I. G. v. Herders sämmtliche Werke. Zur Philosophie und Geschichte. Zweiter T h e i l. Propyläen der Geschichre der Menschheit Mit Großherzoglich Badischem gnädigstem Privilegiv. Carlsruhe, im Bureau der deutschen Classiker. i 8 2 n. Prä l u d i e n zur Philosophie der Geschichte der Menschheit. Won Johann Gottfried von Herder. Herausgegeben von Johann von Müller. Vorrede des Herausgebers. <^?ie im ersten Theil der große Sinn der Urwelt sich in stummen Denkmahlen aussprach, so zeigt articulirte Rede hier das Auszeicbnende der Menschennatur. Wie deutlich Herders Ansicht, wie reichhaltig und belebend seine Behandlung auch trockener Untersuchungen war, zeigt sich vornehmlich in diesen Schriften. Die letzten zwei in diesem Bande sind Propyläen des großem Werks über die Geschichte der Menschheit, worin er dieser ihre Stelle im Universum gezeigt, Winke über ihre Bestimmung gegeben, und eine bis in das Mittelalter vrri herunter laufende, lehrreiche Tafel ihrer Schicksale vorgehalten hat.. Allgemeine Vorstellungen gewähren oft ein prachtvolles Schauspiel, daS die Sinne erschüttert und das Herz leer läßt; man wird von der Mannigfaltigkeit, und Größe der Gegenstände überwältiget:, die wahre Weisheit ist die, welche dir zu Haufe kömmt, Wohnung in deinem Innern macht, Lehre dir gibt und Kraft im. Leben. Das ist der Vorzug der Geschichte vor Theorien. Di? der Menschheit, von Herders Meisterhand, liefert die Zeichen d?s Eigemhüm- lichen jeder Zeit und Nation, wodurch der Sinn, der Particular-Historien geöffnet, und über diese ein Geist ausgegosten wird.. Wir betrachten die letzte hier gelieferte Schrift wie eine Skizze des ganzen, unvollendeten Gemähldes, welche nicht nur der Ueber- slcht, sondern selbst des Trostes und der Ermahnung wegen, voran zu senden, war. Was ist ermüdender, niederschlagender, als das Schauspiel der Menschenwelt, ohne einen erhabenen, das Ganze fastenden Blick! rx Zwischen zwei undurchdringlichen Finsternissen, ein halb verlornes, arbeitvolles oder ödes, schnell vorbei siegendes Leben, wenig lohnend, selten befriedigend, oft von trügerischer, kalter, harter Tyrannei hohngcneckt, nicht abgebrochen, und wenn es recht wohlthä- tig vielwirkend war, ohne andere Aussicht, als auf irgend eine nahe revolutionäre Zerstörung des edelsten Wirkens, das ist der mühseligen Sterblichen Loos. „Verschweige, wenn du „kannst, verträume den Augenblick; wenn er „unbehaglich wird, so sind hundert Wege, zu „endigen." Von solcher Trauer, solcher Verzweiflung, rettet, wie wenig anderes, die Philosophie der Geschichte der Menschheit, welche, indem sie durch Merkmahle von Zusammenhang, von Plan, Hoffnungen entzündet, besonders wichtig und vorleuchtend wird, durch ihr Resultat: Jedes Land, Volk, Staaten-System, hat seine Zeit von Glanz und Glück; jeder Flor, jede Macht und Ordnung der Dinge, ihre unabwendbare, letzte Stund?; alsdann, alsdann schlägt diese, wenn ein von hohem Vaterlandsgefühl durch Eigennutz zur Selbstvergessenheit versunkenes, sich X selbst überlebendes Volk die Fackel eigenen Lichts in der trägen, entnervten Hand nicht mehr empor zu halten vermag. Wer Ohren hat zu hören, der höre! Berlin, am 28. Sept. i8o5. Johann von Müller. I. Ueber den Ursprung der Sprache. Vocsknls snni noiss rsruni. L I L L n o. Bon der Akademie der Wissenschaften zu Berlin im Jahre 1770 gekrönte Preis schrift. Nach der zweiten berichtigten, zu Berlin 17LA erschienenen Auflage. Voranmerkung zur zweiten berichtigten Auflage. <^>ie Berichtigung, die auf dem Titelblatt dieser Auflage bemerkt worden, konnte nach der Veranlassung und nach andern Umstanden dieser Schriften mehr ihre Schreibart und Interpunktion, als den Inhalt selbst betreffen, den sie abhandeln. Als Preisschriften, die auf Befehl einer königlichen Akademie heraus gegeben worden, mußten sie in jedem Wesentlichen völlig unverändert bleiben; und cs hätte dem Verfasser, der in Absicht ihrer eben so wohl nur Leser ist, wie jeder andre Leser, höchstens frei gestanden, in besonder» Anmerkungen kund zu thun, wo er seitdem hie und da seine Meynung geändert habe. Da aber dieses oft 1 - XIV zu weit geführt hätte, und dem Leser, der in solchem Fall immer eine doppelte Schrift lesen muß, eher beschwerlich, als angenehm gewesen wäre: so ward eine Berichtigung, oder eine neue Bestätigung und Erweiterung des Inhalts etwa einer andern Gelegenheit aufgesparct; und der Verfasser begnügte sich nur, die Schreibart ebner und deutlicher, hie und da auch richtiger und sanfter zu machen: so fern auch dies geschehen konnte, ohne der Schrift selbst etwas von dem Gepränge zu nehmen, in welchem sie einmal geformt war. Auch dies indeß hat Mühe gekostet; und jeder Kenner der Sache sowohl, als der Schreibart, wird den Werth dieser Mühe desto nachsehender schätzen, je richtiger er ihn rinsieht. Weimar, den 28. Jul. 1788. Herder. Erster T h e i l. Haben die Menschen, hren Naturfahigkeiten überlassen, sich selbst Sprache Erster Abschnitt >»^chon alsThier hat der Mensc h Spra - che. Alle heftige, und die heftigsten unter den deftigen, die schmerzhaften Empfindungen seines Körpers, so wie alle starken Leidenschaften seiner Seele , äußern sich unmittelbar durch Geschrei), durch Töne, durch wilde, unarticulirte Laute. Ein leidendes Thier sowohl, als der Held Philoktet, wenn es der Schmerz anfallt, wird wimmern! wird ächzen! und wäre es gleich verlassen, auf einer wüsten Insel, ohne Anblick, Spur und Hoffnung eines hülfreichen Nebengeschvpfes. — Es ist, als obS frever athme, indem es dem brennenden, geänqstig- ten Hauche Lust gibt; es ist, als obs einen Theil seines Schmerzens verseufze, und aus dem leeren Lufträume wenigstens neue Kräfte zum Verschmerzen in sich ziehe, indem es die tauben Winde mit Aechzen füllet. So wenig hat uns die Natur alK abgesonderte Steinfclsen, als egoistische Monaden geschaffen! Selbst die feinsten Saiten des tbieri- schen Gefühls, (ici> muß mich dieses Gleichnisses bedienen, weil ich für die Mechanik fühlender Körper ?ein besseres weiß,) — selbst die Saiten, deren Philos. u. Gesch. II. Th. A krox/leen. 2 1. Preis sch riss Klang und Anstrengung gar nicht von Willkühr und langsamen Bedacht herrühren, ja deren Natur noch von aller forschenden Vernunft nicht hat erforscht werden können, selbst die sind in ihrem ganzen Spiele, auch ohne das Bewußtseyn fremder Sympathie, zu einer Aeußerung auf andre Geschöpfe gerichtet. Die geschlagne Saite thut ihre Naturpflicht: sie klingt; sie ruft einer gleich fühlenden Echo, selbst wenn keine da ist, selbst wenn sie nicht hoffet und wartet, daß ihr eine antworte. Sollte die Phisiologie je so weit kommen, daß sie die Seelenlehre demonsirirte, (woran ich aber sehr zweifle): so würde sie dieser Erscheinung manchen Lichtstrahl aus der Zergliederung des Nervenbaucs zuführen; sie würde solche aber auch vielleicht in einzelne, zu kleine und stumpfe Theile vertheilen. Lasset sie uns jetzt im Ganzen, als ein Helles Naturgesetz annehmen : „H i e r ist ein empfindsa- „mes Wesen, das keine seiner lebhaften Empfindungen in sich ein schließen ,,kann; das im ersten überraschenden „Auge n blick, selbst ohne Willkühr und „Absicht, jede durch Laute äußern muß." Das war gleichsam der letzte mütterliche Druck der bildenden Hand der Natur, daß sie allen das Gesetz auf die Welt mitaab : „empfinde nicht für dich allein; sondern dein Gefühl töne!" Und da dieser letzte schaffende Druck auf alle von Einer Gattung Einartig war; so ward dies Gesetz Segen; „deine Empfindung töne „deinem Geschlecht Einartig, und »veröde also von Allen, wie von Einem, mitfühlend vernommen!" Nun rühre man über den Ursprung der Sprache. 3 es nicht an, dies schwache, empfindsame Wesen! So allein und einzeln und jedem feindlichen Sturme des Weltalls es ausgesetzt scheinet; so ists nicht allein: es steht mit der ganzen Natur im Bunde. Es ist zart besaitet; aber die Natur hat in diese Saiten Töne verborgen, die, gereiht und ermuntert, wieder andre gleich zart gebaute Geschöpfe wecken, und, wie durch eine unsichtbare Kette, einem entfernten Herzen Funken mittheilen können, für dies ungesehene Geschöpf zu fühlen. — Diese Seufzer, diese Töne sind Sprache. Es gibt also eine Sprache der Empfindung, die unmittelbares Naturgesetz i st. Daß der Mensch sie ursprünglich mit den Thieren gemein habe, bezeu, gen jetzt freilich mehr gewisse Neste, als volle Ausbrüche; allein auch diese Reste sind unwider- sprechlich. — Unsre künstliche Sprache mag die Sprache der Natur so verdränget, unsre bürgerliche Lebensart und gesellschaftliche Artigkeit mag die Fluth und das Meer der Leidenschaften so gedam- met, ausgetrocknet und abgeleitet haben, als man will; der heftigste Augenblick der Empfindung, wo und wie selten er sich auch finde, nimmt noch immer sein Recht wieder, und tönt in seiner mütterlichen Sprache unmittelbar durch Accente. Der auffahrende Sturm einer Leidenschaft, der plötzliche Ueberfall von Freude oder Frohheit; Schmerz und Jammer, wenn sie tiefe Furchen in die Seele graben; ein übermannendes Gefühl von Rache, Verzweiflung, Wuth, Schrecken, Grausen u. s. w. alle kündigen sich an, und jede Ankündigung ist A 2 nach ihrer Art verschieden. So viel Gattungen von Fühlbarkeit in unsrer Natur schlummern, so viel auch Tonarten.-Ich merke also an, daß je weniger die menschliche Natur mit einer Thicrart verwandt: je ungleichartiger sie mit ihr am Nerven baue ist: desto weniger ist ihre Natur spräche uns verständlich. Wir verstehen als Erdenthiere das Erdcnthier besser als das Wassergcschöpf; und auf der Erde das Heerdelhier besser, als das Waldgeschöpf; und unter den Hecrdekhieren die am meisten, die uns am nächsten kommen. Nur das freilich auch bey diesen Umgang und Gewohnheit das Beste thun müssen. Es ist natürlich, daß der Araber, der mit seinem Roß gleichem nur Ein Stück ausmacht, es mehr verstehe, als der, der zum Erstenmal ein Pferd beschrcitet; er spricht mit ihm fast so gut, als Hektor in der Jliade mit den Seinigen sprechen konnte. Der Araber in der Wüste, der nichts Lebendiges um sich hat, als sein Kameel, und etwa den Flug »wirrender Vögel, kann leichter jenes Natur versieben, und das Gescbrey dieser zu verstehen glauben, als wir in unfern Behausungen. Der Sohn des Waldes, der Jäger, versteht die Stimme des Hirsches, und der Lappländer seines Nennthieres.— Doch alles daS folgt, oder ist Ausnahme. Eigentlich ist diese Sprache der Natur eine Völ- kcrsprache für jede Gattung unter sich, und so hat auch der Mensch die seinige. Nun sind fteylich diese Töne sehr einfach; und wenn sie articulirt, und als Interjektionen aufs Papier hinbuchstabirt werden; so haben die entgegengesetztesten Empfindungen fast Ei- über den Ursprung der Sprache. 5 nen Ausdruck. Das matte Ach! ist sowohl Laut der zerschmelzenden Liebe, als der sinkenden Verzweiflung; das feurige O! ist sowohl Ausbruch der plötzlichen Freude, als der auffahrenden Wuch, der steigenden Bewunderung, als des zuwallenden Dejammerns. Allein sind denn diese Laute da, um als Interjektionen aufs Papier gemahlt zu werden ? Die Thrane, die in diesem trüben, erlosch» nen, nach Trost schmachtenden Auge schwimmt — wie rührend ist sie im ganzen Gemahlde des Antlitzes der Wehmuth! Nehmet sie allein, und sie ist ein kalter Wassertropfe; bringet sie unter das Mikroskop, und — ich will nicht wissen, was sie da seyn mag. Dieser ermattende Hauch, der halbe Seufzer, der auf der vom Schmerz verzogenen Lippe so rührend stirbt— sondert ihn ab von allen seinen lebendigen Gehülfen, und er ist ein leerer Luftstoß. Karins mit den Tönen der Empfindung anders seyn? In ihrem lebendigen Zusammenhänge, im ganzen Bilde der wirkenden Natur, begleitet von so vielen andern Erscheinungen, sind sie rührend und gnugsam; aber von allen getrennet, her- ausgerisscn, ihres Lebens beraubet, freylich nichts als Ziffern. Die Stimme der Natur wird damit ein gemahlter, willkührlicher Buchstabe.-Wenig sind dieser Sprach töne freylich; allein die empfindsame Natur, so fern sie bloß mechanisch leidet, hat auch weniger Hauptartcn der Empfindung, als unsre Psychologieen der Seele als Leidenschaften anzahlcn oder andichten. Nur jedes Gefühl ist in solchem Zustande, je weniger in Fäden zertheilt, ein um so mächtiger anziehendes Band „ die Töne reden nicht viel, aber stark. Ob der Kla- getan über Wunden der Seele oder des Körpers wimmere ? ob dieses Geschrey von Furcht oder Schmerz erpreßt werde? ob dies weiche Ach sich mit einem Kuß oder einer Throne an den Busen der Geliebten drücke? — alle solche Unterschiede zu bestimmen, war diese Sprache nicht da. Sie sollte zum Gemahl» de hinrufen; dies Gcmählde wird schon vor sich selbst reden. Sie sollte tonen? nicht aber schildern. — Ueberbaupt granzen, nach jener Fabel des Sokrates , Schmerz und Wollust an einander. Die Natur hat in der Empfindung ihre Enden zusammen geknüpft; und was kann also die Sprache der Empfindung anders, als solche Bcrübrungs - Puncte zeigen? —-Jetzt darf ich anwenden. In allen ursprünglichen Sprachen tönen noch Reste sdieser Naturtöne; nur freylich sind sie nicht die Hauptfaden der menschlichen Sprache. Sie sind nicht die eigentlichen Wurzeln, aber die Safte, die die Wurzeln der Sprache beleben. Eine feine, spat erfundene metaphysische Sprache, die von der ursprünglichen Muttersprache des menschlichen Geschlechts eine Abart vielleicht im vierten Gliede ist, und nach langen Jahrtausenden der Abartung selbst wieder Jahrhunderte ihres Lebens hindurch verfeinert, civilisirt und humanistrt worden: eine solche Sprache, das Kind der Vernunft und Gesellschaft, kann wenig oder nichts mehr von der Kindheit ihrer ersten Mutter wissen; allein die alten, die wilden Sprachen, je naher zum Ursprünge, enthalten davon desto mehr. Ich kann hier noch nicht von der geringsten menschlichen Bildung der Sprache reden: sondern nur rohe Mate- über den Ursprung der Sprache. 7 rialien betrachten. Noch existirt für mich kein Wort: sondern nur Töne zum Wort einer Empfindung; aber sehet! in den genannten Sprachen, in ihren Jnterjectioncn, in den Wurzeln ihrer Nominuiri und Verbovurn, wie viel aufbehaltene Reste dieser Töne! Die ältesten morgenländischen Sprachen sind voll von Ausrufen, für die wir spater gebildeten Völker oft nichts als Lücken, oder stumpfen., tauben Mißverstand haben. In ihren Elegien tönen, wie Key den Wilden auf ihren Gräbern, jene Hcul- und Klagetöne, eine fortgehende Interjektion der Natursprachc; in ihren Lobpsalmen das Freuden- geschrey, die wiederkommenden Hallclujahs, die Schaw aus dem Munde der Klageweiber erkläret, und die bey uns so oft feyerlicher Unsinn sind. Im Gang', im Schwünge ihrer Gedichte, und der Gesänge andrer alten Völker tönet der Ton, der noch die Krieges- und Religions-Tänze, die Trauer- und Freudengesänge aller Wilden belebet: sie mögen am Fuße der Eocdilleras, oder im Schnee der Irokesen- in Brasilien oder auf den Inseln der Karaiben wohnen. Die Wurzeln ihrer einfachsten, wirksamsten, frühesten Verben endlich sind jene ersten Ausrüfe der Natur, die erst später gemodelt wurden; und die Sprachen aller alten und wilden Völker sind daher in diesem innern, lebendigen Tone für Fremde immer unaussprechlich! Ich kann die meisten dieser Phänomene im Zusammenhänge erst später erklären: hier stehe nur Eins. Einer der Vertbeidiger des göttlichen Ursprunges der Sprache*) findet darin göttliche Ordnung *) Süßmilchs Beweis, daß der Ursprung der menschlichen Sprache göttlich scy. Berlin, 1766. S. sr. 8 I. Preisschrift zu bewundern: „daß sich die Laute aller „uns bekannten Sprachen auf etliche „zwanzig Buchstaben bringen lassen." Allein das Factum ist unrichtig, und der Schluß noch unrichtiger. Keine einzige lebendig tönende Sprache laßt sich vollständig in Buchstaben bringen, und noch weniger in zwanzig Buchstaben: dies zeigen alle Sprachen sammtlich und sonders. Der Artikulationen unsrer Sprachwerkzcuge sind so viele; ein jeder Laut wird aus so mannigfaltige Weise ausgesprochen, daß ;. B. Herr Lamport im zweyten Tbeil seines Organon mit Recht hat zeigen können: „wie weit weniger wir Buchstaben, als Laute „haben, und wie unbestimmt also diese von jenen „ausgedrückt werden können." Und das ist doch nur aus der deutschen Sprache gezciget, die die Viel- lönigkeit und den Unterschied ihrer Dialecte noch nicht einmahl in eine Schriftsprache ausgenommen hat; wie denn da, wo die ganze Sprache nichts als solch rin lebendiger Dialcct ist? Woher rühren alle Eigenheiten und Sonderbarkeiten der Orthographie, als wegen der Unbehülflichkeit zu schreiben, wie man spricht? Welche lebendige Sprache läßt sich, ihren Tönen nach, aus Bücherbuchstabcn lernen? Und welche tobte Sprache daher aufwecken? — Je lebendiger nun eine Sprache ist, je weniger man daran gedacht hat, sic in Buchstaben zu fassen, je ursprünglicher sie zum vollen, unausgesonderten Laute der Natur hinauf steigt: desto minder ist sie jauch schreibbar, desto minder mit zwanzig Buchstaben schreibbar; ja oft für Fremdlinge ganz unaussprechlich. Der P. Rasles, der sich zehn Jahre unter den Adert akiern in Nord-Amerika aufgehalten, klagt hier- über den Ursprung der Sprache. 9 über so sehr, daß er mit aller Aufmerksamkeit doch oft nur die Hälfte des Worts wiederholet und sich lächerlich gemacht habe; wie weit lächerlicher hatte er die Sprache mit seinen Französischen Buchstaben beziffert? Der P. CHaumont, der fünfzig Jahre unter den Huronen zugebracht, und sich an eine Grammatik ihrer Sprache gewagt hat, klagt demohngeachtet über ihre Kehlbuchstaben und ihre unaussprechlichen Accente: „oft hätten zwcy Wörter, die ganz aus einerlei) Buchstaben bestünden, die verschiedensten Bedeutungen/' Garcilasso de Vega beklagt sich über die Spanier, daß sie die Peruanische Sprache im Laute der Wörter verstellet, verstümmelt, verfälscht und aus bloßen Verfälschungen den Peruanern das ärgste Zeug angedichtet. De la Condamine sagt von einer kleinen Nation am Amazonen-Fluß: „ein Lheil von ihren Wörtern könne nicht, auch nicht einmahl sehr unvollständig, geschrieben werden. Man müßte wenigstens neun oder zehn Sylben gebrauchen, wo sie in der Aussprache kaum drei) auszufprechen scheinen." La Laubcre von der Siamschen Sprache: „unter zehn Wörtern, die der Europäer ausspricht, „versteht ein geborner Siamer vielleicht kein einziges; man mag sich Mühe geben, so viel man will, „ihre Sprache mit unfern Buchstaben auszudrücken." Und was brauchen wir Völker aus so entlegenen Enden der Erde ? Unser kleine Rest ursprünglicher Völker in Europa, Estländer, Lappen u. s. w., haben oft eben so halb-articulirte und unschreibbare Schalle, als die Huronen und Peruaner. Russen und Pohlen, deren Sprachen doch lange schon geschrieben und schriftgebildet sind, aspirirey noch immer so, daß 10 I. Preisschrift der wahre Ton ihrer Laute nicht durch Buchstaben gewählt werden kann. Der Engländer, wie quälet er sich, seine Töne zu schreiben, und wie wenig ist der noch, der geschriebenes Englisch versteht, ein sprechender Engländer? Der Franzose, der seine Sylben weniger aus der Kehle hinauf höhlet, und der Halbgrieche, der Jtaliäner, der gleichsam in einer höhern Gegend des Mundes, wie in einem feinern Archer redet, behält immer noch lebendigen Ton. Seine Laute muffen innerhalb der Organe bleiben, wo sie gebildet worden: als gewählte Buchstaben sind sic, so bequem und einartig sie der lange Schriftgebrauch gemacht habe, immer nur Schatten! Das Factum ist also falsch, und der Schluß noch falscher: er führet nicht auf einen göttlichen, sondern gerade umgekehrt, auf einen lhierischen Ursprung der Sprache. Nehmet die sogenannte göttliche erste Sprache, die Hebräische, von der der größte Theil der Welt die Buchstaben geerbt hat. Daß sie in ihrem Anfänge so lebendig tönend gewesen, daß sie nur sehr unvollkommen geschrieben werden konnte: dies zeigt offenbar der ganze Bau ihrer Grammatik, ihre so vielfachen Verwechselungen ähnlicher Buchstaben, ja am allermeisten der völlige Mangel ihrer Vocale. Woher kommt die Sonderbarkeit, daß ihre Buchstaben nur Mitlauter sind, und daß eben die Elemente der Worte, auf die alles ankommt, die Selbstlauker, ursprünglich gar nicht geschrieben wurden? Diese Schreibart ist dem Laufe der gesunden Vernunft so entgegen, das Unwesentliche zu schreiben und das Wesentliche auszu- über den Ursprung der Sprache. rr lassen, daß sie den Grammatikern unbegreiflich seyn müßte, wenn Grammatiker häufig zu begreifen gewohnt waren. Bey uns sind die Vocale das Erste, gleichsam die Thürangeln der Sprache; bey jenen werden sie nicht geschrieben — warum? Weil sie nicht geschrieben werden konnten. Ihre Aussprache war so lebendig und fein organisirt, ihr Hauch war so geistig und ätherisch, daß er verduftete, und sich nicht in Buchstaben fassen ließ. Nur erst bey den Griechen wurden diese lebendigen Aspirationen in förmliche Vocale aufgefädelt, denen doch noch Spiritus u. s. w. zu Hülfe kommen mußten; da bey den Morgenländern die Rede gleichsam ganz Spiritus, ein sortgehender Hauch und Geist des Mundes war, wie sie- sie auch so oft in ihren mahlenden Gedichten benennen. Es war Othem Gottes, wehende Luft, die das Ohr aufnahm; die kodten Buchstaben, die sie hinmahleten, waren nur der Leichnam, der lesend mit Lebensgeist beseelet werden mußte. Was das für einen gewaltigen Einfluß auf das Verständnis; ihrer Sprache hat, ist hier nicht der Ort zu sagen; daß dies Wehende aber den Ursprung ihrer Sprache verrathe, ist offenbar. WaS ist unfchreibbarer, als die unartikulirten Töne der Natur? Und wenn die Sprache, je naher ihrem Ursprünge, desto unarticulirter ist — was folgt, als daß sie wohl nicht von einem höhern Wesen für die vier und zwanzig Buchstaben, noch auch diese Buchstaben gleich mit der Sprache erfunden worden, daß diese vielmehr ein weit späterer nur unvollkommener Versuch gewesen, sich einige Merkstabe der Erinnerung zu setzen, und daß jene nicht aus Buchstaben der Grammatik Gottes, sondern I. Preisschrift aus wilden Tönen freyer Organe entstanden sey. *) Sonst wäre es sonderbar, daß eben die Buchstaben aus denen, und für die Gott die Sprache erfunden, mit Hülfe derer er den ersten Menschen die Sprache bcygebracht hatte, eben die unvollkommensten in der Welt waren, die wenig vom Geiste der Sprache sagen und in ihrer ganzen Bauart offenbar bekennen, daß sic nichts davon sagen wollen. — — Es verdiente diese Buchstaben-Hypothese frey- lich ihrer Würde nach nur Einen Wink: aber ihrer mannigfaltigen Beschönigung wegen mußte ich ihren Urgrund entblößen, und eine Sonderbarkeit dabcy erklären, von welcher mir wenigstens keine Erklärung bekannt ist. Zurück auf. unsre Bahn! Da unsre Töne der Natursprache vorzüglich zum Ausdrucke der Leidenschaft bestimmt sind, so istS natürlich, daß sie auch die Elemente aller Rührung werden. Wer ists, dem bey einem zuckenden, wimmernden Gequälten, bey einem ächzenden Sterbenden, auch selbst bey einem stöhnenden Vieh, wenn seine ganze Maschine leidet, dies Ach nicht zu Herzen dränge? wer ist der gefühllose Barbar? Je harmonischer das empfindsame Saitenspiel selbst bey Thieren mit andern Thiercn gewebt ist: desto mehr fühlen selbst diese mit einan- *) Die beste Schrift für diese noch zum Lherl unaus- gearbcitete Materie ist natrrrae etserip- turne conuorclia, Hskn. 1762, die sich von den Kircherschen und so viel andern Traumen, wie Alterthumsgeschichte von Mahrchen, unterscheidet. ü b er b en u rsp rung d er Sp r ache. iS der; ihre Nerven kommen in eine gleichmäßige Spannung, ihre Seele in einen gleichmäßigen Ton, sie leiden wirklich mechanisch mit. Und welche Stählung seiner Fibern, welche Macht, alle Deffnun- gen seiner Empfindsamkeit zu verstopfen, gehört dazu, daß ein Mensch hiegegen taub und hart werde! - Diderot*) meynt, daß ein Blindge- borner gegen die Klagen eines leidenden Thiers unempfindlicher scpn müßte, als ein Sehender; allein ich glaube, unter gewissen Fallen, das Gegen- theil. Freplich ist ihm das ganze rührende Schauspiel dieses elenden zuckenden Geschöpfes verhüllet; allein alle Beyspiele sagen, daß eben durch diese Verhüllung das Gehör weniger zerstreut, horchender und eindringender werde. Da lauschet er also im Finstern, in der Stille seiner ewigen Nacht, und jeder Kingston geht ihm, um so inniger und scharfer, wie ein Pfeil, zum Herzen! Nun nehme er noch das tastende, langsam umspannende Gefühl zu Hülfe, taste die Zuckungen, ec fühle den Bruch der sendenden Maschine sich ganz — Grausen und Schmerz fahrt durch seine Glieder: sein innrer Nervenbau fühlt Bruch und Zerstörung: der Lo- deskon tönet. Das ist das Band dieser Na- t Ursprache! Ucberall sind die Europäer, Trotz ihrer Bildung «nd Mißbildung, von d^rohen Klagetönen der Wilden heftig gerührt worden. Leri erzählt aus Brasilien: wie sehr seine Leute von dem herzlichen, *) sur Iss L l'usaze äs ceux vo^erit evs. »4 I. Preis sehr ist unförmlichen Geschrey der Liebe und Leutseligkeit dieser Amerikaner bis zu Thränen seycn erweicht morden. Eharlevoix und andere wissen nicht genug den grausenden Eindruck auszudrückcn, den die Krieges- und Zaubcrliebcr der Nord-Amerikaner machen. Wenn wir später Gelegenheit haben werden zu bemerken, wie sehr die alte Poesie und Musik von diesen Naturtönen sey belebet worden: so werden wir auch die Wirkung philosophischer erklären können, die z. B. der alte Griechische Gesang und Tanz, die alte Griechische Bühne einst gemacht haben , und überhaupt Musik, Tanz und Poesie noch auf alle Wilde machen. Auch selbst bey uns, ben dcneii freylich die Vernunft oft die Empfindung, und die künstliche Sprache der Gesellschaft die Töne der Natur aus ihrem Amt setzet — kommen nicht noch oft die höchsten Donner der Beredsamkeit, die mächtigsten Schläge der Dichtkunst, und die Zauber- momenie der Action, dieser Sprache der Natur durch Nachahmung nabe? Was ists, was dort im versammelten Volke Wunder tkut, Herzen durchbohrt und Seelen umwälzek? — Geistige Rede und Metaphysik ? Gleichnisse und Figuren? Kunst und kalte Ueberzeugun., ? So fern der Taumel nicht blind seyn soll, muß vieles durch sie geschehen; aber Alles? Und eben dies luchste Moment des blinden Taumels, wodurch wurde ^>as? — Durch ganz eine andre Kraft! — Diese Töne, diese Geberven, jene einfachen Gänge der Melodie, diese plötzliche Wendung , diese bewegende Stimme — was weiß ich mehr ? Bey Kindern, und bey dem Volke der Sinne, be» Weibern, bey Leuten von zartem Gefühl, bey Kranken, Einsamen, Betrübten, wirken über den Ursprung der Sprache. '5 sie tausendmal mehr, als die Wahrheit selbst wirken 'würde, wenn ihre leise, feine Stimme vom Himmel tönte. Diese Worte, dieser Ton, die Wen?, düng dieser gransende» Romanze u. s. w. drangen in unsrer Kindheit, da wir sie das erstemal hörten, ich weiß nicht, mit welchem Heere von Ne- benbegriffen des Schauders, der Feyer, des Schreckens, der Furcht, der Freude, in unsre Seele. Das Wort tönet, und wie eine Schaar von Geistern stehen sie alle mit Einmal in ikrer dunkeln Majestät aus dem Grabe auf; sie verdunkeln den reinen, bellen Begriff des Worts, der nur ohne sie gefaßt werden konnte: das Wort ist weg, und der Ton der Empfindung tönet. Dunkles Gefühl übermannet unS; selbst der Leichtsinnige zittert — nicht über Gedanken, sondern über Sylben, über Töne der Kindheit; und es war eben Zauberkraft des Redners, des Dichters, uns wieder zu Kindern zu machen. Kein Bedacht, keine Ueberlegung, das bloße Naturgesetz lag zum Grunde: „Ton der „Empfindung soll das sympathetische „Geschöpf in denselben Ton versetzen!" Wollen wir also diese unmittelbaren Laute der Empfindung Sprache nennen; so finde ich ihren Ursprung allerdings sehr natürlich. Er ist nicht bloß nicht übermenschlich, sondern offenbar thierisch: das Naturgesetz einer empfindsamen Ma- s chine. Aber ich kann meine Verwunderung nicht bergen, daß Philosophen, das ist, Leute, die deutliche Begriffe suchen, je haben auf den Gedanken kommen können: aus diesem Geschrei) der Empfindungen den Ursprung menschlicher Sprache völlig i6 - Mi» M- ^ I. Preisschrifl zu erklären; denn ist diese nicht offenbar ganz etwas andersi Alle Thiere, fast bis auf den stummen Fisch, tönen ihre Empfindungen; deswegen aber hat doch kein Thier, selbst nicht das vollkoms mcnste, den geringsten, eigentlichen Anfang zu einer menschlichen Sprache. Man bilde und verfeinere und organisirc dies Geschrey, wie man wolle; wenn kein Verstand dazu kommt, diesen Ton mit Absicht zu brauchen: so sehe ich nicht, wie nach dem vorigen Naturgesetz je eine menschliche, will- kührliche Sprache werde? Kinder weinen Schalle der Empfindung, wie die Thiere; ist aber die Sprache, die sie von Menschen lernen, nicht ganz eine andere Sprache? Der Abt Condillac*) ist in der Anzahl dieser Erklärer. Entweder er hat das ganze Ding Sprache schon von der ersten Seite seines Buchs erfunden vorausgesetzt: oder ich finde auf jeder Seite Dinge, die sich gar nicht in der Ordnung einer bildenden Sprache zutragen konnten. Ec setzt, zum Grunde seiner Hypothese, „zwey Kinder in eine Wüste, ehe sie den Gebrauch irgend eines Zeichens kennen." Warum er dies alles setze: „zwey Kinder," die also umkommen, oder Thiere werden müssen^ „in eine Wüste," wo sich die Schwierigkeit ihres Unterhalts und ihrer Erfindung noch vermehret; „vor dem Gebrauch jedes natürlichen Zeichens, und gar vor aller Kenntnis desselben," ohne welche doch kein Säugling nach wenigen Wochen seiner Ge- *) Illsssi siir I'origine äes cormoissunces bumai- nes, Vol, II» übet den Ursprung der Sprache. 17 Geburt ist: — warum, sage ich, in einer Hypothese, die dem Naturgange menschlicher Kennt- niß nachspüren soll, solche unnatürliche Data zum Grunde gelegt werden müssen, mag ihr Verfasser wissen; daß aber auf sie keine Erklärung des Ursprungs der Sprache gebauet sey, getraue ich mir zu erweisen. Seine beydcn Kinder kommen ohne Kenntnis; jedes Zeichens zusammen, und — siehe da! im ersten Augenblicke (tz. 2.) „sind sie schon im gegenseitigen Commerz." Und doch bloß durch dies gegenseitige Commerz lernen sie erst, „mit „dem Geschrey der Empfindungen die Gedanken zu „verbinden, deren natürliche Zeichen jene sind." Natürliche Zeichen der Empfindung durch das Commerz lernen? Lernen, was für Gedanken damit zu verbinden sind? Und doch gleich im ersten Augenblick der Zusammenkunft, noch vor der Kenntniß dessen, was das dümmste Thier kennet, Commerz haben? Lernen können, was mit gewissen Zeichen für Gedanken zu verknüpfen sind? — davon begreife ich wenig. „Durch das Wiederkommen ähnlicher Umstande (tz. 3 .) gewöhnen sie sich, mit „den Schallen der Empfindungen, und den verschiedenen Zeichen des Körpers Gedanken zu verbinden. „Schon bekommt ihr Gedächtniß Uebung. Schon „können sie über ihre Einbildung walten, und schon „—sind sie so weit, das mit Reflexion zu thun, „was sie vorher bloß durch Jnstinct thaten," (und doch, wie wir eben gesehen, vor ihrem Commerz nicht zu thun wußten.) — Davon begreife ich noch weniger. „Der Gebrauch dieser Zeichen erweitert „die Wirkungen der Seele (ß. 4.), und diese vcr- Philos. u« Gcsch. n. Th. B I. Prei-Sschrift r8 „vollkommnen die Zeichen. Geschrey der Empsin- „dungen wars also (tz. 5.), was die Scelenkrafte „entwickelt hat: Geschrey der Empfindungen, das „ihnen die Gewohnheit gegeben, Ideen mit will- „kührlichen Zeichen zu verbinden (§. 6 .); Geschrey „der Empfindungen, das ihnen zum Muster diente, „sich eine neue Sprache zu machen, neue Schalle „zu articuliren, sich zu gewöhnen, die Sachen mit „Namen zu bezeichnen." — Ich wiederhole alle diese Wiederholungen, und begreife von ihnen nichts. Endlich, nachdem der Verfasser auf diesen kindischen Ursprung der Sprache die Prosodie, De- clamation, Musik, Tan; und Poesie der alten Sprachen gebauet, und mitunter gute Anmerkungen vorgetragen hat, die aber zu unseren Zwecke nichts thun, so faßt er den Faden wieder an: „Um zu „begreifen (tz. 60 .) , wie die Menschen unter sich „über den Sinn der ersten Worte Eins geworben, „die sie brauchen wollten, ist genug, wenn man „bemerkt, daß sie sie in Umstanden aussprachen, „wo jeder verbunden war, sie mit den nämlichen „Ideen zu verbinden u. s. w." Kurz: es entstanden Worte, weil Worte da nv n, che sie da waren. — Mich dünkt, es lohnt nicht, den Faden un- sers Erklarers weiter zu verfolgen, da er doch an nichts geknüpft ist. Vielleicht gab Eondillac durch seine hohle Erklärung von Entstehung der Sprache Gelegenheit, daß Rousseau *) die Frage nach seiner Art *) 8ur 1'inäZaIUä xarmi des bommes eta. Uart. I, über den Ursprung der Spruche. 19 in Schwung brachte, das ist, sie bezweifelte. Gegen Condillac's Erklärung Zweifel zu finden, war eben kein Rousseau nöchig; nur aber deß- wegen sogleich alle menschliche Möglichkeit der Sprach- ersindung zu läugnen — dazu gehörte freilich etwas R 0 uss ea u sc h e r Schwung. Denn weil jener die Sache schlecht erklärt hatte; ob sie also auch gar nicht erklärt werden könne? Weil aus Schällen der Empfindung nimmermehr eine menschliche Sprache wird, folgt daraus, daß sie nirgend anderswoher hat werden können? Daß es wirklich nur dieser verdeckte Trugschluß sey, der Rousseau verführet, zeigt offenbar sein eigner Plan *): „Wie, wenn doch allenfalls , Sprache hätte menschlich entstehen sollen, wie sie „hatte entstehen müssen?^ Er fangt, wie sein Vorgänger, mit dem Geschrei) der Natur an, aus dem die menschliche Sprache werde. Ich sehe nicht, wie sie daraus je geworden wäre; und wundre mich, daß der Scharfsinn eines Rousseau sie einen Augenblick daraus habe können werden lassen? Maupertuis kleine Schrift ist mir nicht bei Händen; wenn ich aber dem Auszuge eines Mannes **) trauen darf, dessen nicht kleinstes Verdienst Treue und Genauigkeit war, so hat auch Er ^ Ebendaselbst. ") Süßmilch Beweis für die Göttlichkeit ec. Anhang 3. S. i ro. B 2 2c» I. Pceisschrift den Ursprung der Spruche nicht genug von diesen thicrischen Lauten abgesondert, und gehet also mit den vorigen auf einer Straße. Diodor endlich und Vitruv, die zu dem den menschlichen Ursprung der Sprache mehr geglaubt als hcrgeleitct haben, erschwerten sich die Sache dadurch, daß sie die Menschen, erst Zeiten lang, als Thiere, mit Geschrei) in Wäldern schweifen, und sich nachher, weiß Gott, woher? und weiß Gott, wozu? Sprache erfinden ließen- Da nun die meisten Verfechter der menschlichen Sprachwerdung aus einem so unsichern Ort strikten, den andre, z. B. Süß milch, mit so vielem Grunde bekämpften: so hat die Ak n d emi e diese Frage, die also noch unbeantwortet ist, und über die sich selbst einige ihrer vormaligen Mitglieder in Meynungen gelheilt haben, einmal außer Streit wollen gesetzt sehen. Und da dies große Thema so viel Aussichten in die Psychologie und Naturordnung des menschlichen Geschlechts, in die Philosophie der Sprachen und aller Kenntnisse, die mit der Sprache erfunden werden, verspricht; wer wollte sich nicht daran versuchen? Und da die Menschen für uns die einzigen Sprachgeschöpfe sind, die wir kennen, und sich eben durch Sprache von allen Thicren unterscheiden: w» singe der Weg der Untersuchung sicherer an, als bei Erfahrungen über den Unterschied der Thiere und Menschen? —Condillac und Rousseau mußten über den Sprachursprung irren, weil sie sich über den Ursprung der Sprache. 2r über diesen Unterschied so bekannt und verschieden irrten: da jener *) die Thiere zu Menschen, und dieser **) die Menschen zu Thier,en machte. Ich muß also etwas weit ausholen. Daß der Mensch den Thiere n an Stärke und Sicherheit des Jnstincts weit nachstehe, ja daß er das, was wir bei so vielen Thiergattungen angebor- ne Kunstfahigkciten und Kunsttriebe nennen, gar nicht habe, ist gesichert; nur, so wie die Erklärung dieser Kunsttricbe bisher den meisten und noch zuletzt einem der gründlichsten Philosophen ***) Deutschlands mißglücket ist, so hat auch die wahre Ursache von der Entbehrung dieser Kunsttriebe in der menschlichen Natur noch nicht völlig ins Licht gesetzt werden können. Mich dünkt, man habe einen Hauptgesichtspunct verfehlt, aus dgm man, wo nicht vollständige Erklärungen, so wenigstens Bemerkungen über die Natur der Thiere machen kann, die, wie ich für einen andern Ort hof- *) Irnitä sur Iss nniinaux. ") 8nr Uorixine äs I'insAsUts eta. "*) R e i IN a r u s ü b e r die Kunsttriebe der Thiere. S. Betrachtungen darüber in den Briefen, die neueste Literatur betreffend rc. 22 I. Pr eis sehr ist ft, die menschliche Scclcnlehre sehr aufklären können. Dieser Gesichtspunct ist „die Sphäre der Threre." Jedes Thier hat seinen Kreis, in den es von der Geburt an gehört, gleich eintritt, in dem cs lebenslang bleibet, und stirbt. Nun ist es aber sonderbar, „daß je scharfer die Sin- „ne der Thiere, und je wunderbarer „ihre Kunstwerke sind, desto kleiner ist „ihr Kreis: desto einartiger ist ihr „Kunstwerk." Ich habe diesem Verhältnisse nachgcspüret, und finde überall eine wunderbar-beobachtete „umgekehrte Proportion zwischen der mindern Extension ihrer Belegungen, Nahrung, Erhaltung, Paa- ,,rung, Erziebung, Gesellschaft und ihren „Trieben und Künsten." Die Biene in ihrem Korbe bauet mit der Weisheit, die Egeria ihren Numa nicht lehren konnte; aber außer diesen Zellen und außer ihrem Bestimmungsgeschäft in diesen Zellen ist sie auch Nichts. Die Spinne webet mit der Kunst der Minerva; aber alle ihre Kunst ist auch in diesem engen Spinnraum verwebet; das ist ihre Welt, Wie wundersam ist das Jnscct, und wie enge der Kreis seiner Wirkung! Gegentheils. „Je vielfacher die Verrichtungen und Bestimmung der Thie- „re; je zerstreuter ihre Aufmerksamkeit „auf mehrere Gegenstände, je unstäter „ihre Lebensart, kurz, je größer und vielfältiger ihre Sphäre ist; desto mehr „sehen wir i hre S innlich keit sich ver- über den Ursprung der Sprache. 23 „«heilen und schwächen." Ich kann es mir hier nicht in den Sinn nehmen, dies große Ver- haltniß, das die Kette der lebendigen Wesen durchlauft, mit Beispielen zu sichern; ich überlasse jedem die Probe, oder verweise auf eine andere Gelegenheit, — und schließe fort: Nach aller Wahrscheinlichkeit und Analogie lassen sich also „alle Kunst triebe und Kunst- Fähigkeiten aus den Vorstellungskräften der Thiere erklären;" ohne daß man außer ihnen noch blinde Determinationen au- nchmen darf, die alle Philosophie verwüsten. Wenn unendlich feine Sinne in einen kleinen Kreis, auf ein Einerl-'y eingeschlossen werden, und die ganze andere Welt für sie nichts ist, wie durchdringend müssen sie werden! Wenn Vorstellungskräfte in einem kleinen Kreis eingeschlossen, und mit einer analogen Sinnlichkeit begabt sind, wie stark müssen sie wirken! Und wenn endlich Sinne und Vorstellungen auf Einen Punct gerichtet sind, was kann anders als Jnstinct daraus werden? Aus ihnen also erkläret sich die Empfindsamkeit, die Fähigkeiten und Triebe der Thiere nach ihren Stufen und Arten. Und ich darf also den Satz annchmen: „die „Empfindsamkeit, die Fähigkeiten und „Kunsttriebe der Thiere nehmen an „Stärke und JnteNsitä t zu, im umgekehrten Verhältnisse der Größe und „M annigfaltigkeit ihres Wirkungskrei- „se s." Nun aber — Der Mensch hat keine so einförmige und enge Sphäre, in der nur Eine Arbeit auf ihn warten 24 I. Preis sehr ist eine Welt von Geschäften und Bestimmungen liegt um ihn. Seine Sinne und Organisation sind nicht auf Eins geschärft: er hat Sinne für alles, und natürlich also für jedes Einzelne schwächere und stumpfere Sinne. Seine Seclenkrafte sind über die Welt verbreitet; also keine Richtung seiner Vorstellungen auf ein Eins, Mithin kein Kunsttrieb, keine Kunstfertigkeit — und, das Eine gehört hier naher her, keine T h i e r sp r a c h e. Was ist doch das, was wir, außer der vorher angeführten Lautbarkeit der empfindenden Maschine bei einigen Gattungen Thiersprache nennen, anders, als das Resultat der Anmerkungen, die ich zusammen gerejhet habe? ein dunkles sinnliches Einverstandniß einer Thiergat- pung unter einander über ihre Bestimmung, im Kreise ihrer Wirkung. Je kleiner also die Sphäre der Thiere ist, desto weniger haben sie Sprache nhthig. Je scharfer ihre Sinne, je mehr ihre Vorstellungen auf Eins gerichtet, je ziehender ihre Triebe sind; desto zusammen gezogener ist das Einverstandniß ihrer etwanni- gen Schalle, Zeichen, Äußerungen. — Es ist lebendiger Mechanismus , herrschender Jnstinct, der da spricht und vernimmt. Wie wenig darf er sprechen, daß er vernommen werde! Thiere von dem engsten Bezirke sind also sogar gehörlos; sie sind für ihre Welt ganz Gefühl, oder Geruch, und Gesicht: ganz einförmiges Bild, einförmiger Zug, einförmiges Geschäft; sie haben also wenig oder keine Sprache. über den Ursprung der Spruche. 25 Ze größer aber der Kreis der Thiere: je un- terschiedner ihre Sinne — doch was darf ich wiederholen ? Mit dem Menschen ändert sich die Scene ganz. Was soll für seinen Wirkungskreis, auch selbst im dürftigsten Zustande, die Sprache des redensten, am vielfachsten tönenden Thie- res? Was soll für seine zerstreuten Begierden, für seine getheilte Aufmerksamkeit, für seine stumpfer witternden Sinne auch selbst die dunkle Sprache aller Thiere? Sie ist für ihn weder reich, noch deutlich : weder hinreichend an Gegenständen, noch für seine Organe — also durchaus nicht seine Sprache: denn was heißt, wenn wir nicht mit Worten spielen wollen, die ei g enthü mlich e Sprache eines Geschöpfs, als: die seiner Sphäre von Bedürfnissen und Arbeiten, der Organisation seiner Sinne, der Richtung seiner Borstellungen und der Stärke seiner Begierden angemessen ist? Und welche Thiersprache ist so für den Menschen? Jedoch es bedarf auch dieser Frage nicht. Welche Sprache (außer der vorigen mechanischen^ hat der Mensch so instinct mäßig, als jede Thier gatt un g die ihrige in und nach ihrer Sphäre? Die Antwort ist kurz: keine! und eben diese kurze Antwort entscheidet. Bei jedem Thiere ist, wie wir gesehen haben, seine Sprache eine Aeußecung so starker sinnlicher Vorstellungen, daß diese zu Trieben werden: mithin ist Sprache, so wie Sinne und Vorstellungen und Triebe, ihm angc bohren und dem Thiere unmittelbar natürlich. Die Biene sumset, wie sie sauget; der Vogel singt, wie er nistet — aber wie spricht der Mensch von Natur? 26 7. Preisschrift Kar nicht! ss wie er wcnig oder nichts durch welligen Jnstinct, als Thier Lhut. Zch nehme bei einem neu gcbohrnen Kinde das Geschrey seiner empfindsamen Maschine aus; sonst ists stumm; cs äußert weder Vorstellungen noch Triebe durch Töne, wie doch jedes Thier in seiner Art thut; bloß unter Thiere gestellet, wäre cs also das vcrwaisetste Kind der Natur. Nackt und bloß, schwach und dürftig, schüchtern und unbewaffnet: und was die Summe seines Elendes ausmacht, aller Leiterinnen des Lebens beraubt. — Mit einer so zerstreuten, geschwächten Sinnlichkeit, mit so unbestimmten, schlafenden Fähigkeiten, mit so getheilten und ermatteten Trieben gebohren, offenbar auf tausend Bedürfnisse verwiesen, zu einem großen Kreise bestimmt; und doch so verwaiset und verlassen, daß es selbst nicht mit einer Sprache begabt ist, seine Mängel zu äußern — Nein! ein solcher Widerspruch ist nicht die Haushaltung der Natur. Es müssen statt der Jnstincte andre verborgne Kräfte in ihm schlafen! Stumm gebohren; aber — über den Ursprung der Sprache. 27 Zweiter Abschnitt. D. ^och ich, thue keinen Sprung. Ich gebe dem Menschen nicht gleich plötzlich neue Kräfte, „keine „sprachschaffende Fähigkeit," wie eine willkührliche l)ualitas ocoulta. Ich suche nur in den vorher bemerkten Lücken und Mängeln weiter. Lücken und Mängel können doch nicht der Charakter seiner Gattung sepn: oder die Natur war gegen ihn die härteste Stiefmutter, da sie gegen jedes Jnsect die liebreichste Mutter war. Jedem Jnsect gab sie, was und wie viel es brauchte: Sinne zu Vorstellungen, und Vorstellungen in Triebe gediegen; Organe zur Sprache, so viel es bedurfte, und Organe, diese Sprache zu verstehen. Bei dem Menschen sist alles in dem größten Mißverhältnis Sinne und jBe- dürfnisse; seine Kräfte und der Kreis der Wirksamkeit, der auf ihn wartet; seine Organe und seine Sprache — Es muß uns also ,,ein gewisses „Mittelglied fehlen, die so abstehenden „Glieder der Verhältniß zu berechnen" I. Preisschrift Fänden wirs: so wäre nach aller Analogie der Natur „diese Schadloshaltung seine „Eigenheit, der Charakter seines Geschlechts;" und alle Vernunft und Billigkeit fodcrte, diesen Fund für das gelten zu lassen, was cr ist, für Na turgabe, ihm so wesentlich als den Thieren der Znstinct. Ja, fänden wir „eben in diesem Charakter die Ursache jener Mangel; und ,,eben in der Mitte dieser Mangel, in „der Hohle jener großen Entbehrung von Kunst- „trieben den Keim zum Ersätze:" so wäre diese Einstimmung ein genetischer Beweis, daß hier „die wahre Richtung der Menschheit" liege, und daß die Menschengattung über den Thieren nicht an Stufen des Mehr oder. Weniger stehe, sondern an Art. Und fänden wir in diesem neu gefundenen Charakter der Menschheit sogar „den nvthwendi- „g e n genetischen Grund zur Entstehung „einer Sprache für d i e s e n eue A r t Geschöpfe," wie wir in den Jnstincten der Thiere den unmittelbaren Grund zur Sprache für jede Gattung fanden; so sind wir ganz am Ziele. In dem Falle würde die „Sprache dem Menschen „so wesentlich, als — er ein Mensch ist." Man sichet, ich entwickle aus keinen will- kührlichcn, oder gesellschaftlichen Kräften, sondern aus der allgemeinen thierjschen Oekonomie. übet den Ursprung der Sprache. 29 Und nun folgt, daß, wenn der Mensch Sinne hat, die für einen kleinen Fleck der Erde, für die Arbeit und den Genuß einer Weltfpanne den Sinnen des Thiers, das in dieser Spanne lebet, nach stehen an Scharfe: so bekommen sie eben dadurch Vorzug der Frcyheit: „Eben weil „sie nicht für Einen Punkt sind, so sind sie allgemeinere Sinne der Welt." Wenn der Mensch Vorstellungskräfte hat, die nicht auf den Vau einer Honigzelle und eines Spinngewebes bezirkt sind, und also auch den Kunstsähigkeiten derThiere in diesem Kr ei se n ach s te h e n: so bekommen sie eben damit „weitere Aussic h't." Er hat kein einziges Werk, bei dem ec also auch unverbesserlich handle.; aber er hat freien Raum, sich an vielem zu üben, mithin sich immer zu verbessern. Jeder Gedanke ist nicht ein unmittelbares Werk der Natur, aber eben damit kanns sein eigen Werk werden. Wenn also hiemit der Jnstinct Wegfällen muß, der bloß aus der Organisation der Sinne mnd dem Bezirk der Vorstellungen folgte, und keine blinde Determination war; so bekommt eben hiemit der Mensch „mehrere Helle." Da er auf keinen Punct blind fallt und blind liegen bleibt: so wird er frep stehend, kann sich eine Spbare der Bespiegelung suchen, kann sich in sich bespiegeln. Nicht mehr eine unfehlbare Maschine in den Häm den der Natur, wird er sich selbst Zweck und Ziel der Bearbeitung. Man nenne diese ganze Disposition seiner Kräfte, wie man wolle: Verstand, Vernunft, Besim 3c> I. Prcisschrift nung u. s. w. Wenn man die Namen nicht für abgesonderte Kräfte, oder für bloße Stuftncrhö- hungen der Tbierkräfte annimmt: so gilts mir gleich. Es ist die „ganze Einrichtung aller „mensc h l i c h e n Krä fte; die ganze Haushaltung seiner sinnlichen und erken- „n enden, seiner erkennenden und wollenden Natur;" oder vielmehr — Es ist die „Einzige positive Kraft des Denkens, „die, mit einer gewissen Organisation des „Körpers verbunden, bei den Menschen so Vernunft heißt, wie sie bei den Thieren Kunst- „fähigkeit wird: die bei ihm Freiheit heißt, „und bei den Thiercn Jnstinct wird. Der Un- „terschied ist nicht in Stufen, oder Zugabe „von Kräften, sondern in einer ganz verschie- „denartigen Richtung und Auswickelung „aller Kräfte." Man sey Leibnitzianer oder Lockianer, Search oder Leowall *), Idealist oder Materialist; so muß man bei einem Einverständ- niß über die Worte, zu Folge des Vorigen, die Sache zugebcn: „einen eigenen Charakter „der Menschheit," der hierin und in nichts an- derm bestehet. Alle, die dagegen Schwierigkeit gemacht, sind durch falsche Vorstellungen und unaufgcräumte Begriffe hintergangen worden. Man hat sich die Vernunft des Menschen als eine neue, ganz abgetrcnnte ) Eine in einem neuen metaphysischen Werke beliebte Eintheilung: 3e-ir<:ll's ok nntnre pursueä. I.onä. 68. über den Ursprung der Sprache. Kraft in die Seele hinein gedacht, die dem Menschen als eine Zugabe vor allen Thiercn zu eigen geworden, und die also auch, wie die vierte Stufe einer Leiter, nach den drei untersten allein betrachtet werden müsse; und das ist freylich, es mögen cs so große Philosophen sagen, als da wollen, philosophischer Unsinn. Alle einzelnen Kräfte unsrer und der Thierscclen sind nichts als metaphysische Abstraktionen, Wirkungen! Sie werden abgetheilt, weil sie von unserm schwachen Geiste nicht auf einmal betrachtet werden konnten: sie stehen in Ca- piteln, nicht, weil sie so capitelweise in der Natur wirken, sondern weil ein Lehrling sie sich vielleicht so am besten entwickelt. Daß wir gewisse ihrer Verrichtungen unter gewisse Hauptnamen gebracht haben, z. B. Witz, Scharfsinn, Fantasie, Vernunft; ist nicht, als wenn je eine einzige Handlung des Geistes möglich wäre, wo der Witz oder die Vernunft allein wirkt: sondern nur, weil wir in dieser Handlung am meisten von der Abstraktion entdecken, die wir Witz oder Vernunft nennen, z.B. Vergleichung oder Deutlichmachung der Ideen: überall aber wirkt die ganze unabgetheilte Seele. Konnte ein Mensch je eine einzige Handlung thun, bei der er völlig wie ein Thier dachte: so ist er auch durchaus kein Mensch mehr, gar keiner menschlichen Handlung mehr fähig. War er einen einzigen Augenblick ohne Vernunft: so sehe ich nicht, wie er je in seinem Leben mit Vernunft denken könne: oder seine ganze Seele, die ganze Haushaltung seiner Natur, ward geändert. Nach richtigem Begriffen ist die Vernunft- Mäßigkeit des Menschen, der Charakter seiner Gattung, etwas anders, nähmlich: „die ga»z- „üthc Bestimmung seiner denkenden „K r a ft i m V e r b-a lt n i fi se i n c r Sinnlich- „keit und Triebe." Und da konnte es, alle vorigen Analogien zu Hülfe genommen, nichts anders scyn, — als daß Wenn der Mensch Triebe der Thiere hätte, er das nicht haben könnte, was wir jetzt Vernunft in ihm nennen; denn eben diese Triebe rissen ja seine Kräfte so dunkel auf einen Punkt hin, daß ihm kein freycr Besinnungskrcis ward. Es mußte scyn, daß — Wenn der Mensch Sinne der Thiere, er keine Vernunft hätte; denn eben die starke Neitz- barkeit seiner Sinne, eben die durch sie mächtig andringenden Vorstellungen müßten alle kalte Besonnenheit ersticken. Aber umgekehrt mußte es auch nach eben diesen Verbindungsgesetzen der haushaltenden Natur fern, daß — Wenn thicrUche Sinnlichkeit und Eingcschlos- scnheit auf einen Punkt wegfiele: so wurde ein ander Geschöpf, dessen positive Kraft sich in größerm Raume nach einer feineren Organisation, Heller, äußerte; das ab- getrcnnt und src» nicht bloß erkennet, will und wirkt, sondern auch weiß, daß es erkenne, wolle und wirke. Dies Geschöpf ist der Mensch; und diese ganze Disposition seiner Natur wollen wir, um den Verwirrungen mit eignen Vernunftkräften u. s. w. zu entkommen, „B esonnenhe i t" nennen. Es folgt also nach eben diesen Verdindungsregeln, da alle die über den Ursprung der Sprache. 33 die Wörter Sinnlichkeit un-d Jnstinct, Fantasie und Vernunft, doch nur Bestimmungen einer einzigen Kraft sind, wo Entgegensetzungen einander aufhe- ben, daß — Wenn der Mensch kein i n sti n c/m äß i- ges Thier seyn sollte, er vermöge der freyer wirkenden positiven Kraft seiner Seele ein besonnenes Geschöpf seyn mußte. -Wenn ich die Kette dieser Schlüsse noch einige Schritte weiter ziehe, so bekomme ich damit vor künftigen Einwendungen einen den Weg sehr kürzenden Vorsprung. Ist nämlich die Vernunft keine abgetheilte, einzeln wirkende Kraft, sondern eine seiner Gattung eigne Richtung aller Kräfte, so muß der Mensch sie im ersten Zustande haben, da er Mensch ist. Im ersten Gedanken des Kindes muß sich diese Besonnenheit zeigen, wie bey dem Jnsect, daß es Jnscct war. --Das hat. nun mehr als ein Schriftsteller nicht begreifen können , und daher ist die Materie, über die ich schreibe, mit den rohesten Einwürfen angefüllet; aber sie begriffen es nicht, weil sie es mißverstanden. Heißt denn vernünftig denken, mit ausgebildeter Vernunft denken? Heißts, der Säugling denke mit Besonnenheit, er raisonnire wie ein Sophist auf seinem Katheder, oder wie der Staatsmann in seinem Cabinet? Glücklich und dreymal glücklich, daß ec von diesem ermattenden Wust von Vernünf- tcleyen noch nichts wußte! Aber stehet man nicht auch, daß dieser Einwurf bloß einen so und nicht anders, einen mehr oder minder gebil- Philos. und Gesch. II. LH. E deten Gebrauch der Seelenkrafte, und durchaus kein Positives einer Seelcnkraft selbst läugne? Und welcher Thor würde da behaupten, daß der Mensch im ersten Augenblick des Lebens so denke, wie nach einer vieljährigen Nebung; es sey denn, daß man zugleich das Wachskhum aller Seelenkrafte läugnete, und sich eben damit selbst für einen Unmündigen bekennte? — So wie doch aber dieses Wachsthum in der Welt nichts bedeuten kann, als einen leichtern, starkern, v'elfachern Gebrauch; muß denn das nicht schon da seyn, was gebraucht werden? muß das nicht schon Keim seyn, was da wachsen soll? Und ist also nicht im Keime der ganze Baum enthalten ? So wenig das Kind Klauen wie ein Greif, noch eine Löwenmähne hat: so wenig kann es wie Greif und Löwe denken: denky es aber menschlich, so ist Besonnenheit, das ist die Bestimmung aller seiner Kräfte auf diese Hauptrichtung schon im ersten Augenblicke dergestalt sein Loos, wie sie es im letzten seyn wird. Die Vernunft äußert sich unter seiner Sinnlichkeit so wirklich, daß der Allwissende , der diese Seele schuf, in ihrem ersten Zustande schon das ganze Gewebe von Handlungen des Lebens sah, wie etwa der Meßkünstlcr nach gegebener Classe aus einem Gliede der Progression das ganze Berhältniß derselben findet. „Aber so war doch diese Vernunft damals mehr „Vernunftfähigkeit (käeUsxioii sn puissancs) als „wirkliche Kraft?" Die Ausnahme sagt kein Wort. Bloße, nackte Fähigkeit, die auch ohne vorliegendes Hinderniß keine Kraft, nichts als Fähigkeit sey, über den Ursprung der Sprache. 35 ist so ein tauber Schall, als plastische Formen, die da formen, aber selbst keine Formen sind. Ist mit der Fähigkeit Nicht das geringste Positive zu einer Tendenz da: so ist Nichts da — so ist das Wort bloß Abstraktion der Schule, Der neuere Französische Philosoph *), der diese reffexion sir xuissuncis, diesen Scheinbegriff so blendend gemacht, hat, wir wir sehen werden, immer nur eine Luftblase blendend gemacht, die er eine Zeit lang vor sich her treibt, die ihm selbst aber unvermuthet auf seinem Wege zerspringt. Und ist in der Fähigkeit nichts da; wodurch soll es denn je in die Seele kommen? Ist im ersten Zustande nichts Positives von Vernunft in der Seele, wie wirds bcy Millionen der folgenden Zustande wirklich werden? Es ist Wott-Trug, daß der Gebrauch eine Fähigkeit in Kraft, etwas bloß Mögliches in ein Wirkliches verwandeln könne: denn ist nicht schon Kraft da, so kann sie ja nicht gebraucht und angewandt werden. Au dem endlich, was ist beydes: eine abgetrcNnte Dernunftfahigkeit und Vernunstkrast in der Seele? Eines ist so unverständlich , als das andere. Setzet den Menschen als das Wesen, das Er ist, mit dem Grade von Sinnlichkeit, und der Organisation ins Universum: von allen Seiten, durch alle Sinne strömt, dieß in Empfindungen auf ihn los. Durch Menschliche Sinne? auf menschliche Weise? So wird also, Mit den Thieren verglichen, dies denkende Wesen weniger überströmt: es hat Raum, seine Kraft freyer zu äußern und dieses Verhältniß heißt Vetnunftmäßigkeit. > Rousseau über die Ungleichheit rc, C 2 Äl !?, A >A. 36 I. Pceisschrifc Wo ist da bloße Fähigkeit? Wo eine abgesonderte Vernunftkraft? Es ist die positive einzige Kraft der Seele, die in solcher Anlage wirket; mehr sinnlich, so weniger vernünftig; vernünftiger, so minder lebhaft; Heller, so minder dunkel. — Aber der sinnliche Zustand des Menschen war noch menschlich, und also wirkte in ihm noch immer Besonnenheit, nur im minder merklichen Grade; und der am wenigsten sinnliche Zustand der Thiere war noch thic- risch, also wirkte bey aller Klarheit ihrer Gedanken nie die Besonnenheit eines menschlichen Begriffs. Und weiter lasset uns nicht mit Worten spielen! — Es thut mir leid, daß ich so viele Zeit verloren habe, erst bloße Begriffe zu bestimmen und zu ordnen; allein der Verlust war nöthig, da dieser Thcil der Psychologie in den neueren Zeiten so verwüstet 'da liegt: da Französische Philosophen über einige anscheinende Sonderbarkeiten in der thierischen und ..menschlichen Natur, alles so über - und unter einander geworfen haben, und Deutsche Philosophen die meisten Begriffe dieser Art mehr für ihr System, und nach ihrem Sehepunctc, als darnach ordnen , damit sie Verwirrungen im Sehepunct der gewöhnlichen Denkart vermeiden. Ich habe auch mit diesem Aufräumen der Begriffe keinen Umweg genommen, sondern wir sind mit einemmale am Ziele. Nämlich: über den Ursprung der Sprache. 3? Der Mensch in den Zustand von Besonnenheit gesetzt, der ihm eigen ist, und diese Besonnenheit (Reflexion) zum erstenmal frei) wirkend, hat Sprache erfunden. Denn was ist Reflexion? Was ist Sprache? Diese Besonnenheit ist ihm charakteristisch eigen, und seiner Gattung wesentlich: so auch Sprache und eigne Erfindung der Sprache. Erfindung der Sprache ist ihm also so natürlich, als er ein Mensch ist! Lasset uns nur bey.de Begriffe entwickeln! Reflexion und Sprache. — Der Mensch beweiset Reflexion, wenn die Kraft seiner Seele so frey wirket, daß sie in dem ganzen Occan von Empfindungen, der sie durch alle Sinnen durchrauschet, Eine Welle, wenn ich so sagen darf, absondern, sie anhaltcn, die Aufmerksamkeit auf sie richten, und sich bewußt seyn kann, daß sie aufmerke. Er beweiset Reflexion, wenn er aus dem ganzen schwebenden Traum der Bilder, die seine Sinne vorbeystrcichcn, sich in ein Moment des Wachens sammeln, auf Einem Bilde freywillig verweilen, cs in Helle ruhigere Lbacht nehmen, und sich Merkmahle absondern kann, daß dies der Gegenstand und kein andrer sey. Er beweiset also Reflexion, wenn er nicht bloß alle Eigenschaften lebhaft oder klar erkennen, sondern Eine oder mehrere als unterscheidende Eigenschaften Key sich anerkennen kann: der erste Actus dieser Anerkenntniß *) gibt *) .Eine der schönsten Abhandlungen, das Wesen der Rpperception aus physischen Bersu- 38 I. Preis sehr ist deutlichen Begriff; es ist das Erste Urtheil der Seele und — Wodurch geschah diese Anerkennung? Durch ein Merkmahl, das er absondern mußte, und das, als Merkmahl der Besinnung, deutlich in ihm blieb. Wohlan, so lasset uns ihm das zurufen! Dies Erste Merkmahl der Besinnung war Wort der Seele. Mit ihm ist die menschliche Sprache erfunden. Lasset jenes Lamm, als Bild, sein Auge vor- bey gehen: ihm, wie keinem andern Thiere. Nicht wie dem hungrigen, witternden Wolfe; nicht wie dem blutleckenden Löwen — die wittern und schmecken schon im Geiste: die Sinnlichkeit hat sie überwältigt , der Instinct wirft sie darüber her. — Nicht wie dem brünstigen Schaafmanne, der cs nur als den Gegenstand seines Genusses fühlt, den also wieder die Sinnlichkeit überwältigt; nicht wie jedem andern Thier, dem das Schaaf gleichgültig ist, das es also klar-dunkel vorbey streichen läßt, weil ihn sein Instinct auf etwas anders wendet. Nicht so dem Menschen. So bald er in das Bedürfniß kommt, das Schaaf kennen zu lernen: so störet ihn kein Instinct; so reißt ihn kein Sinn auf dasselbe zu nahe hin, oder davon ab: es steht da, ganz wie es sich seinen Sinnen äußert, Weiß, sanft, welchen, (die so selten die Metaphysik der Seele erläutern,) ins tzicht zu setzen, ist die in den Schriften der Berlinschen Akademie von 176h. über den Ursprung der Sprache. 2g licht — seine besonnen sich übende Seele sucht ein Merkmahl; das Schaaf blocket, sie hat ein Merkmahl gefunden: der innere Sinn wirket. Dieses Blöcken, das ihr den stärksten Eindruck macht, das sich von allen andern Eigenschaften des Beschau- ens und Betastens los riß, hervor sprang , am tiefsten eindrang, bleibt ihr. Das Schaaf kommt wieder. Weiß, sanft, wollicht — sie sieht, tastet, besinnet sich, sucht Merkmahl — es blockt, und nun erkennet sies wieder! „Du bist das Blockende!" fühlt sie innerlich, sie hat es menschlich erkannt, da sie es deutlich, das ist, mit einem Merkmahle erkannte und nannte. Dunkler; so wäre es von ihr gar nicht wahrgenommen worden, weil keine Sinnlichkeit, kein Jnstinct zum Schaafe ihr den Mangel des Deutlichen durch ein lebhafteres Klare ersetzte. Deutlich unmittelbar, ohne Merkmahl; so kann kein sinnliches Geschöpf außer sich empfinden, da es immer andre Gefühle unterdrücken, gleichsam vernichten, und allo den Unterschied von zweyen durch ein drittes erkennen muß. Mit einem Merkmahl also; und was war dieß anders, als ein innerliches Merk wort? „Der Schall des „Blöckens von einer menschlichen Seele, als Kennzeichen des Schaafs wahrgenommen, ward, kraft „dieser Bestimmung, Nahmen des Schaafs, und „wenn ihm nie seine Zunge zu stammeln versucht „hätte." Er erkannte das Schaaf am Blöcken; cs war ein gefaßtes Zeichen, bep welchem sich die Seele einer Idee deutlich besann — Was ist das anders als Wort? Und was ist die ganze menschliche Sprache, als eine Sammlung solcher Worte? Käme e^ 4 ° I. Preisschrift also auch nie in den Fall, einem andern Geschöpf diese Idee zu geben, und also dies Merkmahl der Besinnung ihm mit den Lippen vorblöckcn zu wollen oder zu können; seine Seele hat gleichsam in ihrem Inwendigen geblöckt, da sie diesen Schall zum Erinnerungszeichen wählte, und wieder geblöckt, da sie ihn daran erkannte — die Sprache ist erfunden! eben so natürlich und dem Menschen nothwendig erfunden, als der Mensch ein Mensch war. Die meisten, die über den Ursprung der Sprache geschrieben, haben ihn nicht hier auf dem einzigen Puncte gesucht, wo er, meiner Meynung nach, gefunden werden konnte; und vielen haben also so viel dunkle Zweifel vorgeschwebt, ob er irgendwo i-n der menschlichen Seele zu finden sey? Man hat ihn in der bessern Articulation der Sprachwerk- zeuge gesucht; als ob je ein Drang-Outang mit eben den Werkzeugen eine Sprache erfunden hatte? Man hat ihn in den Schallen der Leidenschaft gesucht; als ob nicht alle Thiere diese Schälle besaßen, und irgend Ein Thier aus ihnen Sprache erfunden hatte? Man hat ein Principium angenommen, die Natur und also auch ihre Schalle nach- zuahme»; als wenn sich bey einer solchen blinden Neigung was gedenken ließe? Und als ob der Affe mit eben dieser Neigung, die Amsel, die die Schalle so gut nachaffen kann, eine Spruche erfunden hatten? Die meisten endlich haben eine bloße Convention, einen Einvertrag angenommen, und dagegen hat Rousseau am stärksten geredet; denn was ists auch für ein dunkles, verwickeltes Wort, rin natürlicher Einvertrag zur Sprache? Diese so über dcn Ursprung d er Sprache. g r vielfachen Falschheiten, die über den menschlichen Ursprung der Sprache gesagt waren, haben endlich die gegenseitige Meynung beynahe allgemein gemacht — ich hoffe nicht, daß sie es bleiben werde. Hier ,"st es keine Organisation des Mundes, die die Sprache schafft: denn auch der Zeitlebens Stumme, war er Mensch, besann er sich; so lag Sprache in seiner Seele. Hier jsts kein Geschrey der Empfindung: denn nicht eine athmcnde Maschine, sondern ein besinnendes Geschöpf erfand Sprache. Kein Principium der Nachahmung in der Seele: die etwannigc Nachahmung der Natur ist bloß ein Mittel zu Einem und dem Einzigen Zweck, der hier erklärt werden soll. Am wenigsten ists Einverstandniß, willkührliche Convention der Gesellschaft: der Wilde, der Einsame im Walde hatte Sprache für sich selbst erfinden muffen; hatte er sie auch nie geredet. Sic war Einverstandniß seiner Seele mit sich selbst, und ein so nothwendigcs Einverstandniß, als der Mensch Mensch war. Wenns andern unbegreiflich war, wie eine menschliche Seele hat Sprache erfinden können; so ists mir unbegreiflich, wie eine menschliche Seele, was sie ist, seyn konnte, ohne eben dadurch, schon ohne Mund und Gesellschaft, sich Sprache erfinden zu müssen. Nichts wird diesen Ursprung deutlicl>er entwickeln , als die Einwürfe der Gegner. Der gründlichste*), der ausführlichste Vertheidiger des göttlichen *) Süßmilchs angef, Schr. Ab sch n. 2, WWHiWM, " 4 »» ^ /öW-KGKWWM F 42 I. Preiss chrift Ursprungs der Sprache wird eben, weil er durch die Oberfläche drang, die Andere nur berühren, fast ein Vertheidiger des wahren menschlichen Ursprunges. Er ist unmittelbar am Rande des Beweises stehen geblieben; und sein Haupteinwurf, bloß etwas richtiger erklärt, wird Einwurf gegen ihn selbst und Beweis vom Gegentheil seiner Meynung, der Men- schenmöglichkcit der Sprache. Er will bewiesen haben: „daß der Gebrauch der Sprache zum Gebrauche der „Vernunft nothwendig sey." Hatte er das: so wüßte ich nicht, was anders damit bewiesen wäre, „als „daß, da der Gebrauch der Vernunft dem Menschen „charakteristisch sey, der Gebrauch der Sprache es „ihm eben so seyn müßte." Zum Unglück aber hat er seinen Satz nicht bewiesen. Er hat bloß mit vieler Mühe dargelhan, daß so viel feine verflochtne Handlungen, als Aufmerksamkeit, Reflexion, Abstrac- tion u. s. w., nicht füglich ohne Zeichen geschehen können, auf die sich die Seele stütze; allein dieß nicht füglich, nicht leicht, nicht wahrscheinlich, erschöpfet die Sache noch nicht. So wie wir mit wenigen Abstractions-Kräften nur wenige Abstraktion ohne sinnliche Zeichen denken können: so können andere Wesen mehr darthun ohne Denken; wenigstens folgt daraus noch nicht, daß an sich selbst keine Abstraktion ohne sinnliches Zeichen möglich sey. Ich habe erwiesen, daß der Gebrauch der Vernunft nicht etwa bloß füglich, sondern daß nicht der mindeste Gebrauch der Vernunft, nicht die einfachste, deutliche Anerkennung, nicht das simpelste Urtheil einer menschlichen Besonnenheit ohne Merkmahl möglich sey; denn der Unterschied von znireyen laßt sich nur immer durch ein drittes erken- über den Ursprung der Spruche. 4 3 nen. Eben dies dritte, dies Merkmal wird mithin inneres Mcrkwort; also folgt die Spruche uus dem ersten Actus der Vernunft gunz nutürlich. — Herr Süßmilch will durlhun*): duß die höhern Anwendungen der Vernunft nicht ohne Sprache vor sich gehen konnten; und führt dazu Wolf's Worte nn, der aber auch nur ron diesem Falle in Wahrscheinlichkeiten redet. D?r Fall thut eigentlich nichts zur Suche: denn die hoher» Anwendungen der Vernunft, wie sie in den specnlativcn Wissenschaften Platz finden, waren nicht zu dem ersten Grundstein des Spru- chenbuues nöthig. Und doch ist auch dieser leicht zu erweisende Satz von Hrn. S. nur erläutert; du ich e r w i e s e n zu haben glaube, duß selbst die erste, niedrigste Anwendung der Vernunft nicht ohne Sprache geschehen konnte. Allein wenn er nun folgert: „kein Mensch kann sich selbst Spruche erfunden „Huben, weil schon zur Erfindung der Sprache Vernunft gehöret, .folglich schon Spruche hatte da seyn „müssen, ehe sie da war/' so halte ich den ewigen Kreisel an, besehe ihn recht, und nun sagt er gunz was anders: kutio et Oratio! Wenn keine Vernunft dem Menschen ohne Sprache möglich war: wohl, so ist die Erfindung dieser dem Menschen so natürlich, so ult, so ursprünglich, so charakteristisch, als der Gebrauch jener. Ich habe Süßmilchs Schlußurt einen ewigen Kreisel genannt: denn ich kann ihn eben sowohl gegen ihn, als er gegen mich drehen : und das Spiel *) Eben daselbst. S. 52. 44 I. Pr eis sc hr ist kreiselt immer fort. Ohne Sprache hat der Mensch keine Vernunft, und ohne Vernunft keine Sprache. Ohne Sprache und Vernunft Hk er keines göttlichen Unterrichts fähig; und ohne göttlichen Unterricht hat er doch keine Vernunft und Sprache — >vo kommen wir da je hin? Wie kann der Mensch durch göttlichen Unterricht Sprache lernen, wenn er keine Vernunft hat? Und er hat ja nicht den mindesten Gebrauch der Vernunft ohne Sprache. Ec soll also Sprache haben, ehe er sie hat und haben kann; oder vernünftig werden können ohne den mindesten eignen Gebrauch der Vernunft? Um der ersten Sylbe im göttlichen Unterricht fähig zu seyn, mußte er, wie Herr Süßmilch selbst zugibt, ein Mensch seyn, das ist, deutlich denken können, und bey dem ersten deutlichen Gedanken war schon Sprache in seiner Seele da; sic war also aus eignen Mitteln und nicht mechanisch, durch göttlichen Unterricht, erfunden. Ich weiß wohl, was man bey diesem göttlichen Unterricht meistens im Sinne hat , nähmlich den Sprachunterricht der Aeltcrn an die Kinder; allein man besinne sich, daß das hier nicht der Fall ist. Aeltern lehren die Kinder nie Sprache, ohne daß diese nicht immer selbst mit erfänden: jene machen diese nur aus Unterschiede der Sachen, mittelst gewisser Wortzeichen, aufmerksam, und so ersetzen sie ihnen nicht etwa, sondern erleichtern und befördern ihnen nur den Gebrauch der Vernunft durch die Sprache. Will man solche übernatürliche Erleichterung annchmen: so geht das meinen Zweck nichts an; nur alsdann hat Gott durchaus für die Menschen keine Sprache erfunden, sondern diese haben immer noch mit Wirkung über d en ursprung de r Sprache. 45 eigener Kräfte, nur unter höherer Veranstaltung, sich ihre Sprache finden müssen. Um das erste Wort, als Wort, d. i. als Merkzeichen der Vernunft , auch aus dem Munde Gottes empfangen zu können, war Vernunft nöthig; und der Mensch mußte dieselbe Besinnung anwenden, dies Wort als Wort zu verstehen, als hatte ers ursprünglich ersonnen. Alsdann streiten alle Waffen meines Gegners gegen ihn selbst; der Mensch mußte wirklichen Gebrauch der Vernunft haben, um göttliche Sprache zu lernen: dm hat immer ein lernendes Kind auch, wenn es nicht, wie ein Papagey, bloß Worte ohne Gedanken sagen sott. Was waren das aber für würdige Schüler Gottes, die so lernten? Und wenn die ewig so gelernt hatten, wo hätten wir denn unsere Vernunstsprache her? Ich schmeichle mir, daß, wenn mein würdiger Gegner noch lebte, er einsahe, daß sein Einwurs, etwas mehr bestimmt, selbst der stärkste Beweis gegen ihn »erde, und daß er also absichtlos in seinem Buche selbst Materialien zu seiner Widerlegung zusammen getragen. Er würde sich nicht hinter das Wort „Vemunftfahigkeit, die aber noch nicht im „mindesten' Vernunft ist," verstecken: denn man kehre, wie man wolle, so werden Widersprüche! Ein vernünftiges Geschöpf ohne den mindesten Gebrauch der Vernunft; oder ein vernunftgebrauchendes Geschöpf ohne Sprache! Ein vernunftloses Geschöpf, dem Unterricht Vernunft geben kann; oder ein un- terrichtfahiges Geschöpf, was doch ohne Vernunft ist! Ein Wesen ohne den mindesten Gebrauch der Verminst; und doch Mensch! Ein Wesen, das seine Vernunft aus natürlichen Kräften nicht brauchen konnte, und doch bepm übernatürlichen Unterricht natürlich brauchen lernte! Eine menschliche Sprache, die nicht menschlich war, d. i. die durch keine menschliche Kraft entstehen konnte; und eine Sprache, die doch so menschlich ist daß sich ohne sie keine seiner eigentlichen Kräfte äußern kann! Ein Ding, ohne das er nicht Mensch war, und doch eia Zustand, da ec Mensch war, und das Ding nicht hatte, das also da war, ehe es da war, sich äußern Mußte, che es sich äußern konnte u. s. w. — — Alle diese Widersprüche sind offenbar, wenn Mensch, Vernunft und Sprache für das Wirkliche genommen werden, was sie sind, und das Gespenst von Worte Fähigkeit (MeNschenfähigkcit, Vernunftfähigkcit, Sprach- fähigkeit) in seiner Unbedeutung gezeigt wird. „Aber die wilden Menschenkinder unter den Baren , hatten sie Sprache? Und waren sie nicht Menschen *) ?" Allerdings! nur zuerst Menschen in einem widernatürlichen Zustande, Menschen in Ver- artung. Leget den Stein auf diese Pflanze; wird sie nicht krum wachsen? und sic ist dem ungeachtet ihrer Natur nach eine aufschießende Pflanze, und hat ihre geradschießende Kraft selbst da geäußert, da sie sich dem Steine krumm umschlang. Also zwey- tens selbst die Möglichkeit dieser Verartung zeigt menschliche Natur. Eben weil der Mensch keine so ) Säßmilch. S. ä-7. hinreißende Instinkte hat, als die Thiere: weil er zu so mancherley und zu Allem schwächer fähig, kurz, weil er Mensch ist: so konnte er verarten. Würde er wohl so bärenähnlich haben brummen, und so barenahnlich haben kriechen lernen, wenn er nicht gelenksame Organe, wenn er nicht gelenk- same Glieder gehabt halte? Würde jedes andre Thier, ein Affe und Esel, es so weit gebracht haben? Wirkte also nicht wirklich seine Menschliche Natur dazu, daß er so unnatürlich werden konnte? Aber drittens blieb sie deßwegen noch immer menschliche Natur: denn brummte, kroch, fraß, witterte er völlig wie ein Bar? Oder wäre er nicht ewig ein strauchelnder stammlender Menschenbär, und also ein unvollkommenes Doppelgeschöpf geblieben? So wenig sich nun seine Haut und sein Antlitz, seine Füße und seine Zunge in völlige Bärengestalt ändern und wandeln konnten: so wenig, (lasset uns nimmer zweifeln!) konnte es die Nacur seiner Seele. Seine Vernunft lag unter dem Druck der Sinnlichkeit, der bärcna rtigen Institute begraben: aber sie war noch immer menschliche Vernunft, weil jene Znstincte ihm nimmer völlig zu Theil werden konnten. Daß dem also gewesen, zeigt endlich die Entwicklung der ganzen Scene. Als die Hindernisse weggewälzet, als diese Barmenschen zu ihrem Geschlecht zurück gekehrt waren, lernten sie natürlicher aufrecht gehen und sprechen, als sie dort, immer un nat ü rl ich , kriechen und brummen ge lernt hatten. Dies konnten sie immer nur bärenähnlich; jenes lernten sie in weniger Zeit ganz menschlich. Welcher ihrer vorigen Mitbrüder des WaldeS lernte das mit ihnen? Und weil es kein Bar lernen konnte, weil er nicht Anlage des Körpers und der Seele dazu besaß; so mußte der Men-- schenbar diese ja noch immer im Zustande seiner Verwilderung erhalten haben. Denn hatte sie ihm bloß der Unterricht, die Gewohnheit gegeben, warum nicht dem Baren? Und was hieße cs doch, jemand durch Unterricht Vernunft und Menschlichkeit geben, der sie nicht schon hat? Vermuthlich hat alsdenn diese Nadel dem Auge die Sehkraft gegeben, dem sie die Staarhaut wcgfchaffet. — Was wollen wir also aus dem unnatürlichsten Falle von der Natur schließen? Gestehen wir aber ein, daß er ein unnatürlicher Fall sey; wohl, so bestätigt er die Natur, und weiset durch seine Abweichung auf die Menschenmöglichkeit der Sprache in einem bessern Zustande. Die ganze Rousseau sehe Hypothese von Ungleichheit der Menschen ist, bekannter Weise, auf solche Fälle der Abartung gebauet; und seine Zweifel gegen die Menschlichkeit der Sprache betreffen also entweder falsche Ursprungsarten, oder die belegte Schwierigkeit, daß schon Vernunft zur Sprach- ersindung gehöret hatte. Im ersten Fall haben sie Recht; im zweyten sind sie widerlegt, und lassen sich aus R ou sse au's Munde selbst widerlegen. Sein Phantom, der Naturmensch, dies entartete Geschöpf , das er auf der Einen Seite mit der Ver- nunftfahigkeit abspeiset, wird auf der andern mit der Perfectibilitat, und zwar mit ihr als Eharakter- Eigenschaft, in so hohem Grade belehnet, daß er dadurch von allen Lhiergattungcn lernen könne; und über den Ursprung der Sprache. 49 was hat Rousseau ihm hiemit nicht zugestanden! Mehr, als wir wollen, und brauchen. Der erste Gedanke „siehe! das ist dem Thier eigen! der Wolf heult, der Bär brummet;" schon der ,st, (in einem solchen Lichte gedacht, daß er sich mit dem zweytcn verbinden konnte, „das habe ich nicht!") wirkliche Restexion; und nun der dritte und vierte „wohl! das wäre auch meiner Natur gemäß, daS könnte ick) nachahmcn, dadurch wird mein Geschlecht vollkommen" welche Menge von feinen, fortschlies- senden Reflexionen« da das Geschöpf, das nur die Erste sich aus einander setzen konnte, schon Sprache der Seele haben mußte, indem es schon die Kunst zu denken besaß, die die Kunst zu sprechen schuf. Der Äffe affet immer nach, aber nachgeahmt hat er nie; er hat nie mit Besonnenheit zu sich gesproe chen: „das will ich nachahmen, um mein Geschlecht vollkommner zu machen." Denn hatte er das je, hatte er eine Einzige Nachahmung sich zu eigen gemacht, und sic in seinem Geschlecht mit Wahl und Absicht verewigt; hatte er auch nur ein einziges mal eine Einzige solche Reflexion denken können — denselben Augenblick war er kein Affe mehr. In aller seiner Affengestalt, ohne einen Laut seiner Zunge, war er inwendig ein sprechender Mensch, der sich über kurz oder lang seine äußerliche" Sprache erfinden mußte. Welcher Orang - Outang aber, hat je mit allen seinen menschenähnlichen Sprach- werkzeugen ein einziges Wort gesprochen, das 'der Grundstein einer menschenähnlichen Sprache geworden wäre? Philos. und G-sch. II. LH. D I. Preis sehr ist So Es gibt freilich noch Negerbrüdec in Europa, die da sagen: „ja vielleicht! wenn er nur sprechen wollte, oder in Umstande käme, in denen er sprechen müßte." Beyde Wenn sind durch die Tiergeschichte genugsam widerlegt; und durch die Werkzeuge wird, wie gesagt, bei den Affen das Können nicht aufgehalten *). Er hat einen Kopf von außen und innen, wie wir; hat er aber je geredet? Papagey und Stahr haben menschliche Schalle gelernt; haben sie aber auch ein menschliches Wort gedacht? — Ueberhaupt gehen uns hier noch die äußern Schalle der Worte nicht an; wir reden von der inner», nothwendige» Genesis eines Worts, als dem Merkmahle einer deutlichen Besinnung; wann hat dies je eine Thierart, auf welche Weise es sey, geäußert? Abgemerkt müßte dieser Faden der Gedanken, dieser Discours der Seele, immer werden können, er äußere sich, wie er wolle; dies geschiehet aber nie. Der Fuchs hat tausendmal so gehandelt, als ihn Acsop handeln laßt; er hat aber nie in Aesops Sinne gehandelt, und das Erstemal, daß er das kann, wird Meister Fuchs sich seine Sprache erfinden, und über Aesop so fabeln können, als Aesop jetzt über ihn fabelt. Der Hund hat viele Worte und Befehle verstehen t *) Aus Campers Zergliederung des Qrang- Outang (s. seine übersetzten kleinen Schriften) , erhellet, daß diese Behauptung zu kühn ist; sie war indessen damals, als ich dieses schrieb, der Anatomiker gemeine Meynung. über den Ursprung der Sprache. Sr gelernt; nicht aber als Worte, sondern als Zeich- chen, mit Geberden, mit Handlungen verbunden; verstünde er je ein Einziges Wort im menschlichem Sinne, so diente er nicht mehr, so schaffete er sich selbst Kunst und Republik und Spräche. Mail sieht, wenn man einmal den genauen Punkt der Sprachgenese verfehlt, so ist das Feld des Zrr- thums zu beiden Seiten groß: da ist die Sprache bald so übermenschlich, daß jedes Thier sie erfinden muß, bald so übermenschlich, daß jedes Thier sie erfinden könnte, wenn es sich die Mühe nähme» Das Ziel der Wahrheit ist nur ein Punkt : auf den hingestellet, sehett wir auf alle Seiten, warum kein Thier Sprache erfinden kann, kein Gon Sprache erfinden darf, und der Mensch, als Mensch, Sprache erfinden kann und muß» Weitet mag ich aus dev Metaphysik die Hypothese des göttlichen Sprachenursprunges nicht verfolgen; da psychologisch ihr Ungrund darin gezeigt ist, daß, um die Sprache der Götter im Olymp zn verstehen, der Mcüsch schon Vernunft , folglich schon Sprache haben müsse» Noch weniger kann ich mich in ein angenehmes Detail det ThierspracheN einlafi sen: da sie doch alle, wie Wik gesehen, total und incoMmeNsurabel von der menschlichen Sprüche abstehen. Dem ich am ungernsten entsage, waren hieb die mancherlei Aussichten, die von diesem genetischen Punkt der Sprache in der menschlichen Seele, in die weiten Felder der Logik, Aesthetik und Psychologie , insonderheit über die Frage gehen: wieweit kann man ohne, was muß man mit der D » I. Preisschrift Ls Sprache denken? — eine Frage, die sich nachher in Anwendungen fast über alle Wissenschaften ausbreitct. Hier scy es genug: die Sprache als den wirklichen Unterscheidungs-Charakter unsrer Gattung von außen zu bemerken, wie es die Vernunft von innen ist. In mehr als Einer Sprache hat also auch Wort und Vernunft, Begriff und Wort, Sprache und Ursache Einen Namen, und diese Synonymie enthält ihren ganzen genetischen Ursprung. Bei den Morgenländern ists der gewöhnliche Idiotismus geworden, das Anerkennen einer Sache Namengebung zu nennen: denn im Grunde der Seele sind beide Handlungen Eins. Sie nennen den Menschen das redende Thier, und die unvernünftigen Thicre die Stummen. Der Ausdruck ist sinnlich charakteristisch : auch das Griechische «^0^05 fasset beides. Es wird sonach die Sprache eine Aeußerung, ein Ausdruck und Organ des Verstandes, ein künstlicher Sinn der menschlichen Seele; wie sich die Sehekraft jener sensitiven Seele der Alten das Auge, und der Jn- stincl der Biene seine Zelle bauet. Vortrefflich, daß dieser neue, künstliche Sinn des Geistes gleich in seinem Ursprünge wieder ein Mittel der Verbindung ist, und seyn muß! Ich kann nicht den ersten menschlichen Gedanken denken, nicht das erste besonnene Urtheil reihen, ohne daß ich in meiner Seele dialogire, oder zu dialogiren strebe; der erste menschliche Gedanke bereitet also seinem Wesen nach, mit andern dialogiren zu kön- über den Ursprung der Sprache. 5» neu. Das erste Merk mahl, was ich erfasse, ist Merk wort für mich, und wird Mitthei» lungswort für andre. — 8ic verka, griikrr» voces sensirsc^ue no-- tarsui Istorniiiagus iriverisre- // o ^ a r. Pr eis schrift Dritter Abschnitt. D. ^er Brennpunkt ist angezeigt, auf welchem Prometheus himmlischer Funke in der menschlichen Seele zündete. Beim ersten erfaßten Merkmahl ward Sprache; welches waren aber die ersten Merk- mahle zu Elementen der Sprache? I. Tön e. Cheselden's Blinder *) zeigt, wie lang, sam sich das Gesicht entwickle, wie schwer die Seele zu den Begriffen von Raum, Gestalt und Far- *) klrilas. I'ranraot. — Abärigrnent auch in 6ke5eläsn's in Smith -Kästners Optik, in Büsfons Naturgeschichte, Encyklopädie und zehn kleinen Französischen Wörterbüchern unter llveugls. be komme, wie viel Versuche gemacht, wie viel Mcß- kunst erworben werden müsse, um diese Mcrkmahle deutlich zu gebrauchen; das war also nicht der füg- lichste Sinn zur Sprache. Zu dem waren seine Phänomene so kalt und stumm: die Empfindungen der gröbern Sinne wiederum so undeutlich und in einander gewebet, daß nach aller Natur, entweder Nichts, oder das Ohr der erste Lehrmeister der Sprache wurde. Da ist z. B. das Schaaf. Als Bild schwebet es dem Auge mit allen Gegenständen, Bildern und Farben auf Einer großen Naturtafel vor; wie viel ist in ihm, und dies wie mühsam zu unterscheiden! Alle Merkmahle find verflochten neben einander; alle also noch unaussprechlich. Wer kann Gestalten reden? Wer kann Farben tönen? Der Mensch nimmt das Schaaf unter seine tastende Hand: dies Gefühl ist sicherer und voller; aber seine Merkmahle sind so voll, so dunkel in einander. — Wer kann, was er fühlt, sagen? Aber horch! das Schaaf blocket. Da reißt sich ein Merkmahl von der Leinwand des Farbenbildes, worin so wenig zu unterscheiden war, von selbst los: es dringet tief und deutlich in die Seele. „Ha!" sagt der lernende Unmündige, (wie jener blind Gewesene Cheselden's): „nun werde ich dich wieder kennen — Du blockst." Die Turteltaube girrt, der Hund bellt; da sind drey Worte, weil er drey deutliche Ideen versuchte, diese in seine Logik, jene in sein Wörterbuch einzuzeichnen. Vernunft und Sprache thaten gemeinschaftlich einen furchtsamen Schritt, und die Natur kam ihnen auf halbem Wege entgegen durchs Gehör. 5S I> Preisschrift Sie tönte ihnen das Merkmahl nicht bloß vor, sondern tief in die Seele: es klang, die Seele haschte <— da hat sie ein tönendes Wort! Der Mensch ist also als ein horchendes, merkendes Geschöpf zur Sprache natürlich gebildet; und selbst ein Blinder und Stummer, sichet man, müßte Sprache erfinden, wenn er nur nicht fühllos und taub ist. Setzet ihn gemächlich und behaglich auf eine einsame Insel: die Natur wird sich ihm durchs Ohr offenbaren: tausend Geschöpfe, die er nicht sehen kann, werden doch mit ihm zu sprechen scheinen; und bliebe auch ewig sein Mund und sein Auge verschlossen, seine Seele bleibt nicht ganz ohm Sprache Wenn die Blatter des Baumes dem armen Einsamen Kühlung herabrauschen, wenn der vorbei murmelnde Bach ihn in den Schlaf wieget, und der säuselnde West seine Wangen fächelt; das blockende Schaaf gibt ihm Milch, die rieselnde Quelle Wasser, der rauschende Baum Früchte; — Interesse aenug, diese wohlthatigcn Wesen zu kennen, Dringniß genug, ohne Augen und Zunge in seiner Seele sic zu nennen. Der Baum wird ihm der Rauscher, der West Säusler, die Quelle Ries- ler heißen; da liegt ein kleines Wörterbuch fertig, und wartet auf das Gepräge der Sprach-Organe. Wie arm und sonderbar aber müßten die Vorstellungen seyn, die dieser Verstümmelte mit solchen Schallen verbindet *)! ^Diderot ist in seinem lehrreichen Briefe sur les souräs et nurets kaum auf diese Haupt- über den Ursprung der Sprache. 5? Nun lasset dem Menschen alle Sinne frey; er sehe, und taste, und fühle zugleich alle Wesen, die in sein Ohr reden; welch ein weiterer Lehrsaal der Ideen und der Sprache! Führet keinen Merkur und Apollo, als Opern-Maschinen von den Wolken herunter; die ganze, vieltönige, göttliche Natur ist dem Menschen Sprachlehrerinn und Muse. Da führet sie alle Geschöpfe bei ihm vorbei; jedes tragt seinen Namen auf der Zunge, und nennet sich diesem ver- hülleten sichtbaren Gotte selbst als sein Vasall und Diener. ' Es liefert ihm, wie einen Tribut, sein Merkwoct ins Buch seiner Herrschaft: damit er sich bei diesem Namen seiner erinnere, es bei demselben künftig rufe und genieße. Ich frage, ob je diese Wahrheit: „eben der Verstand, durch den der Mensch über die Natur herrschet, war der Vater einer lebendigen Sprache, die er aus Tönen schallender Wesen zu Merkmahlen der Unterscheidung abzog;" ich frage, ob je dieser trockne Satz auf morgenländische Weise edler und schöner könne gesagt werden, als: „Gott führete die Thiere zu ihm, daß er sehe, wie er sie nennete; und wie er sie nennen würde, so sollten sie heißen!" Auf morgcnlandische, poetische Weise kann es schwerlich bestimmter gesagt werden: „der Mensch erfand sich selbst Sprache, aus Tönen lebender Natur, zu Merkmahlen seines herrschenden Verstandes." — Und das .st, was ich zu beweisen strebe. Materie gekommen, da er sich meistens nur mit Inversionen und andern Feinheiten in ihm beschäftigt. SS I. Preisschrift Hatte ein Engel oder ein himmlischer Geist die Sprache erfunden: wie anders als daß ihr ganzer Wan ein Abdruck von der Denkart dieses Geistes seyn müßte k Denn woran könnte ich ein Bild, von einem Engel gemahlt, kennen, als an dem Englischen, Ueberirrdischen seiner Züge? Wo findet das aber hei unsrer Sprache Statt? Bau und Grundriß, ja selbst der erste Grundstein dieses Pallasts verrath Menschheit. In welcher Sprache sind himmlische, geistige Begriffe die ersten? Jene Begriffe, die auch nach der Ordnung unsers denkenden Geistes die ersten seyn müßten, die Subjecte, .noiionss eorurnunes, die Saamenkörner unserer Erkenntnis, die Punkte, um die sich alles wendet und alles zurück führt; sind diese lebenden Punkte Elemente der Sprache? Die Subjecte müßten doch natürlicher Weise vor dem Pradicat, und die einfachsten Subjecte vor dem zu, sammengcsttzten, das, was da lhut und handelt, müßte vor dem, was es handelt, das Wesentliche und Gewisse vor dem ungewissen Zufälligen vorher gegangen seyn; und in unfern ursprünglichen Sprachen findet durchgängig das offenbare Gegentheil Statt. Ein hörendes, aufhorchendes Geschöpf ist kennbar, aber kein himmlischer Geist: denn tönende Verba sind die ersten Macht-Elemente der ältesten Sprachen. Tönende Verba? Handlungen, und noch nichts, was da handelt? Pradicate und noch kein Subject? Der himmlische Genius mag dieses sich fremd finden, aber nicht das sinnliche menschliche Geschöpf: denn was rührte dies, wie wir gesehen haben, cbm in- über den UrspruNg der Sprache. öA Niger, als diese tönenden Handlungen? Und was ist also die ganze Bauart der Sprache anders, als eine Entwickelungsweise seines Geistes, eine Geschichte seiner Entdeckungen? Der göttliche Ursprung der Sprache erklärt nichts, und laßt nichts aus sich erklären; er,ist, wie Bako von einer andern Sache sagt, eine heilige Vestalin, Gott geweidet, aber unfruchtbar, fromm, aber zu nichts nütze! Der menschliche Ursprung erkläret alles und also sehr Vieles. Das erste Wörterbuch war aus den Lauten der Welt gesammelt. Von jedem tönenden Wesen klang sein Name, die menschliche Seele prägte ,hr Bild darauf, dachte sie als Merkzeichen; wie nun anders, als daß diese tönenden Jnterjectionen die ersten Machtworte der Sprache würden? Und so sind z. B. die morgenlandischen Sprachen voll Vsrba als Grundwurzeln der Sprache. Der Gedanke an die Sache selbst schwebte noch zwischen dem Handelnden und der Handlung: der Ton mußte die Sache bezeichnen, so wie die Sache den Ton gab; aus den Verdis wurden also Nomina,, und Nomina aus den Verdis. Das Kind nennet das Schaaf, als Schaaf, nicht: sondern als ein blöckendes Geschöpf, und macht also die Interjektion zu einem Verbo, Im Stufengange der menschlichen Sinnlichkeit wird diese Sache erklärbar, aber nicht in der Logik des höheren Geistes, Alle alte, wilde Sprachen sind voll von diesem Ursprünge; und in einem „philosophischen W ö rterb uc h d e r M o r ge n l and er" wäre jedes Stammwort mit seiner Familie, recht gestellet 6c> I. Pr eis sehr ist und gesund entwickelt, eine Karte vom Gange deS menschlichen Geistes, eine Geschichte seiner Entwicklung, und ein ganzes solches Wörterbuch die vortrefflichste Probe von der Erfindungskunst der menschlichen Seele. Ob aber auch von der Sprach- und Lehr-Methode Gottes? ich zweifle. Indem die ganze Natur tönt: so ist einem sinnlichen Menschen nichts natürlicher, als daß er denkt, sie lebe, sie spreche, sie handle- Jener Wilde sah den hohen Baum mit seinem prachz tigcn Gipfel und bewunderte ihn; der Gipfel rauschte: das, sprach er, ist webende Gottheit! er fiel nieder und betete an. Sehet da die Geschichte des sinnlichen Menschen, das dunkle Band, wie aus den Verdis Nomina werden, und zugleich den leichtesten Schritt zur Abstraktion. Bei den Wilden von Nord-Amerika z. V. ist noch alles belebt: jede Sache hat ihren Genius, ihren Geist; und daß es bei Griechen und Morgenlandern eben so gewesen, davon zeugt ihr ältestes Wörterbuch, ihre älteste Grammatik. Sie sind, wie es die ganze Natur dem Erfinder war, ein Pantheon, ein Reich belebter, handelnder Wesen. Indem der Mensch aber alles^auf sich bezog. indem alles mit ihm zu sprechen schien, und wirklich für oder gegen ihn handelte: indem er also an ihm oder dagegen Theil nahm, es liebte oder haßte, und sich alles menschlich vorstellte; so drückten sich alle diese Spuren der Menschlichkeit natürlich auch in die ersten Namen. Auch sie sprachen Liebe oder Haß, Fluch oder Segen, Theil- nehmung oder Widrigkeit, und insonder-. über den Ursprung der Sprache. 61 heit wurden aus diesem Gefühl in so vielen Sprachen die Artikel. Da wurde alles menschlich zu Weib und Mann personisicirt: überall Götter, Göttinnen, handelnde, bösartige oder gute Wesen; der brausende Sturm, und der süße Zephyr, die klare Wasserquelle und der mächtige Lccan — ihre ganze Mythologie liegt in den Fundgruben, den Verdis und ldloininibus der alten Sprachen, und das älteste Wörterbuch war so ein tönendes Pantheon, ein Versammlungssaal beider Geschlechter, als den Sinnen des' ersten Erfinders die -Natur war. In diesem Betracht ist die Sprache jener alten Wilden ein Studium in den Jrrgangcn menschlicher Fantasie und Leidenschaften, wie ihre My-° thologie. Jede Familie von Wörtern ist «in verwachsenes Gebüsch rings um eine sinnliche Haupt- Idee, wie um eine heilige Eiche, auf der noch Spuren sind, welchen Eindruck der Erfinder von ihrer Dryade hatte. Die Gefühle sind zusammen gewebt: ,,was sich beweget, lebt: was da tönet, spricht — und da es für oder wider dich tönt, so ists Freund, oder Feind: Gott oder Göttin; es handelt aus Leidenschaften, wie du!" Ein menschliches, sinnliches Geschöpf liebe ich über diese Denkart: ich sehe überall den schwachen , schüchternen Empfindsamen, der lieben, oder hassen, trauen oder fürchten muß, und diese Empfindungen aus seiner Brust über alle Wesen aus- breiten möchte. Ich sehe überall das schwache und doch mächtige Geschöpf, das das ganze Weltall nöthig hat, und alles mit sich in Krieg und Frieden verwickelt; das von allem abhängt, und doch I. Preisschcifr t>2 über alles herrschen mochte. — Die Dichtung und die Geschlechtetschaffung der Sprache sind also Interesse der Menschheit, und die Genitalien der Rede gleichsam das Mittel ihrer Entstehung. Aber nun -— wenn sie ein höherer Genius aus den Sternen hinunter gebracht hätte; wie? wurde dieser Genius aus den Sternen auf unsrer Erde unter dem Monde auch in solche Leidenschaften von Liebe und Schwachheit, von Haß und Furcht verwickelt, daß tr alles in Zuneigung und Haß verflocht, daß er alle Worte mit Furcht und Freude bezeichnte, daß er endlich alles auf Begattungen baute? Sah und fühlte er, wie ein Mensch sichet und fühlet, daß sich ihm die blornina in Geschlechter und Artikel paaren mußten, daß er die Verba thatig und leidend zusammen gab, ihnen so viel achte und Doppelkinder zucrkannte, kurz, daß er die ganze Sprache auf das Gefühl menschlicher Schwachheiten baute? sah und fühlte er so? Einem Vcrtheidigcr des übernatürlichen Ursprunges ists göttliche Ordnung der Sprache: „daß „die meisten Stammwörtcr einsylbig, die Herba „meistens zweisplbig sind, und also die Sprache „nach dem Maaße des Gedächtnisses eingetheilt sey." Das Factum ist nicht genau, und dt Schluß unsicher. In den Resten der für die älteste angenommenen Sprache sind die Wurzeln ordentlicher Weise zweisylbige Verba; welches ich aus dem vorigen sehr gut erklären kann, da die Hypothese des Ge- geNtheils keinen Grund findet. Diese Verba nähm- 'ich sind auf die Laute und Jnterjcctionen der tönenden Natur gebauet, die oft noch in ihnen töttenj über den Ursprung der Sprache. 63 hie und da auch noch als Interjektionen aufbehalten sind; meistens aber mußten sie, als halbin a r ticu li r t e Töne, ver lehren gehen, da sich die Sprache formte. In den morgcnlan- dischen Sprachen fehlen also diese ersten Versuche der staiNmelndett Zunge; aber, daß sie fehlen, und nur ihre regelmäßigen Reste in den Vsrkis tönen, das eben zeugt von det Ursprünglichkeit und Menschlichkeit der Sprache. Sind diese Stammwörter Schatze und AbstractioneN aus dem Verstände Gottes , oder sind sie die ersten Laute des horchenden Ohrs, die ersten Schalle der stammelnden Zunge? Das Menschengeschlecht in seiner Kindheit hat sich eben die Sprache geformt, die ein Unmündiger stammlet: es ist das lallende Wörterbuch der Ammenstube , das natürlich im Munde der Erwachsenen sich sehr verändert. Was so viele Alte sagen und so viele Neuere nachgesagt haben, nimmt hieraus, wie ich glaube, sein sinnliches Leben: „daß nähmlich Poesie a l- „tec gewesen sey, als Prosa!" Denn, was war die erste Sprache, als eine Sammlung von Elementen der Poesie? Eine Nachahmung der tönenden, handelnden, sich regenden Natur; aus den Interjektionen aller Wesen genommen, und von Interjektionen menschlicher Empfindung belebet; die Natursprache aller Geschöpfe, vom Verstände in Laute gedichtet, in Bilder von Handlung, Leidenschaft und lebender Einwirkung personisiciret; ein Wörterbuch der Seele, das zugleich Mythologie und eine wunderbare Epopee von den Handlungen und Reden aller war. Also eine beständige Fabeldichtung voll Leidenschaften und Interesse; was ist Poesie anders? — ^ W- E, M"' "-MM"'': 64 I. Preisschrift Ferner: Die Tradition des Alterkhums sagt: die erste Sprache des menschlichen Geschlechts sey Gesang gewesen; und viele gute musikalische Leute haben geglaubt, die Menschen konnten diesen Gesang wohl den Vögeln müßiger Weise abgelernt haben; — das ist freyiich viel geglaubt! Eine große wichtige Uhr mit ihren scharfen Rädern, und neu gespannten Federn und Eent- nergewichten kann wohl ein Glockenspiel von Tönen machen ; aber den neu geschaffenen -Menschen mit seinen wirksamen Triebfedern , mit feinen Bedürfnissen, mit seinen starken Empfindungen., mit seiner fast blind beschäftigten Aufmerksamkeit, und endlich mit seiner rohen Kehle dahin setzen, um die Nachtigall nachzuäffen, und sich von ihr eine Sprache zu ersingen: ist, in wie vielen Geschichten der Musik und Poesie eS auch stehe, ziemlich unwahrscheinlich. Frcplich wäre eine Sprache durch musi- Mssche Töne möglich , (wie auch Leibnitz *) auf den Gedanken gekommen ist). Aber für die ersten Naturmenschen war diese Sprache kaum möglich, so künstlich und fein ist sie. In der Reihe der Wesen hat jedes Ding seine Stimme und eine Sprache nach seiner Stimme. Die Sprache der Liebe ist im Neste der Nachtigall süßer Gesang, wie in der Höhle des Löwen Gebrüll: im Forste des Wildes wiehernde Brunst, und im Winkel der Katze Zetergeschrei); jede Gattung redet die ihrige, nicht für den Menschen, sondern für sich, und für sich so angenehm Oeuvres xllilosoxlliPuee pulllides p. Idasxe p, LZ2» über den Ursprung der Sprache. 65 angenehm als Petrarchs Gesang an seine Laura. So wenig also die Nachtigall singt, um den Menschen, wie man sich einbildet, vorzusingen: so wenig wird der Mensch sich dadurch je Sprache erfinden wollen, daß er der Nachtigall nachlrillcrt. — War die erste Sprache des Menschen Gesang: so wars Gesang, der ihm so natürlich, seinen Organen und Naturtrieben so angemessen war, als der Nachtigallengesang ihr selbst, die gleichsam eine schwebende Kehle ist; und das war ebi'.i unsere tönende Sprache. Eondillac, Rousseau und andere sind hier sehr auf den Weg gekommen, in dem sie die Prosodie und den Gesang der ältesten Sprachen vom Laut der Empfindung herleiten: denn ohne Zweifel belebte die Empfindung jene ersten Töne und erhob sie. So wie aber aus den bloßen Tönen der Empfindung nie eine menschliche Sprache entstehen konnte, die dieser Gesang doch war; so fehlt noch etwas, ihn hervor zu bringen: und das war eben die Nahmennennung eines jeden Geschöpfs nach seiner Sprache. Da sang und tönte also die ganze Natur dem Menschen vor: und der Gesang des Menschen ward ein Concert aller dieser Stimmen, so fern sie sein Verstand brauchte, seine Empfindung faßte, seine Organe sie aus- drücken konnten. Es ward Gesang, aber weder Nachtigallenlied, noch Leibnitzens musikalische Sprache, noch ein bloßes Empsindungsgeschrey der Thiere: Ausdruck der Sprache aller Geschöpfe, innerhalb der natürlichen Tonleiter der menschlichen Stimme. Philos. und Gesch. II. Th. E ^,-o^/e-n. 66 I. Preis schr ist Selbst als die Sprache späterhin regelmäßiger und eintöniger gereihet wurde, blieb sie noch immer eine Gattung Gesang, wie cs die Accente so vieler Wilden bezeugen; und daß aus diesem Gesänge, als solcher nachher veredelt und verfeinert ward, die älteste Pocsie und Musik entstanden, hat jetzt schon mehr als Einer bewiesen. Der philosophische Engländer *), der sich in unserm Jahrhunderte an diesen Ursprung der Poesie u n d M u si k machte, hätte am weitesten kommen können, ws",n er nicht de» Geist der Sprache von seiner Untersuchung ausgeschlossen hätte, auch minder auf sein System ausgegangen wäre, Poesie und Musik auf Einen VereinigungSpunct einzuschließen, als auf den Ursprung Beyder aus der ganzen Natur des Menschen. Ueberhaupt, da die besten Stücke der alten Poesie Reste dieser sprachsingenden Zeiten sind; so sind die Mißkenntnisse zahlreich, die ^ man unter dem Nabmen der Geschmacksfehler aus dem Gange der ältesten Gedichte, der Griechischen Trauerspiele und Deklamationen heraus buchstabirt hat. Wie viel hätte hier noch ein Philosoph zu sagen, der unter den Wilden, wo gewissermaßen noch dies Zettalter lebt, den Ton gelernt hätte, diese Stücke zu lesen! — Doch ich verlöre mich in ein zu weites Feld, wenn ich mich in fernere einzelne Sprachanmcrkungcn einlassen wollte; also zurück auf den ersten Erfindungsweg der Sprache! *) Lrocvn. über den Ursprung der Spruche. 67 Wie aus Tönen, vom Verstände zu Merk- mahlen geprägt, Worte wurden, war sehr begreiflich; aber nicht alle Gegenstände tönen; woher nun für diese sinnliche Merkworte, bey denen die Seele sie nenne? woher dem Menschen die Kunst, was nicht Schall ist, in Schall zu verwandeln? Was hat die Farbe, die Rundheit, mit dem Nahmen gemein, der aus ihr so natürlich entstehe, wie der Nähme Blöcken aus dem Schaafe? Die Vertbeidiger des übernatürlichen Ursprunges der Sprache wissen hier sogleich Rath. „Willkührlich! sagen „sie; wer kanns begreifen und im Verstände Got- „tes nachsuchen, warum grün, grün und nicht blau „heiße? Ohne Zweifel hats ihm so beliebt!" und damit ist der Faden abgeschnitten. Alle Philosophie über die Ersindungskunst der Sprache schwebt also willkührlich in den Wolke», und für uns ist jedes Wort eine t)ualitas oaaultu. Ich muß aestchen, daß ich in diesem Falle das Wort willkührlich nicht begreife. Eine Sprache willkührlich und ohne allen Grund der Wahl aus dem Gehirne zu erfinden, ist wenigstens für eine menschliche Seele, die zu Allem eineil, wenn auch nur einigen, Grund haben will, solch eine Quaal, als für den Körper sich zu Tode streicheln zu lassen. Bey einem rohen, sinnlichen Naturmenschen überdem, dessen Kräfte noch nicht fein genug sind, um ins Unnütze Hinzuspiele», der, ungeübt und stark, nichts ohne dringende Ursache lhut, und nichts vergebens thun will, bey dem ist die Erfindung einer Sprache aus schaler leerer Will- kühr der ganzen Analogie seiner Natur entgegen; und es ist überhaupt der ganzen Analogie aller E 2 68 I. Preisschrift menschlichen Seelenkräfte entgegen, eine aus reiner Willkühr ausgedachte Sprache. Also zur Sache. Wie bat der Mensch, seinen Kräften überlassen, sich auch II. eine Sprache, wo ihm kein Ton v o r t ö n t e, erfinden können? Wie hangt Gesicht und Gehör, Farbe und Wort, Duft und Ton zusammen ? Nicht unter sich in den Gegenständen; aber, was sind denn diese Eigenschaften in den Gegenständen? Sie sind bloß sinnliche Empfindungen in uns; und als solche, fließen sie nicht Alle in Eins? Wir sind Ein denkendes sensoriurn commune, nur von vcrschiednen Seiten berührt — Da liegt die Erklärung. Allen Sinnen liegt Gefühl zum Grunde, und dies gibt den verschiedenartigsten Sensationen schon ein so inniges, starkes, unaussprechliches Band, daß aus dieser Verbindung die sonderbarsten Erscheinungen entstehen. Mir ist mehr als Ein Beyspiel bekannt, da Personen natürlich, vielleicht aus einem Eindrücke der Kindheit, nicht anders konnten, als unmittelbar durch eine schnelle Anwandelung mit diesem Schalle jene Farbe, mit dieser Erscheinung - jenes ganz vcrschiedne, dunkle Gefühl verbinden, was durch die Vergleichung der langsamen Vernunft mit ihr gar keine Verwandtschaft hat: denn wer -E' über den Ursprung der Sprache. 69 kann Schall und Farbe, Erscheinung und Gefühl vergleichen? Wir sind voll solcher Verknüpfungen der verschiedensten Sinne; nur wir bemerken sie nicht anders, als in Anwandlungen, die uns aus der Fassung setzen, in Krankheiten der Fantasie, oder bey Gelegenheiten, wo sie außerordentlich merkbar werden. Der gewöhnliche Lauf unsrer Gedanken geht so schnell, die Wellen unsrer Empfindungen rauschen so dunkel in einander, es ist auf Einmal so viel in unsrer Seele, daß wir, in Absicht der meisten Ideen, wie im Schlummer an einer Wasserquelle sind, wo wir frcylich noch das Rauschen jeder Welle hören, aber so leise, daß uns endlich der Schlaf alles merkbare Gefühl nimmt. Ware es möglich, daß wir die Kette unsrer Gedanken enthalten, und an jedem Glieds seine Verbindung suchen könnten; welche Sonderbarkeiten, welche fremde Analogien der verschiedensten Sinne würden wir wahrnehmen, nach denen doch die Seele geläufig handelt! Wir waren alle, für ein bloß vernünftiges Wesen, jener Gattung von Verrückten ähnlich, die klug denken, aber sehr unbegreiflich und albern verbinden. Bey sinnlichen Geschöpfen, die durch viele verschleime Sinne auf Einmal empfinden, ist diese Versammlung von Ideen unvermeidlich; denn was sind alle Sinne anders, als bloße Vorstellungsarten einer positiven Kraft der Seele? Wir unterscheiden sie; aber wieder nur durch Sinne; also Vorstellungsarten durch Vorstellungsarten. Wir lernen mit vieler Mühe sie im Gebrauche trennen; in einem gewissen Grunde aber wirken sie noch immer MWWWWM ^/c> I. Preisschrift zusammen. Alle Zergliederungen der Sensation bey Buffo ns, Eondillacs und Bonners empfindenden Menschen sind Abstraktionen: der Philosoph muß Einen Faden der Empfindung liegen lassen, indem er den andern verfolgt; izi der Natur aber sind alle diese Faden Ein Gewebe. Je dunkler nun die Sinne sind, desto mehr fließen sie in einander; und je ungeübter man ist, je weniger man noch gelernet hat, einen Sinn ohne den andern zu brauchen, ihn fertig und bequem zu brauchen; desto dunkler werden die Begriffe und Eindrücke, die sie uns gewähren. — Laßt uns dies auf den Anfang der Sprache anwenden. Die Kindheit und Unerfahrenheit des menschlichen Geschlechts hat sie erleichtert. » Der Mensch trat in die Welt hin.; von welchem Ocean wurde er auf einmal bestürmt! mit welcher Mühe lernte ec unterscheiden! Sinne erkennen! erkannte Sinne allein gebrauchen! Das Sellen ist der kälteste Sinn; und wäre er immer so kalt, so entfeint, so deutlich gewesen, als ers uns durch eine Mühe und Uebung vieler Jahre geworden ist: so sehe ich freylich nicht, wie man, was man sicht, hörbar machen könne? Allein die Natur hat dafür gesorgt, und de» Weg naher angezogen: denn selbst dies Gesicht war, wie Kinder und Blindgewesene zeugen, Anfangs nur Gefühl. Die Meisten sichtbaren Dinge bewegen sich: viele tönen in der Bewegung; wo nicht, so liegen sie dem Auge in seinem ersten Zustande gleichsam naller, unmittelbar auf ihm, und lasten sich also fühlen. Das Gefühl liegt dem Gehör so nahe : seine Be- über den Ursprung der Sprache. 71 Zeichnungen, z. B. hart, rauh, weich, wollig, sammet, haarig, starr, glatt, schlicht, borstig, u. s. w., die doch alle nur Oberflächen betreffen, tönen alle, als ob mans fühlte. Die Seele, die im Gedränge solcher zulammenströmenden Empfindungen und in dem Bedürfniß war, ein Wort zu schaffen, griff und bekam vielleicht das Wort eines nachbarlichen Sinus, dessen Gefühl mit diesem zusammenfloß; so wurden für alle, und selbst für den kältesten Sinn, Worte. Der Blitz schallet nicht; wenn er nun aber ausgedrückt werden soll, dieser Boche der Mitternacht, Der jetzt im Nu enthüllet Himm'l und Erd', Und eh' ein Mensch noch sagen kann: sieh da! Schon in den Schlund der Finsterniß hinab ist — natürlich wirds ein Wort werden, das durch Hülfe eines Mittelgefühls dem Ohr die Empfindung des Urplötzlichschnellen gibt, die das Auge hatte — Blitz! Das Wort: Duft, Ton, süß, bitter, sauer, u. s. w., tönen alle, als ob man fühlte: denn was sind ursprünglich alle Sinne anders, als Ge» fühl? Wie aber Gefühl sich in Laut äußern könne, das haben wir schon im ersten Abschnitte als ein unmittelbares Naturgesetz der empfindenden Maschine angenommen, das wir weiter nicht zu erklären vermögen. Und so führen sich alle Schwierigkeiten auf folgende zwey erwiesene deutliche Sätze zurück: 1) Da alle Sinne nichts als Vorstellungsarten der Seele sind: so habe sie nur deutliche Vorstellung, mithin Merkmal) l; mit dem Merkmahl hat sie inner» Sprach e. 2) Da alle Sinne, insonderheit km Zustande der menschlichen Kindheit, nichts als Gefühlsarten Einer Seele sind; alles Ge fu h l aber, »ach einem Empsindungsgesctz der thicrischen Natur, unmittelbar seinen Laut hat: so Werde dies Gefühl nur zum Deutlichen eines Merkmahls erhöht; so ist das Wort zur äußern Sprache da. Hier kommen wir auf eine Menge sonderbarer Betrachtungen, „wie ,,die Weisheit der Natur den Menschen durchaus „dazu organisirt hat, um sich selbst Sprache zu erfinden." Hier ist die Hauptbemerkung. „Da der Mensch bloß durch das Gehör die Spra- „che der lehrenden Natur empfangt, und ohne „das die Sprache nicht erfinden kann: so ist „Gehör auf gewisse Weise der mittlere seiner „Sinne, die eigentliche Thür zur Seele, und „das Verbindungsband der übrigen Sinne ge- ,,worden." Ich will mich erklären. i) Das Gehör ist der mittlere der menschlichen Sinne, an Sphäre der Empfindbarkeit von außen. Das Gefühl empfindet alles nur in sich, und in seinem Organe: das Gesicht wirft uns große Strecken weit aus uns hinaus; das Gehör steht an Graden der Mitthcilbarkeit in der Mitte. Was das für die Sprache thut? — Setzet über den Ursprung der Sprache. 7) Geschöpf, selbst ein vernünftiges Geschöpf, dem das Gefühl Hauptsinn wäre; wie klein ist feine Welt! und da es diese nicht durchs Gehör empfindet, so wird es sich vielleicht, wie das Jnscct, ein Gewebe, aber nicht durch Töne eine Sprache bauen! Wiederum ein Geschöpf, ganz Auge; wie unerschöpflich ist die Welt seiner Beschauungen! wie unermeßlich weit wird es aus sich geworfen! in welche unendliche Mannigfaltigkeit zerstreuet! Seine Sprache, (wir haben davon keinen Begriff,) würde eine Art unendlich feiner Pantomime, seine Schrift eine Algebra durch Farben und Striche werden; aber eine tönende Sprache wird sie nie. Wir hörenden Geschöpfe stehen in der Mitte: wir sehen, wir fühlen; und die gesehene, gefühlte Natur tönet. Sie wird Lchrmeisterin zur Sprache der Töne; wir werden gleichsam Gehör durch alle Sinne. Lasset uns diese Bequemlichkeit unsrer Stelle fühlen; denn durch sie wird jeder Sinn sprach- fahig. Freilich gibt Gehör nur eigentlich Töne, und der Mensch kann nicht erfinden, sondern nur finden, nur nachahmen; allein auf der einen Seite liegt das Gefühl neben an: auf der andern ist das Gesicht der nachbarliche Sinn; die Empfindungen vereinigen sich, und kommen also alle der Gegend nahe, wo Merkmahle zu Schallen wer. den. So wird, was man sieht, so wird, was man fühlt, auch tönbar. Der Sinn zur Sprache ist unser Mittel- und Vereinigungs-System geworden; wir sind Sprachgeschöpfe. 2. Das Gehör ist der mittlere unter den Sin* 74 I. Preisschrift um an Deutlichkeit und Klarheit; und also wiederum Sinn zur Sprache. Wie dunkel ist das Gefühl! Es wird übertaubt, es empfindet alles in einander. Da ist mit Mühe ein Merkmahl der Anerkennung abzusondern: es wird unaussprechlich. Wiederum das Gesicht ist so Helle und überglänzend, es liefert eine solche Menge von Meckmahlen, daß die Seele unter der Mannigfaltigkeit erliegt, und etwa Eins nur so schwach ab- sondern kann, daß die Wiedererkennung daran schwach wird. Das G e h ö r ist in der Mitte. Alle in einander fallende dunkle Merkmahle des Gefühls lasset es liegen; alle zu feine Merkmahle des Gesichts auch. Aber da reißt sich vom betasteten, betrachteten Object ein Ton loS; in den sammeln sich die Merk- mahle jener beydcn Sinne — der wird Merkwort. Das Gehör greift also von beydcn Seiten um sich, macht klar, was zu dunkel; macht angenehmer, was zu Helle war: bringt in das Dunkelmannigfaltige des Gefühls mehr Einheit, mehr Einheit in das 3 u he l lm an n ig fa l ti g e des Gesichts; und da diese Anerkennung des Mannigfaltigen durch Eins, durch ein Merkmahl, Sprache wird, so wird damit Sprache. 3) Das Gehör ist der mittlere Sinn in Ansehung der Lebhaftigkeit, und also Sinn der Sprache. Das Gefühl überwältigt; das Gesicht ist zu kalt und gleichgültig. Jenes dringt zu lief in uns, als daß es Sprache werden könnte; dies über den. Ursprung der Sprache. ?5 bleibt zu ruhig vor uns. Der Ton des Gehörs dringt so innig in unsre Seele, daß er Merkmahl werden muß; aber noch nicht so übertäubend, daß er nicht klares Merkmahl werden könnte — Das ist Sinn der-Sprache. Wie kurz, ermüdend und unausstehlich wäre die Sprache jedes gröbern Sinnes für uns! Wir verwirrend und kopflecrend für uns die Sprache des zu feinen Gesichts! Wer kann immer schmecken, fühlen und riechen, ohne nicht bald, wie Pope sagt, einen aromatischen Tod zu sterben? und wer immer mit Aufmerksamkeit ein Farben - Clavier begaffen , ohne nicht bald zu erblinden? Aber hören, gleichsam hörend Worte denken, können wir länger und fast immer; das Gehör ist also für die Seele, was die grüne, die Mittelfarbe, fürs Gesicht ist. Der Mensch ist zum Sprachgeschöpfe gebildet. 4 ) Das Gehör ist der mittlere Sinn, in Betracht der Zeit, in der es wirkt, und also Sinn der Sprache. Das Gefühl wirft alles auf Einmal in uns hin: es regt unsre Saiten stark, aber kurz, und sprengend; das Gesicht stellt uns alles auf Einmal vor, und schreckt also den Lehrling durch die unermeßliche Tafel des Nebeneinander ab. Durchs Gehör, sehet, wie uns die Lehrmeisterin der Sprache schone! Sie zählt uns nur einen Ton nach dem andern in die Seele, gibt und ermüdet nie, gibt und hat immer mehr zu geben. Sie übet also das ganze Kunststück der Methode; sie lehret progressiv! Wer könnte da nicht Sprache fassen, sich Sprache ersindey? I. Preisschrbst ?6 5) Das Gehör ist der mittlere Sinn, in Absicht des Bedürfnisses sich auszudrücken, und also Sinn der Sprache. Das Gefühl wirkt unaussprechlich- dunkel; allein um so weniger darfs ausgesprochen werden. Es geht so sehr unser S e lb st an : es ist so eigennützig und in sich gesenket. Das Gesicht ist für den Sprachersinder unaussprechlich; allein was brauchts sogleich ausgesprochen zu werden? Die Gegenstände bleiben, sie lassen sich durch Winke zeigen; die Gegenstände des Gehörs aber sind mit Bewegung verbunden: sie streichen vorbey. Eben dadurch aber tönen sie auch: sie werden aussprechlich, weil sie ausgesprochen werden müssen; und dadurch, daß sie ausgesprochen werden müssen, durch ihre Bewegung, wer- den sie aussprechlich. — Welche Fähigkeit zur Sprache! 6) Das Gehör ist der mittlere Sinn, in Absicht, seiner Entwicklung und also Sinn der Sprache. Gefühl ist der Mensch ganz": der Embryo in seinem ersten Augenblicke des Lebens fühlet wie der Junggeborne; das ist der Stamm der Natur, aus dem die zarteren Aeste der Sinnlichkeit wachsen, und der verflochtne Knäuel, aus dem sich alle feinere Seelenkräfte entwickeln. Wie entwickeln sich aber diese? Wie wir gesehen haben, durchs Gehör, indem die Natur die Seele zur ersten deutlichen Empfindung durch Schälle wecket, also gleichsam aus dem dunkeln Schlafe des Gefühls wecket und zu noch feinerer Sinnlichkeit'reifet. — Wäre z. B. das Gesicht schon vor ihm entwickelt da, oder wäre es möglich, daß cs anders als durch über den Ursprung der Sprache. 77 den Mittelsinn des Gehörs aus dem Gefühl erwecket wäre; welche weise Armuth, welche hellsehende Dummheit entspränge dem Menschen daher! Wie schwer würde es einem solchen Geschöpfe, (ganz Auge,) wenn es doch Mensch seyn sollte, das was eS sähe, zu benennen, und das kalte Gesicht mit dem wärmern Gefühl, mit dem ganzen Stamme der Menschheit zu verbinden. — Doch die Instanz selbst wird widersprechend; der Weg zu Entwicklung der Menschheit, den die Natur gewahlet, ist besser und Einzig. Da alle Sinne zusammen wirken, so sind wir durchs Gehör gleichsam immer in der Schule der Natur. Wir lernen abstrahiren, und zugleich sprechen; das Gesicht verseint sich mit der Vernunft: Vernunft wird Gabe der Bezeichnung; und so, wenn der Mensch zu der feinsten Charakteristik sichtlicher Phänomene kommt, welch ein Vorrath von Sprache und Sprachähnlichkeitcn liegt in ihm schon fertig! Er nahm den Weg aus dem Gefühl in den Sinn feiner Phantasmen nicht anders, als über den Sinn der Sprache, und hat also gelernt tönen, so wohl was er stehet, als was ec fühlte. Könnte ich nun hier alle Enden zusammen nehmen, und mit Einemmal das Gewebe sichtbar machen, das menschliche Natur beißt: durchaus erschiene es als ein Gewebe zur Sprache. Dazu, sahen wir, war dieser positiven Denkkrast Raum und Sphäre crtheilet: dazu ihr Stoff und Materie abgewogen: dazu Gestalt und Form geschaffen: dazu endlich Sinne organisirt und gereihet. Darum denkt der Mensch nicht Heller, nicht dunkler; darum sicht und fühlt er nicht scharfer, nicht länger, nicht 7 « I. Preisschrift lebhafter: darum hat er diese, nicht mehr und nicht andre Sinne; alles wiegt gegen einander, ist ausgespart und ersetzt, mit Absicht angelegt und vertheilet. Einheit und Zusammenhang, Proportion und Ordnung. Ein Ganzes zeiget sich hier, ein System, ein Geschöpf von Besonnenheit und Sprache, von Besinnung und Sprachschaffung. Wollte jemand nach allen Beobachtungen noch diese Bestimmung zum Sprach- geschöpfe laugnen, der müßte aus dem Beobachter der Natur erst ihr Zerstörer werden. Er müßte alle angezeigten'Harmonien in Mißtöne zerreißen, das ganze Prachtgebaude der menschlichen Kräfte in Trümmern schlagen, stine Sinnlichkeit verwüsten, und statt des Meisterstücks der Natur ein Geschöpf fühlen, voll Mangel und Lücken, voll Schwachen und Eonvulsionen. Und wenn denn nun auf der andern Seite „die Sprache auch genau so „ist, wie sie nach dem Grundriße und „der Wucht des vorigen Geschöpfes hat „entstehen müssen." — -Ich gehe, das Letzte zu beweisen, obgleich hier mir noch ein sehr angenehmer Spaziergang Vorlage, nach den Regeln der Sulzerschen Theorie des Vergnügens es zu berechnen, „was eine Sprache durchs Gehör für uns für Vorzüge und Annehmlichkeiten vor der Sprache andrer Sinne hatte?" Der Spaziergang führte aber zu weit; und man muß ihm entsagen, wenn noch die Hauptstraße zu sichern und zu berichtigen vorliegt. — Also erstlich I. „Je alter und ursprünglicher die Sprachen „sinddesto mehr wird diese Analogie der Sin- „ne in ihren Wurzeln merklich!" Wenn wir in spätern Sprachen den Zorn schon als Phänomenen des Gesichts, oder als Abstraktum in den Wurzeln charakterisiren: z. B. durch das Funkeln der Augen, das Glühen der Wangen u. s w., und ihn also nur seben oder denken: so höret ihn der Morgenlander. Er höret ihn schnauben, höret ihn brennenden Rauch und stürmende Funken sprühen. Das ward Nähme des Worts, die Nase Sitz des Zornes; das ganze Geschlecht der Zornwörtcr und Zorn-Metaphern schnauben gleichsam ihren Ursprung. Wenn uns das Leben sich durch Pulsschlag, durchs Wallen und andere feine Merkmahlc auch in der Sprache äußert: so offenbarte es sich jenem lautathmend. Der Mensch lebte, da er hauchte; starb, da er aushauchte: und man Hort die Wurzel des Worts, wie den ersten belebten Adam, hauchen. Wenn wir das Gebaren nach unsrer Art charakterisiren: so hört jener auch in den Benennungen Geschrey der Mutlerangst, oder bey Thieren das Ausschütteln eines Fruchtschlauches: um diese Mittel-Idee winden sich seine Bilder. Wenn wir im Wort Morgenröthe etwa das Schöne, Glänzende, Frische, dunkel hören: so fühlt der harrend« Wandrer im Orient auch in der Wurzel des Worts den ersten, schnellen, er- 6o I. Preisschrift freulichen Lichtstrahl, den unser Einer vielleicht nie gesehen, wenigstens nie mit dem Geiste gefühlt hat. Die Beyspiele aus den alten und wilden Sprachen waren unzählig, wie herzlich und stark empfindend sie aus Gehör und Gefühl charakterisiren, und ein „Werk von der Art, das so recht das Grundgefühl „solcher Ideen Key verschiedenen Völkern auffuchte," wäre eine völlige Demonstration für meinen Satz, und für die menschliche Erfindung der Sprache. H' «Je älter und ursprünglicher die Sprachen „sind, desto mehr durchkreuzen sich auch die „Gefühle in den Wurzeln der Wörter!" Man schlage das erste beste morgenlandische Wörterbuch auf, und man wird den Drang sehen, sich ausdrückcn zu wollen. Wie der Erfinder Ideen aus einem Gefühl hinaus riß und für ein anderes borgte! wie er bey den schwersten, kältesten, deutlichsten Sinnen am meisten borgte! wie Alles Gefühl und Laut werden mußte, um Ausdruck zu werden! Daher die starken kühnen Metaphern in den Wurzeln der Worte: daher die Uebertragungen aus Gefühl in Gefühl, so daß die Bedeutungen eines Stammworts, und noch mehr seiner Abstammungen, gegen einander gesetzt, oft das bunteste Ge- mahlde werden. Die genetische Ursache liegt in der Armuth der menschlichen Seele, und im Zusammenflüße der Empfindungen eines rohen Menschen. Man sieht sein Bedürfniß, sich auszudrücken, so deutlich: man siehts in immer größerem Maß, je weiter die Idee vom Gefühl und Ton in der Empfindung weglag daß über den Ursprung der Spruche. 81 büß Wan Nicht mehr an der Menschlichkeit des Ursprungs der Sprache zweifeln darf. Denn wie wollen die Verfechter einer andern Entstehung diese Durchwcb ung der Ideen in den Wurzeln der Wörter erklären ? War Gott st> ideen - und wortarm - daß er zu dergleichen verwirrendem Wört- gebrauch seine Zuflucht nehmen mußtet Oder war er so sehr Liebhaber von Hpperbolen und kühnen Metaphern, daß er diesen Geist bis in die Grund- wurzeln seiner Sprache prägte? Die sogenannte göttliche Sprache, die Hebräische., ist mit diesen Kühnheiten ganz durchweht, so daß der Orient auch die Ehr« hat, sie mit seinem Namen zu bezeichnen. Allein., daß man doch ja nicht diesen Mctaphcrn-Geist deshalb Asiatisch nenne, als wenn ec sonst nirgends anzutreffen wäre! In allen wilden Sprachen lebt er; nur freylich in jeder nach Maaße der Bildung der Nation und nach der Eigenheit ihrer Denkart. Ein Volk,, das seine Gefühle nicht viel und nicht scharf unterschied: ein Volk, das nicht Herz genug hatte, sich auszudrücken, und Ausdrücke mächtig zu rauben., wird auch über die Nuancen des Gefühls weniger verlegen seyn, vder sich mit schleichenden Haldausdrü- cken behelfen. Eine feurige Nation gegentheils offenbart ihren Mulch in solchen Metaphern, sie möge im Orient, oder in Nord-Amerika wohnen. Die aber in ihrem tiefsten Grunde die meisten solcher Verpflanzungen zeigt j deren Sprache ist voraus die ärmste, die älteste, die ursprünglichste gewesen und die war ohne Zweifel im Orient. Philvs. und Ge sch . 71. Th, § . 62 I. Preisschrift Man sichet, wie schwer bei einer solchen Sprache „ein wahres Et y m o logikon" seyn müss se? Die so vcrschiedncn Bedeutungen eines kaäivis, die in einer Stammtafel abgeleitet und auf ihren Ursprung zurück geführt werden sollen, sind nur durch so dunkle Gefühle, durch flüchtige Neben- Ideen, durch Mitempsindungen verwandt, die aus dem Grunde der Seele steigen, und wenig in Regeln gefastet werden können. Ihre Verwandtschaften sind ferner so national, so sehr nach der eignen Denk- und Sehart des Volks, des Erfinders, in dem Lande, in der Zeit, unter den Umstanden erzeuget, daß sie von einem Nord - und Abendländer schwer zu treffen sind, und in langen, kalten Umschreibungen unendlich leiden müssen. Da sic fcr- ner von der Noch erzwungen, und im Affcct, im Gefühl, in der Verlegenheit des Ausdrucks erfunden wurden; welch ein Glück gehört dazu, dasselbe Gefühl zu treffen? Endlich, da in einem Wörterbuch dieser Art die Wörter, und die Bedeutungen Eines Worts aus so verschiednen Zeiten, Anlassen und Denkarten gesammelt werden sollen, und sich also diese augenblicklichen Bestimmungen ins Unendliche vermehren; wie vervielfältigt sich da die Mühe! welch ein Scharfsinn wird ersodcrt, in diese Umstände und Bedürfnisse einzudringcn, und welche Mäßigung, bei den Auslegungen ver- schiedner Zeiten darin Maas zu halten! Welche Kenntniß und Biegsamkeit der Seele endlich gehört dazu, sich so ganz diesen rohen Witz, diese kühne Fantasie, dies National-Gefühl fremder Zeiten zu geben, und es. nach den unsrigen zu modernifl- ren! Aber eben damit, würde auch „nicht bloß in über den Ursprung der Sprache. 83 „die Geschichte, Denkart und Literatur „des Landes, sondern überhaupt in die dunkele Gegend der men schlicken Seele eine „Fackel getragen, wo sich die Begriffe dutch- „kreu zen Und verwi ckeln , wo die verschiedensten Gefühle einander erzeugen, wo „eine dringende Gelegenheit alle Kraft „te der Seele aufbiethet, und die ganze „Erfindungskunst- deren sie fähig ist, „zeiget/' Jeder Schritt wäre in einem solchen Werke Entdeckung, und jede neue Bemerkung hierüber gäbe eine immer vollständigere JndUction des Beweises von der Menschlichkeit des Ursprungs der Sprache. Schul tens hat sich an der Entwicklung einiger solchen Oviginmn der HebräischenSpr eiche Ruhm erworben: jede seiner Entwicklungen ist eine Probe meiner Regel; ich glaube aber vieler Ursachen wegen nicht, daß die OriAines der ersten menschlichen Sprache, wenn es auch die Hebräische wäre, je vollständig entwickelt werden können —" — Ich folgere noch eine Anmerkung, die zu allgemein und wichtig ist, um übergangen zu werden. Der Grund der kühnen Wort-Metaphern lag in ihrer ersten Erfindung '; aber wie? wenn spat Nachher, da schon alles Bedürfniß weggefallen ist, aus bloßer Nachahmungssucht, oder aus Liebe zum Altcr- thuM dergleichen Wort- und Bildergattungen nicht Nut bleiben, sondern gar noch ausgedehnt und erhöhet werden? Dann, o dann wird jener erhabne 84 I. Preis sitzt ist Unsinn, jenes aufgedunsene Wortspiel daraus, das es im Anfänge eigentlich nicht war. Dort wars kühner, männlicher Witz, der dann vielleicht am wenigsten spielen wollte, wenn er am meisten zu spielen schien: cs war rohe Erhabenheit der Fantasie, die solch Gefühl in solchem Worte heraus arbeitete; aber nun im Gebrauche schaler Nachahmer, ohne solches Gefühl, ohne solche Gelegenheit — Ach der Ampullen von Worten ohne Geist! der schonen oder erhabnen Luftblasen! Und das ist „das Schicksal fast aller derer Sprachen „in späte rn Zeiten gewesen, deren er- „ste Formen so kühn waren." Die spätern Französischen Dichter können sich nicht «ersteigen, weil die spaten Erfinder ihrer Sprache sich nicht verstiegen haben: ihre Sprache ist Prose der gesunden Vernunft , und hat ursprünglich fast kein poetisches Wort, das dem Dichter eigen wäre ; aber die Morgenländer ? die Griechen? die Engländer? und wir Deutsche? Daraus folgt: je älter eine Sprache ist, je mehr solcher Kühnheiten in ihren Wurzeln ist, hat sie lange gelebt, und lange sich fortgebildct; um so weniger muß man auf jede Kühnheit des Ursprunges los dringen, als wenn jeder dieser sich durchkreuzenden Begriffe auch jedes mal in jedem späten Gebrauche des Worts mit gedacht worden wäre. Di« Metapher des Anfangs war Drang zu sprechen, nimmt mans nachher in jedem Fall, wo das Wort schon geläufig geworden war, und seine Schärfe abgenutzt hatte., für Fruchtbarkeit und Energie, alle solche Son- über den Ursprung der Sprache. tzS derbarkritcn zu verbinden; was für klägliche Beispiele wimmeln da in ganzen Schulen der morgenlandi- scheu Sprachen! Noch Eins. Wenn gar an solchen kühnen Wettkämpfen, an solchen Versetzungen der Gefühle in Einen Ausdruck, an solchen Durchkreuzungen der Ideen ohne Regel und Richtschnur gewisse feine Begriffe Eines Dogma,. Eines Systems hangen, oder daran geheftet wer-, den, oder daraus untersucht werden sollen; Himmel! wie wenig waren diese Wortvcr.su- chc einer werdenden oder früh gewor.dnen Sprache Definitionen eines Systems, und wie oft. kommt man in den Fall., Wort -Idole zu schaffen, an die der Erfinder oder der spatere Gebrauch nicht dachte! --Ich gehe zu einem neuen Canon r III. „Je ursprünglicher eine Sprache ist, je hau- „figer solche. Gefühle, sich in ihr durchkreuzen;, „desto weniger können diese, einander genau „und logisch untergeordnet seyn. Eine solche „ist reich an Synonymen: bei aller wesentli- „chen Dürftigkeit hat sie den größten umröthi- „gen Ucbcrfluß." Die Vertheidiger des göttlichen Ursprungesdie. in allem göttliche Ordnung zu finden wissen, können ihn hier schwerlich finden, und laugncn *) die Synonyme. — Sie läugnen?. Wohlan,, laß *) Gäßmilch z. g. s"," ° 86 I. Preisschrift es seyn, daß unter den So Wörtern, die der: Araber für den Löwen, unter den 200, die er für die Schlange, unter den 80, die er für den Honig, und mchr als 1000, die er fürs Schwert hat, sich seine Unterschiede finden, oder gefunden hätten, die aber verlohren gegangen waren — warum waren sie da, wenn sie verlohren gehen mußten? Warum erfand Gott einen unnöthigen Wortschatz, den nur, wie die Araber sagen, ein göttlicher Prophet in seinem ganzen Umfange fassen konnte? — — Vergleich un gs weise aber sind diese Worte doch immer Synonyme, in Betracht der vielen andern Ideen, für welche die Wörter gar mangeln. Nun entwickle man darin göttliche Ordnung, daß Cr« der den Plan der Sprache übersah, für den Stein 70 Wörter erfand, und für alle so nöthige Ideen, innerliche Gefühle, und Ahstrnctionen keine? daß Er dort mit unnölhigem Ucherfluß überhäufte, hier in der größten Dürftigkeit ließ, und das Be- dürfniß nöthig machte, Metaphern zu usurpiren, halben Unsinn zu reden u. s. w. Menschlich erklärt sich die Sache von selbst. So un eigentlich schwere, seltene Ideen ausgedrückt werden mußten; so häufig konntens die vorliegenden und leichten. Je u n- be kanntet man mit der Natur war; von je mehrern Seiten man sie aus Unerfahrenheit arischen und kaum wieder erkennen konnte; je weniger man a priori, sondern nach sinnlichen Umständen erfand : desto mehr Synonyme. Je Mehrere erfanden, je umher irrender » über deN Ursprung der Sprache. 87 und ab getrennter sie erfanden, und doch nur meistens in Einem Kreise für Einerlei Sachen erfanden; wenn sie nachher zusammen kamen, wenn ihre Sprachen in einen Ocean von Wörterbuch flössen: desto mehr Synonyme. Verworfen konnten alle nicht werden; denn welche sollten es werden? Sic waren bei diesem Stamm, bei dieser Familie, bei diesem Dichter einmal gebräuchlich ; es ward also, wie jener Arabische Wörterbuchschreiber sagt, da er 400 Wörter vom Elend aufgezahlt hatte, das vierhundertste Elend, die Wörter des Elends aufzahlen zu müssen. Eine solche Sprache ist reich, weil sie arm ist, weil ihre Erfinder noch nicht Plan genug hatten, arm zu werden; und der müßige Erfinder eben der unvollkommensten Sprache wäre Gott? Die Analogien aller wilden Sprachen bestätigen meinen Satz: jede ist auf ihre Weise verschwenderisch und dürftig; nur jede auf eigne Art. Wenn der Araber für Stein, Kameel, Schwert, Schlange, (Dinge, unter denen er lebt,) so viel Wörter hat; so ist die Eeylanische Sprache, den Neigungen ihres Volks gemäß, reich an Schmeiche- leyen, Titeln und Wortgeprange. Für das Wort „Frauenzimmer" hat sie nach Stand und Range zwölferley Namen, da wir unhöfliche Deutsche z.E. hierin von unser» Nachbarn borgen müssen. Nach Stand und Range wird das Du und Ihr auf achterley Weise gegeben, und das so wohl vom Tagelöhner, als vom Hofmanne: der Wust ist Form der Sprache. Zn Siam gibt es achterley Manieren Z c h und W i r zu sagen, nachdem der Herr -F' .E . -HMVchWWM'V" - 83 I. Preisfchrift mit dem Knechte, oder der Knecht mit dem Herrn redet. Die Sprache der wilden Karaiben ist beinahe in zwei Sprachen der Weiber und Männer vertheilt, und dis gemeinsten Sachen: Bette, Mond, Sonne,, Bogen, benennen beide anders — welch ein Ueberssuß von Synonymen! und doch haben eben diese Karachen nur vier Wörter für die Farben, auf die sie alle andre beziehen müssen — welche Armuth! Die Hurynen lh-m jedesmal ein doppeltes Vri> durch für eine beseelte und unbeseelte Sache: so daß Sehen bei „einen Stein sehen", und Sehen bei „einen -Menschen sehen!" zwei vrrschiedne Ausdrücke sind; man verfolge das durch die ganze. Natur --- welch, ein Reichthum! „Sich seines Esgevthums bedienen.," yder „des Eigentums dessen, mit dem man redet," hat immer zwei verschiedne Wörter —- welch ein Reichthum! — In der Peruanischen Hauptsprache nennen sich die Geschlechter sv sonderbar abgetrennt, daß dis- Schwester des- Bruders und die Schwester dev Schwester , das Kind des Vaters und der Mutter ganz verschieden heißt;- und doch hat eben diese Sprache keinen wahren -Pluralis! Jede dieser Synonymen hängt so sehr mit Sitte,. Charakter und Ursprung des Volks zusammen überall aber charakteri.sirt sich der erfindende menschliche * Geist. — Ein neuer Canon:. IV. „So wie dir menschliche Seele sich keiner- „Abstractioy aus dem Reiche der Geister erinnern kann, zu der sie nicht- durch Gelegenheiten und Erweckungen der Sinne gelangte: „so hat auch keine Sprache ein Abstractum, „zu dem sie nicht durch Toy und Gefühl gelangt über den Uksp r un g d er S p rache. 89 „wäre. Und je ursprünglicher dieSprache, desto „weniger Abstractionendesto Mehr Gefühle." Ich kann in diesem unermeßlichen Felde wieder, nux einige Blumen brechen: Der ganze Bau der Morgenland i sehen Sprachen zeuget-, daß alle ihre Abstracto voraus Sinnlichkeiten gewesen: Der Geist war- Wind, Hauch, Nacht-sturm. Heilig hieß abgesondert, einsam: die Seele hieß der Othem: der Zorn das Schnauben der Rase u. s. w.. Die allgemeineren Begriffe wurden ihr also erst später durch Abstraction, Witz, Fantasie, Gleichnis Analogst u.. s. w. angebildet; im tiefsten Abgrunde der Sprache liegt, keine Einzige! ' Bei- allen Wilden findet dasselbe nach Waaß ihrer Cultur Statt. In der Sprache von Bar a'n- tola wußte man nicht heilig, und bei den Hottentotten nicht das Wort- Geist- zu finden.. Die Missionarien in allen Welttheilen klagen über die Schwierigkeit, christliche Begriffe den- Wilden in ihren Sprachen mitzutheilen; und doch durften diese Mitthcilungen ja nimmer eine scholastische Dogmatik , sondern nur die gemeinen Begriffe des gemeinen Verstandes seyn. Wenn- man hie- und da Proben ihres Vortrages unter den Wilden-, auch yur unter den ungebildeten Sprachen Europens, z. B. der Lyppla-nd-ischen, Finnischen-, Esth irischen, übersetzt- liefet, und die Sprachlehren. und Wörterbücher dieser Völker stehet, so Weeden hie Schwierigkeiten offenbar 9 « I. Preisschrift Will man den Missionarien nicht glauben: so lese man die Philosophen, de la Condamine in Peru und am Am az o ne n - S t r o m e, M.aupertuis in Lappland u. s. w. Zeit, Dauer, Raum, Wesen, Stoff, Körper, Tugend, Gerechtigkeit, Freiheit, Erkenntlichkeit sind im Munde der Peruaner nicht; wenn sie gleich mit ihrer Vernunft oft zeigen, daß sie nach diesen Begriffen schließen, und mit ihren Thatcn zeigen, daß sie diese Tugenden haben. So lange sie die Idee nicht als Merkmahl sich deutlich gemacht haben: so lange haben sie dazu kein Wort, „Wo also solche Worte in die Sprache hinein gekommen sind, siehet man ihnen offenbar ihren Ursprung an." Die Kirchensprache der Russischen Nation ist meistens Griechisch; die christlichen Begriffe der Letten sind Deutsche Worte oder Deutsche Begriffe lettisirt. Der Mexikaner, der seinen armen Sünder ausdrücken will, mahlt ihn, wie einen Knieenden; der Ohrenbcichte ablegct, und seine Dreieinigkeit, wie drei Gesichte mit Scheinen. Man weiß, auf welchen Wegen die meisten Abstraktionen „in unsere wissenschaftliche Sprache" gekommen sind, in Theologie und Rechtsgelehrsamkeit, in Philosophie und andre Systeme. Man weiß, wie oft Scholastiker und Polemiker nicht einmal mit Worten ihrer Sprache streiten konnten, und also Streitgewehr, (Hypostasis und Substanz, uird aus denen Sprachen herüberholcn mußten, in denen der Begriff abstrahier, in denen das Streitgewehr geschärft war. Unsre ganze Psychologie, so verfeinert und bestimmt sie ist, hat beinahe kein eigentliches Wort, Dies ist so wahr, daß es sogar Schwärmern und Entzückten nicht möglich ist, ihre neuen Geheimnisse aus der Natur , aus Himmel und Hölle, anders als durch Bilder und sinnliche Vorstellungen zu charakterisiren, Swedenborg konnte seine Engel und Geister nicht anders als aus allen Sinnen zusammcnwittern; und der erhabne Klop stock, (jenem die größeste Antithese!) seinen Himmel und Hölle nicht anders als aus sinnlichen Materialien bauen, Der Neger ruft sich seine Götter vom Gipse! der Baume herunter, und der Chingalese erhört sich seinen Teufel aus dem Geklatschc der Wälder, Ich bin einigen dieser Abstraktionen unter verschiednen Völkern, in vcr- schiednen Sprachen nachgeschlichen, und habe in ihnen „die sonderbarsten Erfindungskunstgriffe des menschlichen Geistes" wahrgenommen ; der Grund aber ist überall und immer derselbe, „Wenn der Wilde denkt, daß dies Ding einen Geist hat: so muß ein sinnliches Ding da seyn, aus dem er sich den Geist abstrahirt." Nur bat die Abstraktion ihre sehr verschicdne Arten, Stufen Und Methoden, Das leichtes te Beispiel, daß keine Nation in ihrer Sprache mehr, und andere Wörter habe, als sie abstrahiren gelernt, sind die ohne Zweifel sehr leichte Abstraktion, die Zahlen. Wie wenige haben die meisten Wilden, so 92 I. Preisschrift reich, vortrefflich und aüsgebildet ihre Sprachen scyn mögen! Nie mehr, als sie brauchten. Der handelnde Phönicier war der erste, der die Rechen- kund erfand; der seine Heerde überzahlende Hirte kernte zahlen: die Jagd-Nationen, die nie vielzah- lige Geschäfte haben, wissen eine Armee nicht anders zu bezeichnen, als wie Haare auf dem Haupt. Wer mag sie zahlen? Wer, der nie so weit hinauf gezählet hat, hat dazu Worte? Isis möglich, von allen diesen Spuren des wandelnden, sprachschaffcnden Geistes wcgzusehen, und einen Ursprung in den Wolken zu suchen? Was hat man für einen Beweis von einem „Einzigen „Worte,, was nur Gott erfinden konn- „te?" Existirt in irgend einer Sprache nur ein Einziger reiner allgemeiner Begriff, der dem Menschen vom Himmel gekommen seyn müßte? Wo ist er auch nur möglich *) ? „Und was für hundert Gründe „und Analogien und Beweise von der Ge- „nesis der Sprache in der menschlichen „Seele, nach den menschlichen Sinnen, „und Scharten gibts nicht! Wie viel Beweise „von der Fortwandrung der Sprache mit „der Vernunft, von ihrer Entwicklung aus H Die beste Abhandlung, die ich über diese Materie kenne, ist eines Engländers: Illings llivine et supsrnatural coneeivecl analoge vitll tllings natural anä llunian. ll>on koruwi nach Zahl, Zeit, Art und Person. Je roher also eine Sprache, desto unregelmäßiger ist sie in diesen Bestimmungen, und . zeigt bei jedem Schritte den Gang der menschlichen Vernunft. Vornan noch ohne alle Kunst des Gebrauchs, ist sie ein simples Wörterbuch. über den Ursprung der Sprache. g5 2 ) Wie Vsrkn einer Sprache eher sind, als -die von ihnen rund abstrahirten Corning: so auch Anfangs um so mehr Conjugationen, je weniger man Begriffe unter einander zu ordnen gelernt hat. Wie viel ihrer haben die Morgenländer! und doch si'nds eigentlich keine; denn was gibts noch immer für Anpflanzungen und UmwerfungeN der Ver'ooruin aus Konjugation in Conjugation! Die Sache ist ganz natürlich. Da nichts den Menschen so nahe angeht, wenigstens sü sprachartig ihn trifft, als was er erzählen soll, Thaten, Handlungen, Begebenheiten: so muß sich ursprünglich eine solche Menge Thaten und Begebenheiten sammeln, daß fast für jeden Zustand ein Neues VewNurw wird. „In der Huroni- „schen Sprache wird alles conjugirt. Eine Kunst, „die nicht kann erkläret werden, läßt darin von den „Zeitwörtern, die Nenn-, die Für-, die Auwörter unterscheiden. Die einfachen Zeitwörter haben eine „doppelte Conjugation, Eine für sich und Eine, „die sich auf andre Dinge beziehet. Die dritten Pertonen haben die beiden Geschlechter. Was die lern- „xorn anbetrifft, findet man die feinen Unterschiede, die man z. B. im Griechischen bemerket; ja ,,wenn man die Erzählung einer Reise thun will, „so drückt man sich verschieden aus, wenn man sie „zu Lande und zu Wasser gethan hat. Die ^.cniva „vervielfältigen sich so oft, als es Sachen gibt, die .„unter das Thun kommen: das Wort Essen verändert sich mit jeder eßbaren Sache. Das Thun „einer beseelten Sache wird anders ausgedrückt, „als einer unbeseeltcn. Sich seines und des Ei- „gcnthums dessen bedienen, mit dem man redet, N6 I. PreisfehrifP ,,hat zweierlei Ausdruck u. s. w." Man denke sich olle diese Vielheit Don Verdis , Vloäis, Vem^o-- rikus, Personen , Zuständen, Geschlechtern u. f. w., welche Mühe und Kunst., diest einigermaßen unter einander zu bringen, und aus dem, was ganz Wörterbuch war, einigermaßen Grammatik zu Wachen? — Des P. Leri Grammatik der Topi- nambuer in Brasilien zeigt eben dasselbe. „Denn „wie das erste W o rt erbrich der menschlichen Sechste eine lebendige Epvpee der tönenden, Ham „dclnden Natur war: so war die erste .„Grammatik fast nichts, als einphilosophi- „schcr Versuch, diese Epopee zur regeinmastig er n Gesehichte zu machen." Sie ^erarbeitet sich also mit lauter Verdis, und arbeitet in einem Chaos, das für die Dichtkunst unerschöpflich, das mehr geordnet, sehr reich für die Bestimmung der Geschichte g am spatsten aber für Axiome und Demonstrationen brauchbar ist. 3) Das Wort , was unmittelbar auf den Schall der Natur , nachahmeNd, folgte: folgte schon einem Vergangnen: „kraatarita sind also die „W ur z-e ln der V srkc> ruin , aber kraeterita, „die noch fast für die G e ge n w a r t gelten." ür xriori ist das Factum sonderbar und unerklärlich, da die gegenwärtige Zeit die erste scyn Mußte, die ein Dsrnxus erhielt«, wie sie es auch in allen spater gebildeten Sprachen erhalten hat; nach der Geschichte der Sprachenetsindung konnte es nicht anders seyn. „Die Gegenwart zeigt Man; aber das „Vergangne muß man erzählen." Und da man dies auf sv viel Art erzählen konnte, und Anfangs . über den Ursprung der Sprüche. 97 fnngs im Bedürfniß Worte zu finden es sehr vielfältig thun mußte: so wurden „in nllen ölten Spra- „chen viel krasterits, aber nur ein oder kein kras- „seiis." Dessen hakte sich nun in den gebildetem Zeiten die Dichtkunst und Geschichte sehr, die Philosophie aber sehr wenig zu erfreuen, weil die keinen verwirrenden Vorrath liebet. Hier sind wieder Huronen, Brasilianer, Morg.en- länder und Griechen einander gleich: überall Spuren vom Gange des menschlichen Geistes. 4) Alle neueren philosophischen Sprachen haben bas IVomsu feiner, das Verdünn weniger, aber regelmäßiger modisicirt; denn die Sprache erwuchs mehr „zur kalten Beschauung dessen, was „da ist, und was gewesen ist, als daß sie noch ein „unregelmäßig stammelndes Gemisch von dem, was „etwa gewesen ist, geblieben wäre. Jenes gewohnte man sich nach einander zu sagen, und also durch iVumeros und Artikel und Eiasus, u s. w. zu bestimmen; „die alten Erfinder woil- „ten Alles auf einmahI sagen*), nicht „bloß, was gethan wäre, sondern wer es gethan? „wann? wie? und wo es geschehen? Sie brachten „also in die iVomiüa gleich den Zustand: in j e- „de Person des Vsrbi gleich das Oeuus; sie unterschieden gleich durch xras - und nkkirmutiva, „durch ak-und sussixa: Verbum und ^.äverbium, „Verbum und i^omeu, alles floß zusammen." Je *) Rousseau har diesen Satz in seiner Hypothese divi- nirt, den ich hier zu bestimmen und zu beweisen suche. Philos. u. Gesch. tt. Th. G kVopA'läen, s» I. Preisschrift später, desto mehr wurde unterschieden und Herges zählt: aus den Hauchen wurden Artikel, aus den Ansätzen Personen, aus den Vorsätzen iVloäi oder ^ävsrbia: die Theile der Rede gingen aus einander: nun ward allmählich Grammatik. So ist diese Kunst zu reden, diese Philosophie über die Sprache erst langsam und Schritt vor Schritt, Jahrhunderte und Zeiten hinab, gebildet, und der erste Kopf, der an „eine wahre Philosphie „der Grammatik, an die Kunst zu reden" denkt, muß gewiß erst „die Geschichte derselben durch Volker und Stuffen hinab" überdacht haben. Hätten wir doch eine solche Geschichte! Sie wäre mit allen Fortgängen und Abweichungen eine Karte von der Menschlichkeit der Sprache. 6) Aber wie hat eine Sprache ganz ohne Grammatik bestehen können? Ein bloßer Zusammenfluß von Bildern und Empfindungen ohne Zusammenhang und Bestimmung? Für bepde Wat gesorgt: es war lebende Sprache. Da gab die gkoße Einstimmung der Geberden gleichsam den Tact, und die Sphäre, wohin das, was man sprach, gehörte; und der große Reichthum der Bestimmungen, der im Wörterbuch selbst lag, ersetzte die Kunst der Grammatik. Sehet die alte Schrift der Mexikaner. Sie mahlen lauter einzelne Bilder; WS kein Bild in die Sinne fällt, haben sie sich über Striche vereinigt, und den Zusammenhang zu allem muß die Welt geben, in die es gehört, aus der es geweissagt wird. Diese „Weissa- „gungskunst, aus einzelnen Zeichen Zusammenhang zu er rathen," wie weit kön- über den Ursprung der Sprache. 99 ncn ihn noch nur einzelne Stumme und Taube treiben! Und wenn diese Kunst selbst mit zur Sprache gehört, wenn sie von Jugend auf, als Sprache, mit gelernt wird; wenn sie sich mit der Tradition von Geschlechtern immer mehr erleichtert und vervollkommnet: so sehe ich nichts Unbegreifliches in ihr. Je mehr sie aber erleichtert wird, desto mehr nimmt sic ab; desto mehr wird Grammatik — und das ist Stufengang des menschlichen Geistes! Proben davon sind z. B. des la Loubere Nachrichten von der Siamschen Sprache: wie ähnlich ist sie noch dem Zusammenhänge der morgenländischen Sprachen, insonderheit ehe durch spatere Bildung noch mehr Eonstructivn in sie hinein kam. Der Siam er will sagen: „wäre ich zu Siam, so wäre ich vergnügt!" und sagt: „Wenn ich sepn „Stadt Siam; ich wohl Herz viel!" — Er will das Vater unser bethen, und muß sagen: „Vater, uns seyn Himmel! Nahmen Gottes wollen heiligen aller Ort, u> s. w." — Wie morgen- ländisch und ursprünglich ist das? gerade so zusammenhängend, als eine Mexikanische Bilderschrift, oder als das Stammeln der Ungelehrigen aus fremden Sprachen. 6) Noch muß ich hier eine Sonderbarkeit erklären , die ich auch in Herrn Süßmilchs göttlicher Ordnung mißverstanden sehe: „nämlich die Mannigfaltigkeit der Bedeutungen eines Worts nach dem „Unterschiede kleiner Artikulationen!" Ich finde die. sen Kunstgriff fast unter allen Wilden, wie ihn z. B. Garcillasso de Vega von den Peruanern, Eondamine von den Brasilianern, I. Preisschrift la Loubere von den Siamesen, Resoel von den Nord-Amerikanern anführk. Ich finde ihn eben so Key den alten Sprachen, z. B. der Chinesischen und den m orgen l an d i sehen, vorzüglich der H e b rä i sc h e n, wo ein kleiner Schall, Accent, Hauch die ganze Bedeutung ändert;* und ich finde nichts als etwas sehr Menschliches in ihm, nähmlich Dürftigkeit und Bequemlichkeit der Erfind er. Sie hatten ein neues Wort nö- thig; und da das müßige Erfinden aus leerem Kopf so schwer ist: so nahmen sie ein Aehnliches mit der Veränderung vielleicht nur Eines Hauches. Dies Gesetz der Sparsamkeit war ihnen Anfangs bey ihren sich d urc h w e b e n d en Gefühlen sehr natürlich, und bey ihrer mächtiger» Aussprache der Wörter noch ziemlich bequem; aber für einen Fremden, der sein Ohr nicht von Jugend auf daran gewöhnt hat, und dem die Sprache jetzt mit Phlegma, wo der Schall halb im Munde bleibt, vorgezischt wird, macht es die Rede oft unvcrnehmlich und unaussprechlich. Je mehr eine gesunde Grammatik in die Sprachen Haushaltung einführt; desto minder wird diese Kargheit nöthig. Also ist auch dieß gerade das Gegenlhcil vom Kennzeichen einer göttlichen Erfindung, wo der Erfinder sich gewiß sehr schlecht zu helfen wußte, wenn er so etwas nöthig hatte. > 7) Am offenbarsten wird endlich der F 0 r t- gang der Sprache durch die Vernunft und der Vernunft durch dieSp rache, „wenn „diese schon einige Schritte gethan, wenn „in ihr schon Stücke der Kunst, z. B. Ge- über den Ursprung der Sprache. 101 „dichte, existiren, wenn Schrift erfunden „ist, wenn sich Eine Gattung der Schreibart nach der andern ausbildet." Da kann kein Schritt gethan, kein neues Wort erfunden, keine neue glückliche Form in Gang gebracht werden, worin nicht Abdruck der menschlichen Seele liege. Da kommen durch Gedichte Sylbenmaße, eine Wahl der stärksten Worte und Farben, Ordnung und Schwung der Bilder; da kommt durch Geschichte Unterschied der Zeiten, und Genauigkeit des Ausdrucks; da kommt endlich durch Redner die völlige Rundung des Perioden in die Sprache. So wie nun vor jedem solchen Zusatz Nichts dergleichen vorher in der Sprache lag, alles aber durch die menschliche Seelein sie gebracht wurde und hinein gebracht werden konnte: wo will man dieser Hervorbringung, dieser Fruchtbarkeit Granzen setzen? wo will man sagen: hier sing die menschliche Seele zu wirken an, aber eher nicht? Hat sie das Feinste, das Schwerste erfinden können, warum nicht das Leichtere? Konnte sie zu Stande bringen, warum nicht Versuche machen? warum nicht anfangen? Denn der Anfang war doch nichts, als die Production eines Worts, als Zeichen der Vernunft; und das mußte sie, blind und stumm in ihrem Innern, so wahr sie Vernunft besaß. Ich bilde mir ein, das Können der Erfindung menschlicher Sprache sey mit dem, was ich gesagt, von innen aus der menschlichen Seele, von außen aus der Organisation des Menschen, und aus der Analogie aller Sprachen und Völker, theils in den Bestand? theilen der Rede, theils im ganzen gr 0- 102 I. P rc i s sc h ri ft rc. rc.. ßen Fortgange der Sprache mit der Vernunft so bewiesen, daß, wer dem Menschen nicht Vernunft abspricht, oder, was eben so viel ist, wer weiß, was Vernunft ist: wer sich ferner je um die Elemente der Sprache philosophisch bekümmert, und dazu die Beschaffenheit und Geschichte der Sprachen auf dem Erdboden mit dem Auge des Beobachters in Rücksicht genommen bat; der kann nicht Einen Auaenblick zweifeln, wenn ich auch weiter kein Wort hinzu setzte. Die Genesis der Sprache in der menschlichen Seele ist so demonstrativ, als irgend ein philosophischer Beweis; und die äußere Analogie aller Zeiten, Sprachen und Völker hat solch einen Grad der Wahrscheinlichkeit, als Key der gewissesten Sache der Geschichte möglich ist. Indessen um auf immer allen Einwendungen vorzu- beugen, und den Satz gleichsam auch äußerlich so gewiß zu machen, als eine philosophische Wahrheit semi kann: so lasset uns noch aus äußeren Umständen und ans der ganzen Analogie der menschlichen Natur beweisen; „daß der Mensch sich seine Spra, „che bat erfinden müssen; und unter welchen „Umstanden er sie sich am füg liebsten „habe erfinden können?" Zweyter Th«il- A u f welchem Wege der Mensch sich am füglichsten hat Sprache erfinden können und müssen^ -^>ie Natur gibt keine Kräfte umsonst. Wenn sie also dem Menschen nicht bloß Fähigkeiten gab, Sprache zu erfinden, sondern auch diese Fähigkeit zum Unterscheidungs-Charakter seines Wesens, und zur Triebfeder seiner vorzüglichen Richtung machte: so kam diese Kraft nicht anders als lebend aus ihrer Hand, und so konnte sie nicht anders als in eine Sphäre gesetzt seyn, in der sie wirken mußte. Lasset uns einige dieser Umstände und Anliegenheilen genauer betrachten, die den Menschen, da er mit der nächsten Anlage, sich Sprache zu bilden, in die Welt trat, sogleich zur Sprache veranlaßten; und da dieser Anliegenheiten viel sind, so bringe ich sie unter gewisse Hauptgesetze seiner Natur und seines Geschlechtes: Erstes Naturgesetz. Der Mensch ist ein frcydenkendes, thatiges Wesen, dessen Kräfte in Progression fortwirken; darum sey er ein Geschöpf der Sprache!, A. ils ein nacktes, instinktloses Thier'betrachtet, ist der Mensch das elendeste der Wesen. Da ist kein I. Preisschrifl ro6 dunkler, angeborncr Trieb, der ihn in sein Element und in seinen Wirkungskreis, zu seinem Unterhalt und an sein Geschäft ziehe. Kein Geruch und keine Witterung, die ihn auf die Krauter hinreiße, damit er seinen Hunger stille! Kein blinder, mechanischer Lehrmeister, der für ihn sein Nest baue! Schwach und unterliegend, dem Zwiste der Elemente, dem Hunger, allen Gefahren, den Klauen aller starkern Lhiece, einem tausendfachen Tode überlassen, stehet er da; einsam und einzeln; ohne den unmittelbaren Unterricht seiner Schöpferin, und ohne die sichere Leitung ihrer Hand, von allen Seiten also verloren, — Doch so lebhaft dies Bild ausgemahlt werde; so ists nicht das Bild des Menschen, es ist nur Eine Seite seiner Oberfläche, und auch die stehet im falschen Licht. Wenn Verstand und Besonnenheit die Naturgabe seiner Gattung ist: so mußte diese sich sogleich äußern, da sich die schwächere Sinnlichkeit und alles das Klägliche seiner Entbehrungen äußerte. Das instinktlose, elende Geschöpf, das so verlassen aus den Händen der Natur kam, war auch vom ersten Augenblicke an das frey lhätige, vernünftige Geschöpf, das sich selbst helfen sollte, und nicht anders, als konnte. Alle Mängel und Bedürfnisse, als Thier, waren dringende Anlässe, sich mit allen Kräften, als Mensch zu zeigen: so wie diese Kräfte der Menschheit nicht etwa bloß schwache Schadloshaltungen gegen die ihm versagten größern Thiervollkommenheiten waren, wie eine neuere Philosophie, (die große Gönnerin der Thiere,) will; sondern sie über den Ursprung der Sprache. 107 waren, ohne Vergleichung und eigentliche Gegeneinandermessung, seine Art. Der Mittelpunkt seiner Schwere, die Hauptcichtung seiner Seelen- wirkungen siel so auf diesen Verstand, auf menschliche Besonnenheit hin, wie Key der Biene sogleich aufs Gasigen und Bauen. Wenn es nun bewiesen ist, daß nicht die mindeste Handlung seines Verstandes, ohne Merkwort, geschehen konnte: so war auch das erste Moment der Besinnung Moment zu innerer Entstehung der Sprache. Man lasse ihm zu dieser ersten deutlichen Besinnung so viel Zeit, als man will: man lasse, nach Buffo ns Manier, dies gewordne Geschöpf sich allmählich sammeln; man vergesse aber nicht, daß, gleich vom ersten Momente an, kein Lhier, sondern ein Mensch, zwar noch kein Geschöpf von Besinnung, aber schon von Besonnenheit, ins Universum erwache. Nicht wie eine schwerfällige, unbehülfliche Maschine, die gehen sollte, und mit starren Gliedern nicht gehen kann: die sehen, hören, kosten sollte, und, mit starren Säften im Auge, mit verhärtetem Ohre und mit versteinerter Zunge nichts von allem diesem vermag; — Leute , die Zweifel der Art machen, sollten doch bedenken, daß dieser Mensch nicht aus Platons Höhle, aus einem finstern Kerker, wo er vom ersten Augenblick seines Lebens eine Reihe von Jahren hin, ohne Licht und Bewegung, sich mit offne» Augen blind und mit gesunden Gliedern ungelenk gesessen, sondern daß er aus den Händen der Na- I. Pr eis sehr ist ro3 kur, im frischsten Zustande seiner Kräfte und Safte, und mit der besten, nächsten Anlage kam, vom ersten Augenblicke an sich zu entwickeln. Ueber die ersten Momente der Sammlung und Leitung muß freylich die schaffende Vorsicht gewaltet haben-doch es ist nicht Werk der Philosophie, das Wunderbare in diesen Momenten zu erklären; so wenig sie seine Schöpfung erklären kann. Sie nimmt ihn im ersten Zustande der frey- en Thätigkeit, im ersten vollen Gefühl seines gesunden Dasepns, und erklärt alss diese Momente nur menschlich. Nun darf ich mich auf das Vorige beziehen. Da hier keine metaphisische Trennung der Sinne Statt findet, da die ganze Maschine empfindet, und gleich vom dunkeln Gefühl herauf arbeitet zur Besinnung, da dieser Punct, die Empfindung des ersten deutlichen Merkmahls, eben auf das Gehör, den Mittlern Sinn zwischen Augen und Gefühl trifft; so ist die Genesis der Sprache ein so inneres Drängniß, wie der Drang des Embryo's zur Geburt Key dem Moment seiner Reise^ Die ganze Natur stürmt auf den Menschen, rün seine Sinne zu entwickeln, bis er Mensch sey. Und wie von diesem Zustande die Sprache, anfangt, sy „ist die ganze Kette von „Zuständen in der menschlichen See- „le von der Art, daß jeder die Sprache fortbildet." — Dies große Gesetz der Naturordnung wollen wir näher betrachten. über den Ursprung der Sprache. ioZ Thiexe verbinden ihre Gedanken dunkel oder klar, aber nicht deutlich. So wie freylich die Gattungen, die nach Lebensart und Nervenbau dem Menschen am nächsten stehen, die Thiere des Feldes, oft viel Erinnerung, viel Gedächtniß, und in manchen Fallen ein stärkeres, als der Mensch zeigen: so ists doch nur immer ein sinnliches Gedächtniß; und keines hat die Erinnerung je durch eine Handlung bewiesen, jdurch die es für sein ganzes Geschlecht seinen Zustand verbessert, und Erfahrungen generali- sirt hätte, um sie in der Folge zu nutzen. Der Hund kann freylich die Geberde erkennen, die ihn geschlagen hat, und der Fuchs wird den unsi- checn Ort, wo ihm nachgcstellt wurde, fliehen; aber keins von beyden vermag sich eine allgemeine Reflexion aufzuklären, wie es dieser schlagdrohenden Geberde, dieser Hinterlist der Jäger je auf immer entgehen könnte. Es blieb also nur immer bey dem einzelnen sinnlichen Falle hangen, und sein Gedächtniß wurde eine Reihe dieser sinnlichen Fälle, die sich produ- ciren und re produciren , nie aber „durch Ueberlegung" unter einander verbunden sind. Ein Mannigfaltiges ohne deutliche Einheit; ein Traum sehr sinnlicher, klarer, lebhafter Vorstellungen, ohne ein Hauptgesetz des Hellen Wachens, das diesen Traum ordne. Freylich ist unter diesen Geschlechtern und Gattungen noch ein großer Unterschied. Je enger der Kreis, je stärker die Sinnlichkeit und der Trieb. iia I. Preisschrift je einförmiger die Kunstfähigkeit und das Werk ihres Lebens ist: desto weniger ist; wenigstens für uns, die geringste Progression durch Erfahrung merklich. Die Biene bauet in ihrer Kindheit so, wie im Alter, und wird zu Ende der Welt bauen, wie sie im Beginn der Schöpfung baute. Geschöpfe dieser Art sind einzelne Puncte, leuchtende Funken aus dem Licht des göttlichen Verstandes, die aber immer nur als dieselben Puncte leuchten. Ein erfahrner Fuchs hingegen unterscheidet sich schon seht von dem ersten Lehrlinge der Jagd: er kennet schon viele Kunstgriffe voraus, und sucht ihnen zu entweichen; aber woher kennet er sie? und wie sucht er ihnen zu entweichen? Weil unmittelbar aus solcher und solcher Erfahrung das Gesetz dieser und keiner andern Handlung folget. In keinem Falle wirkt bey ihm deutliche Reflexion: denn werden nicht immer die klügsten Füchse noch jetzt so berückt, wie vom ersten Jäger in der Welt der erste Fuchs berückt wurde? Bey dem Menschen waltet offenbar ein anderes Naturgesetz über die Suc- cession seiner Ideen, Besonnenheit: sie waltet selbst noch im sinnlichen Zustande, nur in ihm minder merklich. Das unwissendste Geschöpf, wann er auf die Welt kommt; aber sogleich wird ec Lehrling der Natur auf eine Weise, wie es kein Thier wird! Nicht bloß ein Tag lehrt den andern: sondern jede Minute des Tages die andre, jeder Gedanke den andern. Der Kunstgriff ist seiner Seele wesentlich, nichts für diesen Augenblick zu lernen, sondern alles entweder an das zu reihen, was sic schon wußte, oder für das, was sie künf- über den Ursprung der Sprache, irr lig daran zu knüpfen gedenkt, aufzubewahren. Sie berechnet also ihren Vorrath, den sie gesammelt hat, oder noch zu sammeln gedenkt, unaufhörlich; und so wird sie eine Kraft, u »verrückt, zu sammlen. Solch eine Kette geht im Menschen bis an den Tod fort. Nie ist er gleichsam der ganze Mensch; sondern immer in Entwicklung, im Fortgange, in Vervollkommnung. Eine Wirksamkeit hebt sich durch die andre: eine baut auf die andre: eine entwickelt sich aus der andern. Es werden Lebensalter, Epochen, die wir nur nach merklichen Stufen benennen und absonder», die aber, weil der Mensch nie fühlt, wie er wachset, sondern nur immer, wie er gewachsen ist, sich in ein unendlich - Kleines theilen lassen. Wir wachsen immer aus einer Kindheit, so alt wir seyn mögen, sind immer im Gange, unruhig, ungesättigt. Das Wesentliche unsers Lebens ist nie Genuß, sondern immer Progression, und wir sind nie Menschen gewesen, bis wir — zu Ende gelebt haben; da hingegen die Biene schon die ganze Biene war, als sie ihre erste Zelle bauete. Zu allen Zeiten wirkt freylich dies Gesetz der Vervollkommnung, der Progression durch Besonnenheit, nicht gleich merklich: ist über das minder Merkliche deßwcgcn nicht da? Im Traume, im Gedankentraume denkt der Mensch nicht so ordentlich und deutlich, als wachend ; deßwegen aber denkt er noch immer als ein Mensch, als Mensch in einem Mittelzustande. Bey einem Gesunden müssen seine Traume so gut eine Regel der Verbindung haben, als seine wachenden Gedanken; nur daß es nicht dieselbe Regel 112 I. Preisschrift seyn, oder diese so einförmig wirken kann, als wenn er wachend denket. Selbst diese Ausnahmen zeugen also von der Gültigkeit des Hauptgesetzes; und die offenbaren Krankheiten und unnatürlichen Zustande, Ohnmächten, Verrückungen u. s. w. bezeugen es noch mehr. Nicht jede Handlung der Seele ist unmittelbar eine Folge der Besinnung; jede aber eine Folge der Besonnenheit: aber keine, so wie sie beym Menschen ge- schiehet, könnte sich äußern, wenn Mensch nicht Mensch Ware, und nach solchem Naturgesetz dachte. „Konnte nun der erste Zustand der Besinnung des Menschen nicht ohne Wort der Seele „wirklich werden, so werden alle Zustände „der Besonnenheit in ihm sprachma- „ßig; seine Kette von Gedanken wird „eine Kette von Worten." Ich will nicht damit sagen, daß der Mensch jede Empfindung seines dunkelsten Gefühls zu einem Worte machen, oder sie nicht anders, als mittelst eines Worts empfinden könne; da gerade umgekehrt bewiesen ist: „was sich bloß durchs dunkle „Gefühl empfinden läßt, ist keines Wortes für „uns fähig, weil es keines deutlichen Merkmahls „für uns fähig ist." Die Basis der Menschheit ist also, wenn wir von willkührlicher Sprache reden, unaussprechlich. — Ist aber Basis die ganze Figur? Ist das Fußgestelle die ganze Bildsäule? und der Mensch seiner ganzen Natur nach eine bloß dunkel- fühlende Auster? Lasset uns also den ganzen Faden seiner Gedanken vor uns über den Ursprung der Sprache. ii3 uns nehmen. Da er von Besonnenheit gewebt ist: da sich in ihm kein Zustand findet, der, im Ganzen genommen, nicht selbst Besinnung sey, oder doch in Besinnung aufgeklärt werden könne: da bey ihm das Gefühl nicht herrschet, sondern die ganze Mitte seiner Natur auf feinere Sinne, das Gesicht und Gehör, fallt, und diese ihm immer fort Sprache geben: so folgt, daß, im Ganzen genommen, „auch kein Zustand „in der menschlichen Seele sey, der „nicht wort fähig sey, oder wirklich durch „W orte der Seele bestimmt werde." Es müßte der dunkelste Schwärmer oder ein Vieh, der abstrackeste Göttcrsehcr, oder eine träumende Monade seyn, der ganz ohne Worte dächte. Und in der menschlichen Seele ist, wie wir selbst in Träumen und bey Verrückten sehen, kein solcher Zustand möglich. So kühn es klinge, so ists wahr: der Mensch empfindet mit dem Verstände, und spricht, indem er denket, und indem er immer so fort denket, und, wie wir gesehen haben, jeden Gedanken in der Stille mit dem vorigen und mit der Zukunft zusammen hält: so muß „Jeder Zustand, der durch Reflexion so verkettet ist, ihn besser zu den- „ken, mithin auch besser zu sprechen, „sortierten." Lasset ihm den freyen Gebrauch seiner Sinne: da der Mittelpunkt dieses Gebrauchs in Gesicht und Gehör fällt, wo jenes ihm Merkmahl und dieses Ton zum Merkmahle gibt: so Philvs. und Gesetz. H. Kh. H I. Preisschrift n4 wird mit jedem leichtern, gebildetem Gebrauch dieser Sinne auch seine Sprache fortgebildet. Lasset ihm den freyen Gebrauch seiner Seelenkraf- t»e. Da der Mittelpunkt ihres Gebrauchs auf B e- sonnenheit fallt, mithin nicht ohne Sprache ist, so wird mit jedem leichtern, gebildetern Gebrauch der Besonnenheit auch seine Sprache mehr gebildet. Folglich wird „die Fortbildung der Sprache dem Menschen so natürlich als seine Natur selbst/' Wer ist nun, der den Umfang der Kräfte einer Menschenseele kenne, wenn sie sich zumahl in aller Anstrengung gegen Schwierigkeiten und Gefahren äußern? Wer ist, der den Grad der Vollkommenheit bestimme, zu dem sie durch eine beständige, innig verwickelte, und so vielfache Fortbildung gelangen kann? Und da alles auf Sprache hinaus lauft, wie ansehnlich wird es schon, was ein einzelner Mensch zur Sprache sammeln muß ! Mußte sich schon der Blinde und Stumme auf seinem einsamen Eilande eine dürftige Sprache schaffen: der gesunde Mensch, der Lehrling aller Sinne, der Lehrling der ganzen Welt, wie weit reicher muß er werden! Was soll er genießen? Thierische Sinne, einen Geruch der Witterung für die Krauter, die ibm gesund, eine sichere Abneigung für die, so ihm schädlich sind, hat die Natur in dem Grade, wie sie solche den Tbiercn gab, ihm nicht gegeben. Er muss also versuchen, schmecken, wie die Europäer in Amerika den Thieren absehen, was eßbar sc», sich also Merkmahle der Kräuter, mithin Sprache, über den Ursprung der Sprache. ri5 sammeln. Er bat nicht Starke genug, um dem Löwen zu begegnen; er entweiche ibm also, kenne ihn von fern an seinem Schalle, Und um ihm menschlich und mit Bedacht entweichen zu können, lerne er ihn und andre schädliche Thiere deutlich erkennen, mithin sie nennen. Je mehr er nun Erfahrungen sammelt, verschiedne Dinge und von v er sc h i e d neu Seiten kennen zu lernen, desto reicher wird seine Sprache. Je öfter er diese Erfahrungen, und die ihm daher gegebenen Merkmahle bey sich wiederholet, desto fester und geläufiger wird seine Sprache. Je mehr er unterscheidet und unter einander ordnet, desto geordneter wird seine Sprache. Dies Geschäft Jahre durch, in einem muntern Leben , unter staten Abwechselungen, in einem beständigen Kampf mit Schwierigkeiten und mit der Noth- durft unter einer beständigen Neuheit der Gegenstände fortgesetzt; gäbe dies einen Anfang zur Sprache, der unbeträchtlich wäre? Und siehe! es ist nur das Leben eines Einzigen Menschen. Ein stummer Mensch in dem Verstände, wie es die Thiere sind, der auch in seiner Seele kein Wort denken könnte, wäre das traurigste, verlassenste Geschöpf der Schöpfung, und gewissermaßen der größte Widerspruch mit sich selbst. Im ganzen Universum gleichsam allein und einsam; an nichts geheftet und dennoch für alles da; durch nichts Fremdes gesichert, und durch sich selbst noch minder, muß der Mensch entweder m- H 2 I. Preisschrift 116 tcrliegen, oder über alles herrschen, mit dem Plane einer Weisheit, deren kein Thier fähig ist, entweder von Allem Besitz nehmen, oder umkommen. ,,Sey nichts, oder Monarch der Schöpfung durch deinen Verstand! Vergehe, oder schaffe dir Sprache ! " Und wenn sich nun in diesem andringenden Kreise von Bedürfnissen alle Seclcnkrafte sammeln: wenn die ganze Menschheit, Mensch zu sepn, strebet, wie viel kann erfunden, wie viel kann gethan und geordne t werd en! Wir gesellschaftlichen Menschen denken uns in einen solchen Zustand immer nur zitternd hinein. „Ey," sagt man, „wenn der Mensch sich gegen alles auf eine so langsame, schwache, unhinreichende Art erst retten soll durch Vernunft, durch Ueberlegung; wie langsam überlegt diese! und wie schnell, wie andringend sind seine Bedürfnisse, seine Gefahren!" -- Es kann dieser Einwurf freylich mit Bey- spielen sehr ausgeschmückt werden; er streitet aber gegen eine ganz andre Spitze. Unsre Gesellschaft, die viele Menschen zusammen gebracht hat, daß sie mit ihren Fähigkeiten und Verrichtungen Eins seyn sollen, muß von Jugend auf Fähigkeiten vertheilen und Gelegenheiten ausspenden, daß Eine vor der andern gebildet werde. So wird der Eine Mensch für die Gesellschaft gleichsam ganz Algebra, ganz Vernunft; so wie sie am andern bloß Herz, Muth und Faust braucht. Der nutzt ihr, daß er kein Genie und viel Fleiß; jener, daß er Genie in Einem und in allem andern nichts habe. Jedes Triebrad muß sein Verhältnis und Stelle halten; über den Ursprung der Sprache, ir? sonst machen sie kein Ganzes einer Maschine. Aber daß man diese Vcrrheilung der Seelenkräfte, da man viele merklich erstickt, um in Einer andre zu übcrtrcffen, nicht in den Zustand eines natürlichen Menschen übertrage! Setzet einen Philosophen, der, in der Gesellschaft geboren und erzogen, nichts als seinen Kopf zum Denken, und seine Hand zum Schreiben gcübet hat, setzet ihn mit Einmahl aus allem Schutz, aus allen gegenseitigen Bequemlichkeiten , die ihm die Gesellschaft für seine einseitigen Dienste leistet, hinaus: er soll sich selbst in einem unbekannten Lande Unterhalt suchen, gegen die Thie- re kämpfen, und in allem sein eigner Schutzgotc seyn; wie verlegen wird er sich dabey finden! Er hat dazu weder Sinne, noch Kräfte, noch Uebung in beyden. Vielleicht hat er in den Irrgänger, seiner Abstraktion, Geruch, Gesicht und Gehör, und rasche Erfindungsgabe, und gewiß jenen Muth, jene schnelle Entschließung verloren, die sich nur unter Gefahren bildet und äußert, die in stater, neuer Wirksamkeit, seyn will, oder sie entschläft. Ist er nun in Jahren, wo der Lebensquell seiner Geister schon stille stehet, oder zu vertrocknen anfängt: so wird cs freylich ewig zu spät seyn, ihn in diesen Kreis hinein bilden zu wollen: — dies ist aber nicht der gegebene Fall. Alle die Versuche zur Sprache, die ich anführe, wurden nicht gemacht, um philosophische Versuche zu seyn: die Merkmahle der Kräuter wurden nicht ausgefunden, wie sic L i u n e classisicirt: die ersten Erfahrungen sind nicht kalte, vernunftlangsame, sorgsam abstrahirende Experimente, wie sie der einsame Philosoph macht, wenn er der I. Preisschrift ir3 Natur in ihrem verborgnen Gonge nachschleicht, und nicht so wohl wissen will, daß, sondern wie sie wirke? Daran war eben dem ersten Erdbewohner am wenigsten gelegen. Es durfte ihm nicht de- monstrirt werden, daß dies oder jenes Kraut giftig fey; es war nicht nöthig, daß er vom Löwen erst angefailen würde, um sich vor ihm fürchten zu lernen. Seine Schüchternheit mit seiner Schwachheit, seine Besonnenheit mit aller Feinheit seiner Seelen- krüfte verbunden, war genug, ihm einen behaglichen Zustand zu verschaffen, da die Natur selbst diese Triebfedern dazu für genügsam erkannt hatte. Wenn wir also durchaus keinen schüchternen, abstrakten Philosophen zum Erfinder der Sprache nöthig haben, und der rohe Naturmensch, der seine Seele, wie seinen Körper, noch ganz aus Einem Stück fühlet, uns mehr, als alle sprachschaffenden Akademien ist: so wollen wir uns auch keinen Gelehrten zum Muster der Sprachschöpfung nehmen, und überhaupt einander nicht Staub in die Augen streuen, um bewiesen zu haben, der Mensch könne nicht sehen, weil unser bestaubtes Auge nicht zu sehen vermag. Süßmilch hat einen ganzen Abschnitt*) darauf verwandt, um zu zeigen, „wie unmöglich sich der Mensch eine Sprache habe fortbilden können , wenn' er sie auch durch Nachahmung erfunden hatte! " Daß das Erfinden durch bloße Nachahmung ohne menschliche Seele wenig Sinn habe, ') Abschnitt Z, über den Ursprung der Spruche, rig ist bewiesen, und wäre der Vertheidiqer des göttlichen Ursprungs der Sprache dieser Sache demonstrativ gewiß gewesen, so hatte er gegen einen bloßen Unsinn nicht eine Menge halbwahrer Gründe zusammen tragen dürfen, die jetzt gegen eine menschliche Erfindung derSprache durch Verstand sämmtlich nichts beweisen. Ich kann den ganzen Abschnitt, so verflochten mit willkührlich-angenvmme- nen Heischesätzcn und falschen Axiomen über die Na- lur der Sprache er ist, hier nicht ganz aus einander setzen; ich nehme also nur so viel heraus, als nölhig ist, darzutbun: „daß in seinen Ein- „würfen die Natur einer sich sortbil- „denden menschlichen Sprache und ei- „ner sich fortbildenden menschlichen „Seele durchaus verkannt sey." „Wenn man annimmt, daß die Einwohner der „ersten Welt nur aus etlichen tausend Familien befanden hatten, da das Licht des Verstandes durch „den Gebrauch der Sprache schon so Helle geschienen, „daß sie eingeschen,'was die Sprache sey, und daß „sie also an die Verbesserung dieses herrlichen Mittels haben können anfangen zu denken: so-*") aber von diesen Vordersätzen nimmt 'niemand nichts an. Mußte mans erst in spaten Generationen ein- sehen lernen, was Sprache sey? Der erste Mensch sah es ein, da er den ersten Gedanken dachte. Mußte man erst in spaten Generationen so weit kom- ') S. 80. 8i. 120 I. Preisschrift men, es einzuschen, daß die Sprache zu verbessern gut fty? Der erste Mensch sah es jedesmal ein, wenn er seine ersten Merkmahle besser ordnen, berichtigen, unterscheiden und zusammen setzen lernte, und verbesserte damit jedesmal unmittelbar die Sprache , wenn ec so etwas von neuem lernte. Und dann, wie hatte sich doch durch tausend Familien hin das Licht des Verstandes durch die Sprache so Helle ausklären können, wenn im Lauf dieser Generationen sich nicht schon dieSprache selbst aufgeklärt hätte. Also wäre eine Aufklärung ohne Verbesserung möglich? und hinter einer Verbesserung tausend Familien hindurch noch der Anfang zu einer Verbesserung unmöglich? — „Würde aber nicht ein ganz unentbehrliches „Hülfsmittel dieses philosophischen und philologischen „LollsAÜ, Schrift, müssen angenommen wer- „dcn?" Nein! denn sie war kein philosophisch und philologisches LollsAinin, diese erste natürliche, lebendige Fortbildung der Sprache; und was könnte der Philosoph und Philolog in seinem tobten Museum an einer Sprache verbessern, die in aller ihrer Wirksamkeit lebt? „Sollen denn nun alle Völker auf gleiche Wei- „se mit der Verbesserung zu Werk gegangen seyn?" Ganz auf gleiche Weise, denn sie gingen alle menschlich: so daß wir uns hier in den wesentlichen Rudimenten der Sprache Eins für alle anzunchmen getrauen. Wenn das aber das größte Wunder seyn soll *), daß alle Sprachen acht xarte8 Oia- *) 8. Sr. Sh» über den Ursprung der Sprache. r 21 rionis haben: so ist wieder das Factum sowohl , als der Schluß unrichtig. Nicht alle Sprachen haben von allen Zeiten herunter achte gehabt: sondern der erste Blick in die Bauart einer Sprache zeigt- daß diese achte sich aus einander allmählich entwickelt haben. In den ältesten sind Verba eher gewesen, als lVoinina, und vielleicht Interjektionen eher, als selbst regelmäßige Verba. In den spä- tern sind Kornina mit Verbis gleich zusammen abgeleitet; allein selbst von der Griechischen Sprache sagt Aristoteles, daß auch in ihr dies Anfangs alle Redetheile gewesen, und die anderen sich nur später durch die Grammatiker aus jenen entwickelt haben. Von der Hurvni sehen habe ich ebendasselbe gelesen, und von den morgenländischen ists offenbar. Ja was wäre es den endlich für ein Kunststück s die willkührliche und zum Theil unphilosophische Abstraktion der Grammatiker in acht partes Orationis? ist sic so regelmäßig und göttlich, als die Form einer Bicnenzelle? Und wenn sies wäre, ist sie nicht durchaus aus der menschli- lichen Seele erklärbar? „Und was sollte die Menschen zu dieser höchst sauren Arbeit der Verbesserung gereitzet haben?" Es war durchaus keine saure, spekulative Stubenarbeit, durchaus keine abstrakte Verbesserung a priori; also bedurfte cs gewiß auch keiner Anreitzungen dazu, die nur in unserm Zustande der verfeinerten Gesellschaft Statt finden. Ich muß hier meinen Philosophen ganz verlassen. Er nimmt an, daß „die ersten Verbesserer recht gut philosophische Ko- I. Prcisschrift «22 „pfe gewesen seyn müßten, die gewiß weiter und „tiefer gesehen, als die meisten Gelehrten jetzt in „Ansehung der Sprache und ihrer innern Beschaffenheit zu tbun pflegen." Er nimmt an, daß „diese „Gelehrte überall erkannt haben müßten, daß ihre „Sprache unvollkommen, und daß sie einer Verbes. „serung nicht nur fähig, sondern auch bedürftig sey." Er nimmt an, daß „sie den Zweck der Sprache hohen gehörig beurthcilen müssen u. s. w., daß die „Vorstellung dieses zu erlangenden Gutes hinlänglich, „stark und lebhaft genung gewesen seyn müsse, um „ein Bewegungsgrund zur Uebernehmung dieser „schweren Arbeit zu werden." Kurz, der Philosoph unsers Zeitalters wollte sich auch aus allem Zufälligen desselben keinen Schritt hinaus wagen, und konnte also auch nach solchem Gesichtspunkte von der Entstehung einer Sprache, wie mich dünkt, nicht anders, als mangelhaft schreiben. In unserm Jahrhunderte freylich hätte jene Sprache so wenig entstehen können, als sie entstehen darf. Aber kennen wir denn nicht Menschen in so verschiedenen Zeitaltern, Gegenden und Stufen der Bildung, daß uns dies veränderte große Schauspiel nicht sicherer auf die erste Scene schließen lehrte? Wissen wir nicht, daß eben in den Winkeln der Erde, wo noch die Vernunft am wenigsten in die feine, gesellschaftliche, vielseitige, gelehrte Form gegossen ist, noch Sinnlichkeit und roher Scharfsinn, Schlauheit und muthige Wirksamkeit, Leidenschaft und Ersindungsgeist, kurz, die ganze ungetheilte menschliche Seele am lebhaftesten wirke? Am leb- über d.,e n Ursprung der Sprache. rsA Hastesten wirke, weil sie noch auf keine langweiligen Regeln gebracht, immer in einem Kreise von Bedürfnissen, von Gefahren, von andringenden Erfordernissen ganz lebt, und sich immer neu und ga»j fühlet. Da, nur da zeigt sie Kräfte, sich Sprache zu bilden und fortzubilden! Da hat sie Sinnlichkeit und gleichsam Jnstinct genug, um den ganzen Laut, alle sich äußernden Meckmahle der lebendigen Natur so ganz zu empfinden und aufzufassen, wie wir nicht mehr können; und, wenn die Besinnung alsdann Eins derselben los trennet, es so stark und innig zu n e nn e n, als wirs nicht nennen würden. Je minder die Seelenkrafte noch entwickelt sind, und jede zu einer eignen Sphäre gerichtet worden ; desto starker wirken alle zusammen: desto inniger ist der Mittelpunkt ihrer Intensität. Nehmet aber diesen großen unzerbrechlichen Pfeilbund aus einander, und ihr könnt zwar alle einzelne Pstile zerbrechen; ihr werdet aber auch gewiß mit keinem Stabe die Wunder thun, die bloß durch ihre Vereinigung gethan werden konnten: mit der Einzigen kalten A bstract ions-G ab e der Philosophen werdet ihr nie Sprache erfinden. — Das aber war nicht unsre Frage: denn ohne Zweifel drang jener Weltsinn tiefer, und bey dem beständigen Zusammenstrom aller Sinne, in dessen Mittelpuncr immer der innere Sinn wachte, waren immer neue Merkmahle,, Ordnungen, Gesichtspuncte, schnelle Schlußakten gegenwärtig; also gab es immer neue Bereicherungen der Sprache. Wenn man also nicht auf acht xarts8 Orationw rechnen will, so empfing die menschliche Seele ihre besten Einge- 124 I. Preisschrifk bringen zur Ausbildung der Sprache, so lange sie noch ohne alle Anreitzungen der Gesellschaft sich selbst desto mächtiger anreitzte, und sich alle die Tätigkeit der Empfindung und des Gedankens gab, die sie sich nach innerm Drange und nach äußern Erfordernissen geben mußte. Da gebar sich also die Sprache mit der ganzen Entwickelung der menschlichen Kräfte. Es ist beynahe unbegreiflich, wie unser Jahrhundert sich so tief in die Schatten, in die dunkeln Werkstätten des Kunstmäßigen verlieren kann, um das weite, Helle Licht der uneingekerkertcn Natur in andern Jahrhunderten auch nicht erkennen zu wollen. Aus den größesten Heldenthaten des menschlichen Geistes, die er nur im Zusammenstoß der lebendigen Welt thun und äußern konnte, sind Schul- übunqen im Staube unsrer Lehrkerker; aus den Meisterstücken menschlicher Dichtkunst und Beredsamkeit Kinderepen geworden, an welchen greise Kinder und junge Kinder Phrases lernen und Regeln klauben. Wir Haschen ihre Formalitäten, und haben ihren Geist verloren; wir lernen ihre Sprache, und fühlen kaum die lebendige Welt ihrer Gedanken. Derselbe Fall ists mit unfern Urtheilen über das Meisterstück des menschlichen Geistes, die Bildung der Sprache überhaupt. Da soll uns das tobte Nachdenken Dinge lehren, die bloß aus dem lebendigen Hauche der Welt, aus dem Geiste der großen wirksamen Natur den Menschen beseelen, ihn aufru- fen und fortbilden konnten. Da sollen die stumpfen, spaten Gesetze der Grammatiker das Göttlichste seyn, über den Ursprung der Sprache. 12b das wir verehren; und vergessen die wahre göttliche Sprachncttur, die sich mit dem menschlichen Geiste vereint bildete: so unregelmäßig sie uns auch scheine. Die Spcachbildung ist in die Schatten der Schule gewichen, aus denen sie nichts mehr für die lebendige Welt wirket: drum soll auch nie eine bellere Welt gewesen seyn, in der die ersten Sprachbildnec leben, fühlen, schaffen und dichten mußten. — Ich berufe mich auf das Gefühl derer die den Menschen im Grunde seiner Kräfte, die das Mächtige, Große in den Sprachen der Wilden, ja das Wesen der Sprache überhaupt nicht verkennen. — Daher fahre ich fort: Zweytetz Naturgesetz. Der Mensch ist, seiner Bestimmung nach, «in Geschöpf der Heerde, der Gesellschaft; die Fortbildung einer Sprache wird ihm also natürlich, wesentlich, nothwendig. D. -ms menschliche Weib hat keine Jahrszeit der Brunst, wie die Thierweiber; und die Zeugunqs- kraft des Mannes ist nicht so ungebandigt, aber fortwährend. Wenn nun Störche und Tauben Ehen 126 I. Preisschrift haben: so wüßte ick nicht, warum sie der Mensch aus mchrern Ursachen nicht haben sollte? Der Mensch, gegen den struppichtcn Bar und den borstigen Igel gesetzt, ist ein schwächeres, dürftigeres, nackteres Thier: er hat Höhlen nöthig, und diese werden, mit den vorigen Veranlassungen zusammen genommen, sehr natürlich gemeinschaftliche Höhlen. Der Mensch ist ein schwächeres Thier, das in Mehrern Himmelsgegenden sehr übel den Jahrszeiten ausgesctzt wäre: das menschliche Weib hat also als Schwangere , als Gebärerin, einer gesellschaftlichen Hülfe mehr nöthig, als der Strauß, der seine Eher in die Wüste leget. Endlich insonderheit das menschliche Junge, der auf die Welt gesetzte Säugling, wie sehr ist er ein Vasall menschlicher Hülfe und geselliger Er- barmung! Aus einem Zustande , wo er als Pflanze am Herzen seiner Mutter hing, wird er auf die Erde geworfen — das schwächste hülflvseste Geschöpf unter allen Thieren, wenn nicht mütterliche Brüste da wären, ihn zu nähren und väterliche Knie ihm entgegen kämen, um ihn als Sohn aufzunehmen. Wem leuchtet hiemit nicht eine Haushaltung der Natur zur Gesellung der Menschheit entgegen ? und zwar die so unmittelbar, so nahe am Jnstinct ist, als es bey einem besonnenen Geschöpf sehn konnte. — über den Ursprung der Sprache. 127 Ich muß den letzten Punct mehr entwickeln, denn in ihm zeigt sich das Werk der Natur am augenscheinlichsten, und mein Schluß wird hieraus um desto schneller. Wenn man, wie unsre groben Epi- kuraer lbun, aus blinder Wollust oder aus unmittelbarem Eigennutz alles erklären will; woher erklärt sich das Gefühl der Aeltern gegen Kinder, samint den stacken Banden, die dadurch bewirkt werden? Siche diesen armen Erdbewohner! Er kommt elend auf die Welt, ohne zu wissen, daß er elend sey t er ist der Erbarmung bedürftig, ohne daß er sich ihrer im mindesten wcrth machen könnte: er weinet — aber selbst dies Weinen müßte so beschwerlich werden, als das Geheul des Philoktetes, der doch so viel Verdienste um sie hatte, den Griechen war, die ihn der wüsten Insel übergaben. Hier müßten also, nach unsrer kalten Philosophie, die Bande der Natur am ehesten reißen, wo sie am stärksten wirken! Die Mutter hat sich der Frucht, die ihr so viel Ungemach machte, endlich mit Schmerzen entledigt; kommts bloß aus wildes Vergnügen und auf neue Wollust an: so wirft sie sie weg. Der Vater, der seine Brunst langst gekühlt batte; was soll er sich weiter um Mutter und Kind, als um Gegenstände seiner Mühe, bekümmern: er lauft, wie Rousseau's Mannthier, in den Wald, und sucht sich einen andern Gegenstand seines tbierischun Vergnügens. — Wie ganz umgekehrt ist hier die Ordnung der Natur bey Thieren und den Menschen; und wie weiser ist sie! Eben die Schmerzen und Ungemachlichkciten vermehren die mütterliche Liebe. Das Bejammerns- und nicht Liebenswürdige 128 I. Preisschrift des Säuglings, das Hinfällige seines Temperaments, die beschwerliche, verdrüßliche Mühe der Erziehung verdoppelt die Regungen seiner Leitern; die Mutter sieht den Sohn mit wärmerer Wallung an, der ihr die meisten Schmerzen gekostet, der ihr am öftesten mit seinem Abschiede gedrohet, auf den ihre meisten Zähren des Kummers flössen. Der Vater sieht den Sohn mit wärmerer Wallung an, den er frühe aus einer Gefahr riß, den er mit der größten Mühwaltung erzog , der ihm in Unterricht und Bildung das Meiste kostete. Und so weiß auch „im „Ganzen des Geschlechts die Natur aus der „S chwachheit Starke zu machen." Eben dcß- wegeu kommt der Mensch so schwach, so dürftig, so verlassen von dem Unterrichte der Natur, so ganz ohne Fertigkeiten auf die Welt, wie kein Thier , damit er, wie kein Thier, „eine Erziehung ge- „nieße, und das menschliche Geschlecht, wie kein „Thiergeschlecht , ein innig verbundenes „Ganze werdes" Die jungen Enten entschlüpfen der Henne, die sie ausgcbrütet, und Horen, vergnügt in dem Elemente plätschernd, in welches sie der Ruf der mütterlichen Natur hinzog, die warnende rufende Stimme ihrer Stiefmutter nicht, die am Ufer jammert. So würde es das Menschenkind auch machen , wenn es mit dem Instinkt der Ente auf die Welt kame^ Jeder Vogel bringt die Geschicklichkeit , Nester zu bauen, aus seinem Ey, und nimmt sie auch, ohne sie fortzupflanzen, in sein Grab ; die Natur hat für ihn über den Ursprung der Sprache. 129 ihn unterrichtet. Alles bleibt also in ihrem Geschäft Einzeln, das unmittelbare Werk der Natur, und so wird, „keine Prozession der See le des Geschlechts," kein Ganzes, wie es die Natur am Menschen wollte. Den band sie also durch Noch und durch einen zuvorkommenden Aelterntrieb, für den die Griechen das Wort hatten, an sein Geschlecht, und knüpfte dadurch „ein Band des Unterrichts und der Erziehung," das ihm wesentlich würde. Da hatten Aeltern den Kreis ihrer Ideen nicht für sich gesammelt; er war zugleich da, um mitg et heilt zu werden, und der Sohn hat den Vortheil, den Neichlhum ihres Geistes schon frühe, wie im Auszuge zu erben. Jene tragen die Schuld der Natur ab, indem sie lehren; diese füllen das ideenlose Bedürfniß ihrer Natur aus, indem sic lernen : so wie sie nachher wieder ihre Schuld der Natur abtragen werden, diesen Rcichthum, mit eigenem Gute vermehret, weiter fortzupflanzen. Kein einzelner Mensch ist für sich da; „er ist, in „das Ganze des Geschlechts eingewe- „b et, er ist nur Eins für die fortgehen- „de Folg e." Was dies auf die ganze Kette des Geschlechts für Wirkung habe, sehen wir später; hier schranken wir uns nur auf den Zusammenhang der ersten zwei Ringe ein: auf „die Bildung einer „Familien - Denkart durch den Unter- „richt der Erziehung;" und — Da der Unterricht der eignen Seele der Ideen-Kreis der Aelternsprache ist: Philos. u. Gesch. H. Th. I I. Preis sc hilft i3o so wird „die Fortbildung des menschlichen Unterrichts durch den Geist der „Familie, durch den die Natur das ganze Geschlecht verknüpft hat, auch Fortbild ung der „Sprache." Warum hangt dieser Unmündige so schwach und unwissend an den Brüsten seiner Mutter, an den Knieen seines Vaters? Damit er lehrbegierig sey und Sprache lerne. Er ist schwach, damit sein Geschlecht stark werde. Nun theilt sich ihm mit der Sprache die Seele, die Denkart seiner Erzeuger mit; und sie theilen es ihm gerne mit, weil es ihr Sclbstgedachtes, Selbstgefühltes, Selbsterfundenes ist, was sie mitthcilen. Der Säugling, der die ersten Worte sammelt, stammelt die Gefühle seiner Aeltern wieder, und schwört mit jedem frühen Stammeln , nach welchem sich seine Zunge und Seele bildet, diese Gefühle zu verewigen, so wahr er sie Vater- oder Muttersprache nennet. Lebenslang werden diese ersten Eindrücke seiner Kindheit, diese Bilder aus der Seele und aus dem Herzen seiner Aeltern in ihm leben: mit dem Worte wird das ganze Gefühl wiederkommen , was damals frühe seine Seele überströmte: mit der Idee des Worts alle Neben-Jdeen, die ihm damals, bei diesem neuen frühen Morgenblick in das Reich der Schöpfung, Vorlagen — sie werden wicderkommen und mächtiger wirken, als die reine, klare Haupt-Idee selbst. Das wird also Familien-D en kart, und mithin Fam ilien - S prache. Da steht nun der Philosoph und fragt: „durch welches Gesetz denn wohl die Menschen ihre willkührlich - erfundene Spra- über den Ursprung der Sprache. iSr che einander hatten ausoringcn, und den andern Theil hätten veranlassen können, das Gesetz anzu- nehmcn?" Diese Frage, über- die Rousseau so pathetisch, und ein andrer Schriftsteller so lange predigt, beantwortet sich, wenn wir einen Blick in „die Oekonomie der Natur des menschlich en G c sc h lec hts" thun, von selbst, und man bewundert die leichten Wege, auf welchen sie ihre Zwecke erreichte. Ist sie nicht Gesetz, und Verewigung genug, diese Familien - Fortbildung der Sprache? Das Weib, in der Natur so sehr der schwächere Theil, muß von dem erfahrnen, versorgenden, sprachbil- dendcn Manne Gesetz annehmen, wenn es ja Gesetz heißen soll, was bloß milde Wohlthat des Unterrichts ist. Das schwache Kind, das so eigentlich ein Unmündiger heißt, muß Sprache annchmen, da es mit ihr die Milch seiner Mutter und den Geist seines Vaters genießet, und diese Sprache muß verewigt werden, wenn etwas verewigt wird. O die Gesetze der Natur sind mächtiger, als alle Conventionen, die die schlaue Politik schließet, und der Philosoph aufzahlen will. Die Worte der Kindheit, diese unsre frühen Gespielen in die Mor- genröthe des Lebens, mit denen sich unsre ganze Seele zusammen bildete — wann werden wir sie verkennen? Wann werden wir sie vergessen? Unsre Muttersprache war ja zugleich die erste Welt, d/e wir sahen, die ersten Empfindungen, die wir fühlten, die erste Wirksamkeit und Freude, die wir genossen. Die Neben-Ideen von Ort und Zeit, von I 2 I >?2 I. Pr'e i s sch ri ft Liebe und Haß, von Freude und Thatigkeit, und was die feurige, auswallende Jugendseele sich dabei dachte, wird alles mit verewigt — nun wird die Sprache schon Stamm! Und je kleiner dieser Stamm ist, desto mehr gewinnt er an innerer Starke. Unsre Vater, die nichts selbst gedacht, nichts selbst erfunden, die alles mechanisch gelernt haben; was bekümmern sich diese um den Unterricht ihrer Söhne? um Verewigung dessen, was sie selbst nur wie im Traume besitzen? Aber der erste Vater, die ersten dürftigen Sprachersinder, die fast an jedem Worte die Arbeit ihrer Seele Hingaben, die überall in der Sprache noch den warmen Schweiß fühlten, den er ihrer Wirksamkeit gekostet — welchen Informator konnten die bestellen? Die ganze Sprache ihrer Kinder war ein Dialecl ihrer Gedanken, ein Loblied ihrer Th aten, wie die Lieder Ossi ans auf feinen Vater Fingal. Rousseau und andre haben viel Paradoxes über den Ursprung und das Anrecht des ersten Eigenthums gesagt; und doch, hatte der erste nur die Natur seines Thiermenschen befragt: so batte er ihm geantwortet. Warum gehört diese Blume der Biene, die auf ibr sauget? Die Biene wird antworten: weil mich die Natur zu diesem Saugen gemacht hat: mein Instinkt, der aus diese und keine andre Blume hinfallt., ist mir Dictator genug, der mir sie und ihren Garten zum Eigenthum anweise. Wenn wir nun den ersten Menschen fragen: „Wer ssat dir das Recht auf diese über de»'Ursprung der Sprache. i33 Krauter gegeben?" Was kann er antworten, als: die Natur, die mir Besinnung gab. Diese Krauter habe ich mit Mühe kennen gelernt, mit Mühe habe ach sie mein Weib und meinen Sohn kennen gelehrt, wir alle leben von ihnen; ich habe mehr Recht daran, als die Biene, die darauf summet, und das Vieh, das darauf weidet: denn alle die haben die Mühe des Kennenlernens und Kennenlehrens nicht gehabt! Jeder Gedanke also, den ich darauf zeichne, ist ein Siegel meines Eigenthums, und wer mich davon vertreibet, der nimmt mir nicht bloß mein Leben, wenn ich diesen Unterhalt nicht wieder finde; sondern wirklich auch den Werth meiner verlebten Jahre, meinen Schweiß, meine Mühe, meine Gedanken, meine Sprache — ich habe sie mir erworben! Und sollte für den Erstling der Menschheit eine solche Signatur der Seele auf eine Sache, durch Kennenlernen , durch Merkmahl, durch Sprache, nicht mehr Recht des Eigenthums seyn, als ein Stämpel in der Münze? „Wie viel Ordnung und Ausbildung bekommt die Sprache also schon eben damit, daß sie väterliche Lehre wird!" Wer lernt nicht, indem er lehret? Wer versichert sich nicht seiner Ideen, wer mustert nicht seine Worte, indem er sie andern mittheilt, und sie-so oft von den Lippen des Unmündigen stammeln hört? Hier gewinnt also die Sprache schon eine Form der Kunst, der Methode; hier wurde die erste Grammatik, die ein Abdruck der menschlichen Seele und ihrer natürlichen 2Z4 I- Pr eis sehr ist Logik war, schon durch eine scharf prüfende Eensur berichtigt. Rousseau, der hier nach seiner Art aufruft; „was hatte denn die Mutter ihrem Kinde viel zu sagen? hatte das Kind nicht seiner Mutter mehr zu sagen? woher lernte denn dies schon Sprache, sie seine Mutter zu lehren?" macht auch hier, wie gewöhnlich, ein panisches Fcldgeschrey. Allerdings hatte die Mutter mehr das Kind zu lehren, als das Kind die Mutter, weil jene es mehr lehren konnte, und weil der mütterliche Jn- stinct, Liebe und Mitleiden, den Rousseau aus Barmherzigkeit den Thiercn zugibt und aus Großmuth seinem Geschlecht versaget, sie zu diesem Unterrichte, wie der Ueberfluß der Milch zum Saugen, zwang. Sehen wir nicht selbst an manchen Thieren, daß die Aeltern ihre Jungen zu ihrer Lebensart gewöhnen? und wenn denn ein Vater seinen Sohn von früher Jugend an zur Jagd gewöhnte, ging dies ohne Unterricht und Sprache ab? „Ein solches Wörter - Dictiren zeigte aber schon eine gebildete Sprache an, die man lehrt; nicht eine, die sich erst bildet!" Abermal kein Unterschied, der eine Ausnahme machen dürfe. Freilich war die Sprache schon in dem Vater, in der Mutter gebildet, die solche ihren Kindern lehrten; aber durfte deß- wegen schon die Sprache ganz gebildet seyn, auch die, die sie nicht lehrten? Konnten die Kinder in einer neueren, weiteren, feineren Welt nicht mehr dazu erfinden? oder ist eine zum Theil gebildete, sich aber weiter fortbildende Sprache ein Wi- über den Ursprung der Sprache. i3o derspruch? Wann ist die Französische durch Akademien, Autoren und Wörterbücher sehr gebildete Sprache denn so zu Ende gebildet, daß sie sich mit jedem neuen originalen Autor, ja mit jedem Kopfe, der neuen Ton in die Gesellschaft bringt, nicht neu bilden, oder mißbilden müßte? — Ein andrer Vertheidiger der gegenseitigen Meinung sagt: „wie doch je die Menschen aus Noth- durft ihre Sprache hätte fortbilden wollen, wenn sie Lukrezens iVluturn et xscus gewesen waren?" und laßt sich auf eine Menge halb wahrer Instanzen der Wilden ein. Ich antworte bloß: Niemals! Niemals hatten sie es wollen und können, wenn sie ein lVIuturn xsau; gewesen waren. Sind aber die Wilden von der Art? ist die barbarischste menschliche Nation ohne Sprache? Und ist denn je der Mensch als etwa in der Abstraktion der Philosophen und in einigen alten Mahrchen ei» solches IVIutuni ^>ecus gewesen? Er fragt: „ob denn wohl, da alle Thiere Zwang scheuen, und alle Menschen Faulheit lieben, es je von den Ore nocks des Eon dam ine erwartet werden könne, daß sie ihre lang gedehnte achtsylbige, schwere und höchst beschwerliche Sprache ändern und verbessern sollten?" Und ich antworte: zuerst ist wieder das Factum unrichtig, wie fast alle, die er anführt *). „Ihre lang gedehnte, achtsylbige Spra- *) Süßmilch. i36 I. Preisschrift che?" das ist sie nicht. Condamine sagt bloß: sie sey so eigen organisirt, daß, wo sie drei oder vier Sylben aussprechen, wir sieben bis acht schreiben müßten, und doch hatten wir sie noch nicht ganz geschrieben. Und dann „schwer, höchst beschwerlich?" Für wen ist sie dies anders als für Fremde? Und für die sollen sie sie ausbessern ? Für einen kommenden Franzosen, der je kaum eine andre Sprache als die seinige, ohne sie zu verstümmeln, lernt, sollen sie sie verbessern und franzisiren? Hätten aber deß- wegen die Orenoker noch nichts in ihrer Sprache, ja sich noch gar keine Sprache gebildet, weil sie dem Genius, der ihnen so eigen ist, um einen hcrabschiffendcn Fremdling nicht vertauschen mögen? Ja gesetzt, sie bildeten auch nichts mehr in ihrer Sprache, auch nicht für sich; ist man denn nie gewachsen, wenn man nicht mehr wachst? und hatten die Wilden nichts Mhan, weil sie nichts gern ohne Noch thun? — Gegcntheils, welch ein Schatz ist jede Familie n - Spr-ac h e für ein werdendes Geschlecht! Fast in allen kleinen Nationen aller Welttheile, so wenig gebildet sie seyn mögen, sind Lieder von ihren Vätern, Gesänge von den Thaten ihrer Vorfahren das Heiligthum ihrer Sprache, Geschichte und Dichtkunst: sie sind ihre Weisheit und Aufmunterung, ihr Unterricht, ihre Spiele und Tänze. Die Griechen sangen von ihren Argonauten, von Herkules, und Bacchus, von Helden und Troja-Bezwingern: und die Celten von den Vätern ihrer Stämme, von Fingal und Ossian. Unter Peruanern und Nord- Amerikanern, auf den Karaibischen und Mariani- sehen Inseln herrscht noch dieser Ursprung der Stammessprache in den Liedern ihrer Stämme und Väter ; so wie fast in allen Theilen der Welt Vater und Mutter ähnliche Namen haben. Nun läßt sich auch anmerken, warum unter so manchen Völkern, von denen wir Beispiele anführtcn, das männliche und weibliche Geschlecht fast zwei verschiedene Sprachen habe, nahmlich weil beide nach den Sitten der Nation, als das edle und unedle Geschlecht, fast zwei ganz abgetrennte Völker ausmachen, die nicht einmal zusammen speisen. Nachdem nun die Erziehung väterlich oder mütterlich war: nach dem mußte auch die Sprache Vateroder Muttersprache werden, so wie nach der Sitte der Römer sie gar häusliche Kncchtssprache (linAuu varrmanla) ward. Drittes Naturgesetz. Da das ganze menschliche Geschlecht unmöglich Eine Heerde bleiben konnte: so konnte cs auch nicht Eine Sprache behalten. Es ward also eine Bildung verschiedener National-Sprachen nothwendig. eigentlichen Verstände ist nie schon Eine Sprache bei Mann und Weib, Vater und Sohn, beim i38 I. Preisschrift Kinde und Greise möglich. Man gehe, z. B. unter den Morgenländern die langen und kurzen Vocale, die mancherlei Hauche und Kchlbuchstaben, die leichte und so mannigfaltige Verwechselung der Buchstaben von allerlei Organ, die Ruhe- und Sprachlichen, mit allen Verschiedenheiten, die sich schriftlich so schwer ausdrücken lassen, Ton und Accent, Vermehrung und Verringerung desselben, und hundert andere zufällige Kleinigkeiten in den Elementen der Sprache durch; und bemerke auf der andern Seite die Verschiedenheit der Sprachwcrkzeuge bei beiderlei Geschlecht, in der Jugend und im Alter, auch nur bei zwei gleichen Menschen, nach so manchen Zufällen und Einzclnheiten, die den Bau dieser Organe verändern, bei so manchen Gewohnheiten, die zur zweiten Natur werden u. s.„So wenig als es zwei Menschen ganz von einerlei Gestalt und Gesichtszügen: so wenig kann cs zwei Sprachen, auch nur der Aussprache nach, im Munde zweier Menschen geben, die völlig Eine und dieselbe Sprache wären." Jedes Geschlecht wird in seine Sprache einen Haus- und Familien-Ton bringen: das wird, der Aussprache nach, schon eine verschiedene Mundart. Klima, Luft und Wasser, Speise und Trank werden auf die Sprachwerkzeuge und natürlich auch auf die Sprache cinfließen. Die Sitte der Gesellschaft und die mächtige Gottinn Gewohnheiten werden bald nach Geberden und /Anstand diese Eigenheit, jene Verschiedenheit über d e n. U r sp r u n g der Sprache, r 3 g einführcn; mithin wird ein Dialect.— „Ein philosophischer Versuch über die verwandten Sprach arten der Morgenländer" wäre der angenehmste Beweis dieser Satze. Das war nur Aussprache. Aber Worte selbst Sinn, Seele der Sprache — welch ein unendliches Feld von Verschiedenheiten thut sich mit ihnen aus! Wir haben gesehen, wie die ältesten Sprachen voll Synonyme haben werden müssen; und wenn nun von diesen Synonymen dem Einen dies, dem Andern jenes geläufiger, seinem Schepunkt angemessener, seinem Empsindungskreise ursprünglicher, in seiner Lebensbahn öfter vorkommend, kurz von mehrerm Eindruck auf ihn wurde; so gabs Lieblingsworte, eigene Worte, Idiotismen, ein Idiom der Sprache. Bei jenem ging jenes Wort aus; dieses blieb. Jenes war durch einen Nebengesichtspunkt von der Hauptsache weggebogen; hier veränderte sich mit der Zeitfolge der Geist des Hauptbegriffs selbst; da wurden also eigene Biegungen, Ableitungen, Veränderungen, Vor- und Zusätze» Versetzungen, Wegnahmen von ganzen und halben Bedeutungen, also ein neues Idiom; und das alles ward so natürlich, als Sprache dem Menschen ein Sinn seiner Seele ist. Je lebendiger eine Sprache, je näher sie ihrem Ursprünge, und also noch in den Zeiten der Jugend und des Wachsthums ist: desto veränderlicher ist sie. Eine Sprache, die nur in Büchern da ist, wo fie nach Regeln gelernt, nur in Wissen- I. Preisschrift igo schäften und nicht im lebendigen Umgänge gebraucht wird, wo sie ihre bestimmte Zahl von Gegenständen und von'Anwendungen hat, wo also ihr Wörterbuch geschloffen, ihre Grammatik geregelt, ihre Sphäre strick ist: eine solche Sprache kann noch eher im Merklichen unverändert bleiben, und doch auch nur im Merklichen. Allein eine im wilden freien Leben, im Reich der großen, weiten Schöpfung, noch ohne förmlich geprägte Regeln, noch ohne Bücher und Buchstaben und angenommene Meisterstücke; so dürftig und unvollendet, um noch täglich bereichert werden zu müssen, und so jugendlich gelenkig, um es noch täglich auf den ersten Wink der Aufmerksamkeit, auf den ersten Befehl der Leidenschaft und Empfindung werden zu können; sie muß sich verändern in jeder neuen Welt, die man steht, in jeder Methode, nach der man denkt und fortdenkt. Selbst Aegyptische Gesetze der Einförmigkeit könnten hier nicht das Gegenthcil bewirken. Nun ist offenbar der ganze Erdboden für das Menschengeschlech.t, und dies für den ganzen Erdboden gemacht; (ich sage nicht, jeder Bewohner der Erde, jedes Volk ist plötzlich durch den raschesten Uebcrsprung für das entgegengesetzteste Klima und so für alle Weltzonen geschaffen; sondern das ganze Geschlecht für den ganzen Erdkreis.) Wo wir uns umher sehen, da ist der Mensch so zu Hause, wie die Landrhiere, die ursprünglich für diese Gegend bestimmet sind. Er dauert in Grönland unter dem Eise, und bratet sich in Guinea unter der senkrechten Sonne: er ist auf seinem Felde, wenn er in Lappland mit dem Rennthiere über den über den Ursprung der Sprache. 141. Schnee schlüpft, und wenn er die Arabische Wüste mit dem durstigen Kameel durchtrabet. Die Holste der Troglodyten und die Bergspitzcn der Kabylen, der Rauchkamin der Oastiken und der goldene Pallast des Moguls enthalt Menschen. Für sie ist die Erde am Pol geplattet und am Acquator erhöhet: für sie walzt sie sich so und nicht anders um die Sonne: für sie sind ihre Zonen und Jahrszeiten und Veränderungen; und sie wiederum sind für alle Zonen, Jahreszeiten und Veränderungen der Erde. Das Naturgesetz ist also auch hier sichtbar: „Menschen sollen überall aus der Erde wohnen, da „jede Lhiergattung bloß ihr Land und engere Sphäre „haben kann:" der Erdbewohner wird sichtbar. Und ist das, so wird auch seine Sprache Sprache der Erde. Eine neue in jeder neuen Welk; National-Sprache in jeder Nation; die Sprache wird ein Proteus auf der runden Oberfläche der Erde. Manche neue Philosophen haben diesen Proteus so wenig fesseln und in seiner wahren Gestalt erblicken können, daß es ihnen wahrscheinlicher vor- gekommcn ist, die Natur habe in jeden großen Erdstrich so gut ein Paar Menschen zu Stammaltern hinschaffen können, wie in jedes Klima eigne Thie- re. Diese hätten sich sodann solch eine eigne Land- und National-Sprache erfunden, wie ihr ganzer Bau nur für dies Land sey geschaffen gewesen. Der kleine Lappländer mit seiner Sprache und mit seinem dünnen Bart, mit seinen Geschicklichkeiten und seinem Temperament, sey ein so ursprünglich-Lappländisches Menschenchier, als sein Rennthier; und ,42 I. Pr eis sehr ist her Neger mit seiner Haut, mit seiner Tintblassen- schwarze ^ mit seinen Lippen und Haar und Truthühnersprache, und Dummheit und Faulheit, sey e.jn natürlicher Bruder der Affen desselben Klima's- Es sey so wenig eine Einheit des Ursprungs zwischen den Sprachen der Erde auszutraumen, als zwischen der Bildung aller Mcnschcngattungcn; und es hieße sehr unweise von Gott gedacht, nur ein Paar Menschen als Stammaltcrn für die ganze Erde, schwach und schüchtern, zum Raube der Elemente und Thiere in einem Erdewinkel dahin gesetzt, und einem tausendfachen Ungefähr von Gefahren überlassen zu haben.- Wenigstens, fahrt eine weniger behauptende Meynung fort, wäre die Sprache eine natürliche Production des menschlichen Geistes, die sich nur allmählich mit dem Menschengeschlecht nach fremden Klimaten hingezogen hatte: so müßte sie sich auch nur allmählich verändert haben. Man müßte die Abänderung, den Fortzug und die Verwandtschaft der Völker im Verhältnisse sortgehcn sehen, und sich überall nach kleinen Nüanccn von Denk -, Mund- und Lebensart genaue Rechenschaft geben können. Wer aber kann das? Findet man nicht in demselben Klima, ja dicht an einander in allen Weltthei- len kleine Völker, die in einerlei Kreise so verschiedene und entgegengesetzte Sprachen haben, daß alles ein Böhmischer Wald wird *)? Wer Reisebeschrei- *) Wie viele Sprachen bestehen in Ungarn? Zn beinahe tausend Jahren keine Koalition derMad- über den Ursprung der Sprache. 14S bungen von Nord- und Süd-Amerika, von Afrika und Asien gelesen hat, dem dürfen die Stamme dieses Waldes nicht vorgerechnet werden. Hier schließen diese Zweifler, hört also alle menschliche Untersuchung auf. Und doch glaube ich, daß auch hier die Untersuchung nicht aufhöre, sondern daß sich diese „Verschiedenheit dicht aneinander eben so „natürlich erklären lasse, als die Einheit der „Fa m i l ie n - Sp r ac h e in Einer Nation." Die Trennung der Familien in abgesonderte Nationen geht gewiß nicht nach den langweiligen Verhältnissen von Entfernung, Wanderung, neuer Beziehung und dcrgl., wie sie der kalte Philosoph den Zirkel in der Hand, auf der Landkarte abmißt, und wie nach diesem Maaße große Bücher „von Verwandtschaften der Völker" geschrieben worden, an denen alles, nur die Regel nicht, wahr ist, nach der alles berechnet ward. Thun wir einen Blick in die lebendige, wirksame Welt, so sind Triebfedern da, die die Verschiedenheit der Sprache unter den nahen Völkern sehr natürlich veranlassen müssen; nur man wolle den Menschen nach keinem sharischen und Slawischen. In der Schweiz trennen Brücken, kleine Bäche, wohl in Einer Stadt, Französisch oder Romanisch und Deutsch redende Menschen, so daß die nächsten nicht allemal beide Sprachen verstehen. Der Herausgeber. '44 I. Preis schrifr Lieblings-System zu etwas anders, als er ist, umbilden. Er ist kein Rousseau scher Waldmann: er hat Sprache> Er ist kein Hobbesischer Wolf: er hat eine Fa m i l i en - S p rach e. Er ist aber auch in andern Verhältnissen kein unzeiti- qes Lamm: er kann sich also auch eine entgegengesetzte Natur, Gewohnheit und Sprache bilden. — Kurz! „der Grund von dieser Verschiedenheit so „naher kleiner Völker in Sprache, Denk - und Lebensart ist gegenseitiger Familien- und „National- Hast" Ohne alle Verschwarzung und Verketzerung der menschlichen Natur können zwei oder mehrere nahe Stamme, wenn wir uns in ihre Familien - Denkark setzen, nicht anders, als bald Gegenstände des Zwistes finden. Nicht bloß, daß ähnliche Bedürfnisse sie bald in einen Streit, wenn ich so sagen darf, des Hungers und Durstes verwickeln werden, wie sich z. B. zwei Rotten von Hirten über Brunnen und Weide zanken, und nach Beschaffenheit der Weltgegenden oft sehr natürlich zanken dürfen; ein viel heißerer Funke glimmt ihr Feuer an: Eifer- sucht, Gefühl der Ehre, Stolz aufihr Geschlecht und ihren Vorzug. Dieselbe Fa- milien-Neigung, die, in sich selbst gekehret, Starke der Eintracht Eines Stammes gab, macht außer sich gekehrt, gegen ein andres Geschlecht, Starke der Zwietracht, Familien- Haß. Dort zogs viele zu Einem desto fester zusammen; hier machts aus zwei Parteyen gar bald bittere Feinde. Der Grund dieser Feindschaft und ewigen über den Ursprung der Sprache. 146 ewigen Kriege ist in solchem Falle mehr edle menschliche Schwachheit, als ein niederträchtiges Laster. Da die Menschheit auf dieser Stufe der Bildung mehr Kräfte der Wirksamkeit, als Güter des Besitzes hat: so ist auch der Stolz auf jene mehr Ehrenpunkt, als das leidige Besitzthum der letzten, wie in spätem nervenlosen Zeiten. Ein braver Mann zu seyn, und einer braven Familie zu gehören, war aber im damaligen Zeitalter fast Eins, da der Sohn, in vielem Betracht noch eigentlicher als bei uns, seine Tugend und Tapferkeit vom Vater erbte, lernte; und der ganze Stamm überhaupt bei allen Gelegenheitesi für einen braven Mann stand. Es ward also bald das Wort natürlich : w er nich t m i t un d a u s u n s i s t, der ist unter uns! der Fremdling ist schlechter, als wir, er ist Barb a r. In diesem Verstände war Barbar das Losungswort der Verachtung *): ein Fremder war zugleich ein unedlerer, der uns an Weisheit oder Tapferkeit, (oder was der Ehrenpunkk des Zeitalters sey,) nicht gleich kommt. Nun ist dies freilich, wie ein Engländer richtig anmerkt, wenn es bloß auf Eigennutz und Sicherheit des Besitzes ankoMmc, eben kein Grund zum Haffe, daß der Nachbar nicht so tapfer als wir ist: wir konnten uns vielmehr in der Stille darüber *) „Sohn der Wüste," ein Vereinzeltet, gegen den die aufkeimenden Vereine sich gewaltig däuchten. Der Herausgeber. Philos. «nd Gksch. n. Th. K I. Preisschrift freuen. Allein eben , weil diese Meynung nur Meynung, und von beiden Theilen, die gleiches Gefühl des Stummes haben, gleiche Meynung ist * **) ^: so ist eben damit die Trompete des Krieges geblasen. Das sodann gilt die Ehre, das weckt den Stolz und Muth des ganzen Stammes; auf beiden Seiten entstehen Helden und Patrioten. Und weil jeden die Ursache des Krieges traf, und jeder sie einsehen und fühlen konnte; so wurde der National- Haß in Luttern Kriegen verewigt. Und da war die zweite Synonyme fertig: wer nicht mit mir ist, ist gegen mich. Barbar und Gehaßi- ger; ein Fremdling, ein Feind, wie bei den Römern ursprünglich das Wort Uostis ! Das dritte folgte unmittelbar aus den zwei ersten Stücken, nämlich eine völlige Trennung und Absonderung. Wer wollte mit einem solchen Feinde, dem verächtlichen Barbaren, was gemein haben ? Keine Familien - Gebrauche, kein Andenken an Einen Ursprung, und am wenigsten Einerlei Sprache, da Sprache eigentlich „das Merkwort des Geschlechts, das Band der Familie, das Werkzeug des Unterrichts, ein Heldengesang von den Th a- ten der Vater, und die Stimme derselben aus ihren Gräbern" war. Unmöglich *) Der Barbar fühlte sich einen kraftvollern Mann, als die inner den Stadtmauern sich verweichlichten. Der Herausgeber. **) Voss, kU^mal, über den Ursprung der Sprache. 147 konnten diese Beyden Einerlei bleiben; und so schuf dasselbe Familien-Gefühl, das Eine Sprache gebildet hatte, da es National-Haß wurde, oft Verschiedenheit, völlige Verschiedenheit der Sprache. Er ist Barbar, er redet eine fremde Sprache: dies war die dritte, so gewöhnliche Synonyme. So umgekehrt die Etymologie dieser Worte scheine, so beweiset doch die Geschichte aller kleinen Völker und Sprachen, über welche die Frage gilt, ,hre völlige Wahrheit; die Absätze der Etymologie sind nur Abstraktionen, nicht Trennungen in der Geschichte. Viele solcher nahen Polyglotten sind einander die grimmigsten, unversöhnlichsten Feinde; und zwar nicht alle aus Raub - und Habsucht, da sie oft nicht plündern, sondern nur tödtcn und verwüsten, und dem Schatten ihrer Väter opfern. Schatten der Vater sind die Gottheiten, und die einzigen unsichtbaren Maschinen der ganzen, blutigen Epopee, wie in den Gefangen Ossians. Sic sinds, die den Anführer in Traumen wecken und beleben, und denen er seine Nachte wacht: sie sinds, deren Namen seine Begleiter in Schwüren und Gesängen nennen: sie sinds, denen man die Gefangnen in allen Martern weihet; und sie sinds auch gegentheils, die den Gemarterten in seinen Gesängen und Todesliedern stärken. „Verewigter „Fa mi l ien - Ha ß" ist also die Ursache ihrer Kriege, ikrer so eifersüchtigen Abtrennungen in Völker, die oft kaum nur Familien gleichen, und nach aller Wahrscheinlichkeit auch Ursache der „vö lli- K 3 148 1. Preis schrift „gen Unterschiede ihrer Gebräuche und „Sprachen." Eine morgenlandische Urkunde über die Trennung der Sprachen*), (die ich hier nur als ein poetisches Fragment zur Archäologie der Völkergeschichte betrachte), bestätigt durch eine sehr dichterische Erzählung, was so viel Nationen aller Welttheile durch ihr Beispiel bestätigen. „Nicht allmählich verwandelten sich die Spra- „chen," wie sie der Philosoph durch Wanderungen vervielfältigt; „die Volker vereinigten sich," sagt das Poem, „zu einem großen Werke; da floß über sic der Taumel der Verwirrung und der Vielheit der Sprachen, daß sie abließen und sich trennten " — Was war dies, als eine schnelle Verbitterung und Zwietracht, zu der eben ein solch großes Werk den reichsten Anlaß gab? Da wachte der vielleicht hei einer klekncn Gelegenheit beleidigte Familien- Geist auf: Bund und Absicht zerschlug sich; der Funke der Uneinigkeit schoß in Flammen: sie flogen auseinander, und thaten „d a S jetzt um so „heftiger, dem sie durch ihr Werk hatten „zuvorkommen wollen: sie verwirrten „das Eine ihres Ursprungs, ih-re Sprache. So wurden verschiedne Völker; und da „sagt der spatere Bericht, heißen noch die Trüm- „mer: Verwirrung der Völker!" Wer den Geist der Morgenländer in ihren Einkleidungen und Geschichten kennet, (ich will hier für die Theologie ' *) 1 Mos. ir. über denUrsprungderSprache. 14s keine höhere Veranstaltung ausschließen), der wird vielleicht den sinnlich gemachten Hauptgedanken nicht verkennen, daß „Veruneinigung über einer großen „gemeinschaftlichen Absicht," und nicht bloß die Völkerwanderung mit eine Ursache zu so vielen Sprachen geworden. Aber auch dies morgenlgndische Zeugniß, (das ich hier nur als Poem anführen wollte), dahinge- stellct, sichet man, daß die Vielheit der Sprachen keinen Ei nwurf gegen das Natürliche und Menschliche der Fortbildung einer Sprache abgeben könne. Hier und da können freilich Berge durch Erdbeben hervor gehoben seyn; folget aber daraus, daß die Erde im Ganzen mit ihren Gebirgen und Strömen und Meeren nicht ihre Gestalt aus Wasser könne gewonnen haben?— Nur freilich wird auch eben damit den Etpmylogisten und Völkerforschern ein nützlicher Stein der Behutsamkeit auf die Zunge gelegt, „aus den Sprach Unähnlichkeiten „nicht zu despotisch ans ihre Abstammung zu schließen." Es können Familien sehr nahe verwandt seyn, und doch Ursache gehabt haben, die Verwandtschaft der Wappen zu unterdrücken, die ihnen einst gemein gewesen, Der Geist solcher kleinen Völker gibt dazu Ursache genug. I. Preisfchrift i5c> Viertes Naturgesetz. „So wie nach aller Wahrscheinlichkeit das mensch- „liche Geschlecht Ein progressives Ganze von „Einem Ursprünge in Einer großen Haushaltung ausmacht: so auch alle Sprachen, und „mit ihnen die ganze Kette der Bildung." sonderbare charakteristische Plan ist bemerkt, der über Einen Menschen waltet: seine Seele ist gewohnt, immer das, was sie sieht, zu reihen mit dem, was sie sah, und durch Besonnenheit wird also „ein p r o gr essiv es Ei n s aller Zustande des Lebens, mithin Fortbildung „der Sprache." Der sonderbare charakteristische Plan ist bemerkt, der über das Menschengeschlecht waltet, daß durch die Kette des Unterrichts Aeltern und Kinder Eins werden, und jedes Glied also nur von der Natur zwischen zwei andre hingeschoben wird, um zu empfangen und mitzutheilen; dadurch wird „Fortbildung der Sprache." Endlich geht dieser sonderbare Plan auch aufs ganze Men scheng e sch lecht fort; und dadurch wird „eine Fortbildung im höchsten Verstände," die aus den beiden vorigen unmittelbar folget. ' l Jedes Individuum ist Mensch, folglich denkt er die Kette seines Lebens fort. Jedes Individuum ist Sohn oder Tochter, es ward durch Unterricht gebildet, folglich bekam es immer einen Theil der Gedrinkenschatze seiner Vorfahren frühe mit, und wird sie nach seiner Art weiter reichen; also ist auf gewisse Weise „kein Gedanke, keine Erfindung, keine Vervollkommnung, die „nicht w eite r, fast ins Unendliche re l- „c h e." So wie ich keine Handlung thun, keinen Gedanken denken kann, der nicht auf die ganze Un- crmeßlichkeit meines Daserns natürlich hinwirke; so gibt es kein Geschöpf meiner Gattung, das nicht mit jedem buch für die ganze Gattung und für das fortgeh ende Ganze der ganzen Gattung wirke. Jedes treibt eine große oder kleine Welle: jedes verändert den Zustand der einzelnen Seele, mithin das Ganze dieser Zustande, wirkt immer aufandre, verändert auch in diesen etwas — der erste Gedanke in der ersten menschlichen Seele hangt mit dem letzten in der letzten menschlichen Seele zusammen. Ware Sprache dem Menschen so angeboren, als den Bienen der Honigbau; so zerfiele mit Einmal dies größeste prächtigste Gebäude in Trümmer. Jeder brachte sich sein wenig Sprache auf die Welt, oder da doch das „auf die Welt bringen" für eine Vernunft nichts heißt, als sie sich gleich erfinden — welch ein trauriges Einzelne würde damit jeder Mensch! Jeder erfindet seine Rudimente, stirbt über ihnen, und nimmt sic ins Grab, wie I, Preisschrift i5r di^e Biene ihren Kunstbau: der Nachfolger kommt, quakt sich über denselben Anfängen, kommt eben fo wenig weit als jene, stirbt — und so geht» ins Unendliche. Man flehet, „der Plan, der „über die Thiere geht, die nichts erfinden, kann ,.nicht über Geschöpfe gehen, die erfinden müssen," oder es wird ein planloser Plan! Erfindet jedes für sich allein, so wird unnütze Mühe ins Unendliche vervielfältigt, und der erfindende Verstand fernes besten Preises beraubt, zu wachsen. Was für Grund hätte ich, um irgendwo in der Kette stille zu stehen, und nicht, so lange ich denselben Plan wahrnchme, auch auf die Sprache hinauf zu schließen? Kam ich auf die Welt, um sogleich in den Unterricht der Meinigen eintreten zu müssen; so mein Vater, so der erste Sohn des ersten Stammvaters auch, und wie ich meine Gedanken um mich und in meine Abfolge breite: so mein Vater; so sein Stammvater; so der Erste aller Vater. Die Kette reicht fort und steht nur ,,bei Einem, dem Ersten," stille. So sind wir alle seine Söhne: von ihm fängt sich Geschlecht, Unterricht, Sprache an: Ec hat zu erfinden angefangcn; wir alle haben ihm nacherfunden , bilden und mißbilden. Kein Gedanke in einer menschlichen Seele war verlohren; nie aber war auch Eine Fertigkeit dieses Geschlechts auf Einmal ganz da, wie bei den Thiercn. „Zu Folge der „ganzen Oekonomie," war sie immer im Fortschritte, im Gange; nichts Erfundnes, wie der Bau einer Zelle, sondern alles im Erfinden, im Fortwirken, strebend. In diesem Ge- über den Ursprung der Spruche. i5!) sichtspuukt, wie groß wird die Spruche! „Eine „Schatzkammer menschlicher Gedanken, „wohin jeder auf seine Art etwas b e i- „trug; eine Summe der Wirksamkeit „aller m e n sc h l i c h c n S e e l e n," Höchstens — (tritt hier die vorige Philosophie, die den Menschen gern als ein Land - und Domai- nen-Gut betrachten möchte, dazwischen —) „Höchstens „dürfte diese Kette doch wohl nur bis an jeden Einzelnen ersten Stammvater eines Landes reichen, „von dem sich sein Geschlecht, wie seine Landsprache „erzeugte?" *) Ich wüßte nicht, warum sie nur bis dahin und nicht weiter reichen sollte? Warum diese Landesvater nicht wieder unter sich einen Erdenvater konnten gehabt haben, da „die ganze forkgehende Aehnlichkcit der Haushaltung dieses Geschlechts" es so federt, Ja, (hören wir den Einwurf), „als wenns wci- „se gewesen wäre, ein schwaches Menschenpaar in „einen Winkel der Erde zum Raube der Gefahr „auszustellen?" Und als wenns weiser gewesen wäre, viele solche schwache Menschenpaare ein-, zeln in verschiedenen Winkeln der Erde zum Raube zehnfach ärgerer Gefahren zu machen? Der Fall wagender Unvorsichtigkeit ist nicht bloß überall derselbe; sondern er wird auch mit jeder Vervielfältigung vermehret. Ein Menschenpaar, irgendwo,, jm besten, bequemsten Klima der Erde, wo *) UbUosoxllie äe 1'bistoire etc. etc. I. Preisschcift i54 Sie Jahreszeit ihrer Nacktheit am wenigsten strenge ist, wo der fruchtbare Boden den Bedürfnissen ihrer Unerfahrenheit von selbst zu Statten kommt, wo gleichsam alles umher gelagert ist, wie eine Werkstatte, um der Kindheit ihrer Künste zu Hülfe zu kommen — ist dies Paar nicht weiser versorgt, als jedes andre menschliche Landthier, was unter dem unfreundlichsten Himmel in Lappland oder Grönland, mit der ganzen Dürftigkeit der nackten crfrornen Natur umgeben, den Klauen eben so dürftiger, hungriger, und um so grausamerer Thie- re, mithin unendlich mehrern Ungemächlichkeiten ausgesctzt ist? Die Sicherheit der Erhaltung nimmt also ab, je mehr die ursprünglichen Erdenmenschen verdoppelt werden. Und dann wie lange bleibt das Paar im seligem Klima Ein Paar? Es wird bald Familie, bald ein kleines Volk, und wenn es sich nun als Volk ausbreitet, es kommt in ein ander Land, es kommt schon als Volk hinein — wie weiser! wie sicherer! Viele an Anzahl, mit gehärteten Körpern, mit versuchten Seelen, ja mit dem ganzen Schatze von Erfahrungen ihrer Vorfahren beerbt: wie vielfach also verstärkte und verdoppelte Seelen! Nun sind sie fähig, sich bald zu Landgeschöpfen dieser Gegend zu vervollkommnen: sie werden in kurzem so eingeboren, als die Thiere des Klima mit Lebensart, Denkart und Sprache. — Beweiset nicht aber eben dies „den natürl ichcn „Fortgang des menschlichen Geistes, „der sich aus einem gewissen Mittel- „punkt zu Allem bilden kann." Es kommt nie auf eine Menge bloßer Zahlen, sondern auf die über den Ursprung der Sprache. r55 Gültigkeit und Progression ihrer Bedeutung, nie «uf eine Menge schwacher Subjecte, sondern auf die Kräfte an, mit denen sie wirken. Diese wirken eben im simpelsten Verha'tniß am stärksten; und nur die Bande umfangen also das ganze Geschlecht am strengsten, die von Einem Punkte der Verknüpfung ausgehen. Ich lasse mich in keine weitern Gründe dieses einstämmigen Ursprungs ein: daß z. B. noch keine wahren Data von neuen Menschengattungen, die diesen Namen, wie die Thiergattungen, verdienten, aufgefunden sind; daß die offenbar allmähliche und fortgehende Bevölkerung der Erde gerade das Gegentheil von eingebornen Landthieren zeige; daß die Kette der Cultur und ähnlicher Gewohnheiten dasselbe, nur dunkler, zeige u. s.w. Ich bleibe bei'der Sprache. Wären die Menschen National-Thiere, deren jedes die seinige sich ganz unabhängig und abgctrennt von andern selbst erfunden hätte: so müßte diese gewiß „eine größere Ber sc hied e n a r ti g keit" zeigen, als vielleicht die Einwohner des Saturns und der Erde gegen einander haben mögen; und doch geht bei uns offenbar Alles auf Einem Grunde fort Auf einem Grunde, nicht bloß was die Form, sondern was wirklich den Gang des menschlichen Geistes betrifft: denn unter allen Völkern der Erde ist die Grammatik beinahe auf Einerlei Art gebaut. Die einzige Si- nesische macht, meines Wissens, eine wesentliche Ausnahme, die ich mir aber als Ausnahme sehr zu r56 I. Preisschrift erklären getraue. „Wie viel Sineser-Gram- ,,matiken aber, und wie viele Arten derselben „müßten seyn, wenn die Erde voll sprach- „erfindender Landthiere gewesen wäre!" Woher kommts, daß so viele Völker ein Alphabet haben, und doch fast nur Ein Alphabet auf dem Erdboden zu finden ist? Der sonderbare und schwere Gedanke, sich aus den Bestandtheilen der willkührlichcn Worte, aus Lauten, will- .kührliche Zeichen zu bilden, ist so verwickelt, so sonderbar, daß es gewiß unerklärlich wäre, wie viele und so viele auf den einen so entfernten Gedanken, und alle ganz auf Eine Art auf ihn gefallen wären. Daß sie alle die weit natürlichem Zeichen, die Bilder von Sachen, vorbei -ließen, und Hauche mahlten, unter allen möglichen dieselben zwanzig mahlten, und sich gegen die übrigen fehlenden dürftig behalfen, daß zu diesen zwan- zig so Viele dieselben willkührlichen Zeichen nahmen Wird hier nicht U e b e r l i e- ferung sichtbar? Die morgenlandischen Alphabete sind im Grunde eins: Das Griechische, Lateinischs, Runische, Deutsche, u. s. w. sind Ableitungen ; das Deutsche hak daher noch mit dem Koptischen Buchstaben gemein, und einige Irländer sind kühn genug gewesen, den Homer für eine Ueberse- tzung aus ihrer Sprache zu erklären. Wcr kann, (so wenig oder viel er darauf rechne), im Grunde die Verwandtschaft der meisten Sprachen ganz verkennen? „Wie ein Menschcnvolk nur auf über den Ursprung der Sp reiche. 167 „der Erde wohnet, so auch nur Eine Menschen- „sprache: wie aber diese große Gattung sich in so „viele kleine Landarten nationalisirt hat: so ihre „Sprachen nicht anders." Viele haben sich mit den „Stamm listen „dieser S p r a c h e n ge sch l e c hte r" versucht; ich versuche es nicht: denn wie viele, viele Neben- Ursachen konnten in dieser Abstammung, und in der Kenntlichkeit dieser Abstammung Veränderungen machen, auf die der etymologisircnde Philosoph nickt rechnen kann und .die seinen Stammbaum trügen. Zu dem sind unter den Rcisebeschreibcrn und selbst Missionarien so wenig wahre Sprach - Philosophen gewesen, die uns von dem Osnirrs und dem charakteristischen Grunde ihrer Völkcrsprachen hatten Nachricht geben können oder wollen"', daß man im Allgemeinen hier noch in der Irre gehet. Sie geben meistens bloß Verzeichnisse von Wörtern. Die Regeln der wahren Sprach - Deduktion sind auch so fein, daß wenige-doch das alles ist nicht mein Werk. Im Ganzen bleibt das Naturgesetz sichtbar: „Sprache pflanze und bilde sich mit dem menschlichen Geschlechte fort;" in diesem Gesetze zahle ich nur Hauptarten auf, die eine verschiedene Dimension geben. I. Zeder Mensch hat freilich alle Fähigkeiten, die sein ganzes Geschlecht besitzet, und j.de Nation die Fähigkeiten, die alle Nationen haben; cs ist indessen doch wahr, daß eine Gesellschaft mehr als ein Mensch, und das ganze mensch- r53 1. Preis sehr ist lich e Ge s ch le c h t m e h r als ein einz«l- u es Volk erfinde. Und das zwar nicht bloß nach Menge der Köpfe, sondern nach viel- fach und innig vermehrtercn Verhältnissen. Man sollte denken, daß ein einsamer Mensch, ohne dringende Bedürfnisse, mit aller Gemächlichkeit der Lebensart, vielmehr Sprache erfinden , ja daß seine Muße ihn dazu antrribcn werde, seine Scelenkrafte zu üben, mithin immer etwas Neues zu erdenken. Allein das Gegentheil ist klar. Er wird ohne Gesellschaft immer auf gewisse Weefi verwildern, und bald in Unthatigkeit ermatten, wenn er sich nur erst in den Mittelpunkt gesetzt hat, seine nöthigsten Bedürfnisse zu befriedigen. Er ist immer eine Blume, die, aus ihren Wurzeln gerissen, von ihrem Stamme gebrochen, da liegt und welker. — Setzet ihn aber in Gesellschaft und in mehrere Bedürfnisse: er habe für sich und andere zu sorgen; man sollte denken, diese neuen Lasten nehmen ihm die Freiheit, sich empor zu heben: dieser Zuwachs von Peinlichkeiten nehme ihm die Muße, zu erfinden; aber gerade umgekehrt. Das Bedürs- niß strengt ihn an: die Peinlichkeit weckt ihn: die Rastlosigkeit halt seine Seele in Bewegung: er wird desto mehr lhun, je wundersamer cs wird, daß crs thue. Sv wachst also die Fortbildung einer Sprache von einem Einzelnen bis zu einem Fa m ilie n - M « nsc h en schon in sehr zusammengesetztem Verhaltet ß. Alles andre abgerechnet, wie wenig würde doch der Einsame, selbst der einsame Sprachen-Philosoph aus seiner wüsten Znsel erfinden! Wieviel mehr und starker wirkt der Stammvater, der Fa- über den Ursprung der Sprache. r5g milien-Mann! Die Natur hat also diese Fortbildung gewahlet. II. Eine einzelne, abgetrennte Familie, denkt man, wird ihre Sprache bei Bequemlichkeit und Muße mehr ausbilden können, als bei Zerstreuungen, bei Kriegen gegen einen andern Stamm, u. s. w.; allein nichts weniger. Je mehr sie gegen andere gekehrt i-st, desto stärker wird sie in sich zusammengedrängt: desto mehr setzt sie sich auf ihrer Wurzel fest, macht die Thaten ihrer Vorfahren zu Liedern, zu Aufrufungen, zu ewigen Denkmahlen, erhält dieses Sprachandenken um desto reiner und patriotischer. — Die Fortbildung der Sprache, als Mundart der Väter, geht desto stärker fort: darum hat die Natur diese Fortbildung ge wählet. III. Mit der Zeit aber setzt sich auch dieser Stamm, wenn er zu einer kleinen Nation angewach- scn ist, in seinem Zirkel fest. Er hat seinen gemeßnen Kreis von Bedürfnissen, und für diesen auch Sprache; weiter gehet er nicht, wie wir an allen kleinen, so genannten barbarischen Nationen sehen. Mit ihren Nothwendigkeiten abgetheilt, können sie Jahrhunderte lang in der sonderbarsten Unwissenheit bleiben, wie jene Inseln ohne Feuer, und wie so viel andere Völker ohne die leichtesten mechanischen Künste; es ist, als ob sie nicht Augen hätten, zu sehen, was ihnen vorliegt. Daher alsdann das Geschrey anderer Völker auf solche, als auf dumme, unmenschliche Barbaren; da wir alle doch vor weniger Zeit eben dieselben Barbaren wa- I. Pr eis sehr ist r6c) ren, und diese Kenntnisse nur von andern Völkern bekamen. Daher auch das Geschrey so mancher Philosophen über diese Dummheit, als über die unbegreiflichste Sache, da doch nach der Analogie der ganzen Haushaltung mit unserem Geschlecht nichts begreiflicher ist, als sie. — Hier hat die Natur eine ueue Kette geknüpft, die Überlieferung von Volk zu Volk. „So haben sich Künste, „Wissenschaften, Eultur und Sprache „in einer großen Progression Nationen „hinab verfeiner t." — Das feinste Band der Fortbildung, das die Natur wählen konnte. Wir Deutsche würden noch, ruhig, wie die Amerikaner, in unsern Wäldern leben, oder vielmehr noch in ihnen rauh kriegen und Helden seyn, wenn die Kette fremder Eultur nicht so nah an uns gedrängt, und mit der Gewalt ganzer Jahrhunderte uns genvthigt hätte, mit einzugrciftn. Der R v- mer holte seine Bildung aus Griechenland, der Grieche bekam sie aus Asien und Aegypten: Aegypten aus Asien, Sinn vielleicht aus Aegypten — so geht die Kette von einem ersten Ringe fort, und wird vielleicht einmal über die Erde reichen. Die Kunst, die einen Griechischen Pallast bauete, zeigt sich bei dem Wilden schon im Bau einer Waldhütte; wie die Mahlerei Mengs und Dürers schon im rohesten Grunde auf dem bemahlten Schilde Hermanns glänzte. Der Eskimau vor seinem Kriegsheere hat schon alle Keime zu einem künftigen Demosthenes; und jene Nation über den Ursprung der Sprache, ikr Nation von Bildhauern am Amazonen-Stro- m e *) könnte vielleicht einen künftigen Phidias erzeugen, wenn die Minerva Griechenlands sich ihrer annähme. Lasset andere Nationen vor- und jene umrücken : so ist alles, wenigstens in den gemäßig- tcn Zonen, wie in der alten Welt. Aegypter, Griechen, Römer, und einige neuere Völker thaten nichts als fortbauen; Perser, Tataren, Gothen und Pfaffen kommen dazwischen und machen Trümmer; desto frischer bauet stchs aus, und nach, und auf solchen alten Trümmern weiter. Die Kette einer gewissen Vervollkommnung der Kunst geht über alles fort, (obgleich andere Eigenschaften der Natur wiederum dagegen leiden), und so auch über die Sprache. Die Arabische ist ohne Zweifel hundertmal feiner, als ihre Mutter im ersten rohe^ Anfänge: unser Deutsch ohne Zweifel feine, als das alte Deutsche. Die Grammatik der Griechen konnte besser werden, als die morgen ländische, denn sie war Tochter: die Römische philosophischer als die G riec h i sch e, die Französische als die Römische; ist der Zwerg auf den Schultern des Niesen nicht immer großer, alS der Riese selbst? Nun sieht man auch, wie trüglich der Beweis für die Göttlichkeit der Sprache aus ihrer Ordnung und Schönheit werde. Ordnung und Schönheit sind da, aber wann, wie und woher sind sie gekommen? De la Condamine. Philos. und Gesch. H. Th. 1-62 I. Pr eis sehr ist Ist denn diese so bewunderte Sprache die Sprache des Ursprunges, oder nicht schon das Kind ganzer Jahrhunderte und vieler Nationen? Siche! an diesem großen Gebäude haben Nationen, und Welt- theile und Zeitalter gebaut; und darum könnte jene arme Hütte nicht der Ursprung der Baukunst seyn? Darum mußte gleich ein Gott die Menschen solchen PaUast bauen lehren? Weil Menschen auf Einmal solchen Pallast nicht hätten bauen können, darum muß ihn nothwendig ein Gott gebauet haben? Oder diese große Brücke zwischen zwei Bergen begreife ich nicht ganz, wie sie gebauet sey; folglich hat sic der Teufel gebauet — welch ein Schluß! Es gehört überhaupt «in großer Grad Kühnheit oder Unwissenheit dazu, zu läugncn, daß sich nicht die Sprache mit dem menschlichen Geschlechte nach allen Stufen und Veränderungen fortgebildct habe; dies zeigt Geschichte und Dichtkunst, Beredsamkeit und Grammatik, ja, wenn alles nicht, so die Vernunft. Hat sie sich nun ewig so fortgebildet und nie zu bilden angefangen? Oder hat sie sich immer menschlich gebildet, so daß Vernunft nicht ohne sie, und sic ohne Vernunft nicht gehen konnte; und mit Einmal wäre ihr Anfang anders? und das so ohne Sinn und Grund anders, wie wir Anfangs gezeigt haben ? In allen Fällen wird die Hypothese eines göttlichen Ursprungs in der Sprache eine f t. Sie bauet sich diesen künstlichen Sinn ihrer Vernunft, als eine Schöpferin, als ein Bild seines Wesens. Der Ursprung der Sprach« wird über den Ursprung der Sprache. i 6 ö also nur auf eine würdige Art göttlich, so fern er menschlich ist. Der höhere Ursprung ist zu nichts nütze, und sogar schädlich. Er zerstört alle Wirksamkeit der menschlichen Seele, erklärt nichts, und macht alle Psychologie, und alle Wissenschaften unerklärbar 7 denn mit-der Sprache haben ja die Menschen alle Saamen von Kenntnissen von Gott empfangen? Nichts ist also aus der menschlichen Seele; der Anfang jeder Kunst, Wissenschaft, und Kenntniß also ist immer unbegreiflich. Der menschliche läßt keinen Schritt thun ohne Aussichten, und ohne die fruchtbarsten Erklärungen in allen Theilen der Philosophie, in allen Gattungen und Vorträgen der Sprache. Der Verfasser hat einige hier geliefert, und kann deren vielleicht noch mehrere liefern, wenn ihm dazu eine nähere Veranlassung würde. Wie würde er sich freuen, wenn er mit dieser Abhandlung eine Hypothese verdränge, die, von mehreren Seiten betrachtet, dem menschlichen Geist nur zum Nebel dienen kann, und dazu lange ge- dienct hat. Er hat eben deßwegen das Gebolhldcr Akademie übertreten und keine Hypothese geliefert: denn was wäre cs, wenn Eine Hypothese die andere auf- oder ihr gleich wäge? und wie pflegt man alles, was die Form einer Hypothese hat, zu betrachten? Er befliß sich lieber, „feste Data aus der menschlichen Seele, "aus der menschlichen Organisation, aus dem Baue aller alten und wilden Spra- I. Preisschrift :c> ,66 ' chen, endlich aus der g an zen H a ush a I- tung des menschlichen Geschlechts zu sammeln," und seinen Satz so zu beweisen, wie eine philosophische Wahrheit bewiesen werden kann. Er glaubt also mit seinem Ungehorsam den Willen der Akademie eher erreicht zu haben, als er sich sonst vielleicht erreichen ließ. II. i Zugaben über den Ursprung der Sprache. 1) Vorrede zu Lord Monboddo's (von E. A. Schmidt übersetztem) Werk über den Ursprung der Sprache. 1784. 2) Ueber Sprechen und Horen. Aus der Deutschen Monalschrift; Mai 1796. I. ^^a ich die Ueberfehung dieser Schrift veranlaßt habe: so dünkt es mich auch Pflicht, die Ursachen der Beranlaßung und den Zweck anzuzeigen, den ich damit zu erreichen hoffte. Der Verfasser des Buchs *) hat sich den Journalisten seiner Nation und leider sowohl den Metaphysikern, als Physikern und Schönschreibern Übel empfohlen. Den ersten, weil er auf die Philosophie des Locke, den zweiten, weil er auf das Ansehen Newtons kühne Angriffe gethan; die modischen Schriftsteller endlich (Zenus irritabile va- tuin) hat e» am meisten beleidigt, da er sich, eingenommen von der Regelmäßigkeit, Klarheit und Ründe der Griechischen Schreibart, so entscheidend gegen den neuern Flitterputz erklärt hat, und wenigen Autoren das klassische Ansehen zugestehen will, Raines Lnrnet ok lVlonboäöo, one oktlie lborcks ok tlie-Lourt ok Zession in Lcottlsnil. 17 » II. Zugaben in dessen Besitz sie sich durch die Stimme der Rc- censenten sicher glauben. Sie haben ihn also reichlich entgelten lassen, was er an ihnen verübte, und auch unter uns ist der Name Monboddo mehr oder minder durch einen Nachhall solcher Urtheile bekannt worden. Indessen ist die Deutsche Nation viel zu gleichgültig oder zu edel, als daß sie durch eine literarische Eabale jenseit des Meers sich in ihrem Urtheil von einem Buch bestimmen ließe, das als Fremdling in ihre Sprache Übertritt, und das Recht der Hospitalität begehret. Locke geht uns nicht weiter an, als so fern er der Wahrheit diente, und wir sind lange schon durch Leibnitz gewöhnt, auch schwache Seiten seiner Philosophie zu finden. Newton hat mit diesem übersetzten Werke nichts zu schaffen: denn was Monboddo gegen ihn hat, hat er in seinen snLient in6taxsi)'sics *) ausgeschüttet; einem Buch, das ich noch nicht gelesen habe, und also, weder zu Verdammen, noch zu rechtfertigen wage. - Was endlich seine Meyuung über die Schreibart anlangt, die wir im Verfolg des Wecks sehen werden: so glaube ich, daß sie mit dem Urtheil der besten Schriftsteller und Richter unsres Vslks übereinstimmen, ja dieses sogar aus Gründen der alten und achten Kritik neu unterstützen werde. Nichts ist ihm so verhaßt, als die bunte Schreibart: nichts ehret und liebet er mehr, als Griechische Einfalt und Klar- *) nieiLplr^sics, or ilie soienvs ok Ilni versslr» Läinb. 177g. über den Ursprung der Sprache. 17 r heit. Ucber den Bau der Sprache und des Perioden hat er mit und nach dem Dionysius von Halikarnaß gründlich und bündig gedacht, so daß, was Er Verderbniß des Geschmacks nennet, ein Alter schwerlich anders nennen würde. Von solchen Vorurtheilen hat also unser Philosoph in Deutschland nichts zu befürchten; vielmehr glaube ich, daß sein Buch bei unsrer Nation, deren Vorzug vor andern eine zwar kältere, aber desto gerechtere Gleichmüthigkeit ist, gewinnen werde. Durch Uebersetzungen aus allen Sprachen sind wir auch an allerlei Vorstellungsarten gewöhnt, und in der Metaphysik haben wir, vielleicht auch unsrer kalten Besonnenheit wegen, wenigstens vor einiger Zeit so große Schritte gethan, daß, wie mich dünkt, eine Basis von festem Geschmack unter uns errichtet worden, für welche Monboddo eben ein Man» ist. — Ich darf also meine Meynung über diese Schrift frei sagen, und sowohl ihr Vortreffliches, als ihre Mangel, wie solche mir wenigsten Herkommen, nicht verhehlen. Der vornehmste Werth des Buchs scheint mir das gefaßte bündige Urtheil zu seyn, welches unfern Autor, in einer ihm angemessenen männlichen Schreibart, vor vielen Schriftstellern unsrer Zeit vortheil- hast auszeichnet. Man sichet und fühlt, daß er, vom Mark der alten genährt, sich von keinem süssen Naschwcrk verführen lasse, und dieses dreist verschmähe. Seine Philosophie ist zwar hie und da mit einiger Aristotelischen Scrupulosität verwebet; übrigens aber bestimmt, gründlich, viel um- 172 II. Zugaben fassend und edel: denn er bleibt nicht beim Star giriten, sondern hat auch Plato und die Reste der Pythagoräer genutzet, ja in einigen Stellen gut erläutert. Sein Freund Harris, den er an mehreren Orten als ein Orakel lobet, und der auch unter uns durch seine vortrefflichen Gespräche *) theils schon bekannt ist, theils durch einen Auszug aus seinem Hermes und seinen kleinen philologischen Abhandlungen bekannt zu seyn verdiente; wahrscheinlich hat dieser beinahe zu eifrige Liebhaber der Griechischen Philosophie ihn auch in diesen Geschmack gezogen; und es ist leicht zu erachten, daß, wer einmal in dieser Liebe ist, nicht von ihr los kann. Wer den Dianen-Tempel zu Ephesus gesehen hat, der läßt die Tempelchen, die auf dem Markte verkauft werden, gern dem Liebhaber. Es kann also seyn, daß Monboddo für den neuern Geschmack nicht vielseitig genug denkt; genug aber, er denkt scharf, bündig und meistentheils richtig. In allen drei Büchern dieses ersten Theils äußert sich dieser achte philosophische Geist; vorzüglich aber im zweiten und dritten; daher ich wünschte , daß Leser, denen die Capitel gegen Locke zu lang dünken, sie nebst einigen Anmerkungen überschlagen, und sich an das halten möchten, was der Verfasser über die Bildung der Ideen, über die Natur des Menschen, über die Entstehung und Fort- *) Jacob Harris Abhandlungen über Kunst, Musik, Dichtkunst und Glückseligkeit. Halle 1780. über den Ursprung der Sprache. 173 schritte der Gesellschaft und Sprache so angenehm als unterrichtend gesagt hat. Der Ursprung und Fortgang der Sprache, wie er ihn betrachtet, ist keine Speculation über Grammatik, sondern eine Philosophie über den Menschen, und über die dunkeln Gründe, wie er das, was er jetzt ist, worden. Ich läugne daher nicht, daß ich nach der Geschichte des Menschen, , auf die Monboddo irgendwo in diesem Buch Hoffnung gibt, sehr verlange, hmd überzeugt bin, daß sie vor dem in einzelnen Thei- len vortrefflichen, im Ganzen aber sehr mittelmäßigen, Werke seines Landsmannes Home viel Vorzüge haben müßte. Der letzte ist reich an Thatsachen und den mancherlei Farben der Menschheit; seine Grundsätze sind aber schwach, und das, woran er alles hängt, ist gerade das Brechlichste im Buche. Monboddo ist mit sich selbst Eins, und hat seine Philosophie aus Zeiten, in denen man den Menschen , noch reiner und entkleideter sah, als wir ihn jetzt sehen können und sehen mögen. Vorzüglich, dünkt mich, ist unserm Verfasser der Hauptzweck seines Werks, die Untersuchung vom Ursprung und den Fortschritten der Sprache, gelungen; so daß ich ihm hierin, da ich ziemlich alles gelesen, was über diesen Gegenstand geschrieben ist, und selbst darüber geschrieben habe, willig die Palme reiche. Da er sich insonderheit an die unbestimmten Worte Natur, Kraft, Fähigkeit gehalten und sie scharf bestimmt hat: so ist diese Materie von ihm beinahe erschöpft, und ich glaube, man habe auch bei andern Dingen nur auf diesem Wege fortzugehen, um die Natur des Menschen in 174 II. Zugaben seinen verschiedenen Zustanden sehr genau zu treffen und zu entwickeln. Ein Gleiches ists mit der Vergleichung mehrerer Sprachen. Es könnte noch eine Reihe andrer wilder und halb wilder darzu gethan werden, (und wahrscheinlich wird dies geschehen, wenn das Studium der Menschenqeschichte mehr empor kommt *); genug der Pfad ist gebahnt: die Grundsätze unsres Autors und seines Freundes Harris dünken mir nicht nur die einzig wahren und festen, sondern auch seine ersten Versuche, mehrere Sprachen verschicdner Völker auf verschleimen Stufen der Eultur mit einander zu vergleichen, werden immer Vorarbeiten eines Meisters bleiben. Und so wäre einmal, (gewiß noch nicht so bald), eine Philosophie des menschlichen Verstandes aus seinem eigenthümlichen Werk, den verschiednen Sprachen der Erde, möglich. Ich würde dem Leser selbst vergreifen, wenn ich ihm die einzelnen trefflichen Gedanken, Urtheile und Winke, die durchs Buch zerstreut sind, vorzahlen wollte; der beste Reiz des Lesens ist, wenn man, wie auf einem einsamen Spaziergange, hier eine Blume, dort eine Frucht, hier eine angenehme Quelle antrifft, und am Ende auch selbst etwas aus- zugaten und zu bessern findet. Nöthiger scheint es *) Insonderheit wünschte ich, daß ein Philosoph in Monboddo's Denkart die Nachrichten von wilden Sprachen in des Abts 6ili Zborin ^moriLnria benutzte, und sodann zu den gebildeter» Sprachen Asiens schritte, von denen in den neuern Jahren gleichfalls nähere Nackricbren bekannt worden sind. über den Ursprung der Sprache. 176 mir, auf einige Eigenheiten des Buchs vorzubereiten ,< auf die ein Tadelsüchtiger um so eher fallen könnte, weil sie dem Auge nur gar zu bloß-liegen. Zuerst hat der Verfasser *), aus Liebe fürs Alterthum, , auf einige Erzählungen des Dionysius von den Unfühlbaren und andern Völkern zu sehr gebauet, ob sein System gleich dieser Jnduction nicht nöthig gehabt hatte. Daß es wilde Völker in Afrika gebe, ist bekannt, und dass es vor ein paar tausend Jahren noch'rohere gegeben habe, ist wahrscheinlich; daß aber diese Rohheit je so weit gegangen, daß eine wirkliche Menschen-Nation völlig ohne Sprache gewesen sey, kann ich nicht glauben. Von den Fischessern sagt es Dionysius nicht; vielmehr was er von ihnen anführt, hat man bei mehrern Völkern der Erde gefunden, die, als man sie naher kennen lernte, völlige Menschen auch im Vermögen der Rede, Sinnen und Trieben waren. Seine Hylophagen sind entweder von der nämlichen Art, oder gar ein Volk Affen gewesen, die man, wie es mehrmals geschehen ist, für wilde Menschen ansah: denn was der Grieche von ihnen anführt, ist der Lebensweiseder Affen ziemlich ähnlich. Diodors Unempfindliche endlich halte ich für eine der Geschichten,, deren Grundzüge wahr, aber übertrieben sind, wie wir in den alten, Mittlern, ja selbst neuen Schriftstellern **) davon eine Menge finden. *) Cap. I. B. 2. **) Man denke an die weiblichen Schürzen der Hottentotten , an die stummen Völker mir blutender II. Zugaben 176 Afrika ist immer reich an Ungeheuern gewesen, aus keiner andern Ursache, als weil es am unbekann» testen war. Ein Gleiches ists mit den langgeschwanzten , Menschen *) auf den Nicobar-Inseln, bei denen j der Verfasser dem Ansehen Linn4's zu sehr folgt. l Es ist bekannt, daß dieser große Mann die Eigenheit hatte, einen Nacht- und Tagmenschen in sein System der Natur aufzunehmen, und daß er jenem ^ zu gut drei völlig verschiedne Wesen, den wilden Buschmann, den menschenähnlichsten Affen und die ! Albinos, einen Auswurf kranker Indianer, unter Einen Namen brachte. Die unbestimmten Sagen ! und mancherlei Fabeln der Reisenden hatten ihn dazu verleitet; je bestimmter aber die Nachrichten ! worden sind, desto genauer sind diese drei Geschöpfe geschieden **). Der wilde Mensch ist «in Mensch, der Lippe, ja noch neuerlich an Cvmmersons Zwerge auf Madagaskar; der Lkrphalen und so mancher andrer Ungeheuer des Plimus nicht zu gedenken. ») Cap. 3. B. 3. ") l^oon'rpbiloloZiLLl eonasrninA tlie rnies, tbe c^nooapliali, tbo sat^rs ancl vk tlie ancients, wbore in it will axpesr, tlieat wäre all eillier spes, orrnonlco^s an» vawt iLir, ^.nci s^>oil, liirs Lalss wwopsw'd io ilrs 8ww. Haci IssouAiit bsew ^.11, svrsst 8zrseLlr Uaä Irssw dsw^'d; 8 psscIr UrowAUi'r Lawsl, 8 o soIr Urowglrt's Lriierion ioo. UrouZIri iw ilrs Miws, wra^ cvwrs kortlr 6o1ä or Oross, Mlrsw ooiw'd iw Word, rvs Irwow iis real Wortlr. *) Haller» Der Herausgeber», II. Zugaben 184 II Sterling, ztors it kor tk^ kuture Ilse, 'Ivvill bu^ tkss Lsriskits PsrknP8 keriorvn. Ikou^kt, ioo, äslivsr'ci, is tks mors ^ossesi; skeuokinA, rvs IsLi-n; snä, ZivinZ, vrs rstsirr Iks Lirtks ok Intsllsat; rvksn ckurnk, korAoi. 8^. osok vsntilaiss our iritslisotuul I'irs; 8^osvk kurraibkss our rueriisl sVluAurius; Drittens kor Oruuuisut; auä 'rvksk; kor IIss. Mkst Iffuruksrb, sksuik'ä in Lruäitiou, lis kluuA'cl io tko H1Ii5 in vsnsrakls Zornes > ^.ncl rnsisä i», vvko uiigkt knvs korus uu Lä^s i^ncl ^>is)''cl. a s^ri^ktl)' Lsarn,ik Korn io 8pesck; Ik born bis8i Heirs ok kalk iksir IVIoiksr's Ion Zus k 'lis IkouAki's LxekanAs, ivkick, liks in' alisrnais ?usk Ok v/avog conkliciinA, krsaks iks learneck Lonrn, i^nä ciekecais8 ilis Ltuäeni's stanäinA I'vol — *). *) Hast du kernen Freund, um deinem Geiste einen Ausfluß zu verschaffen? der gesunde Verstand wird ein stillstehender Sumpf werden. Versperrte Gedanken müssen Lust haben, oder sie verderben, gleich den Waarenballen, die der Sonne nicht geöffnet sind. Waren Gedanken Alles gewesen, so wäre uns die süße Rede versagt worden; die Rede, der Gedanken Canal! die Rede, auch der Gedanken Kennzeichen! Gedanken, die noch in der Grube liegen, können als Gold oder als Schlacken ans Licht kommen; so bald sie in Worten geprägt erscheinen, so kennen wir erst ihren eigentlichen Wcrrh. Sind sie acht, so verwahre sie zu deinem künftigen Gebrauche; sie werden dir über den Ursprung der Sprache. i85 Und diese Erziehung geht durchs ganze Leben. Ein Volk, das gut spricht, das über jeden Gegenstand bestimmt, vernünftig, klar, überzeugend, oder überredend zu sprechen sucht, erwirbt sich eben damit einen großen Reichthum, einen behenden Gebrauch seiner Gedanken. Um aber sprechen zu lernen, muß man hören könne» und hören dürfen. Viele Menschen verstehen diese Kunst zu hören gar nicht; manchen Völkern wird sie über gewisse Gegenstände Vortheil, vielleicht auch Ruhm erkaufen. Ja, je mehr wir unsere Gedanken mittheilen, desto mehr besitzen wir sie; lehrend lernen wir; und, indem wir sie der Welt geben, behalten wir die Geburten unsers Verstandes; sind sie stumm, so werden sie vergessen. Durch die Rede wird das Feuer der Seele angefacht; durch die Rede wird dis Rüstkammer des Geistes geschliffen; zur Zierde, blank geschliffen; und, zum Gebrauche, gewetzt. O welch eine Menge liegt in der Gelehrsamkeit, und in ehrwürdigen Banden, wie in ihrer Scheide,, rief bis ans Heft versenkt, und eingerostet, welche mit lebhaften Strahlen hatten blitzen, und eine durchdringende Schärfe gewinnen können, wenn sie zur Rede waren geboren wor, den; wenn sie nur die halbe Beredsamkeit ihrer Mutter geerbt hätten k Gleich dem wechselnden Stoße kämpfender Wellen, bricht der Tausch der Gedanken den gelehrten Schaum, und reinigt den trägen Sumpf des grübelnde,; Philosophen. YoungS Klagen, zweytc Nacht, nach Eberts llsbersetzung, . S. bo. bi. erster Ausgabe. II. Zugaben - 86 . nich^ vergönnet;, ihre Seelen müssen also von diesen Seiten ungeschliffen und ungelenk bleiben. Daher sehen wir allenthalben, daß Männer, in denen ein großer Trieb war, die Wahrheit von allen Seiten kennen zu lernen, auch auf abgelegnen Seiten den Umgang der Menschen suchten, die fcey zu sprechen wagten. Sie mischten sich, erkannt oder unerkannt, in mancherley Gesellschaften, und hörte n. So, gewann S w i ft, ein ungemeiner Geist , in Fällen,, wo er ihn anwenden wollte, seinen Helle», überzeugenden. Vortrag, seine seltene Volkssprache. Jeder Liebhaber der Eigenthüm- lichkeit menschlicher Gedanken ging auf diesem Wege; ja jeder Mensch, der wirklich und vielseitig gebildet werden will, kennet keinen andern. Die Stände, denen der Zutritt zu frey sprechenden Menschen versagt ist, die solche nicht anhörcn. können und andören mögen, bleiben eingeschränkt in ihrem Gedankenkreise, ungewürfelt in ihrer Vorstellungsart; sie werden argwöhnisch, versteckt, tyrannisch, feige. Nur durch Sprache wird ein Volk, nur durch gemeinschaftliche Sprache werden. Menschen humani- siret. Was mich auf diese Gedanken gebracht hat, ist das Mannscript einer Reise durch Deutschland, die ein Ausländer, ohne politische Parteysucht, bloß zu dem Zwecke unternommen hatte, um zu erfahren, wie man in Deutschland sprach und hörte. Ich würde sie nach der Analogie des einst so beliebten Iura den Sprach- und Hörforscher nennen; darf aber nichts Einzelnes daraus mittheilen. Der Menschenfreundliche Reisende fand Gegenden wo man besser sprach, weil man überden Ursprung der Sprache. 187 sprechen durfte, weil man ohne Groll zu hören wußte; andere, über welche ein fürchterliches Mißtrauen , eine taubstumme Verschlossenheit der Gei danken ihre schwarzen Flügel schlug, und eine wortscheue, zaghafte, gleichsam stotternde Denkart herrschte. Von Heyden zeichnet er die Folgen. Wie Gegenden, so unterschieden sich Stande; und auch hier waren die Folgen augenscheinlich. Menschen, sagt er, die sich einander nicht milthcilen dürfen, denen die Sprache selbst einen Zwang, ein Eeremoniel auflegt, daß die freye Wahrheit, sie, die nicht anders als unmittelbar von Seele zu Seele, von Herz zum Herzen sprechen will und kann, immer Umwege nehmen und unter niedrigen Schlagbaumen durch- kriechen muß, Menschen, denen beruf- und standesmäßig ein Schloß am Munde hangt, oder gar die Zunge am Gaumen klebt; sie kennen keine andere, als eine Sinesische Etikett-Wahrheit. Die Folgen hievon sowohl für den, der nicht sprechen darf, als der nicht hören kann, zeigt mein philosophischer Reisender in Beyspielen, und kommt auf den einfachen Satz zurück: „Wer mit dem andern oder gar für ihn wirken soll, muß wohl auch mit ihm sprechen dürfen." „Woher kommts," sagt er, „daß eine nachbarliche Nation zu der Schnelligkeit von Gedanken, zu der Gewandtheit gelangt ist, die sie, obgleich jetzt in übler Anwendung, dennoch unbestritten auszeich- net? Unter andern auch, weil sie sich ihre Sprache leicht gemacht, und aus ihr, bereits in ihren schönsten Zeiten, manche Ungereimtheiten des Cere- moniels hinweg geschafft hat; unter andern auch weil sie viel spricht, über allerlei) Dinge spricht, und II. Zugaben 18S über jedes bestimmt, hell, anständig und rein zu sprechen sich befleißigt; unter andern auch, weil sich die Menschen in ihr leichter, geselliger mischten, Einer vom andern Ideen anzunehmen nicht ver- schmähte, wodurch denn mehrere Gedanken in schnelleren, vielfachen Umlauf kamen, und kein Stand barbarisch bleiben mußte. Welche Nation, fahrt er fort, hat so viel angenehme und unterrichtende sVIsmoires, als die, von der ich rede? Menschen in allen Standen, und in wie frühen Zeiten haben sie geschrieben! Dagegen fragte ich nach Deutschen Denkwürdigkeiten einzelner berühmter Männer; und außer einigen ehrlichen Reiternachrichten, außer den Tagebüchern armer Wallfahrter nach dem heiligen Lande wußte man mir aus altern Zeiten beynahe nichts zu zeigen. Aus allem schloß ich, daß den Deutschen von jeher das Sprechen schwer gefallen seyn mußte." So mein Autor. Wie also? wenn wir oft, viel, dazu öffentlich, im sreyen Umgänge, wo auf Rede Gegenrede folgt und Ein Wort des andern werth ist, und allenthalben,, mit Lust sprächen; würden wir nicht auch leichter schreiben lernen*)? Unsre Bücher, dünkt mich, würden Abdrücke des gesunden Verstandes, der im Leben herrscht, Vorträge im Ton guter Ge- *) Ein großes Hinderniß ist die Dcpartemental-Ein- richtung, wodurch alles auf unermeßliche Schrei- berey gekommen ist, wobey kein lebendiges Wort der Untersuchung gewechselt wird. Der Herausgeber. über den Ursprung der Sprache. 189 sellschaft werden; da jetzt zuweilen die durchdachtesten, witzigsten, sinn - und mühevollsten Deutschen Schriften sich weder lesen, noch hören lassen. Sie ermüden; unser Athem reicht zu ihren Perioden, unser Dhr zu ihren Vorstellungen nicht hin; oder der Autor wagte gar zu schreiben, was er in einer anständigen Gesellschaft also zu sagen sich schwerlich getrauet hatte, und so macht er seinen Vorleser verstummen und erröthcn. Vielleicht schrieben wir auch weniger, wenn wir mehr sprachen; andre wenigstens hülfen uns sodann denken und schreiben, indem mir von, mit, undan ihnen im mündlichen Gespräch lernten. Kurz, es ist wahr, was abermahls Y onng sagt: Iw Lowtaiwxlatiow is prouä ks- souras? fioor ns prowcl, si)? Lowverss wwswstsiw'cft kuäe UrowAlit ruws wilä iw Lowtaiwxlsti-ow's Kielä; Low versa, tfts sVIewsZe, bressts it to tlre Kit Ok äws ksstraiwt; swcl 8 rwulatiow's 8^>wr Oivss Zracakul kwerZ/, l>)- kivnis av/ä. 'Hs Lowvsrse «gualikies kor Lolitwäo; ^.n kxercics kor snlutnrv Hast. 8)' tdnt wwrwtor'ä, Lowtsrn^Intiow'raves; lkwä i>l n t w r e's kool kVisclorn's ir uw-- chowe *). *) Sucht er seine stolze Zuflucht im stillen Tiessinn: O dieser ist ja eben so arm, als stolz, wenn er durch den Umgang nicht unterhalten wird. Der rohe Gedanke rennr im Felde der Betrachtung wild umher; des Umgangs Schule bandigr ihn erst, und gewöhnt ihn, das Gebiß des gehörigen 19a II. Z u g a b e n ic. rc. Andrer Wohllhaten, die aus gesellschaftlicher Rede entspringen, nicht zu gedenken: loy is an Import! Io)'is an BxoftanAe; Io)' Üiös Monopoiists; it oalls lor Irvo; Ilioli Biuit! Ilsav'n-planäet! nsvsr plncsttb)' O n s. KssclknII H.uxi1iars aus our Briencis, to givs A" 0 sooial Man trus Belislr ok Itimsslk. I?uII on oursslvss ässcsnclinZ in a Inns Ilieasurs's briAlit Lsam, is Issbls in OeliAlrt; OsIiAM intsnss is talren k)l Bskouncl; ki-svsrbsrstscl Blsasn-lss lirs tfts Breast * *). Wünschten Sie nicht auch, daß mein Autor seine Sprach- und Hörreise öffentlich machte? Zwangs zu leiden; Und der Sporn der Nachelfer rung gibt ihm ein anständiges Feuer, welches von Nebenbuhlern verehrt wird. Der Umgang macht uns zur Einsamkeit geschickt, so wie uns die Bewegung zur heilsamen Ruhe bereitet» Ohne des Umgangs Unterricht raset der Lieffinn, wie ein Wahnwitziger, der sich Kaiser im Monde zu seyn dünkt, oder verhungert, wie ein Bettler; und der Thor der Natur tvird vom Thoren der Weisheit verdnnkel' S. br. ün> *) Die Freude ist ein eingeführtes Gut; die Freude ist ein Tausch; kein M 0 n 0 p 0 l i u m : sie will von zweyen gesucht seyn; eine reiche Frucht! vom Himmel gepflanzt! und nimmer von Einem gesammelt. Unsere Freunde sind unentbehrliche Ge- hülsen, um dem geselligen Menschen einen wahren Geschmack an ihm selbst beyzubringen. Wenn der Helle Strahl der Lust in einer Linie gerade auf uns herab fällt , so ist er schwach an.Vergnügen ; ein starkes Vergnügen wird durch den Wiederstrahl empfangen; zurückgeworfene Freuden entzünden die Brust. S. S2. 53 . Herder. III. Tithon und Aurora Aus den zerstreuten Blättern, Th. IV. 1792. ^^bwohk gewöhnlicher Weife keine Grab - und Lobschrift zu bemerken pflegt, wie lange ein Mensch sich selbst überlebt habe; so ist dies leider doch eine der größesten und nicht seltenen Merkwürdigkeiten menschlicher Lebensläufe. Je früher das Spiel unsrer Gaben und Leidenschaften anfängt, je rascher es fortgesetzt, und durch äußere Zufälle auf Mancherley Weise bestürmt wird: desto häufiger wird man Fälle gewahr von jenen frühen Ermattungen der Seele, von Niederlagen der Kämpfer ohne Tod und sichtbare Wunde, v»m männlichen, oft schon jugendlichen höchsten Alter. Lange kann ein Mensch wie die Gestalt seines Grab-Monuments mit lebendigem Leibe umher gehen; sein Geist ist von ihm gewichen; er ist der Schatten und das Andenken seines vorigen Namens. Vielerleh Ursachen können zu diesem frühen Tode beytrageN, Eigenschaften des Geistes und des Herzens, zu große Wirksamkeit und zu trage Geduld, Erschlaffung sowohl, als Uebcrspannung, zu schnelles Glück und zu lange dauerndes Unglück. Denn überhaupt ist ja Gesundheit, Munterkeit, Vergnügen. und Tugend allezeit die Mitte zweyer krtrcme. Sowohl am schroffen, als am seichten Philos. U. Gesch. II. LH. N 194 III. Titho» und Aurora. Ufer des Stroms können Fahrzeuge ihren Untergang finden; mitten im Strome schiffet es sich leicht und fröhlich. Mancher veraltete, weil es ihm an der wahren innern Quelle des Lebens und der Thaüg- keit fehlte; er war ein zusammengefloffener Bach, der bald versiegt und sein trauriges Bett zeiget. Bey Jenem sollte der Schein das Seyn ersetzen; die Finsternis weicht, und die Johannis-Würmchen in seinem Haare glänzen nicht mehr, als funkelnde Diamanten. Bey Diesem sollte Gedächtnis und Mühe thun, was allein der Verstand und Genius thun konnte; das überladne Gedächtnis erlag, die übertriebene Mühe ermattete, und zuletzt kam der Mangel am Wesentlichen zuM traurigen Vorschein. Ein Anderer überstrengete sich als Jüngling mit seinen edleren Kräften. Er häufte mit tausend Händen Berge der Fantasie zum Himmel cmpor, und fand, auch ohne den Blitz Jupiters, unter ihnen bald seine Ruhestätte. Ein Anbeter, dem es mit seinem Bemühen und Lernen nur um Gemächlichkeit zu thun war, entsagte dem Bemühen und Lernen, so bald es ihm gemächlich ward; er begrub sich selbst in einen seligen Moder. Jenem Verdien s t- josen hat ein unerwartetes Glück, ein zu rascherworbener Ruf, eine unversehens gelungene Handlung den Verstand verrückt; außer ihr hat er keine Gedanken mehr: seine verführende Göttin Fortuna hat ihn auf einmal mit Lorbeer, Pappeln und Mohn gekrönet; er schläft, oder spricht irre in ihr-m verzärtelnden Schooße. Diesem Verdienstvollen hat ein unverdientes, zu lange erduldetes Unglück die Schultern gebeugt, die Brust zusammen gedrückt, und den Arm gelähmet; er kann nicht III. Tithon und Aurora. tgj, aufrecht stehen und sich wieder erholen. Ein Blitz- strahl vom Himmel hal bis zur Wurzel hinab die Eiche getroffen und ihrer Lebenskraft beraubet. Diesem Manne von vielen Fähigkeiten fehlte eS an einer weiten Brust, den Neid zu verachten und bessere Zeiten zu erwarten; er ließ sich mit ihm in einen Kampf ein; der fliegende Adler ward von der Otter, die ihn umschlungen hatte, Unwürdig besieget. Jenem Manne von redlicher Thätig- keit fehlte es an Verstände; seine verschlagenem Feinde machten ihn bald unkräftig und elend. So giengs Mit zehen andern Charakteren in andern Situationen; ans Theater des bürgerlichen Lebens ist gewöhnlich ein Hospital gebaut, in welches sich nach und nach die Mehresten der Schauspieler verlieren. Zwey Dinge tragen insonderheit hiezu bey, und auch sie sind Extreme. Zuerst Willkühr der ge- biethenden Großen; sodann zu feine Zärtlichkeit und Sorgfalt. Bey jenen sinds bekannte und beliebte Sprüche , daß nichts so beschwerlich sey, als Dankbarkeit, nichts so unerträglich, als fortgesetzte Hochachtung , und der tägliche Anblick eines anerkannten Verdienstes. Neue Huld erwirbt sich also Neue Dankbarkeit; und Geschöpfe, die Man sich selbst zuziehet, ja, in die man Gaben und Verdienste legt, die ihnen die Götter nicht zugetheilt halten, sind eine reihende eigene Schöpfung. Dett alten Baumen mag also ihr Saft entzogen werden, damit die junge Welt blühe und wuchere. Wer nun in solchen Fällen nicht größer ist, als der, von dem er abhängt, der stirbt in sich am Unmuth derSelbst- N s iy6 III. Tithonund Aurora. Verzehrung. Die majestätische Stimme Philipps des II. ei hat schon Manchen solcher Art gctödtet. Diesem Morde menschlicher Verdienste und Kräfte stehet ein anderer entgegen, den man den feinsten Selbstmord nennen mochte. Er ist um so bedauernswürdiger, weil er nur bey den erlesensten Menschen Statt findet, und ihr köstliches Uhrwerk auf einmal oder nach und nach zertrümmert. Menschen nämlich von äußerst zartem Gefühl haben ein Höchstes, worNach sie streben, eine Idee, an welcher sie mir unaussprechlicher Sehnsucht bangen, ein Ideal, auf welches sie mit unwiderstehlichem Triebe wirken. Wird ihnen diese Idee genommen, wird dies schöne Bild vor ihren Augen zertrümmert: so ist das Herzblatt ihrer Pflanze gebrochen, der Rest stehet mit unkräftigen, welken Blättern da. Vielleicht gehen mehr Erstorbene dieser Art in unserer Gesellschaft umher, als man es Anfangs glauben möchte, eben weil sie am meisten ihren Kummer verbergen, und das Gift ihres langsamen Todes, als ein trauriges Geheimniß ihres Herzens, selbst ihrem Freunde verhehlen. Da Shakespeare, so wie alle Zustande der Seele, so auch diese Epoche des Hinsinkens oder der Verwirrung der Kräfte in mancherlei, Situationen und Charakteren äußerst wahr und genau gezeichnet hat: so möge, statt aller, Eine, vielleicht die Krone der Klagen über einen solchen Zustand dastehen: O rvbak a noble rnirxl is liere o'ertbrvrvn! Ibe eourtier's -oläier's scbolar's e^e, tongue, svvors. ^be expeetane^ anä rose ob tbe kair State, He glass ok kasbion ayel tbe rnonlcl ok korin. M, Tithon und Aurora. 197 odserv'ck ok all odservers, gulte, gniie ckown.— dlovv 5K6 rdsr nodle snll niost Sovereign resson, I.lllre svvesi dells jsnglsä oni ok iune; snä llsrst, Hist nornstcii'ck korrn soll ststure ok dlovn ^onib, Llsstrell wird extssie — Nicht nur einzelne Personen überleben sich; sondern noch viel mehr und länger, sogenannte politisch - moralische Personen, Einrichtungen, Verfassungen, Stände, Eorporatio» n e n. Oft steht Jahrhunderte lang ihr Körper zur Schau da, wenn die Seele des Körpers langst entflohen ist, oder sie schleichen als Schatten umher zwischen lebendigen Gestalten. Um sich hievon zu überzeugen, gehe man in eine Juden - Synagoge, oder lese Anquetils Zxnd - Avesta, und die heiligen Bücher der Bramancn. Es ist kein Zweifel, daß alle diese Religions-Institute einst sehr nützlich waren, und daß in jeder dieser Hülsen Keime zu einer großen Entwickelung lagen. Mehr pder minder hat sie die Zeit entwickelt, den einen Keim glücklicher, so daß man in ihm vielleicht mehr suchte, als da war; den andern unvollkommen und kraftlos, wie es im großen Laufe der Natur zu geschehen pfleget. Alles indessen hat sein Ziel, und der Rabbi, der De stur und Mobed, vielleicht auch der Bramane, hat sich im großen Ganzen selbst überlebet. Aus einigen Gegenden des Mahommeda- nismus erzählt man vom Koran, (ob dieser gleich das jüngste Religions-Buch ist,) schon etwas Achnli- ches; und im Ehristenthum, so wahr sein reiner ,gg III- Tithon und Aurora. Quell Wasser eines ewigen Lebens strömet, wie manches Gefäß ist schon zerbrochen, das diesen Quell erschöpft zu haben glaubte! wie manche Form, die jetzt noch da steht, hatte sich langst selbst überlebet! Man sehe die Römische Messe an, man höre manche ihrer Litaneyen und Gcbethc; in welche Zeiten rufen sie uns zurück! zu welch einem fremden Geschmack? längst- erblichener Zeiten! Wie in der Religion der Priestcrstand, so folgen in andern Instituten die mit ihnen verknüpften Stande, jeder seinem lebenden oder tobten Institute nach. Man betrachte so manche Einrichtungen, Orden und Ka- lande der mittleren Zeiten; wenn sie nicht dem Genius der Meynungen zu folgen und sich mit ihm zu verjüngen wußten, so blieben sie entweder am User liegen, oder der Strom trug sie seelenlos fort, bis sie irgendwo den Ort ihrer Rübe finden. Schon zu Cervantes Zeiten wollte der Herzog zu Bejar nicht zugeben, daß ihm der Don Quixote zugeeignet würde, so lange er an ihm ein ernsthaftes Ritterbuch glaubte, (weil der Geschmack daran schon damals lächerlich zu werden ansing;) er nahm die Dcdica- tion gern an, da er beym Vorleser, seine wahre Gestalt erblickte. Romane dieser Art hat die Zeit mit mehreren Instituten gespielet. Eorneille's Prinzen und Helden sind uns größtentheilS unerträglich, und man wundert sich, wie andere Zeiten diesen Gythj- schcn Unsinn zusammen fügen, glauben und anstnu- nen konnten, Shakespear's Hof-Scenen dünken uns Haupt- und Staats-Actiynen. Die Ritter unsrer Zeit sind nicht mehr jene alten Ritter; und das königliche Wort Ludwigs XIV.; ,,1'Ltat? c'est rnoü" wird das treffende Epitaphium dieses großen Wc HI. Tithon und Aurora. 199 Monarchen bleiben. Was geboren ward, muß sterben, sagt der Bramane; und was etwa durch Kunst- mittel seinen Hingang aufhalt, hat sich, indem es hiezu greift, schon selbst überlebet. Im Anfänge des Frühlings siehet man das erstorbene Laub und Gras des vorigen Jahres noch häufig; manches davon halt sich fest an; in kurzem aber ist alles verschwunden, und ein neues Gewand deckt Bäume sowohl, als den Schoofi der Erde. Wenn im Kreise der Menschheit Etwas sich nicht überleben sollte, müßte es Wissenschaft und Kunst seyn, sie, die ewiger Natur sind der reinsten Wahrheit und einer Erweiterung inS Unermeßliche fähig; auch ists gewiß, daß das eigentliche Wesen der Kunst und Wissenschaft nie erstirbt, und sich nie ändert. Desto sterblicher aber sind ihre Formen, da diese vor allem andern an ihrem Erfinder und Meister zu hangen, mit ihm zu entsprießen, zu blühn und unterzugehcn scheinen. So lange der Erfinder lebt, so lange der Meister lehret und anweiset, schöpfet man aus seinem lebendigen Quell lebendige Gedanken; im zweyten, dritte» Geschlecht durchwandert man schon nachlallende oder nachaffende Schulen; das Bild des Meisters steht todt da; seine Wissenschaft und Kunst hat sich nicht in seinen, sondern in seiner Nachfahren Werken selbst überlebet. Ein langes Verzeichniß dieser Ueberlebungen geben uns Reisen; Reisen sowohl in der Geschichte, ,oo HI. Tithon und Aurora. als im Anblick der Gegenden, Lander, Verfassern? gen, Personen und Stande selbst. Wer ists, der in ein altes Schloß, in einen verjährten Ritter? saal, in ein Archiv alter Diplome und Verband? lungere, alter Waffen und Putzwerkc, in alte Rathhäuser, Kirchen, Klöster, Pallaste und Reichsstädte eintritt, und sich nicht in ein abgelebtes Jahrhundert versetzt fühlte? Bey einer Reise durch Deutschland findet man oft im Bezirk weniger Meilen alte, mittlere, junge und die jüngsten Zeiten bey einander; hier haucht man noch die Luft des zwölften, dort singt man Weisen des sechzehnten, zehnten, vierten Jahrhunderts; auf einmahl steigt man in Cabinclte, die unter dem üppigen Herzog - Regenten angeordnet, in Gallerien, die unter Ludwig XIV. gesammelt, und endet mit Anstalten, die fürs zwanzigste Jahrhundert ersonnen zu seyn scheinen. So unterrichtend dies Ehtws für einen Reisenden seyn mag: so verwirrend und unterdrückend müßte es für den Bewohner seyn, wenn sich die menschliche Natur nicht an alles gewöhnte. „Herr, er stinket „schon," sagte jene traurige Schwester, „denn er hat „schon vier Lage im Grabe gelegen." Bey manchen Einrichtungen könnte man vier Jahrhunderte sagen; und noch riechen sie ihren Brüdern und Schwestern Nicht übel. Diese sind an den Duft gewöhnt, und er ist ihnen nahrhaft. Das lehrreichste Theater dieser Lebens-Epochen und Weltalter scheint mir Italien. Auf ihm kannst du unter Aegyptern, Griechen, Römern, Etruskern, ja wenn du willst, unter Sinesen, Indiern undMa- dagascaren seyn; du kannst im einzigen Rom von III. Tithon und Aurora. 26r Romulus bis auf Diocletian das Heidenlhum, von Eonstantin an bis zu Pius das Christcnthum verfolgen: in ihm und den Jlaliänischen Provinzen kannst du, wie es dir gefällt, im fünfzehn-, sechzehn - oder achtzehnten Jahrhunderte leben; und wenn du den Denkmahlen der Natur nachgehest, so triffst du Ueberlebungen an, die dich über den Rand der Geschichte hinaus führen. Es gehört ein weites Gemükh dazu, alle diese Sccnen zu fassen, zu unterscheiden, und zu ordnen; sodann aber scheinen sie ein Eompendium aller Geschichte, !das uns zuletzt, ich weiß nicht mit welcher angenehmen, aber auflöscnden Schwermuth übecstryniet. Isis clonä-cspt torv'rs, tsis Zoi'Asouo stalases, tsis solernn tsinplss, tsis Areat Zlosis itoslk )'ea all vvsio it insisrit, ssiall clissolvs aucl lisie an nnsnsistantial pagsant laäscl leavs not a rasi sissiinst; vs ars snssi 5tukk S8 sirsarns ars rnails ok, anä our littls lifs I§ rounäsä tvitsi a olss^i. . . Genug vom Schlaf und Ersterben; lasset uns jetzt vom Wachen und der Verjüngung reden. Wie geschieht diese? Durch Revolutionen? Ich gestehe, daß mir in der neueren Modesprache wenige gcmißbrauchte Worte so zuwider sind, als dieses, weil es von seinem ehemahligen reinen Sinne ganz abwcicht, und die schädlichste Verwir- 202 III. Tithon und Aurora. rung brr Gedanken mit sich führet. In der Astronomie nennen wir Revolution eine nach Maß und Zahl und Kräften bestimmte, in sich zucückkehrende Bewegung der großen Weltkörper, die nicht nur in sich selbst die stilleste Ordnung ist, sondern auch im Zusammenhänge mit andern harmonischen Kräften das Reich einer ewigen Ordnung gründet. So drehet die Erde sich um sich selbst, und macht Tage und Nächte: mit ihnen ordnet und regelt sie der Geschöpfe Schlaf und Wachen, ihre Ruhezeit und ihren Kreis der Geschäfte. So wandelt die Erde um die Sonne und erschaffet das Jahr, mit ihm die Jahreszeiten, mit ibnen den Wechsel der Arbeit und des menschlichen Vergnügens. Die Revolution des Mondes um unsre Erde gibt dem Meere Ebbe und Fluth, der Witterung, den Krankheiten und vielleicht selbst dem Wachsthum der Pflanzen ihre Perioden. In einem solchen Verstände ists nützlich, auf Revolutionen zu merken: denn in ihnen bemerken wir einen in sich selbst wiederkehrenden Lauf der Dinge, und in diesem die Gesetze einer dauernden Ordnung. Nichts ist in einem solchen Lause abgebrochen, hingeworfen, vernunftlos; keine Zerrüttung ist in ihm, sondern ein leise geschwungener Faden der Erhaltung. Revolutionen dieser Art sind der Tanz der Horen um Jupiters Thron, der Sicgeskranz des Gottes, nachdem er das Ehaos bezwungen, auf seinem unsterblichen Haupte. Auch, wenn wir vom Himmel diesen Begriff der Revolutionen auf die Erde ziehen wollen, kann ec nicht anders, als der Begriff eines stillen Fortganges der Dinge, einer Wiederkehr gewisser Er- III. Tithon und Aurora. 2c.3 Meinungen nach ihrer eigenen Natur, mithin deS Entwurfs »iner fortwirkenden Weisheit, Ordnung und Güte seyn. So spricht man von Revolutionen der Künste und Wissenschaften, d. i. von einem periodischen Wiederkommen derselben, dessen Ursachen man in der Geschichte zu erforschen sucht , und sie gleichsam astronomisch berechnet. So sprachen die Pythagoraer von Revolutionen der menschlichen Seele, d- i. von einer periodischen Rückkehr derselben in andere Gestalten. So untersuchte man die Gesetze der Revolution menschlicher Gedanken, wann diese aus der Vergessenheit ins Gedachtniß wieder- kehreu, wann Traume und Begierden, wann entschlafene Thätigkeiten und Leidenschaften zurück kommen, u. f. In aslem diesem suchte man Gesetze einer verborgenen, stillen Naturycdnung, Scheußlich aber hat sich die Bedeutung dieses Worts verändert, da man in den barbarischen Jahrhunderten von keiner andern Revolution, als von Eroberungen, von Umwälzungen, Unterdrückungen, Verwirrungen ohne Absicht, Ziel und Ordnung wußte. Da hieß Revolution, wenn das Unterste zu oberst gekehrt ward, wenn durch das sogenannte Recht des Kriegs ein Volk sein Eigenthum, seine Gesetze und Güter mehr oder minder verlor, oder durch das Recht der Monarchie alle die sogenannten Rechte geltend gemacht wurden, die St, Thomas, Mac- chiavel und Naude aus wirklichen Begebenheiten nachher aufnahmen und in Capitel brachten. Da hieß Revolution endlich wenn Minister thaten, was die Fürsten selbst nicht mehr khun mochten; oder wenn hie und da das Volk das unternahm, was es III. Titbvn und Aurora. 204 selten so geschickt als Könige oder Minister ausführte. Das gab nun die zahlreichen siiswirss (Iss rsvo- lutions, ein so gangbarer Titel der Bücher, als sein Inhalt meistens unverständig, oder abscheulich ist. Den Begriff von Zweck und Absicht verlor man heynahe ganz aus dem Gesicht; die Geschichte ward ein Gcmahlde von Verwirrungen ohne Entwickelung: denn hinter dem Ausgange einer jeden sogenannten Revolution sähe es bunter aus in den Reichen, als vorher. Revolutionen dieser Art, sie entspringen, von wem sie wollen, sind Zeichen der Barbarey, einer frechen Macht, einer tollen Willkühr; je mehr die Vernunft und Billigkeit der Menschen zunimmk, desto seltner müssen sie werden, bis sie sich zuletzt ganz verlieren. Dann wird das Wort Revolution wieder in seinen reinen und wahren Sinn zurück kehren, daß es.einen nach Gesetzen geordneten Lauf der Dinge, eine friedliche Rückkehr der Begebenheiten in sich selbst, auch in der Geschichte bedeute. Zn dieser Absicht allein ist diese des Studiums werth: denn an den Revolutionen wilder Elephanten, wenn sie Baume ausreißen und Dörfer verwüsten, ist nicht viel zu lernen. Um also mit diesem befleckten Wort nicht zu verführen, und etwa eine rödtende Gewaltsamkeit zur Arzney menschlicher Uebel zu machen, wollen wir auf dem Wege der heilenden Natur bleiben. Nicht Revolutionen, sondern Evolutionen sind der stille Gang dieser großen Mutter, dadurch sie schlummernde Kräfte erweckt, Keime entwickelt, das zu frühe Alter verjünget, und oft den scheinbaren III. Tithon und Aurora. Loö Tod in neues Leben verwandelt. Lasset uns sehen, was das Mittel in sich fasse, und wie es heile? Wenn wir der Natur Einen Zweck auf der Erde geben wollen, so kann solcher nichts seyn, als eine Entwickelung ihrer Kräfte in allen Gestalten- Gattungen und Arien. Diese Evolutionen gehen langsam, oft unbemerkt fort, und meistens erscheinen sie periodisch. Auf die Nacht des Schlafs folgt der Morgen des Erwachens ; unter dem Schatten Jener hatte die Natur Kräfte gesammelt, Diesem, dem Morgen, munter zu begegnen. In den Lebensaltern der Menschen dauert die Kindheit lange; langsam wachset Körper und Geist, bis mit zusammen genommenen Kräften die Blume der Jugend bervvr bricht, und die Frucht späterer Jahre allmählich reifet. Sehr unrecht hak mau diese Perioden der Entwicklung Revolutionen genannt: hier rcvolvirt sich nichts, aber entwickelt (evolvirt) werden die Kräfte. Immer kommen verborgenere, tiefer liegende zum Vorschein, die ohne manche vorher gehende nicht thatig werden konnten. Deswegen machte die Natur Perioden; sie ließ dem Geschöpf Zeit, von einer überstandenen Anstrengung sich zu erholen, um eine andre noch schwerere fröblich anzufangen und zu vollenden: denn ohne Zweifel sind, wenn das Gewächs die Blume hervor treibt, oder sich in ihr die Frucht bildet, innigere, feinere Kräfte regsam, als da der Saft in den Stängel trat, und sich die untersten Blätter an ihm erzeugten. Nicht eher verläßt die Natur, dem ordentlichen Laufe nach, ihr Geschöpf, als bis alle physischen Kräfte desselben in Anwendung ge- Lo6 III. Tithon und Aurora. bracht, das Innerste gleichsam herausgekehrt, und die Entwicklung, der bey jedem Schritt eine gütige Epigenese bcytritt, so vollendet ist, als sie unter gegebenen Umstanden vollendet werden konnte. Man ist gewohnt, jedes einzelne, zumahl lebendige Wesen, als ein isolirtes Ganze zu betrachten; eine nähere Ansicht aber zeigt, daß es mit Boden^ Klima, Witterung, Mit dem periodischen Athem der ganzen Nütuc zusammenhangt, daß cs eben hiernach länger oder kürzet dauert, früher alt wird, oder sich leichter verjünget. Der Mensch, ein vernünftiges, moralisches und politisches Geschöpf, lebt vermöge dieser Zähigkeiten und Kräfte in einem eignen unendlich weiten Elemente. Seine Vernunft hängt mit der Vernunft andrer, seine moralische Bildung mit dem Betragen andrer, seine Anlage, sich als ein freyes Wesen selbst und mit andern zu constttuiren, hängt mit der Denkart, der Billigkeit und der wirksamen Unternehmung Vieler so genau zusammen, daß er außer diesem Element ein Fisch auf trocknen» Lande, ein Vogel in luftleerem Raume seyn muß. Seine besten Kräfte ersterben; seine Fähigkeit bleibt ein todtes Vermögen, und alle Anstrcbung außer Zeit, Ort Und Mithülfe der Elemente ist wie das Erscheinen einer Blume mitten im Winter. Die Nütur Macht Jahrszeiten, sie fördert Kräfte, sie fördert sie auch im Menschen- geschlechte. Einzelne Menschen, Stände, Eorpüra- tionen, ganze Gesellschaften und Völker können mit diesem Strome nur forlgehen, sie haben alles ge- khan,-wenn sie in seinem Lauft klug steuern. Glaube doch niemand, daß, wenn alle Regenten auf der - -W III. Tithon und Aurora. 207 Erde vom stolzesten Neger-Könige an bis zum «löchrigsten Khan der Tartarn sich zusammen verbanden, das Heute zum Gestern zu machen, und die fort- gehende Entwicklung des gemeinsamen Menschengeschlechts, sie möge zur Zugend oder zum Alker führen, auf immerhin zu hindern, daß sie damit jemahls zum Zweck kamen. Für weise Regenten kann dies auch nie ein Zweck werden, eben weil in der ganzen fruchlosen Bemühung kein Verstand ist. Ein weiser Fürst wird sich also stets als einen Haushaller, nicht als einen Gegner der Natur betrachten ; vielmehr jeden Umstand, den sie ihm dar- beut, aufs beste zum Besten wenden. Hier fallen Blätter ab, dort liegt schon ein ganzer Herbst von Blättern im Lcichengewande; e.r wird dieselbe nicht an ihre vorigen Stellen auf Zweige und Gipfel setzen wollen: denn kann er ihnen ihre vorige Frische, vermag ec ihnen den Saft wieder zu geben, der sie einst mit dem Baum zu einem lebendigen Ganzen machte? Vermag er dieses aber nicht, wie, wenn er sich mit einem falben Kranz verwelkter Blatter kränzen wollte, weil sie ehedem etwas anders, als sie jetzt sind, waren ? was die Natur nicht halten konnte, wollte das der Gärtner halten? und zwar ihren Zwecken nicht gemäß, sondern gerade zuwider? Unendlich schöner ist das Werk, der Natur nachzugehen und auf ihre Zeiten zu merken, Kräfte zu wecken, wo irgend sie schlummern, Gedanken, Thätigkeit, Erfindung, Lust und Liebe zu befördern , in welchem Felde nützlicher Beschäftigungen es auch seyn möge. Endlich kommt die Nokhwendig- keit, und treibt mit einem eisernen Zepter; wer Lvg III. Tithon und Aurora. der Vernunft und Billigkeit dient, kommt der Noch- Wendigkeit zuvor, und darf oft mit Oberons Lilienstabe nur winken, so sprießen hier statt der verwelkten neue Blumen, so reifen dort, wenn die Blü- thenzeit vorüber ist, nährende Früchte. Der jungen Sprosse kommt er zu Hülfe, und nimmt sie in Schutz gegen das unterdrückende Unkraut. Den allen wilden Baum hauet er nicht ab, sondern impft ihm mildere Früchte ein, und der verjüngte Baum wird sich selbst seines edleren Daseyns wundern. Ein kleiner Vorsprung solcher Art, den Ein Volk vor dem andern nahm, hat ihm oft auf Jahrhunderte unerreichbare Vorzüge gegeben. Daß England in einigen Constitutions-, Finanz- und Handelspunc- ten das, was in andern Nationen lange vorher keimte , aber aus Thorheit und Leidenschaft unterdrückt ward, nur etwas früher annahm und zur Anwendung brachte; dies hat ihm die Stelle gegeben, auf welcher er jetzt steht. Nach Mancherley gewaltsamen Revolutionen, die wie blutige Gewitterregen vorüber gingen, gelang es eben der sriedsamsten, der stillsten Revolution, eine neue Wirksamkeit zu erregen, und dadurch das Glück einer lebendigen Verfassung auf Jahrhunderte hin zu gründen. Hätte es zu Wilhelms III. Zeiten die Feudal-, Kriegsund Focstgesetze Wilhelms des Eroberers erneuern wollen, wo wäre es jetzt? Alle Stande und Einrichtungen der Gesellschaft sind Kinder der Zeit; diese alte Mutter gebar, nährte, erzog sie; sie schmückte, st.-.ete sie aus, und nach einem langen oder kurzen Leben begräbt sie sie, wie sie sich selbst begrabt und wieder verjünget Wer Ilk. Tichon und Aurbra. 209 Wer also sein Daseyn mit der Dauer eines Standes oder einer Einrichtung verwechselt, macht sich selbst unnöthige Plage; was vor Dir war, wird auch hinter Dir seyn, wenn es seyn soll. Handle, so viel an Dir ist, klug und weise; ihren großen Gang wird die Zeit gehen und das Ihrige vollenden. Du für Deine Person sey mehr, als dein Stand ist: so wirst du in ihm, ec altte, wie er wolle, für dich selbst und für andre stets jung seyn, ja in der dunkleren Nacht wirst du als ein helleres Gestirn glanzen. Wer sich nicht über die Brustwehr seines Standes erhebt, ist kein Held in demselben; hinter ihr mag er kriechen, sitzen oder liegen. Der Stand als solcher macht nur Puppen; Persönlichkeit macht Werth und Verdienst. Je mehr jene trage, lobte Hülle, die den besten wie den schlechtesten Kern verbirgt, dahin sinkt; desto entschiedener wird der schöne, reifere Kern sichtbar. Gewiß ists also kein Rückgang, vielmehr eine Evolution der Zeiten, wenn der Stand nicht Alles scyn kann, sondern man in jedem Stande Personen, Menschen, wirkende Geschöpfe zu sehen begehret. Und da ohne neu einbrechende Bnrbarey bei den täglich vermehrten Bedürfnissen Eurdpa's dies Gefühl nothwendig zunehmen muß: so bleibt nur Ein Rath übrig, der jeden vor der Veraltung seines Standes sichert: „sey Etwas in deinem Stande; „sodann wirst du der Erste scyn, die Fehler desselben einzusehen, zu vermeiden, und zu verbessern. „Sein Alter wird in dir verjüngt dastehn, eben „weil etwas in Dir ist, das jede Form schmücken „würde, und in jeder Form lebet." Philos. u. Gesch. H. LH. O 210 III. Tithon und Aurora. Der vortreffliche Paolo Sarpi hat eine Abhandlung geschrieben, deren Titel mich sehr rechte. Ec hieß: „wie Meynungen in uns geboten werden und sterben." Ich war auf ihren Inhalt sehr begierig. Db ich nun gleich aus Foscarini's Auszüge bei Griselini sah, daß sie, was ich vermuthcte, nicht eigentlich enthalten möchte: so kam mir diese vortreffliche Aufgabe doch mehrmals in die Gedanken. Viel sind der Wege, auf denen wir von der frühesten Kindheit an zu Meynungen gelangen, mit denen wir uns Leib und Seele überkleiden; viele davon halten sehr fest, und die albernsten haben wir meistens hinter unsre in- neste neunte Haut verborgen, wo sie ja niemand antaste! Unglücklicher Weise tastet sie die Zeit dennoch an, oft mit sehr rauhen Händen; und wer nun, um sein Leben, d. i. Vernunft, Ruhe und das Selbstgefühl eines inneren Werthes zu retten, dem antastcnden Satanas nicht Haut und Haar von Meynungen lassen kann, der ist in Übeln Händen. Denn was bloße oder gar falsche Meynung ist, geht im scharfen Feuer der Läuterung gewiß unter. Jsts nicht aber etwas Besseres, was dagegen empor kommen soll? Statt der auf Autorität, oder gar, wie Franklin erzählt, aus Höflichkeit angenommenen Meynungen soll Wissen aus Uebcrzeu- gung, Vernunft durch eigne Prüfung bewährt, und eine selbst - errungene Glückseligkeit unser Theil werden. Der alte Mensch in uns soll sterben, damit eine neue Jugend empor keime. „Wie aber soll das zugehen? Kann der Mensch „in seiner Mutter Leib zurück gehen und geboren III. TithonundZlurora. 211 „werdenAuf diesen Zweifel des alten Nicodemus kann keine andre Antwort gegeben werden, als „Palingenefle!" Nicht Revolution, aber eine glückliche Evolution der in uns schlum ni ec irden , uns n e u - v e rj ü n g e n d e n Kräfte, Was wir Ueberleben unsrer selbst, also Tod, nennen, ist bei bessern Seelen nur Schlummer zu neuem Erwachen, eine Abspannung des Bogens zu neuem Gebrauche- So ruhet der Ackcr, damit er desto reicher trage: so erstirbt der Baum im Winter, damit er im Frühlinge neu sprosse und treibe. Den Guten verlasset das Schicksal nicht, so lange er sich nicht selbst verlaßt und unrühmlich an sich verzweifelt. Der Genius, der von ihm gewichen schien, kehrt zu rechter Zeit zurück, und mit ihm neue Thatigkeit, Glück und Freude. Ost ist ein Freund ein sclcher Genius; oft ists ein unerwarteter Wechsel der Zeilen. Opfce diesem Genius, auch wenn du ihn nicht flehest; hoffe auf das zu- rücksehende, wiedeckehrende Glück, wenn du es gleich entfernt glaubest. Ist die linke Seite dir wund, lege dich auf die rechte; hat der Sturm dein Bäumchen hieher gebeugt, suche es dorthin zu beugen, bis es wieder seine aufstrebende Mitte erreiche. Du hast dein Gedächtnis ermattet; bilde deinen Verstand. Du hast dem Scheine zu emsig nachgestrcbet, und er hat dich betrogen; suche das Seyn, für dich selbst; es kann dich nicht trügen. Unverdienter Ruhm hat dich verwöhnet; danke dem Himmel, daß du sein los bist, und suche den, der dir nicht geraubt werden kann, in eigenem Wer- the. Nichts ist ehrwürdiger und edler, als ein Mensch, der, Trotz des Schicksals, in seiner Pflicht III. Tithon und Aurora SI2 beharret, und, wenn er von außen nicht glücklich ist, es wenigstens zu seyn verdiente; er wirds zu seiner Zeit gewiß werden. Die Schlange der Zeit wechselt oft ihre Häute, und bringt dem Mann in der Hohle, wo nicht den fabelhasten Juwel auf ihrem Haupt, oder die Rose in ihrem Munde, so doch Krauler der Arzncy zur Vergessenheit des Alten und zur Wiedcrcrncuerung. Die Philosophie ist reich an Mitteln, die uns über erlittene Unfälle trösten sollen; unstreitig aber ist das beste Mittel dagegen, wenn sie uns stärkt, neue Uebel zu ertragen, und uns ein festes Beruhen auf uns selb st mittheilt. Der Meiste Wahn, der unsre Seelenkräfte schwächt, kommt von außen; nun aber sind wir nicht die Gegenstände um uns her. Traurig ists freylich, wenn einem Menschen die Lage, in der er lebt, mit allen ihren Umstanden und Kostbarkeiten so verleidet, so verbittert ist, daß er auch keine Traube und Blume derselben anrührcn mag; sie zerfallen ihm unter der Hand zu Asche, wie jene Sodoms-Früchte. Indessen ist Er doch nicht die Lage: er ziehe, wie die Schildkröte die Glieder ein, und scy, was er seyn kann und seyn soll. Je mehr er vom Erfolg seiner Handlungen wcgfiehet, desto mehr ruhet er in der Handlung; dadurch wird die Seele starker, und belebet sich wie eine neu aufspringende Quelle. Die Quelle berechnet nicht, über welche Erdlagen ihr Strom fließen, welche fremde Thcile er annebmen, und wo er endlich versiegen werde; sie strömt aus eigner Fülle, in unaufhaltsamer Bewegung. Was Andre uns von uns selbst zeigen, ist nur der Schein; er HI. Tithon und Aurora. 2r3 hat immer einigen Grund, und ist nie ganz zu verachten; es ist aber nur der Wiederschein in ihnen, der von ihrer eignen, oft zerbrochenen und düstern Gestalt zurück gespielt wird, nie unser Wesen. Laß das kleine Gewürm um und über Dich kriechen, und sich äußerst bemühen, daß man dich für todt halte; sie wirken in ihrer Natur, wirke Du in der Deinen und lebe. Ueberhaupt halt uns unsre Brust, unser Charakter viel mehr und länger aufrecht empor, als alle Spitzfündigkeit des Kopfs und jede Verschlagenheit des Geistes. Im Herzen leben wir, nicht in den Gedanken. Meynungen Anderer können ein günstiger oder feindlicher Wind in unsere Segel seyn; Umstände können uns, wie das Meer die Schiffe, hier fest halten, dort gewaltig fördern; Schiff und Segel, Compaß, Steuer und Ruder sind aber doch unser. Ergraue also nie, wie der alte Tithon, im Wahn, daß deine Jugend dahin sey; vielmehr fahre, mit neu erweckter Thätig- keit, täglich aus deinen Armen eine neue Aurora. Noch sollte ich von dem unfern Zeiten so ange« messenen größer» Problem reden: ob auch Völker, Länder und Staaten veralten, oder sich wieder verjüngen können? und durch welche Mittel dies geschehe? Die Meynungen sind über diese Frage sehr getheilt, und da jede für sich Beispiele aus der Geschichte anzuziehcn weiß: so zeugt eben diese Verschiedenheit der Antworten schon von der Unbestimmtheit der Frage. Was kann bei einem Volke, in einem Lande und Staate veralten? was kann, was 214 III. Tithon und Aurora. soll bci ikm verjüngt werden? Ist es der Boden? die Luft? der Himmel? und wie werden diese ins Bessere oder Schlechtere verändert? Sind es Aecker, Wiesen, Wälder, Salzquellen, Bergwerke, Bäume? oder ist» ihre Bearbeitung, der Gewinn und die Anwendung ihrer Produkte? Sind cs diese allein, oder ists der Mensch selbst, sein Geschlecht, seine Sitten, seine Erziehung und Lebensart, seine Grundsätze und Meynungen, seine Verhältnisse und Stände? Und wie werden diese verändert? Durch Reden und Schriften, oder durch Einrichtungen und ein zweckmäßig - fortgesetztes Handeln? Und welchen Zweck soll diese Veränderung erreichen? Den Ucber- fluß Weniger? die Bequemlichkeit und Trägheit Vieler? oder die Glückseligkeit Aller? Und worin bestehet diese? In Künsten und Wissenschaften? im Scheine oder im Seyn? in schwatzhafter Aufklärung oder in wahrer Bildung? Alle diese und vielleicht mehrere Fragen müßten mit feiner Rücksicht auf Ort, Zeit und Umstände, mit Zusammenhaltung älterer Beispiele und ihrer Folgen erörtert werden, woraus sich alsdann vielleicht ergäbe: r) Daß Land und Volk nie oder sehr spät veralten; daß aber Staaten, als Einrichtungen der Menschen, als Kinder der Zeiten, ja oft als bloße Gewächse des Zufalls, glücklicher Weise Alter und Jugend, mithin eine immer fortgehende unmerkliche Bewegung zum Wachsthum, zur Blüthe, oder zur Auflösung haben. 2) Daß Menschen, oft einzelne Menschen, diese Perioden verzögern oder befördern können, ja, daß man sie meistens durch die entgegengesetzten Mittel befördere. III. Tithon und Aurora. 2IZ 3) Daß, wenn Kräfte im Streben sind, sowohl zur Blüthc, als zur Auflösung, ihr Gang schneller sen, und sich ihnen Alles zu assimiliren scheine, bis kleine Umstände, oft wiederum einzelne Menschen, dem Strom eine andere Richtung geben, die abermals ein Resultat der lebendigen Gegenwart der Dinge ist, ob sie gleich bisweilen eine Wirkung des Zufalls scheinet. 4 ) Daß endlich, um jenen fürchterlichen Anfallen, die man Staatsumwälzungen nennet, und die dem Buche der Menschenordnung ganz fremde werden sollten, zuvorzukommen, der Staat kein anderes Mittel habe, als das natürliche Verhältniß, die gesunde Wirksamkeit aller seiner Thcile, den muntern Umlauf seiner Safte zu erbalten oder wieder herzustcllen, und nicht gegen die Natur der Dinge zu kämpfen. Früher oder spater muß. die stärkste Maschine diesem Kampfe unterliegen; die Natur aber altert nie, sie verjünget sich periodisch in allen ihren lebendigen Kräften. Die schüchterne Natur des Menschen, die, immer mit Furcht und Hoffnung umgeben, oft ferne Uebel als gegenwärtig ahnet, und Tod nennet, was ein gesunder Schlummer, eine nothwendige, heilbringende Erholung ist, betrügt sichftürneistens in ihren Weissagungen über Länder und Reiche. Es schlafen Kräfte, die sie nicht gewahr wird; es entwickeln sich Fähigkeiten und Zeitumstände, auf die sie nicht rechnen konnte; gewöhnlich aber steuert unser Urtheil, wenn es auch wahr ist, zu sehr auf Eine Seite. „Soll Dies leben, sagt man, so „muß Jenes sterben," ohne daß man bedenkt, ob 216 III, Tith on und Aurora.' nicht Bcydcs leben und sich einander günstig mit- thcilen möge. Den guten Bischof Berkeley, der kein Poet war, begeisterte sein wohltätiger Eifer für Amerika zu folgenden prophetischen Versen, die ich mit einer, wiewohl sehr freyen Uebersetzung mitthcile: Verses on tchs krosxeot ok klanting ^.rts anä I^ssrninZ in ^.inorioa. V7 tdo late l)r. Lsrleelö^, ikiskio^ ok Esto^ne. 172h. I'de Lkuse, äisxnsteä Lt LN sgö Lnä cliins, Barren ok ever^ glorious tdeine. In äistLnd lanels norv rvaits L detter tiure, xroäneinA sndsects rvortdzr tarne; In dsxp^ clrrnes, rvdere krönt tlro Kenisl SN» itnä virZin eartd sncd scenes ensne, tde Force ok Lrt d^r nature seenrs ontäons snct kLnoieä deanties Ir7 the trns; I» dapp^ clinres, tde seat ok innocencs, rvdero nature guiäes Lncl virtne rules, vvders inen sdsll not irnpose lor trntd snä seniK ths peclantr^ ok conrts sn<1 scdools: Urere sdall de sunZ snotder ßoläen sZe, tde rise ok ernxire and ok Lrts^ tds Koocl Lncl Zreat insxirinK exic rLZs» tde vrisest deaäs Lncl nadlest dearts. dkot sncd Ls dlnrope dreests in der ckecazr; sucd as sde dreck, vvden krerd snä ^on»A, rvden deLv'nl^ kleine clist LniniSte dor clL)r, d^ knture poets sdall d^ sunK. III. Tithon und Aurora. 217 sVe5twarä tbo courss ok enapirs ialres fts ws^ r rde tour iirst ncis alresä^ past, A iiitd sball o1o8S tde cirarnn wird rds äa^ ; Dinro's vodlssr okfs^>rinK is tsis Isst. Die Muse, matt der Gegend, matt der Zeit, und matter noch des Ruhmes, den sie pries, erhebt den Fittkg schon, (noch ohne Flug), und suchet bessre Helden, bessern Ruhm, In jüngern Gegenden der Erde, wo Natur von Kunst, die Wahrheit von dem Schein, Genuß von Fantasie, von Ranken Kraft und Unschuld noch nicht überwachsen ist. Da suchet sie ein jungfräuliches Land, zu stiften eine neue goldne Zeit, in der das Gute groß ist, und der Ruhm den Edelsten, den Weisesten nur krönt. G Ein jüngeres Europa suchet sie, nicht das veraltende, mühselige, wo Hof, Gerichr und Schulen, Kirche und Staat ein einz'ger großer Pedantismus sind. O Muse, nimmst du westwärts deinen Flug, Dort zu beginnen unfern fünften Act: (Denn vier sind schon vorüber), daß das Werk Der Zeiten ende mit dem schönsten Schluß ? 3lS III. Tithon und Aurora. So weissaget? der gutmütkige Bischof, und wenn seinem Geist anjetzt ein Blick über das aufstrebende Amerika würde: so würde er vielleicht mit eben demselben Blick gewahr, daß auch in den Armen seines alten Tithon's, Europa, eine neue Aurora schlummere. Nicht vier, kaum drei Acte sind im großen Schauspiele dieses auch jungen Welt- theils vorüber; und wer sagt uns, wie oft noch der alte Thiton des Menschengeschlechts sich auf unserm Erdball neu verjüngen könne, neu verjüngen werde? Auch eine Philosophie der Geschichte zur Bildung der Menschheit. Beitrag r» vielen Beiträgen des Jahrhunderts. 7-0U5 «V-3^ü)7r-0U5 ov 7>« ^«^«7-«, 7-« 77S^< 7-k-IV 7k'^«^«7'wv <^0^/X«7'« - Philosophie der Geschichte zur Bildung der Menschheit' Erster Abschnitt. weiter hin es sich in Untersuchung der ältesten Weltgeschichte/ ihrer Völkerwanderungen, Sprachen , Sitten, Erfindungen und Traditionen aufklärt *) l desto wahrscheinlicher wird mit jeder neuen Entdeckung auch der Ursprung des ganzen Geschlechts von Einern. Man nähert sich immer mekir dem glücklichen Klima, wo Ein Menschenpaar unter den mildesten Einflüssen der schaffenden Vorsehung, unter dem Beistände der erleichterndstcn Fügungen rings um sich her, den FadeN anspann, der sich nachher mit solchen Wirrungen weit und lang fortgezogen: wo also auch alle ersten Zufälle für Anstalten einer mütterlichen Vorsehung gelten können, einen zarten Doppclkeim des ganzen Geschlechts *) Neueste historische Untersuchungen und Neisen in Asien. 222 IV. Auch eine Philosophie mit aller der Wahl und Vorsicht zu entwickeln, die wir immer dem Schöpfer einer so cdtln Gattung und seinem Blicke auf Jahrtausende und Ewigkeit hinaus zutrauen müssen. Natürlich, daß diese ersten Entwickelungen so simpel, zart und wunderbar waren, wie wir sie in allen Hervor b ring» ngen der Natur sehen. Der Keim fallt in die Erde und erstirbt: der Embryon wird im Verborgenen gebildet, wies kaum die Brille des Philosophen s xriorr gutheißen würde, und tritt ganz gebildet hervor: die Geschichte der frühesten Entwicklungen des menschlichen Geschlechts, wie sie uns das älteste Buch beschreibt, mag also so kurz und apokryph isch klingen, daß wir vor dem philosophischen Geiste unsers Jahrhunderts, der nichts mehr als Wunderbares und Verborgenes hasset, damit zu erscheinen crblöden: eben deswegen ist sie wahr. Nur Eins also angemerkt. Scheint nicht, selbst für das Maulwurfsauge dieses lichtesten Jahrhunderts , doch ein längeres Leben, eine stiller und zusammenhängender wirkende Natur, kurz, eine Hcldenzeit des Patriarchen -Alters dazu zu gehören, die ersten Formen des Menschengeschlechts, welche es auch sepen, den Stammvätern aller Nachkommenschaft ein- und für die Ewigkeit anzubilden? Wir laufen jetzt nur vorüber, und durch die Welt her; Schatten auf Erden! Alles Gute und Böse, was wir mitbringen , (und wir bringen wenig mit, weil wir alles hier erst empfangen), haben wir meist auch das Schicksal wieder mitzunehmen: unsre 'Jahre, Lebensläufe, Vorbilder, Unternehmungen der Ge schichte d e r Mensch hei t. 223 Eindrücke, die Summe unsrer Hinwirkung auf Erde, ist kraftloser Traum einer Nachtwache — Geschwätz! du lassest sie dahin fahren u. s. w. So wie das nun bei dem großen Vorrat h e v o n K r ä ft e n und Fähigkeiten, den wir entwickelt vor uns finden, bei dem schneller» Laufe unserer Safte und Regungen, Lebensalter und Gedankenplane, wo Eins das Andere, wie eine Wasserblase die andere, zu verfolgen und zu zerstören eilt, bei dem so oft mißh eiligen Verhältnis zwilchen Kraft und Besonnenheit, Fähigkeit und Klugheit, Anlage und gutem Herzen, die ein Jahrhundert des Verfalls immer bezeichnen — wies bei dcm allen Absicht und abwagende Weisheit scheint: eine große Masse kindischer Kräfte durch kurze, kraftlose Dauer des Lebe nsspiels zu mäßigen und zu sichern: gehörte nicht auch allein jenes erste, stille, ewige Baum- und Patriarchen- Lcben dazu, um die Menschheit in ersten Neigungen , Sitten und Einrichtungen zu wurzeln und zu gründen? Was waren diese Neigungen? Was sollten sie scyn? Die natürlichsten, stärksten, einfachsten! für alle Jahrhunderte der Menschenbildung die ewige Grundlage: Weisheit statt Wissenschaft, Gottesfurcht statt Weisheit, Aeltern-, Gatten-, Kindesliebe statt Artigkeit und Ausschweifung, Ordnung des Lebens, Herrschaft und Gott-Regentschaft eines Hauses, das Urbild aller bürgerlichen Ordnung und Einrichtung — in diesem allen der einfachste Genuß der »24 VI. Auch eine Philosophie Menschheit/ aber zugleich der tiefste — wie düs alles, ich will nicht fragen, erbildet, nur angebildet, fortgebildet werden, als--- durch jene stille, ewige Macht des Vorbilds, und einer Reihe Vorbilder mit ihrer Herrschaft um sich her? Nach unferm Lebensmaaße Ware jede Erfindung hundertfach verletzten gegangen; wie Wahn entsprungen und wie Wahn entflohen --- welcher Unmündige sollte sie annehmen? welcher zu bald wieder Unmündige sie anzunehmeN zwingen? Es zerfielen also die ersten Bande der Menschheit im Ursprünge; oder vielmehr, damals so dünne kurze Faden, wie hätten sie je die starken Bande werden können, ohne die, selbst nach Jahrtausenden der Bildung, das menschliche Geschlecht durch bloße Schwächung noch immer zerfallt? — Nein! mit frohem Schauer stehe ich dort vor der heiligen Cedet eines Stammvaters der Welt! Ringsum schon hundert junge blühende Bäume, ein schöner Wald der Nachwelt und Verewigung! aber siehe! die alte Ceder blüht noch fort, hat ihre Wurzeln weit umher, und tragt den ganzen jungen Wald mit Saft und Kraft aus der Wurzel. Wo der Alkvater auch seine Kenntnisse, Neigungen und Sitten her habe? was und wie wenig diese auch seyn mögen? ringsum hat sich schon eine Welt und Nachwelt zu diesen Neigungen und Sitten, bloß durch die s t i l l e, kräftige, ewige Anschauung seines Gottesbeispiels gebildet und fest gebildet! zwei Jahrtausende waren nur Mi Generationen, Jndcß der Geschichte der Menschheit. 22h Jndeß auch van diesen heroischen Anfängen der Bildung des menschlichen Geschlechts weggese- hcn: nach den bloßen Trümmern der weltlichen Geschichte und nach dem flüchtigsten Raisonnemcnt über dieselbe ä In Voltaire — welche Anstände können erdacht werden, erste Nei- gungen des menschlichen Herzens hervor zu locken, zu bilden, und fest zu bilden, als die wir schon in den Traditionen unserer ältesten Geschichte wirklich angewandt finden? Das Hirtenlcben im schönsten Kl i m a d e r Wel t, wo die freywillige Natur den einfachsten Bedürfnissen so zuvor oder zu Hülfe kommt, die ruhige und zugleich wandernde Lebensart der väterlichen Patriarchen-Hütte, mit allem, was sie gibt, und dem Auge entziehet, der damalige Kreis menschlicher Bedürfnisse, Beschäftigungen und Vergnügungen, nebst allem, was nach Fabel oder Geschichte dazu kam, diese Beschäftigungen und Vergnügen ZU lenken — man denke sich alles in sein natürliches, lebendiges Licht — welch ein erwählter Garten Gottes zur Erziehung der ersten, zartesten Menschengem ach se! Siehe diesen Mann voll Kraft und Gefühl Gottes, aber so innig und ruhig fühlend, als hier der Saft im Baume treibt, als der Jnstinct, der tauscndartig dort unter Geschöpfe vertheilt, der in jedem Geschöpfe einzeln so gewaltig treibet, als dieser in ihn gesammlete, stille, gesunde Naturtrieb nur wirken kann! Die ganze Welt ringsum, voll Segen Gottes' eine große, Phitofl und Gesch. lll, LH. P sts l. 226 IV. Auch eine Philosophie muthige Familie des Allvaters: diese Welt sein täglicher Anblick: an sie mit Bedürfnis und Genuß geheftet: gegen sie mit Arbeit, Vorsicht und mildem Schutze strebend — unter diesem Himmel, in diesem Elemente Lebenskraft, welche Gedanke n f o r m , welch ein Herz mußte sich bilden! Groß und heiter, wie die Natur! wie sie, im ganzen Gange still und muthig! langes Leben, Genuß sein selbst auf die unzerglicder- lichste Weise, Ei nt Heilung der Tage, durch Muhe und Ermattung, Lernen und Behalten — siehe, das war der Patriarch für sich allein. — Aber was für sich allein? der Segen Gottes durch die ganze Natur, wo war er inniger, als im Bilde der Menschheit, wie es sich fort fühlt und fortbildet: im Weibe für ihn geschaffen, im Sohn seinem Bilde ähnlich, im Gottes g e- schlecht, das ringsum und nach ihm die Erde fülle. Da war Segen Gottes sein Segen: sein, die er regiert; sein, den er erzieht; sein, die Kinder und Kindeskinder um ihn ins dritte und vierte Glied, die er alle mit Religion und Recht, Ordnung und Glückseligkeit leitet, — Dies das urvmsgezwungene Ideal einer Patriarchen- Welt, auf welches alles in der Natur trieb: außer ihm kein Zweck des Lebens, kein Moment, Behaglichkeit oder Kraftanwcndung zu denken, — Gott! welch ein Zustand zu Bildung der Natur in den einfachsten, nothwendigsten, angenehmsten Neigungen ! — Mensch, Mann, Weib, Vater, Mutter, Sohn, Erbe, Priester G o t k e s , R e ge nt und Hausvater, für alle d e r G e sc h i c h t e der Me n sc hh eit. 227 Jahrtausende sollte er da gebildet werden! und ewig wird, ausser dem tausendjährigen Reiche und dem Hirngespinste der Dichter, ewig wird Patriarch e n - G e g e n d und P a t ri a r c h en - Ze l t das goldene Zeitalter der kindlichen Menschheit bleiben. Daß nun zu dieser Welt von Neigungen selbst Z ust an de gehören, die wir uns aus einem Betrüge unsrer Zeit oft viel zu fr e mde und schrecklich dichten, dürste eine Induktion nach der andern zeigen. — Wir haben uns einen Despotismus des Orients aus den übertriebensten, gewaltsamsten Erscheinungen meist verfallender Reiche abgesondert, die sich mit ihm nur in ihrer letzten Todesangst strauben, (eben dadurch aber auch Todesangst zeigen!) — und da man nun nach unfern Europäischen Begriffen, (und vielleicht Gefühlen,) von nichts Schcecklicherm, als Despotismus sprechen kann: so tröstet man sich, ihn von sich selbst ab, in Umstände zu bringen, wo er gewiß nicht das schreckliche Ding war, das wir uns a us un- serm Zustande an ihm träumen *). Mag es seyn, daß im Zelte des Patriarchen allein An- *) L 0 u 1 ktnKsr llu üespotisme orientsl. Voltaire pbil. lle I'Iiistoirs — cie la Vol^ranos etc. H e 1 v e t. lls I'lÜZprit lDisc. III. ete. P 2 228 IV. Auch eine Philosophie sehen, Vorbild, Autorität herrschte, und daß also, nach der aufgefädclten Sprache unserer Politik, Furcht die Triebfeder dieses Regiments war — laß dich doch, o Mensch, vom Worte des Fa c h - P hi l o sop h e n *) nicht irren, sondern siehe erst, was es denn für ein Ansehen, was für eine Furcht sey? Gibts nicht in jedem Menschenleben ein Alter, wo wir durch trockene und kalte Vernunft nichts, aber durch Neigung, Bildung, nach Autorität Alles lernen? wo wir für Grübelei) und Raisonncment des Guten, Wahren und Schönen kein Ohr, keinen Sinn, keine Seele; aber für die sogenannten Vorur theile und Eindrücke der Erziehung Alles haben — siche! diese sogenannten Vorurtheile ohne Rarkarcr cslurswt aufgefaßt, und von keiner Demonstration des Naturrechts begleitet, wie stark, wie tief, wie nützlich und ewig!— Grundsaulen alles dessen, was spater über sie gebauet werden soll, oder vielmehr schon ganz und gar Kei- m e, aus denen sich alles Spatere und Schwächere, cs heiße so glorwürdig, als es wolle, (jeder vernünftelt doch nur nach seiner Empfindung,) entwickelt — also die stärksten, ewigen, fast göttlichen Züge, die unser ganzes Leben beseligen oder verderben; mit denen, wenn sie uns verlassen, uns alles verlaßt. — — Und siehe, was jedem einzelnen Menschen in seiner Kindheit unumgänglich Noth ist: dem ganzen *) Monteöquleu's SchaareN Nachfolger und imitaio- rn4n servum p. — der Geschichte der Menschheit. 22g Menschengeschlecht in seiner Kindheit gewiß nicht weniger. Weis du Despotismus in seinem zartesten Keime nennest, und eigentlich nur Vater-Autorität war, Haus und Hütte zu regieren — stehe, wies Dinge ausrichtete, die du jetzt mit alle deiner kalten Philosophie des Jahrhunderts wohl unterlassen müssest! wies das, was Recht und Gut war, oder wenigstens so dünkte, zwar nicht demonstrirte, aber dafür in ewige Formen fest schlug, mit einem Glanze von Gottheit und Vaterliebe, mit einer süßen Schlau bc früher Gew 0 h nhcit, und allem Lebendigen der Kindes-Jdeen aus seiner Welt, mit allem ersten Genuß der Menschheit in Ein Andenken zauberte, dem Nichts, nichts auf der Welt zu gleichen. Wie nothwendig! wie gut! fürs ganze Geschlecht, wie nützlich! da wurden Grundsteine gelegt , die auf andere Art nicht gelegt werden konnten, nicht so leicht und tief gelegt werden konnten— sie liegen! Jahrhunderte haben drüber gebaut, Stürme von Weltaller haben sie, wie den Fuß der Pyramiden, mit Sandwüsten überschwemmet, aber nicht zu erschüttern vermocht — sie liegen noch! und glücklich, da alles auf ihnen ruht. Morgenland, du hiezu recht auscrwablter Boden Gottes! die zarte Empfindlichkeit dieser Gegenden, mit der raschen, fliegenden Einbildung, die so gern alles in göttlichen Glan; kleidet: Ehrfurcht vor allem, was Macht, Ansehen, Weisheit, Kraft, Fußstapfe Gottes ist, und 23o IV. Auch eine Philosophie sodann gleich kindliche Ergebung, die sich ihnen natürlich, uns Europäern unbegreiflich, mit dem Gefühl von Ehrfurcht mischet: der wehrlose, zerstreute, ruheliebende, Herdenahn liehe Zustand des Hirteulebeus, das sich auf einer Ebene Gottes milde und ohne Anstrengung au sieben will — alles das, mehr und weniger von Umstanden unterstützt, freylich hats in der spatcrn Folge auch dem Despotismus der Eroberer volle Materialien geliefert, so volle Materialien, daß Despotismus vielleicht ewig im Orient seyn wird, und noch ist kein Despotismus im Orient durch fremde äußere Kräfte gestürzt worden; er mußte nur immer, weil ihm nichts entgegen stand, und er sich unerme ßlich ausbreitete, allein durch eigne La st zerfallen. Allerdings hat dieser Despotismus auch oft die schrecklichsten Wirkungen hervor gebracht, und, wie der Philosoph sagen wird, die schrecklichste von allen, daß kein M o r g e n l a n d e r, als solcher, noch raum von einer menschlichen, bessern Verfassung innigen Begriff haben kann. — Aber alles das spater dahin gestellt, und zugegeben: Anfangs unter der milden Water regierung war nicht eben der Morgenlander mit seinem zarten Kind es sin ne der glücklichste und folgsamste Lehrling? Alles ward als Muttermilch und väterlicher Wein gekostet! Alles in Kindesherzcn aufbewahrt und da mit dem Siegel göttlicher Autorität versiegelt! der menschliche Geist bekam die ersten Formen von Weisheit und Tugend mit einer Einfalt, Starke und Hoheit, die nun — gerade heraus der Geschichteder Menschheit. 2.?i gesagt — in unsrer philosophischen, kalten Europäischen Welt wohl nichts, gar nichts ihres gleichen hat. Und eben wcil wir so unfähig sind, sie mehr zu verstehen! zu fühlen! geschweige denn zu genießen — so spotten wir, l a u g n e n und mißdeuten! der beste Beweis! Ohne Zweifel gehört hiezu auch Religion, oder vielmehr war Religion ,,das Element, in dem das alles lebt' und webte." Auch von allem göttlichen E i n d r u c k be» S c h ö- pfung und frühester Pflege dcS Menschengeschlechts , (dem Ganzenso nöthig, als jedem einzelnen Kinde nach seiner Geburt Pflege der Ael- tern,) von allem dem auch den Blick entfernt, wenn Greis, Vater, König so natürlich G o t te s Stelle vertrat, und sich eben so natürlich der Gehorsam unter väterlichen Willen, das A »- kleben an alte Gewohnheit, und die ehrfurchtsvolle Ergebung in den Wink des Obern, der das Andenken alter Zeiten hatte *), mit einer Art von kindlichem Religions- Gesü hl mischet — meistens denn , wie wir aus dem Geist und Herzen unsrer Zeit so sicher wabncn **), nichts anders als Betrüger und Bösewichter seyn, dke dergleichen Ideen a u fd r a n g e n , arglistig erdichtet hatten, und argwütherisch mißbrauchten? Mags seyn, daß dergleichen Neli- *) Montesq. espr. I. 2g.. 25 . **) Volisire xlul. cle l'higt. klelvsi. Louis N Z e r eio. z?,2 I V. Auch eine Philosophie gions-Gefühl, als Element unsrer Handlungen, für unfern philosophischen Welttheil, für unsere gebildete Zeit, für unsre frey denkende Verfassung von innen und außen äußerst schändlich und schädlich wären, (ich glaube, sie ist, was noch mehr ist, leider! für ikn gar unmöglich;) laß cs seyn, daß die Bothen Gottes, wenn sie jetzt erschienen, Betrüger und Bösewichter waren: siehst du nicht, daß es mit dem dortigen Geiste der Zeit, des Landes, der Stufe des Menschengeschlechts ganz anders ist? Bloß schon die älteste Philosophie und Regierungsform hat so natürlich in allen Ländern ursprünglich Theologie seyn müssen l — — Der Mensch staunt alles an, ehe er sieht: kommt nur durch Verwund erung zur Hellen Idee des Wahren und Schönen; nur durch Ergebung und Gehorsam zum ersten Besitz des Guten — so gewiß auch das menschliche Geschlecht. Hast du je einem Kinde aus der philosophischen Grammatik Sprache beygebracht? aus der abgezogensten Theorie der Bewegung es gehen gelernt? hat ihm die leichteste oder schwerste Pflicht aus einer Demonstration der Sitten lehre begreiflich gemacht werden müssen? und dürfen? und können? Gottlob eben! daß sie's nicht d ü r- fe n und können! Diese zarte Ratur, u n wi s- send und dadurch auf alles begierig, leichtgläubig und damit alles Eindrucks fähig, zutrauend folgsam, und damit geneigt, auf alles Gute geführt zu werden, alles mit Einbildung, Staunen, Bewunderung erfassend, aber cbcn damit auch alles um so fester und wunderbarer sich zueignend ---- „Glaube, „Liebe und Hoffnung in seinem zarten Herzen- der Geschichte der Menschheit. 233 „die einzigen Samenkörner aller Kenntnis, „s e, Neigungen ünd G lü c k se l ig k e i t" — tadelst du die Schöpfung Gottes? oder siehst du nicht in jedem deiner so genannten Fehler Ve- hiculum, einziges Vehiculum alles Guten? Wie thöricht, wenn du diese Unwissenheit und Bewunderung, diese Einbildung und Ehrfurcht, diesen Enthusiasmus und Kindessinn mit den schwärzesten Leu fel sg esta lten deines Jahrhunderts, Betrüge rcy und Dummheit, Aberglauben und Sclave- rey, brandmarken, dir ein Heer von Priesterteufeln und Ly ran n e n g e spen ste r n erdichten willt, die nur in deiner Seele episticen! wie tausendmal mehr thöricht, wenn du einem Kinde deinen philosophischen Deismus, deine ästhetische Tugend und Ehre, deine allgemeine Völker liebe voll toleranter Unte r- jochung, Aussaugung und Aufklärung nach hohem Geschmack deiner Zeit großmüthig gönnen wolltest! Einem Kinde? O du das ärgste, thörichtste Kind, und raubtest ihm damit seine b ehren Neigungen , die Seligkeit und Grundfeste seiner Natur; machtest es, wenn dir der unsinnige Plan gelange, zum unerträglichsten Dinge in der Welt — einem Greise von drey Jahren Unser Jahrhundert hat sich den Namen Philosophie! mit Scheidewafser vor die Stirn gezeichnet, das tief in den Kopf seine Kraft zu äußern scheint — ich habe also den Seitenblick dieser philosophischen Kritik der ältesten 234 IV. Auch eine Philosophie Zeiten, vor der jetzt bekanntlich alle Philosophien der Geschichte, und Geschichten der Philosophie voll sind, mit einem Seitenblicke, obwohl Unwillens und Ekels, erwiedern müssen, ohne daß ich mich um die Folgen des Einen und des Andern zu bekümmern nöthig finde. Gebe hin, mein Leser, und füble noch jetzt hinter Jahrtausenden die solang erhaltene reine morgen ländische Natur, belebe sie dir aus der Geschichte dcr a l te s t e n Z e i l en, und du wirst „Neigungen antreffen, wie sie nur in dem Lande, auf die Art, zu den gr oßen Zwecken der Vorsehung aufs Menschengeschlecht hinab gebildet werden konnten" — Welch ein Gcmahlde, wenn ichs dir liefern könnte, wie es war! * * * Die Vorsehung leitete den Faden der Entwicklung weiter — vom Euphrat, Opus und Gan- g e s herab , zum Nil und an die Phön i ci schen Küsten — große Schritte! Es ist selten ohne Ehrfurcht, daß ich mich vom alten Aegypten und von der Betrachtung entferne, was es in der Geschichte des menschlichen G e sch lech ts geworden ! Land, worin Theil des Knabenalters der Menschheit an Neigungen und Kenntnissen gebildet werden sollte, wie im Orient die Kindheit! Eben so leicht und der Geschichte der Menschheit. 235 unvermerkt, als dört die Genese, war hier die Metamorphose. Aegypten war ohne Viehweide und Hirtenleben: der Patriarchen-Geist der ersten Hütte ging also verloren. Aber aus Nil-Schlamm gebildet und von ihm befruchtet, gabs, beynahe eben so leicht, den so vortrefflichen Ackerbau: also ward die Schaferwelt von Si-tten, Neigungen, Kenntnissen ein Bezirk von Ack e r m en sch en. Das Wanderleben hörte auf: cs wurden feste Sitze, Lau de ig en thum. Lander mußten ausge- messcn, jedem das Seine bestimmt, jeder bey dem Seinen beschützt werden: jeden konnte man also auch bey dem Seinen finden — es ward Landes- si c h e r h c it , Pflege der Gerechtigkeit, Ordnung, Polizey, wie alles im Wanderleben des Orients nie möglich gewesen; es ward neue Welt. Nun kam eine Industrie auf, wie sie der selige, müßige Hüttenwohncr, der Pilger und Fremdling auf Erden, nicht gekannt batte: Künste wurden erfunden, die jener weder brauchte, noch zu brauchen Lust fühlte. Bey dem Geiste Aegyptischer Genauigkeit und Acke rfleißes konnten diese Künste nicht anders, als zu einem hohen Grade mechanischer Vollkommenheit gelangen: der Sinn des st r e n g e n Fl e i fi c s, der Sicherheit und Ordnung ging durch alles: jeder war in der Kunde der Gesetzgebung, derselben mit Bedürfnis und Genuß verpflichtet: also ward auch der Mensch unter sic gefesselt: die Neigungen, die dort bloß väterlich, kindlich, schafermaßig, patriarchisch gewesen waren, 236 IV. Auch eine Philosophie wurden hier b ü rg e r li c h, dö r fl i c h, städtisch. Das Kind war dem Flügelkleide entwachsen der Knabe saß auf der Schulbank, und lernte Ordnung, Fleiß, Bürgcrsitten. Eine genaue Vergleichung des morgenländischen und Aegyptischen Geistes müßte zeigen, daß meine Analogie, von menschlichen Lebensaltern hergenommen, nicht Spiel sc». Offenbar war allem, was beyde Alter auch gemeinschaftlich hatten, der himmlische Anstrich genommen, und es mit Erdehaltung und Ackerlehm versetzt; Aegyptens Kenntnisse waren nicht mehr väterliche Orakel-Sprücbe der Gottheit, sondern schon Gesetze, politische Regeln der Sicherheit, und der Rest von jenen ward bloß als heiliges Bild an die Tafel gcmahlt, daß es nicht unterginge, daß der Knabe davor stehen, entwickeln und Weisbcit lernen sollte. Aegyptens Neigungen waren nicht mehr so kindeszart als die im Orient: das Familien-Gcsühl schwächte sich, und ward dafür Sorge für dieselbe, Stand, Künstler-Talent, das sich mit dem Stande wie Haus und Acker fort erbte. Aus dem müßigen Zelte, wo der Mann herrschte, war eine Hütte der Arbeit geworden, wo auch das Weib schon Person war, wo der Patriarch jetzt als Künstler saß, und sein Leben fristete. Die freye Aue Gottes voll Heerden, ein Acker voll Dorfe r u n d S t ä d t e: das Kind, was Milch und Honig aß, ein Knabe, der über seine Pflichten mit Kuchen belohnt wurde — — es webte neue Tugend durch alles, die wir Aegyptischen der Geschichte der Menschheit. 287 Fleiß, Bürgertreue nennen wollen, die aber nicht orientalisches Gefühl war. Dem Morgenländer, wie ekelt ihm noch jetzt Ackerbau, Städteleben, Sclave rey in Kunst Werkstätten! wie wenig Anfänge hat er noch nach Jahrtausenden in allem dem gemacht: er lebt und webt als ein fceyes Thier des Feldes. Der Aegypter im Gegentheil, wie haßte und ekelte er den Viehhirten, mit allem, was ihm anklebte! eben wie sich nachher der feinere Grieche wieder über den lastba- r c n Aegypter erhob — es hieß nichts, als dem Knaben ekelte das Kind in seinen Windeln, der Jüngling haßte den Schulkerker des Knaben; im Ganzen aber gehören alle drey auf- und nach einander. Der Aegypter ohne morgenländischen Kindesunterricht wäre nicht A eg y p r e r, der Grieche ohne Aegyptischen Schulfleiß nicht Grieche — eben ihr Haß zeigt Entwickelung, Fortgang, Stufen der Leiter! Zum Erstaunen sind sie, die leichtern Wege der Vorsehung: sie, die das Kind durch Religion lockte und erzog, entwickelte den Knaben durch nichts als Bedürfnisse und das liebe Muß der Schule. Aegypten hatte keine Weiden — der Einwohner mußte also Ackerbauwohl lernen: wie sehr erleichterte sie ihm dies schwere Lernen durch den fruchtbringenden Nil. Aegypten hatte kein Holz: man mußte mit Stein bauen lernen: Steingruben genug da, der Nil bequem da, sie fortzubringen — wie hoch ist die Kunst gestiegen! wie viel entwickelte sie andre Künste! Der Nil überschwemmte: man brauchte Ausmes- 233 IV. Auch eine Philosophie jungen, A b l e i t u ng e n, D a m m e, Canäle, Städte, Dörfer — aufwie mancherlei) Weise ward man am Erdklos an gehest et; aber wie viel Einrichtung entwickelte auch der ErdkloS! Er ist mir auf der Karte nichts als Tafel voll Figuren, wo jeder Sinn entwickelt hat: so original dies Land und seine Products, so eine eigne M e n sehe n g a t t u ng! Der menschliche Verstand hat viel in ihm gelernt, und vielleicht ist keine Gegend der Erde, wo dies Lernen so offenbar Culturdes Bodens gewesen als hier. Sina ist noch sein Nachbild: man urtheile und ertathe. Auch hier wieder Thorhcit, eine einzige Aegoptische Tugend aus dem Lande, der Zeit und dem Knabenalter des menschlichen Geistes heraus zu reißen, und mit dem Maßstabe einer andern Zeit zu messen! Konnte, wie gezeigt, sich schon der Grieche so sehr am Aegypter irren und der Morgenländer den Aeqvpter hassen: so, dünkt mich, sollts doch erster Gedanke seyn, ihn bloß auf seiner Stelle zu sehen, oder man sieht, zumal aus Europa her, die verzogenste Fratze. Die Entwicklung geschah aus dem Orient und der Kindheit herüber — natürlich mußte also noch immer R el i g i o n, F u r c h t, Au t o r i t ä t, Despotismus das Vehiculum der Bildung werden: denn auch mit dem Knaben von sieben Jahren läßt sich noch nicht, wie mit Greis und Manne, vernünfteln. Natürlich mußte also auch, nach unserm Geschmack, dies Vehiculum der Bildung barte Schlaube, oft solche Ungemach- der Geschichte der Menschheit, lichkeiten, soviel K ra n k h e i te n verursachen, die man K n a b e n st r e i t i g k e i t e n und Canto rs-Kr i ege nennt. Du kannst , so viel Galle du willt, über den Aegyptischen Aberglauben und das Pfaffenlhum ausschütten, als z. B. jener liebenswürdige Plato Europens *), der nur alles zu sehr nach Griechischem Urbilde modeln will, gc- than hat — alles wahr! alles gut, wenn das Aegyp- tenthum für dein Land und deine Zeit seyn sollte. Der Rock des Knaben ist allerdings für den Riesen zu kurz! und dem Jüngling bei) der Braut der Schulkerker anekelnd, aber siehe! dein Talar ist für jenen wieder zu lang, und siehst du nicht, wenn du etwas Aegyptischen Geist kennest, wie deine bürgerliche Klugheit, philosophischer Deismus, leichte Tandeley, Umlauf in alle Welt, Toleranz, Artigkeit, Völkerrecht, und wie der Kram weiter heiße, den Knaben wieder zum elenden Greisknaben würde gemacht haben. Er mußte eingeschlossen seyn; eine gewisse .Privation von Kenntnissen, Neigungen und Tugenden mußte da seyn, um das zu entwickeln, was in ihm lag, und jetzt in der Reihe der Weltbegebenheiten nur das Land, die Stelle entwickeln konnte! Also waren ihm diese Nachtheile Bortheile, oder unvermeidliche Uebel, wie die Pflege mit fremden Ideen dem Kinde, Strei- fereyen und Schulzucht dem Knaben — warum willt du ihn von seiner Stelle, aus seinem Lebensalter rücken — den armen Knaben tödten?-Welch *) LKskteniiurv Lsraci. 1?. HII. Düsoell. 240 IV. Auch eine Philosophie eine große Bibliothek von solchen Büchern! bald die Acgyptcr zu alt gemacht, und aus ihren Hieroglyphen Kunstanfängen, Polizey.-Vcrfafsungen, welche Weisheit geklaubt *) ! bald sie wieder gegen die Griechen so lief verachtet **) — bloß weil sie Aegyptcr und nicht Griechen waren, wie meist die Liebhaber der Griechen, wenn sie aus ihrem Licblingslande kamen. Offenbares Unrecht! Der beste Geschichtschreiber der Kunst des Alter- khums, Winkelmann, hat über die Kunstwerke der Aegypter offenbar nur nach Griechischem Maßstabe gcurtheilt, sie also verneinend sehr gut, aber nach eigner Natur und Art so wenig geschildert, daß fast Key jedem seiner Satze in diesem Hauplstück das offenbar Einseitige und Schielende vocleuchtet. So Webb, wenn er ihre Literatur der Griechischen entgegen fetzt, so manche andre, die über Aegyp tische Sitten und N e g i er u n g s so r m gar mit Europäischem Geist geschrieben haben. — Und da cs den Aegyp- tern meistens so geht, daß man zu ihnen aus Griechenland und also mit bloß Griechischem Auge kommt — wie kanns ihnen schlechter gehen? Aber theuret Grieche! diese Bildsäulen sollten nun nichts weniger, (wie du aus allem wahrnehmen könntest,) als Muster der schonen Kunst nach deinem Ideal scyn! voll *) Kircher, D'orignr, Blackwell U. s. w. **) Wood, Webb, Winkelmann, Newton, Boltaire bald eins, bald das andere, pro loco et tempsre» der Geschichte der Menschheit. 24» voll Reitz, Handlung, Bewegung, wo von allem der Aegypter nichts wußte, oder was sein Zweck ihm gerade wegschnitt. Mumien sollten sie seyn! Erinnerungen an verstorbne Leitern oder Vorfahren nach aller Genauigkeit ihrer Gesichtszüge, Größe nach hundert fe st g c- setzten Regeln, an die der Knabe gebunden war — Also natürlich eben ohne Reitz, ohne Handlung, ohne Bewegung, eben in dieser Grabes stellu ng mit Händen und Füßen voll Ruhe und Tod — ewige Marmor-Mumien! siehe, das sollten sie seyn, u n d finds auch! Sinds im höchsten Mechanischen der Kunst, im Ideal ihrer Absicht! — wie geht nun dein schöner Tadeltraum verloren! Wenn du auf zehnfache Weise den Knaben durch ein Vergrößerungsglas zum Riesen erhöbest und ihn belichtetest, du kannst nichts mehr in ihm erklären; alle Knabenhaltung ist weg, und ist doch nichts minder «ls Riese! * 4 - Die Phönicier waren, oder wurden, so venvandt sie den Aegyptern waren, gewissermaßen ihre. Gegenseite von Bildung. Jene, wenigstens in den später» Zeiten, Hasser des Meers und der Fremden, um einheimisch nur „alle Anlagen und Künste ihres Landes zu entwickeln;" diese zogen sich hinter Berg und Wüste an eine Küste, um eine neue Welt Philos. und Gesch. II. LH. Q I'rop/lüe?,. 2^3 IV. Auch eine Philosoph,« aufdcm Meere zu stiften — Und auf welchem Meere t auf einem Inselnsunde, einem B u- sen zwischen Ländern, das recht dahin geleitet, mit Küsten, Inseln, und Landspitzen gebildet zu seyn schien, um einer Nation die Mühe des Schwimmens und Landsucbens zu erleichtern — wie berühmt bist du Archipelag und Mittelmeer in der Geschichte des menschlichen Geistes! Ein erster handelnder Staat, ganz aufHandel gegründet, der die Welt zuerst über Asien hinaus recht ausbrci- tete, Völker pflanzte und Völker band — welch ein großer, n e u er S c h r i r t zur Entwickelung! Nun mußte freylich das morgenlän- bische Hirtenleben Mit diesem werdenden Staate fast schon unvergleichbar werden: Familien-Gefühl, Religion und stiller Landgenuß des Lebens schwand: die Regiments-Form that einen gewaltigen Schritt zur Frey heit der Republik, von der weder Morgenländer noch Aegypker eigentlich Begriff gehabt: auf einer handelnden Küste mußten bald wider Wissen und Willen gleichsam Aristokratien von Städten, Häusern und Familien werden — mit allem welch eine Veränderung in der Form men.sch l i c her Gesellschaft! Als also Haß gegen die Fremden und Verschlossenheit von andern Völkern schwand, ob der Phönicier gleich nicht aus Menschenliebe Nationen besuchte, es Wardeine Art von V ö lk e r l i e b e, Völkerbekanntschaft, Völkerrecht sichtbar, von dem denn nun wohl ganz natürlich ein eingeschlosse- nec Stamm, oder ein Eolchisches Völkchen nichts wissen konnte. Die Welt wurde weiter: Men- der Geschichte der Menschheit. 24A schengeschlechter verbundener und enger. Mit dem Handel eine Menge Künste entwickelt, ein ganz neuer Kunst trieb insonderheit, für Vortheil, Bequemlichkeit, Ueppigkeit ' und Pracht! Auf einmal stieg der Fleiß der Menschen von der schweren Pyramide »-Industrie und dem Ackerfleiße in ein „niedliches Feld kleinerer Beschäftigungen" hinunter. Statt jener unnützen, theillofen Obelisken wandte sich die Baukunst auf theilvolle, und in jedem Thcile nutzbare Schiffe. Aus der stummen, stehenden Pyramide ward der wandelnde, sprechende Mast. Hinter der Bildnern) und Werkarbeit der Aegypter ins Große und Ungeheure spielte man jetzt so vortheilhafc mit Glas, mit zerstücktem, gezeichnetem Metall, Purpur und Leinwand, Geräthschaft vom Libanon, Schmuck, Gefäßen, Zierrath — man spielts fremden Nationen in die Hände — welch andere Welt von Beschäftigung! von Zweck, Nutzen, Neigung, Seelen an- wendung! Nun mußte natürlich aus der schweren geheimnißreichen Hieroglyphen-Schrift „leichte, abgekürzte, bräuchliche Rechen- und Buch stabe nkunst werden: nun mußte der Bewohner des Schiffs und der Küste, der expatkiirte Seestreicher und V ölkeck ausec dem Bewohner des Zeltes und der Ackerhütte ein ganz anderes Geschöpf dünken: der Morgenländer mußte ihm Vorwersen können, daß er menschliches, der Aegypter, daß er V a te r l a n d s g e fü h l geschwächt; jener, daß et Liebe und Leben.; Q 3 244 IV- Auch eine Philosophie dieser, daß er Treue und Fleiß verloren: jener, daß er vom heiligen Gefühl der Religion nichts wisse; dieser, daß ec das Geheime der Wissenschaften, wenigstens in Resten, auf seine Handelsmärkle zur Schau getragen." Alles wahr. Nur entwickelte sich dagegen auch etwas ganz Anderes, (was ich zwar keines- weges mit jenem zu vergleichen Willens bin: denn ich mag gar nicht vergleichen!) Phöni- cische Regsamkeit und Klugheit, eine neue Art Bequemlichkeit und Wohlleben, der Ucbergang zum Griechischen Geschmack, und eine Art Vö lke rk u nd e, der Uebergang zur Griechischen Fr eyh eit. Aegypter und Phönicier waren also, Key allem Contraste der Denkart, Zwillinge einer Mutter des Morgenlandes, die nachher gemeinschaftlich Griechenland und so die Welt weiter hinaus bildeten. Also beyde Werkzeuge der Fortleitung in den Händen des Schicksals, und, wenn ich in der Allegorie bleiben darf, der Phönicier, der erwachsenere Knabe, der umher lies, und die Reste der uralten Weisheit und Geschicklichkeit mit leichterer Münze auf Markte und Gassen brachte. Was ist die Bildung Europens den betrügerischen, gewinnsüchtigen Phöniciern schuldig! — Und nun der schöne Griechische Jüngling! Wie wir uns vor allem der Iüng lingszeit mit Lust und Freude erinnern, Kräfte und Glieder der Geschichte d er Menschheit. 245 bis zur Blüthe des Lebens ausgebildet: untere Fähigkeiten bis zur angenehmen Schwatzhaf- igkeit und Freundschaft entwickelt: alle Neigungen auf Freyheit und Liebe, Lust und Freude gestimmt, und alle nun im ersten süßen Tone — wie wir die Jahre fürs goldene Ak- t e r und für ein Elysium unserer Erinnerung halten, (denn wer erinnert sich seiner unentwickelten Kindheit?) da am glänzendsten ins Auge fallen, eben im Aufbrechen der Blüthe, alle unsere künftige Wirksamkeit und Hoffnungen im Schooßc tragend — in der Geschichte der Menschheit wird Griechenland ewig der Platz bleiben, wo sie ihre schönste Jugend und Brautblüthe verlebt hat. Der Knabe ist der Hütte und Schule entwachsen und steht da — edler Jüngling mit schönen gesalbten Gliedern, Liebling aller Grazien, und Liebhaber- aller Musen, Sieger in Olympia und all anderm Spiele, Geist und Körper zusammen nur Eine blühende Blume! Die Orakel-Sprüche derKindheit und Lehrbilder der mühsamen Schule waren jetzt beynahe vergessen; der Jüngling entwickelte sich aber daraus alles, was er zu JugendweiS- heit und Tugen d, zu Gesang und Freude, Lust und Leben brauchte. Die groben Arbeitskünste verachtete er, wie die bloß barbarische Pracht, und das zu ein fache Hirten! eben; aber von allem brach er die Blüthe, einer neuen schönen Natur. — Handwerk e r e y ward durch ihn schöne Kunst: der 246 IV, Auch e ine P h i l o s oph i e dienstbare Landbau, freye Bürgerzunft, schwere Bedcutungssülle des strengen ?kegyptenS, leichte, schöne Griechische Liebhaberei) in aller Art. Nun welche neue schöne Elaste von Neigungen und Fälligkeiten, von denen die frühere Zeit nichts wußte, zu denen sie aber Keim gab! Die Regiments-Farm, mußte sie sich nicht vom orientalischen Varer-Despotismu s durch die Aegypti- schen Landzünftc, und halbe Phönicische Aristo k ra ti e n herab geschwungen haben, ehe die schöne Idee einer Republik in Griechischem Sinne, „Gehorsam mit Freyheit gepaart, und mit dem Namen Vaterland umschlungen," Statt haben konnte? Die Blüthe brach hervor: holdes Phänomen der Natur! heißt „G ri e ch ische Freyheit!" Die Sitten mußten sich vom orientalischen Vater- und Aegyptischcn Taglöh- necsinn durch die Phönicische R e i se k l u g h e i t gemildert haben: und siehe! die neue schöne Blüthe brach hervor, ,',G r i e ch i sch e Leichtigkeit, Milde und L an d esfc eu n d scha ft." Die Liebe mußte den Schleyer der Harems durch manche Stufen verdünnen, ehe sie das schöne Spiel der Griechischen Venus, Am orS und der Grazien ward. So Mythologie, Poesie, P h ,l o s o p h i e, schöne Künste: Entwickelungen uralter Keime, die hier Jahrszcit und Ort fanden, zu blühen und in alle Welt zu duften. Griechenland ward die Wiege der Menschlichkeit, der Völkerliebe, der schönen Gesetzgebung, des Angenehmsten, in Religion, Sitten, Schrei barte der Geschichte der Menschheit. 247 Dichtung, Gebrauchen und Künsten. — Alles Jugendfreude, Grazie, Spiel und Liebe! Es ist zum Tbeil "genug entwickelt, was für Umstande zu dieser einzigen Production des Menschengeschlechts beygetragen, und ich setze diese Umstande nur ins Größere der allgemeinen Verbindung von Zeitläuften und Völkern. Siehe dies schöne Griechische Klima und in ihm das w 0 h l g e b i ld e te Menschengeschlecht mit freyer Stirn und feinen Sinnen — ein rechtes Zwischenland der Eultur, wo auszwey Enden alles zusammen floß, was sie so leicht und edel verwandelten! die schöne Braut wird von zwcycn Knaben bedient, zur Rechten und Linken, sie that nur schön idealisiren; eben die Mischung Phönicisch-Aegyptischer Denkart, deren eine der andern ihr Rationelles und ihren eckichten Eigensinn benahm, formte den Griechischen Kopf zum Ideal, zur Frey- he j t. Jetzt die sonderbaren Anlässe ihrer Theilung und Vereinigungen von den frühesten Zeiten her: ihre Abtrennung in Völker, Republiken, Colonien, und doch der gemeinschaftliche Ge ist derselben; Gefühl einer Nation, eines Vaterlands, einer Sprache! — Die besondern Gelegenheiten zu Bildung dieses A l l gem e i ng e i ste s, vom Zuge der Argonauten, und dem Leld- zuge gegen Troja an, bis zu den Siegen gegen die Perser, und die Niederlage gegen den Macedonier, da Griechenland starb! —' Ihre Einrichtungen gemeinschaftlicher 2/^8 IV. Auc h e i ne P h i l o so p hi e Spiele unk Nacheiferungen, immer mit kleinen Unterschieden und V erand e- rungen, bey jedem kleinsten Erdstrich und Völkchen — olles und zehnfach mehr gab Griechenland eine Einheit und Mannigfaltigkeit, die auch hier das schönste Ganze machte. Kampf und Beyhülfe, Streben und Mäßigen; die Kräfte des menschlichen Geistes kamen ins schönste Eb en -- und Unebenmaß — Harmonie der Griechischen Leyer! Aber daß nun nicht eben damit unsäglich vieles von der alten srühern Starke und Nahrung verloren gehen mußte, wer wollte das laugnen? da den Acgyptischcn Hieroglyphen ihre schwere Hülle abqestrcist ward, so kanns immer seyn, baß auch ein gewisses Tiefe, Bedeutungsvolle, Naturweise, was Charakter dieser Nation war, damit über See verduftete: der Grieche behielt nichts als schönes Bild, Spielwerk, Augenweide — ncnnts gegen jenes Schwerere, wie ihr wollt; genug er wollte nur dies! Der Religion des Morgenlandes ward ihr heiliger Schleyer genommen; und natürlich, da alles aufTheatec und Markt, und T a n z- platz Schau getragen wurde, wards in kurzem „Fabel, schön ausgedehnt, beschwatzet, gedichtet und neu gedichtet — Jünglingstraum „und Mädchensage!" Die morgenländische Weisheit, dem Vorhänge der Mysterien entnommen, ein schön Geschwätz, Lehrgebäude und Zänkerey der G ri e c h i s c h en S ch u le n und Märkte. Der Aegyptischen Kunst ward ihr der Geschichte der Menschheit. 249 schweres Handwerksgewand entnommen, und so verlor sich auch das zu genaue Mechanische und Kün st l er str e n g e, wornach die Griechen nicht strebten: der Koloß crniederte sich zur Bildsäule: der Riesen tempel zum Schauplatz: Aegyptische Ordnung und S i c hech ei t ließ in dem Vielsachen Griechenlands von selbst nach. Jener alte Priester konnte in mehr als einem Betracht sagen „0 ihr ewigen Kinder, die ihr nichts wißt „und so viel schwatzt, nichts habt, und alles so „schön vorzeiget" und der alte Morgenländer aus seiner Patriarchen - Hütte würde noch heftiger sprechen — ihnen statt Religion, Menschheit und Lugend, nur Buhlerey mit allem dem Schuld geben können u. s. w. Seys. Das menschliche Gefäß ist einmal keiner Vollkommenheit fähig: muß immer verlassen, indem es weiter rückt. Griechenland rückte weiter: Aegyptische Industrie und Polizey konnte ihnen nicht helfen, weil sie kein Aegypten und keinen Nil — Phönicische Handelsklugheit nicht helfen, weil sie keinen Li Kanus und kein Indien im Rücken hatte: zur orientalischen Erziehung war die Zeit vorbei) — genug! es ward, was es war — Griechenland! Urbild und Vorbild aller Schöne, Grazie und Einfalt: Jugendblüthe des menschlichen Geschlechts — 0 hätte sie ewig dauern können! Ich glaube, der Stand, in den ich Griechenland stelle, trägt auch bey, ,,den ewigen Streit über ,,die Originalität der Griechen oder ihre „Nachahmung fremder Nationen" etwas 2öo IV. Auch eine Philosophie zu entwirren: man hatte sich, wie überall, also auch hier, lange vereinigt, hatte man sich nur besser verstanden. Daß Griechenland Samenkörner der C ultu r, Sprache, Künste und Wissenschaften anders woher erhalten, ist, dünkt mich, unlaugbar, und es kann bey einigen, Bildhauerei), Baukunst, Mythologie, Literatur, offenbar gezeigt werden. Aber daß die Griechen dies alles so gut als nicht crbalten, daß sie ihm ganz neue Natur angeschaffcn, daß in jeder Art das „Schöne" im eigentlichen Verstände des Worts ganz gewiß ihr Werk sey — das, glaube ich, wird aus einiger Fortleitung der Ideen eben so gewiß. Nichts Orientalisches, Phönicisches und Aegyprisches behielt seine A rt mebr: es ward G ri echi sch, und in manchem Betracht waren sie fast zu sehr Originale, die alles nach ihrer Art um - und einkle ideten. Won der größten Erfindung und der wichtigsten Geschichte an, bis auf Wort und Zeichen — Alles ist davon voll: von Schritt zu Schritt, bey allen Nationen ists ebenfalls so — wer weiter System bauen, oder über Namen streiten will, streite ! Es kam das Mannesalter menschlicher Kräfte und Bestrebungen — die Römer, Gegen die Griechen hat Virgil auf einmal sie geschildert, jenen schöne Künste und Jugend üb ungen überlassen. der Geschichte der Menschheit. 261 1» regere iinpsrio poxnlos, Uoinane, ins- rneirto. Ungefähr damit auch gegen die Nordländer ihren Zug geschildert, die es ihnen vielleicht an barbarischer Härte, Starke im An falle und roher Tapferkeit zuvor thaten; aber — ln r e g ere imperio ^opnlos — Römer -Tapferkeit idealisirt: Römer-Tugend! Römer-Sinn! Römer-Stolz! Die großmüthige Anlage der Seele, über Wollüste, Weichlichkeit und selbst das feinere Vergnügen hinweg zu sehen, und fürs Vaterland zu wirken; der gefaßte Heldenmuts», nie toll» kühn zu seyn und sich in Gefahr zu stürzen, sondern zu harren, zu überlegen, zu bereiten und zu thun: cs war der unerschütterte Gang, durch nichts, was Hinderniß heißt, sich abschcecken zu lassen, eben im Unglück am größten zu seyn, und nicht zu verzweifeln: es war endlich der große, immer unterhaltene Plan, mit nichts Wenigern sich zu begnügen, als bis ihr Adler den Wcltkreis deckte-Wer zu allen diesen Eigenschaften ein vielwichtiges Wort prägen, darin zugleich ihre männliche Gerechtigkeit, Klugheit, das Volle ihrer Entwürfe, Entschließungen, Ausführungen und überhaupt aller Geschäfte ihres Weltbaues begreifen kann, der nenne es. — Genug , hier stand der Mann, der des Jünglings genoß und brauchte, für sich aber nur Wunder der Tapferkeit 2ä2 IV., Auch eine Philosophie und Man n l i c h ke i t thun wollte; mit Kopf, Herz und Armen! Auf welcher Höhe hat das Römische Volk gestanden, welchen Riesentempel auf dieser Höhe erbaut! Sein Staats- und Kriegsge- baude, dessen Plan und Mittel zur Ausführung— Eolossus für alle Welt! Konnte in Rom ein Bubenstück begangen werden, ohne daß Blut in drey Erdcheilen floß? und die großen, würdigen Leute dieses Reichs, wo? und wie wirkten sie hinaus! was für Glieder dieser großen Maschine fast unwissend mit so leichten Kräften bewogen! wohin alle ihre Werkzeuge erhöht und befestigt! Senat und Kriegskunst — Gesetze und Zucht — Römer-Zweck und Starke, ihn auszuführen — ich schaudre! Was bey den Griechen Spiel, Jugendprobe gewesen war, ward bey ihnen ernsthafte, feste Einrichtung: die Griechischen Muster auf einem kleinen Schauplatze, einer Erdenge, einer kleinen Republik; auf der Höhe und mit der Starke aufgeführt, wurden Schauthaten der Welt. Wie man auch die Sache nehme: es war „Reife des Schicksals der alten Welt." Der Stamm des Baums, zu seiner größer» Höhe erwachsen, strebte, Völker und Nationen unter seinen Schatten zu nehmen, in Zweige. Mit Griechen, Pkvniciern, Aegyptern und Morgenländern zu wetteifern, haben die Römer nie zu ihrer Hauptsache gemacht; aber, indem sic alles, was vor der Geschichte der Menschheit. 253 ihnen war, männlich anwandten — was wurde für ein Römischer Erdkreis! der Name knüpfte Völker und Weltstriche zusammen, die sich voraus nicht dem Laute nach gekannt hatten. Römische Provinzen! in allen wandelten Römer, Römische Legionen, Gesetze, Vorbilder von Sitten, Lugenden und Lastern. Die Mauer ward zerbrochen, die Nation von Nation schied, der erste Schritt gemacht, die N a ti o n a l-C h a- raktere aller zu zerstören, alle in Eine Form zu werfen, die „Römer-Volk" hieß. Natürlich war der erste Schritt noch nicht das Werk: jede Nation blieb bey ihren Rechten, Freiheiten, Sitten und Religion; ja die Römer schmeichelten ihnen, eine Puppe der letzten selbst mit in ihre Stadt zu bringen. Aber die Mauer lag. Jahrhunderte von Römer- Herrschaft — wie man in allen Weltthcilen, wo sie gewesen sind, stehet — wirkten sehr viel: Sturm, der die innersten Kammern der Nativ nal-Denkart jedes Volks durchdrang.- mit der Zeit wurden die Bande immer fester, endlich sollte das ganze Römische Reich gleichsam nur Stadt Rom werden — alle Unterthanen Bürger — bis es selbst sank. Auf keine Weise noch von Dortheil oder Nachtheil geredet, allein von Wirkung. Wenn alle Völker unter dem Römischen Joche gewissermaßen die Völker zu seyn aufhörten, die sie waren, und also über die ganze Erde Eine Staalskunsl, Kriegskunst und Völkerrecht eingeführk 264 IV. Auch rille Philosophie wurde, wovon voraus noch kein Beyspiel gewesen war: da die Maschine stand, und da die Maschine fiel, und da die Trümmer alle Nationen der Römischen Erde bedeckten — gibts in aller Geschichte der Jahrhunderte einen größern Anblick! Alle Nationen von oder auf diesen Trümmern bauend! Völlig neue Welt von Sprachen, Sitten, Neigungen und Völkern — es beginnet eine andere Zeit — Anblick, wie aufs weite offenbare Meer neuer Nationen. — Lastet uns indessen noch vom Ufer einen Blick auf die Völker werfen, deren Geschichte wir durchlaufen sind. I. Niemand in der Welt fühlt die Schwache des allgemeinen Eharakterisirens mehr, als ich. Man mahlet ein ganzes Volk, Zeitalter, Erdstrich — wen hat man gemahlt? Man fasset auf einander folgende Völker und Zeitläufte, in einer ewigen Abwechslung, wie Wogen des Meeres zusammen — wen hat man gemahlt? wen hat das schildernde Wort getroffen ? — Endlich man saßt sie doch in nichts, als ein allgemeines Work zusammen, wo jeder vielleicht denkt und fühlt, was er will — unvollkommenes Mittel d e r Sch i l o e rung! wie kann man mißverstanden werden! — Wer bemerkt hat, was es für eine unaussprechliche Sache mit der Eigenheit eines Menschen sey, das Unterscheidende un- der Geschichte der Menschheit. 2.55 terscheidend sagen zu können, wie er fühlt und lebet ? wie anders und eigen ihm alle Dinge werden, nachdem sie sein Auge sichet, seine Seele mißt, sein Herz empfindet?— welche Tiefe in dem Charakter nur Einer Nation liege, die, wenn man sie auch oft genug wahrgenommen und angestaunet hak, doch so sehr das Wort fleucht, und im Worte wenigstens so selten einem jeden anerkennbac wird, daß er verstehe und mitfühle — ist das, wie? wenn man das Weltmeer ganzer Völker, Zeiten und Lander übersehen, in einen Blick, ein Gefühl, ein Wort fassen soll! Mattes halbes Schattenbild vom Worte! Das ganze lebendige Gemähldc von Lebensart, Gewohnheiten, Bedürfnissen, Landes- und Himmclseigenhciten müßte dazu kommen, oder vorher gegangen seyn; man müßte erst der Nation sympathisiren, um eine einzige ihrer Neigungen und Handlungen, alle zusammen zu fühlen, Ein Wort finden, in seiner Fülle sich alles denken — oder man lieset — ein Wort. Wir glauben alle, noch jetzt väterliche und häusliche und menschliche Triebe zu haben, wie sie der Morgenländer: Treue und Künstle rfleiß haben zu können, wie sie der Aegypter besaß: Phönicische Regsamkeit, Griechische Freyheilsliebe, Römische Seelenstärke — wer glaubt nicht zu dem allem A n- lage zu fühlen, wenn nur Zeit, Gelegenheit -und siehe! mein Leser, eben da sind wir. Der feigste Bösewicht hat ohne Zweifel zum groß- müthigsten Helden noch immer entfernte Anlage 2Z6 IV. Auch eine Philosophie und Möglichkeit; aber zwischen dieser und „dem ganzen Gefühle des Sei) ns, der Existenz in solchem Charakter" — Kluft! fehlte es dir also auch an nichts, als an Zeit, an Gelegenheit, deine Anlagen zum Morgenlander, zum Griechen, zum Römer in Fertigkeiten und gediegene Triebe zu verwandeln — Kluft! nur von Trieben und Fertigkeiten ist die Rede. Ganze Natur der Seele, die durch alles herrscht, die alle übrige Neigungen und See- lenkrafte nach sich modelt, nach sich auch die gleichgültigsten Handlungen färbet — um diese mitzufühlen, antworte nicht aus dem Worte, sondern gehe in das Zeitalter, in die Himmelsgegend, die ganze Geschichte, fühle dich in alles hinein — nun allein bist du auf dem Wege, das Wort zu verstehen; nun allein aber wird dir auch der Gedanke schwinden, „als ob alles das einzeln oder zusammen genommen auch du seyst!" du alles zusammen genommen? Quintessenz aller Zeiten und Völker? das zeigt schon die Thorhcit! Charakter der Nationen! Allein Data ihrer B e r fa ssun g und Geschichte müssen entscheiden. Hat nicht ein Patriarch, aber außer den Neigungen, die „du ihm bepmissest, auch andere gehabt? haben können?" ich sage zu bepden bloß: Allerdi ngs! Allerdings hatte er andere, Neben- züge, die sich aus dem, was ich gesagt oder nicht gesagt, von selbst verstehen, die ich, und vielleicht Andere mit mir, denen seine Geschichte vorschwebt, in dem Worte schon anerkennen, und noch lieber, daß er der Geschichte der Menschheit. 2Z7 er weit anderes haben können — auf andern» Ort, zu der Zeit, mit dem Fortschritte der Bildung unter den andern Umstanden — warum da nicht Leonidas, Casar und Abraham ein artiger Mann unsecs Jahrhunderts? Sc»n können: aber wars nicht: darüber frage die Geschichte: davon ist die Rede. So mache ich mich ebenfalls auf kleinfügige Widersprüche gefaßt, aus dem großen Detail von Völkern und Zeiten.. Daß kein Volk lange geblieben und bleiben konnte, was es war, daß jedes, wie jede Kunst und Wissenschaft, und was in der Welt nicht? seine Periode des Wachsthums, der Blüthe und der Abnahme gehabt; daß jedwede dieser Veränderungen nur das Minimum von Zeit gedauert, was ihr auf dem Rade des menschlichen Schicksals gegeben werden konnte — daß endlich in der Welt keine zwei Augenblicke dieselben sind — daß also Aegypter, Römer und Grieche auch nicht zu allen Zeiten dieselben gewesen — ich zittere, wenn ich denke, was weise Leute, zumal Geschichtkenner, für weise Einwendungen hierüber machen können! Griechenland bestand aus vielen Landern! Athenienser und Böotier, Spartaner und Korinth ier war sich nichts minder, als gleich — — Trieb man nicht auch in Asien den Acker^bau? haben nicht Aegypter einmal eben so gut gehandelt, wie Phönicier? Waren die Macedonier nicht eben so wohl Eroberer, als Philos. und Gesch. II. Lb. R 253 IV. Auch eine Philosophie die Römer? Aristoteles nicht eben so ein spekulativer Kopf, als Leibnitz? Ucbertraftn unsere nordischen Völker nicht die Römer an Tapferkeit? Waren alle Aegypter, Griechen, Römer — sind alle Ratten und Maule einander gleich — nein ! aber sie sind doch Ratten und Mause! Wie verdrießlich muß es werden, zum Publikum zu reden, wo man vom sch reyenden Thcile, (der edler denkende Theil schweigt)! sich immer dergleichen und noch ärgere Einwendungen, und in welchem Tone vorgetragen! versehen muß, und sichs dann zugleich versehen muß, daß der große Haufe Schaaft, der nicht weiß, was rechts und links ist, dem sogleich nachwahNe. Kanns ein allgemeines Bild ohne Untereinander- und Zusammenordn ung? kanns eine weite Aussicht geben, ohne Höhe? Wenn du das Angesicht dicht an dem Bilde hältst, an diesem Spane schnitzelst, an jenem Färbenklümpchen klaubest: nie flehest du das ganze Bild —sichest nichts weniger als Bild! Und wenn dein Kopf von einer Gruppe, in die du dich vernarrt hast, voll ist, kann dein Blick wohl ein Ganzes so abwechselnder Zeitläufte umfassen? ordnen? sanft verfolgen? bei jeder Scene nur Haupt Wirkung abwndern? die Verflös- sungen still begleiten? und nun — nennen! Kannst du aber nichts von allem dem! die Geschichte flimmert und fackelt dir vor den Augen! ein Gewirre von Scenen, Völkern, Zeitläuften — lies erst und lerne sehen! Uebrigens weiß ichs, der Geschichte der Menschheit. ubg wie du, daß jedes allgemeine Bild, jeder allgemeine Begriff nur Abstraktion sey — der Schöpfer allein ists, der die ganze Einheit- einer, aller Nationen in aller ihrer Mannigfaltigkeit denkt, ohne daß ihm da- durch die Einheit schwinde. II. Also von diesen kleinfügigeN Einwendungen, Zweck und Gesichtspunkt verfehlend- hinweg! hingestellt in die Absicht des großen Fülgrganzen — wie elend werden -,manche Mode-Urtheile U n- „sers Jahrhunderts über Vorzüge- Tugenden, Glückseligkeit so entfetnter- „fo abwechselnder Nationen, aus bloß „allgemeinen Begriffen der Schule!" Ist die menschliche Natur keine im Guten selbstständige Gottheit: sie muß alles lernen, durch Fortgänge gebildet werden - im allmählichen Kampfe immer weiter schreiten; Natürlich wird sie also von den Seiten am meisten- oder allein gebildet- wo sie dergleichen Anlässe zur Tugend - zum Kampfe - zum Fortgänge hat. — In gewissem Betracht ist also jede menschliche Vollkommenheit national, sä-, kulat und am genauesten betrachtet, individuell. Man bildet nichts aus - als wozu Zeit, Klima- Bedürfnis, Welt, Schicksal, Anlaß gibt; vom übrigen abg ekehrt: die Neigungen oder Fähigkeiten, im Herzen schlummernd, können nimmer Fertigkeiten werden; die Nation kann also bei Tugenden der erhabensten Gat-, R s 260 IV. Auch eine Philosophie tung von einer Seite, von einer andern Mängel haben, Ausnahmen machen, Widersprüche und Ungewißheiten zeigen, die in Erstaunen setzen; aber niemand, als der sein ideale sch es Schattenbild von Tugend aus dem Eompendium seines Jahrhunderts mirbringt, und Philosophie genug hat, um auf einem Erdcnfleck die ganze Erde finden zu wollen, sonst keinen l Für jeden, der das menschliche Herz aus dem Elemente seiner L e b en sum stän de erkennen will, sind dergleichen Ausnahmen und Widersprüche vollkommen menschlich: Proportion von Kräften und Neigungen zu einem gewissen Zwecke, der ohne jene nimmer erreicht werden konnte: also gar keine Ausnahmen, sondern Regel. Seps, mein Freund, daß jene kindliche orten t a l i sc h e Religion, jene Anhang! i ch- keit an das weichste Ge fühl des menschlichen Lebens auf der andern Seite Schwachen gebe, die du nach dem Muster andrer Zeiten verdammest. Ein Patriarch kann kein Römischer Held, kein Griechischer Wettläufer, kein Kaufmann von der Küste seyn; und eben so wenig, wozu ihn das Ideal deines Katheders, oder deiner Laune hinaufschraubte, um ihn falsch zu loben, oder b i tter z u de r dam m en. Seys, daß er nach später» Vorbildern dir furchtsam, todt scheu, weichlich, unwissend, müßig, abergläubig, wenn du Galle im Auge hast, abscheulich vorkäme: er ist, wozu ihn Gott, Klima, Zeit und Stufe des Weltaitcrs bilden konnte, Pa tri- der Geschichte der Menschheit. 261 arch! — Hat also, gegen alle Verluste spaterer Zeiten, U n sc hu l d,G ot t e s f ur c h t, Mensch- i i c h k e i t: in denen er für jedes spate Zeitalter ewig ein Gott seyn wird! der Aegypter kriechend, sclavisch, ein Erdthier, abergläubig und traurig, hart gegen Fremde, ein gedankenloses Geschöpf der Gewohnheit — hier gegen den leichten, alles schön bildenden Griechen, dort gegen einen M e n- schenfreund im hohen Geschmack u nse rs Jahrhunderts, der alle Weisheit im Kopfe und alle Welt im Busen tragt — welche Figur! aber nun auch, jenes U nv e rd r 0 ss e nh ei t Treue, starke Ruhe — kannst du die mit der Griechischen Knabenfreundschaft und Jug en d buhle re i um alles Schöne und Angenehme vergleichen? und wieder Griechische Leichtigkeit, Tändelei mit Religion- Mangel gewisser Liebe, Zucht und Ehrbar- kei t vergleichen, wenn du ein Ideal, weiß nicht wessen, nehmen wolltest? Konnten aber jene Doll- kommcnheiten ohne diese Mangel in dem Maaße und Grade ausgebildet werden? Die Vorsehung selbst, stehest du, hats nicht gefordert, hat nur in der Abwechselung, indem W e it e rl ei t e n durch Weckung neuer Kraf- t e und Ersterbung andrer, ihren Zweck erreichen wollen — Philosoph im nordischen Erdenthale, die Kinderwage deines Jahrhunderts in der Hand, weißt du es besser, als sie? 262 IV. Auch eine Philosophie Machtsprüche Lobes und Tadels, die wir aus einem aufgefundenen Lieblingsvolke des Altcrthums, in das wir uns vergafften, auf alle Welt schütten — welches Rechtes seyd ihr! Jene Römer konnten seyn, wie keine Nation; thun, was k e i n e r n a c h t h u t: sie waren R ö- mer. Auf einer Welthvhe, und alles rings um sie Thal. Auf der Höhe von Jugend auf, zu dem Römer-Sinn gebildet, handelten in ihm -— was Wunder? Und was Wunder? daß ein kleines Hirten- und Ackervvlk in einem Thale der Erde nicht eisernes Thier war, was hp handeln konnte? Und was Wunder, daß dieß weder Tugenden hatte, die der edelste Römer nicht, und der edelste Römer auf feiner Höhe, im Drange der Noch, Grausamkeiten mit kaltem Blute beschließen konnte, die der Hirte im kleinen Thale denn nun wieder nicht auf der Seele hatte. Auf dem Gipfel jener Riesen - Maschine war leider! die Aufopferung oft Kleinigkeit, oft Noth, oft, (arme Menschheit, welcher Zustande bist du fähig)! oft. Wo h ltha t. Eben die Maschine, die weitreichende Laster möglich machte, wars , die auch Tugenden so'hoch hob, Wirksamkeit so weit ausbrcitete: ist die Menschheit überhaupt in einem jetzigen Zustande reiner Vollkommenheit fähig? Gipfel granzt an Thal. Um edle Spartaner wohnen unmenschlich behandelte Heloten. Der Römische Triumphator, mit Götterröthe gefärbt, ist unsichtbar auch mit Blute getüncht; Raub, Frevel und Wollüste sind um seinen Wagen: vor ihm her Unterdrückung; Elend und der Geschichte der Menschheit. 26S Urmuth zieht ihm nach. — Mangel und Tugend wohnen also auch in diesem Verstände in einer menschlichen Hütte immer beisammen. Schöne Dichtkunst, ein Lieblingsvolk der Erde im übermenschlichen Glanze zu zaubern — auch ist die Dichtkunst nützlich, denn der Mensch' wird auch durch schöne Vorurtheile veredelt — aber wenn der Dichter ein Geschichtschreiber, ein Philosoph ist, wie es die meisten zu seyn vorgeben, und die denn nach der einen Form ihrer Zeit — oft ist sie sehr klein und schwach! — alle Jahrhunderte modeln — Hume! Voltaire! Robertsons! elastische Gespenster der Dämmerung! was scyd ihr im Lichte der Wahrheit? Eine gelehrte Gesellschaft unsrer Zeit *) gab, ohne Zweifel in hoher Absicht, die Frage auf, „welches in der Geschichte wohl das „glücklichste Volk gewesen?" und verstehe ich die Frage recht: liegt sie nicht außer dem Ho-> rizonte einer menschlichen Beantwortung, so weiß ich nicht, als, zu gewisser Zeit und unter gewissen Umstanden traf auf jedes Volk ein solcher Zeitpunkt, oder es war nie eines. Ist nämlich wiederum die menschliche Natur kein Gefäß einer absoluten, unabhängigen, unwandel. *) Die Herren müssen ein erschrecklich hohes Ideal gehabt haben; denn, meines Wissens, haben sie keine ihrer philosophischen Aufgaben je erreicht gefunden. 264 IV. Auch eine Philosophie baren Glückseligkeit, wie der Philosoph sie definirt: sie zieht aber überall so viel Glückseligkeit an, a l s sie kann) ein biegsamer Ton, sich in den verschiedensten Lagen, Bedürfnissen und Bedrückungen auch verschieden zu formen: selbst das Bild der Glückseligkeit wandelt mit jedem Anstande und Himmelsstriche — (denn was ist dieses je anders als die Summe von W u n s c h b e fr i e d i g u n g e n, Aweckerrei- chungcn und „sa n ft cm U e b e r wind c n der Bedürfnisse," die sich doch alle nach Land, Zeit und Ort gestalten)? im Grunde also wird alle Vergleichung mißlich. So bald sich dcr innerliche Sinn der Glückseligkeit, die Neigung, verändert hat: so bald die äußern Gelegenheiten und Bedürfnisse den andern Sinn bilden und bcfestigen — wer kann die verschiedene Befriedigung verschied n er Sinne in ver schied nen Welten vergleichen? den Hirten und Vater des Orients, den Ackermann und Künstler, den Schiffer, Wettlaufer, Ueberwinder der Welt — wer vergleichen? Zm Lorbeer kränze, oder am Anblicke dcr gesegneten Heerde, am W a a re nsc h i ffe und erbeuteten Feldzeichen liegt nichts — aber an der Seele, die das brauchte, darnach st re b te, das nun erreicht hat, und nichts anders als das erreichen wollte — jede Nation hat ihren Mittelpunkt der Glückseligkeit in sich, wie jede Kugel ihren Schwerpunkt! Gut hat auch hier die gute Mutter gesorgt. Sie legte Anlagen zu der Mannigfaltigkeit der Geschichte der Menschheit. 265 ins Herz, machte jede aber an sich selbst so wenig dringend, daß, wenn nur einige befriedigt werden, sich die Seele bald aus diesen erweckten Tönen ein Concert bildet,- und die unerwecktcn nicht fühlet, als wiefern sie, stumm und dunkel, den lautenden Gesang unterstütze n. Sie legte Anlagen von Mannigfaltigkeit ins Herz, nun einen Theil der Mannigfaltigkeit im Kreise um uns, uns zu Händen: nun maßkchte sie den menschlichen Blich, daß nach einer kleinen Zeit der Gewohnheit ihm dieser Kreis Horizont wurde. Nicht drüber zu blicken: kaum drüber zu ahnen! alles, was mit meiner Natur noch gleichartig ist, was in sie assimilirt werden kann, beneide ich, strebs an, mache mirs zu eigen; darüber hinaus hat mich die gütige Natur mit Fühllosigke it, Kalte und Blindheit bewaffnet; — sie kann gar Verachtung und Ekel werden — hat aber nur zum Zweck, mich auf mich selbst zurüchzustoßen, mir auf dem Mittelpunkt Genüge zu geben, der mich tragt. Der Grieche macht sich so viel vom Aegyp- ler, der Römer vom Griechen zu eigen, als er für sich braucht: er ist g e s a t ti g t, das klebrige fallt zu Boden, und er strebs nicht an! Ldcr wenn in dieser Ausbildung eigner National- Ncigungen zu eigner National - Glückseligkeit der Abstand zwischen Volk und Volk schon zu weit gediehen ist: siehe, wie der Aegypter den Hirten, den Landstreicher hasset! wie er den leichtsinnigen Griechen verachtet! So jede zwei Nationen, deren Neigungen und Kreise der Glückseligkeit sich stoßen — man nennts Vor- 266 IV. Auch eine Philosophie urtheil! Pöbelei! eingeschränkten Nati 0 na- siöm! Das Vorurtheil ist gut, zu seiner Zeit: denn es macht glücklich. Es drängt Völker zu ihrem Mittelpunkte zusammen, macht sie fester auf ihrem Stamme, blühender in ihrer Art, brünstiger und also auch glückseliger in ihren Neigungen und. Zwecken. Die unwissendste, vorurtbeilendste Nation ist in solchem Betracht oft die erste, das Zeitalter fremder Wunschwanderuu- gen und ausländischer Hoffnungsfahrten ist schon Krankheit, Blähung, ungesunde Fül- le, Ah nun gdes Todes, III. Und der allgemeine, Philosoph i- sche, menschenfreundliche Ton unsers Jahrhunderts gönnet jeder entfernten Nation, jedem ältesten Zeitalter der Welt, an Tugend und Glückseligkeit so gern „unser eigen Ideal?" ist so alleiniger Richter, ihre Sitten nach sich allein zu Heurtheilen? zu verdammen? oder schön zu dich tcn? Ist nicht das Gute auf der Erde ausgestreut? Weil eine Gestalt der Menschheit und ein Erdstrich es nicht fassen konnte, wards vertheilt in tausend Gestalten, wandelt —> ein ewiger Proteus! — durch alle Welttheile und Jahrhunderte hin — auch,. wie er wandelt und fortwandelt, ists nicht größere Tugend oder Glückseligkeit des Einzelnen , worauf er strebet? die Menschheit bleibt immer nur Menschheit — und doch wird ein Plan des Fortstrebens sichtbar — mein großes Themas Wers bisher unternommen, den Fortgang der Jahrhunderte zu entwickeln, hat meistens der Geschichte der Menschheit. 267 die Lieblings-Idee auf der Fahrt: Fortgang zu in e h- rer er Tugend und Glückseligkeit einzelner Menschen. Dazu hat man alsdann Facta erhöhet oder erdichtet: Gcgenfatta verkleinert oder verschwiegen; ganze Seiten bedeckt; Wörter für Wörter genommen, Aufklärung für Glückseligkeit, mehrere und feinere Ideen für Tugend — und so Kat man „von der all-gemein fort gehen den Verbesserung der Welt" Romane gemacht, — die keiner glaubte, wenigstens nicht der-wahre Schüler der Geschichte und des, menschlichen Herzens. Andre, die das Leidige dieses Traumes sahen, und nichts Bessres wußten — sahen Laster und Tugenden, wie Klimate, wechseln, Vollkommenheiten, wie einen Frühling von Blattern, entstehen und unter gehen, menschliche Sitten und Neigungen wie Blatter des Schicksals fliegen, sich Umschlägen — kein Plan! kein Fortgang! ewige Revolution — Weben und Aufreißen — Penelypische Arbeit! Sie sielen in einen Strudel, Skeptizismus an aller Tugend,. Glückseligkeit und Bestimmung des Menschen , in den sie alle Geschichte, Religion und Sittenlehre flechten— der neueste Mo- de-Ton des neuesten, insonderheit Franz ösisehen Philosophen*) ist Zweifel! Zweifel in hundert <,.*). Der gute ehrliche Moytagne sing an;, derDialec- tiker Balle, ein Raisonneur , dessen Widersprüche 268 Iv. Auch eine Philosophie Gestalten, alle aber mit dem blendenden Titel „aus d e r G c sc h i c h te der Welt!" Widersprüche und Mcercswogen: man scheitert, oder was man von Moralität und Philosophie aus dem Schiffbruche rettet, ist kaum der Rede werth. Sollte es nicht offenbaren Fortgang und Entwickelung, aber in einem hohern Sinne, geben, als mans gewöhnet hat? Siehest du diesen Strom fortschwimmcn: wie er aus einer kleinen Quelle entsprang, wachst, dort abreißt, hier ansetzt, sich immer schlangelt und weitet und tiefer bohret — bleibt aber immer Wasser! Strom! Tropfe! immer nur Tropfe, bis er ins Meer stürzt — wenns so mit dem menschlichen Gcschlech- 1e wäre? Oder stehest du jenen wachsenden Baum! jenen cmporstrebcnden Menschen! er muß durch ver- schiedne Lebensalter hindurch! alle offenbar im Fortgänge! ein Streben auf einander in Eontinuitat! Zwischen jedem sind scheinbare Ruheplätze, Revolutionen! Veränderungen! und dennoch hat jedes den Mittelpunkt seiner Glückseligkeit insichselbst! Der Jüng- uach Artikeln seiner Gedankenform des Diction, nairs, Crousaz und Leibnitz gewiß nicht haben vergüten können, wirkte auss Jahrhundert weiter. Und dann die neuern Philosophen, Allanzweifler mit eigenen kühnsten Behauptungen, Voltaire, Hume, selbst die Diderots — es ist das große Jahrhundert des Zwsifelns und Wel- chenerregens. der Geschichte der Menschheit. 269 ling ist nicht glücklicher, als das unschuldige, zufriedne Kind: noch der ruhige Greis unglücklicher, als der heftig strebende Mann: der Pen- dul schlagt immer mit gleicher Kraft, wenn er am weitesten ausholt, und desto schneller strebt, oder wenn er am langsamsten schwanket, und sich der Ruhe nähert. Judcß ists doch ein ewiges Streben! niemand ist in seinem Alter allein, er bauet auf das V0 rlg e, dies wird nichts als Grundlage der Zukunft, will nichts als solche seyn — so spricht die Analogie in der Nakur, das redende Vorbild Gottes in allen Werken! Offenbar so im Menschengeschlechte! Der Aegypter konnte nicht ohne den Orientaler seyn, der Grieche bauete auf jene, der Römer hob sich auf den Rücken der ganzen Welt — wahrhaftig Fortgang, fortgehende Entwicklung, wenn auch kein Einzelnes dabei gewönne! Es geht ins Große! es wird, womit die Hülsengeschichte so sehr prahlet , und wovon sie so wenig zeigt, — Schauplatz einer leitenden Absicht auf Erden! wenn wir gleich nicht die letzte Absicht sehen sollten, Schauplatz der Gottheit, wenn gleich nur durch O effn un gen und Trümmer einzelner Scene n. Wenigstens ist der Blick weiter als jene Philosophie , die un t e r - ü b e r m i s c h t, nur immer hie und da, bei einzelnen Verwirrungen aufhalt, um alles zum Ameisenspiele, zum Erstrebe einzelner Neigungen und Kräfte ohne Zweck, zum Chaos zu machen, in dem man an Tugend, Zweck und Gottheit verzweifelt! Wenns 470 IV. Auch eine Philosophie Wir gelänge, die desperatsten Scenen zu binden, ohne sie zu ve rwirren — zu zeigen, wie sie sich üuf einander beziehen, aus einander erwachsen, sich in einander verlieren, alle im Einzelnen nur Momente, durch den Fortgang allein Mittel zu Zwecken, — welch ein Anblick! welch edle Anwendung der MenschlichenGeschichte! welche Aufmunter u ng zu hoffen, zu ha ritz eln, zu glauben, selbst wo man nichts, vder nicht alles sieht. '— Ich fahre fort — der Geschichte der Menschheit. 271 Zweiter Abschnitt. Ulrich die R ö m i sc h e W e l t v e r fa ss u n g er- reichte ihr Ende, und je größer das Gebäude, so höher es stand, mit desto größerm Sturze fiels! die halbe Welt war TrümMe r. Völker und Erdtheile hatten unter dein Baume gewohnt, und nun, dt> ine Stimme der heiligen Wächter rief: „haut ihn ab!" welch eine große Leere! Wie ein Riß iM Kaden der Weltbegcbenheiten! Nichts minder, als eine Neü e Welt, war nöthig, den Riß zu heilen. Norden wärs. Und was man auch nun über den Zustand dieser Völker für Ursprünge und Systeme ersinnen Mag : das simpelste scheint das wahreste: in Ruhe warcns gleichsam „Patri- ürchien, wie sie in Norden seyn konnten." Da unter solchem Klima kein Morgen- landisches Hirten leben möglich war, schwerere Bedürfnisse hier den menschlichen Geist mehr drückten, als wo die Natur fast allein für den Menschen wirkte: eben die schwerere Bedürfnisse, und die Nord lu ft die Menschen 272 IV. Auch eine Philosophie aber wehr hä rtete, als sie im warmen aromali- schen Treibhaus« Osts und Süds gehärtet werden konnten : natürlich blieb ihr Zustand roher, ihre kleinen Gesellschaften getrennter und wilder: aber die menschlichen Bande noch in Stärke, menschlicher Trieb und Kraft in Fülle. — Da konnte das Land werden, was Tacitus beschreibt. Und als dies nordische Meer von Völkern mit allen Wogen in Bewegung gerieth, Wogen drängten Wogen, Völker andre Völker' Mauer und Damm um Rom waren zerrissen: sie selbst hatten ihnen die Lücken gezeigt und sie herbei gelockt, daran zu flicken-endlich da alles brach, welche Ueberschwem- mung des Süds durch den Nord! und nach allen Umwälzungen und Abscheulichkeiten welche neue nordsüdliche Welt! Wer den Zustand der Römischen Lander, (und sie waren damals das gebildete Universum)! in den letzten Jahrhunderten bemerket, wird diesen Weg der Vorsehung, einen so sonderbaren Ersatz menschlicher Kräfte zu bereiten, anstaunen und bewundern. Alles war erschöpft, entnervt, zerrüttet. Von Menschen verlassen, von entnervten Menschen bewohnt, in Ueppig- keit, Lastern, Unordnungen, Freiheit und wildem Kriegsstolz untersinkend. Dir schonen Römischen Gesetze und Kenntnisse konnten nicht Kräfte ersetzen, die verschwunden waren, Nerven wieder Herstellen, die keinen Lebensgeist fühlten, Triebfedern regen, die da lagen — also todt! ein abgematteter, im Blute liegender Leichnam — da der Geschichte der Menschheit. 273 da ward in Norden neuer Mensch geboren. Unter frischem Himmel, in der Wüste und Wilde, wo es niemand vermulhete, reifte ein Frühling starker, nahrhafter Gewächse, die in die schöner», südlicher» Lander — jetzt traurig leere Aecker! — verpflanzt, neue Natur annehmen, große Ernte fürs Weltschicksal geben sollten. Gothen, Vandalen, Burgunder, Angeln, Hunnen, Heruler, Franken und Bulgaren, Sla- ven und Longobarden kamen — setzten sich, und die ganze neuere Welt vom mittelländischen zum schwarzen, vom atlandischen zum Nordmeer ist ihr Werk! ihr Geschlecht! ihre Verfassung! Nicht bloß M e n fche nkr äste, auch welche Ge se tz e und E i nr ic h tu n ge n brachten sie damit auf den Schauplatz der Bildung der Welt! Frevlich verachteten sie Künste und Wissenschaften, Ueppigkeit und Feinheit — die die Menschheit verheeret hatten; aber wenn sie statt der Künste Natur, statt der Wissenschaften gesunden nordischen Verstand, statt der seinen starke und gute, obgleich wilde, Sitten brachten, und das alles nun zusammen gährle — welch ein Ereigniß! Ihre Gesetze, wie athmen sie männlichen Muth, Gefühl der Ehre, Zutrauen auf Verstand, Redlichkeit und Götlerverehrung! Ihre Feudal-Ein- richtung, wie untergrub sie das Gewühl volkreicher, üppiger Städte, baute das Land, beschäftigte Hände und Menschen, machte gesunde, und eben damit auch vergnügte Leute. Ihr späteres Jde- Philos. und Gesch. II. Th. S Ib-ovT'isen, 274 > Auch eine Philosophie a l über die Bedürfnisse hinaus — es ging auf K e u s c h h e i t u n d Ehre, veredÄte den besten Theil der menschlichen Neigungen: obgleich Roman, so doch ein hoher Roman: eine wahre neue Blüthe der menschlichen Seele. Bedenke man z. V., was die Menschheit in den Jahrhunderten dieser Gahrung für Erholung sfr ist und Kräfte Übung dadurch bekam, daß alles in kleine Verbindungen, Abtheilungen und Untereinanderordnungen siel, und so viele, viele Glieder wurden! Da rieb sich immer eins am andern, und alles erhielt sich in Athem und Kräften. Zeit der Gährung! aber eben diese hielt so lange den Despotismus ab, (der wahre Rachen der Menschheit, der alles — wie ers nennt, in Ruhe und Gehorsam — aber wies ist, in T o d und einförmige Zermalmung hinab schlingt!) Jsts nun besser, ists für die Menschheit gesunder und tüchtiger, lautet leblose Räder einer großen, hölzernen, gedankenlosen Maschine hervor zu bringen, oder Kräfte zu wecken und zu regen? Svllts auch durch sogenannte unvollkommene Verfassungen, Unordnung, barbarischen E h- renpunct, wilde Händelsucht und dergleichen seyn — wenns Zweck erreicht, immer besser, als lebend todt seyn und modern. Jndeß hatte die Vorsehung für gut befunden, zu dieser neuen Währung nordsüdlicher Säfte noch ein neues Ferment zu bereiten und zu mischen — die christliche Religion. Ich der Geschichte der Menschheit. 276 darf doch bey unserm christlichen Jahrhundert nicht erst um Verzeihung bitten, daß ich von ihr als einer Triebfeder der Welt rede — betrachte sie ja nur als Ferment, als Sauerteig, zu Gutem oder zu Bösem — wozu man noch will. Und da verdient der Punct, von zwey Seiten mißverstanden, einige Erörterung. Die Religion der alten Welt, die aus dem Morgenlande über Aegypten nach Griechenland, und Italien gekommen , war in allem Betrachte ein verduftetes, kraftloses Ding geworden, das wahre Laxur rnortuuwi dessen, was sie gewesen war, und seyn sollte. Wenn man nur die spatere Mythologie der Griechen und die Puppe von politischer Volker- Religion bey den Römern betrachtet: so braucht- keines Worts mehr-Und doch war nun auch fast „kein andres Principium der Tugend" in der Welt! Die Römische Aufopferung fürs Vaterland war von ihrer Höhe gesunken, und lag im Moraste der Schwelgerey und kriegerischer Unmenschlichkeit. Griechische Jugendehre und Freyheitsliebe — wo war sie? Und der alte Ae zyprische Geist, wo war er, als Griechen und Römer in ihrem Lande nisteten? Woher nun Ersatz? Philosophie konnte ihn nicht geben: sie war das ausgeartetste S 0- ph isten - Zeug, Disputi r - Kunst, Trödelkram vonMeynungen ohne Kraft und Gewißheit, eine mit alten Lumpen behängen» S 2 276 IV. Auch eine Philosophie Hol; - Maschine ohne Wirkung aufs menschliche Her;, geschweige denn der Wirkung, ein verfallen Jahrhundert, eine verfallene Welt zu bessern! Und nun sollte Aufbau der Trümmer von Völkern geschehen, die in ihrem Zustand e noch Religion nöthig hakten, durch sie a l l e i n gelenkt werden konnten , Geist des Aberglaubens in alles mischten. — Und doch fanden nun diese Völker auf ihrem neuen Schauplatze nichts, als was sie verachteten oder nicht fassen konnten: Römische Pythologie und Philosophie, wie Bildsäulen und Sittengestalten. — Und ihre nordische Religion, *ein Rest des Orients auf nordische Art gebildet, langte nicht hin — sie hatten eine frischere, wirksamere Religion nöthig — siehe! dahatte die Vorsehung sie kurz vorher an einem Orte entstehen lassen , woher man einen Ersatz der ganzen westlichen Welt am wenigsten hoffte — zwischen den nackten Bergen Judaa's! Kur; vor dem Umstürze des ganzen unberühmten Volkes, eben in der letzten, elendesten Epoche desselben — auf eine Weise, die allemal wunderbar bleiben wird, entstand sie, erhielt sich, schlug sich eben so sonderbar durch Klüfte und Höhlen weiten Weg hindurch — auf einen Schauplatz, der sie so nöthig hatte! woraus sie so viel, viel gewirkt! — Allemal die sonderbarste Begebenheit der Welt! Da wars doch nun gewiß ein großes und sehenswürdiges Schauspiel, wie unter Julian die benden berühmtesten Religionen, die älteste heidnische und die neuere christ- der Geschichte der Menschheit. 277 liehe, um nichts weniqer als Herrschaft der Welt stritten. Religion — das sähe Er und jedermann! — Religion in aller Stärke des Worts war seinem verfallenen Jahrhunderte unentbehrlich. Griechische M y- thologie und Römische Staats-Eere- monie — das sähe er ebenfalls! — war dem Jahrhunderte zu feinen Zwecken nicht zureichend. Er griff also zu allem, wozu erkennte; zur kräftigsten und ältesten Religion die er kannte, zur Religion des Morgenlandes — regte in ihr alle Wunderkräfle, Zaubereyen und Erscheinungen auf, daß sie ganz Theurgie ward, nahm, so viel er konnte, Philosophie , Pythagorism und Plato nism zu Hülfe, um allem den feinsten Anstrich der Vernunft zu geben — setzte alles auf den Triumphwagen des größten Gepränges, von den zwey unbändigsten Thieren; Gewalt und Schwarmerey, gezogen, von der feinsten Staalskunst gelenkt— alles umsonst! sie erlag! sie war verlebt — elender Aufputz eines tobten Leichnams, der nur zu anderer Zeit hatte Wunder thun können: die nackte, neue, christliche Religion siegte! Man flehet, daß die Sache ein Fremdling betrachtet, der Muselmann und Mammelucke seyn könnte, um eben das zu schreiben. So fahre ich fort. Dieselbe nun, so sonderbar entstandene Religion sollte doch, das ist unläugbar, nach dem Sinne des Urhebers, (ich sage nicht, ob sies 278 IV. Auch eine Philosophie in der Anwendung jedes Zeitalters geworden?) sie sollte eigentliche Religi 0 n der Menschheit, Trieb der Liebe, und Band aller Nationen zu einem Bruderheere werden — ihr Zweck von Anfang zu Ende! Eben so gewiß ifts, daß sie, (ihre Bekenner mögen späterhin aus ihr gemacht haben, jwaS sie wollten,) daß sie die Erste gewesen, die so reine geistige Wahrheiten, und so herzliche Pflichten, so ganz ohne Hülle und Aberglauben, ohne Schmuck und Zwang gelehret: die das menschliche Herz so allein, so allgemein, so ganz und ohne Ausnahme hat verbessern wollen. Alle vorigen Religionen der besten Zeiten und Völker waren doch nur enge national, voll Bilder und Verkleidungen, voll Cercmonien und National- G eb r ä u ch e, an denen immer die wesentlichen Pflichten nur hingen und hinzugefügt waren— Kurz, Religionen eines Volks, eines Erdstrichs, eines Gesetzgebers, einer Zeit! diese offenbar in allem das Gcgentheil. Die lauterste Philosophie der Sitten- lchre, die reinste Theo.rie der Wahrheiten und Pflichten, von allen Gesetzen und kleinen Landverfassungen unabhängig; kurz, wenn man will, der m e ns c h e n l ie b e n dste Deismus. — Und sonach gewiß Religion des Weltalls. Es Habens andere, und selbst ihre Feinde bewiesen, daß eine solche Religion gewiß nicht zu anderer Zeit, früher oder spater, hatte aufkcimen oder aufkommen, oder sich einstcblen können — man nenne es, wie man wolle. Das menschliche Geschlecht mußte zu dem Deismus so viel Jahrtausende bereitet, aus Kindheit, Barbarei), Abgötterei) und Sinnlichkeit allmählich hervor gezogen; seine Seelenkräfte durch so viele National - Bildungen, orientalische, Aegyptische, Griechische, Römische u. s. w., als durch Stufen und Zugänge entwickelt seyn, ehe selbst die mindesten Anfänge nur zu^ Anschauung, Begriff und Zugestehung des Ideals von Religion und Pflicht und Völkerverbindung gemacht werden konnten. Auch als Wer k- z e u g allein betrachtet, schicns, daß der Römische Eroberungsgeist vorher gehen mußte, überall Wege zu bahnen, einen politischen Zusammenhang zwischen Völkern zu machen, der voraus unerhört war, auf eben dem Wege To- leranz, Ideen vom Völkerrechte in Gang zu bringen, in dem Umfange voraus unerhört! — Der Horizont ward so erweitert, so aufgeklärt, und da sich nun zehn neue Nationen der Erde auf diesen Hellen Horizont stürzten, ganz andere neue Empfänglichkeiten eben für die Religion mitbracht en, sie bedurften, sie allesammt in ihr Wesen verschmelzten — Ferment! wie sonderbar bist du bereitet! und alles aufdich zubereitet ! und tief und weit umher eingemischet! hat lang und stark getrieben und gegähret— was wird es noch ausgäh ren? „Eben das also, worüber man meistens so wi- s8o IV. Auc h e in e Phi l oso p hie „tzig und philosophisch spottet, wo denn dieser Sauerteig, christliche Religion genannt, rein gewesen? wo er nicht mit Teige eigner, der ver- ,,s chiedensten und oft der abscheulichsten „D enkart vermischt worden?" eben das dünkt mich offenbare Na cur der Sache. War diese Religion, wie stes wirklich ist, der feine Geist, „ein Deismus der Me n sc h enfreundsch oft," der sich in kein einzeln bürgerliches Gesetz mischen sollte; wars jene Philosophie des Himmels, die, eben ihrer Hohe und unirdischen Lauterkeit wegen, die ganze Erde umfassen konnte: mich dünkt, so wars schlechterdings unmöglich, daß der feine Duft seyn, angewandt werden konnte, ohne mit irdischer» Materien vermischt zu werden, und sie gleichsam zum Vehi- culum zu bedürfen. Das war nun natürlich die Denkart jedes Volks, seine Sitten und Gesetze, Neigungen und Fähigkeiten — kalt oder warm, gut oder böse, barbarisch oder gebildet — alles, wie eS war. Die christliche Religion konnte und sollte nur durch alles dringen, und wer sich überhaupt von göttlichen Veranstaltungen in der Welt und im Men- schenreiche anders, als durch Welt- und menschliche Triebfedern Begriffe macht, ist wahrbaftig mehr zu utopisch-dichterischen als zu philosophisch-natürlichen Abstraktionen geschaffen. Wann hat in der ganzen Analogie der Natur die Gottheit anders, als durch Natur gehandelt? und ist darum keine Gottheit, oder ists nicht eben Gottheit, die so all-ergossen, einförmig und unsichtbar durch alle ihre der Geschichte -ec Menschheit. 28- Werke wirkt? — Auf einem menschlichen Schauplatze laß alle menschlichen Leidenschaften spielen! in jedem Zeitalter sie dem Alter gemäß spielen! so in jedem Weltthcile, in jeder Nation! die Religion soll nichts, als Zwecke durch M enfchen und für Menschen bewirken -— Sauerteig oder Schatz: jeder tragt ihn in seinem Gefäße, mischt ihn zu seinem Teige! und je seiner der Duft ist, je mehr er an sich verflöge, desto mehc muß er zum Gebrauche vermischt werden. Ich sehe in der Gegenmeynung keinen menschlichen Sinn. Und so war nun auch, bloß physisch und im menschlichen Sinne zu reden, eben die Zumischung der christlichen Religion die gewählteste, die man sich fast denken kann. Sie nahm sich, bey der täglich überhand nehmenden Noth der Armen an, daß selbst Julian ihr dies einschmeichelnde Verdienst nicht ablaugnen konnte. Sie war in noch spakern Zeiten der Verwirrung einziger Trost und Zuflucht gegen die allgemein e B e d ran gn i ß, (ich rede nicht, wie die Geistlichen das immer gebrauchen?) ja, seit die Barbaren selbst Christen waren, wurde sie allmählich wirkliche Ordnung und Sicherheit der Welt. Da sie die reißenden Löwen zähmte, und überwand die Ueberwinder — welch ein bequemer Teig, um tief einzudringen, weit und ewig zu wirken! Die kleinen Verfassungen, wo sie alles umschlingen konnte; die weit abgesonderten Stande, wo sie gleichsam allgemeiner Zwischenstand ward: die 282 IV. Au c h e in e P h ilo sop k ie großen Lücken der bloß kriegerischen Letz e n s v e r f a s s u n g , wo sie an Wissensctzaf- ken, Rechtspflege, und Einfluß auf die Denkart alles ausfüllte, überall unentbehrlich und gleichsam Seele zu Jahrhunderten wurde, deren Leib nichts, als kriegerischer Geist und sclavischer Ackerbau war — konnte eine andere Seele, als Andacht, die Glieder binden, den Körper beleben? war im Rache des Schicksals der Körper beschlossen: welche Thorheit , außer dem Geiste der Zeit, über seinen Geist zu wahnen! Es war, dünkt mich, einiges Mittel der Progression! Wem ists nicht erschienen, wie in jedem Jahrhunderte das sogenannte „Ehristenthum" völlig Gestalt oder Analogie der Verfassung hatte, mit oder in der es existirte!" Wie eben derselbe G othische Gei st auch in das Innere und Aeußere der Kirche eindrang, Kleider und Eere monien, Lehren und Tempel formte, den Bischofsstab zum Schwert schärfte, da alles Schwert trug, und geistliche Pfründen, Lehen und Sclaven schuf, weils über all nur solche gab. Man denke sich von Jahrhunderten zu Jahrhunderten jene ungeheuren Anstalten von geistlichen Ehrenämtern, Klöstern, Mönchs-Orden, endlich später gar Kreuzzügen und der offenbaren Herrschaft er Welt — ungeheures Gothisches Gebäude! überladen, drückend, finster, geschmacklos — die Erde scheint unter ihm zu sinken — aber wie groß! reich! überdacht! der Geschichte der Menschheit. 233 mächtig! — ich rede von einem historischen Ereignisse ! Wunder des menschlichen Geistes und gewiß der Vorsehung Werkzeug! Wenn mit seinen Gährungen und Reibungen der Gordische Körper überhaupt Kräfte regte: gewiß trug der Geist, der ihn belebte und band, das Seine bey. Wenn durch jenen eine Mischung von hohen Begriffen und Neigungen in Europa ausgebreitet wurde, in der Mischung und in dem Umfange noch nie gewirkt; allerdings war auch sie darinne webend. Und ohne mich hier auf die verschiedenen Perioden des Geistes der mittler» Zeiten einlafsen zu können; wir wollenS Gothischcn Geist, nordisch c s R it te r t hum im weitesten Verstände nennen — großes Phänomenen so vieler Jahrhunderte, Länder und Situationen. Gewissermaßen noch immer „Inbegriff „aller der Neigungen, die voraus einzelne „Völker und Zeitläufte entwickelt hatten." Sie lassen sich sogar in sie auflöscn, aber das wirksame Element, das alle band und zu einer lebendigen Kreatur Gottes machte, ist in jedem Einzelnen nicht mehr dasselbe. Väterliche Neigungen, und heilige Verehrung des weiblichen Geschlechts: unauslöschliche Freyheitsliebe und Despotismus: Religion und kriegerischer Geist: pün etliche Ordnung und Feyer- lichkeit und sonderbarer Hang zur Avcnture — das floß zusammen! orienta- 2Ä4 IV. Auch eine Philosophie lische, Römische, nordische, Sarace- nisch e Begriffe und Neigungen! man weiß, wann? wo? und in welchem Maße sie jetzt und dort zusammen geflossen sind, und sich modisicirt haben? — Der, Geist des Jahrhunderts durchwcbte und band — die verschiedensten Eigenschaften — Tapferkeit und Möncherey, Abenteuer und Galanterie, Tyranney uud Edel- muth; bands zu dem Ganzen, das uns jetzt — zwischen Römern und uns — als Gespenst, als romantisches Abenteuer dasteht, einst wars Natur, war — Wahrheit. Man hat diesen Geist ,,der nordischen Rit- tecehre" mit den heroischen Zeiten der Griechen verglichen*) — und freylich Puncte der Vergleichung gefunden — aber an sich bleibt er i> der Reihe aller Jahrhunderte, dünkt mich, Einzig!— nur sich selbst gleich! Man hat ihn, weil er, zwischen Römern und uns — yuanti viri! — Uns! steht, so schrecklich verspottet; Andere, von etwas abenteuerlichem Gehirne haben ihn so hoch über alles erhoben — mich dünkt, er ist nichts mehr und minder, als „einzelner Zustand der Welt!" keinen der vorigen zu vergleichen, wie sie mit Vorzügen und Nachtheilen: auf sie gegründet, selbst in ewiger Veränderung und Fortstrebung — ins Große. Die dunkeln Seiten dieses Zeitraums stehen *) llurä lettr, c>n vhivÄlr^. der Geschichte derMenschheit. 285 in allen Büchern: jeder classische Schöndenker, der die Policirung unsers Jahrhunderts fürs non plus ultra der Menschheit halt, hat Gelegenheit, ganze Jahrhunderte aufB a rb ar ey, elendes Slaars- rccht, Aberglauben und Dummheit, Mangel der Sitten und Abgeschmacktheit — in Schulen, in Landsitzen, in Tempeln, in Klöstern, in R a t hhausern, in H a n dwe r k s z ün f te n, in Hütten und Hausern zu schmälsten und über das Licht unsers Jahrhunderts, das ist: über seinen Leichtsinn und Ausgelassenheit, über seine W arme in Ideen und Kälte in Han d lu ng e n über seine scheinbare Starke und Freiheit und über seine wirkliche Todesschwäche und Ermattung unter Unglauben, Despotismus und Ueppigkeit zu Lobjauchzen. Davon sind alle Bücher unserer Voltaire und Hu- me, Robertsons und Jselins voll, und e§ wird ein so schönes Gemählde, wie sie die Aufklärung und Verbesserung der Welt aus den trüben Zeiten zum Deismus und Despotismus der Seelen, d. i. zur P hi l o s o p h i e und Ruhe, herleiten — daß dabey jedem Liebhaber seiner Zeit das Herz lacht. Alles das ist wahr und nicht wahr. Wahr, wenn man, wie ein Kind, Farbe gegen Farbe halt und ja ein Helles, lichtes Bildchen haben will — in unserm Jahrhunderte ist, leider! so viel Licht! — Unwahrheit, wenn man die damahlige Zeit in ihrem Wesen und Zwecken, Genuß und Sitten, insonderheit als Werkzeug im Zeit- 236 IV. Auch eine Philosophie laufe, betrachtet. Da lag in diesen, dem Scheine nach gewaltsamen, Auftritten und Verbindungen oft ein Festes, Bindendes, Edles und Großherrliches, das wir mit unfern, Gottlob! feinen Sitten, aufgelösten Zünften und dafür gebundenen Landern, und angeborner Klugheit und Völkcrchehe bis ans Ende der Erde, fürwahr weder fü h len, noch kaum mehr fühlen können. Siehe, du spottest über die damahlige Knechtschaft, über die rohen Landsitze des Adels, über die vielen kleinen Inseln und U nt e r a bt he i lun ge n, und was davon abhing — preisest nichts so sehr, als die Auflösung dieser Bande, und weißt kein größeres Gut, was je der Menschheit geschehen, als da Europa und mit ihm die Welt frey wurde. Frey wurde? süßer Träumer! wcnns nur das, und das nur wahr wäre! Aber nun siche auch, wie durch den Zustand in jenen Zeiten Dinge ausgcrichtet wurden, über die sonst alle menschliche Klugheit hatte verblöden müssen: Europa bevölkert und gebauet: Geschlechter und Familien, Herr und Knecht, König und Untcrthan drang stärker und näher an eiigander: die sogenannten rohen Landsitze hinderten das üppige, ungesunde Zunehmen der Städte, dieser Abgründe für die Lebenskräfte der Menschheit: der Mangel des Handels und der Feinheit verhinderte Ausgelassenheit und erhielt simple Menschheit — Keuschheit und Fruchtbarkeit in Ehen, Armuth und Fleiß und Z u s amm e n d ra n g in Häusern. Die rvhen Zünfte und F r e y h e r r l i c h k e i- der Geschichte der Menschheit. 287 t e n machten Ritter- und Handwerks stolz, aber zugleich Zutrauen auf sich, Festigkeitin seinem Kreise, Mannheit auf seinem Mittelpunkte, wehrte der ärgsten Plage der Menschheit, dem Land- und Seelenj 0 - che, unter das offenbar, seitdem alle Inseln auf- gelößr sind, alles mit froh und frcyem Mulhe sinkt. Da konnten in etwas spatern Zeiten dann so viel kriegerische Republiken und wehrhafte Städte werden! erst waren die Kräfte gepflanzt, genährt und durch Reiben erzogen, von denen im traurigen Reste ihr noch jetzt» lebe. Hätte euch der Himmel die barbarischen Zeiten nicht vorher gesandt und sie so lange unter so mancherlcy Würfen und Stößen erhalten — armes, policir- tes Europa, das seine Kinder frißt oder relcgiret, wie wärest du mit aller deiner Weisheit—Wüste! ,,Daß es jemanden in der Welt unbegreiflich „wäre, wie Licht die Menschen nicht nähret! Ruhe „und Ueppigkeit und sogenannte Gedankenfrcyheit „nie allgemeine Glückseligkeit und Bestimmung seyn „kann!" Aber Empfindung, Bewegung, Handlung— wenn auch in der Folge ohne Zweck (was hat auf der Bühne der Menschheit ewigen Zweck?) wenn auch mit Stößen und Revolutionen, wenn auch mit Empfindungen, die hie und da schwärmerisch, gewaltsam, gar abscheulich werden — als Werkzeug in den Händen des Zeit! aufs welche Macht! welche Wirkung! Herz und nicht Kopf genährt! mit Neigungen und Trieben alles gebunden, nicht mit kränkelnden Gedanken! A n- k ' 288 IV. Auch eine Philosophie dacht und Ritter« h re, Liebeskühnheit und Bürgerstarke — SlaatSverfassung und Gesetzgebung, Religion. — Ich will nichts weniger, als die ewigen Völkerzüge und Verwüstungen, Vasallen - Kriege und Befehdungen, Mönchsheere, Wallfahrten, Kreuzzüge vertheidigen: nur erklären mochre ich sie: wie in allem doch Eeist hauchet! Gahrung menschlicher Kräfte! Große Kur der ganzen Gattung durch gewaltsame Bewegung, und, wenn ich so kühn reden darf, das Schicksal zog, (allerdings mit großem Getöse, und ohne daß die Gewichte da ruhig hangen konnten,) die große a bgel außenc Uhr auf! da raffelten also die Näder! Wie anders sehe ich die Zeiten in dem Lichte! wie viel ihnen zu vergeben, da ich sie selbst ja immer im Kampfe gegen Mängel, im Ringen zur Verbesserung, und sie wahrhaftig mehr, als eine andere, sehe ! Wie viel L ä - sterungen geradezu falsch und übertrieben, da ihr Mißbräuche entweder angedichtet werden aus fremdem Hirn, oder die damahls weit milder und unvermeidlicher waren, sich mit einem gegenseitigen Guten compensirten, oder die wir schon jetzt offenbar als Werkzeuge zu großem Gute n in der Zukunft, woran sie s elb s t nicht dachten, wahrnchmen. Wer liest diese Geschichte und ruft nicht oft: Neigungen und Tugenden der Ehre und Frey heit, der Liebe und Tapferkeit, der H ö fI i c h ke i c und des Works, wo seyd ihr geblikbe«^ eure Tiefe verschläm- mct! I der Geschichte der Menschheit- 289 Niet! eure Feste, weicher Sandboden voll Silberkörner, wo nichts wächst! Wie es auch sey, gebt uns in manchem Betracht eure Andacht und Aberglauben, Finsterniß und Unwissenheit, Unordnung und R 0- h i g k e i t d e r S i tten, und nehmet unser Licht und Unglauben, unsere entnervte Kalte Und Feinheit, unsere philosophische Abgespanntheit und menschliches Elend!^- Ucbrigcns aber freylich muß Berg und Thal glanzen, und das dunkle, feste Gewölbe konnte — nichts anders seyn, als dunkles, festes Gewölbe Gothisch! Niesenschritt im Gange des Menschlichen Schicksals! Nehmen wirs bloß, daß Verderbnisse vorher gehen, um Verbesserung, Ordnung hervor zu bringen — ein großer Schritt! Um das Licht zu geben, war so größer Schatten nö- thig: der Knoten mußte so fest zugezogen werden, damit nachher die Entwicklung erfolge: mußte es nicht g ä h r e n, um den hefenlosen, reinen, göttlichen Trank zu geben? mich dünkt, das folgte unmittelbar aus „der Lieb liNgs- P h i l 0 sop h ie" des Jahrhunderts- Da könnt ihr ja herrlich beweisen, wie so viel Ecken erst haben müssen gewaltig abgerieben werden, ehe das runde, glatte, artige Ding erscheinen konnte, was wir sind! wie in der Kirche so viele Gräuel, Jrrthümcr, Abgeschmacktheiten und Lästerungen vorher gehen, alle die Jahrhunderte nach Verbesserung ringen, schreyen und Philos. und Gesch. II, Th. T 290 IV. Auch eine Philosophie streben mußten, che eure Reformation, oder lichte, hell glänzende Deismus entstehen konnte. Die üble Staalskunst mußte das Rad all ihrer Uebel und Abscheulichkeiten durchlaufen , eh unsere „S t a a t s ku n st," im ganzen Umfange des Worts, erscheinen durfte, wie die Morgensonne aus Nacht und Nebel. — Noch immer also schönes Gemahlde, Ordnung und Fortgang der Natur, und du glänzender Philosoph ja allem auf den Schultern! Aber kein Ding im ganzen Reiche Gottes, kann ich mich doch überreden! ist allein Mittel — alles Mittel und Zweck zugleich, und so gewiß auch diese Jahrhunderte. War die Blüthe des Zeitgeistes, „der Ritt er sinn," an sich schon ein Product der ganzen Vergangenheit, in der gediegnen Form des Nocdlandes: war die Mischung von Begriffen der Ehre und der Liebe und der Treue und Andacht und Tapferkeit und Keuschheit, die jetzt Ideal war, voraus unerhört gewesen; siehe damit, gegen die alte Welt gehalten, da die Starke jedes einzelnen National-Eharakters verloren gegangen war, siehe eben in dieser Mischung Ersatz und Fortgang ins Große. Vom Orient bis Rom wars Stamm: jetzt gingen aus dem Stamme Aeste und Zweige; keiner an sich stammfest, aber ausgebreite t e r, luftiger, höher! Bep aller Barbarey waren die Kenntnisse, die man scholastisch behandelte, feiner und höher: die Empfindungen, die man bar ba risch und p faffen- der Geschichte der Menschheit. 29 r mäßig anwandte, ab str a h ir tec und höher: aus beyden flössen die Sitten, das Bild jener. Bon solcher Religion, so elend sie immer aussah, hakte doch kaum ein Zeitalter vorher gewußt: selbst das Feinere der Türkischen Religion, was unsre Deisten ihr so hoch anrechnen , war nur „d urch d i e c h r i s t l i c h e .Religion" entstanden, und selbst die elendsten Spitzfindigkeiten der Mönchcrey, die romanh a fte sten Fantastereyen zeigen, daß Feinheit mild Gewandheit genug in der Welt war, dergleichen ausz »denken, zu fassen: -—daß man wirklich scharfanfing in so feinem Elemente zu atbmcn. Papstthum hätte doch nie in Griechenland und dem alten Rom existircn können, nicht bloß aus den Ursachen, die man gewöhnlich ansieht, sondern wirklich auch der uralten Simplicität wegen, weil zu dergleichen raffinirtem System noch kein Sinn, kein Raum war: und das Papstthum des alten Aegyptens war wenigstens gewiß eine weit gröbere und plumpere Maschine. Solche Regierungsformen, Key allem Golhischen Geschmacks, harten sie doch kaum vorher noch existirt; mit der Idee von barbarischer Ordnung vom Element herauf bis zum Gipfel, mit den immer veränderten Ver- suc hen, alles zu binden, daß es doch nicht gebunden wäre. — Der Zufall, oder vielmehr roh und frey wirkende Kraft, erschöpfte sich in kle i- nen Formen der großen Form, wie sie ein Politiker kaum hätte ausdcnkcn können: — Ehavs, wo alles nach neuer höherer Schöpfung T 2 292 IV. Auch eine Philosophie strebte, ohne zu wissen, wie? und welcher Gestalt? — Die Werke des Geistes und deS Genies aus diesen Zeiten sind gleicher Art, ganz des zusammengesetzten Duftes aller Zeiten voll: zu voll von Schönheiten, von Feinheiten, von Erfindung, von Ordnung, als daß es Schönheit, Ordnung, Erfindung bleibe— sind, wie die Gothifchen Gebäude ! Und wenn sich der Geist bis auf die kleinsten E i n- richtungen und Gebrauche erstreckt — ists unrecht, wenn in diesen Jahrhunderten noch immer Krone des alten Stamms erschiene! (nicht Stamm mehr, das sollts und konnls nicht scyn,) aber Krone! Eben das nicht Eine, das Verwirr- te, der reiche Ueberfluß von Aesten und Zweigen; das macht seine Natur! da hangen die Blüthm von Rittergeist, da werden, wenn der Sturm die Blatter abtreibt, einst die schöner» Früchte hangen. So Viele B r üd e r-Nati on en und keine Monarchie auf der Erde! — Jedweder Ast von hier gewissermaßen ein Ganzes und trieb seine Zweige! alle trieben neb en einander, flochten, worren sich, jedes mit seinem Safte. — Diese Vielheit von Königreichen! dies Nebeneinanderseyn von Brüdergemeinden; alle von einem Deutschen Geschlechts, alle nach einem Ideal der Verfassung, alle im Glauben einer Religion, jedes Mit sich selbst und seinen Gliedern kämpfend, und von einem heiligen Winde, dem päpstlichen Ansehen, fast un- der Geschichte der Menschheit. rZA sichtbar, aber sehr durchdringend, getrieben und beweget— Wie ist der Baum erschüttert! , auf Kreuzzügen und Völkerbekehrungen wohin hat er nicht Aeste, Blüthe und Zweige geworfen! — Wenn die Römer bcy ihrer Unterjochung der Erde den Völkern, nicht auf dem besten Wege, zu einer Gattung „von Vö I ke r kec ht und allgemeiner Nöm er - Erkennun g" hatten helfen müssen: das Papstthum mit aller seiner Gewaltsamkeit ward in der Hand des Schicksals Maschine zu einer „noch höhern Verbindung^ zur allgemeinen Erkennung seyn sollender Christen! Brüders Menscken!" Das Lied stieg durch Mißklange und kreischende Stimmungen gewiß in hö Hern Ton. Gewisse mehrere gesammlcte, ab- strahirte, gegghrte Ideen, Neigungen und Zustande breiteten sich über die Welt hin — wie schoß der eine alte simple Stamm des Menschengeschlechts in Aeste und Zweige! * * Endlich folgte, wie wir sagen, die Auflösung, die Entwickelung,: lange ewige Nacht klarte sich in Morgen auf; es ward Reformation, Wieder ge b ur tjder Künste, Wissenschaften, Sitten! — die Hefen sanken t und es ward — unser Denkens Cultue! Philosophie! on commeir- eoit ü Perrsar coinrns uous Psnsons sujour- ck'üui: vn u'stoit Plus Larüure. 294 1 ^- Auch eine Philosophie Keinen Zeitpunkt der Entwickelung des menschlichen Geistes hat mein schöner beschrieben als diesen ! da alle unsre Geschichten, Oiscours xreli- aninairsa zur Encyklopadie alles menschlichen Wissens, und Philosophien darauf weisen *), und von Ost und West, von Anbeginn und gestern alle Jaden, die gezogen sind, oder wie Herbst- spinncweben im Kopfe flattern, darauf als auf den höchsten Gipfel menschlicher Bildung zu ziehen wissen. Und da das Svstcm nun schon so glanzend, berühmt, lieblich angenommen und vollkommen ausgemacht ist: so wage ich nichts hinzu zu setzen — ich lege bloß einige kleine Anmerkungen neben an. Zuerst muß ich zum überhvhcn Ruhm des menschlichen Verstandes **) sagen, daß immer weniger Er, wenn ich so sagen darf, als ein blindes Schicksal, was die Dinge warf und' lenkte, an dieser allgemeinen Weltvc rändern ng wirkte. Entweder warens so große, gleichsam hin geworfene Begebenheiten, die über *) Hume's Geschichte von England und vermischte Schriften; Robertsons Geschichte von Schottland und Carl V, ; O'tt I e rrib 6 r t inälnnges äs litsratiirs ei äs xdUos. Jselins Geschichte der Menschheir LH. 2 . Vermischte Schriften, und was dem nachhinkt und nachlallet. **) Olvire äs I'esxrit Iiumain, ses xrogrös, rsvolntion8 , 8on äsveloppement, sa crsa- tion etc. der Geschichte der Menschheit. 296 alle menschliche Kräfte und Aussichten gingen, denen sich die Menschen meistens widersetzten, wo niemand dieF 0 lge, als üb e r l eg ten Plan, träumte, oder es waren kleine Zufälle, mehr Funde, als Erfindungen, Anwendungen einer Sache, die man lange gehabt, und nicht gesehen, nicht gebraucht hatte — oder gar nichts als simple Mechanik, neuer Kunstgriff, Handwerk, das die Welt änderte — Philosophen des achtzehnten Jahrhunderts, wenn das ist, wo bleibt eure Ab göttekey' gegen den menschlichen Geist? Wer legte hier Venedig an diesem Platze, unter dem tiefsten Bedrängniß der Noch an? und wer überdachte, was dies Venedig, allein an diesem Platze, ein Jahrtausend hindurch, allen Völkern der Erde seyn konnte und sollte ? Der diesen Sund von Inseln in den Morast warf, der diese wenigen Fischer dahin leitete, war derselbe, der das Samenkorn fallen laßt, das zu der Zeit und an dem Orte eine Eiche werde; der die Hütte an die Tiber pflanzte, daß Rom, das ewige Haupt der Welt, daraus würde; eben derselbe ists, der jetzt Barbaren hinzuführt, daß fle die Literatur der ganzen Welt, die Bibliothek zu Alexandrien (gleichsam ein versinkendes Welttheil!) v e r n ic ht i gen, jetzt eben dieselbe hinzu führt, daß sie ein en kleinen Rest Literatur erbetteln, erhalten, und auf einer ganz andern Seite, auf W egen, die niemand geträumt oder gewünscht hatte, nach Europa bringen sollten. Eben derselbe, 296 IV. Auch eine Philosophie. der jetzt durch sie an einer andern Seite eine Kaiser sta dt zerstören laßt, daß die Wissenschaften, die da niemand suchte und die da so lange m ü- ß i g waren , nach Europa fliehen — Alles ist großes Schicksal! von Menschen unüb er dacht, un gehofft, un bewirkt— siehst du Ameise nicht, daß du auf dem großen Rgde des Verhängnisses nur kriechest? Wenn wir in die Umstands des Ursprungs aller sogenannten Welterleuchtungen näher eindrin- gen: die nämliche Sache. Dort im Großen, hier im Kleinen, Zufall, Schicksal, Gottheit! Weis jede Reformation ansing, waren Kleinigkeiten, die nie sogleich den großen ungeheuren Plan hatten, den sie nachher gewannen; so oft es gegentheils vorher der große, wirklich überlegte, Menschliche Plan gewesen war, so oft mißlang er. Alle euere große K ir ch c nv e r sq m m l un g e n, ihr Kaiser, Könige, Eardinäle und Herren der Welt! werden nimmermehr nicht ändern, aber dieser unfeine, unwissende Mönch, Luther solls gusrichten! Ugrd das von Kleinigkeiten, wo er selbst nichts weniger, als so weit denkt ! durch Mittel, wo nach der Weise unserer Zeit, .philosophisch gesprochen, nje so was au s zu r i c h te n war! meistens er selbst das Wenigste ausrichtend, nur daß er andre an stieß, Reformatoren in allen andern Ländern weckte, ec aufstand und sagte: „ich bewege mich! darum gihts Bewegung!" dadurch ward, was geworden ist. Veränderung der Welk! Wie oft waren solche Luthers früher auf- gestanden und — untergcggngen! Der Munh ih- der Geschichte der Menschheit. 297 nen mit Rauch und Flammen gestopft, oder ihr Wort fand noch keine freye Luft, wo es tönte — aber nun ist Frühling: die Erde öffnet sich, die Sonne brütet, und tausend neue Gewächse gehen hervor-^ Mensch, du warst nur immer, fast wider deinen Willen, ein kleines blindes Werk» zeug. „Warum ist nicht," ruft der sanfte Philosoph, „jede solcher Reformationen lieber ohne Revolution geschehen? Man haste den menschlichen Geist nur sollen seinen stillen Gang „gehen lassen, statt daß jetzt die Leidenschaften im „Sturme des Handelns neue Vorurtheile gebah- „ren, und man Böses mit Bösem verwechselte" Antwort! weil so ein stiller Fortgang des menschlichen Geistes zur Verbesserung der Welt kaum etwas anders als Phantom unsrer Köpfe, nie Gang Gottes in der Natur ist. Dies Samenkorn fällt in die Erde! da liegks und erstarrt; aber nun kommt Sonne, es zu wecken: da brichts auf: die Gefäße schwellen mit Gewalt auseinanderes durchbricht den Boden — so Blüthe, so Frucht. — Kaum die garstige Erdpiltze wächst, wie dus träumest. Der Grund jeder Reformation war allemal eben solch ein kleines Samenkorn, fiel still in die Erde, kaum der Rede werth: die Menschen hattcns schon lan- ge, besahens und a chte ten s nichtaber nun sollen dadurch Neig» n ge n , Sitten, eine Welt von G cw 0 hn heit e n geändert, neu geschaffen werden — ist das ohne Resolution, ohne Leidenschaft und Bewegung möglich? Was Luther sagte, hatte man lange Ä98 IV. ?f u c h eine Philosophie gewußt; aber jetzt sagte es Luther! Roger Bnco, Galiläi, Earkes, Lcibnitz, da sie erfanden, wars stille: es war Lichtstrahl — aber ihre Erfindungen sollten durchbrechen, Meinungen wegbrmgen, die Welt ändern — es ward Sturm und Flamme. Habe immer der Reformator auch Leidenschaften gehabt, die die Sache, die Wissenschaft selbst nicht forderte, die Einführung der Sache forderte sie, und eben daß er sie harte, genug hatte, um jetzt durch ein Nichts zu kommen, wozu ganze Jahrhunderte durch Anstalten, Maschinerien und Grübeleyen nicht hatten kommen können — eben das ist Cre- ditiv seines Berufs! „Meist nur simple mechanische Erfindungen, die man zum Thcil langst gesehen, ge- „habt, damit gespielt, die aber jetzt durch einen „Einfall so und nicht anders angewandt, „die Welt veränderten." So z. E. die Anwendung des Glases zur Optik, des Magnets zum Eom passe, des Pulvers zum Kriege, der Buchdruckerkunst für die Wissenschaften, des Ea l cul s zu einer ganz neuen ma t h e- matischen Welt — und alles nahm andre Gestalt an. Man hatte das Werkzeug verändert, einen Platz äußrer d e r al t en We lt gefunden, und so rückte man diese fort. Geschütz erfunden! und siehe die alte Tapferkeit der Theseus, Spartaner, Römer, Ritter und Riesen weg— der Krieg anders und wie viel anders mit diesem andern Kriege! der Geschichte der Menschheit. 299 Buchdruckerey erfunden! und wie sehr die Welt der Wissenschaften geändert! crlcichtert und ausgebreitet! Licht und flach geworden! Alles kann lesen, buchstabiren— alles, was lesen kann, wird gelehrt. Mit der kleinen Nadel auf dem Meere — wer kann die Revolutionen in allen Welttheilen zahlen, die damit bewirkt sind. Lander gefunden, so viel größer als Europa! Küsten erobert voll Gold, Silber, Edelsteine, Gewürz und Tod! Menschen in Bergwerke, Sclavenmühlen und Lnstersttten hin- einbekchrt oder hinein cultivirt! Europa entvölkert, mit Krankheiten und Ueppigkeit an seinen geheimsten Kräften verzehrt — wer kann zählen! wer beschreiben! Neue Sitten, Neigungen, Tugen d e n, Laster — wer kann zählen und beschreiben? Das Rad, in dem sich seit drei) Jahrhunderten die Welt bewegt, ist unendlich — und woran hings? was stieß cs an? die Nadelspitze zwey oder drei) mechanischer Gedanken! II. Eben daher muß'-folgen, daß ein großer Theil dieser sogenannten neuen Bildung selbst wirkliche Mechanik sey; näher untersucht — wird diese, wie sehr neuerer Geist! Wenn meistens neue Methoden in jeder Act und Kunst die Welt veränderten — neue Methoden entübr i g- ten Kräfte, die voraus nöthig waren, sich aber letzt — denn jede ungebrauchte Kraft schläft! — mit der Zeit verloren. G e w isse Tugenden Zoo IV. Auch eine Philosophie der Wissenschaft des Krieges, desbürgerlichen Lebens, der Schiff-Fahrt, der Regierung — man brauchte sie nicht mehr: es ward Maschine, und die Maschine regiert nur Einer. Mit einem Gedanken! mit einem Winke! — dafür schlafen auch wie viel Kräfte! Geschütz erfunden, und damit welche Nerve roher körperlicher Kriegsstarke, und S e e le nkr i e g ss t q r ke, Tapferkeit, Treue, Gegenwart in einzelnen Fallen, Ehrgefühl der alten Welt ermattet! Das Heer ist eine gedingte, Gedynkenkraft-willenlose Maschine geworden, die ein Mann in seinem Haupte lenkt, und die er nur als Pantin der Bewegung, als eine lebendige Mauer bezahlt, Kugeln zu werfen und Kugeln aufzufangen. Im Grunde also, würde ein Römer und Spartaner vielleicht sagen, Tugenden im innersten Heerde des Herzens weg gebrannt, und verwelkt ein Kranz militärischer Ehre — und was ist au der Stelle? der Soldat ist erster Lohndiever des Staats in Helden-Lwerey —> siche seine Ehre und Beruf! Er ist — und mit leichter Mühe die Reste von einzelnen Exist e n zen g e sp r e ng t: die a lt g o th i sch e Fr ey- heitskandc: E i g e n t h um s fo rm en, das elende Gebäude in schlechtem Geschmack! in Grund geschossen und zerstört, wird in seinen kleinen Trümmern so dicht blockirt, daß Land, Einwohner, Bürger, Vaterland manchmal wohl etwas, aberHerr undKnecht, Despot und Liverey- en - Diens r jedes Amts, Berufs und Standes, vom Bauer bis zum Minister und vom Minister zum Priester alles ist. Heißt Landes H oheit! verfemte Staats kunst! neue philo so- der Geschichte der Menschheit. 3or phische Regierungsart! ists auch wirklicher Fürstcnhut und Krone der neuern Jahrhunderte — worauf sie aber nur ruhen! —^ wie's der berühmteste Sonnenadler auf allen Münzen zeigt — auf Trommeln, Fahnen, Kugeln und i m- mer fertigen So l da t e n m ü tzc n. Der Geist der neue kn Philosophie-^ daß er auf mehr als eine Ärt Me^anik seyn müsse, zeigt, denke ich, der meiste Tbeil seiner Kinder. Bcy Philosophie und Gelehrsamkeit oft wie unwissend und unkräfkig in Sachen des Lebens und des gesunden Verstandes! Statt, daß in den alten Zeiten der philosophische Geist nie für sich allein bestand, von Geschäften ausging und zu Geschäften eilte, also auch nur Zweck hatte, volle, gesunde, wirkende Seelen zu schaffen, seit er allein stehet und Handwerk geworden — ist er Handwer k. Der wievielste Thcil von euch betrachtet Logik, Metaphysik, Moral, Physik, als was sie sind — Organe der menschlichen Seele, Werkzeuge, mit denen man wirken soll! Vorbilder von Gedanke n form e n, die nur unsrer Seele eine ihr eigne schöne re Gedankenform geben sollen dafür schlagt man mechanisch seine Gedanken dahin ein, spielt und gaukelt ^ der abenteuerlichste Bursche von Klopsfechter! Et tanzt mit dem Degen auf dem akademischen Seile zur Bewunderung und Freude aller, die ringsum sitzen, und dem großen Künstler jauchzen, daß er nicht Hals und Bein breche: — das ist seine Kunst. Ein Geschäft auf der Welt, wollt ihrs übel besorgt 3c>2 IV. Auch eine Philosophie hoben, so gebt» dem Philosophen! Auf dem Papier wie rein! wie sanft! wie schön und groß; heillos im Ausfuhren! Key jedem Schritte staunend und starrend vor ungesehenen Hindernissen und Folgen. Das Kind indessen war wirklich großer Philosoph, konnte rechnen, und mit Syllogismen, Figuren und Instrumenten geläufig, oft so glücklich spielen, daß neue Syllogismen, Resultate, und sogenannte Entdeckungen heraus kamen — dieFrucht, die E hr e, der Gipfel des menschlichen Geistes! — durch mechanisches Spiel! Das war die schwerere Philosophie — und nun die leichte, die schönc! Gottlob! was ist mechanischer, als diese? In Wissenschaften, Künsten, Gewohnheiten, Lebensart, wo sie hinein gedrungen , wo sie Saft und Blüthe des Jahrhunderts ist, was mechanischer als sic? Eben das alte Herkom- men, das sinnlose Vorurtheil von Lernen, L a ng sa m r e i fen, T i e fei n d r i n ge n und Spat- beurtheilen hat sie ja wie ein Joch vom Halse geworfen! hat in unsere Ge r ic h lS s c h r a n k e n, statt kleiner, staubigter, detaiilirter Kenntnisse, wo jeder Vorfall als der behandelt und untersucht werden soll, der er ist — hat darin welch schönes, leichtes, freyesllrtheil gebracht, nach zwey Vorfällen alles zu messen und abzuthun! über das In d i v i due l l e, worin allein Species facti besteht, hinüber, sich am Hellen, vortrefflichen Allgemeinen zu halten — statt Richter — (Blüthe des Jahrhunderts!) — Philosoph zu sepn. Hat in unsere S t a a t s wi r t h s ch a f l und d er G e sch i c hte d e r Me n sch h e i t. 3«3 Regierungskunde, statt mühsam erlangter Kenntnisse von Bedürfnissen und wahrer Beschaffenheit des Landes, welchen Adlersblick! welche An- sicht des Ganzen gebracht., wie auf einer Landkarte und philosophischen Tabelle! Grundsätze durch den Mund M ontesquieu' s entwickelt, aus und nach welchen hundert verschiedene Völker und Erdstriche, aus dem Stegreife nach dem Einmal Eins der Politik in zwei) Augenblicken berechnet werden.-Sv alle schöne Künste, Handwerke und beynahe die kleinsten T a g e l ö h n c r e y en — wer braucht in ihrer Tiefe, mühsam, wie in einem Gewölbkellcr, umher zu klettern, zu arbeiten? Man raison- nirt! Wörterbücher und P hilosophien über alle, ohne eine einzige mit dem Werkzeug e in der Hand zu verstehen: sind allesammt -rb- ruisonnü ihrer vorigen Pedanterie geworden — abgezogener Geist! Philosophie aus zwey Gedanken, die mechanischte Sache von der Welt. Darf ich beweisen, was der neuere Witz für eine edle, mechanische Sache sey? Giebts eine gebildetere Sprache und Perioden- F orm , d. i. einen engern Leisten der Gedanken, der Lebensart, des Genies und Geschmacks, bey dem Volke, von dem er sich unter hundert Gestalten am glänzendsten in der Welt verbreitet hat? Welch ein Scha u spi e l ist mehr Marionette eines schönen Regelmaßes — welche Lebensart mehr Aefferey einer leichten, mechanischen H öflic hke it, Lustigkei t und Wort- 1^- Auch e i ne P h! l0sdp hi e zierde ^ welche Philosophie wehe das Aus- gekramte, weniger Sentiments, und eine Behandlung aller Dinge in der Welt nach diesen Sentiments geworden, als die — ? Affen der H u m a- nitat, des G e n i e s, der F rv h li c hk ei t, der Tugend, und eben weil sie nichts, als das sind, und so leicht nachgeafft werden können, sind sie's kür ganz Europa, — III. Daher wird denn nun Wohl begreiflich, ztt ,,welchem Mittelpunkte" die Bildung hin- strebe, und immer hingelenkt werde. „Philosophie! Gedanke! — leichtere Mechanik! „R a i so n n c m en t, das sich bis auf die Grund- „saulen der Gesellschaft erstreckt, die sonst mit ,,standen Und trugen!" Und auch da kann ichs in zehnerlcy Betracht kaum begreifen, wie das sb allgemein und einzig für den Gipfel und Zweck aller menschlichen Bildung, alles Glückes, alles Guten verraisonnirt werden könne? Ist denn der ganze Körper bestimmt zu sehen? und Muß, wenn Hand und Fuß Auge und Gehirn seyn will, nicht der ganze Körper leiden? Raisonne- Ment zu unvorsichtig, zu unnütz verbreitet — obs nicht Neigung, Trieb, Thatigkeit zn leben, schwachen könnte und wirklich geschwächt habe? — Allerdings mag »UN wohl diese Ermattung deni Geiste mancher Lander bequem seyn: ermattete Glieder müssen fort, haben keine Kräfte als — etwa zum Gegendenken. Jedes Rad bleibt aus Furcht, der Geschichte der Menschheit. 3r>ä Furcht, oder Gewohnheit, oder Ueppig- keit und Philosophie an der Stelle, und was ist nun so manche große, philosophisch regierte Heerde, als ein zusammcngezwungener Haufe — Vieh und Holz! Sie denken! man breitet Denken vielleicht unter sie aus —bis auf einen Punkt: damit sich von Tage zu Tage mehr als Maschine fühlen, mbcr nach gegebenen Vor- urtheilen fühlen, knirrschen lcrNen und fortmüssen — Sie knirrschen — ey doch, sie können nichts, als knirrschen: und laben sich mit Fkei- denken. Das liebe, Matte, ärgerliche, unnütze FrcidenkeN, Ersatz für alles, was sie vielleicht mehr brauchten — Herz! Wärme! Blut! Menschheit! Leben! Nun rechne ein jeder. Licht, Unendlich erhöht und ausgebrcitet: wenn Neigung, Trieb zu leben ungleich gesch,wächet ist! Ideen von allgemeiner Mensch e n-, Völker- und Fein- dcsliebe erhöht! und warmes Gefühle der Vater-, Mutter-, Bruder-, Kindes-, Fr e un d e s n e i g u n g e n unendlich ge sch wach et! Grundsätze der Freiheit, Ehre, Tugend so weitverbreitet, daß sie jeder aufs Helleste anerkennet, daß in gewissen Ländern sie jedermann, bis zum Geringsten, auf Zung und Lippen hat — und jeder von ihnen zugleich mit den ärgsten Ketten der Feig, heit, Schande, Ueppigkeit, Kriecherei Und elender Planlosigkeit gebunden. — Handgriffe und Erleichterungen unend- Philos. >r» Gesch. II. Th. II Zc>6 VI. Auch eine Philosophie lieh «erbreitet — aber alle die Handgriffe gehen in die Hand Eines oder Etlicher zusammen , der allein denkt: der Maschine ist die Lust zu leben, zu wirken, menschlich edel und gutthä- tig, vergnügt zu leben, verschwunden: lebt sie mehr? Im Ganzen und im kleinsten Theile, der einzige Gedanke des Meisters. Ist dies nun das schöne Ideal vom Zustande, zu dem wir durch alles hingebildet sind, das sich immer weiter in Europa aus breitet, das in alle Weltth eile hinschwimmet, und alles policireu will, zuseyn,waSwirsind — Menschen? Bürger eines Vaterlands? Wesen für sich etwas zu seyn in der Welt? vielleicht wenigstens und gewiß, aber alle- sammt nach Anzahl, Bedürfnissen, Zweck und Bestimmung politischer Calcul: jeder in der Uniform seines Standes, Maschinen! — da stehen nun jene glänzenden Mar k tpl ä tz e zur Bildung der Menschheit, Kanzel und Schauplatz, Säle der Gerechtigkeit, Bibliotheken, Schulen, und ja insonderheit die Kronen aller, illustre Akademien! In welchem Glanze! zum ewigen Nachruhm der Fürsten! zu wie großen Zwecken der Bildung und Aufklärung der Welt, der G l ück se l i gk t der Menschen! herrlich eingeweihet — was thun sie denn? was können sie thun? — sie spielen! IV. Also von einigen der berühmtesten Mit- t e l, die, die Ehre unsers Jahrhunderts! den der Geschichte der Menschheit. 207 schöpferischen Plan haben, „Menschheit 'zu bilden" — Ein Wort! Wir kommen damit wenigstens zu einer sehr practischen Seite des Buchs. Ist nicht vom Anfänge an vergebens geschrieben, so sicht man, Bildung und Fortbildung einer Nation ist nie anders, alsein Werk des Schicksals: Resultat tausend m i t- wirkender Ursachen, gleichsam des ganzen Elements, in dem sie leben. Und ist dies, was für ein Kinderspiel, diese Bildung bloß in und durch einige hellere Ideen zu setzen, worauf man fast von Wiederherstellung der Wissenschaften hertrabet! dies Buch, dieser Autor, diese Menge von Büchern soll bilden; das ganze Resultat derselben, die Philosophie unsers Jahrhunderts soll bilden — was hieße dies anders, als die Neigungen wecken oder starken, durch die die Menschheit beseligt wird —- und welche Kluft, daß dies geschehe! Ideen geben eigentlich nur Ideen: mehrere Helle, Richtigkeit und Ordnung zu denken — das ist aber auch alles, worauf man gewiß rechnen kann: denn, wie sich das alles nun in der Seele mische? was es vor sich finden und verändern soll? wie stark und dauernd diese Veränderung werde? und wie sie sich nun endlich in die tausendgestal- tigen Anlässe und Fügungen des menschlichen Lebens, geschweige eines Zeita lters, eines ganzen Volks, des ganzen Eu- U 2 Sc>8 !V. Auch eine Philosophie ropa, des ganzen Weltalls, (wie unsere Demuth wähnet), hinein mische und hinein werfe — ihr Götter, welche andere Welt von Fragen! Ein Mensch, der die künstliche Denkart unser s Jahrhunderts kennen lernte, läse alle Bücher, die wir von Kind auf lesen, loben, und, wie cs heißt, uns darnach bilden, sammlete die Grundsätze, die wir alle laut oder schweigend zugestehen, auch mit gewissen Kräften unsrer Seele bearbeiten u. s. w., wollte hieraus mm auf das ganze lebendige Triebwerk des Jahrhunderts Schluß machen — erbärmlicher Fehlschluß! Eben weil diese Grundsätze so gäng und gäbe sind; als Spielwerk von Hand zu Hand, als Mundwerk von Lippe zu Lippe gehen — eben deß- wegen wirds wahrscheinlich, daß sie keine Wirkung mehr lhun können. Braucht man, womit man spielt? und wenn man des Getreides so viel hat, daß man den Acker nicht besäet, bepflanzet, sondern als Kornboden überschütten muß — dürrer, trockener Kornboden! kann etwas wurzeln? aufgehen? kommt ein Korn nur in die Erde? Was soll ich Exempel zu einer Wahrheit suchen, zu der fast alles, leider! Exempel wäre — Religion und Moral, Gesetzgebung und gemeine Sitten. Wie überschwemmet mit schönen Grundsätzen, Entwicklungen, Systemen, Auslegungen — überschwemmet, der Geschichte der Menschheit. Zog daß fast niemand mehr Boden sieht und Fuß hat — eben deßwegen aber auch nur hinüber schwimmet. Der Theologe blättert ,in den rührendsten Darstellungen der Religion, lernet, weiß, beweist und vergißt: — zu den Theologen werden wir alle von Kind auf gebildet. Die Kanzel schallet von Grundsätzen, die wir alle zugestehen, wissen, schön fühlen, und — auf und neben der Kanzel lassen. So mit Lectü- re, Philosophie und Moral. Wer ist nicht überdrüßig < sie zu lesen? und welcher Schriftsteller machts nicht schon zum Hauptgeschäfte, gut e i n z u k l e i d e n: die unkraflige Pille nur schön zu versilbern. Kopf und Herz ist einmal getrennt; der Mensch ist, leider! so weit, um nicht nach dem, was er weiß, sondern, was er mag, zu handeln. Was Hilst dem Kranken all der Vorrats, von Leckerbissen, den er mit siechem Herzen nicht genießen kann, ja deß Ueber- fiuß ihn eben siechherzig machte. — Den Verbreitern des Mediums dieser Bildung könnte man immer die Sprache und den Wahn lassen, als wenn sie „die Me n sc.h h eit" und insonderheit ja den Philosophen von Paris, daß sie touts I'Luroxa und tout 1'klriivvrs bilden — man weiß schon, waS die Sprach bedeutet! — Ton! conventionelle Phrase! schöne Wendung, oder höchstens nützlicher Wahn. — Aber wenn auch die auf solche Mittel der Lettern-Cultur fallen, die ganz andere Werkzeuge — wenn sie eben mit jenen dem Jahrhunderte schönen Dunst geben, Augen auf den Glan-z dieses un- .1 3io IV. Auch eine Philosophie wirksamen Lichts lenken, um Herzen und Hände frei zu haben — Jrrlhum und Verlust, ihr seyd kläglich! — Es gab ein Zeitalter, wo die Kunst der Gesetzgebung für das einzige Mittel galt, Nationen zu bilden, und dies Mittel auf die sonderbarste Art angegriffen, nur meist eine allgemeine Philosophie der Menschheit, ein Eo- dep der Vernunft, der Humanität — was, weiß ich mehr? werden sollte: die Sache war ohne Zweifel b len d e nd er, als nützlich. Allerdings ließen sich damit alle „Gemeinsätze „des Rechten und Guten, Maximen der „Menschenliebe und Weisheit, Aussichten aus allen Z e iten und Vö l k e rn für alle „Zeiten und Völker erschöpfen" — für alle Zeiten und Völker? — und also leider! eben nicht für das Volk, dem dies Gesetzbuch ausgenommen seyn soll, als sein Kleid. So allgemeines Abgeschöpfte, ists nicht auch Schaum vielleicht, der in der Luft aller Zeiten und Völker zerfließt? und wie anders für die Adern und Sehnen seines Volks Nahrung bereiten, daß sie ihm das Herz stärke, und Mark und Bein erfrische! Zwischen jedem Allgemeingesagten, wenn auch der schönsten Wahrheit— und ihrer m ind e- sten Anwendung ist Kluft. Und Anwendung am einzigen rechten Orte? zu den rechten Zwecken? auf die einzige, beste Weise? —aDer Solon eines Dorfes, der wirklich der Geschichte d e r Mensch hei t. 3i» nur eine b ö se Ge w oh nheit abgebracht, nur einen Strom menschlicher Empfindungen und Thätigkeiten in Gang gebracht — er hat tausendfach mehr gethan, als all ihr Raisonneurs über die Gesetzgebung, beide, neu alles wahr, und alles falsch — ein elen. der, allgemeiner Schatten ist. — Es war eine Zeit, da die Errichtung von Akademien, Bibliotheken, Kunstsälen, Bildung der Welt hieß — vortrefflich! diese Akademie ist der Name des Hofes, das würdige Pry tan e um verdienter Männer, eine Unterstützung kostbarer Wissenschaften, ein vortrefflicher Saal am G e b u r t s f c st e des Monarchen. — Aber, was die nun zur Bildung des Landes, der Leute, der Unterthanen thue? Und wenn sie alles thäte — wiefern das Glückseligkeit gebe? Können diese Bild sä ul en, und wenn ihr sie an Weg und Pfosten stellt, j-eden Vorbsige- hendcn in einen Griechen verwandeln, daß er sie so ansehe, so fühle, sich so in ihnen fühle? Schwer! Können diese Gedichte, diese schönen Vorlesungen nach Attischer Art eine Zeit schaffen, wo diese Gedichte und Reden Wunder thaten und wirkten? Ich glaube, nein! und die sogenannten Wi e d er h er ste ll e r der Wissenschaften, wenn auch Papst und Cardinäle, ließen immer Apollo, Musen und alle Götter in den Neulateinischcn Gedichten spielen — ste wußten, daß es Spiel war. Die Bildsäule Apol- lo's konnte immer neben Christo und der Leda stehen: alle drei thaten eine Wirkung. — Äei- Zi2 IV. Auch eine Philosophie ne! könnte die Vorstellung, der Schauplatz wirklichen Römischen Heroismus her- vorbringen und Brutus und Cato's schaffen — glaubt ihr, daß euer Schauplatz stehen? daß eure Kanzel stehen würde? — Man ballet endlich in den edelsten Wissenschaften den Ossa auf den Pelion — großes Unternehmen! — man weiß beinahe nicht, wozu man ballet? Die Schätze liegen da und werden nicht gebraucht: wenigstens ists gewiß nicht die Menschheit, die sie jetzt brauchet. Es war eine Zeit, da alles auf Erziehung stürmte — und die Erziehung wurde gesetzt in schöne Real-Kenntni ss e, Unterweisung, Aufklärung, Erleichterung ack cupturrr, und ja in frühe Verfeinerung zu artigen Sitten. Als wenn alle das Neigungen ändern und bilden könnte? Ohne an ein einziges der verachteten Mittel zu denken, wie man gute Gewohnheiten, selbst Vorurtheile, Uebungen und Kräfte wiederherstellen oder neu schaffen und dadurch allein „bessere Welt" bilden könnte. --- Der Aufsatz, der Plan wurde ab ge faßt, gedruckt, vergessen! einL.ehrbuch der Erziehung, wie wir Tausende haben! ein C o- dex guter Regeln, wie wir noch Millionen haben werden,, und die Welt wird bleiben, wie sie ist. Wie anders dachten einst darüber die Zeiten und Völker, da alles noch so enge national war. Aus dem besondersten einzelnen Bedürfnisse stieg jede Bildung herauf und kehrte dahin der Geschichte der Menschheit. 3r3 zurück — lauter Erfahrung, Thal, Anwendung des Lebens in dem bestimmtesten Kreise. Hier in der Pakriarchen-Hüt- ke: dort im engen Acker gebicthe, dort in einer kleinen Republik Menschen, wo man alles kennt, fühlt, also auch zu fühlen geben konnte, das menschliche Herz in der Hand hatte, und übersähe, was man sprach! da wars also ein zu-' ter Vorwurf, den unser erleuchtetes Jahrhundert den minder erleuchteten Griechen macht, daß sie nichts reclht Allgemeines und Abgezogenes philosophirt, sondern immer in der Natur kleiner Bedürfnisse, auf einem engen Schauplatze, gesprochen hatten. Da wars auch angewandt gesprochen, jedes Wort fand Stelle: und in den bessern Zeiten, dg man noch gar nicht durch Worte sprach, durch Thal, Gewohnheit, Vorbild, tausendfachen Einfluß wie anödrs! Bestimmt, stark und ewig. Wir sprechen über hundert Stande, Klassen, Zeiten, Mcnschcngattungen auf einmal, um für jede ns c hts zu sprechen: unsere Weisheit, so fein und körperlich — ist a b'g e zöge ne r Geist, der ohne Gebrauch verfliegt. Dort wars und bliebs Weisheit des Bürgers, Geschichte eines menschlichen Gegenstandes, Saft voll Nahrung. — Wenn meine Stimme also Macht und Raum hätte, wie würde ich allen, die an der Bildung der Menschheit wirken, zurufcn: nicht Al lgemeinör-- ter von Verbesserung! Papicr-Eul.tur! wo möglich Anstalten — thun! laßt die reden 3^4 IV Auch eine Philosophie und ins Blaue des Himmels hinein bilden, die das Unglück haben, nichts anders zu können; hat der Liebling der Braut nicht eine schönere Stelle, als der Dichter, der sie singt, oder derFreiwer- ber, der um sie wirbt? Siehe, wer die Menschenfreundschaft, Völkerliebe und Vatertreue am schönsten besingen kann, hat vielleicht im Sinne, ihr auf Jahrhunderte den tiefsten Dolchstoß zu geben ? Dem Scheine nach der edelste Gesetzgeber, vielleicht der innigste Zerstörer seines Jahrhunderts! Von innerer Verbesserung, Menschheit und Glücks eligkeit nicht die Rede: — er strebte dem Strome des Jahrhunderts nach, ward Heiland des menschlichen Geschlechts, nach dem Wahne des Jahrhunderts, erstrebte sich also auch den kurzen Lohn des allen — welkenden Lorbeer der Eitelkeit, morgen Staub und Asche. — Das große, göttliche Werk, Mensch- heitzu bilden — still, stark, verborgen, ewig — mit kleiner Eitelkeit konnte! nicht granzen! V. Ohne Zweifel wird man, nach dem, was ich geschrieben, den Allgcmeinsatz anbringen, daß man immer die Ferne lobe und über die Gegenwart klage; daß es Kinder sind, die sich in die Ferne des Goldschaums verlieben, und den Apfel, den sie in der Hand haben, dafür hingeben, weil sie jenes nicht kennen — aber vielleicht bin ich dies Kind nicht. Ich sehe alles Große, Schöne und Einzige unsers Jahrhunderts ein, und habe es, bei allem Tadel, immer zum Grunde behalten, der Geschichte der Menschheit. 3i., „Philosophie! ausgebreitete Helle! „mechanische Fertigkeit und Leichtig- ,,keit zum Erstaunen! Mildheit!" Wie hoch ist, seit der Wiederherstellung der Wissenschaften, unser Jahrhundert darin gestiegen! mit welchen sonderbar leichten Mitteln auf die Hohe gekom- men! wie stark hats sie befestigt und für die Nachkommenschaft gesichert! '— ich glaube Bemerkungen darüber gegeben zu haben, statt der übertriebenen Lobes-Declamation, die man in allen, zumal Französischen, Mode-Büchern findet. — Wahrlich ein großes Jahrhundert, als Mittelund Zweck: ohne Zweifel der höchste Gipfel des Baums in Betracht aller vorigen, auf denen wir stehen! Wie haben wir uns so vielen Saft aus Wurzel, Stamm und Resten zu Nutz gemacht, als unsere dünnen Gip felzweige nur fassen können! stehen hoch über Morgenlander, Griechen, Römer, zumal über den Mittlern Gothischen Barbaren! hoch sehen wir also über die Erde! Gewissermaaßen alle Völker und Welttheile unter unserm Schatten, und wenn ein Sturm zwei kleine Zweige in Europa schüttelt, wie bebt und blutet die ganze Welt! Wann ist je die ganze Erde an so wenig vereinigten Faden so allgemein zusammengegangcn, als jetzt? Wann hat man mehr Macht und Maschine» gehabt, mit einem Druck, mit einem Fingerregen ganze Nationen zu erschüttern ? Alles schwebt an der Spitze zweier oder dreier Gedanken! 2i6 IV. Auch eine Philosophie Zu gleicher Zeit — wann ist die Erde so allgemein erleuchtet gewesen, als nun? und fahrt immer fort, mehr erleuchtet zu werden. Wenn voraus die Weisheit immer nur enge national war, und also auch tiefer grub und fester anzog — wie weit gehen jetzt ihre Strahlen! wo wird nicht, was Voltaire schreibt, gelesen! die ganze Erde leuchtet beinahe schon von Voltaire's Klarheit! Und wie scheint dieß immer fortzugehen! Wo kommen nicht Europäische Eolonien hin, und werden hinkommcn! Ueberall werden die Wilden, je mehr sie unfern Branntwein und Ueppigkeit lieb- gewinnen, auch unserer Bekehrung reif! Nähern sich, zumal durch Branntwein und Ueppigkeit, überall unserer Cultur — werden bald, hilf Gott! alle Menschen wie wir seyn! gute, starke, glückliche Menschen! Handel und Papstthum, wie viel habt ihr schon zu diesem großen Geschäfte beigelragen! Spanier, Jesuiten und H olländer: ihr menschenfreundlichen, uneigennützigen, edel und tugendhaften Nationen! wie viel hat euch in allen Welttheilen die Bildung der Menschheit nicht schon zu danken? Geht das in den übrigen Welttheilen, wie denn nicht in Europa? Schande für England, daß das Jrrland so lange wild und barbarisch blieb: es ist p o l ici r t und glücklich. Schande für England, daß die Nord-Schotten so lange der Geschichte der Menschheit. 817 ohne Beinkleider gingen: sie tragen sie jetzt wenigstens auf einer Stange mit sich und sind glücklich. Welch Reich hat sich in unserm Jahrhunderte nicht groß und glücklich gebildet! Ein einziges lag zur Schande der Menschheit in der Mitte da—ohne Akademien und Ackerbau - Societaten, trug K»e- belbarte und nährte demnach Königsmörder. Und siche da! was — mit dem wilden Eorsica daS edelmüthige Frankreich schon allein übernommen hatte, — das thaten drei, — Knebelbar- kc zu Menschen zu bilden, wie wi r sind! gute, starke, glückliche Menschen! Alle Künste, die wir treiben, wie hoch gestiegen! kann man sich etwas über jene Regierung s- kunst, das System' die Wissenschaft zur Bildung der Menschheit, denken *)? die ganze einzige Triebfeder unserer Staaten, Furcht und Geld. Ohne R e l i g i 0 n , (die kindische Triebfeder)! ohne Ehre und Seelen fr ciheit und M ensc h en g lü ck selig keil im mindesten zu brauchen. Wie wissen wir den einzigen Gott aller Götter, Mammon, als einen zweiten Proteus zu erhaschen! und wie zu verwandeln! und wie alles von ihm zu erzwingen, was wir nur wollen!— höchste glückselige Regierungskunst! — Seher ein Kriegsherr! das schönste Urbild menschlicher Gesellschaft! Alle wie bunt und ) Hume's politische Schriften Vers, t,, 9, 25 , a6. und seine Geschichte. 3i8 IV. Auch eine Philosophie leicht gekleidet, leicht gcnähret, harmonisch denkend, frei und bequem in allen Gliedern! edel sich bewegend ! Wie Helle, treffliche Werkzeuge in ihrer Hand! Summe von Tugenden, die sie bei jeder täglichen Handhabung lernen— ein Bild der höchsten Vortrefflich? eit des Men- schengeistes, und der Regierung der Welt — Resignation! Gleichgewicht von Europa! du große Erfindung, von der kein Zeitalter vorher wußte! wie sich jetzt diese großen Staatskörper, m denen ohne Zweifel die Menschheit am besten gepflegt werden kann, an einander reiben, ohne sich zu zerstören, und je zerstören zu können, wie wir so traurige Beispiele an der elenden Staatskunst der Gothen, Hunnen, Vandalen, Griechen, Perser, Römer, kurz! aller Zeiten vor uns haben! und wie sie ihren edlen Königsgang fortgehen, diese Wasscrtonne voll Jnsecten in sich zu schlucken, um Einförmigkeit, Friede und Sicherheit zu schaffen. Arme Stadt! gequältes Dorf! — o?cil uns! zur Ausrechthaltung des Gehorsams, des Friedens und der Sicherheit, aller E a r d i n a l - T u g e n d e n und Glückseligkeiten, Söldner! Verbündete! Gleichgewicht Europa's! Es wird und muß, Heil uns! ewige Ruhe, Friede, Sicherheit und G e- hvrsam in Europa bleiben! Da dürfen nur unsre politische Geschichtschreiber und historische Epopecn- D ich r e r der M o n a r c h i e das Wachsthum dieses Zustandes von Zeit zu Zeit mahlen *)! „Einst, traurige Zeiten! da man bloß nach Bedürfnis, und „eignem Gefühl etwa handelte: traurigere „Zeiten, da die Macht der Regenten gar noch „nicht schrankenlos, und traurigste Zeiten unter „allen, da ihre Einkünfte noch nicht ganz will- „kührlich waren — da — wie wenig gibts für „den philosophischen Ep ope en-G e schi cht- „schreiber allgemein zu raisonniren, oder ins „Ganze von Europa hinzumahlen! keine A r- „m e e n, die vermögend waren, ferne Granzen „zu beunruhigen, kein Landesherr, der aus „seinen! Lande könnte, zu erobern: also alles nur „auf elende Gegenwehr und Selbstverthei- „digung angelegt: keine Politik! kein Blick „auf ferne Zeiten und Lander, keine Spekulation in den Mond! also keine Verbindung „der Lander durch diese menschenfreundlichen Nach- „stenblicke — kurz, kein — und das ist das Wort „für den neuesten höchsten Geschmack! — kein gesell- „scha ftl ic hcs Leb en in Europa. Gottlob! „seit dem einzelne Kräfte und Glieder des „Staats abgethan, Adel durch Städte, Städte „durch freigelassenes Land, und Adel, Städte und „freigelassenes Land durch Völker so glorreich g e- *) Robertsons Geschichte Carls V., die Einleitung, davon dieß nur ein treuer Auszug ist, mit etwannigem Uriheil über sein Urtheil, 1'«^«crcr5t «r-ö'LwTrLf ee?-« 320 IV. Auch eine Philosophie „gen- und überwogen, in das Wunderding ^Maschinen hinein gelenkt sind, niemand mehr von „Selbstgerechtigkeit, Selbstwürde und „S e l b s t b e s t i m m u n g weiß und wissen darf — „Heil uns, welch gesellschaftliches Leben „in Europa l Wo der Monarch den Staat so ganz „in seiner Dacht hat, daß dieser ihm nicht „mehr Zweck, sondern auswärtiges Handeln „durch ihn Zweck ist —wo er also so weit sieht, „rechnet, r a th sc h l age t, handelt, jeder durch „Winke, von denen er nichts versteht und weiß, „zum Enthusiasmus gerührt und geleitet wer- „dcn, kein Staat ohne den Blick des andern eine „Pflaumfeder aufheben darf — ohne daß von der „fernesten Ursache sich allgemeiner Aderlaß in allen „Wclttheilen von selbst beschließe! Große Allgc- „meinheit! wie gedrungene menschliche, leiden- „schaftlose Kriege daher entspringend! wie gerechte, menschliche, billige Unterhandlungen „daher entspringend!" Und wie wird die höchste Lugend, die Resignation jedes Einzelne n dabei befördert — hohes gesell schaftlieh es Leben in Europa! Und durch wie glorreiche Mittel *) man dahin gekommen! „daß die Macht der Monarchie in glei- ,,chem Schritt mit der Entkräftung einzelner „Glieder und der Starke des Söldnerstan- „d es gewachsen! durch welche Mittel sie ihre Vetorechte Rech immer bloß ails Robertsons Auszug. drr Ges chichte der Menschheit. 32 e „rechte erweitert, ihre Einkünfte gemeh'rct, „ihre innern Feinde unterjocht odet gelenkt, „ihre Gränzen verbreitet — das zeigt die mittlere und neuere, insonderheit die Vorgängerin von ,,ganz Europa, die F r a n z ö sisc h e Geschichte." Glorreiche Mittel, und der Zweck wie groß: Wage Europa's! G lückseligkeit Europa's! Auf der Wage und in der Glückseligkeit bedeutet jedes einzelne Sandkorn ohne Zweifel viel! —- »,Unser System des Handels!" Ob man sich etwas über das Verse inte der allumfassenden Wissenschaft denke? Was warens für elende Spartaner, die ihre Heloten zum Ackerbau brauchten, und für barbarische Römer, die ihre Sclaven in die Erdgefangnisse cinschlossen! Zn Europa ist die Sclaverey abgeschafft *), weil berechnet ist, wie viel diese Sclaven mehr kosteten und weniger brachten als freye Leute. Nur Eins haben wir uns noch erlaubt, drey Welttheile alsSclaven zu brauchen, zu verhandeln, in Silbergruben und Zuckermühlen zu verbannen — aber das sind nicht Europäer, nicht Christen, und dafür bekommen wir Silber und Edelgefteine, Gewürze, Zucker und — heimliche Krankheit: also des Handels wegen und zur wechselseitigen Bruderhülfe und Gemeinschaft der Lander« *) Millar über den Unterschied der Stande. Hauptst. 5» Philos. und Gesch. li. Tb. L 322 IV. Auch eine Philosophie „System des Handels" — Das Große und Einzige der Anlage ist offenbar! DreyWelttheile durch uns verwüstet und policiret, und wir Lurch sie entvölkert, entmannet, in Ueppig- kcit, Schildere» und Tod versenkt: das ist reich gehandelt und glücklich. Wer ist, der nicht an der großen Zieh wolke, die Europa aussaugt, Antheil haben? sich in sie drängen, und kann er nicht andere, seine eigne Kinder als größter Handelsmann entleeren müßte? — Der alte Name, Hirt der Völker, ist in Monopolisten verwandelt — und wenn die ganze Wolke mit hundert Sturmwinden denn bricht — — großer Gott Mammon , — dem wir alle jetz t dienen, hilf uns ! — „Lebensart und Sitten!" wie elend, als es noch Nationen und National - Charakter gab *); was für wechselseitiger Haß, Abneigung gegen die Fremden, Festsetzung auf seinen Mittelpunkt, väterliche Vor ukthe ile , Hangen an der Erdscholle, an der wir geboren sind , und auf der wir verwesen sollen! Einheimische Denkart! enger Kreis von Ideen — ewige Barbaren! bey uns sind Gottlob ! alle N a t ion a l - C h a räkle re ausgelöscht! wir lieben uns alle, oder vielmehr keiner bedatfs, den andern zu lieben; wir gehen mit einander um, sind einander völlig gleich — gesittet, höflich» glückselig! haben zwar kein Vaterland, keine Unfern, *) Hume's vermischte Schriften, Th. h. XXIV. der Geschichte der Menschheit. 3ce3 für die wir leben; aber sind Menschenfreunde und W eltbürger. Schon jetzt alle Regenten Europa's, bald werden wir alle die Französische Sprache reden! — Und dann — Glückseligkeit! es fangt wieder die goldne Zeit an, „da hatte alle ,,W elt einerley Zunge und Sprache! ,,w ird Eine Heerde und Ein Hirte werden!" National-Charaktere, wo seyd ihr? „Lebensart und Sitten Envopa's!" Wie spat reifte in den Eothischrn Zeiten des Christenthums die Jugend: kaum im dreyßigsten Jahre mündig: MüN verlor den halben Theil seines Lebens in einer elenden Kindheit Philosophie, Erziehung und gute Sitten- welche neue Schöpfung habt ihr geschaffen! Wir sind jetzt im drehzehnteN Aühre reif, und durch stumme und laute Sünden im zwanzigsten verblühet. Wir genießen das Leben, recht in der Mvtgen- röthe und schönsten Blüthe! „Lebensart und Sitten Guropa's!" Welche gvthische Tugend, Bescheidenheit, jugendliche Blödigkeit, Scham*)! Frühe werden wir des zweydcutigen unbehülflichen Mantels der Tugend los; Gesellschaften, Frauenzimmer, (die nun am meisten Key Scham entbehren! und die sie auch am wenigsten nöthig haben!) selbst unsere Aeltern wischen sie uns frühe von den *) Hurds Gespräche über das Reisen. r 2 S24 IV- Auch eine Philosophie Wangen. Oder wenn das nicht, Lehrmeister guter Sitten! wir geben auf Reisen, und wer wird sein ausgewachsenes Kleid der Kindheit, außer Mode und Anstand wieder bringen t Wir haben Dreistigkeit, Ton der Gese ll sc baft, Leichtigkeit, uns alles zu bedienen! schone Philosophie! „Zärtlichkeit des Geschmacks und ,,der Leidenschaften *)!" Immer-waren Griechen und Römer in ihrem Geschmacke noch wie grob! hatten am wenigsten den Ton d e s U m- gangs mit dem schönen Geschlechts! Plato und Cicero konnten Bände Gespräche über Metbaphy- sik und männliche Künste schreiben und cs sprach nie ein Weib. Wer sollte bey uns ein Stück, und wenn» auch Philoktetanf seiner wüsten Insel wäre, ohne Liebe aushalten. Voltaire — aber man lese, wie ernstlich er selbst für der Nachfolge gewarnet. Frauenzimmer sind unser Publikum, unsre Aspasien des Geschmacks und der Philosophie. Wir wissen Cartesianische Wirbel und New tonische Attraktionen in ein Schnürleib einzukleiden: schreiben Geschichte, Predigten und was nicht mehr? für und als Weiber. Die feinere Zärtlichkeit unsers Geschmacks ist bewiesen. „Schöne Künste und Wissenschaften**)!" Die *) Hume's politische Versuche, r. 17. nll» **) Hume's Vers. LH. h. XVI. XVII. Voltaire's «idole cle I.oni8 XIV., XV,, und die Heere Panegyriften der neuen Literatur- der Geschichte der Menschheit. A2S gröber« haben frerlich die Alten, und zwar die elende unrubige Regimentsform, kleine Republiken ausbilden können: aber sebet auch wie grob jene Beredsamkeit Demosthenes! jenes Griechische Theater! grob selbst jene gepriesene Antike! Und mit ihrer Mahlerey und Musik ists gar nur aufgedunsenes Mähr- chen und Aettcrgeheul gewesen. Die feinere Bl reihe der Künste hat auf die glückselige Monarchie gewartet! An de» Höfen Ludwigs copirte (5 or- neille seine Helden, Racine seine Empfindungen: man erfand eine ganz neue Gattung der Wahrheit, der Rührung und des Geschmacks, von der die fabelhaften, kalten, prachtlosen Alte» nichts gewußt — die Opera. Heil dir Oper! du Sammelplatz und Wett.ifer aller unserer schönen Künste! In der glückseligen Monarchie wars , wo's noch Erfindungen gab *). Man erfand, statt der alten pedantischen Universitäten, glanzende Akademien. Boussel erfand eine Geschichte, ganz Deklamation und Pred igt und Iahrzahl- Register, die den einfältigen Lenophon und Livius so weit übertraf: Bourdaloue erfand seine Rcdegatlung, wie besser als D em 0 s th en! Man erfand eine neue Musik, — Harmonie, die keiner Melodie bedurfte, eine neue Baukunst was jeder unmöglich geglaubt, eine neue Säule — und was die Nachwelt am meisten bewundern wird, *) Voltaires sidole äe I,oui» XIV. 326 IV, Auch eine Phil osophi e eine Architektur auf her Flühe uud mit allen Produktionen der Natur ^ das Garten wesen! Voll Proportionen und Symmetrie! Voll ewigen Genusses und ganz neue Natur ohne Natur. Heil uns! waß konnten wir allein untty der Monarchie erfinden! Am spatesten fing man an zu Philosophi- ren *). Und wie neu! ohne System und Grundsätze, daß es frey bliebe, immer zu anderer Zeit auch das Gegenthcil zu glauben. Ohne Demonstration! in Witz gehüllet: denn „alle „strenge Philosophie hat nie die Welt gebessert**)." Endlich gar — herrische Erfindung! — in Me Moires und W ör ter b üch e rn , wo jeder lesen kann, was und wie viel er will— und die herrlichste der herrlichen Erfindungen, das W örter b uch, die E n cy kl o p. a d i e aller Wissenschaften und Künste. „Wenn einst durch Feuer und „Wasser alle Bücher, Künste und Wissenschaften „untergehenaus und yn dir, Encyk lo pa d ie! „hat der m e nsc h l i c h e G ei st alles!" Was die B uchdru ch e r k u n st den Wissenschaften, ist die Enc y kl o p ad ie der Buch.d r u ck e r ku nst geworden ***): höchster Gipfel der Ausbreitung, Voll--, standigkeit und ewigen Erhaltung, *) Oise, pkLIrIN In »rr. vor der Encyklopädie, Voltaire tndlesu eric^olopecliczue cles coirnoia- »srices Nunraine». "j Hume's Vers. Th. r. Abth. i. ***) Oiao. prelirn, und lVlelsngs äe litt, ä^lein- l-ert T. I. IV. , der Geschichte der Menschheit. A27 Nun sollte ich noch das Beste, unsre Ungeheuern Fortschritts in der Religion, rühmen. Da wir gar die Lese arten der Bibel aufzuzah. len angefangen! in den Grundsätzen der Ehr e, seit dem wir das lach erlich e Ritterthum abgeschafft und Orden zu Leitb andern der Knaben und Hofgeschenken erhoben — am meisten aber unfern höchsten Gipfel von menschlichen — Vater-, Weibs-, und Kindestugenden rühmen — aber wer kann, in einem solchen Jahrhunderte ,, als das unsere ist, alles rühmen? Genug, wir sind „Gipfel des Baums! in himmlischer Luft webend:, die gold ne Zeit ist. „nahe!" 328 IV. Auch «ine Philosophie Dritter Abschnitt. Zusätze. ^)ie Himmelslust ist so erquickend, daß mcin gern zu lange über Wipfel und Bäumen schwebet: hin- unter an den traurigen Boden, um etwa aufs Ganze oder Nichtganze einen Blick zu werfen. Großes Geschöpf Gottes! Werk dreyer Welttheile, und fast sechs Jahrtausende! die zarte sanftvolle Wurzel, der schlanke, blühende Sprößking, der mächtige Stamm, die stark strebenden verschlungenen A e- ste, die lustigen, weit verbreiteten Zweige — wie ruhet alles auf einander, ist aus einander erwachse»! — Großes Geschöpf Gottes! aber wozu? zu welchem Zwecke? Daß offenbar dies E rw a chsen, dieser Fortgang aus einander nicht „Vervollkommnung der Ge sc h ichte d e r Menschheit. 32 g „im eingeschränkten Schussinne sey, hat, dünkt mich, „der ganze Blick gezeigt/' Nicht mehr Samenkorn, wenns Sprößling, kein zarter Sproß- ling mehr, wennS Baum ist. Ueber dem Stamm ist Krone; wenn jeder Ast, jeder Zweig derselben Stamm und Wurzel seyn wollte — wo bliebe der Baum? Orientaler, Griechen, Rö- m e r waren nur Einmal in der Welt; sollte die elektrische Kette, die das Schicksal zog, nur in Einem Punkte auf Einer Stelle berühren! — Wir also, wenn wir Orientaler, Griechen, Römer auf Einmal seyn wollen, sind wir zuverlässig Nichts. „In Europa soll jetzt mehr Tugend seyn, als je in aller Welt gewesen?" Und warum? weil mehr Aufklärung darin ist — ich glaube, daß eben deshalb weniger seyn müsse. Was ists, wenn man auch nur die Schmeichler ihres Jahrhunderts fragt, was ist diese mehrere Lugend Europa's, durch Aufklärung! „Aufklärung!" Wir w isse n jetzt so vielmehr, hören, lesen so viel, daß wir so ruhig, geduldig, sanftmnthig, unthäti g sind — Frey» lich — freylich — zwar — und auch das noch; aber bey allem bleibt doch der Grund unsrer Herzen immer so weich!" Ewige Süßler, das heißt alles ja, wir sind dort oben diedünnen, luftigen Zweige, freylich bebend, und flisternd bey jedem Winde; aber spielt doch der Sonnenstrahl so schön durch uns! stehen über Ast, Stamm und Wurzel so h o ch, sehen so weit und — ja ZZo. IV. Auch eins Philosophie nicht vergessen, können so weit und, schön fli.sterns Oh man nicht sähe,, daß wir alle Laster und Tugenden der vergangenen. Zeit nicht haben, weil wir — durchaus nicht ihren Stand,, Kräfte und Saft, Raum und Element haben. Frey- lich kein Fehler, aber was erlügt man sich denn auch daraus, Lob, Ungereimtheiten von Anmaßung? Was tauscht man sich mit unfern Mitteln der Bildung, als ob die das ausgerichtet? und nimmt alles zusammen, sich über den Land seiner eignen Wichtigkeit zu hintergehen? Warum endlich tragt man den „Roman einseitiger Hshn.lü.ge" denn in alle Jahrhunderte, verspottet und verunziert damit die Sitten aller Völker und Zeitläufte., daß. ein gesunder, bescheidner, uneingeyvmm.ener Mensch ja fast in allen so genannt pragmatischen. Geschichten aller Welt, nichts endlich mehr, als den ekelhaften Wust des ,,P r. ei s - I d e a ls seiner Zeit" zu. lesen bekommt. Der ganze Erdboden wird Misthaufe, auf dem wir Körner suchen und Krähen!. Philosophie, des, Jahrhunderts! „Wir haben keine Straßen r au ber, keine Bürgerkriege, keine Unthaten mehr" — aber wo? wie ? und warum sollten wir sie haben? Unsre Lander sind so wohl policirt, mit Landstraßen verhauen, mit Besatzungen verpropft, Aecker weislich vertheilt, die weise Justiz so wachsam — wo soll der arme Spitzbube, wenn er de r G e schichte der Menschheit. 33r auch Muth und Kraft zu dem rauhen Handwerke hatte, es treiben? warum es aber auch treiben? Er kann ja nach den Sitten unsers Jahrhunderts auf eine weit bequemere,, gar ehrwürdige und glorreiche Weife Haus-, Kammer-und Betträuber werden — in diesen Bedingungen vom Staate besoldet werden,, — warum sich nicht lieber besolden lassen? Warum das unsichre Handwerk — zu dem er — und darauf kommts hinaus — weder Muth noch Kraft, noch Gelegenheit hat? Gnade Gott eurer neuen, freywilligen Tugend! Haben wir „keine bürgerlichen Kriege," weil wir alle so zufriedene, allgesattigte, glückliche Unterthancn sind? Oder ists nicht eben aus Ursachen, hie oft gerade das Gegent heil begleiten? Kein Laster — weil wir alle so viel hinreißende Tugend, G r i e r h e n-F re y he i t, Römer-Patriotismus, Morgenland s-F r ö m- Migkeit, Ritterehre, und alle im größten Maße — oder ists nicht gerade, weil wir der allen keine haben, und leider also auch ihre einseitige, oertheilte Laster nicht haben können- Dünne, sthw unkende Aeste! Und als solche, ists freylich mit unser Vorzug „eben der matten, k urz sichtigen, allv eracht e n d e n , allein selbst gefälligen, Nichts a u s ric h te n h e n und eben in der Unwirksamkeit trystv ollen Philosophie" fähig zu seyn. Morgenländer, Griechen und Römer warens nicht. 33s IV. Auch eine Philosophie Als solcher, ists unser Vorzug, unsre Mittel der Bildung so bescheiden zu schätzen und anzu rechnen. Geistlicher Stand, daß die Welt nie so menschlich, theologisch aufgeklärt: weltlicher Stand, daß sie nie so menschlich, einförmig, gehorsam- und ord- nungsvoll: unsre Gerechtigkeit, daß sie nie s- menschlich und friedeliebend endlich unsre Philosoph ie, daß sie nie so menschlich und göttlich gewesen sey als jetzt —- durch wen? — da zeigt jeder auf sich! „Wir sind die Aerzte, die Heilande, die Aufklärer, die neuen Schöpfer — die Zeiten des tollen Fiebers sind vorbey" — Nun ja Gottlob! und der schwindsüchtige Kranke liegt da so ruhig im Bette, wimmert und — danket! dankt; aber ob er auch danke? Und wenn ers thate; eben dieser Dank könnte er nicht als Kennzeichen seiner Ve rsalle n- heit, Kleinmuts), und der zagendsten Menschheit eben gelten? Wie wann sogar Empfindung eines andern bessern mit dem Genüsse entflohen wäre? daß ich mich selbst, da ich dies schreibe, vielleicht den giftigsten, höhnischsten Seitabverzerrungen aussetze? Wenns eben schon genug wäre, daß wir denken, haben Manufakturen, Handel, Künste, Ruhe, Sicherheit und Ordnung — Unsre Negierungen mit nichts mehr in sich zu kämpfen: unsre Staatsverfassungen werden groß; — so weiten Blick umher! -v so weit umher, so ferne voraus spielend — Welche Zeit konnte das? Also! so sprechen unsre Staats-, Handels- und Kunstgeschichte. -- -Man glaubt Satyre zu lesen, der G esch ich te d er Men sch h ei t. 333 und man liefet nichts, als treue Denkart. WaS lobnts, daß ich weiter rede? WennS bloß Sieche wäre; und nicht zugleich Hindernis, das jedes Mittel dagegen aufhebet! im — Todesschweiß- aber mit Opium träumen: warum den Kranken stören, ohne daß man ihm hilft. Also vicltnehc, was dem Kranken auch mehr gefallen wird. Wir sind bey dieser Fortrückung freylich auch auf unsrer Stelle, Zweck und Werkzeug des Schicksals. Gemeiniglich ist der Philosoph alsdann am meisten Thier, wenn er am zuverlässigsten Gott seim wollte: so auch bey der zuversichtlichen Berechnung von Vervollkommnung der Welt. Daß doch ja alles hübsch in gerader Linie ginge, und jeder folgende Mensch und jedes folgende Geschlecht in schöner Progression, zu der er allein den Exponenten von Lugend und Glückseligkeit zu geben wußte, nach seinem Ideal vervollkommnet würde! da trafs nun immer auf ihn zu hinterst: er das letzte, höchste Glied, bey dem sich alles endigt. „Sehet! zn solcher Aufklärung, Tugend, Glückseligkeit ist die Welt gestiegen! ich, hoch auf dem Schwangel! das gold ne Zünglein der Weltwage: sehet mich!" Und der Weise bedachte nicht, was ihn doch das leiseste Echo von Himmel zu Erde hatte lebren müssen, daß wahrscheinlich immer Mensch Mensch bleibe, nach der Analogie aller Dinge 33^ IV. Auch eine Philosophie nichts als Mensch! Engel und Teufelsgestalt im Menschen — Roman-Gestalten! — Er nichts als das Mittelding zwischen ! trotzig und v e r- zagt, in Bedürfnis s t r e b en d, in U n th ä- tigkeit und Ueppigkeit ermattend) ohne Anlaß und UebuNg Nichts, durch sie allmählich fortschreitend beyNah alles — Hieroglyphe des Guten und Bösen, wovon die G e- schichte voll ist — M«Nsth! — immer Nur W « rkzeugl Bedachte nicht, daß dies Verborgne Doppetge- schöpf tausendfach mvdificirt werden könne und nach dem Bau unsrer Erde fast müsse; daß cs eine Schöpfung von Klima, Z e i t u m s t ä n- den, mithin National- und S ecu lar-Tugenden gebe, Blüthen, die unter dem Himmel wachsen und fast von nichts .gedeihen, dort aus- stcrben oder elend salben, (eine Physik der Geschichte, Seelenlehre und Politik) woran ja unser Jahrhundert schon so viel gedichtet und gebrütet hat!) daß es dies alles geben könne und müsse, von innen aber unter der vielfach veränderten Schlaube immer noch derselbe Kern von Wesen und G lücksa hig ke i t aufbewahrt seyN könne, und nach aller Menschlichen Erwartung fast seyn werde. — Bedachte nicht, daß es unendlich mehr Fürsorge des Allvaters zeige, wenn dieß geschähe; wenn in der Menschheit ein unsichtbarer Keim der Glücks- und TUgendeMpfäng- lichkeit auf der ganzen Erde und in al- der Geschichte der Menschheit. 235 len Zeitaltern liege, der verschieblich ausgebildel, zwar in verschiedenen Formen erscheine, aber innerlich nur ein Maß und Mischung von Kräften. — Bedachte endlich Nicht, °— allwissendes Geschöpf! — daß mit dem Menschengeschlechte ein größerer Plan Gottes ikn Ganzen seyn könne, den eben ein einzelnes Geschöpf nicht übersiehst, eben Weil nichts aus etwas bloß einzelnes, zumal nicht auf den Philosophen oder T b t o kr- sitzer des achtzehnten Jahrhunderts, als letzte Endlinie,, liefe, weil etwa noch alle Sctnen, in deren jedem jeder Schauspieler Nur Rolle hat, in der er streben und glücklich sepn kann — alle Scenen noch etwa ein Ganzes, eine H a U p tv vr ste l lun g machen können, von dev freylich der einzelne, eigennützige Spieler nichts wissen und sehen, die aber der Z U- schauet im rechten Gesichtspunkte und in ruhiger Ab Wartung des Folgeganzen wohl sehen könnte, — Siehe das ganze Weltall von HimMel zu Erde — was ist Mittel? was ist Zweck? nicht alles Mittel zu Millionen Zwecken? nicht alles Zweck von Millionen Mitteln? Tausendfach die Kette der allmächtigen, allweisen Güte in und durch einander geschlungen: aber jedes Glied in der Kette an seinem Orte Glied — hangt an der Kette, und sieht Nicht, wo endlich die Kette hangt. Jedes fühlt sich im Wahne als Mittelpunkt, fühlt alles im Wahne um AZ6 IV. Auch eine Philosophie sich nur so fern» als es Strahlen auf diesen Punkt, oder Wellen geußt, schöner Wahn! die große Kreislinie aber aller'dieser Wellen, Strahlen und scheinbaren Mittelpunkte — wo? wer? wozu? In der Geschichte des menschlichen Geschlechts wärs anders? auch mit allen Wellen und Folgezeiten anders, als eben der „Bauplan allmächtiger Weisheit?" Wenn daS Wohnhaus, bis aufs kleinste Behör, „Gottes- gemahldc" zeiget'— wie nicht die Geschichte seines Bewohners? Jenes nur Dekoration! Gemahlde in einem Auftritte, Ansicht! Dies ein „unendliches Drama von Scenen! Epopee Gottes durch alle Jahrtausende, WelttheiIe und Menschengeschlechte, taru- sen d ge staltige Fabel voll eines großen Sinns!" — Daß dieser Sinn, dieser Allanblick wenigstens außer dem Menschengeschlecht« liegen müsse — Inject einer Erdscholle, siehe wieder auf Himmel und Erde! findest du im ganzen, todt und lebendig, auf einmal webenden Weltall dich den ausschließenden Mittelpunkt, auf den alles wirke? oder wirkest du nicht selbst mit, wo? wie? und wann? (Wer hat dich darum gefragt?) zu höher», dir unbekannten, Zwecken! zu Zwecken, zu denen der Morgenstern, und die kleine Wolke, neben ihm du und der Wurm mitwirkt, den du jetzt zertrittst! das nun in der großen all- weiten Zusammen Welt eines Augenblicks un- laugbar und unerforschlich: in der großen, allwei- ken der Geschichte der Menschheit. 337 ten F 0 lgcwelt, in allen Begebenheiten und Fortwickelungcn des Menschengeschlechts, in dem Drama, voll Weisheit und Knote des Erfinders', kannst du da etwas minder und anders vermuthen? Und wenn dir das Ganze ein Labyrinth wäre, mit hundert Pforten verschlossen, mit hundert geöffnet— der Labyrinth ist „Palla st G 0 t t e s, zu seiner Allerfüllung, vielleicht zu seinem Lustanblicke, nicht zu deinem!" Abgrund die ganze Welt, der Anblick Gottes in einem Momente. — Abgrund, worin ich, von allen Seiten verloren, stehe! sehe ein großes Werk ohne Namen, und überall voll Namen! voll Stimmen und Kräfte! Ich fühle mich nicht an dem Orte, wo die Harmonie aller dieser Stimmen in ein Ohr tönt, aber was ich hier an meinem Orte von verkürztem verwirrendem Schalle höre, so viel weiß und höre ich gewiß, hat auch was Harmonisches! tönt auch zu Lobgesang im Ohre dessen, für den Raum und Zeit nichts sind. — Menschenohr, 'weilet wenige Augenblicke, hört auch nur wenige Töne, oft nur ein verdrießliches Stimmen von Mißt önen, denn es kam dies Ohr eben zur Zeit des Stimmens, und traf unglücklicher Weise vielleicht in den Wirbelwind eines Winkels. Der aufgeklärte Mensch der spätern Zeit, Allhörer nicht bloß will er seyn, sondern selbst der letzte Summen ton aller Töne! Spiegel der Allvergangenheit, und Re- pr a sen ta n t des Zwecks der Eomposition in allen Scenen!— das altkluge Kind lästert; ey Philos. und Gesch. n. LH. P 333 IV. Auch eine Philosophie Wenns vielleicht gar nur N a c h h al l des letzten übrig gebliebenen Sterbelauts wäre, oder ein Theil des Stimmens! — Unter dem großen Baume des Allvaters*), dessen Gipfel über alle Himmel, dessen Wurzeln unter Welten und Hölle reichen: bin ich Adler auf diesem Baume? bin der Rabe, der auf seiner Schulter ihm täglich den Abendgruß der Welten zu -uhr bringt? — welch eine kleine Laub- faser des Baums mag ich seyn! kleines Komma oder Strichlein im Buche aller Welten! Was ich auch sey! Ruf von Himmel zu Erde, daß, wie alles, so auch ich an meiner Stelle etwas bedeute. Mit Kräften ausgespart zum Ganzen, und ja nur mit Gefühl der Glückseligkeit auch nach Maß dieser Kräfte! Wer meiner Brüder hatte Vorrecht, ehe er war? und Wenns Zweck und Zusammenstimmung des Hausraths forderte, daß er Gold- ich Erdege faß wurde — ich nun eben Erdegefäß, auch in Zweck, Klang/Dauer, Gefühl und Tüchtigkeit, kann ich mit dem Werkmeister streiten? Ich bin nicht übergangen, niemand vor gezogen; Fühlbarkeit, Thäligkeit und Tüchtigkeit des Menschengeschlechts ist v e r t h e i l t. Hier reißt der Strom ab, dort setzt er an. Wem viel gegeben ist, der hat auch viel zu leisten. Wer mit viel Sinnen erquickt wird, hat mit viel Sinnen zu *) Eine große Vorstellung der nordischen Edda! der Geschichte der Menschheit. 33g streben — Ich glaube nicht, daß e i n Gedanke, mit dem, was er sagt und verschweigt, was ec in Ansicht gibt und worüber er Himmelsdecke ziehet, größere Empfindung gebe, als dieser, im Lichte der ganzen Geschichte! — Daß er darin erscheine, dahin lauft wenigstens mein Wunsch, die große olympiscbe Rennbahn! Ist unser Zeitalter in irgend einer Absicht edel nutzbar, so ists „seine Späte, seine H ö- „he, seine Aussicht!" Was Jabrlauscnde durch auf dasselbe bereits zu b e r e i t ct worden! wodurch es wieder in so höherm Sinne auf e>n anderes zu- bereite" die Schritte gegen und von ihm —> Philosoph, willst du den Stand deines Jahrhunderts ehren und nutzen: das Buch der Vorgeschichte liegt vor dir ! Mit sieben Siegeln verschlossen; ein Wunderbuch voll Weissagung: auf dich ist das Ende der Tage kommen ! lies! Dort Morgenland! die Wiege des Menschengeschlechts , menschlicher Neigungen und aller Religion. Wenn Religion in aller kalten Welt verachtet und verglüht seyn sollte: ihr Wort dorther, Feuer- und Flammengeist dorther webend*). Mit Vaterwürde und Einfalt, *) Das verachtete Buch — die Bibel! V 2 340 IV. Auch eine Philosophie die insonderheit noch immer „das Herz des unschuldigen Kindes" wegfübrl! Kindheit des Geschlechts wird auf Kindheit jedes Individuums wirken: der letzte U n m ündige noch im ersten Morgenlande geboren! — Die Jünglinge aller sogenannten feinen Literatur und Kunst sind die Griechen: was weiter liegt, ist dem Gesichte des Jahrhunderts vielleicht zu tief, zu kindisch; aber sie in der rechten Morgenröthe der Weltbegebenheitc», was haben sie auf all ihre Nachzcit gewirkt? — Die schönste B l ü t h e des m e n s c h l i c h e n Geistes, des Helden- muths, der Vaterlandsliebe, des Freygefühls, der Kun s t l i e b h a b e re y, des Gesanges, des Tons der Dichtung, des Lautes der Erzählung, des Donners der Beredsamkeit, des Ausbruchs aller bürgerlichen Weisheit, wie es jetzt ist, ist ihr. Sie dahin gestellt: ihnen Himmel, Land, Verfassung, ein glücklicher Zeitpunct gegeben: sie bildeten, erfanden, nannten: Wir bilden und nennen noch nach — ihr Jahrhundert hat ausgccich- tet! — Aber nur einmal ausgerichtet! da Menschengeist mit allen Kräften es zum zwey- tenmale wecken wollte — der Geist war Staub; der Sprößling blieb Asche: Griechenland kam nicht wieder. Römer, die ersten Sammler und A u s- theiler der Früchte, die, anderweit vorher gewachsen, jetzt reif in ihre Hände sielen. Zwar mußten sie Blüthe und Saft an seinem Orte lassen: der Geschichte der Menschheit. 84c aber Früchte theilten sie doch aus: Reliquien der uralten Welt im Römer-Kleide, nach Römer-Art, in Römer-Sprache — wie, wenn alles unmittelbar aus Griechenland gekommen wäre? G r i ec h e n - G ei s t, Griechen- Bildung, G r i e c h e n - Spr ac he? — wie alles anders in Europa! — Es sollte nicht! Griechenland, noch so entfernt dem Norden, in seinem schönen Archipclagus von Weltgegend: der menschli, che Geist in ihm, noch so schlank und zart — wie sollt er mit allen Völkern ringen? ihnen seine Nachfolge aufzwingcn? wie konnte die grobe nordische Sc ha l c den feinen G r ie ch c n-Dnft fassen? Also Italien war die Brücke- Rom die Mittel zeit der Hartung des Kerns und seiner Austheilung — selbst die heilige Sprache der n e u c hr i s tl ic h e n Welt war ein Jahrtausend durch, mit allem, was ihr anklebt, in ganz Europa Römisch. Selbst, da Griechenland zum zwentenmal auf Europa wirken sollte, konnts nicht unmittelbar wirken: Arabien ward der verschlemmte Canal — Arabien der uwäer - xlot zur Geschichte der Bildung Europas. Wenn, wies jetzt ist, Aristoteles bestimmt war, seine Jahrhunderte allein zu herrschen und die Würmer und Modermotten der scholastischen Denkart in allem — zu erzeugen: wie, wennS Schicksal gewesen wäre, daß Plato, Homer, die Dichter, Geschichtschreiber, Redner, früher hatten wirken können? — wie alles unendlich anders! Es war nicht bestimmt. Der Kreis sollte Z42 IV. Auch eine Philosophie dort hinüber: die Arabische Religion und National- Eultur haßte diese Blumen: vielleicht hatten sie in Europa der Zeiten auch noch nicht gedeihet; da sich Gegentheils Aristotelische Spitzfündig k eit und Mvkrischer Geschmack sowohl mit dem Geiste der Zeit vertrugen — Schicksal! — In Europa sollte das Gewächs der alten Weitjahrhunderte nur gedörrct und ab- gekeltert werden, aber von da aus unter die Völker der Erde kommen: wie sonderbar nun, daß sich Nationen auf die Stätte zur Arbeit drangen, ohne zu wissen, wie? und wozu ? Das Schicksal rief sie zum Geschäfte in den Weinberg; nach und nach, jeden zu seiner Stunde. Alles war schon erfunden, gefühlt, fein ersonnen, was vielleicht ersonnen werden konnte: hier ward alles nun in Methode, in Form der Wissenschaft geschlagen — und dann kamen nun eben die neuen, kältesten mechanischen Er- findungcn hinzu, die cs ins Große spielten: Maschinen der kalken Europäisch-nordischen A b s t ra c ti o n, für die Hand des Alllenkers g c o ß e W e r k z e u g e! da liegen nun die Samenkörner fast unter allen Nationen der Erde: wenigstens allen bekannt, allen zugangbar: werden sie haben, wenn ihr Zeitpunct kommt. Europa hat sie gedörret, aufgefädelt, verewigt — sonderbarer Ball! Was hast du kleiner, nordischer Welttheilj cinst Abgrund von Hainen und Eisinseln, auf dem Balle werden müssen! — was wirst du noch wcrdcn! — der Geschichte der Menschheit. 3/^3 Die sogenannte Aufklärung und Bilder n g d e r Welt hat nur einen schmalen Streif des Erdballs berührt und gehalten: auch können wir nicht etwas in ihrem Laufe, Stande und Umlaufe andern, ohne daß sich zugleich alles ändert. Wie? wenn z. E. allein die Einführung der Wissenschaften, der Religion, der Reformation anders gewesen wäre? — sich die nordischen Völker anders gemischt, anders gefolgt wären? nicht das Papst- thnm so lange Vehiculum hätte, scyn müssen ? — was könnt ich nicht noch zehnfach mehr fragen? — Träume! Es war nicht: und hintcn- nach können wir immer etwas durchblicke», warum es nicht war ? Kreylich aber'ein kleines Etwas! Auch sieht mau, warum eigentlich keine Nation hinter der andern, selbst mit allem Zubehör derselben, jemals w o r d en ist, was die andere war? Mochten alle Mittel ihrer C u l t u r dieselben seyn: Eultur nimmer dieselbe, weil allemal schon alle Einflüsse der alten, jetzt veränderten Natur dazu fehlten. G r i e c h e n - W i ssen sc ha ft e n, die die Römer an sich zogen, wurden Römisch: Aristoteles ein A r a b c r und Sc h o l a st i kcr : und mit den Griechen und Römern der neuen Zeiten — welche elende Sache! Marsilius, du bist Plato? LipsiuS, du Zeno? wo sind deine Stoiker? deine Helden, die dort so viel thaten? Alle ihr neuen Homere, Redner und Künstler — wo ist eure Welt der Wunder? 344 IV.-Auch eine Philosophie Auch in kein Land Hot die Bildung ihren Rücktritt nehmen können, daß sie zum zwey- tenmal geworden wäre, was sie war — der Weg des Schicksals ist eisern und strenge: Scene der Zeit, der Welt war schon vorüber; Zwecke, wozu sie seyn sollten, vorbey — kann der heutige Tag der gestrige werden ? Werden, da der Gang Gottes unter die Nationen mit Riesenschritten fortgeht, kindische Rückpfade von Menschenkraften bewirkt werden können? — Ihr Ptolemaen konntet nicht wieder Aegypten schaffen! ihr Hadriane nicht Gr i e ch e n la n d wieder! noch Julian Jerusalem — Aegypten, Griechenland, und du, Land Gottes! wie elend liegt ihr, mit nackten Bergen, ohne Spur und Stimme des Genius, der voraus auf euch gewandelt, und in alle Welt sprach — warum? er hat ausgesprochen! Sein Druck auf die Zeiten ist geschehen: das' Schwert ausgebraucht, und die zerstückle, leere Scheide liegt da! das wäre Antwort auf fo viel unnütze Zweifel, Bewunderungen und Fragen. * * * „Gang Gottes über die Nationen! „Geist der Gesetze, Zeiten, Sitten und „Künste, wie sie sich einander gefolgt! zu bereitet! entwickelt und vertrieben!" hatten wir doch einen solchen Spiegel des Men- der Geschichte der Menschheit. 3g5 schengeschlechts in aller Treue, Fülle und Gefühl der Offenbarung Gottes. Vorarbeiten genug; aber alles in Schlaube und Unordnung! Wir haben unser jetziges Zeitalter fast aller Nationen, und so die Geschichte fast aller Vorzeiten durchkrochen und durchwühlt, ohne fast selbst zu wissen, wozu wir sie durchwühlt haben. Historische Facta und Untersuchungen, Entdeckungen und Reisebeschreibungen liegen da: wer ist, der sie sondere und sichte? „Ga n g G o tt es ü b e r d i e Nationen!" M on te s q uie u's edles Riesenwerk hart nicht durch eines Mannes Hand werden können, was cs scyn sollte. Ein G ethisches Gebäude im philosophischen Geschmacke seines Jahrhunderts! Lsprit! oft nichts weiter! Aus Stelle und Ort gerissen und auf drey oder vier Marktplatz e, unter das Panier drey elender Allgemeinörter — Worte! — dazu leerer, unnützer, unbestimmter, allverwirrender Esprit - Worte! hi nge krümme rt. Durchs Werk also ein Taumel aller Zeiten, Nationen und Sprachen, wie um den Thurm der Verwirrung, daß jedweder seinen Bettel, Rcichthum und Ranzen, an drey schwache Nagel hänge — Geschichte aller Völker und Zeiten, dies große lebendige Werk Gottes auch in seiner Folge, ein Ruinen - Haufen von drey Spitzen und Eapseln — aber freylich auch sehr edler, würdiger Materialien — Montesquieu! Wer, der uns den Tempel Gottes hcrstclle, 2.^6 IV. Auch eine Philosophie wie er in seinem F o r tge b au d e ist, durch alle Jahrhunderte hindurch ! Die ältesten Zeiten der M e n s c h e n k i n d h e i t sind vorbey: aber Reste und Denk mahlcr genug da — die herrlichsten Reste, Unterweisung des Vaters selbst an diese Kindheit — Offenbarung. Sagst du, Mensch, daß sie dir zu alt scy, in deinen zu klugen , altgreisen Jahren — siche um dich! der größte Theil von Nationen der Erde ist noch in Kindheit, reden alle noch die Sprache, haben die Sitten, geben die Borbilder des Grads der Bildung '— wohin du unter sogenannte Wilde reisest und horchest, tönen Laute zur Erläuterung der Schrift! wehen l e b e n d ige E o m me n- tare der Offenbarung! Die Abgötterey, die die Griechen und Römer so viel Jahrhunderte genossen; der oft fanatische Eifer, mit dem alles bey ihnen aufgesucht, ins Licht gesetzt, vertheidigt , gelobt worden— welche große Vorarbeiten und Bey- träge! Wenn der Geist der übertriebnen Verehrung wird gedämpft; die Parteylichkeit, mit der ein jeder sein Volk, als eine Pandora, liebkoset, genug ins Gleichgewicht gebracht seyn — ihr Griechen und Römer, dann werden wir euch kennen und ordnen! Es hat sich ein Nebenweg zu den Arabern gezeigt, und eine Welt von Denkmählern liegt da, um sie zu kennen. Es haben sich, obwohl zu ganz andern Zwecken, Dcnkmähler der mittler» Geschichte vorgefunden, theils wird sich, was noch der Geschichte der Menschheit. 347 im Staube liegt, (wenn alles von unsrer aufgeklärten Zeit so gewiß zu hoffen wäre!) gewiß bald, vielleicht in einem halben Jahrhunderte, finden. Unsre R e i seb e schr e ib nngen mehren und bessern sich: alles lauft, was in Europa nichts zu thun hat, mit einer Art philosophischer Wuth über die Erde — wir sammeln „Materialien aus aller Welt Ende," und werden in ihnen einst finden, was wir am wenigsten suchten , Erörterungen der Geschichte der wichtigsten menschlichen Welt. Unsre Zeit wird bald mehrere Augen öffnen: uns zeitig genug wenigstens idealische Brunnquellen für den Durst einer Wüste zu suchen treiben. — Wir werden Zeiten schätzen lernen, die wir jetzt verachten — das Gefühl allgemeiner Menschheit und Glückseligkeit wird rege werden: Aussichten auf ein höheres, als menschliches Hierseyn werden aus der trümmervollen Geschichte das Resultat werden, uns Plan zeigen, wo wir sonst Verwirrung fanden: Alles findet sich an Stelle und Ort — Geschichte der Menschheit im edelsten Verstände — du wirst werden! so lange lasset also den großen Lehrer und Gesetzgeber der Könige führen und verführen. Er hat so schönes Vorbild gegeben mit zwey, drey Worten alles zu messen, auf zwey, drey Regiments-Formen, denen maus leicht ansicht^ wannen und wie eingeschränktes Maßes und Zeitraums sie sind? — auf sie alles hinzu- führen. Wie angenehm, ihm im Geiste der Gesetze aller Zeiten und Völker, nur nicht 348 I V. Auch eine Philosophie seines Volks, zu folgen — auch das ist Schicksal. Man hat oft lange den Fadenknauel in der Hand, freut sich, daran bloß einzeln rupfen zu können, um ihn nur mehr zu wirren: Eine glückliche Hand, die das Gewirre an einem Faden sanft und langsam zu entwickeln Lust hat — wie weit und eben lauft der Faden! — Geschichte der Welt! dahin dann jetzt die kleinsten und größten Reiche und Vogelnester streben. — * * * Alle Ereignisse unsrer Zeit sind auf großer Höhe, und streben weit hinaus — mich dünkt, in beydem liegt der Ersatz dessen, daß wir fteylich als Einzelne mit wenigerer Kraft und Freudegefühl wirken können. Also wirklich Aufmunterung und Starke. Du kannst, Sokrates unsrer Zeit! nicht mehr, wie Sokrates, wirken: denn dir fehlt der kleine, enge, stark regsame, zusammengedrangte Schauplatz! die Einsalt der Zeiten, Sitten und des N a t i o n al - CH a r akt ers! die Bestimmtheit deiner Sphäre! — Erd- bürger und nicht mehr Bürger zu Athen, fehlt dir natürlich auch die Ansicht dessen, was du in Athen thun sollst: das sichere Gefühl dessen, was du thust: die Freudenempfindung von dem, was du ausgcrichtet habest — Dein Dämon! Aber siche! wenn du wie Sokrates Han- der Geschichte der Menschheit. 349 delst, demüthiq Vvrurtheilen entgegen strebest, aufrichtig, menschenliebend, dich selbst aufopfernd , W a h r h e i t und Tugend ausbreitest, wie du kannst — Umfang deiner Sphäre ersetzt vielleicht das Unbestimmtere und Verfehlende deines Beginnens! Dich werden hundert lesen und nicht verstehen; hundert und gähnen: hundert und verachten: hundert und lästern: hundert, und die Drachenfesseln der Gewohnheit lieber haben und bleiben, wer sie sind. Aber bedenke, noch vielleicht hundert überbleiben, bey denen du fruchtest: wenn du lange verweset bist, noch eine Nachwelt, die dich lieset und besser anwendet. Welt und Nachwelt ist dein Athen! Rede! Welt und Nachwelt! Ewiger Sokrates wirkend und nicht bloß die tobte Büste, mit Pappellaube bekränzt, wie wirs Unsterblichkeit nennen! Jener sprach anschaulich, lebendig, im engen Bezirk: und sein Wort fand eine so gute Stelle. — Tenophon und Plato dichteten ihn in ihre Denkbücher und Gespräche: eS waren nur Manuscripte, zum Glück für uns, besser als hundert andre dem wegschwemmcnden Strome der Zeit entronnen. Was du schreibst, sollte Wort für Wort, Welt und Ewigkeit werth seyn, weil du, (wenigstens Materialien und Möglichkeit nach,) für Welt und Ewigkeit schreibest.. In wessen Hand kann deine Schrift kommen! im Kreise wie würdiger Männer und Richter solltest du reden! Tugend leh» ren, in dem Lichte und Klarheit, wies Sokrates 35o IV. Auch eine Philosophie in seinem Alter noch nicht konnte! zur Menschenliebe anmuntcrn, die, wenn sie seyn könnte, wohr- hastig mehr als Vaterlands- und B Loge c l i e b e wäre! Glückseligkeit auch in Zustanden, auch unter Situationen verbreiten, wie jene mit den dreyßig Heilanden des Vaterlands, denen auch ihre Statüen gesetzt waren, kaum seyn mochten —'Sokrates der Menschheit! Lehrer der Natur! was kannst du mehr seyn, als Aristoteles und Plinius! Wie weit mehr sind dir Wunder und Werke geöffnet! was für Hü l fs m i ttc l n, sie den Augen andrer zu öffnen, die jene nicht hatten! auf welcher Höhe stehest du! Gedenke Newtons! was der einige Newton fürs Ganze des menschlichen Geistes gewirkct! was das alles allweit gewirket, geändert, gefruchtet! zu welcher Höhe er sein ganzes Geschlecht gehoben!-Du stehest auf der Höhe! strebest, statt die große Schöpfung Gottes in ein klein Gebäude deines Kopfs (von Kosmo- gonie, T h i e c e n tf te hu n g, Formenbil-, düng u. dgl. *) zu verengen, bloß den Strome der Gott es kraft nach, sic in allen Formen, Gestalten und Schöpfungen tief und treu zu fühlen, zu fühlen zu geben, dem Schöpfer zu dienen und nicht dir. — Bothe der Herrlichkeit durch alle Reiche der Wesen! Nur von dieser Zeithöhe konntest du den Himmelsflug nehmen, ) Büffon. der Geschichte der Menschheit. 35 r entdecken, mit der Fülle und Adel und Weisheit reden! mit der unschuldigen, mächtigen, allgütigen Gottesansicht, Menschenherzen erquicken, die aus keiner andern Pfütze erquickt werden konnten. Das thust du für Welt und Nachwelt ! Freylich unter allen Entdeckern und Forschern nur Einer, Ein kleiner Name! aber für Welt und Nachwelt! und wie hoch! wie herrlich — als es Plinius und Aristoteles nicht konnten-Engel Gottes in deiner Zeit! Was für hundert mehrere Mittel hat Arzt und Menfchennaturkenner jetzt, als Hippokra- tes und Machaon ! in Vergleich dieser gewiß Sohn Jupiters, Gott! Und wie? wenn ers nun auch nnt aller Empfindung jener menschli- chern Zeiten würde! Gott, Entdecker und Heiland dem Siechen an Leib und Seele! rettend hier einen Jüngling, der jetzt unter den ersten Rosen des Lebens, die er zu brechen glaubte, eine Feucr- schlange fand — ihn, (er kanns vielleicht allein!) ihm selbst, Aeltern, der Nachkommenschaft, die durch uns leben- oder todvolles Daseyn erwartet, der Welt, der Tugend wiedergebe! Unterstützte hier den Mann, der ein Opfer seiner Verdienste durch Arbeit oder Gram ward, schenkte ihm die süßeste Belohnung, die er jetzt doch nur oft als ganzen Dank für sein Leben genießen konnte, ein heitres Alter! Rettet ihn — vielleicht d>e- Einzige Säule gegen hundert Unfälle der Menschheit, die den letzten Blick seiner Augen be- 352 IV. Auch cine Ph'ilosophle gleiten werden, nur Einige Jahre vom Grabe! Das Gute dieser .Jahre sein: das Tröstende, Heitre, was dieser Todtenerwcckte verbreitet, sein! In Zeiten, wo Ein geretteter Mann so viel thun, und wo auch die unschuldigere Menschheit auf wie hundert Weisen so elend erliegen kann — was bist du in den Zeiten, Arzt m it m en sch l i ch e m Herzen! Was soll ich alle Stande und Classen durchgehen, der Gerechtigkeit, der Religion, der Wissenschaften, einzelner Künste — je höher jede in ihrer Art ist, je weiter sie wirken kann; wie besser und lieber! Eben weil du nur freywillig so wirken mußtest: weil nichts dich forderte oder zwang, in deinem Stande und Classe so gut und groß und edel zu hundeln: eben weil dich nichts sogar weckte, und vielmehr alles zudrang, dich zu einem bloß Mechanischen Diener deiner Kunst zu machen, und jede tiefere Empfindung cinzuschla- fern — vielleicht dies Ungewöhnliche an dieser dir statt Lorbeer gar Dornen auf dein Haupt pflanzte — um so reiner, stiller, göttlicher ist deine verborgene, gepr öftere Tugend. Ist Mehr als jene Tugend andrer Zeiten, die, von Antrie- b e n und Belohnungen geweckt, am Ende doch nur Bürgerzubehör war und edle Pracht des Körpers! die deine ist Lebenssaft des Herzens. Wie müßte ich reden, wenn ich das Verdienst derer beschreiben wollte, die wirklich ^ S au l en oder der Geschichte der Menschheit. 353 oder Angeln unsers Jahrhunderts sind, um die sich alles bewegt? Regenten! Hirten! Pfleger der Völker! — ihre Kraft mit den Triebfedern unsrer Zeit ist halbe Allmacht! Schon ihr Bild, ihr An schauen, ihr Belieben, ihre schweigende, nur geschehen lassende Denkart — sagt ihnen ihr Genius nur, daß sie zu was Edlerem da sind, als mit einer ganzen Heerde, als Maschine, zu eignen — es sey auch so glorreichen Zwecken, — zu spielen, diese Heerde auch, csts Zweck! zu weiden, wenn mehr, für ein g rö ße re s G a nze der Menschheit zu sorgen — Regenten, Hirten, Pfleger der Völker! den Zepter der Allmacht in ihrer Hand! mit wenigen Men- schenkräften! in Jahren! durch bloße Absicht und Aufmunterung, wie unendlich mehr zu thun, als jener Mogul auf seinem goldnen Throne thut, oder jener Despot auf einem Thron Menschenköpfe jetzt thun will! Wer unter bloß politischen Absichten erliegt: ist vielleicht im höchsten Stande so gemeinerer Seele, als jener Linsenwerfer, nur glücklich, geworfen zu haben, oder jener Flötenspieler, der nur die Löcher trifft — « Mit dir-rede ich, lieber Hirt deiner Heerde, Vater, Mutter in der armen Hütte! Auch dir sind tausend Antriebe und Lockungen genommen, die dir einst dein Vate rge schüft zum Himmel machten. Kannst dein Kind nicht bestimmen! wird dir frühe vielleicht in der Wiege schon mit einer Ehrenfessel der Freiheit — höchstes Ideal unsrer Phi- Philos. und Gesch. H. Th. Z F'rox/lüerr. 354 IV. Auch eine Philosophie losophen! — gezeichnet: kannsts nicht für väterlichen Heerd, Vatersitten, Tugend und Daseyn erziehen — es mangelt dir also schon immer Kreis und da alles verwirret ist, und läuft, die er leichte cndste Triebfeder der Erziehung, Absicht. Mußt besorgen, daß, so bald es dir aus den Händen gerissen wird, es mit Einmal ins große Lichtmeer des Jahrhunderts, Abgrund! sinke — Versunkenes Kleinod! unwiederbringliche Existenz einer Menschensccle! der blüthenreiche Baum, zu früh aus seiner Muttererde gerissen, in eine Welt von Stürmen verpflanzt, denen der härteste Stamm oft kaum bestehet, vielleicht gar Üahin eingepflanzt mit verkehrtem Ende, Gipfel statt Wurzel, und die traurige Wurzel in der Luft — er droht dir in' kurzem da zu stehen, verdorret, scheußlich, Btüthe und Frucht auf der Erde — Verzweifle nicht im Hefen des Zeitalters! was dich auch drohe und hindere — erziehe. Erziehe um so besser, sicherer, fester — für alle Stände und Trübsale, wohin er geworfen werde! für Stürme, die auf ihn warten! Unthätig seyn kannst du doch nicht: böse oder gut erziehen mußt du: gut — und wie größere Tugend! wie größerer Lohn, als in jedem Paradiese leichterer Zwecke und einförmige r e r Bildung. Wie nöthiger hat jetzt die Welt Einen der simplen Tugend Erzognen, als sies jemals hatte! Wo alle Sitten gleich und alle gleich eben, recht und gut sind — was brauchts Mühe! Gewohnheit erzieht, und Tugend verliert sich in bloße Gewohnheit. Aber hier! Ein. leuchtender Stern in der Nackt! Demant un- der Geschichte der Menschheit. 35ä ter Haufen Erde und Kalksteine! Emen Menschen unter Schaaren Affen und politischer Larven — wie viel kann er weiter bilden durchs stille, göttliche Beispiel! Wellen um und nach sich verbreiten vielleicht in die Zukunft! — zu dem denke, wie reiner d ei n c T ug e n d und edler! mehrere und größere Hülfsmittel der Erziehung von gewissen Seiten, je mehr dir und deinem Jünglinge äußere Triebfedern auf der andern Seite fehlen! denke, zu welcher höhern Tugend du ihn erziehest, als zu der Lykurg und Plato erziehen konnten und durften! — das schönste Zeitalter für die stille, verschwieg meist v e r- kannte, aber so h v h e, sich so weit v e r b r eiten de Tugend! Das dünkt mich also immer gewiß: je weniger es in unserm Jahrhunderte geben mag, ganz und groß Gute: je schwerer die höchste Tugend uns werden muß, und je stiller, verborgner sie jetzt nur werden kann — wo sie ist, um so höhere, edlere, vielleicht einmal unendlich nützliche und fol gen- schwangere Tugend! Indem wir uns meistens verlassen und verläugnen; können manche unmittelbare Belohnungen nicht genießen, streun das Saamenkorn in die weite Welt hin, ohne zu sehen, wo es falle? wurzle? obs auch da nur einmal zum Guten fruchte? Edler, ins Verborgne und Allweite zu säen, ohne daß man selbst Ernte erwartet! und gewiß um so größer die allweite Ernte! dem wehenden Zephyr 3 2 356 IV. Auch eine Philosophie vertraue den Saamen: um so weiter wird er ihn führen, und wenn einmal alle die Keime aufwa- chen, zu denen auch der edlere Th eil unsers Jahrhunderts still und schweigend beitrug — in welche selige Zeit verliert sich mein Blick! — * s- * » Eben an des Baumes höchsten Zweigen blühen und sprießen die Früchte — siehe da die schöne Voraussicht des grö festen der Werke Gottes! Aufklärung — wenn sie uns gleich nicht immer zu Statten kommt, wenn wir gleich bei größerer Oberfläche und Umfange an Tiefe und Grabung des Stroms verlieren: gewiß eben damit , daß wir uns einem großen Ocean, schon selbst ein kleines Meer, nähern. Associirte Begriffe aus aller Welt: eine Kennt» iß der Natur, des Himmels, der Erde, des Menschengeschlechts^ wie sie uns beinahe unser Universum darreichen kann — Geist derselben, Masse und Frucht bleibt für die Nachwelt. Das Jahrhundert ist hinüber, da Italien unter Verwirrung, Unterdrückung, Meuterei) und* Betrug seine Sprache, Sitten , Poesie, Politik und Künste bildeten — wa s gebildet wurde, hat, sein Jahrhundert überlebt: wirkte weiter und ward die erste Form Europvns. Elend und Jammer, unter dem das Jahrhundert des Französischen großen Königs seufzte, zum Theil vorüber: die Zwecke, zu denen ec alles wollte der Geschichteder Menschheit. 35- und Krauchte, vergessen, oder stehen als Puppen der Eitelkeit und Hohnlache müßig da: all seine ehernen Meere, die er selbst trug, und die Wände, wo er immer selbst leibte, sind dem Gedanken jedwedes preis gegeben, der auch nicht dabei denken will, was Ludwig wollte — Aber Geist der Künste, an ihnen geübt, ist blieben. Die Forschungen der Kraul-, und Münz-, und Edelstein-, und Wasserwage-, und Mcssungs- rciscn bleiben, wenn alles verfallen ist, was daran Th eil hatt', und was dadurch litt', und wozu es sollte! die Zukunft streift uns unsere Schlanke ab und nimmt den Kern. Der kleine Zweig hat nichts davon, aber an ihm hangen die lieblichen Früchte. Wie nun? wenn einst alles das Licht, das wir in die Welt säen, womit wir jetzt viel Augen, blenden, viel elend machen und verfinstern, allenthalben gemäßigt L e b c ns li ch t und Leib e ns wärme würde — die Masse von todten, aber Hellen Kenntnissen, das Feld voll Beine , was auf- u m - und unter uns liegt, wurde — woher? — wozu? — belebt— befruchtet — welche neue Welt! wie glücklich, seiner Hände Werk in ihr genießen! Alles bis auf Erfindungen, Gesetzlichkeiten, Noth, Schicksal und Zufall strebt, uns über eine gewisse gröbere Sinnlichkeit voriger Zeitalter zu erheben, uns zu einer höhern Abstraction im Denken, Wollen, Leben und Thun zu entwöhnen, — für uns nicht immer annehmlich, oft mißlich! Die Sinnlichkeit 358 IV. Auch eine Philosophie des Morgenlands, die schönere Sinnlichkeit Griechenlands — die Starke Roms hinüber: und wie elend trösten uns unsre leidigen Abstractions- Tr oster und Sentenzen, warum uns oft schon Beweggründe, Triebfedern und Glückseligkeiten bestehen müssen: das Kind wird auch von einer letzten Sinnlichkeit hart entwöhnet — Aber siche das höhere Zeitalter, was vorwinkt. Kein Thor kanns laugnen, wenn die fcinenBe weggründe, die höhere, himmlische Tugend, der abgezogenere Genuß irrdischer Seligkeiten der menschlichen Natur möglich ist, äußerst erhebend und veredelnd ist sie! Vielleicht also, daß jetzt an dieser Klippe viele zu Grunde gehen! Vielleicht, und gewiß haben jetzt unendlich wenigere diese Fenelonsche Tugend, als jene Spartaner, Römer und Ritter die sinnliche Blü- the ihres Welt - und Zeitgeistes. — Die breiten Landstraßen werden immer engere Fußtritte und Steilhöhen, auf denen wenige wandeln können, — aber Höhen sinds und streben zum Gipfel! Welcher Zustand einmal auf dem krümmenden Schlangenwege der Vorsehung, wenn Haut und Hindernisse zurück gelassen, verjüngtes Geschöpf in neuem Frühlinge auf- lebct! eineunsinnlichere, sich gleichere Menschheit! nun völlig Welt um sich, Lebenskraft und Principium, nach dem wir nur mühsam streben, in sich habend — welche Schöpfung! und wer, der die Wahrscheinlichkeit und Möglichkeit davon zu läugnen hatte? Verfeinerung und lauternder Fortgang der der Geschichte der Mcnschhcit. 35>) Tugend begriffe aus den sinnlichsten Kindeszeilen hinauf durch alle Geschichte ist offenbar: Umkerbreitunq und Fortgang ins Weite offenbar: und das alles ohne Zweck? ohne Absicht? Daß sich die Begriffe von menschlicher Freiheit, Geselligkeit, Gleichheit und Allglückseligkeit aufklaren und verbreiten , ist bekannt. Für uns nicht sogleich von den besten Folgen, oft, dem ersten Anscheine nach, das Böse Anfangs das Gute überwiegend: aber! — Geselligkeit und leichter Umgang zwischen den Geschlechtern, hat er nicht die Ehre, Anständigkeit und Zucht beider Theile erniedrigt? für Stand, Geld und Artigkeit alle Schlösser der großen Welt aufgesprengt? die erste Blüthe des männlichen und die edelsten Früchte deF weiblichen Geschlechts in Ehe- und Mutterliebe und Erziehung haben wie viel gelitten? ihr Schade sich wohin fortverbreitet? — Abgrund unersetzlicher Uebel! da selbst die Quellen der Besserung und Genesung, Jugend, Lebenskraft und bessere Erziehung verstopft sind. — Die schlankem, also leicht umher spielenden Aeste können nicht anders als in ihrem zu frühen und unkräftlgen Lebensspiele mitten im Sonnenstcahle verdorren! Unersetzlicher Verlust — vielleicht für alle Politik unabhelfbar! für alle Menschenliebe nicht ge-, nug zu beklagen, — aber für die Hand der Vorsehung noch Werkzeug. Wenn hundert ar-. me Geschöpfe hier mit vertrocknetem Gaum um die 36c> IV. Auch eine Philosophie erste Quelle des Lebens, der Geselligkeit und Freude hinsinken, lechzen und verschmachten — die Quelle selbst, an der sie sich unglücklich täuschten, läutert! Siehe, wie sie in spätem Jahren, vielleicht auch übertrieben, nun andre Früchte der E r- getz lieh keil suchen, sich neue Welten idea- lisiren und mit ihrem Unheil die Welt bessern! Abgelebte Aspasien bilden So k rate: Ignaz seine Jesuiten, die Epaminondas aller Zeit erzeugen sich Schlachten bei Leuk- tra: Helden, Philosophen, Weise und Mönche von so unsinnlicher, höhererTu- gend, Aufstrebung und Verdienstlichkeit— wie viele bloß aus diesem Grunde! Wer zum Nutzen der Welt berechnen und wägen will, thu's! Er hat große Summe von meistens nicht ungewissen Ausschlags vor sich : der Gang der Vorsehung geht auch über Millionen Leichname zum Ziel! Freiheit, G ese lligk e i t und Gleichheit, wie sie jetzt überall aufkeimen — sie haben in tausend Mißbräuchen Uebels gestiftet und Werdens stiften. Wiedertäufer und Schwärmer verwüsteten Deutschland zu Luthers Zeiten, und jetzt bei der allgemeinen Vermischung der Stände, bei dem Hera ufd ringen der Niedern an die Stelle welker, stolzer und unbrauchbarer Hoh^n, um in kurzem noch ärger als sie zu werden — die stärksten, nothwendigsten Grundplätze der Menschheit werden leerer; die Masse verderbten Lebenssafts tritt tief hinunter. Und wenn eind Vormund- der Geschichte der Menschheit. 36i schaft dieses großen Körpers um eines zeitigen vermehrten Appetits, oder eines schei n- baren Zusatzes von Kräften halber, zusieht, lobt und befördert — oder wenn sie auch aufs ärgste sich widersetzte: den Grund der „fort- behenden Verfeinerung und des Ausbringens zu Ra i sonne m c nt, Ueppig- „kcit, Freiheit und Frechheit" wird sie nimmermebr heben. Wie sehr das wahre freiwillige Ansehen der Obrigkeit, Aeltern und höchsten Stande in der Welt, nur seit einem Jahrhunderte gefallen, ist bei einer kleinen Vergleichung unsäglich: auf zehnfache Weise tragen unsre kleine und große Großen dazu weiterhin bei: Schkanken und Schlagbäu- m e nicdergerifsen : V o r u r t h e i l e,- wie cs heißt, des Standes, der Erziehung, und ja der Religion unter die Füße getreten und zu ihrem Schaden selbst verspottet: wir werden alle — durch einerlei Erziehung, Philosophie, I r- religion, Aufklärung, Laster und endlich zur Zugabe, durch Unterdrückung, Blutdurst und unersättliche Habsucht, die schon die Gemüther weckt und zum Selbstgefühl bringt, werden wir alle — Heil uns, und nach vielen Unordnungen und Elende, Heil uns! was unsre Philosophie so rühmet und anstrebt, — Herr und Knecht, Vater uich Kind, Jüngling und die fremdeste Jungfrau, wir alle werden Brüder. Die Herren weissagen wie Kaiphas, aber freilich zuerst auf eignen Kopf, oder das Haupt ihrer Kinder! 362 H Auch eine Philosophie Wenn unsre „Men sch en r eg i e ru ng" auch nichts mehr als schone Hülle gewonnen hatte: den guten Schein und Anschein, die Sprache, die Grundsätze und Gesinnungen und Ordnung, die jetzt jedes Buch, und jeder junge Prinz, als ob er ein lebendiges Buch wäre, auf der Zunge führet —großer Fortgang. Versuche jemand, Machiavcll und Anti mach! avell zusammen zu lesen — Philosoph und Menschenfreund wird den letzten verehren, seine unberührten, ma Blumen und grünem Strauch bedeckten Moderstellen, und unsondirten Wunden, wo man nicht auf den Grund kommen wollen und mögen, willig übersehen und sagen : welch ein Buch! welch ein Prinz, der wie das Buch dachte! Nur eingesründe, anerkennte, wüßte, in beiläufigen Gesinnungen handelte, für Welt und Nachwelt welch ein Prinz! Statt grober, unmenschlich grausamer Tollheit könnten freilich Krankheiten herrschen, die eben so drückend und schädlicher sind, weil sie schleichen; gepriesen und nicht e r- kannt werden, und bis Mark und Bein in die Seele fressen. Das allgemeine Kleid, von Philosophie und Menschenliebe kann Unterdrückungen verbergen, Eingriffe in die wahre, persönliche Menschen- und Landes-, Bürger- und V ö l k e r fr e i h e i t, wie Cäsar Borgia sie nur wünschte: alles das den angenommenen Grundsätzen des Jahrhunderts gemäß mit einem Anstande von Tugend, Weisheit, Menschenliebe und der Geschichte der Menschheit. 363 Völkervorsorge: dos also geschehen kann und fast muß — Lobredncr dieser Hüllen seyn, als ob sie Thaten waren, mag ich nicht: ohne Zweifel hätte auch Machiavell in unserm Jahrhunderte nicht geschrieben, wie er schrieb, und Casar in andern Beziehungen nicht handeln dürfen, wie damals: im Grunde würde noch mit allem dem Nichts als Kleid geändert. Aber auch nur dies geändert, ist Wohl- that. Daß in unserm Jahrhunderte jeder- der wie Machiavell schriebe, gesteinigt würde — doch ich nehme mein Wort zurück — Wer für die Tugend arger als Machiavell schreibt, erwirb nicht gesteinigt — er schreibt philosophisch, witzig, Französisch und ja — ohne Religion. Also „wie Unser Einer" Und — desavouirtja seine Schriften! — Ausgelassenheit zu denken, Wenns nur mit gewissen Convenientien des Wohlstandes geschieht, (der wahre Wohlstand darf um so ferner seyn)! auch selbst auf diesem giftigeu ausschweifenden Baume sprossen gute Früchte! Glaubt ihr nicht, daß dieser Sinn und Unsinn, den man jetzt gegen die Religion so ungescheuet saget, einst vortreffliche Wirkungen haben werde? Von Erläuterungen, Rechtfertigungen und Beweisen der Religion ab- strahirt, die oft nicht viel beweisen, ich weiß nicht welcher große Mann ein nächstes Jahrhundert des Ab erg l a u b en s prophezeyhte, weil das unsre sich in so dummem Unglauben erschöpfte. — Aber wies auch laufe, (und es wäre schlimm, wenn 364 I'V. Auch eine Philosophie nur Aberglaube wieder den Unglauben abwechseln konnte, und der ewige elende Kreislauf nicht weiter brächte)! Religion, Vernunft und Tugend müssen durch die tollesten Angriffe ihrer Gegner unfehlbar einmal gewinnen! — Der Witz, die Philosophie, die Freiheit zu denken, war gewiß zu diesem neuen Throne nur wider Wissen und Willen Gerüst: Plötzlich einmal die Wolke zcrth eilet, und wenn sie denn da stehn, wird in voller Glorie die allleuchtende Sonne der Welt. — Auch der große Umfang und die Allgemeinheit, in der das alles lauft, sehen wir, kann darzu offenbar ein unbekanntes Gerüste werden. Je mehr wir Europäer Mittel und Werkzeuge erfinden, euch andern Welttheile zu unterjochen, zu betrügen und zu plündern — Vielleicht ists einst eben an euch, zu triumphier n! Wir schlagen Ketten an, womit ihr uns ziehen werdet: die umgekehrten Pyramiden*) unsrer Verfassungen werden auf eurem Boden aufrecht kommen , ihr mit uns — Genug, stcht- barlich geht alles ins Große! Wir umfassen, womit cs sey, den Kreis der Erde, und was darauf folgt, kann wahrscheinlich nie mehr seine Grundlage schmälern! wir nahen uns einem neuen Auftritte, wenn auch freilich bloß durch Verwesung! Ritter Lemple verglich eine gewisse Regierungsform mit dem Bilde! der Geschichte der Menschheit. Ztzä Eben daß sich unsre Denkart in Gutem und Bösem verfe in et, und sich eben damit unsre stärkere, sinnlichere Grundsätze und Triebfedern a b- rciben, ohne daß der größere Haufe etwas dagegen noch bisher an die Stelle zu, setzen Lust oder Kraft hätte: wohin muß uns dies bringen? Die sinnlichen starken Bande der alten Republiken und Zeitalter sind längst (und cs ist Triumph unsrer Zeit)! aufgelöst! an den feinem Banden unsrer Zeit nagt alles, Philosophie, 'Freigeisterei, Ueppigkeit und eine E r- ziehung zu diesem allen von Gliede zu Gliede riefer und weiter verbreitet. — Die meisten unsrer politischen' Triebfedern muß sogar schon die ruhige Weisheit verdammen oder verachten, und der Streit zwischen dem Ehristen- lhume und der Weltart ist ein wie alt r Borwurf und Scrupel zu beiden Seiten ! Da sich also Schwä- che'in nichts als Schwäche endigen, und eine überstrengte Anziehung und Mißbrauch des letzten geduldigen Wurfs der Kräfte nichts, als jenen völligen Hin w u rf beschleunigen kann — doch es ist nicht mein Amt weissagen! Noch minder weissagen, „was allein Ersatz „und Quelle neuer Lebenskräfte auf eignem so erwe ite r ten Sch a up latze seyn „könne, werde und fast seyn m ü s fe'? Woher „neuer Geist alles das Licht und dje Men- „srhe n g e sinnu n g, auf die wir arbeiten, zu „der Wärme, zu der Bestandheit, und „zu der A l l g l ü ck s e l i g k ei t bringen könne und Z66 IV. Auch eine Philosophie „werde?" Ohne Zweifel rede ich noch von ferne» Zeiten! Lasset uns, meine Brüder, mit muthigem, fröhlichem Herzen auch mitten unter der Wolke arbeiten: denn wir arbeiten zu einer großen Zukunft. Und lasset uns unser Ziel so rein, so hell, so sc h l a cke n frei annehmen, als wirs können: denn wir laufen in Irrlicht und Dämmerung und Nebel. * * * Wenn ich da Thaten sehe, oder vielmehr schweigende Mcrkmahle von Thaten ahne aus einem Geiste, der für die Hülle seiner Zeit zu groß, und für ihr Lobgeschrei zu still und blö- dc dahin geht, und im Finstern säet? Saamen- körncr, die, wie alle Gotteswerke und Schöpfungen, vom kleinen Keim anfangen, denen mans aber beim ersten kleinen Sprößlcin so lieblich ansiehet und anriecht, daß sie Schöpfung Gottes im Verborgenen seyN werden. — Und wärens Anlagen, insonderheit zur edelsten Pflanze der Menschheit, Bildung, Erziehung, Stärkung der Natur in ihren bedürftigsten Nerven, Menschenliebe, Sympathie und Brüderglückseligkeit — heilige Pflanzen, wer ist unter euch gewandelt, daß ihn nicht ein Schauer besserer Z-- der Geschichte der Menschheit. 867 kunft ergriffe, und er euren Urheber , klein und groß, König und Knecht, nicht im Westen Abend-, Morgen- und Mitternacht-Opfer segne? Alle bloß körperliche und politische -Zwecke zerfallen, wie Scle.be und Leichnam: die Seele! der Geist! Inhalt fürs Ganze der Menschheit — der bleibt: und wohl, wem da aus der reinen, untrübbaren Lebcnsquelle viel ward! — Es ist fast unvermeidlich, daß eben das Höhere, Weitverbreitete unfers Jahrhunderts auch Zweideutigkeiten der besten und schlimmsten Handlungen geben muß, die bei engern, ticfern Sphären wegsielen. Eben daß niemand fast mehr weiA wozu ec wirkt: das Ganze ist ein Meer, wo Wellen und Wogen, die wohin? aber wie gewaltsam! rauschen — weiß ich, wohin ich mit meiner kleinen Woge komme? — Nicht bloß Feind und Verleumder wird die Beginnen des wirksamsten, besten Mannes oft in ein zweifelhaftes Licht stellen können; vielleicht wird selbst dem warmen Bewunderer in k altern Stunden auch N e- b e l und D 0 ppellicht erscheinen. Alle Radien sind schon dem Mittelpunkte so fern, — laufen alle, wohin? und wann werden sie dahin kommen? Man weiß, was man allen Reform ato- e n aller Zeiten vorgeworfen, daß, wenn sie einen 369 IV. Auch eine Philosophie neuen Schritt thatcn, sie auch immer hinter sich Lücken ließen, vor sich Staub und Erschütterung machten, und unter sich Unschuldiges zertraten. Die Reformatoren der letzten Jahrhunderte trifft das sichtlicher und doppelt. Luther! G u- srav Adolph! Peter der Große! Welche drei haben in den neuern Zeiten mehr verändert? edleren Sinnes geändert? — und sind ihre, zumal unvorhergesehene, Folgen, allemal zugleich umvidersprcchliche Zunahmen des Glücks 'ihrer Nachkommen gewesen? Wer tzie spätere Geschichte kennt, wird er nicht manchmal sehr zweifeln? Ein Monarch, dessen Namen unsere Zeit mehr tragt, und zu tragen verdient, als das Zeitalter Ludwigs — -den uns sein Jahrhundert mit aufbewahrt! welche neue Schöpfung E u r o p a' s hat er von seinem Flecke her in dreißig kurzen Jahren bewirkt ! — In Kriegs- 'und Nc'g ier ung s- kunst, in Behandlung der Religion und Einrichtung der Gesetze, äls Apollo der Musen, und als Privat-Mann unter der Krone — dem allgemeinen Scheine nach, das Muster der Monarchien — welch ein Gutes gestiftet ! A ufkl ä r u n g, p h i l o so ph i sche n G e i st und Mäßigung vom Throne ringsum verbreitet! der Geschichte der Menschheit. 36g breitet! orientalischen, dummen Pracht, Schwelgerei) und Luxus, der vormals ost das einzige Goldgehäge der Hose war, wie erschrecklich zertrümmert und verjaget! Fette Unwissenheit, blinden Eifer und Aberglauben überall wie tief.verwundet! Sparsamkeit und Ordnung, Regelmäßigkeit und Fleiß, schone Künste und einen sogenannten Geschmack frey zu denken, — wie hoch erhoben ! — Das Jahrhundert tragt sein Bild, wie seine Uniform: Jahrhunderte, ohne Zweifel, die größte Lobrede seines Namens. — Jndeß wird auch eben die Münze, das Brustbild weqgekehrt, und das bloße Resultatseiner Schöpfung, als Menschenfreund und Philosoph betrachtet, ohne Zweifel einmal etwas mehr und anders zeigen! Zeigen vielleicht, wie durch ein natürlich Gesetz der Unvollkommenheit menschlicher Handlungen mit der Aufklärung — auch eben so viel luxurirende Mattigkeit des Herzens, — mit Sparsamkeit, ihr Zeichen und Gefolge, Armuth; mit Philosophie, blinder, kurzsichtiger Unglauben; mit Freyhcit zu denken, immer Sclaverey zu handeln, Despotismus der Seelen unter Blumenketten, — mit dem großen Helden, Eroberer und Kriegsqeiff, Ersterbe nheit, Römer-Verfassung, pne, da Armeen alles waren, Verfall und Elend sich habe verbreiten müssen. Zeigen, was Menschenliebe, Gerechtigkeit, Mäßigkeit, Religion, Wohl der Unterthanen — alle bis auf einen gewissen Grad, als Mittel zum Errei- Philos. und Gesch. II. LH. A a 370 IV. Auch eine Philosophie chen, behandelt— was alles das auf seine Zeit — auf Reiche ganz ande rer Verfassung und Ordnung — aufWelt und Nachwelt für Folgen haben müssen — die Wage wird schweben? steigen — sinken — welche Schale? was weiß ich? — „Der Schriftsteller von h u n d c r t I a h r e n *)," der ohne Zank und Widerspruch, wie e i n Monarch, auf sein Jahrhundert gewirkt hat — von Lissabon bis Kamtschadka, von Zembla bis in. die Colonien von Ind i en gelesen, ge- lernet, bewundert, und, was noch mehr ist, befolgt — mit seiner Sprache, mit seinen hundertfachen Talenten der Einkleidung, mit seiner Leichtigkeit, mit seinem Schwünge vo n Ideen auf lauter Blumen — am allermeisten dadurch , daß er auf der glücklichen Stelle geboren wurde, die Welt zu nützen, Vorgänger und Nebenbuhler zu nützen, Gelegenheiten, Anlässe , zumal Vorurtheile und Lieblingsschwachen feiner Zeit, zumal ja die nutzbarsten Schwachen der schönsten Bräute feiner Zeit, der Regenten in ganz Europa zu nützen — dieser große Schriftsteller, was hat er nicht ohne Zweifel auch zum Besten des Jahrhunderts gethan! Licht verbreitet, so genannte Philosopbie derMenfch- heit, Toleranz, Leichtigkeit im Selbstdenken, Schimmer der Tugend in hundert liebenswürdigen Gestalten, verdünnte und versüßte kleine menschliche Nei- ) Voltaire. d er G e sch i chte d er M e n sc h h eit. 371 gungen — als S ch r i ft st el l er ohne Zweifel aufder größten Höhe des Jahrhunderts ! — Aber nun zugleich damit, was für elenden Leichtsinn, Schwache, Ungewißheit und Kälte! was für Seichtigkeit, Planlosigkeit, Scepticism an Tugend, Glück und Verdienst! — was mit seinem Witze weggelacht, ohne es zum Theil weglachen zu wollen! — sanfte, angenehme und nothwendige Bande mit frevelnder Hand aufgelöset, ohne uns, die wir nicht alle au LUatsau äs ibsruav residiren, das Mindeste andieStellezu geben? Und durch welche Mittel und Wege hat er selbst sein Bestes erlangt? wenn er uns mit aller der Philosophie und Schönlieb haberey der Denkart ohne Moral und feste menschliche Empfindung dann in die Hände liefere? — man kennet die große Eabale gegen und für ihn, weiß, wie anders Rousseau predige? vielleicht gut, daß beyde predigen, weit von einander und in manchem beyde einander aufhebend — oft das Ende menschlichen Beginnens! die Linien heben sich auf, aber ihr letzter Punkt steht weiter!-- Kein großer Geist, durch den das Schicksal Veränderung bewirkt, kann freylich mit allem, was er denkt und fühlt, nach der Gemeinregel jeder mittelmäßigen Seele gemessen werden. Es gibt Ausnahmen höherer Gattung, und meist alles Merkwürdige der Welt geschieht durch diese Ausnahmen. Die geraden Li- Aa 2 372 IV. Auch eine Philosophie nien gehen nur immer gerade fort, würden alles auf der Stelle lassen? wenn nicht die Gottheit auch außerordentliche Menschen, Kometen, in die Sphären der ruhigen Sonnenbahn würfe, fallen und im tiefsten Falle sich wieder erheben ließe, wohin kein Auge der Erde sie verfolget. Auch lhuts nur Gott oder unter Menschen ein Thor, daß er jede fernste moralische oder unmoralische Zwischenfolge einer Handlung auf die Rechnung des Verdienstes und der ersten Absicht des Handelnden setzet! wer fände sonst in allem in der Welt mehr Ankläger, als der erste und einzige Händler, der Schöpfer! — Aber, meine Brüder, lasset uns ja die Pole nicht verlassen, um die sich alles dreht, Wahrheit, Bewußtseyn des Wohlwollens, Glückseligkeit der Menschheit! laßt uns am allermeisten auf der größten Höhe des Meeres, auf welcher wir jetzt schweben, im Irr- und Ne bei lichte, das vielleicht arger ist, als v ö l l i g e N a c h t, lasset uns da fleißig nach diesen Sternen, den Punkten aller Richtung, Sicherheit und Ruhe Hinsehen, und dann mit Treue und Emsigkeit unfern Lauf steuern. Groß muß das Ganze feyn, wo in jeder Ein- zelnheit schon so ein Ganzes erscheint! in jeder Einzelnheit aber nur auch immer so ein unbestimmtes Eins, allein aufs Ganze sich offenbaret! Wo kleine Verbindungen schon großen der Geschichte der Menschheit. 3?Z Sinn geben, und doch Jahrhunderte nur Syl- ben, Nationen nur Buchstaben, und vielleicht Interpunktionen sind, die an sich nichts, zum leichtern Sinne des Ganzen aber so viel bedeuten! Was, o einzelner Mensch, mit deinen Neigungen, Fähigkeiten und Beytrage bist du? — Und willt, daß sich an dir allseitig die Vollkommenheit erschöpfe? — Eben die Eingeschränktheit meines Erdpunktes, die Blendung meiner Blicke, das Fehlschlagen meiner Zwecke, das Räthsel meiner Neigungen und Begierden, das Unterliegen meiner Kräfte nur auf das Ganze eines Tages, eines Jahres, einer Nation, eines Jabrhunderts — eben das ist mir Bürge, daß i c h Nichts, das Ganze aber Alles sey! Was für ein Werk, zu dem so viele Schattengruppen von Nationen und Zeiten, Kolossen- Figuren fast ohne Gesichtspunkt und Ansicht! so viele blinde W erk zeuge gehören, die alle im Wahne des Freyen handeln, und doch nicht wissen, was? oder wozu? die nichts übers ehen, und doch so eifrig mithandeln, als wäre ihr Ameisenhaufe das Weltall — was für ein Werk dies Ganze! Bcy der kleinsten Spanne, die wir davon übersehen, so viel Ordnung und so viel Wirrung, Knote undAnlage zur Auflösung — beydes eben für die überschwängliche Herrlichkeit im Allgemeinen, Sicherheit und Gewährleistung. Elend klein müßte es seyn, wenn ich, Fliege, es übersehen könnte! wie wenige Weisheit und Mannigfaltigkeit, 374 IV. Auch eine Philosophie wenn ein durch die Welt Taumelnder, der so viel Muhe hat, nur Einen Gedanken fest zu halten, nie eine Verwickelung fände? — In einer Spanne, die nichts ist, und wo doch tausend Gedanken und Samenkörner zugleich streben, in einem halben Zcitmaas der Tonkunst von zwey Schlagen, wo sich aber eben vielleicht die schwersten Töne zur süssesten Auflösung wickeln— wer bin ich, daß ich urtheile, da ich eben nur den großen Saal quer durchgehe, und einen Seitenwinkel des großen verdeckten Gemähldes im dunkelsten Schimmer beäuge? Was Sokrates zu den Schriften eines Menschen sagte, der eingeschränkt, wie er, mit ihm in Einem Maße der Kräfte, schrieb — was soll ich zu dem großen Buche Gottes sagen, das über Welten und Zeiten gehet! von dem ich kaum eine Letter bin, kaum drey Lettern um mich sehe.- Unendlich klein für den Stolz, der Alles seyn, wissen, wirken und bilden will! Unendlich groß für die K l e i n m u t h, die sich /Nichts zu seyn getrauet — beyde nichts als einzelne Werkzeuge im Plane einer un ermeßlichen Vorsehung! Und wenn uns einst ein S t and p unk t würde , das Ganze nur unseres Geschlechts zu übersehen! wohin die Kette zwischen Völkern und Erdstrichen, die sich erst so langsam zog, dann mit so vielem Geklirr Nationen durchschlang, unh endlich mit sansterm, aber str enger m Zusam- der Geschichte der Menschheit. 276 men ziehen diese Nationen binden und wohin? leiten sollte — wohin die Kette reicht? wir sehen die reife Ernte der Samenkörner, die wir aus einem blinden Siebe unter die Völker verstreut, so sonderbar keimen, so verseht ed e nar ti g blühen, so zw ey d e ut i ge Hoffnungen der Frucht geben sahen — wir Habens selbst zu kosten, was der Sauerteig, der so lang, so trüb und unschmackhaft gabrte, endlich für Wohlgeschmack hervor brachte zur allgemeinen Bildung der Menschheit—Fragment des Lebens, was wärest du? — — Huants sab 110 cts Nostra «lies! wohl aber, wen sein Lebens-Fragment auch alsdann nicht gereuet l -vsr-c r)s er^olreoerop Tv^screvTroo. 7-ww<7>rco L>r7-07-5 o- 57 r< 7 ,pws-a^.«<, ec«< 5775. cs§ ^LPL< 7N