I. F. Cooper's Amerikanische Nomane, ii e ii aus dem Englischen übertragen. Juieiuildzivaiizigster Uand. Gva Effingham. Eine Fortsetzung „der Heimkehr". Stuttgart. Verlag von S. G. Liesch ing. 1846 . Eva Effingham oder die Heimath. Cine Fortsetzung „der Heimkehr". Von Lames Fenimore Eooper. Aus dem Englischen von vr. Carl Kolb. Stuttgart. Verlag von S. G. Liesching. 1846 . V. «chn-tlpr-ffradruck van S. K r - u , - r tu Stuttgart. S-L Erstes Kapitel. »Guten Morgen, Muhme." »Guten Morgen, süßer Held." Shakspeare. Älr Effingham hatte, sobald er sich zur Heimkehr entschlossen, an seinen Geschäftsführer die Weisung ergehen lassen, seine Wohnung in New-Uork zu Aufnahme der Familie herzustellen; denn er gedachte den Winter in der Stadt zu verbringen und seinen Landsitz erst mit dem Beginne des Frühjahrs zu besuchen. Eva befand sich daher kaum eine Stunde am Lande, als sie sich bereits an der Spitze einer der größten Haushaltungen in Amerika'» größter Stadt sah. Zum Glück für sie war ihr Vater viel zu billig, um die Gattin oder die Tochter bloS als Oberdienerin zu betrachten, weshalb er, um seinem Fleisch und Blut Gerechtigkeit widerfahren, zu lassen, mit seinem Einkommen nicht knausern, sondern gern eine» schönen Antheil desselben auswenden wollte, um sich jene höhere Art häuslicher Dienstleistung zu sichern, die allein im Stande ist, der Vorsteherin des Hauswesens eine Bürde abzunehmen, die ihr wohl zu schwer werden könnte. Es ist so vielfach in Amerika Sitte, in thörichtem Wetteifer mit Andern des bloßen Prunks wegen auf anspruchsvolle und langweilige Gesellschaften Summen zu verwenden, die wohl für ein ganzes Jahr dem Haushalt eine systematische Ordnung geben könnten, wenn man sie dazu benützte, Personen anzustellen, welche sich die Beschickung der Wirthschast Eva Efstngham. t 2 zur Lebensaufgabe gemacht haben; aber ungleich einem großen Theil seiner Umgebung, welcher der Eitelkeit so viel zu opfern bereit war und dafür lieber Weiber und Töchter zu der Plackerei zurückkehren ließ, zu welcher diese armen Geschöpfe in Amerika verdammt zu sehn scheinen, zog cS Mr. Effingham vor, zuerst auf die Grundlage des geselligen Lebens Rücksicht zu nehmen, che er nach Schaustellung haschte. Der welterfahrene Mann hatte Einsicht genug, und sein Gerechtigkeitssinn ließ ihn kein Bedenke» tragen, mit denen, welche so viel zu dem Glücke seines Hausstandes beitragen konnten, bereitwillig die Segnungen zu theile», welche die Vorsehung so reichlich über ihn auSgegossen hatte. Mit Einem Worte, durch freigebige Belohnung einer Haushälterin versetzte er zwei Menschen in eine angenehme Lage — erstlich seine Tochter, indem er sie der Sorgen überhob, die natürlich eben so wenig einen Theil ihrer Pflichten bildeten, als wenn man ihr hätte zumuthen wollen, das Pflaster vor der Thüre zu kehren, und zweitens eine sehr achtbare Frauensperson, die sich glücklich schätzte, unter so guten Bedingungen ein anständiges Unterkommen zu finden. Dieser einfachen und billigen Maßregel verdankte es Eva, daß sie an der Spitze einer der ruhigsten, elegantesten und geordnetsten Haushaltungen Amerika'S stand, ohne weiter mit derselben bemüßigt zu werden, als eben nöthig war, um Morgens einige Aufträge zu ertheilen und wöchentlich einmal etliche Rechnungen zu prüfen. Unter Eva'S erste und angenehmste Besuche gehörte ihre Muhme, Grace van Courtlandt, die um die Zeit der Ankunft des Montauk zwar auf dem Lande war, aber auf die Kunde davon augenblicklich nach der Stadt zurückeilte, um ihre alte Schulfreundin und Verwandte willkommen zu heißen. Eva Effingham und Grace van Courtland waren Schwesterkinder und im Alter nur um einen Monat von einander verschieden. Da die Eltern der Letzteren früh gestorben waren, so hatten sie ihre Zeit meist gemeinschaftlich verbracht, bis Eva'S Reise die Trennung nöthig machte; denn obschou 3 Mr. Effingham darauf angetragen hatte, seine Nichte gleichfalls mit nach Europa zn nehmen, mußte er doch diesen mit Liebe gehegten Plan wieder aufgeben, weil GraceS noch lebender Großvater von väterlicher Seite, der sein hohes Alter zum Vorwände nahm, die thenre Enkelin nicht von sich lassen wollte. Dieser Großvater war inzwischen gleichfalls seinem Sohne in die Ewigkeit nachgefolgt, und Grace, der ein großes Vermögen geblieben war, konnte nun fast ganz unbehindert über ihr Thun und Lassen verfügen. Das Wiedersehen der beiden warmherzigen und sich aufrichtig liebenden Mädchen wurde für sie ein Augenblick großes Interesses, aber auch gegenseitiger Befangenheit; denn die Trennung vieler Jahre hatte so vielen neuen Eindrücken und Angewöhnungen Raum gegeben, und obgleich sie sich gegenseitig die zärtlichste Liebe bewahrt hatten, sahen sie dem Zusammentreffen doch nicht ohne geheime Besorgniß entgegen. Der Besuch langte eine Woche, nachdem Eva ihre Wohnung in State-Street bezogen hatte, und eine Stunde vor der zum Empfang von Gästen gewöhnlichen Zeit an. Eva hörte den Wagen vor der Thüre Halt machen und die Klingel ziehen; sie eilte daher hinter den Vorhang, warf einen flüchtigen Blick ans die Straße hinunter ünd erkannte in der aussteigenden Dame alsbald ihre Muhme. „tzu'avor vous, ma eliöre?" fragte Mademoiselle Viefville, als sie bemerkte, daß ihr Zögling zitterte und erblaßte. „Es Ist meine Muhme. Miß van Courtlandt, die ich wie eine Schwester liebte und die ich jetzt nach so vielen Jahren zum ersten Mal wicdersehe." „Vien, o'est uno tres jvlio joune gorsonne," entgegnete die Gouvernante, die von der Stelle aus, wo Eva eben gestanden hatte, gleichfalls einen Blick nach der Straße entsandte. „8ous Io vaggoit clo In gersonne, ina ol>öro, vous ileviior vtio oon- tcnto an moins." 4 „Ich werdet mich entschuldigen, Mademoiselle, wen» ich den Wunsch auSdrücke, ihr allein entgegenzugehen, denn beim ersten Zusammentreffen möchte ich mit Grace ohne Zeugen sprechen." „I'res - volontivi'S. — Itllle est pai'vnte et e'est bien natui ei." Mademoiselle Biefville hatte diese Zustimmung kaum auSge- drückt, als Eva an der Thüre schon auf ihr Kammermädchen traf, welches heraufkam, um zu melden, daß Mademoiselle de Cvurt- landt sich in der Bibliothek befinde; fie stieg daher langsam die Treppe hinunter, um fie zu bewillkommnen. Das Bibliothekzimmer erhielt vermittelst einer kleinen Kuppel sein Licht von oben, und Graee hatte nnwillkührlich gerade die Stellung eingenommen, die ihr ein Maler angewiesen habe» würde, wen» fie ihm zum Portrait hätte fitzen müssen. Bei Eva'S Eintritt fiel das schräge Licht eben voll und reich ans den Gast nieder, dessen schöne Gestalt und zarte Züge in dem vortheilhaftesten Umrisse zeigend — und es waren in der That Züge, wie man fie selbst in einem Lande, das auf die Schönheit seiner Frauen stolz sehn kann, nicht jeden Tag zu sehen kriegt. Miß van Courtlandt war im Neiseanzug und ihre Toilette etwas gewählter, als Eva dies zu so früher Tageszeit zu sehen gewöhnt war; aber dennoch glaubte unsre Heldin selten ein liebenswürdigeres junges Wesen erblickt zu haben. Ein ähnlicher Gedanke schien auch Gracc'S Inneres zu durchzucke»; denn mit dem Scharfblicke eines WeibeS fiel ihr augenblicklich die ernste, aber doch höchst anmuthige Einfachheit in Eva'S Anzug, noch mehr übrigens der Zauber ihres Antlitzes und ihrer Gestalt auf. In Wahrheit fand eine große Aehnlichkeit zwischen den beide» Mädchen statt, obschon fie sich durch einen Ausdruck von einander unterschieden, wie derselbe für ihre Charaktere oder für die eigenthüm- liche Denkweise der betreffenden Personen paßte. „Miß Effingham!" begann Grace, indem sie der Eintretendeu um einen Schritt entgegenkam; aber ihre Stimme war kaum hörbar und ihre Glieder zitterten. „Miß van Courtlandt," entgegnete Eva in demselben leisen, erstickten Tone. Diese Förmlichkeit übte eine erkältende Wirkung. Beide blieben univillkührlich stehen und grüßten stch in stummer Verbeugung. Eine Woche deS Aufenthalts in der Heimath hatte Eva die Kälte im Wesen der Amerikaner so sehr empfinden lassen, und Grace fühlte sich einem Wesen gegenüber, das so viel von Europa gesehen hatte, in einem Grade befangen, daß der kritische Augenblick diesem Wiedersehen nicht die günstigsten Eindrücke in Aussicht stellte. So weit war übrigens Alles streng nach den Regeln des Anstandes abgelaufen, obgleich die innigen Gefühle, von welchen beide Mädchen durchglüht waren, einem gewaltsamen Zwang unterlagen. Aber auch das kalte, verlegene Lächeln, mit welchem fie ihre Verbeugungen begleiteten, hatte etwas von dem süßen Charakter der Vergangenheit an sich und rief beiden den liebevollen mädchenhaften Verkehr jüngerer Tage ins Gedächtniß. „Grace!" rief jetzt Eva, mit ungestümer Hast ein paar Schritte vortretend, obschon fie dabei wie die Morgenröthe erglühte. „Eva!" Sie öffneten jetzt die Arme, und im Nu hatten fie sich in einer langen brünstigen Umarmung umschlossen. Dies war das Wiederaufleben der früheren Vertraulichkeit, und noch vor Abend fühlte sich Grace in der Wohnung ihres Onkels heimisch. Allerdings bemerkte Miß Gffingham an ihrer Muhme manche Eigenthümlich- keitcn, die fie lieber entfernt gesehen hätte; aber auch Miß van Courtlandt würde sich behaglicher gefühlt haben, wenn Miß Effing- Ham in gewissen Dingen, welche dieselbe in Folge ihrer Erziehung für unpassend hielt, etwas weniger Nückhaltung beobachtet hätte. Jndeß thaten diese leichten, trennenden Charakterschattirungen 6 ihrer wechselseitigen warme» und aufrichtigen Zuneigung keinen Abbruch, obschon Grace Eva'S höflich feines Wesen für stattliche Förmlichkeit und Eva die zarte ungezwungene Weiblichkeit ihrer Muhme für etwas allzufreie Rückhaltlosigkeit hielt. Wir übergehen die nun folgenden drei oder vier Tage, während welcher sich Eva mehr in ihre neue Stellung zu finden begonnen hatte, und lassen den Leser »»verweilt Zeuge eines Gesprächs zwischen den beiden Verwandten sehn, welches dazu dienen wird, nicht nur die verschiedenen Anfichten, Gewohnheiten und Denkweisen der Mädchen genauer kennen zu lernen, sondern auch dem eigentlichen Zwecke unserer Erzählung Bahn zu brechen. Die Unterhaltung fand in demselben Biblivthekzimmer Statt, in welchem wir die gegenseitige Bewillkommnung mitansahen, und fiel in die Zeit, als die jungen Damen nach dem Frühstücke mit einander allein waren. „Ich denke, Eva, Du wirst auch die Grüne» besuchen müssen. Sie sind Hadschis und waren letzte» Winter viel in Gesellschaft." „Hadschis? Du willst doch damit nicht sagen, Grace, daß sie in Mekka gewesen sehen?" „Nein, nur in Paris, meine Liebe. Diese Reise macht in New-Iork einen Hadschi." „Und hält sich dadurch der Pilger für berechtigt, den grünen Turban zu tragen?" fragte Eva lachend. „Nicht bloS den grünen, Miß Esfingham, sondern gar Alles, grün, blau oder gelb. Es muß dann für elegant gelten." „Und was ist zufälligerweise die Lieblingsfarbe der Familie, die Du meinst?" „Dem Namen zu Ehren sollte eS eigentlich die erste sehn; aber um die Wahrheit zu sagen, ich glaube, sie haben eine große Vorliebe für alle, mit noch einigen von dem halb Dutzend Farben obendrein." „Deiner Schilderung nach fürchte ich, daß sie zu prononeees für uns sind. Ich bin keine große Freundin von wnndelnden Regenbogen, Grace." „Don zu Grünen würdest Du Wohl gesagt haben, wenn Du so keck gewesen wärest. Doch Du bist auch ein Hadschi, und sogar die Grünen wissen, daß ein Hadschi nie Wortspiele macht, er müßte denn von Philadelphia kommen. Aber Du wirst doch diese Leute besuchen?" „Gewiß, wenn ich sie in Gesellschaft treffe und sie cS durch ihre Höflichkeit nölhig machen." „In der Gesellschaft treten sie kraft ihrer Rechte als Hadschi aus. Da sie übrigens nur drei Monate in Paris verbrachten, so wirst Dn wahrscheinlich nichts von ihnen wissen." „Sie sind vielleicht nicht gleichzeitig mit uns dort gewesen," entgegnete Eva ruhig, „und Paris ist eine große Stadt. Hunderte kommen und gehen, ohne daß man eine Splbe von ihnen hört. Ich kann mich der Famile, die Du meinst, nicht entsinnen." „So wünsche ich nur, daß Du ihnen entkommen mögest, denn meinem Urtheile, das sich freilich keiner Reiseausbildung zu rühmen hat, sind sie nichts weniger als angenehm, trotz alledem, was sie gesehen haben oder gesehen zu haben vorgeben." „Es ist sehr möglich, daß man durch die ganze Christenheit gekommen und doch außerordentlich unangenehm geblieben ist: außerdem kann »ran vielerlei sehen, aber nicht viel Gutes darunter." Es folgte eine Panse von einigen Minuten, während welcher Eva ein Billet las und ihre Muhme in einem Buche blätterte. „Ich möchte doch Deine wahre Meinung von uns kennen lernen, Eva," rief plötzlich die Letztere. „Warum willst Du nicht offen seyn gegen eine so nahe Verwandte? Sage mir ehrlich, bist Du mit unserem Lande zufrieden?" „Dn bist schon die eilfte Person, welche diese Frage an mich stellt, und sie kommt mir um so seltsamer vor, da ich mich nie über mein Vaterland beschwert habe." 8 „Ach, ich meine nicht eben dies, sondern möchte vielmehr wissen, wie unsere Gesellschaft Leuten gefällt, die auswärts erzogen wurden." „So verlangst Du ein Gutachten, das keinen sonderlichen Werih haben kann, da sich meine Erfahrungen in der Heimalh nicht über vierzehn Tage erstrecken. Es gibt aber Bücher über das Land, die zum Th-il von sehr verständigen Personen geschrieben sind; warum willst Du Dir nicht in diesen Raths erholen?" „Oh! Du meinst die Reisende»! Es ist nicht ein Einziger darunter, der auch nur eines zweiten Gedankens werth wäre, und wir betrachten den ganzen Hansen nur mit großer Verachtung." „Daran zweifle ich nicht im mindesten, da man überall, in allen Straßen und Gäßchcn, die gleiche Versicherung zu hören kriegt. ES gibt kein sichereres Zeichen der Verachtung, als wenn man sie stets in ihrer ganzen Tiefe zur Schau trägt." Grace hatte eine eben so gute Fassungskraft, als ihre Muhme, besaß aber doch Verstand und Gutmüthigkeit genug, um zu lachen, obschvn sie Eva'S ruhiger Spott ärgerte. „Vielleicht machen wir von unserer Geringschätzung ei» bischen mehr Wesens, als sich mit dem gute» Geschmack verträgt, wenn nicht etwa die Absicht im Hintergrund liegt, Gläubige zu gewinnen. Aber gewiß kannst Du diesen Reisenden nicht in Allem Recht geben, was sie von uns geschrieben haben." „Nicht in der Hälfte, kann ich Dir versichern. Mein Vater und Vetter Jack haben diesen Gegenstand zu oft vor mir verhandelt, als daß ich nicht namentlich die gar vielen politischen Schnitzer kennen sollte, die sie sich zu Schulten kommen ließen:" „Politische Schnitzer? Von diesen weiß ich nichts, denn ich glaubte im Gegentheil, daß die Reisenden in dem, was sie über unsere politischen Verhältnisse sagten, größtentheils Recht hätten. Aber zuverläßig stimmt weder Dein Vater noch Mr. John Effing- Ham in das ein, was sie über unsere Gesellschaft schreiben?" 9 „lieber diesen Punkt kann ich für keinen von Beiden antworten." „So sprich für Dich. Glaubst Du, daß sie Recht haben?" „So erinnere Dich doch, Graee, daß ich in New-Vork noch nie in Gesellschaft gewesen bin." „Noch nie in Gesellschaft, meine Liebe? Ei, Du warst ja bei den HendersonS, bei den MorganS und bei den DrewettS — drei der größten Reunionen, die wir seit zwei Wintern halten!" „Ich wußte nicht, daß ihr unter Gesellschaft dieses unangenehme Gedränge versteht." „Ein unangenehmes Gedränge? Ei, Kind, dies ist ja eben Gesellschaft — oder etwa nicht?" „Wenigstens das nicht, was ich als Gesellschaft betrachten gelernt habe; ich möchte es eher Nudel nennen." „Nennt nian'S denn in Paris nicht auch Gesellschaft?" „Nicht im Geringsten — eher einen Auswuchs der Gesellschaft, welcher wohl die Form, aber nicht das Wesen derselben beibehalten hat. Eben so gut könnte man die Spieltische, die man zuweilen sieht, Gesellschaft nennen, als einen Ball, welcher in zwei kleinen überfüllten Gemächern abgehalten wird; denn Beides sind nur zwei verschiedene Methoden, durch welche müßige Leute Abwechslung in ihre Unterhaltung bringen wollen." „Aber es gibt auch noch etwas Anderes als diese Bälle — die Morgenvisilen und die gelegentlichen Abendzusammenkünfte, in welchen nicht getanzt wird." „Es lhut mir leid, dies zu hören, denn dann könnt ihr keine Gesellschaft haben." „Und ist es in Paris, Florenz oder Rom anders?" „Gewiß. I» Paris stehen jeden Abend viele Häuser offen, die man ohne viel Umstände besuchen kann. Unser Geschlecht erscheint daselbst in einer Weise gekleidet, die ich bei MrS. Henderson durch einen Gentleman als ,die Bekundung weiteren Vorhabens für 10 den Abend^ bezeichnen hörte — Einige ganz einfach, die Andern für Concerte, für die Oper oder sogar für den Hof herausgeputzt; manche kommen eben vom Diner her und wieder Andere sind auf einen Abenoball vorbereitet. Diese natürliche Abwechslung erhöht das Liebliche und Gemächliche des Zusammentreffens, und wenn man mit feiner Sitte einige Kenntniß der Vvrfallenheiten des Tages, eine gute Ausdrucksweise und eine richtige Sprache verbindet, so finden Frauenzimmer gewöhnlich die Mittel, sich angenehm zu machen. Allerdings sind ihre Reden bisweilen ein wenig heroisch; aber man muß dies um so mehr übersehen, da cS in demselben Grabe außer Brauch kömmt, in welchem sich bessere Lektüre Bahn bricht." „Und du ziehst diese Herzlosigkeit der Natur Deiner Heimath vor, Eva?" „Ich wüßte nicht, daß ruhige Retenue und guter Ton auch nur um ein Haar herzloser wären, als kindisches, kicherndes Koket- tiren. Allerdings mag in dem letzteren mehr Natur liegen, obgleich es kaum mehr angenehm erscheinen kann, nachdem man einmal die Kinderschuhe vertreten hat." Grace machte eine ärgerliche Miene, liebte aber doch ihr Väschen zu aufrichtig, um ihr zu zürnen, um so weniger, da die geheime Ahnung in ihr aufstieg, Eva könnte doch am Ende Recht haben. Ihr kleiner Fuß scharrte hin und her, und es gelang ihr, ihre gute Laune zu behaupten — eine Aufgabe, die denen nicht immer leicht wird, welche glauben, daß ihre eigene Superlative kaum die Positive anderer Leute erreichen. In diesem kritischen Augenblicke, als die harmonischen Gefühle der beiden jungen Damen durch einen so schrillen Mißlaut bedroht waren, öffnete sich die Thüre des BibliolhekzimmerS, und Pierre, Mr. EffinghamS Diener meldete — „Monsieur Bragg!" „Welcher Monsieur?" fragte Eva überrascht. „Monsieur Bragg," entgegnete Pierre französisch, „wünscht Mademoiselle zu sprechen." „Ihr meint wohl meinen Vater, denn ich kenne den Mann nicht." „Kr erkundigte sich zuerst nach Monsieur; als er aber hörte, daß Monsieur ausgegangen sey, erbat er sich die Ehre, Mademoiselle seine Aufwartung zu machen." „Jst'S Jemand, den man in England eine Person nennt, Pierre?" Der alte Pierre erwiederte lächelnd: — „Er hat das Aussehen darnach, Mademoiselle, obschon er, wenn ich mir ein Nrtheil anmaßen darf, sich für eine personuxo zu halten scheint." „Fordert ihm seine Karte ab. Vermuthlich waltet hier ein Mißverständniß ob." Während dieses kurzen Zwiegesprächs entwarf Grace van Court- landt niit der Feder die Skizze eines Landhauses, ohne aus die Sprecher zu achten. Als übrigens Eva dem Diener die Karte abnahm und mit einer Ueberraschung, die man einem Neuling in der Kunst amerikanischer Nomenclatur Wohl zu gut halten konnte, die Worte „AristoboluS Bragg" ablaS, begann ihre Muhme zu lachen. „Wer kann dies möglicherweise scpn, Grace? Hast Du je von einem solchen Menschen gehört, und was mag ihn zu dem Wunsche berechtigen, mich zu sprechen?" „Laß ihn immerhin vor; er ist der Landagent Deines Vaters und wünscht vielleicht, dem Onkel eine Mittheilung zurückzulafsen. Du wirst früher oder später doch seine Bekanntschaft machen müssen, weshalb eS eben so gut jetzt, als zu irgend einer andern Zeit geschehen kann." „Habt Ihr den Gentleman in das vordere Besuchszimmer gewiesen, Pierre?" „Oui, Mademoiselle." „Ich will klingeln, wenn ich Eurer wieder bedarf." 12 Pierre entfernte sich, und Eva langte in ihren Sekretär, aus welchem sie ein kleines Manuscriptbuch nahm und hastig darin blätterte. „Hier habe ich'S," sagte sie lächelnd. „,Mr. AristoboluS Bragg, Attorney, RcchtSgelehrter und Agent dcS Gutes Temple- tonck Du mußt nämlich wissen, Gracc, dieses kostbare kleine Werk enthält die Charakterskizzen derjenigen Personen, mit denen ich wahrscheinlich in Berührung kommen werde, von John Effingham eigenhändig abgefaßt. Natürlich ist das Werk mir unter dem Siegel der Geheimhaltung vertraut; aber es kann nicht schaden, den Theil, der unseren gegenwärtigen Besuch betrifft, zu lesen, und mit Deiner Erlaubniß wollen wir es gemeinschaftlich thun." „,Mr. AristoboluS Bragg ist in einer der westlichen CountieS von Massachusetts geboren und, nachdem er seine Erziehung dnrch- gemacht, in dem reifen Alter von neunzehn Jahren nach New-Iork auSgewandert. Im 21. wurde er unter die Rechtsanwälte ausgenommen, und während der letzten sieben Jahre erfreut er sich einer einträglichen Praxis an allen Gerichtshöfen des Otsego, den einfachen sowohl, als den höheren. Talent ist ihm nicht abzusprechen, da seine Erziehung mit dem 11. Jahre begann und im 21., einschließlich des juridischen Kurses, mit eolnt schloß. Dieser Mann ist ein Inbegriff alles Guten und Schlechten einer sehr großen Klasse seiner Mitbürger. Raschen Geistes, schnell in, Handeln, unternehmend, wo wirklich etwas zu erzielen ist, trägt er kein Bedenken, bei Allem, was Vortheil bietet, ohne Rücksicht auf Herz und Grundsätze Beihülfe zu leisten. Von ihm läßt sich buchstäblich sagen, nichts sey seinem strebenden Geiste zu hoch und nichts für seine Thätigkeit zu gering. Um den Posten eines Gouverneurs gibt er sich ebensoviel Mühe, wie um den eines Stadtschreibers, je nachdem sich die Gelegenheit bietet. In allen Kniffen seiner Berufs ist er wohl erfahren. Er hat ein Vierteljahr tanzen gelernt, sich drei Jahre in den Klassikern umgesehen, dann seine 13 Aufmerksamkeit der Medizin und GottcSgelahrlheit zugewendet, bis er sich zuletzt für di- Jurisprudenz entschied. Ein solches Gemisch von Verschmitztheit. Unverschämtheit, gesundem Verstände, AnspruibS- fülle, Demuth, Gemeinheit, Wohlwollen, Doppelzüngigkeit, Selbstsucht, GeschäftStreuc, Trug und Mutterwitz, verbunden mit oberflächlicher Gelehrsamkeit, aber doch einem durchdringenden Blicke in praktischen Dingen, läßt sich nicht leicht beschreiben, da jede der hervorstechenden Eigenschaften durch eine eben so augenfällige ausgewogen wird, die gerade das Gegentheil bietet. Mit Einem Worte, Mr. Bragg ist rein das Geschöpf der Umstände, und seine Eigenschaften befähigen ihn entweder zu einem Congreßmitglied, oder zu einem Sherifs-Snbstitutcn, Acmter, denen er in gleicher Weise gewachsen ist. Ich habe ihn für die Dauer der Abwesenheit Eures Vaters beauftragt, die Sorge für dessen Gut zu übernehmen, weil ein Mensch, der selbst in allen Spitzbübereien gut bewandert ist, sie am besten zu entdecken und bloSzustellen vermag; denn man konnte sicher sehn, daß er keine Eingriffe duldete, so lange die Gerichtshöfe mit ihrer bisherigen Freigebigkeit in Tarirung der Kostenzettel fortfahrcn/ „Du scheinst den Gentleman zu kennen, Grace; ist diese Charakterschilderung treu gehalten?" „Ich verstehe mich nichts auf Kostenzettel und ShcrisS-Sub- stituten, weiß aber so viel, daß Mr. AristoboluS Bragg ein unterhaltendes Gemisch von Großthuerei und Demuth, Gemeinheit, Pfiff und Schelmerei ist. Doch er wartet schon so lange im Besuchzimmer und Du wirst gut thun, zu ihm hinunterzugehen, da er jetzt fast als ein Thcil der Familie betrachtet werden kann. Du weißt, daß er, seit er von John Efsingham installirt wurde, in dem Hause zu Templeton wohnt, und dort hatte ich die Ehre, zum ersten Mal mit ihm zusammcnzulr.ffen." „Zum ersten Mal? Du kannst ihn doch nicht sonst wo gesehen haben ?" 14 „Ich bitte uni Verzeihung, meine Theure, er kömmt nie nach der Stadt, ohne mich mit einem Besuche zu beehren. Dies ist der Preis, den ich zahlen muß, weil ich die Ehre hatte, eine Woche lang mit ihm dasselbe Haus zu bewohnen." Eva zog die Klingel und Pierre trat ein. „Bedeutet Mr. Vragg, er möchte zu uns heraufkommeu." Sobald Pierre fort war, um den Besuch einzuführcn, nahm Grace eine gefetzte Miene an, und Eva dachte noch über die verschiedenen Eigenschaften nach, welche John Efstngham in seiner Schilderung aufgeführt hatte, als die Thüre aufging und der Gegenstand ihrer Betrachtungen eintrat. „ülon.-lcur ^ristobulo," sagte Pierre, die Karte angelegentlich in'S Auge fassend, aber blieb schon bei dem ersten Namen stecken. Mr. AristobuluS Bragg trat mit sorglosem, zuversichtlichem Wesen näher, um den Damen seine Verbeugung zu machen; als er jedoch die edle Haltung und die ruhige Würde der stehenden Miß Efstngham bemerkte, wurde er mit einem Male so verblüfft, daß er alle seine Fassung verlor. Weil er drei Jahre aus dem alten Landsitz zu Templeton gewohnt, hatte er, wie von Grace bereits angedeutet worden war, angefangen, sich als einen Theil der Familie zu betrachten, weshalb er zu Haus die junge Lady nie anders als „Eva" oder „Eva Effingham" zu nennen pflegte. Er mußte aber jetzt finden, daß es etwas ganz Anderes war, unter Seinesgleichen eine Vertraulichkeit zu affektiren und sic Angesichts des Gegenstandes derselben in Anwendung zu bringen, und obschon er selten um Worte einer oder der andern Art verlegen war, so schien ihm doch jetzt die Zunge wie gebunden. Eva enthob ihn seiner Verwirrung, indem sie Pierre mit den Augen winkte, dem Gast einen Stuhl anzubieten und ergriff dann zuerst das Wort: „Ich bedaure, daß mein Vater nicht zu Hause ist," begann sie, um die Ehre des Besuches nicht auf sich beziehen zu müssen; „doch 15 wir erwarten ihn mit jedem Augenblick zurück. Kommt Ihr eben erst von Templeton?" Aristobulus alhmete tief auf und gewann wieder so viel von seinem gewohnten Wesen, um mit gebührender Rücksicht auf den Ruf steter Fassung, in welchem er stand, antworten zu können. Allerdings sah er wohl ein, daß es mit der Vertraulichkeit, welcher er ohne weiters Bahn zu brechen gedachte, obschon er nicht recht wußte, wie er dies angrcifen sollte-nicht so schnell gehen konnte, denn die ruhige Festigkeit und die höfliche Zurückhaltung der jungen Dame halte ihn in eine Befangenheit versetzt, die er sich nicht erklären konnte, und er fühlte augenblicklich mit einem Takte, der seinem Scharfsinn Ehre machte, daß hier nur durch ungewöhnlich langsame und vorsichtige Mittel sicherer Boden zu gewinnen war. Mr. Bragg war übrigens ein entschiedener — ein in seiner Art weit absehender Mann, weshalb er denn auch, wie sonderbar dies in einem so ungünstigen Augenblicke erscheinen mag, in seinem Innern den Entschluß faßte, in nicht aklzuferner Zeit Miß Eva Effingham zu einer MrS. Aristobulus Bragg zu machen. „Ich hoffe, Mr. John Effingham erfreut sich einer guten Gesundheit," begann er etwa mit derselben Vorsicht, mit welcher ein getadeltes Schulmädchen ans das Hersagen ihrer Aufgabe eingcht. „Seine Gesundheit war nicht gut, höre ich," (trotz seiner Verschmitztheit und Beobachtungsgabe nahm es Mr. Aristobulus Bragg nicht eben sonderlich genau in seiner Ausdrucksweise), „als er nach Europa ging, und nachdem er in so schlechter Gesellschaft so weit gereist ist, wäre eS nicht mehr wie billig, daß er in seinen alten Tagen und in der Heimath ein wenig Ruhe erhielte." Hätte man Eva mitgctheilt, der Mann, welcher diese subtile Rede anbrachte, »nd noch obendrein in eben so feinen und harmonischen Lauten, als der Gedanke schön und klar war — maße sich wirklich an, sie als eine künftige HcrzenSsreundin zu betrachten, so wäre cs wohl schwer gewesen, zu ermitteln, ob in 16 ihrem Innern Heiterkeit oder Verdruß die Oberhand behauptet haben würde. Aber Mr. Bragg war nicht gewöhnt, seine Geheimnisse allzufrüh entwischen zu lassen und gewiß war das gegenwärtige non der Art, daß es kein Zauberer ohne Bcihnlfe einer unmittelbaren mündlichen oder schriftlichen Mittheilnng hätte entdecken können. „Seyd Ihr kürzlich erst in Templeton gewesen?" wiederholte Eva ein wenig überrascht, daß es der Gentleman nicht für paffend gehalten Halle, die Frage zu beantworten, welche ihrer Ansicht nach die einzige war, die für sie Beide ein gemeinsames Interesse haben konnte. „Ich bin vorgestern vom Hause aufgebrochen," ließ sich nun AristobuluS zu erwiedern herab. „Es ist lange her. daß ich unsere schöne» Berge zum letztenmal sah, und ich war damals noch so jung, daß ich mich sehne, sie wieder zu besuchen, obschon ich dieses Vergnüge» bis auf den nächsten Frühling verschieben muß." „Ich möchte glauben, daß es die schönsten Berge in der bekannten Welt sind, Miß Esfingham." „Dies ist weit mehr, als ich für sie in Anspruch zu nehmen mich getraue; aber meiner unvollkommenen Erinnerung nach und in Maßgabe des vereinten Zeugnisses, welches ihnen Mr. John Esfingham und mein Batcr geben, — jedenfalls für mich das be- weisendste Moment — müssen sie wohl sehr schön sepn." AristobuluS blickte auf, als hätte er etwas Scherzhaftes zu sagen, und wagte es sogar, bei der Antwoil den Mund zu einem Lächeln zu verziehen. „Ich hoffe, Mr. John Esfingham hat Euch auf eine große Veränderung im Hause vorbereitet." „Wir wissen, daß es unter seinen Anweisungen wicderhergestellt und verändert wurde. Es geschah auf das Ersuchen meines Vaters." 17 „Wir halten cS für entnationalifirt, Miß Effingham, denn wenigstens westlich non Albany findet man nichts AehnlicheS." „Es sollte mir leid thun, wenn ich finden müßte, daß uns Vetter John diesen Vorwurf zugezogen hat," entgegnete Eva mit einem vielleicht etwas zweideutigen Lächeln, „denn die Architektur Amerikas ist in der Regel so einfach und rein. Mr. Effingham lacht jedoch selbst über seine Verbesserungen und sagt, er habe nur die Plane des ursprünglichen Künstlers auSgcführt, der, wie ich glaube, die sogenannte zusammengesetzte Ordnung zu seiner Richtschnur nahm." „Ihr meint damit Mr. Hiram Doolittle, einen Gentleman, de» ich nie kennen zu lernen Gelegenheit hatte, obschon ich höre, daß er viele Spuren seines DaqewcsenscynS in den neuen Staaten znrückgclasscn hat. blr >>oäe Iloi'enlom, wie wir in den Klassikern lesen. Miß Effingham. Ich glaube, man ist der allgemeinen Anficht, Mr. DoolütleS Entwürfe hätten eine Verbesserung enthalten, obschon die meisten Leute denken, die griechische oder römische Architektur, welche nun in Amerika so sehr beliebt ist, sei republikanischer. Jndeß weiß Jedermann, daß Mr. John Effingham nicht viel von einem Republikaner in sich hat." Eoa mochte sich mit Mr. AristobnluS Bragg nicht auf eine Erörterung über die Ansichten ihres Vetters cinlaffen und bemerkte bloS ruhig, sie habe nicht gewußt, daß die Nachahmungen der antiken Architektur, welche so häufig im Lande zu sehen seien, in der Anhänglichkeit an den RepublikaniSmuS ihren Grund hätten. „Welchen anderen Umstande sollte man cS wohl zuschreiben können. Miß Eva?" „Jedenfalls passen diese Nachbildungen durchaus nicht zu dem Material, zu dem Klima und zu den Gebräuchen," ergriff jetzt Grace van Courtlandt das Wort; „und cS muß daher wohl eine so gewaltige Triebfeder, wie die von Mr. Bragg erwähnte, im Hintergrund liegen, um so viele Hindernisse zu überwinden." Eva Effingham. 2 18 AristobuluS sprang von seinen, Sitze auf, erging sich in unterschiedlichen Entschuldigungen und betheuerte, daß er zuvor Miß von CourtlandtS Anwesenheit nicht bemerkt habe — jedenfalls eine buchstäbliche Wahrheit, denn er hatte sich im Geiste so ausschließlich mit ihrer Muhme beschäftigt, daß er für die hinter den, Schirme Sitzende kein Auge haben konnte. Grace »ah», die Entschuldigung günstig auf und der Faden der Unterhaltung wurde weiter gesponnen. „ES sollte mir leid thun, wenn mein Vetter so sehr gegen den Geschmack des Landes verstieß." sagte Eva; „aber da wir in dem Hause leben müssen, so wird die Strafe uns am schwersten betreffen." „Ich bitte, mich nicht unrecht zu verstehen. Miß Eva," e»t- gegnete AristobuluS etwas unruhig, denn er kannte John EffinghamS Einfluß und Reichthum zu gut, um nicht zu wünschen, mit ihm auf gutem Fuße zu bleiben. „Mir gefällt das Haus sehr gut und ich weiß, daß es in seiner Art das vollkommenste Muster einer reinen Architektur ist; aber die öffentliche Meinung hat sich noch nicht ganz zu dieser Höhe erhoben. Ich für meine Person sehe alle seine Schönheiten und ich wünsche, daß Ihr dies wohl im Auge behaltet; aber es giebt Viels — eine Majorität vielleicht — bei denen dies nicht der Fall ist und die gerade die Leute zu sehn meinen, welche man in derartigen Dingen zu Rath ziehen sollte." „Ich glaube, Mr. John Effingham hält weniger auf sein eigenes Werk, als Ihr zu meinen scheint, denn ich hörte ihn häufig darüber lachen als über eine bloße Erweiterung der charakteristischen Züge einer zusammengesetzten Ordnung. Von einem dabei waltenden Geschmack spricht er gar nicht, da er die Sache bloS als Grille behandelte, und ich kann nicht einsehen, was eine Majorität, wie Jhr'S nennt, mit einem Hause zu schaffen haben kann, das nicht ihr gehört." AristobuluS staunte nicht wenig, Jemanden so geringschätzig von einer Majorität sprechen zu Höven, denn in dieser Beziehung hatte er, trotz seiner etwas verschiedenen Lausbahn, eine große: 19 Aehnlichkeit mit Mr. Dodge. Seine Miene der Ueberraschung war natürlich und leicht verständlich. »Ich will nicht behaupten, daß das Publikum ein gesetzliches Recht hat, den Geschmack der Bürger zu leiten," sagte er; »aber Ihr begreift ohne Zweifel, Miß Eva, daß eS unter einer republikanischen Negierungssorm in alle» Dingen herrschen will." „Ich begreife wohl, daß man den Wunsch haben kann, der Nachbar solle guten Geschmack zeigen, da dies einen Beitrag giebt zur'Verschönerung des Landes; wer aber vor dem Bauen die ganze Umgegend zu Rathe ziehen und auf die verschiedenen Ansichten sonderlich Rücksicht nehmen wollte, würde aller Wahrscheinlichkeit nach entweder ein sehr verwirrtes Gebäude Herstellen oder vielleicht eher noch zu gar keinem Hause kommen." „Ich glaube, Ihr seyd im Jrrthum befangen. Miß Effingham, denn die öffentliche Stimmung ist eben jetzt fast ausschließlich für die griechische Schule. Statt der Kirchen, Banken, Schenken, Gc- richtshäuser oder Wohnungen bauen wir fast nichts als Tempel, und Einer meiner Freunde hat kürzlich erst eine Brauerei angelegt, die nach dem Model des Tempels der Winde errichtet ist." „Wäre es eine Mühle, so hälte der Einfall wenigstens einigen Sinn," crwiederte Eva, welche nun zu bemerken begann, daß es ihrem Besuche nicht an verborgenem Humor fehle, obschon er denselben so trocken vorbrachte, daß eS den Anschein gewann, als spreche er in vollem Ernste. „Die Berge müssen doppelt schön seyu, iveun sie in der von Euch erwähnten Weise verziert sind. Ich hoffe mir, Grace, ich möchte sie so lieblich finden, wie ich sie in meiner Erinnerung trage." „Und sollten sie nicht ganz Euren Erwartungen entsprechen. Miß Effingham," entgegnet-AristobuluS, der nichts Ungebührliche» darin sah, auf eine Bemerkung zu antworten, die an Miß van Courtlandt oder an irgend eine andere Person gerichtet war, „so 20 hoffe ich, Ihr werdet die Güte haben, Eure Anficht vor der Welt geheim zu halten." „Ich fürchte, dies würde nicht in meiner Macht liegen, da ich das Gefühl getäuschter Erwartung kaum zu verbergen im Stande wäre. Aber darf ich fragen, aus welchem Grunde Ihr wünscht, ich möchte meinen Verdruß für mich behalten?" „Nun denn, Miß Eva," sagte AristobuluS mit ernster Miene, „ich fürchte unser Volk konnte die Aeußerung einer derartigen Anficht von Euch kaum ertragen." „Von mir? — Und warum denn gerade von mir nicht?" „Vielleicht deshalb, weil sie glauben, Ihr seiet gereist und habet andere Länder geseben." „Also nur die N > ch tgcreisten, denen cs an den Mitteln gebricht, den Werth dessen, was sie sehen, gebührend zu würdigen, find zu einer Kritik berechtigt?" „Ich kann Euch vielleicht meine eigene Meinung nicht ganz auSeinandersetzcn, glaube aber, daß mich Miß Grace verstehen wird. Glaubt Ihr nicht mit mir, Miß van Courtlandt, daß Diejenigen, welche nie andere Gebirge sahen, sich weit eher über die Einförmigkeit der unsrigen beschweren können, als Diejenige», welche ihr ganzes Leben unter den Anden und Alpen zugebracht haben?" Eva lächelte, denn sie sah, daß Mr. Bragg wohl fähig war, kleinliche Provinzialgefühle zu entdecken und zu verlachen, obschou er selbst so sehr unter ihrem Einfluß stand; Grace aber crröthete, denn sie war sich bewußt, im Gespräch mit ihrer Verwandten über andere Gegenstände bereits dieselbe thürichte Empfindlichkeit an den Tag gelegt zu haben. Eine Erwiederung war übrigens unnöthig da jetzt die Thüre aufging und John Esfingham eintrat. Das Zusammentreffen der beiden Gentlemen — denn wir müssen, wenn auch nicht dem Rechte »ach, so doch aus Höflichkeit, Mr. AristobuluS Bragg schon in diese Kategorie cinschließen — war herzlicher, als Eva erwartet hatte, denn die Männer achteten sich in 21 der That gegenseitig um eigenlhümlicher Verdienste willen. Mr. Bragg schätzte nämlich Mr. John Efstngham als einen reichen, sarkastischen Cyniker, und Mr. John Esfingham betrachtete den Attorney ungefähr in derselben Weise, wie ein Hausbesitzer seinen guten Haushund. Nach kurzer Zwiesprache entfernten sich die Beiden, und als die Damen eben vor der Mahlzeit nach dem Besuchszimmer hinuntergehen wollten, machte Pierre die Meldung, daß auch für den Landagenten ein Couvert befohlen worden sey. Zweites Kapitel. »Ich kenne diesen Unhold; die letzte» sieden Jahre war er ein schnöder Dieb und jetzt stvlzirt er ans und ab wie ein Gentleman.' viel Lärme» »in Nichts. Eva und ihre Muhme fanden Sir George Tcmplcmore und Kapitän Truck im Besuchszimmer, denn Elfterer war vorderhand noch in New-Uork geblieben, um seinen Freunden näher zu scyn, und Letzterer stand im Begriffe, wieder seine regelmäßige Reise nach Europa anzutretcn. Diesen Beiden müssen wir noch Mr. Bragg und die gewöhnlichen Insassen des Hauses beifügen, um dem Leser einen lleberblick über die ganze Gesellschaft zu geben. AristobuluS hatte nie zuvor an einer so prunkvollen Tafel Platz genommen und sah zum ersten Mal in seinem Leben beim Diner angezündcte Kerzen; aber er war nicht der Mann, der sich durch etwas Neues verblüffen ließ. Ein Europäer von seiner Abkunft und seinen Angewöhnungen würde wohl bis zum Erscheinen deS Desserts fünfzigmal seine Verlegenheit kund gegeben haben; Mr. Bragg aber mit seiner Beobachtungsgabe hätte, abgesehen von einer gewissen aufdringlichen Höflichkeit, die er nicht lassen konnte, recht wohl unter dem namenlosen Gedränge der Welt durchkommen können, wenn er sich nicht durch die merkwürdige Art, wie er sich 22 selbst bei Tisch bediente, ausgezeichnet hätte. Allerdings lud er seine Nachbarn ein, von Allem zu essen, was er herbeiholen konnte; aber er bediente sich seines Messers, wie ein Kohlenträger die Schaufel handhabt. Die Gesellschaft, in der er sich befand, benahm sich zwar fei», war aber doch über die Etikette der silbernen Gabeln erhaben, und so achtete man wenigstens nicht auf diesen Theil seines Verhaltens, wenn es auch nicht ganz unentdcckt hingehen konnte: anders verhielt sichs jedoch mit der bereits angebeuteten Eigenthümlichkcit, die, als charakteristisch für den Mann, eine ausführlichere Erwähnung verdient. Das Diner wurde an Mr. EfstnghamS Tafel in der ruhigen und vollständigen Weise servirt, welche ein französisches Diner auSzeichnet. Jede Schüssel wurde wieder weggenommcn, von den Domestiken zerlegt und der Reihe nach den Gästen angeboteu. Aber der Aufschub, welchen diese Maßregel des Anstandes zur Folge hatte, sagte weder dem Eilsystcm, noch der ConsumtionSkraft deS Landagenten zu. Statt daher die geregelteren Bewegungen der Dienerschaft abzuwarten, begann er für sich selbst Sorge zu tragen und dabei eine Gewandtheit an den Tag zu legen, die er sich an den WirthStischen (oräinai-ios) zugceignet hatte — eine Schule, welcher er, beiläufig bemerkt, alle seine Begriffe von Tafelanstand verdankte. Ein paar Schnittchen hatte er in der gewöhnlichen Weise vermittelst der regelmäßigen Bedienung an sich gebracht; dann aber begann er wie ein Mensch, der im Beginn seiner Laufbahn durch irgend einen Glücksfall den Grund zu einem Vermögen gelegt hat, nach rechts und links um sich zu greifen, wie sich eben Gelegenheit dazu darbot. Einige enteemets oder leichte Gerichte, die ei» eigenthümlich verlockendes Aussehen hatten, kamen zuerst unter seine Griffe, und er hatte sie bald durch Behelligung seiner Nachbarn auf ArmSweite um sich her aufgchäuft; daun wagte er es, seinen Teller bald da, bald dorthin zu schicken, wo er überhaupt eine Speise sah, welche die Mühe zu lohnen schien. In 23 dieser Weise, die er übrigens mit einer so ruhigen und unaufdringlichen Emsigkeit verfolgte, daß sie großentheils der Beobachtung entging, gelang es ihm, seinen Teller zu einem Inbegriff des ganzen ersten Ganges zu machen. In der Mitte hatte er Fisch, Ochsenfleisch und Schinken; um diese Artikel her waren Ooguettes, Noxnons, Itaxouts, Gemüse und andere leichte Dinge aufgestapelt, so daß sie nicht nur den Teller vollständig bedeckten, sondern sogar doppelte und dreifache Lagen bildeten, und die Randverzierung wurde durch Senf, kalte Butter, Salz und Pfeffer gebildet. Diese verschiedenen Erwerbungen waren das Werk der Zeit und der Gewandtheit, denn die meisten Anwesenden hatten schon wiederholt ihre Teller gewechselt, noch ehe AristobuluS, mit Ausnahme der Suppe, auch nur einen Bissen zu sich genommen. Der glückliche Augenblick, welcher ihn, Belohnung seines Eifers versprach, war nun endlich gekommen, und der Landagent wollte eben den Kauoder vielmehr Schlingproceß (denn er behelligte sich wenig mit der ersteren Operation) beginnen, als das Knallen eines Stöpsels seine Aufmerksamkeit dem Champagner zulenkte. Dieser Wein kam für AristobuluS nie zur Unrechten Stunde, denn er liebte den prickelnden Geschmack desselben und hatte es in der Wissenschaft der Feinschnieckerei nicht weit genug gebracht, um den rechten Moment für diesen Genuß zu erfassen. WaS die übrige Gesellschaft betraf, so war für sie dieser Augenblick jetzt da, obschon Mr. Bragg, wenn man einen geregelten Geschmack dabei zu Rathe zog, noch eben so weit dazu hin hatte, als zur Zeit seines NiedersitzenS am Tische. Sobald er übrigens bemerkte, daß Pierre eingoß, bot er sein Glas dar und goß in einem Nu des Genusses das köstliche Getränk hinunter. Ah, es war so unendlich trefflicher als Astes, was er je aus den «erpichten und mit Blei belegten Flaschen hatte hervorgehen sehen, die unterschiedliche Schenken seiner Bekanntschaft zierten und wie eben so viele mit Kopfweh und Magcnverderbniß beladene feindliche Batterieen aufgepflanzt waren. AristobulnS leerte sein Glas in Einem Zug und ließ beim Einathmen die Luft in behaglichem Zischen durch den gerundeten Mund ziehen. Dies war ein unglücklicher Augenblick, da jetzt unversehens der beladene Teller mit allen seinen Schätzen weggenommen wurde. Der Diener, welcher dieses unfreundliche Amt übte, meinte nemlich, nur der Umstand, daß dem Gaste die Gerichte nicht geschmeckt hätten, setz der Grund einer Zusammenhäufung gewesen, wie sie ihm früher nie vorgekommen war. Es war also nöthig, von Neuem zu beginnen, was aber natürlich mit dem abgetragenen ersten Gange nicht mehr thunlich war; mit desto größerem Eifer machte sich daher Artstobulus an das Wildpret. Die Nothwendigkeit zwang ihn jetzt, von den verschiedenen Gerichten zu essen, wie sie ihm angeboten wurden, und am Schluffe des zweiten Ganges hatte er, Dank setz es dem WirthS- tischeifer seines Messers und seiner Gabel, wirklich weit mehr Nahrung versorgt, als irgend eine Person am Tische. Jetzt begann er gesprächig zu werden, und wir eröffnen die Unterhaltung genau mit dem Momente, in welchem cs AristobulnS möglich wurde, am Gespräche Theil zu nehmen. Ungleich Mr. Dodge legte er kein besonderes Interesse für eine» Baronet an den Tag, denn er war ein zu verschmitzter, weltlicher Mann, um sein Herz an Kleinigkeiten irgend einer Art zu setzen; er nahm daher eben so wenig Anstand, ans Sir George Templcmore'S oder Mr. Effingham's Reden einzugehen, als er Bedenken getragen habe» würde, seinem nächsten besten Kameraden zu antworten. Alter und Erfahrung galten für ihn nicht als besondere Ansprüche auf Gehör, und was den Rang betraf, so schwebten ihm wohl einige unbestimmte Ideen davon vor, sofern er beim Militär eine Stellung gab, aber ein Titel ohne Gehalt hatte in seinen Augen keine sonderliche Bedeutung. Sir George T-mple- more stellte eine Frage über die Urkunden-Archive. deren Einführung kürzlich in England Aufmerksamkeit erregt hatte, und eine 25 von Mr. Effingham's Antworten enthielt eine nicht eben wesentliche Unrichtigkeit, deren Berichtigung AristobuluS als einen coup ü'essai in dem allgemeinen Gespräch erfaßte. „Ich bitte um Verzeihung, Sir," schloß er seine Erklärung, „aber ich muß diese kleinen Umstände wissen, da ich einige Zeit als Countyschreiber functionirtc, um eine Erledigung von Todes wegen auszufüllen." „Ihr wollt damit sagen, Mr. Bragg, Ihr sehet in dem Bureau eines Countyschreibers beschäftigt gewesen," bemerkte John Efstng- ham; denn jede Unwahrheit war ihm in einem Grade zuwider, daß er keinen Anstand nahm, eine vermeintliche oder wirkliche Lüge ohne viele Umstände zu rügen. „Als Eountyschreiber, Sir. Major Pippin starb ein Jahr vor Ablauf seiner Zeit, und ich erhielt das Amt. — Als ein so regelmäßiger Countyschreiber, Sir, wie es nur irgend einen in den 56 CountieS von New-Uork gibt." „Als ich die Ehre hätte, Euch Mr. Effingham's Agentschaft zu übertragen, Sir," entgegnete der Andere ein wenig streng, denn er fühlte, daß durch dieses Vcrhältniß des Gegenstandes seiner Wahl seine eigene Wahrheitsliebe in Schatte» gestellt werden konnte, „war't Ihr, wie ich glaube, allerdings als Schreiber in dem Bureau; ich wußte aber nicht, daß Ihr der Countyschreiber selbst war't." „Ganz richtig, Mr. John," entgegnete AristobuluS, ohne die mindeste Verlegenheit blicken zu lassen. „D amalS stand ich als Gehülfe in dem Dienste meines Nachfolgers, aber einige Monate später ging das Amt auf mich über." „Wenn es nach der regelmäßigen Beförderungsleiter gegangen wäre, mein thcurer Sir, müßtet JhrS inzwischen schon sehr weit gebracht haben," bemerkte Kapitän Truck mit Schärfe. „Ich glaube Euch zu verstehen, Gentlemen," erwiederte der unbewegliche Mr. Bragg, als er des allgemeinen Lächelns gewahr 26 wurde. „Ich weiß wohl, daß manche Leute darauf versessen sind, in den Aemtern so ziemlich dieselbe Höhe zu behaupten, aber ich halte mich an keinen derartigen Grundsatz. Wenn das eine gute nicht zu haben ist, so sehe ich keinen Grund ein, warum ich ein anderes zurückweisen soll. Ich bewarb mich damals um die Stelle eines Sheriffs, und als ich fand, daß ich nicht stark genug war, meine Erwählung in der Grafschaft durchznsetzen, so nahm ich das Erbieten meines Nachfolgers an, in seinem Bureau zu schreiben, bis sich allenfalls mit der Zeit etwas Besseres aufthat." „Wie ich glaube, habt Ihr diese ganze Zeit über practizirt, Mr. Bragg," bemerkte John Efstngham. „Auch ein bischen, Sir — so viel wenigstens als ich konnte. Das Prozesstren geht in letzter Zeit flau bei uns, und viele der Attorneys verlegen sich auf andere Geschäfte." „Und darf ich fragen, Sir," ergriff jetzt Sir George das Wort, „auf was sich die meisten vorzugsweise verlegen?" „Einige meiner Cokegen haben sich auf den Roßhandel gelegt; ein noch größerer Theil aber macht eben jetzt in den westlichen Städten Geschäfte." „In de» westlichen Städten?" rief der Baronet mit einer Miene, als argwöhne er eine Mystifikation. „Ja; sie geben sich mit Lokalitäten für Fabriken, mit Eisenbahnlinien und anderen dergleichen Aussichten ab." „Mr. Bragg will damit sagen, sie kaufen und verkaufen Ländereien, von denen zu erwarten steht, daß nach Ablauf eines Jahrhunderts derartige Bequemlichkeiten darauf Platz finden könnten," erklärte John Esflngham. „Die Hoffnung ist auf's nächste Jahr oder sogar auf die nächste Woche berechnet, Mr. John," entgegnete AristobuluS mit einem verschmitzten Blicke, „vbschon Ihr in Betreff der Wirklichkeit vielleicht Recht haben mögt. Aus dem Kapital der Hoffnungen sind kürzlich in diesem Lande bedeutende Summen gezogen worden." 27 „Und Ihr habt es über Euch vermocht, diesen Verlockungen zu widerstehen?" fragte Mr. Effinghain. „Sv muß ich mich Euch Wohl doppelt verpflichtet fühlen, Sir, daß Ihr fortfuhrt. Eure Zeit meinen Interessen zu weihen, während so viel Besseres sich Euch darbot." „Es war meine Pflicht, Sir," versetzte der Attorney mit einer um so tieferen Verbeugung, weil er sich bewußt war, wirklich seinen Posten für einige Monate verlassen zu haben, um an den westlichen Spekulationen, die damals im Lande so beliebt waren, Thcil zu nehmen — „von dem Umstande, daß -S gerne geschah, gar nicht zu rede». Es gibt in diesem Lande viele einträgliche Geschäfte, Sir George, die in der Hast, sich in dem Städtehandel zu bethciligen, übersehen worden sind." „Im Städtehandel?" „Bragg meint nicht den Handel in den Städten, sondern den mit Städten," erklärte John Effingham. „Ja Sir, den Handel mit Städten. Ich mache den Weg hieher nie, ohne mich umzusehen, ob sich nicht etwas Nützliches treiben läßt, und es finden sich in der That viele Gelegenheiten, wenn man Kapital hat. Milch ist ein gutes Geschäft." „Iw lait?" rief Mademoiselle Viefville unwillkührlich. „Ja, Ma'am — für Frauenzimmer sowohl, als für Gent- lemen. Auch von süßen Kartoffeln hörte ich Gutes, und Pfirsiche machen eben jetzt das Glück einiger reichen Leute." „Alles dies ist ehrenhafter und besser, als der von Euch erwähnte Städtehandel," bemerkte Mr. Effingham ruhig. AristobuluS blickte ein wenig überrascht auf, denn ihm erschien Alles als recht, was einen guten Gewinn versprach, und nur das als unehrlich, was durch die Gesetze ausdrücklich verboten war. Als er jedoch die Geneigtheit der Gesellschaft bemerkte, ihm zuzuhören, so nahm er um so bereitwilliger sein Thema wieder auf, da er inzwischen bei Tafel das Verlorene wieder eingebracht hatte. 28 „Viele Familien haben in diesem und in dem letzten Sommer Otsego verlassen, Mr. Effingham, um nach dem Westen auSzu- wandern. DaS Fieber hat weit und breit um sich gegriffen." „Das Fieber? Wie, hat das alte Otsego" — denn so nennen die dortigen Bewohner eine Grafschaft von dem Alter eines halben Jahrhunderts, die aber dennoch durch die Vergleichung ehrwürdig wird — „hat das alte Otsego den wohlhergebrachten Ruf eines gesunden Striches verloren?" „Ich meine kein animalisches, sondern das westliche Fieber." „llo >le l'Ouest est-il die» mnl.»ai» ?" flüsterte Mademoiselle Vicfville. „riggin eminent, klaäcmoisello, SUN pluslouns napponts." „Das westliche Fieber hat Alt und Jung ergriffen und unserem Erdwinkel viele ganze Familien entführt," fuhr AristobuluS fort, da er das eben erwähnte kleine Seitengespräch nicht verstand und deshalb natürlich auch nicht darauf achtete. „Auch haben die meisten unserer benachbarten CountieS einen beträchtlichen Theil ihrer Bevölkerung verloren." „Gehören die Abgezogenen zu den ansäßigen Familien, oder bloS unter die unstätcn Bewohner?" fragte Mr. Effingham. „Die Meisten davon find regelmäßige llmzügler." „Nmzügler?" rief Sir George abermals. „Befindet sich unter eurer Bevölkerung ein namhafter Theil, der di.sen Namen wirklich verdient?" „Eben so gut, als derjenige, welcher ein Pferd beschlägt oder ein Haus aufrichtet, auf den Namen Schmied oder Zimmcrmann Anspruch hat;" antwortete John Effingham. „Allerdings," fügte Mr. Bragg bei. „Wir haben ziemlich viel von dieser Hefe in unserem politischen Teig sowohl, als in unserem KeschäftSleben. Ich glaube, Sir George, daß in England die Leute ziemlich stationär sind." „Wir bleiben gerne für Generationen an demselben Platze, 29 beim wir lieben den Baum, den unsere Vorväter pflanzten, das Dach, welches sie bauten, den Herd, an dem sie saßen und den Hügel, der ihre sterblichen Reste deckt." „Sehr poetisch; und ich kann mir wohl denken, daß es Lebenslagen gibt, in welchen derartige Gefühle von selber kommen. Jn- beß muß in Eurem Theile der Welt doch eine große Stockung der Geschäftsoperationen stallfinden, Sir." „Geschäftsoperationen? Was ist Geschäft, wie Jhr'S nennt, Sir, im Vergleich mit lheuren Erinnerungen, mit den Rückblicken auf unsere Vorfahre» und auf die ehrwürdigen Bande, die uns Geschichte und Uebcrliefernngen bieten?" „Was Geschichte betrifft, Sir, so wird man in diesem Lande nicht viel davon belästigt; so weit übrigens das Interesse in Frage kömmt, läßt sich immerhin viel auSrichten. Eine Nation ist sehr zu beklagen, wenn sie in dieser Weise durch die Vergangenheit niedergedrückt wird; denn die Hindernisse, welche ihr aus den Erinnerungen erwachsen, treten stets der Industrie und dem Unternehmungsgeist in den Weg. In der That, Mr. John Essingham, man kann sowohl hierin, als in allen anderen Dingen Amerika ein glückliches und freies Land nennen." Sir George besaß zu viel feine Bildung, um Alles, was er in diesem Augenblick fühlte, laut werden z» lassen, da er nolh- wendig die Gefühle seiner Wirthe dadurch hätte verletzen müssen; auch fand seine Rücksichtssülle ihren Lohn in einem bedeutungsvollen Lächeln von Seiten Eva'S und Gracc'S, welch Letztere dem jungen Baronet in diesem Moment eben so schön vorkam, als ihre Muhme — denn wenn sie auch nichl die feine Bildung derselben besaß, war ihr doch eine in hohem Grade anziehende Naivetät nicht abzusprechen. „Ich habe mir sagen lassen, daß die meisten alten Nationen mit Schwierigkeiten zu kämpfen haben, die für uns nicht vorhanden sind," entgegnete John Effingham, „obschon ich gestehe, daß mir diese Neberlegenheit von unserer Seite seither nie ausgefallen ist." „Eben so ist es den National-Oeconomen und sogar den Geographen ergangen," bemerkte Mr. Bragg; „aber praktische Leute sehen und fühlen die Vortheile zu jeder Stunde des TagS. Wie ich höre, Sir George Templemore, hat cs in England Schwierigkeiten, Straßen über Stellen zu führen, wo Wohnungen samint ihrem Zugehör stehen; ja sogar eine Eisenbahn oder ein Kanal muß eine Curve machen, um eine» Kirchhof oder eine» Grabstein zu vermeiden." „Ich gestehe diese Sünde zu, Sir." „Unser Freund Mr. Bragg betrachtet das Leben als aus lauter Mitteln ohne Ende bestehend." «Ohne die Mittel kann man nichts an'S Ende bringen, Mr. John Effingham; dies weidet Ihr mir hoffentlich zugeflehen müssen. Ich bin wenigstens für di« Beendigung des Wegbaus und darf Wohl sagen, daß ich mich freue, einem Lande anzugehören, in welchem das Vorwärts möglichst wenige Hindernisse findet. Wer in unserem LandeStheile um seiner Vorfahren willen gegen eine Verbesserung Einwendungen erheben wollte, würde unter seinen Zeitgenossen schlimm genug wegkommen." „Erlaubt mir die Frage, Mr. Bragg, ob Ihr selbst nicht auch irgend eine Lokalanhänglichkeit empfindet," entgegnete der Ba- ronet mit so viel Zartheit im Tone seiner Stimme, als dies eine Frage, die, wie er fühlte, das Herz eines Mannes verletzen konnte, nur gestatten wollte. „Ist Euch nicht irgend ein Baum theurer, als ein anderer — findet Ihr das Haus, in dem Ihr geboren wurdet, nicht schöner, als eine Wohnung, die Ihr nie betratet — oder haltet Ihr den Altar, der lange Eurer GottcSvcr- ehrung diente, nicht für heiliger, als einen andern, vor dem Ihr nie gekniet habt?" „Nichts macht mir mehr Vergnügen, als die Fragen der Gentlemen zu beantworten, die durch unser Land reisen," erwie- derte AristobuluS, „denn ich glaube, daß wir, indem wir Gelegenheit zum gegenseitigen Bekanntwerdcn der Völker bieten, den Verkehr ermuthigen und den Geschäftsgang sichern. Um also auf Eure Frage eiuzugehen — ein menschliches Wesen ist keine Katze, daß cS eine Lokalität mehr lieben sollte, als seine Interessen. Ich gestehe, daß ich an manchen Bäumen eine größere Freude hatte, als an andern, und der liebste, dessen ich mich erinnern kan», gehörte mir selbst — der Sägmüller schnitt tausend Fuß klaren Stoffs daraus, der Mittelwaare gar nicht zu gedenken. Das Haus, in dem ich geboren, wurde bald nach meiner Geburt niedergeriffcn, und eben so erging es dem, welches darauf folgte; ich kann daher nichts über diesen Punkt sagen — und was endlich die Altäre betrifft, so gibt eS in meinem Glaubensbekenntnisse gar keine." „Mr. Bragg'S Kirche hat sich selbst so kahl gestreift, wie er eS mit allem Anderen machen möchte, wenn er könnte," sagte John Effingham. „Es fragt sich sehr, ob er überhaupt je ein Knie gebeugt hat — geschweige denn vor einem Altar." „Wir gehören allerdings zur stehenden Ordnung," entgegncte AristobuluS mit einem Blick aus die Damen, um zu sehen, wie sie seinen Witz aufnahmcn ; „und Mr. John Esfingham hat so nahezu Recht, als man dies von irgend einem Menschen in Glaubenssachen nur verlangen kann. Was aber die Häuser betrifft, Mr. Effing- Ham, so vermuthe ich, daß die allgemeine Ansicht herrsche, Ihr hättet mit dem Emsigen etwas Besseres, als eine Reparatur anfangen können. Das Material wäre beim Verkauf gut bezahlt worden, und durch Führen einer Straße über das Eigenthum hätte sich eine hübsche Summe erzielen lassen." „In diesem Falle wäre ich ohne Behausung gewesen, Mr. Bragg." „Es hätte nicht viel ausgemacht, ein anderes auf wohlfeilerem 32 Grund und Bode» herzustellen. Der alte Sitz würde eine gute Faktorei oder ein Gasthaus abgegeben haben." »Sir, ich bin eine Katze und liebe den Platz, wo ich lange gewohnt habe." Obschon AristobuluS sonst nicht leicht einzuschüchtern war, fühlte er sich doch durch Mr. EfsighamS Wesen betroffen, und Eva sah, daß das schöne Antlitz ihres Vaters von innerer Bewegung erglühte. Das Gespräch, welches wir mit einiger Breite gegeben haben, weil es den Leser wahrscheinlich einen tiefer» Blies in den Charakter einer Person thnn läßt, der in unserer Erzählung öfters Vorkommen wird, als wenn wir uns mit einer ausführlichen Schilderung bemüht hätte» — gewann durch diese Unterbrechung eine andere Wendung, welche zuvörderst durch eine Frage John Essing- hamS an Kapitän Truck eingeleilet wurde. „Ich hoffe, Kapitän, die Eigenthümer Eures Schiffs sind vollkommen zufrieden mit der Art, wie Ihr das Ihrige aus den Händen der Araber rettetet?" „Wenn der Punkt des Geldes ins Spiel kömmt, so sind die Leute weit geneigter, daran zu denken, wie cS verloren ging, als wie eS gerettet wurde, und in solchen Dingen bieten Religion und GeschäftSlebcn die beiden entgegengesetzten Pole," cutgegnete der alte Seemann mit ernstem Gesicht. „Im Ganzen übrigens habe ich Grund, zufrieden zu sepn, mein theurer Sir, und so lange ihr, meine Passagiere und Freunde, mir keine Vorwürfe macht, kann ich mich wohl dem Gefühl hingeben, daß ich wenigstens einen Theil meiner Pflicht erfüllt habe." Eva erhob sich jetzt vom Tische, ging nach einem Seitenschrank und kehrte mit einer reichen, schön getriebenen silbernen Punschbowle zurück, welche sie in der anmnthigsten Weise vor den Meister des Montauk hinsetzte. Fast in demselben Augenblicke übergab ihm Pierre ei» Etuis mit einer trefflichen Uhr, einen kleinen silbernen Kohlenhälter und ein silbernes Sprachrohr. 33 „Dies sind schwache Zeugnisse unserer Gesinnungen gegen Euch,« sagte Eva, „und Ihr werdet uns den Gefallen erweisen, sie als Erinnerungszeichen der Achtung anzunehmen, die uns Eure Geschicklichkeit, Euer wohlwollendes Benehmen und Euer Muth eingeflößt haben.« „Meine theure junge Dame!" rief der alte Theer, in tiefster Seele gerührt durch die Tiefe des Gefühls, womit Eva sich dieser Pflicht entledigt hatte — „meine theure jnnge Dame! — na, Gott segne Euch! — Gott segne euch Alle! — und auch Euch, Mr. John Gffingham, was dies betrifft! — und Sir George. Aber daß ich auch je einen Ausreißer für einen Gentleman und einen Baronet halten konnte! — obschon ich glaube, daß cS eben so gut einfältige Baronets gibt, als einfältige Lords, an denen nichts zu bessern ist!" Er warf dabei Mr. AristobuluS Bragg einen wilden Blick zu. „Möge Gott meiner im schwersten Orkan vergessen, wenn ich je vergesse, woher diese schönen Dinge kamen und warum sie mir gegeben wurden!" Der würdige Kapitän sah sich jetzt genöthigt, einigen Wein hinunterzugießen, um seine Erregung zu meistern; AristobuluS aber ergriff, die Gelegenheit benützend, kaltblütig die Bowle und wuchtete sic (um uns eines von ihm selbst gebildeten Wortes zu bedienen) in der Hand, um sich eine leidlich genaue Vorstellung von ihrem Metallwerth bilden zu können. Kapitän Truck, der dies bemerkte, forderte sein Eigenthum eben so unceremoniöS zurück, als «S weggenommen worden war, und nur die Anwesenheit der Damen war im Stande, einen Ausbruch zu verhindern, der sich Wohl bis zur offenen Kriegserklärung gesteigert haben würde. „Mit Eurer Erlaubniß, Sir," sagte der Kapitän trocken, nachdem er nicht nur ohne des Andern Zustimmung, sondern auch einigermaßen gegen dessen Willen die Bowle wieder an sich gebracht hatte, „dieses Gerälh ist in meinen Augen so kostbar, als wäre es aus den Gebeinen meines Vaters verfertigt." Eva Esfiuilhain. 3 34 „Dies glaube ich Euch gerne," entgegnetc der Landagcnt, „denn es kann nicht weniger, als hundert Dollars gekostet haben." „Wer denkt da an'S Kosten, Sir! — aber meine theure junge Dame, laßt uns von dem wahren Werthe sprechen. Für welchen »on diesen Gegenständen bin ich Euch zu Danke verpflichtet?" „Die Bowle ist meine Gabe," antwortete Eva lächelnd, obgleich eine Thräne in ihrem Auge glänzte, als sie den lebhaften, ungekünstelten GefühlSerguß des alten Theer mit ansah. „Ich dachte, sie könnte Euch hin und wieder an mich erinnern, wenn sie zu Ehren der ,Schätzchen und Fraulich wohl gefüllt wird." „Das soll sie — das soll sie, beim Himmel! und Mr. Saun- derS soll aufsehcn, wenn er das Geräth nicht so blank erhält, wie der Boden einer kreuzenden Fregatte ist. Wem habe ich die Kohlenzange zu verdanken?" „Sie kömmt von Mr. John Eifingham, der stch'S nicht nehmen läßt, er werde dadurch Eurem Herzen näher kommen, als irgend Jemand von uns, obschon die Gabe von so geringem Werlh ist." „Da kennt er mich nicht, mein tbeureS Fräulein, denn Niemand wird je meinem Herzen so nahe kommen, als Ihr — nein, nicht einmal meine eigene, liebe, fromme, alte Mutter. Aber ich danke Mr. John Eifingham aus tiefster Seele und will sein Geschenk selten beim Rauchen brauchen, ohne an ihn zu denken. Die Uhr, ich weiß es, kommt von Mr. Effingham, und das Sprachrohr schreibe ich Sir George zu." Die Verbeugungen der betreffenden Gcntlemen gaben dem Kapitän die Versicherung, daß er richtig gerathen hatte. Er drückte nun jedem derselben herzlich die Hand und betheuerte aus der Ueberfülle seines Herzens, daß ihm nichts ein größeres Vergnügen gewähren würde, als wen» er in ihrer angenehmen Gesellschaft abermals die gefahrvollen Scenen durchmachen könnte, denen sie kürzlich entronnen waren. Inzwischen war eS AristobuluS, trotz der früheren Zurechtwei-- sung, gelungen, jede» Gegenstand der Reihe nach in die Hand zu bekommen, sie auf dem Finger zu wägen und vermittelst dieser Untersuchung sich eine annähernde Vorstellung von ihrem KostenS- werthe zu bilden. Die Uhr öffnete er sogar und untersuchte das Werk, so gut cS die Umstände füglicherweise erlauben wollten. „Ich schätze diese Gegenstände mehr, als Ihr das Grab Eures Vaters respektirt," sagte Kapitän Druck finster, als er diesen letzten Artikel aus der besudelnden Betrachtung des Attorney — denn so erschien sie ihm — gerettet hatte; „und Katze oder Nichtkatze, sie sollen auf dem Reste meines Kreuzzuges mit mir schwimmen oder sinken. Wenn noch Kraft in meinem letzten Willen liegt — aber leider höre ich, daß dies nicht länger der Fall seyn soll — so sollen sie mein letztes Bette mit mir theilen, sey dies nun am Land oder im Wasser. Mein theureS Fräulein, denkt Euch alles Andere dazu — aber verlaßt Euch darauf, aus diesem Gesäß wird der Pnnsch süßer als je schmecken, und den .Liebchen und Frauen' ist nie so hohe Ehre widerfahren." „Wir besuchen diesen Abend in dem Hause eines Mannes, mit dem ich hinreichend vertraut bin, um mir die Freiheit einer Frem- deneinsührung erlauben zu können, einen Ball, und ich wünsche, Gentlemen," sagte Mr. Esfingham sich gegen AristobuluS und den Kapitän verbeugend, um dem Gespräch eine andere Wendung zu geben, „daß ihr mir die Ehre eurer Begleitung erweist." Mr. Bragg sagte wohlgemuth zu, als verstände sich dies von selbst; Kapitän Truck aber versicherte, daß er für solche Gelegenheiten nicht paffe, und konnte erst durch langes Zureden von Seiten John EfsinghamS vermocht werden, gleichfalls der Einladung Folge zu geben. Die Damen bliebe» nur noch einige Minuten bei Tisch; Mr. Esfingham übrigens hielt an dem alten Brauche, bei der Flasche fitzen zu bleibe», bis das Aufgebot nach dem Besuchszimmer erfolgte — eine Sitte, die in Amerika aus keinem besseren Grunde foribesteht, als weil sie in England üblich ist; denn man kann fast mit Sicherheit darauf zählen, sie werde in der nächsten Saison, nachdem sie in London aufgehöct hat, auch in New-Dark abgestellt werden. Drittes Kapitel. ,Du bist so weise, als Du schön bist.' Shakspeare. Kapitän Truck erbat sich die Erlaubniß, den neuen Kohlen- hälter beim Anzünden einer Cigarre Proben zu dürfen, und Sir George Templemore benützte diese Gelegenheit, bei Seite Pierre zu fragen, ob es den Damen nicht unangenehm sey, wenn er ihnen Nachkomme. Nachdem ihm eine »»umwundene Einladung zugekom- men war, schlich er sich in aller Ruhe vom Tische weg und befand sich bald aus dem Bereiche der Speisezimmerdünste. „Zhr werdet bei uns wohl das Rauchfaß und den Weihrauch vermissen," sagte Eva lachend, als Sir George in das Besuchzimmer trat. „Vergeht übrigens nicht, daß wir keine Staatskirche haben und es nicht wagen dürfen, uns mit den Ceremonicn des AltarS derarttge Freiheiten herauSzunehmen." „Ich denke, dieser Brauch wird bei uns nicht lange Bestand haben, obschon er nichts weniger als unangenehm ist. Ihr thut mir übrigens Unrecht, wenn Ihr glaubt, ich sey LloS dem TabackS- qualm des Speisezimmers entlaufen." „Nein, nein; wir begreifen vollkommen, daß Ihr auch mit dem Weihrauch der Schmeichelet umzugehen wißt, und wollen uns vorstelle», als ob bereits Alles gesagt sey, was für die Gelegenheit paßt. Ist nicht unser ehrlicher aller Kapitän ein wahres Kleinod in seiner Art?" „Auf mein Wort, wenn Ihr mir gestattet, über Eures Vaters Gäste eine Aeußerung laut werden zu lassen, so glaube ich nicht, daß möglicherweise zwei Männer hätten zusammengcbracht werden 37 können, welche so vollkommene Gegensätze bildete», wie Kapitän Truck und dieser Mr. AristobuluS Bragg. Der Letztere ist die außerordentlichste Person, mit der mich je mein gutes Glück zu- sanimengesührt hat." „Ihr nennt ihn eine Person — Pierre aber fleht in ihm eine Personage; ich glaube übrigens, er selbst gibt es ganz dem Zufall anheim, ob er seine Tage in dem einen oder in dem andern Charakter verbringen soll. Vetter Jack versichert mich, obgleich dieser Mensch fast jeden Auftrag übernehme, den man ihm znzu- weiscn für gut halte, würde er eS doch nicht im Geringsten für eine Verletzung der Cvnvcnanzen halten, nach dem Thron im Weißen Hause z» streben." „Doch zuverlässig ohne Hoffnung, ihn zu erringen." „Dafür kann ich nicht stehen; der Mann müßte jedenfalls noch eine sehr wesentliche Umwandlung erleiden und eine ziemlich radikale Verbesserung an sich vornehmen, ehe seinen Glücksverhältniffen ein solcher Climax zustoßen könnte. Sobald Ihr aber die Ansprüche einer erblichen Gewalt fallen laßt, ist einem neuen Kapitel von Zufällen die Thürc geöffnet. Alexander von Rußland nannte sich UN lleureux, nooiclent, und sollte uns je das glückliche LooS bevor- sichen, Mr. Bragg als Präsidenten begrüßen zu dürfen, so würden wir ihn wohl als un mullrouroux ucciäonl bezeichnen müssen. Ich glaube, hierin liegt der ganze Unterschied." „Euer NepublikaniSmuS ist nicht zu bewältigen, Miß Efflngham, und ich werde den Versuch aufgeben, Euch zu heilsameren Grundsätzen zu bekehren, namentlich da ich finde, wie Ihr von den beiden Herren Efflngham unterstützt werdet, die merkwürdigerweise im Grunde ihrer Herzen dem eigenen System zugetha» zu seyn scheinen , obschon sie an ihrer Heimath so viel zu tadeln wissen." „Ihr Tadel, Sir George Templemorc, hat bloS darin seinen Grund, weil sie es nicht für gut, ja sogar für unklug halten, über Mängel sich in Lobpreisungen zu ergehen, obschon sie zugleich wis- 38 sen, daß man auf Eide» Vollkommenheit vergeblich sucht; auch sind sie den heimathlichcn Verhältnissen zngethan, weil sie aus ihren in anderen Ländern gesammelten Erfahrungen die Ucbcrzeugung gewonnen haben, daß wir, ungeachtet so vieler unverhohlenen Übeln Nachreden, wenigstens vergleichnngSweise besser daran sind, als die meisten unserer Nachbarn." „Ich kann Dir versichern," sagte Grace, „daß viele von den Ansichten, welche namentlich Mr. John Effingham ausspricht, nicht eben unter die bei uns gangbaren gehöre». Er tadelt fast Altes, was uns gefällt, und lobt das, was wir tadeln. Sogar mein lieber Onkel steht im Geruch, in dergleichen Dingen ein wenig irrgläubig zu seyn." „Das will ich gerne glauben," entgegnetc Eva mit Ruhe, „denn diese Gentlemen sind, sofern der Geschmack in Frage kommt, mit besseren Dingen bekannt worden; wo sich'S um das wirklich Gute handelt, können sie ihre Erfahrungen nicht so sehr zu Schanden machen, daß sie das preisen sollte», was ihrer Ueber- zeugung nach nur beziehungsweise gut ist. Wenn Du nur eine» Augenblick Nachdenken willst, Grace, so wirst Du bemerken, daß die Leute nothwendig ihren eigenen Liebhabereien so lange den Vorzug geben, bis sie mit Besserem bekannt worden sind, und eben so nothwendig durch das Unangenehme in ihrer Umgebung auch unangenehm berührt werben, obschon cS, als Folge eines politischen Systems, ihnen weit weniger peinlich seyn mag, als die Nachtheilc anderer Systeme, von denen sie keine Kcnntniß haben. In dem einen Falle lieben sie das Veste, was sie besitzen, aus dem einfachen Gründe, weil es ihr Bestes ist, und aus gleichem Grunde mißfallen ihnen die schlimmeren Seiten. Mir hätscheln eine Liebhaberei naturgemäß, ohne uns auf Vergleichungen einzulassen, denn sie hört auf, Liebhaberei zu seyn, sobald sich Mittel zur Vergleichung darbieten und etwas Besseres an ihre Stelle gesetzt werden kann; 39 aber es liegt auch, fürchte ich, in der Natur deS Menschen, sich über jede positive Unannehmlichkeit zu beschweren." „Eine Republik kömmt mir widerlich vor." „I-ir , egubligue est »no Iiorrour." Grace hielt eine Republik für widerlich, ohne irgend einen andern gesellschaftlichen Zustand zu kennen, weil sie manches Widerliche mit sich führt, und Mademoiselle Viefvillc nannte sie uno Iwrrour, weil in ihrem eigenen Lande während der ersten Kämpfe um die Freiheit die Guillotine waltete und eine Anarchie herrschte. Obschon Eva selten verständiger und nie mit mehr Mäßigung gesprochen hatte, als bei Aeußerung obiger Ansichten, kam es doch Sir George Templemore bei dieser Gelegenheit zweifelhaft vor, ob ihre Züge ganz jene ausgesuchte Schönheit und Zartheit besäßen, die er so sehr bewundert hatte, und als Grace in den gedachten nichtssagenden Ausruf ausbrach, wandte er den Blick ihrem süßen, seelcnvollen Antlitze zu, das ihm, für den Augenblick wenigstens, als das lieblichere erschien. Eva Esfingham sollte noch erfahren, daß sie eben erst in die unduldsamste Gesellschaft — das Wort im gewöhnlichen Sinne genommen — getreten war, sofern nämlich Ansichten zur Sprache kamen, die man gewöhnlich in der Christenheit freisinnige nennt. Wir wollen damit nicht sagen, daß eS in Amerika weniger, als in einem andern Lande gcrathen sep, zu Gunsten der Menschenrechte eine edclmüthige Aeußerung fallen zu lassen, da in diesem Betracht die Gesetze und Institutionen nicht bloS dem Buchstaben nach vorhanden sind; aber der Widerstand der Gebildeten gegen die Ueber- griffe der Ungebildeten hat jene selten gerechte und nie philosophische Gesühlsausregnng hervorgerufen, dir in Allem, was man im Allgemeinen die Welt nennt, ein stummes aber fast einstimmiges Hemmgewicht gegen die Einwirkung der Institutionen bildete. Wo es überhaupt durch die Umstände zulässig wird, kann man in Europa selten eine derartige Aeußerung aussprechen, ohne unter der Zuhörer- 40 schaft eine ziemlich allgemeine Sympathie zn finden; aber in dem Kreise, welchem Eva jetzt anheimgefallen war, wurde es fast als eine Verletzung der Schicklichkeit betrachtet, wenn man andenten wollte, daß die Masse der Menschen Rechte besitze. Wir wünschen übrigens nicht, daß man hinter unfern Worten mehr suche, als wir sagen wollen, da wir durchaus nicht zweifeln, daß ein großer Theil auch der anders Gesinnten aus Gedankenlostgkeit oder aus dem von unserer Heldin angegebene» sehr natürlichen Grunde in die gleiche Klaffe fällt; dennoch möchten wir unsere Ansicht dahin auS- drücken, daß die amerikanische Gesellschaft in ihrem Aeußern jedem Fremde» und auch jedem LandeScingeborencn, der ans anderen Ländern zurückkehrt, also entgegentritt. Wir sprechen jetzt nicht von ihrem Geschmack, von ihrer Weisheit und von ihrer Sicherheit, sondern begnügen uns bloS mit der Andeutung, daß Eva Grace'S Ausruf sehr unangenehm empfand, nnd daß sie, ungleich dem Baronet, ihre Muhme nie für weniger schön gehalten hatte, als bei Gelegenheit des UnmuthanflugeS, den ihr hübsches Gesichtchen für einen Moment angenommen hatte. Sir George Templemore hatte Takt genug, zu bemerken, daß in den Gefühlen der beiden jungen Mädchen eine kleine Mißstimmung stattgcsunden, und gab dem Gespräch eine andere Wendung. Von Eva besorgte er keine Provinzial. Empfindlichkeit; aber ohne daran zu denken, welche Rolle Grace wahrscheinlich in einer derartigen Verhandlung spielen würde, brachte er — vielleicht ein wenig malaüroitement — das Thema der New-Uorker Gesellschaft im Allgemeinen zur Sprache. „Ich bin begierig, zu erfahren," begann er, „ob es hier auch Sonderungen gibt, wie in London und Paris — ob ihr ein Faubourg Saint Germain, eine Chaussee d'Antin, ein Picadilly, GroSvenor- oder Ruffell-Square besitzt." „Ich muß Euch mit dieser Frage an Miß van Courtlandt verweisen," versetzte Eva. 41 Grace blickte erröihend auf, denn es war für sie ein eben so neuer, als aufregender Umstand, von einem einsichtsvollen Fremden über einen derartigen Punkt befragt zu werben. „Ich weist nicht, ob ich die Anspielungen recht verstehe," sagte sie, „obschon ich fürchte, Sir George will damit sagen, ob wir Auszeichnungen in unserer Gesellschaft haben." „Und warum fürchten, Mist van Courtlandt?" „Weil es mir vorkommt, als fasse eine derartige Frage einen Zweifel gegen unsere Bildung in sich." „Es sind häufig mehr Auszeichnungen, als augenfällige Unterschiede vorhanden," bemerkte Eva, „und sogar London und Paris können den Vorwurf einer solchen Thorheit nicht von sich abweisen. Wenn ich Sir George Templemore recht verstehe, so wünscht er zu wissen, ob wir die Achtbarkeit nach Straßen »nd den Rang nach Stadttheilen ermessen." „Dies ist nicht ganz meine Meinung, Miß Effingham, sondern ich möchte vielmehr wissen, ob unter denen, welche Anspruch auf feinere Bildung machen können, jene genauen Distinctionen statthaben, die man anderwärts findet — mit Einem Worte, ob ihr Erclusive und Elegants habt, oder ob ihr die Grundsätze der Gleichheit auch hier in Anwendung bringt." „1,08 temme8 ^mcriviri»o8 sont blcn zollo8!" rief Mademoiselle Biesville. „Es ist unmöglich, daß sich in einer Stadt von 300.000 Seelen nicht Coteriee» bilden sollten." „Ich meine nicht einmal dies, sondern vielmehr, ob zwischen den Coterieen keine Unterscheidung stattsinde. Steht nicht in der öffentlichen Meinung und durch stillschweigende Uebereinkunft, wenn auch nicht durch positive Bestimmung, die eine über der andern?" „Die Distinction, auf welche Sir George Templemore anspielt, ist allerdings zu treffen," entgegnete Grace, mit mehr Muth sortfahccnd, als sie fand, daß sich der Gegenstand ihrer Faffungs- 42 kraft mehr und mehr enthüllte. „Die alten Familien z. B. halten inSgesammt mehr zusammen, als die andern, obschon es sehr zu bedauern ist, daß eS dabei nicht noch viel genauer genommen wird." „Die alten Familien?" ries Sir George Tems'Ienwre mit so viel Nachdruck auf diesen Worten, als ein wohlerzogener Mann sich unter derartigen Umständen erlauben konnte. „Ja, die alten Familien," wiederholte Eva mit der ganzen Kraft der Betonung, welche der Baronct Anstands halber unterdrückt hatte — „so alt wenigstens, als zwei Jahrhunderte sie machen können, und noch obendrein mit einem über diese Periode hinausreichendcn Ursprung, so daß sie in dieser Hinsicht den alten Familien der übrigen Welt nicht nachstehen. Die Gentilität des Amerikaners ist in der That besser als gewöhnlich, da sie, abgesehen von ihrem eigenen Werthe, in der von Europa Wurzel faßt." „Ich bitte, mich nicht mißzuverstehcn, Miß Effingham. Ich weiß wohl, daß Amerika tu dieser Hinsicht sich mit allen andern civilisirten Ländern messen kann; nur nimmt es mich Wunder, daß cS in einer Republik auch nur den Ausdruck ,alte Familieick gibt." „Dann müßt Ihr mir die Bemerkung erlauben, daß Eure Verwunderung nur in dem Umstande ihren Grund hat, weil Ihr den wahren Zustand des Landes nicht gehörig in'S Auge faßtet. ES gibt allenthalben zwei große Quellen der Auszeichnung — Reichthum und Verdienst. Wenn nun ein Geschlecht von Amerikanern während mehrerer Generationen sich fortwährend stets entweder durch die eine oder die andere dieser beiden Ursachen be- merklich macht, warum sollte es nicht eben so gut Ansprüche haben, als eine alte Familie gezählt zu werden, wie die Europäer unter den gleichen Umständen? Eine republikanische Geschichte ist eben so gut Geschichte, wie eine monarchische und ihre historischen Namen sind zu gleicher Beachtung berechtigt; dies räumt Ihr sogar euren europäischen Republiken ein, und doch wollt Ihr es den unsrigen absprechen?" 43 ,«>'3 »Ich muß auf den Beweisen bestehe». Wenn wir diese Beschuldigung ahne Belege auf uns liegen lassen, Mademoiselle Vief- villc, so scheu wir uns zuletzt durch unsre eigene Nachläßigkeit geschlagen." „O'ost u»o belle Illustration, oellv ä'antigultebemerkte die Gouvernante in entschiedenem Tone. „Wohlan, wenn Ihr auf Beweisen besteht, was sagt Ihr gegen die Capponi — ,sonnen vos tromgettes, et ge vais talre sonncr mcs eloelies/ oder zu denen von Erlach, einer Familie, die fünf Jahrhunderte lang bei so vielen Kämpfen gegen Unterdrückung und Außenfeinde an der Spitze stand?" „Alles dies ist sehr wahr," entgegnete Sir George; „aber dennoch gestehe ich, daß wir die amerikanische Gesellschaft gewöhnlich nicht in dieser Weise zu betrachten pflegen." „Eine Abkunft von Washington mit einem Charakter und einer gesellschaftlichen Stellung, welche derselben entspricht, wäre außerdem auch nicht absolut gemein." „Wenn Ihr mir so scharf zusetzt, so muß ich Miß van Court- lanbt um Beistand angehen." „In Betreff dieses Punktes wird Euch von daher wohl keine Unterstützung zufließen. Miß van Courtlandt hat selbst einen historischen Namen und wird einem ehrenhaften Stolze nichts vergeben, um eine der feindlichen Mächte aus der Klemme zu ziehen." „Wenn ich auch einräume, daß Zeit und Verdienst in gewissem Sinne die Familien Amerika's mit den europäischen in eine gleiche Lage versetzen müssen, so kann ich doch nicht cinsehen, wie es sich mit euren Institutionen verträgt, daß ihr den nämlichen Nachdruck aus diese Umstände legt." „Hierin sind wir vollkommen mit Euch einverstanden, denn sch denke, der Amerikaner hat wohl den beste» Grund, auf seine Familie stolz zu seyn," entgegnete Eva mit Ruhe. „Ihr gefallt Euch diesen Abend augenscheinlich in Paradoxen, 44 Miß Effingham, denn ich fühle mich jetzt überzeugt, daß Ihr für die Behauptung dieses neuen Satzes kaum etwas Stichhaltiges aufbringen könnt." „Wenn ich meinen alten Verbündeten Mr. PowiS hier hätte," sagte Eva, mit ihrem kleinen Fuße unwillkührlich das Kamingitter berührend, während zugleich der Ton ihrer Stimme viel von der früheren scherzenden Lebhaftigkeit verlor, wo nicht gar wehmülhig wurde, „so würde ich ihn bitten. Euch die Sache zu erklären, denn er verstund sich ausgezeichnet gut auf derartige Erwiederungen; da er übrigens abwesend ist, so will ich mich selbst in dieser Obliegenheit versuchen. In Europa find Aemter, Gewalt und folglich auch Auszeichnung erblich; in Amerika aber ist dies nicht der Fall, denn hier hängt Alles von den Wahlen ab. Zuverläßig hat man nun weit mehr Grund, auf Vorfahren stolz zu scyn, die ihre wichtige Stellung einem freien Wahlacte verdankten, als auf Ahnen, welche eine derartige Auszeichnung nur den Zufälligkeiten der Geburt, die sich eben so gut lieureux als malliourcux gestalten können, verdanken. Der einzige Unterschied zwischen England und Amerika, soweit die Familien in Frage kommen, besteht darin, daß ihr denen auch positiven Rang erlheilt, welchen wir nur Bedeutsamkeit zugestehen. Unser Adel hat die öffentliche Meinung zur Grundlage, während der eurige an dem großen Siegel klebt. Und nun, nachdem ich die Thatsache bewiesen habe, daß es in Amerika Familien gibt, wollen wir dahin znrückkehren, von wo aus wir abgegangen sind, und die Frage verfolgen, in wie weit sie Einfluß auf die gewöhnliche Gesellschaft üben." „Zu diesem Ende werden wir uns wohl an Miß van Court- landt wenden müssen." „Leider thuu sie es weit weniger, als sie meiner Ansicht nach sollten," versetzte Grace mit Wärme, „denn der Umstand, daß die Fremden so sehr um sich greifen, hat tu dieser Hinsicht alle Gebühr völlig über den Haufen geworfen." 7 45 „Und doch wage ich es, zu behaupten, daß eben diese Fremden Gutes wirken," erwiederte Eva. „Viele von ihnen haben in ihrer Heimath eine achtbare Stellung eingenommen und sollten als ein schätzenSwerther Zuwachs für eine Gesellschaft betrachtet werden, die ihrer Natur »ach tunt soit geu provinziell seyn muß." „Oh!" ries Grace, „ich kann Alles leiden, nur nicht die Hadschis!" „Men?" fragte Sir George gespannt. „Darf ich Euch um eine Erklärung bitten, Miß van Courllandt?" „Die Hadschis," wiederholte Grace lachend, obschon sie zugleich bis über die Augen erröthcte. Der Baronet blickte von der einen jungen Dame auf die andere und blickte dann fragend nach Mademoiselle Viefvikle hin. Letztere zuckte leicht mit der Achsel und schien selbst erwartend einer näheren Erläuterung cntgegenzusehen. „Die Hadschis sind eine Klaffe, Sir George Templcmore," sagte Eva lachend, „zu welcher wir beide, Ihr und ich zu gehören die Ehre haben." „Nein, Sir George Templcmore nicht," unterbrach sie Grace mit einer Hast, welche sie augenblicklich bereute; „er ist kein Amerikaner." „Dann erfreue ich mich von allen Anwesenden allein dieses VortheilS. Man versteht darunter nicht eine Pilgerschaft »ach Mekka, sondern eine Wanderung nach Paris, und der Pilger muß statt eines MohamedanerS ein Amerikaner seyn." „Nein, Eva, Du bist auch kein Hadschi." „Dann müffen sie eine Qualifikation besitzen, mit der ich bis jetzt noch nicht bekannt bin. Willst Du unser Bedenken heben, Grace, und »ns den eigentlichen Charakter des ThiercS zu wissen thun?" „Du bist zu lang auSgeblieben, um ein Hadschi zu seyn; 46 den» hiezu gehört, baß man bloS angesteckt werde; die Krankheit darf nicht um sich greifen, und zur Heilung gelangen." „Ich danke Euch für diese Schilderung, Miß van Courtlandt," entgegnete Eva in ihrer ruhige» Weise; „indeß hoffe ich, daß die Krankheit, obschon ich sie ganz durchgemacht habe, keine Pockennarben zurückließ." „Ich möchte wohl einen von diesen Hadschis sehen!" rief Sir George. „Sind sie beiderlei Geschlechts?" Grace lachte und nickte mit dem Kopfe. „Wollt Ihr mir wohl Eine» zeigen, wenn wir so glücklich sind, heute Abend mit einem Exemplar von dieser Sippschaft zu- sammenzutreffen?" Abermaliges Lachen und Kopfnicken von Seiten Grace's. „Da fällt mir eben ein, Grace," sagte Eva nach einer kurzen Pause, „wir können Sir George Templemvre den besten Begriff von den Sonderungen, die ihn so sehr interessiren, beibringen, wenn wir thun, was von unserer Seite eigentlich nur Pflicht ist, und ihn von der Gelegenheit Vortheil ziehen lassen. Mr. Hawker empfängt diesen Abend ohne Ceremonie; Mrs. JarviS haben wir unsere Antworten noch nicht geschickt, und wir können recht gut auf eine halbe Stunde bei ihr ansprechen, um uns sodann noch in guter Zeit bei MrS. Houston'S Ball einzufinden." „Aber Eva, Du kannst doch Sir George Templcmore nicht in einem Hause einführen wolle», wie das von Mrs. ZarviS ist!" „Ich will Sir George Templcmore nirgends einführen, denn eure Hadschis haben über dergleichen Dinge ihre eigenen Ansichten; da uns aber Vetter Jack begleiten wird, so kann er uns recht wohl diesen hochwichtigen Gefallen erweisen. Auch stehe ich dafür, Mrs. Jarvis wird dies nicht als allzugroße Freiheit betrachten." „Ich pflichte Dir vollkommen bei; denn MrS. Jared Jarvis wird nichts, was Mr. John Effingham thun kann, für mal apropos Hallen. Seine Stellung in der Gesellschaft ist zu wohl be- 47 gründet und die ihrige zu zweifelhaft, als daß in dieser Hinsicht ein Anstand staitfinden könnte." „Dies, seht Ihr, erledigt de» Punkt der Coterieen," bemerkte Eva gegen den Baronet. „lieber Feststellung von Grundsätze» lassen sich wohl Bände schreiben; aber wenn Personen überall Alles thun können, was ihnen beliebt, so läßt sich Wohl von ihnen behaupten, daß sie unter die privilegirten gehören." „Was das Faktum betrifft, so ist dies ganz richtig, Miß Esfingham; aber ich bin recht sehr begierig,, de» Grund zu erfahren." „Dergleichen Dinge werden sehr oft ganz und gar ohne Grund entschieden. Auch verlangt Ihr ein Bißchen zu viel, wenn Ihr in New-Vork Gründe haben wollt für eine Sache, die in London nicht einmal den Schein eines Grundes nöthig macht. Es reicht zu, daß MrS. JarviS entzückt seyn wird, Euch ohne Einladung bei sich zu sehen, und daß MrS. Houston es mindestens auffallend finden würde, wenn Ihr Euch gegen sie dieselbe Freiheit erlauben wolltet." „Daraus folgt wohl," versetzte Sir George lächelnd, „daß von diesen beiden Damen MrS. JarviS die gastfreundlichere ist." „Aber was ist mit Kapitän Truck und Mr. Bragg anzufangen, Eva?" fragt- Grace. „Sie können wir doch nicht zu MrS. Hawker nehmen." „AristobuluS würde in der That in einem solchen Hause ein wenig am Unrechten Platze sepn; aber was den trefflichen, wackern, biedern alten Kapitän betrifft, so verdient er wohl, überall sich zu zeigen. Ich mache mir ein Vergnügen daraus, in selbsteigcner Person ihn MrS. Hawker vorzustellen." In einer kurzen Beräthung zwischen den beiden Mädchen wurde ausgemacht, daß von den zwei ersten Besuchen gegen Mr. Bragg keine Erwähnung gethan, sondern Mr. Esfingham gebeten werden sollte, ihn gehöriger Zeit zu dem Balle zu bringen. Die 48 übrige Gesellschaft wollte in aller Stille die beiden andern Häuser besuchen, ohne überhaupt von ihrem Vorhaben zn sprechen. Sobald dies bereinigt war, entfernte sich Eva und Grace, um sich anzukleiden; Sir George aber blieb in der Bibliothek, um sich inzwischen mit einem Buche zu unterhalte». Als bald nachher John Effingham erschien, nahm der Baronet die Unterhaltung über Distinction in der Gesellschaft wieder auf, dabei die jGedanken- verwirrung an den Tag legend, welche gewöhnlich die europäisch Betrachtungsweise den amerikanischen Zuständen gegenüber bezeichnet. Viertes Kapitel. »Fertig.* »lind ich." »lind ich." »Wohin gehen wir?" Soi»»icr»aehl«lra»in. Erace van Courtlandt war die erste, welche wieder in dem Bibliothekzimmer erschien. Es ist oft behauptet worden, die amerikanischen Frauenzimmer nähmen sich, ungeachtet ihrer unbestreitbaren Liebenswürdigkeit, im Allgemeinen doch weit besser aus, wenn sie in Halbtoilette erschienen, als wenn sie in: Ballanzug aufträten. Von dem, was man in anderen Theilen der Welt vollen Putz nennt, wissen sie nur wenig; aber im Gegensatz zu der europäischen Sitte, wo die Verheiratheten ihrer Außenseite die größte Sorgfalt weihen, die Mädchen aber auf eine strenge Einfachheit angewiesen find, schien Grace jetzt in den Augen des BaronetS hinreichend geschmückt zu sepn, während er zu gleicher Zeit meinte, sie rechtfertige durch ihre Toilette weit weniger den eben erwähnten Tadel, als dies durchschnittlich von den meisten ihrer jungen Landsmänninen behauptet werden könne. Eine Rundung, die eben zureichte, um sie von der Mehrzahl 49 ihrer Altersgenossinnen zu unterscheiden, das blendende Weiß ihrer Haut, die glänzenden Angen, ein holdes Lächeln, die reichen, wallenden Locken und Hände und Füße, wie sie — so däuchte es wenigstens Sir George Templemore, vbschon er sich selbst nicht erklären konnte, was ihn ans diesen Gedanken brachte — nur den Töchtern von Peers und Fürsten angchören konnten, machten Grace diesen Abend so überaus anziehend, daß cS dem jungen Baronet Vorkain , sie sei sogar noch schöner als ihre Muhme. In der kunstlosen Einfachheit des Mädchens lag ei» Zauber, der auf einen in der kalten Manierirtheit der höheren Elasten Englands erzogenen Mann doppelt verlockend wirken mußte. Dabei war diese Einfachheit durch einen vollkommenen Anstand und eine edle Zurückhaltung gehoben, denn die Uebertreibungen der neuen Schule hatte» nicht mitgewirkt, die Würde ihres Charakters zu beeinträchtigen oder den Reiz der Sittigkeit zu schwächen. Allerdings war ihre Bildung weniger vollendet, als die ihrer Muhme — ein Umstand, der vielleicht Sir George Templemore hätte veranlassen können, sie für etwas gar zu einfach zu halten; aber sie war nie unweiblich oder »»mädchenhaft, und der Ausdruck „gemein" konnte, trotz der launenhaften und willkührlichen Regeln der Mode, nie und unter keinen Umständen auf Grace van Courtlandt Anwendung finden. In dieser Hinsicht schien die Natur sie sehr begünstigt zu haben, da sie diesen Vortheil keineswegs ihrem Umgang verdankte und wohl Niemand je hätte auf den Gedanken kommen können, daß sie vielleicht ein derartiger Vorwurf treffen dürfte, wenn ihr das Geschick sogar eine viel tiefere Stelle i» der Stufenleiter der Gesellschaft angewiesen hätte. Es ist eine bekannte Thatsache, daß wir uns am meisten zu denen hingezogcn fühlen, deren Charaktere und Neigungen die wenigste Aehnlichkeit mit den unsrigen haben, sobald einmal durch die Erziehung eine zureichende Gleichheit hergestellt ist, um allen »»- Eva Effingham. 4 50 gcstümen Berührungen der gegenseitigen Gewohnheiten und Grundsätze vorzubeugen. Dies war vielleicht einer von den Gründen, warum Sir George, der mittlerweile die Hoffnungslosigkeit seiner Bewerbung um Eva cingeschen hatte, ihre kaum weniger liebenswürdige Muhme mit frischem lebhaftem Interesse zu betrachten begann. Miß Effingham besaß Scharfblick genug und »ahm einen zu innigen Antheil an Grace'S Glück, um nicht diesen Wechsel in den Neigungen des BaronetS bald zu entdecken; aber so aufrichtig sie sich um ihrer selbst willen darüber freute, blieb sie doch nicht ohne Bcsorgniß, da sie weit besser als alle ihre LandSmänninen begriff, wie sehr der Seelenfrieden eines amerikanischen Mädchens Gefahr läuft, wenn sie in die künstlicheren Zirkel der alte» Welt Verpflanzt wird. „Ich verlasse mich vorzugsweise auf Eure freundliche Vermittlung, Miß van Courtland, und hoffe, es wird Euch gelingen, Mrs. JarviS und MrS. Hawker mit der Freiheit zu versöhnen, die ich mir zu nehmen im Begriff siebe," rief George, als Grace in strahlender Schönheit, die ihrerseits durch den Anzug nicht wenig gehoben war, in das Bibliothekzimmcr hereinrauschte. „Auch müßten sie in der That kaltherzige und unchristliche Frauen seyn, wenn sie einer solchen Vermittlerin widerstehen könnten." Grace war an dergleichen Schmeicheleien nicht gewöhnt; denn obgleich der Baronct heiter und gewissermaßen halb im Scherze sprach, so drückte sich die Bewunderung doch zu deutlich in seinen Blicken aus, als daß sie der instinktartigen Fassungskraft eines Mädchens hätte entgehen können. Sie erröthete tief, faßte sich aber augenblicklich wieder und sprach mit einer Natürlichkeit, die für ihren Zuhörer tausend Zauber hatte: „Ich sehe nicht ein, warum Miß Essingham und ich Anstand nehmen sollten, Euch überall einzufübre». MrS. Hawker ist mit uns verwandt, und wir stehen auf sehr vertraulichem Fuße zu ihr — wenigstens von mir kann ich dies rühmen; und was ferner die öl arme MrS. Jarvis betrifft, so ist sie die Tochter eines alten Nachbars und wird sich allzuglücklich schätzen, wenn sie uns bei sich sieht, als daß sie a» Einwendungen denken könnte. Ueberhaupt glaube ich, Jedermann von einer gewissen —" Grace stockte und lachte. „Jedermann von einer gewissen — ?" versetzte Sir George forschend. „Ich wollte sagen," nahm die junge Dame wieder auf, ihre» beabsichtigten Ausdruck verbessernd, „wer aus diesem Haufe kommt, wird in Spring-Strect willkommen sehn." „Reine heimische Aristokratie!" rief der Baronet mit der Miene eines erkünstelten Triumphs. „Ihr seht hier einen neuen Beweis meiner Behauptung, Mr. John Effingham." „Ich bin ganz Eurer Ansicht," entgegnete der Angcredete. „Heimische Aristokratie, so viel Ihr wollt, aber keine erbliche." Das Einireten Eva'S und der Mademoiselle Biefville unterbrach diesen Scherz, und da zu gleicher Zeit auch der Wagen angekündigt wurde, so entfernte sich John Effingham, um Kapitän Truck aufzusuchen, der sich mit Mr. Effingham und AristobuluS in dem Besuchzimmer befand. „Ich habe Ned zurückgclaffen, damit er sich mit seinem Landagenten über Grenzstreitigkeitcn und Pachtverträge unterhalte," sagte John Effingham als er Eva nach der HauSthüre folgte. „Bis 10 Uhr werden sie einen hübschen Kostenszettel unter sich erledigt haben." Nach John Etfingham kam Mademoiselle Biefville; Grace folgte ihr und Sir George bildete mit dem Kapitän den Nachtrab. Grace wunderte sich, warum der junge Baronet ihr nicht den Arm bot, denn sie war a» diese Aufmerksamkeit von Seite des andern Geschlechtes selbst in Fällen gewöhnt, in welchen sie eher eine Belästigung als ein Dienst war; Sir George aber trug Bedenken, einen derartigen Beistand anzubieten, da er darin eine» Schritt nnberu- sener Vertraulichkeit sah. 52 Miß van Courtlandt, die viele Gesellschaften besuchte, hielt einen Wagen für sich, und die drei Damen nahmen darin Platz, während die Gentleinen sich der Kutsche Mr. EffinghamS bedienten. Es wurde sofort die Weisung ertheilt, nach Spring-Strcet zu fahren, und die ganze Gesellschaft machte sich auf den Weg. Die Bekanntschaft zwischen den EffinghamS und MrS. JarviS rührte von dem Umstande her, daß ihre Landsitze sich sehr nahe lagen und sie sich dcßhalb in gesellschaftlicher Beziehung auf einander angewiesen sahen; indeß kamen sie in der Stadt, wenn man etwa einen gelegentlichen Morgenbcsuch oder ein von Mr. Essingham gegebenes Familien-Diner ausnahm, so selten gegenseitig in Berührung, als ob sie in zwei verschiedenen Welllheilen gewohnt hätten. So hatten die Beziehungen gestanden, ehe die Familie Essingham auf Reisen ging, und es gewann jetzt den Anschein, als sollte eS bei dem allen ruhigen und freundlichen Verkehr sei» Verbleiben habe». In vielem Betracht hätte sich nicht leicht ein ungleicheres Paar zusammensinden können, als Mr. JarviS und seine Gattin. Elfterer war ein einfacher, unermüdlich thätiger, verständiger Geschäftsmann, während das Bestrebe» der Letzteren unabläßig dahin ging, in der Modewelt Figur zu machen. Mr. JarviS sah vollkommen ei», wie sehr Mr. Essingham an Erziehung, Gewohnheiten und Denkweise von ihm verschieden war, ohne sich übrigens mit Zergliederung der Ursachen zu bemühe»; er fügte sich daher ruhig in den Gang der Dinge, ohne seinen Landnachbar zu beneiden oder eine unfreundliche Gesinnung gegen ihn zu hegen, vbschon er sich von jeder ungebührlichen Unterordnung oder unmännlichen Kriecherei fern hielt. Seine Gattin dagegen sprach oft genug ihr Erstaunen aus, daß sich irgend Jemand in New York anmaßen könne, besser sehn zu wollen als sie, und eine derartige Bemerkung gab am Morgen desselben TageS, an welchem sie die Gesellschaft gab, in die wir den Leser jetzt einzuführen gedenken, Anlaß zu nachstehendem kurzem Zwiegespräch. 53 „Wie kannst du wissen, meine Liebe, daß sich irgend Jemand besser dünkt, als wir?" fragte der Gatte. „Warum besuchen uns nicht Alle?" „Warum besuchst du selbst nicht Jedermann? ES würde eine saubere Haushaltung abgebcn, wenn Du nur diejenigen besuchen wolltest, die mit uns in der gleichen Straße wohnen." „Wie, Du wirst mir doch nicht znmuthen wollen, daß ich alle die Gewürzkrämerfrauen an den Ecken und den ganzen Troß in der Nachbarschaft besuchen soll? Ich meine damit bloS, daß alle Leute von einem gewissen Schlag diejenigen, welche in derselben Stadt zu der gleichen Klasse gehören, besuchen sollten." „Du solltest wenigstens in Betreff der Zahl Ausnahmen machen. Erst heule sah ich die Nummer 3650 ans einem Karren, und wenn die Weiber aller dieser Karrenfuhrleute einander besuchen wollten, so müßten sie täglich ihre zehn Visiten machen, um in zwölf Monaten die ganze Liste zu durchlaufen." „Ich bin nie so glücklich, mich in derartigen Dingen Dir begreiflich machen zu können." „Ich fürchte, mein Schatz, daß der Grund einfach darin liegt, weil Du Dich selber nicht recht begreifst. Anfangs sagtest Du, Jedermann solle Jedermann besuchen, und dann erklärtest Du, Niemand besuchen zu wollen, den Du nicht für gut genug hältst, von MrS. Jarcd Jarvis besucht zu werden." „Ich bin einfach der Ansicht, daß Niemand in New-Vork das Recht hat, sich für besser zu halten, als wir sind." „Besser? — In welchem Sinne besser?" „In dem Sinne, daß sie sich für zu gut halten, uns zu besuchen." „Dies mag Deine Ansicht sey», meine Liebe; aber Andere urtheilen vielleicht anders. Du hältst augenscheinlich Dich selbst für zu gut, MrS. Union, die Würzkrämerin, zu besuchen, obschon sie in ihrer Art eine ganz treffliche Frau ist; und wie können wir wisse», ob nicht gewisse Leut- sich vorstellcn, wir sehen nicht gebildet genug für sie? Die Bildung ist nicht eine bloße Vorstcllung, Frau, und hat mehr Einfluß auf die Annehmlichkeiten des Lebens, als Geld. Es fehlt uns vielleicht an hundert empfehlenden kleinen Eigenschaften, die unserer Unwissenheit entgehen, aber denen, welche an dergleichen Dinge gewöhnt sind, als wesentlich erscheinen." „Nach nie iss mir ein Mann von so wenig gesellschaftlichem Sinne vorgekommen, als Du. In der That, Du paßst durchaus nicht dazu, Bürger eines republikanischen Landes zu sehn." „Eines republikanischen Landes? Ich sehe wahrhaftig nicht ein, was die Republik mit der Frage zu schaffen hat. Erstlich ist es zum mindesten lächerlich, daß D» das Wort in diesem Sinne brauchst, denn wie Du es ausfassest, bist Du eine so antirepublikanische Frau, wie ich nur je eine kennen gelernt habe. Aber die Republik begreift nicht nothwendig eine Gleichheit der Stellung, oder auch nur eine Gleichheit der Rechte in sich, sondern setzt nur LaS Recht des Gemeinwesens an die Stelle der Fürstcnrechte. Hättest Du von Demokratie gesprochen, so haltest Du wenigstens einige Befugniß, Dich dieses Wortes zu bedienen, obschon auch so die Anwendung unlogisch wäre. Als freier Mann und Demokrat hoffe ich auch so viel Rechtssinn zu besitzen, daß ich Andere» gestatte, eben so frei und demokratisch zu sepn, als ich selbst bin." „Und wer will denn etwas Anderes? Ich verlange nur, in diesen Vereinigten Staaten von Amerika für jeden Landesangehörigen als paffende Gesellschaft betrachtet zu werden." „Ich würde in der nächsten Woche diesen Vereinigten Staaten von Amerika de» Rücken zukehren, wenn ich glaubte, daß ein so unerträglicher Zustand der Dinge »öthig wäre." „Mr. JarviS! — und noch obendrein Du, der zu dem Co- mittöe von Tammnnp Hall gehörst!" „Ja, MrS. JarviS, — ich, der ich zu dem Comittee von 55 Tammanp Hall gehöre! Wie, meinst Du, ich könnte es ertragen, wenn mir die 3650 Karrenfuhrleute mit ihrem Tabackspeichel und ihren Pfeife» den ganzen Tag im Hause ein- und ausliesen." „Wer denkt an die Karrcnfuhrleute und Gewürzkrämer? Ich spreche jetzt nur von gentilem Volk." „Mit anderen Worten, meine Liebe, Du denkst nur an Diejenigen, von welchen Du glaubst, ste hätten einen Vortheil vor Dir, und läßt Diejenigen, welche mit Dir gleicher Ansicht sind, ganz außer Acht. Dies ist nicht meine Demokratie und Freiheit, denn ich glaube, daß zu einem Vertrag zwei Leute gehören; und wenn ich mirS auch gefallen lasse, bei A. ein Mittagsmahl einzunehmen, so ist die Sache zu Ende, im Falle es A. nicht für genehm hält, bei mir zu speisen." „Eben jetzt bist Du auf dem rechte» Punkte. Ehe Mr. Ef- fingham auf Reisen ging, hast Du oft bei ihm gespeist, und doch wolltest Du mir nie erlauben, Mr. Essingham zu uns einzuladen. Dies ist eine Gemeinheit." „Du hättest allerdings Recht, wenn es aus dem Grunde der Geldersparniß geschähe. Ich speiste bei Essingham, weil mir der Mann als alter Nachbar lieb ist, weil er mich einlud und weil mir die ruhige Eleganz seiner Tafel und seiner Gesellschaft gefiel; ihn aber zu mir einzuladen, habe ich unterlassen, weil ich überzeugt war, eine derartige stillschweigende Anerkennung seiner Ueberle- genheit in diesem Betracht, scp ihm angenehmer, als alle lärmenden und ungeschickten Bemühungen, ihn i» natura zu bezahlen. Edward Essingham kann genug Diners aufwcnden, ohne mit seinen Gästen über Soll und Haben Buch zn führen, denn dies wäre sogar für mich zu New-Vorkisch." „Lärmend und ungeschickt!" wiederholte Mr. JarviS mit Bitterkeit. „Ich wüßte nicht, daß Du überhaupt lärmender wärest, als Mr. Essingham selbst." 56 „Nein, mein Kind, ich bin, Goit sei Dank, ein ruhiger, anspruchsloser Mann, wie die große Mehrzahl meiner Landsleute." „Aber warum sprichst Du von derartigen Unterschieden, während doch das LandcSgcsetz nichts dergleichen aufstellt?" „Genau aus demselben Grunde, aus welchem ich von dem Fluße unten an dieser Straße spreche — weil er nämlich da ist. ES kann etwas vorhanden sehn, ohne daß es ein Gesetz dafür gibt. Die Erbauung dieses Hauses z. B. ist nicht gesetzlich geboten worden, und doch steht es hier. Wo ist ein Gesetz, welches Doctor Versa zu einem besseren Prediger machte, als Mr. Prolir? Und doch sind seine Vorträge weit gehaltvoller. Eben so wenig ist ein Gesetz vorhanden, welches Mr. Esfingham zu einem feineren Gentleman macht, als ich bi», und doch fällt mir entfernt die Thorhcit nicht ein, die Thatsache in Abrede zu ziehen. Was dagegen die Buchführung betrifft, so stehe ich Dir dafür, daß ich weder vor ihm noch vor seinem Vetter John Esfingham die Segel streiche." „Ach, wie gar geistlos und anlircpublikanisch," rief MrS. Jarvis, indem sie aufstand, um.das Zimmer zu verlassen. „Aber dies sage ich Dir: wenn die EffinghamS diesen Abend nicht kommen, so werde ich diesen ganzen Winter ihr Haus nicht wieder betreten. Jedenfalls haben sie kein Recht, sich für besser zu halten, als wir sind, nnd ich habe keine Lust, ihre unverschämten Ansprüche gelten zu lassen." „Ehe Du gehst, Jane, noch ein Wort," cntgegnete ihr Gatte, sich nach seinem Hut umsehend. „Wenn Du die Welt glauben machen willst, Du stehest Niemand nach, so sprich nicht immer davon, damit man nicht sehe, wie Du selber Zweifel i» diese Thatsache setzest. Was wirklich ist, muß zuverlässig dafür anerkannt werden, und Diejenigen, welche die höchsten Ansprüche haben, sind am wenigsten geneigt, sic stets der Aufmerksamkeit der Welt vorzurücken. Allerdings können Verstöße gegen die gesellschaftlichen Rechte stattfinden, die in Folge gemeinsamer Ncbcreinstimmung an- 57 erkannt sind, und dann ist es Paffend, sie zu ahnden; aber hüte Dich, das Bewußtscp» der eigenen Unterordnung dadurch zu ver- rathen, daß Du Jedermann wissen läßt, wie eifersüchtig Du auf Deine Stellung bist. Jetzt gieb mir einen Kuß; hier ist Geld zu Bezahlung Deines Aufwands für heute Abend, und laß mich sehen, daß Du MrS. Jeweit von Albion Place mit eben so viel Freude aufnimmst, als Du MrS. Hawker selbst empfangen würdest." „MrS. Hawker!" rief die Frau mit Nasenrümpfen. „Ich würde nicht über die Straße gehen, um MrS. Hawker und ihre ganze Sippschaft cinzuladen." Dies war allerdings sehr wahr, sintemal sich MrS. JarviS vollkommen überzeugt fühlen konnte, daß die Mühe vergeblich sepn -würde; denn die fragliche Dame stand in New-Dork so nahezu an der Spitze der vornehmen Welt, als es in einer Stadt nur möglich war, die im moralischen Sinne eben so gut einem Lager, als im eigentliche» einer lange bestehenden Hauptstadt gleicht. Ungeachtet der vielen Mühe, die sich MrS. JarviS gegeben hatte, für ihre Gesellschaft Personen, die sie sehen lassen konnte, zu- sammenzubrinqen, stellte doch die einfache Eleganz der beiden Wagen, welche die EffinghamS mit ihrer Begleitung heranführten, alle übrigen Equipagen in Schatten. Die Ankunft derselben wurde ln der That für so wichtig gehalten, daß man sogleich der Dame des Hauses, die noch immer im inner» BezuchSzimmer auf ihrem Posten stand, Meldung von dem Eintreffen einer Gesellschaft machte, die mit keiner von denen, welche bisher in ihren Gemächern erschienen waren, verglichen werden konnte. Allerdings geschah dies nicht in eben diese» Worten; aber man konnte doch so viel aus der athem- losen Hast und aus der wichtigen Miene von MrS. JarviS' Schwester entnehmen, welche die Neuigkeit eben von einem Dienstboten erfahren hatte und sie nun in praprla persona der Hausfrau mittheilte. Die einfache, zweckmäßige, anmuthige und fast unerläßliche Sitte, die Namen an der Thüre anzu,neiden — unerläßlich nämlich 58 für Diejenigen, welche viel Gesellschaft empfangen und daher oft Gefahr laufen, mit Leuten zusamurcnzutreffen, die ihnen wohl dem Namen, nicht aber der Person nach bekannt sind — ist in Amerika nur wenig üblich, und wenn MrS. JarviS auch gewußt hätte, daß ein derartiger Brauch anderswo herrsche, würde sie doch vor einer solchen Neuerung zurückgeschaudert haben; so aber befand sie sich hinsichtlich dieses Punktes, wie in Betreff so vieler anderen, die weit wesentlicher waren für den heiß ersehnten gesellige» eolat, auf den sie abzielte, in glücklicher Unwissenheit, Als daher Mademoiselle Bief- ville ohne männliche Begleitung zuerst eintrat, während Eva und Grace mit den Gentlcmen von ihrer Gesellschaft »achfolgten, glaubte sie anfangs, es walte hier ein Mißverständniß ob und die Gäste sehen in das Unrechte Haus gekommen, da wirklich in der Nachbarschaft eine OppvsitionS-Soiree abgehalten wurde. „Welch' freche Personen!" flüsterte MrS. Abijah Groß, die, weil sie vor zwei Jahren aus einem Dorf im Innern von Neu-England nach New-Dork gezogen war, sich einbildete, daß sie in alle Feinheiten der Mode und des geselligen Takts eingeweiht sch. „Da sind in der That zwei junge Frauenzimmer, die ohne Gentlemen umhergehcn." Doch es lag nicht in der Macht von MrS. Abijah Groß, durch ihr hörbares Geflüster und ihr hämisches Gelächter zwei so liebenswürdige Wesen wie Eva und ihre Muhme war, in den Schatten zu drängen. Die einfache Eleganz im Anzuge der Ersteren, ihr feiner Anstand, der sich nicht beschreiben läßt, wie auch die überraschende Schönheit und die Bescheidenheit in der Miene der beiden Mädchen brachten nach diesem einzelnen Ausbruch der Gemeinheit jeden Tadel wirksam zum Schweigen. MrS. JarviS erkannte Eva und John Efflngham augenblicklich, und ihre hastigen Complimente sowohl als ihr augenscheinliches Entzücken verkündigten Alten in der Nähe, welchen Werth sie auf diesen Besuch legte. Mademoiselle Viefville erkannte sie anfangs nicht in ihrem dermaligen An- 59 zuge; dann aber erschöpfte sic sich auch gegen die Französin in Aeußerungen der Freude. „Ich wünsche zuvörderst Euch einen Freund vvrzustellen, den wir Alle in hohem Grade schätzen." begann Eva, sobald sich ihr eine Gelegenheit zum Sprechen bot. „Dies ist Kapitän Truck, der Commandeur des Montauk, von dem Ihr schon so viel gehört habt. Ah! Mr. JarviS," sie bot ihm mit aufrichtiger Herzlichkeit die Hand, denn Eva hatte ihn von Kindheit an gekannt und stets geachtet. „Ich bin überzeugt, Ihr werdet jedenfalls meinen Freund herzlich willkommen heißen." Eva setzte sodann gegen Mr. JarviS auseinander, wer der ehrliche Kapitän war, und sobald der Wirlh den übrigen Gästen die gebührende Achtung bezeugt hatte, führte er de» alten Seemann bei Seite, um sich mit ihm über seine letzte Fahrt zu unterhalten. John Efsingham stellte den Barvnet vor, den MrS. JarviS aus dem einfachen Grunde, weil sie den Naug,-den er in seinem eigenen Lande eiiinahm, nicht kannte, voll Anstand und Selbstgefühl bewillkommnete. „Wir haben, glaube ich, gegenwärtig sehr wenige Leute von Auszeichnung in der Stadt," begann MrS. JarviS gegen John Efsingham. „Ein berühmter Reisender, ein höchst interessanter Mann, ist die einzige derartige Person, die ich für diesen Abend auftreiben konnte, uno ich schätze mir'S zu großem Vergnügen, ihn Euch vorzustellcn. Er ist dort in jenem Gedränge, denn Alles schaart sich um den Man», der so viel gesehen hat. MrS. Snow, mit Eurer Erlaubniß — in der That, die Damen sind so begierig auf ihn, als ob er ein Pawnee wäre — habt die Güte, ein wenig hi. her zu treten. Mr. Efsingham —- Miß Efsingham. MrS. Snow, nehmt ihn ein wenig beim Arme und laßt ihm wissen, daß ich ihm ein paar Freunde vorzustellen wünsche. Mr. Dodge — Mr. John Efsingham, Miß Efsingham, Miß van Courtlandt. Ich hoffe, es wird Euch gelingen, ihn ein wenig für Euch abzu- 6N kriegen, meine Damen, denn er kan» Euch von Europa gar Alle« erzählen — sah den König von Frankreich nach Nnlly reiten und hat eine merkwürdige Kenntniß von den Dingen ans der andern Seite de« Wasser«." Eva mußte ihre ganze gewohnte Fassung aufbicten, um ein Lächeln zu unterdrücken; indeß besaß sie Takt und Rücksicht genug, um Steadfast wie einen ganz Fremden zu begrüßen. John Efsingham verbeugte sich so stolz, als ein Mann sich nur verbeugen kann, und dann flüsterte man sich z», daß er und Mr. Dodgc in Betreff de« Reiserufs Nebenbuhler sehen. Die Abgemeffenheit des Erflcren in Bereinigung mit einem Gesichtsausdruck, der nicht eben zur Vertraulichkeit einlud, trieb fast die ganze Gesellschaft auf Steadfast« Seite hinüber, der, wie man bald entdeckte, weit mehr von der Welt gesehen hatte, sich besser auf die Gesellschaft verstand und noch obendrein bis Timbuctoo in Afrika gekommen war. Mr. Dodgc« Clientel nahm reißend zu, als sich diese Gerüchte in den Gemächern verbreiteten, und Diejenigen, welche die „entzückenden Briefe," im „Free Jnquirer" nicht gelesen, beneidelen glühend Diejenige», welche sich dieses hohen Vorzugs erfreut hatten. „Es ist Mr. Dodge, der große Reisende," sagte eine in ihrer Art zu den Blauen gehörige junge Dame, die sich eben ans dem Gedränge, welches den „Löwen" nmschaarte, gewunden und ihren Posten neben Eva und Grace genommen hatte. „Seine schöne» und genauen Schilderungen haben in England große Aufmerksamkeit erregt und sollen bereits nachgedruckt worden sehn." „Habt Ihr sie gelesen, Miß Brackett?" „Die Briese nicht gerade, aber die Bemerkungen darüber in der letzten Nummer des Wochenblatts. Dem daselbst ausgesprochenen Nrtheile zufolge müssen cs ganz entzückende Bliese sehn — voll Natur und Schärfe, namentlich aber von seltener Treue in Betreff der Thatsachen. In dieser Hinsicht sind sie unschätzbar, denn Reisende verfallen so oft in die außerordentlichste» Jrrlhümer." 61 „Ich hoffe, Fräulein," bemerkte John Eifingham mit Ernst, daß der Gentleman den Hauptmißgriff vermieden hat, sich über Dinge auSzulaffcn, die wirklich bestehen. In der Regel hält man Bemerkungen über die Thatsachen des eigene» Landes für unverschämt und ungerecht; der beste Weg also, sich geneigte Leser zu gewinnen, besteht darin, daß man sich so unverhohlen als möglich über eingebildete Eigenthümlichkeiten ausspricht." Miß Brackett wußte auf diese Bemerkung nichts zn antworten, denn das Wochenblatt hatte cs neben seiner sonstigen Gründlichkeit nie für paffend gehalten, einen derartigen Gegenstand zu berühren; sie fuhr jedoch fort, die „Briefe," von denen sie nicht eine» gelesen hatte oder überhaupt lesen wollte, zu Preisen — denn es war der jungen Dame gelungen, sich in ihrer eigenen Coterie dadurch einen hohen Ruf des Geschmacks und der Belesenheit zu verschaffen, daß sie die kritischen Bemerkungen derjenigen flüchtig durchging, welche die Werke, die sie zu zergliedern Vorgaben, gewöhnlich nur flüchtig überblickt hatte». Eva hatte sich nie zuvor in so inniger Berührung mit so viel flunkernder Unwissenheit gesehen und konnte sich nicht genug wundern, daß man ihren Vetter einem Menschen wie Mr. iöodge gegenüber, übersehen mochte; aber John Esfingham kümmerte sich nicht darum, sondern zog sich ein wenig aus dem Gedränge zurück, um sich mit dem jungen Baronet in einem kurzen Gespräche zu ergehen. „Ich möchte wohl Eure wahre Ansicht über dieses Treiben hören," sagte er. „Ihr braucht übrigens nicht zu fürchten, daß ich mich der kindischen Empfindlichkeit schuldig mache, mit der man so gewöhnlich ln allen Provinzial-Zirkeln das Urlheil der Fremden aufnimmt, da ich Euch im Gegcnthcil in Bildung eines richtigen NrthcilS über den wahren Zustand des Landes Beistand leisten möchte." „Ich kenne die Beziehung zwischen Euch und unserer Wirthin, wcßhalb ich kein Bedenken trage, mich unverhohlen auszusprechen. Die Frauen erscheinen mir ungemein zart und hübsch — auch gut 62 gekleidet, kann ich beifüge»; aber obschon Alles hier das Gepräge des Anstandes trägt, finde ich doch sehr wenig feine Bildung — und dennoch ist es merkwürdig, daß man kaum auf irgend eine unverhohlene Gemeinheit oder Rohheit trifft." „Ein Daniel kommt zu richten! Hätte Einer sein ganzes Leben hier «erbracht, so würde er der Wahrheit nicht so nahe gekommen seyn, aus dem einfachen Grnnde, weil ihm Eigcnthüm- lichkeiten hätten entgehen müssen, für deren Entdeckung der Maßstab der Vergleichung nöthig ist. Ihr seyd übrigens ein wenig allzu nachsichtig, wenn Ihr sagt, daß man auf keine unverhohlene Gemeinheit treffe, denn diese ist zuverläßig zu finden, obschvn für die Umstände in überraschend geringem Grade. Dagegen trifft man hier kaum etwas von der Rohheit an, die sich sonst allenthalben so breit macht. Nun ja, die amerikanische Gleichheit in allen Dingen ist so groß, und die Vorliebe für eine derartige achtbare Mittelmäßigkeit so bestimmt, daß Ihr das, was Ihr heute Abend hier seht, fast in jedem Dorfe des Landes finden könnt, etwa mit einigen unwesentlichen Ausnahmen, welche das Möbclwerk und den andern Zugehör einer Stadt betreffen." „Für Mittelmäßigkeit geht cs allerdings hier achtbar genug zu, obgleich ein strenger Geschmack eine Menge von Fehlern entdecken dürfte." „Man bedarf hiezu nicht einmal eines strenge» Geschmacks; denn obschon hier viel ist, was nur ein verwöhnter Sinn vermissen würde, so fehlt es doch in der That an Mancherlei, was die An- muth und die wahre Schönheit einer Gesellschaft zu erhöhen im Stande wäre. Die jungen Männer z. B. die dort in der Ecke über irgend einen schlechten Witz kichern, sind entschieden gemein, und ein Gleiches müssen wir jenem Mädchen nachsagen, das sich in praktischer Koketterie übt. Im Ganzen aber gehen diese Einzelnzüge unter, und sogar unsere Wirthin, obschon die thörichte Frau sich in dem Verlangen fast verzehrt, eine Rolle zu spielen, die 63 weder für ihre gesellige Sicklung und ihre Erziehung, noch für ihre Gewohnheiten und ihre Denkweise paßt, benimmt sich weit weniger zudringlich und geräuschvoll, als dies wohl überall anders bei einer Person ähnlichen Schlages der Fall seyn würde." „Ich bin ganz Eurer Ansicht und hatte mir bereits vorgenommen, Euch deshalb um eine Erklärung anzugehen." „Die Amerikaner sehen sich genölhigt, eS andern Völkern uachzuthun, und paffen vorzugsweise für diese Art der Nachahmung. Auch sind sic in ihrem ganzen Treiben viel natürlicher, als ältere, gekünsteltere Nationen, und unsere gegenwärtige Gesellschaft besitzt so zu sage» aus Nothwcndigkeit jenen wesentlichen Theil der Bildung — Einfachheit. Steigt man auf der socialen Leiter nur um eine Stufe höher hinauf, so sieht man wenig davon, denn größere Dreistigkeit und schlechte Vorbilder führe» stets in Dingen, die, wen» sie überhaupt geschehen sollen, gut ausgeführt werden müssen, zu Mißgriffen. Die hier herrschenden Gebrechen würde» augenfälliger seyn, wenn wir uns der Gesellschaft so weit näherten, um die Geistesrichtung, die Nedeform und die Versuche, durch Witz zu glänzen, kennen zu lernen." „So weit wird es diesen Abend nicht kommen, denn ich sehe, daß die Damen bereits ihre Entschuldigungen Vorbringen und sich zum Abschied anschicken. Wir müffen diese Studien auf eine andere Zeit verschieben." „Meinetwegen auf den Nimmermehrstag, da eS kaum der Mühe Werth ist, sie wieder aufzunehmen." Die Gentlemen nähertc» sich nun Mrs. JarviS, machten ihre AbschiedScomplimente und suchten Kapitän Truck auf, den sie mit Gewalt der gutgemeinten Gastfreundlichkeit des Hausherrn entreißen mußten; dann geleitete» sie die Damen nach ihren Wagen. Im Absahren belheuerte der würdige Seemann, Mr. JarviS sei einer der ehrlichsten Bursche, die er je getroffen, und fügte die 64 Erklärung bei, daß er ihm zu Ehren am nächste» Tag ein Diner an Bord des Montauk geben wolle, MrS. HawkerS Wohnung lag in Hudsons Sguare oder in einem Stadttheile, welchen die Freunde des Großartigen gern St. JohnS-Park nennen, denn es ist eine belustigende Eigenthümlichkeit eines gewissen TheilS der Auswanderer, welche in den letzten 30 Jahren schaarenweise nach dem Staat Ncw-Vork kamen, daß sie sich nicht begnügen, einer Familie oder einer Sache den ursprünglichen Namen zu lassen, sobald sich nur die geringste Gelegenheit bietet, ihn zu ändern. Es standen nur ein paar Equipagen Vor der Thüre, obscho» die starke Beleuchtung und der Anschein der Dinge im Hause zeigte, daß die Gesellschaft bereits versammelt war. „MrS. Hawker ist die Wittwe und die Tochter von Männern aus alten New-Vorker Familien," sagte John Gffingham, als sein Wagen aus Spring-Street gegen Hudson-Square hinsuhr. „Sie ist kinderlos, reich und sieht unter ihren Bekannten um ihrer feinen Bildung, ihres Geistes und ihres wohlwollenden Herzens willen in allgemeiner Achtung. Geht Ihr jedoch in die meisten Kreise dieser Stadt und erwähnt Ihr daselbst den Namen dieser Frau, so wird unter zehn Personen nicht eine wissen, daß es ein derartiges Geschöpf in ihrer Nachbarschaft gebe, da die gemischte Wanderbevölkerung auf Leute von ihrem Charakter und ihrer Lebensstellung nicht achtet. Dieselben Personen, welche stundenlang von dem Haushalt einer MrS. Peley Pond, einer MrS. Jonah Twist und einer MrS. Abiram WattleS zu plaudern wissen — obschon dies Leute sind, die sich erst seit fünf oder sechs Jahren auf dieser Insel befinden und, nachdem sie ein für sie beziehungsweise großes Vermögen zusammen gerafft haben, durch gemeinen Prunk Aufsehen zu machen bemüht sind — werden überrascht aufsehen, wenn sie von einer MrS. Hawker hören, daß sie Ansprüche aus gesellige Auszeichnung zu machen habe. Die geschichtlichen Namen aus der Familie dieser Frau treten bei solchem Volke vor den Kirchspiel- 63 Herrlichkeiten gewisser Local-Wunderthiere in den Stadtbezirken, r>on denen sie ei,»gewandert sind, in den Schatten; ihr Benehmen würde die Fassungskraft von Leuten, deren Nachahmungssucht nicht über die Oberfläche hinausgekommen ist, in nicht geringe Verlegenheit bringen, und ihr gebildeter, einfacher Geist könnte nur wenig Anklang finden unter einer Klasse, die sich selten über die Gemeinplätze der Altagswelt erhebt, ohne aus Stelzen zu gerathcn." „Mrs. Hawker ist also eine Lady," bemerkte Sir George Templemore gelassen. „Und zwar eine Lady in jedem Sinne des Worts — was Stellung, Erziehung, Benehmen, Geist, Vermögen und Herkunft betrifft. Ich weiß nicht, ob wir von ihrer Klaffe je eine größere Anzahl hatten, als jetzt; so viel aber ist gewiß, daß sie vordem «ine bedeutendere Rolle in der Gesellschaft spielten." „So gehört MrS. Hawker wohl der sogenannten alten Schule an, Sir?" bemerkte Kapitän Truck. „Einer sehr alten Schule, die auch wahrscheinlich Bestand haben wird, obscho» sie vielleicht keine sonderlich allgemeine Beachtung findet, da sie ihre Grundlage in den Gesetzen der Natur hat." „Ich fürchte, Mr. John Effingham, daß mirS in einem solchen Hause seyn wird, wie dem Fisch außerhalb des WafferS. Mit Eurer MrS. Jarvis und mit der lieben jungen Dame in dem andern Wagen habe ich recht gut fortkommen können, aber ein Jrauenschlag, wie Ihr ihn eben geschildert habt, dürfte Wohl im Stande sein, einen einfachen Seemann, wie ich bin, in die Klemme zu bringen. Was im Namen der Menschheit soll ich thun, wenn sie mich z. B. ausfordert, eine Menuette zu tanzen?" „So tanzt Ihr sie nach den Gesetzen der Menschennatur," «ntgegnete John Effingham; und in demselben Augenblicke machte der Wagen Halt. Eva Effingham. s 66 Ein achtbarer, ruhiger alter Neger ließ die Abendgäste ein, ohne übrigens ihre Namen anzukündigen, als er ihnen die Thüre des Besuchszimmers öffnete, MrS. Hawker erhob sich mit achtungsvoller Aufmerksamkeit, »m Eva und ihren Begleitern cntgegenzu- gehen. Nachdem sie die beiden Mädchen mit Wärme geküßt hatte, wandte sie sich mit einfacher Höflichkeit an Mademoiselle Biesville, so daß diese die lleberzeugung gewinnen mußte, sie finde um ihrer Dienstleistungen willen die gebührende Werthschätzung. John Es- fingham der 10 oder 15 Jahre jünger war, als die alte Dame, küßte ihr verbindlich die Hand und stellte sodann seine beide» männliche» Begleiter vor. Sic erwies zuvörderst dem vornehmeren Fremde» die gebührende Aufmerksamkeit, worauf sie sich mit den Worten an Kapitän Truck wendete: „Dies ist also der Gentleman, dessen Geschicklichkeit und Muth ihr Alle — ja, ich darf wohl sagen wir Alle so viel verdanken — der Commandeur des Montauk?" „Ich habe die Ehre, dieses Schiff zu befehlige», Ma'am," entgegncte Kapitän Truck, durch die würdevolle Einfachheit der Dame des Hauses nicht wenig eingeschüchtert, obschon er den vorgängigen Schilderungen zufolge hier zuletzt das ruhige, natürliche und doch so sein gebildete Wesen erwartet hätte, das sich sogar bis auf die Wortbetvnuug und auf die kleinste Bewegung der Sprecherin erstreckte; „und mit Passagieren, wie die auf der letzten Reise, kann ich nur sagen, es s>h Schade, daß das Fahrzeug nicht unter einer besseren Obhut stand." „Eure Passagiere sprechen ganz anders von der Sache. Um übrigens unparteiisch urlheilen zu können, muß ich Euch um den Gefallen bitten, auf diesem Stuhle Platz zu nehmen und mich Einiges von den Einzelnheiten aus Eurem eigenen Munde vernehmen zu lassen." Sobald MrS. Hawker bemerkte, daß Sir George Eva nach der andern Seite des Gemachs gefolgt war, nahm sie ihren Sitz ein und weihte, ohne ihre Gäste im Allgemeinen zu vernachläßigen, ihre Aufmerksamkeit dem Kapitän, obschon dies in einer Weise geschah, daß er sich durchaus nicht beengt fühlte. Schon nach wenigen Minuten war es ihr gelungen, Mr. Truck so weit zu bringen, daß er die Menuette ganz vergaß und sich weit behaglicher fühlte, als es wohl in einem monatlichen Verkehr mit MrS. JarviS möglich gewesen wäre. Mittlerweile war Eva durch bas Gemach gegangen, um sich einer Dame anzuschließe», deren Lächeln sie einlnd, an ihrer Seite Platz zu nehmen. Diese war eine schlanke junge Frau von angenehme» GesichtSzügen, obschon nicht von so hohen persönlichen Reizen, um an einem derartigen Platze besonders aufzufallen. Ihr Lächeln war jedoch angenchm, ihr Auge sanft und der Ausdruck ihres Antlitzes leuchtend. Da Sir George Tcmplemore Eva gefolgt war, so stellte sie ihn ihrer Bekannten vor, die sie als MrS. Bloomfield anredete. „Ihr habt im Sinne, euch heute Abend noch weiter zu Vergnügen?" sagte Letztere mit Hindeutnng auf den Ballanzng der beiden Mnhmen. „Scyd ihr in den Farbe» der HouStoner oder in denen der Erbsler?" „Gewiß nicht in Erbsengrün," entgegnete Eoa lachend, „wie Zhr sehen könnt, sondern einfach weiß." „Ihr beabsichtigt also, euch bei MrS. Houston zum Tanze führen zu lassen. Jedenfalls ist eS dort passender, als bei der andern Faktion." „So ist also die Modewelt in New>Vork partcigängerisch?" fragte Sir George. „Parteizänkerisch würde vielleicht das bessere Wort sehn. Wir Amerikaner habe» übrigens fast in Allem Parteien — in der Politik, in der Religion, in der Mäßigkeit, in den Spekulationen, im Geschmack, warum nicht auch in der Mode?" 63 „Ich fürchte, wir sind nicht unabhängig genug, um in einer derartigen Sache Parteien zu bilden," versetzte Eva. „Sehr wohl gesprochen, Miß Effingham; man muß ein wenig originell denken, gleichviel wie falsch cs seyn mag, um eine Mode aufzubringen. Ich fürchte, wir werden in diesem Punkte unsere Nnbedeutsamkeit zugesiehen müssen. Ihr seyd erst kürzlich hier angelangt, Sir George Templcmore?" „Zu Anfang dieses Monats. Ich habe die Ehre gehabt, ein Reisegefährte von Mr. Efsingham und seiner Familie zu seyn." „Und auf dieser Reise habt ihr Schiffbruch, Gefangenschaft und Hunger auSgcstanden, wenn nur die Hälfte von dem, was man hört, wahr ist!" „Das Gerücht hat unsere Erlebnisse mit etwas allzu grellen Farben gemalt. Wir haben allerdings einige ernstliche Gefahren durchgemacht, indcß ist von Leiden, wie Ihr sie erwähnt, nicht die Rede." „Als verheirathete Frau und auf der Scheidelinie angelangt, von welcher an die Täuschung nicht mehr versucht wird, erwarte ich nicht, jetzt noch die Wahrheit zu Horen," sagte Mr. Bloomsield lächelnd. „Jndeß hoffe ich, Ihr habt genug erfahren, um inSge- sammt für Helden und Heldinnen gelten zu können, und begnüge mich daher mit dem Bewußtseyn, daß ihr hier seyd, wohlbehalten und glücklich — wenn anders," fügte sie mit einem fragenden Blick auf Eva bei, „Jemand, der im Ausland erzogen wurde, sich in der Heimath glücklich fühlen kann." „Auch wenn man im Ausland erzogen wurde, kann man sich zu Hause glücklich fühlen, vbschon vielleicht nicht in der gewöhnlichen Weise der Welt," entgegnete Eva mit Festigkeit. „Ohne eine Oper — ohne Hof — fast ohne Gesellschaft?" „2ch gestehe, daß eine Oper wünschenswerth wäre; von Höfen weiß ich nichts, da unverheirathete Frauenzimmer in Europa als Nullen betrachtet werde», und was die Gesellschaft betrifft, so hoffe 69 ich, cS wird mir besser ergehen, als daß ich sie ganz entbehren müßte." „Nnverheirathete Frauenzimmer werden auch hier wie Nullen betrachtet, vorausgesetzt, daß derselben genug vorhanden sind, mit einer guten achtbaren Einheit an der Vorderseite. Ich versichere Euch, unter solchen Umständen hat Niemand etwas gegen die Nullen einzuwcnden. Ich denke, Sir George Tcmplemore, eine Stadt wie die unsrige muß Euch etwas seltsam Vorkommen." „Darf ich mir erlauben, nach dem Grund dieser Vermuthung zu fragen?" „BloS weil sie weder das Eine noch das Andere ist — keine Hauptstadt, und doch auch nicht ein bloßer Provinzialplatz. Sic hat etwas mehr, als bloßen Handel in sich, aber auch zugleich jenes unter dem Scheffel verborgene Etwas. Zwar ist sie bedeutend mehr, als Liverpool, aber doch auch viel weniger, als Edinburg, und in anderer Hinsicht wieder schlimmer als Wapping." „Ihr seyd gereist, MrS. Bloomsteld?" „Nein; ich habe keinen Fuß aus meinem Lande — ja, kaum aus meinem eigenen Staate gesetzt. Ich war am Georgcnsec, an den Fällen und an dem Mountain-House, und da man nicht eben in einem Luftballon reist, so sah ich auch Einiges von den dazwischen liegenden Plätzen; in allem klebrigen aber muß ich mich aufs Hörensagen beziehen." „Es ist Schade, daß MrS. Bloomfield diesen Abend nicht mit uns bei MrS. JarviS war," sagte Eva lachend; „denn durch Anhören einiger Gesänge aus Mr. Dodge'S Epos halte sie ihre Kenntnisse sehr erweitern können." „Ich habe schon Einiges von der Weisheit dieses Autors zu Gesicht bekommen," entgegnete MrS. Bloomsteld, „fand aber bald, daß man daraus nur eine Rückwärtsbildung holen kann. Es gibt einen sicheren Maßstab, nach dem man leicht den wahren Werth eines Reisenden ermessen kann — wenigstens im negativen Sinne." „Es wäre wohl von Interesse," erwiedertc der Baronet," diesen Macißstab kennen zu lernen, da man sich dadurch manches unnütze Augenverderben ersparen könnte." „Wenn ein Schriftsteller tiefe Unkenntniß seines eigenen Landes verräth, so ist mit Fug anznnehmen, daß seine Beobachtungen in fremde» nicht sehr genau seyn können. Dir. Dvdge ist einer von diesen Autoren, und ei» einziger seiner Briefe hat meine Neugierde vollkommen zufrieden gestellt. Ich fürchte. Miß Efsingham, was den guten Ton betrifft, so ist letzter Zeit viel untergeordnete Waare mit dem Towerstempel in unsrem Lande eingeführt worden." Eva lachte und versetzte, daß Sir George Templemore besser, als sie befähigt sey, eine derartige Frage zu beantworte». „Man sagt uns nach, wir sehen mehr Thatsachen- als Spe- kulationS-Leute," fuhr Mr. Bloomsseld fort, ohne ans die Verweisung der jungen Dame zu achten, „und jede Münze, die uns geboten wird, gilt bei uns, bis eine andere bessere anlangt. Es ist ein seltsamer, aber wie ich glaube, sehr allgemeiner Jrrthum der Amerikaner, anzunchme», daß sie nur unter dem gegenwärtigen Regime bestehen können, andere aber fehlschlagen müßten, weil ihre Ansichten gleichen Schritt halten mit dem wirkliche» Zustand der Gesellschaft oder ihm gar vorlaufe», während diejenigen, welche viel beobachtet und über derartige Gegenstände am meisten nach- gcdacht haben, sich in der Ueberzengung vereinigen, daß gerade der entgegengesetzte Fall stattsinde." „Dies muß für eine so rein conventionelle Negierung eine verfängliche Lage sehn," versetzte Sir George mit Theilnahme; „auch widerspricht sie zuverlässig ganz und gar dem Stande der Dinge durch ganz Europa." „ES ist so, und doch steckt im Grunde kein groß Geheimniß dahinter. Der Zufall hat uns von den Banden befreit, die euch noch immer fesseln. Wir gleichen einem Wage» auf der Spitze eines Berges, der, sobald er über den Punkt des Widerstandes 71 hinausgeschoben ist, ohne die Beihülfe von Pferden von selbst abwärts rollt. Man kan» ihm mit dem Gespanne folgen und es einschirren, sobald er einmal den Grund unten erreicht hat; aber früher ist eS nicht thunlich, mit ihm Gesellschaft zu halten." „Ihr gebt also zu, daß ein Grund unten vorhanden sey?" „Alles hat seine Grenze — das Gute wie das Schlimme, das Glück wie das Elend, Hoffnung, Furcht, Glaube und Liebe — sogar der Sinn eines Weibes, den ich schon oft für das Unergründlichste in der Natur gehalten habe. So mögen daher endlich auch die Institutionen Amerika'S ihren Boden finden." Sir George horte mit der Theilnahme zu, mit welcher ein Engländer seiner Elaste stets bemüht ist, ein Zugeständniß aufzugreifen , das vermeintlich zu Gunsten seiner politischen Vorurtheile spricht, und fühlte sich ermuthigt, über den Gegenstand weiter fortzufahren. „Ihr glaubt also, die politische Maschine rolle abwärts ihrem Grunde zu?" sagte er, der Antwort mit einer Spannung entgegensehend, über die er in der Ruhe und Zerstreuung seiner eigenen Heimath sich selbst verlacht haben würde. Aber unsere Empfindlichkeit wird durch Berührungen mit der Außenwelt gesteigert, und man weiß, daß der Widerspruch sogar Liebe Wecken kann. MrS. Bloomfield besaß bei ihrer Bildung einen scharfen Verstand, aber auch einige Verschmitztheit, und bemerkte daher mit einem Mal, worauf Sir George abzielte; aber obschon fie die Mißbräuche Wohl erkannte und fühlte, war fie doch, wie es fast allgemein unter den kräftigsten Geistern und den edelsten Gemüthern der Nation der Fall ist, dem leitenden Grundsatz in der gesellschaftlichen Organisation ihres Landes aus tiefster Seele zugethan und deshalb durchaus nicht geneigt, einen Fremden mit falschen Eindrücken über ihre eigentlichen, diesen Punkt betreffenden Gesinnungen von sich zu lassen. 72 „Habt Ihr je Logik studirt, Sir George Templemore?" fragte sie schalkhaft. „Ein wenig, obschon, wie ich fürchte, dieses Studium nicht hinreichte, auf meine Denkweise Einfluß zu üben, oder mich auch nur mit den technischen Ausdrücken vertrant zu machen." „Oh, ich will Euch nicht mit den xeguitur und non.--oguitur, mit der Dialektik und mit all den Geheimnissen der Denklehre zu Leibe gehen, sondern Euch einfach daran erinnern, daß es auch so «in Ding gibt, wie de» Boden eines Subjekts. Wenn ich sage, daß wir mit unseren Institutionen auf den Grund kommen, so ist dies im figürlichen und nicht, wie Ihr Euch irrthümlicherweise vorstellt, im eigentlichen Sinne gemeint. Ich wollte andcuten, daß wir sie nachgerade zu verstehen beginnen, was, wie ich fürchte, bei dem Anfänge des Versuchs nicht ganz der Fall war." „Ihr werdet übrigens, denke ich, einräumcn, daß mit dem Fortschreiten der LaudeScivilisation auch eine wesentliche Veränderung stattfinden muß. Ein Volk kann nicht immer stehen bleiben — es muß entweder vorwärts oder rückwärts gehen." „Aufwärts oder abwärts, wenn Ihr mir erlauben wollt, Euer» Ausdruck zu verbessern. Die Civilisation des Landes ist jedoch in einem Sinne rückschreitend; wer nicht aufwärts geht, verräth Lust, herunter zu kommen." „Ihr sprecht in Näthseln, und ich glaube, Euch leider zu verstehen." „Ich will bloS sagen, daß der Galgen sehr in Abnahme kömmt und daß das Volk — wohlverstanden Io peuglo — Geld anzunehmen beginnt. Diese beiden Umstänoe sind, so weit meine Erinnerung reicht, eine merkliche Umwandlung zum Schlechteren." MrS. Bloomfield'S Wesen ging jetzt von dem leichtherzigen Scherze, der ihre Unterhaltung oft pikant, und hin und wieder sogar brillant machte, zu einem gewissen Ernste und größerer Klarheit über. Das Gespräch wandte sich bald den Strafen zu, 73 und nur wenige Männer hätten diesen Gegenstand mit mehr Verstand, Gerechtigkeit und Nachdruck behandeln können, als diese schmächtige, hinfällig auSsehcnde junge Frau. Ohne die mindeste Pedanterie, mit einer Schönheit der Sprache, wie sie von dem andern Geschlechts selten erreicht wird, und mit ächt weiblicher Zartheit der Unterscheidung und des Gefühls wußte sie einem Stoffe, der, trotz seiner Wichtigkeit, doch viel Abstoßendes hat, Interesse zu verleihen, indem sie durch die feine Bilvung ihres edlen Geistes alle gehässigere» und empörenden Züge verschleierte. Eva hätte ihr den ganzen Abend zuhören können, und jede Sylbe, die von den Lippen ihrer Freundin fiel, rief in ihr eine Art triumphirendc Glut hervor. Sic war stolz darauf, einen einsichtsvollen Fremden sehen lassen zu können, daß auch Amerika Frauen barg, die wohl würdig waren, mit den besten anderer Länder in die Reihe zu treten, und fürchtete immer, daß diejenigen, welche blos in der sogenannten großen Welt gelebt hatten, einen scheinbaren Anlaß finden möchten, diese Thatsache zu bezweifeln. In einem Betracht kam es ihr vor, als übertreffe MrS. Bloomfield alle Frauen, die sie im Auslande so oft bewundert hatte, da die Kenntnisse und der Verstand derselben weder durch die Vorurtheile, die den Parteispaltungen der Gesellschaft «»kleben, noch von ihren Gegenwirkungen gefesselt waren — Umstände, welche nur zu oft das Gefühl und die Aufrichtigkeit derer getrübt hatte, denen sie im Auslande mit Lust zuzuhüren pflegte. Außerdem erhöhte der eigen- thümlich weibliche Ton alles dessen, was MrS. Bloomfield sprach oder dachte, de» Zauber ihrer Unterhaltung und steigerte das Vergnügen des Zuhörens, ohne daß das Ganze an Krast dadurch verloren hätte. „Ist der Kreis, zu welchem MrS. Hawker und ihre Freunde gehören, groß?" fragte Sir George, als er nach der Verabschiedung Eva und Grace de» Mantel umlegen half. „Eine Stadt, 74 die sich nur eines halben Dutzends solcher Häuser rühmen kann, darf sich nicht über Mangel an guter Gesellschaft beklagen." „Ach es gibt nur Eine MrS. Hawker in New-Dork und nicht viele MrS. Bloomfield in der Welt," antwortete Grace. „Wir würden zu viel behaupten, wenn wir sagten, daß wir nur eiu halb Dutzend solcher Häuser besäßen." „Ist Euch nicht der bewunderungswürdig gute Ton in diesem Salon ausgefallen?" fügte Eva in halbem Flüstertöne bei. „ES fehlt vielleicht Einiges von der edlen Ruhe, die man unter dem besseren Theile der alten PrincesscS und DuchesseS sieht — dieser Reliquie einer Schule, die leider im AuSsierben begriffen ist; an ihrer Statt findet man aber eine ansprechende Natürlichkeit mit der erforderlichen Würde und einem Biedersinn, der Jedem Vertrauen in die Aufrichtigkeit seiner Umgebung einsiößt." „Auf mein Wort, ich halte MrS. Hawker für vollkommen geeignet, eine Herzogin zu seyn." „Ihr wollt sagen, eine Iluclwsse," entgegnete Eva lachend; „und doch fehlt cS ihr an dem Nimbus, den wir gerne mit einem solchen Worte verbinden. Man kann MrS. Hawker nicht würdiger bezeichnen, als wenn man sagt, daß sie eine Ladp ist." „Jedenfalls ist sie eine zum Entzücken angenehme Frau," rief John Efsingham; „wenn sie zwanzig Jahre jünger und geneigt wäre, ihre Lage zu verändern, so würde ich in der That Scheu tragen, ihr Haus zu betreten." „Mein theurer Sir," rief der Kapitän, „ich würde sie morgen zu einer MrS. Truck machen, ohne wegen der Jahre zu mäckeln, wenn sie auf derartigen Antrag eingehen möchte. Wahrhaftig, Sir, sie ist keine Frau, sondern eine Heilige in Weiberkleidern. War mir's doch die ganze Zeit, als unterhielte ich mich mit meiner eigenen Mutter; und was Schiffe betrifft, so versteht sie mehr davon, als ich selbst oder sogar jener Mr. PowiS, der doch ein Hauplhahn in seiner Art war." 75 Die ganze kleine Gesellschaft lachte über die Kraft in Kapitän Trucks Bewunderung und vertheilte sich in die beiden Equipagen, um den Weg nach dem letzten Hause anzutreten, das sie für diesen Abend zu besuchen gedachten. Fünftes Kapitel. So kehrt heraus au Jedem sie das Schlechte Und läßt der Wahrheit und der Tugend nie. Was durch Verdienst und schlichten Sinn gewonnen. Biel Lärm »in Nichts. Ä!rS. Houston war, was man in New-Dork eine faShionable Frau nannte. Auch sie stammte aus einer Familie, die sich seit lange eines guten Rufs erfreute, obschon dieser nicht in so frühe Zeit hinauf reichte, wie der von MrS. HawkerS Borfahren. Gleichwohl fanden ihre Ansprüche selbst bei denen, die in derartigen Dingen sehr streng find', Anerkennung, denn es gibt noch immer einige Personen, welche glauben, daß die Abkunft ein unerläßliches Erforderniß der Gentilität scy. Da sie sehr reich war und an Geschmack vielleicht die Meisten ihrer Umgebung übcrtraf, so machte sie ein Haus, das in Betreff deS Tons sogar tn den höchsten Zirkeln sich eines guten Rufs erfreute. Eva kannte die Dame nur wenig, aber in Grace'S Augen mußte Wohl die Gesellschaft, die man dort fand, vorzugsweise einen günstigen Eindruck auf ihre Muhme machen. Daß dies wirklich der Fall sehn möchte, war ihr lebhaftester Wunsch, weshalb sie auch, als man an der Thüre an- fnhr, sich nicht enthalten konnte, Eva auf das, was ihr bevorstand, vorzuberciten. „Obgleich MrS. Houston für New-Vork ein sehr großes Haus macht und in einem entsprechenden Style lebt," begann sie, „so darfst Du doch keine Vorzimmer und lange Gemächerreihen erwarten, Eva, wie Du dies wohl im Ausland zu sehen gewöhnt warst." WM „Man braucht nicht erst in ein Haus cinzutreten, liebe Louise, ui», wenn eS vorn heraus vier oder fünf Fenster hat, zu sehen, daß eS unmöglich zwanzig oder dreißig haben kann. Es wäre sehr unvernünftig, in dieser guten Stadt auf einen italienischen Palast oder auf ein Pariser Hotel zu rechnen." „Wir stnd dafür noch nicht alt genug, Eva. Noch ein hundert Jährchen, Mademoiselle Mcfvillc, und dergleichen Dinge werden sich auch hier vorfindcn." „llion sun. 6'est natunel." „Je nachdem es in der Welt geht, Grace, werden sie vielleicht nach hundert Jahren nirgends mehr eristiren, wenn wir etwa WirthS- häuser, Hospitäler oder Fabriken ausnehmen. Aber was kümmern wir uns um das, was hundert Jahr vor »nS liegt, Mühmchen? So jung wir auch Beide sind, dürfen wir doch nicht hoffen, cs zu erleben." ES wäre Wohl Grace nicht leicht geworden, sich selbst befriedigend den Grund zu erklären, warum sie ein so lebhaftes Verlangen fühlte, daß ihre beiden Begleiterinnen kein Haus erwarten möchten, welches, wie ihnen ihre eigenen Sinne sagten, in der Stadt nirgends zu finden war. Sie scharrte indeß ungeduldig mit den Füßen auf dem Boden des Wagens, denn sie war mit der Erwiederung ihrer Verwandten nicht halb zufrieden. „Ich will nur sagen, Eva," nahm sie nach einer Pause wieder auf, „daß man in einer so neuen Stadt, wie die unsrige ist, nicht die Verbesserungen erwarten kann, die man unter einem gesellschaftlichen Zustand von längerem Bestand findet." „Und sind wir Beide, Mademoiselle Viefville und ich, je so schwach gewesen, zu glauben, daß New-York ein Paris, ein Rom oder ein Wien seh?" Grace wurde noch ärgerlicher, denn unwillkührlich hatte sie gehofft, MrS. Houstons Ball werde keinem in irgend einer dieser alten Hauptstädte nachstehen; eS verdroß sie daher um so mehr, 77 als sie bemerkte, wie ihre Muhme eS für so ganz natürlich nahm, daß sie nichts dergleichen zu erwarten habe. Die Zeit reichte jedoch nicht zu weiteren Erklärungen, da der Wagen eben Halt machte. Der Lärm und daS Getümmel, das Schreien, Fluchen und rohe Poltern vor der Thüre der Ballgeberin sprach wenig zu Gunsten einer in dieser Hinsicht geeigneten Borsorge. Kutscher sind nirgends ein besonders schweigsamer und höflicher Schlag; aber die ungeschlachten europäischen Bauern, die in New-Dork zu der Ehre der Peitschcn- führung befördert worden waren, machten der Wahrheit des Sprichworts von dem „Bettler auf dem Rosse" um so mehr Ehre, da im gegenwärtigen Falle auch noch der dem Handwerk eigenthüm- liche Wettstreit des BorsahrenS mit in Rechnung kam. Die zierlichen Equipagen unserer Gesellschaft übten jedoch auf die meisten dieser rohen Schreier jenen Eindruck, den bekanntlich die Schaustellung von Neichthum in der Regel auf den gemeinen Sinn übt, und die Dame» gelangten, indem sie den Olievaux >Io L'rise von Peitschen ein wenig auSwichen, ohne Gefährde durch eine Gasse von Kutschern. „Man weiß kaum, was schrecklicher ist," sagte Eva unwill- kührlich, sobald sich die Thüre hinter ihnen geschloffen halte — „der Lärm von innen, oder der von außen." Sie äußerte dies hastig und in französischer Sprache gegen Mademoiselle Viefville; aber Grace hörte und verstand eS, und zum erstenmal in ihrem Leben machte sic jetzt die Bemerkung, daß Mrs. Houstons Gesellschaft allerdings nicht aus Nachtigallen bestand. Es war dabei nur zu verwundern, daß die Entdeckung so spät kam. „Ich freue mich, in dieses Haus gekommen zu scpn," sagte Sir George, der, nachdem er den Mantel seinem Diener zugeworfen hatte, mit den beiden andern Gentleincn wartend dastand, bis die Damen aus dem oberen Zimmer zurückkamen, wo sie der schlechten Anordnung des Hauses zufolge ihre Mäntel und ShawlS 78 oblegen mußte», „da eS dem Vernehmen nach das beste in der Stadt ist, in weichem man die schöne Welt sehen kann." „Hören, wäre vielleicht ein passenderer Ausdruck," entgegncte John Efstngham in seiner trockenen Weise. „Was hübsche Frauen betrifft, so kann man in New-Bork kaum irgendwo schl gehen; aber einer von Euren Sinnen wird Euch sagen, daß sie nicht in die Welt gekommen sind, um sich bloS sehen zu lassen." Der Baronet lächelte, besaß aber z» viel feine Bildung, »m sich eine Aeußerung für oder wider zu erlauben. Mademoiselle Biesville trat, sobald sie heruntergekommen war, ohne entfernt an eine Anstandsverletzung zu denken, allein in daS Zimmer, und Eva folgte ihr; Grace aber schmiegte sich an John EffinghamS Seite und nahm dessen Arm, weil sie dies für einen Schritt hielt, der zu Wahrung der Schicklichkeit unerläßlich war. MrS. Houston empsing ihre Käste mit Ruhe und Würde. Sie war eine von den Frauen, welche der Amerikaner „Weltdamen" nennt — d. h. mit andern Morten, sie öffnete während der Win- tersaiso» 10 - oder 12mal ihr HauS einv sehr gemischten Gesellschaft und nahm den größeren Theil der Einladungen an, die sie von anderen Leuten erhielt. Gleichwohl hätte sic als Modedame in den meisten andern Ländern für ein Muster einer treuen Gattin- und Muttersorge gegolten, denn sie stand persönlich ihrer Wirthschast vor und hatte sogar alle ihre Kinder selbst das Vaterunser, den Glauben und die zehn Gebote hersagen gelehrt. Sie besuchte jeden Sonntag zweimal die Kirche und blieb während des NachmittagS- gotteSdiensteS zu Haus, nur damit ihre Dienstboten Gelegenheit hatten, an ihrer Statt den Pflichten der Andacht »achzukommen, obschon beiläufig bemerkt, Letzteres nie geschah. Eine Freundin der Geselligkeit, von Natur aus wohlwollenden Herzens, hübsch, reich und gebildet, fand MrS. Houston kein Hinderniß von Seite ihres nachsichtigen Gatten, der so gerne frohe Gesichter um sich sah, daß er es mit den dazu erforderlichen Miltein durchaus nicht 79 * genau nahm; und so war eS denn der Dame durchaus nicht schwer geworden, sich zu dem Gipfel der Modewelt zu erheben und ihren Namen in den Mund aller Derer zu bringen, die es nöthig hielten, von Jemand zu sprechen, damit man sie selbst auch für etwas Rechtes halten möge. MrS. Houston fühlte sich hierin glücklich, oder glaubte wenigstens glücklich zu setzn; und da jede Leidenschaft bekanntermaßen sich steigert, wenn man ihr Raum giebt, so war sie unwillkührlich auf ihrer vtclbeneideten Laufbahn fortgewandelt, bis sie, wie eben gesagt wurde, die höchste Stufe erreicht hatte. „Diese Gemächer sind sehr überfüllt," bemerkte Sir George, seine Blicke durch die zwei sehr kleinen, aber schön, um nicht zu sagen reich möblirten Besuchzimmer gleiten lassend. „Es ist überraschend, daß in einer sich so schnell vergrößernden Stadt, wo der hohe Ton noch nicht Wurzel gefaßt hat und Land im Ueberfluß vorhanden ist, allgemein so beengend gebaut wird." „MrS. Bloomsield würde Euch sagen," versetzte Eva, „daß diese Häuser charakteristisch sitze» für den gesellschaftlichen Zustand eines Landes, in welchem cS Niemand gestattet ist, mehr als einen angemessenen Theil Bodens einzunehmen." „ES giebt aber hier doch ziemlich große Wohnungen. Die der MrS. Hawker ist ansehnlich genug, und die Eures BaterS z. B. würde sogar in London für groß gelten. Dennoch werdet Ihr mit mir einverstanden setzn, wenn ich sage, daß man ein eigentlich gutes Zimmer fast nirgends in New-Ivrk zu sehen kriegt." „In diesem Punkte bi» ich allerdings Eurer Ansicht. Um einen bequemen Raum zu finden, muß man in die Häuser gehen, die vor 30 Jahren gebaut wurden. Dieser knappe Sttzl ist übrigens nur ein Erbstück, denn London kann mit seinen Häusern auch nicht sonderlich groß thun." „Was die Stadtwohnungen betrifft, so habt Ihr im Allgemeinen vollkommen Recht, obschon ich Euch manche sehenSwerthe Ausnahme aufzählen könnte. Jedenfalls glaube ich übrigens nicht, 80 daß wir uns ganz so zusammendränge» lassen. Kömmt es Euch nicht gleichfalls vor, als werde der Lärm durch die Raumbeschräukung sehr gesteigert?" Eva lachte und schüttelte mit größter Bestimmtheit den Kopf. „Was würde er erst sehn, wenn er sich besser ansbreiten könnte?" versetzte sie. „Wir dürfen übrigens die kostbaren Augenblicke nicht verlieren, sondern müssen unsere Augen spazieren gehen lassen, um die Bestes aufzusuchen. Grace, da Du Dich schon so viel hier umgetriebe» hast, so mußt Du unser Cicerone scyn und uns sagen, welche Idole wir anzubcten haben." „Ditos-moi, gremieromont, guo vout dire une bolle ü biocv-Voi'Ii.? fragte Mademoiselle Biefville. „cdggirrvment tout Io mvnüe est jolio." „Eine Belle, Mademoiselle," entgegnete John Eifingham, „braucht nicht eben schön zu seyn, und um zu diesem Rufe zu kommen, bedarf man verschiedener Eigenschaften, die ein wenig mit einander im Widerspruch stehen. Man kann durch Geld, durch die Zunge, durch das Auge, durch einen Fjiß, durch Zähne oder durch was immer für einen einzelnen anmuthigen Zug zu einer Belle werden, obschon, wie ich glaube, nie der Kopf in jedem Sinn des Worts als Postulat aufgestellt wurde. Aber warum sich mit Schilderungen aufhalten, wenn man sich durch seine eigene Sinne überzeugen kann? Die junge Dame, die unmittelbar vor uns steht, ist eine Beste* vom beliebtesten Stempel und von silberhellem Tone. Ist es nicht Miß Ring, Grace?" Die Antwort lautete bejahend, und die Augen unsrer kleinen Gruppe wandten sich dem Gegenstände dieser Bemerkung zu. Die fragliche junge Dame war ungefähr zwanzig, etwas hoch gewachsen für eine Amerikanerin und nicht besonders schön, aber wie die meisten Mädchen ihrer Umgebung von zartem Bau und Antlitz; überhaupt hätte ihre Außenseite unter einer geeigneten Ausbildung » Glocke. 81 zu einem denn iäoal weiblicher Zartheit werben können. Aus ihren klaren blauen Augen konnte man entnehmen, daß es ihr nicht an natürlichem Beistand fehlte, und außerdem besaß sie den Muth, eine Belle zu sepn. Um dieses Mädchen hatten sich nicht weniger als fünf auf« Modernste gekleidete Jünglinge geschaart, welche inSgesammt von den Worten, die von ihren Lippen sielen, entzückt zu sepn schienen und sichtlich bemüht waren, stets etwas Geistreiches darauf zu er- wiedern. Sie lachten durcheinander und die Dame am meisten; bisweilen sprachen Alle zumal. Aber ungeachtet dieses Ausbruchs führte doch Miß Ring hauptsächlich das Wort, und ein oder zweimal, wen» einer von den jungen Männern nach einer sehr befriedigenden Schaustellung von Heiterkeit zu gähnen begann und eine Neigung zum Rückzüge verrieth, wußte sie ihn geschickt durch irgend eine Bemerkung, welche insbesondere auf ihn oder seine Gefühle paßte, zur Pflicht zurückzurufen. „tzui est oetto vumo?" fragte Mademoiselle Viefville fast in einem Tone, wie man sich dessen bedient, wenn man einen Mensche» während des Gottesdienstes mit den Hut auf dem Kopfe in eine Kirche trete» sieht. „blllo ost vomoisello," entgegnete Eva. „Quelle boirour!" „Ei Mademoiselle, Ihr dürft mir in diesem Punkte Frankreich durchaus nicht als makellos darstcllensagte John Efsingham, die Französin mit einem erkünstelten Stirnrunzeln anblickend. „Ein Mädchen kann wohl mit einem jungen Herrn sprechen, ohne sich einer Todsünde schuldig zu machen, obschon ich zugeben will, daß fünf Zungen unnöthig und fünf Zuhörer mehr als hinreichend sind für die Weisheit sogar von 20 Schürzen." ,,6'est unv Iioireur." „Miß Ring würde es wohl für eine noch größere Iiorreuo halten, wenn sie einen Abend unter einer Reihe von Mädchen un- Eva Effingham. K angeredet zubringen müßte und höchstens zu einem Tanze aufge- sordcrt oder bloS aus der Ferne bewundert würde. Doch setzen wir uns auf diesen Svtzha; wir kommen dadurch der Pantomime näher und können auch an dem Geist der Scene Theil nehmen." Grace und Eva wurden jetzt zum Tanze geholt, und Sir Georg sowohl, als DemoiseUe Viefville folgten John EffinghamS Aufforderung. I» den Augen der Belle und ihrer Bewunderer kamen Diejenigen, welche das Dreißigste zurückgelegt hatten, nicht in Rechnung, und es gelang unseren Lauschern, in Hörweite, die fast auch die Duellweite war, unbemerkt und ohne die regelmäßige Handlung des Stücks zu unterbrechen, Platz zu finden. Wir geben ein kleines Bruchstück des Dialogs, um die Scene unsern Lesern dramatischer vorzuführe». „Kommt Euch die jüngste Miß DanverS nicht als sehr schön vor?" fragte die Belle, während ihr Auge umherglitt, um einen sechsten Gentleman heranzuziehcn. „Meiner Ansicht nach ist sie unbedingt das hübscheste Mädchen von Denen, welche sich heute Abend in MrS. Houstons Zimmern cingefunden haben." Die jungen Männer protestirten sammt und sonders dagegen, und zwar nicht mit vollkommenem Recht, denn Miß Ring war viel zu originell, um auf Reize aufmerksam zu machen, die Jedermann sonst sehen konnte. Dem Bernehmen nach soll aus ihrer Herrath mit Egbert nichts werden, obschon man bereits seit so langer Zeit die Sache für abgemacht hielt. „Was haltet Ihr davon, Mr. Edson?" Diese zeitig angebrachte Frage verhinderte de» Rückzug des genannten Gentleman, der bei dieser wichtigen Entwicklung bereits so weit gekommen war, daß er der Belle gähnend den Rücken zugekehrt hatte. So aber gleichsam durch den Ton des HorneS zurückgerufen, sah er sich genöthigt, etwas zu sagen, was für ihn stets eine leidige Aufgabe war. „Oh, ich bin ganz Eurer Ansicht. Die Werbung hat freilich 83 zu lange gedauert, als daß man dabei ernstlich ans Heirathen hätte denken fallen." „Ich kann das lange Hofmachcn nicht leiden, da eS ein vollkommenes Gegenmittel gegen die Liebe sehn muß; ists nicht so, Mr. Moreland?" Diese Berufung galt als Rüge eines unstät umherirrenden Blickes, und statt weiter nach einem Zufluchtsort sich umzuschen, machte Mr. Moreland bloS eine verlegene Miene. Er war übrigens vollkommen mit der jungen Dame einverstanden, da er dies als das sicherste und bequemste Mittel betrachtete, sich aus der Klemme zu ziehen. „Sagt mir doch, Mr. Summcrfield, wie Euch unser letzter Hadschi gefällt — Miß Eva Esfiugham? Meiner Ansicht nach ist sie ziemlich hübsch, obschon bei Weitem nicht so, wie ihre Muhme Miß van Cvurtlandt, die in der That ein recht gutes Aussehen hat." Da Eva und Grace jedenfalls die zwei lieblichsten Mädchen in MrS. Houstons Zimmern waren, so wurde Mademoiselle Vicf- ville durch diese Aeußerung, wie durch den lauten Ton derselben eben so sehr betroffen, als die Gegenstände, welche die Belle für diese öffentliche Erörterung gewählt hatte. Sie wollte sich entfernen, um eine Unterhaltung nicht mit anhören zu müssen, die nicht für ihr Ohr berechnet war; aber John Effingham gab ihr ganz ruhig die Versicherung, Miß Ring spreche selten in Gesellschaft, ohne dabei die Absicht zu haben, von möglichst viele» Personen vernommen zu werden. Außerdem war es eben von keinem Belang, die Sitze zu wechseln, da der ganze Gang des Stücks hauptsächlich eben aus Privatansichten bestand, die in öffentlicher Weise geäußert wurden. „Miß Efsingham ist für eine einzige Tochter sehr einfach gekleidet," fuhr die junge Dame fort, „während dagegen die Spitzen ihrer Muhme ächte Kanten sind! Ich stehe dafür, jede Elle kostet mindestens zehn Dollars. Wie ich höre, sind Beive verlobt." „6iol!" rief Mademoiselle Viefville. „Oh, dies will noch nichts heißen," bemerkte John Esfingham gelassen. „Geduldet Euch noch einen Augenblick, und Ihr werdet hören, sse seien schon sechs Monate im Geheim verheirathet, wenn nicht gar noch etwas Schlimmeres zum Vorschein kommt." „Natürlich ist dies nur ein müßiges Gerücht?" ergriff nun Sir George Templemorc mit einer Theilnahme das Wort, die ihn, seiner feinen Bildung zum Trotz, nöthlgte, eine Frage zu stellen, welche unter ander» Umstanden kaum zulässig gewesen wäre. „So wahr wie das Evangelium. Aber hört nur auf die Glocke — sie schellt eS aus zum Besten des ganzen Kirchspiels." „Der Handel zwischen Miß Esfingham und Mr. Morpeth, der sie im Ausland kennen lernte, ist dem Vernehmen »ach ganz abgebrochen. Einige wollen wissen, der Vater habe Einwendungen gegen Mr. Morpeth erhoben, weil er kein Vermögen besitze; Andere beschuldigen die Miß der Untreue, während wieder Andere dem Gentleman diesen Vorwurf machen. Haltet Ihr nicht die Treulosigkeit für etwas Abscheuliches, bei welchem Geschlecht- man sie finden mag, Mr. Mosely?" Mr. Mosely, der sich aus dem Staube machen wollte, wurde auf diese Weise wieder in den Kreis gezogen und mußte bekennen, daß er die Untreue bei beiden Geschlechtern für etwas Schreckliches halte. „Wenn ich ein Mann wäre," fuhr die Belle fort, „so würde ich mich nie mit einem Mädchen einlaffen, das schon einmal einen Liebhaber zum Besten gehabt hat. Meiner Ansicht nach deutet dies auf ein schlechtes Herz, und ein Mädchen mit einem schlechten Herzen kann nie eine sonderlich liebenswürdige Gattin werden." „Welch' ein außerordentlich geistreiches Wesen!" flüsterte Mr. Mosely seinem Nachbar Mr. Moreland zu, während er sich darein fügte, zu bleiben und sich noch eine Weile länger „unterhalten" zu lassen. 83 „Der arme Mr. Morpeth ist sehr zu bemitleiden, denn kein Mann kann sa thöricht sehn, einer Dame ernstlich seine Aufmerksamkeit zu widmen, wenn er nicht Ermuthigung findet, Ermnthigung ist beim Hafmachen das non plus ultra — scyd Ihr nicht meiner Anficht, Mr, Walworth?" Mr. Walworth war Nummer 5 von den Unterhaltenen und verstand Lateinisch, die junge Dame aber nicht, obschon fie eS liebte, hin und wieder einen Brocken einznflechten. Er lächelte daher znstimmend, und die Belle wünschte sich Glück, ihn wirksam „unterhalten" zu haben — eine Einbildung, in der sie auch nicht allzuweit fehlgriff. „Man erzählt sich in der That von mehreren Liebesgeschichten, in denen Miß Effingham während ihres Aufenthalts in Europa bethciligt war; sie scheint aber in allen unglücklich gewesen zu sehn." „ülais eooi est trox kort! go ne veux plus eoouter." „Meine thenre Mademoiselle, faßt Euch, die CrisiS ist noch nicht gekommen." „Dem Bernehmen nach correspondirt sie noch immer mit einem deutschen Baron und einem italienischen Marquis, obschon beide Verhältnisse unbedingt abgebrochen sind. Einige Leute sagen, fie gehe allein und ohne das Geleite eines Gentleman in Gesellschaft, um dadurch ihren festen Entschluß anzudeuten, daß sie für Lebenszeit unvermählt bleiben wolle." Die jungen Männer machten ihrer Mißbilligung durch einen gemeinsamen Ausruf Luft, und noch am nämlichen Abend erzählten drei derselben das, was sie von Miß Ring vernommen, als verbürgte Wahrheit weiter, während die beiden Andern, weil sie von nichts Besserem zu sprechen wußten, die weitere Kunde in Umlauf brachten, daß Eoa verlobt sey. „Es ist im höchsten Grade unzart, wenn eine junge Lady im Zimmer umhergeht, ohne sich auf den Arm eines Gentleman zu 86 lehnen. Es kömmt mir immer vor, eine solche Person scy nicht an ihrem Platz und gehöre eigentlich in die Küche." „Aber Miß Ring, welche wohlerzogene Person thnt dies?" sprudelte Mr. Mvreland. „Wer hätte auch je von etwas der Art in guter Gesellschaft gehört?" „ES ist wahrhaft entsetzlich! Ganz und gar beispiellos!" „Mir kömmt es als ungemein roh vor!" „DaS liegt auf platter Hand — baurengemein," ricf Mr. Edson. „Kann es möglicherweise etwas Ungebildeteres geben?" fügte Mr. Walworth bei. „Von Leuten, die zum rechten Schlage gehören, habe ich nie etwas AehnlicheS gehört!" schloß sich Mr. Mosely an. „Eine junge Dame, die so frech seyn kann, in ein Zimmer zu treten, ohne sich auf den Arm eines Gentleman zu stützen, hat meinem Nrtheile nach im mindesten Falle nur eine sehr geringfügige Erziehung genossen, mag sie nun ein Hadschi seyn oder nicht. Mr. Edson, habt Ihr je die zarte Leidenschaft empfunden? Ich weiß, Ihr seyd wenigstens einmal ganz verzweifelt verliebt gewesen; schildert mir daher einige der Symptome, damit ich sie kennen möge, wenn ich selbst einmal ernstlich von der Krankheit befallen werden sollte." „ülais oeci est riäieule! 1,'onknnt s'est snuvee 0 Dollar zahlte. Im darauf folgenden Frühling verkaufte Mr. Feeler das Anwesen an John Search, einen so scharfen Patron, wie nur irgend einer zu finden ist, für 25,000, und dieser veräußerte es eine Woche darauf für 50,000 an Nathan Rise; Nise aber hatte das Land schon vor dem Kauf für 112,000 Dollars hartes Geld an eine Gesellschaft cedirt. Man könnte eigentlich jetzt den Niß hcrnnternchmen, denn cS sind jetzt schon acht Monate, daß wir das Anwesen in Bauplätzen zu der runden Summe von 300.000 Dollars versteigern. Sobald wir die betreffende Weisung erhalten habe», wird vermuthlich das Land für eine Weile aus dem Markte bleiben." „Habt ihr keine andere Liegenschaft, Sir, welche dieselbe wunderbare Geschichte einer schnellen Werthzunahme böte?" fragte der Varonet. „Diese Wände sind mit lauter Nissen von ähnlichen Besitzungen bedeckt. Einige sind innerhalb 5 Jahren um 2—3000 Prozent gestiegen, andere aber nur um einige hundert. Berechnungen lassen sich in dergleichen Dingen nicht anstelle», da sie ganz von der Liebhaberei abhängcn." „Nnd auf was gründet sich diese ungeheure Werthsteigerung? Erstreckt sich die Stadt bis zu diesen Feldern?" „Sie geht noch viel weiter, Sir — d. h. aus dem Papier. Was die Häuser betrifft, so schll'S wohl noch um eine tüchtige 129 Strecke. Viel hängt davon ab, wie man eine Sache nennt. Wäre z. B. auf diesem Markte das Bcsitzthum des alten Volkert van Brunt eine Meierei genannt worden, so hätte es den Preis einer Farm eingebracht; sobald es aber in kleinen Stücken vermesse» und in eine Karte gebracht war —" „In eine Karte?" „Ja Sir; in sichtbare Linien mit Fußen und Zolle» statt der Acres. Sobald es gebührend auf die Karte gebracht war, hob eS sich zu seinem rechten Werthe. Wir haben einen guten Theil Meeresgrund, der schöne Preise einbringt, weil er sich gut auf der Karte auSnimmt." Die Gentlemcn dankten dem Auktionator für seine Höflichkeit und zogen sich zurück. „Wir wollen jetzt in das Verkaufzimmer gehen," sagte John Effingham. „Ihr könnt Euch da ein Nrtheil bilden über den Geist oder über die Energie, wie man'S nennt, welche im gegenwärtigen Augenblick diese große Nation beseelt." Sie stiegen wieder hinab und traten in ein überfülltes Gemach, wo die Leute zu Zwanzigen in der furchtbaren Verblendung, durch noch höhere Steigerung eines vermeintlichen WertheS reich zu werden, gierig einander hinauftrieben. Der Eine kaufte kahle Felsen, der Andere Flußbetten und ein Dritter einen Sumpf — Alles aus Treue und Glauben der Karten. Unsere beiden Freunde blieben eine Weile stumme Zuschauer des 'Auftritts. „Als ich zum erstenmal dieses Zimmer betrat," sagte John Effingham, mit seinem Begleiter wieder auf die Thüre zugehend, „kam es mir vor, als sei cs mit lauter Wahnsinnigen angefüllt, und obschon ich schon öfter hier war, hat sich doch der Eindruck nicht viel geändert." „Und alle diese Leute setzen die Mittel ihres Fortkommens an die eingebildete Schätzung, die ihnen der Auktionator vorspiegelt?" „Sie spielen eben so verwegen, wie der, welcher seine Habe Eva Effingham. 9 130 an das Fallen bcS Würfels setzt. Der Wal,»sinn hat di- Leute sa vollständig ergriffen, daß sogar die augenfällige Wahrheit — eine Wahrheit, die wie jedes andere Naturgesetz ans Licht tritt: daß nämlich nichts ohne Grundlage Bestand haben kann — ganz und gar übersehen wird. Ich möchte Niemand rathen, in diesem Hanse Grundsätze auSzusprechcn, die Jeder in den nächsten paar Jahren bitter an sich selbst erproben muß, denn er könnte von Glück sagen, wenn er ungesteinigt davon käme. Ich habe schon viele ähnliche SpekulationS-Nebertreibungen mit angesehen, aber keine, die so maßlos, so weit verbreiut und so beunruhigend gewesen wäre, wie diese." „Ihr fürchtet also von der-Gegenwirkung ernstliche Folgen?" „In diesem Punkte sind wir besser daran, als ältere Nationen, denn die Jugend und der gute Urstoff des Landes beseitigt viel von der Gefahr; indeß sehe ich einem fürchterlichen Schlag entgegen, denn der Tag wird nicht ferne seyn, an welchem New-Jork aus seiner Verblendung erwacht. Was Ihr hier seht, ist nur ein kleiner Theil der vorhandenen Tollheiten, denn der gleiche Geist verbreitet sich in einer oder der andern Gestalt über die ganze Gemeinschaft. Maßloses Ausgeben von Papiergeld, unüberlegtes Creditiren, das von Europa aus sich über ganz Amerika erstreckt, und falsche Vorstellungen über den Werth von Besitzungen bei Leuten, die noch vor fünf Jahren nichts hatten, haben das gewöhnliche Gleichgewicht der Dinge vollkommen aufgehoben, und Geld ist so ganz und gar Lebenszweck geworden, daß man aufhört, es als Mittei zu betrachten. Die Weltgeschichte kann wohl kaum ein ähnliches Beispiel von einem großen Lande aufstellen, welches so unbedingt unter diesem verderblichen Einflüße stand, als es gegenwärtig bei uns der Fall ist. Alle Gewissenhaftigkeit verschwindet unter dem Alles verzehrenden Ringen nach Gewinn. Nationalmacht, dauernde Sicherheit, di« gewöhnliche Ordnung der Gesellschaft, Gesetze, Constitution — 131 kur, Alles, was dem Menschen iheuer ist, wird vergessen oder verdreht, um diese unnatürliche Lage der Dinge zu erhallen." „Dies ist nicht nur außerordentlich, sondern wahrhaft schaudererregend !" „Ihr hakt in Beiden, Recht. Das ganze Gemeinwesen befindet sich in dem Zustande eines Menschen, der in den erste» Stadien aufregender Betrunkenheit steht und in der eitlen Vorstellung, daß er nur die Natur in ihren gewöhnlichen Verrichtungen unterstütze, Glas um GlaS hinuntcrgießt. Diese allgemein verbreitete Be- thörung erstreckt sich von der Küste an bis zu den äußersten Grenzen des Westens; denn obschon sich viel von dem eingebildeten Wohlstand begründen läßt, so verflicht sich doch das Wahre so sehr mit dem Falschen, daß nur ein äußerst sorgfältiger Beobachter die Scheidelinie ziehen kann, folglich, wie gewöhnlich, das Unwahre vorherrschend bleibt." „Euren Berichten nach, Sir, war die Tulpenmanie von Holland eine Kleinigkeit in Vergleichung mit dieser?" „Beide beruhen aus dem gleichen Umfange, obschon die Wuth der Holländer lange nicht diese Ausdehnung gewann. Könnte ich Euch durch diese Straßen führen und Euch einen Blick thun lassen in die Geheimnisse der Interessen, Hoffnungen, Thorheiten und Verblendungen, die in der menschlichen Brust herrschen, so würdet Ihr als ruhiger Zuschauer im höchsten Grade staunen müssen, über die Art, wie unser eigenes Geschlecht sich einem so maßlos bethö- rendcn Wahne hingeben kann. Doch gehen wir weiter — vielleicht stößt »nS etwas auf, was als neuer Beleg dienen kann." „Mr. Effingham — ich bitte um Verzeihung, Mr. Effingham," rief ein sehr anständig aussehender Kaufmann, der in der Börseu- halle umherging — „was haltet Ihr jetzt von unseren französischen Händeln?" „Ich habe Euch bereits Alles gesagt, was ich über diesen 132 Gegenstand zu bemerken habe, Mr. Bake. Während meines Aufenthalts in Frankreich schrieb ich Euch, eS liege nicht in der Absicht der französischen Regierung, auf den Vertrag einzugehen, und Ihr habt seitdem gesehen, daß meine Ansicht durch den Erfolg gerechtfertigt wurde. Ihr sehd im Besitz einer Erklärung des französischen Staatsministers, daß ohne Entschuldigung von Seite der amerikanischen Regierung das Geld nicht bezahlt werden solle, und ich habe Euch meine Meinung dahin abgegeben, alle diese Politik werde so schnell, als sich die Windfahne auf jenem Kirchthurme dreht, aufgegeben werden, sobald in Europa ein dazu drängender Fall ein- tritt, oder das französische Ministerium es für möglich hält, Amerika werde für einen Grundsatz das Schwerdt ziehen. Dies sind meine Ansichten; Ihr mögt sic mit den Thatsachen vergleichen und Euch selbst ein llrtheil bilden." „Niemand ist Schuld daran, als General Jackson, Sir — Alles geht von diesem Ungeheuer ans! Ohne seine Botschaft, Mr. Essingham, hätten wir das Geld längst schon." „Ohne feine Botschaft oder einen gleich entschiedenen Schritt würdet Ihr es nie erhalten, Mr. Bale." „Ah, mein theurer Sir, ich weiß. Eure Absichten sind gut; aber leider sehd Ihr gegen den vortrefflichen Mann, den König von Frankreich, von Borurtheilen eingenommen. Vorurtheile, Mr. Essingham, sind klägliche Verbesserer der Gerechtigkeit." Mr. Bale schüttelte jetzt lachend den Kopf und verschwand in dem Gedränge, vollkommen überzeugt, John Essingham sei ein von Borurtheilen befangener Mann und nur er selbst freisinnig und gerecht. „Wir haben hier einen Mann, dem es weder an Fähigkeiten noch an Rechtlichkeit gebricht, und doch läßt er sich durch seine Interessen und durch den Einffuß eben dieser Spekulations-Manie dermaßen blenden, daß er seines NechtSgefühlS ganz und gar vergißt und weder auf Thatsachen, die so klar sind, wie der Tag, > 133 noch auf die Grundsätze Rücksicht nimmt, durch die allein ein Land gut geleitet werden kann," „Er hat Furcht vor einem Kriege und will daher nicht einmal an Thatsachen glauben, so lange sie dazu dienen, die Gefahr zu vergrößern?" „Ganz richtig; denn sogar die Klugheit wird nur zu einer verkehrten Eigenschaft, wenn man unter einer Bethörung lebt, wie unsere jetzige ist. Solche Menschen sind dem Thoren zu vergleichen, der da sagt: ,es gicbt keinen Tod!*" Die Gentlemcn schloßen sich jetzt den Damen wieder an, und die Wagen fuhren durch eine Reihenfolge von engen, gekrümmten Straßen voll von Magazinen, in welchen die Produete der civili- sirten Welt aufbewahrt waren. „Ein großer Theil von alledem ist wieder eine Frucht derselben bejammernswürdigen Verblendung," sagte John Essingham, als die Wagen langsam durch die mit Waarenballen beengten Straßen fuhren. „Der Manu, der seine Grundstücke im Innern des Lands vortheilhaft verkauft hat und Credit besitzt, hält sich schon für reich und führt eine verhältnißmäßig kostspieligere Lebensweise; der junge Mensch vom Dorfe her wird ein Kaufmann — wenigstens was man hier Kaufmann nennt — und erhält in Europa einen Credit, der hundertmal seine Mittel übersteigt; er ist also in der Lage, diese eingebildeten Bedürfnisse zu nähren. So kömmt es denn, daß es aller Enden und Orten von Abenteurer» wimmelt, ephemeren Ausgeburten desselben weitverbreiteten Geistes einer rücksichtslosen Thorheit. Der Werth von Millionen geht aus diesen Straßen hervor, um die Eitelkeit derer zu nähren, welche wohlhabend zu sehn meinen, weil sie Etwas in Händen haben, was eine Preissteigerung, wie die von dem Auktionator erwähnte verspricht; dabei haben sic keine bessere Sicherheit für wirkliche Zahlung, als etwa Derjenige, der einen Gegenstand vom Wcrthe eines Dollars zu hundert an schlägt." 134 „Machen sich die Wirkungen dieses Zustands der Dinge in Eurem gewöhnlichen Verkehre bemerklich?" „Ueberall. Das Verlangen, schnell reich zu werden, hat alle Klaffen ergriffen. Sogar Weiber und Geistliche sind davon angesteckt, so daß wir ganz und gar unter der thätigen Leitung ,der Geldgierst diesem verderblichsten aller Einflüsse, stehen. Ich würde an dem Lande ganz und gar verzweifeln, wenn ich nicht die Neber- zeugung fühlte, daß die Krankheit zu ungestüm ist, nm Bestand haben zu können; auch hege ich die Hoffnung, daß die Zeit einer ruhigen Neberlcgung und der Reue, welche folgen muß, im Ver- hältniß zu den Ursachen stehen wird." Nach dieser Musterung der Stadt kehrte die Gesellschaft nach State Street zurück, wo der Baronet sein Mittagsmahl einnahm, weil er am folgenden Tage nach Washington zu gehen gedachte. Die Verabschievung am Abend war freundlich und herzlich. Mr. Efstngham hatte seinen vormaligen Reisegefährten liebgewonnen und lud ihn für den Monat Juni zu einem Besuch in den Bergen ein, um welche Zeit er selbst nach seinem Landsitze zurückzukehren gedachte. Sir George war noch im Abschiednehmen begriffen, als die Lärmglocken den Ausbruch einer Feuersbrunst verkündigten. In New-Dort wird man an derartige Scencn so gewöhnt, daß fast eine Stunde entschwand, ehe Jemand aus der Efstnghamschcn Familie sich über die lange Fortdauer des Getümmels Gedanken zu machen begann. Dann aber schickte man einen Bedienten ab, um sich nach dem Grund zu erkundige», und dieser kehrte mit dem Berichte zurück, daß die Sache ernstlicher sey, als gewöhnlich. Wir glauben, daß diese Nnglücksfällc in Constantinopcl und New-Vork am häufigsten Vorkommen. In letzterer Sladt ist es gar nichts Seltenes, daß zwanzig oder dreißig Häuser niederbrenne», ohne daß die Einwohner des gleichen Viertels etwas davon erfahren, bis sie durch die Tagespreise davon unterrichtet werde»; d.nn die beständige Wiederholung des FeuerlärmS verhärtet Ohr und Gefühl 135 Hegen den Hülferuf. Ein paar Abende vorher hatte eine größere FeuerSbrunst stattgefunden, und es war jetzt ein Gerücht tm Umlaufe, daß dis Strenge des Wetters und der Zustand der Schläuche und Spritzen die gegenwärtige Gefahr verdoppelten. Auf diese Kunde hin hüllten sich die beiden Herren Efstngham in ihre Neber- röcke und gingen mit einander auf die Straße. „Dies scheint kein gewöhnlicher Brand zu seyn, Ned," sagte John Efstngham, den Blick zu dem düster« HimmelSgewölke erhebend, das von leuchtenden Feuerstrahlen erhellt war. „Die Gefahr ist nicht fern und könnte wohl ernstlich werden." Der Richtung des Menschenstroms folgend, erreichten sie bald den Schauplatz des Brandes, der mitten unter den Massen von Magazinen und Vorrathshäusern, über welche John Efstngham kürzlich erst seine Bemerkungen gemacht hatte, ausgebrochen war. Eine kurze, schmale Straße von hohen Gebänden stand bereits vollständig in Flammen. Man konnte dem Feuer nur mit größter Gefahr beikommen; auch wirkten der eingefrorene Zustand des Lösch-Apparats, die bereits cingetretene Erschöpfung der Feuer- mannschaft und die ungemeine Kälte der Nacht zusammen, um die Sachlage im höchsten Grade bedrohlich zu machen. Die New-Dörfer Fenermannschaft hat über die von anderen Plätzen die Neberlegenheit eines Veteranen den Rekruten gegenüber; aber auch die besten Truppen können erliegen, und bei dieser denkwürdigen Gelegenheit verhielten sich dis berühmten Feuermänner aus verschiedenen Ursachen eine Weile so ziemlich als unthätlge Zuschauer der schrecklichen Scene. Ein paar Stunden schienen aste Versuche, dem Brande Einhalt zu thun, völlig hoffnungslos zu seyn, und selbst die Kühnsten und Beharrlichsten wußten kaum, wohin sie sich wenden sollten, um sich nützlich zu machen. Es gebrach an Wasser; zu viele Punkte bedurften des Beistandes, und der Brand erstreckte sich vermittelst zahlloser, unregelmäßiger, enger Straßen von einem gemeinsamen Mittelpunkte nach alle» Richtungen hin; dazu kam noch, baß in den verschütteten Durchgängen die Hitze bald unerträglich war — lauter Momente, welche bald die Schrecken des Austritts zur Verzweiflung steigerte». Diejenigen, welche in der Nähe der Fenermaffen standen, froren auf einer Seite unter der Gröulandkälte der Nacht, während auf der anderen ihre Körper von der nugestümen Gluth der Flammen fast gebraten wurden. Es lag etwas Schreckliches in diesem Kampfe der Elemente, denn die Statur schien die Hitze in möglichst engen Grenzen zu verdichten, als wolle sic vorsätzlich die verzehrende Macht derselben erhöhen. Die Wirkung war schaudererregend, denn ganze Gebäude schienen bloS unter der Berührung sich auszulösen, sobald sie von den Flammenzungen umleckt wurden. Das gewöhnliche Geschrei war nicht mehr zu vernehmen, wie es als Hohn klänge, wenn inan in einer Schlacht Mord rufen wollte, und so weit die Lärmglocken gereicht hatten, befand sich Alles ans den Beinen. Sir George Templemore traf mit seinen Freunde» am Rande dieses FencrmcerS zusammen. Der Morgen nahete heran, und immer wüthete die Brunst in ihrer «ollen Höhe. Bereits lag ein weiter Raum in Schutt und Asche, und das Feuer erstreckte sich in vielen Linien nach jeder möglichen Richtung. „Wir haben hier eine schreckliche Mahnung für diejenigen, die ihre Herzen an Neichlhümer setzen," bemerkte Sir George Temple- inore mit Beziehung auf die Unterhaltung des vorigen Abends. „Was sind die Entwürfe der Menschen in Vergleichung mit dem Willen der Vorsehung!" „Ich sehe voraus, daß dies Io eommonoomont so la lln ist," entgegnele John Essingham. „Die Verwüstung ist bereits so groß, daß sie die gewöhnlichen Schutzmaßregeln gegen derartige Verluste, die Versicherungsanstalten, zu Grunde richten muß. Man zerbreche an einer so hinfälligen, zarten Maschine nur eine» einzigen Nagel, 137 und man wird scheu, wie das Ganze sich auflockert und in Stücke zusammenfällt." „Geschieht den» nichts, um den Flammen Einhalt zu thun?" „Sobald die Leute sich von dem panischen Schrecken erholt haben, wird mehr Ordnung in ihre Plane kommen und ihre That- krast wieder aufleben. In den breiteren Straßen ist das Feuer bereits auf sicherere Grenzen gebracht; auch spricht man von einem günstigeren Wechsel des Windes. Man glaubt, in einer Frist von kaum sechs Stunden sehen schon fünfhundert Gebäude das Opfer geworden." Dieselbe Börse, die kürzlich noch wie ein gcwühlvoller Tempel des Mammons auSgesehen hatte, stand jetzt als eine schwarze, glühend heiße Ruine da; die Marmorwände waren zerrissen, entstellt, wankend oder eingestürzt. Das Gebäude lag an den Grenzen der Zerstörung, und unsere Freunde konnten ihre Stellung in der Nähe nehmen, um die Scene zu überblicken. Ihre ganze unmittelbare Umgebung hatte den stillen Eharacter der Verödung angenommen, während die Blitze der Flammen in der Ferne noch immer das Fortschreiten des Brandes bezeichneteu. Diejenigen, welche die Oertlichkeiten kannten, begannen nun von den natürlichen oder zufälligen Schranke», z. B. dem Wasser, den Kaiöffnungen und den breiteren Straßen als den einzig wahrscheinlichen Mitteln, der drohenden Verwüstung Einhalt zu thun, zu sprechen. Das Prasseln der Flammen entfernte sich immer weiter, und das Geschrei der Löschmannschaft war bald kaum mehr zu vernehmen. Als der furchtbare Auftritt so weit gediehen war, langte ein Haufen Matrose» mit Pulver an, um einige Gebäude in den Straßen, welche nicht an sich zureichende Schranken besaßen, um das Fortschreiten der Flammen zu hindern, in die Lust zu sprengen. Die Zerstörungsmittel in ihren Armen tragend, näherten sich diese wackeren Bursche unter der Anführung ihrer Offiziere stätigen Schritts dem Rande der Feuerströme und pflanzten daselbst ihre 138 Fäßchen auf; dann legten sie mit der kühne» Gleichgiltigkeit, die man allein durch Nebung gewinnt, und mit einer Umsicht, welche ihrer Besonnenheit alle Ehre machte, die Leitlinien an. Dieser von Klugheit geleitete Mulh wurde mit vollständigem Erfolg belohnt, und Haus um Haus stürzte unter der Explosion zusammen, ohne glücklicherweise irgend Jemand zu beschädigen. Von dieser Zeit an wurden die Flammen weniger unbändig, obschon der Morgen anbrach, der Tag fortschritt und abermals eine Nacht folgte, ehe man völlig über das Feuer Herr wurde. Ja sogar Wochen und Monate stiegen noch immer aus den morschen Trümmern Rauchwolken auf, da das wilde Element gleich einem schlummernden Vulkan so zu sagen in den Eingeweide» der Erde sortzuglosten schien. Der Tag, welcher auf dieses Unglück folgte, war denkwürdig um der Rüge willen, mit der er das gierige Sehnen nach Neich- thum strafte. Menschen, die ihre Herzen an Gold gesetzt hatten und sich nur im Besitze desselben stolz fühlten, mußten jetzt die Unsicherheit ihres Mammons empfinden; und diejenige», welche kürzlich noch wie Götter umherstolzirt waren, begannen nun zu lernen, wie völlig bedeutungslos der bloS Reiche ist, sobalv er seine Habe verloren hat. Achthundert Gebäude, darunter Fabriken aller Art, sammt dem verschiedenartigsten Rohmaterial, waren so zu sage» in einem Nu vernichtet worden. Eine schwache Stimme ließ sich zwar von der Kanzel vernehmen, und es trat ein Augenblick ein, in welchem diejenigen, welche sich eines besseren Zustandes der Dinge erinnern konnten, der Hoffnung Raum zu geben begannen, daß vielleicht nunmehr gediegene Grundsätze wieder die Oberhand gewinnen könnten und die Gemeinschaft sich einigermaßen reinige» würde. Vergebliche Erwartung! Die Verblendung halte zu weit um sich gegriffen und zu verderbliche Wirkungen hervorgebracht, um selbst durch diese schreckliche Mahnung sich aufhalten zu lassen; und ein nachhaltigerer Schlag 130 blieb einer Form Vorbehalte», die auf einem Gesetz der Statur zu beruhen scheint: das anlaßgebende Laster muß nämlich seine eigenen Strafmittel mit sich führen. Achtes Kapitel. »Zuvörderst sprecht, warst jemals Ihr in Pisa?" Dhakspcare. Der Brand, de» wir im vorigen Kapitel eher «»gedeutet als beschrieben haben, warf ein Düster über das lebensfrohe New-Bork, wenn wir anders dieses Beiwort auf Zustände anwenden dürfen, in denen sich wenig mehr, als ein Wettstreit in Verschwendung und Schaustellung kund gab. Eva bedauerte die Unterbrechung der Scenen, an denen sie kein Vergnügen gesunden hatte, nicht sonderlich, obschon sie den Anlaß derselben sehr beklagte. Der Rest der Saison entschwand ihr und Grace ruhig, indem sie sich an den Umgang mit Frauen wie MrS. Hawkcr und MrS. Bloomfield hielten und sich zu Hans in Geist bildender Lektüre ergingen, ohne daß sie es je wieder wagten, den geheiligten Bann eines HauseS, wie das von MrS. Legend zu betreten. Eine Folge der von uns berührte» unseligen Verblendung ist die maßlose Selbstsucht, welche alle Erinnerungen an die Vergangenheit und alle vernünftigen Hoffnungen auf die Zukunft erstickt, indem sie mit ihren Triebfedern und ihrem Ringen das ganze Leben in die augenblickliche Gegenwart zusammendrängt. Kapitän Truck war daher bald vergessen, und die LiteratiS, wie dieser würdige Seemann MrS. Legend'S Genossenschaft zu nennen pflegte, blieben eben so hohl, dünkelvoll, unwissend, äffisch, unselbstständig und kleinstädtisch als nur je. Mit dem Vvrrücken der Jahreszeit begann unsere Heldin sich mehr und mehr nach dem Lande zu sehnen, denn in Amerika bietet das Stadtleben Personen, die es in älteren und mehr auf die Dauer geregelten Gemeinschaften kennen gelernt haben, nur wenig. Eva war daher der überfüllten, geräuschvollen Ballsäle (denn diese mußten noch immer bisweilen ihren Prunk entfalten), der Anstrengungen eines ungebildeten Geschmackes und der Unterhaltungen, in welchen die Nebertreibung nur selten einen würdigen Gegenstand finden ließ, bereits herzlich satt geworden. Der amerikanische Frühling ist durchaus nicht die angenehmste der vier Jahreszeiten, da er mit Recht als ein „im Schooße des Mais zögernder Winter" bezeichnet werden kann. Mr. Effingham, in welchem der Leser mittlerweile wahrscheinlich den Abkömmling einer Familie erkannt haben wird, deren Namen wir in einem früheren Werke einzuführen Gelegenheit fanden, hatte die Weisung erlheilt, seinen Landfitz für seine und seiner Verwandten Aufnahme herzurichten, und Eva fühlte sich hoch entzückt, als fie endlich an Bord eines Dampfschiffes ging, um in die reine Luft und zu den stillen Freuden des Landlebens zu entfliehen, da fie sich unmöglich behaglich fühlen konnte in einer Stadt, welche zwar viel birgt, was einer Hauptstadt würdig wäre, aber doch unendlich mehr in sich faßt, was an keinem Orte als lobenSwerth erscheint. Sir George Templemorc war von seiner N-ise nach den südlicheren Theilen zurückgekehrt, denn man hatte ausdrücklich die Verabredung getroffen, daß er mit von der Partie seyn sollte. „Wenn ich'S nicht eben mit Dir zu thun hätte, Eva." sagte Grace van Courtlandt, als das Boot an den Werften hinglitt, „so würde ich mich überzeugt fühlen, daß ich jetzt etwas zeigen könnte, was Bewunderung erzwingen müßte." „Du bist in dieser Beziehung vollkommen sicher, Grace, denn nie zuvor hat mein Auge einen der Bewunderung würdigeren Gegenstand gesehen, als eben dieses Fahrzeug. Entschieden ist dies das einzige, wirklich Großartige, was ich seit meiner Rückkehr g-- 141 sehen habe, wenn nicht etwa die großartigen Projekte der Amerikaner eine Ausnahme machen." „Es freut mich, liebe Muhme, daß wir doch diesen einzigen großartigen Gegenstand haben, um einen so spröden Geschmack zufrieden zu stellen." Grace'S kleiner Fuß bewegte sich, und in ihrer Stimme war der Aergcr nicht zu verkennen; ihre Begleiter lächelten daher, denn obschon sie Eva Recht geben mußten, erkannten sie doch das Gefühl, welches der Bemerkung ihrer Muhme zu Grunde lag. Nur Sir George hatte zu viel Sympathie für den kleinstädtischen Patriotismus eines so jungen und schönen Wesens, um ihr nicht zu Hülse zu kommen, obschon er vollkommen von der Wahrheit in Miß Efstngham'S Aeußcrung überzeugt war und die Schwäche von Seiten ihrer Muhme Wohl zu würdigen wußte. „Ihr müßt nicht vergessen. Miß van Conrtlandt," sagte er, „baß Miß Effiugham noch nicht Gelegenheit hatte, den Delaware, Philadelphia und die edlen Baien des Südens, ja nicht einmal Alles zu sehen, was sich nur in der einzigen Stadt Nsw-Uvrk voifindct." „Ja, dies ist wahr, und ich hoffe, sie wird »och mit der Zeit ihre unpatriolischen Zugeständnisse gegen ihr eigenes Land aufrichtig bereuen. Ihr, Sir George Templemore, habt das Kapitol gesehen; ist cS nicht in Wahrheit eines der schönsten Gebäude der Welt?" „Ihr müßt doch wohl St. Peter ausnehmen, mein Kind," bemerkte Mr. Essingham mit einem Lächeln, den» er sah, daß der Baronet zu verlegen war, um sogleich eine Antwort zu geben. „lind die Cathedrale von Mailand," fügte Eva lachend bei. „lliit le I,ouvrc," rief Mademoiselle, die für Alles von Paris ungefähr dieselbe Bewunderung hegte, die Grace für alles Amerikanische in ihrem Innern trug. „Vor Allem aber die Nordostecke des südwestlichen Endes und 1L2 des nordwestlichen Flügels von Versailles/' ließ sich John Effingham in seiner gewöhnlichen trockenen Meise vernehmen. „Ich sehe, ihr seyd Alle gegen mich/' versetzte Grace, „hoffe aber, eines TageS noch im Stande zu sepn, über den beziehungsweise» Werth der Dinge selbst Vergleichungen anstcllen zu können. Wie die Natur eben Flüsse schafft, Gentlemen und Ladies, wird wenigstens der Hudson Eurer Bewunderung nicht unwürdig erfunden werden." „In dieser Beziehung seyd Ihr sicher genug, Grace," bemerkte Mr. Effingham; „denn wenige Flüsse — vielleicht gar keiner — bieten in so kurzer Entfernung eine gleich große und liebliche Abwechselung." ES war ein lieblicher milder Morgen in der letzten Woche des Mais und die Erde bereits mit de» sanften Farben des Sommers geschmückt, während die Atmosphäre jene duftige, feierliche Ruhe angenommen hatte, welche nach dem wilde» Kampf der Elemente im Winter den Lenz so angenehm macht. Unter einem solchen Himmel nehmen sich insbesondere die Pallisaden sehr voriheilhaft aus, die jedenfalls keck und eigenthümlich dastehe», obschvn ihnen der furchtbar großartige Charakter einer Alpennalur gebricht und das Verhältniß zu der Landschaft, welche sie zieren, nicht entsprechend erscheint. Die Schnelligkeit des Boots erhöhte den Reiz der Fahrt, denn das Auge hatte keine Zeit, der Scene müde zu werden. Kaum hatte man einen Gegenstand in seinen Umrissen erfaßt, als ihm schon wieder ei» anderer folgte. „In Betreff der Baukunst ist dieses Land mit einem ganz außergewöhnlichen Geschmack behaftet," sagte Mr. Effingham, als sie nach dem östlichen Ufer hinblickten; „denn in diesen klassischen Zeiten scheint sich der Mensch mit keiner geringeren Wohnung, als mit einem griechischen Tempel begnügen zu wollen. Dort ist z. B. ein Bau von schönen Verhältnissen, dessen Material, so viel man 113 aus der Ferne entnehme» kann, sehr kostbar zu sehn scheint; und doch steht er aus, als paffe er eher für einen heidnischen Gottesdienst, als für häusliche Gemächlichkeit." „Diese Krankheit hat die ganze Nation eben so sehr angesteckt, wie die SpekulationSwuth." entgegnete John Effingham. „Hierin, wie in anderen Dingen, gehen wir von einem Extrem aufs andere über. Stünde ein einziger solcher Tempel in einem Wald, so würde er sich lieblich auSneh neu; wen» man aber einen ganzen Fluß damit säumt, Kinder vor den Thüren Reife schtagen, Ochsenfleisch in die Küchen getragen wird, und obendrein Rauch aus diesen unklassischen Schornsteinen aufsteigt, so muß man doch sagen, daß dies den Geschmack übertreiben heißt. Es ist wahrhaftig. als liege man in einem Fieber. Mr. Aristobulus Bragg, der ein Schalk in seiner Art ist, erzählte mir, t» einer Stadt des Innern sch ein Markthalle! nach dem Plan des Parthenon gebaut worden." „II Oapo ä> bovv würde für ein derartiges Gebäude ein weit passenderes Modell sehn," sagte Eva lächelnd. „Ich glaube übrigens gehört zu haben, der klassische Geschmack unserer Architekten sey nichts weniger als eonsequent." „Diese Bemerkung paßt mehr auf frühere Zeiten, als auf die gegenwärtige, wie alle diese Tempel bekunden," erwiedertc John Effing- Ham. „Das Land hat, was schöne Künste betrifft, einen raschen und großen gas» an avant gemacht, und die Thatsache lehrt, was mit einem so schnell handelnden Volke unter passender Leitung auSzurichten wäre. Der Fremde, der zu uns kömmt, ist geneigt, den Kunstsinn der Nation sehr gering anzuschlagen; da aber der Werth aller Dinge nur auf der Vergleichung beruht, so möge er fich erkundigen, wie es vor zehn Jahren bei uns aussah, und wie es jetzt ist. Unser dcrmaligcr Fehler beruht vielleicht nur darin, daß wir zu emsig die Bücher zu Rath ziehen und zu wenig der Erfindungsgabe vertrauen; denn keine Architektur, am allerwenigsten die, welche fich häusliche Behaglichkeit zum Zweck setzt, kann ernstlichem Vorwurf entgehen. wenn sie nicht die Verhältnisse von Lage und Klima, wie auch eine zweckmäßige Einrichtung vorzugsweise berücksichtigt. Nichts kann an sich häßlicher sepn, als eine Schweizerhütte, und doch — wie allerliebst nehmen sie sich nicht aus unter den obwaltenden Umständen. In Betress dieser unbekannten Teuchel aber, die, mögen sie geweiht sehn, wem sie wollen, nur die Erzeugnisse des Geldes sind, bin ich ganz der entgegengesetzten Ansicht und erlaube mir daher zu sagen, daß sie an ihrer Stelle den verkehrtesten Geschmack bekunden, obschon vielleicht an sich nichts schöner sepn kann." „Wir finden vielleicht Gelegenheit, zu sehen, was Mr. John Efsingham in der Architektur z» leisten vermag," sagte Grace, welche sich für die eingebildete Verunglimpfung dadurch zu rächen suchte, daß sie die Waffe gegen den Angreifer kehrte. „Wie ich höre, hat er die ursprünglichen Leistungen des berühmten Palladio, des Meister Hieran, Doolitle, verbessert." Es folgte darauf ein allgemeines Gelächter und jedes Auge war, der Antwort gewärtig, auf John geheftet. „Ihr dürft nicht vergessen, meine guten Leute," erwiederte der mittelbar Beschuldigte, „daß mir die Pläne von meinem großen Vorfahren überliefert wurden und daß sie außerdem ursprünglich der zusammengesetzten Ordnung angehürlen. Sollte daher das Haus ein Bißchen wirr und gemischt aussehen, so erwarte ich, daß man mir im Hinblick auf die letztere wichtige Thatsache Gerechtigkeit widerfahren lasse. Jedenfalls habe ich die Bequemlichkeit zu Rathe gezogen, die, wie ich dem Vitruv selbst ins Gesicht behaupten würde, ein sine qua non aller Privatarchitektur ist." „Ich habe mich kürzlich ein wenig in Connectikut umgesehen," sagte Sir George Templemore, „und bemerkte an einem Platze Namens New-Haven den Beginn eines Geschmacks, der Wohl eine sehr merkwürdige Stadt in Aussicht stellt. Allerdings kann man in diesem Lande keine sehr kvstsvieligen und großartige» Gebäude erwarten; aber so weit Bequemlichkeit und Form in Frage .kommen. 143 so steht im gegenwärtigen Falle ein wahres Wunder in seiner Act zn hoffen, wenn anders, was ich davon höre, wahr ist und die nächsten fünfzig Jahre im Verhältniß zu dem stehen, was dem Bernehmen nach während des letzten LustrumS für diese Stadt geschah. Freilich trifft man auf manche ungereimten Ausgeburten, aber es sind doch auch einige kleine Juwelen vorhanden." Der Baronet wurde für diese Aeußerung von Grace durch ein Lächeln belohnt, und die Unterhaltung nahm eine andere Wendung. Das Boot näherte sich jetzt den Bergen; Eva wurde aufgeregt — ein Zustand, der von der amerikanischen GemüthSconstitution nicht zu trennen ist — und bei Grace zeigte sich mehr und mehr Beklommenheit. „Der Anblick dieses Felsen ist Italienisch," sagte unsere Heldin, flußabwärts auf einen schönen Felsvorsprung deutend, der sich in dem sanften Duft der ruhigen Atmosphäre sehr großartig auSnahm. „Man sicht sogar an den Küsten deS mittelländischen MeerS selten schönere oder reichere Umrisse." „Aber die Hochlande, Eva!" flüsterte Grace unruhig. „Wir komme» jetzt ins Gebirg." Der Fluß verengerte sich plötzlich und die Landschaft wurde kühner; aber weder Eva noch ihr Vater drückten das Entzücken aus, welches Grace erwartete. „Ich muß gestehen, Jack," sagte der milde, sinnige Mr. Ef- finghani, „daß mir diese Felsen weit weniger imponirend Vorkommen, als früher. Der Strich ist zwar schön — dies unterliegt keinem Zweifel — kann aber doch kaum eine großartige Landschaft genannt werden." „Du hast vollkommen Recht, Ned, obschon Du von dieser Gegend eine bessere Meinung gewinnen wirst, sobald Du die Erinnerung an die Formen der schweizerischen und italienischen Seeen ein wenig in den Hintergrund drängst. Die Hochlande interesstreu «her durch die Ueberraschung, die sie mit sich bringen, als durch ihre Großartigkeit, wie wir bald sehen werden. Was das Letztere Eva Essingham. to 146 betrifft, so ist dies eine Sache, die sich nach Fußen und Zollen berechnen läßt, folglich einer arithmetischen Demonstration fähig ist. Wir sind oft auf Seen gewesen, von deren Usern schroffe Klippen z„ 3 bis 6000 Fuß ansticgen, während hier die höchste Hohe lange nicht 2000 erreicht. Sir George Templemore und Ihr, Miß Ef- fingham, erweist mir den Gefallen, Eure Klugheit zusammenzu- nchmen und mir zu sagen, woher dieser Strom kommt und wohin wir gehen." Das Boot hatte sich jetzt einem Punkte genähert, wo sich der Fluß zu kaum 800 Fuß verengert halte, und in der Richtung des SteuernS schien das Wasser noch schmäler zu werden, bis es sich in eine Art von Bai verlor, welche von hohen Bergen umschlossen war, ohne daß man die Spur eines Durchgangs entdecken konnte. „Da« Land in dieser Richtung sieht wie der Eingang zu einer Schlucht aus," sagte der Baronet; „und doch scheint es mir kaum möglich, daß dort ein Strom wie dieser fließen kann." „Wenn der Hudson durch diese Berge kömmt," bemerkte Eva, „so will ich Dir zu seinen Gunsten Alles zugestehen, was Du »erlangen kannst, Gracc." „Woher anders sollte er wohl kommen?" fragte Graee jubelnd. „Freilich. Ich sehe keinen andern Platz." Die beiden Fremdlinge auf dem Flusse sahen sich neugierig in allen Richtungen um. Hinter sich hatten sie ein weites, seeartigeS Becken, über das sie eben hergekommen waren, links befand sich eine Schranke schroff abschießendcr Berge, die kaum weniger als 1000 Fuß hoch sey» konnten, rechts war das gebirgige Hochland mit Villen, Maierhäusern und Dörfchen besät, und vor ihnen lag die tiefe, zweifelhafte Bai, deren bereits Erwähnung geschehen ist. „Ich sehe nicht, wie wir da entkommen sollen," rief der Ba- ronet heiter, „wenn wir nicht etwa wieder umkchren." Eine plötzliche weite Drehung des Bootes bewog ihn, sich zur Linken zu wenden, und dann wirbelten sie um eine Windung des 147 Felsen; sie befanden sich jetzt zwischen steilen Höhe» in einem Bug de» Flusse», der mit der früheren Strömung einen rechten Winkel bildete. „Dies ist eine der Neberraschungen, von denen ich gesprochen habe und die die Hochlande so einzig machen," sagte John Ef- fingham. „Der Rhein hat zwar viele Krümmungen, aber doch nichts AehnlicheS aufzuweisen." Die übrigen Reisenden priesen diesen und noch viele ähnliche Züge der Landschaft. Grace war entzückt, denn sie liebte warm, zärtlich und treu ihr Vaterland, wie einen Verwandten oder Freund, weshalb sie denn auch mit chrenhaflem Stolze zuhörte, wenn man es lobte. EvaS Patriotismus — wenn ein Wort von so hoher Bedeutung auf derartige Gefühle Anwendung finden kann — ging mit mehr Unterscheidung zu Werke, denn ihr Geschmack war in einer höheren Schule gebildet worden und besaß viel umfangreichere Mittel der Vergleichung. Die Gesellschaft machte bei West-Point Halt, um hier zu übernachten, und brach nun inSgesammt in ein unverhohlenes Entzücken aus; nur Grace war in den Ausdruck desselben gemäßigter, da sie den Platz schon oft besucht hatte. „Jetzt weiß ich, daß Du Dein Vaterland wirklich liebst, Eva," sagte sie, als sie ihren Arm liebevoll um den ihrer Verwandten schlang. „Diese Sprache, diese Gefühle zieme» einem amerikanischen Mädchen —ich sollte sie an Eva Efsingham nie vermissen." Eva lachte, enthielt sich aber einer weiteren Erörterung, die wahrscheinlich doch nichts gefruchtet haben würde, da sie wohl bemerkte, wie sehr die provinzialen Gefühle in Grace die Oberhand gewonnen hatten. Dagegen verweilte sic mit aus dem Herzen kommender Beredsamkeit bei den Schönheiten der Gegend, und seit ihrem Zusammentreffen kam es Grace jetzt zum erstenmal vor, als gebe es keinen Punkt der Meinungsverschiedenheit zwischen ihnen. Der folgende Morgen war der erste Juni — abermals einer jener schlaftrunkenen träumerischen Tage, die einer Landschaft so 148 sehr zu Statten kommen. Unsere Reisenden schifften sich in dem ersten Boote ein, welches stromaufwärts kam, und als sie in die Newbourg-Bai einliefcn, wurde aufs Neue das Lob des Stromes gesungen. Diese Stelle hat in Wahrheit nur wenige ihres Gleichen, obschon Grace noch immer behauptete, der schöne Anblick beruhe mehr in der Weichheit als in der Großartigkeit der Scene. Die Landhäuser oder vielmehr Landhäuschen, da man sie kaum anders nennen konnte, waren zierlich, gut angebracht und ungemein zahlreich, namentlich an den Höhen um die Stadt Newbourgh herum, obschon Mr. Efsingham mißbilligend den .stopf schüttelte, als er einen griechischen Tempel um den andern auftauchen sah. „Je weniger gediegene Architekten ihren Einfluß geltend machen können," sagte er, „desto mehr tritt Nachäfferei an die Stelle eines vernünftigen Geschmacks. Viele dieser Gebäude haben augenfällig gar keine Verhältnisse, und wie überhaupt gemeine Anmaßung was immer für eine Art verletzend wirkt, so kann dann auch der griechische Baustyl lange nicht die Augenweide bieten, die mau sogar dem holländischen verdankt." „Es überrascht mich, in diesem Staate so wenig vom holländischen Charakter zu finden," versetzte der Baronct. „Fast in nichts ist eine Spur dieses Volkes aufzufindcn, und doch hatten, glaube ich, sie eure Gesellschaft gebildet und die Colonie durch ihre Kindheit hindurchgeführt." „Wenn Ihr einmal besser mit uns bekannt scyd, so werdet Ihr über die Entdeckung erstaunen, wie wenig überhaupt von dem übrig geblieben ist, was nur noch vor einem Dutzend Jahren war," entgegnete John Efsingham. „Unsere Städte vergehen in einer Generation, wie ihre Bewohner, und sogar die Namen von Ortschaften unterliegen, wie alles Andere einem periodischen Wechsel. ES ist, fürchte ich, ein vorherrschender Zug im Wesen des Amerikaners, die Veränderung zu lieben." „Aber, Vetter Jack, überseht Ihr bei Eurem Tadel nicht die 149 Ursachen? Eine Nation, die, wie die unsrige, in Wohlstand und BevölkerungSzahl so schnelle Fortschritte macht, muß doch Wohl bessere Gebäude wünschen, als ihre Vorfahren, sei es nun aus Mangel an Mitteln oder aus Mangel an Geschmack, sie Herstellen konnten; auch liegt es ebenso in der Ordnung, daß die Namen mit den Personen wechseln." „Alles ganz richtig, Miß Effinghain; aber dadurch erklärt sich die Eigcnthümlichkeit nicht, die ich meine. Nehmen wir uns zum Beispiel Templeton. So weit ich denken kann, hat sich dieser kleine Ort der Anzahl nach wesentlich nicht vergrößert, und doch besteht die Hälfte der Bevölkerung aus neuen Namen. Wenn Euer Vater zu Hause anlangt, wird er seine halbe Nachbarschaft nicht mehr kennen und nicht mir mit neuen Gesichtern, sondern auch mit neuen Gefühlen zusammentreffen. An der Stelle der Ueberlicferungen, die ihm vielleicht theuer sind, findet er neue Meinungen und eine Gleichgültigkeit gegen Alles, den gegenwärtigen Augenblick ausgenommen. Selbst diejenigen, welche vielleicht noch bessere Gefühle bewahrt haben und Alles hegen und Pflegen möchte», was heiligeren Empfindungen angehürt, mögen sich nicht darüber äußer», weil sie fürchten, keiner Theilnahme zu begegnen." „Keinen Katzen, wie Mr. Bragg sagen würde." „Jack malt niemals en benu," sagte Mr. Essingham. „ES würde mir sehr leid thun, wenn ich glauben müßte, ein Dutzend kurzer Jahre habe alle diese wesentlichen Veränderungen in meiner Nachbarschaft hervvrgerufen." „Ein Dutzend Jahre, Ned? Du nennst ein Menschenalter. Sprich von dreien oder viere», wenn Du wünschst, in Amerika irgend etwas zu finden, wo Du es gelassen hast. Das ganze Land ist in einem so beharrlichen BewegungSzustande, daß ich ihn nur mit dem Kinderspiel vergleichen kann, in welchem, sobald das eine seine Ecke verläßt, ein anderes darauf loSeilt und dasjenige auSge- lacht wird, welches kein Winkelchen finden kann. Denke dir jene 130 Wohnung als den Aufenthalt eines Mannes, der non Kindheit an bis in sein Alter daselbst lebte, und laß ihn für ein Jahr oder zwei sortziehen, so wird er bei seiner Rückkehr einen Andern im Besitz finden, der ihn wahrscheinlich als unverschämten Eindringling behandelt, weil er zwei Jahre fortgeblicben ist und der nunmehrige Bewohner trotz der kurzen Periode schon eine Ewigkeit im Besitz zu seyn meint. Was die amerikanischen Bräuche betrifft, so erstreckt sich der Ausdruck ,immer' nicht weiter zurück, als ans l8 Monate. Kurz, Alles wird in dem gegenwärtigen Augenblick zusammengedrängt, und Dienstleistungen, guter oder schlimmer Nus, nebst allem klebrigen, hören leider aus, Bedeutung zu habe», wenn sie nicht auf die Interessen des Tages Einfluß üben." „Dies ist die Darstellung eines unverbesserlichen CynikerS," bemerkte Mr. Effingham lächelnd. „Aber das Gesetz, Mr. John Effingham," entgegnetc der Baronet hastig; „sicherlich kann doch das Gesetz nicht gestatten, daß ein Fremdling sich auf diese Weise in die Rechte eines Eigen- thünierS eindränge." „Die Gesetzbücher würden ihm vielleicht diesen freundlichen Dienst leisten; aber was gilt der Buchstabe solchen regellosen Praktiken gegenüber? absents »nt toujouns tont,' dies ist eine Maxime, welche besonders in Amerika Anwendung findet." „Das Eigenthum ist in diesem Lande so sicher, wie in jedem andern, Sir George; Ihr müßt daher der Stimmung unseres CommentatorS schon etwas zu Gute halten." „Meinetwegen, Ned; ich hoffe, Du wirst Dich in Deiner Erwartung, überall oouleur >Io ross zu finden, nicht täusche». Daran zweifle ich allerdings nicht, daß man Dich ruhig von Deinem Hause Besitz nehmen läßt, denn ich habe einen Cerberus hineingesetzt, der seiner Aufgabe, so schwierig sie auch seyn mag, wohl gewachsen ist und eben so großes Wohlgefallen an Kostenzetteln hat, wie der Squatter an unrechtmäßiger Besitzergreifung. Ohne einen 151 derartigen Hüter Deiner Rechte übrigens möchte ich nicht dafür stehen, vb Du Dich nicht gcnöthigt sehen würdest, auf der Landstraße zu übernachten." „Ich hoffe Sir George Templsmore wird Mr. John Effing- hamS Gemälde zu deuten wissen," rief Grace, die es nicht über sich bringen konnte, länger zu schweigen. Es folgte ein Gelächter, und bald fesselten die Schönheiten des Stromes wieder ihre Aufmerksamkeit. Als sie weiter aufwärts kamen, versicherte Mr. Effingham trinmphirend, das Aussehen der Dinge übcrbiete sogar seine Erwartungen, während Eva und der Baronct erklärten, daß man sich kaum eine lieblichere Reihenfolge von schönen Landschaften denken könnte. „Getünchte Gräber!" murmelte John Efsingham. „Alles nur äußerer Anstrich. Wartet nur, bis ihr den Moder im Innern zu Gesicht bekommt." Als sich dag Boot Albany näherte, drückte Eva ihre Zufriedenheit in noch stärkeren Ausdrücken aus, und Grace fühlte sich überglücklich, wie sie ihre Muhme und den Baronet erklären hörte, daß der Platz ihre Erwartungen bei weitem übertrcffe. „ES freut mich, Eva, daß Du so schnell Deine amerikanischen Gefühle wieder gewinnst," sagte Miß van Courtlandt, als ihre Verwandte bei einem spätern Mittagsmahls in einem Gasthause erklärte, wie mannigfach sie schon ihre Erwartung auf's Angenehmste getäuscht gesehen habe. „Du hast endlich Worte gefunden, das Aenßcre von Albany zu loben, und ich hoffe, wen» wir zurück- kchren, wirst Du geneigt seyn, auch New-Uvrk anders zu beurtheilen." „Ich glaubte in New-Dork eine Hauptstadt zu finden, Grace, und in dieser Voraussetzung habe ich mich traurig verrechnet. Statt des Geschmacks, deS guten Tons, des Anstandes, der Architektur, der Straßen, Kirchen, Läden und Gesellschaft einer Großstadt fand ich nur eine riesige Ausdehnung von kleinstädtischem Wesen, einen Handelsplatz und die ungeregelste Gesellschaft, die mir je vorge- 152 kommen ist. Wenn man so viel erwartet und so wenig trifft, liegt der Verdruß über die Täuschung in der Natur der Sache. Albany ist zwar eine politische Hauptstadt, aber ich kenne die Natur der Regierung zu gut, um von diesem Orte mehr, als eine Provinzialstadt zu erwarten, und in dieser Beziehung habe ich eine gefunden, die sich weit über ähnliche Plätze in anderen Theileu der Welt hebt. Ich gebe zu, daß Aibany in dem einen Sinn meine Erwartungen um so viel überbot, als New-Vork in einem andern hinter denselben zurückblieb." „In dieser einfachen Thatsache, Sir George Templemore," sagte Mr. Effingham, „könnt Ihr den wahren Zustand des Landes lesen. Wo mehr als das Nützliche verlangt wird, ist er mangelhaft, in Allem aber, was man unter den Mittelschlag rechnet, etwas bester als gewöhnlich. Man liebt es, Alles, was anderwärts herabgewürdigt wird, zu einer achtbaren Höhe zu steigern, und ist diese erreicht, so beginnt der Proceß der Gravitation nach dem Mittelpunkte, obschon vielleicht ein Bischen nachdrücklicher, als man eben wünschen möchte." „Ja, ja, Ned, Dein Gedanke mit der Gravitation nimmt sich nicht übel aus; aber warte nur ein Weilchen und urtheilc dann selbst über den Mittelschlag, von dem Du jetzt so wohlgefällig sprichst." „Ich habe das Bild von Dir selbst geborgt, John; wenn es nicht richtig ist, so mache ich Dich für die Mängel verantwortlich." „Wie ich höre," sagte Eva, „sind alle amerikanischen Dörfer Städte im Kleine» — Kinder in Neifröcken und Perücken. Ist dies so, Grace?" „Einigermaßen. Man wünscht vielleicht zu viel die Städte nachzuahmen und hat dabei zu wenig Sinn fürs Landleben." „Dies ist im Grunde eine sehr natürliche Folge des Umstandes, daß die Leute ausschließlich an solchen Plätzen wohnen," bemerkte Sir George Templemore. „Man sieht viel Aehnliches auf dem europäischen Continent, weil die Landbevölkerung blos Landbevölkerung 153 ist, und vielleicht in England nur deshalb weniger, weil diejenigen, welche an der Spitze der Gesellschaft stehen, Stadt und Land für ganz verschiedene Dinge halten." „I,a, oampaxno est vraiment clolioieuso en atmet igue!" rief Mademoiselle Viefville, in deren Augen übrigens das ganze Land wenig mehr als onmpaxne war. Am nächsten Morgen setzten unsere Reisenden den Weg nach Schenectadh fort, von wo aus sie vermittelst eines Kanalboots das schöne Mohawkthal hinanffuhren, denn die Eisenbahnwagen hatten damals noch nicht ihren raschen Flug begonnen. Alle waren über die Landschaft entzückt, da sie kaum weniger schön war, als die am Hudson, vbschon sie sich in ihrem Charakter wesentlich von der letzteren unterschied. An einem Punkte, wo es nöthig war, von der Richtung des Kanals abzugehen, standen Mr. EsfinghamS Wagen bereit, um die Reisenden aufzunchmen. Sie wurden hier durch die Anwesenheit des Landagenten erfreut, welcher meinte, eine derartige Aufmerksamkeit dürfte sowohl den jungen Damen, als seinem Principal angenehm seyn. Neuntes Kapitel. Wo gedeiht die Phantasie, Weilt im Kopf, im Herzen sie? Was gibt Nahrung ihr und Leben? Shakspeare. Die Reisenden fuhren mehrere Stunden bergauf, hatten aber eine so schlechte Straße, daß sie kaum von einem französischen Güterwegc überboten wurde. Mademoiselle Viefville betheuerte wohl zwanzigmal im Laufe des Morgens, es sei tausend Schade, daß Mr. Effingham nicht frohnberechtigt sei, um den Zugang zu 154 seinen torro8 in einem besseren Stande erhalten zu sännen. Endlich hatten sie die Höhe an einem Punkte erreicht, van wo ans das Wasser südwärts zu fließen begann und der Weg leidlich eben wurde. Sie kamen jetzt schneller von der Stelle und konnten die Pferde zwei oder drei Stunden zu einem stätigcn Trab ausholen lassen. AristobuluS lheilte nunmehr seinen Begleitern mit, daß er in Folge der von John Effingham erlheilten Weisungen dem Kutscher befohlen habe, einen Weg einznschlagen, der ein wenig von der geraden Richtung abwich; sie seyen daher schon einige Zeit auf einer der älteren nach Templeton führenden Straße» gefahren. „Ich habe dies Wohl bemerkt, obschon ich mir den Grund nicht denken konnte," sagte Mr. Essingham. „Wir sind an dem großen westlichen Schlagbaume." „Allerdings, Sir, und zwar ganz nach Mr. JohnS Vorschrift. Wir hätten uns eine gute Strecke Wegs erspart und meiner Ansicht nach auch das Pferdefleisch geschont, wenn wir ruhig nach dem Ufer des Sees hinuntergefahren wären." „Jack wird uns seiner Zeit wohl die Gründe angeben," er- wiederte Mr. Essingham. „Er hat den Wagen Halt machen lassen und ist mit Sir George auSgestiege», ein Wink, wie eS mir scheint, daß wir seinem Beispiele folgen sollen." Der zweite Wagen hielt jetzt gleichfalls und Sir George eilte herbei, um den Schlag zu öffnen. „Mr. John Essingham, der den Cicerone spielt," rief der Baronet, „besteht darauf, daß gerade an dieser Stelle Alles picck ü teure sehen solle; das Warum aber ist ein Geheimniß, welches er im Innersten seines Busens bewahrt." Die Damen stiegen nun gleichfalls aus, und die Dienerschaft erhielt die Weisung, mit den Wagen weiter zu fahren, während die übrigen Reisenden allein und, wie es schien, im Herzen eines Urwalds zurückblieben. „Hoffentlich gibt es keine Räuber in Amerika, Mademoiselle," 153 sagte Eva, während sie umherschaute, um die Lage zu mustern, in welche sie augenscheinlich eine bloße Laune ihres Vetters versetzt hatte. „Ou en begrenzten abwechselnd kühne, angebaute Hügel die Aussicht; man sah daselbst allenthalben die Früchte menschlicher Anstrengung aufschießen, obschon sich in der bereits erwähnten Weise an verschiedenen Plätzen Waldstriche hereinzogen, welche der ganzen Gegend den Charakter einer Parklandschaft verliehen. Am südlichen Ende des SeeS oder fast dem Standpunkte unserer Reisenden gegenüber begann ein weites, tiefes, ebenes Thal, das sich gegen Mittag hinzog, bis es in einer Krümmung der Bergkette verschwand. Gleich den Scheitel» der Berge war dieses Thal grünend, wohl bevölkert, voll von Spuren des Lebens und an gewisse» Plätzen mit Wald versehen, obschon nicht in dem ausgedehnten 159 Grade, wie die Berge- Um die friedlichen Hügelvorsprünge wanden sich Wege, die man weit hinauf durch die Klingen und in jeder Richtung auf Stunden hin berganwärts verfolgen konnte. In dem nördlichen Ende dieses lieblichen Thals, ganz am Rande des See'S, lag das Städtchen Templeton, unmittelbar unter den Augen unserer Wanderer. Die Entfernung ihres Standorts in gerader, ununterbrochener Linie vom Mittelpunkt der Wohnungen konnte nicht viel weniger als 500 Ruthen betragen, schien aber in der reinen Atmosphäre des windstillen TageS viel kürzer zu scyn. Man sah die Kinder und sogar die Hunde in den Straßen umher- laufcn, während das Helle Geschrei der Knaben bei ihren Spielen deutlich die Ohren erreichte. Da wir hier das Templeton der Ansiedler vor uns haben, an welches sich die Fortschritte eines halben Jahrhunderts knüpfen, so wollen wir dem Leser eine genauere Vorstellung von seinem der- inaligen Zustande beibringen, als dies durch gelegentliche Anspielungen möglich ist. Wir unterziehen uns dieser Ausgabe um so bereitwilliger, da das Städtchen nicht unter die Ortschaften gehört, welche unter den unnatürlichen Anstrengungen der Spekulation in Einem Tage aufschießen oder, durch eigenthümliche Handelsvortheile begünstigt, zu vorzeitigen Städten werden, während die Stubben noch in den Straßen stehen; nein, wir haben es mit einer nüchternen Landstadt zu thun, die pari pa8su mit der Umgegend stätig vorwärts geschritten ist und eine schöne Probe von der regelmäßigeren Civilisirung der Nation bietet. Templeton nahm sich von der Höhe aus, nach welcher wir den Leser hinversetzt haben, im Allgemeinen schön und wie eine Karte aus. Man konnte ein Dutzend Straßen sehen, die sich hauptsächlich unter rechten Winkeln kreuzten, obschon dies nicht mit steifer, gezwungener Regelmäßigkeit geschah. Wie gewöhnlich in den kleineren amerikanischen Städten, war der größere Theil der Gebäude 160 weiß getüncht, obschon sich mitunter auch ein besserer Geschmack kund gab, indem viele der Häuser die ernsten Farben des grauen Gesteins trugen, aus dem sie gebaut waren. Der Charakter der Reinlichkeit und Bequemlichkeit war allenthalben zu erkennen — Eigenschaften, durch die sich Templeton gar sehr von den europäischen Städten im Süden des Rheins unterschied, wenn wir die malerischen Flecken der Schweiz als eine Ausnahme gelten lassen. In England wäre wohl Templeton durch seinen Umfang zu dem Titel einer Marktsladt und in Frankreich zu dem eines großen Fleckens berechtigt gewesen; in Amerika aber hieß cS dem gewöhnlichen Sprachgebrauch und der politischen Einreihung zufolge eben ein Dorf. Unter den Wohnungen befanden sich wenigstens zwanzig, welche die wohlhabende Stellung ihrer Besitzer bekundeten und auf eine Lebensweise hindeuteten, welche sich über die der großen Masse erhob. Von diesen waren sechs oder acht mit kleinen Höfen, Anfahrten und anderem ähnlichen Zugehör von Häusern versehen, die der Ehre nicht unwürdig erachtet wurden, ihre eigenen Namen zu tragen. Nicht weniger als fünf kleine Thürmchen oder Glockenstühle (denn keines dieser beiden Worte paßt genau auf die Wunder der Architektur, die wir zu beschreiben wünschen) erhoben sich über die Dächer und bezeichneten die Standorte einer gleichen Anzahl von Plätzen der Gottesverehrung, denn jedes amerikanische Dorf bietet so viele von diesen Beweisen der Gewissensfreiheit — Gewissenslaunenhaftigkeit würde vielleicht der bessere Ausdruck sehn — als die Dollars und Cents der Umgegend, durch was immer für anwendbare Mittel beigebracht, herzustellen möglich machen. Mehrere leichte Kutschen, wie sie für einen gebirgigen Strich paßten, fuhren in den Straßen hin und her, und da und dort sah man ein einspänniges Wägelchen vor einer Ladenthüre oder dem Bureau eines Advokaten angebunden, die Anwesenheit eines Kunden oder Clienten aus den benachbarten Bergen bezeichnend. Templeton war als Durchgangspunkt nicht bedeutend genug. 161 um eine von jenen Ungeheuerlichkeiten, ei» modernes amerikanischen WirthShauS oder ein Gebäude zu besitzen, dessen Giebel die aller Nachbarbauten, selbst der Kirchen nicht ausgenommen, überragte; dennoch hatten die Herbergen einen ansehnlichen Umfang, waren gut gelegen und auch vollkommen zureichend besucht. Fast in der Mitte des Platzes und auf einem Grunde von ziemlich beschränktem Umfang stand noch immer jenes Modell der zusammengesetzten Ordnung, welches sein Daseyn dem vereinigten Wissen und Geschmack des Mr. Richard Jones und Mr. Hiram Dovlitle verdankte. Wir wollen nicht sagen, daß es modernisirt worden seh, denn der Anschein wenigstens deutete gerade auf das Gegcntheil; gleichwohl hatte es aber, seit eS dem Leser zum letztenmal vorgeführt wurde, unter der Leitung deS verständigeren John Efsinghani wesentliche Veränderungen erlitten. Dieses Gebäude zeichnete sich durch seine Lage und seinen Umfang dermaßen aus, daß die Augen Aster, nachdem sie unter beharrlichen Aeußerungen der Freude die ganze Landschaft überblickt hatten, an demselben wie an dem FoeuS des Hauptinteresses haften blieben. Ein langes gemeinsames Schweigen bekundete, wie allgemein dieses Gefühl war, und ohne die Blicke von dem Gebäude zu verwenden, setzte sich die ganze Gesellschaft auf Baumstümpfe und nmgestürzte Stämme, ehe eine weitere Splbe laut wurde. Aristobulus schaute unstät umher und musterte neugierig das Gesicht Mr. Effingham, iu dessen Nähe er saß, um zu entdecken, ob der Ausdruck desselben eine Gutheißung von JohnS geistvollen Bemühungen andeutete, oder nicht. „Mr. John Efsinghani hat das alte Haus bedeutend regenerirt und revivicirt, um nicht tranSmographirt zu sagen," begann er, behutsamerwcise Ausdrücke wählend, welche seine eigenen Ansichten über die Veränderungen zweifelhaft ließen. „Das Werk seiner Hand hat in der ganzen Gegend allerlei Gedanken, viel Nachfragen- Eva Esfinqbam. » welche» bestrittenen Punkt handelt stch'S jetzt?" „Ilm einen Vorschlag, das Innere der Kirche zu verändern, und unser Nachbar Mr. Gonge hat die Nisse mitgcbracht, »ach welchen er, wie er sagt, letzter Zeit mehrere Kirchen in der County veränderte. Sein Gedanke zielt darauf hin, die Kirchenstühlc ganz zu beseitigen und sie in sogenannte,Slips* umzuwandeln, die Kanzel niedriger zu machen und den Boden nach Weise eines Amphitheaters zu erhöhen." „Kann für einen derartigen Wechsel ein zureichender Grund vorhanden seyn?" fragte Eva überrascht. „Slips! schon das Wort hat einen gemeinen Klang und riecht nach einer nutzlosen Neuerung. Ich zweifle, ob cS überhaupt orthodox ist." „Jedenfalls ist es sehr populär, Miß Eoa," entgegnete Nri- stobuluS, der ans einem Fenster vortrat, wo er bei Seite mit einem Andern geflüstert hatte. „Die Mode wird allgemein und beginnt bei allen GlaubenSbekenntniffen vorherrschend zu werden." Eva wandte sich unwillkührlich um und bemerkte zu ihrer Neberraschung, daß der Herausgeber des „Aktive Jnquirer" ihre Gesellschaft vergrößert hatte. Die Begrüßungen von Seiten der jungen Dame waren abgemessen und stattlich, während Mr. Dodge, der sich inzwischen aus purem Respekt vor der öffentlichen Meinung von seinem Schnurrbart getrennt hatte, in geziertem Tone antwortete, um sich vor den anwesenden Fremden den Schein zu gebbn, als stehe er mit der ganzen Familie auf vertraulichem Fuße. „Populär oder nicht, Mr. Bragg, in keinem Falle kann es schicklich genannt werden," entgegnete Eva, sobald sie gegen Mr. 233 Dodge ihren tiefen Knir gemacht hatte. „Es heißt in der That die Ordnung der Dinge umwersen, wenn man den Sünder erhebt und den Heiligen erniedrigt." „Ihr vergeht, Miß Eva, daß nach dem alten Plane das Volk nicht sehen konnte; es wurde unnatürlicherweis« drunten gehalten, wenn ich mich so auSdrücken kann, und Niemand hatte eine» guten LugauS, als der Pfarrer und die Sänger in der vorderen Reihe der Galleric. Dies war ungerecht." »Ich sehe nicht ein, daß ein .guter LugauS', wie Jhr'S nennt, ein wesentliches Erforderniß der Andacht ist; desgleichen kann ich mir nicht denken, wie man eine Belehrung nicht eben so gut sollte hören können, wen» man unter, als wenn man über dem Lehrer sitzt." „Pardon, Miß," — Eva wich zurück, wie sie stets that, wen» Mr. Bragg sich dieser gemeinen und verächtlichen Anredeweisc bediente — „wir setzen Niemand hinauf oder hinunter und spielen auf Nichts ab, als auf eine gerechte Gleichheit. Alles soll so nahe wie möglich eine gleiche Höhe haben." Eva blickte verwundert umher und zögerte eine» Augenblick, als ob sie ihren Ohren nicht traue. „Gleichheit! — Gleichheit mit was! Sicherlich doch nicht mit den perordneten Dienern der Kirche, wenn sie in Ausübung ihrer heiligen Obliegenheiten begriffen sind — sicherlich doch nicht mit der Gottheit?" „Wir betrachten die Sache nicht ganz in diesem Lichte, Fräulein — das Volk baut die Kirchen; dies werdet Ihr zugeben, Miß Effingham — und auch Ihr werdet'S einräumen müssen, Mr. Efnngham!" Die beiden angezogenen Personen machten einfach eine bejahende Verbeugung, ohne jedoch zu sprechen. „Gut; wenn das Volk die Kirche baut, so fragt es natürlich sich selbst, zu welchem Zwecke es baue." 236 „Zur Gottesverehrung," cntgegnctc Eva mit einer ruhigen Feierlichkeit, die sogar den nicht leicht zu bewältigenden selbstgefälligen AristobuluS ein wenig einschüchterte. „Ja, Miß, zur Gottesverehrung und zur Bequemlichkeit des Publikums." „Allerdings; man baut für die öffentliche Bequemlichkeit und für öffentlichen Gottesdienst," fügte Mr. Dodge bei, auf die beiden Beiwörter einen besonderen Nachdruck legend. „Vater, Ihr wenigstens werdet nicht hieraus eingehen." „Nicht gerne, meine Liebe. Ich gestehe, daß es allen meinen Begriffen von Anstand zuwider ist, sehen zu müssen, wie der Sünder, selbst wenn er sich für den demüthigsten und reuigsten auS- gibt, sich so breit macht, daß man sich des Gedankens an Eigenliebe und Selbstüberschätzung nicht erwehren kann." „Ihr werdet einräumen, Mr. Effingham," entgeguete Ari- stobuluS, „daß Kirchen gebaut werden, um das Publikum bequem unterzubringcn — es handelt sich um die Oessentlichkcit, wie Mr. Dodge ganz richtig bemerkt hat." „Nein, Sir, der einzige Zweck ist der Dienst des Herrn, wie meine Tochter ganz richtig bemerkt hat." „Nun ja, Sir, auch dies gebe ich Euch zu." „Mr. Bragg meint ohne Zweifel, daß die Bequemlichkeit des Publikums als zweite Rücksicht beachtet werden müsse," bemerkte John Efstngham, der sich jetzt zum erstenmal über den Gegenstand vernehmen ließ, mit seiner gewöhnlichen Schärfe. Eva wandte sich rasch um und blickte nach ihrem Verwandten hin. Er stand mit gekreuzten Armen in der Nähe des Tisches, und in seinem schönen Gesichte drückte sich die ganze Bitterkeit und Verachtung aus, die ein so ruhiges gentlemanischcS Antlitz nur vcr- rathen konnte. „Vetter Jack, dies darf nicht stattsinden," sagte sie dringend. „Gleichwohl wird es stattfinden, Mühmchen Eva.» 237 „Gewiß nicht, — gewiß nicht! Unmöglich können die Menschen so weit alles Schicklichkeitsgefühl vergessen, um den Tempel Gottes in ein ComödienhauS umwandeln zu wollen, in welchem die Bequemlichkeit der Zuschauer die Hauptrücksicht bildet!" „Ihr sepd gereist, Sir," sagte John Effingham, durch sein Auge andeutend, daß die Worte insbesondere Mr. Dodge gälten, „und müßt auch in anderen Theilen der Welt Orte der GottcS- verehrung besucht haben. Ist Euch bei solchen Gelegenheiten, namentlich in katholischen Ländern, die schöne, einfache Art nicht angenehm ausgefallen, wie alle Klaffen, Vornehm und Gering, Reich und Arm, in gemeinsamer Demuth vor dem Altäre knieten?" „Gott behüte, nein, Mr. John Effingham. Die Gemeinheit eines solchen Ritus hat mir eine» wahren Abscheu eingeflößt, und eS wandelte mich wahrhaft ein Grauen an bei dem Anblick der wegwerfenden Weise, wie die Leute auf den kalten feuchten Steinen knieten, als ob sie nichts Besseres als Bettler wären." „Und waren sie nicht Bettler?" fragte Eva in fast strengem Tone. „Müssen sie sich nicht als solche betrachten, wenn sie bei dem Einigen, großen und allmächtigen Gott um Erbarmen flehen?" „Miß Effingham, das Volk will nun einmal durchaus obenan stehen, und eS ist vergeblich, ihm sagen zu wollen, daß es nicht in der Kirche eben so gut wie im Staat die höchsten Sitze haben solle. Ueberhaupt kann ich keinen Grund einsehen, warum der Pfarrer eine Stellung habe» soll, die ihn über seine Pfarrkinder erhebt. Die Kirchen der neuen Ordnung sorgen für die Bequemlichkeit des Publikums und stellen Jedermann so zu sagen auf gleiche Höhe. In den alten Zeiten war eine Familie in ihrem Kirchenstuhl begraben; sie konnte weder sehen noch gesehen werden, und ich erinnere mich noch recht gut, wie ich seiner Zeit kaum der Perücke unseres Geistlichen ansichtig werden konnte; dieser war nem- lich ein Mann von der alten Schule und hätte, so weit die Neben- 238 menscheu etwas Von ihm hatten, eben so gut in seiner Schlafkammer beten sonnen. Ich muß sagen, ich bin für die Freiheit, wäre cs auch nur in den Kirchcnstühlcn." „Es thut mir leid, Mr. Dodge," entgegnete Eva mit mehr Milde, „daß Ihr Eure Reisen nicht bis in die Länder der Muselmänner ausdehntet, wo die meisten christliche» Sekten wenigstens über jenen Theil der Gottesverehrung, der auf Würde berechnet ist, nützliche Belehrung einholen könnten. Dort würdet Ihr gar keine Sitze gesehen haben, sondern nur Sünder, die sich in Massen auf den kalten Steinen niederbeugten; man weiß da nichts von gepolsterten Stühlen und Beiuchzimmer - Bequemlichkeiten. Wir Protestanten sind in dieser Hinsicht weit zurück gegen unsere Vorfahren, und die Neuerung, von der Ihr jetzt sprecht, ist meiner Ansicht nach ein unehrerbietiger, fast sündiger Eingriff in die Würde eines Tempels. „Ah, Miß Eva, dies kommt daher, daß man Formen an die Stelle des Wesentlichen setzt," rief der Herausgeber. „Ich für meinen Theil muß gestehen, daß ich mich wahrhaft erschöpft fühlte von den Nebertreibungen, mit denen man in den meisten Ländern, die ich besuchte, die GvtteSverehrung beging. Würdet Jhr'S wohl glauben, Mr. Bragg? — vernünfllge Wesen, leibhaftige bona lläo lebendige Männer und Weiber knieten auf dem Pflaster wie eben so viele Kameele in der Wüste, die bereit sind, sich von ihren Herren Lasten auflegen zu lassen!" — Mr. Dodge liebte cS nemlich, seine Bilder aus den verschiedenen Welttheilcn, die er gesehen hatte, zusammenzulese». — „Kein Stuhl, kein Polster, nicht eine einzige Bequemlichkeit, die für ein freies, vernünftiges Wesen paßt. Nein, Alles wurde in der wegwerfendsten Weise geübt, als ob verantwortliche Mcnschenseele» um kein Haar besser seyen, als die Stummen in einem türkischen Palaste." „Ihr solltet dies in den ,Aetiv Jnquirer* rücken lassen," sagte AristobuluS. 239 „Alles z» seiner Zeit, Sir; ich habe noch viele Dinge i» petto, über die ich einige Bemerkungen zu geben gedenke, wie geringfügig sie auch sehn mögen — insbesondere über die Ungebühr des beständigen KnieenS von Seiten vernünftiger Wesen. Meiner Ansicht nach, Gcntlemcn und Ladies, lag es nie in der Absicht Gottes, daß ein Amerikaner knieen soll." Die achtbaren Handwcrksleute, die um den Tisch herstanden, gingen nicht unbedingt auf diese Ansicht ein, denn einer derselben bemerkte sogar, er sehe kein großes Unrecht darin, wenn der Mensch vor der Gottheit kniee; indeß neigten sie sich doch augenscheinlich inSgesammt zu der Ansicht hin, daß die neue Art von Kirchensttzen besser sey, als die alte. „Es kommt mir immer vor, Miß Efsingham," sagte der Eine, „daß ich auf den niedrigen Sitzen die Predigt besser hören und verstehen könne, als wenn ich in einem der alten, hochleh- nigen Dinger stecke, die wie die Abfachung eines PscrdestallS ausschen." „Aber könnt Ihr nicht besser Einkehr in Eurem Innern halten, Sir? — Gibt es eine bessere Gelegenheit, alle Gedanken fern von Zerstreuung dem Gottesdienste zu weihen?" „Ihr meint wohl jetzt die Gebete, möchte ich schließen?" „Allerdings, Sir — ich meine die Gebete der Bitte und des Dankes." „Ei diese überlassen wir so ziemlich dem Pfarrer, obschon ich zugeben will, daß man sich auf den neuen Sitzen nicht so gut anlehnen kann, wie in den alten Stühlen. Fürs Sitzen sind die neuen besser, aber nicht so gut zum Anlehncn. Aber gerade das Sitzen kommt eben jetzt bei den Leuten in unserer Gegend ganz besonders in Gunst, Miß Efsingham, und so ist'S, wie ich sehe, auch in der hiesigen. Die Predigt ist im Grunde doch die Hauptsache." „Ja," bemerkte Mr. Gouge, „eine gute, eindringliche Predigt 240 ist mir jeden Tag lieber, als ein gutes Gebet. Man kann auch mit einem Gebet zweiter Sorte fortkommen. aber die Predigt muß stets von erster Qualität seyn." „Diese Gentleinen betrachten die Religion so ziemlich wie den Schnaps an einem kalten Tage,' bemerkte John Effingham, „den man in gehöriger Dosts zu sich nehmen muß, wenn er das Btut in rascheren Umlauf bringen soll. Sie sind nicht die Leute, die sich wie verlorene Schafe in Kirchenstühle einpserchen lassen — nein, gewiß nicht." „Mr. John muß immer sein Sprüchlein anbringen," bemerkte der Eine; und Mr. Effingham entließ nun die Handwerker, indem er ihnen bedeutete, er wolle sich die Sache weiter erwägen. Sobald diese Leute fort waren, wurde der Gegenstand von den Zurückbleibenden noch eines Weiteren erörtert. Sämmtliche EsfinghamS vereinigten sich dahin, der Neuerung als einem unehrerbietigen Verstoß gegen den Anstand, der sich mit ihrem Schicklichkeitsgefühl und der ungestörten Selbstdemüthignng, welche dem Gebete ziemen, nicht vertrage, während die Herren Bragg und Dodge nicht davon abzubringen waren, daß die Volksstimme laut diesen Wechsel fordere. Sie meinten dabei, daß es unverträglich sey mit der Menschenwürde, sich auch in einer Kirche einpferchen zu lassen, sintemal eigentlich eine gute, eindringliche Predigt, wie sie'S nannten, bei der öffentlichen GottcSverehrung weit mehr in Anschlag komme, als alle Gebete und Lobpreisungen, die aus der Seele oder der Kehle kommen könnten. 241 Vierzehntes Kapitel. »Wir folgen Cadc — wir folgen Ende.' Pöbel. „Die Begriffe, welche dieser Mr. Bragg und unser alter Reisegefährte Mr. Dodge rwn religiösen Formen haben, scheinen eigen- thünilicher Art zu sehn," bemerkte Sir George Templemore, als er auf dem Wege nach dem See in Gemeinschaft mit den drei Damen, Paul PowiS und Zoh» Effingham nach dem kleinen Hofe vor dem Wigwam hinunterstieg. „Ich denke, es würde schwer fallen, noch andere Geister aufzufinden, die am Knieen beim Gebet einen Anstoß nähmen." „Hierin sepd Ihr im Jrrthum, Templemore," antwortete Paul, „denn Amerika ist voll von derartigen Religiösen, der besonderen Sekte gar nicht zu gedenken, die vor dem Knieen eigentlich ein frommes Entsetzen hat. Wie alle Neulinge trieben eS unsere würdigen Vorfahren eben so gut in Betreff der Formen als in andern Dingen aufs Aeußerste. Wen» Ihr nach Philadelphia kommt, Miß Effingham, könnt Ihr einen sehr lächerlichen Beleg dafür sehen, wenn man anders lächerlich nennen kann, was so viel schmerzlich Empörendes in sich faßt — wie der Mensch Mücken seigt und Kameelc verschluckt. Leiber steht die Thatsache in unmittelbarer Berührung mit unserer eigenen Kirche." ES klang wie Musik in Eva'S Ohren, als sie hörte, wie Paul PowiS von seinen würdigen Vorfahren als von Amerikanern sprach, folglich sich als ganz und gar ihrem eigenen Geburtslands einverleibt erklärte; denn vbschon er über so viele Gewohnheiten der Amerikaner den Stab brach und die Abgeschmacktheiten und Widersprüche derselben anfs Lebhafteste fühlte, so hatte unsere Heldin doch zu viel von anderen Ländern gesehen, um nicht dennoch einen ehrenhaften Stolz ans die wahren Vorzüge ihrer Heimalh zu hegen. Eva Effingham. 16 Einen gleich angenehmen Eindruck machte es außerdem auf sie, als sie aus seinem Munde das offene Zugcständniß vernahm, daß er derselben Kirche angehöre, die sie selbst so hoch verehrte. „lind was bietet sich denn zu Philadelphia so besonders Lächerliches in unserer Kirche?" fragte sie. „Ich bin nicht leicht zu vermögen, in Dingen Mängel zu finden, welche auf unsere ehrwürdige Kirche Bezug haben." „Ihr wißt, daß die Protestanten in ihrem Abscheu vor dem Götzendienst großentheils aufgchört haben, sich dcS Kreuzes als eines äußeren religiösen Symbols zu bedienen; es gab daher eine Zeit, wo in dem ganzen großen Lande vielleicht nicht ein einziges Kreuz zu sehen war, übschon die Bewohner desselben, ihrer Behauptung zufolge, die Liebe zu Christus und das Vertrauen auf fein Mittleramt zur großen Lebensaufgabe machten." „Es ist freilich uns Allen bekannt, daß unsere Vorfahren in allen Punkten des äußerlichen Gottesdienstes ein bißchen allzu streng und bedenklich waren." „Sie wußten cS in der That einzuleiten, den religiösen Cult aller angenehm auf die Sinne einwirkendcn Momente zu berauben, indem sie aus eine Vergeistigung hinarbeiteten, die dem geistlichen Stolze und dem frommen Dünkel nur allzu großen Vorschub leisteten. Zch weiß nicht, ob das Reisen auf Euch denselben Eindruck geübt hat, wie auf mich; indeß finde ich doch, daß alle meine angcerble Abneigung gegen die sichtbare Darstellung des Kreuzes vor der feierlichen Verehrung dieses Symbols gewichen ist, namentlich wo dasselbe einfach uns ohne jene blutigen und umständlichen Beigaben, die man so oft in katholischen Ländern sieht, dargestellt wird. Die deutschen Protestanten, welche gewöhnlich den Altar mit einem Kreuze zieren, heilten mich zuerst von dem Widerwillen, den ich in meiner Kindheit gegen derartige Dinge cinge- sogen hatte." „Ich glaube, Vetter Jack, auch uns ist dieser in Deutschland 243 herrschende Brauch aufgefallen. Zuerst fühlte ich mich zwar beklommen bei dem Anblick, aber bald wurde er mir lieb, und ich denke, Euch muß eS iu ähnlicher Weise ergangen sehn, denn ich habe unter de» Verzierungen des großen Fensters in dem Ein- gaugSthurme des Wigwams nicht weniger als zwei Kreuze bemerkt." „Ihr hättet auch in jeder Thüre des Gebäudes, mag sie nun groß oder klein sehn, ein Kreuz entdecken können, junge Dame. Unsere würdigen Vorfahren, wie sic Mr. Powis nennt — obgleich, beiläufig bemerkt, in ihrer Frömmigkeit nichts weniger als der veredelnde Zug einer geistlichen Dcmuth oder christlichen Liebe lag — waren solche Ignoranten, daß sie in jede Thüre, die sie anbrachteu, Kreuze setzten, obschon sie in heiligem Grauen ihre Augen verhüllten, so oft ihnen das heilige Symbol in einer Kirche zu Gesicht kam." „In jede Thüre?" riefen alle Protestanten unter der Gesellschaft. „Ja, in jede Thüre möchte ich fast sagen; jedenfalls in jede getäfelte Thüre, die seit zwanzig Jahren zufammengefügt wurde. Ich entdeckte das Geheimniß unseres Mißgriffs erst, als ich ein Schloß in Frankreich besuchte, das aus den Zeiten der Krcuzzüge stammt. Ich meine ein Chauteau der Monlmorencis, das durch Herrath in die Hände der Familie Conde kam, und der höfliche alte Kastellan, der mir die Denkwürdigkeiten zeigte, machte mich auf de» frommen Brauch der Kreuzfahrer aufmerksam, in die Fenster Steinkreuze zu setzen, von welchen dieselben CroiseeS genannt wurden. Wie ich mich einer Thüre zuwandte, sah ich dieselben Kreuze in den hölzernen Planken, und wenn ihr einen Blick auf die nächste beste bescheidene Thüre werft, an der ihr in diesem Dorfe vorbeigeht, so werdet ihr entdecken, daß euch dasselbe Symbol dreist ins Gesicht starrt — und zwar im Herzen einer Bevölkerung, die schon bei dem Gedanken den Athem verlieren würde- 244 ein solches Zeichen des Thiers, wie sie'S nennt, aus ihre Schwelle zu setzen." Alle Anwesenden drückten ihre llcberraschung aus; aber die erste Thüre, an der ste vorbeikamen, bestätigte diese Angabe und bewies, daß John Effingham Recht hatte. Katholischer Sinn und Eifer hätte kaum mehr kunstgerechte Symbole dieses seines Glau- benSzeichenS zusammenbringen können; denn allenthalben traten ste dem Borübergehenden vor die Augen, als wollten ste die unwissende und übertriebene Anmaßung verhöhnen, welche einen ungebührlichen Nachdruck auf die untergeordneteren Punkte einer Religion legt, deren Wesenheit in Demuth und Glauben besteht. „Und die Philadelphiakirchs," »ahm Eva rasch wieder aus, sobald die Neugierde in Betreff der Thüren befriedigt war. „Ich bin jetzt ungeduldiger, als je, zu erfahren, welche thörichle» Mißgriffe wir auch dort begangen haben." „Unheilig würde fast ein besserer Ausdruck seyn," entgegnete Paul. „Der einzige Kirchthnrm, der seit einem halben Jahrhundert in dieser Stadt steht, hat zur Zierde eine Insul, während das Kreuz aufs Sorgfältigste umgangen wird." Es folgte ein Schweigen, denn oft liegt mehr wahre Beweiskraft in der einfachen Darstellung eines Falls, als in aller Rhetorik und Logik, die man zur Unterstützung aufbieten könnte. Männiglich sah die maßlose Thorheit, um nicht zu sagen, Vermessenheit des JrrthumS ein, und für den Augenblick waren Alle erstaunt, wie eine Gemeinde von nur gewöhnlichem Menschenverstand etwas der Art habe zulassen können. Doch nein — Sir George Templemore machte eine Ausnahme von dieser allgemeinen Stimmung. Nach seinen Ansichten von Kirche und Staat, in welchem politischer und religiöser Katholikenhaß eine gleich wichtige Rolle spielten, lag durchaus nichts Unpassendes in dem Umstande, an die Stelle des Kreuzes eine Bischofsmütze zu setzen — ja er fand es im Gegcntheil ganz in der Ordnung. 243 „Ohne Zweifel war die Kirche eine bischöfliche, PowiS," bemerkte er; „und welches Spnibol hätte besser gewählt werden können, als die Jnful, wenn sichs nicht um ein römisches Gotteshaus handelte." „Wenn ich darüber nachdenke, so kömmt es mlc gleichfall- nicht so ganz befremdlich vor," bemerkte Grace hastig, „denn Ihr werdet Euch erinnern, Mr. Esfingham, daß die Protestanten die Idee des Götzendienstes mit der Weife in Verbindung bringen, wie die Katholiken sich des KrenzeS bedienen." „Dagegen erinnert die Jnful an die Bischöfe als PeerS im Parlament — an die Verbindung von Kirche und Staat." „Ja. Doch ich habe die fragliche Kirche selbst auch gesehen und weiß, daß sie vor dem Revolulionskrieg erbaut wurde. Sie ist eher eine englische als eine amerikanische Kirche zu nennen." „Ja, sie ist mehr Englisch als Amerikanisch, und Templemore hat vollkommen Recht, sie zu verthcidigen — Jnful nnd Alles." „Vielleicht hat ein Bischof an ihrem Altäre sunktionirt?" „Ich denke — ja, ich weiß es sogar gewiß; und kann noch beifügen, daß er die Jnful lieber zweihundert Fuß hoch in der Lust, als ans seinem einfachen, weißlockigen, apostolisch aussehenden Kopf hatte. Doch genug von dergleichen Dingen für diesen Morgen; dort ist Tom mit den Booten — laßt uns nach unseren Rudern greifen." Die Gesellschaft befand sich nun an dem kleinen, kunstlosen Kai, der als Dorflandungsplatz diente, und der Bootsmann hatte in der Aussicht aus Beschäftigung bereis das Fahrzeug loSgemacht; da man jedoch seiner Dienste nicht bedurfte, weil die Gentlemen selbst rudern wollten, so wurde er entlassen. Man machte in den warmen Monaten gerne Wafferparlieen auf dem schönen, spiegelklaren See, nnd cS war gewöhnlich, aus die Beihülfe regelmäßiger Bootsleute zu verzichten, so oft sich unter der Gesellschaft gute Ruderer befanden. 246 Sobald der leichte Kahn an der Seite des Kais angelegt hatte, begaben sich unsere Freunde an Bord, worauf Paul und der Baronet die Ruder ergriffen, unter deren kräftigen Schlägen in kurzer Zeit das Fahrzeug von dem Nfer abkam, „Die Welt wird ln der That zu enge für den abenteuerlichen Geist des Jahrhunderts," sagte Sir George, als er und seine Begleiter gemächlich unter den mit Wald bekleideten Klippen des östlichen NfcrS hinruderten — eine Richtung, welche sie dem Wunsch der Damen gemäß eingeschlagen hatten — „PowiS und ich rudern hier über einen amerikanischen Bergsee, nachdem wir vor nicht sehr langer Zeit an der Küste Afrika'S und am Rande der großen Wüste gemeinschaftlich in demselben Boote saßen. Vielleicht sieht uns noch Polynesien und Australien auf einem gemeinschaftlichen kühnen Krcuzzuge," „Der Geist des Jahrhunderts wirkt wahrlich Wunder in der von Euch angcdeutetcn Weise," bemerkte John Essingham, „Länder, von denen unsere Väter nur gelesen haben, werden »ns nachgerade so vertrant, wie unsere Häuser ihren Söhne», und Ihr bemerkt ganz richtig, daß man kaum voraussehen kann, wie weit eS noch der abenteuerliche Sinn der nächste» Paar Generationen bringen wird." „Vraimont, c'est fort oxtraovdinairo on, non; mais tout uussi extraoräinai, e pour uno Parisienne." „Ich will Euch nun — mit Ausnahme von Mr. John Esfinghani und Miß van Courtlandt — denen die Sache nichts Neues ist," fuhr Eva fort „in die Wunder und Merkwürdigkeiten unseres Sees, wie auch der Gegend überhaupt einsühre». Dort in der Nähe des kleinen Hauses, das über der Quelle köstlichen Wassers errichtet worden ist, stand die 247 Hülte Natly Vumppo'S, der einst durch aste diese Berge als Jäger berühmt und ein Mann war, welcher mit der Einfachheit eines Wald- bewohnerS, de» Hcldenmuih eines Wilden, den Glauben eines Christen und die Gefühle eines Dichters verband. Gin Besserer, als er in seiner Art war, hat wohl selten gelebt." „Wir Alle habe» von ihm gehört," rief der Baronet, neugierig sich umsehcnd, „und müsse» Theilnahme fühlen für Alles, was auf einen so wackeren und gerechten Mann Beziehung hat. ES wäre mir lieb, ein Gegenstück von ihm kennen zu lernen." „Leider sind die Tage der ,Lederstrümpfe* dahin sagte John Ef- finghani. „Er ist heimgegangen, ehe ich ins Leben trat, und ich sehe nur wenige Ucberrcste mehr von seinem Charakter in einer Gegend, wo die Spekulation gieriger nm sich greift, als die Sittlichkeit, und die Auswanderer weit reichlicher sind, als die Jäger. Nattp hat wahrscheinlich wegen der Nähe der Quelle diesen Punkt für seine Hütte gewählt; sepd Ihr nicht der gleichen Ansicht, Miß Efsingham?" „Allerdings; nnd jene kleine Fontäne dort, die Ihr aus dem Dickicht hervorbrechen seht — sie fällt gleich einem Diamanten- regen in den See — heißt die,Feenquelle* — vermuthlich in Folge eines Anflugs von Poesie, die, wie so viele unserer Gefühle, eingeführt worden seyn muß; den» ich kann keinen Zusammenhang zwischen dem Namen und dem Charakter des Landes entdecken. Nicht einmal die Neberlieferung weiß etwas von Feen am Otsego." Das Boot kam nun unter einen Theil des UferS, wo die Bäume bis ans Wasser herunterreichten und oft gegen das Element überhingen, in welchen sich ihre phantastische Gestalten wicder- spiegelten. An dieser Stelle glitt ein leichter Kahn in kurzer Entfernung vor ihnen gleichfalls über die Fläche hin. Ein Wink von John Efsingham und einige kräftige Nuderschläge brachten das Fahrzeug unserer Gesellschaft in die Nähe des anderen, welches dieselbe Richtung verfolgte. „Dies ist das Flaggenschiff," bemerkte John Efsingham in 248 halbem Flüstern, als sie auf den anderen Kahn znfnhren, „denn es enthält keinen geringer» Mann als den ,Commodore'. Früher was das Haupt des Sees ein Admiral; dies fällt übrigens in eine Zeit, welche der Monarchie noch näher lag und einige der europäischen Ausdrücke bewahrt hatte. Jetzt kann man sich in Amerika nur bis zu einem Commodore erheben, gleichviel, welche Dienste man auch geleistet haben mag, und ob sichs um das Meer ober um de» Otsego handle. — Ein lieblicher Tag, Commodore. ES freut mich, Euch noch in Eurer Glorie auf dem Wasser zu sehen.» Der Commodore, ein großer, hagerer, athletischer Greis von Siebzig mit schneeweißen Haaren, der aber in seinen Bewegungen noch so behend wie ein Knabe war, hatte kaum Zeit gehabt, sich nach dem herannahenden Boote umznsehen, als er schon in der angedenteten Weise durch John EfsinghamS wohlbekannte Stimme begrüßt wurde. Er wandte jetzt seinen Kopf, musterte die ganze Gesellschaft durch seine Brille, lächelte gutmülhig und machte eine Schwenkung mit der einen Hand, während er mit der andern zu rudern fortfuhr, denn er stand aufrecht und kerzengerade in dem Sterne seines Nachens. „Ein schöner Morgen, Mr. John," antwortete er mit herzlicher Stimme, „und gerade die rechte Zeit des Monats, um den See zu befahren. 'S ist freilich kein wissenschaftlich gewählter Tag fürs Fischen; indeß bin ich eben herauSgekomnicn, um zu sehen, ob alle die Vorsprünge und Baien noch an ihren rechten Plätzen stehen." „Wie kommt'S, Commodore, daß das Wasser iu der Nähe des Dorfs weniger durchsichtig ist als gewöhnlich und baß wir sogar hier oben so viele Flecken auf der Oberfläche schwimmen sehen?" „Welch eine Frage für Mr. John Effinghain, wenn er sich auf seinem heimischen Wasser befindet! Was hat man von den 2L9 Reisen in fernen Ländern, wenn der Mensch, furcht' ich, dort eben so viel vergißt, als er lernt!" Der Commodore wandte sich jetzt nm, erhob seine Handfläche in rednerischer Weise und fügte bei: „Ihr müßt wissen, Ladies und Gentlemen, daß der See in der Blüthe steht," „In der Blüthe, Commodore? Ich wußte nicht, baß bas Wasser auch Blüthe» treibt gleich den Pflanzen." „Und dennoch ists der Fall, Sir; ja, Mr. John, nnd Früchte dazu — doch müssen diejenigen, welche den Kunstgriff weg haben, darnach graben. Es haben letzter Zeit auf dem Otsego keine wunderbaren Fischzüge stattgefunden, Ladies und Gentlemen, sondern heutzutage muß man wissenschaftlich zu Werk gehen und Kenntniß von den Kodern haben, um von der ächten Sorte auch nur eine Finne übers Wasser zu bringen. Na, ich habe meiner Zeit den Kopf des Sogdollager dreimal in die Luft herauSgckricgt, obschon ich mir sagen ließ, der Admiral habe ihn einmal wirklich mit Händen gegriffen." „Des Sogdollager?" versetzte Eva, belustigt durch die Eigen- thümlichkeiten des Mannes, den sie schon in ihrer Kindheit als den Commandcur des SecS gekannt zu haben sich erinnerte. „Wir werden Euch sehr verpflichtet sehn, wenn Ihr uns den Ausdruck sowohl, als den Sinn Eurer Anspielung ans den Kopf und auf die freie Luft erklärt." „Ein Sogdollager, junge Dame, ist der Ausbund von einem Dinge. Ich weiß zwar, Mr. Grant, als er »och lebte, pflegte zu sagen, eS gebe kein solches Wort im Wörterbuche; aber es gibt gar viele Wörter, die darin stehen sollten und von dem Drucker vergesse» wurden. Was nun die Salmforelle betrifft, so ist der Sogdollager ihr Commodore. Ich will Euch freilich nicht Alles erzählen, LadieS und Gentlemen, was ich von den, Patriarchen dieses SeeS weiß, denn ihr würdet mir kaum Glauben schenken; aber wen» er nicht geschuppt und ausgenommen hundert Pfund 250 schwer ist, so gibt eS keinen Ochsen im Lande, der auch nur ein Pfund auf seinen Beinen wiegt," „Ihr sagt, Ihr habet seinen Kopf über dem Wasser gehabt?" bemerkte John Esfingham. „Dreimal, Mr. John — das erstemal vor 30 Jahren, und ich gestehe, er entging mir damals nur aus Mangel an Wissenschaft, denn diese Kunst lernt sich nicht in einem Tage. Ich hatte zu jener Zeit meiner Handthierung erst zehn Jahre vbgelege». Fünf Jahr- später kriegte ich ihn znm zweitenmal zu Gesicht und fischte ungefähr einen Mo»at lang ausdrücklich »ach dem alten Gentleman. Eine Minute ginzs dabei scharf her und es fragte sich sehr, ob er aus dem See heraus oder ich in denselben hinein sollte; indeß brachte ich'S doch soweit, daß ich seine Kiemen deutlich zu sehen bekam. Das war ein glorreicher Zug, und Washington fühlte sich in der Nacht, als sich Cornwallis ergab, nicht glücklicher, als ich bei jenem großen Anlasse!" „ES scheint, daß man in den Gefühlen Anderer nie auslernen kann. Ich hätte gedacht, Acrgcr über den Bcrlust würde die vorherrschende Empfindung gewesen seyn bei jenem großen Anlaß, wie Ihr ihn so paffend bezeichnet habt." „Bei einem unwiffeuschaslliche» Fischer könntet Ihr Recht haben, Mr. John, aber wir erfahrene» Leute wissen das besser. Der Ruhm ist nach der Qualität nicht aber nach der Quantität zu ermessen, Ladies und Gentlemen, und ich betrachte es für eine weit größere Ehre, den Kopf des Sogdollager eine halbe Mlnute über dem Wasser zu sehen, als wenn ich den ganzen Nachen mit Grashechten gefüllt heimbrächte. Als ich zum letztenmale des alten Gentleman ansichtig wurde, versuchte ich's nicht, ihn ins Boot zu bringen; aber wir saßen da und unterhielte» uns zwei Minuten miteinander— er im Wasser und ich im Schifflein." „Ihr unterhieltet Euch?" — rief Eoa, „und obendrein mit einem Fische! Was konnte Euch das Thier zu sagen haben?" 231 „Ei, mein Fräulein, ein Fisch kann kn gut sprechen, als Unsereins; tue einzige Schwierigkeit liegt nur darin, daß inan nicht versteht, was er sagt. Ich Härte von alte» Ansiedlern, Ledcrstrunipf habe vft stiindenlang hintereinander Zwiesprach gepflogen mit de» Thiercn des Waldes und sogar mit den Bäumen." „Ihr habt den Lederstrnmpf gekannt, Commodore?" „Nein, junge Dame; thnt mir leid sagen zu müssen, daß ich nie das Vergnügen hatte, seiner auch nur ansichtig zu werden. Er war in der That ein großer Mann. Mag man immer von de» JeffersonS und Jacksons sprechen, aber ich betrachte Washington und Natty Bninppo als die zwei einzigen wirklich großen Männer meiner Zeit." „Was haltet Ihr von Bonaparte, Commodore?" fragte Paul. „Na, Sir, ich will wohl glauben, daß Bonaparte einige hervorstechende Züge an sich gehabt haben mag; aber in den Wäldern wäre er der Helle Garnichts gewesen gegen Ledcrstrumpf. Es ist nichts so GewaltigcS, junge Gentleme», ein großer Mann zu sehn unter den Einwohnern der Städte — dem Regenschirmvolk, wie ichs nenne; doch was Natty betrifft, so war er in Führung deS Fischspießes fast eben so bewandert, wie in der Handhabung seiner Büchse, obschon ich gestehe, baß ich nie hörte, ob er den Sogdollager zu Gesicht bekommen habe." „Wir kommen diesen Sommer schon wieder zusammen, Com- modore," sagte John E-singham. „Die LadieS wünschen jetzt die Echos zu hören, und wir müssen Euch verlassen." „Alles sehr natürlich, Mr. John," entgegnete der Commodore lachend, indem er abermals in seiner eigenthümlichen Weise die Hand schwenkte. „Alles Frauenvolk liebt eS, diese Echos zu hören, denn sic sind selten zufrieden mit dem, was sie ein einziges,nal gesagt haben, so sehr sind sie auf die Wiederholung versessen. Noch nie ist mir ein Frauenzimmer auf dem Otsego-Waffer vorgekommen, das sich nicht zuerst zu den sprechenden Felsen hätte 252 hinaufrndern lassen, um mit sich selbst zu plappern. Bisweilen kvmmcn sie in großer Anzahl und sprechen dann alle zumal, um das Echo in Konfusion zu bringen. Nicht wahr, Ihr habt gehört, junge Dame, was die Leute jetzt von diesen Stimmen halten?" „Ich kann nicht behaupten, mehr davon gehört zu haben, als daß man hier einen der vollkommensten Wiederhalle findet," ant- worteie Eva, sich voll gegen den alten Mann nmwendend, während ihr Nachen an dem des Fischerveleranen vorbeiglilt. „Einige Leute wollen wissen, daß ganz und gar kein Wiederhall da sep; denn die Tone, welche man höre, rühren von dem Geiste Lederstrumpfs her, der sich in den alten Schlupfwinkeln aufhalte und Alles, was wir sagen, wiederhole, um unsere Unwissenheit zu verspotten oder unsere Eingriffe in die Wälder zu verhöhnen. Ich will nicht sagen, daß diese Vorstellung richtig oder überhaupt nur die meinige ist; aber uns Allen ist bekannt, daß cS Natly gar nicht gefiel, wenn neue Ansiedler in die Berge kamen, und daß er einen Baum eben so sehr liebte, wie die MvschnS- ratte das Wasser. Man zeigt hier herum an der Seite der Vision noch einen Baum, in welchem er jeden neuen Ankömmling mit einer Kerbe bezeichnet«, bis er die Zahl siebzehn erreicht hatte; daun aber konnte sein ehrliches altes Herz die Sache nicht länger verwinden, und er gab sie in der Verzweiflung auf." „Dies ist sehr poetisch, Commodore, und wir bedauern nur, daß die Sage nicht wahr sehn kann. Jedenfalls gefällt mir eine derartige Erklärung von dem Geheimniß der .sprechenden Felsen* viel besser, als diejenige, welche der Namen ,Feenquelle* in sich faßt." „Ihr habt vollkommen Recht, junge Dame," rief der Fischer, während die Boote immer weiter von einander abkamen; „man hat am Otscgo nie von einer Fee gehört, obschon es eine Zeit gab, in der wir uns eines Natty Bumppo rühme» konnten." 253 Der Commodore schwenkte abermals die Hand, unb Eva nickte ihm einen Abschiedsgruß zu. Das Boot unserer Gesellschaft fuhr langsam an dem mit Bäumen gesäumten Ufer hin, wvbei es gelegentlich mehr seewärts umbvg, um einem überhängenden vdcr fast horizontalen Baume auSzuwcichen, und dann wieder so nah gegen das Land hin zurückkehrte. daß die Ruder fast auf dem Kiese anstießen. Eva glaubte nie einen schöneren, romantischeren Baumschlag gesehen zu haben, als der war, welchen die ganze mit Laub bedeckte Bergseite darbot. Zwar war bereits mehr als die Hälfte der hohen, ehrwürdigen Fichten, welche zur Zeit der erste» Eolonistrnng den Boden bedeckt hatte», verschwunden; aber in Gemäßheit eines der uncr- svrschlichen Gesetze, durch welche die Natur alle Dinge beherrscht, hatte sich an ihrer Stelle ein kräftiger Nachwuchs gebildet, der fast alle amerikanischen Holzarten in sich schloß. Namentlich waren die jungen SchirlingStannen, die an ein RembrandtischcS Gemälde erinnerten, vollkommen schön und bildeten einen lebhaften Gegensatz mit dem helleren Grün der im Winter ihr Laub abwerfenden Bäume. Da und dort diente ein blühender Strauch dazu, das Bild der Landschaft noch mehr zu beleben, während die blühenden Kastanienbäume wie leuchtende Wolken unter den dunkleren Wipfeln der Fichten lagen. Die Gentlemen ruderten das leichte Schisflein eine ziemliche Strecke unter dem überhängenden Blätterwerke hin, jeznweilen einen Strichvogel von einem Zweig oder ein Wasserhuhn von dem schmalen Strande aufscheuchcnd. Endlich ließ John Effingham mit Rudern nach, und nachdem er mit der Schaufel das Fahrzeug ein paar Minuten gesteuert hatte, forderte er die ganze Gesellschaft auf, in die Höhe zu blicken, weil sie sich jetzt unter der „schweigenden Fichte" befänden. Ein gemeinsamer Ausruf freudiger Ueberraschung folgte dem Ausblick, denn selten erscheint ein Baum in einem vortheilhafteren 254 Lichte, als wenn die Augen aller Beschauer plötzlich darnach hingelenkt werden. Die Fichte Fand, die Wurzeln tief in die Erde cingescnkt, am Ufer und einige Fuß höher als die Flache des Sees, aber in einer Lage, daß der Abstand vom Wasser mit in die scheinbare Höhe des Baumes fiel. Gleich allen derartigen Bäumen in den dichten Urwäldern Amerikas hatte fich ihr Umfang durch eine» tausendjährigen Wuchs sehr vergrößert, und stc stand jetzt in einsamer Herrlichkeit da, ei» Deukzeichen, was die Berge, die noch immer in so reicher Vegetation dalagen, in den Tagen ihres Stolzes gewesen waren. Fast hundert Fuß war der Stamm aller Zweige baar, und dann begannen die dunkelgrünen Nadelmaffen, die fich um den Schaft hernmschlangcn, einem in .Kränzen anfsteigcnden Rauche gleich. Der hohe säulcnähnliche Baum hatte fich, als er noch mit seinen Nachbarn kämpfte, dem Lichte zugencigt und hing jetzt so weit gegen den See über, daß die Krone um 1» oder k5 Schuh von dem Lolh des Fußes abstand. Eine sanfte anmulhige Bogcnlinie trug dazu bei, den Effekt dieser Abweichung vom Senkel zu erhöhen und mischte das Großartige gerade zureichend mit dem Schauerlichen, um das Bild erhaben zu machen. Obschon fich auf dem See nicht der leiseste Windhauch verspüren ließ, waren doch die Luftströmungen über dem Walde kräftig genug, um den hohen Wipfel zu bewegen, und man konnte sogar ein leichtes anmuthigcS Spielen der obersten Zweige bemerken. „Diese Fichte führt einen sehr unpassenden Namen," sagte Sir George Tcmplemore, „denn fie ist der sprechendste Baum, welchen meine Augen je geschaut haben." „Sie ist in der That beredt," antwortete Eva. „Man hört fie sogar jetzt sprechen von den wilde» Stürmen, die ihren Scheitel umtobt haben, von den Jahreszeiten, die dahin schwanden, seit fie ihre grüne Haube aus dem Gedränge der Schwestern unter ihr erhob, und von oll dem, was auf dem Wasser des Otsego vorficl, als dieser klare See noch wie ein Edelstein im Walde eingebettet 255 lag. Bei dem Landen des ersten Eroberers in Amerika stand dieser Baum bereits an der Stelle, wo wir ihn jetzt noch sebcn. Hier also ist wenigstens -ein amerikanisches Alterthnm!" „Euer reiner und geregelter Geschmack hat Euch schnell einen der wahrsten Zauber des Landes erfassen lassen. Miß Esstngham," sagte Paul. „Wollten wir weniger an unsere künstlichen und mehr an unsere Naturvorzüge denken, so würden wir uns weniger der Tadelsucht bloSstellen." Eva war nie unaufmerksam, wenn Paul sprach, und das Noth ihrer Wangen vertiefte sich, als er ihrem Geschmack dieses Com- pliment machte, aber dennoch blieb ihr sanftes blaucö Auge an der Fichte haften. „In einem Betracht mag sie wohl schweigend sehn, während sie in jedem anderen als sprechend erscheint," »ahm sie mit einer Wärme wieder auf, die durch Pauls Bemerkung nicht gemindert wurde. „Jener kleine Kamm von Grün, welcher der Fahne einer Feder gleicht, spricht z» der Einbildungskraft von tausend Dingen." „Ich habe nie eine Person von nur einigem poetischen Gefühl gekannt, die unter diesem Baume nicht in einen ähnlichen Gedanken- gang verfallen wäre," bemerkte John Esstngham. „Ich brachte einmal einen Mann, der um seines Genies willen in hohem Rufe steht, hieher, und nachdem er den grünen Scheitel d-S Baumes einige Minuten angelegentlich betrachtet hatte, rief er aus: ,diese Masse von Grün zitterte schon im Licht der Sonne, als ColumbuS sich zum ersten Male in das unbekannte Meer wagte? Es ist in der That ein beredter Baum, denn er erzählt Allen, die sich ihm nahen, dieselbe erregende Geschichte — eine Geschichte so reich au Gefühlen und Erinnerungen. " „Und doch liegt eben in seinem Schweigen die Beredsamkeit," fügte Pan! bei. „Der Name ist also nicht so unpassend, als man anfangs glauben möchte." „Wahrscheinlich verdankt er ihn dem eingebildeten Gegensätze zu 256 de» geschwätzigen Felsen, die dort unten im Wald »erborgen liegen. Wenn ihr jetzt wieder den Rudern zusprccht, Gentlemen, so können wir bald eine Zwiesprache halten init dein Geiste Lederstrnmpss." Die jungen Männer säumten nicht, dieser Aufforderung zu willfahren, und nach ungefähr zehn Minuten schwamm der Nachen etwa SO Ruthen vom User ab an einer Stelle, wo die ganze Bergseite mit einem Blicke überschaut werden konnte. Hier legten sie die Ruder nieder und John Esfingham rief den Felsen in klarer, deutlicher Stimme einen „guten Morgen" zu. Die neckischen Töne wurden mil so großer Aehnlichkeit und Bestimmtheit zurückgeworfen, daß diejenigen, welchen diese Naturerscheinung neu war, nicht wenig betroffen waren. Dan» folgten andere Rufe, die vom Echo wiederholt wurden, und zwar in einer Weise, daß auch nicht die mindeste Betonung der Stimmen verloren ging. „Dies überlrifft in der That die berühmten Echos am Rhein," rief die entzückte Eva; „denn obgleich sie die Töne eines HornS deutlich wiederholen, sind sie, wie ich glaube, doch nicht im Stande, der Stimme mit solcher Treue zu antworten." „Ihr habt vollkommen Recht, Eva," versetzte ihr Verwandter, „denn ich kann mich keines Platzes erinnern, wo ein so vollkommenes und genaues Echo zu hören wäre, wie an diesen sprechenden Felsen. Wenn wir um ein paar hundert Nnthcn weiter zurück- sühren und ein Horn in Anwendung brächte», so würden wir, wie ich aus eigenen Versuchen weiß, mehrere Takte einer Arie zurückwerfen hören. Auch wäre das Intervall zwischen dem Schall und dem Echo abgegränzter und ließe u»S Zeit zu ungetheilter Aufmerksamkeit. Was man auch von der Fichte halten mag, diese Felsen führen mit Recht ihren Namen, und wenn Lederstrumpss Geist etwas mit der Sache zu schaffen hat, so ist er in der That ein Spottgeist." John Effingham sah nun auf seine Uhr und erklärte den klebrigen, daß er noch ein Vergnügen für sie im Rückhalt habe. Auf einem kleinen öffentliche» Spazierplatz, der an der Stelle lag, wo 237 der Fluß von dem See abging, stand ein rohe« Gebäude, welche« den Namen „Geschützhaus" führte. Hier zeigte sich ein sprechende« Bild der Sicherheit des Lande« vor inneren Feinden sowohl al« vor äußeren, denn man bewahrte daselbst zwei oder drei Artilleriestücke auf, aber bei offenen Thüren, so daß Jeder da« Gebäude betreten oder sogar nach Gutdünken die Geschütze laden und abfeuern konnte, obschon sie eigentlich einem organistrten StaatS-Corp« gehörten. Eine dieser Kanonen war auf eine Strecke thalabwärt« geführt worden, und John Efsingham theilte nun seinen Begleitern mit, daß sie jeden Augenblick hören könnte», wie der Knall da« schlummernde Echo der Berge wecke. Er hatte kaum ausgeredet, als das Geschütz mit nach gen Osten gekehrter Mündung abgefeuert wurde. Der Ton brach sich zuerst dem Dorfe gegenüber an der Seite der Bision, rollte dann weiter an der Bergkette von Höhle zu Höhle, von Klippe zu Klippe und von Wald zu Wald, bis sich das Echo wie ein ferner Donner einige Stunden nordwärts verlor. Der Versuch wurde dreimal wiederholt und stets mit derselben großartigen Wirkung; denn die westlichen Berge hallten stet« da« Echo der östlichen wieder, so daß sich der Schall wie die sterbenden Alkorde einer schauerlichen Musik auSnahm. „Eine derartige Oertlichkeit wäre ein wahrer Schatz in der Nähe eines melodramatischen Theaters," sagte Paul lächelnd; „denn gewiß hat man nie einen künstlichen Donner gehört, der sich so gut ausgenommen hätte, wie dieser. Auch würde dem See eine Gondel gut anstehen." „Ich fürchte übrigens, wer an den endlosen Horizont de« Meeres gewöhnt ist, dürfte dieser bescheidenen Wasserfläche bald salt werden," entgegnetc John Elfingham mit Bezeichnung. Paul betheuerte angelegentlich das Gegcntheil, und die Gesellschaft ruderte schweigend weiter. „Dort ist die Stelle, wo wir so lange unsere PiknikS zu halten pflegten," sagte Eva, auf einen lieblichen Borsprung deutend, E»a Esfiagham. 17 238 der schön von edlen alten Elchen beschattet wurde und einem roh zusammengesetzten Hause, welches eben so gut unter dem zerstörenden Einflüsse der Zeit, als unter dem der Menschenhände gelitten hatte, zum Standort diente. John Effingham lächelte, als seine Verwandte ihre Begleiter auf den Platz aufmerksam machte, und versprach ihnen, sie bald näher mit seinen Schönheiten bekannt zu machen. „Beiläufig, Miß Effingham," setzte er hinzu, „Ihr schmeichelt Euch vermuthlich damit, einmal die Erbin dieses traulichen Plätzchens zu s-yn." „ES ist sehr natürlich, daß eines Tages — möge ihn Gott noch lange fern halten — das, was gegenwärtig meinem lieben Bater gehört, auf mich übergehen wird." „Allerdings liegt dies im Gange der Natur und der Gesetzgebung, mein schönes Mühmchen; aber Ihr werdet erfahren müssen, daß es eine Macht giebt, die Eure Ansprüche zu bestreiten droht." „Welche Macht — welche menschliche Macht wenigstens könnte die gesetzliche Berechtigung eines Gigenihümers an seine Habe bestreiten? Jener Vorsprung hat uns zugehört, seit der civilifirte Mensch in diesen Bergen weilt; wer wird sich anmaßen, uns desselben zu berauben?" „Es muß Euch allerdings wundernehmen, daß es wirklich eine solche Macht gibt, und daß sic obendrein Lust hat, sich gellend zu machen. Das Publikum, das allgewaltige, allmächtige, überall herrschende, gesetzmachende und gesetzbrechende Publikum hat sichs in den Kops gesetzt, jene Euch so theure Stelle an sich zu ziehen; und Ned Effingham muß eine ungewöhnliche Thatkraft aufbieten, wenn er hindern will, daß eS sein Ziel erreiche." „Dies kann Euch kaum Ernst sehn, Vetter Jack?" „Ich spreche in so gediegenem Ernste, als es bei der Wichtigkeit des Gegenstandes einem zurechnungsfähigen Wesen nur möglich ist, wie Mr. Dodge sagen würde." Eva antwortete nicht weiter, sondern blieb verstimmt und 259 schweigsam, bis die Gesellschaft an» Land stieg; dann aber eilie sie zu ihrem Vater, um ihm mitzuthcilen, was sie eben vernommen hatte. Mr. Effingham hörte, wie immer, seiner Tochter mit zärtlicher Theilnahmc zu, küßte ihre glühende Wange und beruhigte sie mit dem Bemerken, daß man das Ereigniß, welches sie so ernstlich zu fürchten scheine, nicht Wohl für möglich halten könne. „Aber Vetter Jack kan» über einen solchen Gegenstand mit mir nicht Scherz treiben," fuhr Eva fort. „Er weiß, wie theuer mir diese kleinen Erbstücke sind, au denen so manche süße Erinnerung haftet." „Wenn es Dein Wunsch ist, so können wir über die Sach« Erkundigungen einziehcn, mein Kind. Willst Du so gut scyn, Pierre zu klingeln?" Pierre erschien und erhielt die Weisung, Mr. Bragg nach dem Bibliolhekzimmcr zu berufen. AristobuluS war übrigens augenscheinlich nicht in der besten Stimmung, denn cs verdroß ihn sehr, bei der letzten Ercursion auf den See übergangen worden zu seyn; er meinte nämlich, ein Gemeinderccht auf einen Antheil an allen Vergnügungen seiner Nachbarn zn besitzen, vbschon er Selbstbeherrschung genug besaß, seine Gefühle zu verbergen. „Ich wünsche zu wissen, Sir," begann Mr. Efsingham ohne Einleitung, „ob in Betreff der EigcnthumSrechte auf den Fischvorsprung an der westlichen Seite des Sees eine Irrung obwalten kann?" „Gewiß nicht, Sir; er gehört der Gemeinde." Mr. EfsinghamS Wange glühet«, und sein Antlitz gewann den Ausdruck des Erstaunens, obgleich er im klebrigen seine Ruhe bewahrte. „Der Gemeinde! wie, behauptet Ihr im Ernst, Mr. Bragg, die Gemeinde spreche jene Stelle an?" „Ja wohl, Mr. Essingham. denn so lange ich in dieser County wohne, habe ich ihr Anrecht nie bestreiten hören." „Ihr haltet Euch noch nicht sehr lange in dieser County auf, Sir, und eS ist recht wohl möglich, daß Ihr im Jrrthum besangen 260 seyn könntet. Ich bin doch begierig, zu erfahren, in welcher Weise die Gemeinde ihren Rechtstitel belegen kann. Ihr seyd Jurist, Mr. Bragg, und könnt daher den Fall verständlich auseinandersetzen." „Je nun, Sir, Euer Vater trat ihr den Piatz bei seinen Lebzeiten ab. Jedermann in dieser ganzen Gegend wird Euch das Nämliche sagen." „Glaubt Ihr, Mr. Bragg, es werde sich in dieser ganzen Gegend Jemand finden, der dies als Thatsache beschwören will? Ihr wißt wohl, daß auch zu Erlangung von Gerechtigkeit Beweise die ersten Erfordernisse find." „ES frägt sich sehr, Sir, ob nicht Jedermann in der ganzen Gegend auf das Fakt schwören wird, denn wie ich sage, so trägt mau sich allenthalben in der County mit der gleichen Tradition! und nun offen gegen Euch zu seyn, Sir, das Volk ist ei» Bischen mißvergnügt, weil Der. John Esfingham davon gesprochen hat, er wolle Privatvergnügungen darauf geben." „So geht also hieraus hervor, wie müßig und unüberlegt die Traditionen der County in Umlauf gesetzt werden. Da ich übrigens in dieser ganzen Sache klar sehen möchte, so bitte ich Euch, ins Dorf zu gehen und bei denen Umfrage zu halten, die Ihr in Betreff jener Stelle für am besten unterrichtet haltet, damit ich danach meine Schritte einleiten kann. Habt die Güte, besonders auf den Rechtstitel Euer Augenmerk zu richten, da ich nicht gerne im Dunkeln einen Zug thun möchte." AristobuluS verließ das Haus augenblicklich, und auch Eva entfernte sich, um, sobald sie sah, daß die Angelegenheiten im rechten Gange waren, ihren Vater in seinen Betrachtungen über den Vorgang nicht zu stören. Mr. Esfingham ging einige Zeit verstört im Bibliothekzimmer auf und nieder; denn der in Frage stehende Platz war aufs Innigste mit seinen frühesten Gefühlen und Erinnerungen verwoben, und wenn eS einen Fuß Land auf Erden gab, der ihm, seine Wohnung ausgenommen, theurer war, als alle übrigen, so konnte dies wohl von dem Fischvorsprung behauptet werben. Ungeachtet seiner Einreden gegen John EfsinghamS Spot- teleien konnte er sich nicht verbergen, daß seine Heimalh seit der Zeit seiner letzten Anwesenheit viele Veränderungen und zum Thcil augenscheinliche Verschlimmerungen erlitten hatte. Der Geist ungezügelter Gewaltthätigkeit hatte um sich gegriffen und der gewissenlose GesetzeSvcrächter brauchte nur eine kühn- Sprache zu führen, um der beabsichtigten Einschüchterung sicher zu sehn. Wenn er indeß die näheren Verhältnisse des Falles und die gute Begründung seines Rechtes näher erwog, so konnte er sich bei dem Gedanken, daß man es ihm streitig machen wollte, eines Lächelns nicht erwehren. Bald nachher setzte er sich wieder an den Schreibtisch und vergaß darüber beinahe ganz, was über den unangenehmen Gegenstand zur Sprache gekommen war. NristobuluS blieb mehrere Stunden aus und kehrte erst wieder zurück, als Mr. Efsingham zum Diner angekleidet und wieder allein in dem Bibliothekzimmer war, wo dieser den an seinen Sachwalter ertheilten Auftrag schon völlig vergessen hatte. „ES ist, wie ich Euch sagte, Sir. Das Publikum besteht darauf, der Vorsprung sep Gemeindeeigenthum, und ich halte es für meine Pflicht, Euch zu sagen, Mr. Efsingham, daß die Gemeinde entschlossen ist, ihren Ansprüchen Nachdruck zu geben/' „In diesem Falle ist es nur in der Ordnung, Mr. Bragg, daß ich Euch sage, die Gemeinde habe durchaus kein EigcnthnmS- anrecht an diese Stelle, sintemalen ich der Eigenthümer und zugleich fest entschlossen bin, meinen Ansprüchen Nachdruck zu geben." „Es ist hart, gegen Dornen auSzuschlagcn, Mr. Efsingham." „Wohl, Sir, und so wird sich'S auch zeigen, wenn die Gemeinde darauf besteht, Eingriffe in ein Privatrecht thun zu wollen." «Je nun, Sir, Einige von Denen, mit welchen ich Rücksprache genommen habe, sind sogar so weit gegangen, mir aufzutragen, — ich hoffe, Ihr werdet meine Beweggründe nicht mißdeuten " 262 „Wenn Ihr eine Mitlheilung zu machen habt, Mr. Bragg, so thut es ohne Rückhalt, Es ist ganz in der Ordnung, daß ich den Thatbestand genau kenne." „Wohlan denn, Sir, ich bin so zu sagen, der Ueberbringcr eines Fehdebriefs. Das Volk will Euch zu verstehen geben, daß es Eure Rechte sehr gering anschlage und darüber lache. Ohne Umschweife — man bietet Euch Trotz." „Ich danke Euch für diese Freimüthigkcit, Mr. Bragg — sie erhöht meine Achtung vor Eurem Charakter. Da die Angelegenheiten so weit gediehen find, so ist es »öthig zu handeln. Wenn Ihr Euch einen Augenblick mit einem Buch unterhalten wollt, so werde ich bald weitere Gelegenheit haben, Eure Güte in Anspruch zu nehmen." ArisiobuluS las nicht, denn er war zu sehr von Erstaunen erfüllt, als er einen Mann so gelaffen sich zum Kampfe mit jenem ehrfurchtgebietenden Publikum anschicken sah, vor dem er sich, wie der asiatische Sklave vor seinem Monarchen, zu beugen gewöhnt war. Ueberhaupt hatte ihn nur jene Allgewalt — denn in diesem Lichte erschien ihm die Macht der Oeffcntlichkeit — so kühn gemacht, die erwähnte unumwundene Sprache gegen seinen Mandanten zu führen, denn er fühlte das geheime 'Vertrauen in sich, daß er, mochte nun von Recht oder Unrecht die Rede seyn, in Amerika stets furchtlos und ohne Gefährde sich für den großen Haufen erklären konnte. Inzwischen schrieb Mr. Effinghain eine einfache Verwahrung gegen alle Uebergriffe in das fragliche Eigenthum nieder und übergab sie dem Sachwalter mit der Bitte, sie in die nächste Nummer des im Dorfe erscheinenden Blattes cinrücken zu lassen. Mr. Bragg nahm die Ankündigung in Empfang und entfernte sich ohne Widerrede, um den Auftrag auszuführen. Den andern Tag verbrachte Mr. Effingham im Kreise der Seinigen, und es wurde Abend, bis er sich wieder allein in dem Bibliothekzimmer befand. Jetzt erschien Mr. Bragg in großer Auf- 263 regung, und John Esfingham, der von dem Vorgefallenen Kunde erhalten hatte, folgte ihm. „Ich bedaure, sagen zu müssen, Mr. Esfingham," sagte Ari- stobulnS, „daß Eure Ankündigung vielleicht das größte Aufsehen gemacht hat, das ich je in Templeton zu erleben so unglücklich war." „Dies kann nur sehr crmulhigend für uns sehn, Mr. Bragg, denn Leute, die unter dem Einflüsse aufgeregter Gefühle handeln, lassen sich gerne Mißgriffe zu Schulden kommen." „Wohl wahr, Sir, wenn sich's um individuelle Aufregung handelt; aber hier ist von der ganzen Gemeinde die Rede." „Ich wüßte nicht, wie der Fall hiedurch auch nur im mindesten geändert werden sollte. In der Aufregung thut der Mensch manches Thörichte, und hat er noch ein halb Dutzend Hetzer, so wird dadurch seine Thorheit höchst wahrscheinlich noch erhöht." Aristobulns hörte mit steigender Verwunderung zu, denn Aufregung war eines der Mittel zu Erreichung öffentlicher Zwecke, welche von Leuten seines Schlages so oft kunstgerecht in Anwendung gebracht wurde», daß es ihm nie zu Sinne gekommen war, eine einzelne Person könne gegen den Einfluß derselben gleichgültig sehn. Die Wahrheit zu gestehen, er hatte gefürchtet, sich durch seine unabweisliche Betheiligung bei der Sache unpopulär zu mache», weshalb er selbst an dieser Aufregung geschürt hatte, in der Hoffnung, „Mr. Esfingham ins Bockshorn zu jagen," wie er sich gegen einen seiner Vertrauten in der klassischen Sprache deS Landes zu äußern beliebte. „Eine öffentliche Aufregung ist eine gewaltige Maschine, Mr. Esfingham," rief er in einer Art politisch frommen Entsetzens. „Ich weiß vollkommen, Sir, daß sie sogar eine furchtbare gewaltige Maschine werden kann. Aufgeregte, in Massen handelnde Menschen bilden das, was man gemeiniglich einen Pöbelauslauf nennt, und haben sich schon tausend Ausschweifungen und Verbrechen zu Schulden kommen lassen." 264 „Eure Ankündigung will den Leuten durchaus nicht hinunter und ist, aufrichtig gesprochen, in hohem Grade unpopulär." „Vermuthlich ist es, so weit die sich mir widersetzenden Individuen betheiligt sind, stets ein unpopulärer Act, wie JhrS nennt, einen Angriff abzuwcisen." „Aber sie nennen Eure Ankündigung einen Angriff, Sir." „In dieser einfachen Thatsache liegt die ganze Bedeutung der Frage. Wenn ich der rechtmäßige Eigcnthümer jenes Platzes bin, so fällt der Vorwurf des Angriffs auf die Gemeinde oder denjenigen Theil derselben, welcher sich mit der Angelegenheit befaßt, und ihr Unrecht ist nur um so schreiender, in je größerer Anzahl sie gegen einen Einzigen auftreten. Sind aber ihre Ansprüche gesetzlich, so bin ich nicht nur sehr im Unrecht, sondern handle auch im hohen Grade unklug." Die Ruhe, mit welcher Mr. Effingham dies sprach, übte solchen Eindruck auf AristobuluS, daß er für einen Augenblick ganz verduzt dastand. Er faßte sich jedoch schnell wieder, denn die Nachtheile der Unpopularität vergegenwärtigten sich aufs Neue einer Einbildungskraft, die so lange daran gewöhnt gewesen war, die DolkSlaunen zu fiudiren, daß ihr die Volksgunst als das einzige große Gut des Lebens erschien. „Aber sie behaupten, daß ihnen der Vorsprung gehöre, Mr. Effingham." „Und ich sage, er gehört ihnen nicht, Mr. Bragg — hat ihnen nie gehört — und mit meiner Zustimmung sollen sie ihn auch nie haben." „Dies liegt in der Natur der Sache," bemerkte John Es- fingham: „und ich gestehe, daß ich neugierig bin, zu erfahren, woher dieses allgewaltige Publikum seinen NcchtStitel ableitet. Ihr seyd Jurist genug, Mr. Bragg, um zu wissen, daß Gemeinden nur in Folge des Herkommens oder durch ausdrückliche Statuten Eigenthum 265 besitzen könne». Auf welchen Titel wird nun im gegenwärtigen Falle die Berechtigung gegründet?" „Zuvörderst auf lange Nutznießung, Sir, und dann auf spe- cielle Schenkung." „Ihr wißt wohl, daß in einem solchen Falle die Nutznießung die Berechtigungen anderer Ansprucherheber ausschließen müßte. Nun aber bin ich ein lebender Zeuge, daß mein verstorbener Onkel der Gemeinde erlaubte, sich dieses BorsprungS zu bedienen, und daß die Gemeinde auf die Bedingungen einging. Die Nutznießung hat daher nicht ausschließend gewirkt — wenigstens nicht lange genug, um einen NechtStitel zu consiituiren. Jede Stunde der Benützung, welche mein Vetter der Gemeinde aus freien Stücken gestattete, erhöht sein Recht sowohl, als die besagter Gemeinde auferlegte DankeSvcrpflichtnng, und macht letztere um so mehr verbindlich von der Benützung abzustehen, sobald er cs verlangt. Wenn stchs um eine speeielle Schenkung von Seite meines verstorbenen Onkels handelt, wie Ihr sagt, so muß auch entweder eine darüber auSgefertigte Urkunde oder ein Gesetz vorhanden sehn, welches das Publikum zum Besitz des EigenthumS ermächtigt. Welches von Beiden ist nnn der Fall?" „Ich gebe zu, daß ich weder eine Urkunde gesehen habe, noch mir das Bestehen irgend eines Gesetzes bekannt ist. Gleichwohl muß die Gemeinde Ansprüche haben, den» unmöglich können so viele Menschen im Jrrthumc sehn." „Nichts ist leichter oder gewöhnlicher, als daß ganze Gemeinschaften irren, um so mehr, wenn sie mit der,Aufregung* beginnen." Während John noch sprach, begab sich Mr. Esstngham nach einem Secretär, nahm einen großen Pack Papiere heraus, legte sie auf den Tisch und begann sofort mehrere Pergament-Urkunden zu entfalten, welchen große Siegel mit den Wappen der vormaligen Colonie, wie auch mit denen von England angefügt waren. „Hier sind meine BercchtiguugSdokumcnte, Sir," sagte er, sich mit scharfer Betonung an Aristobulns wendend; „wenn die Gemeinde bessere vorzuweisen hat, so soll sie'S thun, und ich werde nicht säumen, ihre Ansprüche anzuerkenncn." „Es unterliegt keinem Zweifel, daß der König durch seinen auto- risirten Agenten, den Gouverneur der Kolonie New-Vork, dieses Besitzlhum Eurem Vorfahren verliehen hat, Mr. Effingham; auch bestreitet Niemand, daß es gesetzlich auf Euren Bater überging. Dagegen wird von Allen behauptet, letzterer habe freiwillig den Vorsprung als öffentlichen Spazierplatz an die Gemeinde abgetreten." „Es ist mir lieb, daß die Frage in einer Weise begrenzt wird, daß die Prüfung so leicht hergestellt werden kann. Welcher Beweis liegt vor, daß mein verstorbener Vater eine derartige Absicht gehabt habe?" „Das allgemeine Gerücht. Ich habe mit zwanzig Personen i,n Dorf gesprochen, und sie Alle stimmen darin überein, der,Vorsprung* seh seit unfürdcnklichen Zeiten von der Gemeinde als öffentliches Eigcnthum benutzt worden." „Wollt Ihr die Güte haben, Mr. Bragg, mir Einige von denen namhaft zu mache», welche eine solche Behauptung aufstellen?" Mr. Bragg willfahrte und zählte seine Liste von Personen mit einer Fertigkeit auf, welche bewies, daß er diesen Zeugnissen eine Kraft beilege, gegen welche nicht leicht aufzukommen sey. „Ihr zählt da eine Menge Namen auf, ich kenne aber nur drei derselben," entgegnete Mr. Efstnghanr; „und auch diese sind die von Personen, welche kaum die Knabenschuhe vertreten haben. Das erste Dutzend muß daher aus Leuten bestehe», welche von diesem Dorfe nicht' mehr wissen können, als was sie während der letzten paar Jahre zusammengeklaubt haben. Einige davon sind, wie ich wohl weiß, nur ein paar Wochen — ja sogar nur etliche Tage unter uns." „Habe ich Dir nicht gesagt, Ned," unterbrach ihn John Effingham, „daß ein amerikanisches ,Stets* achtzehn Monate bedeute und daß ,eine unfürdenkliche Zeit' sich bloS auf di- letzt- allgemeine Krisis im Geldmärkte beziehe?" „Die von mir aufgeführten Personen bilden einen Theil der Bevölkerung, Sir," fügte Mr. Bragg bei, „und sie sind sammt und sonders bereit, eidlich zu erhärten, daß Euer Vater in irgend »einer Weise — mit Kleinigkeiten nehmen sie'S nicht sonderlich genau — ihnen das Recht verliehen habe, sich dieses EigeuthumS zu bedienen." „Sie sind im Jrrthum, und es sollte mir leid thun, wenn Einer unter ihnen eine solche Unwahrheit beschwören könnte. Doch hier sind meine Dokumente; sie sollen mir eine bessere Berechtigungsurkunde oder überhaupt nur eine Berechtigungsurkunde verlegen, wenn sie können." „Vielleicht hat Euer Vater den Platz der Gemeinde testamentarisch vermacht, und dadurch würde jedenfalls der Anspruch gesetzlich begründet." „Dies that er nicht — ich bin ein lebender Beweis von dem Gegeiitheil. Er hinterließ sterbend de» Vorsprung seinen Erben, und ich selbst übte volles EigenthumSrecht daran aus, bis ich auf Reisen ging. Ich habe ihn natürlich nicht in der Tasche mitnehmen könne», Sir, sondern überließ ihn dem Schutz der Gesetze, die, wie ich hoffe, für Reich und Arm gleiche Geltung haben, obschon dies ein freies Land ist." „Je nun, Sir, da Ihr so unnachgiebig zu sehn scheint, so wird wohl ein Geschwornengericht die Sache zur Entscheidung bringe» müssen. Ich warne Euch übrigens, Mr. Efsingham, denn Jeder, wer dieses Land kennt, weiß, daß man nicht hoffen darf, ein Verbiet zu gewinnen, gegen das sich die öffentliche Meinung erheben würde. Wenn der Beweis hergestellt wird, Euer verstorbener Vater habe beabsichtigt, dieses Eigenthum der Gemeinde zu vermachen oder zu schenken, so ist Eure Sache verloren." Mr. Essingham störte einen Augenblick in den Papiere» und 268 wühlte eines aus, das er Mr. Bragg einhändigte, indem er ihn zugleich auf einen besonderen Abschnitt aufmerksam machte. „Dies, Sir, ist das Testament meines seligen Vaters," sagte Mr. Effingham mit Milbe, „und in dieser Clausel hier werdet Ihr finden, daß er über denselbigcn Vorsprung eine besondere Verfügung trifft; er hintcrläßt ihn seinen Erben unter Bestimmungen, welche jede Abficht, ihn dem Publikum zu überlassen, ganz und gar ausschließen. Dies ist wenigstens das späteste Zeugniß, welches ich, sein einziger Sohn, Testamentsvollstrecker und Erbe von seinen letzten Wünschen besitze; wenn Euer wanderndes und aus unfür- denklichen Zeiten kommendes Publikum einen bessern beizubringen hat, so sehe ich ihm mit Ungeduld entgegen." Mr. EffinghamS gelassene Weise hatte AristobuluS getäuscht, da stch dieser nicht entfernt eines Beweises versah, welcher so vollständig die Anmaßung des Publikums zu Nichte machte. Die maßgebende Stelle bestand in einem kurze», einfachen Paragraphen, welcher über das fragliche Eigenthum namentlich verfügte, und es konnte daher keinem Streit unterliegen, daß Mr. Effingham in alle Rechte seines Vaters ohne Vorbehalt oder Bedingung irgend einer Art eingetreten sey. „Dies ist ja ganz außerordentlich!" rief Mr. Bragg, nachdem er den Abschnitt mehrercmale durchgelescn hatte, da ihm jedesmal nur klarer einleuchtete, wie die Sachlage nur zu Gunsten seines einzelne» Mandanten, dagegen aber um so kräftiger gegen de» gehofften künftigen Principal, das Volk, sprach. „Das Publikum hätte von diesem Testament des seligen Mr. Effingham Kenntniß haben sollen." „Allerdings wäre es besser gewesen, es hätte sich zuerst unterrichtet, ehe eS sich anmaßte, das Kind des Erblassers seines Eigcn- thumS zu berauben; oder vielmehr, sie hätten wenigstens Gewißheit darüber einziehen solle», ob nicht eine solche Verfügung vorhanden sey." 269 „Ihr werdet mich entschuldigen, Mr. Effingham, aber ich bin der Ansicht, es liege in einem derartigen Fall, in welchem das Publikum eine falsche Vorstellung aufgegriffen hat, wie ich eS hier klärlich in Betreff des Borsprungs zugeben muß — dem einzelnen Bürger ob, die Gemeinde auszukläre» und ihr mitzutheilen, daß sie den Platz nicht eigne." „Dies ist bereits in der Ankündigung geschehen, die Ihr in die Druckerei zu tragen die Güte hattet, obschou ich in Abrede stelle, daß ich zu einem derartigen Schritte verpflichtet war." „Aber, Sir, ste erheben Einwendungen gegen die Art, deren Ihr Euch bedient habt, sie zu belehren." „Ich glaube, ich habe nicht anders gehandelt, als eS in Fällen unrechtmäßiger Uebergriffe üblich ist." „Sir, sie erwarteten etwas Anderes, in einer Angelegenheit, in welcher das Publikum so — so — so —" „Ganz und gar Unrecht hat," warf John Effingham mit Schärfe ein. „Ich habe im Dorse schon davon gehört, Ned, und tadle Deine Mäßigung. Ist eS wahr, daß Du mehreren Deiner Nachbarn sagtest, Du wünschest sie nicht an Benützung des Vorsprungs zu hindern, sondern wollest die Frage bloS Rechtens erledigen, um Aufdringlichkeiten abweisen zu können, wenn Du Dich selbst ungestört mit Deiner Familie an diesem Orte vergnügen möchtest?" „Allerdings John, mein einziger Wunsch ist, das Eigcnthnm denen zu bewahren, denen eS speciell zugeiheilt wurde, und ihnen, da sie das beste Recht daran haben, gelegentlich einen ungestörten Besitz zu sichern. Auch beabsichtigte ich, einer weiteren Beschädigung der Bäume vorzubeugen, wie sie bisher so häufig von den rohen Menschen begangen wurde, welche sich so ganz für das Publikum halte», daß ste sich sogar ihrer Persönlichkeit begeben, wenn dieses Publikum irgend einen Anspruch erhebt. Dagegen wünsche ich nicht, meinen Nachbarn das unschuldige Vergnügen eines Spaziergangs nach dem Vorsprung zu verkümmern, obschon 270 ich fest entschlossen bin, mich nicht meines EigenthnmS berauben zu lassen." „Du bist weit nachsichtiger, als ich sehn würbe; aber vielleicht komme» Dir gleichfalls andere Gedanken, wenn D» dies gelesen hast." Mit diesen Worten händigte John seinem Verwandten einen kleinen gedruckten Zettel ein, welcher die Einwohner von Temvleton aus den Abend zu einem Meeting zusammenbericf, um den arroganten Ansprüchen auf das bestrittene Eigenthnm Widerstand zu leisten. Der Zettel war ohne NamenSunterschrift und trug die gewöhnlichen Kennzeichen einer ärmlichen gemeinen Bosheit an sich, indem er mit erkünstelter Geringschätzung Mr. Esfingham als „einen gewissen Mr. Efsingham," bezeichnet?. „Dies verdient kaum unsere Beachtung, John," versetzte Mr. Efsingham mit Milde. „Derartige Meetings können nicht über Besitzrcchte entscheiden, und kein Mensch, der sich selbst achtet, wird sich zu dem Werkzeuge eines so erbärmlichen Versuches hcrgebcn, einen Bürger durch Einschüchterung von Behauptung seiner Rechte abzubringcn." „Was den Meeting beirisst, so bin ich mit Dir einverstanden, denn er ist das Product einer gemeinen hirnlosen Bosheit und wird, wie alle derartigen Anstrengungen, auf eine Lächerlichkeit hinauslaufen." „Entschuldigt mich Mr. John," unterbrach ihn AristobuluS, „eS herrscht eine schreckliche Aufregung! Einige haben sogar von Lynchen gesprochen." „In diesem Falle ist cS erforderlich," versetzte Mr. Efsingham, „daß wlr mit mehr Festigkeit auftreten. Ist Euch eine Person bekannt, die eine solche Drohung auSzusprechen sich erdreistete?" AristobuluS bebte vor dem finsteren Blicke Mr. Efsingham'S zurück und bedauerte, sich so weit ausgelassen zu haben, obschon seine Mittheilnng buchstäbliche Wahrheit war. Er stammelte eine undeutliche, nur halb verständliche Erklärung und erbot sich, dem 271 Meeting in Person anzuwohnen, um bessere Einsicht in die Sache zu gewinnen und nicht in die Gefahr eines JrrthumS zu gerathen. Mr. Efsinghani hatte nichts dagegen, denn er war zu entrüstet über diese Verletzung aller seiner Bürger- und Menschenrechte um die Sache am nämlichen Abend noch mit seinem Agenten weiter zu verhandeln. AristobuiuS entfernte sich, und John Effingham blieb mit seinem Vetter cingefchloffen, bis die Familie sich zur Ruhe begeben hatte. Während dieser langen Rücksprache wußte Ersterer in Bezug auf dieselbe Angelegenheit noch Vieles zu berichten, von dem der Eigenthümer des Grundstücks bis jetzt auch nicht eine Spike erfahren hatte. Fünfzehntes Kapitel. »In England sollen fortan sieben Halb- vennvlaibe eine» Pcnnp kosten; der drei- reisige Krug soll zehn Reife haben, und ich werde e« für ein todeswürdiges Verbrechen erklären, Dünnbier zu trinke». DaS ganze Reich soll gemeinschaftlich scy», und »tcin Fohle» soll in Cheapside grasen." Haut Cad«. Obgleich die Angelegenheit mit dem Vorsprung den nächsten Tag und noch einige Zeit nachher im Dorse Tcmpleton fortrumorte, war sie doch im Wigwam fast in Vergessenheit geralhen. Mr. Esfingham war zwar entrüstet über de» Mißbrauch seiner Güte, in welcher er den Angehörigen des Dorfs gestattet hatte, ost zu seiner eigene» großen Unbequemlichkeit und Störung den besprochenen Vorsprung zu besuchen; da er übrigens seinem Rechte vertraute, so entschlug er sich bald der Gedanken daran, und war bereits wieder in seiner gewohnten Weise beschäftigt. Anders verhielt sich'S mit Mr. Bragg. Seiner Zusage gemäß hatte er den 272 Meeting angewohnt, und er schien jetzt alle seine Bewegungen durch eine Art geheimthuender Wichtigmacheret zu regeln, als habe er ein ungewöhnlich bedeutungsvolles Geheimniß auf dem Herzen. Jndeß achtete Niemand auf ihn, denn die meisten Bewohner des Wigwams legten zu wenig Werth ans den Landagentcn und seine Geheimnisse oder Ansichten, als daß sein Benehmen besonders hätte ansfallen können. Nur in Mr. Dodgc fand er einen theilnehmen- den Zuhörer, denn Mr. Effingham hatte diese Person höflichkeitshalber eingeladen, einige Tage in Gesellschaft derjenigen zu verbringen, mit welchen er — seinerseits jedenfalls sehr unfreiwillig — so viele Gefahren dnrchgemacht hatte. Diese beiden Ehrenmänner wurden bald mit einander vertraut, und jeder Fremde, der Zeuge ihres Achselzuckens, ihres wichtigthuendeu FlüsternS und ihrer häufigen Confcrenzen in den Ecken war, hätte glauben könne», ihre Schultern seyen mit Staatsangelegenheiten von höchster Bedeutsamkeit belastet. Doch alle diese Pantomimen, welche darauf berechnet waren, Neugierde zu erwecken, gingen an der übrigen Gesellschaft verloren. Die Damen machten in Begleitung von Paul und dem Baronet einen Morgenspaziergang nach dem Wald, während die beiden Herren Effingham mit der ärgerlichsten Gleichgiltigkeit die Journale lasen, die fie jeden Morgen von New-Vork erhielten. Jndeß konnten weder AristobuluS, noch Mr. Dodge, länger widerstehen, und nachdem sie vergeblich ihren Scharfsinn erschöpft hatten, um einen der beiden Gentlemen zu einer Frage über den Meeting des vorigen Abends zu verlocken, überwältigte das Verlangen, ihren gepreßten Herzen Luft zu machen, dermaßen ihre Geheimnißkrämerel, daß sie ein förmliches Gesuch an Mr. Effingham ergehen ließen, er möchte ihnen in der Bibliothek Audienz ertheilen. Letzterer, der sich wohl denken konnte, was zur Sprache kommen würde, ersuchte seinen Verwandten, ihn zu begleiten, und bald nachher befanden sich die Vier allein in dem so oft erwähnten Gemache. Aber selbst jetzt noch, nachdem sein eigenes Gesuch um Gehör 273 genehmigt war, wollte AristobuluS nicht recht mit der Farbe heraus, bis eine sanfte Andeutung von Seiten Mr. Efsinghani'S, daß er seine Mittheilung anzuhören bereit sey, dem Landagenten zu verstehen gab, cs sep jetzt zu spät, seinen Entschluß zu ändern. „Unserer Verabredung gemäß habe ich gestern Abend dem Meeting ungewohnt, Mr. Esfingham," begann AristobuluS, „und «S thut mir ungemein leid, einem Gentleman, den ich in so hohem Grade achte, daö Ergcbniß vorlegen zu müssen." „Sv hat also ein Meeting stattgefunden?» entgegncte Mr. Efstngbam, die Complimente des Anderen mit einer leichten Verneigung anerkennend. „Ja, Sir, und ich denke, Mr. Dodge, wir können ihn sehr besucht nennen." „Das Publikum war gut repräsentirt," entgegncte der Herausgeber, „denn es hatten sich 50 — 60 Personen eingefunden." „Das Publikum ist vollkommen berechtigt, sich zu versammeln und sich über was immer für Ansprüche, zu denen es sich befugt glaubt, zu berathen," bemerkte Mr. Esfingham. „Ich habe durchaus nichts gegen eine solche Maßregel einzuwcnden, obschon ich glaube, cS wäre der Würde einer Versammlung angemessener gewesen, wen» sic sich durch achtbarere Personen, als die waren, welche dem Vernehmen nach bei der Sache vorne an standen, und in Ausdrücken, die sich besser mit dem Schicklichkeitsgefühl vertrügen, hätte zusammcnrufen lassen." AristobuluS warf Mr. Dodge einen Blick zu, welchen dieser crwiederte, den» keiner von diesen beiden politischen Pilzen konnte sich eine geeignete Vorstellung von der Würde und dem Rechtssinns machen, mit welchem ein Gentleman eine derartige Angelegenheit betrachten konnte. „Sie haben eine Reihe von Resolutionen erlassen, Mr. Effing- Ham." nahm AristobuluS mit der Gravität auf, mit welcher er Eva Esfingham. 18 27L stets von solchen Dingen zu sprechen pflegte — „eine Reihe von Resolutionen, Sir!" „Dies war zu erwarten," erwiederte Mr. Effingham lächelnd, „denn die Amerikaner sind ein Volk, bei dem es nicht leicht ohne eine Reihe von Resolutionen abgeht. Kaum finden sich Drei zusammen, so wird schon ein Präsident und ein Sccretär ernannt, und eine Resolution ist eine eben so natürliche Folge einer derartigen ,Organisationsi— ich glaube, dies ist das beliebte Wort — als das Ei eine Begleitung des GackcrnS der Henne ist." „Aber, Sir, Ihr kennt die Natur der Resolutionen noch nicht!" „Sehr wahr, Mr. Bragg; dies ist ein Stückchen Belehrung, welches ich von Euch zu erhalten das Vergnügen haben werde." Abermals warf AristobuluS seinem Freunde einen Blick zu, und Steadfast gab ihn mit der gleichen Neberraschung zurück, denn Beide waren wie aus den Wolken gefallen, als sie bemerkten, wie man so gleichgiltig seyn konnte gegen die Resolutionen eines Meeting, der sich so unzweideutig für das Publikum erklärt hatte und regelmäßig mit einem Präsidenten und Secretär organisirt war. „Ich entledige mich nur ungern dieser Verpflichtung, Mr. Effingham, aber da Ihr darauf besteht, so kann ich sie nicht umgehen. Erstlich wurde resolvirt, Euer Vater habe die Absicht gehabt, der Gemeinde den Vorsprung zu geben." „Eine Entscheidung, welche klärlich die Sache erledigen muß und wohl alle eigenen Resolutionen meines Vaters über diesen Gegenstand zu nichts machen wird. Sind sie bei dem Vorsprung stehen geblieben, Mr. Bragg, oder resolvirten sie weiter dahin, mein Vater habe ihnen auch sein Weib und seine Kinder überlassen?" „Nein, Sir, von Letzteren war nicht die Rede." „Ich weiß in der That nicht, wie ich ihnen meinen Dank für die Nachsicht genugsam auSdrücke» soll, denn sie hätten eben so 275 gut ein Recht, eine derartige Resolution zu erlassen, als sie zu der andern befugt waren." „Die Macht des Publikums ist achtunggebietend, Mr. Effingham!" „Ja wohl, Sir; aber zum Glück ist die der Republik noch achtunggebietender, und ich werde mich Wohl an die letztere wenden müssen, daß sie mich unterstütze in dieser CrisiS — nicht wahr, Mr. John Efsingham, dies ist das beliebte Wort?" „Wenn Du einen Wechsel in der Verwaltung, das Umschlagen einer Postkutsche oder den Tod eines Karrengauls bezeichnen willst, so sind dies lauter Crisen tm amerikanischen Wörterbuch." „Wohlan, Mr. Bragg, nachdem die Resolution dahin lautete, daß meine guten Milbürger die Absichten meines verstorbenen Vaters besser kennen, als sie ihm selbst bewußt waren — denn daß er in dieser Beziehung im Unklaren war, muß wohl aus seinem Testament erhellen — so möchte ich doch wohl wissen, was das Publikum weiter in der Fülle seiner Gewalt zu beschließen für gut fand." „Es wurde ferner resolvirt, Sir, daß cs Eure Pflicht scy, die Absichten Eures Vaters auSzuführen." „Hierin sind wir vollkommen einverstanden, wie das Publikum wahrscheinlich entdecken wird, ehe wir noch mit dieser Sache zu Ende kommen. Dies ist eine der frömmsten Resolutionen, die meines Wissens je ein Publikum erlassen hat. Kommt noch mehr?" Ungeachtet der lang gewohnten Unterwerfung unter den Pöbelhaufen, den er mit dem Namen Publikum zu beehren gewöhnt war, hatte Mr. Bragg doch eine hohe Achtung vor der Grundsatzfestigkeit, dem Charakter und der Stellung Mr. Esfingham'S, dem mit Sophistik oder mit Selbstermuthigung in den Praktiken einer socialen Verwirrung nicht beizukommen war; er zögerte daher, ehe er seinem Mandanten die nächste Resolution mittheilte. Als er jedoch bemerkte, daß dieser sowohl, als John Efsingham, seiner weiteren Mittheilung entgegensahen, so suchte er seine Bedenken zu überwinden und sich deutlich auszusprechen. 276 „Ich bcdaure sehr, beifügen zu müssen, Mr. Esfingham," sagte er, „daß der Meeting die Resolution gefaßt hat. Euch wegen Eurer Maßregel in Betreff des Vorsprungs für gehässig zu erklären; man müsse Euch und Kure Verwarnung gegen Nebergriffe mit souveräner Verachtung behandeln." „Wenn ich als gehässig erscheine, weil ich meine Rechte an mein Eigenthum anspreche," bemerkte Mr. Effingham ruhig, „in welchem Lichte zeigt sich dann Euer Publikum, welches sich an fremde Habe Berechtigungen anmaßt?" „Man wird freilich diese Resolution mit anderen Augen an- sehen. Ich erlaubte mir, dem Meeting anzudentcn, daß möglicherweise ein Jrrthum stattfinden könne, aber —" „Sie rcsolvirten wie gewöhnlich, daß sie unfehlbar sehen," unterbrach ihn John Effingham, dem cS schwer geworden war, so lange sein Stillschweigen zu bewahren. „Du magst diese Angelegenheit betrachten wie Du willst, Ned, aber in meinen Augen ist sie eine vorsätzliche Verkehrung der Wahrheit, eine Verletzung der Gesetze und ein höchst ungebührlicher Eingriff in die Rechte eines Bürgers." „Gütiger Himmel, Mr. John — Ihr vergeht, daß von Resolutionen eines offenen Meeting — eines geheiligten öffentliche» Meetings die Rede ist!" John Effingham war im Begriff, mit der kalten Verachtung, welche ihm dieser Mißbrauch der Worte einflößtc, zu antworten, als ihn noch eben zu rechter Zeit eine Geberde seines Vetters ver- anlaßte, zu schweigen. „Wollt Ihr die Güte haben, Mr. Bragg," fuhr Mr. Esfing- ham fort, „mir einen etwas genauen Begriff von der Zusammensetzung dieses Meetings beizubringen? Zuverlässig war doch Mr. Howel nicht dabei?" AristobuluS sah sich genöthigt, dies zuzugeben. Mr. Effingham fuhr dann fort, zwanzig bis dreißig der achtbareren und einsichtS- 277 «olleren Dorfbewohner namhaft zn machen, darunter fast Alle, die durch gesellschaftliche Stellung, Alter, oder langjährigen Aufenthalt ein Recht haben konnten, in einer derartigen Frage mitzusprechen; aber es stellte sich heraus, daß nicht Einer derselben anwesend gewesen war. Nach der prunkhasten Weise, in welcher Mr. Bragg das Meeting zur Sprache gebracht hatte, überraschte ihn dieses Resultat nicht wenig, und er erkundigte sich nun zunächst nach den Namen derjenigen, welche in der Sache hauptsächlich thätig gewesen waren. Da stellte sich nun heraus, daß bei weitem die Mehrzahl aus jener unstäten Bevölkerung bestand, welche einen so großen und ungeordneten Thcil der meisten amerikanischen Gemeinden ausmacht: denn Manche davon waren kaum einen Monat in dem Dorfe wohnhaft. „Diese Personen sind mir meistentheilS fremd," sagte Mr. Esstngham, „und können sowohl vermöge ihrer Jahre, als der kurzen Dauer ihres Aufenthalts wenig von der Bedeutung der bestrittenen Frage wissen. Meinen Vater hat vornweg Keiner gekannt, da dieser schon nahezn dreißig Jahre todt ist." „Gleichwohl sind sie das Volk, Sir." „Nein, Sir, sie sind nicht das Volk, und eS ist eine eben so unverschämte Anmaßung von ihrer Seite, dafür gelten zn wollen, als eS eine vermessene Dreistigkeit ist, Ansprüche auf mein Eigcn- Ihum zu erheben." „Es ist hinreichend, sich selbst für das Volk zu Hallen, um sich gar Alles herausnehmen zu können," sagte John Esstngham. „Hoffentlich gedenkst Du nicht, Dir diese Unbill gefallen zu lassen, Ned?" „WaS verlangst Du von mir anders, John, als Mitleid mit denen, die so gar alles Schicklichkeitsgefühls baar sind, daß sie sich zu Richtern in eigener Sache aufwerfen? Allerdings werde ich buchstäblich bei meinen gesetzlichen Rechten beharren, aber ich sehe nicht ein, was weiter von mir gefordert werden könnte. Das 278 Erster« bin ich jetzt sogar den Gesetzen unseres gemeinsamen Vaterlandes schuldig/' „Aber sie haben öffentlich ihre Verachtung gegen Euch auS- gedrückt!" „DaS allersicherste Zeichen, daß sie dieselbe nicht fühlen. Die Verachtung ist ein stummes Gefühl, das man nie vor der Welt zur Schau trägt, und kann unmöglich im Ernste demjenigen gelten, gegen den man mit feierlichen und förmlichen Erklärungen zu Felde zieht. Ich hoffe, durch mein Benehmen zu zeigen, auf welcher Seite die wirkliche Verachtung zu finden ist." „Sie haben Euch offen geschmäht, indem sie Euch durch ihre Resolutionen als gehässig bezeichneten." „Dies ist in der That eine starke Maßregel und dürfte im Interesse des Anstandes und der Sittlichkeit eine Zurechtweisung verdienen. Niemand kann sich weniger als ich um Ansichten kümmern, Mr. Bragg, deren Werthlosigkcit sich so deutlich in der unbedachten Weise ausspricht, mit welcher die Bekenner derselben sich zu Jrrthümern verlocken ließen; das Maß überfließt aber, wenn etliche Mitglieder der Gemeinde sich solche Freiheiten gegen eine Privatperson herauszunehmen wagen, und dies noch obendrein in einem Falle, der vermeintliche eigene Ansprüche betrifft. Ich fordere Euch daher auf, allen bei der Sache Betheiligten zu sagen, daß ich — so fern sie sich erdreistcn, ihre Resolution, die mich für gehässig erklärt, zu veröffentlichen — sie lehren werde, was sie nicht zu wissen scheinen — die Thatsache nämlich, daß wir in einem Lande leben, wo es Gesetze gibt. Persönlich werde ich mich freilich nicht mit ihnen einlassen, wohl aber schriftlich Klage gegen sie erheben wegen des Vergehens. Ich hoffe, Ihr habt mich verstanden?" AristobuluS war entsetzt! Gegen das Publikum eine schriftliche Klage zu führen — dies war ein Schritt, von dem er nie zuvor gehört hatte, und er begann jetzt zu bemerken, daß die Frage wirklich zwei Seiten hatte. Dennoch bewog ihn seine Ehrfurcht vor 279 öffentlichen Meetings und das gewohnte Haschen nach Popularität, die Sache nicht ohne einen abermaligen Kampf aufzugeben. „Sie haben bereits die Weisung erlassen, ihre Verhandlungen durch den Druck zu veröffentlichen, Mr. Esfingham!" entgegnet« er, als scp er der Meinung, daß sich eine derartige Weisung nicht wieder zuiücknehmcn lasse. „Wenn cs einmal zur Entscheidung kömmt und von Strafen und Bußen die Red- ist, Sir, so werden, denke ich, die Führer wohl ihrer Individualität sich zu erinnern beginnen und nicht mehr so sehr aus ihren öffentlichen Charakter pochen. Wer, gleich Wölfen, in Nudeln jagt, benimmt sich selten sehr mannhaft, wenn man ihn aus dem Haufen herauSlicSt. Der Erfolg wirds lehren." „Ich wünsche von Herzen, diese mißliche Angelegenheit möchte sich freundschaftlich beilegen lassen," fügte AristvbuluS bei. „So, wie es steht, gibt es aber böses Blut und eine unangenehme Nachbarschaft." „Es scheint in der That fast so," bemerkte John Efsingham, „sintemal sich Niemand gerne verfolgen läßt." „Aber, Mr. John, das Publikum meint in diesem Falle der verfolgte Theil zu seyn." „Dieser Ausdruck in seiner Anwendung auf eine Körperschaft, die nicht nur Gesetze macht, sondern auch sie in Ausübung bringt, ist eine so handgreifliche Abgeschmacktheit, daß es mich wundert, wie Jemand denselben zu gebrauchen sich unterfangen mag. Ihr habt übrigens Dokumente gesehen, Mr. Bragg, welche Euch vollkommen überzeugt habe» müssen, daß das Publikum nicht das mindeste Anrecht auf das betreffende Grundstück hat." „Alles ganz wahr, Sir; aber Ihr werdet Euch gefälligst erinnern, daß das Volk nicht weiß, was mir jetzt bekannt ist." „Und Ihr werdet Euch gefälligst erinnern, Sir, daß mau von einem Volke, wenn es so kurzweg verfahren will, jedenfalls verlange» kann, daß cs wisse, was eS treibe. Unwissenheit in 280 einer solchen Sache steht auf einer gleichen Stufe mit der Trunkenheit, durch die sich ein Säufer anSreeen will; sie macht das Vergehen nur noch schlimmer." „Glaubt Ihr nicht, Mr. John, Mr. Effingham hätte diese Bürger über den wahren Thalbestand unterrichten sollen? Ist es dem Volke so sehr übel zu nehmen, daß es in einen Jrrthum verfallen ist?" „Da Ihr diese Frage so einfach stellt, Mr. Bragg, so soll sie mit gleicher Offenheit beantwortet werden. Mr. Effingham ist ein Mann von gereiftem Alter, desgleichen bekanntermaßen der Sohn, Testamentsvollstrecker und Erbe desjenigen, welcher, wie Niemand abläugnet, der Besitzer des bestrittenen Eigenthums war. Dieser Mr. Efsingham also hat im Vertrauen aus sein gutes Recht Angesichts des Grabes seines Vaters und unter dein väterlichen Dache die nicht entschuldbare Unverschämtheit —" „Arroganz ist das Wort, Jack," versetzte Mr. Efsingham lächelnd. „Gut also — die unerträgliche Arroganz, zu meinen, sein Eigenthum gehöre ihm zu, und dies erdrelstet er sich zu behaupten, ohne so höflich gewesen zu sepn, seine Berechtigungs-Urkunden und Privalpapiere bei allen denjenigen herumzuschicken, welche sich so kurze Zeit im Ort aufhalten, daß sie unmöglich etraS von dem wissen können, was sich seit den letzten fünfzig Jahre» hier zngctra- gen hat. O Ned, Du garstiger, arroganter Mensch!" „Mr. John, Ihr scheint zu vergesst», daß das Publikum auf größere Rücksicht Anspruch machen kann, als ein einzelnes Individuum; wenn es in einen Jrrthum verfiel, so hätte es enttäuscht werden sollen." „Ohne Zweifel, Sir, und ich rathe Mr. Effingham, Euch, seinen Geschäftsträger, mit dem Patent des Königs, den Uebertra- gungSurkunden und dem Testament in der Tasche zu jedem Manne, Weib oder Kind in der Gegend zu schicken, damit Ihr sie jedem Einzelnen der ganzen Länge nach »orlcsen könnt und sie die un- 281 umstößliche Neberzeugung gewinnen, daß Keines von ihnen, weder Mann, Weib noch Kind, ein Eigentumsrecht an Eduard Efstng- hamS Ländereien besitze." „Oh, nicht doch — es ließe sich ein kürzerer Prozeß einschlagen." „Allerdings, Sir; und dieser Prozeß ist durch meinen Vetter in Anwendung gekommen, indem er die gewöhnliche Verwarnung gegen Ncbergriffe in die Zeitung rücken ließ. Doch Ihr wißt ja selbst, Mr. Bragg, welche Mühe es mich vor drei Jahren bei Ausbesserung dieses Hauses kostete, über dieselbe Frage den Jrrthnm zu bannen, in welchen Euer makelloses Publikum durch seine Geneigtheit, mehr von anderer Leute Angelegenheiten zu wissen, als den Beteiligten selbst bekannt ist, verfallen war." AristobulnS erwiederte nichts mehr, sondern gab die Sache verzweifelnd aur. Sobald er das Hans verlassen hatte, machte er sich unverzüglich auf den Weg, um diejenigen, welche am meisten bei der Sache beteiligt waren, zu unterrichten, daß Mr. Esfiug- ham durchaus nicht geneigt fest, durch einen angeblichen Meeting des PnblckumS sich mit Füßen treten zu lassen. Nnnnrehr begann übrigens der gewöhnliche Menschenverstand — von Ehrenhaftigkeit wollen wir nicht sprechen — sein Scepter wieder aufzunehmen, und die Klugheit ließ eS räthlich erscheinen, nach AnSgleichungS- mitteln zu greifen. Gleichwohl vereinigten sich Mr. Bragg und Mr. Dodge dahin, daß es eine unerhörte Verwegenheit fest, dem Volke in dieser Weise Widerstand zu leisten, und noch obendrein ohne ein angemessenes Object, da der Geldwert des bestrittenen Vorsprungs für keine Partie von wesentlicher Bedeutung war. Wir müssen hier bemerken, daß der Leser aus der GesinnungS- gleichhcit in der eben erwähnten Sache und aus gewissen anderen allgemeinen AehnlichkeitSzügcn in Benehmen und Denkweise keineswegs folgern darf, AristobulnS Bragg und Steadfast Dodge hätten zu derselben Varietät der sgeeios Irumana gehört. Allerdings sprachen nvlhwendigermaßen sich an ihnen die gemeinsamen Züge ! i 282 der Kaste, der Stellung, der Abkunft und des Verkehrs aus, welche ihre Klaffe charakterisiren; sobald man aber die feineren Untcrschei- dungSpunktc, welche die eigentliche Individualität bezeichnen, ins Auge faßte, so hätte man nicht leicht zwei wesentlicher verschiedene Menschen finden können. Der Erstere war sowohl im physischen als im moralischen Sinne kühn, anstrebend, besonnen, gewandt, im Verhältnisse seiner Erfahrungen einsichtsvoll, schlau und ganz dazu geeignet, seine Entwürfe glücklich durchzuführen, sobald er seine Leute kannte. Hätte ihn sein Geschick früher tu bessere Kreise geworfen, so würden dieselben natürlichen Eigenschaften, die ihn so gut für seine gegenwärtige Stellung befähigten, zu seiner Veredelung bcigetragen und wahrscheinlich einen Gelehrten, einen Mann von seiner Bildung aus ihm gemacht haben, der einen bedeutenden Einstuß auf das Wohl, die Grundsätze und den Geschmack seiner Nebcnmenschen hätte üben können. Daß dies nicht der Fall war, hing nicht von ihm, sondern von seinen Verhältnissen ab, denn sein plastischer Charakter hatte bereitwillig den Eindruck derjenigen Dinge ausgenommen, die allein um der Nähe willen am stärksten «inwirkten. Steadfast dagegen war ein Heuchler, von Natur feig, neidisch und boshaft. Die Umstände hatten nur die natürliche Richtung seines Charakters unterstützt. Daß nun zwei Männer, die von Geburt aus so ganz verschieden constituirt waren, in so vielen ihrer Gewohnheiten und Ansichten so zu sagen wie in einem gemeinsamen Mittelpunkte Zusammentreffen mußten, war bloS ein Ergebniß des Zufalls und der Erziehung. Unter den übrigen AehnlichkeitSpunkten zwischen diesen beiden Personen befand sich auch der Mangel, daß sie gerne die Ursache mit den Wirkungen der eigenthümlichen Institutionen verwechselten, unter welchen sic erzogen worden waren und gelebt hatten. Weil das Gesetz dem Publikum jene Autorität verlieh, mit der unter andern Systemen entweder Einige oder Wenige betraut sind, so glaubten sie, dasselbe Publikum scy mit weit größerer Macht 283 bekleidet, als sich aus einem richtigen Vcrständniß ihrer eigenen Grundsätze ergeben haben würde. Mit Einem Worte, Beide waren in einem unter der amerikanische» Bevölkerung nur zu gewöhnlichen Jrrthum befangen, indem sie meinten, die Institutionen des Landes sehen lauter Mittel, denen keine Schranken gesetzt werden könnten. Unter diesem irrigen Eindrücke sahen sic nur die Maschinerie der Regierung und vergaßen ganz, daß die dem Volk als einer Ge- sammtheit gegebene Gewalt nur dazu verliehen war, um ihm eine so vollkommene Freiheit zu sichern, als sich mit den Eharakteren der Individuen «ertrug. Keiner von ihnen hatte sich hinreichend über gemeine Vorstellungen erhoben, um begreifen zu können, daß die öffentliche Meinung, um allmächtig oder sogar furchtbar sehn zu können, sich nicht den verderblichen Ginsiüffen des Augenblicks hingcben dürfe, sondern dem Rechte folgen muffe; natürlich fehlte cS ihnen an einer richtigen Würdigung der Frage, denn wenn der Einzelne sich dadurch, daß er unüberlegt und unter Mißachtung des NechtSgefühlS irrthümliche Ansichten aufgreift, verächtlich macht, so trifft ganze Massen, wenn sie den nemlichen Fehler begehen, nicht nur die gleiche Rüge, sondern noch obendrein das Brandmal, daß sie als Memmen gehandelt haben. Ferner hatte der Mangel an gebührender Unterscheidung zwischen Grundsätzen die Herren Bragg und Dodge in einen weiteren gemeinsamen Jrrthum geführt. Jeden Widerstand gegen den Volkswillen von Seite eines Individuums betrachteten sie als Arroganz und Aristokratie gor «o, ohne daß sie sich dabei auch nur im Geringsten auf die Frage des Rechts oder Unrechts eingelassen hätten. Das Volk schien ihnen der Souverän zu seyn — wohl mit Recht, wenn sie die Allgcmeinbedeutung des Ausdrucks zu würdigen verstanden hätten — und sie gehörten zu der zahlreichen Claffe, welche den Ungehorsam gegen denselben, wie gesetzlos auch seine Launen sehn mochten, in eben dem Lichte betrachteten, in welchem der Unterihan eines Despoten den Ungehorsam gegen seinen Fürsten ansteht. 284 Es ist kaum nöthig, zu sagen, daß der Standpunkt Mr. EffinghamS und seines Vetters ein ganz anderer war. Klaren Verstandes, voll RcchtSgefühl und freisinnig in seinem ganzen Thun und Treiben, war namentlich dem Grsteren der kürzliche Vorfall sehr ärgerlich, und er schritt, nachdem sich Mr. Bragg und seine Begleiter entfernt halten, mehrere Minuten schweigend in der Bibliothek auf und ab, da er augenscheinlich viel zu bekümmert war, um zu sprechen. „Dies ist jedenfalls ein ganz außerordentliches Verfahren, John," begann er endlich, „und ich habe einen recht ärmlichen Dank für das Wohlwollen geärndtet, mit welchem ich dreißig Jahre lang Anderen gestattete, sich meines EigcnthumS zu bedienen. Du weißt, wie oft, wie gar oft zu meiner und meiner Frenndc Unbequemlichkeit dies geschah." „Sagte ich Dir nicht, Ned, Du dürfest nach Deiner Rückkehr nicht das Amerika erwarten, welches Du bei Deiner Abreise nach Europa verlassen hast? Ich bin überzeugt, daß sich kein Land in so kurzer Zeit so sehr verschlechtert hat." „Daß ein beispiellos schnell errungener Wohlstand durch die plötzliche Einführung großer Massen ungebildeter Personen in die Gesellschaft den Ton der sogenannten Welt wesentlich beeinträchtigt hat, ist eine natürliche Folge augenfälliger Ursachen, und wir konnten sogar mit Fug eine Verschlechterung der Sittlichkeit erwarten, denn wir sind auf den Glauben angewiesen, daß der Ncichthum den verderblichsten Einfluß übt, unter welchem der Mensch nur leben kann. Dennoch gestehe ich, daß ich nimmermehr erwartet hätte, den Tag zu erleben, an welchem eine Masse von Fremdlingen und Zugvögeln, die Geschöpfe einer Stunde, sich erdreisten könnten, alte und lang ansäßige Einwohner der Gegend zu einem Beweise ihres Anrechts a» ihre Besitzungen aufzufordern — und dies noch obendrein in einer so ungewöhnlichen, unerhörten Weise, nrbst der Bedrohung mit einer gewaltsamen Beraubung!" 285 „Lange ansäßig?" wiederholte John Effingham lachend. „Was nennst Du lange ansäßig? Bist Du nicht ein Dutzend Jahre fort- gewesen, und messen nicht diese Leute Alles nach dem Richtscheit ihrer eigenen Gewohnheiten? ES scheint. Du bildest Dir ein, daß Du nach Rom, Jerusalem oder Constantinopel gehen, ein paar Jahrzehnte dortbleiben, dann wieder ganz ruhig nach Templeton zurückkommcn und, sobald Du Dein Haus wieder in Besitz genommen, Dich einen alten Einwohner nennen könnest?" „Gewiß glaube ich, dieses Recht zu besitzen. Wie viele Engländer, Russen und Deutsche haben wir nicht in Italien getroffen, die sich Jahre lang daselbst aukhielten und dennoch nebst ihren Gefühlen alle ihre natürlichen und localen Rechte behielten." „Ja, dies gilt von Ländern, in welchen die Gesellschaft bleibend ist. Da gewöhnen sich die Menschen daran, dieselben Gegenstände um sich zu haben, die gleichen Namen zu hören und ihr ganzes Leben über dieselben Gesichter vor sich zu sehen. Die Neugierde bewog mich, Erkundigungen cinzuzichen, und ich habe daraus die Ueberzcugung erhalten, daß sich keine von den alten ansäßigen Familien bei der VorsprungSangelegenheit betheiligt hatte; das ganze Geschrei ging von Denen aus, welche Du als Zugvögel bezeichnet hast. Aber was folgt daraus? Diese Leute meinen, Alles dränge sich in die gesetzlichen sechs Monate zusammen, die zur Stimmbercchtigung nöthig sind, und sind der Ansicht, der Umzug der Personen sey für die Republiken eben so nothwendig wie der Wechsel in den Aemtern." „Ist es nicht außerordentlich, daß Leute, welche so wenig in der Sache unterrichtet waren, sich so unbesonnen und absprechend benehmen konnten?" „In Amerika nicht. Blicke umher, Ned, und Du wirst überall die Abenteurer obenan stehen sehen — im Gouvernement, in den Städten, in de» Dörfern, auf dem Lande sogar. Ein Grundzug unserer Nationalität ist der Wechsel. Ich gebe zu, daß viel davon 286 eine natürliche Folge rechtmäßiger Ursachen ist, denn ein unermeßliches Waldland läßt sich in keiner anderen Weise bevölkern. Aber diese Nvlhwcndigkeit hat den ganzen Nationalcharakter angesteckt, und die Menschen werden dcS Eincrlei'S müde, wie wohl sie sich auch dabei befinden mögen. Alles dient dazu, diesem Gefühle Borschub zu leisten, während sich nirgends Widerstandsmomente bieten. Die ewige Wiederkehr der Wahlen gewöhnt an den Wechsel der öffentlichen Beamten, der große Zuwachs der Bevölkerung bringt neue Gesichter, und die schnelle Anhäufung von Reichthum versetzt neue Menschen in hervorragende Stellungen. Auch die Architektur des Landes ist nicht entsprechend genug, um uns an die Häuser zu fesseln, und außer diesen haben wir gar keine Denkmäler, an denen unsere Verehrung haften könnte." „Du färbst hoch, Jack, und kein Bild wird an Tinten verlieren, wenn es durch Dich aufgefrischt wird." „Blicke in die erste Zeitung, die Dir unter die Hand kommt, und Du wirst sehen, wie mit dreister Stirne die jungen Männer des Landes eingeladen werden, sich zu versammeln, um sich über öffentliche Angelegenheiten zu besprechen, als ob man von den Rathschlägen und der Erfahrung ihrer Väter nichts mehr wolle. Kein Land kann gedeihen, wo der ordentliche Geschäftsgang, auf welchem vaS ganze Gebäude des Gouvernements beruht, in dieser das Sittengesetz und die Kindespflicht so grob verhöhnende» Weise begonnen wird." „Dies ist allerdings ein unangenehmer Zug im Nationalcharakter; aber wir müffcn bedenken, welche Kunstgriffe die Arglist in Anwendung bringt, um die Unerfahrenen für ihre Zwecke zu benützen. Hätte ich einen Sohn, der sich erdreistete, die Weisheit und Erfahrung seines Vaters so achtungswidrig herabzuwürdigen, so würde ich den Schurken enterben." „Nh, Jack, man weiß ja, daß Junggescklenkinder stets gut erzogen und gesittet sind. Wir wollen übrigens hoffen, daß die 287 Zeit gleichfalls ihre Wechsel mit sich führen wird, und gebe Gott, daß einer derselben den Personen, Dingen und Gefühlen einen festeren Bestand sichere." „Die Zeit wird sicherlich ihre Wechsel bringen, Ned, obschon wahrscheinlich alle diejenigen, die in, Gegensatz zu der Volkslaune und den DolkSintereffen auf die individuellen Rechte Bezug haben, wohl die falsche Richtung cinschlagen dürften." „ES ist freilich die Neigung vorhanden, Popularität an die Stelle des Rechtes zu setzen; aber wir müssen das Gute mit dem Schlimme» hinnehmen. Selbst Du, Jack, würdest diese Volksbedrückung gewiß nicht gegen irgeno ein anderes System, unter dem Du bisher gelebt hast, vertauschen mögen." „Ich weiß dies nicht — ich weiß dies nicht. Von aller Tyrannei ist mir eine gemeine bei weitem die verhaßteste." „Du pflegtest sonst auf das englische System große Stücke zu Hallen; aber ich glaube, eigene Beobachtung hat Deine frühere -Bewunderung ziemlich abgekühlt," sagte Mr. Esfingham in einer Weise lächelnd, die sein Vetter vollkommen verstand. „Was willst Du, Ned? Wir Alle fassen in unsrer Jugend irrige Vorstellungen auf, und diese war eine der meinigen. Gleichwohl ist mir die kalte, starre Herrschaft des englischen Gesetzes mit seinen Früchten, bis auf die beispiellose Herzlichkeit eines gekünstelten Zustandes hinunter, immerhin lieber, als wenn ich mich von jedem Erzhallunken, der auf seiner Jagd nach Dollars zufällig durch dieses Thal kommt, mit Füßen treten lassen soll. Eines übrigens mußt Du mir wohl selbst zugestchen: das Publikum vernachläßigt ein Bißchen gar zu gerne Pflichten, die es erfüllen sollte, während cs sich dagegen Berechtigungen anmaßt, zu denen eS nicht befugt ist." Mit dieser Bemerkung, welche so viel Wahrheit in sich faßte, schloß die Unterhaltung. 288 ScchSzchnteS Kapitel. Ihr« Brust war ein weiter Bau, eine breite Straß'. Wo alle große Gedanken hatten freien Paß, Und wo die Natur sich eine Wohnung thät wählen, Daß im Winkel nur Hausen die anderen Seelen. John Morto». HAir haben das Dorf Tems'lcto» bereits als ein Miniatnr- siädtchcn bezeichnet. Es hatte zwar etwa ein halb Dutzend von Gründen umgebene Wohnungen, welche eigene Namen führten, aber doch kaum zwölfhundert Acres Flächenraum; denn seit Entstehung des Ortes hatte hier im Gegensätze zu der gewöhnlichen AuSbreitungSlust der Landbevölkerung jene allen amerikanischen Städten so eigenthümliche ConcentrationS-Neiguug Platz gegriffen, welche es fast zu einer gesetzlichen Vorschrift zu machen scheint, daß eine Privatwohnung nicht mehr als drei Fenster vorn hinaus und eine Fayade von blos fünfundzwanzig Fuß haben dürfe. In einer der abgeschiedensten Straßen (denn Templeton hatte seine Oeffentlichkeit, wie seine Abgeschiedenheit, obschon letztere ganz den Dorfcharakter in sich trug) wohnte eine Stroh - Wiltwe, die einige Mittel besaß, fünf Kinder hatte und sich'S angelegen sehn ließ, ihr Licht leuchten zu lassen. Mrs. Abbot, denn so hieß diese Halbverlaffene, stand just am Rande der sogenannten „guten Gesellschaft" des Dorfes, die allerunbehaglichste Lage, in welcher sich eine ehrgeizige und oi-clovnnt hübsche Frau befinde» kann. Sie halte die Hoffnung noch nicht aufgegebcn, eine Scheidung zu erwirken und aufs Neue Freier um sich zu scheu, war auffallend — ja, eigentlich wüthend andächtig, hielt sich selbst für ein Musterbild von Vollkommenheit, vbschon die Nachbarn gar Manches gegen sie einzuwenden hatten, und konnte überhaupt als ein possirlicheS, aber keineswegs seltenes Gemisch von Frömmigkeit und Tadelsucht, Men- 289 schenfrcundlichkeit und Schadenfreude, Fraubaserei und Wohlwollen, ränkevoller Feindseligkeit und Anstand betrachtet werden. MrS. Abbots Hauswesen war nothwendig sehr klein; auch hatte sie keine andere Bedienung, als die eines Mädchens, welche sie ihre Hüls nannte — eine nicht unpassende Bezeichnung, da letztere und die Frau des Hauses die meisten verkommenden Geschäfte gemeinschaftlich besorgten. Dieses Mädchen war, abgesehen von ihren Obliegenheiten des Kochens und WaschenS, die Vertraute von allen den unsteten Ansichten, welche ihre Frau im Allgemeinen von der Menschheit und von der Nachbarschaft insbesondere unterhielt, und mußte eben so oft, als bei irgend etwas Anderem, Beihülfe leisten, um MrS. Abbots Gutachten über die letztere in Umlauf zu setzen. Von den EffinghamS wußte die Wittwe nichts weiter, als was sie von Leuten ihrer eigenen Claffe gehört hatte, da sie selbst erst kürzlich in dem Orte angelangt war. Sie hatte Templeton zum Wohnort gewählt, weil cS hier sehr wohlseil zu leben war, und obschon sie es versäumt hatte, FörmlichkeitS halber den gewohnten Besuch im Wigwam zu machen, so grollte sic doch jetzt in ihrem Innern wenigstens mit Eva, weil diese aus zarter Rücksicht sich nicht aufdringcn wollte, wo sie, allem Brauche gemäß, das vollkommenste Recht zu der Voraussetzung hatte, daß man nichts von ihr wolle. In dieser Stimmung saß sie am Morgen nach dem im letzten Kapitel erwähnten Gespräche in ihrem engen Wohnstübchen, bald mit Jenny plaudernd (denn so hieß die Gehülfin in allen Arbeite»), bald ihre Nadel in Bewegung setzend, noch öfter aber den Kopf zu dem nach der Hauptstraße des Orts hinliegenden Fenster hinauSsteckcnd, um zu sehen, wa» etwa die Nachbarn treiben möchten. „Mr. Effingham hat in Betreff des Vorsprungs ein ganz außerordentliches Verfahren cingeschlagen," sagte MrS. Abbot, «und ich hoffe, das Volk wird ihn zur Besinnung bringen. Ja, Jenny, das Publikum hat sich des Platzes bedient, so lang ich mich erinnern kann, und ich wohne nun schon volle fünfzehn Monate in Eoa Efsinghi»». tV 280 Templeton. — Was kann wohl Mr. Howel veranlassen, so oft nach jener Barbierstube zu gehen, die dem Fenster von Miß Bennclt gegenüber liegt ? — Dia» sollte glauben, der Mann sey lauter Bart." „Ich denke, Mr. Howel läßt sich bisweilen rasircn," versetzte die logische Jenny. „O gewiß nicht; oder wenn er'S thut — nein, kein verständiger Mann könnte daran denken, sich zu einem solchen Zweck vor dem Fenster einer Lady aufzupflanzen. — Orlando Furioso Samuel," rief sie ihrem ältesten Sohne, einem eilfiährigen Knaben zu — „lauf »ach dem Laden des Mr. Jones hinüber, höre, von was die Leute sprechen, und bring mir die Kunde zurück, sobald Jemand etwas verlauten läßt, was die Mühe des AnhürenS verlohnt; und ehe Du zurückkömmst, mein Sohn, geh zu Nachbar Brown und borge dessen Bratrost. Jenny, es ist die allerhöch ste Zeit, ans Ueberhäygen der Kartoffeln zu denken." „Ma!" rief Orlando Furioso Samuel von der HauSthüre aus, denn MrS. Abbot hielt strenge darauf, daß alle ihre Kinder ste „Ma" nannte»; ste war nemlich so weit hinter dem Zeitalter zurück, daß sie nicht wußte, wie „Mutter" längst der weit gentilere Ausdruck geworden war. — „Ma," rief Orlando Furioso Samuel, „wennS aber im Laden des Mr. Jones nichts Neues gibt?" „Dann gehst Du in die nächste Schenke. Etwas muß an diesem schönen Morgen los seyn, und ich sterbe vor Verlangen, zu erfahren, was es möglicherweise seyn kann. Wohlgemerkt, Du mußt außer dem Bratrost noch etwas mitbringcn, Fury, oder Du darfst mir Dein ganzes Leben lang nicht wieder ins Haus kommen! Wie ich sagte, Jenny, das Recht des Publikums — d. h. unser Recht, denn wir sind ein Theil des Publikums — an diesen Vorsprung ist so klar wie der Tag, und ich kann mich nicht genug wundern über die Unverschämtheit des Mr. Efsingham, daß er es in Abrede ziehen will. Ich wette, dies hat ihm seine französische Tochter in den Kopf gesetzt, die, wie ich höre, ungeheuer arrogant ist." 291 „Ist Eva Effingham Französisch ?" entgegnete Jenny, geflissentlich alle die gewöhnlichen Ausdrücke der Höflichkeit und des Anstandes vermeidend, um dadurch ihre gute Erziehung zu zeigen. „Na, ich habe stets geglaubt, sie scy nichts, als eine geborne Templetonerin." „Was liegt daran, wo eine Person geboren ist? Der Ort, wo man lebt, ist das Wesentliche, und Eva Effingham hat sich so lang in Frankreich anfgehalten, daß sie nur gebrochen Englisch spricht. Miß Delby sagte mir in letzter Woche, sie habe bei Ent- werfnng einer SnbscriptionSliste zum Zweck der Anschaffung eines neuen Kissens für das Lesepult ihrer Kirche das Wort ,Charität' wahrhaftig wie ,Carotte° geschrieben." „Ist dies Französisch, MrS. Abbot?" „Ich glaube fast, Jenny. Die Franzosen find sehr knauserig und geben ihren Armen nur Carotten zu essen; in dieser Weise sind sie wahrscheinlich zu dem Worte gekommen. He, Byansy Al- zumy Anne (Bianka Alzuma Anna)!" „Marin!" „Byansy Alzumy Anne, wer hat Dich gelehrt, mich Marm zu nennen? Ist dies die Art, wie Du Deinen CatechiSmuS gelernt hast? Sag' augenblicklich Mast" „Ma." „Nimm Dein Hütchen" — MrS. Abbot liebte es, Kürze halber, dieses Wort wie „Hüttchen" auszusprechen — „nimm Dein Hütchen, mein Kind, laufe zu MrS. Wheaton hinab und frage sie, ob diesen Morgen in Betreff des Vorsprungs nichts Neues ausgekommen ist. Und hörst Du, Byansy Alzumy Anne Abbot — wie doch das Kind gleich sortschießt, als handle sichs um Leben und Tod!" „Ei, Ma, ich möchte auch die Neuigkeiten hören." „Dies kann ich mir denken, meine Liebe; aber durch ein Bißchen weniger Hast wirst Du weit mehr erfahren, als wenn Du so 292 sehr eilst. Geh auch zu MrS. Green hin und frage fie, wie den Leuten gestern Abend die Erbauungsstunde des fremden Pfarrers gefallen habe — und bitte sic, wenn sie könne, mir eine Gießkanne zu borgen. Jetzt lauf und komm sobald als möglich wieder zurück. Wenn Du Neuigkeiten weißt, Kind, so mußt Du nie zögern." „Ich glaube, Mrs. Nbbot, es hat Niemand das Recht, die Post anzuhalten?" lautete Jenny'S sehr paffende Frage. „Nein, in der That nicht, denn wer könnte die Folgen davon berechnen? Ihr werdet Euch erinnern, Jenny, sogar die Frommen habe» diesen Punkt aufgegeben, denn die öffentliche Bequemlichkeit war selbst für die Religion zu stark. Roger Demetrius Benjamin!" rief sie einem zweite» Knaben zu, welcher zwei Jahre jünger war, als sein Bruder. „Deine Augen sind bester, als die meinigen — wer sind alle jene Leute, die sich in der Straße versammelt haben. Ist nicht Mr. Howel darunter?" „Ich weiß es nicht, Ma," antwortete Roger Demetrius Benjamin gähnend. „Dann eile sogleich hin und sieh nach; Du brauchst Dich nicht vorerst nach Deinem Hut umzusehe». Auf dem Rückwege geh zum Schneider und frage, ob Deine neue Jacke noch nicht fertig ist und was es Neues gebe. Ich denke fast, Jenny, wir werden im Laufe des Tages noch etwas aufstnden, was des Hörens werth ist. Beiläufig, man sagt, Gracc van Courtlandt, Eva EffinghamS Muhme, sey im Zustande der Zerknirschung." „In der That, das ist die letzte Person, von welcher ich geglaubt hätte, daß sie sich durch etwas anfechten ließe, denn Jedermann spricht davon, sie sey so verzweifelt reich, daß sic auf Silber essen könnte, wenn sie wollte, und sie darf darauf zählen, früher oder später einen Mann zu kriegen." „Dies muß ihre Sorgen nur erhöhen. Oh, cS thut meinem Herzen wohl, wenn ich sehe, daß dieses flunkernde Volk gehörig 293 geübt wird. Nichts würde mich glücklicher machen, als wenn ich sehen könnte, daß selbst Eva Effingham im Geiste stöhnen müßte! Sie würde daraus lernen, was es heißt, anderen Leuten Bor- sprünge wegzunehmcn." „Aber MrS. Abbot, dann würde ste eine fast so fromme Frauensperson werden, als Ihr selbst seyd." „Oh diese gewiß nicht, obschon ich nur eine arme, gnadebedürftige und im Grunde des Herzens verderbte Sünderin bin! Zwanzigmal im Tag wandeln mich Zweifel an, ob ich auch wirklich wiedergeboren bin oder nicht, denn die Sünde zieht die Fibern meines Herzens so stark an, daß es mir bisweilen vorkömmt, als würden ste eher brechen, als loslassen. Rinaldo Rinaldini Timothv, mein Kind, geh über die Straße hinüber, sage MrS. Hulbert mein Complimcnt und frage ste, ob es wahr sch, daß der junge Dickson, der Advokat, mit Aspasta Tubbs verlobt sey. Borge auch bei ihr einen Schaumlöffel, eine Zinnkanne oder sonst etwas, was Dn tragen kannst, denn wir könnten im Laufe des Tages etwas dergleichen brauchen. Ich glaube, Jenny, daß eine schlechtere Creatur als ich bin, kaum durch ganz Templeton aufzustnden ist." „Ei, MrS. Abbot," entgcgncte Jenny, welche schon zu viel von dieser Selbstüberwindung gehört hatte, um fich sonderlich dadurch irren zu lassen, „Ihr gebt Euch ja fast ein eben so schlimmes Zcugniß, wie letzte Woche eine gewisse Person, die ich nicht nennen mag." „Und wer ist diese gewisse Person? — Die möcht ich doch kenne»! Ich wette, irgend Jemand von den Formalisten, die da glauben, aus dem Buch Beten, Knieen, Verbenznngcnmachen und Kleiderwcchseln mache die Religion aus! Dem Himmel sey Dank, ich bin ziemlich gleichgültig gegen die Ansichten solcher Leute. Hört, Jenny, wenn ich nicht besser zn sehn glaubte, als einige Personen, die ich nennen könnte, so würde ich an meinem Seelenheil verzweifeln." 294 „MrS. Abboi!" schrie ein zerlumpter schmutziger, baar- füßiger Knabe, der ohne anzupochen hereinstürzte und, den Hut aus dem Kopf, mitten im Zimmer stehen blieb —eine Hast, welche klärlich bekundete, daß der junge Gentleman gewohnt war, anderer Leute Besitzungen ohne Umstände zu betreten. „MrS. Abbot, Ma möchte wissen, ob Ihr vielleicht diese Woche zu verreisen gedenkt." „Und warum wünscht sie dies zu wissen, Ordeal Bumgrum?" MrS. Abbot sprach diesen seltsamen Namen wie „Ordil" aus. „Oh, sie möcht'S eben wissen." „Und ich muß und will zuvor den Grund hören. Lauf daher augenblicklich nach Hause und frage Deine Mutter, warum sie Dich mit diesem Auftrag hieher geschickt hat. Jenny, ich kann mir nicht denken, was MrS. Bumgrum veranlassen kann, durch Ordeal eine solche Frage an mich stellen zu lassen." „Ich habe gehört, MrS. Bumgrum beabsichtige selbst eine Reise zu machen; vielleicht möchte sie Eure Gesellschaft haben." „Da kommt Ordeal schon wieder zurück, und wir werden bald im Klaren seyn. Das ist ein Junge für Aufträge! Er ist mehr Werth, als alle meine Sühne zusammengenommen. Nie steht man ihn seine Zeit damit verlieren, daß er den Straßenwindungen folgt, denn er huscht stets wie eine Katze über die Gartenzäune weg oder schnurrt durch ein Haus, das ihm im Wege steht, wie der Etgen- thümer, und wenn die Thüre auch nur ein?» Zoll weit offen steht. Nun, Ordeal?" Aber Ordeal war athemloS, und obgleich ihn Jenny rüttelte, als wolle sie die Neuigkeiten aus ihm herausschütteln, und sogar MrS. Abbot in ihrer Ungeduld nach Belehrung die Faust gegen ihn erhob, so konnte ihn doch nichts zum Sprechen veranlassen, bis er sich einigermaßen verschnaubt hatte. „Ich glaube, er thut es absichtlich," sagte die Dienerin ärgerlich. „Das sieht ihm ganz gleich," entgegnete die Gebieterin. „Der 293 beste Neuigkeitsträger im Dorf ist verdorben, weil er einen kurzen Athem Hut." „Wenn nur die Leute ihre Zäune nicht so hoch machten," rief Ordeal, sobald er wieder zu Athem gekommen war. „Ich kann nicht einfehen, was ein Zaun nützen soll, wenn man nicht darüber wegklettern kann." „Was sagt Deine Mutter?" rief Jenny, ihr Rütteln oon amoro wieder ausnehmend. „Ma möchte wissen, MrS. Abbot, ob Ihr Euren Namen selbst braucht oder ob Ihr denselben nicht auf einige Tage herborgen könntet, weil ste mit ihm nach Ntika gehen möchte. Sie sagt, die Leute behandeln ste nicht halb so gut, wenn ste sich Bum- grum nennt, und möchte es daher diesmal mit dem Eurigen versuchen." „Ist dies Alles? Du hättest nicht nüthig gehabt, wegen einer derartigen Kleinigkeit so sehr zu eilen, Ordeal. Mein Complimcnt an Deine Mutter, und sage Ihr, mein Name sey ihr von Herzen gegönnt; ich hoffe, er werde ihr dienstlich seyn." „Sie sagt, sie wolle Euch für die Benützung gerne bezahlen, wenn Ihr sagen wollt, was Ihr verlangt." „Oh, eine sülche Kleinigkeit ist nicht der Rede werth; sie wird ihn wohl so gut wieder zurückbringen, als ste ihn mitnahm. Ich bin keine so unnachbarliche oder aristokratische Person, daß ich wünschen sollte, meinen Namen ganz für mich allein zu behalten. Sage Deiner Mutter, ste solle ihn immerhin benützen, so lange eS ihr beliebt, und mir nicht von Bezahlung sprechen. Ich könnte vielleicht einmal den ihrigen oder etwas Anderes von ihr borgen wollen, obschon, die Wahrheit zu sagen, meine Nachbarn sich über meine Unfreundlichkeit und meinen Stolz beklagen, weil ich nicht so viel von ihnen borge, als eine gute Nachbarin sollte." Ordeal entfernte sich, und MrS. Abbot blieb einigermaßen in dem Zustande des Mannes zurück, der sich seines Schattens bc- 296 geben hatte. Ein Pochen an der Thüre unterbrach jede weitere Erörterung des alten Gegenstandes, und auf den Ruf herein machte Mr. Steadfast Dodge seine Aufwartung. Dieser Gentleman und MrS. Abbot waren, was Neuigkeiten betraf, verwandte Geister, denn Erstcrer zog aus ihnen seinen Erwerb, während sie für Letztere Lebenslust waren. „Willkommen, sehr willkommen, Mr. Dodge/' begann die Gebieterin des Hauses. „Ich höre, Ihr habt den gestrigen Tag bei den EffinghamS zugebracht." „Ja wohl, MrS. Abbot; die EffinghamS bestanden durchaus darauf, und ich konnte mich diesem Opfer nicht wohl entziehen, nachdem ich so lange ihr Schiffsgefährte gewesen war. Außerdem gewährt eS eine kleine Erholung, wieder Französisch sprechen zu können, nachdem man es Monate lang täglich geübt hat." „Ich höre, eS ist Gesellschaft im Hause?" „Nur zwei unserer Reisegefährten — ein englischer Baronet und ein junger Mann, von welchem weniger bekannt ist, als man Wohl wünschen könnte. Er ist eine gcheimnißvolle Person, und ich Haffe alle Geheimnisse, MrS. Abbot." „Hierin theilt Ihr also meine Gesinnung, Mr. Dodge. Ich bin der Ansicht, daß Alles bekannt scpn sollte. In der That kann von keinem freien Lande die Rede sep», wo eS Geheimnisse giebt. Ich habe keinen Vorbehalt vor meinen Nachbarn und, offen gestanden, kannS auch nicht leiden, wenn meine Nachbarn vor mir heimlich thun wollen." „Dann werdet Ihr kaum einen Gefallen an den EffinghamS finden können, denn ich bin noch nie mit einer verschlosseneren Familie zusammengckommen. Obgleich ich mich so lange mit Miß Eva in demselben Schiff aufhielt, habe ich sie doch nie über Appe- titmangel, Seekrankheit oder etwas, was auf ihre Leiden Bezug gehabt hätte, sprechen hören; auch könnt Ihr Euch gar nicht denken, wie zurückhaltend sie in Betreff der Beaur ist. Ich glaube 297 nicht, je dieses Wort aus ihrem Munde gehört zu haben, und aus ihrer Verschlossenheit sollte man glauben, sie habe in ihrem Leben nie einen Spaziergang oder einen Ausflug mit einem Manne gemacht. Ich halte sie für schrecklich arglistig, MrS. Abbot." „Zuvcrläßig habt Ihr hierin vollkommen Recht, Sir, denn eS gicbt kein sichereres Zeichen, daß eine junge Frauensperson stets an die Beaur denkt, als wenn sic dieselben nie über die Lippen kommen läßt." „Ich glaub-, dies liegt in der Menschennatur; keine unschuldige Person nimmt in der Unterhaltung je an diesem Gegenstände Anstoß. Was haltet Ihr von der beabsichtigten Heirath in dem Wigwam, MrS. Nbbot?" „Heirath!" rief MrS. Abbot, wie etwa ein Hund nach einem Knochen schnappen würde. „Wie, jetzt schon? Hat man je etwas Unanständigeres gehört! Ei, Mr. Dodgc, die Familie ist ja noch keine vierzehn Tage zu Hause — und sobald schon ans Heirathen denken? Es ist eben so schlimm, als wenn Wittwer nach dem ersten Monate schon sich wieder um Weiber Umsehen." MrS. Abbot machte stets einen Unterschied zwischen Wittwern und Wittwen, da die Ersteren, wie sie behauptete, heirathen könnten, wenn sie wollten, Letztere aber nur, wenn eine Werbung an sic erginge; auch fühlte sie bei dem Gedanken, daß ein Mann nach dem Tode seiner Gattin zu bald heirathen könnte, just jene Art von Entsetzen, die sich von einer Person erwarten ließ, welche wirklich auf einen zweiten Ehemann sann, noch ehe der erste todt war. „ES ist freilich vielleicht ein Bißchen vorschnell," entgcgnete Steadfast, „obschon sie schon lang mit einander bekannt sind. Ihr habt daher ganz Recht, wenn Ihr sagt, es würde anständiger sepn, wenn sie zuwarteten und sähen, was sich in einem Lande für sie austhut, das ihnen so zu sagen ein fremdes ist." „Aber wer ist das Paar, Mr. Dodge?" „Miß Eva Essingham nnd Mr. John Essingham." 298 „Mr. John Efsingham!" rief die Dame entsetzt, denn dies hieß einen ihrer eigenen Tagträume auf den Kopf schlagen. „Nein, dies ist zu arg! Aber er soll sie nicht heirathen, Sir; das Gesetz wird'S verhindern, denn wir leben in einem Lande der Gesetze. Ein Man» kan» nicht seine eigene Nichte heirathen." „Es ist über alle Gebühr unschicklich und man sollte der Sache Einhalt thun. Aber freilich diese EffinghamS thun so ziemlich, was sie wollen." „Es thut mir leid, hören zu müssen, daß sie sogar widerwärtig sind," cntgegnete MrS. Abbot mit einem Blicke gieriger Frage, als fürchte sie, die Erwiederung möchte verneinend auSfallen. „ES ist so arg, als nur möglich. Sie haben kaum das Mindeste an sich, was Euch gefallen könnte, meine liebe Marm; dabei sind sie so verschlossen, als fürchteten sie stets, sich eine Blöße zu geben." „Verzweifelt schlechte NcnigkeitSfreunde, habe ich mir sagen lasse», Mr. Dodge. Da ist zum Beispiel Dorindy (Dorinda) Mudge, die einen einzigen Tag lang bei Eva und Grace zu lhun hatte; sie sagt mir, sie habe alles Mögliche versucht, um sie zum Sprechen zu bringen, indem sie von den allergewöhnlichsten Dingen ansing — von Dingen, die jedes meiner Kinder sogar weiß — zum Beispiel von Geschichten aus der Nachbarschaft und wie sich die Leute fortbringen; aber obschon sie ein Bißchen zuhörten — und dies ist allerdings Etwas — so war ihnen doch keine Shlbe als Antwort oder Bemerkung darauf zu entlocken. Sie sagt mir, sie habe mehreremale Lust gehabt, davon zu laufen, denn es sey ungeheuer unangenehm, mit so wortkargen Leuten umzugehen." „Ich sollte mir aber doch denken, daß Miß Esfingham hin und wieder einen Wink fallen ließ über die Reise und ihre vormaligen Reisegefährten," bemerkte Stcadfast, einen unruhigen Blick auf seine Gefährtin werfend. „Bei Leibe; Dorindy behauptet, es sey unmöglich, auch nur das geringste Wörtchen über einen Nebenmenschcn von ihr heraus- 299 zukriegcn. Als sic von der kürzlichen unangenchmcn Geschichte in der Familie des armen Mr. Bronson sprach — eine traurige Angelegenheit dies, Mr. Dodge, und es sollte mich nicht Wunder nehmen, wenn sie zuletzt noch Mr. Bronson das Herz bräche — aber als Dorindy davon anfing, und sie ist doch wahrhaftig schlimm genug, um die Empfindsamkeit eines Frosches rege zu machen, gab keine von den jungen Damen darauf eine Antwort oder stellte auch nur eine einzige Frage. In dieser Hinsicht, höre ich, ist Grace so schlimm, wie Eva, und Eva so schlimm wie Grace. Statt mehr von der Sache wissen zu wollen, was thnt meine Miß Eva? — sie wendet sich zu einigen Klecksereien und zeigt ihrer Muhme, was sie Eigeuthümlichkeiten einer Schweizer Landschaft zu nennen beliebt. Dann beginnen die beiden Dirnen von der Natur zu sprechen — unsere schöne Natur, sagt Dorindy, habe Eva die Unverschämtheit gehabt, sie zu nennen — als ob die menschliche Natur sammt ihren Gebrechen und Sündhaftigkeiten kein passenderer Gegenstand für die Unterhaltung eines jungen Frauenzimmers wäre, als ein thörichteS Geplauder über Seen, Felsen und Bäume — und dies dazu noch in einer Weise, als ob die Natur um Templeton ihr gehörte. Nach meiner Ansicht ist wohl die schreiendste Unwissenheit die Ursache von alledem, Mr. Dodge, denn Dorindy sagt, sie wüßten so wenig von den verwickelten Wegen in der Nachbarschaft, als ob sie in Japan lebten." „Lauter Stolz, MrS. Abbot — eitel Stolz und Hochmuth. Sie halten sich für zu vornehm, um in die Umständlichkeiten von gemeiner Leute Geschichten einzugehen. Auf dem Wege von England her habe ich oft Miß Eva Efsingham angebohrt, und es war ihr stets viel zu gering, aus Dinge von Privatintereffe einzugchcn, obschon ich wußte, daß es ihr an der erforderlichen Bekanntschaft mit der Sache durchaus nicht fehlte. Oh, sie ist ein wahrer Tartar In ihrer Weise, und was sie nicht thun will, dazu werdet Ihr sie nimmermehr bewegen." 300 „Habt Ihr davon gehört, daß sich Grace im Zustand der Zerknirschung befindet?" „Keine Sylbe davon! Und durch welche Predigt, MrS. Abbot?" „Das ist mehr, als ich Euch sagen kann, aber ich stehe dafür, nicht durch die des Kirchenpfarrers. Ich habe nie davon gehört, daß unter seiner Seelsorge eine wahre wirksame Wiedergeburt und eine fruchtbringende Bekehrung stattgefunden hätte." „Nein, das ganze Bckcnntniß hat überhaupt sehr wenig Salbung. Wie kalt und theilnahmloS sind sie nicht in diesen eindringlichen Zeiten! Ich wette, kein Sünder hat sich je auf ihrem Boden gekrümmt, und durch ihre Macht ist nie ein Elender im Nu z» einem Heiligen umgewandelt worden. Dagegen haben wir allen Grund, dankbar zu seyn, MrS. Abbot." „Ja wohl, und zwar für die allcrglorreichsten Vorrechte. Und welch' ein gottloser Stolz ist es nicht, daß ein sündiges Wesen, wie Eva Effingham, sich zu solchem Dünkel aufblähen kann, um sich für zu hoch zu halten, an den Angelegenheiten der Ncben- menschen Antheil zu nehmen und sich Gedanken darüber zu machen. Was dagegen mich betrifft, so hat die Wiedergeburt mein Herz so weit geöffnet, daß es mir wahrhaftig ist, als müßte ich von der geringsten Creatur in Templeton Alles wissen." „Das ist der wahre Geist, MrS. Abbot. Haltet nur daran fest, und die Erlösung kann Euch nicht entgehen. Auch ich schreibe nur deshalb eine Zeitung, um meine Thcilnahme für das Menschengeschlecht an den Tag zu legen." „Ich hoffe, Mr. Dodgc, die Presse wird dis Angelegenheit mit dem Vorsprung nicht einschlafen lassen, denn sie ist die ächte Hüterin der öffentlichen Rechte, und ich kann Euch sagen, daß die ganze Gemeinde von ihr in dieser CrisiS Unterstützung erwartet." „Wir werden nicht ermangeln, unsere Pflicht zn erfüllen," versetzte Mr. Dodge, mit gedämpfter Stimme über seine Schulter zurücksehend. „Wie, soll ein einziges unbedeutendes Individuum, 301 welches kein Haar mehr Recht hat, als der gemeinste Bürger im Lande, diese große und gewaltige Gemeinschaft unterdrücken? Was liegt daran, wenn Mr. Effingham auch den Landvorsprung wirklich eignete!" „Aber er eignet ihn nicht!" unterbrach ihn MrS. Abbot. „So lang ich Templcton kenne, hat er stets dem Publikum gehört. Außerdem sagt das Publikum, der Platz sey sein Eigenthum, und was in diesen, glücklichen Lande das Publikum sagt, ist Gesetz." „Wir wollen nur annehme», die Gemeinde habe keine Eigen- thumSberechligung —" „Aber sie hat sie, Mr. Dodge," wiederholte die Dame mit noch größerer Entschiedenheit. „Gut, Mann, sey es so oderso, wir leben nicht in einem Lande, in welchem die Presse schweigen darf, wenn ein einzelnes, unbedeutendes Individuum sich unterfängt, das Publikum mit Füßen zu treten. Neberlaßt die Sache uns, MrS. Abbot; sie ist in guten Händen und soll gebührend gewahrt werden." „Ich bin in meinem Gott froh darüber!" „Ich sage Euch dies übrigens nur als eine Freundin," fuhr Mr. Dodge fort, indem er vorsichtig aus seiner Tasche ein Manuskript zog, um eS der Dame vorzulesen, welche sich mit verzehrender Neugier in eine hörgerechte Stellung brachte. Mr. DodgeS Manuskript enthielt einen angeblichen Bericht über die Geschichte mit dem Borsprung. Gr war dunkel gehalten und nicht frei von Widersprüchen; aber MrS. Abbots Einbildungskraft ergänzte alle Lücken und wußte die Inkonsequenzen zurechtzu- legen. Der Aufsatz warf so sehr mit Verachtungsbetheuerungen gegen Mr. Effingham um sich, daß sich wohl jeder vernünftige Mann wundern mußte, warum eine sonst so passive Eigenschaft in diesem besonderen Falle plötzlich so ungestüm zum Losbrechen gekommen war. Was die Thatsachen betraf, war auch nicht eine einzige treu angegeben, dagegen aber absichtlich manche schamlose 302 Lüge eingeflochten, welche wesentlich dazu dienten, dein Ganzen ein bestechendes Colorit zu geben. „Ich glaube, so wird'S recht seyn," sagte Steadfast; „auch haben wir Sorge dafür getroffen, daß der Artikel gehörig in Umlauf kömmt." „Ja, dies ist heilsam für sie," rief MrS. Nbbot, fast athemloS vor Vergnügen. „Hoffentlich werden'S doch die Leute glauben!" „Sehd unbesorgt. Handelte stch'S um eine Parteisache, so gäbe es natürlich eine Theilung von Gläubigen und Ungläubigen; in Privatangelegenheiten aber. Marin, glauben die Leute stets Alles, was ihnen zu reden giebt." Das tote ü töte wurde jetzt durch die Rückkehr von MrS. AbbotS verschiedenen Abgesandten unterbrochen, von denen jeder Einzelne, gleich der aus der Arche auSgesandten Taube, etwas zurückbrachte, was Anlaß zu weiterer Fraubaserei gab. Der Vorsprung war das gemeinsame Thema, und obgleich die verschiedenen Berichte unter einander !m schnurgeraden Widerspruch standen, so fand doch MrS. Abbot in dem Alles umfassenden Wohlwollen ihres frommen Herzens Mittel, überall eine Bekräftigung ihrer Wünsche anfzuklauben. Mr. Dodgc hielt Wort und der Bericht erschien. Alle Pressen der Gegend fielen mit Gier darüber her, weil fie etwas darin gefunden halten, um die Spalten ihrer Blätter zu füllen. Niemand schien geneigt zu sehn, über die Wahrheit der Erzählung oder über den Charakter des ursprünglichen Berichterstatters Erkundigung einzuziehen. Sie war einmal gedruckt, und dies galt bei der großen Anzahl der Zeitungsschreiber und ihren Lesern als zureichende Weihe. In der That gab es nur Wenige, welche Ruhe genug besaßen, um nicht in das allgemeine Geschrei einzustimmcn, und so wurde denn dieses grobe Unrecht rückhaltlos und ohne Gewissensbisse von denjenigen, welche ihren eigenen Aeußerungen nach die regelmäßigen und natürlichen Verfechter der Menschenrechte waren, an einem einzigen harmlosen Bürger geübt. 303 John Efstngham machte seinen erstaunten Netter mit dem kalten Spott, mit welchem er so gerne die Schwächen und Gebrechen des Landes zu geißeln pflegte, auf diesen außerordentlichen Auftritt einer rücksichtslosen NechtSmißachtung aufmerksam; seine « Festigkeit übrigens, die durch Mr. Effingham unterstützt wurde, that einer Veröffentlichung der in den Meeting erlassenen Resolutionen Einhalt, vbschon er sie einige Zeit nachher selbst dem Drucke überantwortete, weil er hierin das wirksamste Mittel sah, den wahren Charakter deS sinnlosen Pöbels bloßzustellen, welcher die Würde der Freiheit so sehr verletzt hatte, indem er trotz des vielen Geschreis von ihr aufs Unzweideutigste bekundete, wie wenig von dem wahren Geiste derselben in ihm wohnte. Dem Menschenkenner gab der AuSgang dieser Angelegenheit reichen Stoff zu Nutzanwendungen. Sobald in Betreff der wirklichen EigenthumSrechte an den bestrittenen Platz die Wahrheit allgemein bekannt und das Publikum zu der Ueberzeugung gekommen war, es habe bisher nicht nur kein Recht besessen, sondern sich im Gegentheil bloS einer Gunst erfreut, machte sich bei denen, welche sich durch ihre anmaßenden Behauptungen und unanständige Ausfälle am meisten bloSgestellt hatten, die Eigenliebe geltend, und sie begannen in dem Benehmen der Gegenpartic Entschuldigungsgründe für ihr eigenes zu suchen. Man rechnete es Mr. Effingham laut zum Vorwürfe an, daß er nicht gehandelt habe, wie er doch wirklich gehandelt hatte — er hätte ncmlich dem Publikum sagen sollen, daß es kein Anrecht an das Eigenthum habe; und machte man auf die Abgeschmacktheit dieses Einwurfs aufmerksam, so beschwerte man sich über die Form, wie eS geschehen sey, obgleich diese gerade die war, welche sonst jeder andere einznschla- gen Pflegte. Außer diesen hohlen und unbestimmten Beschuldigungen begannen diejenigen, welche bei der Rechtsverletzung am meisten betheiligt gewesen waren, all- ihre ursprüngliche» Behauptungen abzuläugnen, indem sie erklärte», sie hätten lange vorher gewußt, 304 daß das Grundstück Mr. Effingham gehöre; nur halten sie sich nicht gefallen lassen wollen, daß er oder irgend ein anderer Mensch sich heransnchmen solle, ihnen zu sagen, was ihnen schon zum » BorauS so gut bekannt war. Kurz das Ende der Geschichte zeigte die menschliche Natur mit ihrer ganzen gewöhnlichen Verdrehungssucht, Lügenhaftigkeit, WidersprnchSfüllc und Jnconseqnenz. Die in der Sache Betheiligtcn sprachen zwar großartig von Freiheit; aber doch waren die, auf welche die meiste Schuld fiel, die lautesten in ihren Klagen, als ob ihnen allein Unrecht geschehen sey. „Ich muß gestehen, John," sagte Mr. Effingham. „Das Land zeigt sich uns nach so langer Abwesenheit nicht im vortheil- hastestcn Lichte; indcß ist kein Land und keine Staatsvcrfassung von Jrrthümern freizusprechen." „Du betrachtest'S, wie gewöhnlich, von der besten Seite, Ned; aber wenn Du nicht, noch ehe zwölf Monate um sind, ganz so denken lernst wie ich, so will ich in meinem ganzen Leben nicht wieder prophezeien. Ich möchte nur den Gedanken auf den Grund kommen, die sich Miß Effingham bei dieser Gelegenheit gebildet hat." „Miß Effingham ist schmerzlich betroffen, erschüttert und in ihren Erwartungen ganz und gar getäuscht," versetzte Eva; „aber dennoch verzweifelt sie nicht an der Republik. Erstlich hat keiner von unseren achtbaren Nachbarn an diesem ärgerlichen Vorfall Theil genommen, und dies ist schon Etwas, obschon ich gestehe, daß es mich sehr überrascht, wie ein beträchtlicher Theil der Gemeinde, der sich »och selbst achtet, ruhig zusehen kann, wenn ein unwissender Bruchtheil des GesammtkörperS in einer Sache, welche mit dem Rechtsgefühl und einem gesunden Urtheil in so enger Verbindung steht, so grobe Verstöße sich zu Schulden kommen läßt." „Ihr müßt erst noch lernen. Miß Effingham, man könne so sehr von Freiheit übersättigt werden, daß man gegen alle zarteren Gefühle unempfindlich wird. Unsere gute Republik begeht die 305 maßlosesten Ungeheuerlichkeiten unter dem Vorwände, baß sie durch das Volk geschehen. Vor diesem Popanz beugt sich die Nation eben so unterwürfig, als es Geßler den Schweizern, seinem eigene» Hut oder dem von Rudolphs Stellvertreter gegenüber, nur hätte zumuthen können. Der Mensch muß seine Götzen haben, und die Amerikaner können Niemand dazu machen, als sich selbst." „Und doch, Vetter Jach, würdet Ihr Euch unglücklich fühlen, wenn Ihr unter einem wcniger freien Systeme leben müßtet. Ich fürchte, Ihr laßt Euch die Ziererei zn Schulden kommen, bisweilen etwas zu sagen, was Euch nicht von Herzen geht." Siebenzehntes Kapitel. Jetzt ist'S nicht Zeit, mit Träumen sich zu tragen — Ei» andermal davon. Shakspcare. Der Tag nach dem, an welchem die im vorigen Kapitel erwähnte Unterhaltung statlfand, war im Wigwam reich an froher Erwartung. Man sah der Ankunft von MrS. Hawker »nd den BloomfieldS entgegen, und der Morgen entschwand schnell unter der Schwungkraft der Gefühle, welche gewöhnlich in einem amerikanischen Landhause derartige Hoffnungen begleiten. Der Anmeldung zufolge mußten die Reisenden Abends zuvor New-Vork verlassen haben, und obschon die Entfernung beinahe sechsundvierzig Meilen betrug, so hatten sie'S doch versprochen, um die gewöhnliche Dinerstunde einzutreffcn. Waü Eile betrifft, sind die Amerikaner, so lange sie den großen Hauptwegen folgen, unübertroffen, und sogar Sir George Templemore, der doch aus einem Lande mit makadamisirten Straßen und vortrefflichen Posteinrichtnngcn kam, drückte sein Erstaunen aus, wie es möglich sey, eine so lange Reise, darunter fast zwanzig Meilen zu Land, mit Einschluß der Halipunkte in vier- nndzwanzig Stunden vollbringen zu können. Eva Efstnghani. 20 306 „Die Schnelligkeit ist um so angenehmer," bcmerkie er, „wenn sie nnS Freunde, wie Mrs. Hawker bringt," „Und MrS. Bloomfield," fügte Eva rasch bei. „Ich begründe die Ehre der amerikanischen Frauenzimmer auf MrS. Bloomfield." „Mehr als auf die Erstere, Miß Essingham?" „Nicht gerade in Allem, was liebenswürdig, achtbar, weiblich und ladhartig ist, wohl aber, sofern die Vorzüge des Geistes in Frage kommen. Ich weiß, Sir George Templcmore. was ihr als Europäer von unserem einheimischen Geschlecht- haltet —" „Gütiger Himmel, meine theure Miß Effingham — was ich von eurem Geschlecht in Amerika halte! Es ist unmöglich, daß irgend Jemand Eure Landsmänninnen mehr schätze» könnlc. Ich hoffe, dies zu zeigen — glaube, meine Achtung uno Bewunderung gegen fie hat cS stets bewiesen — ja, und sogar Ihr, Powis, als Amerikaner, werdet mir keinen solchen Mangel an Geschmack, Urtheil und Gefühl zur Last legen —" Paul lachte, entgegnete aber dem verlegenen und in Wirklichkeit bestürzten Baronet, er wolle ihn den trefflichen Händen überlaffen, in welche er gefallen sey. „Ihr seht jenen Vogel, der so munter über den Dächern deS Dorfs hinsegelt," sagte Eva mit ihrem Sonnenschirm in die Richtung, welche sie meinte, hindeutend; denn die Drei gingen miteinander in dem kleinen Hof aus und ab und sahen der Ankunft der erwarteten Gäste entgegen. „Ich wette, Ihr scyd Ornitholog genug, um uns seinen gewöhnlichen Namen zu nennen." „Ihr sepd diesen Morgen in einer sehr strengen Stimmung — der Vogel ist die gemeine Hausschwalbe." „Eine derselben macht noch keinen Sommer, wie männiglich bekannt ist. Unser CoSmopolitiSmuS ist bereits vergessen und mit ihm, fürchte ich, unsere Offenheit." „Seit Powis seine Nationalfarbe aufgehißl hat, fühle ich mich über dergleichen Gegenstände nicht mehr so unbefangen, wie früher," 307 versetzte Sir George lächelnd. „So lange ich glaubte, in ihm einen geheime» Verbündeten zu haben, scheute ich mich nicht, ein wenig nachzugebcn; aber seit er sich zu Amerika bekannt hat, muß ich mehr auf der Hut sehn. Keinesfalls übrigens werde ich zugeben, baß ich unempfindlich sey gegen die Eigenschaften Eurer Landsmänninnen. PowiS kann sich als Eingeborener diese Freiheit wohl nehmen; aber was mich betriffl, so werde ich stets behaupten, daß sie zum mindesten allen Frauen, die ich kenne, gleich stehen." „In Natürlichkeit, Zartheit des Aeußern, hübscher Figur, Einfachheit und Aufrichtigkeit —" „In Aufrichtigkeit, glaubt Ihr, theure Miß Esfingham?" „In Aufrichtigkeit vor Allem, mein theurer Sir George Tem- plemore. Aufrichtigkeit — ja, sogar Freimüthigkeit — ist die letzte Eigenschaft, die ich ihnen absprechen möchte." „Doch um auf MrS. Bloomfield zurückzukommen — sie ist geistvoll, ungemein geistvoll, wie ich zugebe; wie sollte sie sich übrigens hierin vor einer geistreichen Dame aus der andern Seite des OceanS auszeichnen?" „Vielleicht springt kein Unterschied mehr in die Augen, als derjenige, welcher sich in National-Charakterzügen zeigt. Neapel und New-Bork liegt unter derselben Breite, und doch werdet Zhr, denke ich, mit mir einverstanden sehn, daß nur eine geringe Aehn- lichkeit zwischen den Gewohnheiten und Liebhabereien der beziehungsweise» Bevölkerung stattsindet." „Ich gestehe, daß mir die Anspielung unklar ist. Ihr faßt vielleicht schneller, PowiS?" „Ich möchte dies eben nicht behaupten," entgegnete Paul, „glaube aber, daß ich Miß Effingham'S Meinung begreife. Zhr sehd genug gereist, um zu wissen, daß man im Allgemeinen bei südlichen Völkern mehr Anschicklichkeit findet, als bei nördlichen. Sie fassen Eindrücke weit leichter auf und begreifen überhaupt viel schneller." 308 „Ich glaube, daß dies wahr ist; dann werdet Ihr mir aber auch zugebeu, daß ste weit weniger beharrlich und ausdauernd sind." „Vollkommen einverstanden, Sir George Templern»«," nahm Eva wieder auf, „obschon wir uns vielleicht die Ursachen verschieden deuten. Die Unbeständigkeit, von der Ihr sprecht, beruht wohl mehr auf moralischen, als auf physischen Gründen, und wir Angehörige dieser Gegend können vielleicht da und dort eine Ausnahme machen. MrS. Bloomfield aber unterscheidet sich von ihren europäischen Nebenbuhlerinnen durch eine so auffallend weibliche Figur, daß sie säst hinfällig erscheint, durch eine Zartheit des Aeußeren, die ohne ihr lebensvolles Gesicht vielleicht auf allgemeine Schwäche hindenten könnte, durch eine Empfänglichkeit und schnelle Fassungskraft des Geistes, die fast an Inspiration grenzt — und doch wird Alles dies durch einen praktischen Verstand ln ein so schönes Gleichgewicht gesetzt, daß sie sich eben so gut zu einer sicheren Beratherin, als zu einer warmen Freundin eignet. Letztere Eigenschaft mag Euch Wohl bisweilen an ihrem Geiste zweifeln lassen, da er so gar natürlich und zugänglich ist. Dies ist nun der Punkt, in welchem, wie ich glaube, die Amerikanerin, sobald sie sich über die Mittelmäßigkeit erhebt, hauptsächlich von der Europäerin verschieden ist. Letztere, wenn ste hervorragende GeisteSvvrzüge besitzt, schwebt fast stets in den Wolken, während MrS. Bloomfield auch in ihren höchsten Flügen weder ihrer Herzlichkeit, noch ihrem nüchternen Verstände etwas vergibt. Die Nation ist praktisch, und diese Eigenschaft theilt sich auch den höchsten Talenten mit." „Die englischen Frauen hält man für weniger leicht aufreg- bar; sie stehen nicht so sehr unter dem Einflüsse der Sentimentalität, wie manche ihrer Nachbarinnen auf dem Continent." „Diese Ansicht ist ganz richtig, aber —" „Aber was, Miß Efstngham — in alle dem äußert sich ein leichter Anflug von dem CoSmoPolitiSmuS, der mich an die gemein- 309 schaftlich verlebten Tage der Gefahr und der Abenteuer erinnert. Ihr dürft keine Gedanken unterdrücken, wenn Ihr diesen Charakter festhalten wollt." „Wohlan, um aufrichtig zu sehn, so will ich sagen, daß eure Frauen unter einem zu künstlichen System leben, als daß sie zu allen Zeiten ihrem gesunde» Verstände freien Spielraum lassen könnten. Was kann z. B. die gewöhnliche Vorstellung eines Christen seyn, wenn er stets die große Bedeutung des Geldes sehen und erfahren muß, wie es mit jedem Tage für die allerersten heiligen Obliegenheiten der Kirche erpreßt wird? ES wäre eben so vernünftig, zu behaupten, ein Spiegel, der, gleich denen, welche wir so oft in Paris sähe», durch eine Kugel in Radien zersplittert wnrde, vermöge ein treues Bild zu geben, als wenn man annähme, ein Geist, der mit solchen Mißbräuchen vertraut geworden ist, könne für praktische Dinge, in denen bloS der gesunde Menschenverstand waltet, einen Sinn haben." „Aber, meine theure Miß Efsingham, dies ist bloS Gewohnheit." „Ich weiß dies, Sir George Templcmorc, aber eS ist eine sehr schlechte Gewohnheit. Selbst Eure frömmsten Kirchendiener werden so daran gewöhnt, daß sie den schweren Jrrthum, den sie begehen, nicht einschen. Ich will ihn nicht absolut sündhaft nennen, da kein Zwang dazu vorhanden ist; indeß hoffe ich, Ihr werdet mit mir einverstanden seyn, Mr. Powis, wenn ich sage, ein Geistlicher sollte in einem derartigen Punkte zartfühlend genug seyn, um für'S Taufen sogar die kleinen Opfer zurückzuweisen, welche die Wohlhabenden dieses Landes zu bringen pflegen." „Ich bin vollkommen Eurer Ansicht, denn eS würde eine weit edlere Vorstellung von der Natur des verrichteten AeteS bekunden, und diejenigen, welche zu geben wünschen, können immer eine andere Gelegenheit dafür finden." „Man könnte hierin bei Franklin einen Wink finden, welcher seinen Vater aufgefordert haben soll, über die Schweinefleischtonne 310 einen recht kräftigen Degen zu sprechen/' sagte John Effingham, der eben herzugekommcn war und einen Theil der Unterhaltung initangehört hatte. „In dem gegenwärtigen Falle konnte man den TrauungSstol durchschnittlich so ansetzen, daß er alle künftigen Taufen in sich faßte. Doch da kommt Nachbar Howel, der vielleicht so gut ist, uns seine Ansicht mitzutheileu. Gefallen Euch die Taufgebräuche der englischen Kirche, Howel?" „Mr. Howel ist ein so ächter Engländer," sagte Eva, indem sie dem wohlmeinenden Nachbar herzlich die Hand cntgegenbot, „daß er zu Gunsten eines jeden Brauchs, welcher sich solcher Abkunft rühmen kann, ein Certificat ausstellen würde." „Und steht eine solche Gesinnung einem Amerikaner nicht weit besser an, als diejenige, welche in so viel Mißtrauen setzt, bloS weil es von der kleinen Insel kömmt?" fragte Sir George vorwurfsvoll. „Ei, Sir George," bemerkte der erwähnte Gentleman, „ich gründe meine Achtung vor Eurem Lande nicht im Geringsten auf unsere Abstammung davon, denn ich gebe mir Mühe, mich frei von Vorurtheilen jeder Art zu halten. Meine Bewunderung gegen England entspringt aus Ueberzsugung: ich beobachte alle seine Bewegungen mit größter Eifersucht, um zu entdecken, ob es nicht irgendwo einen Fehltritt thue, muß aber sagen, daß ich es noch nie, auch nicht auf einem einzigen Jrrthum ertappt habe. Welch' ein ganz anderes Bild bietet dagegen Frankreich — ich hoffe, Eure Gouvernante ist nicht in Hörweite, Miß Eva, denn es ist nicht ihre Schuld, daß sie als Französin geboren wurde, und ich möchte ihr nicht gerne wehe thun — aber welch' ein ganz anderes Bild bietet Frankreich! Ich bin ihm — seit vierzig Jahren, kan» ich sagen — gleichfalls auf's Aufmerksamste gefolgt, ohne finden zu können, daß es auch nur ein einzigeSmal Recht gehabt hätte, und dies ist, wie Ihr zugeben müßt, sehr viel gesagt von einem Manne, der in keiner Weise Partei nimmt." 311 „In der Thai eine schreckliche Zeichnung von einem so vorur- theilsfreien Manne, Howel," versetzte John Effingham „und ich zweifle nicht, Sir George Templemore wird fortan eine viel bessere Meinung von sich selbst haben. Aber dort kommt der ,exclusive Ertrag der unsere Gäste enthält," Die kleine Erhöhung des Hofs, auf welcher sie eben standen, beherrschte die Aussicht des Wegs, welcher nach dem Dorfe führte, und man sah nun den Neisewagen, der Mrs, Hawker und ihre Freunde enthielt, rasch sich dahin bewegen. Eva drückte ihre Freude aus, und Alle nahmen nun ihre» Spaziergang wieder auf, da Wohl noch einige Minuten bis zur Ankunft der Erwartete» verstießen mußten. „Der exclusive Extra?" wiederholte Sir George, „Dies ist ein eigenthümlichcr Ausdruck, der nicht sonderlich auf Demokratie hinzudeuten scheint." „In jedem anderen Theile der Welt wäre er durch das Wort ,Extra* hinreichend bezeichnet; aber hier ist die Zugabe ,exclusiv* nöthig, um ihm den ,Stadtstempel* zu verleihen," entgcgncte John Esfingham, seine schöne Lippe auswerfend. „Alles kann so exclusiv sehn, als es will, sobald es ein Zeichen der Oeffentlichkeit trägt. Da eine Postkutsche für Jedermann berechnet ist, so ist die ercln- flvere die bessere. Demnächst werden wir auch von exclusiven Dampfbooten und exclusiven Eisenbahnen hören — beides zu Nutz und Frommen des exclusiven Volkes," Sir George bat jetzt ernstlich um eine Erklärung über die Bedeutung des Ausdrucks, und Mr. Howel belehrte ihn dahin, daß in Amerika unter einem ,Extra* eine supernumeräre Kutsche verstanden sey, die mehr als die gewöhnliche Zahl von Reisenden führen kann, während ein ,exclusiver Extra* einen Wagen bedeute, der ausdrücklich von einem besonderen Individuum gemiethct sey. „Also eine amerikanische Ertrapostchaise," bemerkte Sir George. „Ihr habt sie hiemit auf das Passendste bezeichnet", versetzte Paul, „nur daß man statt der Postillone einen Kutscher hat; denn 312 in diesem Lande, wo so viel vermittelst Dampf vollbracht wird, denken nur wenige Leute daran, sich eigener Reisewagen zu bedienen. Der amerikanische ,exclusive Extra* ist nicht nnr eine Postchaise sondern in vielen von den älteren Theilen des Landes auch ein sehr gutes Beförderungsmittel." „Ich wette, daß dies Alles unrecht ist, wenn wir'S nur wüßten," sagte der einfache Mr. Howel. „In England gibt eS Wohl nichts ErclustveS — wie meint Ihr, Sir George?" Alles lachte, den einzigen Frager ausgenommen; aber das Raffeln der Näder und das Trampeln der Pferde auf der Dorfbrücke kündigte die Annäherung der Reisenden an. Mittlerweile hatte unsere Gesellschaft das große Thor vor dem Hause erreicht; der Reisewagen befand sich bereits auf den Gründen, und im nächsten Augenblicke lag Eva in den Armen der MrS. Bloomfield. Man sah auf den ersten Blick, daß die Kutsche mehr als die erwartete Anzahl von Gästen enthielt, und da sie sich nur langsam entleerte, so standen die Zuschauer neugierig umher, um zu sehen, wer herauskommen würde. Die erste Person, welche nach MrS. Bloomfield ausstieg, war Kapitän Truck, der sich übrigens, statt seine Freunde zu begrüßen, diensteifrig gegen den Schlag umwandte, um MrS. Hawker heranS- zuhelfen. Erst nachdem er diese Obliegenheit erfüllt hatte, sah er sich nach Eva um, denn die ehrwürdige Dame hatte dem wackeren Kapitän so hohe Bewunderung und Achtung eingeflößt, daß dadurch wirklich unsere Heldin einigermaßen aus seinem Herzen verdrängt worden war. Zunächst erschien Mr. Bloomfield; aber ein Ausruf froher Ueberraschung entfuhr Paul und dem Baronet, als sie des zuletzt aussteigenden Reisenden ansichtig wurden. „Doucie!" rief Sir George; „dies ist ja mehr, als wir hoffen konnten." „Doucie!" fügte Paul bei. „Ihr trefft einige Tage vor der erwarteten Zeit ein — und noch obendrein in so trefflicher Gesellschaft." 313 Die Sache ließ sich übrigens sehr einfach erklären. Kapitän Doucie hatte die Mittel zu einer schnelle» Beförderung gegen Ver- muthen leicht gefunden und mit der Osteisenbahn Fort Plain erreicht, als die New-Vorker-Gcsellschaft auf der westlichen Route angelangt war. Kapitän Truck, der MrS. HawkerS Partie in den Flußbooten getroffen hatte, war mit Besorgung der Weiterbeförderung beauftragt worden und erfüllte eben diese Obliegenheit, als er zur gegenseitigen Uebcrraschung Doucie erkannte. Letzterer theilte ihm mit, wohin er zn reisen gedenke, und fand sofort die herzlichste Ausnahme in dem „erclusiven Extra." Mr. Efsingham bewillkommnete alle seine Gäste mit dem gastfreundlichen Wohlwollen, durch das er sich stets auSzeichnete. Wir halten nicht sonderlich viel auf angebliche besondere Nationaltugenden, da wir uns durch ziemlich ausgedehnte eigene Beobachtung zur Genüge überzeugt haben, daß der moralische Unterschied zwischen den Menschen nicht sehr wesentlich ist; indeß fühlen wir uns doch bei gegenwärtigem Anlässe fast versucht, zu sagen, Mr. Effingham habe seine Gäste mit amerikanischer Gastfreundschaft ausgenommen; denn wenn es eine Eigenschaft gicbt, deren sich unser Volk in höherem Grade rühmen kann, als die meisten andern christlichen Nationen, so besteht diese in einfacher offener vertrauensvoller Gastfreundlichkeit. Gegen MrS. Hawker hegte in Gemeinschaft mit Allen, die sie kannten, der Gigenthümer des Wigwams eine hohe Achtung, und obschon er bei seinem ruhigeren Wesen von dem fast intuitiven Geiste der MrS. Bloomfield nicht so bezaubert war, wie seine Tochter, so fühlte er doch auch für diese Dame die freundschaftlichste Zuneigung. Er war glücklich in dem Bewußtseyn, Eva im Kreise so fein gebildeter, sinniger und doch von aller künstlichen Ziererei so freier Frauen zu sehen, und die Bewillkommnung trug in entsprechendem Grade den Charakter der Herzlichkeit. Mr. Bloomfield war ein ruhiger, verständiger gebildeter Mann, de» seine Gattin 311 innig liebte» ohne daß sie mit ihrer Zuneigung viel Gepränge machte, während er seinerseits gleichfalls sich Mühe gab, ihr in allen Stücken zu Gefallen zu leben. Kapitän Doucie hatte mit der Pünktlichkeit eines Engländers sich nicht vor der in seinem Briefe namhaft gemachten Zeit im Wigwam einfinden wollen, und daher sich uorgenommcn, noch einige Tage in einem Gasthausc zuzubringen, endlich aber dem Drängen nachgegcben und fühlte sich jetzt aufs Angenehmste überrascht durch die offene und warme Aufnahme, die gewiß auch nicht weniger freimüthig gewesen wäre, selbst wenn er sich ganz ohne Anmeldung cingefunden hätte. Die EfsinghamS wußten wohl, daß Förmlichkeiten, welche wohl unter den künstlichen Zuständen einer reichlichen Bevölkerung am Orte seyn mochten, bei ihnen nicht nothwendig waren, wie denn auch der Umstand, daß ihr früherer Verfolger ein so naher Verwandter von Paul PowiS war, wesentlich zu seinen Gunsten sprach. „Wir können in diesen abgeschiedenen Bergen einem Reisenden und einem Mann von Welt nur wenig Interessantes bieten, Kapitän Doucie/' sagte Mr. Effingham, als er, nachdem die ganze Partie im Hause angelangt war, seine Complimente mehr im Einzelnen anbrachte; „indeß bieten unsere früheren Abenteuer doch einen hinreichend anziehenden Gesprächsgegenstand, wenn auch alles Andere fehlen sollte. Als wir Euch auf dem Ocean trafen und Ihr uns so unerwartet unseres Freundes PowiS beraubtet, wußten wir nicht, daß Ihr durch Verwandtschaft ein näheres Recht an feine Gesellschaft hattet." Kapitän Doucie erröthete leicht, gab aber seine Erwiederung mit gebührend höflicher Anerkennung. „ES ist ganz richtig," fügte er bei, „daß PowiS und ich Verwandte sind, und ich kann alle meine Ansprüche an Eure Gastlichkeit nur auf diesen Umstand begründen; denn ich fühle, daß ich für euch unfreiwillig die Ursache zu vieler Leiden war, als daß sich an meine Person sehr angenehme Erinnerungen knüpfen könn- 315 ten, obgleich mich euer Wohlwollen bei de» Abenteuern, von denen Ihr sprecht, wie einen Freund cinschließt." „Glücklich überstandene Gefahren machen den Rückblick selten sehr unangenehm, um so weniger, wenn sie mit Scenen der Aufregung verbunden waren. Wie ich höre, Sir, hat der unglückliche junge Mann, welcher hauptsächlich zu jenen Vorgängen Anlaß gab, dem Spruche des Gesetzes durch Selbstmord vorgegriffen." „Ja, er hat sich selbst gerichtet und war das Opfer einer thörichten Schwäche, die, wie ich glauben möchte, in eurem jugendlichen und einfachen Gesellschaftszustande nicht so leicht aufkommen kann. Die eitle Sucht, sich ein Ansehen zu geben, die man beiläufig bemerkt, selten unter Gentlemen oder wenigstens unter der Claffe trifft, welcher man mit Fug diesen Titel geben kann, richtet in England Hunderte von jungen Männern zu Grunde, und dieser arme Mensch gehörte mit unter die Zahl. Ich war herzlich froh, als er mein Schiff verließ, denn der Anblick von so viel Schwäche macht einen höchst unangenehmen Eindruck auf die menschliche Natur. So unglücklich übrigens auch sein Schicksal, so beklagenswert!) seine Lage war, ist cS mir doch lieb, mit diesem Aufträge betraut worden zu seyn, weil er mir Gelegenheit bot, mich mit Personen bekannt zu machen, mit denen ich wohl anderweitig zusammenzukomnien nicht so glücklich gewesen wäre." Diese höfliche Rede fand die gebührende Anerkennung, und Mr. Efsingham wandte sich nun an Kapitän Truck, welchem er in der Hast des Augenblickes noch nicht die Hälfte von dem gesagt hatte, was ihm seine Gefühle eingaben. „Ich freue mich, Euch unter meinem Dache zu sehen, mein würdiger Freund," sagte er, die rauhen Hände des alten Seemanns zwischen seine eigenen weißeren und zarteren Finger nehmend, und sie mit Herzlichkeit drückend; „denn nur hier kann ich von meinem Dache sprechen, da die Stadtwohnungen weit weniger von dem Charakter häuslicher, heimischer Vertraulichkeit haben. Ich 316 hoffe, Ihr werdet uns viel von Eurer freien Zeit schenken, und wenn wir noch ein paar Jahre älter werden, so können wir an» fangen, von den Wundern zu plaudern, die wir in Gemeinschaft erlebt haben." Kapitän Truck'S Auge glänzte; er erwiedertc den Druck des Anderen mit doppelter Kraft, und während er Mr. Essingham'S Hand mit der Gewalt eines Schraubstocks festhiclt, erwiedertc er in seiner offenen, ehrlichen Weise: „Die glücklichste Stunde meines Lebens war, als ich zum erstenmal in der Eigenschaft eines Schiffmeisters den Lootsen auszahlte; das nächste große Glücks-Ereigniß war der Augenblick, als ich mich wieder ans dem Deck des Montauk sah, nachdem wir jenen schmierigen Beduinen zu verstehen gegeben hatten, daß uns ihre Entfernung lieber sey, als ihre Gesellschaft; und ich glaube wahrhaftig, ich muß den gegenwärtigen Moment als das dritte bezeichnen. Ich habe nie gewußt, mein theurer Sir, wie sehr mir Eure Tochter in'S Herz gewachsen war, als bis ich sie aus dem Gesicht verloren hatte." „Dies ist eine so wohlwollende und ritterliche Rede, daß sie für die Person, welche am meisten dabei bethciligt ist, nicht verloren gehen sollte. Eva, meine Liebe, unser würdiger Freund hat eben erst eine Erklärung abgegeben, die Dir neu seyn wird, da Du nicht sonderlich daran gewöhnt bist, eine derartige Sprache zu hören." Mr. Effingham theilte sodann seiner Tochter mit, was Kapitän Truck eben gesagt hatte. „Ich höre allerdings eine solche Erklärung zum erstenmal und erwiedere darauf mit der Einfachheit eines ungekünstelten Mädchens, daß die Zuneigung wechselseitig ist," versetzte Eva lächelnd. „Wenn in diesem raschen Zugeständniß eine Unklugheit liegt, so muß sie auf Rechnung der Ileberraschung und des Umstandes geschrieben 317 werden, daß ich so plötzlich meine Macht kennen gelernt habe; denn die ParvenueS sind nicht immer vollkommen geregelt." „Ich hoffe, Mamsell Viefville ist Wohl," cntgcgnete der Kapitän, die dargebotene Hand der jungen Dame mit Herzlichkeit drückend, „und erfreut sich nach Herzenslust dieses ausländischen Landes?" „Mademoiselle Viesville wird Euch beim Diner persönlich ihren Dank für Eure freundliche Erkundigung abstatten. Ich glaube nicht, daß sie sich schon über Gebühr nach In belle bianev sehnt, und da ich selbst auf Manches, was ich dort zurücklaffen mußte, mit Bedauern zurückblicke, so wäre cS ungerecht von mir, wenn ich einer Eingeborenen des Landes in dieser Hinsicht nicht einige Freiheit Nachsehen wollte." „Ich bemerke ein fremdes Gesicht in dem Zimmer — Jemand von der Familie, meine theure junge Dame?" „Kein Verwandter, wohl aber ein sehr alter Freund. — Darf ich mir das Vergnügen nehmen, Euch vorzustcllen, Kapitän?" „Ich würde es kaum gewagt haben, darum zu bitten, denn ich weiß, daß Ihr über dergleichen Dinge besondere Ansichten habt; indeß gestehe ich, daß mir eine Vorstellung lieb wäre. Seit ich New-Vork verließ, habe ich weder vorgcstcllt, noch bin ich vorge- stcllt worden — den einzigen Fall mit Kapitän Doncie ausgenommen, den ich, wie Ihr Euch wohl denken könnt, in gebührender Weise mit MrS. Hawker und ihrer Reisegesellschaft bekannt machte. Sie kennen sich jetzt, wie es in der Ordnung ist, und es bleibt Euch daher die Mühe der gegenseitigen Vorstellung erspart." „Und wie steht'S mit Euch selbst und den Bloomfields; hat ihnen MrS. Hawker Euren Namen genannt?" „Das ist das Außerordentlichste, was mir je vorgckommen. Kein Wörtchen wurde verloren, und doch kam ich mit MrS. Bloom- sield so leicht in eine Bekanntschaft, daß ich nicht sage» könnte. 318 wie es geschah, und wenn mein Leben daran hinge. Aber dieser Euer sehr alter Freund, meine theure junge Dame —" „Kapitän Trucl, Mr. Howcl; Mr. Howcl, Kapitän Truck," sagte nun Eva, die beliebteste Vorstellungsweise des Tages mit bewundcrnngSwürdiger Fassung und Gravität nachahmcnd. „Ich schätze mich glücklich, zwei Personen, die ich so hoch achte, mit einander bekannt machen zu können." „Kapitän Truck ist der Gentleman, welcher den Montauk kom- mandirt?" eutgegncte Mr. Howcl, mit einem Blick auf Eva, als wollte er fragen: „habe ich Recht?" „Ganz recht — er ist der wackere Seemann, welchem wir Alle das Gluck verdanken, in diesem Augenblick hier stehe» zu können." „Ihr sepd zu beneiden, Kapitän Truck. Von allen Männern Eures Berufs seyd Ihr gerade der, an dessen Stelle ich am liebsten mich zu befinden wünschte. Wie ich höre, reist Ihr regelmäßig jedes Jahr zweimal nach England?" „Dreimal, Sir, wenn'S Wind und Wetter gestatten. Ja, ich habe sogar die Insel schon viermal zwischen Januar und Januar gesehen." „Welch' eine Lust! Es muß die wahre Vollendung einer Schifffahrt scpn, zwischen Amerika und England hi» und hcrzuscgcln." „Vom April bis zum November ist'S nicht unangenehm, Sir, aber die langen Nächte, das dicke Wetter und schwere Winde vertreiben Einem für den Rest des Jahres so ziemlich das Vergnügen." „Aber ich spreche von dem Lande — von England selbst, nicht von den Ueberfahrten." „England hat allerdings eine ziemlich hübsche Küste, wie ich'S nenne; sie ist hoch und den Leuchtthürmeu wird große Aufmerksamkeit geschenkt. Aber was nützen Küste und Leuchtthürme viel, wenn das Wetter so dick ist, daß man nicht einmal das Ende der eigenen Klüverbaums sehen kann?" 319 „Mr. Howel spielt vorzugsweise auf das Innere deS Landes an/' sagte Eva — „auf die Städte, die Civilisation und die übrigen Beweise der Cultur und Bildung — namentlich aber auf die Negierung." „Nach meinem llrtheil, Sir, nimml'S die Regierung viel zu genau wegen des Tabacks und einiger anderen Kleinigkeiten, die ich nennen könnte. Außerdem dürfen bloS die königlichen Schiffe Wimpel führen, während ich doch meinen sollte, thcure junge Dame, ein New-Dorkcr - Paketschiff sey so gut Werth, ein Wimpel zu tragen, wie nur irgend ein Fahrzeug auf den Wellen. Natürlich habe ich dabei nur die Schiffe von den regelmäßigen europäischen Linien, nicht aber die südlichen Traders im Auge." „Doch dies sind nur Flecken an der Sonne, mein guter Sir," entgegnete Mr. Howel, „und wenn man von einige» derartigen Kleinigkeiten abileht, so werdet Ihr hoffentlich zugeben, daß England das lieblichste Land der Erde sey." „Um offen mit Ench zu sprechen, Mr. Howel, im Oktober, November und December trifft man dort ein Wetter, daß man keinen Hund ins Freie jagen sollte. Auch den März habe ich schon nichts weniger als angenehm gefunden, und der April ist just wie ein junges Mädchen in einem von den neuen melancholischen Romanen, bald lächelnd und bald stennend." „Aber der sittliche Zustand des Landes, mein thenrer Sir; die moralischen Züge Englands müssen dem wahren Philanthropen eine Quelle nie versiegender Wonne bereiten," nahm Mr. Howel wieder auf, während sich Eva, sobald sie bemerkte, daß sich die Verhandlung in die Länge zog, den übrigen Damen wieder anschloß, „Ein Engländer hat den meisten Grund, auf die moralischen Vorzüge seines Landes stolz zu seyn." „Nehmt mir nicht übel, Mr. Howel, London bietet einige Züge, di- nichts weniger als schön sind. Wen» Ihr nur vicrund- zwanzig Stunden in der Nähe von St. Catharina zubringen könntet, so würden Euch Anblicke voikommen, ob denen Templetou 320 außer sich geriethe. Ich gebe zu, die Engländer sind ein schöne- Volk, aber ihre Moralität ist gerade nicht vom besten Schlage." „Wir wollen uns setzen, Sir, denn ich fürchte, daß wir in unseren Ansichten nicht ganz einverstanden sind. Und um den Gegenstand fortführeu zu können, bitte ich Euch, mich bei Tafel neben Euch Platz nehmen zu lassen." Kapitän Truck sagte mit größter Bereitwilligkeit zu, und dann nahmen die beide» Ehrenmänner Stühle, um die Unterhaltung so ziemlich in der begonnenen Weise fvrtzusetzcn. Der Eine wollte durchaus Alles durch die Brille einer krankhaften Imagination, die man fast Monomanie nennen konnte, sehen, während der Andere hartnäckig darauf bestand, sich seine Ansichten aus dem Stande der Dinge zu bilden, wie sich dieselben seiner beschränkten Erfahrung in der Nähe der St. Catharinen-Docks dargeboten hatten. „Wir haben in Kapitän Truck einen sehr unerwarteten, aber recht angenehmen Reisegefährten erhalten," sagte MrS. Hawker, als Eva an ihrer Seite Platz genommen und achtungsvoll eine ihrer Hände ergriffen hatte. „Ich glaube wahrhaftig, wenn wir Schiffbruch leiden oder uns den Gefahren einer Gefangennchmung aussetzcn sollten, so könnte ich'S in seiner guten Gesellschaft noch am ehesten verschmerzen." „MrS. Hawker macht so viele Eroberungen," bemerkte MrS. Bloomfield, „daß wir ihr Glück bei diesem Ehrenmann nicht hoch anschlagen dürfen. Aber was werdet Ihr sagen, Miß Essingham, wenn Ihr erfahrt, daß auch ich selbigen hohen Orts in Gnaden stehe? Um dieses Zunftgenoffen willen werde ich mein ganzes Leben über eine bessere Meinung haben von den Meistern und BootS- männern, den Trinculos und Stephanus." „Sprecht nicht von Trinculos und StephanoS, meine theure MrS. Bloomsield, den», mit Ausnahme der Sonnabende und der Schätzchen und Weibern, eristirt keine musterhaftere Person, als unser trefflicher Kapitän Truck. Er ist viel zu religiös und 321 moralisch, um sich einem so gemeinen Hange hinzugeben, als das Trinken ist." „Religiös?" rief MrS. Bloomfield überrascht. „Dies ist ein Verdienst, von dem ich ihm auch nicht eine Spur zugetraut hätte. Ich erwartete Wohl ein wenig Aberglauben von ihm und einige kurze Gewissensbisse in Stürmen, aber kaum einen so regelmäßigen Passatwind, wie die Religion ist." „Dann kennt Ihr ihn nicht, denn man trifft selten einen Mann von aufrichiigerer Herzensfrömmigkeit, obgleich ich zugeben will, daß die Art derselben vielleicht die Eigcnthümlichkeit des OceanS an sich trägt. Jedenfalls habt Ihr ihn aufmerksam gegen unser Geschlecht gefunden?" „Er ist die Blume der Höflichkeit und hat, ohne Schmeichelet gesprochen, eine mannhafte Ehrerbietigkeit an sich, die unserer schwachen Eitelkeit gar angenehm ist. Dies rührt vermuthlich von seiner Packctschiffbildnng her, und wir haben Wohl einen Theil seines derartigen Verdienstes Euch zu danken; seine Zunge ermüdet nie in Eurem Lobe, und wenn ich mich nicht überzeugt fühlte, daß Ihr entschlossen sepd, nie die Gattin eines republikanischen Amerikaners zu werden, so würde mir dieser Besuch sehr gefährlich Vorkommen. Trotz meiner Bemerkung, daß ich gleichfalls in seiner Gunst stehe, ist'S doch eigentlich nur auf MrS. Hawker und Euch abgesehen. Ich weiß, Ihr liebt cS nicht, über den Ehstand, dieses für junge Damen so hochwichtige Thema, zu scherzen; aber der gegenwärtige Fall bildet eine so vollkommene Ausnahme und hat so ganz und gar nichts mit der gemeinen Leidenschaft zu thun, daß ich hoffe, Ihr werdet Nachsicht tragen mit meiner Rücksichtslosigkeit. Unser goldener Kapitän — denn Kupfer ist er nicht — betheuert, MrS. Hawker sch die lieblichste alte Dame, die er je kennen gelernt habe. Miß Effingham dagegen das lieblichste junge Frauenzimmer, mit welchem ihn je sein gutes Glück zusammenführtc. Ihr beide erseht also hieraus den Grund, auf welchem ihr steht, und könnt dcmge- Eoa Effingham. 21 322 mäß eure Karten ausspielen. Verzeihung, daß ich einen so zarten Gegenstand berührt habe." „Zuvörderst möchte ich die Erwiederung der MrS. Hawkcr hören," sagte Eva. „Ich kann hierauf bloS meinen Dank ausdrücken," antwortete diese Dame scherzend, „muß aber zugleich meine» Entschluß dahin kund geben, daß ich noch nicht geneigt bin, meine Lage zu verändern —- aus dem einfachen Grunde meiner großen Jugend und weil ich gerne das Feld einer älteren, wo nicht schönere» Nebenbuhlerin frei lassen möchte." „Wohlan denn," nahm nun Eva lachend das Wort, obschon sie begierig war, dem Gespräch eine andere Wendung zu geben, weil sie sah, daß sich Paul ihrer Gruppe näherte, „ich glaube, es wird das Klügste seyn, meine Entscheidung noch aukzuschiebcn, da mir die Umstände so viel zur Verfügung stellen. Die Zeit muß lehren, für was ich mich entschließen kann." „Nicht doch," versetzte MrS. Bloomsteld, die nicht einsah, warum sie den Scherz abbrechen sollte, „dies ist eine unverzeihliche Coketterie und ich halte es für meine Pflicht, zu untersuchen, wie das Land liegt. Ihr werdet Euch erinnern, daß ich die Vertraute des Kapitäns bin, und kennt wohl die schwere Verantwortung einer Freundin in einer derartigen Angelegenheit — denn die eines Sekundanten im Duell ist vergleichungsweise von geringerem Belang. Damit ich mich im Nothfalle auf einen Zeugen berufen könne, muß Mr. Pvwis von dem Hauplstand der Dinge unterrichtet werden. Kapitän Truck ist ein schmachtender Verehrer dieser jungen Dame, Sir, und ich gebe mir Mühe, zu entdecken, ob er diesen Abend bei schönem Aufgang des- Mondes im Hof ihres Vaters sich aufknüpfen oder noch eine klägliche Woche dahinsiechcn soll. Z» diesem Zwecke werde ich die kategorische und inquisitorische Methode verfolgen. Vertheidigt Euch also, Miß Effingham. —Habt Ihr etwas gegen das Vaterland Eures Bewunderers eiuzuwcndeu?" 323 Obgleich Eva innerlich verstimmt war über die Wendung, welche diese Neckerei genommen hatte, behauptete sie doch eine vollkommene Fassung, denn ste wußte wohl, daß MrS. Bloomfield zu viel weibliches Zartgefühl besaß, um absichtlich etwas Ungebührliches, was ihre Freundinnen ernstlich in Verlegenheit bringen konnte, zu reden. „ES würde in der That außerordentlich seyn, wen» ich Einwendungen gegen ein Land erhübe, welches nicht nur das meiner Geburt ist, sondern auch meinen Vorfahren so lange als Wohnsitz gedient hat," antwortete sic mit Festigkeit. „Um dieses Punktes willen hat mein Ritter nichts zu fürchten." „Ich freue mich, dies zu hören," entgegncte MrS. Bloomfield, unwillkührlich ihren Blick nach Sir George Templemore Hingleiten lassend; „nnd Ihr, Mr. Powis, der Ihr, wie ich glaube, ein Europäer seyd, werdet aus diesem Zugeständnisse Bescheidenheit lernen. Gefällt Euch vielleicht nicht, daß Euer Galan ein Seemann ist?" Eva erröthete, obschon sie sich alle Mühe gab, gefaßt zu bleiben; und zum erstenmal seit ihrer Bekanntschaft fühlte sie sich durch MrS. VloomsieldS Reden verletzt. Sie zögerte und dies noch obendrein in einer Weise, daß ihre Erwiederung höchst unabsichtlich nur noch größeren Nachdruck gewann; dann aber antwortete sie mit Nein. „Der glückliche Mann kann also ein Amerikaner und ein Seemann seyn! Hierin liegt eine große Ermuthigung. Habt Ihr vielleicht gegen die Sechzig eine Einwendung zu machen?" „Bei jedem andern Manne würde ich dies allerdings als einen kleinen Mangel betrachten, da mein eigener lieber Bater erst fünfzig ist." DaS Zittern in der Stimme und die verlegenen Mienen eines Wesens, das sonst so ruhig und gelassen war, machte MrS. Bloomfield betroffen, und >»it weiblichem Zartgefühl gab sie augenblicklich ihr Scherzen auf, obschon sie sich im Laufe des TageS noch oft 32L Gedanken machte über die nur mit Mühe unterdrückte Aufregung, welche da« Mädchen bei dieser Gelegenheit an den Tag gelegt hatte. Ban diesem Augenblick an beschloß sie, stillschweigend EvaS Benehmen gegen alle Gäste ihres Vaters zu beobachten. „Dies ist genug Hoffnung für einen Tag," sagte sie, sich erhebend. „Der Beruf und die Flagge müssen den Jahren, so gut cS eben gehen mag, das Gleichgewicht halten. MrS. Hawker, wie ich auf dieser llhr sehe, kommen wir zu spät zum Diner, wenn wir u»S nicht schleunigst zurückzichen." Die beide» Damen begaben sich jetzt auf ihre Gemächer, und Eva, die bereits für das Diner angeklcidet war, blieb in dem Be- suchzimmcr. Paul stand noch immer neben ihr und schien, wie sie selbst, verlegen zu seyn. „Mancher Mann würde entzückt seyn, auch das Wenige, was bei diesem Scherze Euren Lippen entfiel, vernommen zu haben," sagte er, sobald MrS. Bloomfield außer Hörweite war. „Ein Amerikaner und Seemann zu seyn, gill also in Euren Augen nicht als ein ernstlicher Mangel?" „Kann man mich für Mrs. Bloomstelds Launen und Neckereien verantwortlich machen?" „Keineswegs; aber ich denke, Ihr werdet selbst für Miß Ef- finghams Wahrheitsliebe und Aufrichtigkeit einstehen wollen. Ich kann mir wohl erklären, warum Ihr schwiegt, als das Verhör zu weit ging, fühle mich aber überzeugt, daß jede unumwundene Erklärung von Eurer Seite diese Eigenschaften in sich tragen muß." In Evas Blicken drückten sich Gefühle des Dankes aus, da sie wohl einsah, wie nur hohe Achtung vor ihrem Charakter diese Bemerkung halte eingeben können; sie suchte jedoch ihre Empfindungen nicderzukämpfen, stand auf und erwicderte: „Dies heißt eine kleine Badinage über unfern ehrlichen, löwenherzigen Kapitän sehr ernst nehmen. Nm Euch übrigens zu zeigen, daß ich Euer Compliment fühle und dankbar dafür bin, 323 werde ich Euch auf den Fuß eines alten FrenndcS von beiden Theilen setzen und bitte Euch, Kapitän Tnick während seines Hier- seynS unter Eure besondere Obhut zu nehmen. Mein Vater und mein Cousin — beide sind zwar aus dem Grund ihres Herzens seine Freunde; indeß werden ihm doch ihre Gewohnheiten nicht so sehr zusagen, wie die Emsigen, und ich vertraue ihn deshalb Euch mit dem Gesuche, ihm sein Schiff und den Ocean so viel möglich in Vergessenheit zn bringen." „Wenn ich nur wüßte, wie ich diesen Auftrag nehmen sollte, Miß Effingham! Der Umstand, daß man ein Seemann ist, gilt bei den Gebildeten und Einsichtsvollen nicht immer als Empfehlung." „Wenn aber der Seemann gebildet und einsichtsvoll ist, so hat er in seiner so nützlichen Kunst nur eine weitere Beigabe zu den im Nebligen gerne gesehenen Eigenschaften. Ich bin überzeugt, Kapitän Truck wird in guten Händen seyn, und ich kann daher unbesorgt hingehen und gegen die Dame», welche meiner besonderen Obhut anheim fallen, meine Pflicht erfüllen." Eva verbeugte sich gegen den jungen Mann und verließ so hastig, als es sich mit dem Anstande vertrug, das Zimmer. Paul stand nach ihrem Verschwinden eine kurze Zeit regungslos da und erwachte erst wieder aus seiner Träumerei, als ihn Kapitän Truck zum Beistand gegen die ans Büchern geholten, schwindelküpfischen Ansichten des Mr. Howel aufbot. „Wer ist dieser Mr. Powis?" fragte MrS. Bloomsield unsere Heldin, als diese mit einer Eile, die man an ihr nicht gewöhnt war, in ihr Ankleidezimmer trat. „Ihr wißt, meine thcurc MrS. Bloomsield, daß er in dem Montauk unser Reisegefährte war, und daß er uns bei unsrer Flucht vor den Beduinen unsägliche Dienste leistete." „Alles dies weiß ich Wohl, aber er ist ein Europäer — oder nicht?" Die Beantwortung dieser einfachen Frage brachte Eva in große Verlegenheit. 326 „Ich glaube nicht — wenigstens vermuthe ich so. Wir hielten ihn allerdings, als wir in Europa mit ihm znsammentrafen, ür einen Europäer, und waren auch bis in die letzte Zeit dieser Ansicht; aber er hat sich seit seiner Ankunft in Templcton für einen Landsmann von uns erklärt," „Ist er schon lange hier?" „Wir trafen ihn bei unsrer Ankunft lm Dorfe. Er kam von Canada und wartete auf seine» Vetter, Kapitän Doucie, der mit Euch augelangt ist." „Auf seinen Vetter? — so hat er alio englische Vetter! Mr. Doueie hat mit ächt englischer Zurückhaltung kein Wörtchen darüber verlauten lassen. Kapitän Truck gab uns unter der Hand zu verstehen, unser Begleiter habe ihm einen seiner Passagiere entführt — eben diesen Mr. PowiS, welchen er den Helden der Felsen nannte; indeß wusste ich nicht, dass er wieder in unser — in sein Vaterland zurückgckehrt seh. Ist er so angenehm wie Sir George Templemore?" „Ich muß dies Eurer eigenen Beurlheilung anheim geben, MrS. Bloomsicld. Was mich betrisst, so halte ich beide für angenehme Männer; aber der Geschmack der Frauen ist so launenhaft, daß ich nicht gerne für Andere ein Nrtheil abgeben möchte." „Er ist, glaube ich, ein Seemann," warf MrS. Bloomsicld zerstreut hin — „ja, eS muß wohl so sehn, denn sonst hätte er sich in den Manövern nicht so gut benehmen können, wie Ihr sagtet. Po.viS — Powis — dies ist keiner von unser» Namen; — er muß wohl aus dem Süden kommen." Jetzt that die gewohnte Wahrheitsliebe und Seelenwürdc unserer Helvin gute Dienste, so daß sic nicht nöthig hatte, weiter ihre Gefühle zu verrathen. „Wir kennen seine Familie nicht," antwortete sie einfach. „Daß er ein Mann von Bildung ist, sehen wir; aber von seiner Abkunft und seiner Verwandtschaft hat er noch »ie gesprochen." „Sein Beruf kann ihn zum Gentleman gebildet haben, denn wie ich höre, war er in der Marine, obschon ich glaubte, er habe in der brittischen Flotte gedient. In Philadelphia, Baltimore, Richmond oder Charleston kenne ich keine Powise; er muß also aus dem Innern sehn." Eva konnte ihrer Freundin kaum eine Neugierde übel nehmen, welche sie selbst nicht wenig gequält hatte, obschon sie gerne auf einen anderen Gesprächsgegenstand übergegangen wäre. „Wie angenehm würde cS nicht Mr. PowiS sehn, wenn er wüßte, welches Interesse er MrS. Bloomfield eingcflößt hat," sagte sie lächelnd. „Das hat er wirklich, denn offen gesprochen, ich halte ihn, was sein Benehmen, seine Figur und den Ausdruck seines Gesichtes betrifft, für den ausgezeichnetsten jungen Mann, denn ich je gesehen habe. Bringe ich außerdem damit in Verbindung, was ich von seiner Ritterlichkeit und seiner Ruhe im Augenblicke der Gefahr gehört habe, meine Liebe, so müßte ich kein Weib sehn, wenn ich nicht Interesse für ihn fühlen sollte. Ich gäbe eine Welt darum, wenn ich wüßte, welchem Staat er angehört, wenn er ander« wirklich ein Amerikaner ist." „Dafür haben wir seine eigenen Worte. Er wurde in Amerika geboren und in unserer Marine erzogen." „Und doch kam cs mir schon aus dem Wenigen, was ihm bei unsrer ersten kurzen Unterhaltung entfiel, vor, als sey er über seinen Beruf erzogen." „Mr. PowiS hat als Reisender viel gesehen. In Europa, wo wir ihn kennen lernten, befand er sich stets in Kreisen, die ganz besonders dazu geeignet waren, sowohl seinen Geist, als sein Benehmen zu bilden." „In Europa? Eure Bekanntschaft hat also nicht wie die mit George Templemoore in dem Paketschiffe begonnen?" „Auch diesen Herrn lernten wir nicht erst in dem Schiffe kennen. 428 Mein Vater hat während unseres Aufenthalts in den verschiedenen Theilcn Europas diese beiden Gentlemen oft gesehen." „Und Eures Vaters Tochter?" „Auch meines Vaters Tochter," versetzte Eva lachend. „Namentlich wurden wir mit Mr. PowiS unter Umständen bekannt, die uns eine lebhafte Erinnerung an seine Mannhaftigkeit und Berufstüchtigkeit einflößten. Aus einem der Schweizerseen leistete er uns fast eben so wesentliche Dienste, wie später aus dem Ocean." Dies waren für MrS. Bloomfleld lauter Neuigkeiten, und ihre Miene deutete an, daß die Kunde ihr von großer Wichtigkeit sey. In demselben Augenblicke aber läutete die Dinerglocke, und die Damen begaben sich inSgesammt nach dem Besuchszimmer hinab. Die Gentlemen hatte» sich bereits versammelt, und während Mr. Efsingham MrS. Hawker zur Tafel führte, ergriff Mrs. Bloomfield unsere Heldin scherzend am Arme, indem sie zugleich erklärte, sie glaube, das Vorrecht zu haben, am ersten Tage neben der jungen Gebieterin des Wigwams ihre» Platz einzunehmen. „Dann gerathen sich Mr. PowiS und Sir George Temple- more wegen dieser Ehre nicht in die Haare," sagte sie mit gedämpfter Stimme, als sie sich gemeinschaftlich nach der Tafel begaben. „Da seyd Ihr in der Thal im Jrrthum, Mrs. Bloomfleld; Sir George Templemore ist es viel lieber, wenn eS ihm belassen bleibt, seinen Platz neben meiner Cousine Grace einzunehmen." „JstS möglich?" entgegnete die Andere, ihre junge Freundin angelegentlich ins Auge fassend. „Ja wohl, und ich freue mich, es Euch bestätigen zu können. In wie weit Miß van Courtlandt selbst eine Freude an solcher Nachbarschaft hat, muß die Zeit lehren; aber der Baronet läßt jeden Tag und den ganzen Tag blicken, daß er sich in der Nähe meiner Muhme am glücklichsten fühlt." „Dann besitzt er weniger Geschmack, Nrtheil und Einsicht, als ich von ihm erwartet hätte." 329 „Dies ist keine nothwendige Folge, meine theuerste MrS. Bloomfield; oder wenn eS auch wäre, braucht es so offen gesagt zu werden?" „8e non ö vor», e ben trovato!" Achtzehntes Kapitel. Nur kurze Frist erfreut Dich der Genuß; Bald kommt der Abschied von den Schätzen allen, Die Thore springe» auf, die Riegel fallen, Und alles Jrd'sche raubt des Todes Kuß. Bryant. Kapitän Doucie hatte sich nach seinem Schlafgemache zurück gezogen und saß noch in Lectüre begriffen da, als ein leises Pochen an der Thüre den ernsten Gang seiner Gedanken störte. Auf das Herein, welches er nicht vermeiden konnte, ging die Thüre aus. „Ich hoffe Doucie, Ihr habt das Schreibepult, das ich unter Euren Effekten ließ und um dessen willen ich Euch nach Quebec schrieb, nicht vergessen?" sagte der ins Zimmer tretende Paul. Kapitän Doucie deutete auf den fraglichen Gegenstand, der unter dessen übrigem Gepäcks auf dem Boden lag. „Ich danke Euch für Eure Güte," versetzte Paul, das Pult unter seinen Arm nehmend und sich nach der Thüre znrückziehend. „Es enthält Papiere, die für mich von großer Wichtigkeit sind, nebst einigen weiteren, die, wie ich wohl mit Grund glaube, für Andere Bedeutung haben." „Haltet, Powis — noch ein Wort, eh' Ihr mich verlaßt. Ist Vemplomore äo trog?" „Durchaus nicht; ich achte ihn sehr und es sollte mir leid thun, wenn er uns verließe." „Und doch kömmt es mir auffallend vor, daß ein Mann, wie er, unter diesen Bergen verbauern will, während man doch von 330 ihm erwartet, er werde die CanadeS besuchen, um in England über den dortige» Stand der Dinge Bericht zu erstatten." „Ist Sir George wirklich mit einer derartigen Sendung betraut?" fragte Paul mit Theilnahme. „Mit einer eigentlichen Sendung nicht, da dies nicht nöthig war. Templemore ist reich und bedarf daher keiner Anstellung; aber man hofft und erwartet, er werde sich in den Provinzen Umsehen und über die Sachlage der Regierung berichten. Man kann ihm freilich seine Nachläßigkeit nicht zum Vorwurf machen, aber dennoch wird sie Ueberraschung Hervorrufen." „Gute Nacht, Doueie. Templemore zieht einen Wigwam eurem ummauerten Quebec und die Eingeborenen den Colo- nisten vor — voll» tout!" Nach einer Minute pochte Paul an die Thüre von John Ef- finghamS Zimmer und wurde abermals zum Eintreten ausgefordcrt. „Doucie hat meine Bitte nicht vergessen, und dieses Pult hier enthält die Papiere des armen Mr. Monday," bemerkte er, das Pult aus einen Toilettentisch niedersepend und in einem Tone sprechend, welcher zeigte, daß er erwartet worden war. „Wir haben in der That diese Pflicht schon allzu lang vernachlässigt und es steht zu hoffen, daß aus der Zögerung Niemand ein Schaden oder Unrecht erwachsen sep." „Ist dies das Paket?" fragte John Esfingham, seine Hand ausstreckend, um einen Bündel mit Papieren, welche Paul aus dem Pulte genommen hatte, in Empfang zu nehmen. „Wir wollen die Siegel erbrechen und noch vor Schlafengehen nachsihcn, was wir thun müssen." „DieS sind meine eigenen Papiere, die für mich von großem Werthe sind," entgegnete der junge Mann, sie einen Augenblick ernst betrachtend, ehe er sie auf den Toilettentisch niederlegte. „Hier ist Mr. Mondays Hinterlassenschaft." John Esfingham nahm seinem jungen Freunde das Paket ab, 331 rückte auf dem Tische die Lichter zurecht, setzte seine Brille auf uns lud Paul ein, Platz zu nehmen. Die Gentleinen saßen sich gegenüber, und die Obliegenheit des Siegelerbrechens und der ersten Einsichtnahme fiel natürlich dem älteren zu, der in Wahrheit allein damit betraut worden war. „Hier ist Etwas von dem armen Monday selbst unterzeichnet, wahrscheinlich als allgemeines Certificat," bemerkte John Effing- Ham, welcher das Papier überlas und es sodann Paul einhändigte. Es war mit: „Allen, welchen daran gelegen," überschrieben und lautete folgendermaßen: »Ich, John Monday, erkläre und bekräftige hiemit, daß alle anliegende Briefe und Papiere ächt und authentisch sind. Jane Dowsc, die Schreiberin und Empfängerin so vieler dieser Briefschaften, ist meine nunmehr verstorbene Mutter, die mit dem mehrgenannten Peter Dowse verheirathet war und von ihm zu Handlungen verleitet wurde, welche sie, wie ich weiß, seitdem tief bereut hat. Als mir meine arme Mutter diese Papiere vertraute, überließ sie es mir, ganz nach Gutdünken darüber zu schalten, und ich habe sie geordnet, daß sie noch Gutes wirken möchten, im Fall ich plötzlich abberufen werde. Alles hängt von der Entdeckung ab, wer der sogenannte Bright wirklich ist, da ihn meine Mutter nie unter einem anderen Namen kannte. Sie wußte nur so viel, daß er ein Engländer war, und meinte, er stehe ober habe im Dienste der Famile eines Gentlemans gestanden. John Monday." DaS Datum bezog sich auf einige Jahre rückwärts — ein Beweis, daß Mr. Monday schon geraume Zeit geneigt gewesen war, den betreffenden Parteien Recht zu verschaffen, und sämmt- liche Briefschaften sorgfältig aufbewahrt hatte. Letztere waren regelmäßig numerirt, eine Vorsorge, welche die Untersuchung der beide» Gentlemen wesentlich erleichterte. Die Originalbriefe waren 332 als solche leicht zu erkennen und die Abschriften in kräftiger, schöner, geschäftsmäßiger Kaufmannshand gehalten. Mit einem Worte, so weit es der Inhalt der verschiedenen Papiere zuließ, fehlte nichts, um das Ganze klar und verständlich zu machen. John Esslngham laS bedächtig, obschon nicht laut, das Papier Nro. 1 und übergab es sodann seinem jungen Freunde mit der ruhigen Bemerkung: „Wir haben hier das Machwerk eines schlauen Spitzbuben." „Paul überblickte das Dokument, — einen Originalbricf mit David Bright" unterzeichnet; die Ucberschrist lautete an „Mrs. Jane Dowse." In dem ungemein listig gehaltenen Schreiben kamen viele Freundschaftsversicherungen vor; cS war davon die Rede, daß der Verfasser die Verwandten der Frau in England, namentlich ihren ersten Mann kenne und von Herzen gerne ihr dienstlich seyn wolle. Dabei fanden sich übrigens auch mehrere zweideutige Anspielungen aus gewisse Mittel vor, wie dies geschehen sollte, und eS wurden weitere Enthüllungen versprochen, sobald die auf der Adresse benannte Person eine Geneigtheit kund gebe, sich bei dem Unternehmen zu betheiligen. Der Brief war von altem Datum, in „Philadelphia" geschrieben und au eine gewisse Person in New-Vork adrcssirt. „Dies ist in der That ein seines Stückchen Büberei," sagte Paul, sobald er das Papier niedergelegt hatte, „und so ziemlich in dem Geiste gehalten, in welchem der Teufel sprach, als er unsere gemeinsame Mutter versuchte. Ich glaube nicht, je ein schlagenderes Pröbchen von gemeiner schlauer Arglist gelesen zu haben." „Und nach dem, was wir bereits wissen, scheint es gelungen zu seyn. In diesem Schreiben werdet Ihr finden, daß der Ehrenmann ein Bißchen weiter mit der Farbe herausgeht — aber nur ein Bißchen, obschon er augenscheinlich durch die Theilnahme und Neugierde crmuthigt wurde, welche die Frauensperson in dieser Abschrift der Antwort auf seinen ersten Brief an den Tag legt." 333 Paul las die eben genannten Briefe und legre sie sodann in Erwartung des nächsten, der noch in JohnS Händen war, bei Seite. „ES scheint hier von der Geschichte einer ungesetzlichen Liebe und ihren unseligen Folgen die Rede zu scyn," sagte John Ef- fingham in seiner ruhigen Weise, als er Paul die Antworten auf die Briefe Nro. 2 und Nro. 3 einhändigte. „Die Welt ist voll von solchen unglücklichen Abenteurern, und ich möchte in Folge einiger Winke, die Ihr in dieser sehr ehrenvollen und gewissenhaften Korrespondenz finden werdet, die betreffenden Personen für Engländer halten. Die schroffen, künstlichen, socialen und politischen Distinktionen machen vielleicht in Großbritannien derartig- Winkelzüge weit häufiger, als in irgend einem Lande. Die Zugend ist die Zeit der Leidenschaften, und Mancher legt in der Gedankenlosigkeit dieser Periode den Grundstein zu bitterer Reue für sein ganzes späteres Leben." Als John die Augen aufrichtcte und die Hand gegen seinen Gefährte» ausstrccken wollte, bemerkte er, daß sich das frische Roth ans Pauls Wangen vertieft und eine hohe Glut über dessen ganzes Antlitz verbreitet hatte. Anfangs durchzuckte den alten Gentleman ein unangenehmer Argwohn, für den er sich alsbald im Innern selbst Vorwürfe machte, denn er hatte Eva und ihr künftiges Glück mit dem Charakter und dem Benehmen des Jünglings bereits in die engste Verbindung gebracht. Sobald jedoch Paul, der das Papier mit fester Hand cntgegcnnahm und durch eine Gewaltanstrengung alle schmerzlichen Gefühle niederzukämpfen schien, mit ruhiger Würde, die Blätter zu lesen begann, war auch jede Spur des Mißtrauens wieder verwischt. John Es- stngham entsann sich jetzt, daß er Paul selbst einmal für die Frucht der herzlosen Unbesonnenheit, über die er eben den Stab gebrochen, gehalten hatte, und Mitleid trat augenblicklich an die Stelle des ersten Eindrucks. Dieses Gefühl nahm ihn dermaßen in Anspruch, daß er noch immer nicht an den nächsten Briefe gekommen war. 334 als Paul schon diejenigen, die ihm zum Durchlesen hingeboten worden, niederlegte. „Dies scheint in der That auf eine jener schmerzlichen Geschichten ungezügelter Leidenschaft mit ihren noch peinlicheren Folgen hinzudeutcn," sagte der Jüngling mit der Festigkeit eines Mannes, welcher nicht entfernt wähnt, daß man ihn mit einem so unangenehmen Ereigniß persönlich hatte in Verbindung bringe» können. „Laßt uns fortmachen." John Effingham fühlte sich durch diese Zeichen der klnbe- sorgtheit ermuthigt und las den nächsten Brief laut, so daß sie beide gleichzeitig von dem Inhalt in Kenntniß gesetzt wurden. Die nächsten sechs oder acht Mitteilungen waren ziemlich unklar gehalten, mit Ausnahme der Thatsache, daß das Kind, welches den Gegenstand der ganzen Correspondenz bildete, von Peter Dowse und seinem Weib in Empfang genommen und gegen eine beträchtliche Summe nebst der weiteren Verbindlichkeit zu Entrichtung einer jährlichen Zahlung als ein eigenes erzogen werden solle. Aus den Briefen schien noch ferner hcrvorzngehen, daß das Kind, welches unter der heuchlerischen Bezeichnung „Herzchen" öfters berührt wurden, wirklick Jane Dowse übergebe» worden wäre und die Correspondenz noch mehrere Jahre fortgcdanert hatte. Die meisten der späteren Briefe bezogen sich ans die Zahlung eines Jahrgelds nebst kalten Erkundigungen nach dem „Herzchen" und so unbestimmten, allgemeinen Antworten, daß man zur Genüge daraus ersehen konnte, wie jenes LicbeSwörtchen sehr unrecht angebracht war. Im Ganzen bestund das Paket ans etwa dreißig oder vierzig Briefen mit eben so vielen Antworten, und die verschiedenen Daten deuteten auf einen Zeitraum von fast zwölf Jahren. Sie hatten steh mit diesen Papieren eine volle Stunde beschäftigt, und in demselben Augenblicke, als die Dorfuhr zwölf schlug, legte John Effingham seine Brille ans den Tisch. „Bis jetzt," bemerkte er, „haben wir wenig mehr erfahren, 333 als baß man einem Kinde einen falschen Charakter beilegte. Für die Umstände haben wir leinen andern Schlüssel, als denjenigen, welchen uns die Namen der betreffenden Personen geben, die augenscheinlich unter dem großen Haufen verschwinden mußten; die Haupt- triebfeder des Ganzen aber — so wird uns deutlich gesagt — muß unter einem falschen Namen aufgetreten sehn. Sogar der arme Mondah, obschon er wohl im Besitz vieler weiterer Zeugnisse war, die uns jetzt abgchen, sann den Grad der Ungerechtigkeit unmöglich gehörig erkannt haben, da er bei den Absichten, die er an den Tag legt, gewiß nicht diesen wichtigen Punkt im Dunkeln gelassen hätte." „ES scheint überhaupt eine äußerst verwickelte Geschichte zu sehn," entgegnetc Paul, „und ich sehe nicht ein, was zuvörderst anznfangen wäre, Ihr scheint jedoch müde zu sehn, und wir können daher füglich eineweitereUntersuchung auf eine andereZeitverschieben." John Effingham pflichtete bei, und Paul brachte während der kurzen Unterredung, die nun folgte, sein Pult nebst dem Bündel, der ihn, selbst zugehörigen wichtigen Papiere nach dem Tisch. Es währte einige Zeit, bis er Alles wieder in dem früheren Schudfache untergebracht hatte. „Die Förmlichkeiten mit den Siegeln, welche wir beobachteten, als uns der arme Monday dieses Paket gab, dürften wohl als unnöthig erscheinen," bemerkte er, während er noch immer mit Einpacken beschäftigt war, „und es wird wahrscheinlich zureichen, wen» ich mein Pult auf Eurem Zimmer lasse und den Schlüssel zu mir stecke." „Dies kann man nicht wissen," entgegnete John Effingham mit der größeren Vorficht der Erfahrung und des Alters; „wir haben noch nicht alle Papiere gelesen und hier ist Siegel- Wachs und Licht; unsere P-ttschaftcn sind zur Hand, und wir brauchen nur eine Minute, so haben wir Alles wieder in der früheren Ordnung. Wenn dies geschehen ist, so könnt Ihr das 336 Pult hier lassen oder iiiitnehmen; ich stelle dies ganz Eurem Belieben anheim." „Es mag immerhin hier bleiben; denn obschon es in der Regel viel enthält, was mir theuer und von der größten Wichtigkeit ist. so bietet sich doch vorderhand keine Gelegenheit, Gebrauch davon zu machen.» „In diesem Falle wird'S Wohl am besten scyn, ich lege das Paket, an welchem wir gemeinsames Interesse nehmen, in einen Armoire oder in mein eigenes Schreipult; Ihr könnt dann Euer Eigcnthnm unmittelbar unter Euren Augen behalten.» „Dies ist sebr unwesentlich, es müßte denn scyn, daß Ihr dadurch belästigt würdet; denn ich weiß wahrhaftig nicht, ob ich mich nicht glücklicher fühle, wenn ich das Pult nicht stets vor meinen Blicken habe, sofern ich nur überzeugt seyn kann, daß der Inhalt sicher ist.» Paul sagte dies mit einem erzwungenen Lächeln, obschon in seinem Wesen und Gesicht sich eine Trauer ausdrückte, welche in hohem Grade die Theilnahme seines Gefährten weckte. Letzterer machte jedoch bloS eine zustimmende Verbeugung, worauf das Paket in das Pult eingeschloffcn und dieses schweigend in dem Armoire untergcbracht wurde. Paul war nun im Begriffe, John Effingham gute Nacht zu wünschen, als dieser ihn bei der Hand ergriff und durch sanfte Gewalt veranlaßte, seinen Sitz wieder cinzunchmen. Es folgte eine kurze, verlegene Pause, nach welcher der Letztere begann: „Wir haben viel mit einander durchgemacht und uns gegenseitig in zureichend prüfenden Lagen gesehen, um Freunde seyn zu können. ES würde mich schmerzen, wenn Ihr glauben solltet, daß mich bei dem Wunsche, mehr von Eurem Vertrauen zu besitzen, als Ihr vielleicht zu verleihen geneigt seyd, eine ungebührliche Neugierde sporne, und ich zähle darauf, daß Ihr die Freiheit, die ich mir jetzt nehme, dem wahren Beweggründe zuschreibt. Wir 337 sind zwar im Alter verschieben, aber die aufrichtige, lebhafte Theil- nahme, die ich für Eure Wohlfahrt fühle, sollte mir einiges Anrecht geben, nicht als ein ganz Fremder angesehen zu werden. Mein Interesse — ja, ich kann wohl sagen, meine Liebe für Euch — ist so eifersüchtig und achtsam gewesen, daß ich wohl bemerkte, wie Ihr Euch nicht ganz in der Stellung anderer Leute von Eurer Lebenslage befändet, und ich fühle mich überzeugt, daß Euch die Theilnahme, vielleicht auch der Rath eines ManneS, der so viel Jahre älter ist, als Ihr, nützlich werden könnte. Ihr habt mir bereits so viel von Euren persönlichen Verhältnissen mitgetheilt, daß ich mich berechtigt fühle, noch mehr Aufschluß von Euch zu verlangen." John Esfingham sprach dies in seiner mildesten und gewinnendsten Weise, denn wenn er wollte, waren nicht viele Menschen im Stande, solche UeberrcdungSkraft in Stimme und Blick zu legen, als er. Pauls Züge drückten große Bewegung aus, und sein Gefährte sah deutlich, daß er tief, obschon nicht unangenehm, ergriffen war. „Ich danke Euch, danke Euch aus dem Grunde meines Herzens, Sir, für Eure Theilnahme an meinem Wohl," entgegnete Paul, „und wenn Ihr mir die einzelnen Punkte, über die Ihr Auskunft verlangt, namhaft machen wollt, so werde ich in nichts gegen Euch rückhaltig sepn. Habt daher die Güte, mir Eure Fragen vorznlegen, Mr. Esfingham, damit ich keine Dinge berühre, an denen Euch nichts gelegen ist." „Alles, was mit Eurem Glücke znsammenhängt, hat Interesse für mich. Eurer Mitwirkung verdanken wir eS, daß nicht nur ich, sondern auch diejenigen, welche meinem Herzen am nächsten stehen, einem Schicksal entgingen, welches schlimmer ist, als der Tod; und da ich selbst ein kinderloser Hagestolz bin, so habe ich schon mehr als einmal daran gedacht, ob ich nicht versuchen solle, Euch Eva Gtfingham, 22 die natürlichen Freunde zu ersetzen, die Ihr, wie ich fürchte, verloren habt. Eure Eltern —" „Sind beide todt," versetzte Paul mit einem melancholischen Lächeln. „Ich habe sie nie gekannt und werbe mit Freuden Euer großmüthigeS Erbieten annehmen, wenn Ihr mir gestatten wollt, eine einzige Bedingung daran zu knüpfen." „Bittende dürfen nicht wählig scyn," entgegnete John Efstug- ham, „und wenn Ihr mir gestatten wollt, dieses Interesse gegen Euch zu fühlen und gelegentlich mich eines Vertrauens zu erfreuen, wie das des Sohnes zum Vater ist, so werde ich nicht auf ungebührlichen Bedingungen bestehen. Nennt mir die Eurige." „Das Wort Geld must aus unserem Wörterbuche gestrichen bleiben, und an Eurem Testament darf keine Aenderung vorgenommen werden. Wie könntet Ihr, selbst wenn Ihr die ganze Welt durchsuchen wolltet, eine würdigere oder lieblichere Erbin stnden, als diejenige ist, welche Ihr bereits gewählt habt und die Euch von der Vorsehung selbst gegeben wurde. In Vergleichung mit Euch bin ich nicht reich; indeß besitze ich ein anständiges Einkommen, und da ich wahrscheinlich nie hcirathen werde, so ist für meine Bedürfnisse gesorgt." John Effingham war über diese Freimüthigkeit und über die geheime Sympathie, die zwischen ihnen längst bestanden hatte, mehr erfreut, als er auSdrückcn mochte; er lächelte daher bei dieser Hin- deutuug, denn er hatte mit Eva'S Vorwissen und unter völliger Billigung ihres Vaters seinem Testamente ein Codicill angefügt, in welchem er ihrem gemeinschaftlichen jungen Beschützer die Hälfte seines großen Vermögens übertrug. „Wenn Ihr so wollt, soll mein Testament unverändert bleiben," antwortete er ausweichend; „diese Bedingung ist also beseitigt. Ich freue mich, aus Eurem eigene» Munde die Bestätigung dessen zu vernehmen, was ich mir aus Eurer Lebensweise und aus dem Hörensagen nicht anders dachte — daß Ihr nemlich unab- 339 hängig seyd. Dicse Thatsache allein schon stellt unsere gegenseitige Achtung fest und macht unsere Freundschaft, die, wenn sie auch noch nicht sicher begründet ist, doch einmal einen Anfang gemacht hat — gleicher und offener. Für einen Mann von Euren Jahren und Eurem Berufe habt Ihr viel von der Welt gesehen, PowiS." „Dies liegt schon an sich im Gefolge meines Berufes, obschon ich mit Euch einverstanden bin, Sir, daß der Seemann in der Regel die Welt nur in einem sehr beschränkten Kreise sieht. Es sind nun mehrere Jahre her, seit Umstände — ich möchte fast sagen, die gebieterische Weisung einer Person, der ich zu gehorchen mich verpflichtet halte, — mich vcranlaßten, von meiner Laufbahn abzugchen, und ich habe dann meine Zeit fast bloS mit Reisen auSgcfüllt. Gewissen zufälligen Ursachen verdankte ich es, daß ich mich eines Zutritts zur europäischen Gesellschaft erfreuen durfte, wie er nur wenigen unserer Landsleute zu gut kömmt, und ich hoffe, daß dieser Bortheil nicht ganz an mir verloren ging. Ich reiste ans dem europäischen Festlande, als ich das Vergnügen hatte zum ersten,»ale mit Mr. und Miß Essingham zusammcnzulrcffen. Schon von Kindheit an war ich viel auswärts, nnd dieser Thatsache habe ich einige Gewandtheit in fremden Sprachen zu danken." „Dies hat mir mein Vetter mitgctheilt. Die Frage über Euer Vaterland ist dadurch erledigt, daß Ihr Euch selbst für einen Amerikaner erklärt; aber dennoch finde ich, daß Ihr englische Verwandte habt. Kapitän Doucic ist, wie ich glaube, Euer Vetter?" „Ja — wir sind Schwesterkindcr, obscho» unsere Freundschaft nicht immer so innig war, als man aus den Banden des Blutes wohl schließen sollte. Als ich mit Doucie auf der See zusammentraf, trug die Begegnung den Charakter einer Befangenheit und Kälte, der, wie ich fürchte, in Vereinigung mit meiner plötzlichen Rückkehr nach England bei den Zeugen des Vorgangs nicht die besten Eindrücke zu meinen Gunsten zurückließ." 340 .,Wir setzten Vertrauen in Euren Charakter/' erwiederte John Effingham mit einfacher Freimüthigkeit; „und obgleich die ersten Muthmaßungen bei Allen an Bord vielleicht nicht die angenehmsten waren, so überzeugte nnS doch kurzes Nachdenken, daß wir keine Berechtigung zu schlimmem Argwohn hätten." „Doucie ist ein wackerer Mann — aufrichtig und hochherzig, wie es dem Matrosen ziemt. Ich hatte ihn zum letztenmal auf dem Wahlplatz gesehen, wo wir uns als Feinde gegenüber standen, und dieser Umstand machte das unerwartete Wiedersehen befangen. Allerdings schmerzten unsere Wunden nicht länger, aber vielleicht fühlten wir beide Scham und Reue darüber, daß ste je geschlagen worden waren." „TS mußte wohl ein sehr ernster Anlaß gewesen setz», der Schwesterkinder gegen einander bewaffnen konnte," sagte John Ef- ffngham mit Ernst. „Ich gebe dies zu; aber Kapitän Doucie war damals nicht geneigt, die Blutssreundschaft anzuerkennen, und die Beleidigung entsprang aus einer Aufwallung über einige seiner Hindeutungen auf meine Geburt. Bei zwei Männern von militärischer Erziehung war der Ausgang kaum zu vermeiden. Doucie forderte und ich war damals nicht in der Stimmung, ihn zn schonen. Ein paar Fleischwunden waren zum Glück das ganze Ende des Streites. Ein Zwischenraum von drei Jahren hatte übrigens meinen Feind in den Stand gesetzt, zu entdecken, daß er mir Unrecht gethan und ich grundlos zum Streit gereizt worden sey, da wir im Gegen- theil Ursache hätten, innige Freunde zu sehn. Der edelmüthige Wunsch, mir eine paffende Genugthuung anzubieten, bewog ihn zu Benützung der nächsten besten Gelegenheit, um nach Amerika zu kommen, und zu der Zeit, als er in Folge einer telegraphischen Mitthetlung von London dem Montauk nachsetzen mußte, erwartete er stündlich den Befehl, nach unfern Meeren auSzuscgeln, die er ausdrücklich in der Absicht, mit mir zusammenzutrcffen, zu besuchen 341 wünschte. Ihr könnt daher selbst ermessen, wie erfreut er war, mich unerwarteterweise in dem Schiffe zu treffen, welches den Hanptgegenstand seiner Verfolgung barg, da er auf diese Weise so zu sagen zwei Vögel mit einem Steine traf." „Er hat Euch also nicht in mörderischer Absicht entführt?" fragte John Efsingham lächelnd. „Keineswegs. Wir hatten uns noch nicht zwei Stunden in seiner Kajüte befunden, als wir schon auf dem freundschaftlichsten Fuße zu einander standen. Wie es oft zu gehen pflegt, wo Abneigung und unvernünftige Vorurtheile geherrscht haben, verbannte eine nähere Bekanntschaft mit den gegenseitigen Charakteren und Motiven bald alle weiteren Hindernisse, und noch ehe wir England erreichten, bestand zwischen uns ein so warmes und offenes Ver- hältniß, wie man es zwischen Verwandten nur wünschen kann. Ihr wißt, Sir. daß unsere englischen Cousins ihre transatlantischen Vetter» nicht oft mit wohlwollenden Blicken zu beurtheilen pflegen." „Dies ist nur zu wahr," versetzte John Efsingham stolz, obschon seine Lippe zitterte, während er sprach, „und die Schule liegt großcntheils in jener elende» geistigen Knechtschaft, welche dieses Land nach sechzigjähriger nomineller Unabhängigkeit noch immer so sehr im Banne feindseliger ausländischer Meinungen hält. ES ist nothwendig, daß wir uns selbst achten, wenn unS auch Andere achten sollen." „Ich bin ganz mit Euch einverstanden, Sir. In meinem Falle veranlaßte jedoch die frühere Ungerechtigkeit meine Verwandten, mich vielleicht besser aufzunehmen, als sie Wohl anderweitig geneigt gewesen wären. An Vermögen hatte ich nicht viel zu fordern und da ich eine Frage, die vielleicht die Peerage der DoucieS hätte beeinträchtigen können, nicht ausstören wollte, so war ich allenthalben gerne gesehen." „Eine Peerage? — So waren also Eure Ellern Engländer?" „Ich glaube nicht; aber die Beziehung zwischen den beiden 342 Ländern war so enge, daß cs nicht überraschen kann, wenn ein derartiges Recht auch auf die Colainen übergcgangen wäre. Meine Großmutter mütterlicher Seils ererbte eine jener alten Baronien, welche in der Regel auf die Familienhäupter übergehen, und in Folge des Todes zweier Brüder kamen diese Rechte, welche von früheren Generationen nie geltend gemacht wurden, auf meine Mutter und meine Tante. Erstere starb angeblich ohne LeibeSerbcn —" „Ihr vergeht Euch!" „Ohne gesetzliche LcibeSerben, hätte ich beifügen sollen," ent- gegnete Paul, bis an die Schläfe errothend. „MrS. Doucie hei- rathete den jüngeren Sohn eincS englischen EdclmaniieS, machte Anspruch auf den Rang und erhielt ihn. Meine Rechte auf die Pecrage wurden in Antwarlschaft gelassen, und diesem Umstande verdanke ich wahrscheinlich Einiges von der kleinen Opposition, die mir cntgegentrat. Nach DoucicS cdclmüthigcm Benehmen aber nahm ich keinen Anstand mehr, mich einem Gesuche an die Krone anzuschließeu, daß die Antwartschast zu Gunsten der im Besitz befindlichen Personen erledigt werde, und Ladh Dunluce ist nun gesetzlich in ihren Ansprüchen bestätigt." „ES gibt viele junge Männer in unsrem Lande, die'mit mehr Zähigkeit an der Hoffnung einer britischen Pecrage sesthalten würden." „Wohl möglich: aber meine Selbstverläugnung ist nicht sehr hoch anzuschlagen, da ich kaum hätte erwarte» können, daß die englischen Minister den Rang einem Fremden verleihen würden, welcher keinen Anstand nahm, seine Grundsätze und Nationalge- sühle öffentlich kund zu geben. Es wäre überflüssig, zu sagen, daß ich kein Berlaugen nach dieser Pecrage trug, denn ich bin als Amerikaner geboren und will als Amerikaner sterben! und ein Amerikaner, welcher mit derartigen Ansprüchen auch nur groß thut, kommt mir vor wie die Dohle unter den Pfauen. Je weniger darüber gesprochen wird, desto besser ist'S." „Ihr könnt von Glück sagen, daß Ihr den Journalen ent- 343 gangen seyd, denn diese würden Euch höchst wahrscheinlich durchleuchtet und mit einemmale zum Rang eines Herzogs erhoben haben." „Statt dessen hatte ich keine andere Stellung, als die des Hundes am Troge. Wenn es meine Tante glücklich macht, sich Lady Dunluce nennen zu lassen — ei, meinetwegen, so soll sie dieses Vorrecht haben, und succedirt ihr eines TageS Doucie, so wird England einen trefflichen Peer haben. Voilü taut. Ihr seyd der einzige Landsmann, Sir, mit dem ich je über diesen Punkt gesprochen habe, und ich hoffe, Ihr werdet die Sache für Euch behalten." „Wie, soll ich nicht einmal in meiner eigenen Familie davon sprechen? Ich bin nicht der einzige aufrichtige — der einzige warme Freund, den Ihr in diesem Hause habt." „In dieser Hinsicht überlasse ich es Euch, ganz nach Eurem Gutdünken zu handeln, mein theurer Sir. Fühlt etwa Mr. Effing- Ham zureichendes Interesse an meinem Geschicke, daß er wünschen könnte, das zu hören, was ich Euch mittheilte, so bedarf es keiner thörichtenGehcimthucrei; oder — oder wenn Mademoiselle Viefville—" „Oder Nanny Sidlcy, oder Anette," unterbrach ihn John Esfinghani mit einem freundlichen Lächeln. „Na, überlaßt dies mir; aber ehe wir uns für heute trennen, möchte ich mich noch wegen eines andern Umstands über alle Zweifel erheben, vbschon das bereits von Euch Berührte mich die Antwort voraussehen läßt." „Ich verstehe Euch, Sir, und will Euch über diesen Punkt nicht im Ungewissen lassen. Wenn eS für einen Mann von Selbstgefühl eine Empfindung geben kann, die ihn schmerzlicher berühren muß, als alle übrigen, so liegt diese gewiß in dem Mißtrauen gegen die Reinheit seiner Mutter. Gott sey Dank, die meinige war über allen Vorwurf erhaben, und dies ist auch aufs Klarste erwiesen, da ich sonst keinen rechtlichen Anspruch an die Peerage gehabt bätte." „Oder an Euer Vermögen," fügte John Esfinghani bei und 344 athmetc tief auf, gleich einem Manne, dem plötzlich ein unangenehmer Argwohn vom Herzen genommen ist." „Mein Vermögen verdanke ich nicht meinen Eltern, sondern einer jener edelmüthigen Gefühlsäußerungen ober Launen, wenn Ihr so wollt, welche bisweilen Leute veranlassen, solche, die ihnen dem Blute nach fremd sind, an Kindesstatt anzunehmcn. Mein Pfleg- vater adoptirte mich, nahm mich mit aus Reisen, brachte mich in früher Zugend in die Marine und hinterließ mir zuletzt all sein Befitzthum. Da er ein Hagestolz ohne nahe Verwandtschaft war, welcher sein Vermögen nur der eigenen Thätigkeit verdankt hatte, so brauchte ich kein Bedenken zu tragen, die mir so freigebig hinter- laffene Gabe auzunehmen; es war jedoch die Lediugung daran geknüpft, daß ich mich aus dem Dienste zurückziehen, fünf Jahre auf Reisen gehen und dann in die Heimath zurückkehren sollte, um mich daselbst zu verehlichen. An die Erfüllung ist allerdings keine thörichte VerwirkungS-Klauscl geknüpft, obschon mir diese Richtung im Allgemeinen aufs dringendste von einem Mann ans Herz gelegt wurde, welcher durch so viel Jahre hindurch zeigte, daß er mein wahrer Freund war." „Ich beneide ihn um die Gelegenheit, deren er sich erfreute, Euch dienen zu können unl> hoffe, er würde Euren Nationalstolz gebilligt haben, denn dieser lag doch wohl der Uncigennützigkeit, welche Ihr bei Anlaß der Pesrage kund gäbet, zu Grunde." „Ich vermuthe dies selbst auch, obschon er nie etwas von meiner Berechtigung wußte, denn sie erwuchs mir erst aus dem Tode der beiden LordS, welche vor meiner Tante starben. Mein Pflegvater war in jeder Beziehung ein Mann und in nichts mehr, als in einem chrenwerlhen Nationalstolze. Während er im Ausland sich aushiclt, wurde ihm ein Orden angeboten; aber er wies ihn mit Würde zurück, weil er der Ansicht war, kein amerikanischer Gentleman könne^AuSzeichnungen annehmen, die sein Vaterland verschmähe. Seine einzige Antwort auf die ihm zugedachte Ehre war 345 ein achtungsvoller Dank, welchen er jedenfalls der Regierung, die ihn auSzeichnen zn müssen glaubte, für das Compliment schuldig war." «Ich beneide fast diesen Mann," sagte John Effingham mit Wärme. „Daß er Euch schätzen lernte, PvwiS, war ein Beweis eines Verstandes. Jndeß scheint es, daß er eben so gut sich selbst, sein Land und die Menschennatur zu würdigen wußte." „Und doch machte er nur wenig aus sich. Er verbrachte viele Jahre in einer unserer größeren Städte und schien nicht über das gewöhnliche Volk hervorznrage»; ja, er fand nicht einmal halb so viel Beachtung, als einer der dortigen regsamem Mäckler oder Krämer." „Dies nimmt mich nicht Wunder, denn die Klaffe der wenigen Auserlesenen ist überall zu klein, als daß sie sich an irgend einem Orte in sonderlicher Anzahl finden könnten— geschweige denn unter einer so zerstreuten Bevölkerung, wie die von Amerika ist. Der Mäckler versteht sich natürlich nur auf seines Gleichen, wie etwa der Hund aus den Hund oder der Wolf auf den Wolf. Am allerwenigsten darf übrigens die von Euch erwähnte männliche Ehrenhaftigkeit unter einem Volke, das in den Männerrock gekrochen ist, ehe eS noch die Kinderschuhe zertreten hat, ans Anerkennung zählen. Ich bin älter als Ihr, mein lieber Paul," dies war das erstemal, daß John Effingham sich dieser traulichen Bezeichnung bediente, und sie klang gar angenehm in dem Ohr deS jungen Mannes — „ich bin älter als Ihr, mein lieber Paul, und erlaube mir daher, Euch auf eine wichtige Thaisache aufmerksam zu machen, die wohl im Stande ist, Euch für die Folge manchen Verdruß zn ersparen. Unter den meisten Nationen gibt es eine gewisse Höhe, nach der auszublicken sich die Leute wenigstens den Anschein geben; man erhebt Handlungen und würdigt sie scheinbar nur um ihres Verdienstes willen. In Amerika weiß man hievon nicht viel, denn hier wird der Mensch nicht um seiner selbst willen, sondern nur aus Parteizwecken oder National-Eitelkeit gepriesen. In einem Lande, wo sich, vor allen anderen, politische Meinungen am freiesten sollten 346 entfalten können, wird eben diese Freiheit am meisten verfolgt, und der Gemeinschaftssinn der Nation veranlaßt Jeden zu dem Wahne, er habe ein Anrecht an ihren ganzen Ruhm. England zeigt gleichfalls viel von dieser Schwäche und Ungerechtigkeit, die, wie zu fürchten steht, nur eine faule Frucht der Freiheit ist; denn es kann keinem Zweifel unterliege», daß die Heiligkeit des freien Gedankens in denjenigen Ländern, wo er am wenigsten Wirksamkeit übt, am meisten geschätzt wird. Wir verlachen stets die Regierungen, welche den Gedanken fesseln; und doch kenne ich keine Nation, unter welcher eine freiere Acußerung so sicher Verfolgung und Feindseligkeit nach sich zieht, als die unsrige, obschon ihr durch das Gesetz die Berechtigung dazu unabweislich verliehen ist." „Dies rührt von der Allgewalt der öffentlichen Meinung her, und man kömmt sich wegen Verschiedenheiten der Ansichten in die Haare, eben weil nur die öffentliche Meinung herrscht; denn das Ringen nach Gewalt ist überall gleich. Um übrigens wieder auf meinen Pflegvater zurückzukommen —er war ein Mann, der gerne für sich selbst dachte und handelte; dabei hielt er sich von dem Journal- und ZeitungSdaseyn, das die meisten Amerikaner wenigstens im moralischen Sinne verleben, so fern wie möglich." „Ja wohl ist eS ein Journal- und ZeitungSdascyn!" versetzte John Effingham, über Pauls Ausdruck lächelnd. „Wer nur durch solche Mittel zu leben weiß, ist eben so schlimm daran, wie jene Engländer, welche sich ihre Vorstellungen von der Gesellschaft nach Novellen, aus den Federn von Männern und Weibern, welche nie Zutritt dazu hatten, oder nach den Berichten des Hof-Journals bilden. Ich danke Euch aufrichtig für dieses Vertrauen, Mr. PowiS; was mich betrifft, so habe ich Euch nicht aus eitler Neugierde darum gebeten, und Ihr werdet finden, daß kein Mißbrauch davon geschehen soll. Nächster Tage wollen wir wieder unsere Siegel erbrechen und die Geschichte des unglücklichen Monday weiter 347 verfolgen, vbseho» die Enthüllungen derselben vorderhand nicht sehr verheißungsvoll sind." Die Gentleinen drückten sich herzlich die Hände, und Paul entfernte sich, während ihm sein Begleiter leuchtete. An der Thüre seine« Gemache« angelangt, wandte sich der junge Mann noch einmal um und bemerkte, daß ihm John Efsingham mit den Blicken folgte. Letzterer wiederholte seinen Gutnachtwunsch mit jenem gewinnenden Lächeln, das sein Antlitz so schon machte, worauf sich Beide zur Ruhe begaben. Neunzehntes Kapitel. Item, ein Kapaun, 2 Schillinge 2 Pence. Item, Sauce, -l Schillinge. Item, Scct, 2 Gallonen, 5 Schillinge 8 Pence. Item, Brod, t Halbvenny. Sliakspeare. ^ohn Efsingham spielte am andern Morgen nicht im entferntesten auf die Besprechung der vorigen Nacht an, vbschon der Händedruck, mit welchem er Paul begrüßte, diesem die Versicherung gab, daß nichts davon vergessen worden war. Es bereitete dem jungen Mann eine geheime Wonne, jeder Hindeutung EvaS Folge zu geben, weshalb er schon vor dem Frühstück Kapitän Truck aufsuchte, und da er bereits vor der Ankunft der Essinghams auf dem See die Bekanntschaft de« „Commodore" gemacht hatte, so wurde dieser Ehrenmann herbeibeschieden und der wackere SchiffSmeister in aller Form vorgestellt. DaS Zusammentreffen der beiden Würdenträger war ernst, cercmoniös und voll Anstand, wahrscheinlich weil sich jeder für den zeitweiligen Hüter seines besonderen AntheilS an einem Elemente hielt, welches Beiden so theuer war. Die ersten paar Minuten verfloßen so zu sagen in den Einleitungspunkten der Etikette; aber bald faßte ein besseres Gefühl 348 und mehr Vertraulichkeit Würze!, und sie beschloß-» für den größten Theil des TageS einen gemeinschaftlichen Fischfang, während Paul die Zusage gab, er wolle Nachmittags die Damen auf den See hinausbringen, wenn er anders genug Einfluß besitze, sie zu veranlassen, daß sie mit ihm gingen. Nach dem Frühstück ersah Eva die Gelegenheit, dem jungen Mann für seine Aufmerksamkeit gegen ihren gemeinsamen Freund zu danken. Letzterer hatte, wie gemeldet wurde, sein Morgeumahl schon früher eingenommen und war bereits auf dem Sec draußen, da der Morgen schon bis gegen zehn Nhr vorgerückt war. „Ich habe mich unterfangen, Eure Weisungen sogar zu überschreiten, Miß Effingham," sagte Paul, „indem ich dem Kapitän versprach, ich wolle mir Mühe geben, Euch und möglichst viele von den Damen zu überrede», daß ihr Euch meiner Fährmannskunst anvertraut und mir gestaltet, Euch nach der Stelle zu rudern, wo wir ihn und seinen Freund, den Commodore, vor Anker finden werden. Oder wollt Ihr Euch lieber am Ufer hin zu einem Picknik nach dem Vorsprung begeben? — ich stelle dies ganz Eurem Gutdünken anheim." „Ich will all meinem Einfluß aufbietcn, um Eurer Zusage Kraft zu geben. MrS. Bloomfield hat bereits den Wunsch anSge- drückt, ans dem Otsego zu fahren, und ich zweifle nicht, daß ich auch noch andere Begleiter finden werde. Noch einmal meinen Dank für diese kleine Aufmerksamkeit, denn ich kenne Euren Geschmack zu gut, um nicht einzusehen, daß Ihr leicht einen angenehmeren Schützling finden könntet." „Auf mein Wort, ich achte unfern alten Kapitän sehr, und möchte mir oft keinen besseren Gefährten wünschen. Wäre er übrigens auch eben so unangenehm, als ich ihn in Wirklichkeit gesellig und frcimüthig finde, so würden mir Eure Wünsche genug sehn, um alle seine Fehler mit dem Mantel der Liebe zu decken." „Ihr wißt wohl, Mr. Powis, daß kleine Aufmerksamkeiten 349 eben so gut Anerkennung finden, als wichtige Dienstleistungen, und nachdem Ihr uns das Leben gerettet, wollt Ihr nun auch beweisen, daß Ihr nicht nur große Thaten verrichten, sondern auch Euch der potits äcvoiis üooiaux entledigen könnt. Ich hoffe, Ihr werdet Sir George Tcmplcmore bereden, gleichfalls von der Partie zu sehn. Ihr sollt uns sodann um vier Uhr bereit finden, denn bis dahin habe ich versprochen, mit MrS. Bloomfield auf ihrem Ankleidezimmer zu plaudern." Wir verlassen nun die auf dem Lande, um denen zu folgen, welche bereits zu dem Nachen gegriffen haben — nemlich den Fischern. Die Unterhaltung zwischen dem Salzwasserschiffer und seinem Süßwaffergefährten war anfänglich wieder ein wenig gezwungen und kritisch, weil die Kunstausdrücke so wenig als möglich zusammenstimmten. Wenn nemlich der Kapitän den Ausdruck „81>ig tlro oars" brauchte, so verstand der Commodore gerade das Gegen- theil von dem, was damit gemciut war, und als er einmal seinen Gefährten zum „xive na)'" aufforderte, nahm Letzterer den Wink so buchstäblich, baß er seine Anstrengungen ganz und gar einstellte. Alle diese kleine» Spitzfindigkeiten veranlaßten den würdigen Schiffsmeister, seinen Kunstgenoffc» ziemlich gering anzuschlagen, obschon dieser im Ganzen in seinem Berufe sehr geschickt war, nur mit dem Unterschiede, daß fich seine Fertigkeit nach den Eigenthümlich- keitcn beS Sees, nicht aber nach denen des OceanS richtete. In Folge mehrerer derartiger ContretcmpS begann fich, als fie den Fischgrund erreicht hatten, im Innern des Kapitäns ein Gefühl gegen den Commodore zu entwickeln, das sich nur schlecht mit der Ehrfurcht gegen dessen Titularrang vertrug. „Ich bin mit Euch hcrauSgekommen, Commodore," sagte Kapitän Truck, sobald fie ihre Station erreicht hatten, indem er einen eigenthümlichen Nachdruck auf den von ihm gebrauchten Titel legte, „um mich zu vergnügen, und Ihr werdet mir einen großen Gefallen erweisen, wenn Ihr keine solche Phrasen braucht, als da 350 sind: ,Kabeltau', ,N»kerwerfen' und,titiwatieren.' Was die beide» ersten Worte betrifft, so braucht sie ein Seemann nie, und ich hätte mir am asterwenigsten gedacht, sie an Bord eines Fahrzeugs hören zu müssen. Soll mich Gott holen, wenn ich glaube, daß man sie überhaupt nur in einem Wörtcrbuche findet." »Ihr setzt mich in Erstaunen, Sir! ,Anker werfeich und ,Kabeltau' sind ein paar biblische Ausdrücke und müssen daher wohl recht sehn." „Dies folgt nicht daraus, Commodore, und ich muß dies Wohl am besten wisse» — denn mein Vater ist ein Pfarrer gewesen, und ich bin ein Matrose; man kann also sagen, daß wir den ganzen Gegenstand in der Familie habe». Der heilige Paulus — Ihr habt doch von einem solchen Mann gehört, wie der heilige Paulus war, Commodore?" „Ich kenne ihn fast so gut, wie diesen See hier, Sir; aber St. Peter und St. Andreas waren die Männer am meisten nach meinem Herzen. Unser Berns ist ein gar alter, Sir, und in diesen beiden Beispielen könnt Ihr sehen, z» was es ein Fischer bringen kann. Ich erinnere mich nicht, je von einem Seekapitän gehört zu haben, der in einen Heiligen umgcwandelt wurde." „Nun ja, es gibt an Bord eines Schiff-S immer zu viel zu thun, als daß man Zeit fände, es in der Religion viel über den Anfang hinauSzubringcn. So hatte ich ans meiner vorletzte» Reise einen Maten, den Tom Leach — er ist jetzt Meister eines eigenen Schiffs — aber wäre er gehörig dazu erzogen worden, so würde er einen so gewissenhaften Pfarrer abgegeben haben, wie es sein Großvater vor ihm gewesen war. Ja, wahrhaftig, er hätte eben so gut zu einem Geistlichen getaugt, wie zu einem Seemann. Ich will Euch gegen Euren St. Peter oder St. Andreas nicht viel ein- wcndcn, aber meinem Urthcil nach sind sie durch den Umstand, daß sie Fischer waren, nicht besser geworden; und wenn man der Sache aus den Grund geht, so wette ich, sie waren zuletzt schuld daran, 351 daß so tölpelige Phrasen, wie ,Anker werfen* und ,Kabeltau*, in die Bibel ausgenommen wurden." „Ich bitte, Sir," entgegnete der Commodore mit Würde, „wie pflegt denn Ihr zu sagen, wenn Ihr von dergleichen Dingen sprecht? — denn offen gestanden, wir auf den Seen bedienen uns stets dieser Ausdrücke." „Das will ich glauben, denn sie tragen einen gewaltigen Süß- waffergeschmack an sich. Wir sagen: ,ankern* oder ,den Anker gehen lassen* oder ,dcn Anker senken*, kurz wir brauchen derartige vernünftige Ausdrücke, reden aber nie vom ,Anker werfen*, als ob man ein Stückchen Eisen, das seine zwei oder drei Tonnen wiegt, handhaben könne, wie einen Stein, der groß genug ist, um einen Vogel damit todt zu schmeißen. Mas das ,Kabeltau* betrifft, wie Jhr'S nennt, so sagen wir ,Kabel* oder ,Kette*, oder ,Grundtackel*, je nach dem Zweck der Anwendung und nach den Umständen. Don einem ächten Theer hört man nie, daß er seine ,Kabeltaue* schwenke und seinen ,Anker werfe*; dies ist Alles viel zu sentimental und eine ganz unpassende Redeweise. Was die ,Taue* anbelangt, so glaube ich, Ihr seyd nicht Commodore geworden, ohne zu wissen, wie viel ihrer in einem Schiffe sind." „Ich will nicht behaupten, daß ich sie gezählt habe; aber ich sah einmal ein Schiff, das unter vollen Segeln stand, Sir, und weiß daher, daß es so viele Taue an sich hatte, als eS Fichten auf der Vision gibt." „Hat Euer Berg da mehr als sieben von diesen Bäumen? denn dies ist just die Zahl von Tauen in einem Kausfahrer, obschon ein Kriegsschiff vielleicht eines oder zwei mehr zählt." „Ihr setzt mich in Erstaunen, Sir! Nur sieben Taue in einem Schiffe? Ich hätte eher gedacht, eS wären siebenhundert!" „Ja, ja — glanb'S wohl; dies ist just die Art, wie das Landvolk ein Schiff zu kruisiren sich anmaßt. Was die Taue betrifft, so will ich Euch jetzt ihre Namen angcben, und dann könnt 352 Ihr Euch Eurer Kanoe-Gentry ein Stündchen vor die Klüse legen, um ihr zu gleicher Zeit eine gute Grammatik sowohl, als ein bißchen Bescheidenheit beizubringen. Erstlich," fuhr der Kapitän fort, indem er sehr unnöthigerwcise an seiner Leine zerrte und dann an seinen Fingern zu zählen anfing; „erstlich ist da das ,Haupttau'; bann kommt das ,Schiffseimertau', das ,Steuertau', das ,Bolzentau', das ,Fußtan', das ,MarStau' und das ,Rüstergatcntau.' Ich treibe mich nun schon mehr als ein halbes Jahrhundert auf dem Meere herum und habe noch nie Einen, der überhaupt Handreichung thu», reffen und steuern konnte, von einem .Kabeltau' sprechen hören." „Na, Sir, Jeder hätt'S, wie'S sein Gewerbe mit sich bringt," sagte der Commodore, der eben jetzt einen schönen Grashecht her- auSzog — schon den dritten, den er gefangen hatte, während sein Gefährte höchstens mit einem erfolglosen Zupfen am Köder erfreut worden war. „Es scheint, Ihr versteht Euch besser auf die Taue, als auf die Fischleinen. Ich will Euch Eure Erfahrung und Wissenschaft nicht absprechen, aber was das Fischen betrifft, so werdet Ihr wenigstens zugeben müssen, daß das Meer keine sonderlich gute Schule ist. Ich stehe dafür, wenn Ihr jetzt den ,Sogdollager' an den Haken kriegtet, würden wir Euch in dem See baumeln sehen, damit Ihr ihn nur wieder los würdet. Wahrscheinlich habt Ihr noch nie von diesem berühmten Fisch gehört?" Nun hatte Kapitän Truck, ungeachtet seiner vielen trefflichen Eigenschaften, doch eine Schwäche, die man ziemlich allgemein bei einer Mcnschenklaffc findet, welche viel von der Welt gesehen hat und daher nicht gerne zugestehen will, sie habe nicht Alles gesehen. Er glaubte es seiner eigenen Würde schuldig zu seyn, mit dem Commodore ein wenig anzubindcn und ihm seine eigene Neberlegcnheit gehörig bemerklich zu machen; hatte er cs einmal so weit gebracht, so wollte er weiter keinen Anstand nehmen, den Anderen zuzugestehcn, daß er im Hechtfang die Palme verdiene. Freilich war eS vorderhand noch zu früh, eine derartige Einräumung 353 zu machen und die selbstgefällige» Bemerkungen des Commodore jagten ihn so sehr ins Feuer, daß er auf dem Punkte war, im Rothfalle sogar zu behaupte», er habe einen ganzen Monat lang nichts als „SogdollagerS" zum Frühstück gegessen. „Pah! pah! Mann," entgegncte der Kapitän mit der Miene kalter Geringschätzung. „Ihr werdet Euch doch wahrhaftig nicht einbilben, Ihr hättet Etwas in diesem See da, was sich nicht auch im Ocean finden lasse? Wenn ein Wallfisch mit seinen Flößen Euren Sumpf drösche, so würden alle eure Kreuzer nach einem Hafen rennen, und was die ,SogdollagerS^ betrifft, so machen wir auf dem Salzwasser uns wenig daraus, da der fliegende Fisch oder sogar der dürre Delphin ein weit besseres Essen ist." „Sir!" ries der Commodore mit einiger Hitze und großem Nachdruck, „es gibt nur einen Sogdollager in der Welt, und der ist in diesem Sec. Außer meinem Vorgänger, dem ,Admirals hat ihn Niemand je gesehen, als ich." „Pah!" rief der Kapitän; „im mittelländischen Meer gibt e« ihrer so viele, als weiche Austern, und die Egyptier braten sie in der Pfanne. Im Morgenland fängt man sie als Köder für die Hellbutten und andere mittelgroße Creaturen, die'S mit ihrer Kost ein bißchen genau nehmen. Ich gebe zu, daß es ein guter Fisch ist, wie man schon ans diesem Umstand ersehen kann." „Sir." wiederholte der Commodore, seine Hand schwenkend und in seinem Eifer warm werdend, „es gibt nur einen einzigen Sogdollager auf dem ganzen Erdenrund, und der ist im Otsego- See. Der Sogdollager ist eine Salmforelle — eine besondere Speckes, eine Art Vater von allen Salmforellen in diesem Theile der Welt, ein schuppiger Patriarch." „Ich zweifle nicht, daß Euer Sogdollager schuppig genug ist, aber was nützt'S, so viele Worte zu vergeuden wegen einer derartigen Kleinigkeit? Ein Wallfisch ist der einzige Fisch, mit dem sich ein Gentleman mit seinen Gedanken befassen kann, und so lang Eva Effingham. 23 354 ich auch auf dem Meere bin, habe ich doch nicht mehr als drei derselben fangen sehen." Diese Anspielung bewahrte glücklicherweise den Frieden, denn wenn es Etwas auf der Welt gab, wofür der Commodorc eine tiefe aber unklare Verehrung unterhielt, so war dies ein Wallfisch. Diesen Nimbus trug er sogar auf den Mann über, welcher ein derartiges Thier im freien Ocean hatte seine Sprünge machen sehen, und sein Geist demüthigte sich plötzlich unter den Strahlen- glanz eines Matrosen, der sein ganzes Leben unter so riesigen Thiercn zugebracht hatte. Seine Mütze auf dem Kopse zurückschiebend schaute der alte Mann den Kapitän eine Minute lang stätigen Blickes an, und sein Mißvergnügen über die „Sogdollagcr" verschwand, obgleich er im Innersten seiner Seele überzeugt war, der Andere habe ihm über diesen besonderen Gegenstand nichts als eine regelmäßige Fisch- oder Lügengeschichte aufgcbunden. „Kapitän Truck," sagte er feierlich, „ich gebe zu, baß ich nur ein unwissender, unerfahrener Mann bin, der sein Leben hier auf diesem See verbracht hat; denn obschon er groß und schön ist, muß er doch den Augen eines Seemannes, der, gleich Euch, seine Tage auf dem atlantischen Ocean verlebte, nur wie ein Teich erscheinen." „Auf dem atlantischen Ocean?" unterbrach ihn der Kapitän verächtlich. „Ich würde eine sehr geringe Meinung von mir selbst haben, wenn ich nichts als den Atlantischen gesehen hätte! Wahrhaftig, ich kann nicht einmal glauben, daß ich überhaupt auf dem Meere bin, wenn ich auf dem Atlantischen fahre, denn das Hin und Her zwischen New-Dork und Portsmouth will nicht viel weiter heißen, als das Kanälen längs eines Leinpfads. Wenn Ihr von Ocean sprechen wollt, so sprecht von dem Pacific oder von der großen Südsee, wo man selbst bei dem besten Wind einen Monat lang lausen kann und kaum von einer Insel zur andern kommt. Ja wohl, das ist ein Meer, in welchem es eine Jnselfabrik gibt, 355 denn sie tauchen dort in Masse auf für den Markt, und noch obendrein von jeder Größe, wie es der Liebhaberei der Kunden zusagt." „Eine Jnselsabrik!" wiederholte der Commodore, der gegen seinen Begleiter eine Ehrfurcht zu fassen begann, wie er sie nie gegen ein menschliches Wesen auf dem Otsego-See fühlen zu müssen erwartet hätte; „wißt Ihr gewiß, Sir, daß hierin kein Jrr- thum obwaltet?" „Von einem Jrrthnm ist nicht entfernt die Rede, denn nicht bloS Inseln, sondern ganze Archipelagi werden jährlich in diesem Theile der Welt durch die Sceinsecten gemacht. Aber freilich dürft Ihr ein Jnsect in einem solchen Meere nicht mit den Jnsecten vergleichen, die Ihr in einem solchen Topf voll Wasser, wie dieser See da ist, finden könnt." „So groß als unser Grashecht ober Salm, kann ich mir denken," entgcgnetc der Commodore in der Einfalt seines Herzens, denn sein absprechender Lokaldünkel war jetzt vollkommen gedemü- thigt und der Mann selbst bereit, fast Allem Glauben zu schenken. „Ich meine nicht ihre Größe, sondern hauptsächlich ihre Zahl und ihren Fleiß. Wahrlich, ein einziger Hayfisch würde Euren ganzen See in Commolion bringen?" „lieber einen Hayfisch sollten wir, denke ich, Wohl Meister werden, Sir. Ich habe einmal eins dieser Thicre gesehen und glaube wahrhaftig, daß es der Sogdollager ausstechcn würde. Ich denke, wir könnten mit einem Hayfisch fertig werden, Sir." „Ja, allenfalls mit einem Küstenhay aus den hohen Breiten; aber was würdet Ihr zu einem Hay sagen, der so lang ist wie eine von jenen Fichten auf den Bergen?" „Und solch' ein Ungeheuer könnte ein Mann ganz hereinnehmen?" „Ein Mann? Er würde einem ganzen Peloton, nach Indianer- weise in Reih' und Glied gestellt, zu schaffen machen. Na, ich meine, eine von diesen Fichten mag wohl dreißig oder vierzig Fuß hoch seyn!" 356 Ein Strahl des besseren Verständnisses und des Jubels schoß über das verwitterte Gesicht des alten Fischers, denn er hatte in dem Wissen des Anderen eine» schwachen Punkt entdeckt. In Folge jener Art von Ausschließlichkeit, welche man stets findet, wo sich irgend Jemand in einem Fache auSzeichnet, verstand sich der würdige Kapitän durchaus nicht auf die Gegenstände, welche zu dem Land gehörten. Daß eS so weit im Binnenland einen Baum geben sollte, der länger war als seine Hauptraa, schien ihm nicht wahrscheinlich, obschon diese Raa selbst nur aus dem Theile eines Baums gemacht war; in seiner löblichen Absicht also, dem Commodore die Ueberlegenheit eines ächten Seemanns über einen Süßwasserschiffer recht ans Herz zu legen, hatte er unabsichtlich eine schwache Seite in Abschätzung von Höhen und Entfernungen bloßgcstellt, und der Andere fuhr nun mit derselben Gier darauf loS, wie der Hecht aus die Angel. Dieser gelegentliche Mißgriff allein ersparte dem Fischer eine tiefe Selbstdemüthigung, denn die ruhige Ueberlegenheit des Kapitän hatte ihn in so weit all seines Dünkels beraubt, daß er fast zu der Einräumung bereit war, er sei nicht viel besser als ein Hund, wenn ihm nicht ein Lichtschimmer durch diese Lücke wieder einiges Selbstgefühl gegeben hätte. „Auf allen diesen Bergen gibt es keine einzige Fichte, die nicht über hundert Fuß hoch wäre, und viele messen sogar ihrer zwei," rief er frohlockend mit einer furiosen Handschwenkung. „DaS Meer mag seine Ungeheuer haben, Kapitän, aber unsre Berge haben große Bäume. Habt Ihr je einen auch nur halb so langen Hayfisch gesehen?" Kapitän Truck war ein Freund der Wahrheit, obschon er sich gelegentlich verlocken ließ, ihre Gesetze zu verletzen; da er nun nicht geneigt war, sich über die Wunder der großen Tiefe im Geiste der Uebertreibung zu verbreiten, so konnte er es nicht über sein Gewissen bringen, eine so maßlose Behauptung aufzustcllcn, und sah sich deßhalb genöthigt, seinen Jrrthum zuzugestchen. Von diesem 357 .Pi Augenblick an lies die Unterhaltung mehr auf dem Fuße der Gleichheit fort. Sie sprachen während des FischenS von Politik, Religion, Philosophie, Menschennatur, nützlichen Künsten, Abolition und den meisten übrigen Gegenständen, die möglicherweise ein paar Amerikaner tnteresstren können, wenn sie nichts zu thun haben, als hin und wieder an zwei im Master hängenden Leinen zu zupfen. Obschon unsere Landsleute anderen Nationen gegenüber im Punkte des eigentlichen ConvcrsalionS-TalentS sehr verkürzt find, so umfaßt doch kein anderes Volk in seine» Verhandlungen einen so weiten Gesichtskreis, denn es müßte ein sehr dürftig ausgestatteter Amerikaner sehn, der nicht von Allen Etwas wüßte oder doch zu wissen meinte, und unsere beiden Würdenträger blieben in Geltendmachung ihrer derartigen National-Ansprüche nicht zurück. Diese allgemeine DiScusston stellte die Freundschaft zwischen den Partieen wieder vollständig her, denn, die Wahrheit zu gestehen, unser alter Freund, der Kapitän war über die Angelegenheit mit dem Baum etwas kleinlaut geworden. Die einzige beachtenSwerthe Eigenthümlichkeit, welche im Laufe ihrer verschiedene» Verhandlungen vorficl, war der Umstand, daß der Commodore unwiltkührlich seinen Gefährten als „General" zu betiteln begann; der Landesbrauch schien es ihm nämlich zu fordern, daß ein Mann, der so viel mehr gesehen hatte, als er selbst, sich wenigstens eines Titels erfreue, der seinem eigenen an Rang gleich war, und die Bezeichnung „Admiral" konnte er nicht wohl in Anwendung bringen, da die Empfindlichkeit der. republikanischen Grundsätze sie geächtet hatte. Nachdem sie einige Minuten gefischt hatte», ruderte der Commodore den Nachen nach dem mehrerwähntcn Vorsprung, wo er Feuer auf dem Grase anzündete und ein Mittagsmahl zurichtete. Sobald Alles bereit war, nahmen die beiden Platz und begannen sich der Früchte ihrer Mühen in einer Weise zu erfreuen, welche Wohl von allen Freunden der Jagd und Fischerei begriffen werden wird. „Ich habe noch nicht daran gedacht, Euch zu frage», General," sagte der Commodore, als er eben an einem Barsch zu kauen begann, „ob Ihr ein Aristokrat oder ein Demokrat seyd. Wir haben zwar diesen Morgen an der Regierung so ziemlich das Unterste zu oberst gekehrt, aber diese Frage ist mir aus der Acht gekommen." „Wir sind hier unter uns und können unter diesen schönen Eichen wie ein paar alte Kameraden sprechen," entgcgncte der General mit halbgefülltem Munde; „ich will daher mit der Farbe heranSgehen und nicht viel Federlesens mache». Nachdem ich so lang Kapitän meines Schiffes war, kann ich nur mit größter Verachtung auf alle Gleichheit niedcrschaucn. Ich erkläre sie für eine sehr fehlerhafte Einrichtung, und was auch die Gesetze des Landes sagen mögen, so bi» ich doch der Ansicht, daß die Gleichheit nirgends in dem Völkerrecht eine Stütze findet; dieses, Commodore, ist am Ende das einzige wahre Gesetz, unter dem ein Gentleman leben kann." „Wenn ich die Sache recht begreife, so ist darunter das Recht des Stärksten verstanden, General?" „Aber auf Regeln gebracht. Die Wahrheit zu gestehen, das Völkerrecht ist voll von Eategorieen, und dies gibt einem unternehmenden Manne Gelegenheit, sein Glück zu machen. Würdet Jhr'S Wohl glauben, Commodore, daß es Länder gibt, in welchen man den Taback besteuert?" „Den Taback besteuert? Sir, ich habe nie von einem solchen Bedrückung«-Akt unter der Form eines Gesetzes gehört! Was hat denn der Taback gethan, Laß mau daran denken kann, ihn mit Steuern zu belegen?" „Ich glaube, Commodore, sein größtes Verbrechen besteht darin, daß er so allgemein beliebt ist. Ich habe gefunden, daß die Steuern Verschieden sind von den meisten andern Dingen, indem sie hauptsächlich das angreifen, was die Menschen am meisten werthschätzen." „Dies ist mir etwas Nagelneues, General. Eine Steuer auf den Taback! Gewiß haben die Gesetzmachcr in jenen Ländern ihre Zähne verloren und können nicht kauen. Auf Eure Gesundheit, Sir, und auf oftmalige, glückliche Wiederkehr solcher Bankette, wie unser gegenwärtiges/' Der Commodore brachte jetzt seine Lippen an eine große silberne Punschbowle, welche Pierre geliefert hatte, und heftete fast eine Minute lang seine Augen ans die Zweige einer knorrigen Eiche, einem Manne gleich, der mit größter Angelegentlichkcit eine Beobachtung vornimmt. Der Kapitän sah ihm mit spmpalhetischem Wohlbehagen zu und ahmte, sobald die Bowle frei wurde, das Beispiel des Andern nach, indem er sein Auge auf eine Wolke richtete, die ausdrücklich zu diesem Zwecke unter einem Winkel von 45 Graden über ihm hing, „Das ist eine träge Wolke," rief der General, als er absetzte, um Athen, zu holen. „Fast eine Minute habe ich sie beobachtet, und diese ganze Zeit über ist sie nicht einen Zoll von ihrer Stelle gerückt." „Taback!" wiederholte der Commodore mit einem langen Athemzugc, als habe eben erst das Spiel seiner Lungen wieder begonnen. „Ich würde eben so gut daran denken, eine Steuer auf den Punsch zu legen. Ein Land, das eine solche Politik befolgt, muß früher oder später zu Grunde gehen. Ich habe nie etwas Gutes erlebt aus einen, VerfolgungS-Spstem." „Ich finde, daß Ihr ein verständiger Mann seyd, Commodore, und bedaure, daß ich Eure Bekanntschaft nicht ,,n früheren Leben gemacht habe. Seyd Ihr über den Punkt des religiösen Glaubens schon mit Euch ins Reine gekommen?" „Je »un, mein lieber General, um gegen eine Person von Eurer Freisinnigkeit nicht zu nippcln, wie ein Säugling mit wundem Munde, will ich Euch eine einfache Geschichte meiner Abenteuer und Erfahrungen geben, damit Ihr Euch selbst ein Urtheil bilden mögt. Ich bin, wenn man so sagen kann, als Episcopale geboren, im Zwanzigsten aber zum Presbyterianismus bekehrt worden. Bei diesem Glaubensbekenntnisse blieb ich ungefähr 5 Jahre, und 360 La dachte ich denn, ich wolle es mit den Baptisten probiren, weil ich mittlerweile das Wasser liebgewonnen hatte. Im Zweiund- Lreißigsten fischte ich eine Weile in Gemeinschaft mit den Methodisten, und nach dieser Bekehrung habe ich'S für gut befunden, Gort so ziemlich in meiner eigenen Weise hier auf dem Sec außen anzubeten." „Haltet Ihr es für eine Sünde, an einem Sonntag zu fischen?" „Eben so wenig, als es mir sündig erscheint, am Sonnlag einen Fisch zu essen. Ich halte eS im Allgemeinen bei meiner Religion mit dem Glauben, General, denn man hat mir so viel von der Nutzlosigkeit der Werke vorgesprochen, daß ich'S nicht sonderlich genau nehme mit Allem, was ich thne. Die Leute, die sich ihre vier oder fünf Mal bekehren, kommen mir wie die GiaShechte vor, die nach jeder Angel schnappen." „Ganz das Gleiche ist bei mir der Fall. Zum Beispiel am River — natürlich wißt Ihr, wo der River ist?" „Allerdings," versetzte der Commodore; „drunten am Ausgang des SeeS." „Mein lieber Commodore, wenn wir sagen: ,der River/ so verstehen wir stets darunter den Connecticut, und es »imnit mich Wunder, daß man einem Mann von Eurer Klugheit dies sagen muß. Aber am River gibtS Leute, welche behaupten, daß ein Schiff am Sonntag beiliegen müsse. Sie sprachen davon, eine Anti-SonntagS-Segelsocietät aufzubringen, aber die Schiffsmeister waren ihnen zu stark und drohten mit Bildung einer Gesellschaft, welche das Wachsen der Zwiebeln an Sonntagen abschaffen sollte. Gut also — was die Religion betrifft, so wurde ich auf dem Plat- sormgange von Stapel gelassen, und ich glaube, ich werde auf dem gleichen Kurs Stand halten, bis der Befehl zum ,Anker werfen' kömmt, wie Jhr'S nennt. Mit Euch halte ich den Glauben für das Einzige, was nothig ist. Bitte, mein guter Freund, was sind Eure wahren Ansichten in Betreff des alten Hickory?" „Er ist zäh — zäh wie ein Februartag auf diesem See; lauter Finnen, Kiemen und Gräthe." „Das ist die passendste Bezeichnung, die ich je von dem alten Gentleman gehört habe, und sie sagt viel in wenigen Worten. Keine Kategorie darin. Ich hoffe, der Punsch ist nach Eurem Geschmack?" Aus diese Andeutung lupfte der alte Fischer die Bowle zum zweitenmal an seine Lippen und erneuerte die angenehme Obliegenheit, den Inhalt in einem lieblichen Strome die Kehle hinunterfließen zu lassen. Diesmal nahm er sich eine Möve zum Ziel, die über seinem Kopfe hinsegelte, und er setzte erst wieder ab, als sich der Vogel aufs Wasser niedergelassen hatte. Der General ging sorgfältiger zu Werke, denn er wählte sich einen festen Punkt auf dem Wipfel einer Eiche, die auf dem nahen Berge wuchs, und studirte ihn mit bewunderungswürdiger Aufmerksamkeit, bis er den letzten Tropfen versorgt hatte. Sobald sich übrigens die beiden Zecher von dieser nicderschlagenden Thatsache überzeugt hatten, gingen sie ans Werk, den Unfall wieder gut zu machen, indem sie soeunäum arten, Citronen ausdrückten, Zuckerwaffer verfertigten und Branntwein darein mischten. Zu gleicher Zeit zündete jeder eine Cigarre an, und die Unterhaltung wurde eine Weile nur durch die Zähne fortgesührt. „Wir sind heute so offen gegen einander gewesen, mein trefflicher Commodore," sagte Kapitän Truck, „daß ich Eure innerste Seele als einen Theil meines JchS betrachten könnte, wenn ich nur erst Eure wahre Gesinnung über die Mäßigkeitsgesellschaften wüßte. Durch derartige freie Mittheilungen wird man am schnellsten mit einander bekannt." „Wenn der Branntwein nicht zum Trinken gemacht ist, für was hätte man ihn dann? Jedermann sieht, daß dieser See die Bestimmung hat, Nachen zu tragen und dem Fischfang zu dienen; diesen Zwecken entspricht er durch seine Länge, Breite und Tiefe. 362 Nun haben wir ba gut destiklirtcn Spiritus in zugestöpselten Flaschen, und ich frage, ob nicht Alles dies darauf hindcutet, daß er dazu gemach! worden ist, getrunken zu werden. Ich will Wohl glauben, daß die MäßigkcitSmänner geschcidte Leute sind, aber sie sollen mir dies beantworten, wenn sie können." „Ich wünschte von Herzen, mein lieber Sir, wir hätten einander schon seit fünfzig Jahren her gekannt. Ihr wäret dadurch in Berührung mit dem Salzwaffer gekommen, und Eure Reputation hätte nichts zu wünschen übrig gelassen. Wir denken, glaube ich, in Allem gleich, nur nicht gerade über die Tugenden des Frisch- waffers. N», wenn man dieses Mäßigkeitsoolk gewähren ließe, so würden wir bald Alle zu Türken, welche nie einen Tropfen Wein kosten, aber doch Weiber zu Dutzenden nehmen." „Eine der Hanpleigenschaften des süßen Wassers, General, besteht in seiner Mischbarkeit, wie ichs nenne." „Ohne diese wär'S auch mit den Sonnabenden alle — sie sind nemlich die Theepartieen des Seemanns." „Ich möchte wohl fragen, ob Viele der MäßigkeitSlcnte vom Sonnenaufgang bis zum Sonnenuntergang im Rege» fischen möchten." „Ja, oder von Sonnenaufgang bis zum Sonnenuntergang in nassen Jacken auf der Wache stehen. Zu solchen Zeiten die Hauptbrasse zu splissen, ist die wahre Quintessenz des menschliche» Vergnügens." „Wenn der Branntwein nicht zum Trinken gemacht ist," fuhr der Commodore logisch fort, „so muß ich noch einmal fragen, für was sonst wäre er denn da? Sie sollen mir über diese Schwierigkeit wegkommen, wenn sie können." „Commodore, ich wünsche Euch noch zwanzig herzige Jährchen Fischfangs auf diesem Sec, der mir, wie überhaupt die ganze Erde, mit jedem Augenblick lieblicher vorkommt; und um Euch zu zeigen, daß ich nicht mehr sage, als ich denke, will ich es mit einem Trünke bekräftigen." Kapitän Truck hielt nun mit dem rechten Auge auf die Mondsichel ab, die zufälligerweise in einer bequemen Höhe fland, schloß das linke und blieb in dieser Haltung, bis der Commodore ernstlich zu denke» begann, cs dürften ihm für seinen Antheil nichts als Citronenkcrne übrig bleiben. Diese Bcsorgniß konnte jedoch nur aus einer Unkenntniß von Mr. Trucks Charakter hervorgchen, da es nach dem Urthcile aller seiner College» keinen billiger denkenden Mann auf der ganzen Erde gab, und hätte man den in der Bowle zurückbleibenden Punsch abgemessen, so würde man auf den Fingerhut voll hin gefunden haben, daß die Hälfte noch vorhanden war. Die Reihe kam jetzt an den Commodore, und ehe dieser noch mit seiner Procedur fertig war, hatte der Boden des GefäffeS eine völlig wagrechte Lage gewonnen. Nach dieser Heldenthat holte der ehrliche Fischer tief Alhem und senkte die Augen vom Himmelsgewölbe zur Erde nieder, bei welcher Gelegenheit er eines BooteS ansichtig wurde. Dieses kam von der schweigenden Fichte her gegen den Borsprung, aus welchem sich die beide» Freunde in so vielen lieblichen Hallucinationcn über Mäßigkeit ergangen hatten. „Dort kommen die aus dem Wigwam," sagte er „und sie werden just zeitig genug anlangen, um sich zu unseren Ansichten zu bekehren, wenn sie allenfalls über die besvrochencn Punkte Zweifel unterhielten. Sollen wir den festen Boden aufgeben und nach dem Kahne greifen, oder fühlt Ihr Euch geneigt, bas Weibsvolk zu erwarten?" „Unter gewöhnlichen Umständen, Commodore, würde ich Eure Gesellschaft allen Unterröcken des Staates vorziehen; aber in jenem Boote sind zwei Damen, von denen ich jede heiraihen würde, so bald sie'S haben wollte." „Sir," versetzte der Commodore im Tone der Warnung, „wir, die wir so lange als Junggesellen gelebt haben und dem Wasser angetraut sind, sollten über einen so ernsten Gegenstand nie leichtfertig sprechen." „DicS ist auch nicht der Fall. Von den Frauenzimmern ist die Eine zwanzig und die Andere sicbenzig, und ich will mich hängen lasten, wenn ich weiß, welcher ich den Vorzug gebe." „Der letzteren scyd Ihr am ehesten wieder los, mein lieber General, und ich rathe Euch daher, bei ihr zuzugrcifen." „So alt sie auch ist, so müßte sich doch sogar ein König viele Mühe geben, um ihre Einwilligung zu gewinnen. Wir wollen etwas Punsch für sie anfertigen, damit sie sehen, wie wir ihrer auch in ihrer Abwesenheit eingedenk waren." Die beiden Ehrenmänner setzten sich nun in eifrige Thätigkeit, um vor der Ankunft der Gesellschaft noch fertig zu werden, und da die verschiedenen Ingredienzien großenthcils schon gemischt waren, so geschah hiedurch ihrer Unterhaltung kein Eintrag. Der Schiffer vom Salzwaffer und der vom See befanden sich nun in jenem Zustande, in welchem die Menschen zum Lautdenken geneigt sind, und die ehrfurchtsvolle Scheu, mit welcher der Commodore seinen Gefährten früher betrachtet, hatte sich nun völlig verloren. „Um Euch ohne Hehl meine HerzenSmeinung zu sagen, mein lieber Sir," sagte er — „ich habe keine andere Einwendungen mehr gegen Euch zu machen, als daß Ihr nicht den mittleren Staaten angehört. Ich will zwar zugeben, daß die DankecS gute Eigenschaften besitzen, aber doch sind sic die allerschlimmstcn Nachbarn, die ein Mensch nur haben kann." „Dies ist ein nagelneues Lob, Commodore, da sie sich selbst für die allerbesten halten. Ich möchte übrigens doch hören, wie Ihr dies meint." „Ich nenne den einen schlechten Nachbar, der nie lange genug an einem Platze bleibt, um irgend Etwas zu lieben, als sich selbst. Ich zum Beispiel, Sir, habe Gefühl für jeden Kieselstein am Ufer dieses SeeS — eine Sympathie für jede Welle," der Commodore begann jetzt mit den Händen zu fechten und die Finger zu spreizen, so daß sie wie eben so viele Spitzen an einem spanischen Reiter hin- 365 ansstanden; „und mit jeder Stunde, die ich hier rudere, gefällt mir mein Wasser besser. Aber würdet Jhr'S wohl glauben, Sir — so oft ich am Morgen ausgehe, um den Tag auf dem See zuzubringen, und Abends zurückkehre, finde ich die Hälfte der Häuser mit neuen Gesichtern angefüllt.» „Und was wird aus den alten?» fragte Kapitän Truck, denn auf diese Weise hoffte er seinen Gegner mit den eigenen Waffen schlagen zu können. „Wollt Ihr damit sagen, daß die Leute kommen und gehen wie Ebbe und Fluth?" „Ganz so, Sir; just wie'S die Häringe im Otsego zu halten pflegten, ehe der SuSguehanna eingedämmt war, und wie manS noch immer au den Schwalben sieht." „Na, na, mein guter Freund, laßt Euch trösten; Ihr werdet alle Gesichter, die Ihr je hier saht, eines Tags im Himmel wieder treffen." „Bei Leibe; kein Mann davon wird dort bleiben, wenn er im Himmel auch so eine Art von Umziehen gibt. Verlaßt Euch darauf, Sir," fügte der Commodore in der Einfalt seines Herzens mit größerem Ernste bei, „der Himmel ist kein Platz für einen Dankee, wenn dieser nicht mit Sack und Pack weiter nach Westen ziehen kann. Sie sind inSgesammt viel zu unstät für irgend eine feste Beschäftigung. Ihr, der Ihr ein Seefahrer seyd, müßt etwas von den Sternen wissen; gibts eine Art andere Welt, dis westlich davon liegt?" „Dies kann kaum sehn, Commodore, sintemal die Striche des CompaffeS sich nur auf Gegenstände der Erde beziehen. Vermuthlich wißt Ihr, daß ein Mann, der hier aufbricht und fort und fort nach Westen reist, im Lauf der Zeit von Osten her wieder an derselben Stelle anlangen muß. Was uns daher auf dieser Seite der Welt am Himmel westlich erscheint, ist denen auf der anderen östlich." „Davon, gestehe ich, weiß ich nichts, General. Ich habe 366 Wohl schon bemerkt, daß in den Augen des Einen etwas gut seyn kann, was in denen eines Andern schlecht ist, hörte aber nie zuvor, daß etwas westlich seyn könne, was für einen Anderen östlich ist. Ich furchte, General, Ihr gebt mir da etwas von dem Sogdollager- Köder znin Besten." „Nicht so viel, um die ärmlichste Süßwassergrnndel damit zu fangen, Sir. Nein, nein, außerhalb dieser Erde gibls weder Ost noch West — kein Aufwärts und kein Abwärts, und so müssen wir UankceS es eben versuchen, uns mit dem Himmel zufrieden zu geben. Reicht mir jetzt die Bowle herüber, Commodore; ich will an die Küste hinunter gehen und den Damen in etwas Punsch unsere Huldigung bringen." Zwanzigstes Kapitel. ,O Romeo, Romeo, warum bist Du Romeo!"— Romeo und Julie. Eine gewöhnliche Wirkung des Punsches ist, daß die Leute doppelt sehen lernen; in dem gegenwärtigen Falle äußerte sich jedoch der entgegengesetzte Gesichtsfehler, denn statt des einen Bootes, welches der Eommodore angekündigt hatte, stießen zwei auf den Strand, welche die ganze Gesellschaft aus dem Wigwam, Steadfast und AristobuluS milgerechnet, herbeibrachtcn. Desgleichen waren ein paar Diener mitgekommen, welche dag gewöhnliche Mahl zubcreiten sollten. Was den Punsch betraf, so erfüllte Kapitän Truck sein Vorhaben buchstäblich, indem er jeder der Damen, sobald sie den grünen Rasen des Vorsprungs berührt hatten, in bester Form von dem Getränke anbot. MrS. Hawker lehnte es ab, zu trinken, aber in einer Weise, welche den ritterlichen Seemann völlig entzückte; sie hatte nemlich eine solche Macht über ihn gewonnen, daß ihm, 367 trotz seiner Angewöhnungen und Vorurtheile, Alles, was sie that, recht und anmuthig erschien. Die Ankömmlinge zertheilten sich bald in Gruppen oder Paare, indem die Einen am Rande des klaren Wassers Platz nahmen, um sich der kühlen, fächelnden Luftströmungen zu erfreuen. Andere in den Booten zum Fischen auSzogen und die klebrigen sich in das Gehölz begaben, das in seiner heimischen Wildheit die grüne, freie Stelle begrenzte und seinen Eichenbaldachin über den Ort hinbreitete, welcher kürzlich noch ein Gegenstand des lebhaftesten Streites gewesen war. In dieser Weise entschwanden ein paar rasche Stunden, nach welcher Zeit ein gegebenes Signal Alle zum Mahle versammelte. Die Speisen wurden in dem Grase servirt, obschon AristobuluS ziemlich deutlich darauf hindeutcte, das Publikum halte eS bei derartigen Gelegenheiten für passend, sich roh gearbeiteter Tische zu bedienen. Die Herrn Effingham übrigens wollten sich nicht durch einen bloßen Zugvogel belehren lassen, wie eine ländliche Föte, die sie auf ihrem eigenen Grunde feierten, gehalten werden müsse, und die Diener erhielten die Weisung, die Schüsseln auf den Nasen zu setzen. Darum her waren improvisirtc Sitze angebracht, und das Geschäft der Restauration nahm seinen Fortgang. Bon allen Anwesenden waren die Pariser Gefühle der Mademoiselle Vicfville am meisten aufgeregt, da ihr das edle Panorama der mit Wäldern bekleideten Berge, der spiegelglatte See, das Eichendach und das Farrenkräutergestrüpp des angrenzenden Forstes Stoff zu übcrstrü- mendem Entzücken boten. „Alais^ vrainiont, oeo> surpasso los Tuilcrios mömo, clans lour gropre xonre!" rief sie mit Nachdruck. ,,0» pasecorait volontier« gar los ckanxers >1» cicsert gour xarvcnir." Diejenigen, welche sie verstanden, lächelten über diese charakteristische Bemerkungen, und die Meisten fühlten sich geneigt, in diesen Enthusiasmus einzugehen. Gleichwohl kam Mr. Bragg und Mr. Dodge die Art, wie die übrigen ihre Freude ausdrückten, nur zahm 368 und unbefriedigend vor, denn diese beiden Personen waren daran gewöhnt, die Jugend beider Geschlechter ihr Vergnügen weit derber zur Schau stellen zu sehen, als sich dies mit dem Geschmack und de» Sitte» der Anwesenden vertrug. MrS. Hawker erfreute sich in ihrer ruhigen würdevollen Weise der Witzesfunken und der Gedankenfülle von MrS. Bloomfield, so daß es den Anschein gewann, als wolle sie sich neu verjüngen, und Eva war mit ihrer holden Einfachheit, ihrem gebildeten Geiste und ihrem veredelten Geschmacks einem blank polirten Spiegel zu vergleichen, welcher die Blitze des Gedächtnisses und der Imagination wiederstrahlte; aber Alles dies war für so eingefleischte Thatsachenmänncr, die stets nur den Nutzen im Auge hatten, rein verloren. Mr. Effingham, der sich gegen seine Gäste mit gewohnter Höflichkeit und mit dem Takte eines Mannes von Bildung benahm, fühlte sich überglücklich, und auch John Efsingham zeigte sich angenehmer, als je, denn er hatte den finsteren Ernst seines Charakters ganz bei Seite gelegt und erschien in einer Eigenschaft, in welcher man ihn wohl gerne immer gesehen hätte, — nemlich in der eines Mannes, bei welchem die Tiefe des Verstandes und der Denkkraft den gewinnenderen Qualitäten sich unterzuordnen schien. Die Jünglinge blieben hinter den Uebrigen nicht zurück, denn jeder zeigte sich nach seiner eigenen Art in vorlheilhaftem Lichte; sie waren heiter, launig, ohne dabei deS gehörigen Maßes zu vergessen, und verliehen der Unterhaltung eine um so höhere Würze, da sie ihre Bilder einer Weltkennt- niß entnahmen, die durch vielseitige Beobachtung und Gewohnheit mild zu urtheilen gelernt hatte. . Die arme Grace war — natürlich stets mit Ausnahme von AristobuluS und Steadfast — die Einzige unter der Gesellschaft, welche sich während dieser flüchtigen, aber doch heiteren Stunden nicht ganz glücklich fühlte; denn zum erstenmal in ihrem Leben ward sie sich ihrer eigenen Mängel bewußt. Der reiche Schatz von Kenntnissen, so ungemein weiblich in der Wesenheit sowohl als in der 369 Aenßerung, welcher bei MrS. Vloomsield und Eva so zu sagen um seiner Fülle willen überquoll und welchen Erstere fast intuitiv als eine Gabe des Himmels besaß, während ihn Letztere nicht nur derselben Quelle, sondern auch einer langen, stätigen Selbstver- längnung und einer eifrigen Berücksichtigung dessen verdankte, was sie sich selbst schuldig war — dieser reiche Schatz ging einem Wesen ab, das in unüberlegter Hingebung an die Gewohnheiten einer Gesellschaft, deren einziges augenfälliges Ziel in der Entfaltung von Prunk bestand, sich von jenen Genüssen ausgeschlossen hatte, die nur ein sinniges Gemüth zu würdigen versteht. Dennoch war Grace schön und anziehend; sie staunte zwar, wo ihre sonst so einfache und anspruchslose Muhme all den Gcdankenreichthnm hernchmen mochte, der ihr bei dem zwanglosen Selbstvergessen eines solchen Festes in gewandten WitzcSergüffen entquoll; aber dennoch war ihr Herz zu edel und liebevoll, als daß sich in ihre Bewunderung heilte Neid mischen sollen. Zum erstenmal bemerkte sie bei dieser Gelegenheit, daß Eva, obschon sie eine Hadschi war doch nicht zu der gemeinen Klaffe der Hadschis gehörte, und wenn auch ihre Bescheidenheit und Selbstdemüthigung sie die Stunden bitter bereuen ließen, welche sie unwiderbringlich in den gewöhnlichen Tändeleien ihrer Gespielinnen vergeudet hatte, so wurde doch dadurch die Achtung für ein Wesen, welches sie so zärtlich zu lieben begann, nicht gemindert. Was dagegen die Herren Dodge und Bragg betraf, so waren Beide in ihrem Innern dahin übereingekommcn, daß dies die langweiligste Unterhaltung sep, dis sie je auf dem Vorsprunge erlebt hatten, weil sie allen lauten Gelächters, des gewöhnten rohen Witzes, einer lärmenden Heiterkeit und der praktischen Spässe entbehrte. In ihren Augen hieß es die Anmaßung aufs Höchste treiben, wenn sich irgend eine besondere Gesellschaft crdreistcn mochte, nach einem Ort, der durch die öffentliche Stimme geheiligt war, zu kommen, um sich in dieser gezwungenen Weise zu erfreue», bei täva Esfingham. 24 370 der es Niemand anders recht wohl werden konnte. Gegen den Schluß dieses frohen Mahles, als die Anwesenden bereits im Begriffe waren, ihre Plätze an die Diener abzugeben, welche die Geräthschaften wieder in die Nachen schaffen wollten, bemerkte John Esfingham: „Ich hoffe, meine theure MrS. Hawker, man hat Euch gebührend vor dem verhängnißvollen Charakter dieses BorsprungS gewarnt, denn es geht von ihm das Sprichwort, daß hier noch nie um eine Dame vergeblich gefreit worden sey. So sind z. B. Kapitän Truck und ich jeden Augenblick bereit, in Ermanglung der ,BvwieS° nach diesem Tranchirmesscr zn greifen, um Euch unsere verzweifelte Belehrung zu zeigen, und Ihr werdet daher sehr weislich handeln, wenn Ihr heute nicht wieder lächelt, damit Euch die Querlesungcn der Eifersucht nicht einen falschen Beweggrund unterschieben können." „Hätte die Verwarnung dem Lachen gegolten, Sir, so könnte ich ihr vielleicht Trotz bieten, aber an einem solchen Tage ist das Lächeln ein viel zn schwacher Ausdruck der Billigung; Ihr könnt Euch daher aus meine Rückstchtfülle verlassen. Aber ist es auch wahr, daß Hymen diese Schatten vorzugsweise liebt?" „Wenn sich ein Hagestolz über LiebeSfortschritte verbreitet, so setzt man vielleicht in seine Darstellungen eben so viel Mißtrauen wie in seine Kindererziehnng; aber die lleberlieferung sagt so, und ich habe nie meinen Fuß hiehergesctzt, ohne frische Gelübde der Beständigkeit zu fassen. Nachdem ich auf die Gefahr aufmerksam gemacht habe, getraut Ihr Euch wohl kaum, einen Arm anzunehmen, denn ich bemerke Anzeichen, daß das Leben nicht ganz in dergleichen Vergnügungen verbracht werden kann, wie lieblich sie auch an sich seyn mögen." Die ganze Gesellschaft erhob sich jetzt und löste sich in Gruppen oder Paare auf, welche an dem KieSnser oder unter den Bäume» dahin schleuderten, während die Bediente ihre Vorbereitungen zum 371 Ausbruche trafen. Fügte eS der Zufall, ober war eS Absicht — kurz, Sir George und Grace sahen sich allein, obschon sie diese» Umstandes erst gewahr wurden, nachdem sie eine kleine Anhöhe de» sich hebenden Grundes im Rücken hatten und so außer dem Gesichtskreise ihrer Begleiter sich befanden. Der Baronet gewahrte zuerst, wie sehr ihn das Glück begünstigt hatte, und fühlte sich theilnehmend angeregt durch den Zug sanfter Schwcrmuth, welcher dag sonst so heitere und klare Antlitz des schönen Mädchens beschattete. „Dieser heitere Tag würde mir dreifache Freude gemacht haben," begann er mit einer Innigkeit, welche Grace'S Herz zu schnelleren Schlägen bewog, „wenn ich nicht hätte sehen müssen, daß Ihr weniger heiter wart, als die Meisten aus Eurer Umgebung. Ich fürchte, Ihr fühlt Euch nicht so wohl wie sonst." „Körperlich bin ich vollkommen gesund, vielleicht aber nicht dem Geiste nach," versetzte sie. „Ich wünschte nur ein Recht zur Frage zu besitzen, warum Ihr, die Ihr im Allgemeinen so wenig Grund zu einer GemüthS- verstimmung habt, dazu einen Augenblick wählen konntet, der so wenig im Einklänge mit den gemeinsamen Gefühlen stand." „Ich habe den Augenblick nicht gewählt, wohl aber wählte er mich, wie ich fürchte. Bis auf diesen Tag habe ich nie so recht empfunden, Sir George Templemore, wie tief ich unter meiner Muhme Eva stehe." „Diese Unterordnung ist wohl noch Niemand, als etwa Euch selbst ausgefallen." „Nein, ich bin weder eitel noch unwissend genug, um mich durch diese Schmeichelei bethören zu lassen," erwiederte Grace mit einem erzwungenen Lächeln den Kopf schüttelnd; denn aus dem Munde derer, welche wir lieben, ist auch eine wohlgemeinte Täuschung nicht ohne Reiz. „Als ich nach der Rückkehr meiner Muhme zum erstenmale mit ihr zusammentraf, machten mich meine eigenen 372 Unvollkommenheiten blind gegen ihre Neberlegenheit; ich habe aber allmählig ihren Geist, ihren weiblichen Charakter, ihren Takt, ihr Zartgefühl, ihre Grundsatzfestigkeit und ihre gute Erziehung — kurz Alles, was ein Frauenzimmer schätzbar oder liebenswürdig machen kann, achten gelernt. Oh, wie habe ich in kindischen Vergnügungen und eitel» Tändeleien die kostbaren Augenblicke jener schönen Jugendzeit vergeudet, die sich nicht wieder zurückrufen läßt; ich bin kaum wcrth, eine Freundin von Eva Efsingham zu seyn!" Die lange verhaltenen Gefühle hatten jetzt Grace so sehr überwältigt, daß sie kaum wußte, was sie sagte oder mit wem sie sprach; in der augenblicklichen Bitterkeit ihres Schmerzes rang sie die Hände, so daß das ganze Mitgefühl eines Liebhabers geweckt werden mußte. „So kann Niemand reden, als Ihr selbst, Miß van Court- landt, am allerwenigsten aber Eure bewunderungswürdige Muhme." „Sie ist in der Thal meine bewunderungswürdige Muhme! Ach, was sind wir in Vergleichung mit einem solchen Mädchen! Mit der natürlichen Einfachheit eines Kindes verbindet sie den Geist eines Gelehrten und mit der ganzen Anniuth eines Weibes die wissenschaftliche Bildung eines Mannes. Sie ist in so vielen Sprachen zu Hanse —" „Aber auch Ihr sprecht mehrere, meine theure Miß van Courtlandt." „Ja," entgegnete Grace bitter, „ich spreche sie, wie der Papagai die Worte wiederholt, die er nicht versteht; aber Eva Efsingham hat sich derselben als Verkehrsmittel bedient. Sie sagt nie, was diese und jene Phrase bedeute, sondern redet davon, was die größten Schriftsteller gedacht und geschrieben haben." „Niemand kann eine höhere Achtung vor Eurer Muhme haben, als ich, Miß van Courtlandt, aber die Gerechtigkeit gegen Euch zwingt mich, zu sagen, daß mir ihre große Ncberlegenheit über Euch ganz entgangen ist." „Dies mag wohl wahr seyn, Sir George Templemore, denn geraume Zeit erging es mir ebenso. Erst eine genauere Bekanntschaft mit ihr lehrte ste mich schätzen, wie sie geschätzt werden mnß, und es ging dabei allmählich — Stunde um Stunde. Doch auch Ihr mußt bemerkt haben, wie schnell und gewissermaßen aus innerem Verständlich meine Muhme und MrS. Bloomsteld gegenseitig auf ihre Ideen eingingen — welchen seinen Geschmack und welche umfassende Belesenheit beide zeigten, ohne dabei ihrem weiblichen Charakter auch nur das Mindeste zu vergeben. Mrs. Bloomsteld ist eine merkwürdige Frau, liebt aber dergleichen Schaustellungen, weil ste weiß, wie trefflich ste sich darin ausnimmt. Bei Eva Effingham ist der Fall anders, denn obschon ste an allem Geistreichen Freude hat, benimmt ste sich doch stets in der einfachsten Weise. So fügte stchs erst gestern, daß die Unterhaltung sich um einen Gegenstand drehte, welchen mir Eva auf meine ausdrückliche Bitte umständlich auScinandersetzte. Um das Gespräch mehr zu beleben, hatte sie MrS. Bloomsteld beigezogen; aber ste behielt mehr als die Hälfte ihres Wissens für sich, damit eS nicht den Anschein gewinne, als übertrcffe ste ihre Freundin. Nein, nein, nein, eS gibt in dieser Welt kein zweites Frauenzimmer, wie Eva Effingham ist." „Eine so scharfe Auffassung des Vortrefflichen an Andern deutet selbst auf eine vortreffliche Seele." „Ach, ich kenne jetzt meine eigene Unbcdeutsamkeit, und Eure Güte, Sir George Templemore, wird mich nie überreden, eine bessere Meinung von mir selbst zu fassen. Eva ist auf Reisen gewesen, hat in Europa viel gesehen, was man hier nicht kennt, und wußte, statt ihre Jugend i» mädchenhaften Tändeleien zu verbringen, die kostbaren Minuten mit Eifer zu benützen." 374 „Wenn aber Europa wirklich solche Bortheile bietet, warum reist Ihr nicht selbst hin, meine theuerste Miß van Courtlandt?" „Ich — ich ein Hadschi!" rief Grace mit kindischem Entzücken, obschon ihr Antlitz sich höher röthete, und für einen Moment war Eva sammt ihrer Ueberlegenhcit vergessen. Gewiß war Sir George Tenrplenrore selbigen Tag nicht init der Aussicht auf den See hcranSgekommen, diesem kunstlosen, halberzogenen und in provinzialen Vorurthcilen befangenen, aber doch schönen Mädchen mit seiner Hand zugleich auch seine Baroneten- würde und sein schönes Besitzthum anzubieten. Er hatte sich zwar das Passende eines derartigen Schrittes schon geraume Zeit wohl erwogen und würde wahrscheinlich auch später eine geeignete Gelegenheit gesucht haben, wenn sie sich ihm nicht eben jetzt, allen seinen Bedenken zum Trotze, so günstig geboten hätte. Wenn „das Weib, welches zaudert, verloren ist," so liegt sicherlich eine eben so tiefe Wahrheit in dem Satze, daß der Mann, welcher nur mit seiner Vernunft gegen die Schönheit zu Feld ziehe» will, diese seinen Sinnen gegenüber sehr unmächtig finden wird. Wäre Grace van Courtlandt nicht ein so ganz und gar unverdorbenes Naturkind gewesen, so wäre es wohl ihren Reizen allein nicht gelungen, diese Eroberung zu machen; aber der Baronet fand ihre Naivität so bezaubernd, daß die Gefühle des Weltmanns völlig gewonnen wurden. Eva hatte ihn anfangs durch dieselbe Eigenschaft angezogen, da die Jugenderziehung der Amerikanerinnen weniger gezwungen und künstlich ist, als die der Engländerinnen; gleichwohl fand er in ihr eine geistige Ausbildung, welche erstere Eigenschaft vielleicht nicht so sehr ausfallcn ließ, als bei ihrer kaum minder schönen Muhme, deren Einstuß allerdings große Beeinträchtigung gesunden haben würde, wenn seine Bewunderung gegen Miß Ef- fingham auch nur durch die leiseste Ermuthigung genährt worden wäre. So aber hatte sich Grace allmählich in sein Herz eingeschlichen, und er erklärte ihr jetzt seine Neigung in einer Sprache, 375 .-c-tt welcher ihre arglosen und bereits günstig gestimmten Gefühle nicht zu widerstehen vermochten. Es blieb ihnen zwar nur eine sehr kurze Frist bis zur Abberufung nach dem Kahne; aber als letztere endlich stattfand, kehrte Grace zu der Gesellschaft zurück, sehr gehoben in ihrer eigenen gnten Meinung und so glücklich, als eine wolkenlose Zukunft sie machen konnte, ohne daß ihr auch nur entfernt der weite Abstand zwischen ihr und Eva wieder zu Sinnen kam. Seltsames Zusammentreffen! Während der Baronet und Grace auf der einen Seite des NferS in dieser Weise beschäftigt waren, wurde Eva auf der andern eine ähnliche Erklärung gemacht. Sie war, von Paul, ihrem Vater und Aristobulus begleitet, auf dem Vorsprung dahin gegangen, hatte aber kaum das Ufer erreicht, als die beiden Erfiercn von Kapitän Truck weggerufcn wurden, um einen zwischen ihm und dem Commodore streitigen Punkt zu schlichten. In Folge dieser unvorhergesehenen Verlaffung sah sich das Mädchen mit Mr. Bragg allein. „ES war eine schnurrige und inhaltsschwere Bemerkung, die Mr. John in Betreff des Vorsprungs machte. Miß Eva," begann Aristobulus, sobald er sich tm alleinigen Besitze des Feldes sah. «Ich möchte doch wissen, ob es wirklich wahr ist, daß man unter diesen Eichen nie erfolglos um ein Frauenzimmer geworben hat. Wäre dies der Fall, so sollten wir Gentlemen vorsichtig sehn, wenn wir hieher kommen." Aristobulus sprach dies in geziertem Tone und suchte sich ein möglichst liebenswürdiges Aussehen zu geben, obschon die ruhige, würdevolle Haltung Eva'S seine ehrgeizigen Hoffnungen bedeutend im Zaume hielt. Miß Effingham besaß nemlich zu viel Selbstachtung und wußte zu gut, was sie ihrem Geschlechts schuldig war, um ans die gewöhnlichen und gemeinen Tändeleien, die das stäte UnterhaltungSthema zwischen den Mädchen und Jünglingen aus Mr. BraggS Kreise bildeten, einzugehen oder sie auch nur zu gestatten, soferne Letzteres von ihrem Willen abhing. Der Land- agent glaubte übrigens die Sache zu gut eingeleitet zu haben, um nicht weiter darauf sortzubauen. „Mr. John Effingham liebt bisweilen einen Scherz," ent- gegnete Eva ruhig, „und wer Ernst daraus machen wollte, dürfte leicht fehl gehen." „Die Liebe ist allerdings ein Irrwisch," entgegnete Aristo- buluS sentimental, „dies muß ich zugcben; und es nimmt mich nicht Wunder, daß so Viele in den Sumpf gerathen, die seinem Scheine folgen, da er nicht von dem Lichte der Vernunft auS- geht. Habt Ihr die zarte Leidenschaft schon empfunden, Miß Eva?" AristobulnS hatte nemlich, als er der Soiree von Mrs. Houston anwohntc, dieselbe Frage wohl ein halb Dutzendmal stellen hören und glaubte daher, die feinste Einleitung zu einer regeU mäßigen Erklärung gewählt zu haben. Ein gewöhnliches Weib, die sich durch eine solche Frage beleidigt fühlte, würde höchst wahrscheinlich zurückgetreten sehn und sich mit einem nachdrücklichen „Sir!" in die Brust geworfen haben. Nicht so Eva. Sie fühlte den großen Abstand zwischen sich nnd Mr. Bragg zu sehr, als daß sie eine anmaßende Gleichstellung von seiner Seite auch nur entfernt hätte verletzen können. Allerdings war dieser Abstand mehr das Ergebniß der Ansichten, der Gewohnheiten und der Erziehung, als in der wirklichen socialen Stellung begründet; denn obgleich Eva nur die Gattin eines Gentlemans werden konnte, war sie doch vollkommen über jene Vorurlhcile der Welt erhaben, die nur von künstlichen Ursachen abhängen. Statt daher ob dieser außerordentliche» Frage Ueberraschung, Unwille oder dramatische Würde zu verrathen, zuckte nur ein leichtes Lächeln um ihren schönen Mund — so leicht, daß es ihr Verehrer nicht einmal bemerkte. „Ich glaube, wir haben zu unserer Rückkehr nach dem Dorfe eben so glattes Wasser, wie heute Morgen, als wir nach diesem Platze herüberfuhren," versetzte sie einfach. „Ich glaube, Ihr rudert bisweilen, Mr. Bragg?" 377 „Ach, Miß Efsingham, eine zweite solche Gelegenheit kommt vielleicht nie wieder, denn ihr ausländischen Ladies seyd so schwer zugänglich. Laßt mich daher diesen glücklichen Augenblick ergreifen — hier unter den Eichen Hymens biete ich Euch diese treue Hand, dieses liebende Herz an. Ihr seyd mit zureichenden Mitteln für uns beide versehen, daher braucht von diesem ärmlichen Staube nicht weiter die Rede zu seyn. Bedenkt, Miß Eva, wie glücklich wir seyn könnten, wenn wir Eurem treffliche» Bater sein hohes Alter versüßten und gemeinschaftlich den Hügel des Lebens hinab- wandeltcn; oder wie es in dem Lied heißt — »Hand in Hand durch'S Leben wandeln, Ruhen sanft am Schluß der Bahn, John Anderson, mein Joe.' „Ihr zeichnet sehr liebliche Bilder, Mr. Bragg, und noch obendrein mit der Hand eines Meisters." „Wie angenehm Ihr sie auch finden mögt. Miß Eva, so bleiben sie doch noch unendlich weit hinter der Wahrheit zurück. Das Band der Ehe ist, abgesehen davon, daß cs das heiligste im Leben ist, zugleich auch das theuerste, und in der That glücklich können sich diejenigen Preise», welche das feierliche Bündniß mit so erfreulichen Aussichten eingehen wie wir. Dem Alter nach stimmen wir vollkommen zusammen, unsere Charaktere sind ganz harmonisch, unsere Angewöhnungen einander gegenseitig so ähnlich, daß dadurch jeder mißliebige Wechsel vermieden wird, und unsere Ver- mügenSverhältniffe ganz von der Art, daß eine glückliche Verbindung daraus hervorgehen muß — auf der einen Seite Vertrauen und aus der andern Dankbarkeit. Was den Tag betrifft, Miß Eva, so mag Euch die Bestimmung desselben vollkommen belassen bleiben, ohne daß ich in Euch dringen will. Dies ist das Vorrecht Eures Geschlechtes." Eva hatte oft mit großem Vergnügen ihrem Vetter John Esfingham zugchört, wenn sich dieser über die kalte Unverschämt- 378 heit eines gewissen TheileS der amerikanischen Bevölkerung lustig machte, würde sich aber doch nimmermehr eines derartigen Angriffs aus ihre eigene Person versehen haben. Nm die Scene vollkommen zu machen, hatte AristobuluS sein Federmesser hcrauS- genommcn, von einem Busch einen Zweig abgeschnitten und machte sich nun doppelt interessant, indem er das so viel beliebte Geschäft des Schnitzeln- begann. Ein besseres Bild von einer vernünftigen Leidenschaft hätte wohl kaum gezeichnet werden können. „Ihr schweigt verschämt. Miß Eva — gut, ich kann der natürlichen Schüchternheit alle gebührende Zugeständnisse machen und will daher vorderhand nichts weiter sagen. Da übrigens Schweigen ein Zugeständniß in sich faßt — —" „Wenn ich bitten darf, Sir," unterbrach ihn Eva hastig mit einer leichten Bewegung ihres Sonnenschirms, welche eine Zurückweisung in sich faßte. „Ich bin der Ansicht, unsere Denkweise und unsere Angewöhnungen sind, obschon Ihr sie für so harmonisch zu halten scheint, sehr verschieden, sintemal Ihr die Ungebühr nicht einseht, die sich ein Mann von Eurer Stellung erlaubt, wenn er, das Vertrauen eines Vaters mißbrauchend, der Tochter ohne dessen Vorwisscn einen derartigen Antrag stellt. Hierüber will ich jedoch nichts sagen, wohl aber, da Ihr mir die Ehre erwiesen habt, mir in einer sehr unumwundenen Weise Eure Hand anzubieten, Euch mit eben der Bestimmtheit zu antworten, mit welcher Ihr Euer» Antrag stelltet. Ich muß den Vortheil und das Glück, Euer Weib zu werden, ablehnen." „Die Zeit enteilt, Miß Eva!" „Die Zeit enteilt, Mr. Bragg, und wenn Ihr noch viel länger in Mr. EfsinghamS Geschäften bleibt, so könntet Ihr die Gelegenheit verlieren, Euer Glück im Westen zu machen, wohin Ihr, wie ich höre, schon seit langer Zeit auSzuwandern die Absicht habt." 370 „Um Euretwillen würde ich bereitwillig alle meine Hoffnungen im Westen aufgeben." „Nein, Sir, ich kann ein solches Opfer nicht annehmen. Ich will nicht sage», vergeßt mich, aber vergeßt Enre Hoffnungen hier und erneuert die über dem Mississippi drüben wieder, von denen Ihr so „„bedachtsam abgestanden seyd. Ich will gegen meinen Vater diese Unterhaltung nicht in einer Weise berühren, daß dadurch unnöthige Vorurtheile gegen Euch geweckt werden könnten, und während ich Euch, wie ein jedes Mädchen soll, für ein Erbieten danke, das wenigstens theilweise auf Rechnung Eurer guten Meinung von mir kommen muß, werdet Ihr mir wiederholt gestatten, Euch den besten Erfolg für alle Eure rechtmäßigen Unternehmungen im Westen zu wünschen." Eva gab Mr. Bragg keine weitere Gelegenheit, seine Bewerbung wieder aufzunchmcn, sondern verbeugte sich und ließ den Advokaten allein. Mr. Dodgc, der aus der Ferne zugesehen hatte, eilte nun herbei, um seinen Freund über das Resultat zu befragen; denn es war zuvor im Geheim unter diesen bescheidene» Jünglingen ausgemacht worden, daß Jeder sein Glück bei der Erbin versuchen sollte, wenn etwa, wie zu erwarten stand, der erste Antrag nicht angenommen wurde. Zu SteadfastS großem Aerger und wahrscheinlich auch zur Ueberraschung des Lesers theilte AristobuluS seinem Freunde mit, daß Eva'S Benehmen und Sprache ihm volle Ermuthigung gegeben habe. „Sie dankte mir für den Antrag, Mr. Dodge," sagte er, „und ihre wiederholten Wünsche für mein künftiges Wohlergehen im Westen waren warm. Eva Efsingham ist in der That ein bezauberndes Geschöpf." „Im Westen? Vielleicht meint sie dies anders, als Ihr Euch vorstellt. Ich kenne sie wohl; das Mädchen ist voll Arglist." „Arglist, Sir? — sie sprach so einfach, wie ein Frauenzimmer nur sprechen kann, und ich wiederhole es Euch, daß ich in ihre« 380 Worten eine bedeutende Ermuthigung gesunden habe. Es ist etwas gar Liebliches, sich mit Eva Effingham so unverhohlen zu unterhalten." Mr. Dodge würgte seinen Verdruß hinunter, und bald nachher schiffte sich die ganze Gesellschaft ein, um nach dem Dorfe zurück- zukehren. Der Commodore und der General bedienten sich dabei ihres früheren BooteS, um ihre Verhandlungen über alles nur Erdenkliche in der Welt zu einem würdevollen Schluß zu bringen. Am nemlichen Abend noch erbat sich Sir George Temple- more Gehör von Mr. Efsingham, welcher sich allein in seinem Bibliolhekzimmer befand. „Ich hoffe von Herzen, dieses Gesuch ist nicht der Vorläufer Eurer Abreise," sagte der Letztere freundlich, als der junge Mann cintrat; „denn in diesem Falle würde ich in Euch einen Mann sehen, der unsere Erwartung getäuscht hat. Ihr habt, wenn auch nicht in Worten, so doch stillschweigend die Verpflichtung übernommen, noch einen weiteren Monat bei uns zuzubringen." „Weit entfernt, irgend eine so wortbrüchige Absicht zu hegen, mein theurer Sir, fürchte ich vielmehr, Ihr möchtet glauben, daß ich Eure Gastfreundschaft mißbrauche." Er theilte ihm sodann seinen Wunsch mit, daß ihm gestaltet werden möchte, Grace van Courtlandt als Gattin hcimzuführen. Mr. Efsingham hörte ihn mit einem Lächeln an, welches zeigte, daß ihm ein derartiges Anliegen nicht ganz unerwartet kam, und sein Auge glänzte, als er dem Bittsteller die Hand drückte. „Ich sage sie Euch von ganzem Herzen zu, Sir George," cntgegnete er; „aber vcrgeßt dabei nicht, daß Ihr ein zartes Gewächs in einen fremden Boden verpflanzt. Es gibt nicht viele von Euren Landsleuten, denen ich ein solches Vertrauen schenken möchte, denn ich weiß, welche Gefahr diejenigen laufen, die unpassende Verbindungen eingehcn." „Unpassende Verbindungen, Mr. Effingham?" „Ich weiß, die Eurige wird dies in der gewöhnlichen Bedeutung 381 des WoriS nicht scyn, denn was Alter, Gebart und Vermögen betrifft, so steht Euch meine liebe Nichte so gleich, als man dies nur verlangen kann; aber es ist nur zu oft eine unpassende Verbindung, wenn eine Amerikanerin die Gattin eines Engländers wird. Es hängt dabei so viel von dem Manne ab, daß ich, wenn ich weniger Vertrauen in Euch setzte, mit Recht Anstand nehmen müßte. Grace ist zwar volljährig, aber dennoch nehme ich mir das Privilegium eines Vormunds und lege Euch ernstlich den Rath ans Herz — achtet stets daS Vaterland der Frau, die Ihr für würdig gehalten habt, Euren Namen zu tragen." „Ich glaube, stets Alles geachtet zu haben, was in Beziehung zu ihr steht; aber wozu diese besondere Verwarnung? — Miß van Courtlandt ist in ihrem Herzen fast Englisch." „Eine zärtliche Gattin wird in solchen Dingen stets, dem Einflüsse ihres Gatten folgen; Euer Land wird das ihrige und Euer Gott ihr Gott scyn. Dennoch, Sir George Templemore, kann ein Weib von Geist und Herz nie das Land ihrer Geburt ganz vergessen. In England liebt man »nS nicht, und wer dahin übcr- fledelt, wird oft Gelegenheit finden, über das Land, aus dem er gekommen ist, Spottredcn und Sticheleien zu Horen." „Gütiger Gott! Mr. Effingham, Ihr glaubt doch nicht, ich werde meine Gattin in eine Gesellschaft bringen, wo —" „Habt Nachficht mit meinen prosaischen Bedenken, Templemore. Ich zweifle nicht, daß Ihr die beste Abficht habt und Alles thun werdet, was sich gebührt, — in der gewöhnlichen Bedeutung dieser Worte ncmlich; aber ich verlange von Euch mehr — ich wünsche, daß Ihr ein weises Verfahren einschlage» möchtet. Grace hegt jetzt eine aufrichtige Verehrung und Achtung vor England, und diese Gefühle, welche in vielen Theilen durch Thatsachen unterstützt find, werden Bestand haben; aber wie cS gewöhnlich bei jungen sanguinischen Leuten zu geschehen pflegt, wird in mancher Beziehung die Beobachtung Jrrthümer aufdecken, in welche man 382 sich durch die Begeisterung verlocken ließ. Sobald sie andere Länder näher kennen lernt, wird sie ihr eigenes mit günstigeren Blicken und mit mehr Umsicht beurtheilen; die Empfindlichkeit über Eigen- thümlichkeiten, die sie jetzt schätzt, wird sich verlieren und einer neuen Betrachtungsweise Raum geben. Aber auf die Gefahr hin, für selbstsüchtig gehalten zu werden, möchte ich auch noch beifügen, daß Ihr, im Falle Eure Gattin Heimweh kriegen sollte, sie am sichersten heilen könnt, wenn Ihr sie wieder nach dem Lande ihrer Geburt zurückbringt." „Ha, mein thenrer Sir," versetzte Sir George lachend, „dies sieht so ziemlich aus, wie ein Zugcständniß seiner Mängel." „Ich weiß wohl, daß es den Anschein hat, aber doch verhält sich die Sache anders. Die Kur ist gleich sicher bei Engländern, Amerikanern oder Deutschen, und beruht auf einem allgemeinen Gesetze, welches uns vergangene Freuden und ferne Schauplätze überschätzen, zugleich aber die Verhältnisse des gegenwärtigen Augenblicks unter ihrem Werth anschlagen läßt. Ihr wißt, ich habe stets behauptet, es gebe keinen eigentlichen Philosophen unter Fünfzig und keinen gediegenen Geschmack, der nicht die Probezeit von einem Dutzend Jahren überstanden hat." Mr. Esfingham klingelte jetzt und forderte Pierre auf, Miß van Conrtlandt zu chen, daß sie nach dem Biblivthekzimmer komme. Grace trat verschämt und erröthend ein, aber auf ihrem Antlitz strahlte innerer Friede. Ihr Onkel betrachtete sie einen Moment mit Innigkeit und abermals glänzte eine Thräne in seinem Auge, als er sie zärtlich auf die glühende Wange küßte. „Gottes Segen sey mit Dir, meine Liebe," sagte er. „Es ist ein bedeutungsvoller Wechsel für Dein Geschlecht, und doch geht ihr Alle ihn ein, mit den schönsten Hoffnungen und voll des edelsten Vertrauens. Nehmt sie hin, Templemore," er gab ihre Hand dem Baronet, „und behandelt sie mit Liebe. Ihr werdet uns nicht 383 ganz verlassen. Ich hoff-, euch beide noch einmal in dem Wigwam zu sehen, bevor ich sterbe." „Onkel, Onkel!" rief Grace, als sie sich unter einem Strome von Thränen in Mr. EfsinghamS Arme warf, „ich bin ein undankbares, unbesonnenes Mädchen, daß ich in dieser Weise alle meine natürlichen Freunde aufgeben kann. Ich habe unrecht gehandelt." „Unrecht? theuerste Miß van Courtlandt!" „Selbstsüchtig also, Sir George Templemore," fügte das Mädchen in edler Einfalt bei, denn sie wußte kaum, wie inhaltsvoll ihre Worte waren. „Vielleicht sollte die Sache doch noch einmal in Erwägung gezogen werden." „Ich fürchte, cS dürfte dadurch nicht viel gewonnen werden, meine Liebe," cntgegnete der Onkel lächelnd; indem er sich zu gleicher Zeit die Augen wischte. „In dergleichen Dingen dienen die späteren Gedanken der Frauenzimmer den ersten nur zur Bekräftigung. Gott segne Dich, Grace. Templemore, der Herr bewahre auch Euch in seiner heiligen Hut. Vergeht nicht, was ich gesagt habe — wir wollen dann morgen weiter über den Gegenstand sprechen. Weiß Eva davon, meine Nichte?" Grace erblaßte und erröthete, während sie zugleich verschämt auf den Boden sah. „Also müsse» wir nach ihr schicken," entgegnete Mr. Efsing- ham, indem er abermals nach dem Klingelzuge griff. „Onkel!" ries Grace hastig und noch in guter Zeit, ehe die Schnur angezogen wurde, „hätte ich eine so wichtige Frage vor meiner lhcuren Cousine geheim halten können?" „So finde ich, daß ich der Letzte bin, der davon erfährt, wie cS in der Regel alten Knaben zu ergehen pflegt, und ich glaube, daß ich sogar jetzt äo trog bin." Mr. Esfingham küßte Grace abermals liebevoll und verließ sodann das Zimmer, obschon sie ihn zurückzuhalten suchte. 33L „Wir müssen folgen," sagte Grace hastig, ihre Augen wischend und die Spuren der Thränen von ihren Wangen reibend, „entschuldigt mich, Sir George Templeinore; öffnet —" Er öffnete wirklich — aber nicht die Thüre, sondern seine Arme. Es war Grace wie einer Person, die schwindelnd an einem Abgrunde steht; aber als ste fühlte, daß der junge Baronct zur Hand war, um sie anfzufangen, mußte, statt daß ste augenblicklich das Bibllothekzimmer verließ, die Glocke zum Nachtessen entbieten, «he ste sich wieder an das erinnerte, was ste so dringend beabsichtigt halte. Eiittmdzwailzigsteü Kapitel. »An diesem Tage soll nicht Einer denken. Daß er zu HauS Geschäfte habe.' König Heinrich VIH. AaS warme Wetter, welches stets ein wenig hinter dem der unteren CountieS zurückblieb, war noch nicht in die Berge gedrungen, obschon die Jahreszeit bis in die erste Woche des Juli vorgerückt war. Das „Nnabhängigkeitsfest," wie der vierte dieses Monats von den Amerikanern genannt wird, war herangekommen, und die Templetoner boten wie gewöhnlich all ihren Witz ans, um diese Feierlichkeit mit der üblichen verständigen und sittlichen Weihe zu begehen. Der Morgen begann mit dem Paradezng einiger uniformirtcn Compagnieen aus der Umgegend; in den Straßen wurden viele Pfefferkuchen nebst Sproffcnbier consumirt, in den Gewürzläden ansehnliche Libationen von Whiskey gebracht, und in den Schenken erlitten alle Arten von Liqneuren, die znm Theil sehr ehrgeizige Namen trugen, dasselbe Schicksal. Man hatte Mademoiselle Biefville längst ans die große amerikanische Fete oder auf das amerikanische Nationalfcst aufmerksam gemacht; sie schmückte sich daher an diesem Morgen mit Hellen 385 Bändern und ihr leuchtendes seslenvolleS Antlitz war für den Anlaß mit einem besonders freundlichen Lächeln ausgestattet. Zu ihrem Erstaunen jedoch schienen ihre Gefühle nirgends Anklang zu finden; als daher die Gesellschaft im Wigwam vom Frühstücke aufstand, ersah sie die Gelegenheit, Eva ein wenig bei Seite zu nehmen und sie um eine Erklärung zu bitten. „lllst-oo guo ste me suis tnomgeo, ma, olröro?" fragte die lebhafte Französin; „ist heute nicht die Feier äe votre inäe- gonäanoe?" „Ihr irrt nicht, meine thenre Mademoiselle Biefville, und ihr zu Ehren sind große Vorbereitungen getroffen worden. Wie ich höre, wird eine militärische Parade, eine öffentliche Rede, ein Mittagsmahl und ein Feuerwerk stattsinden." „ÜIvnsioun votre gere?" „Ülonsieur man pere ist kein Freund von lärmenden Lustbarkeiten und genießt diese JahrcSfreude so ziemlich wie ein kränklicher Mensch seinen Morgentrank." „Llt monbleur ckean blftinxlinm?" „Ist stets ein Philosoph; von ihm darf man nicht viel Schaustellung erwarten." „Iklais oes jounes xens? ülonsieur Lraxx, ülonsivur von, Miß Effingham," versetzte er scharf und, wie er meinte, mit Würde; „in Amerika aber betrachten wir die Aufregung für das eigentliche NeinignngS« Element. Wir könnten eben so gut in der Tiefe eines Brunnens eine gesunde Luft suchen, als annehmen, daß die moralische Atmosphäre sich ohne die Winde der Aufregung klar und heilsam erhalten können. Was mich betrifft, Mr. Dodgc, so glaube ich, eS wäre gut, wenn Niemand mehr als zehn Jahre hinter einander Richter an demselben Gerichtshöfe scyn könnte und ein Geistlicher wird schon nach fünfen gemein und schaal. Ich räume zwar ein, daß cS Leute gibt, welche ein bißchen länger Stich halten, aber um eine reelle, lebendige, seelenrettende Wiedergeburt im Gang zu erhalten, sollte man in jeden, Kirchspiel jedenfalls einmal in fünf Jahren den Pfarrer wechseln. Dies ist wenigstens meine Meinung von der Sache." „Aber die Gesetze der Religion find unwandelbar, Sir," entgegnet-Eva; „die Art, wie sie verkündet werden, ist allgemein, und die Verheißungen, die Vermittlung und die Pflichten, welche sie in sich faßt, sind überall dieselben; ich sehe daher nicht ein, was Ihr durch einen so vielfachen Wechsel zu gewinnen hofft." „Je nun, Miß Effingham, wir wechseln bei Tisch die Teller, 407 und bei keiner Familie meiner Bekanntschaft geschieht dies öfter als in der Eures ehrenwerthen Vaters; es nimmt mich deshalb Wunder, wie Ihr etwas gegen mein System einwenden mögt." „Unsere Religion, Sir," antwortete Eva mit Ernst, „ist eine Pflicht — ste beruht auf der Offenbarung und auf dem Gehorsam; unsere Lebensweise aber ist weiter nichts als eine sehr unschuldige Sache des bloßen Geschmacks oder sogar der Laune, wenn Ihr so wollt." „Na, ich gestehe, daß ich keinen großen Unterschied sehe. Der Hauptzweck dieses Lebens besteht im Aufregen des Volkes und im Fortschritt. Ihr wißt vermuthlich, Miß Effingham, daß viele Leute der Ansicht sind, wir sollten unseren eigenen Pfarrer wechseln, wenn wir Segen für die Gemeinde erwarten." „Ich würde eher glauben, daß einer so herzlosen Handlung ein Fluch folgen müßte, Sir. Unser Geistlicher befindet sich bei uns, seit er die Pflichten seines heiligen Amtes angetreten hat, und es ist nicht wohl anzunehmen, daß Gott gnädig niederschaueu könnte ans einen so selbstsüchtigen launenhaften Schritt, für den man keinen besseren Beweggrund als den Wunsch nach etwas Neuem namhaft zu machen vermag." „Ihr seyd in Betreff des Zweckes im Jrrthum, Miß Eva, denn dieser besteht darin, das Volk aufzustören — freilich eine hoffnungslose Aufgabe, wie ich fürchte, so lang man stets unter demselben Prediger sitzt." „Man hat mich belehrt, Mr. Bragg, die Frömmigkeit wachse unter der Beihülfe des heiligen Geistes, der »nS in allen unfern guten Vornehmlingen unterstütze und bekräftige; ich kann mich daher nicht überzeugen, daß die Gottheit zur Rettung einer Seele eines jener menschlichen Mittel für nöthig halte, durch die man Städte verheert, Wahlen entscheidet oder einen Pöbelauflauf anzettelt. Wie ich höre, sind in diesem Lande bei mancherlei Sekten ganz außerordentliche Scenen beliebt; aber ich hoffe, nie den Tag zu erleben, an welchem die ehrwürdige, nüchterne, apostolische Kirche, in deren Glauben ich heranwuchs, den Versuch machen wird, dem Wirken der göttlichen Macht durch unheilige, menschliche Künsteleien Vorschub zu lhun." Doch dies waren lauter böhmische Dörfer für die Herren Dodge und Bragg, welche sich in Förderung ihrer Zwecke so sehr an das „Aufstören des Volks" gewöhnt hatten, daß ihnen nie zu Sinne kam, der Mensch handle nur um so unvernünftiger, je aufgeregter er sey. Die fanatischen religiösen Sekten, welche zuerst Amerika bevölkerten, hatten viel dazu beigetragen, ihren Nachkommen über derartige Dinge falsche Ansichten beizubringen; denn während in der alten Welt das Christenthum in der Regel mit de» Negierungen im Bunde steht und von seinem großen Ziele abgclenkt wird, um als Werkzeug des Ehrgeizes, der Habgier und der Selbstsucht zu dienen, war es der neuen Welt beschieden, an sich die Rückwirkung derartiger Mißbräuche zu erfahren und fast in eben so viele entgegengesetzte Fehler zu verfallen. Die beiden eben erwähnten Personen waren in der Schule der provinzialen religiösen Ansichtenserzogen worden, welche bei einem Theile der Amerikaner so sehr in Gunst steht, und boten einen augenfälligen Beleg für die Wahrheit deS Sprichworts: „der Apfel fällt nicht weit vom Stamme;" denn ihr gemeinschastlichcr Charakter — gemeinschaftlich wenigstens in diesem individuellen Punkte — bestand aus einem seltsamen Gemisch deS beschränktesten Aberglaubens und der engherzigsten religiösen Vor- urtheile, nebst einer kräftigen Würze von Betrug, Gemeinheit und Lasterhaftigkeit. Mr. Bragg war zwar ein besserer Mann, als Mr. Dodge, denn er besaß mehr Selbstvertrauen und Mannhaftigkeit; sobald übrigens sein christlicher Glauben in Frage kam, so zeigte er dieselben maßlosen Widersprüche — denn es gab bei Beiden einen gemeinsamen Sündenberührungspunkt, nach welchem sie, einfach aus Mangel an Erziehung und Geschmack, eben so unwandelbar hinstrebten, als die Magnetnadel nach dem.Pol sich wendet. In 409 Mr. EsfinghamS Besuchzimmer fanden nicht selten Kartenspiele Statt, und in einem der Gemächer stand ein Billard-Tisch; die beiden frommen Herren ergingen sich daher oft bei Seite in beißenden Stichelreden über dieses auffallende Beispiel von Jimnoralität in in einer Familie von so hohen moralischen Ansprüchen und pflegten ihre Erörterungen damit zu schließen, daß fl- sich nach irgend einem abgeschiedenen Stübchen im WirthShause begaben, wo sie, nachdem sie sorgfältig die Thüre geschloffen und die Vorhänge niedergelassen hatten, Branntwein auftischen ließen und sich ein Erholungsstündchen machten, indem sie zugleich allen ihren Witz aufboten, um sich gegenseitig vermitttclst eines kleinen Karlenspielchens die ungeraden SechSpcncestückc abzunchmen. Bei der gegenwärtigen Gelegenheit übrigens übte Evas Ernst einen beschwichtigenden Einfluß aus das Gewissen der beiden Ehrenmänner, denn da die liebliche Stimme unserer Heldin stets den Ton einer Dame von Bildung einhielt, so verfehlte die Milde und Weichheit derselben ihres Eindruckes nicht. Hätte sich allenfalls John Esfingham in einer Weise wie sie geäußert, so würde Mr. Bragg wahrscheinlich eine Antwort versucht haben; unter den obwaltenden Umständen aber zog er eS vor, seine Verbeugung zu machen und in Gemeinschaft mit seinem Gefährten den nächsten besten abweichenden Pfad einzuschlagen. Eva und Paul dagegen setzten ihren Spaziergang fort, als ob gar keine Unterbrechung stattgefunden hätte. „Diese Lust zum Wechsel wird im Land immer allgemeiner," bemerkte Mr. Powis, sobald AristobuluS und sein Freund sie verlassen hatte, „und ich halte sie für eines der schlimmsten Zeichen der Zeit, um so mehr, da man sie so gerne mit der sogenannten ,Aufregung* in Verbindung zu bringen pflegt." „Kehren wir wieder zu dem Thema zurück, in welchem uns diese Gsntlemen unterbrochen haben — zu den Familienbandcn," versetzte Eva. „Ich habe stets England als eines der schlagendsten Beispiele einer Nation namhaft machen hören, bei welcher diese Bande, abgesehen von dem aristokratischen Einflüße, sehr locker geknüpft sind, nnd es sollte mir leid thun, wenn wir, wenigstens in diesem Punkte, unserer großen Mutter folgten." „Hat sich Mademoiselle Viefville nie über diesen Gegenstand ansgesprochen?" „Mademoiselle Viefville ist zwar sehr dienstwillig, aber auch vorsichtig. Daß sie übrigens die Verwandtenliebe in Amerika für so innig hält, wie die in ihrem eigenen Lande, glaube ich nicht, da sie, gleich den meisten Europäern, die Amerikaner für ei» leidenschaftsloses Volk hält, welches mehr auf den Gewinn, als auf irgend eine andere Angelegenheit des Lebens erpicht ist." „Sie kennt uns nicht!" entgegnete Paul mit einer Kraft, daß Eva darüber betroffen wurde. „Die Leidenschaften liegen hier so tief und laufen in so kräftigen Strömen, wie in jedem anderen Theile der Welt, obgleich sie weniger häufig die Schranken der Gebühr durchbrechen, da es bei uns nicht so viele künstliche Ursachen gibt, welche sie eindämmen." Die Beiden wandelten fast eine Minute schweigend weiter, und Eva begann zu wünschen, daß sich Jemand von der übrigen Gesellschaft ihnen anichließen und eine Unterhaltung unterbrechen möchte, die, wie sie fühlte, bedrückend zu werden anfing. Es kam ihnen jedoch Niemand in den Weg, und sie sah kein Mittel, ohne Rohheit oder Ziererei ihren Zweck zu erreichen. Paul war zusehr von seinen eigenen Gefühlen hingerissen, um die Verlegenheit seiner Begleiterin zu bemerken, und nach der vorerwähnten kurzen Pause nahm er das Gesprächsthema wieder auf, vbschon in einer weniger emphatischen Weise, als zuvor. „Es ist eine alte, in Europa sehr beliebte Theorie," sagte er mit einer Art bitterer Ironie, „daß alle Geschöpfe dieser Hemisphäre schlechter begabte Wesen sehen, als die in anderen Welttheilcn, und inan hat dieser Vorstellung noch immer nicht los werden können. Den Indianer hält man für leidenschaftslos, weil er Sclbstbe- 411 herrschung besitzt, »nd wen» er nach europäischen Begriffen die Gefühle einer edle» Natur zur Schau legte, sa wurde es bei ihm als Wildheit und Nachsucht dargestcllt. Miß Effingham, wir Beide haben Europa gesehen und mit den Weisesten, Edelsten und Besten dieses ContinentS Umgang gepflogen. Ich will hier nicht von den unmittelbaren Resultaten ihrer künstlichen und ausgcbreiteten Systeme sprechen; aber können sie sich einer Sache rühmen, die dem Amerikaner versagt ist — oder vielmehr ihm versagt seyn würde, wenn er die Mannhaftigkeit und geistige Unabhängigkeit besäße, sich den Mitteln, die ihm das Glück angewiesen, gleich zu stellen?" »Ihr scheint, fürchte ich, zu glauben, daß ihm diese Eigenschaften abgehen." „Wie kann man ein Volk unabhängig nennen, das seine Gedanken einführt, wie fremde Maaren — das nicht einmal den Geist besitzt, seine eigenen Vorurtheile zu erfinden?" „Man muß der Gewohnheit und dem Einflüße der Zeit etwas zu Gute halten. England selbst hat wahrscheinlich manche seiner falschen Ansichten von den Sachsen und Normannen geerbt." „Dies ist nicht nur möglich, sondern sogar wahrscheinlich; aber wenn sich England etwa in Beziehung auf Rußland, Frankreich, die Türkei oder Egypten zu einer ungerechten Beurtheilung verlocken läßt, so geschieht es in dem eigenen, nicht aber in einem amerikanischen Interesse. Seine Jrrthümcr werden wenigstens einigermaßen wieder gut gemacht, indem sie den eigenen Zwecken dienen, während die unsrigen nur zu oft mit dem Wvhle unseres BaterlanvS in Widerstreit gerathcn. Wir sind nie unabhängig, es scy denn, daß wir durch irgend eine platte, drückende Geldsorgc gespornt werden, und selbst dann vcrräth dieses Gefühl einen sehr ordinären Charakter. — Doch da ist augenscheinlich Jemand, der nicht zu unserer Gesellschaft gehört." Paul unterbrach sich in dieser Weise, weil er eines Fremden ansichtig wurde, der mit der Unschlüssigkeit eines Menschen, welcher 412 nicht weiß, ob er weiterschrciten oder zurückgehen soll, ihnen näher kam. ES fielen oft Raketen in den Garten, und die Knaben hatten etlichemal Einfälle gemacht, die um des Anlasses willen geduldet wurden; aber dieser Eindringling war ein Mann auf der Neige des Lebens, anscheinend ein Handwerksmann, und konnte unmöglich etwas mit den Raketen zu schaffen haben, da sich seine Augen forschend gegen die von Zeit zu Zeit vorübergehenden Personen hinwandten, ohne daß er übrigens eine davon angeredet hätte, bis er endlich vor Paul und Eva in einer Weise hintrat, welche bekundete, daß er etwas vorzubringen habe. „Das junge Volk macht sich eine lustige Nacht heute," sagte er, die Hände in den Rocktaschen haltend, während er ohne Umstände mitten im Wege stehen blieb, als sey er entschlossen, sich nicht abweisen zu lassen. Obschon Paul das unceremoniöse Benehmen der Landlcute zu gut kannte, um sich über diese Aufdringlichkeit zu wundern, ärgerte er sich doch, daß sein töte ir töte mit Eva so roh unterbrochen wurde; er antwortete daher mit einem stärkeren Ausluge von dem Stolze und der Abgcmeffenheit des Schiffseommandeurs, als wohl sonst der Fall gewesen wäre, indem er dem Sprecher kalt entgegnete: „Vielleicht wünscht Ihr Mr. Esfingham oder" — ec stockte einen Augenblick, während er zugleich das Aussehen des Fremden musterte — „Jemand von seinen Leuten zu sprechen. Der Elftere wird bald hier vorbeikommen, und die Dienerschaft findet Ihr größtcntheils in dem Hof, wo sie den Raketen zufieht." Der Mann betrachtete Paul einen Augenblick und nahm dann achtungsvoll seinen Hut ab. „Entschuldigt, Sir, könnt Ihr mir nicht sagen, ob sich gegenwärtig ein Gentleman, Kapitän Truck genannt, der zwischen New- Dork und England ein Paketschiff befehligt, im Wigwam aufhält?" Paul erwiederte ihm, der Kapitän gehe mit Mr. Esfingham spazieren, und die beiden würden demnächst hier vorüberkommen. 413 Der Fremde trat, ehrerbietig den Hut in der Hand behaltend, zurück, und unser Pärchen ging vorüber. „Dieser Mensch ist ein englischer Bedienter gewesen; aber die Gegenwirkung einer schrankenlose» Freiheit, die ihn verlockte, ganz nach Belieben zu handeln, hat ihn ein bißchen verderbt. In seinem ,Entschuldigt, Sir* und iu seiner Haltung kann man sich kaum täuschen, während die Nonchalance seines Wesens ,ir nou« -rbor- «ler*, deutlich die zweite Ausgabe seiner Erziehung bekundet." „Ich bin neugierig, zu erfahren, was diese Person von unsrem trefflichen Kapitän will; er kan» kaum zu der Mannschaft dcS Montauk gehören." „Ich stehe dafür, der Bursche hat nicht genug von einem Matrosen an sich, um nur ein Tau zu schlingen," versetzte Paul lachend; „denn wenn es zwei Beschäftigungen gibt, die weniger Verwandtschaft mit einander haben, als jedes andere Paar, so bestehen diese sicherlich in der Bedienung der Speisekammer und in der dcS Theercimer,'. Ich glaube, es wird sich Herausstellen, daß dieser Mann ein englischer Bedienter gewesen ist, und wahrscheinlich war er mit seinem Gebieter Passagier an Bord eines Schiffes, das unter den Befehlen unsres alten Freundes stand." Eva und Paul wandten sich jetzt um und trafen mit Mr. Efsingham und dem Kapitän zusammen, als Letztere an derselben Stelle anlangten, wo der Fremde sie erwartete. „Dies ist Kapitän Truck, der Gentleman, nach dem Ihr Euch erkundigt habt," sagte Paul. Der Fremde faßte den Kapitän und der Kapitän den Fremden scharf ins Auge, denn es war nachgerade so dunkel geworden, daß sich Gesichtszüge nicht leicht unterscheiden ließen. Die Musterung schien wechselseitig zu keinem befriedigenden Resultate zu führen, da beide ein wenig zurücktraten, gleich Männern, welche nicht das bekannte Gesicht gefunden haben, das sie erwarteten. „So muß cS also zwei Mr. Trucks geben, welche die Lon- doner Linie als Kapitäne befahren/' sagte der Fremde, „denn dies ist nicht der Gentleman, den ich sonst kannte." „In dem letzteren Thcil Eurer Bemerkung mögt Ihr wohl so Recht haben, mein Freund, als Ihr in dem ersteren irriger Meinung seyd," entzegnete der Kapitän. „Ich kenne Euch nicht, und doch gibt eS eben so wenig zwei nach England fahrende Kapitäne, die Truck heißen, als sich in der ganzen Welt zwei Miß EffinghamS oder zwei MrS. HawkerS auffinden lassen. Ich bin John Truck, und kein anderer Mann dieses Namens hat, in meiner Zeit wenigstens, je ein Schiss zwischen New-Vork und England gesegelt." „Scyd Ihr nie Commandcur des Dawu gewesen?" „DcS Dawn? Ja wohl; und des ReguluS und des Manhattan und der Wilfnl Girl und der Debora Angelina und der Sukey und Katy, die, wie ich wohl sagen kann, meine erste Liebe war, theure junge Dame. Sie war nur ein Vor- und Hinterschiff, das nicht einmal stehende Marssegel führte, und wir benannten sie nach zwei Flnßmädchen, die in ihrer Art gleichfalls Flieger waren — wenigstens glaubte ich damals so, denn wenn einmal ein Paketlchiff segelt, kömmt man wohl so weit, seine Ansichten über Männer und Dinge, oder, was dies betrifft, auch über Weiber und Dinge zu ändern. Ich gerieth mit diesem Schooner in eine Categorie, dergleichen ich nie eine mehr zu erleben erwarte, denn ich wurde darin windwärts an die Küste getrieben. Ihr begreift freilich nicht, meine theure junge Dame, was dies heißen will, aber Mr. PowiS wird mich Wohl verstehen, obschon er vielleicht nicht im Stande ist, es zu erklären." „Ich weiß allerdings, was Ihr meint," entgcgncte Paul, „obgleich ich gestehen muß, daß ich mich so gut als der Schooner in einer Categorie befinde, sofern ich mir denken soll, wie es zuging." „Die Sukey und Kaly lief mit mir davon — dies ist das Ende der ganzen Geschichte. Seit dieser Zeit habe ich mich nie 415 wieder dazu hergegeben, ein Schiff zu kommandiren, das nach Zweien von unseren jungen Frauenzimmern am Fluß den Namen trug, denn ich glaube, daß schon eine derselben einem ehrlichen Matrosen genug zu schaffen machen kann. Ihr seht, Mr. Effingham, wir liefen so dicht, als es nur bei einem Wirbelwind gehen konnte, an einem Luvuser hin; da kam ein Windstoß, legte das Fahrzeug auf die Seite, und cS luvte plumps aufs Gestade. Da war nicht mehr zu helfen! Steuer hart auf, Piek nieder, die Hauptscholen gegen den Wind und die große Schote los — aber cS war Alles zu spät; die Sukey und Katy ging todt windwärts an die Küste. Ohne diesen Zufall wäre ich vielleicht in den Ehestand getreten." „Und welche hindernde Beziehung konntet Ihr zwischen dem Ehstand und diesem Unfall finden, Kapitän?" fragte Eva. „ES lag eine Mahnung darin, meine theure junge Dame, die ich nicht verachten zu diu sei, glaubte. Nachher versuchte ichs mit der Witsul Girl, aber auch sie wurde mit mir auf die Balken- cnden geworfen. Ich verzichtet- fortan ans alle Weibernamen und griff zu den Egyptiern." „Zu den Egyptiern?" „Ja, zu dem NeguluS, welcher, wie man mir sagte, in jenem Theil der Welt ein großer Schlangcutödter war. Als Junggeselle sah ich übrigens meinen Weg nie ganz klar, bis ich an das Dawn kam. Habt Ihr jenes Schiff gekannt, Freund?" „Ich glaube, denn ich machte, während Ihr es kommandirtet, zwei Fahrten darin." „Sehr möglich; wir haben viel: Eurer Landsleute geführt, obschon meist vorderhalb von den Gängen. ES ist schon mehr als zwanzig Jahre her, daß ich den Dawn kommandirte." „Um dieselbe Zeit setzte ich mit Euch über, Sir: Ihr erinnert Euch vielleicht, daß wir zehn Tage nach unserer Ausfahrt auf ein Wrack trafen und die Mannschaft desselben nebst zwei Passagieren 416 aufnahmen. Drci oder vier der Letzteren, wie auch mehrere von den Matrosen waren das Opfer ihres NothstandeS geworden." „Alles dies ist mir, als wäre eS erst gestern geschehen. Das Wrack war ein Charlestoner Schiff, dem eine Bohle geborsten war." „Ja, Sir — ja, Sir; die Bohle war abgeknickt und konnte nicht wieder eingefügt werden. Just dies hatte man damals gesagt. Ich bin David, Sir — ich sollte meinen, daß Ihr den David nicht vergessen konntet." Der ehrliche Kapitän wollte dem harmlosen Gefühl von Wichtigkeit, welches sich der Andere beilegte, nicht zu nahe treten, obschon er in Wahrheit sich des Davids vom Dawn so wenig als des Judenkönigs David erinnern konnte. „Oh, David," rief er herzlich; „Ihr scyd also der David? Na, ich hoffte nicht, Euch in dieser Welt wieder zu sehen, obschon ich nie einen Zweifel unterhielt, wohin wir in der andern kommen werden. Ihr befindet Euch doch hoffentlich recht wohl, David. Welche Art Luv habt Ihr angethan, seit wir »nS trennten? Wenn ich mich recht erinnere, so habt Ihr Eure Uebcrfahrt abverdient — nie zuvor zur See gewesen?" „Ich bitte um Verzeihung, Sir; allerdings war ich damals zum erstenmal auf der See, aber ich gehörte nicht zur Mannschaft. Ich war ein Passagier." „Ah, ich erinnere mich jetzt; Ihr wart in dem Zwischendeck," entgegncte der Kapitän, der jetzt einiges Licht bekam. „Durchaus nicht, Sir, sondern in der Kajüte." „In der Kajüte?" wiederholte der Kapitän, welcher in dem Aeußeren des Andere» keines von den Erfordernissen eines Kajüten- PaffagierS entdecken konnte. „Ah, ich verstehe — in der Speisekammer ?" „Ganz richtig, Sir. Ihr werdet Euch noch meines Herrn erinnern — er hatte das Paffagiergemach links ganz allein, und ich hatte meine Schlafstelle neben der Lucke. Ihr erinnert Euch meines Herrn, Sir?" „Ohne Zweifel; er war ein recht wackerer Mann. Hoffentlich seyd Ihr noch immer bei ihm?" „Gott behüte, Sir; er ist tobt." „Ja, ich entsinne mich, damals davon gehört zu haben. Na, David, ich hoffe, wenn Ihr je wieder überfahrt, werden wir noch einmal Schiffskameraden werden. Wir waren damals noch Anfänger, aber jetzt haben wir Schiffe, in denen man des Lebens auch froh werden kann. Gute Nacht!" „Könnt Ihr Euch noch auf Dowse entsinnen, Sir, den wir von dem Wrack bekamen?" fuhr der Andere fort, der sein Geplauder nicht so bald abbrechen mochte. „Er war ein schwärzlicher Mann, den die Pocken schlimm mitgenommen hatten. Ich denke, Sir, Ihr müßt Euch seiner erinnern, denn er hatte auch in anderen Stücken, als im Gesichte, seine harten Züge." „Etwas kicselherzig. Ja, ich entsinne mich des Mannes Wohl; und nun gute Nacht, David. Wenn wir wieder in der Stadt sind, so werdet Ihr kommen und mich besuchen. Gute Nacht, David." David sah sich jetzt genöthigt, abzutreten, denn Kapitän Truck bemerkte, daß sich in Folge der Unterbrechung deS Spaziergangs die ganze Gesellschaft wieder gesammelt hatte, und hielt es für schicklich, seinen Besuch zu entlassen, um so mehr, da er von ihm, seinem Herrn und Dowse just so viel im Gedächtniß behalten hatte, als man nach zwanzig Jahren noch von einer Gesellschaft weiß, mit der man einmal in einer gewöhnlichen Postkutsche gefahren ist. Das Erscheinen von Mr. Howel, der sich in dem gleichen Augenblick näherte, unterstützte das Manöver, und nach einigen Minuten waren die verschiedenen Gruppen wieder in Bewegung, odschon in der Bertheilung derselben da und dort ein kleiner Wechsel stattgefunden hatte. 8va Effinghani. 27 418 Dreiundzwanzigstcs Kapitel. Wie silberhell kliiiqt Nachts des FrcicrS Stimme Und dringt, gleich lieblicher Musik, zu,» Ohr. Romeo und Julie. Ein armseliges Ding dieses Feuerwerk da," sagte Mr. Howel, der sich mit dem Taktmangel eines alten Junggesellen Eva und Paul auf ihrem Spaziergänge angeschlossen hatte. „Die Engländer würden famoS darüber lachen, kann ich mir denken. Habt Ihr Sir George nichts darüber äußern hören. Miß Eva?" „ES würde für einen Engländer große Ziererei sehn, wen» er die Feuerwerke was immer für eines trockenen ClimaS verspotten wollte," versetzte Eva lachend, „und ich stehe dafür, wenn Sir George Templcmore über den Gegenstand schwieg, so geschah cs aus dem einfachen Grunde, weil er sich selbst sagen muß, daß er wenig davon weiß." „Na, dies ist doch seltsam! Man sollte denken, England sey das allererste Land in der Welt, was Feuerwerk betrifft. Ich höre. Miß Eva, daß es dem Baronet im Ganzen ziemlich gut unter uns gefällt, und ich muß sagen, daß er nachgerade in Temple- ton sehr populär wird." „Ein Engländer kann in Amerika sehr leicht populär werden," bemerkte Paul, „namentlich wenn er den höheren Ständen an- gehört. Er braucht nur zu erklären, daß ihm Amerika gefalle; im Gegentheil aber kann er eben so sicher aus einen recht herzlichen Haß zählen." „Wäre Amerika hierin von was immer für einem anderen Lande verschieden?" fragte Eva rasch. »Allerdings nicht viel, denn Liebe erzeugt Liebe, während Abneigung wieder Abneigung zur Folge hat. Hierin liegt nichts Neues; aber die Bewohner anderer Länder haben noch Selbst- 419 vertrauen und spüren nicht so empfindlich danach, was Andere von ihnen denken. Ich glaube, hierin besteht der ganze Unterschied." „Aber Sir George findet einigen Gefallen an uns?" fragte Mr. Howel mit Thcilnahme. „Bei gewissen Personen ist dies sogar in sehr hohem Grabe der Fall," entgegnete Eva. „Wißt Ihr nicht, daß Grace in Balde MrS. — nein, ich muß um Verzeihung bitten — Lady Templemore werden soll?" „Gütiger Gott — ists möglich — Lady Templemore — Lady Grace Templemore?" „Nicht Lady Grace Templemore, sondern Grace Lady Templemore und gnädige Lady Templemore obendrein." „Und wie ich höre, meine theure Miß Eva, so habt Ihr diese Ehre znrückgcwiesen." „Dann seyd Ihr unrecht berichtet, Sir," antwortete die junge Dame Etwas betroffen über diese plötzliche, plumpe Bemerkung, ohne daß sie übrigens dadurch gehindert wurde, allen Betheiligtcn Gerechtigkeit widerfahren zu lassen. „Sir George hat mir nie die Ehre erwiesen, mir einen Antrag zu machen, folglich konnte sie nicht abgelehnt werden." „Dies ist ganz außerordentlich; ich höre doch, daß Ihr schon in Europa mit einander bekannt wäret?" „Dies verhält sich allerdings so, Mr. Howel; aber ich habe in Europa Hunderte von Personen kennen lernen, die sichs nie einsallen ließen, mich aufzufordern, daß ich sie heirathen solle." „Dies ist seltsam — ganz unerwartet. Miß van Courtlandt zu heirathen! Ist Mr. John Effinghani im Garten?" Eva gab keine Antwort, aber Paul erwiederte hastig: „Ihr werdet ihn, glaube ich, im nächsten Gange finden, wenn Ihr etwas zurückgeht und den ersten Pfad links einschlagt." Mr. Howel that, wie ihm geheißen wurde, und war bald außer Sicht. 420 »Dieser Mann glaubt sehr andächtig an die englische Ueber- legenheit und, wie man wohl sagen möchte, auch an englisches Verdienst, wenn man aus seinem lebhaften Wunsche, Euch einen englischen Gatten zu geben, einen Schluß ziehen darf." »ES ist der schwache Punkt im Charakter des Ehrenmanns. Wie ich höre, waren derartige Individuen noch vor dreißig Jahren weit häufiger in Amerika zu finden, als es heutzutage der Fall ist." „Ich will dies gerne glauben, denn ich erinnere mich, selbst auch einige derartige Charaktere gekannt zu haben. Aus dem Munde Aelterer, als ich bin, habe ich übrigens einen ähnlichen Unterschied zwischen dem Zustand der Gefühle, wie er vor vierzig Jahren herrschte, und wie er heute besteht, machen hören. Sie sagen, England habe früher absolut und despotisch in allen Fällen, welche nicht gerade die Interessen der beiderseitigen Nationen betrafen, für Amerika gedacht, und außerdem stellten Männer, welchen in dieser Sache ein Urtheil zusteht, die Behauptung aus, der Einfluß der Gewohnheit scy so mächtig gewesen und durch die Ränke der politischen Leiter Englands so erfolgreich unterstützt worden, daß sogar Viele von denen, welche für Amerika'S Unabhängigkeit kämpften, in die Rechtmäßigkeit des Streites Zweifel setzten, wie man ja auch von Luther weiß, daß er in Augenblicken des Klein- muthS selbst mit sich nicht im Klaren war, ob sein NeformationSwerk auch wirklich ein Werk Gottes sey. In letzter Zeit ist das Anlehnen an England weniger das Resultat einfacher geistiger Abhängigkeit— obschon leider noch genug davon vorhanden ist — sondern mehr der Berechnung und deö Wunsches einer gewissen Classe, die Macht der Masse zu brechen und an ihre Stelle die Herrschaft Weniger zu setzen." »ES wäre in der That eine befremdliche Vollendung der Geschichte dieses Landes, wenn sie mit Herstellung der monarchischen Verfassung schlöße." „Ohne Zweifel tauchen da und dort in Amerika einzelne Mo- 421 narchisten auf, obschon sic fast ausschließlich einer Claffe angehören, welche die Welt nur durch die Brille der Einbildungskraft oder der Bücherweisheit sehen; dagegen neigt sich die Stimmung unserer Zeit mehr der Aristokratie als der Monarchie zu. Die meisten Reichgewordenen müssen dir Entdeckung machen, daß sie nm ihres Besitz- IhumeS willen nicht glücklicher sind, und vielleicht befindet sich Jeder, der nicht zu einem gebührenden Gebrauche seiner Mittel erzogen und vorbereitet wurde, in dieser Categorie, wie es unser Freund, der Kapitän nennen würde; sie fangen dann an, sich nach einer andern, noch unversuchten Auszeichnung zu sehnen. Das Beispiel der übrigen Welt war schon vor unserem eigenen Wohlstand vorhanden, und saute ä'imaA.ination ahmt man nach, weil man nicht erfinden kann. Auch ist eine ausschließende politische Gewalt eine große Beihülfe beim Anhäufen von Gold, und Biele sehen dieß ein, obgleich ich vermuthe, daß sich weit mehr nach den Eitelkeiten der ausschließenden Klaffen, als nach ihrem Wesen sehnen. Im Allgemeinen ist Euer Geschlecht, Miß Esfingham, nicht über diese letztere Schwäche erhaben, wie Ihr Wohl in Eurem Verkehr mit denen, die Ihr auf Reisen traft, oft bemerkt haben müßt." „Allerdings traf ich hin und wieder auf Beispiele einer derartigen Schwachheit," versetzte Eva mit der Zurückhaltung und dem Stolze eines WeibeS, „aber gewiß nicht auf mehr, als ich unter den Männern gefunden habe; dagegen kommt dergleichen selten vor unter Personen, die wir in ihrer Heimath als Leute von Stand zu betrachten gewöhnt sind. Die Selbstachtung und ihre Lebensweise bewahrt sie in der Regel vor Kundgebung dieses Charaktersehlers, wenn er überhaupt auch vorhanden wäre." „Die im Auslande reisenden Amerikaner zerfallen in zwei große Klaffen, in solche, welche auswärts Ausbildung in Wissenschaften und Künsten suchen, und in solche, denen eS bloß um Vergnügung zu thun ist. Im Ganzen sind mir die Elfteren stets als sehr acht- 422 bar erschienen, welche sich eben so fern hielten von äffischer Ser- vililät, als von poltronirender UeberlegenheitSanmaßung; dagegen fürchte ich, daß die Mehrzahl der Letzteren sich in unangenehmer Weise zu den Eitelkeiten der Welt hinneigt." „Ich will nicht das Gegentheil behaupten," versetzte Eva, „denn Leichtfertigkeit und Genußsucht kleben einem gewöhnlichen Sinne nur zu fest an. Jndeß möchte ich doch glauben, daß die Zahl derer, welche die Zierden des Lebens wegen ihres inneren Werlhes schätzen, überall nur klein ist, und eS fragt sich, ob hierin Europa vor uns einen Vorthcil hat." „Wohl möglich; und doch kann ich in einem Faste, wo so viel von dem Beispiel abhängt, nur bedauern, daß der Ton unseres Volkes den Thatsachen nicht besser entspricht. Ich weiß nicht, ob Euch dieselbe» Eigenthümlichkeiten ausgefallen sind; aber so oft ich mich in der Stimmung fühlte, monarchische und aristokratische Doctrinen blindlings verbreiten zu hören, pflegte ich mich »ach der nächsten amerikanischen Gesandtschaft zu begeben." „Ich habe dieß oft und sogar von Fremden berühren hören," cntgegnete Eva, „und gestehe, daß mir diese Behauptung stets als befremdlich aufgefasten ist. Warum sollte der öffentliche Geschäftsträger einer Republik mit einer Schaustellung seiner antirepnblika- nischen Gesinnung prunken wollen?" „Ich gebe zu, daß auch Ausnahmen vorhanden sind, obschon ich nach der Erfahrung vieler Jahre ehrlich sagen muß, daß die Sache sich in der Regel so verhält, wie ich angedeutet habe. Meiner eigene» Ansicht oder meinem BeurtheilungSvermögen würde ich noch obendrein nicht einmal ganz trauen, wenn nicht Andere, welche eben so gut zu beobachten Gelegenheit hatten, zu dem gleichen Schluffe gekommen wären. So habe ich erst kürzlich einen Brief aus Europa erhalten, in welchem sich mein Correspondcnt beschwert, daß ein amerikanischer außerordentlicher Gesandter, welcher eben so bald daran denken würde, sich selbst in Anklagestand zu versetzen, als in 423 bcr Heunath dergleichen Gesinnungen offen auszusprechen — sich gegen die Wirkungen eines der gewöhnlichsten und populärsten Züge in der amerikanische» Staatsverwaltung erklärt habe, und dies noch obendrein unter Umständen, von denen sich naturgemäß erwarten ließ, sie dürften bei seinen Zuhörer» praktische Folgen nach sich ziehen." ,,1'irnt xis. Mir ist dies unerklärlich!" „Es läßt sich wie jedes andere Problem lösen, Miß Efstngham. In gewöhnliche» Zeiten können sich außerordentliche Männer selten hervorthn», denn die Gewalt geht eben in die Hände verschmitzter Ränkeschmiede über. Nu» verleiten wahrscheinlich dieselben Eitelkeiten und kleinlichen Wünsche, die sich in glänzenden Uniformen, knabenhaften Zierereien und ungeschickten Nachahmungen anderer Systeme knnd geben, mehr als die Hälfte von denen, welche auswärtige Gesandtschaftsposten ausfüllen, zur Bewerbung um diese Stellen, und es darf uns nicht Wunder nehmen, wenn der wahre Charakter an'S Licht tritt, sobald keine Heuchelei mehr nothwendig wird." „Aber ich sollte meine», diese Nothwendigkeit der Heuchelei werde nie aufhören! Kann es möglich seyn, daß ein Volk, welches seinen Institutionen so sehr zugethan ist, wie bekanntlich die große Masse der amerikanischen Nation, ein so schnödes Aufgeben alles dessen, was sie liebt, dulden sollte?" „Wie sollte sie etwas davon erfahren? Es ist eine auffallende Thatsache, daß es im gegenwärtigen Augenblick einen Mann gibt, welcher weder durch geistige Vorzüge, noch durch Grundsatzfestigkeit verdient, im Ausland ein öffentliches Amt zu erfüllen; dieser Mensch erklärt sich nicht nur bei asten Anlässen, sofern er nicht glauben muß, daß das amerikanische Volk unmittelbar Kunde davon erhalte, gegen die herrschenden Principien unseres Gouvernements, sondern hat sogar in einem kürzlichen Streite mit einer fremden Nation geradezu Partei gegen diese Grundsätze ergriffen, indem er derselben mitlheille, die Administration der Heimath werde nicht durch die Gesetzgebung des Landes unterstützt werden." 421 „Und warum wurde er nicht öffentlich bloSgestellt?" „Oui bona? Derjenige Theil der öffentlichen Presse, welcher sich nicht unmittelbar für die Sache interessirte, würde sie mit Gleichgiltigkeit behandelt haben, während sich vielleicht der andere verleiten ließ, die Wahrheit zu mystificiren. Für einen Privatmann ist es rein unmöglich, allenthalben, wo sich'S um öffentliche Angelegenheiten handelt, der Wahrheit Nachdruck zu geben, und wer in einer öffentlichen Stellung steht, thut eS selten over nie, wenn sich nicht ein bestimmter Parteizweck damit erreichen läßt. Dies ist der Grund, warum wir unter den auswärtigen öffentlichen Geschäftsträgern so vielfältig Abfall von den Grundsätzen unserer Staatsverfaffung sehen — sie wissen recht Wohl, daß Niemand im Stande ist, sie bloSzustellen. Außer diesem Beweggründe findet in jenem Theile des Gemeinwesens, der sich für den höchsten hält, ein so lebhaftes Verlangen statt, gerade in diesen Institutionen eine radikale Umwälzung zu erzielen, daß in ihren Augen die Treulosigkeit eher als ein Verdienst, denn als ein Mackel erscheint." „Sicherlich werden andere Nationen nicht in dieser cavalier- mäßigen Weise behandelt." „Nein, gewiß nicht. Der Gesandte eines Fürsten, welcher nur eine Sylbe gegen seinen Gebieter verlauten ließe, würde in Ungnade zurückberufen werden; aber der Diener des Volks befindet sich in einer ganz anderen Lage, sintemal so Viele von seiner Schuld überzeugt werden müssen. Mit den Angriffen, welche die Europäer so gerne aus das amerikanische System machen, konnte ich'S stets aufnehmen, nur nicht, wenn sie mir mit Erklärungen unserer eigenen diplomatischen Agenten kamen." „Aber warum machen unsere Reisenden hievon keinen Gebrauch?" „Die Meisten sehen zu wenig, um überhaupt etwas von der Sache zu erfahren. Sie diniren bei einer diplomatischen Tafel, sehen ein paar Ordenssterne, hatten sich zu Dank verpflichtet und reden einer Eleganz das Wort, die nirgends als in ihrem eigenen 425 Gehirn eristirt. Einige theilen die Ansichten der Abtrünnigen und halten den Treubruch für kein Verbrechen, Andere glauben durch eine BloSstellung sich selbst zu schaden, und kein kleiner Theil würde es für einen weit größeren Beweis von Patriotismus halten, das Urtheil zu Gunsten der beziehungsweisen „Energie" und „überlegenen Einsicht" deS eigenen Volkes abzugeben, als wenn er diese oder irgend eine andere schmähliche Handlung denunciren sollte, selbst wenn er Gelegenheit fände, ihr auf den Sprung zu kommen. Obgleich Niemand von den guten Eigenschaften der Amerikaner, sofern sich'S um praktische Dinge handelt, eine höhere Meinung haben kann, als ich, so halte ich doch wenig genug auf ihre Fähigkeit, in theoretischen Punkten zwischen Schein und Wirklichkeit einen richtigen Unterschied zu machen." „Wären wir der übrigen Welt näher, so würden diese Mißbräuche wahrscheinlich nicht eristiren, denn so viel ist jedenfalls gewiß, daß sie in der Heimath nicht offen geübt werden können. ES freut mich übrigens, zu finden, daß Ihr so viel Interesse an uns nahmt, um Euch wenigstens der Gesinnung nach unserer Natur einzuverleiben, vbschon Ihr in Betreff Eures Geburtsorts im Ungewissen war't." „ES gab einen Augenblick, in welchem ich in der That fürchtete, die Wahrheit möchte zuletzt darauf hinauslaufen, daß ich wirklich ein geborener Engländer scy." „Ihr fürchtetet dies?" unterbrach ihn Eva. „Dies ist ein starker Ausdruck, einem so großen und herrlichen Volke gegenüber." „Wir können uns nicht immer Rechenschaft geben von unfern Vorurtheilen, und vielleicht war dies eines der meinigen; nun ich aber weiß, daß es in Euren Augen nicht das größtmögliche Verdienst ist, ein Engländer zu sehn, ist es in keiner Weise gemindert." „In meinen Augen Mr. PowiS? Ich entsinne mich nicht, je eine Vorliebe für, oder eine Abneigung gegen die Engländer kund gegeben zu haben. So weit ich von meine» eigenen Gefühlen - 426 sprechen kann, achte ich die Engländer eben so wie jedes andere fremde Volk." „In Worten ist es Eurerseits allerdings nicht geschehen, aber Handlungen sprechen lauter, als Worte." „ES macht Euch diesen Abend Freude, den Geheimnißvollen zu spielen. Welche meiner Handlungen könnte in dieser wichtigen Angelegenheit als pro oder contra erklärt werden?" „Ihr habt wenigstens gethan, wozu, wie ich fürchte, wenige Eurer Landsmänninen den moralische» Mnth oder die Selbstver- läugnung besäßen, namentlich, wenn ste daran gewöhnt waren, im Ausland zu leben. Ihr weigertet Euch, die Gattin eines englischen BaronetS von großem Vermögen und achtbarer Familie zu werden." „Mr. PowiS," versetzte Eva ernst, „dies ist eine Ungerechtigkeit gegen Sir George Templeniore, der ich gewifsenShalber sowohl, als weil ste zugleich eine Ungerechtigkeit gegen mein Geschlecht und gegen mich ist, widersprechen muß. Ich habe bereits in Eurem Bciseyn gegen Mr. Howel bemerkt, daß mir dieser Gentleman nie einen Antrag machte, folglich auch nicht zurückgewiesen werden konnte; auch kann ich nicht glaube», daß es viele Amerikanerinnen von Bildung gibt, welche sich der Selbstachtung so sehr entschlagen könnten, um in einem armseligen Baronelenthum eine Verlockung zu finden." „Ich weiß Eure edle Bescheidenheit vollkommen zu würdigen, Miß Effingham; aber Ihr könnt nicht erwarten, daß ich, welchem Templemore'S Bewunderung so viel Unruhe, um nicht zu sagen Schmerz, bereitet hat, Eure Erklärung so ausgedehnt nehmen soll, wie wahrscheinlich Mr. Howel gethan hat. Obgleich Sir George keinen entschiedenen Antrag stellte, so mußte doch jeder nähere Beobachter ersehen, wie bereit er dazu war, wenn ihm nur die mindeste Ermuthigung zu Theil wurde." Eva haschte fast nach Luft; so vollkommen hatte ste die ruhige, ernste und doch achtungsvolle Weise, mit welcher Paul seine Eifer- 427 sucht zugestand, überrascht. Auch lag in seiner saust so klaren, gleichförmigen Stimme ein Leben, das ihr zu Herzen ging, denn sobald eine wirkliche Sympathie zwischen den Geschlechtern besteht, finden Gefühle in Gefühlen einen Anklang, wie das Echo dem Schalle antworlet. Sie empfand die Nothwendigkeit, etwas zu sagen, war aber bereits eine Strecke weiter gegangen, ehe sie eS möglich fand, auch nur eine Sylbe hervorzubringen. „Ich fürchte, meine Anmaßung hat Euch verletzt, Miß Effing- Ham," sagte Paul, mehr im Tone eines zurechtgewiesenen Kindes, als in dem des löwenherzigen, jungen Mannes sprechend, welchen man sonst an ihm gewöhnt war. ES lag in der Bewegung, die er verrieth, eine tiefe Huldigung, und obschon Eva seine Züge kaum unterscheiden konnte, entdeckte sie doch augenblicklich darin, welche Gewalt sie über seine Gefühle besaß. „Nennt eS nicht Anmaßung," versetzte sie; „denn wer so viel für uns Alle gethan hat, ist zuverläßig berechtigt, Theilnahme für diejenigen zu fühlen, denen er so treffliche Dienste leistete. WaS Sir George Templemore betrifft, so habt Ihr wahrscheinlich dem Gefühl, welches eine Folge unserer gemeinsamen Abenteuer war, irrthümlich eine wichtigere Bedeutung beigelegt. Er ist warm und aufrichtig meiner Muhme Grace van Courtlandt zugethan." „Daß dies jetzt der Fall ist, glaube ich vollkommen; indeß bin ich überzeugt, daß ihn anfangs ein ganz anderer Magnet von den Canada'S zurückhielt. Wir handelten offen gegen einander, Miß Esfingbam, und hielten uns nichts geheim während jener langen, angstvollen Nacht, als wir Alle erwarteten, die Sonne werde über unserer Gefangenschaft aufgchen. Templemore ist zu männlich und ehrenhaft, um seinen früheren Wunsch, Euch als Gattin zu gewinnen, in Abrede zu ziehen, und ich glaube auch, er wird zugestehcn, daß die ganze Frage nur von Euch selbst abhing." „Dies ist ein Akt der Selbstdcmüthigung, zu dem er keinen 428 Anlaß finden soll," entgcgnets Eva hastig. „Solche Anspielungen sind jetzt schlimmer als nutzlos, und konnten meiner Muhme schmerzlich werden, wenn sie davon hören sollte." „Ich würde mich sehr in dem Charakter meines Freundes täuschen, wenn er über diesen Gegenstand seine Verlobte im Zweifel lassen sollte. Fünf Minuten vollkommene Offenheit im gegenwärtigen Augenblicke können ihm später Jahre des Mißtrauens ersparen." „Und würdet auch Ihr, Mr. Powis, eine derartige frühere Schwäche dem Mädchen vertrauen, das Ihr Euch zur Gattin gewählt hättet." „Ich kann in diesem Falle weder für noch gegen mich Zeug- niß ablegen, sintemal ich nur eine Einzige geliebt habe, und zwar mit einer Leidenschaft, die zu ausschließend und glühend war, um je einer andern weichen zu können. Miß Esfinghar», es würde schlimmer seyn, als Ziererei — ich würde mein Spiel treiben mit einem Wesen, das in meinen Augen ein Heiligthum ist, wenn ich nicht jetzt ausführlicher sprechen wollte, obschon mir das, was ich sagen will, eher durch die Umstände abgedrungen wird und ich fast ohne bestimmten Zweck rede. Habe ich Eure Erlaubniß fortzufahren?" „Ihr könnt derselben kaum bedürfen, da Ihr der Herr Eurer eigenen Geheimnisse seyd, Mr. Powis." Wie alle von einer starken Leidenschaft aufgeregten Männer, war Paul inconseguent und unbillig; Eva fühlte dies, sogar während sie ihren ganzen Scharfsinn aufbot, für seine Schwächen Entschuldigungen zu finden. Gleichwohl lastete die Ahnung, daß sie eine Erklärung hören werde, welche vielleicht nicht gemacht werden sollte, schwer auf ihr und bewog sie, mit mehr Kälte zu sprechen, als sie wirklich fühlte. Da sie außerdem ihre Erwiederung auf die eben angeführten Worte beschränkte, so sah der junge Mann, daß es unerläßlich geworden war, sich bestimmter auszudrücken. „Ich werde Euch nicht mit der Geschichte jener frühen Ein- 429 drücke aushalten, welche mit mir ausgewachsen sind, bis sie sich mit meinem ganzen Dasehn verwoben hatten, da sie Euch vielleicht langweilig werden könnten," fuhr er fort. „Ihr wißt, Miß Effing- Ham, daß wir uns zum erstenmal in Wien trafen. Ein Oesser- reicher von Stand, mit dem ich durch einige glückliche Umstände bekannt geworden war, führte mich in der besten Gesellschaft jener Hauptstadt ein, wo ich i» Euch den Gegenstand der Bewunderung für Alle fand, die Euch kannten. Meine erste Empfindung war die der Freude, daß ich eine junge Landsmännin sah — Ihr wart damals fast noch Kind, Miß Effingham, aber gleichwohl der größte Magnet für eine Hauptstadt, die um der Schönheit und Anmuth ihrer Frauen willen berühmt ist." „Eure Nationalparteilichkeit ließ Euch ungerecht gegen Andere werden, Mr. PowiS," unterbrach ihn Eva, obschon die Angelegent- lichkcit und die Gluth, womit der junge Mann seine Gefühle ausdrückte, wie Musik in ihren Ohren klang. „Wessen hätte sich ein junges, schüchternes, halb erzogenes amerikanisches Mädchen rühmen können, wenn ihm die vollendeten Frauen OestreichS zur Seite standen?" „Ihrer überraschenden Schönheit, der unbewußten Ueberlcgcn- heit ihrer Talente, ihrer schüchternen Einfalt und ihres engelreinen Geistes. Alles dies besaßt Ihr — nicht nur in meinen Augen, sondern auch in denen der klebrigen; den» ich hing mit zu viel Liebe an diesen Eigenschaften, als daß ich mich darüber hätte täuschen können." In demselben Augenblick flieg eine Rakete über ihnen auf, und obschon Beide zu sehr durch ihre Unterhaltung in Anspruch genommen waren, um aus die Störung des vorübergehenden Lichtes zu achten, so fand doch Paul dadurch Gelegenheit, der glühenden Wangen und der thränenfeuchten Augen Eva'S ansichtig zu werden, welche letztere, trotz allen vergeblichen Ringens um Fassung, mit 430 dankbarer Freude über dieses glühende Lob auf ihrem Begleiter haften ließ." „Wir wollen solche Vergleichungen Anderen überlaffen, Mr. PowiS," sagte sie, „und uns auf weniger zweifelhafte Gegenstände beschränken." „Wenn ich also nur von dem sprechen soll, was über alle Frage erhaben ist, so muß ich hauptsächlich bei meiner lange gehegten, innigen und wandellosen Anhänglichkeit verweilen. Ich betete Euch zu Wien an, Miß Efstngham —- zwar nur aus der Ferne, wie man etwa die Sonne lieben kann; denn während mich Euer trefflicher Vater seiner Gesellschaft würdigte und, wie ich sogar glaube, mit einem Theil seiner Achtung beehrte, fand ich doch nur wenig Gelegenheit, den Werth des so schön gefaßten Kleinods näher kennen zu lernen. Aber als wir uns den darauf folgenden Sommer in der Schweiz wieder trafen, begann ich erst wahrhaft zu lieben. Damals erkannte ich das edle RechtSgefühl, die schöne Offenheit und die so vollkommene weibliche Zartheit Eures Geistes. Ich will zwar nicht sagen, daß nicht diese Eigenschaften in den Augen eines jungen Mannes durch die ungemeine Schönheit ihrer Besitzerin erhöht wurden, kann aber doch behaupten, daß ich erstere, wenn ich sie gegenseitig abwog, den letzteren tausendfach vorzog, obschon diese selbst unter Eurem eigenen schönen Geschlecht säst nicht ihres Gleichen hat." „Dies heißt Schmeichelei in der verführendsten Form Vorbringen, PowiS." „Vielleicht verdient die unzusammenhängende und abgerissene Art, wie ich mich ausspreche, eine Rüge; gleichwohl liegt nichts meiner Absicht ferner, als für einen Schmeichler oder einen Menschen angesehen zu werden, der in irgend einer Weise übertreibt. Ich will euch bloß eine treue Geschichte des Zustandes meiner Gefühle und des Fortgangs meiner Liebe geben." Eva lächelte leicht, aber sehr holdselig, wie eS Paul wohl 431 hätte erscheinen muffen, wenn es ihm möglich gewesen wäre, i» der Dunkelheit mehr als den schattenhaften Umriß ihres lieblichen Gesichts zu unterscheiden. „Darf ich auf ein solches Lob hören, Mr. PowiS" — sagte sie; „auf ein Lob, welches nur dazu beiträgt, eine ohnehin schon allzugroße Selbstachtung noch zu steigern?" „Niemand als Ihr selbst kann dies sagen; aber Eure Frage erinnert mich in der That an die Unbesonnenheit, in welche ich verfiel, indem ich jene Beherrschung meiner Gefühle verlor, auf welche ich so lange stolz gewesen bin. Niemand sollte ein Mädchen zur Vertrauten seiner Neigung machen, ehe er darauf vorbereitet ist, die Erklärung mit einem Anerbieten seiner Hand zu begleiten, und ich befinde mich nicht in dieser Lage." Eva ließ keine dramatische Bestürzung blicken und nahm ebensowenig die Miene gezierter Ueberraschung oder verletzter Würbe an, sondern wandte ihre klaren Augen mit einem so beredten Ausdruck von Theilnahme und so natürlicher Verwunderung aus ihren Liebhaber, daß dieser, wenn er es hätte sehen können, wahrscheinlich auf der Stelle jede Schwierigkeit überwältigt und den gewöhnlichen Antrag gestellt haben würde — trotz der Schwierigkeit, die er für unüberwindlich zu halten schien. „Und doch," fuhr er fort, „habe ich jetzt unwillkührlich schon so viel gesagt, daß ich mich nicht nur gegen Euch, sondern gewiffer- maffen auch gegen mich selbst verpflichtet fühle, bsizufügen, daß der sehnlichste Wunsch meines Herzens, das Ziel und Ende aller meiner TageSträume, wie auch der meisten besonneneren Gedanken für die Zukunft sich in der glühenden Hoffnung concentriren, Euch zur Gattin zu gewinnen." Eva senkte das Auge und der Ausdruck ihres Gesichtes wechselte, während ein leichtes, aber nicht bewältigbares Zittern ihren Körper durchbebte. Nach einer kurzen Pause bot sie aller ihrer 432 Entschlossenheit auf und fragte mit einer Stimme, über deren Festigkeit sie selbst erstaunt war: „PowiS, wozu Alles dies?" „Wohl mögt Ihr diese Frage stellen, Miß Effingham! — Ihr habt alles Recht dazu, und die Antwort soll mir wenigstens keinen weiteren Grund zum Selbstvorwurf geben. Ich bitte, laßt mir nur eine Minute Zeit, meine Gedanken zu sammeln, und ich will mir Mühe geben, mich in einer männlicheren und zusammenhängenderen Weise, als dies, wie ich fürchte, im Laufe der letzten zehn Minuten der Fall gewesen ist, meiner Pflicht zu entledigen." Sie gingen in tiefem Schweigen eine kurze Strecke weiter, Eva noch immer unter dem Einflüsse eines Staunens, in welches sich eine ungewisse und unbestimmte Furcht vor Etwas, was sie sich selbst nicht zu erklären wußte, zu mischen begann, während Paul bemüht war, den Sturm zu beschwichtigen, der sich plötzlich seines Innern bemächtigte. Endlich begann der Letztere: „Die Verhältnisse haben mich stets des Glückes beraubt, die Zärtlichkeit und Theilnahme Eures Geschlechtes erfahren zu dürfen. Miß Efflngham, und mich ausschließlich dem kälteren, roheren Sinne des meinigen hingegeben. Meine Mutter starb znr Zeit meiner Geburt, und so wurde mit einemmale eines der thcuersten von allen Erdenbanden zerrissen. Ich weiß nicht gewiß, ob ich in Folge der Entbehrungen, welche ich zu dulden hatte, diesen Verlust allzu schmerzlich nahm, denn von der Stunde an, als ich fühlen lernte, sehnte ich mich stets nach der zarten, duldenden, gewinnenden und uneigennützigen Liebe einer Mutter. Wenn ich recht berichtet bin, so habt Ihr in früher Lebensperiode einen ähnlichen Verlust erlitten — Ein Schluchzen — ein ersticktes aber schmerzliches Schluchzen entquoll Eva's Brust, und Paul, der hierüber aufs Tiefste erschüttert war, hörte auf, bei der Quelle seines eigenen Kummers zu 433 verweilen, »m Rücksicht auf den Schmerz zu nehmen, welchen er so unabsichtlich in seiner Begleiterin hervvrgerufen hatte. „Ich bin selbstsüchtig gewesen, theuerste Miß Esfingham," rief er — „ich habe Eure Geduld überschätzt und Euch mit der Geschichte meines eigenen VerlustS, meines eigenen Leids verstimmt, obschon sie kein Interesse für Euch haben — ja, für so glückliche Menschen wie Ihr seyd, unmöglich haben können." „Nein, nicht doch, PowiS — Ihr seyd ungerecht gegen Euch und gegen mich. Auch ich habe meine Mutter verloren, als ich noch ein Kind war, und weiß nichts von Mutterliebe und Mutterzärtlichkeit. Fahrt fort; ich bin jetzt ruhiger und bitte Euch dringend, meiner Schwäche zu vergessen und fortzufahren." Paul entsprach diesem Geheiß; aber die kurze Unterbrechung, während welcher sie sich dem gemeinsamen Schmerz über das gleiche Unglück hingegebcn hatten, ließ eine neue Gefühlssaite erbeben und entfernte mit einemmale eine Bergcslast von Zurückhaltung und Abgemessenheit, die ibrem zunehmenden Vertrauen leicht hätte hinderlich werden können. „In dieser Weise von meiner nächsten und theuerste» natürlichen Freundin loSgeriffen," fuhr Paul fort, „fiel ich schon als Säugling der Obhut von Miethlingen anheim, und in diesem Betracht wenigstens ist mein Geschick viel herber gewesen, als das Eurige; denn die treffliche Person, die so glücklich war, Eure Kindheit überwachen zu dürfen, besaß fast die Liebe einer natürlichen Mutter, obschon es ihr an den höheren Eigenschaften Eurer Lebensstellung gebrach." „Aber wir hatten doch Däter," Mr. PowiS. „Mir ist mein trefflicher, grnndsatzfestcr und liebevoller — ja, ich darf wohl sagen, zärtlicher Vater Alles gewesen. Ohne ihn wäre ich in der That elend gewesen, aber mit ihm darf ich mich, trotz dieser rebellischen Thränen — Thränen, die ich der ansteckenden Kraft Eures eigenen Kummers zuschreiben muß — als gesegnet Preisen." <äoa Esßngham. M „Mr. Effingham hat dieses Gefühl wohl um Euch verdient, aber ich habe meinen Bater nie gekannt." „Euren Vater nicht gekannt?" rief Eva, und die Töne ihrer Stimme bekundeten eher die übermächtige Sympathie mit den Entbehrungen der Waise, als eine gewöhnliche Neberraschung. „Er schied von meiner Mutter vor meiner Geburt, und ich weiß nicht, ob er bald nachher starb, oder ob er sein Kind nicht für wichtig genug hielt, um sich veranlaßt zu sehen, auch nur ein einziges Mal über sein Geschick Kunde einzuziehen." „Dann hat er dieses Kind nie gekannt!" rief Eva mit einer Wärme und Freimüthigkeit, welche alle Rückhaltung, die der weiblichen Erziehung sowohl, als die der natürlichen Schüchternheit bei Seite setzte. „Miß Effingham! theuerste Miß Effingham! —Eva — meine Eva, was darf ich aus dieser edelmüthigeu Wärme folgern? Ach, laßt mich kein trügerisches Licht in der Ferne sehen; denn ich kann wohl mein einsames Elend ertragen und den Leiden eines abgeschiedenen DaseynS Trotz bieten, aber nimmermehr unter der Täuschung einer solchen Hoffnung leben — einer Hoffnung, wie sie der Ausruf Eurer Lippen geweckt hat!" „Ihr lehrt mich, wie wichtig die Vorsicht ist, Powis, und wir wollen jetzt zu Eurer Geschichte — zu jenem Vertrauen zurückkehren, das Ihr gewiß nicht unwürdig wegwerft. Vorderhand wenigstens bitte ich, daß Ihr alles Andere vergessen möget. „Ein so freundlicher, so ermuthigend gegebener Befehl—oder nehmt Ihr etwa Anstoß an meinen Worten, theuerste Miß Eva?" Zum erstenmale in ihrem Leben legte Eva ihre» leichte» Arm in den ihres Begleiters und bekundete gerade in der Weise, wie sie diesen einfachen und alltäglichen Akt vornahm, eine hinreißende aber doch bescheidene Zuversicht zu dessen innerem Werth. Zugleich fuhr sie heiterer fort: „Ihr vergeht die Hauptsache des Befehls in demselben Augen- 435 MMWWL blicke, in welchem Ihr mich glaube» machen wollt, daß Euch Alles daran liege, ihm sogleich Folge zu leisten." „Wohlan denn, Miß Eva, ich will Euch unbedingter gehorchen. Warum mein Vater so bald nach der Verehelichung meine Mutter wieder verließ, habe ich nie erfahren können. Es scheint, daß sie nur wenige Monate mit einander lebten, vbschon ich, mit Stolz darf ich sagen, die tröstliche Ueberzeugung in mir trage, daß meiner Mutter kein Vorwurf gemacht werden kann. Lange machte mich der Zweifel über einen Punkt unglücklich, der für den Mann stets am empfindlichsten ist — ich meine das Mißtrauen gegen die eigene Mutter; aber alles dies fand, Gott sey Dank, während meines letzten Besuchs in England eine glückliche Aufklärung. Allerdings war Lady Dunluce meiner Mutter Schwester und konnte um deß- willen mild gegen ihre Fehler seyn; aber ein letzter Brief von meinem Vater, der nur einen Monat vor meiner Mutter Tod geschrieben wurde, bannt allen Zweifel, indem er nicht nur ihre Makellosigkeit beweist, sondern auch ihrem liebenswürdigen Charakter »olle Anerkennung zu Theil werden läßt. Ein solcher Brief ist ein kostbares Dokument für den Sohn, Miß Esfingham." Eva gab keine Antwort, aber Paul meinte, einen schwachen Druck der Hand zu fühlen, welche bisher so leicht auf seinem Arm geruht hatte, daß er denselben kaum zu bewegen wagte, um nicht das köstliche, obgleich kaum fühlbare Bewußtseyn dieser Berührung zu verlieren. „Ich besitze noch andere Briefe von meinem Vater an meine Mutter," fuhr der junge Mann fort, „aber keiner wirkt so wohl- thuend auf mein Herz, wie dieser. Aus dem allgemeinen Tone derselben kann ich die Ueberzeugung nicht gewinnen, daß er fie je wahrhaft geliebt hat. Es ist grausam von einem Manne, Miß Esfingham, ein Weib in einem derartigen Punkte zu hintergehen." „Ja wohl grausam!" entgegnete Eva mit Festigkeit. „Der Tod selbst wäre besser als eine solche Täuschung." 436 „Ich glaube, mein Vater täuschte sich selbst ebenso sehr als meine Mutter, denn es liegt eine seltsame Zusammenhanglosigkeit und ein Mangel an Bestimmiheit in einigen seiner Briefe, so daß meine Gefühle, die natürlich über einen derartigen Gegenstand sehr empfindlich sehn mußten, mich von Anfang an kein Vertrauen in seine Zuneigung setzen ließen." „War Eure Mutter reich?" fragte Eva unschuldig, denn da ihr selbst ein großes Erbe in Aussicht stand, hatte sie früh ihre Wachsamkeit der Masse von Trug und llnchrlichkeit zugewandt, welche zeitliche Güter zu umlagern pflegen. „Nein, sie hatte wenig außer ihrer hohen Abkunst und ihrer Schönheit. Ich bin im Besitze ihres PortraiiS, welches die letztere zureichend beweist — oder ich war es, sollte ich vielmehr sagen; denn ich spreche jetzt von jenem Miniaturbilde, das mir, wie Ihr Euch erinnert, die Araber raubten, und das ich seitdem nicht wieder gesehen habe. Was Vermögen betrifft, so besaß meine Mutier kaum so viel, um als Dame von Stand damit auszureichen; weiter nichts." Der Druck auf Pauls Arm wurde fühlbarer, als er von dem Miniaturbilde sprach, und er wagte es, den seiner Begleiterin etwas fester an sich zu drücken. „Mr. Powis ließ sich also nicht durch seile Beweggründe bestechen, und dies ist schon viel," versetzte Eva, in einer Weise vor sich hinsprechend, als scy sie sich nicht bewußt, daß sie überhaupt etwas sagte. „Mr. Powis? Er war eine höchst edle und uneigennützige Seele. Nie hat ein cdelmüthigerer oder weniger selbstsüchtiger Mann gelebt, als Francis Powis!" „Ich glaubt-, Ihr hättet Euer» Vater nie persönlich gekannt!" rief Eva überrascht. „Dies ist auch der Fall; ich bemerke übrigens jetzt, daß Ihr irrthümlicherweise wähnt, mein Vater habe Powis geheißen, während sein Name Assheton war." ä37 Paul setzte sodann auseinander, wie er als Kind von einem Gentleman, Namens Powis, adoptirt worden sey und sich nach ihm genannt habe, als er fand, daß er von seinem eigenen natürlichen Vater verlassen worden; auch sch er nach dem Tode seines edel- herzigen Beschützers in das Erbe seiner Hinterlassenschaft cingetreten. „Ich führte den Namen Affheton, bis ich Mr. Powis nach Frankreich begleitete, wo er mir rieth, den seinigen anzunehmen. Ich that dies »,n so bereitwilliger, weil er die Ueberzeugung gewonnen zu haben glaubte, daß mein Vater todt sey und sein ganzes bedeutendes Vermögen seinen Neffen und Nichten hinterlaffen habe, ohne in seinem Testamente auf mich anzusvielen; ja es hat sogar den Anschein gehabt, als wolle er seine Verehelichung ganz in Abrede ziehen. Wenigstens hatte die Person unter ihren Bekannten bis zum Tage seines Todes als unvcrhcirathet gegolten." „In alledem liegt etwas so Ungewöhnliches und Unerklärliches, Mr. Powis, daß eS mir vorkommt, Ihr verdienet Tadel, weil Ihr nicht genauer die Umstände erforschtet, als cS, wie ich Eurem Berichte zufolge vermuthen möchte, geschehen ist." „Lange Zeit — viele bittere Jahre scheute ich mich vor jeder Erkundigung, um nicht etwas erfahren zu müssen, was dem Namen meiner Mutter nachlheilig werden konnte. Später hielt mich mein Beruf lange Zeit in fernen Meeren, und die letzte Reise, wie auch die schmerzliche Krankheit meines trefflichen WohlthälcrS hinderte mich, sogar dem Wunsche, meiner Familie nachzusragen, Raum zu geben. Der verletzte Stolz von Mr. Powis, welcher sich mit Recht beleidigt fühlte über die cavalierartige Weise, wie die Familie meines Vaters seine Annäherung zurückwicS, diente dazu, mich diesem Theilc meiner Verwandten zu entfremden und allen weiteren Anknüpfungen Einhalt zu thun. Sie thaten sogar, als bezweifelten sie das Faktum, daß mein Vater je verheirathet gewesen sey." „Aber Ihr hattet Beweise dafür?" fragte Eva angelegentlich. 438 „Unwiderlegliche Beweise. Meine Tante Dunluce war bei der Trauung anwesend, und ich bin im Besitze des Ccrlificals, welches meiner Mutter von dem functionirenden Geistlicken ertheilt wurde. Aber ist es nicht seltsam, Miß Effingham, daß bei allen diesen Umständen, welche für meine Legitimation sprachen, sogar Lady Dunluce und ihre Familie bis auf die letzte Zeit die Thatsache bezweifelten?" „Dies ist in der That unerklärlich, wenn Eure Tante der Trauung persönlich angewohnt hat." „Sehr wahr; aber einige Umstände, zu denen vielleicht noch der sehnliche Wunsch ihres Gatten, deS General Doucic, kam, die in Antwartschaft stehende Baronie als einziger Erbe auf seine Familie bringen zu können, wenn man meine Rechte für ungiltig erklärte — hatten sie auf den Glauben geführt, mein Vater sey bereits verheirathet gewesen, als er den feierlichen Bund mit meiner Mutter einging. Doch auch dieser Finch ist mir glücklicherweise abgenommen worden." „Armer PowiS," sagte Eva mit einer Theilnahme, die sich in ihrer Stimme noch deutlicher sogar ausdrückte, als in ihren Worten; „bei Eurer Jugend habt Ihr in der That schon viel erduldet." „Ich habe es ertragen lernen, theuerste Miß Effingham; ich bin so lang als ein einsames, verlassenes Wesen dagestanden, für das Niemand Theilnahme fühlte." „Oh, sprecht nicht so — wir wenigstens haben stets Theilnahme für Euch gefühlt, haben Euch immer geachtet und jetzt auch gelernt —" „Was gelernt?" „Euch zu lieben!" erwicdcrte Eva mit einer Festigkeit, welche sie später selbst in Erstaunen versetzte. Sie fühlte übrigens, daß ein Wesen in solcher Stellung ein Anrecht an offene Behandlung hatte und daß es unbillig gewesen wäre, gegen Paul die Rück- Haltung zu beobachten, die ihr Geschlecht bei ähnlichen Anlässen an den Tag zu legen pflegt. „Zu lieben!" riefPaul, ihren Arm fallen lassend. „Ach, Miß Efflngham — Eva — aber jenes wir?" „Ich meine damit meinen theuren Vater — Vetter Jack— mich —" „Ein solches Gefühl wird eine Wunde, wie die meinige ist, nicht heilen! Eine Liebe, die getheilt ist, — wäre es auch mit so trefflichen Männern, wie Euer Vater und Euer würdiger Vetter, können mich nicht glücklich machen. Doch, warum sollte ich, der Verwaiste, welcher sogar an den Namen, den er trägt, kein gesetzliches Anrecht hat und aller verwandtschaftlichen Beziehung baar ist, das Auge zu einem Wesen wie Ihr erheben!" Die Windungen des Pfades halten fle in die Nähe eines der Wigwamfenster gebracht, aus dem ein starkes Licht hervorging und Evas holde Züge erhellte, wie fle eben ihre Augen zu denen ihres Begleiters erhob. Ihr Antlitz glühte von natürlichem Gefühl und sittiger Bescheidenheit — ein Kampf zweier Empfindungen, welcher ihre Anmnth doppelt bezaubernd erscheinen ließ. Um ihren Mund schwebte ein Lächeln der Ermuthigung, das unmöglich zu mißdeuten war. „Darf ich meinen Sinnen trauen! Werdet Ihr — wollt Ihr — könnt Ihr auf die Bewerbung eines Mannes, wie ich bin, hören?" rief der Jüngling, während er mit seiner Begleiterin an dem Fenster vorbeieilte, damit nicht irgend eine Unterbrechung seine Hoffnungen vernichten möchte. „Ist ein zureichender Grund vorhanden, warum ich nicht sollte, Powis?" „Keiner, als meine unglückliche Stellung zu meiner Familie, meine beziehungsweise Armuth und mein Unwerth im Allgemeinen." „Eure unglückliche Stellung zu Euern Verwandten würde eher ein neues und theurercS Band zwischen uns abgeben; Eure beziehungsweise Armuth ist es, wie Ihr bemerkt, nur beziehungS- L40 weise und kann nicht in Betracht kommen, wo bereits hinreichend vorhanden ist, und was Euren Unwerth betrifft, so fürchte ich, er wird mehr denn ausgewogen in dem des Mädchens, welches Ihr so übereilt vor aller übrigen Welt erwählt habt." „Eva — theuerste Eva —" sagte Paul, ihre beiden Hände fassend und mit ihr an dem Eingänge in einem Gesträuch stehen bleibend, welches den Pfad dicht beschattete und wo das schwache Licht der Sterne ihn einigermaßen in den Stand setzte, in ihren Zügen zu forschen. — „Ihr werdet mich über diesen hochwichtigen Punkt nicht im Zweifel lassen — steht mir wirklich solch ein Glück in Aussicht?" „Wenn Euch die Treue und Liebe eines Herzens, welches ganz das Eurige ist, glücklich machen kann, Powis, so haben Eure Leiden ein Ende." „Aber Euer Vater?" rief der junge Mann fast athemlos in seiner Hast, Alles zu erfahren. „Ist hier, um zu bekräftigen, was seine Tochter eben erst erklärt hat," sagte Mr. Effingham, der allein aus dem Gesträuche heraustrat und freundlich seine Hand auf Pauls Schulter legte. „Eine der schwersten Sorgen, die mich je bedrückt haben, ist meinem Herzen abgenommen, Powis, nun ich endlich finden, darf, daß ihr euch gegenseitig so gut versteht. Mein Vetter John hat mir, wie es seine Pflicht war, Alles mitgetheilt, was Ihr ihm von eurem vergangenen Leben erzähltet, und cs sind keine weiteren Enthüllungen nöthig. Wir kennen Euch seit Jahren und nehmen Euch so freudig in unsere Familie auf, wie nur irgend ein kostbares Gut, das uns die Vorsehung zuweist." „Mr. Effingham! — theurer Sir," versetzte Paul, dem Entzückung und Ueberraschung fast den Athen, benahm; „dies übersteigt in der That meine kühnsten Hoffnungen — und noch dazu diese edle Freimüthigkeit von Eurer lieblichen Tochter —" Pauls Hände waren, er wußte nicht wie, in die des Vaters 441 gekommen; dann aber machte er sich hastig los und wandte sich, um Eva wieder aufzusuchen — aber sie war entflohen. Während des kurzen Zwischenraums zwischen der Anrede ihres Vaters und der Erwiederung Pauls halte sie Mittel gefunden, sich unsichtbar zu machen und die Gentlcmen allein zu lassen. Der junge Mann wollte ihr folgen; aber der besonnenere Mr. Essingham sah, daß die Gelegenheit jedenfalls sehr günstig zu einem Privatgespräch mit seinem künftigen Schwiegersohn, dagegen wenigstens zu einer sonderlich vernünftigen Unterhaltung unter den Liebenden nicht sehr geeignet war, weßhalb er den Arm des jungen Mannes ergriff und ihn nach einem abgelegeneren Gartengange führte. Eine halbe Stunde vertraulichen Gesprächs beruhigte die Gefühle Beider und machte Paul PowiS zu einem der glücklichsten Sterblichen. ViernndzwanzigsteS Kapitel. Ihr werdet wunderbarllch weise bandeln. Mein guter Rcynalk, wenn vor dem Besuch Ihr Kundschaft einzieht über sei» Benehmen. Hamlet. Änna Sidley machte sich eben mit EvaS Kleidern zu thun, mit denen sie sich so gerne beschäftigte, obschon Annette ihren Geschmack viel zu gering anschlug, um ihr die Anwendung einer Nadel oder die Anpassung eines Gewandes auf den schönen Leib ihrer Gebieterin zu gestatten—als unsere Heldin in das Gemach glitt und auf einen Sopha niedersank. Sie war viel zu sehr von ihren eigenen Gefühlen in Anspruch genommen, um die Anwesenheit ihrer stille», unaufdringlichen alten Wärterin zu bemerken, aber auch viel zu sehr an ihre Sorgfalt und Theilnahme gewöhnt, um derselben, wenn sie ihr ausgefallen wäre, zu achten. Einen Augenblick saß sie da, das Antlitz von Hellem Scharlach übergoffen und die Hände Wi""" - 442 vor sich gefaltet, während ihre Augen an der Decke hafteten; dann machten sich ihre verhaltenen Empfindungen in einem Strom von Thränen Luft. Selbst die Kunde irgend eines unerwarteten Unglücks hätte die arme Anna nicht tiefer erschüttern können, als dieser plötzliche Gefühlsausbruch ihres thenren Pfleglings. Sie ging auf fic zu, beugte sich mit der Innigkeit einer Mutter über sie hin und fragte sie über den Grund ihres anscheinenden Kummers. „Sprecht, Miß Eva; es wird Euch das Herz erleichtern," sagte die treue Dienerin. „Eure liebe Mutter hatte auch bisweilen solche Gefühle, und ich wagte eS nie, sie darum zu befragen; aber Ihr seyd mein Kind, und eS kann Euch nichts Unangenehmes befahren, ohne daß eS auch mich beträfe." EvaS Augen leuchteten, und ihr Antlitz war noch immer von dem früheren Roth übergossen; als sie aber so freundlich durch ihre Thränen lächelte, wußte die arme Anna nicht, was sie von einer derartigen Entfaltung von Gefühlen bei einem sonst so geregelten Geiste halten sollte. „ES ist nicht Kummer, theure Nanny," murmelte Eva endlich; „nichts weniger als dies. Ich bin nicht unglücklich. O nein — von Unglück ist entfernt nicht die Rede!" „Gott sey Dank, wenn eS so ist, Fräulein. Ich fürchtete, die Geschichte mit dem englischen Gentleman und Miß Grace könnte Euch unangenehm sehn, denn er hat sich dabei nicht so schön benommen, als er hätte sollen." „Und warum nicht, meine arme Nanny? — Ich habe Weber Ansprüche, noch wünsche ich Ansprüche an Sir George Templemore zu besitzen. Der Umstand, daß seine Wahl auf meine Muhme siel, hat mich eher aufrichtig erfreut, als mir Schmerz bereitet. Wäre er ein Landsmann von uns, so wäre die Freude völlig ungetrübt, denn ich glaube fest, daß er sich Mühe geben wird, sie glücklich zu machen." Nanny sah jetzt ihre junge Gebieterin an und schaute sodann , 443 auf den Baden, erhob aber bald den Blick wieder zu Eva, um ihn darauf einer Rakete nachzusenden, die an dem Himmel hinfuhr. Bald suchten jedoch ihre Augen die ihres Pfleglings aufs Neue, und ermuthigt durch den Ausdruck des Glückes, welches sich in dem theuren Antlitze aussprach, wagte sie zu sagen: „Wenn Mr. Powis ein keckerer Gentleman wäre, al» er ist, Ma'am —" „Du willst sagen, weniger bescheiden, Nanny," versetzte Eva, als sie bemerkte, daß ihre Pflegerin inne hielt. „Ja, Fräulein — Einer, der mehr an sich selbst, als an andere Leute dächte — dies wollte ich sagen." „Was weiter?" „So glaube ich, er würde das Herz finden, auSzusprcchen, was er, wie ich recht wohl weiß, in seinem Innern trägt." „Und wenn er wirklich das Herz fände, dies zu sagen, was sollte ich ihm, Deiner Meinung nach, wohl antworten?" „Oh, Fräulein, ich weiß, Ihr würdet gerade so reden, wie eS sehn müßte. Freilich kann ich nicht wiederholen, was Frauenzimmer bei solchen Gelegenheiten zu sagen pflegen, obschon ich weiß, daß es etwas ist, worüber den Gentlemen das Herz vor Freude hüpft." ES gibt Gelegenheiten, bei welchen das weibliche Geschlecht kaum weiblicher Sympathie entbehren kann. Eva liebte zwar ihren Vater auf's Zärtlichste und setzte mehr als gewöhnliches Vertrauen in ihn, da sie ihre Mutter nie gekannt hatte; aber hätte sie jetzt mit ihm sprechen müssen, so würde doch, ungeachtet des vollen Vertrauens auf seine Liebe, ihre Natur sich gescheut haben, so freimüthig ihre Gefühle vor ihm zu enthüllen, als dies einer Mutter gegenüber der Fall gewesen wäre, wenn sie der Tod nicht eines solchen Segens beraubt hätte. Andererseits bestand zwischen unserer Heldin und Anna Sidley ein Vertrauen von so eigenthümlicher Beschaffenheit, daß wir ein Wort der Erklärung vorausschicken müssen, A . 444 ehe wir zu den Wirkungen desselben übergehen können. Was die treue Pflege der Kindheit betraf, so war Nannp Ena eine zweite Mutter oder sogar mehr als eine Mutter gewesen, und dieser Umstand allein hatte einerseits eine gewisse persönliche Abhängigkeit, andererseits eine beaufsichtigende Sorgfalt hervorgerufen; denn die treue Dienerin hielt sich für alles leibliche Wohlbefinden ihres Pfleglings verantwortlich. Doch dies war noch nicht Alles. Nanny war die Vertraute von Eva'S kindischen Bekümmernissen und ihren mädchenhaften Geheimnissen gewesen. Obschon nun die Jahre der Letzteren bald nöthig machten, daß sie der Leitung von Solchen übergeben wurde, welche besser befähigt waren, ihren Geist zu bilden, so hatte doch die frühere Mittheilsamkeit nie aufgehört; denn auch die fein gebildete Jungfrau hing mit ungemin- derter Innigkeit und unerschütterlicher Zuversicht an der lang erprobten zärtlichen Liebe des Wesens, welches ihre Kindheit überwacht hatte. Die Wirkung eines derartigen Verkehrs war oft belustigend, denn der eine Theil brachte zu den Verhandlungen einen Geist mit, erfüllt von Kenntnissen, wie sie für sein Geschlecht und seine Stellung paßten, dazu »och Gewohnheiten, die sich in den besten Kreisen der christlichen Welt gebildet hatten, und einen Geschmack, der in den besten Schulen gewonnen war, während der andere wenig mehr aufweisen konnte, als ein treues, durch das innerste Wesen geadeltes Herz und eine Einfachheit, welche Zeug- niß ablegt für die vollkommene Reinheit des Sinnes. Dieses ungewöhnliche Verhältniß war übrigens nicht ohne Werth für Eva; denn da sie so früh schon in Berührung mit einer arglistigen und berechnenden Welt kam, so blieb dadurch die Unvcrdorbenheit ihres Charakters bewahrt und sie selbst der kalten, selbstsüchtigen und reizlosen Künstelei entfremdet, in welcher bloße Modedamen in Folge ihrer ausschließenden und gezwungenen Denkweise so gerne verfallen. Als daher Eva die bereits erwähnte Frage an ihre Pflegerin stellte, geschah es in der Absicht, zu erfahren, wie Letztere eine 445 Wahl, über welche sie mit sich schon völlig im Reinen war, benr- theilen würde, nicht aber, um sich einem thörichten Scherze über einen Gegenstand hinzugeben, welcher alle ihre Gefühle so sehr in Anspruch nahm. „Aber Du hast mir noch nicht gesagt, liebe Nanny," fuhr sie fort, „wie ich nach Deiner Ansicht antworten sollte. Könntest Du zum Beispiel von mir verlangen, daß ich je meinen geliebten Vater verlasse?" „Wozu wäre dies auch nöthig, Fräulein? Mr. Powis hat keine eigene Heimath, und, was dies betrifft, kaum ein Vaterland." „Wie kannst Du dies wissen, Nanny?" fragte Eva mit der eifersüchtigen Empfindlichkeit einer glühenden Liebe. „Je nun, Miß Eva, sein Bedienter hat es gesagt, und dieser ist doch schon lange genug bei ihm, um darum zu wissen, wenn er eine Heimath hätte. Ich lege mich selten nieder, ohne einen Rückblick auf den Tag zu thun, und dabei haben sich oft und oft meine Gedanken Sir George Templemore und Mr. Powis zugewendet; wenn ich aber dabei bedachte, daß der Eine ein Haus und eine Heimath hat, Letzterer aber keines von Beiden, so kam es mir immer vor, als ob er es eigentlich seyn sollte." „In dieser ganzen Sache hast Du also bloS auf die Bequemlichkeit und auf das, was Andern angenehm seyn könnte, Rücksicht genommen, nicht aber auf mein Bestes." „Miß Eva!" „Nein, theuerste Nany, vergib mir; ich weiß, daß Du in Allem zuletzt an Dich selbst denkst; und ich gebe zu, daß der Mangel an einer Heimath kein zureichender Grund seyn darf, einen Mann zum Gatten zu wählen. Die meisten Frauen würden im Gcgen- theil viel dawider einzuwenden haben." „Ich maße mir nicht an, viel von dergleichen Gefühlen zu verstehen, Miß Eva. Wohl habe ich, wie ich einräumen muß, auch Freier gehabt, und ich glaube, einmal war es nahe daran. 446 daß ich mich verlocken ließ, zu heirathen, wenn nicht ein einziger besonderer Umstand gewesen wäre." „Du — Du heirathen, Anna Sidley?" rief Eva, welcher schon der Gedanke so seltsam und unnatürlich zu sehn schien, wie wenn ihr Vater es sich hätte einfallen lassen wollen, seine Hingeschiedene Gattin zu vergessen und eine zweite zu nehmen. „Dies ist etwas ganz Neues, und ich möchte wohl gerne hören, welcher günstige Umstand einen Schritt hinderte, der für mich so unglücklich gewesen wäre." „Je nun, Fräulein, ich sagte zu mir selbst: was thut ein Weib, wenn sie heirathet? sie gelobt, um des Mannes willen alles Andere zu verlassen und ihn mehr zu lieben, als Vater, Mutter und alle andere lebenden Wesen auf Erden. Ist es nicht so, Mß Eva?" „Ich glaube in der That, daß Du Recht hast, Nanny — ja, ich weiß es sogar gewiß," antwortete Eva, und die Glut ihrer Wangen vertiefte sich bei dem inneren Bewußtseyn, daß sie kürzlich erst einen der glücklichsten Augenblicke ihres DaseynS erlebt hatte, als sie einer Leidenschaft Raum gab , vor der alle verwandtschaftlichen Gefühle in den Schatten traten. „Es ist wirklich so, wie Du sagst." „Nun seht, Fräulein, ich habe meine Gefühle — denn so nennt mans, glaube ich — erforscht und nach gehöriger Prüfung gefunden, daß ich Euch viel mehr liebte, als irgend jemand anders; ich hätte daher mit gutem Gewissen das Gelübde nicht oblegen können." „Theuerste Nanny — meine freundliche, gute, treue, liebe alte Pflegerin! laß mich Dich in meinen Armen halten — und ich, ich selbstsüchtiges, Herz- und gedankenloses Mädchen wollte die Umstände vergessen, die uns höchst wahrscheinlich für den Rest unseres Lebens trennen müßten!—Bst! es hat Jemand an der Thüre 447 gepocht. Es ist MrS. Bloomsteld; ich kenne ste an ihrem leichten Tritt. Oesfne die Thüre, meine liebe Anna, und laß uns allein." Als MrS. Bloomsteld in das Zimmer trat, heftete ste ihr klares Auge forschend auf ihre junge Freundin, und ihr sonst so heiteres, bisweilen ironisches Lächeln zeigte jetzt den Ausdruck gedankenvoller Theilnahme. „Nun, Miß Esstngham," rief ste in einer Weise, die im Widerspruch mit ihren Blicken stand, „soll ich Euch mein Beileid bezeugen oder Euch Glück wünschen? denn einen plötzlicheren oder wunderbareren Wechsel erlebte ich nie zuvor an einer jungen Dame, mochte es znm Guten oder Schlimmen sehn. Obendrein sind eS verhängnißvolle Worte — ,ii» Guten oder Schlimmen, in Rcich- thum oder Armut h/" „Ihr seyd diesen Abend sehr aufgeräumt, meine theure MrS. Bloomsteld, und scheint in die Lustbarkeit des ,FeucrspaffeS° mit aller —" „Macht cingegangen zu setz» — dies ist zwar nur ein provinzielles aber ausdrucksvolles Wort. Euer Templetoner ,Feuer- spaß° ist ein feuriger Spaß, denn er hat uns eine Art allgemeinen Brandes gekostet. MrS. Hawker ist dem Falle so nahe gebracht worden, wie Eure große Namensschwester, indem eine Schlange ihrem Anzug zu nahe kam. Wie ich höre, ist eine Scheune ganz in Flammen aufgegangen und Sir George TemplemoreS Herz ist zu glimmender Asche verbrannt. Mr. John Esstngham hat mir gesagt, er würde kein Junggeselle geblieben seyn, wenn es zwei MrS. BloomfieldS in der Welt gegeben hätte, und Mr. PowiS steht aus wie ein Balken, der zu Herkulanum auSgegraben wurde — nichts als Kohle." „Und was veranlaßt diesen Scherz?" fragte Eva in so ruhiger Weise. daß ihre Freundin für den Augenblick getäuscht wurde. MrS. Blooinfield nahm an der Seile unserer Heldin auf dem 448 Sopha Platz, faßte sie fast eine Minute fest ins Auge und fuhr dann fort: „Verstellung und Eva Effingham können nichts mit einander gemein haben, und so muß ich wohl glauben, daß mich meine Ohren täuschten." „Eure Ohren, liebe MrS. Bloomfield?" „Ja, meine Ohren, liebe Miß Eva Effingham. Ich weiß wohl, daß Lauscher nirgends beliebt find; aber wenn Gentlemen in den Gartcngängcn leidenschaftliche Erklärungen machen, ohne daß mehr als eine schmale Hecke zwischen ihren glühenden Decla- mationen und der Neugier derjenigen steht, welche zufällig vorüber gehen, so müssen sie Wohl erwarten, daß fie gehört werden." Eva war, während ihre Freundin sprach, röther und röthcr geworden, und als letztere aufhörtc, überstrahlte dieselbe hohe Glut ihr süßes Antlitz, wie in dem Augenblicke, als sie aus dem Garten zurückgekehrt war. „Darf ich fragen^ was Ihr mit alledem sagen wollt?" versetzte fie, mit einer Gewaltanstrengung den Anschein von Gelassenheit behauptend. „Allerdings, meine Liebe, und Ihr sollt nicht bloS Worte hören, sondern auch die Gefühle kennen lernen, welche fie eingeben," erwiederte MrS. Bloomfield, indem sie Eva freundlich und in einer Weise bei der Hand nahm, aus welcher hervorging, daß fie nicht über einen Gegenstand zu scherzen beabsichtigte, welcher für ihre junge Freundin von so hoher Wichtigkeit war. „Mr. John Effing- Ham und ich gingen an einem Punkte vorüber, wo zwei Wege einander nahe kommen, als Ihr mit Mr. Powis eben in dem nächsten Pfade dahin wandeltet. Ohne geradezu die Ohren zu verstopfen, wäre es rein unmöglich gewesen, nicht einen Theil eurer Unterhaltung mitanzuhörcn. Wir beide «ersuchten uns ehrlich zu benehmen, denn ich hustete und Euer Vetter räusperte sich; aber wir blieben unbeachtet!" 449 „Husten und Räuspern?" wiederholte Eva in noch größerer Verwirrung. „Es muß hier ei» Jrrihum obwalten, theure MrS. Bloomfield, denn ich erinnere mich nicht, dergleichen Signale ve» nommen zu haben." „Wohl möglich, meine Liebe, denn es gab eine Zeit, als auch ich nur Ohren für eine einzige Stimme hatte; aber wenn'S erforderlich sehn sollte, wollen wir die Thatsache L In mo>Io cke lVen'-knAlunä eidlich erhärten. Gleichwohl bitte ich, meine Beweggründe nicht zu verkennen, Miß Effingham, da mich gewiß nicht bloße gemeine Neugierde leitet." MrS. Bloomfield blickte dabei Eva so liebevoll und gewinnend an, daß diese ihre Hände ergriff und sie an ihre Brust drückte. „Ihr seyd mutterlos und habt nicht eine einzige weibliche Verwandte von paffendem Alter, mit der Ihr Euch über einen solchen Gegenstand berathen konntet, und Väter find im Grunde doch nur Männer." „Der meinige ist so liebevoll, wohlwollend und zärtlich, wie nur eine Frau sey» kann, MrS. Bloomfield." „Ich glaube dies Alles, obschon er vielleicht nicht ganz so scharfsichtig in einer derartigen Angelegenheit ist. Darf ich mich so frei aussprechen, als ob ich Eure ältere Schwester wäre?" „Redet so offen, als Euch beliebt, Mrs. Bloomfield; aber Ihr müßt mich über meine Antworten gebieten lassen." „Es ist also, wie ich vermuthete," sagte MrS. Bloomfield gedankenvoll. „Die Männer find gewonnen, und dieses junge Wesen ist in der wichtigsten Angelegenheit ihres Lebens ganz ohne Beschützer." „MrS. Bloomfield — was soll dies heißen? — was könnt Ihr meinen?" „Es handelt sich bloS von allgemeinen Grundsätzen, Kind. Euer Vater und Euer Vetter haben sich als Partieen bctheiligt, statt das Amt achtsamer Schildwachen zu übernehmen, und mit oll ihrer vermeintlichen Sorgfalt haben sie Euch durch das Dunkel weiblicher Unsicherheit tappen lassen, während einer der angeuehm- Eva Efßnqhi»». 29 450 sten jungen Männer im Lande beständig vor Euren Augen war, um die Finsterniß noch zu verstärken." ES ist ein schrecklicher Augenblick, wenn uns zum erstenmal Zweifel eingeflößt werden gegen den Werth verjenigen, die wir lieben, und Eva wurde leichenblaß, als sie die Worte ihrer Freundin hörte. Schon einmal, bei Gelegenheit von Pauls Rückkehr nach England, hatte sie einen ähnlichen Stich durchs Herz empfunden, obschon Ueberlegung und ein ruhiger Rückblick auf alle seine Handlungen und Worte, seit sie zum erstenmal in Deutschland mit ihm zusammengetroffen, sie in die Lage setzte, die Unschlüssigkeit zu überwinden, denn als sie seiner auf dem Berge wieder ansichtig wurde, war in dem Lichte der Vernunft jeder Argwohn, jede unangenehme Besorgniß längst verschwunden. Seine eigene Aussage hatte die leidige Geschichte ganz aufgeklärt, und von diesem Moment an betrachtete sie ihn stcls mit den Augen einer vertrauensvollen Zuneigung. MrS. BloomfieldS Worte klangen ihr daher wie ein TodeSurtheil, und für einen Augenblick erschrack ihre Freundin nicht wenig über die Wirkungen ihrer eigenen, unvollkommenen Mittheilung. Bisher hatte sich MrS. Bloomfield keine geeignete Vorstellung von dem Umfang der Gefühle EvaS gegen Paul bilren können, weil sie von dem früheren Verkehr des jungen Paares in Europa nur wenig wußte; sie bereute daher sehr, den Gegenstand überhaupt zur Sprache gebracht zu haben. Jndcß war eS zum Rückzuge zu spät. Sie schloß Eva zuerst in ihre Arme, küßte ihre kalte Stirne und beeilte sich sodann, das gestiftete Unheil wenigstens theilweise wieder gut zu machen. „Ich fürchte, meine Worte sind zu stark gewesen," sagte sie; „aber ich habe im Allgemeinen ein solches Entsetzen vor der Art, wie in unserem Lande junge Mädchen den Anschlägen ränkevoller, selbstsüchtiger Männer preisgegcben sind, daß ich vielleicht im Allgemeinen zu furchtsam bin, wenn ich ein Wesen, das ich liebe, also bloßgestellt sehe. Man kennt Euch als eine der reichsten Er- 451 , 2 « binnen des Landes, meine Liebe, und mit Erröthen muß ich sagen, daß man allen Berichten zufolge, die wir über die europäische Gesellschaft haben, dort die Glücksjägerei lange nicht zu der regelmäßigen Beschäftigung macht, wie hier." Die Bläffe verließ Eva's Antlitz und machte der Miene der Kränkung Platz. „Mr. PowiS ist kein Glücksjäger, MrS. Bloomfield," versetzte sie mit Festigkeit. „Wir kennen ihn seit drei Zähren und sein ganzes Benehmen widerspricht einer solchen Annahme. Außerdem hat er, wenn er auch nicht gerade reich genannt werden kann, das Einkommen eines Gentlemans, und ist daher durchaus nicht gedrungen, solchen gemeinen Triebfedern zu folgen." „Ich bemerke meinen Zrrthum, aber eS ist jetzt zu spät, zurückzutreten. Ich erlaube mir nicht, zu sagen, Mr. PowiS sey ein Glücksjäger; indeß finden doch in seiner Geschichte Umstände Statt, über die Ihr wenigstens Erkundigungen einziehen solltet und zwar so bald wie möglich. Ich wollte mich lieber mit Euch, als mit Eurem Vater hierüber benehmen, weil ich glaubte, daß Euch im gegenwärtigen Falle eine weibliche Vertraute bester dienen könnte, als sogar Euer trefflicher natürlicher Beschützer. Ich dachte an MrS. Hawker, die um ihres Alters willen vielleicht den Vorzug verdient; aber ich fühlte mich nicht berechtigt, ihr ein Geheimniß mitzutheilen, in dessen Besitz ich so zufällig kam." „Ich weiß Eure Theilnahme vollkommen zu schätzen, theuerste MrS. Bloomfield," versetzte Eva, die sich jetzt sehr erleichtert fühlte und wieder mit all ihrer angeborenen Holdseligkeit zu lächeln begann; denn sie sah nachgerade ein, daß allzugroße Sorgfalt von Seite ihrer Freundin sie unnöthigerweise beunruhigt hatte — „und bitte, Euch ohne Rückhalt gegen mich auSzusprechen. Wenn Euch ein Grund bekannt ist, warum ich die Bewerbung des Mr. PowiS zurückweisen sollte, so ersuche ich Euch, ihn namhaft zu machen." „Heißt er überhaupt Mr. PowiS?" 452 Zu Mrs. Bloomfields großer Ueberraschung lächelte Eva abermals, denn da Erster? die Frage nur mit Beklommenheit vorgebracht hatte, so war sie nicht wenig erstaunt über die Kälte, mit welcher sie ausgenommen wurde. „Er führt vielleicht nicht gesetzlich diesen Namen, könnte es aber immerhin thun, wenn ihm nicht die Oeffentlichkeit, welche mit einem Gesuch an die Legislatur verbunden ist, zuwider wäre. Nach seinem Vater müßte er Aßheton heißen," erwiederte Eva nach einem kurzen Stocken. „Ihr kennt also seine Geschichte?" „In dieser Beziehung fand von Seiten des Mr. Powis keine Zurückhaltung, am wenigsten aber Täuschung Statt." MrS. Bloomfield schien verwirrt, ja sogar in hohem Grade betroffen zu sehn, und es währte einige Zeit, ehe sie sich über den Weg, den sie einschlagen sollte, entscheiden konnte. Daß sie einen Jrrthum begangen hatte, indem sie in einer Herzensangelegenheit Rath ertheilen wollte, nachdem die Neigung bereits gefesselt war, entdeckte sie zu spät; gleichwohl aber schätzte sie GvaS Freundschaft zu sehr und hatte ein zu richtiges Gefühl für das, was sie sich selbst schuldig war, um die Sache beruhen zu lassen oder die Gründe ihrer unaufgeforderten Einmengung für sich zu behalten. »Ich freue mich, dies zu hören," sagte sie, sobald sie mit ihren Zweifeln inS Reine gekommen war; „denn mit der Offenheit fährt man nicht nur am besten, sondern sie ist auch einer der schönsten Züge im menschlichen Charakter. Gleichwohl müssen wir vorsichtig sehn, da sich das andere Geschlecht selten mit unverho- lener Freimüthigkcit gegen das unsrige benimmt." „Ist unser Geschlecht so schnell bei der Hand, sie gegen das andere in Anwendung zu bringen?" „Vielleicht nicht. Es dürfte wohl für beide Theile besser sehn, wenn zur Zeit des FreienS im Allgemeinen weniger Täuschung geübt würbe. Da übrigens dies nicht in Aussicht steht und mög- 453 licherweise dadurch viele der angenehmsten Blendwerke des Lebens zerstört werden dürften, so wollen wir uns nicht auf eine Abhandlung über die Arglist Cupidos einlaffen. Gehen wir dafür lieber zu meinen eigenen Bekenntnissen über, die ich um so bereitwilliger oblegen kann, weil ich weiß, daß sie ein nachsichtiges Gehör finden werden und an eine Freundin gerichtet find, die sogar meine Thor- heitcn mit Liebe zu beurtheilen geneigt ist." EvaS freundliches Lächeln, in welchem sich aber doch ei» schmerzlicher Zug aussprach, versicherte die Sprecherin, daß sie sich nicht getäuscht habe; sie ließ sich noch eine Weile Zeit, um den Ge- sichtSauSdruck ihrer jungen Freundin zu studiren und fuhr dann fort: „In Gemeinschaft mit ganz New-Vork — dieser Stadt voll klatschsüchtiger Mädchen, die da plaudern, wie das Wasser fließt, ohne zu wissen was, und voll backenbärtiger Herrchen, welche Broodway für die Welt und die Koketterien eines Miniatur-SalonS für Menschennatur halten — war ich vor Eurer Rückkehr von Europa der Ansicht, daß Eurer Schleppe in der Person des Sir George Tcmplemore ein begünstigter Bewerber folge." „Aber nichts in meinem Benehmen, in dem von Sir George oder in dem irgend eines Angehörigen meiner Familie konnte mit Recht Anlaß zu einer solchen Vermuthung geben," versetzte Eva hastig. „Was hat Gerechtigkeit, Wahrheit oder auch nur Wahrscheinlichkeit mit einem Gerüchte zu schaffen, das von Liebe und Ehestand spricht? Kennt Ihr die Gesellschaft nicht besser, als daß Euch dies befremdlich Vorkommen sollte, Kind?" „Ich weiß, daß unser Geschlecht seine eigene Würde und Achtbarkeit besser wahren würde, meine theure MrS. Bloomfield, wenn eS weniger von dergleichen Dingen spräche; auch würden unsere Frauenzimmer weit eher im Stande sehn, sich Geschmack, um nicht zu sagen gute Grundsätze, zu erringen, wenn sie ihre Kritik mehr auf Ding'e unv Gefühle beschränkten und sich weniger mit Personen befaßten." 454 „Erlaubt mir die Frage, gibt es unter andern civilisirten Nationen nicht eben so gut, wie bei uns, Klatschereien und Lästerzungen, die eS mit dem Nebenmenschen nicht sonderlich genau nehmen?" „Ohne Zweifel; indeß, glaube ich, hält man dies allenthalben für sehr gemein und für einen Beweis schlechten Umgangs." „Hierin sind wir vollkommen einverstanden; denn wenn es Etwas gibt, was ein Bewußtseyn der eigenen Unbedeutsamkeit ver- räth, so liegt es darin, daß uns andere so augenfällig wichtig erscheinen, um sie zu Gegenständen unserer unabläßigcn Unterhaltung zu machen. Wir können von Tugenden sprechen, denn hierin zollen wir nur dem Gute» die gebührende Huldigung; sobald wir aber dahin kommen, bei persönlichen Fehlern zu verweilen, so liegt darin eher ein Beweis, daß wir stillschweigend von der Ueberlegenheit des Gegenstandes unserer Bemerkungen — sey es nun in Betreff des Charakters, der Talente, der geselligen Stellung oder irgend eines anderen wesentlich scheinenden Punktes — überzeugt sind, als daß uns seine Mängel anwidern. Wer lästert zum Beispiel über seinen Gewürzkrämer, seinen Schuhmacher oder seinen Kutscher? Man thut dies nicht, weil man zu stolz dazu ist. Unsere Bekrittlungen betreffen stets Personen, die besser sind, als wir, oder wenn man an solche nicht kommen kann, so nimmt man mit seines Gleichen vorlieb." „Nun, so will ich eS meinetwegen der New-Vorkcr Welt zu Gute halten, daß sie mich an Sir George Templemore vergabt hat," entgegnete Eva lächelnd. „Dies dürft Ihr wohl, denn diejenigen, welche Euch mit diesem Manne ins Gerede brachten, haben eS hauptsächlich deshalb gethan, weil sie nicht im Stande sind, über etwas Anderes ein Gespräch zu führen. Gleichwohl muß ich noch immer den Vorwurf fürchten, als habe ich unerbeteuen Rath ertheilt und mich bei einer Sache beunruhigt, die nur Andere angeht, nicht aber mich — also eine Sünde begangen, die wir eben erst unserer würdigen Fraubasen- 455 schaft vorgerückt haben. In Gemeinschaft mit meiner ganzen Umgebung also hielt ich Sir George Templemore für den begünstigten Liebhaber, und ich habe mich daran gewöhnt, euch in Gedanken schon mit einander verbunden zu sehen. Als ich jedoch hier anlangte, so kam eS mir, ich will es nur gestehen, vor, Mr. PowiS könnte wohl der gefährliche Mann seyn; denn Ihr werdet Euch erinnern, daß ich ihn zuvor nie gesehen hatte. Soll ich über meine ganze Thorheit Rechenschaft ablegen?" »Laßt mich auch das Kleinste vernehmen." „Wohlan denn, ich bekenne, der Meinung Raum gegeben zu haben: während der treffliche Vater glaubte, Ihr sehet auf dem besten Wege, Lady Templemore zu werden, habe die gleich treffliche Tochter den Anderen für die angenehmste Person gehalten." „Wie, und dies ungeachtet der stattgehabten Verlobung?" „Natürlich schrieb ich diesen Theil des Gerüchts auf Rechnung der gewöhnlichen Verschönerungen. Wir sehen uns nicht gerne in unsere» Berechnungen getäuscht und lieben eS nicht, wenn wir entdecken, daß uns sogar Klatschbasen irre geführt haben. Aus reinem Aerger über meinen früheren Jrrthum fing ich an, diesen Mr. PowiS zu bekriteln." „Zu bekriteln, MrS. Bloomfield?" „Ja, Fehler an ihm zu finden, meine Liebe. Ich versuchte, mir cinzuredeu, er sey nicht eben der schönste, einladendste junge Mann, den ich je gesehen, dachte mir, wie er seyn könnte und nicht wie er war, und stellte sogar unter anderen Dingen Erkundigungen nach ihm an." „Ihr habt es nicht für paffend gehalten, diese Frage Jemanden von uns vorzulegen," crwiederte Eva ernst. „Nein, denn ich entdeckte durch Instinkt, Ahnung oder Muth- maßung -— Alles dies läuft, glaube ich, so ziemlich auf dasselbe hinaus, daß etwas GeheimnißvolleS an ihm sey — etwas, wa« sogar seine Templetoner Freunde nicht ganz verstanden, und s» 456 kam mir denn der glückliche Gedanke, mich bei einer andern Person zu erkundigen." „Und erhieltet zuverlässig eine befriedigende Antwort," sagte Eva, ihre Freundin mit dem ganzen arglosen Vertrauen anblickend/ welches dem ganzen weiblichen Geschlecht eigen ist, wenn die Liebe über den Verstand die Oberhand gewonnen hat. „Cosi, cofi: Bloomfield hat einen Bruder, der, wie Ihr wißt, unter der Marine ist, und ich erinnerte mich zufälligerweise, daß dieser einmal von einem Offizier Namens Powis gesprochen hatte, dessen er als eines Mannes, mit welchem er in Westindien gegen die Seeräuber gefachten, lobende Erwähnung that. Ich schrieb ihm einen meiner gewöhnlichen Briefe, die gemeiniglich ein Gemisch von allerlei Gegenständen aus der Natur und Kunst sind, und ersah die Gelegenheit, auf einen gewissen Mr. Paul anzuspielen, indem ich die allgemeine Bemerkung beifügte, daß er früher gedient habe, und die besondere Frage anschloß, ob er nichts davon wisse. Alles dies mag Euch wohl als sehr unberufener Diensteifer erscheinen, aber Ihr würdet es zuversichtlich ganz natürlich finden, meine theure Eva, wenn Ihr wüßtet, welches Interesse ich für Euch fühlte und noch fühle." „Weit gefehlt, darüber verdrießlich zu seyn, fühle ich mich Euch vielmehr für Eure Theilnahme sehr verpflichtet, namentlich, da ich von Euch voraussetzen darf, daß es mit Vorsicht und ohne mißliebige Beziehungen auf dritte Personen geschah." „Was dies betrifft, glaube ich die Sache ziemlich gut eingeleitet zu haben. Tom Bloomfield — ich muß ihn um Verzeihung bitten, denn er nennt sich gegenwärtig Kapitän Bloomfield — kennt Mr. Powis gut oder kannte ihn vielmehr, denn sie haben sich seit Jahren nicht wieder gesehen. Gr spendet seinen persönlichen Eigenschaften und seiner SeemannSgeschicklichkeit das beste Lob, hat aber doch die Bemerkung beigefügt, daß ein gewisses Geheim- niß mit seiner Geburt in Verbindung stehe, denn siineS Wissens habe er, che er in den Dienst trat, den Namen Affheton geführt und erst später sich PowiS genannt, ohne öffentlich einen Grund dafür anzugeben oder die gesetzliche Legitimation nachzusuchen. Nun dachte ich, ich könne nicht zugebcn, daß Eva Effing- Ham eine Verbindung mit einem Manne von so zweideutiger Stellung eingehc, ohne ihr zuvor Kunde davon mitgetheilt zu haben. Ich erwartete einen paffenden Anlaß, um mich dieses unangenehmen Dienstes zu entledigen; aber der Zufall, welcher mich zum Zeugen des Vorgangs von heilte Abend machte, belehrte mich, daß keine Zeit zu verlieren sey, und ich kam deshalb hieher, vielleicht mehr durch die Theilnahme für Euch, meine Liebe, als durch die Klugheit geleitet." „Ich danke Euch ausrichtig für die freundliche Sorgfalt, die Ihr für mein Wohl tragt, thcure MrS. Blooinficld. und weiß den Beweggrund nach Gebühr zu schätzen. Wollt Ihr mir die Frage erlauben, wie viel Ihr von dem, was heute Abend vorging, wißt?" „Einfach, daß Mr. PowiS verzweifelt verliebt ist — eine Erklärung, die mir stets für den Seelenfrieden eines jungen Frauenzimmers in hohem Grade gefährlich erscheint, wenn sie aus dem Munde eines sehr — sehr einladenden jungen Mannes kömmt." „Und meine Betheiligung an dem Dialoge?" — Eva crrüthete bis über die Augen, als sie diese Frage stellte, obfchon sie sich alle Mühe gab, ruhig zu erscheinen — „meine Antwort?" „ES lag zu viel von dtm Takte eines Weibes, eines ächten und gerechten WeibeS in mir. Miß Effingham, um aus dies zu hören, selbst wenn sich eine Gelegenheit dazu geboten hätte. Wir befanden uns übrigens nur eine» Augenblick nahe genug, um etwas zu verstehen, obschon dieser Augenblick zurcichte, uns einen tiefen Blick in die Gefühle des Gentleman thun zu lassen. Ich verlange kein Vertrauen, meine theure Eva, und nun ich meine Erklärungen gegeben habe, so albern sie auch seyn mögen, will ich Euch küssen 458 und mich nach dem Besuchzimmer begeben, wo man uns beide bald vermissen wird. Vergebt mir, wenn ich aufdringlich gewesen bin und schreibt cs dem wahren Beweggründe zu." „Halt, MrS. Bloomfield, ich bitte — noch einen einzigen Augenblick. Ich wünsche Euch noch ein Wort zu sagen, ehe wir uns trennen. Da Euch der Zufall von Mr. PowiS' Gesinnungen gegen mich unterrichtet hat, so ist es nicht mehr als billig, als daß Ihr auch meine Gefühle gegen ihn kennen lernet." Eva hielt unwillkührlich inne, denn obschon sie ihre Erklärung mit dem festen Vorhaben begonnen hatte, Paul Gerechtigkeit widerfahren zu lassen, hielt doch die Verschämtheit ihres Geschlechts in demselben Augenblicke, in welchem sie am sehnlichsten zu sprechen verlangte, ihre Zunge gebunden. Eine Gewaltanstrengung bewältigte jedoch diese Schwäche und es gelang dem warmherzigen, edel» Mädchen, ihrer Stimme Herr zu werden. „Ich kann nicht zugeben, daß Ihr mit dem Eindruck von hinnen geht, als ob ein Schatten irgend einer Art auf Mr. PowiS' Benehmen hafte," sagte sie. „Weit entfernt, je von den Ereignissen Vortheil ziehen zu wollen, die es in seine Macht gaben, uns wesentliche Dienste zu leiste», hat er früher nie von seiner Zuneigung gesprochen, und auch diesen Abend geschah es unter Umständen, in welchen die natürlichen Gefühle — vielleicht darf ich wohl sagen, gegen seinen Willen — die Oberhand gewonnen." „Ich glaube Alles, denn ich fühle mich überzeugt, daß Eva Effingham ihr Herz nicht unbesonnen verschenken kann." „Mein Herz — Mrs. Bloomsield!" „Ja, Euer Herz, meine Theure; aber jetzt bestehe ich darauf, daß der Gegenstand vorderhand beruhen bleibe. Euer Entschluß ist wahrscheinlich noch nicht zur Reife gediehen. Das Geheimniß Eures Liebhabers ist erst seit einer Stunde in Eurem Besitz und die Klugheit fordert Uebcrlegung. Ich hoffe. Euch in dem Besuchzimmer zu sehen — bis dahin lebt wohl!" 459 MrS. Blvomfield winkte Eva, zu schweigen, und verließ das Gemach eben so leichten Trittes, als sie dasselbe betreten hatte. Fünfundzwanzigstes Kapitel. Um der Tugend ihren eigemhümlichen Zug zu zeigen, verachte ihr eigenes Bild; dem wahren Charakter und Werth der Zeit gegenüber thue ein Gleiches a» der Form und an dem Gepräge derselben. Shakspeare. Als MrS. Blvomfield in das Besuchzimmer cintrat, fand sie fast die ganze Gesellschaft des Wigwam daselbst versammelt. Der „Feuerspaß" hatte ein Ende genommen, und die Raketen schoßen nicht mehr am Himmel hin; aber die künstliche Beleuchtung im Inneren leistete mehr als Ersatz für die, welche kürzlich noch außen stattgefunden hatte. Mr. Esfingham und Paul unterhielten sich auf einem Fenstersitze, während John Esfingham, MrS. Hawkcr und Mr. Howel in lebhaftem Gespräch auf einem Sopha saßen. Mr. Wenham hatte sich gleichfalls der Gesellschaft angeschloffen und benahm sich mit Kapitän Doucie, obschon nicht so ausschließlich, daß er nicht hin und wieder Blicke nach dem vorerwähnten Trio hätte entsenden können. Sir George Templemorc und Grace van Courtlandt ergingen sich in der großen Halle, und man sah sic durch die offene Thüre, wie sie hin und her wandelten. „Es freut mich, daß Ihr Euch unter uns blicken laßt, MrS. Blvomfield," sagte John Esfingham; „denn gewiß hat es nie eine starrsinnigere Anglomanie gegeben, als die, welche mein guter Freund Howel diesen Abend an den Tag legt, und ich hege die Hoffnung, daß Kure Beredsamkeit ihm einige der Vorstellungen benehmen werden, an denen meine Logik verloren ging, wie Wai- zenkörner auf einer vielbetretenen Landstraße." 460 „Wo Mr. John Effingham den Kürzeren ziehen muß, darf ich mir nicht viel Erfolg versprechen." „Das weiß ich denn doch nicht; denn Howel bildet sich ein, ich habe einen Groll auf England, weshalb er Allem, was ich sage, nur mit Mißtrauen und Widerwillen Gehör schenkt." „Mr. John bedient sich gewöhnlich einer starken Sprache, Ma'am," rief Mr. Howel, „und Ihr werdet einem Wörterbuche, das keine sehr milden Ausdrücke in sich saßt, einige Zugeständnisse machen. Gleichwohl gestehe ich offen, daß er mir gegen die gedachte große Nation etwas eingenommen zu seyn scheint." „Um was dreht sich die gegenwärtige Streitfrage, Gentlemen?" fragte MrS. Bloomsield, indem sie sich aus einen Sitz niederließ. „Je nun, es handelt sich um eine Kritik eines kürzlich erschienenen amerikanischen Werks, und ich behaupte, dem Autor sey ,lebendig die Haut abgezogen*, während Mr. John darauf besteht, der Kritiker habe nur seinem eigenen Groll Luft gemacht, weil das Werk einen National-Charakter habe und gegen die Gefühle und Interessen des Recensenten verstoße." „Ich muß gegen diese Darlegung des Falls protestiren, denn ich behaupte, den Recensenten treffe ein weit größerer Vorwurf, als der eines bloßen Gallenergusses, sintemal seine GeisteSarmuth, seine Unwissenheit und seine Ehrlosigkeit in grellen Zügen ans Licht träten." „Ich habe den Artikel gelesen," sagte MrS. Bloomsield nach einem Blick auf das Journal, „und muß sagen, daß ich mit Mr. John EffinghamS Ansicht einverstanden bin." „Aber bemerkt Ihr nicht, Maam, daß dieses Magazin das Idol des ,Adels und der Gentry* ist — daß es von den Vornehmen Frankreichs mehr gelesen wird, als irgend ein anderes? Wie ich höre, schreiben sogar Bischöfe dafür." „Ich weiß, daß es ausdrücklich gegründet wurde, um eines der trüglichsten Systeme, welche je eristirten, zu unterstützen, und 461 daß es jede hohe Eigenschaft zum Opfer bringt, uni nur seinen Zweck zu erreichen." „Mrs. Bloomsteld, Ihr setzt mich in Erstaunen! Die ersten Schriftsteller Großbritanniens figuriren auf seinen Blättern." * „Dies möchte ich zuvörderst sehr in Frage ziehen; aber selbst wenn es der Fall wäre, so erkennt man gar bald die seichte Mystifikation. Es ist wohl denkbar, baß ein Mann von Charakter einen Artikel für ein derartiges Werk schreiben kann; aber daraus folgt nicht, daß der nächste nicht aus der Feder eines charakterlosen Menschen komme. Die Grundsätze der Mittheilung in einer periodischen Zeitung sind eben so verschieden, wie die mitwirkenden Talente." „Aber der Herausgeber ist eine Bürgschaft für Alle. Der Herausgeber dieser Zeitschrift ist ein ausgezeichneter Schriftsteller." „Ein ausgezeichneter Schriftsteller kann auch ein großer Schurke seyn, und in einer solchen Sache ist eine einzige Thatsache mehr Werth, als tausend Muthmaßungen. IlebrigcnS wissen wir nicht einmal, ob derartige Werke überhaupt verantwortliche Redakteure haben, denn auf der Titelseite ist kein Name genannt, und man trifft eben da, wo die Verantwortlichkeit fehlt, am allerhäustgsten, daß man durch hohle Erklärungen den Leuten die Augen zu verblenden sucht. Doch wenn ich Euch zu beweisen im Stande bin, Mr. Howel, daß dieser Artikel unmöglich aus der Feder eines ManneS von nur gewöhnlicher Ehrenhaftigkeit herrühren kann, was werdet Ihr dann zu der Verantwortlichkeit Eures Herausgebers sagen?" „In diesem Falle werde ich genöthigt seyn, zuzugeben, daß sich der Aufsatz ohne dessen Borwiffen eingeschlichen hat." „Alles lieber als das angcbetete Jvol aufgeben!" sagte John Esfingham lachend. „Warum fügt Ihr nicht ohne Weiters bei — oder daß der Redakteur ein eben so großer Schurke ist, als der Mitarbeiter?" 462 „Es freut mich übrigens, daß Tom Howel in so gute Hände gefallen ist," entgegnete MrS. Bloomfield, „und ich bitte Euch recht sehr, ihn nicht zu schonen." „Wir haben schon früher davon gesprochen, wie rasch Mrs. Bloomfield Dinge und Grundsätze zu erfassen wußte, so daß diese Eigenschaft sich fast zu einer inneren Anschauung steigerte. Sie hatte den fraglichen.Artikel gelesen und beim Ueberfliegen der Zeilen fast in jedem Satz die Trugschlüsse und Unwahrheiten bemerkt, da sie nicht einmal mit gewöhnlicher Geschicklichkeit zusammengestellt waren; denn der Autor hatte augenscheinlich auf die Gemächlichkeit der Leserklaffe gezählt, welche gewöhnlich seine platten Behauptungen ohne Weiteres hinunterzuschlingen pflegte, und sich dabei eine Plumpheit erlaubt, die Jeder ohne Mühe erkennen mußte, welcher nicht gerade einen bergeversetzenden Glauben in sich trug. Aber Mr. Howel gehörte einer andern Schule an. MrS. Bloomfield machte ihn zwar auf die handgreiflichsten Mystifikationen aufmerksam; aber er war zusehr daran gewöhnt, bei dergleichen Dingen seine Augen zu schließen, so daß eine Lüge, auf die er in den meisten Schriften keinen Werth gelegt haben würde, für ihn sich zur Würde der Wahrheit hob, sobald sic ihm nur in dem fraglichen Journale geboten wurde. MrS. Bloomfield schlug nun einen Artikel über Amerika auf, und las daraus mehrere verunglimpfende Ausdrücke über Mr. Ho- wels eigenes Geburtsland vor. Die eine Stelle lautete, „das erste Spielzeug des Amerikaners scy der Klapperschlangenschwanz." „Nun was haltet Ihr zum Beispiel von dieser Behauptung. Mr. Howel?" fragte sie, nachdem sie die eben angedeuteten Worte gelesen hatte. „Oh, dies ist nur scherzweise gesprochen — ein bloßer Witz." „Wohlan denn, was sagt Ihr dazu, wenn man es als Witz betrachtet?" „Ei, er scheint mir freilich nicht von dem reinsten Wasser zu seyn; aber auch die besten Menschen find sich nicht immer gleich, namentlich was den Witz betrifft." „Hier," fuhr MrS. Bloomfield fort, indem sie sich einer andern Stelle zuwandte, ist aufs Bestimmteste angegeben oder vielmehr aufs Bestimmteste gelogen, daß das ,Civil-Departement der Regierung in den Vereinigten Staaten* ungefähr sechsmal so viel koste, als wirklich der Fall ist." ^ „Unser Gouvernement ist so ungemein schlecht bezahlt, daß ich diesen Jrrthum eher der Großmuth zuschreibe." „Gut," fuhr die Dame lächelnd fort. „Hier behauptet der Journalist, der Congreß habe ein Gesetz erlassen, welches der Demokratie zu Gefallen den Umfang gewisser Schiffe beschränke; die exekutive Gewalt aber umgehe im Geheimen dieses Gesetz und lasse Schiffe von viel größerem Umfang bauen. Nun aber sprechen die Verfügungen des Gesetzes gerade das Gegentheil aus, sintemal sie ausdrücklich befehlen, daß die Schiffe nicht weniger als 74 Kanonen halten sollten — ein Stückchen Belehrung, das ich, beiläufig bemerkt, Mr. PowiS verdanke." „Unwissenheit, Ma'am; man kann einem Fremden nicht zu- muthen, daß er alle Gesetze eines fremden Landes kenne." „Wozu aber dreiste, falsche Behauptungen, welche darauf abzielen, dieses Land in Mißkredit zu bringen? Hier ist eine andere Behauptung: — ,zehntausend von den Männern, welche bei Waterloo fochten, würden sich durch ganz Nordamerika Bahn gebrochen haben!* Glaubt Ihr dies, Mr. Howel?" „Aber dies ist bloS eine Ansicht, MrS. Bloomfield. Jedermann kann in seinen Meinungen irren." „Sehr wahr; indeß handelt sich- hier um eine Ansicht, die im Jahre unserS Herrn Eintausendachthundertundachtundzwanzig ausgesprochen wurde — also nach den Schlachten von Bunkershill, Monmouth, Plattsburg, Saratoga und New-OrleanS. Und außerdem hat sich bereits herausgestellt, daß so ziemlich zehntausend von 46L denselben Männern, welche bei Waterloo fochten, nicht einmal vier Stunden weit sich durch das Land Bahn zu brechen vermochten." „Ei, ja, Alles dies zeigt weiter nichts, als daß der Journalist bisweilen im Jrrthum ist." „Verzeihung, Mr. Howel, ich glaube, man ersieht Euren eigenen Zugeständnissen zufolge daraus, daß sein Witz, selbst als Witz genuinen, von sehr untergeordneter Eigenschaft ist — daß er nichts von dem weiß, was er zu wissen vorgibt — und daß seine RaisonnementS ganz im Verhältnisse zu seinen Kenntnissen stehen. Wenn nun Alles dies gegen einen Menschen erwiesen ist, der durch die Art, wie er auftritt, zu erkennen geben will, daß er mehr wisse, als andere Leute, so muß er doch wohl in den Augen eines jeden Vernünftigen als verächtlich erscheinen." „Die Sache datirt sich um acht oder zehn Jahre zurück; laßt uns daher genauer auf die Artikel cingehen, um deren willen die Verhandlung begonnen hat." „Volontier«." MrS. Blvomfield ließ sich nun aus der Bibliothek das re- censirte Werk holen, las einige Stellen der Kritik vor und schlug dann auf den betreffenden Seiten des Buches selbst nach, wodurch sich herausstellte, daß nicht nur die Citationen häufig verfälscht waren, sondern auch der Kritiker Vieles aus dem Texte weggelaffen und in mehreren schlagenden Beispielen auf Kosten der englischen Sprache sich armselige Witze erkauft hatte. MrS. Bloomfield machte zunächst auf mehrere von jenen dreisten Behauptungen aufmerksam, durch welche sich gerade dieses Journal besonders auS- zeichnete, und erhob es für jeden Vorurtheilsfreien über alle Zweifel, daß sie rein auf Lüge gegründet waren. „Hier ist ein Beispiel, das von Eurer Seite kaum ein Abdingen oder eine Einwendung zulaffen wird, Mr. Howel," fuhr sie fort; „erweist mir den Gefallen, diese Stelle der Recension zu lesen." 405 Mr. Howel willfahrte und blickte sodann erwartungsvoll die Dame an. „Der Recensent beabsichtigt hier, seine Leser glauben zu machen, daß der Autor sich selbst widersprochen habe — ist's nicht so?" „Allerdings; nichts kann klarer sepn." „So spricht also Euer Lieblingskritiker, welcher in unverhohlenen Ausdrücken ihn dieser Sünde zeiht. Betrachten wir^iber nun das wahre Sachverhalten. Hier ist die Stelle in dem Werke selbst. Ihr bemerkt erstlich, daß der Satz, welcher den angeblichen Widerspruch enthält, verstümmelt lst, denn der Theil, welcher wegblieb, gibt ihm gerade den entgegengesetzten Sinn von dem, welchen er unter der Scheerc des Reeensenten gewonnen hat." „Ich gestehe zu, daß es allerdings diesen Anschein gewinnt." „Ihr bemerkt hier, daß der Schlußsatz desselben Artikels, welcher sich unmittelbar auf den Fragepunkt bezieht, versetzt ist, so daß man glauben muß, er enthalte einen andern Sinn, als den, welchen der Autor wirklich ausgesprochen hat." „Auf mein Wort, ich kann nicht anders sagen, ^als daß Ihr Recht habt." „Gut, Mr. Howel; wir haben also den Witz als nicht vom reinsten Wasser erfunden, haben gesehen, wie der Kritiker hinsichtlich der Thatsachcn im höchsten Grade unwissend ist, und in gleicher Weise ersehen wir, welche falsche Principien selbst den bestimmtesten Behauptungen zu Grunde liegen. In welche Categorie nun, wie Kapitän Truck sagen würde, setzt Ihr dies?" „Es ist literarischer Betrug," rief John Efsingham, „und der Mann, welcher so schreiben kann, ist ohne Frage ein Schurke." „Ich halte diese beiden Thatsachen für unbestreitbar," bemerkte MrS. Bloomsield, indem sie Mr. Howels Lieblings-Journal mit der Miene kalter Verachtung niederlcgte, „und muß sagen, daß ich's nicht als nöthig erachtet hätte, in unseren Tagen noch den Allgemeincharakter dieses Werks einem Amerikaner von nur gewöhn- vra Efflnghani. 3V 466 licher Einsicht, geschweige denn einem so verständigen Manne, wie Mr. Howel ist, beweisen zu müssen." „Aber Ma'am, es kann doch viel Wahrheit und Gerechtigkeit in den übrigen Bemerkungen liegen," entgegnete der hartnäckige Mr. Howel, „obschon wir hier auf Jrrthümer getroffen sind." „Seyd Ihr nie in einer Jury gewesen, Mr. Howel?" fragte John Efsingham in seiner kaustischen Weise. „Oft, und auch in großen JurieS." „Gut; und hat Euch der Richter nie belehrt, daß das Zeug- niß eines Menschen, welcher in einem Punkte als Lügner erfunden wurde, auch in allen anderen werthloS scy?" „Wohl wahr; aber hier handelt sich's um ein kritisches Journal und nicht um ein Zcugniß." „Die Unterscheidung ist gewiß sehr gut," nahm MrS. Bloom- field lachend wieder auf; „denn im Allgemeinen kann nichts weniger den Charakter eines ehrlichen Zeugnisses tragen, als eine Recension." „Aber ich denke, meine theure Ma'am, Ihr werdet zugestehen, daß Alles dies ungemein beißend und scharf gesagt ist — ich kann nicht sagen, daß ich je in meinem Leben etwas Schärferes gelesen hätte." „Das Beißende liegt eben in den Beiwörtern, Mr. Howel — in den gemeinsten und verächtlichsten Schimpfereien. Würden sich zwei Menschen in Eurer Gegenwart solche Ehrentitel ertheilen, so könnte dies, glaube ich, nur Euren Widerwillen erregen. Wenn übrigens ein Gedanke klar und treffend ist, so braucht man seine Zuflucht nicht zu einer verartigen Beitze zu nehmen, da man sie nie in Anwendung zu bringen pflegt, als wo es an der elfteren Eigenschaft fehlt." „Gut, gut, meine Freunde," rief Mr. Howel, indem er zurücktrat und auf Grace und Sir George zuging; „es verhält sich allerdings hier anders, als ich anfangs glaubte — aber dennoch bin 467 ich der Ansicht, daß ihr die Zeitschrift im Ganzen unter ihrem Werth anschlagt." „Ich hoffe, diese kleine Lehre wird Mr. HowelS Vertrauen auf die Moralität des Auslandes ein wenig abkühlen," bemerkte MrS. Bloomsield, sobald der gedachte Gentleman ein wenig aus der Hörweite war. „Ein leichtgläubigerer Götzendienst ist mir noch nie vorgekommen." „Die Schule mindert sich mehr und mehr, ist aber gleichwohl noch immer groß genug. Männer, die, wie Tom Howel, ihr ganzes Leben hindurch nur in einer Richtung gedacht haben, sind nicht leicht zu einem Wechsel ihrer Ansichten zu vermögen, namentlich wenn die Bewunderung des Fernen — jener Ferne, ,welche dem Anblick einen Zauber leiht* — ihrem Glauben zu Grunde liegt. Wäre derselbe Artikel hier zu Templeton und in Mr. HowelS nächster Nachbarschaft geschrieben und gedruckt worden, so würde unser Ehrenmann wohl der Erste seyn, welcher sagte, es sey das Machwerk eines Kerls ohne Talent oder Grundsätze und verdiene gar nicht, daß man ihm nur einen zweiten Gedanken schenke." „Gleichwohl glaube ich, der Umstand, daß ihm der Betrug so scharf vor Augen geführt wurde, wird ihn zu einem weiseren, wo nicht besseren Manne machen." „Ihn gewiß nicht. Entschuldigt eine etwas rohe Vergleichung, die aber hier sehr paffend ist — er wird ,zurückkchren wie der Hund zudem, was er gespicen hat/ oder ,wie das Schwein zur Kloake/ Ich habe nie gesehen, daß ein Anhänger dieser Schule völlig geheilt worden wäre, bis er einmal selbst der Gegenstand eines Angriffs wurde oder ihm bei genauer persönlicher Beziehung der Hvchmulh eines europäischen UeberlegcnheitSgefühlS empfindlich nahe gelegt wurde. Erst vor einer Woche hatte ich einen Streit mit ihm über Menschlichkeit und über das FreiheitSprincip seines eigenen geliebten Vorbilds. Als ich darauf hinwies , daß die Engländer in ihren Kriegen 468 mit Amerika den Tomahawk zu Hilfe zu rufen pflegten, behauptete er, die indianischen Wilden tödteten keine Weiber und Kinder, sondern nur die Weiber und Nachkommenschaft ihrer Feinde, und auf meine Bemerkung, die Engländer kümmerten sich gleich den meisten übrigen Menschen sehr wenig um eine andere Freiheit als um ihre eigene, erklärte er ganz gelassen, eben diese ihre Freiheit scp die einzige, welche verdiene, daß man sich darum kümmere." „O ja!" mengte sich der junge Mr. Wenbam ein, der den letzter,! Theil des Gesprächs mitangehört hatte; „Mr. Howel ist so ganz und gar Engländer, daß er unbedingt in Abrede zieht, Amerika sey das civilisirteste Land der Welt; und eben sowenig gibt er zu, daß wir unsere Sprache besser reden, als je irgend eine bekannte Nation die ihrige sprach." „Dies ist ein so augenfälliger Akt des HochverratheS," versetzte MrS. Bloomfield , indem sie sich Mühe gab, eine ernste Miene anzunehmen; denn Mr. Wenham nahm cs selbst durchaus nicht genau damit, wie er sich der Worte bediente, und sprach gemeiniglich ,beon< wie,bon' — ,»Ioos< wie,äoro* — ,notl>i»x° wie,nan tlling* — ,kow' wie ,koo* u. s. w. „daß man nothwendig Mr. Howel um dieses Vergehens willen vor den Richterstuhl der öffentlichen Meinung stellen sollte." „ES ist allgemein und sogar von unseren Feinden zugestanden, daß unsere Sprechweise die beste ist in der Welt, und vermuthlich liegt hierin der Grund, warum unsere Literatur so schnell die oberste Stufe der Leiter erreicht hat." „Und ist dies wirklich der Fall?" fragte MrS. Bloomfield mit einer Neugierde, die gewiß in hohem Grade ungekünstelt war. „Ich glaube. Niemand zieht dies in Abrede. Hoffentlich werdet Ihr mit mir einverstanden seyn, Mr. Dodge?" Der Herausgeber des „Active Jnguirer" war eben noch in guter Zeit hcrangekommen, um sich über den Gegenstand der 'Verhandlung unterrichten zu können. Nun hatte aber die Sprechweise 469 dieser beiden Personen, trotz des vielen Gemeinschastlichen, noch gar Vieles, was nicht gemeinschaftlich war. Mr. Wenham war ein Native von New-Vork und sein Dialekt daher ein ziemlich allgemein beliebtes Gemisch von dem Dorischen New - Englands, der holländischen Kreuzung und der alten englischen Wurzel, während Mr. Dodge das reine, unverfälschte Toskanisch seiner Provinz sprach, und dabei starr an allen Tönen und Bedeutungen desselben sesthielt. So war z, B, seiner Behauptung zufolge „äisxipation" gleichbedeutend mit Trunkenheit — „uxl^" (häßlich) mit „vivinus" (lasterhaft) — „clever" (gescheit) mit „goocl natureä" (gutmüthig) und „Iiumbl)'," wie er das Wort „Hömels" (schlicht) sprach, mit „uxlz?" (häßlich). Als Zugabe zu diesen Schönheiten in der Bedeutung, sprach er auch seine Worte so eigenthümlich aus, daß Fremde ihn oft ganz und gar nicht verstunden; und hieran haftete er mit einer Hartnäckigkeit, welche ihre Hauptkraft wohl der Thatsache verdankte, daß eS nicht in seiner Macht stand, sich seiner Provinzialismen zu entledigen. Aber trotz aller dieser kleinen Eigenheiten — Eigenheiten für Jeden, mit Ausnahme der Bewohner seiner Provinz — hatte sich doch auch Mr. Dodge die Vorstellung in den Kopf gesetzt, daß er ausgezeichnet gut spreche; er behandelte daher die Sache als einen Gegenstand, der um seiner öffentlichen Anerkennung und der unumstößlichen Begründung willen über allen Zweifel erhaben sch. „Die Fortschritte der amerikanischen Literatur," entgcgnete der Herausgeber, „sind in der That staunenerregend, und ich glaube, in den vier Theilen der Welt ist allgemein zugestandcn, daß unsere Kanzel und unser Gerichtssaal auf der höchsten Stufe dieser beiden Wissenschaftszweige stehen. Ferner besitzen wir die besten Dichter des Zeitalters, und cilf unserer Romanenschrciber übertreffen alle derartigen Schriftsteller in andern Ländern. Die American pbilo- sopliieal 8ociet)' wird, glaube ich, allgemein für die scharfsinnigste und gelehrteste Gesellschaft, welche zur Zeit besteht, gehalten, wenn 470 nicht etwa die biew-l^orü lnstorioal 8oeiet^ mit ihr um diese Ehre wetteifert. Man erkennt bald der einen, bald der andern dieser Körperschaften die Palme zu, obschon ich für meine Person keine Entscheidung abzugeben mich getraue. Und zu welcher Höhe hat sich nicht in den letzten Jahren das Drama gehoben! Das Genie wird nachgerade in Amerika so gewöhnlich wie die Specereien." „Ihr habt vergessen, die Presse namentlich aufzusühren," nahm Mr. Wenham selbstgefällig das Wort. „Ich glaube, wir können uns auf den hohen Charakter unserer Presse mehr zu gut thun, als auf irgend etwas Anderes." „Nun ja, die Wahrheit zu sagen, Sir," entgegnete Steadfast, indem er Mr. Wenham am Arm nahm und ihn langsam hinwegführte, so daß noch ein Theil des Nachfolgenden von den beiden belustigten Zuhörern vernommen werden konnte; „die Bescheidenheit ist ein so untrüglicher Begleiter des Verdienstes, daß wir, die wir uns diesem hohen Berufe geweiht haben, nicht gerne etwas zu unfern eigenen Gunsten sagen mögen. Ihr werdet eine Zeitung nie auf der Schwäche ertappen, daß sie sich selbst preist; aber unter uns kann ich wohl sagen: nach einer genauen Prüfung der Preß- verhältniffe in anderen Ländern, bin ich zu dem Schluß gekommen, daß. was Talente, Geschmack, Rechtlichkeit, Philosophie, Genie und Wahrheitsliebe betrifft, die Presse der Bereinigten Staaten auf der allerhöchsten" — Mr. Dodge war mittlerweile so weit von den Zuhörern ab- gckommen, daß der übrige Theil seiner Rede unhörbar wurde, obschon aus der anerkannten Bescheidenheit des Mannes und Schriftstellers sich leicht über den Schluß des Satzes eine Folgerung ziehen ließ. „In Europa," bemerkte John Efsingham, und in seinem Antlitz drückte sich der kalte Spott aus, welchen eS so leicht anzunehmen psiegte, „soll es In vloille und la souno Uranos geben; aber wir haben, glaube ich, hier ein paar hübsche Pröbchen von einem alten und einem i u n g e n Amerika. Das Elftere setzt Mißtrauen in alles Heimische, sogar in die heimischen Kartoffeln, und das Andere erkennt nirgends ein Verdienst, als in sich selbst." „Es scheint eine Art Pendel-Unruhe in der Menschheit stattzufinden," cntgegnete MrS. Bloomfield, „welche die Ansicht stets um das Centrum der Wahrheit hin und her vibriren läßt; denn ich glaube, man findet selten einen Menschen in der Welt, der nicht geneigt wäre, sobald er einen Jrrthum aufgegeben hat, in den entgegengesetzten zu verfallen. Aus dem Glauben, wir hätten gar nichts, was sich auch nur der Mühe eines Gedanken verlohnte, ist eine Schule hervorgegangen, welche mit baaren Füßen in den Schluß hineingeschlüpft zu sehn scheint, daß wir Alles besitzen." „Ja, und dies ist einer von den Gründen, warum die ganze übrige Welt uns verlacht." „Uns verlacht, Mr. Effingham? Sogar ich bin der Meinung gewesen, der amerikanische Name habe endlich in anderen Theilen der Welt einen guten Klang gewonnen." „Dann sehd sogar Ihr, meine theure MrS. Bloomfield, in einem schweren Jrrthum befangen. Allerdings fängt Europa an, von uns anzunehmen, wir sehen nicht ganz so schlecht, als cS sonst geglaubt hat; gleichwohl find wir noch immer weit, sehr weit entfernt, daß man uns in Betreff guter Eigenschaften nur die gewöhnliche Höhe anderer Nationen zugcstünde." „Sicherlich kann man uns Thatkraft, Unternehmungsgeist und Regsamkeit nicht absprechen." „Eigenschaften, die man ganz säuberlich mit den Ausdrücken Habsucht, Verschmitztheit und Betrug bezeichnet. Freilich fällt eS mir nicht ein, für baare Münze anzunehmen, was Europa und namentlich unser schätzbares blutverwandtes Alt-England aus Vor- urtheil oder Berücksichtigung des eigenen Interesses zum Nachthcile Amerikas in Umlauf setzt, da Letzteres meinem unmaßgeblichen Ermessen zufolge eben so viel wahren Werth besitzt, als nur irgend 472 eine Nation auf Erden, obschon es, während cs sich seiner alten Mängel uno Thorheiien zu entschlagen sucht, nicht Weisheit geung besitzt, zu entdecken, daß es schnell in recht leidliche — oder wenn Ihr lieber wollt — unleidliche Surrogate derselben verfällt." „Was haltet aber Ihr für unseren größten Jrrthum, für unsere schwächste Seite?" „Den kleinstädterischcn Sinn mit seinem ganzen Schweife beschränkter Vorurthcile und die Neigung, Mittelmäßigkeit für Vollkommenheit auszurufen. Beides hat seinen Grund in dem doppelten Einflüße einer Unwissenheit, die bei einer Nation, wo die Volksmeinung so gebieterisch herrscht, zum Theil aus dem Mangel an Mustern, zum Theil aus einem unwiderstehlichen Hang eben nach dem Mittelmäßigen entspringt." „Aber herrscht die Volksmeinung nicht überall — ist die Stimme der Oessentlichkeit nicht allenthalben stärker als das Gesetz?" „In einem gewissen Sinne mögen diese beiden Sätze richtig seyn; aber bei einer Nation, die, gleich der unsrigen, keine Hauptstadt besitzt und nur aus Provinzen besteht — wo also Verstand und Geschmack sich nur sehr zerstreut findet, fehlt eS dieser VolkSmeinnng an der gewöhnlichen Richtung und sie entnimmt ihre Hebel eher der Macht der Zahlen, als der Macht des Geistes. Daher die Thatsache, daß sich die öffentliche Meinung nie oder doch nur selten zur absoluten Wahrheit erhebt. Ich bin mit Euch einverstanden, daß unsere Mittelmäßigkeit als solche gut genug—viel besser sogar, als gewöhnlich ist; aber dennoch bleibt sie Mittelmäßigkeit." „Ich sehe, Ihr habt in Euren Bemerkungen Recht, und ver- muthlich haben wir hieraus auch die allgemeine Anwendung der Superlative abzuleiten, die sich überall so breit macht." „Ohne Zweifel. Man scheut sich, die Wahrheit auszu- sprechen, sobald sie das gewöhnliche Begriffsvermögen übersteigt, und so kömmt es, daß alle die Diener der Oessentlichkeit, wie sie sich selbst nennen, statt die heilsame Wahrheit zu enthüllen, deren man so sehr benöthigt war, bloS zu ekelhafter Schmeichelei ihre Zuflucht nehmen, um ihre Popularität zu erhöhen," „Und wohin soll dies führen?" „Der Himmel weiß es. Amerika hat sich zwar von den Dor- urtheilen der alten Schule befreit und deshalb vor anderen Nationen viel zum Voraus; aber statt ihrer entwickelt sich schnell eine Reihe eigener Voruriheile, die nicht ohne die ernstlichste Gefahr sind. So lange wir leben, geht es vielleicht noch in dieser Weise fort; möglich auch, daß sich die Gebrechen der Gesellschaft nach uno nach bessern — aber dennoch ist es eine Thatsache, daß ein großes Unheil drohend über uns hängt — schlimmer vielleicht als irgend etwas, was man fürchten kann." „Zhr meint damit den politischen Kampf zwischen dem Geld und den Massen, der sich in letzter Zeit so ernstlich kund gegeben hat?" rief die schnell fassende, einsichtsvolle MrS. Bloomfield. „Auch dieser hat seine Gefahren; aber es ist noch ein anderes, ein schwereres Nebel vorhanden — ich meine die so allgemeine Neigung, politische Verhandlungen auf politische Männer zu beschränken. Wie die Sachen stehen, hat der Privatbürger, welcher sich herausnimmt, eine politische Frage zur Besprechung zu bringen, zu befahren, daß Alle über ihn herfallen, welche anderer Meinung sind. Man sucht ihm wo möglich in pekuniärer Hinsicht zu schaden, seinen N»f zu beeinträchtige» und sein häusliches Glück zu vernichten, denn in dieser Hinsicht ist Amerika bei weitem die intoleranteste Nation, die ich je kennen gelernt habe. In den anderen Ländern, in welchen freie Besprechung politischer Angelegenheiten überhaupt gestattet ist, findet man doch wenigstens den Anschein eines ehrlichen Spiels, was immer auch im Geheimen geschehen mag; aber bei uns scheint jede Lüge, jeder Betrug, ja die keckstirnigste Schurkerei gerechtfertigt zu sepn, wenn es darzuthnn gilt, daß die anrüchige Person die Kühnheit gehabt habe, sich mit öffentlichen Fragen zu befassen, ohne das zu sepn, was das Volk 474 einen öffentlichen Mann zu nennen beliebt. Es ist kaum nüthig, zu sagen, daß unter den Wirkungen einer sulchen Stimmung die wahren Absichten einer volksthümlichen Regierung ganz vereitelt werden muffen." „Nun Ihr darauf anspielt," entgegnete MrS. Bloomfield, „glaube ich selbst Beispiele von dem, was Ihr meint, gesehen zu haben." „Ach, meine theure MrS. Bloomfield, man sieht sie so oft, als sich ein Mann findet, der freisinnig genug ist, um eine von der Wuth der Parteien unabhängige Ansicht zu haben. In Amerika kömmt man nicht darum ins Geschrei, daß man es mit einer Partei hält, sondern nur dann, wenn man sich untersteht, eS mit der Wahrheit zu halten. Eine Partei hat Nachsicht mit der andern, aber keine von beiden kann die Wahrheit ertragen. In der Politik ergeht es wie im Kriege. Ganze Regimenter oder einzelne Individuen können desertiren und finden bei ihren vormaligen Feinden eine offenarmige Aufnahme, denn die Soldatenehre geht selten so weit, daß sie eine derartige Unterstützung zurnckweisen könnte; aber beide Theile geben auf die Landlente Feuer, denen es bloS darum zu thnn ist, Haus und Herd zu vertheidigen." „Ihr entwerft unangenehme Bilder von der Menschennatur, Mr. Effingham." „Bloß weil sie wahr sind, MrS. Bloomfield. Der Mensch ist schlimmer als die Thiere, und einfach deshalb, weil er einen Codex von Recht und Unrecht hat, den er nie achtet. Man spricht von den Abweichungen des Compaffes und sucht sogar seine Wechsel zu berechnen, obschon Niemand den Grundsatz erklären kann, welcher die Anziehung der Nadel oder ihr Hin- und Herirren verursacht. Ebenso ergeht es mit den Menschen. Sie thun dergleichen, als hätten sie immer das Rechte im Auge, oblchon ihre Blicke stets schief gerichtet sind, und man rechnet mit Sicherheit, wenn man die Abweichungsbogen sehr weit annimmt. Doch da kommt Miß 475 Effingham; sie hat sich ja ganz besonders herausgeputzt und ist schöner, als ich sie je zuvor gesehen habe." Die beiden wechselten rasch die Blicke und näherten sich sodann, als fürchteten sie, sich gegenseitig ihre Gedanken zu verrathe», unserer Heldin, um sie zu begrüßen. Sechsundzwanzigstcs Kapitel- Entschließ ich mich zur Eh', so soll dem Mann, Dem mein Gelübde gilt, zu gleichen Theilen Geweiht sehn sorglicher Gehorsam und Der Liebe treuer Dienst. Eordclia. ^ohn Effingham konnte, wenn ihn die Stimmung dazu anwandelte, sich mit mehr Anmuth oder zarter Höflichkeit benehmen, als irgend ein anderer Mann, und MrS. Bloomsield war daher nicht wenig erstaunt über die wohlwollende und gentlemanische Weise, den liebevollen Ton und den gewinnenden Ausdruck seines Auges, als er bei dem im vorigen Kapitel erwähnten Anlässe seine junge Verwandte willkommen hieß. Selbst Eva entgingen diese Eigenthümlichkeiten nicht, und sie konnte sich auch wohl den Grund denken. Er war also von dem Stand der Dinge zwischen ihr und Paul unterrichtet, und da sie MrS. Bloomsields Zuverläßigkeit kannte, so folgerte sie ganz richtig, daß ihr Vetter, der sic so lange beobachtet, aus den paar Worten, welche er diesen Abend zufällig vernommen, einen weit tieferen Blick in ihr Inneres gethan hatte, als dies bei der Freundin der Fall war, mit welcher sie kürzlich über den Gegenstand gesprochen. Gleichwohl fühlte sich Eva durchaus nicht verlegen durch die Ueberzeugung, daß ihr Geheimnis; so vielen Personen verrathen war, da ihre Zuneigung zu Paul nicht auf einer mädchenhaften Grille, sondern auf warmer Liebe beruhte. 476 die mit der Zeit herangewachsen, durch ihre Vernunft geheiligt und, wenn auch in den Farbe» einer glühenderen Phantasie und in der Fülle jugendlichen Vertrauens gehalten, zugleich durch ihre edlen Grundsätze und ihren Rechtsfinn unterstützt war. Sie wußlc, daß sowohl ihr Vater, als ihr Vetter den Mann ihrer Wahl schätzten und glaubte nicht, daß die kleine Wolke, die über der Geburt ihres Geliebten hing, mehr als einen vorübergehenden Einfluß auf dessen zartfühlende Seele üben konnte. Deshalb trat sie auch John Effing- hani mit gefaßtem Freimuth entgegen und erwiederte den wohlwollenden Druck seiner Hand mit einem Lächeln, wie etwa eine Tochter einen zärtlichen Vater empfängt; dann wandte sie sich mit derselbe» anstandsvollcn Ruhe, welche ein Theil ihres Wesens geworden war, an die übrige Gesellschaft, um auch sic zu begrüßen. „Hier ist eines der anziehendsten Bilder, welches die Menschheit nur bieten kann," sagte John Efsingham zu MrS. Bloomficld, als Eva sich von ihnen entfernte; „ein schüchternes, bescheidenes, gefühlvolles Mädchen — so fest in seine» Grundsätzen, der Reinheit und des Edelsinns ihrer Gedanken so bewußt und so warm in ihren Empfindungen, daß sie die Wahl eines Galten in einem Lichte auffaßt, in welchem Andere die Erfüllung eines sittlichen und religiöse» Gesetzes zu betrachten pflegen. Bei ihr ist die Liebe nicht mit Schaan, verbunden, weil sie keine Schwäche hat." „Eva ist so makellos, wie sich'S einer Jungfrau ziemt; und doch muß ich sagen, daß ich mein eigenes Geschlecht nicht erkenne, wenn ich sie Mr. PowiS so ruhig wie ihres Vaters Vetter begrüßen sehe." „Möglich, denn in diesem Falle sollte man glauben, daß sie frei sey von aller Leidenschaft. Ihr bemerkt, daß er es vermeidet, sie mit seiner Aufmerksamkeit zu behelligen, und daß die Begrüßung ohne Verlegenheit ablief. Ich glaube, in der Liebe liegt ein erhebendes Princip, welches, indem es den Wunsch in uns weckt, des ersehnten Gegenstandes würdig zu weiden, durch Anspornung 477 der Thätigk-it die erwünschten Wirkungen h-rvorbringt. Wir haben hier zwei so vollkommene Wesen, als man gewöhnlich nur treffen kann, und doch fühlen beide sich durch das Gefühl bedrückt, des Anderen nicht würdig zu seyn." „Ist also Liebe — und noch obendrein crwiedcrte Liebe eine Lehrerin der Demuth?" „Warum nicht? Es wäre kaum billig, diese Frage gegen Euch, eine verheirathele Fran, weiter zu verfechten, denn nach de» Pandekten der amerikanische» Gesellschaft kan» man wohl mit einer Miß in ihren Zehnen über Liebe philosophiren, darüber plaudern, scherzen oder die Leidenschaft nach allen ihren Theilen zergliedern, während es dagegen vervehmt ist, mit einer Matrone darüber zu sprechen. Nun, eliaoun ü so» xoüt; wir sind in der That ein wenig besonder in »nsern Gebräuchen und haben der Dorfkoketterie und Liebeständeleien des Maibaums die Thüren unserer Salons geöffnet." „Ist cS nicht besser, das, solche Thorheiten sich auf die Jugend beschränken, als daß sie in das Heiligthum des ehelichen Lebens eingreifen, wie dies dem Vernehmen nach anderwärts nur allzusehr der Fall ist?" „Vielleicht. Gleichwohl gestehe ich, den »»verhüllten Manövern einer Mutter, eines Vaters oder einer beauftragten Freundin ist leichter zu entkommen, als einer jungen Dame, die propria porsonu auf eigene Rechnung angelt. Auf meiner Reise wurden mir Dutzend Anträge gemacht-" „Anträge?" rief MrS. Bloomfield, indem sie beide Hände in die Höhe hielt und ungläubig den Kopf schüttelte. „Anträge — bona liäe offene, crröthenmachcnde Anträge! Und warum nicht, Maam? Bin ich mehr als Fünfzig? Sehe ich nicht leidlich jugendlich für diese LebenSperiodc aus und besitze ich nicht sechs oder achttausend Thaler Renten?" „Achtzehn oder Ihr seyd schwer verläumdet." 478 „Nun denn, meinetwegen achtzehn, wenn Ihr so wollt," entgegnen der Andere kalt, denn in seinen Augen war das Geld, das ihm als Erbe zugefalle», kein Verdienst, wie er es denn überhaupt stets als Mittel, nicht aber als Lebenszweck betrachtet hatte, „denn nach zurückgclegten Vierzigen ist jeder Dollar ein werterer Magnet. Glaubt Ihr, ein unverheiratheter Mann von erträglichem Aeußern, guter Herkunft und hunderttausend Franken Renten habe den Spekulationen der europäischen Damen entgehen können?" „Dies ist ein so greller Verstoß gegen alle unsre amerikanischen Ansichten, daß ich in der That kaum daran glauben mochte, wie oft ich auch von dergleichen Dingen gehört habe." „Wie, findet Ihr cS schlimmer, wenn die Verwandten junger Damen bei solchen Gelegenheiten die Sorge übernehmen, als wenn die jungen Damen die Sache eigenhändig erfassen, wie dies bei uns oft so offen geübt wird?" „Es ist gut, daß Ihr den Entschluß gefaßt habt, ein Hagestolz zu bleiben, denn durch solche Erklärungen müßtet Ihr noth- wendig Euer Glück verscherzen. Ich will zugeben, daß unsere Mädchen nicht mehr so schüchtern find, wie früher, denn welcher Mensch fände nicht, daß keine Zeit so gut war, als die, in welcher er heranwnchs. Gleichwohl Protest!« ich eifrig gegen die Deutungen, welche Ihr der Natur und dem ungekünstelten Wesen eines amerikanischen Mädchens gebt." „Ungekünsteltes Wesen?" wiederholte John Effingham, indem er leicht die Brauen in die Höhe zog. „Wir leben in einer Zeit, in welcher neue Wörterbücher nöthig werden, wenn man sich gegenseitig verstehen will. Wahrhaftig, könnt Ihr von ungekünsteltem Wesen sprechen, wenn man einem alten Kerl von Fünfzig zusetzt, als gälte eS, eine Stadt zu belagern? Bst! Ncd zieht sich mit seiner Tochter zurück, meine theurc MrS. Bloomfield, und es wird nicht lange anstehen, so bin ich zu einem Familienrathe abberufen. 479 Na, wir wollen das Geheimniß bewahren, bis es öffentlich pro- clamirt ist." John Effingham hatte Recht, denn seine beiden Verwandten verließen gemeinschaftlich das Gemach und begaben sich nach dem Bibliothekzimmer, in einer Weise jedoch, daß es Niemand aufsiel, als denen, welche über die Vorfälle des Abends unterrichtet waren. Sobald sie sich allein befanden, drehte Mr. Efsingham den Schlüffe! um und machte seinen Vatergefühlen Lust. Zwischen Eva und ihrem Erzeuger hatte stets ein Vertrauen geherrscht, wie man es nicht häufig zwischen Vater und Tochter findet. In einem Sinne waren sie sich gegenseitig Alles in Allem gewesen, und Eva. hatte nie Anstand genommen, alle jene Gefühle in seine Brust auszugießen, die sie der Liebe einer Mutter vertraut haben würde, wenn ihr ein grausames Geschick sich derselben zu erfreuen nicht versagt hätte. Als sich daher ihre Augen jetzt begegneten, leuchteten sie von dem Ausdrucke einer Liebe, wie man sie eigentlich nur bei zwei Angehörigen des zarteren Geschlechtes hätte erwarten sollen. Mr. Efsingham drückte sein Kind ans Herz, hielt sie fast eine Minute in stummer Innigkeit umfangen und küßte zuerst ihre glühende Wange, eh' er ihr aufzublicken gestattete. „Alle meine sehnlichsten Wünsche für Dich sind erfüllt, Eva!" rief er. „Vater!" „Ja, meine Liebe, ich habe lange im Geheim um dieses Glück für Dich gebetet, denn von allen Jünglingen, die wir in der Hei- malh oder auf der Reise trafen, ist Paul PowiS der einzige, dem ich Dich mit der größten Zuversicht überantworten kann. Er wird Dich hegen und lieben, wie Du es verdienst." „Thcuerster Vater, nur dies fehlt noch, um mein Glück vollkommen zu machen." Mr. Effingham küßte seine Tochter abermals und fuhr dann mit großer Fassung fort: ätzO „Zwischen mir und PowiS ist es zu einer. vollständigen Erklärung gekommen/' sagte er, „obschon es dazu einer kräsligen Ermulhigung bedurfte." „Vater!" „Nein, meine Liebe, Dein Zartgefühl ist gebührend geachtet worden; aber er ist so kleinmülhig und räumt den unangenehmen Umständen, welche mit seiner Geburt verbunden sind, einen so großen Einfluß auf seinen Geist ein. daß ich mich genmhigt sah, ihm zu sagen, was Du sicherlich auch billigen wirst — wie.wir nämlich keine Rücksicht auf Familie oder Familienverbindungen nähmen , sondern bloS das persönliche Verdienst inr Auge hätten." „Ich hoffe, Vaicr, es wurde nichts gesprochen, was Mr. PowiS auf die Vermuthung bringen konnte, als betrachten wir ihn nicht in jeder Hinsicht für unseres Gleichen." „Gewiß nicht. Er ist ein Gentleman, und weiter kann ich nichts verlangen. Es gibt nur einen Umstand, in welchem die Berwandtschaftsbcziehungen in amerikanischen Ehen nicht außer Acht gelassen werden sollten, wie sehr auch die Paare in den Hauptsachen für einander paffen mögen — ich meine nämlich, es sey nöthig, vorzubauen, daß kein Theil sich in einen Verkehr einlaffe, der im Widerspruch steht mit dem Geschmack und den Angewöhnungen des Andern. Namentlich sollte die Frau nie aus einem gebildeten in einen ungebildeten Kreis verpflanzt werden, denn in diesem Falle wird eine wirklich gebildete Gattin ein gefährlicher Hemmstein, an dem die Liebe des Mannes scheitern könnte. Hat man über diesen wichtigen Punkt einmal Gewißheit eingezogen, so wüßte ich nicht, weßhalb ein Vater weitere Besorgniß hegen sollte." „Leider fleht PowiS in Amerika mit Niemand in verwandtschaftlicher Beziehung oder überhaupt mit Niemand in irgend einem Verkehr; aber seine Angehörigen in England sind aus einer Klaffe, die ihm keine Unehre macht." „Wir haben darüber gesprochen und er hat dabei ein so LSI richtiges Gefühl an den Tag gelegt, daß er in meiner Achtung nur nach mehr stieg. Ich kenne die Familie seines Vaters und muß wohl auch seinen Vater gekannt haben, obschon es zwei oder drei Ashetons gab, welche den Namen John führten. Die Familie steht in den mittleren Staaten in sehr gutem Ruf und gehörte früher zur Colonial-Aristokratie. Jack EffinghamS Mutter war eine Asheton." „Von demselben Blute, glaubt Ihr, Vater? Ich dachte daran, als Mr. PowiS den Namen seines Vaters nannte, und hatte tm Sinne, Vetter Jack darüber zu befragen." » „Nun Du davon sprichst, Eva — ich glaube selbst auch, daß eine Verwandtschaft zwischen ihnen stattfinden muß. Ist unser Vetter wohl von der Thatsache unterrichtet, daß Paul wirklich ein Asheton ist?" Eva erwiederte ihrem Vater, daß fie mit John nie über diesen Gegenstand gesprochen habe. „Dann zieh die Klingel; wir werden uns bald überzeugt haben, wie weit meine Vermuthung richtig ist. Es wäre ein falsches Zartgefühl, mein Kind, wenn wir Deine Verlobung einem so nahen und theuern Verwandten, wie John ist, nicht zu wissen thun wollten." „Verlobung, Vater?" „Ja, Verlobung," entgeguete der Vater lächelnd, „denn dafür halte ich es bereits. Ich habe mir die Freiheit genommen, in Deinem Namen Paul PowiS Deine Zusage oder doch etwas Aehn- licheS zu geben, und dafür bringe ich Dir so viel Bctheuerungen eines überschwänglichen Glückes und ewiger Treue zurück, als ein Verständiges Mädchen nur verlangen kann." Eva blickte ihren Vater in einer Weise an, in welcher der Vorwurf durch den Ausdruck der Liebe gemildert war; denn fie fühlte, daß sich im gegenwärtigen Falle zu viel von der Ueber- eilung des anderen Geschlechts in die Sache gemischt hatte. Sie war jedoch über Koketterie und Ziererei erhaben, dabei auch zu Eva Effiogha»,. 3t 482 warm in ihrer Zuneigung, um sich ernstlich verletzt zu fühle», weshalb sie die Hand, welche sie hielt, küßte, tadelnd, aber zugleich lächelnd den Kopf schüttelte, und dann der an sie ergangenen Aufforderung entsprach. „Ihr habt es in der That zu einem Gegenstand von großer Wichtigkeit gemacht, daß wir jetzt mehr von Mr. PowiS erfahren, mein geliebter Vater," sagte sie, wieder zu ihrem Sitze zurück- kehrend, „obschon ich wünschen könnte, daß in der Sache nicht so sehr geeilt worden wäre." „Ei, meine Zusage wurde nur bedingungsweise gegeben und ganz von Dir selbst abhängig gemacht. Wenn ich zu viel sagte, so hast Du weiter nichts zu thun, als die Ratifikation des Vertrags, den Dein Negotiator geschlossen hat, zu verweigern." „Ihr verlangt eine Unmöglichkeit," versetzte Eva, seine Hand wieder ergreifend und fie.jmit Innigkeit zwischen den ihrigen drückend; „der Negotiator ist zu geehrt, zu sehr zum Befehle berechtigt und zu treu, als daß man ihn so schimpflich behandeln könnte. Vater, ich will und werde Alles ratificiren, was Ihr für mich versprochen habt oder versprechen könnt." „Selbst wenn ich den Vertrag annullire, mein Kind?" „Auch in diesem Falle, Vater. Ich werde nicht heirathen ohne Eure Zustimmung und habe ein so unbedingtes Vertrauen zu Eurer zärtlichen^Sorgfalt, daß ich nicht den mindesten Anstand nehme, zu sagen, ich werde mich mit dem verbinden, den Ihr mir bestimmt habt." „Gott segne Dich, Gott segne Dich, Eva. Ich glaube Dir, denn ich habe Dich immer wahr gesunden, seit der Gedanke Macht über Deine Handlungen zu üben begonnen hat. Ich lasse Mr. John Effingham ersuchen, hieher zu kommen," — fügte er gegen den eintretenden Diener bei, und fuhr dann, sobald dieser die Thüre wieder geschlossen hatte, fort — „und ich glaube auch, daß Du so bleiben wirst bis zu Deinem Sterbetage." 48Z „Ei, leichtsinniger, sorgloser Vater, Ihr vergcßt, daß Ihr selbst das Werkzeug gewesen seyd, meine Pflicht und meinen Gehorsam auf einen Andern überzutrage». Wie, wenn sich dieses Seeungeheuer als ein Tyrann auSweisen sollte — wenn es erst später die Maske abwürfe und sich in seinen wahren Farben zeigte? Seyd Ihr auch dann noch im Stande, gedankenloser, voreiliger Vater" — Eva küßte bei diesen neckischen Worten Mr, Esfingham'S Wange und ihr Herz quoll über im Gefühle ihres Glücks — „Gehorsam zu predigen, wo Gehorsam Pflicht ist?» „Bst, mein Herz, ich höre den Tritt unserS Vetters; er soll uns nicht auf solchen Thorheiten ertappen." Eva stand auf und reichte dem eintretenden John freundlich die Hand dar, obschon es mit abgewandtem Antlitz und thränen- feuchtem Auge geschah. „Es ist Zeit, daß ich aufgeboten werde," sagte John Effing- Ham, nachdem er das erröthende Mädchen an sich gezogen und ihre Stirne geküßt hatte; „denn vor lauter töte ä tetos mit jungen und alten Knaben bin ich diesen Abend sehr vernachläßigt worden. Ich hoffe übrigens noch zeitig genug zu kommen, um eine nutzbringende, sehr entschiedene Mißbilligung einzulegen?" „Vetter Jack!" rief Eva mit dem Blicke scherzenden Vorwurfs, „Ihr seyd der Allerletzte, welcher von Mißbilligung sprechen sollte, denn Ihr habt ja fast nichts als das Lob des Bittstellers gesungen, seyd Ihr zum erstenmal mit ihm zusammentrast." „So ist'S einmal; nun denn gleich vielen Anderen muß ich mich der Folge meiner eigenen Voreiligkeit und meiner falschen Schlüffe unterwerfen. Bin ich deshalb herbeschieden, um anzugeben, wie viele Tausende im Jahre ich zu dem Haushalte des neuen Paares hergeben wolle? Da ich alle GeschäftSsachcn Haffe, so sagt mit einemmale fünf, und wenn die Papiere bereit sind, so will ich sie ungelesen unterzeichnen." 484 „Höchst großmüthiger Ehniker!" rief Eva. „Ich möchte mir übrigens jetzt die Freiheit nehmen, Euch eine einzige Frage vorzulegen." „Nur ohne Bedenken zugefragt, junge Dame, denn der heutige Tag gibt Euch Unabhängigkeit und Gewalt. Ich müßte mich sehr in dem Manne irren, wenn sich nicht zuletzt Herausstellen sollte, daß Powis der Kapitän seines eigenen Schiffes ist." „Wohlan denn, zu wessen Gunsten ist diese Freigebigkeit eigentlich gemeint? Gilt ste mir oder dem Gentleman?" „Bündig genug gestellt," entgegnete John Effingham lachend. Dann zog er Eva abermals an sich und küßte sic auf die Wange. „Wahrhaftig, wenn ich aus der Folter läge, könnte ich kaum sagen, wen ich am meisten liebe, obschon Ihr, kleiner Naseweis, den Trost habt, zu wissen, daß Ihr die meisten Küsse erhaltet." „Ich bin fast in der gleichen Lage, John, denn ein eigener Sohn könnte mir kaum theurer sehn, als Paul." „So sehe ich wohl, daß ich heirathen muß," sagte Eva, hastig die Thränen der Wonne aus ihren Augen wischend — denn was kann größere Lust bereiten, als wenn man den Geliebten preisen hört? — „wenn ich meinen Platz in Eurer Zuneigung behaupten soll. Aber Vater, wir vergessen die Frage, welche wir Vetter Jack vorlegen wollten." „Richtig, meine Liebe. John, Deine Mutter war eine Asheton?" „Zuvertäßig, Ned. Aber hoffentlich wirst Du zu dieser Tageszeit keine Studien über meinen Stammbaum anstellen wollen?" „ES ist unser sehnlichster Wunsch, zwischen Dir und Paul eine Verwandtschaft herzustellen. Läßt sich dies nicht cinleiten?" „Ich wollte mein halbes Vermögen darum geben — natürlich unter Eva'S Zustimmung — wenn es so wäre! — Welcher Grund ist vorhanden, dies als wahrscheinlich oder auch nur als möglich anzunehmen?" „Du weißt, daß er den Namen seines Beschützers und Adoptivvaters führt, während der seiner Familie Asheton ist." 485 „Asheton?" rief der Andere ln einer Weise, welche zeigte, daß er zum erstenmal diese Kunde vernahm. „Allerdings; und da es nur eine Familie dieses Namens, der ein bischen eigenthümlich buchstabirt ist, gibt — Du siehst ihn von Paul selbst geschrieben auf dieser Karte — so haben wir geglaubt, er müsse zu Deiner Verwandtschaft gehören. Hoffentlich täuschen wir uns nicht in dieser Erwartung." „Asheton! — ES ist, wie Du sagst, ein ungewöhnlicher Name, und meines Wissens gibt es nur eine einzige Familie in diesem Lande, welche ihn führt. Sollte es möglich sehn, daß Powis wirklich ein Asheton ist?" „Ohne allen Zweifel," rief Eva hastig. „Wir haben es aus seinem eigenen Munde. Sein Vater war ein Asheton und seine Mutter eine —" „Was für eine?" fragte John Effingham, mit einem Ungestüm, welche seine Gefährten betroffen machte." „Dies ist mehr, als ich Euch sagen kann, denn er hat den Familiennamen seiner Mutter nicht berührt. Da sie übrigens eine Schwester der Lady Dunluce, der Gattin des Generals Doucie und der Mutter unseres Gastes ist, so muß sie wahrscheinlich Dunluce geheißen haben." „Ich erinnere mich keines Verwandten, der eine solche Ehe eingegangen hätte ober eingehen konnte, und doch bin ich persönlich auf's Genaueste mit jedem Asheton des Landes bekannt." Mr. Effingham und seine Tochter sahen sich gegenteilig an, denn sie fühlten sich schmerzlich durch die Thatsache betroffen, daß es nun doch auch Asheton'S von einer andern Familie geben mußte. „Wenn dieser Name nicht so eigenthümlich buchstabirt wäre," sagte Mr. Effingham, „so könnte ich glauben, daß eS Asheton'S gebe, von denen ich nichts weiß; cS ist übrigens nicht wohl anzunehmen, daß solche Personen von achtbarer Familie vorhanden wären, ohne baß wir je etwas von ihnen gehört hätten, um so weniger, da Powis sagt, seine Verwandten sehen aus den mittleren Staaten —" „Und hat seine Mutier wirklich Dunluce geheißen?" fragte John Effinghain dringend, denn auch er schien sehnlichst zu wünschen, daß sich zwischen ihm und Paul eine Verwandtschaft entdecken lasse. „Ich glaube nicht, Vater, daß er dies sagte, obschon cs sehr wahrscheinlich ist. Der Titel seiner Tante rührt von einer alten Baronie her, und diese werden gewöhnlich die Familiennamen." „Hierin müßt Ihr wohl im Jrrthume sehn, Eva; denn er sprach davon, das Recht rühre von der Mutter seiner Mutter her, die eine Engländerin war." „Aber warum schicken wir nicht nach ihm, um ihm die Frage vorzulegen?" versetzte der einfache Mr. Effingham. „Außer der Freude, ihn zum eigenen Sohn zu haben, kann mir nichts mehr Vergnügen machen, John, als wenn ich erfahre, daß er ein gesetzliches Anrecht an das besitzt, was, wie ich weiß, Du für ihn ge- than hast." „Dies ist unmöglich," entgegnete John Effingham. „Ich bin ein einziges Kind, und was meine Geschwisterkinder von mütterlicher Seite betrifft, so gibt es deren so viele, welche in gleichem Verwandtschaftsgrade zu mir stehen, daß keines ausschließlich ein Notherbe vor mir seyn kann. Außerdem bin ich ein Eifingham, und da mein Vermögen von den Esfingham'S abstammt, so soll es auch auf diese Familie übergehen, allen Asheton'S in ganz Amerika zum Trotz." „Paul PowiS mit eingeschloffen?" ries Eva, vorwurfsvoll einen Finger erhebend. „Richtig — diesem habe ich ein Legat auSgesetzt; aber eS gilt einem Powis, nicht einem Asheton." „Und doch erklärt er sich selbst für einen gesetzlichen Asheton, nicht aber für einen Powis." „Sprecht nicht mehr davon, Eva — eS ist mir.unangenehm. 487 Ich hasse den Namen Asheton, obschon er der meiner Mutter war, und mochte wünschen, daß ich ihn nie wieder hörte." Eva und ihr Vater schwiegen, denn ihr sonst so stokzer und gefaßter Verwandter sprach mit unterdrückter Erregung, und es war deutlich, daß er, in Folge irgend einer geheimen Ursache, sogar noch mehr fühlte, als er kund gab. Der Gedanke, es könnte irgend etwas mit Paul in Verbindung stehen, was ihm die Abneigung eines so theuern Verwandten, wie John war, zuziehen mußte, wurde unserer Heldin ungemein peinlich, und sie bedauerte, den Gegenstand überhaupt angezogen zu haben. Anders verhielt sich'S mit ihrem Vater. In seinem einfachen, biederen Sinne war Mr. Effiugham mit völligem Rechte der Meinung, daß Geheimnisse in einer Familie zu nichts Gutem führen könnten, und er wiederholte seinen Vorschlag, nach Paul zu schicken, um die Sache auf diese Weise aufklären zu lassen." „Du bist zu vernünftig, Jack," schloß er, „um Dein Rechtsgefühl durch einen Widerwillen gegen den Namen, welchen Deine Mutter führte, schwächen zu lassen. Ich weiß zwar, („-daß sich gegen Deine Erbansprüche an das Vermögen meiner Tante einige unangenehme Fragen knüpften; aber alles dies wurde schon vor zwanzig Jahren zu Deinem Gunsten ausgeglichen, und ich hätte gedacht, daß Du jetzt vollkommen befriedigt setzest." „Leider sind Familienhändel stets die bittersten und lassen sich in der Regel am wenigsten vergleichen," entgegncte John Effing- Ham ausweichend. „Ich wünschte, dieser junge Mann führte lieber jeden anderen Namen, als den der Asheton'S, denn es müßte mir schmerzlich werd'n, Zeuge zu scyn, wie Eva am Altar einem Gatten Treue gelobt, an dessen Namen ein Finch hafict." „Wenn dies je geschehen sollte, lieber Vetter John, so gilt mein Gelübde dem Manne und nicht seinem Namen." „Nein, nein, — er muß die Benennung Powis beibehalten, -188 denn diese ists, welcher er so viel Ehre gemacht hat und unter der wir Alle ihn lieben lernten." „Dies ist sehr sonderbar, Jack, von einem Manne, der doch sonst so verständig ist, wie Du. Ich muß wieder auf meine» Vorschlag zurückkommen, nach Paul zu schicken und in dieser Weise genau zu ermitteln, welchem Zweige von der Dir so verhaßten Familie er angehört." „Nein, Vater — wenn Ihr mich liebt, so unterlaßt dies vorderhand!" rief Eva, die Hand desselben zurückhaltend, als sie eben nach der Klingelschnur greifen wollte. „Es gewänne den Anschein, als hegten wir Mißtrauen — ja, es wäre sogar grausam, wenn wir so balo schon in derartige Fragen eingehen wollten. PowiS könnte glauben, wir schlügen seine Familie höher an, als ihn selbst." „Eva hat Recht, Ned; aber ich werde mich nicht schlafen legen, ohne Alles erfahren zu haben. Die Papiere, welche der arme Monday hinterließ, sind noch nicht völlig untersucht, und ich will diesen Umstand benützen, um Paul zu mir zu berufen. Es bietet sich dann wohl eine Gelegenheit, seine eigene Geschichte wieder aufzunehmeii, denn dasselbe Geschäft gab Anlaß, daß er zum erstenmal offen gegen mich über sich selbst sprach." „Thut dies, Vetter Jack, und zwar ohne Zögerung," entgegnet? Eva angelegentlich. „Ich kann Euch PowiS unbekümmert vertrauen, da ich weiß, wie sehr Ihr ihn von Herzen achtet und schätzt. ES ist bereits zehn Uhr." „Ich sinke es übrigens natürlich, daß er wünschen dürfte, einen Abend, wie der heutige, ganz anverS zu schließen, als mit einer Prüfung von Mr. Monday's Papieren," entgegnete John, und das Lächeln, mit welchem er sprach, verscheuchte die Miene kalter Abneigung, die in der letzten Zeit seine edlen Züge verdüstert hatte. „Nein, heute nicht mehr," antwortete Eva erröthend. „Ich -189 habe für einen Tag genug Schwäche kund gegeben; morgen meinetwegen, wenn Ihr wollt — oder wenn er will — nur nicht heilte. Ich werde mich mit MrS. Hawker, die sich bereits über Ermüdung beklagt, zurückziehen, und Ihr beschickt ohne weitere Zögerung PowiS nach Eurem eigenen Zimmer." Eva küßte Joh» Effingham schmeichelnd, und deutete, als sie gemeinschaftlich die Bibliothek verließen, auf die Thüre, welche zu dessen Gelassen führte. Ihr Vetter willfahrte lachend, und sobald er auf seinem Zimmer angelangt war, ließ er Paul zu sich bescheiden. „Jetzt kann ich Euch in der That einen Verwandten nennen," begann John Effingham, indem er sich erhob, um den jungen Man» mit ausgestreckten Händen und in der gewinnendsten Weise willkommen zu heißen. „Eva'S Freimüthigkeit und Eure eigene gute Wahl haben uns in der That sehr glücklich gemacht." „Wenn etwas die Wonne, von Miß Effingham nicht verschmäht zu werden, erhöhen könnte," entgegnete Paul, der sich Mühe gab, seine Gefühle zu beherrschen, „so wäre es die Art, wie ihr Vater und Ihr selbst die Erklärung eines unbedeutenden Mannes ausgenommen haben." „Na, wir wollen nicht mehr davon sprechen, denn ich sah gleich anfangs, auf was die Dinge abzielten. Mein gerades Verfahren öffnete Templemore dis Augen über die Unmöglichkeit, je seinen Zweck zu erreichen, und so wurde ich das Mittel, ihm den Schmerz eines gebrochenen Herzens zu ersparen." „Oh, Mr. Effingham, Templemore hat Eva Effingham nie geliebt. Einmal kam es mir allerdings vor, als gebe er einer Leidenschaft für sie Raum, und er glaubte eS selbst auch; aber sie kann keine Liebe gewesen sehn, wie die meinige." „Der Unterschied lag allerdings in dem wesentlichen Umstande der Erwiederung, welcher an sich ein bedeutendes Moment bildet, sofern die Dauer in Frage kömmt. Templemore wußte nicht genau den Grund, warum er Eva vorzog; aber da ich so viel von der 490 Gesellschaft gesehen habe, in welcher er lebte, so konnte ich ihn eher entdecken. An gewählte Künstelei gewöhnt, gefiel ihm die seltene Bereinigung von Bildung und Natur, denn der Engländer steht letztere nicht oft ohne Gemeinheit, und wenn er sie noch obendrein durch hohen Geist und feines Benehmen gemildert steht, übt sie gewöhnlich einen großen Zauber auf die blases." „Er kann von Glück sagen, daß er so schnell einen Ersatz für Eva Effingham gefunden hat." „Auch dieser Wechsel ist nicht unnatürlich. Erstlich benahm ich ihm mit dieser meiner eigenen wahrheitsliebenden Zunge alle Hoffnungen, ehe er sich durch eine Erklärung bloSgab, und dann besitzt Grace van Courtlandt dieselbe natürliche Anziehungskraft, wie ihre Muhme. Außerdem zeichnet sich Temvlemore, der zwar ein gebildeter, braver und ehrenwerther Mann ist, nicht durch besondere Eigenschaften aus; er wird daher so glücklich sehn, als ein Engländer seiner Klaffe werden kann, und darf auch mit Recht nicht mehr erwarten. Ich habe übrigens nicht nach Euch geschickt, um von Liebe zu sprechen, sondern um den unseligen Folgen weiter nachzuspüren, welche die Geschichte in den Papieren des armen Mr. Mondap nach sich gezogen hat. Es ist Zeit, daß wir uns dieser Pflicht entledige». Erweist mir den Gefallen, das Etuis auf dem Toilettentisch z» öffnen; Ihr werdet darin den Schlüssel zu dem Schranke finden, in welchem ich das Pult mit den Papieren untergebracht habe." Paul that, wie ihm geheißen worben. Das EluiS war groß und hatte mehrere unverschlossene Fächer; als er das erste derselben öffnete, sah er darin das Miniaturportrait eines Frauenzimmers von so großer Schönheit liegen, daß sein Auge wie bezaubert daran hafte» blieb. Die Tracht der verschiedenen Perioden machte zwar einigen Unterschied, aber dennoch erkannte er mit dem ersten Blick die große Aehnlichkeit des Bildes mit dem Gegenstände seiner Liebe. Vor Entzücken über diese Entdeckung hingerissen, und 491 in dem Glauben, er sehe Eva in einem Anzuge, der von ihrem gegenwärtigen nicht sehr verschieden war, da die Mvde in den letzten zwanzig Jahren keine sehr ausfallende Veränderung erlitten hatte, rief er: „Dies ist in der That ein Schatz, Mr. Effinghani, und ich beneide Euch aus ganzem Herzen um den Besitz desselben. ES ist ähnlich — und doch in manchen Einzeluheiten unähnlich — über Nase und Stirne läßt es Miß Effingham kaum Gerechtigkeit widerfahren." John Effingham stutzte, als er das Miniaturbild in Pauls Hand sah; er faßte sich jedoch bald wieder, lächelte über die Selbsttäuschung seines jungen Freundes und sagte gelassen: „Es ist nicht Eva, sondern ihre Mutter. Die beiden Züge, die Ihr eben genannt habt, stammen aus meiner Familie; aber in allem Nebligen ist die Aehnlichkeit in hohem Grade auffallend." „So ist dies also Mrs. Effingham!" murmelte Paul, das Bild der Mutter seiner Geliebten mit wehmüthiger Achtung und einer Thellnahme betrachtend, welche noch erhöht wurde, da er die Geschichte dieser Frau kannte. „Sie starb jung, Sir?" „Leider. Man kann kaum sagen, daß sie zu früh ein Engel wurde, denn sie ist stets ein Engel gewesen." Er sprach dies mit einer Erregung, welche Paul nicht entging und ihn sehr überraschte. Es waren noch sechs oder sieben PvrtraitS- Futterale in dem offenen Fache, und da er glaubte, das oberste gehöre zu dem Bilde, das er in der Hand hielt, so nahm er eS auf und öffnete mit einer Art frommer Ehrfurcht den Deckel, um das Portrait von Eva'S Mutter hineinzulegen. Statt aber ein leeres Futteral zu finden, traf sein Auge auf ein anderes Miniaturbild, und ein Ausruf freudiger Neberraschung entglitt den Lippen deS jungen Mannes. „WaS Euch so in Entzücken versetzt, muß wohl das Bild meiner Großmutter seyn," sagte John Effingham lachend. „Ich 492 verglich es gestern mit Eva'S Portrait, welches Zhr irgendwo da drinnen in dem Juften-Etuis finden werdet. Eure Bewunderung fällt mir übrigens nicht auf, denn sie galt in ihren Tagen als eine Schönheit, und keine Frau ist lhöricht genug, sich malen zu lassen, nachdem sie häßlich geworden ist." „Nicht doch, nicht doch, Mr. Effingham, dies ist das Portrait, welches ich in dem Montauk verlor und von dem ich glaubte, eS fest eine Beute der Beduinen geworden. Ohne Zweifel hat cS seinen Weg in Euer Passagiergemach gefunden und ist aus Versehen durch Euren Diener unter Euere Effekten verstärkt worden. ES hat für mich einen sehr hohen Werth, da es fast das einzige Andenken ist, das ich von meiner Mutter besitze." „Von Eurer Mutter?" rief John Effingham, sich unwillkühr- lich erhebend. „Da muß wohl ein Jrrthum obwalten, denn ich habe erst heute Morgen alle diese Bilder gemustert, und es ist das erstemal seit unserer Ankunft von Europa, daß ich das Schubfach öffnete. Unmöglich kann es das von Euch vermißte Bild seyn." „O gewiß; hierin kann ich mich nicht täuschen." „Es wäre doch in der That sonderbar, wenn eine meiner Großmütter — denn beide dieser frommen Damen sind hier — sich als Eure Mutter auSweisen sollte. PowiS, wollt' Ihr die Güte haben, mich das Bild, daS Ihr meint, sehen zu lassen?" Paul brachte das Portrait, holte ein Licht herbei, und rückte beides vor seinen Freund hin. „Dies" — rief John Effingham, und seine Stimme klang erstickt und unnatürlich in die Ohren des Zuhörers — „dieses Bild also hat Aehnlichkeit mit Eurer Mutter?" „ES ist ihr Portrait — dasselbe Portrait, welches mir von den Pflegern meiner Kindheit übergeben wurde. Ich kann mich weder in dem Gesichte, noch in dem Anzug täuschen." „Und Euer Vater hieß Ashcton?" 493 „Allerdings; John Asheton, von den Asheton'S aus Penn- sylvanien." John Effingham ächzte laut. Paul trat gleichfalls erschüttert und überrascht einen Schritt zurück und sah jetzt, daß das Gesicht seines Freundes leichenblaß geworden war, während die Hand, mit welcher er das Gemälde hielt, wie ein Espenlaub zitterte. „Ihr seyd unwohl, theurer Mr. Effingham." „Nein, nein, es ist nicht möglich! Diese Dame halte nie ein Kind. Powis, Ihr laßt Euch durch irgend eine vermeintliche oder wirkliche Aehnlichkeit täuschen. Dieses Portrait gehört mir und ist schon an fünfundzwanzig Jahre in meinem Besitze." „Verzeiht, Sir, es ist das Bild meiner Mutter und kein anderes — das Portrait, welches ich in dem Montauk verlor." John Effingham warf einen gespenstischen Blick auf den jungen Mann, und Paul war eben im Begriff, die Klingel zu ziehen, als ihn noch zu rechter Zeit eine Geberde seines Gefährten daran hinderte. „Seht her!" sagte Effingham mit heiserer Stimme. Er berührte eine Feder in der Fassung, und das Aufspringen eines Deckels ließ die aus Haaren gefertigten Anfangsbuchstaben zweier Namen erkennen. „Ist dies auch Euer?" Pauls Miene nahm den Ausdruck der Ueberraschung und getäuschter Hoffnung an. „Dies bereinigt allerdings die Frage, denn mein Portrait hatte keine derartige Beigabe. Gleichwohl lebe ich der festen Nebcr- zeugung, daß diese süßen, sinnigen Züge dem Antlitz meiner lieben Mutter und Niemand anders angehören." John Effingham gab sich alle Mühe, sich zu fassen, legte die Bilder wieder in das Fach, nahm den Schlüssel heraus und öffnete den Schrank, in welchem sich das Pult befand. Paul besaß den Schlüssel dazu, weshalb er ihn zu öffnen auffordertc, und sich dann in einen Siuhl warf; aber alles dies geschah mechanisch, als ob fast aller Zusammenhang zwischen seinem Geist und Körper gelöst wäre. „Irgend eine zufällige Aehnlichkeit in dem Portrait hat Euch getäuscht," sagte er, während Paul sich nach der betreffenden Nummer in Mr. Monday'S Briefen umsah. „Nein, nein, unmöglich kann dies das Bild Eurer Mutter seyn. Sie hinterlicß kein Kind. Asheton, sagt Ihr, war der Name Eures Vaters?" „Asheton — John Asheton — in dieser Beziehung wenigstens kann keine Täuschung obwalten. Dies ist die Nummer, mit welcher wir abgebrochen haben — wollt Ihr lesen, Sir oder soll ich'S thun?" Der Anvere bedeutete Paul durch ein Zeichen, daß er lesen möchte, denn man sah ihm wohl an, daß er außer Stande war, sich dieser Obliegenheit selbst zu entledigen. „Dies ist ein Brief von dem Weibe, welches, wie es scheint, das Kind dem Manne Dowse bringen sollte," sagte Paul zuerst mit seinen Blicken das Blatt überfliegend. „Er enthält nicht viel Anderes als Geschwätz — ha! — was sehe ich hier!" John Effingham richtete sich plötzlich in seine,» Stuhle auf und sah Paul an, wie ein Mensch, der irgend eine außerordentliche Enthüllung erwartet, ohne jedoch über die Art derselben eine Ahnung zu habe». „Dies ist eine auffallende Stellr," fuhr Paul fort, „und zwar so, daß sie wohl einer Aufklärung bedarf. ,Jch habe das Kind mit mir genommen, als ich das Bild von dem Juwelier holte, der den Ring daran ausbesserte; der kleine Knirps erkannte es auf den ersten Blick!'" „Was liegt hierin Merkwürdiges? Außer Euch haben auch noch Andere PortraitS gehabt, und dieses Kind kannte das seinige besser, als Ihr." „Mr. Efsingham, etwas AehnlicheS ist mir selbst begegnet! Es ist eines von jenen frühen Ereignissen, die ich stets in lebhafter Erinnerung behalten habe. Obgleich ich damals nur ein kleines Kind war, entsinne ich mich doch noch, wie ich in ähnlicher Weise zu einem Juwelier genommen wurde und wie ich mich freute, daß ich das Bild meiner Mutter wieder erhielt, nachdem ich es einen oder zwei Monate nicht mehr gesehen hatte. Es war dasselbe, welches jetzt verloren ist." „Paul Blunt — Powis — Asheton!" rief John Effingham in so heiseren Lauten, daß man ihn kaum verstehen konnte — „bleibt einige Minuten hier — ich komme bald wieder." John Effingham stand aus, und nur mit großer Mühe gelang es ihm, die Thüre zu erreichen, obschon er mit Festigkeit den Beistand Pauls zurückwies, der nicht wußte, was er sich unter der großen Aufregung eines Mannes, welcher doch sonst so ruhig und gefaßt war, denken sollte. Sobald John Effingham das Zimmer verlassen hatte, fühlte er sich wieder besser; er begab sich nach der Bibliothek, wohin ihn sein Diener begleitete, welchen er aufgefordert halte, mit dem Lichte Voranzugehe». „Ersucht Kapitän Doucie mir für einen Augenblick die Ehre seiner Gesellschaft zu schenken," sagte er dann, indem er dem Diener winkte, sich zu entfernen. „Ich bedarf Eurer nicht länger." Nach einer Minute hatte sich Kapitän Doucie in dem Gemache eingefunden. Der Offizier war sehr betroffen über das blasse Aussehen und die allgemeine Aufregung des ManncS, welcher ihn herbeschieden hatte, und drückte seine Vesorgniß aus, er möchte plötzlich krank geworden siyn. Eine Handbewegung des Anderen hinderte ihn jedoch, nach der Klingelschnur zu greifen, und er erwartete in stummem Staunen den Auftritt, zu dem er so unerwartet bc- berufen worden war. „Ein Glas von jenem Wasser, wenn ich bitten darf, Kapitän Doucie," sagte John Effingham, indem er sich Mühe gab, dieses Gesuch mit einem höflichen Lächeln zu begleiten, obschou sich sein Gesicht unter der Anstrengung nur noch gespenstischer auSnahm. Durch das Getränk einigermaßen gekräftigt fuhr er mit mehr Festigkeit fort: 496 ««ec „Ihr seyd ein Vetter von PowiS, Kapitän Doucie?" „Wir sind Schwesterkinder, Sir." „Und Eure Mutter ist —" „Lady Dunluce — eine Peerin vermöge ihres eigenen Rechtes." „Aber — wie — Ihr Familienname?" „Ihr Familienname hat sich in dem meines Vaters verloren; die DoucieS sind eine so alte und ehrenweithe Familie, wie die, von welcher meine Mutter ihren Rang erbte. In der That ist die Baronie Dunluce in Folge ihrer Verpflanzung in weiblicher Linie durch so viele Namen gegangen, daß ich glaube, man kann nicht wohl beabsichtigen, die ursprüngliche Familienbenennung wieder ins Leben zn rufen." „Ihr mißversteht mich — Eure Mutter, als sie hcirathete war eine —" „Miß Warrender." „Ich danke Euch, Sir, und will Euch nicht länger bemühen," erwiederte John Effinghan, indem er sich aufrichtete und zum zweitenmal seine Worte mit einer Verbeugung zu begleiten versuchte. „Ich habe Euch sehr plötzlich gestört — in ungereimter Weise, fürchte ich; — Euren Arm —" Kapitän Doucie trat hastig herzu, und kam eben noch in rechter Zeit, um den Anderen mit seinen Armen aufzusangen, da dieser sonst besinnungslos zu Boden gestürzt wäre. Siebenundzwaiizigsteö Kapitel. Was ist ihm Hecuba, was ist er ihr. Daß Thränen er »ergießen sollt' um sie? Hamlet. Äm nächsten Morgen befanden sich Paul und Eva allein in der Bibliothek, die so lange allen vertraulichen Besprechungen der Familie Effingham als Schauplatz gedient hatte. Man sah an 497 Eva Spuren von Thränen, und auch Pauls Augen waren nicht ganz frei von den Merkzeichen vvrauSgegangener starker Erregung; aber beider Antlitz leuchtete von innerer Freude und die schüchternen, aber zärtlichen Blicke, mit welcher unsere Heldin die der Bewunderung Von Seiten ihres Liebhabers crwiederte, deuteten auf eine Fülle glücklicher Hoffnungen. Ihre Hand lag in der seinigen, und er führte fle im Laufe des Gesprächs oft an seine Lippen. „Dies ist so wundervoll," rief Eva nach einer der vielen Pausen des NachfinnenS, denen sich beide Hingaben, „daß ich kaum glauben kann, ob ich wache. Daß Ihr —Blunt, Powis, Asheton — Euch zuletzt noch als einen Esfingham ausweisen'müßt!" „Und daß ich, der sich so lange für verwaist hielt, in einem Manne, wie Mr. John Esfingham, einen noch lebenden Vater finden durfte!" „Es ist mir oft vorgekommen, als laste etwas schwer auf Vetter Jacks Herzen — Ihr müßt mich entschuldigen, Powis, aber ich brauche einige Zeit, bis ich ihn bei einem achtungsvolleren Namen nennen lerne." „Nennt ihn immerhin so, meine Liebe, denn ich bin überzeugt, es würde ihm schmerzlich fallen, wenn er bei Euch eine Veränderung fände. Er ist ja wirklich Euer Vetter Jack." „Aber er konnte doch eines Tags unerwarteterweise auch mein Vater werden, wie er so wundervoll der Eurige geworden ist," e»t- gegnete Eva mit einem schalkhafte» Blicke nach dem glühenden Antlitz des entzückten jungen Mannes; „und dann dürfte Vetter Jack » doch ein allzu vertraulicher und achtungswilriger Ausdruck sehn." „Eure Ansprüche an ihn erscheinen um so viel stärker, als der meinige, daß ich glaube, wenn dieser gesegnete Tag einmal einirifft, so wird er wohl eher mein Vetter Jack, als Euer Vater werden. Doch wie Ihr ihn auch nennen mögt, warum beharrt Ihr stets darauf mich als Powis anzurcden?" „Dieser Name wird mir stets theuer scyn! Ihr verküm- Eva Esfingham. 32 498 kümmert mir meine Rechte, wenn Ihr mir eine Veränderung des Namens verweigert. Die Hälfte der jungen Damen in unsrem Lande hctrathen, um aus den Misses So-und-sa, die sie waren, Mistresses Anders geheißen zu werden, während ich verurthcilt bin, mein ganzes Leben über eine Eva Esfingham zu bleiben." „Wenn Ihr gegen diesen Namen etwas einzuwenden habt, so kann ich wohl fortfahren, mich Powis zu nennen; es ist ohnehin schon so lange geschehen, daß die Bezeichnung fast als legal erscheinen dürfte." „Nein gewiß nicht — Ihr seyd ein Esfingham und müßt als Esfingham bekannt werden. Welch ein glückliches Loos ist mir beschicken; denn es bleibt mir bei dem großen Ereigniß meines Lebens sogar der Schmerz erspart, mich von meinen alten Freunden zu trennen, und ich finde in der Heimalh meiner Kindheit den Herd meines häuslichen Lebens." „Ich verdanke Euch Alles, Eva — Namen, Glück und sogar meine Heimath." „Ich weiß dies doch nicht. Nun bekannt ist, daß Ihr der Urenkel von Edward Esfingham scyd, möchte ich glauben, daß Eure Aussichten aus den Besitz des Wigwam den meinigen vollkommen glcichkommen, selbst wenn wir unser eheliches Glück auf verschiedenen Wegen suchen wollten. Eine derartige Einleitung ließe sich unschwer treffen, da John Esfingham vermittelst jener geldabwer- fenden Stocks und Kapitalbriefe, derer er so viele besitzt, leicht eine Tochter sür den Verlust ihres Hauses und ihrer Ländereien entschädigen konnte." * „Ich betrachtete die Sache aus einem andern Gesichtspunkte. Ihr wart Mr. — meines BaterS Erbin — wie seltsam klingt das Wort Vater in Ohren, die nicht daran gewöhnt sind! — aber Ihr wart meines Vaters erkorene Erbin, und ich verdanke Euch, meine Theure, außer dem Schatz-, den mir Euer Herz und Euer Wort gibt, meine Habe." 499 „Seyd Ihr dessen so ganz gewiß, Undankbarer? —Hat Euch nicht Mr. John Efssngham — Vetter Jack — als Sohn adohtirt, noch che er etwas von dem natürlichen Bande wußte, das wirklich zwischen Euch besteht?" „Ganz richtig — denn ich bemerke Wohl, baß Ihr von Allem, was zwischen uns vorgefallen, unterrichtet seyd. Jndcß hoffe ich, daß mein Vater, als er Euch sein Erbieten mittheilte, nicht zu bemerken vergaß, unter welchen Bedingungen cs angenommen wurde." „Er ließ Euch volle Gerechtigkeit widerfahren, denn er sagte mir, Ihr hättet Euch ausbedungen, daß in den Testamenten keine Veränderungen Vorgehen, sondern die bereits erkorene unwürdige Erbin in ihren Rechten verbleiben solle." „Und hierauf ist Mr. — —" „Vetter Jack," versetzte Eva lachend, denn das Lachen kommt leicht, wenn man sich überschwenglich glücklich fühlt. „Hierauf ist unser Vetter Jack eingegangen." „Wieder vollkommen wahr. Das Testament würde nicht abgeändert worden sehn, da bereits auf Euere Interessen Bedacht genommen war." „Auf Kosten der Emsigen, theuerste Eva." „Es wäre auf Kosten meiner besseren Gefühle geschehen, thcuer- ster Paul, wenn sichs anders verhalten hätte. UebrigenS kann uns dieses Testament weder Nutzen noch Nachtheil bringen." „Ich hoffe, es möge unverändert bleiben, Geliebte, damit ich Euch so viel wie möglich zu verdanken habe." Eva blickte ihren Verlobten freundlich an, und ein hohes Roth überflog ihr ganzes Antlitz, während sie zugleich in geheimnißvoller Weise lächelte. „Welcher verborgene Sinn liegt hinter diesem bedeutungsvollen Blicke?" „Er will sagen, Powis, daß ich eine That begangen habe. 500 welche fast verbrecherisch erscheinen könnte. Ich habe ein Testament vernichtet." „Doch nicht das meines Vaters?" „Das nämliche; aber eS geschah in seiner Gegenwart und, wenn auch nicht unbedingt mit seiner Zustimmung doch mit seinem Vorwiffen. Als er mich von Euren Vorzugsrechten unterrichtete, rastete ich nicht, bis eS geschehen war, damit Ihr für jeden denkbaren Fall der unbestrittene, gesetzmäßige Erbe seyn wöget. Vetter Jack that zwar, als wolle er eS nicht gestatten; aber ich glaube, er schlief nur um so süßer in dem Bewußtscyn, daß dieser Act der Gerechtigkeit vollbracht war." „Ich fürchte er hat gleichwohl nur wenig geschlafen, denn Mitternacht war längst vorbei, als ich ihn verließ, und die Aufgeregtheit seines Geistes war von der Art, daß sie den Augen eines Sohnes unheimlich Vorkommen mußte." „Und die versprochene Aufklärung wird die Wunde nur wieder neu aufreißen — wozu sie also überhaupt? Ist eS nicht genug an der Gewißheit, daß Ihr sein Sohn seyd? Und haben wir dafür nicht seine feierliche Versicherung — die Erklärung eines dem Grabe nahen Mannes?" „Auf dem Rufe meiner Mutter darf kein Schatten haften bleiben. Fehltritte kommen zwar überall vor, aber es ist schmerzlich — ach wie schmerzlich — wenn ein Kind Schlimmes denken soll von einer Mutter." „lieber diesen Punkt seyd Ihr bereits beruhigt. Was Ihr zuvor schon wußtet und John EffinghamS bestimmte Erklärungen machen Euch zum Kinde einer untadeligen Mutter." „Keine Frage; aber dieses Opfer muß gleichwohl dem Geiste meiner Mutter gebracht werden. Es ist jetzt neun; die Frühstückglocke wird bald läuten und dann werden wir die ganze traurige Geschichte hören. Betet mit mir, Eva, daß sie nicht in einer Weise ausfalle, welche die Ohren eines Sohnes verwunden müßte." Eva nahm Pauls Hand in die ihrige und küßte sie mit einer Art heiliger Hoffnung, die in ihrer Kundgebung weder Erröthen noch Scham veranlaßte. In der That waren ihre jungen Herzen so fest an einander gefesselt und ihre Liebe war so umfassend, so vertrauensvoll und so rein, daß fie derartige gegenseitige Gefühlsäußerungen nur nach der Weise einer Anerkennung ihres zuversichtlichen Bauens auf irgend eine andere heilige Grundlage zu deuten vermochten. Die Klingel belief sie jetzt zum Frühstücklische, und Eva forderte in der Schüchternheit ihres Geschlechts Paul auf, einige Minuten früher hinunterzugehen, damit die Heiligkeit ihrer Liebe nicht durch die Beobachtung ungeweihter Blicke geschwächt werden möchte. Das Frühstück wurde schweigend eingenommen. Die Entdeckung der «origen Nacht war nämlich durch die Erklärungen des wieder zum Bewußtscyn zurückgckehrten John Esfingham Allen im Hause bekannt geworden, denn Kapitän Doucie hatte in seiner Arglosigkeit männiglich, wer ihn hören konnte, zum Beistand des ohnmächtig daliegenden Mannes aufgebolen; und eS herrschte jetzt eine moralische Spannung, welche beklemmend auf der ganzen Gesellschaft lastete, die Liebenden allein ausgenommen. Da ein recht herzinniges Glück selten redselig ist, so ging die Mahlzeit stumm von Statten, und sobald sie beendigt war, suchten diejenigen, welche nicht durch die Bande dcS Bluts mit Betheiligten verknüpft waren und deßhalb kein Anrecht hatten, sich bei den bevorstehenden Enthüllungen zu beteiligen, anderweitig Beschäftigung, um die Familie ungestört zu lassen, während Alle, denen zum Voraus mitgetheilt worden war, daß ihre Anwesenheit erwünscht seyn werde, sich schweigend nach John Esfingham Ankleide-Zimmcr verfügten. Zu diesen gehörten nur Mr. Esfingham, Paul und Eva. Elfterer begab sich in das Schlafgemach seines Vetters, um sich mit demselben gesondert zu besprechen — eine Unterredung, die eine halbe Stunde 502 währte. Nach Ablauf dieser Zeit wurden die beiden Anderen anf- gefordeit, gleichfalls hercinzukommen. John Effingham war ein stolzer Mann von kräftigem Geiste, und sein Hauptfehler bestand in einem Selbstvertrauen, welches ihn nicht geneigt machte, bei einer höheren Macht die Unterstützung, Führung und Berathung zu suchen, deren wir Alle so sehr bedürftig sind. Demülhigungcn vor Gott waren ihm übrigens nichts ganz Ungewohntes und während der letzten Jahre sogar häufig geworden, obschon er sich vor seinen Nebenmcnschen nicht das Ansehen geben wollte. Er fühlte, wie viel richtiger, klarer und gewissenhafter sogar seine eigenen Anfichten in Vergleichung mit denen der meisten Menschen waren, und hielt es daher selten für der Mühe Werth, sich mit irgend Jemand über die Gesinnungen, die er haben, oder über das Benehmen, das er einschlagen sollte, zu besprechen. ES ist kaum uöthig zu sagen, daß ein solches Wesen starke, hinreißende Leidenschaften in sich tragen mußte, die häufig selbst über den Zug des Herzens oder über die eigenen Grundsätze übermächtig wurden. Der Austritt, dem er sich nunmehr nicht cntschlagen konnte, war daher reich an Schmerz und Selbstdemülhigung, obschon er sich bewußt war, daß die Gerechtigkeit einen derartigen Schritt forderte, weßhalb er sich dann auch stolz entschloß, seiner Pflicht mannhaft und ohne Rückhalt nachzukommen. Gleichwohl blieb es immerhin eine peinlich dcmüthigende Aufgabe, und es bedurfte seiner ganzen Selbstbeherrschung, seines vollen NechtSgefühlS und einer klaren Erwägung aller Folgen, die ihm nothwcndig schnell vor Augen treten mußten, um ihn zu befähigen, den Schritt mit der erforderlichen Festigkeit und in gehörigem Zusammenhang auszuführen. Als Paul und Eva eintraten, saß John Etfingham in einem Armstuhl, denn obschon man ihn nicht eben leidend neunen konnte, sah man doch deutlich, daß er durch die Ereignisse und Erregungen 303 -er letzten Stunden aufs Tiefste erschüttert war. Er reichte jedem von dem Paare eine Hand, zog Eva liebevoll an sich »nd küßte sie auf die glühende Wange, während das rasche Erblassen und Er« röthcn des Mädchens den Gedankenstrom, der in ihrem Innern tobte, zu erkennen gab. Paul hieß er mit freundlichem Blicke willkommen, obschon ein hektischer rother Fleck, der auf jeder Wange glühte, deutlich verrieth, daß sich seine Empfindungen zugleich in Schmerz und Wonne theilten. Eine lange Pause folgte dieser Begrüßung , und endlich unterbrach John Eifingham das Schweigen. „ES kann jetzt in keiner Weise mehr fraglich sepn, mein theurer Paul," sagte er mit einem liebevollen aber wehmüthigeu Lächeln, „daß Du mein Sohn bist. Schon die Briefe, welche John Asheton nach der Trennung Deiner Eltern an Deine Mutter schrieb, würden diesen wichtigen Punkt belegen, selbst wenn nicht die Namen und die übrigen Thatsachcn, die zu unserer Kenntniß kamen, mir bereits die kostbare Wahrheit bewiesen hätten — denn kostbar und theuer ist mir das Bewußtseyn, daß ich der Bater eines so würdigen Kindes bin. Aber Du mußt Dich jetzt bereit halten, Dinge zu hären, die für das Ohr eines Sohnes nicht angenehm sehn können." „Nicht doch, Better Jack — theurer Vetter Jack," rief Eva, sich in die Arme ihres Verwandten weifend. „Wir wollen nichts der Art hören; es ist genug für uns, daß Ihr Pauls Vater sepd, und wir wünschen nicht mehr zu vernehmen — wollen nicht mehr hören." „Dies steht Dir gleich, Eva, verträgt sich aber nicht mit dem, was ich für die Gebote der Pflicht halte. Paul hatte zwei Eltern, und nicht der geringste Verdacht darf auf der Mutter ruhen bleiben, um die Gefühle deS ValerS zu schonen. Dadurch, daß Du mir diese Liebe erweisen willst, handelst Du unbedacht gegen Paul." „Ich bitte, theurer Sir, nicht allzuviel an mich zu denken, sondern ganz nach Eurem Ermessen — nach Euren eigenen Gefüh- 504 len zu handeln. Mit einem Wvrte, mein Vater, nehmt auf Euch selbst größere Rücksicht, als auf Euer» Sohn." „Ich danke Euch, meine Kinder — welch' ein Wort und welch' ein neues Gefühl liegt für mich in diesem Wort, Ned! Ich weiß den wohlwollenden Sinn von Euch beiden vollkommen zu würdigen; aber wenn Jhr'S mit meinem Seelenfrieden gut meint — wenn Ihr wünscht, daß ich meine Selbstachtung wieder gewinnen soll, so müßt Ihr mir gestatten, daß ich mir die Last vom Herzen schaffe, durch die cS bedrückt ist. Dies ist eine starke Sprache, aber obschon ich kein vorbedachtes Verbrechen, kein entschiedenes Laster zu bekennen habe, fühle ich doch, daß sie kaum zu stark ist für den wirklichen Thatbestand." John Efsingham hielt jetzt inne, als wollte er sich sammeln, und fuhr dann mit eine», Ernste fort, so daß keine Sylbe den Ohren seiner Zuhörer entging. „Deinem Vater, Eva, ist es wohl bekannt, obschon es wahrscheinlich für Dich eine neue Kunde ist, daß ich für Deine selige Mutter eine Leidenschaft fühlte, wie sie nur wenige Männer je für eine Deines Geschlechtes in ihrem Innern bergen. Dein Vater und ich, wir beide bewarben uns zu gleicher Zeit um ihre Gunst, obschon ich kaum sagen kann, Edward, daß sich je ein Gefühl neidischer Eifersucht in unsere Nebenbuhlerschaft einschlich. „Du erweisest mir nur Gerechtigkeit, John, denn wenn die Zuneigung meiner geliebten Eva mir Kummer bereiten konnte, so geschah es nur deßhalb, weil sie Dir schmerzlich war." „Noch schmerzlicher war mir das Bewußtsehn, selbst auch di« Wahl, die sie traf, billigen zu müsse», denn für ihr eigenes Glück sorgte Deine Mutter jedenfalls besser, indem sie sich den geregelten milden und mannhaften Tugenden Deines Vaters vertraute, als wenn sie ihre Hoffnungen an einen Menschen setzte, der so ungestüm und überspannt war, wie ich." „Dies ist ungerecht, John; Du magst wohl entschieden und zuweilen ein wenig streng gewesen seyn, warst aber nie ungestüm, und am wenigsten gegen ein Weib." „Nenne es, wie Du willst; mein Charakter war eben nicht geeignet, ein so sanftes, edles, hochgesinntes Wesen in dem Grade glücklich zu machen, wie sie eS verdiente und wie sie es ans ihrer Erdenbahn durch Dich wurde. Ich hatte den Mulh, zu bleiben und mit anzusehen, wie mein Verwandter begünstigt wurde, vbschon die Verbindung, aus Rücksicht für meine Gefühle, erst zwei Jahre später statt fand; dann aber verliest ich sie mit einem Herz voll verletzten Stolzes, verwundeter Liebe und einer Empfindlichkeit, die sich eher gegen mich selbst, als gegen Deine Ellern richtete. Ich hatte mir in meiner Verzweiflung vorgenommcn, nie wieder zu meiner Familie zurückzukehren, obschon ich mir diesen Entschluß nicht einmal selbst zuzugestehen wagte; gleichwohl schlich er sich verstohlen durch alle meine Plane, fraß um sich wie ein aufreibendes Geschwür und bewog mich, als ich mich von dem Schauplatz des Glückes loSriß, den ich mit anzuschen gezwungen gewesen war, meinen Namen zu ändern und allerlei sinnlose Maßregeln zu treffen — ja, ich beabsichtigte sogar, mein Geburtsland für immer zu verlassen." „Armer John!" rief sein Vetter unwillkührlich, „welch ein Schlag wäre dies für unser Glück gewesen, wenn wir es gewußt hätten!" „Ich war davon überzeugt, selbst als ich mich unter dem Streiche krümmte, den Du mir so unabsichtlich versetzt hattest, Ned; aber die Leidenschaften sind tyrannische und unbeständige Gebieter. Ich nahm den Namen meiner Mutter an, wechselte meine Bedienung und vermied diejenigen LandeSiheile, wo ich bekannt war. Zu jener Zeit zitterte ich für meine Vernunft, und der Gedanke flog mir durch den Kopf, ich könnte vielleicht durch eine plötzliche Heirath die alte Leidenschaft, die mich aufzureiben drohte, verdrängen und für jene 506 milderen Gefühle Raum finden, welche Dich so glücklich zu machen schienen, Edward." „In der Thal, John, dies war wohl ein zeitweiliges Wanken Deiner geistigen Fähigkeiten." „ES war einfach die Wirkung von Leidenschaften, über welche die Vernunft nie einen zureichenden Einfluß zu üben gelernt hatte. Der Zufall führte mich in einem der südlichen Staaten mit Miß Warrendcr zusammen, und ich meinte, fie könne alle die wilden Glücks-Entwürfe meines Grolls verwirklichen." „Deines Grolls, John?" „Ich fürchte, ich muß dies zugestehen, Edward, obgleich er sich nun gegen mich selbst kehrte. Ich machte Miß Warrendcr Bekanntschaft unter dem Namen John Asheton und es entschwanden einige Monate, ehe ich mich entschloß, den erwähnten furchtbaren Versuch zu machen. Sie war jung, schön, von guter Herkunft und tugendhaft; wenn fie einen Fehler hatte, so bestand dieser in ihrem hohen Geiste — ich meine nicht, daß fie hochfahrend war, sondern nur, daß fie einen stolzen, hohen Sinn besaß." „Gott sey Dank dafür! rief Paul, der seine Gefühle nicht mehr zu bewältigen vermochte, aus tiefster Seele. „Was den Charakter Deiner Mutter betrifft, mein Sohn, so hast Du nur wenig zu fürchten; denn wenn er auch nicht vollkommen war, so trifft doch ihre weibliche Tugend kein Vorwurf, und fie hätte jeden vernünftigen Mann glücklich machen können. Meine Bewerbung fand Annahme, da ihr Herz noch frei war. Miß Warrendcr besaß nicht viel Vermögen, und außer den übrigen nicht rechtfertigbaren Beweggründen, die mich leiteten, suchte ich eine Befriedigung in dem Glauben, daß ich um meiner selbst willen, nicht aber wegen meines ReichthumS, gewählt worden sey. Ich wurde mißtrauisch, unedelmüthig, und mochte vor Allem die Schwäche nicht eingestehen, die mich bewogen hatte, meinen Namen zu wechseln. Die einfachen — ich möchte fast sagen, die losen Gesetze Amerikas 507 über die Ehe beseitigten die Nothwendigkeit einer Erklärung, da weder Aufgebot, noch Erlaubnis; erforderlich war und bei dem TrauungSakte nur der Taufname genannt wurde. So waren wir nun verheirathet, obschon ich der Rechte Anderer nicht so weit un- eingedenk blieb, daß ich nicht unter Zusage der Geheimhaltung für ein Eertifikat unter meinem eigenen Namen gesorgt hätte. Wer sich an Ort und Stelle, wo die Verbindung eingesegnet wurde, begeben will, wird daselbst in den Büchern der Kirche, zu welcher der functionirende Geistliche gehörte, die Trauung von John Efsing- ham und Mildred Warreuder gebührend eingetragen finden. Sofern war abgethan, was die Gerechtigkeit forderte, obschon ich in einer grundlosen Bethörung, die ich mir jetzt kaum erkläre» kann und die überhaupt gar nicht zu erklären ist, wenn man sie nicht der ungereimten Grausamkeit der Leidenschaft zuschreibt — fortwährend meinen wahren Namen vor der geheim hielt, vor welcher ich kein Gcheimniß hätte haben sollen. Ich redete mir ein — suchte mich zu überzeugen, daß ich kein Betrüger seh, weil ich ja von mütterlicher Seite der Familie angehörte, welcher ich mich beizählte, und wünschte, mich glauben zu machen, die Sache lasse sich zu jeder Zeit leicht auSglelchen, wenn ich mich für den Mann erklärte, der ich wirklich war. Miß Warreuder und ihre Schwester hatten bei einer wohlwollenden, aber schwachen Tante gelebt, und es war kein männlicher Verwandter vorhanden, um jene Erkundigungen cinzuziehen, für die sich natürlich jede Person von nur gewöhnlicher Weltklugheit interessirt haben würde. Es ist wahr, daß ich mit ihnen unter günstigen Umständen bekannt geworden war, »nd sie hatte» guten Grund, aus einem Belege, den ich zufälligerweise besaß und der meine Verwandtschaft mit der Familie meiner Mutter unwidersprechlich nachwies, ohne übrigens meinen wahren Namen zu verrathen, mich für einen Ashcton zu halten. Außerdem herrscht so wenig Mißtrauen in diesem Lande, daß ich, wenn ich mich von S08 den Orten fern hielt, wo ich persönlich bekannt war, mein ganzes Leben über keine Bloßstellung zu befürchten brauchte. „Dies war sehr unrecht, lieber Detter Jack," sagte Eva, seine Hand nehmend und ste liebevoll küssend, während ihr Antlitz in dem Bewußtsepn der Rechte ihres Geschlechtes glühete, „und ich würde treulos werden an aller Weiblichkeit, wenn ich anders sprechen wollte. Ihr habt den feierlichsten aller menschlichen Verträge ein- gegangen, und es ist eine böse Vorbedeutung, wenn ein derartiger Akt durch eine Unwahrheit getrübt wurde. Aber dennoch hättet Ihr mit einem tugendhaften und liebenden Weibe glücklich sepn können." „Leider ist es ein hoffnungsloser Versuch, in einer Ehe Frieden zu finden, wenn das Herz »och immer an einer andern hängt. Das Vertrauen kam zu spät, denn als Mildrcd meine unglückliche GemülhSstimmung entdeckte, entrang sie mir allmählig ein Gcständ- niß — ein Geständniß von Allem, mit Ausnahme meines wahren Namens, und mit Recht durch die Täuschung verletzt, durch die sie bethürt worden war, erklärte sie mir, den Einflüssen eines hohen und edlen Geistes Folge gebend, daß sie nicht geneigt seh, unter solchen Verhältnissen die Gattin was immer für eines Mannes zu bleiben. Wir trennten uns, und ich eilte in die südwestlichen Staaten, wo ich die nächsten 12 Monate mit Reisen verbrachte und von Ort zu Ort eilte, in der vergeblichen Hoffnung, den Frieden meiner Seele wieder zu gewinnen. Ich stürzte mich in die Prai- rien und verbrachte jene Zeit, großcntheils von der Welt abgeschieden, in der Gesellschaft von Jägern und Trappern." „Dies erklärt also den Umstand, daß Du so gut mit jenem Theile des Landcs bekannt bist," rief Mr. Effingham, „ein Umstand, den ich mir früher nie zu deuten wußte. Wir glaubten damals, Du hieltest Dich unter unser» alten Freunden in Carolina auf." „Niemand wußte, wo ich mich verborgen hatte, denn ich bediente mich eines andern erdichteten Namens und hatte nicht einmal einen Bedienten. Mildred besaß jedoch eine Adresse, wo ein Brief von ihr mich finden würde, denn ich hatte angcfangen, eine aufrichtige Zuneigung zu ihr zu fühlen, die sich allerdings nicht zur Leidenschaft steigern konnte, und ich gab daher der Hoffnung Raum, mit ihr wieder vereinigt zu werden, sobald ihre verletzten Gefühle Zeit gewonnen hätten, sich zu beruhigen. Die Verpflichtungen einer Ehe sind zu ernst, als daß sie so leicht bei Seite geworfen werden könnten, und ich fühlte die lleberzeugung, daß keines von uns Frieden' finden könne, wenn es nicht zuletzt noch die Obliegenheiten erfüllte, die ihm der Stand, welchen wir eingegangen, anwicsen." „Und warum eiltet Ihr nicht zu Eurer Gattin, Vetter Jack," fragte Eva, „als Ihr aus den Ansiedelungen zurückkehrtet?" „Ach, mein liebes Kind, ich fand zu St. Louis Briefe, die mir ihren Tod meldeten. Von einem Kinde war darin nicht die Rede, und ich hatte nicht im mindesten geahnet, daß mir die Aussicht bevorstand, Vater zu werden. Mit Mildreds Tode glaubte ich alle Bande, alle Verpflichtungen und alle-Spuren meiner unüberlegten Heirath erloschen, wie denn auch die Schritte, welche ihre Verwandten einschlugen — es waren ihrer nur noch wenige in Amerika geblieben — mir keine Lust machten, die früheren Vorgänge zu veröffentlichen. Da ich mich still verhielt, so galt ich natürlich fortwährend als Junggeselle, obschon mir Jedermann, der mich kennt, glauben wird, daß ich mit einer Erklärung nicht gesäumt haben würde, sobald sich auch nur ein scheinbarer Grund dafür ergeben hätte." „Darf ich fragen, mein theuerster Sir," begann Paul mit einer Schüchternheit, welche bekundete wie ungern er diesen doch so nöthi- gen Punkt berührte — „darf ich fragen, mein theurer Sir, welche Maßregeln von den Verwandten meiner Mutter getroffen wurden?" „Ich habe den Bruder meiner Gattin, Mr. Warrender, nie gekannt, wohl aber gehört, daß er ein hochfahrender, gewaltthäti- ger Mann scy. Seine Briefe waren nicht freundlich — kaum er- 510 träglich, denn er that, als glaube er, ich habe eine falsche Adresse im Westen angegeben, während ich dach in den mittleren Staaten gewohnt hätte. Zugleich warf er Winke hin, die mir damals unerklärlich waren, nun aber aus den Briefen, welche ich von Paul habe, hinreichend beleuchtet sind. Ich hielt ihn damals für grausam und gefühllos, aber er hatte Gründe für sein Benehmen." „Und diese bestanden?" fragt Paul hastig. „Aus den Briefen, mein Sohn, die Du mir gegeben hast, entnehme ich, daß die Familie Deiner Mutter auf die Ansicht gekommen war, ich sey John Asheton von Lancaster, ein Mann von seltsamer GemüthSart, der in Spanien eine unglückliche Ehe eingegangen hatte und dessen Gattin, wie ich glaube, noch in Paris lebt, obschon sie für sich selbst und ihre Freunde verloren ist. Mein Verwandter lebte zurückgezogen und hat sich von dem Schlage nie wieder erholt. Da er eine von den wenigen Personen des Namens Asheton war, welche deine Mutter geheirathet haben konnten, so scheinen ihre Verwandten auf die Ansickt gekommen zu seyn, er habe sich der Bigamie schuloig gemacht, und Paul sey deßhalb natürlich ein illegitimes Kind. Aus Mr. WarrenderS Briefen geht hervor, daß er eine Zusammenkunft mit ihm hatte und von ihm sehr roh aus dem Hause gewiesen wurde, als er von dessen Frau zu sprechen begann. Die Familie war stolz, und da Milored in die Ewigkeit eingegangen war, so nahm man seine Zuflucht dazu, die Geburt des KindeS zu verheimlichen, um auf diese Weise eine vermeintliche Schmach abzuwenden. Was mich betrifft, so rufe ich den allwissenden Gott zum Zeugen auf, daß mir der Gedanke, ich könnte Vater seyn, nie zu Sinne kam, bis ich erfuhr, ein John Asheton sey Pauls Vater gewesen, und das Miniaturbild Mildrcd WarrenderS, das ich in der Zeit ihres Brautstandes von Ihr erhielt, habe Ähnlichkeit mit seiner Mutter. Die einfache Erklärung 511 des Kapitän Doncie über den Familiennamen seiner Mutter beseitigte alle Zweifel." „Aber, Vetter Jack, hat nicht die Erwähnung der Lady Dnn- luce, der DoucieS und Pauls übrigen Verwandten Eure Neugierde geweckt?" „In welcher Beziehung, meine Liebe? Ich kannte keine Neugierde empfinden in Betreff eines Kindes, von dessen Vorhandenseyn ich nichts wußte. Es war mir zwar bekannt, daß die Warrender Ansprüche auf Rang und Vermögen in England hatten; aber ich hörte nie den Titel namhaft machen und kümmerte mich nicht um Geld, das wahrscheinlich dach nicht an Mildrcd fiel. Van General Doncie habe ich nie etwas vernommen, da er Mabel Warrender erst nach meiner Trennung und nach Empfang der Briefe meines Schwagers hetralhete. Ich wünschte zu vergessen, das die Familie überhaupt vorhanden war. Ich ging nach Europa und blieb sieben Jahre aus Reisen. Da dies aber in die Zeit fiel, als der Cvntinent gegen England geschloffen war, so kam ich nicht in die Lage, etwas über die Sache zu hören. Bei meiner Rückkehr war die Tante meiner Gattin und der letzte ihrer Brüder gestorben; ihre Schwester dagegen muß damals schon lange an Doncie verheirathet gewesen seyn, denn Niemand wußte etwas von den WarrenderS, und jede Spur derselben war in Amerika fast gänzlich verloren gegangen. Was mich betraf, so war mir der Gegenstand zu schmerzlich, als daß ich mich mit weiteren Nachforschungen hätte abgeben sollen. Es ist merkwürdig, daß ich während unseres letzten Besuchs auf der andern Hemisphäre im Jahre 1829 die Nilreise mit General Doncie machte. Wir trafen uns zu Alexandria, besuchten die Ntl- fälle und kehrten in Gemeinschaft wieder zurück. Er kannte mich als John Esfingham, einen amerikanischen Reisenden von Vermögen, wenn auch nicht von besonderem Verdienst, und ich fand in ihm einen recht angenehmen englischen Offizier. Er besaß die Zurückhaltung eines Engländers von Stand und sprach selten von seiner 512 Familie. Erst bei unserer Rückkehr fand ich, daß er Briefe von seiner Gattin, der Lady Dunluce, hatte; aber ich ließ mir wenig träumen, daß Lady Dunluce Mabel Warrender war. Wie oft stehen wir einer richtigen Entdeckung so nahe und leben gleichwohl in Unwissenheit und Finsterniß dahin! Die DoucieS scheinen endlich durch Nachforschungen, die ste über den ercentrischen John Asheton anstellten, auf die Ansicht gekommen zu seyn, daß die Ehe gesetzlich eingegangcn worden war und kein Makel auf der GeburtPaulS hafte." „Sie glaubten mit meinem Onkel Warrender lange, der John Asheton, dessen Ihr Erwähnung gethan habt, sey mein Vater," versetzte Paul. „Aber einige spätere zufällige Entdeckungen überzeugten ste von ihrem Jrrthum, und dann kamen ste natürlich genug auf die Vermuthung, mein Erzeuger müsse in dem einzigen andern John Asheton zu finden seyn, von dem sie Kundschaft hatten einziehen können, und der, wahrscheinlich aus gutem Grunde, als Junggeselle gilt. Letzteren habe ich gleichfalls stets für meinen Vater gehalten, vbschon er zwei oder drei Briefe, die ich an ihn schrieb, mit einer Gleichgiltigkeit behandelte, mit welcher man etwa die Ansprüche eines Betrügers zurückweist. In späterer Zeit war ich zu stolz, einen Versuch zu Wiederaufnahme der Correspondenz zu machen." „Dies ist John Asheton von NeScopeck, meiner Mutter Bruder Sohn — ein so eingefleischter Hagestolz, wie nur einer in der Union zu finden ist," sagte John Esfingham lächelnd, trotz des ernsten Gegenstandes und der tiefen Aufregung, welche eben noch alle seine Gedanken in so hohem Grade dnrchwühlt hatte. „Er muß Eure Briese für eine Neckerei von Seiten einiger seiner spaßliebcnden Kameraden gehalten haben, und es nimmt mich nur Wunder, daß er eS für nüthig hielt, sie überhaupt zu beantworten." „Er hat nur auf einen einzigen wieder geschrieben, und die Antwort trug zuverläßig etwas von dem Charakter, den Ihr an- 513 gedeutet habt. Nun ich die Wahrheit begreife, vergebe ich ihm von Herze» gerne, obschon mir seine augenscheinliche Verachtung damals viel bitteren Schmerz verursachte. Ich sah einmal Mr. Asheton und beobachtete ihn wohl; so sonderbar eS auch scheinen mag, kam es mir vor, als hätte ich Aehnlichkeit mit ihm." „Warum sonderbar? Jack Asheton und ich haben oder hatten vielmehr eine große Familienähnlichkeit mit einander, und obschon mir der Gedanke neu ist, kann ich doch nunmehr die leichte Aehnlichkeit selbst heranSstndcn. Deine Züge sind eher die eines Asheton, als die eines EffinghamS, obschon es auch an den letzteren nicht fehlt." „Diese Aufklärungen sind sehr bündig und befriedigend," bemerkte Mr. Effingham, „indem sie keinem Zweifel mehr Raum geben, daß Paul wirklich das Kind von John Effingham und Mildred Warrender ist. Sie wären übrigens über alle Beanstandung erhaben, wenn die Kindheit des Knaben in ein gleich klares Licht gestellt und der Grund nachgewiesen werden könnte, warum die WarrenderS ihn der Obhut derjenigen überantworteten, aus deren Händen er an Mr. PowiS gekommen war." „Hierin sehe ich nicht viel Dunkles," cntgegnete John Effingham. „Paul ist ohne Frage das in MondayS hinterlaffcnen Papieren angezogene Kind, und der Mutter desselben wurde er vertraut, bis ihn diese in seinem vierten Lebensjahre Mr. Powis übergab; sie wollte sich aller Mühe und Kosten entledigen und doch zugleich das von Lady Dunluce genehmigte Jahrgeld fortbeziehen. In den späteren Briefen kommen die Namen vor, und hätten wir die Papiere ohne Unterbrechung durchgegangen, so wären wir schon früher zu demselben Schluffe gekommen. Der Mann, welcher Dowse heißt und später MrS. Monday heirathcte, scheint den Betrug angezettelt zu haben; könnten wir diesen ausfinden, so wäre Alles erklärt." „Ich sehe deutlich in der Sache," sagte Paul, denn er und John Ekfingham hatten den Rest von MondayS Papiere» gemeinschaftlich Eva Effingham. 33 51L gelesen, sobald sich Letzterer nach dem Ohnmachtsanfall- wieder genügend erholt hatte, „und Kapitän Truck spürt jetzt nach einem seiner alten Passagiere, der, wie ich glaube, einen Schlüssel liefern kann. Könnten wir dieses Zcugniß gewinnen, so würden alle gesetzlichen Beanstandungen bereinigt seyn." „Zu einer Beanstandung wird eS nie kommen," versetzte John Effinghain, indem er liebevoll seinem Sohn die Hand hinreichte. „Du bist im Besitz des HeirathS - CertifikatS Deiner Mutter, und ich erkläre mich selbst für die Person, welche darin den Namen John Asheton führt. Diese Thatsache habe ich selbst auf der Hinterseite des Dokuments bemerkt, und hier ist ein anderes, in welchem mein eigentlicher Name steht. Auf der Rückseite befindet sich die Erklärung des Geistlichen, daß ich meine Ehe unter einem andern Namen eingegangen habe." „Ein solcher Mensch war nicht werth, das heilige Gewand zu tragen, Vetter Jack," rief Eva mit Nachdruck. „Ich bin nicht dieser Ansicht, mein Kind, denn er wußte nichts von der ursprünglichen Täuschung. Das Certifikat und der Eintrag in die Kirchenbücher wurden erst einige Zeit nach der Trauung gefertigt; sie konnten daher nur günstig, nie aber nachtheilig wirken. Der fragliche Geistliche ist jetzt ein Bischof und noch am Leben; er kann tm Nothfall Zeugniß über die Gesetzmäßigkeit der Ehe oblegen." „Und der Geistliche, von welchem ich getauft wurde, lebt gleichfalls noch," rief Paul, „und hat mich nie aus dem Gesicht verloren. Er war theilweise in das Vertrauen der Familie meiner Mutter eingeweiht und behielt mich, selbst nachdem ich von Mr. Powis bereits adoptirt war, als einen von seinen kleinen Christin, wie er mich nannte, stets im Auge. Er ist keine geringere Person als Doktor M. —" „Dieses allein reicht schon zu, um die Verwandtschaft und Identität nachzuweisen," sagte Mr. Esfingham, „ohne daß wir zu 515 MondayS Belegen weitere Zuflucht nehmen müßten. Die ganze Verwirrung ging aus Johns Namensveränderung und aus dem Umstande hervor, daß er nichts von dem Kinde seiner Gattin wußte. Allerdings scheine» die DucieS zureichende Gründe für ihr Mißtrauen gegen die Gesetzmäßigkeit der Ehe gehabt zu haben, aber es ist jetzt Alles klar, und da ein großes Besttzthum dabei in Frage kommt, so wollen wir Sorge dafür tragen, daß die Angelegenheit nicht länger im Dunkeln bleibe." „Der Theil, welcher das Besitzthum betrifft, ist bereits erledigt," versetzte John Esfingham, Eva mit einem Lächeln anblickend. „Gin Amerikaner kann stets ein Testament machen, und ein Testament, das nur ein einziges Vermächtniß enthält, ist bald geschrieben. Mit dem meinigen bin ich fertig, und ,Paul Esfingham, mein Sohn ans der Ehe mit Mildred Warrender, späterer Zeit in der Marine der Vereinigten Staaten als Paul PvwiS bekannt', ist darin gebührend zu meinem Erben erklärt. Dies wird vor allen Gerichten zureichen, vbschon u»S die Klatschsucht nicht übel mitnehmen wird." „Vetter Jack!" „Tochter Eva?" „Wer hat Anlaß dazu gegeben?" „Derjenige, welcher eine der heiligsten aller seiner Erdenpflichten mit einer unrechtfertigbaren Täuschung begonnen hat. Der klügste Weg, den wir einschlagcn können, wird darin bestehen, daß wir unsere verwandtschaftliche Beziehung nach Möglichkeit veröffentlichen." „Ich sehe nicht ein, John, wozu eS nöthig wäre, auf Einzelnhelten einzugehen," sagte Mr. Esfingham. „Du hast Dich jung verheirathet und Deine Gattin ein Jahr nach Eingehung des Ehe- bundeS verloren. Sie war eine Miß Warrender und die Schwester von Lady Dunluce. Paul und Ducie find Geschwisterkinder, und elfterer hat sich als Dein Sohn ausgewiesen, von dessen Vor- 516 handenseyn Dil keine Kunde hattest. Niemand wird sich herausnehmen, einen von uns' zu befragen, und ich meine, mit dieser einfachen Darlegung der Sache müssen sich alle vernünftigen Leut- zufrieden geben." „Vater!" rief Eva, ihre hübschen Händchen in der Haltung des Erstaunens erhebend, „in welcher Großstadt sogar — in welchem Theile der Welt würde ein so nakler Bericht die Neugierde beschwichtigen? Hier aber, wo der Mensch, gleichviel wie gebildet oder einfältig, wie gelehrt oder wie unwissend er sehn mag, sich für einen constitutionellen Richter aller Handlungen seiner Mitgeschöpfe ansieht, wird dies um so weniger geschehen." „Wir haben wenigstens den Trost, zu wissen, daß durch keinerlei Enthüllung die Sache irgend schlimmer oder besser werden kann," entgegncte Paul, „denn die Klatschsucht erzählt stets ihre Geschichte nach eigener Weise, wenn auch die Faschheit darin so augenfällig sehn sollte wie die Mittagssonne. Fraubaserei ist eine ewige Lügnerin und hält die Wahrheit für eine höchst unwesentliche Eigenschaft, da im Gegentheil eine wohlverbürgte Thatsache ihr den Gnadenstoß gibt. Ich hoffe daher, mein theurer Vater, Ihr werdet Euch auf weiter nichts einlassen, als auf die Erklärung, daß ich Euer Sohn bin, denn dies ist für mich ein zu wichtiger Umstand, als daß er übergangen werden sollte." John Esfingham blickte den jungen Mann, den er so lang geschätzt und bewundert hatte, zärtlich an, und Thränen traten ihm in die Augen bei dem Bewußtseyn des überschwenglichsten Glückes, dessen sich nur ein Vaterherz erfreuen konnte. 517 Achtundzwanzigstes Kapitel. Ich für meinen Tbcil mache mir nichts daraus; ich sage wenig — aber wenn die Zeit kömmt, wird nichts se»n, als Lächeln und Freude. Nym. Obgleich sowohl Paul Esfingham, als Miß Ena in ihren Ansichten über die Kunst der Fraubascrei Recht hatten, so vergaßen doch beide einen wesentlichen Umstand, der, obschon er aus einer verschiedenen Ursache entspringt, in Großstädten wie in einer Provinz dieselbe Wirkung hervorbringt. In den ersteren nemllch bilden wunderbare Neuigkeiten ein achttägiges Staunen, weil sich die Ereignisse drängen, in der letzteren aber hat sich der Eifer der Klatscherei um seines UebermaßeS willen in gleich kurzer Frist erschöpft. Als daher in Templeton bekannt gemacht wurde, Mr. Jvh» Esfingham habe in Mr. PowiS einen Sohn entdeckt, so bemächtigte sich das Gerücht des Umstandes, und wie derselbe Sohn vermuthet hatte, fand alles eher Glauben, als die Wahrheit. Natürlich erregte der Fall auch bei den Gebildeten und Einsichtsvollen Neugierde und Staunen, was Niemand übel genommen werden konnte, da John Esfingham für einen starren Hagestolzen gegolten hatte; indeß begnügten sie sich im Allgemeinen mit der Deutung, daß in einer Familie wohl Gefühle und Ereignisse Vorkommen könnten, welche man nicht vor der ganzen Welt ausposaunt wissen wollte. Weil sie selbst die Zartheit und Heiligkeit häuslicher Verhältnisse zu würdigen wußten, so waren sie geneigt, dieselbe auch an andern zu achten. Aber mit Ausnahme dieser Wenigen gerieth das ganze Dorf für vierzehn Tage in einen wahren Sturm von Muthmaßungen, Gerüchten, Widersprüchen, Bestätigungen, Widerlegungen und Controversen dagegen. Einige Dorf-ElegantS, die ihre Ansichten vom Leben bloS in dem Thale, wo sie geboren 518 waren, eingesogc» und längst über den ruhigen, abgemessenen, gent- lemanischen Paul die Nasen gerümpft hatten, weil er zufälligerweise ihrem Geschmack nicht zusagte, waren geneigt, die Thatsache, daß er seines Vaters Sohn war, als ein an ihnen selbst geübtes Unrecht zu behandeln, denn derartige Comentatoren über Menschen und Dinge sind gewohnt, Alles stets auf die Höhe ihres JchS zu reduziren. Dann mußten die bevorstehenden Verehlichnngen im Wigwam Spießruthen laufen, indem sie nicht nur der Dorf- und County-Criiik, sondern auch der des mächtigen Emporiums selbst anheim fielen — denn so fordert es der gute Ton, den wirren geschmacklosen Haufen von Hellrothen Ziegelhäusern, marderfallenähnlichen Kirchen und kolossalen Fremdenherbergen zu nennen, der auf der Insel Manhattan steht. Nachdem nemlich die über Alles wichtigen Fragen nach Dollars, Bauplätze und Weine gebührend erschöpft waren, kam in dieser wohlgeordneten socialen Organisation die Verhandlung der erwähnten Heirathen zur Tagesordnung. Sir George Templemore wurde in den hochgeborenen Lord George Templemore und Pauls Verwandtschaft mit Lady Dunluce nach der gewohnten Weise in eine Anwartschaft auf ein Herzogthum des gleichen Namens umgewandelt. Der Umstand, daß Eva einen Adeligen gewählt hatte, kam natürlich auf Rechnung der aristokratischen Liebhabereien, welche sie während ihres Aufenthalts in fremden Ländern eingesogc»; dieselbe verständige, weiblich zarte und wohlunterrichtete Eva, die in ihrem Verkehr mit Europa allerdings die feine Bildung, die Anmuth, die Haltung und den Ton eines weit fortgeschrittenen GesellschaftSzustandeS schätzen, zugleich aber auch dessen bloS äußerliche Flitter verachten gelernt hatte! Doch gegen den Geist der Lüge kämpfen, wie gegen die Dummheit, Götter selbst vergebens. Einige gottgeweihte Seelen, an deren Spitze sich Mr. Stcad- fast Dodge und die verlassene MrS. Abbot befanden, behandelten 519 die Sache als einen Gegenstand von besonderer Wichtigkeit, der mit Recht das Interesse der ganzen Gemeinschaft in Anspruch nehme. „Ich für meinen Theil, Mr. Dodge," sagte MrS. Abbot etwa vierzehn Tage nach der Aufklärung des letzten Kapitels in einer ihrer häufigen Conferenzen, „glaube nicht, daß Paul PowiS überhaupt Paul Effingham ist. Ihr sagt, Zhr hättet ihn in seinen jüngeren Jahren unter dem Namen Blunt gekannt?" „Allerdings, Ma'am. Er ging früher allgemein unter dieser Bezeichnung, und es muß im mindesten Falle als etwas Außerordentliches erscheinen, daß er so viele Aliase hat. Das Wahre an der Sache ist, MrS. Abbot, wenn man je der Wahrheit auf den Sprung kommen kann, und ich behaupte stets, daß dies eine sehr schwierige Aufgabe ist bei dem gegenwärtigen Zustande der Welt-" „Ihr habt nie ein wahreres Wort gesprochen, Mr. Dodge," unterbrach ihn die Dame, die in dem Ungestüm ihrer Gefühle selten die Beendigung eines Satzes abwartete. „Was mich betrifft, so kann ich nie von einer Sache das Wahre erfahren. Ihr werdet Euch erinnern, daß Ihr mir sagtet, Mr. John Effingham werde Eva heirathen, und siehe da, es stellt sich heraus, daß sie an seinen Sohn kommen soll." „Die Dame mag wohl deshalb ihren Sinn geändert haben, MrS. Abbot, weil sie mit dem jüngeren Mann das gleiche Vermögen erhält." „Dies ist ja ganz ungeheuer; ich bin überzeugt, das ganze Dorf wird sich erleichtert fühlen, wenn sie verheirathet ist, mag'S nun an den Vater oder an den Sohn seyn. Wißt Ihr auch, Mr. Dodge, daß ich mich über eine Sache ganz verzweifelt alterirt habe, und diese besteht darin, daß ich finden muß, die beiden alten EffinghamS sepen boni tuli nicht wirkliche Brüder. Es ist mir zwar bekannt gewesen, daß sie sich gegenseitig ,Vetter Jack und Vetter Ned nannten und daß Eva ebenfalls dergleichen that, in- 520 dem sie ihren Onkel Beiter Jack nannte; aber dann hat sie so viele Zieraffereie» an sich, und die alten Leute sind so verfremdet, daß ich Alles dicß als bloßen Schein betrachtete. Ich sagte zu mir selbst, die Nachbarschaft innß jedenfalls mehr wissen von der Familie eines Mannes, als er selbst wissen kann, und die ganze Nachbarschaft hat sie für Brüder erklärt, und doch stellt sich zuletzt heraus, daß sie nur Vettern sind!" „Ich glaube, daß diesmal die Familie Recht hatte in der Sache und daß das Publikum im Jrrthum war." „Nun ja, ich möchte wissen, wer ein besseres Recht hätte, sich zu irren, als das Publikum, Mr. Dodge. Dies ist ein freies Land, und wenn das Volk nicht auch bisweilen Unrecht haben könnte, was läge da für ein sonderlicher Nutzen in seiner Freiheit? Wir Alle sind im besten Fall nur elende Sünder, und wir werden vergeblich von solchen etwas Anderes als Jrrthum erwarten." „Nicht doch, meine theure Mrs. Abbot, Ihr sehd zu hart gegen Euch selbst, denn Jedermann erklärt Euch für so musterhaft, als Ihr eifrig in Euren religiösen Pflichten sehd." „Oh, ich habe nicht eben von mir selbst gesprochen. Ich bin nicht egoistisch in solchen Dingen, und wünsche, daß melne Nachbarn und Freunde meine Unvollkommenheiten mit dem Mantel der Liebe zudecken. Aber glaubt Ihr, Mr. Dodge, daß die Heirath zwischen Paul Efsingham — denn so muß ich ihn glaub' ich nennen — und Eva Efsingham gesetzlich sepn wird? Läßt sie sich nicht hinter- treiben, und würde in einem solchen Falle das Vermögen nicht an das Publikum kommen?" „Es sollte so sehn, meine theure Ma'am, und ich hoffe, der Tag ist nicht sern, an welchem es geschehen wird. Das Volk sängt an, seine Rechte zu verstehen, und gewißlich vergeht kein weiteres Jahrhundert, ohne daß es dieselben durch alle erfoderlichen Pönal-Statuten erzwingen wird. Wir haben die Sache nun so weit gebracht, daß Niemand mehr dem aristokratischen und selbst- 521 süchtigen Verlangen Raum geben kann, ein Testament zu machen, und nehmt mein Wort dafür, wir werden nicht Nachlassen, bis Alles auf das gehörige Niveau gebracht ist." Der Leser muß übrigens aus dieser Rede nicht folgern, daß Mr. Dodge ein Agrarianer war und in späteren Jahren einer Vertheilung des EigenthumS entgegensah, denn er besaß für seine eigene Person bereits mehr, als ihm bei einer derartigen Procedur möglicherweise zufallen konnte; es war ihm deshalb durchaus nicht darum zu thun, den Umfang seiner Habe irgend wie geschmälert zu sehen. Die Sache verhielt sich nämlich so, daß er in seinem Neide gegen alle, die über ihm standen, selbst nicht wußte, was er wollte; denn auf diesem hämischen Gefühl beruhte das ganze Geheimniß seiner Grundsätze, seiner Triebfedern und seiner Lehren. In seinen Augen schien es vernünftig und gerecht zu seyn, Alles, was durch Erziehung, Gewohnheit, GlückSgütcr oder Geschmack über seiner Stellung sich befand, in den Staub zu zerren, während derselbe Grundsatz, gegen seine Person in Anwendung gebracht, Tyrannei und Unterdrückung war. Wie alles Menschliche haben auch die Institutionen Amerikas ihre schlimme sowohl als ihre gute Seite, und obschon wir nach Vergleichung der Resultate mit denen anderer Systeme des festen Glaubens leben, daß das Gute beziehungsweise das Uebergewicht bildet, so würden wir doch das uns in diesem Werke vorgesteckte Ziel verfehlen, wenn wir nicht in starken Farben eine der augenfälligsten Folgen hervorhüben, welche die gänzliche Zerstörung aller Personal-Unterschiede nach sich gezogen haben; wir meinen jene schärfer als gewöhnlich hervortreteude und allgemein herrschende Neigung, nach dem, was eines Andern ist, zu begehren und unerreichbare Vorzüge herabzuwürdigcn. „Ich freue mich, dies zu hören," entgcgnete MrS. Abbot, deren Gewißenhaftigkeit aus derselben hohen Schule stammte, wie die ihres Gefährten. „Denn ich bin der Ansicht, wenn man die Moralität im Lande aufrecht erhalten will, so sollte Niemand Recht 522 haben, als der Religiöse. — Dort geht der alte Seelöwe Truck; er ist wie gewöhnlich von seinem alten fischenden Kameraden, dem Commodore mit seinen Leinen und Ruthen, begleitet. Mr. Dodge, ruft ihnen, denn ich sehne mich danach, zu hören, was der Erstere jetzt von seinen geliebten EsfinghamS zu erzählen weiß." Mr. Dodge willfahrte, und die beiden Schiffer, der vom Ocean. und der vom See, saßen bald in MrS. AbbotS kleinem Wohn- stübchen, das man wohl den koous der Klatscherei nennen konnte, in der Nähe des Pärchens, welches kürzlich noch allein die 61>ronigne soanöaleuse des OrteS verhandelt hatte. „Dieß find wunderbare Neuigkeiten, Gentlemen," begann Mr. Abbot, sobald die kleine Störung des Eintritts sich gelegt hatte. ,,Mr. PowiS ist Mr. Esfingham, und es scheint, daß Miß Effing- Ham Mistreß Esfingham werden soll! Mirakel werden nie aufhören, und ich betrachte dies als eines der überraschendsten meiner Zeit." „Just so, Ma'am," sagte der Commodore, mit dem Auge blinzelnd und die gewöhnliche Handschwenkung in Anwendung bringend. „Eure Zeit ist nicht erst von heute, und Mr. PowiS hat wohl Ursache, sich zu freuen, daß er der Held einer solchen Geschichte ist. Was mich betrifft, so würde cS mich nicht in größeres Erstaunen setzen, selbst wenn ich den Sogdollager mit einem Forellenhacken und einer einfachen Käseschnipfelbeize heranfbrächte." „Wie ich höre," fuhr die Dame fort, „walten übrigens im Grunde doch Zweifel vor, ob dieses Wunder ein wahres Wunder ist. Man sagt sich in die Ohren, Mr. PowiS sey weder Mr. Ef- fingham noch Mr. PowiS, sondern in Wirklichkeit ein Mr. Blunt. Wißt Ihr etwas von der Sache, Kapitän Truck?" „Er ist mir unter allen diesen drei Namen vorgestellt, Ma'am, und ich kann ihn daher in jeder Hinsicht als eine Bekanntschaft von mir betrachten. Aber in allen Fällen ist er A. Nummer 1., auf welchem Gange Ihr ihn auch nehmen mögt — ein Mann, der ein Luvstcuer führt in Mitte seiner Feinde." 323 „Na, ich halte es für keine gar große Empfehlung, wenn Einer A. Nunmier Eins oder sogar Nummer Zwei ist — oder wenn er überhaupt Feinde hat. Ich wette, Mr. Dodge, Ihr habt nicht einen einzigen Feind auf Erden." „Es sollte mir leid thun, wenn ich das Gegentheil denken müßte, MrS. Abbot. Ich bin Jedermanns Freund, namentlich ein Freund des armen Mannes, und sollte daher glauben, daß auch Jedermann mein Freund sepn sollte. Die ganze menschliche Familie betrachte ich als Brüder, die in brüderlicher Gesinnung unter einander zu leben verpflichtet sind." „Sehr wahr, Sir — ganz wahr; wir alle sind Sünder und sollten gegenseitig unsere Gebrechen mit Glimpf behandeln. Es geht mich nichts an — ich sage, es geht uns nichts an, Mr. Dodge, wer Miß Effingham heirathet; aber wenn sie meiueToch- ter wäre, so glaube ich, die drei Familiennamen stünde» mir nicht an, geschweige den» der Umstand, daß sie noch obendrein ihren eigenen behalte» soll." „Die EffinghamS tragen ihre Köpfe sehr hoch, obschon es nicht leicht ist, den Grund davon einzuschen," cntgegnete der Herausgeber; „aber sie thunS einmal so, und je mehr Namen ein solches Volk hat, desto besser ists vielleicht. Was mich betrifft, so behandle ich sie mit Herablassung, just wie ichs gegen Jedermann anders halte, denn ich mache mir'S zur Regel, Kapitän Truck, mich gegen den König auf dem Thron ebenso zu benehmen, wie gegen den Bettler auf der Straße." „Ich verstehe — bloS um zu zeigen, daß Ihr Euch nicht über bessere Leute erhebt. Wir haben viele solche Philosophen in diesem Lande." „Just so," sagte der Commodore. „Nun möchte ich aber doch wissen," nahm MrS. Abbot wieder auf, denn in ihrem wie in Mr. Dodges Kopf herrschte eine solche Verwirrung und eine so gänzlich falsche Ansicht über das 5Z4 Wesentliche Im Benehmen, daß sie nichts van dem kalten Svotte des alten Matrosen fühlte, „ich möchte wissen, ob Eva Effingham wirklich erweckt ist. Was ist Eure Ansicht?" „Erweckt — wie meint Ihr dies, Ma'am?" fragte der Cammodare, der sich nicht erinnern konnte, dieses Wort je zuvor gehört zu haben; denn bei seinen Sabbaten auf dem Wasser, wo er Gott so oft in der Einfalt feines Herzens angebetet hatte, war ihm die Sprache der Frommen von Profession nie zu Ohren gekommen. „Ich kann nur sagen, daß sie ein so hübscher Nachen ist, wie nur je einer auf dem Wasser schwamm, weiß aber nichts von einer Erweckung, denn ich habe in der That nie gehört, daß sie einmal ertrunken gewesen wäre." „Oh, MrS. Abbot, die besten Freunde der EffinghamS werden nicht behaupten wollen, daß sie fromm sind. Ich möchte mir um Alles keine üblen Nachreden zu Schulden kommen lassen oder etwas NnnachbarlicheS aussagen; aber wollte man mich zu einem Eide treiben, so könnte ich viele Dinge bezeugen, welche unwiderleglich Nachweisen müßten, daß sie noch nie geistige Erfahrungen gemacht haben oder geübt worden sind." „Wohlan, Mr. Dodge, ich weiß, wie sehr Euch Verläumdun- gen zuwider sind," rief die Verlassene geziert, „und ich kann eine solche allgemeine Anklage nicht dulden. Ich bestehe auf einer Beweisführung dessen, was Ihr sagt, und diese Gentlemen sind ohne Zweifel von Herzen mit mir einverstanden." Unter Beweisführung dachte sich MrS. Abbot nichts Anderes, als einfache Angaben. „Gut, Ma'am; da Ihr durchaus haben wollt, daß ich meine Behauptung beweisen soll, so soll Eurem Wunsche willfahrt werden. Erstlich also lesen sie ihre Familiengcbete aus einem Buche." „Ganz richtig," versetzte der Kapitän; „aber dies thun auch Alle, welche es mit der Platform halten." „Verzeihung, Sir — Niemand als die Katholiken und das Kirchenvolk begeht diese Gottlosigkeit. Der Gedanke, der Gottheit etwas vorzulesen, MrS. Abbot, ist ein wahres Entsetzen für eine fromme Seele." „Als ob der liebe Gott eines Vorlesens bedürfte! Dies ist sehr schlimm, denn ich muß gestehen, daß ein Familiengebet durch eine Formel zum Hohne wird." „Ja, Ma'am; aber was haltet Ihr von den Karten?" „Von Karten!" rief MrS. Abbot in heiligem Abscheu, ihre frommen Hände erhebend. „Ja, von Karten — schnöde Pappendeckel mit Königen und Königinnen bezeichnet. Dies ist schlimmer, als eine gewöhnliche Sünde, MrS. Abbot, da es unqualifizirt antirepublikanisch ist." „Ich gestehe, dies habe ich nicht erwartet! Wohl hörte ich, daß sich Eva Effingham mancher Unbesonnenheiten schulvig machte, aber ich hielt sie nicht so aller Tugend baar, daß sie eine Karte anrühren könnte. O Eva Effingham, Eva Effingham, wozu ist deine arme kranke Seele bestimmt!" „Auch tanzt sic—doch dies wißt ihr vermuthlich," fuhr Mr. Dodge fort, der, weil er seine Popularität einigermaßen in Abnahme sah, sich seit einigen Wochen den Versammlungen angeschlosscn hatte und nunmehr nicht versäumte, den Eifer eines Neubekehrten an den Tag zu legen. „Sie tanzt!" wiederholte MrS. Abbot mit frommem Entsetzen. „Dreht, hopst und fioeldidum!" fiel Kapitän Truck ein. „Just so," bemerkte der Commvdore. „Ich habe es mit eigenen Augen gesehen. Doch ich halte mich für verpflichtet, MrS. Abbot, Euch zu sagen, daß Eure Tochter —" „Biansy Alzurny Anne?" rief die Mutter beunruhigt. „Just so; Bcpantschh Hals um mi Anne, wenn dies ihr Name ist. Wißt ihr also Ma'am, daß ich Eure eigene gesegnete Tochter Pantsch! Anne noch etwas Schlimmeres thun sah, als tanzen?" 526 „Commodore, Ihr seyd entsetzlich! Was konnte ein Kind von mir thun, das schlimmer wäre, als tanzen?" „Gut, Ma'am wenn Ihr Alles hören wollt, so halte ichs für meine Pflicht, eS Ench zu sagen. Gestern Morgen zwischen sieben und acht sah ich Pantschy Anne (der Commodore kannte in der That den Namen des Mädchens nicht) über ein Hüpfseil springen. 2a, so ists, Ma'am, so wahr ich den Svgdollager wieder zu sehen hoffe." „Und haltet Zhr dies für so schlimm, als das Tanzen?" „Für viel schlimmer, Ma'am, meiner Ansicht nach. Es ist ein Umherspringen ohne Musik und ohne Schönheit, namentlich wie eS von Pantscht) Anne ausgeführt wird." „Ihr sepd ein Spaßvogel. Das Springen über ein Hüpfseil ist in der Bibel nirgends verboten." „Just so; aber auch das Tanzen nicht, wenn ich anders etwas von der Sache weiß, — und waS dies betrifft, das Kartenspielen eben so wenig." „Aber es ist Zeitverderb — sündiger Zeitverberb, voll schlimmer Leidenschaften und schnöder Ungerechtigkeit." „Just so; Pantschy Anne war auf dem Weg zum Wafferholen begriffe» — wahrscheinlich hattet Ihr sie geschickt — und sie vergeudete ihre Zeit. Und was die schlimmen Leidenschaften betrifft, so wurde es ihr nicht so gut, sich des Hüpfens zu erfreuen, bis sie und die Tochter Eures Nachbars sich gegenseitig um das Seil die Haare ausgerauft hatten, als wären'S ein paar Drachen gewesen. Auf mein Wort, Ma'am, eS fehlte gar nichts, um die Geschichte zur Sünde vom reinen Wasser zu machen, als eine schnarrende Fiedel!" Während der Commodore MrS. Abbot solchergestalt im Schach hielt, war Kapitän Truck, der seinen Gefährten durch einen Wink dazu aufgefordert hatte, beschäftigt, einen praktischen Scherz auf Kosten der Wiltwe vorzubereiten. Die beiden Ehrenmänner, welche geschworene Freunde und beharrliche Gesellschafter geworden waren, pflegten nemlich, nachdem sie die erwünschte Anzahl Fische gefangen hatten, 527 sich nach der Quelle zurückzuziehen, dort Cigarre und Pfeife anzustecken, ihren Grog zu mischen und, wenn sie genug über Menschen und Dinge gesprochen hatten, durch das Spiel „alle Viere", mit dem sie sich auf einem Baumstumpf vergnügten, die lange Weile zu vertreiben. Nun hatte der Kapitän dasselbe Paket, dessen sie sich bei allen solchen Gelegenheiten bedienten, wie man an der Abgegriffenheit der Blätter vorn und hinten ersehen konnte, in der Tasche. Er zeigte die Karten insgeheim seinem Begleiter und ließ, sobald Mrs. Abbvts Aufmerksamkeit ganz und gar durch die schreckliche Ankündigung von den Verirrungen ihrer Tochter in Anspruch genommen war, das ganze Spiel, Könige, Königinnen und Buben, Hoch und Nieder, Aß und Alles in das Arbeitskörbchen der Dame gleiten. Sobald dieses Taschcnspielerstückchen erfolgreich in Vollzug gebracht worden, erhielt der Commodore einen Wink, daß der Streich gelungen sey, und der theologische Disputant begann nun allmählig nachzugeben, obschon er bis aufs Letzte zu behaupten fortfuhr, das Seilhüpfen sey eine Sünde, obschon sie vielleicht unter die Claffe der verzeihlichen gehöre. Ohne Zweifel hätte der Fischer, wenn er in der Lage gewesen wäre, mehr biblische Phrasen und größeren Eifer aufzubieten, eine neue Schattirung des Christenglaubens gründen können, denn obschon das menschliche Geschlecht beharrlich die einfachsten Gebote Gottes, die auf Demuth, Liebe und Gehorsam Bezug haben, mißachtet, scheint ihnen doch nichts ein größeres Entzücke» zu bereiten, als wenn es die Liste der Vergehungen gegen das göttliche Wesen vergrößern kann. Es war vielleicht ein Glück für den Commodore, daß Kapitän Truck jetzt Muße fand, ihm zu Hülfe zu kommen, denn wie trefflich er sich auch darauf verstand, einen Grashecht zu ködern, war er doch sonst daran gewöhnt, in harter Bedrängniß polemische Fragen bloß mit der Faust zu erledigen. „ES nimmt mich höchlich Wunder, Ma'am, sagte der ehrliche Paketschiffmeister, wie eine Frau von Eurer Heiligkeit in Abrede ziehen mag, daß das Seilhüpfen Sünde sey, denn ich bin der Ansicht, 528 daß dieser Punkt von allen unfern Leuten schon seit fünfzig Jahren her bereinigt ist. Ihr werdet zugeben, daß man nicht wohl über ei» Seil Hüpfen kann ohne Leichtigkeit." „Leichtigkeit, Kapitän Truck? Ich hoffe, Ihr wollt damit doch nicht sagen, meine Tochter habe sich Leichtigkeit zu Schulden kommen kaffen?" „Allerdings, Ma'am. Wie ich höre, gilt sie als die beste Seilhüpferin im Dorf, und Leichtigkeit — in den Bewegungen wenigstens — ist das Haupterforderniß, um es in dieser Kunst weit zu bringen. Ferner sind es ,eitle Wiederholungen', wenn man dasselbe so oft und oft wieder thut, und ,eitle Wiederholungen' sind sogar in unseren Gebeten verboten. Ich kann Vater und Mutter ausbieten, diese Thatsache zu bezeugen." „Dies ist mir in der That etwas Neues! Ich muß darüber mit dem Geistlichen sprechen." „Von den Zweien aber ist das Hüpfseil noch viel sündhafter als das Tanzen, denn bei der Musik kommt letzteres von selbst, während ein entschiedener Wille vorhanden seyn muß, um mit er- sterem den Anfang zu machen. Doch unsere Stunde ist gekommen, Commodore, und wir müssen Segel machen. Wollt Ihr wohl so gut seyn, MrS. Abbot, mir ein Trümmchen Faden zu geben, damit ich diesen Hacken fester machen kann?" Die arme Wittwe wandte sich nach ihrem Körbchen, aber als sie ein Stück Zeug aushob, um nach dem Faden zu sehen, starrten ihr „Hoch und Nieder, Aß und das ganze Spiel" voll ins Gesicht. Sie wandte sodann ihre Blicke auf ihre Gäste und bemerkte, daß alle drei nach den Karten hinsahen — zwei davon mit so viel scheinbarer Ueberraschung und Neugierde, als ob sie durchaus nichts von ihrem eigenen Anschläge wüßten. „Entsetzlich," rief MrS. Abbot. „Entsetzlich! Entsetzlich! Die Mächte der Finsterniß haben hier ihr Werk geübt." „Und scheinen noch obendrein ziemlich beschäftigt gewesen zu 5Z9 seyn," bemerkte der Kapitän kalt, denn ein besser abgegriffenes Paket habe ich nie, nicht einmal im Vorderkastesteines Schiffes gefunden.« „Schrecklich, entsetzlich, entsetzlich! Dies reicht an die vierzig Tage in der Wüste hin. Me. Dodge." „Es ist in der That ein prüfendes Kreuz, Ma'am.« „Na," versetzte der Kapitän, „meiner Ansicht nach sind diese Karten nicht schlimmer, als das Seilhüpfen, obschvn ich gestehen muß, daß sie wohl reinlicher seyn könnten." Aber MrS. Abbot war nicht geneigt,- die Sache so leicht zu nehmen. Sie sah in der ganzen Geschichte die Hand des Teufels und meinte, es biete sich ihr hier eine neue Versuchung für ihre verlassene Lage. „Sind dies wirkliche Karten?" rief sie, als traute sie dem Zeugnisse ihrer Sinne nicht. „Just so, Ma'am," antwortete der Commodore freundlich. „Dies ist das Spataß, ein famoses Blatt, wenn man eS in der Vorhand hat; und dies ist der Jack, welcher bekanntlich Eins zählt, wenn Spat Trumpf ist. In meinem Leben nie habe ich ein durch- arbcitendereS Paket gesehen." „Oder ein durchgearbeitetereS Paket"' fügte der Kapitän in bedauernder Weise bei. „Na, nicht Alle von uns sind vollkommen, und ich hoffe, Mrs. Abbot wird sich wieder aufheitern und diese Sache aus einem erfreulicheren Gesichtspunkte betrachten. WaS mich betrifft, so halte ich das Seilhüpfen für weit schlimmer, als den Spatjack, sey's an Sonntagen oder an Werkeltagen. Commodore, wir kriegen heute keinen Grashecht zu sehen, wenn wir uns nicht von dieser guten Gesellschaft loSreißen." Damit verabschiedeten sich die beiden Schälke und zogen sich nach dem Nachen zurück, nachdem der Kapitän, welcher voraussah, daß sich Gelegenheit zum Gebrauch darbieten dürfte, zuvor sich rücksichtsvoll erboten hatte, MrS. Abbot von dem verhaßten Anblick der Eoa Effingheia. 31 530 Karten zu befreien; er wolle sie gewissenhaft im tiefsten Theile der SeeS versenken. Nachdem die beiden Ehrenmänner eine ziemliche Strecke weit in den See hinein gerudert waren, ließ der Commodore plötzlich ab, machte eine Handschwenkung und begann unaufhaltsam zu lachen, als habe seine Heiterkeit plötzlich allen Zwang durchbrochen. Kapitän Truck, der eine Cigarre angezündet hatte, begann zu rauchen und respondirte, da er sich selten einer geräuschvollen Fröhlichkeit hingab. mit den Augen, indem er mit großer Selbstgefälligkeit von Zeit zu Zeit den Kopf schüttelte, je nachdem sein Gedankengang humoristischer, als gewöhnlich wurde. „Hört, Commodore," sagte er, den Rauch in die Höhe blasend und ihm mit den Augen folgend, bis er einer kleinen Wolke gleich verschwommen war, „keiner von uns beiden gehört zu den heurigen Hasen. Ihr habt auf dem Frischwaffer und ich auf dem Salzwafser das Leben studirt; aber ohne daß ich mir anmaßen will, zu sagen, welches von beiden die beste Schule gibt, weiß ich doch so viel, daß daS eine wie das andere bessere Christen macht, als dergleichen verschraubte Systeme." „Just so. Ich sage denen im Dorfe stets, daß man am Ende nur wenig gewinne, wenn man den Blinden zum Führer nehme. Dies ist mein Glaubenssatz, Sir." „lind es dürfte sich, wie ich nicht zweifle, als ein sehr guter Glaubenssatz auSweisen, wenn ihr ein bischen voller in denselben eingienget." „Wohlan, Sir, ich bin zu Erklärungen bereit." „'S ist keine weitere Sylbe mehr nölhig, denn ich verstehe jetzt, waS Ihr meint, so gut, als ob ichS selbst gesagt hätte, und außerdem find kurze Predigten stets die besten. Ihr wollt sagen, daß ein Lootse wissen müsse, wo er steuere, und dies ist eine vollkommen gesunde Doctrin. Ich weiß aus eigener Erfahrung, daß eine Stützen- jchlinge, wenn man sie mit dem Fuß festhält, aufspringt, sobald man losläßt. Nun ziehe» die Verschränk,ten ohne Zweifel gewaltig an; aber sobald man nachläßt, kommt alles wieder herunter, was sich darauf stützt. Bermuthlich wißt ihr, daß dieser Mr. Dodge ein- oder zweimal mein Passagier gewesen ist?" „Habe davon gehört — dem Vernehmen nach war er ein eigentlicher Tiger im Gefecht mit den NiggerS— ganz und gar ein Ausbund." „Ei, dem Vernehmen nach stellt er die Sache so dar; aber hört mich an, Commodore, — ich wünsche allen Menschen Gerechtigkeit widerfahren zu lassen, finde aber, daß man hier herum im Binnenland mir gar wenig von dieser Waare trifft. Der Held jenes Tags steht im Begriffe, die schöne Miß Effingham zu heirathen. Andere thaten zwar auch ihre Pflicht, wie zum Beispiel Mr. John Effingham; aber Paul Blunt — PowiS — Effingham war'S, welcher der ganzen Sache die Krone aufsetzte. Was den Mr. Stead- fast Dodge betrifft, Sir, so will ich nichts über ihn sagen, als etwa, daß er im Gefecht mir nirgends nahe gekommen ist, und wenn es bei jener Gelegenheit irgend einem Menschen ergieng, wie einem hungrigen Alligator, so war dies bei Eurem gehorsamen Diener der Fall." „Ihr wollt damit sagen, daß er dem Feinde nicht nahe kam, und dies glaube ich so fest, daß ich mich darauf von einer Magistratsperson wollte beeidigen lassen." „Ihr brauchtet dabei nicht zu fürchten, einen Meineid zu begehen. Jedermann, wer Mr. John Effingham und Mr. PowiS an jenem Tage sah, hätte drauf schwören mögen, daß sie Vater und Sohn sehen — und wer Mr. Dodge nicht sah, hätte auch ohne Umstände sagen können, daß dieser Ehrenmann nicht z» ihrer Familie gehörte. Dies ist Alles, Sir; ich rede nie einem Passagier etwas UebleS nach, und deshalb will ich bloS noch beifügen, daß Mr. Dodge kein Krieger ist." „Dem Vernehmen nach ist er letzter Zeit in der Religion geübt worden, wie fie'S nennen." „Es ist hohe Zeit, Sir, denn meiner Ansicht nach hat er lange genug Sünden geübt. Wie ich höre, geht der Mensch landauf und landab, um Leute zu verlästern, denen er die Schuhriemen zu lösen nicht würdig ist — auch hat er in seiner Zeitung einige Briefe abdrucken lassen, die so lügenhaft sind, als sein Herz; aber er soll sich in Acht nehmen, daß die Welt nicht an irgend einem regnerischen Tage einen Auszug aus einem gewissen Logbuch zu Gesicht bekomme, welches zu einem Schiff, Montauk geheißen, gehört. Im Grunde freue ich mich über diese Heirath, Commodore, oder vielmehr über diese Heirathen, denn wie ich höre, gedenken Mr. Paul Esstngham und Sir George Templemore morgen früh ein doppeltes Buglien zu machen. Alle Borbereitungen sind getroffen, und sobald meine Augen diesen gesegneten Anblick gesehen haben, will ich mich wieder nach New Vork auf den Weg machen." „ES ist also klärlich erwiesen, daß der junge Gentleman Mr. John EffinghamS Sohn ist?» „So klar wie der Polarstern in einer Hellen Nacht. Der Kerl, welcher mich am Abend des FeuerspaffeS anredete, hat mich in den Stand gesetzt, auch den letzten Zweifel zu beseitigen, wenn anders noch etwa einer da gewesen wäre. Mr. Esstngham selbst, der doch ein so ruhiger und vorsichtiger Mann ist, sagt, eS seyen jetzt zureichend Belege vorhanden, um die Sache vor jedem Gerichtshof in Amerika zu verfechten. Dieser Punkt kann demnach als bereinigt betrachtet werden, und was mich betrifft, so freue ich mich, daß es so ist; denn Mr. John Esstngham hat so lange für einen alten Hagestolz gegolten, daß eS eine Ehre für das ganze Corps ist, wenn sich herausstellt, daß Einer davon einen so edlen Sohn hat." Der Commodore ließ nun den Anker fallen und die beiden Freunde, begannen zu fischen. Nachdem sie ein Stündchen mit einander geplaudert und de» nöthigen Vorrath von Barschen gefangen hatten, landeten sie an der Quelle und schickten sich an, ihre Beute zu braten. Während sie so auf dem Grase saßen, bald dem Punsch zusprechend, bald an ihrer Fischmahlzeit den Kauprozeß wieder ausnehmend, setzten 333 sie ihr Gespräch i» der gewohnten redseligen philosophischen und sentimentalen Weise fort. „Wir sind Bürger eines überaus große» Landes," begann Mr. Truck nachdem er einen tiefen Zug gethan halte; „von Maine an bis Florida sagt dies Jedermann, und was Jedermann sagt, muß wahr sepn." „Just so, Sir. ES nimmt mich bisweilen Wunder, wie ein so großes Land je dazu kam, eine so kleine Person, wie ich bin, hervorzubringcn." „Eine gute Kuh kann auch ein schlechtes Kalb werfen, und dies erklärt die Sache. Habt ihr viele so tugendhafte Frauen, wie MrS. Abbot, in diesem Theile der Welt?" „Berge und Thäler wimmeln davon. Ihr meint darunter doch Personen, welche sich so viel Religion eingethan haben, daß sie für nichts Anderes mehr Platz finden können?" „Es wird mir bis zu meinem Sterbetag leid thun, daß Ihr nicht für die See erzogen wurdet, denn was hätte nicht aus dem Salzwaffer aus Euch werden können, da Ihr schon auf dem Frischwasser so viel von dem ächten Schrot unt> Korn an den Tag legt! Was meint Ihr, Commodore, die Leute, die aus einem Hirn und Gewissen, wie diese Qualitäten bei Mr. Dodge find, ihre Nahrung einsaugen, müssen mit der Zeit überraschend klarsichtig werden." „Just so; seine Leser überbietcn bald sich selbst. Aber es liegt nicht viel daran, Sir; die Leute in diesem Theile der Welt bleiben nicht lange genug, um viel Gutes oder Schlimmes damit ansangen zu können." „Also Freunde vom Wechseln, he?" „Wie unglückliche Fischer, die alle Augenblicke einen andern Grund suchen. Ich glaube nicht, Sir, daß Ihr in dieser ganzen Gegend ein Dutzend Gräber von Söhnen finden könnt, die in der Nähe ihrer Bäter liegen. Jedermann scheint ein Todfeind der Stabilität zu seyn." 534 „Ei! wird Einem schwer, ein solches Land zu lieben, Commodore." „Sir, ich versuchte dies gar nie. Gott hat mir einen hübschen Wafferstreifen gegeben, der meiner Liebhaberei und meinen Bedürfnissen zusagt — dazu einen schönen Himmel, schöne grüne Berge, und ich bin zufrieden. Man kann Gott in einem solchen Tempel lieben, ohne daß man etwas Anderes zu lieben nöthig hätte." „Na, ich meine, wenn Ihr nichts liebt, so liebt auch nichts Euch, und es geschieht dann keinem Theilc Unrecht." „Just so, Sir. Das Ich ist der Götze geworden, obschon man in dem allgemeinen Kampfe bisweilen in Verlegenheit kommt und nicht wissen kann, ob Einer selbst oder nicht vielleicht Einer von den Nachbarn das Ich ist." „Ich möchte wohl Eure politische Gesinnung kennen lernen, Commodore. Ihr seyd über alle Punkte mittheilsam gewesen, nur über diesen nicht, und eS kommt mir nachgerade vor, als ob Ihr ein wahrer Philosoph seyd." „Ich halte mich nur für ein Wickelkind, wenn ich mich mit Euch vergleiche. Sir; aber wie nun einmal meine einfältigen Ansichten sind, sollen sie Euch nicht vorenthalten seyn. Erstlich also, Sir, habe ich lange genug auf diesem Wasser gelebt, um zu wissen, daß Jedermann die Freiheit für seine eigene Person liebt und daß sie ihm stets einen geheimen Widerwillen macht, wenn er sie an den Personen von anderen Leuten respektiren soll. Dann, Sir, habe ich einsehen lernen, daß man unter Patriotismus Brod und Käse versteht, und daß Jedermann nur für sich selbst opponirt." „Ich glaube wahrhaftig, Commodore, wenn man der Sache auf den Grund sieht, so habt Ihr das Fahrwasser auSgeboit." „Just so. Nachdem mich das Salz des Landes hin und her gezerrt und ich ihm allenthalben meine Freiheitsprivilegien zur Verfügung gestellt hatte, bis ich so vieler Freiheit überdrüssig geworden war, dankte ich ab und zog mich ins Privatleben zurück, 535 um hier außen auf dem Otsegowaffer als ein armer Sklave nach Gutdünken zu handeln." „Man sollte Euch das nächste Mal zum Präsidenten wählen." „Ich verdanke meine dermalige Gmancipation dem Sogdollagcr, Sir. Zuerst begann ich über einen Mann mir Gedanken zu machen, gleich diesem Mr. Dodge, der sich neuester Zeit als Ausleger der Wahrheit und als ein Lichtstrahl für die Blinden mit seiner Unwissenheit ins Dorf eingeschlichen hat. Nun sagte ich zu mir selbst, Sir, wenn dieser Mann der Mann ist, wie ich ihn als Mann kenne, so kann er nichts Besseres sehn, als ein Zeitungsschreiber." „Dies war eine Privatsrage, die Ihr Euch selbst vorlegtet, Commodore; und wie habt Ihr sie beantwortet?" „Die Antwort war für mich selbst befriedigend, Sir, und ich kümmerte mich nicht darum, was andere Leute darüber dachten. Ich wollte nichts mehr von seinem Blatte wissen und meinte, ich könne schon für mich selbst denken. Zust um diese Zeit verspürte ich den Sogdollager, und statt daß ich versuchte, auf den Schultern der Patrioten und Weisen des Landes ein großer Mann zu werden, gab ich mir die Mühe, mir dadurch zur Unsterblichkeit zu verhelfen, daß ich ihn an meine Angel brachte. Ich gehe zwar noch immer zu den Wahlen, weil ich dies für Pflicht halte, lasse mir aber nimmer von einem Menschen, wie dieser Mr. Dodge, sagen, wie ich stimmen soll, sondern votire in der Oeffentlichkeit für keinen andern Mann, als für einen solchen, dem ich auch privatim mein Vertrauen schenken würde." „Vortrefflich; ich ehre Euch mehr und mehr mit jeder Minute, die ich in Eurer Gesellschaft zubringe. Wir wollen nun auf die künftige Wohlfahrt derjenigen trinken, di- morgen Bräute und Bräutigame werden sollen. Wenn alle Menschen so philosophisch und gelehrt wären, wie Ihr, Commodore, so würde das Menschengeschlecht bald auf einen bessern Weg gerathen, als sein gegenwärtiger ist." „Just so; ich trinke aus ganzem Herzen auf ihr Wohl. Ist 536 es nicht erstaunlich, Sir, daß Leute wie MrS. Abbot und Mr. Dodge es in ihrer Gewalt haben, diejenigen zu verunglimpfen, deren Glück wir eben im Voraus zu feiern die Ehre hatten?" „Je nun, Eommodvre, eine Mücke kann auch einen Elephan- ten stechen, wenn sie einen schwachen Fleck an dessen Haut findet. Ich verstehe die Geschichte von Mr. John EffinghamS Heirath selbst nicht recht, aber wir sehen, daß das Resultat davon ein wackerer Sohn war. Nun halte ich dafür, jdaß ein Mann, wenn er eine rechtmäßige Ehe cingegangcn hat, es wie jedes andere Verbrechen einzugestehen verpflichtet ist; diejenigen nemlich, welche nicht so schuldig geworden sind, wie er selbst, müssen vor der ganzen Welt darthun können, daß er nicht mehr zu ihnen gehört." „Just so; aber wir haben Mücken in diesem Theile der Welt, welche durch die zäheste Haut zu beißen im Stande find." „Dies kommt daher, weil's in Eurem Gesellschastsschiff kein Halbdeck gibt, Commodore. An Bord eines wohlgeordneten Paketschiffs bleibt alles Denken dem Hintertheile überlassen, und diejenigen, welche wissen möchten, wo sie sich befinden, müssen warten, bis die Beobachtungen ausgenommen sind, oder sich in ihrer Unwissenheit niedersetzen. Die ganze Schwierigkeit rührt von dem Umstande her, weil in diesem Theile der Welt verständige Leute so weit abgesondert leben, daß die Narren mehr als gleiche Aussicht haben. Ihr begreift mich, Commodore?" „Just so," versetzte der Commodore blinzelnd und lachend. „Na, es ist ein Glück, daß es Leute gibt, die nicht ganz so schwachsinnig sind, wie etliche andere. Ich setze voraus, Kapitän Truck, daß Ihr bei der Hochzeit anwesend sehn werdet." Die Reihe des BlinzelnS kam jetzt an den Kapitän, der seinerseits umherschaute, um sich zu überzeugen, daß kein Lauscher in der Nähe sey, den Finger an seine Nase legte und dann in weit gedämpfterem Tone als gewöhnlich crwiederte: „Ich weiß, Ihr könnt ein Geheimniß bei Euch behalten; Com- 537 modore. Was ich Euch jetzt sage, braucht MrS. Abbot nicht hinterbracht zu werden» die es nur weiter berichten und vergrößern würde. Nein, Ihr müßt es so sicher bewahren, wie Eure Köder in der Köderbüchse." „Ihr kennt Euren Mann, Sir." Wohlan denn, morgen früh,'etwa zehn Minuten, bevor die Glocke neun schlägt, huscht Ihr in die Gallerie von New St. Pauls, und dort werdet Ihr Schönheit und Bescheidenheit sehen, die ,wenn ungeziert die schönste Zierde' ist. Ihr begreift?" „Just so;" und die Hand wurde sogar mehr als gewöhnlich geschwenkt. „Es ziemt uns Junggesellen nicht, sonderliche Stücke auf den Ehstand zu halten; aber ich wäre wahrhaftig kein glücklicher Mann, wenn ich der Hochzeit von Pani PvwiS und Eva Effingham nicht anwohnen könnte." Jetzt netzten die zwei Ehrenmänner aufs Neue „ihre Schnäbel", wie eS Kapitän Truck nannte, und dann wurde die Unterhaltung zu philosophisch und contemplativ, als daß sie ferner in diesem anspruchslosen Bericht über Ereignisse und Ideen Aufnahme finde. ^ Ncttnuudzwanzigstes Kapitel. So böre denn mein offenes Gcständniß. Mein Herz hängt glühend an der schönen Tochter Des reichen CapuletS; ich liebe sie So innig, wie ich selber bin geliebt. So trifft sich AUeS, was zum schönen Bunde Gehört; nur fehlt ihm Deine Weihe noch. Romeo »nd Julia. Der Morgen von Evas und GraceS Trauung kam heran, und alle Insassen des Wigwam waren früh auf den Beinen, obschon man Sorge dafür getragen hatte, die Kunde des bevorstehenden 538 heiligen Actes nicht ins Dorf gelangen zu lassen. Sie wußten übrigens wenig, wie genau sie bewacht waren und zu welchen gemeinen Kunstgriffen einige der sogenannten Nachbarn ihre Zuflucht nahmen, um aus den Dienstboten Nahrung für ihre Muthmaßun« gen herauszulocken und so für ihre Uebcrtreibungen, Lügen und Trüglichkeiten eine Rechtfertigung zu gewinnen. Die Kunde wurde, wie man bald sehen wird, ruchbar und zwar auf einem Wege, der dem Leser, welcher mit den Eigenthümlichkeiten des Amerikaners nicht bekannt ist, ein wenig überraschend Vorkommen dürfte. Wir haben schon öfter Annettens, der komme >>e olinmbre Erwähnung gethan, welche mit Eva aus Europa gekommen war, obschon wir keine Gelegenheit fanden, bei ihrem Charakter zu verweilen, da er eben der eines Mädchens von ihrer Klaffe — einer Klaffe war, welche bekanntermaßen in Frankreich heimisch ist. Annette war jung, gut gewachsen, hatte funkelnde schwarze Augen und besaß die gewöhnliche tournuro einer Pariser Grisette. Da cS die herkömmliche Schwäche des Provinzialtons ist, Ziererei für Anmuth, Gepränge für Eleganz und Uebertreibung für wahren Werth zu nehmen, so war Annette in ihrem Kreis bald zu dem Rufe eines Frauenzimmers gekommen, das mehr als gewöhnliche Ansprüche auf Auszeichnung hatte. Ihr Anzug war sehr modern und aus de» besten Stoffen, da er aus EvaS abgelegten Kleidern bestand; die Außenseite ist'S aber stets, was einen ungewöhnlichen Einfluß auf diejenigen übt, die mit der Welt unbekannt sind. Die doppelte Feierlichkeit sollte vor dem Frühstück stattfinden, und Annette war daher zeitig um die Person ihrer jungen Gebieterin beschäftigt, deren Brautgewand sie zurecht machte. Während dieser Obliegenheit aber zeigte die Dienerin ungewöhnliche Aufregung, denn sie steckte mehreremale die Nadeln falsch und mußte wieder von vorne anfangen, um ihre Fehler zu verbessern. Eva, die stets ein Muster von Geduld war, hatte Nachsicht mit diesen kleinen Versehen und benahm sich mit einer Ruhe, welche Paul eine weitere Bürgschaft für ihre bewundernswürdige Fassung sowohl, als für ihre sanfte GemüthSart gegeben haben würde, denn letztere erhob die schone Braut in Wahrheit fast über die gewöhnlichen Gebrechen der Sterblichkeit. „Vous ötes un pou »xitee, oo matin, nur könne Annette," bemerkte sie bloS, als dag Mädchen einen auffallenden Fehler begangen hatte. «vespere gue Ülaäemoiselle ir ete eontente äe mol fusgu' kr present," entgegnete Annette, über ihre eigene Ungeschicklichkeit ärgerlich und in einer Weise sprechend, welche gewöhnlich die Absicht, einen Dienst aufzugcben, andeutet. „Ihr habt Euch allerdings stets gut aufgeführt, Annette, und seyd kn Eurem metier sehr erfahren. Aber wozu eine solche Frage ln diesem Augenblick?" „pareoguo — weil — mit Mademoiselle- Erlaubniß, ich beabsichtig' zu bitten um mein oonxe." „vunxo? Ihr wollt mich verlassen. Annette?" „ES würde mich glücklicher als alles Andere machen, im Dienste von Mademoiselle zu sterben; aber wir Alle müssen unserer Bestimmung folgen" — die Unterhaltung wurde französisch geführt — „und die meinige zwingt mich, den Dienst einer komme >io oliamkio aufzugeben." „Dies ist ein plötzlicher und in einem fremden Lande außerordentlicher Entschluß. Darf ich fragen, Annette, was Ihr anzufangen gedenkt?" Das Mädchen gab sich jetzt allerlei wirs, versuchte zu errö- then, blickte mit einer studirten Sittigkeit, welche wohl solche, die das Geschlecht nicht kannten, hätte täuschen können, nach dem Bodentcppich und kündigte ihre Absicht an, daß auch sie zu Ende des laufenden Monats heiratheu wolle. „Heirathen?" wiederholte Eva. „Doch wahrhaftig nicht den alten Pierre?" 540 „kier^e, »I.-rrlemoisolls! Ich werfe mich nicht so weit weg, Pierre nachzusehen. cke vuis me marier avee un avooat." „lln avoorrt?" „Oui, üliräemoiselle; ich gedenke mich mit Monsieur ^risto- bule Lruxx zu vermählen, wenn es Mademoiselle erlaubt." Eva blieb eine Weile vor Erstaunen stumm, obschon ste an sich selbst die Beweise erlebt hatte, welches weite Gebiet ein Amerikaner von gewisser Klaffe zu bestreichen fähig ist. Sie erinnerte sich natürlich an die Unterhaltung auf dem Vorsprung, und es wäre gegen die Natur gewesen, wenn die Gebieterin, welche so kürzlich selbst einen Antrag hatte hören müssen, nicht einigermaßen überrascht worden wäre bei der Entdeckung, daß der abgewiesene Freier so bald Trost in dem Lächeln ihrer Kammerjungser suchte. Gleichwohl staunte sic weniger über diese Ankündigung, als wahrscheinlich der Leser, denn sie hatte, wie bereits gesagt, schon zuviel von dem rührigen und schmiegsamen Unternehmungsgeist der Liebhaber gesehen, um sich allzusehr über irgend eine derartige moralische tour äo toroe zu wundern. Jndeß war Eva doch nicht vollkommen in die Plane und in die Politik cingeweiht, welche Aristo- buluS zu dieser Abschließung aller seiner Ehestandsprojckte verleitet hatte, und um gebührend verstanden zu werden, müssen wir etwas weiter ausholen. Mr. Bragg kannte keine andere Unterschiede in der Welt, als diejenigen, welche durch Geld und politisches Ernporkommen bedingt wurden. Elfterem zollte er eine praktische Unterthänigkeit, welche eben so tief war, als sein Wunsch, sich des Besitzes erfreuen zu können, und für letzteres fühlte er genau dieselbe Ehrerbietung, welche diejenigen, die unter dem Feudalshstem erzogen sind, gegen «inen adeligen LehenShcrrn an den Tag zu legen pflegen. Nach mehreren erfolglosen Bemühungen hatte ec eingesehen, daß er mittelst des Ehestands nicht zu Geld kommen werde, weshalb er seine Gedanken Annette zuwandte, die er schon seit Monaten als ein 941 pis alle,' in den Hintergrund stellte, im Falle seine Plane auf Eva und Grace — denn ste galten diesen beiden Erbinen — fehlschlügen. Annette war eine geschmackvolle Putz- und Kleidermacherin, ihre Person annehmlich genug, ihr Alter paffend, und ihr gebrochenes Englisch verlieh auch den nicht sonderlich tiefen Gedanken eine gewisse Würze; er hatte daher, sobald er die lteberzeuguug gewonnen, daß Eva und Grace unwiederbringlich für ihn verloren sehen, seine Anträge gemacht und war angenommen worden. Die Parisienne nahm natürlich keinen Augenblick Anstand, die Gattin eines avooat zu werben, denn ihren Vorstellungen gemäß war der Ehestand ein gesetzliches Mittel, ihre Lebenslage zu bessern. Der Plan war bald eingeleitet. Sie wollten sich trauen lassen, sobald Annettes monatliche Aufkündigungsfrist abgelaufen war, und dann nach dem fernen Westen auswandern, wo Mr. Bragg als Rechtsgelehrter zu practiziren, eine Schule zu eröffnen oder sich in den Congreß wählen zu lassen gedachte; ja er machte sich auch nichts daraus, sich mit dem Binnenhandel abzugeben, eine Schenke zu halten, Sägmüller zu werden oder überhaupt Hand an Alles zu legen, was sich ihm darbot, während Annette durch Kleidermachen und Unterricht im Französischen am Haushalt mithelfen sollte. Letztere Beschäftigung mochte wohl etwas peripathetisch werden, da die Bevölkerung sehr zerstreut wohnte und nur wenige von den Ansiedlern des Innern es für nöthlg hielten, in irgend einem der höheren ErziehungSzweige mehr als einen VierteljahrSunterricht zu nehmen, sintemalen die Hauptsache im Studiren, wie sieS nannten, nicht aber im Lernen, lag. AristobuluS hätte in seinem FortschrittS- eifer die Zögerung gerne abgekürzt, aber Annette legte entschiedenen Widerspruch ein, da ihr esprit äe oorps als Kammermädchen, wie auch alle ihre Begriffe von Gerechtigkeit sich nicht mit der Vorstellung versöhnen konnten, das Verhältniß, welches so lang zwischen Eva und ihr bestanden hatte, ohne vorherige Kündigung abzubrechen. Die Ideen, welche das edle Paar über diesen Punkt 5L2 unterhielten, waren sich so schnurstracks entgegen, daß einmal sogar ein Bruch in Aussicht stand. Mr. Bragg nemlich behauptete die natürliche Unabhängigkeit des Menschen in einem Grade, der ihn über alle Verbindlichkeiten, wenn sie nicht etwa in wirksamer Weise durch das Gesetz gefestet waren, weggesetzt haben würde, während Annette die Würde einer europäischen komme äs olinmbre behauptete, von welcher das Anstandsgefühl forderte, daß sie aus ihrer Stelle nicht ohne regelmäßige Aufkündigung austrete. Die Angelegenheit löste sich jedoch glücklich durch den Umstand, daß Ari- stobuluS den Auftrag erhielt, in Abwesenheit deS EigenthümerS einen Laden zu besorgen, denn Mr. Efstngham hatte auf einen Wink von seiner Tochter hin den Ablauf der jahrweis bestellten Man- datur benützt, um seine eigene Beziehung zu dem Sachwalter aufzulösen. Dieser AuSgang von Mr. BraggS Leidenschaft würde Eva zu jeder andcrwZeit viel Unterhaltung gemacht haben; aber man kann von einer Braut nicht erwarten, daß sie allzuviel Aufmerksamkeit auf das Glück und die Aussichten derjenigen verwende, welche keine natürlichen oder erworbenen Ansprüche an ihre Zuneigung haben. Die beiden Väschen kamen, für die Feierlichkeit angekleidet, in Mr. EffinghamS Zimmer zusammen, wo der Herr des Hauses sich bald in Person einstellte, um die jungen Bräute nach dem Salon zu geleiten. Selten kommen ein paar lieblichere Mädchen in einer ähnlichen Weise zusammen. Als Mr. Effingham zwischen ihnen stand und jeder eine Hand hinbot, feuchteten sich, während er bald die Eine bald die Andere betrachtete, seine Augen in einem ehren- werthen Stolz und in einer Bewunderung, der sogar seine Zärtlichkeit keinen Zügel anlegen konnte. Die Toilette war beiderseits so einfach, als es die Feierlichkeit nur gestattete, weil die Mädchen sich von jedem unnöthigen Prunke ferne halten wollten; und vielleicht gewann ebendadurch die Schönheit der Bräute noch mehr Anziehendes, denn man hat oft die richtige Bemerkung gemacht, daß die Schönen Amerikas sich in einem Anzuge von weniger con« 543 ventionellem Charakter weit lieblicher auSnehmen, als wenn sie in einem gewählten Festgepränge aufziehcn. Wie zu erwarten stand, leuchtete EvaS Antlitz von Seele und Gefühl, während sich in GraceS Aeußerem der Ausdruck einer bezaubernden Bescheidenheit und Natürlichkeit kund gab. Nirgends war Ziererei, sondern bloS einfache Anmuth zu bemerken, und wir können beifügen, daß beide zitterten, als Mr. Effinghain ihre Hände ergriff. »Dies ist eine schöne und doch zugleich schmerzliche Stunde," sagte der wohlwollende Biedermann — „eine Stunde, in der ich einen Sohn gewinne und eine Tochter verliere." „Und ich, theuerster Onkel," rief Grace, der gleich dem Thau- tropfen, welcher von einem Blatte niederfallen will, Thränen in den Wimpern zitterten; „hat denn Euer Herz gar nichts mit mir gemein?" „Du bist die Tochter, die ich verliere, mein Kind, denn Eva wird ja bei mir bleiben. Templemore hat übrigens versprochen, erkenntlich zu sehn, und ich will auf sein Wort bauen." Mr. Efsingham umarmte sodann mit Wärme die beiden bezaubernden Mädchen, welche für das wichtigste Ereigniß ihres Lebens geschmückt dastanden — lieblich in ihrer Jugend, Schönheit und Bescheidenheit; dann nahm er jede derselben beim Arm und führte sie hinunter. John Esfingham, die zwei Bräutigame, Kapitän Ducie Mr. und Mrs. Bloomfield, MrS. Hawker, Kapitän Truck, Mademoiselle Viefville, Annette und Anna Sidley waren in dem Besuchszimmer versammelt, um sie zu begrüßen, und sobald Eva und Grace ihre ShawlS umgeworfen hatten, um den bräutlichen Anzug zu verbergen, trat die ganze Gesellschaft den Kirchgang an. Die Entfernung zwischen dem Wigwam und New St. Pauls war nur unbedeutend, so daß an vielen Stellen die stattlichen Fichten des Kirchhofs mit dem hellereu Grün der Laubholzbäume, welche auf den Gründen des elfteren standen, zusammen zu fließen schienen, und da das Dorf in diesem Theile nur wenige Gebäude hatte, so 544 gelangte der ganze Brautzug non Neugierigen ungestört nach der Kirche. Der Geistliche wartete bereits in dem Gitterchor, und da jeder von den jungen Männern den Gegenstand seiner Wahl sogleich an de» Altar führte, so begann die doppelte Ceremonie ohne Zögerung. In diesem Augenblicke traten ArlstobuluS, Mr. Dodge und MrS. Abbot aus dem hintern Theil der Gallerte hervor und nahmen kaltblütig ihre Sitze vorne ein. Sie gehörten zwar nicht dieser Kirche an, aber da sie durch Annette erfahren hatten, die Trauung werde an diesem Morgen stattfinden, so trugen sie kein Bedenken, alles Zartgefühl hintanzusetzen und sich bei dieser Gelegenheit einzu- drängcn; denn dem OeffentlichkeitSgrundsatz gemäß, welcher sich mit ihrem ganzen Wesen verwoben zu haben schien, hielten sie bis auf den letzten Augenblick nichts für so heilig, daß eS nicht ihrer wüthendcn Neugierde verfallen wäre. Sie waren in die Kirche gekommen, weil sie eine Kirche für einen öffentlichen Platz betrachteten, ganz nach dem nämlichen Princip, welches Andere ihrer Klaffe zu dem Glauben veranlaßt, wenn zufällig eine Thüre offen stehe, sehen mit den physischen auch alle moralischen Schranken gegen Uebergriffe beseitigt. Die feierlichen Gebete und Gelübde nahmen ungeachtet der Anwesenheit dieser unwillkommenen Eindringlinge ihren Fortgang, denn in einem so ernsten Augenblicke traten alle andern Gedanken vor denen, welche unmittelbar zu der heiligen Handlung gehörten, in den Hintergrund. Als der Geistliche den gewöhnlichen Aufruf ergehen ließ, ob Jemand einen Grund angeben könne, warum das vor ihm stehende Paar nicht durch den Bund der Ehe verbunden werden solle, stieß Mrs. Abbot ihren Nachbar Dodge an und stellte in der Fülle ihrer Unzufriedenheit flüsternd die weise Frage, ob es nicht möglich sey, irgend einen gültigen Einwurf zu erheben. Wäre cS nach ihrem frommen Wunsche ergangen, so hätte sicherlich die einfache, anspruchslose, demüthige, kirchenläuferische Eva nie einen Mann erhalten. Der Zeitungsschreiber aber war nicht der Mann, 5-15 um in irgend etwas offen zu handeln, da sein Wirkungskreis vorzugsweise in Andeutungen und schlauen Winken bestand. Etwas der Art war nun in dem gegenwärtigen Fall nicht zuläßig, weshalb er beschloß, seine Rache auf einen späteren Tag zu verschieben. Wir sage» Rache, denn Sleadsast gehörte zu jener Klaffe, welche jedes Glück, jeden Vortheil, woran sie nicht selbst reichlichen Anthcil nehmen kann, für Beeinträchtigung der eigenen Person hält. Es ist eine weisliche Anordnung der Kirche, daß die Trauungsfeierlichkeit kurz gehalten wird, denn wollte man sie unnöthigerweise verlängern, so könnte das Uebermaß der Gefühle oft zu mächtig werden , als daß es sich unterdrücken ließe. Mr. Efsingham vergab dir beiden Bräute — die eine in der Eigenschaft eines Vaters, die andere in der des Vormunds, und keiner von den Bräutigamen brachte den Ring an den Unrechten Finger. Dies ist Alles, was wir unmittelbar über den Vorgang am Altar zu sagen haben. Sobald der Segen gesprochen war und sich die Bräute ans den ersten Umarmungen ihrer Galten loSgcmacht hatten, warf Mr. Efsingham, ohne auch nur seine Tochter zu küssen, den jungen Frauen ihre ShawlS über die Schultern, nahm jede derselben am Arm und führte sie hastig aus der Kirche, denn er mochte nicht die Gefühle, die in seinem Herzen übermächtig wurden, zum Schauspiel roher, aufdringlicher Zuschauer werden lasten. An der Thüre trat er mit einem stillschweigenden Händedruck Eva an Paul und Grace an Sir George ab, indem er ihnen zugleich bedeutete, sie möchten rasch dem Wigwam zueilen. Die Pärchen gehorchten, und nach weniger als eine Viertelstunde von der Zeit an, um welche sie das Haus verlassen hatten war die ganze Gesellschaft wieder in dem Salon versammelt. Ein kurzer Zeitraum — und welcher bedeutsame Wechsel in der Lage so Vieler! „Vater," flüsterte Eva, als Mr. Esfingham, sie an sein Herz drückte, und aus beiden Augen unaufhaltsam die Thränen nieder- gnollen, „ich bin noch immer dein." Era Esfingham. 35 546 „ES würde mir das Herz brechen, wenn ich anders denken müßte, mein Liebling. Nein, nein, ich habe keine Tochter verloren, wohl aber einen Sohn gewonnen." „Und welchen Platz darf ich in dieser Scene der Zärtlichkeit einnehmen?" fragte John Effinghai», welcher rückfichtsvoll zuerst Grace sein Compliment gemacht hatte, damit fie fich in einem solchen Augenblicke nicht vergessen fühle, wie cS denn auch seiner klugen Einleitung zuzuschreiben war, daß ihr jetzt die Glückwünsche der übrigen Gesellschaft zu Theil wurden. „Soll ich Beides, Sohn und Tochter verlieren?" Eva machte fich, durch ihre Thronen lächelnd, aus dem Arm ihres ValerS loS und wurde nun von denen des Vaters ihres Gatten ausgenommen. Nachdem er fie mehreremal zärtlich auf die Stirne geküßt hatte, strich fie, noch immer an seiner Brust liegend, das reiche Haar aus ihrer Stirne, fuhr ihm, wie einem Kinde mit der Hand über die Wange und sagte leise: „Vetter Jack!" „Ich glaube, dies muß fortwährend mein Rang und meine Stellung bleiben. Paul wird unfern Gefühle» keinen Abtrag thun — wir können uns lieben, wie wir es stets gethan haben." „Paul steht gewiß nicht zwischen Euch und mir. In meinen Augen wie in meinem Herzen seyd Ihr stets ein zweiter Vater gewesen. Lieber, theurec Vetter Jack." John Esfingham drückte die schöne, erröthende Braut wieder an sein Herz, und beide fühlten, ihrer Sprache zum Trotz, daß ein neues und theurereS Band, als das frühere, fie an einander knüpfte. Eva empfing nun die Glückwünsche der übrigen Gesellschaft, worauf fich die beiden Bräute zurückzozen, um das Festkleid gegen einen einfacheren Anzug umzutauschen. In ihrem Ankleidezimmer fand Eva Anna Sidleh, die ungeduldig darauf wartete, ihre Gefühle ausgießen zu können, denn das 547 ehrliche, liebevolle Geschöpf war zu zartfühlend, um die Schleusen ihrer Empfindungen in der Anwesenheit dritter Personen zu öffnen. „Ma'am, — Miß Eva — MrS. Efsingham!" rief sie, sobald ihre junge Gebieterin eintrat; sie fürchtete nämlich, zu viel Zusagen, nun ihr Pflegling eine Frau geworden war. „Meine liebe, gute Nanny!" cntgegnete Eva und schloß die alte Wärterin in ihre Arme, während beide fast eine Minute stumm ihre Thränen mit einander vermischten. „Du hast Dein Kind eine der wichtigsten ihrer großen Erdenverpffichlungcn eingehen sehen, Nanny, und ich weiß, Du wirst beten, daß sie glücklich ausfallen möge." „O gewiß — gewiß — Fräulein — Ma'am — Miß Eva — wie soll ich Euch denn in Zukunft nennen, Ma'am?" „Nenne mich Miß Eva, wie Du von meiner Kindheit au ge- than hast, theucrstc Nanny." Nanny nahm diese Erlaubniß mit Entzücken auf und bediente sich derselben an diesem Morgen wohl noch zwanzig,nal; auch hielt sie es so fort, bis zwei Jahre später eine Miniatur-Eva eben so, wie früher die Mutter, auf ihrem Knie tanzte, und erst jetzt begann der Frauenrang stillschweigend seine Rechte zu behaupten. So lange stand eS an, bis unsere dermalige Braut bei ihrer treuen Dienerin zur Mistreß Esfingham wurde. „Ich muß Euch also nicht verlassen, nun Ihr verheirathet seyd, Miß Eva?" fragte Anna schüchtern, obschon sie kaum ein solches Ereigniß als in den Grenzen der Möglichkeit befindlich betrachtete. Eva hatte sie zwar schon mehr als einmal des Gegsn- theils versichert, aber dennoch liebte sie eS, diese Zusage zur doppelten Gewißheit zu erheben. „Ich hoffe, eS wird nie etwas vorfasten, was mich von Euch trennen könnte, Fräulein." „Mit meiner Zustimmung wenigstens nicht, meine treffliche Nanny, denn ich werde Deine Dienste mehr als je bedürfen, da ja auch Annette jetzt heirathet." „Und Mammersclle, Ma'am?" fragte Nanny mit leuchtenden 548 Augen. „Ich hoffe, auch sie wird wieder in ihre Hcimath zurück- kehrcn, nun Ihr Alles wißt und Ihr sie nicht länger braucht." „Mademoiselle Viefville kehrt nächsten Herbst nach Frankreich zurück, aber mit uns Allen; denn mein theurer Vater, Vetter Jack, mein Mann" — Eva erröthele, als sie dieses neue Wort aussprach — „und ich, natürlich meine alte Pflegerin nicht zu vergessen, haben im Sinne, in der ersten Woche des Oktobers auf dem Wege nach Italien mit Sir George und Lady Templemore nach England zu reisen." „Es ist mir gleichviel, wohin cs geht, Ma'am, wenn nur ich mit darf. Freilich wäre eS mir lieber, wenn wir nicht in einem Lande seyn müßten, wo ich nicht Alles «erstehen kann, was die Leute Euch sagen; aber wo immer Ihr auch seyn mögt, werde ich mein ErdcnparadieS finden." Eva küßte noch einmal ihre treue Pflegerin und wechselte sodann, da Annette eintrat, ihren Anzug. Die beiden Bräute begegnete» sich wieder, als sie den Rückweg nach dem Besuchzimmer antralen, oben an der großen Treppe. Eva war ein wenig voraus; aber mit halb verhehltem Lächeln wich sie jetzt vor Grace zurück, verbeugte sich gravitätisch und sagte: „ES ziemt mir nicht, vor Lady Templemore den Vvrtritt zu nehmen, da ich nur eine MrS. Paul Essingham bin." „Nicht doch, liebe Eva, ich bin nicht so schwach, als Du Dir cinbildest. Glaubst Du, ich würde ihn nicht geheirathet haben, wenn er kein Baronct gewesen wäre?" „Templemore, mein liebes Mühmchen, ist ein Mann, den jede Frau lwben kann, und ich glaube so fest, als ich es aufrichtig hoffe, daß er Dich glücklich machen wird." „Und doch kenne ich Eine, die ihn nicht lieben möchte, Eva!" Eva sah ihre Verwandte fest und einen Augenblick betroffen an; dann aber fühlte sic sich erfreut darüber, daß Sir George so ehrenhaft gewesen war, denn die männliche Freimüthigkeit dieses Zugeständnisses galt ihr als eine Bürgschaft der biedern Aufrichtigkeit seines Charakters. Sie nahm ihre Muhme liebevoll bei der Hand und sagte: „Grace, dieses Vertrauen ist das größte Compliment, das Du mir machen kannst, und verdient Erwiederung. Möglich, daß Sir George Tcinplemore eine vorübergehende Neigung für eine Person empfand, welche derselben so wenig würdig war, aber mein Herz gehörte längst, bevor ich ihn kennen lernte, einem Andern." „Du würdest Tcinplemore nie geheirathet haben, Büschen; er sagt jetzt selbst, daß Du viel zu continental sehest, wie er eS nennt, um an einem Engländer Gefallen zu finden." „Dann muß ich die erste günstige Gelegenheit ersehen, um ihn zu enttäuschen, denn ich finde wirklich Gefallen an einem Engländer, und dieser Engländer ist gerade er selber." Da wenige Frauenzimmer an ihrem Hochzeitstage eifersüchtig find, so nahm Grace diese Eiklärung scherzend hin, und sic stiegen Arm in Arm die Treppe hinunter, sich gegenseitig ihr inneres Glück in schüchternem aber herzlich gefühltem Lächeln kund gebend. In der große» Halle traten ihnen die Bräutigame entgegen, und jede ergriff den Arm dessen, der nun für sie von so hoher Wichtigkeit geworden war, woraus sie in dem Gelaffe hin und her wandelten, bis sie zu dem ilesouner a la lnuroliotto berufen wurden, welches unter der Mademoiselle ViefvilleS besonderer Ueberwachung nach der Sitte ihres Landes zubereitet worden war. Hochzeitstage verlausen gerne wie alle förmlich vorbereiteten Festlichkeiten etwas schwerfällig. Dies war übrigens bei der gegenwärtigen nicht der Fall, denn mit diesem Mahle entschwand jeder Anschein vorheriger überlegter Zurüstung. Allerdings hielt die Familie vorzugsweise zusammen, aber mit dieser einzigen Ausnahme herrschte durchaus Leichtherzigkeit und ruhige Freude. Nur Kapitän Truck verrieth eine Neigung, sentimental zu werden, und drückte, wenn er um 980 sich her sah, mehr als einmal seine Zweifel aus, ob er auch dem rechte» Kurs- gefolgt seh, um sein Glück zu finden. »Ich stehe in einer ganz vereinzelten Categorie," sagte er Abends an der Dinertafel. „Mrs. Hawker und die beiden Mr. Esfingham sind verheirathet gewesen. Jedermann anders ist ver- heirathet, und ich glaube, ich muß Wohl meine Zuflucht dazu nehmen, daß ich sage, ich wolle hcirathen, wenn ich Jemand bereden kann, mich zu nehmen. Sogar Mr. PowiS, meine rechte Hand in jener ganzen afrikanischen Angelegenheit, ist mir desertirt und läßt mich liegen, wie eine einzelne abgestorbene Fichte in einer von euren Lichtungen oder wie einen Leesegclblock, der ohne Scheibe an einer Nocke hängt. MrS. Braut" — der Kapitän nannte Eva den ganzen Tag über so, unter gänzlicher Vernachläßigung der Ansprüche von MrS. Tcmplemore — „Mrs. Braut, wir wollen meine verlorene Lage philosophischer betrachten, sobald ich die Ehre habe, Euch und so viele von dieser gesegneten Tischgesellschaft wieder nach Europa zu bringen, wo ich Euch gefunden habe. Unter Eurer Be- rathung glaube ich, daß ich es sogar jetzt noch wagen könnte." „Und ich werde ganz übersehen," rief Mr. Howel, der gleichfalls zu dem Hochzeitsmahl eingeladen worden war. „Was soll aus mir werden, Kapitän Truck, wenn diese HeirathSmanie noch weiter geht?" „Ich habe längst einen Plan für Eure Wohlfahrt erdacht, mein theurer Sir, und will jetzt diese Gelegenheit benützen, um ihn zu veröffentlichen. Meine Ladies und Gcntlemen, ich mache den Vorschlag, daß wir Mr. Howel gleichfalls i» unser Herbstproject aufnehmen und ihn mit uns nach Europa führen. Ich rechne mirS zur großen Ehre an, wenn ich ihm seine alte Freundin, die Insel Großbritannien, vorstellen kann." „Oh! dies ist ein Glück, welches mir, wie ich fürchte, nicht Vorbehalten ist," versetzte Mr. Howel in kläglichem Tone. „Zwar habe 551 ich, wie ich gestehen will, meiner Zeit auch an dergleichen Dinge gedacht, aber das Alter wird jetzt alle sulche Hoffnungen vereiteln." „Das Alter, Tom Howel?" erwiederte John Effingham. „Ihr seyd erst fünfzig, wie Ned und ich. Vor vierzig Jahren sind wir Alle mit einander Knaben gewesen, und doch seht Ihr, daß wir, die wir erst so kürzlich zurückgckehrt sind, uns schon wiederaufeine neue Abreise gefaßt halte». Faßt Euch ein Herz, es wird Wohl ein Dampsboot gebe», welches bereit ist, Euch, sobald Ihr es nur wünscht, wieder zurückzubringen." „Nie!" fiel Kapitän Truck mit Entschiedenheit ein. „LadicS und Gentlemen, es ist moralisch unmöglich, daß der atlantische Ocean je mit Dampfboolen befahren werden kann. Diesen Satz werde ich behaupten bis zu meinem Sterbetage; aber wozu bedarf man eines DampsbootS, wenn wir Packetschiffe haben, die wie Paläste anssehen?" „Ich wußte nicht, Kapitän, daß Ihr eine so hohe Achtung vor Großbritannien habt. — Es ist in der That ermuthigend, ein so edelmüthigeS Gefühl gegen die alte Insel bei einem von ihren Abkömmlingen zu finden. Sir George und Lady Templemore, erlaubt mir, auf Eure bleibende Wohlfahrt zu trinken." „Ei ja, ich habe keinen Groll gegen England, obschon seine Tabakgesetze nicht die höflichsten sind. Doch mein Wunsch, Euch zu erportiren, Mr. Howel, hat seinen Grund weniger in dem Verlangen, Euch England zu zeigen, als in der Absicht, Euch b-merk- lich zu machen, daß eS in Europa auch noch andere Länder gibt—" „Andere Länder? — Sicherlich haltet Ihr mich nicht für so unbewandert in der Geographie, um von mir anzunehmen, daß ich meine, es gebe keine anderen Länder in Europa — keine Plätze wie Hannover, Braunschweig, Braunschweig-Lüneburg und Dänemark — die Schwester des alte» Georg III. heirathete den König dieses Landes; dann auch Württemberg, dessen König die königliche Prinzessin ehelichte." 532 „Und Mecklenburg-Strelitz," fügte John Effiugham gravitätisch bei; „eine Prinzessin von da hcirathcte Georg III. in proprio personn sowohl, als durch Prokuratur. Nichts kann einfacher setz», als Eure Geographie, Howel; aber außer diesen besonderen Gegenden wünscht unser würdiger Freund, der Kapitän, Euch zu zeigen, daß eS auch Länder gibt, wie Frankreich, Oestrcich, Rußland, Italien , obschon letzteres Einen nicht wohl für die Mühe des Besuchs belohnen kann." „Ihr habt meinen Beweggrund errathen, Mr. John Efsingham, und ihn weit geschickter ausgedrückt, als ich möglicherweise hätte thun können," rief der Kapitän. „Wenn Mr. Howel mir die Gunst erweise» will, mit mir die Hin- und Herfahrt zu machen, io werde ich das Vergnügen, seine Bemerkungen über Menschen uno Dinge zu hören, für einen der größten Vortheilc halten, die mir je zu Theil wurden." „Ich weiß nicht, ob ich ^mich nicht vielleicht verleiten lasse» könnte, mich bis England zu wagen — aber gewiß keinen Schritt weiter." „Pas ä Paris?" rief Mademoiselle Viefvillc, die nicht wenig verwundert war, wie irgend ein vernünftiges Wese» sich nur die Mühe nehmen konnte, das atlantische Meer zu durchkreuze», bloß um eo melanooliguo I-onäros zu sehen. „Mir zu Liebe müßt Ihr doch nach Paris gehen, Mr. Howel." „Euch zu Liebe werde ich in der That Alles thun, obgleich kaum um meiner selbst willen. Ich gestehe, ich habe schon daran gedacht, und will mir die Sache noch-eineS Weiteren bedenken. Wahrhaftig, ich möchte den König von England und das Haus der Lords sehen, bevor ich sterbe." „Ja, und den Tower und den Eberkopf zu East Cheap, und die Statue des Herzogs von Wellington, und die Londoner Brücke, und Nichmonr-Hill, und Bow-Strcct, und Somerset-House, und Orford-Road, und Bartlemy Fair und Hungersord Market und 553 Charing Crvß — das alte Charing Croß, Tom Howel," fügte John Effmgham mit einem launischen Kopfnicken bei. „Eine wundervolle Nation!" rief Mr. Howel, dessen Augen funkelten, während der Andere in seiner Liste fortfuhr. „Ich glaube zuletzt doch nicht, daß ich im Frieden sterben kann, ohne Einiges von diesen Dingen gesehen zu haben. Alles wäre zu viel für mich. Wie weit ist die Hundeiusel von den St. Calharinen-DockS entfernt, Kapitän?" „Oh, bloS einige Kabellängen. Wenn Ihr nur in dem Schiff bleiben wollt, bis es säuberlich in die Docks gebracht ist, so verspreche ich Euch den Anblick der Hundeinsel, sogar ehe Ihr landet. Aber Ihr müßt mir versprechen, keinen Tabak auszuführen." „Habt keine Sorge; ich rauche nicht und kaue nicht, und eS nimmt mich nicht Wunder, daß eine so feine Nation, wie die englische, eine» solchen Widerwillen gegen den Tabak hat. Und man kann wirklich die Hnndeinsel sehen, noch che man landet? Es ist in der Thal ei» wunderbares Land. Mrs. Bloomsteld werdet Ihr wohl im Stande seyn, ruhig zu sterben, ohne England gesehen zu haben ?" „Ich hoffe, Sir, wenn eS einmal so weit kommt, daß ich diesen letzten Gang ruhig «»treten möge, mag auch vorausgehen, was da will. Ich gestehe übrigens, daß ich in Gemeinschaft mit MrS. Effmgham mich darnach sehne, Italien zu sehen, — ein Wunsch, der, wie ich glaube, bei ihr von früherer Bekanntschaft herstammt, während der mcinigc eine Frucht der Imagination ist." „Na, dies nimmt mich wahrhaftig Wunder. Was kann Italien möglicherweise besitzen, um die Mühe einer so weiten Reise zu lohnen?" „Ich hoffe, Better Jack," sagte Eva, bei dem Ton ihrer eigene» Stimme erröthend, denn an diesem Tage überschwenglichen Glücks und tief gehender Gefühle war sie so erregbar geworden, daß man die gewöhnliche Fassung an ihr vermißte, — „unser Freund, 554 Mr. Wenham, bleibt nicht vergessen und wird gleichfalls eingeladen, sich der Partie anzuschlicßen." Dieser Repräsentant des jungen Amerika'S war aus Rücksicht für seinen verstorbenen Vater, der ein alter Freund von Mr. Ef- singham gewesen, ebenfalls zu dem Diner gebeten worden und säumte jetzt nicht, auf die freundliche Aufmerksamkeit der Braut zu antworten. „Ich glaube, ein Amerikaner kann von keiner Nation viel lernen, als von seiner eigenen," bemerkte Mr. Wenham mit der Selbstgefälligkeit der Schule, welcher er angehörte, „obschon man wünschen möchte, daß alle Angehörigen dieses Landes reisen sollten, damit der übrigen Welt der Vortheil des Verkehrs zu Gute käme." „ES ist tausend Schade," sagte John Effingham, „daß nicht eine von unser» Universitäten z. B. ambulant war. Old Aale lag noch in seiner Kindheit, aber ungleich den meisten andern Geschöpfen ging es als Kind mit weit großer Gemächlichkeit umher, als es sich jetzt in voller Mannheit bewegen kann." „Mr. John Effingham beliebt scherzhaft zu seyn," versetzte Mr. Wenham mit Würde; denn obschon er im Punkte der amerikanischen Ueberlegenheit alle nur wünschenSiverthe Leichtgläubigkeit besaß, war er doch nicht ganz so schmiegsam, wie die Anhänger der anglo-amerikanischen Schule, welche gewöhnlich über alle Punkte, die mit ihrer Lieblingsschwäche in Verbindung stehen, all ihren Verstand und ihre Geisteskräfte der Leitung ihrer angebeteten Vorbilder unterordnen; „Jedermann ist, glaube ich. darin einverstanden, daß der Amerikaner in seinem Verkehr mit Europäern mehr mittheilt als empfängt." Die erfahrenen Zuhörer des jungen ManneS lächelten nur so leicht, als sich dies mit feiner Bildung vertrug, und die Unterhaltung ging auf andere Gegenstände über. Bei einer solchen Gelegenheit war es leicht, in recht herzliche Heiterkeit zu verfallen, und gegen die Gebräuche des Wigwams, wo die Männer gewöhn- 555 lieh mit dem anderen Geschlechte die Tafel verließen, nahmen sich Kapitän Truck, Jahn Effingham, Mr. Bloomfield und Mr. Howel Var, eine lustige Nacht durchzumachen. Es wurde viel köstlicher Wein getrunken, und der ehrliche Kapitän konnte sich seiner Eigarre erfreuen. Gegen Mitternacht betheuerte er, daß er halb Lust habe, Mrs. Hawker einen Brief zu schreiben und ihr seine Hand anzn- bicten, denn was sein Herz betreffe, so wisse sie Wahl, daß sie längst im Besitz desselben sey. Am anderen Tage, um die Stunde, als Alles im Hause ruhig war, weil die meisten der Insassen auswärts mit Schiffen, Reiten, Einkäufen oder Spazierengehen sich beschäftigten, befand sich Eva in der Bibliothek, wo sie einige Minuten zuvor ihr Bater, welcher gleichfalls sein Pferd bestiegen, verlassen hatte. Sie saß am Tische und schrieb an eine alte Verwandte einen Brief, um derselben ihre Verehelichung mitzutheilen. Die Thüre stand halb offen und Paul zeigte sich unerwartet in derselben, um seine sunge Frau aufznsuchen. Sein Tritt war so leicht und unsere Heloin so eifrig mit ihrem Briefe beschäftigt gewesen, daß sie nichts von der Nähe ihres Gatten bemerkte, obschon sie ihr Ohr so lange daran gewohnt hatte, seinen Tritt zu unterscheiden, während zugleich ihr Herz einen kräftigen Willkomm zu pochen pflegte. Vielleicht ist eine schöne Frau nie so anziehend lieblich, als wenn sie sich in einem reinlichen Morgcnan- zuge so frisch und hold wie der nengeborne Tag ausnimmt. Eva hatte ihrer Toilette sogar ein wenig mehr als gewöhnliche Aufmerksamkeit geschenkt und die Anwendung von einigem paffend auSge- wähltcn Juwelenschmuck gestattet — eine Zier, welche bei geschmackvollem Gebrauch so auffallend die Bildung einer Frau bekundet, als sie unter anderen Umständen ein untrügliches Zeichen des gemeinen Sinnes ist. Ihr Morgenanzug nahm sich daher etwas gewählter aus, als sonst, obgleich man schon ans den eisten Blick das Hauskleid nicht verkennen konnte. Annettens Pariser Geschicklichkeit, auf die Mr. Dragg so große Hoffnungen für sein künftiges Glück baute. 556 hatte ihrem fehlerlosen schönen Leibe das Gewand mit so vollkommenem Takle angepaßt, daß es sogar noch mehr Reize ahnen ließ, als es entfaltete, obschon die Umrisse der ganzen Figur die der lieblichsten Weiblichkeit waren. Als Paul die herrliche Gestalt so vor sich sah, blieb er fast in athemloscr Bewunderung stehen, ohne den Blick von dem Antlitz seiner lieblichen, blühenden Braut zu verwenden. Vielleicht wirkt kein Gefühl ergreifender auf den Mann, als dasjenige, welches sich seiner bemächtigt, wenn er die Schönheit, das zuversichtliche Vertrauen, die heilige Reinheit und den Ausdruck der ganzen Seele ist dem Antlitze eines jungen, arglosen, unschuldigen WeibeS betrachtet, sobald sie ihre natürliche Schüchternheit so weit überwunden hat, um ihre Zärtlichkeit für den Geliebten ergießen zu lassen und sich dem heißen Drange ihres Wesens hinzugcben. Dies war nun eben bei Eva der Fall. Sie schrieb von ihrem Gatten und obgleich die Ausdrücke in den Grenze» der Bescheidenheit, dcS Geschmackes und einer feinen Bildung gehalten waren, so legten sie doch Zeugniß ab von einer unaussprechlichen Innigkeit und Liebe. Thränen standen in ihren Augen, die Feder zitterte zwischen ihren Fingern, und sie beschattete ihr Antlitz mit der Hand, um dies« Schwäche vor sich selber zu verbergen. Paul war unruhig, ohne sich einen Grund dafür angeben zu könne» —- genug, daß Evas Thränen ein schmerzlicher Anblick für ihn waren. Im Nu befand er sich an ihrer Seite; er schlang sanft de» Arm um ihren Leib, und zog sie zärtlich an seine Brust. „Eva—thcuerste Eva!" rief er, „was bedeuten diese Thränen?" Das heitere Auge, das leuchtende Roth und die anschmiegende Innigkeit, welche diesen GcfühlSauSbruch belohnten, beruhigten den Galten wieder; aus Rücksicht für die empfindsame Bescheidenheit der Neuvermählten ließ er sie los und hielt nur noch ihre Hand fest. „Es ist Glück, Powis — nichts als Uebermaß des Glückes, was uns Weiber, wie ich fürchte, schwächer macht, als sogar der Kummer." 557 Paul küßte ihr beide Augen, betrachtete sie einen Moment mit einem Blicke der Bewunderung, vor welchem Eva die ihrigen hob und senkte, als suhle sie sich dadurch geblendet »ud könne sich doch davon nicht loSreißen; dann gieng er aber zu dem Anlässe über, welcher ihn nach der Bibliothek gebracht hatte. „Mein Bater der jetzt auch der Deinige ist" — „Vetter Jack!" „Nun denn, Vetter Jack, wenn Du so willst, hat mir eben ein Geschenk gemacht, welches nur der noch größeren Gabe Nachsicht, die ich gestern von Deinem trefflichen Vater am Altar erhielt. Sieh' theuerste Eva, diese Bescheerung — Dein liebliches Bild, obschon es noch so weit hinter der Wahrheit zurückfleht. Und hier ist auch das Portrait meiner armen Mutter — ein Ersatz für das, welches mir von den Beduinen entrissen wurde." Eva betrachtete lange und gedankenvoll die schönen Züge in dem Bild von Pauls Mutter, verglich sie mit dem sinnige» Ausdruck, mit der gewinnenden Freundlichkeit, welche von Anfang an ihr Herz für den Geliebten günstig gestimmt hatten, und drückte die bebenden Lippen an das empfindungslose Glas. „Sie muß sehr schön gewesen sehn, Eva, und in ihrem Gesichte liegt ein Zug wehmüthiger Zärtlichkeit, welcher fast ein unglückliches Ersterben ihrer innigsten Gefühle prophezeit zu haben scheint." „Und doch ging dieses edle, treue junge Weib dasselbe feierliche Gelübde, welches wir gestern abgelegt haben, mit den gleichen Hoffnungen auf eine schöne Zukunft ein!" „Nein, Eva — Vertrauen und heilige Wahrheit fehlten bei der Verbindung meiner Eltern. Wenn schon bei dem Beginne eines Vertrages Täuschung vorhanden ist, so kann man da- Ende leicht Voraussagen." „Ich glaube nicht, Paul, daß Du je einer Täuschung fähig gewesen wärest; Dein Herz ist zu cdelmüthig." „Wenn irgend etwas einen Mann solcher Liebe würdig machen 558 kann, theureS Herz, so ist eS das edle, hingebende Vertrauen, mit welchem sich Euer Geschlecht der Gerechtigkeit und Treue des unsri- gen in die Arme wirft. Hat dieses makellose Herz je einem Zweifel über den Werth eines lebenden Wesens, dem es seine Liebe schenkte, Raum gegeben?" „Gegen sich selbst oft, theurer Paul, und es heißt ja, die Eigenliebe setz der Grund aller unserer Handlungen." „Du bist die letzte Person, welche diesen Satz ausstellen sollte, meine Theure, denn diejenigen, welche sich am meisten Deines Vertrauens erfreuen, erklären, daß alle Spuren von Selbstsucht aus Deinem W.sen verwischt setzen." „Die sich am meisten meines Vertrauens erfreuen? Nicht doch; mein theurer guter Vater hat wieder seine Lieblingsschwäche verra- th:n, indem er die Gabe, die er verlieh, über Gebühr erhob." „Dein trefflicher Vater weiß nur zu gut, wie gänzlich unnö- thig etwas der Art wäre. Wenn ich denn einmal die Wahrheit gestehen muß, so will ich sagen, daß ich ein Viertelstündchen mit der würdigen Anna Sidley verbracht habe." „Mit Nanny — mit der lieben alten Nanny — und Du bist schwach genug gewesen, Du Verrälher, den Lobsprüchen Gehör zu schenken, welche die Pflegerin ihrem Kinde ertheilt?" „Jedes Lob, das Dir erzeigt wird, meine angebetete Eva, ist meinen Ohren angenehm, und wer kann zuversichtlicher von jenen häuslichen Eigenschaften, welche die Grundlage des häuslichen Glückes bilden, sprechen, als diejenigen, die von Deiner Kindheit an bis zu dem Augenblick, in welchem Du die Pflichten der Gattin übernahmst, Dein innerstes Leben gekannt haben?" „Paule, Du rasest; das viele Studiren hat Dich verrückt gemacht!" „Ich bin nicht verrückt, meine heißgeliebte Eva, wohl aber in einem Grade gesegnet, daß wohl ein kräftigerer Verstand darüber zum Umschlagen kommen könnte." 559 „Wir wollen jetzt von andern Dingen reden," sagte Eva, in achtungsvoller Innigkeit seine Hand an ihre Lippen erhebend und dankbar nach seinen von zärtlicher Liebe sprechenden Augen auf- bückend. „Ich hoffe, die Befangenheit, deren Du kürzlich noch Erwähnung thatest, hat sich gelegt, und Du fühlst Dich nicht länger als ein Fremdling unter dem Dache Deiner eigenen Familie?" „Nun ich durch Dich ein Anrecht darauf habe, ist, wie ich gestehen muß, mein Gewissen über diesen Punkt ruhiger. Ist Dir die Verabredung noch nicht mitgetheilt worden, welche ältere Köpfe in Betreff unserer künftigen Mittel getroffen haben?" „Ich wollte nicht auf meinen lieben Bater hören, als er den Gegenstand zur Sprache zu bringen wünschte, denn ich fand, daß er im Sinne hatte, Unterscheidungen zwischen Paul Efstngham und Eva Efstngham zu machen — zwei Personen, die ich fortan in allen Dingen als Einheit betrachten will." „Du könntest hierin Dir selbst sowohl als mir Unrecht thun. Aber vielleicht hörst Du mich gleichfalls nicht an, wenn ich von der Sache sprechen möchte?" „Was bestehlt mein Herr?" „So höre, denn die Geschichte ist bald erzählt. Wir sind gegenseitig unsre natürlichen Erben, da wir dem Namen und dem Blute nach EsfinghamS sind und keine nähere Verwandten haben, als uns selbst; denn obgleich nur im dritten Grade verwandt, ist unsere Familie doch so klein, daß in diesem Falle der Mann der natürliche Erbe des Weibes und die Frau die natürliche Erbin des Mannes wird. Nun schlägt Dein Vater vor, daß seine Liegenschaften geschätzt werden und mein Vater eine gleiche Summe auf Dich übertrage, was er vermöge seines NeichthumS recht wohl thun kann; dagegen soll ich der Besitzer der Ländereien seyn, die anderenfalls Dir gehören würden." „Du besitzest mich, mein Herz, meine Liebe, meinen treuen Gehorsam — was kann nach alledem noch an dem Gelds liegen?" 560 „Ich bemerke wohl, Tu bist so ganz und so acht Weib, Eva, daß wir die Sache bereinigen müssen, ohne Dich dabei zu bereitsten." „Kann ste in besseren Händen scyn? Ein Vater, der stets allzu nachsichtig gegen meine unvernünftigen Wünsche gewesen ist, ein zweiter, der gleichfalls nur dazu beigetragen hat, um mich in derselben gedankenlosen Weise zu verhätscheln — und ein —" „Gatte," fügte Paul bei, als er bemerkte, daß Eva zögerte, ihm ins Angesicht einen Namen auszusprechen, der ihr so neu und doch so theuer war — „welcher in diesem improfitabeln Geschäfte sie beide noch überbieten will." „Ein Gälte," fügte ste bei, mit dem Lächeln kindlicher Unschuld zu ihm aufblickend, während eine Scharlachröthe bis an ihre Stirne ansstog — „wenn denn doch das schreckliche Wort heraus muß — der alles Mögliche aufbietet, eine Eigenliebe noch zu erhöhen, die ohnehin schon viel größer ist, als ste scyn sollte." Ein leises Pochen an der Thüre ließ sich jetzt vernehmen, und Eva fuhr zusammen, dabei so verlegen aussehend, als sey sie über einem Fehltritt ertappt worden. Paul ließ die Hand los, die er während dieses kurzen Zwiegesprächs fortwährend gehalten hatte. „Sir — Ma'am —" ließ sich die schüchterne Stimme Anna SidleyS vernehmen, welche die Thüre halb geöffnet hielt, ohne daß sie sich erdreistets, ins Zimmer hereinzusehen. „Miß Eva — Mr. PowiS." „Nur herein, meine gute Nanny," entgegnete Eva, die augenblicklich ihre Fassung wieder gewonnen hatte, denn die Anwesenheit ihrer Wärterin betrachtete sie stets nur als eine Verdoppelung ihrer selbst. „Was ist Dein Wunsch?" „Hoffentlich komme ich nicht ungelegen; aber ich wußte, daß Mr. Effingham allein mit Euch hier war und wünschte — da» heißt, Ma'am —- Miß Eva — Sir —" „Sprich aus, was Du willst, meine gute alte Wärterin; bin 561 ich nicht Dein Kind — und ist dies nicht Deines Kindes — Gatte," fügte Eva abermals stockend, erröihend und lächelnd bei. „Ja, Ma'am und Golt sey gepriesen, daß es so ist. Ich träumte — es sind jetzt vier Jahre, Miß Eva, Ihr wißt, als wir unter den Dänemarker» reisten, und es träumte mir damals, Ihr hättet einen großen Prinzen geheirathet." „Dein Traum ist nicht wahr geworden, meine gute Nanich, und Du siehst aus dieser Thatsache, daß es nicht gerathen ist, auf Träume zu bauen." „Ma'am, ich schätze Prinzen nicht nach ihren Königreichen und Kronen, sondern nach ihren Eigenschaften, und wenn Mr. Po- wis nicht ein Prinz ist, wer wäre es sonst?" „Dies ändert in der That die Sache," versetzte die junge Frau erfreut, „und ich glaube, meine theure Nanny, ich werde mich zuletzt wohl zu Deiner Traumtheorie bekehren müssen." „Während ich sie stets bestreiten muß, gute MrS. Sidlep, wenn ich als Probe ihrer Wahrheit gelten soll," sagte Paul lächelnd. „Aber erwies sich dieser Prinz zuletzt niäht doch noch als einen Menschen, der Miß EvaS nicht würdig war?" „O nein, Sir; er war der freundlichste, der liebevollste Gatte, der zwar nicht alle ihre eitlen Wünsche nachsah, wenn Miß Eva je solche Wünsche haben könnte, wohl aber sie hegte und pflegte, sie treulich berieth und in Allem ihr Beschützer war. Er erwies ihr so viel Zärtlichkeit, wie ihr eigener Vater, und so viel Liebe, wie ich selbst." „In diesem Falle, meine würdige Pflegerin, war er ein unschätzbarer Mann," sagte Eva mit glänzenden Augen, „und ich hoffe, daß er auch rücksichtsvoll und freundlich gegen Dich war." „Er nahm mich am Morgen nach der Hochzeit an der Hand und sagte: ,Treue Anna Sidley, Du hast meine Geliebte gepflegt und gewartet als Kind und als junge Dame, und ich bitte Dich nun, daß Du fortfahrest, ihr als meiner Gattin zu dienen und auf- Eva Esfinghani. 36 562 zuwarte» bis zu Deinem Sterbetage/ Ja dies hat er wahrhaftig gethan, Ma'am, und ich meine, ich könne noch dieselben Worte hören, die er so freundlich zu mir sprach. So weit wäre der Traum wahr geworden." „Meine treue Anna," sagte Paul lächelnd, indem er die Hand der alten Dienerin ergriff, „Ihr seyd gegen meine Geliebte in ihrer Kindheit sowohl, als in ihren späteren Jahren so treu und herzensgut gewesen, und ich bitte Euch jetzt angelcgenttich, daß Ihr fortfahren möget, ihr als meiner Gattin zu dienen und aufzuwarten bis zu Eurem Sterbetage." Nanny schlug mit einem Schrei des Entzückens die Hände zusammen, brach tn Thränen auS und eilte mit dem Rufe aus dem Zimmer: „ES ist Alles wahr geworden — es ist Alles wahr geworden!" Eine Pause von mehrere» Minuten folgte diesem Ausbruche abergläubische» natürlichen Gefühls. „Alles was in Deiner Nähe lebt, hält Dich augenscheinlich für den gemeinsamen Mittelpunkt der Zuneigung," fuhr Paul fort, als er wieder spreche» konntet „Wir haben bisher ein herzinniges Familienleben geführt — Gott gebe, daß es stets so sey." Eine abermalige wonnige Pause, die noch länger währte als die vorige. Eva blickte sodann mit holder Neugier zu dem Antlitze ihres Gatte» auf und bemerkte: „Du hast mir schon viel gesagt, PowiS, und Alles aufgeklärt, bis aus einen Punkt, der zwar unS unbedeutend scheint, aber mir damals doch viel Schmerz verursachte. Warum hat Dich Ducie, als Ihr mit einander den Montauk zu verlassen im Begriffe wäret, so unceremoniös angchalten, wie Du zuerst in daö Boot steigen wolltest? Ist die Etikette eines Kriegsschiffes so streng, daß ste eine solche Rohheit — wie ich sie fast hätte nennen mögen — rechtfertigen konnte." „Die Etikette eines Kriegsschiffs ist allerdings streng und zwar 563 aus weislichen Gründen; aber was Du für Rohheit hieltest, war in Wirklichkeit ein Compliment. Unter uns Seeleuten steigt der Untergeordnete zuerst in ein Boot und der Höhere verläßt eS zuerst wieder." „So istS, wenn man sich in der Unwissenheit ein Urtheil bildet. Ich glaube, man thut stets besser, mit Schlüffen an sich zu halten, als wenn man sich Folgerungen erlaubt, ohne alle begleitenden Umstände genau zu kennen." „Wir wollen unser Leben lang stets an dieser guten Regel fcsthalten, meine Geliebte, denn sie bringt sicherlich ihre guten Früchte. Ein unbedingtes Vertrauen, Vorsicht im Urtheil und festes Zusammenhalten kann uns bis zum Ende unseres ehelichen Lebens dasselbe Glück bewahren, welches wir in diesem SegcnSaugenblicke, in welchem es so zu sagen seinen Anfang nimmt, empfinden."