicht ertragen kann, kann man auch nicht urtyeilcn und wenig in ihm unterscheiden. Als Haupt einer Parthey, als Demagoge in der Republik betrachtet, verflicht die Sache sich noch mehr. Mr. findet» schlechthin trss- kiurrinsils, daß ein Geistlicher sich in Geschäfte des Staats mische. Er mag sehr recht haben, wenn Savonarola zu unfern Zeiten und etwa gar in monarchischen Städten lebte; damals aber war leider l noch ein ander Mönchs - Eostums; und in einer Republik-, zumal in einer Erisis, wie damals Florenz war, wird offenbar, die Sache anders. Savs» narvla stand eigentlich keinen bürgerlichen Geschäften vor, er verwaltete kein Staatsamt, und kam weder auf Markt noch Rathbaus. Die ihn um Nach fragten , kamen in seine Zelle und der Ort, wo er aufs Volk wirkte, war die Kanzel. Als er dem Könige in Frankreich entgegen geschickt ward, hatte ihn die Republik dazu, als einen Mann von Beredsamkeit und Klugheit, gewählet: und ich weiß nicht, welcher Bürger oder Geistliche dem Staate in solchem Nothfalle bcizustehen, sich weigern dürfte? Auch in den Reden scheints, daß seine Wirkung aufs Volk von Rcligionsgestchtspunkten ausging. Er deklamirte zuerst gegen öffentliche Laster, Acrgernisse, Ueppig- keit u. s. f. wo cs denn, in einem Freistaate zumal, schwer hält, die Grenzen zwischen dem Allgemeinen und Besonder» zu finden. Auch kann mans nicht läugnen, daß eigentlich der Geist der Reformation und der Wissenschaften diese Grenzen erst recht bestimmt hat; vorher, in den Mönchszeiten, ging Alles durch einander. Wir thun also wenigstens Unrecht, ihn mit dem Maaßstabe einer fremden Zeit, oder eines andern Verhältnisses der Stände zu messen. Selbst Machiavell ist dieses nicht in den Sinn gekommen, so schlecht er das Ding ansah! warum? weil er im Geist der Sitten der Zeit und des Landes dachte. Auch Guicciardi- ni, EomineS, Jovius sprechen mit Hochachtung oder wenigstens Mäßigung von ihm, und der neuere Schriftsteller, der in einer akademischen Jugendübung *), die wohl blos eine politische Ehrie *h> I. l?, Luääei exeroltLt. polir,, llistoa. äs großer und weiser Männer. 79 fern sollte, am schärfsten auf ihn losfuhr, nahm nachher in einer weil gründlichern Schrift sein übereiltes Urtheil von ihm, als Demagogen, zurück. So viel ist gewiß , Savonarola glaubte, an der Parthey, die er nahm, die beste zu nehmen. Als ec zu Lorenz Medicis Todesbette geschickt ward, war die gerade Bedingung ber Absolution: „er sollte das Andern gethane Unrecht erstatten, und der Republik die Freiheit wiedergebcn." Beim ersten sagte Lorenz, seine Erben würden es thun; da er ans zweite nicht wollte, ging Savonarola stille fort und Lorenz starb. Nun ists eine unendliche Frage: welche Par- thei die beste gewesen, sey oder seyn werde? ob Freiheit des Volks, oder Regiment der Edeln, oder Monarchie? Wer wird aber auf die einseitige Entscheidung dieser Frage das Unheil über einen D e- mosthenes, Gracchus, Pisistratus bauen? Hatte Savonarola z,u den Zeiten dieser gelebt, wäre ihm eine Bürqerkrone worden; jetzt, als Mönch, dem päbstlichen Stuhl, den ec aufgebracht hatte, so nah, und so eine glänzende, reiche Parthey zu Feinden habend, kam er auf die Tortur und ins Feuer. Die häßlichsten Dinar, die von ihm gesagt und geschrieben sind, kommen von Rom aus, und selbst die spätem Anhänger der medicei- schen Pacthey lassen ihm Gerechtigkeit wiederfahren. srtibug i^isunierü 8 . LLVonaralsi: v. einsch. xsrsrgs. leu. r/rg. x. 277 -Fgll. 8 » I. Gallecie Er ward offenbar als rin Opfer der Ruhe im Staate Pceiß gegeben, sein Kloster im Auflauf gestürmt: man ging aufs schändlichste mit ihm um: acht seiner ärgsten Feinde wurden feine Richter: die Tortur sollte Sachen aus ihm bringen, die des Todes werth wären, und noch mußten diese crzwungne Aussagen, wie gleichzeitige Zeugen es melden, erst verfälscht werden, und sind ihm nie öffentlich vvrgelescn worden u. s. f. — — Savonaro la ging ohne die mindeste Klage oder Vorwurf oder Aeußerung, wer Recht oder Unrecht habe? kalt und gesetzt, wie Phocion, zum Tode. ^ Aber, er soll doch auf der Tortur bekannt haben, „daß seine Offenbarungen Betrug gewesen?" Ec solls, und seine Freunde sagen : er hats nicht: und seine Feinde selbst sagen : „er thats nur verblümt, in dunkeln Ausdrücken, er hats nur so zu verstehen gegeben." Und mein! was ists für Art, jemand — durch die Tortur zu fragen: ob er ein göttlicher Prophet sey? Den göttlichen Propheten auf die Tortur legen und sagen: „ich erwarte gleichgültig die Wahrheit!" Auch die Art, das Volk gegen ihn aufzubringm, war so erbärmlich auf der «inen Seite, als sic auf der andern genau fürs Volk kalkulier war. Eine Feuerprobe der Wahrheit, welche Parthey Recht habe? mit oder ohne Sakrament, (weil dieses im Feuer leiden könnte!) das war die große Klippe, an der er scheitern mußte, der Jahrmarkt, von dem seine Gefangennehmung, Tortur und Alles abhing. Jndcß ist hier nichts weniger unsre Absicht, als Savongrola in allem zu rechtfertigen oder Unfern großer und weiser Männer. Lr unfern Zeiten, die gar anders sind, als Muster an- zupceisen. Bey Feuerrädern der Art weiß vielleicht ihr Schöpfer allein, was in der Flamme ihrer Einbildung, Wirksamkeit und Absicht rein oder unrein, himmlisch oder erdartig sey; oft wissen sie's selbst nicht und erfahren cs erst, wenn sich ihr Feuer gelegt har, das ist, meistens zu spat. Ein politischer Weissager steht auf dem unsichersten Grunde, er möge aus Weltklugheit oder Eingebung Prophet seyn; je mehr er Eingebung, (auch nur im lindesten, moralischen oder poetischen Verstände) hinein mischet, destomehr hat er Klugheit nöthig, und gerade auf der Stufe hört meistens alle Klugheit auf. lieber das Glück in dieser ganzen Begebenheit hat niemand besser als Machiavell geurrheilt, der sie auch nur von der Seite des Glücks ansah, nämlich: ein Demagog könne durch Reden sich die Gunst des Volks bald verschaffen, ohne Waffen aber schwer erhalten. Es scheint nicht, daß es dem guten Sa- vvnarola, (wenn er das war, was seine Freun. de, und alle, die ihn gekannt haben, von ihm sagen) — es schämt nicht, daß ihm um das Eine oder das Andere zu thun gewesen sey. Noch auf der Tortur sagte er, daß wenns ihm gelungen wäre, nur ein Eoncilium, eine Reformation der Sitten zu bewirken, ihm dieß viel mehr als des Pabstes drey- fache Krone gewesen wäre. Die moralische Seite von Savvnarola ist also, auch nach dem Gestandniß seiner Feinde, die sicherste und offenbarste; das ihm Eigne in seiner Person und auf seinem Standpuncte ist verflochten, dunkel, und mag ihm also, (sey'S Wahn oder Wahrheit!) eigen bleiben. Herders Werke z.Phil.u.Gesch.XUl, § Nackte. 82 I. Gallcrie 4 - Reuchlin*). Wie Alles unter dem Monde, so geht auch der Drang und die Noth der Zeiten vorüber, mithin das, was Geistern Bedürfniß und Form gab, was sie in Kampf, Gefahr, Arbeit verflocht, was ihre Verdienste und Thatcn weckte. Da kommt uns nun so oft federleicht vor, was jenen Schweiß verursachte: was sie als Chaos vorfanden, ist uns entwickelt; warum sie kämpfte», darum mögen oder dürfen wir keinen Finger regen — und statt, daß wir ihnen nun danken sollten, uns in die Behaglichkeit gesetzt zu haben, verkennen wir ihr Verdienst, und beurtheilen sie nach der Leichtigkeit, die wir jetzt haben, ihnen nachzusprechen, nachzulalten, nachzu- gauckeln. Fange ich von Reuchlin an: „Johann „Reue hl in zu Pforzheim geboren, von Ju- „gend auf der Sprachen und schönen Wissenschaften „bestießen, in denen er einen so guten Grund letzte^ — Wer kann die entweihte Worte sortschreibcn oder fortlesen ? Sie sind zu unsrer Zeit ohn' allen Nachdruck, sind so oft elend gebraucht, daß sie leider! uns gerade das Gegentheil bedeuten, was sie bey Reuchlin bedeuten sollen — — Fahre ich fort: „Er bestieß sich des rcinern la- °) Teutscher Merk. 0778. (zu R. Bildniß.) großer und weiser Männer. 83 „klinischen Stils, los die Griechen, und verstand sie, ,,lernte in spatecn Jahren das Ebräische mit unsäglichem Fleiße — " Welcher verdumpfte Schulmeister wird nicht schnell einfallen: „Das kann! das rhue, treibe ich auch!" LZo er kenckiliwris! HeißtS endlich: „Er nahm sich der jüdischen „Schriften, die, außer der Bibel, alle verbrannt „werden sollten, mit unsäglichem Eifer an, schrieb „Deduktionen für ihre Güte und Unschuld, focht ei- ,,nen langen Prozeß darüber aus, u. dergl." — Welche Plattitüde, kann ein Narr rufen, von Güte und Verdienst? als ob das nicht jeder wüßte und könnte? obs dazu eines Reuchlins brauchte? Und wenn der Reuchlin nun gar seine gute Sache etwas jüdisch und kabbalistisch verfocht, wenn er äs vsrko Nirifiso und äs arte Laddalistica Bücher schreiben, im Talmud und in den ebräischen Buchstaben Geheimnisse finden konnte, u. f. — kein aufgeklärter, mit Hausenblas' aufgeklärter und mit Bimstein abgeriebenec Bube, der sich nicht über ihm dünkte und ausciefe: „Kam' er nur damit „zu unsrer Zeit, wir wollten ihn recensirenl" Ruh also in Frieden, lieber Schatten, ich will dich nicht stören, nicht den kleinen Trupp deiner Schriften, „eine ebcäische, eine griechische Grammar „tik, ein ebräisch und lateinisch Wörterbuch, einige „lateinische Knabenspiele, kabbalistische Schriftchen „und Vertheidigungen der jüdischen Bücher" wie auf dem Trödelmärkte Herrufen, und sie weder mit D! noch Ach! zieren. Wenn, nach Poriks Klassisication, die Leser F 2 84 I. Gallerie neugieriger Gattung fragen sollten: „Wer „war der Mann, also gestaltet?" so dient ihnen allenfalls zur Antwort: Ec war kaiserlicher Rath, aus besondrer Achtung des Kaisers für sich und seinen Bruder und beydcr Geschlecht geadelt: Gefährte des Herzogs Eberhard von Würtemberg in Nom, Wien, und in Wien mehr als Einmal: Gesandter zu Rom nachher in einer sehr wichtigen Sache des Herzogs von Baiern, die er beym Pabst glücklich ausfocht: endlich im Namen des Kaisers und der Neichsstände erster Bundesrichtcr in Schwaben; in allen diesen wichtigen Stellen der Liebling der Großen und Geringen, mit denen er umging, die Ehre seines Landes und Standes. Kaiser Friedrich der dritte freute sich, ihm ein Geschenk nach seinem Sinne übermachen zu können (der ebraische Kodex, der, anitzt in Karlsruhe, noch seinen Namen führet): Fürsten, Edle, zuletzt gar Bischöfe und Kardinale, Maximilian selbst freuten sich, für ihn sprechen, schreiben, entscheiden zu können. Die besten Männer seiner Zeit, Franz von Sickin gen, Pirkheimer, Hutten, Graf Neucnar fochten für ihn und mit ihm: Erasmus, der nicht fechten wollte, lobte glimpflich: Luther segnete ihn, als eine» Gottesmann und Helden: Me- lanchthvn ehrcte ihn, als Vater: die ganze aufblühende Welt besserer Zeiten als ihren Mitstif- ler: geborne Griechen in Italien beneideten ihm sein Griechisch, und Einer von ihnen rief aus: „Grie- „chenland ist über die Alpen gezogen!" da er Reue hl in hörte. Geborne Römer hörten ihn,' einen Schwaben, mit Lust Latein sprechen. Nach Orient hin hat er uns die Thüre geöffnet; zu den großer und weiser Männer. L5 werschloßnen Heiligthümern des Worts Gottes und der morgenlandischen Weisheit den verödeten Weg wieder gebahnet; Morgenland nicht dies wieder gefunden, sondern auch verfochten bis ans Ende seines Lebens, und es von dem ihm gedroheten Untergange als ein Held, der sich aufopferte, gerettet.- Wem dicß Alles noch zu wenig seyn möchte, einen Mann von solchem äußern Verdienst zu ehren, dem würde alle Predigt über seine innere Größe wenig behagen. Und doch bleibt diese wohl der edelste Zug seines Charakters: die Seele nämlich, womit er all jene Verdienste sich erwarb und beseelte. Es herrscht in seinen Aufsätzen, selbst bis auf seine Vorreden (z. E. zu seinem ebraischen Wörterbuch an seinen Bruder) seine Vertheidigungen der Kabbala und der Sabbinen, eine Stille und Tiefe des Geistes, die da zeigt, daß er die Perle funden habe, und über die Schalen und Hüllen der Wissenschaft ihren Kern gekostet. Seine Briefe und sein Betragen zeigen eine ausserordentliche Mischung tiefer Starke und heidenmäßiger Bescheidenheit, nachgeben zu können, als ob er nichts wäre, und ein unüberwindlicher Fels zu seyn für Recht und Wahrheit. Er sah die Literatur, zumal die Morgenlandische an, wofür man sic ansehen sollte, hatte tiefes Gefühl für ihre innere Kraft, Gottheit und edle Einfalt. Selbst wo er, zu nahe den Nabbinen und der damals blühenden Platonisch - Pythagoras sehen Philosophie, uns überspannt scheint, sieht man den Menschen von Kraft und Weisheit. Auch den Streit gegen die Pfeffer kor ne und 86 I. Gallcrie Konsorten hielt er nicht als Gelehrter aus, sondern als Mann von Recht, Pflickt, Wahrheitsliebe und mildem V a t e r g e fü h l e. Hatte der Edle einen Lcbensbeschceibcr, wie Zwingli neulich an Nüscheler, gefunden! Sein Landsmann M a y l^Isjus) *) wollte ihm nach- eifcrn, schrieb auch sein Leben, es ward aber eine aufgeblasene, eckle Lobrede mit einem Wust von Noten ohne Zweck und Gestalt. Seines bessern Landsmannes, Brückers**) Zweck wars nur, die Aussengeschichte seines Lebens zu seinem Bilde zu stellen, wokin wir auch, »ebst denen, die seine Briefe gesammlet, die Leser verweisen. Niemand hat mehr für ihn gelhan und gcfühlet, als Hermann von der Hardt, der nach seiner eignen Gelehrsamkeit ihn recht zu schätzen vermochte. Er spricht von Reuchlin, wo sich nur von ikm sprechen läßt ***) : feperte jährlich feinen Sterbetag mit sonderbaren Gebräuchen: den zweyten Theil seiner Literaturgeschichte der Reformation hat er ganz mit keuossUnisriis ge- *) Vita lieuclilinl Ourlsc» 1687. mit einem ab. scheulichen Bildniß. **> Brückers Ehrensaal, zweytes Zehend. *") Imvkeri ei Ileiiclilin. Iiarmonia: surors in Il.suclilivi seuio, program. Harcki. großer und weiser Männer. 87 füllet *). Alles das sind Vorarbeiten für seinen künftigen Lcbensbcschreiber, der an Reuchlin recht den Morgenstern der Reformation und einem Sc h atz von Kenntnissen und Seele der Zeit finden wird, wenn crs zu brauchen und uns zu geben wüßte. Reue hl ins Freunde standen ihm zu nahe ; wir stehn ihm zu weit und fast zu schief, da er doch ewig nicht bloß der Erweck er, sondern was noch mehr ist, der Beschützer der orientalischen Literatur bleibet. Laßt es seyn, daß er sie noch mit fremden Binden umwickelt sah, und hinter sich ließ; eben das erhöht sein Verdienst, daß er durch diese Binden hindurch zu blicken wußte. Er sprach das Machtwort: „Stehe auf! komm herauf, Todter l " Der Tobte kam, wie er war, mit rabbinischen Gcabtüchcrn umwunden, und sein Haupt mit dem Schweißtuch der Kabbala verhüllet; das zweyte Wort war und ist ungleich leichter: „Löset ihn auf, und laßt ihn gehen !" Und das ist das gelobte Verdienst der Folgezeiten Rcuchlins gewesen. *) Ulistor. liier. Uekormsi. Hsräiii k. n. nilin Keuelilinus üierii ->nsa rekorinsi. eie. (Aus den zerstreuten Blättern i/ZZ.) I. Gallerie Denkmal Ulrichs von Hutten Äks die Zeitung meldete, im neuen deutschen Merkur sey Huttens Bild und Leben erschie. nen, erröthete ich über meine Schuld, wie lange ich diesem edeln deutschen Manne auch ein kleines Denkmal zu fetzen Willens gewesen. Er starb als ein Flüchtiger, als ein Vertriebener, und hatte zuletzt nicht, da er sein Haupt hinlegte; nur eine Schreibfeder fand man nach seinem Tode bey ihm, und einige Briefe seiner Freunde. — Wie sein Nachlaß war, soll und kann auch nur dies Denkmal werden: ein glatter Stein auf seinem Grabe, oder ein Briest von Freundes Hand über feinen Tod und über sei» kurzes, stürmisches Leben. Wenn ein junger, feuriger Mann schon in Iah- ren, die andre noch als Pflanzen wegträumen, ein Mann fürs Vaterland ist, der den faulen Weg und die ruhige Lebensart der Mönche (es gibt Mönche in allen Standen) früh verläßt, eben weil ihm vielleicht sein Genius zulispelt, daß ers nicht lange werde thun können: erstrebt, was er kann: *) erwählt ) Hutten scheint dieses selbst geahnetzu haben; er «achte sehr früh seine Grabschrift: großer und weiser Männer. mit den Guten und fürs Gute frcvwillig Ungemach zu leiden, Stand, Güter, Ruhe, Leben, Ehre aufzuopfern, und laßt sich durch jede neue Gefahr nicht abschrecken bis ans Ende seiner kurzen Laufbahn; die Finsterniß ist aber starker als das Licht, die Sclaverey starker als die Freyheit: man rottet sich um ihn, schneidet, da er noch keine Grenzen seiner Wirksamkeit kennet, ihm Lust und Athcm ab: auch seine Freunde treten scheu zurück: sein edelster, ihm treugebliebener Freund sinkt, und mit ihm Glück und Alles; nun treten die Falschen hinzu, die sich auch Freunde nannten, verlaumden, spotten, höhnen seine Plage : Der Edle fallt, wie man vor bösen Buben fallt, und jene Unedlen behalten Recht: „Was hat er ausgerichtet? Was wollte er? Frey- lich — Freylich auch fehlte es ihm nicht — aber jung, zu jung —" Unter solchen Hohnspre- chungen liegt nun der Arme Key einem Pfarrer auf einer kleinen Insel im Zürchersee, hatte in Teutsch- land, für das er alles unternahm, zuletzt keinen sichern Tritt mehr, und starb auch dort mit Lieb« fürs Vaterland und mit Löwcnmuthe gegen die Ver- kleisterer der Wahrheit — Jünglinge, wallfahrtet Bon der Geburt an ward mir zum Lebenslovse das Elend; Uebel zu Land' Hab' ich, Uebel zu Wasser erlebt. Will es das Schicksal dann, daß all mein Leben in Jammer Ende; so will es mir wohl, daß ich eS endige bald. Unter tausend Gefahren Hab' ich die Muse geliebet, Habe gethan für sie, was und wieviel ich vermocht. I. Gallerte IM zu seinem Grabe, und sein Leben sei) euch ein Spiegel mehrerer Zeiten! Als Ulrich von Hutten, der junge Fränkische von Adel, in Fulda studirte, wollten ihn, wie billig, Mönche zum Mönchen machen. lunc koa inAsniuna psrclsrss? sagte der verdiente Eitel- w o I f v o n S t a i n zum Abbt, und errettete den fähigen Knaben. Zeitlebens hing Huttens Herz an diesem edlen Manne, seinem Erretter. Ihm hatte er nachher die Gunst des Kardinals von Mainz, seine Reise nach Italien, sein erstes blühendes Hofglück zu danken; mit Eitelwolf von Stain sank ihm seine erste Stütze, auf die bald Eine nach der Andern folgte. Eitelwolf wars, der dem Ehurfür- sten von Brandenburg den Rath und den Plan zur neuen Universität Frank furt an der Oder gab, und nach seinem Sinne sollte sic ein neues Athen der schönen und freyen Weisheit werden; bald aber thats dem biedern Manne leid, da er die neue Universität ärger als eine andre mit Sophisterey und Pfaffenkram überdeckt sah. Er ging mit einer So- cietat der Wissenschaften in Mainz, dem damals so blühenden Mainz, schwanger, und — starb darüber. Gnug, er hatte Hutten in die Welt geholfen, und Hutten hat in seinen kurzen Zähren mehr gethan, als manche Societät in Jahrhunderten thun durfte aber chun mochte. großer und weiser Männer. 9t Hutten studirte in Kölln, und das war, wie wir auch aus der Geschichte Luthers wissen, damals mir ein Hauptnest der Philosophaster und Theologaster. Der Eckel, den Hutten früh an dieser Brut hatte, gab ihm, noch unbestimmt, wie sein Unmuth ausbrechen würde, den Stoff zu den episwli» obs- eurorurrr virorum, dem späteren kühnen Werk seines Lebens. In Fulda war Crotus Rubianus, sein nachmaliger Mitarbeiter an diesen Briefen, sein Mitschüler gewesen, ein Freund, der ihm bis ans Ende treu blieb. Und da in Kölln alle die Originale, insonderheit der Avavi 85 iiNus Ortuinus, die das künftige Heldengedicht galt, lebten; so ist dies abermals eine Probe, wie das Meiste, das wir in unserm Leben thun, von Verbindungen und Umstanden hcrrühret, in die uns frühe die Vorsehung setzte. Die Morgcnrölhe des Lebens, Jugendeindrü- cke, frühe Freunde, Situationen von Juqcndhaß und Jugendliebe — sie machen meistens den Anklang unsrer Bestimmung. Sie weben das Grundgewebe, in welches spätere Schicksale und eine reifere Vernunft nur den Einschlag geben. Hutten ging überdrüßig vonKölln nach Frankfurt, dessen reihende Lage er, vermuthlich für seinen Eitelwolf, in Versen beschrieb. Freundschaft also lockte den ersten Sproß des jungen Dichters hervor; diese Muse verließ ihn auch nickt in seinem ganzen Leben. Jugendliche Unruhe trieb Hutten hierauf nach 92 I. Gallecie Italien, zuerst als Kriegsmann unter Maximilian, der damals Padua belagerte *). Und hier hing sich die Schlange, (eine Krankheit, die sich gleich selbst erklären wird,) an seinen Fuß, deren Gift er zeitlebens mit sich trug, und die zuletzt seinen Hassern auch Anlaß zum Hohn gab. — Wer die Geschichte der damaligen Zeiten und dieses Ue- bcls kennet, als es zuerst in Europa ausbrach, der muß ungerecht seyn, wenn er nicht dem allgemeinen Zeugniß glaubt, daß man damals sehr unschuldig dazu kommen konnte, und desto ärger daran war, weil man noch kein Mittel dagegen wußte. Die Krankheit, an der Fürsten und Herren damals mit Ehre laborirten, hatten den Schandfleck noch nicht, den ihr die spätere Zeit mit Recht gegeben. Jetzt ist das Ungeheuer in seine Grenzen gebannet: damals warS Pest am Mittage. Hutten schreibt in seinen Briefen mit einer Offenherzigkeit davon, die an lautesten seine Unschuld zeiget, (an der damals auch niemand zweifelte, der ihn kannte.) An die Fuggers schrieb er ein öffentliches Dank- und Glückwünschungsschreibcn über den Lebensbaum, *) Die in diesem Feldzuge geschriebenen kleinen Gedichte Huttens sind voll Patriotismus für Teutschland und den Kaiser, voll ächten Kriegermulhs gegen die Benetianer, am meiste» aber gegen die Franzosen. Manche von diesen sind so charakteristisch, als ob sie zu unserer Zeit gemacht wären, und würden vielen Lesern in einer guten Uebersetzung wohl thun. Die Nationen bleiben sich immer gleich bis ans Ende der Lage. großer und weiser Männer. Onnjnci nreäicinnm, der durch sie nach Teutsch- land kam; und an den Erzbischof, Kardinal und ersten Kurfürsten Teutschlands, Albert von Mainz, schrieb er, äs inorUo 6sII1co likruiu, in welchem er ein eben so patriotischer Verfechter der Gesundheit seiner Landsleute wird, als er sich nachher ihrer Ehre, Freyheit, Aufklärung und Gluckse^ ligkeit patriotisch annahm. In Krieg und Krankheit waren seine Arbeiten flüchtige, einzelne Sinngedichte, die sich ohne seinen Willen zerstreuten, gesammiet oder vielmehr verstümmelt herausgegcben wurden, die er also aus Noth selbst heraus gab, und sie Maximilian zueigncte. Loluit, sagt er — coluii per mills perieula lVlusss ei qusnti poiiiit esrininis eucior erst. Von früh auf sieht man an Hutten einen Mann, der zur Pedanten - Autorschaft nicht gemacht war. Alles lebt in seinen Schriften, nichts steht geschrieben, daß es nur also dastehe. Seine Bücher, alle meistens kleine Stücke, sind Stimmen aus seinem Leben, Laute seines Rittcrworts, Handlung. Und darum wirkten sie auch in ihrer Art, wie Luthers Schriften in der seinigcn; er schrieb ein Latein, wie cs die Drehbank Eiceronischer Perioden schwerlich allein Hervorbringen möchte. Wie 24 I. Gallerte Dädals Bildsäulen sieht man seine Worte und Phrasen gehen, kommen, handeln, leben! Er kam nach, Tcutschland, und ein Landedel- mann, sein Vater, der an ihm einen fleißigen, mäbsamcn Juristen nach der damaligen Juristenzeit in Deutschland suchte, fand nicht, was er wünschte. Der junge Mensch schrieb seinen I^snao: das erste Stück in künftiger Hnitenscher Manier, und wen» man deuten wollte, für ihn eine üble Ahnung. Bevm ersten Auftritt war er ein Niemand und ist gewißermaaßen zeitlebens ein Ni emand geblieben. — Vorher hatte ec unter mancherley Schicksalen ganz Deutschland durchkrochen und durchflogen, „ein Ulysses, wie er sagt, mit einer ganzen Ddiffee von Zufällen." Wenigstens hatte er dabev den Vortheil, daß er das Deutschland, für welches er nachher mehr als Demosthenes seyn wollte, in allen seinen Provinzen kannte: von Rostock und Greifswalde bis gen Frankfurt und Wien; Sachsen, Böhmen, Brau »schweig, die Schweiz. Zu Wittenberg hatte er sein Gedicht cis nrts vsi.-ckticutorin, sein Zeichen des Brodstu- diums, worinn er Unterricht geben mußte,) hingc- worfen; aber auch dieses that er mit einer Warme die ganz den künftigen Mann prophezeyte. In der Schweiß nahm ihn der verdiente Reformator V a- dian auf, und so kam er zum zweytcnmal, jetzt ganz ein Jurist zu werden, nach Welschland. großer und weiser Männer. §5 Wir wollen uns nicht in Umstände einlassen, die man im Leben jedes jungen Dichters sich denken, oder allenfalls finden kann, daß z. E. ihm der Geschmack der B a r t o l i ste n nicht anstand , daß er sich darüber aus seine Art aussertcn daß ihm die schöne Literatur in Italien wohlbchagte, daß ec von allen, die seine Talente kannten, geschätzt wurde, u. s. w. Eben da er in Italien den Rechten oblag , kam ihm ein Umstand ganz andrer Act in den Weg, Ihn als den, der Er war, zu zeigen und zx üben. Der Herzog in Würtembera hatte seinen Vetter Johann von Hutten mit eigner Hand im Walde umgebracht: und nun ließ Hutten, der eben so sehr Edelmann und Geschlechtsvertheidiger, als Deutscher und Freiheitsvertheidigec war, Klagen, Briefe, Dcplorationen, endlich fünf Inder tiven gegen den Mörder ausgehn, die, al§ wahre Demosthenesreden von Herz und Seele die Sprache der Unschuld und Rache sprachen, und gegen einen Lhater, der Herzog war, alles zu Hülfe nahmen*). Weiterhin werden wir unfern Demosthenes im wirklichen Feldzuge gegen seinen Feind *) Bor einer Sammlung dieser Schriften sagt er: Sey nicht, o Leser, von zu zartem Ohr; sonst ist die herbe Speise nicht für dich. Ein hartes Werk beginnen wir, und hart sind unsre Worte: denn auch Er war hart, auf den wir treffen, und hart seine That. Wenn du dieß Bändchen liesest, denk' es schrei't in ihm unschuldig - ungerächtes Blut. Z6 I. Gallerie sehen, da sein Freund, delr gerechte und edle Sick in gen, des schwäbischen Bundes Haupt war. Hier bemerken wir nur, daß die Stimme, die sich jetzt für ein ungehörtes Bruderblut erhob, bald zu Kaiser und Reich über allgemeinere Angelegenheiten rufen sollte, und sich an einem so sonderbaren tragischen Familien - Vorfall zum Voraus gleichsam nur üben mußte. — In diesem Zahr i5i5 starb Hutten auch sein Freund, Erretter und Beförderer, von Stain, und nun ging seine zweyte Laufbahn an. Schon sein Gespräch gegen Ulrich: ktialaris- nrus, OialoAus Huttsnicus, hatte er mit dem Wort geschlossen, das nachher auch in andrer Absicht sein Wahlspruch werden mußte: jaotu est ulsu! ich Habs gewagt! Schon diesen Dialog endete er mit den Worten: sxoriars uliguis riostris ex ossikus ultor! Und nun drang ihm die Beklemmung, in der damals die Ehre und das Licht Deutschlands, ein ver- Und am Ende des Buches sagt er: Haffen, o Leser, kannst du mein Buch nicht; nur den Tyrannen kannst du Haffen und mußt, wer du vom Volke auch seyst. Haffenswerth ist die That, und Hassenswerth, der sie übte; aber verdienet der, der sic verkündiget, Haß? Redlich für die Sache» Hutten. großer und weiser Männer. 97 verdienter Mann von mehr als Einer Seite, Reuch- lin, war, zu Herzen: er machte sich mit seinem Schul- und Busenfreunde Crotus auf, ihm gegen den Ketzermeister Höchst raatcn und mehrere Fakultäten privilegirtcr Verfolger, dis rechtlich wütheten, durch ein Mittel zu helfen, das mehr als eine Deduktion wirkte, er schrieb die luxmtolus oksauroruin viroruin. Daß Erotus daran Theil gehabt, ist unlaugbar; sie aber deswegen, weil Erotus mitgcholfen, dem Hutten ganz absprechcn zu wollen, ist eben so Unnoth, als sie gar dem Erasmus zuzuschrcibcn, der unter allen Sterblichen sie wohl am wenigsten schreiben wollte. Kurz, diese Schrift Huttens überwand für Reuchlin mit. Sie traf so scharf, schied Mark und Bein, stellte die Pfefferkorne, Ortuini und alle ihres Gelichters so 'ganz dar, daß cS weiter keines Laugnens bedurfte. Unglaubliche Wirkung machte diese Schrift, als sie erschien; auch auswärtige Nationen schätzten sie, obgleich für sie die feinste Spitze des Salzes verlohren ging: denn das Deutschlatein, die deutschen Mvnchsgelahrten Sitten sind in ihr das Hauptwerk; eine Nationalsatyre voll Geist, Feuer, Witz und äußerst genauer, ttiffender Detailwahrheit *). Ob diese Briefe, uns Mehrere Hnttensche Gespräche, die in der Sammlung Uasgnilloruni I, s. Llsn- rberop. 1844. stehen, Pasquille oder Saty- ren sind? muß nicht aus dem Geist unsrer, sondern der damaligen Zeit entschieden werden. Wie Herders Werke z. Phil. u. Gesch. XIII. G lUkl-re. I. Gabler ie Sö Endlich endigte Sickingm was Hutten angefan- gen hatte, und sprach mir diesen Leuten, wie man mit ihnen reden mußte. Sie krochen zu Kreuz, und Ncnchlin hatte in seinem Alter Ruhe. — Der Bruder Ketzcrmacher, Hochstraaten, gegen den auch in Luthers Schriften die deutsche Wahrheit zu lesen ist, soll einmal Hutten in den Niederlanden begegnet, ihm vor Schrecken und Angst zu Fuße gefallen seyn und seine arme Seele schon allen Heiligen mit dem üranches, selbst in den Schriften Luthers und Erasmus würde setzt nicht geschrieben'. Daß Hutten aber, wie Bayle vermuthet, wenn er noch dreißig Jahre gelebt hätte, ganz Europa mit Pasquillen würde überschwemmt haben, glaubeich nicht. In allen seinen Schriften zeigt sich oft zwar ein hitziger und brausender, nie aber ein unedler Geist, und daß in Huttens, wie in des freilich vorsichtigem Erasmus Schriften viel Attischen Spottes sey, ist unläugbar. Nur weil Hutten die Sache, die er trieb, so tief zu Herzen nahm, war sein Salz scharf; er wollte nicht etwa nur vergnügen, sondern ändern, beßern, zuletzt auch rachen; und dann hat leider von selbst der Spott ein Ende. Sein vir Konus, seine intercessio pro liapnione, der heroische Gesang in iriuinpliuin Io. Konoblin, seine Schriften an den Kaiser, seine Oorinunia, sein Lrininius sind voll der wärmsten, edelsten Stellen; und überhaupt gehöret nicht jede Produktion der Erde in die Zeit und Stunde, in der sie erscheinet? großer und weiser Männer. 99 Stoßseufzer empfohlen haben: „Leben wir so leben wir dem Herrn rc." „An dir verunreinige ich mein Schwerdt nicht," sagt Hutten, und ließ ihn gehen- Als Hutten zum drittenmal aus Italien kam, war sein Ruhm in der schönsten Blüthe. Da jauchzten ihm alle Freunde der Wissenschaften zu und priesen ihn, den siegenden Reu c hl i n i stc n. Erasmus lobte ihn als einen Mann, desgleichess Nicht gewesen *): seine Freunde insonderheit der redliche Pirkhaimcr, (Nürnbergs verdienter Patri- cius, Dürers und aller Guten Freund,) empfahlen *) Auch Huttens erklärter Feind könnte die ungemeine Lebhaftigkeit, Starke und Biegsamkeit seinem lateinischen Styl nicht absprechen. In Reden, selbst den heftigsten Reden, in Gesprächen, Briefen, Gedichten, und zwar in Gedichten mehrerer Gattung ist diestr jedesmal, was er ihm seyn sollte. Den Livius stellte er- vermehrt, aus einer gefundenen Handschrift her; und jede Beute der schönen und nützlichen Literatur lag ihm am Herzen. Sein Streit gegen das Pabstthum war aus Geschichte gegründet, und er ging hierin rein zu Werke; auch hatte er Anfangs auf Luther nicht die mindeste Rücksicht. Er, wie Luther, hatte den Funken, der sie anglükte, aus Italien selbst geholet. Zu laugnen ist indessen Nicht, daß , G -r L.OQ I. Gältet ie ihn Maximilian, der ihn in Augsburg mit eigner Hand zum Dichter mit einem Kranze krönte, den seines Freundes Pirkhaimcrs Tochter ihm gewunden hatte. Hier war er mit im Gefolge des Kurfürsten von Mainz auf dem Reichstage,' hatte gute Hoff, nungcn zu des Kaisers Hofe, und seine Jugendphan- lafle träumte lebhaft, „was er ausrichte», vollenden „würde!" Man lese den langen Brief, den er an Pirkhaimer schrieb, als dieser ihm die Einsamkeit auf seinem fränkischen Rittcrschloße anricth. Burkhard, ein um Hutten sehr verdienter Mann, hat diesen Brief herausgegeben und commentirt; er zeigt, daß, ungeachtet seiner schwächlichen Gesundheit, Hutten damals noch Alles lachte. Da schrieb er wie in einem Feuerstrom die Rede: A.ci prinvixms Osr- rrmnias, vt kelluin lurais inveirunt, Lx1ioi> tstoria, in der, so viel dem Kaiser am Inhalte lag, doch einige zu warme Stellen weg mußten. Damals lebte der Hof und was sich am Hofe Main dieser Flamme, auch ohne die mindeste Religionsabsicht, bei Hutten mitunter ein wildes Feuer brannte; und dieses war, auch seine Jahre abgerechnet, der Rittergeist seiner Zeiten» Er war ein fränkischer Edelmann, im Kriege frühe gebildet; er glaubte, wie mit dem Schwerdt, so auch mit der Feder kämpfen und sich auf gleichge- theiltes Licht, auf einen offenen, freien Kampfplatz verlassen zu können. Leider aber war dieß der Fall nicht. Er kämpfte mit einer unsichtbaren, weit überwiegenden Macht, und mußte erliegen. großer und weiser Männer. ximilianS und Alberts für Deutschland thun ließe, in seiner Seele: jede Blülhe irgend eines schönen Genies, in welcher Nation sie auch aufspricßen mochte, Budaus, Oscolampadius, Pirkhaimer, Fader, Erasmus, Copus, Nuellius vergnügte ihn so lebhaft, als ob alle diese Männer seine Brüder, Mitarbeiter zu Einem Werke waren. — Das wahre Kennzeichen umfassendgroßer Seelen! An Luther, der damals vor Cajetan zu Augsburg stand, nahm er noch nicht Thcil, vermuthlich weil er seine Sache mir als eine theologische Streitigkeit ansah, und ihn noch nicht kannte. Daß indessen schon damals in Hutten die ganze Flamme gelodert, die ihm späterhin Luthern so thcucr machte, zeigt die lange Dedikation, womit er des Laurentius Valla Schrift: „über die erlogne Schenkung Konstantins" dem Pabst Leo selbst zu übergeben sich getraute. Ein rechter Jugend - Helden- oder Eulenspiegelstccich in Huttens Leben. Er khats mit so vielem Lobe dieses, und mit so bitterm Tadel des vorigen Pabstcs, dabei auch mit einem so lauten Geschrei für die Freiheit der Deutschen gegen des Pabstes Ansprüche, daß er sich entweder das größte Wunder Zutrauen, oder den bittersten Haß des Pabstes erwarten mußte. Den er denn auch froh erwartete; nur daß er sich an Albert, am Kaiser, an den Fürsten und Standen des Reichs desto mehr irrte, und für seine gute, wahre, gerechte, gerecht anerkannte Sache von ihnen viel zu viel hoffte. Hutten bahnte also Luthern unwissend den Weg, und half ihm nachher, da er ihn kannte, treulich. Nur lief es freilich nicht nach Huttens 102 I. Gallerte Sinne *). Der Kaiser starb: Hutten folgte dem Kurfürst Albert nach Mainz, wo er in Ruhe des Hoflebens einige seiner besten Dialogen verfertigt hat; aber dies Leben war am Ende für ihn nicht. Lieber ging er mit Sickingcn gegen den Herzog Ulrich zu Felde, zog darauf auf sein Schloß Stake lbergk, und vollendete seine Dialogen über Glück, Fieber und Pahstkhum. Dies letzte ^ Gespräch hieß: »Die römische Dreyfaltigkeit" und es ist unbegreiflich, wie dasselbe nicht blos in Mainz öffentlich gedruckt werden, sondern auch der Verfas- *) Luthers Aussprüche von Hutten zeigen von dem großen Verstände des biedern Mannes, und wir besser Er, als Hutten, die Welt kannte, Lut- tenus. ei rnnlti alii fortitex. s.crikunt pro ine, et parantur in äies eantica, c^uae Lab^Io- nein istain parurn äeieetsbunt. —. Untren 1itera8 all ins clestit, ingeuti spiritu as8tuan, tes in ü. kontiticeiy, seribens ss ianr et li- teria er arinig in tz,ranniclsnt aaeeräotalenr ruere-t^uicl Huttenns petat, viäes^ nollein vi et caeäe pro evangelio eertari, Melanchthon, nach seiner Gemüthsart fürchtete Hutten. Vt virunr insgni kacers et sllinirari proprer äoctrinae eruclitioneni et pras8tan- tiain ingenii, sie ab illius natura velrenients et excel«o aninro et voluntate all novaa res propensae non niliil tiniere ?. lVlelanclitlio- nern licuit aniinallvertere, sagt Camerarius im Leben Melanchthons, Ließ alles war in sei-, yer Ordnung. großer und weiser Männer. »oZ ser nachher frei am Mainzischen Hofe und in Gnaden des Kurfürsten seyn konnte. Freilich nicht lange: denn bald kam der schärfste Befehl aus Rom, „daß ein so frecher Sünder, als Hutten, gegen „den die Theologisten in Kölln langst die Bulle wc- „gcn der Episteln c>k>§«. vir. in Händen gehabt, „und der fortführc, von der römischen Dreyeinigkeit „selbst in Mainz zu schreiben „ nichts anders, als in „Ketten nach Rom geführt zu werden, verdiene." Au diesem edeln Werke ward nun Alles mit aller Schärfe aufgcboten, unk Hutten hatte keinen Beschützer. Albert konnte und durfte dieß nicht seyn: zum Erzherzoge Ferdinand schrie Hutten laut, aber vergebens: noch lauter an Kaiser Karl, an die ganze deutsche Nation > vergebens. Er hatte Herz genug an Kaiser Karls Hof nach den Niederlanden selbst zu gehen, aber umsonst: er fand kein Gehör: Dolche, Meuchelmörder, Ketten und Banden erwarteten ihn allenthalben. Und immer blieb Hutten unerschüttert derselbe. Man schaudert, wenn man seine Briefe, Reden und Auffoderungen an Ferdinand, Karl, Albert, Friedrich von Sachsen, an alle Stande des Reichs liefet. Hier erscheint Deutschlands D e m o sthen es in seiner Größe. Wahrheit, Freiheit, Stand, Ruhm, Noch, Vaterland, alle läßt er sprechen, rufen, klagen. Die fünf Klagschriflcn sind ins Deutsche übersetzt, mit dem Beiwort: „ein großes Ding die „Wahrheit! stark über Alles!" Er hätte aber lange rufen können, wenn ihm nicht sein alter un- gerufener Freund, Franz von Sickingen, esn Mann, dessen Name Deutschland zu den edelsten Römern stellen kann« wenn der ihm nicht mit ge- I. Gallerte roch wohnter Hand Schutz und Freystatt gegeben hatte. Hier leider! geht der dritte Theil von Huttens Leben an, und Gottlob! daß dieser nicht lange dauret. * * * In seines Freundes Sickingens Schloß, Ebern- burg am Main, fand der also eine Freistatt, der sic nirgend, auch auf seinen eignen Gütern nicht mehr fand. Nach Frankreich ward er geladen, aber er wollte Deutschland nicht verlassen, dessen Sache er jetzt eben am eifrigsten, fröhlichsten, freisten forttrieb. JnEbcrnburg schrieb er: „die Anzeige, wie sich allweg der Pabst gegen den Kaiser gehalten:" er commentirte die Bulle des Pabsts gegen Luther mit Noten, schrieb neue Dialogen, Jnvcctiven, Aufmunterungen, Aufwcckungcn, Briefe, Beklagung der Freystatte deutscher Nation , lebendige Abkontcr- faktur des -Pabstthums u. f. w. jedes Stück immer starker, lebendiger, mächtiger, wahrer als das was voranging. Jetzt schlug er sich zu Luther, munterte ihn auf, bot sich und seinen Sickingen zu allem an. Schon dieses Sickingen wegen wird dieser Theil von Huttens Leben und Schriften außerordentlich merkwürdig. Allemal wenn er an ihn denkt, wenn er ihn nur in Einem Wort, Einer That anführet, sieht man den ganzen Biedermann vor sich. Ihm und dem großen Haufen des deutschen Volks zu gut, schrieb Hutten jetzt deutsch, übersetzte seine besten lateinischen Gespräche für seinen Freund Sickingen , der sich auch Luthers Schriften beim Abend- ; g ro ß er u n d w e i scr Mann er IVK essen und müßigen Stunden vorlesen ließ, und denne gewöhnlich wahre Ritter-Worte darauf setzre. Hör man eine Zueignung Huttens an ihn, in der beidt geschildert werden, wie sie waren t „Dem edlen, hochberühmten, starkmüthigen „und ehrenfesten Franz von Sickingen, Kais Majest. „Rath, Diener und .Hauptmann,, meinem besonder» „vertrauten und trefflichen guten Freund, entbeue „ich Ulrich von Hutten meinen freundlichen Gruß „und willigen Dienst." „Ohn Ursach ist das Sprüchwort:. in Nöthen „erkennt man den Freund,. nicht in Gebrauch kommen. Wahrlich darf niemand sagen, daß er mit „einem Freund verwahret sey, er Hab ihn denn in „seinen nothdürftigen anliegenden Sachen dermaßen, „daß er ihn inwendig und auswendig kenne, versucht „und geprüft. Wiewohl nun der glückselig zu achten, „dem nie vonnöthen ward, einen Freund dieser Ge- „stalc zu xrobiren, mögen doch auch sich die der „Gnaden Gottes bcrnhmen, so in ihren Nöthen „beständige und harthaltende Freund' erfunden ha- „ben. Unter welchen ich mich denn nicht wenig „Gott und dem Glück zu bedanken Hab. Denn „als ich auf das äußerst an Leib, Ehren und Gut „von meinen Feinden genöthigt, so ungestnmlich, „daß ich kaum Freund anzurufen Zeit gehabt, bist „du mir nicht, als oft geschieht, mit tröstlichen Wor- „ten, sondern hülstragender That begegnet, ja mag „ich, als das Sprüchwort ist, sagen, vom Him- „mel herab zugefallen Der nicht geachtet, „was ein jeder von meinen Sachen rede, sondern „sie an ihr selbst Gestalt beherzigt. Hast dich nicht „durch Schrecken meiner Widerwärtigen von Verfechtung der Unschuld abziehen lasten, sondern aus „Liebe der Wahrheit und Erbarmniß meiner Vergewaltigung für und für über mir gehalten. Und „da mir aus Große der Fahr die Stadt verschlossen „gewest, alsbald deine Hauser, die ich aus der und „andern Ursachen Herbergen der Gerechtigkeit nennen mag, aufgethan, und also die „angefochtcne und versagte Wahrheit in die Schoos „deiner Hüls empfangen, und in den Armen deiner „Beschirmung gar kccklich gehalten. Daraus denn „gefolgt, daß ich in meinem Fürsatz, den auch du „ehrbar und redlich nennest/ nicht wenig gestärkt, „alle Gelehrten und Kunstliebenden D. Nation sich „in Freuden und Frohlocken erhaben, und gleich „als nach einem trüben Wetter von der freudenrei- „chen Sonne erquickt worden. Dagegen die boshas- „tigen Kurtisanen und Romanisten, die mich verfassen gemeynt, und dcrhalben nahet einen Triumph „von mir geführt hätten, da sie gesehn, daß ich „mich an eine feste u n e r sc h ü tte r te Wand „gelehnt Hab', ihren Stolz und Uebermmh gegen „mir etwa niedergelassen, sich fast ingethan und „kleines Lauts worden. Für solche deine Wohlthat „dir gnugsamen Dank zu sagen, Hab' ich nicht Man- „gel an Gemüth und Willen, sondern am Glück „und Vermögen. Wird mir aber se eine bessere „Zeit erscheinen, und sich Aenderung des Glücks „(als denn meine freie Hoffnung zu Gott ist) begehen, will ich dir allem Vermögen nach u. s. f. „auch großer und weiser Ma nner. ic>7 W o et wa s m e i ne Schrift v erm ag Dein Lob muß sterben keinen Log. „Denn ohn Schmeicheln und Liebkosen zu reden bist „du, der zu dieser Zeit, da jedermann bedäucht,. „deutscher Adel hätte etwas an Strengheit der Ge- „müther abgenommen, dich dermaßen erzeigt und „bewiesen hat , daß man. sehen mag', deutsch Blut „sey noch nicht versiegen, noch das eidlich Gewächs „deutscher Tugend ganz ausgewurzclt. Und ist zu „wünschen und zu bitten, daß Gott unflrm Haupt „Kaiser Karlen deiner tugendhaften unerschrcchnen „Muthsamkeit Erkenntnis ingcbe, damit er dich dei- „ner Geschicklichkeit nach in hohen trefflichen seinen „Händeln, das römisch Reich oder auch ganze Ehri-. „stenheit betreffend, so mit Rath und der Lbat „brauche.. Denn alsdenn würde Frucht deiner Tu- „gend zu weiterem Nutz kommen. Fürwahr einen -„solchen Muth sollt man nicht ruhen noch inwendig „Bezirks kleiner Sachen gebraucht werden lassen. „Aber ich Hab mir nicht fürgenommen, in dieser „Vorred dein Lob zu beschreiben,, sondern einmal „meinem Herzen, das gesteckt voll, guter Gedanken „und freundlicher Gutwilligkeit ist,. Luft zu geben. „Schenk dir zu diesem neuen Fahr die nachfolgende „meiner Büchlein, und wünsch dir damit nicht, als „oft wie unsere Freunde pflegen, eine fröhliche sanfte „Ruh, sondern große, ernstliche, tapfere und arbeitsame Geschäft, darin du vielen Menschen zu gut, „dein stolzes heldisch Gemüth brauchen und üben „mögest, u. f. i 52 i." So war Freund zu Freund. Seit Hutten bei diesem Freunde war, schrieb er fürs Volk, hie T> Gallerie zoS und da auch in Volksreimcn. Wenn sie uns Knittelverse denken, so waren sies damals nicht: sie waren Verse, die das Volk lesen und behalten sollte; daher besetzte er hie und da auch andre seiner Werke mit solchen Reimen. Die Wahrheit ist von neu geboren, Betrug hat seine» Schein verlohren, Deß sag Gott jeder Lob und Ehr Und acht nicht förder Lügen mehr. Ja, sag' ich, Wahrheit war verdrückt. Ist wieder nun hcrvorgerückt, Deß sollt man billig genießen lon. Die dazu haben Arbeit gethon. Die faulen Pfaffen lobens nit- Ach fromme Deutschen haltet Rath, Da's nun so weit gegangen hat. Daß nicht geh wieder hinter sich. Mit Treue hab's gefördert ich, Und begehr deß anders keinen Genieß. Denn — wo mir g'schüh deßhalb Verdrieß — Daß man mit Hülf mich nicht verläst. So will ich euch geloben, daß Von Wahrheit ich will nimmer lohn, Das soll mir bieten ab kein Mann. Auch schafft zu stillen mich, kein Wehr, Kein Bann, kein' Acht, wie fest und sehr Man mich damit zu schrecken meynt. Wiewohl mein' fromme Mutter weint. Da ich die Sach hatt g'fangen an, Gott woll sie trösten! Es muß gähn, Und sollt es brechen auch fürm End, Mills Gott, so wags nicht werden gewendt. . Drum will ich brauchen Füß und Hand', Ich Habs gewagt! Ich weiß, fängt er in der Beklagung der Freistätte deutscher Nation an: Ich weiß, ich werd noch Lands verjagt, Um daß ich solchs nicht schweigen kann, Und nehm des Dings allein mich an. Doch ist es wahr; und ist nicht recht, Daß man woll machen krumm zu schlecht. — Die traurige Weissagung ward bald erfüllet, Das Jahr darauf singen Sickingens Sachen übel zu gehn an, und 1628 im Mai starb der edle Held auf folgende unwürdige Weise: Sickingen hatte einen Zug zu thun gegen den Herzog von Lothringen, Erzbischof von Trier, Kurfürst von der Pfalz, Landgraf von Hessen. Ein Ritter gegen die Fürsten des ganzen Rheins. Er war alt, mit Gicht behaftet, konnte nicht mehr aufs Pferd, mußte in einem Sessel getragen wcr^ den, und da rotteten sich gegen den alten Löwen rin Haufe andrer Thiere. Höre man ihn selbst, wie er redet: „Mein lieben Brüder und Nachbarn, warum „kommt ihr wider mich zu fechten und streiten? „Nun bin ich doch mit euch dran. Ich begehr euch „zu erlösen von dem schweren entchristlichen Joch „und Gesetz der Pfaffheit, und zu evangelischen „lichten Gesetzen und christlicher Freiheit zu bringen. „So wollt ihr das nicht leiden, thut, als der den „fallenden Siechtag hat, will nicht, daß man ihm reo . Gallerie „Hess, daß kt nicht verderbe. Denket, daß ihr wider „Christum und sein Evangelium streitet, und nicht „wider mich. Um des Evangeliums willen will .„ich den Tod nicht fliehen. GotlS Will geschehe. „Amen." Dem Adel, den vbige Fürsten gegen ihn erregt hatten, schrieb er: „O festen, edlen, lieben Mit- „brüder, wollt Gott, ihr halt euch baß bedacht! „Warum zieht ihr wider Euch, Eure Kinder und „Kindskindcr? Warum zerreißet ihr Eure Freiheit, „und wollt Knech? und Gefangene der Beschornen „scyn? Denkt ihr nicht, wenn Franz überwunden „wird mit seinem Anhang, wie man darnach Euch „wird ein Zaum und Biß in das Maul legen und „Euch führen, wo N. hinwvllen? Ihr wollet de- „nen helfen, die den deutschen Adel verderbt haben „mit Lügen, eure väterliche Güter an sich gezogen, „als sind die bescheren Knaben, die Stift und Klö- „ster. Ihr und die Euren Mangelt: sie leben im „Saus, verthun das Eure mit Huren, Hoffart, „Vollcrey, Büberey; wollt ihr Euer Leben für die „setzen? Ja sie wollen unsre Seelen auch verderben, so sie uns das Evangelium Christi und Wort „Gottes nicht lassen predigen, auch selber nicht predigen , und ertränken unsre Seelen mit ihren eig» „nen Träumen, Fündlein, Gesetzen und Lehren, „gleißenden Worten. Wollt Gott, daß ihr der „Sach noch nachgedachtet, so werden ihr Francisco „N. beistehn. Gotts Will gcscheh, Amen. All Sieg „von Gort." So dachte Franz: dafür stritt er. Da ward er in seinem Alter von vier Fürsten und einem großen Nott Adels in seinem Schloß Land- stein zuletzt umringt, von einer Kuael, die sie ins Schloß schoßen, nuf der Mauer getroffen, lebte noch 24 Stunden, hörte die Fürsten und Herren alle sehr freundlich zu ihm sprechen, und starb. Als Luther von seinem Tode hörte, wollte ers zuerst nicht glauben. Da die Nachricht sich bestätigte, ward er tiefsinnig und brach aus: „Der Herr ist gerecht, aber wunderbar. Er will seinem Evangelium nicht mit dem Schwert helfen." Wie alle Guten den Tod dieses Mannes bctraurt haben, bedarf keines Worts. Er war und fiel wie Brutus; und nicht um ein Phantom politischer Freiheit siel er, sondern um Wahrheit, Licht, Recht, Billigkeit, den Gebrauch und Genuß der edelsten Güter des Menschengeschlechtes. Die meisten Aufklarer des südlichen Deutschlands, aus dem, wie bekannt ist, in den HülfS- wissenschaftcn daS meiste Licht ausging, hat er geschützt, ernährt, beherberget, verfochten: Aguila, Patricias, Bucer, Schwebe!, Reuch- lin, O e co la m pa d ius. L u t h e r n selbst lud er mehr als einmal zu sich ein; sein Freund Hutten hat ihn nur drei Monate überlebet. Mit gebrochnem Herzen ging dieser der Schweiz zu, Rettung zu suchen; fand aber unterwegs zum Unglück noch einen ehemaligen Freund, der chm völlig das Herz brach. Erasmus war eben auch zu Basel; der scheuete und verlaug- nete nun nicht blos den armen, vertriebnen, oder wie er sich ausdrückte, schäbichten Edelmann, den er vormals zum Himmel erhoben I 12 . Galle rie hatte *); sondern wollte auf der andern Seite gegen Huttens Freunde auch nicht sein Feind heißen, schob *) l)uoä Huttsui collo^uium s r, 11011 iuvillias metii8 tantum in oau8Sn kuit: erat aliud <(iiiddaiii, i inornreiu r. hlrut inilii tzlori 08 ü 8 ille Niiles euin 8 « » 8 c n- li i o in aeäk8 r a c i p i o n d us. So schrieb Erasmus an Melanchthon; und zu eben der Zeit an «inen andern: knit kkutteiius pnucoruiii äieinin I 108 PL 8 : interim nee ille nie sdiit, nee e§o illuin. Lt tarnen si ine convenis8er, Non repulierem Iioinineni a collo^nio. Den Brief, den Erasmus an Hutten den Tag vor Ostern 1023 schrieb, kann man bei Wagenseit (Hutten, epp. Dipa. 178.3. S. 3 u 8 ) den Brief, den er an den Zürcher-Rath unterm in. Aug» 1023 also wenig« Tage vor Huttens Lode schrieb, kan» man in Schubarts Ulrich von Hutten S. ih 6 . lesen. Lm letzten warnt er den Rath, und zwar eines Büchleins wegen, das Hutten gegen ihn schreibe (und Erasmus noch nicht gesehen hatte,) vor dem verbannten, äußerst dürftigen, todtkranken Manne als dem gefährlichsten Ruhestörer. Er will es ihm zwar nicht „verbunden, daß die Gütigkeit des Zürcher-Raths ihn „dort ließe wohnen," räth den Herren aber sehr «n, seinen Muthwillen ein wenig zu zähmen, großer und weiser Männer. aiA schob es auf Huttens Krankheit, daß er ihn nicht gesprochen, u. f w. Da trat Hutten auf, und ex- postulirte öffentlich mit ihm, daß das Alles Lug und Trug sey; er sey täglich ausgangen, habe auf dem Markt mit Jedem stundenlang gesprochen, Erasmus habe ihm die Thür geschlossen, u. f. Als zähmen, damit würden sie nicht sowohl ihm, als andern Künsten, die da» durchbefleckt sind, einen großenDienst und Nutzen beweisen." Hutten bat sich Erasmus Schreiben noch unterm iS. Aug. zur Verantwortung aus; und den 29, Aug. starb er. Ein Zürcher Gelehrter sollte Erasmus Briefe an Zwingli bekannt machen, in denen um diese Zeit gewiß auch non Hulken manches Vorkommen wird. Nantatz airirnia ooelostldus irue! — Rückst du dem Unglückseligen noch sein trauriges Schicksal Vor, als wäre das Glück, wäre der Zufall ein Gott ? Ward Aeneas nicht auch Und Ulysses lange verfolget? Und war Jener und Er nicht ein rechtschaffener Mann? Der du das Unglück nur als Schuld betrachtest, 0 fürchte, Daß auch Deiner sich einst Niemand im Leide» erbarmt» Hutten. Melanchthon dachte hiebey billiger und gerechter. Als der Poet Na ch t i g a l l lHuscinius) den todten Hutten mit Wersen verfolgte, sagte er auf ihn die Verse: Der du, 0 Grausamer, noch unglückliche Leichen zer- reissest, Nenne dich Nachtigall nicht, nenne dich Geier hinfort. Herders Werke z.Phil.u.Gesch. XIII. H ' Erasmus hörte, daß die Expostulation unter der Presse sey: kam er zurück, streichelte Hutten, wunderte sich, sprach von aller Freundschaft, rückte idm sein nacktes Elend auf, halte gar Herz gnuq, einem Verlassenen und Vertriebenen zu drohen; aber Hutten kehrte sich dran nicht. Die Expostulation erschien, und nun kam Erasmus, mit einem höflichen Schwamm (LxonAiÄ) den Flecken abzuwischen. So leicht ließ sich dicß aber nicht lhun; Luther, Melanchkhon ic. haßten den Schwamm und sagten: er habe nicht blos Hutten, sondern das ganze Lutherthum mit Koth besprühen wollen: denn nun sollte cs das Lülher- 1h um gewesen seyn, das dem Erasmus und den Musen ihren Freund geraubet. Was das Aergste ist, haben Einige gar geglaubt, Hutten sey an diesem Schwamm, (den er vielleicht nicht einmal mehr gesehen,) erstickt; Er, der an viel härterer Speise nicht zu ersticken pflegte, ja dem, wenn er langer gelebt hatte, dieser Schwamm wohl zu statten gekommen wäre. Ein Höherer entriß ihn dem Bann und der Acht, offenen Feinden und falschen Freunden; er starb End' Augusts rd23 im 36. Jahr seines Alters. Ufnau beißt die kleine Insel im Zürcher- see, wo er im Gebiet des Zürcher-Raths *) Schutz und Key einem armen Pfarrer Pflege, Aerzunq fand, und Ruhestätte. Schiffe binüber, reisender Jüngling und suche sein Grab, und sage: „Hier liegt der „Sprecher für die deutsche Nation, Freiheit und *) Bielmehr der Landleute von Schwyz» M. großer und weiser Männer. ^Wahrheit, der für sie mehr als Sprecher seyn woll- „te." Eine Grenzinsel hat ihm ein unbekanntes Grab gegeben. Das unbekannte Grab wäre nun zwar ein so großes Uedel nicht; vielmehr ist dieses in der Ordnung. Auf marmorne Denkmale müssen die Guten und Edeln keiner Nation rechnen. Mußte im siebenjährigen Kriege nicht ein Ausländer kommen und in der Stadt, wo Leibnitz liegt, nach Lcibnitz Grabe fragen k Und Niemand wußls, als ein alter Küster, der es ihm, wie der Tvdtengraber eines Bett» lers Grab, mit glattem Steine zeigte. Dem ver- banneten Hurten ist die To des statte selbst, dir Insel ans dem Zürchersee, sein Ehrendenkmal. In andcrm Sinn aber möchte ich Luthers Wort wiederholen: „Wir Deutsche sind Deutsche!" nem- lich: Auch Huttens Schriften sind ver- stoben: in drey Jahrhunderten hat niemand sie noch gesammelt. Viele haben Hand angelegt, sie herausuigeben; immer aber kam ein böser Zufall dazwischen. Und da die meisten nur einzelne Bogen und kleine Stücke sind, viele auf Sickingens Schloß gedruckt, von Feinden zerrissen, (sein Bild hatten die Karlheuscr zu Schlettstadt zu einem Gebrauch angewandt, dafür sie rooo Goldgüldcn, Angeld, an Sickingen erlegen mußten;) so ists gerade , als ob sie ganz aus der Welt waren. Und so sind unsres Landsmannes, M i t r e s o r m a- tors, Freiheitre dners, des Demosthenes ' H 2 unsrer Nation Schriften großentheils im Staube geblieben. Und was fehlte Huttens Schriften, daß man sie nicht aufleben ließe, und erhielte ? Als Bey- trage zur Reformation hat man ja die schlechtesten Lumpen gesammelt, von Wiedertäufern, Kritikastern und Helfershelfern; hier ist ein Reformator selbst, der in seinem Fache eher als Luther begann, und ihm nachher so treu half, so manches für ibn auSrichtete, so viel für ihn litt! Will man einen schonen Lateiner? Wer schreibt schöner, kräftiger und blühender Latein als Hutten? Erasmus und Melanchthon haben ihn deshalb beneidet, die Jtalianer geschähet, alle freye und heitere Muscnfreunde geliebet. Soll also dieser edle Lateiner, eine Blüthe des wieder- kehrenden Geschmacks so gut als untergegangen seyn, und ferner im Staube modern? — Will man endlich einen Mann von Genie, von Gefühl, von edlem starken Triebe, einen Mann von Laune, Satyre, Salz? man beklagt , daß gegen Ausländer Deutschland deren nicht genug habe — und man wollte Hutten vergessen? Bermuthlich soll wieder ein Franzose, ein Italiener kommen, und uns seine Schriften, wie die Schriften tinsers Leibnitz sammlcn? Tritt auf, Mann und Jüngling, der werlb ist, Huttens Gebeine zu wecken! Mehr als ein Verleger würde die Hand bieten, alle guten Jünglinge sich einige Groschen zum Kauf oder zur Pränumeration ersparen, und in 2 , 3 Bändchen bekämen wir unfern Hutten. Wäre dies Blatt so glücklich, großer und weiser Männer. 117 m die Hände dessen zu kommen, der bereits eine gute Sammlung gemacht halte, und sich mit andern über das vereinigen wollte, was ihm an Huttens Schriften etwa noch fehlet; wie würd' ich mich sreu- c-n, daß ich zu diesem Werke geholfen! Hutten schrieb an Luthern einmal: „Dein „Werk, heiliger Mann, ist aus Gott, und wird „bleiben: meins ist menschlich, und wird untergebne Die Worte erschüttern, eben weil sie so wahr sind. Huttens und Sickingcns Werk ging unter. Es war damals ein Zeitpunkt, daß Deutschland andre Gestalt gewinnen konnte; mehrere Gute strebten; es sollte nicht seyn: die Vorsehung hatte es anders beschlossen: sie gingen im Schiffbruch unter: sie erloschen wie Sterne in dunkler Nacht. Aber bey wem, als Undankbaren, sollte ihr Andenken erlöschen? Liegt in ihrem Untergange sammt dem, was sie und wie sie es. wollten, nicht eben die größte Lehre? Huttens Schatte, scy mir gegrüßt! Du Asche des Dichters , Dem eine Insel im See endlich die Ruhe gewährt' Sey mir gegrüßet, 0 Freund. Das hast du dir mühend errungen,. Ruh' im Grabe. Wohlan! gib sie dem Tobten, » Grab. Nimm die Veilchen, die hier ich dir streue, nimm auch die Thränea, Tapfrer Ritter! Der Tod, er ngr gewährte dir Glück- I. Gallerie 118 Glücklich im Tode bili du; du siehst die größeren Uebel Deines Landes nicht mehr, (dem du, ein Rächer, erschienst;) Seit ein höheres Vaterland, der Himmel, dich aufnahm. Doch auch auf Erden erwächst, Jahre nach Jahren, dein Rubin, Enkel werden dich einst, dich, glückliche Asche, verehren; Und so leb' ewig wohl, ewig, 0 Redlicher, wohl. kelr. Uoticli, Nachschrift. Der Wunsch, den ich in diesem Andenken Huttens vor siebzehn Jahren geäußert hatte, seine Schriften gesammelt und sein Andenken lebend erhalten zu sehen, schien im Jahre 1768 eine glückliche Erfüllung zu erreichen. Der erste Band von Huttens Werken ab Hutten op>p>. l. I. eä Llarist. äuc. WaAeuseil. Ilüp. 1768.) erschien; und da er sehr merkwürdige, abwechselnde, schön geschriebene Briefe dieses Mannes enthielt: so war kaum zu zweifeln, daß nicht auch seine sinnreichen Gespräche, seine Poesien, endlich auch die Stücke seiner erhabnen, sortreissenden Beredsamkeit folgen würden. Aber, als ob der Unstern, der Hutten im Leben begleitete, ihn auch im Grabe nicht verließe, erschien folgende Anzeige des Herausgebers : An das deutsche Publikum. Ich habe in der Michaelismcsse 178.8 den ersten Lheil der Schriften Ulrichs von Hütten großer und weiser Männer. 219 herausgegeben, in der festen Ueberzeugung, daß dies Unternehmen dem Publiko nicht anders als angenehm seyn könne. Mit wie mannigfaltigen Schwierigkeiten ich zu kämpfen hatte, bis ich Huttens Schriften zusammen brachte, die man über roo Jahre vergebens suchte, wie lang ich umsonst nach einem Verleger strebte, wie äußerst sauer mich die undankbare Blühe des Abschreibens ankam — davon will ich nichts reden. Aber es ist Zeit, zu sagen, daß ich für Deutschlands Ehre drey Jahre vergebens gearbeitet, ohne Dank und ohne Lohn gearbeitet habe, (denn die 2 Lhlr. Buchhändler-Bezahlung, die ich bcym erste» Theil erhielt, verdienen doch wohl nicht Belohnung zu heissen e) — Man lese das „Denkmal Ulrichs von Hutten," und man hak alles , was ich sagen kann, um die Erhaltung seiner Werke zu empfehlen, das er zur National - Angelegenheit machte. Ich hoffte, man werde mit Wärme die Früchte seines trefflichen Geistes aufnehmen, wer» de mirs danken, daß ich sie gesammelt habe; — aber wie sehr Hab ich mich betrogen! — So kalt, so nachlaßig hat man den fadesten Roman nicht empfangen, als den edeln, deutschen Hutten. Ich sollte denken, wer nur seine Briese gelesen hätte, mußte begierig seyn, auch die übrigen Schriften zu besitzen, die vielleicht in ganz Deutschland niemand vollständig hat. Unsre Aristarchen fandens nicht der Mühe werth, meine Ausgabe anzuzeigen ; denn von etlichen kritischen Journalen, die ich lese, stund in der einzigen Meuselschen historischen Literatur eine kurze Recension. Die Ursache dieses Stillschweigens bin ich nicht fähig zu errathen. irc, I. Galler«« Da der Verleger zur Fortsetzung nicht Lust bezeugt, so bleibt mir kein anderer Weg übrig, als mit dem Publikum selbst über diese Angelegenheit zu sprechen. — Huttens Schriften liegen zur Erscheinung bcynahe ganz fertig, und sollen auch erscheinen, woferne entweder ein biederer Buchhändler sich zum Verlag der drey rückständigen Theile meldet, oder man mich auf andere Art, ohne Buchhändler - tlc>' wvrarium, zu unterstützen willens ist. Im Gegen- theil will ich mein Manuscript — nicht verbrennen, sondern für eine dankbarere Nachwelt aufbewahren, zum Zeichen, wie warm meine Zeitgenossen für die trefflichsten Männer des Vaterlandes sorgen. Vielleicht, wenn ich lange gestorben bin, findet's einer, und ärndtet, wo ich gesät habe, läßt sich die Arbeit bezahlen, die ich umsonst vollendete, für die ich oft auf jugendliche Freuden und manches andere Ver, zicht thak. Hutten starb Lebens unsicher, vertrieben, in Armuth fürs Vaterland, schrieb für Deutschlands Freyheit, Religion und Aufklärung mit Demostheni- schcm Geiste, litt und starb für sie. Die edelsten seiner Zeitgenossen, Luther, Melanchthon, Pcutinger, Pirkheimer und andre liebten ihn, und schätzten seine Schriften: aber dritthalb hundert Jahre nach seinem Tode muß der Herausgeber derselben beynahe vor dem Publikum betteln, daß es den Mann nicht einer unverdienten Vergessenheit überlassen soll. Es ist wahr, wie cs in dem oben angeführten Denkmal heißt: „Vermuthlich „soll wieder ein Franzose oder ein Italiener kommen, großer und weiser Männer. r 2 e ^,und uns Huttens Werke, wie die Schriften un- „sers unsterblichen Leibnitz sammeln!" dann werden sie, wills Gatt, schon gekauft werden. Es ist dies eine Anfrage an die Weisen und Gutm der Nation! Hatten sie's der Mühe nich't werth^ meinen Wunsch, Huttens Werke ganz herauszugeben, zu begünstigen; — nun, so mag cS unterbleiben, und der Himmel vergeb' es mir, daß ich nicht, indefi ich meine Zeit damit zubrachte, etwas gelhan habe, wofür man mir lieber etliche Gulden bezahlt, und mich vielleicht mit großem Beyfall gerühmt hätte. Sollt ich aber auf irgend eine Art zur Fortsetzung unterstützt werden; so ersuch ich den Biedermann, der sich für mich und meinen Hutten interessircn will, sich schriftlich deßhalb an mich zu wenden. Sein Vorschlag könnte leicht in einem Journal stehen, das ich nicht zu sehen bekäme^ Sollte sich bis zu Ende des jetzigen Jahrs niemand finden, so will ich es sodann in den Zeitungen an- zeigen. Wagcnseil, Gelehrter zu Kaufbeuern. Was ist hiernach zu sagen? Wird eine zweyte Aufmunterung bewirken, was die erste nicht bewirkt hat? Vielleicht; und der für Hutten gutgesinnte Herausgeber würde sich sodann gewiß bestreben, auch durch die dem Werk nöthigen Erläuterungen ihm allen den Eingang und Nutzen zu verschaffen, ohne welche dergleichen Schriften doch nur alte Reliquien bleiben. Vielleicht bekommen wir wenigstens 422 I. Gallerte die schönsten Arbeiten Huttens, seine Gespräche; und so batten wir mit diesen und den Briefen schon viel. Bis endlich, vielleicht unversehens, ein Hutten selbst sich seines tapfern biedern Vorfahren annimmt, und die Kleinigkeit daran wendet, die Werke desselben dem Staube der Vergessenheit zu entreißen. HE-Sw! 6 . Ioh. Winkelmann *), Nach einem Mannesaltcr, sagt irgendwo ein Gelehrter, der selbst die seltne Ehre seines Vaterlandes ist, nach einem Mannesalker werden in Teulsch- land schwerlich in so kurzer Zeit so viel große Männer sterben können, als in den letzten wenigen Jahren gestorben sind. Ich lasse die Weissagung auf sich selbst beruhen: denn wer kennet jedes Samenkorn, das still in die Zukunft wachset? aber die Veranlassung der Weissagung ist wahr, und andern Nationen mit uns gemein. Wenn sich Key uns die Natur Zeit nehme , einen zweyten Haller, Lambert, Winkelmann, Sulzer, Lessing hervorzubringcn: zu einem Linus und Hu me, zu einem Voltaire und ss Aus dem teutschen Merkur 478c. ^großer und weiser Männer. r 23 Roußeau brauchte sies minder? — Wie es indessen sey, wir wollen die Namen unsrer verstorbnen Edeln nicht verhallen lassen mit dem letzten dumpfen Wurf der Todtenschaufel; wir wollen sie wenigstens nach ihrem Tode kennen und schätzen lernen, da es aus so manchen Ursachen vorzüglich tcutsches Schicksal seyn mochte, oft nicht eher recht gekannt und genannt zu werden, als nach dem Tode. Ich zeichne drey Gestalten, auf die der Weg meines Denkens naher traf; ein andrer zeichne die andern. Es ist keine Pyramide der Unsterblichkeit, die ich ihnen errichte, oder errichten kann; ein paar rauhe Steine mögens seyn, die ich, nach An der nordischen Heldengräber, auf ihre Todtenhügel wälze und schweigend von dannen gehe. Aohann Winkelmann. Geboren 1718, ermordet 1768» Wenn Winkelmann keinen Buchstab gedruckter Werke hinlerlassen hatte: so zeigt sein Leben, so zeigen seine Briefe und sein Schicksal, daß er ein außerordentlicher Mensch war, der sich zu etwas geboren fühlte. In Armuth und Kummer hatte er seine Jugend vcrlohren; über die Dreyßige hinaus saß er im Schulstaube eines Städtchens, wo er die Knaben conjugiren lehrte, und doch verkümmerte er nicht! er verlor nicht de» Plan eines bessern Lebens. Seine Liebe für die Geschichte, für Griechenland, und edlere Menschengedanken; sein Haß gegen teuksche Metaphysik, barbarische Schultheologie, und die ge- wohnlichen sieben Magisterkünste; sein Durst nach Freiheit, Freundschaft und Gesinnungen der Alten, die er mit Armuth, Einfalt und litelloser Bescheidenheit gern erkaufte — das alles zeichnet ihn nach un- fern Sitten so sehr aus, daß ich ihm gerne, nur dieser Gesinnungen wegen, eine Bildsäule unter den Weisen des Alterthums setzte. Lese man seine ersten , armen und bedrängten Briefe an Bünau *), man köret den verschlagnen, vom Glück verlaßnen, aber noch immer festen und cdeln Mann, der, unbiegsam der Kriecherei) und Thorhcit seiner Zeit, sich selbst fühlet, sich selbst ehret, und nur aus seinem Kerker heraus seufzet. — Jüngling, der du diese Briefe liesest, schöpfe Muth aus ihnen, bey vielleicht ähnlichem Schicksal. Teutschland ist lange ein Wald gewesen: aber auch im dicksten Walde findest du die rechte Himmelsgegend allein durch diese Lugend und Gesinnung der Alten; durch das Gefühl ncmlich, zu etwas da zu sei) n auf der Erde, von niemand als sich abzuhangen im Begriff der wahre» Ehre, des wahren Nutzens und Lebens; Macht zu haben, daß man falschen Zwecken entsage, nach Flittergolds des Ranges, Standes, der Gemächlichkeit und Wollust nicht laufe, auch arm und verachtet sei)» könne, wenn man nur das wird, was man werden soll, und in seinem Werk lebet. Dieß Gefühl von Einfalt und Wahrheit , von edlem Stolz und Aufopferung seiner selbst zu dem Beruf, wozu ihn die Natur gebildet, kur ') Winkelmanns Briefe, herauSgegeben von Dasdorf Th. i. S. b. u. f. 125 großer und weiser Männer. diese bescheidne alte Größe zeigt sich Key Winkelmann in allen seinen Schriften, in allen seinen Briefen. Man left z B. nur den, mir dem er von Vünau Abschied nimmt und seinen ihm nothwendi- gen Religionswechsel so kindlich, so beschämt und gerührt entschuldigt*): man lese die Freude, mit der er aus Teukschland geht, und dem Ort seiner Bestimmung, Rom und dem Alterthum, entgegen eilet**): wie er immer auf Gedanken dieser Art ruht, und seine Arme ausstreckt nach Gestalten und Gesinnungen voriger Zeiten: wie er in diesem Traum, in diesem schönen Wahne, sich an Menschen, Umständen und selbst Kunstwerken so oft, frcywillig gleichsam, irret und reich ist in seiner Armukh, in seiner Niedrigkeit stolz und groß und glückselig***). Nur so lange glaubte er gelebt zu haben, als er in diesen Gedanken, diesen Beschäftigungen, diesem Genuß lebte ****). Aber wenn ich mich nun, von ihm und seinem Gefühl, auf die Umstande wende, die ihn von außen umgaben, auf die Beyhülfe die ihm ward, auf den Weg seines Lebens den er nehmen mußte; verzeihe, Teukschland, wenn ich das alte Lied singe und deine Unachtsamkeit anklage! Ware er unter Scy- then geboren, hätte es ihm schlechter werden können, *) Eb. das. S. 17 . **> S. 55. Eb. das. ***) S. alle 5 Sammlungen seiner Briefe, die Zürcher, die Dresdnische und die Berlinische. **'*) Wiiihelmanns Br von Dssdorf. Th. r.)S. r>6. >26 I. Galterie als es ihm ward? Arm und verkannt zog er auf deinen Universitäten einher; selbst die Seelenspcise, die du ihm von deinen Kathedern zutheiltest, konnte und mochte er nicht genießen. Bis in sein vierzigstes Jahr Eonrector in Seehausen zu seyn oder barbarische Mönchs - Chroniken excerpiren zu müssen, nur damit man lebe; und nirgend eine Gelegenheit zu sehen, bcy der Fülle von Geist, Kenntnissen und Gefühl, nur Einem bekannt zu werden, der einen Menschen der Art von solchem Druck erlöse! Keinen andern Weg zu sehn, auch selbst nachdem man eine Schrift, wie die ist: Gedanken über die Nachahmung der griechischen Werke in der M a h- lerey und Bildhauerkunst geschrieben, keinen andern Weg zu seiner einzigen Bestimmung zu sehn, als die Verspräche und das Jahrgeld eines Bekehrers; und auch nachher, nachdem man mit der Begeisterung fürs Vaterland, für deutsche Nation und Sprache, in Rom, unter so armen und drückenden Umstanden ein Werk geliefert hat als Die Geschichte der Kunst des Alterthums ist, und für alle Zeiten seyn wird, in denen die teulsche Sprache lebet; für dich Alles noch nichts zu haben, als schaale Kritteleren oder Lobiprüche teui- scher Journale; endlich, so sterben zu müssen wie Man gelebt hat, ein armes Schlachlopfe-r auf der Grenze zweyer Nationen, aus denen und in die man großer und weiser Männer. »27 wie ein verbanncter Fremdling gehet — wenn dieß Erempel unter andern gebildeten Nationen- viel ähnliche fände, sollte es mir sehr leid thun. In Teutsck- lcmd ists ganz in der Ordnung. Seiner Verfassung nach ist dies Land, wie jener Lord sagt, ein clrols eis uorps , ein wunderbarer Körper, der eben deswegen so viel Kopfe hat, damit ja keiner seine Glieder kenne, eben deswegen so viele Universitäten, Aem- ter und Anstalten hat, damit es außer dem tastbaren Joch einer Brodarbeit für einen freyen, edcln Geist, der sich als solchen gezeigt hat, gar keinen Platz, gar keine Anstalt habe. Durch welche Wege muß unfern Medicis und Este bekannt werden, was sie dicht vor sich Brauchbares und Gutes haben? Etwa von Paris her, durch Parodien von Uebersetzungen, die sie auch alsdenn noch lieber als das Original lesen und es gut seyn lassen — geschebn lassen, was durch sie selbst geschah. Nach dem Tode etwa — Doch ich mag nicht weiter — — ()ui3 Islls kanäo lernperet a lacruinls? —- und auch, daß ich dieß gesagt habe, verzeihe man mir um der Stätte willen, ans der ichs sagte. Das Grab eines Tobten ist heilig; und wenn man da nicht die einzige, bittre Wahrheit sagen soll, auf die uns sein ganzes Leben stoßt, wo und wann sollte man sie denn sagen? Womit hatte es Teutsch- land denn verdient, daß Winkelmann nur eine Zeile dessen schrieb was er geschrieben? Etwa durchs achtjährige Eonrectorat in Seehausen, oder durch die Chroniken - Excerpte und das Jahrgeld des ka- iholischen Beichtvaters? Und wenn nun sein Leben noch durch unbesonnene kleinfügige teutschc Tadelepen verbittert wurde: wenn man ihm vorwarf, daß er lue und da doch unrecht citirt, nicht immer die Quellen gebraucht, die er in seinem Zustande gewiß nicht brauchen konnte, kurz daß er nicht allwissend gewesen, oder gar als Künstler mann proprio selbst, statt der Schriften, alle teutsche Musea mit neuen Apolls und Laokoons füllte-Verzeihe mir, edler Schatte, daß ich auf deinem Grabe zürne, da du im Leben selbst die Kalte und Undankbarkeit deiner Nation hie und da mit einigem Murren, aber nach einiger Erholung immer standhaft ertrugst und sie zuletzt lieber vergaßest, als dich beklagtest. Eben weil du's nicht khatest, habe ichs, nicht für dich oder für mich, sondern für einen der dir etwa gleich seyn möchte, thun müssen. Nun aber kein Wort mehr. Winkelmanns erste Schrift *) ward in Oesers Hause geschrieben, und Oesers feiner andcutender Geist ist bis auf die hohe Liebe zur Allegorie in ihr merkbar. Ein Freund, ein Künstler, sollte das Verdienst haben, das Lein Begüterter, Satter und Grosser sich zu erwerben wußte, den Keim, der in Winkelmann lag und den niemand erst hin- einlegen durfte, hervorzubringen und zu entfalten. In diesem Schriftchcn, und in den beyden Schreiben die drauf folgten, liegt, dünkt mich die ganze Knospe von *) Gedanken von der Nachahmung der griechischen Werke. Dresden ,757. großer und weiser Männer. 1-29 von Winkelmanns Seele; Nom könnte sie nur mit gelehrtem Laube oder mit Früchten eines bestimmtem altern Urteils krönen. Was Winkelmattn in Rom sehen sollte, und wollte, trug er schon in sich *). Damit niemand dieß mißverstehe, oder nachtheilig deute, mache ich nur auf die ziemlich allgemeine Erfahrung aufmerksam: daß meistens, wie in der Knospe der aanze Baum, so auch in den ersten Hervorbringungen des menschlichen Geistes die ganze Gestalt desselben und seiner künftigen Wirkung liege, wer sie nur zu sehen und zu entwickeln weiß. Ich rede hier von Fruchten und nicht von jungen Mißgeburten des menschlichen Geistes: denn Winkelmann war beinah rin vierzigjähriger Mann, da er seine erste Schrift, und auch sie noch mit aller jugendlichen Blodigkeit UNd Schüchternheit, schrieb. Da konnte er doch die Ideen die er in sich trug, Mit denen er geboren schien, die ihm ft lange Unter allem Druck des Schicksals die sichersten Freunde und Gesellschafter gewesen waren, entwickelt Habens Was jetzt folgen mochte, war immer nur A nwendung, mehrere Begründung und Bestimmung, ein schärferer Umriß im kleinen. Zn den Jahren ändert man die Seele nicht mehr, und wird nicht zum zweitenmal geboren; daher auch durch alle Winkelmanmfche Schriften eine Einheit von Gefühl, von Zdcen und Ausdruck geht, die ein Schriftsteller wohl lassen muß (aber, wenn er klug ist, auch gern lasset), der vom fünfzehnten bis zum fünf und neunzigsten Jahr schreibt. Auch *) Die großen Gestalten sind in Uns; Geschichte, Beschauung, Umgang, wecken sie nur» . , M. Herders W«rke z. Phil, u. Gesch. XIII. I iZo I. Gallerte -je vertrautesten Briefe Winkelmanns sind in diesem Einen Geist geschrieben , als ob er sie für Welt und Nachwelt, wie ers doch gewiß nicht thal*) , geschrieben hätte. Kurz der deutsche Baron , der damit nicht zufrieden ist, daß Winkelmann spat, mit schon *) Es ist ein Zeichen von Winkelmanns einförmigem, geprüften und cdeln Charakter, daß man seine Briefe an die verschiedensten Menschen, in solcher Zahl, so fortgehend, hat können druiken lassen; ob nians aber auch hätte thun sollen? ob in dem letzt heransgegebenen Briefwechsel nicht, wenigstens dem guten Winkelmann zu Liebe, einige Stellen hätten wegbleiben müssen und wirklich hätten wegbleiben könne»? dieß Überlasse ich der Empfindung eines jeden, der sich an seine Stelle zu setzen Freundschaft vder auch nur Billigkeit hätte. Nennen werde ich diese Stellen nicht, um keine dumme Neugier zu locken: mir aber thaten einig« derselben so weh, daß ich sie hätte wegkaufen mögen. Muß denn ei» edler, so fortgehend edler Mensch, auch in der Schwachheit der einzelnen, flüchtigen Momente dem Publikum dargestellt werden, die er etwa nur seinem vertrautesten Freunde nicht verheimlicht? Er war zu sehr Freund oder Kind, um sie ihm nicht sagen zu wollen; würde dieser aber dadurch berechtigt, wenn auch nach seinem Lode, sie aller Welt zu sagen? Ich will diese Anmerkung nur W. zu Lieb und keinem Menschen zu Leide geschrieben haben. Handle jedermann, wie er zu handeln für gut findet; nur ich weiß, wie ich in solchem Falk selbst gegen meinen Feind verführe. großer und weiser Männer. i3r ausgebildeier Seele noch Italien kam, und freilich, so wie seine Kenntnisse , so auch seine Begeisterung schon dahin brachte: der lasse sich etwa selbst in Rom gebabrcn und versuche, was er alsdann mit frischem Blick arn AlterthuM sehen und nicht sehen werde. Das Göttliche in uns wird mit UNS gebotent Gelehrsamkeit, Bücher und Steine bringeNs nicht hinein, wo cs nicht von Natur war. Wie viel Cicerone baden Alrertkümer beschaut und gewiesen ! wie viele vielleicht mit ungleich größerer Gelehrsamkeit und Minutien - Kenntniß , als Winkelmann haben konnte oder wollte ? Wie wenige aber Unter ihnen Mochten, Nachdem was er war, Winkelmanne seyn oder werden? Mit keiner Kunst und Wissenschaft gehts anders: denn woher in der Welt waten sonst die Liebhaber des Vortrefflichen , die Kenner und Künstlet der höchsten Schönheit in jeder Wissenschaft und Kunst so selten? Unzählich viel Mahler rieben Farben und sahen, was Raphael sah; aber ohne sein Auge,, ohne seine Empfindung; sie Mußtens also wohl sevn lassen, Raphaels zu werden , so strenge und genau sie übrigens das Mechar Nische der Kunst lernten , und in einzelnen Theilen derselben ihn üvertceffeN konnten. In der Idee, die Raphael, wie et sagte, in sich trug, und zu der er Nut Beitrage aus Gegenständen uM sich het stahl — in dieser konnte und wird et Nut von einem zweiten Raphael übettroffen werden. So ists mit WinkelmaNns Philosophie und Lehre. „Vom Plato „an, sagt er, bis auf unsre Zeit sind die Schriften , I 2 132 I. Galle rie „dieser Art, vom allgemeinen Schönen leer, oW „Unterricht, und von niedrigem Gehalte; das „Schöne in der Kunst haben einige Neuere berühren „wollen, ohne es gekannt zu haben." Diese und häufig ähnliche Stellen hat man seinem Stolz zu- grschrieben: sie waren offenbar bei ihm Empfindung, und sind außer ihm Wahrheit. Den identischen Theil der Kunst, den hohen Begriff vom Schönen und d.er Schönheit fand er nirgend so abgehandelt, wie er ihn in seiner Seele fühlte, wie er ihn dargestellt wünschte; daher sprach er also *). Auch seine vertrauten Briefe zeugen, daß er in jedem Augenblick höherer Empfindung in diesem Empy- reum eines Gefühls von Abstraktionen lebte und selbst zum höchsten Wesen auf diesen Flügeln der Begeisterung, oft von sehr kleinen Gegenständen, emporflog. Nicht jedem, sagt d'Alcmbert» ists gegeben, sich in den Ring Saturns hinaufzusetzen; wer indeß auf diesem Planeten geboren ward, lebt da in seinem Vaterlande. Es ist daher unrecht, wenn man diesen einzig- wahren Gesichtspunkt zu Winkelmanns Schriften verfehlt, um sie in einem falschen Licht unvollständig zu sehen; mich dünkt, er selbst hak uns gnug auf den rechten Gesichtspunkt gewiesen. Ehe er nach Nom ging, schrieb er seine Gedanken von *) Auch ist sein Artikel von der Schönheit eines der Meisterstücke, auf di« unsere Sprache stolz seyn kan». M. großer und w c i s e r M a n n e r. rZ ,3 Nachahmung der griechischen Werke, in deircn nichts als Empfindung des Schönen lebt. In Rom sing er mit der idealischen Beschreibung einzelner Kunstwerke, des Apollo, Lcwkoon *) und andrer an; die vorgenommene Schrift von Ergänzung der alten Bildsäulen und dergleichen, die Cavaceppl ohnstreitig besser als er schreiben- konnte, ließ er mit gutem Fleiß liegen. Ader in der Abhandlung, das Schöne der Kunst zu empfinden **), da lebt seine Seele auf: sie lebt auf, wenn er in seiner Geschichte der Kunst, und wo es sey, an die Region dieser erhabnen Begriffe und Empfindungen reichet. Was sslls also heißen, wenn man sagt: seine Geschichte der Kunst sey mangelhaft und unvollständig?. Konnte fies anders seyn? Wollte Winßelmann sie anders schreiben? Ist wohl ein Sinn- darin , eine vollständige Geschichte der Kunst des Alterthums zu verlangen — da die meiste Kunst des Alterthums selbst untergegangen ist — da von ihr, selbst so wenige blutarme Nachrichten übrig sind, und die paar Schriftsteller über sie nur wie ein paar abgerißene Ufer dastchn? Der ganze Wald von 5 o,oc>c> Bildsäulen in Rom und aller Welt, Gemmen, -Münzen, Gefäße und Gebäude dazu gerechnet, sind sie etwas anders,, als ein zusammen geschleppter Haufe von Ruinen, gegen das, was in Pausanias und Plinius, geschweige in höhern Zeiten lebendige Ge- *) Bibl. der sch. W. B. h. St. r. **) Dresden 176b, 43^ I, Gakkerie schichte der Kunst hieß? Und wo. ist nun dev Fodee rer, ders verlangen kann, der arme aste Winkelmann sollte diesen Wald von Tempeln und Bildsäulen und Museen in aller Welt durchbrochen Hatzen, um ihm einen unbezahlten LatestvAus reali» zu liefern, der in Winkelmanns Plan so wenig lag als in dem meinen? Sein Zweck war, eine systematische Geschichte der Kunst zu liefern, wie er selbst deutlich sagt *): sie sollte die genetische Geschichte des Schönen in der Kunst des Alterthums werden, und ists geworden, wenn ihr auch noch zehnmal mehr fehlte, als ihr fehlet.. Sein historisches Lehrgebäude ist vollendet. Der simple griechische Tempel mit seinen hohen, Heiligthümern und Aussichten steht da. Können wir den Genius der Kunst bewegen, daß er uns wieder herstelle , was durch die Hand der Araber», Türken und Barbaren siel,, daß er uns Nachricht gebe, von dem, was auch in Schriften Untergängen ist, oder hie und da verborgen liegt, — daß er uns zeige, in welches Zeitalter jedwedes Kunstwerk, welchem Künstler es zugehore? von Wem Etrurier,, Griechen lernten ? und welcher kleine Umstand hie oder dahin einfloß? u, s. f. Wohlan, wir wollen unsere Gebete vereinigen, daß dieser Genius des Lichts,, der Schutzgeist ganzer Weltalter und Nationen, erscheine und uns Aufschlüsse gebe. Ja noch mehr, wir wollen ihm helfen, berichtigen und Zusammentragen, was in der Welt zusammen S. Borrede zu seiner Geschf der Kunst. großer und weiser Männer. i 3 L zu tragen ist — — die Geschichte der Kunst des Alterthums wird damit ansehnlich erweitert; ich zweifle aber, ob, nothwendig und wesentlich, Win- kelmanns Kunstgeschichte .Bei dieser ist solcher gelehrte Vorrath nur Außenwerk oder Beiwerk; nicht Hauptgebäude. Dicß beruht auf wenigen, aber großen, und wie mich dünkt, ewig festen Ideen so wohl vom Wesen des Schönen selbst, als von den genetischen Ursachen desselben;, die Veranlassung- zu Beiden mag hier und da im Kleinen geändert werden, wie sie will. Das Werk selbst, sammt den Epochen seiner Kunst, so viel Mangelhaftes diese im Detail haben mögen, im idealischen Ganzen, worauf er arbeitete, ists richtig; denn es ist in der Ordnung der Zeiten, in der Natur der Sache selbst gegründet.. Anders verhalt sichs mit seinem Versuch über die Allegorie *), und ich bekenne gern, daß dieß Winkelmamrs Hauptwerk nicht ist: er war in ihm ziemlich außer seinem Wege. Sein Begriff der Allegorie ist unbestimmt, und er verwechselt ihn oft mit historischen Attributen, ja verfolgt ihn, bis ins Gebiet der Sprachen. Noch unbestimmter ist die Anwendung desselben bei den so verschiedenen Künsten, Völkern und Zeiten. Keine Kunst kann völlig allegorisiren, wie die andre; kein Volk, wie das andre; keine Zeit wie die andre. Es kommt hier auf so viel seine Nebenbegriffe be- *) Dresden 176b, ä. Gallcrie kanntcr oder unbekannter Gegenstände, gcläuflger oder fremder Ideen, ja selbst auf Farbe der täglichen Sitten, - des Geschmacks, der Sprache au, daß ohne sie das Buch der Allegorie, zumal in schweren Stein gebildet, dem großen Haufen ewig ein versiegeltes Buch bleiben müßte *)., 3u einer Geschichte der Allegorie in Schriften und Kunstwerken gehört, dünkt mich, so ein eigner Mann als Winkelmann es für die Geschichte der Kunst der Schönen war; cS wird zu ihr eine Art kleinen Scharfsinnes erfordert, die jener bei seiner Empfindung fürs ungclhcilte Hohe und Große vielleicht nicht besitzen konnte. Seine Allegorie ist indessen der A n f a n g einer sehr nützlichen Sammlung allegorischer Begriffe und Bilder, in der ihn doch auch sein Geist nicht verlaßt; und da der V. selbst sie nur als einen bescheidenen Anfangs-Versuch in einem Felde, wo noch gar nichts gethan sey, ankündigte, so hatte man lieber in seinen Gesichtspunkt eingchn, als ihn roh und von der Oberfläche her tadeln sollen, zumal, ihn zu tadeln, so wenig Kunst war. Die Kalre, mit der man dieß, immer doch Winkelmannische, Werk aufnahm, war dem guten Alten empfindlich, und er wollte weiter nichts mehr deutsch schreiben. Er hat leider auch sein Wort gehalten : denn nach dem zweiten Bande seiner lVlc>- irurnami Inaflüi übereilte ihn sein hartes bitterrs Schicksal. *) Wir haben bas Beispiel an den Gebilden von Persepolis. » großer und weiser Männer. 187 Ja freilich hartes und bitteres Schicksal! Wenn man die Begierde liefet, mit der er sich Jahre lang nach feinen Freunden, nach Deutschland und Vaterland sehntewenn man die Ankündigungen, die kindische Freude liefet, mit der sein Herz nach ihnen schlug; und wie ihn nun plötzlich Todesangst und Schauer ergriff *), da er Deutschland sah, da er die Berge und Hütten sah, die er vormals bei seiner Hinreise nach Italien mit so vieler Liebe und Wohlgefallen beschrieben: kein Freund, keine Ueberredung kann ihn halten, er muß zurück, er eilet zurück, üm auf der Grenze beider Lander den Tod zu finden, und einen Tod auf so unwürdige abscheuliche Weise! Ja wenn die Nachricht wahr ist, daß er eben an einem Blatt für den künftigen Hsrarisgeber seiner Kunstgeschichte geschrieben,. als die Hand des Mörders ihn übereilte; wenn man bedenkt, daß die schönen Fehler seines Charakters, unschuldige Ruhmcsfrcude und ein zuvorkommender Wahn der Freundschaft,, auch gegen solche die es nicht verdienten, zwei Idole,. die ihm im Leben so lieh gewesen, die ihn. so pst getröstet, erhoben und getäuscht hatten, auch jetzt die Dienerinnen styn mußten,, die schrechliäss rchL **) mit Strick und Dolch zu ihm zu führen; wer muß nicht schaudern? Wer nicht um ihn. und *) S. Winkelmanns letzte Reise in Dasdorf Sammlung von Briefen LH. 2 . S- 3b8. **) Die griechische Göttin eines gewaltsamen Todes. I., Gallerte rliS seine fürchterliche todsuchende Ahnung weinen? Du sielst, Edler, unter der Hand der unerbittlichen Parze an der Grenze des Landes, dem du ein Fremdling geworden, aus dem du eiltest, in das andere Land, das dich erfreut und geehrt hatte, in dem du auch jetzt Ruhe und Erholung suchtest. Du fandest diese Ruhe im Grabe, und die Erholung, nach der du lechztest, die Freundschaft, die du hleniedcn suchtest, und von der du so oft betrogen zurückkamst, die S c h ö n h e i t, Weisheit und Einfalt endlich, der du dein Leben geweiht hattest, und zu der du so oft begeisterungvoll in den Schoos der Gottheit aufflogst — die fandst du und konntest sie allein finden ln jener reinem Welt —- auch in Welschlands Thale wäre nicht gelebt; nun lebest du die zweite schön're Himmelsjugend — Wie ein Wandrer, der mit brennendem Durfls und versengtem matten Fuße über die Ruinen Pcr- sepolis und Aegyptens, Graciens und Roms hinweg gewandert, bei jedem Schritte die Trümmer einer versunknen Königsstadt, einen zerrütteten nie wieder kommenden Welt, kurz Eitelkeit, Eitelkeit aller menschlichen Dinge sah und fühlte; wie er mit dem letzten Blicke auf diese Gegenden und Werke, die er hinter sich laßt und nie Wiedersehen wird, in ihren Trümmern , geschweige im Flor und in der Herrlichkeit ihres alten Lebens, traurig- fröhlich auf sein Schiff tritt, um seine neue, freilich großer und weiser Männer., i3.z andre Welt, aber in ihr Weib, Kinder, Freunde wieder zu sehen und sie leibhaft , nicht bloß in Ideen zu umarmen: so ist mir, da ich an Winkelmanns Hand das Alterthum hindurch geträumt habe, und jetzt, auf feiner traurigen Grahesstatte, die Eindrücke sammle. Wo bist du hin, Kindheit der alten Welt, geliebte süße Knabeneinfalt, in Bildern, Werken und Gestalten? Du bist hinweg mit bei-, nem Traum Volt angenehmer Wahrheit;, und keine Stimme, kein heißer Wunsch des Liebhabers kann dich erwecken aus deinem Staube. Aufs Rad der Zeiten geflochten, rosten wir unaufhörlich weiter — wohin? wohin? — und kommen nie an die vorige Stelle wieder. Auch dein Traum, lieber Winkelmann , von schönen Menschengestalten, von edler Iugendfteundschaft und Erdenweisheit, ist verlebt hienieden. Nach verlohrnem Frühlinge des Lebens genössest du einige schöne Herbsttage, und wurdest vor dem Winter bewahrt, der dir vielleicht heinen süßen. Trug, die beste Blrtthe des Lebens, genommen hatteaus dem Reich tauschender, schöner Ideen gingst du in eine wahrere Welt, wo du nicht mehr Griechenland und seine Gyttcrformen beneidest., Lebe wohl l dein ermordeter -Körper ruht sanft auch ohne Denkmahl. Er liegt jenscit der Grenze seines -Vaterlandes, und dieß arme Blatt kann nicht hingehn, ihm ein Denkmahl daselbst zu werden. — Aber feinen Freunden, jedem seiner Freunde sey Dank, der dem armen Wandrer, so lange er unser war, nur einigermaßen zu Hülfe kam und eine gute Stunde machte. Die Namen derselben sind in seinen Schriften und Briefen unsterblich, und so lange man diese liefet, wird man I. Galleris 240 bei der übcrfließcndcn herzlichen Dankbarkeit, wonnt der Edle ihre Güte preiset, auch den Schatten ihres Andenkens lieben und segnen. N a c h e r i n n e r u n g. Ich habe über Winkclmann geschrieben , wie ich im Gefühl seiner Schriften und seines Lebens von ihm schreiben mußte. In seinen Briefen denkt er an eine Schrift über den Verfall des Geschmacks in Italien, und an römische Briefe, die er schreiben wollte; sollte sich nichts davon unter scincn Aufsätzen gefunden haben? Die neuere Ausgabe seiner Kunstgeschichte, die in Wien nach seinem Tode erschien , ist wohl (denn hier gilts die Ehre eines Tobten!) insonderheit ihrer Vorrede nach, Winkclmanns nicht würdig. Da in Italien eine vollständigere erschienen ist: so sollte Deutschland, in dessen Sprache Winkclmann schrieb, jenem fremden Lande nicht nachbleiben, und wer der einzige Mann sey,. der uns die beste, correctestc, ja eine vermehrte, berichtigte Ausgabe der Winkelman- nischcn Schriften liefern könnte, weiß ganz Deutschland. Es ist einer der ältesten Winkelmannischen Freunde', Heyne. 7 - L e s s i n g» Geb. 1729. starb 1781. *) Kein neuerer Schriftsteller hat, dünkt igiich, w Sachen des Geschmacks und des feineren, gründlichen Unheils über literarische Gegenstände , auf Deutschland mehr gewirkt, als Lessing. Was war deutscher Geschmack im Anfänge dieses Jahrhunderts? Wie wenig war er, als Gottsched ihn aus den Händen der Talander, Weise, Me- nantes empfing, und nach seiner Astt, fortbildcte? Er ward gereinigt und gewassert ; er empfing einen Körper, aber ohne Geist und Seele. B 0 dmcc kam dem Mangel zu Hülfe, und führte Provisionen von Gedanken aus Italien, England, den Alten, und woher es sonst anging, herbei; Schade Zuerst im deutschen Merkur 178c, hier nach der zweifach überarbeiteten Ausgabe im zweiten Lheil der zerstreuten Schriften 1796. M. Ü42 Gällerie aber, es wären freinde, zum Thcil einförmige und schwere Gedanken, die in Deutschland Nicht so seicht allgemeinen Eurs finden konnten. Jetzt kam Lessing. Sowohl an Witz als in Gelehrsamkeit, an Talenten und im Ausdruck war er beinah Gottscheds Antipode, Von den Schweizern nützte er ihre Belesenheit und ihr gründlicheres Unheil; er Überpreis sie bald in beidcrm Am meisten aber über- traf er sie und alle seine Vorgänger in der Gelenkigkeit des Ausdrucks, in den immer neuen und glanzenden Wendungen seiner Einkleidung und Sprache, endlich in dem philosophischen Scharfsinn, den er mit jedem Eigensinn seines muntern, dialogischen Styls zu verbinden, und die durchdachtesten Sachen mit Neckerei und Leichtigkeit gleichsam nur hinzuwerfen wußte. So lange Deutsch geschrieben ist, hat, dünkt Mich, niemand, wie Lesfing, Deutsch geschrieben; und komme Man und sage, wo seine Wendungen, sein Eigensinn Nicht Eigensinn der Sprache selbst wären? Seit Luther, hat niemand die Sprache von dieser Seite so wohl gebraucht, so wohl verstanden, In beiden Schriftstellern hat sie nichts von der plumpen Art, von dem steifen Gange, den Man ihr zum National- EigcnthuM machen will; und doch, wer schreibt ursprünglich deutscher als Luther oder Les sing? Und überhaupt, was wäre es für eine Sprache, dir nicht jedem guten 'Kopf, nachdem er sie brauchen kann, gern dienen wollte? Ich begnüge mich, LessiNgs Arbeiten Mit einigem Urtheil durchzugchen. Einer Lobrede brauchts großer und Weiler Männer. 14) bei ihm nicht; unbestimmte, schlechte, übertriebene Lobsprüche haßte er mehr, als den bittersten, nur einigermaßen gründlichen Tadel. Noch entfernter bin ich, über alle Lessing'sc he Arbeiten und Verdienste mir ein Urtheil anzumaßen. Ich maße mir eigentlich gar kein Urtheil über ihn an; sage nur über Einiges Meine M e p n u n g, und überlasse das andre, insonderheit seine Theaterwerke, andern. Meine Absicht ist nur , überhaupt die Spur zu verfolgen, wo Lesstng seinen Weg nahm, wo er aushörte, wo andre ihm Nachzugehe», oder weiter zu gehn haben. Lessings erste Schriften und LebenSümstände kenne ich nicht *); das erste Buch, das ich von ihm habe, ist seine Uebersetzung Huarts **). Eine Uebersetzung aus dem Spanischen war iN Deutschland 1762 wieder ein seltenes Ding worden, so häufig auch unsre liebe Vorfahren ein Jahrhundert vorher aus dem Spanischen übersetzt hatten. Zumal die Uebersetzung eines so paradoxen Schrift« *) Jetzt ist sowohl durch die Ausgabe der L e ssi ng'scheu Schriften, als durch Lessings Leben (Berlin bei Koß) hierüber so viel Ausschluß gegeben worden, daß wir schwerlich irgend einen deutschen Schriftsteller alter und neuer Zeit genauer kennen, als Lesstng. ") Huarts Prüfung der Köpfe zu den Wissenschaften. Zerbst I. Gallerie r/,4 stellers, als Huart ist — In der kurzen Vorrede zu ihm ist Lessing schon ganz kenntlich. Sein eigentlicher Name fängt ziemlich mit den sogenannten kleinen Schriften an, die seit ^53 in Berlin erschienen. In ihnen zeigte er sich Non allen den mancherlei Seiten, von denen er Nachher mit den Jahren immer reifer und glanzender hervortrat. In diesen sechs Bändchen was für ein Neichthum an Inhalt und Einkleidung! Eine Abwechslung und Gründlichkeit in Materien, die Man sonst in Duodezbandchcn nickt finden Lieder und Fabeln, Sinn- und Lehrgedichte, Aufsätze in Poesie und Prose, sogar.lateinische Verse, treffen hier zusammen. Es folgen Briefe, fast so mancherlei Inhalts, als gelehrte Briefe irgend nur sepn können; Kritik und Philosophie, Geschichte und Literatur, selbst Supplemente zum Jvcherscken Lexikon nehmen hier Bricsgestalten an, und man-muß gestehen, ganz auf die Lessing eigne, leichte und glückliche Weife, Hierauf ein Ehelichen gelehrter Abhandlungen, Rettungen des Horaz, Eardans, gar des Eochläus und des Inazni kleliZiosi, die Man schwerlich vor dem, was folgt, vor Lust- und T ra u e r sp.i e l c n, erwartet. Daß dies abwechselnde Mancherlei, mit dem sich Lcf- sing, meistens nur Proben - nur Stückweise, gleich Anfangs zeigte, nicht Eitelkeit, nicht Prahlerei war, beweiset sein weiteres literarisches Leben. Alle die Beschäftigungen, alle die Einkleidungen hat er fortgesetzt; und gewiß keine mit minderen Glück, cels er in diesen Jugendversuchcn zeigte. Denn ein Schrift- großer und weiser Männer. 145 Schriftsteller mit seiner Zeit fortging, und Blüthen in Früchte verwandelt hat, ists Lessing; ja, was sage ich, fortging? bis an sein Ende ging er seiner Zeit vor. Einige dieser Jugendschriften hat er Key reifern Jahren umgearbeitet; und so wenig er sich seiner Jugend zu schämen hatte, so sehr gewannen sie durch die verbessernde Hand des Mannes. Seine Fabeln und Sinngedichte führe ich als Proben an. Zur Verbesserung der letzten zwang ihn ein gedroheter Nachdruck seiner kleinen jugendlichen Schriften ; und man sehe, was er über sie in der Vorrede zu diesen sogenannten vermischten Schriften *) selbst sagt. Wir machen also sogleich mit diesen Verbesserungen den Anfang: denn hinter solchen ihn noch nach seinen ersten Versuchen beurtheilen zu wollen, wäre ja so ungerecht, als undankbar. Mit der - neuen Ausgabe seiner Fabeln**) sieng er an. Aus wenigen Proben, die er gegeben hatte, wurden drey Bücher, meistens eigner oder fortgesetzter Aesopischer Erfindung. Die gereimten oder ihre Reime sind weggefallen; und statt dieser, der Fabel unnöthgen oder hinderlichen Fesseln, (wenigstens wie Lessing es glaubte,) stehn sie hier in eine Sprache gekleidet,' die in einer jedem Ge- *) Leffings vermischte Schriften. Berlin 1771. *') Leffings Fabeln. Berlin 1.75g. Herders Werke z.Phil. u.Gesch. XIII. K »46 I. Gallerie genstande angemessenen Prosc die schönste Poesie ist. Der blanke männliche Harnisch kleidet Lcssing mehr, als das Gängelband der Reime; seine Fabeln sind nicht bloß für Kinder, sondern auch Männern, und Männern insonderheit lesbar. Noch mehr sinds die A bh a ndlunge n über das Wesen, den Nutzen, die Einkleidung, das Wunderbare der Fabel, die er seinen Proben beyfügte. Unstreitig ist dieß die bündigste, gewiß philosophischste Theorie, die seit Aristoteles Zeiten über eine Dichtungsart gemacht ist, und cs wäre zu wünschen, daß Lessing sie, wie hierüber die Fabel, wie nachher übers Sinngedicht, wie in der Dramaturgie übers Trauer- und Lustspiel, im Laokoon über die Grenzen der Poesie und bildenden Kunst, und in den Litera- turbriesen über kleinere Materien literari- scben Inhalts, so über alle Dichrungs - arten und Darstellungen der Poesie und Künste hätte machen können. Es wird vielleicht Jahrhunderte währen, ehe die vielen und leichten Talente, die ausgebreiteten und gründlichen Kenntnisse sich mit dem philosophischen Geist, mit dem Scharfsinn und schönen 'Ausdruck in einem Manne vereinigen, wie sie in Lcssing vereinigt waren. Die Abbandlungen über die Fabel insonderheit sind mit einer so glücklichen, leichten, sokratisch-platonischen Analyse geschrieben, daß ich im Geist dieser Me- tbode ihnen in unsrer Sprache weniges an die Seite zu setzen wüßte. .Ob gegen die Theorie selbst nichts einzuwenden wäre? ist eine andere Frage. Lessings Aesopi- schen Fabeln folgten Bodmers u» äsopische Fabeln*) auf dem Fuß nach, die jene in Fabeln und Abhandlungen über den Haufen werfen sollten. Sie Habens nicht gerhan: sie sind vergessen, und Lessings Fabeln und Abhandlungen werden bleiben; ja mich wunderts immer noch, wie der alte, geschmackvolle und gründliche Kunstrichter Lessings Buche ein solches entgegensetzen konnte. — — Indessen ists wahr, Lessings und Aesops Fabeln sind einander so unähnlich, als die Zeiten bevder; und der Hauvt- grund des Unterschieds ist, wie mich dünkt, augenscheinlich. Aesop machte seine Fabeln bey wirklichen Vorfällen im gemeinen Leben; also konnte auch die Lehre, die er entkleidete, kein fein abstrabirter oder speculaliver Satz, sondern eine praktische Lehre und Bemerkung für eben das gemeine Leben seyn, aus dem sie abgesondert war. Eine solche Lehre zeigte sich also auch meistens in wirklicher Handlung, (zum wenigsten was man auch im gemeinen Leben Handlung nennet;) nicht bloß in einer feinen Veränderung von Gedanken: so mußte also auch die Darstellung derselben in der Fabel seyn. Beyde Stücke machen Aesops Fabeln so anschaulich, sie machen sie auch für den ge meinen Mann und für Kinder so lehrreich, als es — Lessings Fabeln nun wohl nicht sind, auch wohl nicht scpn konnten und sollten. Nichts als die Zeiten haben sich verändert. Die Leser, für die Lessing schrieb, bedürfe» feinere Lehren, also auch die Darstellung eines feinern kActi, das freylich oft nur eine Gedankenfolge zu seyn scheint. Das Anschauliche, Populäre der Fa- *) Bodmers unäsopischi Fabeln. Zürich 1760. I. Gallecie r§8 bel geht hiemit cinesthcils vorloren; der Leser gewinnt indcß feinere Belehrung. Will man, so nenne man diese eine feinere Gattung A e s o p i- scher Fabeln; und bemerke bcy der Theorie der Fabel unter den drey Worten „allgemeiner moralischer Satz" „Darstellung in einem besonder» Falle" „anichaucndes Erkenntnis; jenes in diesem " den Unterschied : so ist der Streit gehoben. — Bielleicht zu einer andern Zeit hieoon ein Mehreres. Mit Lessings Theorie der Sinngedichte ists bcynah eben also: sie ist so fein und auSschlie- ßend, als die Gattung, die er allein für Sinngedichte erkennt, i» der seine eignen Epigramme sind, und in der Marlial allerdings den Mcisterrang behauptet. Die benden Theile des Sinngedichts, Erwartung und Aufschluß, ncbst den falschen Aftcr- gattungcn, wo cin's derselben fehlt, hat der Theocist in ein Licht gestellt, dem freplich nichts eutgegenzu- setzen ist, sobald man in den Lessing'schcn Gesichts- punct eintritt. Genetisch rmd historisch indessen, wäre ei» großer, nicht verwerflicher Thcil der griechischen Anthologie dagegen — doch auch hievon künftig *). Die Bemerkungen, die Lessing über einzelne *) Im zweyten Theil der Lessing'scheu Lebensbeschreibung sind meinen Gedanken einige Anmerkungen entgegengesetzt, deren Resultat ich gern beytre- te. Dem M a r r i a > i sch e n oder L e ssi n g'schen Epigramm ist die Leffing'sche Theorie auss feinste gerecht, und ich will an ihr in solcher Rücksicht nichts stören. Meine Anmerkungen betreffen die Dichter Martial, Eatull, die griechische Anthologie u. f. eingestceuet Hot, sind mannigfaltig und schätzbar; viele seiner Sinngedichte selbst sind als Proben des glücklichsten Witzes in Lehrbüchern und sogar in der Gesellschaft gang und gäbe. Das zu Freye, zu Jugendliche ließ er in seiner verbesserten Ausgabe weg, wie Key den Sinngedichten, so bei) seinen Erzählungen und Liedern. Lessings Lieder sind bekanntermaaßen von der muntern, nicht zärtlichen und schmachtenden Gattung. In häufigen Eompositionen sind sie im Munde der Nation, und bedürfen keines Unheils mehr. Wer blos eine Gattung von Liedern, die zärtliche, die rührende haben möchte; habe sie für sich, und lasse andern ihren Geschmack, ihr Vergnügen. — Seine L e h r g e d i c h te hat er nicht neu herausge- bcn wollen, oder es auf die Zukunft verspark * *). Sie haben viel scharfsinnige, treffende Gedanken, und stehen der Art und den Gegenständen nach meistens den Kastner'schen an der Seite. Was Lessing überhaupt von den Grenzen der Philosophie und des Lehrgcdichts gehalten, mag man in seiner und Men- delsvhns Schrift: Pope ein M e ta phi si k e r **)! lesen. Gattung kleiner Gedichte, die bey den Griechen für Epigramme galten *) In der vollständigen Ausgabe seiner Schriften sind diese Fragmente auch zu finden. I. Gallerte i5o Aber eS ist Zeit, von diesen einzelnen Bork- bunqen, die für andre wichtiger waren, als ste's bey Lessinq seyn durften, naher zu dem Haupttalent überzugeben, wodurch er auf Deutschland vorzüglich gewirkt hat; es ist seine philosophische Kritik, sein immer darstellender und immer zugleich denkender, forschender Geist, den er in mancherlei) Werken und Einkleidungen, überall glücklich gewiesen. Schon unter seinen kleinen Schriften waren Briefe, gelehrten, philosophischen, kritischen Inhalts. Die Streitigkeit mit Lange, seine Vorrede zu Mylius Schriften, seine theatralische Bibliothek m f. zeigte dies Talent noch auszeichnender; und mich dünkt, die Literatur b riefe, sind davon die unzweifelhafteste Probe. Bon diesen war er Urheber und Vater: der Ton in ihnen war sein Ton, wie mans aus den Briefen ick seinen kleinen Schriften und aus der Vorrede zu Mylius Werken sonnenklar stehet: es ist falsch und elend, daß man diesen Briefen den Ton der E l e- meut'schen I-ettrss critiguss Schuld gab *), H Ich lasse diese Stelle unverändert, um zu zeigen, daß in ihr von nichts andcrm, als vom innern Geist des Werks, insonderheit seines Anfanges die Rede sey Was Hr. Nicolai um die Briese für Verdienste habe, hat er selbst im Götting. Magazin lJahrg. 5. St. Z S. 3kg.) gesagt, und es ist mir nie eingefallen, solches weder kund zu thun, noch zu läugnen. Der gelehrte Briefwechsel Le ss in gs mit Mendelssohn, Nicolai u. s. der seitdem gedruckt erschienen, zeigt seine großer und weiser Männer. i5i Das Glück führte ihm einen edlen Gehülfen zu, Moses Mendelssohn, zwey Männer, die sich wie aus mehreren Acußerungcn erhellet, als philosophische Freunde schätzten und liebten. Man lese Mendelssohns Brief an Lessing hinter R o u s- seaus Abhandlung * *): man sehe die Achtung, mit der Lessing bey jeder Gelegenheit an Mendelssohn denket. Zwey solcher Menschen, am Geist hell und im Herzen rein, ohne politische Hindernisse und Ncbenumstande, tragen verbunden zu diesem Werk, das noch manche Zeit Hindus deutsche Journal genannt werden sollte. Ohne Schwarmerey und Ausgelassenheit herrschet in ihm Freymüthigkeit und Einsicht, insonderheit im Anfänge oder zu zwey Drittheilen der Briefe. Lcssing (ohne allen Zweifel ist er der Fll., denn wer sollte es sonst seyn ? ob er sich gleich auch anders unterzeichnet) **) ging ohngesahr näheren Verhältnisse mit den Verfassern der Literatur- brlefe, deren keinem es schadet, daß ich von diesen Verhältnissen nicht mehr gesagt, als ich literarisch gewußt oder gemuthmasset habe. *) Rousseaus Abhandlung von der Ungleichheit der Menschen. Berlin 1759. ") Die Namen der Verfasser dieser Literaturbriefe waren längst bekannt, ehe ich dieses schrieb und zum Ueverfluß habe ich in dieser Stelle, ander ich nichts ändere, blos im Ton der Vermulhung, auch eigentlich von dem überall unverkennbaren Lessing allein geredet. Es gehört wohl kein Oedi- pus dazu, die Verschiedenheit der Verfasser in den >52 I. Gallerie bis zum siebenden Thei'l mit: Mendelssohn behielt seinen geprüften Charakter bis zum Ende, Abbt trat, mit mehrerer Kühnheit, aber nicht mit mehre- rem Glück in Lessings Tritte; und auch die andern Gchülfen sind gute, wenigstens nicht schlechte Köpft gewesen. Lessings Urtheile, (von denen ich hier allein rede) hat größtentheils die Zeit bewahret. Was damals scharf hieß, nennet man jetzt recht; was hart schien, ist jetzt (wenige Urtheile ausgenommen) billige Wahrheit. Fast kenne ich niemanden, der auch von sich, dem Schriftsteller, mit mehr Bescheidenheit und Würde reden konnte, als Lessing; und überhaupt ist wohl unstreitig er, an Umfang der Belesenheit, an Scharfe des Urtheils, und an vielseitigem männlichem Verstände in Sachen, wovon hier die Rede ist, der erste Kunstrichtcr Deutschlands. Wo sind jetzt Lileraturbriefe, wie er sie anfing *) ? Literaturbriefen wahrzunehmen, die ich bereits im Jahr 1767. (Fragmente über die neuere deutsche Literatur Sammt. 2. S. 192.) bemerkt hatte, che ich einen Namen derselben kannte. Am Aussatz im deutschen Museum (Jul. 1782.) so wie in allen andern Notitzen hierüber habe ich nicht den mindesten Antheil, und ich wünschte, daß der Verfasser des letztgenannten Aufsatzes sich nennen möchte. ') Ich läugne hiemit nicht, daß es nicht andre gute Journale in einem andern, vielleicht nntzlichern Ton gebe; aber auch jetzt wären L i t e ra r u r b r i c- fe, wie jene waren, sehr zu wünschen. g r o ß er u n d w e i se r M ä n ne r. r53 Um eben diese Zeit machte er sich noch auf zweycriey Art um Tcutschland verdient, durch die Wiederaufweckung Logau'S *) und durch die Ueberse- tzung von Diderots Theater **). Bey dem ersten standen § r und Ran: l e r für Einen Mann : wahrscheinlich rühren von Lesung die Vorrede und einige Anmerkungen über die Sprache des Dichters her, so wie von Ramlcr vielleicht die Auswahl und Veränderung der Stücke selbst herrührt. Da ich die alte Ausgabe besitze: so bekenne ich zwar gern, daß cs einem alten Dichter Wohlthat sei), wenn er in Hände fallt, die ihn verändern, wie diese Herausgeber ihn verändert haben; im Ganzen aber dürfte es besser seyn, wenn man altere und vergessene deutsche Dichter uns zwar mit Auswahl der besten Stücke, aber unverändert gäbe. Co machens unsre Nachbarn sämmtlich und sonders; so hats Lessmig mit den aufgcfundenen Gedichten Scultetus, mit der Zugabe zu den Fabeln der Minnesänger u. st gemacht, und so ists in der Ordnung. Bey einem alten Dichter muß man wissen, daß man wirklich ihn und keinen neuern Dichter lese. — Diderot, sagt Leßing selbst zur zweyten Ausgabe seines Theaters ***), „Didero scheint auf das „deutsche Theater weit mehr Einfluß gehabt zu haben „als auf das Theater seines eignen Volks;" und *) Friedrichs von Logau Sinngedichte. Leipzig i7b>). ") Theater des Herrn Diderot. Berlin 176». 176c. *") Berlin rM. er rechtfertigt diesen Ausspruch mit guten Gründen. Er siehets selbst für Pflicht der Dankbarkeit an, sich als den Uebersetzer eines ManneS zu nennen, „der „an der Bildung seines Geschmacks so großen Anthcil „gehabt. Denn es mag, fahrt er fort, mit diesem „beschaffen seyn wie es will: so bin ich mir doch „zu wohl bewußt, daß er, ohne Diderols Muster „und Lehren, eine ganz andere Richtung würde bekommen haben. Vielleicht eine eignere; aber „doch schwerlich eine, mit der am Ende mein Ver- „stand zufriedner gewesen wäre." Mich dünkt, jeder Verständige werde es mit ihm seyn. Die großen Schritte, die er von seinen ersten Schauspielen, so angenehm und nokhwendig sie unserm Theater noch lange seyn werden, zu einem Philotas, einer Minna, einer Emilia Galotli, einem Nathan gethan hat, sind auch dem stumpfsten Auge unverkennbar. Und wenn er von D i d e r o t sagt, „daß sich, nach dem Aristoteles, kein philosophischerer Geist mit dem Theater abgegeben habe, als er", von wem gälte das reichlicher, von Diderot oder Leßing? Jetzt ruhete er einige Zeit, und nach solcher Arbeit könnt' er ruhen. In weniger als 10 Jahren hatte er alle diese so verschiednen Werke und in den Jahren 5 g. 6a. 61. eine Reihe der besten geliefert, von denen zuletzt die Rede war. Im Jahr 1766. trat er wieder hervor; mit eben so goldnen, glänzenden Waffen, nur in einem andern Felde. Die meisten meiner Leser erinnern sich noch wohl des Geschreies von Kunst, das, nachdem Winkelmann, Lippert, Heyne, Hagedorn, i55 großer und weiser Männer. < Mengs, geschrieben hatten, in Deutschland aufkam. .Alles sollte Kunst lernen, das Kind in den Schulen, der Jüngling auf Universitäten, der Mann im Amt. Aus Statuen sollte der Geistliche predigen, aus Münzen der Jurist Unheil sprechen, aus Gemmen und Pasten der Maler malen, der Dichter dichten. - Hier trat Leßing mit seinem Lav- koon*) auf, leise, aber sehr gewiß und weitaussehend. Von einer Stelle Winkelmanns ging er aus, über Caylus, Spence und weiter fort, jetzt nur einige Grenzen der Poesie und Maler ey auSzu- zeichncn, mit der Zeit aber diesen Gang über die Grenzen andrer Künste zu vollenden. Er hat ihn nicht vollendet; und wer wirds an seiner Stelle? Laokoon steht wie ein philosophisches Kunstwerk da, das der Künstler mit Fleiß unvollsühct gelassen, damit man sich erinnere, daß man ihn nicht mehr habe. Er gerieth darüber in einen Streit mit der Klotzischcn Schule; und es ist nicht Lcßings Schuld, daß der Streit für Deutschland nicht nutzbarer aussiel. Er betraf theils zu armselige Dinge, lheils zu armselige Leute. Kein Zeitungsblatt erschien damals in dem nicht die muthwilligen Knaben kamen und auch Leßing! einen Kahlkopf schalten; da schickte er endlich zwey Baren über sie"), die zerrissen den *) Berlin 1766. ") Briefe antiquarischen Inhalts, zwey Theile. Berlin 1768. 176g. i5ü I. Gall e r i e Hauptknaben und jagten die übrigen in ihre Löcher und Winkel. Jeder Verständige schämt sich jetzt dieser Scene, und des Werths, den man damals manchen Kindereyen beylegte. Damals indessen wars anders, und Leßing hatte alle Starke und männliche Dreistigkeit deutscher Sprache nöthig, um zu zeigen, was an manchen Armseligkeiten scy; welche Starke man denn auch im zweyten Thcil der vorgenannte» Briefe, insonderheit gegen das Ende*) reichlich an- trifft. Jetzt ist jedermann mit ihm einig; und das schöne Werkchen ,,w i e die Alten den Tod gebildet"**) so schön in seinem Inhalt als in seiner Entwicklung, ist fast das Einzige, was sich da- bey gewinnen ließ. Dies gehört aber auch Leßingen zu***): nicht dem ödenKunstgeschwatz seiner Gegner. Leßing lebte damals in Hamburg, und sollte einer Bühne vorstehen, die unter ihm erst deutsche Nationalbühne werden wollte. Warum stes nicht werden konnte? ooer was überhaupt an dem ganzen Wort sey? hat er selbst zu Ende seiner Dramaturgie ****) bescheiden und aufrichtig gesagt. Waren *) S. 201 — 22/. **) Berlin 176g. ***) In den zwcy Bänden Leßingschec Collectane- e n von Eschenburg mit Fortsetzungen herausgegeben (Berlin r?gc> ) sind noch verschiedene gute Winke und Notizen über Literatur und Kunst, insonderheit Kunstgeschichte zu finden *"') Th. 2 S. (»65. großer und weiser Mann kr. iä>/ indessen auch nur die zwei) Bande Dramaturgie die Frucht seines Aufenthalts in dieser Lage: so wäre das deutsche Theater überhaupt für die klein,,! Veränderungen, die er dort machen oder nicht machen konnte, reichlich entschädigt. Sein Unheil über einzelne Schauspiele und Schauspieler, so bescheiden durchdacht und männlich es allemal ist, war ihm immer nur Veranlassung, sich über die Quellen der Schauspielkunst, über das Wesen des Trauer- und Lustspiels, von den Zeiten der Griechen bis zu uns herab, zu verbreiten. Insonderheit sind Shake - spear, Aristoteles, Voltaire u. a. hin und wieder in ein Licht gestellt worden, in das sie bisher kaum gestellt waren, und es ist allemal Licht der Wahrheit. Von keinem Werk des Genies schlolr Leßinq das Denken aus; er war überzeugt, daß j - der Künstler und Dichter nur durch deutliche Begriffe von seiner Kunst zur Vortrefflichkeit in derselben gelangen könne, und diesen Weg zu deutlichen Begriffen über die Kunst des Schauspiels half Le» ßing in seiner Dramaturgie bahnen. Aber freylich wars nicht Eines Menschen Beruf, ihn bis anS Ende selbst hinaus zu laufen. Bey seinen Fabeln versprach er eine Ausgabe des Pha- drus; hier eine Pocrik des Aristoteles, die er für den Eoder der ganzen griechischen Dramaturgie hielt, und für die er seine besten Anmerkungen sparte. Er kam unter andre Gegenstände, in andre Geschäfte; sollten indessen nicht unter seinen Papieren Vorarbeiten scyn, die deS Drucks fähig waren t Kaum sollte ich, nach Leßing mündli- r53 I. Gallerte chen ?le»ßerungen, daran zweifeln *); und sie sind sodann glücklicher Weise in den Händen eines Bruders, der nichts vorenthalken und nichts liefern wird, woben nicht seines Bruders Ehre gewönne. Eine Geschichte der Aesopischen Fabel ist kurz vor Leßings Tod als zum Druck fertig ange- zeigt**); und über Sophokles dünkt mich etwas Aehnliches gelesen zu haben***). Sein Freund Aristoteles, den er für den Erzvater der bestimmten Kritik hielt, wird wahrscheinlich nicht leer ausgegangen seyn. Von Hamburg kam Leßing nach Braunschweig in ein wie anderes Feld gelehrter Arbeiten! Er zeigte sich aber, nach seiner Art, darin gleich so bekannt, als ob er lange Jahre damit beschäftiget gewesen wäre. Sein erster Griff in die Bibliothek war B e- rengarius Tu ron en si s ****), eine Entdeckung, an die niemand dachte, weil niemand, daß diese Schrift des Berengarius in der Welt scy, ver- muchete; eine Entdeckung aber auch, die einem ') Sv schrieb ich 1781. Die Herausgabe der nachgelassenen Schriften hat diese Hoffnung nicht bestätiget. ") Materialien dazu sind im 2. Lheil seiner vermischten Schriften, Berlin 1781». erschienen; sie sind aber kein ausgearbeiletes Werk. », ***) Der Anfang einer Abhandlung über ihn soll im Jahr >'6>. schon abgedruckt gewesen seyn, die ihr Verfasser aber nicht geendigt. Das Fragment von Sophokles Leben ist seitdem gedruckt erschienen. *"*) Braunschweig 1770- großer und weiser Männer. i5g Zwist, der Jahrhunderte durch unbestimmt, wenig, stens unbewiesen geführt war, ein klares Ende machte. Und zwar, wie Leßing mit Recht mevnte, zum Bortheil der Lutherischen Kirche: denn die Entwicklung des Dogma, die er am Ende der Schrift *) anqiebt, ist nicht nur der Natur der Sache gemäß, sondern läßt sich auch aus der Geschichte beweisen. — So lange also des Berengarius Buch nicht cdirk ist wird diese reiche und entwickelte Anzeige LeßingS statt des Buches selbst dienen. Die andern kleineren Entdeckungen, die Leßing in so kurzer Zeit in mebreren Fächern des gelehrten Ultcrthums oder der Bücherkunde machte**), sind hier nicht wohl herzuzählen; sie können auch nicht jedem gleich interessant seyn > genug, wenn sie nur dem Liebhaber des besondern, einzelnen Faches angenehm sind, zu dem sie gehören. Aber das war nur Leßing, der Bibliothekar; Leßing, der unter dem Gewühl dieser Art ein Emilia Galotti, «inen Nathan den Weisen machte; Leßing, der zu eben der Zeit sich auch jedem seiner Freunde anschlang und ihm half zu seinem Geschäfte! Leßing, der an jedem Ort jeden Würdigen gern ins Licht zog ; wem er dienen konnte, dem gern diente — der männliche, thätigfreundschaftliche, neidlose Leßing, wird nicht so gar oft und viel seines Gleichen haben. In Berlin waren die Besten, auch die in einerley Gattung der Wissenschaften arbeiteten, mit ihm. Von Mendelssohn, Ramler u. a. ist schon *) S. r8?. u f. *") Sur Geschichte und Literatur; lr BevtrLzr, geredet. Kleist war sein Freund: der Bicderge- schmack seiner Gedichte zeigt ihre ähnliche Denkart. Gleim, der Kricgssanqcr, desgleichen; LeßingS ist die Vorrede zu den Krieqslicdern *). In Braunschweig schloß er seinen Berengar an Schmids Adelmann an: Zacharia gab ec den aufgefun- denen Skultetus: und die Urne des jungen Jeru- s alem s**) umwand er mit immergcüncnden Sprossen eines schönen philosophischen Laubes. Der große Mann, sagt Nathan: Der große Mann braucht überall viel Boden, Und mehrere, zu nah gepflanzt, zerschlagen Sich nur die Reste Mittelgut, wie wir, Findt sich hingegen überall in Menge; Nur muß der Eine nicht den Andern mäckeln, Nur muß der Knorr den Knubben hübsch vertragen, Nur muß ein Gipfelchen sich nicht vermessen, Daß es allein der Erde nicht entschossen. — Gnug *) Ein Brief von ihm an Gleim über des letzten Volkslied er steht in den Analektcn für die Literatur Th. 2. S. 655 . Der seitdem herausgckommenc Briefwechsel zeigt dies Alles im Erweise. Philosophische Aufsätze von Karl Wilhelm Jerusalem.. Braunlchweig 1776. "*> Siehe auch das Glcichniß von der Windmühle, die mit allen 32 Winden in Freundschaft lebt Antiquarische Briefe, LH. 2. S., a 5 ->. groß er und w eiser Ma n n er. ikr Gnug hievon. Die letzten Tage Leßings sollten durch eine theologische Streitigkeit verbittert werden, Key der, wenn das Publikum noch nicht so viel Nutzen draus gezogen hat, als es Leßings Absicht und Meynung gewiß war, es schwerlich seine Schuld ftyn dürfte *). Er gab Fr a gm en t e e i n e s Ungenannten heraus, über die Auferstehungs - und andre Stücke der biblischen Geschichte; und ich, der ich Leßing persönlich gekannt, ihn zu einer Zeit gekannt habe, da obgedachte Stücke wahrscheinlich in seine Hände gekommen waren, und, wie ich aus manchen seiner Aeußerungen jetzt schließe, seinen Geist damals lebhaft beschäftigten; ich, der über Sachen dieser Art ihn auch sprechen horte, und seinen Charakter über das, was männliche Wahrheitsliebe ist, gnug zu kennen glaube; ich bin für mich überzeugt (für andre mag ichs nicht seyn noch werden) daß er auch die Ausgabe dieser Stücke allein und eigentlich zum Besten der Wahrheit, zu einer freyern und männlichen Untersuchung, Prüfung und Befestigung derselben von allen Seiten, veranstaltet habe. Er hat dies selbst so oft, so stark, so deutlich gesagt: die ganze *) Jetzt wird cs auch der strengeste Lheolog schwerlich läugncn, daß die Ausgabe der Fragmente viel Gutes veranlaßt habe. Der klärste Beweis davon ist dieser, daß, wenn sie jetzt erschienen, sie kaum die Aufmerksamkeit auf sich ziehen möchten, die man ihnen damals wider Willen schenkte; ein Zeichen daß wir fortgerückt sind. HerdersWerkez.Phil.u.Gesch. XUI» L 162 I. Gallerte Art, wie er die Fragmente herausgab, und, als Laye, seine Gedanken, allenfalls zur Widerlegung, hin und wieder sagte: überhaupt Leßings Charakter, wie er jedem eingedrückt seyn muß, der ihn gekannt hat (und andre sollten doch darüber behutsam urtheilen), alles dies ist mir Bürge für seine reine philosophische Ueberzeugung, daß er auch hiemit etwas Gutes veranlasse und bewirke; nämlich — ich wiederhole es noch einmal, freie Untersuchung der Wahrheit, und einer so wichtigen Wahrheit, als diese G e sc h i c h t e für jeden, der sie glaubt, und der an sie glaubt, seyn muß. Darf nun unter allen Wahrheiten und Geschichten diese Wahrheit, diese Geschichte allein nicht untersucht, nicht gegen jeden Zweifel und Zweifler untersucht werden, so ist das Leßings Schuld nicht; aber zu unscrn Zeiten wird kein Theolog und kein Religiös seyn, der so etwas zu behaupten wage. Giebt man aber diesen einzigen Satz zu: „Wahrheit müsse und könne untersucht werden: „Wahrheit gewinne jedesmal Key jeder neuen, freyen „und ernsten Prüfung, eben in dem Maas und „Verhaltniß, als sie für uns erkennbare, folglich „auch nur in solchem Maas für uns zu befolgende „Wahrheit ist ," gibt man diesen Satz zu , den die Geschichte aller Zeiten, aller Religionen und Völker, insonderheit die Geschichte und Wahrheit der Christlichen Religion überall, wo sie bezweifelt und an- gcfochten ist, unwidersprechlich beweiset: so hat Lessing gewonnen; so müssen wir, statt von krummen, hämischen, bösen Absichten zu reden, ihm danken, daß er uns eine neue Gelegenheit zu Untersuchung und Befestigung der wichtigsten Wahr- großer und weiser Männer. i63 I ^ heit, kurz zum Triumph gegeben. Je schwächer ! j der Feind ist, je stumpfer und elender die Muffen i sind, mit denen er auf uns los geht, desto leichter I wird uns ja der Sieg, desto sichrer und geschwinder können wir triumphiren ; und dann verdient Les- sing wiederum Dank oder wenigstens MikleidcN, daß Y er uns eine Windmühle statt eines Riesen in den 8 Weg stellte. Gnug, wenn wir klar zeigen, daß cs Z eine Windmühle und kein Riese sep; der sie für H etwas anders hielt, mag seinen Schimpf tragen, Z Thun wir das aber nicht, lasten die Windmühle ste- ^ Heu, und geben hauptsächlich auf den los, der unS ^ sagt: „da ist ein Niese! der Muß erst erlegt wer- „den, wenn eure Wohnung sicher sepn soll," gehn , wir auch ihm nicht in Absicht der That, die er Z gethan hat, (und die ihm, philosophisch betrachtet, « ohne alle Widerrede erlaubt war) sondern mit Un- ? tersuchung der Beweggründe und Absichten » aus und zu denen er sie unausbleiblich - gethan haben soll, auf den Hals; wäre das ver- z nünftig, billig, theologisch, christlich ? Beweg- 4 gründe und Absichten der Seele stehn allein j unter Gott, unter keinem menschlichen Richter; in H philosophische, historische, theologische Streitigkeiten . z gehören sie ganz und gar nicht. Mag Leßing sich ^ ) vor dem Richter, vor dem er jetzt steht, rechtfertigen, ä warum er die Fragmente hcrausgegeben ? gnug, für ! Z uns sind sie herausgegeben, sic liegen vor aller Welt ' « da; cs kommt jetzt allein auf Uns an, ob wir sie Nutzen oder Schaden wollen bringen i lassen? ^ Ich bin auch ein Thcvlog, und die Sache der L Ä Religion liegt mir so sehr am Herzen, als irgend j jemanden; manche Stellen und Stiche des Frag- mentisten haben mir wehe gelhan, weil ich ihn wirklich mit str e n ge r W a h r h e i tl i cb e las, und bei der Verwirrung, in die er alles zu setzen weiß, auf manches nicht sogleich zu antworten wußte, auch ^ auf manches noch jetzt sehr bescheiden antworten wür- ! de. Keinen Augenblick indessen ist mir ein Gedanke ! eingefallen, mich deshalb an Lcßing zu halten, oder über ihn Rache und Verdammung auszugicßen, weil ich Stellen eines Buchs, das er herausgiebt, nicht sogleich aufhellen und berichtigen kann. Ihm ! dankte ich immer für die Bekanntmachung von Zwei- I feln, die mich beschäftigen und weiter leite», die mir Gedanken entwickeln, wenn auch nicht auf dem ebensten Wege. Entwickelt müssen sie werden, wenn Sache, Sache, Geschichte, Geschichte seyn , soll; und glaube man doch nicht, daß alles so schwer zu entwickeln, daß alle Zweifel so neu und unerhört I seycn, als sie vielleicht auch Lcßing geglaubt hat. Viele sind längst gesagt und wiederholt worden, nur nicht von Christen, sondern von Juden; nicht etwa im vorigen und in diesem Jahrhundert, nicht von Freidenkern in Frankreich und England, (wohin sich die Polemik vieler Retter und Streiter einschränkt,) sondern von Rabbi nen früherer Jahrhunderte, aus denen der Fragmentist manches, wenigstens den ganzen Zuschnitt der Schart, genommen zu haben scheint. Ist dies nun alles beantwortet, gut! Jsts nicht beantwortet, was kann Leßing dafür ? was darf er dafür hafte» ? Beantworters jetzt! bcantwortcts stille und gesetzt, klar, rein und deutlich, daß Licht die Finsterniß überwinde und großer und weiser Männer. r6S der Schatten elender Lüge die glanzende Wahrheit eben nur erhebe. Leßing giebt euch Gelegenheit zu n e u e m V e r d i e n s t. „Aber ward er nicht selbst im Streit heftig?" Lastet uns davon schweigen, meine Brüder, denn wer rechte ihn! Wer kam ihm, nicht etwa mit Heftigkeit (die hatte ihn wahrscheinlich nur abgeküh- let) sondern mit Stolz und kalter Verachtung, mit hämischen Vermuthungen und unwürdiger Verlaum- dung, mit langweiligen Armseligkeiten, als obs Herrlichkeiten der Welt waren, entgegen? —Ich will die Geschichte des Streits nicht durchgehen: ich halbe auch nichts weniger als alle Rettungen gegen die Fragmente gelesen. Es ist manches sehr Gute, auch Einiges Vortreffliche gegen den Fragmentisten geschrieben, und was nicht ist, wird werden; wir können aber auch nicht laugncn, viel Schlechtes und manches Gute auf schlechte Weise. Das Ueble war, daß hier, wie überall, das Schlechte zuerst kam und die Spreu oben schwimmen wollte. Das Ueblere war, daß die da schwiegen, aus vornehmer Verachtung zu schweigen schienen, und Leßing, der sich eines Bessern Werth dünkte, ungeduldig wurde. Das Uebelste von allen war, daß man verunglimpfte, anschwärzte, verläumdete, verdammte, wo man untersuchen und w i- verlegen sollte. Das zu ertragen, war Leßing nun wohl nicht gemacht, und ich möchte wissen, wer ihn dazu dürfe gemacht glauben? Wie lange, meine Brüder, werden wir theologische und jede andere Wahrheit, theologische und jede andre Wohlanstandigkeit, Sittlichkeit, Gründlichkeit ,66 I. Gallcrie Schönheit, immer so sorgfältig unterscheiden, und was in der Theologie vorkommt, was sie auch nur von fern angekt, immer nur z u n ft m ä ß i g sum. dsnöiicio, sseininas st Lssri, durch uns, und von uns, und nach uns wollen beurtheilen lassen ? Wir sind Theologen, aber nicht für uns allein; wir lehren, untersuchen, predigen, retten, verthcidi- gen eine Religion, aber auch für andre Stande. Wollen wir unserm Meister Nachfolgen, so lasset uns die neun und neunzig theologische Screit-Böcke in der Wüste lassen, und nach dem Einen verlohrnen Schayf von Laycn gehen, das gegen Puncte unsrer Religion Zweifel hat, und sich, wenn wirs nicht thun, an unsrer Gemächlichkeit, Ruhe und Steifigkeit, wie billig und recht ist, ärgert. Zst die Bibel allein für Theologen und ihre Zweifel geschrieben? Soll das Evangelium nicht g l- llcr Kreatur gepredigt werden, auch dem Frag' mentistcn aus der Bibliothek zu Wvlfenbüttel, wenn er allenfalls noch irgendwo unter den Lebende» steckte ? Und wäre er s e lb st nicht mehr; nun so hat er ja seine siebenhundert sieben und siebenzig Brüder, die auch Mosen und die Propheten haben, und leider keine Lust bezeugen, sie zu hören. Jsts unserm Stande, selbst dem Werk, das wir treiben, nützlich oder schädlich, wenn, was in allen Wissenschaften und Künsten langweilig, ungründlich, abgeschmackt, oder gar boshaft, hämisch, albern hieße, auf einmal eine Natur ändern und angenehm, gründlich, tief, gelehrt, vortrefflich, geistig, ja gar wohlanständig, fromm, eifrig um Got- tcswillen heißen soll, sobald cs sich hinter den Namen einer Predigt, einer theologischen Ab- großer und weiser Männer. 167 Handlung, einer Rettung der Religion steckt? Größten Theils sind diese ja nicht für Zunftgenossen, die an unsre Sprache und Schnitt, an unsre voniam, guLinxstimus änrnnsgus viair8iin, gewohnt sind, sondern für Leute geschrieben, die Schönheit, Wohlanständigkeit, Gründlichkeit, philosophische und historische Evidenz, doch vielleicht in andern Sachen sehr geprüft und gekostet haben. Warum wollten wir uns nicht selbst richten, damit wir nicht von Andern gerichtet, oder gar, trotz unsrer Titel und Namen, mit der Welt schlechter Schriftsteller verachtet und verdammt werden? — Ucbrigcns will ich hier Lcßing nur entschuldigen, weil er ein Mensch, wie wir, war; nicht rechtfertigen, noch rühmen; denn ich kenne weder alle die Gegner, noch alle die Umstande, die ihn rechten. Des Mannes Schrift, z. B. gegen den er am^heftigsten geschrieben, kenne ich noch bis jetzt nicht, und bin also kein Richter zwischen beyden; indessen wird eben dieser eifrige und gelehrte Theolog jetzt, nach Leßings Tode, seinem Charakter und Geist die Gerechtigkeit wiederfahren lassen, die er ihm einst wiedcrfahren ließ, da er ihn persönlich kannte, hochschätzte und seinen Freund nannte. Mit dem Ort ändert man seinen Charakter nicht: wenigstens nicht plötzlich; und ein Mann wie Leßing, der alles unpartheiisch, mit Augen der Wahrheit, ansehn wollte, und sich ärgerte, wenn ihm dagegen was in den Weg kam , ein solcher Mann wird mit den Jahren eher besser als schlechter. Auch bey dem Jrrlhum ist Eifer für die Wahrheit schätzbar; die Leidenschaft, die daher entsteht, daß Wan keiner Leidenschaft, keinem Truge unterworfen feyn will, ist hochachtenswürdig. Nicht jeder gelangt zu dieser warmen Kälte, zu dieser lcidenschaftlosen Lei d e n sch a ft für Wahrheit und für Alles, was zu ihr führet. Gut, daß Leßing diese seine Laufbahn mit einem G l au b e n Sb ek e nn tn i ß und dem Schrift- chen von der Erziehung des Menschengeschlechts*) schloß. Das letzte dürfte, ohngeachket mancher überspannten Hypothese, mancher Thevlog wollen geschrieben haben. Und wo bist du nun, edler Wahrheitfuchcr, Wabrheitkenner, Wahrheitverfechter — was stehest, was erblickst du jetzt? Dein erster Blick, da du über die Granzen dieser Dunkelheit, dieses Erdenebels hinwegwarst, in welch anderm, höher» Lichte zeigte er dir alles, was du hieniedcn sähest und suchtest? Wahrheit forschen, nicht erforscht haben, nach Gutem streben, nicht alle Güte bereits erfaßt haben, war hier dein Blick, dein strenges Geschäft, dein Studium, dein Leb e n. Augen und Herz suchtest du dir immer wach und wacker zu erhalten, und warst keinem Laster so feind, als der unbestimmten, kriechenden Heucheley, unsrer gewohnten täglichen Halb-Lüge und Halb -Wahrheit, der falschen Höflichkeit, die nie dienstfertig, der gleißenden Menschenliebe, die nie wohlkhälig feyn will oder feyn kann; am meisten, (deinem Amt und Beruf nach) der langweiligen, schläfrigen *) Berlin 178». großer und weiser Männer. i6g Halbwahrheit, die wie Rost und Krebs in allem Wissen und Lernen von frühauf an menschlichen Seelen naget. Dies Ungeheuer und ihre ganze fürchterliche Brut gingst du, wie ein Held, an, und hast deinen Kampf tapfer gekampfet. Viele Stellen in deinen Büchern voll reiner Wahrheit, voll männlichen, festen Gefühls, voll goldner ewiger Güte und Schönheit, werden, so lange Wahrheit Wahrheit ist, und der menschliche Geist das, wozu er erschaffen ist, bleibet — sie werden aufmuntecn, belehren, befestigen, und Männer wecken, die auch, wie du, der Wahrheit durchaus dienen, jeder Wahrheit selbst wo sie uns im Anfänge fürchterlich und häßlich vorkäme; überzeugt, daß sie am Ende doch gute, erquickende, schöne Wahrheit werde. Wo du irrtest, wo dich dein Scharfsinn und dein immer thätigcr, lebendiger Geist auf Abwege lockte, kurz, wo du ein Mensch warst, warst du es gewiß nicht gern, und strebtest immer, ein ganzer Mensch, «in fortgehendcr, zunehmender Geist zu werden. — Verzeihe der Leser meine Apostrophe; die letzten Situationen seines Lebens rissen mich hin, und ich wollte eigentlich nichts über seinen Charakter sagen. Den wird und kann sein näherer Freund besser schildern *). *) Auch diese Hoffnung ist mit MendelsohnS Tode vereitelt. So weit ich Leßing gekannt habe, mag ich in diesem Punct nichts Geringeres als Shakespears Wort sagen: „Lobe ihn nicht, sprich nur: erwar ein Mann!"— Die Lebens- I. Gallerie 170 Die Gottheit gab ihm einen guten Ausgang aus dem Leben, ohne langabmattende Krankheit und Leibesschwachheit. Ich hoffe, daß wir noch eine schöne Erndte seiner vollendeten oder unvollendeten Schriften empfangen werden *); ein kleiner Ersatz für sein zu frühes Ableben, für seinen auf lange Zeit uner- setzten Verlust für Deutschland ! Vitis ui nnboribus äecori esi, ui viribus uvne 1?u clsuus oinns iuis: xosignain äs saia iulers, Ipsa ksles Lgros stgue ipso religuii -lpullc». — Spargiro lluiriuru koliis, iuäuoite kuurikuis umbra« ^lr tuuiuluui ksLits ei tumulo superaclclite oaruiou r „Lanlliclus iguotuur ruiratur luniou Olg'rnxi 8ub pelliburgus viäet uulaes et siäers. llaplluis." beschreibung, die sein Bruder von ihm geliefert, ist sehr schätzbar, da sie viele Sachen enthält, die nur der Bruder wissen und sagen konnte. Die vollständige Ausgabe ist erfolgt; und es zeigt einen sehr Hellen Kopf, einen sehr festen, reinen Charakter an, daß jeder Aufsatz, beynahe jede Keile von ihm gedruckt werden konnte. groß e r un d w eiser Männer. r?t 8 . I. G. S u l z e r. Geb. 1719. Fest. 1779» > Da von diesem verdienten Mann bereits Hix-r zels Gedachtnist an Gleim und vermuthlich auch ein sfoZs acackäiriiguy vorhanden ist, so bleibt mir zu meinem Zwecke nichts, als ein allgemeiner Gesichtspunkt übrig. Sulzcrs Verdienste sind, dünkt mich, die eines Pädagogen und Philosophen; ich nehme bepde Wor, te im edelsten Verstand. Der Rang, den er als Naturkundiger und Mathematiker haben möchte, ist ausser meinem Urtheil. Als praktischen Philosophen über die Erziehung und Unterweisung der Kinder kündigte ihn früh ein kleiner Versuch*) an; sein kurzer Inbegriff der Wissenschaften **), seine Vorübun» *) Versuch einiger vernünftigen Gedanken von Aufer- ziebung und Unterweisung der Kinder 17^5. Gedanken über die beste Art» die klastischen Schriften mit der Jugend zu lesen. 176b. **) r 7 st 5 . 53 . 60. gen*), die Einrichtung des Mictanischen Eymnasii **), und viele Verdienste, die er sich um das Schulwesen in Berlin und andern Preußischen Landern erworben, haben durch Rath und That diesen kleinen Versuch sehr hoch erhöhet. Wenns nun wirklich keine nützlichere Philosophie giebt, als die den Menschen, das Kind, den Jüngling bildet: so hat Sulzer einen Rang über manchem scharfsinnigen und nutzlosen Erfinder. Ich setze in dieses Fach auch einige seiner Schriftchen, die erüber dieWerke undSchön- heit der Natur ***), über den Werth der Noachide -f), über die bessere Anwendung der Künste -ff-) und sonst geschrieben. Sie lehren keine neue Wahrheiten, aber sie wenden alte gute Wahrheiten angenehm, faßlich, nützlich an. Uebcr die Noachide ist Sulzer eigentlich kein strenger Kunstrichter, sondern ein Freund des Dichters, der die moralischen Schönheiten seines Gedichts entwickelt und der Jugend anpreiset; wie er es auch im großen Wörterbuch der Künste oft gethan hat. Der moralische Nutzen, auf den er überall die Künste und jede schöne Wissenschaft angewandt wissen will, ist edel und wünschcnswerth; vielleicht aber nicht *) Vorübungen zur Erweckung der Aufmerksamkeit und des Nachdenkens zum Gebrauch einiger Klassen des Joachimthalschen Gymnasiums. Berl. 176g. *') 177Ü. -***) Versuch einer moralischen Betrachtung über die Werke der Natur, r7lch, Unterredungen übe: die Schönheit der Natur 07^!» — 70. ch) Gedanken über rc. Berl. t.7bl»> -f-fj r77«> großer und weiser Männer. »73 immer, insonderheit aus den Wegen, die er vorschlagt, erreichbar; nicht etwa nur äusserer Hindernisse, sondern hie und da vielleicht des Begriffs der Kunst selbst wegen. Indessen sind bey der großen Zwecklosigkeit und den zum Lheil schändlichen Mißbrauchen , in die die besten derselben geralhen sind, zu unsrer Zeit auch Platonische Gedanken und Wünsche hierüber schätzbar. Als Philosoph war Sulzcr ein Philosoph des gesunden Verstandes, der planen nicht spitzfindigen Vernunft. Psychologie war daS Feld, wo ihm die Zerlegung der Begriffe am meisten glückte ; und giebts in der ganzen Philosophie ein angenehmeres, nützlicheres Feld, als dieses? Seine Theorie der angenehmen Empfindungen, seine Abhandlungen über Sprache und Vernunft, über dunkle Begriffe und Triebe, zuletzt über das Wesen und die Unsterblichkeit der Seele*), sind voll schöner Wahrnehmungen. Wenn sie die Begriffe nicht allemal zur vollständigsten Deutlichkeit heben, so ziehen sie sie doch aus der Tiefe ans Helle, klare Sonnenlicht hervor; und sind dem Leser, insonderheit dem sich bildenden Jünglinge, so unterhaltend als aufmuntcrnd. Die Leiter, auf der der Philosoph emporstcigt, laßt er stehen, und zieht sie nicht straks nach sich; ein anderer kann und mag weiter steigen. Das größeste Gebäude endlich, das Sulzer errichtete, ist sein Wörterbuch der schönen *) Sulzers vermischte Philosoph. Schriften, -- Thle. -773. 8i. Wissenschaften und Künste*) : ein Däda- lisches, vielleicht unvollendetes und nie zu vollendentes Gebäude, das seinen Erbauer aber, wenn es auch Nur der erste Erbauer wäre, gewiß nicht ohne Kranz ließe. An der Pcterskirche in Rom haben viele gedankt, weil das Werk über Eines Menschen Leben hinauZreichte; selbst der Plan derselben ward einigemal geändert; das Gebäude kam indessen doch einmal zu Stande, und auch denen, die die Vollendung nicht erlebten, bleibt ihr Ruhm. Es ist wohl unläugbar, daß Sulzer den Plan, den er in den Literalurbriefen bekannt machte **), nicht ganz erreicht hat. Er war nicht der einzige Arbeiter; Ein M a n n konnte bey so verschiedenen Künsten nicht jedem Begriff, jedem Hauptwort auf den Grund kommen; noch weniger in der, für jede zusammenhängende Philosophie fatalen Form eines zertrennenden Wörterbuchs, jeden Begriff, dem rechten Ver- hältniß nach, an Srt und Stelle führen; noch weniger, da bey verschleimen Künsten verschleime Mitarbeiter waren, die gemeinschaftlichen Ideen verschiedener Künste, auf dem kürzesten Wege zu ihrer klaren Quelle leiten u. f. Aber wer wird Unmöglichkeiten fordern? Wcr einem, und zwar dem ersten, Versuch das Geschäft vieler Männer, vielleicht ganzer Jahrhunderte, zumukhenr Sul, zer hat angefangcn: man baue weiter. Man binde, leite, simplisicire die Begriffe, wo sie noch nicht *) Allgemeine Theorie der schönen Künste, LH. i. 2. 1771. 277g.. großer und weiser Männer. »sä recht gebunden und simplisicirt sind: man stelle die Künste und ihre Theile mit mehrerm Berhältniß gegen einander, als sich bcy dem ersten Ucberblick eines Labyrinths von Gedanken und Worten lhun ließ; insonderheit führe man auch die Begriffe der Kunst genetischer in ihre Geschichte, und scharfe hie und da, was bey S. zu rund, zu allgemein gesagt seyn möchte. Das Werk, wie es ist, ist ein Denkmal des philosophischen Sinnes der Deutschen; mit la Combe und ähnlichen Büchern so wenig zu vergleichen, als der Pallast mit einer Marktbude. Wenn man Sulzer zum Theil strenge beurtheilt bat, so kams davon her, daß man ihn nach seinem eignen Plan beutthcilte, und in diesen hohen Ideen lange aufs Werk gewartet hatte; kurz weil man ihn als Sulz er beurtheilte. Jetzt ist wohl niemand in Deutschland, der den Werth seines Buchs verkenne; und auch selbst die Mängel desselben, daß Sulzer sich mehr auf dem Wege des schlichten gesunden Verstandes hielt, als nach Hohen und Abgründen der Spekulation einzelner feiner Begriffe umherklctterte, sind zum allgemeinen Gebrauch des Buchs Empfehlung. Die schönsten Artikel in ihm sind auch psychologisch und pädagogisch; hierunter sind manche, die ganze Abhandlungen der Akademie gelten möchten. In diesem Werk ist Sulzer eine ganze Akademie selbst. In den letzten Jahren seines Lebens that der kranke Weltwcise eine Reise durch die schönsten Gegenden Europens, um noch mit den letzten Blicken der Dankbarkeit die Schönheit einer Natur zu genießen, die er in seinen frühem Jahren so wahr^ so fromm und edel gepriesen hatte. Er hoffte aus ihr noch Athem der Gesundheit zu holen; sie konnte, sie sollte ihm aber denselben für diese Welt nicht mehr geben. Er ging, mit Gesinnungen, die ein Brief von Spalding in seinen letzten Tagen beschreibt, in eine schönere Natur Gottes über. Sein Tagebuch dieser Reise, die Briefe, die Hirzel*) und Lange vorher**) von ihm bekannt gemacht haben, zeigen ihn, wie ers auch in seinen Schriften ist, als einen gesetzten und ruhigen Weisen. Mich dünkt, Sack wars, der ihn nach Berlin zog; dieses aufgeklärten und um Deutschland sehr verdienten Got- keSgelehrtcn ist also auch ein Lheil des Verdienstes, das Sulzer sich in seiner so nützlichen Sphäre erworben. 9 - S e n e k a, Philosoph und Minister. Zwey Briefe***). „Alle Meynungen über die Seelen der Verstorbenen, (sagt Di derbt zum Herausgeber der Schriften des *) Hirzel an Gleim über Salzer, 1780. ") llangens freundschafll- Briefe, 1769. 7a. **') Aus der neuen deutschen'Monalschrift 179h. I großer und weiser Männer. 177 z des Seneka in la Grange's Ueberfttzung,) sind ^ mir annehmlich, wenn sic mich rühren oder mir H schmeicheln. Mich dünkt in diesem Augenblick, ich ^ sehe den Schatten unsers guten la Gran ge um i Ihre Lampe schweben, indcß Sie Nachte hinbrin- ! gen, sein Werk zu vollenden und zu erläutern. Ich ^ höre, ja ich höre ihn; er spricht: „Wer die zerstreute Asche eines Unbekannten in eine Urne samm- ' let, lhut eine heilige Menschcnpflicht; wie viel bin ich Dir schuldig, Dir, der du dich um meine Ehre mühest." , Und er fahrt fort! „ach! nur von mir hing . es ab, daß Seneka auch zu mir spräche: Fast achtzehn Jahrhundert sinds, daß Mein Name dem ; Druck der VerlaumduNg unterliegt, und ich finde ün Dir einen Verthcidiget? Was bin irh Dir? Welch Verhallniß kann in einem so großen Zwischeni- raum der Zeit zwischen mir und Dir sepn? Wärest Du etwa meiner Abkömmlinge Einer? Und waS liegts Dir an, ob man mich tugendhaft oder lasterhaft glaube?" : „O Seneka, (antwortet der Verfasser,) Damit Sokrates, mit allen ruhmwürdigen Unglücklichen, mit allen großen Männern des Alterthums ' wärest bisher, und sollt immer Eins der sanftesten Bande zwischen meinen Freunden und mir, zwischen ( unterrichteten Menschen aller Zeitalter und ihren H Freunden bleiben. Du bist der Gegenstand unsrer § oftmaligen Unterhaltung, und Du wirst ein Gegen- ,, stand der ihrigen scyn. Wie oft habe ich, um von v Dir würdig sprechen zu können, Deine Nachdrucks- Herders Werke z. Phil, u. Gesch, XIII. M r , I. Gallerte 178 Deine Gewaltvolle Kürze beneidet! Wenn Deine Ehre Dir lieber war als Dein Leben, so sage mir: die Niedrigen, die Dein Andenken befleckt haben, waren sie nicht grausamer, als der, der Dir die Adern öffnen ließ? Es wird mir tröstend seyn, wenn ich Dich an Einem und dem Andern rache." So schrieb Diderot vor seinem Versuch über desSeneka Leben undSchriften *); er hat sein Wort gehalten ; einen wärmeren Freund, einen scharfsinnigern, dringernden Vertheidiger hat so leicht kein anderer Staatsmann und Philosoph gefunden. Er gehet des Seneka Leben und Schriften mit Anmerkungen durch, die uns in eine Gesellschaft der weltkundigsten Menschen versetzen, und wo sie uns auch nicht ganz überzeugen, doch so ausgesucht belehren, daß man das Buch fast mit einer süßeren Hochachtung für den Vertheidiger als den Vertheidigten aus der Hand legt. Wir Deutsche können mit diesem sogenannten Versuch eine andre gute Schrift: Seneka, nach dem Charakter seines Lebens und seiner Schriften, entworfen von Nüsche- ler **) verbinden. Warum ist diese schöne Schrift unvollendet? warum ists bei dem ersten Bändchen geblieben? *) klssei sur 1a vis cle Lenecxus, sur ses öerit» et sur les regiies äs lllaucle et lls dleron. ksris 177g. ") Zürich 178z. großer und weiser Männer. 179 Hinter Kleists Gedichten findet sich ein kurzes Trauerspiel, Seneka, in Prose, Auch andre haben den Gegenstand bearbeitet, und Leßing hat ihn, so wie den Tod des Nero bearbeiten wollen. Schade , daß ers nicht gethan hat. Kleists Trauerspiel ist sehr einfach: die Charaktere des Seneka und der Pompeja, (so heißt hier seine Gemahlin) stehen fast unbeweglich da; der Knote wird ins Stück durch eine fremde Person, den Polybius, Scncka's Freund, der für ihn sterben will, nur hineingcwebet. Sollte nicht, selbst der Geschichte nach, eine vielseitigere, innigere Bearbeitung dieses berühmten TodeS möglich seyn, die unstreitig auch lehrreicher wäre? Seneka nämlich war nicht Philosoph allein; er war Minister. Während der gepriesenen fünf glücklichen Regierungsjahre des Nero verwaltete er mit Burrhus das Reich; ja vorher schon hatte die Mutter Nero's, Agrippine seine Aurückberufung aus Sardinien zu ihren Absichten bewirkt; er ward der Lehrer ihres Sohnes. Seitdem geschahen alle Handlungen Neros vor seinen Augen. Er wars, der dem jungen Kaiser die Trauerrede auf seinen Vorgänger Claudius machte, bei der sich, wie Tacitus sagt, niemand des Lachens enthalten konnte, und die Seneka nachher selbst durch die Apokolokyntosis bitter widerlegte. Er hatte die Rede gemacht, mit der Nero die Regierung an- trat, jene Rede, die ihrer vortrefflichen Grundsätze wegen in Erz gegraben ward, und an jedem Neujahrstage verlesen werden sollte. Er verfertigte die ' M 2 I. Gallerie röu Gnadenreden, die Nero im Senat vertrug; und indem er mit der herrschsüchtigen Agrippine, deren Crcatur er war, einerseits zu kämpfen hatte; sähe er auf der andern Seite auch im gütigen Nero lange schon den Löwen voraus, der (nach Seneka's eigenem Ausdruck) sobald er einmal Blut geschmeckt hatte, seine ganze Natur zeigen würde. — Diese zeigte Nero bald. Unthatcn, Morde, Vergiftungen, Einziehungen der Güter, folgten einander und viele dieser Güter wurden den Freunde» des Kaisers geschenkt, unter denen Seneka seinen Theil auch nicht auszuschlagen wagte. Der Entwurf des Muttermordes wird ihm und dem Burrhus vorgelegt; sie müssen Ja sagen, und Seneka die Thal in einem Briefe an den Senat sogar rechtfertigen. Mit Gewalt will Nero ein öffentlicher Wagenführer oder Eitherschlagcr werden; Burrhus und Seneka geben im Ersten nach, um das Zweite zu verhüten , bei welchem er sich aber um sie gar nicht mehr kümmert; beide müssen zuschauen, wie ec unter dem Geklatsch der verworfensten Leute Re Either schlägt. Nero kheilt seine Tage in Grausamkeit und Wollust: Seneka bleibt am Hose. Rom brennt sechs Tage und sieden Nachte; Nero singt dabei in theatralischer Kleidung den Brand von Troja; Seneka bleibt. Die Anklagen der Verschwörung nehmen zu; sie wagen sich an ihn selbst; er bittet um seine großer und weiser Männer. Entlassung, und läßt sich durch eine verstellte Bitte des Kaisers: „er werde doch seinen Freund nicht verlassen wollen!" festhalten; bis endlich die Klaue des Tygers ihm so nahe kommt, daß er auf seinen Abschied dringt, da er denn fortan in seinen prächtigen Garten, auf seinen reichen Landgütern nirgends mehr vor dem Gift, das ihm drohet, sicher ist, und sich mit Feld - und Daumfrüchtcn, mit Wasser aus dem Strom sein Leben fristet. Wie nun? Der Philosoph, der sich jeden Tag über sein Leben die strengste Rechenschaft abzulcgcn vorgab, sollte er sich solche jetzt, wenn er in seinen Garten wie ein Verlassener umherirrt, wenn er dabei eine Reichthümer, vierzig Millionen an Werth, betrachtet, nie abgelegt haben ? So darf wenigstens der Dichter des Trauerspiels, ihn zwingen, diese Rechenschaft vor sich selbst abzulegen! „Wie bestehest du mit deinen Grundsätzen? Was hattest du mit der Julia? War es deiner werth, daß du dem fceigclasscnen Polybius also schmeicheltest? Konntest du, als dich Agrippine aus Sardinien zurückberief, etwas anders erwarten, als was erfolgte? Und warum ließest du dich, da du das Her; des Nero von innen und außen sähest, so lange hakten? Du hinterlassest unnennbare , von Zinsen bedrückter Nationen genährter Reichthümer — für wen? Deine Familie ist un- terqegangen; Einer deiner Brüder hat sich die Adern eröffnet, der andre bat vom Tyrannen Gnade erfleht; und du lebest? Du lebtest so lange um ihn, für ihn, machtest cs dir zur Pflicht, ihn als eine Lust des Menschengeschlechts anzukündigen, zu recht, fertigen, zu besehenen? Hast du kein Verbrechen der beleidigten Majestät begangen, indem du dich nicht von Ihm, sondern von Dir selbst zu solchen Dingen so lange gebrauchen ließest? Ruft nicht je. der Ermordete, ruft nicht das Römische Volk, ruft nicht Nero selbst gegen Dich? — Und was bist du, enthaltsamer, standhafter, das Leben verachtender Weiser, vor diesen Tischen, diesen Spiegeln , in diesen Sälen, vor diesen Seen, in diesen Gegenden, bei dir, in deinem Innern? Rechtfertige dich vor dir selbst; der Tribun kommt, und was will der Tribun?-—" Das Haus ist von Soldaten umringt, der Tribun fodcrt Rechenschaft über eine entdeckte Verschwörung. Sowohl Seneka, als Nero wissen, daß dies hier nur Vorwand seyn soll. Der Philosoph hat dem Tyrannen zu lange gelcbet. Seneka ist bei Tisch; er antwortet unerschrocken und heiter. Der Tribun bringt die Antwort. Warum sollte hier nicht der Vorhang aufgezogen werden, um auch des Nero inneres Gcmüth und seine äußere Lage ganz zu enthüllen? Hier mögen Poppäa und Ti- gellin auftreten; selbst das Blutgericht über die Verschwörung des Piso mit allen herzhaften Antworten der Verschwornen erscheine. Seneka ist unschuldig, und Nero weiß es. Er fragt den Tribun, ob er ihn bereit gefunden, sich selbst den Tod zu geben; und da der Tribun vcr- großer und weiser Männer. i83 wartet habe, empfangt er die kurze Ordre der Hinrichtung : rsArecki et irielicers rnortsrn. — Sie ist bald gegeben; aber der Dichter wird sie nicht sobald verschmerzen. Er wird den Mörder in der Gemüthsstimmung zeigen, in der er sich immer, auch beim Morde seiner Mutter, und beim schand» liehen Ausgange seines eignen Lebens wicß, grausam-feige. Und diesem Elenden hatte Seneka zu seinem Ruhme verhelfen? Er wiederum hatte Seneka gescheut, und scheuet ihn noch jetzt, wie die Frage an den Tribun zeiget. Beide also, sowohl den Tyrannen als den ehemaligen Tyrannen - Führer vor das Tribunal zu stellen, dem kein Sterblicher entgeht, beide davor mit ihren Freunden und Feinden zu confrontiren, dies wäre das hohe Forum des Schauspiels. Der Tribun hat nicht das Herz, an Seneka den Mord zu vollführen ; er fragt darüber den Präfekt FäniuS, und schickt endlich einen Centurio in seinem Namen. Im Verfolg des Drama ist dies ein nicht zu verachtender Umstand. Der Centurio kommt; Seneka will sein Testament machen; es wird ihm verweigert. „So vermache ich euch mein Leben," sagt der Philosoph zu seinen Freunden; er besänftigt ihre Thränen, und bat, ich mogte sagen, hier einen schönem Platz als Sokrates selbst, zu seinen letzten Gesprächen. Seine junge Gemahlin Paulina will mit ihm sterben; ec ermahnt sie zum Leben — eine Scene, I. Gallert? 184 in die der Dichter alle Zärtlichkeit und Philosophie bringen kann, die dem Orte gebühret. Endlich willigt er in ihren Tod und Ein Augenblick öffnet beiden die Adern, Ich übergehe die folgenden Umstände und wünschte, daß wir die letzten Worte des Sterbenden hätten: et novissima guoguo mornsnto, su^ Pscki.tants efocgusritia, ackvoualis seri^tcirikiur, ^ lsrg, gu, s tiacliclit, c^unairivusAUL eckiterojusverlris invertsre s up s r- : z eäso. Warum hast du uns diese Worte unterdrückt, 0 Tacitus? Glaubtest du, daß das Volk, das sie damals auswendig wußte, immer fortlebcn würde? Gewiß waren sie ein Bekenntnis;, dem ähnlich, das Subrius Flavins dem Nero unter die Augen sagte: „Niemand war dir treuer-als ich, so lang? du Liehe verdientest; ich fing zu Haffen dich an, seit du ein Mörder deiner Mutter, deines Weibes , ein Wagcnlcnkcr, Eitherschlager, ein Mord- j brenner wurdest,"' Seneka's letzte Worte würden ? das Verhältniß, das zwischen ihm und Nero obge- waltct hatte, zeigen. — Er stirbt. Pauline wird mit Gewalt zurück i ins Leben gebracht; sie lebt aber nur wenige Jahre, behalt ihren Gemahl in rühmlichem Andenken; blaß und blutlos ist sie selbst fortan ein Dcnkmahl feines ^ Todes, ^ Welche Scene, da sie wiederum ins Leben zu- rückcam l welche andre, da dem Sterbenden auch das Gift feines Freundes den Dienst versagte! nebst allem, was von Seiten Nero's und des Senats großer und weiser M ä n n e r. r85 darauf folgte. Mich dünkt, cs könnte ein Trauerspiel hieraus erwachsen, das die Stoische Philosophie am Hofe eben so prüfte, als z. B. Lessings andre Stücke ihre Helden prüfen. Vielleicht ist es mir unbekannt langst schon da; gewiß aber kann es aus Tacitus Beschreibung, den Anschuldigungen Seneka' s und DiderotsBuch werden. Racine sagt vor seinem Britanniense „Um einen ehrlichen Mann der Pest des Hofes unter Nero entgegenzusetzen , habe ich lieber den Burrhus als den Sencka gewahlet. Beide waren Erzieher des Nero in seinen Jugendjahren gewesen, der Eine für die Kricgskenntnisse, der Andre für die Wissenschaften. Beide waren berühmt, Burrhus wegen seiner Kriegserfahrenheit und sittlichen Strenge (irii- jitarichns curig et sevsritate rrroruiri;) Seneka wegen seiner Beredsamkeit und Gcistesanmuth) (prgeeeptir elo^usntiss et eoinitate siouesta.) Burrhus wurde nach seinem Tode, seiner Tugend wegen, außerordentlich vermißt und bedauert, (ervi^ tsti granäs äesiclsriuin eins insnsst ^>er rne^ rnorisin virtutrs.)" — Mich dünkt, Racine habe zu seinem Zweck den Burrhus sehr schicklich gewahlet. Glauben Sie nicht, daß ich mich in der Idee des Trauerspiels Seneka zu seinen Verleumdern gesellen wollte. Rechtfertigt sich der tragische Seneka, wie ich es nach Tacitus glaube, vor sich selbst und seinen Freunden: so kann er, auch bei Schwachen seines Charakters, die er setzt selbst ein- siehet, als ein glorreicher Staatsmartvrer da stehen, so daß, wenn er das Auge schließt, man ihn eines größeren Lohnes werlh halt, als daß man ihm, wie einige Berschworne es wollten, hinter Nero das Reich antrage. Wahrscheinlich würde er das Reich ausgeschlagen haben, wenn er war, wofür ich ihn halte. Was ich merklich machen wollte, war einzig dieses, daß philosophische Sprüche, wenn sie auch die edelsten, stärksten, ja göttliche Sprüche waren, an und für sich noch nicht das Leben eines Menschen , zumal eines Staatsmannes beurkunden und vor aller Schwachheit sichern. Der Hof ist ein so trügliches Element, und ein politisches Leben unter Nero eine so gefahrvolle Scene, daß alle Briefe des Seneka, auch mit völliger Liebe zur Wahrheit, nicht als Sentenzen, sondern als Sache des Herzens geschrieben, uns jeden Schritt, den ihr Verfasser praktisch that, gewiß noch nicht verbürgen. Nicht daß er deswegen eine ewige Lüge und Satyre gegen sich selbst hätte schreiben wollen und müssen, wie Diderot den Fall setzt: denn wer verzeihet sich nicht Vieles, sobald man sich Eins verziehen hat? und wie so manche Täuschungen giebts, mit denen uns der Wahn, unentbehrlich zu seyn, die Hoffnung,, mit der Zeit nützlicher zu werden, die Sucht zu gefallen , die Furcht vor einem Aergern, als das Jetzige schon ist, endlich die Liebe zur Gewohnheit, die Anhänglichkeit an Ehre, Rang, Freunde, Bekannte, an uns selbst und alle Buhlerinnen unsres Herzens und Lebens von Tage zu Tage sanft und unsanft hintäuscben? Auch unter solchen Verirrungen konnte Seneka immer noch der mehr als kaiserlichen Achtung werth seyn, die ihm Tacitus erweiset. Genug; wie auch sein Charakter seyn mochte; seine Schriften sind ein reiches Füllhorn der schönsten , größesten Sentenzen. Diderot hebt mehrere derselben ans. fügt seine Meynung hinzu und spricht mit unserm Innern so vertraulich, daß der Leser sich gedrungen fühlt, hie und da auch sein Wort hinznzusetzcn und mit Seneka,. mit Diderot zu raisonniren, als ob er der Dritte seyn müßte. Hiemit wird das Buch ein lebendiges Gespräch zwischen dem alten Weisen, seinem Ausleger und Freunde, endlich mit uns selbst, in vielfacher Anwendung auf neuere Welt- und Lebensscenen. „Ach, sagt Diderot, hatte ich die Werke des Seneka früher gelesen k hätte ich in einem Alter von dreißig Jahren seine Grundsätze angenommen, wie viel Vergnügen wäre ich diesem Philosophen schuldig, oder vieimebr, wie manchen Schmerz hätte er mir entfernt! Du bist's, o Seneka, dessen Hauch die leere Phantome des Lebens zerstreuet, du bist's, der dem Menschen Würde, Festigkeit, Nachsicht gegen seinen Freund, gegen seinen Feind, Verachtung des Glük- kes, der Vcrläumdung, des Ruhms, der Würden, des Lebens, des Todes einzuhauchen; du bist's, der von der Tugend zu sprechen und Begeisterung für sie zu entzünden weiß. Du hättest mehr an mir gethan, als mein Vater, meine Mutter , meine Lehrer; sic wollten mich alle zur Güte bilden, sie wußten aber nicht, wie? Wie hasse ich jetzt die, die mir den Seneka herabsetzten! Ihr kleinmüthiger Geschmack hielt mir die Augen auf den Cicero geheftet, der mich lehren könnte, wohl zu reden, und entzog mir den, der mich gelehrt hatte, wohl zu handeln Und doch, welch ein Unterschied, zwischen der Rcinigkeit der Styls, die ich mit dem Ersten nicht erlangt habe, und der Rcinigkeit der Seele, die in mir gewiß gewachsen und befestigt wäre, wenn ich im Zweiten studirt, über ihn nachgedacht, mich in ihm genährt hatte. Selbst jetzt, in einem Alter, in welchem man sich nicht leicht mehr bessert, habe ich den Seneka nicht ohne Nutzen für mich und für andre um mich gelesen; es scheint mir, daß ich das Urtheil andrer über mich weniger, mein Urtheil über mich dagegen desto mehr scheue ^ und achte; cs scheint mir, daß ich die verflossenen j Jahre weniger bedaure, aus die kommenden weniger einen Wertb lege. O wie übel hat man gctban, , daß man, um mich zu einem bessern Schriftsteller zu machen, mich hinderte, ein besserer Mensch zu werden. Verhärtet hat mich Seneka nicht; ich gestehe aber, es möchte Weniges sepn, worüber ich laut aufschreien würde." großer und Weiser Münster. rLg „Nur glaube man nicht, daß man ihn aus ei-! Nigen Blattern kennen lerne, und über ihn urtheilen dürft. Man lese ihn ganz, und noch einmal! man lese den Tacitus dazu, und werft meine Apologie ins Feuer. Erst dann wird man wahrhaft überzeugt seyn, daß Sencka ein Mann von einem großen Talent und einer seltnen Tugend gewesen, da seine Verlaumder hingegen zu den ärgsten, ungerechtesten Menschen gehören. — —" So schrieb Diderot zu einer Zeit, da er sich vielleicht selbst vor den E on fe ssio n e N, und wie er glaubte, den Verlaumdungen Rousseau'S scheute. Roufftau's Eonftssionen haben ihm nicht geschadet; und auch dem Seneka schadeten seine Verlaumder nicht. Dem Tiphilin steht Taci- tus entgegen, und seine Schriften sprechen in Tugenden und Fehlern für sich selbst. — Jedes Alter, sagt Diderot, schreibet und liefet nach seiner Weift. Die Jugend liebt Begebenheiten , Fakta; das Alter Reflexionen. Einem Mann von Jahren, dem die Meinigen zu lang , zu häufig, dem Gegenstände zu fremde Vorkommen, würde ich rathen, den Tacikus, Sueton und Seneka mit sich in die Einsamkeit zu nehmen; die Sachen, die ihm merkwürdig Vorkommen, die Ideen, die sie in seinem Geist erwecken, die Gedanken dieser Schriftsteller, die er zu behalten wünscht, die Gesinnungen, die er erproben will, aufs Papier zu werfen, ohne ein andres Projekt, als sich selbst zu unterrichten. Fast bin ich gewiß, daß, wenn er sich an den Orten verweilt, wo ich mich verweilte, wenn er sein i9» I. Gallerte großer und weiser Männer. Jahrhundert mit den vergangnen Jahrhunderten vergleicht, und aus erlebten Umstanden und Charakteren Vermuthungen über das zieht, was das Heute uns ankündigt, was das Morgen uns hoffen und fürchten laßt, er würde ein Buch machen, ohngefahr wie das Meinige. Allenthalben bin ich in Gesellschaft; ich frage, ich antworte." — Wenn dies nicht eine gute Art zu lesen ist, so kenne ich fast keine andre. H- II. Nachlese historisch - philosophischer Schriften. Revolution der ersten Welt nach den ältesten Traditionen. (Vermuthlich eben die Abhandlung, welche der Verfasser im 2ten Theil der Ideen zur Philosophie der Geschichte der Menschheit (auf der letzten Seite) zu geben versprach, die aber bisher nie im Druck erschienen ist. A. d. H.) ^ erste Welt ist untergegangen, sagt eine Reihe der alten Traditionen, und die unsere beschreibt uns sogar die Art des Unterganges mit einer Tages- chronik darüber *): ja sie geht, sich selbst wenigstens gleichförmig, von dieser Ucberschwemmung auf die Geschichte einer ganz veränderten Welt aus. Was ist von ihr zu halten? Sie klingt einer Fabel so ähnlich. Es ist keineswegs zu laugncn, daß über die sogenannte Sündfluth Traume geträumt sind, die uns *') r Mos. 6 —9. Herders Werke z. Phil. u. Gesch. XIII. N »94 II Nachlese fast der Name ,,Sündfluth" widriq machen möchte. Wo irgend auf oder unter der Erde ein Schalcnthier oder eine Meertrümmer sich zeigte, sollte es ein Zeichen der mosaischen Ueberschwemmung seyn, ohne daß man zusammenrechnete, wie kurz diese gedauert habe und wie lange, wie wiederholte Zeiten jene zu ihren Erdverkörperungen nothwcndig bedurften. Ja da cs ausgemacht ist, daß unsere ganze Erde Meeresgrund gewesen, und nur aus Wasser und im Wasser bestanden sey: so haben diese sogenannten stummen Zeugen der Sündflukh großeniheils ihren Glauben verlohren. Der Uebcrfchwemmungen auf unserer Erde sind so viele und verschiedene gewesen, daß man den Ocean aus einem Landsee ableitet, wenn man eine Frist von i5a Lagen zur Ursache alles dessen macht, was sich allenthalben Meerartiges findet. Ich muß also bekennen, daß die sinnreichen Theorieen Vurncts, Wlustons, Wood- wards u. a. bis zu de Lucs berühmter neuerer Hypothese für mich wenig überzeugendes daben. Die letzte z. B. *) (denn über die andere ist schon genugsam geunheilt) laßt das ehemalige feste Land nicht überschwemmen, sondern mit allen seinen Einwohnern einbrechen und versinken; dafür ein ganz anderes Land, unsere jetzt bewohnte Erde aus der Tiefe des Meeres steieen. Beide Theile der Hypothese scheinen nur selbst der mosaischen Erzählung, der zu gut sie doch eigentlich erfunden sind, völlig entgegen. Der Naturgeschichte getreu setzt Moses den Ursitz des De Lucs physikal. und moral. Br. B. 2. Brief >3? — >40, und ttz.7. historisch-philosophischer Schriften. 196 Menschengeschlechts in kein untergesunkenes Südland, sondern an den uns bekannten. Rücken der Erde, dessen noch jetzt vorhandene Flüsse er sogar ihrem Lauf nach beschreibt. Sein Urlaub also existirt noch, und ist genau das, was wir dem Bau der Erde nach zum Urlaub der Erde wähl«, müßten. Wir kennen nichts älteresnichts festeres, als jene Ur- gebirge, die Pfeiler unserer Welt, auf die regelmäßig ist gebaut worden; ja manche Gipfel derselben hat scheinbar nie das Wasser berühret. Als Garten betrachtet, ist dieser Welttheil ein alter Garten; und wenn Moses Erzählung gelten soll, so zeiget ja sein Oelblatt, der Acker- und Weinbau, der nach der Ueberschwemmung sofort ansing, wie auch der ganze Faden seiner Tradition, daß er von keinem alten Meeresschlamm rede, der jetzt erst aus der ewigen Tiefe gestiegen, den ersten Sonnenstrahl sauge. Lasset uns also, nachdem beinahe alle Dichtungen über diese Tradition von den scharfsinnigsten Männern erschöpft sind, uns treu an die Erdgeschichte halten, und sehen, was sie uns sage. * * * e Zuerst fallt jedem beobachtenden Auge als sonderbar auf, daß das große feste Land unserer Erde nicht liegt, wo man es nach den Bildungsgesetzen einer flüßigen Spharoide suchen sollte, um den Aequatvr. Hier hatte unsere Kugel die größten - N 2 > 9 « II. Nachlese Durchmesser, die größte Schwungkraft, die meiste Frietion; hier also sollte sich auch ihre größte Erdhöhe , ihr festestes Land und die längsten Strecken der Gebirge gesetzt baben. Aus der Theorie der Erdbildung folgt dieses so augenscheinlich, daß Büf- fon, selbst dem Anblick der jetzigen Erde zuwider, die höchsten Berge dahin leget. Indessen liegen sie nicht da; die asiatische Erdhöhe ist weit gegen Norden: die Andes durchschneiden den Acquator, wie sie den ganzen Weltthcil durchschneiden, und die weiteste Breite aller vier Erdtheile liegt weit über der Linie, der nur Meer, Inseln und die letzten Strecken des Eontinenls bleiben. Woher diese Sonderbarkeit gegen den Bau der Erde? Zweitens. Die ganze Reihe der nordischen Lander jenseit des großen Gebirges zeigt in ihren Versteinerungen, daß sie voraus entweder zur heissen Sphäre gebört, oder doch ihr nahe gelegen habe. Die Elephantengerippe in Siberien und dem ganzen ihm parallelen Europa bis nach Nordamerika hin sind sattsam bekannt *): sie liegen nur wenige Schuhe unter der Erde, und sind zum Theil noch unversehret **). Vom entgegengesetzten Ende der Welt können sie in diese Gegenden nicht geschwemmt seyn, sondern höchstens aus einem benachbarten Lande. Diese jetzt so kalten Länder waren also einst dem heissen Klima näher, wie auch die große Menge hie und da gegrabener Indischer Pflanzen beweiset; woher dieses? *) Büffons Epochen der Natur. Epoche 5» *') Pallas Beobachtungen über die Berge. historisch-philosophischer Schriften. 197 Drittens. Die Südwelt dagegen hat eine Beschaffenheit, die eben so sehr befremdet. Im südlichen Amerika sind keine Rhinoceros- keine Ele- phanten-Gerippe gefunden worden; das Land hatte also nicht nur selbst keine, sondern sie kamen auch aus Nordamerika dahin nicht hinüber. Kein Rcnn- thier, kein Bison, kein kanadischer Hirsch findet sich auf seinen Schneegefilden: die untern Wüsteneien der Andes haben wenig oder keine größere Landthie- re. An Wasser fehlt es der letzten Landstreckc Ame- rika's eben so sehr; die tapfersten Rationen müssen Hunderte von Meilen Moräste suchen und zum Lheil von Feldratten leben. So schone Striche die Küste der Hottentotten hat; so ermüdet - durstig reiset man mit Sparrmann auf der mittleren Wüste ihres stromlosen Landes. Wie sehr cs Neuholland, einem Welttheil groß wie Europa, an Flüssen, an Wasser, an Landthicren fehle, ist bekannt; tiefer hinab (indeß noch weit über den Polarcirkel) zeigt uns die Natur schon ihre ganz nakten Felsen. Woher dies? Woher, daß die gesammte Südwelt in allem so weit nach ist, arm an Landern und fruchtbarer Erde, arm an Strömen, trotz ihrer Berge / arm anLand- thieren, trotz ihres zum Theil schönen Klima? Nehmen wir diese drei Paradoxe zusammen: so hört alles Paradoxon auf. Die Nordwelt rückt herunter: so erklären sich ihre Elephanten und indischen Krauter: so tritt das feste Land in seiner größesten Breite um die Linie: so streckt sich nach ihr auf dem vbern Hemisphär die Höhe der Berge: die Südwelt mit ihren nackten Spitzen, mit ihren kahlen Gebirgen, mit ihrer tobten Gestalt rückt naher dem Südpol zu; mithin ist alles erklärt. Auch wird das Südhcmisphar nicht mehr die einzige große Gruft des Meeres; sondern die Wasser sammeln sich, wohin sie gehören, unter beide gedruckte Pole. Viertens. Mehr als Einem Bemerkenden sind die Spitzen ausgefallen, mit denen sich alle Welttheilc südlich endigen. Man sehe Amerika, Afrika, Asien beim Kap Comvrin und Neuholland an; die Übereinstimmung fallt in's Auge. Auch bemerkt Reinhold Förster *), daß oberhalb dieser Spitzen das Land westlich einen großen Busen, östlich eine oder mehr Inseln bilde; was ist hwvon die Ursache? Förster rath auf eine Ueberschwcm- mung von Südwcst; woher diese Ucberschwem- nrung? Ist sie, wie der genannte Naturphilosoph ineynt, ihrer Zeit und Bestimmung nach unerforsch- lich? Fünftensl Jedem ,' der auf die Karte steht, fallen bei dem Weltmeer nicht nur aus - und ein- springcnde Winkel, sondern auch zwischen manchen sehr entfernten Landern gerade parallel aus - und einspringende Küsten in's Auge, wovon Amerika gegen Afrika das offenbarste Beispiel gibt. Wo Südamerika eine große Spitze macht, macht Afrika einen Busen: es ist, als ob das atlantische und äthiopische Meer sich von Norden herab oder Süden hinauf wie ein ungeheurer Strom und also nach Art der Ströme mit aus - und einspringenden Win- *) Försters Bemerkungen auf seiner Reise um die Welt. S. z. 4. historisch-philosophischer Schriften. 199 kein seinen Weg gebahnt habe. Lambert *) hat das Phänomenen so weit ausgebreitet, daß er den Ocean wie einen Strom betrachtet, der am östlichen Asien einen Weg bei Kamtschatka hinauf und unter Neuhölland hinunter genommen, bis der obere Arm sich mit dem atlantischen, der andere mit dem stillen Meer begegnet, und beide sich in dieselbe ergossen haben. So unausgearbeitet Lambert diese Hypothese gibt, indem er einen widersinnig-fließenden Strom des Weltmeers nicht erklärt, ihn auch gegen den Anblick der Küsten über seine Schranken treibet; so fehlt es der Hypothese dennoch nicht an Wahrheit. Einmal muß das Meer, nur nicht als Strom, sondern als Ueberschwemmung, einen so widernatürlichen Weg genommen haben, wie alle Buchten des östlichen Asiens und der Herabstrom des atlantischen Meeres zeigen. Daß noch jetzt die Nordsee hoch stehe, beweiset Holland, das sich kaum mit seinen Dämmen schützt. Auch ist die Fahrt auf dem atlantischen Meer mit dem beständige» Nordostwinde viel schneller hinunter, als hinauf; dagegen an den Küsten von Guinea, Angola, Kongo, zumal im südlichen Amerika der Südwind herrschet. Was war nun die Ursache, warum sich alle Busen des süd - und östlichen Asiens südwestlich, die Busen des nördlichen Asiens, ja die ganze westliche Küste von Europa, Nordamerika und Afrika nordwestlich bildeten, bis der atlantische Strom beim Mexikanischen *) lVleinoire äs l'elsaäsmis äs Berlin, snnäs 1767. x. 25. soc> II. Nachlese Busen sich herauswand, und Südamerika ostwärts, Afrika dagegen mit seinem einzigen großen Busen westwärts umschrankte? In der Bewegung unserer Erde und im Strom des Weltmeers von Ost nach West liegt keine Ursache dieser Bildung, ja in den meisten Fallen ist dieser jenem Laus ganz entgegen. Nehmen wir die Erklärung der ersten drei Paradoxe mit diesem vierten und fünften zusammen; so erklärt sich abermals alles dergestalt durch einander, daß unser festes Land keinen andern Umriß empfangen haben konnte. Hatte sich unsere Erdaxse so verändert, daß, da einst nach den Gesetzen der Kugelbildung das höchste und breiteste Land um den Aequator lag, unsere nördlichen Lander, wie ihre Fossilien zeigen, der heissen Zone naher, dagegen die wafferlosen nackten Strecken der Südwelt dem Südpol naher lagen; jetzt aber das breiteste feste Land in die nördliche Hemisphäre kam: so müßte erfolgen, was unser Erdball zeigt. Das Meer, das nach den Gesetzen der Spharoide sich vorher gleicher um die beiden Pole gelagert hatte, trat aus seinem alten Ufer hervor. Von Süden aus nahm es die größte Höhe der Erde ein, und überschwemmte, so weit es zu überschwemmen vermochte, bis es nördlich abstoß und mit den Wassern des Nordpols im atlantischen Meer seinen Absirom, im weiten stillen Meer endlich seinen Nuheort fand. Siche da die große Ueberschwemmung der alten allgemeinen Tra- ^ dition, für die ich nichts dichte; die sich uns aber aus mehrern sonst unerklärlichen Phänomen aufdringt und als ob sie dazu anfbehalten wäre, uns diese Paradoxen erklärt. Was man in Moses Erzählung historisch-philosophischer Schriften. 201. unglaublich und lächerlich gefunden hat, wird in diesem Zusammenhänge eben nach seinen kleinen Umständen naturhistorische Wahrheit. Denn 1) Moses Ueberschwemmung dauret nicht lang: 40 Tage schwillt das Gewässer: i 5 o Tage stehet's -und fängt an zu sinken; in Einem Jahr und eilf Tagen ist die traurige Revolution vorüber. Warum in Einem Jahr und eilf Tagen? Weil, wenn man damals Mondjahre zählte, dies gerade unser jetziges Sonnenjahr ist, und die Veränderung der Erdaxse sich in Jahresfrist zutrug. Da nun die Ueberbliebenen, von denen diese Nachricht redet, gn der höchsten Ecdhöhe gerettet wurden: so ist kein Zweifel, daß daselbst einem großen Umfang nach das feste Land schon trocken seyn mußte. Ueberhaupt goß sich das Meer von Süden nach Norden gleichsam nur über, und nahm seinen Abfluß: dies sagen die im der nördlichen Welt zusammengeschwcmm- ten Tbiere, dies sagt der tiefe Abhang der Sibirischen Küste. Wie es in andern Erdgegenden gestanden habe? konnte diese Tradition nicht melden: sie beschreibt, was auf dem Erdrücken vorging, auf dem diese Erretteten lebten. 2) Die Tradition macht die Ueberschwemmung allgemein , und aus den angczeigten Gründen konnte sie in diesen Gegenden nicht anders als also seyn. Ob sie alle Berggipfel der Erde überschwemmt? Ob sich nirgend etwas Lebendiges auf den Gebirgen gc-- rettet habe? mögen wir aus ihr nicht entscheiden: denn sie ist eine Nationalsage, die mehrere Völker haben. Die Chaldäer sprechen von ihrem geretteten 2»2 II. Nachlese ckisulhrus, und da beide Völker Nachbarn waren, beinahe mit den Umstanden dieser Sage. In der Indischen Mythologie betreffen viele Fabeln offenbar diese Ueberschwemmung. Zu Ende des dritten Weltalters war cs die erste Verwandlung des Wischnu, daß er in Gestalt eines Fisches den Ueberschwemm- ten zu Hülfe kam, und ihnen in ihrem rettenden Fahrzeuge zum Steuerruder diente. In einer andern Verwandlung nahm er die Gestalt des Ebers an, der mit seinen Hauern die versunkene Welt aus dem Abgrunde holte. Er stützte sie in Gestalt einer Schildkröte, als die Riesen den Mittelberg der Erde ins Meer warfen u. f. Dergleichen Sagen sind fast bei allen Völkern, zumal bei denen, die nahe an den Urgebirgen wohnten. Da die Ueberschwemmung langsam kam und bald wegging; so war, wiewohl mit äußerster Müh' und Beschwerde für so viel Thicre und Menschen Rettung möglich, als die Vorsehung erretten wollte. Der sogenannte Kasten Noah war eigentlich nur ein großes Haus, mit einem für seinen Erdstrich zu rettenden Haushalt; warum sollte es in andern Erdstrichen nicht dergleichen Errettungen der Vorsicht gegeben haben? Doch wir fahren lieber fort in unfern Bemerkungen klarer Naturphänomene. Sechstens. Genugsam bekannt ist's, daß die magnetische Axse unserer Erde mit ihrer natürlichen nicht einerlei sey; sondern daß sich sowohl nach der Abweichung als Neigung der magnetische Meridian und Acquator um die Erde winde. Zwar sind die Karten hierüber noch sehr unvollkommen, und werden noch lange unvollkommen bleiben; das historisch-philosophischer Schriften. 20S Hauptresultat indessen ist klar und führt auf sonderbare Folgen. i) In ganz Europa, Afrika und dem größten Theil von Asien ist die Abweichung nordwestlich und zwar größtenthcils also (denn kleine Lokalausnahmen sind aus hundert Ursachen unvermeidlich), daß, je weiter ostwärts, sie desto mehr abnimmt; bis sie sich in Sina und Japan gar verlieret. Weiterhin wird sie östlich, nimmt bis an die westlichen Küsten von Amerika zu, wo sie wieder abnimmt, sich in Kanada verliert und dann abermals bis nach Europa hin der genannten westlichen Abweichung sich nähert. Jedermann fallt' in's Auge, daß im Ganzen die festen Erdtheile hiebei die Direktion zu leiten scheinen. Die ganze alte Welt declinirt westlich; hinter ihren östlichen Küsten fangt die östliche Abweichung an. Sie nimmt bis zu den Küsten Amerikas zu, fangt mit diesen sich an zu vermindern, verliert sich mit diesen und die gegenseitige tritt mit den Küsten Europa's und Afrika's ein — immer ein sonderbarer Umstand. Eben so sonderbar ist's, daß die Linie ohne Deklination von Nordamerika aus sich nach der Biegung des atlantisch-äthiopischen Meeres richtet, und die andre, die über Ncuholland geht, von Jeniseisk in Siherien ab ihr parallel zu laufen scheinet *). *) Halley's Karte der Abweichungen, die mehrmals nachgestochen ist, und sich auch bei MuschcnbrokS Physik findet. 2»4 II. Nachlese 2) Noch merkwürdiger ist die Karte der magnetischen Neigung *). .Ihr Aequator ist mit dem Aequator der Erde weder gleich noch parallel: in Südamerika geht er etwa i5 Grade unter der Linie hervor, durchstreicht sie in Afrika und geht nahe bei Sina durch die Spitze der Philippinen, bis er im stillen Meer wieder die Linie durchschncidct und sich in Südamerika zu seinem Anfang hcrabsenket- Er streicht also bis 20 Grade über und unter dem Aequator. 3) Sowohl die Neigungs- als Abweichungs- Karten stimmen darin überein, daß der magnetische Nordpol nicht mit dem natürlichen Pol unserer Erde zusammen - sondern etwa r5 Grad von ihm entfernt in die Vaffinsbai treffe; und eben so geben die Bemerkungen in der freilich viel unbekanntern südlichen Welt, daß der magnetische Südpol etwa auf die 20 Grade vom geographischen Südpol treffen möge **). Woher nun dieses? Da unsere Erde ein magnetischer Körper ist, und sich nach dem von unserm zweiten Kepler, Tobias Mayer ***) entdeckten Gesetz des Magnetismus die Kraft eines Magnets in jedem seiner Theile wie die Weite dieser von seinem Mittelpunkt verhalt; warum treffen ') Abhandlungen der Schwedischen Akademie, TH.Zo. S- 20 g. *') Euler setzte ihn 3c> bis ho Grade; s. aber Wilke Th. 3o. der schweb. Abhandl. S. a3r. "*) Erxlebens Raturlehre, S. tzz8> historisch-philosophischer Schriften. 2v5 die magnetischen Pole, mithin die Langen und Breiten der magnetischen nicht mit den Polen, Längen und Breiten der geographischen Erde zusammen? Warum ist die Richtung jener schief und des Nordpols eben nordwestlich? Warum ist die Entfernung des Pols vom Pol, des Aequators vom Aeguator nicht mehr oder minder als i5 bis 20 Grade? Warum ändert sich die Direktion der Abweichung eben mit den festen Welttheilen? Die Auflösung der vorhergegangenen fünf Paradoxen scheint auch dies sechste aufzulösen. Die Pole der Erde nemlich haben sich verändert und zwar, wie uns die magnetische Karte wahrscheinlich machest könnte, um is bis 20 Grade. Der magnetische Nordpol, vorher mit dem geographischen Eins, trat zurücke, da der südliche hinauf trat, und zwar geschah die Revolution diesem und den vorigen Factis gemäß von Ost nach.West. Unsere Erde ist also ein umgcküpp- ter, anvmalischcc Magnet, da den Gesetzen seiner Bildung nach vorher seine Pole mit den Weltpolen wahrscheinlich regelmäßig zusammengetroffcn haben. Die jetzige Divergenz seiner ältern und neuern Pole scheint manches zu erklären, weßhalb Halley vier Erdmagnete annehmen mußte; es ist aber hier der Ort nicht, diese Vermuthung auszuführen. Siebentens. Die Schiefe unserer Erde ge- die Ekliptik ist so bekannt, als sie paradox ist. denn warum neigt sich unser Planet, und zwar in einem Winkel von 23 Graden? Nach den Gesetzen seiner Bildung, so weit sie uns bekannt sind, sollte sein Aeguator dem Sonnen - Aeguator gleich seyn, weil, wenn die Kraft der Sonne auf seine Bildung 2o6 II. Nachlese wirkte, wie sie gewiß auf sein ganzes System gewirkt hat, ihr Aequator die meiste Kraft aussandte, und der Aequator einer Sphäroide solche jenem parallel empfangen mußte. Auch zeigen die andern Planeten, daß dieser Winkel unter keinem allgemeinen Gesetz des Sonnensystems stehe, indem er in meinem scheinbaren Mißverhältnis sich hier mehr findet. dort weniger findet, mithin allein in der zufälligen Beschaffenheit jedes Planeten seine Ursache zu haben scheint. Und da die Große dieses Winkels mit allen voraus angeführten Natur - Paradoxen nahe zusammen trifft, ja mit der magnetischen gewiß noch näher zusammen treffen wird, wenn diese genauer wird bemerkt seyn, so scheint das siebente Paradoxon alle sechs vorigen zu erkläret: nemlich die Erde schwamm einst auf der Flache des Sonnen- Acquators, Tag und Nacht waren auf ihr gleich, ihre magnetischen waren die Weltpole, das lwchste feste Land lag um den Aequator. Eine Revolution kam und veränderte, so wie den Schwerpunkt und die äußere Gestalt, so auch die Bahn der Erde. Indem der alt« Südpol herauf- der alte Nordpol nach Amerika berunterrückte: änderte sich das Klima der Lander nicht nur durch seine neue Lage, sondern auch durch die neuen Jahrszcitcn des Planeten. Jetzt also war die ganze Erde bewohnbar, da sie es vorher nur in einem kleinern Umfang seyn sollte; und so begann die Geschichte unserer Jahreszeiten, unserer Menschheit. Ich hoffe nicht, daß in unfern Zeiten jemand eine Revolution, wie die, die ich muthmaße, für unmöglich oder der Natur der Dinge zuwider halten historisch-philosophischer Schriften. 20^ werde: denn obgleich freilich mit der Veränderung unserer Erdaxse bisher sehr gespielt worden, so kommt es dennoch darauf an, wie und aus welchen Gründen man sie behaupte? Schlechterdings ist in der irdischen Natur nichts beständig, und ein so vielartiger, zäher und spröder Körper, als unsere Erde nach den Theilen und der Art ihrer Zusammensetzung ist, muß nothwendig bei den mancherlei Kräften, die in und auf ihr wirken, auch eine Reihe von Veränderungen fähig seyn, die dem ungeachtet ihren allgemeinen Gesetzen folgen. Da nun überdem noch nach taufend Phänomenen die Erde ein magnetischer Körper ist, und wir unter den unbelebten Dingen nichts zarteres und regsameres kennen, als das Bild unserer Erdaxse, die Magnetnadel: so macht uns schon diese Jmmer- Bewegliche auf ähnliche Veränderungen jener aufmerksam. Denn wie mancherlei Dinge wirken auf die Magnetnadel! Feuer, Licht, Kälte, selbst der Nordschein, blvs ihre Lage, Behandlungen derselben von der verschiedensten Art haben sie aufs verschiedenste verändert, ja ein Blitz kann sogar ihre Pole verwechseln. Da nun nach der Theorie des Magnetismus und allen Erfahrungen gerade der Acquator die Gegend ist, wo sich die Ströme beider Pole vermischen, und am schwächsten wirken, mithin auch hier die Kraft des Ganzen am ersten verändert werden kann, und sobald dieses geschieht, nothwendig beide Pole, die nie ohne einander bestehen, sich gemeinschaftlich verändern mußten: mich dünkt, so leitet uns schon die Theorie auf das, was uns die Erfahrung zeigt. Der Astronom tritt hier dem Physikus nach, und auch unter jenen ist's ja noch 2o8 II. Nachlese so ausgemacht nicht, ob sich der Winkel der Ekliptik nicht noch jetzt unmerklich verändere? Die periodi» sche Veränderung derselben blos durch die Kraft des Mondes ist bereits nach Gesetzen berechnet worden; und die weit beträchtlichere, die nach den Perioden ihrer Bildung selbst Vorgehen mußte, wird wahrscheinlich einst berechnet werden. Und so hangen denn die Mährchen der ältesten Tradition mit den Phänomenen der ältesten Naturgeschichte zusammen, und werden von dieser erkläret. Die Sagen aller alten Völkern reden von einer ersten goldenen Zeit, in der auf der Erde Tag und Nacht gleich gewesen, in der die Menschen länger und glücklicher gelebt, in der Göttersöhne oder Halbgötter geherrscht, in der die Riesen Frevelkha- ten begangen haben u. s. f. Von Sina bis zur neuen Welt erstrecken sich diese Sagen, die die Denkart jedes Volkes sich eigenthümlich modisicirte; auch die versunkne Atlantis gehört zu ihnen, die nach der griechischen Fabel nicht nord - oder ostwärts, sondern westlich lag, und also wahrscheinlich vom Durchstrom des atlantisch - äthiopischen Meers überschwemmt worden. Insonderheit aber wird jeder Zug der alten mosaischen Tradition hicmit erklärt. Der Mittelberg der Erde, den alle asiatischen Sagen unter den Aequator setzen, ist daselbst nicht mehr; die vier Ströme des Paradieses rinnen nicht mehr aus einer Quelle, sie fließen 25 und mehrere Grade über dem Aequator. Unsere blos zusammenstellende Hypothese gibt davon die Ursache an; nicht minder die Ursache von den veränderten Jahreszeiten, an, historisch - philosophischer Schriften. 209 sn die such Moses zu denken scheint*), und von dem verkürzten Lebensziel der Menschen. Die Ele- pljanten der alten Erde sind starker und größer gefunden worden **); der Bau der Menschen muß also von ähnlicher Beschaffenheit gewesen scyn, und die Fabel hat ihn zur Riesengestalt erhoben. Auf jener Erdhöhe nemlich, auf der noch jetzt jeder Körper sein wahres Gewicht verliert, ob ihm gleich nichts von seinen Theilen entgeht, auf jener Erdhöhe, auf der der Pendul sich langsamer schwingt***), und das Gold weniger wieget; auf ihr war nothwendig auch der organische Bau der Lebendigen leichter, elastischer, größer. Langsamer verzehrte sich ihre Lebenskraft: denn der Schwung ihres Gewichts war gleichsam auf einen langer» Bogen berechnet. Noch jetzt Key völlig veränderter Ockoncmie der Erde, wohnt der größte Mcnschenstamm auf einer, wiewohl kalken südlichen, Erdhöhe, und die Riesenkörper der alten Scythen hatten wahrscheinlich eine dergleichen Nordhöhen zu ihrem Vaterlands. Die Ausschweifungen, die die alte Tradition ihren Göttersöhncn bey- knißt, Uebermuth und Wollust sind noch jetzt Charakter der Aequatorsbewohner; ein elastisches tieferes Gefühl ihres sinnlichen Daseyns ist überall ihr artszeichnendes Gepräge****); und doch ist ihr Erdstrich nicht mehr, was jener smaragdene Erbring der *) r Mos. 8, 22 . *"> Büffons Epoche 5» ***) Condamine und VouguerS Erfahrungen hierüber sind bekannt. *"*) S. alle Reisebeschreiber und noch neulich kage» M r. p, 188. Herders Werke z.Phil.«,Gesch, XIII, O 210 stl. Nachlese Fabel mit seinen erdichteten Städten, dem Vergnügen und Verlangen, den Pallästen und Zauberschlö s- fern der Pcris und Genien waren. Er ist zerbrochen, dieser Ring: das Land deS Paradieses ist von seiner Stelle gerückt, und lebt jetzt nur im Andenken der allen Fabel. Auch die Wunderthierc, rwn denen diese in vielen Ländern vielfvrmig dichtet, säleinen nicht ohne allen physischen Grund, da z. B. das Eine große Thier der Urwelt, das man in Nordamerika gefunden, jetzt wirklich nicht mehr lebt; warum könnten also, ja warum müßten nicht bey dieser ursprünglich andern Stellung der Erde manche seiner Brüder gelebt haben, die die spätere Fabel nachher nothwendig sehr reich ausschmückte? Auch daß der Regenbogen erst nach der Ueberschwemmung angestaunt und als ein Zeichen der Huld gefeyert wurde, weiset dahin; die Erretteten mußten eines Himmelstrichs gewohnt seyn, wo ihnen der Regen fremd gewesen, wo also, wie es auf dieser Erdenhöhe seyn mußte, das regelmäßige Aufsteigen der Dünste aus den Nord - und Süd - Meeren des Tages wie ein Wolkenschirm war, der ihnen das brennende Antlitz der Sonne bedeckte, und Abends als ein erqui- ckenderLhau sich zur Erde senkte*) Alles dieses folgt aus der Natur der angenommenen und wird annähe- rend noch durch die jetzige Beschaffenheit jener Zone *) i Mos. a, 5. 6. — Noch jetzt wird unter der Linie die Hitze durch den dichten Schleier von Wolken gemildert, der sich den ganzen Frühling durch vor die Sonne ziehet. (S. Ulloa, Th. i. S. 66.) Damals war ein solcher ewiger Frühling. historisch - philosophischer Schriften. 2rr bewiesen. Tradition und Naturgeschichte stimmen zusammen, und wenn Eine von beyden nicht gesprochen hätte, müßte Man sie aus der andern ergänzen. Achtens. Wenn also von dieser Revolution so viele, so verschiedene Zeugen sind, was in der Welt hatte sie bewirket? Sollen wir einen CoMe- ken zu Hülfe rufen, der zwischen der Erde Und dem Mond wegfahre, und sie auf eine Unmögliche Art ersaufe? Seitdem ein Eornek die scharfsinnigsten Männer, wie z. B. Büffvn und WhistvN, soweit verfübrt hat; ist mir vor allen gelehrten Co- meten bange, deren Zusammentreffen mit unserer Erde, auch astronomisch, weder Analogie noch Wahrscheinlichkeit vor sich hat*). Keine der alten Traditionen, die von dieser UebetschweMMung reden, gedenkt eines EoMeten, dessen Man doch gewiß, als eines furchtbaren Himmelsboten, im astronomischen Asien würde gedacht haben. Warum bedürften wir auch eines unbekannten Maschienengottes, da im Bau und in den Lebensaltern der Erde selbst Revolutionen der Art mit allen ihren Folgen nothwendig liegen. Der Leser gönne mir noch einige Geduld, Meine Vorstellung nach Thatsachen der Natur zu vollenden» i ! ! I *) S. Prösperins Äbhandl. über der Cometen kleinsten Abstand von der Erdbahn, Schweb. Ahondl. Th. 3 ?., wo er auch über äv I» reklexi- vv8 sur les vametss osni peuveni spxrovber its In terrs 177z sich kurz erklärt. , O 3 212 II. Nachlese Hat unsere Erde sich unläugbar aus einem stutzigen Zustande gebildet; so konnte sie sich weder auf einmal dichten, noch immer dieselbe Bahn oder Schwungkraft haben. Als einst ein kleiner Kern ihren Mittelpunkt machte, und der ganze Vorrats, ihrer künftigen Schöpfung in einer weiten dunkeln Athmosphäre hing: hatte sie als ein cometenartiger Körper auch wahrscheinlich die Eccentricität eines Eometen: denn was scheinen diese schießenden Boten des Himmels anders zu sepn, als unausgebilde- te Kerne mit einer großen Athmosphare, die sich durch ihren Lauf zur Sonne allmählich zum Planctenzu- stande rüsten. Als die Schöpfung der Erde begann, erhielt diese auch den Lauf eines Planeten: denn nur hiedurch konnte sie, was sie ist, werden. Ver- muthlich also auch daher bczcichnete der älteste Philosoph der Urwelt *) die Entwicklung ihrer organischen Wesen durch kein anderes Zcitmaas., als der Tage und Nächte, weil zur Bildung ihrer selbst, sowohl als zur Organisation ihrer Geschöpfe, die Umwälzung und Bahn eines Planeten nothwendig erfordert wurde. Mußte sich diese nach der Masse und Schwungkraft unserer Erde richten; so konnte, ja so mußte der Fall eintretcn, daß, ehe sie zu ihrem Zustande der Austrocknung gelangte, in einer Periode da vielleicht noch ein dickerer Luftkrcis sie umgab, mehr Wasser auf ihr stand, und sie hie und da noch leichter zusammengeballet war, sie auch eine andere Gestalt hatte, und einen etwas andern Lauf um die Sonne machte. Bielleicht kam sie schon in l)6a *) i Mos. i. historisch -'philosophischer Schriften. 2l3 Schwüngen umher, da bey mehrern Völkern auf der Erde das älteste Sonncnjahr nur 36o Tage faßt *), und so gehörten etwa in diesen Zustand einer mit Dünsten beschwangerten Luft, einer noch nicht völlig reifen Erde, jene größer» Körper mit ihren langer» Jahren, von denen die Tradition redet. Je mehr aber die Erde reifte, je fester sie sich setzte; was konnte entstehen, als was entstanden ist ? Uebcrschwemmungen und früher oder spater eine Hauptsenkung, deren Spuren sie noch an sich tragt. Ein Blick auf die Karte beweiset, was ich sage. Wo sind di? großen Meere auf unsrer Erde? Nirgend, als wo wenige Inseln sind; wie dies sowohl das atlantische als das südliche und stille Meer beweisen. Hier waren also wenige hohe Bergketten, und wenn Land da war, war es locker gebauet; es konnte mit der Zeit einer Revolution der reifenden Erde nicht widerstehen. Dagegen jenes große Asien mit seinen festen Gebirgen wie ein unerschüttertcr Fels da stand, der zwar benagt, der von Wellen bespült, von dem durch kleine Meerengen Inseln getrennt werden mochten; der Fels aber stand und wird stehen bis ans Ende der Erde. Was hingegen austrvckncnd und dichtend sich senken mußte, das senkte sich und ging unter. So ward also jenes große, insellose, stille Meer das Becken der Erde. *) S- bist, ssiion. p, 18. Bailly Geschichte der alten Sternkunde, S. 7». Indessen ist diese Bermuthung nur zufällig, und gehört nicht nothweydig zur vorgetragenen Hypothese. ^_ II. Nachles? 214 Die Länder die etwa bcy Bildung der Erde sich in ihm erzeugt hätten: denn die wenigen Inseln, die in ihm liegen, scheinen offenbar einem Gcbirgstrich zu folgen; die lockern Länder sind nicht mehr. Als Continent konnten sie sich nicht erkalten, und aus den Trümmern ihrer animalisch - kalkartigen Materien bauen die Korallenthjcre seit Jahrtausenden künstliche Inseln, Neuntens. Was am meisten diese Senkungen beförderte, waren nothwendig jene Erdbebcw und Vulkane, die in den frühem Perioden der Erdbildung so wirksam und mächtig gewesen sind, wie ihre Produkte zeigen. Zum Bau und Anbau der Erde trugen sie ohne Zweifel viel bey, da sie mit ihren Lavaströmen den Boden deckten, und mit ihrem Feuer so viele gebundene Massen von Lust und Wasser aus den Kalksteinen auflöseten; noch mehr aber halfen sie zur Verdichtung und Befestigung der Erde. Der Land - und Meer-Erschütterer in den unterirdischen Höhlen riß an sich, was er an sich reisten konnte; das übrige blieb desto fester. Schauet umher! Allenthalben unter dem Lcegn ist seine große Werkstatt?, wo er zum Theil ausgewüthet hat, zum Theil auf Küsten oder Inseln noch wüthct, Ganze Strecken der Erde, ganze Eilande des Weltmeers sind sein Werk, und auch die meisten Buchten der Länder gehen nach Richtungen seiner Wirkung. Sehet den asiatischen Archipelagus an*), und verfol- *) Pallas in seinen Beobachtungen über die Berge (S. vermischte Beiträge zur physikalischen Erdbeschreibung, B. 3 , S. 280. u. f.) leitet ebenfalls historisch - philosophischer Schriften. 21» get dis Vulkane von den Philippinen nach Japan, nach Kamtschatka und den kurilischen Inseln; gehet sodann in Amerika von den Mexikanischen bis zu den peruanischen und den Vulkanen des Fcuer- landes nieder; als flammende Wächter stehen sie da an schroffen Küsten, und bewahren die Gränzen deS Landes, redende Zeugen, daß in ihrer Nahe auS unterirdischen Klüften und Hohlen, die auch jetzt noch unter dem stillen und Südmeer weit fortziehen, der Welterschütterer so viel zu sich gerissen habe, als er bewegen konnte. Daß auf der andern Seite unter dem atlantischen Meer die Erdbeben gleichfalls fortgehen, und die Vulkane Amerikas mit denen in Europa, so wie die entferntesten in Europa unter einander Gemeinschaft haben, bezeugen Begebenheiten , die wir zum Theil selbst erlebten. Und so sehen wir leicht die Ursache einer, in den ersten Zeiträumen der bewohnten Erde durch natürliche noth- wendige Mittel bewirkten, großen Erdensenkung. Die Bildung des festen Landes zeigt sogar, in welchen die große Ueberschwemmung, von der die alte Tradition redet, aus Erdbeben und Vulkanen des indischen Meeres her, und sagt vortreffliche Sachen ' darüber; wenn aber keine andere Ursache dazu kam, so konnten schwerlich die Vulkane des gelammten Weltmeers die Fluth über einen Welt- theil, wie Asien, jagen, daß sie gegen den Pol abfließen müßte; gesetzt, daß sie auch nur die Kalkberge bedeckte. Die Macht einzelner Vulkane scheint mir nur ein schwacher Hebel zu dieser Weltverwüstung, da noch jetzt im indischen Meer eine große' Menge derselben toben. II. Nachlcse 2 i6 Richtungen die Folge solcher Einstürzung, die Ueber- schwemmung gezüngen seye; unmöglich aber würde sie eine so mächtige Folge gehabt haben, wenn nicht mit ihr der Planet selbst aus seinem alten Gleichgewicht gebracht wäre. Daß Key andern Erdsternen ähnliche Senkungen, wahrscheinlich ebenfalls durch ungleichartige Eintrocknung, Statt finden mögen, sehen wir aus dem schiefen Winkel der meisten, in welchem sie sich um die Sonne umherzichcn: der einzige Jupiter steht aufrecht, wahrscheinlich seiner Größe wegen, der .keine Senkung etwas anhaben kennte, obgleich in seinen veränderlichen, Hellen und dunkeln Streifen noch die Vulkane wüthen mögen. Gnug; auch die Sündfluth war eine Naturbe.- gcbcnheit, moralisch und physisch cingewebl in die Menschengeschichte. Die Vorsehung, die sie nicht durch ein Wunder sandte, sondern ohne Wunder sie nicht verhindern konnte, hatte sie so schonend eingerichtet, als es die Natur des Erdkörpers zuließ. Sie hatte den Geburtsort des Menschengeschlechts auf Höhen des Welttheils gelegt, dem diese Revolution am wenigsten anhaben konnte; dagegen die einbrcchenden Länder des Südmecrs wahrscheinlich noch nicht oder nur wenig bewohnt waren. Ein langer Regen kündigte die Ueberschwemmung an, der vielleicht die Vulkane aufwecktc, und die ganze Dunstathmvsphare hinunter zog, die nie mehr die der Erde werden sollte. Was also auch die Erretteten als ein Zeichen des gestilleten Grimmes der Elemente ansahen, war ein Luftzeichen, der aufgehangcne Wogendes zornigen Phöbus, der Thiere und Menschen getödtet hatte, und jetzt als ein Zeichen der Huld am neuen Firmament glänzte. — historisch - philosophischer Schriften. 217 Da mit dem Schwerpunkt sich nicht nur die Neigung, sondern vielleicht auch die Bahn der Erde etwas verändert hatte; so wurden die fünf neue Lage eines abwechselnden künstlicher» Jahres allmählich bekannt, und nicht ohne Mühe eingeschaltet; das alte gleichere Jahr war, wie es für ein junges Menschengeschlecht gehörte, leichter zu berechnen. Das Leben der Menschen in einer andern Athmo- sphare, mehreren Veränderungen der Jahreszeiten unterworfen, kürzte sich also auch allmählich; dagegen aber auch jene Riesenkräfte, 'die bey einem langer» Leben und einer roheren Natur allerdings viel Hebels unternehmen konnten, sich verlohrcn. Jene Periode war zur ersten Eonsistenz des Menschengeschlechts nvthwendig gewesen, weil bey einem Alter von mehreren Jahrhunderten die Tradition allerdings weiter fortging, das väterliche Ansehen sich mehr befestigte, die Gesellschaft Wurzel schlug, und die Erfindungen, ohne die unser Geschlecht nicht bestehen könnte, sich sicherer vererbten. Nun aber diese Zwecke erreicht waren, und sich bereits in schädlichen Folgen zeigten, auch eigentlich nur zur Grundlegung unseres Geschlechts dienen sollten; so änderte die Vorsehung den Plan ihrer Haushaltung mit unserem Geschlecht durch natürliche Ursachen unsres Wohnhauses, und holte eben damit ihre andern, weitere und höhere Zwecke nach, den ganzen Erdboden zu bevölkern. Gesenkt und niedergedrückt geht jetzt unser Planet und bettelt den Strahl der Sonne auch für seinen Polarcirkel. Die weitesten und breitsten Strecken auf ihm genießen ein gemäßigtes Klima, da sie vorher der Linie nahe in glückseliger Trägheit «der in übermüthiger Wollust das längere Leben der Menschen hinschlcichen sahen. Die Abwechslung der Jahreszeiten weckte auch das menschliche Gemülh auf und bewirkte eine größere Verschiedenheit der Neigungen und Charaktere. Bald ward der Wein erfunden, von dem jene Welt nichts gewußt hatte, und allerdings kam damit raschere Begeisterung und trunk- ner Taumel in menschliche Seelen. Das Rad des Lebens, das kürzer laufen sollte, lief auch schneller: die Stamme blieben nicht mchr beysammen, wie es bei) dem langen Leben der Altväter dort geschehen mußte; mit Gedanken und Neigungen liefen sie allmählich auseinander. Sprachen, Sitten und Völker vervielfältigen sich: man baucte künstliche Regierungsformen , an die man in der Zeit des alten Sakurns nicht gedacht hatte, Jupiter und bald auch das Geld herrschten auf der veränderten Erde. Un- laugbar ist's indessen, daß mehrere Völker nicht nur das Andenken dieser verlebten Urwelt in Sagen, Festen, Gebrauchen, Denkmalen und Bildern, sondern auch, soviel es anging, seine Sprache, Künste Und Einrichtungen zu erhalten suchten; der Anfang der Völkergcschichte giebt davon Beyspicle. So muthmaße ich über diesen Traum der Kindheit unsres Geschlechts nach seinen ältesten, zum Theil weitverbreiteten Traditionen, verglichen mit der Naturgeschichte unserer Erde und bin überzeugt daß ein hppokhesenloses Studium beider noch viel aufhellcn werde. historisch - philosophischer Schriften. 219 2 .. Wie die deutschen Bischöfe Landstände war? den *). »7?2. Veranlaßt durch die Preisaufgabe der königli? chen Societat der Wissenschaften zu Göttingen auf das Jahr 1774: „Aus was für historisch - erweis- „lichen Ursachen haben in den Königreichen, welche „in den eroberten Provinzen des römischen Reichs , von den sogenannten barbarischen Völkern errichtet „worden sind, die christlichen Bischöfe auf den Reichstagen Sitz und Stimme erhalten, die sie doch unter der römischen Herrschaft nicht können gehabt „haben? ist ihnen diese Prärogativ von allen Völ- „kern cingeräumt worden? oder, welche Völker ha- „ben sie ihnen nicht eingestanden? haben sie die „Bischöfe ohne Unterschied der Religionspartheyen, „oder nur die, welche der Religion des Staats, z. „B. bey den Gythcn der arianischen, beypflichteten, „genossen? wenn und bey welchen Völkern sind die „Aebte zuerst hinzugelassen worden? und was für „einen Einstuß hat diese Zulassung der Geistlichkeit „zu den Reichstagen in diesen ältesten Zeiten in die „Staatsverfassung dieser Völker gehabt? " Bisher ungedruckt. 220 II. Nachlese Vorläufige Anmerkungen. Die christliche Religion entstand im Schoose der jüdischen, die von jeher an eine Sprache der Theokratie und Priesterregierung gewöhnt war, und letztere zum Theil selbst in den verfallnen Zeiten noch hatte, da die christliche Religion entstand. Mochte nun immer ihr Stifter vom weltlichen Regiment ab- biegen, so viel er konnte: so existirte doch in den angenommenen heiligen Büchern eine ältere Sprache, rin fremder Ncligionseinschlag, dem man, wenn man einmal wollte und konnte, seine Ideen zwischenwebte. Das christliche Priestcrthum sollte bald, wie das jü« dischc, dem cs doch so ungleich war, Zehenden, Zoll, Regiment, Gottesansehen haben. Nachdem Jerusalem zerstört war, war die christliche Kirche das neue Jerusalem, und wollte es nicht blos im Himmel, sondern auch auf der Erde seyn*). In den untergeschobnen Kanons der Apostel **), wenn sie nicht erst aus den Zeiten Konstantins sind, wird schon ordentlich festgesetzt, dem Bischöfe Tribut, Zchenden und Erstling zu bringen, und ja nicht zu fragen, wie er damit Haushalte. Er sey König, scy im Namen Gottes u. s. w. Die christliche Religion wuchs zuerst in Asien und Afrika fort, und noch zur Zeit der heidnischen H Modern. äs rek>. tlbrisiian. nnis Loiwt. HM. x. 271 — 7g, ei »I. Lau. Lxost. r. 11. 26. historisch - philosophischer Schriften» 221 Kaiser sieht man schon die beyden äußersten Enden, Einsiedelei) oder Herrschsucht, hervorblicken: da das aufgebrachte Gehirn der Gegenden so selten Mittlern Weg kannte. Das Ehristcnthum sollte eine Priestec- schaft des Geistes, nicht des Fleisches, bilden — die edelste, aber auch schwerste Herrschaft! Wer sie hat, glaubt so leicht, das Fleisch sei- nur Zugabe: die Gränzen beider Herrschaft fließen, wie Farben, in einander. Und da das Ehristenthum in den damaligen Zeiten gedrückt ward, Märtrer bekam, da es sich bewußt war, daß es auf ein seiner und kw- hcc Gesetz ausging, als damals die gebildetsten Völker in ihren Gesetzen sich erlaubten oder möglich fanden: was war natürlicher, als daß der Pendul auf beyden Seiten des Uebermaaßes Herrschaft und Unterdrückung, Martrerthum und Göttlichkeit schwankte? Die Einfalt bot an: der Eifer nahm an oder glaubte zu erwerben: die Heiden trugen mit ihrer so ungleichen und damals überhaupt so unordentlichen Be» gegnung selbst dazu bey. Da Konstantin endlich so zu rechter Zeit das ^ Kreutz in den Wolken sah, und nun selbst konriksx ^axiwrus des Ehristenthums wurde: welche Veranlassungen kamen dazu, den ncuchristlichen Geist zu heben! Er machte andre Verfassung im Reiche*): in den vier großen Präfekturen ward der Militär- und Civil-Etat gethcift: der Metropoliten-Etat, der daneben trat, hatte also unvermerkt *) 2osim, H, AZ. tzo. 222 II. Nachlest eint geräumigere, bessere Stelle. Die Edikte*) von Abschaffung der Fechter, Koncubinrn, von Feirung der Sonntage, Entfernung der Heiden und Abgötter auf die Dörfer, damit in den Städten reinelc Gottesdienst wäre, wußten cs so sanft zu bereiten, daß alles fein christlich und ordentlich zuginge, und der geistliche Stand Alles umschlöße. Die Freyhei- ten endlich von FreylassUng der Knechte in den Kirchen **), weil cs voraus eine nmwuinisgio iw eu- ulssia, i. S. uowuiows beidnifch gegeben hatte, das Privilegium von Vermächtnissen an Kirchen und am meisten, wcnn's deutlich gnug wäre, was So - zv menus sagt***): „clsricos udigutz per leZewr vd> eurw rswr cowäiturw iwirnwwitute clonurs vo- Iwit: illis, t)wi eruwt iw fucliuiurw vouuti, inaävertsrc ne^us vincire, nec vsrbsrare e^ui- äsni, nisi sacerclotikus , ^errnissnin , nsc c^ua- si in xosnarn, nsc äncis jussu, seä vslut I)sc» iinxerants. LNgiss st siZna e^n-rsclarn incis äetrscta in proeliuin kerunt. 8i pusilics con- sulatnr, sacerclos civitatis, sin privatim, i^ss > psterkamilias. 8i zoroUilausrnnt, nulla äs eaäern re in ennäein cliern consultatio. 8i- e lentiunr ^sr saceräotss, e^nilaus tunr et cosr- cenäi sus est, irn^>eratur: rex vsl princsps snaäenäi nragis auctoritats, yuain sukencii ! potsstate anäiuntur etc. *) Wo niemand also sprechen, befehlen, strafen, tödtcn, ausschließen konnte: thats der Priester im Namen Gottes. Sein Stand war also das Unterpfand der Freiheit, des i Werths, der Ordnung und Tugend, der Kütt und das geweihte Band aller Stande: dazu waren sie ^ in der Nationalversammlung, dazu zogen sie mit zu ' Felde. *) 1'Lcit. äs nior. verrn. Maskow Gesetz. derDeutt scheu, B. r6. §. 35. u, s« Ltrrrv. sorp. 6-rnr. xrsletz. Mosers osnab. Gesch. §. 3g. P2 22Ü II. Nachlese Ein Volk legt nie seine Denkart auf einmal ab, wenn's in andre Verbindungen tritt: und da die Franken nach Gallien kamen, und es für gut fanden, Christen zu seyn, sahen sie die Bischöfe ihrer neuen Religion mit fränkischen Augen an; anders konnten sie auch nickt. Was ihnen ibr^ Priesterstand gewesen, heiliges, scharfanziehendes Band der Versammlung, sollten ihnen jetzt die christlichen Bischöfe werden: aus einmal waren sie also im Märzfelde. Sie, die in der römischen Provinz, wo es keine Landstande geben konnte, nur reiche ansehnliche Versammlung in ihrem Mittel gemacht hatten, waren jetzt Theil der Nation. Das Wehrgeld für den erschlngnen Diakonus war mit dem inZcnuo Ick-anco gleich: für den Presbyter mit dem Edeln in lrusts koZia, für den Bischof mit den Lo- miridus, also mit den höchsten der Nation; und auf dem Werth und Anschläge der Compositionen beruhte bekannter Maaßcn alles. Nomporidus (ülotsrii IxeZis rinn cum I'rinci^ikus suis, iä. snnt 33. lü^iscopis et 3^. Oucilms et 79 . Lo- mitisius vel' cetera z,op>ulo constitutum sst etc. ist der Eingang der unter Hlodowig II. verbesserten Salischen Gesetze, wo sie gar sckon den Du- cidus voranstchen *). Und auch bei der ersten Abschrift Salischer Gesetze, die wir von HlodowigS Zeiten haben, führten Bischöfe offenbar die Feder: die genannten Aeltesten der Nat-.on sind vier erwählte Schöppen, die ihnen, nach der langgebliebnen *) Ueg» Lai. tit. 53 historisch - philosophischer Schriften. 229 Sitte, die ölten Gewohnheiten diktirtcn *)? Die Sache ist, ob sie gleich P. Daniel ohne allen Grund laugnen will, unzweifelhaft und die gegebne Ursache eben so klar: nach der Franken Denkart und Sitte gehörten sie nothwendig in's Märzfeld. II. Die keimende barbarische Monarchie mußte ihnen einen neuen Zugang schaffen. Es war nichts natürlicher, als daß ein so langer, gewaltsamer Kriegszustand, in den die Römer Deutschland setzten , alle Sehnen eines Körpers anstrengen mußte, der nur für schnelle, heftige Bewegung gemacht war« Die ganze Rarion der Franken ward Heermannie, und in der Folge der Jahre ward's Heerbann unter den edelsten Fürsten, deren Gefolge so zunahm, und sich über's Heer verbreitete. Der römischen Kriegskunst und despotischen Kultur entgcgengcstellt, mußten sie wider Willen von ihnen annehmen oder sich allmahlig in sie schicken: auch wissen wir, wie die römische Staatskunst mit den deutschen Fürsten spielte, und die Grundvcrfassung dieser barbarischen Bölker in Freiheit und Einigung zu erschüttern suchte , wobei sie ohne Zweifel gewann. Wir sich also die Franken über Gallien goßcn, und sich in die Salischen Lander theilten, wurden auch dem Könige und seinem Gefolge Lander, und da lag der Keim der Monarchie nach barbarischer Art **). Hlodo- *) Lccarä. leg. 8al p. h— 8. **) Herr, ilotik Vet. krane. Heg». a IV. V. 6»»äli»g XVII, r. Lrruv. eorp, bisi. 6ernr. x. r»2. rrz. StrubenS Nebenß. LH. 4. Abth. 2H» II. Nachlese s2c> tvig sand's für gut, aus christlicher Vorsicht, wie Gregor von Tours meynt, seine Nebenfürsten wegzuschaffen: er, der so viel grosse Eigenschaften wirklich befass, und so viel Glück hatte, ward Monarch nach fränkischer Art, und es war nicht die letzte Ursache, warum er die christliche Religion annahm, um mit Hülfe derselben und ihrer orthodoxen, reichen, mächtigen Lehrer Monarch über Rechtgläubige und Verfolger der Ketzer werden zu können *). Zn der Maschine waren also die Bischöfe ein grosses Triebrad und Werkzeug. (^uicungue Irano clelrdsrationsin, (guarn curn kontificikus vol cnin rnaZnis viris optirnatidns ant ficlslikns nostris In 8)'noäa1i concilio constituinrus, te- inerare praesnanserit era. ist eine Konstitution Hlotars **) in seinem Hvfgericht, in dem also auch Bischöfe sprachen. iVlecliantibus 8aoeräotikus atqus proceribus heißt's in dem zwischen Gunthram und Brunesild geschlossnen Traktate ***). Ountlrra- rnns Usx ornnes apuck ?arisios Lplscopos UsA- ni sui conAreZavit, nt Inter ntrosigns säic^- ront — — ()niclk;uii1 8aceräotes vol 8sniores populi jnclicaront, pars parti coinpo- nerst, ist der Vergleich zwischen Chilperich und Gunthram. 8r juäex slicgnern contra loZern äanrnavsrit, in nostra alisentia ak Lpiscopir *) °Wr>lcl>, äs kUoäov. IVI. ex ration. xolit. llbrist. Lslur. aä ann. 6ig. ^rtio. eit. OreA. spur. 1 . g, 20. ib. I. 4 , 48. historisch - philosophischer Schriften. 23 r eastiZstur, sagt die Konstitution Hlotars. Sie waren also in Luriu ^slatii Dberrichter, wie iin Märzfelde, und das waren die heidnischen Priester nicht gewesen. III. Endlich war's ein Grundsatz der Franken, wie aller deutschen Völker: „jeder muß von seinesgleichen gerichtet werden" — ein Grundsatz, der ein Jahrtausend hindurch bis auf die Zeiten gedauert, da die italienischen Ouatores Iuris es besser wußten *). Wie sie also die Gallier nach römischen Gesetzen in den Städten und als ihre Anwohner und Hintersaßen leben und richten ließen; so mußten auch die Bischöfe, die als edle Priester in ihre Nation traten, Jurisdiction bekommen, die ihnen nach fränkischen Rechten gebührte. Die ecxKssiss hatten rnalluui, wie ein weltlicher Distrikt **), und Hlotar gebot nur ***), daß sie, wie die übrigen Gerichte, ihre julliees und ruissos aus dem Distrikt des Kirchspiels nehmen möchten. Hatten sie nun das, so konnten sie nach fränkischer Art nicht mehr haben. Justitz und Regierung war damals, wie so viele Jahrhunderte hernach ****), noch nicht getheilt: nicht die Könige, sondern die Schöppen gaben Gesetze , d. i. richteten nach uralten Gewohnheiten, und der König fcug sie nur, was er denn nicht ändern konnte, um Recht. Wenn also die Bischöfe Zutritt *) ld. I. 6, Zi. **> LsZ. rixuar. iir. gF. Loneil. kriris L. 6ig. ****) StrubenL Nebenst, Abhdl, 3. r3. il,. 32 , 38. K'! rZs II. Nachlese zum Marzfelde, zum Hosgericht und Stadtgericht d>r galli'chen Städte, wo ihre Metropolen waren, die si.y auch unter den Franken zuerst erholten *), harren: so sieht man, wie weit sie Wurzeln schlugen. Von den Franken hatten sie Ehre, von den Galliern Euter: sie waren der angesehene, reiche, rnachcige Mittelstand beider Nationen. Und das nach der gegebnen Mischung von Ideen und Zuständen so leicht! so natürlich! das fränkische Auge und die fränkische Sitte gab dem gallisch-römischen Pontifi« kate gerade den Umriß. Daß die Folgen ganz anders werden mußten, als sich die Franken dachten, ergibt sich von selbst. Ihnen konnte I. der Priesterstand der Christen nicht seyn, was ihnen ihre Priester gewesen; diese gleichsam gcborne Landstande, ein Ausschuß des Adels, auch in Denkart und Sitten noch Franken. Ihr Ansehen beruhte nicht auf weltlicher Gewalt, der sie eben mit ihrem Ansehn widerstanden; auch nicht auf einer Summe L.hren, ohne die man nicht selig werden konnte, und über die sie also Austheiler an jedermann verstellen müßten; sondern auf bloßer Ehr- Lehnexkl. LUsi. I. 677. §. 114. Lontli. bi«t. Ire vir. I, 51. - historisch-philosophischer Schriften. 2ZZ furcht gegen ein unsichtbares Wesen, den Stifter der Treu und des Glaubens. Sie hatten Unterhalt, aber keine Güter, beschießen das der Nation zugehörige Heilige, was sie aber eben deßhalb selbst nicht besaßen. In der Versammlung herrschten sie durch Stillschweigen und Zcichcndeutcn, nicht aber durch Stimme und Vortrag: sie hatten genau keine andre Existenz, als die das Band der Stande, Ehre und Friede, forderte. Mit den Priestern der neuen Religion wie anders! Sie hatten schon eine so feste, von Frankengesetzen unabhängige, Existenz, ehe diese kamen: ihre Denkart war gemacht, und gar nicht fränkisch: ihr Ansehen bei den Galliern in einem Medium ctablirt, das die Franken wenig fassen konnten: sie machten unter sich einen Körper, der gewissermaßen so weit reichte, als christliche Bischöfe waren. Da ihnen nun die Franken mit bestem Willen neue Existenz in ihrem Staatokörper gaben: so mußte aus beiden übelgegatteten Thci- len mit der Zeit ein Ungeheuer werden, das sich selbst zur Last siel. Auf Ehre und Wehr in der Ration war bei den Franken alles gebaut; Kaufmannschaft und gutbringcnde Handwerke ließen sie den städtischen oder dörflichen Galliern; bei den Bischöfen Alles auf Liebe, Christenpflicht, Gemeinschaft aller Stände und zuletzt positiven Befehl Gottes. -Mit dem besten Willen zerrißen sie also das Band der Franken und durchstießen ihre Gesetze. II. Die Druiden zogen mit den si^nis Inas clerrantis zu Felde, eben damit kein Monarch die Herrenfahue erhübe: konntens die Bischöfe ? waren sie und ihr Amt dazu geschaffen? und wenn sie II. Nachlese 23ij. konnten, wollten sie's? Sie, die so dicht am Throne lebten, mit Hülfe der Ritter und Knechte eben die Monarchie unterstützten, von der sie ausgenommen und begünstigt waren. Sie sprachen also, auch in einer Versammlung, wo man von keinem Herrn wissen sollte, Sprache der Knechtschaft aus Orient, und das dazu im Namen Gottes! eines Gottcs, der nach gewissen positiven Re» ligionsbedingungen die Seligkeit crtheilte — was mußte folgen? Die Könige hatten keine rechtliche Gesetzgebung: sie mußten blos über jeden von der Nation von seinesgleichen Recht fragen; nun da der Körper der Nation aus einander siel, nahmen sie sich das widerrechtlichste Ansehen, was nur im ungeregelten Staat cpistircn konnte. Es entstanden die garstigen Präscriptionen, Ausnahmen einzelner Falle, die aller Unordnung Thür und Thor öffneten. Die Könige zogen Gallier an den Hof, Leute, die in der fränkischen Maschine gar keinen Werth haben sollten: die lehrten sie Ueberbleibsel der römischen Staatskunst, die sie, Barbaren, doch nicht begriffen, noch auch in ihrem rohen und freien Staate anwenden sollte». Die geringsten gelangten also mit den Bischöfen und durch die Bischöfe zu den ersten Hofbedicnungen, wo sie über die Wehren hinaussahen, und diese nicht anders als unterdrücken konnten. Die Franken waren ein zerfloßnes Volk: Marzfcld ward nicht mehr gehalten: Anarchie oder Hofgericht ward allmahlig Alles. III. Auch in diesem Hofgerichte, welch Ueber- gcwicht bekamen bald die Bischöfe! Die Ministerialen des Königs waren Ritter und Knechte, die historisch-philosophischer Schriften. 235 sich um die Gesetze wenig bekümmerten. Diese hatten voraus in der ewigen Rechts- Freiheit - und Ehre- Gewohnheit der Nation, im Gedächtnis und Munde der Männer, und im Geschrei des Volks gelebt, und waren heilig; Willkühr und feinere, gelehrte Auslegungen fanden nicht Statt: Druiden hatten und litten keine geschriebene Gesetze, weil sie ein Tod der freien, wahren, lebendigen waren. Da durch Hülfe des Ehristenthums, der Monarchie und nachbarlichen Romerkultur das Gesetzbuch da war: wer gewann mehr dabei, als die Schreiber und Ausleger? Die waren gelehrt, verstanden das barbarische Latein, darum sich die Ritter und Knechte weniger kümmerten, und da das Märzfcld, mithin die gesetzgebende Stimme der Nation weg war, die Comites in den Provinzen unter dem Hofe standen , und sich dahin endeten: bei Hofe aber die gefragt wurden, die da waren, da in Ansehen waren, u s. w. woran es die Bischöfe ihres Thcils nicht ermangeln liefen: so sicht man, wohin das kommen mußte? Die Bischöfe waren nicht nur ein Körper unter sich: sondern auch das Haupt der Gallier gewissermaßen, die in Städten und Zünften lebten, und sich an sie hielten. Sie hatten den Nomerzustand gekannt, kannten das Land, wie es kein einzelner Franke kannte. In einem seinem Medium der Denkart athmeten sic, und hatten also das ganze Ehnos ungeregelter Gesetze anarchisch mit in ihrer Hand. Weiche Gallier, Franken, die auf Gottesurtheile dielten, waren zu richten. In den Lonvocatis HHi3aopi8 et inajoribu8 natu I^aicovuni stehen sie daher, amts- und standes- 236 II. Nachlese mäßig, immer voran: und Justitz und Gesetzgebung waren damals noch nicht getrennet. IV. Endlich, da der Geist der fränkischen Republik doch wirklich milita irisch war, was die Bischöfe nicht waren: so war Lücke der Unordnung unvermeidlich. Gingen sie, als Glieder der Nation, zu Felde, welche Bischöfe! welche Krieger! Gingen sie nicht, die doch so viel besaßen, so viel Ehre und Wirkung hatten, so ward das Band der Franken zerrissen: jeder Ehrenmann der Nation mußte zu Felde, oder er vcrlobr seine Würde. Also ward das erste schädliche Beispiel einer Immunität von Gesetzen gegeben, die vorher äußerste Schande und Strafe gewesen: andre Weltliche folgten mit der Zeit, und so ward, alle diese Ursachen zusammen mitgenommen, die erste fränkische Periode, ein solcher Zustand von Untreue, Bestechungen im Kö- nigshofe, Uneinigkeit zwischen Brüdern und Kindern, Präscripkionen, Eingriffe, Unthaten — als wir ihn in der Geschichte finden. Die edle Nation *), Asus Irunuoiuin inslvta, kortis in srrnis, kir- rna pnsis kosäors, Pvolnncku in sonsilio, sor- piors noUilis st insolurnis, csnclors st lorinsr SArs^ia, unciax, ns^isra, vslox — nu^sr uck Lutiiolicuni sicksin convsrsn, innnunis nl» Irnsrsoi — neigte sich zum Verfall, verlohr Kraft und Geist ihrer Verfassung, die Ehre war, Freiheit und Stärke, und bekam dafür geschriebene Gesetze, Bischöfe, unmündige Könige, Hoftecht! * I-sß. Lalio. proosm. historisch-philosophischer Schriften. 2Z7 Indessen muß man auch,hier, wo cs ein großes Phänomenen der Zeit und der Mischung zweier Völker gilt, nicht aus abstrakten Sätzen oder als über das Betragen einzelner Personen, wogegen diese gekonnt hätten, moralisiren. I. Die Bischöfe hatten die Franken und die Franken die Bischöfe nicht geschaffen. Jene fanden die Ideen von Regiment und Standen unter diesen fest, und konnten also auch nicht dafür, daß sie so mit deutschem Auge gemessen und- hinübergezogen wurden. Diese hätten zu viel gefordert, daß jene ganz ihre orientalisch - römisch - gallische Denkart auf einmal ihnen zu gut hätten ablegcn sollen: sie forderten's selbst nicht, daß sie ihr Ansehen und Besitzthümer ablegten, auch nicht einmal, daß eS die überwundnen Gallier ablegten: sie ließen diesen ihr römisch Gesetz und gallische Lebensart; was sie sich ausbedungen und nahmen, war Ehre, Macht und barbarische Freiheit. Druiden in heiligen Eichenwäldern Konnten die Bischöfe nicht werden, s» wenig die Franken itzt alte, arme Deutsche mehr waren: die Species waren also da: die Mischung mußte geschehen. Die Franken waren schon durch lange Kriegsgefolge, und jetzt durch Ueberwindung und Salische Zerstreuung ein andrer Staat geworden: unrer den Galliern wohnten sie einmal: als» konnte die Einwirkung fremder Begriffe,. mithin Ueppigkeit und Entmannung, auch ohne Bischöfe, nicht abgewendet werden. Die Kugel war im Ablauf, und es war also gut, daß sie itzt wenigstens die milde, schlüpfrige Hand der christlichen Kultur, wie sie damals war, aufsing und lenkte. Denn nun, 238 II. Nachlese wenn die Bischöfe freilich nicht würdiger Mittelstand zwischen Edeln und Gemeinen in einer fränkischen Versammlung scyn konnten: so waren sie doch II. Mittelstand zwischen Galliern und Franken. Sie zähmten durch Monarchie und Christenthum die Ucberwinder, und verschafften den Ueber- wundnen einen Zustand, den sie nicht als römische Provinz gehabt hatten. Die Bischofsstadte wurden wieder zuerst groß *), und mit ihnen der Gallier Gewerbe: diese waren und wurden bald reicher und bequemer als die Franken, die nur von Ruhe und Raube leben wollten. Hatte die christliche Religion kein Verdienst, als damals ein etwelchcs Band zwischen so vielen Nationen gewesen zu seyn: so war's anzurcchnen **). III. Kann auch nicht gclaugnet werden, daß, wenn mit der deutschen Denkart viel Würde und Starke zu Grunde ging, das Medium, in welches man mit Krümmungen hinübergezogen wurde, wenigstens für eine spatere Zeit eine Gattung höherer Ordnung bereitete, die man damals freilich erst in *) Zcboepkl. I. 677. §. uh. Hontli. bist. Irsvir. I. zc. Strubens Nebenst. V. 38 . **) S. Mably Bemerk, d. franz. Kesch. Absch. ,. B. 1. IVtontes^. l. so. c. c—7. die beide aber von der fränkisch - deutschen Verfassung nicht in Allem richtige Begriffe haben» S. Mosers »snabr. Gesch. S. 3«7. historisch-philosophischer Schriften. 23g Gährungen sähe. Es war der Bischöfe Vortheil, der wilden Händelsucht zu widerstehen, der mitwachsenden Gewalt weltlicher Stande das Gegengewicht zu halten, daß die Könige sich wenigstens ruhig zu Tode leben konnten, und das Volk nicht auf einmal in die Sklaverei der Senioren und Gerichtspächter siel, bis sich mit der Zeit etwas anders entwickelte. IV. Rißen sie widerrechtlich oder schleichend auf dem Gange, den wir gezeichnet, an sich, so ward's ihnen eben so widerrechtlich und gewaltsam wieder entrissen. Wenn schon Hlodowigs Enkel, H i l pe ri ch *) nullum xlus oäio lmksns, c^uarn ecolesius klagen mußte: sace xuupsr reniansit Lscus nostsr, aace äivitias nostras ucl scolesi- »s sunt trunslLtas: riulli psnitus, irisi 8vlr exigcoxi iSAnunt: xsriit konor irostsr et translatus sst acl e^iseopos civituturn: so erholten sich die ltlajores äornus, insonderheit in Burgund und Neustrien, wenn sie ihre Krieger und Dienstadel mit nichts belohnen konnten, an Kirchen und Kirchengütern. Selbst Martell in Australien, aus einem Geschlecht-, das sie noch schonen zu müssen glaubte, that's, da er's thun durfte, und am Ende der ersten Linie war der geistliche Stand ärmer, als er im Anfänge derselben gewesen zu senn, vorgab. Sie waren also Emrepot **), wohin man legte, und woraus man langte u. s. w. 6rex. I. 6. a. 46. **) lVIontesgu, Q. XXXI. c. g. II. Nachlese 2^.0 Der Grund der Frage wäre also auf die simpelste historische Weise sichtbar. Die Lvinitia der Deutschen und der Stand der Priester auf denselben war das Gewebe: der gallische Zustand der Bischöfe der Einschlag: die Monarchie Maschine, die sie einschlug und zusammcnpreßte. Iw campo IVlartio und in palatio IdsAis waren sie den proceriUus und ssnioi'ibus zur Seite: in den Städten der Bischof neben dem Vogt: die eoclssins bekamen hlalluin; Ansehen und Neichthümer wüsten sie sich auch zu schaffen; also die Saamenkörner zu Allem, was die Zukunft ausgebildet. Und der Weg der Veranlassungen dazu so einfach: die Mischung nemlich gallischer und fränkischer Ideen und Zustände, die jetzt zusammen gabrten. In dem Verhältnis, als die fremde christliche Religion und Ueberwindung Galliens der fränkischen Monarchie emporhalf, hall die fremde fränkische Denkart dem Ansihn der Bischöfe zu Landständen empor, bis Eins das Andre zernichtet. So war der rohe Block da, aus dem die Statue werden sollte. Das australische Majorat, die Familie der Pipine haute sie nach den gegebenen Grundzügen weiter, und Karl setzte sie mit seinen Riesenarmen, polirk, auf's hohe Gestelle. Laßt unS die nähern Veranlassungen sehen. Zwei historisch - philosophischer Schriften. 241 Z w e y t e r Abschnitt. Veranlassungen, wodurch die christlichen Bischöfe unter den Karolingern Stande des Reichs wurden. I. Von Pipin Hcristalls Zeiten hatten die australischen IVlajovss äomus, die schon xriirsipss st äucss Krancorunr waren, Aussicht zur Krone; es kostete aber, so völlige Könige sie an Amt und Gewalt waren, mit dem Namen etwas Mühe. Der Name beruhte nemlich auf den Königsgütern, und diese waren, wie jede achte Wehre jedes Franken, der Familie gesichert. Es wurden Theilungen mit ihnen vorgenommen, wie mit jedes Manns Gütern, aus ihnen verliehen sie Beneficien an den Dienstadel, der den Königshof machte, und die Lberge- richtsbarkeit, die dem anklcbte, schien also der Familie Hlodcwigs unabtrennlich. Daher zuerst die unmerklichen Schritte von Absetzungen, Pausen, Iir- tsri'SAniz, das Spiel mit Knabenkönigen, um die Nation an Alles zu gewöhnen. Die Güter und Be- nesicien der Könige mußten erst erschöpft: die äu- SS8 st xrincl^es Krarrcoi-urir selbst erst reich sepn, und Beneficien austheilen können; endlich war doch zum letzten Schritte am meisten das geistliche Ansehen nöthig. In Feldzüge und Bekehrungen theilte sich also Pipins Regierung: jene, seinen Kriegern Beule, diese, den Geistlichen Jünger und Bisthü- mer, durch beides sich Sicherheit und einen belieb- Herders Werke z. Phil,u,Gesetz. XIII. Q i!Vn«A/c§«. 242 II. Nachlese 'ten, heiligen Namen zu erwerben *). Unter den Franken, Bayern und Friesen wurde bekehrt und erobert. Karl Martell, der mit den Gütern der Kirche anders umsprung, und den daher der h. Eucherius nachher im Gesicht in solcher Höllenquaas sähe, ging mit Bekehrungen und Eroberungen denselben Weg fort. Karlomann und Pipin der kurze weiter: enirr eonsilio servoiurn Oei et os>tiin,i- turn wurden Synoden gehalten**), und sollten alle Jahr gehalten werden. Bonifacius ward Erzbischof, Primas der Kirchen in Deutschland, und ward mit seinem großen Kirchensprengel, der schon bis Würzburg und Eichstädt, Salzburg und Passau reichte, fertig. Gleich mit den Vorbereitungen dieser Linie zur Krone, ward also der Grund zu dem geistweltlichen Reiche in Deutschland gelegt, das einst die ganze Linie stürzen sollte. II. Jedermann weißt, unter welchen Umstanden das Pipin'sche Haus endlich zur Krone kam, und alle machten das neue Reich nun zum eigentlichen geist-weltlichen Reiche. An den Pabst ward Ge- sandschast geschickt, der den letzten Stoß geben sollte: Bonifacius, der h. Erzbischof und Martrer salbte : eurn conseerativns Lp>iscc>p>c>rurri et snd- jsctions xrincipunr ***), trat Pipin auf den *) Mas ko Vs Gesch. der Deutsch. Th. 2. S. 26!». u. f. **) Maskov, II. 3 i 3 . Georgisch corp, jur. 6erm» x. H86. *") Maskov, LH. 2. S. 325 . historisch - philosophischer Schriften. 243 Thron: der Pabst wiederholte die Salbung auf ihn und seine Söhne: das war doch nun recht rsAimeu racrum. Wo der König nicht Mehr auf dem Schilde steht, und vom Heer ausgerusen wird, sondern von geistlichen Händen die Krone nimmt: da sind diese geistlichen Hände natürlich die nächsten am Throne *). Die Befehler heissen sscru **): die ersten ccmsilia können nicht anders , als solche scyn. Der gesalbte König ist Königspriestcr, Priesterkönig: nicht mehr allein elsctious xoxuli, sondern auch lVlissrlcorcliL Os! rsx coust!tutus. Der Bischofstab tritt also so dicht unter die Krone, wie auf der andern Seite Schwerdt und Fahne. Die Doppelverfassung gewann jetzt das heilige Pipin'sche Reich: so ging's auf Karl den Großen über. Ot Oxisco- p! cum Lomitiftuo steut st Lomites cum Opüs- coxis, ut utei-^us xlsunsr ofticium kscsrs p>os- s!t ***): sie waren also beyde die höchsten Reichs- beamren. In der Provinz kamen sie zum königlichen IVlisso ucl klacitu: wenn sie aber nicht kommen wollten, hatte er nicht gegen sie zu verfahren, sie gehörten uä klacitum KSNerals. In dem waren alle rnajorss, clsric! et laic! , guanäo orcli- Naloatur Status totiuo rsgu!, und wenn !u xlu- citis seuiovum die susSsptscula getheilt wurden, so geschähe es ut p>r!mo omuss epüscop! slolzstsL Vs! lmjusmoäi lionoriliceinioiss clsric! ubrgus ulla luicorum commixtious sich versammlet, oi- *) MLsers osnabc. Kesch. tz. So. Ln - kresn. Ztoxssr. Leier. Lriot. e"te, Liilur. Laxit, IV, aä L. 806. Q s ^ 244 II. Nachlese militsr comites vel Uujubmocü ^>riucixes etc:. ^). Wie diese Key Hofe den comitsm palatü hatten, hatten jene den arclricaxelinuum oder spocii8ia- rium, igui äs omnibuz ouris soci^siaiticis nt comcs palatii äs omni1au8 8ecu1aril>u8 cau88i8 curam Uaksbat *) **). Wie die Grafen dem Heerbanne folgten: so mußte auch der Bischof seine Leute schicken, und er ward nur 8a1vc> Usuors der Pflicht entlassen ***). Der Kirchcnvogt ward ihnen zugeordnet, der uclvocatu8 ccc1c8ius in weltlichen Sachen seyn sollte, und so oft ihr Unterdrücker wurde: der M188U8 IstoZirw endliä) beschloß Bischöfe und Grafen, Haupkleute und Presbyters als zusam- mengeordnctc Stande und Acrntcr im Namen seines Herrn als Eeneralrevisor. So sähe das geist-weltliche Reich des Pipin- Karls aus; damit waren aber die Geistlichen über Plünderung ihrer Güter unter Marteil noch unbefriedigt. Noch unbefriedigt mit den Versicherungen 7), daß sie nie mehr sollten geplündert werden, und da man sie nicht baar abfinden konnte: wie anders, alS mit Hoffnungen und Ehren? III. Nicht genug also, daß sie Pipin auf dem neuen Maifelde mit sondern Ebrcn entführte, wo immer cum omniI>U8 H^wco^io, Achloatisirw , (lo- *) Hinein, äe orcl. pslar. c. Lg. zb. Bey Iln-Llios- ne. Il, ggg. Hinein, cap. i6> Lalur. I. acl L, 8c>3, st) Lalnr. I. I. 5 » art. Z. 4. 2g> historisch - philosophischer Schriften. 2^5 ! I ! rnitibus, ^.clvocatis er Viaecloiriiwis ^.bkatissa- runr Gericht - und Gesetzgebung geholten ward; sondern auch bey allen außerordentlichen königlichen Gerichten und Commissionen waren sie die Ersten*). Da unter den Merovingern manche ihrer Vorzüge eingeschränkt oder verdränget waren, kamen sie jetzt allein unter sich, bekamen eigne Wahl und Jurisdiction **), standen, wie gemeldet, nur unter der Reichsvcrsammlung ***). Zu ihrem Unterhalte wurden jurs ckiviwo Zchenden-f) ausgeschrieben, die voraus nie üblich gewesen, sie bekamen Zinsen von den Prccareien, Anwartschaften auf die geraubten erledigten Stellen, noch gar im Testamente bedachte sie Karl: sie waren also an Ansehen, Amt, und Unterhalt der etablirtc erste Reichsstand, dem die Krone gewissermaßen noch in Schuld blieb. / So wuchs IV. das Reich durch geist - und weltliche Kriege fort. Die freien Sachsen konnten und wollten ihre Gottes - mit der Königsfahne, ihre altdeutschen Sitten und Rechte mit keinem monarchischen Hofgericht vertauschen, wenn sie die Vereinigung so widriger Sachen mit ihren Folgen am prächtigen, berühmten Frankenrciche in allen Mcrovingi- schen Jahrbüchern sahen. Karl also predigte Taufe und Unterwerfung: er kam mit Wasser und Blut: *) Mably Betr. über die Gesch. v. Erkr. B. 2. Abschnitt 2. dolässt. tlonsrir. Imp. 'I'. I. L, Lztz. **') Uslur. Lsp. IV. Lä. 3o6. 02 . ig. Montesq. XXXl, c. 12. Strub. Nebenst. LH- b. Abhhl. 3S. 2 chk IL. Nachles« das Schwerdt überwand: das Kreuz auf Blutfclder gepflanzt, sicherte die Ueberwindung. Sic entsagten der Tcuftlsqilde, d, i, ihren alten Gesetzen und Gebrauchen, und sollten*) an Gott und den ihnen aus der Barmherzigkeit Gottes z u ge sa lb - tcn König, Gerichtshcrrn und Machlkaber über Tod und Leben glauben, zwar aus menschlichem Recht dem Kaiser keinen Tribut, aber aus göttlichem Recht den Bischöfen die Zehenden entrichten**) (zur Schadlosbaltung, daß sie einst Karl Märtest geplündert und damit er neue in ihrem Lande anrich- tcn könnte), den königlichen Vögten, Grafen, Bischöfen, Missis gehorchen — so theilen sich die Frie- densklauseln in geist- und weltliche Punkte. Bischö. fe und Grafen besetzten das Land: sieben mächtige Bischofthümer ***) wurden nach oben beschriebener Gerichtsverfassung im neueroberten Sachsen. Karl übersah sein Reich mit 2r geistlichen, großen Metropolen, Wenn V. Ludwig extensiv und intensiv fort- fuhr, neue Bischofthümer anlegte, und den Alten ihr Ansehen erhöhte: so blieb selbst die Verschwendung noch auf dem porigen Wege. Landesherren wurden die Bischöfe noch nicht, mit allen Regalien und Gütern, die sie bekamen ; sie wurden nur reichere, mächtigere Gerichtsherren, und sollten noch Aemter, Stän- *) 1 . I. (locht, Lax. 797. **) S. Mösers osnabr. Gesch- 8- 126. ***) Osnabrück, Minden, Verden, Bremen« Paderborn» Elze, (Hildesheim) Münster. historisch-philosophischer? Schriften., 247 de und Reichsglieder, wie sie gewesen, bleiben. Pi- pin und Karl hatten die Neichsverfassung geerbt- erweitert, gebessert, aber nicht tiefer gegründet: die Folge mußte seyn, das Materialien, die nicht Zusammenhalten konnten, allein durch Lust, Sonne und Zeit zerfielen,, hatten auch keine Stürme und Untergrabungen den, Fall beschleunigt. Nicht blos in der und jener Theilung (auch Karl hatte, theilen wollen , und es war ein von Hlodowig hergebrachter Gebrauch , zu theilen), nicht blos in der und jener Unvorsichtigkeit, temporärer Schwachheit, (auch dergleichen waren schon, immer gewesen,) lag der Funke des Unglücks; vielmehr waren das blos Windstöße, die den Funken weckten. Die Folgen lagen in den Veranlassungen: tief im Herzen der Reichs- Verfassung. Denn nun sollte I. ein Reich so verschiedner Glieder, Nationen und Stuften von Denkart bcy- sammen bestehen, auf einerley Art regiert werden, oder sich vielmehr selbst regieren — war's möglich? Wo nicht gleichsam eine Vernunft, als höchste Be- rathschlagerin "avar, kein gemeinschaftliches Interesse, nicht einmal ein anerkannter Werth an Besitzthü- mern, Vorzügen, Gütern, Strafen war: wieder ein Gesetz? Ein Reichstag? Ein Gefühl aller Glieder auf und zu diesem Tage? Mußte cs nicht also werden, was bald geschah, daß Alles sich allmählich von einem Haupt und Körper losriß, an dem es nur so idealisch entfernt, gezwungen und ungewiß klebte. Schon also die gewaltsame, unnatürliche Größe des Reichs Karls machte, daß es zerreissen wußte: das sähe er selbst: dagegen suchte er sich selbst, wie er 24Z II. Nachlese konnte, zu sichern; aber er konnte nicht Alles. Karl, der Erobrer und Bekehrer, war bestimmt, mit Riesenkraft einen ungeheuren Fels auf eine Höhe zu rollen, damit, wenn seine Hand losließ, in zehn Stücken der Fels hinter ihm abrollle und sein Geschlecht begrübe. II. Noch minder wac's möglich, daß eine solche Maschine lange bestünde, wenn nur Aemter und in den Aemlcrn gegebene Treu und Glaube sie aufrecht halten sollte». So bald die Aemter an Unrechte, Unverständige, Treulose verliehen, so bald die Guten in der Folge selbst eigensüchtig und böse wurden: so war des Kaisers Ansehen in den Provinzen, wo er nicht allgegenwärtig seyn konnte, weg. Würden die Aemter erblich, kamen, die sich einander das Gegengewicht halten sollten, zusammen in eine Hand: erlosch die Aufsicht, so erlosch Alles. Mit unsäglicher, allgegenwärtiger Weisheit, Kunst und politischen Güte hatte Karl aus dem Leimchavs, das er vor sich fand, einen Marmortcmpel von Gesetzgebung bilden wollen, der aber auf ungewissen Stützen ruhete. Der edelste Versuch fränkisch-römisch-deutscher Gesetzgebung; er sank, so bald der Geist Karls dahin war. III. Noch ungewisser ward Alles, da in jeder Provinz, wie im Großen, die zwey Stände, Geistliche und Weltliche, coexistiren sollten. Die waren nie Freunde gewesen nnd konnten's jetzt nicht werden. Hier unterdrückte den Bischof der Kirchenvogt; dort suchte der Bischof vor dem Grafen Schadloshaltung und Immunitäten. Die Kaiser verliehen sie, historisch-philosophischer Schriften. 249 nach dem Geist der Zeit und der oft rufenden Rechtshülfe des Einen, der andre ward eifersüchtig, und drang nach. Was die schwachern Geistlichen mit Bitte, List, geistlichem Ansehn erhielten, nahmen die Weltlichen sich selbst. Feuer und Wasser stritten, und der Kaiser, der in der Mitte saß, und ohne beyde nichts hatte, ward bald gebrannt, bald genösset, war weder warm noch kalt, und wurde zuletzt von beyden verzehret. Es war ein großes gothisches Reich voll mißbrauchter gerichtlichen Aemter: der Herr mochte greifen, wonach er wollte: so hatte er — Nichts! IV. War überdem Gutes bei einer Krone vor- auszufehen, die man vom Pabst empsieng? Den man nicht blos in seinen Landern zum Herrn machte, sondern ihm auch den Weg wies, in andern Landern Kronen zu vergeben, Königsfamilicn zu unterdrücken, Boniface zu senden, und die Klerisey in allen Landern als ein Eorpus anzusehen, dadurch Ec handelte. Da führte man selbst ja den Wolf in den Schaafstall, der auch spater nicht ermangelte, die ihm angewiesenen Lämmer zu verzehren. Jn's weitere Detail des Mißbrauchs geist- und weltlicher Gerichtsbarkeit sich cinzulassen, ist hier nicht Stelle. Man sieht, es ist leicht, aus unserm Jahrhundert darüber zu phikosophiren, und zu moralisiren noch leichter. Wenn man aber sicht, wie lief der Grund zu dem Allen liegt, wie alles zusammcnge- hörct, und im Geist der Zeit schwebet! wie oft bey Sachen und Einrichtungen schon der Saame siel, wo damals Jedermann nur das Beste dachte — so wird das Phänomene« anziehender und größer! Sieht I!. Nachlese SZc- man nun ferner,, wie jede Untreu ihren eignen Herrn schlug, Regenten durch Vasallen, Vasallen spater durch Regenten gestraft wurden , wie Hhlolhar z. E., was die Bischöfe dem Ludwig so übel zugesvielt hatten, treulich vergolt, und die Normannen endlich die Strafe an Allen vollführten: wird man endlich gewahr,, daß, noch in diesem abscheulichen Chaos selbst Gutes für die Nachwelt keimte: so steigt Alles über eine einzelne Moral oder politische Lehre in's Große der Weltbegebenheit, hinüber. Die Falle von Unregelmäßigkeit wurden erschöpft,, Ecken und Räder ab- gericben, damit die Maschine sanfter gehe. Die hoch- müthigen, gxitzigen, aber von Kirchenvögten und weltlichen Nachbarn gedrückten, Geistlichen ringen aus Eigennutz und Hochmuth der tollen Brutalität entgegen. Sie, die, nicht schlagen können, rufen, schreien, bringen unschickliche Rechte und Dekretalcn*) in's Gemenge, damit doch auch unter der beschmitz- testen Hülle ein Keim von Gesetzmäßigem als todte Niederlage daure. Der Fall der Karolinger ist vielleicht daß lehrendste Grab unsrer, Mittlern europäischen Geschichte. Wie in der gothischen Baukunst jeder Pfeiler an Mannigfaltigkeit dem Ganzen ähnlich: so ist's in der fränkisch-gothischen, Regierung zwischen jeder Provinz, und dem Reiche. Am elenden Baurenhofe jedes Großen der Merovinger gab's mirlistsrisiso des heil, römischen Reichs in wnas, wie sie nachher Karl, als erste Beamte seines großen Reichs fürstete und gegen einander abwog **). Jede Provinz ft Die Isidor. Saminl. Hinein,, ep. 12. 'ft Waskyv äy orix» okLo. snlioor. Z. 4. Böh, - historisch-philosophischer Schriften. seines Reichs war an Gliedern und Acmtern völlig wie sein Ganzes. Wenn sich also Etwas vom Ganzen schied, ward ein kleineres Ganze nach voriger Act: ein neuer Polype. Als sich durch die V e r-, dun'schen Traktaten* *) Deutschland von Frankreich schied, als sich jenes zuletzt gar nicht an die letzten Sprossen des Karylingerstammes kehrte: so bchielt's doch in seinem abgetrennten Dascyn völlige Karolin» gische Form Key, als ob sie dafür erfunden gewesen wäre. Und so ward Deutschland, auch mit. seinen Bischöfen, lsirnncia Orisrnalis. Dritter Abschnitt. Uebergang nach Deutschland. Die Bischvfthümer,, die von den Pipinen und Karolingern die Reih hinab gestiftet und begnadigt waren , lagen in Deutschland **). Sie dursten also mer ckn orig, osriss. st oocss. korm, Imx. Uom. 6erm. xrs.es. Gundling Ot. St. 17. 2. *) Lobilr. Lcrixt. rer. germ. x, gr. **) Aus den Kelten der Gallier u. Merovinger Mainz, Lrier^ Kölln, Worms, Speier, Tongern, Trident, Konstanz, Augsburg, Seven lBrixeni u. f. Der Pipine Salzburg, Regensburg, Freysin- gen, Passau, Utrecht, Würzburg, Eichstädt u. f. Bon Karl, Osnabrück, Minden, Verden, Bremen, Paderborn, Hildcsheim, Münster. Von Lud» «ig, Halberstadt, Corvei, Hamburg u. f. MMZ 202 II. sstachlese nur bleiben, wohin sie Karl auf der Liste seines Reichs gesetzet hatte: die Herzoge und Grafen, die eben so wohl nur Aemter waren, traten ihnen gegenüber, und so war Reichstag des heil, römischen Reichs deutscher Nation, dem nur sein Haupt fehlte. Sie wählten sich's, aber völlig nach Karolingischen Ideen: das Wahlreich war zugleich Erdreich *). Der menschliche Geist, sich selbst überlassen, nimmt nur immer kleine Schritte, wenn er neuet. Auch der große Haufe, lhcils von Volk, theils von Standen, waren noch Glieder des Reichs, wählten, richteten und regierten mit. Es blieb noch immer Grundsatz: jeder kann nur von seinesgleichen gerichtet werden! und an dem, was alle angcht, muß auch jeder An- thcil haben; völlig nach alter fränkischer und deutscher Verfassung. Zugleich aber behielt man den ganzen Schmuck aristokratischer Verfassung, dessen Ansehen sich in den trübseligen Zeiten so gemehrt hatte aus dem Karolingischen Reiche bei, sonderte ihn, und trieb ihn höher. Siche da die Grundlage zur Verfassung Deutschlands. Als Otto in Aachen gewählt ward**), ging's völlig mit Insignien des Karolingcrstaabs her. Der Primas von Deutschland, Mainz, salbte und krönte den fränkisch gekleideten König zu einem Reich geistund weltlicher Stande. So gut die äuees mini- rtrabunt) so gut consekrirten und benedicirten die *) Strube Nebenst. IV. Abh. sl». Gundling. Ot. St. 17. 2. ") Wittlcli. I. 2. historisch-philosophischer Schriften. 253 Bischöfe; bepde Stande bekannten sich als erste Aemter und Diener. Außer den Alloden war noch kein Erbgut; noch in keinem conaitatu oder cluustor Landeshoheit. Der Kaiser hatte überall obcrrichtliches Amt, Reichsgüter und Statthalter, übte überall Majestätsrechte. Die Erzbischöfe und Bischöfe waren durch Ring und Stab unmittelbar: die Erzkanzler und Archikapellansstellen waren wie an Karls Hofe und sollten darinn Mainz, Trier, Kölln theilcn und wechseln. Alles also, als Rcichsstand betrachtet, war noch Amt anstatt und von wegen des Kaisers, nach dem Grundbau und Wesen des Karolingischen Reichs. Nun beut die ganze deutsche Geschichte Veranlassungen dar, warum das nicht blos so blieb, sondern auch aristokratisch Hinanwuchs, wie nirgend anders. Erstlich wandte sich Otto sogleich aus dem Reich, und suchte die italienische und römische Krone : seine Nachfolger folgten ihm mit so ungleichem Glücke nach, bis endlich die schwere eiserne italienische und die luftige römische Krone die deutsche ganz leicht machte, und erdrückte. Da diese auf so leichtem Zeuge den Insignien gcist- und weltlicher Aem- ter ruhele: so war nichts leichter, als daß sie sehr sank, daß, wo das Haupt fehlte, die Glieder in Unordnung geriethcn, und je mehr die Pabste in's Spiel kamen, desto mehr ward Alles Chaos, bis man endlich die Zerrüttung unter den Heinrichs kennet. Das Faustrecht unter einander, Rebellionen gegen den Kaiser, Pactheyen am Hofe stritten: die Weltlichen wollten regieren, die Geistlichen Vormünder scpn, der Pabst durch Alle herrschen — lauter Folgen eines Reichs, das bei dem Vielfachen seiner II. Nachlese 35 §. 'Glieder, denen ihr Haupt fehlte, und die dazu von einem bösen Geist aus Italien gegen einander aufgebracht wurden, so lang in Unordnung und Anarchie erlag. Jndeß war selbst die Anarchie Veranlassung zu einem Guten, das bcynah ohne sie Nicht werden konnte. Ware Otto in Deutschland geblieben, hatten seine Nachfolger sich das deutsche Reich erhalten, ohne an's römische zu denken; unmöglich wäre jenes, was cs war, blieben. Der Kaiser hatte die Stande unterdrückt: es Ware Monarchie worden, wie in Frankreich. Jetzt wollte es das Schicksal, daß, indem sie immer auswärtig Handel hatten, das Reich in seinen Gliedern wild em- xorschoß, und in dem Betracht waren selbst Pabst und Faustrccht Beschützer und Erhalter der Deutschen Freyheik. II. Die Geistlichen vermehrten natürlich zuerst ihre Rechte, wenn die weltlichen ihre Macht vermehrten. Die Bekehrungen nordostwarts gingen fort: gegen die Wenden wurden eine Reihe Bischosthü- mer *), wie geistliche Markgrafschaftcn, errichtet, und ihre altern Brüder wuchsen an Vorzügen, Befreiungen und Regalien, je mehr sie beym Faustrecht litten. Der weltliche Stand, Herzoge, Grafen, Vögte, trat ihnen auf dem Fuß: desto mehr erholten sie sich durch Geschrey an den Kaiser **) um Ge- *) Brandenburg, Havelberg, Meißen, Magdeburg, Aeiz. . **) S. olle Diplome der Zeit. Hautb. bist. ll?rev. D. I. x. 47t. 76. fg. 85« g8- etc. historisch - philosophischer Schriften. 255 rechtigkcit, um Landfrieden, und bekennen dafür Güter und Immunitäten, denen sich denn die Weltlichen auf andern Wegen, durch Pakte mit der Ritter- und Landschaft, kurz durch Macht, ngchschwan- gen *). Den Geistlichen, deren Würde Nicht erblich, deren Macht nicht so groß war, die ihrer Rechte »regen eher am Kaiser hicngen, endlich die einen so großen Rückhalter am Geist der Andacht und am Pabst hatten — ihnen mußten die Regalien und zuletzt die Landeshoheit mit minderer anscheinlichen Gefahr und eher verliehen »Verden können, als den »nächtigen Erbherzogen. OiKnu rscolsntss anirnuck- vsrsions, sagt schon das Diplom Friedrichs ll. von 1220**) vor dem Interregna, stnunta fieis ckilecti nostri principss eeclesiastiLi Nvbis siae- tsnus uclstiterunt, censuirnns eos, zosr gnos xrorndti surnns, seniler sirornvvknüos — — Igitur quia inten eorurn gravurnina ubNsionss inolsverunt in novis telonsis, inonetis, gnsr- ris uckvoeatorurn et aliis niuiis novu tsloneu st novus rnonetus irr i^sorurn territoriis s. juris- äictionidns non ststnenrus, ssä nntisiun telonea, et jnru inonetarurn eorrrrn ecelesiis eonceSsu tnsbirnur ete. Iniriheinns > ns stuis officiuliurn nostrorurn in civituübus Sorninäenr znnneipurn jnrisäictionern uliczuarn sidi vinäieet ete. niiril in nlic^us eivituts jnris Ir-rirsant, ssä Prineizrss kt iiornrnus zrlena in su gsncksut potsstuts ete. lind damit waren sie auf ihre Klagen von den Znsr- *) Strub. Nebenst. Th. ch Abhdl. sr. **) Bei 6 -uäsn. I. 256 II. Nachlese ris rrclvocatoruwi, cowowriewts daegrw'is juris-. stiatiows, und neuen Privilegien derselben befreiet, sie brachen, als Landesherrn, den weltlichen Standen den Weg. III. Da endlich die ganze altfränkische Slaaks- kunst zu Grunde ging, und die Herzoge und Grafen erbliche Herren, nicht kaiserliche Beamte blvs waren: so schimmern auf eben dem Wege alle die Veranlassungen durch, warum nicht Alles in Kleine Monarchien und Dynastien zerfiel, sondern Alles an einem Oberhaupt verblieb, und in Würde, wie im allgemeinen Recht und der Regierung des Ganzen, die altfränkische Sprache, Sitte und Verfassung*) bey- behaltcn wurde. Die Halste der Stände war geistlich , die nicht erben konnten: sie waren auch zu schwach, weil sie theils von ihren Landständen und Stiftern eingeschränkt waren**), theils ihrem Ursprünge nach kaiserlichen Reichsstädten nahe waren, und keine große Territorien hatten; sie waren also Nichts, wenn nicht das Reich blieb. Die fränkische Primaten , Mainz iw Aerwmwia ais-stlre- wana, Kölln iw kixuariu (nachher durch ein päbst- lichcs Diplom in Italien), Trier iw Lel^ia-a behielten sorgfältig ihre Aemtcr und Würden, obgleich die Provinzen nicht mehr da waren. Auch kein fränkischer Hof war ja mehr da, und auch die weltlichen Fürsten waren mehr als Seugneucs, Mimsterialien, Erzschenken und Erzbecker. Wo aber Hof existirte, auf *) kkekk. sä Vitr. I. 6iz. Gunbling xvm. 1 . 2 . **) Strube Nebenst. I. i. z» V. 38, u. a. historisch-philosophischer Schriften. 267 auf Reichstagen, Reichsgerichten, Landvcrsammlun- gen, wo es reichsfürstliche Aemter und Würden waren, erhielten sie's sorgfältig. So weit sich Deutschland im Innern von Frankreich weggebildet hatte, so genau blieb man im Urkundlichen des heil, römischen Reichs irr IHancia Orierrtsli. Da lagen die ersten geistlichen Fürsten auf einer Stelle: da waren die Pfalzgrafen, die ersten weltlichen Beamten des Kaisers vor Alters: die Wahltage, von Mainz oder Pfalz ausgeschrieben, nahmen immer einen Ort in Ostfranken, bis sie nach Frankfurt, einer Stadt von Karl dem Großen her bestimmt wurden : Aachen, seine Residenz und zweites Rom, ward, so lange ?alariurri Laroli von den Normannen verbrannt war, ob xalaiirrrn Laroli Ort der Krönung. Die Insignien Karls wurden beide-- halten. Wie die Pairs in Frankreich Cousins des Königs, blieben die geistlichen Kurfürsten 6on- sanZuinei, Neffen des Kaisers. Endlich kam die goldne Bulle, und was lange Gewohnheit gewesen war, machte sie mit Sonderungen und Bestimmungen zum geschriebenen Reichsgesetz. Kammergericht, Kreiseintheilung , Landfricde folgten : die Wahlkapitulation Karls V. mit den Folgenden, die sie einleitete, druckte das Siegel auf die Verfassung. Der wcstphälische Friede kam, änderte Bcsitzlhümer und Religion, aber Neichsversafsung und Rechte könnt' er nicht ändern, sondern festdrücken, bc. stätigcn. Und so bcstchet das römische Reich, mit Ausnahmen der Macht, nicht aber des Rechts, auf seinen Reichs- Gerichts - und Wahltägen in seiner geist-weltlichen, aus Frankreich geerbten, und auf seinem Boden so veränderten Gestalt ncch. Herders Werke z.Phit.u.Gesch. XlH. R 258 II. Nachlese Nun erforderte cs eine andre Feder, zu untersuchen, was jede Elasse von Ständen die Zeitkäufe hinab, im Einzelnen und in's Ganze des Staats- körpers Guts und Böses gewirkt? was Deutschland gewonnen oder verlohren, daß es der alten gemischten, geist-weltlichen Verfassung treu geblieben? Mich dünkt, daß wenn auf der einen Seite Euria- kien, Langsamkeit, leeres Gezänk Folgen seyn müssen , wenn bei Theilung und Gerichtsbarkeit seiner Staaten, wo oft Würde und Ansehn mit Macht und Nachdruck so sehr in umgekehrtem Verhältnis stehet — wenn daher eine gcwiße Schnelligkeit im Denken wie im Handeln, Feinheit, Leichtigkeit, Einförmigkeit in Sitten, Glanz der Kultur u. s. w. immer Hindernisse gefunden, sich schnell und überall umher zu verbreiten; daß auf der andern Seite sich so viel alte, rohe Simplicitat, Glückseligkeit auf seinen Rechten, politische Starke und nicht blendender Nationalgeist erhalten, daß auch hierin Deutschland seiner Sprache gleicht. Geistlich und bürgerlich, i>. i. stand - und rittermaßig hatte diese sich in sich gebildet, bis die neuere, ausländische Kultur ihr andern Anstrich gegeben. Im Einzelnen ist's mit dem Negierungssystem eben so gegangen, und auch das Ganze hat nach dem neuern Geschmack ein so altfränkisches Ansehen, als die Insignien von Kaiser Karls Kleidung. Die geistlichen Stände auf Reichs- und Gerichtstagen scheinen wie große, gold- ne, mit Laubwerk gezierte, Lebne eines alten Stuhls, dem die neuere Philosophie und Politik einen glatten Polstersitz verziehet. Sollte es aber seyn, daß eine spätere Zeit an dieser goldnen Lehne bricht, so wird historisch-philosophischer Schriften. 289 ihr gewiß nicht ihr altes, verblaßtes Gold, sondern ihre Schwache schaden. „Unsre Reichsyerfafsung, sagt ein gelehrter, „reifsinniger Philosoph der deutschen Geschichte *), „unsre Neichsverfaffung wäre im Hauptwerk unver- ^„besserlich, wenn die Reichssatzungen gebührend befolgt würden. Denn anstatt die zwischen souverai- „nen Sraaten entstehende Streitigkeiten selten ohne „großes Blutvergießen entschieden werden, so sollte „man den zwischen deutschen Reichsstanden sich her- „vorthuenden Irrungen nur durch gerechte Erkenntnisse, ohne der Länder Verderben, abhelfen, und „indem die richterliche Hülfe auch den Unterthanen „wider ihre Obrigkeiten angedeihet, behindert man „sowohl jener despotischen Unterdrückung, als die „landverderbliche Empörungen, welche der Mißbrauch der höchsten Gewalt vielfältig veranlasset." Und sofern hat jeder ein Verdienst, der zu Bildung und Erhaltung dieser Reichsversassung mitgcholfen! Schluß. „Wir bekennen, läßt Mab ly die unterdkückr „tcn französischen Bischöfe reden, daß unsre Vor- -) Strube Nebenst. IV. S. 8Z. , R s 26o II. Nachlese „fabren sich geirret haben, wenn sie geglaubt, sie „hät.en von Gott die weltlichen Gerechtsame, die „sie sich erworben und auf uns gebracht haben. ,,Wcnn uns aber gleich Gott nicht zu Richtern be- „stellk hat, so verbeut cr's uns doch wenigstens nicht, »,«s zu seyn. Die weitläuftig« Kompetenz unsrer „Tribunale, und die Rechte, die ihr uns jetzt streitig macht, baben wir sie nicht eben so erlangt, „wie alle Rechte aufgckommcn sind, die der Gebrauch bestätigt, und die Nation gutgeheißen hat? „Eure Väter, unglückliche Schlachtopfer eines barbarischen Vorurtheils, erwürgten sich, wenn sie „sich Gerechtigkeit verschaffen wollten; daß sie ihr „Blut schonten, und zu besserer Erkcnntniß kämen, „haben wir sie ermahnt, sich unsern friedfertigen „Gerichten zu unterwerfen, die dem Größten unsrer „Könige zum Muster der Seinigen gedient haben. „Glaubet immer, wir sind's zufrieden, daß Interesse unsre einige Triebfeder gewesen; aber wer „unter euch verdient nicht eben diesen Vorwurf? „Der Besitz ist unter allen Nationen und in „jeder Art von Staatsverfassung in den Augen „der Menschen eine heilige Rechtsbefugniß, und „muß cs seyn, wenn man nicht zu allen Arten „von Ermächtigungen Gelegenheit geben will. Der „Ursprung unsres Rechts fällt in die Zeiten, da „unsre Nation schon Gesetze hatte. Glaubt ihr euch „berechtigt, uns heut des Unsrigen zu berauben, „warum sollte Nicht morgen ein andrer das Eurige „nehmen dürfen? Wir berufen uns auf die Ver- „jährung, ein über die Ruhe der Nationen wachen- „des, der Unsrigen aber desto heiligeres, Gesetz^ „da wir Jahrhunderte lang ohne Regeln, ohi» historisch - philosophischer Schriften. „Grundsätze nur ungcwiße Gebräuche gehabt haben. „Richter sind einer Nation unentbehrlich; aber „daran liegt ihr wenig, ob sie aus diesem oder je- „nem Stande genommen werden, wenn sie nur unwandelbare Werkzeuge ihrer Gesetze sind *)." So laßt Mably die Bischöfe seiner Nation als Richter deklamirm: die unsren bedürft der Deklamation nicht, weil sie nicht blos gerechtere, sondern auch gütigere .Oberhäupter gefunden, und selbst zu Landesherren gediehen sind. Ihre Rechte beruhen also mit den Rechten aller Reichsstände auf Einem heiligen Grunde, den Vertragen einer ganzen Nation, und müssen, so lange diese dauret, dauren. 4 « Warum wir noch keine Geschichte der Deutschen haben **)? 1795. Gewiß treten sie nicht der verachtenden Kälte hei, mit der einige Stimmen Sohmidts Ge- «') Bemerk, über die Gesch. v. Erkr. B.h. Abschn. 5- ?') Aus der neuen deutschen Monatschrist, 262 H. Nachlese schichte der Deutschen in ihren letzten Thei- len ausgenommen haben. Sie ist, wie man sagt, schonend geschrieben; ich wollte wissen, wer in unsrer Lage der Dinge, auch auf der Gegenseite, von den Zeiten M a ri m i lia n s an , eine ganz unpartheyische Geschichte Deutschlands zu schreiben wagte? Das eben benannte Werk indessen ist in sich selbst beständig; cs ist mit großem Fleiß, nicht ohne Wahrheitsliebe, und mit einem heitern, ordnenden Blicke verfasset; wer's besser machen kann, wache es besser. Er schreibe eine Geschichte unsrer Nation, eine Geschichte der Deutschen. Eine Geschichte der Deutschen? Wer sind diese? Sind's die Deutschen, die T a- citus beschreibet, oder die Vandalen in Afrika, die Sueven und West-Gothen in Spanien, die Rügen, Herulen, Ost-Gothen und Longobarden in Italien, -tste Burgunder und Franken in Gallien, die Angeln in Britannien, oder gar die Picten in Schottland, die Skandinavier in Norden, die der Geschichtschreiber beschreiben soll? Wir schätzen alle des gelehrten Maskov's Werk *), aber als eine bloße Antiquität au s ge wander ter Völker. Urtheilcn Sie, ob aus diesen Zeiten für uns viel mehr, als von ihm und andern geleistet worden, zu erwarten stehet? *) Geschichte der Deutsche», Leipzig 1726 — 37. D. Antons Geschichte der Germanen verdient diesem Werk in vieler Absicht Leigcsügt zu werden. historisch-philosophischer Schriften. 263 Sollen wir Karls des Großen und seiner unglücklichen Nachfolger Geschichte unsre Geschichte nennen? Er, der uns als Barbaren behandelte, der unsere Hauptvölker, Sachsen, Thüringer, Baiern überwältigt, der unsre alte Verfassung zerstört hat, sollte unser Geschieht anführer werden? Möge scin Bildniß bei Kaiserwahlen umhergetragen , und auf sein Schwert und Evangelium dem Pabst der Eid der Treue fernerhin gelobt werden, habe er sogar unfern Kalender ordnen wollen; er ist und bleibt ein F r a n k c n k ö n i g, der mit seinem ganzen Geschlecht unferm Deutschland in mehr als einer Rücksicht von Grund aus verderblich gewesen ist. Also Sachsen, Franken, Schwaben; das alles aber waren Familien-Kaiser, die in Und außer Deutschland mit Horden umherzogen, Bischofthümer errichteten, Horden beschützten, und in Italien allemal so zu Schanden wurden, wie es, (so sagen wenigstens die Italiener) deutschen Horden geziemte. Jedermann ehret die persönliche Verdienste dieser Regenten; man gönnet ihnen das Glück, von Rom die Römerkrone erlangt zu haben, und wünschet nicht, daß Gclimer, der Vandale, Attila, der Hunne, Dschingis-Ehan und Tamerlan sie erlangt hatten; in allen diesen Heereszügen aber wo ist der Deutsche, wo ist Deutschlands Geschichte? Allen altern und neuern Ehronikschreibern, und diplomatisch - statistischen Kirchen - Staats - Lehii- und sonstigen Geschichtforschern bleibe ihr Werth; 264 II. Nachlese was von Maskov, Han, Bünau, Ludwig» Cundling, Gebauer, Olenschlager, Putter und mehreren, einzeln und allgemein geleistet worden, bebalte sein anerkanntes Verdienst; so auch die Geschichte Kaiser F r i e d r i ch s II., Maximilians, Karls V. und was sonst im Einzelnen Vortreffliches hervorgebracht worden. Bei dem allen aber wo ist die Geschichte der Deutschen? Nicht Deutscher Kaiser, nicht Deutscher Fürsten und Fürstenhäuser, sondern der Deutschen Nation, ihrer Verfassung, Wohlfahrt und Sprache? Kurz, was noch nicht geschrieben ist, zeigt durch sich selbst gnugsam, daß es bis dahin noch nicht geschrieben werden konnte. Wenn dies geschehen kann, wird's werden. Indessen versuche man, was man vermag, und schreibe Partie ular-Geschichte. M ö- se r mit seiner Osnabrückischen Geschichte ging voran; Spittler mit seiner Wirtcm- bergischen und Hannöver' sehen, andre mit der Geschichte ihrer Lander sind fortgeschritten; und vor der Hand was wollen wir mehr? Bestand nicht von jeher Deutschland aus mehreren Völkern? hat der Arabische Kaisermantel ihm eine Einheit geben können, die es nicht von Natur hatte, oder durch eine wirkliche, bindende und bildende Verfassung bekam? Sodann fahre man auf diesem, dem geprüfte- sten Wege fort und schreibe: Historisch - philosophischer Schriften. 26s 1. Eine Geschichte der Nationen Deutschlands, ihrer Abkunft, Verfassung, Sitten und Sprachen. 2. Eine Geschichte der Mcynungen dieser Nationen, dort und dann, ohne oder mit Erfolgen; nur redlich, ganz, und so vielseitig es immer seyu kann. 3 . Eine Geschichte der einzelnen und der Zusammcnbeherrschung dieser Nationen. Sie ist nicht blos die Deutsche Kaisergeschichte. 4. Eine Geschichte der Stande in diesen verschiedenen Völkern, des gemeinen Mannes, der G eist lich r e it und des Adels, ohne Rücksicht auf den Gesichtskreis unsrer Zeiten; treu und ganz. Der obere Stand gelte wie der untere, und allenthalben spreche nur der Men sch. 5 . Eine Geschichte des Deutschen N a t i 0 n a l g e i s t e s M 0 ser hat einige Bogen darüber geschrieben; es ward ihm widersprochen und behauptet, daß Deutschland gar keinen Na- tionalgeist habe. Er setzte dieser Behauptung gut- müthige P a t riotische Briefe entgegen, die aber wie gewöhnlich an den großen Deutschen vlemo geschrieben waren. Da nach dem Begriff der Amerikaner jeder Strom, jeder Baum, jede Wiese einen Geist hat: sollten die Deutschen Eichen, die Deutschen Berge und Ströme dergleichen nicht auch haben? Es werde also der Deutsche Nakivnalgeist gegen solche Verlapmdungen in Schutz genommen, und in Beispielen gezeigt, daß Deutschland von jeher, 266 II. Nachlese unverrückt, in allen Standen einen Nationalqeist gehabt babc, solchen noch Hube und seiner LErsaffung nach norhwendig auf ewige Zeiten haben werde- Mehr als Eine Bürgerkrone verdiente der Geschichtschreiber einer solchen Geschichte; einen Kranz von Eichen - Buchen- Fichten - und Lindenzweigcn; nur — muß er ihn sich selbst flechten. , ' . 5 . Historische Zweifel über F. Nicolai's Buch von den Beschuldigungen, welche den Tempelherren gemacht worden, von ihren Geheimnissen und dem Entstehen der Freimaurer-Gesellschaft 1782. (Mit einigen ungedruckten Zusätzen.) *) — 8i czuicl novisii revtius irlis Lünäiäus iinperti, si nor>, bis uiere nrscuni. An Herrn — Sie werden sich wundern, daß ein so unfertiger Briefsteller wie ich, Ihnen auf das mir gestern *) Deutscher Merkur d. Z. historisch - philosophischer Schriften: 267 «berschickte Buch so bald antwortet; aber so ist'sl Wenn einem Müßigen der Federball gerade zugeflogen kommt, schlagt er ihn mit der Hand weiter, oder sangt ihn gar auf. Ich weiß nicht, welches von beiden ich thun werde; aber antworten muß ich entweder gleich, oder ich antworte nimmer. Lassen Sie uns vom Ende anfangen; denn der Anhang über das Entstehen der Freimaure rgc sel lsch aft wird Sie wahrscheinlich mehr interessiren, als die oft ventilirtcn Beschuldigungen -es längst erloschenen Tempelhcrrenordens; mit einigen Worten über die letzten wollen wir schließen. Seit Lessing mir seine trefflichen Gespräche, Ernst und Falk, im Manuskript zuschickte, konnte es nicht fehlen, daß ich diesen Gegenstand, der mich als einen Laien sonst schon beschäftigt hatte, abermals vornahm, und ob ich gleich seinem System von der Entstehung des Frcimäurerordens nicht bei- stimmen konnte, durch die Unterhaltung eines so sinnreichen gclchrten Mannes auf manche Punkte aufmerksam wurde. Die Materie ist mir also ziemlich geläufig, und ich fange, ohne fernere Vorrede, sofort an, Ihnen meine Zweifel über diesen Versuch kurz und rund zu sagen. Wenn ich den dogmatischen Ton annehme, geschicht's nicht aus Anmaßung, sondern der Kürze halben und wie mir die Sache verkommt. Seyen Sie die historische Akademie, der ich diesen Versuch freundschaftlichst zueigne, in dem ich meinen Autor Schritt vor Schritt begleite. 1. Lessing leitet Masonei von Tisch (M eise) her, und erklärt's durch eine geschlossen« 263 II. Nachlese Tischgesellschaft, M a-s (M i a s , Miase) lh.ißt U - ings Tisch, und das G i m a z z e, Lisch- gesell, kommt davon her. In sülchen Sachen, dünk' mich, kann man sich auf Lessing verlassen. sch in i.inem sehr bekanntcn Wörterbuch *) führt noch aus Kaisersberg, das Wort Masgen offen für Tischgenossen an, und das Wo>t kelaca, Geselle, stammt wirklich davon her. Beim Agriko la heißt die Versammlung der Ritter oder die Tafelrunde Messen ei, und ich erinnere mich das Wort öfter gelesen zu haben. Es ist auch der deutschen Sprache völlig analog, wie das Wort Masköpei u. a. beweisen. Ich bin aber weit entfernt, den Ursprung der Freimaurer mit Lessing hievon herzuleiten; hier ist blos von der Abstammung eines ähnlichen Lauts die Rede. 2 . Gegcntheils kann cs gar nicht seyn, daß diese Massonei von ftlasouk, (tülava, ein Keule) herkommt, als ob's societas davata wäre **); woher unser Autor sogar das Wort Lluk herleitct. Club kommt her entweder von kleiden, zusam- men rufen (Angel - Sächsisch dxxian) oder besser von kleiden, umfassen , (Angel - Sächsisch dg'g- xun.) ***) Wir haben noch in unsrer Sprache den Ausdruck, wohlbekleiben, d. i. genau zusam- *) S. 647. S. auch Lcliilisr Olosrar. 1 'euion. k> 576 . LH. 85. *') Nikolai, S. 157. "') S. Wächters vlossar. S. SH6. historisch - philosophischer Schriften. 26z menbleiben, so wie das eigentliche Wort Klubbe oder Kluppe. Wir sagen noch , jemand in die Klubbe nehmen, d. i. in's länge bringen u. f. Doch wozu mehrere solcher Wortforschungen, auf die es hier gar nicht ankommt ? Freimaurerei hat weder von Tisch noch Prügel den Namen; sondern von Frei- und Maurerei, wie das Wort sagt. ssrse-Mssorr, krano - ist der Name, und das deutsche Wort ist blos übersetzt. 3 . Noch weniger trisft's dahin,' daß Kirchen der Tempelherren cle In M-ason geheißen haben *). Das Wort iVlason, Saison, Haus, war in der Mittlern Zeit oft und in mannigfaltigem Gebrauche, wie die Veränderung desselben in naasuAinm, rrm?- raArurn, lVIasULUAiurn, insüata, irmwsura, msnsio, naansionarius u. f. zeigen **). Noch brauchen wir's häufig bei adlichen, geistlichen, ritterlichen Familien - Bcfitzthümcrn , und das deutsche Hans, z. E. d. i. das Haus des deutschen Ordens, Prinz des Hauses, Recht des Hause s, sind jedermann bekannt. Es gab also wirklich eine Zeit, wo in gewissen Gegenden der Tempelherren Residenzen vorzüglich das Haus genannt werden konnten; und der Name blieb, wie immer solche Namen bleiben. — Also näber zur Sache. Der Vers, findet cs für gut, auf die R 0 senkreuzer zurückzugehen; Schade aber, daß ich mich auch über *) Nikolai. S. r58. S. ä u Itresn e 6lo8S»r. meä, Is'tinir, 270 II. Nachlese den Ursprung dieser Gesellschaft, die übrigens mit den Freimaurern gar nicht zusammenhangt, noch viel weniger mit ihnen Eins ist, in keinem einzigen Punkt genau und ganz begegnen kann: denn 4. Es ist ganz unbewiesen, daß Valentin Andrea je eine Gesellschaft der Nosenkreuzer habe stiften wollen, oder etwas der Art im Sinne gehabt habe. Ec fand eine zahlreiche Gesellschaft, ja vielerlei Sekten und Gährungen vor sich, ll>ie er mit seinen paar Schriftchen thcils zum Besten haben, theils von ihren Traumen abbringen wollte. Ich will jedes Wort, das ich gesagt h«be, beweisen. Andrea selbst sagt in seiner geschriebenen Lebensbeschreibung, die ich mit einer Zuschrift und Randglossen seiner eignen Hand aus der Wolfcn- büttel'schen Bibliothek gehabt herbe: jam a sseun- rlo et tertio post millesimum sexcentesimum voeperam aiiguicl exercenäi in^enii erZo p:,r- Asrs, cujus kacils prima kuers Esther et Ilz'acintirus lüomoeäiae, acl asmulationem AnZIicorum histrionum jureniii ausu kactae^ e guikus posterior guas mihi religua est, pro aetats non clisplicet. Lscuta sunt Veneris cistsstatio et I^acr^mss, trikus clialoAis satis prolixis, guas invito ms psrisrunt. 8uper- luerunt e contra nuptias Lir^micae, eum monstrorum koecuncio kostn lurlihrium, guoci mireris a nonnulüs as- stimatum et suhtili incla^ine explicatum, plane kutils et guocl inarritatem curiosorum historisch-philosophischer Schriften. 271 xroclst. ^igue kineo roripitionuirr xraeluclin kuers, czuikus illsur variae leotioui; InAuiAi- tatiouem exousrnvi. — Also war seine chpmische Hochzeit blos ein luäiliriuui, damit er die zahlreichen ruonstrn seiner Zeit durchzog: er steht's selbst als eine Comödie oder Roman an, mit dem er sich seiner übermäßig gesammelten Lectur habe entledigen wollen. Und wahrlich, das ist das Buch, jedem, der's uneingenommen lieset. Andrea hatte Dichter, Historiker, Philosophen, Theologen, Chymisten u. f. gelesen; er hatte ungeheuer viel gelesen, wie man aus allen seinen Schriftchen sichet. Er war ein feiner Kopf voll Einkleidung und Dichtung, wie er denn beinahe nichts ohne Fiction schreiben konnte : (auch dies zeigen alle seine Schriften). Jetzt war er 21 (nicht 28) Jahr alt, dg er den wirklich schönen Roman, die ch »mische Hochzeit, schrieb: und sein eigenes Bekenntnis., so wie auch der ganze Inhalt und Ton der Schrift, zeigen durchaus, daß die ersten weitaurfthendcn Absichten ihm ganz fremde gewesen, die ihm der Verfasser des Anhangs zuschreibt. Er fand eine ungeheure Sekte vor sich, hatte sich auch an ihren Büchern vollgestopft, und wollte — sich erlusiigen, oder sie etwa bessern und von Thorheiten zurückführen: nicht aber brütete er, auch nur mit einem Gedanken, die Sekte aus. Uird welches war die Sekte, koscuuckus kostu; ruouztrorum, die er vor sich fand, und die ihm zum luclikrio diente? Das weiß jedermann aus der Geschichte des Jahrhunderts: es waren die Paracelsisten, Weigclianer, Alchp- 27 » l/! Nachlese misten u. f. die, vom Jahrhundert der Reformation her, Deutschland übersciMemmten, und um so stärkern Anhang hatten, je mehr sie gedrückt und verfolgt wurden. Die Theologen haßten sie als Ketzer, die Aerzte als Marktschreier, die Schul-Phi- losophen als Schwärmer: der große Haufe indeß trauete ihnen Wunderdinge zu, weil sie sich in das Kleid der Einfalt, Frömmigkeit, Demulh, oft will- kükrlicher Armuth und einer Bereitwilligkeit, allen zu dienen, einhüilten, auch wirklich, wie unlaugbar ist, vieles Gute hatten. Man weiß, baß Arndt, (den Andrea sehr hoch hielt, und um deswillen er viel leiden mußte,) aus Weigels Schriften manches in sein wahres Ehristenthum einrückte, und so wie überhaupt die Extreme immer neben einander sind, konnte es nicht fehlen, daß, da in der Theologie der elendeste Streitton, in der Philosophie der lcereste Wortkram herrschte, sich die denkendrn Köpfe und fühlenden Gemüther auf die Gegenseite zusammenrotteten und auch da Key so sockenden und schlüpfrigen Abwegen sich zu weit verloren. Chemie, Alchemie, Mystik, Traumdeuterei, Astrologie waren im höchsten Ansehen und es konnte nicht anders seyn, als — wie es ja auch jetzt wieder zu werden anfängt—daß mancherlei Betrug und Wahn dahinter leine Zuflucht suchte. Beiden Extremen ging also der vortreffliche Andrea in allen seinen Schriften za Leibe; der leeren Wortklauberei wie der Geistsucherei, (wenn mir das Wort erlaubt ist,) der herrschenden Strcitbegier, wie dem Betrüge, der im Finstern schleichet. Meistens that er's spielend; aber sein Spiel war voll Ernst, voll Scharfsinn, voll Güte historisch-philosophischer Schriften. 273 Güte des Herzens und umfassender Aussicht. Solch ein Spiel war auch seine ssarwu ssraterrirtutis *), nebst der Allgcmeinen und General-Reformation der ganzen weiten Welt, darinn er die Geschichte von einem Christian R 0- sen kreuz, der schon in seiner Chymischen Hochzeit erschienen war, weitet dichtete, sie mit Reisen, Wundcrzügen, Regeln und Confefsion einer geheimen Gesellschaft ausschmückte. wie sie das Zeitalter liebte und in hundert ähnlichen Traumen im Ernst glaubte **). 5 . Aber wie kam er zum Namen R 0 senke e u z? Existirte der Name schon als Secte? oder ist ec, wie unser V. sagt, „allegorisch, daß das „Kreuz die Heiligkeit, Rosen die Verschwiegenheit *) Die kam» kraternitabw ist wirklich r6rg. gedruckt : sie war aber viel früher schon im Manuskript umhergegangen. Denn Haselmeyer in Tyrol hatte sie schon, wie er selbst sagt, 1610. gelesen, und beantwortete sie 1612 schon mit einem gedruckten Schreiben, das sich anhebt: „wie Geringfü- „gige von der Theophrastischen verworfnen Schul- ,,und Tyrvltschen Mineral - Gebirg wünschen. Es erhellet also, Key welcher Gattung Leuten die Andreäischen Schristchen anschlugen. **) Man s. hierüber noch weitere Erläuterungen des Verfassers in seiner Vorrede zu Sonntags Ueber- setzung von Andreä Dichtungen 1786. (Im XIII. Band der Werke zur schönen Lit. und Kunst.) H. Herders Werkez.Phil.u.Gesch. XIII, S kl. 9s ach lese '-^74 „der Gesellschaft andeuten sollten; daher kommen, „fährt er fort, die 3 Rosen auf de» Schürzen der „Ireymaurer u. s. " *) Nichts von allem ! Daß Kreuz und Rosen bcy Alchymisteu und Theoso- phen lange sehr beliebte Zeichen gewesen, ist bekannt; daß der Name Ritter vom Rosen kreuz schon klingt, sagt uns das Ohr; bep Andrea kam aber eine andre simple Ursache, bald Spaß halb Ernst, hinzu, warum er in der Ehämischen Hochzeit seinem irrenden Ritter, der im Grunde er selbst ist, diesen Namen wählte — rühmlich — erschrecken Sie nicht — das Kreuz und vier Rosen waren sein Familien-Petschaft; er konn- te und mußte sichalso^im eigentlichen Verstände N i l, ter von Rosenkreuz nennen. Schon sein Groß - Vater, der berühmte Jakob Andrea**), hatte es, und da dieser eines Schmidts Sohn war, und das Geschlecht zuerst heraufbrachte: so hatte er's, als ein eifriger Lutheraner und Mitverfasser der ssormulae Loooorckiae, wahrscheinlich aus Luthers Petschaft mit dem bekannten Vers: DcS Christen Herz auf Rosen geht, Wrnn's mitten unterm Kreutze steht, *) S. 7>. **) S. Unius LlicireanL rekloresvens, curante !c>. Vul, i63o. bey den Bildnissen der Familie. Der Sohn unsers Valent. Andreä nannte seine beyden Töchter Lugustana contss- sio, die andere koriliul» conooräiae, woraus man den Geist lder Zeit abnehme» kann; wenn man ihn nicht sonst schon aus hundert Denkmalen wüßte. historisch - philosophischer Schriften. 27S gewählt. Andrea spielt in seinen Schriften oft darauf an, r»rd findet unter dem Kreuz die wahren Rosen, d. i. Weisheit, Freude und 'Ruhe der Seele; doch ohne Lheosophischc Grillen und mystische Gaukeleien Die Theophrasten nahmen das Ding anders: denen kam der Name, die Fiction von Christian Rosenkreuz aus Fez und Damaskus,, die Chornische Hochzeit und geheime Fraternität, recht. Jeder knüpfte dran, oder sog daraus, was er wollte: dem Kinde rrar ein neuer Name gegeben und das halte man erwartet. Es ist unglaublich, wie viel Schriften und Schriflchen in den Jahren 1614 — 1619 über die Fraternität he raus ge kommen, und wie schnell manche wieder gedruckt sind. Ich kann Ihnen.,s da der Autor 2 anführl, gegen 00 anführen., die ich alle vor mir l>abe; die größer« Werke von Fludd, Maier, u. a. noch ungerechnet. Was unser Verf. davon anfuhrt, ist sehr unvollständig; cs ist aber auch kaum der Rede rverlh, in langen Titeln der Art vollständig zu seyn, wenn man nicht den Zweck hat, eine charakteristische Geschichte dieser Sekten zu schreiben, welches jetzt meine Absicht nicht ist. — Genügt Andrea sah bald, was sein Spaß für ernstliche Verwirrung in den Kppfen dieser Leute machte, und rhat was er konnte, feine Absicht deutlicher zu erklären. Er schrieb seine Inaris Lakai, seine Institntio inaZiaa xro auriosis, seine Invitatio» ad kratsrnitatsm Ekristr '— und was soll ich alle seine Schcistchen anführen? denn in jeder kommt etwas dieser Art vor. Ich wünschte, daß der Ungenannte, der im Deutseh«!» . S 's II. Noch lese 276 Museum und sonst, einige Gedichte, Parabeln und Gespräche von ihm bekannt gemacht, und ein Dcnkma l desse l b en au s seinen Schriften für unsre Zeit versprochen hat, sein Wort bald erfüllte. Es ist ein ungemein scharfsinniger, die Welt kennender, dichterischer, lieblicher Geist in seinen Fiktionen: und viele derselben hat unsre Zeit hpchnöthig — — Schon das ist ein Kcichen von der wunderbaren Uebcrlcgenheit dieses Mannes über sein Zeitalter, daß ein jugendlicher Scherz, eine geistliche Kurzweil, wie er's nannte, in ein Paar Bogen von ihm, gedruckt und ungcdruckt, so vicl Bewegung machte. Nicht jedermann gclingks, einer so zahlreichen und unter sich selbst so verschiedncn Sekte, ja einem Nest von Sekten, in den cultivir- testcn Landern auf einmal einen Namen zu geben durch — einen Spaß seines Petschafts *). *) Mehr als bas angezeigte und erwiesene hat An« dreä nie mit den Rosenkreuzern zu thun gehabt, auch nicht zu thun haben wollen. Da er in Worten und Schriften zur Fraternität des Christen- thums rief, that er's auch im Werk, und stiftete 1620. eine societstem Oliristianam, die er in seinem Leben selbst beschreibt; es war eine Gesellschaft der Wohlthätigkeit und Milde, die vicl Gutes gewirkt hat. In seinem Leben sagt er, wenn er auf diese Schriftchen kommt: Suocessit äe- inuin pc>8t unani gltorninhne sst kraternitatLiii Lbristan. invitatioiiem. luclibrio illo R.o- «encrnciano 0 x x 0 8 i i-> vi, ilis ple»n8 invlclia IVIeiuppns etc:. So sah er also die Sa- historisch - philosophischer Schriften. 277 6. Dagegen aber ist's völlig unerweisbar, „daß „Andrea mit seiner Fama und Neforma- „t i 0 n d e r g a n z c n W e l t, dem Bacon zu „seiner lustaurations inaZna, wo „nicht die erste Idee, doch einen An- „trieb mehr gegeben habe" wie unser Autor vorgiebt. Wer die Schriften Bacons und die Fraternität gelesen, wird sich wundern, wie die beydcn Sachen zusammen kommen; hier Scherz, dort der gründlichste Ernst, der aus des Englischen Wcltwei- sen ganzer Seele herausgeht, und, wie offenbar zu sehen, sein Nervensaft, das Werk seines Lebens und Dasepns ist. Alle seine Schriften greifen so sehr in einander, er wiederholt seine besten Gedanken so oft und auf so originale Weise, daß man sieht, sie sind aus seinem Herzen erwachsen, in seiner Brust ge- nabret. Zumal die Iristauratio inaZna scientia- ruin, was hatte sie mit dieser allgemeinen Reformation im Munde eines Rosenkrcuzes gemein? Auch den Titel nicht einmal, denn dieser lag in der Sache, im Inhalt des Werks selbst; und wie große Titel hatten Lullus und die Scholastiker schon gebrauchet! — Die Einkleidung seiner Atlantis (so heißt das Buch, nicht Atalantis, wie hier immer gedruckt ist,) dürste nicht die mindeste Beziehung auf Andrea oder die Rosenkreuzer haben. Es ist ein Roman, wie es damals ja mehrere gab, wovon ich des Morus Utopien, Knights Munclus alter et iclsm, des Eampanella Eivitas 8olis allein che fortgehend an: auch in seinem IReopdilo sind garke Stellen gegen die Rosenkreuzer. 278. II. Nachlese anführe, und aus Büchern, die dem Baeon ge» wiß naher waren, viel mehr anfüdrcn könnte. Je» dermann weiß, wie der Geschmack an wunderbaren Landern und Reisen damals derrschte; niche in Eng- land allein, wo unter der Königin Elisabeth Virgi, nien entdeckt ward, und unter Jakob der Ritter Naleigh ja das Goldland entdecken wollte; sondern beynah in allen Ländern Europens. Reiftbe- fchreibungen kamen hanflg heraus, erdichtete und wahre: wie in den dunkeln Zeiten die Pilgrimschaf- ten das beliebte Vehikulnm geistlicher Romane gewesen waren, so wurden es jetzt Entdeckungen, Schifffahrten, Reisen. Bacon fand also die Platonische Atlantis wieder, und kramte seine gelehrte Ideen auf derselben aus, wie Sidnei sein Arendten schrieb, und nach der Zeit so viele Utopien, glückliche Inseln u. dgl. geschrieben wurden. Unscrm Philosophen war die Einkleidung und Dichtung des Ganzen überhaupt das Kleinste; in ihnen geht der Philosoph oft mit dem Dichter durch. — Kurz die Atlantis hat mit den Dichtungen der Rofenkceuzer im Wesentlichen und Ganzen nichts gemein: der weiffe Turban und das rothe Kreuz auf demselben, die einmal als Zierath Vorkommen, sind Zierats, im Geschmack der damaligen Zeit, wo ausländische und Ritter - Ideen sich mischten. — Endlich wie können doch Nosenkcenzcr zn Bacons Instuuratio rriuAna auch nur Anlaß, geschweige die erste Idee gegeben hadcn? Bacon war r56r geboren*); schon in sei- > S. Racons sehr vollständige Lebensbeschreibung in der B-int. Biographie» Th. 1. S. stör, teut- tche Ausgabe. historisch - philosophischer Schriften. 279 ner Jugend bezeigte er einen Eckel am Aristoteles: i 586 schrieb er schon seinen lemporis partum msximum , welcher Name weit mehr als Instau- rativ maZna sagen wollte und den Vorriß seines großen Baues der Wissenschaften enthielt, wie er nach 40 Jahren selbst sagt. i 6 c >5 kam sein Buch vom Wachsthum der Wissenschaften heraus, an dem er von Jugend auf gearbeitet hatte; und die gefärbte Dunst-Wolke der Rosenkreuzer entstand 1614. i 5 . also io Jahre, und nach dem ersten Werk, das auch Gruter gesehen hat, beinah 3 c> Jahr spater — 7. Eben so unbewiesen ist's, daß Bacons Schriften, zumal seine Atlantis mittelbar oder unmittelbar zu Errichtung einer Gesellschaft esoterischer Wissenschaften, in der man die Geheimnisse der Rosenkreu- zer geschwinder zu erfahren hoffte, Anlaß gegeben, und daß diese 1646 errichtete Gesellschaft der Orden der Freimaurer gewesen oder geworden sei)*). — Ohne Zweifel werden Sie, mein Freund, hier am aufmerksamsten werden; und ich selbst bin cs, denn alles Vorige gehört bewiescnermaaßen nicht bieder. Dieser Punkt muß also strenge dargethan werden, wenn in der Hypothese des Verfassers vom Entstehen des Freimaurer-Ordens Etwas bewiesen seyn soll. Gerade aber Er ist nicht blos unbewiesen, sondern völlig g c sc h i c h t s w i d ri g. Daß Bacon zur Errichtung der Socictat der > Ricslal, S. > 8 ) — igZ. II. Nack, lese 280 Wissenschaften in London Anlaß gegeben, ist bekannt; es ist aber auch Fabel, daß er dies vorzüglich durch seine Atlantis gelhan habe. Sein König SalomvnainBen Salem (Jakob I.) führte von seinem Entwurf nichts aus, und der Sohn desselben mit dem iPalmzwcig (Karl I.) konnte davon nichts ausführen. Einzelne Gelehrte ver- sammleten sich; und es wäre schlimm, wenn dies? sich der Einkleidung der Atlantis wegen versammlet hatten, zu der sie in den damaligen verwirrten Zeiten so wenig Aussicht vor sich sahen; sie thaten's aus Liebe zu den Wissenschaften nnd der neuen Methode selbst, die Bacon in seinen größer» Schriften so nachdrücklich empfohlen hatte. Eben weil sie sahen, daß der Traum der Atlantis hin war, oder daß man noch lange darauf warten müßte, griffen sie das Werk ganz romanlos an, wie Sprats Geschichte der Sozietät deutlich saget. Nun aber ist's ganz unbewiesen, daß sich dieser exoterischen Gesellschaft, entgegen eine esoterische zusauunengethan habe, und daß dies das Entstehen der Frei mäu rer gesellschaft gewesen, die Aschmole so nach 1646 errichtet habe. Wer war begieriger, als ich, von dieser unerhörten Sache den Beweis *) aufzuschlagen? und wer war erstaunter, als ich, da ich ihn aufschlug? Gerade das entschiedenste Gcgenthcil enthalt die Stelle von dem, was der Nerf- sagt,, und ich begreife die Eitation noch im geringsten nicht. Sv heißt die Stelle: „Den ab. Oct. 4646. wurde Aschnitzle *) Liogr. Lrikgnn., Th. h. Der Uebers. S> 7H0. historisch - pbilosophi'cher Schriften. 8?>r „zu einem Mitbruder der alten und ehrwürdigen Gesellschaft der Freimaurer erwählt, welches „er für einen sehr vorzüglichen Charakter ansah. Er „hat uns daher von der Loge, welche zu Warring- „ton in Lancaschire angelegt worden, eine sehr „umständliche Nachricht crtheilt; und in einigen seiger Handschriften sind sehr schätzbare Sammlungen „befindlich, welche die Geschichte der Freimäurer be- „trefsen," Also war die Gesellschaft der Freimäurer schon eine alte, ehrwürdige Gesellschaft, da Aschmole in sie trat, eine Gesellschaft, deren Alter- thum er als Altcrthumsforscher zum Gegenstände seiner Untersuchungen machte. Und A schmale hätte sie errichtet? Sie hatte zu Warrington eine Zusammenkunft gehalten, aber zu London zuerst ihre Consistenz bekommen? Ich fordre Sie auf, mein Freund, mir in Schriften alter und neuer Zeit eine unstatthaftere Citation zu zeigen. Und die weikläuftige Note *) der Lebensbeschreibung setzt ja den Umstand dieser Ausnahme und der Untersuchungen Aschmole's über das Alterthum der Gesellschaft in ein vielleicht nur zu Helles Licht. Es wird die Quelle angeführt, woher der Lebensbe- schreiber den Umstand hat: es sind Briefe, die Dr. Knipe dem Verfasser mikgctheilt, in denen folgendes die Stelle ist, aus der jene Relation floß: „In „Ansehung der alten Gesellschaft der Freimäurer« „von welcher Ihr so viel zu wissen begierig scyd« „als man mit Gewißheit wissen kann, will ich euch ') Note E, S. 28s II. Nachlese „bloß soviel melden, daß dafcrn unser würdiger „Bruder E. Aschmole seinen gehabten Vorsatz „zu Stande gebracht hatte: unsere Brüderschaft ihm „eben so viel zu verdanken gehabt haben würde, als „die Brüder von dem hochansehnlichen Orden deS „Hosenbandes." (Aschmole schrieb nehmlich eine Geschichte desselben in Folio, deren Titel ich unten an- führe *)., „Ihr habt nicht Ursache, Euch diesen „Ausdruck befremden zu lassen, oder denselben für „gar zu vermessen zu halten. Die Oberhäupter die- „scS Ordens haben es nicht für schimpflich gehalten, „unsre Wilbrüdcr zu scyn; und es hat Zeiten gegeben, da sogar Kaiser Freimaurer gewesen sind." (Hier folgt der Umstand , den Hr. N. anführt, daß die Bulle unter der Regierung Heinrichs III. nicht, du Freimaurer, sondern die Maurer angehe: er bah sie mitten aus der Erzählung, die gegen ihn ist, herauszureißen für recht gefunden; ich wiederhole sie also nicht. Der Briefsteller fahrt fort:) „In Anhebung der Zeit und der Art und Weise dieser Anordnung (des Freimaurer-Ordens) will ich etwas „aus diesen Sammlungen (nehmlich des E. Aschmo- ,,le) erzählen. St. Alban, der erste Martrer von „England, hat das Maurerhandwerk allhier eingc- „fühct, und von seiner Zeit hat dasselbe, wie es „der Lauf der Welt mit sich gebracht hat, bald „mehr, bald weniger geblühet, bis auf die Zeiten *) tlre lnsiitutians, 1.3 w» »nä Oersvasnies c>i ibe nolile Oräer c >1 ibe Lavier l>^ Lilas, Lilrmole, Lsg. Lenil. 1672. kol. historisch - philosophisch.",? Schriften. 2 !'8 „des Königs Adelston herab," — — Erlauben Sir daß ich nicht weiter fortfahre. Der Altcrkhumsfor- scher Aschmolr gefällt mir so wenig , als A sc.h- mole der Astrolog und Adept. Er führt den Or- den durch die Normannischen Fürsten bis auf seine Zeiten hinunter; das merkwürdigste dabe» ist, daß er eine Parlaments - Akt» Heinri e h s VI. gegen die Freimaurer anführt, die ihnen Kapitel und Logen zu halten verbeut, und nachher, heißt es,, aufgehoben wurde. Ich wäre diese Akte, die in Fer- din. PultonS Loliset. ok LtatulsL klsnr. VI» eupa, I stehen soll, zu lesen begierig, Uebriqens gesteht der Verfasser dieser Nachricht, daß, „weil dienst Gesellschaft so alt ist, daß sie beynah höher hin- „aufstcigt, als die Urkunden reichen, so se» es kein „Wunder, daß die Geschichte derselben mit Fabeln „vermischt se» u,.s." Gnug für uns, daß ?lschmo- zs diese Gesellschaft r6g6 nicht gestiftet, sondern als einen Gegenstand des grauen Alterthums betrachtet und sogar bis auf St. Alban zurückgeführt habe. Noch beschreibt Aschmole selbst eine Loge,, der er 1682 um ö Uhr Nachmittage in der Maurerhalle in London bcigewohnct, in l»r er der älteste gewesen, indem seit seiner Aufnahme Zü Jahr verflossen waren.. Er nennt die Mitglieder und sagt: „wir wurden alle in dem Wcinhausc des halben „Monds in Ehcabside mit einer schönen Mahlzeit „bewirthet, welche auf Kosten der neuaufgenomme- „neu Freimaurer, zugerichtet worden," Das waren also die esoterischen Wissenschaften, die,, nach der Mepnung. unsers V,,. die von Aschmolr 1646 ausgcrichtete Gesellschaft der Fr, M. uieb! Und dies ist der Grund seines ganze» Gebäudes! 71. Nachlese 2N4 Wie werden Folgen, die Sparren und Latten des Gebäudes seyn! Doch ich habe mich müde geschrieben: .Leben Sie wohl * *). Zwey (ungedruckte) Zusätze des Verfassers, r) Roscnkrcuzer. *) Kaum scheinen zwey Symbole weiter aus einander zu liegen, als das Kreuz und die Rose; diese ein Sinnbild der Freude und des Vergnügens, der Jugend und Schönheit, der Lust und Liebe; jenes ein Svmbol des Schmerzes und der Schmach, der Geduld und gänzlichen Unterwerfung. Indessen hat die mcnschlieie Phantasie, durch das Christenthum begeistert, auch sie zu vereinigen gewußt; am Fuß und auf der Dornenkrone des Kreuzes entsprangen Rosen. Der Rosenkranz in de» mittleren Zeiten und so manche Brüderschaften desselben zierten sich mit diesen Symbolen; der Mystik war sie sehr willkommen, da sie Lust und Schmerz, Liebe und Geduld, Schmach und Ehre in den höchsten Extremen paarte. Pie Vereinigung dieser Symbole muß man also nicht als eine Erfindung dieses und jenes betrachten; Kreuz und Rose sprechen sich selbst aus, und die Brü- dcrschaften des Rosenkranzes, nebst vielen geistlichen Devisen und Emblemen bereiteten gnugsam zu einer Gesellschaft vor, die sich Rosenkreuzer nannte. Es durste nur eine Anregung solcher Art, als Joh. Valentin Andreä's k-nrra tr>'»terint. historisch-philosophischer Schriften. S97 i635 den Orden zum drittenmal verändert — daß, weil Er die Pauls-Kirche bauete. Er allen Mitgliedern nun auflegte, Baumeister zu werden, und das Salomonische Haus jetzt, j e tz t in den Tempel — nicht Christoph Wrens, sondern Salomens umschuf; daß diesen engen Handwerksspaß des Baumeisters jetzt alle Freimaurer nachmauren, ohne daß der Tempel Salomons oder die Pauls-Kirche zu Stande komme. — Ich bin begierig, wie die Mitglieder des Ordens diese zeug- nißlose Entdeckung aufnchmen werden, die die Gesellschaft bald zu einem Dunst der Rofcnkreu- zer, bald zum sinnlosen Nachhall einer verlebten politischen Parthei, bald gar zum Handwerksspaß eines Baumeisters macht. Schwiegen sie, lobten sie; nun wahrlich mir als Laien gälte es gleich — Doch warum sollten sie nicht loben? Die R 0 , scnkreuzcc prrrno, denn die lassen sich jetzt am lautesten hören: jede Messe bringt eine Anzahl al- chymistischer und thcosophischer Werke nn's Licht; darum sind sie auch in diesem Buch die Urheber oder Veranlasser der Gesellschaft. Die P h ilosop Herr müssen das Büchlein lesen: denn der große Canzler Bacon hat ja das Salomonische Haus in seiner Atlantis gestiftet, und ich wundere mich, daßer als Vicegraf von St. Alban, nicht auch St. Alban selbst, der Erste Maurer, gewesen. Die Politiker müssen es lesen : denn ihr Orden hat den vcrlohrnen Sohn auf den Thron erhoben, und sucht jetzt noch den verlohr- nen Sohn. Endlich die Tempelherrn, Deisten, „die an den Gort glauben, der II. Nachlese 298 „nicht gestorben ist, nicht sterben „kann, auch daneben das Kreuz ver- „speien und den Kopf des Baffomelus, „d. i. die Taufe der Weisheit vereh- „r e n *)," müssen es lesen: denn hievon ist bei Gelegenheit der Tempelherrn so viel Vortrefsli- ches aus der Gnostik gesagt worden, daß — ich denn nun auch darüber noch einige Worte sagen muß. Sie mögen lesen wollen oder nicht: der Ba- phometus ruft mir! und ich kann nicht anders. Also, vom Versuch über die Beschuldigungen, welche dem Tempelherren- Orden gemacht worden, und über dessen Geheimniß. Ob der Vers, gleich in der Vorrede **) hofft, „dieser bisher sehr dunkel» Sa- „che so viel Licht aufgesteckt zu haben, daß die „Wahrheit deutlich zu erkennen ist: ob er gleich „seine Arbeit als einen neuen Beweis angibt, wie „viel noch in der Geschichte aufzuraumen ist, „und welch eine andre Gestalt sie haben würde, „wenn die Nachrichten, die wirklich da sind, gehörig nachgesehcn und in's rechte Licht gestellt „würden, welche zum Theil aus Vorurtheil von „den Geschichtschreibern nie gehörig gebraucht „worden:" so kann ich doch nicht einsehen, wie die Sache jetzt im mindesten weiter sey, als sie war? und ob den bisherigen Geschichtschreibern des S> ior. 146. *') Vorred. I. historisch - philosophischer Schriften. 299 Ordens nicht hiemit Unrecht gelbem werde? Schon Gürtler Hot den Du-Puy gebraucht: Anton gleichfalls; wir haben aber mit ihm nur immer eine Stimme. Wir können die Tempelherren jetzt nicht mehr abhörcn; wir hören sie nur aus den Protokollen ihrer damaligen habgierigen Feinde, der Inquisitoren: und auch aus ihrer Relation, und aus der Geschichte des ganzen Prozesses wird ja theils das U nü b e r c i n s ti m m e n d e der Aussage, theils das Harte und G ewalt th ätig e, endlich das Abergläubische und V oru r th eilige ihrer Berhörer offenbar genug. Ich will sie mit Nichten ganz rechtfertigen: denn ein stolzer, ausgelassener Orden war's zuletzt, wie alle Gesellschaften der Art in zu großem Reichthum und Müßiggänge werden, und jene in jener Zeit vorzüglich werden konnten; aber der Autor thut nicht gut, daß er nur einige Beschuldigungen aushebt, und nicht eben sowohl auch in Fragen und in der Art zu verfahren ihre Richter charakterisiret. „Die „Katze z. E., dir ihnen zuweilen in ihrer Congrc- „gation erschienen, und die sie in vituperiunr „LIrristi et siclsi ortsiocloxas angebeket *) nebst andern dergleichen weisen Untersuchungspunkten, verdienen doch auch Rücksicht. Doch ich will nur bei ihrem Geheimnis (wie es der Vers, nennt) dem Bilde des Bapho- metus bleiben, „das sie in ihren General- Kapiteln gehabt, angebetet, und bei der *) Ou-?ui S. isir Brüsseler Ausg. 1713. II. Nachlest Zoa Aufnahme mit dem ledernen Gürtel, den sie bekamen, berührt haben sollen. Was war das Bild? was bedeutet der Name? Der Vers, hat einen großen Abschnitt *) darauf verwandt, „zu zeigen, daß die Benennung „griechisch sey und buchstäblich — hören „Sie zu! — buchstäblich ^1^,, die Tau- „fe oder die Tinktur d e r W e i s h e it bedeu- „te." Sie staunen, als ob Sie den Baphomc- tus selbst vor sich sähen? Staunen Sie nicht! Der Autor fükrt Sie in alle Geheimnisse der g nostischen Lehre, der Kabbala, der Ophiten, B asi l i d i a n er, K a r p o c ra t i a n e r, Magier — und o! da können Sie viel lernen! — nur nichts, was zu unsrer Figur und ihrem Namen gehört. So viel barbarische Worte diese Sekten in der Sprache ihrer Geheimnisse und Amulete hatten, so sind mir diese „die ganz fremde, hatten sic; von 3 auf die bärtige Tinktur der Weisheit? Endlich sagens die Verhörsartikel selbst deutlich. Von der Schnur, mit dem das Bild berührt wurde , wird gesagt : lagnslls etoit Isur irr ali o rri- merie *); und ein armseliger anonymer Bruder ajouts cstta ^artiaularits, daß der Großmeister auf's Bild gezeigt und gesagt habe: Lgri-arärr 7 alla Was wollen wir mehr? Damit war nun freilich auf die armen Tempelherren gebracht, was man nur auf sie bringen konnte. „Sie beten den Mahomed an, sie verlaugncn Ehristum: sie schreibens nicht Christo, sondern Mahomed zu, daß er sie selig, die Erde grün, die Baume wachsend mach e^ u. s. f. ***) — die Menschen mußten verbrannt und ihre Güter eingezogen werden. Ob «her diese Beschuldigungen Wahrscheinlichkeiten? Ob der Kopf, den man Mahomed lauste, nicht einen ganz andern Ursprung gehabt ? ob die Tempelherren , wie unser Autor vorgibt, mehrere Receptionen und überhaupt ein Weisheitge- heimniß in ihrem Orden gehabt haben? — Hatten Sie wohl Lust, mich darüber ein andermal zu Horen ? Sie werden freilich keine gnostische Geheimnisse, aber doch auch sonderbare Sachen lesen. Leben Sie wohl. -) vu-kui S. -6. ") S. ,3l». **') Du-kur S. «3. II. Nachlese 804 Dritter Brief. Seyn Sie sicher und gewiß, daß Baphomet in der Welt nichts als Mnhomet bedeute. Es ist unrichtig *): „daß der Name in einem lateini- „nischen Schriftsteller ein einzigmal als Name „des Propheten vorkomme" — Schlagen sie das erste Buch auf, das man hierüber nachschlagen kann und muß **), RonZarsir Ossta Osi per si'ran- cos; in Raimonds Geschichte Jerusalems werden Sie den Namen ganz gewöhnlich finden. Mahomct heißt Bahometh, B a h u- meth; die Moschee heißt, so oft an sie gedacht wird, B affo m e ri c, B a sfu m e r i e; Lukku- irisriain kacsrs heißt Mahomcdanischen Gottesdienst halten, und Christ werden heißt anstfisnmtirars Laliuwistlr, Und das ist nur ein Buch, ein Schriftsteller? wie wenn man die Jagd verfolgen wollte ***). — Also *) Herrn Nicolai Beschuldigungen dek Tempelh. S. rrg. **) Lonßarv gests Del, Hsnov. iLri. p. rhA. rbo, 16h. r65. 171. u.s. ***) Der Name Mabomeds ward so verstümmelt, daß ihn jede Nation anders nannte, die Franzosen lVInlrom, die Spanier bUsIroma, Maurnaä, die Eng- historisch-philosophischer Schriften. 3oS Also ist das Hrn. Nico lni s^jn» geheime Tinktur der Weisheit bey den Tempelherrn, die blos aus diesem mißverstandnen Namen her ist, unwiederbringlich vcrlohren. Und da der Zweck seines Buchs daraus gesetzt, da dem B a- phometus zu gut alle seine cabbalistische und gnostische Gelehrsamkeit zusammengctragen ist: so sehen Sie, das alles liegt im Staube. Mit Nichten war der Kopf Baffomets, auch nur als Anschuldigung betrachtet, ein Geheimnis; noch weniger ein O r d e n s g e h e i m n i ß, das nur den Tempelherrn im dritten Grade bekannt seyn konnte; am wenigsten unter allen war ec eine geheime Tinktur der Weisheit. Wenn ich Ihnen zeige, das; er die gemeinste Romanlüge und Pöbelsage war, die damals existirte, die Jahrhunderte durch existirt hatte, und fast in alle Länder des Christenthums verbreitet war: wenn ich zeige, daß cs eben die gröbste Beschuldigung war, die man den Tempelherrn machen konnte, und die sich durch ihre Absurdität, durch ihren inncrn Widerspruch, selbst aufhebet: was werden Engelländer IVlasiouirst, die Teutschen Mabmet, Machmet. LaKnmeto, Lakkomete war vielleicht die prvvenzatische Benennung; denn es ist bekannt, daß diese Mundart des Wohllauts wegen alle Namen sehr veränderte. Man sehe den Lon- gsrs. x. hg. ao?. 114Z. und in lVluratori Leripi, rer. Irak. ll?. VII. p. 1022. und sonst, wie vielfach der Name verändert und verstümmelt wurde. Herders Werke z.PH>l.u.Gesch. XIII. U IVacLiere. II. Nachlese 3c>ki Sie denn unserm Autor sagen, der behaupten darf^): „an diesem Bilde babe man gewußt, ob ein Tem- „pclberr von den geheimen Anschlägen des Ordens „Wissenschaft, ob er den dritten Grad gehabt „habe? Denn wenn er das Bild nicht beschreiben, ,,das Wort Baphemetus nicht nennen konnte, „so war's ein Zeichen u> s. ft" Hören Sie mich an: der Kopf Mahomets soll uns antworten — aus der Geschichte. r. Jedermann weiß, daß die damaligen Christen die Saracene» nicht anders als Heiden kannten. Die Religion, deren erster Grundartikel die Einheit Gottes und dessen unmittelbare Folge Haß gegen alle Götzenbilder war, halte das Schicksal, vom Volk Gottes', das Jahrhunderte lang mit ihr kriegte, als die abgöttischte betrachtet zu werden. Heide war der eigentliche Name, den man in Geschichten und Romanen diesen Ungläubigen gab, und wenn Karl gegen die heidnischen Sachsen zog, hieß es: er ziehe gegen grimme Saracene n *) **). 2. Als Heiden wen konnten sie anbeten a!S Mahomed? und das ließen die Christen sie reich- *) S. 2 l». *'.) S. ksganisirrus im äu kr-esne, und Geschichten, Romanze», Gedichte ohne Zahl. Der Aucdruck ist Lateinern, Franzosen, Jkaliänern, Spaniern, Engländer», deutschen geläufig kte 18 a lonl kai- nim, hieß es, such leevetb on ltlshonnck S. ksro) Kslic^, ok snoieus koste')' Vol. I. p. Lb. 74 - 75 - historisch-philosophischer Schriften. 3c>7 lieh thun in Geschichten, Romanen und Gedichten*). Mahomed war ikr Gott**), zu dem sie beteten, den sie auch in Bildern, in feingeschmückten Bil- ^ dern verehrten***). Als Tankred den Tempel Sa- H lomons zu Jerusalem einnahm, fand et ein Bild . Mahomeds im Tempel, das zehn Männer nicht tra- gen konnten, und der Mönch, der's beschreibt, laßt ihn eine pathetische Rede an den verfluchten Antichrist Mahomed kalten, der schon gekommen ist; woben dem Helden nichts fehlt, als der verfluchte >s Antichrist, der noch kommen soll, damit er Hjs auch Ihn mit Füßen trete ^), In diesem Ton fahren die Gesch'chtschreiber fort ^ch), und die Roman- / schreibet und Dichter folgen ibven. Denen ist's die ) bekannteste Sache, daß die Saracenen viel Götzen- l bilder, z. E. M a h om, I up in, A p o l l v, Te r- i v a g a nt, verehren , ! avsu warnt antrs Oäeu iion rnoitis extravagant, > wie La-Fontaine scherzend erzählet Äie Christen beteten Heilige an; sollten die Saracenen *) Schilkers chsiesanr. Xntiguit. 'I'eut. g'. ll. In den Gedichten über die Züge Karts, so oft es seyn kann S. Anmerk, (f.) auch Likliotde^uö cles kkamans ünl. 1777, P. 16g» eto. etc. **) Langsr-!. x. trag. ***) Lontznr». x. 7g. rsiz. 2g,t. U. f. -h) IVlubillon lVIUo. Itsl. sp. I. p. tl. 8kct. XV. ckh) taoad. äo Vitriano in kongnrs, Oest. Lei. rc,8o s. auch x. 86 185. u. f. Hsch) S. seine kianvsL Nu Ikdi 60 Onrbs, u 2 3o8 II. Nachlese es nicht auch thun? Der Kaliphc war ja ihr Pabst*), sie wallfahrteten nach Mecca zu Maho- meds Grabe**) und dergleichen Ungereimtheiten mehr. Ich bitte, lesen sie in den siadliuux ***) das Isrr lis 8t. sisiulus, wo der Sultan auf eine narrische Weise den Termagant änderet, und da er den Christen nachher vor dem Bilde des St. Niklas sieht, der die) Hciligenkappe auf hat, diesen nicht besser, als uri iVIslrornet uornu zu nennen weiß — Das waren die Begriffe, die nian damals von den Saracenen hatte, und die, auch unter dem schonen Philipp, das Volk häufig in Poffenspielen und Moralitäten vor sich sah: Engel und Satan, Maria und Mahomet, der heil. Niklas und Terma- gnnt spielten ihre Rollen mit einander. — Sollten also die Tempelherrn der Vcrlaugnung Christi und des M a ho m cd an ism u s beschuldigt werden, so konnte es, nach dem Volkswabn, nicht anders als unter solchen Fratzengestalten seyn. Das Kreuz ver speien war der allbekannte Uebergang zum Mahomedanismus; Mahomed anbclen der Mahomedanis.--us selbst. Das waren nicht Weis- heitqeheimnisse, die man ihnen Schuld gab; sonder» Ketzereien, Anklagen zum Feuer nach den gröbsten Volkssagen. 3. Nun war Mahomed, bekanntermaßen, ein sehr großer Zauberer, der seine Religion inson- *1 Leirgars. p>. irsg. *'> Uon^rs. p. 105g. *") el Lontes äu XII. XIII. siede 1°. historisch - philosophischer Schriften. 809 dcrheit durch Zauberen erfunden und ausgebreitet hatte, wie so manche Geschichten*) und Kicchengeschich- ten noch bis über die Reformen on hin glaubwürdig besagen. Der heilige Niklas that auch im Bilde Wunder; der gottlose Malomed konnte auch im Bilde nichts als verfluchte Zaubereien treiben ; und so ward denn auch im Verhör der Tempelherrn jene ki § rrrs tsrridIs des Baphemctus, die dem leibhaften Teufel ähnlich sah, und vcn dem ehrenhaften Bruder, der's aussagte, nicht anders, als der — Gott sey bey uns! dcr böse! (irwrrle) genannt**), auch im lateinischen Protckoll des Nachdrucks wegen so ausgezeichnet werden mußte. Das kann nun unser Autor nicht wohl begreifen, und sagt ganz im Ernst***): „Die „Arbeit des Bildhauers müsse so schlecht gewesen „seyn, daß das Bild eher einem Kobold als einem „Menschen ähnlich gewesen." Dem leibhaften Teufel sah's ähnlich, den man damals sehr gut kannte. Ein Unhold, ein Satans köpf war's, wie sci- *) In des ^Irrmro kabricn ckel monclo: die ib8r gedruckt ist, steht der lVluecwmeto als Zauberer säst oben an. Die alten Kirchengeschlchtcn, wo er ^ als Zauberer vorkommt, sind bekannt. **f O. Orr - kreis Oistoire — Ein Ritter? und hatte die Macht, ihn überall in der Welt, wo es nur Ordenskapitel gab, also damals in Europa, Asien und Afrika, einzuführcn? Halte die Macht, die zu zwingen und zu quälen, die ihn nicht aubeten wollten? — „So war'S ein Großmeister, der ihn ein- führke!" sagt das andre Mahrchen : „R oncelin , Procclin soll er geheißen haben!" Weder Ron- celin noch Procelin hat je ein Ordensmeister gebet, ßen. „So hieß er Berank! ja, Thomas Dero- a ldus heißt er, der »216 regierte/' Kein Beroal- dus hieß Thomas; kein Beroaldus stand dem Orden 12>6 vor; der 1270 lebte, ist nie gefangen gewesen, und war nur zwey Jahr Großmeister ohne Tbat und Bedeutung. „So, sagc unser Autor, der dem Mahrchen aufhelfen will **), so war's Thomas oder Peter Montagu, der wirklich 1216 lebte; genug, cs war ein Thomas." Auch dies besteht nicht mit der Geschichte. Tbomas ist nie gefangen gewesen; und in dem unglücklichen Frieden, den er und der Hospitaliter mit den Saracenen schloß kaufte er ja — das achte, wahre, hölzerne Kreuz wieder. Kaufte cr's zum Verspei- *) vu-?uis. x. 8g. **) S. 3S. historisch-philosophischer Schriften. rn wieder? und handelte Er mit dem Sultan allein? — So unwahrscheinlich, so widersprechend ist alles, was aus der Geschichte über diesen Kopf gesagt wird; und was über seine Gestalt gesagt wird, ist gar elend. Diesem ist er ein Kopf, jenem ein Kobold, diesem ein ganzes Menschenbild, jenem ein Idol, worauf ein Kopf gewählt war; einem war'S mit Haaren und Menschenkaut überzogen, dem andern versilbert, dem dritten ein Kopf mit vier Füßen-Ich bitte, lesen Sie doch, wie der Autor die Dinge accordirl *). Sie lassen sich nicht anders accordiren, als im anqezei,ten Pö- belwahne: da paßt alles zusammen, Kopf und Katze, vier Füße und haarige Haut. Jeder sagte, was Er etwa von solchen Köpfen und Unholden gehört halte, und jetzt — aussagen sollte. Endlich, mein Freund, in einem Proceß, in einer Anklage auf Leben und Tod, Glück, Ehre und Gütsr eines ganzen, so'großen, so reichen Ordens war ja dieser Kopf Lor^us ckslieti, also das Erste, was man aufsuchen, was man ins Licht stellen mußte. Thal man's? Konnte, wollte man's thun? Der schöne Philipp brach, noch che das Verhör angegangen, geschweige che die Ueberwei- sung geschehen war, in den Tempelhof zu Paris, wo Schatz und Archiv des Ordens waren, und das größte Kapitel gehalten wurde, wo also auch gewiß der Dyabolus Baphometus seyn mußte, wenn irgend einer auf der Erde war, Fand er ihn in dem *) S. 8g — 97, 020 II. Nachlese Golde, daß er an sich riß? in dem Hofe, den er fortan — als den Sitz des Teufels — zu seiner Residenz wablte? Fand er ihn: warum stellte er ilm nicht vor Gericht dar? und weil er doch als der leidige Teufel selbst reden konnte, warum confron- kirte, warum srug er ihn nicht, was man mit ihm gemacht habe? Es ward ihm so sauer, den Pabst auf seine Seite zu ziebcn, und dem Prozeß auch nur die ärmste Form Rechtens zu geben! Die Äuf- zeigung des corporis äslivti hatte alles vollendet; und nun sollte es doch immer anderswo seyn, als wo man Güter einzog und inhaftirte, in Montpellier, in Cypern; und — nirgend fand cs sich, in der ganzen Welt nirgend. Und allenthalben waren Brüder ausgenommen, in jeder Provinz waren Kapitel gehalten; kurz das corpus äelicti war erdichtet, und dieser, der scheußlichste Punkt der Anklage vernichtet sich also selbst — mit ihm auch un- fers Verfassers ganze Tinktur der Weisheit. Vierter Brief. Freylich muß der Kopf^Mahomeds im Kapitel der Tempelherren irgend eine Veranlassung, einen Grund gehabt haben, wie die plumpeste Lüge immer einige Veranlassung hat. Das Bild Mahomeds in Eadix war ursprünglich das Bild Alexanders, an dem, der bekannten Sage nach, Casar geweint haben soll. Lassen Sie mich über diesen Kopf eine Muth- maßung historisch-philosophischer Schriften. 321 maßung wagen, die ich für nichts in der Welt als für Vermuthung gebe. Als Heinrich III. von England den König von Frankreich besuchte, und sich daselbst, seines großen Gefolgs wegen, den Tempelhof dieses Ordens zur Residenz wählte, ,,hiengcn im großen Saal desselben „an allen vier Wanden Schilde, so viel ihrer nur „Raum hatten *)." Der Orden vergaß also wenigstens in der AuSzierung seines Hofes nicht, daß er ein kriegerischer Ritterorden sey. Und sollte er's in der geheimen Kapitelstube vergessen haben? in ihr, wo sie eigentlich als Ritter und also auch ursprünglich gerüstet zusammen kommen sollten ? — Nun bemühten sie sich damals nicht so sehr; und wenn Bruder Patrik de Nippon Recht hat**), so begnügte er sich, weil das Kapitel nach Mitternacht gehalten ward, inäutus csrni- süs et dracaiis tantrrm, durch den langen Gang zur geheimen Stube zu wandern. Sie erschienen also nicht inRitter-, sondern in Ha u sk l e i d e r n, und wenn ich annehme, daß sie nun eben deßwegen und um doch als Ritter beysammen zu seyn, etwa eine Ritterrüstung, eine Trophee einen geharnischten Kopf etwa, als Ordenssym» bvl aufgestellt haben, so ist Alles, Alles erklärt. Ihre Kapitel wurden zu Nacht gehalten, und die Brüder, die den Baffomet beschreiben sollen, sagen selbst, „sie konnten ihn nicht recht sehen, weil's dunkel war." Sah ihn nun etwa gar noch ein An- *) Itlsttli. ?sris. p, 8gg. **) Nikotai S. 77, Herders Werkez.Phil,u.Gesch.XIll. T IVack/rr». 322 Ist. Nachlese gebcr, ein Laurer*), der nicht dahin gehörte; was konnte er anders, als einen Teufelskopf, den sie hier in finstrer Nacht zu Rath zogen, also den leibhaften Baffomctus in ihm gewahr werden? Das Kapitel ward geheim gehalten: der Zutritt dazu war die höchste Ehre des Ordens, zu der nur die Wichtigsten, die Ersten kamen; daher nach der Aussage des ersten Zeugen gegen den Orden des Magisters lstaäulplrus **) „auch Bruder Osrvasius so „sehr verlangt, nur einmal erst zum Kapitel geru- „ftn zu werden, denn komme er gewiß weiter! denn „werde er bald Großmeister werden;" also kamen sie staunend und mit hoher Erwartung hinein. Natürlich gafften sie, und wenn sie nichts, als — ein Bild oder einen Kopf sahen, so war's nach-Art der Zeiten und der gewöhnlichen Ritterspaße sehr natürlich, daß ein Großmeister zum Gaffenden sagen konnte***): nion arni, c'est 1'arni rle Oisu, Ulalromst, il parls ü lui cjuancl il vsut: re- wiercions-ls cle cs ^u'il vous s. stait Purvsriir rru ^>oiirt hue vous uvüs äesirä; die letzten Worte zeigen gnugsam, daß es ein frcyherrlicher Lrdens- und Ritterspaß war. Dem Freunde Gottes, Mahomet, nemlich, d. i. den heiligen Kriegen hatten sie's zu verdanken, daß sie auf einem so gu-' ten Fleck, im Besitz stolzer Reichthümer und Pfrün- *) Wie der, dem der Br. sagte: Vsäe vianr tnsni et si nie cllligis et vitÄNi tusm, i>uitigu.s»i. insgistris lo^nsris Ou-knis p. i6le. *'*) Ou-kM« x. 22. 323 historisch - philosophischer Schriften. den waren : und die eingefübrten sollten's dem Kovf danken, daß sie auf diese Stusse, (in's Kapital nem- lich) gekommen waren, wohin sie lange verlangt hatten. Der Spaß dreht sich um nichts, als um die damals gangen Mahrchen der Mahomcdsköpfe. Es kann auch leicht seyn, daß man dies Ordcnssymbol mit einer Ehrenbezeugung, z. E. der Abnahme der Mützen unterschieden; welche Ehrenbezeigung damals Adoration hieß. Es kann auch seyn, daß hie und da in einem Kapitel es auf einem Behaltniß gestanden , worinn Ordensgeräthe, also auch die- leinenen Schnüre lagen, die man den Neuaufgenom- menen gab, (ohne daß diese dabey das Bild sahen, weil sie nemlich in der Kirche und nicht in der Kapitelstube ausgenommen wurden.) Das alles, ähnliche oder andre Dinge, würde man so klar gehört haben, wenn man de» Orden, Punkt für Punkt, zu einer freien Verantwortung hatte kommen lassen; die ihm über jetzt — durchaus nicht ward. Ist's wahr, daß (wie Lessing historische Jndicien gefunden haben will,)*) die Gesellschaft der Freimaurer mit jenem Orden auf irgend eine Weise zusam- menhiengc; so konnte diese Gesellschaft allein diesen Punkt aufklären, und dann wünschte ich's glicht meiner Hypothese, sondern der historischen Wahrheit, der Rechtfertigung der Tempelherrn, dir sich damals nicht rechtfertigen konnten, und endlich der lieben Gnostik und Tinktur der Weisheit wegen, die sich gar jetzt an diesen Kopf macht. Hatte sich nemlich in ihren geheimen Versammlungen ein ahn- *) Lessings Ernst und Falk. Fünftes Gespräch, ' X 3 II. Nachlese 324 licher Gebrauch fortgepflanzt; aus Büchern können sie's sodann nicht haben, denn in Büchern steht nichts davon: sie hatten es also als Institut, durch lebendige U e b erl i e fer u na, die in diesem Fall das bündigste Kccditiv vom Altcrthum der Gesellschaft, so wie die augenscheinlichste Rechtfertigung jener unterdrückten wäre, die man damals nicht zur Sprache kommen lassen wollte. In unsrer Zeit würde kein Mensch solchen Kopf für einen Teufel und Mahomed, noch die herabgeerbte ehrwürdige Erinnerung des Ursprungs für Zauberei halten; die neue Gnostik vollends würde damit ganz zu Schanden — Doch könnte ich's ertragen, wenn ich mit dieser Muthmassung, die bloß Muthmassung seyn soll, auch ganz irre gegangen wäre*) — Ich komme wieder zu unserm Autor. Der Tinktur der Weisheit zu gut hat Hc. N. drey Grade im Orden der Tempelherrn erdacht, die er von S. r6 — 33. mit großer Accura- tesse beschreibet, und versichert am Ende, „man köu- „ne in historischen Dingen nicht genau genug seyn/' Die drey Grade und Receptionen sind, soviel ich davon weiß, völlig erdichtet; nicht nur die Geschichte *) Ich erinnere mich einer Zeitungsnachricht, daß, als man vor einigen Jahren in Neapel in eine Zusammenkunft der Freimaurer brach, man einen geharnischten Kopf wollte gefunden haben; doch schreibe ich dies nur aus dem Gedächtnis!, und kann weder das Jahr noch das Blatt angeben, wo ich's gelesen. historisch - philosophischer Schriften. 3r5 sagt nichts von ihnen, .sondern was der Verfasser^ anführt, zeugt gegen ihn selbst. In den weitläufigen Verhörsartikeln, wo jede Frage zergliedert ist, heißt's immer nur in recsptiows sus; wenn gewisse Dinge nachher vorgekommcn seyn sollen, heißt's: etiarn x-osi isLextionern; die Inquisitoren nehmen also durchaus nur eine Reception an *). Die Jnquisiten gleichfalls, und quälen sich eben dcßhalb mit der Frage, „wann sie den Dyabolus - Baphe- „metus sollen gesehen haben?" hin und wieder. Einige sagen: Key, andre, nach der Aufnahme, hier, dort, dar andre, sie hätten von ihm reden gehört; die meisten schieben's auf's General- Kapitel, denn da war's Nacht, und dahin kamen nur wenige. Da konnte also der leibhafte Teufel spuken, wie er wollte. — Daß der elende Bruder Steph an von S t apc l b rüg ge, der aussagen konnte, „daß man in jedem Kapitel einen Tempelherrn vermisse, (den der Teufel geholet) —" daß dieser glaubwürdige Zeuge**) an eine doppelte Profession denkt, gehört, wenn es auch wahr wäre, nicht her, und cs ist Staub in die Augen, wie Key Aschmole Zeugniß, wenn unser Autor Profession durch Aufnahme übersetzt, und darauf «uf Bruder Stephens Zeugniß und diese falsche Ueber- setzung sein System bauet***). Profcß heißt Ab» *) Der Autor muß das selbst zugeben S. und die Worte post ipsanr receptionem, die er für sich anführet, sind offenbar gegen ihn. **) Man vergleiche den Autor selbst S> 17. und S. ror. ***) S. 17. 19» kegung der Gelübde; die, sagt der Bruder Stephen, seyen doppelt im Orden, cs gebe erlaubte und verbotne Gelübde gegen den christlichen Glauben. Das waren nun eben die Verlaugnung Christi, Anbetung Mahomets, Teufelsbannerei u. dgl., kurz, der Punkt, der erwiesen werden sollte; aber keine drey Grade, keine drey Recepkionen. Nichts anders will auch das doppelte Statutenbuch sagen, nemlich der Orden habe zweierlei Statuten, erlaubte und perbotne, keine drey Grade, keine drei Receptionen. Der Autor steht also mit seiner Erfindung ganz blos — Die Sache verhalt sich geschichtmaßig also: Der Orden hatte nur Eine Neception, und es heißt so oft in den Aussagen selbst der dienenden Brüder, „guocl reoePtus ^rc> Prokesso Iraketnr;" aber er hatte mancherley Brüder, und weil es ein reicher, mächtiger Orden war, auch mancherley Geschäfte, Ehrenstellen und Acmter; denn Zue r st gab's d i e n e n de Brüder, die wurden ausgenommen, wie die andern: sie empfiengen auch die leinene Schnüre zum Zeichen und zur Erinnerung ihres Gelübdes der Keuschheit. Sie schwuren dem Orden Verschwiegenheit und Treue: es wurden ihnen auch Geschäfte, z. E. die Aufsicht über die Güter des Ordens übertragen, wie cs denn unter ihnen im Protokoll der Aussagen PrasosPtoras Arunarii etc. gab; sie waren aber keine Ritter, und von diesen auch in der Kleidung unterschieden. Es ist Wort für Wort falsch, wenn unser Autor historisch-philosophischer Schriften. 227 sagt *): „Gewiß ist's , daß die Tempelherrn in der „zweyten geheimen Ausnahme noch einen „leinenen Gürtel bekamen: dieser Gürtel war das „Zeichen einer neuen und geheimen Ritter- „schaft, und sollte sie beständig an das erinnern, „wozu sie sich in der geheimen Aufnahme verbindlich gemacht hatten." Den leinenen Gürtel bekamen alle, auch die dienenden Brüder**), die keine Ritter waren und nie wurden. Sie bekamen ihn bey ihrer ersten und einzigen Aufnahme, nicht zum Zeichen einer geheimen Ritterschaft: sondern als Andenken ihres Gelübdes der Keuschheit, daher sie ihn auch die Nacht nicht oblegen , und auf dem Hemd oder um den bloßen Leib tragen mußten. Einige nannten ihn den Gürtel von Nazareth; cs waren aber eigentlich aov- änlas, leinene Schnüre. Aweytens. Der Orden hatte Ordenspriester, die sich auch in Kleidern unterschieden, und eigentlich keine Ritter (militso) waren. Es ist sonderbar, wenn unser Autor es dem Großmeister zur Last legt ***), „daß der ssrater Lresch^tsr im „Kapitel wie eine Bestie gestanden, und sich in nichts „eingelassen, als daß er nach gehaktnem Kapitel den „Psalm gesprochen habe." War der Priester ein Dummkoxf, so mußte er auch, wenn von Geschäft *1 S. gh. **) S. alle Aussagen im Imerrogaroins hinter AIenarä ' s Hist» äs Kirmes. **') S. bg. / 3^8 II. Nachlese ten geredet ward, wie eine Bestie stehen, und that wohl, daß er sich nicht drein mischte. Vermuthlich hatte er auch nichts drein zu reden, und war blos des Psalms wegen da. Drittens die eigentlichen Brüder waren Ritter: sie wurden recipirt wie jene; cs gab aber im Orden mancherlei Aemter und Ehre n ste ll e n: Provinziale, Priore, Subprior en, dazu nicht jeder Neuaufgenommene gleich kam, auch nicht jeder kommen konnte. Zu diesen Geschäften gab's auch natürlich Installationen, das waren aber keine neuen Grade, keine Receptionen zum Geheimniß der Weisheit; cs waren Unterschiede, die in jedem reichen, verbreiteten Orden, ja in jeder Gesellschaft nothwendig werden. Viertens. Zum General-Kapitel endlich konnte der Großmeister berufen, wen er wollte; und natürlich berief er dazu die Vornehmsten, Brauchbarsten, Ersten. Ist die Ordensregel, die Miraus auffand*), acht: so steht nach Kap. 69. auch in den dringendsten Fällen es dem Großmeister frey, wen er zum Kapitel rufen wolle. Ware sie auch nicht acht: so war's Observanz des Ordens, wie die Deposition des Zeugen gegen den Orden aus dem Munde des Br. 6srvasü, der gern durch Gunst der Obern im Kapitel seyn will, deutlich saget**). *) lVliraei origg. orll. llolon. p. Lg!». Die seourilla reoeptio, die unser Autor S. 77- onsührt, ist offenbar der Eintritt in's Generalka- pitel. **) Ou-kuis. x. i6l». historisch - philosophischer Schriften- 32 g So'eine Altweiber-Deposition sie ist, so zeigt sic offenbar, daß weder Ruclulxkirrs noch Osrvasius von mehr als Einer Reception im Orden gewußt haben.- Ich bin des Widerlegens müde, und da der Autor Key Erörterung der andern Beschuldigungen, die man den Tempelherrn gemacht hat, mir nicht glücklicher scheint; da er sogar den nahen historischen Grund der Anklagen, der im Jahrhundert selbst liegt, und ohne den viele Punk, te gar nicht einmal verstanden werden können, durchaus verfehlt hat: so erlauben Sie mir, diesen schlicht hcrzufttzen. Die Deduction aus gnostischen Seelen fallt damit von selbst, weil die Anklagen sich aus der nächsten Quelle so gar wörtlich und genetisch erklären. Mit dem Anfänge des eilften Jahrhunderts that sich in Italien, insonderheit in Frankreich eine Sekte hervor, die groß Aufsehen machte *). Man hieß sie Manichäer, Ketzer (weil sie sich Kathari. Reine nannten), und gab ihnen viel Manichäische Lehren Schuld, insonderheit, daß sie nicht an Gott, sondern an den Teufel glaubten, der die Welt geschaffen, die Erde grün, die Baume wachsend mache**) u. s. f. Man ') Die fleißigsten Untersuchungen über diese Sekten sind in Füßli Kirchen - und Ketzerhistorie der Mittlern Zeit, Frankfurt und Leipzig 1770. obgleich etwas zerstreuet und unordentlich zu finden. ") Dzr Autor sagt: „diese Beschuldigungen müßten 33c, II. Nachlese sagte, sie verläugneten Christum, und verspiel n das Kreuz als ein teuflisches Werkzeug, lästerten die Ehe, das Abendmahl, ließen die Worte der Consekration weg, verachteten die P c i e st e r b e i c h t und die Ordnungder römischen Kirche, beteten ihre Vorsteher auf eine schändliche oder ketzerische W e i s e d r e i m al a n u. s. f. In ihrer Versammlung, hieß es, erschien der Teufel in Gestalt einer Katze, (vcrmuthlich ein schöner Witz, weil sie Ketzer hießen* *). „Wenn ein Neuling in ihre „Versammlung tritt, (schreibt selbst ein Pabst**) von „ihnen,) trifft er eine große Kröte bey ihnen an, „die küssen einige von vorn, andre von hinten. „Hernach sieht er einen magern bleichen Menschen „mit schwarzen Augen; den muß er küssen, und doch aus irgend einerAussage her seyn;'» er hat also Füßli Ketzerhistorie, die er einigemal citirt hat, nicht gebraucht, sonst würde er den Ausdruck häufig angetroffen haben. Er steht auch in dev Protokollen der Inquisition gegen die Albigenser hinter Limborchs Kastor. inguisit. E. i32. u. f. *) Greiser leitet den Namen Ketzer von Katze her (s. Füßli Th. I. S> sts.) es ist aber weit wahrscheinlicher, daß die Katze der Ketzer wegen er. Es war Gregor IX. der Brief ist schon von is33: so alt war die Lüge. historisch-philosophischer Schriften. 33 r „findet ihn keilt. Sobald er ihn aber geküßt hat, „vergißt er den katholischen Glauben. Hierauf folgt „eine Mahlzeit, und da laßt sich eine Katze sehen. „Diese muß er am Hintern küssen, sodann die Vor- „stcher und die Brüder. Nachdem er Gehorsam ge- „lobt, werden die Lichter ausgelvscht und Abscheulichkeiten begangen u. s. f." Hier haben Sie also die Liturgie und das Credo dieser Gesellschaft, die allen Ketzern den Namen gegeben; ihre Schicksale sind eben so bekannt. Schon 1017 verbrannte man eine 'Anzahl derselben zu O r l e a n s , und unter den Punkten der Anklage stand's deutlich*), „daß sie sich in der „Nacht versawmleten, statt der Litaney die Namen „der bösen Geister sängen, bis der Teufel ihnen in „Gestalt eines lebendigen Thiers erscheine. Dann „löschten sie die Lichter aus, jeder griffe nach einem „Wcibsbilde u. f. Die Kinder verbrennten sie am „achten Tage nach der Geburt, und verwahrten die „Asche heilig. Wer von ihr, wie wenig es sey, ein- „mal gekostet habe, könne die Sekte nicht mehr verfassen u. f," In diesem Ton ging es fort mit Lastern, Schmähen, Verfolgen, bis der Pabst gegen sie den scheußlichen Krieg erklärte, der unter dem Namen des Kreuzzugs gegen die Albigenser mit allen seinen Grausamkeiten bekannt genug ist **). Er wahrte 20 Jahr, und sein Ende war ') I.LUN01 äs Lsbolis cslebr. OsP. 24. Füßli Th. 2 . S. »sä. *') S. Füßli Th I. S. 3g4. u. f. 332 II. Nachlese die fürchterliche Inquisition zu Toulouse, die längs genug wütete, ohne diese Sekte unterdrücken zu Jönnen. Sie hatte sich ausgebreitct und breitete sich fort; ja sie läuterte sich eben, indem sie verfolgt ward. Der Manichäische Sauerteig, aus dem sie hervorgegangen war, blieb allgemach zurück: neben den Albigensern wurden reinere Waldenser, und jedermann weiß, daß aus diesem Winkel der pro- vcnzalischen Sprache, so wie die Morgenröthe der Dichtkunst, der Philosophie, der schöner» Sprache, so auch der gesunder» Vernunft und Aufklärung in Religionssachen hervorging, die sich nachher in so viele Länder Europens fortgebreitet. Frühe übersetzten sie die Bibel: sie schickten ihre Söhne nach Paris, um gegen die Geistlichen der römischen Kirche disputiren zu lernen, und brachten diese in manchen Gegenden so herab, daß cs eine Schande ward, ein solcher unwissende Geistliche zu seyn. Die nobils lsssaoii und andere gute Schriften, von denen sie Proben in Leger's Geschichte der Waldenser finden können, waren schon im Anfänge des i3ten Jahrhunderts da *); und auch von ihren Grundsätzen weiß man nach so vielen Untersuchungen ziemlich, was man denken soll. Sie verläugneten ziemlich mit Nichten Gott, geschweige daß sie den Teufel als Schöpfer der Welt augebctet hätten. Die ersten Manichäer nahmen freylich zwey Urwescn an, davon das Böse unter dem Guten wirke, weil sie sich nach der damals erst keimenden Philosophie den Einige sehen sie gar schon in's rite u. rate Jahrhundert. historisch - philosophischer Schriften. 332 Ursprung des Uebels noch nicht anders zu erklären vermochten; der Jrrthum ward aber mit der Zeit vergessen, und die Waldenser sind davon rein. Sie verläugneten nicht Christum und das Kreuz, sondern eiferten gegen die Anbetung des hölzernen Kreuzes und andre abgöttische Gebrauche. Sie verachteten das Abendmahl nicht; aber behaupteten, daß bey Verlesung der Consekrationswvrte so schändliche Priester keinen Christus machen können, uorxrrs LIrristi non conkiusretrrr.) Sie beteten ihre Vorsteher nicht an; die dreysache Adoration war das Zeichen des Eintritts zu ihrer Sekte und auch aus dem ältesten Manichäis- mus her, bey dem das dreysache Gelübde siAimcm- Irriw oris, niLwus und siwus die bekannteste Sache ist*) u. f.-Die Inquisition indessen fuhr Jahrhunderte nach dem einmal angenommenen Ketzereienschema fort, und da wir die Protokolle derselben von i3c>7 — 22 **) also gerade von den Jahren haben, in denen auch die Tempelherrn als Ketzer abgekhan wurden; so liegt's aller Welt vor Augen, daß die Anbetung Lucifers, der die Erde grün, die Baume wachsend mache, die Verläugnung Christi und des Kreuzes, die drey- fache Anbetung des Vorstehers sisrstiLali inoäo, mit Nichten gnostische Ordensgehcimnisse aus Sekten, *) S. ^ugnsrin. äs moril). lVlsnickssor. I. 2 . v. is. Walchs Hist, der Ketzereien, LH. I. S. 7?o. ?*) S. Lentsni. is^uisir. 1*o1okl>ri. hinter l.im- dorcli, Iiisr, in^uidir. SZ4 U. Nachlese die vor Jahrtausenden gelebt, die mit diesen nichts gemein gehabt hatten, und damals gar nicht gekannt wurden, sondern daß es Albigensische Ketzerey- en, Jrrthümec und beygemeßne Abscheulichkeiten der Kons choinrntzs waren, die man den Tempelherrn Schuld gab. Diese Sekte lebte und blühte in der Zeit und Gegend, da die ersten Anklagen gegen die Tempelherrn geschmiedet wurden, und gegen sie die fürchterliche Inquisition geschah. Die Beschuldigungen, die man ihnen machte, sind aus der Geschichte und Jnquisitionsprvtokollcn der Manichäer Und Albigenser sogar wörtlich; nur natürlich in die alte Laster- und Lügenmahre von diesen Partheien um ein Jahrhundert zurückgesetzt, und mit Sa- racenismus, Zauberei, Abscheulichkeiten clscoris gratia verwebet. Ich darf nach dem, was ich gesagt habe, die Beschuldigungen jetzt nur hinsetzen: sie erklären sich alle von selbst, und manche blieben ohne diese Genese und Erläuterungen aus dem angenommenen Jnquisitions - und Volkswahne ihrer dummen Absurdität wegen gar unverständlich. i. Die Tempelherrn verlangnen Gott, schreiben es dem Idol (dem teuflischen Götzen - und Zaubcrbilde) zu, daß es die Erde grün, die Baume wachsend Mache. Die Manichäer äiw *) ; der letzte Ausdruck war von ihnen. Luciser ward hier nur ein Bild in si- i Füßli, LH. r. S. 50. 83. H08. 440. Th. 3. S. 33-. lTmborali. zentsnt» in^nisit. x. >32, u. s. historisch - philosophischer Schriften. 33S Aurum Rassomstl, weil die Tempelherrn reinittirnns st vaäas nci krntrein saeercloteiri, erii Istoris llella volZar Uoesis. Vol. 2. p. 1-8» Der Dichter hieß UostuAn» Lerlingliisri: er lebte eben vor Aufhebung des Ordens, und starb riirb, welchen frühen Tod Crescimbeni als ein göttliches Gericht über sein falsches Acugniß anführt. Der Mönch von lVlonte rnaggiore nennt es ksl8s garentia. In den Romanen unter Philipp dem Schönen war's so gewöhnlich, den Tempelherrn alles Böse zuzuschreiben, daß man ihnen sogar den Verralh Karls des Großen an die Saraccnen Schuld gab, sinc» Jahr vorher, ehe ihr Orden auf der Welt war. Proben davon kann man in der LlbUorll. äe 8 U.01NLN8 finden» historisch - philosophischer Schriften. 3g3 men hätten, von denen man ihnen so viele Mist scthaten lieh, und deren sich doch manche Edle an- nabmen. Wie konnten sie's auch? Sie waren ja Kreaturen des Pabsts , Geistliche, halbe Mönche. 3. Also auch nur die Suppokition von einem und zwar solchen AehEmß unter ihnen ist nicht aus ihrem Orden, sondern von den Manichäern und Ketzern her. Dielen wurde G e- heim nissc der Bosheit, schändliche Einweihungen zu gewissen Graden der Vollkommenheit, zugeschricben; also siel's auch auf jene. Mit welchem Grunde? mag ich hier nicht untersuchen, da ich von Schuld und Unschuld der Tempelherrn eigentlich noch nicht rede, sondern nur ihre G e- sc h ichte e rkl a re. Ich will's glauben, daß in einem so großen Orden, wo viel wackre Glieder waren, vielleicht auch aufgeklärte Glieder gewesen: es kann beinahe nicht anders seyu, als daß ihre lange Bekanntschaft mit den Saracene» vsillttcht auch in einigen Ländern Europens mit den Albigensern, Stcdingern und wie die Ketzer weiter genannt wurden, die Begriffe mancher Ritter gelautert und über den Pöbel der h.rrschenden Kirche erhoben habe. Verschiedene Lebensweise, Reisen, Kenntniß anderer Länder und Partheicn, geben insonderbeit tapsern Leuten eine Art Unpartheilichkeit und allgemeiner Uebersicht , die cingcschlossene Mönche und disputirende Gelehrte wohl nicht haben konnten. Es mag also auch sevn, daß hie und da freie Grundsätze im Orden gewc- II. Nachlese 3^4 sen *), und daß jener Großmeister dogmatisirt und gesagt haben kann: der Br. Jahrhunderte hin über die Religion dem herrschenden Tone nach nur war dispukirr werden. Obenbenannte Sekten äußerten die freisten und zum Lheil übertriebensten Meynungen; also war dergleichen Weisheit auch ausser dem Orden nicht so fremde, als wir uns gemeiniglich bei der schwarzen Mittlern Zeit denken. Kühn - und Keckheit im Behaupten geht immer der reifer» Untersuchung vor. historisch-philosophischer Schriften. 3gZ so werden die Tempelherrn damit keinesweges Gnostiker, sondern, wenn man die Supposition zu- giebt, Manichäer, Albigenser, Theilneh- mer der Ketzcrsekten. Wie weit aber Theilnehmer? Wahrlich doch nicht, daß sie, wie jene Eingeweihte zur Vollkommenheit, ein strenges apostolisches Leben führten; dafür waren die Tempelherrn nicht bekannt, wenigstens nicht im gemeinen Sprüchwort. Auch konnte diese Weisheit nicht überall verbreitet seyn: denn z. E. in Italien, Sicilien, Portugal!, Spanien, Eypcrn gab es wenige oder keine dieser Sekten. Manche Beschuldigungen im Verhör mußten also den Jnguisiten so fremde Vorkommen, daß sie wohl keine Antwort zu geben wußten, als etwa die der Großmeister M o- Icy gab: „Lügnern solcher Art, die das vom Or- „den sagen, sollte man auf gut saracenisch den Kopf „abhauen und hernach den Bauch aufschncidcn." — — Endlich die Brutalität, die sie in dies Ge- heimniß gemischt haben sollen, ist doch weder apo- stoli sehe »och Albigenser-Weisheit; sie hebt alle Begriffe von Ehrlichkeit, Würde, Frömmigkeit und Aufklärung auf, und Mahomed selbst hatte solche Freunde Gottes verachtet. 4 . Am wenigsten, mein Freund, werden Sie sich also von dem Talisman blenden lassen, *) „der „an einem gewissen Ort in Deutschland, als daS „Grab eines gewesenen Tempelherrn eröffnet wor- 3^6 II. Nachlese „den, daselbst gefunden sey." Ich will weder den Or't wissen, wo? noch den Tempelherrn, bei dem er gefunden worden: denn zu unserm Zweck beweiset er, und wenn der Baphometus selbst darauf wäre, und wenn noch hundert dergleichen Steine gefunden würden, nich ts. Es ist bekannt, wie groß die Liebhaberei an solchen Sachen in den damaligen Zeiten war *). Aus den Morgenländern kamen diese Amuleke; und da dorther auch Astronomie und Astrologie, Wissenschaft und Aberglaube kamen: so hielten sich selbst die edlern Wissenschaften lange an diese abergläubische Hülle, und die ge- scheutesten Leute hegten in Absicht ihrer zuweilen Wundermeynungcn. Kennt man nun den Tempelherrn, der sich einen solchen Stein in's Grab geben ließ? Weiß man den dienenden Bruder, der abergläubisch-fromm diesen Stein, den er etwa in der Verlassenschaft seines Herrn (in cokris suis, wie die Verhorsartikel sagen) fand, und weil der ehrwürdige Herr bei Lebzeiten ihn mit sich getragen, ihn auch dem tobten Herrn noch in den Sarg steckte? Daß die Morgenländer voll Aberglauben und Amu- lete sind, weiß jedermann: und daß (falls der Stein auch, wie er's nicht ist, ein Baphometus wäre) die meisten H-verrnnci um eine Serapis- Jsis- *) cke l'slisirisi,. go. i8l». Rsnrov. cstslog. imperstoruin etc. et viror. il-nstr. Hui Lstrolnßisni einsrunt iZglt- Und viele Lebensläufe der Mittlern Zeiten. historisch-philosophischer Schriften. 347 (Baphometus)-Figur, männlich oder weiblich, umher gehen, werden Sie inne, wenn Sie den G a f fa r e l l i f), L. Ag ostini u. a. nur flüchtig durchblättern. Kurz, sollten wir bei jedem alten Weibe, das ein Amulet trägt, ein Geheimnis, her Weisheit vermuthen, und weil man im Grabe eines Tempelherrn einen Stein mit den gemeinsten Figuren findet, deßhalb vermuthen, daß der ganze Orden ein Geheim» iß der Weisheit, von Einheit Gottes der nicht gestorben ist, auch nicht sterben kann, gehabt habe — Freund, wie viel bekamen wir Geheimnisse und Orden der Weisheit! 5 . Also kümmern Sie sich auch nicht, um die Zauberworte: LsrsLin v **) als ob die das Gcheimniß faßten. Ist 7 nicht blos die Ver- bindungsartikel (denn die Aussage davon ist aus einem Verhör in Earcassone) : so ist's wahrscheinlich der verstümmelte Name, Freund Gottes, klftn- jilallalr, der dem Kopf gegeben seyn sollte, und den uns ja die Tradition aus dem Munde des Großmeisters albern genug erkläret. — - Ueberhaupc scheint mir alles brüchig, was der Verfasser in der so bekannten Materie, der Aufklärung Europcns durch die Saracencn, ***) die in einzelnen Wisscn- *) t-atksr. cmrioslt. iiisuäit. Hsmd, 1678. l.. ^Aosioiin. xsrns anticlis. 1*. L. **) Ou-?nis p. LZ. *'*) S. 109. u. f. 348 II. Nachlese schäften hie und da schon gründlich ausgeführt ist, saget; und einige Umstande finden, wie ich nicht anders weiß, gar nicht statt *s. — Doch ich bleibe, oder vielmehr ich komme recht auf der Tempelherrn Gehet mniß der Weisheit. *) Hr. Nicolai sagt S. rsg—110. dreimal: „daß „der berühmte Averroes am Hofe des Kaisers „Friedrich II. gelebt, daß der Aufenthalt Aver- „roes am Hofe des Kaisers sehr viel zur Ausbreitung der Aristotelischen Philosophie beigetra- „gen;" endlich, „daß dem Pabste der vertraute Umgang deo Kaisers mit Averroes „sehr mißfällig gewesen, und daß ec da- „her Gelegenheit genommen, ihm feindselige „Gesinnungen gegen die christliche Religion Schuld „zu geben, ist gewiß." Woher gewiß? Die halbe Seite von Citaten, die der Autor ansührt, sagt davon kein Wort; das Leben Friedrichs und Averroes eben so wenig. Avecroes lebte zuCordova und Marocco, wo er 1206 starb, und Kaiser Friedrich II. wurde 121b zum Kaiser gekrönt; nicht zu Marocco in Afrika, sondern zu Aachen in Deutschland, und zu Rom erst ,220. Auch war wahrlich kein Averroes, den er am Hofe mit sich führte, Gelegenheit zu seinem Zwist mit dem Pabst: denn die Geschichte davon ist jedermann im Gedächtnis. Daß Friedrich saracenische Weiber an seinem Hofe hatte, wirft ihm der Pabst vor, und darübe« sucht ihn Sachwalter zu rechtfertigen March, ksris xag. historisch-philosophischer Schriften. 849 6. „Sollten sie nicht die Goldtinktur besessen haben?" „ 2 a ja, mein Freund, die Goldtinktur, 66h. eckit. Donä. 1640.) nicht aber „den berühmten Philosophen Averroes," der viele Jahre todt war. Der 'Autor hat etwas von den beiden Söhnen des Averroes, die, wie XeZick. Hainau. erzählt, auf ihren Reisen den Hof des Kaisers besuchten, (s. Lrucker. Aist, xllil. IV li l. p. roo. 101.) gehört; und dichtet daraus ein Factum, das er als dos gewisseste von der Welt dreimal und mit vielen Cikalen anführt. — — So ist's ihm (S. uh.) ein Beweis, „wie aufmerksam Sa- „racenen und Christen auf einander gewesen," daß „jener gefangene Ritter, Hugo von Liberias, dem Sultan Saladin sogar alle Gebrauche der Ritterschaft bis auf die Ausnahme „gezeigt habe" und sagt in der Note: „die sehr „naive Erzählung davon in alten französischen „Versen steht — in den kabliaux et (üontes cku „XII. et XIII. Liecle ? ar. 1779. 8 " Ist das ein Zeugniß? Der Verf. dieses Fabliau sagt: Messieurs, cs kabliau est luit pour plairs nux braves gens etc. und jedermann ist bekannt, daß ein ganzer Roman dieses Inhalts, Oräsns äe Llievalerie, umherging, der in unserm Jahrhundert mit einem Olossario gedruckt worren, aus dem cku 6anZe, 8ts kalä^e u a. so oft Stellen anführen; der ober im Grunde weitet nichts als Roman seyn wollte. Die Geschichte, die ihm zum Grunde liegt, steht in LonZars. 35c> II. Nachlese „nichts anders. Drum wurden sie in kurzer Zeit auch „so unerhört reich : drum hielten sie ihre Kapitel auch „zu Nacht, daß niemand das Geheimniß erführe. „Das war der kunatns czuiäam, über den sie „auch den König ermordet hatten, wenn er dahinter „gekommen wäre. Wozu konnten sie in Orient „leichter kommen, als zur Goldtinktur? Bei den „reichen und weisen Arabern, etwa gar bei einem „Schüler der Geheimnisse Gebers. Hakten k->i- „munclus Orrllius, ^rnolclcrs sie Villa silovs, „ihre Geheimnisse nicht auch daher?-also zu- „gestanden und eingestanden: sie hakten die Gold- Tinktur: dieß Geheimniß hat sich erhalten, fortge- ,,erbet und ist noch jetzt."- Vielleicht haben sie, mein Freund, diese Orakel auch ernsthaft sagen hören, wenigstens können Sie sie in manchen neuen Modeschriften ernsthaft gesagt lesen. Unser Autor ist indessen von ihnen frei und sagt feierlich: * *) „andre Geheimnisse" (als die seini- gen nemlich) „hatten die Tempelherrn nicht; im „ganzen Prozeß ist nicht die geringste Spur, daß „man die Goldmachern bei ihnen vermuthet, oder xssi. vei p. 1152.; sie nennt einen andern Ritter und ganz andere Umstände. Oer Ritterschlag, der auch tapsern Saracenen gegeben ward, war nichts, als eine S 0 l d at e n eh r e. S. cku 6an- ße zum soiirville kol» 70, u. a. Stellen und Exempel. *) S> rsil». historisch - philosophischer Schriften. 35 r „daß sic darüber auch nur befragt worden." Das ganze Figment ist ein spater Wahn, an den man damals nicht denken konnte, weil man zu gut di« Quelle der Neichthümer dieses Ordens kannte. — — Lassen Sie mich, wie jener Bauersmann, der, als er beschuldigt ward, durch böse Künste zu seinem Neichchum gekommen zu sey, nichts als die Werkzeuge seiner täglichen Arbeit vorführte — lassen Sie mich auf diese Weise nur einige historische Momente des großen und schnellen Reichthums der Tempelherrn anführen. Jeder Kenner der Geschichte ist gewiß auf meiner Seite. Also erstens und überhaupt ist bekannt, welche Raserei die Krcuzzüge für Europa waren *). Europa verblutete sich in Asien : es warf seine Kräfte, sein Geld, seine Mannschaft dahin. Man verkaufte Güter, (und die Geistlichen kauften sie,) man verkaufte Freiheiten, (und wer konnte, kaufte sie); mit dem Gelde ging man oder sandte es, freiwillig oder zur Büßung, nach dem heil. Lande. Wer dabei gewann, waren die Unterhändler, der Pabst, die handelnden Staaten in Italien, endlich insonderheit die geistlichen Ritterorden. Diese waren gestiftet, in ihrer und anderer Namen Pilgrimme *) Man hat noch keine gute Geschichte der Kreuzzüge, die aus den Quellen geschövft und mit Uebersicht aller Folgen dieser Jüge philvsophisch- und historisch wäre- Man rühmt Esprit äes Lroisuäs-; ich kenne aber dies Buch noch nicht» 35-2 H. Nachlese zu beschützen und den heil. Krieg zu führen, d. i. auf mancherlei Weife Geld aus Europa zu ziehen und sich zu bereichern; es hätte nur an ihnen gelegen, wenn sie's nicht hatten thun wollen. Also Zweitens. Unter diesen geistlichen Ritterorden wurden die Tempelherrn bald die ersten. Sie stritten im Vordertreffen und eigneten sich den Ruhm der Tapferkeit vorzüglich zu: sie hatten auch wirklich tapfre Grundsätze, die sie siegen oder sterben lehrten. Kein gefangner Tempelherr konnte anders, als um Messer und Gürtel losgekauft werden; und auch ihre Feinde mußten cs zugestehen, daß sie bis auf die letzten Zeiten Wunder der Tapferkeit verrichtet haben. Also waren sie vorzüglich der Orden *), dem man schenkte, oder ein Testament vermachte, wenn man seine Frömmigkeit im heil. Lande entlegen wollte. Die Menge von Schenkungen, die sie in kurzer Zeit fast in ganz Europa bekamen, ist, wenn sie uns die Geschichte **) nicht erzählte, beinah über allen Glauben; fast hätten sie ja ganze Königreiche erbeutet. D r i t- *) Ich schließe damit die andern geistlichen Ritterorden nicht aus: denn alle sind reich und sehr reich geworden; sie müffen also alle das Geheimniß der Weisheit gehabt haben, oder cs hatte es keiner. ") S. Gürtler, Anton, vom Anfänge bis zu Ende. historisch - philosophischer Schriften. 353 Drittens. Insonderheit die Zeit, Umstände, unter denen der Orden gestiftet ward, trugen zu seinem schnellen Wachsthum Key. Der dritte König in Jerusalem herrschte, und Europa glaubte, die Blüthe seiner gewissen Hoffnungen vor sich zu sehen; sollte cs also nicht steuren? nicht geben? Der erste Meister des Ordens, Hugo, muß mehr als Loyola gewesen seyn, nach der Wirkung, die er auf seiner Reise überall in Europa, insonderheit in England, machte. Er kam mit Schätzen und einem kleinen Kreuzzuge nach Orient; ließ aber überall Hofe und Lander zurück, die auf's eifrigste für ihn eingenommen waren *). Wer mehr als alle für den Orden posaunte, war der heil. B e r- nard**), und jedermann weiß, was dieser Mann damals in Europa galt. Ueberschwänglich lobte er den Orden: ein Lob, das er bald zurücknehmen und in ernstliche Vermahnung verwandeln mußte; das aber zur ersten Gründung seines Ruhms unendlich viel beykrug. Viertens. Der Pabst mit seinen Privilegien blieb nicht nach. Das Einzige, „an Oertern, „die mit dem Interdikt belegt waren, zu Zeiten „Messe lesen zu dürfen," mußte den Tempelherrn viel eintragen; ob sie gleich freylich damit auch den Haß der Bischöfe sehr auf sich luden. Sie gewann als Ritter und als Priester; und wo beydes nicht hinreichte, waren sie *) S. Anton S. r3 — sg. ") Lxigt. 51. 17z. Herders Werke z.Phil.u.Gcsch. XIII. A liVacKl«». ZS 4 II. Nachlese Fünftens, Handelsleute. Sie kauften, liehen aus, wucherten, waren Unterhandlet u. f. Den Geistlichen verkaufte man damals, des geistlichen Segens wegen, am liebsten: sic waren allenthalben angesessen, halten Geld, konnten allenthalben kaufen. Königen stressten sie Summen vor, nicht ohne Zinsen: die Procente supsroustikus, äamx- iN8 et intsresso, wurden dem Könige Eduard gleich berechnet. Sie waren also in die Geschäfte fast aller Lander Europens verflochten: nicht nur durch ihre Besitzungen und Schätze, sondern auch oft durch Aemler. Noch unter Philipp dem Schönen war ein Tempelherr Schatzmeister, -in England ein anderer vorher erster Minister; und daß sie nicht immer gar zu gewissenhaft mit dem ihnen Anvertcauten umgingen, auch davon könnte ich Gerüchte aus der Historie anführen. So ganz ohne Grund konnten doch die so oft wiederholten Beschuldigungen von Habsucht, von Bestechungen ihrer Großmeister u. f. nicht seyn. Also ist's gar kein Wunder, daß sie reich wurden; cs wäre Wunder über Wunder gewesen, wenn sie in der Lage arm geblieben wären. Kurz der Orden hatte zuletzt nicht weniger, als 16,000 Herrschaften oder nach einem andern Schriftsteller 40,000 Eommenderien, und jährlich auf 2 Millionen Einkünfte *) — eine Summe, die in den damaligen Zeiten mehr als königlich war. Diese zog er nicht aus Künsten der Alchymie, sondern aus Einkünften und Gütern, wie jedermann wußte. *) S. Lsdinoke Instit. ok rbe Oräor ok ilie 6ar- äer, x. 56. historisch-philosophischer Schriften. 355 Sechstens. Also ergiebt sich's ziemlich, was auch ihre Verrichtungen im geheimen Kapitel waren. In aaxitulo negotis sun contractunt, sagt Matth. Paris*): nichts in der Welt anders wußte ihnen auch selbst die Zauberkatze zu offenbaren**). Sie redete ihnen von reichen Ernten, von großen (Besitzungen Goldes und Silbers vor; auf etwas anders ging ihr Sinn schwerlich. Ihr Großmeister Hugo hatte eine sehr politische Idee, das Kapitel auf die Nacht zu verlegen. Im Kriege war ihnen diese Zeit zu Entwürfen auf den frühen Tag, zu Streifereycn, die in Orient, insonderheit vor Tagesanbruch, vorgcnom- men werden, bequem. Als höchstes Gericht über die Brüder machte die Nacht ihr Kapitel zu einem Areopagus (wie ich denn dies Wort, vielleicht ziemlich freigebig, auf den Orden wirklich angewandt finde ***); und endlich zu jeder Zeit war ihr Kapitel an einem abgelegenen Ort in stiller Nacht gehalten , ihnen eine sichre, unbehorchte Versammlung, die den Mitgliedern des Ordens Stillschweigen, den Fremden Ehrfurcht gebot, und gleichsam ein Siegel auf ihre Rathschlüsse und Unternehmungen drückte. Die alte Gewohnheit ward also treulich beybehalten, auch in Zeiten und an Lertern, wo es vielleicht wenig Wichtiges mehr zu *) S. 89g. **) S. die citirte Stelle, teutscher Merkur April. S l»5. *") Du Lreil ^ntigurtLe äe ksrir. Z 2 355 H. Nachlese berathschlagen gab ; warum sollte sie aber geändert werden? Und nun wird siebentens offenbar: woher sich vorzüglich bey diesem Orden die Mahre von Geheimnissen, von Abgvtterey, Zauberey, Lästert haken, Unmenschlichkeiten entspann ? Die liebe dunkle Nacht und die Verschwiegenheit, auf die der Orden drang, hatte sie geboren. Nach Begriffen der damaligen Zeit, (zumal in Frankreich nach den Manichäer - und Albigenser - Mährchen) was konnte man in der finstern Nacht anders thun, als den Teufel rufen und Hu» recey treiben? Wo in einem geheimen Zimmer ein Kopf stand , mußte es ein Unhold, ein Baphomet seyn, den man anbetete, mit dem man hexte. Zumal diese Leute, die aus Orient, aus de» Landern der Saracenen kamen, ja die sich zum Theil noch morgenlandisch trugen, die ihre Brüder geheim aufnahmen und ein so strenges Stillschweigen von ihnen forderten! Erlauben Sie, mein Freund, daß ich sin kleines Verhör eben des Bruders hcrsetze, der nachher auf der Tortur so freigebig den Diabo- lus, die Katze, den Zauberkopf, dis hurenden Teufelsweiber bekennen mußte. Die Aussage, die jetzt folgt, war den Inquisitoren zu natürlich*): Frage. Wann er ausgenommen sey? Antw. Frühe in der Kirche, bey verschlossenen Thüren. ) Ulst, äs Ville cle dUrmee p, l. ?reuves 17g. historisch-philosophischer Schriften. 357 Frag. Ob ihm auch eine leinene Schnur gegeben worden? Antw. Ja, mit dem Befehl, daß er sie Zeitlebens zu Nacht und zu Tage um den Leib tragen sollte, zum Andenken seines Gelübdes der Keuschheit. Frage. Ob er einen Eid habe thun müssen, dis Geheimnisse des Ordens, auch seiner Aufnahme, nicht zu verrathcn? Antw. Ja. Frage. Welches diese Geheimnisse sryn? Antw. Die Gelübde der Keuschheit, des Gehorsams, der Ordnung, des Stillschweigens (in Or- densgeschaften.) Frage. OL er auch andre habe aufnehmen sehen? Antw. Ja, rc> oder 12 Brüder; alle seyen ausgenommen, wie er. Frage. OL er rm General-Kapitel gewesen? Antw. Ja, 5 oder Änak in Montpellier. Frage. Was er da gesehen habe? Antw. Um Mitternacht sey man aufgestanden, habe sich versammlet; es sey Morgcnandacht gehalten worden. Dann habe ein Religiös gepredigt, und nachdem der sich entfernt, seyen die Thüren verschlossen und das Kapitel gehalten. Frage. Was im Kapitel gethan sey? 358 II. Nachlese Antw. Die Ordensregeln wiederholt, daß sie keusch seyn sollten, die Guter des Ordens, das Magazin des Tempelhofs gut verwalten möchten und solche Dinge. Brüder, die sich etwas zu Schulden kommen lassen, seyen gestraft u. f. Frage. Ob da auch ein Idol oder Bild von Gold oder Silber oder Metall oder sonst ein Menschenkopf angebctet und verehrt sey? Antw. Nein. Frage. Ob auch jezuweilen eine Katze ange- betet worden? eine Katze oder ein Kater, Ein Rabe oder viel Raben? Antw. Nein. Frage. Ob in einem der gedachten Kapitel auch Weiber sich zeigten oder gezeigt haben? Antw. Nein u. s. w. Sie sehen, mein Freund, die Zaubereien und Teufeleien in finstrer Nacht waren angenommenes Eostume des Zeitalters, wie es so manche Inquisitions-Hexen - und Judenprocesse damaliger Zeit zci. gen. Freylich gehörten ja auch die Teufel mehr in das Kapitel eines geistlichen Ordens, als — Geschäfte, die ihm die Ordensregel aufgab*). Nüchterne und müßige Philosophie gehörte mehr hinein, als Rechnungen und Rathschläge, ohne die ein so verbreiteter, reicher, gewiß sehr wirksamer Orden *) Ordensregel, v. sg. historisch-philosophischer Schriften. 269 gor nicht bestehen konnte! Mich dünkt, der Großmeister hotte mehr zu thun, ols die Brüder über Einheit Gottes zu katechisiren. Einkünfte und Ruhm, Unternehmungen und Reichihum woren ohne Zweifel dem Orden dos kostbarste Gebeimniß der Weisheit; und bey manche» Rathschlagen vorüber wollten sie gewiß nicht behorcht scyn. — Nun sollte ich Ihnen, mein Freund, ein Gemälde vom Verfall des Ordens und seinem schrecklichen Sturz zeichnen: was ihn zuerst in der Mey- nung Europens ollmöhiich hcruntersetzte und zuletzt seinen Fall bewirkte. Die Fakta darüber liegen aller Welt vor Augen; der Charakter ihres Anklägers , die Loge ihres Richters ist jedem Kenner der Geschichte bekannt: einige Akten ihres Protestes sind schon in extenso publicirt, um andre müßte man sich bekümmern, daß sic ganz, nicht in Extrakten, publicirt würben. Wer darüber schriebe, müßte, als ob noch gar nichts darüber geschrieben wäre, ohne Liebe und Haß gegen den Orden, am meisten ohne eine Lieblingshypokhese urtheilen, die unfern Autor offenbar irre geführt hat. Es ist augenscheinlich , daß er sein Gewebe übxr fremde Grundfaden .zusammengeschlagen, über Grundfäden, dieauch zur Fortführung der Hand dessen bedurften, der sie zog; und nicht der Hand — Doch ich habe ihre Geduld zu lange gemißbraucht: Leben Sic wohl. . Die Fortsetzung dieser Briefe verfolgt die Materie weiter, untersucht die Akten, die wir vom Pro- 36 «, I II. Nachlese ceß der Tempelherrn haben, und legt ein Gemälde desselben gerichtlich und historisch dar. Sodann wird die Frage untersucht: ob der Orden nach seiner Aufhebung historisch- erweislich foctgedauert ? Ob er in andern Gesellschaften erneuert sc y? Ob vor Valent. Andrea Rosenkreuzer gewesen? Ob die Freimaurer unter Karl 1. und Cromwell mit den Osvellers zusammcngehangen? Ob die Stelle in Aschmolc Leben acht 2 Ob des genannten Dc. Knipe Eommentar darüber vernünftig sey? u. s. f. Da aber den meisten Lesern an historischen Erörterungen der Art wenig gelegen seyn dürfte: so bleiben diese Briefe einem andern Ort. 6 . Persepolis und Indien.*) » 6 » 3 . Durch Eh ard ins B ruyn s u. a. ältere Reisen durch Persien, waren die Trümmern unweit Schiraz mehr und mehr auch durch genauere Zeichnungen in's Andenken gebracht; der treffliche Kampfer, dessen biedere Sorgsamkeit nicht gnug Nubm verdienet, fügte feine Bemerkungen über den damals ») Aus der Adrastea, XI. Stück. historisch - philosophischer Schriften. 3ür neuesten Zustand Persiens und die Ruinen von Tschilmenar, obwohl durch Schuld des Verlegers mit den schlechtesten Kupfern begleitet, hinzu;*) o warum müßte Kampfer >u dem Winkel, worinn er lebte, leben? Seine noch bis jetzt unübertroffene japanische Geschichte ward mit Handschriften und Zeichnungen den Erben vom Ritter Hans Sloa- nc abgckauft; sie erschien englisch zuerst, che sie, viele Jahre nachher, durch Doh m s Fleiß und Bemühung deutsch erschienen; seine persisch - japanische Ergötzlichkeiren, die eine Uebersetzung verdienten , blieben ein fast unbekanntes Buch. Jeder Reisende sagte über Persepolis seine Meynung, und man ließ cs bewenden. Bis es dem Grafen Eaylus gelang, die Aufmerksamkeit darauf fester zu richten.**) Er las der Akademie eine Abhandlung über die Ruinen von Persepolis vor, in welcher er zwar im Ganzen irre zu geben scheint, indem er sie für Tempelgebaudc, und ihren Geschmack für ägyptisch halt, immer aber doch zuerst den Gegenstand zur literarischen Erörterung brachte. Wie viel sind wir in Ansehung der Alter- *) Engelbert Kämpfer Kilioeniiaies sxolicae, pc>- lirico - - meclicne, k'usc. I — V. Lemgo r/rS. lilsi. ich will nicht sagen Maskov's, Schmidts oder eines andern Geschichte der Deutschen, Müllers Geschichte der Schweiz u. f. gelesen, sondern sich auch nur um einzeln« Zeitperioden , merkwürdige deutsche Institute, Verdienste, Charakterzüge bekümmert ! Sind (um nur einige zu nennen) M ö - fers, Mohsens, Heg ewisch's, Stettens Schriften in den Händen, in denen sie seyn sollten? Wird Schlözers Geschichte der Deutschen in Siebenbürgen , die ein so großes Blatt des deutschen Kulturfleißes aus mehreren Landern enthält, so laut 'historisch-philosophischer Schriften, 871 verkündet, als ein triviales brittisches Pamphlet über die Botany-Bay, die Maratten und Hyder Ali? Da wir so lange, aus uns geworfen, uns selbst entrissen, andern Nationen gedient, ihnen gcfröhnt haben, sollte uns nicht die jetzige Zeit selbst mit gewaltiger grausamer Hand auf uns zurückdrangen, uns zurufend: „Lerne dich selbst kennen: denn Andre kennen und mißbrauchen dich, Reguirire dich, damit du nicht requirirt werdest," Und was führte dazu mehr, als historische Untersuchungen dessen, was unsre Väter waren, wir vielleicht nicht mehr sind, vielleicht auch nie mehr — Doch das sey ferne ! Wir sind, was wir sind; unter gegebenen Umständen kann unser Charakter sinken , unsre Na-- tur aber können wir nie vertausche n. Die gedrückte elastische Kraft wird deshalb nicht unterdrückt, sie hebet sich empor, und der Druck selbst war ihr nöthiq. In keinem Verhältnis wollen wir die reine Germanität, d, i, Treue und Einfalt mit Anhänglichkeit und Muth verbunden, aufgeben. Der Name German, germanischer Charakter behauptete sich unter den Römern selbst rühmlich. Zweifelhafter denke ich über den deutschen Ri tkergeist, sofern er Kultur bewirkt hat. Daß er mit dem Französischen , Spanische» , Normannischen in England und Italien, die Galanterie nicht in gleichem Maas emportrieb, möchten wir ihm verzeihen ; aber (siehe die Burgen und Raub- schlösser mit ihren Verließen, die Trinksäle ». f, -an) bewirkte er nicht etwas anders? Gnug! Aa s Z7» II. Nachlese Der Geist hat sich überlebet. Wir wollen, wie bep dem Leichenbcgangniß des letzten Stammhelden, ihm eine Lob - und Leichenrede heilten, die Thurniere seiner Vorfahren erzählen, den ehrenhaften Schild aufhangen und das Wappen mit dem Tobten begraben. Pfarrer oder Küster stellen ihm aus den Di- stpchen einst sein glaubhaftes Zeugnist aus. Mehr interefsirl die Kulturgeschichte der Menschheit jene sanfte Nation, die Erfinderin keiner schädlichen und so vieler nutzbaren Künste, die Hindu. Alles, was uns unter ihren Himmel versetzt, hat die Zauberkraft in sich, daß cs uns sittsamer macht, und milder. Die Zusammenstellungen des Verfassers, der auch das unlängst erschienene Gesetzbuch des Menu, (die letzte Frucht von W. Jones glücklichem Fleißc) gebraucht hat, verweilen uns sanft bey ihnen; und da Sakontala leider bisher die einzige Probe eines ihrer vollendeten Gcistcswerke geblieben, das uns statt der übrigen gelten muß, so verweilet man auch an ihr gern, wenn man sie gleich schon kannte. Gebe die nächste Zeit uns mehr Sa- kontala's, die schönsten Beitrage zur Kulturgeschichte der Völker. „Kulturgeschichte der Völker," in welchen Traum versetzt uns dies Wort, oder vielmehr in welche unendliche Laufbahn! Wie viel und wie wenig ist in ihr geschehen! und auf welchen Wegen ist manches bewirkt worden! Völker, blühten und verbuchten ; mancherlei, war ihre Frucht im großen Garten. Sie pflanzten sich fort, sie mischten sich mit einander; auch jener blühende Dorn, auch jene stechende prächtige Distel. Und dort und da, historisch-philosophischer Schriften. Z72 wie ungeheure Wüsteneien, auf die kein Regen fallt, die kein Lhautropfe bekhauet; ihnen entgegen glanzende Eislhürme, in deren Klüften nur Lichen wachst. — Ueber dis gesummte Kulturgeschichte der Menschheit haben wir nichts zu verantworten, aber jeder an seiner Stelle, wohlauf! Lasset uns eilen. Hunntnrii sst Huock rsstst! Weimar, den i. May 07All. Anhang. Ueber die dem Menschen angeborne Lüge. *) I. Die Sache des ungeheuren Widerspruchs im Menschen und in seiner Gesellschaft ist leider! treffend wahr geschildert, eben so treffend und wahr auf den Stolz zurückgebracht, unsre erste und fast einzige Sünde, Proteus in hundert Gestalten und ein *) Nachstehende, iin Jenner 1777 verfaßte, Abhandlung scheint durch eine andere, handschriftliche, von dem berühmten Verfasser der Betrachtungen über das Universum, veranlaßt worben za ftyn; sie macht aber auch für sich «in verständliches Ganzes aus. A. d. H. / II. Nachlese, ewiger Phönix, der aus der Asche seines verglimmten Verwesers wieder ersieht. Dciß die Lehre und, Hebung des Christenthums hiegeggn, der einige,, göttliche, wehre Rath sey, — ist mit einer Stärke und Wahrheicfülle gesagt, die nur nus dem Herzen, und der innigsten Ucdcrzcugung kommen konnte.. II. . Im Wesentlichen sind wir also, nicht blos einig , sondern ich bi» , eben in diesem Wesentlichen, und in der tiefen, Einfall seiner Darstellung, unendlich Lehrling gewesen, so. wie ich's auch noch lange, bleiben, werde. — — Aber nun, wenn ich die Reduktion auf's Gesetz der Zminuiabilität u. dgl. (nur. der Rand und die terminologische Einfassung der. Wahrheit) weniger verstehe, rührt's ohne Zweifel, von mir, her, und daß. ich nur ein. abgcbrochnes Stuck lese, von dem ich nicht weiß, woran, es hangt, und zu welchem größer» Werk, es eilet. III. Ist der Widerspruch (tz, u.) wahr: so, gibt's zwey Zmniutabilitaten. im, Menschen, zwey ^rinci^es coustan-:, die nach ihren Gesetzen wirken: lind wenn sie beyde dcm Hauptgesetz gAiorchcn,, daß jedes seinesgleichen hervorbringt, so löst dicß, den Knoten des Widerspruchs im Menschen .so wenig,, daß cs ihn vielmehr recht sichtbar macht, und zwei) Götter, zwey prinuipiks eonslans setzt, die, jedes, in seiner Natur, nach ewigen. Grundgesetzen handeln, handeln müssen und handeln werden. Da ich diest nun mit der Natur des mächtigsten, besten, aüiig- sten, voraussebendsten Wesens so wenig, als mit der Thatgescbichte des Menschengeschlechts verciniaen: kann, wo doch (§. r„) ein Mittel, der. Geist des historisch - philosophischer Schriften. 276 Christenthums gefunden und wirklich du ist, diesen Knoten zu lösen, den Geist des Stolzes unter ein Gesetz höherer Demuth gefangen zu nehmen u. f, so muß, du dieß Mittel doch von Gott kommt, wie die Menschemiatur selbst, und bey ihm Alles, Gegenwart, Verbindung, Eins ist, auch dieß Mittel zusummt dem vorigen Widerspruche Eins gewesen seyn, und wie alle seine Mittel uns Zwecke die besten sind, gerade auch in dieser Divergenz und Kontra- rietüt zweyer Kruste der Menschheit , vielleicht eben ihr Zweck, ihre jetzige höhere Bestimmung liegen.— — Um mich indessen diesem schweren Knoten, dem Mittelpunkt höchster Weisheit und Güte m aller uns bekannten Natur nur durch Analogie zu nähern; dünkt mich's IV. Daß die Schöpfung überhaupt, in allen ihren Stuffen und Arten, eben dieser Kontrarietat unterworfen sey, sofern sie's nemlich, nach ihren Stuffen und Arten, seyn konnte. Es wird, vielleicht etwas frengebig, vorausgesetzt,, daß Alles in der Schöpfung sonst Wahrheit sey,. nur der Mensch Lüge; sollte dem also seyn? Wie würde denn Materie, Thier, Zusammenordnung eines eingeschränkten Ganzen möglich ? Die Materie ist eine ewige Lüge, d. i. ein Phanomcnon von lauter Kräften, geistigen, wirksamen Kräften, die in ihrer Cri- stenz bezirkt, gebindert sind, uno durch positive Kräfte und Bahnen, deren Ursachen ausser ihnen liegen, bestimmt werden. Wer weiß, was die Kraft der Schwere, der Union Eins ist? von welchem Grad geistiger Kraft sie für uns das Phänomen sey? Wir sehen indeß immer, daß sie nach Stolz, d. i. ewig fortgesetztem Streben und Drücken ihreir II. Nachlese ?7k Kraft in gerader Linie wirke, und daß der Schöpfer ihr nur nach positiven Regeln eines höhern Plans, eines Ganzen, von dem sie nichts weiß, gewisse äussere Mittelpunkte des Anziehens gesetzt habe, die die Kraft ihres Stolzes, jener geradfortlaufenden Bewegung schwachen, und eben damit einen Sonnenplan voll höherer Weisheit und Güte, Körper und Substanzen voll tiefem Lebens und Genusses bilden müssen. Die Kontrarietat des Menschen scheint mir also in den ganzen Wellbau verbreitet. Ueberall zwo Kräfte, die sich einander entgegengesetzt doch Zusammenwirken müssen, und wo nur aus der Kombination und gemäßigten Wirkung beyder das höhere Resultat einer weisen Güte, Ordnung, Bildung, Organisation, Leben wird. Alles Leben entspringt auf solche Weise aus Tod, aus dem Tode niedriger Leben, alle Organisation aus Zerstörung und Verwandlung geringerer Kräfte, alles Ganze der Ordnung und des Plans aus Licht und Schatten, aus divergenten, sich einander entgegengesetzten, Kräften, wo das höhere positive Gesetz, das beyde einschrankt uud aufhebt, eben allein xscr^on, Welt, Plan, Ganzes, höheres Wohl, gemeinschaftliche Glückseligkeit beginnet und anstimmt. Mathematik, Physik, Chemie, Physiologie lebender Wesen sind, dünkt mich, hier überall Zeugen. V. Im Menschen, dünkt mich, ist also diese Kontrarietät nur am meisten offenbar, etwa weil er das geistigste entwickeltste Wesen unsrer Welt, Zu- sammeudrang und Mittelpunkt unsrer Schöpfung ist. Das Thier ist keiner menschlichen Lüge fähig, weil es kein Mensch ist: übrigens aber zeigen zehn Bey- historisch - philosophischer Schriften. A77 spiele, daß es in Annäherung und seinem Kreise eben die zwo widerwärtigen Kräfte in sich und Bahnen außer sich habe: je mehr sich das Thier dem Menschen nähert, desto mehr nimmt die Helle zu, mit der es beyde empfindet; je weiter von ihm fern, desto mechanischer und blinder wirken beyde Kräfte. Es ist ein ewiges Geben und Nehmen, Anziehen und zurückstoffen, Jnsichverfchlingen und Aufopfern sein selbst: und der Plan, der beydes regiert, ist immer höheres Gesetz, positive Ordnung höherer Gattung, die aus diesen Kräften, einzeln oder auch verbunden, ohne höher» Miktelbegriff weder gefunden noch erkannt und begriffen werden kann. Zum Menschen! VI. Der Mensch, als er zum erstenmal stolz war, und Gott ähnlich seyn wollte, verfolgte er nicht etwas Gutes? fühlte ec nicht in sich eine Menge unentwickelter Kräfte? war's Fehler, daß er sie entwickeln wollte? war er nicht Gottesbild? und war also nicht Gottähnlichkeit die Bahn, die ihm der Schöpfer selbst angewiesen? — So wird der einseitige Philosoph fragen, und in dem Walde von Begriffen, den er Naturrecht, Recht der Menschheit nennt, hätte er auch einseitig-hypothetisch recht; alle einseitige Hypothese ist aber Lüge. Der Mensch hat kein ihm eignes, isolirtes Naturrccht, das ihm aonimliiturn voAurn mit allen Geschöpfen, der Schlange re. zur Gottahnlichkeit erlaubte: er ist gebohrnes Bild Gottes in der Welt Gottes, Mittelpunkt in dieser Ordnung. So wenig der stolze Saturn die Freyheit hat, seine gerade Bahn durch alle Himmel, wo er will, zu verfolgen: er soll von 273 . II. Nachlese her Sonne gelenkt werden,, und ist nur durch dieß primitive höhere Gesetz des Sonncnplans das, waS er ist, worden ; so ist nur der Mensch, watz er ist, durch höhere Grade,, ex s^soiasi grstia des Schöpfers, der ihn dazu, was er ist, schuf, und an den Schöpfer also und seinem höhern positiven Gebot muß er hangen. Was ihm die Sonne für eine Bahn vorschreibt ,, die er weder aus sich selbst, noch aus der Schlange lernen kann, der muß er folgen: und -war frei folgen, denn Frey heit ist eben der Mittelpunkt seines Daseyns, der Grund seiner höhern Ordnung,, das Evttahnlichc, das er sprechen kann: lasset uns — in der Ordnung Gottes wirken, d. i. seyn und nicht seyn, wo, und wie Er's gebietet, — hier streben,, dort sich verlaugnen,, und darüber, nicht grübeln wollen,, sondern folgen. VH Das Gesetz, der Freyhcit lag also in der Natur des Menschen;, aber nicht der vagen Frey- hcit, von der einige sehr mechanisch reden,, und die eigentlich. Knechtschaft ist. Seine Zreyheit mußte eS seyn, einem positiven, Gesetz Goties, einem höbern Sonnenplan zu folgen,, auch wo er das Ganze nicht übersähe,, zu dem er beytragt, (welcher einzelne Planet kann's?) sondern sich mit allen ibm möglichen Kräften, an seinen Gott und Vater, die Sonne zu halten, in jenem Punkt die eigne Kraft, den Stolz zu vernichten, der auf eigmc Bahn immer irren will. Das war Kreyheit: so bald er sich diesem höhern Plan nicht aufopfern konnte, sondern sprach: Kann ich nicht selbst Sonne seyn, und dieser Schlange zufolge mir meine Welt bilden, so war's mechanische, sinnliche Knechtschaft, und der historisch-philosophischer. Schriften.. 379, Mensch, Gottes Mld, das Geschöpf höherer Ordnung siel, d. i. es handslt^'nach. Gesetzen einer nie- derern Ordnung, ward Thier, und. da er das auch nicht ganz seyn konnte, mit. zwey widerbellendcn Kräften, Teufel. — Das Zusammengesetzte der Kräfte war und. blieb. Menschennatur, (da. er am Mechanischen - Pflanzen - und Thierreich Theil nimmt, so muß er auch, an ihrem Gesetzen Antheil nehmen, aber als Mensch, im Mittelpunkt höherer. Ordnung,) nur das Ungez. ähmte, S e l b stg nu g fa m e, der Drang für sich hinaus, ward im ersten Punkt Sünde nnd Unglück: er zerrüttete den Plan Gottes, zu dem der Mensch geschaffen war, und indem er (jeden Punkt seiner Laufbahn wirkend und vor Gott vernichtigt, — angezogen, nicht wirkend) in ewigen Bahnen fortschreiten sollte, in ewiger Spirallinie zum Mittelpunkt, der Sonne,. Gott.. VIII. Alle Philosophie also, die von sich an- fängt, und mir sich aufhört, ist von ihrer Muhme, der Schlange. D^r Planet war nicht vor der Sonne ist nur durch sie und auf sie geordnet. DaS Gesetz des Christenthums ist. durch die Schöpfung verbreitet, Vernichtigung. sein selbst, zu einem höhern Seyn, Tod zum. höhern Leben. Wie unendlich mehr Leben kommt in die Schöpfung, wenn der Planet um die Sonne geht, und sich wärmet: ohne sie (wcnn's zu denken möglich wäre) verlief er sich in den Abgründen der wüsten Schöpfung. IX. Der Mensch sieng an, sich zu verlaufen, und sogleich ergriff ihn die väterliche Sonne, und brachte ihn mit Gewalt, zurück — mit liebreicher Gewalt, die nur auf ihn.entfließen soll, (nach dem II. Nachlese 38c> Gesetz der Freyheit seines Wesens tz. 6. 7.) daß er selbst zurückkomme. Ungemach und physische Uebel folgen dem moralischen Uebel, und reitzen ihn zum Rückgänge. Der Schöpfer hatte nicht blos Gutes und Böses so verknüpfet, daß das Uebermaas des Einen immer das Andre veranlaßt, sondern kam auch mit einer Reihe positiver Gebote, Sitten, Gesetze dazu, den Menschen mürbe zu machen, und sein Gefühl zu wecken, daß er ohne Gott nichts sey, sich also vor ihm freiwillig zu vernichrigen, und aus tieferm, unendlich tieferm Tode durch Zrettra oxecüaliori verdoppelte, und unendlich vermehrte Kräfte sich zum höher» Leben empor zu heben. Das ist die Ordnung der höhern Gnade, wo Jesus der Mittelpunkt ist an Licht, Kraft und Vorbild. Der Planet wandelt jetzt in unregelmäßigen Bewegungen um die Sonne, da einst seine völlige Runde ohne Winkel auf einem Plane im Kreise um die Sonne schwamm: jetzt sind ewige Jahrszeiten: Sommer und Winter, Herbst und Frühling soll auch in der Mcnschennatur nicht aufhören. Unterdrückung des Stolzes und ein neuer feinerer Stolz, der aus der Asche jenes entstand, und von neuem gedampft werden soll. Damit stärkt sich die Kraft immer, und der überwundne Feind wird schwacher, da ec doch nur immer aus der Asche eines andern entstand: bis endlich, durch höhere Gnade, die jetzt Gnadenlohn ist, die Laufbahn dieses ringenden Körpers sich ganz ändert, und er jetzt in höherm Maas das ist, was ec einst in geringerm seyn sollte und nicht blieb. Die ewigen Perihelicn und Aphelien unsres Daseyns sind vorüber, der ausgebrannte, gereinigte, vergei- stete Körper schwebt, um die Sonne in neuem höhern historisch - philosophischer Schriften. 33r Plane. Was kein Auge gesehen, kein Ohr gehört, das hat Gott offenbaret, denen, die ihn lieben. X. Je tieferer Fall also, je höherer Aufschwung, wenn der Mensch die überwiegende Gegenkraft, die ihm aus Gottes'Vatergnadc ward, ergreift. Je tiefere Leidenschaft, je mehr Energie, desto mehr Saatkorn zur Erndte, wenn die Leidenschaft, durch freilich so größer» Kampf, gelautert, und aus dem Teufel ein brennender Seraph ward. Niemand ist hier übergangen, niemand oersäumt, er hat nur auf die Glückseligkeit Anspruch, von der er inniges Gefühl hat: die übrige ist nicht für ihn, und wäre blos Lüge, wenn sie ihm würde. Keine Himmelsseligkeit ist ohne Tugend, keine Krone ohne Kampf möglich, so wenig Brod ohne Hunger schmecket: nur also aus der überwundncn Divergenz beydcr Kräfte entspringt höhere Kraft, Seligkeit, Ehcistcuthum, Gottes-Leben. Will ich mir die Menschheit hienieden als lauter Licht, Wahrheit, lcidcnschaftlose Güte u. dgl. denken: so ist's ein falsches Ideal; das Licht kann nur aus überwundncn Schatten, die Wahrheit aus besiegtem Vorurlheil, die Leidenschaft für Gott und das Gute nur aus besiegten und gebändigten Leidenschaften der Sinnlichkeit, (die den Stoff dazu geben müssen,) werden. Nur aus Schwachheit wird Kraft, nur im Gefühl der Armuth kann und wollte sich Gott offenbaren. I-sx aontrariorriirr also, oder opposita jrrxta s« posits, clivsrZsrrtia irr rrnuna reäsata waren das, worauf Ehristus gen Himmel stieg, und wir all« ihm nachklimmen müssen. Alle Reinigkeit der Engel, welche kein Mensch gesehen hak, zusammt der Jmmutabilitat alles Fouschrcilcns 232 II. Nachlese rc. rc. in gerader 'Linie ist. nicht Mcnschenloos hienieden: es ist ein Abstrakt-, wie die Starke der Stoiker und die Wollust der Epikurer. Eben die Kontrarietat im Menschen ist das Siege-l Gottes in unsrer Natur, der Baum, der Erkenntnis Guts und Böses in einen ewigen Baum -des Lebens -verwandelt. R e c e n s i o n e n. ÄE >tEA? VE» . I. Geschichte der Religionsschwarmereyen in der christl. Kirche. Won M. C. F. Dutten- Hofer, Prediger an der Hauptkirche zu Heilbronn. Erster Band (in zwei Abtheil lungen.) Mit einem Kupfer. Heilbronn »796. * **) ) „>»»>chwarmer, SchwärMevey, sagt Lessing*), kommt von Schwarm, schwärmen; so wie es besonders von den Bienen gebraucht wird. Die Begierde, S c h w a r m zu machen, ist folglich daS eigentliche Kennzeichen des Schwärmers." „Aus was für A b sic h ten der Schwärmer gern Schwarm machen möchte, welcher Mittel *) Nachrichten von gelehrten Sachen, herausgegeben von der Akademie nützl» Wissensch. zu Erfurt; (mit Unterschrift des Namens jedes Recen- sentcn.) 1797. St. 36. u. 1797. **) S. Lessings Leben und literarischer Nachlaß, LH s. S. lb?. Herders Werke z.Phil.u.Gesch. X! II, Bb IV^cAler«. 386 III. Reccnsionen. er sich dazu bedienet: das gibt die Klassen der Schwarmerey." „Nur weil diejenigen Schwärmer, welche die Durchsetzung gewisser Religionsbegriffe zur Absicht haben, und eigne göttliche Triebe und Offenbarungen vergeben, (sie mögen Betrüger oder Betrogene, betrogen an sich selbst oder von andern seyn) um zu jener Absicht zu gelangen, die vielleicht wiederum nur das Mittel ist, eine andere Absicht zu erreichen: nur weil diese Schwärmer, sage ich, leider die zahlreichste und gefährlichste Klasse der Schwärmerei) ausmachen, hat man diese Schwärmer Schwärmer genannt." So Lessing. Und wer wollte, diesem Begriff nach, eine Geschichte der Religionsschwär- mereven in der christlichen Kirche nicht gern lesen? Es versteht sich eine Geschichte, in der durchhin Zeiten, Gegenden, Völker, Absichten, Mittel unterschieden, die Schwärmereyen selbst nach ihren innern oder äußern Antrieben classisicirt, jede Art der Schwärmer in ihr Licht gestellt, und auch bei ihnen Ursachen, Mittel, Zwecke, die Zeiten der Auszählung und Abzahlung ihres Ferments gesondert würden. Bruchstücke einer solchen Geschichte haben wir in Menge; es fehlte also nur die Hand eines Baumeisters, die sie zu vereinigen, und nach einem festen Umriß zusammen zu setzen wüßte. Strenge sowohl als milde Schonung sind dieser Geschichte wohl unentbehrlich. Schwär- merey ist eine Krankheit, eine ansteckende Krankheit; vielleicht die ansteckendste, der unsre Mcnschcnnatur III. Reccnsionen. 337 ausgcseht bleibet, eben weil der Mensch ein geselliges, t hei l ne h m e n d es, s y m p a t h i s i r e n- d es Geschöpf ist. Starke Bewegungen in der Seele des andern, in seiner Art Bilder, Phantasieen oder Phantome zu erwecken, sich und andern ein Reich der Glückseligkeit, einen Plan des Lebens zn entwerfen, gehen so bald in andere über; und gerade die gewaltsamsten Bewegungen, wirkliche Krampfe und Contorsioncn am leichtesten, am stärksten. Ein mächtiger Wille gebietet; reizbare Naturen, Sinne, Triebe folgen. Sie folgen oft ungern, und werden wider Willen gezogen; wie der betäubte Vogel ängstlich der Klapperschlange zufliegt. Diese Verwirrungen menschlicher Gedanken zu entwickeln, diese Tendenzen menschlicher Kräfte und Anhänglichkeiten in ihren Bahnen zu bestimmen, dazu ist die kälteste Vernunft, so wie das th.ilnchmendste Herz, kurz eine Semiotik, nöthig, die viel fordert. Jedes Uebel muß der Arzt an Stelle und Ort, jeden Kranken in seiner Lebensweise nach seinen eigensten Symptomen kennen, und ja nicht über oder gegen ihn declamiren. Der Verfasser dieser Geschichte bekennet selbst, (Vorrede, S. XXI.) „daß bis zu den ersten Quellen der Kirchenväter und der altern Kirchengeschichtschreiber zurück zu gehen, ihm weder seine Zeit, noch die Lage seiner jetzigen Umstande gestattet habe, und daß die Quellen oder Hülfsmittel, woraus er bei diesem ersten Bande geschöpfet, hauptsächlich die sehr ausführliche und gelehrte Kirchengeschichte von Hrn. Prof. Schröckh, Mosheims, Spittlers, Bb 2 388 III. Rezensionen. Henk es Kirchcngeschichten, und dann noch Zimmermanns Bull) über die Einsamkeit gewesen. Tiefer zu schöpfen habe ihm seine Zeit nicht »erstattet." — Eigentlich also hat er gar nicht ge- schopfet: denn Hülfsmittcl sind keine Quellen. Die angeführten Bücher sind in Jedermanns Händen, und ihre Verfasser werden sich non dieser Art Zusammenstellung, da alle sogenannten Reli- givnsschwarmcreyen aus dem Zusammenhangs anderer Begebenheiten, in welche sie solche stellten, genommen sind, ziemlich lossagen. Zimmermanns Buch von der Einsamkeit bliebe etwa allein unserm Verfasser zu Seite: denn auch in ihm sind die angeführten Begebenheiten gänzlich ihrem Boden enr- pflückt und essleurirct. Geschichte ist also dieses Buch nicht; sondern ein Auszug aus den neuesten, spätesten Compendien. Studium der Quellen, Entwicklung jeder Schwärmcrey im Zusammenhangs ihrer Umstände fehlt ihm. Daß der Autor seine Exccrpten chronologisch gibt, Hilst diesem Mangel nicht ab, da der innere Faden einer philosophischen Entwicklung dem Buch mangelt, das nur ein ausgeris- sencs Aggregat ist. Zweitens. Offenbar hak der Verfasser den Begriff der R e l ig i o n s sc h w ä r m e r eycn in der christlichen Kirche zu weit genommen, indem er auch die feinste Staatslist, die kältesten Entwürfe der Hierarchie darunter begreift; gegenseitig wiederum was nach Zeit und Ort, vielleicht reiner Enthusiasmus war, oder mit ihm enge zusammenhing, zur Schwärmerei) rechnet. Ehrenhalben mußten Christus und die Apostel abgesondert werden; sonst ist hier III. Recensio n en. 389 in der christlichen Kirche dcnicche die christliche Kirche selbst bis zur Mitte des fünften Jahrhunderts (so weit geht dieser erste Band) fanatisch. Wie nun? wenn ein Spötter die zwei nicht gewagte Schritte auch zurücktrate, und nach einem so wankenden Begriff von Schwarmerey fragte: „war Der, waren Die, die Volk an sich zogen, die darauf hinausginqen, eine Kirche zu gründen, die sich für inspirirt hielten und gehalten wissen wollten, die darüber Ungemach, Verfolgung, Schmach und Tod ertrugen, nicht auch Schwärmer?" Bekanntermaßen haben viele, nicht nur Spötter, sondern auch Redliche, so gefragt, und sich durch glanzende Deklamationen nicht beruhigt gefunden. Sie suchten ein achtes Eriterium, wo Enthusiasmus aufhöre und Schwärmerei, a n f a n- ge? Schwerlich werden sie cs in diesem Buch finde». „Wollte man, sagt der Vers., die Einwendung machen, eine solche Schwarmcrgeschichte könne doch in der Hauptsache nichts anders werden, als eine clironiyus 5aairclaleuss, oder Lasterchronik des E hr i ste n t hu m s; so frage ich, was ist denn aber unsre ganze Kirchengeschich- t e anders, als eine Geschichte der Verirrungen des menschlichen Verstandes?^ -Ich halte sie nicht dafür, und bin überzeugt, daß mehrere, die sie studirt haben, sie für etwas besseres halten. Sobald bei Darstellungen die scharfe Linie des Umrisses fehlet, hört alle Kunst, also auch die Kunst der Geschichte auf. Drittens. Beredsamkeit und ein leichter Spott sind an ihrem Ort schöne Gaben;, sollten sie aber III. Necensionen. 39 schr umständlich anführt.') so glaube er doch, und er denke auch mit Recht, einem solchen Geschichtschreiber sicher und ohne sich nach früheren Quellen umzuschen, folgen zu können. Und da er den aus der Schröckhischen Kirchengeschichte hergcnommcnen Geschichts-Stoff immer so beare beitet, daß er die in der christlichen Kirche entstandenen Schwänncreven aus den Zeit- und Ortsumst a n d e n, aus der zu jeder Zeit herrschen- III. Recensionen. 3^5 den Philosophie oder aus den besonder», von Zeit zu Zeit in Umlauf gebrachten, und mit der christlichen Religion amalgamirten Mcynungen entwickelt, und sie also sowohl in ihren e r- sten Keimen als auch in ihrem weitern Wachsthum und Fortgang aus den Ursachen, die Er in Zeit, Ort und Charakteren der Hauptpersonen gefunden, her geleitet: so sey sein Buch kein Aggregat von Excerpten, denen es am inner» Faden einer philosophischen Entwickelung mangl e." 2) „Den Begriff der Religionsschwärmereyen habe er nicht zu weit genommen: denn warum führe .der Rec. seine, des Vers. Erklärung, die Er von der Religionsschwärmerey gleich im Anfänge seiner Vorrede gegeben, nicht an? statt einer bloßen Worterklärung, die Rec. aus Lesfing ansühre. In was für eine Verbindung die Hierarchie mit der Religionsschwarmerey gekommen, das werde wohl im zweiten Bande Vorkommen,aber hier im ersten noch nicht. — Er habe die Gründe, um deren willen Jesus und seine Apostel für keine Schwärmer gehalten werden können, sondern als weise, vernünftige, ruhig denkende und mit kaltem Blut argumentircnde Männer geschätzt werden müssen, in den drei ersten Paragrap hcn seiner ersten Abthcilung im ersten Bande so deutlich, so bestimmt, so überzeugend und unumstößlich dargelegt, daß niemand an der Wahrheit seiner Ueberzeugung zweifeln könne. Das Eriterium, wo Enthusiasmus aufköre und Schwär- merey anfange, sey in seiner Vorrede zum ersten 3g 6 III, Necensionen. Bande S. VIII, und IX, so bestimmt und deutlich dahin angegeben, „daß der (in einem guten Sinn) begeisterte Enthusiast die Zügel der alle seine niedrigem Empfindungen lenkenden Vernunft nie aus der Hand lasse, daß er seine cxaltirte Einbildungskraft nie in eine so wilde regellose Verrückung gcrathen lasse, daß sie die Leitung und Oberherrschaft des Verstandes von sich werfen konnte. Also fceyer Gebrauch des Verstandes, state Anwendung der Vernunft, der Ucberl e- gungskrast, das scy das Eritcrium des Enthusiasmus. H ingegen Richtung nach ungefähren dunkeln Gefühlen und Einbildungen mit Verachtung aller ruhigen Vernunft und Ueberlcgung, das sey das Criterium des Phantasten und Schwärmers." 3) Zn Ansehung des, vom Verf. seiner Geschichte cingestrcueten, Spottes beschwert sich derselbe, daß man ihm nicht so viel gesunden Verstand und Anspruchlosigkeit zutraue, daß er sich nicht anmaßen wolle, allc Schwärmer durch sein e G eschich- te von Grund aus zu heilen, sondern daß er nur diejenigen dafür bewahren wolle, die etwa noch davon angesteckt werden möchte n. Warum man ihm dieß nicht zu traue, da er es doch selbst S. XVII. und XVIII. ,n feiner Vorrede sodeut- lich zu verstehen gebe? Den alten Todtengebeinen der ägyptischen und syrischen Mönche werde sein Spott doch wohl nichts schaden; ob aber jene Schwärmercyen erloschen, zerstoben seyn, wie man zu glauben scheine, das möge doch wohl eine andere Frage seyn. Freilich möchten jene Schwar- mcrgcstalten, wie die vom heil. Antonius u. s. st, III. Rcccnsionen. ^97 in den nächsten hundert Jahren, wenigstens bei uns Deutschen nicht wieder zum Vorschein kommen können oder Beifall finden; aber könne es denn wohl unbekannt seim, wie viele Swcdenborgianer, Apokalyptikcr, Mystiker, Lammsbrüder, Geisterseher, Chiliasten, Betrüger, die sich für den Messias ausgeben u. s. w>, es noch in unfern Zeiten gebe? Oder gesetzt, diese Schwarmcreycn, durch die alles aufklarende Philosophie unsrer Tage seyen gänzlich zerstoben, ob nicht das Andenken davon historisch lebhaft dargestellt, nicht auch noch für die z u kün ft i g e n Z e i te n heilsam und nützlich bleibe? In der ersten Abtheilung des ersten Bandes wisse sich der Nerf. fast gar keines Spottes zu erinnern; in der zweiten Abtheilung aber, da möge zwar etwas mehr von dem „Luc iani sehen Geist," der durch das Lesen des Zimmermaunischen Buchs von der Einsamkeit auf ihn üb er ge fl o s seu sey, anzutreffen scyn> UebrigcnS könne der Verf. Autorität gegen Autorität setzen, da nicht nur zween andre Recen- scnten ihm ihren Beifall nicht ganz versagt, sondern auch von ** seine Geschichte zweimal S. 417. not. ä. und S. 466. not. 6. angeführt worden." —- — OI10 jurn satis! Unbefangen, mit Auslassung alles Ungehörigen, werden die Worte des Verf. angeführt; ohne alle Gegenrede: denn die Auseinandersetzung jedes siuicl zn-o izuo würde ein Buch erfordern. Bei einer Büchcranzeige, deren Verfasser sich nennen, sagt jeder nur seine Meynung; er will nicht im Namen des ungesehenen Areopagus oder Mino« 3g8 III. Neccnsionen. taurus, den man das Publikum nennet, sprechen und rieht en. Weiß also der Autor, wissen andre cs besser; desto besser! Jeder sage sein Wort an seiner Stelle: denn eine Zeitung kann doch nie ein gelehrter Gerichtshof werden. Wenn ich, der Recensent, jetzt auf's neue meine Mcynung unterstützte, und von den Herausgebern der Zeitung dem Verf., der mit dieser Meynung noch nicht zufrieden wäre, die zweite Replik abgeschnitten würde, wie denn? Also behalte der Verf. von seinem Buch seine Mcynung. Mir schcinets, daß in dieser Rechtfertigung selbst seine eignen Worte im Wesentlichen gnügsam entscheiden. Blos was den Menschen angeht, ein Miß- verstandniß entferne ich sehr gern. Ich war und bin nemlich weit entfernt, „an der innigsten U e b er zeu g u n g" des Verf. von der schwarmerey- losen Vernunftmäßigkeit der Stifter des Christenthums zu zweifeln. Das Wort „Ehrenhalber," das dem Zusammenhänge nach, sehr unschuldig, zu diesem Mißverstände Anlaß gegeben hat, ändere ich sehr willig in ein volles: „Allerdings hat der Verf. u. f. wie die drei ersten Paragraphen seiner ersten Abtheilung im ersten Bande zeigen." Vom zweiten Bande also kein Wort. Denn da der Verf. es dem Recensenten übel deutet, „daß er über den ersten Band geurtheilt, gerade als ob er schon das Ganze vor Augen gehabt hätte," so würde er wahrscheinlich dasselbe auch von der Recen- sion des zweiten Bandes sagen. Ein Schriftsteller, III. Recensionen. 3ö9 der eine nach seiner eignen Angabe und nach dem Richtmaaß eines unparkheyischen Dritten, der hier Lessing war, bescheiden vorgetragene Meynung als eine Beleidigung ansicht, mag über und von sich selbst meynen. Herder. 2 . Hume's und Rousseau's Abhandlungen über den Urvertrag. Nebst einem Versuch über Leibeigenschaft, den lieflän- dischen Erbherren gewidmet, von G. Merkel, ,r u. 2r Thl. Leipzig 1797 mit fortgehenden Seitenzahlen, 8. *) Der Vers, dieser Uebersetzvng ist durch seine patriotische Schrift: „Die Letten, vorzüglich in Liefland, am Ende des philosophischen Jahrhunderts. Ein Beitrag zur Völker- und Menschenkunde," auf's *) Erfurter gel. Nachrichten, 1797. St. 55. 4 o<, III. Recensionen. rühmlichste bekannt. Er hat das Elend der lieflan- bischen Nation in der Leibeigenschaft so Herz- ergreifend geschildert, das — er nicht etwa nur in Deutschland Beifall und Lob erhalten, (eine sehr unbefriedigende Belohnung,) sondern daß seine Schrift da, wo sie wirken sollte, schon Gutes gewirkt hat. Mehrere der wahren Edeln, sagt man, sollen gemeinschaftlich Beschlüsse genommen haben, denen die durchgreifendsten Folgen zu wünschen sind, zur Ehre der Provinz, und zur Emporhebung der unterdrückten Menschheit. Im Busen unsers Vers glüht ein Funke, der ihn fein Werk fortzusetzen aufregt. Von Hu me ist hier sein ok tkrs original (üontract aus den Lssa^s crrick Nrsatisss on sevoral srrlsssctg (Vol. 1 . 2V.) von Rousseau der berühmte (lontraot 80oial übersetzt, der in den letzten Jahren so große Wirkungen hervorbrachte. Der Anmerkungen des Uebersetzers sind wenige, und sie sind sehr bescheiden. Wenn er in der Vorrede sagt: „wie H ume zu mancher Behauptung kam, die von seiner Feder überraschen muß, weiß ich nicht. Er war einst Rousseau's Freund, zerfiel aber bald mit ihm: zur Ehre der Philosophie müssen wir annch- mcn, daß dieser Umstand nichts erklärt:" so kann wohl, auch der Zeit nach, dieser Umstand nichts erklären. Hume's erschienen * 753 . Roussea u's Lontract sooial 176.1. Die Geschichte ihrer Freundschaft und Feindschaft ist von späterem Datum. Hume dachte durch sich selbst, wie er dachte. „Ich strebte, sagt der Vers., nach etwas mehr, als nach Uebersetzer-Ehre." Dieß beweiset denn auch auch sein Nachtrag über L e i b c i g e n h ei t, (S. g6r 672.) zu dem die Abhandlungen beider Philosophen kräftig bereiten. Hinter ihnen und nach ihrcit Grundsätzen dicß Gemahlde von der Leibeigenschaft- welch ein Gemahlde! Der Vers, zeigt die Wirkung- die diese schreckliche Mißform der menschlichen Gesellschaft auf die Unterworfenen, so wie auf ihre Beherrscher und auf den Staat hat; er schreibt gelassen, mit gefaßter Warme und inniger Bedeutung. Gegen seine Grundsätze kann durchaus nichts gesagt werden. Möge man Thaksachcn entschuldigen, wie man gewöhnlich thut; so lange die Einrichtung- d. i. die Unvcrfassung selbst besteht- ist ein ewiges Held zu dergleichen und zu ärgern Lhaisachen gegeben. — --Daß ich doch, sagt ec, Hinreisen könnte bis aN die User der Newa!" — Daß die vereinte Stimme aller Guten, aller Edlen das .Ohr jenes weifen Fürsten zu erreichen vermöchte- der im Stillen zur Gerechtigkeit reifte, und dessen erste Thattn eine so glorreiche Laufbahn versprechen. Ihr, dis ihr wie Voten des Heils um seinen Thron steht; Ihr- zü denen Unzahlbare mit sehnsuchtsvollen Blicken Hinauffehn; wer von Euch ist erhabenen Geistes gnug, seine Wahl dadurch zu rechtfertigen, daß er Ihm sage: „Jetzt, da die Menschheit überall sich fühlt- überall mit Unwillen und JNgrimm ihre Ketten schüttelt, jetzt- mächtiger Beherrscher von hundert verschiedenen Nationen, guter, weiser Fürst; jetzt ist eS Zeit, die schimpflichen und unnützen Schranken nieder zu werfen, die Dich von dem nützlichsten Thcil Deiner Untcrthancn trennen, sic alle wie Kinder zu Dir zu versammeln, sie alle wieKin- Herders Wfrke z. Phil, u. Gesch, XIII» Ec III. Necensioncn. 4 »2 der Dich lieben zu lehren. — Paul! Du verheißest mehr als Große; Du verheißest Güte und allgemeine Gerechtigkeit. Mit einer einzigen Thal kannst Du alles verdunkeln, was alle Deine Vorgänger vermochten. Schaffe sie fort, die Leib eig enheit, dieses Brandmal barbarischer Vorzeit. Es steht da im aufgeklärten Zeitalter wie ein Krebsgeschwür in einem schonen Gesicht, wie ein Scheiterhaufen der Inquisition in einem blübendcn Gefilde. Uebe Gerechtigkeit, und rette die Ehre Deines Reichs, Deines Jahrhunderts! Du kannst es: werde uns Vater!" — Finde diese Apologie eines Jahrhunderte lang gekränkten und erniedrigten Mcnschcnstamms bei cdeln Menschen ein günstiges Gehör, und eine wohlwollende Berathung. Einen Kranz um seine Stirn wird unser junge Thrasybulus nicht erwarten; einst aber, wenn nach erfüllten Hoffnungen er in sein Vaterland zurückkchret, mögen ihm beide Nationen Lieflands, auch für das, was er so stark gewünscht, und in Regung gebracht hat, durch eine gewonnene neue Existenz danken. Hl. Recen fronen» 40^ Ä. B. Geßner» Meine Nachforschungen über den Gang der Natur in der Entwicklung des Menschengeschlechts/ von dem Werf. (des Buchs) Lienhard und Gertrud. Zürich »797» *) Lienhard und Gertrud ist als eins der besten Volksbücher in der deutschen Sprache anerkannt, und an innerer Kraft ist's vielleicht das Erste. Noll warmen Mitgefühls für alle Klassen unsres Geschlechts griff der Verfasser gerade in den Knoten, aus welchem alles Elend, alle Verdorbenheiten der verschiedenen Stande hetvorgrhen, und in welchem sic sich, zufammengcwevc, wechselseitig einander unterstützen und festhalten. Nach Ansicht der Dinge im Gange seines Lebens konnte er diesen Knoten Nicht anders als provinciell snüpsen und auflosen; jeder Leser, jede Leserin aber von Geist und Herz sagte: „hatten wir in unserer Provinz auch einen Lienhard uno Gertrud! eben so wahr, eben so provinciell geschildert!" und nahm sich aus *) Erfurter gel. Nachrichten- »797. St. 60» Et 2 4«4 III. Recen fronen. demselben mit Schmerz und Freude, was für ihn, was für sie diente. Die gegenwärtige Schrift ist auch eine Geschichte, die Geschichte eines großen Kampfs und Zwiespalts; nicht aber in einzelnen Auftritten, zwischen wenigen Personen, sondern in sä m m tl i c he n Z u sta irden unsres Geschlechts, und bei jedem Menschen in der Folge seiner Verhältnisse und Lagen. Der Knote liegt in unserem Herzen , im reichen Keim unsrer Kräfte und Anlagen, deren Schlaf und Wachen, deren verschiedener Gebrauch und Mißbrauch im fortgelciketen Bande der Gesellschaft allenthalben neue Knoten schlägt, neue Keime des Guten und Bösen fördert. Kurz, die Widersprüche i n der men sch lichen Natur und Gesellschaft nimmt der Verf. scharf und bestimmt nach allen Wechselfarben in's Auge, indem er sich fragt: „Was bin ich? und was ist das Menschengeschlecht? Was Hab' ich gethaN? und was thut das Menschengeschlecht? Ich will wissen, was der Gang meines Lebens, wie es war, aus mir gemacht hat. Ich will wissen, was der Gang des Lebens, wie er ist, aus dem Menschengeschlechts macht. Ich will wissen, auf was für Fundamenten mein Thun und Lassen ruhe; von welchen Gesichtspunkten meine wesentlichsten Meynungcn eigentlich ausgehen, und unter den Umständen, unter denen ich lebe, ausgehen müssen. Ich will wissen, auf was für Fundamenten das Thun und Lassen meines Geschlechts ruht» von welchen Gesichtspunkten seine wesentlichsten Meynungcn eigentlich ausgehen, und unter den Umständen, unter denen III. Rccensioncn. 405 es lebt, ausgehcn müsse n." — Die Untersuchung dieser Fragen macht das ganze Buch zum ernstesten Gespräch mit uns selbst und mit unscrm Geschlecht in allen Klassen und Standen. Wehe dem vertrockneten Herzen, wehe auch dem Thiermenschen, der, wenn er die drückendsten, hier aufgestellten Kontraste vor sich steht, nicht zu sich sagt: „auch ich leide unter diesen Widersprüchen, und trage sie in mir. Ich bin nicht besser , als Jedermann." —^ Wohl aber jedem, der in diesem strengen Dialog zu sich sagen kann: „ich that, was ich konnte, um diesen Widersprüchen zu entkommen, ja sie mir selbst zuerst aufzulvfcn." — Drei Zustande setzt der Vers, im Menschen und im menschlichen Geschlecht fest, d. i. drei Arten, die Welt anzufehen und auf sic zu wirken. Der erste ist der Zustand des T h ierm e n sc h e n, dessen Unschuld nur kurze Zeit, nur einen Augenblick daurct; selbstgefälliger Gebrauch der Kräfte ist seine Tendenz, ungestörter sinnlicher Genuß sein Ziel. Sobald er in einen Eonflict mit andern An- strebungen und Gelüsten kommt, hört seine Unschuld, wie seine Seligkeit, auf; und es öffnen sich gräßliche Scencn. Der Zustand der Gesellschaft begehrt ein Recht, ein gemeinsames Recht, zu dem den Menschen ein tausendfaches Elend, Noch und Jammer treiben. Mit unglaublicher Stärke, mit einem furchtbaren Rcichthum an Beweisen zeigt der Werst, daß auch im Zustande der Gesellschaft der Mensch immer ein Thicrmensch bleibe, der sich selbst gern Alles ist, der seine Macht, seine Ansprüche zügellos ausdchnct, wenn ihn nicht ein gemeinsames Gesetz bindet und einschränkt, der unter taufend III, Recensionen. 406 sinnreich erlogenen Formen und Blendwerken jetzt und immer nur seinen Sinnengenuß zu sichern und zu erweitern trachtet. Mit schrecklicher Wahrheit, in Anspielungen auf alle Klassen und Stande ist dies Gemählde dargestellt, das unsre Zeit, in welcher dieser Kampf nicht etwa nur hie und da von aussen, sondern inwendig in den Herzen fast aller Menschen zum Ausbruch gekommen ist, leider sehr bewahret. Das Elend der „Rechtlosigkeit im gesellschaftlichen Zustande" schildert der Vers, mit einer Starke und Vielseitigkeit, wie sie vielleicht kein Schriftsteller, selbst Mousse a u nicht, geschildert hat. Er reißt uns die Binde von den Augen, und beleuchtet den lieblichen Wahn, „daß gesellschaftliches Recht und sittliche Tugend Eins sey," niil einer flammenden Fackel. Alles in diesem zweiten Zustande von innen und aussen dränget uns in einen dritten Znstand zu treten, sittliche Menschen zu werden. Dies wird Jeder füy sich, aus innerer Kraft, durch rein? Bestrebung, seines Willens; die Gesellschaft kann ihm diesen Zustand nicht geben, wohl aber ihn daran hindern und ihn verfälschen. Nur durch die Uebel, die sie veranlaßt, durch die ungeheuren Contraste und Widersprüche, die sie blos stellet, treibt sie den Menschen, daß er diesen Zustand sich s e l b s t g e b e. Und nun zeigt der Berf,, wie der also veredelte, sittliche Mensch,. Kenn tniß und Wissen, Erwerb un d Eige nth um, Ne ch t undMacht,. Ehre, Beherrschung und Unterwerfung, Adel, Handel, Kronen, Gesetze, Freiheit, Staat, Wohlwollen, Liebe, Religion gnsehe und anwende; wobei er jedesmal, was diese III. Necenfionen. 4»7 Dinge dem Natur- und dem gesellschaftlichen Menschen .sind, mit deutlicher Abzeichnung bemerket. Im ganzen Buche steht der Mensch in dreierlei Rücksicht vor uns, als Werk der Natur, im unverdorbnen und vcrdorbnen Zustande; als Werk seines Geschlechts, was die Gesellschaft aus ihm macht und machen will, wie sie ihn formt und bildet; endlich als W e r k se i n er sclb st; da erschaffet, da suchet er sich Recht und Wahrheit. — Man sichet, daß die Grundlage dieser Gesichtskreise in Rousseau liege, dessen Schriften der Vers, stark und frühe gelesen haben muß, mit dem er auch in seiner männlichen Beredsamkeit und Liebe zur Wahrheit eine Achnlichkcit hat, die sich leider auch bis auf traurige Erfahrungen seines Lebens zu erstrecken scheint. Geborgt aber ist in diesem Buch nichts. Der Strom, sowohl wo er sanft fließt, als ungestüm sich fortwälzet, quillt aus dem Herzen; wir lesen das reif durchdachte Resultat eines über die Hälfte hinaus gelebten, rhatigen, wenigstens im Wollen thätigen Menschenlebens. — „Tausende, sagt der Verf. (S. 2Z2.), gehen als Werk der Natur, im Verderben des Sinnengenusses dahin, und wollen nichts mehr. Zchntau- sende erliegen unter der Last der Gesellschaft, ihres Hammers, ihrer Nadel, ihrer Elle und ihrer Krone; sie wollen nichts mehr. Ich kenne einen Menschen, der mehr wollte; in ihm lag die Wonne der Unschuld, und ein Glaube an die Menschen, den wenige Sterbliche kennen; sein Herz war zur Freundschaft geschaffen; Liebe war seine Natur, und Treue seine innigste Neigung.". O „Aber er war kein Werk der Welt; er paßte in keine Ecke derselben. Und die Welt, die ihn also fand, die nicht fragte: ob durch seine Schuld oder die Schuld eines Andern? zerschlug ihn mit ikrern eisernen Hammer , wie die Maurer einen unbrauchbaren Stein, zum Lückenfüllen mit den schlechteste» Brocken." „Noch zerschlagen glaubte er an das Menschengeschlecht mehr, als yn sich selber, setzte sich einen Zweck vor, und lernte unter blutigem Leiden für diesen Zweck, was wenige Sterbliche können. AU reinem brauchbar konnte er nicht mehr werden, und er wollte es auch nicht; aber für seinen Zweck wurde er cs mehr, als irgend einer. Er erwartete jetzt Gerechtigkeit von dem Geschlecht, das er noch immer harmlos lichte, und erhielt sie nicht." U. s. w, „Das war das Sandkorn auf der flehende» Waage seines Elends. Er ist nicht mehr; du kennest ihn nicht mehr; was von ihm übrig ist, sinh zerrüttete Spuren seines zertretenen Daseyns," „Er siel. So saht eine Frucht, wenn der Nordwind sie in ihrer Blüthe verletzt, und nagende Würmer ihre Eingeweide zerfressen, unreif vom Baum. Wanderer, schenk' ihr eine Thrane, Noch im Fallen neigte sie ihr Haupt gegen den Stamm, an dessen Aesten sie ihren Sommer durchkrankte, und lispelte dem Horchenden hörbar: auch vergehend will ich seine Wurzeln noch starken." In so trauriger Gemüthsstimmung schloß der Berf, sein Buch, Aber die Auftritte der Welt wechseln: gegenwärtige? Schmerz ist nicht ewiger Schmerz, und Hinte? dem Sommer gibt cs auch schöne Herbsttage. Dem Vers, werde eine solche Jahrszeit, auch für die Frucht, die er uns mit diesem Buche geschenkt hat. Jeder, wenn er es gelesen, nehme ein Blatt und schreibe seinen Lebenslauf dazu, was Er als Werk der Natur habe seyn sollen? was aus ihm die Gesellschaft, was endlich Er aus sieh selbst gemacht habe? Einem überlegenden Gcmüth bietet dies Buch zu solchem Blatt viel Ansichten dar. Ob sich nun gleich einem Genius, bei dem gleichsam nur der starke Verstand und das verwundete Her; redet,, die kleinsüqige Kritik nur schüchtern nahen sollte: so wäre es doch, selbst zur Darstellung mancher Wahrheiten, gut, wenn vor einer zweiten Auflage der Vers, sein Buch einem Freunde, dem er vertraute, nicht nur zur helleren Jntcrpunction, sondern auch hie und da zu Bemerkungen mittheilte. Durch kleine Veränderungen, durch die Wegnahme manches Ueberladencn sielen andere äußerst wichtige Süllen reiner in'sAuge; sie stünden, wie Kastor und Pollux auf dem berühmten römischen Berge riesenhaft da. Es wäre diese Austheilung einer Schrift zu wünschen, die so ganz, wie diese, die Geburt des deutschen philosophischen Genius ist, der weder francisiret, noch gnglisiret, am wenigsten aber sich daran gnügen läßt, ein Prinxi- xium in der Form ausgestellt zu haben. Eben daß unser Verf. tief in die Sache griff, und den seit Jahrtausenden geschürzte» Knoten der Mcnschcnvcr- fassung „unsres alternden Welttheils" mit einem III. Recen fronen. 4ly Hiebe nicht zu lösen begehrte, vielmehr ihn fester zuscimrnenzog, und nur die eins- und eingehenden Enden zeigte,, eben dies ist der Werth seines Buchs. Trete nun ein Andrer hinzu, und zeige, was die wachsende Sittlichkeit einzelner Menschen einzeln und für's Ganze uns an frohen Aussichten gewahrer wir wollen ihn hören.. 4 - Phamenophis; oder Versuch einer neuen Theorie über den Ursprung der Kunst und Mythologie, von Karl Friedrich Dornedden» Göttingcn 1797. *) Schade, daß wenn der lesende Theil des Publikums auf Materien Einer Art zu sehr gespannt ist, oder von Recensenten gespannt wird, andre denkwürdige Bemühungen des menschlichen Geistes so leicht übersehen werden. Dreißig Jahre früher wäre die eben genannte Schrift mit lauterm Ruhm verkündigt worden, als in unfern politischen Ro- *) Erfurter gel. Nachrichten« 1738, St. 7» III. R ecensionen, 4 " manzeiten, Sie hat indessen ihren Werth in sich, der zu seiner Zeit gewiß hervortrctcn wird. Jeder Kenner der Literatur weiß, wie viel und mancherlei über die sogenannte heilige odcrHiero- g lyphen sc hrift der Aegypter, über ihren Göt- ter- und Thierdienst, ihre Mysterien, über Osiris, Isis, M e m n o n s klingende Statue u. f. gemuthmaßet und gerathselt worden; alles ohne festen Bestand, weil spate, einander widersprechende, Griechenmährchen und wenige Etymoly.neen die einzigen Gewährsmänner waren. Nach dem verdienstvollen Gattersr thut unser Autor den ersten festen Tritt in diesem dunkeln Felde. Indem er eine wahre Idee von dem gibt, was vor Erfindung der Buchstaben oder eigentlicher Wortzeichen eine Sa che n sch ri ft seyn mußte, indem er diesen Begriff entwickelt, scsthalt, und mit lebhaftem Geist sich ganz in die Zeiten versetzt, da man, der Buchstaben völlig unkundig, durch Zeichen, Gebrauche, Feste, Handlungen sprach« (d. i. Ideen« die man bekannt machen, sixiren, auf- hewahrcn wollte,. in S a c h - C h a r a k t e r en andeutete und wiederholte), gibt er zugleich Proben« wie solche Sachen- und H a n d lu ngs sp ra c h e, in Worte gefaßt, gesagt werden mußte« und wie Man aus diesen Worten auf die Ideen jener zurück kommt. Er hat sich hiemit am Cyktus der ägyptischen A eit» und I a h r e s b c sti m m u n g versucht« und (ohne daß man eben annehmen darf, die Aegypter halten nur Zeit-Ideen symbolisirt) hierin viel geleistet. Ueber Osiris« Isis, die Neith, Osiris Gryb, den Phönix, Apis, A m e- nophis, d. i. die sogenannte M e mnons s a ul e, III. Nccensionen, 412 Len Thier dien st der Aegpvrcr, die ii. f. ist nie so viel Verständiges und Einleuchtendes gefugt worden, als hier; alles ist angemessen dem Geist damaliger Zeiten. Da des gelehrten Zoega Werk über die Obelisken seit mehreren Jahren zu Rom im Druck ist: (zu wünschen, daß es bald erscheine); und dieser vielbelesene Mann seinen ganzen Fleiß auf dicß Studium gewandt hat: so wird man neugierig, zu wissen, ob und wo er sich mit dem scharfsinnigen, gelehrten Verfasser dieser Schrift begegnen werde? Begegnete er sich aber auch nicht .mit demselben, so sind die Regeln und Proben, die Hier zur Auslegung einer Sachen- und Handlungssprache, ehe man Buchstaben kannte, nicht minder zu Einverstandigung dessen, was griechische Vuchstabenschreiber von dergleichen Anordnung gen berichten, gewiß doch der erste Versuch einer Logik über die gedachte Sachen- Zeichen- und H a n d l u n g S s p r a c h e. Mithin ist diese Schrift nicht etwa dem ägyptischen Altcrthumsgelchrten allein, sondern Jedem lehrreich, der von der Weise alter Völker, über Sachen und Ideen gemeiner Ordnung vor Erfindung der Buchstabenschrift etwas Gewisses zu ordnen , eben bei dem Volk der ältesten und fruchtbarsten Eultur eine Probe zu sehen begehret. Nicht nur wird er hei der Ansicht dieses beschwerlichen Ganges der Zeichensprache den fast unermeßlichen Werth der Buchstabenschrift neu schätzen lernen, sondern auch zu Beurtheilung andrer ähnlichen Nationen und für die Geschichte des menschlichen Geistes überhaupt mancherlei Grundsätze selbst folgern. — Hl. R e c e!! sion e n. 4>3 Es ist zu wünschen, daß der Verf. dieser Schrift mehrere seiner Untersuchungen, ohne welche dieser Phamenophis nicht erscheinen konnte, mit Wahl und Absicht an's Licht fördere; und wenn diese, wie aus einigen Winken zu ersehen ist, sich auf die Bildung der ältesten griechischen M y- thol vgie erstrecken, solche nicht vorcnthalte. Die Entstehung der schönsten, d. i. der griechischen Mythologie ist immer noch, bei allen dazu gelieferten trefflichen Solutionen, für kein völlig aufgelöstes Problem zu achten; jeder neue Beitrag dazu, wenn er aus der wahren Mnemonik der alten Zeit schöpfet, ist schätzbar. Mit dem Titel des Buchs scheint der Werft sich dazu verbindlich gemacht zu haben: denn eine Theorie über den Ursprung der Kunst und Mythologie ist mit diesem Phamenophis noch nicht gegeben. Wir sehen es also nur als den ersten Ton an, dcnMem- nons Statue tönte; die saxtanr vouale5 mögen folgen. Zweitens wäre vielleicht zum Vorthcil der Sache bei ferneren Geistesarbeiten des Werft zu wünschen: Erstens in Materien dieser Art eine strenge Enthaltung von Kan tischer Sc h u l sp r a c h e. Was soll sie beim Phamenophis? was soll sie überhaupt im Garten der Musen? Entwicklungen dieser Art sollen gelesen werden, wenn jene Schulsprache vergessen, oder von einer andern verdrängt seyn wird. So lange der Verf. in seiner eigenen Sprache redet, schreibt er leicht, sogar genialisch; wenn erden philosophischen Panzer anlegt, geht er schwer; die Arm - und Beinschienen klappern. Zum Glück griff er selten nach dieser entbehrlichen Rüstung. Zwei- '-«Vir» III. Recensionen. tens. Hie und da hat der Verf., wie «8 scheint, Lessin gS polemischen Ton nachgeahmt; er ist aber schwer nachzuahmcn, und am Ende halt er doch die Materie auf. Laß Andre vorher gesagt haben, was sie wollten; ist es nicht schön und würdig, mit Vergessenheit ihrer, etwas Besseres zu sagen, oder sie, wenn es die Sache fordert, schlicht zu widerlegen? Jablonski und Andre thaten, was sie konnten-, jener verdiente Mann hat wenigstens treu ge- samNiclt und koptische Worte interpretiret. Verfehlte er den wahren Weg; wie schön ist's, diesen zu finden, und den Leser ungestört, ebne Rücksicht auf fremde Irren, diesen Weg zu letten! Wenn in Untersuchungen solcher Art sich ein Begriff nach dem andern, ein entkathselres Symbol nach dem andern frei und anschaulich hervvrhebt, so ist's, wie wenn ein guter Demonstrator, die Fackel in der Hand, uns die Statuen des Kapitols oder Vatikans zeiget.. Wie sich die Fackel schwingt, treten sie aus der Nacht bervor; sie bewegen sich, sie leben. Unser Werf. hat Kenntnisse und das Talent, in der Nacht des AltertkuMs uns diesen KuNstgang lehrreich wei, ter zu führen. IN. Recensionen. S. A. ö» Schlötzers Geschichte dök Deutschen in Siebenbürgen. Erstes, zweites, drittes Stück. Göttingen 1796. »796. 1797. 23 Bogen in gr. 6 . *) Zn einer Zeitenkrise, wie die unsrige ist, wü dem in Ohnmacht gesunkenen, sein Schicksal erwartenden, Deutschland so mancher eingeborne Deutsche in ausländischen Phrasen Hohn spricht, kommt ja .wohl ein Buch recht, das dem Charakter der Deutschen nicht etwa nur, wie Man laulich sagt, Gerechtigkeit widerfahren laßt, sondern ihre Verdienste aus Thatsachen entwickelt und in Thatsachen darstellt, das die Geschichte aufruft zu sagen: „das waten und wollten wir! das waren wir unter mancherlei Himmelsstrichen, früher als andere Völker um uns her; das haben Wir geleistet!" Von demVer- fasset eines solchen Buchs darf matt doch wohl sagen: „er habe sich um seine Nation verdient gemach t." Ein solches Buch sind diese drei Stücke kritischer Untersuchungen zur Geschichte der Deutschen in *) Erfurter gel. Nachrichten, 1798. St. 3 r. Siebenbürgen, von Sc h l ö tz e r. Nicht um diese Deutschen „in Siebenbürgen" allein , (deren Urkunden, theils ganz, theils in Auszügen das erste Stück- und deren Haupturkunde, da» Privilegium Königs Andreas !l. vom Jahr 1224 das dritte Stück mit einem kritischen Commentar gibt), hat sich der Vers, verdient gemacht, indem er ihre Geschichte darstellt und ihre Rechte vertheidigt; sondern um die Ehre der Deutschen, wo sie auch leben , indem er das ihrem Gharakter früh ungebildete gute Gefühl von rechtlicher Ordnung, ausharrcndcm Fleiß, treuer Sittlichkeit, mithin ihr Verdienst um die praktische Kultur der Menschheit durch Lhatsachen erweiset. Der Unterschied zwischen Lebensart der Deutschen und Madscharen wird hie und da schneidend. Indem der Vers. dcN wahren Blick strenge verfolgt- „Thicre müssen Menschen, ziehende Horden Volker- Völker Menschen - Völker werden ," und die Eigenschaften oder sogenannten Vorzüge jeder Periode dieses Fortschrittes in treffenden Zügen neben einander stellt; so tritt das Verdienst der Deutschen durch ihre frühe Municipal-Einrichkung, die eine bürgerliche Freiheit und SclbstregieruNg mit sich führte, so wie auch ihre Bemühung um die Eultur vicUr Gegenden Europa's, durch Betriebsamkeit und Künste in einem bescheiden - schönen Lichte gleichsam voN selbst hervor. Der größte Theil des zweiten Stücks dieser historischen Untersuchungen, der vom deutschen Municipalwesen von den Edlonien der Deutschen in Oesterreich- Ungarn, Siebenbürgen- Bremen, Holstein, Meissen, Mecklenburg, Preußen III. Recensionen. 4^7 ßen u. f. sammt den verschiednen Rechten, die sie daselbst erlangt und festgesetzt baden, mit historischer Pracision redet, ist jedem Liebhaber seines Volks und der Geschichte desselben uncntbebrlich; auch was sich aus der Geschichte andrer Unternehmungen, z. B. der Spanier in Languedok, der Johanniter und Tempelherren in Ungarn hinein mischet , die Chronik der Petscheneger und Kenianer selbst ist hier gleichsam , neu entdecktes oder neu befestigtes gewonnenes Land. Dem Vers, steht ein Ausdruck zu Gebot, der mit Bündigkeit und Kraft Scharfe des Witzes und Urtheils so glücklich vereint, daß manche kurze Stellen seiner Vorreden, seiner Anmerkungen und Einschaltungen mehr sagen und weiter Hinweisen, als lange schale sogenannt-philosophische Eommentare. Die wahre Philosophie der Geschichte ist nicht die Geschichte n xrrovi ersinnen oder mahlen, sondern üActu darstellen und ordnen- Das Meistertalent des Vers, historische Kritik, hat sich also auch in dieser Schrift erwiesen.» Gleichviel, woran es geübt werde, ob an einem Privilegium der Siebenbürgcr oder dem Recht einer Kolonie; es wird lehrreich für die ganze Geschichte der Mittlern Zeiten, ja für die Menschengeschichte überhaupt: denn Alles hat in dieser Eine Tendenz, und strebt zusammen zur Kultur, oder wie der Vers, sagt, zur Völker - M e n sc h w e r d u n q. Scblötzers Eommentar zum Privilegium der Siebenbürger ist auf allen Blattern lehrreich. Sonderbar wird es vielleicht manchem Leser, wenn er in unsrer wortschaumenden Zeit die Stimme -HerdersWerfe z.Phil.u.Gesch. XHl, D d III. Recensionen. 418 eines solchen Veteran hört: denn Veteranen nennen unsre Neulinge, (die sich für die jetzt Herr- sehende Generation halten,) ihre Lehrer. Manches wird diesen deutschen Madscharen zu scharf, zu hart gesagt scheinen; manches andre wird ihnen Mikrologie dünken: denn es hat viel Fleiß, viel Untersuchung gekostet, und ist nicht a xriori erfunden. Lasse der Himmel uns aber noch lange solche Veteranen, deren einige goldne Worte und scharfe Blicke mehr werth sind, als lange Spekulationen und mahlerische Tiraden. — Wir verbinden als» zugleich mit diesem Buch ein anderes Werk voll achten kritischen Geistes und Fleißes: * * * A. L. Schlötzers kritisch-historische Neben stunden. OriAinss Osmsnicas. Papiergeld, eine Mongolische Erfindung im r 3 ten Sä- culum. Ideal einer Anleitung zur Kenntniß der asiatischen Staatengeschichte im Mittelalter. Göttingen , Key Vandenhöck und Ruprecht. 1797. rs Bogen, gr. 8. Indem der Vers, im ersten Aufsatz die einheir mischen Quellen der alteren Osmanisch - Türkischen Geschichte untersucht, und von ihren Geschichtschreibern Sv'ad — eddin und Abulgasi Nachrichten und Proben gibt, sodann die Osmanischen Lri- gines nach byzantinischen, arabischen und anderen meist zuverläßigeren Berichten verfolget, bahnet er III. Recensionen. 4>9 sich den Weg zum Entwurf einer allgemeinen türkischen Geschichte von der ersten Bekannt- werdunq vieles Volks, und seines Stammlandes bis zur Gründung des osmanischen Reichs, mit neun Hauptepochen der Bekannlmerdung dieser Lander und Völker, von Eyrus und Alexander bis auf den Einfall der Mongolen. Sodann zeichnet er das Ende des Staats von Chowaresm und von Jkonium, und den Anfang des Osmanischen, mit einem Resultat vom wahren Ursprünge der Osmauer und Osman. Alle diese sechs Abschnitte sind keines Auszugs fäbig: denn sie sind aus den verschiedensten Untersuchungen selbst Auszug. Eben so, im siebenten dis Parallele zwischen klein Asien und Italien im Mittelalter, zwischen Osman Sforza und andere Oonäot- risvi. Ausgerissene Resultate stünden hier am un- rechten Ort; man muß die Schrift selbst lesen. Allenthalben zeigt sie Lücken und weckt Gedanken. Weckte sie auch Fleiß, diese Lücken auszufüllen, die hingestreueten Gedanken zu realisircn! Mit innigem Vergnügen sieht man hier europäische Kritik an morgenländische Geschichte und Geschichtschreiber gelegt; die Anwendung davon auf die Geschichte andrer morgenländischen Stamme und Völker mache sich jeder. Der Aufsatz. „Mongolen, Erfinder des Papiergeldes im r3ten S acul um überrascht angenehm, und ec ist mit Zeugnissen beleget. Der Anfang endlich, „über deutsche Orthographie asiatischer Namen" verdient allgemeine Beherzigung und Einverständnis;. Es ist ein wirklicher Gräuel, daß Jeder orientalische Na- ' Dd 2 H2 70,8.*) Ein zu volles Gemüth, das gar zu viel zu sagen hätte, schweigt; so werde auch dies kleine Buch schweigend angekündigt. Lese es Zeder, der den *) Erfurter grl. Nachrichten, 1738. St. lr». Traum von Freyheit und Sicherheit eines Staatsbürgers deutscher Nation unter der Willkühr des Gesetz- und Straflosen Despotismus träumt, lese es Jeder! Der Vf. ist ein Greis; er erzählt sein Leben, weife wie ein Mann von Geschäften, und da- bey rein wie ein Genius, und heiter. Er charakte- risirt Fürsten, Adel, Söldner, Volk, Stände so bedeutend, daß man von ihm sagen möchte: „sein Schweigen redet." Dabey ist seine Schreibart nett und klar, so natürlich und rein deutsch, daß sie seiner gebildeten „ehrlichen Denkart" nicht nur entspricht, sondern gleichsam selbst zu ihr gehöret. Eine Nachlese Klassischer Denk - und Schreibart aus einer säst verlebten Zeit. Möge das Beyspiel des Vs. der seine Geschichte so ganz ohne Bitterkeit treu und rein erzählt, mehrere seiner Landsleute wecken, die ihrige auch zu erzählen. Außer der Kriegs- und Staats-Marionette hat ja Deutschland keine andre, als die Gelehrten- und Dienstgesrhichte; jede D i e n st gesc h i c hte wie diese ist des Bemerkens- und Aufhebens werth. Ein edler Mann, ein treuer Freund, der Regierungspräsident von Gemmingen, den Deutschland aus seinen jüngeren Jahren euch als Dichter kennet, und dem unser Vf. ein eignü Denkmal errichtet hat, erscheint in dieser Lebencheschichte seines Freundes, obgleich, (wie es der Despotismus gebot), vorsichtig und furchtsam, dennoch bis an den letzten III. Recensionen. 428 Lebenshauch treu, bieder und ehrlich. Die Namen Gemmingcn und Huber, ob sie gleich in verschiedenem Licht glanzen, werden von jedem Rechtschaffenen mit Liebe genannt werden. Seinem verstorbnen Freunde also eignet der Vf. dies sein Leben zu: Mein Bruder! Gönne mir die traute Zuschrift! Es mögens die Magnaten alle wissen! Im Himmel, wo du bist, erschallt kein Titel, Als der — des Bruders. Welch einen Theil die Bürger des Olympus Am Schicksal der zurückgclaßnen Freunde Entweder nehmen können oder dürfen, Ist heil'ges Räthsel. Vielleicht, ihr Glücklichen, wird Erdenschicksal Für Euch zu klein, vom Himmel aus, gesehen. Noch ist cs Trost für uns , mit euch zu reden., Als wenn itr hörtet. Der Lebensbeschreibung sind einige wenige Gedichte beygesügt, die, obwohl der Vf. treffend sagt, „daß Alb erg kein Helikon sey" dennoch dem größesten Theile nach den Gedichten Uz und Gem- mingens an die Seite gesetzt zu werden verdienen. Hier ein paar Proben. In den zvey ersten Stunden seiner^ Gefangenschaft sang dkl Vf. also: III. Recknsioncn. 429 Ich ehre dich, 0 du des Himmels Wille, Du rufst; ich bin bereit. Gey mir gegrüßt in dieser schwarzen Stille, Balsam'sche Einsamkeit. Wo bin ich? und ist dies der Weg der Wahrheit? Und diese Schmach ihr Lohn? So heitre sie des Kerkers Nacht mit Klarheit, Und glänze durch den Hohn. Isis Hochverrats,, zu mahnen einen Prinzen Ln Pflicht, an Fürstentrcu? Au sagen, daß vom Wohlstand der Provinzen Sein Glück untrennlich sey? Sey rubig, Herz! O, keine einz'ge Klage Entweihe dein Geschick Der Muth ist Ruhm, und unverdiente Plage Ist ein wahrhaftes Glück. U- f. Ein anderes: „Mein Auszug aus Tübingen.'^ , Für Macht und für Despoterey Und für achthundert Bärenmützen, Wer kann den Biedermann beschützen, Laß er kein Raub des Unglücks sey? Noch weicht sein Fuß nicht von der Bahn, Worauf der Mann der Wahrheit wandelt, Und jeder Feind, der ihn mißhandelt, Feurt ihn zu größrer Tugend an. III. Recensionen. 43o Die That allein ist Schmach und Ruhm; Der Hohn, der Kerker und die Bande Sind Zeichen von der wahren Schande, Wie Lorbeern von dem HeldSnthum. D. i. trügliche Zeichen. Fürchte niemand, hier eine widrige, oder mit Dunst einer falschen Anmaßung angcfüllte Kerkerstube zu sehen; die sanfte, die bescheidne Muse hat sie erleuchtet. Im ganzen Büchelchen herrscht klare Ansicht der Dinge, ein wackres Herz und ein reiner Verstand. 8 . Rede zum Andenken des Grafen A. P. von Bernftorff, gehalten im großen Hörsaal der Universität zu Kiel, den 28. Aug. >797. vom Professor Hegewisch 4 Bogen, 8 . Kiel. *) Aus diesen vier noch nicht vollen Bogen tonet eine sanfte Rede, die von jedem, dem das allgemeine Wohl der Staaten, die allgemeine Billigkeit und Ordnung heilig sind, gehört werden sollte; sie ist *) Erfurter gel.-Nachrichten, 1798. St. ho. III. Recensivnen. 4)» dem Charakter Bern stör ffs gleich, die erquickende Stimme der Mäßigung und Wabrheit. Jener ruhig-denkende, mit den besten Grundsätzen der Ge- sammtgeschichte ausgerüstete, Geist, der alle Schrif. ten Hegewisch'S charakterisirt, spricht auch hier, zum Andenken eines großen Mannes der Geschichte; ,,Unter vielen glanzenden Namen, (so endet die kurze Rede,) wird Bernstorf fs Name mit reinem Glan; strahlen: denn es ist der Glanz der Rechtschaffenheit und Wahrheit." Um ihn in diesem Glanze zu zeigen , laßt der Redner bloß Thatsachcn sprechen, die er auf Grundsätze zurückführt; die Rede enthält nichts, als dir G e sc hi c hte. v 0n Bernstorffs Leben. Diese wird interessant, nicht etwa durch ihre äußere Merkwürdigkeit allein, da sie einem großen Theil nach in das Zeitalter der wunderbarsten Begebenheiten und Verwirrungen Europens fällt, sondern vielmehr durch ihre innere -Merkwürdigkeit, durch die Grundsätze selbst, die Bernstorff in dieser gefahrvollen Krise als Staatsmann für Dänemark mit unerfchülterler Festigkeit befolgte. Diese entwickelt der Verf. mit einer so einleuchtenden Heiterkeit, daß sich der Hörer nach und nach über das Gewirr falscher Staats-Tendenzen erhoben, in einer Region der Wahrheit, die Menschenglückseligkeit ist, gleichsam an Bernstorffs Seite fühlet. Dem Unterzeichneten wenigstens kam berm Lesen dieser Schrift das Bild des edel - und schongebildeten , gedächtnißreichen einnehmend-beredten, Oidnung und Billigkeit liebenden Mannes, das ihm der persönliche Genuß Eines Tages mit ihm auf dem Lande eingedrückt hatte, sehr angenehm wieder. 4^2 III. Recensionen. Einen besondcrn Vorzug erhält diese Rede dadurch, daß sic, (was so viele .Lobreden thim,) nicht philosophisch deduciren will, und nie zu viel, nie übermäßig lobet. Sie erzählt Lcbensumstände, z. B. wie Bernstorffs Denkart sich gebildet; (auch Jacob! in Zelle, ein Fenelon in seinem Kreise, steht unter denen, die. die religiöse Denkart des Jünglings bestimmten; in andern Fächern waren es Staatsmänner, Gelehrte, Künstler;) welchen Gang ec unter Führung seines großen Oheims in Geschäften genommen, wie er Geschäfte desselben nach dessen Ableben glücklich vollendet, welche Grundsätze ec bey dem Amerikanischen, Russisch-Türkische», und dem unseligen Kriege der Coalition standhaft, gerecht, weise und menschenfreundlich befolget, welche große Anstalten zum Besten der Menschheit unter seinem Ministerium im Innern des Reichs bewirkt wurden: „Jener der Menschheit entehrende Handel, der Handel mit Menschen, wurde abgeschafft. In den europäischen Staaten des Königes wurden Vorbereitungen gemacht, dem leibeigenen Landmann Freiheit und Eigenthum zu verschaffen. Die öffentliche Mittheilung der Gedanken, ohne die keine wichtigen Fortschritte zur Vervollkommnung des menschlichen Geschlechts möglich sind, wurde in einem reichen Maße gestattet, zu einer Zeit, wo andere Regierungen in dieser Freiheit eine Quelle tausendfacher Uebel zu erblicken glaubten, und aus ängstlicher Besorgniß sie zu vernichten suchten. — Den Furchtsamen, die immer noch die wohlthatrgen Folgen solcher Maasregeln bezweifeln, die das Stillstehn auf der einmal erreichten Stufe als Klughcitsregeln betrachten, diesen furchtsamen Zweiflern wollen wir Bcrnstorffs Namen nennen." Doch III. Recensionen. ^33 Doch die ganze Rede müßte abgeschrieben werden, wenn die trefflichen Maximen bemerkt werden sollten, an die sich Bernstorffs öffentliches und Privatleben schließt und reihet. Kein schöneres Andenken gibk's, als auf diese Weise fortdauernd in Menschlichen Seelen, und guten Einrichtungen zu leben; Bernstorff lebt in ihnen. Er lebt in der Geschichte als der Friedehalter, zur Zeit der unglücklichsten Kriegsstürme, als der im Namen eines Reichs an große europäische Machte sprechende Schutzgeist und Ve rt'ye i di ge r allgemeiner Menschen- und Völkerrechte in einem Orkan von Zeiten, wo die laute Stimme wilder Luftgeister jene Rechte aberkannte und verhöhnte. Wer zu Aufrechthaltung der Menschheit an Grundsätze dieser Art glaubt, oder auch wer nicht an sie glaubt, lese diese Rede. Vielleicht überrascht ihn eine Scham- röthe, die er sich selbst verbergen möchte. Unseren bescheidenen Redner sagen wir, verlassend seinen Hörsaal, nichts, als rin treues „äs fmno vivo stens äixisti! ^ Herders Werke z.Phil.u.Gesch. XM. Ee 434 HI. Recensionen. S- Ueber die Ideale weiblicher Schönheit bey den Morgenländern. Ein Versuch von Anton Theodor Hartmann. Nebst einem Anhang von einigen literarischen, historischen und kritischen Bemerkungen über einzelne angeführte Schriftsteller. Düsseldorf. >798. gr. 8. *) Zwar wie es schon der Titel gibt, eher Collec- tanecn zu einem Buch, als ein Buch selbst: indessen auch solche sind angenehm und nützlich. Ein bestimmtes Ideal weiblicher Schönheit exi- stirt eigentlich nur bey Völkern, die Kunst haben: denn diese ist's, die das Unwesentliche vom Wesentlichen, das Fremde vom Eigenthümlichen sondert, unter dem Gemeinen das Vorzügliche wählt, und das Vorzüglichste zur Regel bildet. In diesem Verstände hatten nur die Griechen ein Ideal menschlicher, d. i. männlicher und weiblicher Schönheit nach Lebensarten, Charakteren, Classen und Graden. Keine morgenlandische Nation hatte cs; auch die Indier nicht, die in manchem den Griechen sehr nahe kamen. ') Erfurter gel. Nachrichten, >.798. St. Sa. „Aber, wird man sagen, auch der Dichter hat ein Ideal der Schönheit; ja warum sollte eS nicht jeder fcinorganisirte Mensch, jede feinorganistr- te Nation in sich haben?" — Warum nicht? wenn eS erweckt, geläutert, ausgebildet worden; dieß hangt aber von mancherley Umstanden ab. Wo Wollust die Weckcrin ist, wird die Idee des Schönen weiblicher Gestalt sich selten rein ausbilden; sogar die fremdesten Reitze können als wesentliche Bestandthei- le in ihr Bild ausgenommen werden; Nasenringe, z, B. Schminke an Augenliedern, Wangen, Fingern u. dgl. Das gemeine, oft eigensinnige Costume des Landes wird vom Liebhaber, wenn er ein Dichter ist, mit Begeisterung genannt und gepriesen. Oder er halt sich an die schmachtenden Augen, an solche und solche Theile deS Körpers nach Dichtersitte und nach Landesgebrauch. Bey den Morgenlandern, aus denen unser Vf. Beschreibungen und Bilder sammlet, (Ebraer, Araber, Perser,) finden sich gewisse Umstande, die die Idee deS Schönen eben nicht zum Ideal gedeihen ließen; waren es auch keine andre, als diesem Erstlich. Die frühe Blüthc des weiblichen Alters. Sie macht das Kind zur Braut, und die frühverblühetc zur Alten. Zweytens. Die tiefere Unterordnung des weiblichen unter das männliche Geschlecht. Sie macht das Weib zum Zweck der Begierde, oder zum Zeitvertreib des Mannes; da sie aber, zumal in der Abgeschlossenheit eines Harems, ihm gröfikcnkheils ' Ee 2 436 III. Rccensionen. die feinere sittlich-geistige Bildung entziehet, die nach unserm Begriff die Seele der Schönheit, die moralische Grazie ist; so müssen von dieser Seite selbst die entzücktesten Beschreibungen körperlicher Schönheit eben so wollusttrunken als an geistigem Reitz leer seyn. Gelaugnet wird damit nicht, daß sich auch von diesem treffliche Züge in den Morgenländern finden; gemeiniglich sind sie um so bezaubernder, je> seltner und unerwarteter sie erscheinen. Endlich. Die bilderreiche Sprache dieser Morgenländer, (der Ebräcr, Araber, -Perser,) jekühner sie die Schönheit mahlt, desto unbestimmter und fremder muß sie oft, wenigstens für uns werden. Die Gazellenaugen sind für uns, die wir keine Gazellen sahen, ohne das Anziehende, das sie dort haben mögen; viele andre weit kühnere Vergleichungen ungemeldct. Für uns verschwindet dicß Ideal in der Nacht rabenschwarzer Haare, im. Glanz schneeweiser Sandhügel, mit Rosen bekränzet, oder im Schmuck blinkender Edelgestei- ne und Perlen. Sehr unterhaltend wäre es gewesen, wenn der Verf. diese Umstande in ihren Ursachen und Folgen näher beäuget, und in dem großen Haufen angenehmer Beschreibungen und Bilder, Lebensarten, Zeitalter, Völker, Sprachen gesondert hatte. In Hirtenzeiten der Ebräer schilderte man die Schönheit nicht, wie sie der Araber und Perser unter den Kalifen schilderte; die Indier hätten ganz für sich betrachtet werden sollen, und Dffians Galen scheinen gar nicht hieher zu gehören. Wenige III. Recensionen. 437 Bilder und Gleichnisse ausgenommen, die Völkern auf dieser Stufe der Kultur unter allen Himmelsstrichen gemein sind, hat der Galische Dichter ein vom Morgenländer sehr verschiedenes Ideal der Schönheit. Hier hat also der Vers, seinem Leser viel Anlaß gegeben oder nachgelassen, sich manches morgenlandische Sonderbare selbst zu erklären, und auf d>er reichen Au die Blumen selbst zu sondern, zu ordnen. Der zweyte Theil des Buchs (S. 176. bis zu Ende) wird manchen Lesern noch willkommener sepn; er enthalt Notizen und Auszüge aus verschiedenen morgenländischen Sammlungen, z. B. eine Notiz vom Inhalt der sechs ersten von A. Sc Hullens herausgegebnen Lonsessikus Hariri, Sentenzen aus denen von Erpenius, Schultcns u. a. gelieferten Sammlungen arabischer Lehrsprüche, allgemeine Betrachtungen über die sieben, im Tempel zu Mekka aufgehangenen Gedichte, sogar einige Nachrichten von dem durch Champion englisch verstsicirten Ferdosi, von W. Jones neun asiatischen Gedichten, (die in Altenburg nachgedruckt sind,) und seinen darüber, von Sullivan's auserlesenen Fabeln des Sadi, von einem indischen Roman tsis lovss cck Lainurupin arrä Curn-rlsts > englisch übersetzt durch Franklin, von Cardon- ,1 e ruelnriAss äs Ditsraturs Orlsirtals u. f. — So gut dicß alles für den, der diese Uebersctzungen nicht kennet, seyn mag; so sind doch die daraus gemachten Auszüge meistens unvollständig, als daß sie auch als zureichende Nachricht dienen könnten. Besser hätte des Vers, gethan, wenn er einige, im Deut- 438 III. Necensionen. schm noch nicht erschienene, Übersetzungen, z. N. der Moallakah's, des Camarupa u. f., wenn auch nur aus dem Englischen, Deutsch gegeben hatte. Er war aber von diesen Büchern selbst entfernt, und nutzte blos seine in Göttingen gemachte Auszüge. — Gnug, diese Eollcktancen sind Blüthene den Blüthen, hoffen wir, werden Früchte folgen. Eine gute Nachricht giebt der Vers. S. 176. „Hr. Prof. Berg in Duisburg, unstreitig einer unsrer gründlichsten orientalischen Philologen besitzt in seiner ungewöhnlich starken und auserlesenen Bibliothek, außer einem seltnen Schatz von mehr als 60 arabischen, vielen persischen und andern orientalischen Manuskripten auch alle 5 o Lonksssus Hariri." Möchte es dem gelehrten Philologen gefallen, diese Schätze, da, wo Albert Sch ultens die Arbeit liegen ließ, der Well mitzutheilen! Die Mühe, die er nach dem Bericht unsers Verfassers auf den Golius verwandt hat, muß ihn vor andern in den Stand setzen, wie Eichhorn es in den i^lo- nunisntis war, ein Fortsetzec des verdienstreichen, unsterblichen Albert Schultens zu werden. III. Recensienen. 43s »o. jVlaxiinunt 8. ^rcstiimetria. L»e 7r«vrwv s» ««t 5^ box 7r«v7----. Berlin. 1799. *) Ohne Vorrede und Druckort ist dieß merkwür^ dige Buch am Ende vorigen Jahrs erschienen; einige Blatter haben es deutsch angekündigt unter der Aufschrift: Die Gelehrtenwekt. Laxere aucle. N. r. in denen außer der Ankündigung eine Uebersicht des Werks gegeben und mit einem Prag ramm zum neuen Jahrhundert der Schluß gemacht wurde. Dieß Programm handelte vom Heidenthum der Gelehrten. So sonderbar manchem diese Titel klingen mögen , so ist doch die Idee des Werks, so wie sein ganzer Bau, sehr einfach. Abstracto Ideen nemlich sind dem Verfasser minima, das Kleinste, das man von der Sache weiß, Schemen; die Sache selbst kennen, ist das Maximum unsrer Erkenntniß. Da- *) Bon dem 1806 oder 1807 verstorbenen Hrn. Professor Thorild zu Greifewalde. ' H. 440 III. Recensionen. zwischen giebt es Stufen; also ein Maas; dies Maas bestimmt das „tantuirr, Soviel weiß, Soviel erkenne ich, Soviel kann und soll ich thun." Dieß Soviel ist das Ur- und Eczmaas, der Ar- chim eter unsres Verstandes und Willens, unsrer Handlungen und Kräfte; mittelst seiner ordnen sich Wissenschaften, Künste, Einrichtungen unsres Geschlechts; mittelst seiner entsteht auf der höchsten Stufe eine PanHarmonie, eine All-Einstimmung des Universums, die den Sinnen, dem Verstände, dem Willen der höchste Genuß und Lohn ist. Ohne dieß Maas der Dinge schweben wir in Nacht und Dunkel, dichten Traumen, schwätzen, rasen, betäuben uns selbst und die Welt, machen uns und andere unglücklich. Man stehet, daß in seinen Grundzügen dies System das älteste, ja eben dir Wahrheit ist, die durch Mißgriffe und Träume dieß- und jenseits oft traurig genug erprobt worden. Protag oras schon nannte den Menschen das Maas des Universums; außer uns haben wir kein anderes, uns denkbar. Mit diesem Maase sind wir aber auch reich versehen; das Universum stimmt zu uns; wir stimmen zum Universum. Und was wir in ihm zu empfinden, zu thun, zu leisten haben, ist von der Natur, mittelst unsrer Natur, wo diese recht angewandt wird, so bestimmt, daß wir fast nicht fehlen können, indem uns nur die Vernachlaßigung des Soviels, tan- tuin! irre macht, und zu Thorheiten oder Tollheiten verleitet. Eine genaue Bemerkung dessen, „wie viel weißt du? wie viel kannst, darfst, mußt tu wissen, haben und anwenden, um Dieß zu thun, um Jenes zu seyn oder zu erreichen? ist der eilte Sokratische Unterricht, den nach Jahrhunderten Ba- c o auf die gestimmten Wissenschaften anwandte, den im Einzelnen und stillen ;eder bescheidene Liebhaber der Natur befolgte, dem aber desto lauter der ganze Schwarm tönender Worthelden, überspannter Enthusiasten und Bilderkramer, endlich sammtlicher Tran- scendcntalistcn in Abstraktionen, Wünschen und Leidenschaften entgegentrat. Worinn kann menschliche Bildung bestehen? worauf muß sic nolhwendig zurückkommen ? Auf M a a s. Auf ihm beruhen alle Gesetze der Natur, so wie alle unsre klaren und richtigen Begriffe, unsre Empfindungen des Schönen und Edcln, die Anwendung'unsrer Kräfte zum Guten, unsre Seligkeit, unser Genuß. Maas allein ziehet und erzieht uns; Maas macht, erhalt und bildet die Schöpfung, Wie der Verf. dieß alles, den gefundenen A r- chimeter bestimmt und angewandt habe, muß man Key ibm selbst, in seinem originellen Werk lesen. Äieß ist ein sorlgchcndcs Gespräch, in welchem der Fragende kurz fragt, der Antwortende desto reicher antwortet. Kraft und Geist, Begeisterung sogar, wehen und wkben vom Anfang des Buchs bis zum Ende, treffend auch in der Wahl der Worte , im Bau der Perioden. Ungewöhnlich (zumal in unsrer Zeit) steht unserm philosophischen Meßkünstler die kräftige lateinische Sprache zu Gebot; die Glocke hallet und schlägt dieß- und jcnseit kühn, prächtig, oft gewaltig, ,Schr zu wünschen ist also die versprochene Ue- 442 HI. Recensionen. Versetzung dieses Buchs; nicht etwa bloS, weil wenige Latein lesen, und manche, für die cs geschrieben ist, gewiß nicht so weit sind, dieß Latein zu verstehen; sondern der Sache selbst wegen. Soll im Deutschen die Schrift so treffend werden, wie sie im Lateinischen klingt, so müssen nothwendig eben so scharfzeichncnde Ausdrücke gleichsam das Siegel idrer innern Wahrheit mit sich führen. Eben diese Verpflanzung würde bewahren, daß nicht etwa nur im Lateinischen, sondern in jeder Sprache dieß System Wahrheit sey, weil der innere Sinn der Bezeichner und Ausleger aller menschlichen Empfindungen, Beschlüsse und Gedanken, ihm so ganz, so innig zuspricht. Daß der Vers, ein dergleichen Sinn- und Sprach werk leisten könne, zeigen die vorgenannten deutschen Aufsätze, in denen eben derselbe mächtige Eudämon spricht, wie im Lateinischen. Eine deutsche Uebersetzung fixirte und sicherte also den Geist dieses Werks, das Urmaas menschlicher Gedanken, auch unsrer Sprache. Aber t)u'eu äira-t-cm? Was wird zu diesem Werk die Schule sagen? Wahrscheinlich wird sie es großmükhig als ein Minimum verachten, oder als ein maximum des Unverstandes und der Mißdeutung, voll gefährlicher Sätze und Meynungen lästern. Zc unverschämter und geistloser dieß geschieht, desto besser! Nur daß sich der Verf. von der deutschen Ausgabe seines Werks weder durch Schimpsre- den noch durch innere Schwierigkeiten abschrccken lasse! Sie muß ein Probierstein seiner Satze, sie kann und wird im Wesentlichen und Meisten (in maximo) sein Siegskranz werden. Eben dieser deutschen Bearbeitung wegen äußern wir einige Wünsche i) So wahr es ist, daß das tsnruiri Soviel einzig die richtige mathematische Erkenntniß und Anwendung einer Sache giebt: so hat der Vers, gegen das rals, ita ust, gegen das So, Dieß ist u. f. in manchen Stellen (scheinet es) zu hart geschrieben.' Nicht nur ist, wie er's selbst mit großer Energie in's Licht setzt, ohne Datum kein Quantum, ohne was Meßbares kein Messen, ohne Materie keine Form möglich: sondern da diese Form den Dingen der Natur, wie unserm Verstände wesentlich ist, so möchte Bacons Weg: „was ist da? was giebt's?" erst strenge zu verfolgen seyn, che man an das Gefundene oder Empfundene Maas legen und fragen kann: „wie viel giebt's? wie viel muß es geben?" Dieß Maas ist immer doch nur eine Bezeichnung, die auch fruchtlos werden kann und muß, wenn sie in das zu Subtile gehet, und sich vom Bemerkbaren losreist. MaaS ist nichts als Maas; was soll ich mit Elle, Metze, Zahl und Waage ., wenn ich nichts zu messen, zu zählen, zu wagen bade? Dieß Was? und Wie? zu erforschen, gehört nicht der Phantasie, sondern der Empfindung und dem prüfenden Verstände, so wie im Praktischen dem Gewissen zu; das Wieviel ist nur eine schärfere Prüfung. Um Mißverständnissen zuvor zu kommen, (denn im Grunde behauptet der Verfasser dasselbe, indem er unter seinem Quanto das ()uiä und t)us1s, Organisation, Form u. f. mit begreifet,) müßte hie und da mehr Gewicht auf die treue Erkenntniß des Was? und 444 III. Reccnsionen. Wie? gelegt, mithin diese- wenn gleich verworren, gegebene Data nicht blos in ihrer Verwirrung, als Traum der Phantasie, sondern als das, was sie sind, wesentliche Substrate des Quan- ti, mit gleicher Aufmerksamkeit, wie das Quantum selbst, behandelt werden. Ein kleines ?c>cc> äi pifi « poco cli irrewo zerstört auch hier das Maas der Haltung. Wer zahlen will, ehe er hat und ganz hat, was soll er zahlen? 2 ) Gegen den Mißbrauch der Phantasie hat die Archimetrie, wie billig, scharf gesprochen, und in Hirngespinsten sowohl als in Kunstlarve ,1 und phantastischen Bestrebungen die Gräuel ihrer Wirkungen gezeigt; um indessen auch hier dem Mißverstände vorzubeugcn, wäre dem rechten unentbehrlichen Gebrauch der Phantasie auch das Wort zu reden. Ohne sie nemlich, ohne das wunderbare Vermögen in uns, das allenthalben ein Eins constikuiret, ist kein (Quantum, so wie kein reines und (Hrals denkbar. Von der ersten sinnlichen Empfindung an begleitet uns Phantasie bis zur hellesten Anschauung der Sache als Sache, als eines Eins, eines Ganzen. Alle ihre Hülfsmiktel, Achnlichkeik, Gleichung u. f. sind unentbehrliche Werkzeuge zu Erforschung, zu Berichtigung, zu Findunz der Wahrheit. Das iNuxituurri und lVliirimurn unsrer Erkenntniß sind Punkte einer Curve mit abnehmenden oder wachsenden Größen zu bcyden Seiten, nicht etwa der oberste und unterste Punkt einer geraden Linie. Die träumende, schwärmende, rasende Phantasie werde verbannt; nicht aber die, die ein Ganzes bil- d e t, ÜII. Neccnsivnen. ^^5 det, und in seinen Theilen constitniret. Auch diese Archimetrie hat sie geschaffen; sie belebt jeden Erfinder. 3) Daß in der deutschen Uebersetzung manche Wiederholungen wegfallen, manche heftige Stellen milder erscheinen werden, folgt von selbst. In Einer Sprache spricht sich aus, was sich in einer andern nicht sagen laßt; in einer tobten, was eine lebendige schon durch sich untersaget. Die lateinische ist eine Sprache der kühnen Frcyheit; die deutsche begnügt sich mit kräftigem Nachdruck., Im Latein reitzt der glückliche Ausdruck selbst zur Kühnheit; der kältere Deutsche behilft sich, zumal in der Philoso» phie, die es auf eine iriZtuurLtio irrsAna saisrr- liaruirr, auf eine neue Anrichtung des ganzen Gebäudes der Wissenschaften anlegt, mit architektonischer Genauigkeit, Stärke und Schönheit. Bey einer Schrift, die vom Maas, vom Urmaas handelt, gilt auch das Maas des Affekts im Ausdruck, das tsntrrirr. Hätte die kritische Philosophie nur Ließ Buch veranlaßt, so müßten wir ihr Dank wissen; mit der Zeit werden wir ihr noch manches andre Gute danken. Ziehe den Einen Arm der Waage mit Gewalt nieder; der Andre fliegt um so höher aufwärts. Noch muß von diesem Buch bemerkt werden, Laß es nicht bloß aus dem Kopf, sondern auch aus Brust und Herz geschrieben sey; es erfaßt und wägt die Sache der Menschheit. Daher sein Feuer Herders Werft z.Phil.u.Gesch. XIII. Ff III. Recensionen. seine Warme, oft seine Glut. Es vereinigt Geist mit Kraft, Wissenschaft- und Sprachkcnntniß mit Völker- und Weltkenntnis;, Güte des Herzens mft Muth. Sein Wahlspruch ist: Laxsrs -rucke. n. G. S. Steinbart's System der reinen Philosophie, oder Glückseligkeitslehre des Christenthums. Züllichau. >778. vermehrt 1780. 8. Steinbart's System der reinen Philosophie — (er hat's Glückseligkeitslehre des Christenthums nennen wollen) — ist, wie mich dünkt, seinem philosophischen Theil nach, ein schätzbares Buch, das Manche wohl nicht schreiben könnten, die cs verachten. Ein sehr klarer Blick auf die Dinge, die er vor sich nimmt, eine bündige Kette von Bemerkungen und Schlüssen, eine gewisse Freyheit des Geistes und Leichtigkeit des Stils unterscheiden den Schriftsteller sehr: daher er auch so ausgebreitet gelesen und gelobt worden. Das Prin- cipium seiner Moral, freie, kindliche Liebe zu Gott, unseren Vater! ist unwidersprechlich nicht nur für die Vernunft das Edelste; sondern auch so sehr aus der Lehre und dem Sinn Christi. Noch auffallender hat der Verfasser dies alles gemacht, da er seine natürliche, kindliche, freie Moral den drückenden, engen Grundsätzen der Schule entgegensetzt, in der er, nach seinem Vorbericht, erzogen worden, und aus welcher er sich zu dieser freien, lichten Gottesansicht, wie er sagt, nicht ohne Mühe hervorgearbeitet. So weit ist, dünkt mich, das Buch unwidersprechlich schön und brauchbar. Nun aber wundert cs mich, warum der Verf. nicht, ohne sich weitern Anstoß zu suchen und herzuholen, sein Gebäude auf die freie lichte Höhe, die er erstiegen zu haben glaubt, frei aufführt? warum er immer in die Tiefe des Nebelthals, wie cs ihm dünkt, vom Athanasisch-Augustinisch-Anselmischen System zurückblickt, und dieß nicht an dem ruhigen Orte laßt, wo ihm so wohl ist? Die meisten dieser Lehren sind, nahe betrachtet, wirklich nicht das, wofür sie der Verfasser ansieht; wenigstens sind sie's nicht im Vortrage besse rstr, altern und neuen Theologen und gewiß nicht im Munde der Schrift, die uns endlich der erste Theolog seyn muß. Auch nach der Geschichte sind die Dogmala nicht so gestanden, wie sie der Autor verstellt; und den besten Geflchtspunct zur Anwendung hat er ihnen nicht gegeben. Vom Alten Testament hält der Verf. so wenig, daß manche Ausdrücke darüber ärgerlich sind, selbst wenn er dasselbe auch nur als z «bereitende Geschichte zur Erscheinung Ehristi betrachten wollte. Auch als solches verdient cs stu- dict zu werden: denn Christus studirte es, und in jeder weltlichen Wissenschaft hält man die genefische Geschichte, die zu- und vorbereitenden U 2 44^ III. Recensionen. Schritte zum System für den wa>, en Ker n der Entdeckungen, für die bildendste, lehrreichste Lektüre. Im Schimmer der Morgenröthe und Key jedem Schritt der steigenden Sonne giebt's Regungen und Schönheiten der Natur, die bey der höchsten Mittagshöhe nicht sind; durch jene muß das Auge auf diese bereitet und fortgefühct werden. Warum , warum ließ uns Gott diesen ganzen Gang einer lebendigen Geschichte? etwa, weil sie unnütz war? und sollte sie unnütz fcyn, weil dieser und jener sie nicht benutzen mag, und dessen nicht werth findet? Bezieht sich nicht alle Folge auf die Vorzeit, so wie die Vorzeit auf die Folge und alle Thcile eines Gebäudes auf einander? und sollte man die Gest alt, selbst den Z weck Christi recht sehen können, wenn alle Anstalten und Zubereitungen yuf ihn in den Schatten gedrängt würden? — Auch des Vers. Classisikation der Dokumente des Christenthums mache niemand irre: sie sind nicht so verschieden, als er sie angiebt. Diese und andere Aeußerungcn der Art gehörten alle zu seinem eigentlichen Zwecke wenig. Da dieser eigentlich nur philosophische Moral scyn soll, warum stand diese nicht allein? warum mischte sic sich in die Geschichte und in ein Syste m, das nur aus Geschichte besteht und aus ihr ruhet? Uebrigcns schätze ich den Scharfsinn und Vortrag des Vers, sehr, so. daß ich, was er versprochen hat, Unterrichts - und Lehrbücher in mehrern Wissenschaften (nur nicht theologischen Inhalts) von ihm wünsche. Nicht theologischen Inhalts: denn das eigentliche III. Recen fronen. 449 System der Schrift hat, dünkt mich, das Buch nicht berührt, vielweniger umgestossen oder etwas an die Stelle gesetzt, was in Jenem nicht ursprünglicher, besser, kräftiger erschiene. Inhalt« I> Gallerte großer u. weiser Männer S. r. 1. Ueber Thomas Abbts Schriften. 1768. — 8. 2. Nikolaus Kopernikus. 1776. . . — öS. 8. Hieronymus Savonarola. 1777. » . — 75. h. Johann Reuchlin. 1778. . . . — 82. b. Denkmal Ulrichs von Hutten. . . — 88. 6. Johann Winkelmann. 178^ » . — 122. 7 Gotthold Ephraim Messing. 1781. » — ihr. 6. Johann Georg Sulzer. 1781. . . — 17a. g. Seneka, Philosoph und Minister. i7g5. — 176. II. Nachlese historisch - philosophischer Schriften. ... — 191. 1. Revolutionen der ersten Welt, nach den ältesten Traditionen. (Um 1786 geschrieben. Seither unge druckt.) . . . — 198. 2. Ueber Eulkurgcschichte der Völker. r7g8. — 867. 3 . Wie die deutschen Bischöfe Landstande wurden. 1774. (U ng e d r u c k t.) - . — 2Ig- h. Warum wir noch keine Geschichte der Deutschen haben? 179?. .... — 261. 5 . Historische Zweifel über F. Nicolai's Buch von den Beschuldigungen, welche den Tempelherren gemacht worden, von ihren Geheimnissen und dem Entstehen der Frei- maurergesellschaft. 1782. (mit einigen ungedruckten Zusätzen.) .... — 266. 6. Persspolis und Indien. r 3 o 3 . . . — 36 o. Anhang. Ueber die dem Menschen angebor- ne Lüge. » 777 . (U n g e d r u c kt.) . — 3 ^ 3 . Z n h a l t. Hk. Recensionen. . .... S. 383 . 1. Durtenhofers Geschichte der Religions- schwärmereycn in der christlichen Kirche. 1796. 2 Lheile. ..... — z8S» 2. Hume's und Rousseau's Abhandlungen über den Urverlrag. Nebst einem Versuch über Leibeigenschaft. Bon G. Merkel, 2 Lheile. 1797. ..... — zgg. 3 . Pestalozzi Nachforschungen über den Gang der Natur in der Entwicklung des Menschengeschlechtes. 1797. ... — l»o 3 . t». Dornedden's Phamcnophis; oder Versuch einer neuen Theorie über den Ursprung der Kunst und Mythologie. 1797. - . — stro. b. Schlötzers Geschichte der Deutschen in Siebenbürgen. 1792 — 97. 3 Stücke. — h.cö. 6. Müllers Briefe über das Studium der Wissenschaften, besonders der Geschichte, an einen helvetischen Jüngling politischen Standes. 1796. ...... — H20. 7. Etwas von meinem Lebenslauf und etwas von meiner Muse auf der Vestung. Von Huber. 1798.. —1,26. 8. Hegewisch Rede zum Andenken des Grafen A. P. von Bernst 0 r f f. 1797- . — st 3 o. g. Hart mann über die Ideale weiblicher Schönheit bey den Morgenlandern. 1798. — st 3 l». 10. (Thvrild): sVIaximuni s. Krodime- vria. 1799. — ^ 9 - 11. Steinbart's System der reinen Philosophie, oder Glückseligkeitslehre des Christenthums. 1778. 1780. lUnge druckt.) . —