I. G. v. Herders sammtliche Werke. Religion und Theologie. Siebenter Theil. Salomons Lieder der Liebe. Johannes Offenbarung. Mit Großherzoglich Badischem gnädigstem Privileg!». Karlsruhe, im Büreau der deutschen Classiker. Inhalt. Seite. I. Lieder der Liebe, die ältesten und schönsten aus dem Morgenlande. 177g. . » L II. Von der ebraischen Elegie. Vorrede zu Börmcls Uebersetzung der Klaggesange des Jeremias, 1781. .... 167 III. Das Buch von der Zukunft des Herrn, des neuen Testamentes Siegel. 1779. . 167 Lieder der Liebe. D i e ältesten und schönsten aus M o r g e n l a n d e. Nebst vier und vierzig alten Minneliedern. Z. G. von Herder. 1778. Herders WerkeRel.«. Lheol. VH. A Hüne likrurn snseepirnus engr^snäuin, non sinäio osienclunclae ernäitioni^, sioui c^uiclarn c^ni oinnern opei^rn ^onnni in o^sonros 1i1oro5, ynocl seillieei ei sä Iclnäein inAsnii t'^oisi, erusum 6886 so attin- Aers, <^nue üiii pi'optei' obsoui'i'icliern ^n^inni, ei in o!)8eni'is online ii!)6i'nm 8ii äininrrre, ao s^eon- l^tionibus sen ^vopr'jj5 eoZiiÄiionibus inäulAere, secl ni repul8i8 inee^iis opinionikns, (^uii)ns iinL- ienns likellus ^io nbsonr'^in^ esi, alian^ cornrnocli- orenr senieniisni oslenäereinns. L.V7NM. /Vr can^'e. ea/r/ieo,-. I. Salomons Hohes Lied. ^r küsse mich Mit seines Mundes Küssen: Denn deine Lieb' ist lieblicher, denn Wein. Wie deiner süssen Salben Dust, So ist zerfliefsender Balsam Dein Name: Darum lieben die Jungfrau'» dich. Zeuch mich dir nach! — Wir eilen, mich — Führete der König in seine Kammer. Wir jauchzen, wir ersreun uns dein! * Gedenken an deine Liebe, Mehr als an Wein — Von Herzen lieben wir dich. Vielleicht ward dieser Seufzer mit einer schmachtenden Blume, mit einer duftenden Morgenrose Zf 2 übersandt o); das sehnende Mädchen duftet mit hinüber. Süß ist ihr auch deö Abwesenden Kuß! ihr duften seine Salben. Wenn nur sein Name genannt wird, ist die Lust umher Balsam. So liebt sie ihn nicht allein: so wird ec von Allen geliebt. Alle ihre Gespielinnen wandelt der Duft seines Namens an, „o wenn er mir, mir „winkte!" — Und siche, sie ist allen vor. //Zeuch //Mich! — der König hat mich in seiner Kam- /Mer." Sie jauchzet, sie erfreut sich an Ihm / genießt unvergleichbare Freuden. Und gleich ist sie wieder in ihrer Freundinnen Kreise. Wie sie liebt, lieben alle, jauchzen alle, reden von seinen Umarmungen statt Weins und Freuden. Ihr aller Herz und Seele ist an ihm. Könnet ihr euch einen Monarchen Orients denken, dem in seinem Garlen der Liebe lieblicher geschmeichelt werde? Statt Eifersucht und Neides, statt Zanks und Untreu , ist aller Stimme nur Eine Stimme, aller Gedanken und Herz nur Ein Herz d>). ->) Daß sich die Morgenländer solche Boten und Briese der Liebe in Blumengcschenken zusenden, ist aus der Montague Briefen, Hassel- quisrs Reisen (S. 3/.) Guy's Briefen u. a. bekannt. b) Der Zustand der Weiber im Morgenlande ist aus mehr als Einem kläglichen Bcrichr der Reisenden bekannt: (s. Hasselquist S. 126. Lhevcnot I. Lieder der Liebe. S Ein schüchternes Täubchen bringt den Brief, und buhlt um ihn, aber nur als ihrer Schwestern Bote. Unwillig drang sich ihr Seufzer vor; und sonst genießt sie ihn immer. Du und Er, Ich und Wik wechseln: auch in der Ferne ist er ihr nahe, sie spricht mit ihm, wenn sie nur wünschet. Die Stimme schweigt; es laßt sich gan; eine andere Horen: Schwarz bin ich und doch lieblich Ihr Töchter Jerusalem! Wie der Kcdarenen Gezellt, Wie die Decken Salomons. Seht mich nichr an, daß ich schwärzlich bin: Mich brannte die Sonne. Die Söhne meiner Mutter zürncten mir: Sie satzten zur Wcinberghürerin mich. Und meinen, meinen Weinberg Hütet' ich nicht. O sage mir, Den meine Seele liebt: Wo weidest du? Wo lagerst du Am Mittag? — Daß ich nicht, wie eine Verhüttete, geh Au Heerden deiner Gespielen. „Und weiffest du das nicht, Schönste der Weiber; li. a.s Montesquieu in seinen heitres xsr- sanner hat ihn in den Briefe» der Weiber an Usbeck darstellen wollen. Hier ist er ganz anders. ti I. Lieder der Liebe. Eo folge den Tritten der Heerde noch, Und weide deine Ziegen Bei den Zelten der Hirten." Wie anders ist hier Alles! Dort Duft und Salben, Wein und Freuden , Freundinnen und Königs- kammcrn; hier eine Hirtin auf offner Flur, ein schwarzes von den Töchtern der Stadt beneidetes Landmadchen. Ein Kind der Sonne von Jugend aus, und auch jetzt, wie im Brande des Mittags lechzend. Ihr Geliebter ist selbst ein Hirt, der unter andern Hecrden weidet, den sie sucht, mit dessen Decke sie sich vergleicht, der ihr in eben dem Tone, als einem unbekannten schüchternen Landmadchen antwortet. Das ganze Stück athmct freies Feld, Mittagsruhe, Hirten - und Landeinfalt. So fangt die freie Unschuldige an, sic weiß, was sie ist und nicht ist, fodert die Meisten und Jarlen der weichlichen Königsstadt aus, und truzt, der Liebe ihres Liebenden gewiß, ihrem höhnenden Blicke. . Sie redet von sich in einem Landgleichniß; aber wie meistens diese Gleichnisse sind, vielseitig, wahr, treffend. Die Zelte der Kedarenischcn Hirten sind schwarz, grob, schlecht, von Kamcclhaaren gewebt, im Sonnenbrände, so wie sie, lechzend; aber doch sind sie schön, „nichts ist anmuthiger, „sagen die Reisende, als eine weitlaustige Ebne „voll dieser schwarzen Zelte." a) Dazu lagern sich e) Shaw's Reisen, S. ig3. I. Lieder der Liebs. 7 die Kedarcnen, d. i. die umziehenden Hirten?, meistens in Gegenden, die sie Nvubha, d, i. schöne Lust nennen, wo sie Aussicht haben, und grüne Weiden und Wasserquellen, wo also das Herz des ziehenden dürstenden Morgeuländers mit dem Anblick solcher Zelte erquickt wird ei). — — Und daß endlich auch Salomo sie nicht verschmähe, daß auch Er unter solchen Zelten wohne; der Zusatz giebt dem Bilde die schönste Farbe. Sie ist in ihrer Niedrigkeit groß , in ihrer von Salomo geliebten Schwärze lieblich: — wie Kedareinsche Decken, wie Salomonische Zelte, Das Uebrige ist in gleichem Tone der Unschuld und Landeinfalt. Ihre Neiderinnen macht sie zu Vertrauten ihres Schicksals, das hart war in früher Jugend. Ihre Brüder selbst, die sie „Söhne „ihrer Mutter" nennt, um das Unrecht, das sie ihr thaten, ganz zu zeigen, stiesscn sie aus ihres Vaters Hause. Sie mußte ihnen Magd, Weinberghüterin , werden; ihnen sollte sie Haab' und Gut bewachen, und ihre eigene, einzige Haabe, der Reichthum, den ihr die Natur verliehen, ging damit unbarmherzig verloren. Wie ländlich abermals diese Vergleichung, daß sie die Schönheit schlechthin ihren Weinberg nennet! Ihr Reichthum ist nun dahin, durch den Blick der Sonne ihr geraubet — — ä) D'Arvieux Reisen, LH. 3 . S. 2iß. 21». 8 I, Lieder der Liebe. Und da wendet sich ihr Auge von allen gaffenden und neidenden Schönen, zu dem, der sie liebet. Sie schmachtet ihm muhe), unbekannt und schaamroth, lange wie eine Verlorne umirren zu müssen, nach ihm in fremden Gezeiten zu fragen: O sage mir Den meine Seele liebet, Wo weidest du? Wo zellest du Am Mittag? Er ist also Hirt, wie sie; nur sie mit ein paar Ziegen, und Er mit vielen Hirten und Heerden. Und da wird ihr ein Wink ihres Geliebten, sich, unbekannt und schüchtern, lieber nicht von derHeerde zu entfernen, in ihren Tritten zu bleiben und ihr paar Ziegen nah den Zelten seiner Hirten zu weiden: da finde sie ihn, sie, die Schönste dcx Weiber. — Schöne Szene der Hirtcnunschuld! Ganz anders thut eS sich auf in folgendem Gespräche: Meinem Roß an Pharao Wagen Gleich' ich, o Freundin, dich. Lieblich stehn in den Spangen deine Wangen; Dein Hals in den Ketten schön. Goldketten taff' ich dir machen, Mit Pünktchen Silber gesprengt. e) Auch das Wort überftzt Schulte,,? schmachtend, schwindend: selbst der Ton der Worte im Original schmachtet dahin. I. Lieber der Liebe. 9 Und ihre wetteifernde Antwort: Wohin der König sich wandte, Gab meine Rarde Duft! Ein Strauschen Myrrhe sollt du, mein Lieber, Mir zwischen den Brüsten ruhn! Ein Palmenknöspchen bist du, mein Lieber, Mir aus dem Engeddi - Garten. Die Bilder sind uns alle fremd, aber schön: die vorige Gzene der schüchternen Armuth ist in Stolz und Pracht verwandelt. Da steht sie, die königliche Braut, wie das Prachtgeschöpf Orients k), daS Aegyptische Roß vor dem Königswagen. So ihr Wuchs, so ihre Zier. Hoch tragt sie ihren Hals in der Kette, ihre Wange an der Spange steht schön, Der König weiß nichts, als von neuer Pracht, von neuer Zierde — — ' Nicht so die Geliebte; die ist an IHM/ nicht am Schmucke, in Liebe, nicht in Pracht. Sie spricht im Reiche der Blumen, nicht des Goldes: dies, auch in Geschenken, ist todt: ihre Bilder, ihre Denkmale von ihm leben. Wohin er sich wandte/ (oder nach andern, so bald er sich zu ihr wandte, so lange er mit ihr am s) ,,Das Pferd, sagt Shaw, ist das Eigenthum „und der Stolz NumidienS: heut zu Lage steht „Aegypten allein im Nus der besten Pferde." Daß dies schon zu Salomons Zeiten gewesen, sicher man qus 2 Chron. 1, iS-, Das Gleichnis gebeAdct sich selbst gleichsam, wie ein Roß am Königswagen in seinem Prachtschmueke stolz, Mahl war) da duftete ihre Narde. Sir fühlte seine Gegenwart, und duftet zu ihm und duftet schöner. Auch entfernt von ihm, ist er ihrem Herzen nah; im Myrrhetlstrausse , den er ihr sandte, kühlet er ihren Busen/ darauf übernachtend, als das lebende Sinnbild ihres Geliebten auch im Traum und Schlummer. — Endlich, (und das dritte Bild vollendet Alles) er ist ihr die junge Blüthentraube aus dem Palmenhaine zu Engeddi s) nach dem Zl Ueber die Traube Kcpher ist so viel gesagt worden, daß man hintennach gar nichts weiß. Und doch ist der Name 'noch jetzt in Orient der gewöhnliche Name: (s. 6ol. p>. 2»H8.) die h. Sprosse selbst ist von mehr als Einem Reisenden genau und recht mir Liebe beschrieben; (s. Hassel- quist S. i 33 . 223. 22a. a 3 l. 282.) auch der Garten Engeddi (2 Chron. 20, 2. Chazazon-Tha- mar, d. i» die Beschneidung des Palmbaums, so wie Engeddi selbst von ^"0 evulir herkommt') der noch beim Josephus, Plinius und SolinuS als ein Palmenhain, nahe der Palmenstadt Jericho, bekannt ist, lasset uns über die angezeigte schöne Bedeutung wohl keinen Zweifel. Has- selqu ist hätte sich also nicht wundern dürfen, warum er in Engeddi keine Cyperlraube mehr finde, da sie nie da gewesen; noch hatte er die Rheinische Traube bey Hebron vom König Salomo herleiten dürfen, (s. ab6. ab?.) da in den Zeiten der Kreuzzüge wohl mehr Weg vom Rhein nach Hebron war, als zu Salomens Zeiten. Kampher und Cyperöl kann man noch lieber vergessen; denn kurz, hier brauchls keines unbestimm- I. Lieder dcr Liebe. ^ r Sinne Orients das schönste Bild der Belebung, Frucht und Fülle. Es ist nemlich bekannt, daß der weibliche Palmbaum mit einem Büschel männlicher Blumen bestreuet und belebt wird ; oder man nimmt die männliche Blüthensprosse, ehe sic ausbricht, und verhüllet sie in die kleinen Zweige der weiblichen Blume. In diesem Zustande heißt die Palmenblühte Kvphdr / d. i. verhüllet: sie mußte noch unausgebrochen, und voll des feinen, frischen, aromatischen Thaues scyn, der die erste Frische der Datteln an Anmulh und Würze übertrist. In der weiblichen Blume verhüllet / haucht er sie an mit Duft und Leben. Kann ein schöner Bild gefunden werden, das da sage: ,,Ohne dich sind meine Blüthen leblos; dein „Athem, ein zarter, junger, frischer Himmelsthau, „macht Alles in mir lebendig mit neuen Kräften, „Gefühlen, mit neuer Schöpfung." Und das sagten die vorigen Bilder NllrdltS und Myrrhe; und die Palmensprosse sagts am schönsten. Was ist ein Jüngling, besten eigenstes Bild diese verschlostne süsse Lebcnsblüthc seyn kann? Wie zart ist die Liebe, die ihn also betrachtet, also liebet und sich als blühenden Palmbaum fühlet! Und da in Orient dies Alles Natur ist , da die Geliebten keine schönere Sprache haben, als daß sie einander Blumen zusendcn, sich damit fragen und tcn Rathens weiter, Name und Sache sind klar, und der Zusammenhang bestätlgts auf die schönste Weise. Antwort geben la), und jede in diesem Wörterbuch der Liebe ihre bestimmte Bedeutung Hut; du übernachtende Myrrhe i) und du verhüllte Palmenblü- khc, wie übertrefft ihr Gold und Kleinode, als Andenken des Geliebten! O schön bist du, meine Liebe, O schön bist du! Deine Augen Täubchen-— „O schön bist du, mein Lieber, Auch hold bist du, Und unser Bette grünet. Die Balken unsrer Hauser Cedern, Die Wände Cypressen; Und ich die Rose des Feldes, Die Lilie im Thal." „Wie die Lilie unter den Dornen, Ist meine Freundin unter den Töchtern." „Wie ein Apfelbaum unter denBäumcn imWalde, So ist mein Lieber unter den Söhne», In seinem Schatten Erquick' ich mich, Und sitze nieder, Und seine Frucht Ist meinem Munde süß. K) S. die Blume Muscherumi bcy Hassel, quist (S. 3/.) j) Die Myrrhe übernachtet ohne Zweifel im Büchs- chen, und nicht als Blume; wozu aber solche ermattende Ausführlichkeiten für uns? in einem Gedicht der Liebe! I. Lieder der Liebe. i3 Er hat mich geführt In ein Haus des Weins! Und sein Panier, lieber mir droben, Ist Liebe. O stärkt mich mit dem Weine! O labt mich mit den Aepfeln! Denn ich bin krank für Liebe. Seine Linke Mir unterm Haupt. Seine Rechte Umfaßt mich." „Ich beschwör' euch, Töchter Jerusalem, Bey den Hinden, bey dem Rehe der Fluhr. Wenn ihr sie weckt! Wenn ihr sie regt! Bis es ihr gefällt." Welche süsse Traumerey der Liebe! Gelange cs mir sie, die so misverstanden ist, in ihrem fortgehenden, Rausch und Fluge zu entwickeln, welche Szene des Paradieses! — Das Lob des Geliebten an seine Liebe fängt an; er will ihre Schönheit schildern, und der erste Zug derselben, der erste Zug der ersten Beschreibung im ganzen Buche ist — Bescheidenheit und Unschuld. Ihre Augen sind Täubchen k), schüchterne Täubchen. Ic) Das Lob der Schönheit fangt bey den Morgenländern immer von den Augen an. Ohne Gazelle und Augen derselben ist keinS ihrer Liebesgedichte» (S. d'A rvieux LH. 3. S. 2 stg.) 14 I. Lieder der Liebe. Und als solche beweiset sie sich sogleich. Sie unterbricht seinen Gesang, sie will nicht ihr Lob hören. Sie lobt ihn; aber auch nur mit Einem Zug. Die Tochter der Unschuld blickt umher, und die ganze Natur um sie wird Paradies, Pallast, Brautbett der Liebe. Die hohen CtdtM sind für sie gepflanzt, zu Balken ihres Hauses der Liebe: die immergrünenden Cypressen für sie geweihet, ewige Wände ihres Hauses der Liebe, und was ist sie in diesem großen schönen Tempel? Rose des Feldes! Lilie im Thal! Welche Bescheidenheit! welche Demuth! Die Eeder hat Gott gepflanzt, die Eypresse „steigt wie eine „Pyramide zu den Wolken, der größte Schmuck, „den die Natur den Gegenden schenkteI) und sie ist die Blume des Feldes, womit die Natur dort Alles bedeckt hat, das Veilchen, die Maiblume, die sich unter den Fristen des Wanderers verlieret. Es ist unrecht, daß man hier den Zusammenhang durchs Kapitel trennte und die Blume Sarcns zur größten Prachtblume machte; sie ist, auch im Munde I) Es sind dies Hasselquists Worte S. 32. 36. der noch hinzusezt, „daß man, da sie Sommers „und Winters dem Gesichte und Geruch so an- „genehm sind, in ihnen recht die grünenden Ge- „deine der Lodren sehe." Lauter Bilder also vom unsterblichen Immergrün in diesem,Lempel d?r Liebe. I. Lieder der Liebt. 15 Christi, das Bild der schönen Niedrigkeit, der lieblichen Dcmuth rn). So nimmt auch ihr Geliebter das Bild; aber er verwandelts in Hoheit. //Lilie / — ja wie die //Lilie unter den Dornen / so du unter den //Mädchen." Und sie, die abermals, wie ein Veilchen, sich dem Lobe verbirgt, gibis ihm mit Wucher zurück. Er wird ihr ein schöner blühender Apfelbaum unter den wilden Bäume»/ (mit denen dort ebenfalls die Gegenden bedeckt sind,) rr) und das Bild wird ihr ein ganzer Traum der Liebe. Da sitzt sie unter dem holden Baum und erquickt sich in seinem weiten Schatten / und droben lachen liebliche Früchte. Sie begehrt/ genießt; wie süß dem Munde! wie kraftvoll! Sie ist nicht mehr unter dem Baume, sie ist entzückt in ein Haus deS Weines o). Der Baum, der über ihr webet, dünkt in) Matth. 6, 28. Alle Neiseschreiber melden, daß die schönsten Blumen, Tulpen, Anemonen dort witd wachsen und Thal und Feld und Füsse der Hügel zieren. S. Hasselguist S. 3 H. 22a. Pocock-Schreber Th. 2. S. 8. Da nun Saron auf einer weiten Ebne lag, so braucht man keine weitere Erklärung dieser lieblichen Tyalanemone. n) S. Hasselquist, S. hh. 0) Die Worte: „er hat mich ins Haus des Weins geführt!" fangen hier offenbar keine Szenen an, als ob sie kalt erzählte, wohin sie geführt würde, Sie ist ja noch im Folgenden unter dem Apfelbaum und will mit Aepfeln, mit der Frucht ihres I. Lieder der Liebe. r6 ihrem zunehmenden süssen Rausche Pattitt' dcr Liebe. Sie schwimmet/ sie schwindet im Meer seiner Kühle und Geliebten, erquickt seyn. Es ist derselbe Ausruf/ der im ersten Liede da war, ,,er hat mich in seine Kammer geführt," wo sie auch nur in der Entzückung war und sich freute. Daß Salomo insonderheit den Ausdruck l Haus des Weins für Ort der Entzückung, der Freude geliebt habe, sehen wir Sprüchw. g, b. wo die Weisheit sogar in ihrHaus des Weins (doch nicht in den Weinkeller!) einladet. Ueberhaupt ist aber dies schöne Gemahlde so verunziert worden, daß ich nicht wüßte, wo anfangen oder aufhören, wenn ich widerlegen wollte. Er soll sie in den Weinkeller führen, wo das Aufhangezeichcn, das Schild am Wirthshause, der dicke Amor ist, wo sie sich mit vollen Flaschen sättigt und noch mehr will und endlich auf Aepfeln schlaft — O Sitten ! o Sitten Morgenlandes! «Zucht! oüicbc! Kannten die Morgenländer densleischigtenAinor? mahlten sie ihn an die Fenster? die Jungfrauen, liebten sie solche Häuser? und führte sie ihr Liebhaber hinein? und wird ein Lied der Liebs, Wiedas unsrige, so etwas singen? Auch die schöne Erklärung : oz>,,iiKnat ine (<^ULsi piiAnis) suli vexillo uinoris ist dem Texte ganz fremde. Das P a- nier der Liebe ist nichts, als das Bild des Baumes, so wie die Morgenländer Panier von jedem hohen webenden Zeichen sagen, Und ja auch in diesem Buche das Panier so oft vorkommt. Die Liebe ist kein personisizirtes Abstraktum, son- I. Lieder der Liebe. *7 und Entzückung: die süße Frucht ihres Geliebten, Apfel und Wemhülle/ dünkt ihr Eins; //0 labt „mich mit dem Weine! o stärkt mich mit den „Aepfcln! denn ich bin krank für Liebe." Sie sinkt, und was bisher Bild des Baums war, wird im Traume in Wirklichkeit und Person verwandelt; „Seine Linke ,,Mir unterm Haupt: „Seine Rechre „Umfaßt mich." Sanft zerrinnen ihre Sinnen unter dem weben« den Baum im Schoosse der Natur, Unschuld und Liebe. sondern der Einfalt der Zeit gemäß wird es, selbst in diesem Buche, so oft mit dem geliebten Gegenstände selbst verwechselt. Also sind auch die Weinflaschen V. 5. was sie sind, und dürfen keine arabische Wurzelkräuter werden. Das folgende Komma erklärt sie sogleich, durch Aepfcl: d. i. die Frucht vom Bilde ihres Geliebten. Wüßten wir genau, von welcher Frucht die Rede ist, so würden wir auch vielleicht in der Gestalt die Uebereinstimmung sehen. Kurz, sie will nur durch ihren Geliebten erquickt seyn: sie ruft: stutzet, haltet, d. i. stärkt, labt mich, daß ich nicht sinke; nicht, bettet mich auf Weinflaschen, Aepfel und arabische Kräuter. — Verfehlt man den Fortgang der Phantasie, so ist das Süsse des ganzen Bildes verloren. Herders Merke;. Rcl. u. Theol. VII. B Und ihr Geliebter singt das süsse Schlummerlied / bey dem gleichsam die ganze Natur feiert. Das flüchtige Neh, die leise Hindin schweben vorüber und scheuen sich zu rauschen; //ihr Töchter Jerusalems/ Gespielinnen, folget dem Beispiel, weckt sie nicht / regt sie nicht / bis sie selbst erwacht." Sie schlaft im süssesten Genüsse, dem Traum der Liebe. Der Augenblick ist so schön, daß noch am Ende des Buchs dieser Apfelbaum Vorkommen wird, als ein Andenken der schönsten Jugend, den damals gemachten Bund auf immer zu vesten. O ihr Braute jugendlicher Unschuld, Liebe und Freude, kennet ihr etwas süßcrs, als die Zeit, da euer Geliebter euch alles war, und Alles in Hoffnung, in Ahndung ungcfühlter Freuden t Träumt ihn lange, den seligen Traum Adams und Eva's im Paradiese: umarmet den Geliebten Baum und labt euch, und sehet in ihm das Panier der Liebe weben. Noch ist euch die ganze Natur Braulbett: alles Grünende euer Haus, alles Himmclanstei- gendc euer Portal, eure Krone. Konnte Gott dem Adam im Paradiese mehr geben, als diesen Traum zukünftiger Freuden? und wo er lebet, ist Paradies : das Mädchen, das ihn träumt, schlummert in Unschuld. Schont sic , Jerusalems Töchter, wecket sie nicht: sic schläft noch als Königin der Natur, auch das wilde Reh hat vor ihr Ehrfurcht. Der Rausch ihrer Freude ist Hoffnung! ihr Panier ist die Liebe! * * Stimme meines Lieben! Siche, er kommt! I. Lieder der Liebe. >9 Springt über die Berge, Hupst über die Hügel. Wie ein Reh ist mein Lieber, Wie ein flüchtiger Hirsch. Siehe, da steht er schon Dahinter der Wand, Schaut durchs Gelander, Blinket durchs Giiter. Er spricht mein Lieber, Er spricht zu mir: Steh auf, meine Liebe, Steh auf, meine Schöne, Komm! — Denn siehe, der Winter ist über, Der Regen ist über, vorüber! Man sieht schon Blumen am Boden, Die Zeit des Gesanges ist da. Man hört die Stimme Der Turteltaube Auf unsrer Flur. Der Feigenbaum hat seine Feigen Mit Süsse gewürzt. Des Weinstocks junge Trauben Duften schon. Steh aus, meine Liebe, Steh auf, meine Schöne, Komm! Mein Täubchen in den Spalten des Felsen, In den hohlen Klüften der Steige, Laß sehn mich deine Gestalt, B 2 30 I. Lieder der Liebe. Laß deine Stimme mich hören, Denn deine Stimme ist lieblich, Denn deine Gestalt ist schön. Daß dieß Stück mit dem vorigen nicht Zusammenhänge, sichet ein jeder. Dort entschlief das Mädchen unter dem Apfelbaum, im Traume des Geliebten, der ihr ein Schlummerlied sang. Hier ist er entfernt, lange entfernt gewesen: sie hat die Regenzeit des Winters, wie ein eingcschlofsenes Täubchen in den Felsenrizen, zugebracht; jetzt erweckt sie, nicht Frühling, nicht Lerche, sondern Stimme des Geliebte»/ der fernher kommt und ihr Frühling und Freude bringet. Von ferne keimt sie seine Stimme und er ists. Er hüpft/ er springt über die kleinen Berge / von denen Palästina voll ist, ei» hüpfender Hirsch / ein springendes Neh. Da steht er schon hinter der grünen Wand/ blickt durchs Geländer / blinkt/ wie eine ausbrechende Blume, durchs Gegitter / nun spricht er/ nun stngt er, horch! Alles, was Frühling und Liebe, Garten und Morgen geben kann, ist in dem Liede; der liebkosende Ton des Originals aber ist unübersezbar. Er ruft sein Täubchen aus der Felöhöhlc und lockt sie mit allem Reiz und Schmucke des Frühlings. Alles ist da, nur sie fehlt; auch das Turteltäubcheit/ ihre Gespielin. Alles dufte, blühe, singe; nur ihre Stimme und schöne Gestalt fehlen.-Und sie läßt sic noch schweigen, das Täubchen antwortet nicht. Es ist offenbar ein einzelnes abgebrochenes Slück, der erste FrÜhlittgS- hesuch der Liebe — Und in Orient, wo auf Einmal Frühling wird zr) wo, wenn die Regenzeit vorüber ist, die Natur erwacht und oft an Einem Morgen plötzlich eine ganz andre Welt zeiget, ist Zug vor Zug Wahrheit. — Eben fo das Folgende: Faht uns die Füchse, Die kleinen Füchse, Die Weinbergsvcrderbe.r, Der Weinberg knospt. Es hangt weder mit dem Vorigen , noch mit dem Folgenden zusammen: cs ist ein einzelnes Scht'llch- likd / wie man ja Jagd - und Ernte- Kriegs- und Fischcrlieder hat; dem Schaferleben des Orients war dies Scheuchlied wider dis sogenannten Dibs oder Jackalö q) nöthig. Bekanntlich sind dies kleine Füchse, dunkler als diese, die in Orient in Heerden gehen, alle Nacht um Garten und Hauser belfern und den Früchten, insonderheit dem Weine, sehr schädlich sind. Der Sammler sezte das Lied hicher, ohne Zweifel, weil im Vorigen die JnhrS- zeit/ zu der auch knospende Weinberge gehören, als blühend beschrieben ward- Das ist nun die Zeit des Geschäfts in diesem Liede, wie im folgenden , das eben so einzeln da stehet: x) S. Hasselquist S- 26t. ,,Die neuen Blät- „ter brechen hervor, ehe die alten abgefallen „sind, die mehresten Bäume haben daher keine „Laubknospen." S. Shaws Reisen, S. 158. 22 I. Lieder der Liebe. Mein Lieber ist mein, Und ich bin sein ' Er weidet in Blumen, Bis der Tag sich kühlt, Und die Schatten fliehen. Kehr um denn, o Lieber, Sey wie ein Reh, Wie ein flüchtiger Hirsch, lieber die Berge, Die jezt uns trennen.- Ihr Geliebter ist im Geschäft seines Weidens. Er meidet unter Blumen / mit denen dort Thal und Höhen bedeckt sind. Fern von ikr; aber er wird Wieder kommen/ mit der Kuhle des Tageö/ mit den länger» Schatten ; wird wie ein Hirsch springen über die Berge r) / die jetzt sie trennen. Das Lied ist unschuldig und süß; cs verfingt ihr die Zeit der Einsamkeit und der Entfernung, die lange schwüle Tagesstunde mit dem Andenken ihres Lieben. — Und nun ist Morgen, Tag / Abend gefeiert; hier kommt ein düstrer Nachtgesang / eben so schön und einzeln. In meinem Bette suchte ich, Die lange Nacht, r) „Die ganze dortige Gegend ist von Berg und „Hügeln voll. Kaum ist ein Schritt zwischen „ihnen. Es geht immer hinauf und hinab." S. Hasselquist S. H5. rüi. ihg. Welch ein Bild gibt das, vom springenden Hirsch, vom hüpfenden Reh! Auch das Weiden unter Blumen ist Wahrheit, (s. Anmerkung in) und keine Dichtung der Zier halben. r I. Lieder der Liebe 23 Den meine Seele liebet — Ich suchte ihn und fand ihn nicht. Ich will aufstehn nun, Die Stadt umgehn, In den Strassen, In den Gassen, Und suchen ihn, Den meine Seele liebet; Ich suchte ihn und fand ihn nicht. Mich fanden die Wächter, Die die Stadt umgehn: „Den meine Seele lieber, ,,Saher ihr ihn?" Ein wenig weiter, ihnen vorüber, Da fand ich ihn, den meine Seele liebt. Ich Hab' ihn und will ihn nicl>t lassen, Bis daß ich ihn führe Ins Haus meiner Mutter, In meiner Gebahrcrin Kammer.- Siehe einen Nacht, und Klagegcsang voll Einfalt , Handlung, Schmerz und Freude. Welch ein Tappen und Suchen in der Finstcrnlß durch Nächte und Nachtzeiten! Sie fahrt in Träumen auf, findet ihn nicht; he erträgtS nicht, mich aufstkhn, wandern durch Gassen und Strassen, und findet ihn nicht. Die Wächter der Stadt, das schnelle Fragen, das Vorübcrgchn ohne Antwort zu erwarten , sind so ängstlich; — — und da hat sie ihn endlich und will ihn nicht lassen. Der Mutter Haus, der Mutter Kammer soll ihre Beute fcst- hallen und ihr nächtliches Suchen krönen — — 2 - I. Lieber der Liebe. Abermals welche jungfräuliche Szene! In der Mutter Kammer ists, wo sic ihn hinführet, wo sie in Traumen ihn suchte, den sie unter dem Schleier der Nacht mit Angst und Eile sich erwarb -sie will ihn halten und nimmer lassen. Ist sie besten nicht werth, diese Liebe? Und siche, der Geliebte singt ihr das Schlummerlied Wieder: Ich beschwör' euch, Töchter Jerusalem, Wey den Hinden, beym Rehe der Flur, Wenn ihr sie weckt! Wenn ihr sie regt! Meine Liebe, Bis ihr es selbst gefällt! Das Lied stehet hier nicht so gut, wie zum crsten- male, da in der Kammer ihrer Mutter wohl weder Hinden noch Rehe, noch Töchter Jerusalems sind, sie zu stören o). Ohne Zweifel setzte cs der Sammler her, weil cs Nacht ist, und weil er ihr nächtliches Suchen und Streben jezt mit süsser Ruhe krönen wollte.- e) Ich glaubte nicht, zu diesem Schlummerlieds und zum Schwur bcy den Rehen auf dem Felde eine Erläuterungsnore nöthig zu haben. Da ich aber sehe, daß ein neuer Ausleger, uns am Hohen- liede eben Geschmack zu lehren, die Worte so auslegt: „Eure Nehchen, ihr Töchter Jerusalem, mit denen ihr, wie die unser» mit Hünd- ,,chen, spielt, sollen euch sterben, wenn ihr sie „weckt —" so muß ich, nicht um der Rehchen I. Lieder der Liebe. 25 Und da es einmal Nacht ist, laßt er noch mehr solche einzelne Nachtstücke folgen, die nicht mehr Zusammenhängen , als eine Reihe schöner Perlen auf eine Schnur gefastet : * * Wer ist, die dort Aus der Wüsten steigt? und Hündchen, um des gesunden Verstandes willen muß ich rufen: Nein! Wenn Orpheus in der Hölle den Pluto beschwört l>^ tlie streaM8, tb.at evor klove, li^ tlie sraZrsnt vvinäs, tlint lilovv o'er tlr' ibil^sians klo^vr's — will er denn, daß die strssnm nicht mehr strömen und die winäg nicht mehr blasen die IiappA «onls nicht mehr i» Elysium wohnen oder gar sterben sollen? Jsts nicht offenbar: so wahr sie fliessen, so wahr sie wehn, so wahr die Rehchen auf dem Felde schlüpfen, ihr vorbeischlüpfen wie Lüftchen der Flur, und sie nicht stören; so wahr — Kurz es ist ein Schaferschwur, wie ja jeder Stand und jede Nation bey ihren Gegenständen, und Zwar den theuersten und lieblichsten schwöret. Run haben die Morgenländer zu Schafcrgleichnissen nichts lieber, als das Neh- chen — und ists hier nicht offenbar Reh des Feldes, nicht das Reh in der Stadt Jerusalem, ,,mit dem die Hausjungfern, wie die Unsre „mit Hündchen, gespielt haben —" S. zu dieser und zur -Wcinkellcrnote I/ÜLbael. not. 127. ack Horvtli. ^>. in. 2Ü I. Lieder der Liebe. Wie Säulen Rauch, Wie Duft von Myrthen und Weihrauch, Und köstlicher Würze Dust. Wir werden den Anfang dieses Fragments noch öfter sehen; cs ist ohne Zweifel ein gewöhnlicher Licdcranfang und Eingang einer neuen Szene in Orient gewesen, wie jede Nation und Sprache dergleichen hat. Hier steht etwas auf aus der Wüste, schlank und licht wie eine Säule Rauch, duftend wie Myrrhen und köstlicher Weihrauch; es ist den Morgenländern gewöhnlich, so die Erscheinung des Mädchens in Nacht und Dämmerung zu mahlen. Der zarte lange Wuchs ihrer Glieder wird die Rauchsäule; von Salben und Weihrauch muß bcy ihnen Schönheit und Liebe duften. Siehe das Bett, Salomo's Bett! Sechzig Mächtige stehn umher Aus den Mächtigen Israel. Sie alle die Hand am Schwert, Alle Krieges gelehrt Jeder an der Hüfte sein Schwert, Fürm Graun der Nacht, Ein Prachtbett machte der König Salomo sich, Aus Cedcrn vom Libanon. Die Säulen macht' er von Silbsr, Den Himmel von Gold, Die Decke von Purpur, Die Mitte gepolstert mit Liebe, Für die Töchter Jerusalems. Gehet hinaus und schauet ihn an, Ihr Töchter Zions, den König Salomo; I. L i e d e r d e r L ie b e. 27 In der Krone, womit ihn seine Mutter gekrönt, Am Tage seiner Verlobung, Am Lage der Freude seines Herzens. Ohne Zweifel gaben die vorigen Nachtszcnen Anlaß, daß s)er prächtige Gesang, der auch mit Nacht und Schrecken anfangt, jetzt folget; aber in wie sonderbarer Verbindung ! Das Lied hat drey Strophen, wovon die beiden ersten in ihrem Ausgange offenbar zu einander passen. Das erste Bett ist so furchtbar //UM des Grauens willen der Nacht/" das zweite prächtig /,nm der Töchter willen Jerusalems /" das dritte vollendet des Königs Pracht und Herzensfreude. Ward je eine Vermahlung würdiger besungen? Der Gesang steigt vom Bett des Helden zum Bette der Liebe , von ihm zur Krone der Hochzeit und Herzensfreude. Zn jenem ist der König nur furchtbar, im zweiten beneidet und prächtig, in der dritten geliebt und selig. Das erste schmücken Helden, das zweite Buhlerinnen, das dritte Mutter und die ewige Freundin. Der Brautkranz seiner Mutter geht dem Könige über Heldcnruhm und Königskrone.- Die Vermahlte erscheint hier nicht: sie pranget auf keinem Throne. Sogleich aber folgt, wie sie cs verdient, ihr Lob, nicht durch Pracht; Gold und Reichthum, sondern durch Schönheit. Von nun an werden die Schilderungen kühner, denn cs lieben sich zwey von der Mutter Vermählte: O schön bist du, meine Liebe, N du bist schön. 28 I> Lieder der Liebe. Deine Lugen Täubchen, Am Lockenhaar. Dein Haar ist wie die Gcmscnheerde; Die weidet vom Gilead. Die Zahne wie die Lämmerheerde, Die neugeschoren aus der Quelle steigt, Die alle Zwillinge tragen, Und keines derselben fehlt. Wie ein Purpurfaden deine Lippen, Und deine Rede süß. Wie ein aufgerizter Apfel deine Wangen Am Lockenhaar. Dein Hals, wie Davids Thurm, Gebauet zur Waffenburg. Tausend Schilde hangen an ihm, Lauter Schilde der Helden. Die zwo Brüste dein, Wie zwo Zwillingsrchchen, Die unter Lilien weiden.- Und weiter lasset ihn die bescheidene schamhafte Braut nicht sinken. Sie unterbricht seine entzückte Beschreibung „Bis der Tag sich kühle, Und die Schatten flieh» , Will ich dort zum Myrrhenbergc, Zu den Wcihrauchhügeln gehn." Und der eben so bescheidne Liebhaber, der ihre Schaam ehret und sogleich fühlt, warum sie seinem Lobe entrinnen wollte, fahrt nachgcbcnd fort: I. Lieder der Liebt. 29 Ganz bist du schön, 0 Liebe, Kein Tadel ist an dir. Mit mir vom Libanon, 0 Braut, Vom Libanon wirst du kommen mit mir, Wirst von der Höh Ämana sehn, Bon Senir, Hermon weit umher. Von den Wohnungen der Löwen, Von Len Bergen der Parden —- Du beherztst mich, 0 meine Schwester Braut! Du beherzest mich mit Einem deiner Blicke, Mit Einer Ketten an deinem Halse. Wie süß ist deine Liebe, Du meine Schwester Braut! Wie süsser ist deine Liebe denn Wein! Der Duft von deinen Salben Als aller Duft! Honig triefe» deine Lippen, 0 Braut! Milch und Honig ist unter deiner Zunge, Der Duft von deinen Kleidern, Wie Libanons Duft. Ein heiliger Garte bist du, meine Schwester- Braut , Ein heiliger Quell, ein versiegelter Brunn, Deine Gewächs' ein Aepfelparadies Mit aller köstliche» Frucht. Nardus und Krokus, Cimmet und Kanna, Weihrauch allerley Art. Aloe und Myrrhen, Mit allen trefflichen Würzen, 3o 1. Lieder der Liebe. Ein Brunn der Garten, Ein Quell lebendiger Wasser, Die rinnen von Libanon — Erhebe dich, Nord! Und Südwind, komm, Durchweh meinen Garten, Daß seine Würzen fliessen.- Die bescheidene Geliebte, abermals sein begeistertes Lob zu enden, als ob sie es nicht verstünde, halt ihn beim Wort: So komme, mein Geliebter, In seinen Garten Uno esse seine köstliche Frucht. Und er, ihr abermals nachgcbend: Ich kam in meinen Garten, O meine Schwester Braut! Und brach von meinen Myrrhen Und meinen Würzen, Und aß von meinem Honig Und Honigseim, Und trank von meinem Weine Und meiner Milch. Nun esset, meine Geliebten, Und trinkt, und werdet trunken, ihr Lieben- So endet dies unvergleichliche Slickwerk von Zucht, Einfalt, Liebe und Schönheit; gelange es mir, nur einige Haupizüge davon im Geiste Morgenlands zu verfolgen! Die Schilderung der Gestalt seiner Geliebten ist ganz in Bildern der lebendigen Natur, aus der I. Lieder der Liebe. 3 , wir so sehr hinaus sind. Die meisten Gleichnisse dieser Art dünken uns daher unnatürlich, morgenländisch nnd übertrieben; da in Orient hinten sic beinah bestimmte Sprache sind, und daher auch in diesem Liede allemal wieder kommen, wenn der Thetl menschlicher Schönheit, den sie abbilden, genannt wird. So sind die Augen mehr als einmal blöde Täubchen / die hinter der ^vollen schönen Locke hervorblicken ; daö Haar mehr als einmal die Gemsen-/ die Zähne mehr als einmal die Lämmerheerde ; Natur und Wahrheit liegt in den Bildern! — Kann das zarte Haar, auch in seinem Herabfliessen, im Fall seiner schönen Locke, lieblicher geschildert werden, als im Bilde jener glanzenden Heerde, die weidend hie und da, und wie in Flechten und Locken den schönen Gilead hinabströmet? Die Fülle, die Weisse, die ununterbrochene Reihe, die Gesundheit und Wohlgestalt der Zahnet), kann sie ein besser Bild in der Ic- bcndigM Natur finden als von der Heerde neuge- schorner, neugewaschener Lämmer, wo jede Mutter t) Da die Morgenländer so sehr Reinigkeit des Mundes und gesunden Athen; lieben; so ist auch deswegen für die Zähne kein besser Bild, als die ncugesehorne Heerde. Was die Dollmetsch- ung eines neuen Auslegers sagen wolle, daß die Schaafe aus der Quelle kommen und xroNibitae xotu sind, verstehe ich nicht. Man muß auch nicht fragen: gibts eine Heerde ganz gleicher Schaafe, die alle Zwillinge tragen u. dgl. Es gibt solche — hier im Munde der Geliebten- 32 I. L ic d e r d e r L i o b e. Zwillinge trägt, lind keine fehlt, keiner cS mangelt? Wer nennet mir ein schöner Bild zarter Lippe»/ als den Pm'purfade»/ der süsse Rede wie Gesang der Liebe haucht? und ein süsseres Bild der zarten erröthcnden Wange/ als den Milch - und Bluksast des aufgerissenen GranatafclS ? Der Hals, mit Davids Thurme verglichen, ist oft belacht worden; ich weiß aber nicht, was hier im Punkte der Vergleichung treffender sonn könne? Fest und rund und schön und geziert steht ec über der Brust der königlichen Braut da; auch an ihm, wie an der stolzen Davidsvestc, hangt glanzende Siegsbeutd / die einst ein Held trug, und überwunden freiwillig dahinzollte, das prangende HalS- qcschmeide. So gehet es fort mit den Bildern bis auf die ZwillingSrchchen / die unter den Lilien wcidrn u); so lange Natur Natur ist, wird man aus der Schafcrwelt und Gegend keine reizendere, lebendigere Bilder finden. Dies war die Beschreibung ihrer Wohlgestalt und Schönheit. Da aber die sittsame Braut abbrach und kein weiteres Detail wollte, und der ihr nachgebcnde Bräutigam alles Ucbrigc in zwey Zügen zusammcnnahm, //ganz bist du schön/ o Liebe! an dir ist kein Tadel/" und doch nicht u) Bey den Morgenlandern ist die Gazelle ein Bild alles Zarten, Schüchternen und Lieben. S. Loc-bai-t. Hiernr. ?. I. p. ggg. Hasselquist S- 56h- d'Alrvieur, Shaw: u. a. Welch ein treffendes Bild des Schüchternen, Leise - und Stillschweigenden hier! I. Lieder der Liebe. nicht abbrcchcn konnte; welch andre noch entzückte» re Schilderung macht er jetzt, nicht von ihrer Schönheit, sondern von ihrem Reiz , von ihrem Reiz in Liebe und Freundschaft. Ihre Kleider duften, ihre Lippen triefen Honig, Milch und Honig unter ihrer Zunge, der ganze Libanon in ihrem Gewände. Quell, Garte, ein Paradies von Baumen, Würzen, Erquickungen, Labungen, Früchten — nichts thut ihm Gnüge, die Entzückung zu beschreiben, die ihm ihre Liebe gewahrt. Er schwimmet und schwebt gleichsam auf allen den Düsten und Blumen, Quellen und Kühlungen, die er nennet, und hat sich selbst noch nichts gesagt. Er befiehlt dem Nord und Süd aufzustehen und seinen Garten zu durchregen, daß die Würzen fliesten, daß er noch begeisterter spreche. Welch ein pindarischcr Schwung auf den Flügeln der Natur, der Regung und Liebe! nur muß man freilich in Morgenlande die Bilder sehen. Was ist ihnen dort eine lebendige Quelle, ein frischer Strom! wie theuec ein reiner versiegelter x) Quell, und ein x) Den verschlossenen Garten Salomvns hat Has- s elquist, (S. 167.) den versiegelten Brunnen Salomos Pocock, (LH. 2. S.63.) und die versiegelte Wasserquelle d'Arvieux (LH. 2. S. igi.) gesucht, und wie es recht war, auch wirklich gefunden. ES wäre gut, wenn noch eine Gesandtschaft ausgeschickt würde, die beiden Rehchen und den runden Becher und den Weizen- Hausen Salcmons zu suchen ; sie würden es gleichfalls finden. Herders Werke z. Rel. u. Lhsol, VII. E I. Lieder der Liebe. Paradies voll Drifte und Würze/ ein heiliger verschlossener Garte! Ihnen wohnt Eden noch auf den Spuren, der Garte verlorner Liebe- Und zugleich ist alles so bestimmt, so örtlich. Gilead ist noch bis auf den heutigen Tag der lachende Berg voll weidender Hecrdcn aller Art und gleichsam voll regen Lebens^) Libanon noch bis jetzt die Höhe voll Ccdcrduft, weiter Aussicht, insonderheit nach Damaskus hinab 2), voll Wildes und frischer Kräuter, das Vaterland der Ströme und Quellen. Da nun die ganze Stelle //komm z/herab mit mir vom Libanon /" bis zu der ,/du hast mich beherzt gemacht/ 0 Schwester/" so misdeutet und Übel verstanden worden, so sey mir ein Wort näherer Entwicklung vergönnet. Die Braut ist nicht auf Libanon, als ob er sie von der Schneehöhe mit seiner Stimme , wie rin Kind, herunter riefe, denn sie ist Key ihm, «nd was sollte sie Key Pardern und Löwinnen schaffen? Er singet sie ja, uyd sie unterbrach ihn rben. Da sie ihn nun aber mit einem Lustgange in den Myrrhenhain, in ein duftendes Schatten» Wäldchen unterbrach, und der Liebhaber sie im Lobe und Lieben nicht lassen wollte: so spricht er: „Mit ,/Mik/ meine Liebe/ mit mir! willst du lust- F) d'Arvieux LH. s. S. 638. ») d'Arvieur LH. s. S. 32b. u. f. Pocock Th. s. S. rbe. Amana und Senir sind die schönste« Seiten und Prospekte den Libanon hinunter. ,/wandelt!/ meine Liebe/ da sind andre Gegenden, „andre Aussichten. Vom Libanon herab Witt ich „dich führen, von seiner Höh Amana und Senir //sollt du blicken: durch das Reich der Löwin- „nen und Leoparden bin ich mächtig gnug , dich „zu begleiten. Denn du machst mich stark: ein //Blick von dir macht beherzt/ ein Wenden bei- ,,ner Halskette." Und nun strömt ihr Lob unter dem Bilde Libanons und Gileads/ des Gartens und der Würze, das, wie wir sehen, eben ihre unterbrechende Einsprache dem Liebling in den Mund legte. Und so lasset uns noch mit einem Worte die so verkannte und gemishandelte Einsprache der Braut feiren. Schönheit und Reize sind süß; aber eine Braut der Unschuld, Bescheidenheit und Schamrölhe soll man loben. Als ihr Liebhaber, ihr Vermahlter, nur von ihrem Busen sprach, wandte sic sich; cS unterbrach ihn ihre Lippe voll Milch und Honig. Und der Liebling fahret nicht fort, nennet sie von jetzt an nur Schwester, wählt auch in seiner Entzückung nur Gleichnisse vom verschlossenen Quell, vom versiegelten Garten^ vom heiligen, reinen Brunnen, als ob er mit jedem Wort ihr Lhr schonen und die Rose ihrer Schamhaftigkeit, die schönste Blume im Kranz ihrer Schönheit, feiren wollte. Und da er nochmals zu lang' auf den Düften ihrer Liebe schwebet, unterbricht sic ihn wieder, thut, als ob sie ihn nicht versiehe? ladet ihn in seinen Garten. Und er folgt ihr wieder, spricht: „das scy'S zwar nicht, ZS I. Lieder der Liebe. „wovon er rede! den Garten habe er in allen seinen Reizen genossen rufet ober seine Freunde nnd Geliebten in denselben/ sich mit ihm zu freuen , damit Sr und Sie sich an ihrer Freude erlaben. — Süsser Streit der Liebe und Unschuld, der männlichen Entzückung und weiblichen Schnm- röthe! sanft Gewebe, das die Hand des zartesten Künstlers spänn und die Hand des Menschenfreundes in unsre Natur webte. Mit der Perle der Unschuld , mit der Rose der Zucht ist dem Braut- fchmuck seine beste Zier, dem Garten des heiligsten Vergnügens die schönste Blume geraubt, und der heiterste Quell trübe. — Und siehe, eben von der Stelle des Hohcn- kledeS, die sie so zart feiert, hat man sie verjagen/ ha« Worte der Unschuld zu schändlichen Zweideutigkeiten machen wollen, die nach allen Zeugnissen, alt und neu, der Orient gar nicht kennet u), gar nicht leidet, sondern uns zweideutigen gesitteten Europäern als Schlamm und Schande ins Gesicht speiet. Was wäre denn der Garte/ daran der Liebhaber satt hat und seine Gespielen dazu einladet ? was wäre er im Gefühl des eifersüchtigen reinen Morgenländers?-Doch warum verderben wir uns die Szene der Unschuld mit Erinnerungen solcher Art? Freunde und Geliebten haben satt getrunken: der Bräutigam sich satt ge, lobet; es folgt abermals eine Nachtszene. , a) S. d'Arv i e ux, Th- 2. S. e63. i8L. 26h.. Imgleichen Niebuhr u. a. I. Lieder der Liebe! ^7 Könnte ich vom Haupt des Liebhabers einig« Thautropfen als Tropfen der Vergessenheit auf meine Leser sprengen, daß sie das trefliche Stück gan; und allein und unvecmmgt mit vorigen Farben und Eindrücken fühlen! Ich schlafe und mein Herz macht! Stimme meines Geliebten! Er klopft! „Thu auf mir, meine Schwester, meine Freundin, Mein Täubchen, meine Reine, Thu auf mir." „Mein Kleid ist auSgezog»n; Wie? soll ichs anziehn? Meine Füffe sind gewaschen; Soll ich sie neu besudeln?" — Mein Lieber streckte Die Hand durchs Gitter, Mein Jnnres bebte mir. Schnell stand ich auf, Zu thun ihm auf, dem Lieben. Meine Hände troffen Myrrhen, Meine Finger troffen Myrrhen, Die über den Riegel liefen. Auf that ich meinem Lieben! Mein Lieber war entwichen, Verschwunden- Meine Seele war mir entgangen, Da er zu mir sprach — Tch sucht' ihn nun, und fand ihn ntcht. I. Lieder der Liebe. Ich rief ihn, aber Er Antwortete mir nicht. Mich fanden die Hüter, Die die Stadt umgehn. Sie schlugen mich, Sie verwundtcn mich, Sie raubten mir den Schleier, Die Hüter der Mauern. Ich beschwör' euch, Töchter Jerusalems i Wenn ihr ihn sinder, Meinen Geliebten, Was wollt' ihr ihm sagen? — Das, ich vor Liebe krank bin. ,,Was ist denn dein Geliebter vor Geliebten., Du Schönste der Weiber! Was ist denn dein Geliebter vor Geliebten, Daß du uns so beschwurst?^' Mein Lieber ist weiß und roth, Ein Panier aus zehnmal Tausenden. Sein Haupt das feinste Gold, Seine Locken kraus, Und schwarz, wie ein Rabe. Seine Augen wie die Täubchen über Quellen, In Milch gebadet, In Fülle schwimmend. Seine Wangen sind wie Blumenbeete, Wie Kästchen Würze. Seine Lippen Rosen, Sie triefen strömende Myrrhe, Seine Hände güldne Cylinder, Voll Tyrkiffe, I. Lieder der Lieb«. r» Sein Bauch ein lauteres Elfenbein, Mit Sapphieren bedeckt. Seine Schenkel Marmorsäulen, Gegründet auf güldnem Fuß. Sein Ansehn wie der Libanon, Erhaben wie ein Eederbaum. Sein Gaume Süßigkeiten, Und ganz Er Lieblichkeiten. Der ist mein Lieber, der ist mein Freund, Ihr Töchter Jerusalems. ,,Und wohin ging denn dein Geliebter? 1 Du Schönste der Weiber! Und wohin wandte sich dein Geliebter? Wir wollen ihn suchen mit dir." Mein Lieber ging in seinen Garte», Zu seinen Blumenbeeten, Zu weiden in den Gärten, Zu sammlen Rosen sich. Mein Lieber, ich bin sein, Mein Lieber, er ist mein, 'Der unter den Rosen weidet. — — So bricht das Stück ab , und ohne Zweifel sind- auch schon mehrere Stücke, die der Sammler an einander fügte, weil Gelegenheit und eine gute Fuge da war. Das wandernde Nacktmatchen beschwur die Töchter Jerusalems, und da diese antworteten und nach dem Merkmal ihres Geliebte« fragten, so war jczt die beste Zeit, daß die ängstige vor Liebe Kranke die Gestalt ihres Liebhabers 4 « I. Lieder der Liebe. mit einem Glanz und einer Sehnsucht auszeichnct', die fast die Nacht erleuchten. Und da die Gefragten weiter fragen und sie ihnen nichts weiter an, vertrauen will, so kommt das Lied wieder unter die Schäfer - und Rosengesange, wo sie Key Gelegenheit der Rosen ihr altes Bekenntniß der Liebe wiederholt und wie eine Nachtigall gleichsam mit diesem Schluß und Wiederhalle forteilet. — — Auch muß ich abermals bemerke» , wie verändert die Szene gegen der vorigen erscheine. Dort war eine Königövermählte / der Eilead und Hermon, die Davidsveste und der ganze Libanon mit Löwen und Leoparden zu Gebot stand. Alle Bilder waren in dieser Fülle, in diesem Schweben — Ein Blick von ihr konnte Helden machen: die Goldkette ihres Halses riß den Liebhaber mit sich fort. Hier ist ein Landmädchen / die in ihrer Hütte, im Garten, allein schlaft. Der Geliebte kommt zur schlechten Thür, wo er am Riegel eingreifen kann und wie ein Schäfer die Thür seiner Geliebten salbet k). Er ist voll Thau und ohne Obdach, will eingelassen seyn — sie schlummert, spricht zwischen Schlaf k) Daß die Salben am Riegel der Lhür und nicht an ihren Fingern gewesen, sagt die Urschrift deutlich; auch einige Uebersetzungen haben es schon so ausgedrückt und verstanden. Das Salben und Kränzen der Thür der Geliebten ist eine alte Sitte der Gegenden; auch bey den Griechen gewöhnlich, von denen sic, wie mich dünkt, Guys noch jetzt anführt. S. auch Leßings lkleloA. Zalom. x. go. I. Lieder der Liebe. 4r und Wachen, wie ein armes, reines Landmadchen. So steht sie auf, so sucht sie, so ruft sie, so begegnen ihr die Wächter, so beschwört sie die Töchter Jerusalems als eine Unbekannte, so antworten ihr diese; kurz, dies Niedrige, Garten- und Land- mäßige ist die Seele dieses vorlreflichcn Liedes. Sezet eine Königin im Goldsaal an die Stelle, und alles ist verschwunden- Der Anfang des Stücks hat einen so ausserordentlichen stillen Naturreitz, daß ich etwas darüber zu sagen verstumme. Das Schlafen, „aber das Herz wacht" die Stimme des Geliebten, das Klopfen, die Namen, mit denen er sie anredet, die Beweggründe seiner flehenden Bitte: ihr Säumen, ihr Tändeln, das mühsame Kleid, der reine Fuß-und wie er nun am Niegel regt, sich selbst öffnen will; wie sie zusammen fahrt, aufsteht, eilt, öffnet, unvermuthet die Hand voll Myrrhen hat, die Finger voll Salbe des stillen Opfers seiner Liebe-und Er hinweg ist, nicht da ist, nicht spricht, nicht antwortet: „Dir Seele war mir entwichen, ich war ja ausser und nicht Key mir, daß ich schwieg, da er sprach, daß ich träumte, da er klopfte-" Armes Mädchen! du mußt dein Säumniß nun mit später Reue, Wunden und Angst küssen. Wie sie nun umgeht! wie sie irret! nächtlich ängstlich suchet und irret! bis an die Mauer ge- räth und den Wächtern in die Hand fällt, die sie als eine unedle behandle», sie verwunden, ihr den Schleier der Ehrbarkeit und jungfräulichen Zier 42 I. Lieder der Liebe. rauben — und wie sie, alles verschmerzend, weiter eilt, die Töchter Jerusalems beschwert, ihm nur zu sagen, ihm zu sagen daß sie krank sep von Liebe -— -— Und da die Töchter Jerusalems stolz und prächtig nach Merkzeichen ihres Geliebten fragen; welch ein Zeitpunkt zu seinem Lobe, zu Schilderung seiner Gestalt! Jetzt unter dem Schleier der Nacht, im Gefühl, ihn verscherzt, ihn beleidigt zu haben; überdem aufgefodcrt, gereizt von diesen vornehmen Spröden, und endlich aus der Fülle eines liebe- siechen, verwundeten, kranken Herzens. Da strömt sein Lob: seine Gestalt wird ein wahres Prachtbild, Kolossus von männlicher Würde, Glanz und Schönheit. Sie schildert ihn, nicht, wie er sie schildern würde: mehr seine Kleider als ihn; mehr seinen Anblick, als seine Reize. Ehrfurcht und Zucht haben so viel Theil an ihrem Gesänge, als Sehnsucht und Liebe. Nur wiederhole ich, daß diese Gestalt mir zu der Landszene des Nachtgesanges abstcchcnd dünkt: beides scheint nur vom Sammler gebunden. Weiß Ulld roth ist ihr Geliebter, erkennbar unter zehntausendett/ als ob er unter ihnen Panier schwänge. Sein Haupt ist feines Gold t sie verliert gleichsam die Züge seines Gesichts unter dem Schmucke des Turbans, der ihn auszeichnet und bey den Morgenländern überhaupt so wie das Sinnbild männlicher Würde, so auch Unterschied des Standes und der Ehre ist. Seine Locke ist kraus und rabenschwarz : voll Starke der Jugend und des Charakters. Seine Augen werden als Täubchen ausgemahlet, wie sic bisher I. Lieder der Liebe. 4 ' noch nicht wurden, und es ist offenbar, daß in der Vergleichung nicht von Augen der Tauben, sondern von ihrem ganzen Bilde die Rede scy, wie sie Über der Quelle in Fülle schwimmen nnd steh in Helle des Wassers baden; so belebt, so schwimmend und regevell, so voll Schüchternheit und Unschuld sind diese Augen. Ucbergeht es nicht weit, was die spakern Morgenländer durch den Blick der Gazelle sagen? Seine Wangen sind aufsteigende Blumcngeländer und (wenn mir der Ausdruck erlaubt ist) Apothekerbüchschen voll kost* licher Würze. Und seine Hände goldne Cylinder o) mit Ringen und Armschmuck umfasst. Und sein Bauch zartes Elfenbein, mit Sapphiercn geziert im Gürtel und Dolchschmuck. Und seine Schenkel Marmorsäulen/ ans goldnem Fuß — wo abermals Starke und Vcstigkeit mit Schmuck und Pracht nach morgcnlandischcr Weise Eins wird. Und welch ein Bild, wenn sein ganzer Anblick ein k) Ich glaube gerade nicht, daß die Finger mit Al-Henna gefärbt seyn müssen, um für die Braut güldnc Cylinder zu seyn; auch sein Haupt und sein Fuß ist Gold, und alles an ihm Gold, das mit Schmuck und Ringen bedeckt ist. Wie sehr die Morgenlanderinnen den Goldschmuck , die Metallverzierungcn lieben, hat d'Arvieux, Niebuhr u. a. bemerkt; es zeigt sich auch in dieser Beschreibung. S. übrigens zu den Stücken dieser Kleidung d'Arvieux LH. 3. S. 241. 16Z. u, f. und Rieb uhr LH. p. S. rbg. u. s. 44 I. Lieder der Liebe. LibaNUs wird! sein Wuchst eine erlcsne ewige Erder! Und sein Gaume ist Süßigkeiten/ seine Lippen leibhafte Rosen (nicht blos Rosen im Bilde) und Er Lieblichkeit , ganz Lust und Liebe.- Man nehme zusammen, wie die Künstlersekle der Liebhaberin ihren Geliebten ausbildet und ihn gleichsam als desto, ewige Ehrcnsaule hinstcllt, rmd denke cS sich in die Sitten Morgenlandes, das so sehr auf der einen Seite Pracht und Schmuck, Diadem und Goldkleinode, als auf der andern die Verhüllung liebet, am Manne die Verhüttung der Würde, am Weibe die Verhüllung der Zucht. Ec sieht als Held und König da, nur Antlitz und Hände sind unverhüllet, und auch die überdecket mit Reichthum. Kleidung und Gestalt sind in des Morgenlandes königlicher Weise-ein Ebenbild der ManneSchre und Würde. Da wir die Garten - und Rosenlicderchen schon erläutert haben, so wenden wir uns weiter; und siehe, ihr Lob wird mit einem Lobe vergolten: Schön bist du meine Freundin, Wie Lhirza schön, Lieblich wie Jerusalem, Furchtbar wie ein Kriegsherr. Wend' ab die Augen, Bor mir über, Sie sind mächtiger, als ich. Dein Haar ist wie die Gemsenheerde, Die weidet vom Gitead. Die Zähne wie die Lämmerheerde, Die aufsteigt aus der Quelle, I. Lieder der Lieber 45 Die alle Zwillinge tragen, Und keines derselben fehlt. Wie ein Riz am Granatapfel deine Wange, Am Lockenhaar. Sechzig sind Königinnen, Und achtzig Buhlerinncn, Und Jungfraun ohne Zahl; Eine die ist meine Laube, Meine Reine, Sie, die Eine ihrer Mutter, " Sie, die Liebste ihrer Mutter. Es sahen sie die Löchter, Und preiseten sie selig; Die Königinnen Und Buhlerinnen Lodeten sie. Es ist gut, daß wir die meisten Züge dieses Liedes schon erläutert haben; es ist ein hohes Lob auf die vorige arme Nachtszenc. Mit den Königsstadten Judäas verglichen, dem schönen Thirza / dem lieblichen Jerusalem/ ist sie zugleich furchtbar/ wie Kriegöheere ; er kann ihren Blick nicht ertragen. Und doch wieder, wie lieblich mit Haar, Munde, Wangen! und abermals wie prächtig! die Einige unter Königinnen, Buhlcrinnen und unzähligen Jungfraun! Und aufs neue wie lieblich! sie die reine Taube; ihrer Mutter Einzige, Liebste! Keine Königin und Buhlerin vermag sie zu beneiden; alle muffen sie glücklich preisen und lieben.— — Das Stück hatte schon prächtige, kriegerisch- 46 1 . Lieder der Liebe. königliche Züge; cs ist aber nur Anklang gegen das, was folgt, und was ich beinah für den Gipfel des Buchs halte: Wer ist, die anfglanzt wie das Morgenroth? Lieblich wie der Mond, Rein wie die Sonne, Furchtbar wie ein Kriegsheer?- „Zum Nußgarten war ich gangen - Nach den Früchten im Thal zu sehn; Zu sehen, ob schon der Weinstock knospe, Ob schon die Aepfel blühn? Und wußte nicht, daß meine Seele Mich gesetzt zum Kriegeswagen Meines edlen Volks." Kehr um, Kehr um, o Sulamith! Kehr um, kehr um, Wir wollen dich schaun! „Was wollet ihr schaun an Sulamith?" Den Tanz der Gottesheere. Wie schön sind deine Tritte in den Schuhn/ Du Tochter des Edlen! Die Schwingungen deiner Hüsten sind Wie Ketrenwerk, geschlungen von Meistershanh. Dein Nabel ein runder Becher, Dem's nimmer an Maas gebricht. Dein Bauch ein Weizenhügel, Umpflanzt mit Rose». I. Lieder der Li «'be. 47 Deine zwo Brüste wie zwo Nebchen, Die Einer Mutter Zwillinge sind. Dein Hals ein Thurm von Elfenbein« Deine Augen Teiche zu Hesbon, Am Thors der Fürstentöchter. Deine Nase wie das Schloß auf Libanon, Das gen Damaskus schaut. Dein Haupt auf dir, wie der Karmel. Das Haar deines Haupts, wie Purpur, Ein geflochtner KönigSbund- Wie schön bist du, Und wie so lieblich bist du, O Liebe, in der Lust! Deine Höhe Ist gleich dein Palmcnbaum, Und deine Brüste den Trauben. Ich sprach: „ich klimm' auf den Palmenbaum! Ich erfasse seine Zweige. Deine Brüste sollen mir Trauben seyn, Und deines Akhemsdusr Wie Aepfeldufc, Und koste deinen Gaumen Wie guten Wein — " „Der einschleicht meinem Lieben Süß hinein, Und schlummert die Lipp' ihm Säuselnd zu. Ja ich bin meines Lieben, Und seine Lust zu mir; Komm, mein Geliebter, 48 I. Lieder der Liebe. Wir wollen aufs Land, Auf Dörfern wohnen, Und früh dann aufstehn, In den Weinberg gehn, Sehn, ob der Weinstock blühe? Ob seine Trauben sich austhun? Ob die Aepfel blühn? Da will ich dir All meine Liebe geben! Die Blumen der Liebe duften schon, Und über unsrer Thür Ist allerley Schönes, Neues und alt, Mein Lieber, ich barg es bir. Wer gibt mir dich Zum Bruder mir? Der meiner Mutter Brüste gesogen. Ich fände dich draussen Und küßte dich, Und keiner verachtete mich» Ich wollt dich führen, Ich wollt dich bringen In meiner Mutter Haus. Du solltest mich lehren, Ich würde dich tränken Mit Trank, den ich bereitet, Mit Most von meinem Baum» Seine Linke Mir unterm Haupt, Und I. Lieder der Liebe. 49 Und seine Rechte Umfaßt mich. „Ich beschwör' euch, Töchter Jerusalem, Wenn ihr sie weckt! Wenn ihr sie regt, die Liebe! Bis es ihr gefallt!" Ich will zuerst die Verbindung und den Gang deS ganzen Gesanges zeigen, in ihm liegen die meisten Reize. Es wird ausdrücklich eine treue Szene ange- ckündigt, mit dem bekannten Anfänge: //wer ist dich //die auffteigt Hier aber gehet sie nicht als Dämmerung, als süsser Rauch auf, sondern schön wie die Sonne, Mond, Aurora» Der Strahl der Mor» genröthc bricht an, cs wird Mond, cs wird Sonne» es wird ein blinkendes furchtbares Kriegsheer. Sie erscheint also in aller Pracht "der Liebe; aber wie? wozu?— Zuerst singend. Sie singet das Schaserlied //ZUM Nußgarten war ich gaNgetl/" erinnert sich ihrer vorigen Landeinfalt, ihres stillen, ruhigen Lebens, als sie die Natur gepflegt, gewar» tet, geliebt und ihr nicht weiter gedacht; damals nicht gewußt habe, daß ihre Seele/ d. i. ihr Muth und Genius sie zu der Würde bestimmt habe/ in der sie jetzt erscheinet. Da sie kriegerisch aufging und vom bewillkommenden Gesänge mit einem furchtbaren Kriegsherr verglichen wurde: so nennt sie auch diese Würde kriegerisch den NÜjk- wagen ihres edlen willigen VolkS/ und der Ausdruck wird uns aus der Geschichte Salomens und Heeder- Werke >. Rcl. Lheot, VI l. D 5s I. Lieder der Liebe. der Sprache der Hebräer überhaupt verständlich. Roß und Wagen Israels sind ein gewöhnlicher Ausdruck für Kriegsmacht, Schuz und Schirm, heldenmäßige Bedeckung cl). Das wollte Gott seinem Volk seyn, das war Elias, wie sein Jünger ihm nachrief, gewesene); so nennet sic sich jetzt mit dem veredelnden Ausdruck, daß sie es nur über ein freies edles Volk sei). Die Geschichte Salvmons sagt uns, daß er die Israeliten nicht zu Knechten gemacht hat, sondern sie „Kriegölcutc Und seine ,/Diener und Fürsten und Ritter und Aufseher //über seine Knechte und Wagen" sepn lassen wird der liebende König in diese Anordnungen nicht auch seine Liebe gemischt haben? Es heißt von ihmZ): //er herrschte weit umher/ und Hane „Friede/ daß jeder in Israel unter seinem „Weinstock und Feigenbaum sicher wohnte" und doch //brachte er zu Hanf Wagen und Reuter/ „daß er hatte tausend und vierhundert Wagen „und zwölftausend Reuter/ und ließ fie in den //Wagenstädten und zu Jerusalem" ein furchtbar Kriegsheer! Konnte also auch der Ausdruck seiner Lieder ohne diese Spuren bleiben? Mußte seine Königin und Liebe nicht auch in diese Prachtspiele gemischt sevn? und wie natürlich, daß sie nun an ihre vorige Ruhe und Landcinfalt denket! Kurz, eS «l) Pf. 2Y, 8. Es. 3 t, I, e) 2 Kön. 2, 1t. 12. i Aön. g, 22. r Chron. 8, g. x) i Aon. io, 26. I. Lieder der Liebe. S. ist etwas Aehnlichcs jenem prächtigen prophetischen Psalm 1i): Dein Volk, die Edlen, sind mit dir Am Tage des Siegs In festlichen Kleidern, Wie aus der Mutter der Morgenröthe Glänzender Lhau- sic erscheint als cine Deborah, in königlicher Kriegs- pracht. Der Aufzug verändert sich und wird Tanz, Tanz wie der Reigen der Engel, der himmlischen Kriegöheere: mir ist kein Lied bekannt, wo der Tanz so veredelt, so idealisirt wäre. Der Chor ruft ihr zu, daß sie sich wende, sich ihnen wieder zurrende und schauen lasse. „Was wollet ihr schauen an Snlamith ?" antwortet sie im Schwünge der Kunst. „Den Tanz der Mahanaim !" singet der Chor zurück, und cS erschallet ein Freudenlied, wo jeder Zug nur aus diesem Bilde Leben und Bewegung hernimmt, oder er stünde todt da. Freilich sind wir auch hier in andrer Welt. Wir denken vom Tanz anders, und mögen von dem unfern Recht oder Unrecht haben; genug die Morgenländer in den frühesten Zeiten der Unschuld dachten anders. Ihnen waren die Engel, die Sterne, U) Ps. 110, z. Wir werden über den streitigen Ausdruck tAmminadib) einmal bey Gelegenheit dieses edlen Siegespsalmes reden. D 2 I. Lieder der Liebe. S2 ein janchzendeS tanzendes Steaesheer i) um de» Thron des Allerhöchsten. Chor und Ecgenchor, Mahanaim , feierten ihn im ewigen Liede, und auch unter Menschen war Tan;, wie Gesang , in den ersten Zeiten heilig. Das Siegslied am rochen Meere erschalltes) unter Chören der Weiber, mit Pauken im Reigentänze, das Siegslied der Debora!) tragt davon gleiche Spuren: und daß auch dieser Tanz nicht weich und wollüstig sei) , deshalb ist er so prächtig und kriegerisch eingeleitet worden. Und so sind seine Bilder. Im Tritt, im stolzen Tritt in ihren Schuhen erscheint sie eine Tochter des Edeln: vera incemi pLiuri Oe»l Die Wendungen und Schwingungen ihrer Hüfte sind ein theseischer Tanz, ein Gewebe der Ariadne; Kettenwerk, künstlich geschlungen von Händen des Meisters. Ihr Nabel quillt, wie ein runder Becher , dem niemals Mischung fehlt, der immer Ebenmaas halt, nie aufsprudelt, nie lechzet, in süsser Fülle, wie die Krone des Bechers, schwebet. Ihr Bauch ein Weizenhügel , der sanft sich hebt, hinanschwillt, und der Zephyr in seine» Aehren macht Wallen, und die Rosen der Kleider, des schönen weiten GewandcS, schweben UMher, Und die Nehchen weiden stille und verhüllt unte« i) Ps. 63, 18 . Hiob 38, ?. Nicht, s, i. r Sam. clj, k) - Mos. >5, sr>. si. f. s Sam. 6 , tz. rtz. I. Lieder der kiebe. 5 ? den Lilien ihres BuscnS. Und dev Halö steht stolz rind gcbehrdet sich veste: ein Thurm l)0N Elfenbein. Und die Augen schwimmen / wie HeSbonS Teiche vor dem schönsten Thorr, wo die Töchter der Edcln wandeln. Und die Mse raget hervor, schön und stolz wie das Lustgebände st) auf einer der Höhen Libanons, das die fröhüchste Aussicht ins Thal nach Damaskus und bis übers Meer hat. Und bnö Haupt trägt sie stolz und fröhlich wie der Karmel, das fröhlichste Gebirge Judaa's und gleichsam das Haupt unter seinen Bergen. Und das Haar ist wie eine Purpurschnecke gewunden, gestochten Wie ein KöttigSturban; das Diadem der ganzen edeln Gestalt, ihres königlichen Wuchses und Schrittes, die prangende Krone! — Wer den Anstand einer weiblichen Gestalt im edlen prächtigen Tanze prächtiger schildern kann, mags versuchen- Freilich verlieren auch diese Bilder mit der st) ES ist dies »emlich kein Thurm, kein Lauerthurm auf Libanon, der etwa Damaskus auflauert; der wäre kein schönes Bild dieses Gliedes. Sondern es ist ein Lustgebäu Salonions mir der schönen Aussicht nach Damaskus. Und da Salomo den untern Libanon angebauet har ( r Kön. g, ig ) und er selbst die Braut zu dieser schöne» Aussicht einlud , (Kap. h, st.) so behält das ungleich schönere Bild wohl keinen Zweifel Noch bis jezl tzeigt man ein Salomo ns Schloß in dieser Gegend, (S. d'Ar vfe u r LH. 2 , S. 355. und P 0 - cock S. i5g- >55.) das uns wenigstens als Tradition hinauf in ältere Zeiten weiset. I. Lieder der Liebe. S4 Sprache, den Gegenden und Sitten Morgenlandes für uns viel. Der Becher in seinem Ueberfluß war ihnen das Bild aller Fülle, Fröhlichkeit und Wonne, so wie der lechzende Becher das Zeichen der Noch, Traurigkeit und Armuth. Es war ihnen also gewohntes Bild, ob der Becher überströme? genug habe oder lechze? und das wird hier zum Sinnbilde des feinsten Maasses und Ebenmaasses in der fröhlichsten Bewegung. Das xoao xin und xoco nieno kann kein lebenderes Bild aus der Welt deS Genusses und der Freude finden. Die Nase, den Theil des Gesichts, der dem Ganzen Vestigkeit und Zusammenhang gibt, schämen wir uns beinahe zu nennen ; die Morgenländer nennten ihn oft, und da das Schloß von schöner Aussicht, mit dem sie hier verglichen wird, gerade SalonwNö Bau war, so hatte das Gleichniß alle Reize der Neuheit und Phantasie des Königs. //Dein Haupt wie Kar« t!lel/"l) scheint kolossalisch; da es hier aber heißt: „Dein Haupt steht auf dir, wie Karmel," d. i. du trägstö so erhaben und fröhlich, als jenes lustige Gebirge sich ausnimmt, das man von weitem zuerst erblickt, so verschwindet das blcberspannte. //Die -/Augen Teiche zu Heöbon/ wo die Töchter der //Edeln spazieren." Den Morgenländern sind die Teiche und Quellen Augen der Erde, sprudelndes Leben, nufguillende Seele; und sind sie eS nicht? Ist nicht eine schöne Gegend ohne Wasser, was rin Antlitz ohne Auge? Der KönigöbUNd endlich I) Der fröhliche Karmel fiel Pocock von fern und zuerst ins Auge. Th. 2. G, 4. I. Lieder der Liebe. Si» die Krone von Allem. Man weiß, baß die Morgenländer in der Form und dem Gebäude des Turbans ihre Stande unterscheiden, und so sind die Windungen der Purpurschnecke in ihrem Haar hier das Höchste von Allem. Man setze die Bilder und Formen in die Bewegung, die ihr gebühren, und es wird eine tanzende Göttin. Wie Tanz einladct zu Lust und Liebe, so schwinget sich auch der Gesang dahin. Er siehet ihren Wuchs unter dem süssen Bilde des PalmbaumS, umfahet sie ganz und wird so innig, daß die Braut selbst ihm auf die süsse Weise der Unschuld die wol- lusttrunkne Lippe versiegelt. Eben da sein Gesang am Athem der Liebe hanget und saugt und kostet süssen Nektar — da spricht die Braut weiter: Süsser Nektar, der dem Lieben Sanft einschleichet, Süß dir eingeht, und die Lippe Reden machet im Schlaf- Was können alle Katonen sagen, daß hier nicht unendlich lieblicher gesagt sey, daß sie seine Lippen mit einem Druck des Fingers der Liebe schließt? „Schweige, Freund, cs ist Genuß des Heiligthums „der Liebe, du sprichst im Schlummer." Und wie sie fortfährt: ,,Ja, Liebster, ich bin „meines Lieben und seine Lust ist zu mir; aber „komm hinaus. Hier ist kein Ohr, das deine Worte „ertrage. Dort in den Wohnungen der Einfalt, „wo noch die Natur rein und unvcrhüllet wirkt, „dort ist jczt die Frühlingszeit der Liebe. Da blüht Lü I. Lieder der Liebe. „mit uns die Blüthe des Daums und die junge „Knospe des Weinsstocks. Unter ihnen, frühe, „wenn noch alles schläft, und nur die Blumen der „Liebs uns duften;" Da, Liebster, will ich dein Mit aller Liebe seym -- , Und sie duften ihr schon, die Dudaim w): sie sicht die Thür ihrer Hütte ländlich mit Früchten und Blumen geschmückt ir) und gekrönet. Ihrer Hütte fehlt nichts, sie will ihrem Lieblinge auch nicht fehlen, hat ihm noch manches Schone von Früchten vom vorigen Jahre aufgefparet, kur;, sie findet sich ganz in der Einfalt und Süßigkeit des Landlebens — Noch nicht genug. Sie möchte ihre Liebe noch unschuldiger, ganz zur Schwester- und Bruderliebe machen. in) Nach allem, was über die Dudaim gesagt ist, muß mau noch mit Luther sagen; „gehe du hin und frage selbst, was Dudaim sey?" Und da dünkt mich, folge mau der allgemeinen Sage und lasse sich dadurch nicht abschrecken, daß Rüben sie in der Weizenerndte gesunden. Er fand sie ja eben alz Spätling, als Seltenheit; wäre noch ihre Zeit der Blüthe gewesen, hatte sie Rahel selbst finden können. Eben in unserer Stelle ist ja ihre frühe Zeit und ihr starker Duft genugsam bemerket. u) G, Hasse lg ui st S. asb. I. Lieder der Liebe. *7 Ach, daß du nicht mein Bruder hist! Und Einer Mutter Brust mir mir geküßt, Daß, wo ich dich nur fände, Ich könnte küssen dich, Und niemand höhnte mich, Mst wähnet's Sünde, Umfassen, umschlingen wollt' ich dich, Und führen dich Zn meiner Mutter Haus» Du winktest mir, Ich brächte dir Den Trank, den ich bereitet, Den Most von meinem Baum« Und seine Linke Mir unterm Haupt: Und seine Rechte Umarmt mich- Wer ist der Sittenrichter, der die Liebe keuscher Vermählter je paradiesischer gedacht hätte? Wo ist das Herz, das der süssen Schwestertaube nicht zusinge zum drittenmal das Lied der schlummernden Liebe: Ich beschwör' euch, Töchter Jerusalem, Weckt sie nicht! Regt sie nicht! Bis sie selbst erwacht, Und auf dieser schuldlosen Stelle lasset uns den vorigen Palmbanm und die Dildaim der Liebe nochmals ansehn. Den Morgenländern war jener Baum an Wuchs und Blüthe, an Fruchtbarkeit und Süßigkeit der Trauben, des Safts, der Früchte, 1. Lieder der Liebe. L8 das schönste Sinnbild der ehelichen Liebe. Von dem süssen Weine, der dem Freunde so sanft eingchen, lind ihn in trunknen Schlaf wiegen soll, ist der Palmenhonig o) noch jezt das schönste Geschenk Morgenlands und die Bewirthung an hochzeitlichen Festen. Auch ist in der Anwendung des Palmbaums Wuchs, seine Zweige, seine Trauben, der süsse Athcm des stärkenden Obstes, endlich der Nektar, der einschleicht und sich mit schwazendem Schlummer endet, so zart behandelt, daß ich mich fast der Mißgeburt schäme, die hievon etwas anstößig oder unanständig fände. Nehmet das Gegentheil von Allem, und sehet, was alsdann die menschliche Natur sei) ! Lasset den ^fliegenden Königstritt der Geliebten zur kranken Bcttlerschwere ersinken: laßt cs dahin kommen, daß die Spange des größten Künstlers sich mühsam wende, die Rehe von ihrem Gipfel fliehn und Hesbons Teiche sich trüben: Libanons Schloß liegt im Schlamm, und der einst fröhliche Karmel steht nackt und wankend: dem runden Decher mangelt Getränk, und der schlanke Palmbaum ist Dornbusch — ihr Pharisäer, ihrKatonen, ist nun die Menschheit besser, glücklicher, edler? Ist der süsseste Nektar des Paradieses nicht geschaffen , daß er, gewürzt mit Unschuld und Schwester- liebe, genossen werde? O Natur, Natur, du heiliger und entweihetcr Gottestempel! da am meisten entweiht, wo man dich am lautesten rein bewahret, und am schönsten gepflegt, wo man in Hütten der Unschuld und Landeinfalt mit der Blüthe des Baums o) Shaw. S. 1.28. I. Lieder der Liebe. und der unschuldigen Knospe des Weinstocks feiert. Wenn deine Hüterin, die jüngste der Charitinnen, die Schaam im Rosengewande, aus allen Kreisen von Geschmack, Pharisaerwohlstand und Liebhaberei) deS unzüchtig Schonen verbannt seyn wird, sie, die immer da am wenigsten erkannt ist, wo sie am tiefsten wohnet, und da gesucht und gesezt wird, wo ihre lezte Spur dahin ist; unschuldige Natur, heiliger Gottestempel, so wirst du da stehn, wohin auch dieses Feldtaubchen ihren Geliebten locket und stinket, im Schoos der Einfalt und Armuth. Wer ist, die dort aüfsteigt Aus der Wüsten her? Gelehnt auf ihren Geliebten. Zum drittenmal kommt der Anfang des Liedes wieder, aber leiser. Sie kommt nicht mehr wie Säule Weihrauch, nicht wie Aurora, Mond, Sonne und Kxiegsheer; sie wandelt ruhig am Arm des Freundes. Unter dem Apfelbaume Wecket' ich dich, Da gebar dich deine Mutter, Da gebar, die dich geboren. „Ein Siegel präge mich auf dein Herz, Ein Siegel auf deinen Arm! Denn stark, wie der Tod, ist Liebe! Ihr Eifer harr, wie die Hölle. Ihre Kohlen glühende Kohlen, Flamme des Herrn. Biel Wasser mögen nicht aus sic löschen, die Liebe, Und Ströme sie nicht ersaufen. Und gäb' ein Mann auch -Haus und Gut um Liebe; Sie verschmäh», sie verachten ihn. Siehe, ein Gespräch der ehelichen Treue. Vielleicht ausserte die Geliebte, an seinen Arm gelehnt/ Bekümmernisse über die Dauer seiner Liebe; und siehe, da kommt sie zu dem Baum/ wo er sie zuerst weckte/ dem süssen Andenken ihrer Jugendliebe und ersten Regung. Der alte Bund wird wieder erneuet und bei dem heiligen Namen der Mutter, die sie hier mit Schmerzen gebar/ die sie als ihre Einige auferzog und ihm vermahlte, bei ihm und diesem Baume, der sie ihm gegeben, wird der Bund beschworen. Es ist, als ob sie ihr? Kinder hicher führen, ihnen dies Heiligthum der Geburt ihrer Mutter, und ihrer ersten Liebe und ihres ewigen Bundes oft zeigen wollten; und da also, an seinem Arm Hangend, antwortete sie: Ein Siegel präge mich auf dein Herz, Ein Siegel auf deinen Arm- und das Lied, wie es folgt, möchte selbst Spiegel der Liebe aufs ganze Buch heissen. Tod und Hölle, Glut und Bliz / Sröme und Wasser / Haus und Gut kommen zusammen, die Starke, die Ewigkeit der Liehe zu bewähren. Sie hält vest / wie der 2od, umarmt wie das Grab, sie glühet tief/ sie stammet hoch z kein Feind, kein Hinderniß kann sie tilgen, sie überwindet Widerstand und Gefahr, wo sie ist, ist sie allmächtig, und wo sie nicht ist, kam, ,:e nicht erzwungen, nicht erkauft werden; Reich- I. Lieder der Liebe. 6« rhum und Schaze werden um sie verachtet--Ich wollte beinah, das Buch schlosse mit diesem göttlichen Siegel. Es ist auch so gut, als geschloffen; denn was folgt, scheint mir nur ein beigefügtcr Nachhall/ damit nichts dieser Art verloren ginge. Es ist das sinnreiche nud stolze Gespräch einer Schwester mit ihren Brüdern. Der Erste spricht: Unsre Schwester ist noch klein, Noch knospet nur ihr Busen: Was wollen wir unsrer Schwester thun, Wenn man wird um sie werben? Der Zweite: Ist sie eine Mauer, Go wollen wir auf sie bauen Einen Silberpallast. Ist sie eine Pforte, So wollen wir sie verwahren Mit Cedernholz. Die Schwester! Ja eine Mauer bin ich, Und meine Brüste Thürme. Da war ich in seinen Augen, Wie Eine, die Frieden fand. Ich lasse mit Fleiß die Ucbersezung in ihrer mor« genlandischen rathsclhaftcn Dämmerung, damit der Strahl der Aufklärung so angenehmer werde. Offenbar ists eine Bcrathschlagung älterer, weiser Brüder über die Sicherheit der Ehre ihrer Schwester, wenn 62 I. Lieder der Liebe. sie hcranwachst. Die Berathschlagung ist etwas früh und der Rath selbst etwas Holzern. Der Bruder antwortet: ist ste eine MtUM / d. i. halt sie vest und wohl auf ihre Ehre, so soll sie' belohnt werden. Silberne Spizen, Pu; nnd Kleinode/ sollen sie zieren. Wäre ste aber eine Pforte/ (die nicht Mauer ist) so müßten wir sie cinschliessen; (stever- vestigen mit Cedernbohlcn) -der gewöhnliche Weg Morgenlandes, Treue und Keuschheit zu sichern. — Unwillig hierüber bricht die Schwester aus: //Mauer bin ich und keine Pforte; auch darf „ich eurer Lhürme und Befestigungen nicht, meine //Brüste sind Thürme/ mein Busen gibt mir Si- „cherheit und Schuz, ja nicht blos Sicherheit nach „Kampf; sondern Sieg und Frieden beim ersten „Anblick. Der Feind erscheine vor der Mauer; „beim ersten Anblick der Spizcn soll er abziehn und „der Stadt den Frieden geben: d. i. meine Person „selbst soll ihm Ehrfurcht entflossen, daß ich in „Ruhe bleibe — — ich habe eures Raths und „eurer Einschliessung nicht von nöthen." Daß dies unfehlbar der Sinn sey, zeigt folgende kleine Geschichte , die ihnen das Mädchen zum Spott da- zusezt: Einen Weinberg hatte Salomon Zu Baal-Hamon. Er that den Weinberg Hütern aus, Daß jeder ihm für seine Früchte Lausend Silberlinge brächte. Mein Weinberg ist Vor Augen mir: I. Lieder der Liebe. 63 Die Lausend werden dem Salomo, Und die die Frucht ihm hüten, Haben zweihundert noch. Offenbar eine Spottgeschichte von dem, waS aus dem Hüten und Wahren heraus kommt. Der König bekommt, was er sich ausbednng, und jeder nimmt sich noch zum Hüterlohn das Seine. Sic wahret, spricht sie, ihren Weinberg selbst/ so wird sie nicht betrogen und darf keinen Hüterlohn zollen. Ob das schöne Mahrchen bisher so verstanden sey? weiß ich nicht; ich wenigstens habe es nirgends gefunden. Ich mag aber nicht darum streiten, „cs „könnte es sonst wieder ein alter Rabbi gesagt ha- „bcn" — kurz, mich dünkt, dies ist sein klarer Sinn, und der Sinn ist schön und im Tone des Morgenlandes sinnreich. Man weiß, daß sie eine so rathselhafte Sprache des Wizes in Bildern, Gleichnissen und Beispielen lieben, und ich getraue mir zu sagen, daß dies eins der schönsten Stücke der Art sey, die aus dem hebräischen Alterthume zu uns gekommen. Eben deswegen und weil Salo- mons Name und Weinberg x) darin vorkommt, ward ihm vermuthlich die Stelle zum Anhänge des Hohen- x) Ohne Zweifel war Bal-Hamon eine der entfernte» Liebllngsgegenden, die Salomo anbaute. Und da bey Balb eck noch jezt ein Hamain einer fruchtbaren Gegend liegt, das der gemeine Mann Aman nennt, (Ar v ieu r Th. 2.S. 260,) so ists vielleicht dies B a a s - H a m 0 n. I. Lieder der Liebe. 6 ^ liebes. Es konnte aber übrigens auch zugleich als kleiner Besag zur Schazkammer des großen Königs, so wie in der Haushaltung, so auch vermuthlich in der Liebe dienen. — — Die Moral darin ist: „wahre Zucht, Schönheit und Ehre verwahret sich „selbst. Sie bedarf keiner Klammern, Bollwerke, „Hüter und Thürme , so wenig als diese sic ersezen „oder ihr nüzen" und diese Moral ist mädchenhaft und jugendlich eingekleidct- Es folgt noch das Fragment eines Gesprächs r Du Wohnerin der Gärten, Die Gespielen horchen auf deine Stimme, Laß mich sie hören- „Fleuch, mein Geliebter, gleich dem Reh, Dem jungen Hirsch auf duftender Höh" — und damit endcts. Entweder wollte der Sammler nichts untcrgehn lassen und fügte auch dies kleine Dt!0 bey; oder es sollte noch mehr anzeigcn, wie wir gleich untersuchen wollen. Offenbar ists die Stimme eines jungen Liebhabers, der die Stimme dieser Nachtigall hören will; sie,winkt ihm aber zu flichn, wie ein Hirsch auf duftenden Bergen --unsi, so verhallet das Buch — I. Lieder der Liebe. 65 II. Ueber den Inhalt, die Art und den Zweck dieses Buchs in der Bibel. «^icS sind die Lieder, die ich zu geben hatte. In einem Sylbenmaasse nach deutschen Mustern würden sie vielleicht ausfallender, runder und angenehmer worden seyn, allein ich wollte dem Original auch durch Verschönerung Nichts vergeben und cs lieber, so viel es anging, in seiner uralten hebräischen Einfalt liefern. Was ist nun sein Inhalt ? was sagt das Buch vom Anfang bis zum Ende? 1. Mich dünkt: Liebe / Liebe. Die alten Deutschen nannten cs das Buch der Minne / und das ists offenbar; vom Kuß sangts an und endigt mit einem zarten Seufzer. Lady Montague H hat in ihren Briefen einige Zeilen aus dem Harem des Sultans zu Konstantinopel gegeben: ich weiß nicht, wer sie lese und nicht zugleich an das ungleich schönere und schaz- barere Lied Salomons dachte? JoneS r) hat Proben K) In Har Mars armen und einfältigen Materialien zum Hohen liebe stehen sie auch; und diese sind fast ganz aus ihnen gezogen, r) Os xoesi Asint. Oips. 1777. Einige Oden von Hafiz waren schon in der Abhandlung von der orientalischen Poesie, hinter N a d i r - S ch a c h s Leben, bekannt und übersczt. Herders Werke;. Rel. u. Thcol. Vl!. E 66 I. Lieder der Liebe. der morgenländischen, insonderheit persischen, Poesie geliefert; ich weiß nicht, wer sie, sowohl Araber, als den Perser Hafiz lese, dem nicht zugleich der ungleich lieblichere, einfältigere Salomo einsiele? Selbst Osstllll und alle Volker in der ersten Einfalt, singen sie Liebe, so ists immer, wie aus dem Hohenliede. Ich dachte, wir nahmen also sicher den Saz an, daß hier Liebs gesungen werde, nicht blutige Eroberung, nicht Polizeywesen noch Busse und Bekehrung. Es ist weder ein Dialog der Tobten im Grabe, noch ein Kompendium der Kezerge- schichce; sondern was cs ist und in jedem Wort sagt, ein Lied der Liebe. 2. Und zwar wird Liebe darin gesungen, wie Liebe gesungen werden muß, einfältig / süß/ M't/ natürlich. Iezt feurig und wallend, jezt sehnend und habend, im Genuß und im Schimmer, in Pracht und Landeinfalt. Es ist fast keine Situation und Wendung, keine Tages- und Jahrszeit, keine Abwechslung und. Einkleidung, die nicht in diesem Liede, wenigstens als Knospe und Keim, vorkäme. Die Liebe des Mannes und Weibes, Jünglings und Mädchens, vom ersten Kuß und Seufzer bis zur reifen ehelichen Treue — alles findet hier Ort und Stelle. Vom Schuh des Mädchens bis zu seinem Kopfpuz, vom Turban des Jünglings bis zu seinem Fußschmucke, nackte Gestalt des Körpers und Kleidung, Pallast und Hütte, Garten und Feld, Gassen der Stadt und Einöde, Armuth und Reichthum, Tanz und Kriegszuq; alles ist erschöpft, alles gefühlt und genossen. In Einem Dichter der Natur und Liebe zeige man mir eine Situation, I. Lieder der Liebe. 67 die einfaltig, wahr, rührend, menschlich sey: konnte sie zu dieser Zeit, unter diesem Himmel gedeihen; so will ich ihm gleich, als Blume oder Blüthe, eine bessere in diesem Buche zeigen. 3 . Nun weiß aber jedermann, daß nichts in der Welt lange Erörterung so sehr hasset / als Liebe. Liebe in einen Folianten gebracht, ist nicht Liebe mehr; Kuß und Seufzer, zum Buch gestempelt, ging langst, ehe er dahin kam, verloren. Wie Nachtigall und Turteltaube nur kurz, in abgeseztem Girren und Klagen singen: so wählte und erfand sich zu jeder Zeit und unter jedem Volke das kürzeste Gedicht immer die Liebe. Sonnet, Bild, Liedchen, Zuschrift, Ode, Madrigal, Idylle, Eklogc; cs heisse, wie es wolle, ists Seufzer der Liebe, so ist er nur Hauch, nur Seufzer. 4. Nichts in der Welt fordert also auch so innige ganze Gegenwart , als Liebe, und diese ihre kurzen Abdrücke und Spuren. Sie ist, wie auch dies Buch sagt, Flamme des Herrn, Blitzstrahl, Funke: ist sie nicht da, du kannst sie dir mcht geben — Und böt' ein Mann auch Haus und Gut um Liebe, Verschmäht, verachtet ihn! — >> Ist sie auch in ihrem Siegel und Abdruck nicht da, erkennst du sie nicht darin, noch kannst sie im ersten elektrischen Strahle fühlen; du magst zu vielem andern gut seyn, nur weder zum Liebling, noch zum Ausleger der Liebe. Hier ist alles Augenblick, glückliche Schäferstunde. Gcniessest du jezt E 2 S8 I. Lieder der Liebe. nicht; diese Stunde, dies Bild, diese Freude kommt nie wieder. Siehe diese Mondnacht, voll Nachti- gallcngcsang und Abendrots, und Frühlings - und Zauberdüfte; Alles fließt zusammen, Alles wird Ein Ton, Ein Seufzer. Wie sie jetzt singt, die Nachtigall, wird sie nie wieder singen; wie jezt das Abendroth glanzt, wird eS, bis zum lcztcn der Tage, nie mehr glanzen. In der uncrschöpsbaren Natur ist Alles einzig und einzeln, und so in der Natur aller Naturen, der Liebe. Jedes Bild, jedes Blatt, jedes Liedchen schwimmt in seinem eignen Duft, hat seine einzelne Süßigkeit und Wonne, oder cs hat gar keine- 6. Abdrücken der Liebe kann man also auch kein größer Unrecht thun, als wenn man ihnen das Individuelle ihrer Gegenwart raubt/ ste zu einem ?oc/ee co»rmrE§ hinüberschleppt oder gar in eine willkührliche Hypothese dichtet. Ein Mensch, der alle zerstreuten einzelnen Stunden der Freude, des Glücks, der Liebe in Eine Speise mischen, alle Küsse und Seufzer aus Eine Schnur heften und die verschiedensten Düfte und Blumen in Einen Sack thun wollte; was würde er anders, als ein faules Allerley zuwege bringen? Nähme ers sich nun noch in den Sinn, aus diesen Früchten und Blülhcn lebendiger Liebe ein schönes Ganze zu machen , das er zur Schau trägt ; wie würde sich jeder einzelne Baum , jede abgerißne, nun verwelkte Blüthe beklagen! 6. Und doch wirkt die Einbildungskraft der Menschen gern auf so etwas. Sie, die keine Mauer, I. Lieder der Liebe. 6g kein altes zerfreßnes Hol;, keine Wolke am Himmel, Fensterscheibe und Marmorstück ansehn kann, ohne daß sie sich xowzion, eine Welt, ein Ganzes, ein Eins denke; wie wird sie einzelne Verse, Bilder, Sprüche, Fragmente, Lieder ertragen, ohne daß sic sie nicht auch zu einem Ganzen dichte? So ists allen Dichtern kleiner Stücke, insonderheit den Dichtern der Liebe gegangen: man rcihete ihre einzelne Stücke auf, ordnete, deutete, flickte sie in Romane, Hypothesen, bis ein erträumtes Ganzes da war. So gings Amkreoil und KtMllls)/ Ho- rnz und Petrarka; sollte es David und Salomo besser gehen? Es ist doch so schön, wenn Alles ein Eins ist, man kann doch Witz beweisen, eine schöne Moralische Absicht hinaus oder hineinbetteln, die einem solchen Buch nicht unanständig wäre; warum nicht? 7. Indessen haben verständige Leute von der Arbeit auch immer gehalten, was von ihr zu halten war, nehmlich sie sey Flickwerk. Der Kranke auf dem Bette, der Wahnsinnige, der Hypochonder dichtet auch Bett und Schatten, Nagel und Kleid, Hut und Mondlicht zu einem so mahlerischen Ganzen , als Dll-Vmci seinem Lehrlinge, aus Holz und Mauer zu dichten, nur empfehlen kann; rndcß bleibts immer Traum und Wahnsinn. So ists auch meistens mit jenen berühmten Versuchen und Hypothesen über einzelne Stücke gegangen, wenn sie 5 ) I.6S Lmours äo O-ituIIo: -.'lönioirex rle >zus «to. 7» I. Lieder der Liebe. in unserm Kopf und nicht in der Sache selbst ihren Grund haben. 8. Nun stehts von Salomo ausdrücklich, er habe eine Menge Lieder / wie eine Menge Sprüche gedichtet. Boy den Sprüchen nimmt maus an und cs ist noch niemand eingefallen, sie anders, als eine Schnur Perlen zu betrachten; sollte man nun über den Punkt seiner Lieder nicht eben dasselbe erwarten? zumal da Liebe und Lied schon seinem Namen nach Folianten und inamsiasu oxera hasset? Träte da nun jemand zum Könige und spräche: „Großer ,,König, siehe, du sangest der Lieder viel, du gibst „mir, selbst dem Namen nach, einen Ausbund/ „eine Blumenlese/ ein Lied der Lieder / aber, „König, ich habe eine glückliche Hypothese, mit „der freilich alle einzelne Stücke, Personen und Situationen zerrissen und verschwemmt, deine vielen „Lieder aber alle nur bin Lied werden. Ich nahe „und flicke, deute und sticke, verunziere und lege „Liebesranke, würdige Moralabflchten, Politik und „Mystik hinein, daran du zwar, weiser König, nicht „gedacht hast, ich aber denke und dein unwürdiges „Buch seiner biblischen Stelle würdig mache — —" man sage, was würde der königliche Dichter antworten? wie würde er danken? Vielleicht mit dein Spruche: Das Auge des Weisen sieht, was da ist; Aber das Hirn des Eitlen dichtet Hypothese. 9. Und doch ist kein Buch des alten Testaments reicher daran gewesen, als dicseS/ und keine Zeit daran reicher, als die unsere. Da der Wort- verstand des Textes so klar ist und dieser doch nicht in die Bibel der genannten Leute zu passen schien; so quälte man sich, so ersann man. Schon Thdd- dox von Mopövest ward auf einem Koncilium verdammt, weil er einen Worlverstand dieses BuchcS annahm; unter Juden und (Christen ward dieser bald verdrungen und statt dessen Allegorie und Mystik gefädelt. In der neuern Zeit endlich, da der Scharfsinn so sehr cmporkomml, ists beynah Mode geworden , daß jeder glückliche Ausleger auch eine eigne glückliche Hythothese habe. Dem großen Bdssuet wars ein Hochzeitlich Salomens in sieben Tagen; ein noch glücklicherer Ausleger verneinte dies, unter andern weil — von etwas, womit ich dies Papier nicht bestecken mag, darin nicht gedacht werde, und ohne solches könne kein Hochzeitlich bestehen, noch etwas dafür erkannt werden t). Er dichtete eine glücklichere Hypothese u), von einem Eheliede voll orientalischer Liebesranke, imriAuss ck'airionr, Eifersucht, Brunst, Zank, Begier nach einer Nacht, wie sie zwar nicht bey uns, in unfern leider! einpaarigen Ehen, aber desto mehr in jenen morgcnländifchen Harems statt finde; und HoL si it>.'i 68^, miruni, nnlls Orinl Aanäia, nn5HN5in unflli'i canlics vr>Fr'?rrrtrtc,n, euiri3 aä eos inäioiuni äekeril solei, tzi'stnlrniiium. Oniis5inii in eai'inine, rn r//o ct /ii'cecr/irLkrL- ^1e^2e1i8 ^cH.oivi,Ii. noi. 120 . x. 59^. I. Lied er der Liebe, 73 seine Verehrer x) nannten dies „die deutlichste, wahrscheinlichste Hypothese, die nur dem heutigen, berühmtesten deutschen Ausleger für dies dunkle Buch „zu erfinden, aufbehaltcn gewesen: eine Hypothese, „die eine so wichtige moralische Absicht entdeckt, die „niemand mit Grunde für eines biblischen Buchs „unanständig halten könne. Ein anderer angesche- „ner Gottesgelehrter folgte jenem berühmtesten deutscher Ausleger auf der Spur nach, nahm in An, „sehung der Sulamith eine neue Hypothese an, „war auch in Anwendung derselben so glücklich, „daß der Erfinder des buchstäblichen und moralischen „Sinnes ihm mit einer freundschaftlichen Vcrlaug, „nung und Großmuth, die unter Schriftstellern nur „selten ein Beispiel haben wird, die Ehre der Gründung des Ganzen gleichsam aufdrang u. s. w." —— So stehet die Sache. Durch lauter glückliche neue Hypothesen geendigt, gekrönt, mit so viel freundschaftlicher Verlaugnung und Großmuth besiegelt : und jede Messe kommen neue glückliche Hypothesen , mystisch und arabisch, arabisch und mystisch. Die neue unanständiger, als die alte, und manche vornehme Theologen unsrer Zeit, die sich überhaupt jetzo sonderbar nehmen, gebenden sich da- dabey wieder auf andre Weise glücklich anders. Sio haben das Buch aus ihrem Kanon ruhig ausgeschlossen , verbitten es vornehm höflich, daß der be-> x) S, Hrn. D. Runge Vorrede zu Puffendoxfs Hohenliede. Ich habe gegen diese anderwert sehr verdiente Männer nichts, aber desto mehr gegen das ekle Lob ihrer Nachtreter, rühmtcste deutsche Ucbersezer es doch ja nicht deutsch überseze und seine Bibel damit verunziere. Ja mehr als Einer hat Anlaß genommen, aus Gelegenheit dieses unschuldigen Buchs über den ganzen Kanon Erbrechungen zu sagen, die zu wiederholen mich die Muse bewahre. So stehts also mit dir« schöner Gatte, liebe, unschuldige Perle! 10. Und darf ich sagen, daß dies die Ursache war, warum ich, der ewig nur ein stiller Liebha-, der dieses Nosenhains zu scyn dachte, unter andern vielleicht nothwendigern Arbeiten einige Stunden der Erholung dem öffentlichen Geschreibe über dieses Buch stahl? Der Eindruck, den ich davon hatte, war so anders: dem Buche und seinethalb der ganzen Bibel geschah in meinem Sinn so Unrechte jede neuere Hypothese schien mir immer so niedriger, so fremder, so wüster: das Buch ohn' alle Hypothese in seiner Einfalt und nackten Unschuld so edler, anständiger und zugleich so unwidersprechlich klar — — kurz, ich trauerte darüber, wie über einen zer- tretnen Garten, wie über eine getrübte Quelle ein Liebling trauert. Einen Mprthenhain der Liebe aus so alten Zeiten also entweiht, jedem vorübergehenden Auge Preis gegeben, die Grazie des Hohenliedes, diese Schwester der Unschuld, sogar in öffent, liehen-Lehrstunden als eine Unzüchtige entschleiert, und erröthende Jünglinge an ihr und an dem Buche, das sie enthalt, vielleicht auf Zeitlebens gebrandmalt und geärgert zu sehen und zu hören; freilich das stach mir in Herz und Nieren. Ich ging noch, mals zum Buche, zu sehen, was da war, und zog die ältesten und neuesten Ausleger zu Rath, nur 74 I. Lieder der Liebe. keiner war mir lieber, als der von allen beleidigte klare WoMwpstand / der Ausleger aller Ausleger. Ich wagte endlich die Ucbcrsczung; aber wie ward mir da? Jedes Liedchen, jede Zeile sollte, so viel möglich, in ihrem Duft, in ihrer Farbe seyn, nichts verschönert, verncut, vcrschmackelt; so viel möglich, nichts seinem Ort, seiner Zeit, seinem Lande entrissen werden—und wie schwer war das! Eine einzelne lebendige Empfindung, insonderheit der Liebe, sie hangt so sehr vom Moment, vom Zauber tausend kleiner Umstande und Farben ab, daß sic ausser demselben, wie jedes zarte Wesen, in fremder Lust stirbt. Löwe und Adler lassen sich eher entführen, als der Kolibri oder die Grazie einer ausländischen Morgenblume. re. Dazu kommt nun, daß nichts so verschieden ist, als Morgenlands Poesie/ Sprache und Liebe gegen die unsre. Ich hatte diese einzelnen lieblichen Blumen zuerst in unsre Sylbenmaassc gekleidet und nur so unmcrklich zu runden gesucht, als ichs unserm Ohr nöthig glaubte; aller Gang des Originals aber sein Ausströmen, sein trunkner Flug und wiederum seine Kindcseinfalt, sein Winken, sein Lallen war damit verloren. Es waren deutsche Verse, nichts weiter. Wer die Ursprache dieses Liedes und aller hebräischen Lieder dem Bau der Worte, ja auch nur dem Laut und Klange nach kennt, wird an einer poetischen Uebersezung derselben in unsre schwere, kalte, nordische, ganz anders gebaucte und geformte Sprache beynah und an dem Ucberlrage ihres Sylbenmaasscs (gesetzt, daß wirs auch genau wüßten,) gewiß ganz verzweifeln. Ein I. Lieder der Liebe. 75 Weib (hierin der beste Richter) bisse sich die süssesten Stellen des Buchs, die wahre Kol-Dohi-li nur vorlesen und wörtlich übersezen, und urtheile. Der Sinn schwindet mir, wenn ich denke, daß Jemand alle Psalmen, die erhabensten, strömendsten, entzückendsten Lieder der Hebräer, Moses, Hiob und alle Propheten in so viel Verse, Sylbcn und Töne der teutschen Sprache hat bringen wollen , als die Urschrift hat, zugleich mit dem Sinn und Wohlklange desselben. Cher wollte ich das Lallen meines Kindes und das Girren der Turteltaube in die Red- nersxrache des Cicero bringen, daß beide noch, was sie sind, blieben- 12. Der Inhalt des Buchs also , Liebe und orientalische Liebe aus dcncn Zeiten / macht alles am schwersten. Wenn sich der Europäer im Punkte der Weiber recht bescheiden dünkt, wird er dem Morgenländer oft unerträglich; und wenn dieser sich über sie mit Manneswürdc, und der freien Einfalt ausdruckt, die allein Unschuld ist, so jucken unsre Ohren; unser Geschmack ist beleidigt, wir wollen Zweydeutigkeiten und Crebillonsche Hüllen. Ist die griechische Liebe oft schon für uns zu nackt; wie denn die morgenländische, die beklc'idctste von allen? Die Würze sind uns zu duftend, ihr Heiligthum zu heilig-Nun wolle jemand noch erläutern! Liebe erläutern, ist schon ein unglücklich Ding; wer sie nicht von selbst fühlt, ist ihres Genusses nicht fähig oder nicht wcrth. Und morgcnländische Liebe erläutern, d. i. die Nacktheit noch nackter machen! wie unschuldig muß das Buch scyn, das dies zuläßt, das durch und durch diese Probe aushält! Und siche, ^6 4. Lieder der Liebe. cs thuts das Lied aller Lieder. Wenn jener Rabbi darüber entzückt ausricf: „an dem Tage, da cs der „Welt erschien, ist die Vollkommenheit der Dinge ,,geboren so möchte ich hinzusetzen: „am Tage „seiner Geburt herzten sich Süßigkeit und Unschuld „auf dem Schoos ihrer Mutter, der Liebe." Man verzeihe also meine Kühnheit, mein Stammeln: cs war mir um Seele/ Zweck/ Geist deö Bucht) zu thun in jedem einzelnen Bilde und Liede. Hat man diese gefastet, so gehe man zu Luthers Ueber» sczung; sie ist uns, troz einzelner Fehler, noch im» mer unersetzk und unerreichbar an Süßigkeit und ungezwungener Einfalt, so wie an Starke und Leben. „So ist aber das Buch kein Ganzes? so schwimmen in ihm lauter unaufgefaßte Perlen?" — Mich dünkt, Ganzes genug, aufgefaßt genug, nur Vicht auf die Schnur einer wilkkührlichen Hypothese. 1 . Äst schon der Name Salomo Bindung: die Lieder alle sind Salomonisch» Ohne untersuchen zu wollen und entscheiden zu können, ob jede Zeile von seiner Hand sey? ob er als ein blühender Narciffus sich selbst besungen, sich selbst-geliebet, und alles also Spiel ist? oder ob er so glücklich war, zu bewirken, was manche spatere Stifter der sogenannten goldnen Zeiten des Geschmacks selten erreichten, ihren Geschmack rings um sich her verbreitet , die Saiten der Zeit mit sich harmonisch geregt zu haben und jetzt das Echo des Saitenspicls zu geniesten, das sie selbst schufen, den Nachklang ziemlich ihreb eignen Seele. So viel ist gewiß, daß Liebe/ Salomonische Liebe, thun kann, was I. Lieder der Liebe. 77 / . Sold und Zwang , Vorschrift und Regel wohl nicht zu thun vermöchten: denn nichts verschwistect, nichts verbindet so sehr, als Liebe. Sie gibt und nimmt, bis sie nichts mehr zu geben oder zu nehmen hat, bis sie Eins ist. Sie ist der Stimmhammcr der Herzen zum Einklänge: man bildet und wird gebildet, hört und singt nach. Wie Salomo im Alter von seinen Weibern Thorheit und Abgöttecey lernte, so konnte in seiner Jugend der ohnehin zartere und bildsamere Theil der Vereinigung, seine Geliebte, von ihm Liebe und Gesang lernen, ihm antworten, wie ec sie lockte, und so wäre doch Salomo Urheber deö Bucht'/ sic sang nur als Echo, aus seiner in seiner Seele. — — Aber noch ohne diese Frage, deren Entscheidung ich nicht übernähme, ist dieß Buch im größten Verstände Salomonisch , ein Abdruck nemlich von dem Geschmack / von der Liebe/ von der Ueppigkeit und Zier / wie sie zu Salomons Zeiten, und sonst nimmer im hebräischen Volk, lebten. Seit Vater Adam sein Hohelied der Liebe im Paradiese sang; wenn und wo konnte diese zarte Blume dc§ Friedens und der Ruhe so gedeihen, als in diesem Salomonischen Thale des Friedens? Unter den Zelten der Patriarchen nicht: Isaak scherzte mit seinem Weibe Rebekka, aber er würde nicht, wie Salomo, gesungen haben. Es waren noch die mühseligen Zeiten des Wanderlebens; der Sinn der Patriarchen sollte uns nur in erhabnen göttlichen Weissagungen über ihr Geschlecht, nicht in Liedern der Liebe vorschweben; Jakob diente um seine Rahel, aber er sang sie nicht. Die Zeiten Moses in der Wüste 78 I. Lieder der Lieb«. waren theurgisch, kriegerisch, erhaben und strenge. So tönte das Siegslied am rothen Meere, so die Gesänge Bileams, und MoseS letzte Worte. Die Wüste war das Triebhaus des jüdischen Volks; die Sonne der Gesezgebung und politischen Bildung lag schwer auf ihnen. — Zu den Zeiten der Helden war alles kriegerisch oder ländlich; Deborahs Siegslied und JothamS vortrefliche Fabel konnten damals ge- deihn , kaum aber ein Salomonisches Lied der Liebe. So lange David regierte und seine Hände mit Blut färbte, sproßte sein ewiger Lorbeer, aber nicht die sanfte Myrlhe der Liebe, dieses Uebcrflußes , dieser Rosenweiche. Er erwuchs vom Schäfer- zum Königsstabe, mit einer sanften Seele, aber unter dem Drange der Verfolgung, Arbeit und Gefahr: seine Lieder mußten also wie sein Leben werden, — edle Blumen auf wilden Bergen, von manchcrley Winden des Himmels erregt und geschüttelt, also frisch und grün und stärkend. Und hinter ihm her ward Zeit zur Salomonischen Ruhe, Poesie' und Liebe. Der Geliebte Knabe (Jedidja) erwuchs unter Rosen, und ward, wie sein Vater vom Schäfer König, so er vom Könige wieder Schäfer. Friede und Glückseligkeit bedeutet sein Name, Glück, Weisheit, Ruhe, Reichlhum waren der Segen seiner Regierung. So weissagt Gott von ihm, so redet alles von ihm; bis auf die spätesten Zeiten ist der Name Salomo ein Name des Neichthums, der Herrlichkeit, der Pracht, des Glücks und derRoscn- liebe geworden. Ec konnte den Tempel bauen und die Harfe der Liebe schlagen; auch in seinen Fehlern , die er nie aus Bosheit beging, schonte ihn Gott, daß er den geliebten Knaben nur mit Men- l. Lieder der Liebe. 79 schenrulhen züchtigen wollte, und die Strafe bis hinter seinen Tod verschob. Lasset uns einen Psalm hören, der SalomonS NllMM führt und vielleicht das Ideal seiner Negierung singet: Der 72ste Psalm. Ein Psalm Salo m o n S. Dein Recht, o Gott, dem König gib, Die Wahrheit Königssohn, Daß deinem Volk er Hirte fey, Den Armen schaffe Recht. Daß rings auf Bergen Frieden blüh', Auf allen Hügeln Heil: Dem Unterdrückten fey er Fels, Dem Unterdrücker Grimm. So lang die Sonn' am Himmel glanzt, So lange Mdndlicht lacht, Blüh' von Geschlecht hin zu Geschlecht Dein Name prächtig fort. Wie Regen sanft auf dürres Land, Wie Thau zur matten Flur, So wall' hinunter sein Gericht, Und der Gerechte blüh'. Er blüh' empor und Friede blüh', Solange Moudlicht lacht, Vom Meere bis zum Meer hinan, Nom Fluß zum Ufer hin. Der Wüsrenwohner knie' vor ihm, Und lecke seinen Staub; Der Inseln König , Larsis Fürst, Anbet' ihn mit Geschenk, 8o I. Lieder der Liede. Und Scheba's, Seba's Fürstenhecr, Mit Gaben froh»' es ihm, Ihm neigen sich die Könige, Die Völker seinem Wink. Weil er dem Armen, als er schrie, Dem Hülfelosen half, Erbarmte sich des Niedrigen, Erbarmte sich der Noth, Half auf von List ihm und Gewalt, Sein Blut war theuer ihm. Drum leb' er! Seba zoll' ihm Gold, Und Segen und Gebet. Wo kaum vorhin ein Halm gesproßt, Auf dürrer Berge Haupt! Da rauschte Frucht ihm, wie da rauscht Der Wald auf Libanon. Und seine Städte spriessen Volk, Wie Kraut die Erde drangt, Aus ihrem Schoos hervor. Sein Ruhm Sey ewig wie die So»,?. Und alle Völker segnen sich An seinem Namen, ihn Mit Danke krönend, „Hochgelobt „Sey Gott, Israels Gott, „Der Wunder lhut alleine, der „Gelobe in Ewigkeit l „Die weite Welt soll werden voll „Amen, von seinem Ruhm." Nur unter einer solchen Regierung konnte die Blume des Hohenliedes sprossen z sobald Salomo's Augen sich zuthaten, ward eine andre Zeit, und jene kam I. Lieder der Liebe. 8r kam nie dem jüdischen Volke wieder. Es ist also das schönste Denkmal der friedseligen Salomonischen Periode, da ec wetteiferte mit seinen Dichtern, wetteiferte mit den Gespielinnen seiner Liebe. Sein Ruhm drang in Arabien, und die Königin des reichen und glücklichen Landes kam mit Rath- seln und Sprüchen, Geschenken und Liedern, wie zum Wettkampfe, an seinen Hof. Wer die andern Schriften Salomo's gelesen, wird dies königliche Siegel auf dem Hohenlicde so wenig verkennen, daß er gerade in ihm die jünge- re Schwester der Weisheit in den Sprüchen und des altern Bruders im Prediger auf allen Seiten erblicken müßte. Eben die zarte Seele, die hier herrschet, redet auch dort, nur hier in Liebe und Freude, dort in Weisheit und Sittenlehre, endlich in abgezogner stiller Betrachtung. Wie er hier Liebe, so personisicirt er dort die Weisheit/ nennet sie auch oft seine Schwester / seine Geliebte / dichtet sie eben so schön, reizend, lockend, rufend, erquickend und erwärmend. Klugheit und Gottesfurcht ist ihm schöner Schmuck an ihrem Halft t er ermahnt, diese so von Vater und Mutter anzunehmen , wie er dort seine Geliebte annahm. Nichts ist ihm verhaßter, als die Ehebrecherin, die Verführerin, die er mit den ernstesten. Farben so eigen und charakteristisch schildert, daß man die Gegenseite' vom Hohenlieds zu lesen glaubt. Uno kurz die schönsten Stellen / Bilder und Dichtungen der Sprüche sind dieses Buchs offenbare Schwestern. Der Prediger bezieht sich eben dar- Hcrders Werke z. Net. «. Theos. Vis. F 82 I. L i e de r der L i e b e. auf, geht davon aus und kommt dahin zurück nach allen Versuchen, nemlich auf Unschuld, Friede/ Liebe und Freude. Das Siegel der Seele SalomonS ist also, dünkt mich, Einheit genug auf diesem Buche : es ist die Blüthe seiner Jugend- secle, sein Lied der Lieder voll Feinheit, Geschmack, Liebe und Jugendfceudc. 2. Offenbar aber hat der Verfasser oder Sammler noch einen feinen FadtU der Einheit durchgewebt, über den ich mich, nicht weil Ich ihn finde, sondern weil er wahr und lehrreich ist, freue. Er verfolgt nemlich die Liebe von ihrem ersten Keil!!/ von ihrer zärtestm Knospe/ durch alle Stufen und Zustände ihres WachSthumS / ihrer Blüthe/ ibres Gedeihens bis zu reifer Frucht und neuer Sprosse. Was viele Schriftsteller mit so philosophischer Zurüstung haben zeigen und erlangen wollen, zeigt der weiseste der Menschen, der Philosoph im Mprthen - und Rosenkränze, auf seine Art, spielend. Lasset uns die Lieder ernstlich durchgehn; es wird Key ihrer Verschiedenheit ein Blumen- und Brautkranz, wo nichts sich rücken, nichts verändern laßt, ohne daß der feine philoso- phijche Sinn des Ganzen leide. Der Kuß beginnet, oder vielmehr ein Seufzer nach dem ersten Kuß der Liebe. Man flehet, aus welchen Düft.n des Lobes, der Hoffnung, der Freude, der Schönbeit er sich gleichsam entspann und wie sich in ihrem verlangenden Herzen das erste Sehnen der Liebe regte. Die Liebe lebt hier in der Ferne, wo sie zuerst immer lebet, sie ist noch I. Lieder der Liebe 83 rein, neidlos, spricht mit dem Abwesenden, hat nichts und geniesset immer. V. r- 3 . Jetzt ist sie seiner Liebe gewisser, ober auch schon beneidet, ihr vorgerückt Fehler, Armuth: sie muß sich verthcidigen, klagen, Trost suchen Key ihrem Einigen, aber auch den durch Feld und Zelte und Mittagsglut und gaffende Augen suchen. Auch fühlt sie ihren Abstand zwischen ihm und sich, seinen Reichthum, ihre Armuth; bis er sie aufrichtet und ihrer Blödigkeit Spur weiset. Der erste fröhliche Keim dcr Liebe fangt hier an in -Mühe und Kampf, wie zu ersterben, und grünt dadurch nur schöner, wird neu und lebendig. (B. 4 - 7.) Denn nun zeigt Liebe sich schon in Denkmalen , in Liebeszeichen, in Pracht- und Blnmen- geschenken. Er sieht sich in ihrer Kette, sie ihn in seinen Blumen, er übernachtet ihr ain Hcrzen, die verhüttete Palmsprosse ist ihr. (V. 8- i 3 .) Und jetzt folgt dcr Wetlgefang der Liebe, der süsse Augenblick von Verwandlung, Umschmelzung, Anerkennung als Traum der Zukunft. Er sieht sie sie ihn schön: sic sieht ihr Beite der Natur, ihr grünendes Brautbett, empfängt ihren Geliebten im Bilde des lieblichen Apfelbaums, des Paniers dcr Liebe, voll labender Früchte. Sie berauschet sich an diesen voll Traums, voll fröhlicher Ahnung, crmatlet und sinkt in Schlummer. Ihr Geliebter singt zum crstenmale das süsse Schlaflied, und offenbar ist die erste Szene des Buchs vorüber, (Kap. r , 14. bis Kap. 2 , 7.) Die zweite beginnet, so schön sie beginnen F 2 84 I. Lieder der Liebe. kann, mit Frühling und Morgen und Blumengarten. Der Frühling kommt nach langem Winter, der Geliebte aus weiter Entfernung: ihre Liebe erwacht, mit allem Fröhlichen der Natur; aber cs ist nur noch Morgengruß, Frühlingsgesang brausten vorm Geländer. (Kap. 2,8- 14.) Die Braut antwortet nicht; jedes geht zu seiner FrÜH- lingöarbeit. Darum kommt jetzt das Scheuchlied wider die Füchse und das Lied der Sehnsucht nach dem bcy seinem Tagwerk abwesenden Geliebten. (Kap. 2, r 5 - 17.) Und er kommt nicht: sie sucht in Traumen ihn im Bette, findet ihn nicht, sucht ihn in den Straffen und Gassen, sinder ihn, bringt ihn in die Kammer ihrer Mutter; er wird ihre, nicht sie seine Beute. — Was hier in jedem Umstande, in jeder Tages - und Jahrszeit, in Nacht und Suchen für Delikatesse und Wahrheit liege, mag ich nicht erklären. Genug, cs kann das süsse Schlummerlied zum zweitcnmale folgen. Sie hat ihn: die zweite Szene ist vorüber. (Kap. 3 , 1 - 5 .) Die dritte beginnet auSzeichnend mit dem: ,/Was steigt dort auö der Wüste?" ein Ausruf, der mehrmals anfangcn wird. Sie kommt als Rauch in der Dämmerung: des Königs Bette wird beschrieben, das Bett des Schreckens, der Pracht, der Vermählung. Salomo ist vermählt und die Töchter Jerusalems sollen ihn schauen. (Kap. 3 , 6- ii.) Nun folgen Lieder deö Lobes und der Liebt/ süß und feurig und entzückend, wie der Wein der Vermählung (Kap. 4, 1-16.) Wir sahen droben, wie die züchtige Braut die erste Beschreibung unterbrach (V. 6.) und die zweite I. Lieder der Liebe. 65 nochmals ablcnket. (Kap. 5 , r.) Der Geliebte folgt ihr und die Freudenszene endet mit dem Freu- dcnmahl seiner Freunde im Garten. (V. 2.) Es steigt ein Wölkchen auf am Himmel der Seligkeit und Brautliebe. Er kommt ihre Thür salben; sic schlummert, säumt und lhut ihm nicht auf. Er entweicht, sie muß suchen, Reue und Schmach und Schmerzen fühlen über den bösen Augenblick ihrer ersten Lauigkeit und Säumniß. Jetzt ist cs Zeit und Ort, daß ihr Herz sein Lob, seine Gestalt singe, aufgesordert und unter dem Schleier der Nachtzeit. (Kap. 5 , 2 - 16.) Eifersüchtig aber laßt sie ihre Gespielinnen nicht mitsuchen: sie ist gewiß, daß er ihr ist, (Kap. S, 17. Kap. 6, r. 2) und wird mit einem prächtigen Lobesgefange belohnt: ,,sie sey ihm Eine und solle auch immer die Eine ihm bleiben." (Kap. 6, 3 - 3 . Diese Szene ist abermals voll von Wendungen und Schlingungen des Herzens; daher die Mystik geistlicher Liebe sie auch vielfach und fein gebraucht hat. Offenbar beginnt wiederum eine neue Szene mit dem Gesänge: //Wer steigt dort aus der Wüsten empor und sie ist die prächtigste im Buche. Kriegerisch und im Tanze wird sie die Göttin der Schönheit und (nach so viel einleitender Mäßigung) auch die Göttin der Wollttst/ der Lust und Liebe, (Kap. 6, 9. bis Kap. 7, 9) bis sie dem Liebhaber auf dem Gipfel seiner Trunkenheit sanft cinfallt und als eine Blume der Unschuld auf dem Lande blühet, (Kap. 7, 9. bis Kap. 3 , 3 .) Diese Szene ist das Elysium des Buchs auch in feiner Wendung und Lehre, voll des tiefen Ge- I. Lieder der Liebe. 86 fühls, wie die Natur liebe. Sie endet also auch zum dritten und letzten male mit dem SchlUM- mcrliede der Unschuld. (Kap. 8, 4.) Die sechste Szene fanat an, wie die dritte und fünfte, mit dem: //Wer steigt dort auf'."/ nur sie ist kürzer und leiser. Wie der Gesang der Nachtigall erstirbt, wenn sie ausgcbrütct har, so wird auch hier die Liebe eheliche Treue, sie lieben still und ruhig. Es ist der schöne Herbst ihres Lebens, der sich des Frühlings erinnert und mit einem ewigen Bunde aller Freundschaft ihn besiegelt. (Kap. 8, 5-7.) Hier ist das Buch der Liebe geendet. Was folgt, betrifft etwa die EriMMMg derselben in ihren Früchten. Es ist das Gespräch der Brüder und Schwestern/ betrifft die Altklugheit der ersten, und den sie verhölmenden Mull) und Reiz des Jugendmadchens. (Kap. 8, 8-12.) Vermulhlich ist sie selbst auch die junge Nachtigall, die ihren Eltern nachschlagt und bey dem ersten Gartenbusch, wie ein Hall junger Liebe, das Buch endet. Wirklich ist dies das Ende des Liedes, denn der Roman der Alten hört auf, wenn der Roman der Jungen anfangt: ^cnr'II irr 7 92 I, Lieder der Liebe. mo's: /,scinev Lieder waren dreitausend nnd //fünf/ und dies ist das Lied d. i. der Ausbund //seiner Lieder // wer könnte was dagegen Huben? So wenig als gegen Lamechs Lied an seine Weiber, als gegen das Brunncnlied in der Wüste, oder als gegen Jothams Fabel. ,.Nun aber stehts als ein besonderes Buch „da —" und weswegen stehts da? als weil es für jenen Ort zu groß und so ein Ganzes war, als seine übrigen Schriften. Gehörten der Prediger und die Sprüchwörter dahin, warum nicht auch dieses? als göttlich - autoristrter Belag seines Charakters und Lebens. Darum steht es auch unter den sssgiogiapki«, den heiligen Büchern, die mehrere dergleichen Belage enthalten. Kurz, alle Schriften Salomo's werden hiemit historisch und charakteristisch. Sie sollen in sein Leben zurückgeführt, in seine Seele gelesen werden, so widersprechen sie einander nicht, sondern erklären einander. Keiner, als der die Sprüche schrieb, hat das Hohelied geschrieben , und der dies schrieb, wird auch wahrlich einst den Prediger zu schreiben haben. In diesem Sinne soll man die Bibel lesen ; nicht alle Krauter, wenn cs auch Worte des Leusels waren, deswegen fressen, weil sie in der Bibel stehen und also ja citirte Krauter Gottes sind. Zur Lehre / sagen die Apostel, ist unö / was da ist/ geschrieben/ zur Besserung und zum Unterrichte; nicht zum dummen Anbeten und zum Verschlucken ohne Verdauung, wovon bcy den besten sowohl, als schädlichsten, Krautern auch das Vieh stirbt.- Hier wäre der Ort, eine herrliche Stelle Lu- I. Lieder der Liebe. --3 therS einzuführen, aus seiner Vorrede über den Psalter: „wie gut es die Bibel mit uns meyne, „daß sie nicht blos von den Werken heiliger Personen rumpele, sondern auch ihre Worte erzähle „und den ganzen Grund ihrer Herzen / in Freude und Leid, durch „ihre eigne Sprache uns fürhalte," weils aber manchen vom Psalter zum Hohcn- liede, vom Vater auf den Sohn ein zu großer Sprung dünkte: so wollen wir, ohne Stationen, in wenigen Worten fortfahren, „was auch dies ,,Buch sammt den andern Schriften Salomo's auf „sein Lehen und seinen Charakter für Bezug „habe." i. Davids Sohn war Salomo, der Geliebte seiner Mutter, der Gottgeliebte. Ach! Auserwahlter, meines Herzens Sohn, Du Ein'gcr, meiner Wünsche Sohn, Gib nicht den Weibern deine Kraft, Geh nicht den Weg, drinn Könige verderben. O nicht den Königen! Du Gottgeweihter, nicht den Königen Gebühret Wein, Den Fürsten starker Trank nicht. Sie tränken und vergaffen des Gesetzes, Und krümmetcn das Recht der Armen. Gebt Labetrunk dem Elende», Und süssen Wein dem bitterlich Betrübten; Er trink' und denke seines Jammers nicht, .Bergesse Noth und Kummer- Das war die Lehre, die den Gottgeweihten Jodid- 94 I. Lieder der Liebe. ja seine Mutter lehrte c) und Nathan gewiß bestätigt Huben wird. Seine Regierung ging auf, wie ein Stern des Friedens der angeführte 72ste Psalm besingt sie als eine Zeit der Gerechtigkeit und KöittgöNttlde. Sein Urtheilsspruch träufelte auf sein Volk, wie Thau, wie Regen auf die abgezehrten Kräuter: man segnete den stillen Sonnen- und Mondglanz seines Regiments und wünschte ihm Ewigkeit und die weite Erde. Auch als Friedenskönig und Fürst voll Herrlichkeit war er Messias Vorbild — — und siehe, in diese Zeit kam die Szene des Hohenliedes, der sichtbare Segen IehovahS/ die stille Auszeichnung des Gottgeliebten. Alle Menschenglückscligkeit sprießt aus Liebe; mit ihr ist alle Glückseligkeit verloren. Als Gott den Menschen im Paradiese schuf, ward Liebe sein zweites Paradies; Gott kannte nur Einen Segen fühlender Geschöpfe: er segnete damit Pflanze und Baum, Thier und Menschen; und als der Sohn Gottes sein neues Königreich auf Erden brachte, kannte er nur Eine Pflicht und Eine Belohnung, Liebe. Liebe ists, die sich über alles Schöne und Gute freuet, die es zu sich, sich zu ihm stimmet, zur Harmonie/ dem Kinde des Himmels, dem man- nichfaltigcn Einklänge in aller Schöpfung. Es giebt nur Eine Liebe, wie Eine Güte und Wahrheit. Liebest du dein Weib nicht, so wirst du v) Spruch. Kap. 3 r. I. Lieder der Liebe. 9 5 auch nicht Freund, Eltern, Kind lieben. Schämest du dich des Hohenliedes, Heuchler, so schäme dich auch des Weibes, die dich empfangen, und des Kindes, das dir dein Weib geboren, am meisten aber deiner selbst, Deiner! Du stehest deine Tochter an; wie soll sie gedeihen, zum schlanken, unschuldigen Palmbaum des Paradieses oder zum Dornbusch? Du stehest deinen Sohn an; was soll er werden? der Apfelbaum und die erwählte Ceder des Hohenliedes, oder ein krummer Ast im Kothc? Zu allen Zeiten hat sich die kalte Heucheln), das gezierte Grab voll Todtengebeine und alles Unflaths, an nichts so sehr, als an Liebe, geärgert; an Liebe Gottes und des Menschen, unsres -Nächsten. Auch das Hohelied und die zartesten Ausdrücke der Bibel und christlicher Lieder, sobald sie nur Braut und Verlobung nennen, dünkten ihr unerträgliche Hurensprache. Du Heuchler, sagt Christus, ärgert dich dein Auge, so reiß es aus. Ist dieß Helle und unschuldig, so ist dein ganzer Leib Licht; ists ein Schalk, so hilft dir nichts alles pharisäische Reinigen von aussen. Unschuld, du heilige Gottesperle! Hcucheley und Schminke, Trödelkram und gefärbtes Glas von Keuschheikpredigen und Geargertwerden, kann dich weder festhalten noch ersezen, wenn du dahin bist; vielmehr ist jene dein größter Feind, dein falscher Ersatz und häßlicher Nebenbuhler. Stellet zwei Kinder zusammen und lasset sie die Bibel, selbst das Hohelied Salomens in ihr, lesen. Das Eine, das Unschuldsengel noch das Angesicht Gottes im Himmel schauet, wird lesen, ohne sich zu ärgern, wird sich, ohne zu wissen, warum? oder worauf? freuen und als eine Sprosse des Paradieses emporblühn. Das andre, der philosophische Bube, der den Aktus der Erzeugung in der Schule gelernt hat, damit er wisse, woher sein Vater das Recht habe, sich seinen Vater zu nennen, wird sich gewiß ärgern und die Bibel schliessen. Er scy mein Sohn nicht. Statt also mit heuchlerischer Kalte und ehrbarem Busenlächeln vorbeizugehn und sich zu segnen, wo mans gar nicht nöthig hat und wo das Segnen selbst ärgert, lasset uns auch vielmehr aus dieser süssen Unschuld Saft der Arznei) für unser krankes Jahrhundert bereiten, wo cs ihm so noch thut. Warum schleicht und liegt ihr da so, ihr unglücklichen Schlachtopfcr eurer Lüste, ihr verdor» reten Salzsäulen auf Sodoms Grunde? Jsts nicht, als ob ihr vom Aschen - und Todtenhausen eurer Glückseligkeit und Menschensreude uns blaß und hohläugig zuwinktet: „Arme, wir kannten den „Zweck der Glückseligkeit und des Lebens nicht „durch Unschuld und ungcreizte, uncntweihete Blüthe. „Uns fehlte das Vorgefühl, die keusche Ahndung „von dem, was wir Zeitlebens seyn müßten und „ausserdem nichts sind, dem paradiesischen Segen „beider Geschlechter, Darum sind unsre Angesichte „verfallen und unsre Augen erlöschte Kohlen. Am „Baum eines falschen Vergnügens erkrankt, stecken „die Pfeile seines Zorns in uns und saugen den „Saft unsrer Gebeine." Wodurch können diese armen I. Lieder der Liebe. 97 armen Geschöpfe, wenn noch Rettung da ist, gerettet werden, als durch Rückkehr zur verlornen Unschuld, durch Reiz der Tugend, Gesundheit und Fröhlichkeit zu leben, in einem lebenden Hohenlie- dc? Unschuld allein kann Unschuld zurückbringen oder bewahren. Liefet ein Engel mit deinem Kinde, so fürchte dich nicht, auch im Hohenliede liesets die Bibel, so wie es in der Natur der Thiere Schöpfung Gottes stehet und sich nicht ärgert. Ich bin gewiß, daß sich an dem ,/Adam erkannte sein Weib" noch kein unschuldiger Knabe geflossen hat, aber wohl an dem unkeuschcn Verhüllen, an dem moralischen Kopfschütteln mit Ach und Aber. — Bcy den Juden war cs Gesez, daß niemand das Hohelied vorm dreißigsten Jahre lesen sollte; die Vorsicht war gut, und auch Luther preiset sie an; wie ist sie aber jetzt möglich? Also thue man wenigstens, was man kann, komme schädlichen Eindrücken zuvor, werde Freund seiner Kinder, lehre sie die Vilbel als Wort Gottes lesen, Ehe und Liebe als Segen Gottes im Paradiese im Sinne der Patriarchen betrachten; ich glaube nicht, daß das Hohelied hiezu schädlich seyn werde. Vielwci- berey, unzüchtige heidnische Liebe, schöne Natur der ägyptischen und ammonitischen Weiber, ist nicht darin; nur Eine ist seine Taube, seine Reine, seine, Liebe; sie, die Liebe ihrer Mutter, die seine Mutter ihm selbst vermählet. Ich bin gewiß, daß, wenn eine keusche Mutter mit ihrer Tochter, ein würdiger Vater mit seinem Sohn dies Lied eben in der Absicht der Bibel durchgehet, als den Kranz reiner Jugendjahre des Gottgeliebtcn, als irdischen Heeders WerkeRel, u. Thevl. VII. G 8 > ^8 I. Lieder der Liebe. Lohn und Segen, der dem zarten Sohne Davids, dem süssen Pfleger der Gerechtigkeit und Menschenmilde von Gort wurde; jede Blume, woraus die Spinne Gist saugt, wird der frommen Biene Honig werden, dem unschuldigen Kinde ein Zweig vom Baume des Lebens. 2 . Ohne Zweifel gehört hiezu, daß man mit diesem Buche Salomons auch seine andern Schriften verbinde und eine durch die andre erkläre. Wenn sein Prediger rühmt, daß auch Key seiner Liebe und Lust zum Vergnügen noch immer Weisheit ihm beigewohnet/ so weiset er uns damit selbst auf seine Sprüche, wo er mehr als einmal die Weisheit seine Geliebte nennt und die Gottesfurcht seine Schöne. Wie ernstlich warnt er da vor Hurenliebe, Ehebruch und Verführung! wie schildert er die Abwege der Jugend und den Reiz früher Keuschheit und den Balsam des Lebens in achter, reiner Liebe! In seinem lezten Buche, wo er auch an den sinnlichen Vergnügungen das Nichts, die Eitelkeit genug zeiget, bleibls immer noch das Resultat seiner Beobachtungen und Erfahrungen in Gutem und Bösem: //Freue dich Jüngling/ in //deiner Jugend / ehe denn die bösen Tage kom- „men; habe aber auch Gott vor Augen und //denke ans Gericht." Er bleibt dabey, daß cs das beste sey: //fröhlich zn seyn in seiner Arbeit sich Wohlseyn zu verschaffen/ des Lebens zu gemessen mit seinem lieben Weibe: denn das sey unser Theil im Leben." Es spricht also noch immer der Sauger des Hohenliedes und nimmt sich nicht zurück; aber er bestimmt sich jetzt aus gcxrüf- Lieder der Liebe. 99 ter Erfahrung, und verschweigt auch die härtesten Sachen nicht, die sich ihm in seiner Liebe und Sinnlichkeit aufgedrungen haben, nemlich, „daß hiemit das menschliche Herz nie ganz befriedigt werde, und daß, wenn er unter tausend Männern einen Menschen fand / er unter tausend Weibern keinen gefunden: denn Gott hat den Menschen aufrichtig gemacht/ aber sie suchen viel Künste." Wer SalomonS Schriften in solcher Verbindung liefet, wird er am Hohenliede tändeln? in ihm lezten Zweck des Lebend/ oder gar Unzucht und Ehebruch suchen, von denen Salomo ein solcher Feind ist? Wird er nicht vielmehr sein Knie vor dir, sanfter Liebling Gottes, beugen und im Dreieck deiner so verschiednen und so «unartigen Schriften beinahe die Summe philosophischer Weisheit des Menschenlebens finden? Liebe ist die größte Weisheit/ und die größe- ste Weisheit selbst im ernsten Sinne des Predigerbuchs ist und bleibt Liebe. Liebe ist unser Königreich aus dem Paradiese: worüber wir mit Liebe herrschen, das ist gewiß unser. Je weiter wir also dieses verbreiten, und je enger zugleich es an uns ziehen können, desto weiser und glücklicher find wir, in den rechten Schranken des menschlichen Lebens. Ein frohes Herz sieht allenthalben Frühling, ein liebendes Auge überall Liebe: ihm duftet in dieser Nose sein Freund, ihm wachst in diesem Palmbaum sein Kind, seine Geliebte. Menschengestalt ist die größcste Naturschöne, und alle Naturschöne muß der Menschengestalt, der Menschenliebe und G 2 icrc» I. Lied er der Lieb e. Freude dienen. Die Weisheit GotteS / SalomonS Muse, spielet in allen Bildern auf der Erde und ihre Lust ist bey den Menschenkindern. Wie theuer mir in diesem Betracht einige der abstechendsten Bücher der Bibel, die alle zusammenstehen, seyn, kann ich nicht beschreiben. Die drey Schriften SalomonS hinter den Psalmen/ die Psalmen hinter Hiob : das Täubchen der Liebe hinter dem Vogel der Weisheit, und unmittelbar an ihm der sonncnfliegende Adler, JesaiaS. Da ist Lehre, da ist menschliches Leben! — 3. Noch unterrichtender aber wird endlich die sonderbare Entwickelung und Katastrophe selbst in SalomonS Leben. Der weiseste König/ und wird zuletzt der größeste Thor durch Weiber. Der sanfteste König / und ganz Israel klagt ihm nach: //dein Vater har unser Joch hart gemacht, ma- ,/che du es unö leichter." Friedekönig/ und legt den Grund zum Abfall, zu ewigem Zwist und Trennung seines Volkes. Mächtig bis über den Euphrat, und kann zulezt einzelne Rebellen nicht bändigen, muß seinen gesalbten Nachfolger, Jcro- beam, unbezwungcn dulden. Weiser denn alle Weisen/ und vergaß zulezt seine Kinderweisheit, die Furcht des Herrn. Auch weiser denn die Dichter; und sein Land seufzte. Von Ausländerinnen verehrt und von Inländerinnen betrogen, verführt, vielleicht verachtet. Erbauer des TeM- pelS/ und selbst ein Abgötter: dem zweimal Gott erschienen / und der fremde Götter suchte. Umgeben mit Tausenden der Weiber und KebSweibep/ I. Lieder der Liebe. aor und hinterließ Einen unnüzen, unweisen Rehabe- am.-Gerechter Richter! wie tief geht dein Pfeil! wie furchtbar gleich und aufwiegend hängt deine Waage ! Lasset uns den rasten Psalm, ebenfalls ein Lied Salomonö/ hören: Wo Gott der Herr das Haus nicht baut, Vergebens bauet ihr; Wo Gott der Herr der Stadt nicht wacht, Der Wächter wacht umsonst. Umsonst ist, daß ihr früh aufsteht, Und sitzet spat in Müh, Und eßt in Sorgen euer Brod; Dem Freunde gibt er Schlaf. Luch Kinder sind des Herrn Geschenk, Sein Lohn ist Leibesfrucht: Wie Pfeile in des Starken Hand Ist junger Söhne Stolz. Wohl ihm, dem Mann, der ihrer voll Hat seinen Köcher. Sie Erröthen ihren Feinden nicht Beim Hader vor Gericht- wie freilich sein Sohn Rehabeam erröthen mußte. Richter, so rächest du: die ganze Welt ist Waage der Wiedernergeltung in jedes Menschen Leben. Der zu zärtliche König wird durch seine Weiber, der zuletzt aberweise König durch einen unweisen Sohn gestraft. Wo Salomo (menschlich zu reden) in Zügen wieder kommt, kommt auch sein Schicksal wieder. Der Jüngling, der nach zweitausend Jahren durch ros I. Lieder der Liebe. Kunst ein Hohelied sang, Pclrarka, — leset die drei Quartanten seines Lebens und wenn auf der einen Seite an Feinheit, Zärtlichkeit, Liebe, Freundschaft , Vielwissenschaft und Weisheit Salomo sich in ihm von fern meldet, so steht er noch deutlicher zuletzt in Eckel und Unmuth der Welt, in Eitelkeit und gelehrter Langenweile da; nur freilich war die Krone des Einen Gold, des Andern Lorbeer. Die vertändelte Berlocke hängt zuletzt müßig da; der müde Sänger der Liebe schreibt ein schwächeres Buch der Weisheit. Liebe, du Thautropfe des Himmels, die süsseste der Süßigkeiten auf Erden; wie bald wird dein Honig Eckel,, wenn man ihn im Uebermaasse ge- nieffet! Du bindest Menschen an Menschen, Menschen an Gott — ein Band fest wie der Tod, denn du sollt die Sterblichkeit überdauern; wehe aber, wer an diesem Gottesbande fasert und cs in seidne Flocken auflöfet! Sie verwehn, und was ist ihm blieben? O Liebe, die Christus lehrte und zeigte und ausgoß, Liebe, die Johannes in seinem Glanz bis in jene Welt hinüber mahlet, wie anders bist du! Eine nie versiegende Aurora; scheint sie hier unterzugehen, so geht sie mit Hetzern Farben in einer ewigen Welt aus! Walle süßes Wort, mein Herz, auf! ströme süsses Wort! ck) König höre! meine Zunge fleucht, ein Griffel, fort. Schönster aller Mcnschensöhne! deine Liebe gießt Strom der Anmuth, du, der Gottes cw'ger Liebling ist. H Ps. ffS. I. Lieder der Liebe. Gürte Schwert an deine Hüfte, Held, und wandte fort Prächtig, glücklich. Wie ein Kriegsroß sey dein siegend Wort, Und sey Gnadenwort. Die Rechte, wenn sie Schrecken winkt, Wenn dein scharfer Pfeil der Feinde Königsherzblut trinkt, Völker liegen dir zu Füssen — Gott, dein Thron er sey Fest und ewig, deines Reiches Zepter fest und treu. Unrecht hasse, liebe Wahrheit, Huld, Gerechtigkeit: Denn, o Gott, drum hat dein Gott mit Frcudenöl erfreut Dich vor allen deinen Brüdern. Myrrh' und Aloe Duftet dein Gewand dir, wenn du froh, in Königshöh, Trittst aus Elsenbeinpallasten und in deiner Zier Dir die Königstöchter dienen und zur Rechten dir Deine Braut in Ophirs Golde pranget. Hör' es, Braut, Und vergiß dein Volk dir. Schaue, wem»du bist vertraut, Und vergiß dein Vaterhaus dir, daß der König sich Lab' an deiner Schöne. Neig' ihm, deinem Herren, dich! Und die Töchter Tyrus werden mit Geschenken dir Hutd'gen, des Volkes Fürsten tief anbeten dir. Prächtig ganz ist Königs Tochter. Goldgewandgeziert, Prachtgcstickgeschmückct wird zum König sie geführt. io4 l. Lieder der Liebe. Nach ihr eilen die Jungfrauen, die Gespielen all Jauchzen ein in Königs Pallast. Ich, mit Freudenschall, Sing ihr: „Braut, statt deiner Bäter werden dich erfreun Deine Söhne, werden rings im Lande Fürsten seyn! Von Geschlecht hin zu Geschlecht sing' ich weit und breit Deinen Namen. Völker preisen dich in Ewigkeit." DaS wäre also die lehrreiche Stelle dieses Buchs jn der Bibel. Es ist ein nothwendiger Btlag Ztt seinem Leben / eine Beurkundung des Segens.' den ihm Gott versprach/ ein Schlüssel zn seinen übrigen Schriften/ zusamt seiner Denkart nnd dem sonderbaren Schicksal seines Alters und Ausgangs. Unter den Büchern des alten Testa, ments ists eine Rosen - und Myrrhenlaube im Thals des Frühlings rjngs umher voll schöner Aussicht auf alle Seiten der Menschheit. — <— Mich dünkt, man antwortet mir: „wohl! aber '„könnte das Buch nicht Noch mehr bedeuten? „sollte nicht noch ein andrer Sinn, ein tieferer „Verstand dahinter seyn?" Meinetwegen! aber was heißt das könnte / sollte? was wäre cs für rin anderer tiefer Verstand? und aus welchen unumstößlichen Merkmalen wüßte man, daß und wo er dahinter sey, daß der klare Wortvcrstand nicht darunter litte? Ich lese Las Buch und finde in ihm selbst nicht den kleinsten Wink, nicht die mindeste Spur, I. Lieder der Liebe. ro5 baß ein andrer Sinn Zweck des Buchs/ erster Wortverstcmd Salomens gewesen wäre; oder ich müßte ihn auch im Liedchen Ibrahims, in den Oden Hast; / in allen morgcnlandischcn Lidbeöge-- dichteu vcrmuthen und aufsuchen können, die diesem Liede in äusserer Gestatt völlig gleich sind. Im Leben Salomo'ö finde ich zu diesem andern Sinne , er solle nun historisch oder mystisch oder metaphysisch oder politisch seyn, noch weniger Grund: denn die Mystik war Salomons Weisheit nicht, noch weniger Metaphysik und scholastische Kirchengeschichte. Seine Weisheit war klarer Sinn in Anschauung der Dinge des Lebens, seiner Scharfsinn, ausgebrcitete Naturweisheit, wozu die spätere arabische Sage auch den weisen Salomo machte, sogar zum Zauberer und Teuselsbanner; zum mystischen Kopfhänger und Schwindler ins Wüste und Leere, oder zum Kompcndienschreiber der christlichen Kirchengeschichte hat sie ihn nie machen mögen. Auch siehet man es schon der Art des ncum Sinnes selbst an, weß Geistes Kind er scy? Heinrich das Schooskind jedes einzelnen müßigen Geistes. Er tragt immer die Gestalt seines Vaters, des Erfinders: fühlte der fein , fo ist auch die Seide des Mährchens fein, die er aus Salomo spinnet; ist er grob, so kommt auch so ein dickhäutiges Schiffseil von Allegorik heraus, daß dem Leser die Nerven zittern. Sey es aber auch fein wie Spinnwebe; es ist nur immer angefponnenes fremdes Gewebe, wenn es nicht aus der Schrift Salomons natürlich wächst und von selbst gleichsam sich anfdringet. -- Wenn Rabbi Juda I. Lieder de'». Liebe. ic>6 fragt, worum es dos Hohe Lied heisse? und antwortet: „weil, wer dies hört, in seinem Gcmüth mit himmlischen Sachen verbunden werde" so kann ich die Feinheit der Antwort wohl leiden. Es gefallt mir, wenn der Sohar sagt: SchWM'i aber gar lieblich — das ist die israelitische Kirche, schwarz um ihrer Gefangenschaft, lieblich um des Gesezes und ihrer Frömmigkeit willen." Oder, Wenns heißt: /, unsrer Häuser Balken sind Ledern / d. i. der Tempel des Herrn durch die Hand Salomo war Eedernholz; ider Tempel des Herrn, der zur Zeit des Messias wird erbaut werden, dessen Balken werden seyn Ledern des Paradieses." Die Turteltaube läßt sich hören: „das ist die Stimme Key der Ankunft des Messias." Wer ist/ die hervorbricht/ wie die Morgenröthe? „das ist die Erlösung des Messias; wenn der Messias kommt, wird eine Finsterniß auf die Königreiche der Welt fallen"- Auf den Wurzber- gen. „Unter allen Pflanzen und Baumen ist keine kleiner und niedriger, als da das Gewürz darauf wächst; also die Heiden, die mit den Dornen verglichen werden, haben weilen Raum — —" Solche und unzahlich andere Deutungen sind fein: sie sind gleichsam moralische oder poetische oder philosophische Anwendungen/ wie die jüdische Auslegungskunst liebt und in feinen Gesetzen bestimmt: den natürlichen Wortsinn aber müssen sie weder crsczen noch verdrängen wollen, sonst sind sie verführend, und auch wo sie am sinnreichsten und schönsten auffallen, sind sie Anwendung, Poem, Figmcnt, Eigenthum ihres Erfinders. So auch manche mystische Auslegungen des Hohenliedes I. Lieder der Liebe. 107 durch Christen; sie enthalten ein Meer von Empfindungen , feinen Gedanken und lieblichen Ge- spinnsten, davon die Seele deS Auslegers voll war und sie doch irgendwo ausgiessen wollte; er faßte sie also in dies liebliche Gefäß. So haben ja Sarbie- vius, Jo. Angelus und viele andre, die einzelne Worte des Hohenliedes auf den Gegenstand, den sie in Gedanken hatten, poetisch ausgcbildet, und man sieht leicht, daß in einer so zarten Sprache des Herzens, Key den so abwechselnden Gestalten und Szenen aller Menschenschöne, Liebe und Freude, Raum für die Empfindungen einer ganzen Welt ist. Aber ewig blcibts gewiß: das ist Anwendung/ nicht Wortsinn; ein neues Gefäß, aus dem zarten edlen Leim gemacht, nicht aber seine Nrgestalt und erste Lage; cs ist ein abgeleitetes, tausendfach verseztes Wasser, nicht die klare Quelle des Ursprungs. Lasse ich mich da durch einen feinen Rabbi verführen, der mich vom ersten noth- dringcnden Wortverstande wcglocket, so stehe ich gleich einem groben blos, der ankommt und also redet: //Er hat mich in den Weinkeller geführt; die Braut redet die Diener des Bräutigams an: erhaltet mich mit den Flaschen des geistlichen Weins im Sakramente. Fahet NNö die Füchse/ d. i. die Kezer, so Christi Weinberge verderben, und die kleinen Füchse / d. i. die heimlichen Kezer, so die Partikularkirchen verderben. Sieht/ UM dag Nuhebettchen des himmlischen Salomons 'stehen sechözig Starke / ncmlich heilige Engel und Gvt- tesgclehrte, alle angethan mit Schwerter»/ und verstehen die Streitkunst. Deine Zähne sind weiß/ d. i. deine Lehrer sind einmüthig und orthodox in I. Lieder der Liebe. ro8 Untersuchung der Kczercien, du wirst clisxutatoraa dans clsnvaroa haben. Deine Lippen zwo Pur- pursädeN/ das L^rrrdvluira lXicasirurrr und A,rlm- riazianuirr. Mein Freund ist hingegangen zu den WÜrzgartleiN/ d. i. zu den neuen Partikular- kirchen im 7ten Lasc., zu den Franken, Schwaben, Westphalern, zu den Sachsen und Thüringern, u. f. Dein Nabel wie ein runder Becher/ ist der wiederhergestellte Kelch im Abendmale, und dein Bauch wie ein Wcizenhaufe / da die Zrrthümer verworfen sind von Fcgfeuec, Seelmesscn und von Verdienst der Werke. Deine zwo Brüste/ die Mittel der Seelcnnnhrung, das evangelische Wort und die heiligen Sakramente --und so gehts zum Thor SethrabbiM/ zum elfenbeinern Thurm d. i. zu der durch den Hals der Lehrer rein vorge- tragncn Lehre, zur Nase/ dem Lrnblsnaats des Zorns über die Feinde der Kirche, zu den Haare»/ dem Bilde der Unterwerfung der Lehrer unter keinen als Christum, und zum Palmbaum / dem westphalischen Frieden, zu denen durch die Kehle gepredigten Lehren, die die Lippen der Schlafenden redend machen , und zur Linken / die das Haupt untel'stüzt / d. i. dem Kollcgio evangelischer Lehrer. Bis endlich die Töchter Jerusalems/ d. j. das Chor der Theologen singet: Unsre Schwester ist noch klein / die aus Gog und Magvg hervorwach- sende Kirche: noch hat sie keine Brüste/ d. i. keine ordentliche Lehrer. Wir wollen Über sie bauen einen silbernen Pallast für die Lehrer des Evangelii: denn dem himmlischen Salomo gebühren rooo Silberlinge für den Weinberg, 200 den Hütern zum Gnadenlohnc. -—- Man spürt I. Lieder der Liebe. 109 wohl, daß kein Rabbi die Deutung gemacht, indessen zweifle ich, daß der König Salomo glorwür- digen Andcnkes so lutherisch werde gedacht haben; — — Luther selbst dachte nicht also l e) Salomo ist nicht der Einzige, dem es so geht; heilige und Profanscribenten, insonderheit Dichter, je einfältiger, klarer und tiefnatürlichcr ihre Worte sind, desto mehr wird man sie mit AMkglMgr'N salben und in ihr schönes weites Zelt Sachen hinein tragen, an die sie wahrlich nicht dachten. So gings Homer, Dante, Petrarka, ja selbst der ehrlichen Boluspa: man hat in ihnen alle Weisheit und selbst die Goldmacherkunst gefunden; indessen wer fand sie darin? Nur Narren oder Kinder. Es ist gut und löblich, daß ein biblisch Buch biblisch und ein zärtlich Buch zärtlich angewandt werde; ja wir haben darin die schönsten Vorbilder an den Propheten, Christo und den Aposteln. Sie brauchen Ausdrücke, Bilder, Vorstcllungsarten des Hoheliedes, jeder auf seiner Stelle, in seinem Zweck und Sinne. Das ist jemanden so wenig untersagt, als ja im Gegcntheil jede Speise, die wir gemessen wollen, perdaut, in unser» Saft verwandelt werden und also gewisser Maassen ihre Natur verlieren muß. Es waren Pedanten und Wortkramer, die uns am Hohenliede nur Hebräisch lehren und Anakreonitisch singen lehren wollten, weitere Anwendung und Seelcnspeise daran aber e) dlegue leoc plaeei, vi exponsrrnis cle eon- iuneiione Oer ei LzmagoAse-ldmiber. 110 I. Lieder der Liebe. untersagten. Ist die Natur, wie Süßigkeit und Liebe, überall nur Eins; wo dir dein Her; eingibt, mit den Worten dieses Buchs zu beten, zu reden, zu betrachten, zu lieben; da kannst du's so ungehindert thun, als Jesaias, Christus und Johannes es thaten. Jede Blume wird gleichsam frisch blühen auf dieser neuen Stelle, und deine Seele, dein Muth, ja dieser Ort und diese Stunde werden ihr frische schöne Farben leihen; jedermann aber stehet, daß diese unendlichen, so augenblicklichen, so unbestimmbaren Anwendungen den ersten Wonvcrstand nicht aufheben, sondern vornnssezen/ bestätigen und gleichsam bewähren. Gerade wer zuerst dies Eine im Hohenlieds ganz und treu fand, kann nachher in der Anwendung alles daher brauchen ; dagegen wer im Wortverstande tappt und irret, auch in jeder einzelnen Anwendung straucheln oder lahmen wird.-Lasset uns also, damit man mir nicht die Ehre erzeige, mich unter die neuen Reformatoren zu rechnen, die für lauter klarem Wortverstande der Bibel von der mindesten Anwendung derselben nicht wissen wollen, noch einige Worte von dem kirchlichen Gebrauche dieses Buchs und seiner gewöhnlichen Anwendung so viele Jahrhunderte her reden. Schon Jesaias betrachtet die Kirche Zions als Gottes Braut und den Herren ihren Gott als Mann und Bräutigam. Hoseas, Jeremias, Ezechiel, die andern Propheten führen dies Bild fort und thun an sie unter demselben die ernstlichsten und zärtlichsten Worte. Im neuen Testament wird Christus Bräutigam seiner Kirche und Johannes I. Lieder der Liebe. irr ist nur Freund des Bräutigams , der sie ihm zuführet. Christus in vcrschiednen Gleichnissen, die Apostel in den stärksten Ermahnungen, Johannes Offenbarung endlich in der lieblichsten Hoffnung bestätigen dies Bild so sehr, daß cs sogleich, nachdem der Kanon geschlossen war, allgemeine Vorstellungsart, und Key den ältesten Kirchenvätern eine Lieblingsidcc ward, zu der das Hohelied Salo- mons den reichsten Stoff der Ausschmückung leihen und geben konnte. Sie schütteten also auch in ihren Homilien, Glossen, Kommentarien über dies Buch die Fülle ihres Herzens aus, jeder, wie er die Kirche sah und fühlte. Zart oder feurig, klagend oder jauchzend; nachdem sie ihm schwarz oder lieblich erschienen. Ohne Zweifel war dies auch die Ursache, warum der ehrliche Luther in ihm Trost über die Verwaltung des Regiments suchte; seine Zeit und Er hatten dieses Trostes nölhig. Er schrieb nemlich über dies Buch gerade in dem hämischen Jahr, wie ers nannte, i538, da der heilige Bund wider die Protestanten zu Stande kam, er den Verdruß mit Lemnio hatte, und auf der andern Seite dis Ausbreitung seiner Lehre doch nicht nachließ. Da seine Seele immer das Anliegen ausgoß, das sie zunächst drückte, so brachte ers auch jetzt in die Bücher, die er erklärte, oder vielmehr, an denen er sich stärkte und labte. Er sagts ausdrücklich in seiner Vorrede g) und war g) dlos rekerimus inter snorronäum N08tr,is co- gitgtiones e», ui liie lider tum äoc- irlnL ock vitain vtili, ium coiesolüiionilmü nor eruckiat. Urnek. in cantia. LLNtic. ri2 I. Lieder der Liebe. übrigens mit den Auslegern nicht zufrieden, „die cs von Bereinigung Gottes mit der Kirche, (Synagoge) oder mit den Tropologisten, die es von der gläubigen Seele auslegten: ox Iris onimr ssntew- tüs c;nis czuasso krunus zrsioi^i ^>otss?" Ucbri- gens hielt er das Buch für dunkel und wollte nichts, als seine Mcynung , d. i. die Anwendung sagen, die ihm damals so nahe lag. Es kann wohl kaum gelaugnct werden, daß nicht auch manche mystische Ausleger diesem Drange des Herzens nachgegeben und damals nicht anders, als so, über dies Buch schreiben können? Hat Christus seiner Kirche immer gegenwärtig zu seyn versprochen und sich mit ihr in Ewigkeit verlobet; warum sollte ers nicht auch jeder einzelnen glaubenden Seele seyn, da die Gemeine der Kirche ja eben aus lauter einzelnen Glaubenden bestehet? Mit je mehr Reinigkeit und Innigkeit man also die Vereinigung Gottes mit dem Menschen fühlte; desto inniger wandte man auch die Sprache dieses Buchs an, in dem nur Liebe redet. Man stehet aber, es war nur Anwendung/ sollte und konnte nur Anwendung bleiben, dem ersten Sinne Salomons völlig unbeschadet: denn sogar der Schluß vom Allgemeinen aus jedes einzelne Glied der Kirche war schon Anwendung. Auf diesem Wege wird noch bis jetzt jedermann von einzelnen Stellen des Liedes Gebrauch machen können, wie sie ihm jetzt sein Her; und Anliegen cingibt; genug, wenn sie dem gesummten Worte Gottes und der daraus gezogenen Regel des Glaubens nicht widersprechen. Und daß die obige kikchlichd Anwendung, von der I. Lieder der Liebe. der die genannte Erklärung Luthers nur ein gereinigter blühender Zweig ist , derselben nicht widerspreche, sondern im höchsten zustimme, ist gewiß.' Wer nimmt sich der Kirche an, wenn sich Christus ihrer nicht annimmt? Er, der sich mit Blute des Herzens seine Braut erkaufte und sie mit dem Wafferhade seines Geistes sich unsträflich wusch, sie auch in ihrer Niedrigkeit liebet , bis sic einst herrlich vor ihm erscheine. Es sind also eben nicht die züchtigsten Ohren, die diese ganze Verstellungsart, die doch biblisch und nicht nur Wort, sondern Sache ist, überall ausrcuten wollen und sich auch in Sprüchen , in alten treugemeinten Liedern daran ärgern. Die Kirche, die ihr im Sinne habt, mag freilich ohne Christo sepn! sie hat auch seiner nicht nöthig. Ueberhaupt ist Kirche, Staat , Ehe / und die einzelne Menschheit, wie sie in allen dreien gepflegt oder gcmishandelt wird, Ein Ding; überall ohne Gott nichts, und überall, aufs zarteste betrachtet, Braut Gottes an der Hand Jesu Christi: ein Siegel auf seinem Arm, ein Gepräge auf seinem Herzen. Paulus schämt sich nicht, auch in der Eheli) ein Bi Id Christi und seiner Gemeine zu finden: das Verhältnis des Herrn zu seinen Unterthanen dem Lande, dem er vermahlt ist, wird nie cin besseres finden, und in Absicht des Diensts der Kirche hat Paulus ebenfalls gezweifelt: ob der, der seinem cigr neu Hause nicht vorzustehen wisse, je die Gemeine ll) Eph. 5 , 22. f, Herders WerkeRel. n. Thcot. VII, H I. Lieder der Liebe. "4 Gottes versorgen werde? Die allgemeinen Band« dieser Einrichtungen, die lebendige Bauart dieser nur verschieden genannten Gebäude ist also Eins; und der Geist derselben Ein Geist — Liebe. Ze mehr nun ein Mensch die Wohlthatcn Gottes gegen Eins oder das Andre, die geheime und süsse Zuthä- tigkeit des freundlichsten Wesens durch die, so seine Stelle vertreten, hienieden fühlt; desto mehr ist Vorrath in seinem Herzen, das Buch hie oder dahin zu deuten. Und so deute ers, nur keusch und züchtig, daß es weder Spiel noch Aergerniß werde; und nie vergesse mans, daß es Anwendung sey, nicht ursprüngliche Absicht, sonst wird Eine Anwendung die andre Haffen und verfolgen, da sie doch alle, und unzählige ihrer, Schwestern unter einander und Töchter Eines Wortsmnes , des Textes der Liebe, seyn und bleiben. Auch der Kirche bleibe die Ihre, denn sie ist sich selbst die nächste. Und so habe ich Lust, diesen Abschnitt mit der klarsten Mystik zu schliefsen, die das Buch enthält, mit dem goldnen A. V. C. der Weiber, am Ende der Sprichwörter des Sängers der Liebe: Wem ein Weib von Lugendart Solch ein Weib bescheret ward t Ueber Perlen geht sein Gut. Best an ihr ist Mannes Muth. An ihr hat er Beute gnug; Lreue sonder List und Trug, Liebe sonder Leiv und Zwang, Gibt sie ihm sein LebenlanH. I. Lieder der Liebe, Flachs und Wolle zu Gewand, Wirkt sie ihm mit muntrer Hand, Ist ein Schiff, das Schäzeschwer Ferne bringet Nahrung her, Noch ist Nacht; sie theilet schon Speis' und Arbeit aus und Lohn, Sorget für das Feld und sieht. Wie nun ihr der Weinberg blüht,' Gürtet sich zu mehr Gewinn, Stärket neu sich Arm und Sinn, Denn sie schmecket, wie so süß Sey ihr Segen und Genieß, Ganze Nachte brennt ihr Licht, Wrennet und verlöschet nicht; Greift zum Rocken, spinnet frisch Und ernährt der Armen Tisch, Oeffnet ihnen volle Hand, Und ihr Haus hat reich Gewand, Wenn des Winters Schnee einbxicht, Hat es Schuz und fürchtet nicht. Nach der Nothdurft sucht sie Zier, Schaffet Purpurdecken ihr, Weiffe Seide zum Gewand, Denn ihr Mann wird schon genannt Mit den Edeln, hält Gericht — Sie erhebt sich dessen nicht; Stickt der Schleier, Gürtel mehr Für die Töchter überm Meer, Und -ihr Schmuck ist Reinigkeit, Froher Blick auf späte Zeit, H - I. Lieder der Lieb». »tt Klugheit öffnet ihren Mund, Huld und Sitte thut er kund. All ihr Haus durchschauet sie. Gibt ihr Brod der Faulheit nie; Darum preist sie ihr Geschlecht Und ihr Mann frohlocket recht. „Biele Dirnen, frisch und reich, Sah ich; dir war keine gleich. Aller Schönheit Reiz vergeht, Gottesfurcht im Weib' besteht. Solch' ein Weib verdienet Ruhm, Ihrer Lugend Eigenthum, Gebt ihr ihrer Hände Lohn, Dank und Preis im Heldenton." III. Don Uebersezungm des Buches, insonderheit Einer in alten Minneliedern. ^2tatt einer kleinen Geschichte der vornehmsten Er« klärungen dieses Liedes, die ich zu geben Willens war, laßt uns von einem neidloseren Gegenstände, «irrigen merkwürdigen Ueberstzungen desselben reden. Die Deutsche Sprache hat das Glück, eine der ältesten sich erhalten zu haben; es ist Willerams Auslegung zusamntt seiner lateinischen Paraphrase. I. Lieder der Lieb«. "7 Da sie in der SchilMschM Sammlung Deutscher Altcrthümer bekannt genug ist: darf ich von ihr schweigen. Aber eine andre und zwar poetische Ucberftzung, aus den schönsten Zeiten der deutschen Sprache ganj im Geschmack der MiNNesttMt', was noch schöner ist, in einzelnen Stücken, völlig ohne mystische Auslegung/ so gut als nur die Vulgate dem Dichter die Gedanken gewährte; sie muß ich ausführlicher rühmen, und da sie so gut als unbekannt und doch ein Juwel unsrer Sprache ist, hier lieber ganz geben. Sie ist von einem an Deutschen Seltenheiten und Schäzen reichen und kundigen Manne auf einigen Bogen bekannt gemacht worden, aus denen wir aber alles auslassen können, was nicht zu ihr und ihrer Erläuterung gehöret. Ich rede jezt nicht, sondern ihr Herausgeber, D. Schober in Gera: „Ich finde unter meinem kleinen Büchervorrath ein deutsches Manuskript über die Bibel alten Testaments: welches ich zwar An. 146». oder auch wühl 10 bis 20 Jahr eher geschrieben zu seyn schaze; aber auch dabey dafür halte, daß das erste Original noch viel alter, und ungefähr An. i 3 oo verfertiget seyn möchte. Darinnen finden sich nun die meisten Sprüche aus dem Hohenliede Salomonis in Reimen verfasset; welche wohl würdig sind, daß sie der Vergessenheit entrissen werden. Es ist nämlich dieses Msct. nichts anders, als eine Historicnbibel alten Testaments, oder ein Auszug der biblischen Geschichte von Anfang der Welt bis zu den Zeiten der Maccabaer, mit Hinweglas- tiö I. Lieder der Liebe. sung der Psalmen und Propheten, in Folio und drey Queksinger dick. Der Verfasser, welchen ich im i 3 ten Jahrhundert gelebt zu haben glaube, mag vielleicht ein Bayer oder Frank, und etwan aus München, Nürnberg oder Bamberg gewesen seyn: denn daß er kein Einwohner des schweizerischen oder schwäbischen Landes gewesen, gibt die Mundart selbiger Zeiten. Es ist mir auch wahrscheinlich, daß er seinen biblischen Text nicht sowohl aus der Vulgata , als aus einem alten deutschen biblischen Codex, werde genommen haben: wie denn bereits Karl der Große die Bibel, oder wenigstens einen Thcil derselben in die deutsche Sprache übersezen zu lassen bemühet gewesen. Ob aber auch zu seiner Zeit einige Bücher der heiligen Schrift in Reime gebracht worden? kann wohl mit genügsamem Beweise nicht dargelhan werden: ungeachtet nicht zu leugnen, daß er die Poesie hoch gehalten. Von seinem Sohne, Ludwig dem Frommen, hingegen weis man zuverlässiger, daß auf dessen Befehl der Mönch Ottfrid*) Von Wcissenburg die vier Evangelisten in deutsche Verse gestcllet; welche von Flacio Jllyrico Anno 1671 in Basel in 8. zum Druck befördert, An. 1727 Wir verweisen den Leser auf die umständliche Abhandlung von diesem weissenburgischen Mönche Ottfrid und seiner Uebersezung, welche in den kritischen B ei trä g e n stehet, im isten B» a.d» rg 2 . f. S. und auf die ebend. auf der 63a- 658 S. weitläufug sich findende Nachricht von Al. Onv» ltastmanni Olsserv. äs Ott/ri'äo ^ hloNnsbo WeisseniiurZeusi, Heimst. 1717 in lz. I. Lieder der Liebe. irz aber nach einem geschriebenen Exemplar verbessert, durch Johann Georg Scherz dem 1 Rs 8 uuro snti- «zuitaturn Lclriltsri cinverleibt worden. Daraus denn wohl zu schließen, daß zu den Zeiten LudwigS des-Frommen die völlige Bibel in der deutschen Sprache vorhanden gewesen: ja wenn man der Vorrede eines alten, in sächsischer Sprache geschriebenen, Buchs Key dem Andrea äu Lkssne; trauen darf; so ist schon zu den Zeiten gemelkten Ludwigs des Frommen die ganze heilige Schrift in Reimen *) gebracht worden. Unter der Regierung Ottonis deS ersten florirten in Deutschland und Frankreich viele Poeten und Meisterfanqer: von diesen könnte leicht etwas dergleichen ebenfalls zurück geblieben seyn. Notgcrus oder Notkcrus der Dritte, mit dem Zunamen Labeo zu St. Gallen, übersezte im eilften Jahrhundert die Psalmen;**) Willeram oder Wollram, Abt zu Eberfpcrg in Bayern, welcher im eilften und zwölften Jahrhundert gelebet, das Hohelied Salomonis;***) und Kaiser Friedrich der Andere *) Gleiches suchet oder IVI. G c. Lützel in seinem wohlgeschriebenen Undeutschen Katholiken, Jena 1780 in 6 . geschickt zu beweisen. **) Von dieser alten Psalmenübersezung und dessen Verfasser handeln ausführlich die kritischen Beiträge im aten B. a. d. 678-598 S. ***) Wovon nachzulesen ?nrapärn§ir gs- inina in klanticum guoruni Prior rb^tiniz latinis, aUsra uekerr liuFun /ranciea, 120 I. Lieder der Liebe. gab einem geschickten Ritter Befehl, die ganze heilige Schrift in Verse zu bringen; davon auch ein guter Theil zum Stande gekommen. Ich schreite aber nunmehro zu den, aus dem Hohenlieds verfertigten deutschen Reimen; welche, nebst denen Uebcrschriftcn, aus der Vulgata genommen, folgenden Inhalts sind; und denen ich, um bessern Verstands willen, einige Erklärungen beigefügt habe. 1. »re Cap. i. Mich kust ir minneclicher i) kus. ein mündet der überguldes) ein überfluz. der werden Z) creatur ein ete. zu der ich kere. 1) lieblicher 2) ein übergoldetes Mündlein Z) werthen Soncspka esr, sä ä'aul. Meruln, lbnAä. Lud. 1gg8 in 8. Und nachher än-. lunir Lxeciinen Odservalionnin in tt'rllernmi Lddatis /r»nci- cnm xarsplirasin Oaniisi tlanticornnr, ^.insiel- i6nü in 8. Wie auch I. G. Scherzers, in Folio zu Ulm 1726 gedruckte und mit Anmerkungen vermehrte Ausgabe; mit Vergleichung der davon in den angezogenen Beiträgen gegebenen Nachrichten , im Zten B. a. d. 3/2 - 387 S. ÜiLSt» I. Lieder der Liebe. rsr wannst) ir prüstlein. sein violein. vor allen wein. sein ir salben stark. zu dem wil ich mich deren. mein seldb) mag sich meren. wann ir nam ist eins obses traust 6) vnn ist aller wird ein wirdig kaust 7) auz keyserlich er art. rein vnn zart. ein adamas der herte art.S) daran sein. ir di jungen maidlein, noch ir fartg) derselben vntertenig sein, vnn volgen ir uert. 10 ) von aaron plünde gcrt. 11 ) st) denn 5) Glückseligkeit 6) ein Zweig voller Obst 7 ) Aller Ehren würdig und nicht hoch genuz zu schätzen 8) ein harter Diamant g) darum begleiten sie die Jungfräulein io) ihren Fußstapfen ,a) blühender Ruthe, Stabe» s. csni^r er Wum Cap. 2. Ich pkn ein plum dez praitten veldeL vnn ein lilig in awe gar gemait. i) Ich pin ein ros. e) in erquickender Aue l. Lieder der Liebt. uz werden clos.2) derart zu warer minne. 3) mit irm sinne. mein fridelst) sei das gefeit. 5) mein plünder gart 6) sei im berait. er kum do hin. leiht?) sein gewin. eins küssen Wirt do inne. vert er in steter Minne. 8) in dem garten. wil ich warten. des vil zarten. gar mit allem fleizz. ich enrüchg) wer mirs verweiß» 2) aus einem angenehmen fruchtbaren Erdreiche 3) Liebe st) Fridrich, Liebhaber 5) gesagt 6) blühender Garten 7) liegt 8) wenn er in steter Liebe verharret 9) ich ruhe nicht, oder ich würde mich gegen den rächen 3. AZn vermuthlich aus dem 3tcn Cap. Ich pin der minne») gar berait ein stolze maits) wunnevar in plünder minheit. 3) r) der Liebe r) eine wohlgezierte Jungfrau 3) freudenvoll in blähender Liebe I. Lieder der Liebe. 12) nie gesnait. st) wer ir gert tugentlich. 5) der wirt rich. 6 ) do pei trag 7) der eren cleit. mit Unterscheid. dar an kein Mensch denn mein hend. 8 ) mein minneclich. der ist nit gleich. mein libez licp sprich zu mir. uz sender gir. 9 ) mein liep loz mich zu dir. so werd wir srewdenreich. durch deiner rosen ewglein. 10) ^ daz ist so vein. daz die lilgen entsprungen n) sein, von grünt gewalticlich. ir) wann si ist so minneclich. i 3 ) wir schrillen ist) gen gegen perg > 5 ) vnn erfüllen do der minne werk >6) uns do frewen. st) nie verunehret b) wer ihrer tugendhastig begehret 6 ) reich 7) trage ich L) hier scheint im Msct. etwas zu mangeln; oder es sollen sich die Worte: gearbeitet haben, darunter verstehen tz) Begierde 10) Aeugelein ,1) ausgewachsen ra) vom gewaltigen Triebe zu grünen a 3 ) lieblich ist> sollen ib> den Berg hinauf t6) der Liebe Werk oder Uebung L24 l. Lieder der Liebe. vn achtent 17) niemantz drewen. davon süslich sprechen. Denn schult r8) wir für pazig) gen. do wir di rosen vinden sten. vn di rosen. zeilelosen. 2«) vz ir closenar) prechen. wir furchten 22) niemants rechen. 2S) Lieb mir kum. 24) zu deinen frum: 26) Honig hat mein gum. 26) on allen rum. vnn honigsaim dir behalten. 27) daz wil ich dir spalten. 28.) 17) achten 18) sollen rg) weiter, fürter 2») sind Blumen, d^sroissuz, sxlrsinera», volalriuiw 21) Boden oder Erdreich 22) fürchten - 3 ) Rache oder Drohung 24) zu mir komme! 2b) zu deinem Nuzen und Wohlgefallen 26) Gaumen 27) Für dich aufgehoben s8) mit dir rheilen 4) mr'ckr. Cap. 5. Ru tu mir auf taub mein, r) ein prehende a) ros zart vnn vein. r) meine Taube 2) aufgehende I, Lieder der Liebe. »st daz ich mit dir mag 3) gesein. vntz 4) der tag Wirt schein. 5) vntz di naht 6) genaigt sich, waz du den lieb wilt daz tu ich. zeuh mich noch dir mit dein, smack. 7) ich lauf noch dir alz ich mag. 9) S) könne st) dis b) anbrechen wird L) die Nacht 7) Geruch 8) so viel ich kann 5. nrereL. Cap. 5. Mein fridel 1) glüt in glünder röt.,) vnde rötet in Werber not. 3) vor mangen tausent uz erwelt. sein Haupt für edels golt gezelt.' mein liep feinst) gar in rehter prait. 5) reht alz di palm in solher heit. 6) 1) Fridrich, Freund, Liebhaber s) ist feurig vor Heister Liebe 3) hier ists dunkel; vielleicht solls heissen: Diese grosse Liebe nöchiget ihn, roth zu werden, d. i. seine Liebe durch seine feurige Gestalt zu erkennen zu geben st) meines Liebhabers Haupt 5) in völliger Grösse 6) wie ein Palmbaum auf seinem Grund und Boden 126 l. Lieber der Liede. Swartz alz ein rab ist sein knok.7) raid8) ist seins höres lock, g) 7) der Hintertheil seines Hauptes 8) gerade Z) sind seine Haarlocken 6 . Cap. 7 . Di olraun i) geben iren swack. s) zu Jerusalem an allen crach. 3 ) new vnn alt oppfel vf den tag.ll) ob ich zu dir kumen mag. b) . di hon ich behalten dir. libcz liep kumstu zu mir. di tilge» vindest all berait. wol mich 6) daz dich die erde trait. 7) 1) Blumen von schöner Gestalt und kräftigem Geräusch s) Geruch 3 ) An allen Ecken und Enden l») zu seiner Zeit b) kann und darf 6) mir 7) traget 7. Dr/ecttes »reur mrrrk, Cap. 5. Mein libez liep sein rehte haut» di mir durch ein lüge 1) wart gesant. 1) Oeffnung, die sich in der Thür befand I. Lieder der Liebe. is? vnn rürk daz velsloza) meiner tür. i» senstcr vn in leiser kür. 3 ) mein leip noch seim griff erhischt. ff) daz mir nimmermehr erlischt. 5 ) mein leib mein sel frewen sich, vor rehter lieb alz ich vergich.6) ich stunt vf vnn wolt vf tun. mein lieb vnn mein sun. Doch waz er abgan. 7) noch dem sich mein Hertz ie san.8) laider mir doch nie geschah.g) do ich meins libez nit entsah. 10) 2) Riegelschloß I) Erwählung ff) er erhaschte, er faffete meinen Leib b) aus den Gedanken kömmt 6) bekenne 7) davon gegangen 8) sehnete g) niemals wurde mir so leid ir>) als da ich meinen Liebhaber nicht mehr sah 8, ü>o rnr'ckr ere? tno/rtem. Cap. 4. Seht donochi) ich irr. nit engie noch mirr. 2) «in weg ich mir empfie. 3 ) a) derohalben 2) ich gehe nicht nach dem Myrrhenberge. Hier redet der Poet dem Texte gerad entgegen S) ansahe, vornehme ,28 I. Lieder der Liebe. zu reht ich den gie. si) vf den perg zu libano. mit mein fridel wart ich do fro. vnn erlöst mich 5) mit im do. süss antwurt gab er mir sa. 6) er sprach got grüz dich raine praut. meins hertzen traut. 7) mein schönste mein nehstL) got geb dir hall. gib mir deiner minng) ein teil. nu kum ein auzzer wette praut. zu der Porten still nit uberlquk. von dem perg libano. lieb nu ge wir anderswo. ,0) zu dem perg hermon vnn figir. lib so ge wir nimmer irr. nit wartten wie di libcn tilgen. noch ob wir jungen sein geswigen.11) wo der Uebhart gcsurt sei. 12) do schull i3) wir serr Wonnen pei. ih) ü) welchen ich zur Rechten gehe 5) besprach mich lieblich L) also 7) vertraute 8) meine Näheste g) deiner Liebe 10) anderwerts hin 11) Heerden. Hier lautet es so dunkel, daß ich muthmasse, der Abschreiber habe xrwas übersehen ,2) wo der Liebhaber (der Heerden) sich gelagert habe ,3) sollen rtz.) wir künftig auch unsere Wohnung haben 9 . I. Lieder der Liebe. ä29 g. L^o/r. Cap. 3. Get uz ir töhtcr vd» syon. schon i) so kumt künk salomon. in seiner reichen krön. di im sein muter gab zu lon. an den tag seiner empfehtunge. 2) srewt euch paid ir maid junge. 3) an dem tag der fremd sein. vn an dem tag der Wirtschaft mein, ir) 1) bald, eilend a) seiner Vermählung 3) alle ihr Jungfrauen ir) meiner Hochzeit > Gasterey io. r-eer r/r KcreLr'trt» Cap. ir Do künk saloMon in seim palast» mit werden mit Hoffart sazz. 1) do pek gar nahen ein pet stunt. dor an di jungen Maid ruent. 2) mein nardus gab vil süffen smack. 3) alda der kunk lag. vnn auch an allen orten gar. zu jerusalem der porten zwar, ir) 1) in prächtigem Schmuck 2) die Jungfrauen ruheten 3) Geruch ir) d. i. an allen diesen Orten wurde der Geruch gespüret Heeders Werke;. Nel. ,1. Tbeol. VII. I I. Lieder der Liebe. i3o ii. /,r »enamrre er. Cay. 7. Nu prüftet waz sunamitis sei. daz bedeut man hipci. als ist gesprochen senft allein. 1) so ist mein süß mein clar mein rein. nu seht wz prüftet ir an ir. daz sult ir beweisen mir 2) wir sehen wan3) pürgtor. vnn der hohen vesten tor. Ach wie schon ist dein gank. in dem gcschüh ane uank. st) der huste »alten 5) sten dir schon, du fürsten tohter von syon. di alz di fürspan 6) sein gestalt, gcschmeid von hohes smidcs gwalt. 7) do zu mein lieb wol gestalt, ir tugent ir keusch 8) ist manigualt. 1) es soll lieblich davon zu sprechen, so viel heissen: 2) mir beschreiben 3) vom st) ohne Wanken 5) dein Rock oder Gewand mit vielen Falten gezierct 6) Feuerspangen, von Gold und glanzend gearbeitet 7) Goldschmidskunst 8) Keuschheit 12. M/rt ? e§!/ro. Cap. 6. Hiemit wie spricht kunk salomon. ich trag^vil hoher werden krön. I. Lieder der Liebe. r3r Sehtzig hon ich der kunginn. vnn ahzig sein der freunden, vnd jung maidr) ist one zall. di warten mein mit fleiß zu mal. Doch ist eine di taube mein, volkomen gar clar vnn vein. - j vor allen maiden uz er weit, zu keiner maid ist si gezoelt. 2 ) alz di lieb libe mein. 3) Ach soll ymmer mit ir sein- 1) Jungfrauen 2 ) sie ist viel höher, als andere Jungfrauen, geschähet 3) denn sie ist meine Allerliebste r3. Or/ect»; Cap. 2. Mein lieb ist mir lieb.vnn ich ir. dez fult ir glauben mir. Si ist gleich der minn berait. r) Seht also kert 2 ) die werde maid- an der strazzen wol gemait. 3) aller krön si kröne treit. Hs vn über der himel köre prait. 5) mein lieben lieb sei daz gesait. 6) 1 ) zur.Liebe bereit 2 ) also verhalt sich 3) erquicket si) sie tragt die allerköstlichste Krone 5) bereitet 6) gesagt I 2 I. Lieder der Liebe. a32 14. /ro^/ir tref. Cap. ö. Das velslozi) deiner tür. nu lu mir vf in deiner kür. 2 ) mein libe mein taub mein libe mein schon. ich mit dich vor allen maidcn krön. 3) wannst) mein Haupt ist tawes vot. meins hertze traut 5) ich sic nit wol. 6) von den tropfen der trübsal. die ich nu trag aizumal. mein Hertz host du vcrwunt. gar untz?) in der sel grünt. vnn wiz daz ez sürwar. kaum stet an eim har. 8) 1 ) Riegelschloß s) nach deinem Wohlgefallen, aus Gefälligkeit 3) krönen st) denn k>) meine Herzensvertraute 6) ich befinde mich nicht wohl 7) bis 8) sehr gefährlich mit mir stehet i5. attcfik« e;5. Cap. 2. Der turteltaub stimm ich gehört, in den vclden hie vnn dort, vn in den turnen jerusalem. wer do wol di rede vernemem, 1 ) 1 ) wer da, (nämlich sich befindet) der vernehme die Rede, gebe darauf acht I. Lieder der Liebe. i33 von osten kumt vil süsser wini. vnn macht aquiloncm ptint. 2) vnn durch rw3) de» garten mein, di aramatumh) süssen drein. 5) 2) vertreibt den Nordwind Z) durchwehet 4) wohlriechenden Blumen und Gewürze ü) geben ihren süssen Geruch dazu 16» »res Cap. 5 . Mein sel di smiltzet alz ein eis. In jungen tagen wirk ich greis. 1) alz mein lieb gesprochen hat. do ich in nit vant an der stat. Ich sucht in vast 2) vnn vant sein nichts mein lautes rüffen waz entwiht. 3) antwürt nimant mir do gab. mir vil senenden knab.h) der stat hök g) mich funden. in jamerigen stunden. 6) di slugen mich ich warrt schrcvn. 7) vnn namcn mir den mantel mein. r) grau 2) sehr 3) entwichen, d. i. vergebens h) hier vergisst der Poet , daß er im Namen der Braur reden solle b) die Wächter der Stadt 6) d- i. in betrübter Zeit und Umstände» 7) ich schrie I. Lieder der Liebe. 184 vnn di der turn pflagen-8) vn vest g) pei der maur lagen. Ir töhter von ierusalem. in, wart 10) ob mir daz wol quem, 11) Sagt mein lieb daz ich sei nach seiner minne siech. 12) 8) die Thurnhüter g) nahe 10) erwäget ir) ob es mir nüziich und geziemend seye 12) seye, aus Begierde, seiner Liebe theilhaftig zu werden, krank 17. FerAS r/i/ücte nrr. Cap. 8. Eya du mein vil libez liep. vor allem lieb hon ich dich lieb, den palsam perg vm sleich. sich r) so wirstu geleich, den rehern vnn den hindcn. Di gcmsel wirstu vinden. do pei stet ein linde prait. 2) dor vnter füll wir sein gcmeit. 3) r) sihe 2) eine breite Linde 3) erquicket, d. i, wir wollen uns darunter erquicken 18. « 5 >r'r't e/rc ??rrc/rr. Cap. 5 . Wo ist mein lieb gegangen ein. dcz pit ich zeig mir do hin. I. Lieder dor Liebe. a35 du aller schön ein schönes weip. vor aller zir ist gezirt dein leip. Sag mir wo ist er gegangen. Dein sridel i) vnn dein pravtigam. daz wir suchen in mit dir. fraw du mit in vinden schir. 2) mein lieb gegangen ist aldar. In dem süssen tust sür war. do er balsam tilgen vil. brechen mag waz er der wil. In demselben garten, peid süll 3 ) wir sei» wartten. 1) Fridrich, Liebhaber 2) d. i. Frau! in deiner Gesellschaft wollen wir Ihn bald finden 3 ) beide wollen 19. ünrica »rea. Cap. 2. Bit libcz lieb du soll uf sten. mein taub mein schon mit mir gen. In dez harre» flinsez hol.r) In der clüft der meger vol.2) do zaig mir daz anllütz dein. Dein stimm hell in den oren mein, wann 3 ) dein stimm vor aller süße. Dein antlütz olar ich sehen müße. is Felsens Hole 2) der kleinern Holen oder Gemacher 3 ) denn 136 I. Lieder der Liebe. 20. voae mer, Cap. 5 . Meins libe» lib ein süsse stimme, gar on zorn vnn on grimme, sprach tn vf hi clopf ich an. Dein sridel vnn dein prautigqm, zarte mein swester ungemeiligt. i) Dein amplick sei mir vnuersait. 2) Sich 3) so sull wirst) wesen 5) sro, vnn suhrten 6) mit der neider dro, 7) wir denken an die pruste dein, di sein süß vor allem wein» lieb di rehton haben dich. 8) will du der sraw ja so sprich, 1) unbefleckt 2) unversage 3) sihe st) wir solle» b) sey oder werden 6) fürchten 7) Drohungen 8) hie Aufrichtigen haben dich sieh 2r. Aranr es. Cap. 4. Ach wie schon wie zart du pist, wol gezirt in aller frist. dein gestalt der palm ist geleich, dein prüst der Weintrauben sunderlich. Als ein carmel ist dein Haupt, l. Lieder der Liebe. dein hals zusammen ist gcclaubt. i) alz ein turn von helfende«!. Sih daz pistu fraw rein, kum zu mir vil libe mein. vnd gen vf den aber »ein. vnn maxien wi di plumen drehen. 2) der opfel fruht wir sehen. lieb do gib ich dir mein prust, gar noch meins hertzens lust, 1) auserlesen ?) glanzen 22, Cap. 6. Di ist di allerschonste mein, di in der werlt r) mag gesein, ir töhter von jerusalem. Ich wen daz ir keiner zem- 2) Sie sahen die tohter von syon, vnn Hilten für heilig schon, 3) vnn ir antlütz clar vnn vein, lobten qll di kunigin 1) Welt 2) zu vergleichen seye, Z) d. i. sie hielten die Tochter Zion schon für heilig ?3. mecr. Cap. 3, Di langen naht in mein petle. sucht ich den mein ftl lieb hete- r38 I. Lieder der Liebe. vnn dez selben vant ich niht. do von wart mein fremd entwiht. i) Ich sucht in vnn sein nit vanr. Ich stmtt vf zu haut. 2) Durch die grozen weiten stat. Seht do gieng enzal. 3 ) Durch gazzen vnn durch strozzen.' nimant wolt einlozzen. Ich sucht dem willig ist mein sel.st) durch den ich leid solche quel. 1) entwichen 2) alsbald 3 ) hin und wider st) dem sich meine Seele willig übergibet 24. 65 Ktirrca mea. Cap. st. Schon pistu alzu mal. liebez lieb vnn one zcal. on mail 1) pistu gar. dein lebs ein süß Honig furwar. Hong vnn milch uz der zungen. endlich ist entsprungen, vnn deiner süßen palsam smak. nimant wol vol ahzen mag. 2) Der winter scharpf und der regen, di sein alzumol gelegen. 3 ) 1) ohne Flecken 2) essen, d. i. niemand sich davon satt essen kann 3 ) haben sich geleget, sind vergangen I. Lieder der Liebe. L39 Di turteltaub ist gehört, in dem land hie vnn dort. Di plumen geben lihten schein, vnn di tranken geben wein, kom mein lieb von libano. Daz wir beide wesen 4) fro. kom dar so wirstu gekronet» vnn vor allen maiden beschonet, 5 ) <») seyen ^ st) vor allen Jungfrauen schön und hochgeschazt 25 . r>r Cap. i. Bon cipper trank r) daz wehst allste, an mein lieb 2) ich sag ew wie- In cngadi Weingarten- 3 ) vind ich di vil zarten-4) aller meiner gerehtigkeit. 5 ) Si ist an geleit. 6) Schon dein heufet vnn clar. 7) als ein turteltaub für war. 1) cyprischer Wein 2) der wachset an meinem Liebhaber 3 ) eben also, wie in den Weingarten Engadi si) Antw. des Bräutigams: Da finde ich die sehr zarte st) mit aller meiner Gerechtigkeit 6) sie ist angekleidet 7) deine Wangen sind schön und zart I. Lied e r d e r L i cbe. dein halz dein fürspan sint. 8) Di do tragen der min» kint. 8) sind dein Hals und Feuerspangen 9) welche die Kinder der Liebe tragen 26, Cap. 1. Ich pin schwartz vnn doch genem. tohter von jerusalem. alz ein schathaus r) in cedar. als salomonis waz gefar. 2) merktZ) mich nit werden frawen. Da; ich pin ein lützel praun. h) geuerbt mich di sunne hat. In gar wirdiclicher wat. ü) 1) Schattenhaus, Sonnenlaube 2) wie des Salomonis seines gewest» 8) bemerket h) ein wenig braun 5 ) in gar-ehrwürdiger Kleidung 27. ä'rcut Merkes. Cap. 2. Alz ein süsser apfeel bäum, den man in den vclden kaum, oder nimmer vinden mag. wil ich sprechen one trak. 1) 1) ohne Betrug X I. Lieder der Liebe. i4r alz mein libez lieb. 2) vor allen rehten 3) mir ein lieb. 4) vnter irm scharten als ich gert. b) Do sah ich vnn wart gewert. Süz ir stutzt waz in mein gum. 6) Der künk sürt mich zu rüm. 7) In eine celle meines voll. 8) Do geschah mir nie so wol. g) In mir ordnet er sein minner 10) mit gar senfticlichem sinne, mit plumen bestckt er mich, wannir) ich pin gar minne siech. 12) mit opfel ziret er mich, von der ein paum ich gich. i3) Dor denken hant ist) dez liebez mein, vnter mein Haupt sol sein Ir rehte mich gar vmb vohe. so wird mir zu ir minn gohe. r5) 2) also ist mein Geliebtester 3) vor allen andern wahren Jungfrauen st) mir der Liebste b) begehret 6) Gaumen 7) herum 8) in einen Keller voll Weins 9) d. i- noch nie ist mir so wohl als damals geschehen ro) er ordnete in mir seine Liebe ir) denn 12) ich bin vor Liebe krank r3) d. i. welche von einem derer Baume waren, welches ich bejahe, bekenne ist) die linke Hand ib) jähe, verlangend 142 I. Lieder der Liebe. 28. eyurtavr r,r eo. Cap. r. Ich gleich dich der gcrehtikeit. libez lieb sei dir gefeit. 1) In salomonis turn. do wil ich dich hin furn. zu den töhtern amminadab. von jerusalem herab. mit den füll wir 2), frolich sein. Du vil libe di mein. 1) gesagt 2) wollen wir 2 g. co/r;ce?rÄam. Cap. 7. Lieb ich hon gesprochen so. In palm sei wir sro. i) Sih da füll wir eingan. süssen lust füll wir hohen. 2) mit dir wil ich kosen da. 3 ) endiclich mit mir ga> ll) do wil ich mich naigen dir. gar noch deins hertzens gir. b) unter den Palmen wollen wir fröhlich seyn 2) empfangen, geniessen 3 ) allda lieblich sprechen ss) gehe hurtig mit mir 5 ) Herzens Begierde I. Lieder der Liebe. a,s3 3 o. K S 5 . Cap. 6. ^ Schön pistu raine fruht. >) an dir ligt der werlt zuht. 2) Senfi gar 3 ) vnn do zu schön» di ich vor allen maiden krön, forhtigst) alz jerusalem. alz der purg uest genem. 5 ) fraw nu ker dich zu mir. In der waren minne gir. 6) dein zarten lok vnn beim haar, wollen mich lazzen vil gar. 7) Die sein alz der gais Herr. 8) vn gewahsen wurden seng) dein zen sint weiß alz der sne. vnn alz di schof gewcisset ee. co) Di do komen von galaar. Sust verstu in reiche pfat. 11) 1) Frucht 2) der Welt Zucht 3 ) gar sanftmüthig st) furchtsam, als Jerusalem seinen Feinden ist 3 ) als die angenehme und feste Burg Zion 6) in Begierde der wahren Liebe 7) gänzlich verlassen 8) die Heerden der Ziegen 9) vor dem Jahr gewaschen worden ,0) ehemals weiß gemacht, gcreiniget ir) also wirst? du in einen fruchtbaren Pfad kommen, auf gute Weide I. Lieder der Liebe. r44 3r. Weihe ist die di also fert.r) vnn reiche ere ist ir beschert, alz ein golt sert sie do hin. lihter vila) dann ein rubin. Si leuht3) durch di wüst, ach ich si kennen müst. alz ein pusch gar violrin.hl Weyrauch wirren sürt sie do hin. 5) 1) prächtig Herfahrt, hereintritt 2 ) viel lichter, Heller 3) leuchtet als ein Straus von lauter Vcilgeit b) fahrt sie dahin, d. i. breitet sie sich aus 82. Irta rziecroLa. Cap. 2. und 4. Die ist di zart di schön genem. Ist ir nimant wider zem- r) wie er gesehen Hot dein hend> di sind auripigiNent. 2 ) vnn der minn pistu vol. 3) wol im dem si werden sol-4) 1 ) zu vergleichen, entgegen zu stellen 2 ) goldfarbig glänzend 3) du bist voller Liebe 4) wohl dem, dem sie werden kann 33 . I. Lieder der Liebe, 33. Or'seclK msre /oyvrkr«'. Cap. 2. Mein liebe; lieb zu mir spricht, dem ich folg mit der sliht. r) Ste pald vf vnn eil zu mir. vngemailigt vnn zir. 2 > di Weingarten pluend sink, do frewent sich der minne kint. 3) vnn der turteltauben sanck. fl) vest 5) durch mein oren clank. kom do hin dcz pit ich dich, wiltu ftölich vinden mich. 1) schlechterdings, ohne Bedenken 2) unbefleckt und gezieret 3) die Kinder der Liebe fl) Gesang S) stark 3 ^. co?' msrem. Cap. 4. Mein Hertz mein sel hostu verwunt. gar tief durch meines hertzcn grünt, zarre mein swester vnn mein praut, daz clag ich dir über laut, noch mer hostu mich verwunt. daz sei denn hertzen kunt. mit dem har dez Halses dein, vnn eim har der äugen dein, 1) kom zu mir vom libano. kum du wirst gekronet do. 1) nämlich, hast du mich verwundet Herders Werke z. Rel, u. Lheol. VII. K 14 « I. Li«der der Liebe. 3i. L§o com/iM'aörH. vielleicht aus dem 3tcn Cap. Ich pin zu der minne gcmeit. r) zu der minn wol berait. welher minner 2) mir behait. 3) dem sein minn sink gclair. 4) vn« mich jagen vahen wil.b) dem gib ich minne spil. 6) ob er mich haben wil lieb, er.müz steln alz ein diep. tut er den maz mich lust. von mir wirt er leiht gekust. der wird ober glorie mein. 8) nu prüfet all wie mag daz sein. is gestärkt 2) welcher Liebhaber 3) mir behaget, wohlgesällt 4) dem sind der Liebe Stricke geleget b) und der mich jagen und erhaschen will 6) dem will ich der Liebe gewonnen Spiel geben 7) gelüstet 8) er wird über mich siegen, und sich dessen erfreuen 36. errör Cap. 3. Ein geritzt macht km künk salomon. do er sazz in seim thron, von libano.dez perges holtz. rj 1) von dem -Holze des Berges Libani I. Lieder der Li ob^ 147 wäs^düz nit halzas vnn stoltzZ) von lautern, silber zwim. 4) äUIstiii columne waren. 5) von reichem purpur sein aufgank. in mitter minn 6) vn nit zu lank, vn tet daz in solher minne. daz di töhter wurden inne. di do von jerusalem kem. als in wol gezcm. 7 ) er hicz auch mit golde strewen, domit wolt er si erfrewe». 2 ) dauerhaftig 3s prächtig st) von gediegenem Silber 5) waren seine Säulen 6) vermittelst der Liebe, aus L»cbc zur Bräuk geziemete Z7. ekce xrekc/'a. Cap. i. und 4. Eya wie schön mein Lieb du bist» zart vnn schon zu aller srist. aller schön ein über schöm dich vor allen lieb ich krön, rö Dein äugen clar vnn palt, alz tauben sein gestalte 1 ) vor allen ändern- dtt ich auch liebe/ kröne ich dich Ä L I. Lieder der Liebe. i§8 28 . ä'i'cur ?r/rr/»r r'erter-. Älz di lilig vnter den dorn. pist» hinten vnn sorn. wol behüt one mail i) wenn r) du färst-Z) der selben teil.ss) rein vor alle» maiden clar. S) pistu frauw daz ist war. i) ohne Mackel, Fehler ») denn S) du führest mit dir, dich begleiten tt) derer Glückseligkeiten Lheil ö) zarten Jungfrauen Zg. Ferner Cap. 4> Du bist ein treffender honkgsaim. dein lebs i) haben den haim. -) Ich main dich vil raipe praut. mein liebe; liep meins hertzenS traut. 3) deinß gewandeS süsser smak. h.) mirr vnn weirauch stet pflag-b) r) Lefzen, Lippen -e) Milchram 3) meine Herzensvertraute ll) Geruch b) war gewohnt mit Myrrhen und Weihrauch bereichert zu werden I. Lieder de« Liebe. i4S 40. AmrL!ro/re§. Cap. 4. Mein auslatz >) ist ein paradeis. mein liebe; lieb clug vnd weis, von der süssen appfel smak di dein wird 2) Volbringen mag. 3 ) vnn der rauch von beim gewant. 4 ) der ist vns ein teil bekant. vnn weyrauch von mirr gar. verstu bi sraw schon vnn clar- 1 ) ^lriri88iones rrieae, was von inir gehet oder kömmt; in der Vulgata heisset es, Lrniasioniw tnae, was von dir. hcrkömmt 2) deine Würdigkeit I) kann 4 ) der Geruch deiner Kleider b) gibest du die Spur, den Geruch von dir 41. ^o?r5 Cap. 4. Aller prunn ein vrspring. du kauft schaffen reine ding, aller wazzcr bistu ein slüzz. vn der cren überschuzz. des prunnes der von libano. sleust pistu gewaltig so. 43. ssomee^r Cap. 5. Ich hon gaß i) den mein faum 2) 1) gegessen 2) Honigkuchen , I. Lieder der Liebe. vnn meins süssen Hongs saim. vnn getrunken mein wein, der waz reht alz srölein.3) Jch hon geuestentst) auch mein minn,5) der enge ich jar lang inn. 6) vnn auch mein balsam smak. 7) von aramateö) auch pflag. 3) fröhlich machend, angenehm l») befestiget b) meine Liebe ß) darinnen verbleibe ich beständig 7) Geruch P) von köstlichem Gewürze ^3. mr>«. Auz wunder list uz wunder tat.») der oberst herre gie2) zu rat. daz er sucht seine schof. er sprach vns zu nit durch den slaf, in dem sun vnn in dem gaist. durch 3i unser sund aller maist. daz er vns von sunden preht. h) prüft merkt vnn speht, 5) vnter mailes ein rok. lait ein mail an sein lok. 6) noch kampses gir 7) mit starkem streit. alz man list vnn hört weit. 1) aus wunderbarer Weisheit und Macht 2s gieng 3) wegen st) brächte, abwendete b) spüret, forschet 6) hier in diesen zwoen Zeilen ist der Poet sehr irunkel 7) Begierde I. Lieder der Liebe-. i5i der gegeben waz der maid.8) von den woren gaist berait. 8) der Jungfrau oder Braut Christi 44. Loe-o?' nrs«, Cap. 8. Bnser swester di ist clein. vn Hot auch prustet kein. Ich pit ew l) nu sagt mir. vnser swester waz tu wir» donoch an demselben tag. wann 2) von mir geschiht ein frag, ob do leihe 3) ein maucr sei seht so suzhs wir do pei. Die perfrid 5) von silber gar. Sei aber do ein tür clar. do füll wir zu 6> zeder holtz. fugen daz si werde stoltz.?> is euch 2s denn 8) daligend, gegenwärtig ^ so sezcn b) Bergsrid, d. i. einen Thurm oder Erker in der Mauer 6) dazu sollen wir 7) prächtig Bis hieher gehet die Arbeit über das Hohelied Salomonis ; welcher der Verfasser am Ende folgende I. Lieder der Liebe. 1S2 papistische Glosse beigefügct, die von seiner schlechten Auslegungskunst ein deutliches Zeugniß gibt. „Salamon macht der minn büch 1) dcz ersten von vnser frawn. 2) vn donoch do er di haidinn lieb gewann, do legt er ez vf si 3 ) man vint aber geschriben, daz er alz 4) groz rew vor seim tot dor über gewan. daz er sich mit gerten hie; schla- hen. dor vm schüll wirb) wol glauben daz er be, Hallen 6) sei." 1) das Buch der Liebe, das Hohelied 2 ) zuerst auf Mariam deurend 3 ) da deutet er es aufseine liebgewonneneHeidinn also, dermassen 5) sotten oder mögen wir 6) erhalten, selig worden Indessen sichet man hieraus, wie der erste Verfasser dieser Reimen sich keinesweges an die Lextcsworte gebunden; sondern sich vielmehr grosser Freiheit, auszuschweifen, gebrauchet hat. Die Ueberschriften sind aus der Vulgata genommen; und bezeichnen die eigentlichen Stellen, über welche der Poet seine Reimen verfertiget; gleichwohl kann man nicht allezeit seinen Sinn und die Stellen erreichen; und ist nur muihmaßlich, daß er mit dem 3 ten und 35 ken Absätze einen Theil des 3 ten CapitelS werde berühret oder gemcynet oder einen andern Codex gebrauchet haben; denn in dem mei- nigen von A. 1476. 1479. kann ich die Worte, , als die 3 te und 35 te Ueber- schrist, ingleichen die Worte, mr>n, welche I. Lied er d er Liebe. i53 über dem ^Zten Reime stehen, nicht finden. Auch ist nn manchen Orten der Verstand, und die Verbindung der Worte so dunkel, daß die, welche auch ziemlich in der altdeutschen Sprache geübet sind, gleichwohl ihre Schwierigkeiten finden werden: und wie ich in meinem Msct. etliche offenbare Schreibfehler gewahr worden bin, will ich nicht gut dafür seyn, daß nicht da und dort, sonderlich im 3ten und 42 tcn Absätze; dergleichen möchten mit untergelaufcn seyn; welche zu ändern ich billig Bedenken getragen habe." Dies sind die für Liebhaber der deutschen Sprache und des Minnegesanges so schätzbaren Stücke: selbst die Glosse, die der Dichter in Prosa hinten zufügt, ist sinnreicher, und dem Menschenverstände natürlicher als zehn mystische Paraphrasen. Sie war entweder bloße Entschuldigung des Ucbersetzers und die einzige sichre Thür, wo er mit seinen so freien unmystischen Gesängen hindurch sonnte, oder sie ist dem Geiste der Zeiten , denen in ihrem Lobe auf die Jungfrau überhaupt dies Buch so wohl zu statten kam, wahrlich zu vergeben. Der Herausgeber hat noch Eine Ucber- setzung des Hohenliedes in Prose, die er aus dem r 2 tcn oder r3tcn Jahrhundert glaubt, hinzugesü- get; da diese aber, so wie Willeramö AuSlcguna, den Liebhaber der alten deutschen Sprache allein interessiren möchte; so verweise ich ihn blos auf Len Ort, wo er sie findet, i) i) Das Hohelied Sawmonis aus zwo alten deutschen Handschriften. Augsb. ipbe. ! I. Lieder der Liebe. Unter den poetischen Expositionen der Bibel, die in der Mittlern Zeit so Mode waren, müssen Uebyrsetzungcn dieses Buchs seyn, deren Sprache und Verschiedenheit den Zeiten zufolge interessiren würde: da sie aber alle in Msct. liegen, so kann sch davon nichts sagen. Vielleicht hat sieh mehr a!S ein Reimer erwärmt, wenn er ans Hohelied kam, — Auch von den Meistergesängen HanS Sachsens u. a. über dies Lied kann ich schweigen; sie sind Meistersänge. Als die deutsche Dichtkunst wieder empor kam; der erste deutsche Dichter ward auch Ucbersetzcr des Hohenliedes, Opi). Und zwar übersetzte er stiller würdig/ in Liedern, nicht als Drama, nicht als mystische Hypothese. Wenn man seine Schäfcrlie- der dieses Buchs mit denen nach Kapiteln veranstalteten , ungleich spielendern Ucbersetzungen Las- sii K) und andrer vergleichet — welch ein Unterschied ! In den neuesten Zeiten hat man versucht, I) das Hohelied nach dem Sylbenmaasse des Originals poetisch zw übertragen; ich getraue mich nicht, zu sagen, mit welchem Glück? obgleich mit vielem Fleiße. Kg 6-resii deutsch. Helikon, LH. 2 . S. Iio. s. 1> Laut weins Versuch über die biblischen Silben- maaße: Antons Uebers. des Hohenliedes. I. Lieder der Liebe. a55 Noch ein Wort von lateinischen Nachbildungen. Und da von Willrams Paraphrase schon geredet ist , und ich die Uebersetzung des Marbod Franx in Knittelversen und die Hexameter des äs kiZa in seiner Aurora nicht kenne, auch andre neuere Versificakioncn, z. E. die kirchliche des Beza, die Schulübersetzung Samuel Gloners und andrer, zumal in der Römischen Kirche, für mich hier nichts Merkmürdiges haben: so führe ich nur von^Aeltern die lateinische Einkleidung CodomaMlö / in) iksrviAiliuiri xsul8 genannt, und von Neuern I. G. Lessmgs Lcäogus Laloinonm n) an , von denen zu schweigen Unrecht wäre. Beim ersten gibts der Name, daß es nach dem kervigilio Veneris eingerichtet worden, und obgleich der Diminutiven in ihm zu viel scyn möchten , auch hie und da die Sache, wie gewöhnlich, ins Spiel lateinischer Phrasen und des lieblichen Sylbenmaasses geht: so unterscheidet es sich doch von Stücken dieser Art vorkheilig. Es ist nichts als Lied, Gespräch und Liebe, daS Gespräch hie und da sein unterschieden und einige Stellen zart und so wahr ausgedcuckt, daß ich viele gerühmte neuere Entdeckungen ohne Geräusch und Prunk im alten CodoiMNN gefunden habe. Wäre mehr Liebhaberey der lateinischen Poesie, als ich erwarten kann, so würde ich anderthalb Bogen nicht achten, das ohnedem seltene vsrviAiliuiri kacis hier ganz zu liefern. — ni) Lglomoll. tlloclomsniii x>ervigiliuin pacls 162k- ktoreiillneA. scl ll'ullsi'. 11). Lolog. Lalouioiiis inrerpr. Uessing. UPs. 1777. a56 I. Lieder der Liebe. LüsstNgö ^cloZas sind der Uebcrsezung und Noten wegen sehr zu empfehlen. In beiden herrscht viel kritischer Geschmack, ob mich gleich dünkt, daß ihr Verfasser sich einigen Fußtritten, die zu nahe vor ihm waren, auch hie und da zu sehr überlassen habe. lwinv nioäunr eAo bunc lidrurn intelligo. tsuoäsi srro, vsnism meretur xrimus Iskor; N-irn, sliorum coAirurlories longs xlns sk>su» ÜitLtis k>uk>ewi. I-uriiLir. r/r^ss/re e/ra^at. caertr'cr cs/rtrco^. II. Won der Ebräischen Elegie. Vorrede zu I. G. Börmels Uebersetzung der Klaggesänge Jeremias, (Weimar, 1761.) lauter den hebräischen Büchern der Schrift sind poetische Stücke fast aller Gattung zu uns gekommen: also auch Trauer - und Klaglieder, die, so wie die übrigen, jedes in seiner Art, dohe Muster des Affekts und der Rührung sind. Sie sind aus Zeiten, da der feierliche Ausdruck der Sprache noch ganz Poesie oder auch in Prvse der Poesie nahe war; über Gegenstände, die dem Sänger- nahe Vorlagen, deren Empfindung in seinem Herzen war, in einem Geist endlich, von dem sie einen übermenschlichen göttlichen Standpunkt für alle Zeiten und Völker erhalten haben. Solcher Art sind die Klagen Davids/ und derer, die in seine Fusstapfen traten: viele Psalmen / große Stücke aus den Propheten und endlich die Klaglieder Jeremiä. Da dieser Aufsatz zur Vorrede der letzten bestimmt ist: so mag er wohl nicht besser als zu Feststellung und Berichtigung des Gesichtspunkts derselben und der hibli> sehen Elegie überhaupt, angewandt werden. Nicht jeder poetische Ausdruck über traurige Gegenstände würde, dem Sprachgebrauchs gemäß, Elegie heissen. Ist der Ton seiner Farben zu stark, t6o II. Bon der ebräi scheu Elegie. sind seine Empfindungen zu lciut und heftig, so ist man gewohnt, Poesien der Art unter Oden, Rhapsodien und dergleichen zu setzen und den Namen der Elegie nur für die sanfte / gemässigte Klage des Leidens zu sparen. Von jener Art ist z. E. das rührende ss'ZA des Propheten Habakuk im dritten Kapitel. Es ist eins der stärksten, lebendigsten Ausdrücke des Schauders, der Angst und einer mit ihnen gemischten Hoffnung; für die eigentliche Elegie aber zu stark, zu lebendig, so wie auch der 7 tc Psalm, der mit ihm einen Namen tragt. So sind auch viele Stücke des Buchs Hiob, bis, wenn die Stimme des Leidenden sich an Starke gleichsam erschöpft hat, sie meistens im letzten Thcil der Klage zum sanftern Elegischen Ton herabsinkt. — Doch genaue Grenzen hierin und hierüber zu zeichnen, ist, wie bei allen Poesien lebendigen Ursprungs, so insonderheit bei den Ebraischen dieser Art thcils unnö- thig, theils unmöglich. Sic dichteten nicht für Namen: sie schrieben nicht für Aufschriften und Büchertitel. Aus der Natur ihres Gegenstandes, aus dem Strom ihrer Empfindungen schöpften sie; und der laßt sich nicht so genau in Kanäle leiten. Genug, so wie man späterhin, insonderheit nach Griechen und Römern die Elegie bestimmt hat: so will sie sanftere Klagen mildere Schwer- muth. Die Gegenstände des Elendes müssen in einige Entfernung gerückt seyn, daß die Seele mehr Muth und Platz bekomme , sie anzuschaue» , und sich II. Von der ebraischen Elegie. 161, sich mit dem Nebel, in dem sic schwimmen, selbst zu täuschen. Da der großcste Druck der Noch, der nur stummes Seufzen zuließ, vorüber ist: so schaffet sie sich, in den leichtern Augenblicken der Erholung, gleichsam aus dem Leiden selbst, Freude. Sie mischt das Vergangne und Gegenwärtige zusammen , schließt oder ahndet von beiden auf die Zukunft und so trinkt sie den Zauber--und Trost- becher ihrer so sonderbar gemischten Empfindung. Tiefer mich in die Natur dieser gemischten Empfindungen unsrer Seele, also auch des WesMS der Elegie cinzulassen, ist hier meine Absicht nicht; zumal MendelsohN/ Smith/ Lesfing u. a. über jene; Abbt und ein andrer über diese sich in den unken angezeigten Orten*) weitläuftiger erklärt haben. Zu meinem Zweck gehörts hier vorzüglich, die Gegenstände der Elegie, zumal bei den Ebrä- crn zu unterscheiden; aus deren Kennlniß sodann die Art ihrer Behandlung selbst folgt. Worüber klagen die Menschen nicht? worüber laßt sich nicht klagen? Der allgemeinste Gegenstand der Elegie also ist wohl menschliche NatUt'/ menschliches Elend. Vom Druck des einzelnen Gequälten gehen diese Seufzer aus; und welchen Umfang *) S. Moses Mendelfohns Phrlos. Schr. LH. r. Adam Smith Theorie der moralischen Empfindungen. Literalurbriefe hie und da, insonderheit LH. -3. S. 6g-83. und Fragmente über sie LH. 3. S> 220 u. f. Herders Werke i. Nrl. ». Tl,eol. VH. - L - -62 II. Von der ebräischen Elegie. kann die traurige Aussicht desselben nicht gewinnen? In den ältesten Zeiten Hiob/ in unfern UdUNg sind die bekanntesten Beispiel?. Bei jenem verbreiten sich die Schmerzen seines Jammers so weit, daß meistens der zweite sanftere elegische Theil seiner begeisterten Reden allgdmoillü KlagkN Über den Zustand der Menschheit/ bis an ihr letztes Schicksal fortströmet. Ohnstreitig ist dies gerade der interessanteste Theil seines Buchs: denn er trifft die Herzen der Betrübten an aller Welt Ende. Wenn der Gequälte sich aus der Wolke seines eignen stechenden Schmerzes herausgeächzt, hervorgewimmert hat: so bekommt sein thränenvolles Auge einige fernere freiere Aussicht. Auch diese schildert er sodann nach dem Zustande seiner Seele und breitet die Farbe seiner Empfindung weit umher. Wer in ähnlichen Umständen ist, fühlet, siehet nun auch dasselbe; und so tritt ihm aus dem Altcrthum gleichsam ein Freund zur Seite, der aus seiner, in seine Seele redet. Daher ist der letzte Theil des dritten Kapitels Hiob v. r3-26. ungleichen Kap 7. >0. 14. 17. 24. voll so allgemcinrührender Züge: denn was allgemein menschlich ist, ist immer rührend. Es versteht sich, daß diese Klagen nicht übertrieben, erzwungen und falsch seyn müssen: sonst werden sic, wie ein unnüz - oder zu lange klagender Freund überlastig, welches bey Noung zuweilen der Fall seyn dürfte. Es gicbt leider! genug wahres Elend , wahre Schwachheit im menschlichen Leben, als daß man seine Bürde noch mit übertriebenem, fcrnhcrgcholtem, erzwungenem Jammer vermehren dürfte. Würde auf diese zu schwarze Dampfwolkc einer einzelnen Phan- taste nun gar eine ganze Moral des Lebens gc- bauet: so gehört bcsondre Stimmung und ein weiser unterscheidender Verstand dazu sich in diesem Nebel nicht zu verlieren- Die zweite Gattung der Elegien beklagt einzelne Güter des menschlichen Lebens, Freunde, Brüder, Geliebte Verwandte, Kinder; und diese sind wohl von der rührendsten Art. So ist Davids Elegie auf Jonathan: so sind die ewig rührenden Klagen Oßians um seine Vater, um seine Freunde, seine Söhne, um sich selbst und seine Blindheit; so sind auch im Griechischen die schönen Gesänge BiSNö auf den AdSNiS , Moschus auf Bivn — einige tragische Chöre und einige kleinere Elegien in der griechischen Anthologie der Grabgedichte!*) Selbst die wilden Völker haben schöne Gedichte dieser Art: am Grabe der Ihren wacht ihre tief verschlossene Empfindung auf und wird zu lauten Lob - und Klaggcdichten. Von Morgenlandischen hat Jones (xosa. H.siat. com- ensnt. c. i3.) einige schöne Stücke angeführt und zu mchrern Arabischen auf den zweiten Theil der Hamasa gewiesen. Sie sind auch zu Kenntniß der hebräischen Elegien sehr brauchbar. Man wird mir verzeihen, daß ich hier von einem biblischen Buch, von den sogenannten Lie- beSelegien, nicht rede. Wenn sie reiner Natur sind, gehören sie in diese zweite Clafse. Was in *) Ill, und IZeisIc. sutliol. xe. L 2 164 II. Von der ebräischen Elegie. ihnen Sprache des Herzens, auch nur unschuldiges Spiel und Wahn der Liebe ist, gefällt, zumal in der Jugend; wo diese Eigenschaften aufhörcn, und in die Stelle der Empfindung Affektation, Unzucht in die Stelle der Liebe, Geckerei in die Stelle des unschuldigen Spiels tritt, leitet diese Gattung herzbrechender Elegien am meisten Gefahr, langweilig oder,.ekelhaft zu werden. Jedermann kennet die berühmten Stücke dieser Art genug; ich gehe zur dritten Classe der Gegenstände der Klagen über Land und Vaterland über. Mich dünkt, dies ist wohl die edelste Gattung elegischer Empfindung. Wenn Held und Patriot das Vaterland nicht retten konnten; cs wenigstens auf seinen Trümmern beweinen, das Andenken der Guten auch im Staube und in der Asche ehren, künftige Zeilen des Trostes vorbereiten, durch Ermahnung, Lehre und Gesang sie gleichsam hcrbci- ahnen — dies ist das traurige süsse Geschäft dieser patriotischen Elegie mit ihrer edlen Slimyie der Wehmuth. Allgemeine Klagen über die Menschheit helfen nichts; wir sind Menschen und sollen Menschen bleiben. Elegien der Liebe sind nur ein Spiel der Jugend, schöne Wölkchen am Himmel dieser ersten heitern Frühlingstage. Aber das, was Familien, Freunde, Bürger, was Land, Gesetz und Vaterland zerreißt; die Uebcl sind schmerzhafte schwer zu verwindende Leiden; die Stimme darüber ist eine der Empfindung nothwendige, ersprießliche, tröstende Klage. So lange ein Brutus dem Vaterlande helfen kann oder zu helfen meint, verschließt er seine Trauer in sich, er scharst die Pfeile II. Von der cb ratschen Elegie. a65 seiner Schmerzen zu Waffen gegen die Feinde; wenn aber diese Waffen erliegen, die Feinde siegen und noch ist ein unglückliches Volk da, das Ermunterung, Hülfe, Trost bedarf: denn weckt die Vorsehung zärtlich-klagende, sanftfühlcnde Herzen zu Propheten des Trosts und der Hoffnung. Ukber den Trümmern des Elendes ertönt die sanfte Laute, wenn über ihnen der Kriegs- und aller Freudege- sang verstummt ist. Welche Nation hat schönere Stücke dieser Art, als die Ebräcr? ihnen, denen ihr Vaterland alles war, die mit ihrem Tempel und heiligen Lande Nationalwürde, Gottesdienst, Glückseligkeit, Alles verlohren *). Nur Eins Verkehren sie nie, den Trost der Zukunft; und so mischte immer die Elegie aus jenem und diesem, aus Leid und künftiger Freude den süssesten Becher der Wchmuth. Wie schöne elegische Stücke giebts in Propheten und Psalmen über diese Empfindung! Vor der Gefangenschaft, bey allmählich einbrechendcm Elende warnen, klagen, strafen die Propheten; da das Elend und die Gefangenschaft kam, klagen, warnen, strafen sie auch, aber mit der sanfteren Stimme *) Auch eine neuere schöne Elegie vom Vers. des Buchs Cosri hat Hr. Mcndelsohn bekannt ge. macht. (S. Meiers Probe einer jüdischdeutschcn Uebersetzung der 5 Bücher Moses.> Sie ist eine sehr rührende Klage über den Zustand der zer- streueten Nation, voll Wünsche nach ihrem Vaterlande und bessern Zeiten. 166 II. Von der ebraischen Elegie. des Trostes. Wie eine Turteltaube hört man die Elegie girren über dem Grabe ihres Tempels und Landes; wie eine edle und gefesselte Sklavin sehnet sie sich zurück in ihre Gegenden der Würde und Freiheit. Und da dies alles, Leid und Freude, gutes und böses Schicksal bei ihnen immer nur von Einem Gott abhangt, der EigcnthumSherr und Vater ihrer Nation ist, der dies Volk vor allen geliebet und erwählt hat, der es um seiner Sünden, seiner Besserung willen verstieß, um seiner Reue, um seiner Rückkehr willen wieder zu Gnaden annimmt und in sein Land sammlet — wie göttlich, wie moralisch mußten die Elegien dieses Inhalts werden! Ueberall fast sind sie kindliche Gebete. — Ich kann mich nicht ins Einzelne derselben, insonderheit der schönsten aus ihnen, des 102. 120. — 184. 187. 9 c>. 88, 73. 74. 79. 3 g. g2ten Psalms, der Klagstimmen in Jcremia, Ezechiel, Daniel, Micha u. f. einlassen; ich bleibe bei der kleinen Sammlung, die eigentlich den Namen der Klag lieber führet. Sie besteht aus fünf verschiedenen Stücken, davon die vier ersten im Original auch den Anfangsbuchstaben ihrer Absätze nach, das fünfte aber allein der Zahl der Verse nach, ans Alphabet gebunden sind. Das erste, zweite und vierte hat längere, das fünfte kurze Absätze; bei dem dritten, dem künstlichsten, kommt ein alphabetischer Buchstab im Anfänge dreier Verse wieder. Auch im ersten und zweiten Kapitel sind drei Absätze eines Verses bemerkbar; nur daß sie nicht, wie in der dritten Elegie, sich mit demselben Buch- staben des Alphabets anfangcn, sondern diese Ehre dem ersten von ihnen lassen. Die Lange der Verse in diesen dreien Kapiteln, (Kap. i. 2. 4.) ist auffallend , und wird auffallender, wenn man ste mit allen andern poetischen Büchern, auch mit den zwo andern Elegien dieses Buchs (Kap. 3 . S.) vergleicht. Offenbar ist, wie auch schon Lowth bemerkt hat, das sanfte elegische Tonmaas daran Ursache, das in allen Sprachen sich auch ein längeres, zärtlich flieffendcres Sylbenmaas wählte. Im Griechischen und Lateinischen ist die schöne elegische Versart bekannt : Versikus iiuxaritsr iunstis hueriuioliirr xrimurrr — insluss ssr — — und es gicbt beinahe nichts täuschenderes für die Wehmuth der Seele, als dieselbe. Wenn im Hexameter der Schmerz Starke gewinnet, so löset ihn der Pentameter auf und macht ihn gleichsam zu einem leicht hinschwindenden Nebel; die Seele stützt sich alsdann im folgenden Hexameter mit neuer Macht weiter und wird endlich cingcwiegt von diesen sanft abwechselnden Tönen der Starke und Schwäche, des Leides und der Freude. Ohne Zweifel wurden sie zur Flöte erfunden und passen sehr wohl zu der vermischten Empfindung, die das Wesen der Elegie ist. Sie sind gleichsam selbst, wie der Wechsel des Schicksals, aus dem die Seele Betrübnis und Trost sauget, und machen ihn dieser zum sanften Spiele. Die vierte Elegie der Klaglicder insonderheit, aber auch die Absätze der 168 II. Bon der ebräischen Elegie. andern nähern sich diesem länger» Sylbcnmaas von fern, — Aber nun eine Übersetzung dieser Klagen? Es gehört ein eigner zärtlicher Geist dazu und ein sanfter Gebrauch des Wohlklingendsten unsrer Sprache. Klopstock hat genug gewiesen, welches Ausdrucks diese fähig sey, selbst im schweren elegischen Sylbcnmaas der Griechen und Römer; ich erinnere mich auch, eine deutsche Ucbersetzung dieses Buchs in ziemlich fliessendcn elegischen Versen sonst gesehen zu haben. Bei der Ucbersetzung, die ich setzt begleite, wars eigentlich nicht auf Harmonie der Worte und Töne angesehen, sondern auf den Sinn des Lexts und den Verstand der Worte. Ist dieser bestimmt, so wird es einem eigentlichen Dichter leicht, der Sprache allen den Fluß, alle die sanfte Abwechselung zu geben, die die Empfindung verlangt. Sonst ist die Ucbersetzung dieser Klagelieder auch aus mchrern Ursachen für uns schwierig. Da sie im Original an die Buchstaben des Alphabetes gebunden und also zum Auswendiglernen bestimmt waren; so machen sie weniger ein freies Ganze. Sie zerfallen in einzelne Klagen und Bilder, die oft wieder kommen und da sie nicht immer gebunden find, der Seele also nicht den wachsenden Fortgang gewähren, den wir Leser (dorr waren sie zu Gesängen und Traucrchören bestimmt) im Verfolg eines Gedichts suchen. Jede kleine neue Bestimmung und Anmuth eines neuen Absatzes der Klage, wie er im Original ist, kann nicht übersetzt II. Don der ebrät scheu Elegie, rüg werden; folglich muß uns der lange Gesang voll Wiederholungen und Tautologien scheinen, die sich im Original theils nicht finden, theils entschuldigt werden, weil es alphabetische Gcdächtnißliedcr sind und das Ohr des Morgcnländers überhaupt an un- gebundne einzelne Sentenzen, Parallelismen und Wiederholungen gewohnt jst. Die Klage und der Schmerz erlauben sich diese am meisten: ihre Worte sind Seufzer und Thranen, und Seufzer und Thronen kommen oft wieder. Der Klagende hat für sich nie genug geklagt, wenn ers auch für andere schon hatte; und überhaupt fordert ja jede Empfindung einen theilnchmenden, gleichfühlenden Leser oder Hörer, sonst wird alles in ihr lang und wiederholend, Ich habe schon gesagt, daß es diesem Uebcr- setzer besonders um den SilM des Originals zu thun war; in welchem Betracht sein Fleiß und richtiger Gebrauch der Quellen Aufmunterung und Lob verdienet. Daß ers in allem getroffen, glaubet er selbst nicht: denn cs find einige schwere Stellen des Buchs; und welcher Ucbersetzcr und Erklärer wird dies von sich selbst behaupten? Zu zeigen, daß ich an jeder einzelnen Erklärung dieser Art keinen Antheil nehme, kann ich nicht umhin, über einige schwere Stellen des Buchs meine Mci, nung zu sagen, die ich aber ebenfalls, so wie alles, der Meinung andrer überlasse. Es wäre mir angenehm, einigem abhülfliche Maaße gegeben, oder wenigstens etwas bcffers veranlaßt zu haben. Kap. i, rr. ist das des Anfanges vielleicht verdächtig. Man möge cs durch eine Frage 47a H- Von der ebrätschen Elegie. geben, oder ihm durch eine Ellipse abhelfen*) und es mit der vorigen verbinden wollen; so ist offenbar der Parallelismus im Wege, der Vers stchc allein, oder die Verbindung wird hart und gezwungen. Allem wird abgeholfen, wenn ich statt lese, welche chaldaische Interjektion im Daniel oft vorkommt. Das scss vobis! ins escs vobiri! Iiern vokia! ist allen Sprachen bekannt: es stimmt hier mit dem Vorhergehenden sowohl als mit dem Parallelismus unverbesserlich. Denn wodurch kann das besser, als durch !>^ erklärt werden? Ohne Zweifel haben es die 70 auch gelesen: Denn was soll das oc ir^og' vzccrx wenn es nicht ok die Interjektion seyn sollte? Dcrs oi ac- centuirte und gui sc! vos übersetzte, wußte nicht, was er schrieb: in den griechischen Trauerspielen und Choren ist das ol' guXoc, ol x/cv gwXoc, bekannt genug. Kurz ich übersetze blos mit einer Interjektion: Herr, schaue, siehe an, wie nichts ich bin. Schaut an, die ihr vorübergeht, schaut an und seht: ob irgend sey ein Schmerz, gleich meinem Schmerz. Der Herr hat mir geschlagen tiefe Wunde *) Die Ellipse ist indessen das leichteste. Wenns nem- lich fast als Interjektion hieße: Nicht Euch! Euch treffe mein Schmerz nicht; der Nachsatz indessen bleibt abgebrochen und matt, da doch natürlich der Affekt wachsen müßte. II. V o n d er eb r ai sch e n E le g i e. 171 »LI am Lage seines Zorns: Bon oben warf er Feuer in mein Gebein; Da wülhets noch. Wer in dieser Verbindung das: Nicht also euch/ die ihr vorübergeht/ vorzuziehen geneigt wäre, der habe seine Meinung. Kap. r. v. 14. ist gewiß eine verdorbene Stelle, man wende sich, wie man wolle. Was soll das in statn constrnoto ohne ein Wort, das darauf folge? was soll das ganze Komma hier? heisset es wohl etwa: der Herr gab mich in die Hände/ ohne daß ich wisse, wessen? kann es hier wohl etwas heissen, da es mitten in einem ganz andern Bilde stehet? Von nichts als einem Joch, einem drückenden, nicderdrückenden Joch ist im Vorhergehenden und Nachfolgenden die Rede; die angenommene ungrammatische Lesart thut nichts, als das Bild zerstören und zerreissen, daher sie gewiß fehlerhaft ist. Wie leicht und schön wird alles auf einmal, wenn ich statt des nichts sagenden '" 7 '^ » 1 -lI lese, wie das Wort Ps. 41, 5 . und in eben diesem Kapitel V. 22. als ^äjsstivum vorkommt. Osäit ins in lanAuorem mortis, rsääiäit ms lanAuicknm, valäs inlirmum — was paßt besser in dies Bild? auf diese Stelle? Und womit war in lanAuorem leichter zu verwechseln, als mit '-^2) in manu?, da die Redensart: er hat Mich in die Hände gegeben/ in den cbraischen Büchern so oft, auch in diesem Buch so oft vor- 172 II. Vo n d er ebräi sehen Elegie. kommt und der Abschreiber sie also auch hier, mit Versetzung zweier so ähnlichen Buchstaben zu finden gedachte. Die Stelle heißt also: Geflochten ist von meinen Sunden mir meines Halses Joch: Und seine Hand hats festgeschnürt. Er band es auf mich; kraftlos sank ich nieder: Der Herr hat mich zum Lode krank gemacht; nie wcrd ich wieder aufstehn. Kann cs eine bessere Fortleitung des Bildes geben? Will man sie aber nicht, so muß man nolhwcndig ein ausgelassenes oder dergleichen an- nchmen: welches ein härteres HülsSmittel ist und doch das Bild nicht ganz macht. Was war leichter als jene Verschreibung einer geläufigen, so oft wie- dcrkommenden Phrase? Bei Kap, 2,1. bin ich nicht der Meinung meines Autors, daß unter der Fußbank Gottes allein der Himmel, das Firmament zu verstehen sey. Das Bild dünkt mich zu weit hergeholt und die gewöhnliche Erklärung, daß cs das Heiligthum, die Bundeslade, das Allerheiligste sey, viel natürlicher und bekannter. Es stimmt auch mit andern Stellen dieses Buchs mehr überein und der Zug wird elegischer und dem Sänger näher: Ach wie umwölkt hat Gott die Tochter Zion, in seinem Zorn! Vom Himmel aus die Erde nieder warf er Israels Zier; und dachte nicht am Tage seines Zorns an seiner Füße Schcmmel: d. i. ans Hciligthum, wo sonst seinFußtritt ruhte — II. Von der eb ratschen Elegie. 173 welches nachher V. 6. 7. so rührend beklagt wird. Kap. 2, 6. wird auf einmal Helle, wenn man statt liefet. So haben die 70 gelesen, die cag cc/lneXov übersetzen und das Bild des abgerissenen Wcinstocks ist von allen Seiten, an sich und in Betracht des Gegenstandes mit dem er verglichen wird, schön und naturvoll: Der Herr kam auf uns, wie ein Feind, verderbte Israel, zerstörte seine Pallaste, verheerte seine Vesten, und gab der Tochter Judah viel Klag und Leid, Wie einen Weinstock riß er ab sein Zelt, zerstörte seinen Tempel, vergessen machte Gott in Zion Sabbat und Fest. Verschmahete in seinem Zorn König und Priester. Ihn ekelte sein Altar, Er warf aus seinem Herzen sein Heiligthum» Kap. 2, r8. ist in den beiden ersten Gliedern ein schwerer Vers. Wenn ich auch das erste derselben zum vorhergehenden ziehe und auf die Feinde deute; was soll nun aber das zweite, wie es da steht? Wie kann, wie soll die Mauer weittM? so plötzlich hier weinen, weil die Feinde schreien? Und im folgenden weint keine Mauer mehr, sondern die Tochter Zion, die auch, dem Parallclismus und der Natur zu Folge, wahrscheinlich in dem Vorhergehenden geweint hat. Dürfte ich das HV'lN als oder NVOlss punktiren, so würde Parallelismus und der schönste Zusammenhang. Wir wollen die Stelle vom röten B. an hören: Zusammenschlagen über dir die Hände die dir vorübergehn. Hohnzischend werfen sie daö Haupt über Jerusalem! „Ist das die Stadt, die man die Krone nannte? „dtLsganzen Landes Freude! Sie öffnen über dir den Mund, all' deine Feinde und zischend, zahneblöckend, sagen sie: „Wir haben sie verschlungen! „Dies ist der Lag, den wir gewollt! „Wir haben ihn erlebet! „Wir haben ihn gesehen! „Gott hat gethan, was er im Sinne führte, „er hat sein Wort erfüllt, das er längst vorgesagt , „er hat zerstört und nicht geschont, „er hat sich freuen lassen über dir den Feind, „hat deines Feindes Macht erhöht!" — So schreit ihr Herz zum Herren laut empor. Wall' auf, o Zions Tochter, Laß rinnen deine Lhränen Nacht und Lag, Wie einem Strom gieb keine Ruhe dir; laß deinen Augen die Lhrane nie versiegen. Steh auf und rufe in der Nacht, In jeder Stundenwache rufe. Ergeuß dein Herz wie Wasser, Vorm Angesicht des Herrn. Erhebe zu ihm deine Hände Um deiner Kinder Leben, die Hungers ja auf allen Gassen schmachten- Obgleich das Wort: nicht eigentlich sagt, was es sagen sollte, nemlich /,ereifte dich! höre deinen Feind frohlocken und werdet auch warm !" so hört man den Sinn des Zusammenhanges doch besser durch, als wenn plötzlich die Mauer Zions weint und sich keine Ruhe giebt und ihren Augen die Thrane nie versiegen laßt und in der Nacht ausstcht und rufet. Der Unzusammenhang springt ins Auge. Kap. 3 , 5. ist der zweite Theil des Verses viel Interpretation unterworfen gewesen, deren Menge schon immer zeigt, daß wieder etwas fehle. Wenn Gall und Wermuth übersetzt werden soll, so muß ich statt Ndr^ll lesen und die Veränderung ist arg. Sie laßt sich weder aus dem Schall des Worts, noch aus den Buchstaben erklären ; und was soll heissen: er hat mich Gall und Wermuth umgeben? da hier umgeben offenbar mit Festungs - Gcfangniß - und Bollwerken in Parallelismus steht und also ummauern heißt. Das Bild geht unlaugbar bis zum 8. Vers fort und 176 II. Von der ebraischen Elegie. wird durch die meisten Erklärungen, die man ins hincinbringt, zerstöret. Mich dünkt, man liesse die Bedeutung des Worts, die sich hier in den Zusammenhang ins Bild vom Gefängniß so gut schicket und lese nur, wie die 70 offenbar gelesen haben: statt Was war leichter als N für N zu schreiben, und steht dieses, welches treffendere Wort für den Zusammenhang könnte gewählt werden? Zwo alte Uebcrsctzungen sind überdem für diese Lesart: denn der Araber las, wie die 70. Hier ist das traurige Bild: Ich bin der Mann! Mich traf die Ruthe seines Zorns, daß ich nur Unglück schaue. Er führete, er hieß mich gehn in Finsternisse, fern vom Licht« Da kchrere er sich gegen mich, und legte seine Hand an mich den ganzen Tag: zerfetzete mir Fleisch und Haut, zerschlug mir mein Gebein; er baute über mir, rings um mein Haupt s und ließ mich schwer arbeiten. Er hieß Mich bleiben in der Dunkelheit, wie die auf immer todt sind, trmmau-- *) Wie kann ein niedriges Gefängniß, wo kaum der Körper Raum hat, wo der Kopf sich nicht aufrichten kan», besser angczeigt werden? II. Von der ebräischen Elegie. 177 ummauert bin ich rings umher , entkommen kann ich nicht. Ich lieg in schweren Fesseln, und wenn ich ruf' und schreie, so hallt verschlossen rings zurück mein Laut —- Kann das Bild eines Gefangenen schöner ausge- mahlt und Zug für Zug ordentlicher fortgcführt seyn? Steht ein Zug und steht das am Unrechten Orte? Man sieht den Armen ergreifen, allmählich hinunter ins Gcfangniß führen: immer wird des Lichts weniger, Nun ist das Nachtgesang- niß da. Ec wird gegeisselt, angefchmiedet, ihm wird Arbeit gegeben: nun verlaßt ihn sein Züchtiger und er sieht um sich Nur Nacht, nur dichte, niedrige Mauer, fühlt an sich nur schwere Fesseln. Er kann nur rufen und auch seine Stimme hallt fürchterlich eingeschlossen andern unhörbar, wieder. Der Raum mangelt mir, um über einige Stellen der folgenden Kapitel zu reden. Kap. 3 , 5 i. kann das kaum von weinest, hergcleitet werden, weil cs in allen übrigen Stellen dieses Buchs in dieser Bedeutung nicht vorkommt Und so auch schwer mit kottstruilt werden könnte. Da es sonst ordentlich angkeiftst/ zufttzktt im Kampf (im Spott sogar) bedeutet; so dünkt mich dies auch hier der leichteste Sinn, Und ähnliche Phrasen sind in den elegischen Psalmen nicht Herders Werke z. Rel. u. Lhevl. VH. M »78 II. Bon der cbräi schon Elegie. ungewöhnlich. Kap. 5 , 6. kann das ^ kaum als punktirt lverden, oder man müßte noch ein ausgelassenes zwischen beiden Wörtern: annehmen und mich dünkt, die Worte haben Sinn, wenn man sie entweder zum vorigen ziehet oder lasset, wie sie da sind. Auf dem Halse, d. i. dicht hinter uns, werden wir verfolget: der Feind dränget und drücket uns sehr. Es wäre zu weit- läuftig, das ganze Buch so zu durchgehen, und im Grunde sagte ich doch nur meine Meinung. Vielleicht giebts hierzu eine andere bequemere Zeit- Ich sage nur noch ein paar Worte, theils von der Zeit, in der das Buch geschrieben seyn soll, theils von seinem inner» Wcrthe. Uebcr jene hat man theils heftiger gestritten, als die Sache verdiente, theils ohne den Unterschied zu bemerken, den offenbar das Buch selbst giebt. Wie? ist es denn etwa nur Eilt Stück von Anfänge bis zu Ende? Sinds nicht offenbar fünf alphabetische Elegien? dörfcn, müssen die alle zu Einer Zeit geschrieben seyn? und ists wahrscheinlich, ja wäre cs nicht offenbar kindisch, wenn sie alle auf einen Lag, damit der Dichter ja 7mal das Alphabet durchnähme, geschrieben wären? Also thcile man, wie das Buch getheilt hat, und frage nun stückweise: wann ist diese, wann jene Elegie geschrieben? Die vierte offenbar nach der Gefangenneh- mung des Königes, und nach dem Ende des ganzen Staats: dies zeigen, wenn man ja keine andre II. Bon der eb rätschen Elegie. ^9 will, die Berse 1. 6. 10. 18. 19. 20. 22. unwi - dersprechlich. Die fünfte Elegie Hot eb.-n so viel Merkmale, daß sie Mich der Gefangenschaft geschrieben sey, wo sie nun auch geschrieben worden. Wir wissen, Jeremias erlebte die Gefangenschaft und blieb eine Zeitlang im verwüsteten Lande; wann und wo konnten diese Elegien füglicher geschrieben werden, als in dieser elenden Zeit? will man diese 3 ersten früher annehmen, so thue mans: nur von Jossas finde ich kein Wort darinn, keinen Zug vott seinem persönlichen Unglück, viel weniger über ihn „eine Leichknklagewie 2. Ehron. 35 , 26. ja offenbar gemeldet wird. Jedweder, der die Leichenklage Davids über Jonathan, über Abner, auch sonst Trauergedichte der Morgenländer über Fürsten, Freunde, oder einzelne Personen gelesen, wird Nicht einen Augenblick nnstehn, diese'Gesänge gar nicht dafür zu halten; denn von Josia, seinem Leben und seinem Tode geschiehst kein Wort Erwähnung! Ich wünschte, daß wir das obgenannte Gedicht des Jeremias hatten oder vielmehr die ganze Sammlung Elegien hätten, in die es geschrieben ward. (2. Ehron. 35 . 26.) Ohne Zweifel wärenS so schöne Stücke voll lauter personeller Züge, als ja diese Klüglieder mit keinem Worte sind. Aus dem Schiffbruche der Zeit und der Gefangenschaft sind indessen nur diese, vielleicht eben um ihres allgemeinen Inhalts Und ihrer alphabetischen Ordnung halben, als Gkdächttijßstüeks übrig geblieben. Was soll uns nun Jossas und sein Tod, wenn im Buch gar nicht von ihm die Rede ist? Einige Zeit früher öder später macht M 2 180 II. Von der ebraisehen Elegie. überdem zum Verstandniß auch der drei ersten Stücke dieses Buchs gar nichts aus. Die Stücke selbst sind sämtlich schön und rührend , selbst wenn man keinen Nationalantheil an ihnen nehmen darf. Es sind Beschreibungen in ihnen, insonderheit des menschlichen und mütterlichen Jammers/ die jedem durch Herz und Seele zehn müssen. Ich wollte ein Paar anführcn —> aber welche soll ich wählen? — Das erste sey die vierte Elegie. Wie ist das Gold so glanzlos! DaS ehmals lautre Gold so unrein izt! Zerstreuet liegen auf allen Straßen die Steine des Heiligthums» Die edlen Zionssöhne, sonst gediegnem Golde gleich; wie sind sie jetzt geachtet gleich den Scherben, wie Töpfers Werk j Auch die Drachen reichen ihre Brüste und saugen ihre Jungen; die Tochter meines Volks muß grausam seyn wie der Strauß der Wüste. Des Säuglings Zunge klebt für Durst an seinem Gaum; Die Kinder bitten um Brod, und niemand bricht es ihnen! Die sonst wollüstig asten, verschmachten auf den Straßen jetzt; II. Von der ebräischen Elegie. d ie auf Scharlach waren erzogen, bedecken mit Unrath sich. Groß war die Sünde der Tochter «eine» Volks, über die Sünden Sodoms groß, die einst zerstöret ward im Augenblick oh»' alles Handeregen. Die Edeln meines Volkes waren reiner als Schnee, weißer als Milch, Glanzesvoller als Edelstein, dem geschnittenen Saphir gleich. Nun ist ihre Gestalt, wie Kohlen, dunkel: man kennt sie auf den Straßen nicht. Die Haut klebt ihnen am Gebein., wie dürres Holz sind sie. Glückliche, die durchs Schwert hinsanken, glücklicher, als die, vor Hunger starben: denn jene wurden schneller hingemähl, als Feldes Frucht. Aber hier kochten zarte Mütter ihre Kinder zur Speise sich; so gräßlich war die Hungersnoth der Tochter meines Volks. Erfüllet hat Jehovah seinen Zorn, hat ausgeschüttet seinen Grimm, Ein Feur hat er in Zion angezündet, Das seine Gründe verzehrt. 1Ü2 II. Bon der eb rätschen Elegie. Der Erden Könige glaubtens nicht, Es glgubtens nicht die Bewohner der ganzen Welt, daß je der Feind eingehn würde jn die Thor? Jerusalems, Um der Misselhat willen der Propheten, um der Priester Sünden ists geschehen: sie vergossen einst unschuldiges Blut Milten i» ihrer Stadt, Blinde, die auf den Straßen gingen , befleckten sich mit Blute (überall), man konnte ihre Kleider nicht berühren. „Weichet! hier ists unrein! rief man ihnen zu, „Weichet, weicht, daß ihr es nicht berühret !" Sie flohen weg und bebeten davon. Da sprach man unter den Völkern: „Sie werden nicht lang' wohnen mehr! „Des Herren Zorn hat sie getheilt! „Er wird nicht lang' anhaltcn, „sie anzuschaun, „Sie achten ihrer Priester selbst nicht mehr! „Sie schonen selbst der Greise nicht!" Noch suchten immer unsre Augen Hülfe, wo keine Hülfe war. Auf unsrer Warte hofften wir yuf eine Ration, die uns nicht retten konnte. II. Von der cbra.i schon Elegie. i8Z Allmählich wichen seitwärts unsre Tntte vom Gehn auf unfern Straßen. *) Es nahte unser Ende: vorüber waren unsre Tage, unser Ende war da. Schneller, als die Adler des Himmels kamen unsre Verfolger heran: auf den Bergen erjagten sie uns in den Wüsten stelleten sie uns nach. Unser Athem, des Herrn Gesalbter, ward gefangen in ihrer Gruft: Er, von dem wir sprachen: „wir werden in seinem Schatten „unter den Völker« sicher seyn!" Freue dich, erjauchze, du Tochter Edom, die wohnet im Lande Utz; Auch über dich wird kommen des Elends Kelch, Berauschet wirst du werden daraus und speyn. Deine Schuld ist abgethan, o Tochter Zion, Er wird nicht weiter dich gefangen lassen führen; aber deine Missethat, o Tochter Edom, wird er einschn und enthüllen deine Süyden. *) Die Straßen wurden unsicher und öde: das letzte, schauervolle Zeichen der Verzweiflung und des nahen Ausgangs. tö4 II. Von der ebxaischen Elegie. Das zweite fty die weltbekannte schöne Stelle aus der dritten Elegie; Barmherzigkeit Jehovahs ist, daß wir noch nicht gar auS sind! Noch ist ja sein Erbarmen nicht ermüdet, Mir jedem Morgen wird es neu, rind seiner Freundschaft Treu ist groß. Jehovah ist mein Theil, spricht meine Seele, drum will ich auf ihn hoffen. Gut ist der Herr dem Mann, der auf ihn hofft, der Seele, die ihn suchet. Gut ist er , dem der schweigt und warten kann her Hülfe von Jehovah. Gut ists dem Manne, der das Joch in seiner Jugend rrägt. Er bleihet einsam stehn und schweigt und tragt sein Joch. Zum Staube bücht er seinen Mund und hoffet noch. Er beut die Wang' ihm, der da schlagt, und wird mit Schmach bedeckt. (Noch weiß er:) Gott entfernt sich ewig nicht, wenn er betrübt, so wird er sich erbarmen; denn viel Erbarmen ist hei ihm. Er ängstet nicht von Herzen, mehr gern betrübet er ein Menschenkind. Wenn man mit Füßen die Gefangnen tritt, wenn man des Menschen Recht vorm Angesicht des Allerhöchsten beugt, und jemand Unrecht thut in seiner Sache; das sollte Gott nicht sehen? II. Von der ebräischen Elegie. r8S Wer ist, der sagen darf: „Dies ward und Gott hats nicht gewollt!" Wer ist, der sagen darf: „daß Glück und Unglück nicht vom Wink des Höchsten komme!" Warum betrübt sich denn der Mensch ums Schick» sal? Um sein Vergehn seufze er. Kommt, laßt uns unser Leben prüfen, und es erforschen tief und wiederkehren zum -Herren, unseren Gott! Aufheben laßt uns Herz und Hände zum hohen Himmels Gott Wir wichen ab und wurden ungehorsam, da schonetest du unser nicht u. f. Wer würde nicht den rechten Sinn eines Buches wünschen, das solche Stellen hat! Zum Schluß mögen einige Zeilen einer spanischen Uebersetzung hier stehn, so wohlklingend, als ich unsrer Sprache eine wünschte. Sie ist vom dlonäs O. Lsrwsräino äs Hskollsäo und erhält sich von Anfang bis zu Ende gleich: l^uo sola ^ ckesolacka 1a oircksil papulosa, en las genvos kainosa, coino viucka esta äosconsolscka! li,a guo coino sonnora krovincias äoininaba, paga iributa aliora: on las noolies gue vn tismpo äoscnnsalia smargnmeMo llora: II. Von der ebräischcn Elegie. sss InArimss no ^Lrrin «n sus mejillk^s, oorren lrs8in snelo: iiüäis ls äL consuelo: 1c>8 c^us la gin.iroii, mris In äeremxuran: 8ris ina^oros smigos 8e lisy äeolsr-iäo xor onemi^os. ctc. Komme jemand und übersetze mit diesem Spa»icr an Wohlklang um die Wette l Herder. III. Das Buch von der Zukunft des Herrn, des neuen Testaments Siegel. Das Aeugniß Jesu ist der Geist der Weissagung. Offenb. ig, 10. » 7 7 9 . Vorrede des Herausgebers -Äuch das nachfolgende Werk schrieb der selige Hr. von Herder nicht übereilt: Vier Entwürfe von seiner Hand, vollendet und unvollendet, fanden sich unter seinen Handschriften. Der früheste, von 1778 oder 1774 war schon 1776, hernach (umgearbeitet) 1778 zum Drucke fertig, mit einer (hier beigefügten) Vorrede, an deren Schluß ec der seligen Gräfin Maria von Bükeburg mit sanfter Wehmukh gedenkt. Metrisch hatte er die Apokalypse allein im ersten Entwurf überfezl, aber beigeschricben „Ist wie „Prose zu lesen und soll auchProse werden." Von neuern Versuchen haben sich nur Fragmente gefunden. Da man ihm, bei der Erscheinung des Buchs 1779, von verschiedenen Seiten den Vorwurf machte: „er habe die Tendenz und die Erfüllung der Apokalypse einzig auf die Nächstliegende Begebenheit des Jüdischen Krieges beschrankt, und damit ihren Werth für spatere Zeiten beinahe vernichtet;"*) so fand er *) Ein Mißverstand, da der Verfasser selbst in Mehrern Stellen, obwohl nur beiläufig, das Gegen- thcil sagt: z. B. in den Anmerkungen zu VII, g — 17. XIII, ri — 18. XIV, ,7 — 21. und im 7ten Abschnitt des Anhanges. Diese Ueber- zeugung änderte er nie. Xre:' Igo Vorrede des Herausgebers. cs nöthig, in der ersten Ausgabe der Briefe, das Studium der Theologie betreffend (1780) sich hierüber deutlicher zu erklären. Da er diese Stelle , um nicht zum zweitenmal von seiner eignen Arbeit reden zu müssen, in der zweiten Auflage wegließ, so mußte ihr hier ein Plaz cingeraumt werden.*) In gleicher Absicht habe ich im Anhang einige Stellen aus seinen frühem Handschriften beigefügt, wo entweder seine eigentliche Meinung über den Sinn der Apokalypse deutlicher als in dem gedruckten Text gesagt ist, oder worin er die gemeine, allerdings immer noch prüfenswerthe Meinung, die er anfangs selbst auch hatte, vortragt: daß Johannes die lezten größten Bilder seines Buchs vom Ausgange der Zeiten, von der Gestalt des Römischen Reiches, wie sie damals war, hergenommen habe. Ich bedaure, daß sich von einer Abhandlung: Von der Zeichensprache Gottes in der Natur und Schrift, die er (einer Anzeige nach) dem ersten Entwurf beifügen wollte, unter seinen Handschriften gar nichts gefunden hat. *) S. Anhang, Rum. l. Schasfhausen, den 18. Aug. 1806. Zoh. Georg Müller, Professor. Vorrede zu einem frühern Entwurf der Apokalypse. >2in Neuerer hat cs als Kennzeichen eines gesunden Kopfes angegeben, wenn er sich nie mit der Offenbarung befasse oder befaßt habe. Wer nach diesem untrüglichen Kennzeichen strebt, oder allenfalls über die Gesundheit seines Kopfs Bedenken oder Gefahr hat, der lasse dies Buch und das Buch, das hier erläutert werden soll, ungelesen. Der Unpartheyifche aber, der noch kein System hat, der's einige Augenblicke unentschieden lassen kann, ob die Offenbarung ein göttliches oder menschliches Buch? ob vor oder nach der Zerstörung Jerusalems? ob von einem Apostel oder Aeltesten, oder gar einem Kezer und Betrüger geschrieben sey? und etwa vom tausendjährigen Reich handle? wer dies alles vergessen kann, und je;t nur liefet, was er liest, nur was er stehet, suchet — Wenns möglich ist, die alte schöne Grille zu vccläugnen, als sey dies Buch unverständlich, habe einen Schlüssel nö- thig, der verlohren sey, ob ihn gleich niemand je 192 Vorrede zu einem Entwurf der Apokalypse. gesehen hat; wer von diesem allem entkleidet, willig und frei wie ein Kind liefet: einen solchen bitte ich, ohne Furcht und Scheu dies Buch zu lesen, dessen erster Vorsatz es ist, nichts zu erkläre»/ was nicht selbst spricht/ kein Bild bedeuten zu lassen, Wales Nicht/ offenbar und so bestimmt, als eine Allegorie im Gedicht, ein Bild in der Kunst oder auf Münzen, selbst bedeutet. Zu dem Zweck ist auch überall nur der Umriß gezeichnet, nur gezeigt; woraus das Bild / der Geschichte, dem alten Testament und der Seele Johannes nach, etwa genommen seil? und in welche Züge es sich kleide- NM verständlich zu werden ? die Anwendung mag sodann jeder selbst machen. B*** im Merz 1776. Und nun für mich und die Meinigen, auch für Sie, die mir und den Meinigen Mutter war, als ichs schrieb und dort lebte — für uns alle sey dies Buch dem Andenken der Ruhenden heilig, die noch in ihrem lezten Pilger- und Erdcnjahr sich daran erfrischte! Selig sind die Todten / die itt dem Herrn sterben. Der Geist spricht: sie ruhen vou ihrer Arbeit und ihre Werke folgen ihnen nach. W. im Febr. 1778. H. Osiris Aufschluß des Buchs, die Worte Jesu Matth. 24. 26. sammt den Parallelftellen. O «v«i'i.vcoi7xwv voei^r«. XXIV. iö. Herdes Wceke z, Rcl. u. Theok. VI N I. Enthüllung Jesu Christi/ die Gott ihm gab, zu zeigen seinen Knechten / wa6 in Schnelle geschehen muß. Andeutend in Bildern sandt' er sie durch seinen Engel seinem Knecht Johannes, der das Wort Gottes bezeugt hat und das Zeug- niß Jesu Christi, was er sah. Selig, der da liefet und die hören die Worte der Weissagung und behalten, was in ihr geschrieben ist: denn die Zeit ist nah?) Ist das Buch, was es nach dieser Ankündigung seyn soll, so muß es Enthüllung und keine Verhüllung der Sachen seyn , die sobald geschehn sollten: es muß des Engels, der sie brachte, Gottes und Jesu Christi, der sie gab, werth; denen sie dienen sollte, die ihretwegen selig gepriesen werden, verständlich, anwendbar, bald anwendbar gewesen seyn: denn die Zeit der Erfüllung war nah. Andentend in Bildern, brachte sie der Engel (wWonnwn:) dies ist die gewöhnliche Sprache der Prophezcihungu), Die Bilder müssen *) Kap. — s) Ovrc «ri xav/rrct, vMNtt«. N 2 also bedeutend, durch sich verständlich gewesen seyn; oder der Engel wird sie dem Johannes, Johannes denen erklärt haben, die sie lesen, hören, behalten sollten. Ja wie es scheint, wird daraus gerechnet, daß selbst der Vorleser, indem ers las, der Kreis der Hörenden, indem sie hörten, sie verstehen konnten, und keine Misdeutung oder Unrechte Anwendung möglich, keine Grübelei und Erreichung nö- thig war; denn die Zeit war nah. — Galt das damals , wie vielmehr uns , die wir siebenzehn Jahrhunderte spater leben! Ist die Prophezeihung wahr: so muß sie langst erfüllt seyn; denn sie sollte damals schon in Eil, in naher Zeit erfüllt werden. In dieser Zeitnahe, ohne Zweifel noch in den Lebenslagen derer, denen sie gegeben ward, muß uns der historische Schlüssel ihrer Erfüllung gegeben seyn, oder cs wäre, dieser Ankündigung nach, an ihrer Aechthcit sehr zu zweifeln. Ins erste Jahrhundert also, an die Stelle dieser Knechte Christi müssen wir treten, uns ihre Sprache, die Sprache Christi und Johannes an sie, (wenn Johannes das Buch geschrieben,) uns ihre Geschichte, Hoffnung und Erwartung aus dem Munde Christi, die Erfüllung und Merkwürdigkeiten in ihrem Leben bekannt machen; einen andern Schlüssel zu diesem Buch kanns nicht geben. Johannes dm sieben Gemeinen in Asien. Gnade euch und Friede von dem/ der ist und der war, und der kommt. Und von den sieben Geistern / die vor seinem Thron sind. Und von Jesn Christo; er ist der treue Zeuge! der Erstgeborne ans den Todten / der Fürst der Könige von der Zukunft des Herri« »97 der Erde! Er liebte uns und wusch uns von unfern Sünden mit seinem Blut/ und machte uns zu einem königlichen Priesterthum Gott seinem Vater. Ihm sey Ehre und Gewalt in die Ewigkeiten der Ewigkeiten. Amen. Siehe/ er kommt mit den Wolken und wird ihn sehen jegliches Auge / auch die ihn stachen / und werden weinen über ihn alle Geschlechte der Erde. Ja! Amen. Ich bin das A und das O/ spricht Gott der Herr / der ist und der war und der kommt/ der Allbeherrscher?) Der Anfang des Buchs ist sonderbar; aber wie niemand laugncn kann, erhaben, stark und in die Seele dringend. Ein aufweckcnder Trommeten- klang und kein Work in ihm vergebens. Johannes grüßt ; zwar wie die Apostel grüßen, aber bedeutenden Bildern, die Herz und Inhalt des ganzen Buchs sind. Er grüßt von dem , der ist und war und kommt / der auch in diesem Buch A und O/ Anfang und Ende ist, der in den frühesten Zeiten Wat'/ still und verhüllet auch jetzt ist/ und kommt und kommt/ das Ende zum Anfänge zu bringen und seine ersten Verheis- sungcn zu erfüllen. Die sieben Geister breunelt vor seinem Thron/ und wir werden sie bald als Fackeln, bald als Augen, die in alle Welt blicken, als Hörner der Allmacht an aller Welt E«bt, rlß ') Kap. i, st lyS III, Das Buch Ströme der Belebung, als Stimmen der Erquickung im Buch selbst sehen und das umfassende, liebliche Bild erklären. Von Jesu Christo/ dem Herrn der Offenbarung, ist der Gruß am herrlichsten und längsten. Dieser ist der treue Zeuged), wie immer und von Ewigkeit als Wort Gottes, so in seinem Leben, in allem was er sprach und that, was er schon damals vom Inhalt dieser Offenbarung sprach und jezt als Zeuge Gottes durch seinen Engel völliger enthüllet. Es ist die Freude Johannes, des Evangelisten und Apostels e), ihn überall als Zeugen Gottes darzustellen und ihm nachzuzeugen.— Der treue Zeuge bis in den Tod ist jezt der Ersterweckte von den Todten / des ganzen Heers Führer, der ganzen künftigen Welt Morgenstern und König. So wird ihn die erste Erscheinung des Buchs zeigen, so, und als König der Könige der Erden der Inhalt des ganzen Buchs bewähren. Er liebte uns und wusch uns von den Sünden mit seinem Blut und stellte uns / ein neues herrliches Brudergeschlecht/ ein königliches Priesterthum und priesterlich Königreich Gott seinem Vater dar. Die ganze Offenbarung wird die Herrlichkeit dieses Bildes enthüllen, denn es ist leztes Ziel und Zweck derselben. Siehe/ er kommt! er kommt! ist der Inhalt des Buchs, seine unzählige Tromme- tenstimme. Schnell und unerwartet, hoch und erhaben kommt er mit den Wolken: alle sollen ihn k>) Jes. 55, ü. v) Joh. i. 3. 5. 6 . 7 . 8 . g. ro. 12 . 17 . » Joh. 1 . 3. 5. von der Oukunft des Herrn. LHI sehen: seine Mörder heulm und weinen. Wir wissen, Johannes braucht die Worte Zachariä, mit denen er hier spricht, auch an der rührenden Stelle, da er unter dem Kreuz, als Augenzeuge, Jesu durchstochenes Herz sah ä). Der geliebte Freund hatte so lange seinen liebenden, unschuldig verwundeten Freund , die Mutter ihren durchstochenen Sohn vcrlohren: scheidend sagte dieser: „ich gehe und komme wieder», ich komme wieder, ich komme bald, schnell wieder, und du, Jünger der Liebe, sollt bleiben, bis ich komme, und warten." Wie also dort das Herz jener Mutter schlüge), daß ihr Sohn wieder kommen sollte als Sieger; wie sie heraus sah und harrte: „warum säumt sein Wagen zu kommen? warum zögert der Hufschlag seiner Triumphrosse ?" so war dem wartenden Jünger hier die Stimme Triumphton: „er kommt ! er kommt in den Wolken." Ja, Amen , sagt Johannes. Und die himmlische Echo tönt gleichsam ermunternd wieder: Ich bin da6 A und das O/ Anfang und Ende, der AllbeherrscherY , der Allvollender. — Das ist die Ankündigung des Buchs und sein Inhalt. Wie er beschaffen? wie und ob diese Zukunft Ehristi erfüllt ftp? oder noch bevorstehe? oder nie werde erfüllt werden? das müssen wir nicht rathen, sondern aus dem Verfolg des Buchs und der Zeiten lernen. Die erste Erscheinung fangt an: ä) Ioh. rg, 35 — 3/. ei Richter 5, 28 . 1) Es. hip, 6. hi, h. 200 III. Das Buch Ich Johannes, euer Bruder und Mitge- rioß in der Trübsal/ dem Reich und der Geduld Jesu Christi; ich war in der Insel/ die Pathmos heißt/ um des Worts Gottes und des Zeugnisses Jesu Christi willen. Ich war zm Geist an des Herren Tage und hörte hinter mir eine starke Stimme/ wie eine Trommele/ die sprach t (Ich bin das A und das O , der Anfang und das Ende.) Was du stehest/ schreibe ins Buch und sende es den steben Gemeinen (in Asten) gen Ephesus / Smyrna/ Pergamus / Thyatira / Sardes/ Philadelphia und Laodicea?) Wir haben gar keine Ursache, diese Gemeinen für etwas anders zu halten, als was sie sind, wie ste hier genannt werden; Key Aufträgen, bei Ueber- schriften der Briefe nennt man keine falsche oder verstohlne Namen. Zudem wissen wir aus der Ge, schichte, daß der Johannes , der gen Pathmos verbannt war, eine große Zeit in der Ersten und Vornehmsten dieser Städte, zu Ephesus, gelebt hat. Die andern, die rings um ihn lagen, waren ihm also gleichsam ein Kreis von Schwestcrgemeinen, die er liebte und besuchte, die ihn kannten, für die er sorgte; er legt sein Buch, wie zwischen sieben güldnc Leuchter, in den Schoos seiner Freundinnen nieder. Weiter wollen wir hier noch nicht sehen. Ob sie der Inhalt des Buchs zunächst angieng? Was es bey ihnen sollte? muß der Verfolg zeigen; genug, nach dieser Angabe war es Johannes in *) Kap. >, 9 — ", von der Zukunft des Herrn. SOL Pachmos/ der lange in Ephesuö gelebt hat, den diese Stimme rief. Wüßten wir nun genau, und ohne Widerspruch, wann Johannes nach Pathmos verbannt gewesen? so wüßten wir auch die Zeit dieser Erscheinung; so aber muß uns über diese das Buch selbst belehren, und wir sind hier am Anfänge nur damit zufrieden, daß der Aufenthalt unsers Johannes, des Evangelisten und Apostels / (denn kein andrer war in Pathmos) durch die Geschichte bewährt sey. — Er war daselbst als Mitgenoß NN der Trübsal und der Geduld Jesus)/ die er, nach seiner Art und Licblingsidce dieses ganzen Buchs, sogleich mit dem Lohn des Königreiches verknüpft: die Blume der Herrlichkeit duftet in der Mitte ihrer nicdern Schwestern, Geduld und Trübsal; ein Kranz, den auch Christus getragen. In Pathmos, in der Schule der Einsamkeit und Verbannung, wo er um seines Herren willen war, hier wars, wo ihm so unvermuthct und freudig sein Herr erschien und Himmel um ihn machte. Mag der Lag, der hier genannt wird, Sonntag oder Ostern, oder das Fest der Gedanken gewesen sepn, da Johannes im Geist am Tage des Herren war und seiner Zukunft , seiner so lange versprochnen, zögernden Zukunft nachdachte; genug, es ward Tag des Herrn / da diese Trommete rief und er um sich blickte. Ich wandte mich zu sehen die Stimme/ die mit mir sprach / und da ich mich wandte / 8) 2 Lhess. 1, 5 — 7 . . - - V-i- ' 2 III. Das Buch sah ich sieben güldne Leuchter. Und in Mitte der sieben Leuchter Einen / der dem Menschensohn glich/ bekleidet mit einem Talar und die Brust umgürtet mit goldnem Gürtel. Sein Haupthaar weiß, wie weiße Wolle/ wie Schneeseine Augen/ wie Feucrflammen: seine Fuße/ wie Silbererz im Ofen glühend / und seine Stimme wie das Rauschen großer Wasser. Er hatte in seiner rechten Hand sieben Sterne und aus seinem Munde gicng ein. scharf zweischneidig Schwert und sein Antlitz — wie die Sonne leuchtet in ihrer Macht. Als ich ihn sah / fiel ich zu seinen Füßen/ wie todt; er aber legte seine rechte Hand auf mich und sprach: fürchte dich nicht! Ich bin der Erste und der Letzte/ und der Lebendige. Ich war todt und siehe / ich lebe in die Ewigkeiten der Ewigkeiten und habe die Schlüssel der Hölle und des Todes. Schreibe/ was du sähest und waö eS bedeutet und was geschehen wird nach diesem. Das Bild der sieben Sterne/ die du in meiner Rechten sähest und die sieben güldne Leuchter — die sieben Sterne sind Engel der sieben Gemeinen und die sieben Leuchter die sieben Gemeinen selbst?) Ehe wir weiter gehn, lasset uns an dieser ersten Erscheinung, (dem Grunde aller, die folgen werden,) zeigen: wie natürlich die Bilder sind! wie deutlich jedes durch sich selbst spricht und wirket! Jesus erscheint hier, als das Urbild dessen/ ivaS / ) Kap. i, 12 — 20. von der Z u ku nft dcs He rrn. 2v3 der Vorstellung dieses Buchs nach, alle die Seinen dort nach nnd mit ihm seyn werden/ als der himmlische triumphirende Priesterkönig. Sieben Leuchter flammen um ihn, wie dort im Hei- ligthum der Priester: der weiße Talar ist sein Kleid: der Goldgürtel ihm um die Brüst — so erschienen dort die Engelk), das war in Ehaldäa die edelste Priester- und Königskleidung. Sein Fuß war nackt, seine Hände mit Kleinoden geziert und seine Gestalt selbst — wer kann sie aussprechen? Johannes kämpft mit Bildern und Worten; er wählt die edelsten, die er in Erscheinungen und Gesängen des A- T. fand, und keins thut ihm Einige. Den er erblickt, er ist dem Menschcnsohll gleich; ich weiß wohl, daß dieser Ausdruck aus Daniel 1 ) ist und da vielleicht nur die Menschengestalt bedeutet; im Munde des Apostels Jesu, der an der Brust des Menschensohns gelegen und es sich immer zur Freude, zur Ehre macht, ihn gekannt, zuerst gekannt, gesehen und berührt zu haben k) -— in seinem Munde bedeuten die Worte natürlich mehr, und wir werden noch zehn und abcrmal zehn Epempel finden, daß er die Worte der Propheten gern also neu anwendet und gleichsam mit dem Finger der Liebe bezeichnet. Den er hier sichet, ist, den er so lange nicht gesehen, der Menschensohn : noch derselbe! aber wie verklärt! wie verändert! Sein Haupthaar, wie li) Dan. 10, 5 . 6 . i) Dan. 7, i 3 . K) Ioh. i, iß.. 21, 7. i Joh. i, i — 3 . der glanzende flockige Schnee, nur gleichsam Haare: Flamme sein Blick: seine Füße mächtiges, zertretendes Erz, das wie Krystall im Ösen glühet: seine Stimme, wie Ströme und Meere: sein Hauch wie ein durchdringendes, zweischneidendes Schwert: sein Antlitz (mit dem Bilde, womit dort Deborah ihren hohen Gesang schloß I)) die Sonne in ihrer mächtigen, strahlenden Mittagshöhe. Wer vermag die Gestalt zu mahlen? wer ist kühn genug, Bilder, die nur unvollkommene Merkmale sind, das Antlitz, das wie die Sonne leuchtet, und das Haar, das wie wolliger Schnee glanzt, und die Flamme des Blicks, und den schneidenden Athem und den zermalmenden glühenden Fuß und die rauschende Stimme, als mißverstandne Wortsymbole auf Papier und Lumpen zu gestalten oder zu verunstalten? Und dennoch jsts leider! tausendmal geschehen und die herrlichste Gottmenschengestalt in Kupfer- und Holzschnitten als der elendeste Krüppel dargestellt! Ein kleines Symbol von dem, was den Bildern und dem Sinn der ganzen Offenbarung begegnet. — Mahlet Wirkung, wenn ihr mahlen wollt und nicht Gleichniß: stellet die Kraft, das Leben, die Gottesgcstalt dar, deren Ein Anblick den Johannes tödtcte und Eine Berührung wieder belebte. Wenn ihr dieses nicht könnet, Wenns Johannes selbst in Worten nicht konnte, so schweigt und laßt seine Worte reden! Wie Daniel,m) sank Johannes nieder; aber l) Nicht. 5, 3i. m) Dan,. 8, 18. io, 8. g. von der Zukunft des Herrn. 2o5 liebreicher, als auf jenen GotteSgeliebten kam über ihn die Hand seines himmlischen Bruders. Er ttr'NNr't sich nur und sein Name belebt: er ist der Lebendige , um den Johannes einst, als um einen Lobten, geweint hatte, und durch ihn MUß alleS leben. Die Schlüssel der Holle und des Todes sind in seiner Gewalt: er führt sie aber jetzt nicht; er zeigt und erklärt dem Johannes etwas Schoners, das in seiner Hand leuchtet. Sieben Sterne — und das sind die Lehrer von sieben Gemeinen, seine Brüder, seine Jünger und Schüler. Wo Johannes einst die Nagelmahlc gesehen ri) ; da sind die Namen seiner Geliebten, als Kleinode, als Sterne. Siehe / in meine Hände habe ich dich gezeichnet, sprach Gott dort zu dem verwaisten Zion: Deine zerrißneu Mauern sind immer vor meinen Augen und dein Andenken bei miro). So sprach Gott und die Worte in Bild verwandelt, zeigks hier Christus. Bor ihm brennen immer die sieben Fackeln , rings um ihn glanzen die sieben Gemeinen, in deren Mitte er, als waren sie sein ganzes Ehri- stcnthum, seine ganze Kirche auf Erden, als unsichtbarer, himmlischer Priester, sein Amt verrichtet. Wie zart und liebevoll sind beide Bilder. Befleckte, sterbliche Menschen sind die Kleinode seiner Hand, leuchten, wo Wunden der Liebe gewesen sind, als Siegcsmalcr, und Liebesdenkmnle, als unsterblichglanzcnde Sterne. Gemeinen, in denen ") Ioh. ig, A7. so, — 27, °) Jes. äg, 16. 2»6 III. Das Buch so viel Unvollkommenes war, prangen, als goldne Leuchter, um ihn, sind gleichsam das Heiligthum seines Dicnsts, seiner Aufsicht und Wirkung. Endlich , der kleine Kreis der Bekanntschaft, Freundschaft, Treue, kur; des engen Lebens Johannes; cs i-st auch gleichsam die Sphäre und der enge Kreis der Gegenwart und Bekanntschaft Christi; Johannes Lieblinge, als Schäze, die ihm niemand rauben sollte, in seine Hände gezeichnet — kann etwas Liebevolleres gesagt werden? Nun will ich keine Gelehrsamkeit verschwenden, zu zeigen, daß Lehrer der Gemeinen, Aufseher, Fürsten, Vorsteher und Wohlchatcr der Menschen Engel genannt, daß sie als Sterne oft und sehr würdig vorgestellt worden. Juden und Griechen, Chaldäer und Perser haben die Bilder gehabt, haben die Aehnlichkeit gefühlt und verstanden: in der Bildersprache, die damals und in den Gegenden bräuchlich war, waren beide Ausdrücke bekannt und der Urheber selbst wird sie durch sieben Briefe noch schöner und gründlicher erklären. Engel GotteS sollet ihr seyn, Lehrer der Menschen , Wächter, Vorsteher, Hirten: von Gott kommend und zu ihm gehend, von ihm gesandt und seine Stelle hienie- den, nicht um irdisch Gut, vertretend. Flammen Gottes, seine Blize und Winde, Streiter fürs Gute, Kampfer gegen das Böse, Diener der Schöpfung und Austheilcr des Segens; die Unschuld auf den Händen tragend, und schauend allezeit, in Widerwärtigkeit und Armukh, das Antlitz Gottes des Vaters. Schauet gen Himmel und sehet die Sterne! so sollet ihr in höherer reinerer Denkart hernieder- von der Zukunft des Herrn. 207 schauen und glänzen und wachen und in die dunkle Nacht strahlen — ein lebendiges Gotteshcoc, in seiner Hand leuchtende Sterne. — Lasset uns sehen, mit welchem Feuer der Liebe und nahen Gegenwart Christus an seine Lieblinge schreibet! Hirtenbriefe des himmlischen Priesterkönigs. Er sitzt und schmelzt und reinigt die Kinder Levi, wie Gold und Silber p). Jeder Brief wird mit einem Zuge seiner Gestalt geöffnet und mit einer Stimme seines Geistes besiegelt: beide also werden in sie, als ob sie ganze Christenheit waren, gleichsam vereinzelt. Und für jeden sehr treffend vereinzelt; denn jeder Zug steht an seiner Stelle, jeder Brief an sich und alle zusammen, machen das eindringcndste Ganze. i. Dem Engel der Gemeine zu Ephesus - schreibe: Das saget / der die sieben Sterne in seiner Rechten hält / der in Mitte der sieben güldnen Leuchter wandelt. Ich weiß deine Werke und deine Mühe und deine Geduld/ und daß du die Bosen nicht tragen kannst und hast geprüft / die sich Apostel nennen und sindS nicht / nnd hast sie Lügner gefunden. Aber ich habe gegen dich / daß du die erste x) Malach. Z, 2 . 3. 2o8 III. Das Buch Liebe verlassen. Gedenke woher du entfallen bist und kehre um und thue die ersten Werke. Wo nicht / so komme ich dir schnell und rücke deinen Leuchter von.seiner Stätte / wo du nicht umkehrcst. Aber das hast du/ daß du die Werke der Nikolaitcn hassest / die auch ich hasse. Wer Ohr hat/ höre/ was der Geist den Gemeinen saget. Dem Ueberwinder! ich will ihm zu essen geben vom Baum des Lebens im Paradiese meines Gottes.*) Der ganze Brief ist wie aus dem Paradiese der Unschuld und Liebe. Zu ihr, zur ersten Unschuld und Liebe soll der Ermattete, tief Hinabge- sunkne zurückkehren, daß einst auch die Frucht vom Lebcnsbaum ihn erquicke und speise. Zärtlicher kann die Mutter ihr Kind, die Braut ihren Geliebten an alte verflossene selige Zeiten, die leider nicht mehr sind! kaum zurückerinuern. Sic zeigt ihm das Paradies der Unschuld, das erste Pfand seliger Liebe, lobt ihn und strömt über in Lobe; erzählt, was er alles für sie that, und noch thue, kommt unvermerkt auf das, was fehlet — aber, als ob cs nicht fehle, sich bald wieder einstellen werde, nur durch ein untermischtes „Gedenke! Erinnere dich, wie dir war? und ob dir jetzt besser sey ?" und sogleich neues Lob, neue Treue und Verdienste, die ihm immer noch geblieben. — Zuletzt P Kap» 2, i — 7, von der Zukunft des Herrn. 20g steht abermals das Paradies da, mit seinem glücklichen, seligen Baume, ihm gleichsam vor Augen bleibend. O Liebe, du bist langmüthig und freundlich; aber auch scharf wie die Flamme, die das Herz reinigt. Ein Wink! Ein Kommen! und der goldne Leuchter wankt von seiner Statte. Was dies Kommen bedeute, mag dfe Folge des Buchs zeigen ; die äußern Umstände des Brieses halte ich für völlig historisch, die falschen Apostel für falsche Apostel, wie in mchrern Gemeinen waren; die Nikolaiten für cinerley mit den Bilea- miten (der übersetzte Name nach Johannes Weise) von denen wir reden werden. Da der Baum deS Lebens und die andern Symbole der Verheißung am Ende des Buchs gesammlet und als Geschichte wieder kommen, wollen wir itzt nichts zum Voraus nehmen. 2 . Dem Engel der Gemeine zu Smyrna schreibe: So spricht der Erste und der Letzte/ der todt war und lebet. Ich kenne deine Serke und deine Trübsal und Armuth (du bist aber reich) und die Lästerung von denen / die sich Juden nennen und stndS nicht/ sind SatanS Schule. Fürchte dich nicht vor dem/ was du leiden wirst. Siehe/ der Satan wird Einige von euch ins Gefäng- Hcrters Werkt z. Net. u. Thevl. VH. O 210 III. Das Bucch niß werft»/ daß ihr geprüft werdet/ und wer- der Trübsal haben zehn Tage. Sey treu bis in den Tod und ich will dir die Krone deö Lebens geben. Wer Ohr hat/ höre/ was der Geist den Gemeinen sagt. Der tteberwinder soll nicht beleidigt werden vom zweiten Tode?) Die Symbole des Briefes sind offenbar übereinstimmend. , Dem Bischöfe stand Gefangniß, Leiden; wie es scheint, auch der Tod bevor; darum spricht zu ihm, der todt war und lebet / darum ruft er: sey treu bis in den Tod/ dein wartet die Krone des Lebens / darum ruft der Geist: er entgehe dem zweiten Tode — Das Uebrige halte ich für völlig historisch. Der Bischof war arm und bei Christo reich: die zehn Tage sind zehn Tage des Gefängnisses und der Trübsal zum Abfall: die Juden sind Juden; nur dieses Namens nicht werth: Synagoge ist Synagoge , nur Satans Synagoge, der auch diese Verfolgung bewirket. Uebrigens ist dieser Brief so zart, wie der erste. Er schonet den gequälten Lehrer, nennet sein Gutes, zahlt die Tage seines Leidens und wapnet ihn unvermerkt gegen den Tod durch eine Krone höheren Lebens. 3 . Dem Engel der Gemeine zu PergamuS schreibe: ) Kap. 2 , 8 — ir. von der Zukunft des Herrn. 211, Das sagt / der da hat das scharfe zweischneidige Schwert. Ich weiß deine Werke und wo du wohnest/ wo Satans Thron ist. Und hältst meinen Namen und hast meinen Namen nicht verläugnet / auch in den Tagen/ in denen AntipaS / mein treuer Zeuge / getödtet ist bei euch / wo Satan wohnet. Aber ich habe gegen dich Weniges; daß du daselbst hast/ die die Lehre BalaamS halten/ der den Balak lehrte / Aergerniß zu gebe» vor den Kindern Israel / zu essen Götzenopfer und zu huren. So hast auch du/ die die Lehre der Nikolaiten halten / die ich hasse. Kehre zurück. Wo nicht/ so komme ich dir schnell/ und will mit ihnen kriegen durch das Schwert meines Mundes. Wer Ohr hat/ höre/ waS der Geist den Gemeinen saget: Dem Ueberwinder! Ich will ihm vom geheimen Manna geben und ihm geben ein weißes LooS / und auf dem Loose neuen Namen geschrieben/ den niemand kennt/ denn der ihn empfängt?) Dieser Brief zeigt offenbar , daß die Symbole in der Gestalt Jesu und in der Stimme des Geistes sich auf den Inhalt der Briefe beziehen. Der das zweischneidige Schwert hat / will mit ih- O 2 ) Kap. 2, — 17. 212 III. Das Buch neu kriegen durchs Schwert seines Mundes; dies und die übrigen Bilder sind alle aus Bileams Geschichte g). Wie ihm der Engel mit dem zweischneidigen Schwert in den Weg trat und scharf mit ihm durchs Schwert seines Mundes kriegte: so tritt hier Christus den Bilcamitcn entgegen. Diese hatten so wenig einen namentlichen Bileam über sich, als jene NikolaitM einen Nikolaus : beide Namen sind Ein Name und auch ihr Aergerniß war wohl nicht eigentliches Götzenopser und Unzucht; denn auch dies ist nur Symbol aus Bileams Geschichte. Auf welche Weise sie Aergerniß gaben und das Hcilig- thum mit dem Heidenthum vermischten, waren sie BileamitM/ d. i. Verführer, Abgötter und Hurer. Daher auch der Lohn der Treue von den Israeliten aus Bileams Zeiten ist, nemlich Manna / das Mißt Loos und der nme Name. Manna genoß Israel, das von Bileam selbst glückselig gepriesene Volk Gottesr): Loos und Namen bekams, da die Plage hinweg war, denn ganz Israel mußte neugezahlt und gleichsam neucrwahlt werden s); insonderheit bekam Pinehas / der Bileams Gräuel von Israel that, neues Loos und neuen Namen, d. i. Gott machte mit ihm den Bund des Friedens und eines ewigen Priestcrthums, daß ec die Schande von Israel wandte. — Dies ist die Veranlassung der Bilder, deren Erhöhung vom gehciMM Na- g) i, Mos. 22 —> 2Z. r) tl Mos, bist 21» s) ll Mos. 26. von der Zukunft dos Herrn. 213 men, vom verborgenen Manna, von Bileam, und seinen Gräueln, wir im Verfolg und am Ende des Buchs sehen werden. 4 - Dem Engel der Gemeine zu Thyatira schreibe: DaS spricht der Sohn Gottes/ der Augen hat wie Feuers Flamme und seine Füße gleich Gluterz. Ich weiß deine Werke / und deine Liebe / deinen Dienst/ deine Treue, dein Dulden und deine letzten Werke/ die völliger sind als die ersten; aber ich habe gegen dich/ daß du lassest das Weib/ die Jcsabcl/ die sich Prophetin nennt / und lehrt und verführt meine Knechte / Unzucht zu treiben und Götzenopfcr zu essen. Ich habe ihr Frist gegeben / daß sie umkchre: ste will nicht umkehren von ihrer Unzucht. Siche, ich werfe ste ins Bette und ihre Hurcr in große Trübsal, wo ste nicht nmkehrcn von ihren Werken. Und ihre Kinder will ich töd- tcn, und alle Gemeinen sollen erkennen, daß ichS bin, der Herzen und Nieren prüfet, und will jeglichem geben nach seinen Werken. Euch aber, den klebrigen zu Thuatira, die uicht diese Lehre haben, die nicht erkannten die Tiefen deS Satans (wie ste eS nennen), euch sage ich : ich will auf euch andre Last nicht werfen. Vielmehr, was ihr habt, haltet, bis ich komme. 2>4 III. Das Buch Wer überwindet und hält meine Werke bis ans Ende; ich will ihm geben Macht über die Heiden: nüt eisernem Scepter soll er sie regieren, wie Töpfergcfäß sie zerbrechen: Macht, wie ich sie empfing von meinem Vater, und will ihm geben den Morgenstern. Wer Ohr hat, höre, was der Geist den Gemeinen saget?) Wie der vorige Brief Bilder aus Bileams-, so nimmt dieser Brief Bilder aus Ahabs und der Jesabel Geschichte: alle Charaktere sind in ihm hart und zermalmend. Die Augen des Sohnes Gottes , des Rächers, flammen, seine ehrncn Füße zertreten. Wie dort Jehu sein Antlitz gegen Jesabel nufbub und sprach: ist niemand, der sie stürze? und sie stürzten sie und sie ward zertreten t); so soll diese Jesabel aufs Bette der Trübsal und ihre Ehebrecher in große Quaal geworfen werden. Wie dort Ahabs ganzes Haus umkam und jeder in Israel Rache Gottes erkannten), so sollen ihreKinder dem Tode gegeben werden und alle Gemeinen den erkennen, der Herzen und Nieren prüft. Selbst der Lohn in jener Welt ist diesem Charakter gemäß, ganz im Geist Elias, strenge und zermalmend. Dem Ueberwinder wird ein eiserner Scepter x), wie *) Kap. L, 18 — 2 g. r) 2 Kön. g, 3-. 33. 3?, i>) 2 Kön, zo, i, io. ii. x, Ps. 2 . Thon und Scherben die Widerspenstigen zu zerschlagen --- über Könige Königsmacht. Die übrigen Bilder hangen eben so zusammen. Im zweiten Briefe, wo die Verfolgung von der Schule ausgieng, sahen wir SlltMlö SiMllgogc, >m dritten, wo Antipas getödtet wurde, SlltüNö Thron; in diesem Briefe sehen wir Satanö Tiefen: Tiefen mystischer Geheimnisse und Weisheit, wie sic cs nannten («s Xx/ucrev) Tiefen Gotteö v), und waren Tiefen des Satans. Da hatten sie auch 2) Weltschöpfer und Weltregenten, Söhne Gottes und Aeonenreiche, da sangen sie auch a) : „uns ist die Sonne aufgegangcn! der Morgenstern ist unS erschienen ! " Der wahre Sohn Gottes, mit Augen wie Feucrflammc, blickt in diese Tiefen, mit ehernem Fuße wird er sie zermalmen. Seinem Lieblinge soll wahre Macht, wahre Herrschaft über Welten und Völker werden: der eiserne Scepter ist in seiner Hand, der Morgenstern b) ist sein Erbe. — Aber nicht nur mächtig; gerecht ist auch die Rache des Rächers. Er giebt Frist zur Aenderung, er vergilt Gleiches mit Gleichem, das Hurcnbette mit dem Siechbctte, Wollust mit Quaal, die zahlreiche Hurcnbrut giebt er dem Tode. Dem III. Das Buch 2 » 6 Unschuldigen spricht er: „auf euch will ich fremde Last nicht werfen! euch fremde Sünde nicht zurechnen. Haltet, was ihr habt, ich komme! " Das ist der Brief, und da hier Jesabels Gräuel abermals durch Bileams Gräuel, Abgöltcrep und Unzucht, erklärt werden; fo sehen wir, diese Namen sind Bilder geistlicher Abgötterei) und Unzucht, Namen der Verführung und herrschender Aergernisse: die Namen der NikolgittN , der Jesabel, Bi- leamö, Balaks sind nur Einkleidung. Daß in allen gnostischen wcisheittiefen Weiber im Spiel gewesen, zeigt die Geschichte, gewiß aber nannten sic sich nicht, wie sie Christus hier nennet. Und da hier unser Zweck noch nichts anders ist, als Sprache und Bilder zu erklären, so gehn wir weiter, 6 . Dem Engel der Gemeine zu Sardes schreibe: Das saget, der die sieben Geister Gottes hat und die sieben Sterne. Ich weiß deine Werke: Du hast den Namen , daß dn lebest und bist todt. Erwache und stärke das andre, das sterben wird: denn ich habe deine Werke nicht völlig erfunden vor meinem Gott. Gedenke dran, was du empfingst und Höretest: das halte und kehre wieder. Wo dn nicht wachest, werde ich über dich kommen, wie ein Dieb, und wirst nicht wissen, welche Stunde ich über dich kommen werde. von der Zukunft des Herrn. St? Aber du hast doch noch einige Namen in SardeS/ die nicht ihre Kleider befleckten; ste werden mit mir wandeln in glänzenden Kleidern/ denn ste stndS werth. Wer überwindet / er soll bekleidet werden mit glänzenden Kleidern/ seinen Namen will ich nicht auStilgen aus dem Buche de6 Lebenö/ rühmen will ich seinen Namen vor meinem Vater und vor seinen Engeln. Wer Ohr hat/ höre / was der Geist den Gemeinen saget.'*) In dieser Kirche ist alles schlafend und sterbend , mit Nacht- und Todeskleidern bedeckt, im nahen Duft der Verwesung. Daher spricht der Mann, der die sieben LebenSgeister Gottes hat, der todt war und lebet. Er will erwecken, er will beleben. Er droht, wie ein Dieb zu kommen, denen, die da schlafen/ auszutilgen ihre Namen aus dem Buch, wo nur Lebende stehen, sie dort zu vergessen, wie sie ihn hier vergaßen und einschliefen. Nur die Wachenden, nur die Geschmückten sollen zu seinem Mahl eingehcn, denn der Bräutigam kommt, wie ein Dieb in der Nacht und weiß niemand, welche Stunde er kommen werde? Der ganze Brief ist in Worten Christin), die er schon auf Erden aussprach. *) Kap. 3, i — 6. a) Matth, 22 , 8. ?h. H .2 5i. s5, i. — i3. 2l3 III. Das Buch 6 . Dem Engel der Gemeine zu Philadelphia schreibe: Das spricht der Heilige, der Wahrhafte, der den Schlüssel Davids hat, der öffnet und niemand schleußt, der schleußt und niemand öffnet. Ich weiß deine Werke. Siche, ich habe vor dir gemacht offne Thür, die niemand zu schließen vermag: denn du Haft eine geringe Macht und hast mein Wort gehalten und meinen Namen nicht verläugnet. Siehe, ich mache, daß aus Satans Schule, die sich selbst Juden nennen und stndS nicht, sondern lügen — stehe, ich mache, daß ste kommen sollen und niederfallen zu deinen Füßen und erkennen, daß ich dich liebe. Weil du daö Wort meiner Geduld gehalten Haft, will ich dich auch erhalten in der Stunde der Prüfung, die über den ganzen Erdkreis kommen wird zu prüfen seine Bewohner. Ich komme schnell. Halte, was du hast, daß niemand deine Krone raube. Wer überwindet, ich will ihn machen zum Pfeiler im Tempel meines Gottes, daß er nie ' von dannen weiche, und will auf ihn schreiben den Namen meines Gotteö und den Namen der Stadt meines Gottes, deS neuen Jerusalems , das vom Himmel niederkommt, von meinem Gott; und meinem Namen, den neuen. von der Ankunft des Herrn. 219 Wer Ohr hat/ höre, was der Geist den Gemeinen saget?) Da sich am Ende des Buchs die Stadt Gottes, das neue Jerusalem, und der neue Name Christi selbst zeigen werden: so erläutere ich nur die Zusammensezung der Bilder in diesem Briefe. Hier spricht der Heilige Israeli) 6)/ der Wahrhafte / der vcst stehet wie eine Säule. Er hat die Schlüssel des PallastS Davidö/ daß niemand schließen kann / wo er öffnet / und niemand öffnen/ wo er schließt/ d. i. er ist der allgewaltige Regierer des Hauses Gottes; dies ist sei» neuer Name / seine Gewalt im Himmel und auf Erden. Hier auf der Erde war nun ein armer Lehrer, der seine Stelle treu vertrat, Haushalter über eine kleine Hütte; der wenig Macht, d. i. wenig Ansehen hatte, und dem seine Feinde nicht zutraueten, daß er bei seinem Herrn hoch in Gnaden sey. Er blieb aber treu, vergaß den Befehl seines Herrn nicht, und dieser will zeigen, daß er sein auch nicht vergessen: er will ihn zu Ehren bringen und ihn seinen Feinden als Liebling zeigen. Offne Thür soll vor ihm werden, d. i. er will ihm, als einem Vertrauten, seinen Pallast öffnen: die ihn verachteten, sollen kommen und vor ihm nieoerfallen müssen, als einem jetzt offenbarten Lieblinge des Fürsten. Wenn Alles in der Versuchungsstunde wanken wird, soll er nicht wanke»/ er soll seine *) Kap. 3, 7 — i3. U) Jcs. 29, 23. ll»/ rb. Hos. ri, 9. 220 III. Das Buch Krone fest halten bis ans Ende. — Das ist der Eine Theil der Bilder dieses Briefes, so schrecklich mißgedeutet und so schön, so zusammenhängend. Der andre ists nicht minder: die Bilder gehen auf derselben Ehrenstraße fort. Der Regent des Pal- lasts Davids will seinen Freund, den Ueberwinder, zum Pfeiler der Pracht und Stütze im Pallast Gottes machen, der ewig fest stehe, der nie hinweggerückt werde. Auf ihm , diesem Pfeiler, soll stehen der Name des Königs / der ganzen Stadt und des ganzen Reichs, selbst der neue Name des Anwaltenden in diesem Reiche; und was heißt das anders, als: auf ihm soll große Macht des Hauses und Reichs Gottes ruhen, Gott und Christus wollen durch ihn, als ihren obersten Diener und Liebling, handeln. Die Bilder sind alle aus dem prächtigen Propheten Jesaias s), der sie auf den ersten Königsdiener, den Vezlr seiner Zeit anwendet, und Schlüssel und Pfeiler, Wanken und Stchnbleiben gnug erkläret. In diesem reinen klaren Sinn des Orients muß man sie brauchen und nicht weiter mystifiren und deuten: sie sind, wie dieser ganze Brief, die schönste Bekräftigung der Worte Zesu: „guter und treuer Knecht! du bist über wenigem getreu gewesen, ich will dich über viel sezen, gehe ein zu deines Herren Freude." v) Jes. 22, 17 — 25. von der Zuku licht des Herrn. 321 7 - Dem Engel der Gemeine zu Laodicea schreibe: Das spricht der Amen/ der treue und wahrhaftige Zeuge/ der Urgrund der Schöpfung Gottes. Ich kenne deine Werke: du bist weder kalt noch warm; o daß du kalt oder warm wärest. Weil du aber lau bist und weder kalt noch warm/ werde ich dich auSspeien aus meinem Munde. Du sprichst: ich bin reich/ habe die Fülle und darf nichts; und weißest nicht / daß eben Du bist der Dürftige und Jammernöwer- the und Arme und Blinde und Nackte. Ich rathe dir/ von mir Gold zu kaufen/ das im Feuer geläutert ist/ damit du reich werdest; und weiße Kleider / daß du dich bekleidetest und nicht offenbar würde die Schande deiner Blöße: und Augensalbe/ deine Augen zu salbe«/ daß du sehest. Die ich lieb habe/ strafe und züchtige ich scharf; sey eifrig und kehre wieder. Siehe / ich stehe vor der Thür und klopfe. So jemand meine Stimme hörete und die Thür aufthäte; zu dem will ich eingehen/ und mit ihm Mahl halten und Er mit mir. Wer überwindet; ich will ihm geben zu sitzen mit mir auf meinem Thron/ wie ich überwand und saß mit meinem Vater auf seinem 222 III. Das Buch . d . ,s j' link- t- W)K Thron. Wer Ohr hat / höre / was der Geist den Gemeinen saget?) Dcr letzte Brief ist beinahe der schärfste; fast bis zur wehmüthigen Verachtung scharf und ernsthaft, wie ja 'auch immer der übersatte, stolze Muth eines betrogncn Armen, solche Gesinnung einflößet. Hier spricht Amen / der treue Zeuge I), der nicht heucheln kann, der seine Lieblinge scharf überweiset; nichts ist ihm widriger, als lau Wasser im Munde, ein laues, aufgeblasenes Gemüth. Er spricht hier, wie er oft zu den Pharisäern sprach: „lieber blind, als falschsehend, lieber eiskalt, als baulich." Schars rüget er, was falsche Freunde Key Menschen nicht rügen; zeigt aber auch (als ob er sich entschuldige,) den Grund seiner Schärfe, und steht und klopft zum vertraulichen Liebesmahle. Dies und selbst den Thron seines Vaters will er mit seinem reinen, ganz achten Freunde theilen. Die Kranze werden immer schöner und höher: hier hängt der höchste und schönste: ich gebe ihnen die Herrlichkeit / die Du mir gegeben hast / Vater I 8) Dies sind die Briefe. Ich habe nur ihre Bilder und den Zusammenhang derselben dürftig er- *) Kap. 3, ih — 22. I) Joh. g, 3g-a>. Joh. -3, 8. Joh.3, ri--i. Es. 65, 16. Joh. ih-, 6. xl Joh. e?/ 22. von de r I u kUN st de s H e rrn. 223 klärt: sie scheinen außerordentlich partikular und andringcnd zu seyn; kennten wir die Lehrer, an die sie geschrieben wurden, wüßten wir den Zustand ihrer Gemeinen ; ohne Zweifel würden wir in jedem Zuge noch mehr Einzelnes und Treffendes finden. Jetzt ists genug, den Smn und Geist zu verstehen, der in ihnen allgemein akhmet. Und dies, dünkt mich, ist wirklich der Geist Christi / insonderheit der Geist Christi bey Johannes. Fast jedes Wort, jeden wiederkommenden Lieblingsausdruck könnte ich mit ähnlichen Reden im Evangelisten belegen, und wollte fast sagen, daß ein Fremder, zumal ein Betrüger, so nicht nachahmen könne. Wie dort Christus immer wägt und prüft, was im Menschen ist, so auch hier, la) Wie er dort die Guten so innig liebte, und die Bösen nicht tragen konnte; so auch hier, und fordert von seinen Nachfolgern das Gleiche. Wie dort den gefallenen Petrus i) , lockt er hier den Jünger zu Ephesus zurück zur ersten Liebe. Seilt Wort halten / bleiben / lieben und auSdauer»/ sein bleiben bis ans Ende/ sind dort und hier seine Forderungen und Winke der Liebe; die Verheißungen vom Manna dem Brot des Himmels/ dem neuen Namen / dem Loose der Erwählung / sein zu scyn in der Herrlichkeit Gottes sind dort und hier dieselben. Insonderheit herrscht die Vertraulichkeit und das liebreiche Andringen von Wachsamkeit/ Braut- U) Joh. I, h?. 3, 2h. 25. i) Jüh. 22, ,5 — 07 . schmuck/ Hochzeit / Wiederkommen des Herren/ so Christus in seinen letzten Gleichnissen und Reden den Seinen gleichsam zurückließ, auch in diesen Briefen. Das Siegel seines Herzens ruht auf ihnen : der abgeschiedene, bald wiederkommcnde Freund spricht, als ob er ahnend an die Thür klopfte: was machst du? wie lebst du? ich werde bald da seyn, und du weißt, was ich dir nachließ, was ich dir gesagt habe I 2. Auch, dünkt mich, herrscht in ihnen der wahre Geist des ChristenthumS/ sein Rufen/ seine Stimme an die Gemeinen. Ich will von der Lehre nicht reden und die angcfochtNen, aus Mißverstand angefochtnen Ausdrücke hier nicht retten; was wäre aber Christenthum, wenn's nicht der reine, stille, schlichte Sinn, der um Jesu willen ertragende, Gutes zu thun nie matte, nie schläfrige Geist wäre, der in diesen Briefen rufet? Seit wann stimmt Christus und Belial zusammen ? seit wann haben der Nikolaiten, Bileams und der Je- sabcl Werke angefangen, Christenthum zu werden? Wenn wir sie nicht strafen, wird Christus sie deswegen gutheißen und dulden? Wenn wir das Hurengemisch aller Religionen und die schonen Künste Baal-Peors, Satans Thron und Satans Schule und Satans Wcisheitsliefen hoch und selig Pensen ; haben wir nicht Christi ihnen entgegengesetztes Wort und Leben vor uns, auch ausser diesem Buche? — Wenn endlich keine Stimme dcS Geistes in der Christenheit mehr seyn soll, kein Vorgefühl des Himmels , keine Hoffnung und Anschauen des künftigen Loh- von der Zukunft des Herrm 225 Lohnes , dem matten Wandrer, dem strebenden Ueber- winder soll kein Laut aus jener Welt, keine Stimme der Aufmunterung, hinüber zu ringen, werden: Christus, der vorherging, soll entschlafen, soll abwesend seyn, ihm weder Krone noch Lohn zeigen — so lebe wohl, erstorbenes Christenthum: dein Baum und deine Wurzel sind verdorret! Du hast nichts als eine langvcrlebte, zum Mahrchcn gewordne Geschichte, keinen Christus, der bei dir ist, der zu dir spricht» keinen Geist seines ewiglebendigen Wortes! — Man hat gesagt, daß die Verhciffungen dieser Briefe jüdischfleischlichc Ideen enthalten; entweder ich verstehe nichts oder es ist gerade das Gegentheil dieser Sage. Der himmlische Hohepriester wandelt und dienet hier in keinem irdischen Tempel, nicht unter goldnen Leuchtern; sondern unter christlichen Gemeinen, für deren Herz er dienet. Was sind ihm hier die fleischlichen Juden, die sich so nennen und sinds nicht? die fleischlichen Apostel, die Bi- lcamsprophetcn und gnostische Aeoncnschöpfer, was sind sic ihm? Satans Schulen, Satans Höhlen! Ihr Werk Götzcnopfer, ihre Lehre Hurerei! Wie sollten nun die Kranze der andern Welt, die er vorhält, Belohnungen, die die geistigsten Tugenden, den schwersten Eifer wecken sollen; wie sollen sie Fleischtöpfe Aegyptens oder kindisches Spielwerk der Phantasie seyn können? Labt denn den Matten, der um Christi willen litt und ausdauret, fabelhaftes, irdisches Manna? Stirbt man ruhig des Märtyrer- todes, wenn man vom weißen Stein und vom Herders Werke i. Rcl. u. Theel» VII. P 226 HI. Das Buch weißen Kleide, vom rachsüchtigen Sceptcr oder der Tempelsaule in jüdischen Begriffen träumet ? Und wer anders, als die schlechtem Juden, die sich Juden nannten und warens nicht, haben je in solchen Bildern ohne Sinn geträumt? und der Ewiglebende, in so zarten Stimmen des Geistes und Herzens, sollte so träumen ? Gäben wir nur den Bildern dieses Buchs die Ehre, die wir jedem Dichter, jedem Schriftsteller geben, ihn im Zusammenhänge zu lesen und aus sich selbst zu erklären; würde je darüber solcher fremde Unrath gewalzt scyn ? Welcher Christ, welcher Lehrer ist, der, wenn er an Christum glaubt und den Inhalt dieser Briefe liest (von wem sie übrigens auch kommen mögen!) der nicht Schauer und Ehrfurcht, vielleicht auch etwas mehr fühlte, wenn er sich und seine Gemeine und das Christenthum seiner Zeit betrachtet. 3. Und endlich dünken mich diese sieben Briese, wie sichen Pforten des Einganges zum Buch, der Geist in ihnen ist Zubereitung aufs Ganze. Wie hier Christus überall gegenwärtig und kommend / freudig und drohend kommend ist, so im ganzen Buche. Wie hier die Charaktere seiner Gestalt, nach Ort und Personen, getheilt sind, so im Buche, und finden sich am Ende zusammen. Die Stimmen des Geistes und die Belohnungen, an die sie erinnern, desgleichen: sie sind das Echo des Himmels in den Herzen der Kämpfer unter Druck und Gefahren: der matte Lauser ist durch sie schon am Ziele. So deutlich und verständlich die Symbole dieses Eingangs waren, so werden sie's im ganzen Buche seyn: sie erklären sich selbst, Chri- von der Zukunft des Herrn. 227 stus Hot sie gedeutet, der Geist wende sie an — wer Ohr hat / höre. II. diesem sah ich und siehe! eine offne Thür im Himmel?) (Diese Vorstellung, die uns fremde scheint, wars nicht bey den Juden, die sich den Himmel als Pallast oder Tempel dachten k) ?) Und die erste Stimme/ die ich als Trommele gehört hatte mit mir reden/ sprach: Steig' hieher! ich will dir zeigen/ was nach diesem geschehen soll. ( Also deutlich ein zweites Gesicht, höher als das erste. Jenes sah Johannes neben sich auf der Erde; zu diesem muß er in Entzückung, wie in den Himmel steigen,) AlSbald war ich im Geist und siehe/ ein Thron stand im Himmel/ und auf dem Thron saß — Der da saß/ war im Anblick gleich dem Stein Jaspis und Sar- diS. (Röthlichcr Feucrglanz also, schrecklich unan- schaubar. Ihn zu nennen hat die Seele kein Bild, kein Wort die Sprache. „Inwendig, spricht Ezechiel , war Gestalt, wie Feuer um und um: verzehrend Feuer ist der Herr, wer kann ihn anschauen, der nicht stürbe l) ?) Aber ein Regenbogen rings *) Kap. h,, 1 — ii. k) Jes. 6, 1. l) Ezcch. 1, 26. 27. io, 5 Mos. l», P 2 II, 12. 238 III. Das Buch MN dcu Thron : das uralte schöne Zeichen der Gnade. „Wenn ich meinen Bogen werde ansehcn in den Wolken, will ich gedenken an meinen Bund m)." Gleichwie der Regenbogen stehet in dcn Wolken, wenü cs geregnet hat: so glanzte cS um und um der Herrlichkeit des Herrn n). Gt'Ull/ wie Smaragd / an welcher, als an der lieblichsten Farbe sich das Auge Johannes gegen den inwendigen Fcuerglanz deS ThronS stärket und weidet. Schönes Gesicht voll Majestät und Gnade. Im Kreise um den Thron waren vier nnd zwanzig Throne/ und auf den Thronen vier und zwanzig Aelteste sttzend/ angethan mit weis- sem Gewände und auf ihren Häuptern güldne Kronen. Offenbar eine symbolische Vorstellung der himmlischen Priesterkönigswürde, zu der uns Jesus erkauft hat. Sic herrschet durch dies ganze Buch in Symbolen, dem Sinne nach durchs ganze neue Testament, das die Idee des alten Bundes, „ein neues, schöneres Volk Gottes, ein ewiges Priesterkönigreich zu seyn," als Grundidee des Christcn- thumS betrachtet o). Dazu hier also die Bilder von Thronen und Kronen, vom weißen Priestergewande und dem zu Rath sitzen um dcn Thron des Herren. Wie dort die Aeltcsten der vier und zwanzig Priesterordnungen im Tempel zu Rath saßen: so thronen diese um Gott und herrschen mit ihm, und nr) » Mos. g, rZ — 17. n) Ezech. 1, 28. 0) 2 Mos. ig, b. 6. 6 Mos. 7, 6. r Pet. 2, g. von der Zukunft des Herrn. 229 richten. „Wie hat der Herr die Menschen so lieb! seine Heiligen sind um ihn! " Die erles'ne Blume des Menschengeschlechts sitzt zu seinen Füßen in Vertraulichkeit und Liebes). Ihr Kranz umringet den Furchtbaren schöner, als des Regenbogen- erquickende Grüne! Vom Thron gehen ans Blitze und Donner: (Der uralte Thron Gottes in den Wolken, nach so viel Psalmen und Propheteng). Und sieben Feuerfackeln brennend vor dem Thron, welches sind die sieben Geister Gottes. So legctS Johanns selbst aus. „Es sind des Herrn Augen, die die Erde durchziehen," sagt Zacharias r): der Erdkreis ist voll Geistes des Herren, voll seiner Macht, seines Blicks und Lebens. Die alldurchdringende, allbclebende Kraft der Schöpfung brennet gleichsam in sieben Flammen vor ihm. Und vor dem Thron, wie gläsern Meer, gleich Kry- stall; abermals ein altes Bild der Erscheinung Got, tes. So sahn die Aeltestcn zu Moses Zeit den Hocherhabnen s): unter seinen Füßen wars wie schöner Saphir, wie die Blaue des Himmels, wenns klar ist. So sah ihn Ezechiel t) über den Cherubim ; wie Krystall ausgebreitct zu Gottes Füßen. Liebliches Bild! Sein Thron ist in dunkeln Wolken: unaufhörlich gehen Donner und Blitze von ihm: x) Es. 2H, 22. 5 Mos. 3Z, Z. q) 2 Mos. tg, 16. Ps. 97, 1 — 6. Ps. So, 3. Dan. 7, 10. r) Zachar. h, 10. Welsh. 1, 7. s) 2 Mos. 2H, 10» r) Ezech. 1, 22. 23o III. Das Buch sein Gezclt um ihn ist finster; er öffnets, da Wessen Strahlen; aber zu seinen Füßen ists ewig klar und blau und Helle. Ein spicgelhelles ruhiges Meer, auf welches sich, untrübbar und ewigheiter sein göttlicher Blick senket. — „Gerechtigkeit und Gericht sind seines Stuhls Vestung: Gnade und Wahrheit sind immer vor seinem Angesichte."») Und im Kreise dev Throns vier Lebendige, voll Augen vor- und rückwärts. Das erste Lebendige gleich dem Löwen / das zweite gleich dem Stier, das dritte am Antlitz als Mensch / das vierte gleich dem fliegenden Adler. Und die vier Lebendigen / jegliches hatte sechs Fitti- ge, in- und auöwärtS voll Augen. Und haben keine Ruhe Tag und Nacht/ rufend heilig/ heilig / heilig ist Gott der Herr / der Allbehcrr- scher/ der da ist und der da jvar und der da kommt. Wo soll ich anfangcn, wo endigen, das herrliche Gesicht zu deuten? Auf lauter Lebendem ruhet der Thron des Allbclebers; nichts Todtes darf zu ihm sich nahen. Alles lebt unter ihm und eilet zum Leben. Nach Ezechiel x) war der Thron auf lebendigen Rädern, voll Windes und Triebs zu ollen Seiten, ohne Stockung, ohne Herumlcnkung; hier tragt ihn nur das edelste Lebendige, Löwe, Stier, Mensch, Adler. Jeder der König seines Reichs, jeder ein Bild der Schöpfung, die unter ihm dienet: alles bückt sich mit gleicher Nichtigkeit, Ps. Ng, iS. Ps. 97, x) Ezech. -, 5 — 7, von der Zukunft des Herrn. 23 r den Thron seines Schöpfers zu trogen. Ihm brüllt der wilde Löwe, und der zahme Stier, ihm leuchtet dos edle beseeltere Menschenonllitz, ihm fleucht der sonnenonfliegcnde Adler. Jedes hat sechs Fit- tige, ist in - und auswärts voll Auge 5) : denn wie dos Auge on unscrm Körper gleichsam dos lebendige Licht, der sichtbare Lebens - und Seelengucll ist, der jeden Gedanken des Geistes, jede Bewegung des Herzens in seinem zarten Himmel zeiget: so ist vor und unter Jehovah alles Auge, alles Flug, Leben, Seele und Bewegung. Ein geflü- gelterAugcnquell in mancherlei Gestalten, ein rastloses Chaos voll sichtbaren Lebens. Und haben keine Ruhe Tag und Nacht/ sind lauter Stimme und Gesang, zu stNgt'N dos ewige Lied der Schöpfung: heilig / heilig / heilig r ist Gott / der Allbehcrr- scher! der ist und war und kommt! 2) Und Gott der Schöpfer ruht auf ihrem rastlosen, vermischten, wilden Gesänge, er nimmt von Löwe und Adler, Stier und Menschen das Lob an, dos in seinem Ohr Harmonie wird und er mit Schöpfergüte und Schöpferfreude höret. Uttd wenn die vier Lebendigen geben Ruhm und Preis und Dank dem / der auf dem Thron sitzt und in die Ewigkeiten der Ewigkeiten lebet/ fallen die vier und zwanzig Aeltesten nieder vor dem/ der auf dem Thron sitzt / und beten an vor thm/ der in die Ewigkeiten der Ewigkeiten le- Jes. 6, L. 3. Ezech. 1. r) Jcs. 6, 3. 232 III. Das Buch -et. Und werfen ihre Kronen nieder vor dem Thron und sprechen, würdig bist du, Herr, zu nehmen Preist und Ehre und Macht; denn du schufst alle Dinge, durch, deinen Willen wurden sie und sind Geschöpfe-») ! So endet und verhallet gleichsam das Loblied aller Schöpfung: cs wird heiliger Einklang im Munde der Gottesver» trauten. Was alle Wesen, wie sic können, mit Flug, Stimme, Blick, Wirkung singen, drücken jene aus und bringen ihm dar das süß« Rauchopfcr Der Schöpfung: „du wolltest und alles ward." Er will und es dauert fort. Es ist, zwar nicht wie er ist, der Selbstständige; nur' als Geschöpf ists und hat seine Wurzel im Willen des Schöpfers d). Wer ist, der diese ganze Vorstellung nicht rein und majestätisch finde? Aus Moses und David, Je» saias und allen Propheten treten die Bilder zusam, men, um den darzustellen, der unanschaubar ist; Len Unnennbaren zu preisen, der auf seiner ganzen Schöpfung ruhet. Die Juden haben die Gestalten dieses Wagenthrones sich und ihren Stammen zu, geeignet. Wie sie unter allen Völkern das erwählte Volk Gottes, seine Hütte und Heerlager waren: so ließen sie Gott auch auf den Symbolen ihrer Vorfahren, auf ihren Panieren, als Schutzgott und Eigenthumsherr, dahcrziehn. Juda ging mit dem Löwen voran und die andern Stamme in gevierter Zahl folgten. Wir lassen uns dies einen s) Ps. ig8, i — 5. von der Zukunft des Herrn. 233 Wink auf die Folge deS Buchs seyn, denn bloßer Jubel der Schöpfung ist wohl nicht der Zweck desselben. Ich sah in der Rechte deß, der auf dem Thron saß / ein Buch, geschrieben von innen und außen/ versiegelt mit sieben Siegeln.*) Ein jeder, der die Sprache des Orients kennet, verstc, het, was dies versiegelte Buch in der Hand des Herrn sey? Schon in Moses Liede hat Gott seine Geheimnisse, die Schicksale seines Volks, in ein Buch geschrieben und in seinen Schätzen versiegelt c). Die Bücher über Leben und Tod, Errettung und Untergang der Völker sind allen Propheten und Dichtern des Morgenlandes gewöhnliche Sprächet). Dies Buch ist eine große Rolle, geschrieben V0N innen und außen / mit sieben Siegeln versiegelt: also voll Inhalts und sehr geheim. Ich sah einen mächtigen Engel rufen mit starker Stimme: wer ist würdig / zu öffnen das Buch / zu brechen seine Siegel? Und niemand, weder im Himmel- noch auf Erden/ noch unter der Erden könnt' öffnen das Buch und Hineinblicken. Unerforschliche Gerichte also, unbegreifliche Schicksale!s) Und sie müssen Johannes nahe liegen, denn er fahrt fort: Ich wc'inete sehr. Und einer der Nettesten sprach zu mir: weine nicht i *) Kap. S, r — ilt. o) 5 Mos. 32, 3^. ä) 2 Mos. 32, 32. Ps. i3g, cö. «) Jcs, -si, 27. Jcr. 2.3, 18. Siehe/ cS hat überwunden der Lowe vom Stamm Juda / die Wurzel Davids / zu öffnen das Buch und zu brechen seine Siegel. Es ist also ein Schicksal, das Judäa oder das Christenthum angeht; denn dce Sohn Juda und Davids soll das Buch entsiegeln. Wie edel wird er hier genannt! Er ist der Segen seiner Urvater, der Löwe in Juda's Panier, die Wurzel, auf der Davids königlicher Stamm geblühet. Der Löwe Juda hat durchgebrochen und überwunden k): er ist hoch kommen durch Siege und hat sich gelagert; nichts kann sich gegen ihn regen. Das dürre verachtete Reis im Staube der Erden ist gen Himmel geblü- hct und steht in der Mitte vorm Throne A). — Ich sah und siehe/ in Mitte vor dem Thro.n und den vier Lebendigen siand ein LämmleiN/ gleich als geschlachtet. ES hatte sieben Hörner und sieben Augen (die sieben Geister Gotteö/ auSgesandt in alle Lande.) ES kam und nahm das Buch aus der Hand deß / der auf dem Thron saß. Wir schm, die Bilder sind Symbole, wo wir uns nicht sinnlos bcy einzelnen Zügen aufhalten, und z. E. fragen müssen: wie stand das Lamm? wie nahms das Buch? wo waren seine Augen? Die Bilder der Offenbarung sollen bedeuten und in dem Zusammenhänge der Bedeutung müssen wir sie verfolgen. Dies Lamm steht in Mitte vor dem Thorn und allen Lebendigen: von der Zukunft des Herrn. 235 cs nimmt, wie der auf dem Throne sitzt, das Loblied der Schöpfung an : ja die sieben Geister Gottes, die alle Lande durchregen, sind sein. Dort brannten sie als Fackeln, hier blicken sie als Augen, reichen als Hörner in alle Welt; ihm ist gegeben alle Macht und Gewalt, zu zerstören und zu beleben, zu vertilgen und zu erquicken. Ich frage, ob die Göttlichkeit des Sohns in Symbolen der Offenbarung würdiger gefeyrct werden konnte? Und siehe, das Lammlein steht als geschlachtet / d. i. noch mit Spuren ehemaliger tödlicher Wunden — wie ganz in Johannes Seele!lr) Es steht, als Mittelspersonen , zwischen Gott und der Schöpfung, dem ihr Friede viel gekostet. Das Buch der Schicksale des Menschengeschlechts ist jetzo sein: Er nimmts und öffnets. Da es das Buch nahm, fielen die vier Lebendige und die vier und zwanzig Netteste nieder vor dem Lamm, hatten ein jeder Harfen und güldne Schale»/ voll RäuchwerkS (die Gebete der Heiligen). Und fingen ein neues Lied: Würdig bist du / zu nehmen das Buch, und zu öffnen seine Siegel: denn du wurdest geschlachtet und erkauftest uns Gott mit deinem Blut aus allem Geschlecht und Sprachen und Völkern und Nationen. Und machtest sie Gott zu Priestern und Königen / sie werden regieren die Erde. Und ich sah und hörte Stimme vieler Engel rings um den Thron und die Lebendigen und die Nettesten. Ihre Zahl war My- N) Loh. I, Lg. 36: I Joh. I, 7. 236 III. DaS Buch riadr.i Myriaden / und Tausende Tausend. Sie sprachen mit großer Stimme: wcrth ist daö Lämmlein, das geschlachtet ist/ zu nehmen Macht und Reichthum und Weisheit und Stärke und Ehre und Preis und Lob. Alle Kreatur/ die im Himmel ist und auf Erde und unter der Erde und im Meer/ alleS/ was in ihnen ist/ horte ich sagen zu dem/ der auf dem Thron saß und zu dem Lamm: Preis und Ehre und Ruhm und Macht in die Ewigkeiten der Ewigkeiten! Die vier Lebendigen sprachen: Amen! Die vier und zwanzig Aeltesten fielen nieder und beteten an/ de» / der in die Ewigkeiten lebet. So wird Alles Ein Hall, Ein Lobgesang Gott und dem Heiland. Die ganze Schöpfung nimmt an seiner Erlösung Theil, und wird dreifacher und siebenfacher Jubel. Die unzählbaren Diener der Schöpfung stimmen mit ein: die vier und zwanzig Erwählten, die Krone des Menschengeschlechts aus allen Nationen , verrichten ihr Priesteramt, werden Sänger, Sprecher, bringen (gleichsam das Symbol und die Vorstellung aller Heiligen!) ihrer Brüder Gebete dar und Alles verhallet in ein ewiges Amen. Schottet' Augenblick ! des Lammes stille Handlung, daß es in Mitte der Schöpfung da steht, hinzutritt, nimmt, was niemand nehmen kann, entsiegelt, wovon alles abhangt, alles still und schweigend thut und läßt die Wichtigkeit davon den unendlichen Nachhall preisen — diese stille Größe, wie sehr ist fie des Lammes würdig! — Alle En- von der Zukunft des Herrn. 23^ gel preisen cs mit siebenfachem Lobgcfangci); die Blume des Menschengeschlechts aber, seine edeln erkauften Brüder, preisen cs schöner, mit dem neuen Liede seines Werks, seiner Wohlthat. DaS ewige himmlische Priesterthum, das neue selige Reich seiner Lieblinge ist ihr Gesang; denn er ist Inhalt des Buchs, und aller Gesichte Ende. Ihr Lob wird Harfenklang und süßer Weihrauch — Lasset uns eilen und die Gesichte der Siegel sehn, die sich öffnen: Ich sah/ daß das Lamm Eins der Siegel öffnete und horte Eins der vier Lebendigen mit Donnerstimme sagen: Komm und sieh! Ich sah und siehe ein weiß Roß. Der dranf saß, hatte einen Bogen: ihm ward ein Kranz gegeben : er kam ein Sieger / zu siegen. Als es das zweyte Siegel öffnete, hörte ich daö zweyte Lebendige sagen: Komm und sieh! Ausgieng ein ander Roß, bltttroth: dem, der drauf saß, ward Macht gegeben, den Frieden von der Erde zn nehmen und daß sie sich einander erwürgten: ihn» ward ein groß Schwert gegeben. Als eö das dritte Siegel öffnete, hörte ich das dritte Lebendige sagen: Komm und sieh! Ich sah und sieh ein schwarzes Roß! Der drauf saß, hatte eine Waage in seiner Hand. -Ich hörte eine Stimme aus der Mitte der vier i) i Chrvn, 2g, ij, i2. ' 238 III. Das Buch Lebendigen/ die sprach: Ein Maas Weizen um einen Denar! und drei Maas Gersten um einen Denar! Dem Oel und dem Wein sollt du nicht schaden. Als eS das vierte Siegel öffnete/ horte ich das vierte Lebendige sagen: Komm und sich! Ich sah und siehe ein fahl Pferd: Der dranf saß/ heißt Tod/ das Reich der Abgeschiednen folgte ihm nach. Ihm ward Macht gegeben über den vierten Theil des LandeS/ zu tödten durch Schwert und Hunger und Pest und Thiere des Landes?) Wir halten innc nach den vier ersten Siegeln: denn Johannes unterscheidet selbst dadurch, daß nachher nicht mehr die Stimmen rufen: Komm! Auch beziehen sich offenbar diese ersten vier Siegel, wie bei allen andern Gesichten in der Zahl sieben das erste Vier, auf einander. Hier rufen die vier Lebendigen gleichsam von allen Seiten des Throns: eS erscheinen vier Rosse und gehen, wie die bei Zacharias Ir) , nach allen vier Weltgegcndcn : kurz, es sind offenbar die vier Plagen, - die auch bei den Propheten so oft zusammen gesetzt werden!) und sich meistens natürlich folgen. Krieg/ HtlNger/ Pest und Sterben.. Sie haben hier so treffende Symbole, daß keine Allegorie, kein Bild auf der *> Kap. 6, r — 6. (S. 2 ter Zusatz, im Anhang.) k) Zachar. 6, i — 6. l) Ezech. il^, 2 ,. Ier. 2 ^, ro. von der Zukunft des Herrn. 289 Münze deutlicher erscheinen kann; jedes führt seinen Namen mit sich. Die erste Erscheinung ist der Sieg , ein Sieger: auf dem weißen Triumphsrvß : Pfeil und Bogen in der Hand: sie reichen ihm den Siegskranz: er zeucht hin, ein Ueberwinder. Die zweite Erscheinung ist der blutige Krieg / das Metzeln, das Würgen. Sein Roß ist blutroth: er kommt, dem Lande die Ruhe zu nehmen, sie würgen sich unter einander: er bekommt das große Schlachtschwcrt —- Dem Blutvergießen folgt die TheueNlNg. Das Roß ist schwarz und unglücklich, vielleicht selbst dürre und verhungert: der Reuter hat die Waage in seiner Hand, Lebensmittel zu wagen: die Stimme vom Thron bestimmt den Preis derselben, auch was er beschädigen oder unberührt lassen soll — also ist auch hier keine Frage. Das vierte, schrecklichste Bild erklärt sich selbst. Sein Reuter heißt Tod/ d. i. die Pest, das Sterben: sein Roß ist fahl und bleich: das Todenreich, ein Heer der Schatten und Leichname folgt ihm nach. Auch wird es sogar bestimmt, wodurch sie Schatten und Leichname worden? nämlich durch alle vorigen Plagen, Schwert, Hunger, Pest und Thicre der Erde, die in der schrecklichen Noth und Verwirrung sich der Ueberbleibsel erbarmen. Die Plagen sind also Em Gefolge: sie gehören auf einander und entsiegeln Ein Schicksal. Auch ists völlig in der Sitte und Bildersprache Orients, daß Boten des Schicksals auf Rossen ziehen irr), da Rosse bey ihnen das an- rn) Zachar. I, 8 — II. 24« III. Das Buch genommene Bild der Macht, Gewalt, Schnelle des unwiderstehlichen Schicksals sind. Die Rosse von vier Farben sind aus dem Propheten n) bekannt, und beziehen sich hier genau auf die Erscheinung; kurz, es ist unbegreiflich, wie jemand die Bilder verkennen, und Landpfleger, Kaiser, Evangelisten, Ketzer darunter verstehen können? sie nennen sich alle selbst. Auch ist das durch sich verständlich, daß sie mit jedem brechenden Siegel hervorgehn ; das Buch dcs^Schicksals selbst muß schreckliche Dinge enthalten, wenn seine Siegel schon solche Vorhcrver- kündigungen haben, oder mit andern Worten, wenn seine Eröffnung und Näherung schon solche Zeichen o) gebiert. Sie kommen schnell, wie die Siegel brechen, von allen Seiten her, zu allen Seiten hin: Rastlos rufen die Lebendigen: komm und sieh! Der Anblick ist Schauer und Eile — Was wars nun für ein verschloßnes Buch des Schicksals/ was zu Johannes Zeiten über dem Kreise seiner Welt schwebte? was für ein Buch, das der Löwe, nachdem er überwunden hatte, nehmen und entsiegeln konnte? Dasselbe, das, so lange er noch auf Erden war, er selbst in Absicht der Zeitbestimmung in den Händen des Vaters, angab, dessen Zeichen und Ahndungen der Erfüllung er aber deutlich vorher sagte. Und diese Ahndungen , diese Zeichen sind sie von unfern Siegeln verschieden? Was dort Zeichen heißt / wird hier als i>) Zachar. 6, r — 6. o) 5 Mos. 32, 34. 35. Jcr. 33, 3» von der Zukunft des Herrn. 241 als Zeichen dargestellt; was dort Vorbote ist, ist hier ein brechendes Siegel. Mithin führen sich diese Bilder auf die weißagenden Worte Christi x) zurück, die hier in Symbolen dargestellt, bestimmt, gebunden werden H , und es heißt also auch sofern: das Zeugniß Jesu ist der Geist dieser Wcißagung. Nun waren die Erscheinungen, die Christus verkündigte und die sich dem bleibenden beobachtenden Johannes zeigten, seitdem sein Herr erhöhet und das verschlossene Buch des Schicksals, das über Judaa und dem Christenthum schwebte, in seiner Hand war, genau die Erscheinungen dieser Siegel: sie waren die ausgezeichnetsten und bestimmtesten Begebenheiten Judaa's nach Christus Lode. Die erste öffentliche Begebenheit des jüdischen Staats war der arabische Sieg mit Pfeil und Bogen r). Herodes mit seinem Heer ward in offener Feldschlacht geschlagen, der Sieg war den Römern selbst empfindlich. Unter den Juden, führt Jose- phus an, schrieb der große Haufe diese schimpfliche, unglückliche Niederlage dem Tode des edlen Johannes zu, der ihnen noch unvergessen war. Kurz, es war das erste Siegel, das über Judaa brach, und ich überlasse jedem, , achzudcnken, ob cs treffender, als also, durch den flüchtige» Reuter mit x) Matth, all, 6. 7. Luc. 21, 7. n. Mütth. 2^, 8. r) 7o5ex1i. anti^n. 1^. i3. e. Z. eäli Havercainp. Herders Merke i. viel, u, xhc»l. VH. Ll HI. Düs Buch Pfeil, Bogen und dem Siegskranz konnte bärge, stellt werden. Für Judäa hatte es weiter keine üble Folgen: der Reuter zog hin. — Aber es erschien bald ein anderer: der Reuter auf dem blutrothcn Roß, mit dem Schwert. Er nahm den Frieden vom Lande, daß sie sich unter einander würgten: es war kein Krieg, sondern Uneinigkeit, Aufruhr, Blutvergießen, Metzeln und Würgen s). In Babel, Seleucia, Galiläa, Peräa er- gieng über die Juden ein Blutbad nach dem andern : in Peräa, wo Zug für Zug die Beschreibung Johannes trifft, bändigte sie Fadus: in Galiläa war Judas Auflauf — es sind genau die elenden Zeiten Judäa'S bis auf die ThttMMg und HlM- gersnoth unter dem Kaiser Claudius, das dritte Siegel. AgabuS in der Apostelgeschichte r) weissagte von dieser: sie breitete sich weit über Judäa umher u); und da die Stimme im Gesicht ausdrücklich den Preis der Lebensmittel nennet: so sieht man, daß hier von keiner idealifchen Sache, sondern von einer bestimmten Landplage die Rede sey. Nun ist dieser Preis für die Armen eines unterdrückten Landes gewiß Theurung, obgleich Ocl und Wein, die keine ordentlichen Lebensmittel sind/verschont bleiben; und da in Judäa diese Plage unter so viel andre traf: da vor den Aufrührern und s) llo8spli. ^niigu. I.. 18. c. lg. 17. I. 20, 2. lg. lg.. lg. Os Lello luä, 1. 2. v. 12. lg. lg. t) Apost. l.l, 2g. u) lossxll, I,. 20. c. 1. g. von der Zukunft des Herrn. Meuchelmördern damals niemand sicher war, was konnte folgen, als die vierte Plage, Tod und Hölle? Von Slraßenräubcrn wimmelte das Land v), Schwert, Hunger, Pest tödteten; die Leichname lagen an den Landstraßen und wurden von den Thieren gefreßen. Schreckliche Zeit, davon die Klagen bis nach Rom erschallten. Armes Judäa, so öffnet sich das Buch deines Schicksals! Die vier Seiten des Throns deines Gottes rufen über dir: Komm und siehe! von allen Seiten Elend. Als es das fünfte Siegel öffnete/ sah ich «nter dem Altar die Seelen der Geschlachteten um daö Wort Gottes und das Zeugniß/ das sre hatten zu zeugen. Sie riefen mit großer Stimme: Wie lange/ o Regierer/ du Heiliger und Gerechter/ richtest du und rächest nicht unser Blut an den Bewohnern der Erde? Und ihnen ward ein weiß Kleid gegeben und ihnen gesagt/ daß sie noch eine Zeit ruhen möchten/ bis auch die Zahl ihrer Mitknechte und Mitbrüdcr erfüllet würde/ die getödtet werden würden/ wie auch ste.*) Die Erscheinung ist, meinem Gefühl nach, schrecklicher, als die vier ersten. Dort sind Naturplagcn,, denen man allen, falls entgehen konnte oder sich ihnen, als Gerichten des Schicksals, unterzog: hier rufen Menschenscelen an heiliger Stätte, als Opfer der Wahrheit, von v) Io8exli. Lnrl^. I.. so, *) Kap. 6, 9 — II. Q S 244 III. Das Buch Menschen geschlachtet. Sie liegen im Blut, das hingegossen ward, als wäre es Blut der Thierex): ungerächt, unerkannt, unbegrabcn wimmern sic: „Herr, wie lange, daß du uns nicht rächest und richtest)')? Wir hatten Wort Gottes, ein Zeugniß der Wahrheit zu zeugen und starben darüber; sie wohnen sicher und triumphiren." — Der Richter hört sie, aber der Tag des Gerichts ist noch nicht da: die Zahl ihrer Mitbräder ist noch nicht erfüllet: das Maas der Sünden und des Martyrerbluts muß voll werden 2 ): die schreckliche Rache harret. Sie indessen werden aus dem Blut gezogen, und bekommen Feicrklcider a), auf ihre Mitbrüder zu warten. Grauscnde Vorbedeutung. — Und wir wissen aus dem Munde Christi und der ersten Geschichte, wer diese Seelen im Blute waren? „Siehe , ich sende zu euch Propheten und Weise, die werdet ihr tödten, daß über euch komme alles Blut, das vergossen ist vom Blut des gerechten AbelS, bis aufs Blut des letzten SchlachtopserS zwischen Tempel und Altar." Lagen nicht da schon Stephanus, Jacobus, jener andre Jacobus, dessen Tod Josephus selbst so theilnehmend beschreibt b) und wie viel andre mit ihnen, als Opfer an der Heistgen Statte! Sie waren Johannes Freunde und x) 3 Mos. st, 7 . 2 ) 5 Mos. 32, 16 . r) Waith. -3, 33 — Z 7 . r>) Aachar. 3, s. st. i>) I,, 2 a. c. 8- von der Zukunft des Herrn? Brüder : die Seufzer ihrer ungerachtcn Seelen ächz, ten in sein Ohr: ihre Stimmen, ihr Tod und Blut selbst war eine entsiegelte Ahnung c) des nahen Tages der Rache. Ich sah/ daß es das sechste Siegel öffnete ; eS ward ein groß Erdbeben: die Sonne ward schwarz/ wie ein Haarensack: der Mond ward wie Blut: die Sterne des Himmels fielen ans die Erde/ wie der Feigenbaum unreif die Feigen abwirft, vom starken Winde bewegt. Der Himmel entwich/ wie ein zusammengcrol- lct Blatt: Berge und Inseln wurden aus ihren Oertern gerückt / und alle Erdenkönige und Große und Chiliarchen und Reiche und Mächtige , alle Knechte und alle Freien verbargen sich in die Höhlen und in die Felsen der Berge/ und sprachen zu den Bergen und zu den Felsen: fallet auf uns und bedecket uns vor dem Antlitz deß, der auf dem Thron fitzt und vor dem Zoru des Lammes. ES ist kommen der große Tag seines Zorns; wer kann bestehen? Das Ende zeigt den Anfang: worauf eigentlich alle die Siegel Vorboten waren? Vorboten des großen Zorntages, des Gerichtstags Christi ä). Die Bilder dieses letzten Sieges sprechen die nächste c) Matth. 2 ll, g. *) Kap. 6, 12 — 17. ä) Jcs, 21. c. -Z, 17 — ,Z. c. Sip, l». Ezech. H2, 7 — s- Joel », ro. rr. 246 III. Das Buch schrecklichste Ahndung. Die Erde bebt und der Him. mel weicht: die Himmclslichter entfärben sich, die Sterne fliehn, Berge und Inseln wanken — man setze sich in die Empfindung dieser Zeichen, als Vorboten der Zukunft; wer sicht nicht gleichsam den Sturz der Welt über sich und das cinbrechende Ende? Daß diese grausende Empfindung Zweck dieses Bildes und Siegels sey, zeigt die Stimme derer , die da rufen: fallt auf uns! — Kurz, es ist das, was Christus sagt: „den Menschen wird bange seyn auf Erden: sie werden zagen: das Meer und die Wasserwogen brausen: die Menschen ver, schmachten für Furcht und Warten kommender Dinge: der Himmel Kräfte werden sich bewegen, Zeichen geschehen an Sonne, Mond, Sternen u. f." ?) — Wer Josephum liest, wird diese Ahndung dcS kommenden Endes über Judäa deutlich ausgedrückt fühlen. Nicht blos die drohenden Zeichen am Himmel, die er anführti), nicht nur die Wehstimmen, die um Tempel und Stadt riesen; der Zustand des Landes selbst hatte, in der Sprache der Propheten, genug von einer wankenden Welt, um Ausgang ahnden zu lassen. Das Ansehen der Obrigkeiten Verdunkelt: ein schindender Landpfleger nach dem andern und der zweite immer arger, als der erste. Geld - und blutdürstig verachteten, haßten, zerrten sie die Juden, wie Hunde; diese, nicht wissend, «) Luc- 2». I) cle lldlo lull. I. VI, e. zr. I. VII. 0. Zi. von der Zukunft der Herrn. S47 was zu thun fty, rasetcn, schmeichelten, bissen, krochen — cs war die unwillige Verzweiflung, die zuletzt, wenn sie nicht gehört wird und nirgend Schutz und Ausgang flehet, zu fallenden Bergen und Felsen fliehet. Sie rissen die Rache über sich, sagt Josephus: lieber auf einmal , sprachen sie, todt seyn, als so hündisch, kalt und langweilig zu Tode geneckt zu werden Z). Auch warens, wie hier das Gesicht sagt, am meisten die Großen und Edeln, die Florus plünderte, gcisselte, kreuzigte, quälte. Ihr Gold war Rost, ihre Schatze Feuer. So brachen die Siegel, zuletzt mit tauber Ahndung des Sturzes und der Verzweiflung; was konnte auf sie anders, als Kriegötrommeten folgen- Aber, ehe sie tönen, hat Gott seine Verheis- sung, die Seinigeu zu retten! vergessen? Wahrlich , er wird sie retten! cs folgt das Gesicht der Auszeichnung / d. i., wie es auch Christus nennet, der Erwählung fl) * *). Nach diesem sah ich vier Engel/ stehend an den vier Ecken der Erde/ die hielten die vier Winde der Erde/ daß kein Wind bliese über die Erde/ noch über Meer/ noch über Baum. Und ich sah einen andern Engel/ aufsteigend von Sonnenaufgang/ der hatte daö Siegel deS lebendigen Gotte.6. Er Z) ^ntigu. I. rc». äs flsllo luä. I. r. c. rfl. 15. fl) Matth, sl», 22. - 4 . si. *) Kap. 7, r — 8. 2 §8 III. Das Buch schrie mit großer Stimme den vier Engeln, denen Macht gegeben war zu beleidigen Erde und Meer: beleidiget die Erde nicht/ noch Meer/ noch Bäume/ bis wir anzeichncn die Knechte nnserS Gottes an ihren Stirnen. Eher kann also nichts geschehen, bis die gerettet sind, die gerettet werden sollen. Hinter der.vergehenden allgemeinen Erschütterung zum Sturz wird plötzliche Stille und Schwüle. Sogar kein Wind kann wehen, keine Welle sich regen, kein Laub darf bewegt werden — schreckliches Warten, zu Tode schmachtende Hitze und Trage! Aller erquickende Lebenshauch ist der Kreatur versagt — so wars den Juden in ihrer letzten Todcsschwüle — und nun erscheinen die, so die Knechte Gottes vor der Plage auSzeichnen sollen. Das Bild ist aus Ezechiel i), und die Art der Bezeichnung alte morgen- landische Sitte. Ich hörte der Bezeichncten Zahl: hundert und vier und vierzig tausend aus allen Stämmen der Kinder Israel. Aus dem Stamm Juda zwölf tausend bezeichnet/ aus dem Stamm Rüben N. f. Warum zwölf tausend aus jedem Stamme? Weil die Zahl der Stamme Israels selbst zwölf ist: hiernach sind die Apostel gewählt: hiernach die Gründe des neuen Jerusalems gezahlet: hiernach selbst die Zahl der vier und zwanzig Aeltestcn eingerichtet. Ueberdcm ists eine vollkommne Zahl, die auch in sich geführt, eine vollkommene Summe giebt, und so wird sie die von de r Zukunft des Herrn. 249 symbolische Zahl dieser Erkohrnm. Jeder Stamm, in sich geführt, giebt gleichsam seine rechtschaffne, Israeliten, die Gott als sein Volk erwählet lo).— Aber, warum ist Da» ausgelassen und Joseph an dessen Stelle? Mich dünkt, der Geist des ganzen Buchs gebe hierüber genügsame Auskunft. Abgötterei und Acrgcrniß sind durchhin in ihm die Hauptlastcr, dadurch man kein Knecht Gottes zu scyn bekennet; gerade waren das die Sünden, deren sich der Stamm Dan früh und oft schuldig machte. In ihm brach zuerst die Abgötterei ausl): in ihm stand Israels Gräuel, das Kalb Jerobe- amsru), auch soll sich dieser Stamm, nach der Juden Sage, frühe von Israel verloren haben, und wird auch in den Büchern der Chronik n) schon nicht mitgezahlet. Aus diesen und vielleicht andern Ursachen läßt dies andcutcnde typische Buch den Stamm Dan aus und setzt dafür, unter den erwählten Knechten Gottes, den blühenden Joseph — Was war aber in der Geschichte Judaa's diese Auszeichnung, diese Erwählung? Christus hat sie deutlich bestimmt, und da wir auch in diesem Buche die 144000 Erwählten bald auf dem Berge Zion, das Lamm umgebend, antreffcn werden, wenn unten alles den Ungeheuern dienet; so ist auch dies Bestimmung genug. ,,Es wird gepredigt k) Luc. 18, 7. 8. Nbm. 9, 6 — 8» 25 — 29. l ) Nicht. 18. m) 1 Kön. 12, Zo. 11) Chron. i. I 2Ü0 III. Das Buch. werden das Evangelium vom Reich, in der ganzen Welt, zu einem Zeugniß über sie: alsdann wird das Ende kommen o)." Die Knechte Christi also waren diese Erwählte: sie, mit dem heiligen Namen bezeichnet (dem im Vorbilde selbst der Gestalt nach Ezechiels Zeichen x) nahe kommt:) als Hohepriester / das Zeugniß Gottes und des Lammes an Ihren Stirnen tragend, nahmen sie, eingedenk der Worte Jesu, am Aufruhr Judaa's nicht Theil und also auch nicht an seinen Strafen. Hier geschieht die stille, aber zahlreiche Aussonderung des wahren gyptens. Daß in den letzten Jahren deS verfallenden Staats das Ehristenthum in Judäa sehr zugcnom- men, wissen wir, und Christus scheint anzudeuten, daß auch deßhalb der Sturz verziehen müsse, bis die völlige Anzeichnung geschehen sey; genau, wie hier das Bild vor dem Bruch des letzten Siegels saget. Deßhalb wird auch, nach den Worten Christi: „cs muß das Evangelium zuvor in der ganzen Welt gepredigt werden" der Blick des Sehers erweitert: die kleine Schaar der Erretteten aus den zwölf Stämmen bringt ihm eine größere vors Gesicht aus allerlei Volk und Geschlecht und Nationen und Sprachen, alle, wie jene, der Trübsal entronnen, alle, wie jene, mit Palmen in den Händen, ein himmlisches Laubhüttenfest Volks Gottes, wie dort vor der letzten Plage Ae- o) Matth. 2H, ih. x) Ezech. 9, h. von der Zukunft de- Herrn. feiernd. Nach diesem sah ich und siehe! eine große Schaar, die niemand zählen konnte / (jene war gezählet) aus allerlei Volk und Geschlecht und Nationen und Sprachen. Sie standen vor dem Thron und vor dem Lamm / angethan mit weißen Kleidern und hatten Palmen in ihren Händen. Sie riefen mit großer Stimme: Heil unserm Gott auf dem Throne und dem Lamm! Alle Engel standen rings um den Thron und die Aeltesten und die vier Lebendigen: sie sielen vor dem Thron nieder auf ihre Angesichte und beteten Gott an: Amen, Lob und Ehre und Weisheit und Dank und Preis und Macht und Stärke unserm Gott in die Ewigkeiten der Ewigkeiten. Amen. Da fragte einer der Aeltesten und sprach zu mir: diese, mit weißen Kleidern angethan, wer sind sie? und woher kommen sie? Ich sprach zu ihm: Herr, du weißestö. Er sprach: sie sindö, die aus der großen Trübsal kamen und wuschen ihre Kleider und helleren ihre Kleider im Blute des Lammes. Darum sind sie vor dem Thron Gottes und dienen ihm Tag und Nacht in seinem Tempel. Der aus dem Thron sitzt wird Hütte über ihnen seyn: sie werden nicht mehr hungern und dürsten : eS wird nicht mehr auf sie fallen die Sonne noch irgend eine Glut: denn das Lamm von dem Thron wird sie weiden und zu lebendigen Wasserbrnnnen führen, und abwischen wird Gott jede Thräne von ihren Augen*). — So *) Kap. 7, 9 — 252 III. Das Buch endet sich diese Angstscene brechender Siegel, mit Aussicht ewiger Ruhe und Kühle. Die meisten erquickenden Bilder sind aus der Geschichte Israels hinter dein rothen Meer, so wie die Bezeichnung und Errettung durchs Blut des Osterlamms aus der letzten Plage Aegyptens. Der Drangsal entronnen, in Laubhütten, unter der Hütte Gottes q) wohnen sie jetzt: dort war noch Wüste, Hunger, Durst, brennender Wind, stechende Sonne;, sie sind alle nicht mehr. Auf unverwelklichen Auen, zu ewig frischen Quellen führt sie das Lamm r): die letzte Thrän'c, noch vom Ufer der Angst herüber , trocknet Gott väterlich von ihren Wangen s). ihre Kleider sind weiß und hell durchs Blut des Lammes, das sic rettete und ausführte: Palmen der Ueberwindung und ewiger Ruhe in ihren Händen — die Beschreibung ist wie ein Hirtcnlicb, das aus den Laubhütten deS Paradieses herüber tonet und auch hicnieden in der durstigen Wallfahrt manchen Ecdpilger erquickt hat. —* *) Es soll uns auch hier erquicken: denn bald werden jammervolle Scencn folgen. Wir sehen, wie Johannes bei Endung jeder besondern Scene aufs allgemeine Ende des Buchs hinreißt und auf seinen weitern Gesichtspunkt heftet. Die Erlesenen der zwölf Stamme sind nicht seine Welt allein: 1) J-s. ü, 6. Ps. 2J, s) (ts- 25 , 8. *) Zusaz 2, 1 i. von der Zukunft des Herrn. 253 das Schicksal eines Landes ist nicht letzter Zweck der Gesichte; das Loblied, die Hirtenruhe und Glückseligkeit aller Erretteten der Erde ist Ziel seines Blicks und Buches. — Wie nahe sind wir diesem? Nur erst im Anfänge, in Ahndung dessen, was werden soll. Sechs Siegel des Buchs sind still geöffnet: sie winkten alle auf Schrecken, auf Zorn, auf den Tag des Gerichts seiner Ankunft; jetzt bricht das siebente Siegel —was wird werden? III. *) Äls eö das siebente Siegel ansthat / ward Stille im Himmel/ eine halbe Stande. Ich sah die sieben Engel/ ihnen wurden sieben Trommele» gegeben. Fürchterliche Stille, schrecklicher als das Getümmel der vorigen Siegel! Sie ist die letzte Ruhe vorm Fall, das Schweigen, so vor dem Ungewitter vorher geht t). In den Händen der sieben mächtigsten Engel sind schon die Trom- meten u), den Tag des Herrn, den Gerichtstag zrr rufen x). Wozu wird sie noch angewandt diese Stille? Ein anderer Engel kam und trat vor den *) Kap. 8, i — i3> 1) Zachär. r, i3. re) Jos. 6, 8, r3. x) g. Mos. io, s. g. io. Joel s, i. iS. III. Das Buch 264 Räuchaltar und hatte das giildne Näuchfaß. Ihm ward viel Räuchwerk gegeben, daß erS gäbe den Gebeten aller Heiligen auf dem gold- nen Altar vor dem Throne. Auf stieg der Rauch des Räuchrverks von der Hand des Engels vor Gott. Und der Engel nahm das Rauchfaß und füllte eS mit Feuer vom Altar und warfs auf die Erde: da geschahen Stimmen und Donner und Blitze und Erdbeben. Schöner konnte die letzte halbe Stunde nicht an. gewandt werden. Die Kriegsrufer stehn da: und ein anderer Engel bringt vor den goldnen Altar den Weihrauch der Gebete. Aller Heiligen Seufzer sind als Räuchwerk auf seiner Hand : süßer Duft steigt zu Gott empor, der ihn annimmt, wie dort den Geruch des ersten Opfers 2), und der Engel antwortet mit Glut aus dem Altäre. So bekam dort Christus Antwort s) und er sprach: „des Menfchensohn ist erhöret:" so antwortete dort der Engel den Propheten Ezechiel und Iesaias mit Kohlen vom Altar b). So wird auch diesen Betenden Antwort, daß Gott sie nicht vergessen habe, daß ihr „Gedenke unser in der nahen drängenden Noch" vor Gott kommen scy. Schönes Symbol sowohl des Gebets, als der Erhörung: (denn beides sind nur Symbole): eine Stärkung auf die Dinge, die unmittelbar kommen werden! Ps. il». 2. 2) 1. Mos. 6 , 21. s) Joh. 12, 2g. k) Ezech. 10 , » ss» Es. 6, 6. von der Zukunft des Herrn. 285 ^Dic sieben Engel, die die sieben Trommele» hatten, hatten sich gerüstet zu trommeten. Der erste trommetete: es ward Hagel, Feuer mit Blut gemischt, die sielen auf die Erde. Der dritte Theil der Erde verbrannte: der dritte Theil der Bäume verbrannte, alles grüne GraS verbrannte. Der zweite Engel trommete: und wie ein großer Berg, mit Fener brennend, stürzte ins Meer. Der dritte Theil des Meers ward Blut: der dritte Theil lebendiger Geschöpfe im Meer starb: der dritte Theil der Schiffe ward verderbet. Der dritte Engel trommetete. Vom Himmel fiel ein großer Stern, brennend wie eine Fackel; er fiel auf den dritten Theil der Ströme und auf die Wafferguellen. Der Name des Sterns heißt Wermnth, und der dritte Theil der Wasser ward Mermuth: viele Menschen starben von den Wassern, die so bitter waren. Der vierte Engel trommete. Geschlagen ward der dritte Theil der Sonne und des Mondes und der Sterne: verfinstert ward der dritte Theil derselben, den dritten Theil schien der Tag nicht, die Nacht nicht — da sah ich und hörte. Ein Adler flog mitten' durch den Himmel, der rief mit großer Stimme: Weh! weh! weh! den Bewohnern der Erde vor den übrigen Stimmen der Trommeten, die noch trommeten werden. 2SK III. Das Buch Johannes macht also nach den vier ersten Trommetenstimmen selbst Abschnitt. Sie beziehen sich auf einander, wie die vier Elemente und die vier ersten Siegel: sie müssen durch einander erklärt werden. Die-erste Plage trifft die El'dt und ihre Gewächse, die zweite das Mett'/ die dritte Ströme und Wasserquellcn, die vierte den Himmel und seine Lichter. Die Erdengcwachsc werden verhagelt und mit Vlutregen verbrannt, wie dort Aegypten s). Das Meer wird durch einen glühenden Berg verschüttet und ein todtes Blutmeer, wie dort der Strom in Aegypten ä). Ströme und Brunnen, die, nach Morgenlands Meinung, unter dem Einfluß der Gestirne standen, werden durch einen Stern verbittert, wiedort das Wasser in der Wüstes). Die Gestirne endlich werden mit Finsterniß geschlagen, wie dort in Aegypten k); und alles nach dem dritten Theile, daß jede Trommele den dritten Theil ihrer Region trifft. Deutlicher kann wohl nichts seyn, zu sagen, daß die Symbole dieser vier Plagen sich auf einander beziehen und von einander Licht nehmen müssen. Ihre Bilder sind aus alten Strafgerichten der jüdischen Geschichte, .und auch der Ausdruck „nach dem dritten Theil" ist Symbol des Propheten Z). 0) 2 Mosi g, LZ — sh. ü) 2 Mos. 7, 20. 21. e) 2 Mos» ib, 23. k) 2 Mos. 10, 21. 8) Zachar. ich 8. 9. Was v o n d e r Z u k u n ft d es H errn. 25 ? Was bedeuten diese Trommcten? Was ihr Name sagt und jedermann in ihm verstehet. Es sind KnegStrommeten- und in der Sprache aller Pro. pheten, Nuferümrn zum Tage dev Herrn / zuttd feierlichen Gerichtstage st). Die sieben Sieges der Ahndung sind vorüber; jetzt geht die lautere Zubereitung an. Jene waren stille Zeichen zum Kriege, zum Gericht; dieses kommt jetzt, seine Stimmen rufen. Das Bild der Trommele ist allen Nationen der Erde so verständlich, als jedem, der den Iosephus gelesen, die Symbole der einzelnen Trommcten seyn müssten: sie bedeuten immer nur, was sie sagen, und sind die ausgezeichnetsten Vorfälle des unglücklichen jüdischen Krieges. Zuerst: Hagel mit Feuer und Blut vermengt; wer versteht das Bild nicht? wer verstchts nicht im jüdischen Kriege? Womit, sicng dieser an, als mit Schlägereien, Aufruhr, Ermordung, Feuer und Blut?i) Sobald von Florus der Markt geplündert, das Blutbad unter den Edlen erfolgt, die Bogen am Tempel zerbrochen waren, und keine Versöhnung half; womit brach der Krieg an, als mit dem Blutbad am Holzfeste, mit Einäscherung der Palläste Agrippa, deS Hohcpriesters, der Canz- lci, der Burg Antonia; worauf die Metzelei der st) st Mos. ro, 2. g. re,. Joels. - Mos. ig, 16. >8. i) Os 6s11c> snil. 1, 2, s. rI. ist. 16. 17. rö. Ein kurzes Berzeichniß dieser Blutbäder findet man in der Rede Elcazars I. 7. s. 8. wehmüthlz wiederholet. Herders Werke z. Net. ». Theol. VII, N 253 III. Das Buch Juden überall in Easarea, Alexandrien, ganz Syrien, Scythopolis u. f. folgte. Es hagelte überall auf sic Feuer und Blut; — man kanns nicht eigentlicher sagen. Der Krieg taumelte sich darauf gilt» Meer Ir) und an die Sceufcr, es ist abcrmal die strengste Wahrheit. In Joppe, am Meer, kommen 1400 Juden um: Galiläa wird voll Blut» Die Aufrührer rotten sich auf den Berg Asamon; 200c, werden erschlagen. Die Juden fliehen aufs Meer bey Joppe: cs erhebt sich ein ungestümer Wind: sie ersaufen, erwürgen sich selbst, werden von den Römern erwürgt: des Morgens ist daS Meer voll Blut: die Sec spült 420c, tobte Körper ans User. Bespasian zieht vor Tarichea, und treibt die Bürger aufs Meer: zu Lande und Wasser wird ein Gemetzel, daß die See sich von Blut färbte und von Leichnamen schwamm und das Ufer voll Gestank ward — Freunden und Feinden ein scheußlicher Anblick. Es sind dies Jofephus, der in Galiläa kommandirte, eigne Worte — Nun ward der Krieg und die Erbitterung immer größer. Ein Stern, der vom Himmel gefallen war, und wie eine Fackel brannte, verbitterte Wasscrbrunnen, Quellen und Ströme; wer kennt nicht das Bild des unseligen Eifcrgeisteö/ der alles so bitter machte. Elensari) hieß der Stern, der vom Himmel siel und wie eine Fackel brannte, der Sohn des Hohepricstcrs, ein hitziger, kühner Jüngling. Er verschmähte das kaiserliche Opfer, ward der erste Ki l. 2. L. IZ. l. Z- 0. ,Z — 77. l) I. 2. 0, 17, von der Zukunft des Herrn. 25 g Urheber des Zelotengeistcs, der sich immer tiefer zog, und alles zu WerMukh machte. Josephus sagt selbst, daß hievon, so wie der eigentliche Aufruhr, so alles Unglück ansieng und die Quellen des Trosts und der Rettung gleichsam verbittert wurden. Von ihm zog sich die Unordnung und Finsterniß zum Firmament hinaus. Die Obrigkeiten Jerusalems, die bisher noch gelinde Wege gegangen waren, theilten sich, ihr Glanz ward verfinstert. Die Zeloten herrschten, die Verständigen seufzten und vermochten nichts; alles ward zuni Untergänge reif. Der römische Adler flog jetzt durch Himmels Mitte und rief! „Weh! weh! aus solche Dinge werden schrecklichere folgen"; er rief gleichsam schon seine Brüder zum Leichenfelde. — Ueber alle dtvs ist Josephus, sogar oft mit eignen Worten und eignem Urtheil, Zeuge. Die Folge der Begebenheiten und die Einkleidung der Bilder derselben ist die natürlichste, die seyn konnte. Jedermann weiß, daß Jerusalem, zumal der Tempel, die Höht des Landes war und hieß, so wie Galiläa und das User natürlich das Meer heißt. Jedermann weiß, was der Stern rn), die Fackeln), das bittre Hader - und Elferwasser o), das Auslöschen der Himmelslichter x), der Adler und sein Wehgc- schrei c>) vor der Schlacht bedeute. m) Jes. ig, 12. Dan- 8, ra. n) Zachar. 12, 6. Sirach g8, i. o) r Mos. in, 2Z. g Mos. 5, 2g. N) Amos 8, g. Mich. 3, 6. g! Habak. i, 8. Matth. 2g, 28. 26o HI. Das Buch Der fünfte Engel trommctete: Ich sah einen Stern von: Himmel gefallen auf die Erde. Ihm ward der Schlüssel zum Schlunde deS Abgrunds gegeben / und er eröffncte den Schlund deS AbgrnndS. Auf stieg Ranch aus dem Schlunde / wie Rauch eines großen O- fenS; die Sonne und die Luft wurden verfinstert vom Ranch des Schlundes. AuS dem Rauch tamen Heuschrecken auf die Erde: ihnen ward Macht/ wie Scorbionen Macht haben/ und ward zn ihnen gesagt/ daß sie nicht GraS beleidigten/ noch Laub/ noch Baum; sondern die Menschen/ die nicht haben das Siegel GolteS an ihren Stirnen. Und zwar ward ihnen Macht gegeben / nicht ste zu tödtcn / sondern ste zu quälen fünf Monden. Ihre Quaal ist wie Quaal deS Scorpions/ wenn er einen Menschen schlägt. In denselben Tagen werden die Menschen den Tod suchen und ihn nicht finden/ werden begehren zu sterben und der Tod wird von ihnen fliehen. Die Heuschrecken find gleich Rossen zum Kriege gerüstet: auf ihren Häuptern wie goldne Kronen, ihre Angesichte wie Menschenamlihe / haben .Haare wie Weiberhaarc / Zähne wie Löwenzähne/ Panzer wie eiserne Panzer: die Stimme ihrer Flügel ist wie das Rauschen der Kriegswagcn/ vieler Rosse/ die in den Krieg ziehen. Sie haben Schwänze wie Scorpioncn/ und Stachel in ihren Schwänzen;' ihre Macht ist/ die Menschen zn beleidigen/ fünf Monden lang. Und haben über sich einen König/ den 26t von der Zukunft des Herrn-. Engel des Abgrunds: sein Name ist Ebräisch Abaddon / Griechisch Apollyon (der Verderber.) Ein Weh ist vorbei! siche/ noch zwei Weh kommen nach ihnen. — *) Eine so weitläuftige deutliche Beschreibung! sollte sie noch unkenntlich seyn? — Zuerst allgemein der Zusammenhang des VildeS mit den vorhergehenden und in sich selbst. Dort ergoß sich das Weh auf Erde/ Meer/ Quellen/ Luft; hier steigts tiefer in den Abysiuö / gleichsam die Gebärmutter der morgenlandischcn Natur. Dort litten Bäume, Fische, Schiffe, die leb - oder vernunft- lose Schöpfung; dies Weh trifft ausdrücklich nicht Baume, Laub, Gras, sondern Menschen. Zwar nicht bis zum Lode, aber zur Quaal/ die arger als der Tod ist. — Und wodurch wird diese verursacht? Wer sind die Heuschrecken, die so furchtbar gemahlt werden? Im Bilde selbst völlige Heuschrecken, nach morgenländischer Art ganz unmystisch beschrieben. Daß sie wie aus dem Abgrund kommen, ein finstrer Rauch, der Sonne und Tag verdunkelt, kann man aus Beschreibungen der Geschichte und des Propheten Joels lesen r). Sein Gemälde kömmt diesem sehr nahe, denn auch ihm sind sie dunkler Tag / eine ncblichte Morgcnrift the/ rennende Rosse/ raffelnde Kriegswagen/ sprengende Reuter. Der neueste Rnsebcschrciber r) *) Kap. 9, i 12. r> Joel s, i — 6. e) Riebuhr Bcschr. von Arabien. 262 IH. Das Buch führt ein gemeines Sprüchwort des Morgenlands an, daß die Heuschrecke an Kopf dem Roß/ an Brust dem Löwen / an Füße» dem Kameel / am Leibe der Schlange / am Schwanz dem Scorpt- on/ an Fühlhörnern den Haaren der Jungfrau ähnlich sey! hier ist also Zug für Zug die Beschreibung und auch die Ursache, warum nachher ihr Verderben als Scorpionenquaal ausgemahlet wird. Wer die Naturgeschichte dieses schrecklichen Thiers kennet t), wird sie mit nichts geringerm als damit vergleichen können. Sie sind Skorpionen alles dessen, was da grünet: vor ihnen ist das Land Paradies, hinter ihnen klägliche Wüste u) Dies ist das Bild; seine Bedeutung in der Geschichte ist unverkennbar. Es waren dje Räuber und Meuchelmörder, die die fünf Monate durch, in denen Vespasian in Judäa zögerte, dem ganzen Lande so schrecklich sielen. Bald zu Anfänge des Kriegs nämlich siel ein Stern vom Himmel auf die Erde, dem der Schlüssel zum Schlunde des Abgrundes ward: es war Mgnaim, Juda Sohnx), der den Hausen Gesindels an sich hangte, gen Masgda zog, sn Herodes Rüsthaus brach und sich und die aufrührische Rotte bewaffnete, Kann ein eigentlicher Bild von Einbruch dieser Räuber und ihrer fürchterlichen Bewaffnung gegeben werden, als es Johannes hier im Bilde gepanzerter Henri Shaw Reisen, ui Ioet 1, 10 — iL, x) .lospeh. I, r. u. 17. von der Zukunft des Herrn. 263 schrecke» gibt? Sie brechen los, ziehen gen Jerusalem, ihr Führer wird erschlagen: aber die Rotte bleibt und Masada blieb, so lange Vcspasian im Lande war, der Schlund des Abgrunds dieser Verderber v). Wie Rauch zogen sie aus diesem Nau- bcrschloß der Wüste und bedeckten das Land. Jerusalem war von Tyrannei, Krieg und Ausruhr bedrängt, die Römer ruhten; sie verheerten und weckten überall Räuber. Jede Stadt, jede Provinz, jeder Flecken bekam seine Heuschrecken, die quälten, raubten und in die Wüste flohen; die Einwohner des Landes fürchteten sie mehr, als den Tod oder die Römer. Zuletzt bekamen sie gar den wahren Abaddon über sich, Simon, GorionS Sohn, den Verderber 2). Er warf sich in Masada, und da sie ihn bewahrt gefunden hatten, ward er ihr Anführer: er durchstreifte das Gebürge, verheerte ganz Jdumaa, drang bis an Jerusalem, lieferte den Zeloten ein Treffen, gieng in Zügen auf Zügen umher, bis cs ihm endlich gar gelang , in Jerusalem ausgenommen zu werden, wo wir diesen Heuschrecken-König, Abaddon, bald in fürchterlicherer Gestalt sehen werden. Uebcr alle dies ist Josephus Zeuge: selbst die Monate treffen zu; und die Bilder selbst, Zug für Zug, sind bekannte Prophctensprachc, die raubende Kriegshcere oft den Heuschrecken vergleichet. 7) I,. h. m 7. r) I,. IV. c. g. Auch Josephus nennt diese Räuber rrttxoi' 7r>io; 7-/i' . lN (UI 2 drer Beziehung 1. lr. o. 7. 264 III. Das Buch Das eine Weh ist vorbei: stehe / noch zwei Weh kommen nach diesem. Der sechste Engel irommttete. Ich hörte eine Stimme von den vier Hörnern deS giildnen NäuchaltarS vor Gott/ die sprach zum sechsten Engel/ der die Posaune hatte: Löse die vier Engel/ die gebunden stnd am großen Strom Euphrat. Die vier Engel wurden gclöset/ ste/ die gerüstet find auf Stunde / Tag / Monat und Jahr / zu tobten den dritten Theil der Menschen. Die Zahl des HeerzngeS der Neutcrei war zwei Myriaden Myriaden: ich habe ihre Zahl gehöret. Und also sah ich die Rosse im Gesteht und die . darauf saßen; ste hatten Panzer feurig/ gelbe/ schwcfelfarb: die Häupter der Rosse/ wie Löwenhäupter; aus ihrem Munde geht Feuer/ Rauch und Schwefel. V'on diesen dreien fiel der dritte Theil der Mensche»/ vom Feuer/ Rauch/ Schwefel/ der aus ihrem Munde gehet. Die Macht der Rosse ist in ihrem Munde und ihren Schwänzen / ihre Schwänze stnd Schlangen gleich / mit Köpfen; mit ihnen thun sie Schaden.*) Die vorige Plage quälet: diese tödtet. Jeu- Hat nur fünf Monate zur Dauer, diese eine unbe? stimmte Zeit, über Jahrsfrist. Dort quälten nur Heuschrecken; hier stndS die loSgebundenen TvdcS- engel selbst, die tödtcn. Am Euphrat waren ste angebunden/ in der Wüste, in die gemeiniglich' *) Kap. g, i,r --- rg, von der Zukunft des Herrn. 265 der Orient dieser Gegend die Plagcengel bannet, wo ec sie (ein gewöhnliches Bild!) bindet oder loS laßt. Und wer sind diese vier gevundnen und loS« gelassenen Todesengel? Zuerst im Bilde selbst: (so daß nur die Züge unter sich stimmen und man nicht bald von Rossen, bald von Engeln, Drachen und Kriegsheer rede:) das Bild ist offenbar vom Winde Ssiinmiel entlehnt, der gleichsam alle seine Züge bindet. Er wehet aus der Wüste am Euphrat; ein losgelassencr Todesengel, der mit Feuer / Rauch und Schwefel aus seinem Munde im Augenblick tödtet, Man riecht, sagt die Beschreibung, von fern Schwefel: die Luft; woher er kommt, wird roth: er tödtet, als ob er anhauche, Und der Körper schwillt grün und blau — stehe Zug vor Zug den Grund zur Beschreibung dieser Todesengel, Daß von jeher Winde und Feuer- slammen n) das Bild von Engeln, daß insonderheit der Feuerwind, Sammihl / gleichsam der größte der ModeSengel und vielleicht ihr Urbild, daß die Idee der Engel und des Kriegsheers, eines Knegshcers Gottes k) verwandt und insonderheit feurige Rosse und Wagen die Gestalt ihres Kriegszugs gewesen, darf ich, als allgemein bekannt, nicht erst erweisen. Und so wird aus diesen vier loßgebundcnen Engeln der Wüste Euphrats durch die natürliche Fortsetzung Und Reihung der Bilder ein zichmdeS KmgSHM'; seine Panzer sind feurig, gelb, schweflich; seine Rosse hauchen Feuer, Dampf, Schwefel: hinter a) Pf. roZ, k) e Mos. 3 o, s. ? Kön. 6, 17. 266 III. Das Buch ihm schleppt sich noch ein Troß von Schlangen, mit beißenden Häuptern. Kurz, ein Heer ziehender Drachen und AmphiSbänen/ vor und rückwärts verwüstend, lödtend. Wir dürfen nicht lange fragen : wer dies Kriegsheer i» unsrer Geschichte war ; es ist Zug für Zug das römische Heer, das jetzt, nach langem Harren, nach Hagel- Feuer- und Blutregen, zum Tode, zum völligen Ruin hcranzog. Titllö rückte vom Euphrat her Legionen heran und alle Hülfsvölker zusammen — ein furchtbares Heer! c) JosephuS halS als Feldherr beschrieben ä) : der Verfasser dieses Buches als Scher. Ein geschloßner, dichter Zug von feurigen Panzern, Mann an Mann, Rüstung an Rüstung: Feucrhauch geht vor ihm her und ein tödlender Schlangenzug an seinem Trosse folget. Tod ist in ihrem Zuge, der in jedem Gliede, in dem Kopf jeder nachziehendcn Schlange lebet: sie bringen Ende, sic bringen Verwüstung. Der Altar der Versöhnung, der goldne Altar der Gebete hat selbst gerufen , daß sie kommen und enden. Noch aber ist das Ende nicht da: ihre Zeit ist über Jahrsfrist, (gerade die Zeit, da Titus antrat,) zu veröden, zu tödten — Ulld siche, die Übrigen der Menschen/ die nicht ertödtet wurden von diesen Plagen/ kehrten doch nicht um von den Werken ihrer Hände/ nicht anzubetcn die Dä- c) I.. VI. L. s. cl) I.. III. c. 5, von der Zukunft des Herrn. 267 monen und Götzenbilder von Golde/ Silber/ Er;/ Stein und Holz / die weder scheu könne»/ noch hören noch wandeln. Auch kehrten sie nicht um von ihren Mordthaten und Zaubereien/ Hurerei und Diebstahl.^) Die Suche ist im Ton der Propheten s) gesagt und in der Geschichte bestätigt. Alle Plagen waren vergebens an Judaa: es verließ sich auf die Werke seiner Hände, wie sich ein Heide auf den dümmsten Abgott verläßt- Jeder hatte seine Götzen von schlechterer oder besserer Materie, die ihm Hülse bringen sollten, ob sie ihm gleich nichts brachten; und so schlugen sie, hartnäckig und verstockt, alle Winke Gottes, alle Vorstellungen der Römer in den Wind und gingen ins Verderben. Josephus ist darüber ein weinender Zeuge, und daß das Land voll Mord, Zauberei und ägyptischer Magie, voll Gräuelthatcn und Räuberei gewesen, von denen man nicht abließ, sondern sie häufte; dies ist keine hyperbolische Beschreibung, sondern einfache, graulichnackte Wahrheit k). Vergebens also waren alle brechende Siegel, alle rufende Trommetenstimmen. Jene wuchsen, diese wachsen in ihrem Wehruf: sie kommen von der Ferne und dem Meer, der Höhe Jerusalems immer näher: das Land ist verwüstet, die Höhe ist reif zum Fall: das Amphisbanenhecr steht um Jerusalem und hat ringsum verödet: die sie? *) Kap. n, 20. 21. s) 5 Mos. 82, 17. Ps, 11S, 5 ^- 8 . Malach, 3 , b. k) I.. IV. L, 5. SLH. 263 III. Das Buch denke Trommcte soll tönen — siehe, da erscheint «ine Friedenserscheinung, Ich sähe einen andern mächtigen Engel vom Himmel Herabstetgen/ mit Wolken um. kleidet/ den Regenbogen um sein Haupt: sein Antlitz war wie die Sonne/ seine Füße wie Säulen Feuers. Eine andere Gestalt, als dcr vorige Todesenqel: dcr friedliche Regenbogen ist um fein Haupt: sein Antlitz glanzt, seine Füße brennen, sein Leib ist mit Wolken der Majestät umzogen. In seiner Hand hat er ein Büchlein / eröffnet: er satzte seinen rechten Fuß aufs Meer/ den linken auf die Erde / und schrie mit großer Stimme / Wie ein Löwe brüllet. Also ein Engel von großer Macht, von einer Gesandtschaft über Me.r und Erde. Wem ruft er? wem brüllet der Löwe? Als er rief/ sprachen die sieben Donner ihre Stimmen. Als die sieben Donner sprachen/ wollte ich schreiben; ich hörte aber eine Stimme vom Himmel sagen: versiegle/ was die sieben Donner sprachen/ schreibe es nicht. Das Wort also der sieben Donner ist nicht Zweck dieser Botschaft. Sie sprachen ihre Flüche; aber Johannes wird verschont, sie zu schreiben: sic sollen versiegelt seyn und die Gesandtschaft des Himmelsboten nicht stören. Da hob der Engel/ den ich sah stehen auf Meer und Erde / seine rechte Hand zum Himmel und schwur bey dem Ewiglebenden / der Himmel schuf und Erde und Meer und Alles / was drinnen ist: — er schwur / daß keine Frist mehr, seyn soll / sondern in den Tagen der Stimme des siebenten Engels/ wenn van der Zukunft des Herrn. 26g cr trommctet, solle erfüllet werden das Geheimnis' Gottes / wie erS verhieß seinen Knechten, den Propheten*). Das ist also der Zweck dieses Boten: er bringt Abkürzung der Llluaal. Alles ist von Plagen ermüdet und wünscht, daß der Richter komme; dieser schwort Key dem Ewiglebenden Z): ec wird kommen, cs soll kein wcltrer Aufschub seyn; sobald der nächste Engel trommetet, geht das Geheimnis Gottes, sein altes Evangelium, in Erfüllung. Keinen Untergang kündigt cr an; sondern den Aufgang eines neuen Reichs, aus welches Propheten und Knechte Gottes gehofft haben — Er ist ein tröstender Friedensbote, der dem Ausbruch des Endes vorhcrtcitt und auf ihn wapnet. Wir haben also so wenig Ursache zu fragen: wer der Engel sey? als was in seinem Büchlein stehe, und die sieben Donner ihm entgegen sprachen? Er ist Friedensbote, Engel: kein einzelner Mensch, sondern Symbol in einer Reihe von Symbolen, Trost hinter und vor Plagen. Sein eröffneteS Buch ist Symbol, wie Er, Bild seiner Botschaft. Er kommt, die alte Verheißung zu bestärken, dir Gott so wenig vergessen habe, daß sie unter allen diesen Plagen vielmehr eben im Anzüge sey. Das Wort der sieben Donner ist Gegenhall des Fluchs, den seine Erscheinung weckt: ihre Stimme muß auch erfüllt werden; aber nur als Uebergang zu seinem Evangelium: sie verhallet, und aufzuzcichncn *) Kap. 10, i — 7. §) Dan. 12, 7. 27 » III. Das Buch ist sie nicht. Die Frist, die er untersagt, ist Frist, d. i. Aufschub, und weiter ist auf dies Wort weder chronologisch noch mystisch etwas zu bauen. Vor dem Bruch des siebenten Siegels erschien ein Engel, der Frist machte, bis alle Knechte Gottes versiegelt waren; vor dem Hall der siebenten Trommele erscheint dieser, der die Frist wegNtMMt. Jener und dieser sind gleiche Symbole der tröstenden Wahrheit, daß Gott die Seinigen nicht vergesse, daß er allemal vor dem Letzten an sic gedenke, dort, sie anzuzeichncn und zu erwählen, hier, um ihretwillen die Trübsal zu kürzen. Um der Auserwahl- tcn willen, sagt Christus, werden die Tage verkürzt, sonst würde niemand errettet U). Die Stimme vom Himmel redete abermals mit mir: geh! nimm daS eröffnete Büchlein von der Hand deS Engels, der auf Meer und Erde stehet. Ich gieng zum Engel und sprach: gib mir daS Büchlein. Er sprach: nimm und iß eö; deinem Bauch wirdö bitter scyn, aber süß in deinem Munde, wie Honig. Ich nahm das Büchlein aus der Hand des Engels und aß eS; in meinem Munde warö süß, wie Honig: da ichs aber gegessen hatte, schmerze eS mich im Bauch. Er sprach zu mir: Du mußt abermals weißagen über Völker, Geschlechtc, Sprachen und viel Könige. *) Das Symbol erklärt sich also selbst. Wie das Buch in der Hand b) Mathh. stz., 2r. H Kap. io, 8 — ii. von der Zukunft des Herrn. 271. des Engels Zeuge und Zeichen seiner Bothschaft war; so ists, da Johannes es verschlingen muß, desgleichen. Er soll jetzt, statt dieses Engels, Bote werden/ d. i. den Inhalt des Buchs, der viel Völker, Nationen, Sprachen und Fürsten angeht, soll Er verkündigen, weissagen, symbolisiren. Die Symbole und Weissagungen also, die wir weiterhin lesen, sind dieses Buchs Inhalt, der vom Augenblick an erfüllt werden soll, wenn der letzte Engel trommelet. Er ist füß und bitter'/ d. i. eine bittersüße Weissagung: Donnerstimmen, die sich in ein Evangelium Gottes endigen. — So deutlich ist dieses Bild, das aus Ezechiel i) hier angewandt wird. Die Symbole fahren fort, uns auf die bittersüße Entwicklung zu bereiten. — Es ward mir cm Rohr gegeben / einem Maasstabe gleich. ' Die Stimme sprach: steh auf und miß den Tempel Gottes und den Ränehaltar/ wo sie anbeten; den äußern Vorhof deS Tempels wirf hinaus und miß ihn nicht / er ist den Heiden gegeben. Die heilige Stadt werden ste zertreten zwei und vierzig Monden. Das Gericht geht also über Stadt und Tempel. * *) Jene soll von den Heiden zertrete»/ dieser von ihnen entweihet werden. — Entweihet; aber nur der äußere Vorhof; das innere HeiligthttM / der Altar der Gebete, wird gemessen/ es ist gleichsam zum andern höhern Bau aufbehalten. Das Bild ist aus Eze- i) Ezech. a, r — Z. *) Kap. 11, 1. 2. 272 IH. Das Buch chielk), so wie die Zahl der Monate aus Daniel I). Letztere passet genau: denn so lange wahrere der jüdische Krieg und Aufruhr; elfteres ist ein Symbol von bittersüßer Erfüllung. Erst ward das Innere des Tempels gerettet / ehe auch nur das Aeußere, der Heidenvorhof, verlöhreit gehen konnte. Wer waren nun die Heiden und Völker, die Geschlechte uNd Könige, die den Tempel zertreten, das Hciligtbum entweihen sollten? Die Römer warens nicht: diese waren die 42 genannte Monate noch nicht in Stadt und Tempel, und selbst da die Eroberung geschehen war, wollten sie seiner schonen ; cs war (und Josephus hats mit eben den Worten beschrieben) der wüthige Aufruhr. Heiden und Völker/ Gesindel aller Art, war in der Stadt: die in der fünften Trommete als Heuschrecken beschrieben wurden, die von Masada aus das ganze Land verheerten, drangen in Jerusalem ein, raubten, plünderten, verübten^ unmenschliche Thaten, nahmen zuletzt den Tempel ein, und wählten einen Hohepriester. DaS Volk schauerte, die Priester weinten, die Edlen widersetzten sich der Unthat: Ananus sammletc das Volk, verfperrete sie, wollt' aber seine Hand an die heilige Pforte nicht legen, damit sie durch ihn nicht verunreinigt würde, und so zertraten und verunreinigten sie, wie wilde Lhiere, das erste Gotteshaus der Welt in). Als die K) Ezech. 40, — 43. Zachar. 2, i. 2, Dan. 8, i 3 . m) ü,. IV. e. g. seH. »»--»«MSweior_ von der Zukunft des Herrn. 27Z die Jdumaer in die Stadt kamen, schlugen auch diese sich zu ihnen, sielen heraus aus die Bürger, daß der Vorhof (der eben hier genannt wird) mit Blut überschwemmt war, und in Einer Nacht Löoo Nachnahme in ihm lagen, So giengs wahrend der ganzen Belagerung. Ein Tyrann bestürmte den andern im Tempel: die Opferer wurden über dem Opfer getödtet: der Vorhof floß von Blut, „Elende Stadt, ruft Joscphus aus, was hast du von den Römern erlitten, die nur deine Lasterrhaten mit Feuer zu reinigen bestimmt waren! Du warst keine GotteZstadt mehr, konntest auch keine mehr bleiben, da du das Grab deiner Bürger worden und deinen Tempel zur Grube der Leichname gemacht hast." — Alles ist jetzt zum Untergänge reif: es erscheint das letzte Zeichen, die zween Zeugen, Der letzte Prophet hatte gesagt«): Elias soll kommen, ehe des Herrn schrecklicher Tag kommt; Moses ward ihm beigesellct als Bote des Ausganges seines Volks, wie beide auch mit Christo auf jenem Berge von seinem Ausgange sprachen 0); siehe hier erscheinen diese Zeugen. * *)Meilien zwer'N Zeugen will ich geben, sie sollen weissagen 126c, Tage / angethan mit Säcken. Sie sind die zwei Oelbäume und die zwo Fackeln/ stehend vordem Herrn der Erde, So jemand sie will beleidig ich Malach. h, 5, 0 ) Matth. » 7 , 3, *) Kap. ii, 3 — -lr. (S. Zusatz 3.) Herders Werke z, Rel> u. Theos, VII, S 274 III. Das Buch qcn, gehet Feuer au6 ihrem Munde und verzehrt ihre Feinde. So jemand sie will beleidigen / auch Er muß sterben. Sie haben Macht, den Himmel zu schließen / daß eö nicht regne die Tage ihrer Weißagung. Sie haben Macht über die Wasser/ sie in Blut zu verwandeln und zu schlagen die Erde mit aller Plage / so oft sie wollen. Unlaugbar sind die meisten dieser Charaktere aus der Geschichte Moses und EliaS. Jener wandelte die Wasser Aegyptens in Blut 9) und schlug das Land mit aller Plage, so oft er wollte; diesem gieng Feuer aus dem Mundes), das seine Feinde fraß: erschloß den Himmel r), genau die hier genannten 1260 Tage. Beide standen vor den Riß ihres Volks, und baten für sie s), angethan mit Sacken, da es zur Strafe reif war —- Das Bild der zween Oelbaume und Fackeln, stehend vor dem Gott der Erde, ist von zwei andern Personen, die vor den Riß standen in elenden Zeiten, Scrubabel und Josuat); gleichfalls treffende, schöne Symbole. Sie sind Oelbaume, die vom Oele des Segens triefen, Fackeln in finstern Zeiten vor dem Herrn des Landes; aber wer sind sie hier im Gegenbilde? Moses und Elias, Seruba- bel und Josua hier in Jerusalem, über Stadt und Tempel? x) 2 Mos. 7 — 10» cx) 2 Kön. 1, 10. r) i Kön. 17,, 1. Jacob. 5 , 17. -) 2 Mos. 3 l», 8. 9. a Kön. ig, 10» t) Zachar. b, 2. f. von der Zukunft des Herrn. 2/5 Wenn sie ihr Zeugniß vollendet haben, wird das Thier, das aus dem Abgrund sieigt, mit ihnen Krieg führen und sie überwinden und sie tödten. Sie werden fallen auf den Gassen der großen Stadt, dem geistlichen Sodom und Aegypten, wo auch unser Herr gekreuzigt ist, Noch ist zwar das Schicksal dieser dem Schicksal jener ersten Propheten ähnlich: denn auch sie, insonderheit Elias u), hakte mit dem Thier aus dem Abgrunde zu kriegen; immer mxhx aber entwickelt sich's, daß es zwei Personen in Jerusalem seyn müssen, die einen Ausgang hatten, der weder aus Moses noch Elias Geschichte einge.- kleidet werden konnte. Sie wurden gequält, wie Loth in Sodom, wie Israel in Aegypten; sie fallen aber auf den Straßen der Stadt, die unfern Herrn kreuzigte, also Jerusalems , auf die bestimmteste Weife. Und es sehen viele von Völkern, Geschlechten, Sprachen und Nationen ihren Leichnam drei Tage und einen halben, und lassen ihre Leichname in kein Grab legen. Die Bewohner der Erde freuen sich über ihnen und frohlocken, und werden sich einander Geschenke senden, weil diese zwei Propheten sie, die Bewohner des Landes, also quäleten. Weder iu Moses noch Elias Geschichte sind diese Bilder: es müssen Umstande sexn aus dcr Lebcnsgeschichtt: dieser Zeugen, Nach den dreien und einem Hülben Tage kam in sie Lebensgeist auö Gott. Sie u) r Ko», rg, ro. S 2 27 § III. Das Buch stunden auf ihre Füße und große Furcht fiel über die / so es sahen. Sie hörten eine große Stimme vom Himmel / zu ihnen sagend: steiget hieher! und sie stiegen gen Himmel in der Wolke/ und cö sahen sie ihre Feinde / und zu der Stunde ward groß Erdbeben: der zehnte Theil der Stadt fiel und im Erdbeben kamen um siebentausend Menschen. Die andern fruchteten sich und gaben dem Gott des Himmels Ehre. Das Wunderbare dieser Umstande ist wohl abermals aus Moses und Elias Geschichte (jener starb am Munde GolkeS und dieser ward ausgenommen gen Himmel x), gleichsam vor allen seinen Feinden); indes zeigt der Ausgang abermals, daß es eine bestimmte, sonderbare Geschichte in der Belagerung Jerusalems seyn müsse. Sie weissagten mit großer Gewalt: nun wurden sie erschlagen, liegen (gegen alle jüdische Gewohnheit) 3l- Lag auf Jerusalems Straßen, werden von so vielerlei Volk gesehen; man freut sich über ihren Tod, sendet sich Geschenke: ein Zehntheil der Stadt fallt, siebentausend Menschen kommen um — kurz, wer ist nicht, der unter diesen zweien Zeugen zwei auch von JosephuS sehr edel ausgcmahlte Personen 7 ) erkennet, die als die letzten Pfeiler sanken? es sind — die beiden Hohepriester, Anannö und IvsilS. Sie waren al-, les, was dieses Bild sagt, Zeugen Gottes, trauerten und zeugten in Sacken über den Aufruhr und x) 5, Mos. 3l», 5. 2 Kön. 2 , n» I,. g,. c. 2 — 6. von der Zukunft des Herrn. 277 sprachen ihm mit der Warme Moses und Elias entgegen. Sie standen als.Oelbäume da, die zum Frieden ricthen, als Fackeln in der Nacht vor dem Herrn des Landes. Eine Zeit lang mächtig: dem Ananus gelangs zuerst, das Volk gegen die Zeloten zu führen; er wollte dem schrecklichen Thier aus dem Abgrunde, dem wüthenden Aufruhr steu- rcn. Der Himmel war verschlossen, als sie weissagten : es war ausserst dürre und elende Zeit: Wasserbache flössen mit Blut der Erschlagenen: noch konnte der Ausruhr nicht an sie. Was geschah? Die Zeloten rufen die Jdumäer zu Hülfe, diese kommen vor die Stadt: der Hohepriester will ihnen die Thore nicht öffnen: Jesus, der nächste nach ihm, spricht zu ihnen von der Mauer so wahr, so sanft, so beweglich und doch (denn die Zeit ihres Zeugnisses ist vollendet) doch vergebens. Zu Nacht entsteht ein gräßlich Ungewitter : der Aufruhr öffnet ihnen das Thor: sie brechen in die Hauser: mehr als achttausend werden im Tumult erschlagen 2), die beiden Hohepriester gcdötet. Nackt und erschlagen liegen sie mitten in der Stadt aus den Gassen, man tritt auf ihre Leichname und läßt sie un- begraben liegen, da doch, sagt Joscphus, „die Ju- „dcn fürs Begräbniß solche Sorge trugen, daß „selbst Missethater, durch Unheil und Recht gekreuzigt, vor Sonnenuntergang ausgenommen und „bestattet wurden. Aber ich irre wohl nicht, fahrt „er fort, wenn ich sage, daß mit Ananus Lode r) I,, 4. c, 6. 278 III. Das Buch „auch die Eroberung der Stadt unstetig, und daß „von dem Tage an die Mauer niedekgekissen und „die Stadt der Juden zu Grunde gestürzt sey, da „sie den Hohepriester und Vorgänger ihres eignen „Heils mitten in ihr ermordet liegen sahen. Er „war ein trefflicher und der gerechteste Mann. Bet „allen Vorzügen seiner edeln Herkunft, seiner „Würde, seines Ansehens hatte er Freude daran, „sich allen, auch den Geringsten zu bequemen: ein „ausnehmender Liebhaber der Freiheit und Demokratie, der immer den allgemeinen putzen dem „scinigen vorzog, und vor allem den Frieden an- „rieth, da er wohl sah, daß die Römer nicht zu „überwinden waren, und voraussah, daß, wenn „die Juden sich nicht mit ihnen setzten, sic unter- „gehen müßten. Kurz, wäre Ananus am Leben „geblieben, so wäre der Sache gewiß geholfen; denn „er war mächtig im Reden, auch das Volk zu „besänftigen, und hatte die Unruhigen schon unter „sich gebracht, die ihm im Wege standen. Auch „hätten sie unter einem solchen Anführer den Römern viel zu schaffen machen können. — Neben „ihm stand Jesus: wenn man vergleichen wollte, „zwar geringer als Er, unter allen andern aber „der Erste; und ich glaube gewiß, daß Gott, da „er den Untergang der verunreinigten Stadt und „die heilige Städte mit Feuer zu reinigen beschlossen hatte, die Vertheidigec und zarte Liebhaber „desselben zum Voraus habe wegnehmen wollen. „Da lagen denn, die kurz vorher die heilige Kleidung trugen, die der ersten Religion der Welt „vorstanden und von allen, die aus allen Weltge- von der Zukunft des Herrn. »79 „genden in diese Stadt zusammen kamen, waren „verehrt worden; die sah man jetzt nackt da liefen, „den Hunden und Thieren zur Speise dahingewor- „sen. Mich dünkt , die Tugend selbst habe diese „Männer beweinet und es beklagt, daß sie von „der Bosheit so schändlich überwunden waren. Ein „solch Ende hatten Ananus und Jesus." Schönes Ehrenmal aufs Grab dieser Edeln Zween, wie" es der Scher aufrichtct! Gott selbst rechtfertigt sie vor ihren Feinden, und (in der prophetischen Sprache aus Elias Leben, zumal da das schreckliche Ungewikter die Ursache ihres Todes war), er nahm sie empor auf der Gewitterwolke. Jose- phus bemerkt, daß mit ihnen Stadt und Tempel dahin war: dies stählten alle. Die Jdumaer schämten sich des Gräckels der Zeloten und zogen ab. Ein neues Blutbad erfolgte: die Stadt ward durchs schrecklichste Erdbeben der Spaltung und des Par- theigeists zerrissen und zerrüttet: jeden ergriff Furcht und Schrecken, da ec so augenscheinlich über den Tod dieser Männer die Rache Gottes sah. Eine Menge gieng zu den Römern über, denen der Feldherr es abschlug, jetzt die Stadt zu stürmen, die gegen sich selbst wüthe und durch ein Gericht Gottes sich ihm in die Hände ringe. — Kurz, Wort für Wort, Zug für Zug ist das schöne Bild dieser Zeugen durch JosephuS bestätigt. Wir fügen, ohne den Lauf der Geschichte zu unterbrechen, ein paar Anmerkungen, bei). Zuerst, waS ist schöner, als in einem verfallenden Staat das letzte Zwei solcher Zeugen! Pfeiler, die das zum Sturz krachende Gebäude noch stützen, noch 28 r> III. DaS Buch tragen wollen: liebliche Sterne, die da stehn, der einbrechenden Nacht zu leuchten. Meistens aber haben sie auch das Schicksal dieser edlen Männer: die Pfeiler erliegen unter dem Schutt, die freundlichen Sterne werden von Wolken der Nacht verschlungen. Fallet sanft. Ihr liegt auf den Gassen der Stadt, wo auch unser Herr gekreuzigt ist; und die Wolke steht da, euch zum Triumph zu holen. Die Freude über euren Untergang ist kurz; euer Verlust rächend und unersetzbar — — Zweitens. Wie jeder Punkt der Offenbarung, so ist auch dies Bild vom schwärmenden Pöbel entsetzlich mißbraucht worden, als ob Er ein solcher Zeuge scy und werde ? Er Zeuge? Thier aus dem Abgrunde ist er hier, das bie Zeugen tödtet und sich an ihren Leichnamen sätigt — das war der Zelotengeist, der schwärmende Pöbeleifcr. Jene waren friedliche Oel- baume vor Gott, Segen auf ihr Vaterland träufelnd , brennende Fackeln in der Nacht, auf dem goldnen Leuchter ihres Amts, ihrer Würde; Patrioten bis auf den letzten Augenblick ihres Lebens. — Ucbcrhaupt hat von dieser Seite, wie Johannes das Heiligthum, die hohe Obrigkeit des Landes schont und feiert, dies Buch seine ganze unerkannte Würde, die der Wahrheit entgegen meistens inißgedeutet und verkehrt ist. Wir haben kein Wort des Fluchs über die Römer gefunden: ihre Heere sind Todescngel Gottes, Boten ein Ende zu machen, denen selbst der Altar der Gebete ruft. Ihr Adler fliegt, wie ein Engel durch den Himmel, rind ruft Weh über ein vcrsunknes Land , das keine Rettung finden will. Aber der Aufruhr wird über- v on d e r Z uk UN fl de s H e r r n. 281 all mit Höllcnfarben gewählt: er ist das Thier aus dem Abgrunde; die Meuchelmörder waren Heuschreckenzüge, ihr König der Verderber: alles Glück der Juden gegen Costiuö ist nur Hagel-, Blut-, Feucrregen und ägyptische Plage-Weh über Weh. Das andere Weh ist vorüber / das dritte Weh kommt schnell. IV. ^Äer siebente Engel trommetete/ und große Stimmen im Himmel riefen: Daö Reich der Welt ist unserS Herrn / seines Christnö worden'.; er wird regieren in die Ewigkeiten der Ewigkeiten. Wie? ist das der Erfolg der furchtbarsten Trommele, so schauderhaft und geheimnißvol! vorher verkündigt? Lastet uns an den Friedensboten denken, der unmittelbar vor ihr, mit dem Buch in der Hand, auf Meer und Erde trat, weitern Aufschub hinwcgnahm und schnelle Erfüllung der alten Verheißung anzeigte. Hier ist sie, der Inhalt seines Buchs, die Verheißung a). Das Reich des Messias ist da; kein Klaggeschrei mehr auf Erden,, sondern sTriumph - und Freudenstimmen im Himmel. Unken mag stürzen, was will und soll; auf seinen Trümmern erhebt sich das Reich des ewigen *) Kap. n, iS — rg. H Ps. 97, r. 99, r. Ies. -4, 23. Sachar. iß, g. 282 III. Das Buch Königs. Die vier und zwanzig Nettesten/ die vor Gott sitzen auf ihren Thronen / fielen auf ihre Angesichte und beteten Gott an und sprachen: Wir danken dir/ Herr / Gott/ der All- herrschcr/ der ist und war; daß du ergriffen hast deine große Macht und herrschest. Die Völker sind ergrimmt: es kommt dein Zorn und die Zeit der Todten/ gerichtet zu werden; Lohn zn geben deinen Knechten / den Propheten und den Heiligen und denen / die deinen Namen fürchten/ den Kleinen und Großen/ und zn verderben/ die die Erde verderben. — ES ward eröffnet der Tempel Gottes im Himmel: die Lade seines Bundes ward gesehen in seinem Tempel. Es wurden Blitze und Donnerstimmen und Erdbeben und großer Hagel. Der Lobge- sang singet die Beschreibung des Reichs und die Art, wie es erscheinet. Der Allmächtige/ der so lange geschlummert zu haben schien , ergreift selbst das Scepterb): Er, der ist und war, wird jetzt merkbar da seyn. Die Völker sind ergrimmt; cs ist sein Zorn, sie nur Werkzeuge seiner Rache und eines höhern Endzwecks. Verderben soll jetzt der Aufruhr, der bisher das Land verderbt hat: gerächt soll werden das Blut / das Grab der Märtyrer, der Heiligen und Propheten. Sie sollen erwachen und Lohn empfangen o) ; verur- theilt werden ihre Feinde. Auf den Trümmern des dl Ps. 66 , 7. von der Zukunft des Herrn. 283 bald untergehenden Tempels' steht schon ein neuer , schönerer Tempel im Himmel bereitet: ec hat die Bundcslade / die jener nicht hatte. Einst auf Erden stand sie verdeckt, hier wird sic gesehen: die Wohnung Gottes ist zugänglich / sein Bund ewig, Und geht in jeder Läuterung und Schmelzung schöner hervor — So jauchzen die Stimmen , so weissagen die Bilder; lasset uns nicht unsre Ideen von diesem kommenden Reich vorandrängen, sondern warten , was und wie es kommt? — *)EiN groß Zeichen erschien im Himmel: ein Weib/ mit der Sonne bekleidet / der Mond unter ihren Fußen und auf ihrem Haupt eine Krone mit zwölf Sternen. Sie war schwanger und schrie in Geburtöschmerzen / und rang zur Geburt. ES erschien ein ander Zeichen im Himmel: stehe/ ein großer/ feuerrother Drache mit sieben Köpfen und zehn Hörnern / und auf seinen Köpfen sieben Diademe. Sein Schwan; zog den dritten Theil der Sterne und warf sie auf die Erde. Der Drache trat vor das Weib / die ge- bahren sollte / daß / wenn sie gebühre / er ihr Kind fräße. Und sie gebahr einen Sohn/ den Knabe»/ der alle Völker regieren wird mit eisernem Sceptcr; entrückt ward das Kind zu Gott und seinem Thron. Offenbar ist hier die Ankunft des verkündigten Reichs in seinem armseligen drückenden Anfänge symbolisirt.**) Die *) Kap. i2. **) S. Zusatz h. III. Das Buch 28/,. Bilder sind aus der Lebensgeschichte Jesu mit prophetischen Farben gemahlet. Auch Er, von einem edeln Weibe geboren, mußte sogleich nach der Geburt vor einem Drachen fliehn, der ihn verschlingen wollte: seine Mutter floh in eine Wüste, wo sie vielleicht denselben Zeitraum war, den Johannes hier nennet. Er liebte dergleichen vielartige Anspielung, und eS ist seine Freude, gleichsam den Bildersaal seines Herzens, die innigste Geschichte seines Lebens, in diese himmlische Bilderschrift zu mahlen. Kein Zweifel also, daß nicht, da er die edle Gebährerin deS Weltregenten schildern will, Züge vom Bilde seiner irdischen Mutter, (die auch Jchannes Mutter war,) ihm in der Seele schwebten; nur aber Züge und zu einem andern Bilde, zu einem Symbol höherer Bedeutung. Das Bild, das hier erscheint, nennet Johannes selbst himmlisches Zeichen: keine Person ist's also, keine Person auf der Erde. Es ist nicht die irdischeMaria, die in dem Schmuck, wie sie hier steht, Königin des Himmels und Abgötlin würde; ihre Gestalt ist nur Zeichen im Himmel, Bild zu einer andern Bedeutung; denn der irdische Christus war längst geboren. Wer ist sie nun dies Weib/ mit der Sonne bekleidet/ den Mond der Veränderlichkeit unter ihren Füßen / in alle Herrlichkeit der Traume Josephs gekleidet ä) , wer ist sie ? Ihre Krone V0N zwölf Sternen zeigts: es ist (im edlen Sinne des ä) t Mos. ?7, g. 10, von der Zukunft des Herrn. 295 Worts) die jüdische Kirche , aus der der kommen sollte , der alleVölker beherrschte; zugleich Symbol , unter welchen Umständen das neue Reich kommen und sein Besitzer erscheinen sollte. Die rührendsten Bilder sind menschlich: er wird also, zwar von einer edeln Mutter, aber UNter Weh und Angst / unmittelbar vor des Drachen Schlunde , in äußerster Gefahr des Lebens und alle deß, was durch ihn werden soll, geboren. So kommt das Reich Gottes: so windet es sich, wie der erste Lichtstrahl im Schoos des ringenden Chaos, mit Mühe und Widerstand zum Anbruch — Der Drache ist eben sowohl Zeichen, d. i. Symbol, als die Gebahrerin: er in seiner Pracht so häßlich, als jene in ihrer Unschuld schon und edel. Blut ist seine Farbe, Ungeheuer seine Bildung : ein wildes, gehörntes, vielköpfiges Thier; keine Krone deckt sein Haupt, sondern (ein Unterschied, den Johannes sorgfältig beobachtet!) stolze, kriegerische Diademe seine Köpfe. Er ist mächtig, aber nur zum Verwüsten; Hörner gehen vor ihm e), und die schönen Himmelssterne schlägt sein Schweis zu Boden ; vor und hinter ihm ist- Alles in Aufruhr und Sturz zum Verderben. Er tritt vors Weib, daß er ihr Kind sreßek), aber es wird entrückt zu Gott und seinem Thron; da wird's erzogen, der wird sein Vater. Die Mutter bleibt unten ; aber auch ihr ist ein Ort der Sicherheit bereitet. Das Weib sioh in die Wüste, wo sie ihren s) Zachar. i, ig. Dan. 8, 10 ^, 1) Jer. 5r, Zl;. 286 III. Das Buch Ort hat/ von Gott bereitet/ daß sie sie daselbst ernähren 1260 Tage. Das Bild ist von der Maria genommen, die nach Aegypten flieht, und die Erfüllung desselben zunächst im jüdischen Kriege, auf dessen Dauer die Zahl der Tage weiset. Der Ermahnung Christi eingedenk, „wenn ihr den Gräuel der Verwüstung seht, so fliehet!" retteten sich die Christen bald zu Anfänge aus dem Getümmel, und auch von den vernünftigsten, edelsten Juden sagt Josephus: „sie retteten sich, wie aus dem Schiffbruch." Dem Scher also werden diese Bilder (zumal die Zahl der Tage schon bei Daniel ein prophetisches Zeitmaas war) Symbol der Errettung des Reichs Gottes in seinen ersten Gliedern, gleichsam in den ersten Hüllen seines irdischen Werdens. Die Perle war bei Gott; die Mutterschale dieser Perle ward hienieden dürftig, aber sicher gerettet. Der Drache geht zuerst der Perle nach. Und eS ward Streit im Himmel. Michael und seine Engel stritten mit dem Drachen / und der Drache stritt und seine Engel, und übermochten nicht und fanden im Himmel keine Stätte. Herausgeworfen ward der große Drache / die alte Schlange/ die der Teufel und Satanas (Verlaumder und Widersacher) heißet/ Et' / der die ganze Welt verführet: geworfen war er auf die Erde und seine Engel mit ihm geworfen. Mich dünkt, das Symbol sey durchhin verständlich. Der Feind alles Guten ist kühn genug, den Stifter des neuen Reichs bis zum Throne Gottes zu verfolgen; da treten gegen ihn alle himmlischen von der Zukunft des Herrn. 287 Machte. Michael und seine Engel ist ihr NameZ): ein Gottesheer von himmlischer Kraft ; Satan und seine Heere sind nichts dagegen; er stürzt, wo ist er? wo ist selbst seine Stelle Ir)? wo ist er gewesen? — In allen Zügen kann die mühselige Geburt, die frühe Gefahr, die Verfolgung, Flucht und dürftige Gestalt des Guten auf der Erde; aber auch seine hohe Abkunft, seine verborgne Macht, sein gewisser Sieg im Himmel der Wahrheit, nicht schöner geschildert werden, als in diesem vortrefflichen Symbol des Weibes und ihres himmlischen Knaben. Wiederum kann die Gestalt, der Grimm, der Trotz, die Grausamkeit, die Kühnheit des Bösen gegen das Gute, und endlich doch der gewisse Sturz und Niederlage desselben nicht treffender gewählt werden, als im Bilde des Drachen und seines Sturzes. Es ist die Geschichte der Welt, aller Zeiten und Völker: daher wird er auch mit seinen alten Ehrennamen benennet, daß er der sey, der von Anfang an die Welt verführt, geirrt, verderbt , vergiftet und betrogen habe, der Widersacher alles Guten, der Verlaumder aller Guten, Symbol und Urheber alles UebelS der Erde. Die Bedeutung des Bildes ist also ganz ohne Zweifel, sein Ursprung wird gewissermaßen mit der ersten Geschichte der Welt gepaaret. Nun erschallt das Triumphslied: Ich hörte große Stimmen im Himmel: ES ist daö Heil Dan. 10 , i3. U) Zachär. 3, s. Dan. s, 3Z. 288 HI. Das Buch und die Macht und das Reich unsevö Gottes und die Gewalt seines Gesalbten worden. Verworfen ist der Verkläger unsrer Brüder, der sie verklagte Tag und Nacht vor Gott. Sie selbst haben ihn überwunden durch das Blut deS LammeS und durch daö Wort ihres Zeugnisses, und beliebten ihr Leben nicht bis zum Tode. Darum freuet euch, ihr Himmel, und die darin wohnen! Wehe der Erde und dem Meer, denn der Satan kommt zu euch und hat großen Zorn und weiß, daß er wenig Zeit hat. Die Worte bestätigen, daß alles Symbol sey, vom Siege des Guten über das Bose, von Zukunft des himmlischen Reichs, trotz alles Widerstandes höllischer Machte. Es wird's, von seiner Geburt an, durch alle Perioden des Kampfs und der Ucberwindung. Der Streit geht bis vor Gottes Thron , Himmel und Hölle mischen sich und ringen im Kampfe: und NUN kommt Heil! so überwindet das Reich Gottes. Das Bild Michaels und seiner Engel, als eines Kriegsheers wird ver- lassen: das Abgcbüdete, die Schaar der Gute» steht da, die das Böse durch Geduld und Wahrheit, durch's Blut des Lammes und sein Zeug- Nißwort überwinden. Das Bild des Drachen und seiner Engel ist verschwunden; er steht, wie in der Geschichte. Hiobs, als Ankläger, als Verläumder unschuldiger Mensch da, der aber durch ihr Leben, durch ihr Aüsdauren und Sterben beschämt und widerlegt wird. Sie sind Lämmer , aber mit Löwcnmukhc biö in den. Tod : um der Wahrheit ihres Zeugnisses willen ist ihnen Seele und Leben nicht von der Zukunft des Herrn. 289 nicht tbcuer — So kommt das Reich Christi! so muß das Reich alles Guten kommen. Der Sieg wird im Himmel erfochten, und ist schon erfochten durch die Unschuld, Treue und Standhaftigkeit aller guten wahren Seelen ; er muß auch und 4vird, wiewohl spater und mit Mühe, auf der Erde offenbar werden. Als der Drache sah/ daß er geworfen war auf die Erde / verfolgte er das Weib/ die den Knaben geboren hatte. Dem Weibe wurden zwei Flügel 'gegeben eines grossen AdlerS/ daß sie in die Wüste flöge/ an ihren Ort/ wo sie ernähret wird Ein- Zeit und zwei Zeiten und eine halbe Zeit vor dem Angesicht der Schlange. Die Schlange schoß aus ihrem Munde hinter dem Weibe Wasser / wie einen Strom / daß sie sie durch den Strom weg- schwemmete; aber die Erde half dem Weibe. Sie öffnete ihren Mund und verschlang den Strom / den der Drache aus seinem Munde schoß. Da ward der Drache zornig über das Weib und gieng hi»/ Krieg anzufangen mit den Uebrigen ihres Geschlechts, die GotteS Gebote halten und das Zeugniß Jesu haben. Die Fortsetzung entwickelt das Bild weiter. Bor Gott, im Reiche der Wahrheit, ist die Sache entschieden; auf Erden, im Reiche der Sichtbarkeit und des Scheins, tobet noch, wenn der leere Schlag geschehen ist, der taube Donner nach. Der Sohn ist dem Drachen entgangen; das Weib, die Mutter, verfolgt er, und da auch sie ihm entgeht, die andern Irdischen ihres Geschlechtes. Kann der Feind Heeders Werke z. Rel. u. Theol. VII, T 29 » III. Das Buch das Gute nicht zernichten; so verfolgt er die Guten, seine irdischen Werkzeuge und Glieder. Die Art der Errettung des Weibes ist nach dem vorigen Bilde und aus der jüdischen Geschichte. Ihr werden Adleröschwmgeit gegeben / d. i. schnell und wunderbar, wie dort Israel aus Aegypren i) wird sie gerettet: Gott trug sein Volk auf Adlers- flügeln in die Wüste / den Ort ihres Aufenthalts, unmittelbar vor dem Anblick des Drachen. Die 126» Tage heißen hier Eine Zeit/ zwei Zeiten und eine halbe Zeit / und sind also so viel Jahre: genau die vorige Zeit des jüdischen Krieges. Die Ausdrücke sind aus Daniel k) und ganz eigentlich; wer mystische Chronologien auf sie baut, hat sic nie verstanden. Statt Jahre werden aber Zeiten genannt und diese so abgetheilt, um recht mildernd zu sagen, daß jede Stunde gezahlet sey, und sie keine halbe Zeit über ihre Bestimmung in der Wüste bleibet). Der Drache schießt ihr einen unschädlichen Wasserstrom nach; einen Feuerstrom kann er nicht mehr schießen, und auch jenen verschlingt die stille, kalte Erdern) — das schönste Bild vergeblicher Mühe und Verfolgung. Wie Wasser in der Erde versiegt, so verschwindet der Bösen List und Bosheit. Ergrimmt wendet sich der Drache von der, die vor seinen Augen lebt, ohne daß er ihr i) 2 Mos. ig, g. Es. ge>, it>. k) Dan. 7, 2b. l) Hiob, rg, 5. Matth. >1, r8. 3i. m) 5 Mos. 11, 1. — 7- von der Zukunft des Herrn. 29t zu schaden vermag, und wagtS mit ihrem zerstreuten Geschlechts — wo er sich gleichsam unsichtbar aus der Erde oder (nach einer andern Lesart) am Ufer des Meers verlieret. In den Drangsalen des jüdischen Krieges weiß jeder die Geschichte, auf die hier gedeutet wird. Der Haufe der Christen, Unter denen das Reich geboren ward (auf Erden Christi Mutter und Brüder,) retteten sich aus Judäa Und Jerusalem über den Jordan, und waren da sicher in dev Wüste. Flügel des großen Adlers trugen sie dahin: die Römer schadeten ihnen nicht, sondern förderten ihre Sonderung vom Aufruhr. Sie waren die vom ersten Friedensengel Brzeichneten, denen zu gut der andre die Zeit der Noch verkürzte, und die wir bald in einem völligen:, schöner» Symbol sehen werden. — Der Drache selbst, der Batet Und Ursprung des Bösen, ist ohnmächtig verschwunden; siehe, da treten zwei seiner Symbole und Stellvertreter auf, auf Meer Und Erde. Im Himmel stritt er, auf Erden verfolgte er; da es in beidcm ihm mißlang, steht er in seinen zertheilten Charakteren da, der unterdrückenden Macht/ der verführenden Arglist. — *)Jch stand (nach andern): Er stand am Sande des Meers / und ich sah aus dem Meer ein Thier aufsteigen / das hatte zehn Hörner und sieben Köpfe. (Ein Meerungeheuer also, H Kap. ich, t --- 10. (S. Zusatz 5 ) L 8 III. Das Buch 292 nach dem Orient das stärkste; an Köpfen und Hörnern, wie der Drache.) Auf seinen Hörnern zehn Diademe/ auf seinen Köpfen Namen der Lästerung. (Jene ebenfalls wie der Drache, jene und diese nach Daniels Bildern r>)bekannte Zahlen und Symbole der Macht, unterdrückender Gewalt und Verwüstung.) Das Thier'/ das ich sah / war dem Pardel gleich: seine Füße wie Bärenfüße, sein Mund wie Löwenmund: der Drache gab ihm seine Macht und seinen Thron und sein Ansehen. (Hier ist also die Deutung des Bildes selbst gegeben. Das Thier ist, da der Drache selbst nichts vermag, der irdische Repräsentant desselben an Macht, Ansehen, Blutgier, Verwüstung. Das bedeutet sein fleckiges Pardelftll, sein Barenfuß, sein Löwenmund: es brüllt, zertritt und zerreißt.) Einen seiner Köpfe sah ich / wie zum Tode verwundet; aber die Todeswunde ward heil und die ganze Erde gieng verwundernd hinter dem Thier. (Das Bild ist abermals nach Daniela); die Bedeutung desselben muß die Geschichte geben.) Sie beteten an den Drachen, der dem Thier die Macht gab und beteten das Thier an und sprachen: Wer ist dem Thier gleich? Wer vermag mit ihm zu kriegen ? (Die Anbetung und Bcwundrunq des Thiers ist in der Sprache trozi- Ler Götzen Key den Propheten.) Ihm ward ein Wund gegeben, zu reden große Dinge und Lä- ») Dan. l», »6. 7, 7. 8, 8. r>) Dan. 7, 8. von der Zukunft des Herrn. 293 sterungen; auch ward ihm Macht gegeben, Krieg zu fuhren 42 Monathe. (Noch aus Daniel: die Zeit der Monate ist die so oft beregte Zeit des jüdischen Kriegs, die bereits in Tagen, Jahren und auch schon in diesen Monaten angezeigt ist. Wir werden also immer näher auf etwas Historisches in demselben, das hier shmbolisirt wird, gewiesen.) Aufthät es seinen Mund, zu lästern Gott und feinen Namen und seine Hütte / und die im Himmel wohnen. Auch ward ihm (Macht) gegeben, Krieg zu führen mit den Heiligen und ste zn überwinden. Auch ward ihm Gewalt über alles Geschlecht und Volk / Sprache und Nation. (Noch näher also in der Bestimmung. Es soll Gott und alles Göttliche, wozu cs nicht kommen kann , lästern; das Heilige und Gute auf der Erde, wozu cs kommen kann, verfolgen, sie, wie ein wil- des Thier, zu Boden werfen und sich allgemeine, unwidcrsprechliche, eigenmächtige Gewalt nehmen.) Anbeten werden das Thier alle Bewohner der Erde / deren Name nicht geschrieben ist im Le- bcnsbuch des LammeS / geschlachtet von Anbeginn der Welt. (Der Zug vollendet seine Gestalt. Es ist ein allgemein anerkanntes, verehrtes Ungeheuer; alle, nur die Christen haben nichts mit ihm zu schaffen.) Was wäre es nun? was mags seyn? Johannes setzt bedeutend hinzu: wcr Ohr hat, höre! So jemand gefangen führt, der wird ins Gefängniß gehen: so jemand mit dem Schwert tödtet, der muß mit dem Schwert ge, tödtet werden. Hier ist Geduld und Treue der Heiligen. III. Das Buch Wir wollen, da über diese Thiere und was ihnen anhangt, so viel geräthselt worden, vorsichtig zu Werk gehen und unbefugt nichts annehmen, das nicht das Bild oder die Geschichte gibt. — Zuerst zeigt der Ausruf zum Schluß des Gemäldes, als Wink und Wegweiser seiner Bedeutung, daß von Zeiten des Aufruhrs die Rede sey, wo man ins Gefangniß führe und geführt werde, tödte und getödtet werde; wo Alles unordentlich, tyrannisch und gewaltsam zugeht. Rur dis Heiligen sinds, die in ihm Geduld, Stille, Treue und Glauben beweisen; das übrige hangt dem Thier an. Zweitens. Alle Symbole des Thiers bezeichnen Zeiten einer solchen vielköpfigen Menge und schrecklichen Unterdrückung: seine sieben Kopfe und zehn Hörner, seine Lasterungsnamen und vielen Diademe, seine Barenfüße und Löwenmund; lauter Symbole des Zertretens, der Blutgier, des frechen Lästerns, der üppigen, vielköpfigen Macht und Hoheit. Die Hauptgcstalt ist der Pardcl, dessen gesprengtes Feil und innere Blutgier bey allen Völkern das Bild einer veränderlichen, wülhenden Menge geworden und hier, mit den andern Charakteren vergesellschaftet, offenbar ein ausgelassenes Unthier, ein unzähmbares , mächtiges Ungeheuer bedeutet. Drittes. Endlich hat's Johannes schon selbst genannt und im Vorigen bezeichnet: das Thier NUS dem Ab- gründe war's, was mit den zwei Zeugen kämpfte und sie überwand. Und wer war dies? wer kann auch dies Bild, nach Josephus, anders seyn, als — der Aufruhr, der wüthendc Zeloteneifcr, Zug für Zug trist die Beschreibung auf «ne Zeit, die von der Zukunft dos Herrn. 295 ZosephuS nicht schrecklich genug schildern kann p). „Es war, sagt er, Aufruhr in Aufruhr: die Stadt wüthetc gegen sich, wie ein wildes Thier, das, aus Mangel der Nahrung, seine eignen Eingeweide frißt." Eine gefleckte, blutgierige Tyrannei, die sich über Freunde und Feinde eine Herrschsucht anmaßte , von der keine Zeit der Unterdrückung je gehört hat: man raubte, mordete, würgte, brennte, verschlang. Mit Bärcnfüßcn standen sie auf den Haufen der Leichname und stritten von denselben, als ob sie auf ihren Feinden ständen; ein geringer Argwohn, daß jemand den Römern wohlwolle, reizte den fleckigen Pardel zum Blut. Mit Löwenmunde brüllte er Lästerung gegen Gott und seine Hütte, verunreinigte den Tempel mit Blut und Leichnamen. Tag und Nacht war ein unaufhörliches Geschrei und Brüllen. Die Greise seufzten und wünschten , daß der Krieg , käme und sie von der Quaal befreite ; alle aber hatte solche Furcht, solches Sclayenschrccken überfallen, daß keine Ueuße- rung möglich , und jedem, der am Leben bleiben wollte, nichts ralhsam war, als anbcten das Ungeheuer, seinem wüthenden Gange in tauber, stummer Verwundrung folgen. Es war nur Eine Stimme in der Stadt: wer ist dem Thier gleich? wer darf mit ihm kriegen? Seitdem Ananus unter seinen Klauen erlegen war; war seine Todcs- wundc (er war der Einzige, der sic ihm geben konnte!) heil; nun fand eS keinen Widerstand p),u. IV. 0. r — 6. 109. 2)6 III. Das Buch mehr; alles war hinter ihm und cs brüllte est — Es war ihm gegeben, daß es mit ihm 42 Monate wahrte, d. i. bis aufs letzte Ende des jüdischen Krieges: denn da auch Tempel und Burg hin war, nur mit dem letzten Funken der Einäscherung Jerusalems, erstickte die wüthende Flamme der Tyrannei und des Aufruhrs, Insonderheit, dünkt mich, werde in diesem ersten Bilde auf die Tyrannei des Aufruhrs gesehen, sofern Simon G0tt0il ihr Haupt warr). Wir sahen diesen Räuber schon, wie einen tollen Hund, (nach. Josephus Ausdruck) das Gebirge durchstreifen, pnd da ihm sein Weib geraubt war, Jdumaa und Judäa verwüsten; nach Ananus Tode, gerade im Zeitpunkt dieses Gesichtes, ward er nach Jerusalem eingeladen, der Hohepriester selbst zu ihm abgcfertigt; er ließ sich lange bitten und zog endlich, glS Herr, als Erretter und Befreier, unter allem Zurufen des Volks, in die Stadt ein : genau, wie dies Bild beschreibet: Wer war ihm gleich? wer konnte mit ihm streiten? Er, der mächtigste unter den Tyrannen, ward auch ihr Aergster: den Hohepriester Matthias selbst, der ihn i» die Stadt gebracht hatte, zertrat sein Fuß und ließ ihn unbegrabcn liegen : seine drei Sohne, viele Eheln, unzählige vom Volk dergleichen. Das y) S, Ananus Rede ans Volk (G I V, c. g.) gegen den Aufruhr, wo die Wuth desselben und des Volks sclavische Feigheit wachtig geschildert sind, v) 1^, IV. 0 . g, reij, ' ^ v o n d e r Zukunft hes Herrn. 297 Thier stritt und würgte und brüllte und raubte, bis cs Titus zuletzt, nach eingenommener Stadt, in unreinen Höhlen der Erde sieng. Her leibhafte Stellvertreter des Satans, Neben ihm stand ein anderer. Ich sah ein Thier aufsteigen aus der Erde: es hatte zwei Hörner/ gleich dem Lamm / redete aber wie der Drache. Es hat auch alles Ansehen deö ersten Thiers/ neben ihm, vor seinen Augen, Ja es macht / daß das Land und seine Bewohner anbeten das erste Thier / dessen Todeswunde nun heil war, Es thut große Zeichen/ so daß es auch macht Feuer vom Himmel fallen auf die Erde vor den Menschen. Und verführt die Bewohner der Erde durch die Zeichen/ dem Thier/ das die Wunde vom Schwert hatte und lebet / ein Bild zu machen: ja eS ward ihm gegeben / das Bild des Thiers zu beleben / daß eS sprach / und macht / daß/ wer das Bild nicht anbetete / getödret würde» Es macht / daß alle/ klein und groß / reich und arm / Knechte und Freie/ ihnen einen Namenszug geben auf ihre rechte Hand und auf ihre Stirn; und daß keiner kaufen oder verkaufen könne / er habe denn diesen Zug / den Namen des Thiers oder die Zahl seines Namens. Hier ist Weisheit. Wer Sinn hat / berechne die Zahl des Thiers; eS ist Menschenzahl : die Zahl heißt M (666.) *) K(!p^ i3, 1t — II, ss!- 398 III. Das Buch Ehe wir sie berechnen, lasset uns die Züge im Bilde dieses zweiten Thiers erst verstehen lernen. Es ist ein scheinheiliges Thier, von innen Drache, von außen Lamm, wie Christus die falschen Propheten verkündigt. Es hat nicht die offenbare Macht- und Wuthgestalt des Ersten; aber alle sein Ansehen neben ihm, wird sein Helfer, der Zweite im Range, gleichsam seines Götzenbildes Prophet und Priester. Was kein falscher Prophet konnte, worauf Elias alle Baalspfaffen herausfordcrte») , kann dieser: er läßt Feuer vom Himmel fallen vor den Menschen. Was kein Götzenpriester konnte, worauf alle Propheten Gottes sie und ihre stummen Klötze heraus fordern t), daß sie sprechen, daß sie leben sollen; das kann dieser. Er belebt des Thieres Bild, es spricht, es lebet. Nun muß, nun soll ihm alles knieen: der Götze wird Landesabgott und Jedermann zu seinem Sklaven bezeichnet. Wer ihm nicht dienen will; (das sanftmüthige Thier sprichts und will seinethalb nicht vergebens göttliche Wunder gethan haben) der muß sterben — Kurz, dies zweite Thier ist, wie es auch nachher genannt wird u), der falsche Prophet/ Verführer und Wundcrthgter unter die Gewalt des Aufruhrs. Daß in der jüdischen Geschichte so etwas gewesen , daß der ganze letzte Krieg von diesem Geist s) r Kön. >8. rl Jcs. ho, h>. hh. st n) Offenb. 16, ilj. ig, 20. von der Zukunft des Herrn. 299 belebt sei), bezeugt Jesepbusv). Mit Wundcr- thätcrn und falschen Propheten sing er sich an: Theudas führte Mengen über den iJordan, und versprach ihn zu theilcn: Ein Betrüger, Aegypter, Magus kam nach dem andern, der das Volk in die Wüste, auf den Oelberg, in den Tempel lockte und immer Wunder versprach. Die Mauern sollten stürzen, Feuer vom Himmel fallen und die Feinde verzehren, jede Stunde sollte ihnen ein Zeichen göttlicher Errettung werden. Deß bedienten sich wahrend der Belagerung und des größten Elendes die Tyrannen vv); munterten das Volk immer durch falsche Propheten auf und hieltens in Erwartung, sprachen bis auf den letzten Augenblick von göttlicher Hülfe; selbst da der Tempel in Flammen stand, war noch eine Menge Volks zu ihm hinaufgedrungen, jetzt, jetzt in ihm das Zeichen göttlicher Hülfe auf's Wort eines Propheten zu sehen —- So betrogen und weissagten sie sich in ihr Elend! sy mußte die Schwärmerei dem ssebermuth ihrer Tyrannei dienen- Dies war die Prophczeihung Christix): djeß ist das Bild- Mich dünkt aber, daß zur Mündung desselben noch etwas seble, und auch hier giebt die Geschichte Auskunft. Wie nchmlich der Scher den wüthenden Machtaufl'llhr unter den Nlächtigftm Tyrannen, Simon, bringt; so führt er den tM« v) tg. 2, L. II, 12. §09, IV s l.. 7 . 0. II. X) Matth, ?!j, 2g. 3 oo IH. Das Buch schlaguen, betrügerischen/ heuchlerischen List- anfruhr unter den verschlagensten Tyrannen, Johannes Levi/ der neben Simon herrschte. Was Simon an Trotz und Macht war, war jener an List und Betrug: er hatte Josehus, Titus, Ananus , die Zeloten, das Volk, Gott und die Welt betrogen)'), Den Josephus betrog er und verlaum- dcte ihn bei der Stadt 2): den Titus , und entkam unter frommem Vorwand: den Ananas, dem er Treue schwur und seine Anschläge an die Feinde verrieth: die Zeloten, denen er Rauben, Morden, Schand und Laster erlaubte, und sie unter Gottes Namen auf die Schlachtbank lieferte: das Volk, dem er der Römer Heer, als ob cs ihnen selbst picht entfliehen könnte, äußerst verächtlich machte, und also alles für den Aufruhr that. Demüthig Und gefällig trug er ihm Zeitungen zu, trug zu seinem Anschn Key, was er konnte; da Eleazar gestürzt war, saß ec wie der falsche Prophet .im Tempel , beraubte denselben, und war Tyrann der Scheinhelliqkeit und Gottlosigkeit an Simons Sei- se a), Zu morden und zu plündern waren sie l,. 2. 0, 21. (oder 26.) Josephus nennt ihn ?) II,. h. 0. 2, Xl» Tra.-xlXünnro; rk> n. 3. secj, Noch I,. 7 . c. 8. heißt er '-Vy E inglcichcm o n/e L) lu. 5. c. t. 5. von der Zukunft des Herrn. Zc>t Eins Ir) und schickten sich einander die Schlachkopfer zu. Sein Sitz, der Tempel , der Mittelpunkt der Hülfe seyn sollte, ward Werkstatte der List und Betrügereien, wie Josephus theils allgemein, rheils in Proben anzeigt. Kurz, er war das zweite der Ungeheuer, schwacher als Simon, an Arglist und Heuchelei ihm überlegen und an Blutdurst ihm gleich. Beide Ungeheuer, das Thier und der falsche Prophet, kamen lebendig in Titus Hände. Nun zeigt es aber das ganze Buch, daß dem Seher Johannes eigentlich nicht an einer Geschichte des Aufruhrs oder seiner Urheber, als solcher, liege; sie sind ihm blos Symbole zu höherem Zweck / die Geschichte der Zerstörung nur Anlaß der Zukunft eines höheren Reiches. So stehen auch diese Phänomene auf dieser Stelle. Das Reich des Messias soll kommen : im Himmel ist seine Ankunft schon ausgerufen; auf Erden aber stehen noch die Statthalter des Drachen, Gewalt und List/ Tyrannei Und Verführung / em Ungeheuer des Meers und der Erde: sie müssen hinweggethan werden, daß Christus zu herrschen Stelle findet. Kurz, eS ist der Begriff des AlttichtststS / wie in Jesus und Paulus gaben. Jener c) weissagt Aufruhr und falsche Propheten : dieses spricht ä) vom Widerwärtigen GotteS/ als einem Ungeheuer der List und mächtigen Bosheit. Hier steht sein Bild in k>) ld. 5. c. 6. i3. »e7 schriebe: Gcheimniß! Aufruhr! der Widerspenstige gegen Gott! der Antichrist! die Schein- zahl 666. Ich sah und siehe das Lamm/ stehend auf dem Berge Sion, und mit ihm 144,000, die den Namen desselben hatten und den Namen seines Vaters, geschrieben auf ihren Stirnen. Ich horte eine Stimme vom Himmel, wie daü Rauschen vieler Wasser, wie die Stimme eines großen Donners, wie Stimme der Harfenspieler, spielend auf ihren Harfen. Sie singen ein neues Lied vor dem Thron und vor den vier Lebendigen und den Aeltesten: niemand konnte das Lied lernen als die 144,000 Erkauften von der Erbe. Diese sindö, die sich mit Weibern nicht besteckten: Jungfrauen sind sie, die dem Lamme folgen, wohin eö gehet. Sie wurden erkauft von den Menschen, als Erstlinge Gott und dem Lamm, in ihrem Munde ward kein Trug erfunden: unbefleckt sind sie*) Ein offenbares Gegenbild der vorigen Scheusale der Erde. Unten herrscht der Drache durch seine Ungeheuer, List und Gewalt; hier steht das Lamm, heilig und unschuldig auf dem heiligen Berge. Jenes Thier reißt mit Grausamkeit die Menge zu sich, daß es ste mit Füßen zertrete; hier stehen die viele Tausende freiwillig crkohcner. Jenen ward der Namenszug des Thiers aufgedrungen; diese haben den U , ') Kap. 1 !», i — 8- Zo8 III. Das Buch heiligen Namen, als Ehrenzeichen, an ihren Stirnen, (nicht als Sklaven an ihrer Hand.) Unten, im Reich der Thiere, ist Klirren der Kette, Geschrei, Aufruhr und Elend; hier einmülhigec, freier Lobgesang, obwohl eines Meers von Stimmen und Personen. Ein neues, hohes Lied ist in ihrem Munde; niemand kann's singen, der nicht zu ihrer Zahl gehört, den Gott und das Lamm nicht erwählte. Unten ist List und Trug: hier unverfälschte Redlichkeit und Einfalt. Unten Hurerei Ir) und Gräuel; hier jungfräuliche Neinigkeit, Vertraulichkeit mit Christo und Lammesfanftmuth. — Wie, wenn am Fuß des Berges Blitze fliegen und Donner rasseln und verpestende Nebel sich wälzen, und oben auf dem Gipfel ein Paradies ist, voll Frische und Licht und Gesang und seliger Eintracht; so folgt dies erquickende Bild auf die, so vor ihm K) „Mord der Männer', Schande der Weiber waren ein Spiel. Mit -Blut soffen' sie die Beute und ließen weibliche Schande mit sich treiben, bis sie genug hatten; sie schmückten ihr Haar, trugen Weiberkleidier, salbten und schminkten sich, ahm« ten die Brunst der Weiber nach und erdachten bis zum Uedermaas unerhörte, unerlaubte Wollüste. Sie wälzten sich in der Stadt, wie im Hurenhause, und befleckten sie überall mit unreinen Werken. Das Gesicht wie Weiber geschminkt, mordeten sie mit der Rechten u. f." losspli. h. o. g. Und eben der scheinheilige Johannes Levi wars, der seiner Parthei solche Gräuel erlaubte. von der Zukunft dcS Herrn. 3vg stehen. Die vor dem letzten Siegel Erwählte, de» nen zu gut vor der letzten Trommetc die Zeit der Noth gekürzt ward; die stehn hier unter allen Gräueln bewahret, ruhig und glücklich. Der Charakter , in dem sie erscheinen, ist das Gepräge des Christenthums, und ganz in Johannes Charakter. — Wir eilen weiter, um zu sehen, was mit dem Reiche des Drachen werde, damit das Reich erscheine, zu dem sie, als Erstlinge, erwählt sind. V. *)^ch sah einen andern Engel/ stiegend durch Himmels Mitte/ der hatte das ewige Evangelium zu verkündigen den Bewohnern der Erde/ über alle Völker/ Geschlechts/ Sprachen und Nationen. Er sprach mit großer Stimme: fürchtet den Herrn und gebet ihm die Ehre; denn die Stunde seines Gerichts ist kommen. Betel an/ der gemacht hat Himmel und Erde und das Meer und die Wasserguellen. Ein anderer Engel folgte und rief: gefallen ! gefallen! Babel/ die große! mit dem Zorn- wein ihrer Unzucht hat ste gctränket alle Völker. Ein dritter Engel folgte ihnen und rief mit großer Stimme: So jemand das Thier au- *) Kap. itz, 6 — (S. Zusatz b.) 3io IH. Das Buch. bcter und seilt Bil»d/ und nimmt den Zug seines Namens an Stirn und Hand; auch Er wird trinken von dem Zornwcin Gottes/ dem reinen / dem ungemischten,- im Becher seines Zorns, und wird gequält werden mit Feuer und Schwefel vor den Heiligen nnd vor dem Lamm. Der Rauch ihrer Quaal wird aufsteigen in die Ewigkeiten der Ewigkeiten. Sie haben keine Ruhe Tag und Nacht, die das Thier anbeteten und sein Bild / und wer annimmt den Zug seines Namens. Hier ist Geduld der Heiligen: hier sind die Gottes Gebot halten und die Treue Jesu. (Was dort Babel heißt, heißt hier das Thier; es ist also die Stadt, in der der Aufruhr wüthet. Er wüihct noch, deswegen rufen und eilen die Himmelsboten. Die Heiligen sollen nicht ablaffcn, am Gebot Gottes zu halten, und, als Knechte, die Treue Jesu zu bewahren: denn der Leichter kommt und bleibt nicht aus. Je langer er zögert, desto harter wird das Gericht styn; je mehr der Becher der Unzucht, der Wuth, der Verführung schäumet, desto mehr wird der Zornwein des Gerichts Gottes berauschen. Wie jetzt das Geschrei ihrer Sünden empor steigt, wird der Rauch ihrer Quaal empor steigen: wie sie jetzt in Gräueln, werden sie nie einst Ruhe haben. Schreckliche Drohung! schreckliche Zeit, die solche verdienet!) Ich hörte eine Stimme vom Himmel / die sprach: Schreibe! Selig sind die Todter,/ die im Herrn sterben von nun an. Ja, spricht der Geist / sie ruhen von ihren Leiden und ihre Werke folgen ihnen nach. Dor Himmel selbst bemitleidet den Jammer. Wohl dem, ruft die Stimme, den ein schneller, seliger Tod trifft! Und das Echo des Geistes drunten antwortet: ja selig! seine Quaal hieniedcn hat ein Ende, und wo er ist, ist der Lohn seiner Werke mit ihm — Rührende Stimme! Rührender Nachhall!!) Ich darf die Bilder'in der Botschaft der Engel nicht weitlauftig erklären: sie sind aus den stärksten Stellen der Propheten über das üppige und Abgöttische Babel. Hier ist ein solches, mit dem Bilde des Thiers und Babel» Lastern bezeichnet. Wie es im A. T. gewöhnlich war, daß sowohl Sünde und Schande, als Strafe und Gericht unter dem Bilde des schaumendvollen, berauschenden Weinbechcrs in) vorgestellt wird, so auch hier. Wie dort Babel siel n), soll auch diese Babel fallen, die des Namens Jerusalem nicht werth ist. Wie über Sodom ewiger Rauch und Schwefel auf- - » !) Josephus äußert eben zu dieser Zeit und an diesem Orr es als allgemeine Empfindung: „Die Grausamkeit der Tyrannen sey so groß, das Mitleid in ihrem Herzen, gegen Lebendige und Todte, so erloschen, die Furcht für ihnen so schrecklich gewesen, daß man die, so früher um- kamcn, als Ruhende, selig pries, und die im Gcfangniß zu Tode gequält waren, auch unbe- grabcn, glücklich pries für denen, so auf den Straßen lagen." L.. 5. c. 2. III. Das Buch 3i,v stieg, sollen sie auch von diesem Sodom (in Gegenwart der Engel und aller Geretteten) aufsteigxn c>). Wie die Rotte Korah lebendig heruntcrsuhr x) und rastlos unter der Erde wimmert: so auch sie — Dies ist dex Ursprung der drohenden Worte. Die tröstende Stimme an die matten Knechte Gottes, bedarf keiner Erklärung. Als Knechte, die sich nach der Ruhe sehnen, bekommen sie Ruhe g) und keins ihrer Werke bleibt unvergoltcn. Der Gerechte wird wcggerafft vor der Plage und kommt zur Ruhe und schläft in seiner Kammer r), Drei Boten des Unterganges sind vorüber: es erscheinen zwei andre Zeichen, Jene riefen dem Ohr, diese dem Auge, *) Ich sah und siehe eine weiße Wolke und auf der Wolke sitzend Einer dem Menschensohn gleich. Er hatte auf seinem Haupt eine güldnc Krone und in der Hand eine scharfe Sichel. (Der Herr, der gekrönte Königs) der Ernte, hebt also die Sichel zuerst). Ein anderer Engel gieng ans dem Tempel / der schrie mit lauter Stimme zu dem/ der auf der Wolke saß: schlage au die Sichel und erntet Die Zeit zu ernten ist kom- o) Jes. öl, 8 — IO, x) li Mos. 16, Zs — Atz. yl Hiob 7, 6 . r) Jes. 26, 20. Mich. 7, 2. Wcish. 3 , ,, Kap. it^, iU — 20. s) Dan. io, 17. 7, i3, von der Zukunft des Herrm 3i3 men r dürr ist die Ernte der Erden. Der auf der Wolke saß/ schlug an die Sichel auf die Erde: die Erde ward geerntet. DK Deutung ist aus dem Gleichnis Jesu klar t). Hier kommt der Diencx der Ernte selbst aus dem Tempel, anzeigend , daß Alles zum Ende reif sey n). Ein anderer Engel gieng aus dem Tempel im Himmel; auch Er hatte eine scharfe Sichel. Ein anderer Engel kam vom NüuchalM/ der hatte Macht über das Feuer, der rief mit großer Stimme zu dem/ der die scharfe Sichel hatte: schlag an die scharfe Sichel und schnei- r) Matth. i 3 , 3 ? — HA, u) Joel 3 , 18. ig, (Schön paßt kn den Zusammenhang die Erklärung des Bcrfassers der „Siegesgeschichte des Christenthums" (»798) von dieser Stelle: „Der Engel, welcher auf der weißen Wolke sitzt, ist der frohe Todesbote, dev Heimführer aller seligen Geister, der Lodesengel der Frommen; er ruht auf einer weißen Wo lke, die nicht mit Donner und-Blitz schwanger ist, sondern zum Triumphwagen und zur seligen Heimfahrt dient; seine Siegerkrone tragt ?r deswegen, weil er lauter Kämpfer abholt, die gesiegt habend u. s. w. (Will man die Bilder von Jerusalems Zerstörung hernehmen, so könnte die Pest darunter verstanden seyn, die viele Lausende in der Stadt von noch größerem Unglück errettete,) U»m- d. Herausg. 3i4 HI- Das Buch de die Trauben deö WcinstockS der Erde: denn seine Beeren sind reif. Anschlng der Engel seine Sichel an die Erde und schnitt den Weinstock der Erde und warf ihn in die große Kel, ter dcS Zorns Gottes. Die Kelter ward außer der Stadt gekeltert: Blut stoß aus der Kelter biö an'S Gebiß der Pferde/ »600 Stadien weit. Dies war der größcstc Umfang des jüdischen Landes, das gleichstem gan; von Blut floß! von Blut bis an die Gebiße der Pferde. Schreckliche Bilder! Grausende Vorstellung, daß ein ganzes Land ein abzukelrernder Weinstock sey! ein ganzes Land dürre Ernte! Und Judäa war's; schon floß dies Blutbad außerhalb der Stadt , in sie sollt's kommen. — Und abermals ist's der Engel vom Nätlchaltar/ vom Altar der Gebete, der diesen Fluch auSrufl; er, der sonst im Feuer gleichsam mit der Lohe des Weibrauchs herauf fuhr x). Der Engel des Feuers nämlich, und eben vom Tempel aus sollte, auch der Geschichte nach)'), alles enden. Um den Tempel ward Alles zuerst verbrannt, in ihm, da die Stadl untcrgieng, zuerst die Kelter des Bluts gekeltert. Ein solches Ende war jetzt schauerliche Wohllhat. Beide Bilder, der Ernte und Weinlese, sind so schwül und drückend, daß man gleichsam alle Elemente nach Erlösung seufzen Hort 2 ). — x> Nicht. i3, ig. 20 , )>) sosoxli. l. 6. 0. 2 — 4. r) Jes. 17 , 5. 2cr. Li, 33. von der Zukunft des Herrn. 3iL Sie kommt auch bald. *) Ich sah ein andor Zeichen im Himmel / groß und wundersam: sie- den Engel/ die hatten die sieben letzte Plagen, daß mit ihnen vollendet wurde der Zorn Gottes. Das Bild dieser Plagen ist aus der ägyptischen Geschichte vor Israels Ausganges); und eh sie beginnen, sehen wir abermals das gerettete Israel an seinem Meer des pobqesangcs voraus. Ich sah, Wie ein kryftallen Meer, gemischt mit Feuer. Und die, so Ucberwinder waren am Thier und seinem Bilde und seines NamenS Zahl; sie sinn- den am krystallncn Meer und hatten Gottes Harfen. Sie singen das Lied MoscS, des KnechtS GotteS, und das Lied des LammeS, sagend: Groß und wundersam sind deine Werke , Herr, Gott, Gott, du Allbchcrrscher! Gerecht und wahrhaftig sind deine Wege, du König der Völker! Wer sollte dich nicht fürchten, Herr, und deinen Namen preisen? Du allein bist heilig! Alle Völker werden kommen und an- beten vor dir, denn deine Gerichte sind offen- bar worden. Ihr Lied ist nach dem Liede Moses , da Israel das rothe Meer hindurch war, und Aegypten in die Tieft gestürzt lag. So stehn auch sie an einem Meer: der Flug ihrer Harfen hat das Ausgießen der Plagen schon überlebt: sie preisen Gott über den Ausgang seiner Gerichte, Kap. 16. o) 2 Mos. 7 — cc>. t>) 2 Mos. iS, >. rr. Ps. ig.5, 17- UI. Das Buch 3u6 wenn Alles wird vollbracht seyn, und ihnen ist schon alles vollendet. Der Fuß des Stuhls Gottes ist wie Krystallmcer; jetzt zwar ist diese schone Blaue niit Feuer gemischt, und der Blick des Sehers reicht gleichsam nicht höher an den Thron, der mit Wolken des nahen Gerichts bedeckt ist — aber in ihrem Liede sind schon vorbei diese Gerichte; Feuer und Wolken sind dahin, und Gott der Herr ist allen Nationen anschaubar gnädig. Nach diesem sah ich: aufgethan ward der Tempel der Hütte des Zeugnisses im Himmel. ES giengen die Engel / die die sieben Plagen hatten/ heraus aus dem Tempel angethan mir reiner/ weißer Leinwand und gegurtet nm die Brust mit goldnen Gürteln. Der Anbruch dieser letzten Gerichte! Es sind himmlische Priester, die die Plagen austhcilcn sollen; es ist Zorn Gottes gleichsam, in heiligen Dpferschalcn a). Eins der vier Lebendigen gab den sieben Engeln sieben goldne Schalen/ voll ZornS Gottes/ des Ewiglebenden. Der Tempel ward voll Rauch von der Herrlichkeit Gottes und seiner Macht: niemand konnte hinein gehen in den Tempel/ bis die sieben Plagen der sieben Engel vollendet waren. Lauter Bilder des A. T, von der Majestät und dem Ernst Gottes des Richterscl). Ich hörte eine große Stimme aus dem Tempel/ die cs Ezech. 22, 3 i. 5 Mos. 82, 22. ho. ll> 2 Mos. hn, hi, 1 Kön. 8, 10. Es. 6, h. Ezech, hh, h. von der Zukunft des Herrn. 3t? sprach zu den sieben ßngeln: Gehet! gießet ans die Schalen des Zorns Gottes auf die Erbe. Hingieug der Erste und goß seine Schale auf die Erde: eö ward ein böseS/ giftiges Geschwür au den Menschen/ die den Namenzug dev Thiers hatten und sein Bild anbeteten. Wie dort die Trommeten, treffen hier die Scholen; die vier ersten beziehen sich auf einander und treffen Erde, Meer, Ströme, Sonne: alle Elemente werden von der letzten Plage berühret. Die Würkung der ersten ist das böse Geschwür an der Stelle, wo das Gepräge des Thiers war. Sie fangen an, ihr ei» gen Brandmal, wie die Zauberer Aegyptens dort ihre nichtige Künste) , mit scheußlichem Schmerz zu fühlen. Der zweite Engel goß seine Schale ins Meer: eS ward Blut/ wie eines Todten: alle lebendige Seele starb im Meer. Jerusalem floß von Blut: cs lag voll von Leichnamen, in Hausern ,, Gaffen, Mauern, dem Tempel. Der dritte Engel goß seine Schale auf die Ströme und Wasserbrunen: sie wurden Blut. Ich hörte den Engel des Wassers sagen: gerecht bist du/ der ist und war und kommt! der Heilige! daß du so richtest. Blut der Heiligen und Propheten haben sie vergossen: Blut hast du ihnen zu trinken gegeben; denn sie sinds werth. Die Noch in Jerusalem wird entsetzlich. Ihnen gebricht Wasser: die Quellen und Brunen sind voll von Leichnamen und Blut, sie trinken Blut; der En- e) r Mos 9/ 9 — n- 3,8 III. Das Buch gel des Wassers fühlt göttliche Rache. Ich hörte eine Stimme vom Ränchaltar/ die sprach.- Ja/ Herr/ Gott/ dn Allbeherrscher: wahr und gerecht sind deine Gerichte. Der vierte Engel goß aus seine Schale in die Sonne: ihm ward Macht gegeben/ die Menschen im Feuer zu glühen. ES glüheten die Menschen in großer Glut/ und lästerten den Namen Gottes / der Macht hat über diese Plagen / und kehrten nicht UM/ ihm Ehre zu geben. Schrecklich strenge Wahrheit?)! Antonia war eingenommen und die Römer sicngen, da sie nicht anders konnten, mit Feuer an. Die Juden selbst lockten sie in den Borhof des Tempels unter brennendes Pech und Schwefel; sie giengen ihnen also mit Brennen vor. Der ganze Tempel gerieth endlich in Feuer; der Boden lag voll Tobten, daß man auf lauter Leichnamen gieng; im Vorhofe waren 6000 Menschen, die im Feucp umkamen oder nicdcrstürzten: die ganze Gegend umher war, wie ein Glutofen ; und doch nirgend Umkehr und Acnderung der Gedanken. Die Priester wehrten sich mit Feuerspießen und wichen hinter eine Mauer, wo sie vor Glut verschmachten wollten; das betrogne Volk hoffte aus den Flammen des Tempels göttliche Rettung, und die Tyrannen verübten, was gleich die fünfte Zornschale zeigt. Der fünfte Engel goß seine Schale auf den Thron dcS ThierS. Sein Reich ward verfinstert; sie zerbissen ihre Zungen vor Schmerz und lästerten den Gott deö Himmels über ihre» k) sosepll. l. 6. 2 — g. von der Zukunft des Herrn. 3 19 Schmerz und ihre Drüsen; und kehrten nicht um von ihren Werken. Dos Bild ist von der Finsterniß Aegyptens g) und von dem grausamsten Schmerz der Verzweiflung, da ein Toller, der nirgend Ausgang sieht ia), statt Rath anzunehmen, sich die Zunge vor Wuth zerbeißt; es ist traurige Wahrheit dieses Zeitpunkts. Da der Tempel im Brande stand, gab Titus den Tyrannen nochmals Gehört): sie ergaben sich nicht; sie sagten, sie hätten Gott einen Eid geschworen, sich nie zu ergeben, und verließen sich auf ihre dunkeln Gange. Nacht war um sie: Verzweiflung und Tollkühnheit in ihrem Herzen: wer von den Ihren fliehen wollte, ward getödtet, und nirgend konnten sie doch Rath, Hülfe, Rettung zeigen. Als Satane standen sie da, in erloschenem Glanz, und zerbissen ihre Zunge vor Schmerz, und ließen nicht ab von ihren Werken. Die -Römer selbst sahen die Zornschalc Gottes , und daß alles vom Kelch einer wilden Verblendung taumle. Josephus hat alle diese Plagen schrecklich beschrieben. Den Hunger, den giftigen Gestank, die Drüsen und Hungerbeulen: den Tod, wie alles voll Leichname lag, und ihnen Wasser fehlte und sie Blut und Eiter trinken mußten und eine Mutter ihr eigen Kind fraß; den Durst im Brande, ß) 2 Mos. io, 2 ,.. K) Jes. 8, Li. - 2 . i) I.. 6. e. 6. Z20 III. Das Buch wie ein Knabe kam, mit Lebensgefahr flehentlich einen Trunk Wassers begehrte, und hinlief und es den Priestern brachte: die letzte Wuth der Verzweiflung endlich, wie mit allen Gerichten und Plagen, als obs sichtbar dunkel um sie warek), nur die Vermessenheit zunahm. Dtt sechste Engel goß seine Schale ans den großen Strom Euphrat: der Strom trocknete auö/ daß den Königen von Aufgang der Sonne Weg bereitet würde. Ich sah nämlich ans dem Munde des Drachen und des Thiers und deö falschen Propheten drei unreine Geister gehn/ wie Frösche. Es sind Geister der Teufel/ die Wunder thun und ausgehn zu den Königen der Erde/ sie zu versammeln in Streit jenes großen Tages Gottes/ des Allbeherrschers. Vey allen Propheten ist das Austrocknen deS großen Stroms ein Bild schneller, wunderbarer göttlicher Hülfe I) , auf die man sich hier aus der weitesten Ferne her verließ, und darauf nach in der letzten Noth hoffte. Vom Aufgang her sollten Könige der Rettung kommen; ihnen und diesem Volk zu gut sollte der große, schnelle Strom, wie einst der kleinere Jordan in) versiegen: die Boten der Ueberredung, die sie dahin gesandt, waren ja mächtige, wunderthatige Geister; die Hülfe mußte kommen. k) Jes. 8, 21 . 22 . 1) Es. gll, 2/. Si, l». ni) Josua 3, von'der Zukunft des Hekrn. 321 kommen. Und siehe, cs waren Lügengeistern), unreine Frösche der Verführung, wie dort die Frösche der Zauberer in Aegyptens). Aller Beistand käme hier gegen den Herrn der Welt selbst, ins Thal der Niederlage, der bittern Klage. Siehe / ich komme alö ein Dieb. Selig / der da wachet und feine Kleider bewahret/ daß er nicht nackt wandlc und man seine Schande sehe. Er hat sie versammlet an den Ort / der da heißt auf Ebräisch Hermageddonr das Schlachtfeld bey Mc- giddo, das Feld der Niederlage und lauten Klagex)« Hier geschah die unglückliche Schlacht des Königs Josia, da er gegen den Herrn stritt und selbst sielt hier geschah um ihn die große Klage, die'dem Propheten Zacharias ein Bild wird von der letzten Klage zu Jerusalem bey dem Anblick dessen, den sie gestochen hatten, und nun beweinten. Die letzte Stelle zeigt den nähern Grund der Anspielung und die Geschichte erläutert Alles. Im letzten Gespräch, nach dem Brande des Tempels, wirft Titus den Tyrannen vorH, daß sie bis jenseit des EuphrcttS Unruhe erregen wollen, und wörtlich war theilS dazu Gelegenheit, theils zeigten sich davon Spuren. Eine Königin von Adiabene, die Jüdin geworden war, lag in Jerusalem begraben. Ihr Sohn, Jzates, wohnte zu Jerusalem und seine Kinder und u) r Kön. 22, 2v — 28. o) 2 Mos. 8. 3 — 7. p) 2 Kön. g. 2g. Zachar. 12, tl. l.. 6. a. 6. Herders Werte r>. Rcl, ü. Lheet. VII. T S32 III. Das Buch Brüder ergaben sich an TituS nur erst eben in dieser Zeitr), nach dem Brande des Tempels, einen Augenblick vorher, ehe die letzte Plage kam und die ganze Stadt übergicng. Die Aufwieglung jenseit des Euphrats war eben in den letzten Zeiten der Belagerung, da Vespasian schon Kaiser war, geschehen, wie Titus saget; und wirklich ward ein Lärm, daß Antiochus von den Römern abfallen wolle s): Samosala am Euphrat sollte der sichere Und schnelle Uebergang der Parther in Comagene werden u. f. Wie ein Nichts ward dieser ganze Aufruhr, der damals noch in Funken lag, gestillet; und der prophetische Blick wendet sich vom Nichts dieser Zauberei plötzlich ins Thal Hermageddon zur wirklichen elenden Niederlage Judaa's. Hier war alles Ein Schlachttag, Ein Weinen und Klagen; in und außer Jerusalem keine Hülfe, kein Trost. Alle Geschlechts klagten besonders: ihre Weiber und Kinder besonders, wie der Prophet saget. — Am meisten scheint sich der Blick des Sehers stuf die Schaar zu richten, die in einem wirklichen Hermageddon mit Weib und Kind starb: die Einge- schlofsenen der Festung Masada t). Elcazar, ihr Anführer, berief sich eigentlich und wirklich aus das Exempel des Königs Josias, der sich bey Me- g,iddo, im Thal Hermageddon, selbst auf die Schlachtbank geliefert habe, und beredete sie, zuerst rs I,. b. c. 6. ») I,. 7. c. 7. t) 0 . 8. von der Zukunft des Herein 323 ihre Weiber und Kinder, und sodann alle sich selbst zu würgen. — Ein wahres Hcrmageddon! ein Ltt des Weinens und Würgens: sie umarmcten sich, küßten sich, weinelen und todteten einander; die Römer fanden nichts als Leichname und Schauer. Selbst der Zuruf des Richters, im Gesicht des Propheten, scheint hierauf sich zu beziehen: Siehe- ich komme / als ein Dieb! wohl dem / der wachet/ und hält seine Kleider. Sie glaubten, nach Eleazars kräftiger Vorstellung, den Körper, als ein elendes, drückendes Kleid wegwerfen zu können, und sodann frei und leicht zu wandeln. Der Richter ruft: „ich komme! schnell, als ein Dieb; eure Pflicht ist, die Kleider zU bewahren und nicht nackt zu bleiben, daß man nicht eure Schande sehe. Das schönste und treffendste, was, auch in der drückendsten Noth, gegen den Selbstmord gesagt werden kann. „Elender- du wirfst deine Kleider weg und zeigst Schande, du wirfst deine Waffen weg und solltest wachen, wenn dein Herr kommt, dich zu richten." Der siebente Engel goß seine Schale in die Luft. Eine große Stimme gieng aus dem Tempel des Himmels vom Thron/ die sprach: es ist geschehen! Da wurden Blitze und Donnerstimmen und ein groß Erdbeben/ dergleichen nicht war/ seit Menschen waren auf Erden: so groß war das Erdbeben. Die große Stadt zerfiel in drei Eheile: die Städte der Völker fielen. Babel/ die große/ kam in's Gedächtniß vor Gott/ ihr den Becher seines X 2 III. Das Buch 324 Zornwcins zu reichen. Alle Inseln flohn: Berge wurden nicht funden. Ein großer Hagel, talentschwer, siel vom Himmel auf die Men- schen; die Menschen lasierten Gott über der Plage des Hagels, weil sie so groß war.*) Die letzte Plage ist, wie die Ahndung des sechsten Siegels, allgemeine Zerrüttung, d. i. nach der Geschichten), Einnahme und Uebcrgang der Stadt. Burg und Tempel waren hin; noch mußte die Stadt erstritten werden und sie gieng, wie im Erdbeben, über. Alle drei Theile der Stadt gerie- then in Feindes Hand, eine Verwirrung folgte, als nie gewesen war vorher. Auch die Städte der Volker, Pallästc fremder Könige sielen und giengen über: die unüberwindlichsten Thürme desgleichen. Gott hatte den Tyrannen den Muth benommen; sie verließen alle feste Platze nnd Höhen, daß Titus selbst darüber erstaunte x). Die Plage, die nun über Alles gieng, war der ägyptische ttitt- nerschwcre Hagel: die Noch zerschlug sie; und noch lästerten sie Gott, daß er seine Stadt, sein Volk so unkergehen lasse. — Dies ist das fürchterlichklare Gesicht, auS den letzten Gerichten Aegyptens und den Weissagungen der Propheten also symbolisirt. Da aber dem Seher am Untergänge der Stadt, als solcher, nicht lag, und eiu höherer zusammenfassender Begriff in ihr dargcstellt werden sollte, *) Kap. r6, 17 — 21. n) I.. 6. 0. 7. g. ssH, L) I.. 6. 0 . g. von der Zukunft des Herrn. 325 so bringt uns der Engel noch selbst auf den Weg dieser Zusammenfassung und erklärt uns die Stadt in seinem Hähern Begriffe unter dem Bilde des Thiers und Weibes. *) Es kam Einer der sieben Engel / die die sieben Schalen hatten und sprach mit mir: Komm! ich will dir das Gericht der großen Hure zeigen/ die auf vielen Wassern sitzt. (Mit andern Worten: ich will dich auf ihren Untergang bereiten, den du bald in andern Bildern, zu häherm Zweck, sehn wirst. Die große Stadt, das Babel, das untcrgchn soll, wird hier zum Weibe personisicirl)'), und so wie dies ein aus allen Propheten genug bekanntes Bild ist, so werden wir in der Folge noch die nähere Ursache hievon sehen.) Mit ihr trieben Unzucht die Könige der Erden: vom Wein ihrer Hurerei berauschten sich die Bewohner der ErdcH. (Sie zog alle Fürsten und Einwohner des Landes in ihre Sünden und' Gräuel.) Er führte mich im Geist in eine Wüste. (Und sie sitzt doch auf Wassern? Wir sehn, alle Bilder sind nur der Bedeutung wegen da: sie verschwinden und kommen wieder, nachdem sich diese beugt oder ändert»). Ich sähe das Weib/ sitzend auf einem rosenrotsten Thier. (Nicht also auf jenem Bär- und Lowcn- und Pardelungehcucc? Wo der Sinn cs erfordert, *) Kap. 17. Jes. 37 , 1 . u. 4. 2) Ezech. s3. Nah. 3, h. ») Nah. K, 8. Es. 3, 7. Ier. Si, 1?. 326 III. Das Buch s> , gl ^ !! gebt das Bild vom Vorigen ab: wo cs scyn kann, bleibets.) Das Thier war voll Namen der Lästerung/ und harre sieben Häupter und zehn Hörner (wie das Vorige) Daö Weib war bekleidet mit Purpur und Nosenroth/ übergiildet mit Gold/ Edclgesteinen und Perlen. Sie hatte einen goldnen Becher in der Hand/ voll Gräuel und tWeinigkeiten ihrer Unzucht. (Wer die Propheten gelesen, wird sich vieler Stellen, da Babel, Ninive und andre große Städte voll Abgötterei, Pracht, Sünden und Ueppigkeit unter solchen Bsidern vorgestellt werden, erinnernd), Auf ihrer Stirn stand ein Name geschrieben: Geheimnis; Babel/ die großee), die Mutter der Unzucht und Gt'äuel der Erde, (Die Art dsr Einkleidung ist aus dem Schmuck des Hohenpriesters und andern Stellen dieses Buchs bekannt. Daß aber der Name Babel nicht der rechte Name sey, sagt das vorstehende Wert GeheiMtß/ d. i, ein bedeutender, typischer Name, der sich auch selbst sogleich durch einen Zusatz: Mutter der Unzucht Und Graue! des Landes! eiklarct.) Ich sah daö Weib trunken vom Blut der Heiligen und Zeugen Jesu. (Die Hure ist also auch grausam: die Verführerin, auch Mörderin, sie hat Heilige und Zeugen Jesu gctödtet — und wer ist, der nach der Geschichte und Christi Weissagung cl) jetzt nicht hl Es. i, r8. Ezech. 28, -3. Jer. 5>, 7, o) Dan. a, 27. Matth, ?3, 2g — 35, Es ist sonderbar, daß Christus genau den Namen Zacharias, Ba- von der Zukunft des Herrn. 327 die Stadt crriethc? Welche Stadt heit mehr edle und würdige Leute auch damals getodtet, als Jerusalem? Nom lag nicht in Johannes Kreise und schickt sich noch weniger in das Feld dieses Buchs oder zu diesem Bilde, das ja der Engel Zug für Zug erkläret. Ich verwunderte Mich seht'/ da ich sie sah. Der Engel aber sprach zu mir: warum verwunderst du dich? Ich will dir die Bedeutung des WeibeS sagen und des Thiers / das sie tragt / und hat sieben Häupter und zehn > Hörner. DaS Thier, das du sichest, war und ist nicht, und wird hcraufsteigen auS dem Ab- grund und ins Verderben fahren. Wie? ist diese Erklärung nicht mystischer als das Bild selbst? Was soll's heißen, es war und ist nicht, Wird sepn und doch nicht seytt? Mich dünkt, in der Sprache dieses Buchs ist die Erklärung sehr verständlich. So wie eS so oft der Ausdruck von Gott und Christo war: er war, er ist und wird seyn, rachia Sohn, anführet, der als lehter Zeuge getödtet werden sollte zwischen Tempel und Alrsr. Der Name mag aus 2 Chron. 2g, 20 22. seyn, so wie Christus auch mit den Worten Daniels und aus einer verlebten Geschichte der Verwüstung, von diesem Untergänge weissaget; Zacharias, Barachia Sohn, war aber auch genau der lebte redliche Mann und Zeuge, der von Buben angeklagt und, vom Gericht aufs feierlichste losgc- sprochen, im Tempel erwürgt ward, so-epli. 1 . Z- c. ,. Daher Christus auch nicht Zacharias, Jojadä, sondern Barachia Sohn, nennet. lim seine Treue, Wahrheit, wesentliche Dauer und Beständigkeit anzuzeigen; so ists der natürliche und verständliche Ausdruck von diesem Scheinwesen, seinem Feinde und Widersacher: er war Mid ist nicht, er kommt und fährt dahin. Anö dem Abgrund kommt er, inö Verderben eilt er, d. i. sein ganzes Daseyn ist eine giftige, schnell zerspringende Wasserblase, ein feindseliger Dunst, ein nichtiger Höllennebel. (Der ihn überwinden wird, ist der Ewigwährendc! der Treue und Wahrhafte.) Es werden sich verwnndmr die Bewohner der Erde, deren Namen nicht geschrieben sind im Buch des Lebens von Anbeginn der Welt, wenn sie das Thier sehen, das war und ist nicht, und doch ist, (d. l. nur scheinet, Sic werden sein Daseyn nicht begreifen, sich von seinem nichtigen Glanz betrügen lassen, einen Dunst aus dem Abgrunde, eine flüchtige Nebelgcstalt anbetcn, die aus dem Verderben ist und dahin gehöret.) . Dieö ist der geheime Weisheitssinn dieses Nathsels. Die sieben Häupter sind sieben Berge, auf denen Las Weib sitzet, und zugleich sieben Könige. Fünf fielen; einer ist: der andre ist noch nicht kommen, und wenn er komm, muß er nur eine kleine Zeit bleiben. Und das Thier, das war und nicht ist, ist selbst der achte, und ist aus den sieben und geht inö Verderben. (Erklären wir das Räthsel, so haben wir zugleich ein anderes erklärt, über das so lange gestritten worden, und das, bei der Verschiedenheit und Ungültigkeit der äußern Zeugen, nie wird aufgelöst werden können, es ftp denn, daß cs das Buch selbst auflöse. von der Zukunft des Herrn. 329 Es betrifft ncmlich die Frage: WtttM ist die Offen- barung geschrieben? WÜNN sah Johannes ihre Gesichte? Einer sagt: unter Nero; der andre unter Domitian; der dritte unter Claudius; der vierte, fünfte unter Trajan, Hadrian; das Buch selbst sagt: da fünf der Häupter des Thiers gefallen waren/ der Sechste eben damals war/ der Siebente eine kleine Weile seyn würde und noch ein Achter/ das Thier selbst/ auf kurze Zett bliebe. Können wir diesen Zeitpunkt bestimmen, so ists, nach des Sehers eigner Angabe/ un- läugbar, wohin Er die Offenbarung dieses Gesichts gesetzt haben will; und mich dünkt, dies ist bestimmbar. Wir haben bcy jedem. Zuge des Bildes gesehen, daß sie der Bedeutung, nicht aber des kahlen Zusammenhanges wegen da sind: es sind gleichsam lebendige, sich bewegende Bilderzügc. Die sieben Häupter des Thiers, sagt der Engel, können sieben Berge seyn, wenn du das Weib als Stadt betrachtest, die auf sieben Bergen liegt: Jerusalem lag auf sieben Bergen.) Sie können aber auch, wenn man das Weib vergißt und das Thier betrachtet, als sieben Vorsteher betrachtet werden, die man gewöhnlich Häupter nennt, und dies soll hier der Sinn seyn. Wer waren nun die Vorsteher, d. i. die Häuptel' Jerusalems in diesen Unruhen, seit sie unter Nero mit den Landpflegern zerfielen und den für sie so schrecklichen Traum der Freiheit träumten? Offenbar die Häupter des San? hedrins, die Hohepriester. Fünf von ihnen waren unter diesen Händeln schon gestürzt: Jonathan, Jsmael, Joseph, Ananus, Anani Sohn, Jesus; III. Das Buch 33a einer war damals, da Johannes das Bild sah, JcsuS, Gamaliels Sohn, der A. C. 63. auskam, und sonach wäre in diesem oder dem folgenden Jahr/ unter Nero, sechs oder sieben Jahre vorder endlichen Zerstörung Jerusalems, ein oder zwei Jahre nach Jacobus, des Bischofs von Jerusalem, Tode, das Buch geschrieben. Nun stand noch Einer bevor, Matthias, der siebente und letzte aus dem Hohenpriestergeschlechtc: er blieb aber auch nur wenige Zeit, und nun war das Thier aus dem Abgrunde, der wülhende Aufruhr selbst, Hohepriester e). Sic nahmen den Tempel ein, setzten einen unwissenden Menschen aus dem Pöbel, Phannias, Samuels Sohn, in diese Würde: er war aus ihnen und ihres Gelichters und fuhr, wie sie, ins Verderben, (ein Ausdruck, der von den rechtmäßigen Hohepriestern nicht gebraucht wird) ob er sich gleich als Achter zu den Sieben zahlte. Die Deutung ist so natürlich und offenbar: sie giebt in jedem gewählten Wort und der gemachten Abkheilung so genaue und der Geschichte gemäße Rechenschaft, daß ich mich wundere, wie auch die, e) lospali, Id. h. c. Da die Reihe dieser letzten Hohepriester vyn hinten zu berechnet werden kann und soll, so ist nichts bestimmter, als der angegebne Zeitpunkt: über die letzten siebe» Hohepriester und den achten aus dem Aufruhr, kann gar keine Irrung werden. Josephus hat sie deutlich genannt, und auch das achte Unding, als scheußliche Unordnung und Sonderbarkeit, genau beschrieben. von der Zukunft des Herrn. 33 r so der Suche um nächsten kamen, duS Huuptmo- ment übersahen. Konnte dem Seher wohl dns Bild einer flüchtigern, »nbeständigern Regierung, uls dieser Hohepriester wur, gezeigt werden? Sie wnren Häupter und wuren's auch nicht: wnren todt und lebten noch; lebten und wuren todt, kumen auf und gicngcn unter. Und eben dies Unbedeutende, diese Nichtigkeit zu zeigen, ist der Sinn des Bildes. So elend wur's mit des Thiers Häupter» bestellt, und nun mit seinen Hörnern? Die Zehn Hörner, die du gesekm Haft, find zehn Könige (Fürsten), die das Reich noch nicht (zur Zeit, du Jokunnes dus Gesicht Hütte) empfangen haben: sie werden aber, als Könige, eine Stunde Macht empfangen mit d. i. neben dem Thier. Und so kennen wir auch genuu diese zehn Hörner und stundenlunge Fürsten i cs waren die zehn Toparchen , unter die dus Land gclheilt wurde, du der jüdische Krieg ungieng k), Damals, als Johannes schrieb, und schon fünf geistliche Häupter gefallen wuren, wur an solche Fürsten noch nicht zu gedenken: dus Lund wur unter dem Agrjppu und dem Lundpflegcr; nur neben dem Thicp, d. i. da schon der Aufruhr wur, bekamen sie ihre Gewalt und nur auf eine Stunde. Sie sollte» Hörner seyn und dus Lund schützen, jeder seine Provinz in Vertheidigungsstund setzen und den Römern widerstehen; Josephus, der Geschichtschreiber, t') ,1.. 2, c, 20, war einer von ihnen, das Horn in Galiläa, und wchrete sich tapfer. Aber auch nur Eine Stunde: das Horn zerbrach, die andern zerbrachen oder kehrten sich selbst gegen die Hure, wie sogleich die Folge saget. Diese (Fürsten) haben Eine Meinung sie sind zu Einem Plan auserkohcn , das Land gegen die Römer zu vcrthcidigen) NNd geben ihre Macht und ihr Ansehen dem Thier / (d. i. nach dem so oft gebrauchten Ausdruck dieses Buchs, sie haben der Hauptstadt ihre Macht zu verdanken: sic sind von Jerusalem gesandt und sollen ihr, als Königin dienen 8). Sie werden mit dem Lamm streiten; aber das Lamm ste überwinden: denn cö ist Herr der Herren, König der Könige. Dhne Zweifel also haben diese Toparchcn, oder einige von ihnen, die Christen verfolgt, wozu sie bep ihrem Geschäft Anlaß genug hatten. Sie sollten das Land rüsten, und die Christen rüsteten sich nicht; die wollten und sollten an diesem Kriege nicht Theil nehmen. Ihre Hörner vermochten nichts gegen das Lamm: ihre Herrschaft nichts gegen die Herrschaft Christus. Die Mit ihm, dem Lamme, sind die Erkohrnen, Erwählten, Getreuen, (erlesen und befreiet aus den Drangsalen dieses Krieges und derer, die über ihn walicns Kann das Amt und die Bedeutung dieser zehn Hörner treffender symbolisirt werden, als hier geschehen ist? — g) Daß Jerusalem, d. i. der Aufruhr, den Lopar- chen Befehle zugeschickt, sie zur Rechenschaft gefordert u. f. sieht mau ausführlich in Josephus ? eben, nach dem, was ihm selbst begegnet. von der Zukunft des Herrn. 233 Der Engel sprach weiter: die Wasser / die du sähest/ wo das Weib sitzet/ sind Völker und Sprachen / Zungen und Nationen. (Ein bekanntes, gewöhnliches Bild. Ströme und Meere von Völkern und Mengen aus allen Landern zog Jeru- rusalem, als die Hauptstadt des jüdischen Gottesdienstes , an sich: sie hatte sie auch jetzt an sich gezogen, und saß auf diesen Wogen, d. i. sie hatte die unsäglichste Anzahl Volks aus allen Landern und Gegenden in sich. . Es war in ihr wie eine Fluth von Nationen, die zu ihrem schrecklichen Untergange beitrug.) Die zehn Hörner/ die du sähest/ und das Thier/ sie werden die Hnre Haffen und verwüsten und entblößen und ihr Fleisch fressen: denn Gott hat'S in ihr Herz gegeben/ seinen Willen zu thun; zu thunEinen Willen/ ihr Reich'zu geben dem Thier/ bis die Worte Gottes vollendet stnd. Wie genau ist's eingetroffen in der Geschichte! Sie sollten alle Einen Willen haben, Stadt und Land zu verthei- digcn; und es ward Ein Wille daraus, Stadt und Land zu verderbend). Die Hörner des Thiers kehrten sich selbst gegen die Hure. Der Aufruhr haßte, entblößte, verwüstete, und fraß die Königsstadt, die er schützen wollte: Einem Tyrannen zu entgehen, zog man den andern in die Stadt, bis durch's Gericht der sonderbarsten Verblendung die Worte Gottes vollendet waren. Was sie schützen sollte, zerstieß sic: ihre Diener wurden ihre Henker. DaS L) S. U. 2. <-. 21. 22. I-. 4. 0. Z. Auch -to- Lexb. vit. n. 7. beg/ 334 III. Das Buch Weib / das du sähest/ ist die große Stadt/ die Königin über die Könige des Landes / eben über diese ihre unglücklichen Beschützer und Verwüster.— Dies ist das Kapitel der Deutung, eine gleichsam eingeschaltete Beschreibung des politischen Zustandes in Jerusalem und Judäa, die mit der Geschichte genau trifft, und schon dadurch dem Buch unschätzbar ist, daß sic lheils eine Probe der Entwicklung gibt, wie die Bilder bedeuten, und also ein Wegweiser ist, ob wir bisher recht giengen? theils den Zeitpunkt genau anzeigt, wann die Offenbarung gesehen worden? Jetzt kehren wir in unsre Bilder- solge zurück, das traurige Ende der Stadt zu sehen. Weib und Thier sind verschwunden; Babel ist wieder da. *) Nach diesem sah ich einen Engel steigen vom Himmel/ der hatte große Gewalt: die Erde ward erleuchtet von seinem Glanzet). Er rief mit großer Stimme und sprach : gefallen/ gefallen ist fie K) i Babel / die große! ist Wohnung der Damone worden/ ein Kerker aller unreinen Geister/ ein Kerker aller unreinen/ gehasteten Vögel I). (So siehet der Engel der Rache sie an, und war sie mit ihren Leichnamen und Gräueln etwas anders?) Vom Wein ihrer Unzucht tranken *) Kap. 18. i) Ezech. l» 3 , 2. K) Es- 21, g. 1 ) Es. r 3 , 21. von der Zukunft des Herrn. 335 alle Völker: die Könige der Erde dichteten mit ihr; die Kanflente der Erde wurden reich von ihrer Wvhllnft Hacht. Ich hörte eine andre Stimme vom Himmel sagen: gehet auö von ihr / mein Volk/ daß ihr Nicht theilhaft werdet ihrer Sünden/ und auch von ihren Plagen empfanget: denn ihre Siinven reichen bis an den Himmel/ und Gott ist eingedenk worden ihres Frevels. Vergeltet ihr / wie sie euch vergalt! verdoppelt ihr doppelt ihre Thaten: den Becher/ den sie euch mischte/ mischet ihr zwiefach. Wie sehr sie sich herrlich gemacht und in Lüsten gelebt hat/ so viel gebet ihr Schmerz und Trauer. In ihrem Herzen sprach sie: ich throne / wie eine Königin! Wittwe bin ich nicht und Trauer werde ich nicht sehen; darum an Einem Tage werden ihr Plagen kommen/ Trauer/ Hunger und Tod. Mit Feuer wird sie verzehret werden / denn mächtig ist Gott / der sie richtet. Und weinen werden und klagen über sie der Erden Könige / die mit ihr buhlten und wohl- lüsteten. Sie werden sehen den Rauch ihres Brandes und von fern stehen vor Furcht ihrer Quaal und rufen: weh! weh! die große Stadt/ Babel/ die mächtige Stadt! In Einer Stunde ist kommen dein Gericht. Die Kanflente der Erde werden weinen und klagen über sie/ denn ihre Maaren kauft niemand mehr: Maaren Goldes und SilberS/ 336 III. Das Buch Perlen und Edelgestein und Vyssuö und Purpur und Seiden und Nosenrolh: allerlei köstliches Holz und Elfenbeingeräth, Geräth vom theuer- sten Holz und Erz und Eisen und Marmorstein: Zimmer und Näuchwerk/ Salben und Weihrauch, Wein und Oel, Semmel und Weizen, Last^ich und Schaafe, Rosse und Wagen, Waare der Leiber und Seelen der Menschen. Das Obst der Lust deiner Seele ist von dir gegangen, alle Fülle und Ncichtbum von dir gegangen, uie wirst du sie finden mehr. Die Käufer dieser Maaren, die durch sie reich geworden, sie werden ferne von ihr stehen aus Furcht für ihrer Quaal, und werden weinen und rrauren und rufen: Weh! weh! die große Stadt, bekleidet mit ByssuS und Purpur und Rosenroth, vergüldet mit Golde und Perlen und Edelgestein! In Einer Stunde ist alle dieser Reichthnm dahin! Und alles SchiffSvolk, Segler und Steuermann, sie standen fern und schrieen, da fie sahen den Rauch von ihrem Brande und sprachen: wer war gleich der großen Stadt? Und warfen Staub auf ihre Häupter, und schrieen weinend und trauernd und riefen: weh! o weh! die große Stadt, in der reich worden von ihrer Köstlichkeit, alle, die Schiffe im Meere hatten: in Einer Stunde ist fie verwüstet! —> Freue dich über ihr, Himmel! ihr heiligen Engel und Propheten! Gott hat euch gerächet an ihr. Da von der Zukunft des Herrn. 337 Da hob ein mächtiges- Engel einen Stein, wie ein Mühlstein groß / nnd warf ihn rn's Meer und sprach: So soll im Sturm uihdcr- geworsen werden Babel/ die große Stadt/ und nicht mehr seyn- Die Stimme der Harfenschläger und Sänger nnd Flötenspieler und Trommetenbläfer soll nicht mehr schallen in dir: und jrdcr Künstler jeglicher Kunst nicht mehr gefunden werden in dir: die Stimme der Mühle soll nicht mehr gehöret werden in dir: das Licht der Lampe nicht mehr scheinen in dir: die Stimme des Bräutigams und der Braut nicht mehr frohlocken in dir; denn deine Käufer waren die Großen der Erde nnd alle Völker wurden verführet durch deine Zauberei. In dir ist daS Blut der Propheten und Heiligen gefunden / aller Erschlagenen auf der Erde Blut, Schauerlicher .Trauer - und Todcsgesanq über dem versinkenden Jerusalem. Ec ist in Bildern der Propheten rn), die sie von -Babel, Ninive, Ty- rus sangen: in die schnöde Herrlichkeit aller dieser gekleidet, steht sie, eine Zauberin, abgöttische, üppige, Verführerin der Welt, Mörderin der Heiligen und Propheten da, und geht, wie ein Stein im Meer, unter. Die weinenden Stimmen ihrer m) Ier. 5 », 51. Zes. Ü7. Ezcch. 26. 27. Es. 2Z, -!e. 3/. f. Herder? Werke z. Nel,», Tliee«k» VII, P 333 III. Das Buch Liebhaber, die jetzt fem stehen , ihren Brand sehen und sie klagend rühmen: die untermischten Frcudcn- und Lobstimmen einer höhern Sphäre: endlich zuletzt der nach und nach verklingende Ton jedes Geschäfts , jeder Wonne und Freude in derselben sind fürchterlich. Es wird über ihr still, wie über dem Grabe einer versunkenen Königsstadt, die voll Pracht, Rcichthum, alter Herrlichkeit, Anbetung und Völkermenge war, und auf der jetzt Engel der Verwüstung wandeln. Sie sank und ist nicht mehr und ewiglich steigt ihr Rauch auf — So soll die Herrlichkeit Babels und alle Pracht der Welt vergehen, daß Gottes Reich werde — Der Klagegesang verhallet: cs klingt ein himmlisches Siegslied. IV. diesem hörte ich/ wie eine große Stimme vieles Volks im Himmel / die sprach: Hal- lelujahl das Heil und die Herrlichkeit und Macht ist rmserS Gottes. Wahr und gerecht find seine Gerichte: er hat gerichtet die große H.ure/ die die Erde verderbte mit ihrer Hurerei/ und hat gerächet das Blut seiner Knechte von ihrer Hand n). *) Kap. ig. (S Zusatz 8.) n) A Mos 32, HZ. von der Zukunft des Herrn. 33g Sie sprachen zum- andernmal: Hallelujah I Der Rauch ihrer Quaal steigt auf in die Ewigkeiten der Ewigkeiten o), ES sielen nieder die vier und zwanzig Ael- teften nnd die vier Lebendigen: sie beteten an vor Gott/ der auf dem Thron sitzt und sprachen : Amen / Hallelujah! Eine Stimme ging vom Thron auö / die sprach: singet unserm Gott / alle seine Knechte, die ihn fürchten/ klein und groß, Ich hörte abermals wie Stimme vieles VolkS/ wie Stimme großer Wasser und starker Donner / die sprach: Hallelujah! ES regieret der Herr / unser Gott / der Allbeherrscher, Lasset uns freuen und jauchzen und ihm die Ehre geben: denn die Hochzeit des LammeS ist kommen; sein. Weib ist geschmückt zur Hochzeit, (Wir sehen den Zweck der Lobgefänge über das sinkende Bnbel: cs sinkt, damit Gottes Reich erscheine. Die Hure geht unter, damit sich die reine Braut zeige x), Ihr ward gegeben / daß sie sich kleide in reinen und Hellen ByssuS g) ; der Byssuö ist die Unschuld der Heiligen, (Wie also dort Key der Hure, Thier und Becher und Schmuck und Trunkenheit Bilder geistiger Unreinigkeit waren: so bey ihrem Gegepbiide, dieser reinen Braut , ihx o) Es- 3 d, ro, x) Matlh. 22, 2. 25 , ly, g) Ezech. 16, io, Y 2 A40 III. Das Buch Byssus das Kleid der Unschuld r). Jene bedeuteten eine Stadt und Volksmengen; diese die Menge aller Unsträflichen, Erwählten. Unschuld ist ihre Seide, reines Leben ist ihr Gewand.) * *) Und er sprach zu mir: schreibe! Selig sind/ die zum Mahle der Hochzeit des Lammes berufen sind (die als Gäste und Mitgesellen an der Freude seines Reichs Theil haben sollen s). Und sprach zu mir: Dies siud die wahrhaftigen Worte Gottes (kein Wahn! .Keine selbstcrdachtc vergebliche Hoffnung! wahres Gottes Wort, das erfüllt werden soll) Johannes, voll Freude und Ueberzeugung, daß auch Er dazu gehöre, kann sich, nicht fassen: Ich siel vor seinen Fußen nieder/ ihn anzubeten. Er sprach zu mir: thne cS nicht: ich bin nur dein Mitknecht und deiner Brüder/ die das Zeugniß Jesu haben. Gott bete an. (Die hohe Ehre, ein Mitgenoß Jesu zu seyn in seinem Reiche, die den Johannes so durchdringet, daß er dem Engel zu Fuß fällt, macht ihn dem Engel gleich, der seine Ehre nicht annehmcn will und sich nur für seinen Michtknecht bekennet). DaS Zeugniß Jesu aber ist der Geist der Weissagung. (Die Worte seyn Johannes oder des Engels, so sind sie Aufschluß der Offenbarung. Was haben wir in ihr bisher gehabt, als was Christus gesagt hat? Siegel und Drommeten, Bilder und Zeichen r) Jes. 61, *) Zusatz 7. 5) Luc. iß, ab. s. v'on der Zukunft d e's Herrn. Z41. vom Antichrist und dem feilschen Propheten, der Ernte und den Plagen liegen in seinen Worten: der Engel hat sie nur entwickelt und in deutlicher» Zügen verkündigt. Das Zeugniß Jesu ist Geist und Weissagung, noch mehr bei Johannes, dem Seher dieses Buchs. Das ganze Buch zeugt von Jesu; A und O ist er in ihm: Johannes, sein liebster Jünger, ist nur sein Zeuge. Wie kommt nun aber diese geschmückte Braut? diese fröhliche Hochzeit? Der Schauplatz ist noch nicht rein; cs muß erst hinweggethan werden, was die Erde verderbet und ihre Erscheinung hindert. Ich sah dm Himmel eröffnet: siehe , ein weiß Roß , und der drauf saß / hieß der Treue und Wahrhafter). Er richtet und streitet gerecht. Seine Augen, wie die Feucrsiamme: auf seinem Haupt viel Diademe. Er hat einen Namen geschrieben , den nimand kennet, als Er selbst. Sein Kleid ist in Blut getunkt u). Sein Name ist : GvtteS Wort. Offenbar der Aufzug eines Siegers, eines Triumphirers. Sein weißes Roß, sein blutiges Kleid, das Heer, das ihm folget, der Zweck, dazu er kommt, zeigen ihn also. Das KriegSheer deS Himmels folgte ihm nach auf weißen Roßen, angekleidet mit Hellem, leuchtendem ByffuS. Das Kleid der Braut ist hier in ein Sicgsgewand verwandelt: die Lieblinge feiner Hochzeit sind hier seine Mitstreiter, seine Mitsieger. i) Jcs. 11 , 3. st. u) Jcs. 63, 1 . 342 HI. Das Buch Aus seinem Munde geht ein scharfes Schwert/ daß er damit die Völker schlage: er wird sie richten mit eisernem Scepter v). Der Sieger, der hier erscheint, ist also Richter und König. Die Niederlage seiner Feinde kostet ihm nur Einen Hauch: Ein Wort aus seinem Munde ist ihr fallender Schwertschlag. Er tritt die Kelter des Zornweins Gottes / des AllbeherrscherS/ d. i. nach jenem hohen Gespräch in Iesaiax): er ist der Arm göttlicher Rache; das Blut, das an seinen Kleidern klebt, ist dessen ein Zeuge. Sein Gewand ist, wie eines Kcltcrtretcrs. Auf seinem Kleide und auf seiner Hüfte ist der Name geschrieben: König der Könige/ Herr aller Herren. Auf seinem Kleide, das blulroth ist: auf seiner Hüfte, die Gottes Kelter trat. Sein Vermögen also cr- v) Ps. 2. x) Jes. 63. „Wer ist, der da kommt in rorhem Gewände? geschmückt in langem Gewände, so eilend in der Menge seiner Macht?" — „Jch bins, der Treu' und Wahre! zu helfen groß!" — „Warum denn roth am Kleide? wie Kelter- ireters dein Gewand? " — „Ich trat die Kelter, und ich allein! vom Volke keiner war mit mir. Da sprizt ihr Sieg auf mein Gewand: befleckt ist mir mein Kleid. Ein Lag der Rache ist in meinem Herzen. Ein Lag der Rettung kommt. Ich sah: es war kein Helfer. Ich starrt' und niemand hielt mich! Da half mein Arm mir! meine Begier hielt mich! Schlagen will ich sie mit Meinem Hauch: zertreten in meinem Grimm! " von der Ankunft des Herrn. 343 worb ihm diesen Namen, seine That und innere Kraft hals ihm zu demselben. Und wer ist der Sieger, der himmlische Triumphirer? Sein Name ist: Gottcö Wort ! Er heißt: -er treue und gerechte Richter! König der Könige/ Herr der Herren! Ich gebe es zu, daß in der Geschichte dieses Buchs und auf dieser Stelle das Aeußere des Bildes , worein sich der Gedanke kleidet, vom Sieger Jerusalems genommen sey, dem herrlichen Titus. Die Vorsehung fügte cs, daß der Mildeste der Menschen, die Lust des Menschengeschlechts, der auch gegen seine Feinde so gerecht, so billig, so unerhört langmüthig war, die schrecklichste Rache vollführen mußte, die je auf Erden vollführt ward. So wie sein Her; sie nicht wollte, so begriff sie sein Verstand nicht: er ward zu ihr durch seine Feinde gezwungen und fühlte sich nur Arm eines höhcrn Schicksals. Auch als er auf Jerusalems Trümmern stand, schrieb er den Sieg Gott zu, begriff ihn nicht und meynte, die Stadt habe unüberwindlich seyn müssen. Da er als Sieger cinzog, rief ihn sein tapferes Krieghccr, dem er Kranze und Belohnungen austheilte, zum Kaiser ans; das Buch dieser Geschichte hält's nicht für unwürdig, den Gott, der Judäa durch ihn rächte, in seine edle Gestalt zu kleiden, und ihm vom gewöhnlichen Kaiserkitel, (cruroxpcrrs^) den Nanren Allbeher-r- scher, (Trccvnox^crnMp) zu geben. Der sichtbare Arm, heißt das, that's nicht, was geschah, sondern der unsichtbare Arm Gottes, des himmlischen Herrschers. Der führte Krieg, der siegtest; der tri- 344 III. Das Buch umxhirt hier in Titus Gestalt auf seinem weißen Nesse, und das Heer seiner Ueberwinder folgt ihm nach 7). Vis auf den letzten Augenblick blieb Titus gütig, milde, liebreich; verschonte, wen er verschonen konnte, leider! und sein mildes Auge mußte flammen, sein Mund Zweischneidiges Schwert hauchen. Er weinte, da er das innere Blutbad Jerusalems sah.— Ich sah einen Engel in der Sonne stehend / er rief mit großer Stimme allen Vögeln deö Himmels?.): Kommt! versammlet eneh zum großen Mahl GotteS / daß ihr esset das Fleisch der Könige nnd Befehlshaber und Mächtigen/ das Fleisch der Rosse und ihrer Reuter/ daö Fleisch Aller/ der Freien und Knechte/ der Kleinen und Großen. Ich sah daS Thier und die Könige der Erde und ihre Heere versammlet/ Streit zu halten mit dem/ dev aus dem Roß saß und mit seinem Heer a). Aber ergriffen ward das Thier und der falsche Prophet mit ihm / der die Zeichen vor ihm that/ mit denen er verfuhrt hatte / die daß Wählzeichen des ThierS annahmen und sein Bild anbeteten. — Lebendig wurden die Zwei geworfen in den Feuersee/ der mit Schwefel brennet. Die andern wurden ertödtet vom Schwert deß/ der auf dem Roß saß / das ans seinem Munde gieng; alle Vögel wurden gesättigt von ihrem Fleisch. Unlaugbar ist's, daß die Bilder, als Bil- llosepli l. 6. a. g. I. 7. o. r. rl Ezech. llg, 17. Jcs. ib, 6. a) Jes. 66, iL. - 3 , von der Zukunft des Herrn. 345 der, in der jüdischen Geschichte noch fortgehen. Da schon der Tempel und ein Theil der Stadt eingenommen war: und Titus die unglücklichen Tyrannen in Person zum Frieden und zur Uebergabe ermahnte , war's noch vergebens. Sie ließen's auss letzte Metzeln ankommen, und die hier so deutlich bezeichnten Zween, die Häupter des Aufruhrs, Simon Gorions Sohn und Johannes, sie hatten das Schicksal, das dieses Bild zu seinem Zweck anwendet b). Kleinmüthig , plötzlich entherzt, wie meistens Tyrannen und Bösewichter zu endigen pflegen, hatten sie sich von ihren unüberwindlichen Thürmen in die unreinen Löcher der Erde geflüchtet. Sie wurden lebendig ergriffen, zum Triumph und ewigen Gefängnis aufbehalten; die Menge hatte kein ander Schicksal, als leider ! hier das schreckliche Bild giebt. Sic sielen vom Wort des Siegers auf dem weißen Rosse: sein Wink war ihnen Tod: Judaa und die Trümmer Jerusalems ein allgemeines Mahl der Bögel. — Das ist die Geschichte des Ursprungs dieser Bilder; die höhere Bedeutung und Anwendung, in deren Zusammenhänge sie hier stehen, sieht jeder. Konnte der milde Titus zu solchem Blutbade gezwungen werden: noch weniger Grausamkeit ist's des milderen Christus. Es ist traurige Noth: hier wird, nach den Bildern der Propheten, erst ein unreines Mahl der Vögel; damit das> reine, fröhliche Mahl der Vertrauten des Lammes werde. Aus 1,) I,, 6. L. 8- g. I,. 7. 0. 2» 346 III. Das Buch dem Tode wird Leben; aus Zorn wird Liebe. *)Jch sah einen Engel/ niederfahren vom Himmel / der hatte den Schlüssel des Abgrunds und eine große Kette in seiner Hand. Er griff den Drachen/ die alte Schlange / die Teufel ist und Satan: und band ihn tausend Jahr und warf ihn in den Abgrund und verschloß und versiegelte über ihm / daß er nicht mehr verführete die Völker/ bis die tausend Jahre vollendet wären. Nach diesem muß er noch los werden eine kleine Zeit. Die Bilder sind noch des Ursprungs. Das Haupt der Rebellen , der wüthcndste Tyrann, ward mit ehernen Ketten gebunden, ins Gefangniß geworfen, daß er nicht mehr verführe, weil sonst keine Ruhe zu hoffen war. — Indessen ist offenbar die Geschichte hier nur Bild, nur veranlassende Einkleidung. Der in den Abgrund geworfen wird, ist Drache, der erste Verführer, den wir in der Mitte des Buchs e) als hiMMlischds Zeichen/ d. i. als Symbol des ersten und ärgsten Feindes des kommenden Reichs erblickten. Er trat hervor, dasselbe im Ursprung zu dampfen: er verfolgte cS bis vor Gottes Thron; er stritt mit seiner Mutter und ihrem Geschlecht hienicden; endlich da er nichts'vermochte, setzte er seine Statthalter, die Ungeheuer der Gewalt und Verführung, an seine Stelle hienieden — fein Ende, ihr Ende ist jetzt gekommen. Der Drache stürzt in den Abgrund, wie er dort vom Himmel gestürzt ward; auch die ch Kap. 2n. c) Kap. 12. von der Zukunft de« Herrn. 347 mittlere Region der Erde wird ihm genommen, daß Friede werde, damit er nicht mehr verführe. — Wir lassen die tausend Jahre, so wie fein Binden und Versiegeln, und die kleine Zeit, auf die er wieder los feyn soll, noch ganz im Zusammenhänge und Zwecke des Bildes. Es wird Friede auf der Erde: sie wird von ihrem Erbfeinde befreiet, daß ein anderes Reich, eine ruhige Verfassung werde. Ich sah Throne und sie setzten sich auf sie: Gericht zn halten ward ihnen gegeben-i). Auch die Seelen derer (sah ich)/ die erschlagen waren um deö Zeugnisses Jesu und des Worts willen; auch die nicht angebetet hatten das Thier und sein Bild/ und nicht angenommen hatten seinen Namenözug an ihre Stirn und an ihre Hand. Sie wurden lebendig und regierten mit Christo die tausend Jahre; die übrigen Todten wurden nicht lebendig/ bis die tausend Jahre um wären. Dies ist die erste Auferstehung. Selig und heilig / wer Theil hat an der ersten Auferstehung. Üeber sie hat der andere Tod keine Macht: sie werden Priester GotteS und Christi seyn und mit ihm regieren tausend Jahr. Ich bleibe noch im Zusammenhänge der Bilder, die ich nicht anders auslcgen kann, als sie sich selbst auslegcn, als mir ihr Sinn und die Wahrheit gebietet. Die tausend Jahre sind tausend Jahre, d. i. eine runde, unbestimmte, aber große Zahl: wir haben das ganze ä) Dan. 7, 9 — III. Das Buch 348 Buch durch (und wir sind im zweiten Kapitel wor dem Ende), noch kune eigentlich mystische Zahl gehabt, die anders, als was sie sagt, sagew wollte. Wochen, Tage, Monate, Jahre, die im Buch genannt sind, waren immer eigentliche Wochen, Monate, Tage, Jahre: die Zahlen, die als Symbol genannt wurden, zeigen sich immer, als solche, in ihrem Grunde, z. E. die Zahl 7. 12. 12000: 144000: 666 u. f.; es muß sich auch diese Zahl 1000 zeigen. Und wer ist, der sie nicht crriethe? dem sie sich nicht theils durch sich selbst, theils aus dem Zs. T. erklärte? Vor Gott sind tausend Jahre wie ein Tag s) , sagt jener Psalm Moses, des Knechts Gottes: so sollte Gott seine Knechte, nachdem er sie lange betrübt hatte, das letzte Jahrtausend , als am Lage des Herrn, an seinem Tage rind Halljahr siebensach erfreuen. Die sechs Schö- psungstage der Weltordnung und Weltvcrwirrung sind dahin, jetzt kommt Genuß, der Tag des Herr, der siebente Tag der Ruhe und des Segens, das Frei- und Jubeljahr, der große Weltsabbat. Dies ist der Ursprung des Bildes, aus Andeutungen und Zeitmaaßen des alten Bundes und seiner Bedeutung. Der Tag des Herrn ist kommen: sie werden mit ihm herrschen und regieren. Dazu ist der Drache, dessen Herrschaft Christo wiederstand, ^gestürzt worden, daß das Reich des Herrn Platz nehme auf Erden. Da sind nun mit ihm seine Lieblinge, und da diese todt, ja viele 0) Ps. 2°, h. i5 — 17. von dcr Zukunft des Herrn. 34g um seinetwillen erwürgt waren und so lange harrten und riefen: so geschieht mit ihnen die erstcre frühere Erweckung, wahrend die andern noch unter der Erde schlafen. Dieß heißt also die Ehre der ersten Auferstehung: wer zu ihr gelangt, ist selig und heilig/ d. i. vorzüglich begnadet. Er entrinnt der Herrschaft des zweiten Todes, (ein Bild, das sich nachher erklären wird) und herrscht mitEhristo, Wisset ihr nicht, sagt Paulus Y , daß die Heiligen die Welt richten werden? Und Christus verspricht seinen Nachfolgern, (was dort Daniel sah,) in der Wiedergeburt der Dinge, wenn Er richten wird, sollen auch sie mit ihm sitzen und richteng). Johannes erklärt gleich das Bild näher: sie wetdm mit Christo Priester und Könige seyn die tausend Jahre: und da dies durchs ganze Buch hin gleichsam der Lieblingsgedanke, Umfang reiner Him- melssrcude und Thatigkeit ist, den die Krone des Menschengeschlechts, die erwählten Lieblinge Gottes, ja den Christus selbst, als Vorgänger, als erster, himmlischer König-Priester genießet, zu dem er die Scinigen berufen und erkauft hat, in dessen Symbolen er sich das ganze Buch hin zeiget; so sehen wir, es ist hier von keinem tausendjährigen Reich, nach dcr gemeinen, so gemißbrauchten, Sage, von keinen irdischen Gastmahlen, noch weniger von Hurerei und Schande, irdischer Gewalt und Unterdrückung si), (der Drache ist im Gefang- k) r Chorinth. 6, 2. Z. Z) Matth, rg, 28. U) Matth. 19 s8. vergl. I. 20, 2A. 2S. III. Das Buch 35 o niß, der Urheber solcher Herrschaft und solcher Freude;) sondern vom entschiednen Gegenbild des allen die Rede, von himmltscher Freude und Unschuld / von Christus ähnlicher Thätigkeit und Würde. Die Hure ist dahin mit ihrem Putz, mit ihrem berauschenden Unzuchtweine; die Braut ist in Unschuld gekleidet und halt mit einem Bräutigam, von Lammesunschuld, Mahl der Freude. Za um dem Vorurtheil des Müßigganges und einer weichen Ueppigkeit zuvorzukommen, wird selbst das Bild der Braut und Hochzeit hier nicht gebraucht, und kömmt nur am Ende des Buchs wieder, wenn andere Ideen festgestellt sind; und diese sollen eben durch das Bild der Regenten/ der Richter/ priefterlicher Könige festgestellt werden i). Sie thronen mit Christo und sind mit ihm, dem Allgewaltigen, thätig. Er richtet in Gerechtigkeit und beglücket mit Königsmilde: sein Name ist Wort Gottes und sein Amt, zu seyn ein Helfer. Dies soll auch das Amt und die erste, gleichsam voraus genoffene Seligkeit sciner Erwählten werden. Sie, die das Leben Hingaben,'erhalten cs früher: sic sind vorangcrückt auf ihrer Stufe der Seligkeit und des Lohnes: sie wirken schon, wenn andere noch schlafen. Sie regieren mit Christo: sie bringen, als seine ehemaligen Genossen und Mithelfer, auch jetzt die verwirrte Erde in Ordnung, die Mistöne des Vaterlandes, das sie gebar und erwürgte, in Harmonie und Ruhe: alle sie werden von Gott und i) Es. 6 r, 6 » Zach, ra, i3. 14 . von der Zukunft des Herrn. 35 1 Christo, dem Herzoge und Führer ihres Heils, zu seinem ewigen Werk, zu Vollendung der Absichten seines Reichs herrlich und wirksam gebraucht. Dazu ist der Drache gebunden, daß er sich ihnen nicht widersetze und ihr Gotteswerk hindre: dazu werden, im fortgehenden Bilde des Buchs, die wilden Völker, Gog und Magog an den Ecken und Winkeln der Erde festgehalten. Die Hütte der Heiligen und ihr Werk soll erst vollendet werden, und auch noch im letzten Anfall »»zerstört und vollendet bleiben.— Ich frage, was in diesen Sachen ungöttlich und unchristlich Ware? Ringt nicht aller Streit zum Frieden? Strebt nicht alle Verwirrung nach Harmonie und Ordnung? Und unsere Erde, dies in der physischen Natur so schöne Reich Gottes, soll im Menschlichen ewig das Reich des Drachen, ein unentwickelter , unzuentwickelnder Knäuel tödtlichcr Verwirrung bleiben? Jsts nicht wahr, daß sich alle mißbrauchte Kreatur nach Ruhe sehnet und über die Knechtschaft, der sie unterworfen ist, mit frei- heitrufendem Halse ächzet? — Und wenn Gott, der Gott der Ordnung, der Vater des Lichts, der's aus der Finsterniß rief und am Ende der Schöpfung sich selbst seiner Werke srcucte, wenn er's für gut findet, auch am Ende der Dinge Sabbat zu schaffen, und seiner entwickelten Weltscene sich zu freuen, wird er's nicht thun, wie er's immer Ihat, durch seine Knechte, durch Mittelspersonen? wird er nicht die Edeln daran Theil nehmen lassen, die hier im Drange der Welt, im Streite der Elemente seine Mithelfer und treue Werkzeuge waren? Sie säcten mit ihm und sollen nicht mit ernten? Sie bereiteten Licht vor, u»ch nun cs anbricht, 35r III. Das Buch sollen sie schlafen? Weinend trugen sie ihren Saa- men, und da die Frucht, da das Werk Gottes lebendig wird mit den Jahren, sollen sie nicht mit- und in ihm leben? Die beste Freude ist nie müßig, und eine Himmelsfreude wird's gewiß nicht seyn. Ein Geist muß wirken, richten, regieren; nur leicht wirken, und rein wirken, und glücklich wirken, daß er seinen Zweck sehe; und so ist diese königliche Priester-Herrschaft mit Christo. Hier oder da, so oder also, sichtbar oder unsichtbar, genug, sie genießen der Ruhe der Erde, die sie bewirkt haben und in der sie wirken. — Dies sagt die Stelle: alle Bilder, in denen sie spricht, sind nur Symbole und haben, wie alles in diesem Buche, ihren geistigen Sinn. Wer diesen übersieht und als ein unreines Geschöpf an den Hülsen kauet, ist keines vernünftigen Symbols, keiner Sprache und Allegorie fähig. Genug, die so beschrieenen und mißbrauchten tausend Jahre sind die imbestimmte symbolische Zahl dcö letzten Sabbatö der Erde, wo das wirklich wird, worauf die Guten aller Zeiten wirkten, wo das Licht gleichsam zum erstenmal eine Masse macht, und die Finsterniß nur noch an den Ecken und Winkeln säumet, wo sich die Kräfte der Edeln des Menschengeschlechts in einem Raum, den Gott ihnen gemacht hat, in Eintracht und Freundschaft verbinden, und sehen und genießen ihren Lohn, die Frucht aller Zeiten und Mühe. Selig und heilig, der an dieser Ausbeute Theil hat, der im Drange der Zeit still auf sie wirket A) ; ^— Es ,, 'st K) Dan. i2, s. s, 363 von dcr Zukunft dos Herrn. ist die Zeit, da die erweckten Morgensterne jauchzen und lobsingen alle Kinder Gottes über sein Werk und über das Werk ihrer Hände. Hier sind die Kronen, die im Vorsaal des Buchest) JcsnS den Ucberwindcrn Vorhalt, die mit ihm thronen. Seine Laufbahn ist die ihre; ihr Lohn der seine; die Aufschrift heißt: ,,dem Ueberwindcr! Wie Er Gehorsam lernen mußte, um Hohepriester zu seyn und König, um zu erhören und selig zu machen und wohl zu thun allem, was nach seinem Reiche dürstet; nicht minder sie, in Pflichten und im Lohne. Ihre Pflicht ist Lohn , ihr Lohn höhere Pflichten. — Ich wünschte also auch nicht, daß jemand das Hauptsymbol dieses Buchs, den Ausdruck: „Königlich Pciestcrthum" mißverstünde, er ist die Summe dessen, was Gott an seinem Volk im A. T. suchte und nicht fand, wollte und nicht erreichte rn). Bei) uns, nachdem Pfaffen so lange Zeit haben Könige seyn wollen, und alle Priester jetzt als Pfaffen gelten , ist dcr Ausdruck leider! unwürdig; Key dem priestcrlichen Königreich der Juden war er's nicht. Ihnen war das Regiment dcr Könige, die nicht Tyrannen seyn wollten, ein prlestecliches, ein Hirtenkönigreich , wie jenes Königes der Ruhe, Mel- chisedecks n). Das Regiment des letzten Königs l) Kap. s. 3. m) 2 Mos. Ig, 6. n) Ps. iro. Ezech. 3fl, 23. -st. Jcs. lch. aF. Herders Werke,. Rel, u. Tlieol. Vit. A 35 ^ III. Das Buch sollte also werden, und sein Volk im Schmuck Gottes um ihn thronen o). — ES sollte das Spruch- wort eintreffcn, daß zur Glückseligkeit der Welt die Weisen Könige, und die Könige Weise seyn müßten; Christus und die Seinigen sind hier mehr als beides, Priester Gottes, Netter der Erde. — Und wenn die tausend Jahr vollendet sind/ wird der Satan loö werden aus seinem Gefäng- niß und ansgehn zu verführen die Völker in den vier Ecken der Erde / den Gog und den Magog/ sic zu versammlen zum Kriege/ deren Zahl ist/ wie der Sand des Meeres. Hinauf zogen sie auf die Breite der Erde und umschlossen die Schutzwehr der Heiligen/ die geliebte Stadt.. Da fiel Feuer von Gott aus dem Himmel und verzehrte sie. Und der Teufel / der sie verführt hatte / ward geworfen in den Feuer - und Schwcfelpfuhl / wo auch das Thier und der falsche Prohct ist. Sie werden gequälct werden Tag und Nacht in die Ewigkeiten der Ewigkeiten. — Offenbar ist'» dcc lohte Versuch des Bösen gegen das Gute, jenes in seiner Ohnmacht zu zeigen und es gleichsam durch sich selbst, durch seine vergebliche Anstrcbung, auf immer zu enden. In Mitte der Erde ist das Reich Gottes, die bessere Zeit und Wcltvcrfassung, wie eine Sonnenstadt v) Jes. 6c>— 66, Zachar, g— ih. von der Zukunft des Herrn. 355 eingerichtet: cS ist Würklichkeit daselbst, was sonst ein geliebter Traum war, nämlich edle Wirksamkeit guter Seelen zum Besten der Welt in belohnender Eintracht. Ihr Werk gedeihet und krönt sich. Schon hat Licht die Breite der Erde erfasset und die Finsterniß in die äußersten Winkel verdränget; nun kommt Satan los und die Finsterniß der Erdccken wapnet sich zum letztenmale. Gog und Magog, (die Namen der Propheten für die äußersten barbarischen Völker x) ziehn, wie dicke Wolken, aus ihrer Tiefe herauf, sie ziehn heran die Breite der Erde: schon haben sie die geliebte friedliche Stadt umschlossen, schon wahnen sie das Gezelt der Heiligen in ihrer Hand: Keine Mühe! Keine Sorge! der Himmel schützt seine Erwählten: Feuer Gottes verzehrt die Feinde: (das Bild der sichtbarsten , schnellsten und so außerordentlichen, unver- muthetcn Hülfe!) Aus immer ist nun das Gute frei, die Erde rein; und auch ihr Verführer, der Urheber alles Bösen der Erde kommt dahin, wo seine Stellvertreter schon seiner warten. Der Schwefelsee Sodoms und Gomorrha's, (ein furchtbares Bild aus der Geschichte des jüdischen Landes,) ist seine Strafe. Ich sah einen Hellen hohen Thron, mH der drauf saß — vor seinem Antlitz fioh die x) Ezcch. 38, 3g. Zu diesen Zeilen regten sich die Alanen hinter den raurischen Bergen, eben wo Hesekiel den Gog und Magog hinsetzet, sosovl,. 1. 7. c, sg. 3 2 356 m. Das Buch Erde und der Himmel / und ihnen ward keine Stätte fttllden. (Sic waren nicht mehr! Keine Spur von ihnen! Sic konnten ftinen Anblick nicht ertrage».) Und ich sah die Todten/ Klein und Groß / stehend vor dem Thron g): Bücher wurden eröffnet und ein ander Buch eröffnet / das Buch des Lebens. Die Todten wurden gerichtet auö dem, was geschrieben war in den Büchern/ nach ihren Werken. Welch ein Bild! welch ein Anblick! Der cntflohnc Himmel, die entflohne Erde, und in der großen Leere der Richter und das Gericht. Zahllose Schaaren, groß und klein, erwarten den Ausspruch: die Bücher sprechen: ihre Werke steigen herauf und zeugen. Der Richter entscheidet, unwidersprechlich, unwiderstehlich. DaS Meer gab seine Todten: der Tod und daö Reich der Schatten gaben ihre Todten: jeder ward gerichtet nach seinen Werken. Alle Orte also, Elemente und Gräber ließen ihren Raub von sich: das ganze gleich der Abgeschiedncn stieg zur Entscheidung herauf. Und der Tod und die Hölle ward in das Fcncrmeer geworfen: (dieser ist der zweite Tod!). Und so jemand nicht ward erfunden / geschrieben im Büch des Lebens / er ward in das Feuermeer geworfen. Be» Vorstellungen dieser Größe erliegen gleichsam die Bilder: es gebricht der Sprache an Denkmalcn und Symbolen. Tod hieß bei, den Morgenländern Der, so über das Reich der Abgeschiedncn und Abfcheidenden herrschte: Höllo (>?§?/§) das Reich der Schatten, Dan. 7, io. «2. v o n d er Z u ku n ft des He r rn. 357 's' sein Gebiet; er und sein Reich traten also vor den Thron. Nun sollen beide abgethan, Ec und sein Reich aus der Schöpfung verbannet werden, daß hinferc kein Tod mehr sey; wie kann dies symbolisier'werden ? Der Tod kann nicht sterben, das LZernichtelwcrden hat kein Bild; hier tritt also das vorige zu Hülfe, der Feucrsee, der alles Böse verschlang und schon im gemeinen Ausdruck das tvdts ' , Meer heißt r): hier soll der Tod des zivkittN lan- e ^ gen TvdcS sterben. Alles kommt in diesen, das nicht in'ö Lcl'cn cinzugehen werlh ist; daher auch im Anfänge des Buchs dieser und jener Name ,, (dem zweiten Tode entrinnen und angezeichnet seyn im Buch dev Lebens) einerlei ist. Kurz, Tod, alles Böse, alles Uebcl ist aus dieser Schöpfung verschwunden- VII. *)-§ch sah ncncn Himmel und neue Erde: der erste Himmel und die erste Erde waren vergangen / das Meer ist nicht mehr. Ich, Johan- r) Auch in der Geschichte ist das tobte Meer und SodomS Früchte, nach dem Eindruck, den sie dem Litus gaben, gleichsam das Ende, der Fluch aller lebendigen Schöpfung. Er meynt, daß er in der Hölle streite, wo auch die Elemente sterben. klzssipp. I,. g. c. 41. *) Kap. 358 III. DaS Buch neS/ sah die heilige Stadt/ das neue Jcrusa- lcm herabftcigend von Gott ans dem Himmel/ znbereitet/ wie eine Braut für ihren Bränti- gam geschmückt ist. (Babel ist dahin: das wahre Jerusalem erscheinet«). Jenes lag in der Tiefe und sank in den Abgrund, dies ist, (wie es die Propheten sahen,) auf einem hohen Berge und steigt dahin von Gott hernieder. Jenes die Unzüchtig,e; dies ist die reine geschmückte Braut. Dort der alte Himmel, die alte Erde; jetzt, wie es die Propheten sahen, eine neue verjüngte Welt, eine reine glückselige Schöpfung.) Ich hörte eine große Stimme vom Himmel / die sprach: siehe/ die Hütte Gottes bey den Menschen: er wird bey ihnen wohnen/ und sie werden sein Volk seyn und Ew der Gott bey ihnen wird ihr Gott seyn r). (Bilder aus jener alten Zeit, da Gott sich sein Volk erwählte, da er in der Stiftshütte bey ihnen wohnen, sie nie verlassen, immer ihr Gott seyn wollte.) Er wird abwischen jede Thräne von ihren Augen: der Tod wird nicht mehr seyn/ noch Trauer/ Klage und Schmerz wird mehr seyn; denn das Erste ist vergangen. (Hie auf Erde und auch dort auf jener Wallfahrt war's noch immer der Erste: da war noch Strafe, Tod, Trennung, mancherlei Klage und Plage; sie Alle sind vorüber u). Der auf dem Thron saß / sprach: «l Jes. 65 , r/. 60, il». r) 2 Mos. .g, 7 - Ezech. i»8, 3S. v) 2 Mos- iö, 26. -.«TW von der Zukunft des Herrn. Af '9 stcbc.' ich mache alles neu v). lind sprach zu mir: schreibe! denn dies sind wahrhafte und gewisse Worte, (Als ob er voraussebe: wie schwor dom Menschen sepn würde, dios zu glauben! wcl- chon Zweifeln, welchem Widerspruch jegliches Wort ausgesetzt seyn dürste!) Und sprach zu mir: es ist geschehen! Ich bin daS A und O/ der Anfang und das Ende x). (Vor ihm ist Alles schon vollbracht: die fernste Zukunft ist ihm Vergangenheit und Daseyn. Ec, der ansicng, muß und kann und wird vollführen. Dem Dürstenden werde ich geben von der Quelle des Wassers des Lebens umsonst. Wer überwindet/ wird dies Alles ererben: ich werde ihm Gott seyn und er wird mir Sohn seyn >'). Wir sehen, zu welchem Zweck olles gesagt und so bekräftiget werde? den müden Waller in der Wüste bienicdcn mit Duft der Hoffnung jener Hohe anzufrischen; den matten Kampfer zu stärken, daß er überwinde. Alles droben wartet auf ihn, seinen Herrn und Eigenthü- mer, und was ist dies Alles? Gott wird ihm Gott / und er wird ihm Sohn seyn : kann ein reineres Ziel gesetzt, uns ein edlerer Lohn vorgehalten werden, als diese heilige Nähe, diese Verwandtschaft und Freundschaft mit dem seligsten, väterlichsten Wesen? Alle Bilder vom Volk Gottds/ der Stadt/ der Hütcc GottcS/ der Braut/ dem v) Jes. hll, ig. ,, Jes, h>, h, HZ, 6. 7 ) Jes- H 9 , 8 . sachar. 8, ll. 3 üc, III. Das Buch Abtrocknen der Zähre / dem freundlichen Trän- kcn ans dem Strome deöLcbenS/ wenn der matte Erdwanderer ankommt, lösen sich hierin auf: Gott wird uns Alles und wir werden Alles durch und bey ihm werden. Nur aber der Reine, der Uederwiuder!) Den Verzagten und Ungläubigen/ den Sündern und Gränelhaften / den Todschlägern und Hurern/ Zauberern und Abgöttischen und allen Lügnern: ihr Theil wird seyn in dem Pfuhl/ der mit Feuer und Schwefel brennet/ das ist der andre Tod. (Wer ist, der sagen wollte, daß dies Buch fleischliche Bilder gebe? oder sinnliche Lüste nähre? Welche Aussonderung sor- drrt's, zum Thron des Wesens zu gelangen, das unser A und O, Ziel und Zweck ist! Wer auch nur aus verzagtem Herzen, aus Unglauben und Zweifclmukh nicht überwindet, wer zu den Gräueln gclwrt, von denen das hier gestrafte Land voll war, ein Todschlägcr, Hurcr, Zauberer, Abgöttischer, Betrüger, Lügner; er kann nicht zu Gott nahen: sein Erbtheil ist bei) feinen Vätern r). — Dies ist der kurze Inbegriff des künftigen Lohns, der künftigen Strafe; und da unser Auge das Geistige und Unsichtbare der Zukunft ohne Bilder nicht fassen kann, wie unser Herz cs verlanget: so wird die Trefflichkeit derselben noch in andern Symbolen enthüllet , dem Wandrer das glorreichste Ende seines Laufs zu zeigen.) Et' kam Einer der sieben Engel / die die sieben Schglen gehabt hatten / voll r) Dan. 12, L. Walach. S, S. Äst von der Zukunft des Herrn. 36 t der letzten Plagen/ und redete mit mir und sprach: komm / ich will dir zeigen daS Weib / die Braut deö Lammes o). (Einer von diesen Engeln war's, der dem Seher das grauliche Weib gezeigt hatte; er soll ihm auch die Unschuldige zeigen, die jetzt statt jener da ist.) Er führte mich ittt Geist auf einen großen und hohen Berg / und zeigete mir die heilige Stadt / das Jerusalem / daS von Gott vom Himmel herabsteigt K). Sie hatte die Herrlichkeit GotteS: ihr Licht ist wie der köstliche Edelstein/ wie Krystall-Jaspis. Ihre Mauer ist groß und hoch und hat zwölf Thore, auf den Thoren zwölf Engel/ und ein- gegrabene Namen, die Namen der zwölf Stämme der Kinder Israel. Die Deutung ist sogleich in den Bildern. Es ist die Stadt des erwählten Volks Gottes, des himmlischen Israels; erbauet nach dem Grundriß dieses Volks, nach seinen zwölf Urgeschlechtern c). Wie dort das Brustschild des Hohepriesters zwölf Edelgesteine trug nach der Zahl der Stamme Israels und in jedem Edelstein den Namen seines Stammes; so hier mit Gassen und Thoren. Die ganze Stadt ist gleichsam Ein Brustbild , Ein Edelgestein, voll Licht und Recht, voll Glanz der Herrlichkeit Gottcsä). Von Morgen / und von Äbend/ von Mittag und Mitternacht s) Jes. 61, 62. l>) Ezech. lr», 2. Jes. n, 2. e.) Ezech. l,8, 3i. ä) Kap. g.. 362 III. Das Buch drei Thore. (Die. regelmäßigste Gestalt also, nach allen Weltsciten: gleichsam der Schatz, das Kleinod der Welt.) Die Mauer der Stadt hat zwölf Grundsteine: auf ihnen die Namen der zwölf Apostel dev LaMNieS. (Wie dort der auszeichnende Engel aus allen Stammen ein christliches Israel sammlete, wie dies unter allen Plagen bewahrt ward, und da alles den Gräueln folgte, ein Zion rings um das Lamm war: so ist auch diese Stadt, das himmlische Jerusalem, eigentlich die Stadt Christi. Seine Boten (nach dem Geist des Buchs, die Grnndsäulen des Christenkhums hicnieden) sie sollen auch oben Grundsaulen der Stadt Gottes seyn und bleiben. Auf ihr Bekenntnis; ward die Kirche gcbauet: ihr Name soll auch auf den Grund- vcsten des ewigen Jerusalems glänzen er). Dor mit m,r sprach, hatte einen güldnen Maaöftab, daß er die Stadt und ihre Thore und Mauer müsse l). Die Stadt liegt viereckt s): ihre Länge, Breite und Höhe sind gleich. (Abermals die geliebte symbolische Zahl der Zwolftausend, die auch dort aus jedem Stamm erwählet ward, und hier die e) Jes. 58, >L. Ezech. 4», 8. ß) Ezech. g.8, 16. 17. Uebcr den Tempel zu Jerusalem war die Prophezeihung: er würde uutergehen, wenn er viereckt würde ; er ward's durch die Be- fcstigungswerke aus Nolh und gieng unter. Diese Stadt liegt in ewig sicher»! und festen Viereck. von der Zukunft des Herrn. 36 Z regelmäßigste festeste Weite und Höhe im Moos anzeigt.) Er maß die Mauer: 14400» Ellen; es ist Menscheumaas/ das der Engel hatte. (Abermals ein Wink auf die 144000 Erwählte; und der Zusatz sagt, daß niemand etwas anders verstehen sollte, als was da steht.) Das Gebätt ihrer Mauer war Jaspis si)/ und die Stadt das klare Gold/ gleich reinem Krystall. Die Grnndsäulen der Mauer waren von allerlei Edelgesteinen gelegt i): der erste Grund ein Jaspis; der zweite ein Sapphir; der dritte ein Chalee- donier; der vierte ein Smaragd; der fünfte ein Sardonux; der sechste ein Sardis; der siebente ein Chrysolith; der achte ein Beryll; der nennte ein Topas; der zehnte ein Chrysopras; der eilfte ein Hyacinth; der zwölfte ein Amethyst. (Wir dürfen nicht fragen, was jedes für ein Stein sey? und welchen Apostel er bedeutet? Der Ursprung des Bildes aus dem Brustschilde des Hohenpriesters und den Stellen bey Jesaia ist klar; nicht minder seine allgemeine geistige Deutung. Gott der Herr, der im Anfänge des Buchs, wie der Stein ZaspiS erschien, ist selbst die flammende eherne Mauer um sie her: sie hat die Herrlichkeit Gottes, und ihr Licht also ist wjc Krystall - Jaspis : feurigglanzcnd. Alles ist in der Stadt Gold, Edelgestein , ihre Gründe die ausgesuchtesten, bewährtesten von allen; köstliche Grundsteine, theucr, schön, reich, vielfach b) sachar, 2, 5 . l) Jes. 28, 7. 5 l», 11. 12. 364 III. Das Buch. und der fcrnesten Zeit trotzend. Eine Maucr von Jaspis, wer kann sie überwinden ? Grundsaulen von Edelsteinen, wer kann sic zertrümmern? Eine Stadt von Golde, Straßen von Krvsiall, was kann sie Unreines in sich halten? Die Zwölf Thore find zwölf Perlenk): jedes Thor aus einer Perle; die Straßen der Stadt reines Gold/ wie dnrch- fchcinender Krystall. (Perlen bedeuten hier nicht Ebclgcsteinc überhaupt, von denen sie ausdrücklich unterschieden werden, sondern was der Ausdruck sagt: Perlen; gleichsam-als Wunder heißts : jedes Thor aus Einer Perle. Der Dauerhaftigkeit wegen stehen sie auch nicht da; sondern der Unschuld, Schönheit und einförmigen Gestalt wegen. Durch diese Perlen soll nichts Unreines gehen : alle gleiche Unschuld-Schwestern stehen sie da und glanzen und dürfen nie geschlossen werden.) Einen Tempel sah ich nicht in ihr: Gott/ der Herr/ der Allbeherrscher/ ist selbst ihr Tempel und das Lamm. Die Stadt bedarf nicht der Sonne/ noch des Mondesdaß sie ihr scheinen; die Herrlichkeit GotteS hat sie erleuchtet und ihr Licht ist das Lamm. Die Volker der Erretteten werden in ihrem Licht wandeln: die Könige der Erbe werden ihren Glan; und ihre Ehre in sie bringen. (Das irdische Jerusalem hatte am Tempel sein größtes Kleinod; dies Jerusalem bedarf keines Tempels I). Seine Einwohner haben das Licht Gottes in ihren Seelen, und brennen in seiner Liebe. Der kl Jes. öch -2. I) Jer. Zr, 83. 34> von der Zukunft des Herrn. 365 Prophet m) erhöhte für sein Jerusalem den Schein der Sonne und des Mondes; dies Jerusalem bedarf keines von beiden: sie hat ihre Sonne in sich. Sie glanzt, daß auch ferne Völker ihr Licht sehen; und was herrlich und schön und glanzend war auf der Erde, ist Alles in ihrn). Ihre Thore werden am Tage nicht verschlossen °): denn Nacht ist nicht daselbst ; der Glan; nnd die Herrlichkeit der Völker zieht in sie u). (Vor allem Feinde sicher, ist sie immer voll Von neuem Zustrom edler Bewohner.) In sie wird nicht cingchm etwas Gemeines, oder was Gräuel thnt und Läge g) ; nur die geschrieben sind inö LebenS- buch des LammeS. — Wenn ich alle diese Bilder zusammen nehme; wie kann ich ausdrüekcn, was sie sagen? Himmlisch, edel, fest, sicher, dauerhaft ist die Stadt, weit, groß und hoch, rein, glanzend, Helle, reich, prächtig: auf Gottes Wort und das Zeugniß Jesu gegründet: unmittelbar unter Gottes Schutz, Liebe und Freundschaft: in ihr alles Gute und Edle; alles Unedle unzugänglich Von ihr gesondert. Wie Israels Lager dort Herzog mit seinem Panier: so ruhet jetzt dies himmlische Israel, unbewegbar, m) Jes. 6n, ig. so. Lh., 2Z. n) Jes. 60, >0. ii. tzg, 22, 2n. 0) Jes. 60, i„. 11. Zach, ii», iZ, x) Jcs. 60, in. 11. g) Jes. S2, i. 6e>, 18. 366 III. Das Buch ewig in seinem großen und simpeln Maas von Vier und Zwölf da. Nicht in der Tiefe, nicht an den Fluthen veränderlicher Meere; auf ihrem heiligen Berge, in ihrer überall zugänglichen heitern Höhe liegt die Stadt und der Strom Lebenswassers ist in ihr. *) Er zeigte mir einen Strom Wassers dcS Lebens, glänzend wie Krystall, der stoß von dem Thron Gottes r) und des Lam- meS. In Mitte der Straßen von beiden Seiten des Stroms war der Baum des Lebens, der zwölferlei Früchte trug, jeden Monat Eine: die Blätter deö Baumes dienten zur Genesung der Völker. (Die Bilder vom Anfänge dieses Buchs und der ganzen Menschcngeschichte kommen hier wieder und beleben sich immer mehr, das Paradies, der Lebensbaum erscheinet. Auch er nach der Zahl der Stämme und Monate, mit zwölferlei Früchten gesegnet; heilsam, daß selbst seine Blatter gesund machen könnten, wenn etwas Krankes daselbst wäre): doch kein Verbanntes wird mehr seyN «): (also nichts Krankes , nichts Heidnisches, das nicht brüderlich die Früchte genießen könnte; keine Verbannung aus dem Paradiese. Der Strom des Lebens, in dessen Mitte, an dessen Seiten überall der Baum blüht, fließt für alle: krystallrein kommt er vom Thron Gottes und des Lammes, düs alte beseligt. Der Thron Gottes und des *) Kap. 22. r) Ezech. ll 7 , kl. s) Aachar. ig, »r. von der Zukunft des Herrn. 367 Lammes ist in ihr: seine Knechte werden ihm dienen und sein Angesicht sehen und sein Name wird an ihren Stirnen seyn. Nacht wird daselbst nicht seyn. Sie bedürfen nicht einer Leuchte/ noch des Lichts der Sonnei): denn Gott der Herr wird über ihnen leuchten und sie werden regieren in die Ewigkeiten der Ewigkeiten. (Wirksam also werden sie seyn als Knechie Gottes in seinem Dienst, in seiner Vertraulichkeit und Liebe; über allen Wechsel, alle Veränderung erhaben, erquickt werden für die kurze Mühe des Lebens: dies ists, was alle Bilder, Anfang und Ense sagen. Man rufe sich vom Anfänge des Buchs die Stimmen des Geistes zurück: wer's seyn soll, der vom Baum des Lebens esse, vom Quell des Lebens trinke; womit es errungen, erkämpft, erstrebt werde ? mich dünkt, so werde uns aus allen diesen Bildern bleiben, was bleiben soll, Geist für den Geist, für's Herz erquickende Wahrheit.— Er sprach zu mir: das sind treue und wahrhafte Worte! Gott/ der Herr aller Geister der Propheten/ hat seinen Engel gesandt/ seinen Knechten zu zeigen/ was schnell geschehen soll. Siehe / ich komme bald. Selig/ der die Worte der Weissagung dieses Buchs bewahret. Das Ende des Buchs schließt sich also an seinen Anfang: Alles wird Ein Wort Gottes, ein bald zu erfüllende» Ja und Amen. Ich Johannes binö/ der dies hörte und sah. Als ich gehört und gesehn hatte/ fiel ich r) Ies. 6», 1. Zachar, rh, 7. 368 III. Das Buch nieder , anzubeten vor den Füßen des Engels / der mir solches zeigte. Er sprach zu mir: nicht also! Ich bin dein Micknecht, und deiner Brüder / der Propheten und derer / die die Worte dieses BuchS halten. Betet Gott an. Dic Worte sind wie ein Sicgcl des SehcrS zum Schluß der Gesichte. Im Gefühl der Dankbarkeit vergißt er, was der Engel ihm schon untersagte u), und fallt abermal nieder. Die Antwort des Engels ist verändert und auf eine unvermerkte Weife ehrend. Ec nennt die Propheten des A- T. seine, des Sehers, Brüder, und bekennet sich selbst zum Mitknechc auch derer, die die Worte dieses Buchs halten, die, wie er dort sagte, mit dem Zeugnisse Jesu Eins sind. Versiegle nicht die Worte der Wcißa- gung dieses BuchS: dic Zeit ist nah. Wer Unrecht thut, thne fernerhin Unrecht; wer unrein ist, sey fernerhin unrein; wer aber gerecht ist, übe Gerechtigkeit weiter, und der Heilige sey forthin heilig. Siehe, ich komme schnell, und mein Lohn mit mir, zu geben jeglichem, wie sein Werk seyn wird. Ich bin das A und daö O, Anfang und Ende, der Erste und der Letzte. Selig, die seine Gebote thnn, daß sie Macht erhalten zum Baum des Lebens, einzugehen in die Thore dieser Stadt. Draußen sind die Hunde und die Zauberer, die Hurer und Mörder, die Abgöttischen und jeder, wer liebt und thut Lüge. Ich n) Lffenb. 19, 9. .-ff»"" von der Zukunft des Herrn. 36Z Ich Jesus sandte meinen Engel/ euch/ den Gemeinen/ dieses zu bezeugen. Ich bin die Wurzel und der Stamm David/ der glänzende Morgenstern. Der Geist und die Braut sprechen: komm! Und werS höret/ spreche: komm! Und wer dürstet/ komme! und wer will/ nehme Wasser des Lebens umsonst. Siegel auf Siegel! Jedes Wort, ein Gepräge des Herzens und der Wahrheit, Der Zweck des Buchs wird gezeigt über gerechte und ungerechte, unreine und heilige Seelen: jene mögen fortsündigen, ihr Ende kommt bald; diese sollen in der letzten Zeit nicht Massen, nicht müde werden: denn auch ihr Lohn kommt schnell. Lauter Bciraftigun- gen und Amen Jesu, wie ec auch im Evangelium Johannes sie bezeuget! Er ist Wurzel und Stamm David: der Morgenstern, der zuerst aus der Nacht erwachte und jetzt aus der andern Welt hetleuchtec. Er ruft den Seinen zu, daß sie ihm Nachfolgen und mit ihm glanzen: sein Geist in ihnen antwortet. Er ruft: ich komme! und sie, das Bild seiner Braut, sprechen: komm! Ec ruft: schon jetzt komme ein jeder: cs fließen für ihn, schon hier zue Erquickung, Wasser des Lebens. Er soll, was Himmel sey, nicht nur glauben, sondern auch vor- ahncn, schmecken und empfinden. Ich bezeuge jedem / der die Worte der Weißagung dieses Buchs höret: so jemand zu ihnen hinzu thut/ auf den wird Gott hinzn thun/ die in diesem Herders Werke z. Rel. ». Theol. e il. A a 370 III. Das Buch Buch geschriebenen Plagen. So jemand von den Worten der Weissagung dieses Buchs hinweg thut/ deS Theil wird Gott hinweg thnn vom Baum deS Lebens und von der heiligen Stadt/ in diesem Buche beschrieben. In Drohungen und Verheißungen soll diese Schrift unverfälscht bleiben: denn keine konnte leichter und durfte weniger verfälscht werden, als sie. Keine konnte leichter: denn da sie in Bildern spricht, so konnte dies manchen reihen, hinzu zu thun, oder, da sie so schreckliche Dinge enthalt, hinweg zu thun; mithin Alles ungewiß zu machen und zu verderben. Keine durfte weniger verderbt werden, als diese: eben weil sie eine Bilderschrift ist, und solch ein Ganzes. Zerrüttete Bilder sind unverständlich, sie sagen nichts, oder was Unrechtes und falsches. Das Buch ist vom wichtigsten Inhalt und nächster Erfüllung: hier sollte und durfte nichts ver- ändert werden. Der dieses zeuget / spricht: Ja/ ich komme schnell! — Amen! Komm / Herr Jesu! — Die Gnade deS Herrn Jesu Christi sey mit euch allen! — von der Zukunft der Herrn. 3?i * * * Ä)ir sind bisher den Bildern des Buchs nachgegangen, um zuerst ihre Verständlichkeit und Bedeutung durch sich selbst und aus den Schriften der Propheten , zUsamMt dem Zeugniß Christi und der Geschichte sprechen zu losten: dos erste und Hauptwerk. Denn du es bisher ein allgemeines Vornr- theil gewesen, das Buch sey an sich unverständlich, cs hctbe einen Schlüssel, der verloren gegangen sey, nöthig, seine Deutung beruhe auf lauter Wahn und Willkühr: so mußte dies Vörurtheil durch Lhat und Probe widerlegt werden, che man etwas weiter sagt. Und mich dünkt, es ist widerlegt worden. Die Bilder, in denen dies Buch spricht, sprechen, wie alle vernünftige Bilder, d. i. sie bedeuten. Zst uns ein Metapher, eine Allegorie, eine Münze, eine Statue, ja eine ganze Mythologie von Bildern in Gedichten, Leeden, Philosophie, Kunstwerken verständlich, sobald sie nur bedeutend spricht, und Wik genug Data ihrer Verständlichkeit haben: ist dies bey Griechen und Römern wahr, und wird ohne Widerspruch angenommen und ausgeübt; wie denn nicht bey der verständlichsten Bildersprache, der Sprache der' hebräischen Propheten ? Diese Hallen alle Einen Geist, Einen Zweck: einer bauet aus den andern, einer erklärt den andern und wie Gold hat man alle erhalten. Keine Bildersprache ist reiner blieben Und bewahrter worden, als ihre: keine Bildersprache ist auch, wie sie, so tief im Genius des Volks, seiner Schrift und Sprache gebildet. Die Aa 2 3?2 III. Das Buch ebräische Poesie ist gleichsam ganz Symbol, Bild, heilige, erhabne Reden): selbst die Prosaisten und Geschichtschreiber müssen in Bildern reden, weil ihre Sprache es so fordert; die Lehrer und Propheten noch mehr. Keine Sprache liebt und giebt Bilder, wie diese; in Einem Flammcnblick, in Einem Hauch voll Geistes des Herrn. So spricht das alte und neue Testament ; so spricht dies Buch, der Inhalt beider. Es ist Weibcrmahre, daß ein besonderer Schlüssel dazu gehöre oder verloren gegangen sey; wer schreibt ein Buch ohne Schlüssel? Wer schreibi's für sieben Gemeinen? Oder hangte Johannes, als ers versandte, den Schlüssel hinan? Und wie sah er aus? Wer hat ihn gesehen? Und wo gieng er verloren? Im Meer bey Pathmcs oder dem Mäander? — Johannes schreibt ein Buch für andre , für viele: ein Buch, an dessen Inhalt ihm so äußerst gelegen war, daß er Flüche auf Flüche setzt, wer's verstümmeln, Segen auf Segen giebt, wer's lesen, hören, befolgen würde; und dies Buch soll ein unverständliches Räthscl, ein durch sich versiegelter Unsinn seyn, den niemand ohne seinen Urheber verstehe und auch Er vielleicht nicht verstanden habe — kann man sich etwas Ungereimteres denken? — War's aber jenen Christen verständlich, warum nicht uns, die wir eben die Schriften des A. T-, und noch mehr, das geschriebene Zcugniß Jesu und der Geschichte haben, auf die dies Buch weiset. Sic lebten im Drange der ") S, l. o ev I n äs possi Hobr. prael, IV. vo n de r Z u k n n ft d es He r rn. 37Z Zeiten, sollten erst auf Erfüllung warten, sahen also den Inhalt des Buchs nicht anders, als im Nebel der Zukunft; wir leben siebenzehn Jahrhunderte nach ihnen, den klarsten Zeitraum der Geschichte. Ist das Buch erfüllt, lwic cs denn hgld, schnell, in Eile erfüllt werden sollte) so muß uns die Geschichte Aufschluß geben. Jsts.-im Kreise Johannes an Judaa oder der Christenheit erfüllt; wohlan! die Geschichte beider ist nicht dunkel: über den Ausgang Judaa's haben wir einen so genauen, unpartheiifchen Augenzeugen und Geschichtschreiber, wie über wenige Vorfälle der Welt: dem Christen» thum gebucht'« auch nicht an Nachrichten; kurz, dicS Buch muß, wenn's erfüllt ist, klarer erfüllt seyn, als irgend ein Prophet des A. T. in seinen so ungleich dunklern Zeiten. Und was wäre es für eine Prophezeihung, die nach ihrer klarbeschrie- benen Erfüllung noch unverständlich wäre? Dies Buch ist's nicht und ich weiß kaum, wie es je jemand dafür habe halten können? Ich bitte jeden, daß er nicht mir, sondern sich selbst glaube und mit seinen Augen sehe. Was sollte es helfen, die Bedeutung Eines Bildes durch das Ansehen einer willkührlichen Auslegung geltend machen zu wollen, wie so viele gethan haben; die Zeit kommt doch mit unpartheiischer Hand und wischt die Schminke von Deutung weg, die man sich und seinen Zeitgenossen aufdrang. Nur das Gold der Wahrheit ist ewig: nur sie kann's seyn, die auch in Auslegung dieses Buchs eine Gewißheit und Eintracht giebt, die allen Parthcigcist überwindet. So lange man an einem symbolischen Buch deutelt, 3?4 III. Das Buch cs eigensüchtig, willkührlich, enge und grundlos erkläret: so lange wird nie Eintracht der Meinungen zu hoffen scyn: denn des Jrrthums, der Grübelei, der Partheilichkeit und des Wahnsinns giebt'S unendlich viele Wege.' Jeder wählet sich den seinen, weil er sein ist; den er sodann gegen alle und vsc gegen sich selbst verthcjdigt. Nur der Jrrthum macble ihn blind, nur der Dünkel herbe und empfindlich. Das Licht der Wahrheit,' wenn's rein ist und angenommen werden will, scheint für alle, und allen gleich schon, helle und ruhig. Die gerade Linie ist die kürzeste und nur Eine; der krum. men und gebrochiren gicbl's unzählig viele, aus allen und auf allen Seiten--- Indem ich mich also auf diesen gesunden SittN/ auf's beste und ewige Zeugniß der Wahrheit verlasse , kann ich über das Innere meiner Deutung sehr ruhig seyn: sie bedeute und würke durch sich selbst, wie dje Bilder, die sie erkläret. Ich habe mich hie und da mit einigen großen und guten Auslegern , Krotinö / Wetstein / Abauzit/ Harenberg/ begegnet; aber nur begegnet, hje und da, aus einen oder Zwei Schritte, und den größten Lheil des Buchs mußte ich sie ihre Wege gehen lasten und gieng allein- Der Leser gehe mit mir, oder vielmehr, er folge sich selbst und dem gesunden schlichten Sinne der Wahrheit, Wo diese zu ihm spricht, nehme cr mein Wort an; wo nicht, bessere cr's und nutze meinen Fehler. Mein Hauptgesetz war's, kg in Bild willkührlich anzunehmcn, es nichts bedeuten zu lassen, was es nicht, wie jede Allegorie, jede Stgtue und Münze, offenbar he- 1 v o n de r Z u k u n st des Herrn. 3v5 deutet. Ich weiß von keinem mystischen und typischen Wort (nach dem fatalen Mißbrauch dieses Ausdrucks) im ganzen Buche, und doch ist das ganze Buch im gefunden Sinne typisch und mystisch. Ich verliere kein Wort, mir Zustimmung und Beyfall zu erbetteln; meine Deutung spreche für sich, wie des Buchs Bedeutung. Worüber ich Nachsicht nöthig habe, ist die Art ,. wie ich die Bilder vorführe und zergliedere; nichts ist schwerer, als dieses. Ein Bild muß selbst sprechen / wenn cs bedeuten soll; also auch in allen seinen Zügen beisammen seyn und stuf einmal da stehn — zumal ein Bild im morgen- ländischen Geiste. Auch hier heißt's: //Jchovah spricht und cs geschieht! er gebeut, so stcht's da!" Die Kürze ist sein Maas, der Augenblick seine Würkung. Wie nun? wenn der Ausleger anSle-- gen soll und also einzeln verführen, zergliedern, zerstückcn MUß? Im Buche der Offenbarung ist Alles schnell: alles treibt und drangt zum Ziele; ein Bote des schnellkommenden Herrn, des Blitzes des Richters. Jetzt ist das Bild, wie ein schneidender Schwerthquch, jetzt wie die Schneeflocke auf dem Haupt des Ueberwindcrs, hier ein Flammenblick Jehovah's, dort ein Rauschen seines kommenden Fußtritts, ein Ruf, ein Athem, eine Stimme des Geistes — wie soll ich diese Vorführer»? wie zergliedern und erklären? Im ganzen Buch ist Eile, Gegenwart, Ankunft: ein brechendes Siegel, ein fliegender Trommetenhall, ein durch den Himmel fahrendes Zeichen, Boten, Gesichte, die sich drängen und fast auf einmal sind — wäre es möglich, 376 III. Das Buch daß die vier Lebendigen zugleich riefen, und vier Siegel schnell auseinander brächen, und die vier ersten Trommetcn fast auf Einmal hie Elemente zerwühlten, und ich die Gesichte zusammen setzen könnte, daß sieben Gemeinen um einen Menschensohn flammen z auf Einmal das Lamm der seligen Höhe und die Thierc der Verwüstung unten erscheinen , und Babel als Weib, als Stadt, als Thier, als Ungeheuer dem Geist auf Einmal sich cindrück- te; dies und noch unsäglich mehr — wäre es möglich, wäre mir's möglich gewesen; so könnte ich vielleicht aus einen ganzen Einbruch der Deutung und Bedeutung dieses Buchs rechnen. Aber cs war mir nicht möglich. Der Sinn fliegt und die Worte kriechen; das Bild steht da und lebt und alh- met; die Worte müssen cs zertheilen , und ost so vielfach zertheilen, daß vielleicht nur für den be- geistcrsten Liebhaber noch das ganze Bild da steht. Ich arbeitete dagegen, ließ schnell folgen, setzte Bilder, die ich zertheilen mußte, wieder zusammen, winkte nur, hier auf das Zeugniß Christi, dort auf das Wort eines Propheten; Rabbinen und den Sprachgebrauch ließ ich ganz aus, weil ich sic vor, aussctze, und vielleicht „ein eignes Wörterbuch dje- „ser Bilder, aus ihrem Ursprünge und nach ihrem „Sprachgebrauch, zufammt einer Geschichte der „Erklärungen und Würkungcn dieses Buchs" zu andrer Zeit gebe; genug, hier war zu alle diesem nicht Zeit. Zn der Folge, im Ganzen der Bilder liegt Alles, auch Alles, was dem Ausleger und Leser Licht gjebt, was ihn auf rechter Bahn erhält und zum letzten Eindruck des Buchs Hinreisset; an dieser Kette mußte ich eilen. Ich eilte, drängte mich durch, durchs große Gefolge des kommenden Herrn; beschämt stehe ich hier. Hube ich vermocht, Eilt Bild zu geben, wie es dn steht? Ein Bild zu deuten, wie es schwebt zwischen Himmel und Erde? Hube ich vermocht, die heilige Kette zu regen, die sich siebenfach schlingt und windet, und überall A und O ist, Anfang und Ende des kommenden Weltbcherrschers? Ich that was ich konnte; der Leser thue mehr. Er schwimme hin auf dem reifsenden Strom des Blicks, der Gedanken, wo Zunge und Feder nicht nachfolgt: Er rücke zusammen und ordne und sehe; ich komme ihm noch mit einigen Ideen zu Hülfe: ». Der Plan des Buchs ist die siebente Zahl: die Zahl der Vyllendung / des Sabbats, der Ruhe. Der erste Tag des Herrn war der siebente nach der Schöpfung: so ordnete man die Zeiten der Welt, so soll auch dieser letzte Tag des Herren/ das Frei - und Hall - und Jnbeljahr/ das, Ende der Angstwoche, Sabbath/ kommen. Das Buch zerfallt in diese Theile und liebt die Zahl sieben von Anfang bis zu Ende. Gleich bey der ersten Erscheinung tritt Christus mit sieben Leuchtern und Sternen auf: der erste Eindruck soll Haupteindruck, Typus des ganzen BltchS werden. Nach ihm richten sich die sieben Briefe / Siegel, Trommcten, Plagen, die immer wiedcrkommende halbe Jahrwoche der Noch und so viel einzelne Stimmen und Lvbwünsche; nach ihnen richtet sich das Ganze des Buchs. Hier ist, wenn III. Das Buch 878 man auch hier und da anders abtheilen möchte, sein Haupltypus: i. Christus. Die sieben Briefe. 2. .3. Das Buch Gottes. Stilles Gebet. Die sieben Siegel, Die sieben Trommcten. 4 - Geburt des Königs. Zeichen des Drachen, des Weibes, der Thicre. 5 . 6 . Boten des Unterganges. Untergang Die sieben letzten Plagen. des Weibes, derThiere. 7- Untergang des Drachen. Die neue Welt. An der Figur, in die ich die Eintheilunq stelle, liegt uns noch nichts. Die sieben Leuchter, der erste Typus, standen im Kreise, so vielleicht auch die Sterne; die Briefe sind durch die Versetzung der Worte; wer Ohr hat/ Hörei also geordnet: 1. 2. 3 . 5 . 4 > 8 . 7 - von der Zukunft des Herrn. 379 Die sieben Siegel, Trommeten, Plagen, wo immer das erste Vier und letzte Drei sich auf einander beziehet, ohngcfahr also: » 3 , s. 4- 5. 6. 7 > Aber aus alle diesem soll hier noch nichts folgen. Lamm und Drache, Lamm und die Thiere beziehen sich auch auf einander: die Drei rufenden Engel, die zwei Symbole der Ernte und Weinlese, die jedesmalige Erscheinung vor dem letzten der Siegel und der Trommetcn ebenfalls; Babel und Jerusalem, das unzüchtige Weib und die himmlische Braut desgleichen. Das ganze Buch ist von der übcrdach- tcsten Anordnung und Beziehung im Großen und Kleinen, bis auf jede Stimme, jedes Bild, jeden Wink, so daß ich ihm hierin nichts Achnliches kennet;). Es ist das heilige Labyrinth Gottes mit sieben Pforten: das lebende Bild seiner Ankunft Mit sieben Sternen und Flymmenzügen, k>) blnllus nmgusiu erst likex, gui msiori cum srtikiclo scri^tus, ^usiu Ilie liber: isiugnam si uuumguogus vexburu xeusiistum sute, luerit in kilsucc, gusm in clmrtsm con- ßcriptuni. 3Ln III. Das Buch Die siebenfache Anordnung bisst dem Buch zu einer wunderbaren Einheit. Es ist nur eine Stimme in ihm durch alle Briefe, Siegel, Trcm- >",etcn, Zeichen und Plagen: der Herr kommt! Nur Ein Gepräge durch alle Erscheinungen und Wunder: A und O/ Anfang und Ende/ ist Gott der Herr/ der ist und war und seyn wird/ der Astbeherrscher. So kündigt Johannes an: so versiegelt er; und durch alle Bilder und Zeichen des Buchs ist jedes hierauf/ durch sich selbst/ und nach den Worten Christi und der Propheten, natürlich deutend. — Der Herr sprach : „ich komme!" und er kam. Der letzte Prophet riefst). Wer wird den Tag seiner Zukunft erleiden? Er wird sitzen und schmelzen und das Silber reinigen u. f. Und siede, er sitzt und schmelzt und läutert seine Kinder Levi wie Gold und Silber. Es ist das erste Zeichen seiner Ankunft, daß er straft und ein schneller Zeuge ist Wider die Zauberer / Ehebrecher und Unreinen; die Seinen aber auch an seinem Tage mit hohem Unterschiede auszeichnct. — Nach dieser Läuterung, dem Bilde seiner immer - und innignahcn Gegenwart und Zukunft geht das erste Gesicht an: das verschlafne Buch öffnet sich; gebrochne Siegel werden Ahit-- dungen/ Zeichen seiner Zukunft, lauter bedeuten^ de Zeichen. Wie oft hatten die Propheten gesagte), des Herren Tag kommt blutig/ fürchterlich. stt Malach. 3, r — 3. 17 . ilt. vcrgt. Offenb. 2 3. v) Es. 12 . IN, z. i3, 6. g. Ezech. Zn, I.r. von der Zukunft des Herrn. 38 e schrecklich: seine vier Plagen sind die vier Reffe vor seinem Wagen. Seine Ankunft harret, biS die Blutschulden erfüllt sind; wenn er aber kommt, flieht ahndend vor seinem Blick Himmel und Erde. — Die Ahndungen sind erfüllt: die Trommeten rufen. Sic zerschmettern Himmel und Erde; nicht Mauern fallen, sondern Stücke des Firmaments, Hagelsteine Gottes, Berges Klüfte. Rufet mit der Trommele: der Herr kommt! Vor ihm geht Blut/ Feuer und Nanchdampf/ die Sonne wird Finsterniß und der Mond Blut/ che denn da kommt der schreckliche Tag des Herrn. Heuschrecken gehn vor ihm her: vor ihm sprengen Rosse und Reuters). — Er kommt naher: die letzten Zeugen erscheinen; siehe / ich will euch senden den Propheten Elia/ ehe denn da kommt der große und schreckliche Tag des Herrn 8). Er kommt: die Siegsstimmcn rufen ihn im Himmel aus; auf Erden müssen noch hin- weggethan werden die Gräuel und Unthiere der List und Boshcitk). Die 'Engel rufen Babels Fall, der Verwirrung Untergang, daß Ruhe werde: die Sichel mahl, der Weinsteck blutet zur Weinlese, zur fröhlichen Ernte: hebet eure Augen auf/ das Feld ist weiß zur Erntei). Die letzten Plagen des Ausgangs kommen: der Tag des Herrn glü- 1 ) Joel. r. i. Amos 5 , >8. Zephanj. i, ist. iS, Z) Malach. st, 5 . 6. Ul Jcr. 5 o, 17. i) Joel 3 , 18. Es. 17/ 5 . ir. 382 III. Das Buch hend/ Wie ein Ofen und die Verräther sind Stroh k). Der Euphrat trocknet: die Schlachtopfer sind versammlet: er kommt als Racherl): er kommt als Richter. Das Gericht wird gehalten: die Gerechten erwachen al6 frühzeitige Sterne m) und ihnen nach das ganze Heer. Babel ist versunken , Jerusalem glänzet: der Drache versunken: der Herr ist König n). — So ist in Allem nur Eine Stimme, Ein Inhalt: was die Bilder nicht sagen können, sagen die mächtigen Zwischenrufe und Stimmen und Ehöre. Vor jedem Siebenten o) erscheint ein Böte, der an den Anfang erinnert und auf das Ende weiset: die Ringe greisen in einander und lassen nicht los, bis am Ziele. Das Chor des Himmels wechselt mit dem Echo des Geistes auf Erden p>): dies fleht, rufet, warnet, tröstet: Es erhält durch alle drückende Gesichte die Ahndung besserer Zukunft. Der heilige Name ist auf dem Buch und seinen Erwählten g): immer schwebt die Stadt Gottes, das Lamm, das himmlische Priesterthum vor Augen, ihr letztes Thcil und Erbe. — Wer leiht mir Kräfte, diese wunderbare Ein- k) Malach. I», i. l) Jes. 6r, 63. f. m) Dan. 7, ro. rr, 3 . i>) Zachar. r 3 , i^. Obadj. 5 - 2t. o) Kap. 7, io. Kap. 2. 3 . 5. 7. il». >6. 22. y) Kap. r — 3 . 7. 8. tc>. 12. il». » 5 . 18 — 22. st M mit der Höhe, Mannigfaltigkeit, Stärke und Schnelle der Bilder zu paaren, unter deren manchem die Seele fast erliegt. Sie stehn wie zwischen Himmel und Erde: sie fassen die Ewigkeit in den Ring eines kleinen Zeitanblicks: Er ist »Nd war und kommt, der Allbeherrscher. Seine Briefe zu Anfänge des Buchs, sind Funken seine- Feueranblicks, wie und wo er in verborgnen Flecken des Herzens, in glühenden Denkmalen der Erinnerung an ihn gcfüblc wird; sein Hauch ist ein zweischneidiges Schwert, das als ein Richter der Gedanken, Seele und Leib, Mark und Bein scheidet. Dein Buch der Rathschlage, du Unanschauli- cher, ist verschlossen, oft auch unserm Andenken verschlossen mit sieben Siegeln; wann ahnde» wir deine Gegenwart? wann merken wir's, daß unser Verhängnis in deiner Hand schwebet? Wann Siegel, wie diese brechen und deine Reuter hervorgehn, und die Lebendigen an deinem Thron rufen: komm und sieh! Auf dem Leichenfelde röchelnder Todten, über den Trümmern einer Königsstadt, in den Straßen des Hungers und Hausern verwesender Kranken; auch der Gottcsläugner fühlt schauernd da Gegenwart des Rächers, des Richters, ahndet ein versiegelt Buch des Schicksals.'— Alter der Tage, so enthüllest du dich; durch wunderbare Zeitzeichen wird dein uncrforfchlichcs Regiment gespürt. Was hat sic gethan, die unschuldige Heerde, die unter dem Schwert des Kriegers, unter den Zahnen des Hungers, der Thiere stirbt? Wie Schlachtopfer liegen sie, da, daß die entschlafne 3»4 III. Das Buch Wc!t den Fußtritt deines Ganges merke: vom leichten edlen Sieger mit dem Ehrenkranze fangt's an und endet mit Tod und dem Höllenrciche. — Und doch, wie wenige, die Key einer solchen Zeiterschei- nung dich kommen sehen, und das srille Blut der erwürgten Unschuld nach Rache schreien, um Erlösung wimmern hören? Große Begebenheiten des Krieges find dem Seher nur ein Trometenhall zur Warnung: große Anführer nur schnuppige Sterne; das berümtesie Kriegsherr der Welt eine Schaar ziehender Schlangen und Amphisbancn. Der Mittelpunkt des Wclclaufs, der Kampf des Guten und des Bösen ist ihm als eine Schlacht am Himmel, da feuer- rothc und dunkclschwarze Wolken mit Sonne, Mond und allem angenehmen, fröhlichen Licht streiten; Gott ist des Lichts Vater und Licht muß Licht bleiben. — Alle Erdcnmacht und List, welche Kronen sie auch trage, mit welchen berühmten Namen sie sich schmücke, welche Anbetung sie erlange, welche Künste sie auch befördere; wenn sie mit Gott und dem Lamm streitet, ist ihm Belial, Ungeheuer, Unlhicr des Abgrundes, Gräuel der Sünde und Kind des Verderbens. Der Drache ist sein Vater, der Abgrund sein Ende. Babel sinkt und welche Welt Reichthums, Nutzens, Wohllüste und schöner Künste sinkt mit ihr! Alle Wehklage um sie ist vergeblich > da die, so Wobt Gottkö halten und die Treue Jesu bewahren/ mit ihrer edlen Ein- Einfalt des Buchs Kern und Stern, aufgehen und ewiglich bleiben. 3. Die Offenbarung ist also, auch wenn man die erste und nächste Geschichte ihrer Deutung nicht verstände, ein Buch für alle Herzen und alle Zeiten : denn sie enthalt das Wesen des Christcn- thums und der Weltgeschichte, sie hat durch alle Veränderungen und Zeicumflande das Gepräge auf sich: der Herr ist nahe! sein Reich kommt.' Wie Manchen Propheten im A. T. haben wir, dessen nächste historischen Umstände wir Key so mancher Stelle nicht wissen; da diese Stelle doch sobald sie göttliche Wahrheit, Lehre und Trost enthält, Manna ist für alle Herzen und alle Zeiten. Sollc's bey dem Buch, das Auszug beinahe aller Propheten und Apostel ist, nicht eben so seyn? Es ist, (und wenn auch mancher Einfältige seine gelehrte Deutung nicht wüßte) ein Lehr - und Trostbuch, für alle Gemeinen, wo Christus wandelt. Dey den Briefen habe ich's, (ohne daß sie deßwegen mystische Zeiträume enthalten dürften,) gezeigt; beim Uebrigcn nicht anders. Der Glaube, daß der gestorbene Christus noch lebe, daß der Verborgene Christus regiere, daß der einst niedrige Christus jetzt im Glanz der Herrlichkeit Gottes schwebe; dieser Glaube; kann er besser bestärkt werden, als durch die erste Erscheinung des herrlichen Auferstandnen? Wie Sonne ist sein Angesicht: sein Hauch Allmacht: die Schlüssel der Hölle und des Todes sind sein : er vollendete und wird vollen» HMerk Werke z. Rcl. re. Theel. Vll. B b 386 III. Das Buch den. Was sind zehn Tage der Trübsal «,-gcn seinen ewigen Lohn? Was sind die dreißig Jah^ der Niedrigkeit seines Lebens gegen seine ewige Hoheit? Darum sey treu bis an den Tod? dein wartet die Krone des Lebens. — Du lebst in einer drückenden Zeit: das Buch dcS Schicksals hängt verschlossen über dir und deinem Volke ; weine nicht! ES hat überwunden der Löwe vom Stamm Juda : das Buch ist in seiner Hand; er vollendet und wird vollenden. — lieber dir brechen furchtbare Siegel: du hörst im Rauschen des langsamen Fußes der Zeit schauerliche Ahndung: Himmel und Erde droht, am meisten die wachsende Bosheit der Menschen: der Krieg rafft weg, die Pest, der Hunger tödtet: edle Menschen sterben, gute Menschen gehn seufzend unter: das Land bebt: seine Pfeiler wanken; Fürchte dich nicht/ der Herr ist dein Gott/ und sein Name ist auf dir. So du durchs Wasser gehest/ will er bey dir seyu , daß dich die Ströme nicht sollen ersäufen; und so du durchs Feuer gehest/ sollt du nicht brennen und dich die Flamme nicht anzünden. Die Zahl der Seinen ist, wie ein Bündlkin .der Lebendigen in seinen Schoos geworfen, und versiegelt. — Die letzte Ahndung kommt: Todesschwangre Stille, Warten der Dinge: die Trommeten sind gegeben; //Gedenke meiner / mein Gott/ im Besten!" spricht jetzt das stille Rauchopfer der Gebete und die stille Antwort Gottes: in meine. Hände von der Z u k u n ft d es H c rrn. Z87 habe lch dich gezeichnet. Für die Zauberer, Mörder, Abgötter, Hurer, (die leider! sich auch durch sie nicht bessern, wie die Erfahrung der Welt zeigt,) sind die Plagen. Sie quälen lange; mitten unter ihnen erscheint der Friedensengel, den schönen Regenbogen um sein Haupt, und schwört den Eid des ältesten Bundes. Laß Berg nnd Hügel sinken: das Versprechen Gottes sinkt nicht, es geht hinter Stürmen der Sündfluth, wie die Schranken des GnadenthroncS, der Regenbogen, schöner hervor. Um der Auserwahltcn willen werden die Tage verkürzet: Kurz ist der Weg durch's Meer der Trübsal; ewig die Freude, unverwelklich die Palmen und Kronen. — Der Tempel Gottes wird preis gegeben; cs ist nur der äußere, entweihetc Heidenvorhos, der wahre Tempel Gottes, mit allen, die in ihm anbeten, ist längst zum schöner» Bau gebettet. Die beiden letzten Zeugen erscheinen; wie ehret Gott diese Zeugen! wie edel kleidet er sie lebend und sterbend in Bilder und Lohn ein! Wer ist, der, wenn er die Stelle ließt, nicht ihren Tod begehrte? Fackeln vor dem Herrn, Oelbaume vor dem Gott des Vaterlandes, Moses und Elias an Lohne! Der Himmel geht auf: Gottes Tempel, die Vundeslade wird gesehen; auf Erden kann sie noch nicht erscheinen. Da stehn noch Scheinbilder der List und Gewalt — w.anke nicht; die Stimmen des Himmels sangen: Vollbracht! und auf Erden B b 2 III. Das Buch 3M wird'S vollbracht worden. Wie hier, wird allemal das Gute gebohren im großen Reiche des Allvaters: die Mutter wird verfolgt, das Kind gesichert, denn Gott ist sein Vater. Der irdischen Mutter ist auch ihr Ort bestimmt, die Wüste des Kummers, mit Brod und Wasser des Trübsals, hinter ihr schießt der unschädliche Strom der Verfolgung; aber die Erde hilft der Armen und verschlingt den vergeblichen Strom; auch in der Wüste der Verbannung ist ihr Elend bis auf Zeiten, Zeit und halbe Zeit berechnet. Man sieht zwar jetzt deine Gestalt nicht, Edle Sonnen - und Sterngeziertc! aber dein Sohn ist, was er sepn soll, ewiger König, Erbe der Nachwelt; und dem verworfnen Drachen wartet sein Schicksal durch Lammesgeduld und Löwen- NlUth bis zum Tode überwunden zu werden. Nock) stehen in seinem Namen da Phantome der Tyranney und List, schreckliche Phänomene! Die Erde bebt unter den Füßen des Thiers, Nationen und Menschenhcere lassen sich Religion, Gesetze, Gott, Freiheit rauben und mit Barenfuß zertreten. Es brüllt gegen Gott und seine Hütte und alles ächzt und winselt: „wer ist ihm gleich? wer vermag mit ihm zu streiten?" und laßt sich bezeichnen und verliert Gewissen und Seele und geht als Schlachtvieh in Sklavenstricken. —> Sein ist das andre Thier, der Drache in Schaafskleidern, der feine, falsche, politische Prophet. Wunder stehen ihm zu Gebot; Feuer vom Himmel und alle Menschenkünste zu Händen; und das Alles, damit dem Thier ein Bildniß werde, und alles trage seines Namens Zug und Zahl, sein Abgötter, Skla- von der Zukunft des Herrn. 38g ve und Schlachtvieh — Freuet euch, ihr Ungeheuer eures kurzen nichtigen Reichs, eurer Höllenlist und Höllengewalt hienieden; in jener Höhe steht das Lamm und um ihn seine erwählte Schaar in andrer Hoheit, in andrer Weisheit. — Welche Bilder des Trosts und der Lehre sind nicht die Ernte und Weinlese, der Gesang des Himmels vor den letzten Plagen, endlich das grause Trauer - und Todtenlied über das gestürzte, sinkende Babel. Wie ein Stein geht's unter, und alle Stimmen in ihm verstummen und alle seine Liebhaber heulen und klagen; und der Geist spricht: so wird aller Schein verschwinden! so wird in kurzem alle Hurerei und Pracht und Unterdrückung der Welt hin scpn, denn das Ansehn dieser Welt vergehet. nioltoä inio sir, into Urin sir snä lilre rlee dsssloss tsbrile ok rleo »ir . Vision- tbe clouck - oaxt io-vr's, ilio xorZoous pslsoos, il>o soleinn roniples, rl>o Zresi Zlodo itsolk, sll vvbicd it inlierit, slisll ciissolvo »n>1 lileo tbis insudstsntis.1 psgeanr ksäeck lesvo noi s rsole beliinä. Wo svs suoll stuik ss elrosms sro msäo on — Nur Gottes Wort bleibt: Wahrheit, Treue, Ge« rechtigkeit ziehn auf weißen Triumphrosse» gekrönt einher. Das stillgesaete Gute der Zeugen Jesu kommt hervor: sie gehen als Morgensterne aus dem Schoos der Nacht und leuchten mit Himmelsglanze. Ihr Blut, das lange jertceten ward und ungchört III. Das Buch 390 rief, ist jetzt Schmuck ihres Kleides: ihr Werk, die edelste Sache der Welt, kommt, wie eine ver- sünkiie Atlantis, hervor und blühet. — Die Erde erwacht, die Thaten der Menschen steigen an's Licht, das Böse verbannet, das ewige Ziel unsrer Wünsche, Gottes Sta-dt und Braut erscheint. Wieviel Seelen haben sich im Geiste dieser Bilder gelabct! wie Viel Herzen hat die Stimme erquicket: // weil dürstet/ der komme! Wer da will/ schöpfe Wasser des Lebens." Ihr brechendes Auge sah die Gvt- lesstadt, auch ohne Bilder, ihre lechzende Zunge fühlte Erquickung; sie entschliefen und qiengen hinüber. Siehe da/ die Wohnung Gottes mit den Menschen: Er selbst Gott bey ihnen ist nun ihr Gott und sie sind sein Volk. Selig sind die Todten / die im Herren sterben: sie ruhen und ihre Werke sind mit ihnen. Gott hat getrocknet alle Thränen von ihren Augen / Schmerz und Trauer sind nicht mehr: das Erste ist vergangen. — Ueberhaupt dünkt's mich Unehrbarkcit und Thorheit, einen Spruch, vielleicht den herrlichsten,, zartesten, stärksten Zug der Wahrheit deswegen zu verspotten und zu verachten, weil er in der verschrieenen Apokalypse steht. Siehe/ der Herr kommt und sein Lohn mit ihm / zu geben einem jeglichen nach seinen Werken ; ist das Wort nicht eine ewige Gotteswahrheit? sagt es sie nicht so stark und zart, als sic gesagt werden kann? sagt sie nicht auch Jesajas? hat ein guter ehrbarer Heide an ihr gezweifelt? und wa-s ist nun verächtliches und lächerliches in dem Spruch, wenn ihn die Apokalypse, wie An Siegel auf ihrer Stelle, brau- von der Iukunft des He rr n. I91 chet? Wäre es nicht unbillig und unchrbar, wenn man mit der Schrift eines Heiden und Ketzers also verführe und ihre Rosen nicht Rosen seyn ließe, wenn sie gleich unter Dornen wüchsen? Und Key diesem Buch, das seine mehr als tausend Jahre durchlebt, und seine Würkung auf menschliche Herzen genugsam erprobt hat, Key ihm verzeiht man sich dergleichen. Halte man's, wofür man wolle; nur lasse man ihm das Gute, das cs in sich hat, und das gewiß göttlich ist, wer und wozu er cs auch geschrieben habe? Eure Bücher, ihr Verächter, werden sie die Würkung und das Leben dieses Buchs haben? und wo Würkung ist, muß Ursache seyn, die würken kann. Wo ein Buch, Jahrtausende durch, Herzen regt und Seelen weckt und Freund und Feind nicht gleichgültig laßt und beinahe nie einen laulichcn Freund oder Feind gehabt hat; in solchem Buche muß Inhalt seyn, was man auch davon sage. Um ein Nichts streitet man nicht; ein Nichts vergißt man: über das Merkwürdige dieses Buchs hat also die Zeit, der schärfste Richter, schon gerichtet, und cs ist Thorheit, durch Wahn zu verfolgen, was sich durch That so lange gestützt hat. 4. Aber warum hatte denn dies Buch zu allen Zeiten und vor allen andern so viel Feinde? Feinds , denen der stumpstste Witz, der blödeste Einfall, den sie in jeder andern Sache, in jedes Andern Munde selbst verachten würden, noch lieb ist, wenn er nur diesem Buche wehe thut? Die Ursachen lassen sich leicht errathen: sie liegen in der Natur desselben: es tragt, wie Alles, sein Schicksal mit ?92 IH. Das Buch sich. Zuerst, Das Buch ist in Bildern; und Bilder können die Philosophen nicht leiden. Die Wahrheit soll sich ihnen rein, nackt, abstrakt, philosophisch zeigen, und hat sich ihnen langst also gewiesen. Keine Frage also: wo? wann? warum? Wozu? von wem dies Buch in Bildern geschrieben sey? ob's nicht so habe geschrieben werden müssen? und vom Philosophen für Philosophen habe geschrieben seyn wollen ? Keine Frage: ob die Bilder zwcck- yoll, wahr, klar, würksam , verständlich oder im ganzen Buche denn nichts als Bilder sey? genug in ihm sind Bildbb s und mit Bildern haben wir nichts zu schaffen, sie sind höchstens Descriptionen der Wahrheit, und wir wollen Demonstrationen. Deduktion, Theoreme, Akroame lieben wir, Wahrheit , dje keiner Sinne nöthig hat (ob sie gleich voller Sinne ist und man nur durch Sinne zu ihr gelangte.) Erfahrung, Versuch, Sinne, Bilder sind unter uns, wie Nebel unter dem reinen Sonnenlichte, — Daß dies kein Spott sey, setze ich gleich hinzu: ZwsitLNö. Dle Natur selbst mischet die Seekcnkrafte verschieden, sie giebt dem Einen mehr Abstraktions -, dem andern mehr Concertions- kraftc und selten werden beide gleich gcübet. In unserer gelehrten Erziehung sind ungleich mehr Anlasse, Ucbungen und Lehrmeister für jene als für diese: man wird mehr zur Abstraktion, als zur Anschauung; mehr zum Zergliedern, als zum reinen Erfassen, als zu Erfahrung und That gebildet; mithin gehn in weniger Zeit die ungeübten Anschauungskrafte ganz verkehren. Komme nun rin Gelehrter, der über Abstraktionen grau ward, von der Ankunft des Herrn. 393 über die Offenbarung; was kann er an ihr sehen? Bilder nicht, er sieht Farben: ihm bedeutet nicht, was am klarsten bedeutet, was jedermann beim ersten Blick stehet. Will er nun, weil er Gelehrter ist, doch auch sprechen und deuten; wie anders, als daß er Wahnsinn deute? er zerreißt und zer- stückt, kratzt an Farben, hat weder Auge, noch Gesichtspunkt, noch Begriff vom Zweck des Werks, schüttet darüber aus, was er eben im Hirn hat, saule Kirchen- und Ketzer- oder lügenhafte, kranke, kleinkrcisige politische Geschichte. Nun ist sein schönes Lxsinxlnrn da, dem folgen andre; Klügere warnen an seinem ülxenixlo und sagen: wenn der große Mann irrte, wex sollte nicht irren? Wer wollte sich mit dem Buch einlaffen, das selbst ihm, dem gelehrten Mann, die Sinne geraubt hat! lfta Aranä ldlsrvton kit son. , weil es die Apokalypse war; da man gerade umgekehrt schließen sollte: 1 s Zranä Newton ftt oon 1 )'xss, vielleicht eben weil er der große Newton war. Er kam zu ihr, nicht wie ec kommen sollte, ohne Vorurtheil, ohne System: er kam als Rechner, als Chro,nolog, sie sollte ihm Anhang zum Daniel werden, damit sein System sich ergänzte; er war also kein reiner Leser der Offenbarung. Ein Weib, ein Kind, ein sinnlicher Mensch kann Bilder oft besser sehen, ihre Bedeutung besser trefft», als der große Gelehrte, der seinen Kopf mit andern Sachen gefüllt hat. Bcy jedem Bilde und Symbol im gemeinen Leben ist dies zugcstandcn; wie denn nicht bey dem Bilde der Bilder, der Offenbarung? Sic hat und ist eine eigne Welt; wem 3Z4 III. Das Buch Sinn und Gesichtspunkt zu ihr fehlt, geht im Finstern und tappt an ihr nach Farben umher. Selbst zum Lesen eines Buchs, das sie deutet, gehört Sinn, Muße, Gesichtspunkt. Wer's verschmäht, als Kind zu sehen, als unbefangener, sinnlicher Mensch die Bedeutung aus sich sprechen zu lassen; der ist kein Leser weder des Buchs, noch seiner Deutung. Voll Systems, Gelehrsamkeit, Vorur- theile und streitiger Hypothesen, lese er etwas, was dahin gehöret; nur er urtheile auch nicht hievon; noch weniger messe er die Verständlichkeit der Bil. der Key andern nach sich selbst. Für einen Tauben spricht man nicht und der Mahler mahlt nicht für Blinde. — Drittens. Sehr oft hat auch Key Auslegern das Herz den Verstand verführt und Haß und Liebe dieses Buchs qepflanzct. Meistens wa. rcn's Leute von Herz, nicht blos, wie gezeigt worden, von trocknen Abstraktionsgaben, (diese verachteten das Buch und ließen's liegen!) die sich an dies Buch machten: oft gess.n sie also auch darauf aus, was in ihrem Herzen war, sic mahltcn's mit Blut und Saft ihres Lebens. Dies gefiel, dies rührte. Sie fanden ihre Zeit, und die beßre Zeit darinn» die sie sich dachten; jenes Gemahlde war an sich wahr, (obgleich keine Sylbe vielleicht im Buch stand,) dazu war'd stark gezeichnet, in den zarten Zügen dieses Buchs erschien's noch starker; sie machten Parlhei. Ein Mann von warmem Herzen und vielleicht großen Talenten, ein SA-- vonarola, Joachim, Petersen, Bengel u. a. würden auch ohne Offenbarung Parthei gemacht haben; jetzt ward sic nur das Vchikulum ihrer Lieb- von der Zukunft des Herrn. 395 lingSideen, ihrer Bewunderung, ihrer Verehrung. Man nahm an, weil es von ihnen kam, vcrthci- digte, auch was sich nicht verkheidigcn laßt, der Name des Auslegers vergüldetc alles, man las mit gefalteten Händen. Das war nun den Feinden des Buchs und der Parthci ein gewonnen Spiel. Sie haßten so kalter, was jene so warm und oft unvcr- sichtig priesen. Nun sollte nichts Gutes oder Verständliches im Buch stehn, weil jene cs nicht verstanden und etwa cin falsches Gute in ihm gesunden hatten, — dies ist die Geschichte des Buchs durch alle Zeiten. Montanistische Schwärmer, cerin» thische Träumer erweckten einen EajuS, der, um ihnen zu widersprechen, das unschuldige Buch, das weder montanistisch noch cerintisch lehret, mit verwarf. Unverschämte Deutler veranlaßten einen prüfenden Dionysius, der furchtsam sagte: „ich verstehe es nicht; cs mag übrigens ein gutes Buch scyn." Wenn man Jahrhunderte durch das heidnische Rom im Bilde des Antichrists gefunden, und Eusebius nun cin christliches Rom erlebte, das eben kein himmlisches Jerusalem war; natürlich ward er kühl und fand aus Verzweiflung das himmlische Jeru- -salem gar in dem, das Konstantin baute. — So bis auf die letzten Zeiten. Die Geschichte des Buchs, seines Hasses und seiner Liebe, ist sehr natürlich; nur eben deswegen ist's Thorheit, an ihr und an einzelnen Zeugnissen einzelner Männer zu hängen, als ob die entschieden. Ey Lieber! laß die abgetragnen Lappen liegen und siehe die Person, siehe das Buch an. Hasse es nicht voraus und du wirst's, recht verstanden, gewiß lieben lernen. — III. Das Buch 3ZS 5. „Aber wie? sollte Johannes das Buch ge- schrieben haben? es wird ja so sehr bezweifelt!" Lasset uns sehen, aus und mit welchem Grunde er bezweifelt wird? Einen Missethater selbst Hort man, ehe man ihn verdammt, und was sagt dies Buch von sich? Es nennet sich Johannes Schrift und zwar nach, drücklichcr, als die Schrift eines Apostels oder Evangelisten sich von ihrem Urheber nennet. Johannes ist in ihr durchhin, und als Siegel zu Anfänge und am Ende, avthentischer, avtoptischer Zeugs. Sein Buch ist Zeugnis, sein Name darauf bürgendes Gepräge. Er will ihn also auch nicht unbestimmt gelassen haben: es ist der Johan. nes auf Pathmoö / der die Offenbarung sah; kein andrer, kein Betrüger. Die Mahre, daß ein Johannes Presbyter sic geschrieben haben köime, ist eine Vecmuthung Eusebius, die er ganz ohne Grund thut und ehe er sie gethan hat, zurück, nimmt r). Er führt nur an, daß ein Johannes Presbyter in Ephesus begraben liege, der (vermuth- lich weil er in Ephesus begraben liegt,) „auch vielleicht die Offenbarung geschrieben habe, wenn man sic nicht vielleicht dem ersten Johannes zuschreiben wollte." Und dem will sie jeder zuschreiben, dem schreibt sie sich selbst zu. Das ganze Mährchcn r) K. G. 3, 3g. Lxo? kt /«s VH? 70»' nFviror', ^oo/^«?sr von der Zukunft des Herrn. 397 vom Johannes Presbyter ist., wie alle Mahrchen aus Papias Munde, dunkeis): man weiß nicht, was er gesagt hat? noch wie man's verstanden? Es können viel Presbyters Johannes, wie überall, so auch in Ephesus gewesen seyn; cs könnte auch eben so wohl seyn, daß Papias gar tMsem Johannes Presbyter genannt habe. Er, der Aelteste unter den Aposteln, galt als Presbyter der Christenheit: vielleicht machte man ihn auch gar zu Einem der 24 Presbytern der Offenbarung, wie man ihn ja, vielleicht aus eben diesem Buche, zum Hohenpriester machte, der das Stirnblatt getragen. Wie dem aber scy; daß ein anderer, als Johannes der Apostel, die Offenbarung geschrieben habe, ist un- crwiesen und uncrweislich. Das Buch selbst zeugt in voller Maaße für ihn, nicht blos dem Namen, sondern auch der Zeit/ den Umstände» / dem Geist / der Sprache nach , die alle für Johannes reden. Die Zeit, in der das Buch geschrieben ist, wird selbst darin genannt und ist als Gesichtspunkt einiger Bbldcr deutlich bezeichnet. Es war, „da „unter Nero fünf Hohepriester schon abgcsetzt, Ei- „ner damals war, Einer noch kommen und den -) Es ist auch dem Eusebius selbst dunkel, denn er muß die Erzählung andrer und die beiden Grüfte zu Hülse nehmen, um auszumachen, daß zwei Johannes gewesen, und der Eine kein Apostel müsse gewesen seyn, weil Papias ihm den Ari- stion vorsetze, u. f. 39 « III. Das Buch „Achten der Aufruhr cinschiebcn würde." Wie gezeigt, trifft dies ins Jahr 63. oder 64 , sechs oder sieben Jahre vor Jerusalems Zerstörung; gerade in das Jahr, da Ananus Weh zu rufen ansieng und Nero die Christen verfolgte. Ist Johannes unter Nero nach Paihmos verbannt gewesen: so muß cs in dieser Zeit gewesen seyn; in keiner andern. In Jerusalem war er nicht mehr; auch schon, da Paulus im Tempel ergriffen ward, zeigte sich kein Johannes, als Vermittler, ihm zur Seite; sondern Jacobust). Nach der Geschichte ist er früh und lang in Ephcseus gewesen, hat vom Proconsul Drangsal erlitten, ist nach Pathmos verbannt gewesen ; die Wahrscheinlichkeit fallt auf diese Zeit. Die syrische Uebersetzung, die ohne Zweifel auf ältere Nachrichten baut, sagt unzweifelhaft: „Offenbarung , die Gott dem Evangelisten Johannes „auf der Insel Pathmos crkhcilt hat, wohin er „vom Kaiser Nero verbannt war." Ohne Zweifel will Epiphanius auch nichts weiter sagen, da er seine Verbannung bis zu Claudius hinauf rücket u). r) Apost. 21, 18. n) Epiphanius Ausspruch mit dem Datum, das die Offenbarung Kap. 17, g — ri. angiebk, zu vereinigen, wäre der Weg, wenn man die Könige blos Könige, d. i. die Heroden seyn ließe, deren sieben gewesen: Herodes der Große, Archelaus, Philippus, Antipas, und die drei Agrip- pen: Der Ausruhr, das Thier aus dem Abgrunde war der achte, d. i. ein rebellischer Vicekönig. Sonach käme die Offenbarung unter den verletz- von der Zukunft des Herrn. 3gg Claudius verfolgte nicht; und es ist vielleicht nur Epiphanius Meinung, zu sagen : die Offenbarung sey vor der Zerstörung Jerusalems geschrieben. Dahin setzt sie auch Arethlls/ der hier gilt, weil er aus Aeltcren gcsammlet: dahin auch TtttUllilM/ Theophylakttlö/ PftvdoprochoruS auch aus einer alten Sage. Selbst Eusebius setzt Johannes Verbannung Einmal mit Petrus und Paulus Tode zusammen und also in diese Jahre: Hieronymus desgleichen. Kurz, cs scheint die allgemeinste Nach, richt zu seyn, die Johannes und die Offenbarung unter Nero nach Pathmos setzet; die auch das Buch durchhin bekräftigt. Der ganze Ton desselben ist Weissagung; Weissagung, die ja einem Lheil nach so deutlich in Judäa's Kriege und Stur; erfüllt ist, daß ich die Verfechter jeder andern Meinung bitte,. mir eine andre Begebenheit zu zeigen , in der sie so klar und deutlich erfüllt worden. ten Agrippa, der unter Claudius gesetzt wurde und auch unter ihm starb; also in die Jahre H3 — Jeder aber, der die oben gegebne Erklärung der Häupter des Thiers, d. i. der Sladt Jerusalem, die sich schon zum Aufruhr regte, mir dieser vergleicht, wird, dünkt mich, leichte Wahl haben. Dies siebe» der Könige ist theilS zusammengerafft, theils haben sie mit Jerusalem, dem Weibe und dem Thier, nichts zu schaffen gehabt, theils gehören sie gar nicht in den Umkreis dieses Buchs, oder in den Faden seiner Geschichte; da hingegen dort Alles spricht, Alles aus der Sache selbst erwächst und in ihr würket. III. Das Buch 40s Und bald sollte sie ja erfüllt werden! Ist sie nicht in Judäa erfüllt, so ist sie falsch; denn wo ist sie sonst erfüllt worden? Ist aber das Buch hinter der Erfüllung, unter Domitian, Trajan, Hadrian geschrieben; so ist's keine Weissagung, wie ja doch die annehmen, die sie dahin setzen! Kur;, wir wollen ihr selbst glauben. Sie sagt von sich, daß sie geschrieben sey, da nur noch Ein rechtmäßiger Hohepriester, Matthias, seyn würde, und Einer damals war, Jesus, Gamaliels Sohn, Und ö. gefallen waren. Genau dies Jahr zu bemerken, zerbricht sie die Zahl 7. in 5 . und 2.; bestimmt sie -noch genauer, daß sie sagt, die io Horner, d. i. Toparchen, seyen noch nicht: Johannes kenne noch nichts ihnen ähnliches (denn sic entstanden erst im jüdischen Kriege); kurz, sie webt die Zeit und den Ort, da sie gegeben worden, als Standpunkt ihrer Gesichte und ihres Verstandes sich selbst ein. Nur in der Folge, als man schon System hatte, und den Antichrist, als Xccrcevos, als Titan in Rom suchte und Wunderdinge im Buch fand, wovon es nichts weiß: da verlegte man sie, wie cs scheint, unter Domitian, ließ den Johannes noch einmal nach Pathmos verbannt werden, damit er sie nur nicht früher gesehen habe. Der Name Domitius, den Nero hatte, und Domitian unterstützte vielleicht diese Verwirrung, und da nun gar Irenaus gesagt haben soll, „daß unter Domitian etwas gesehen sey /' ob man gleich nicht eigentlich weiß, was gesehen worden? ob Antichrist oder Offenbarung? so hat man diesen zweiten, ganz v o n d e r Z u k UN ft d e s H e r r n. 401 ganz unbewiesenen, dem Buch und der Geschichte völlig widersprechenden Zeitpunkt angenommen v), nur damit man aus der Offenbarung machen könnte, was man wollte. Bon Domitians Zeit an, sey alles bald und wenn's das achtzehnte Jahrhundert wäre; da hat man, trotz dem Bekenntniß des Buchs und seines Inhalts, Spielraum des Wahnsinnes in allen Zeiten , unter allen Nationen — Ich sage, Jrenäus Zeugniß ist kein Zeugnis: denn man versteht's nicht; man weiß nicht, was gesehen seyn soll. Er dünkte sich viel, daß er die authentische Zahl 666 wisse und sie auch im Namen -.«vrevos berechnen könne; da konnte er wohl Mcyncil/ daß von diesem Latinus und Titan die wahre Bestie MM Diokletian erschienen sey, auf die Johannes mit Fingern gezeigt haben würde, wenn sic gezeigt werden sollte; das ist aber Mcy- M'.Ng und kein Zeugniß. Ja Meynung, die sich selbst der Wahrscheinlichkeit beraubet. Johannes -v) Auch Eusebius weiß, da ev die Offenbarung unter Domitian setzt, von keinem andern Gewährsmanne als Irenaus w; ^-.0. 6bron. eält. Zcalig. p. 208. Und mit diesem Jrenäus ist man überhaupt auch aUs de» Ursprung dieser Sage übet dran. Vom Papias konnte er's nicht erfahren haben, daß der Antichrist zu Rom sey, denn der soll ja das Reich zu Jerusalem erwartet haben. Wer offenbarte es ihm also zu Llon in Frankreich? Herders Werke z. Rel. u. Theo!. VI l. Cc NI. Das Buch. muß vor Domitian geschrieben haben; denn sonst wäre cs keine prophetische Kunst gewesen, den To- rannen zu bezeichnen, der da war; also ist Irenaus, wenn er sich treu seyn will, eher auch auf unserer Seite. Nach ihm ward die Offenbarung an dem römischen Tyrannen, insonderheit Domitian, erfüllt; so mußte sie ja eher gesehen werden. Kurz, alle dies ist schon Träumerei, Sage, dem Sinn und Inhalt des Buchs, der uns über alles gelten muß, offenbar widersprechende Hypothese; kein Zeugniß- Setzen wir uns in den Zusammenhang des N. T., der Perssnen und Sachen, von denen diese Bücher reden, worauf werden wir verwiesen? Von der Zerstörung welcher Stadt, welches Landes sprach Christus? von dem Untergänge Babylons, Roms, Constantinopels, Lissabons. Quito? oder vom Fall Jerusalems? vom Sturz Judäa's? Dies war der Kreis seines Lebens und des Lelens der Apostel: In diesen Ideen redete er von der Ankunft seines Reichs: in ihnen sprach er zu Johannes: „warte bis ich komme." Und als er kam, als Johannes ihn sah, mußte es nicht abermils im Kreise dieser Ideen, mußte cs nicht der Johannes seyn, dem er's gesagt, der dies Zeugniß gehört hatte? Gerade hierin liegt ja der Zusammenhang, die genetische Art (vis walivu) des Buchs; außer ihr weiß ich keine. Von Judäa muß also die Weissagung, cs muß Weissagung von Christi Reich nach Christ Ideen / wie sie Johannes gehört hatte, seyn; oder ich verstehe nichts vom Buche. Politische Weissa- von der Zukunft des Herrn. 4v3 ger über Domitians, Ludwigs, und Tamerlans Reich, waren weder Johannes noch Christus. — So genau schließt sich also dies Buch, seinem unstreitigen Inhalt nach, an Johannes und Christus Leben. Es bewahrt und erklärt die Worte Christus: es bindet den Anfang der Offenbarung an das Ende des Evangelium Johannes und füllt den Zeitraum, der zwischen beiden liegt. Daö Zeuglliß Jesu ist Geist der Weissagung ; sie löset gleichsam das Pfand, das er auf Erden nachließ. 6 . „Da bist du, wird man sagen, auf rechtem Wege. Denn nun zugestanden, daß das Buch würklich Prophezeiung sey über Jerusalem, Commentar der Worte Christi, dazu ein fürchterlich pünktlich erfüllter Commentar sey; zugegeben, daß das Buch dann und von dem geschrieben sey, den es als Schreiber und wann es sich geschrieben nennet; auch zugegeben, daß nun alles treffe, daß 6 oder 7 Jahre vor Jerusalems Untergange würklich die Schnellt!/ das Bald sey, von denen das Buch redet: zugegeben, daß es nicht früher, nicht spater gegeben werden konnte/ um so zu rechter Zeit zu kommen, als jetzt, und doch noch völlige Weissagung bliebet (König Agrippa bauet« In diesem Jahr noch am TcMpel, daß also an seinen Untergang gewiß nicht gedacht ward.) Aber nun, was soll diese Enthüllung des Schicksals Judaa's den sieben asiatischen Gemeinen ? die so fern lebten, die dieser Sturz nicht traf! Nach Jerusalem gehörte sie, nach Judäa, wo sie Leute belehren, warnen konnte" u. f. — So viel aus diesem Ein- C c 2 III. Das Buch 404 wurs gemacht ist, daß man sogar mystische Namen von Schulen Jerusalems hcrbeigezwungcn, an die das Buch gesandt sey; so wenig hat er auf sicb. Die Ueberfmdung dieser Geschichte nach Jerusalem war nicht nur unnöthig, sie wäre von allen Seiten schädlich worden; wie jeder Key einer kleinen Ueberlegung sicher. Ulllwthig war sie: denn die Christen in Judäa hatten Christi Proxhczeihung vor sich, die gerade in dem Grad von Klarheit war, der für sic gehörte. Daß Stadt und Tempel untergehen würde, war ihnen kein Geheimnis: sie wußten's und litten ja auch eben deswegen Verfolgung von den Juden, denen diese Weissagung zu Ohren kam. Es ist allgemein bekannt und auch von denen zugcstanden, die in der Apokalypse kein Wort von Jernsalcms Untergänge finden wollen, daß die Christen, eingedenk der Worte Christi, sich aus Judäa und Jerusalem bald zu Anfänge des Kriegs gerettet und jenseit des Jordans Sicherheit gefunden haben. Der Erfolg selbst also, der gewisseste Beweis, zeigt , daß ihnen die Offenbarung ,,alS Rettungsmittel" gar nicht nöthig gewesen sey, sie wurden ja ohne sie gerettet. Und wäre sie ihnen blos unnorh, nicht auch schädlich gewesen? Allerdings schädlich. Lasset uns setzen, das Buch wäre in dem Jahre, worin cS geschrieben war , an sie gekommen; was sahen sic in ihm, als ein über- täubendcs Meer der Trübsal, wo ihnen Woge für Woge fürchterlich ins Ohr rauschte, und wo sie doch keinen Tropfen abwendcn konnten; sie sollten, sie mußten, sofern das Buch sie angieng, dies Meer hindurch. Wäre dies Trost oder Quaal? und nicht v o n d e c Z u ku n ft d es H e rrn. 4»5 unnölhige, fürchterliche Quaal gewesen? gewiß das Letzte. Die Vorsehung hatte sie an den Lrt gestellt, wo sie auödauem / als Knechte Gottes erwiesen werden solltest : um dies zu sepn, mußten sie nicht zu Helle vorausschen, sie mußten, als Streiter Christi, gleichsam im Schatten fechten. Weichen, das Gewehr hinwcrsen, sollten sie nicht; sie mußten also auch nicht zu genau, zu fürchterlich deutlich das Elend sehen, das sie durchleben müßten. Der Soldat, der in's Feld zieht, muß streiten, nicht die Charte des Sieges, auf der auch Er gezeichnet ist, studircn; sonst streitet er nicht und die Weissagung vernichtet sich selbst. So gicbt Gott keine Ausschlüsse des Schicksals. Er laßt dem Glauben, der Tugend, der Tapferkeit, so wie der Sunde und dem Laster, ihr Spiel, ihren Schauplatz. Gut zu würken, muß man nicht zu hell vorausschen; wer zu fürchterlich weiß, erschrickt und hindert sich selbst. Judäa sollte durch natürlich« Mittel und Triebe untergehen; die Römer brauchten keine Weissagung. Die Christen sollten durch'S Wort Christi und ihre Geduld und Ausdaurung gerettet werden; sie mußten kein helleres Licht hasten Sollte die Offenbarung erfüllt werden, so mußte sic nicht nach Judäa kommen, che sie erfüllt war. Dies von Einer Seite; von der andern Seile, dem Inhalt des Buchs nach/ gehörte sic für Judäa gar nicht. Ihr Zweck war nicht, eine kleine politische Revolution, als solche zu bezeichnen; jene ist ihr nur Katastrophe zu freier, höherer Aussicht. Zukunft des Reichs Chnsti ist ihr Inhalt, kein .-/KDE 406 NI. Das Buch Nationalunqlück; und so mußte sie auch in's freie Feld, in einen Gesichtspunkt gestellt werden, wo man diesen Sinn übersehen konnte und wollte. Die unterdrückten Christen, zur Zeit der Noch, konntcn's nicht; das Nebel war ihnen zu nah: sie hiengen menschlich an dem Partikularen ihrer Begebenheit, ihres Schicksals. Das sollte nicht seyn, dagegen spricht das Buch von Anfang bis zu Ende. Der Leuchter geht nicht unter; er ist nur weggerückt von seiner Statte; nicht in Jerusalem mehr, sondern hier und überall, wo Christus wandelt. Christus kommt, nicht zum Untergange einer Königsstadt; er kommt ihnen, den asiatischen Gemeinen, er kommt der Erde. Die Stimmen des Himmels verkünden ein allgemeines Reich: alle Siegel, alle Tronnneten, alle Plagen winken aufAllvollen- dung; war's Judäa oder Asien, das diesen freien, geistigen, allgemeinen Gesichtspunkt, (die Hauptsache des Buchs) besser fassen, freier beherzigen konnte? Ohne Zweifel dieses. Jede Bildsäule muß ihren Stand, jedes Gemählde seinen Gesichtspunkt haben, außer dem es Licht und Ansicht verlieret: wie denn nicht dieser Kolossus, fine Welt voll Bildern/ aus allen und über alle Zeiten? Man drucke es in die Höhle eines Landes, einer Noth zusammen, und es ist, vom Anfang bis zum Ende, in keinem Zuge mehr, was cs seyn soll. Mit Judäa gieng die Welt nicht unter: auf den Trümmern Jerusalems sollte kein irdisches Reich Gottes erscheinen; sein Umfang ist die Welt, seine Entwicklung das Ende der Zeiten. — Das Buch der Offenbarung ward also an Gemeinen gesandt, de- von der Zukunft des Herrn. 407 ne» Judo» fern log, die on seinem Schicksal nur als Zuschauer, am Reich Christi aber als Bürger, als Hoffende Anibcil nabmen. In ihrer innersten Nahe ist's wo Christus wandelt. — Endlich bedenke man, was das Buch an Gültigkeit und Verständlichkeit gewann, wenn eS Johannes sandte, wohin es Christus chn sende» ließ. Jeder Prophet sprach zu den SciltM: Johannes Seele lebte im Kreise seiner Bekanntschaft. Hier kannte, hier verstand man ihn: hier war er als Zeuge Jesu bewahrt, hier durfte er nicht erst, als Prophet, bewahrt werden. Ja er ward'S durch eben die Briefe, die das Buch eröffnen: sie sind die Creditive seiner Gesandtschaft. Mußte der Lehrer der Gemeine nicht einen Christus glauben , der so lief seilt Herz kannte, der die kleinsten, gewiß verborgensten Flecken seiner Gemeine mit Feuerblick durchsah? Ohne Zweifel waren die Briefe im höchsten Grade treffend und charakteristisch; jeder Lehrer, jede Gemeine stand gleichsam entrathselt da und es ist, als ob Christus spräche: „du glaubest, weil ich dir dieses gesagt habe, du sollt noch viel größere Sachen sehen und glauben." Nähme» also diese Gemeinen das Buch an, so war's wie durch Hausgenossen und Augenzeugen Johannes bekräftigt. Zudem war Pathmos ihnen nah: unter ihren Leuchtern das Buch sicher, da cs in den Trümmern Jerusalems von Feinden verfolgt, von falschen Freunden verstümmelt, in der Folge vielleicht als eine Träumerei des Elends und leeren Trostes angeschn, angestritken wäre; hier blieb's in Johan- nes ruhigem Sitz, in den Händen seiner langdau- rrnden, sich weit verbreitenden Schule — Gerade sind auch die ersten Liebhaber und Der, thcidigcr desselben aus dieser Gegend und diesem Kreise Johannes gewesen. Irenaus war Polykarps, dieser Johannes Schüler; der erste bezieht sich in Absicht dieses Buchs aus Johannes Lcbensgenosscn Und Freunde. Papias war Johannes Schüler und jn der Nähe zu Hierapvlis Bischos, Mclilo zu Sar- den selbst Bischof, Justinus Martyr war lange zu Ephesus gewesen, und diese nehmen sich alle des Buchs an. Die Briefe, die unter Ignatius und Polykarps Namen umhergehn, halten sich, gleichsam als Nachbilder der Briefe der Offenbarung, an den Kreis dieser Gemeinen; und daß aus diesen Gegenden das erste Christenthum vorzüglich mit Lehrern besetzt worden, ist auch kein Zweifelx), Es ist also thöricht, gegen das Alter oder die Aechthcit des Buchs daher cmzuwenden, weil in so frühen Zeiten das Ehristenthum noch nicht so schlecht beschaffen seyn töllllM/ alö diese Briefe klagen — die elendeste Einwendung, die je gesagt ward. Wo, her wissen wir, daß es nicht so habe seyn kvlttiett? etwa weil neuere Schwärmer einen Roman vom x) S. Hering von der Schule Johannes zu Ephesus S. 87. Daß der 60, Canon des laodiceir schen Consisii, der die Offenbarung ausläßt, unächt sey, hatt Spittler in seiner critische» Untersuchung bewiesen, Bremen 1777. ersten Christcnthum erdichtet haben, der durch die Natur der Sache und die Briefe der Apostel selbst genug widerlegt wird ? Und wer weiß besser, was Christenthum sei)? wir oder Christus? wer kennt diese Gemeinen besser, wir oder Johannes, ihr Augenzeuge? Und was steht denn in diesen Briefen, was nicht bei der jüngstgeborncn Kirche des Chri- stcnthums halte scyn können; und gewiß auch ge, wesen ist, weil's Christus und Johannes sagen. Nur freilich hatten diese einen andern Blick und ein andres Maas des Christcnthums, als wir vielleicht haben mögen. — 7. Vielleicht sagt man: ,,wohlan, auch das ,,geben wir dir zu, daß die Offenbarung an diese „Gemeinen geschrieben sei) und gar an sie habe geschrieben werden müssen / damit ihr Umfang und „Zweck Platz habe; nun aber, wann ist dieser Um- „fang erfüllet? wann hat sich auf den Trümmern „Jerusalems, oder wo eS sey, das -Reich gezeigt, „das diese Gesichte verkündigen und mit dem Sturze ,,Jerusalems genau verknüpfen? Die Halste dcS „Buchs ist also von der Zeit Lüge gestraft, zugegeben, daß die erste Halste aufs genaueste und „schrecklichste erfüllt wäre. Johannes schlaft, die „sieben Gemeinen schlafen; und wo ist das: ich „komme hgld.' wo ist Auferstehung, Gericht, Reich, „und was mit der letzten Trommele des Sturzes „Jerusalems erfolgen sollte? Achtzehn Jahrhunderte „warten wir — vergebens." „Ware dies Buch, kann man fortfahrcn, nach „der Zerstörung, aus Zügen einer erlebten Ge- III. Das Buch „schichte, als frommer Wunsch, als christlicher Ro- „man geschrieben: so ließe sich alles erklären. Es „wäre ein Buch, wie so viel Traume der Rabbinen „von den Zeichen der Ankunft des Mcßias; Ro- „man, wie das vierte Buch Esra, mit dem eS „auch viel Ähnlichkeit hat. Alles, was dies Buch „sagt, sagen die Rabbinen; nur dies Buch saglS „christlich, jene jüdisch. Der Verfasser nahm die ,;Begebcnheit Judäa's, fand in ihr alle Zeichen, „wie das letzte Reich kommen sollte, oder vielmehr „trug sie hinein; und siehe, da ward sein Buch. „Ein jüdischchristlichcs Posm, aber keine Weissagung, noch weniger erfüllte Weissagung. Die „Zeit hat sie Lüge gestraft, wie alle Traume. —" „Ja, wird man ferner sagen, ich will dir „zeigen, warum eben Johannes und vielleicht auch „in Pathmos den schönen Roman schrieb? Sein „Herr und Meister hatte, da ihm bey Leibesleben „die Sache nicht gcrieth und er das Kreuz vor sich „sah, sie weise bis auf ein andermal verschoben. „Nach seinem Tode wolle er in den Wolken des „Himmels wieder kommen, noch dieselbe Generation solle ihn sehen, Stadt und Tempel seiner „Mörder solle fallen und auf ihren Trümmern sein „neues, ihm jetzt misrathnes Reich werden. Die „Fischer am See Gcnezarelh sollten Stühle bekom- „men, ganz Israel zu richten; sie zankten sich „schon um die Stelle, ihm zur Rechten und Lin- „ken; ec ließ sie bey ihrem Glauben und ward gekreuzigt. Wie es mit seiner Auferstehung gegangen sey, geht uns hier nicht an; genug, er muß. „te auferstanden seyn, denn er sollte wieder kom- von der Zukunft des Herrn. qii ,,mcn in den Wolken. Er kam nicht. Ein Apostel „sagte nach dem andern, „er kommt! er kommt! „Kindlein, es ist die letzte Stunde! bey Gott sind „lausend Jahre, wie ein Tag! Er kann nicht kom- „men, der Abfall muß erst da seyn!" Mit solchen „Ausflüchten und Judenmährchen half man sich; „indeß starben Petrus, Paulus, Jacobus; Johannes allein blieb übrig. Wie nun sich, wie seinen „Brüdern, wie seinem Meister zu Helsen? Judaa „gierig unter: deS Herren Reich kam nicht! Weder „Titus noch Domitian hatten Lust es aufzurichten. „Wie nun? kaisons I'^xoLah'pss ! Aus den Worten Ehristi, den Traumen der Rahbjnen, mißdeuteten Stellen der Propheten, sie alle jn die Geschichte des Untergangs Judaa' gewebt; sie als „Zeichen des kommenden Reich? betrachtet, in der „mystischen Sprache der Bilder, mit Ausrufen, ,,Briefen, Gesängen, Liedern geschmückt, siehe, es „wird! Und da klingt hinter ihm die Trommete, „So ward die Offenbarung! So wurden die Offen- „barungen Petri, Pauli, die Orakel der Sibyllen, „die Testamente der Patriarchen, die Constitutio- ,,nen der Apostel — Es war erstes christliches Hand- ,,werk." Daß in unsrer Zeit diese Sprache nicht unerhört sey, weiß jedermann. Bey der Apokalypse erlaubt man sich's, laut zu sagen, was andere bey andern Schriften laut denken; und warum sollten sie's nicht? was dort geschehen ist, kann hier geschehen ftyn. —' Ich hatte meine Sache halb verloren, wenn ich in klagendem oder scheltendem Ton anhübe, und III. Das Buch 4.2 diese Zweifel, stakt mit Gründen wegzuweisen, mit Pochen wegeiscrte oder mit Seufzen wegscheuchle. Sie kamen gewiß, und siebenmal arger, wieder.— Auch habe ich nicht Lust, im Ton der neuesten Langmuth auch diese Hypothese zu tolerirm , und sehr erbaulich zu zeigen: „was doch noch auch da- „bei dies Buch für Gutes behalte, wenn cs solch „prophetisches Trostexcrcilium hinter der Zerstörung „Jerusalems wäre!" Zuerst antworte ich kurz und offenbar. Wenn dies Buch in Ansehung des Reichs Christi, seines Hauptinhalts, lügt und von der Zeit des Betrugs gestraft ist: so ists auch Christus, so sinds Evangelisten und Apostel. Sic reden, sie verbinden alle, wie die Offenbarung. Christus sagt so deutlich, als dies Buch eS nicht saget^): Jerusalem soll untergehn : der Gräuel der Verwüstung steht an der heiligen Stätte: wo ein Aas ist, stimmten sich die Adler; und bald/ schnell nach dem Trübsal derselben Zeit werden Sonn' und Mond den Schein verlieren, des Menschen Sohn kommen, sichtbar kommen in den Wolken und seine Engel auSsenden u. f. Er spricht dies nicht bei Einem Evangelisten, sondern bei dreien, nicht an Einer, sondern in vielen Stellen. Ec sagt an der Einen klarer, was er in der andern dunkler sagte; gnug aber, er verbindet beide Begebenheiten und spricht davon, als von Zeichen z>) Matth, r!,. -Marc. I«i. ?uc. n. von der Zukunft des Herrn. 4>3 und Suche, Vorgang und Folge. Was Matthäus nennt: bald nach derselben Zeit/ nennt Markus in denselben Tagen/ und Lukas spricht davon, als von Ein - und derselben Geschichte. Wir sehen, Christus bauet darauf seine Gleichnisse, Trostreden, Anmunkerungen zur Wachsamkeit und Treue: der Herr ziehe weg und komme wieder: Zerstörung und Aufbau sollen auf einander folgen:, so gewiß, so klar das Eine, soll auch das andre erfüllt werden. Die Ausleger, z. E. Whitby und andere Engländer, denen unsre Englischen Theologen so gern folgen, wissen hierin Rath: sie sehn mit klaren Augen, daß alles langst erfüllt sepr). DeS Men- r) Ir lreiiiA lisrs koretoll! tlrat tlris slionll! Iiap- perr iiiimeäistel^ skter tlre rvestinA ok tlie jews Vespssmir's Xrin^ etc, tlris csnnot Ne teilen litterall^ , Irecsnse no snclr tlrinA tlren lrggginel! eitlrer to tlre sein, rnoon or Stars. It inust Ire tlrerskore a rnets^lrorieal expression etc, on lieg. XXIV. IVlattli. v. 2g. V. Ze» ^Nli tlren §lrnl! n/rpenr tlre §iAn a/ tlre Lc>n 0/ Ule» irr Henren etc» Onr Kavlor's conrinA leere seeins Io iinxort Iris Corning tlie Hoinsn ^Irrn^ ete. vtnr! tlren will lre §enrl /ork lrir ^InAel^ witlr tlre tl'rum/ret etc. Oocl's kroglrets sncl IVIinisters »re stileä Iris /^nAels: tlieir prescdinA is re- xresentecl ss tlre Voice ok -> l^roinget etc.! !! )^lrit^ tlo/nmcnt. Vol, I. 244, 245. III. Das Buch 4'4 schcn Sohn ist gekommen, sichtbar gekommen auf den Wolken, die zwölf Geschlechte haben ihn gefehn und geheulct, das Gericht ist gehalten, die Tobten sind auferstanden, Sonne, Mond und Sterne vom Himmel gefallen; alles ist klar geschehen; nur daß zum Unglück niemand recht weiß, wie? oder wann! Soll Christi letztes Wort, das er als Pfand der Treue den Seinen auf Erden nachließ, keine Wasserblasse seyn; wahrlich, so muß es auch nicht als metaphorischer Dunst angefehn und gedeutet werden: oder wir ehren das Wort und die Person Jesu schlecht. Was er über Jerusalem ausfprach, ist so eigentlich, so furchtbar deutlich erfüllet worden; eben so muß auch das erfüllt werden, was er in demselben Alhem, in derselben Verbindung auf die Katastrophe Jerusalems, als Entwicklung, als Zweck seiner Rede bauet. Die Apostel sehn wir alle in der nahen Erwartung des Reichs Jesu. Es ist ihre letzte Frage an ihn s): Herr, wirst du bald dein Reich aufrichten? und Christus verweiset ihnen die Erwartung nicht; nur die Bestimmung der Zeit entnimmt er ihnen. In allen ihren Schriften ist das Gefühl dieses nahen Reichs, der nahen Zukunft des Herren; ihre dringendsten Warnungen und Bewegungsgründe 2) Apostelg. 1, 6. vergl. v. 3 . Matth, io, 28. c. 16. 27. 28. coli, ig, 28. c. 26, 6g. von der Zukunft des Herrn. 4 »5 Höngen davon abd). Paulus erklärt sich über die Nähe des schnellen Tages; aber nicht also, daß er ihn ins Endlose fortschiebt c). Erst muß der Feindselige hinweqgethan werden; niemand aber kann ihn Hinwegthun, als der schnelle Richter. Petrus entschuldigt gleichsam ä), warum der Tag des Herrn noch nicht gekommen sey? und daß er docl^ deßhalb bald und schnell und unvermuthet kommen werde. Die Nähe des Tages des Herrn ist also das Siegel/ so wie des letzten Buchs, so des ganzen N. T. / der Reden Christi und der Apostolischen Schriften. Nicht minder Glaube der ersten Christen. Man weiß cs aus so viel Stellen und Nachrichten, daß sie alle in Hoffnung dieser nahen Erscheinung gelebt und eben darauf, wie es auch Christus will, ihre Wachsamkeit, Treue und Ueberwindung der Welt gebauet haben. Nur erst, da der Geist des Ehristenthums sank, machte man aus diesem Glauben , dieser nachgcfühlten Gegenwart und Hoffnung, kalte Theorie; schob die Zukunft des Herrn, weil sie ihnen noch ungelegen gekommen wäre, immer weiter, endlich bis ans Ende der Welt, in den Abgrund der Zeiten, die wir nicht erleben. Man 1>) r Cor. I, 7. 8. Philipp. I, 6. coU. h, b. Lit. 2, r3. Ebr. 10, 3?. c) 2 Thess. 2 conk. Koppli lV. 1°. excur;. ll. sä N. I. ä) 2 Petr. 3. coli, i Petr. >, 6. 7. iZ. Agp. 4-6 III. Das Buch dichtete sich immer einen neuen Antichrist, der erst untcrgehn müsse, ehe der Herr komme; so lange sey man sicher. Rom, Mahomet, der Pabst, Lo- jola, die Lilien — und was weiß ich mehr für Traume? Der Erfolg zeigte, wie christlich die Lehre war; man vergaß Christum, ob man ihn gleich nicht leugnen wollte: mit dem Gefühl seiner Nahe und dem Glauben an seine Ankunft ging auch das Christenthum unter. — Man stehet, wie nah dieser Glaube mit dem Geiste des Christenthums verwandt sey; ja was sage ich, verwandt? cs ist der Geist Christi, es ist das Pfand seiner letzten Worte. Wie dort Ly- kurgus (man verzeihe mir die unvollkommene Vergleichung) da er seinen Staat angerichtet, wegging und den Schwur mit sich nahm , seine Gesetze zu erfüllen, bis er wiederkame: er kam nicht wieder, es sollten ewige Gesetze werden; so ließ Christus, nicht hinterlistig, als Sohn Gottes und der Wahrheit ließ er den Seinen das Wort nach: „ich gehe und komme mit meinem Reich wieder. „Wachet! überwindet! liebet mich und wartet mei- „ner." Dies Wort sollte Siegel seiner Gegenwart auf Erden, Pfand und letzter Eindruck, bleibendes Gefühl, Seele des Christenthums scyn; sie mochten ihn als Knechle fürchten oder als Brüder lieben; genug, sie sollten ihn, als ihren Herrn, Richter und Löhner, bald/ augenblicklich/ stündlich erwarten. So lange dieser Glaube da war, war Christenthum auf Erden; wenn er nicht mehr ist, isis kein Christenkhum mehr, welche Theorie man auch von der Zukunft des Herrn. 417 auch habe. Um den abwesenden, fernen, ungewissen Christus thut man nichts; viel weniger wird man um seinetwillen leiden. Der Baum seiner Worte ist verdorret: ihr Funke, der immer leben sollte, zu Asche verglimmt. — Auch sehen wir, daß in allen Zeiten, hie und da bei einzelnen Personen, in denen der erste Ernst und Eifer des Chcistenthums wiederkehrte, immer auch dies Gefühl der Nahe Gottes und Christi zurückkam. Sie sahen die Zeichen der Erlösung, den steigenden Saft in den Baumen, und erhoben das Haupt und waren freudig und wücksam. An den äußerlichen Veranlassungen, Zeichen und Hüllen konnten sic irren; ihr inneres Gefühl aber war Wahrheit, und in ihm überwanden sie die Welt Nicht anders. Eine Welt zu überwinden, muß man in sich haben, was stärker als sie sey. Die Raupe, die auflebt, fühlt den kommenden Frühling: der Vogel, der hinwegzicht; wird von innen hinweggetricbcn; sonst bliebe er, wo er ist, und erfröre. Das Holz, das brennen soll, muß Funken empfangen, sonst bleibts träges, nasses, faulendes Holz. Welche Wahrheit ists, die Nähe deö TsigcS Chnsti, welche fürchterlichliebliche Wahrheit! Wer wird den Tag seiner Ankunft erleiden? und wer wird bestehen, wenn er erscheinet? In sein Reich gehet nichts Unreines, noch Gemeines, noch Heuchlerisches, was Gräuel thut, und Lüge; nur der treue, stille Zeuge, der ausdaurendc Ueberwindcr, Herder; Werke z. Rel. u. Theol. VII. D d III. Das Buch 41S wer wachet und durch Geduld in guten Werken unendlichen Lohn erwartet. — Nothwendig gehorts zu diesem Siegel des Chri- stcnthums, zweitens / daß man keine Zeit und Stunde wisse/ daß man nach ihr auch nicht einmal frage. Christus selbst wußte sie nicht und bekannte offenherzig, daß sie kein Engel im Himmel, auch deS Menschen Sohn, der selbst kommen werde, nicht wisse. Er sagt: es gebühret euch nicht zu wissen Zeit oder Stunde. — So Christus; und Christen hats gebühret, sie zu wissen, sie zu berechnen ? cs als Hauptzweck der Offenbarung anzusehen , daß die Stunde, dem Wort Christi und allem Hauptzweck des Christenthums zuwider, berechnet werde? Ich bekenne, daß, wenn dies der Zweck der Offenbarung wäre, wenn sie hieran auch nur von fern dachte, ich sie sogleich als ein unchristliches Buch zu verwerfen geneigt wäre. Seele des Christenthums ist, daß Niemand des Herrn Zukunft wisse, daß jeder sie stündlich erwarte, mit guten Werken auf sie würke; und dies Buch wollte uns diese Seele wegnehmen? diesen Geist einschläfern? den Menschen, statt daß er Gutes würke, damit beschäftigen, daß er grüble und das Ende der Welt berechne? Kann etwas eines Christen, der Christi Wort weiß, unwürdiger sepn? Es wäre einer der schimpflichsten Flecken des Buchs, wenn es sich dessen schuldig gäbe: an nichts ists aber unschuldiger: sein Zweck ist gerade das Gegentheil, alle Rechnung des Tags des Herrn auf ewig zu untersagen. Und wie thuts dies? Wie Christus es thut, 4'9 von der Zukunft des Hcrrn.- tvie die Apostel es thun, dadurch daß in ihm alles nur Ein Kommen ist. Ein Augenblick seiner Nahe und Zukunft. Wie Christus kein Wort weiß, als bald/ schnell / in denselben Tagen: wie die Apostel kein anderes Wort wissen; so auch dies Buch. Siehe ich komme schnell! Er kommt! er ist da! es ist geschehen! A und O / Anfang und Ende! Das ist sein Calcul. Alle Scenen eilen, alle Gesichte rufen : er kommt! Der Engel nimmt allen Aufschub , lxcovov) alle zögernde Frist mit einem Schwur beim Alllcbenden weg; die ouLwog ist 7r«(,«crett und diese letzte, schon dem Wort nach, Gegenwart und Zukunft. Wo aus dem jüdischen Kriege die Zeitwaaße seyn müssen; da werden sic, im höhern Gesichtspunkt dieses Buchs, wie vernichtet. Zeiten / Zeit/ eine halbe Zeit/ d. i. eine kleine Frist, ein unbedeutender Aufschub, die Hälfte einer letzten Woche; sonst fliegt alles, wie Sonnenstrahl; im Sturme seiner allumfassenden Zukunft. Des Buchs Summe heißt: „er ist da!" Und ist dies nicht auch, wenn wir von Gott reden wollten, die einzige Antwort? Fallt auf Gott ein Maas, das Maas eines Menschen? Und ists nicht die höchste Philosophie, was Petrus sagt: „tausend Jahre sind ihm, wie Ein Tag." Die Begebenheiten der Erde kriechen; vor ihm ist Alles vollendet. Er ist allitzt, wie allenthalben; kurz, er ists gar. Schon deswegen knüpfte Gott die Weissagung vom Wellende, und der Ankunft seines Reichs au Dd 2 III. Das Buch 420 ein Faktum/ das so bald erfolgen / in der ersten Generation vorbei seyn sollte ; und dann sey alle Bedingung vorüber, sein Reich sey jeden Augenblick zu erwarten. Das erste Faktum mußte sehr sicher gestellt seyn: denn es sollte Pfand des zweiten werden. Daher verkündigts Christus so deutlich, bestimmt in ihm die Zeit, läßts die erleben, die seine Worte selbst gehört hatten, daß kein Betrug, keine Sage der Zeit zwischenliefe; aber nun daö Zweite beruht bloö auf dem Ersten. Da wird keine Zeit bestimmt, da weiß Christus kein Wort, als bald in denselben Tagen/ und wenn er deutlicher reden soll: Himmel und Erde werden vergehen ; mein Wort wird nicht vergehen; aber von dem Tage und von der Stunde weiß niemand. Kurz, dies Wort sollte auf der augenscheinlichen Erfüllung eines andern Worts Christi ruhn, der, wenn jenes erfüllt ward, auch dies erfüllen könne, erfüllen werde. Die Zögerung des Tages des Herrn ist also kein Einwand gegen die Gewißheit desselben; vielmehr hat drittens Christus eigentlich auf sie bereitet. Wir dürfen nur seine letzten Reden, seine Gleichnisse merken, so finden wir tief genug diesen Eindruck. Er spricht von Knechten, denen ihr Herr lang ausblieb, die an seiner Rückkunft zweifelten und sie zuletzt verhöhnten. Er spricht von Jungfrauen, die bis zu Mitternacht wachten, und endlich doch einschlicfen. Er redet vom Diebe in der Nacht, der als Dieb eben zur späten, unerwarteten Stunde kommen müsse; von Zeile«, wo des Menschen Sohn keinen Glauben auf Erö'en finden von dcrZurunft des Herrn. /,2t sollte, wo es seyn würde, wie in den Zeiten Loth'S und Nocch's. Ja endlich, was konnte er für ein fürchterlichbesseres Symbol seiner sällMNdr'N / noch im letzten Augenblick UNgcglaubtM Ankunft geben, als eben den Ausgang Judäa's. Wie lange zögerte er! so lange, daß man zuletzt nicht glaubte, als man ihn sah. Der Tempel flammte und noch erwartete man in den Flammen göttliche Hülfe — fürchterliches Säumen! wie sehr ist's auch in dies Buch geprägt! der Herr ist da und unbemerkt. Die Siegel brechen: das Blut schreiet: die Trom- mcten rufen: der Engel nimmt Frist weg: ein Bote nach dem andern verkündigt Babels Fall; noch prangt die Hure, noch stehn sie da, die Ungeheuer des Drachen. Der Herr ist da und noch nicht da! er kommt und säumet! So wirds seyn , .sagt Christus, ehe des -Menschen Sohn kommt. Die Lichter werden ausgebrannt, der Glaube an ihn erloschen seyn und nach dem Calcul höchste Thorheit scheinen. Der freche Knecht, der die Zukunft des Herrn laugnet und schmähet, wird alle Wahrscheinlichkeit für sich, der treue Gehorsame alles gegen sich haben. „Er hält sich ja „an das Wort eines Menschen, den die Zeit Lüge „gestraft hat, der so lange nicht gekommen ist, nie „kommen wird;" und siehe, er glaubt ihm doch! und eben dies ist der Sieg seiner Treue. Auch unser Buch weiß kein anderes Christenthumssi'egel, als „Wort Gottes halten, und Treue Jesu bewahren. Wer überwindet!" Geduld und Ausdaurung der Heiligen, das ist sein Wahlspruch, an den cs Alles knüpft. Das Christenthum soll schwere Pro- 422 III. Das Buch be, Ausdaurung des Kampfs der Treue sepn: das Wort Christi soll lange Zeit erst ein Ball des Spotts, ein Zeichen des Widerspruchs werden, ehe es in Erfüllung gehet. Im langen Winter ist alles erstorben, und dann kommt der schöne Frühling. — Ich gebe es also immer zu, daß das Christenthum, sofern eS auf Kuotw der Auferstehung und Zukunft beruhet, an äußerer Wahrscheinlichkeit, für berechnende weltkluge Leute mit der Zeit sehr abnehmen, so sehr abnehmen könne, daß auch seine Lehrer sich desselben schämen und es zum vernünftigen Heidenlhum zu machen streben. Nach den Worten Christi und der Natur der Sache ist dies nichts Unerwartetes, nichts Neues, der ganze Einwurf war schon zu Petrus Zeiten da. Es ist auch wahr, daß falsche Erklärungen der Schrift den Unglauben sehr befördern, wovon ich in diesem Fall leider! die Offenbarung als das traurigste Beispiel anzusührcn habe. Was hats im Christenthum geschafft , daß man mit so mancherlei Wahnsinn sie angefüllt, sie als einen politischkirchlichen Zcitkalen- dec durch alle Perioden der Welt bis zur Zukunft Christi angesehen und berechnet hat? Was hat's geholfen, daß man den Antichrist bald im heidnischen, bald im christlichen Rom, jetzt in Caligula und jetzt in Mahomed fand, und immer nach ihnen den jüngsten Tag ansetzte? Man wartete eine Zeit lang, der Tag kam nicht; endlich verwarf man Buch und Tag. Unnütz erhitzt und unangenehm abgekühlt, kam man endlich in die edle Gleichmüthigkeit, nichts mehr zu glauben — Alle von der Zukunft des Herrn. 423 dies ist wahr und traurig: nichts also auch so sehr zu wünschen, als eine richtige Erklärung der Schrift und dieses Buches; indessen bleibt's eben so wahr, daß Ehristenthum nicht von Vernunft und einem Calcul der Wahrscheinlichkeit abhangt. Sein Geist ist Unschuld und Wahrheit, Treue und Einfalt. Es wohnt bei) einer Zahl Erwählten, die es nicht berechnen, wie vernünftiger es scy, dem Lamm als den Thicren zu dienen; sonst dienten sie ihm nimmer. Der heilige Name Gottes ist auf ihnen, den niemand kennet, denn der ihn empfangt. 8 . Lasset uns deutlicher sehen, warum dies Siegel des Christenthums die immer schnell und unaewiß bleiben sollende Zukunft Christi, eben an dies Faktum des Unterganges Jerusalems geknüpft / und wie von Christo und den Aposteln, so auch in diesem Buch mit einander verwebt sey? Die Sache selbst, der Standort Judäa's und dieser Weissager giebt, dünkt mich, genugsam Antwort. Zuerst: Christus und die Apostel waren Juden: die Gegenstände ihres Landes, ihres Tempels , ihrer Zeit waren der Kreis ihres menschlichen Daseyns, auch gleichsam der Gesichts- und Bilderkreis ihrer Seele. Christus wußte für sich, als er auf Erden wandelte, keinen schönem Namen, als des Menschen Sohn: menschlich dachte, fühlte, sprach, handelte er zu Menschen. Nun sah er Alles jetzo mit scheidenden Augen zum letztenmal an, die Stadt, den Tempel, und sah in ihnen ihr baldiges und so elendes letztes Schicksal. Er weinte, 424 III. Das Buch da cr's sah; cr betrübte sich über den Tempel, den er entweiht fand, und nun fragten die Jünger ihn nach dem Ende dieser Dinge und zugleich nach seines Reichs Ankunft. Sie verbanden beides, auch Er verband's. Er sprach im Gesichtskreise aller Propheten, denen dies Volk dkS Herren Volk/ diese Stadt und Land und Tempel des Herren Stadt/ Land und Tempel war. Sie sollten vernichtet werden, kein Stein auf dem andern bleiben, die Wohnung , das Volk Gottes so schrecklich untergehen ; es war reXoL xo-r/is, cruurkXsra «rcauoL. Da sprach EhristuS die klagenden Parabeln von der verfchmaheten Hochzeit, dem verachteten Sohn des Königs, den trotzenden Weingartnern, dem zerschmetternden Eckstein, dem wegziehendcn und wieder kommenden Herrn. Jedes Gleichnis war ein Stich in ihr Herz, trauriges Nationalweh, schmerz», llicher Abschied an sein Volk, mit einer Aussicht freierer Zukunft. So schied Christus: unter den Gegenständen und Bildern lebten die Apostel und pflanzten das Christenthum. Es war ihnen schwer zu ertragen gewesen, daß das Hciligthum untergchn sollte: in- deß da Christus es gesagt, mit so viel deutlichen Umstanden gesagt, die Zukunft seines Reichs daran geknüpft hatte: so glaubten sic dies bittersüße Evangelium und lehrten's. Die Ankunft des Herrn war ihnen nahe, die Stunde zu wissen untersagt; sie bereiteten sich, als ob jede die letzte wäre, und thaten darin den Befehl Christi. Wenn Paulus vom Aufruhr und Abfall, der erst kommen müsse, von der Zukunft des Herrn. 425 prophezei!k), so ist's gerade dos Unthier unscrs Buchs, nach allen Zügen und gewiß auch in seiner Meinung. Er sprach als Paulus, für Christen, die meistens Juden waren: das Heiligthum Gottes würde entweiht werden, cs rege sich schon der Aufruhr, der es entweihen sollte, nur noch halte ihn Etwas: bald werde er ausbrechen und dann komme der Herr. In Thessalonich konnte dieser Aufruhr nicht seyn, wo kein solch Heiligthum war; noch weniger in jeder Stadt der Welt. Rom kannte der Apostel nicht, da war auch kein jüdischer Tempel — cs konnte kein Ort, als Jerusalem seyn, die Hauptstadt ihres Gottesdienstes auf der Erde. Die Offenbarung redet eben in diesen Bildern, obgleich Asten kein Judäa und Christen keine Juden waren. Kurz, auf den Stamm des Juden- Ihums ward das Christenthum gcpcopfet, die Sprache seines Heiligthums ward des ersten Chri- stcnthums Sprache. Jede menschliche Seele, jede Zeit, Nation, jede neue Religion und Sekte hat ihren Kreis von Bildern, Symbolen, Worten und Zeichen, der ihr so eigen ist, wie dem Auge sein Gesichtskreis, wie der Zunge die angcborne Sprache. Selbst bey Propheten bequcmte sich Gott diesen Lieblings-, oft Jugendbegriffcn ihrer Seele: sie waren das zarteste Saitenspiel, das in ihnen bereit lag, darauf jetzo sein Finger spielte. Unge- formten, nur fertigen Leim in ihnen bildete er zu seinem Gebilde; andern Begriff habe ich auch nicht k) 2 Thess. 3 . vergl. Apost. 17 / r. s. 426 III. Das Buch von der FassUllgSgabe der Menschen, sie mögen lehren sollen oder lernen- Zweitens. Der Kreis von Bildern und Symbolen / in dem Christus und die Apostel sprachen, war also nicht ihre Erfindung; sondern heilige Sprache des Volks, Idiotismus aller Pro- pheten. Das jüdische Volk, A6NS oäii fiuumni Zsnsrio convictn, existirte in sich, in seinem Lande, Gottesdienst, Gesetze und Sitten, als ob cs das einzige der Erde wäre. Sie nannten sich auch also: es war dies die Wurzel, auf der der Stamm ihrer Nation geblüht hatte und verdorrte. Was wir in der alten Welt bey allen cingeschlofsencn Nationen finden, daß ihnen nämlich ihr Land, ihre Verfassung, ihre Glückseligkeit Alles, daß hiernach ihre Sprache geformt, ihre Dichtkunst und Wissenschaft gebildet, ihre patriotische Gesinnung und Handlungsweise abgezweckt war; das fand sich im größten Grade Key dem abgezirkten Volk Gottes. Sie waren aus dem Felsen gehauen, der Jacobs Stein, der Moses Fels war; der Herr, ihr Gott, war die lebendige Mauer um sie her. *) Was dies zur Schönheit, Kürze, Verständlichkeit und Würde des hohen prophetischen, insonderheit symbolischen, Styls beitrage, ist klar. Jedes Bild will seinen Kreis, seinen Gesichtspunkt, und den hat's hier auf die bestimmteste Weise. Der Prophet spricht zu seinem Volk, als dem einzigen der Erde: ihr Umkreis ist seine Welt: ihr Land, ) Zusatz I. Gottes Heiligthum; jedes seiner Worte ist Kohle dieses Heiligthums, Wort Jehovah's an seine Kinder; die erhabenste, feurigste Nationalsprache, die je gefunden ward. Welch Volk sah je seinen Tempel mit rcligiöserm Bilck und Stolz an, als dies? welch Volk bildete sich in seiner einfachen engen Sphäre eine Nationalsprache und Dichtkunst, wie Liese? — Sprache und Dichtkunst wollen diesen Kreis der Bilder. Wer für alle spricht, spricht für niemand; wer unbestimmt bildet, bildet für keinen. Nun war der Inhalt aller Propheten gerade dieses Buchs Inhalt: Straft und Segen/ Schrecken und Trost/ Zerstörung undWiederbringnng/ Untergang des alten und ein neues schönes Reich GottcS. Da die meisten in zerfallenden Zeiten des jüdischen Staats lebten, wo Gefangenschaft und Rückkehr ihnen bevorstand; so war solcher Inhalt sowohl ihrer als der Folgezeit nöthig, und so ward dies gleichsam der Stamm jüdischer Weissagung. Allen Propheten ist das alte und neue Jerusalem, Babel und Gottes Stadt, eine versinkende alte, und wicderkehrcnde beßre Welt vor Augen; auf diese zwo große Tafeln der Last und des Trost'ö/ des Leides und der Freude schreiben sie ihre göttlichen Sprüche, allen Wunsch und Lehre ihres über- fliessenden Herzens. In diesen Geist kleidet sich auch unser Buch und wird ein Inbegriff aller Propheten. Auch ihm ist Judäa und die Welt, die zwölf Geschlechts und das erwählte Volk einerlei: nur in einem hohem, als jüdischen Nationalsinne. Judäa mit den vier Ecken seiner Erde geht hier -in. Das Buch 428 unter, daß eine neue Welt, neuer Himmel und neue Erde werde. Die Abgötter des Thiers stürzen, damit das wahre Volk Gottes aus allen Völkern und Sprachen erscheine. — Für so jüdisch man also die Offenbarung in Bildern und der Schreibart halte, so amijüdisch ist sie; sie ist, wie jener schlichte Stab Mosis, bezeichnet mit dem heiligen Namen, der alle Schlan- genftäbe der Zauberer verschlinget. Gleich im Anfänge unterscheidet Gott Juden, die sich so nennen und es nicht sind: der schaugelragne Leuchter steht schon an fremder Statte, und das ganze Buch hat ja die schreckliche Wahrheit zum Zweck: „nur auf „den Trümmern eines so verfallenen Landes, eines „so entweihten Hciligkhums könne das wahre Reich „Gottes kommen." So bitter diese Wahrheit damals engen Nationaljuden seyn mußte; mich dünkt, so recht und wahrscheinlich müsse sie jetzt diesem Volk und allen Völkern der Erde seyn, da das zerfallene Heiligthum, zu enge für das Wohl aller Menschheit, so viel Jahrhunderte da liegt. Armes Volk, willt du noch immer vergebens alte Trümmer beweinen, die nie, wie sie waren, aufgcbaut werden können noch dürfen, daß durch sic etwa höheres Reich, Glückseligkeit der Menschen würde? Willt du nicht lieber selbst am höhcrn Zion, der Stadt Gottes über alle Völker und Reiche, bauen? Das Alte ist zerstört, damit das Neue werde : die enge Mauer ist zerrissen, damit die Hütte Gottes, sein Erkenntnis und seine Seligkeit allweit wohne; alle Menschen sein Volk, die ganze Erde sein Erbe.. von der Zuku nft des Herrn. 429 In diesem Betracht, dünkt mich, muß die Offenbarung jedem rechtschaffenen Israeliten nicht ärgerlich, sondern werth seyn. Sie ist in seinen Bildern und ihr Geist ist das wahre Ziel seiner eignen Hoffnung, der Hoffnung jedes erwählten Knechts Gottes aus der Erde. Bilderdienst ist verschwunden: er hat sich auf die schnödeste Art mit dem Zeichen des Thiers geendet. Das Land Gottes ist den Heiden gegeben, daß sie es zertreten; denn die letzten Eingebornen des Landes waren ja ärger als die Heiden. Das von ihnen selbst ent- weihete Hciligthum ist hin; lasset uns auf ein Heiligthum hoffen, das nicht mit Händen gemacht ist, lasset uns auf eine Stadt Gottes würken, die allgemein, wie Gott ist, und ewig blühet. Dies ist der Geist des N. T., freilich verkannt, so oft mißverstanden! Dies ist auch der Inhalt der Offenbarung. Hier geben sich Juden und Christen die Hände, und gehen von Babel aus und sagen einander : „lasset uns Geduld und Treue der Heiligen bewahren, so sind wir Gottes Volk, die erwählten Knechte, mit Jchovah's Namen versiegelt. Der uns ausführke, war das Lamm: er steckte die höhere, freiere Religion auf. Wie Geist durch's Feuer wurde sie aus jener gezogen; nichts als die Schlacken blieben im Schutt Judäa's liegen." Josephus sagt: wenn auch die Römer nicht Ende gemacht hätten; wie Sodom hätte Gott sein Volk vertilgen müssen. Gort machte es besser; aus Sodom-Judäa , dem tobten Meere, zog er Ströme von Wassern des Lebens, und das Meer ward Wüste. — Ich wünschte nicht, daß man mich mißver- III. Das Buch 43c» stände, und nach Allem, was ich gesagt, mir ein fleischliches Christenthum, einen Christenstolz, der gewiß ärger, als Judenstolz ist, Schuld gäbe. Mit Constantin ist wahrlich das neue Jerusalem nicht erschienen; unter ihm gicng vielmehr manches Gerüst zum Bau desselben unter. Als Bischofsmützen die Krone der Aeltesten, Concilien ihr Kreis um den Thron, Nauchgefaße die Gebete der Heiligen, und Unthiere von Kaisern und Fürsten summt exiscoch, die Götter wurden, die im Tempel saßen, und falsche Propheten düngen, die ihren Namen und seinen Zug und seine Zahl jedermann aufpredigen sollten: freilich, da war wenig Reich Gottes, im Sinn dieses Buchs zu erwarten. Aber was halten wir uns mit elendem Wahnsinn auf? Wer Christus Reich, das mit dem Sturz Jerusalems kommen sollte, dreihundert Jahre nachher in Constantins Reich fand, kann es auch einige Jahrhunderte weiter in Mahomeds, Hildebrands, Ta- merlans, Ignatius und Heraklius Reich finden; mit nicht wenigcrm Scheingrunde. — Ich fahre fort, von dem Verhalt zu reden, mit dem die Zukunft des Reichs Christi an die Begebenheit des jüdischen Untergangs geknüpft ward. Es wäre schlimm, wenn cS blos Judaismus oder Christianismus hatte seyn sollen; es war drittens das ausgezeichnetste Bild/ das nächste Unterpfand einer gewissen Verheißung. Nenne man in aller Geschichte eine Begebenheit, die so unerwartet-schrecklich, so fürchterlich-milde, so natürlich - unnatürlich war, als diese! Die Römer wollten nicht zerstören und zerstörten so schrecklich, so von der Zukunft des Herrn. 431 einzig: Titus wollte schonen, und mußte mit Bitten und Flehen so grausam werden. Ein Volk Gottes, und gcrielh dahin ! gicng also unter! Konnte , was Christus vom Ende der Welt anführt, ein schrecklicher Symbol finden, als diese Geschichte? Wie es zu den Zeiten Lochs / Noah war. — Das alles reicht noch nicht hin; Wie eS am Ende Jerusalems war/ so wird'ö am Ende der Welt seyN / in aller Geschichte das grausendste Gleichniß. — Wir wollen keine Zeichen deuten und Zeiten berechnen, (jeden Augenblick ist der Herr nahe!) wir können aber dem Wort Christi glauben, daß vorm Ausgange der Dinge fürchterlich die Zeit seyn wird, die hier war. Der Herr kommt, den Weinberg zu befreien, wenn die Gärtner seiner auf's unwerthe- ste wurden: er kommt, die Creatur zu erlösen, wenn sie fast nicht mehr ächzen kann nach Freiheit. Und doch wird's so ungeglaubt, so unerwartet, Key allem Säumen der Rache so schnell seyn, als damals. Die sonderbarste, ausgezeichnetste , schrecklichste, und doch so natürlich - crzwungne Begebenheit ward also Zeichen und Unterpfand der letzten Zukunft. Ein Unterpfand/ wie es-seyn mußte. Es er- lebtcn's die, die Christum hörten, sie hattcn's nicht durch Tradition her: sie konnten Wort und That, Prophezeihung und Erfolg vergleichen; und da die erste Erfüllung so furchtbar erfolgt war, wer konnte, wer wollte an der andern zweifeln? Die erste mußte bald geschehen, damit das Wort Christi noch bcy Lebenszeiten seiner Hörer bewiesen, das Unterpfand durch die Hand der ersten Augenzeugen III. Das Buch /,32 sicher gestellt würde; weil iir Ansehung der zweiten Bcrheissung sich lange säumende Jahrhunderte daran halten sollten. Eben hiezu wurden nun auch diese Gesichte geoffenbaret: ein Commentar über die Worte Christi, der beide IUru, Drohung und Werheissung, Zerstörung und Aufschluß zu Einem macht, und jenes nur als Grundlage, als Katastrophe zu diesem betrachtet. Wir sehen, warum Johannes Key diesem Buche so sehr auf ZeNgNiß / sein und Christi Zeug- niß, besteht und jedes Wort gleichsam, als solches versiegelt. Dies Buch sollte werden, was das letzte Wort Christi war, Unterpfand seiner Treue: dev Herr kommt! Siegel Gottes auf seinen Gemeinen: Ja komm / Herr Jesu ! — In diesem Betracht ist's würklich Ausgang der Dinge/ Summe der Propheten / des neuen Testaments Siegel. 9. Nun sollte ich noch viel vom kanonischen Ansehen des Buchs / von seiner Schreibart und Sprache reden; allein dies wenige mag genug seyn. Uebcr den Kanon streite ich nicht: denn nach den neust angenommenen Grundsätzen könnte ich nicht streiten; die Wasserwaage, den Grad der Göttlichkeit heiliger Schriften nach ihrem moralischen Inhalt und etwa dem verschiednen Rang ihrer Urheber zu wagen, ist mir nicht gegeben. Ist die Offenbarung das/ was ich gezeigt habe: ist sie von dem und in der Zeit gegeben, wo sie sich angiebt; so ist an ihrem Ansehen nicht zu zweifeln; sie spricht ganz für sich. Ware dies aber nicht, oder hatte ich jemand nicht überzeugt: so bleibe sic, was sie von der Zukunft des Herrn. 4ZA sie ist, dcvttrokanonisch : denn nach den ältesten Zeugnissen der Kirche wird und muß sie dieses bleiben. „Ich lasse, wie Luther sagt, jedermann seltnes Sinnes walten, will niemand an meinen „Dünkel oder Urtheil verbunden haben! ich sage, „was ich fühle, halte jeder davon, was ihm sein „Geist giebt." Ware ich so glücklich, die Erklärung/ den Zweck und Aufschluß dieses Buchs leicht gemacht zu haben; so folgte das Uebrige von selbst.- Was die Sstrachd dks Blichs betrifft, so mag sie immer UNgriechlsch seyn; sie ist's Nur etwas mehr, als die übrigen Schriften des neuen Testaments. Der arme galilaische Ehristus wollte an den Schriftstellern seiner Ankunft Und seines Reichs keine attische Bienen, keine klassische Geschichtschreiber aufstcllen, an denen Man Formeln sauge; sie tragen, wie Er, ihren Schatz in armen Gefäßen. Indessen ist Niemand, der bei diesem Buche sich nicht das Ungtiechischc erklären Und davon die Ursache finden könne. Oft sind die Solö- cismen eigentlich und mit Fleiß gewählt: oft die Eonstruktion mit Fleiß ungriechisch gemacht worden. Die Seele des Schriftstellers arbeitet nehmlich Unter der Last der ebraischen Prophctensprache: er will, was sie sagt, auch cigenthümlich, wie sie, sagen! er kämpft, er bricht mit der Sprache. So stehet z. E. gleich im Anfänge im Gruß der Name Je- hovah umschrieben, allein und unverbunden da; offenbar mit Fleiß. Er soll, wie der heilige cbrai- sche Name, gleichsam nicht flectirt, nicht verän» HerderS Werke i. Nel. u, Theel. VH. E e III. Das Buch 434 deck werden, sondern einzeln als Fels dastchn, wie er ist. Ein gleiches ists Mit dem Namen des treuen Zeugen/ der Amen ist und nicht verändert werden soll. Ein gleiches mit andern Energien: sie sollen gesetzlos seyn und wunderbar in der Rede dahertreten. Der Prophet will sprechen, wie seine Brüder, die Propheten: der Seher Gottes will ausdrücken, was und wie er sah. Ueberdem so war, nach dem eigen angegebnen Datum der Offenbarung, sie die früheste unter Johannes Schriften: (sein Evangelium hat er, wie auch Epiphanias anführt, zuletzt und im hohen Alter geschrieben) mich dünkt, die Schreibart nimmt an dieser männlichen Jugendkraft seiner Seele Thcil. Es war junger Most in alten Schlauchen: die Sprache ward hie und da zerrissen, wenn der starke, königliche Wein brauset. Wer weiß nicht, daß alle Sprache der Prophezeiung dieser kühnen Starke, dieser erhabnen Unregelmäßigkeit voll ist? die Götter sprechen nicht, wie die Menschen; auch Heiden haben durch Kunst nachgeahmt, was in der Seele der Propheten höhere Natur war, Eingebung. -- rc>. Ueber die Grammatik binweggcsehen, die ja, zumal bey diesem Buch, von so wenigen Abschriften abhangt: wer ist, der das der Sprache nicht fühle? der auch hierin das Buch nicht einzig finde? Ich kannte mehr als Einen, der seinen nähern Inhalt nicht verstand und gewiß kein Mar- tirer dafür werden wollte, der aber, was er verstand, schön fand, die ganze Einkleidung und Reihe von der Zuklunft des Herrn. 435 der Bilder groß und herrlich. Die Blumen der Dichtung aus den Propheten kleiden den Inhalt des Buchs, wie der zarte Byssus die Braut, wie die himmlische Wolke den Engel kleidet. Sollte ich mich aufs Spielwerk paralleler Stellen in heidnischen Dichtern cinlassen; die stärksten Bildern der Griechen und Römers), wenn sie von Lustration, Einweihungen, Geheimnissen, Göttererscheinungcn und Orakeln reden, halten hier siegprangen können im großen Gefolge. Hier, kann ich sagen, wird ein Land, eine Stadt, ein Heiligthum durch Feuer gereinigt und über ihr, in den Geheimnissen des Himmels, geht Lade/ Manna/ Tempel/ weiße Kleider / der goldne Zweig vom Baume des Lebens / die gevierte Zahl/ das neue Looö/ der neue geheimnißvolle Name/ der Morgenstern — alle Symbole der Geheimnisse und Mysterien gehen über ihr auf. Die Engeweihten sind durch ein Meer der Prüfung gegangen, und tragen Palmen in ihren Händen und singen das neue / jedem andern unlernbare Lied im Allerheiligsten seines Tempels. — Das Ganze ist in der heiligen Zahl, es windet sich durch lauter Sieben von Mystischen Gängen hinauf zum ewigen Viereck. — Was für ein Raubaufzug fremder Dichterstellen könnte hier auftreten, dem Buch eine geschmackvolle Ansicht zu geben! Es verschmäht diesen Aufzug. Der Dia- K) S. l.omeler äs lnstravion. Oeririlium. Eschen« bachs Lpigeries. IVIeU!'S. äs Master, etc. E e 2 436 III. Das Buch mant borgt feinen Glanz nicht von falschen Steinen: die Braut im Byffus darf keiner Purpurlap- pen des geschmückten Weibes. — Auch kann ich mich nicht darauf einlaffcn: iUlf welche Ketzereien und Sekten seiner Zeit und Gegend Johannes in Bildern hie und da an- gespielet habe ? Die Sache selbst ist wahrscheinlich: sic ist auch dem Geiste der andern Schriften Johannes, insonderheit seines Evangclii gemäß. Die Gnosts / die gewiß alter als die christliche Kirche und weiter verbreitet, als Judäa und Aegypten war, hac viel Ausdrücke und Bilder, die Johannes zu widerlegen oder wie mit -Feuer zu reinigen scheint. So ists mit der Gestalt des Weibes, mit dem Drachen-Kampfe: so mit den Thicren, den Namen und Sternen. Biele Steine und Amulete, die aus diesen Zeiten übrig sind si), haben die 7 Sterne, den Namen r«cn, und Schlangen - und Drachengcstalten, welche letztere Johannes vielleicht eben deswegen so auszeichnend zum Bilde des Teufels macht, weil sie Götzen des Aberglaubens jener falschberühmtcn Kunst enthielten 1). — Ich Hobe mich von alle diesem enthalten, denn es gehörte nicht zum Buch; auch ist in diesen Abwegen und N) Mussrii tdbrux. äs Aemmi3 nstriker. sts. r) S. Mosheim Gesch. der Ophiten im Bers. der Ketzcrgefchichte Th. r. Auch die Kirchengeschichte der erstern Jahrhunderte hin und wieder, Lenu- sodrs liist. äss lVIuniclleeiis etc. von der Zukunft des Herrn. 4^7 TeufelShohlen, wie sie dein Seher Johannes sind', lauter Trug und Irrweg. — —- Angenehmer wäre mir's gewesen, die Geschichte der Wirkungen dieses Buchs / (gut oder böse) zu verfolgen, und wie cs in verschiedenen Zeiten und Landern so verschieden gebraucht scy — eine wahre Geschichte der Starke und Schwache des menschlichen Geistes. Man hat mit ihm getröstet und ermordet, Aufruhr erregt und gestillet, sich zuin Grübler geträumt und zum Narren berechnet; aber auch an ihm Himmelsfrüchte geschmeckt und LebcnSmanna gekostet. Jeder christliche Dichter, der einen Fuy- ken wahrer Poesie hatte, hat dies Buch genossen. Die besten Lobgesange der Mittlern Zeiten auf Jc- sum, Maria, die Kirche, das Reich Gottes, sind, wie ich auch mit ungedruckten Stellen und Stücken beweisen könnte, geschmückt mit Blumen aus ihm. Auch in den neucrn Sprachen weiß jedermann, wie sehr Dante und Petaarka, Milton und Petersen das Buch gebraucht haben, ^gm Letzten war eine große poetische Gabe; seine Stimmen auS Zion sind nichts als Nachhall der Offenbarung, seine Istraniss aber blieb von ihrem Ziele weit ab. — ii. Statt alle dessen, wozu mir Zeit und Raum fehlt, lasset uns Ein Wort von der Ungleichheit sagen, die zwischen dem Evangelium und der Offenbarung Johannes seyn soll; ich sehe sie nicht, ich sehe Gleichheit, wie bei so vcr- schiebncn Schristcn nur Gleichheit scpn kann. — Wer in der Well will's fordern, daß eine III, Das Buch P8 Prophezeihung / die höchste Poesie, wie die einfachste Geschichte/ die Lebensbeschreibung eines Lehrers geschrieben seyn soll? Virgils Pollio und DaphniS sind beides Gedichts/ Eklogen, Eklogen Eines, des sanftesten Dichters und sind sie im Tone gleich? Ist die Aeneis geschrieben, wie die Ge- orgika? dazu die Aeneis, wo sie daS Todtenreich singet? stnd was würde man von dem sagen, der Earulls Berecpnthja und Pelcus mit einer Lebensbeschreibung des Nepos vergleichen wollte? Bei weltlichen Schriftstellern schämet man sich solcher Unwissenheit, nur bei heiligen nicht: da soll Johannes sein Evangelium, wo Milch und Honig fließt, wie eine Prophezeihung mir Feuer, seine Prophezeihung im Gegentbeil, wie einen vertrauten Brief schreiben; damit die stumpfen Richter seiner Schreibart doch ja in beiden EtNsN Urheber erkennen mögen! Im neunzigsten Jahre, bei einer Geschichte , in der Ruhe seines Alters soll er brausen; jm Feuer seiner Jahre, bei der erhabensten, schreck- ^ liebsten Weissagung, in Pathmos, da alle Bilder ppr ihm standen und ihn nahe Noth, das kommende Elend zu schreiben zwang, soll er ruhig und geseilt, wie Jsokrates schreiben! So wollen es dis Richter seiner Schreibart! Wer Augen Hai, zu sehen, und eine Seele, was Geist, was Eharakter in einer Schrift ist, zu fühlen; wird Zug für Zug Johannes Geist und Herz in seiner Offenbarung finden, oder auch seine andern Schriften waren nicht von ihm, An Formeln , Nedarten, Wendungen, LieblingSidcen und Liebiinüsbüderst könnte ein großes Verzeichniß, wo- von der Zukunft des Herrn. 43g zu Wetstein einen kleinen Anfang gemacht hat, gegeben werden ; das allein aber entscheidet nichts» der Geist, der im Ganzen, insonderheit in unvermerkt kleinen Zügen berrscht, entscheidet Alles. Dieselbe starke und zarte Seele, der liebliche Den- tnngögeist, die Gabe fein zu verstecken und vorzube- rciten, nur durch Winke anzndenten, und Licht und Schatten in große Massen zu theilen ; am meisten der Neichthum und doch die Sparsamkeit in Bildern, das Wiederkommen derselben Machtsprüche und Lieblinaszüoe, die Art, daß alles an wenigen, einfachen Fäden hängt, auf wenige Hauptfor- NieN zurückkommt, die er mit zarten Namen benennt und mit Feuer in die Seele schreibet; dies und viel anderes, das eher empfunden als gesagt werden kann, ist die Seele Johannes in seinen dreierlei Schriften. Sein Evangelium ist nach einem so dichterischen Plan angelegt und mit so reicher Sparsamkeit ausgeführet, als die Offenbarung. Der Sonnenadlec voll Schwung, und die Taube voll lieblicher Einfalt ist dort und hier sichtbar. Wenn die Offenbarung wie eine königliche Aloe da steht, so ist sein Evangelium eine Lilie und Rose, mit Blut der Liebe bezeichnet, sein kleinster Brief ein Vergiß mein nicht! eine Blume lieblicher Erinnerung. — » 2 . Schon dadurch ist jedes symbolische Buch der Sprache seines Urhebers halb cninommen, daß es in angenommenen, bekannten Symbolen des Zeitsanfö reden muß, und nicht, wie er will, re- > den kann. Dies Buch ist z. E. in einer Römiich« III. Das Buch 44 » Griechisch-Jüdischen Welt geschrieben und es enthält von allen dreien Spuren. Bom Griechischen ist gesprochen. Römisch sind offenbar die Bilder vom Sieger Ic)/ (der auf römischen Münzen selbst nicht anders vorgcstellt wird und werden könnte) vom Triumphei): (die weißen Rosse, wie die goldnen Kronen, das Purpurklcid wie der elfenbeinerne Scepter, die Geschenke und Gastmahle', die Idee insonderheit, daß der Triumphirer die Person Jupiters vorstclle, sind bekannte römische Zeichen) vom Namenszuge und Nameuözahl an Astirn und Hand m) (d. i. auf Helm und Schilden) u. a. Galiläa heißt das Meern): auf Münzen des Herodes Tetrarcha hat's tvirsrsrri zum Bilde — Grotiuö und Wetstein haben einen guten Anfang gemacht zum Belege dieser Bilder, der sehr vermehrt werden könnte. Won der jüdischen Bildersprache will ich nicht dasselbe Lied zweimal singen, und verspürte nur bis hieher anzusühccn, daß, was auch die gelehrte Sprache der Juden damaliger Zeit betrifft, dies Buch den Uebrrbleibsen ältester Rabbjnen zu Folge fr) Kap. 6, 3. ot, Lpanliein, üe usn nunrisin, II, p, Lz,),. et al, l) Kap. ig, 11. 6t, Oiipplir, t?Aiiviii, Ns triumpli, o, 6omni6nt, tVIster. et »I. m) Kap. 10, 16. op, Vrsin. Kniial p, gg, n) Kap, 8, 8, of, Ularünin, äe nummie Kerocl. x. 1 §. von der Zukunft des Herrn. aufs klarste geschrieben gewesen seyn müsse. Die meisten Ausdrücke, die uns fremde dünken, sind ihnen gewöhnlich: die Bilder, die bei uns einer weitläuftigen Auslegung nöthig hoben, sind ihnen angenommene Symbole aus den Propheten, wie bei uns Postulate und Kunstwörter aus angebauten Wissenschaften, die nicht erklärt werden dürfen', endlich gar die Anwendung und Deutung dieser Bilder ist hie und da so fein, neu, und eben oft im Geiste dieser Zeit und Deutungsweise. Welch ein Feld hatte ich hier, wenn ich die Ausdrücke der ältesten Juden vom Paradiese/ den Ordnungen und Kränzen desselben, den Leuchtern / dem Wa-> genthron Gotteö / den Zeichen vor Ankunft des letzten Tages, dem Siegel Gottes aus seinen Erwählten , den letzten Trommeten / dem ewigen Evangelium/ von Moses und Elias Stimme vor des Messias Ankunft, dem Drachel!/ den Ungeheuern / die der Messias zu überwinden, dem Siege / den er zu erstreiten, denn Reich/ das er zu zerstören, dem ewigen Reiche / das er zu errichten hat, hier anführen wollte! Auch die zärtcstcn und schönsten waren zu lang, hinderten den Eindruck dieses Buchs, das sic auf seine Weise anwcndct; zudem sind sie von jedem, der suchen will, auch gcsammlet leicht zu finden o), Insonderheit nimmt o) S. insonderheit Schöttgens Korns Hekr. in. Dt. 1. 1*. I, I>. Iv8r, w. II. ganz und gar. Desselben Jesus der wahre Messias. Leipz- ich. fast ganz und gar. Er hat sich meu 442 III. Das Buch das so viel bestrittene erste Allferstehen und Gericht der Heilige»/ so wie des neuen Jcrusa- lcmö und der letzten Schmerzen des Messias aus ihnen große Erläuterung. Auch die Berechnung der Zahl des Thiers, (Daniels Gräuel der Verwüstung,) ist nach der Gema- tria weiter kein Räthsel. Viele Umstände und Lobgesänge sind bekannte Gebräuche und Gebete der Juden: z. E. das siebenfache Lob der Engel, die Feier des himmlischen Laubhüttenfests, wo sie das große Hosianna singen, Wasser schöpfen aus dem Heilbrunnen, und den Palmzweig in Händen tragen. So ists mit dem Liede Moseö / so mit dem Traucrgesangc über das untergehende Babel, da ganze Stellen des Segens über die Braut (f , die bekanntermaaßen mit dem Becher und dem Ringe verlobt wird, in Fluch verwandelt sind, weil Gott sich von dieser Unreinen , die Becher und Ring entweiht har, auf ewig scheidet. Alle solche Stellen trugen theilS zur höchsten Verständlichkeit, theils zur feinsten Zierde der Bilder bey , und sind freilich, ohne weitläufcige Erläuterung, für uns verlohrcn. Di- Gestalt und stcns an die altern Rabhinen, insonderheit bas Buch Sohar gehalten. Sonst außer Wetstein in unv Lightfoot hin und wieder, Eisenmenger, Boden sch atz u. f. sofern sic Stellen gesammelt: Harenbergs Offenbarung (Kritische Geschichte des Chiliasmus, r LH.) u. f. von der Zukunft des Herrn. 44Z dos Amt oller Engel und Gesandtschaften dieses Muchs sind völlig jüdisch: und es wäre nicht möglich gewesen, so olberne Deutungen derselben ouf Irrlehren oder Personen zu mochen, wenn man dos Geringste von dieser //vbern Haushaltung Gottes" und dem Dienste seiner Unsichtbaren noch jüdischen Begriffen gewußt hätte. Der Engel, der die Gebete vor Gott bringt oder gor den heiligen Gebenedeiten mit der Krone der Gebete krönet, der Engel des Angesichts/ der trommelet, so wie die Mittelsäule zwischen Himmel und Erde, die Frieden verkündigt, der Feilet - UNd Wasscrengel/ die Priester mit den sieben letzten Schmerzen sind so zarte symbolische Vorstellungen, daß es wehe thut, sie von so grober Deutung entweiht zu sehen. Endlich dos große Ganze des Buchs — ich Hobe lange darauf bereitet, ich Hobe cs, um damit nicht zu stören, bis ans Ende »ersparet» und vielleicht kommts unsern anti-jüdischen Vorurlheilen noch zu früh. — Dos Ganze des Buchs/ sage ich, die Anlage / aus der ich alles bis ouf jede Erscheinung, jeden Engel, jedes Zeichen, fast jedes Wort möchte ich sagen, ouf seiner Stelle erklären kann, und ohne sie im Plane vieles ein Wald bleibt; sie ist — die Gestalt Christi im Anfänge des Buchs / in den Glanz der Sephiroth gekleidet?). Aergere dich nicht, Leser, sondern komm und sieh! x) Ich lasse mich nicht aufs Alter dieser Sephiroth, des Grundes der Kabbala der Juden, ein, noch weniger aufs Alter ihrer Zeugen. Spuren da- 444 III. Das, Buch Er kam, der da kommen sollte/ an seinem, des Herren Tage. Als Menschensohn stand er da und zugleich als der Alte der Tage (j-OV Sein Haar wie weiße Wolle, wie Schnee; unendlich, unanschaubar, die höchste Krone: ("MD, s'di kHH). Seine Angelt/ wie Feuerflammen des Verstandes / sein DthsNI ein Schwert des richtenden Geistes der Weisheit (NVDN) , sein ganzes Antlitz, wie die Helle Sonne. Macht und Gnade von sind in den ältesten Ucberbleibseln Rabbini- scher Weisheit, so wie ihr Grund in der Schrift (>. Chron. 29, 11.) und ihr offenbarer Erweis in vielen Stellen der Offenbarung, die doch, von wem sie auch seyn möge, gewiß vom ersten Jahrhundert her ist. Es folgt hieraus nicht, daß Johannes die Sephiroth betrachtet, wie sie neuere Rabbinen betrachtet haben, noch daß er an sie gehangen, was diese an sie hängen. Offenbar ist sie ihm nur ein Bild von Namen der Herrlichkeit Gottes (1. Chron. 2g, 11.) in die Gestalt des M e n sch e »so h n s (Jes. 11, 1 — 9.) verkleidet. Also gehörte auch zu ihrer Anwendung keine Rabbinische Gelehrsamkeit, so wenig als sie dazu gehört, seinen Bortrag mach den 6 Hauptstücken des Katechismus Luthers, oder eine Predigt nach dem mancherlei gewöhnlichen Vsu einzurichtcn. Auf die Art der Anwendung, nicht ausdie Form des Urbildes kommt Alles an; und die ist bei ihm leicht und natürlich. Zum Gebrauch eines allbekannten Typus braucht es kein Studium vieler Jahre. -- von der Zukunft des Herrn. 445 (N-»122> sind sein AN»/ der belebt und tobtet, die Schlüssel der Hölle hat und die sieben Sterne. Der qoldne Gurt um die Brust ist die Zierde seiner Mittelsäule Er hat, (wie das Buch eigentlich sagt) einen Namen geschrieben auf seiner Hüfte/ (N 22 ) der Sieg: und Einen auf seinem Kleide, auf dem langen Talar seiner Ehre / chiiN). Sein Fuß ist Silbererz, das Fundament der Welten , ("M') : das Reich ist seiner Füss- Schemel. Dies ist, nach den Zügen des Buchs und eigentlichen Winken desselben seine Gestalt; sie ist der Glan; der Scphiwth in Himmel und auf Erden: 1. Hauptes - Krone. Verstand. Weisheit. 2. 3. Starke des Arms. Arm der Gnade 4- Gürtel der Zierde. 6 . 6 . Hüfte des Siegs. Kleid der Ehre. 7- Fuß der Ruhe. Schemel des Reichs. So erscheinet Er, der ist und war und kommt die drei ersten Namen, unendlich, uncrgründ, lieh, unzertrennbar, das Urlicht der Gedanken und 446 in. Das Buch Kräfte sind in ihm)! und die MM Geister (N" 1 : Fackeln seines Ausflusses, Strahlen seiner Würkung, die sieben untern Hüllen und Namen) brennen in ewiger Flamme vor ihm, dem Urquell der Schöpfung Aller t). Er stehet da, der Ewiglebendc, die Feuer - und Flammensaule aus jener Welt, ein unergründlicher und doch sichtbarer Baum der Weisheit. ES wird eine Ruthe tttlf-- §ehn aus dem Stamm Jsai und ein Zweig aus seiner Wurzel Frucht dringen; auf welchem wird ruhen der Geist des Herren, der Geist der Weisheit und deö Verstandes, des NathS und t) Schon VitrinA» (Ods. saor, N 7 . I. p. 142.) ist auf die Gedanken gekommen, den Baum der Se- phiroth auf die menschliche Gestalt zu deuten und dabei die Aehnlichkeir der Erscheinung Ehristi in der Offenbarung hi» und wieder zu bemerken» Das erste ist nicht so neu, als er glaubte: denn die Schriften der ältesten Rabbinen (Jdra Rabba, Sota, Sohar u. f.) sind davon voll, leiten alles daher, und wissen von keiner primogenern Vergleichung. Ausserdem ist er mit seiner Deutung nicht weit gekommen, wie bei 1^2' und offenbar ist, die Anwendung der Gestalt auf das Ganze des Buchs der Offenbarung, die doch so sichtbar ist, hat weder er noch Rhenfert (äs st^lo sgooal^p. Ladbalist.) vermuthet. Letzterer (v. Opp. p. r. und IVleusclien aä D. p. iogo.) ist nur beim Gruße Kap. 1. si. 5 . und einzelnen Ausdrücken des Buchs stehen geblieben, ohne zu bemerken, daß das Ganze des Buchs die von der Zukunft des Herrn. 447 der Stärke der Erkemitniß und Furcht des Herrn. Sein Riechen wird seun in der Furcht dcS Herrn. Cr wird mit Gerechtigkeit richten die Armen und mit Gericht rächen die Elenden im Lande. Mit dem Stabe seines Mundes wird er die Erde schlagen und mit dem Othem seiner Lippen den Gottlosen tödten. Gerechtigkeit der Gurt seiner Lenden und Treue der Gurt seiner Nieren — so richtet t'r hier: regt mit dem Othem seines Mundes die Stimmen des Geistes auf der Erde und zeigt den Seinen die sieben Woh- uungeil/ Ordnungen und Schätze des Paradieses. (lllllI- Da ist Der Baum des Lebens. 2. 3. Das Bündlein der Le- Das geheime Manna, bendigcn. angewandten Hellen Sephiroth sind. Was sich aus diesem großen und schöne» Plan am meisten er- giebc, ist, wie unrecht die haben, die durch und das Buch nach Willkühr und Belieben zerstücken, durch einander werfen, und also zur Schau tragen, nachdem es ihrer Hypothese gelüstet. Und die gerühmten, ja verehrten Und angebcteten Entdeckungen des Mecki, H. iVIori, ja auch einem Lheil nach Bengels u. a. beruhen auf diesem Kunststück. Das Buch ist ein unzertrennliches, lebendiges Ganze von Anfang bis zu Ende, wie offenbar dieser Plan giebt. III. Das Buch 44 « 4 - Der Morgenstern erster Auferstehung. S. 6. Die Priesterwürde. Die Fürstenwürde. 7 - Der Thron. Und Ec zeigt sich in Charakteren jedesmal hiezu gehörig. Sein Haupt kraust Lhau des Lebens aus der vbcrn in die untere Welt: jene und diese sein Reich, sein Tempel, wo Er ihr Priester, Er ihr König, nur erkannter und unerkannter, naher und ferner wandelt. — Diese seine himmlische Gestalt, der Inbegriff aller Vollkommenheiten, die die Schöpfung und das himmlische Heer singet, ist so wie das Urbild der Gestalt seines Volks, seiner Erstgebornen, Ersterkauften 712^722) die ihre Krone der Gedanken vor ihm nie- dcrwerfen, und um ihn thronen und mit ihm herrschen und würken: so auch die ganze Gestalt und Anlage des Buchs, das sich hiernach zertheilet; die Gestalt und Anlage des Reichs, das sich nur also, nach solchen Eigenschaften/ Charakteren und Gliedern allmählich hervorarbciten und sichtbar machen kann. Kronen beginnen das Buch und die ihre Stelle vertretenden Sterne: sie glänzen aus der vbern Welt in die untere nieder; Christus ist, der sie niedcrbringt, der beide Welten verbindet (Kap. r — 3.), der Himmel öffnet sich, Jehovahs Tempel. Da thront der Unendliche, der Unanschaubare, das Buch Vcrschloffener Weisheit ist in seiner Hand; der vor dem Thron ist, 7>2üf und von der Zukunft des Herrn. 44A und , Lamm und Löwe, der Mittelbaum des Lebens und der Kräfte, macht's zur offnen Weisheit. (Kap. 4, 5 .) Aus diesem Hciligthum der Namen, die kein Engel verwalten kann, die Gott allein verwaltet (ps"'>) entspringen alle Sccnen des Buchs, in denen das Unsichtbare immer sichtbarer, der Rathschluß Würkung wird durch den Arm der Stärke und Gnade. So wie das entsiegelte Buch selbst unter diesen beiden Charakteren erscheint: (Kap. 6. 7.) so erscheinen nun die Arme seiner Ausrichtung , die Engel. Die Engel der Macht mit der Trcmmctc des Krieges; der Engel der Gnade mit dem Evangelium des Friedens, in alle Pracht himmlischer und Erdenherrlichkeit gekleidet. (Kap. 8 — 10.) Wir sind also die Halste des Buches durch, (-,(12, NÜ'I- NNII I, oder und man wird zu Darstellung derselben in dieser Verbindung keine besseren Charaktere finden können in Himmel und Erde. Jetzt beginnet der Mittelpunkt / die Mittelsaule des Buches und der Gestalt (sg"lde 2 /H das schone Zeichen des Himmels geht auf, das Weib in ihrer Zierde. Mit Sonne, Mond und Sternen gestickt, erscheint der Gnrt seines Reichs, die Gebärerin am Himmel , vom Drachen verfolgt, von Gott beschützet. Schönheit und Häßlichkeit, Licht und Nacht streiten um dse Welt, und cS wird Sieg im Himmel und aus Erden. (Kap. 12.) Der Drache und seine Unthiere, Bilder der List und Macht, Gcgenbilder der Gerechtigkeit und Güte des Herrn, werden auf, gerieben (Kap. r 3 — >8). Und siehe, da geht die schöne siegerische Hüfte und der lange Talar des Herders Werke z. Nel. u. Theol. VIl. Ff 4-do III. Das Buch Triumphs hervor mit seinem blutigen Purpurstreife. Auf ihnen stehn die Namen des Siegs und der Ehre ^.ll) daß Friede werde und Gottes- Bestung. Es wird Friede und Gottesvcftung NlOch' sein Silberfnß erscheinet. Satan wird gebunden: die Morgensterne geben hervor: eS wird das erste Reich, das Reich des FricdenS/ das Fundament seiner Herrschaft. (Kap. 20) Das ewige Reich kommt: der Fnß seines Throns wird sichtbar, alles verschlingt sich in Herrlichkeit und Freude. Die Schechinah ist bei den Menschen; der Glanz aller Sephiroth ist anschaubar. Hier sind sic, Inhalt des Buchs iw Bilde: r. INI Die Krone. Die sieben Briefe. Kap i — 3 . Der Verstand. Das verschloßne Buch. Kap. 4. NIIN Die Weisheit. Das eröffnele Buch. Kap. 5 — 7. 2. 3 . 7 N 1 IZ oder »DN Hoheit und Gnade. Engel des Evangelist Kap. io. ii. Die Starke. Engel der Trommele». K. 8. 9. von der Zukunft des Herrn. 4Z r 4 - Die Zierde. Die Gebärerin. K. 12. 6 . NN Der Sieg. Vertilgung der Ungeheuer. K. i 3 — 18. 6 . °NN Die Ehre. Der Triumph, K. 19. 7 - NS' ober Vestigkeit, Friede. Das erste Reich. Kap. 20. NIS^S Das ewige Reich. Kap. 21. 22. Das ist der Plan des Buchs, einfach Mid groß, Wahr und menschlich. Die Schöpfung muß langsam bereitet, allmählich gereinigt, Und mit Feuer gelautert sepn, die Wohnung Gottes zu werden t durch vielen Kampf, 'Geburtsschmerzen und. Sie- gesmühe ringet die Nacht.zum Licht, das Unvollkommene zur Vollendung, der Tod zum Leben. Wie in einzelnen Gliedern, so im großen Bau der Zeiten und Völker kommt das Reich Göttes/ die Gestalt des himmlischen KönigS/ erst am Ende -er Tage; Ramen und Vollkommenheiten rer Ff 2 Herrlichkeit Gottes blitzen durch die Nacht, machen sich immer mehr Raum, streben vom Gedanken zum Wort, zur That, zur schönen That, zum Siege, zum Triumph, zur Ruhe, zum Reiche. Allmählich kamen die Glieder im Drange, im Sturm der Zeiten hervor, und sind jetzt in schöner, ganzer Gestalt vom Silberhaar bis zum Silbcrfuße beisammen: ein Strahlenbild der Herrlichkeit Gottes, Schmuck der Edelgesteine andrer Welt, die Gestalt Christus , des Mcnschcnsohnes. Wie edel ist Alles an sie gebunden! mit wie schönen treffenden Namen Glieder und Würkungen bezeichnet! Wer kann sich den Hocherhabcnen in schönerer, edlerer Gestalt denken? wer darf ein Gebilde entweihen , das Er, unser Vorgänger und Bruder, also geziert, also geadelt hat? Und wer sollte nicht, wie Er, j mit Kräften Leibes und der Seele an seinem Theil beitragen , den großen Bau zu bearbeiten und mitzuvollendcn, der da ist seilt Leib / nemlich die Fülle deß / der Alles in Allem erfüllet. Der da ist daS Bild GottrS deS Unsichtbaren/ der Erstgeborne aller Schöpfung: denn in ihm sind Alle geschaffen/ die im Himmel und die auf Erde»/ die Sichtbaren und die Unsichtbaren/ es seyn Thronen oder Herrschaften oder Fürsten- thüme oder Machten; alle sind durch ihn und zu ihm geschaffen. Und er ist vor Allen und Alle bestehen in ihm: Er das Haupt des LeibeS/ der Gemeine/ Er/ der Fürst/ der Erstgeborne von den Todten / damit er in Allem den Vorgang habe. Denn eS war das Wohlgefallen/ daß in ihm alle Fülle wohne/ und alles durch ihn vereinigt würde zu Ihm selbst, der Friede gemacht hat durch das Blut seines Kreuzes, daß durch ihn Eins würde Alles, es sey auf Erden oder im Himmel. Heilig, heilig, heilig ist Gott der Herr Zebaoth: alle Well wird voll werden seiner Ehre. Amen. ltosnnii tot hshet ssorsrnentg, c^uot verd». kei-nni Lixi ziro nierito volurniuis: Inus Sin- «is inkerior eit. 454 Aus. -um Eommentar über die Apokalypse, Zusätze zum bommentar über die Apokalypse, aus den Handschriften des Verfassers. I. (Aus den Briefen, das Studium der Theologie b e tk e ffe N d, LH. ii., dem Listen Brief, in der ersten Auflage von 1780. ,,— ^öerejks vor 6 oder 7 Jahren entwarf ich eine Erklärung — nicht der Offenbarung Johannes, sondern ihrer Bilder, als symbolische Sprache, als Poesie betrachtet. Diese schien mir (so wenig ich's übernahm, sie auf Sachen zu deuten, hie sie ausschlicßend und unfehlbar bedeuten mußten) so leicht, und dahey so schön, so groß, so edel: die Bilder der Propheten erscheinen hier neu, fein und lehrreich; daß ich, begeistert vom Buch, es ganz in Jamben kleidete, und mit einem leich, ten Eommenkar versah, der die Bilder, insonderheit aus dem A. Testament, nur entwickeln, in ihrem sprechenden Zusammenhänge nur vor führen sollte. Das Uscr. wurde durch Zufälle von einer Reihe sehr verschiedener Personen gelesen, und ich an seine Herausgabe mehr als Einmal erinnert. Ich nahm's nach Jahren vor, strich zuerst die Jam- aus den Handschriften des Verfassers. 455 ben weq und ließ den Commentar, wie er gewesen. Je mehr ich die Vildcrreihe des Ganzen mit der Weissagung Christi Matth. 24. 25 . und ihrer schrecklichen Erfüllung nach Josephus verglich, desto mehr dünkte mich Aehn l ic h k e i t, An a l 0g i e, Aufschluß der Gesichte und ibrer Bilder. Ich wagte es, diese zu bemerken, ließ mir aber unmöglich in den Sinn kommen, zu meynen, daß hiemit daS Buch „schon durchgängig erfüllt sey," und glaubte nicht, daß jemand auf Erden mir die Meynung andichten könnte. Die ganze Zerstörung Jerusalems sah ich an, wie Christus sie ansieht, als Z e i ch c n, U n t e r p fa n d, Vorbild des letzten größer» Ausganges der Dinge, und eben diesen in jenem Zeichen und Unterpfande zu entwickeln, hielt ich für den Endzweck dieser Weissagung und ihrer Gesichte, wenigstens wie ich sic, ohne Prophet zu seyn, erläutern könnte. Zerstörung Jerusalems an sich war von Christus schon gcweissagt; dazu durfte es keinen neuen Propheten. Selbst das Ende der Welt hatte Jesus mit ihr verbunden und seine Ankunft i» jener ersten Zukunft, nur noch einfach, in Gleichnißen vorgebildet. Jetzt geschah dem Johannes in eben dieser Verbindung die höhere Aussicht: kein Bild gehr mehr auf Jerusalem allein; Alles bekommt Riesenmaas, wird Aussicht höherer, endlicher, allgemeiner Zukunft, obwohl in Bildern von jener. Dies sage ich so deutlich, so oft und wiederholt, als es sich, ohne Ekel, wiederholen ließ; schreibe und rufe Key jedem Bilde: „Dies ist seine Gene» „sis, sein erster Umriß: aber dies ist'S nicht al- 4S6 Zus. zum Eommenlar über die Apokalypse, ,,lein, diese ganze schreckliche Geschichte ist nur Unterpfand, Symbol, Zeichen einer andern ,,Erfüllung!" erkläre zuletzt diese Verbindung, wiefern ich die Eine Begebenheit als Symbol der andern glaube (die zweite detailliren kann und mag ich nicht: denn ich bin kein Prophet;) leite eben daher, daß die Offenbarung nicht an die Gemeinen Judaa's geschickt sey, sondern nach Asien, an Städte, die die Zerstörung Jerusalems nicht traf: zeige, daß jene zum Anschaucn und Empfang dieser Hetzern, freiern Weissagung nicht so fähig waren, daß sie den Gesichtspunkt verengert haben würden, zeige (so fern es sich, ohne Aeichcn- und Zeiten - Deutung thun ließ) daß, und wie eS ein Buch für alle Zeiten sey u. f. Das alles steht nun seit 7 Jahren geschrieben (denn im ersten Mscr. habe ich wenig oder nichts von Jerusalems Zerstörung), jetzt liegts gedruckt da: die ersten Briefe des Buchs als Eingang, die letzten Kapitel des Ausgangs, meine Zugabe des Gesichtspunkts zum Ganzen, alles ist darauf gerichtet: cs ist Nerve und Zweck der ganzen Arbeit, den ich unverkennbar glaubte. Und siehe, da erschallen Stimmen: „ich „habe dem Buch seine Nutzbarkeit für unsere Zei- „ten benommen, da ich's auf eine langst verlebte „Begebenheit gedeutet. Ich habe diesem seinen „Trost, jenem seinen Gott geraubet, dies Bild entsetzlich verkleinert, jenes-— u. s. f." Ich stehe erstaunt da, sehe die an, die das Buch mit mir gelesen; diese haben mich verstanden, auch der , der — nur die nicht; die lesen gerade das Gegen- theil von allem, was ich geschrieben habe. Was aus den Handschriften des Verfassers. 467 ist da zu thun, m. Fr., wenn man sich nicht ewig selbst erklären will? Beinah' macht' ich sagen, nicht schreiben, sondern sprechen und antworten: nicht drucken lassen, sondern zu lesen geben dem, der lesen mag. Das Gedruckte kommt jedermann, oft zur Unrechten Zeit, in die Hände; man fliegts durch und spricht nun drüber: andere sprechen nach: so macht sich die Mähre. Zu meinem Zweck gehörte cs nicht einmal zu untersuchen : ob das Buch vor oder nach Jerusalems Zerstörung geschrieben sey? Wenn ich nicht eben eine Stelle des Buchs damit zu erklären gedacht hätte. Vor oder nach der Zerstörung geschrieben, für Inhalt und Zweck bleibt's immer dasselbe, ein Bilderbuch vom Ausgange der Sichtbarkeit und der Zukunft des Reichs Jesu in Bildern und Gleichnissen seiner ersten schrecklich- tröstenden Ankunft. Möge ich die Zahl des Thiers getroffen oder nicht getroffen haben; es gehört nicht zur Reihe der Symbole, d. i. der durch sich sprechenden Bilder; Johannes setzt sie als eigentliches Räthsel nur hinzu, und Buch bleibt Buch, wenn man auch das Räthsel nicht rieche. Doch wo komme ich hin? Gerade als ob Sie Zeitungsschreiber und ich der arme Beklagte wäre, der sich vor Ihrem Tribunal über Leben und Tod ver- theidigt. Die letzte Mühe halte ich für sehr unnütz, und jedes Wort dabei verlohrcn. Was man schreibt, muß sich selbst verthcidigen, oder es ist des Advokatcnlohns nicht werth." . ^53 Zus. zum Commcntar über die Apokalypse, II. (Zu Kap. VI. » — 8. Erbrechung der vier ersten Siegel.) *) „Gegen die Bestimmtheit der Bilder ist nichts zu sagen: sie sind auch völlig in der Sitte deS Orients, der die Boten des Schicksals, Plagengel und Engel des Segens auf Rossen vorstellt, und bey dem Roß und Reuter überhaupt das angenommene Bild der Macht, Gewalt, Schnelle des unwiderstehlichen Schicksals sind. Die Rosse von vier Farben sind aus den Propheten bekannt: sie gierigen in die vier Weltgegenden, und so scheinen diese zu kommen und zu gehen, daher das vierfache Lebendige um den Thron, wie nach den vier Welt- theilen gerichtet, in Stimmen wechselt , dem Johannes keine Ruhe laßt und immer ruft: Komm und sieh! hierher! hierher! So schnell, wie ein Siegel bricht, so schnell kommen die fürchterlichen Boten von allen Seilen her, zu allen Seiten hin: in den Stimmen und im Anblick des Gesichts ist Schauer und Eile-" „Aber über wen brechen die Siegel? wen treffen diese fürchterlichen Reuter? Jsts ein allgemeines Bild von dem, wie sich das Buch der Verhängnisse allgemein über der Erde öffnet und die Schritte des Ganges Gottes in schweren Zeichen und Zeitanderungen dem schlummernden Auge der *) Aus der Handschrift von 177!». . POM"'. .DB" aus den Handschriften des Verfassers. 469 Menschen merkbar werden? Jsts, daß uns nur Donnerstimmen wecken und sehend machen, und ein Buch des Verhängnisses in der Hand des Höchsten dem leichtsinnigen Theile der Sterblichen zu fühlen geben? Freilich beginnen die meisten Welt- vcränderungen auf diese Weise: und im Kleinen und Großen brechen die Siegel des Schicksals also. Zuerst ein leichter edler Sieger auf weißem Roß, nur mit Pfeil, und Bogen gerüstet: sein Sieg ist Spiel, sein Lohn ein Kranz der Ehre: seine Brüder bewundern ihn, die Dichter erheben das Roß und den Mann, Nationen huldigen ihm und reichen ihm Kränze. Aber, siehe hinter ihm das blutige Roß und den blutigen Mann mit dem Schlacht- schwcrt: sie erwürgen sich unter einander : der Friede ist weg von der Erde. Und auf den Krieg folgt das schwarze Roß des Hungers, und auf den Hunger Pest und Tod mit allen ihren Gestalten, bis die Zahne der Thiere die Plagen enden. Traurig, wenn diese Bilderfolge die Entwicklung jedes Welt- und Erdenschicksals seyn sollte, seyn müßte; und diese Strafen nicht etwa einen bestimmten kur, zen Schauplatz der Rache trafen! Allerdings istS so, und die Folge der Siegel wird den Schauplatz zeigen u. s. f." *) Schreckliche Symbole des Unerforschli- chen, Unangeschauten! Wodurch offenbart er sich in der Welt, als durch Gerichte und unsre Sinne verwirrende Zeitzeichen? So regiert der Alte der *) Aus einer Handschrift von 1778. 460 Zus. zum Commentarübcr die Apokalypse, Tage! so allein wird sein Dascyn und sein Regiment gespüret! sonst scheint er zu schlummern und die Welt rollet sich selbst fort. Der große Dinge thut, die nicht zu forschen, Wunder, die nicht z,u zählen sind — die einige Ueberschrift des Buches der Zeit! jedes entsiegelte Siegel, jedes aufrollende Blatt enthüllt eine neue Probe. Ec ändert Zeit und Stunde, setzet Könige ab, und Könige ein: gürtet den Würgern das Schwert ab und schärft neue Schwerter. Hier gehet Hunger her vor dem Kriege, und Pest und Seuchen folgen ihm wach. Kaum alsdann noch ahnet die entschlummerte Welt den Fußtritt seines Ganges, das Rauschen des entsiegelten Siegels in seiner Hand!" ,,Komm und sieh! ruft's mit Donnerstimme am Throne: Was dort hervorgcht, ist — der Sieger mit Pfeil und Bogen. Wozu Sieger? Was hat er zu besiegen, an seinen Brüdern? Was haben diese Schaafe gethan, daß sie seinem weißen Rosse zu Füßen liegen, und daß, wenn er sie nicht zertritt, wenn sie sein Pfeil und Bogen nicht zerschmettert, sie ihm demüthigst über sich selbst Kronen winden? Sieger über die, so ihm gleich sind! Pfeil und Bogen, Feuer und Geschütz, womit du kaum Thicre kaltherzig würgen könntest, bereitest du auf deine schwächern Brüder? Und siehe, so liegt die Erde vor dir! Tausende unter Einem ! Jahrhunderte in Staub getreten an Einem Tage des Sieges — wunderbare Erscheinung! Ein und noch der leichteste Siegclbruch des unerforschten Buches." aus den Handschriften des Verfassers. 461 „Dort würgen Menschen, Brüder würgen Brüder: blutrothe Rosse waten im Menschcn- bluke: er herrscht: das Schlachtschwert ist ihm gegeben — hartes Siegel des Schicksals Gottes! Tritt auf ein Schlachtfeld, wenn sie über Sieg jauchzen, und fühl' es im Dampfe zerquetschter, ächzender Leichen. Dort wüthct Hunger. Schwarz ist sein Roß! furchtbar die Wage in seiner Hand! sie wagt Menschenleben gegen Gold und Geld. Wozu hat sie die Mutter geboren , die sie zu nähren nicht vermag? Das Schicksal ist so schrecklich, daß es die Stimme voin Thron lindert: „Wenn sic an Frucht und Korn darben, so müsse sie doch Wein und Oel laben!" daß ihnen nicht alles versage. Endlich das blasse Roß. Auf ihm Tod! Die Hölle mit allen Schreckgestalten hinter ihm her. Hier fletschet alles: Schwert und Hunger, Pest, die Zahne der Thicre nagen." — „Gott, Weltrichtcr! Wenn du also richtest! Sind das die Siegel deines Buchs für sterbliche Augen? Sie sind's! Zeiten und Gegenden zeigen's. Auf den Trümmern der Königsstadt, unter dem Schlachlschwert jeder Plage, welcher Voltaire und Pope-Bolingbrok mußte nicht den erhabnen, i^ner- forschlichcn Gott mit dem versiegelten Buche anbe- tcn oder — sich mit Naturgesetzen und,.Unsinn trösten?—" ' „Noch nicht genug aber und noch das Mindeste: das fünfte Siegel brach. Da sah ich unterm Altar dec Erscblagnen S e e- len u. s. f. ... . . Schreckliches Siegel des Buchs 462 Aus. zum Commentar über die Apokalypse, Gottes! Was ist das Edelste, Göttlichste, Verdienst, lichste, als Wahrheit, Güte, weltüberwindende Unschuld? Wohlan! komme jemand und zeuge Wahrheit, und habe das Herz, auf eine ganze Weise der Welt wohl zu thun, und sein Zeugnis!, das Gott ihm gab und niemand als Er zeugen soll und kann, zu vollenden — welche Schlachtmesser winken nicht schon dem Lamm am Altäre! Da liegt sein Blut." „Und ungerächt, ungeahndet- Sie müssen die Verführer seyn und die Gegenrotte jauchzt auch lange nach ihrem Tode. Und du Heiliger, Gerechter! Vater der Wahrheit, der sie sandte, für den sie, in seinem Werke, tvdt oder lebendig starben, richtest fort, hast sie vergessen — schweres Siegel der Weltregicrung Gottes!" „Und ihnen ward Trost gegeben — ein weiße- Gewand, das sie mit Blute gefärbt hatten, die Hoffnung ihres künftigen Lohnes. —> Aber sie sollen warten, denn Gott hat seinen Lag, seine Stunde." — „Stelle sich ein jeder nun unter die Rechte der Allmacht. Hat's einen Zweifel gegen die göttliche Vorsehung und Regierung gegeben, der hier nicht vortrete? Ungleichheit der Menschen, Krieg, Hunger, Pest, Landplagen, Tod, unschuldiges Blut der Wahrheit, frevelnd vergossen, ungerächt, ungeahndet — Recht und Unrecht gleich auf der Erde, ja das Laster aufs scheußlichste über die Tugend prangend; endlich, wie Alles zu Ende, auS den Handschriften des Verfassers. 463 der allgemeine Geist der Zerstörung, der in der Natur herrschet, da die graue, grausame Zeit all ihre Geborncn unerbittlich hinabschlingt — wieviel ist davon unter hundert Gestalten erbärmlich und gotteslästerlich geschwatzet? Freilich sind's Siegel des Buchs seiner Geheimnisse; aber nur Siegel, die aussern, schweren, verwirrenden Hüllen: das Buch selbst ist in der Hand, des Lamms. Er bricht sie und der Inhalt ist etwas Tieferes. Sie sind nicht Inhalt, sondern Siegel, Aussener- scheinungen (künanomeria, miracula, invo- luora rsrum) vom Buche des Wcltenherrschers, — ein Thor sagt, daß, wenn er sie begafft, an- gestaunet und begreiflich oder unbegreiflich gefunden, er den Sinn des Buchs wisse. Langsameilig entwickelt uns den die Offenbarung." (Zu Kap. VH, g — 17.) „Die meisten Bilder dieser Erretteten sind von Israel hergenommen, da es durchs röche Meer ging, u. s. w. — Aber nochmals gefragt: Wer sind diese? Wie kommen sie hieher? Ein offenbares Kennzeichen, daß die Erdcnscene, die das Buch schildert, nur Gelegenheit und gleichsam das Feld sey, eine himmlische Scene zu schildern. Die Erwählten aus den Stämmen Israels geben zur Erscheinung der Erretteten aus allen Geschlechlen und Nationen Anlaß: die Umstände, die Johannes aus der Geschichte, seines Volkes nimmt, steigen gen Himmel, und werden Phänomene für Völker und Zeiten. — So wie die 1440,00 Israels gleichsam Kern und Wurzel des ganzen Volkes sind, ein 464 Zus. zum Commentar über die Apokalypse, Sinnbild der zu errettenden Knechte Gottes aus allen Völkern und Sprachen: so werden die vier Ecken deS jüdischen Landes die vier Enden der Erde, so wird der Bruch des sechsten Siegels ein Sturz der Welt, so werden die Märtyrer dieses Landes das Sinnbild aller Wahrheitszeugen der Erde. Alle Chöre der Engel, die vier Lebendigen, die ganze Schöpfung nimmt an den Gesichten Theil: ihre Lobgcsangc gehn über Welt und Zeiten; der Lag, der kommen soll, ist nichts minder, als eine Vollendung der Dinge der Erde." „Daher denn auch diese Bilder und Vorstellungen eindrücklich gewesen sind auf die Gemülher so verschiedner Zeiten und es gewiß noch lange bleiben werden. Tue Beschreibung der Erretteten z. B., die eben erklärt ist, wie manche Thrane gedrückter Erdenpilgcr hat sie getrocknet! wie viele haben sich im Schatten der Aussicht dieses Paradieses gelabet, die hier kein Zelt fanden, und in Hoffnung ihrer durch Meer und Wüste fröhlicher walten! der Eindruck, den eine Stelle, ein Buch, auf Jahrhunderte und Nationen gemacht hat, macht beide eben dadurch zu einem Geschenk für die Erde." „Ich frage und sorge also nicht, heiliger Johannes, welche Namen deine Seele naher im Sinn hatte, da du diese glanzende Schaar froher Entkommenen sähest. Ohne Zweifel waren's deine Brüder, deine Freunde, die dem Meere der Trübsal früher entronnen, deren Tage abgekürzt waren, um die folgenden schweren Plagen nicht zu erleben. Du sahst sie in neuer Jugend, in frischen, frühcrrung- ncn aus den Handschriften des Verfassers. 465 ncn PalmeP, ihre letzte Thrane dort oben getrocknet von der Hand Gottes selbst; die Schatten ihres Paradieses und der frische Duft ihrer Lebensquellen wehten dir Labung hernieder auf die Wüste deiner längeren Wallfahrt." III. (Zu Kap. XI, 3 — rh. Bon den zw een Zeugen.) „Ehe wir weiter gehen, so lasset uns zum Dank für das schöne Ehrenmahl, das Johannes diesen zwecn letzten Edlen seiner Republik (Ananus und Jesus) aufrichtet, noch eine Thrane auf ihr Grab fallen lassen, und die Ahnung verfolgen, daß es ihnen wohl zu aller Zeit und unter jedem verfallenden Volke an Brüdern nicht fehle. Nicht daß sie das waren oder feyn sollten, wozu der.mystische Unsinn diese zwei Zeugen so oft gemacht hat, zu dummen Eiferern und Zeloten am Ende der Tage. Nicht sie, sondern das Thier aus dem Abgrunde war dieser Eifer, gegen den sie kriegten, der sie tödtcte und über ihren Leichnam jauchzte. Sie waren Oclbaume ihres Vaterlandes vor Gott, brennende Fackeln auf dem goldenen Leuchter ihres Amtes, ihrer Würde; traurig, da Alles jauchzte; richtig, da Alles verkehrt gieng; unermüdet, da Alles sie verließ und sie für Quäler und Menschenfeinde , vielleicht für Hasser Gottes und des Vaterlandes ansah." „Die Geschichte jedes verfallenden Staates, Landes und Gottesdienstes hat meistens solche edle Herders Werke z. Rel. ». Theol. Vit. G g 466 Zus. zum Commentar über die Apokalypse, letzte Zeugen. Das Gebäude kracht zum Sturz: da stehn noch zwei edle Pfeiler, zu halten, zu tragen. Der Abend kommt: da stehn noch zwei freundliche Sterne, die Nacht zu erleuchten." „Meistens aber haben Stern' und Pfeiler auch das Schicksal dieser Pfeiler und dieser Sterne: ste erliegen unter dem Schult, sie werden mit Wolken der Nacht bedeckt." ,.Fallet sanft, edle Seelen, ruhet sanft. Ihr liegt auf den Gassen der Stadt, da auch unser Herr gekreuzigt ist: Der Himmel wird euch rechtfertigen und zum Triumph heben. Die Freude über euern Leichnam ist kurz und wild und sinnlos; euer Verlust ist ewig und rächet sich selbst." IV. (Au Kap. XIl. Zeichen des Weibes, mit der Sonne bekleidet u. s. f.) „Jedermann weiß aus der Geschichte Josephus, daß die Juden um diese Zeit die Ankunft eines Königes und sein neues Reich hofften: der Orient war voll dieser Sagen, und der Glaube daran trug zur Hartnäckigkeit des jüdischen Volkes gegen die Römer, lzu ihrem Sturz und Unfall bei. Das Reich des Königes, den sie hofften, kam; nur ihnen unsichtbar. Im Himmel ward die Arche des neuen Bundes gesehn; nicht auf Erden. Der König kam, aber selbst durch die Völker, die gegen aus den Handschriften des VarfasserS. 467 sie tobten: auf ihren Trümmern ging die neue Verfassung an." „Wie nun? Wenn der Verfolg dieses Buchs eben hievon handelte? wenn er uns die Beschaffenheit dieses neuen Reichs und seiner Ankunft erklärte? wenn er uns zugleich von der Todtenauftrwek- kung und dem Gericht Nachricht gäbe, die sie begleiten sollten? — So wäre das Buch nicht nur als poetische Vorstellung dieser Dinge, sondern auch als Ausschluß schätzbar, was die Seele Johannes, und die Stimme, die ihm diese Offenbarung gab, unter solchen Bildern verstand? und wir darunter zu verstehn hätten? Wer die alten und neuen Zweifel über die Erfüllung der Worte Christi von feiner Ankunft kennet, dem wird dieser Zweck nicht unwichtig scheinen, und wer mit dem Verstände und Herzen darnach dürstet, daß er über Hoffnung und Nichtboffnung der Zukunst belehrt werde, dem wird die Stimme dieses Auslegers göttlicher Geheimnisse nicht unerwünscht kommen. Wie cs sey, wir treten den Mittelpunkt des Buchs an, der von Offenbarung des Reichs Christi handelt.". V. (Zu Kap. XIII, von den zwei Lhierein) Im ersten Entwurf (1774) erklärte der Verfasser das Bild des ersten Thiers aus Bildern des polnischen Reiches, die dem Apostel vccschweb- G g 2. 463 Aus. zum Commentar über die Apokalypse, ten; *) in der gedruckten Ausgabe gicng er davon ab, und bezog, in einem eingeschränktem Sinn, wie er der Seele des Sehers am nächsten gelegen haben mag, das erste Thier auf den jüdischen Aufruhr in seinen beiderlei Gestalten, der Macht (unter Simon Gorion) und der List (unter Johannes Levi;) ohne aber damit (wie er beschuldigt wurde) einen weitern Sinn auszuschlies- sen: sondern er sah auch diese Bilder (wie er sich selbst bey dieser Stelle deutlich ausdrückt) nur als Symbole zu höheren Zweck, als allgemeine Bezeichnung feindseliger Machte gegen das Christenthum, des Anlichristes überhaupt an. Für die, denen die letztere Erklärung zu eng und gezwungen scheinen möchte, fügen wir aus der Handschrift die auf Rom bey: ,,Setze man sich in die Seele Johannes: welch Bild konnte der Offenbarer ergreifen, ihm das Scheusal und Blendwerk der Macht des Drachen unter irdischer Herrlichkeit, Sieg, Bewunderung und Trotz vorzustellen, als das römische Reich, wie es damals, und in der Seele Johannes seyn mußte? Und wird's je in der Welt ein stärkeres Bild geben?" *) Er begnügte sich darum auch mit der gewöhnlichen Deutung der Zahl des Lhieres 666 (XIII, 18.) „als der ältesten simpelsten Erklärung und einer Sage von den Zeitgenossen Johannes." aus den Handschriften des Verfassers. 469 „Stieg cs nicht auf aus dem Meere, erst un- bemerkbar, und wuchs zum Ungeheuer der Erde? Stand da, mit seinen sieben Becghauptern, und seine Hörner reichten in alle Welt, zerstörte, wo sie hinrcichten, und hatte auf ihnen Kronen, die cs auf seinem Haupte zu tragen verachtete? Reiche lagen ihm zu Füßen, die cs mit Värenfuß zertrat. Welch Reich hat mehr gebrüllet? von wem gieng mehr Schrecken auf die Erde, und saß in großer Herrlichkeit und Kraft. Welch Reich hat sich von seinen Unfällen und Todeswundcn mehr erholet und eben aus ihnen jedesmal Anlaß genommen, sich neue Bewunderung und Gehorsam zu erzwingen? „Wer ist mir gleich? Wer vermag mit mir zu streiten?" rief jeder römische Adler vor dem Heer; ihre Münzen, Triumphe und Trophäen riefcnS nach. Es ward ihm Mund gegeben, zu reden große Dinge und Lästerung, (wie es schon von jenem stolzen Reiche in Daniel lautet:) es verachtete alle Völker vor sich her. Was waren ihm die Götter aller Völker? was der jüdische Gott und die ihm verachtetste jüdische Nation? Da ihm gegeben war, diese Nation wie Koth zu zertreten und mit ihren Heiligthümern zu lriumphircn. — Was war den nachfolgenden Geschlechtern das Andenken des jüdischen Gottes, der zertretenen jüdischen Nation? Ihre Schriftsteller zeugen es und auch die Christen entgalten es reichlich. Endlich wo gab es mehr persönliche Gott lästernde Ungeheuer als auf dem Tbron Augustus? Wo die Tibern und Cali- g u l a's und Claudius und Neronen, Vi teilten und Domitian abwechfelten, und eine 4?o Auf. zum Commentar über die Apokalypse, -Reihe solcher Wüthriche das Jahrhundert, in dessen Abhang Johannes schrieb, gefüllt hatten. Den Kopf dieser Ungeheuer auf Bildsäulen und Altären anzubeten war römischer Patriotismus, und alS Johannes die Offenbarung sah, war er ja eben unter einem solchen Wüthrich Domitian, auf Pathmos. Fühle dich in eine Seele, die das alles gesehen und erlebt hat — welch Bild konnte ihr zum Zweck dieser Anschauung tiefer begegnen?" „Kein politischer Schriftsteller war Johannes. Ihm lacsts nicht ob, die Tugenden und Vorthcile der römischen Staats - und Kriegs-Verfassung mit Erdenwaage zu wagen. Er sah im Bilde der Erfahrungen seines Jahrhunderts nichts, als was ihm zur Entzifferung der falschen verführenden Drachengewalt diente. Nur dazu stellt er das Bild her. Ihm war cs kein Reich der Welt, sondern Geburt des Drachen und Lammes Feind. Jeder Zug erscheint also vergeistigt, daß der, der gewiß aller Obrigkeit gehorsam zu scyn lehrte, hin- zusetzcn konnte: „nur der bctet's an, der nicht im Buche des Lebens sich findet!" Also gegeistigt müssen wir das Bild betrachten, oder wir nagen am Holze." „Was Johannes unter dem zweiten Thier genau aus seiner Zeit verstanden, oder vielmehr, was für Zeitbilder ihm vorschwebten, daß dies Bild in seiner Seele Leben bekam, sehen wir nur dunkel. War's Politik, Philosophie, Magie*), tau- *) Vorspieglung golbner Zeiten allgemeiner Glückseligkeit? Ä. d. H. aus den Handschriften dcS Verfassers. 471 send Blendwerke, wodurch die Welt angeleckt wurde, Roms Zahl und Bild zu tragen? — Genug, die Anwendung im Sinne Johannes ist deutlich. Dort stand Löwcnstarke und Bärenfuß — hier eine Lammesart, das vorige Ungeheuer geltend zu wachen: beide Geburten und Blendwerke des Drachen. Jenes stieg aus dem Meere; dies (nach der Weise Johannes, cntgegenzustellen) aus der Erde: sie stehen im Contrast gegeneinander, und wirken doch auf Eines. Was Starke und überlegene Macht nicht ausführen kann, vollführt Schein- Heiligkeit, List, einschmeichelndes Blendwerk. Falscher Prophet, ist des zweiten Thieres ganzer ausdrückender Name. —" „Was nun in spätem Zeiten der Antichrist sey, dünkt mich aus den . Beschreibungen beider sichtbar genug. Was hält mehr das Gute in der Meltaus, als politische Unterdrückung und heuchlerische Verführung?" „Da steht das eine Ungeheuer der Macht und Ehre und Herrschsucht und der Vcrfolgungsgier der Menschheit — dieß große Phänomen der Zeiten! dem Pardel gleich, blutgierig und bunt, wie derselbe, mit Barcnfüßen und Löwenmunde. Welche Gesetze und Menschenrechte sind ihm zu heilig, die cs nicht zertrete? welcher Unsinn zu schlecht, den cS nicht gegen Gott und seine Hütte und seine verkannten Lieblinge brülle? welche Pardelflecken und schlaue Künste zu bunt und scheußlich, wenn sie seiner Blutgier dienen? der Drache gab ihm seinen Stuhl und seine Macht. Die Erde erstaunet dem 472 Aus. zum Eommentar über die Apokalypse, Blendwerk, wird in den Wirbel fortgerissc», fällt vor dem goldnen Bilde anbetend nieder und spricht: Wer kann ihm widerstehen? Wer will mit ihm kriegen? Welche Wunder thut cS? Welche Talente fordert, belohnt und bildet es aus? Wer ist, den Titel, Gleichstellung, der welke Lorbeer des Nachruhms , Belohnung oder die Kette der üppigen Feigheit nicht niederwersen, und Gottes Geist in ihm zur Fratze der Heuchelei und Schmeichelei er- niedre? — Seine Todeswundc wird heil, und die zertretenen Elenden thun nichts als bewundern, daß sie wieder heil ward, darob sie ihm um so williger dienen. Johannes ruft: ,,Wcr Ohr hat, „höre! wer tobtet, muß getödtet werden! dieß ist „die Zeit der Geduld und des Ausdaurens der „Knechte Gottes!" . „Nur der betet an, der nicht geschrieben steht im Buch des ewiggeschlachteten Lammes — welchen Blick giebt Johannes mit dem Einen Wort „Ewigkeit" im Opfer Jesu und seinem Buch des Lebens über alle Blendwerke kurzdaucendcr Zeiten!" „Da steht das andre Thier, in Schaafsklcidern, und inwendig wie ein Wolf leistend: Zwcihörnig wie das Lamm, und redet wie der Drache, und hat bei seinem Pcophetcnamt keine Absicht, als daß alle Welt jenem ersten Ungeheuer diene! Erhabner Zweck des Prophetenamis! schöne Ursache, daß Feuer vom Himmel falle und der Klotz des Thiers rede! Und dazu werden Künste aufgeboten und alle Wunder geheimer Weisheit!" aus den Handschriften des Verfassers. 473 „Herbei ihr falschen Propheten und Priester aller Religionen und Wunderthäter vor dem Thicre, eure Gestalt zu sehen! Wozu wirkt ihr, als allein, daß man sein Bild trage?-Wenn ihr Philosophie, Religion, Staatskunst, mit Wundcr- kcäftcn, und alle nur, wie ihr selbst sagt, „bis auf einen gewissen Grad" treibet, über den freilich Niemand Hinsehen muß, sonst sieht er in Hölle und Abgrund: innerhalb des Grades ists aber so schön und anschaulich; gute Ordnung, daß jeder das Bild des Thieres trage, und Niemand ohne seines Namens Zahl und Zeichen kaufe oder verkaufe: daß alle Welt in die Uniform eurer Religion und Weisheit sich best gchorsamst kleide: was seyd ihr als Heuchler und Schmeichler um Genusses willen? Gaukler bis zu einem Punkte — Verführer, deren Ende seyn wird nach ihren Werken!" *) „Man wird mirs gern erlassen, beide Phänomene durch die Geschichte der neuen Mcnschcnbildung, Religionen und Künste weiter zu verfolgen. Die Eommentatorcn der Offenbarung haben sich bckann- termassen in mancherlei Wege des römischen und jüdischen Reichs, der heidnischen und lateinischen Kirche, der Pharisäer und Sophisten verlaufen: ich möchte sie gern vereinigen, daß leider! nur Ein allgemeines Bild daraus werde. Wer Verstand hat, errath die Zahl seines Namens. —" „Ich halte mich lieber an das schöne Bild der Erwählten auf dem heiligen Berge. Unten herrscht *) Msc. von 1778. 474 Zus. zum Commcntar über die Apokalypse, Nebel und Blendwerk, Nolh und Drang, Trug und Verfolgung; oben ist Licht und Gesang, Harmonie und Ruhe, Lob Gottes und Eintracht. Unten raßeln Ketten, man schmiedet Bilder, man mahlt Wolken und thut große Wunder; blicke hinauf in jenes Licht, in jene Unschuld und Einfalt der GotteSkncchtc und Goitcserwahlten! In ihrem Munde war nicht Trug, in ihrer Seele kein Flecke noch Makel: darum sind sic vor dem Throne Gottes, Lieblinge und Freunde Jesu. Aus ihrer Harfe falle der Ton in dein Herz: das sind nicht deine Götter! hier ist nicht unser Vaterland! Alle Herrlichkeit des Thiers, und die Lüge seines Propheten, die Gestalt dieser Welt vergehet." Auch Babel und das Bild der Buhlerin (Kap. XVII.) in seiner rathselhaftcn Beschreibung bezog der Verfasser in seinem ersten Entwurf auf Nom; („Thier und Babel und Rom ist Eins.") Nachdem nemlich die „große Stadt in drei Thcile „zerfallen" (XVI. 19.), („Anspielung auf Jerusalem , das unmittelbar vor seinem Sturz sich in „so viel Parthcien thcilte,") — da ward auch ihrer Zcrstörerin, Babels, gedacht vor Gott"*).. *) Völlig analog mit dem Gang der alttcstamenti- schen Weissagungen, welche gewöhnlich zuerst dev verfallenen Stationen Strafe durch Babel, hernach aber auch ihrer barbarischen Bczwingerin Untergang und Rache verkündigen; und eine tröstende Aussicht für die bessern Luden sowohl, die aus den Handschriften des Verfassers. 476 Die Zerstören» sollte wieder zerstört werden * *). — „Siehe hier die zarte Empstndungsart Johannes und wie sein Offenbarer dieselbe schonte. So lange als das Verderben Judaa's sich nahte (in Siegeln , Trommetcn und letzten Versuchen zur Freiheit,) war gleichsam das traurige Andenken daran noch erträglich: Gott wählt also Bilder aus der Geschichte, sie der Seele Johannes mit höherem Sinn zu beleben. Nun ist aber die Hoffnung aus : die Plagen sind ausgegossen: bei Megiddo sind sie geschlagen: das Land hinweg: die Stadt in drei Lheile gctheilt: die Wolke des Untergangs hangt dicht über ihr — und siehe! Gott decket die Scene. unschuldig vom allgemeinen Unglück hingerissen wurden, als für die schon unter Nero und Domitian so heftig verfolgten Christen. Vermuth- lich eben darum, weil schon die Schüler Johannis unter Babel Rom verstanden und dessen Fall erwarteten, wurde die Apokalypse von ihnen nicht so wie die übrigen Schriften des N. T. di- vulgirt, um sich nicht neue Verfolgungen zuzuziehen, auch eben deswegen ihr kanonisches Ansehen von manchem nicht cingestanden oder auch wirklich bezweifelt. Anmerk. d. H> *) „Sie sitzt auf vielen Wassern (Völkern und Sprachen), lockt an sich und verführt alle Könige der Erden. Auf rosenfarbnem Thier sitzt das Weib: ist selbst ros'- und purpurgekleidet — die bekannte Kaiser - Helden - Göttertracht des unüberwindlichen Roms u. s. f>" 476 Zus. zum Commentar über die Apokalypse, Ja er wendet das Blatt, und da cs auf Untergang ging, muß ihre Zerstörcrin zerstöret, und Bild des Unterganges der Welt werden. Nun war's Johannes zu schreiben, ja zu lobsingen erträglich; bei seiner eignen Stadt und Nation, wie wär's gewesen?" ,,Sogleich sieht man auch die Ursache des neuen Namens. Welcher Zerstörcrin war im A. T. mehr Zerstörung gedroht, als Babel? Wenn man an Babel denkt, wie es im A. T. dasteht, so har's „die zerstörte Zerstörerin" aus seiner Stirn. Ausdrücke und Bilder der Offenbarung über sie in beiden Verhallnissen sind aus den Propheten. Das schreckliche Klaglied, das bald erschallen wird, ist eine prophetische Rhapsodie genau in dem Sinne: „du hast zerstört: du sollst zerstöret werden!" „Nun das Geheimnis ihres Thieres „es war „und ist nicht und wird seyn — aber ausstcigend „aus dem Abgrund und rückkehrend ins Verderben!" ein Ausdruck, über den tausendfacher Unsinn gerathselt worden — ist im Styl der Offenbarung etwas klarer, schöner, gewisser, als derselbe? In einem Buche, wo Gott immer und ewig der heißt, der ist und war und seyn wird: wie kannst du den Ungvtt besser beschreiben, als der n i c h l is t , n i c h t w ar, n i c h t sey n wird? und wie das Blendwerk, den Abgott, besser als: der nie ist, aber immer war und seyn wird -— Schatte aus dem Abgrund ausstcigend und ins Verderben fahrend? Kein Platoniker (die so »iel über das Seyn und die vorbciflicßenden Gestalten gere- aus den Handschriften des Verfassers. 477 det) hat eine wahrere, edlere Beschreibung des Blendwerks geben können, als diese: nie ists, immer war's und wird seyn — ein verderbender nichtiger Schatte des Undings. Und die Welt bewundert das Thier, das nicht ist, war und doch seyn wird, d. i. sie lauft Schatten und Blendwerken nach, die ihm dies Phantom vorspiegelt — wie wir vorher schon beim falschen Propheten, der des Thiercs Bild durch List, Betrug und Blendwerk zum Idol der Welt macht, ja deutlich genug fthen.-" „Darum heißk's auch: daß nur der dem Thie- rc nachgaffct, der nicht -geschrieben steht im Buch des Lebens. Am politischen Rom und seiner Gestalt lag Johannes nichts; aber das politische, siegende, lierrschende, verführende Rom war zu Johannes Zeit das einige Bild, unter dem er die Sache des Ausgangs der Welt fassen konnte. Auf der Erde war damals ja alles Koma! keine Götter als — ()uo8 Koma reco^lt t^ut clocllt izroa Oeo8. „Sie war das Unding und Blendwerk in allen Farben, das mit ewiger Starke da zu stehen schien: Weltkceis und Zeitencnde schien ihm gegeben. Horror, äa lato nomerr irr ultimas kxtoirclat oras — — t)uiounguo muruli tsrmirms okwtitit, Urmo tariAat armio ^ visero AS8tien8, 47^ Aus. zum Eommcntar über die Apokalypse, t^uu ^>arts äskLLclisritur iZneg, ()nu nsdulus ^luvü^ns rares. „Die Auslegung des Engels: die sieben Haup- 1er sind die sieben Berge u. s. f. (XVII. v. 9.), ist so klar, als sic in römischen Zeiten nur scyn konnte, und so umwölkt doch, als sie seyn mußte. Wer konnte wider die Göttin Roma reden und schreiben und prophezeihen? Sie war ohnedem schon trunken vom Blut der Zeugen Jesu." Folgt die Deutung der 7 Könige auf die Kaiser, von Augustus bis Domitian (die Zwischenschalten und Phantome zwischen Nero und Vefpa- sian nicht mirgezahlt) „der (Domitian) recht das fressende Thier war, der Wüthrich und Ehristenver- folger, unter dem Johannes schrieb und litt. Auf ihn legte er den Fluch des Verderbens, den er beym leutseligen Titus nicht bcyfügen wollte: beym Achten , der damals regierte, traf ec auf's innerste Mark. Weiter hin, über seine Lebenszeit hinaus, kümmerten die Kaiserreiche Johannes nicht im Mindesten: er war kein politischer Weissager." „Unter den 10 Königen (XVII, 12) verstand der Verfasser Vasallen Noms, Insrruinenter ssr- viruris, wie Tacitus sagt, VsZes, die bald mit Nom in Bund treten, im Eifer für Rom und in Feindschaft gegen die Christen mit ihm und unter einander Eins seyn — aber nach kurzer Frist sich gegen Rom selbst wenden, und seine Zerstörer seyn würden: — „Konnten die barbarischen Nationen im Spiegel ihrer Ferne zum Zweck Johannes klarer gesehen werden, als hier geschah? Zehn aus den Handschriften des Verfassers. 479 Horner — mächtig, rauh, unzerbrechlich, von fernen Ecken der Erde. Gott führte sie herbei: wie wunderbar, bisher noch uncrörkert, drangen sie auf den Schauplatz! Eines Sinnes, all' ihre Macht und Starke dem Thier zu weihen — wie lange waren sie Roms Schutzwehren, dienten mit Ehren im Solde Roms! Könige dünktcn sich groß, wenn sie römisches Schwert als Edclleute, als xatricii tragen durften: waren lange, da Italien entnervt war, Roms einzige Schutzmauer, gleichsam die Hörner ihrer Rüstung. Wie treffend ist das Bild selbst (als cornua arlstnm) in der römischen Sprache — sinnig 1.utio nnne ssrvit ^urpnrra ksrro! — Auch darin waren sie mit Rom Eins, daß sie die Christen verfolgten, und jedermann weiß, was die Christen zuerst von diesen wilden Nationen unter ihren Streifzügen gelitten .... aber schnell wurden sie des Christcnthums Anhänger: sie schlugen seinen feinen himmlischen Geist zu ihrer groben irdischen Masse. Bald wurden sie Feinde Roms, und seine Verwüster, Plünderer, Fresser. Johannes braucht scheußliche, grausame Bilder: reichen sie 'aber an das Elend, so Rom unter den Händen dieser Barbaren einmal über's andre traf?-" ,,Und nun, wenn wir diesen Untergang sehen, Wehklagen über ihn mit allen Stimmen, Posaunen, Trommckcn aller wchrusendcn Propheten hören: lasset uns nicht ans politische Rom und wann? und dann? und so und also denken. Das ist nicht Zweck Johannes, sondern 480 Zus. zum Eommentar über die Apokalypse, Bild der Fassung aus der Geschichte seiner Zeit: die Zerstörerin Jerusalems sollte, wie Babel des A. T. auch zerstört werden. Noch weniger laßt uns dem sanften Johannes Schadenfreude, Rachsucht zuschreiben, so wenig als Einem Propheten, der über Babel Ach und Weh rufen mußte. Ec ist Sinnbild des Endes der Welt, des Unterganges Babels, d. i. aller Verwirrung, Blendwerke, Verführung, Tyrannei und Verfolgung des Guten. Das muß untergehen, oder das Reich Gottes kann nicht kommen: die Näscher und Händler aller der Blendwerke müssen heulen, oder sie werden nie über Erkenntnis himmlischer Wahrheit jauchzen. Das Volk Gottes muß ausgeführt: das Blut der Zeugen gefordert: die Kreatur vom Dienste der Eitelkeit frei gemacht werden; oder Gott ist nicht Gott, und seine Welt nicht Welt, d. i. Bau der Schönheit , Entwurf zur Vollendung und Entwicklung. Durch Schmerz muß alles zur Freude kommen, durch Tod zum Leben. Das tiefste Weh also hie- nieden ist das höchste Hallclujah im Himmel." VI. (Zu Kap. XIV, 6 — i3.) „-(Früher schone ruft ein Engel Babels Fall als geschehen aus.) „So lange schon ward das Evangelium, das Gericht, das Geheimnis der Propheten, als gegenwärtig, als instchend verkündigt. Vor Gott ist's da; nur die langsame Erden- aus den Handschriften des Verfassers. 481. Erdcnfolge saumct's." Es muß erst hinweggethan werden der „Mensch der Sünden und das Kind des Verderbens re." — Darum fliegt hier der Engel mit seiner ewigen Botschaft, die dauernd und gewiß ist, so lang sic verziehe, gewiß wie die Schöpfung und Gott ihr Schöpfer. Darum ruft, der nach ihm folget, als ob Babel schon gefallen sey: die Zukunft ist ihm schon vor Augen. Darum bringt der Dritte alle Dualen und den ewig aufsteigenden Rauch der Gequälte» vor Augen, daß er die Gegenwart vor der Zukunft warne. Eben die Strenge und Harte der letzten Bilder zeigt, daß von mehr als einem irdischen eingeaschcrten Jerusalem (oder Rom) die Rede sepn muß. Als Veranlassung zum Bilde ist der Rauch einer untergegangenen Kvnigsstadt groß und schrecklich; als Zweck der Weissagung aber, daß Nom oder Jerusalem vor den heiligen Engeln und dem Lamm ewig rauche, wäre das Bild lästernd und kindisch. So geistig das Babel ist, von dcm hier Mein die Rede sepn kann, so symbolisch hier Hurerei und Hurenwein, Thier und Bild ist, wo Eins das Andere bedeutet: so symbolisch ist auch der Zornkelch und Babels Fall, ihr ewig aufsteigender Rauch und Schwefel. Jerusalems Untergang war, nur, was das Bild vcranlaßte, das sich in die stärkste Sprache des Propheten kleidet." „Hier ist Geduld der Heiligen: hier sind, die „Gottes Gebote und die Treue Jesu bewahren! „Ich hörte eine Stimme vom Himmel, die sprach „zu mir: Schreibe: Selig sind die Tobten, die im Heeders Werke z. Rel. u. rhevl. VII. H h 482 Zus. zum Eommentar über die Apokalypse, „Herrn sterben von nun an. Ja! spricht der Geist, „sie ruhen von ihren Drangsalen und ihre Werke „folgen ihnen." Wie giesset auf einmal wieder Ein evangelisches Wort des rufenden Geistes Ruhe in die Gebeine der Dulder! Der Herr verzeucht: harre! dulde! der Herr befiehlt's und treu ist Er. <— Und ob du die Ankunft des Herren nicht erlebtest und im Glauben und in der Treue an ihn stürbest: der Geist spricht, „sie sind selig, die Lobten. Sie ruhen und genießen ihrer Werke." „Die Offenbarung laßt solche Stimme den Geist sprechen, wie er dort die Winke der Verheißung lhut an die Gemeinen. Er wird gleichsam das Echo in menschlichen Herzen, das Sensorium der Gottheit in ihren Seelen." VI. (Su Kap. XIX, 7. 8. *) „Diese Bilder müssen im Gegensatz der vorhergehenden betrachtet werden: der Byssus der Braut Christi im Gegensatz des rochen Gewandes der Hure: ihr reines Hochzeit - und Freudenmahl im Gegensatz der Buhlerei und Ueppigkeit jener mit allen Herren der Erde. Wenn diese reinen und schonen Bilder gemißbraucht worden, so geschaht, weil man sie nicht verstand, weil man sie von ihrer Stelle rükte." *) Mscr. von 1778. aus den Handschriften des Verfassers. 48I „Schon also dieser Gegensatz bringt uns darauf, daß diese reine schöne Braut wohl nicht schlechterdings und allein die äusserlichc christliche Kirche seyn könne, so wenig jene Buhlerin schlecht, hin und allein die jüdische Kirche war*). Johannes unterscheidet immer die wahren Juden und die nur sagen, sie sind's und sind's nicht; und so unterscheidet er auch die wahren Christen. Christenthum ist ihm nicht die äusserlichc Verfassung oder gar die Heraufbringung der Kirche zu irdischem Wohlleben, Pracht und Rcichthum; mit diesem ging gerade das wahre Christenthum unter. Man kann die Offenbarung Johannis nicht ärger mißdeuten, als wenn man sic in diesen schnöden elenden Gesichtspunkt zwinget: ihr Verfasser wird sodann nichts, als ein fleischlicher, gehässiger Judenfeind und ein fleischlicher, übcrmüthiger Christenpfaffe ; ist etwas dem Geiste des Buchs und dem Zusammenhänge seiner Geschichte mehr zuwider ? Die reine Braut Christi kleidet sich nicht in Purpur und Rosenroth, sic buhlet nicht mit den Königen der Erde. Unschuld ist ihr Gewand, Gerechtigkeit der Heiligen ihr reiner Vrautschmuck." „Daher ruft die Stimme auch schon zum voraus: „Selig, die zu diesem Hochzeitmahle berufen sind!" Denn gewiß nicht alle sind dazu berufen. Und Johannes kennt keine Christen, als P Nach der Meynung des Verfassers im gedruckten Text. H.h - 484 3 "s- zum Eommentar über die Apokalypse, die dazu berufen, die als Lieblinge des Lammes angezeichnet sind. Darum rief die Stimme: ,,Ge- „hct aus von Babel, mein Volk, daß ihr nicht ,,theilhaft werdet ihrer Plagen." Das Buch kennet keine Mischung von Sauer und Süß, von Licht und Dunkel. Die Hure ist nicht mehr, wenn die Braut erscheinet: der Dienst des Thiers ist im Abgrunde, wenn der Herr regieret." VIII. (Zu Kap. XIX. *) „Ein Urtheil, das Gott fallet, und das alle Himmel preisen, kann nicht ungerecht seyn: ihre Halle-ilujah's singen cs als das höchste Meisterwerk der Güte, Gerechtigkeit und Wahrheit. Gott, der da ist Ein und Alles, und der A ll- umfasser, das Einige, was ist und wirkt in der Schöpfung, muß Ein und Alles werden, auch als solches erkannt, gefühlt, verherrlicht werden, wo und wie cs nur erkannt, gefühlt, verherrlicht werden kann: Abgötterei), Trug, Schatten und Blendwerk muß weg aus der Schöpfung: Babel muß fallen, daß Er herrsche , der Allbeherr- scher: das war der Inhalt des Buchs in der Hand des Thronende». Das riefen die Zeichen der Siegel desselben, und die den Inhalt anhaben, wur- ) Mscr. 1774. und 1778. aus den Handschriften des Verfassers. 485 den versiegelt und behalten als Knechte Gottes. Das riefen die Trommeken: ,,ob noch jemand seine Puppen wegwerfen, ablasscn wollte von seiner Hände Werk und Gott anbeten?" Der Engel vor der letzten Trommete schwur's: die Zeugen zeugten'- bis zum Tode: der Streit im Himmel bewährte es: der Drache ward überwunden, und Gott und seinem Gesalbten die Herrschaft der Welt. Da wü- thete der Drache noch auf der Erde durch List und Gewalt, wilde und zahme Thiere: die Anbeter des Lammes blieben ihm treu und sangen zum voraus das Lied der Ueberwindung. Da riefen die Engel, einer über den andern, Ernte, Weinlese, Sturz und Untergang Babels. Die letzten Plagen troffen: Babel, der Mittelpunkt , die Mutter, die Königin des Blendwerks und der Verführung ging unter. Nun singen die Stimmen im Himmel: Hallelujah! Gott eilet, Alles in Allem zu werden. Er stürzt das Reich der Nacht. <— Wenn Euch alle Sieget, Stimmen, Plagen nicht rühren konnten, daß ihr die Puppen wegwürfet: siehe, so müssen sie euch geraubt werden. Und da das brennende Babel mit all seinem Zeitvertreib, Kleinoden und Schätzen! da alle Heul - und Klagestimmen um sie her! Lasset UNS mit Einem Blicke noch rückwärts sehen." „Jst's wohl zu denken, daß alles Unkraut hier auf der Erde letzter und ewiger Zweck GvtteS sey? daß keine Scheidung Vorgehen werde? Soll unser Zustand ewig ein Babel seyn unter der Herrschaft des Drachen und Lügcnpropheten? und nie »in anderes Reich Herkommen, das Reich Gottes 488 Aus. zum Commentnr über die Apokalypse, und Christi? Und was ist's, wornach alle unsre Wünsche streben, wozu auch die Bösewichter selbst unter dem Schein des Guten, dessen Kraft sie vcrläugnen, arbeiten und beitragen wollen, wenigstens vorgcben, daß sie's wollen: als daß Wahrheit und Treue auf Erden regieren, daß die Menschen mit könig - und priesterlicher Würde das werden, wozu sic bestimmt sind?" „Und wer kann dies schaffen? Können's Menschen? werden sie sich je auf der ganzen Erde dazu vereinigen? würden sic ihre Natur andern, das tiefgewurzelte Böse ausrotten können und wollen? Wer kann GotteS Reich kommen machen, als alkein Gott?" „Und wie kann er's kommen lassen, als durch Zurüstungcn der Natur, die wir nicht dafür erkennen? durch Werke der Menschen, die es nicht suchen und doch befördern? durch seine Kraft?" „Und hat er eS nicht versprochen? scheint nicht alles in der Natur dahin abzuziclen, daß ein solches Ende werde? wenn alles in der Welt seinen Lohn, seine Blüthe und Reife hat, soll's das Gute nicht auch haben? Wenn alle Räder in der Natur zu mehrerer Vollkommenheit arbeiten, soll diese nie kommen, durch die Absonderung und Ausrottung der Bösen nie zu dem Ende kommen, wornach sie strebt? oder wäre es ein Lauf ohne Ziel? und alle Verheissungen der Propheten, Christi und der Apostel ein süßer Traum?" „Nein, du wirst kommen, Reich Christi! und nicht ausbleibcn, du Lohn seiner Edeln, der Erst- aus den Handschriften des Verfassers. 487 linqe auf Erden. Wie das grüne Korn die Ernte prophezeihet; und wenn der Feigenbaum ausschlägt, der Sommer nahe ist, so wirst du auch kommen, Ernte des Guten, Sommer der Tugend auf Erden. Ihre Misklange werden sich lösen und Paradies und Eden werden, wie es im Anfänge war." IX. Zu Kap. XIX. (Johanneischer Geist in der Apokalypse.) *) „Es ist unrichtig, daß Johannes auf ein zweites irdisches Jerusalem verweise. Wenn er bcy seinem Jahrtausend des Weltregiments der Heiligen, an eine geliebte Stadt, an ein Gezelt der Heiligen gedenkt, ist's nur mit einem vorüberfliegenden Schattenzuge. Aber, wenn Himmel und Erde nicht mehr sind: siehe, so ist sein Neues Jerusalem verjüngter Himmel und Erde, wohin sich kein altes jüdisches Mahrchen schwang. — Freilich mußten auch in der Seele Johannis Bilder bereit liegen, die Gott zu dieser neuen Offenbarung weckte, daß der Prophet sie begriff und sähe — ein Borrath hiezu waren die Ideen seines Volkes, die von Kindheit auf sein waren und die Gott hier mit Himmelsgeist belebte. Langst, da auch noch Tempel und heilige Stadt standen, hatten sie ein I e- rusalem droben, ihre himmlische Mutter, sin 488 Zus. zum Commcntar über die Apokalypse, welche alles Niedere, Sichtbare ihres Gottesdienstes seinen besten Strahl hinauf warf. Dies war Körper und Schatte; jenes Licht, Wahrheit und Leben. Aber wie rein und geistig weckt Gott seinem Propheten diese Bilder! Nicht jüdische, der Kern und Mittelpunkt christlicher Hoffnungen und Seligkeiten ist in ihm.-" „Sich! Gottes Hütte Key den Menschen: sie sein Volk: Er ihr Gott. An dem Einen Zuge charakterisirt sich der ganze Johannes. Ihm war's großes Evangelium, daß in Jesu Hütte Gottes Key den Menschen war, daß in ihm Herrlichkeit des Eingc- bornen wohnte. Diese leuchtete mit Gnade und Wahrheit, verklärte Anderes in ihr Bild und „gab „ihnen aus ihrer Fülle Huld um Huld, Liebreich „nach Liebreitz, daß sie Christus ähnlich und auch „in ihnen Hütte Gottes Key Menschen wohnte." „Wir werden zu ihm kommen und Wohnung Key „ihm machen. — Auf daß sic alle Eines scyen, „gleichwie du, Vater, in mir und ich in dir: also „auch sie in uns Eines seyen!" Siehe da! Hüne Gottes bey den Menschen, wie sie in Jesu Christo war — das große Evangelium Johannes. Nun ist die Hütte verklärt: der irdische Staub, Koth und Finsterniß niedergeworfen: das verborgne Leben mit Christo in Gott erwacht und offenbar worden — siehe Gottes Hütte bey ihnen allen, Er all' ihr Got: sie alle sein Sohn? Ec in ihnen allen, wir in Christus: sie alle zur Einheit, lautern und innigsten Vereinigung mit ihm versammelt. „Und Gott wird ab- aus den Handschriften des Verfassers. 489 wischen alle Thronen von ihren Augen: Tod wird nicht mehr seyn, noch Geschrei noch Schmerz: das Erste ist vergangen." Und so lasset uns auch, die wir noch im Ersten sind, nicht durch Rathen der Vernunft, sondern durch inniges Gefühl und Vorschmack der Vorbereitung die Seligkeiten vorausnehmen, die auch hier schon unnennbar sind und unaussprechlich. Welche Worte können Gefühl schildern ? und wie nun das sanfteste, Messe, innigste, lichtreinste Gottesgefüh! in uns, die Seele unserer Seele, Vorschmack des Einen, Ewigen, der Ewigkeit in dem, was Schrecken-, Schatten - und Wurmgang unserer irdischen Zeit ist!" „Dreimal erschallt die Stimme vom Throne: Siehe, ich er n eure Alles! — Wahrlich! — Es ist vollendet! — Dahin läuft und entwickelt sich alles im Kreislauf der Offenbarung. A und O! Anfang und Ende ist Gott! der Allumfasser, aus dem wir alle sind, durch den, und zu dem wir alle kommen! Der Lebensbrunn fließt, Geist der Allbelebung brauset durch alle Adern und Gefasst der Schöpfung: wer dürstet, trinke von ihm umsonst. Kann der Staub sich selbst beleben? das Todte sich selbst beseelen? Es sinkt immer tiefer in Tod hin, wenn es die allbelebendc Sonne mit ihren Kräften nicht anzeucht, erhöhet, lautert. Summe dieser Belebung durch Einen, zu Einem großen Ziele ist Fülle der Religion, Inhalt der Natur und Offenbarung. Wer überwindet, der wird alles ererben, Gott sein Gott, er der Sohn Gottes seyn, als ob es nur Einer wäre. 49" Zus. z»m Commentar über die Apokalypse, Unsere Kräfte erliegen im Hinblick nach diesem hohen Ziele! Das ist der Thron Jesu, auf dem Er als Ueberwinder thronte: der neue Name, den niemand kennet, denn der ihn cmpfähet. Und unser Kampf sollüberwind e n d dahin gelangen." ,,Wer verzagt und nicht überwindet, treulos wird und sich mit Gräueln der Welt befleckt oder im Truge und Gleißncrei der Erdeschatten verweilet: er ist Finsterniß und steigt nicht zum Licht auf, er untersinkt im zweiten Tode." X. *) — „Wenn ich (in diesem Buch) auch nur das Eine erreicht hätte, die tiefe Bekanntschaft Johannes im Alten Testament zu zeigen, wie er überall wie in seinem Hause, überall im Geist, in Mark und Saft der schönsten Bilder und Geschichte, Gesichte und Weissagungen ist, und dieser ihm immerdar in tausend unbemerkten Feinheiten der Anspielung, das Gewand, den Griffel, die Schreibart leihet; und hatte mir und Jemanden den Funken gegeben, auch also die Schrift zu genießen, ihrer inne zu werden und sic in den Einen, alles durch- strebendcn Geist, in Saft und Kraft täglicher Wahrheit zu verwandeln; siche, so war meine Arbeit nicht vergebens. Wir erleben freilich keine Zerstörung Jerusalems und dürfen noch weniger auf Gesichte darüber warten; in allen Begebenheiten der Welt unfers Lebens ist aber eben so wahr und gewiß der Herr, der Ewige, der Allumfasser, der aus den Handschriften des Verfassers. 49-. ohne Gesichte und Zeichen im Himmel zu uns durch dieselbe spricht, wie er dort, nur zu höhcrn Zwek- ken und auf wunderbare Weise, den Sinn dessen, was er erlebt halte, dem Jünger, der bleiben und seine Zukunft erwarten mußte, milkheiltc. Ohne Wahrnehmung solches Sinnes ist uns die Welt ein Puppcnspiel und die ganze Geschichte eine Schattenlaterne; mit ihm wird sic uns voll Gottes, voll Sprache auf uns, voll der innigsten zudringcndsten Vorsehung. Auf diesem Wege wird man auch nichts minder als ein Kalenderprophet und ein politisch - oder gar kirchlicher Zeichendeuter aus der ApokalypsiS werden wollen. Die Gesichte halten sich so genau an die jüdische Geschichte, haben auch, als Weissagung auf alle Zeiten betrachtet, so hohen Standpunkt , daß ein einzelner Ketzer oder Kaiser wohl sehr klein erscheinet. Es ist, wie zwischen Zeit und Ewigkeit geschrieben, im Angesichte dessen, der war und ist und seyn wird, des Weltumsas- sers: der Geist desselben webt also allezeit und allenthalben. Im Himmel sah Johannes seine Bilder und der Himmel umfaßt die ganze Erde. Glücklich , wenn wir das Buch als Johannes Zeitgenossen, als seine Freunde, Liebhaber und als stille Forscher im Geist seines Lebens und seiner Schriften lesen: dieser Geist, der Geist Christi und seiner Schüler, wird uns lebendiger leichter Schlüssel seyn, und vor Albernheiten der Auslegung und Anwendung uns bewahren."